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Wenn Hotelangestellte Regenwürmer für die Gäste suchen
Sie kommen am 10. Juni 1929. Der Berliner Modekönig Siegfried Adam steigt im mondänen Nobelhotel „Waldhaus Vulpera“ im Unterengadin ab. Er kommt mit der Schauspielerin „Fräulein E. Jacobs“. Sie war 1922 in der Grossen Volksoper Berlin im Schlossparktheater in „Rigoletto“ aufgetreten. Die beiden beziehen das schöne Doppelzimmer 174-175 in der Bel-Etage mit angrenzendem Bad. Am Tag danach stirbt der Modeschöpfer. Bei einem Spaziergang auf dem Papageienweg wurde er von einem Stein am Kopf getroffen.
Diese und viele andere Geschichten erzählt der deutsche Psychologe Jochen Ziegelmann in seiner eben aufgelegten, turbulenten Geschichte des Hotels Waldhaus in Vulpera bei Schuls.
Bären im Hotel
Zum Beispiel auch: Im Jahr 1894 schiesst ein Jäger in Susch bei Zernez einen Bären. Der Direktor des Waldhaus kauft das tote Tier, lässt es austopfen und präsentiert es in der Eingangshalle seines Hotels. Die Kinder der umliegenden Dörfer werden zur Besichtigung eingeladen. Sie sollen erfahren, wie ein Bär aussieht. Später gesellten sich ein zweiter Bär dazu, ebenso zwei Gämsen, ein Murmeltier und ein Raubvogel – alle ausgestopft.
Das Waldhaus in Vulpera gehörte zu den nobelsten Adressen in der Schweiz: Königinnen und Prinzessinnen stiegen hier ab, Spitzenpolitiker und Generäle, Nazis und Künstler. Auch Friedrich Dürrenmatt. Sein letzter Roman, „Durcheinandertal“, spielt in dem Haus. Er handelt von einer Gangsterbande, die sich im Winter im Waldhaus einnistet. Als die Ganoven Weihnachten feiern, lehnt sich die Bevölkerung gegen sie auf, rollt Fässer mit brennender Flüssigkeit ins Hotel. Alte Frauen spritzen mit Motorpumpen Benzin ins Gebäude. Überall Schreie und Explosionen. Das Haus steht in Flammen.
Dürrenmatt schliesst diesen Roman am 19. April 1989 ab. Fünf Wochen später steht das Hotel tatsächlich in Flammen. Am 27. Mai 1989 brennt das exquisite Haus nieder. Wahrscheinliche Ursache: Brandstiftung.
Verwöhnte Dauerkundschaft
In zehnjähriger Recherche-Arbeit hat Jochen Ziegelmann die über neunzigjährige Geschichte des Hauses mit seiner verwöhnten Dauerkundschaft minutiös aufgearbeitet. Er sammelte Dokumente und sprach mit Dutzenden Zeitzeugen. Er durchforschte die Archive im Unter- und Oberengadin: „Hunderte Seiten, so dünn wie Butterpapier“, erzählt er uns. Ergebnis ist ein dickes Buch, vollgestopft mit alten Fotos, faszinierenden Details und Anekdoten.
Da erzählt Paul Schmidt, der als Gärtner tätig war, dass man für ein Mittagessen der erlauchten Gesellschaft 400 Köpfe Salat benötigte. 16 Köche und ein Küchenchef waren in Aktion.
Da wird die Geschichte von Giacomo Poltera erzählt, dem Ersten Concierge des Hauses. Er war von Anfang an dabei, von 1896 an bis 1956. 51 Jahre lang wirkte er in seiner Loge.
Vergangene Woche stellte Ziegelmann seine Recherchen in Schuls vor. Etwa hundert Leute hatten sich in einem Konferenzsaal versammelt. Die meisten von ihnen hatten im jetzt abgebrannten Hotel gearbeitet. Da waren Angehörige der Direktionsfamilie, da war eine Gouvernante, da war ein Koch – und viele andere.
Alles beginnt im 16. Jahrhundert. Die Thermalquellen im Unterengadin sind schon früh berühmt. Sie werden 1533 von Paracelsius und 1561 durch Conrad Gessner bekannt. Das abgelegene Vulpera ist keineswegs „das Ende der Welt“. Schon 1700 wird hier die „Gazetta ordinaria“ von Scuol und Vulpera gedruckt – eine der ersten Zeitungen der Schweiz. 1718 gibt es 14 Häuser in Vulpera.
