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Im Januar 2019 kommt der Film «Zwingli» ins Kino. Im Interview mit Barbara Weber erzählt der Regisseur Stefan Haupt von den Dreharbeiten und von seinen Beweggründen, diesen Film zu drehen.
BW: Dein neuester Film «Zwingli» erscheint im Januar in den Schweizer Kinos. Warum hast du dich entschieden ausgerechnet diese Figur zu porträtieren?
SH: Zwingli ist als Figur viel weniger präsent als Luther. Dies liegt vielleicht auch daran, dass es von Zwingli kein einziges zu Lebzeiten gemaltes Porträt gibt, von Luther hingegen Dutzende. Man spricht von der Luther-Bibel und von der Zürcher-Bibel, aber nicht von der Zwingli-Bibel. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Zwingli nicht wollte, dass sein Name darinsteht; dennoch: seine Zürcher-Bibel war die erste gedruckte vollständige deutsche Übersetzung der Bibel.
BW: Ähnlich wie «Der Kreis» ist auch «Zwingli» ein historischer Film. Fasziniert dich dieses Genre?
SH: «Der Kreis» war ursprünglich nicht als Dokufiktion geplant, aus letztlich finanziellen Gründen wurden dann aber immer mehr dokumentarische Elemente eingebaut. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal eine Romanadaption wie «Finsteres Glück» machen würde, bis mir Lukas Hartmann sein gleichnamiges Buch zum Lesen gab. Und ich hatte auch nie ein spezielles Flair für historische Filme...; bei meiner Arbeit gehe ich nicht von einem Genre aus, sondern von einem Thema, das mich interessiert.
BW: Was interessiert dich am Thema der Reformation?
SH: Ich bin religiös aufgewachsen. Meine Eltern waren beide reformiert und in der Methodistenkirche, einer Freikirche, aktiv. Als junger Mann hatte ich dann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Glauben und verliess die Kirche; rückblickend betrachtet finde ich es spannend, welche Wurzeln einem bleiben und von welchen man sich löst.
BW: Hast du Zürich jemals als «zwinglianisch» empfunden?
SH: In den 1980er-Jahren vielleicht. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Abschlussproduktionen, die 1988 im Rahmen meiner Ausbildung an der Schauspielakademie im Tramdepot Tiefenbrunnen stattfanden. Um Mitternacht mussten wir jeweils alle Fenster und Türen schliessen, denn jede Beiz, die nach Zwölf noch geöffnet war, hatte mit einer hohen Busse zu rechnen. Als ich in der gleichen Zeit nach Berlin ging, war ich verblüfft, wie sich das Nachtleben dort rund um die Uhr abspielte.
BW: Wie hat sich Zürich seit den 1980er-Jahren verändert?
SH: In den letzten 20 Jahren hat sich die Stadt sehr geöffnet. Die Linke hat sich immer mehr etabliert; damals hätte man sich kaum vorstellen können, dass jemand wie Richard Wolff je Polizeidirektor wird. Heute finde ich es immer wieder überraschend, was in Zürich alles möglich ist.
BW: Wie hast du Zwingli in deinem Film dargestellt?
SH: Während der Produktion haben wir oft darüber gesprochen, ob er nun ein Revolutionär oder ein Reformator war. Ich glaube, er war eher letzteres. Eigentlich unverständlicherweise wird Zwingli oft sehr negativ porträtiert, in meinen Augen ist er ein hellwacher Geist. Während Luther die alten Griechen verteufelte, brachte sich Zwingli selber Hebräisch und Griechisch bei und las Aristoteles. Entsprechend wollte ich ihn auch darstellen: Als bodenständigen, kräftigen Mann aus dem Toggenburg, der gleichzeitig sehr belesen, weltoffen, humorvoll und diplomatisch ist.
BW: Wusstest du auch von Anfang an, wie du die Beziehung zwischen Zwingli und seiner Ehefrau Anna Reinhart darstellen möchtest?
SH: Wir haben verschiedene Ansätze diskutiert, natürlich auch, ob man das Drehbuch gendermässig etwas «aufpeppen», müsse. Anna und Zwingli sozusagen als Bonnie und Clyde der Reformation. Allerdings haben wir uns dann dagegen entschieden: es wäre nicht richtig gewesen, nur unserer heutigen Überzeugungen zuliebe die Geschichte zu verfälschen.
BW: Gibt es deiner Meinung nach Parallelen zwischen der Schweiz von damals und der von heute?
SH: Die gibt es ganz entschieden. Beispielsweise die katholische Innerschweiz, die mit ihrem Verharren in Traditionen Zwingli damals das Leben schwer gemacht hat. Oder auch die Städtefeindschaft zwischen Basel und Zürich; Basel hatte seit dem 15. Jahrhundert die erste Universität in der Eidgenossenschaft und war dadurch sehr beliebt unter Gelehrten. Doch als Zwingli anfing in Zürich zu lehren, kamen diese plötzlich in die Limmatstadt.
BW: Einige Szenen wurden im Grossmünster gedreht. Wie wichtig war dir dieser Ort?
SH: Mir war es sehr wichtig, dass wir im Grossmünster, am Ort des Geschehens, drehen konnten. Wir haben viel recherchiert, um das Grossmünster in eine katholische Kirche zurückzuverwandeln. Damals gab es zum Beispiel keine Bänke, man hatte zu stehen. Solche Änderungen vorzunehmen gestaltete sich schwierig. Wir mussten garantieren, dass nach den Dreharbeiten jede Bank wieder völlig unversehrt an ihrem ursprünglichen Platz stehen würde. Den grössten Teil des Film haben wir allerdings in Stein am Rhein gedreht, während fast fünf Wochen.
BW: Wieso hast du den Film auf Schweizerdeutsch gedreht?
SH: Zuerst bestand die Idee, mit einem Film in Deutsch ein breiteres Publikum zu erreichen, - doch ich wollte «Zwingli» unbedingt auf Mundart drehen. Denn ein Film muss zuallererst an dem Ort funktionieren, an dem er gemacht wurde. Und Luther hat sich zu Lebzeiten oft über das «Kuhdeutsch» von Zwingli lustig gemacht, da wollte ich nicht ihm zuliebe (lacht) den Film auf Hochdeutsch drehen.
BW: Welche Themen betrachtest du als aktuell, die im Film vorkommen?
SH: Grundsätzlich finde ich es sinnvoll die eigenen Wurzeln zu kennen: Um zu wissen, wohin man möchte, sollte man wissen, woher man kommt. Zwingli stand ein für Aufrichtigkeit, Beendigung des Söldnerwesens, Gemeinsinn, Bildung für alle, soziale Gerechtigkeit - alles sehr aktuelle Themen!
Stefan Haupt (*1961 in Zürich) ist seit 1989 als Regisseur und freischaffender Filmemacher tätig. 1998 gründete er seine eigene Produktionsfirma Fontana Film. Sein Spielfilmdebut «Utopia Blues» (2001) gewann den Zürcher und den Schweizer Filmpreis. «Der Kreis» (2014) wurde unter anderem an der Berlinale mit dem Teddy Award und dem Panorama Publikumspreis und in der Kategorie Bester Film am Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Seine neueste Produktion «Zwingli» ist ab Januar 2019 in den Schweizer Kinos zu sehen.