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Wie die Zürichsee-Dampfer gerettet wurden
Im Herbst 1969 verdichteten sich die Hinweise darauf, dass die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) die Ausserdienststellung ihres Raddampfers „Stadt Rapperswil“ (1914) plane. Ein Aktionskomitee um Sekundarlehrer Kurt Schaad, Marcel Fuchs, die durch die Fernsehsendung „Dopplet oder nüt“ bekannt gewordene Gymnasiastin Charlotte Kunz und NZZ-Redaktor Hans Bosshard war nicht bereit, die Zerstörung wertvollen technischen Kulturguts aus der grossen Zeit der Zürcher und Winterthurer Maschinenindustrie tatenlos hinzunehmen.
Am 1. Dezember 1969 liessen sich die Initianten von Werner Latscha, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich und der ZSG, Betriebschef Fritz Fleischmann und Werftchef Othmar Dittus über die Absichten der Schifffahrtsgesellschaft orientieren. Die Auskünfte waren alarmierend: Auf DS „Stadt Rapperswil“ solle ersatzlos verzichtet werden, womit der Verwaltungsrat keinen Kredit für einen Neubau zu bewilligen brauchte. Nach nur 2000 km an 25 Tagen im Jahr 1969 werde der zweite Dampfer 1970 zum letzten Mal verkehren. Sein Zustand sei schlecht. Der Personalbedarf betrage 8 Mann, doppelt so viel wie bei einem Dieselmotorschiff gleicher Kapazität. Für den heissen Maschinenraum finde man kaum noch Nachwuchs. Die Sachverständigen für Dampfschiffe fehlten mehr und mehr. Eine Renovation der „Stadt Rapperswil“ würde gegen 2 Mio. Fr. kosten. Die „Stadt Zürich“ (1909) könne dank einem Rohrwechsel noch ca. 10 Jahre verkehren. Eine langfristige Vergleichsrechnung zwischen dem Aufwand für einen Dampfer und jenem für ein neues Schiff lehnte Latscha ab. Er bat, „vertrauensvoll“ die Meinungsbildung im Verwaltungsrat abzuwarten.
Vier Tage später folgte der Verwaltungsrat dem Ausrangierungsantrag der Direktion. Vor der Presse malte Direktor Latscha am 13. Januar 1970 die Betriebs- und die Sanierungskosten und sogar die Sicherheit der „Stadt Rapperswil“ rabenschwarz. Am 5. Januar hatte das Komitee auf den zunächst geheim gehaltenen Entscheid des Verwaltungsrates mit der Gründung des Vereins „Aktion pro Raddampfer“ (ApR) unter dem Präsidium von Kurt Schaad reagiert. Die von Rechtsanwalt Bernhard Wehrli entworfenen Statuten verlangten (und verlangen noch immer) die Erhaltung beider Dampfer in gutem Zustand und deren häufigen Einsatz.
Bei einem Anteil von 88 Prozent des Kantons, der Stadt Zürich und weiterer Seegemeinden am Kapital der ZSG war es aussichtslos, wie später am Vierwaldstättersee mit Aktienkäufen die Mehrheit erringen zu wollen. Statt dessen waren sachkundige Argumente gefragt. ApR-Vorstandsmitglieder setzten sich beim Eidgenössischen Amt für Verkehr und bei Schifffahrtsgesellschaften über Vorschriften und technische Möglichkeiten ins Bild. Das Loch im rostenden Stück Schalenblech der „Stadt Rapperswil“, das den Initianten präsentiert worden war, erschreckte bald niemanden mehr, weil Schalenbleche sich schweissen und austauschen lassen.
Für den Erfolg entscheidend war die Haltung der Behörden und Politiker. Dabei erwies es sich als äusserst wertvoll, dass es der ApR gelang, die Unterstützung der gesamten, damals noch wesentlich einflussreicheren und vielfältigeren Presse aller Richtungen zu erlangen.
Den Durchbruch brachte am 31. August 1970 eine Informationsreise, finanziert durch erste Sponsorengelder, für Behördemitglieder und Medienvertreter auf den Genfersee. Während andere Schifffahrtsgesellschaften reihum den Schalmeienklängen der Dieselverkäufer erlagen, revidierte die Compagnie Générale de Navigation sur le lac Léman (CGN) in Ouchy ihre grössten und schönsten Raddampfer aus der Belle époque. Rund 70 Personen folgten der Einladung der ApR, unter ihnen auch der Verwaltungsratspräsident Jakob Schärer, weitere Mitglieder des Verwaltungsrates, der Direktor, der Betriebs- und der Werftchef der ZSG.