Das Hotel „Zu den Salzwasserquellen“ beherbergt schon 1841 zahlreiche Kurgäste. 1842 werden die Hotelbetreiber bestraft, weil die Kurgäste tanzten. Das war damals verboten. 1843 wird hier eine erste Trinkhalle gebaut.
1883 beginnt die Ära der Pinösch-Dynastie. Duri Pinösch, ein Gemischtwarenhändler aus Ardez, übernimmt eine marode 30-Zimmer-Pension in Vulpera.
Besuch der 14-jährigen Königin
Die Familie Pinösch stellt dann im Waldhaus vier Generaldirektoren und führt das Etablissement zu Glanz und Gloria. 1894 strahlt das erste elektrische Licht in Vulpera, erzeugt mit einer Maschine von Brown Boveri. Auch ein Telefon gibt es 1894: Nummer 2 für Vulpera.
Im Sommer 1894 trifft die 14-jährige niederländische Königin Wilhelmina hier ein. Begleitet wird sie von ihrer Mutter und einer 20-köpfigen Entourage. Gustav, der Sohn des Generaldirektors Duri Pinösch, erzählt später, er habe sich während des königlichen Aufenthalts damit vergnügt, das Licht an und aus zu machen. Das habe ihm eine Ohrfeige eingetragen.
Mit einer Million Franken wird 1895 die Waldhaus Vulpera AG gegründet. Jetzt entsteht das grosse Hotel nach den Plänen des St. Moritzer Architekten Nicolaus Hartmann senior. Das Haus wird 1897 fertiggestellt. Ein Jahr später wird das daneben liegende Hotel Schweizerhof gebaut. Mehrere Dependancen kommen dann dazu. Das Waldhaus wird sofort zum Grosserfolg und zieht schnell eine betuchte internationale Clientèle an. Bijou des Hauses ist der Bankettsaal.
Im Waldhaus kann man im Jahr 1900 für 5 Franken übernachten, ein Bier kostet 15 Rappen und eine Brissago-Zigarre 5 Rappen.
Die Rothschilds und die Rockefellers
Die Arrivée- und Départ-Bücher bezeichnen viele illustre Namen: Da kam der deutsche Grossadmiral Alfred von Tirpitz, Prinz Heinrich von Preussen, die Rothschilds aus Wien, der Erzherzog von Baden, der Schweizer Historiker Carl Jakob Burckhardt, der österreichische Erzherzog Leopold von Wölfling, der deutsche Unternehmer Friedrich Flick, Max Frisch, Erich Fromm, Her Highness Maharani Of Indore, Bundespräsident Theodor Heuss, der Schriftsteller John Knittel, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der deutsche Reichsministerpräsident Philippe Scheidemann, der deutsche Reichskanzler Kurt von Schleicher, der deutsche Verleger Franz Edgar Ullstein mit der Baronin Dolly Kirchbach sowie mehrere Bundesräte wie Rudolf Minger. Die Unternehmerfamilie Rockefeller reiste für sechs Wochen an. Im danebenliegenden Schweizerhof stiegen Thomas Mann und Robert Musil ab.
Auch Nazigrössen logierten hier. War Hitler auch da? „Es gibt entsprechende Gerüchte“, sagt uns Ziegelmann, „doch ich habe konkret nichts gefunden. Ein Lehrer erzählte allerdings, in einem nahen Ausflugrestaurant habe sich Hitler ins Gästebuch eingetragen. Doch die Seite wurde herausgerissen. Mit Hitler im Gästebuch zieht man keine Kundschaft an.
Vornehm umtuchte Mannequins
Immer wieder fanden Modeschauen im Hotel statt. Die Tessiner Modeschöpferin Elsa Barberis, die in Vulpera eine Boutique betrieb, präsentierte im Freien oder in der Eingangshalle ihre Kreationen. Da stiegen die vornehm umtuchten Mannequins, begleitet von Musik, die Freitreppen im Vestibul hinunter.
