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Er gehört zu den bedeutendsten Regisseuren des 20. Jahrhunderts. Von 1955 bis 1999 realisierte er dreizehn Filme, darunter Paths of Glory, Spartacus, Lolita, 2001: A Space Odyssey und The Shining – allesamt Meilensteine der Filmgeschichte. Er war ein Genie, ein Perfektionist, ein passionierter Rechercheur und ein Autonarr (der seine Luxuslimousinen allerdings zu Schrott fuhr): Stanley Kubrick.
30 000 Recherchefotos für einen Film
Gleich drei Dokumentarfilme beschäftigen sich – indirekt und aus persönlicher Warte – mit Kubrick und seinem Schaffen, so zum Beispiel Jon Ronson mit Stanley Kubrick’s Boxes (2008). Zwei Jahre nach Kubricks Tod, 2001, erhielt Ronson eher zufällig Zugang zu dessen Archiv, darunter Hunderte von Schachteln, die gut die Hälfte seines Anwesens nahe London okkupierten: grau und unscheinbar, in einem vom Starregisseur konzipierten Massstab mit bequem abnehmbarem Deckel, voller Memos, Karteikarten, Kassetten, Telexe – Memorabilia, die Kubrick im Lauf der Zeit ansammelte. Während fünf Jahren versuchte Ronson, sich einen Überblick zu verschaffen, bevor die Boxen zu Forschungszwecken an die Uni überführt wurden. Er arbeitete sich durch das vielfältige Material und folgte dessen Spuren. So interviewte er Zeitzeug_innen, etwa den Fotografen, der für Eyes Wide Shut rund 30 000 Recherchefotos machte: Gittertore, Kostümgeschäfte, überstellte private Bettkommoden oder einen Strassenzug in Islington (als Inspiration für die Filmlocation). Oder er spürte den Schreiber eines Fanbriefs auf, von denen Kubrick Hunderte, wenn nicht Tausende erhielt, sie selten beantwortete, aber peinlich genau sortierte – nach Ländern und Städten, aber auch nach «F-N» (negative Kritik), «F-P» (positive Kritik) oder «crank» (wenn sich mutmasslich Verrückte an ihn wandten). Ronson gelingen so nicht nur aufschlussreiche Einsichten in die (zunehmend ausufernden) Recherchen des Filmemachers, er lotet auch das äusserst ordnungsliebende Wesen hinter dem schöpferischen Geist aus.
Ein Mann für alle Fälle
Kubrick war ein charismatischer Mensch, der seine Assistenten zu fast sklavisch ergebenen Mitstreitern machte. Unter anderen Emilio D’Alessandro, der Stanley dreissig Jahre als Fahrer diente und dem Alex Infascelli sein Dokuporträt S Is for Stanley (2015) widmet. Der Filmemacher stiess auf Emilio über dessen veröffentlichte Memoiren: 1960 ging Emilio als Achtzehnjähriger von Italien nach London, hangelte sich von Job zu Job, bis er in einer Werkstatt nahe der Formel-1-Rennbahn Arbeit fand und Talent am Steuer eines Boliden zeigte. Er wurde angeheuert, arbeitete aber weiterhin als Mini-Cab-Fahrer, um seine junge Familie durchzubringen. In einer schicksalhaften Winternacht 1970 traute sich Emilio als Einziger, ein heikles Transportgut durch das verschneite London zu chauffieren: Es war der Riesenphallus für A Clockwork Orange, der für Emilios Taxi eigentlich viel zu gross war. Er reüssierte und wurde von der Produktionsfilma Hawk Films engagiert – hinter der Kubrick steckte.
Der äusserst sympathische Emilio erzählt im Film, wie er Kubrick traf, dieser ihm sein Vertrauen schenkte und ihn zu seinem Assistenten machte. In der Folge sollte Emilio nicht nur seine Formel-1-Karriere hinter sich lassen, sondern auch kaum noch Zeit für Frau und Kinder haben: Kubrick beanspruchte seinen Mitarbeiter Tag und Nacht (und legte dafür eine direkte Telefonleitung in Emilios Londoner Privathaus). Dies zeigen auch die vielen Notizzettel – «Emilio, bring the car to the house», «Emilio, dogs need flea powder», «Please dry ceiling and check to see if the drain is blocked» –, die Emilio nebst vielem anderen aus der Zeit mit Kubrick in seiner Garage aufbewahrt: Badges, Filmschnipsel, Requisiten, Fotos von den unzähligen Drehs, in die Emilio in irgendeiner Funktion involviert war. S Is for Stanley gewährt aufregende, teils haarsträubende, aber auch amüsante Einblicke in Kubricks Eigenarten und die Maschinerie im Kleinen, die sein kreatives Schaffen mit ermöglichte.