In der modernen Werft der CGN hob Direktor Jean Meier hervor, dass die Renovation des 1500-Personen-Dampfers „Simplon“ 1¼ Mio. Fr. gekostet habe, gegenüber 4 Mio. für ein neues Schiff. Im Maschinenraum der „Simplon“ schilderte ein fröhlicher junger Appenzeller mit Begeisterung seine interessanten Aufgaben in diesem angeblich unzumutbaren Bereich. Auf der Kommandobrücke beeindruckte die innovative Lösung der CGN, mit einer elektro-hydraulischen Steuerung die Funktionen von Kapitän und Steuermann zusammenzulegen.
Im eleganten Salon der „Simplon“ erläuterte der Ordinarius für thermische Turbomaschinen an der ETH Zürich, Prof. Walter Traupel, dass gut drei Viertel der Weltstromerzeugung in Dampfkraftwerken erfolgen. Der thermische Wirkungsgrad von Dampfkraftanlagen erreiche Spitzenwerte, die von Dieselmotoren nicht übertroffen würden. Die Passagierschiffe auf den Weltmeeren seien zum grossen Teil Dampfturbinenschiffe, was mit der wunderbaren Laufruhe dieser Maschinen zusammenhänge. Auch die alte Kolbendampfmaschine laufe sanfter als jeder Verbrennungsmotor. Ölgefeuerte Dampfschiffe zeichneten sich durch eine saubere, vollständige Verbrennung aus. Mit ihren langlebigen Dampfmaschinen seien die Raddampfer keineswegs so unwirtschaftlich, dass sich ihr Weiterbetrieb nicht rechtfertigen würde.
Schon im Frühjahr war der ZSG die Unhaltbarkeit ihres Beschlusses, im Herbst 1970 auf den zweiten Dampfer zu verzichten, selber klar geworden, weil sich ohne die „Stadt Rapperswil“ die „Stadt Zürich “ nicht für eine grössere Revision stilllegen liess. Am 4. Dezember 1970 votierte der Verwaltungsrat unter dem Vorsitz des weitsichtigen Textilmaschinenunternehmers Kantonsrat Jakob Schärer (Erlenbach) einstimmig für die vorläufige Erhaltung beider Dampfer mit einer umfassenderen Revision der „Stadt Rapperswil“ als von der Direktion beantragt.
Nach einer ausserordentlichen Generalversammlung trugen Private über 1 Mio. Fr. und damit mehr als das von Direktor Latscha verlangte Minimum von 850 000 Fr. zur Erhöhung des Kapitals der ZSG bei. Am 17. Mai 1973 bereitete die Stadt Rapperswil, deren Verkehrsverein 1970 für den verloren geglaubten Dampfer ein Abschiedsfest angekündigt hatte, der erneuerten „Stadt Rapperswil“ einen triumphalen Empfang. Zwei Jahre später sicherten 200 000 Fr. für dringende Renovationen der „Stadt Zürich“ eine weitere Betriebsbewilligung von 5 Jahren. 1976 ermöglichten ein „Dampferfest“ und Spenden Komfortverbesserungen.
1977 beschloss der Verwaltungsrat die Erhaltung beider Dampfer. Seither wurden 1979/80 die „Stadt Zürich“, 1985/86 DS „Stadt Rapperswil“, 1989/90 wieder DS „Stadt Zürich“ sowie 2003–2006 beide Schiffe unter Mitwirkung der Denkmalpflege historisch renoviert und mit Brennstoff sparenden Kesseln, elektro-hydraulischen Steuerungen zur Reduktion des Personalbestandes von 8 auf 6, leistungsfähigen Küchen und neuem Mobiliar ausgestattet. Allein für die bisher letzte Etappe hat die „Aktion pro Raddampfer“ über 2,5 Mio. Fr. gesammelt.
Die ApR ist stolz auf das Erreichte und dankt ihren vielen Gönnern, dem Verwaltungsrat und dem Personal der Schifffahrtsgesellschaft. Sie freut sich, dass die Generalrevision der Dampfmaschinen von DS „Stadt Rapperswil“ und DS „Stadt Zürich“ im Rahmen der ordentlichen Investitionsplanung über die Erfolgsrechnung der ZSG finanziert wird. In der Aufnahme der „beliebtesten Schiffe“ (Verwaltungsratspräsident Peter Weber) mit den folglich grössten Einnahmen in den normalen Unterhaltsbestand sieht sie auch eine Anerkennung ihrer erfolgreichen Rettungs- und Finanzaktionen.