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Als kleines Mädchen wird Joli von ihrem Vater zu den Grosseltern ins Tessin gebracht. Drei Jahre ist sie schliesslich dort geblieben. Anfänglich hat sie nicht verstanden, warum die anderen Geschwister in Zürich bleiben durften und nur sie ins Tessin gebracht wurde, doch diese Jahre prägen sich fest ein ins Herz und der Nonno wie auch die Nonna und die Menschen aus Vaters Heimat bedeuten ihr viel. Die Nonna herrschte über alles Gelingen, die Kinder halfen viel mit, die Arbeit mit den Seidenraupen sicherte das Auskommen zusätzlich, bis dann in den zwanziger Jahren billigere Seide aus Japan und China das Geschäft zerstörte. So fing man eben an, Tabak zu pflanzen. Die Nonna konnte Schreiben, das konnten die meisten Leute nicht, lediglich ihren Namen hatten viele zu zeichnen gelernt, um auf dem Eheschein nicht ein Kreuz machen zu müssen. In der Osteria sass oft ein Mann, sie nannten ihn den Analphabeten, immer „las“ er Zeitung, und weil der Zugwaggon verkehrt herum zu sehen war aus seiner Sicht, berichtete er von einem schrecklichen Zugunglück. Die Nonna schrieb regelmässig nach Zürich, um zu berichten, wie der Alltag war. Sie besass etwa zwölf Zoccoli und diese hatten nichts gemein mit den dekorativen Dingern, die man im Tessin den Touristen verkaufte. Verheiratete und Witwen trugen Zoccoli mit schwarzen Samtbändern, junge Frauen und Kinder durften rote Bänder tragen, die Männerzoccoli hatten keine Schnürung, sondern ein Lederband. Es gab fast für jeden Bereich oder jede Arbeit ein anderes Paar Schuhe und die besten wurden nur getragen, wenn man ins Dorf ging oder zur Andacht. Ja, es war auch ein sehr religiöses Leben, man ging regelmässig in die Kirche. Die Nonna duldete beim Essen keine Reste, Joli selbst musste nie aufessen, aber der Nonno sass am Abend in der Küche und ass etliche Schälchen mit allen Resten aus, die die Nonna ihm hingestellt hat. Nie wurde Nonno böse, er ass immer auf, im Tessin ist das Essen gut, die Nonna war immer stolz auf die gute Küche und bedauerte den Sohn in Zürich, weil er da nur schlechtes Essen bekam. Cünta sü na Storia, erzähl mir eine Geschichte, bat Jolie oft und der Nonno erzählte ihr immer etwas. Herrlich war es, wenn die Kastanien reif waren, dann war das Haus voller Gäste und es wurde gegessen und getrunken. Die Tessiner feiern gerne, und als der Vater einmal mit einer Salami an der Grenze fand, die Zollgebühr sei ihm zu teuer, begann er eben an der Grenze selbst, mit einem Fuss in Italien, seine Salami zu essen. Die Zöllner holten Brot und Wein dazu und es wurde ein vergnüglicher und langer Abend. Geiz galt im Tessin als etwas vom Schlimmsten, gesellig sein war die Tugend, an Sommerabenden stellte man die Stühle auf die Strasse und hielt einen Schwatz. An einer Beerdigung zeigte man seinen Wohlstand, man lud Vereine und Ähnliches ein, um einen möglichst langen, schönen Leichenzug zu haben, sogar die Kindergartenkinder konnten gegen einen kleine Spende gemietet werden zu solchem Zwecke. Als Joli zurück nach Zürich zu den Eltern soll, leidet sie an einem schlimmen Husten, die Nonna verbietet die Reise, pflegt die geliebte Enkelin gesund und schaut dann in Zürich auch gleich noch eine Weile zum Rechten. Was die Nonna sagte, das wurde getan.
Fazit: Nonna, oder das Glück im Tessin.
Die Autorin gewährt uns einen tiefen Einblick in ihre Kindheit und ihre Jahre im Tessin bei ihren Grosseltern, sie erzählt schlicht und dadurch um so eindringlicher und es entstehen grossartige Bilder und Momentaufnahmen. Ein Stück Tessiner Vergangenheit und Geschichte!
Meine Wertung: 8/10
Joli Schubiger-Cedraschi / Haus der Nonna
Verlag: Limmat, Seiten: 138
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