Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03343.jsonl.gz/597

Bücherräumereien (XXVI): Genossenschaft St. Gervais
Die Genossenschaften und Institutionen der ArbeiterInnenbewegung kommen in die Jahre und schreiben ihre Geschichten. 2010 konnte die Stiftung Volkshaus Zürich ihr hundertjähriges Jubiläum mit einem opulenten Band feiern, kürzlich erschien ein ebenso gediegenes Buch zum Zürcher Cafe Boy (siehe http://www.stefanhowald.ch/aktuell/?p=3475. Nicht ganz so aufwändig aber ebenfalls aufschlussreich wird jetzt in einer Publikation die hundertjährige Geschichte der Genossenschaft St. Gervais in Biel dargestellt. Die Genossenschaft hiess zu Beginn anders, entschiedener: «Società Cooperativa Proletaria». Gegründet wurde sie am 30. Dezember 1919 von italienischen ArbeiterInnen. Im Februar 1920 konnte das geschichtsträchtige «Abtenhaus» in der Bieler Altstadt gekauft werden, am 1. April wurde das Restaurant «Proletaria» im Erdgeschoss eröffnet. Daneben verkaufte die Genossenschaft Lebensmittel und Weine aus Italien vergünstigt, und die oberen Räume dienten für politische und kulturelle Versammlungen.
Nach der Machtergreifung von Mussolini in Italien wurde auch das «Proletaria» in politische Auseinandersetzungen in der italienischen Diaspora verwickelt. In den folgenden Jahren bemühte man sich mit einigem Erfolg um eine breitere, dreisprachige Kundschaft. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Genossenschaft, bei reduziertem Betrieb, erstaunlich unbeschadet, doch geriet sie danach angesichts eines veränderten sozialen Umfelds in die Krise. Die sollte 1965 mit der Änderung des Namens in das noch heute bestehende «St. Gervais» überwunden werden, wobei man damit an ein radikales Bieler Café aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Tatsächlich kamen mit der 68er-Bewegung neue politische und alternative Kreise ins «St. Gervais». Wenig später traf die Wirtschaftskrise ab 1973 den Industriestandort Biel und dessen Arbeiterschaft stark, was die traditionelle Trägerschaft des «St. Gervais» tangierte. Ab 1975 veränderte sich die Genossenschaft Richtung Kulturaktivitäten.
Periodisch kamen sich, wie etwa auch beim Cafe Boy, die verschiedenen Funktionen als Restaurant, Diskussionsort und Kulturzentrum in die Quere, und zuweilen gerieten verpachteter Gastbetrieb und die Genossenschaft als Besitzerin aneinander. 1989 konnte eine existenzgefährdende Krise dank viel Solidarität aus breiten Kreisen überwunden werden.
Letztmals wurde die Liegenschaft 2015 durchgängig renoviert; seither wirtet ein neues Team erfolgreich, und der im Haus beheimatete Club «Le Singe» ist im Rahmen der generellen Wiederbelebung Biels zum anerkannten Veranstaltungsort geworden. Diese Geschichte wird in einer hübsch aufgemachten Broschüre knapp und anschaulich erzählt. In die Bibliothek im bücherraum f gelangt ist die Broschüre übrigens als Geschenk der treuen Sponsorin Ginevra S., die, natürlich, in Biel wohnt.