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Die Hauptresultate der Rhonegletscher-Vermessung
Die Hauptresultate der Rhonegletscher-Vermessung so weit sie sich bis jetzt ergeben haben.
Ton Prof. Dr. L. Rütimeyer ( Section Basel ).
Der vorangehende Rückblick auf die Geschichte der Gletscherstudien in der Schweiz bezweckte wesentlich, die Beziehungen der von dem Schweizerischen Alpenclub angeregten und größtentheils von ihm subventionirten geodätischen Arbeiten am Rhonegletscher zu vorangegangenen Gletscherstudien zu erörtern. Es ging daraus hervor, daß diesen Arbeiten, weit entfernt, bisher schon an anderen Gletschern gemachte Untersuchungen an einem neuen Gletscher einfach wiederholen zu wollen, eine allgemeinere Absicht zu Grunde lag: Erstlich an einem einzelnen und hiezu nach mancher Richtung besonders geeigneten Eisstrom mit der Genauigkeit und Vollständigkeit, die der gegenwärtigen Technik zur Verfügung steht, Documente zu sammeln, die jeglichen ferneren Gletscherstudien eine ausreichende Unterlage vorbereiten sollten; zweitens diese Documente so einzurichten, daß sie gleichzeitig eine bleibende Basis versprechen konnten für alle die manigfaltigen Studien, welche mit der Erscheinung der Gletscher in Beziehung stehen. Der Charakter dieser Arbeiten weicht also von dem der vorangegangenen wesentlich darin ab, daß sie nicht einem einzelnen, sondern, so weit dies erreichbar war, den verschiedenen Bedürfnissen naturgeschichtlichen Studiums dienen sollten. Aus diesem Grunde wurde also davon abgesehen, etwa die Veränderung der Gletscherzungen in einer größern Anzahl von Eisthälern während einiger Zeit zu constatiren, da eine solche Unternehmung, abgesehen davon, daß es außerordentlich schwer gewesen wäre, ihr eine rationelle Ausdehnung oder Begrenzung zu geben, nur für eine einzige Frage Ergebnisse, und zwar solche versprochen hätte, die, soweit sich beurtheilen läßt, keineswegs unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt gehören. Stellt sich doch bei Vergleichung der bisherigen Erfahrungen über die Veränderungen des Eisgebietes der Alpen mit den zahlreichen und ausgedehnten ähnlichen Untersuchungen, welche in dem letzten Jahrzehnt, wesentlich von geologischer Seite, im Norden Europas, in Skandinavien, in Schottland, auf den Hebriden, den Orkney- und Shetlands-Inseln, und in noch viel größerem Maßstab in den Cordilleren und dem Felsengebirge Nord-Amerikas gemacht worden sind, immer mehr heraus, daß die Eisverbreitung, sei es in der Gegenwart, sei es in der Vergangenheit, unter viel mehr localisirten Einflüssen steht, als man unter dem ersten Eindruck der noch keineswegs so alten Aufdeckung einer früher Resultate der Mhonegletscher-Vermessung. £21 ungeahnten Eisverbreitung in Europa anzunehmen geneigt war. Alles wies also darauf, daß trotz seiner großen Ausdehnung das Problem der Eisverbreitung so gut wie jedes andere auf dem Wege sorgfältiger Monographien weit mehr gefördert werden könne, als durch unsicheres Herumtasten auf großem Umkreis '.
Schon in dem vorangegangenen Aufsatz ist also mindestens beiläufig der wesentliche Charakter der am Rhonegletscher unternommenen Beobachtungen zur Sprache gekommen. Dennoch schien es dem Centralcomite des S.A.C. angemessen, daß die bisher erzielten Ergebnisse dieser Arbeiten noch besonders in kurzer Weise zusammengefaßt würden. Gleichzeitig lag laut dem am 12. December 1880 genehmigten Vertrag ( Lemma 5 ) zwischen dem schweizerischen Militärdepartement und dem Alpenclub Ersterem die Aufgabe ob, am Ende jeder Campagne dem Centralcomite des S.A.C., zum Behuf der Mittheilung wenigstens des wesentlichen Inhalts an den Alpenclub, einen Bericht über die Jahresarbeiten einzureichen. Beiden Aufgaben sucht der Unterzeichnete im Auftrag des Centralcomite des S.A.C. an der Hand einmal der im topographischen Bureau niedergelegten Arbeiten, andererseits des vom 3. December 1880 datirten und sehr ausführlichen „ Berichtes von Herrn Ph. Gösset an den Chef des topographischen Bureau über die siebente Campagne der Rhonegletscher-Arbeiten, September 1880 ", nachzukommen.
