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Mitteläthiopien, die Wiege der Menschheit, ist eine gewaltige, weite Hochebene, durchzogen von zahlreichen Schluchten und Tälern. Dazwischen ragen dreitausend Meter hohe, kupferfarbene Berge empor. In dieser Landschaft, die sich zur Mittagszeit in einen Glutofen verwandelt, leben Menschen wie Etainu Maru. Ihr fehlten die Worte, um die Situation zu beschreiben, sagt sie. «Die Wasserlöcher sind trocken, die Ernte ist ausgefallen.»
Sie könne nichts anpflanzen, die Preise für Wasser und Getreide würden täglich steigen. «Das Vieh ist mager und am Verhungern, aber weil das Vieh überall am Verhungern ist, kann man es auch nicht verkaufen. Unsere Welt hat sich in eine Wüste verwandelt.» Sie habe ihr Geld als Bierbrauerin verdient, aber ohne Wasser gebe es auch kein Bier.
Seit acht Monaten kein Regen
Im Bergdorf Auaai spielen Kinder am Boden mit rostigen Deckeln von Fanta-Flaschen. Zwei Frauen streiten sich um einen Kanister Wasser, und auf einem Ziegenfell sitzt ein grauhaariger, runzliger Mann. Er ist der Dorfälteste. Er trägt eine fleckige, braune Kutte, gelbe Badesandalen und vor dem weissen Besucher schämt er sich. Er sei früher Offizier in der äthiopischen Armee gewesen. «Heute bin ich ein dreckiger alter Mann, der übel riecht. Ich weiss, dass es auf der Welt Menschen gibt, die jeden Tag duschen können, aber ich kann mich seit acht Monaten nicht mehr waschen.»
Seit acht Monaten hat es hier nicht mehr geregnet. Vor zwei Monaten hat er seinen Spiegel weggeworfen, weil er seinen Anblick nicht mehr erträgt. Pro Dorfbewohner gibt es noch einen Liter Wasser pro Tag. Eine braune Brühe, die auf Fliegen anziehender wirkt als auf Menschen. Alle warten auf die nächste Regenzeit, die in drei bis vier Monaten kommen sollte.
«Wenn die auch ausfallen sollte, gibt es zwei Möglichkeiten: Wir verlassen diese Gegend und wandern an einen Ort auf der Welt, wo es regnet, oder wir müssen sterben», sagt der Dorfälteste. Eine dritte Möglichkeit sei, dass die Strasse, welche die Regierung bauen wolle, bis dann fertig sei und man das Dorf mit Wasser versorge.
Die lange Suche nach Wasser
Auf der Suche nach mehr Wasser brechen die Männer von Auaai, das auf 2200 Metern Höhe liegt, frühmorgens mit den Kühen und Eseln ins Tal auf. Sechs Stunden müssen sie marschieren, bis sie die Flussläufe erreicht haben. Die Flussbetten in den tiefen Schluchten sind ausgetrocknete Steinwüsten.
Stumme Männer graben Löcher und stossen in zwei bis drei Metern Tiefe auf Restmengen von Wasser. Dieses wird becherweise ans Tageslicht gereicht und in Kanister abgefüllt. Den Felswänden entlang stehen magere Kühe, Ziegen, Esel und Kinder. Sie warten geduldig, bis sie an der Reihe sind, um einige Becher Wasser trinken zu dürfen, bevor sie mit einem Pfiff weitergetrieben werden.
Am Mittag bekommt jedes Kind ein Bonbon. Dies ist das einzige, was ich den Kindern geben kann.
Oberhalb der Schlucht, mitten im steinigen Nichts, steht eine einsame Lehmhütte mit Blechdach. Das lokale Schulhaus. Hier unterrichtet Lehrer Solomon Zegete in einem dunklen Raum vor einer zerbrochenen Wandtafel normalerweise 90 Kinder. Doch seit dem Ausbruch der Dürre kommen durchschnittlich nur noch dreissig Kinder zur Schule. Weil die Eltern den ganzen Tag auf der Suche nach Wasser seien, müssten die Kinder das Vieh und die jüngeren Geschwister hüten.
Viele müssten nachts, wenn es kühl ist, mithelfen nach Wasser zu graben. «Aus Mangel an Wasser und Nahrung sind viele zu erschöpft, um noch die Schule zu besuchen. Ein normaler Unterricht ist schon lange nicht mehr möglich» sagt der Lehrer. Einige Schulen könnten den Kindern eine Mahlzeit abgeben, doch in dieser abgelegenen Gegend gebe es kein solches Programm. «Ich habe einen Sack Bonbons. In der Mittagspause bekommt jedes Kind ein Bonbon. Dies und ein aufmunterndes Lachen ist das einzige, was ich den Kindern geben kann.»
Esel-Karawanen bringen Wasser
Zufälligerweise treffen wir den lokalen Administrator der Regierung im Nachbardorf. Er packt gerade persönlich mit an, um ein kaputtes Dieselaggregat zu reparieren. «Unsere Hauptprobleme sind akuter Mangel an Wasser, Futter für die Tiere und Nahrung für die Menschen», sagt er. Man versuche, Wasser mit Tankfahrzeugen oder Lasttieren in die Dörfer zu bringen.
«Allein in meinem Bezirk sind 525'000 Menschen auf Hilfe angewiesen. Rund drei Viertel von ihnen können wir mit Lastwagen und Eseln erreichen.» Die Regierung tue ihr Bestes. Tatsächlich sieht man überall Karawanen von Eseln, die mit Getreidesäcken beladen, Dörfer versorgen. Zehn Millionen Menschen – ein Zehntel der Bevölkerung – muss zurzeit in Äthiopien mit Nahrung und Wasser unterstützt werden.
Bald überhaupt kein Wasser mehr
Im fernen Addis Abeba bittet der Präsident die Welt öffentlich um Hilfe. Ein bemerkenswerter Schritt, denn der aufstrebenden Wirtschaftsnation ist die Dürre peinlich. Das Land ist von Bob Geldof und dessen Künstlerkollegen immer noch traumatisiert. Sie hatten die stolzen Äthiopier vor 30 Jahren während der Dürrekatastrophe auf der Weltbühne als skelettartige Wesen vorgeführt.
Momentan ist in Äthiopien vermutlich aber noch niemand verhungert, doch die Zeit drängt. Einige tausend Menschen mussten ihre Dörfer bereits verlassen. Sie sind Klimaflüchtlinge auf der Suche nach neuem Lebensraum. Der Dorfälteste von Auaai aber, der sein Spiegelbild nicht mehr erträgt, wird bleiben: «Wir haben hier keine Zukunft mehr, aber ich bin zu alt um aufzubrechen. Hier sind meine Vorväter begraben und ich werde auch hier sterben.»
Wenn Sie einen Schluck von diesem Wasser trinken würden, wären Sie morgen tot.
Wenn er noch jung wäre, würde er an einen Ort gehen, wo es Wasser, Nahrung und vielleicht sogar Strom gibt. Doch er wolle nicht klagen, sondern Gott danken. Dieser habe seinen Leuten eine robuste Gesundheit geschenkt. «Wir können von wenig Wasser leben, und das wenige, das wir noch haben, ist braun, schmutzig und riecht nach Ziegen-Urin. Wenn Sie einen Schluck davon trinken würden, wären Sie morgen tot. Doch uns kann es nichts mehr anhaben.»
Die Bewohner auf diesem Berg in Äthiopien haben eine Robustheit, um die sie der weisse Besucher beneidet. Aber auch sie sind Menschen. Ihre Überlebensfähigkeit kommt an Grenzen, wenn die Wiege der Menschheit zu Staub wird.