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Alexander Moissi (1879-1935) ist eine so genannte "Schauspielerlegende". Rüdiger Schaper hat eine solche aufgeschrieben.
Prag, am 28. Februar 1912. Ein junger, ernster Mann besucht den Rezitationsabend eines berühmten Schauspielers aus Berlin; ebenso aufmerksam wie skeptisch verfolgt er die Performance des Mimen. "Runde Wangen und doch ein kantiges Gesicht. Weiches Haar, mit weichen Handbewegungen immer wieder gestrichen", wird er später in sein Tagebuch notieren. "Trotzdem so viele Melodien zu hören waren, die Stimme gelenkt schien wie ein leichtes Boot im Wasser, war die Melodie der Verse eigentlich nicht zu hören. Manche Worte wurden von der Stimme aufgelöst, sie waren so zart angefasst worden, dass sie aufsprangen und nichts mehr mit der menschlichen Stimme zu tun hatten ..."
Der etwas muffige und doch scharfe Beobachter hieß Franz Kafka. Der Schauspieler war Alexander Moissi. Der eine ist heute eine Literaturikone des Jahrhunderts, der andere eine Schauspielerlegende. Das Wort ist Ehrentitel und Mystifikation zugleich - und deshalb mit Vorsicht zu genießen: "Legenden" laufen stets Gefahr, "entzaubert" zu werden. Wenn Rüdiger Schaper, Theaterkritiker beim Berliner Tagesspiegel, seine Moissi-Biografie im Untertitel "Eine Schauspielerlegende" nennt, dann ist das doppelsinnig zu verstehen: Das Buch handelt nicht nur von einer Schauspielerlegende, es erzählt auch eine solche.
Die Spuren des 1879 in Triest geborenen Moissi führen um die halbe Welt; schon die Kindheit war von häufigen Ortswechseln geprägt: Alessandro M. wuchs beim Vater in der albanischen Hafenstadt Durazzo (wo sich heute ein "Aleksander Moisiu Museum" befindet) und bei der Mutter in Triest auf, er besuchte ein Internat in Graz und übersiedelte schließlich nach Wien, wo er am Konservatorium ein Gesangsstudium begann. Als ihm der Studienplatz nach einem Jahr entzogen wird, ist der Traum von der Sängerkarriere ausgeträumt - und Moissi bewirbt sich am Burgtheater um eine Schauspielausbildung. Ohne Erfolg: "Zum Schauspieler nicht geeignet", befindet die Prüfungskommission nach dem Vorsprechen, und der junge Mann mit dem starken italienischen Akzent muss sich mit stummen Rollen in der Komparserie begnügen.
Die Schauspielerlegende Moissi beginnt mit einem tatsächlich magischen Moment: Im Burgtheater wird Molieres "Tartuffe" gespielt; der berühmte Joseph Kainz gibt die Titelrolle, der unbekannte Moissi einen stummen Diener. In einer gemeinsamen Szene passiert etwas Mysteriöses: Kainz sieht Moissi ins Gesicht - und vergisst für einige Augenblicke seinen Text. Was den Star so irritiert hat, ist unbekannt. Jedenfalls setzt er sich bei der Direktion am nächsten Tag für Moissi ein; er habe den "Schauspieler der Zukunft" gesehen. Zu einem Engagement kann sich Direktor Schlenther dennoch nicht durchringen; immerhin vermittelt er das merkwürdige Talent nach Prag. Burgschauspieler ist Moissi auch später nie geworden; nur mit Gastspielen kehrte er an die Bühne zurück, auf der alles begann.
1903 wechselt Moissi nach Berlin, die ersten Kritiken sind verheerend. Max Reinhardt entdeckt ihn trotzdem und engagiert ihn ans Deutsche Theater, wo er umgehend zum gefeierten Jungstar wird. Seine erste Glanzrolle ist der unheilbar an Syphilis erkrankte Osvald in Ibsens "Gespenstern"; noch mehr als zwei Jahrzehnte später, 1929 am Broadway, wird Moissi den Osvald spielen. Eine andere Lebensrolle Moissis ist der Selbstmörder Fedja in "Der lebende Leichnam" von Tolstoi: Das Stück hat 1913 in Berlin Premiere; bis zu seinem Tod wird Moissi es mehr als 1500mal spielen. Er gibt praktisch alle großen Rollen des klassischen Repertoires und gilt als Spezialist für Sterbeszenen - als die ersten Salzburger Festspiele 1920 mit Max Reinhardts "Jedermann"-Inszenierung auf dem Domplatz eröffnet werden, kommt für die Hauptrolle natürlich kein anderer als Moissi infrage.
Wie heute Bob Dylan, befindet sich Moissi im Herbst seiner Karriere auf einer never-ending tour. Mit seinen "Greatest Hits" (Osvald, Fedja, Jedermann, Hamlet) reist er atemlos durch Europa, nach New York und bis nach Südamerika; sein Charisma und seine Stimme verfehlen anscheinend auch dann nicht ihre Wirkung, wenn das Publikum den Text nicht versteht. Moissi war einer der ersten Bühnen-Weltstars des 20. Jahrhunderts - und zugleich vielleicht der letzte, von dem kaum brauchbare Bild- und Tonaufnahmen existieren. Man ist auf Kritiken und Berichte von Zeitgenossen - siehe Kafka - angewiesen; er bleibt ein Unbekannter. So entstehen Legenden.
Rüdiger Schaper ist vom Mythos Moissi spürbar fasziniert; das Buch erzählt von dieser Faszination. Die Biografie ist weder trockene Chronologie noch blumiges Heldenepos, sondern der Expeditionsbericht von der Suche nach einem unbekannten Land, das längst nicht mehr existiert. Natürlich weiß auch Schaper nicht, wie es dort wirklich ausgesehen hat; aber er beschreibt sehr anschaulich seine Fahrten an die Grenzen des sagenumwobenen Territoriums, und obwohl er gründlich recherchiert hat, lässt er der Legende ihr Geheimnis.
Das Buch beginnt mit dem Ende: Alexander Moissi, das Genie des Bühnentodes, erlebt seine eigene Sterbeszene. Im Zug, auf der Heimreise von einer Italien-Tournee mit dem "Lebenden Leichnam", packt ihn das Fieber. Als er in Wien ankommt, ist der Schauspieler, der es zeitlebens auf der Lunge hatte, todkrank. Eine Woche später, am 22. März 1935, stirbt der 55-Jährige, der es zeitlebens mit vielen Frauen hatte, in den Armen seiner Ehefrau, der Schauspielerin Johanna Terwin. Noch um seine Einäscherung rankt sich eine schöne Legende: Albert Bassermann soll dem Kollegen den Iffland-Ring mit ins Feuer gegeben haben.
Rezensent: Wolfgang Kralicek
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