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Die Autoren Edgar H. und Peter Schein legen in ihrem Buch den Fokus auf ein neues Modell von Leadership: Sie sprechen sich dafür aus, dass der heldenhafte Leader in der Komplexität der heutigen Arbeitswelt ausgedient hat und ein kollektiver und kooperativer Führungsstil gefragt ist. Leadership verstehen als Prozess des Lernens und Beteiligens. Aus dieser relationalen Perspektive sehen sie den Kern von Leadership in der Personisierung von Arbeitsbeziehungen und damit in einer «professionellen Nähe» – ein Gegenstück zur oft praktizierten «professionellen Distanz». Eine Rezension von Kathrin Rutz.
Der Fokus im Modell von Humble Leadership liegt nicht auf dem Individuum, sondern auf den Beziehungen, die sich zwischen diesem Menschen und seinen potenziellen Followern entwickelt. Schein & Schein definieren ein vier Ebenen umfassendes Beziehungskontinuum:
|Ebene Minus 1||Ebene 1||Ebene 2||Ebene 3|
|Völlig unpersönliche Beherrschung und Zwang||Transaktionale rollen- und regelbasierte Beziehungen, Dienstleistungen sowie alle Formen von Helferbeziehungen||Persönliche, partnerschaftliche und vertrauensbasierte Beziehungen, wie zum Beispiel in Freundschaften und effektiv arbeitenden Teams||Völlig gegenseitige, emotional-intime Hingabe|
Während in herkömmlichen Führungs-Mitarbeitenden-Beziehungen die «Ebene-1-Beziehung» als transaktionale rollen- und regelbasierte Beziehung verstanden wird, wird die «Ebene-2-Beziehung» als persönliche, partnerschaftliche und vertrauensbasiert Beziehung beschrieben.
Als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Beziehungsebenen schaffen sie das Konzept der Personisierung. Personisierung beschreibt den «Prozess des gemeinsamen Aufbaus einer Arbeitsbeziehung mit einem Kollegen, einem Teammitglied, Chef oder Untergebenen, der auf dem Bemühen basiert, das Gegenüber nicht nur in der Rolle, die diese Person gerade innehat, sondern als ganzen Menschen zu betrachten» (S. 41).
Personisierung meint, dass die Beziehung persönlicher gestaltet wird, sei es durch Fragen oder die Preisgabe von Persönlichem. Die Wahrung der Balance zwischen den Extremen von zu grosser Förmlichkeit und zu grosser Intimität ist sogleich Notwendigkeit wie Wagnis.
Anhand eines konkreten Beispiels zeigen Schein & Schein auf, wie Humble Leadership Beziehungen in Organisationen und somit Organisationskultur verändert.
Humble Leadership verlangt nach Stärkung und Ausbau von sogenanntem «Soft Stuff», wie Schein & Schein es pointiert formulieren. Mit Humble Leadership und dem damit einhergehenden interaktiven und kollektiven Verständnis von Führung, welches auf die interpersonellen Beziehungen innerhalb einer Organisation fokussiert, «wird Gruppendynamik unweigerlich die wichtigste Variable für optimale Ergebnisse.» (ebd.,123). Wie gut eine Gruppe funktioniert, wie arbeitsfähig oder erfolgreich sie ist, hängt sehr davon ab, welche Art von Beziehungen in den Gruppeninteraktionen gefördert wird.
Im abschliessenden Kapitel widmen sich Schein & Schein nochmals der Personisierung und damit dem Aufbau von Ebene-2-Beziehungen, dem Kern von Humble Leadership. Ziel des Buches und insbesondere dieses Kapitels ist es, Menschen einzuladen, sich intensiver mit dem Prozess des Beziehungsaufbaus am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen.
Humble Leadership betrachten sie als etwas, «das nach einer bestimmten Haltung in der Arbeit mit anderen und Fertigkeiten in Gruppenarbeiten verlangt» (ebd.,133) und schlagen für diesen Lernprozess drei Bereiche vor:
1) Fokussierte Lektüre und Reflexion;
2) Hausaufgaben am eigenen Schreibtisch beim Aufbau von beruflichen Beziehungen und
3) die Arbeit vor Ort und Lernen aus Erfahrungen für sich alleine und gemeinsam mit andren (ebd.,133). Zu jedem dieser drei Bereiche bieten sie angeleitete Reflexionen und Übungen an sowie kommentierte Literaturhinweise.
Die Einladung, sich intensiver mit der Gestaltung von Arbeitsbeziehungen auseinanderzusetzen, scheint mir absolut zentral und es gelingt Schein & Schein, den Leser und die Leser anzuregen, über die eigenen Beziehungen nachzudenken. Inwieweit sind meine Arbeitsbeziehungen geprägt von «professioneller Distanz» oder eben von «professioneller Nähe»? Und wie definiere ich für mich diese «professionelle Nähe»? Wie leben wir das Miteinander an unserer Schule und wie prägt unsere Kultur, die entsprechenden sozialen Rollenerwartungen meine persönliche Beziehungsgestaltung?
In der deutschen Fassung wurde darauf verzichtet, den Begriff Humble Leadership zu übersetzen. Humble meint «bescheiden», «demütig» und lädt ein, die eigenen Werte zu reflektieren und den Menschen in einer offenen, vorurteilslosen Haltung zu begegnen. Dazu fordert dieses Buch auf.
INFOBOX Das Buch «Humble Leadership: Erfolgreich führen mit Beziehung, Offenheit und Vertrauen» ist das dritte von Edgar H. Schein in der Reihe «Führungskompetenzen», nach «Prozess und Philosophie des Helfens – Einzelberatung, Teamberatung und Organisationsentwicklung» und «Humble Inquiry – vorurteilslos fragen, als Methode effektiver Kommunikation».
Zur Autorin
Kathrin Rutz ist Beraterin und Dozentin an der PH Zürich. Sie ist Arbeits- und Organisationspsychologin, Coach und Organisationsberaterin bso sowie lehrende Transaktionsanalytikerin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Aus-/Weiterbildung und Beratung von Führungspersonen und leitet an der PH Zürich den «CAS Personalentwicklung» sowie den «CAS Führen in Projekten und Studiengängen an Hochschulen».
Redaktion: Melina Maerten
Titelbild: Orellfüssli