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Dr. L. Schnyder: Alcool et Alpinisme
Die Reise ging Ende Juli 1732 von Bern aus und führte über Thun und Unterseen nach Lauterbrunnen, auf dem Talweg — vom Bergweg über die Wengernalp wußte Haller nichts — nach Grindelwald, über die Große Scheidegg nach Meiringen und über die Grimsel ins Wallis. Es war also, abgesehen von einem Abstecher von der Grimsel zur Kristallgrube am Zinkenstock, der gewöhnliche Oberland „ Kehr ", wie er ein halbes Jahrhundert später Mode wurde.
Der Reisebericht ist französisch geschrieben; nach der plausibeln Ansicht des Herausgebers ist er ein bloßer Entwurf, unmittelbar nach der Rückkehr zur Fixierung der Erinnerung zusammengestellt, aber nie ausgearbeitet. Der Dichter der „ Alpen ", die ja in demselben Jahre, 1732, erschienen sind, ist darin nirgends zu spüren; der Stil ist merkwürdig trocken; mehr zur Geltung kommt der Naturforscher, aber leider fehlt im Manuskript der Mazarine das Verzeichnis der unterwegs gesammelten Pflanzen, das am Schlüsse des Berichtes als Beilage genannt wird. Es wird aber wohl in Hallers „ Historia Stirpium indigenarum " von 1768 Verwendung gefunden haben.
Dieser anspruchslosen Reiseschilderung hat der Herausgeber eine interessante biographisch-literarische Einleitung und viele erläuternde und vergleichende Anmerkungen beigegeben. Es sind der letzteren, so lesenswert sie sind, nur zu viele. Man darf eine Umrißzeichnung nicht durch einen schweren, breiten Rahmen erdrücken: Die Herausgabe eines bis dahin ungedruckten Reiseberichtes von diesem Verfasser und aus der Zeit ist an sich ein so verdienstliches Werk, daß es nicht vielen Bei-werks bedarf, um einer guten Aufnahme sicher zu sein.A. W.
Dr. L. Scljnyder: Alcool et alpinisme. Résultats d' une enquête faite parmi les alpinistes. Genève 1907.
In einer in den „ Archives de psychologie ", tome VI, erschienenen Monographie von 43 Seiten ergreift ein in Bern wohnender Arzt Stellung zu einer Frage, welche seit einiger Zeit die Gemüter auch im Alpenclub wie in anderen Volks- und Gesellschaftskreisen lebhaft beschäftigt, die Frage nämlich, ob man den als Nahrungs- und Genußmittel wegen seiner relativen Schädlichkeit immer mehr angefeindeten Alkohol auch aus dem Alpensport, wo ihm früher ein gewisses Wohlwollen, bei manchen sogar eine starke Zuneigung entgegengebracht wurde, verbannen solle oder nicht. Dr. Schnyder gründet nun seine Antwort nicht nur auf die schon von andern vor ihm angestellten Experimente über den Einfluß des Alkohols auf die Ernährung, Muskelarbeit und -ermüdung und dgl. während des Bergsteigens, sondern ganz besonders auf die Antworten, welche ihm eine große Anzahl der hervorragendsten Alpinisten aus aller Herren Länder über ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete mitgeteilt haben. Diese Antworten lauten im großen und ganzen zu ungunsten des Alkohols. Als Helfer bei der Betreibung dieses Sportes wird der Alkohol nur noch von wenigen und von diesen nur unter gewissen Kautelen und Klauseln geschätzt, von sehr vielen ganz verworfen. Kurz, er hat nur noch laue Freunde, dafür aber viele hitzige Gegner. Ob diese Bewegung außer in der zuzugebenden Schädlichkeit des Alkoholgenusses bei unzureichender Ernährung oder starker geistiger Anspannung noch andere berechtigte Gründe und wirksame Ursachen hat, kann hier unerörtert bleiben. In einer Diskussion über dieses Thema vor der Sektion Bern S.A.C., welche durch einen Vortrag von Dr. Schnyder eingeleitet wurde, wurde unter dem Beifall des eben Genannten hervorgehoben, daß zu der Wendung, welche die Alkokolfrage im Alpenclub genommen habe, psychologische Momente und Suggestionen eine große Rolle spielten, und daß die jüngere radikale Generation sich auch in dieser Frage von den moderierten und gewissermassen toleranteren Anschauungen der Pioniere, die in Dr. Schnyders enquête durch Clinton Dent und Sir William Conway gut vertreten sind, getrennt habe. Die Broschüre Dr. Schnyders verdient eine weite Verbreitung; ich erlaube mir daher hier, in abgekürzter Form, seine Schlußfolgerungen zu Nutz und Frommen der Bergsteiger wiederzugeben: 1. Der Gebrauch alkoholischer Getränke soll am Vorabend und vor Beginn einer Besteigung vermieden werden. 2. Gleichfalls während der Besteigung, und solange dauernde Anstrengungen gemacht und wiederholte Schwierigkeiten überwunden werden müssen. 3. Der Alkohol kann momentan zur Überwindung der letzten Schwierigkeit, wenn die normalen Kräfte nicht mehr langen, als „ coup de collier " gute Dienste leisten. 4. Ebenso als Würze oder Medikament bei den durch Erschöpfung, kleinere Unfälle, Höhenluft und dgl. hervorgerufenen Magen-verstimmungen. 5. Beim Abstieg und am Ende einer Tour kann der ( mäßige ) Alkoholgenuß den Schlußmarsch über ungefährliches Terrain erleichtern. 6. Im Biwack und bei längerem Aufenthalt in unwirtlichen Höhen leistet der Alkohol gute Dienste. Zu bedenken ist immerhin, daß er die Körpertemperatur herabsetzt. 7. Zur Durstlöschung ist der Alkohol, besonders in konzentrierter Form, nicht geeignet. 8. Nach einer ( anstrengenden ) Tour verringert der Alkohol das Müdigkeitsgefühl und erhöht die Behaglichkeit. Da von vielen Alkoholgegnern unter den Bergsteigern an dessen Stelle Tee, Kaffee oder Kola empfohlen wird, kommt Dr. Schnyder auch auf diese zu sprechen. Mit seinen Bemerkungen über ihren im ganzen empfehlenswerten Gebrauch bei Bergtouren bin ich nach meinen Erfahrungen einverstanden. Zu begrüßen ist, daß man vom Genuß von Kokapräparaten ganz abgekommen ist. Sie waren eine Zeitlang im Schwung und haben viel Unheil angerichtet. Nomina sunt odiosa, aber ich kenne Fälle, wo man so den Teufel durch Beelze-bub ausgetrieben hat; mit welchem Erfolg, läßt sich denken.
Redaktion.