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Sammlung
„Skulptur des Monats“ November 2003
Der sogenannte „Diadumenos des Polyklet“
Original
Datierung: Späthellenistische Kopie nach einer Bronzestatue des Polyklet um 420 v. Chr.
Standort: Athen, Nationalmuseum
Fundort: Delos
Material: Griechischer Inselmarmor
Höhe: 195 cm (inklusive Plinthe)
Abguss
Inv.-Nr.: 20-1
Herkunft: Abgussformerei der Athenischen Archäologischen Stiftung
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Die leicht überlebensgrosse Jünglingsstatue geht auf eine Schöpfung des in Athen von ca. 450 bis 420 v. Chr. wirkenden Erzgiessers Polyklet zurück. Sie gehört zu jenen herausragenden griechischen Kunstwerken, die sich bereits in der Antike grösster Berühmtheit erfreuten und die dank zahlreichen römischen Marmorkopien gut überliefert sind, auch wenn die Originalwerke selbst verloren gegangen sind. Die hier gezeigte Replik stammt aus Delos und ist im Athener Nationalmuseum ausgestellt; sie gilt als die hinsichtlich ihrer stilistischen Qualität dem Original am nächsten stehende Kopie. Die nebenan zu sehende Kopie aus Vaison (Original im British Museum) ist zwar kompletter erhalten, in der plastischen Ausführung aber eher flau.
In beiden Kopien sehen wir einen nackten Jüngling, der mitten im Gehen innezuhalten scheint, um sich eine Binde (in der Antike die sportliche Auszeichnung für einen Wettkampfsieger) um den Kopf zu knüpfen.
Abbildung 1: Der „Diadumenos“ in der Skulpturhalle.
Auf der delischen Kopie erkennen wir neben dem rechten Bein einen Baumstamm, um den ein Mantel und ein Köcher gelegt sind. Letzterer ist als ein Hinweis auf den angesprochenen Wettkampf zu verstehen. Der Jüngling ist – wie alle polykletischen Werke – nach präzis aufeinander bestimmten Proportionierungen und nach chiastischem (d. h. gegengleichen) Bewegungsrhythmus aufgebaut. Das rechte Bein trägt die ganze Last des Körpers während das linke entlastet ist; dementsprechend neigt sich die Hüfte tief zum Spielbein hin, während die Schulterpartie diese Bewegung in Gegenrichtung ausgleicht. Dadurch umschreibt der Körper eine S-Linie, die – dank der tief eingefurchten Wirbelsäule – besonders gut am Rücken ablesbar ist. Der Kopf der Statue ist mit einer leichten Neigung nach rechts gewendet. Augen, Nase und Mund sind als Einzelformen klar umrissen, genauso wie einzelne Körperpartien am Rumpf, v. a. die Leistenfalte, die Brustmuskeln und der für Polyklet typische „Rippenbogen“.
Abbildung 2: Abguss der Diadumenos-Replik aus Vaison-la-Romaine (das römische Vasio), heute im British Museum (London).
Mit den Händen hält der Jüngling die Enden der um den Kopf geschlungenen, lose im Nacken geknüpften Binde. Die linke Hand scheint durch das Band zum Haupte hingezogen, während sich die rechte von ihm eher entfernt. Die angewinkelten Arme greifen so weit aus (der linke Unterarm ist stärker nach oben gehoben, der rechte mehr nach vorn geführt), dass sie fast ausgebreitet wirken. Das Spielbein wird zurück- und gleichzeitig in die Diagonale gestellt, wobei der Fuss nur ganz leicht den Boden berührt. Die Komposition entfaltet sich nicht nur in der prachtvollen Schauseite von vorn, sondern gewinnt auch in der Tiefe eine überraschende Räumlichkeit.
Das Handlungsmotiv des Jünglings, der sich mit seiner in scheinbar gedankenverlorener und „nonchalanter“ Manier die Binde um sein Haupt legt, führte schon in antiken Fachkreisen zu der griechischen Bezeichnung Diadumenos („Bindenanleger“) einer Art Kurzformel, die noch heute benützt wird, denn es ist nicht klar erwiesen, wen diese Statue eigentlich darstellte. Das Motiv der Binde weist auf einen Sieger hin: Aufgrund der überlebensgrösse kann aber kein sterblicher Athlet gemeint sein, sondern vielmehr ein Heros oder jugendlicher Gott. Früher wurde allgemein Apollon vorgeschlagen, da das jugendliche Alter und der Pfeilköcher an der Athener Kopie zu diesem Gott gut passen würden. Wahrscheinlicher ist aber die Deutung als Paris, weil die fast geziert erscheinende Lässigkeit, mit der sich der Heros seine Siegerbrinde umlegt, als Charakterzug des in der antiken Literatur tatsächlich etwas „dandyhaft“ auftretenden Paris, des Lieblings der Aphrodite und „Frauenhelden“, verstanden werden könnte. Paris war ebenfalls ein ausgezeichneter Bogenschütze; er war es, der dem „unbesiegbaren“ Griechenanführer Achill mit einem gezielten Schuss in seine schwache Stelle, die „Achillessehne“, ausschaltete.
Ausgeführt hat Polyklet seinen „Diadumenos“ in seiner Reifezeit um 420 v. Chr. Die im Vergleich zu seinen früheren Werken auffallende Bereicherung in Kontur (starkes Ausladen der Hüfte und Bewegung (weit ausgestreckte Arme) weist auf den „reichen Stil“ am Ende der griechischen Hochklassik hin. Die Kopie hingegen ist von einem spätgriechischen Kopisten gegen Ende des 2. Jhs. v. Chr. geschaffen worden.
Manuela Cimeli und Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Paul Zanker, Klassizistische Statuen (1974).
- John Boardman, Griechische Plastik. Die Klassische Zeit (1985) S. 261 Abb. 186.
- Detlev Kreikenbom, Bildwerke nach Polyklet. Kopienkritische Untersuchungen zu den männlichen statuarischen Typen nach polykletischen Vorbildern (1990) S. 109–140.
- Peter C. Bol, in: Polyklet. Der Bildhauer der griechischen Klassik (Ausstellungskatalog Frankfurt a.M. 1990) 206–212 Kat.Nr. 68–81.
- Ernst Berger, Brigitte Müller-Huber, Lukas Thommen, Der Entwurf des Künstlers. Bildhauerkanon in der Antike und der Neuzeit (Ausstellungskatalog Basel 1992) 118–123 Kat.Nr. 25, Beiheft Abb. 301–330.
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