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Die ewige Suche nach der verschollenen Insel
Ein paar Hundert Zeilen in den beiden späten, um 360 v. Chr. entstandenen Dialogen «Timaios» und «Kritias» von Platon reichten, um eines der grössten Geheimnisse zu hinterlassen: das eines «an einem einzigen Tag und einer unglückseligen Nacht» untergegangenen Inselstaates «Atlantis» jenseits der Säulen des Herakles. Bei Platon ist das, kaum verschleiert, die Folge des Hochmuts der Atlanter. Sie hatten es gewagt, mit einer hochgerüsteten Flotte Athen anzugreifen. Der Sieg gegen diese vermeintlich überlegenen Seestreitkräfte sei eine der grössten Heldentaten des aufstrebenden Stadtstaates gewesen, heisst es. Und eine Bestätigung von Platons Staatstheorie «Politea», die in Athen «aus dem Himmel der Ideen», ohne den hybriden Expansionsdrang der Atlantiden, Wirklichkeit geworden war.
Das ist die Theorie der Philologen. Dagegen spricht, dass Platon sein Atlantis zugleich zum Idealstaat erklärt und es sehr dezidiert bis hin zu Massangaben und zeitlicher Einordnung konkretisiert. Im Zentrum ein reich verzierter Poseidontempel, denn der Gott des Meeres hatte ursprünglich die Herrschaft über die Insel seinem Sohn Atlas übertragen. Um diese Akropolis auf dem Zentralberg zogen sich drei ringförmige Land- und Wassergürtel samt Platz für die Streitmacht von 1200 Kriegsschiffen. Reich an Bodenschätzen war es, mit Pflanzen, Früchten und Tieren, allen voran riesigen Elefanten – Platon machte das Fabelreich zum Paradiesgarten.
Mehr als zwei Dutzend mögliche Standorte
So sehr er aber Atlantis benutzte als Versinnlichung eines Gedankenexperiments, so wenig konnte er auf eine Herleitung seiner Informationen verzichten. Er schickt dazu den Gesetzgeber und Staatsmann Solon nach Ägypten, der dort aus Priestermund die Geschichte vom Untergang der sagenhaften Insel etwa 9600 v. Chr. erfahren habe. Für die Flutwelle – die vielleicht in der biblischen Sintflut beschrieben wird – gibt es keine konkreten Belege. Doch wird die Rezeptionsgeschichte des Atlantismythos schon in der Antike bei Strabon und Plutarch bestimmt von archaischen Katastrophenszenarien und Hypothesen aller Art zur eventuellen Lage. Man könnte eine Weltkarte mit mehr als drei Dutzend möglichen Standorten zeichnen.
Prächtig prangt die Insula Atlantis auf der Karte des Jesuitenpaters Athanasius Kircher von 1665 als gigantische Landmasse zwischen Amerika und der Meerenge von Gibraltar. Eine Standortthese, die weitgehend im Reich der Mythen verblieb. Auch die Vermutungen, Helgoland sei der Rest von Atlantis oder eigentlich stecke eine Umschreibung von Troja dahinter, hielten nicht lange. Ebenso wenig wie die Theorie vom Untergang des Kontinents «Mu» mitten im Pazifik. Jede neu auftauchende Atlantis-Hypothese wird in der Regel von genau einem Gelehrten vertreten (der oft auch nur Privatgelehrter ist). Was von der Sehnsucht kündet, das Wunderland endlich zu finden. Nach so langer Zeit könnte von dem allerdings nicht allzu viel übrig sein: keine steinernen Zeugen, keine Artefakte.
Vor diesem Problem stehen zum Beispiel die Geländeinspektoren der südspanischen Tartessos-Halbinsel, die Anhänger der These einer gigantischen Schwarzmeerüberschwemmung um 5000 v. Chr. sind, die Atlantis den Garaus gemacht habe. Auch die Fans der Nordafrikahypothese um den Schott-El-Hodna-Salzsee können nicht auf Überreste verweisen. Bei drei Atlantiskonferenzen in Griechenland kamen alle diese Thesen auf den Tisch.
