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Wer Bellinzona kontrollierte, hatte die Macht. Denn hier führten seit jeher alle wichtigen Handelswege zwischen der Innerschweiz, dem heutigen Kanton Graubünden und dem Süden durch. Militärisch befestigt wurde Bellinzona vermutlich durch die Römer, die hier 16 v. Chr. das erste Kastell errichteten und daraufhin die Befestigungsanlage stetig ausbauten. Den Weg in den Süden verwehrten den Eidgenossen jedoch erst die Herzöge von Mailand. Diese errangen 1422 die Macht in Bellinzona und beschlossen, das Tal hier ganz abzuriegeln, damit es für die Innerschweizer endlich kein Durchkommen mehr geben möge.
Zu diesem Zweck bauten die Mailänder die vorhandenen Befestigungsanlagen massiv aus und errichteten zudem eine neue Burg. Schliesslich umfasste die erweiterte Anlage das Castelgrande, das Castello di Montebello, das Castello di Sasso Corbaro sowie die Umfassungsmauer der Stadt wie auch Tore, Wehrtürme und die grosse Schutzmauer «Murata» zwischen Stadt und rechter Talflanke. Es war für die damalige Zeit ein einmaliges Festungsbauwerk und bildete eine perfekte Talsperre. Auch architektonisch setzten die Herzöge von Mailand damit ein weithin sichtbares Zeichen ihrer Macht.
Nach dem Sturz des Herzogs von Mailand konnten zu Beginn des 16. Jahrhunderts schliesslich doch die Eidgenossen die Macht in Bellinzona übernehmen. Der Ort musste an die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden abgetreten werden. Deshalb hiessen die Burgen während der eidgenössischen Besatzungszeit Castello di Uri, Castello di Svitto und Castello di Unterwaldo. Doch bald schon verloren die Wehranlagen ihre Bedeutung, wurden sich selbst überlassen und verfielen mit der Zeit. Eine erste Revitalisierung fand zwischen 1920 und 1955 mit dem Wiederaufbau zerstörter Teile statt. Später dann mit der Restauration des Castelgrande durch den Tessiner Architekten Aurelio Galfetti zwischen 1984 bis 1991. Seither präsentiert sich die Anlage über weite Strecken wieder in ihrer ursprünglichen Pracht. Und sie ist einer der bedeutendsten Zeugen mittelalterlicher Befestigungsbaukunst in Europa. Zugleich zeigen die Eingriffe Galfettis, wie sich historische Bausubstanz gekonnt mit moderner Architektur kombinieren lässt. Aufgrund dieser doppelten Bedeutung wurden die «Drei Burgen sowie Festungs- und Stadtmauern von Bellinzona» mit allen noch vorhandenen Elementen im Jahr 2000 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen. Spektakulär beginnt eine Besichtigung des Welterbes bereits bei der Piazza del Sole in der Stadt. Von hier führt, in einer Felsspalte versteckt, ein aus Beton gegossener Turm mit zwei Aufzügen hoch zum Castelgrande. Dieser Turm ist eines der Beispiele für die gelungene Symbiose von alter Substanz und moderner Architektur. Wer oben dann über die «Murata» spaziert, erhält eine gute Vorstellung davon, welch abschreckende Wirkung die Festungsanlage auf die Eidgenossen gehabt haben muss.