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Ezra Pounds Cantos gelten hierzulande, zusammen mit T. S. Eliots The Waste Land und James Joyce’ Ulysses, als Meilenstein der englischsprachigen literarischen Moderne. Pound hat jahrzehntelang daran gearbeitet, immer neue Cantos hinzugefügt, zu Beginn seiner Arbeit daran auch welche weggestrichen. Die ersten 25 Cantos erschienen – als “Entwurf” gekennzeichnet – 1925, die letzten wurden 1969 – wiederum als “Entwurf” bzw. “Fragment” gekennzeichnet – ‘offiziell’ hinzugefügt. Pound gelang es nie, die Cantos abzuschliessen oder dem vorhandenen Corpus eine definitive Form zu geben. Heute gelten, je nach Quelle, 115-120 Cantos als kanonisch.
Ursprünglich wohl gedacht als modernes Gegenstück zu Dantes Commedia und Homers Odysee zugleich, änderten die Cantos im Laufe der Jahre in vielem (wenn auch nicht in allem!) Form und Ziel. Zum Schluss sollte Pound allerdings wieder auf viele Gedanken und Ideen des Beginns zurückkommen.
Der junge Pound hatte von W. B. Yeats das Prinzip der “Personae” übernommen, ein Prinzip, nachdem der Dichter in der Maske eines andern Dichters seinen Vorgänger teils übersetzt, teils kommentiert, teils so seine eigenen Ideen vorträgt. Daher ist in den ersten 25 Cantos der Dichter Pound zugleich auch Dante, zugleich auch Odysseus, der den Seher Tereisias in der Unterwelt besucht. Pound wird von diesem Maskenspiel nie ganz ablassen; auch der von ihm früh (1914) propagierte Vortizismus wird ihn sein Leben lang begleiten. Nicht der politisch-ästhetische Anspruch dahinter, aber die Zeichentheorie, die ein Wort, einen Namen, eine Linie als möglichen Wirbel (‘Vortex’, von daher ‘Vortizismus’) verstand, der andere Zeichen in sich zu saugen vermochte und ihn so zusätzlich auflud. So lud sich ‘Odysseus’ rasch auf mit den Insignien des schlauen Tatmenschen, und so wurde z.B. der Renaissance-Condottieri Sigismondo Malatesta diesem Zeichen hinzugefügt. (Pounds Idee vom Renaissance-Menschen ähnelte sehr stark der von Jacob Burckhard!) Der Tatmensch geriet dann ein wenig aus dem Fokus Pounds (auch wenn er nie ganz von ihm ablassen würde), es trat der ‘Mann der Mitte’, der ideale Regent, ins Zentrum seiner Gedanken, seiner Cantos. Nur dank seines Vortizismus war es Pound möglich, in diesem Bild Konfuzius’ Ansichten über den Herrscher mit seiner Verehrung für einige der frühen US-Präsidenten – jenen nämlich, die seiner Ansicht nach für das Volk und gegen die unheilige Allianz aus Industriebaronen und Banken eingetreten waren – zu vereinen. Unglücklicherweise sah er (wie viele seiner dem ‘modernen’ Flügel der Kunst zugerechneten Kollegen) sein politisches Anliegen im Partito Nazionale Fascista vertreten (er wohnte bereits seit längerem in Rapallo), seinen idealen Herrscher in Mussolini verkörpert.
Das hatte auch Auswirkungen auf die Cantos. Nachdem schon die Renaissance- und die China-Cantos nicht mehr die sprachliche Qualität der ersten 25 erreicht hatten, dafür allerdings vor allem die China-Cantos in ihrem Gebrauch von chinesischen Schriftzeichen eine neue Qualität an Vermischung von Zeichen und Kulturen erreicht hatten, der weit über ähnliche Sprachexperimente in Joyce’ Finnegans Wake hinausgeht; nachdem dann die Adams-Cantos (so genannt nach einem der frühen Präsidenten, die Pound darin vorstellte) fast nur noch prosaische Exzerpte aus Werken und Briefen von John Adams enthielten (die allerdings in ihrer Verdichtung wiederum ein Kunstwerk hohen Ranges darstellen), erreichte das Werk dann seinen stilistischen wie inhaltlichen Tiefpunkt in den berüchtigten Italienischen Cantos. Pound, der in Italien geblieben war, ja für das faschistische Radio Propaganda-Beiträge geschrieben und gesprochen hatte, wurde vom Ende des Faschismus tief getroffen. Seine Italienischen Cantos wurden auf Italienisch nach dem Sturz bzw. nach dem Tod Mussolinis geschrieben. Sie enthalten eine dumm-platte Verehrung des Faschismus und strotzen vor xenophoben und anti-semitischen Äusserungen.
