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Im Jahr 1974 entdeckt die junge Arlette Howald-Blanche eine Stellenanzeige in einer Lokalzeitung der Region Bern, die ihr Leben beruflich und privat prägen sollte. In dieser Anzeige suchte der Schweizerische Verband für Pferdesport jemanden, der das «Bulletin» auf Deutsch und Französisch schreibt. Heute, 46 Jahre später, übersetzt sie für den SVPS das Jubiläumsbuch «120 Jahre Pferdesport Schweiz».
Als junges Mädchen stand sie vor der Entscheidung: Klavier oder Reiten. Das Klavierspielen bereitet Arlette Blanche noch heute grosse Freude. ©Archiv SVPS
«Bulletin»: Seit nunmehr über 45 Jahren pflegen Sie mehr oder weniger enge berufliche Kontakte zu unserem Verband. Werden Sie uns nicht mehr los?
Arlette Blanche: Überhaupt nicht! Der Verband und der Pferdesport, das ist meine grosse Liebe! Ich erinnere mich noch an das Vorstellungsgespräch von 1974. Auf dem Rückweg vom Schwimmbad in Ostermundigen ging ich auf der Geschäftsstelle am Blankweg 70 vorbei, um mit dem Generalsekretär René Pezold zu sprechen. Er gab mir zwei, drei Texte zum Übersetzen und war mit meiner Arbeit zufrieden. Meine Kinder waren noch klein, aber ich wollte arbeiten. Ich musste jedoch einen Job finden, den ich zu Hause erledigen konnte. So übernahm ich die Verantwortung für die «Bulletin»-Redaktion auf Deutsch und Französisch bis Mitte der 1980er-Jahre. Damals publizierten wir im «Bulletin» die Sportresultate, das Sportpferderegister sowie Reglementstexte und andere kleine Mitteilungen. Es war eine richtig schöne Aufgabe, und die Zusammenarbeit mit dem Chef René Pezold war sehr angenehm.
Schliesslich verliess die Assistentin von René Pezold die Geschäftsstelle, um eine Familie zu gründen. Da meine Kinder zu diesem Zeitpunkt schon grösser waren, konnte ich ihre Stelle übernehmen und zu 100% zum Team am Bleikerweg stossen.
Wie viele Mitarbeitende beschäftigte die Geschäftsstelle damals?
Wir waren meist zu neunt: eine Person für die Pferdepässe, eine für das Pferderegister, eine für die Lizenzen, eine für die Ausschreibungen, eine für die Auslandstarts, eine für die Buchhaltung, eine für den Computer - die grosse Neuheit damals - und dann noch der Generalsekretär und ich.
Zwischenzeitlich waren wir auf der Geschäftsstelle vier Welsche von insgesamt neun Mitarbeitenden - ein Rekord! Und da ist unser Chef, ein Zürcher mit grosser Affinität zur lateinischen Schweiz, da er in Lausanne und im Tessin studiert hatte, noch nicht mit eingerechnet. Das war eine wundervolle Zeit.
Da wir wirklich Freude hatten an unserem Job und ein gutes Arbeitsklima herrschte, waren wir sehr engagiert. Es machte uns nichts aus, auch einmal an einem Samstag oder einem Sonntag zu arbeiten, wenn es wirklich viel zu tun gab. Wir haben sogar unsere Büros selbst neu gestrichen, weil der Vorstand uns kein Geld geben wollte, um einen Maler zu beauftragen!
Wir durften übrigens unsere Hunde ins Büro mitnehmen. Zu einer Zeit hatte ich einen Rauhaardackel, meine Arbeitskollegin und Freundin Catherine Dégallier einen Norfolk-Terrier und René Pezold einen Dalmatiner.
Wir sind auch wahren Persönlichkeiten begegnet! Zum Beispiel Prinz Philip von England. Als er FEI-Präsident war, kam er zur Delegiertenversammlung nach Bern und hat mit ihnen in der Berner Altstadt im Restaurant «Zunft zu Webern» Sauerkraut gegessen.
René Pezold feiert 1991 mit seinen Mitarbeiterinnen sein 25-Jahr-Jubiläum als Generalsekretär: (v. l. n. r.) Anita Zimmerli, Elisabeth Lehmann, Danielle Winzenried, Amy Feller, Heidi Schneider, René Pezold, Arlette Blanche, Catherine Dégallier, Ursula Bangerter, Christina Riesen ©Archiv SVPS
Und wie war das Verhältnis zu den Reitern und Offiziellen?
Wir telefonierten häufig, oder dann kamen die Leute auf der Geschäftsstelle vorbei. Wir kannten sie alle! Dieser persönliche Kontakt war eine der schönen Besonderheiten dieser Arbeit. Wir erhielten von den Leuten sehr oft kleine Aufmerksamkeiten als Dankeschön.
