Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03259.jsonl.gz/339

Als um 22 Uhr das Saallicht erlosch und das Bühnenlicht aufschien, war das geheime Hinterzimmer im Theater Aarelauf zum zweiten Mal an diesem Abend ausverkauft.
Direktor Dafflon und seine Assistentin Isa von Greyerz hatten ganze Arbeit geleistet. Das Publikum, das diskret und in kleinen Gruppen eingetroffen war, bestand fast ausschliesslich aus gut betuchten Leuten, die für ein paar Stunden der Enge des Lockdown entfliehen wollten. An den Enden jeder Sitzreihe standen Desinfektionsstationen für die Hände. Die Gesichtsmasken für das Publikum hatte Dafflons Freund Eddy beschafft. Auf der Bühne gab ein überregional bekannter Stand-up-Comedian aus der Bodenseeregion sein Bestes. Dieser Mann war, gemäss seiner eigenen Website, bekannt dafür, dass er sich nicht scheute, politisch unkorrekt zu sein. Er trug saloppe Kleidung und eine Gesichtsmaske mit aufgemaltem Clown-Mund. Und er war lustig bis in die Haarspitzen. Jeder seiner Sätze endete in einer Pointe. Zuweilen musste er kurz warten, damit das Publikum merkte, dass ein Lacher gefordert war. Dann dachten die Leute rasch nach, entdeckten die Pointe und lachten gehorsam.
Viele Witze gingen direkt oder indirekt auf die Corona-Krise ein. Dem Publikum tat es wohl, die Sache einmal von der lustigen Seite zu betrachten. «Kein Sport im Fernsehen. Da muss man kreative Ideen haben. Ich selbst habe gestern zum Beispiel ein bisschen mit meiner Frau geplaudert. Sie scheint noch nett zu sein.» Brüllendes Gelächter von den Rängen.
Die Einzigen im Saal, die nie lachten, waren Dafflon und sein Freund Eddy. Dafflon fand den Künstler furchtbar, aber er hatte ihn gebucht, weil er zugesagt hatte, für die Hälfte der üblichen Gage zu spielen. Ausserdem hatte er schriftlich versprochen, im Fall von juristischen Problemen keine Forderungen ans Theater zu stellen.
Auch Eddy, der Nationalrat, konnte an diesem Abend unmöglich lachen. Er hatte seit dem Nachmittag, als er erfahren hatte, dass Salerno in der Stadt war, keinen ganzen Satz mehr herausgebracht. Es hatte ihm buchstäblich die Sprache verschlagen.
Eddy hatte Dafflon versprochen, allfällige politische Schwierigkeiten von ihm fernzuhalten. Natürlich war es wegen der besonderen Gefahrenlage verboten, ein Theater zu betreiben, selbst wenn es nur 50 Sitzplätze hatte. Aber Eddy wollte dafür sorgen, dass Bundesbern nötigenfalls ein Auge zudrückte.
Was bisher geschah
SI-Fortsetzungskrimi
Louis Dafflon, Direktor eines Kleintheaters in Bern, steckt in der Klemme. Der mafiöse Kreditgeber Salerno setzt ihn massiv unter Druck. Dafflon braucht dringend Geld. In der Not organisiert er illegale Bühnenshows. Seine Kunden sind bereit, für den Nervenkitzel eines verbotenen Theaterabends im Corona- Lockdown hohe Eintrittspreise zu bezahlen. Dafflons Freund Eddy, ein luscher Nationalrat, soll ihm den Rücken freihalten. Aber auch er hat ein Problem.
Etwas verpasst? Alle Folgen auf www.schweizer-illustrierte.ch
Für Eddy war es während der ersten Tage der Corona-Krise politisch und wirtschaftlich perfekt gelaufen. Er betrieb ein paar einträgliche Geschäfte, die mit dem Import von Beatmungsgeräten für Spitäler zusammenhingen. Ausserdem hatte Eddy sich politisch als Mann der Tat profilieren können. Mitte März hatte er öffentlich gefordert, der Bundesrat müsse rigorose Massnahmen treffen und alle Schulen, Non-Food-Geschäfte und Restaurants schliessen. Dass der Bundesrat genau diese Massnahmen schon beschlossen hatte und wenige Stunden später bekannt machen wollte, wusste die Öffentlichkeit da noch nicht, aber Eddy schon.
