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Er ist unermüdlich wie eh und je. In den 1980er Jahren zählte Bruno Lafranchi zu den besten Marathonläufern der Welt. Er lief an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, wurde mal Dreiundzwanzigster, mal Fünfzigster. Heute ist der ehemalige Spitzenläufer für die Lafranchi Sports & Events GmbH unterwegs, unter anderem als Organisator des Zürich-Marathons. 3185 Läufer werden am 19. April am Mythenquai über die 42,195 Kilometer an den Start gehen, halb so viele wie vor zehn Jahren. «Die Konkurrenz ist grösser denn je», sagt Lafranchi. Allein in der Schweiz gibt es mittlerweile etwa zwei Dutzend Marathonläufe. Um den Teilnehmerschwund zu stoppen, entschied sich Lafranchi vor drei Jahren, den klassischen Marathon mit einem Team-Run und einem City-Lauf über 10 Kilometer zu ergänzen.
Was Lafranchi noch mehr Sorgen bereitet als das lahmende Interesse der Läufer, ist der Ausstieg des Hauptsponsors, der Elektrizitätswerke der Stadt Zürich. Das Finanzloch mag er nicht beziffern. Das Gesamtbudget, sagt er, belaufe sich aber weiterhin auf rund 1,5 Millionen Franken. Knapp einen Drittel bringen die Startgelder (110 Franken für den Marathon) und je einen Drittel Sponsoren wie die Zürcher Kantonalbank oder der Baukonzern Implenia sowie Partnerfirmen wie Rivella oder Chiquita, die die Läufer mit Naturalien versorgen. Auf der Ausgabenseite schlagen Kosten für Administration, Logistik und Infrastruktur sowie für die Preisgelder zu Buche. Als Organisator macht Lafranchi dieselbe Erfahrung wie als Läufer: Reich werden mit dem Marathon nur wenige.
Marathonmässig ist Zürich nationale Liga. Vergleichbar der Champions League im Fussball hingegen sind die World Marathon Majors, eine Serie, zu der sich die Marathonveranstalter von Boston, Berlin, Chicago, London, Tokyo und New York zusammengeschlossen haben. Der New Yorker ist der Marathon mit den meisten Teilnehmern, der Olymp: Hier will jeder Spitzenläufer einmal gewinnen. Für Hobbyläufer muss es das höchste der Gefühle sein, in einem schier unendlichen Tatzelwurm von über 50 000 Teilnehmern und angefeuert von zwei Millionen frenetischen Zuschauern durch die Strassen der amerikanischen Metropole zu joggen.
Auch der New-York-Marathon hat bescheiden angefangen. Am 13. September 1970 organisierte Fred Lebow, ein aus Rumänien stammender Jude, im Namen des Laufvereins New York Road Runners den ersten New-York-Marathon. Das Startgeld betrug einen Dollar. 127 Läufer drehten ihre Runden im Central Park, lediglich 55 schafften es bis ans Ziel. 1976 wurde die Strecke auf alle fünf Stadtbezirke, Staten Island, Brooklyn, Queens, Bronx und Manhattan, ausgedehnt, was den Grundstein für den grossen Erfolg legte. Joggen, bis dahin noch eine Freizeitbeschäftigung von ein paar Sonderlingen, wurde zum Volkssport, der Marathon durch New York zum Volksfest. 1985 wurden bereits über 15 000 Finisher gezählt, 1991 mehr als 25 000.
Lebow machte den Lauf zum globalen Event. Mit Siegesprämien köderte er Spitzenläufer wie Bill Rodgers oder Grete Waitz. Gleichzeitig inszenierte er das Rennen als farbenfrohe Party mit Prominenz aus Politik und Showbusiness. Er selber nahm 1992, zwei Jahre nachdem bei ihm ein Gehirntumor festgestellt worden war, zum dritten und letzten Mal am Marathon teil. An der Seite der dreifachen Siegerin Grete Waitz schwankte er mit letzter Kraft nach fünfeinhalb Stunden ins Ziel. Der heldenhafte letzte Lauf des zwei Jahre später verstorbenen Gründers förderte den Mythos weiter. Die Botschaft: Jeder, der es an diesem Rennen ins Ziel schafft, ist ein Gewinner.
