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Auf hohen Stelzen watet er durch den Sumpf. Leise und mit ausgestrecktem Kopf lauert er geduldig. Er ist der zweitgrösste einheimische Vogel nach dem Storch: der Graureiher, auch Fischreiher genannt.
Als Fischdieb verschrien, wurde der Graureiher (Ardea cinera) lange Zeit intensiv bejagt, daher auch seine zweite Bezeichnung «Fischreiher». Bis 1926 wurde er hartnäckig verfolgt und wäre als Brutvogel fast aus der Schweiz verschwunden. Seitdem ist er bei uns geschützt, und das Zusammenleben zwischen Mensch und Reiher friedlicher. Die meisten sind beeindruckt von dem anmutigen, langsam dahinschreitenden Vogel. Vielfach können die grossen grauen Stelzvögel auf Feldern an Strassen bis in die Vororte bei der Mäusejagd beobachtet werden, wie sie bewegungslos lauern, stets bereit, unvorsichtige Beutetiere blitzschnell zu schnappen.
Seinen schlechten Ruf als Fischjäger besitzt er auch heute noch teilweise, was jedoch nicht immer berechtigt ist. Denn ein ausgewachsener Graureiher braucht je Tag lediglich ca. 350 Gramm Fisch. Zwei Drittel der Nahrung besteht übrigens aus fischerei-schädlichen Larven der Gelbrandkäfer sowie Libellen und Kleinnagern.
EIN LEBENSRAUMGENERALIST
Die Ansprüche der Graureiher an ihren Lebensraum sind relativ gering. Sie benötigen in ihrer Nähe Gewässer mit Flachwasserzonen, grosse Beutevorkommen und vier bis fünf Monate, in denen das Gewässer nicht zufriert. Man findet sie daher an Seeufern, Flüssen, Überschwemmungszonen, Schilfgürteln, Teichen und Weideflächen, die sich in der Nähe von Gewässern befinden. Solche Gebiete findet der Graureiher eher im Flachland als in den Bergen. Er kann an Süssgewässern im Landesinneren, aber auch an Küstenregionen zu Hause sein. Als Ruhe- und Nistbäume nutzt er hohe Bäume, die möglichst frei von Störungen sind.
Er ist über ganz Europa verteilt. Im Norden Europas ist er ein Zugvogel, der in Südeuropa und Afrika überwintert. In der Schweiz mit ihren milden Wintern ist er das ganze Jahr anzutreffen.
Zur Brutzeit kehren die Vögel einer Kolonie immer wieder an den gleichen Ort zurück und besiedeln die alten Horste, ähnlich wie die Störche. Eine Kolonie kann über Hunderte von Jahren bestehen, wobei ein einzelner Graureiher nur gerade bis zwanzig Jahre alt wird. Der älteste bekannte Graureiher wurde 35 Jahre und 1 Monat alt
KEINE GUTEN BAUMNESTBAUER
Als Kolonietiere bauen die Vögel ihre Nester in den Wipfeln von Laub- und Nadelbäumen. In einigen Kolonien können dabei bis zu 100 Nester entstehen. Im Unterschied zu den Storchennestern sehen die Graureihernester nicht sehr stabil aus. Die unvollendet wirkende Bauweise des Nestes wird darauf zurückgeführt, dass der Reiher vor noch nicht allzu langer Zeit nur am Boden brütete. Bei dem Neubau oder der Instandstellung eines Nestes schafft das Männchen in der Regel das Baumaterial wie Schilf und Zweige heran, das Weibchen verbaut das Material an Ort und Stelle sofort. Die Graureihernester sind sehr gross und können einen Durchmesser bis zu 80 Zentimetern und eine Höhe von 60 Zentimetern erreichen. Nach erfolgreicher Paarung zwischen März bis Juni legt das Weibchen alle zwei Tage ein helles, blaugrünes Ei ins Nest. Die total vier bis fünf gelegten Eier werden während 25 bis 26 Tagen von beiden Elternteilen bebrütet, bis die Jungvögel nacheinander schlüpfen. Die Versorgung der Jungen wird von beiden Elternteilen wahrgenommen, wobei in den ersten 20 Tagen immer ein Elternteil die Jungen vor Wind und Wetter schützt. Während 7 bis 8 Wochen werden die Jungvögel mit Nahrung versorgt. Nach 30 Tagen klettern die Jungen auf den Ästen des Brutbaumes herum, und mit etwa 50 Tagen starten sie mit den ersten Flügen. Viele junge Graureiher sterben im Alter bis zu einem Jahr durch ihre Fressfeinde, wie den Seeadler, den Fuchs und den Menschen. Aber auch das Wetter und Parasiten tragen dazu bei.
