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Natürlich wird das Leben oft und gerne mit einem Weg verglichen, auf dem wir Menschen mühsam wandern müssen. Bis wir eines Tages keine Kraft mehr haben, zusammenbrechen, liegen bleiben. Und dann am Wegrand begraben werden. Ein einfaches X aus zwei zusammengebundenen Stecken muss uns am Ende als Mahnmal genügen.
Vielleicht steigt ein flüchtiger Teil von uns sodann dem Himmel entgegen. Wie ein Vogel.
Wir Lebenden werden es nie wissen.
Immer wieder wird das Leben auch mit einem Fluss verglichen. Daraus können sich allerdings ganz verschiedene Erwartungen ableiten.
Allerlei alte Geschichten berichten zum Beispiel von einem Mann, der vor langer Zeit davongeflogen sei, vielleicht hat er niemals gelebt, der uns Menschen als Schwimmerinnen und Schwimmer im Strom des Lebens betrachtet habe; eine Art Fische halt.
Wir sollten, so schlug er vor, uns nicht mit der Strömung, treiben lassen, sondern vielmehr gegen den Strom schwimmen. Weil dies seinem Vater besser gefalle.
Doch wer hat jenen Vater schon persönlich gekannt?
Ich persönlich möchte jedenfalls kein Fisch sein.
Ich würde mich lieber wie ein Boot auf dem Fluss des Lebens fühlen. Ein Mississippi-Raddampfer vielleicht. Ich wäre der Rumpf, die mächtigen Räder, die dampfenden Schlote, die schwere Ladung, die dringend nach New Orleans, Louisiana, runter befördert werden muss. Ich wäre aber gleichzeitig auch der Kapitän in seinem Steuerhaus. Meine Stimme wäre gleichsam das mächtige Signalhorn des Dampfers, tuuut, tuuut, tuuut, welches die anderen Schiffe auf dem Fluss grüsst, aufmuntert, gelegentlich vor Gefahren warnt.
Mein Freund, der Augenarzt (er praktiziert nicht, seine Familie ist stinkreich) und Tantrika Tiger Gupta (eigentlich heisst er ja Birendra, aber er wird Tiger genannt, weil die gleichnamige Biermarke sein Lebenselixier darstellt), er stammt aus Kochi, Kerala, Südindien, wo die Delfine in der Bucht schwimmen, der Gewürzmarkt seine pfeffrigen Gerüche in der Hitze über die ganze Stadt verbreitet, wo einst die erste Synagoge auf indischem Grund gebaut wurde, wo die Schlangenbeschwörer die Strassen beherrschen, sieht es allerdings ein wenig anders.
Für ihn stelle das Leben in seiner Gesamtheit ein Meer dar; wie er mir während einem abendlichen Bootsausflug erklärte, auf dem hektoliterweise Bier getrunken wurde. Aus tonnenschweren Specksteinkrügen. Wir einzelnen Menschen seien nichts als Wellen, die ein kosmischer Wind auf der Oberfläche dieses Meeres erzeuge.
„Die Wellen bäumen sich auf,“ sagt Tiger fröhlich, beinahe singend, „sie sind ein Phänomen, das sich lediglich auf der Oberfläche des Lebens-Ozeans abspielt, sich aber niemals von der Gesamtheit des Wassers, welches dieses Meer bildet, lösen kann. Die Wellen erheben sich, von kosmischen Winden getrieben, richten sich schäumend auf, brechen in sich zusammen und vereinigen sich wieder mit dem Ozean. Genauso läuft aus meiner Sicht ein Menschenleben ab.“
„Dieser Ozean ist für mich die grosse Göttin Kali. Die kosmischen Winde sind für mich die Deva-Gottheiten mit ihrer leuchtend blauen Hautfarbe. Die unfassbare Gesamtheit, welche das ganze Geschehen umschliesst, wäre dann Brahma. Also Gott.“
Für Tiger Gupta ist ein einzelnes Menschenleben nie ein isoliertes Phänomen. Es bleibt bis ins Innerste mit dem Urgrund des Lebens, mit jenem kosmischen Ozean verbunden.
Es wird sich niemals davon lösen können.