Was den Körper der seit dem Jahr 1874 am Rhonegletscher gesammelten Documente betrifft, so besteht derselbe, wie schon erörtert worden, aus zwei trotz ihres innigen Zusammenhanges ihrer Bedeutung nach verschiedenen Rubriken. Die eine ist allgemeiner und ausschließlich topographischer Art und besteht in der Triangulation und der topographischen Aufnahme des Gletschers; die andere bezieht sich speciell auf die Abschätzung der Bewegung oder anderweitiger Veränderung desselben und verwendet dazu die jährliche Aufnahme von vier an verschiedenen Stellen dem Gletscher aufgelegten und dessen Veränderungen mitmachenden Steingürteln.
Das Dreiecksnetz und die Aufnahme, ersteres bis zum Rhonefivn, letztere vorläufig bis über den Gletschersturz hinauf gediehen, würden an sich schon eine dem Programme des Alpenclub im vollsten Maße entsprechende Unternehmung bilden, da es klar ist, daß eine solche Arbeit, in dem Maßstab von 1:5000 durchgeführt, auf die Zukunft einer Menge von Untersuchungen, welche die Naturgeschichte des Alpenlandes zum Gegenstand haben können und dabei sich um eine bereits vorhandene Basis umzusehen haben, einen Ausgangspunkt liefern wird. Dabei konnte allerdings, wenn es sich einmal darum handelte, in der Heimath und auf dem classischen Boden der Gletscherstudien, in einem Lande, von welchem noch gegenwärtig vier Procent der Oberfläche mit bleibendem Eis bedeckt sind, mindestens über einen Eisstrom Documente zu sammeln, die voraussichtlich für eine lange Zukunft ausreichen sollten, die Frage1 erhoben werden, ob denn gerade der Rhonegletscher vor allen andern den Vorzug verdiente. Wenn man von etwaigen Tagesoder Personal-Interessen absah und die Zeitdauer, mit welcher die Wissenschaft rechnen muß, im Auge behielt, so mußte allerdings einmal der Blick auf die Karte der Schweiz, andererseits derjenige auf die bisherigen Arbeiten über jetzige und frühere Eisgebiete der Schweiz lehren, daß kein einziger anderer Gletscher mit demjenigen der Rhone in Mitbewerbung treten konnte.
Mochte auch in der Culmination der Eiszeit das von dem alten Rheingletscher bedeckte Areal vielleicht hinter demjenigen des alten Rhonegletschers im engen Sinn des Wortes an Ausdehnung nur wenig zurückstehen, so ist doch offenbar, daß das letztere seinem einstigen einheitlichen Charakter überaus viel treuer geblieben ist, als das Gebiet des Rheingletschers. Während hier nur noch kleine Reste von Eismassen zerstreut in den Zipfeln von hundert Thälern hängen, so daß es schwer ist, den alten gemeinsamen Eisstrom in Gedanken zu reconstruiren, so meldet sich der Rhonegletscher noch heute von vorneherein an als das unzweifelhafte Quellgebiet der gewaltigen Sammelrinne, der jetzt noch in dem überaus einfachen Thal der Rhone von beiden Seiten, und vielfach jetzt noch vom Thal aus sichtbar, die größten Eisströme der Schweiz zufließen. An den einstigen Verhältnissen ist also hier am wenigsten geändert worden, wenn gleich in einem Theil des alten Eisbettes seither in Bezug auf Trockenheit der Luft, Intensität der Besonnung, Gepräge von Pflanzen- und Insektenwelt, ein Clima ähnlich demjenigen der Provence und Spaniens eingezogen ist* ). Aber auch in Bezug auf wissenschaftliche Geschichte müßte, wenn die Arbeit nicht schon theilweise-gelöst wäre, die Aufforderung, Material in großem Maßstab über die Wiege dieses großen Gletschers zu sammeln, in erster Linie stehen, seitdem Alphonse Favre in Genf dessen einstige Erscheinung in der Umgebung von Genf in einer Karte von 1: 25000, und Faisan und Chantre in der Umgebung von Lyon im Maßstab von 1: 80000 dargestellt haben. Seit Venetz und Charpentier ist also der Rhonegletscher im alten Sinne des Wortes bezüglich seiner Gesammtgeschichte-der bevorzugte Gegenstand des wissenschaftliche! » Studiums geblieben.
