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In Venezuela tobt der Machtkampf zwischen Staatschef Nicolás Maduro und dem oppositionellen Parlamentspräsidenten Juan Guaidó. Und dieser Machtkampf wird in den Strassen Caracas ausgetragen.
Mittendrin: Fotograf Ronald Pizzoferrato. Er dokumentiert das Leben in den ärmeren Vierteln der sogenannt «gefährlichsten Stadt der Welt» und versucht, die Ästhetik des Unschönen oder Unüblichen zu verewigen.
Ronald Pizzoferrato
Ronald Pizzoferrato wurde 1988 in Caracas geboren. Er hat sich der Dokumentation von Konflikten in seinem Heimatland Venezuela gewidmet und konzentriert sich auf humanitäre Krisen und soziale Fragen auf globaler Ebene. Seit 2013 lebt er in Bern, reist aber immer wieder in seine Heimat, um Fotoworkshops für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadtteilen in Caracas zu geben. Zurzeit befindet er sich in der venezolanischen Hauptstadt, wo er an einer Dokumentation über das Leben in einer der gefährlichsten Städte der Welt arbeitet.
SRF News: Sie sind täglich mit der Kamera in der venezolanischen Hauptstadt Caracas unterwegs. Was sehen Sie?
Ronald Pizzoferrato: Weil ich in Caracas geboren und aufgewachsen bin, sehe ich primär meine Heimat und meine Leute. Über die Jahre hinweg hat sich ein sozialer Konflikt entwickelt, der schon lange nicht nur eine ökonomische und politische Krise darstellt, sondern auch eine ideelle und mentale Misere.
Sie fotografieren und filmen ja nicht nur im Stadtzentrum, sondern vor allem in den ärmeren Quartieren. Gibt es Unterschiede, wie die Menschen auf die neuesten politischen Entwicklungen in ihrem Land reagieren?
Die Reaktion war sehr unterschiedlich. Es fanden in der ganzen Stadt Proteste und Ausschreitungen statt. Dies ist für Venezuela, insbesondere für Caracas, kein Novum. Besonders ist aber, dass zum ersten Mal auch in den sogenannten «Barrios» (Armenvierteln) Aufstände stattgefunden haben.
Während die Proteste im Stadtzentrum eher politisch motiviert sind, haben die Bewegungen in den ‹Barrios› soziale und humanitäre Gründe.
Während die Proteste im Stadtzentrum eher politisch motiviert sind, haben die Bewegungen in den «Barrios» soziale und humanitäre Gründe. In vielen ärmeren Quartieren fehlt der Zugang für die Grundbedürfnisse wie Wasser, Gas, Nahrung, medizinische Versorgung und Beschäftigung.
Ist die Gesellschaft gespalten?
Ja, aber unsere Gesellschaft war schon immer von einer gewissen Teilung geprägt. Venezuela ist kein homogenes Land. Das fängt schon bei den sozialen Schichten an: Der Unterschied zwischen dem ärmsten und dem reichsten Venezolaner ist immens.
Diese Diskrepanz hat sich in den letzten zehn Jahren verstärkt und ist sichtbarer geworden. Dazu kommt die politische Spaltung, man könnte von einer Zersplitterung sprechen.
Wie hat sich die Stimmung seit der Selbsternennung von Juan Guaidó zum Präsidenten geändert?
Die Stimmung ist deutlich angespannter. Die Mehrheit des Volkes steht längst nicht mehr hinter Maduros Regime und wünscht sich einen Wandel.
Die einzig zuverlässige Quelle sind die Strassen selbst.
Aufgrund der Desinformation durch die diversen Kommunikationskanäle herrscht nun eine deutlich spürbare Unsicherheit im Volk. Die einzig zuverlässige Quelle sind die Strassen selbst, man muss rausgehen um rauszufinden, was wirklich stimmt und was genau passiert.
Haben die Venezolaner, denen Sie begegnen, Hoffnung, dass sich mit Guaidós Schritt politisch etwas in ihrem Land bewegt?
Die Hoffnung liegt nicht per se in Guaidó als Person, er wird eher als «Transit» betrachtet und nicht als finale Lösung des politischen Problems.
Insofern sehen ihn die meisten Menschen als Hoffnungsträger für den ersten Schritt in ein besseres Leben. Denn die hier herrschenden Zustände sind für die Menschen nicht mehr tragbar.
Wird es Ihrer Meinung nach zu einer friedlichen Lösung kommen, oder gerät Venezuela mit der neuen politischen Entwicklung vom Regen in die Traufe?
Das ist sehr schwierig abzuschätzen. Das kommt stark darauf an, wie sich die einzelnen Protagonisten – nationale wie auch internationale – verhalten werden. Auch ökonomische Interessen sind da mit im Spiel. Insofern bleibt vorerst viel Hoffnung aber auch Unsicherheit.
Das Interview wurde schriftlich geführt.