„Ein Menschenleben…“, sagt er bierselig (und ich spüre, dass jetzt der versaute Teil seines Vortrags kommt, denn er ist ein grosser Verfechter jener transgressiven tantrischen Hindu-Sexrituale der linken Hand, die ihm gar nicht ausschweifend genug daherkommen können), „…ist beileibe kein individueller Vorgang. Es stellt immer nur einen Teil einer grossen Bewegung dar. Ein einzelnes Leben ist einfach ein Atom des Lebens an sich, jener Ganzheit allen Lebens, die mit sich selber spielt. Das ist wie kosmischer Sex. Oder kosmische Onanie. Vor diesem Hintergrund stellt auch jede libidinöse Begegnung zwischen Menschen eine Art Selbstbefriedigung des Kosmos dar.”
“Denn wir alle sind doch lediglich klitzekleine Elemente, die einem grossen Ganzen angehören. Untrennbar. Das Universum hat eben immer nur Verkehr mit sich selber. Wenn wir mit jemanden erotische Spiele treiben, machen wir es im Grunde genommen immer mit uns selbst. Denn alles, was existiert, ist in Tat und Wahrheit eins. Das Andere ist nur eine Illusion, genauso wie das Innen und das Aussen. Alle Spielarten der erotischen Begegnung stammen zudem samt und sonders aus dem Urgrund des Seins. Deshalb kann keine von ihnen unrein sein. Was sie im Urgrund bedeuten mögen, wissen wir Menschen jedoch nicht. Wir machen Liebe, weil es uns zwischen den Beinen oder im Kopf kitzelt und inneren Druck abbaut. Oder wir treiben es absichtlich nicht, weil wir inneren Druck aufbauen möchten. Beides ist erlaubt.“
Dabei sei, so Tiger Gupta, jede Bewegung im eigentlichen Sinne heilig. Weil sie einen notwendigen Spielzug darstelle, in jenem grossen Spiel, welches der Kosmos mit sich selber aufführe.
Deshalb existiere auf dieser Erde auch nichts, vor dem man sich ekeln oder fürchten müsse.
Schliesslich habe der grosse Heilige Sri Ramakrishna (1836 – 1886), Hüter des alten Dakshinewar Kali-Tempels, der ganz in der Nähe der nordindischen Ultramegalopolis Kolkata liegt, gerne folgende Meditations-Praxis ausgeführt. In seinem Yoga-Asana, jenem verschärften Schneidersitz halt, habe er im Tempelgarten gerne auf seiner Decke verweilt. Die rechte Hand gefüllt mit Sandelholz-Essenz, die linke Hand mit menschlichem Kot.
Abwechslungsweise habe er an diesen beiden Substanzen gerochen.
Um dann festzustellen, dass sie beide gut und rein seien, dass sie einfach nur verschiedene Zustände, unterschiedliche Ausdrucksformen derselben heiligen Zone darstellen würden, die wir Menschen gemeinhin Realität nennen. Dergestalt habe der grosse Heilige die Falle des Ekels überwunden. Und dadurch die essentielle Heiligkeit alles Seienden erkannt.
In diesem Moment habe er sich mit jener gigantischen, allumfassenden Bewegung vereinigt, welche wir, mangels eines deutlicheren Begriffs, Gott nennen würden.
Bei diesen kosmotheologischen Ausführungen von Meister Gupta muss ich unvermittelt an den berühmten, oft zu unrecht verteufelten britischen Poeten, Schriftsteller, Sexualmagier, Magus – vielleicht sogar Ipsissimus – Aleister Crowley (1875 – 1947) denken, der seinen Ordensnamen, „Das Grosse Tier“ (Τὸ Μεγα Θηρίον), mit Stolz getragen hat.
Er hat seinen Schülerinnen und Schülern nämlich – unter vielem anderen – empfohlen, sich über eine Mülltonne zu setzen und den Geruch des Abfalls stundenlang einzuatmen. Bis sie diesen Geruch mögen. Auch bei ihm war es das Ziel dieser Übung, das Illusionsgeflecht der menschlichen Wahrnehmung abzulegen, die künstlichen Mauern der Konditionierung, die uns Menschen umgeben, zu durchbrechen. Und zu einer Wahrnehmung des reinen Seins zu gelangen.
Die Überwindung des Ekels und der Furcht sei dafür unerlässlich.
Nun, Tiger Gupta ist ganz sicher kein Mainstream-Hindu. Er ist eben ein Tantriker zur linken Hand. Seine rituellen Strategien zur Transzendierung der Realität beruhen beinahe ausschliesslich auf ausgedehnten sexuellen Ritualen.
Was ihn wieder durchaus in die Nähe von Crowley rückt.
Sri Ramakrishna seinerseits habe ja, so der indische Volksglaube, ganz und gar keusch gelebt. Auch mit seiner Frau Sarada Devi (1853 – 1920) habe er nie auch nur das kleinste bisschen Sexualkontakt gehabt.
