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Weitere Informationen
Die Kapelle Regina Mundi, 1958 von den Marianisten gebaut, wird heute als Lesesaal der Universität Freiburg genutzt. Der Umnutzung gingen jahrelange Diskussionen voraus. Die liturgische Ausstattung, die hohe Qualität aufweist, wurde im Raum belassen und hinter Vorhängen versteckt.
Das Seminar Regina Mundi
Das Priesterseminar Regina Mundi gehörte den Marianisten, einer 1817 gegründeten Gemeinschaft, die seit 1839 in Freiburg wirkte. Zwischenzeitlich aus der Schweiz vertrieben, kehrte die Gemeinschaft 1903 zurück und bezog Räumlichkeiten südöstlich des Bahnhofs, zwischen der Rue Botzet und dem Boulevard de Pérolles. Während Jahrzehnten studierten an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg rund 150 Seminaristen der Société de Marie. 1989 verlegte die Gemeinschaft ihr Ausbildungszentrum nach Rom. Zum Gebäudekomplex gehören drei Pavillons sowie die Kapelle. Letztere sowie der Pavillon Simler wurden im Jahr 1958 eingeweiht. 1990 erwarb der Kanton Freiburg den Komplex und stellte ihn der Universität zur Verfügung. Zur Zeit befinden sich in Regina Mundi die Departemente für Psychologie und Erziehungswissenschaften, das Institut für Familienforschung und -beratung, ein Beratungs- und Therapiezentrum sowie die Charlotte Olivier-Stiftung. Neben Seminarsälen und Büros gibt es im Gebäudekomplex Sporträume, Informatiksäle und eine Mensa.
Der ursprüngliche Zustand der Kapelle
Der Architekt der 1957/58 gebauten Kapelle ist Marcel Colliard. Der rechteckige Innenraum mit flachem Tonnengewölbe besteht aus einem grossen, von 14 Fenstern erhellten Chor und einem kleinen Schiff mit Empore. Grosse Bedeutung kommt der künstlerischen Ausstattung sowie dem ikonographischen Programm zu. An der südwestlichen Aussenwand der Kapelle, zum Boulevard Pérolles hin, ist ein vom Freiburger Künstler Antoine Claraz geschaffenes Wandbild aus Steinplatten angebracht. In fünf Metern Höhe zeigt es die gekrönte Jungfrau Maria. Die 14 grossen Glasfenster der Kapelle wurden von Emile Aebischer, genannt Yoki, gestaltet. Unter jedem Fenster befindet sich eine Kreuzwegtafel. An der Chorwand hängt eine sechs Meter hohe Kreuzigungsszene. Der auf fünf Stufen stehende Hauptaltar aus Saint-Triphon-Marmor, der über zwölf Tonnen wiegt, stammt aus der Werkstatt von Antoine Claraz. In die Vor- und Rückseite sind Motive gehauen, welche die sieben Sakramente darstellen. An beiden Längsseiten des Kirchenschiffs, unterhalb der grossen Glasfenster befand sich ein hölzernes Chorgestühl.
Umnutzung der Kapelle
Anlässlich des Verkaufs von Regina Mundi gab es eine mündliche Vereinbarung zwischen den Marianisten, dem Kanton Freiburg und dem damaligen Bischof von Lausanne-Genf-Freiburg, dass der Chor der Kapelle in der Obhut des jeweiligen Bischofs bleibt und nicht verändert werden darf. Das Schiff wurde 1992 durch eine Stahlkonstruktion vom Chor abgetrennt. Den Chor stellte man der “Corporation ecclésiastique du canton de Fribourg” für deren Versammlungen zur Verfügung. Doch wollte die Universität mittelfristig das ganze Raumvolumen der Kapelle nutzen. Es wurden Pläne ausgearbeitet für den Einbau einer Bibliothek auf drei Ebenen. Mehrmals wurde der Bischof Genoud um die Profanierung der Kapelle gebeten. Erst dreizehn Jahre nach dem Verkauf und nach langwierigen Verhandlungen willigte dieser ein. Mit dem Décret de déconsécration vom 14. Dezember 2003 war der Weg für eine weltliche Nutzung freigegeben. Zur Ausführung der ursprünglichen Pläne für den Einbau einer Bibliothek kam es jedoch nicht. Einerseits lehnte der Grosse Rat des Kantons Freiburg das Kreditgesuch für das Bauvorhaben ab, andererseits zeigten bautechnische Untersuchungen, dass die Kapelle für den Einbau weder statisch noch lüftungs- und beleuchtungstechnisch geeignet war. Nach langen Diskussionen mit einer ehemaligen Mitarbeiterin von einem der in der Kapelle mit Kunstwerken vertretenen Künstler, beschloss die Universität, die Kunstwerke an Ort und Stelle zu belassen, sie jedoch hinter Vorhängen zu verstecken. Eine gestalterisch höchst unglückliche Lösung, die offenbar ohne Rücksprache mit der Denkmalpflege umgesetzt wurde. Nicht verstecken liessen sich die 14 grossen Glasfenster sowie die Kreuzwegtafeln darunter. So hat der Raum noch immer eine sakrale Anmutung. Seit 2004 wird die Kapelle als „Studier- und Arbeitssaal“ genutzt, mit 64 Tisch- und 20 Boxenplätzen.