Das Interesse an den World Marathon Majors ist grösser denn je. In Berlin und London sind alle Startplätze jeweils innert Stunden vergeben. In New York wollten im letzten Jahr mehr als 135 000 Läufer dabei sein – ein neuer Rekord –, doch nur knapp die Hälfte wurden zugelassen. Um einen der begehrten Startplätze am New Yorker zu ergattern, braucht ein Läufer, der noch keine Weltklassezeit gelaufen ist, Glück oder Geld. Man kann es auf offiziellem Weg versuchen und sich für 11 Dollar für die Startplatzlotterie einschreiben. 18 Prozent der Interessenten erhalten auf diesem Weg einen Startplatz. Davon geht ein Drittel der Plätze an Teilnehmer aus dem Grossraum New York, ein Drittel in die restlichen USA und der verbleibende Drittel an internationale Bewerber. Wer den Zuschlag erhält, zahlt ein Startgeld von 255 Dollar (Amerikaner) oder 347 Dollar (Ausländer).
Da die Chancen auf diesem Weg eher gering sind, sichern sich die meisten Hobbyläufer aus dem Ausland einen Startplatz, indem sie ein Arrangement bei einem Reiseveranstalter buchen, der über ein Kontingent an Startplätzen verfügt. Ein solches Paket inklusive Flug und Hotelübernachtungen kostet bei einem Schweizer Spezialisten wie Albis Reisen im günstigsten Fall 2990 Franken. Mehrere Tausend Dollar kosten auch die Startplätze, die von etwa 300 wohltätigen Organisationen, sogenannten Charity Partners, gegen Spendenbeträge angeboten werden. Im letzten Jahr trugen so 8500 Charity Runners 34,5 Millionen Dollar für gemeinnützige Organisationen zusammen. Was zeigen soll: Beim Marathon geht es nicht nur um Leistung und Wettbewerb, sondern um Solidarität und einen guten Zweck – Lebow nannte es «globale Kameradschaft».
Die New York Road Runners verstehen sich als Nonprofitorganisation, die jährlich über 70 Volksläufe in den verschiedenen New Yorker Stadtteilen organisiert. Nonprofit bedeutet allerdings nicht, dass man nicht zu kalkulieren wüsste: Die meisten Läufe werden mitfinanziert von Sponsoren wie der Internetplattform AirBnB, der Bank JP Morgan, den United Airlines oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die für ihre Unterstützung Werbepräsenz und Startplätze erhalten. Als Hauptsponsor des Marathons zeichnet seit 2012 die indische Firma Tata Consultancy Service, weshalb der Lauf nun offiziell «TCS New York City Marathon» heisst. Der Kontrakt mit dem indischen Konzern läuft über acht Jahre und soll noch einiges mehr bringen als der mit 4 Millionen Dollar pro Jahr dotierte Vertrag mit dem früheren Hauptsponsor, dem niederländischen Finanzkonzern ING.
Langstreckenläufer seien eine interessante Zielgruppe, erklärt Robert Molke, Sprecher der Road Runners: Die Teilnehmer des New-York-Marathons haben eine überdurchschnittliche Bildung und sind grösstenteils zwischen 30 und 50 Jahre alt; ihr durchschnittliches Jahreseinkommen liegt über 130 000 Dollar. Marathonläufer seien ausserdem Menschen, die langfristig dächten. Nicht verwunderlich deshalb, dass Finanzfirmen auffallend häufig als Sponsoren auftreten, neben Sportschuhmarken, Getränkefirmen und Unternehmen der Gesundheits- und Pharmaindustrie.
Die Kassen der New York Road Runners jedenfalls klingeln: Der Verein erzielte 2014 einen Umsatz von über 74 Millionen Dollar – 17 Millionen oder fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Für mehr als die Hälfte der Einnahmen sorgte der Marathon. Es sind auch längst nicht mehr nur Freiwillige, die die Road Runners am Laufen halten. Der Verein beschäftigt 160 Vollzeitangestellte und wird geleitet von einem CEO, der Rechtsanwältin Mary Wittenberg. Nicht zu unterschätzen ist schliesslich auch die Bedeutung des Marathons für die Tourismusindustrie: Laut einer Studie der Beratungsfirma Aecom aus dem Jahr 2012 belief sich die Wertschöpfung des Marathons auf insgesamt 340 Millionen Dollar. Allein die Läufer gaben am Wochenende in der Stadt pro Kopf durchschnittlich 1800 Dollar für Hotels, Essen, Unterhaltung und Shopping aus. Hinzu kommen die Ausgaben von Zehntausenden von Begleitpersonen der Läufer und zwei Millionen Zuschauern.
