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Tinkturen und die Alkoholfrage
Im Zusammenhang mit der Anwendung von Pflanzentinkturen wird immer wieder die Frage gestellt, ob darin nicht ein Risiko liege. So verständlich diese Überlegungen auch sind. Geht man der Sache auf den Grund, sieht sie allerdings weniger dramatisch aus.
- Das Alkohol abbauende Enzym, die Alkoholdehydrogenase (ADH), fehlt bei Säuglingen bis zum 8. Lebensmonat. Darum ist anzuraten, bei Säuglingen unter 8 Monaten keine alkoholhaltigen Arzneimittel anzuwenden.
- Die Verstoffwechselung des Alkohols geschieht unmittelbar nach der Einnahme, wobei bei Kindern unter 7 Jahren ein schnellerer Abbau erfolgt als bei Erwachsenen. Kinder bauen etwa 0,3 Promille pro Stunde ab. Das sind 0,2 – 0,3 g / kg in einer Stunde. Verglichen mit Erwachsenen ist das die doppelte Abbaugeschwindigkeit. Bei der Einnahme von beispielsweise 3 mal 10 Tropfen einer Pflanzentinktur mit 50 Vol. % Alkohol wird dieser bei einem 15 kg schweren Kind in etwa fünf Minuten, bei einem 30 kg schweren Kind in rund zwei Minuten abgebaut.
- Verabreicht man einem Kind mit etwa 5 kg Körpergewicht 20 Tropfen einer Pflanzentinktur mit 45 Vol. % Alkohol, so entspricht dies rund 0,40 g Alkohol. Daraus ergibt sich eine maximale Blutalkoholkonzentration von 0,08 Promille, was mit Sicherheit keine Gefahr darstellt. Auch bei einer 10-fach höheren Dosis, die natürlich nicht empfehlenswert ist, und bei der etwa 0,8 Promille erreicht werden können, wäre noch nicht mit ernsthaften Vergiftungssymptomen zu rechnen, allenfalls mit ersten motorischen Störungen. Die tödliche Dosis von Alkohol beträgt 1,5 – 3 g pro Kilogramm Körpergewicht.
- Eine retrospektive (rückblickende) Untersuchung bei Hamburger Kindern im Verlauf von 15 Jahren beschreibt keinen einzigen Fall von Alkoholvergiftung mit einem alkoholhaltigen pflanzlichen Arzneimittel.
Diese Angaben stammen aus dem Standartwerk „Leitfaden Phytotherapie“ von Schilcher / Kammerer / Wegener (Urban & Fischer 2007). Die Autoren schreiben abschliessend:
„So wie wohl niemand den Genuss von Obstsäften als bedenklich bezeichnet, bewerten wir die Alkoholaufnahme mit ethanolhaltigen Phytopharmaka in der jeweils angegebenen Dosierung als nicht bedenklich. Die Alkoholaufnahme ist hinsichtlich der Menge ohne Relevanz. Schädliche Auswirkungen auf den Organismus sind selbst bei kritischer Betrachtungsweise nicht zu erwarten, das gilt auch für die Anwendung bei Kindern.