Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03217.jsonl.gz/746

Winterthurer Brauereien, das Brauereiwesen
„Von den 57 Brauereien im Kanton Zürich können nicht mehr wie acht überleben“, schrieb 1922 Fritz Schoellhorn, der Chef der Brauerei Haldengut. Er hat damals weder wissen noch ahnen können, dass Ende des 20. Jhdt. seine Brauerei vom holländischen Multi übernommen wird und im Jahre 2001 beschlossen wird, die Haldengut-Brauerei zu schliessen und die Produktion nach Chur zu verlegen. Am 8. Mai 2002 wurde im Haldengut das letze Mal gebraut.
In der Stadt Winterthur gab es seit 1800 sechs Brauereien. Sie sind im folgenden in der Reihenfolge ihrer Gründung vorgestellt.
Brauerei zum Mohrenkopf
Sie war die erste Brauerei im Kanton Zürich und war im Haus "zum Mohrenkopf" an der Ecke Obergasse/Holdergasse untergebracht. Der Gründer war Hans Konrad Ziegler, Bäcker und Wirt "zur Sanduhr" an der Metzgasse 16 zusammen mit seinem Schwager Salomon Sulzer. Obwohl Ziegler der grösste Bierverkäufer war, konnte er seinen Betrieb nicht über Wasser halten. 1803 zog er nach Zürich, wo er an der Oberstrasse eine Brauerei einrichtete. Im "Mohrenkopf", vom Namen her besser passend, ist nun eine Bäckerei eingezogen.
Brauerei "Zur roten Farb" 1828-1841
Gabriel Schulthess, Küfer von Zürich, erwarb 1826 das Haus "zur roten Farb". Auf der hinteren Seite gegen Süden grenzte die Liegenschaft an den Stadtgraben (heute Technikumstrasse 14, Druckerei Sailer) und die vordere Seite lag an der Steinberggasse 1. Schulthess war zugleich Weinschenk. So war die Brauerei und der Bierverkauf nur ein Nebengeschäft und dürfte wohl keine allzu grosse Bedeutung erlangt haben. 1841 verkauft er die Brauerei an Jakob Siegrist, der das Brauen später einstellte. Das Haus "zur roten Farb" war bis 1943 eine Wirtschaft und musste 1961 der Erweiterung des Durchgangs von der Obergasse zur Technikumstrasse weichen.
Brauerei Furrer 1834-1846
Diese Braustätte befand sich im hinteren Teil der Liegenschaft Untertor 20. Heute steht dort das Haus "zur Gloria" an der Stadthausstrasse 135. Gründer und Inhaber war Jakob Ulrich Furrer, Küfer und Bierbrauer. Er kaufte das Grundstück von den Erben des Färbers Kaspar Sulzer. Die Brauerei litt ab 1843 stark unter der Konkurrenz des "Haldengut". Ab 1846 wandte sich der Besitzer wieder ausschliesslich der Küferei zu.
Brauerei "Haldengut" ab 1843
Die Brauerei mit dem längsten Schnauf wurde 1843 als "Brauerei Haldenberg" inmitten von Weinbergen am Lindberg durch die Erben Elias Ernst gegründet. Wegen finanzieller Schwierigkeiten beteiligte sich ab 1875 der aus dem Württembergischen stammende Getreide- und Malzhändler Johann Georg Schoellhorn am Unternehmen. Es hiess fortan Ernst & Schoellhorn. Durch verschiedene Beteiligungen an diversen anderen Brauereien kam es 1888 zur Gründung der AG Vereinigter Schweizer Brauereien. Fritz Schoellhorn, Sohn von J.G. Schoellhorn, wurde Direktor dieser AG und 1895 Delegierter des Verwaltungsrates. Seit 1904 hiess das Unternehmen "Aktiengesellschaft Brauerei Haldengut". 1911/12 stiess Haldengut 116'627 hl Bier aus und wurde damit viertgrösste Brauerei der Schweiz. Nach dem Tode von Dr. h.c. Fritz Schoellhorn 1933 übernahmen seine Söhne Georg und Kurt Schoellhorn die Geschäftsleitung und 1965 rückte Jürg Schoellhorn, Sohn des Georg an die Spitze des Unternehmens. Der Werbespruch "Ende gut - alles gut" ist legendär. Er wurde 1968 lanciert. 1989 erfolgte die Zusammenarbeit mit Calanda Bräu Chur und ein Jahr später wurde die Tochtergesellschaft "Calanda Haldengut" gegründet. Die Selbstständigkeit war 1993 definitiv zu Ende. Der holländische Brauereikonzern Heineken übernahm den ganzen Betrieb. Einige Jahre später wurde das Bierbrauen in Winterthur aufgegeben. Es blieb noch das Führungs- und Logistikzentrum bestehen. Das Areal oberhalb der Rychenbergstrasse wurde verkauft. Es entsteht eine neue Gewerbe- und Wohnüberbauung.
Brauerei "Volksgarten" 1879-1902
Gegen die mächtige örtliche Konkurrenz "Haldengut" und "Schöntal" hatte es die "Volksgarten" schwer. 1902 übernahm "Feldschlösschen" das Unternehmen und stellte den Brauereibetrieb ein. Die Wirtschaft "Zum Feldschlösschen", an der Wülflingerstrasse 2, direkt rechts nach der Bahnunterführung vom Hauptbahnhof her, blieb noch bis Mitte 1982 erhalten.
Brauerei "zum Schöntal" 1880-1907
1879 verkauft Gottlieb Ernst-Reinhart sein Wohnhaus "zum Grüntal" samt Grund und Boden an Karl Irion aus Aldingen (Württb.) derzeit wohnhaft in St. Gallen für 100000 Franken zum Zwecke eine Brauerei zu bauen. Im Herbst 1880 war die Brauerei zum Grüntal fertig und nahm ihren Betrieb auf. Nach mehreren Besitzerwechsel hiess sie ab 1889 "zum Schöntal" und 1891 "Actienbrauerei Schönthal". Zu ihr gehörte auch der Gasthof "zum Kreuz" an der inneren Schaffhauserstrasse (später Merkurstrasse). 1904/05 verhandelte die Brauerei Haldengut mit der in finanziellen Nöten liegender Brauerei über eine Fusion, die aber nicht zu Stande kam. 1906 kaufte die Aktienbrauerei Zürich (seit 1925 "Löwenbräu Zürich") das Schöntal mit allem was dazu gehörte. Dar Brauereibetrieb wurde eingestellt. Später erwarb der Konsumverein Winterthur das Areal. Es wurde fortan als Bierdepot, Verwaltungs- und Lagerräumen des Konsumvereins genutzt. Das am Schluss zum Nachtlokal gewordene Restaurant Schöntal blieb ebenfalls bis 1978 in Betrieb. Seit 1980 steht auf dem Schöntalareal, das auch als Bauplatz für das neue Stadttheater im Gespräch war, das Einkaufszentrum City am Stadtgarten.
Quelle
Publikation „Das Brauereiwesen in Winterthur und Umgebung“ von Dr. Peter Hauser
Neuzeit
Nachdem die Brauerei Haldengut in Winterthur das Brauen im Jahre 2002 einstellte, entstanden folgende Kleinbrauereien: Stadtguet, Euelbräu, Fahrtwind und Doppelleu. Details via „Verwandte Einträge“ in eigenen Glossar-Artikeln.