Bekannte Marathonläufe sind Breiten- und Spitzensport zugleich. Am Start sind neben Zehntausenden von Hobbysportlern auch die besten Langstreckenläufer der Welt. Und je schneller und bekannter der Sieger, desto höher der Stellenwert und die Präsenz des Rennens in den Medien. Topathleten wie der Weltrekordhalter Dennis Kimetto oder Emmanuel Mutai, Eliud Kipchoge, Wilson Kipsang, Sammy Kitwara – alle aus Kenia – laufen neben Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen fast ausschliesslich an den World Marathon Majors. Die exklusive Serie wird vom amerikanischen Pharmakonzern Abbott gesponsert und lockt mit stolzen Prämien. Die Läuferin und der Läufer, die in diesen fünf Rennen über zwei Jahre am meisten Punkte sammeln, gelten als Sieger und erhalten je eine halbe Million Dollar.
Auch bei den einzelnen Rennen winken Preisgelder in sechsstelliger Höhe. Am New Yorker beträgt die Siegesprämie für Männer wie Frauen 130 000 Dollar. Für den zweiten Platz gibt es 65 000 Dollar, für den dritten 40 000. Wer den Marathon zum zweiten Mal gewinnt, erhält zusätzlich 70 000. Zu den Preisgeldern kommen Boni, je nach Laufzeit: bei den Männern 70 000 Dollar für eine Zeit unter 2:07:30, weitere 60 000 für eine Zeit unter 2:05, was Streckenrekord bedeuten würde.
Der Lauf durch New York gilt mit seinen leichten Steigungen allerdings als eher gemächliche Strecke. Im Gegensatz etwa zum Berlin-Marathon, wo Dennis Kimetto, angeführt von bezahlten Tempomachern, den Hasen, im September 2014 als erster Mensch die Strecke unter 2 Stunden und 3 Minuten herunterspulte.
Ob Kimetto, der vor fünf Jahren noch vom Maisanbau lebte, im nächsten November am New-York-Marathon sein Début geben wird, ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen. Richard Umberg, langjähriger Trainer von Franziska Rochat-Moser, die 1997 den New Yorker gewann, hält eine Antrittsgage von bis zu 500 000 Dollar für realistisch. Rochat-Moser, erinnert sich Umberg, bekam bei ihrer ersten Teilnahme lediglich den Flug bezahlt und das Hotel, als Titelverteidigerin erhielt sie eine Antrittsgage von 300 Dollar. Das Preisgeld für den Sieg belief sich allerdings schon damals – inklusive eines Autos des Sponsors – auf rund 100 000 Dollar.
Auch am Zürich-Marathon werden Spitzenläufer mit Preis- und Antrittsgeldern geködert. Läufer aus Ostafrika, die schon Weltklassezeiten gelaufen seien, würden von vielen Managern angeboten, die gebe es beinahe im Überfluss, sagt Bruno Lafranchi. Gesucht seien jedoch vor allem Athleten mit einem Bezug zur Schweiz, Läufer, deren Namen man hierzulande kenne. Wie viel er Eliteläufern an Gagen und Prämien bezahlt, will er allerdings nicht sagen. «Das ist ein Basar.»
Umberg, selber fünffacher Schweizer Meister im Marathon und seit Jahrzehnten Organisator des Jungfrau-Marathons, macht daraus kein Geheimnis: Er zahlt Reisespesen, aber keine Antrittsgage, und die Siegprämie beträgt 10 000 Franken. Hinzu kommen Sprintprämien und ein mit 7500 Franken gefüllter Jackpot für den Läufer eines neuen Streckenrekords. An einem World Marathon Major ginge dafür nicht einmal ein Hase an den Start.