Der spätere Theologe und Politiker Romedi Arquint aus Cinuos-chel arbeitete als „Chasseur“ im Hotel: als Hotelpage. Nachts schliefen die Hotelboys neben grunzenden Schweinen, tagsüber waren sie vor allem auf der Jagd nach Trinkgeldern.
„Geizkragen, gibt kaum etwas“
Wen soll man anpeilen, wer ist geizig, wer ist grosszügig? Die Pagen konsultierten dazu die Gästekartei des Concierge. Der schrieb nämlich zu jedem Gast einen kleinen Eintrag, zum Beispiel: „Geizkragen, gibt kaum etwas“.
Zu Romedis Leidwesen gab es hier im Gegensatz zu St. Moritz „eigentlich keine jungen Frauen“, sondern vor allem ältere Gäste. Eine Dame war einmal mit 20 Koffern erschienen.
Herr W., der Besitzer eines (heute noch existierenden) eleganten Modegeschäfts in der Zürcher Bahnhofstrasse, ging gerne fischen. „Also habe ich Würmer für ihn gesammelt“, erzählte Romedi. Herr W. gab immer grosszügig Trinkgeld.
Wenn die Kellner die Tische abräumten, warteten die Hotelpagen und ergatterten manchmal von den zurückgebrachten Tellern ein saftiges Stück Fleisch. Einen Hummer mussten sie wegwerfen, da die Pagen nicht wussten, wie man ihn tranchiert.
Besäufnis nach der Diät
In der Küche stand der „Eiserne Riese“, ein 90-jähriger zwölf Meter langer und drei Meter breiter eiserner Ofen. Auf ihm wurde für die Gäste gekocht. Manchmal waren es bis zu 300. Die Küche lag im Untergeschoss. Die Kellner mussten mit den schweren Tabletts und den heissen Speisen zwei Stockwerke hoch in den Speisesaal steigen.
Fünf verschiedene Diätformen wurden angeboten. Das hinderte einige der Gäste nicht daran, sich nach der Diätkost den Bauch vollzuschlagen. Nach dem Besuch in der Bar badeten sie dann um zwei Uhr früh, nicht mehr ganz nüchtern, im grossen Springbrunnen vor dem Waldhaus.
Kein Vergleich zum Bundeshaus
Mit den Renovationsarbeiten waren nicht alle Gäste zufrieden. „Sie wollten die alten Möbel wieder haben“, erzählt Annatina Pinösch, die letzte der Pinösch-Familie, die im Hotel arbeitete. „Bitte nicht renovieren, sagten die Gäste. Lasst es doch, wie es war, das ist doch wunderschön“.
Mittelpunkt des Hauses war der Belle-Époque-Saal. Das Bündner Tagblatt schreibt am 14. Januar 1986: „Wer jemals den Bankettsaal des Waldhauses gesehen hat, wird den Nationalratssaal im Berner Bundeshaus nur noch stiefmütterlich betrachten: es gibt kaum einen schöneren Jugendstilsaal in der Schweiz“.
Dürrenmatt kommt im offenen Chevrolet
Zur Kundschaft gehörte auch der Filmproduzent Lazar Wechsler, der Gründer der Präsens-Film. Er war es, der 1957 Friedrich Dürrenmatt nach Vulpera einlud. Seither kam der Schriftsteller immer wieder.
Romedi Arquint erzählt, dass Dürrenmatt mit Frau und Kind im offenen Chevrolet eintraf. Er blieb drei Wochen. Er hauste „im Südflügel im Zimmer 129-130 (selbstverständlich mit Bad und Balkon)“. Nach dem Essen brachten ihm die Pagen Zeitung und Zigarren. „Da gab er einen Fünfliber, also 5 Franken, die anderen eher einen Zweifränkler.“ „Das Schreiben erledigte Dürrenmatt nicht in der Hotelhalle“, sagte Arquint, „sondern oben in seinem Doppelzimmer, das stark nach Zigarren roch“. Max Frisch war zu dieser Zeit im Kurhaus Tarasp. Die beiden begegneten sich nicht.
Ende der Ära Pinösch
Anfang der Siebzigerjahre brachen schwierige Zeiten an. Das Etablissement alterte und grosse Investitionen waren nötig. Im Winter war das Haus geschlossen, was sich negativ auf die Ertragslage auswirkte. Die Jahresrechnung schloss mit einem Verlust von 157 000 Franken. Etwas musste geschehen. So übernahm das Generalunternehmerbüro von Arnold Mathis in Chur – gegen den Willen des letzten Pinösch-Direktors – die Aktienmehrheit. Damit ging im September 1974 die 91-jährige Ära Pinösch zu Ende.
