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Lucia Grüter steht im Strandbad in Biel und schaut auf den See hinaus. Dort, wo in dem Moment ein Segelschiff und ein Kursschiff kreuzen, in der Mitte des Bielersees, sieht Grüter riesiges Potenzial für die Schweizer Stromversorgung. «Fünf Prozent der Oberfläche der zehn grössten Schweizer Seen genügten, um 15 Terawattstunden Strom zu produzieren.»
15 Terawattstunden – das entspricht einem Viertel des gesamten Schweizer Stromverbrauchs in einem Jahr oder drei Vierteln der Energieproduktion der Schweizer Atomkraftwerke. Grüter ist Projektleiterin beim Beratungsunternehmen «Energie Zukunft Schweiz». Ihr Projekt verstehe sie als Diskussionsbeitrag. Die Schweiz müsse jetzt alle Optionen prüfen, um die einheimische Stromproduktion zu steigern.
Erfunden hat Grüter die Idee nicht. In Thailand, aber auch in Frankreich, Portugal oder in den Niederlanden existieren bereits schwimmende Solarkraftwerke, auf Seen oder auf dem Meer. Und auch in der Schweiz gibt es ein erstes Pilotprojekt. Auf dem Walliser Stausee Lac des Toules produziert «Romande Energie» seit Ende 2019 Strom für 220 Haushalte.
Diese Pilotanlage hat eine Fläche von gut 2000 Quadratmetern. Das, was «Energie Zukunft Schweiz» heute vorschlägt, hat eine ganz andere Dimension. Die schwimmenden Solarmodule würden eine Wasserfläche von 85 Quadratkilometern bedecken und befänden sich auf natürlichen Seen.
«Unsere Seen sind Landschaftsperlen»
Die Gewässerschutz-Organisation «Aqua Viva» betrachtet die Projektidee kritisch. «Auf künstlichen Stauseen stört mich das nicht, aber unsere natürlichen Seen sind Landschaftsperlen. Die zu verbauen, ist ein No-Go», sagt «Aqua Viva»-Präsidentin Martina Munz. Bevor Grossanlagen auf unbebauten Flächen wie Seen geplant würden, müssten bebaute Areale wie Parkplätze, Autobahnen und Fassaden konsequent für die Stromproduktion genutzt werden.
Ich glaube, wir sollten uns grossflächige Fotovoltaik-Anlagen auf offenen Feldern überlegen.
Anthony Patt, ETH-Professor für Klimapolitik, weist zwar darauf hin, die bisherigen Erfahrungen im Ausland mit schwimmenden Solarkraftwerken seien gut. Trotzdem sind für den Professor für Klimapolitik Grossprojekte auf Seen nicht erste Wahl. «Ich glaube, wir sollten uns grossflächige Fotovoltaik-Anlagen auf offenen Feldern und im Alpenraum überlegen.» Es gebe genug Felder, die landschaftlich weniger wertvoll seien als ein See. Und Anlagen in den Bergen produzieren viel Strom im Winter.
Grossanlagen sind attraktiv
Tatsächlich sind in den letzten Monaten gleich zwei grössere Fotovoltaik-Projekte im Walliser Alpenraum lanciert worden, in Grengiols und oberhalb von Gondo. Unabhängig vom Standort, ist für Anthony Patt klar, dass die Schweiz kaum darum herumkommt, Grossanlagen zu bauen. «Es geht zu langsam vorwärts in der Schweiz. Und Grossanlagen wären attraktiv für grosse Investoren und sie produzieren günstigeren Strom.»
Für Lucia Grüter von «Energie Zukunft Schweiz» ist wichtig, dass jetzt über alle Möglichkeiten diskutiert wird. Und sie betont, diese könnten durchaus auch mithelfen, die Winterstromlücke zu schliessen. «Wir würden auf den Seen im Winterhalbjahr zwar nur etwa 30 Prozent des Stroms produzieren. Aber bei einer grossen Menge an installiertem Strom sind eben auch 30 Prozent von grosser Bedeutung.»