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Verantwortung: Isabelle Schürch / Jose Cáceres Mardones
Referierende: Daniel Allemann / Jose Cáceres Mardones / Isabelle Schürch
Kommentar: Anja Rathmann-Lutz
Einleitend erklärte ISABELLE SCHÜRCH (Bern), das Ziel des Panels «Naturecultre» sei, sich mit postkolonialen Perspektiven auf vormoderne Differenzsetzungen von Natur und Kultur zu beschäftigen. Die Referierenden und die Kommentatorin ANJA RATHMANN-LUTZ (Basel) wollten das Thema nicht im üblichen Tagungsformat präsentieren, sondern es stattdessen in einem kontinuierlichen Dialog angehen. Ihr Panel war als «Reise in drei Schleifen» angelegt. Dieser Reise waren viele Treffen, Diskussionen, aktives Zuhören, Lektüreimpulse, Einsichten und gemeinsames Weiterdenken vorausgegangen. Das Panel sollte letztlich nicht zu einem definierten Ende führen, sondern zu einer Einladung, sich mit den Panelistinnen und Panelisten auszutauschen.
Die erste Schleife war ein chronologischer Durchgang durch die Quellen. Anja Rathmann-Lutz präsentierte zuerst einen Wandelaltar aus Småland, Schweden, der auf das Jahr 1526 datiert wird. Auf der Predella des Altars ist der Heilige Georg dargestellt, der zu Pferd über einen eben besiegten, auf dem Rücken liegenden Drachen reitet. Gemäss Rathmann-Lutz tritt in der Legende des Heiligen Georg und der Heiligen Margareta der Drache als Inkarnation des Teufels auf und stellt eine Bedrohung der christlichen Ordnung dar. Der Drache tauche erstmals im 12. Jahrhundert infolge neuer Fremdheitserfahrungen während der Kreuzzüge auf. Aus einer klassisch kunsthistorischen Betrachtungsweise sei die Natur in diesem Bild klar von der Kultur abgetrennt. Die Berge und die üppige Vegetation würden einer Stadt und der betenden Jungfrau Margareta gegenübergestellt.
Anschliessend präsentierte Isabelle Schürch den aus zwölf Büchern bestehenden und unter der Leitung des spanischen Missionars Bernardino de Sahagún zwischen 1547 und 1577 als kollektives Kompilationswerk in Nahuatl und Spanisch verfassten Codex Florentinus vor.1 Dieses einzigartige hybride Produkt präsentiert nicht nur die Sicht eines spanischen Missionars auf die Eroberung Neuspaniens durch Europäer, sondern versammelt auch die Stimmen von Nahuatl sprechenden Bildungseliten. Von besonderem Interesse für das Thema Natur/Kultur ist gemäss Schürch das elfte Buch der Historia General de las Cosas de la Nueva España, wie der Codex mit eigentlichem Namen heisst, das sich mit den «natürlichen Dingen» beschäftigt und dessen Prolog als Kontinuität zu christlichen Vorstellungen über die Natur als Schöpfungsgabe gelesen werden könne.
DANIEL ALLEMANN (Luzern) stellte die in spanisch verfasste Chronik El primer nueva corónica y buen gobierno (1615) von Felipe Guaman Poma de Ayala vor. Guaman Poma, Nachkomme einer andinen adligen Familie aus der Zeit vor dem Inkareich, richtete seine Chronik an den spanischen König. Sie sei zugleich eine Universalgeschichte Perus, eine Bittschrift und ein fragebogenartiger Bericht mit Daten und Fakten über die sogenannte «Neue Welt» mit Zügen eines Fürstenspiegels. Alleman erklärte, dass sich gemäss dem britischen Historiker David Brading die Chronik Guaman Pomas insofern von zeitgenössischen spanischen Quellen unterscheidet, dass die Letzteren glaubten, die Menschen hätten vor dem Inkareich im Naturzustand gelebt, während Guaman Poma davon ausging, dass sie im Einklang mit dem Naturrecht lebten.
JOSE CÁCERES MARDONES (Zürich) stellte das Werk Histórica relación del Reyno de Chile vor. 1640 vom Jesuiten Alonso de Ovalle verfasst, um in Europa Missionare für Chile zu rekrutieren, stelle es aus eurozentrischer Perspektive die Natur in Chile als Bühne zur Rekrutierung der lokalen Bevölkerung und als Ressource dar, die von den Kolonialisten ausgenutzt werden konnte.
Jose Cáceres Mardones erklärte weiter, Forschende müssten ihre Standpunkte reflektieren, wenn sie sich mit postkolonialen Theorien beschäftigen – und eröffnete damit die zweite Schleife. Er begann mit seinem eigenen Standpunkt: In Chile in eine bäuerliche Familie geboren, hat Cáceres Mardones lange in der Schweiz gelebt und wohnt heute in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Beeinflusst wurde er auch durch künstlerische und aktivistische Tätigkeiten. Er betonte, dass es keinen Diskurs und keine Theorie der Dekolonialisierung ohne eine dekoloniale Praxis geben könne.
