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Staudamm-Alarm von Oroville: Manager machten Fehler
Im Februar wäre es am kalifornischen Oroville-Staudamm fast zu einer Katastrophe gekommen. Nach massiven Regenfällen brachen zwei Hochwasserüberläufe ein, Ortschaften mussten evakuiert werden. Was ist damals schiefgelaufen und warum?
Eine AP-Untersuchung weist auf eine ganze Reihe von Fehlern hin - schon lange vor der Krise.
Am späten Nachmittag des 12. Februar hielt sich Sheriff Kory Honea im Notfall-Operationszentrum des Oroville-Staudammes auf, als er jemanden sagen hörte: «Das ist nicht gut.» Honea stockte der Atem.
Über sechs Tage hinweg hatten die Betreiber des Staudammes in Nordkalifornien versichert, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe - auch wenn der Hauptüberlaufkanal unter dem Druck angeschwollener Wassermassen beschädigt, ein Loch von der Grösse eines Footballfeldes in die Betonbahn gerissen worden war. Aber nun erkannten die Manager plötzlich, dass ein zweiter Abflusskanal für Notfälle - im wesentlichen eine unbefestigter Berghang - ebenfalls einzubrechen begann. Damit drohte eine tödliche Flutwelle.
Honea wusste, was er zu tun hatte. Er ordnete umgehend die Räumung von Gemeinden am Fusse der höchsten Staumauer in den USA an. Am Ende, nach hektischen Bemühungen der Staudamm-Manager, wurde eine Katastrophe abgewendet. Aber eine Untersuchung von Behördendokumenten und E-Mails durch die Nachrichtenagentur AP gekoppelt mit zahlreichen Interviews hat offenbart, dass eine Reihe von fragwürdigen Entscheidungen getroffen und Fehler begangen wurden, manche schon vor Jahren, andere inmitten der Krise.
So überschätzten Aufseher auf staatlicher und auf Bundesebene die Widerstandsfähigkeit der beiden Abflusswege. Und während des Notstands erkannten sie nicht oder räumten es nicht öffentlich ein, dass sie bei der Bekämpfung der ersten Krise eine mögliche neue schufen. Und es war in der Tat dramatisch. In den dunkelsten Stunden, so der Sheriff, herrschte die Befürchtung, dass es bei einem Zusammenbruch des Berghanges «keine Frage ist, ob Menschen sterben, sondern wie viele es sein werden».
Die Krise begann am 7. Februar, als der Haupt-Hochwasserüberlauf aus dem Stausee nach tagelangem Regen einzubrechen begann. Damm-Manager holten sich daraufhin vom zuständigen Ingenieurkorps des Heeres, das für Betrieb und Wartung der US-Staudämme zuständig ist, die ungewöhnliche Erlaubnis, keine Riesenmengen aus dem sich rapide füllenden Stausee durch den Kanal abzulassen - wie das die Regel gewesen wäre. Stattdessen drosselten sie die Wasserableitung, manchmal sogar bis auf Null.
Wasserspiegel erreichte den höchsten Stand
Ziel sei es gewesen, das Loch im Hauptüberlauf zu inspizieren und nach Wegen zu suchen, weitere Schäden im Kanal zu verhindern, sagten staatliche Offizielle. Derweil regnete es weiter, stieg der Wasserspiegel hinter der 235 Meter hohen Staumauer immer stärker an und erreichte schliesslich den höchsten Stand in der Geschichte der Anlage.
Die Manager versicherten wiederholt der Öffentlichkeit, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe. Noch 12 Stunden, bevor Wasser am 11. Februar den Berghang herabzulaufen begann, teilten sie Honea in einer E-Mail mit, dass die Wasserableitung durch den Hauptkanal, wenn auch reduziert, «den See davon abhalten wird, über den Notfallkanal abzufliessen».
Aber es kam anders, und der Wasserstrom begann das Erdreich am Abhang wegzureissen. Das veranlasste den Sheriff zu seiner Evakuierungsanweisung, die schnell von den Damm-Managern unterstützt wurde. Denn inzwischen befürchtete man, der Notfallkanal könne binnen einer Stunde ganz einbrechen.
«Beinahe die Kontrolle verloren»
«Sie haben am Hauptabflussweg herumgespielt, den Wasserstrom abgedreht, haben inspiziert und getestet», sagt Ron Stork, ein Mitarbeiter der Umweltgruppe Friends of the River. «Und die ganze Zeit über hat sich das Reservoir gefüllt.» Dann sei es passiert, «und sie haben beinahe die Kontrolle verloren».
Es war das erste Mal in der Geschichte des 50 Jahre alten Dammes, dass der Notfallkanal zum Einsatz kam - aber nicht der erste Hinweis, dass dieser Abflussweg nicht funktionieren könnte. «Es gab immer die Einsicht, dass man es besser vermeidet, diesen Hochwasserüberlauf zu benutzen (...)», sagt Jerry Antonetti, ein pensionierter Ingenieur.
Die Gruppe Friends of the River und andere Umweltorganisationen haben schon seit Jahren dafür plädiert, den Erdkanal am Berghang mit Beton zu verstärken. Das kalifornische Amt für Wasserressourcen und örtliche Stellen hielten das für unnötig. Und im Jahr 2014 bekräftigte die Bundesbehörde für Energieregulierungen nicht nur, dass beide Überlaufkanäle sicher seien: Sie betonte auch, dass sie keinen Zweck darin sehe, die Möglichkeit eines Versagens zu prüfen oder zu erörtern, wie Bedienstete der AP sagten.
Reparaturarbeiten kosten wohl Hunderte Millionen
Örtliche Beamte am Fusse des Staudammes beklagen auch, dass man sie während der Entwicklung der Krise nur mangelhaft auf dem Laufenden gehalten habe. Als sich am 7. Februar die Nachricht über ein entstehendes Loch im Hauptabflusskanal auszubreiten begann, erkundigten sich Mitarbeiter des Sheriffs telefonisch bei Beamten des kalifornischen Wasseramtes nach dem Stand der Dinge. Als Antwort wurde ihnen gesagt, dass der Staat lediglich «Routine-Wartungsinspektionen» durchführe, wie Honea selber schildert.
Mitarbeiter des Amtes für Wasserressourcen sagten während der Krise, sie seien hauptsächlich besorgt, dass das Loch im Hauptabflusskanal grösser werden und Hochspannungstürme des Staudamm-Wasserkraftwerkes in Mitleidenschaft ziehen könnte. Nach der Evakuierung erklärte dann Behördensprecher Ed Wilson, es sei die Hauptsorge gewesen, dass das Loch die Fluttore zur Regulierung des Hochwasserüberlaufs wegreissen könnte - was zu einer verheerenden Überflutung hätte führen können.
Eine offizielle Untersuchung ist im Gange, aber erst einmal sind umfassende Reparaturarbeiten nötig, die Hunderte von Millionen Dollar kosten dürften. Rick Poeppelman, der beim Ingenieurkorps des Heeres für die Region zuständig ist, sagt, dass seine Stelle und die staatlichen Wassermanager die besten Entscheidungen getroffen hätten, die sie damals treffen konnten. Im Nachhinein sei man immer schlauer.