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Es war eine der grössten Sensationen der Box-Geschichte, als Andy Ruiz vor drei Monaten den ungeschlagenen Anthony Joshua entthronte und zum Schwergewichts-Weltmeister wurde. Nun hat er zum Rückkampf eingeschlagen. Zu einem Fight, der ein Politikum ist.
Im ruhmreichen Madison Square Garden in New York tritt der Brite Anthony Joshua am 1. Juni an, um seine Schwergewichtstitel der Verbände WBA, IBF, WBO und IBO zu verteidigen. Sein Gegner ist Andy Ruiz, ein Kalifornier, Sohn mexikanischer Einwanderer.
Während Joshua ein Modellathlet ist, könnte der Herausforderer in einem Film problemlos den gnadenlosen Schläger einer Drogenbande mimen. Ruiz ist zehn Zentimeter kleiner als Joshua, bringt dafür zehn Kilogramm mehr auf die Waage. Doch seine Kampfbilanz von 32:1 sollte für Joshua (22:0) eine Warnung sein: Diesen «kleinen fetten Jungen» (Ruiz über sich selber) darf er nicht unterschätzen.
Der Fight ist spektakulär, beide Kämpfer gehen in seinem Verlauf zu Boden. Ruiz muss harte Treffer einstecken, aber er zeigt grosse Nehmerqualitäten und es wirkt wie bei der Hydra in der griechischen Mythologie: Jedes Mal, wenn Ruiz getroffen wird, kontert er mit doppelt so vielen harten Schlägen.
Als Ruiz seinen Gegner in der siebten Runde wiederholt auf die Bretter schickt, bricht der Ringrichter ab. Ruiz gewinnt durch technischen K. o., er fügt Joshua dessen erste Niederlage zu und nimmt ihm seine Gürtel ab. Experten sprechen von einer der grössten Sensationen in der Geschichte des Boxens, vergleichbar mit Mike Tysons Untergang gegen Buster Douglas 1990.
Vorgesehen für Joshuas Titelverteidigung war Jarrell Miller. Doch der wurde wegen verpasster Dopingtests gesperrt, weshalb Ruiz die Chance seines Lebens bekam und sie nutzte.
Der 29-jährige «Destroyer» hatte bloss fünf Wochen Zeit, um sich auf den Kampf vorzubereiten. Und er war nicht in der Position, um die Vertragsbedingungen zu diktieren. Vereinbart wurde ein Rückkampf, bei dem Joshuas Lager Ort und Termin festlegen durfte.
Geplant war, dass die grosse Revanche in Anthony Joshuas Heimat Grossbritannien – im Millennium Stadium in Cardiff – oder erneut im Madison Square Garden in New York über die Bühne geht. Doch dann bekam Joshuas Promoter Eddie Hearn ein Angebot, das er fast nicht ausschlagen konnte: 100 Millionen Dollar gibt Saudi-Arabien aus, um den WM-Fight ins Land zu holen. Während Titelverteidiger Ruiz zehn Millionen erhalten soll, würde der entthronte Joshua rund 50 Millionen kassieren – und sein Promoter Hearn ebenfalls 40 Millionen.
«Wir haben die Verpflichtung, den Sport in neue Regionen zu bringen. Dieses Event könnte das Boxen für immer verändern», rechtfertigte Hearn die Entscheidung, in Diriyya vor den Toren der saudischen Hauptstadt Riad zu kämpfen. «Wir wollten an einen Ort, wo man an den Boxsport glaubt und es eine Vision gibt.»
Aussagen, die Hearn niemand abkauft. Vielmehr wird Saudi-Arabiens Herrschern vorgeworfen, sich durch den begehrtesten Boxkampf der Welt ein besseres Image verschaffen zu wollen. Die Menschenrechts-Organisation Amnesty International schreibt, im Land werde die Todesstrafe weiterhin breit angewendet, selbst gegen Menschen, die zum Zeitpunkt einer Straftat noch minderjährig waren. Die Rechte der Frauen würden unterdrückt, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gebe es nicht.
Anthony Ruiz zierte sich lange, wollte nicht in Saudi-Arabien antreten. Doch gemäss übereinstimmenden Berichten in US-Medien hat sich sein Stall nun entschieden, im Nahen Osten zu boxen. So dürfte es am 7. Dezember zum «Clash on the Dunes» kommen, zum Duell in den Dünen. Nicht auszuschliessen, dass das Zögern nicht wegen Sicherheitsbedenken war, sondern um eine bessere Börse auszuhandeln.
In der Bild sprach Bernd Bönte, früherer Manager der Klitschko-Brüder, Klartext: «Dieses Mega-Event ist für das saudische Unrechtsregime eine reine PR-Nummer. Deshalb ist es eine Schande, diesen WM-Kampf dort zu veranstalten.» Und Beinahe-Weltmeister Axel Schulz legte nach: «Man muss für Geld nicht überall kämpfen. Dieser Kampf gehört nicht nach Saudi-Arabien.» Die Boulevard-Zeitung titelte deshalb von der «Box-WM der Schande».
Es wäre in der Geschichte des Sports längst nicht das erste Mal, dass ein Grossanlass an einem umstrittenen Ort ausgetragen wird. Muhammad Ali und George Foreman kämpften im «Rumble in the Jungle» im afrikanischen Zaire, wo ihn Diktator Mobutu finanzierte. Ein Jahr darauf boxte Ali im «Thrilla in Manila» gegen Joe Frazier, vom philippinischen Präsidenten Marcos als Werbung für sein Land organisiert. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman liess sich vielleicht vom verhassten Nachbarn Katar inspirieren: Der richtet bekanntlich seit einiger Zeit sportliche Mega-Events aus, Höhepunkt wird Ende 2022 die Fussball-WM sein.