Sarada war im Tempel übrigens für die Verehrung der Smashan Kali zuständig. Jener akutesten, gefährlichsten Form der schwarzen Göttin, die das Schwert mit einer ihrer beiden rechten Hände – der oberen nämlich – schwingt. Im Gegensatz zur benevolenteren Dakshin Kali, die das Krummschwert mit der oberen ihrer beiden linken Hände umfasst, um letztere Erscheinung der Göttin hat sich der Sri persönlich gekümmert.
Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon mal eine Kali mit unzähligen Armen und Waffen gesehen haben, sind sie einfach der mächtigsten Ausformung der Gottheit begegnet. Der Mahakali, dem weiblichen Äquivalent zu Gott persönlich, im Hinduismus eben Brahma. Hübsch; nicht?
In seiner jahrelang recherchierten, mehrfach preisgekrönten – und gleichzeitig skandalumwitterten – Ramakrishna-Biographie „Kali’s Child“ (erschienen 1995) hat Jeffrey Kripal, Professor für Philosophie und Religionsgeschichte an der Universität von Houston, Texas, die Keuschheit des Heiligen jedoch nicht bloss angezweifelt. Er hat die Nachtseite des Treibens im Dakshinewar-Tempel vielmehr als eine Parade sexueller Ausschweifungen dargestellt, die sogar dem göttlichen Marquis De Sade (1740 – 1814) alle Ehre machen würde.
Für dieses Buch hat Kripal in Indien zwar mächtig Prügel kassiert, dennoch sind seine Forschungsergebnisse keineswegs von der Hand zu weisen.
Tiger Guptas Praktiken sind auf jeden Fall libidinös angehaucht. Wenn er genug Tiger Beer intus hat, kann er nicht damit aufhören, sie detailliert zu beschreiben. Vor allem jene, die in Bereichen angesiedelt sind, die Ekel und Schmerz transzendieren sollen.
Wobei der Running Gag seiner Erzählungen in seinen stetigen Hinweisen auf die religiöse Natur dieser Rituale liegt, die sie weit von jeder westlichen pornographischen Dekadenz wegrücke, mit der er überhaupt nichts anfangen könne.
Tatsächlich habe ich auf meinem Reisen durch Indien und Nepal die Erfahrung gemacht, dass Hindu-Autoritären die tantrischen Praktiken der linken Hand, wie sie Gupta so treibt, zwar als sehr gefährlich und ungesund bezeichnen, sie keineswegs empfehlen, aber auch nicht durchwegs ablehnen, sondern als Teil ihres himmelweiten religiösen Kosmos akzeptieren.
Das ist ein bisschen, wie wenn der Vatikan die Praktiken der Satanisten als Teil des Christentums katholischer Prägung akzeptieren würde. Was ja auch noch lustig wäre.
Jedenfalls darf ich davon ausgehen, dass Tiger Gupta – in seiner hübschen kleinen Villa am Stadtrand von Kochi – so ziemlich alles treibt, das man sich in den fiebrigsten erotischen Träumen und Albträumen nur ausmalen kann.
Besondere Bedeutung misst er übrigens der 69er-Stellung zu, die für ihn die Unendlichkeit repräsentiert. Dabei müsse die Frau, betont Gupta gerne, aus ritualtechnischen Gründen, immer oben knien. Als dekadenter Westler könnte ich nun vermuten, dass mein tantrischer Freund einfach gerne ausführlich Hintern betrachtet, aber dies würde bestimmt zu kurz greifen. Gleichzeitig schwärmt er ja auch immer von der mystischen Macht der “verbotenen Gefässe”, welche man bis zum Rand auffüllen müsse, die ich nur als die Gesässe seiner Ritual-Partnerinnen aufassen kann.
Ich habe den Tiger dann einmal unvermittelt mit den Ausdrücken “Sadomasochismus”, “Sodomie”, “Koprophilie” konfrontiert.
Er kenne diese Worte schon, erwiderte er darauf, nach einer längeren Kunstpause, mit einem Ausdruck von Verachtung im Antlitz. Er sei schliesslich ein gebildeter Mann. Aber es handle sich dabei um eiskalte, westliche, wissenschaftliche Begriffe, die mit seinen tantrischen Praktiken nicht das allergeringste zu tun hätten: “Solche Worte entzaubern die Welt”, so Gupta, “auf ihrem unfruchtbarem Boden können tatsächlich nur furchtbare Sünden gedeihen. Es sind derartige Worte, die euch Menschen des Westens den Blick auf die innere Natur der Dinge verstellen!”
