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Phänomenale Performance: Willem Dafoe verwandelte sich in Vincent van Gogh (oben). Mit dem Malerfreund Paul Gauguin (Oscar Isaac) verbrachte er nur eine kurze Zeit (Bild unten). (DCM Film)
Van Gogh und ein Film –
dem Künstler ganz nah
Der holländische Maler Vincent van Gogh ist auch im Kino kein Unbekannter. Cineasten erinnern sich an Kirk Douglas, der den holländischen Meistermaler im Spielfilm «Lust for Life – Ein Leben in Leidenschaft» (1956) von Vincente Minnelli verkörperte. Anthony Quinn spielte dazumal den Zeitgenossen Paul Gauguin.
Der polnische Trickfilm «Loving Vincent» (2017) von Dorota Kobiela und Hugh Welchman kombiniert Realaufnahmen mit Malerei, die Spielszenen wurde übermalt. Er schildert das gewaltsame Ende des Künstlers und versucht, den Fall aufzuklären.
Auch der jüngste Van-Gogh-Spielfilm «At Eternity's Gate» rückt die letzte Schaffenszeit in den Fokus. Er konzentriert sich dabei auf Sicht und Sinn des Künstlers, seine Visionen, sein Selbstverständnis, seine Tragik. Vincent van Gogh (1853–1890) ist ein Getriebener, von der Umgebung angefeindet, von der Kunstwelt (noch) unverstanden, seinen «Dämonen» ausgesetzt. Er fragt sich selber: Werde ich wahnsinnig?
Er ist Stimmungsschwankungen ausgesetzt, findet seine Ruhe und Erfüllung in der Natur, in der Malerei, in Südfrankreich (Arles, Auvers-sur-Oise), eine Zeitlang in einer Heilanstalt. Eine wegweisende Eröffnungsszene des Spielfilms von Julian Schnabel: Van Gogh hat seine Staffelei in der freien Natur aufgebaut. Eine Schülerschar mit Lehrerin zieht vorbei, betrachtet seine Arbeit – ein Wurzelwerk. Unverständnis. Verhöhnung. Die Kinder flüchten förmlich vor diesem «unheimlichen» Mann. Später wird van Gogh von Dorfbewohnern attackiert, am Ende von jungen Burschen in ein Handgemenge verwickelt. Ein Schuss fällt. Tage später stirbt Van Gogh, just 37 Jahre alt.
Der Titel «At Eternity's Gate» (An der Schwelle zur Ewigkeit) wirft Fragen auf. Regisseur Julian Schnabel verweist im Gespräch auf eine Filmszene. Van Gogh wähnte sich in der falschen Zeit, seine Werke sind der Zeit voraus, für die Zukunft gemacht, sozusagen für die Ewigkeit. Zu Lebzeiten konnte sein Bruder Theo, gespielt von Rupert Friend, kaum ein Bild verkaufen. Heute sind seine Werke Millionen wert.
Der Holländer, Asket und Einsiedler, lebte und arbeitete eine kurze Zeit lang mit dem Maler Paul Gauguin (Oscar Isaac) in Arles zusammen. Sie achteten sich, entzweiten sich aber, auch weil sie die Welt verschiedenen sahen und malten. Diese Auseinandersetzung und Trennung sollen ihn bewegt haben, sich ein Teil des linken Ohres abzuschneiden.
Existentielle Zwiesprache hielt van Gogh (im Film) während seiner freiwilligen Einlieferung in die Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence mit einem Priester (Mads Mikkelsen), in dem er sein Verständnis, seine Ideen, Sicht und Hoffnungen klar machte. Ein Gespräch über Gott und die Welt. Und ein Schlüsselerlebnis (im Film).
Der New Yorker Regisseur Julian Schnabel (67), Maler und Mitbegründer des Neoexpressionismus, wollte sich selber ein Bild vom berühmten Holländer machen. Drehbuch (Schnabel, Jean-Claude Carrière und Louise Kugelberg) und Film stützen sich auf van Goghs Aufzeichnungen, Analysen, Briefe und Bilder. Im Kern sei der Film pure Imagination, eine Ode an den künstlerischen Geist und die lebensbestimmende Macht einer absoluten Überzeugung, meinte Schnabel. Aus seiner Sicht wollte er Sicht und Einsichten van Goghs nachvollziehbar machen und dokumentieren. Zusammen mit seiner Partnerin Louise Kugelberg (Montage) hat er die Natur aufgesucht, Schauplätze ausgesucht und das Buch entwickelt. Speziell bei der Motiv- und Locationsuche konnte Louise Kugelberg ihr Wissen als Designer einbringen, so war sie auch bei den Dreharbeiten intensiv dabei.
