Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/3035

Ich sehe den gelben Zettel noch heute vor mir: „Bitte, melde Dich um zehn Uhr beim Architekten am Klaraweg 6. – U.C.“ Es war die Handschrift von Urs C. Reinhardt (1931–2015), des damaligen Generalsekretärs der CVP Schweiz. Wie meistens kurz und bündig.
Es war 1972, am Montag nach den für die Ski-Nation Schweiz so sensationell verlaufenen Winterspielen in Sapporo (Japan). Warum ich mich an diesem Morgen zum Klaraweg im Schosshaldenquartier bemühen sollte, war mir nicht klar. Auch Heinz Niemetz (1941–1979), mein hoch geschätzter Kollege, der in den Jahren 1970/1971 Entscheidendes für die Neuausrichtung der Partei geleistet hatte, wusste nichts Näheres.
So fuhr ich um zehn Uhr an besagte Adresse. Welche Überraschung! Architekt Keller (Vorname entfallen!), ein ruhiger, einsilbiger Fachmann, stellte mir ein leicht heruntergekommenes Wohnhaus vor. Es war im Besitz des Seraphischen Liebeswerks Solothurn (SLS), wurde vom Berner Fürsprecher Anton Rudolf, einem Schwiegersohn des ehemaligen Bundesrates Giuseppe Motta, verwaltet und hatte jahrelang einer Sozialinstitution gedient – nicht immer zum Wohlgefallen der Nachbarn. Über die Solothurner Connection SLS–Reinhardt eröffnete sich für das Haus eine neue Zukunft.
Neuer Ort – frische Luft
Für das Generalsekretariat war eine „Luftveränderung“ dringend notwendig. Seit zwei Jahren arbeiteten wir in zwei Häusern an der Gutenbergstrasse: In Nummer 21 war seit langem der Hauptsitz, in Nummer 25 war seit zwei Jahren der Generalsekretär untergebracht. Das war umständlich.
Die Generalsekretäre Paul Kubick (gest. 1928) in den Zwanziger- und Hermann Cavelti (1899–1982) in den Dreissigerjahren dürften weitgehend zu Hause gearbeitet haben. Das Gleiche gilt für ihren Nachfolger, den legendären Generalsekretär und „Vaterland“-Bundeshausredaktor Martin Rosenberg-Fischer (1908–1976): zunächst an der Schwarztorstr. 7, dann am Sulgenheimweg 3. Erst später zog das Sekretariat in eine Mietwohnung an der Spitalgasse, schliesslich an die Gutenbergstr. 21.
Dr. Rosenberg stellte für die Mitarbeit im Sekretariat, das er im Halbpensum bestritt, vornehmlich junge, politisch und journalistisch interessierte Universitätsabgänger ein, so Dr. Emil Grichting, den späteren Bundeshausredaktor „Tages-Anzeiger“, Arnold A. Stampfli, viele Jahre Journalist und Sprecher des St. Galler Bischofs, sowie Dr. Guido Casetti, den nachmaligen Generalsekretär des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes (CNG).
In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre – der Autor nahm 1964 als „Sekretär für alles“ seine Arbeit auf – veränderte sich die politische Arbeit rapide: Die Fraktionen der Bundesversammlung konnten einen eigenen Sekretär anstellen, die Sessionen der eidgenössischen Räte dauerten jetzt nur noch von Montag-Donnerstag, dafür gab es mehr Sondersessionen und Abendsitzungen, die Zahl der Vernehmlassungen stieg sukzessive, neue technische Möglichkeiten schufen neue Voraussetzungen in allen Bereichen, die Medienpräsenz erhöhte sich mit den Siebzigerjahren schlagartig usw.
Ostern am neuen Standort
Zurück zum Klaraweg. Was nach der ersten Besichtigung Not tat, war die Erstellung eines möglichst gültigen Planes für die Nutzung der Räume. Viel Spielraum bestand nicht: im Eingangsgeschoss Küche, kleines Konferenzzimmer und der Empfang im holzgetäfelten Eckzimmer. Im ersten Stock Büroräume für Pressechef und Sekretärinnen, im zweiten Stock Generalsekretär, Mitarbeiterin und Archivraum. Der Keller war bis zur „Entwässerungsaktion“ 1977 nur marginal nutzbar. Und der Estrich war Niemandsland, wurde in der Folge aber derart voll gestopft, dass sich vor zwei Jahren eine radikale „Entschlackungskur“ aufdrängte – wieder eine Aufgabe für den ehemaligen „Allroundsekretär“.
Die Renovationsarbeiten kamen gut voran, sodass bereits in der Karwoche 1972 der Umzug erfolgen konnte. Die frisch gestrichenen Wände waren fast noch feucht. Da war für den stets rauchenden Generalsekretär für mehrere Wochen Abstinenz angesagt. Der Einzug gelang problemlos. Rundum zufriedene Gesichter, auch bei den Nachbarn und bei der Stadt, die die Erstellung von Parkplätzen durchgesetzt hatte.
Einen Hinweis verdient die Umgebung des Hauses. Gemäss Mietvertrag, der einen durchaus moderaten Zins vorsah (1500 Franken pro Monat), hatte die Mieterin den Garten auf eigene Kosten „instandzuhalten“, was einige Arbeit erforderte, denn er war mehr Steppe als Garten. Und weil der Partei Geld für solche Arbeiten fehlte, war es eben wieder eine Aufgabe für den Allrounder und seine Frau. Um aber deren Kinder nicht unbeschäftigt zu lassen, hatte der Baumeister eine Röhre hinterlassen und mit Sand gefüllt. Mit anderen Worten: Am Klaraweg war die Jugend von Anfang an dabei!
Alois Hartmann (1936) wuchs in Altwis (LU) auf. Er war Mitarbeiter im Generalsekretariat von 1964–1972, später Kantonalsekretär in Luzern, dazwischen Bundeshausredaktor für CVP-Zeitungen, Chefredaktor „Vaterland“ und fünf Jahren Informationschef Caritas Schweiz, schliesslich persönlicher Mitarbeiter des ehem. Luzerner Regierungsrates Toni Schwingruber. Mit Hans Moos zusammen gab er 2008 das Erinnerungsbuch zu Bundesrat Josef Zemp heraus. Letzter November erschien sein neues Buch: „Chronik Altwis 1900–1999“.