ELEGANTER, ABER AGGRESSIVER ALLEINJÄGER
Die Graureiher jagen in der Regel alleine, nur in Gebieten, wo ein überreiches Nahrungsvorkommen besteht, sieht man sie in lockeren, kleinen Schwärmen. Sie sind in der Lage, ihr Nahrungsterritorium energisch zu verteidigen, und bei innerartlichen Aggressionen kommt es sogar vor, dass ein konkurrierender Reiher sein Leben verliert. Das Aggressionsniveau ist während der Jungvögelaufzucht besonders hoch.
Ruhig, mit gesenktem Kopf und gekrümmtem Hals, stakst er langbeinig durch das seichte Wasser, blitzschnell sticht er nach kleineren Fischen, Fröschen, Molchen, Schlangen und Wasserinsekten, welche er, wie andere Nahrungstiere auch, im Ganzen verschlingt. Auf den Wiesen wartet er stocksteif stehend auf Feldmäuse und holt sich auch Eier und Jungvögel aus den Nestern. Bei der Fischjagd kann er auch auf dem Wasser landen und ein paar Sekunden schwimmen und wieder wegfliegen. Am besten kann der Graureiher in den Morgenstunden oder in der Abenddämmerung bei der Futtersuche beobachtet werden, obwohl er ganztags und auch in der Nacht nach Nahrung sucht.
GROSSES LEICHTGEWICHT
Mit einer Körperlänge von etwa 84 bis 102 Zentimetern und einer Körpergrösse von ca. 100 Zentimetern ist er etwa gleich gross wie ein Storch. Sein Körpergewicht liegt meist nur zwischen 1000 bis 2000 Gramm. Sehr gut genährte Vögel bringen es über 2 Kilo und die abgemagertsten Leichtgewichte nur noch auf bis zu 810 Gramm. Und dies bei einer beachtlichen Flügelspannweite von 155 bis 195 Zentimetern. Sowohl weibliche als auch männliche Graureiher unterscheiden sich nicht durch ein auffälliges Geschlechtsmerkmal, ausser vielleicht dadurch, dass die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind.
Das Gefieder des Graureihers ist auf Stirn und Oberkopf weiss, am Hals geht es in Grauweiss über und auf dem Rücken in Grau mit weissen Bändern. Der schwarze Augenstreifen sowie die drei langen schwarzen Schopffedern bilden einen Federbusch. Der lange gelbliche Schnabel geht auf dem Schnabelfirst ins Bräunliche über. Die langen Federn am Bauch wirken wie ein weisser Bart. Es gibt aber auch einzelne Individuen, welche von diesem typischen Gefieder deutlich abweichen. Aber allen gemeinsam sind die drei langen Vorderzehen am Stelzenbein, welche weit auseinandergespreizt werden können und damit das Einsinken in den weichen Untergrund verhindern.