Konferenzen und Krater
Die letzte Konferenz fand 2011 auf Santorini statt. Das hat damit zu tun, dass sich eine der Atlantis-Hypothesen auf die Kykladeninsel bezieht, die heute in Form einer Sichel mit steiler Abbruchkante Rest eines gigantischen Vulkanausbruchs ist. Und der hätte tatsächlich eine ganze Kultur auslöschen können. Die Ausgrabungen der Siedlung Akrotiri verweisen darauf, dass Santorin (damals Thera) Teil der minoischen Kultur auf Kreta war, die, so die Vermutung, gleich mit weggefegt wurde. Den Tourismus auf der Insel mag das befördern. Doch die minoische Kultur auf Kreta hat auch nach der Katastrophe um 1500 v. Chr. nachweislich weiterbestanden. Die griechischen Behörden waren von der Santorin-Hypothese jedenfalls so angetan, dass sie dem Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau eine millionenschwere Expedition in Gewässern rund um die Insel finanzierten, die aber keine nennenswerten Ergebnisse erbrachte.
So sehr man am Krater von Santorin auch das Gefühl haben kann, auf den Klippen von Atlantis zu stehen, so viel ist dagegen einzuwenden. Und das überzeugendste Gegenargument liegt sogar ganz nah. Es trägt den Namen Helike. Diese Stadt befand sich an der Nordküste des Peloponnes, huldigte einem besonderen Poseidonkult wie Atlantis und wurde 373 v. Chr. von einer Flutwelle infolge eines Erdbebens ausgelöscht. Das ereignete sich immerhin nicht weit von Athen und zu Lebzeiten von Platon und könnte ihn angeregt haben zu seiner Schilderung des Atlantis-Untergangs.
Schon bei den erwähnten Atlantiskonferenzen wurde klar, dass das Gegenüber von schwer beweisbaren Hypothesen und dem Hang zur Fiktion wohl immer im Mittelpunkt stehen wird. So ist die Atlantis-Literatur denn auch riesig und vielgestaltig: Von Francis Bacons philosophisch-poetischer Utopie «Nova Atlantis», die vom neuen Atlantis als Idealstaat handelt (1627), bis hin zur Trivialliteratur der Perry-Rhodan-Serie, in der der Untergang von Atlantis Resultat eines Krieges zwischen Ausserirdischen ist. Auch Jules Verne sind die Ruinen von Atlantis auf dem Meeresgrund in «20’000 Meilen unter dem Meer» einen Besuch wert.
Von vielen utopischen Wunschorten unterscheidet sich Atlantis dadurch, dass wir dieses Paradies wirklich finden wollen, es anfassen, schmecken und riechen wollen. So träumen wir uns weiter dem Augenblick entgegen, da es wirklich aus den Fluten des Meeres auftaucht.
13 Kommentare zu «Die ewige Suche nach der verschollenen Insel»
Ich weiss das es der „cerro de xico“ im Tal von Mexico sein muss. Recherchiere jetzt 6 Jahre daran und es ist von allen Theorien am meisten bzw. so gut wie alles dort vertreten was Platon beschrieb. Und die Zentralinsel vermutlich ursprünglich ein komplexer Impaktkrater. Dem Entsprechend ist Poseidon als Meteorit wie viele andere Götter verehrt worden.
atlantis-mexico.org
Einer interessanten Hypothese zufolge, könnte sich das ehemalige Atlantis im Nationalpark Coto de Doñana an der Costa de la Luz in Andalusien befinden:
http://atlantisforschung.de/index.php?title=Atlantis_/_Tartessos_im_Nationalpark_Coto_de_Do%C3%B1ana%2C_Andalusien
Vor den Säulen des Herakles, also Gibraltars, da liegen nur die Azoren. Ist das der Rest der Insel von der Grösse Grossbritanniens?
