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Die Fotografin Pia Zanetti erzählt, wie sie und ihr Mann während des Vietnamkriegs ein Waisenkind adoptierten. Und wie sie 26 Jahre später zusammen mit der Adoptivtochter nach Vietnam zurückging.
WOZ: Pia Zanetti, Ihr Sohn Luca ist auch Fotograf geworden. Freut Sie das?
Pia Zanetti: Ja, das finde ich schön. Einerseits ist er ein guter Fotograf und beschäftigt sich intensiv mit seinen Themen. Er ist sehr beeinflusst von Lateinamerika, und in seinen Bildern steckt eine Poesie. Ausserdem zeigt es mir: Es kommt eine nächste Generation. Ich kann meine Arbeit irgendwann dem Nächsten übergeben.
Und in welchen Ihrer eigenen Fotografien erkennen Sie sich selbst?
In Spiegelbildern (lacht). Sie sind ja auch Fotograf – können Sie sagen, in welchen Bildern Sie sich selber erkennen? All die Themen, die ich verfolgt habe, sind direkt verknüpft mit meiner Person. Die Demonstrationen in Rom oder die gegen den Vietnamkrieg. Menschen, die sich einsetzen für ihre Anliegen, das geht mir ganz nahe. Randfiguren und Mütter, auch das bin ich.
Aber Ihre persönlichste Arbeit entstand in Vietnam?
Stimmt, das ist die Geschichte über meine Adoptivtochter Nina, die hat mich am meisten durchgeschüttelt. Als sie 26 Jahre alt war, gingen wir zusammen zurück nach Vietnam. Viele fragen mich, welches meine wichtigste Arbeit war, und ich sage immer: Südafrika. Ich vergesse diese Vietnamgeschichte, weil sie direkt zu mir gehört, zu meinem Leben. Ich bin nicht einfach nach Vietnam gefahren und dann wieder weg. Nina ist hier, sie ist Teil meines Lebens, auch jetzt.
Wer hatte die Idee, nach Vietnam zu gehen?
Es war meine Idee. Nina ergriff nie die Initiative, nach Vietnam zurückzukehren. Aber als ich sie fragte, ob sie mitmachen würde, sagte sie Ja, also gingen wir zusammen. Ich bot die Geschichte dem «Magazin» an. Es war also auch ein Auftrag.
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie ein Kind adoptierten?
Mein Mann Gerardo war als Journalist in Vietnam, noch während des Kriegs, und kam an einem Waisenhaus vorbei. Dort gab es einen Saal mit Kindern, die am Boden lagen, und einen Saal mit kranken und behinderten Leuten, die man an ihre Betten gebunden hatte. Als er zurückkam, erzählte er davon. So kam uns der Gedanke, ein solches Kind könnte bei uns aufwachsen. Wir hatten ein grosses Haus und schon zwei Kinder.
Eine Adoption war aber wohl auch damals nicht ganz einfach?
Ich musste mir das genau überlegen. Kann ich das? Was ist, wenn es ein Kind ist, das ich nicht mag? Die Fragen trug ich zwei Monate mit mir herum, und dann entschieden wir uns gemeinsam für eine Adoption. Gerardo ging nochmals nach Vietnam für die Arbeit und fragte im Waisenhaus, ob diese Kinder überhaupt zur Adoption freigegeben würden. Dann zeigten sie ihm einen Saal und sagten, er solle auswählen. Aber wie kann man ein Kind auswählen? Er sagte dann einfach beim ersten Kind, das bei der Türe lag: «Dieses Kind.» Und das war Nina. Es dauerte dann noch etwas, wegen der Papiere. Doch wir hatten Glück. Weil Gerardo Leute kannte, ging es recht schnell.
Wie haben Sie sich noch einmal in die Rolle als Mutter versetzt?
Auch das ging ganz schnell. Das Kindlein wog nur 6,5 Kilo, mit eineinhalb Jahren, da ist ein Mensch voll auf dich angewiesen. Du bist besorgt und schaust, dass es dem Menschen gut geht. Es war auch ein Vorteil, in einem kleinen Dorf im Tessin zu wohnen. Am Anfang gabs zwar ein Tohuwabohu, aber bald hatten sich alle an das neue Gesicht gewöhnt. Ich dachte auch immer, ich müsse zulassen, dass es vielleicht auch andere Gefühle gibt. Aber die Liebe – ein grosses Wort! –, die Liebe hat funktioniert.
Ist Ihnen die Vietnamgeschichte fotografisch gelungen?
Es ist schon eine Frage: Kann ich eine Geschichte, die mir so viel bedeutet, fotografisch vermitteln? Aber ich glaube, es ist mir gelungen. Es gab auch ein grosses Echo. Man spürt, dass es zu hundert Prozent meine Geschichte ist. Es stecken viele Emotionen drin. Ein Aussenstehender könnte diese Nähe vermutlich nicht erreichen – oder einfach anders.
Ein Waisenhaus ist ein extrem aufgeladenes Sujet …
Es war ja dann kein Waisenhaus mehr, so viele Jahre nach Kriegsende, sondern ein Heim für behinderte Kinder. Trotzdem ein trauriger Ort.
Was die Arbeit so stark macht, ist der visuelle Unterschied zum Elendsmarketing gewisser NGOs zum Beispiel.
Ja, das ist etwas, wogegen ich mich immer eingesetzt habe. Ich mache keine Fotos von Kindern mit Schnudernase und Fliegen in den Augen. Das ist nicht meine Absicht. Diese Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, haben einen extremen Stolz. Von denen können wir viel lernen. Mit so wenig Besitz, aber so viel Willen, Stärke und Bewusstsein durchs Leben zu gehen. Diesen Aspekt wollte ich zeigen. Nicht das Elend.
«Ich mache ja keine Kunst, bei der jedes Strichlein stimmen muss», sagt Pia Zanetti (77) und spricht im letzten Teil über Veränderungen und Inspirationen in der Fotografie.