Doch die Familie behielt einen Fuss im Haus: Annatina Pinösch wurde Direktionsassistentin des neuen Generaldirektors. Das Haus mit seinen 270 Betten wurde jetzt sanft renoviert.
Vico Torriani und Peter Kraus
Die Achtzigerjahre brachten zunächst Turbulenzen: neuer Besitzer, Nachlassstundung, Konkurs, Schliessung des Hotels 1983 und 1984, neuer Besitzer. 1985 wird das Haus wieder eröffnet. Dann wird hier auch der BBC-Film „Tender is the night“ gedreht. Der angegliederte Schweizerhof wird an den Robinsonclub verpachtet.
Der letzte Generaldirektor des Waldhauses heisst Rolf Zollinger. Er gilt als „der letzte grosse Gentleman unter den Hoteliers“. 1988 treten im Waldhaus Vico Torriani, Peter Kraus und die Kessler-Zwillinge auf.
Men Lansel war jahrelang Schreiner und technischer Leiter des Waldhauses. „Alles war schon parat für die Saison“, erzählte er. Man erwartete eine gute Saison, fast alle Zimmer waren schon ausgebucht. Da geschah es.
Das Ende
Am 27. Mai kurz nach 05.00 Uhr brach an zwei oder gar drei Stellen Feuer aus. „Für mich war relativ rasch klar, dass es Brandstiftung war“, zitiert Ziegelmann den Hoteldirektor. Rolf Zollinger sagt, „leider wurde die Täterschaft bis heute nicht ermittelt. Ich habe allerdings einen Verdacht, auch wenn der Volksmund genau zu wissen glaubt, wer für den Brand verantwortlich ist“.
Mehr erfährt man heute in Schuls nicht. Ziegelmann erklärt gegenüber Journal21: „Ich halte mich an die offizielle Version des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich. Die sagt, Brandstiftung müsse ‚in engsten Betracht gezogen werden‘“.
141 Feuerwehrleute waren an diesem 27. Mai im Einsatz. Verletzt wurde niemand. Men Lansel erzählt, dass einige wenige Möbelstücke gerettet werden konnten. Ziegelmann zitiert Feuerwehrleute, die sagen, dass mit den heutigen modernen Feuerbekämpfungsmitteln das Feuer vielleicht hätte unter Kontrolle gebracht werden können.
Dürrenmatt und Charlotte Kerr besuchten die Brandruinen im Herbst. Charlotte Kerr stieg ins abgebrannte Haus und machte einige Fotos. Dürrenmatt blieb draussen.
Das Buch, das Ziegelmann in Schuls präsentierte, ist Ende dieses Monats im Handel. Doch „es ist nicht fertig“, erklärt der Autor gegenüber Journal21. Weitere mit neuen Details angereicherte Editionen werden folgen. Er rief die Anwesenden auf: „Wenn ihr noch etwas wisst, wenn ihr noch Dokumente, Erinnerungsstücke oder Fotos besitzt, wenn ihr Geschichten zu erzählen habt – meldet euch bei mir.“ Er werde das Material in einer folgenden Ausgabe berücksichtigen. „Ich mache weiter“, sagt Ziegelmann.
Wie kommt ein deutscher Psychologe dazu, eine Geschichte über die Glanzzeiten und den Niedergang eines Engadiner Hotels zu schreiben? „Ich war als Kind oft in den Ferien im Unterengadin“, erzählt er. Viel später kehrte er zurück. In einem Restaurant sagte ihm eine Angestellte: „Eigentlich weiss ich gar nichts über das abgebrannte Hotel“. „Da kann ich helfen“, sagt er, und er begann zu recherchieren. Das war 2009.
Übrigens: Die ausgestopften Tiere wurden dann aus der Eingangshalle des Hotels entfernt. Der 1894 geschossene Bär „war ja schon etwas kitschig“, erzählte Annatina Pinösch. „Und ein Staubfänger war er auch“.
Siehe auch: Journal21: Fürio im Durcheinandertal
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