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Vorschlag für ein Kompetenz- und Servicezentrum für Schweizer Bibliotheken
[Version française]
27. Oktober 2016
Kontext
Im sich verändernden Kontext der Schweizer Bibliotheksverbünde sehen die politisch-strategischen Gremien von RERO1 eine Chance, um die gegenwärtige Organisationsstruktur umzugestalten und neu auf das Ziel auszurichten, allen Schweizer Bibliothekstypen eine Alternative oder Ergänzung zur nationalen Plattform SLSP (Swiss Library Service Platform) anbieten zu können. Dieses neue Projekt ist gegenwärtig im Aufbau begriffen und richtet sich hauptsächlich an die Hochschulbibliotheken, inklusive jene, die Teil von RERO sind. (Siehe Mitteilung vom 27. Oktober 2016: RERO erfindet sich neu und arbeitet in Zukunft enger mit den anderen Schweizer Bibliotheken zusammen)
Der Vorschlag sieht die Schaffung eines neuen Kompetenz- und Servicezentrums für Bibliotheken auf der Grundlage des gegenwärtigen RERO-Teams vor, das folgende Leistungen anbietet:
- ein flexibles und kollaboratives Bibliothekssystem, das auf die Bedürfnisse der öffentlichen, Archiv- und Spezialbibliotheken der Schweiz ausgerichtet ist;
- eine gewisse Anzahl zusätzlicher, speziell auf die verschiedenen Bibliothekstypen ausgerichteten Dienstleistungen (siehe untenstehende Beispiele);
- eine Zusammenarbeit zwischen den Hochschulbibliotheken, die in SLSP zusammengefasst sind, und allen anderen Bibliotheken, die an einer gesamtschweizerischen Zusammenarbeit interessiert sind, zum Beispiel auf der Ebene des Ressourcenaustauschs oder des gemeinsamen Katalogs.
Nebst den Vorteilen, die sich aus einem solchen kollaborativen Angebot für die Bibliotheken ergeben, besteht das Ziel auch darin, die Dienstleistungen für die Benutzer zu verbessern, indem auf der Grundlage eines nationalen Bestandes an Dokumentationsmitteln bibliotheksübergreifende Dienstleistungen für gemeinsame Benutzer angeboten werden.
Im Folgenden werden die Hauptmerkmale der von der RERO-Steuerungsgruppe angestrebten Lösung beschrieben, die von der politischen Aufsichtsbehörde als Teil der CIIP (Interkantonale Erziehungsdirektorenkonferenz der französischen Schweiz und des Tessins) positiv aufgenommen wurde und grünes Licht für die Fortsetzung der weiteren Arbeiten erhalten hat.
Dieser Beschrieb dient als Ausgangspunkt für eine Machbarkeits- und Marktstudie, welche anschliessend mit einem Businessplan und einer Rechts- und Geschäftsstruktur ergänzt werden soll. Mit diesen Arbeiten sollen die Konturen, die Dienstleistungen und der Zeitplan dieses neuen Kompetenzzentrums festgelegt werden.
Geschäftsmodell
Das neue Kompetenzzentrum operiert in einem konkurrenzorientierten Kontext. Anstelle der Verwaltung eines Bibliotheksverbundes hat es zum Ziel, Dienstleistungen an Kunden zu verkaufen. Es verfügt über eine Palette vielfältiger Services, mit dem Schwerpunkt der Bereitstellung von Produkten und Lösungen. Eine partielle Finanzierung aus öffentlichen Geldern ist nicht ausgeschlossen. Diese Aspekte müssen anlässlich der Machbarkeitsstudie und der Erstellung eines Businessplans noch genauer analysiert werden.
Kundenstamm
Potentielle Kunden sind:
- Öffentliche, Schul-, Archiv- und Spezialbibliotheken (inklusive die Schweizerische Nationalbibliothek)
- Plattformen und Verbünde (bspw. SLSP, RenouVaud, und andere regionale Bibliotheksverbünde)
Für die verschiedenen Kundentypen wird eine Palette verschiedener Dienstleistungen angeboten. Der anvisierte Markt umfasst die gesamte Schweiz, ohne jedoch ausländische Kunden auszuschliessen.
