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Es geschah am 4. Oktober 2009, einem Sonntag. Philip Stuker* war frühmorgens von München zurückgekehrt, wo er mit seinen Freunden eine Nacht am Oktoberfest verbracht hatte. Gegen Mittag fragte seine Mutter ihn, ob er nicht mitkommen wolle zu Julia, seiner vier Jahre älteren Schwester, die vor Kurzem ausgezogen war. Philip verneinte. Er wolle lieber noch ein bisschen schlafen. Als die Mutter einige Stunden später zurückkam, fand sie ihren jüngsten Sohn tot auf dem Boden des Büros. Er hatte sich mit der Pistole seines Vaters erschossen – einer Waffe, mit der er gut umgehen konnte, da er mit dem Vater zusammen im Sportschützenverein war und sie dort regelmässig benutzt hatte. Einen Abschiedsbrief hinterliess er nicht, und auch sonst gab es keine Erklärung für den Suizid.
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Bis heute wissen Julia (27) und Simon (29) Stuker* nicht, weshalb ihr Bruder nicht mehr leben wollte. «Zu Beginn hat mich das Warum fertiggemacht», sagt Simon. «Aber heute interessiert mich diese Frage eigentlich nicht mehr. Es war seine Entscheidung, und die habe ich akzeptiert.» Eine Erkenntnis, zu der er nach vielen Gesprächen und über einen längeren Zeitraum gekommen ist. Julia sieht es inzwischen genauso. «Ich habe mich lange schuldig gefühlt. Wir hatten ein enges Verhältnis, und ich habe mich danach oft gefragt, ob ich mich mehr um ihn hätte kümmern müssen.»
Der Suizid kam für alle aus heiterem Himmel
Philip war ein attraktiver, fröhlicher junger Mann mit einem grossen Freundeskreis. Er machte eine Lehre als Automechatroniker, war beliebt, ein bisschen chaotisch und machte gerne Witze. Auch bei den Frauen kam er gut an, hatte aber zum Zeitpunkt seines Todes keine Freundin. In den Wochen vor dem Suizid ging es ihm allerdings nicht so gut. «Er klagte, er könne nicht schlafen», erzählt Simon. «Aber er wusste selbst nicht, warum.» Auch auf intensiveres Nachhaken kamen keine Erklärungen. Ein Selbsttest im Internet ergab, dass er eine leichte Depression haben könnte. «Dass es ihm nicht gut ging, war ihm anzusehen, er pflegte sich nicht mehr so wie üblich», sagt Julia. Die Familie tat viel, um Philip zu helfen, aber an die Ursache kam sie nicht heran. «Und keiner von uns hätte auch nur eine Sekunde damit gerechnet, dass er so was tun würde. Auch für seine Freunde kam der Suizid aus heiterem Himmel.»
Das erste Jahr danach war für die beiden Geschwister das schwierigste. «Mit der Zeit wird es besser», sagt Julia rückblickend. «Die Zeit heilt alle Wunden, heisst es doch immer. Und das hat schon was.» Bei Simon sind die Gefühle schwankender. «Mich kann es heute noch plötzlich belasten, allerdings nicht mehr so stark wie am Anfang. Und der Jahrestag im Oktober ist immer schwierig.» Ein Ritual, um mit dem Schicksalstag klarzukommen, haben beide nicht. Doch Ende Oktober hatte Philip Geburtstag, und an dem Tag treffen sich die Geschwister jeweils.
In der Selbsthilfegruppe wussten alle, wie sie sich fühlten
Neben der Zeit haben vor allem Gespräche geholfen, mit dem Suizid des Bruders einigermassen fertigzuwerden. Miteinander, mit den Eltern, mit Freunden. Julia ging eine Weile zu einer Psychotherapeutin. Und zu einem Medium. «Mich hat beschäftigt, was nach dem Tod ist. Wo ist Philip jetzt? Durch das Medium ist es gelungen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Seither weiss ich, dass er in Form von Energie immer noch da ist, und das ist ein schönes Gefühl.» Auch Simon liess sich vom Medium überzeugen. Die katholische Mutter der beiden tröstet sich damit, dass ihr Sohn jetzt bei ihrem Vater im Himmel ist.
