Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03348.jsonl.gz/921

Jeder Wahn schafft sich einen Raum, innerhalb dessen er logisch, plausibel, normal, «vernünftig» erscheint – genauso, wie es auch die gesellschaftlich herrschende Vernunft tut. Sie ist also umgeben von einem Universum des im Hier-und-Heute tendenziell Unvernünftigen, von dem her gesehen diese herrschende Vernunft als ein Wahn wie jeder andere erscheint (Herrschaftswahn, Fortschrittswahn, Rationalitätswahn etc.).
In einem gesellschaftlichen Sinn «vernünftig sein» zu wollen, heisst immer auch: in sich dem Drang nachzugeben, der herrschenden logischen Immanenz anzugehören; sich mit möglichst vielen anderen in einem Raum logisch funktionierender Denkfiguren zu Hause fühlen zu wollen und zu dürfen. Die herrschende Vernunft wird nicht deshalb als vernünftig empfunden, weil sie vernünftig ist, sondern weil man ein gutes Gefühl dabei hat, wenn man sich ihr unterwirft. Alle müssen einem Wahn angehören, wenn sie sich nicht verloren gehen wollen.
Verrückt sein dagegen heisst immer auch: ausgeschlossen zu sein von der logischen Immanenz des mehrheitsfähigen Wahns. Deshalb gibt es wenig Tragischeres als das Eingeständnis: «Ich bin verrückt.» Es drückt aus, dass jemand ganz und gar ausserhalb des grossen Wahns unbehaust durch die Wüste eines Privatwahns irrt, jederzeit davon bedroht, in der Fremdheit des Nie-, Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Denkbaren unrettbar verweht zu werden.
Deshalb ist verrückt zu sein innerhalb der gesellschaftlich herrschenden Immananz tausendmal angenehmer als die Selbstverbannung durch das Eingeständnis: «Ich bin verrückt.» Immerhin steckt in solcher Verrücktheit ein letzter Rest von Trotz, diesen eigenen Raum wider die grosse «Vernunft», also wider den kollektiv akzeptierten Wahn, als eigenes Selbst verteidigen zu wollen. So gesehen wirkt Trotz für kommunikativ Tote gesundheitsfördernd.
(18.9.1994; 25.8.2005; 28.11.+4.12.2017; 09.07.2018)
Unter kommunikativ Toten verstehe ich solche, die des kommunikativen Todes gestorben sind, wie er von Ferruccio Rossi-Landi definiert worden ist: «Nicht sprechen zu lernen oder eine persönlich abweichende Sprache zu sprechen, bedeutet, nicht mehr verstanden zu werden, sich nicht mehr verständlich machen zu können. Es ist der sprachliche oder kommunikative Tod, der ebenso ernst ist wie der Hungertod oder jener der zivilen Zwangsarbeiten, zu denen die Wahnsinnigen und Sprachgestörten gezwungen werden und der sich zumindest als Möglichkeit jedwedem gegenüber manifestiert, der sprachlich radikal neue Wege zu gehen versucht.»[1]
[1] Ferruccio Rossi-Landi: Sprache als Arbeit und als Markt. München (Hanser Verlag) 1972, S. 48.
(28.11.2017; 09.07.2018)