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Band 261 der Anderen Bibliothek, 2006 noch im Eichborn-Verlag erschienen. Gelesen in einer Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg, o.J.
Olaus Magnus (1490-1557) war katholischer Geistlicher, zuerst Privatsekretär des katholischen Erzbischofs von Uppsala (der auch sein leiblicher, älterer Bruder war), später dann selber in diesem Amt. Allerdings wurde schon sein Bruder durch die Reformation von seinem Amtssitz vertrieben und ins italienische Exil gezwungen. So war Olaus Magnus der letzte katholische Erzbischof von Uppsala, ohne die Stadt oder auch nur das Land allerdings je in dieser Funktion betreten zu haben. Zwar versuchte er im italienischen Exil alles ihm Mögliche, die Kirche zu einer Offensive der Gegenreformation in Skandinavien zu bewegen. Doch das Konzil von Trient, an dem er auch teilnahm, hatte ganz andere Sorgen, als sich um die potenziellen Schäfchen eines verarmten Kirchenfürsten ohne Hausmacht zu kümmern, umso mehr, als Skandinavien bedeutend weniger Glanz und Gloria für die Kirche versprach als andere, mitteleuropäische Ländereien oder gar das gerade eben entdeckte Amerika. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass der neu entdeckte Kontinent zur Zeit der Renaissance bekannter war, als die skandinavischen Gegenden.
Olaus Magnus machte das Beste aus seiner Situation. Neugieriger Gelehrter, der er (auch) war, macht er sich daran, eine faszinierte Öffentlichkeit über den „Wilden Norden“ Europas zu informieren. Er verlegte 1539 eine „Carta Marina“ der Gegend, mit Kommentar. 1555 legte er nach mit der „Beschreibung der Völker des Nordens“. Beide Werke sind in der von mir gelesenen Ausgabe (s.o.) versammelt, die Karte als beigelegtes Faltblatt. (Habent sua fata libelli: Die Karte ist nur noch in wenigen Exemplaren überliefert, und lange hatte Olaus Magnus‘ Heimatstadt, Uppsala, keine, bis schliesslich zufälligerweise eine in der dortigen Universitätsbibliothek gefunden wurde. Sie diente dann auch als Vorlage für die Reproduktion.) Es handelt sich um eine typische Karte jener Zeit, wo sich neben sehr realistischen Details auch Illustrationen befinden, die schon eher fantastisch zu nennen sind. Vor allem Seeungeheuer tummeln sich fleissig in den Meeren. Auf dem Land finden wir weniger Abstrusitäten; immerhin kannte Olaus Magnus dieses recht gut, war er doch als junger Theologe Gehilfe eines Ablasshändlers und hat mit diesem zusammen weite und auch abgelegene Teile Norwegens und Schwedens durchreist. (Nebenbei: Wenn ich das richtig sehe, wurde das Original der Karte von denselben Leuten gezeichnet und gedruckt, die – praktisch zur gleichen Zeit – als erste dem von Kolumbus neu entdeckten Kontinent auf einer Karte den Namen „Amerika“ gegeben haben.)
Die erste deutsche Übersetzung der „Beschreibung der Völker des Nordens“ (die von der Anderen Bibliothek reproduziert wurde), stammt ausgerechnet von einem niederländischen Humanisten – und Reformator. Scribonius (= Cornelius de Schrijver) verfuhr dabei eklektisch. Er kürzte und liess weg, wo Olaus Magnus nur Autoritäten referierte, ohne selber Neues beizubringen, oder wo er Verhältnisse beschrieb, die so auch in Mitteleuropa anzutreffen waren. Scribonius tat also, was wir heute von einem guten Lektor erwarten. Ohne ihn wäre wohl die dicke Schwarte Olaus Magnus‘ eines jener vielen Bücher geblieben, die bis heute in den Archiven der Bibliotheken vor sich hin dämmern. Er machte daraus eine spannende Beschreibung von Land und Leuten. Eine realistische Beschreibung auch. Dieser Realismus, diese genaue Kenntnis von Land und Leuten, fällt schon bei Olaus Magnus in den beigefügten (und in meiner Ausgabe reproduzierten) Holzschnitten auf. Im Gegensatz zu der ansonsten geübten Praxis, denselben Schnitt immer wieder zu verwenden (und auch in andern Büchern zu recyclen), wenn er nur halbwegs passte, sind bei Olaus Magnus ganz eindeutig speziell kommissionierte Schnitte verwendet worden, die genau die im Text geschilderten Situationen wiedergeben. Beim Text wiederum fällt zweierlei auf: Zum einen sind die geschilderten Situationen oder Verhältnisse im Grossen und Ganzen realistisch, es laufen dem Autor nur wenige offensichtliche Abstrusitäten unter. Zum andern blitzt immer wieder die Vaterlandsliebe des Exilanten durch, so, wenn er regelmässig betont, wie wehrhaft doch die nordischen Krieger und wie gut gesichert doch die nordischen Städte seien. Olaus Magnus kannte die Menschen wohl sehr gut, und war sich der Gefahr bewusst, dass ein allzu grosses Lob von Land und Verhältnissen im hohen Norden auch wohl weniger geistliche motivierte Unternehmungen provozieren könnte.
Wir erfahren viel über Land und Leute, auch über die Art und Weise, wie der gewöhnliche Einwohner jener Gegenden sein Brot verdiente, über dessen Sitten und Gebräuche. Die Holzschnitte nötigen dem heutigen Betrachter zwar manchmal ein Lächeln ab – der italienische Künstler hatte wohl nur eine diffuse Idee davon, wie z.B. ein Rentier auszusehen hätte. Aber gerade das macht vielleicht auch den Reiz dieses Buches aus, das ich nur jedem, der an alter Reiseliteratur interessiert ist, empfehlen kann. Ich hoffe, dass die Andere Bibliothek auch bei den neuen Besitzverhältnissen weiterhin solche Schätze heben und in solch guter und durchdachter Gestalt dem Publikum darbieten kann.