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Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
II. WIRTSCHAFTS-, HANDELS- UND WÄHRUNGSPOLITIK
1. Bilaterale Verhandlungen
1.3. Die Verhandlungen mit Italien
1.3.1. Die Handelsverträge
Darin: Text der Meistbegünstigungskonvention. Annex vom 1.3.1888
Printed in
▼▶Repository
|Archive||Swiss Federal Archives, Bern|
▼
▶Archival classification
|CH-BAR#E13#1000/38#276*|
|Old classification||CH-BAR E 13(-)1000/38 63|
|Dossier title||Verlängerung des Handelsvertrages vom 22.03.1883 durch Erklärung vom 29.12.1887 [AS, 10, 438]; Korrespondenz des Handels- und Landwirtschaftsdepartements; Briefe der Schweizer Gesandtschaft in Rom an den Bundespräsidenten, später an den Bundesrat; Einführung des neuen italienischen Generalzolltarifs Ende 1887; Tarifänderungen infolge Ablaufens des Handelsvertrages Februar/März 1888; Anträge des HLD an den Bundesrat; Notizen; Bundesratsbeschlüsse (1887–1888)|
Gestern Abend 9° habe ich Ihnen telegrafirt, der Text des chiffrirten Telegramms ist in meinem Brief vom 28ten enthalten.2
Um 10° erhielt ich dann Ihr in Bern um 4,45 aufgegebenes Telegramm3, das troz der von Ihnen verlangten Urgenz doch über 5 Stunden Zeit brauchte. Es lautet (chiffrirt):
Possédons télégramme 274 vous donnons instructions suivantes. Primo: si un accord avec France stipule statu quo pour machines et tissus coton vous concluerez un provisoire de trois mois au plus aux conditions offertes par Crispi le 215 tout en demandant ancien droit pour tessuti, tulli e mussole ricamati a catinella mais en acceptant une taxe unique de quatre cent cinquante francs pour tessuti ricamati a punto passato. Nouvelle classification ricamati inacceptable. Secondo: si un accord avec France stipule augmentations considérables pour machines et tissus coton unis vous concluerez un provisoire aux mêmes conditions mais en réservant les droits suisses pour Wermouth et en refusant d’omettre les parquets et les élastiques du Tarif A6
. Tertio: si négociations avec France sont rompues vous accepterez conditions offertes par Crispi seulement si statu quo machines et tissus coton unis est concédé à nous et en stipulant les conditions ci-dessus pour broderies. Quarto: si Crispi refuse vous déclarerez que dès le 1 Mars nous traiterons l’Italie sur pied nation la plus favorisée sauf réciprocité. Droz.
Um den Irrthum zu vermeiden, dass mein um 9° aufgegebenes Telegramm, eine Antwort auf vorstehendes sei, telegrafirte ich Ihnen nachdem wir lezteres dechiffrirt hatten, um Mitternacht7:
Votre télégramme s’est croisé avec le mien.
Da mir Bedenken aufgestiegen waren ob man uns die Meistbegünstigung zugestehe, schrieb ich in der Frühe heute an Crispi ein Billet in welchem ich sagte, dass wir, um die guten Beziehungen möglichst wenig zu stören, wie diess ja in beidseitigem Wunsche liege, vorschlagen die Behandlung auf dem Fusse der meistbegünstigten Nation vom l.März an zu vereinbaren. Er liess mich dann sofort ersuchen in den Palazzo Braschi zu kommen, wo der Ministerrath unter seinem Präsidium versammelt war. Als ich ihn dort traf sagte er mir, er wolle um dem Bundesrath zu beweisen, wie der Gang unserer Verhandlungen den Sympathien für die Schweiz keinen Abbruch thue, diese Bedingung annehmen & sofort diessbezügliche Aufträge an alle Zollstätten ertheilen. Nachmittags kamen dann Ellena & Castorina im Auftrag des Hr Crispi mit dem Entwurf des Protocolls zu mir, den ich genehmigte & der nun ausgefertigt wird.
In Bezug auf Frankreich sagte Crispi, dort sei der Fall ein ganz anderer als bei der Schweiz & man werde den masslosen Forderungen damit antworten, dass man den Generaltarif für den französischen Import sehr bedeutend erhöhe. Mit uns werde er stets gerne unterhandeln & zweifle nicht daran, dass wir, in nicht ferner Zeit, einen Vertrag abschliessen können. Bei der uns vorgeschlagenen Basis, müsse aber von uns ausdrücklich auf die Cotons & Maschinen verzichtet werden, denn nur in diesem Falle sei eine Prorogation zulässig. Ich sagte, dass wir auf diese «voci» nicht verzichten können; indessen erwarte ich noch Ihre telegrafische Antwort auf seinen Vorschlag den ich Ihnen gestern telegrafirt habe & werde diese Antwort ihm heute Abend eröffnen.
Die neben dem Generaltarif für die französische Einfuhr vorgesehene Erhöhung beträgt auf den wichtigsten Artikeln 50%, während dem der Schweiz gegenüber der G[eneral Tarif nicht erhöht wird. Ich war so eben auf dem Handelsministerium um das détail der wichtigsten Erhöhungen zu erhalten & man versprach mir dieselben noch heute mitzutheilen, so dass ich sie wahrscheinlich am Fusse des Briefes & vorher noch telegrafisch Ihnen berichten kann.
Um 5 Uhr erhielt ich Ihr Telegramm8 das am Schluss lautet:
déclarez formellement que nous traiterons l’Italie comme nation la plus favorisée sauf réciprocité et télégrafiez réponse formelle du Président conseil.
Ich glaubte nun, da Crispi eine Unterzeichnung eines Protocols9 verlangte, nicht zu fehlen wenn ich dieselbe vollzog & telegrafirte Ihnen überdiess um Vollmacht10, weil Crispi obschon ich ihm erklärt hatte dass ich zur Unterzeichnung berechtigt sei, diese Formalität verlangte, inzwischen aber sich zur Unterzeichnung bereit erklärte, nachdem ich ihm versprochen die Vollmacht beizubringen.
Ich bedauere unendlich wenn ich damit gefehlt habe, Schuld daran ist zum Theil die Langsamkeit des Telegrafs. Wenn Sie meine Unterschrift désavouiren bin ich in einer sehr fatalen Lage gegenüber dem Ministerium! Materiell bleibt sich die Sache j a gleich.
Ich habe das Bewusstsein mein Möglichstes in guten Treuen gethan zu haben & es ist mir höchst peinlich, dass der Schluss der Verhandlungen nun ein so unerwünschter ist!10