Wie die Geologen in Genf und Lyon bei allere ihren Arbeiten über die Vorgeschichte dieser Gegenden-genöthigt waren, die von ihnen studirten Straßen von Felstransport in rationeller Verbindung mit dem Gebirgsstock der Grimsel zu behalten, so hatte der Ingenieur, der hoch über der Rhonequelle seinen Meßtisch über Eis und Fels bis zu Höhen von 2696 m ( Signal l' Hardy ) hinaufzuschaffen hatte, mindestens die Befriedigung,, daß die an so sonderbarem und einsamen Ort vorDies erhellt wohl sattsam aus folgenden Zahlen: Oberfläche des Quellgebiets des Rheins bis Waldshut 15909 km*. „ Gletschergeb.265,, „ QuellgebietsBasel 35906Gletschergeb., ,,750, „ Quellgebiets der Rhone „ Genf 7994Gletschergeb.1037 „ Verhältniß von Gletschergebiet zu Quellgebiet für Rhein bis Waldshut 1,67 °/o, für Rhein bis Basel 2,o9, für Rhone-bis Genf 12,9 » °/o!
genommenen geometrischen Arbeiten ähnlichen an sehr entfernten Stellen des nämlichen Flußgebietes die Hand reichten. Wenn es sich darum handelte, Studien wie die in Rede stehenden da vorzunehmen, wo am ehesten Aussicht war, durch Mitwirkung etwas Ganzes schaffen zu helfen, und nicht nur auf 's Gerathewohl zu operiren, so konnte also nur der Rhonegletscher in Rede kommen. Waren doch auch in der von den Herren Ph. Gösset und Ed. Pictet aufgenommenen orographischen Karte des Genfer Sees mit äquidistanten Horizontalcurven nach Sondirungen bereits Studien vorräthig, die selbst über die dunkelste Stelle des Thalwegs des nämlichen Gletschers Licht verbreiteten.
Ueber die topographischen Aufnahmsblätter selber und die ihnen zu Grunde liegenden Operationen, wie Triangulation und Auswahl und Versicherung der Fixpunkte, hier noch besonders Bericht zu erstatten, kann entbehrlich erscheinen, seitdem diese Blätter in bekannter Weise alle die Examina bestanden haben, welchen sie von Fachleuten jeden Ranges ausgesetzt waren. Daß bei einem Maßstab von 1:5000 ( die Gletschercommission hatte 1: 2000 vorgeschlagen, worauf indeß aus finanziellen Gründen verzichtet wurde ) eine große Anzahl Accidentien, wie Spalten, Schrunde, Abstürze, Sandauftragung ( Schmutzbänder ) u. dgl., die in unablässiger Abänderung sich befinden, einzutragen waren, kann der Karte, die ja davon nicht absehen konnte, auch nicht zum Vorwurf gereichen, wenn man erwägt, daß in dieser Weise, allerdings zunächst nur für den September 1874, ein geometrisches Gletscherbild vorliegt, wie es in so vollständiger Art bisher nicht bestand, ein Bild also, das jederzeit, sei es zur Demonstration, sei es zu Erklärungszwecken, als Musterbild wird dienen können.
Wenden wir uns somit gleich zu den Aufnahmen physikalischen Inhaltes, so lagen allerdings continuirliche Detailstudien, wie sie von Agassiz und vor Allem von den englischen Physikern unternommen worden waren, dem Alpenclub von vorneherein gänzlich fern. Sollte also aus der großen topographischen Aufnahme und mit den nämlichen geometrischen Hülfsmitteln gleichzeitig mindestens für die nicht nur für die Wissenschaft, sondern für die Bewohner eines Gletscherlandes insgesammt bedeutsamsten Eigenschaften eines Gletschers, wie Bewegung, Abschmelzung und Zuwachs, Licht gewonnen werden, so bestand der Weg dazu allerdings nur darin, daß man den Gletscher anwies, darüber selber Auskunft zu ertheilen.
