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Nr. 1, 2007/1
Fastenopfer: Recht auf Arbeit
- Arbeit mit oder ohne Peitsche
Es ist keine leichte Aufgabe, von der brasilianischen Realität her einen Text über menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu formulieren. Das Wort «Arbeit» selbst hilft nicht weiter. Das portugiesische Wort trabalho stammt vom lateinischen tripallium, der Bezeichnung für die Peitsche, mit der in römischer Zeit Sklaven und Kriminelle bestraft wurden.
In Brasilien, dessen Wirtschaft durch systematische Ausbeutung der Sklavenarbeit von Indianern und Schwarzen zustande kam, ist Arbeit stets als etwas Herabwürdigendes, Mühevolles, als mit Zwang verbundene und anständigen Menschen nicht zu empfehlende Anstrengung angesehen worden. Arbeiten war «Negersache».
Arbeitslos
Heute werden als Folge des neoliberalen Gedankens, dass Gewinne eine immer stärkere Kostenreduzierung verlangen, Tausende arbeitslos. Für die Unternehmen sind Lohn- und Arbeitsstellenreduzierung stets wirksame Mittel der Kostenreduktion.
Es wird von struktureller Arbeitslosigkeit gesprochen. Die Arbeitslosigkeit soll jetzt als «natürliches» Phänomen gelten. So werden hier in Brasilien die neusten kapitalistischen Ideen innerhalb des globalisierten Neoliberalismus umgesetzt. Das alles in einem Land, in dem es – nach Daten des Arbeitsministeriums – ungefähr 500000 wegen Schulden versklavte Landarbeiter und -arbeiterinnen gibt.
Was sagt die Bibel?
Angesichts dieser Realität schätzen wir in unseren Bibelarbeiten mit den einfachen Menschen die Stellen, die zeigen, wie die Arbeitskräfte über die eigene Produktion bestimmen und sie beherrschen. Diese Stellen verdeutlichen die wirkliche Bedeutung der Arbeit, indem sie über den vollen Ertrag ihrer Mühe verfügen.
Ein Beispiel finden wir in Jesaja 65,17–25 («Sie werden Häuser bauen und sie bewohnen, werden Weinberge pflanzen und ihre Früchteessen»: V. 21). Solche Stellen erfreuten sich stets grosser Beliebtheit bei den einfachen Mitgliedern der Bibelkreise.
Buch des Predigers
Die gleiche Richtung schlägt die Reflexion über die menschliche Arbeit im Buch des Predigers ein. (Es befindet sich im Alten Testament und wird auch «Buch Kohelet» genannt. Anmerkung der Redaktion.)
Der Autor des Buches behauptet, es sei eine grosse Illusion, im Leben nach grossem Reichtum, Freude und Genuss zu trachten, grosse Bauwerke auszuführen oder Geld mit der Arbeit von Sklaven anzuhäufen (2,1–8).
Hier haben wir vielleicht einen Vorschlag, wie wir den von uns heute inmitten der neoliberalen Situation erlebten Schwierigkeiten begegnen können, die so viele ausschliessen. Das Buch des Predigers schlägt vor, dass das höchste Ziel unseres Lebens das innige Gefühl der Lebensfreude hier und jetzt sei. Die menschliche Arbeit soll Teil dieser Freude sein.
Arbeiten müssen wir in der Tat. Einen Garten zu pflegen und zu bebauen, ist unsere menschliche Grundberufung (cf. Gen 2,15). Die Arbeit gehört zu unserer menschlichen Identität. Es geht aber nicht an, dass die Arbeit von ökonomischen Regeln bestimmt wird, die dazu führen, dass sie eine Mischung von Traurigkeit, Enttäuschung, Frust, Gewalt und Tränen oder eine sinnlose Mühe wird und viele ausgegrenzt werden.
Die Freude des Mahles
Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Buch ist folgender: Der Arbeiter und die Arbeiterin sollen selbst den Ertrag ihrer Arbeit geniessen. Daraus stammen die solidarischen Bilder des gemeinsamen Essens und Trinkens. In der Bibel ist dies ein Zeichen des solidarischen Teilens.
Heute noch steht ein Mahl, bei dem die Früchte der menschlichen Arbeit, Brot und Wein, zu Leib und Blut des Herrn Jesus werden, im Zentrum der christlichen Glaubenserfahrung. Alle Arbeit verlangt das Teilen der Güter und Reichtümer, die durch die Anstrengung aller erwirtschaftet worden sind.
Solidarische Wirtschaft
Für den Prediger soll Arbeiten einen Raum des solidarischen und friedlichen Zusammenlebens schaffen. Es ist grundlegend, dass dieser Kern des menschlichen Zusammenlebens erhalten bleibt. In ihm entdecken wir uns erst als Menschen, die der Hilfe anderer bedürfen und die helfen können, damit alle besser leben. In ihm werden wir gefestigte und solidarische Beziehungen zu uns selbst, mit den anderen und mit Gott knüpfen.
Jeder und jede müssen sich mit aller Kraft dafür einsetzen, günstige Bedingungen zu schaffen, um die Bande des menschlichen Zusammenseins zu knüpfen, zu erhalten, zu erneuern und zu stärken. Dies bezeichnen wir heute als Suche nach einer solidarischen Wirtschaft.
Francisco Orofino
CEBI (brasilianisches Zentrum für Bibelstudien)
Der Text findet sich in voller Länge unter: www.oekumenischekampagne.ch
Bescheidener Lebensstil
Es ist leicht, die Vermarktung von Menschen und Natur abzulehnen. Schwerer ist es, einen bescheideneren Lebensstil einzuüben und die Verschwendung zurückzuweisen.
Nur der Markt?
Was unsere Zeit auszeichnet, ist die Anhäufung von Reichtum auf Kosten der Ausbeutung der Natur und Umwelt, was zur Verseuchung und Erschöpfung der natürlichen Ressourcen führt. Es ist zwar grundlegend für den Nord-Süd-Dialog, dass eine Begrenzung des Konsums und der realen menschlichen Bedürfnisse stattfindet.
Aber wer nimmt sich eine entschiedene Haltung gegen die kapitalistische Logik zu Herzen? Wer nimmt Stellung gegen ein System, das Menschen zum Glauben verführt, die menschlichen Bedürfnisse seien nur vom Markt zu befriedigen – und zwar mit seiner Fähigkeit, jede Unternehmung in eine käufliche Ware und damit alle menschlichen Bedürfnisse in Möglichkeiten des Profits und der Reichtumsanhäufung zu verwandeln?
(Aus dem brasilianischen Grundlagenpapier)