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Epistemische Ungerechtigkeit und Partizipation in der stationären Jugendhilfe
Partizipation ist ein UN-Kinderrecht und als zentrales Handlungsprinzip fest verankert im sozialpädagogischen Fachdiskurs. Konsens ist aber, dass dem Anspruch auf Partizipation in der alltäglichen Praxis nicht hinreichend Rechnung getragen wird. Die Fragen, wie sich partizipative Prozesse gestalten lassen und was sich tun lässt, um diese zu verbessern, bleiben daher relevant. Vor diesem Hintergrund geht die vorliegende Arbeit der Fragestellung nach, inwiefern die Theorie der epistemischen Ungerechtigkeit nach Miranda Fricker einen Beitrag zum besseren Verständnis des Partizipationsdefizits von Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe leisten kann und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, um die Praxis der stationären Jugendhilfe partizipativer zu gestalten. Dazu wird zunächst aufgezeigt, dass Jugendliche der stationären Jugendhilfe von epistemischer Ungerechtigkeit betroffen sind und dass die damit verbundenen Schäden dem Auftrag und den Zielen stationärer Jugendhilfe widersprechen. Daraus geht die grundlegende Einsicht hervor, dass sich Partizipation unter Bedingungen epistemischer Ungerechtigkeit schwerer realisieren lässt. Anschliessend werden verschiedene Ansätze zur Erklärung des Partizipationsdefizits diskutiert. Die Untersuchung zeigt, dass die bestehenden Erklärungsansätze durch die Theorie epistemischer Ungerechtigkeit erweitert werden können. Im Besonderen vermag die Analyse aufzuzeigen, dass vorurteilsbehafteten Selbst- und Fremdbildern sowie hermeneutischen Lücken zur Erklärung von Partizipationsdefiziten zu wenig Beachtung erfahren, obwohl sie partizipative Prozesse erschweren. Im letzten Teil wird unter Bezugnahme auf Paolo Freire ein Vorschlag entwickelt, wie Partizipation unter Bedingungen epistemischer Ungerechtigkeit gefördert werden kann. Die Ergebnisse dieser Arbeit begründen die Annahme, dass epistemische Ungerechtigkeit ein relevantes Thema für die Soziale Arbeit im Allgemeinen und für die stationäre Jugendhilfe im Besonderen darstellt. Um die Zusammenhänge und Berührungspunkte zwischen Sozialer Arbeit und epistemischer Ungerechtigkeit genauer herauszuarbeiten, bedarf es allerdings weiterer Forschungsarbeiten. Fragen der Übertragbarkeit von Frickers Theorie auf andere Handlungsfelder der Sozialen Arbeit stellen sich genauso wie die Frage, ob andere Herausforderungen innerhalb der stationären Jugendhilfe durch epistemische Ungerechtigkeit präziser analysiert und besser verstanden werden können.