Die Auflegung von vier in gerader Linie gezogenen Farbengürteln an verschiedenen Stellen des Gletschers von dessen Austritt aus dem Firn bis nahe an die Gletscherzunge und deren jährliche Controüirung bildet denn auch neben den Zurüstungen für die topographische Aufnahme den markantesten Theil der ganzen Unternehmung. Sie war auch, mit der auf solchem Terrain so schwierigen Versicherung der Fixpunkte, die Operation, welche, da beide gleichzeitig Scharfsinn und Entschlossenheit verlangten, an die persönlichen Eigenschaften des Ingenieurs die meisten Anforderungen stellten. Man konnte diese Methode von vorneherein gewagt nennen; auch ist ihr dies, wie sie es bei der Nöthigung, einen guten Theil der Arbeit am Seile aus- zuführen, schon in persönlicher Rücksicht war, namentlich von finanzieller Seite von Niemand abgesprochen worden; aber auch in physikalischer Hinsicht, da schwer vorauszusehen war, was für Fehlerquellen zufälliger Art, durch Gleiten, Versinken, Stoß von Wasser und Wind, und an zugänglichen Orten sogar von Thorheit und Bosheit diese Selbstregistrirung des Gletschers ausgesetzt war. Allerdings lag immer in dem großen Maßstab, in welchem Farbe aufgetragen wurde, einegewaltige Correctur, die aber doch voraussichtlich mit jedem Jahr sich mindern mußte, da diese Zeiger mit der Zeit spärlicher und unsicherer werden mußten.
Andererseits läßt sich nicht in Abrede stellen, daß kaum ein anderer Weg möglich gewesen wäre, um, ohne aus dem vom Alpenclub gestellten Programm von Topographie hinauszutreten, den Gletscher selbst auch für Angaben über seine Bewegung und Volums-veränderung verantwortlich zu machen. In Wahrheit bestand ja der Plan darin, die topographische Aufnahme mindestens auf vier Zonen des Gletschers von diesem selbst fortsetzen zu lassen, da die farbigen Steine nicht nur mit der Unterlage sich vorwärts bewegten, sondern auch deren Senkung und Hebung durch Abschmelzen und Anschwellen mitmachten. Bei aller Kostspieligkeit war also dieses Mittel doch vielversprechend, da es manche Aussagen liefern konnte, die bisherigen Beobachtungsmethoden in so großem Umfang unerreichbar blieben.
Diese Aufzeichnungen des Gletschers sind dann Jahr für Jahr, und jeweilen im September, also nach Jahresfrist ( mit Ausnahme der Campagne von 1877, die in den Anfang des October fiel ), abgeholt worden durch neue Aufnahme der Farblinien und Nivellement der Normalprofile, bei welchem Anlasse selbstverständlich die Vérification und Wiederherstellung von Versicherungen u. dgl. jeweilen miteinherging.
Ueberblickt man diese seit 1874, also bis jetzt in sieben Jahrescampagnen gewonnenen Aufnahmen, so ist denn auch der Eindruck des Gesammtergebnisses ein überraschender und zeigt, daß im Allgemeinen die Methode, wenn auch einzelne Versuchslinien mindestens stellenweise bereits an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind, Wort gehalten und den Erwartungen in hohem Grade entsprochen hat.