Sehr geholfen hat beiden auch Lifewith, eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die einen Bruder oder eine Schwester durch Krankheit, Unfall oder Suizid verloren haben. Zweimal pro Jahr trifft man sich in Zürich und tauscht Erfahrungen und Gefühle aus. Die Geschwister entdeckten die Gruppe etwa ein Jahr nach dem Suizid, Simon geht noch immer regelmässig, Julia nur noch sporadisch dorthin. «Was wirklich schön ist: Jeder dort weiss genau, wie du fühlst, weil er dasselbe durchgemacht hat», sagt Julia.
Nach Philips Tod haben sie nach Büchern gesucht, die weiterhelfen könnten. «Es gibt ganz viele, aber fast ausnahmslos für Eltern. Für Geschwister gibt es praktisch nichts.» Oft bekamen sie auch den Satz zu hören: «Das muss ja furchtbar sein für deine Eltern.» Julia dachte dann immer: Und was ist mit uns? Leiden wir nicht? Die Selbsthilfegruppe kam da genau richtig.
Mittlerweile haben die beiden ihre Geschichte auch für ein Buchprojekt erzählt. In «Sorge dich nicht!» der Autorin Samira Zingaro geht es um den Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid. «Wir wollen anderen helfen, die in derselben Situation sind», erklärt Julia. Dass sie dies nur anonymisiert tun, habe nichts mit der Tabuisierung des Themas Suizid zu tun, versichern beide. Vielmehr wollten sie nicht im Mittelpunkt stehen, sondern ihre Geschichte exemplarisch wirken lassen.
Und so seltsam sich das anhören mag – für Simon und Julia hatte der Suizid ihres Bruders auch positive Folgen. Simon hat eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen, die ihn viel mehr befriedigt. «Philips Tod hat mir bewusst gemacht, dass alles jeden Moment vorbei sein kann. Dass ich also nicht aufschieben sollte, das zu verändern, was mir nicht behagt, sondern sofort handeln muss.» Julia ging es ähnlich. «Ich habe heute eine andere Einstellung zum Leben, geniesse es viel bewusster und bin viel zufriedener.»
Nicht zuletzt hat der Suizid die Geschwister zusammengeschweisst. Beide wohnen nicht weit weg voneinander in der Region Luzern, wo auch das Elternhaus steht, in dem sie wohlbehütet aufgewachsen sind – in dem sich aber ihr Bruder erschossen hat.
Heute lebt dort niemand mehr von ihnen. Trotzdem haben die Geschwister schöne Erinnerungen an ihre Kindheit und ihren Bruder. «Es ist nicht so, dass sein Suizid ständig als Schatten über allem liegen würde.» Philip ist auch nicht dauernd ein Thema, wenn sich die Familie trifft – aber immer wieder.
Im Alltag bleibt der tote Bruder präsent: Julia hat einen Schlüsselanhänger mit zwei Fotos von ihm. Eines zeigt ihn als Kind, eines als Teenager. Und alle haben bei sich zu Hause ein Foto, das Philip als 14-Jähriger gemacht hat. Ein geradezu kitschiger Sonnenuntergang mit Schwan am Vierwaldstättersee. «Philip hat das Wasser geliebt», sagt Julia. «Und wir haben als Kinder viel Zeit am und auf dem See verbracht. Das waren Momente, in denen die Familie sehr glücklich war.»
Literatur und Links zum Thema:
Samira Zingaro: «Sorge dich nicht! Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid», Verlag Rüffer & Rub, bei Ex Libris für Fr. 28.80.
Lukas Bärfuss: «Koala», Wallstein Verlag, bei Ex Libris für Fr. 25.60.
Jörg Weisshaupt: «Darüber reden. Perspektiven nach Suizid: Lyrik und Prosa von Hinterbliebenen», Verlag Johannes Petri, bei Ex Libris für Fr. 19.20.
Suizide in der Schweiz: Männer nehmen sich häufiger das Leben
Selbsttötungen pro 100000 Einwohner, Durchschnitt 1998–2007.
Rot = Frauen, Blau = Männer
Lesebeispiel: Im Kanton Graubünden nehmen sich pro Jahr im Durchschnitt auf 100000 Einwohner 7 Frauen und 21 Männer das Leben.
Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz im Mittelfeld. (Quellen: BfS, OECD-Staaten, Jahr 2011) (IInfografik Daniel Röttele)
Zum Download Infografik PDF (455 KB)
Fotograf: Daniel Ammann