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Kunst mit Verfallsdatum
Wolfgang Müller: “Kosmas” (Roman)
Wann ist ein Kunstwerk eigentlich ein Kunstwerk? Warum sammeln Menschen Kunst? Und was denken die Menschen in fünfhundert Jahren wohl von unserer gegenwärtigen Kultur? Indem er Reales und Fiktives zu einem satirisch-witzigen und sehr erhellenden Gedankenspiel vermischt, beantwortet Wolfgang Müller in seinem Roman „Kosmas“ nicht nur diese Fragen.
Von Lisa Letnansky.
Damien Hirst ist neunzehn Jahre alt, als ihm in der Tate Gallery in London auffällt, dass sich die Menschen dort viel mehr für die eingesperrte Hornisse am Fenster interessieren als für die ausgestellten Kunstwerke. Von diesem Zeitpunkt an weiss er, was mit der Kunst falsch läuft und was die Leute wirklich wollen: „Die Menschen wollen berühren und sie wollen berührt werden. Sie brauchen etwas Echtes, keinen Stahl, kein Gummi, kein Kunststoff, keine Distanz – nein, sie möchten etwas Unmittelbares, etwas Reales, sie wollen einen echten Körper. Im Grunde wollen sie das Leben selbst!“ Mit dem Vorhaben, den Menschen zu geben, wonach sie verlangen, startet Hirst seine Künstlerlaufbahn. Das Ganze beginnt mit einer Schnake, die er in Formaldehyd einlegt, worin sie schwebt, wie ein „gefallener, zierlicher Engel“. Mit der Zeit werden die Tiere immer grösser, bis er schliesslich dank seiner Abschlussarbeit an der Nottingham Academy of Fine Arts (die es in Wirklichkeit übrigens nicht gibt), zwei halbierten, eingelegten Schafen mit goldenen Hufen, vom Werbetycoon Charles Saatchi entdeckt wird, der mit einem dünnflüssigen, mit viel Süssstoff und Geschmacksverstärkern versetzten Joghurt namens Actiwel ein Vermögen gemacht hat und in den kleinen Ausstellungen auf der Suche nach einem „süssen, dünnflüssigen Joghurt in Künstlergestalt“ ist.
Ein faulender Hai
Für Saatchi legt Hirst dann auch den berühmten Tigerhai ein mit dem Titel „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ (Tipps zum Transport des toten Hais erhält er übrigens von Gunther von Hagens, der selbst viel lieber einen Blauwal präparieren möchte). Innert kürzester Zeit wird Hirst zum gefeierten Star der Kunstszene und sein Hai landet nach mehreren Zwischenstationen beim gelangweilten Millionär Tong Fatt Kee in Singapur, der von seinem Psychotherapeuten zum Kunstsammeln angespornt wurde, um „der Welt etwas zurückzugeben“. Dort steht er mitten im Arbeitszimmer, wo er den Geschäftspartnern Ehrfurcht einflösst und die Geschäfte florieren lässt.
Am 5. Januar 2017 betrachtet der Millionär wieder einmal sein eindrücklichstes Sammlerstück – und ist geschockt. Im Bassin haben sich Schlieren und trübe Blasen gebildet, an der rechten Kiemenseite des Fisches baumelt ein kleiner Hautlappen herunter. Es besteht kein Zweifel: Der Tigerhai beginnt zu verfaulen. Anscheinend hat auch die Kunst ein Haltbarkeitsdatum, das überschritten werden kann.
Stinkende Kunst
Der Zeitpunkt, um den Hai loszuwerden, ist denkbar ungünstig. Hirst ist in der Szene mittlerweile nicht mehr so hoch im Kurs und Tong Fatt Kee befürchtet, bei einem Verkauf schlecht abzuschneiden. Ausserdem verbindet ihn eine Art Hassliebe mit dem Kunstwerk, so dass er sich emotional nicht von ihm zu trennen vermag und sogar mehrere Gerichtsverhandlungen in Kauf nimmt, da seine Nachbarn sich von dem penetranten Gestank, den das Werk verströmt, gestört fühlen. Während einer von diesen Verhandlungen entfällt dem mittlerweile gealterten Millionär Hirsts Name, über mehrere Assoziationen kommt er schliesslich auf „Cosmas Hearst“, worauf der Richter sich den Namen „Kosmas“ notiert. Was hier beispielhaft aufgeführt wird und stark an das Kinderspiel „Stille Post“ erinnert, durchzieht Müllers gesamten Gedankengang. Was bedeutet die Kunst und Kultur von heute in hundert Jahren? Wie bewertet der Mensch von morgen die Taten von heute? „Kosmas“ ist eine Geschichte über Wertverschiebungen und -transformationen und wirft damit die Frage auf, was uns heute wirklich wichtig ist – und warum überhaupt?
Konspiratives Gefurze
Was mit dem Tigerhai weiter geschieht und was das Ganze mit einer im Jahr 2567 entdeckten Heilquelle zu tun hat, das ist die Geschichte von „Kosmas“. Müller erzählt hier nicht einfach eine Geschichte, wie sie durchaus hätte geschehen können; indem er realen Figuren fiktive Geschichten aufsetzt oder umgekehrt, schafft er eine etwas pessimistische, aber dennoch sehr komische Satire über den Kunstmarkt und den „Mensch als Wahrnehmungswesen“. Dabei brüskiert er sich zum Beispiel darüber, dass ein Künstler heutzutage nicht mehr talentiert, sondern nur noch originell sein muss, dass bei einem Kunstwerk nur noch dessen materieller Wert Gewicht hat, oder dass der Kunstmarkt von einigen wenigen, einflussreichen Personen dirigiert und manipuliert wird, obwohl bei ihren Krisenkonferenzen die konstruktiven Diskussionen im ständigen Gefurze oft untergehen. Und wenn man ehrlich ist, ganz unrecht hat er damit natürlich nicht.
Titel: Kosmas
Autor: Wolfgang Müller
Verlag: Verbrecher
Seiten: 192
Richtpreis: CHF 37.90