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Ein grosser amerikanischer Ärzteverband stellt den Body-Mass-Index (BMI) als Referenzwert infrage. Der Index sei zwar kein Allheilmittel, habe aber seine Berechtigung, sagt Michael Schwarz von Medbase.
Der Body Mass Index (BMI) wurde im 19. Jahrhundert vom belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet erfunden und in den 1980er-Jahren allgemein eingeführt. Er bestimmt die Übergewichtigkeit einer Person. Sie wird ermittelt, indem das Gewicht in Kilogramm durch die Körpergrösse in Metern zum Quadrat geteilt wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihn 1997 als Standard für die Beurteilung des Risikos von Übergewicht festgelegt. Das Gewicht gilt als angemessen, wenn der BMI zwischen 18,5 und 25 liegt. Zwischen 25 und 30 spricht man von Übergewicht, über 30 von Fettleibigkeit oder Adipositas. Diese Skala gilt für Erwachsene ab 19 Jahren. Für Kinder wurden andere Werte berechnet. Die WHO weist darauf hin, dass der BMI «nur einen ungefähren Anhaltspunkt gibt, da die BMI-Werte bei verschiedenen Personen nicht unbedingt dem gleichen Grad der Fettleibigkeit entsprechen». In den USA wird der Index von Versicherern verwendet, um die Höhe der Prämien zu bestimmen – eine Praxis, die seit Jahren kritisiert wird.
Der BMI ist umstritten, da er nicht alle Gegebenheiten berücksichtigt. So kann eine sehr grosse oder sehr muskulöse Person einen BMI haben, der auf Übergewicht hinweist, während eine Person, die viel raucht, einen «normalen» Indexwert haben kann ... Mitte Juni räumte die American Medical Association (AMA) ein, dass der BMI «historischen Schaden» angerichtet habe: «Er ist keine verlässliche Art der Körperfettmessung, da er ethnische, geschlechtliche sowie gender- und altersspezifische Unterschiede nicht berücksichtigt».
Tatsächlich können die zur Berechnung der Referenzwerte verwendeten Informationen problematisch sein. «Wenn ich mit statistischen Daten arbeite, schaue ich mir immer an, woher sie stammen und in welchem Kontext sie erhoben wurden», erklärt Michael Schwarz, Leiter des Medbase Checkup Centers in Zürich. Ein Beispiel: «Wenn ich zum Vergleich des Körpergewichts der Bevölkerung in den Jahren 1960 und 2023 die Referenzwerte von 1960 heranziehe, würden heute mehr Menschen als übergewichtig eingestuft.»
«Die Zahl der Studien, die die Zusammenhänge zwischen dem BMI und anderen Faktoren wie etwa Diabetes untersuchen, ist sehr gross», sagt Michael Schwarz. So können Aussagen bezüglich Anstieg des Index und Häufigkeit von Diabetes gemacht werden. «Das bedeutet nicht, dass der BMI für alle und überall gilt, aber dennoch für eine sehr grosse Mehrheit».
Ein weiterer Vorteil ist, dass die Personen den Wert selbst berechnen und anhand eines weltweit anerkannten Vergleichsmassstabs beurteilen können. Besser ist es, einen Onlinetool – etwa den BMI-Rechner von iMpuls – zu verwenden, der Informationen und Warnhinweise anzeigt, die zum richtigen Verständnis des Ergebnisses notwendig sind. «Wenn dich das Ergebnis beunruhigt oder verwirrt, vereinbare einen Termin, um mit deiner Ärztin oder deinem Arzt darüber zu sprechen», rät Michael Schwarz. Und wenn das Ergebnis neben der Beratung dazu führt, dass eine Person ein paar Kilo abnimmt, «ist das kein Problem», fügt er hinzu. Abnehmen schadet grundsätzlich nie und ist gesund, sofern keine Essstörung vorliegt».
Michael Schwarz hält es für sehr wahrscheinlich, dass die amerikanische Skepsis mittelfristig auch auf Europa überschwappen wird. Aber niemand geht so weit zu sagen, dass man auf den Index verzichten sollte. Eine 2022 veröffentlichte Studie der Gesundheitsförderung Schweiz kommt zum Schluss, dass «der BMI nicht das Mass aller Dinge ist, wenn er individuell angewendet wird». Die Stiftung empfiehlt, ihn «wenn möglich als Ergänzung zu anderen Messungen, insbesondere des Taillenumfangs, zu verwenden».
«Ich kenne keinen Präventions- oder Ernährungsexperten, der sich bei seiner Diagnose ausschliesslich auf den BMI stützt», bestätigt Michael Schwarz. «Im Checkup Center messen wir auch das Taille-Hüft-Verhältnis (WHR) und die Fettverteilung, insbesondere das viszerale Fett. Um den Gesundheitszustand einer Person beurteilen zu können, müssen auch andere Faktoren berücksichtigt werden – zum Beispiel, ob sie körperlich aktiv ist oder nicht, ob sie raucht oder nicht, ob sie an Bluthochdruck leidet oder nicht».
«Weltweit hat sich die Zahl der Adipositasfälle seit 1975 fast verdreifacht», schreibt die WHO. In der Schweiz lag der Anteil der übergewichtigen oder adipösen Personen 2017 gemäss den neusten Zahlen des BAG bei 42 Prozent. Mit der Zunahme des Körpergewichts steigt jedoch auch das Risiko, an nichtübertragbaren Krankheiten wie Bluthochdruck oder bestimmten Formen von Diabetes zu erkranken. Dies wirkt sich auf die Lebenserwartung aus. In der Schweiz wird geschätzt, dass nichtübertragbare – ohne Krebs – für etwa 80 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich sind. «Ob auf individueller oder kollektiver Ebene, der Kampf gegen Übergewicht geht uns alle an», lautet das Fazit von Michael Schwarz.