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Helenenplatz
Leseprobe
Hanna saß schon lange am Schreibtisch. Es war früher Morgen. Sie fand keinen Schlaf. Gestern nicht und die Nächte zuvor nicht. Hanna fand schon lange keinen Schlaf mehr. Hanna saß schon lange nachts am Schreibtisch und wartete. Nur einige Stunden lag sie im Laken und dämmerte vor sich hin, dann kam die Fledermaus. Sie pfiff in ihrem Kopf und gab der Stille ein leises Geräusch. Dann, wenn sonst nichts zu hören war, sang die Fledermaus alleine ein hohes Lied. Hanna lauschte dem Pfeifen und versuchte, darin eine Melodie zu erkennen. Es war aber der immergleiche höchste Ton und er bohrte ein kleines Loch in Hannas Kopf.
Helenenplatz, Roman von Simona Ryser
Limmat Verlag 2011
Inhalt
Hanna, Treuhänderin im Burnout, sitzt wie gelähmt vor ihrem Computer, flüchtet in die Stadt, klaut in Warenhäusern, versucht Männer kennenzulernen. Ihre junge Sekretärin Sabine übernimmt mehr und mehr die Dossiers, jubelt ihr Dates unter und träumt selbst von der Liebe. Georg, Gamedesigner im Timeout, kämpft gegen Drachen und rennt durch die Stadt, etwas Undefinierbares im Nacken. Um schliesslich durch die Kontaktinserate auf den Bildschirmen von Hanna und Sabine am Helenenplatz zu geistern. Drei moderne Stadtmenschen treffen und verpassen sich, gelenkt der Stadt, ihren Strassen, Warenhäusern, Bürotürmen und Bildschirmen. Gelenkt von ihren Träumen von der Liebe, die länger hält als ein paar Nächte. Wunderbar musikalisch erzählt Simona Ryser von der Stadt, von der Arbeit und der Liebe. «Helenenplatz» ist ein modernes Märchen im Zeitalter der Onlineportale, auf denen einsame Singles auf der virtuellen Suche nach dem einzig wahren Date sind: Am Stadtrand unter der Kastanie.
Presse
«Simona Rysers neuer Roman ist ein kunstvoll gemachtes Stück Literatur, das an kubistische Malereien denken lässt: Die Autorin zerlegt das Geschehen in Fragmente, die ineinander verschoben und fortlaufend variiert werden. Das Buch übt einen flirrenden Reiz aus. Er ist vor allem durch die Sprache und die Form gegeben: Mit leichter Hand werden hier Spuren durch die Stadt gelegt, verwischt und doch wieder aufgefunden. Raum, Zeit und Menschen werden unmerklich in Bewegung versetzt. Wer einen Sinn für subtile, klug komponierte Spiele hat, wird sein ästhetisches Vergnügen an diesem Roman finden.»
Basler Zeitung