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Eine neue Studie zeigt, dass die Ergebnislisten von Suchmaschinen das Wahlverhalten beeinflussen können. Google kann unsere Präferenzen steuern und manipulieren.
Der US-Wahlkampf läuft auf Hochtouren. Hillary Clinton und Jeb Bush haben ihre Hüte in den Ring geworden, Donald Trump punktet in Umfragen mit einer rechten Raubeinrhetorik. Wer im November 2016 zum nächsten Präsidenten der USA gewählt wird, könnte nicht nur vom Ausgang der TV-Debatten abhängen, sondern massgeblich von Suchmaschinen.
Robert Epstein, Psychologe am American Institute for Behavioral Research and Technology, behauptet: Google kann die Präferenzen unentschlossener Wähler um 20 Prozent verändern. Für seine Studie hat der Psychologieprofessor mit seinem Kollegen Ronald E. Robertson Erkenntnisse aus mehreren Experimenten zusammengefasst.
In einem ersten Experiment luden die Wissenschaftler 102 US-Amerikaner – nach Alter, Geschlecht und Überzeugung gut durchmischt – in ein Labor. Die Versuchsteilnehmer sollten die Spitzenkandidaten der australischen Parlamentswahl 2010, Tony Abbott und Julia Gillard, bewerten. Die Wahl ging äusserst knapp aus und wurde als Fallbeispiel gewählt, weil sie eine gewisse räumliche und zeitliche Distanz und Unvoreingenommenheit gestattete.
Die falschen Ergebnisse
Zunächst wurden die Probanden befragt, welchen der Kandidaten sie sympathischer fänden beziehungsweise wen sie eher wählen würden. Das Ergebnis war relativ ausgewogen. Dann sollten die Teilnehmer 15 Minuten lang über die Kandidaten im Netz recherchieren. Dazu liessen die Wissenschaftler aber nicht die richtige Google-Suchmaschine auf den Rechnern laufen, sondern einen manipulierte Dummy, der verzerrte Ergebnisse ausspuckte.
Die eine Gruppe bekam überproportional viele positive Suchtreffer zum konservativen Kandidaten Abbott, die andere Pro-Gillard-Treffer. Die dritte Gruppe sah neutrale Ergebnisse. Nach der Recherche wurden die Probanden erneut befragt, welchen der Kandidaten sie besser fänden beziehungsweise wen sie wählen würden. Das Ergebnis zeigte eine statistisch signifikante Veränderung zugunsten des von den Suchtreffern gepushten Kandidaten.
Fast 50 Prozent mehr Zustimmung
Wer Pro-Gillard-Ergebnisse angezeigt bekam, dessen Zustimmungswerte lagen am Ende um 48 Prozent höher als zuvor. Der Effekt sei deutlich stärker als der bekannte Fox-News-Effekt, wonach Zuschauer des konservativen Fernsehkanals «Fox News» tendenziell ausgeprägtere konservative Einstellungen haben. Daraus folgerten Epstein und Robertson, dass die Suchmaschineneinträge nicht nur die Wahlpräferenz beeinflussen, sondern Wähler gleichsam manipulieren können. Die Forscher sprechen von der «vote manipulation power».
Das Problem an dem Versuch war, dass er im Labor, also nicht unter realen Bedingungen stattfand. Im Labor verhalten sich Probanden anders als am Wahltag an der Urne. Deshalb wiederholten die Wissenschaftler das Experiment bei der indischen Parlamentswahl 2014, der mit 800 Millionen Wahlberechtigten grössten demokratischen Abstimmung der Geschichte. Diesmal waren die Probanden wirklich in die Abstimmung involviert.
Epstein und Robertson liessen 2150 zufällig ausgewählte, englischsprachige und noch unentschlossene Wähler eine Webrecherche durchführen. Obwohl die Probanden täglich mit der Kampagne konfrontiert waren und grösstenteils eine gefestigte Meinung zu einem der drei Spitzenkandidaten Gandhi, Kejrwal und Modi hatten, konnten die verzerrten Suchtreffer die Präferenzen um bis zu 20 Prozent verändern. «Bedenkt man, wie mächtig dieser Effekt ist, ist es möglich, dass Google den Gewinner der indischen Parlamentswahl entschieden hat», schreibt Epstein in einem Beitrag für das Magazin «Politico». Der «Freilandversuch» bestätigte damit, dass Google Wahlen mitentscheiden kann. Ein Konzern als Königsmacher.
«Signifikante Gefahr für das demokratische System»
Wenn Eric Schmidt, der ehemalige Google-Chef und neue CEO der Holding Alphabet, einen missliebigen Präsidentschaftsbewerber ausbooten will, könnte er kurzerhand die Algorithmen ändern lassen und so das Wahlverhalten mit beeinflussen. Demokratietheoretisch ist das höchst bedenklich. Vor dem Hintergrund der stets knappen Wahlergebnisse in Swing States – bei der Wahl 2000 zwischen Al Gore und George W. Bush machten 537 Stimmen in Florida den Unterschied – könnte Google das Zünglein an der Waage sein.
Epstein und Robertson warnen daher in ihrer Untersuchung, dass «unregulierte wahlbezogene Suchrankings eine signifikante Gefahr für das demokratische System einer Regierung darstellen können». Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Suchmaschinen müssen staatlich reguliert werden.
Das Problem ist, dass man diesen Manipulationseffekt kaum entlarven kann. Googles Algorithmen sind ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis, man weiss nur, dass sie 600 Mal im Jahr verändert werden. Wahlbeobachter könnten zwar in einem aufwendigen Verfahren die Rankings überprüfen. Doch selbst wenn eine statistische Analyse belegen würde, dass die Ranglisten gebiased, also verzerrt sind, könnte sich Google immer noch auf die Dynamik der Algorithmen und dahinter stehenden Marktmechanismen berufen – und damit exkulpieren.
Am häufigsten gegoogelt wird Trump
Der Konzern verschanzt sich hinter der Schutzbehauptung, die Suchergebnisse spiegeln lediglich die Suchanfragen wieder. Solange die Algorithmen nicht transparent sind, kann man Google schwer das Gegenteil beweisen. Das Neue an der Politik, die einige schon als «Biopolitik» bezeichnen, ist, dass Macht opak, unsichtbar wird. Man muss nicht mehr stapelweise Wahlzettel in die Urne werfen, um Wahlen zu manipulieren, es genügen ein paar Modifikationen des Algorithmus. Mit einem kleinen Schubs können Wähler in die «richtige» Richtung gelenkt werden. Nudging nennt sich dieser Ansatz aus der Verhaltensökonomie.
— GoogleTrends (@GoogleTrends) 4. August 2015
Laut Google Trend war der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump zwischenzeitig in 47 von 50 US-Bundestaaten der am häufigsten gesuchte Kandidat. Ob ihn das in höhere Regionen der Suchrankings hievte, ist unklar. Glaubt man den Ergebnissen der Studie, beeinflussen Suchmaschinenergebnisse die Wahlentscheidung der Bürger. Googles Algorithmen könnten mitentscheiden, wer als nächster Präsident ins Weisse Haus einzieht.
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Die Studie von Robert Epstein, Ronald E. Robertson (2015): The search engine manipulation effect (SEME) and its possible impact on the outcomes of elections