Präsentation im Lunchkino Zürich: Maler und Regisseur Julian Schnabel, Co-Autorin und Partnerin Louise Kugelberg. (Bild: rbr)
Er sei sehr beeindruckt vom grossen impressionistischen Künstler gewesen, erzählt Schnabel, als er jüngst im Zürcher Kunsthaus van Goghs Gemälde «Der Mann mit der Pfeife» (Selbstbildnis) wieder gesehen habe. «Unglaublich lebendig und faszinierend.» Van Goghs Farben und Figuren wirken auch im Film sehr lebendig, schier originalgetreu: der Himmel, die Sonnenblumen, Wiesen, Gärten oder das «Kornfeld mit Krähen» (in Schottland gefilmt). Die Farbdramaturgie, die Kameraarbeit Benoît Delhommes, selbst auch ein Maler, sind exzellent, sieht man einmal von den betont wackeligen oder bewusst verschwommenen Bildern mit der Handkamera ab. Das Leben sei eben auch wackelig, ist Schnabel überzeugt. Wie die Gemälde setzen sich auch die Kinobilder aus Farbpartikeln zusammen. Überwiegend wurde draussen gefilmt, nahe am Originallicht und teilweise an Originalschauplätzen wie beispielsweise in der Nervenheilanstalt, in die van Gogh Zuflucht gesucht hatte.
Was hat den Maler Julian Schnabel motiviert, einen Film über den Maler van Gogh zu realisieren? Schnabels Lebensgefährtin und Cutterin Louise Kugelberg erklärte: «Er erzählte es mir so, und ich glaube auch, dass Julian van Goghs Geschichte aus seiner Sicht, aus der Sicht eines Malers beschreiben und nachempfinden wollte.»
«At Eternity's Gate» ist kein Biopic. «Ich habe versucht, ihm nahe zu sein», erklärte Schnabel. «Wenn Sie den Film sehen, werden Sie zu van Gogh. Es kein Film nur über ihn, sondern über Sie, den Zuschauer. Es gibt einen Austausch. Seine Kunst hat die Kraft dazu, Sie an seinen Platz zu bringen. Dazu passt der Titel 'At Eternity's Gate', auch Sie stehen an diesem Tor. Es ist eine Frage des Lebens, und das ist kompliziert und konfus – wie bei van Gogh.»
Louise Kugelberg unterstreicht diese Ambitionen. «Die Geschichte ist hautsächlich aus der Sicht der ersten Person erzählt. Ich hoffe, sie bietet die Chance, ein wenig im Körper dieses Mannes zu leben, anstatt ihn aus der Distanz zu betrachten.» Das Drama beschreibt eingängig die Zerrissenheit van Goghs, seine Visionen und Wahrnehmung, sein Hoffen, seine Verzweiflung und Einsamkeit.
«Ja, diese Suche, sein Finden und seine Verlorenheit wollten wir zeigen», kommentiert Schnabel. «Wir wollten auch nicht sein Tun illustrieren, sondern dahinter schauen wie unter einem Brennglas.»
Hollywoodmime Willem Dafoe («Aquaman», «The Florida Project», «The Last Temptation of Christ») hat sich regelrecht in die Rolle van Gogh hineingekniet. «Er hat die beste Leistung seiner Karriere geboten», lobte der Regisseur, «Er hat sich regelrecht in Vincent verwandelt.» Schnabel bestätigte auch, dass er Dafoe in die Malerei eingeführt habe. Das Malen sollte echt, eben authentisch sein, auch Schnabel hat sich diesbezüglich betätigt und Bilder zum Film geliefert. Dafoes perfekte Performance wurde in Venedig 2018 mit einem Löwen ausgezeichnet. Der Film – ein kongeniales Kunstwerk über gelebte Kunst und einen einsamen Künstler. «At Eternity's Gate» wird eine Weltreise unternehmen unter anderem im Louvre und in ganz Europa zu sehen sein, ebenso in Russland, Japan und China.
USA, Frankreich 2018
111 Minuten
Regie: Julian Schnabel
Buch: Schnabel, Jean-Claude Carrière, Louise Kugelberg
Kamera: Benoît Delhomme
Darsteller: Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen
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