Kein Wunder, wurde Pound nach der Eroberung Italiens durch die Alliierten verhaftet und im Hochsicherheits-Trakt eines Gefangenenlagers in der Nähe von Pisa interniert. (Unter praktisch denselben Bedingungen, wie sie die USA über 50 Jahre später auch in Guantánamo herstellen sollten.) Auf sich selber zurückgeworfen, begann Pound seine Pisaner Cantos. Die Gelehrsamkeit seiner früheren Cantos tritt zurück; Pound, der aus seinen Erinnerungen schöpfen muss, besinnt sich auf die Sprache, Er schreibt fast so, wie ein Komponist eine Fuge schreiben würde, und so sind diese Pisaner Cantos sowohl in Thema wie in Form die vielleicht musikalischsten des ganzen Werks. Melancholie und Trauer um die vielen verstorbenen Freunde herrschen vor.
Pound wurde wegen Hochverrats angeklagt, aber vom Gericht als geistesgestört erklärt, entmündigt und in eine Anstalt eingewiesen. In der Anstalt entstanden die Rock-Drill-Cantos, die Steinbohr-Cantos. Erneut wird auf die Banken und die Industrie-Barone eingedroschen, auch wenn die ganz argen anti-semitischen Invektiven nun fehlen. Erneut steht der ‘gute Herrscher’ im Mittelpunkt, erneut als utopische Vision, nachdem selbst Pound eingesehen hatte, dass Mussolini nicht so sozial gesinnt gewesen war, wie er es eine Zeitlang geglaubt hatte. Das Thema setzt sich fort in den Thronen-Cantos. Bei der Benennung dieser Sektion spielt Pound mit der Doppeldeutigkeit des Wortes ‘Thron’, das einerseits den Herrschersitz, andererseits im System des Aquinaten die höchste Klasse der Engel (jene Engel, die die göttlichen Ratschlüsse in die Tat umzusetzen haben – das Rad der Cantos beginnt sich zu schliessen!) bedeuten kann.
Die Throne sind die letzten vollendeten Cantos, was danach noch folgt, sind Fragmente und Versuche. Pound sah ein, dass es unmöglich war, ein Paradiso zu schreiben, wenn man sich fühlte wie in einer Apokalypse.
Formal sind die Cantos unterschiedlich, wie bei dieser Entstehungsgeschichte nicht anders zu erwarten. Die ersten 25 und dann die Pisaner Cantos sind sprachlich wohl die besten, als Experiment in Verdichtung stehen die Adams-Cantos, als eines der semantischen Kodifizierung im Sinne einer ‘Vortifizierung’ die China-Cantos im Zentrum. Die Lektüre ist keine einfache, es braucht viel Geduld, und man muss wohl auch eine gewisse Zeit an kontinuierlicher Lektüre einsetzen können, um die Refrain-artig wiederkehrenden Anspielungen oder auch nur Namensnennungen wirklich registrieren zu können.
Pounds Gelehrsamkeit kann einen erschlagen. Seine politische Einstellung lässt Übelkeit hochkommen. Dennoch sollten die Cantos gelesen sein, am besten in der mir vorliegenden Ausgabe, die zum ersten Mal auf Deutsch alle Cantos zusammenfasst:
Die Cantos. Zweisprachige Ausgabe, deutsche Übersetzung von Eva Hesse, ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zürich: Arche, 2012. (In Lizenz auch bei der WBG.)
Die Übersetzung ist mir persönlich – vor allem in den ersten 25 Cantos – ein bisschen zu schwülstig geraten. Die Übersetzerin sucht oft ein entlegenes, ‘altes’ Wort, wo Pound eines aus dem Alltagsenglisch verwendet. Damit verleiht sie Pound auf Deutsch einen Sprachduktus, wie ihn der Expressionismus liebte, mit dem Pound aber wenig zu tun hat. Das Nachwort von Heinz Ickstadt (Warum Pound?) ist illustrativ, kenntnisreich und somit auf jeden Fall empfehlenswert.