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Dr. Markus Bürgi
Editionsprojekt: Wilhelm Liebknechts internationaler Briefwechsel 1862 bis 1893
Das Editionsprojekt „Wilhelm Liebknechts internationaler Briefwechsel“ hat zum Ziel, die nachgelassene internationale Korrespondenz Liebknechts aus den Jahren 1862 bis 1893 im Umfang von ca. 1200 Briefen in einer internationalen wissenschaftlichen Standards genügenden Ausgabe herauszugeben. Es schliesst damit an die editorische Tätigkeit des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam mit bis jetzt drei umfangreichen Bänden von Liebknechts Korrespondenz an. Die Edition erfolgt in Zusammenarbeit mit dem IISG und mit dem Rossijskij gosudarstvennyj archiv social'no-politiceskoj istorii (RGASPI; Russländisches Staatliches Archiv für Sozial- und Politikgeschichte) in Moskau. Es wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziell unterstützt.
Wilhelm Liebknecht (1826-1900) war eine der angesehensten Persönlichkeiten der deutschen und der internationalen Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts. Er zählte zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (1869) und ihrer Nachfolgeorganisationen (seit 1890 SPD), war seit 1869 Redaktor der Zentralorgane, von 1867 bis 1900 fast ununterbrochen Mitglied des Reichstags; seit 1889 nahm er an allen Kongressen der Zweiten Internationale teil. Zudem stand er seit 1850, dem Beginn seiner Emigration in London, mit Karl Marx und dessen Familie sowie mit Friedrich Engels in politischem und persönlichem Kontakt.
Liebknechts Beziehungen zur Schweiz reichen in das Jahr 1847 zurück, als er als Lehrer in Zürich arbeitete. Nach seiner Teilnahme an der Deutschen Revolution von 1848/49 lebte er bis zu seiner Ausweisung aus der Schweiz 1850 als Flüchtling in Genf. In den 1880er Jahren hielt er sich regelmässig in Zürich auf, als die Stadt nach dem Erlass des Sozialistengesetzes mit dem hier erscheinenden „Sozialdemokrat“ zu einem Zentrum der deutschen Sozialdemokratie wurde. Als begabter und gefragter Redner unternahm er Agitationstouren in der Schweiz und bemühte sich Ende der 1880er Jahre um die Unterstützung der schweizerischen Arbeiterbewegung bei der Wiedererrichtung der Internationale.
Der Nachlass Wilhelm Liebknechts ist einer der umfangreichsten und interessantesten Quellenbestände zur Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Er umfasst ca. 8000, in der Mehrzahl an Liebknecht gerichtete Briefe sowie Hunderte von Materialien zu seinem Leben und seinen zahlreichen Tätigkeiten. Der Nachlass war bis 1933 in Familienbesitz, wurde in Folge von Nationalsozialismus und Weltkrieg aufgeteilt und befindet sich heute zu etwa je einem Fünftel im IISG in Amsterdam sowie in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) in Berlin; der dritte, grösste Teil liegt im RGASPI in Moskau. Eine umfassende wissenschaftliche Edition der ab der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in grosser Dichte überlieferten internationalen Korrespondenz stellt nicht nur ein wichtiges Arbeitsinstrument für die Forschung dar, sie bietet zudem reiches Material für eine sozialgeschichtliche Erforschung der internationalen Arbeiterbewegung und des internationalen Sozialismus, zu ihrer Entwicklung als universelle Bewegung, zur Kollektivbiographie von Führungsgruppen, zu Kommunikationsstruktur und -inhalten usw. Sie gibt aber auch präziser als bisher Aufschluss über die Stellung, welche die schweizerische in der internationalen Bewegung in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingenommen hatte.
Publikation im Rahmen des Projekts:
Bürgi, Markus
Anerkennung oder Hochverrat? Albert Lefaivres Brief an August Bebel und Wilhelm Liebknecht vom Dezember 1870, in: Ursula Balzer, Heiner M. Becker, Jaap Kloosterman (Redaktion), Kein Nachruf! Beiträge über und für Götz Langkau, Amsterdam 2003, S. 70-80
CV
- Studium der Allgemeinen Geschichte, der älteren Wirtschaftsgeschichte und der Deutschen Literatur in Zürich; Abschluss mit einer Disseration über die „Anfänge der Zweiten Internationale“
- 1979–1988 Mitarbeiter der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Zürich
- 1991–2005 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Lexikon der Schweiz
- 2005–2008 Lehrbeauftragter des Historischen Seminars
- seit 2009 Arbeit am Editionsprojekt: Wilhelm Liebknechts internationaler Briefwechsel 1862 bis 1893
Forschungsschwerpunkte
- Politische, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Schweiz, Europas und der Vereinigten Staaten im 19. und 20. Jahrhundert
- Geschichte der schweizerischen und der internationalen Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert
- Geschichte der politischen und sozialen Ideen