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Zu den ältesten Dokumenten im Bestand des Max Frisch-Archivs gehört das sogenannte «Russische Album», das Max Frischs Mutter hinterliess. Es enthält Hunderte von Postkarten mit Motiven aus Moskau, Odessa, aber auch aus den Schweizer Bergen.
Frischs Mutter Lina, geboren am 11. Oktober 1875 als Karolina Betty Wildermuth in Basel, nahm im Leben ihres Sohns einen besonderen Platz ein. Während der Vater, der Architekt Franz Bruno Frisch (1871-1932), früh starb, begleitete sie den Weg des 1911 in Zürich geborenen Schriftstellers von seinen ersten Schreibversuchen bis hin zu den grössten Erfolgen. Als auch sie 1966 starb, spürte Max Frisch einen tiefen Verlust. Eine Fotografie, die seine Mutter als junge Frau zeigt, begleitete ihn an seinen wechselnden Wohnorten.
Max Frischs Mutter Lina, um 1900 (MFA_001971)
Lina Wildermuths Kindheit und Jugend war – so die Selbstbeschreibung – nicht glücklich und sie zog es früh und sehr weit von ihrem Basler Elternhaus fort. Der Wunsch, sich aus der Enge der Familie zu befreien und gleichzeitig neugierig eine bisher verschlossene weite Welt erkunden zu können, waren wohl die Motivationen, die sie dazu bewogen, eine Tätigkeit als Gouvernante anzunehmen. Mit dieser Arbeit wählte sie einen der wenigen Wege zur vermeintlichen Selbstständigkeit, der unverheirateten Frauen offen stand. Sie arbeitete bei Familien im südmärischen Lundenburg (dem heutigen Břeclav), in Wien, Berlin und Charkow. Von dort aus führten sie Reisen bis nach Teheran.
Charkow ist heute Teil der Ukraine, doch damals gehörte die Stadt zum Russischen Kaiserreich. Der Aufenthalt dort gab dem Album seinen Namen: Es wird das „Russische Album“ genannt und es sind zahlreiche Anekdoten überliefert, wie Lina mit ihren Nachkommen darin blätterte und ihre Erinnerungen an ein „Draussen-gewesen“ teilte.
Im Jahr 1902 heiratete Lina den Zürcher Architekten Franz Bruno Frisch, den Sohn eines aus Österreich eingewanderten Sattlers. Auch von ihm finden sich Postkarten im Album, darunter ein vergnügter Gruss aus dem schweizerischen Zweisimmen: „L. Schatz! / Reise, Wetter, Humor & Wein ausgezeichnet. Herzl. Küsse. Franz.“
Franz Bruno Frisch an Lina Frisch, Postkarte aus Zweisimmen, 16. Juni 1904 (Max Frisch-Archiv)
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