Im Bann des Meisterpedanten
Zu den «guten Geistern», die weitgehend unbemerkt Grosses für Kubricks Werk leisteten, gehört auch Leon Vitali, ein Schauspieler aus Barry Lyndon. Vitali, damals jung, aufstrebend und erfolgreich als Theater- und Sitcomdarsteller, erhielt unverhofft eine Rolle in Kubricks Film. Darin spielt er Barrys Stiefsohn, Lord Bullingdon, der den ungeliebten Emporkömmling blossstellt, indem er dessen Sohn in zu grossen Schuhen ins Hauskonzert platzen lässt und einen kleinen Skandal bewirkt. Eine symbolträchtige Szene im Film und ein grossartiger Auftritt für Leon Vitali, für den, bereits als er A Clockwork Orange sah, feststand: Für diesen Mann will ich arbeiten! Nach seinem Auftritt in Barry Lyndon erst recht – in welcher Funktion auch immer. So nutzte er die erstbeste Gelegenheit, um sich Fähigkeiten anzueignen – in einem Schnittraum – und liess es Kubrick wissen, der ihn an seine Seite holte. Dort blieb Vitali dreissig Jahre lang, magisch angezogen «wie die Motte vom Licht» und unfähig, sich der Aura des Meisters zu entziehen.
Der US-Dokumentarfilmer Tony Zierra – zurzeit in der Postproduktion von SK13, einem Dokumentarfilm über Eyes Wide Shut, Stanley Kubricks dreizehnten und letzten Film – erweist Vitali mit Filmworker verdiente Hommage. Dabei enthüllt er weitere Facetten von Kubricks Charakter – etwa seine perfektionistische Ader am Set. Vitali erzählt, wie Kubrick bei Barry Lyndon Stunden damit verbrachte, dieselbe Szene zu proben, um dann, anstatt abzudrehen, zu sagen: «Okay, let’s do something else.» Kubricks Akribie sollte im Lauf der Jahre noch zunehmen: Liess er in Barry Lyndon Szenen bis zu dreissigmal wiederholen, wurden es in der Folge bis zu achtzigmal und mehr. Die Szene mit dem Baseballschläger in The Shining soll er 127-mal aufgenommen haben – die Küchenszene mit Danny und Hallorann im selben Film gar 148-mal!
Im Film reflektiert Vitali sein Leben – fast siebzig Jahre alt ist er, brandmager, einem Alt-Hippie nicht unähnlich. Seine Droge hiess Stanley Kubrick. Für ihn opferte Vitali seine Schauspielkarriere, die nach Barry Lyndon gerade Fahrt aufnahm. Vitali schlug alle entsprechenden Angebote aus und nahm in Kauf, kaum Wertschätzung zu erfahren für das, was er tat, ja für vieles, was mangelhaft war, den Kopf hinzuhalten. Mitunter (unglaublich, aber wahr) nutzte Kubrick seinen Namen gar auf Briefen, um andere zu massregeln … Vitali war – wie Emilio – für immer mehr Ressorts zuständig: vom Casting über das Dialog-Coaching, als Location Scout, Foley, Verantwortlicher für die Farbechtheit der Filmkopien, die Tonmischung, die Synchronisation – und als diplomatisches Zwischenglied zwischen seinem «Chef» und der Aussenwelt.
Wie schon S Is for Stanley wirft Filmworker einen packenden, aber auch entmystifizierenden Blick auf Kubrick als genialen Macher, der seinen Visionen alles unterordnete – und dasselbe von seinen Assistenten erwartete, in einer Mischung aus Kamaraderie und Kälte, aus Pedanterie und Schaffensdrang, aus manipulativem Umgang und ehrlicher Anteilnahme. Im Dokumentarfilm von Zierra schaut Vitali auf ein Leben zurück, das ihn mitten in die Stürme von Kubricks Kreativität katapultierte, der seiner Hingebung aber keine Grenzen setzte und damit einen Grossteil seiner Gesundheit und seines Privatlebens opferte. Ein Leben ohne Happy End? Leon Vitali verneint; er opferte sein Leben dem «fantastischsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts» und würde es genau so wieder tun. Vitali, dem nicht nur eine angemessene Entlöhnung verwehrt blieb, sondern auch eine noch so bescheidene Anerkennung seitens der Kubrick-Institution, erfährt nun immerhin in diesem faszinierenden Porträt eine angemessene Würdigung.