Daniel Allemann berichtete von seiner Ausbildung als Kulturwissenschaftler und von seiner Beschäftigung mit der Geschichte des politischen Denkens, in der Texte einander häufig gegenübergestellt werden. Die Chronik von Guaman Poma etwa sei in der Vergangenheit oft im Vergleich zu europäischen Texten gelesen worden, wobei die andine Seite jedoch meist ignoriert wurde. Die dritte Schleife anspielend, liess er vorerst die rhetorische Frage im Raum stehen, wie dieses Werk ganzheitlich gelesen werden könnte.
Isabelle Schürch, als Mediävistin in Europa ausgebildet, erklärte anschliessend, dass sie ebenfalls bestenfalls dafür trainiert worden sei, christliche und antike Referenzen im von ihr vorgestellten Codex zu sehen. Doch sie frage sich, was sie aufgrund der Beschränkung durch diese Perspektive in den Quellen nicht sehen und erkennen könne.
Zum Schluss fragte Anja Rathmann-Lutz, ebenfalls Mediävistin sowie Kunst- und Kulturhistorikerin, die, wie sie selber sagt, vor diesem Panel noch nie mit postkolonialen Ansätzen gearbeitet hat, ob wir nicht die intellektuelle, politische und ethische Pflicht haben, uns mit Theorien wie der postkolonialen oder queeren auseinanderzusetzen, da diese uns helfen könnten, unsere bisherigen Narrative zu durchbrechen.
In der dritten Schlaufe stellten sich die Panelistinnen und Panelisten die Frage, ob sie mit erweiterten Ansätzen Naturkonzeptionen jenseits der modernen Natur/Kultur-Differenzsetzung, die spätestens seit der Aufklärung die europäischen Diskurse dominiert, in ihrem Quellenmaterial entdecken können. Inspiriert durch Impulse aus der postkolonialen und queeren Theorie sowie den monster studies präsentierte Rathmann-Lutz nun eine neue Leseart des von ihr vorgestellten Wandelaltars. Die Verschmelzung von Monster, Pferd und Reiter, markiert durch deren Federschmuck, dem die Europäer bei der Kolonisierung Amerikas zum ersten Mal begegnet sind, diene als Manifestation des Neuen in der Alten Geschichte – und, zumindest angedeutet, als mögliche situative Auflösung der Natur/Kultur-Dualität.
Schürch präsentierte eine alternative Interpretation der Chronik Sahagúns. Zwar würden in weiten Teilen des Prologs des elften Buches die Leitdifferenz zwischen Körper und Seele festgelegt, doch an gewissen Stellen würden auch Vorstellungen durchscheinen, die im mesoamerkanischen Raum verbreitet waren: Für nahuatlsprachige Gesellschaften sei die Seelenfrage nicht die Leitdifferenz zwischen Mensch und Tier gewesen.2 Stattdessen hätten sie an eine von Menschen und Tieren geteilte Körperlichkeit in durch und durch beseelten Naturen geglaubt.
Gemäss Allemann hat Guaman Poma spanische Vorstellungen von Natur und Gesellschaft auf subtile Weise provinzialisiert. Zudem habe er indigene Vorstellungen in einen mit seinen spanischen Lesern geteilten Darstellungsraum eingefügt.
Zum Schluss zeigte Cáceres Mardones auf, wie de Ovalle in seinem Werk das Wissen der Mapuche abgestritten und abgewertet hat. Heute sei das indigene Wissen nur noch an wenigen Stellen sichtbar. Die Kolonialisierung sei nicht nur eine militärische und politische Eroberung gewesen, ihre grundlegendste Dimension sei vielmehr eine ontologische. Gerade heute gebe es Tendenzen, Lösungen für die Probleme der Moderne in diesem indigenen Wissen zu suchen. Cáceres Mardones mahnte aber davor, dieses indigene Wissen zu essentialisieren und erneut epistemologisch auszubeuten.
Alle vier Panelistinnen und Panelisten haben aufgezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Position und die Vorannahmen, mit denen wir an unsere Quellen herantreten, zu hinterfragen. Konkret sollen nicht nur die uns bereits bekannten eurozentrischen Analysekategorien auf Quellen angewandt werden, sondern wir sollten viel mehr mit einer Offenheit und Neugierde an die Quellen herantreten.
Das Publikum fasste das unkonventionelle Format des Panels durchweg positiv auf, auch wenn in der Fragerunde vor allem Verständnisfragen gestellt wurden und sich in der kurzen Zeit nicht die eingangs in Aussicht gestellte Diskussion über das Podium hinaus ergab. Alle Panelistinnen und Panelisten fanden dieses neuartige Vorgehen auch für sie selbst sehr lehrreich. Mir scheint, dieses originelle Vorgehen könnte den Austausch zwischen Historikerinnen und Historikern stärken und eine neue Form des kollaborativen Arbeitens anbieten.
Panelübersicht:
Jose Cáceres Mardones: Berge, Flüsse und huacas. Eine andere Historizität der andinen Kolonialgeschichte
Daniel Allemann: Adam und Eva in den Anden: Guaman Pomas Geschichte der Menschheit
Isabelle Schürch: Nature Writes Back? Als die iberische «historia naturalis» auf andere Weltzugänge stiess (15.–16. Jh.)
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.