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Man kann mit dem Auto oder dem Zug und natürlich auch zu Fuss auf alten Handelswegen gegen Norden ziehen: Die abwechslungsreiche Wanderung führt vom Bleniotal über die Bassa Nara in die Leventina.
Alte Verkehrsrouten verliefen selten tief unten in den Tälern, an den Flüssen entlang. Bestand eine sinnvolle Alternative eine oder zwei Etagen höher, so wurden die Wege möglichst an den Sonnenanflanken, weit weg von den engen Schluchten, angelegt. An Sonnenhängen schmolz der Schnee schneller, der Regen floss schneller ab und weichte das Trassee entsprechend weniger auf. Auf den Transitrouten zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz war das nicht anders. Besonders anfällig für allerlei Unannehmlichkeiten waren die Transportwege in der Umgebung von Biasca. Der Ticino toste als ungezähmter, gefürchteter Fluss durchs Tal. Bei Hochwasser staute er sich am Zusammenfluss mit dem Brenno aus dem Valle di Blenio auf und richtete regelmässig grosse Schäden an Brücken und Weganlagen an. Die Brücke über den Brenno unmittelbar nördlich von Biasca erscheint in vielen Berichten von früheren Reisenden als wacklige Holzkonstruktion mit schlecht verankerten Pfeilern und soll durch fast jedes Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Waren die Brücken durch die Naturgewalten wieder einmal zerstört, stockte der Verkehr in Richtung Gotthard für längere Zeit und Reisende wie Transporteure mussten sich nach Alternativrouten umsehen.
Für den Transit in Richtung Alpennordseite standen im Wesentlichen zwei Alternativrouten zur Auswahl. Erstens: die Route durch das Valle di Blenio und über den Lukmanier-Pass nach Disentis. Sie hatte den Vorteil, meist auch im Winter passierbar zu sein, denn mit einer Passhöhe von 1915 Metern ist der Lukmanier der niedrigste alpenquerende Pass der Schweiz. Dass sich im Bleniotal eine romanische Kirche an die andere reiht, ist kein Zufall und hat unter anderem mit dem Kloster Disentis auf der Nordseite des Lukmaniers zu tun. Nach dem Klosterbau im 8. Jahrhundert wurde das Bleniotal zu einer stark frequentierten Pilgerroute in Richtung Rom. Früher als anderswo in den Alpen entstanden dort Hospize, insgesamt fünf. Sie funktionierten zusätzlich als Sust, also als Umschlags- und Lagerplatz für die Güter des Saumverkehrs. Disentis erwarb mit der Zeit immer mehr Land auf der Südseite des Passes, und die Besitztümer entlang des Pilgerweges reichten bis nach Pavia, der einstigen Hauptstadt des Langobardenreichs.
Eine zweite Möglichkeit, um in die Deutschschweiz zu gelangen, war der Übergang über die Bassa di Nara in Richtung Leventina. Diese Route zog sich vom unteren Bleniotal bei Acquarossa quer über die Hänge des heutigen Skigebiets Nara2000 zur Bassa di Nara hinauf, dann auf der Leventina-Seite hinunter nach Molare und hoch über dem Talgrund, der Strada Alta entlang, gegen Airolo und den Gotthard zu. Noch bis um das Jahr 1800 herum besass die Leventina Land auf der Blenieser Seite der Bassa di Nara und kümmerte sich um den Unterhalt des für Pferde passierbaren Saumpfads von Prugiasco hinauf zur Passhöhe auf 2123 Metern und hinüber in die Leventina, was die grosse Bedeutung dieses Transitwegs auch für die Leventiner belegt.