Leistungsangebot
Die ausgemachten Leistungen basieren einerseits auf den Bedürfnissen der Bibliotheken und andererseits auf den Kompetenzen und Erfahrungen des RERO-Teams. Einige können schnell und gestützt auf die bestehenden Produkte umgesetzt werden, während andere zu entwickeln sind. Das Angebot umfasst insbesondere (aber nicht ausschliesslich):
- Ein Bibliothekssystem der neuen Generation, das auf die Bedürfnisse der anvisierten Bibliotheken zugeschnitten ist und auf einer flexiblen und vielseitigen Open-Source-Software mit einzigartigen Eigenschaften beruht (Invenio , siehe weiter unten). Diese Lösung operiert auf der lokalen Cloud-Plattform von RERO und begünstigt mit ihrer Konsortial-/ Multi-Tenant-Funktionalität, darunter auch ein gemeinsamer Katalog, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kunden. Die Wahl des Bibliothekssystems bietet innovative Lösungen für gegenwärtige Herausforderungen im Bereich Metadatenverwaltung, insbesondere:
- Unterstützung einer grossen Vielfalt an Metadatenformaten mit den verschiedenen Varianten von MARC bis zum RDF-Format, was es erlaubt, direkt mit LOD-Daten (Linked Open Data) zu arbeiten. JSON ist das ursprüngliche Format für die Datenspeicherung.
- Einfache Umwandlung zwischen den Formaten und einfacher Datenimport.
- Flexibilität in der Datenmodellierung, bspw. Integration von mehreren Normdateien, Betrieb des Entity-Relationship-Modells FRBR.
- Bereitstellung von verschiedenen und austauschbaren Katalogoberflächen: MARC-Tabelle für fachkundige Anwenderinnen und Anwender, aber auch einfachere und benutzerfreundlichere Modelle, die allen Anwenderinnen und Anwendern offenstehen, auch weniger qualifizierten.
- Ein Server für wissenschaftliche Open Access Publikationen, der wie ein institutioneller Dokumentenserver funktioniert2.
- Die Entwicklung von auf die Bedürfnisse verschiedener Kunden angepasster Katalog-Suchoberflächen (bspw. Schulen oder die breite Öffentlichkeit), oder das Sichtbarmachen von digitalen Archivmaterialien.
- Personalisierte digitale Bibliotheken für die Bereitstellung spezifischer Inhalte.
- Hosting von digitalen Ausgaben der Tagespresse (Weiterführung des gegenwärtigen Angebots « Schweizer Presse Online », das bereits eine nationale Reichweite hat).
- Umsetzung von Lösungen für öffentliche Bibliotheken (bspw. Integration des OPAC auf ihren Websites, vielleicht sogar eine integrierte Lösung mit beiden Angeboten).
- Spezifische Leistungen für existierende Plattformen und Verbünde (SLSP und andere), zum Beispiel: Massendatenverarbeitung, Entwicklung von Webservices, Unterstützung für die Migration von Informationssystemen, Weiterbildungen im Bibliotheks- und Informatikbereich, Server für wissenschaftliche Publikationen.
- Umsetzung der Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Bibliotheken und jenen der Plattform SLSP, zum Beispiel: Fernleihsystem, gemeinsame Benutzerdatei, Katalogisieren in einem gemeinsamen Reservoir.
- Ein Discovery-Tool und ein Link-Resolver, die sich auf eine Knowledge Base mit Metadaten elektronischer Ressourcen stützen.
- Digitale Langzeitarchivierung.
Pluspunkte der vorgeschlagenen Lösung
Auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten
Eine solche Lösung ist auf die Bedürfnisse von Archiv-, öffentliche, Schul- und Spezialbibliotheken zugeschnitten. Sie schliesst auch ein Leistungsangebot für Hochschulbibliotheken nicht aus.
Vom kollektiven Know-how des Martigny-Teams profitieren
Insbesondere:
- Erfahrung in der Leistungserbringung und Koordination für eine breite Kundenpalette.
- Ausgezeichnete Kenntnisse und langjährige Erfahrung im Management und der Ausweitung von Bibliothekssystemen, der Datenverarbeitung und der Migration von Informationssystemen.