Der Graureiher besitzt nur eine sehr verkümmerte Bürzeldrüse. Das heisst, die Produktion eines öligen Sekrets (Bürzelöl), welches eine wasserabstossende Wirkung erzeugt und mit dem Schnabel über das Gefieder verteilt wird, ist nicht ausreichend vorhanden. Dafür besitzt er Puderfedern an der Brust und in den Leisten, an denen er gelegentlich seinen Kopf reibt und sie damit zerbröselt. Das entstehende Pulver ist sehr fetthaltig und wird über den Körper verteilt, um ihn vor Nässe zu schützen. Die Puderdaunen wachsen ständig nach und fallen auch nicht während der Mauser aus.
SPRUNGHAFTER ABFLUG
Graureiher fliegen mit langsamen und ruhig wirkenden Flügelschlägen. Zum Starten ab Boden werden oft einige Sprünge benötigt, ab den Nestern und Bäumen lassen sie sich in den Flug fallen. Bei seinem gemütlich wirkenden Flug zieht er seinen Kopf an die Schulter zurück, dadurch ergibt sich ein s-förmig gekrümmter Hals. Diese charakteristische Haltung des Graureihers unterscheidet ihn damit von den Störchen, Kranichen und Löfflern, die ihre Hälse im Flug langgestreckt halten. Nur während des Abflugs und bei der Landung ist sein Hals vorgestreckt. Das typische regelmässige und laut-raue «chräik» begleitet ihn während des Fluges. Am Boden ist beim schnellen Gehen eine balancierende Halsbewegung zu beobachten – und während der Nahrungssuche schreitet er in der Regel gemächlich mit vorgestrecktem Hals über Wiesen und Felder.
UNERWÜNSCHTER GAST IM GARTEN
Immer mehr dringt der Graureiher auch in die städtischen Gebiete vor, wo er vor allem in Gartenteichen eine neue gesunde Nahrungsquelle entdeckt hat und genüsslich Gold- und Zierfische verspeist.
Auch der Graureiher passt sich an, denn die Gewässer werden immer mehr mit Pestiziden, Insektiziden, Gülle und Müll verunreinigt, und sein Nahrungsangebot schwindet. Auch die Überdüngung von Wiesen und Feldern schadet nicht nur ihm, sondern auch seiner Nahrung, denn Frösche, Molche und Fische sterben immer mehr aus. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass er sich neuen Lebensraum erobert. Die Städte und Vororte, wo er noch gesunde Fische in den Gartenteichen findet.
Text Michael Knaus Fotos fotolia
Reichlich gedeckter Gartentisch
In der Schweiz leben etwa 1400 Graureiher-Brutpaare, welche sich befreit vom Jagddruck entwickeln können. Der Graureiher hat auch die Scheu vor den Menschen verloren und wagt sich auch in Privatgärten vor, welche vor allem durch ihre Weiher und Biotope einladend wirken. In diesen leicht zugänglichen, seichten Kleinstgewässern findet er Zierfische, Frösche und Molche. Nicht immer zur Freude der Gartenbesitzer. Mit ein paar Vorkehrungen lassen sich die Tiere im Gartenweiher mehr oder weniger schützen:
- Gestalten Sie den Weiher und seine Umgebung naturnah und strukturreich, damit er für den Graureiher zu unübersichtlich wird, denn dieser hat ein grosses Sicherheitsbedürfnis und braucht einen freien Fluchtweg.
- Schaff en Sie Unterschlupf- und Deckungsmöglichkeiten für Fische oder Amphibien. Z.B. mit Steinen und Wasserpflanzen, wie Seerosen und Wasserlinsen.
- Etwas unschöner, aber hilfreich kann das Spannen von farbigen Netzen oder Bändern sein, mit welchen Sie Teile des Weihers abdecken.
- Kleine Zäune um den Weiher mit zwei in 20 und 35 Zentimetern Höhe angebrachten Drähten erschweren dem Graureiher den Zutritt, lassen aber andere Tiere problemlos an den Weiher.
Mit Vogelscheuchen oder anderen optischen Signalen können Sie Graureiher kurzfristig fernhalten – aber die Tiere lernen und gewöhnen sich daran, somit ist die Wirksamkeit Massnahmen nur von kurzer Dauer.