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Wenn sich in Sydney die Touristenströme im angehenden Herbst der Südhalbkugel lichten, ziehen einige Produktionen der Opera Australia vom berühmten Sydney Opera House nach Melbourne zum großen Glück des regionalen Publikums. Das gut 2000 Zuschauer fassende State Theatre siedelt im modernen Arts Centre mit dessen charakteristischen 162 m hohen Turm, der deutlich vom Pariser Eiffelturm inspiriert wurde.
Im Mai wechselten sich „La Bohème“ und die erst im Januar 2016 in Sydney neu aufgelegte Inszenierung der „Pearlfishers“ von George Bizet ab. Diese in Europa viel zu selten gegebene Oper hat in Australien eine thematische Bedeutung, schließlich verdienen bis heute viele Menschen als Perlenfischer ihren Broterwerb, besonders in Westaustralien.
Dem australischen Regisseur Michael Gow gelang der Spagat einer gelungenen Neubearbeitung des Stoffs ohne Einschnitte in Musik und Libretto gemäß den verbliebenen Niederschriften der Originalvorlage. Von den späteren Änderungen übernahm er lediglich das berühmte Duett „Au font du temple saint“ aus dem Revival von 1893.
Inspiriert von Leonard Woolfs Ceylon-Beschreibungen, änderte Gow gegenüber dem Ursprung die Herkunft der männlichen Figuren, die hier in Ceylon zur Zeit der Entstehung des Werks in den 1860er Jahren als ausgewanderte Europäer leben. Zurga verdingt sich als leicht verblendeter Perlendealer fernab der Heimat, Nadir befindet sich als Romantiker auf der Suche nach sich selbst und schlägt sich derzeit als Jäger durch. So erklärt sich ihre frühere Freundschaft, während Nadir gleichzeitig nichts von der Perlenfischerei versteht, im Libretto eigentlich noch ein Widerspruch. Der Gemeindeälteste Nourabad wird hier zum geldgierigen (Menschen-) Händler. Leila bleibt unverändert eine orientalische Tempelpriesterin mit geheimnisvoller Aura, der sich die beiden Rivalen nur aufgrund ihres Gesangs und ihrer Unnahbarkeit angezogen fühlen und dafür ihre Jugendfreundschaft aufs Spiel setzen.
Da Bizet sein Werk bereits als Abkehr von der opulenten Grand Opera gestaltete, setzte Designer Robert Kemp auf eine realistisch anmutende Szenerie zur Unterstützung von Handlung und Personenentwicklung mit effektvoller Beleuchtung von Matt Scott. Im ersten Akt steht das Ensemble in bunten Kleidern am Hafen mit Blick auf die See zwischen Steinmauern und Hindustempel, lediglich ein Ledersessel während Zurgas Krönungsprozedur stört den Anblick.
Den zweiten Akt dominieren Palastmauern mit einem bewachten Tor, vor dem Leila ihre Nachtruhe finden soll und sie Nadir zaghaft begegnet, bevor ein aufbrausender Sturm bei ihrer Entdeckung einsetzt und das Ensemble in Pyjamas auf die Bühne holt. Das Innere von Zurgas Gemäuern im ersten Bild des dritten Akts erinnert an Kolonialbauten, während das Schlussbild wieder zum Tor zwischen den Palastmauern zurückkehrt. Den Schluss lässt Gow offen, als die Schergen von Nourabad nach der Flucht von Leila und Nadir mit dem Messer von hinten auf Zurga zugehen, bevor der Vorhang fällt. Die epochendeckenden Kostüme ergänzen ein stimmiges Bühnenbild, das nicht von der Handlung ablenken möchte und glücklicherweise nicht in die Gegenwart transponiert wurde.
Gegenüber der Premierensaison in Sydney setzte Melbourne auf andere Darsteller. Als Leila gefiel die in Westaustralien aufgewachsene Emma Matthews, die seit 1993 an der Opera Australia diverse Rollen bekleidete und hier durch ihren zarten Koloratursopran, ihr mysteriöses Spiel und die damit verbundene Anziehungskraft überzeugte.
Der im deutschen Sprachraum wohlbekannte russische Sänger Dmitry Korchak gab nach seiner Darstellung derselben Rolle im Theater an der Wien Ende 2014 einen jugendlichen Nadir und begeisterte vor allem in den lyrischen Stellen der Partitur mit einem bemerkenswert umgesetzten Fluss der seichten Melodien, etwa in der berühmten Arie „Je crois entendre encore“.
Den mit Vollbart optisch wie Tevje aus „Anatevka“ versehenen Zurga verkörperte der Argentinier José Carbó zunächst mit aufbrausendem Temperament in seinem abgerundeten Bariton. Er setzte die Verwandlung seiner Figur glaubhaft um, beide Stimmen ergänzten sich wohlklingend in ihrem Duett. Schließlich gab Steven Gallup einen leicht schmierigen Nourabad mit seinem voluminösen Bass.
Die für ihre Zeit exotisch angehauchten Melodien lässt das Orchestra Victoria im aktiven Dirigat des musikalischen Leiters Guillaume Tourniaire erklingen; akustisch gelungen sind besonders die von Anthony Hunt einstudierten Chorszenen. Da zwei Opern fast täglich im Wechsel gegeben werden, lohnt sich ein mehrtägiger Aufenthalt in Melbourne gemäß Spielplan.
Das hiesige State Theatre setzt im November und Dezember übrigens ein wiederholtes glanzvolles Ausrufezeichen, wenn erneut nach 2013 dreimal der komplette Ring von Richard Wagner in der Inszenierung von Neil Armfield jeweils während einer Woche aufgeführt wird.
Veröffentlicht in Der neue Merker (Wien), Ausgabe 314, Juni 2016, Seite 103/104