Der heutige Zustand
Bereits 1992 wurde im hinteren Teil der Kapelle eine von Stahlträgern gerahmte Glaswand eingebaut. Dahinter befinden sich auf mehreren Geschossen Unterrichtsräume für die Universität. Die Bausubstanz der Kapelle blieb unangetastet. Alle Einbauten können rückgängig gemacht werden. Der vordere Teil der Kirche wird heute als Lesesaal genutzt, wofür niedrige Trennwände eingebaut wurden. Es finden im Raum aber auch Theateraufführungen und Konzerte statt. Der Steinboden wurde mit einem Nadelfilz-Spannteppich ausgelegt. Weil eine Versetzung des zwölf Tonnen schweren Hauptaltares unmöglich schien, wurde er mit einer zwei Meter hohen Gipswand eingekleidet. Die Kreuzigungsszene hinter dem Altar wurde mit einem Stoffvorhang verhüllt. Hinter einem Vorhang ist auch der Seitenaltar im hinteren Teil der Kapelle versteckt. Der Tabernakel wurde auf diesen Altar gestellt. Weitere Seitenaltäre wurden entfernt, ebnso das Chorgestühl Ein Teil des letzeren ging an die Dominikaner im Albertinum in Freiburg. Die Muttergottesstatue, die Notre Dame du Pilier, die im Eingangsbereich der Kapelle stand, wurde der Freiburger Pfarrei Christ-Roi übergeben.
Stimmen
- „Eriger la réversibilité en pricipe de conception à tous les niveaux du projet et de la réalisation, est une condition de la pérennité du bâtiment au sens où la réversibilité garantit les possibilités d’adaptation future de la construction.” (Claude Castella, ehem. Denkmalpfleger, Freiburg)
- „Die heutige provisorische Gestaltung ist nicht nur eine Verlegenheitslösung, sondern die einzig mögliche Nutzung für den Universitätsbetrieb. Dass dabei ein wenig einladender Raum entstanden ist, der trotz Verhüllung von Altar, Kreuzigung und Seitenaltar und baulichen Veränderungen auf seltsame Weise an eine Kirche erinnert, darf als unglückliches Endresultat einer langen, schwierigen Geschichte bezeichnet werden.” (Marie-Louise Beyeler, Autorin einer Masterarbeit über die Kapelle Regina Mundi)
- Als der Vorhang vor der Kreuzigungsszene einmal gezogen ist, reagiert eine Studentin erschreckt: „O mon Dieu! C’est une église ou bien quoi?” Dass sich hinter dem Vorhang “un truc pareil” befinde, habe sie nie erwartet.
- Auf die Frage, ob sie gerne in dem Raum arbeite, antwortet eine zweite Studentin: „Nein, mich stört der ‚Kirchengroove’. Aber einmal ist die Lage ideal und dann hat es hier drin stets genügend Platz. Zum Lernen muss ein Raum ja nicht schön sein.”
- Eine dritte Studentin sagt: „Ich lerne gerne hier drin! Mit Blick auf den verhüllten Gekreuzigten – was ich ganz speziell und vielleicht auch etwas geheimnisvoll finde – und eingerahmt von den schönen Kirchenfenstern, fühle ich mich hier wohler als in anderen Lesesälen.“
- „Einen Lesesaal betreten und gleichzeitig in einer Kirche sein, ist nicht einfach. [...] Die aktuelle Lösung ist ästhetisch nicht befriedigend.” (Paul Henri Steinauer, ehem. Rektor der Universität Freiburg)