Mit Salernos Wiederauftauchen hatte Eddy so wenig gerechnet wie Dafflon. Der Italiener hatte für Dafflon und ihn ein paar unangenehme Probleme gelöst. Das war einige Jahre her. Bevor sie ihm das vereinbarte Honorar hatten zahlen können, war die Nachricht von Salernos Verhaftung in Italien durch die Medien gegangen. Dafflon und Eddy waren damals darum herumgekommen, Salerno für seine schmutzige Arbeit zu bezahlen. Und es sah so aus, als müssten sie nie bezahlen. Gemäss den Presseberichten aus Italien hatten sie davon ausgehen können, Salerno verbringe den Rest seiner Tage in einem Hochsicherheitsgefängnis. Dass er inzwischen entlassen war und ausgerechnet jetzt wieder auftauchen würde, daran hatten sie keinen Gedanken verschwendet.
Aber jetzt war Salerno draussen. Er war trotz Bewährungsauflagen und trotz Grenzsperren in die Schweiz gekommen. Er war sogar hier in der Stadt. Und er hatte Dafflon persönlich aufgesucht, als habe er nichts und niemanden zu fürchten. Natürlich hätte Dafflon zur Polizei gehen können, um ihr Salerno ans Messer zu liefern. Aber dann wäre bestimmt auch die Sache von 2013 zur Rede gekommen. Die Angelegenheit war noch nicht verjährt, und Dafflon wollte alles tun, damit endgültig Gras darüber wuchs.
Auch Eddy, der im Theater bei Dafflon hinter dem Tonmischpult stand, wäre froh gewesen, man hätte die alten Geschichten unter dem Deckel halten können.
Im Augenblick bemühte sich Eddy, seine Sinne beisammenzuhalten. Er dachte nach: Salerno hatte für ihn im Jahr 2013 ein Millionengeschäft im italienischen Gesundheitswesen eingefädelt. Dabei war das ordentliche Beschaffungsverfahren umgangen worden. Als ein Journalist davon erfahren hatte und darüber berichten wollte, war er einem Unglück zum Opfer gefallen. Salerno war der Mann gewesen, der die unsauberen Geschäfte eingefädelt und durchgeführt hatte. Aber er war auch der Mann gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass der unliebsame Journalist einer Berner Tageszeitung tödlich verunglückte. Für Dafflons Kunden hatte Salerno im gleichen Jahr eine Lieferung Kokain von Palermo nach Bern bringen lassen.
Ganz offensichtlich war er nun entschlossen, für beide Dienstleistungen sein Honorar einzufordern. Doch wieso war Salerno zuerst bei Dafflon erschienen, der ihm offenbar nur 54'000 Franken schuldete? Wann würde der Italiener bei Eddy anklopfen, und wie hoch waren die Forderungen an ihn?
Der Comedian auf der Bühne war noch nicht müde, einen Witz an den nächsten zu reihen: «Tja, liebes Publikum, kennen Sie die Gemeinsamkeit zwischen Pasta und Corona? Die Chinesen haben es erfunden. Aber die Italiener verbreiten es auf der ganzen Welt.»
Der Saal brüllte vor Lachen, und der Mann am Mikrofon doppelte sofort nach: «Was ist ein gutes Hausmittel gegen das Virus? Dreimal täglich drei Zehen Knoblauch, roh gegessen. Das hilft zwar medizinisch nicht, aber dafür hält sofort jeder drei Meter Abstand!» Wieder lachten die Leute lange und laut, während Dafflon beschämt den Kopf schüttelte.
Nur Eddy bekam die Ursache des lauten Gelächters im Saal nicht mit, weil er immer noch darüber nachdachte, was oder wie viel Salerno von ihm verlangen würde. Eddy war so sehr in seine sorgenvollen Gedanken vertieft, dass er nicht bemerkte, wie ein Mann im Nadelstreifenanzug sich langsam dem Mischpult näherte, hinter dem er sich versteckt hielt.