- Kompetenzen im Umfeld von öffentlichen und Archivbibliotheken, bspw. Authentifizierung von Nutzern für E-Book-Plattformen (OAuth), Integration von in E-Book- und Bibliomedia-Plattformen enthaltenen Inhalten in den Katalog, spezifische Suchoberflächen.
- Entwicklung von Systemen mit erweiterten Funktionen als Ergänzung zum Bibliothekssystem, zum Beispiel: RERO DOC, Verwaltungsoberfläche RIALTO, Antragsformulare, FPR.
- Bereitstellung einer leistungsfähigen EDV-Umgebung (Cloud RERO), die auf einer langjährigen Erfahrung beruht und sich durch eine erwiesen hohen Leistungsqualität auszeichnet und sofort einsatzbereit ist.
Ermöglicht eine schnelle Umsetzung
Da sich diese Lösung auf gegenwärtige Strukturen stützt, sind viele der für die Umsetzung nötigen Elemente zu einem guten Teil bereits vorhanden. Sofern die Machbarkeit und die Ressourcenverfügbarkeit für die weiteren Projektschritte für das RERO-Team während der Übergangsphase gewährleistet ist, könnte die neue Lösung 2018-2019 einsatzbereit sein.
Kontinuität
Die Partner von RERO, welche diese neue Lösung übernehmen, profitieren von einer Kontinuität in der Bereitstellung der Dienstleistungen, da es sich um denselben Leistungsträger handelt. Anpassungen in der Angebotspalette können nicht ausgeschlossen werden.
Basierend auf einer lokalen Cloud
Eine lokale Cloud-Lösung ermöglicht die direkte Handhabung der Daten, was die Effizienz erhöht und ein hohes Ausschöpfungspotential dieser Daten bedeutet (bspw. Linked Open Data, Digital Humanities), während gleichzeitig der Datenschutz gewährleistet ist und einfacher auf die rechtlichen Bestimmungen der Schweiz in diesem Bereich reagiert werden kann. Dies steht im Gegensatz zu den meisten kommerziellen Angeboten von Bibliothekssystemen der neuen Generation, bei denen die Daten vollständig bei den Zulieferern liegen und häufig bei IaaS3-Drittanbietern ausserhalb der Schweiz gelagert werden.
Invenio als strategische Wahl
Im gegenwärtigen Stand der Überlegungen erscheint Invenio als eine besonders attraktive technologische Lösung und verfügt über mehrere strategische Vorteile. Die definite Wahl muss aber aufgrund einer detaillierteren Analyse getroffen werden, mittels derer ihre Zweckmässigkeit für die angestrebten Ziele überprüft werden kann. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass auch andere Open-Source-Lösungen für die definitive Auswahl berücksichtigt werden.
Im gegenwärtigen Kontext bietet Invenio jedoch eine einzigartige Kombination an Vorteilen, die besonders gut auf die vorgeschlagene Lösung zugeschnitten sind und zu diesem Zeitpunkt von keinem anderen Produkt angeboten werden:
- Es handelt sich um ein vielseitiges Produkt, mit dem verschiedene Arten von Leistungen (Bibliothekssystem, digitale Bibliothek, Server für wissenschaftliche Publikationen und primäre Forschungsdaten, digitale Langzeitarchivierung) von mehreren Instanzen mit nur einem Tool betrieben werden können.
- Invenio stützt sich auf sehr fortschrittliche und flexible Technologien, wodurch es mit nur wenig Aufwand auf sehr unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden kann. Dieses Produkt unterstützt das RDF-Format, wodurch direkt mit LOD-Daten (Linked Open Data) gearbeitet werden kann, während gleichzeitig alle möglichen Arten von Metadatenformate importiert und exportiert werden können, inklusive verschiedene Varianten von MARC (JSON ist das Ursprungsformat für die Datenspeicherung).
- Die Verwendung von nur einer Software für verschiedene Grundaufträge bietet im Bereich der Wartung der EDV-Umgebung beträchtliche Einsparungen (Faktorisierung). Es ist möglich, eine Instanz von Invenio für das Bibliothekssystem zu installieren, eine andere für den Server für wissenschaftliche Publikationen, und so fort, und diese zeitgleich zu warten. Ausserdem können innerhalb einer Invenio-Instanz mehrere unabhängige Suchmaschinen für das gleiche Dataset eingesetzt werden, zum Beispiel personalisierte Suchoberflächen für verschiedene Institutionen.
