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Lass es sein!

Bring deinem Hund bei, andere Tiere in Ruhe zu lassen
Ich bin von Beruf Wildbiologe. In jungen Jahren studierte ich Wildgänse in der Arktis. Meine damaligen Hunde - ein Cardigan Corgi und ein Norwegischer Elchhund - liessen Vögel und fremde Säugetiere meistens in Ruhe. In unserem Forschungslager in der Arktis nisteten Schneehühner unter den Spannleinen der Zelte. Wenn ein Hund zu nahe kam, zischte die Henne, und der Hund machte einen respektvollen Bogen um sie. Inmitten des Lagers waren auch Erdhörnchen. Die ersten zwei Jahre grub der Elchhund dauernd an den Erdgängen. Aber später beobachtete ich, ausser Sichtweite des Hundes, wie ein Erdhörnchen knappe zwei Meter vor seiner Nase Futter aus seinem Napf stahl. Seine Augen waren offen und die Ohren gespitzt, aber er behielt die Schnauze auf den Pfoten. Wenn jedoch ein Mensch in Sicht war, meinte er anscheinend, es sei seine Aufgabe, das Erdhörnchen in den nächsten Gang zu jagen.
Der Corgi gehörte meiner Frau. Sie war Botanikerin und eines Tages verbrachte sie mehr als eine Stunde in der Tundra, wo sie auf Händen und Knien neue Sämlinge zählte. Der Corgi schlief neben ihr in der Sonne. Als sie einmal aufschaute, entdeckte sie weniger als 50 m entfernt einen grossen Rentierbullen. Rentiere sind sehr neugierig; er näherte sich gegen den Wind, um herauszufinden, was das für ein merkwürdiges Geschöpf war. Kaye sagte leise "Dai, schau!" Der Hund schoss mit wütendem Gebell auf das Rentier los, aber das Rentier rührte sich nicht und so bremste der Corgi, pinkelte an einen Busch, wandte sich im rechten Winkel ab, um an einen anderen Busch zu pinkeln, und kehrte zu Kaye zurück. Der Rentierbulle trottete davon, seine Neugier war gestillt.
Ich fing mit dem "Lass es sein"-Training schon sehr früh an. Mein erster Cardigan ging mit wilden Vögeln und kleinen Säugetieren sehr sorgsam um, so lange sein Elchhund-Partner nicht in der Nähe war. In seinen jungen Jahren war der Elchhund ein richtiger Killer und es schien, dass der Corgi es ihm gleichtun wollte. Eines Tages versuchte ich, einen wilden Gänserich einzufangen, der während der Mauser seine Schwungfedern verloren hatte und einen "fremden" Ring am Bein trug. Der Elchhund raste an mir vorbei und überrannte den Vogel trotz meines Gebrülls "NEIN!!" Aber anstatt den Gänserich zu töten, hob er ihn auf und brachte ihn zurück. Ich lobte ihn überschwänglich und man konnte fast hören, wie er sagte: "Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sie lebend haben willst? Ich kann das!" Und während der folgenden sechs Jahre apportierte er die Vögel sehr sorgfältig. Ich weiss immer noch nicht, wie er es kapiert hat. Der Corgi hingegen liess die Gänse grundsätzlich in Ruhe. Die schnappen nämlich in die Nase!!
Ich nahm jeweils beide Hund mit in die Tierabteilung unserer Universität, nahm ein Kaninchen aus einem Käfig, liess sie daran riechen, und wenn ich fühlte, dass sie unter Kontrolle waren, setzte ich das Kaninchen auf den Boden und sagte den Hunden, dass sie es nicht anfassen durften. Ich trainierte aber jeden Hund einzeln. Ich will, dass meine Hunde, wenn wir zu Besuch sind, gleich welches Haustier in Ruhe lassen. So konnte ich mit meiner Lisbeth meinen Chef zu Hause besuchen und sie ignorierte das Hauskaninchen. Es kam aber gar nicht zu einer Konfrontation, denn das Kaninchen nahm Reissaus, sobald es den Hund sah. Ich nahm meinen alten Sam mit zu einem Katzenzüchter und liess ihn in dessen Küche Platz machen. Während anderthalb Stunden rührte er sich nicht und fixierte eine Stelle an einer kahlen Wand. Seine Einstellung war "Katze? Katzen? Ich sehe keine Katzen! Wenn ich keine Katzen sehe, dann muss ich mich auch nicht mit Katzen befassen. Ehrenwort, ich sehe keine verd... Katzen!" Als er noch ein Welpe war, hatten wir Katzen zu Hause. Sie waren seine Freunde und als ich ein Kätzchen kaufte, behandelte er es ebenfalls mit Respekt. Die Züchterin war überzeugt, dass ihr Kätzchen entweder einen frühen Tod erleiden oder innerhalb einer Woche einen Nervenzusammenbruch haben würde. Ich schickte ihr ein Bild, das zwei Wochen später aufgenommen wurde und eine meiner Hündinnen vor ihrer Box zeigte. Ihre 6 Wochen alten Welpen lagen schlafend überall auf ihr und, zusammen gerollt auf ihren Pfoten, unter ihrer beschützenden Schnauze und wachsamem Blick, lag ein äusserst selbstzufriedenes Abessinier Kätzchen!
