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Ausgehend von Darwins Artenbuch von 1859 (meist zitiert in der 7. Auflage von 1872) werden auch dessen andere Arbeiten gewürdigt: Über die Rankenfußkrebse, die Physiologie der Pflanzen, die Emotionen bei Mensch und Tier oder zur Bodenbiologie (Darwin war derjenige, der dem Regenwurm zur verdienten Anerkennung in Bezug auf dessen Funktion für die Aufbereitung des Bodens verhalf). Dies unterscheidet Darwin auch von Alfred Russel Wallace, dessen Leistungen nicht die Bandbreite Darwins erreichten und der zudem seine Reputation durch den Hang zum Spiritismus in seinen späteren Lebensjahren teilweise verspielte. Nach Darwin und Wallace war es der erwähnte C. S. Merezhkowsky, der durch seine Theorie der Symbiogenese (die ursprünglich gegen den Darwinismus gerichtet war und den Zellaufbau mit Mitochondrien bzw. Chloroplasten erklärte) einen ganz entscheidenden Schritt für das Verständnis des Lebens leistete (sein Leben entbehrte nicht einer gewissen Tragik, nach revolutionärer Jugend wandelte er sich zum Nationalisten und Antisemiten, der dann aufgrund seiner Neigung zu jungen Mädchen die Universität von Kasan verlassen musste und im Schweizer Exil verarmt durch Selbstmord starb – eine Vorlage für Hollywood). Weiters von großer Bedeutung für die Anerkennung der Evolutionstheorie waren chemische bzw. geologische Untersuchungen, die von einem Weltalter auszugehen berechtigten, dass evolutionäre Entwicklungen nun auch in einem zeitlich sinnvollen Rahmen betrachten ließ.
Das alles wird mit viel Fachwissen und Talent für die Darstellung komplexer Sachverhalte präsentiert. Immer wieder wendet sich Kutschera auch gegen die unterschiedlichen kreationistischen Versuche, die Evolutionstheorie in Misskredit zu bringen und nach Möglichkeit einen Schöpfer zu installieren (angenehm dabei: Hier gibt es keine Zugeständnisse an die ach so verletzliche Seele der Religiösen). Allerdings hat mich gewundert, wieviel Seiten diesen doch sehr fruchtlosen Auseinandersetzungen gewidmet wurden: Kutschera scheint schon länger in einen solchen Kleinkrieg verwickelt zu sein. Ich frage mich, ob man diesen Leuten nicht zu viel der Ehre antut, wenn man sich so ausführlich mit ihnen beschäftigt, andererseits greift bei uns – wenn auch nicht so stark wie in den USA – ebenfalls der Obskurantismus um sich, in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Dabei wird (wurde) Kutschera offenbar immer wieder Dogmatismus vorgeworfen, ein Vorwurf, der nach der Lektüre dieses Buches nicht die geringste Berechtigung besitzt (wurde doch der wissenschaftlich-kritische Prozess der Entwicklung der Evolutionstheorie detailliert beschrieben) und die prinzipielle Fallibilität wissenschaftlicher Arbeit betont. Aber wie schon erwähnt: Man erweist den Schöpfungsgläubigen zu viel der Ehre, wenn man auf deren “Einwände” (die diese Bezeichnung gar nicht verdienen, weil sie durch ein supernaturalistisches Verfahren den Erkenntnisprozess beenden) allzu ausführlich antwortet. – Ein überaus empfehlenswertes, klug geschriebenes Buch, das auch für den mit der Evolutionstheorie Vertrauten neue und interessante Einblicke bietet.
Ulrich Kutschera: Tatsache Evolution. München: DTV 2009. (ebook)