Seine Rituale treibt er jedenfalls mit einem Kreis von Ladies zusammen, die seine religiösen Anschauungen teilen. Diese erotisch aufgeladenen rituellen Handlungen, sie dauern viele Stunden, so erleben es jedenfalls der Tiger und seine Partnerinnen, setzen mächtige kosmische Kräfte frei, welche in einer komplexen magisch-symbolischen Zone Schubwirkungen anstossen, die sich schliesslich – am Ende einer mystischen Ereigniskette – auf der Ebene der greifbaren Realität als geschaffene Tatsachen niederschlagen. Allerdings nur dann, wenn die Rituale korrekt ausgeführt werden. Bis ins letzte Detail.
Für seine Ladies ist Gupta ganz offensichtlich eine Art Guru, dessen anspruchsvollen Anweisungen sie sich hingebungsvoll fügen, mit dem Ziel – jeweils für einen zeitlosen Moment – in jenen kosmischen Kräften zu schwelgen, die ihre Wirbelsäulen zu glühend heissen Lavaströmen verflüssigen, welche vom Becken aus unter Hochdruck in den Kopf hochschiessen. Und zuletzt ihre Hirne, dank jener unwiderstehlichen Sprengkraft einer erotomagischen Ekstase, explodieren lassen.
Wie Feuerwerkskörper am unschuldigen Nachthimmel.
Einigen dieser Ladies sind wir auf unseren Spaziergängen durch das malerische Städtchen Kochin schon begegnet. Tiger kennzeichnet diese Begegnungen jeweils mit einem sanften Rippenstoss und einem Zungenschnalzer in meine Richtung. Die Ausstrahlung dieser Ladies mutet jeweils würdig und beherrscht an; der kerzengerade Gang, die gepflegten Haare, sanften Stimmen, die sorgfältig platzierten Farbtupfer oder Schmucksteine auf ihren Stirnen, Tikka genannt, die das dritte Auge markieren, die knöchellangen Röcke, die sie auch anbehalten, wenn sie schwimmen gehen…
Keine von ihnen würde jemals mit einem knappen Bikini bekleidet am Strand rumlaufen. Ja nicht einmal in einem grosszügigen altmodischen Badekleid. Dies wäre bei weitem zu gewagt.
Aber hinter Guptas verschlossenen Türen machen diese Ladies Sachen, die wohl so mancher westlichen Dame – von der Sorte, die ohne weiteres oben ohne, nur mit dem knappsten aller Tangas bekleidet, durch die Badeanstalten zieht – die Schamröte ins Gesicht treiben würden.
Wenn man Guptas Überzeugungen durch die westliche Brille betrachtet, erscheinen sie einem wie eine ferne Spieglung unserer moralischen und religiösen Vorstellungen.
Doch welche Seite dieses Spiegels ist die surreale?
Welche ist die Alice-hinter-Spiegeln-Seite?
Oder sind beide Seiten nur zwei Teile einer mannigfaltigen Gesamtrealität, die so gross und ominös ist, dass wir sie mit unseren Gedanken nie gänzlich erfassen können, wir sie höchstens im unmittelbaren Erleben flüchtig wahrnehmen können?
Falls letztere Variante zutreffen würde, hätte natürlich unser Tiger Gupta gepunktet. Ich persönlich habe noch keine befriedigende Antwort auf all diese Fragen gefunden.
Und muss nun bald gehen….
Zuvor möchte ich den Kreis dieser Geschichte allerdings noch schliessen.
Man könnte das Leben durchaus auch mit einem motorgetriebenen Flug vergleichen.
Und vielleicht haben Menschen wie Baron Manfred von Richthofen (1892 – 1918), jenes gefürchtete deutsche Flieger-As des ersten Weltkriegs, die Welt nannte ihn bekanntlich den Roten Baron, dies auch so empfunden. Dein Leben ist ein Flug. Du bist das Flugzeug und gleichzeitig die Pilotin, der Pilot. Du fliegst durch manches Unwetter, manches Gewitter, gewinnst auch so manchen Luftkampf.
Doch an einem schönen Tag stürzt du ab. Unvermeidlichweise. Krachst auf den harten Boden der Realität und zerbrichst in deine Einzelteile, die sodann explodieren, in Flammen aufgehen.
Und deine eigene schwarze Rauchsäule steigt empor. Dem Himmel entgegen.