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«Abend im Gebirge» (um 1920) – Bauknechts expressionistische Bergwelt mit fast abstraktem Charakter
Es waren zwei ungleiche Künstler, die in Davos zusammentrafen. Eigentlich ist das einzig Gemeinsame der kunsthistorische Gattungsbegriff «Expressionismus», der sie verbindet. Hie der in Berlin, dem kulturellen Zentrum Deutschlands, bereits bekannte Ernst Ludwig Kircher, der um Anerkennung kämpfend in den Davoser Bergen für seinen durch Drogen- und Alkoholexzesse verzehrten Körper nach Erholung suchte. Da der ebenfalls in einer Weltstadt – Barcelona – aufgewachsene Philipp Bauknecht, der im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern (der Vater war Uhrmacher) zurück in die Heimat, den Schwarzwald, übersiedelte und die Enge des kleinbürgerlichen Handwerks kennenlernte.
Der 1884 geborene Bauknecht absolvierte in Schramberg im Schwarzwald eine Schreinerlehre, besuchte danach die Schreinerfachschule in Nürnberg und begann 1907 ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Stuttgart. Vor dem Ende des Studiums erkrankte Bauknecht an Tuberkulose, er reiste 1910 zu einem Kuraufenthalt in die Schweiz – auf den Davoser «Zauberberg» eben. Angesichts der Krankheit war ans Arbeiten nicht zu denken, er widmet sich der Malerei – zunächst noch stark vom Jugendstil beeinflusst. Kirchner arbeitete zu dieser Zeit in Berlin zielbewusst, zunächst allerdings mit wenig Erfolg, an seiner Karriere, der Erste Weltkrieg machte dem Künstler – einem Gründungsmitglied der Künstlergemeinschaft «Die Brücke» – einen Strich durch die Rechnung. Er musste Kriegsdienst leisten und wurde – nach einem Nervenzusammenbruch ob des absurden Drills und Mordens – hospitalisiert und medikamentensüchtig (Veronal und Morphin). Er arbeitete dennoch kontinuierlich an seinen Gemälden, Zeichnungen und Holzschnitten. Dank der Vermittlung seiner Lebenspartnerin Erna Schilling erreichte er durch Verkäufe auch finanzielle Unabhängigkeit. 1917 zog er nach Davos.
Philipp Bauknecht war damals schon sieben Jahre im wohltuenden Klima des Hochtals, hatte seine Krankheit wenn nicht überwunden, so doch weitgehend geheilt und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Verkäufen von Bildern (nach dem Geschmack des Publikums). Unterstützt wurde er zudem vom Stuttgarter Künstlerbund. Auch in seinem kleinen Atelier entstanden Gemälde, Zeichnungen und Holzschnitte, ab 1915 – also noch vor der Begegnung mit Kirchner – in zusehends expressionistischer Manier. Waren die Landschaftsbilder noch ganz im Stil von Hodler gehalten, wurden seine Porträts und Darstellungen der bäuerlichen Bewohner zusehends farbig und expressiv gestaltet. Zu Hodler meinte Bauknecht nach dem Besuch einer Ausstellung in Zürich selbstbewusst: «Hodler malt genau wie ich.» Nach einem erneuten Ausbruch der Tuberkulose radikalisierte sich sein Malstil: Die Figuren wurden flächiger, der Umraum geometrisch gestaltet und die Farbwahl wurde abstrakter. Dennoch war er nach wie vor auf gefällige Arbeiten für den Verkauf angewiesen: «Andauernde Erkrankung und materielle Not zwangen mich, in meinem Schaffen dem Geschmack der breiten Masse Rechnung zu tragen. Jahre grösster Seelenpein!»
«Heuträger» (1924), die für Bauknecht typischen Motive der bäuerlichen Arbeit wurden zusehends flächiger und farbiger.