Von den vier Farblinien liegen zwei, eine rothe und eine gelbe, auf dem oberen Theil des Gletschers, erstere in der Nähe von dessen Austritt aus dem Firn, ungefähr im Profil von Punkt 3185 der Gerstenhörner, letztere tiefer thalwärts, im Querprofil des Furcahorns. Eine grüne Linie liegt unterhalb des Eissturzes, eine schwarze in der Nachbarschaft der Gletscherzunge. Die letztere, die ebenfalls jährlich aufgenommen wurde, kann als fünfte gelten. Ihre ursprüngliche Länge auf dem Eis beträgt, in der Reihenfolge von der rothen bis zur schwarzen, 1035, 996, 531, 490 m, in Summa eine Ausdehnung von 3052 m Gletscheroberfläche, die nun seit 1874 zum Behufe der Ablesung der Ablation Jahr für Jahr von Neuem nivellirt worden ist. Die Steinreihen selbst sind selbstverständlich seit 1874 aus ihrer ursprünglichen Lage mit dem Gletscher selbst hinausgerückt und mehr und mehr zerstreut worden; die unterste Linie ist in die unablässig zurückgehende Frontlinie oder Gletscherzunge gerückt, oder also gestrandet, die gelbe oder zweitoberste Linie ist in den Gletschersturz hineingerathen, von dem sie im Jahr 1874 noch um ungefähr 700 m entfernt war. Diese Linien, ursprünglich geradegestreckt, sind dabei, der verschiedenen Raschheit des Eisstromes an verschiedenen Stellen seiner Breite entsprechend, immer mehr in thalwärts concave Curven ausgezogen worden und, da auf jeder Linie außer den sich ursprünglich berührenden Farbsteinen noch von circa 20 zu 20 m numerirte größere Steine eingeschaltet wurden, die sich jedes Jahr, soweit sie nicht in Spalten gefallen oder vom Schnee bedeckt waren, genau controliren ließen ( 53 Nummernsteine auf dem obersten, 51, 27, 25 auf den fernem Profilen ), so ergab sich also auch, abgesehen von leicht zu unterscheidender Rutschung der Steine, der Weg, den 156 Punkte der Gletscheroberfläche im Verlauf von bis jetzt 7 Jahren gemacht hatten. Die kleinen Steine, die sich in das Eis eingruben, ergaben dabei vorzugsweise die Größe, die größern vorzugsweise die Richtung der Bewegung ihrer Unterlage. Alles das ist sowohl in graphischer Form, als in Journalen, welche die vertikale und horizontale Lage aller dieser Nummernsteine, sofern sie nicht verloren gingen, in sieben Jahresetappen verzeichnen, niedergelegt, so daß über die Veränderung von vier verschiedenen Zonen der Gletscheroberfläche in dieser Frist, man möchte sagen fast Gypsabgiisse vorliegen. Es leuchtet ein, daß solche Materialien Aufschluß geben über folgende Punkte:
1. Ueber die Art des Vorwärtsrückens einer ganzen Querzone: allgemeine Bewegung.
2. Ueber den Detail dieses Fortschrittes auf den numerirten Punkten dieser Zonen: Richtung der Bewegung.
3. Ueber die Raschheit derselben: Geschwindigkeit auf allen diesen Punkten.
4. Ueber die Niveauveränderungen: Abtragung und Anschwellung.
5. Unter dem Titel Differentialbewegung sind endlich an verschiedenen Stellen alljährlich und im Maßstab von 1:100 Specialaufnahmen über die Art der Verschiebung nicht nur der Nummern steine, sondern aller Farbsteine einer Linie überhaupt gemacht worden, um vielleicht daraus noch andern, als den progressiven Regungen des Eises auf die Spur zu kommen.
Ohne in Einzelnes einzugehen, lassen sich schon jetzt, ohne weiteres Studium dieses ausgedehnten Materials, folgende allgemeine Ergebnisse daraus ablesen, die sich schon bei Anblick der Pläne in 's Auge drängen.
Vor Allem ergibt sich, daß sich auf den vier Profilen sowohl Schnelligkeit und Art der Verschiebung der Steinlinien, als der Grad der vertikalen Veränderung der Gletscheroberfläche sehr verschieden verhalten. Und zwar der Art, daß die Bewegung auf dem untern Theil des Gletschers sich als viel langsamer herausstellt, als auf dem oberen. Umgekehrt die Ablation, welche auf dem oberen Theil seit sechs Jahren so viel wie Null beträgt, während sie auf dem unteren sehr beträchtlich ist. Auf dem oberen Gletscher haben sich die Farblinien, die also ursprünglich geradlinig quer über den Gletscher gelegt worden waren, in immer mehr gestreckte Curven ausgezogen, deren Höhepunkte ungefähr in die Mitte des Gletscher » fallen, wobei der Jahresfortschritt auf dem Höhepunkt auf 100 m und mehr ansteigt. Auf dem unteren Gletscher sind diese Curven auch da, aber der Jahresfortschritt ihrer Höhepunkte beträgt nur 1ls bis 1U von dem auf dem oberen Gletscher. Am schwächsten ist die Vorschiebung an der untersten oder schwarzen Farblinie, und an der Gletscherzunge wird die Vorwärtsbewegung überholt von Abschmelzung und Einsturz. Die Gletscherzunge befindet sich seit 1874 in fortwährendem Rück- gang, der namentlich seit 1876 in immer stärkerem Maße dadurch beschleunigt worden ist, daß die vom Längishorn herstammende Thurmlawine alljährlich auf die Gletscherzunge fällt und hier den Fluß aufstaut, so daß jetzt durch einen Riß von bereits 330 m Länge die Zunge in zwei Zipfel getheilt ist, was selbstverständlich den Rückgang derselben, so lange nicht von oben her der Vorschub stärker ausfällt, nur beschleunigen wird.
