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Christoph Kellers «Übers Meer» besingt in vier Stimmen das Verbindende der Meere und ein paar Probleme dieser Welt.
«Übers Meer» ist keiner der Romane mit orientierungsstarken ersten Sätzen. Man muss sich richtiggehend an die Figuren herantasten. Merkt erst nach einigen Seiten, dass Paco eine Frau ist, genauso wie die Ich-Erzählerin Astèr. Die beiden sind ein Paar, leben in New York, die eine arbeitet tagsüber als Übersetzerin bei der Uno, die andere nachts als Graffitikünstlerin in den U-Bahn-Schächten.
Astèr zumindest ist nicht mehr ganz jung, über weite Strecken erinnert sie sich an den Aufbruch von 1980 in der Schweiz. Damals war sie in einem besetzten Haus mit Claude zusammen, einem weiteren Ich-Erzähler. Man verlor sich aus den Augen, er ist Meeresforscher geworden, Spezialist für Strömungslehre, im Frühling 2002 verabreden sich die beiden auf Djerba. Doch der sturmerprobte Claude kentert mit seiner Jacht, treibt tagelang in einem Plastikboot auf dem Meer, diktiert schwere Gedanken ins Tonband. Und Astèr wird beim Terroranschlag auf die Ghriba-Synagoge schwer verletzt und bewusstlos von Djerba nach New York zurückgeflogen. Da findet sie sich wieder in einer Gesellschaft, die sich vom Schock von 9/11 nicht erholt hat.
Während Astèr mithilfe von Paco ihre Erinnerungsfähigkeit zurückerobert, ist in Tunesien mit dem überqualifizierten Taxifahrer Tahar ein weiterer Ich-Erzähler aufgetaucht, ein junger Mann, der Astèr vieles aus seinem Leben erzählt hat; nun wird er als angeblicher Terrorist verfolgt, distanziert sich wortreich von der Muslimbruderschaft. So ist Astèr mit den beiden andern Ich-ErzählerInnen persönlich verbunden, im Gegensatz zur vierten Stimme: Abdoulaye ist als einziger Überlebender einer Gruppe afrikanischer Boatpeople bis Lampedusa gekommen. Dass er seine Erfahrungen in ein Heft schreibt und dieses Dokument auf Umwegen in die Hände von Astèr kommt, ist nur eine der Auflösungserscheinungen in diesem Wust von Problemen, die der Kulturjournalist Christoph Keller im Laufe vieler Jahre kennengelernt hat und nun kunstwerkartig ausbreitet.