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Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Brasilien 1950 seine erste WM organisiert hat. Doch das Trauma von 1950 ist noch nicht überwunden.
Brasilien 1950. Das Land hat sich aus der Militärdiktatur befreit und befindet sich im Aufbruch von der Diktatkur zur Demokratie. Seit 1946 gibt es eine neue Verfassung, und neue Hoffnung, die sozialen Unzulänglichkeiten und den Rassismus überwinden zu können.
Diese WM 1950 und der Bau des Maracana stehen für Brasiliens Ankunft in der modernen Welt. Das Maracana ist das grösste Fussball-Stadion der Welt. Wie viele hier das Endspiel am 16. Juli 1950 gesehen haben, ist nicht mehr bekannt. Es werden Zahlen zwischen 173 850 und 203 851 genannt.
Ein WM-Triumph in diesem Stadion wäre so etwas wie die Geburtsstunde einer neuen Nation geworden. So wie der WM-Titel von 1954 auch als die wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet wird, so kann ein WM-Titel 1950 der Anfang eines neuen Brasilien werden.
Aber Brasilien wird nicht Weltmeister. Ein Remis im letzten Spiel gegen Uruguay hätte genügt. Brasilien verliert nach einer 1:0-Führung 1:2. Dabei sagen die Brasilianer, dieses WM-Team von 1950 sei besser gewesen als alle Teams, die für das Land später den WM-Titel holten.
Es gibt keine Niederlage im Sport, die ein Land in eine so grosse Depression gestürzt, über die so viele Bücher geschrieben und Filme gedreht worden sind, mit der sich so viele Philosophen, Dichter, Denker, Politiker, Soziologen und Historiker beschäftigt haben.
«Überall gibt es eine unheilbare Katastrophe, etwa wie Hiroshima. Unsere Katastrophe war die Niederlage gegen Uruguay im Jahre 1950.»
Diesen Satz hat der brasilianische Schriftsteller Nelson Rodrigues geschrieben. Man muss es zweimal lesen. Eine Niederlage in einem Fussballspiel wird mit Hiroshima verglichen. Bis heute sind die Wunden von 1950 nicht verheilt, und in der kriegsarmen Geschichte Brasiliens nimmt dieses Trauma einen zentralen Platz ein. Der berühmte Anthropologe Roberto da Matta bezeichnet das 1:2 als «die vielleicht grösste Tragödie der zeitgenössischen brasilianischen Geschichte.»
Zur tragischen Figur wird Torhüter Moacyr Barbosa. Auch weil er dunkelhäutig ist. Noch 43 Jahre nach der Katastrophe gegen Uruguay ist er im Kreise der Nationalmannschaft eine unerwünschte Person. Sogar der nüchterne, moderne Stratege Carlos Alberto Parreira ist im Banne des Fluches von 1950. Der Nationaltrainer, der Brasilien 1994 zum WM-Titel führte, hat 1993 Barbosa einen Besuch des Trainingscampes verwehrt.
Die grauen TV-Bilder von 1950 bieten kaum Aufschluss, ob der Schuss, der zum 1:2 in die nahe Torecke fuhr, haltbar war und Barbosa danebengriff, im Stil eines Trottels, der ein fliehendes Huhn zu erhaschen sucht.
Moacyr Barbosa war einer der besten Torhüter der Welt. Aber die Niederlage hat ihn stigmatisiert. Generationen können diese Schmach nicht verwinden. «Ich habe eine Million Mal an diesen Ball denken müssen», sagte Barbosa kurz vor seinem Tod am 7. April 2000.
«Die Höchststrafe, die in Brasilien für ein Kapitalverbrechen verhängt wird, sind 30 Jahre. Ich habe 50 Jahre gekriegt.» Ohne Chance auf Bewährung. Immerhin hatte man ihm erlaubt, den Torpfosten im Rahmen eines Churrasco zu verbrennen. Es nützte nichts. Der Fluch war auch stärker als die Flammen.
Diese Niederlage gegen Uruguay hat unabsehbare Folgen. Die nächsten Wahlen gewinnt der alten Diktator Getulio Vargas und in den folgenden vier Jahrzehnten kann sich Brasilien kaum mehr von der Fessel der Militärherrschaft befreien. Das Scheitern ist Wasser auf die Mühlen der Rassisten in Sport und Politik. Als Schuldige für die Tragödie werden schwarze Spieler wie eben Moacyr Barbosa ausgemacht.
Brasilien 2014. Das Land prägt eine epochale Zeitenwende. China, Indien und Brasilien fordern mit ihren Wirtschaftsleistungen die alten Mächte USA und Europa heraus. Eine Aufbruchsstimmung, die durchaus etwas von 1950 hat. Ähnlich wie 1950 soll auch jetzt ein globales Sportereignis Sportereignisse ein neues Brasilien zeigen. Nicht nur die WM 2014. Auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio.
Aber nach Jahren eines beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieges zeigen sich Risse. Die neue Mittelschicht geht auf die Strasse und die Konzepte der Regierung, den Fortschritt voranzutreiben und die sozialen Verwerfungen einzuebnen, laufen oft ins Leere. Die Milliarden-Investitionen in die WM-Stadien sind umstritten.
Ein Triumph bei dieser WM 2014 würde so viele Probleme erst einmal in den Hintergrund rücken und eine Euphorie könnte das Land erfassen und einen Schritt weiter bringen. Eine Schmach – sei es ein frühes Ausscheiden oder ein Untergang in der Schlussphase des Turniers – könnte hingegen unabsehbare soziale, wirtschaftliche und politische Folgen haben. Wie 1950. Und wie 1950 finden noch im WM-Jahr Wahlen statt.
Seit 1950 ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Aber 1950 ist in diesen Tagen aktueller denn je. Mit unabsehbaren Risiken, aber eben auch grossen Hoffnungen. Ein frühes Ausscheiden der Brasilianer könnte den geordneten Verlauf dieser WM in Frage stellen. Aber ein Triumph im Endspiel am 13. Juli, im gleichen Stadion wie 1950, könnte Brasilien helfen, endlich die Tragödie von 1950 zu überwinden.