Entlang dieser Route entdeckt man heute noch kulturgeschichtlich wertvolle Sehenswürdigkeiten wie etwa die tausend Jahre alte Kirche S. Carlo in Negrentino gleich zu Beginn der Wanderung. Scheinbar mitten im Niemandsland gebaut und nur von weitem Weideland umgeben, gehört das 1224 erstmals erwähnte Gotteshaus zu den herausragenden Beispielen der Romanik in der Schweiz – ihre Fresken im Innenraum sind weltberühmt. Die beiden Kreuzwappen der Leventina an der Ostwand des Campanile und der verblasste Uri-Stier dokumentieren die damaligen Macht- und Besitzverhältnisse. Die Kirche stand zu ihrer Blütezeit nicht allein auf weiter Flur, sondern im Zentrum eines intensiv bebauten Landwirtschaftsgebiets um den heute verschwundenen Weiler Negrentino am Saumweg zur Bassa di Nara.
Nach der Urbarmachung des Talbodens verschob sich der Siedlungsschwerpunkt immer mehr von den Berghängen hinunter ins Tal, daher wurde die neue Kirche unten im Dorf Prugiasco errichtet. Die folgenden Jahrhunderte sind nicht spurlos an den beiden Tälern vorbeigezogen. Steht man heute auf der Bassa di Nara und blickt westwärts, dann sieht man hinunter in einen engen Transitkorridor mit Hauptstrasse, Autobahnviadukten und Eisenbahnschlaufen. Ostwärts hingegen liegt das beschauliche, weit offene Bleniotal ruhig und etwas schläfrig da. Der Transitverkehr von Pilgern ist mit der Landschaft weitaus schonender umgegangen als derjenige von Schwergütern.
Auf Säumers PfadenAnreise
Mit dem Zug bis Biasca. Weiter mit dem Bus bis Prugiasco.
• Rückreise
Von Molare mit dem Bus bis Faido. Dann weiter mit dem Zug.
• Wanderzeit
2 Tage: 1. Tag 3 ¾ Stunden, 2. Tag 2 ¾ Stunden.
• Schwierigkeitsgrad
T 2: Keine ausgesetzten Wegpassagen. Wegspur und Markierungen sind vor der Alpe Nara undeutlich.
• Höhendifferenz
1. Tag: Aufstieg 1250 m
2. Tag: Aufstieg 380 m, Abstieg 750 m
• Übernachten, Restaurants
Capanna Piandioss (1860 m), 35 Schlafplätze, www.capanneti.ch, Restaurants in Prugiasco und Molare.
• Route
1. Tag: Von Prugiasco bergwärts zur berühmten Kirche S. Carlo di Negrentino. Weiter nach Frassineto. Kurz auf der Teerstrasse nach Ardèt. Weiter nach Pianezza. Nach einem in eine Höhle eingelassenen Haus bergwärts, zwei Bäche auf rund 1600 Metern überqueren und nach Gariva. Von dessen Kreuz über die Wiese und auf einem Fahrweg zur Capanna Piandioss.
2. Tag: Von der Hütte auf Fahrweg gegen Pian Laghetto. Am Seelein vorbei zum Croce del Mottarone aufsteigen. Dem Bergrücken folgend zum Pizzo di Nara. Abstieg zur Bassa di Nara. Bei der Alpe Nara nach Nordwesten drehen zur Wegkreuzung beim Brunnen von Chèrz absteigen. Bei Fornace zwei Flüsse queren und auf Wiesenweg nach Molare.
• Variante
Pizzo Molare: Von der Capanna Piandioss Richtung Capanna Gorda, nach 3 Minuten bei einer markanten Lärche bergwärts abzweigen und auf einzelnen Wegspuren und später im Zickzack über die steile Grasflanke zum Pizzo Molare. Abstieg zur Bocchetta di Sasso Bianco. Auf der Leventina-Seite zur Bassa di Nara, wo man in die Originalroute mündet (Zusatzaufwand 1 ¾ Std., gute Trittsicherheit erforderlich).
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1253 Olivone, 1252 Ambrì-Piotta
• Weitere Informationen
www.viastoria.ch, www.kulturwege-schweiz.ch, http://ivs-gis.admin.ch
Fotos: EQ-Images, at-verlag.ch, zvg