- Die Geschichte dieses Produkts, seine Entwicklung und die Tatsache, dass es im CERN entwickelt und eingesetzt wird, garantiert die Qualität, die Stabilität und die Kontinuität.
- RERO verfügt bereits über viel Erfahrung mit Invenio und hat sogar Beiträge zu seiner Entwicklung geleistet. Dieses Produkt wird seit 2004 für die digitale Bibliothek RERO DOC verwendet, was eine wichtige Rolle spielt, ebenso wie die enge Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam im CERN.
- Als Open-Source-Produkt ermöglicht es wichtige Einsparungen bei den Lizenzgebühren und macht das existierende lokale Know-how nutzbar. Ein Open-Source-Programm ermöglicht auch mehr Flexibilität und dadurch einen grösseren Anwendungsbereich, indem es auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Dienstleistungen angepasst werden kann.
- Durch die Mobilisierung von lokalem Know-how für das bezeichnete Open-Source-Produkt kann auf die Kommunikation mit Support-Teams von kommerziellen Zulieferern verzichtet werden, welche sich im Normalfall als arbeitsintensiv und produktionshemmend erweist.
- Falls zusätzliche Ressourcen für das Management oder die Erweiterung der Lösung benötigt werden, können punktuell kommerzielle Dienstleister beigezogen werden (siehe weiter unten).
Invenio - Kurzbeschrieb
Invenio ist eine Open-Source-Software, die vom CERN seit 2002 entwickelt wird. Ursprünglich war dieses Produkt für das Management der digitalen Daten des CERN vorgesehen, insbesondere für die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung (CERN Document Server4). Seither hat es sich zu einer vielseitigen Plattform für verschiedene Aufträge im Bibliotheksbereich entwickelt. Zurzeit deckt es insbesondere folgende Bereiche ab:
- Dokumentenserver: Die digitale Bibliothek RERO DOC, die 2004 lanciert wurde, hostet sowohl akademische (institutionelles Repositorium) als auch archivische Inhalte. Das Daten-Repository für wissenschaftliche Publikationen und primäre Forschungsdaten Zenodo, das von der Europäischen Kommission unterstützt wird, erfreut sich weltweiter Bekanntheit.
- Bibliothekssystem: Im Jahr 2010 löste Invenio Aleph 500 als Bibliothekssystem des CERN ab. In jüngerer Zeit hat TIND Technologies, ein Spin-Off des CERN, damit begonnen, Invenio als kommerziellen Service zu betreiben. Im Bereich der Bibliothekssysteme verfügt das Unternehmen über Kunden wie das California Institute of Technology (Caltech) und die UIT/ITU (Internationale Fernmeldeunion der Vereinten Nationen in Genf).
- Discovery-Tool, in Verbindung mit einer Knowledge Base mit Metadaten elektronischer Ressourcen: TIND Technologies implementiert Invenio mit der Knowledge Base von EBSCO.
- Online-Medienportal: Im Jahr 2013 hat RERO für RERO DOC auf der Grundlage von Invenio eine spezifische Oberfläche für das Abrufen von digitalisierten Tageszeitungen entwickelt.
- System für die digitale Langzeitarchivierung (siehe OAIS-Norm - Open Archival Information System).
- Hosting von primären Forschungsdaten.
1 Westschweizer Bibliotheksverbund
2 RERO hat ein Projekt in Vorbereitung, um RERO DOC auf nationaler Ebene als Open-Access-Plattform für wissenschaftliche Publikationen auszubauen. Es ist vorgesehen, anlässlich des nächsten Projektaufrufs der SUK 2017-2020 im Februar 2017 einen Finanzierungsantrag zu stellen.
3 Infrastructure as a service. Beispiele: Amazon Web Services, OVH, Microsoft Azure, IBM SoftLayer, Google Cloud.
4 Im August 2016 hostet er mehr als 1.2 Millionen Dokumente