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23.August 2012
lautet der Titel der Publikation von 18 Autoren aus 16 Institutionen, unter anderem mit den hier schon öfter zitierten James Hansen und Stefan Rahmstorf . Hier eine kurze Übersicht über den Inhalt dieser sehr lesenswerten Arbeit.
Zunächst wird der Stand der Klimaforschung zusammengefasst. Die bisherigen CO2 Emissionen haben bereits zu einer Erwärmung von 0.8 Grad geführt. Eine weitere Erwärmung durch die bisherigen Emissionen steht noch bevor denn die Strahlungsbilanz der Erde ist wegen der Trägheit der Ozeane noch nicht im Gleichgewicht. Die Messungen mit den Argo Sonden zeigen einen Netto-Energie-Zuwachs in den Jahren 2005-2010 von 0.58 W/m2 plusminus 0.15 W/m2 – und dies trotz eines Solar-Minimums während dieser Zeit. Unter Berücksichtigung eines mittleren Werts der Sonnenintensität ist die Energiebilanz 0.75 W/m2. Diese Ergebnisse stimmen mit den Prognosen der Klimaforscher überein.
Wesentlich schneller als noch im letzten IPCC Bericht angenommen machen sich jedoch einige Folgen der bis jetzt scheinbar eher kleinen Erwärmung bemerkbar: die Sommer-Eisbedeckung des Arktischen Ozeans fiel in den letzten Jahren dramatisch – einen Faktor 4 schneller als in den Modellen simuliert. Der grönländische Eisschild und auch der antarktische verlieren Eis mit einer Rate von einigen Kubikkilometern pro Jahr mit zunehmender Beschleunigung. Dasselbe gilt für die Gletscher weltweit. Der heisse und trockene subtropische Klimagürtel hat sich zu höheren Breiten hin ausgedehnt. Bei mehr als der Hälfte aller wildlebenden Arten zeigen sich signifikante Veränderungen, erste beunruhigende Anzeichen für eine zukünftige Bedrohung der Artenvielfalt. Mega-Hitzewellen wie die in Moskau 2010 (oder in USA dieses Jahr) werden nachweisbar als Folge des Klimawandels häufiger (für alle diese Fakten werden Referenzen angegeben).
Was heisst das für die Eindämmung der Klimaerwärmung. Politisch einigte man sich relativ rasch und wenig hinterfragt auf die Begrenzung der Erwärmung auf 2 Grad. Das erscheint dem gesunden Menschenverstand tolerierbar, schliesslich passt man sich mühelos an viel grössere saisonale Temperaturveränderungen an. Die überraschenden und starken Veränderungen als Folge der bisherigen 0.8 Grad stellen dieses Ziel in Frage. Vor allem die Abnahme der Eisbedeckung stellt eine gefährliche positive Rückkopplung für die Erwärmung dar. Infolge des reduzierten Albedo steigt die absorbierte Sonnenenergie – einer der gefährlichen Kippeffekte bei weiterer Erwärmung.
Die inzwischen weiter verbesserten Analysen der Eiszeitzyklen in den letzten 800 000 Jahren, speziell die Zwischeneiszeiten Eem-Warmzeit (vor 130 000 Jahren) und Holstein-Warmzeit (vor 400 000 Jahren) liefern wichtige Hinweise auf den gefährlichen Bereich für die CO2 Konzentration. Die Temperatur war nach neuesten Erkenntnissen nur um etwa 1 Grad wärmer als im Referenz-Zeitraum 1880 bis 1920. Trotzdem war der Meeresspiegel um mindestens 4 bis 6 m höher als heute. 2 Grad höher als heute kam in der Erdgeschichte letztmals in der Mitte des Pliozän vor etwa 3 Mio Jahren vor, der Meeresspiegel war damals um 15 bis 25 m höher (die Messdaten aus dieser Zeit sind auch wegen der Veränderungen der Erdkruste in diesen Zeiträumen ungenau).
