Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03167.jsonl.gz/2020

Siedlungskammer Kilikien
Die Dissertationsarbeit zeichnet die Entwicklungen der Kulturlandschaft des Ebenen Kilikien im Südosten der Türkei vom Chalkolithikum bis in die byzantinische Zeit nach. Das Ebene Kilikien ist eine weite, fruchtbare Ebene, die von Gebirgen im Westen, Norden und Osten und vom Mittelmeer im Süden umrandet ist. Durch seine Lage an der Schnittstelle zwischen Anatolien und der Levante war Kilikien seit eh und je auch ein Durchgangsland. Wenige Pässe erschliessen das Gebiet, ein wichtiger Zugang bildet die Kilikische Pforte, ein Grabenbruch zwischen den Bergketten Bolkar und Aladağlar. Das Ebene Kilikien wird durch Ausläufer des Taurus-Gebirges und die Misis-Berge in zwei Siedlungskammern eingeteilt: die östliche 30 – 80 m ü. M. gelegene Yukarıova (Hochebene) und die westlich daran anschliessende Çukurova (Tiefebene), die nur 10 – 30 m ü. M. ansteigt.
Im Ebenen Kilikien gibt es mehrere Zentralorte, die zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Funktionen innehatten und somit einem Bedeutungswandel unterlagen. Eine Auswertung der Siedlungsverteilung unter Zuhilfenahme statistischer Analysen hat gezeigt, dass sich die Siedlungsschwerpunkte in den vergangenen Jahrtausenden kaum verändert haben. Die Siedlungsräume haben sich innerhalb der auch noch heute herrschenden Siedlungsschwerpunkte verdichtet.
Die Sedimentation, insbesondere nach Hochwasserereignissen, ist für die Entwicklung der ganzen Ebene von Bedeutung. Das Kartieren von verlandeten Flussmäandern mit Hilfe von historischen und modernen Satellitenbilddaten in der kombinierten Auswertung von Siedlungsverteilungskarten hat aufgezeigt, dass sich die Flussläufe in der Kulturlandschaft während der vergangenen fünf Jahrtausende stark verändert haben. Geomorphologische Strukturen geben gar Hinweise auf den Verlauf von antiken Kanälen. Dies liefert eine Erklärung für die 1997 beim Pflügen entdeckte Çineköy-Statue aus Kalkstein mit einer massiven Basis aus Basalt, die fernab von bekannten Siedlungen liegt. Sehr wahrscheinlich wurde die Statue an einem Kanal aufgestellt.
Die geographisch klar begrenzte Region des Ebenen Kilikien wird in der Forschung sowohl als «terre de frontière» (Trémouille et al. 1999), wie auch als «Brückenland» (Meyer et al. 2004) bezeichnet. Dieser Kontrast verdeutlicht eine Gegebenheit, der sich ebenfalls im Naturraum widerspiegelt: Die weite Ebene der Çukurova und der Yukarıova, die dank ihrer Fruchtbarkeit auch von Autoren der Antike (Strabon) oder Reisenden des 19. Jahrhunderts (Davis) mit dem Niltal verglichen wird, schliesst an das aufgrund der kargen Böden wenig fruchtbare und in viele Geländerücken zerfurchte Hügelland an, das zu den Gebirgszügen des Taurus und Amanus führt. Die hohe Bodenfruchtbarkeit geht mit einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung einher. Heute werden sowohl die Çukurova als auch die Yukarıova vollumfänglich landwirtschaftlich genutzt, eine Entwicklung, die erst im letzten Jahrhundert in diesem Umfang angestossen wurde. Noch im 19. Jh. war die Yukarıova – stellte diese doch das Rückzugsgebiet der nomadischen Bevölkerung während der Wintermonate dar – weniger intensiv bewirtschaftet als die benachbarte Çukurova. Auch wenn das einzig Beständige einer Kulturlandschaft ihr konstanter Wandel ist, so ist die fortwährende Zerstörung des Kulturgutes ein Alarmzeichen. Diese Arbeit konnte durch einen Survey basierend auf Fernerkundungsdaten (Corona, TanDEM-X) aufzeigen, dass heute gegen 20% der Siedlungshügel und der Flachsiedlungen zerstört und 75% teilweise erheblich in Mitleidenschaft gezogen sind.