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Politiker-Serie 17/20 – Ein Buch, das mich geprägt hat.
Ein Manifest für die Frauen
«Bewohnte Frau» von Gioconda Belli öffnete der Nationalrätin aus dem Baselbiet die Augen im Kampf für die Gleichstellung.
VON SAMIRA MARTI
Als ich das erste Mal über Gioconda Belli stolperte, war ich sechzehn und besuchte das Gymnasium in Liestal. Im Unterrichtsfach Deutsch mussten wir in Zweiergruppen jeweils ein Buch lesen und anschliessend der Klasse präsentieren. Da ich krankheitsbedingt abwesend war, wurde mir das Buch von unserem Deutschlehrer zugeteilt. Es war der Roman «Bewohnte Frau» («La mujer habitada») von Gioconda Belli.
Im ersten Moment missfiel mir die Tatsache, in meiner Abwesenheit und ohne Mitsprachemöglichkeit zu dem Buch verurteilt worden zu sein. Doch nachdem ich bei der Suche im Bücherregal meiner Eltern eine alte Ausgabe des Romans gefunden und die ersten paar Seiten gelesen hatte, wurde die Wahl durch meinen Deuschlehrer zu meinem absoluten Glücksfall.
Der stark autobiografische Roman von 1988 verfolgt zwei parallel verlaufende Erzählstränge. Dabei befasst sich Belli mit zwei wichtigen Epochen ihres Heimatlandes Nicaragua: Die Kämpfe der indigenen Bevölkerung gegen die spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert und der sandinistische Widerstand gegen das Somoza-Regime der 1970er-Jahre. Die Integration und Verflechtung der beiden Ereignisse erschafft Belli mit klassischen Elementen des magischen Realismus, el realismo magico.
Magisch und spirituell
Im Zentrum steht die junge, unabhängige Frau Lavinia, die ins Haus ihrer verstorbenen Tante zieht. In dessen Garten steht ein Orangenbaum, der von der wiedergeborenen indigenen Widerstandskämpferin Itza belebt wird. Indem Lavinia die Orangenfrüchte konsumiert, übernimmt sie nach und nach den Widerstandsgeist der Vorfahrin.
Sie schliesst sich den sandinistischen Widerstandskämpfen an und beteiligt sich an der Befreiung des nicaraguanischen Volkes. Sie will gegen die herrschenden Verhältnisse ankämpfen, doch es begleiten sie Zweifel und Angst, denn das Regime von Somoza greift brutal durch. Während Lavinia am Schluss im Kampf stirbt, erhält die Ureinwohnerin Itza das letzte Wort: «Die Fackel ist entzündet, niemand wird sie mehr löschen können.»
Ich bin begeistert von Bellis Schreibstil und der ganz besonderen Art, wie sie einen historischen Roman mit magischen, teilweise spirituellen Elementen zu kombinieren weiss. Sie schafft wunderschöne und kraftvolle, poetische Bilder, die mitreissen.
Besonders wichtig sind die beiden starken Frauenfiguren, mit denen ich mich als junge Frau identifizieren konnte und die allzu oft fehlten in den Standardwerken, die während der Schulzeit sonst zum obligatorischen Unterrichtsstoff gehörten.
Die Bewegung lebt
Bellis Sprache löste gleichzeitig Wut, Sehnsucht und Hoffnung in mir aus: Wut über den Zustand unserer Welt, über die soziale Ungerechtigkeit für den globalen Süden und über die Dominanz des Profits und des Krieges; Sehnsucht nach einer solidarischen Alternative und der Würde für Menschen und Umwelt; Hoffnung aufgrund der Erkenntnis, dass die heutige Weltordnung menschengemacht und also veränderbar ist.
«Bewohnte Frau» ist ein Manifest für die umfassende Teilhabe der Frau. Über dreissig Jahre nach der ersten Veröffentlichung gehört die Abwertung der Frau noch immer zu den universellen Werten dieses Planeten. Der geeinte Widerstand ist unsere stärkste Waffe im Kampf um die Befreiung der Frau – in Lateinamerika genauso wie in Europa. Weltweite Aktionen wie MeToo beweisen, dass die feministische Bewegung lebt.
Am 8. März ist Frauentag, und am 14. Juni findet der schweizweite Frauenstreik statt. Wer noch nicht überzeugt ist, soll «Bewohnte Frau» lesen. Mir öffnete die Lektüre vor rund zehn Jahren die Tür zu einer neuen Welt und meiner eigenen Utopie: eine Welt, in der Frauen als gleichwertig und Repression und sexualisierte Gewalt nicht mehr als Kavaliersdelikte empfunden werden.
Autorin: Gioconda Belli, spanischer Originaltitel: «La mujer habitada».