Natürlich gab es auch Kritik - die gibt es immer. Der Verband wollte, dass die Richter strenger sind, man musste neue Reglemente einführen usw. So hatten schon damals manche Reiter den Eindruck, dass wir nicht in ihrem Sinne arbeiteten und sie nur schikanierten. Für gewisse Leute, damals wie heute, kommt alles Schlechte aus Bern. Das ist wie in der Politik …
Damals arbeiteten ausser dem Chef nur Frauen auf der Geschäftsstelle, und oft waren es ehemalige Armeeangehörige, die uns anriefen. Diese weigerten sich manchmal, nur mit einem «Frölein» zu reden und verlangten den Chef. Darauf schrieb René Pezold einen Artikel mit der Überschrift «Nur es Frölein», in dem er betonte, dass wenn wir Frauen Anrufe beantworteten, dann deshalb, weil wir wussten, wovon wir sprachen, und dass er uns vertraue. Er war ein guter Chef, der stets hinter uns stand.
Dank ihm und seinem hervorragenden Schreibstil konnte ich mein Deutsch deutlich verbessern, was mir in meiner späteren Berufskarriere sehr zugutekam.
Arlette Blanche an ihrem Arbeitsplatz auf der Geschäftsstelle im Jahr 1991. Das Pony war im Rahmen des 25-Jahr-Jubiläums von Generalsekretär René Pezold zu Besuch. ©Roland von Siebenthal
Sie blieben bis 1991 auf der Geschäftsstelle des Verbandes. War dies das Ende einer schönen «Liebschaft»?
Ja, denn ich hatte mich damals schweren Herzens entschlossen, die Geschäftsstelle zu verlassen. Mit einigen Arbeitskolleginnen von damals, insbesondere mit Catherine Dégallier, Danielle Winzenried und Jacqueline Rhis, aber auch mit René Pezold bin ich noch heute freundschaftlich verbunden, und wir treffen uns regelmässig. Das ist wirklich schön.
Nach dem Pferdesportverband habe ich zehn Jahre lang beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband (ASTAG) als Ressortleiterin verschiedener Berufsgruppen gearbeitet. Ich war die erste Frau, die eine solche Stelle besetzte in diesem sehr maskulinen Umfeld! Anschliessend arbeitete ich in der administrativen Leitung bei der Swiss Football League, bis meine Stelle einer Restrukturierung zum Opfer fiel. Das waren sehr interessante Jobs, die mich beruflich weitergebracht haben, aber die Arbeit beim Pferdesportverband ist und bleibt etwas ganz Besonderes für mich.
Ein paar Jahre vor meiner Pensionierung hatte ich Lust, etwas Neues zu probieren, und habe das Wirtepatent gemacht. «Man weiss ja nie», sagte ich mir damals. Eine Zeit lang kümmerte ich mich dann um die administrativen Belange der «Brasserie Bärengraben», das habe ich sehr gerne gemacht. In dieser Zeit hat mich der Verband wieder kontaktiert und mich angefragt, ob ich Übersetzungen für die Geschäftsstelle machen würde. So habe ich meine «alte Liebe» wiederaufleben lassen.
Die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle 1986: (v. l. n. r.): Arlette Blanche, Brigitta Gass, Danielle Winzenried, Annette Käppeli, Margit Ruprechter, Elisabeth Lehmann, Catherine Dégallier, Christina Tobler ©Archiv SVPS
Welche Beziehung haben Sie, ausser der Arbeit, zu Pferden und zum Pferdesport?
Als kleines Mädchen wollte ich unbedingt reiten. Pferde faszinierten mich, und ich zeichnete sie die ganze Zeit. Damals spielte ich schon Klavier, und mein Vater sagte zu mir: «Entweder Reiten oder Klavierspielen - du musst dich entscheiden.» Ein Klavier ist eindeutig pflegeleichter als ein Pferd … So war die Entscheidung rasch getroffen. Aber wir besuchten mit der Schule immer die Reitturniere in Genf. Das war toll für mich!
Nach der Primar- und Sekundarschule absolvierte ich eine kaufmännische Ausbildung in Genf und zog dann nach Bern, um zu arbeiten und mein Deutsch zu verbessern.
Damals lernte ich meinen künftigen Mann kennen, und wir lebten in Bern, wo wir unsere Kinder - einen Jungen und ein Mädchen - grosszogen.
In meinem ganzen Leben sass ich höchstens dreimal auf einem Pferd. Aber die Faszination für diese wundervollen Tiere ist bis heute geblieben.
Derzeit übersetzen Sie für den Verband das SVPS-Jubiläumsbuch «120 Jahre Pferdesport Schweiz». Wie ist das für Sie, fast schon einen Teil Ihres eigenen Lebens zu übersetzen?
Es stimmt schon: Das ist ein bisschen seltsam. Aber es ist auch schön, denn ich kenne viele Leute und habe viele der historischen Ereignisse, die im Buch erwähnt sind, selbst erlebt. Es ist eine Herausforderung, die Texte von Max E. Ammann zu übersetzen. Als Autor zahlreicher Bücher hat er seinen eigenen Stil, und es ist wichtig, diesen so weit als möglich auch auf Französisch beizubehalten. Aus diesem Grund ist der Schreibstil auf Französisch manchmal etwas ungewohnt.
Diese Arbeit am Jubiläumsbuch versetzt mich in die Vergangenheit zurück, und auch wenn damals nicht alles immer rosig war, bleiben am Ende doch nur die schönen Erinnerungen - und das ist gut so!
Das Interview führte
Cornelia Heimgartner