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Wenn man über den hohen Gebirgspaß Bernina nach Puschlav wandert, so gelangt man am südlichen Bergabhang nicht weit oberhalb Pischiadello an eine Stelle, wo in alter Zeit, keine Chronik gibt davon Kunde, ein Dörfchen namens Zarera stand. Man nennt den Ort die Rufe. Von Gebäuden ist keine Spur mehr zu finden. Die Einwohner von Zarera waren, so erzählt die Sage, böse, gottlose Leute, welche sich von den Säumern und anderen Reisenden, die mit ihren Pferden dort durchzogen und einkehrten, auf unredliche Weise bereicherten. Da sah man einst zur Nachtzeit eine Jungfrau auf einem Schimmel um das Dorf herumreiten und hörte, wie sie laut die Einwohner von Zarera warnte und ihnen zurief, Buße zu tun. Die Zareraer aber blieben bei ihrer verderbten Gesinnungsart und da erging über sie ein großes Strafgericht. Es sammelten sich dichte, schwarze Wolken am Himmel, der Blitz zuckte, der Donner rollte, der Regen fiel in Strömen. Die Bergbäche schwollen an und rissen die gewaltigsten Baumstämme und Felsblöcke mit sich fort. Es war eine schauerliche Nacht, da jedermann sich bekreuzigte, und als der Morgen graute, war Zarera nicht mehr. Alle Einwohner haben den Tod in den Fluten und unter den Trümmern gefunden. Einzig eine alte Mutter und ihre Tochter blieben verschont. Sie machten eine Ausnahme von den übrigen, waren gottesfürchtig und freuten sich, wenn sie ihren Nächsten und den Reisenden dienen konnten. Ein Windstoß trieb sie fort bis außer den Bereich der angeschwollenen Rufe und sie blieben am Leben.
(Mündlich aus Chur)
Textquelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858