Zu Beginn der Zwanzigerjahre trafen sich Kirchner und Bauknecht wohl in den kulturellen Zirkeln von Davos, wie sie Thomas Mann in seinem Roman so anschaulich und bisweilen ironisch beschrieben hat. Beim Kulturschriftsteller Erwin Pöschel beispielsweise, einem Freund Bauknechts, dessen Haus stets für kulturell engagierte Leute offen stand. Die beiden starken und selbstbewussten Künstlerpersönlichkeiten, die zudem wesensverwandt malten, achteten sich zwar, mochten sich aber eigentlich nicht. Bauknecht, der immer wieder erkrankte, war sehr sportlich und unternahm zwecks Motivsuche ausgedehnte Wanderungen in den Bergen. Er verachtete den Lebenswandel Kirchners, der nach wie vor von Drogen und sexuellen Eskapaden geprägt war. Dass sie sowohl motivisch wie expressiv eine enge Verwandtschaft hatten, erklärte Bauknecht lapidar: «Wenn zwei in derselben Zeit am selben Ort arbeiten, ist es nicht verwunderlich, wenn ähnliche Werke entstehen.»
Das Gemälde «Schwinger (Ringkämpfer)», vor 1924 entstanden, soll Bauknecht und Kirchner im Kampf zeigen.
Seit Beginn der Zwanzigerjahre stellten sich auch bei Bauknecht die ersten Ausstellungserfolge ein, der kommerzielle Erfolg liess aber auf sich warten. Aufträge zur Plakatgestaltung des lokalen Fremdenverkehrsvereins erleichterten die Situation, zudem war die Wer-begrafik der damaligen Zeit eng mit zeitgenössischen Künstlern verbunden, wie auch Plakatarbeiten von Giovanni Segantini oder Giovanni Giacometti belegen.
Für Bauknecht begann erst nach seiner Heirat mit der wohlhabenden Niederländerin Ada von Blommestein, die wegen der Krankheit ihrer Kinder ebenfalls in Davos weilte, eine sorgenfreie Zeit. Der materiellen Sorgen enthoben, bezog Bauknecht mit Frau und Kindern ein komfortables Haus am Davosersee. Zusehends nahmen sie auch am gesellschaftlichen Leben teil, das Bauknecht bis anhin eigentlich mied. So lernte er den Dichter Klabund und den Schriftsteller Jakob Wassermann kennen, traf die Schauspielerin Carola Neher (neben Therese Giehse Bert Brechts Lieblingsschauspielerin) und lernte auch Albert Einstein kennen. Von all diesen Persönlichkeiten, die sich in Davos trafen, entstanden Zeichnungen und Holzschnitte. 1929 kam der gemeinsame Sohn Eric zur Welt, den er in der Folge mehrfach porträtierte. Zugleich radikalisierte sich sein Expressionismus: Die Farben und Formen wurden autarker und führten Bauknecht immer mehr in die Abstraktion. 1930 wurde bei Bauknecht Magenkrebs diagnostiziert, was seine Bewegungsfreiheit und weitere Aktivitäten massiv einschränkte: Die geliebten Bergwanderungen entfallen und Landschaftsbilder entstehen nur noch auf dem Balkon des Hauses. Im Februar 1933 verstarb Philipp Bauknecht während einer Operation.
Bauknechts Frau Ada kehrte in die Niederlande zurück und nahm das gesamte Werk des Kunstmalers mit nach Amsterdam. Dort lagerte sie die Gemälde auf dem Estrich ihres Hauses ein und so blieben sie während fast 40 Jahren der Öffentlichkeit entzogen. Erst in den Sechzigerjahren wurde der «Schatz» durch Kunsthändler gehoben.
Die Parallelen zu Kirchner setzten sich indes fort: Beide Künstler wurden von den Nazis als «entartet» gebrandmarkt, ihre Werke verschwanden aus den öffentlichen Sammlungen, einige Werke gelten seither als verschollen. Kirchner nahm sich aus Enttäuschung über die Entwicklung in Deutschland, wohl aber auch aufgrund seiner Morphinabhängigkeit, im Juni 1938 das Leben. Und auch in der Rezeption ergeben sich Gleichmässigkeiten: Beide werden erst in den Sechzigerjahren «wiederentdeckt», Kirchner nicht zuletzt aufgrund seiner weitaus grösseren Produktivität stärker als der fast gänzlich verschollene Bauknecht. Dem Kirchner Museum und der unermüdlichen Bauknecht-Förderin Iris Wazzau ist dessen Wiederentdeckung zu verdanken.