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| Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)

Zweites Buch
I. Kapitel: Die Wiederherstellung eines zerbrochenen Gerätes
Als er das Studium verließ und sich in die Einsamkeit begab, folgte ihm einzig seine Amme, die ihm in größter Liebe und Anhänglichkeit zugetan war. Als sie nun an einen Ort namens Enfide1 kamen und, aufgehalten durch Liebeserweise vieler angesehener Männer, bei der Kirche des heiligen Petrus verweilten, erbat sich die Amme von Nachbarsfrauen eine Multer,2 um den Weizen zu reinigen, und ließ sie unvorsichtigerweise auf dem Tische stehen; durch irgendeinen Zufall zerbrach sie und ging in zwei Stücke auseinander. Als die Amme zurückkehrte und das Unglück sah, weinte sie bitterlich, weil das entlehnte Geschirr zerbrochen war. Als aber der fromme und gute Knabe Benedikt seine Amme weinen sah, hatte er Mitleid mit ihrem Schmerz; er nahm die beiden Stücke und begab sich unter Tränen ins Gebet; als er vom Gebete aufstand, fand er die Multer neben sich so wiederhergestellt, daß keine Spur von dem Bruch mehr an ihr bemerkt werden konnte. Mit freundlichen Worten tröstete er die Amme und gab ihr die Multer, die er zerbrochen mit sich genommen hatte, ganz zurück. Dieses Ereignis wurde dort allen bekannt und erregte solche Verwunderung, daß die Einwohner die Multer beim Kirchenportal aufhingen, damit das gegenwärtige und das kommende Geschlecht sehe, mit welch gnadenvollem Wandel Benedikt schon als Knabe den Weg seiner Vollkommenheit beschritt. Viele Jahre war sie dort vor aller Augen und hing bis zur Langobardenzeit über der [S. 52] Kirchentüre. Benedikt aber verlangte mehr nach Leid als Lob dieser Welt, mehr nach Mühsal Gott zuliebe als nach der Gunst der Welt; deshalb entfernte er sich heimlich von seiner Amme und begab sich an einen ganz abgelegenen Ort, der ungefähr vierzig Meilen von Rom entfernt ist, Sublacus3 genannt, wo ein kaltes und klares Wasser entspringt. Das Wasser sammelt sich dort zuerst in großer Menge in einem See und fließt dann schließlich in einem Fluß4 ab. Als er auf seiner Flucht dorthin kam, traf ihn auf dem Wege ein Mönch namens Romanus5 und fragte ihn, wohin er denn wolle. Als er seinen Wunsch erfuhr, beobachtete er Stillschweigen darüber, leistete ihm Hilfe, gab ihm das Ordenskleid und stand ihm, soviel es ging, bei. Der Mann Gottes aber zog sich, als er in diese Gegend kam, in eine ganz enge Höhle6 zurück und verweilte dort drei Jahre, ohne daß ein Mensch, mit Ausnahme des Mönches Romanus, etwas davon wußte. Romanus lebte nämlich nicht weit davon in einem Kloster unter der Regel des Abtes Adeodatus. In frommer Absicht entfernte er sich heimlich für Stunden aus den Augen seines Abtes und brachte Benedikt an bestimmten Tagen das Brot, das er sich vom Munde absparen konnte. Zu der Höhle aber führte von der Zelle des Romanus aus kein Weg, weil der Felsen oberhalb der Höhle steil emporstieg. Romanus ließ aber das Brot immer an einem langen, langen Seil hinab; an dem Seil befestigte er auch ein Glöckchen, damit der Mann Gottes an seinem Schall erkennen konnte, wenn ihm Romanus das Brot brachte, und er alsdann herauskommen und es in Empfang nehmen konnte. Aber der Urfeind sah mit Neid auf die Liebe des einen und auf die Erquickung des andern; und da er eines Tages wieder das Brot herablassen sah, warf er mit einem Stein darnach und zerschlug das Glöcklein. Romanus aber fuhr fort mit seinen Dienstleistungen, so [S. 53] wie es sich eben machen ließ. Gott aber wollte, daß Romanus von seiner Mühe ausruhe, und daß das Leben des Benedikt den Menschen als ein Beispiel vorgestellt werde, damit das Licht auf den Leuchter gestellt werde und hell brenne und allen, die im Hause Gottes sind, leuchte. Darum würdigte sich der Herr, einem Presbyter, der weit entfernt wohnte und sich gerade am Osterfest ein Mahl zubereitete, zu erscheinen und zu ihm zu sagen: „Du bereitest dir ein Ostermahl, und mein Diener wird an jenem Orte von Hunger gequält.” Sogleich stand er auf und ging am Osterfest selbst mit den Speisen, die er für sich zugerichtet hatte, an den bezeichneten Ort; er suchte den Mann Gottes den steilen Felswänden entlang, in den Buchten der Täler und in den Klüften der Erde und fand endlich sein Versteck in der Höhle. Nachdem sie ein Gebet verrichtet hatten, setzten sie sich unter Lobpreisungen des allmächtigen Gottes mitsammen nieder. Nach lieblichen Gesprächen über das geistliche Leben sagte der Presbyter: „Komm, wir wollen Speise zu uns nehmen, denn heute ist Ostern.” Darauf erwiderte der Mann Gottes: „Ich weiß, daß Ostern ist, weil ich dich heute sehen durfte.” Denn da er so weit von den Menschen entfernt war, wußte er nicht, daß auf jenen Tag das Osterfest fiel. Der ehrwürdige Presbyter aber versicherte es ihm aufs neue mit den Worten: „Wahrhaftiglich, heute ist Ostern, der Tag der Auferstehung des Herrn; da darfst du nicht fasten; denn dazu bin ich gesandt, daß wir mitsammen die Gaben des allmächtigen Gottes genießen.” Also priesen sie den Herrn und nahmen das Mahl ein, und nachdem sie das Essen und die Unterredung beschlossen hatten, kehrte der Presbyter zu seiner Kirche zurück.
Damals fanden ihn auch Hirten in seiner Höhle; sie hielten ihn zuerst, wie sie ihn mit Fellen bekleidet im Gesträuch erblickten, für ein Tier. Als sie aber den Diener Gottes in ihm erkannten, wandten sich viele aus ihnen von ihrer tierischen Gesinnung der Gnade eines [S. 54] frommen Lebens zu. Dadurch wurde sein Name in der ganzen Gegend allen wohl vertraut, und so kam es, daß er schon damals von vielen besucht wurde, die ihm leibliche Nahrung brachten und dafür in ihrem Herzen geistige Lebensnahrung aus seinem Munde mit sich nahmen.
1: Affile, südlich von Subiaco
2: Ein muldenförmiges, schüsselartiges Gefäß, in dem das Getreide vor dem Mahlen durch Schwingen, Drehen und Blasen von Staub und Unreinigkeit gesäubert wurde, lat. capisterium; viele übersetzen „Tonsieb”. Mit den Handmühlen wurde nur der jedesmalige Bedarf an Getreide gemahlen.
3: Subiaco
4: Anio
5: Martyrol. 22. Mai
6: Der Sacro Speco, oberhalb des Kloster S. Scolastica bei Subiaco