Wieso sank die Temperatur in kürzester Zeit, so dramatisch, dass die Mammuts praktisch schockgefroren wurden? Wieso kam früher der Golfstrom nicht in Europa an, wieso unternehmen die Aale so wiedersinnige Wanderungen nur um zu laichen. Wieso wählten die Majas gerade diesen Tag als den Tag Null ihres Kalenders, wieso befindet sich heute der Titicacasee auf fast 4,000 m. ü.M.? Heisst der Atlantik wirklich des Gottes Atlas so? War die Sintflut der grösste Tsunami, ausgelöst durch den Aufprall eines Himmelskörpers im Atlantk in der Gegend von Mittelamerika, der bewirkte, dass viele Vulkane gleichzeitig Lava in die Luft schleuderten? Alles offene Fragen.
Mehrfach sind vulkanische Inseln entstanden und verschwunden. Dass Atlantis existiert hatte, ist demnach nicht unwahrscheinlich.
Dass Schwachköpfe existieren, das halte ich sogar für ausgemacht. Der obige Artikel bringt absolut null neue Erkenntnisse und es bleibt also weiterhin beim bisherigen Forschungsstand: nämlich ganz genau null Beweise für eine jemals vorhandene Existenz von Atlantis ausserhalb von Platos längst verwestem Hirn. Aber immerhin könnte es ja trotzdem sein, weil vielleicht und wenn und überhaupt – je weniger Argumente, desto besser.
Wie lange dachte man, Troja sei literarische Fiktion? Wie viele Archäologen haben vergeblich danach gesucht? Angesichts der detaillierten Beschreibungen und der mehrfachen Erwähnung einfach so von einem Hirngespinst auszugehen, halte ich auf jeden Fall für falsch.
@R. Rothacher: Plato hat niemals auch nur ein schriftliches Wort über Troja hinterlassen. Ob das in Homers „Ilias“ beschriebene „Troja“ mit der heute oft so bezeichneten (und von Schliemann 1871 gefundenen) Grabungsstätte in der Nordwesttürkei identisch ist, das war schon zu Schliemanns Zeiten umstritten und ist es noch heute (siehe Stichwort Troja-Debatte). Noch viel offener und bislang völlig unbewiesen ist, ob der vom grossen Dichter Homer beschriebene Trojanische Krieg überhaupt jemals stattgefunden hat.
Nicht verzagen, Google fragen.
Antwort; Eye of Africa
Edoardo Bennato: L’isola che non c’è (Die Insel, die es nicht gibt) endet wunderschön mit:
„E ti prendono in giro se continui a cercarla
Ma non darti per vinto, perché
Chi ci ha già rinunciato e ti ride alle spalle
Forse è ancora più pazzo di te“
Sie machen sich lustig über dich, wenn du sie weitersuchst / aber gib nicht auf / Wer bereits darauf verzichtet hat und dich auslacht / ist vielleicht noch dümmer als du.
(Aber klar, Bennato singt von einer Utopie, ich halte den Text für wert, möglichst oft zitiert zu werden)
Wieviele Male muss dieser Blödsinn noch aufgewärmt werden? Sollen sie doch lieber erstmal die verborgenen Schätze in den Pyramiden finden oder die Flugobjekte der Ausserirdischen im Bermuda-Dreieck. Solcher Mist ist doch längst nicht mehr originell sondern nur noch Füllstoff. Dafür braucht es weder „Filmwissenschaftler“, noch Kuratoren, noch Publizisten. Oder sind sie etwa überhaupt nur dafür da?
Na ja. Platons Schilderungen von Troja waren keine reine Erfindung. Deshalb ist Ihre Kritik kaum angebracht. Ist ja nicht Ihr Geld und Ihre Zeit, die irgendwelche Suchenden verbraten.
Woher wissen Sie, dass das keine Erfindung war?
War es Plato? Oder war es Homer? Jedenfalls sind die Schilderungen politisch nicht korrekt, die Feministen verbannen auch ganz harmlose Bilder junger Mädchen aus dem Museum.