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aus: Informationsblatt Nr. 1/1992
Stellen wir uns vor, jemand möchte in Erfahrung bringen, was Meditation ist. Was liegt näher, als dass er oder sie sich bei einem neutralen Veranstalter, etwa bei der Migros-Klubschule, zu einem Meditations-Grundkurs anmelden. Ahnungslose Besucher erleben allerdings bald eine doppelte Überraschung: Zunächst wird ihnen nicht eine Einführung in die Meditation, sozusagen in die Grundform der Meditation geboten; denn eine solche Grundform existiert gar nicht. Es gibt nur vielerlei Meditationsarten. So kann es passieren, und das ist die zweite Überraschung, dass die Besucher z.B. in die sonderbare White Eagle-Meditation eingeführt werden. So geschah es kürzlich in einer kleineren Schweizer Stadt. Das heisst: Wer sich zu einem Kurs anmeldet, sollte sich vor Beginn über die angebotene Meditationsart Klarheit verschaffen.
Wer ist White Eagle, der "weisse Adler"? White Eagle "existiert" nur dank Grace Cooke. Grace Cooke (gest. 1979) bereiste als spiritistisches Medium englische Städte und vermittelte Botschaften von Jenseitigen. Besondere Bedeutung mass sie ihren Trance-Ansprachen bei, durch die sich angeblich der jenseitige Geist White Eagle äusserte. White Eagle, so konnten dann die staunenden Zuhörer vernehmen, sei in früheren Leben schon mehrmals auf Erden gewesen. Seine letzte Inkarnation habe er als Häuptling im nordamerikanischen Stamm der Irokesen verbracht, ja er sei "kein Geringerer als Hiawatha, der legendäre Gründer der sechs Irokesenstämme". White Eagle bringe den Menschen "die Weisheit der Rothäute"; denn, so betone er, "die Indianer von damals seien ein gutes Volk gewesen, eine noble Rasse, die dem Herzen des Grossen Weissen Geistes viel näher standen" als viele eingebildete weisse Männer und Frauen. Im Menschen der Zukunft sollen die Kenntnisse und Kräfte der alten Indianer wieder neu erwachen, nämlich Brüderlichkeit und Frieden, Einfachheit, Sanftmut und Verehrung für den grossen Weissen Geist, die universale Gottheit. Die Rothäute könnten dem weissen Mann auch die Augen für das Wirken von Naturgeistern und den Umgang mit okkulten Kräften öffnen. White Eagle wird schliesslich auch als "Herold des goldenen oder des Wassermann-Zeitalters" bezeichnet, "in welchem der Mensch sein kosmisches Erbe antreten darf - die Bruderschaft allen Lebens" (W. Ohr: Wer ist White Eagle, S.14).
Die Anhänger von White Eagle (bzw. von Grace Cooke, ohne deren mediale Botschaften es für uns Erdenmenschen keinen White Eagle gäbe), haben sich zur White Eagle-Loge zusammengeschlossen. Sie verfügen, gemäss einer kleinen Einführung von Walter Ohr, in London über einen Saal für etwa hundert Zuhörer und seit 1974 in Hampshire über einen kreisrunden, schneeweissen Tempel. Dort legen, wie es heisst, Heiler in weissen Kitteln den Patienten nach der "White Eagle Kontaktheilmethode" die Hände auf. Sie bemühen sich um die Heilung des Ätherleibes, was sich früher oder später auch in der Heilung des physischen Leibes auswirken soll. Für Interessenten werden Kontaktadressen auch in der Schweiz und in Deutschland genannt.
Die White Eagle-Loge rechnet mit der Seelenwanderung, dem Gesetz des Karma, dem esoterischen Gesetz der Entsprechungen (wie oben, so unten) und dem Gesetz der ausgleichenden Gerechtigkeit. Sie lehrt als esoterische Vereinigung den "geistigen Pfad" mit vier Einweihungen, der Feuer-, Erd-, Luft- und Wassereinweihung. Der Mensch soll sich zu seinem "höheren Selbst", zur eigenen Göttlichkeit erheben. Die White Eagle-Loge spricht in diesem Zusammenhang (in einer dem Neuen Testament ganz fremden Art) von Einheit mit Christus.
Fortschritte auf dem "geistigen Pfad" sind nicht ohne Meditation möglich. Meditation wird als Weg zur "Entfaltung der seelisch-geistigen Kräfte ausgegeben. Dass sie sich als Einstimmung auf die Vorstellung eines White Eagle und die damit verbundenen Lehren auswirkt, ist leicht zu erkennen. Diese Meditation führt nicht wie die christliche Meditation zur Erfahrung "Gott ist mir nahe und schützt mich" (vgl. K. Thomas, Meditation, S. 101), sondern zu einer Bewusstseinsänderung im Sinne der White Eagle-Loge.
Oswald Eggenberger, 1992
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