Die beobachteten aktuellen Folgen der Klimaerwärmung in Kombination mit den erdgeschichtlichen Daten zeigen, dass eine Erwärmung von 2 Grad zu einer gefährlichen Erdklimaveränderung führt. Um eine weitere Aufheizung zu vermeiden muss die Energiebilanz wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Die oben genannten 0.75 W/m2 Aufheizung müssen durch eine Reduktion des CO2 in der Atmosphäre kompensiert werden, was eine Reduktion des CO2 Anteils von heute 390 ppm auf 350 ppm erfordert. Klimamodelle unter Berücksichtigung des Kohlenstoffzyklus zeigen, dass das mit einer Reduktion der Emissionen immer noch möglich ist. Dies erfordert aber ein schnelles und drastisches Handeln weil sich das Zeitfenster für diese Option beängstigend schnell verkleinert.
Wenn wir jetzt mit der Reduktion beginnen, kann der Zielwert 350 ppm erreicht werden mit einer Emissions-Reduktion von 6% pro Jahr verbunden mit einer Wiederaufforstung und verbesserten Landwirtschaftstechniken zur Einlagerung von Kohlenstoff in den Boden. Es tritt zwar ein vorübergehendes Überschiessen auf, das bis 2100 wieder abgebaut wird. Siehe folgendes Bild links. Wenn das bisherige Emissions-Szenario auch nur ein Jahrzehnt weiterverfolgt wird, verschiebt sich das Erreichen des Zielwerts 350 ppm auf das Jahr 2300 und für jedes weitere Jahrzehnt Verzögerung dramatisch weiter in die Zukunft. Siehe Bild rechts.
Diese Fakten zeigen die Dringlichkeit und auch Vorteilhaftigkeit für eine rasche Kehrtwende.
Die Autoren gehen noch auf zwei andere Aspekte ein, die immer wieder (zur Relativierung der Dringlichkeit) ins Spiel gebracht werden.
Kann die Begrenztheit der fossilen Resourcen das Problem sozusagen automatisch für uns lösen? Die von der EIA und den G20 geschätzten Reserven sind ein Vielfaches der bisherigen Emissionen und würden auf jeden Fall ausreichen, die Schwellwerte für Klima-Kipp-Effekte zu überschreiten, zu einem Massensterben von Arten führen und zu verheerenden Extremwetterlagen. Durch immer noch grösssere Anstrengungen, mit neuen Techniken wie Fracking, Tiefseebohrungen, Mountain-Top-Removal usw. werden ausserdem völlig widersinnig immer grössere fossile Resourcen zugänglich.
Kann das CO2 mittels Geo-Engineering wieder aus der Luft geholt werden (andere Geo-Engineering Methoden, die nur die Aufheizung bekämpfen kommen nicht in Frage, da sie die Versauerung der Meere nicht ändern und auch eine völlig unakzeptable Verpflichtung für eine langfristige Aufrechterhaltung bedingen) ? Dieser Weg ist grundsätzlich enorm aufwendig. Die Kosten für die Reduktion von CO2 um 50 ppm werden auf 500 $ /tC oder 50 Billiarden geschätzt. Hinzu kommt, dass einer solchen Reduktion durch Freisetzung von CO2 aus den Ozeanen und dem Boden entgegengewirkt wird sobald die Luftkonzentration abnimmt.
“Wie ist es möglich, dass sich ein vom Menschen verursachter Klimawandel praktisch ungebremst entfalten kann, trotz wissenschaftlicher Kenntnisse der wahrscheinlichen Konsequenzen?”
Die Autoren können sich vorstellen, dass fehlende Antworten auf diese Frage irgendwann zu einem “sozialen Kippeffekt” führen könnten, d.h. dass sich Menschen mehrheitlich gegen dieses zu zögerliche Handeln zur Wehr setzen. Eine solche breite öffentliche Unterstützung ist vielleicht nötig, um einen grundlegenden Wandel zu erreichen.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima