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Ägypten ist reich an Wüstenflächen. Der Nil zieht ein grünes Band durch das Land. Hier ist das eigentliche Landwirtschaftsland. Nur 3 Prozent der Staatsfläche kann mit kleinem Aufwand genutzt werden. Nach dem Bau des Assuan-Staudamms in den sechziger Jahren überflutete der Fluss das Land nicht mehr und die natürliche Düngung mit dem nährstoffreichen Nilschlamm fiel aus. Die Bauern waren dadurch zunehmend auf den Einsatz von künstlichen Düngemitteln angewiesen. Diese wiederum wirkten sich belastend auf die Böden ebenso wie auf die Wasserqualität des Nils aus. Gutes Ackerland ging verloren. Ausserhalb des Flussbereichs ist Ackerbau und Viehzucht ohnehin auf künstliche Bewässerungssysteme angewiesen.
Ägyptens Landwirtschaft war geprägt von massivem Dünger- und Pestizideinsatz. Überbevölkerung, Verarmung und Bildungsnotstand waren drängende Probleme. Ibrahim Abouleish - ein in Österreich lebender ägyptischer Chemiker und Unternehmer - sah nicht weg. Während eines Ägypten-Besuchs 1977 fasste er einen folgenreichen Entschluss. Er kehrte noch im selben Jahr in seine Heimat zurück und gründete auf 70 Hektaren Wüste etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo die Entwicklungsinitiative SEKEM. Heute ist die Ackerfläche auf 500 Hektaren angewachsen und entspricht etwa der Fläche des Baldeggersees. SEKEM gehört heute zu den grössten Bioproduzenten für organische Produkte und pflanzliche Heilmittel und forciert den landesweiten Einsatz biologisch-dynamischer Anbaumethoden, insbesondere im Baumwollanbau. Gerade für dieses Produkt werden weltweit Unmengen von Pestiziden (auch aus der Luft) eingesetzt. Durch die Pionierarbeit von Abouleish wird jetzt in Ägypten vermehrt Bio-Baumwolle angebaut. Die Ausbringung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln per Flugzeug wurde ganz verboten.
Biodynamische Landwirtschaft steht für die Integration von Umwelt und Menschenwelt: nachhaltig fruchtbare Böden, wesensgemäße Tierhaltung und Pflege des Tierwohls – aber auch gesunde Produkte und neue Ideen für ein ganzheitliches, menschengemäßes Wirtschaften, das Abfall minimiert und natürliche Kreisläufe nutzt."
Helmy Abouleish, Geschäftsführer der SEKEM Firmengruppe
SEKEM beschäftigt heute knapp 2000 Menschen. Rund 250 Kleinbauern beliefern SEKEM mit biologisch angebauten Produkten. Bis heute haben ca. 55 % der ägyptischen Bauern auf biologisch-dynamischen Landbau umgestellt. Der wichtigste europäische Absatzmarkt ist Deutschland, vor allem für Heilkräuter. Die Schweiz bezieht hauptsächlich Bio-Baumwolle aus Ägypten. Es wird auch bereits nach den USA exportiert.
Diese Erfolgsgeschichte hebt sich wohltuend von den vielen Problemen in Afrika und in den Entwicklungsländern im Allgemeinen ab. Die Regierungen von Sudan, Senegal, Kenia, Äthiopien – um nur einige zu nennen – verkaufen ihr Agrarland an ausländische Investoren. Diese betreiben in der Folge agroindustrielle Landwirtschaft in grossem Stil. Einheimische Kleinbauern verlieren ihre Lebensgrundlage, oft ohne Vorwarnung. Arbeitsplätze werden ihnen ebenfalls nicht angeboten, da die Fachkräfte oft mitgebracht werden. Die Einheimischen verlieren Land und Arbeit. Die Flucht in die Slums der Grossstädte ist ihre einzige Option, um überleben zu können; ein soziales Disaster.
Die SEKEM in Ägypten hingegen setzt sich neben der Landwirtschaft auch für Bildung, Forschung und medizinische Versorgung im Land ein. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.