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Text
Titel:
Wohlgemeinte Nachricht an alle Mangelleidende
Thema: Leute
Datum: --.--.1771
Masse: 16,5 x 28 cm
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, App b 7521
Urheber/-in:
Beschreibung:
Diese wohlgemeinte Nachricht entstand im Jahr 1771 während der Krisenzeit von 1770/71. Auf den zwei Seiten des Dokuments wird im Vorwort das Ziel der wohlgemeinten Nachricht erläutert und eine Anleitung zur Essenszubereitung mit hohem Nährwert angeführt. Die Anleitung war für Menschen gedacht, die an Mangelerscheinungen litten und denen bei der Essenszubereitung geholfen werden konnte. Andererseits – und dafür sprach sich das Vorwort aus – wurden „Menschenfreunde“ dazu angehalten, den Notleidenden zu helfen und für sie diese Art von Essen zuzubereiten.
Die Nachricht wurde wahrscheinlich von Jakob Zeller-Hirzel (1716-1785) in Auftrag gegeben. Das Titelblatt hält sich bedeckt und und nennt ihn einen „anonymen Menschenfreund“.
Ganz dem Wohltätigkeitsgedanken der Philanthropen entsprechend wurde als Leitgedanken der Nachricht folgender Ausspruch aus der Bibel zitiert: „Zu wissen nun, was es Gutes zu tun gäbe, und es doch nicht zu tun – das ist Sünde.“ (Jakobus 4,17; Übersetzung Zürcher Bibel, 2007)
Die wohlgemeinte Nachricht war eine Übersetzung aus dem Französischen, die es einer Person ermöglichte für 3 1/2 Kreuzer pro Tag genug sättigende und gesunde Nahrung zu erhalten. Die Anleitung zur Essenszubereitung von 70 Personen, die sich 24 Stunden davon ernähren konnten, gestaltete sich folgendermassen: Zehn Pfund Reis mussten während drei Stunden im Wasser gesiedet werden, danach zehn Pfund kleine Brotstücke und zehn Mass Milch hinzugefügt werden. Abgeschmeckt wurde dieser Brei mit Salz und Pfeffer. Dieser "Milchreis" konnte einen Menschen in der Hungersnot von 1770/71 mehr sättigen als Brot.
Geschichte:
Die Hungersnot von 1770/71 entstand aufgrund einer Mangelsituation bei den Hauptnahrungsmitteln. Das Krisenjahr wurde zusätzlich durch Konjunktureinbrüche in der Textilindustrie verstärkt.
Betroffen von der Katastrophe waren vor allem jene Schichten, die für ihren Lebensunterhalt Getreide kaufen oder im Tausch gegen Leistungen an die Produzenten erwerben mussten. Jene Schichten fand man in der städtischen und ländlichen Unterschichtsbevölkerung. Die politisch-herrschaftlichen Faktoren dominierten den Verlauf der Hungersnöte, da z.B. die Beibehaltung der Dreizelgenwirtschaft in einseitig ausgerichteten Agrarstrukturen Missernten förderte. Die Hungersnot von 1770/71 zeigt jedoch keine signifikante Übersterblichkeitsrate auf, sondern verzeichnet vor allem einen Rückgang der Geburten während und nach der Krise.
Im 18. Jahrhundert war eine weit verbreitete Hungermahlzeit der warm zubereitete Brei (Zeitzeugnis). Da er oft nicht ausreichte, wurde auch zu ungewohnter roher oder tabuisierter Nahrung gegriffen wie Wurzeln, Gras, Nesseln, Heu, Wildgemüse, Rinden, Schlachtabfällen, Katzen-, Hunde- oder Pferdefleisch. Diese Ersatznahrung konnte sich aber schädlich auswirken, da die Entkräftung, Hungerödeme und Heisshunger die Hungerleidenden schon genug auszehrten. Gleichzeitig breiteten sich aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse auch Infektionskrankheiten wie die Ruhr, Nervenfieber und Typhus aus.
Die Hungersnot von 1770/71 fiel in die Zeit, als die allgemeine Menschenliebe (Philanthropie), wie schon in der Antike praktiziert, sich zu einem leitenden philosophischen Diskurs formte. Die Aufgabe der Menschen lag darin, den Bedürftigen zu helfen; anhand der wohlgemeinten Nachricht wurde diesem Anliegen Ausdruck verliehen. Im 18. Jahrhundert waren religiöse Deutungen von Katastrophen immer noch sehr verbreitet. Oft wurde Katastrophen als Strafe Gottes aufgefasst, wobei dieses Erklärungsmuster laut Ulrich Bräkers Tagebuch von 1770 nicht von allen akzeptiert wurde. Die geistliche und weltliche Obrigkeit nutzte die religiös fundierten Erklärungsmuster jedoch als Disziplinierungsmassnahmen, was der Grund für nur wenige dokumentierte Hungerrevolten ist.
Autorin: Nina Sonderegger, Speicher
Literatur:
Anderegg, E. und H. Anderegg: Die schweizerische Philanthropie anfangs des XX. Jahrhunderts. Appenzell. Bern 1908.
Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich (Hrsg.): Zürcher Bibel. Zürich 2007, S. 374-381.
Kurmann, Fridolin: Hungersnöte. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.11.2006. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16226.php (04.08.2011).
Schläpfer, Walter: Appenzeller Geschichte, Bd. II. Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Herisau 1972, S. 208.
Transkription:
Titelblatt
Wolgemeinte Nachricht
an
Alle Mangelleidende, und die so Ihnen zu helffen begehren.
Von einem Menschen Freund, zum Druke beförderet.
Wer weiss gutes zu thun, und thut es nicht,
dem ist es Sünde Jac. IV. 17. v.
Trogen, Gedruckt und zu finden.
1771
Vorrede.
Ein Menschen Freund, welcher bey dem Mangel an den nöthigen lebens Mitteln, und der Noth welche so viele von Seinen Mit=Landleuthen druket, nicht gleich gültig könnte; glaubet Er könne sowohl dem nothleidenden selbst, als auch allen denjenigen welche gerne dem Armen in
der Noth hülffreiche hand bieten wurden wie es eines Menschen Freunds Pflicht ist, dienen; wan Er beygefügte Anleitung in das Deutsche übersetzen und zum Druk beförderen lassen. Eine Hohe Stands Person in Frankreich bediente sich dieses Mittels in einer ehemahligen Theurung den Mang=
lenden zuhelffen. Der ehrliche arme Mann, welcher lieber heimlich Mangel leidet, als an=deren Leuthen beschwehrlich fallt, hat nun eine anweisung wie Er anstatt der schlechten, ungesun=den, Ekelhafften Speise, welche Er theur kauffen musste, eine angenehme, gesunde und sättigende
Nahrung für weniger gelt haben könne; [ nach der unten beygefügten Rechnung kann eine Persohn für drey und ein halben Kreuzer sich einen ganzen Tag erhalten : ] es wird nicht nöthig sein Ihn aufzumunteren das schlechtere an das besere zu Vertauschen, weil Er das schlechtere theur bezah=len und nach darbey gefahr lauffen muss sich und die Einigen ins Krankenbeth zu werffen ; wann Er aber gleich wol gutem Rath nicht folgen mag so ist es Seine eigene Schuld, und der so ihn Freundschafftlich gewarnet, hat keine Verantwortung mehr. Anlei=
Anleitung
das Reiss so zu zurichten, das mit 10. Pfund Reiss, 10. Pfund Brod,
10. Maass=Milch und 60. Maas=Wasser, 70. Persohnen sich
für 24. Stundlang, vollkommen nähren können.
Mann wäscht die 10. pfund Reiss, in zwey verschidenen Wassern ; dises Wasser muss lau seyn. Hernach wirfft man es in 60. Maass siedendes Wasser, worin das Reiss bersten oder auf springen wirdt, man lass es bey einem kleinen Feuer ohngefehr drey Stundlang sieden, und rührt es, damit es sich nicht anhänge. Wann dises Reiss wol aufgesprungen und auf geschwollen ist, so wirfft man in den Haffen oder Kesel, 10. Pfund in sehr kleine und sehr dünne Stüke geschnitten Brod, welches sich druch das kochen vollkommen mit dem gemelten Reiss vermisst und einverleibet, und mit dem Wasser worin das Reiss gekocht worden ist, vereiniget. Hernach fügt man über dises nach 10. Maass=Milch bey, und rühret alles über dem Feuer, bis die Milch das Reiss durchdrungen hat. In diese quantitet Wasser und Milch wirfft man 16. Loth=Salz und 2. Loth=Pfeffer. Wann die Milch rar ist, so kann man 20. Loth nuss oder oliven öhl an ihrer statt brauchen. Man theilet das ganze geköche nicht in theile ab, bis alles erkaltet ist, und diese Nahrung die festigkeit einer art Brey bekommen hat, in welchem sich das Reiss allein nach in form der Körner erhalt. Ein halb Pfund von dieser Nahrung, sättiget mehr als Ein und ein halb pfund Brod.
Die darzu nöthige Sachen kosten nach dem jezigen hohen Preiss,
der lebens Mitteln wie folget.
10. Pfund Reiss = a pf. 9. Kreuzer. = macht 1. Gulden. / 30. Kreuzer.
10. Pfund Brod = a pf. 10. Kreuzer. = macht 1. Gulden. / 40. Kreuzer.
10. Maass=Milch = a pf. 3. Kreuzer. = macht 30. Kreuzer.
Salz, Pfeffer und Holz macht 25. Kreuzer.
Für 70. Persohnen, auf die Persohn drey und ein halben Kr. gerechnet, macht 4. Gulden 5. Kr.
Die jenige welche nicht auf einmahl so vil wie oben steht kochen wollen, können die Portion mit ringer mühe verkleineren, zum Erempel für 7.Persohnen, wurde man 1. pfund Reiss, 1. pfund Zum bericht dienet das dass Pfund von 40. Loth verstanden ist.
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