In runden Zahlen lassen sich diese Veränderungen an den fünf beobachteten Profilen etwa in folgender Art zusammenstellen:
Oberste oder rothe Linie.Vorrücken der Curven-höhe seit 1874: 600 m. Ablation seit 1874: Null.
Zweitoberste oder gelbe Linie.Vorrücken seit 1874: 680 m. Ablation seit 1874: Null. Im Verlauf von 1881 wird diese Linie in den Eissturz gerathen, was sich schon jetzt durch ihre beschleunigte Bewegung anmeldet.
Grüne Linie, unterhalb des Eissturzes. Vorrücken der Curvenhöhe seit 1874: 150 m. Ablation ungefähr 30 m.
Schwarze oder unterste Linie.Vorrücken seit 1874: 40 m. Ablation 50—60 m.
Gletscherzunge. Mittlerer Rückzug seit 1874: Etwa 50 m.
In überaus anschaulicher Art fällt auch ein anderes, zwar schon von Forbes und Tyndall am Montanvert festgestelltes Bewegungsgesetz von Gletschern in 's Auge, die Thatsache nämlich, das die Längslinie, welche die Punkte der schnellsten Bewegung des Gletschers verbindet, nicht etwa in die Mitte des Gletschers fällt und also deren Windungen in den Biegungen des Thalweges mitmacht, sondern dieselben gewissermaßen übertreibt, so daß die Schlängelungen der Bewegungsachse stärker sind als diejenigen der Gletscherachse oder des Thalweges und den letztern auf jedem Wendepunkte der Thalkrümmung schneiden. Es stimmt dieses Gesetz bekanntlich mit der Bewegung von Wasserströmen Uberein. Wenn diese Erfahrung auch nicht neu ist, so ist sie doch noch durch keine Messungsmethode in so überaus plastischer Weise zum Ausdruck gekommen. Auch in dieser Rücksicht werden die Aufnahmen am Rhonegletscher für Demonstration von Gletscherbewegung als wahre Muster dienen können.
Am einläßlichsten sind selbstverständlich die Erhebungen über die Art der Bewegung oder über die Routen der numerirten Steine im Verlauf von 6 Jahren.
Sind auch auf dieser Reise manche gestrandet, andere in Spalten versunken, noch andere gestrauchelt und von Lawinen und Schutt zugedeckt worden, so sind immer noch zuverlässige Marschrouten in 1:1000 für so viele dieser 1*6 Läufer, welche man 1874 ausgesendet hatte, aufgezeichnet, daß das Ganze über die Detailbewegung der Gletscheroberfläche ein Bild von einer Vollständigkeit gewährt, wie es bisher zu entwerfen kaum nur versucht worden ist. Daraus jetzt schon Schlüsse ableiten zu wollen, wäre verfrüht. Es wird nöthig sein, dieses große Material mit der nöthigen Rücksicht auf Relief und Neigung der bezüglichen Gletscherzonen und namentlich mit Herbeiziehung der mit der Zeit von den meteorologischen Stationen zu erwartenden Angaben über Temperatur und Feuchtigkeit, über Regen- und Schneefall in dem Verlauf der bezüglichen Perioden besonders zu bearbeiten und zu passendem graphischem oder mathematischem Ausdruck zu bringen. Eine Arbeit, die auch nicht die mindeste Eile hat und die man dem Interesse der Physiker ruhig wird überlassen können. Wir begnügen uns also bezüglich dieses Theiles der Arbeit mit einer einzigen Bemerkung, welche mindestens die Rationalität des Verfahrens außer Frage stellen wird. In der Gegend von Lyon haben die schon oben genannten Geologen auf Karten die Art der Bewegung der einstigen Zunge des Rhonegletschers mit Hülfe der Linien verzeichnet, welche damals vom Gletscher fortbewegte Steine auf ihrer Unterlage eingeritzt haben. Mit den selben Mitteln sind von den Engländern Karten gezeichnet worden, welche die Eisbewegung auf den Gebirgen Schottlands 28 und den zwischen Schottland und Skandinavien liegenden Inselgruppen veranschaulichen. Dem Gedanken, von dem Gletscher selber zu lernen und den von ihm zurückgebliebenen Rest dadurch, daß man ihm Farbstifte aufsetzte, zu nöthigen, auch seine jetzigen Regungen selber zu verzeichnen, kann also weder praktisches Geschick noch Scharfsinn abgesprochen werden.