Eine andere Seite des "Lass es sein"-Trainings ist ebenfalls sehr wichtig. Ich will, dass jeder Hund was auch immer er im Maul hat, abgibt, wenn ich es von ihm verlange. In meiner Universitätszeit geschah es mehr als einmal, dass die Hunde einen grossen Kartonbecher voller Brathähnchenknochen (Kentucky Fried Chicken) fanden, den ein Student aus einem Auto auf den Parkplatz geworfen hatte. Ein anderes Mal, nachdem das Apportieren fest im Kopf des Elchhunds verankert war, kam er eines Tages zu mir mit etwas im Maul. Ich hielt ihm meine Hand hin und er überreichte mir ein tagealtes Schneehuhnküken. Es war nass von seinem Speichel, aber unverletzt.
Auf unserem Schafpaddock hielten wir auch Hühner. Die Hunde konnten sie durch den Zaun sehen, hatten aber keinen Zugang. Die Corgis zeigten kein Interesse, aber jedes Huhn, das dumm genug war, auszubrechen, kriegte es mit einem der Deutsch Drahthaar zu tun. Genau genommen fielen die Hühner dem Uhu zum Opfer.
Hunde können auf diese Weise individuell trainiert werden und werden sich benehmen, wie du es wünschst, so lange du sie überwachst. Auf zwei oder mehr Hunde kannst du dich jedoch nicht verlassen, besonders wenn du ihnen den Rücken kehrst. Sie feuern sich gegenseitig an oder wollen ihren Kumpeln imponieren. Auf der anderen Seite kam eine meiner ehemaligen Zuchthündinnen zu einem pensionierten Ehepaar, das Prämienziegen und Prämienhühner züchtet. Sie berichten, dass die Hündin die Hühner die ersten zwei Tage begutachtete und jetzt hütet.
Diese Art von Training kann sich auch negativ auswirken. Als der Kanadische Cardigan Corgi Club seinen ersten Hüteinstinkttest durchführte, meldete ich sechs Hunde an. Von total 25 gemeldeten Hunden fielen 7 durch, darunter meine sechs! Welpen, die mit Bravour bestanden, kamen von Eltern, die versagten. Ein klassischer Fall war mein Cardigan Selkirk. Er war in der Arena während mehrerer Minuten, ohne dass er die Schafe zu bemerken schien. Der Testleiter rief mir zu, ich solle mich auf die andere Seite der Schafe begeben und Selkirk rufen. Vielleicht würde er die Schafe bemerken, wenn sie im Weg standen. Nun, Selkirk kam als ich ihn rief, indem er sich durch eine Gruppe von 5 Schafen schlängelte und vor sich hin murmelte "Schafe, Schafe, ich sehe keine Schafe. Mein Boss verlangt, dass ich fremde Tiere in Ruhe lasse. Bin ich nicht ein braver Junge, Boss?"
Bei einem anderen Hüteinstinkttest meldete eine meiner Freunde zwei Kurzhaar Collies an. Der erste sah kein einziges Schaf innerhalb der vorgegebenen 10 Minuten. Der zweite hatte in den ersten 7 Minuten kein einziges Schaf bemerkt. Also rief ich Laura zu, sie solle die Schafe selbst treiben. Die Hündin beobachtete sie und reagierte darauf wie wenn sie sagen würde "Ach so, du findest es in Ordnung, sie zu treiben? Na dann lass mich dir zeigen, wie es gemacht wird". Und während den verbleibenden 3 Minuten zeigte sie grosses Talent für Hütearbeit.
Ich bin aber auch überzeugt, dass man nicht jeden Cardigan dazu bringen kann, Hühner, Kaninchen oder Hamster in Ruhe zu lassen. Aber die meisten können lernen, sich anständig aufzuführen.
Charlie MacInnes, Finnshavn Cardigans, Kanada
2006