Am wenigsten Erfolg dürfte vielleicht die freilich auf der einmal gewonnenen Grundlage in finanzieller Richtung nicht belangreiche jährliche Nivellirung der vier Normalprofile, zum Behuf der Abschätzung von Verlust und Zuwachs in vertikalem Sinn, versprechen, da die Veränderungen an Volumen bei einer so großen Masse, deren vertikale Mächtigkeit unbekannt ist, auf vier Linien nicht gerade weittragende Schlüsse zu versprechen scheinen Immerhin kann aus der so scharf ausgesprochenen Verschiedenheit der Ablation auf verschiedenen Theilen des Gletschers doch vielleicht mancher Wink anderer Art entnommen werden.
Wir schließen diesen kurzen Ueberblick über die bisher am Tag liegenden Ergebnisse der am Rhonegletscher bisher ausgeführten Arbeiten mit zwei Bemerkungen.
Vorerst ist Jedem, der die noch sehr kurze Geschichte des Gletscherstudiums als eines gleichzeitig für Naturgeschichte und Oekonomie in umfangreichstem Sinne, wie für speciellste Physik wichtigen Problems auch nur als Zuschauer zu beurtheilen vermag, offenbar, daß dieses Studium nicht etwa als abgeschlossen, sondern als erst begonnen zu betrachten ist und daß es also für Gelehrte und Ungelehrte noch auf lange Zeit seine Bedeutung behalten wird; daß also eine topographische Aufnahme, wie die jetzt vorliegende, eines geographisch so bedeutungsvoll gelegenen Gletschers sowohl für die jetzt vorliegenden, als für alle neu auftauchenden Fragen noch auf lange Zeit eine überaus erwünschte und wichtige Unterlage bieten wird.
Bezüglich der sogenannten physikalischen Aufnahmen ist zuzugeben, daß sie sich lediglich mit der Oberfläche des Gletschers befassen und daß mit der Zeit noch ganz andere Beobachtungsmethoden wttnsch-bar werden könnten. Immerhin ist auf dem eingeschlagenen Weg auf ebenso einfache wie ingeniöse Weise, und ohne aus der geodätischen Methode oder aus dem Bereich der Topographie hinauszutreten, eine Fülle von exacten Beobachtungen gewonnen worden, die auch dem Physiker immer höchst erwünscht sein werden. Werden also auch physikalische Untersuchungen an sich niemals irgendwie Sache des Alpenclubs sein können, so darf es ihm doch, sofern er mit seiner Leistung nicht kargen wollte, zu jeder Zeit zur Befriedigung gereichen, daß er, wenn er sich einmal zu der Herstellung eines den Anfordernissen seiner Zeit entsprechenden Gletscherbildes entschloß, gleichzeitig den Mann und die Mittel fand, die nöthig waren, um der Unternehmung- den möglichsten Erfolg abzugewinnen. Auch die Wahrnehmung, daß er allerdings mit einer solchen Leistung seinen Schwestergesellschaften voransteht, sollte ihn nicht verdrießen, wenn er eingedenk ist, daß er einmal im Mittelpunkte des euro- päischen Gletschergebietes und dazu in einem Lande wohnt, das seit alter Zeit gewohnt ist, die über den alltäglichen Bedarf hinausgehenden Aeußerungen von Gesittung nicht erst durch die Hand des Staates, sondern direct durch diejenige der Bürger zu Stande zu bringen.