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In der Schweiz haben etliche multinationale Unternehmen ihren Firmensitz. Viele wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet – mitten in der Kolonialzeit. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg dieser grossen Schweizer Firmen und der europäischen kolonialen Expansionsphase? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten.Dieser Inhalt wurde am 15. September 2020 - 15:00 publiziert
Zuerst eine persönliche Kindheitserinnerung, auf die ich vor einigen Wochen in der früheren Wohnung meiner Grossmutter stiess. Dort fand ich ein Spiel. Es wurde wahrscheinlich in den 1930er-Jahren hergestellt. Das faltbare, auf Karton gedruckte Fliegerspiel war von der Schweizer Firma Maggi. Diese ist für ihre Brühwürfel weltbekannt.
Abgebildet ist eine Karte von Afrika und Teilen Asiens und Europas. Die Länder müssen auf einer Etappenreise durchquert werden. Der Protagonist des Spiels ist ein Pilot, der mit seinem Flugzeug in Kemptthal (Zürich), dem wichtigsten Produktionsstandort von Maggi, startet und auf drei Kontinenten eine Reihe von Abenteuern erlebt.
Klischees der Kolonialzeit
Als Kind war mir die Art und Weise, wie die Völker in diesem Spiel dargestellt wurden, gar nicht aufgefallen. Denn sie entsprachen den damals üblichen Klischees. Fast alle Einwohner aus Subsahara-Afrika sind halbnackt, nur mit einem einfachen Bastrock bekleidet. Einige tanzen auf bizarre Weise, andere haben einen Ring in der Nase und kochen in Töpfen und Pfannen, die über dem Feuer hängen.
Der Pilot führt die Eingeborenen in die Produkte von Maggi ein und erhält dafür Geschenke und viel Dankbarkeit. Im französischen Sudan (dem heutigen Mali) findet er "ausgezeichnete Kräuter für die Suppe", über die er Maggi Bericht erstattet. Von Kalkutta aus schickt er an das Unternehmen Reis für die Gemüsesuppe. In Afghanistan hält er im Frauenclub von Kabul einen Vortrag über Maggi-Produkte.
Das Spiel reproduziert viele der damals üblichen Vorstellungen der Kolonialwelt: Der Pilot verkörpert die Figur des Abenteurers, der sich als Held in einer von rückständigen und wilden Völkern bewohnten Welt bewegt: "In Einklang mit der kolonialen Vision einer Welt, in der der weisse Westen die farbigen Völker beherrscht." (Patrick Minder, La Suisse coloniale).
Ein multinationaler Konzern in einer kolonialen Welt
Gleichzeitig spiegelt die Landkarte das Bild eines multinationalen Unternehmens, das Handelsbeziehungen mit verschiedenen Ländern unterhält, das für seine Produkte weltweit wirbt und Rohstoffe mit Hilfe des modernsten Transportmittels, dem Flugzeug, importiert. Das Unternehmen stellt sich in den Mittelpunkt eines Netzes sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen kolonialer Art.
Natürlich ist es nur ein Spiel, das allenfalls die Teilhabe seiner Autoren an einer in den Gesellschaften der Industrieländer weit verbreiteten Vorstellung beweist. Dennoch kann man sich fragen, warum sich ein Schweizer Unternehmen entscheidet, sich auf diese Weise darzustellen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Entstehung einiger grosser multinationaler Unternehmungen in der Schweiz gegen Ende des 19. Jahrhunderts und der Kolonialwirtschaft?
"Tatsächlich kann man die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz nicht verstehen, ohne den Kolonialismus zu berücksichtigen", sagt Christof Dejung, Professor für Geschichte an der Universität Bern. Und fügt an: "Im Allgemeinen besteht jedoch kein direkter Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Schweizer Grossunternehmen und dem Kolonialismus." Die Beziehung sei komplex.
Die Schweiz zur Zeit der ersten Globalisierung
Zwischen 1870 und 1910 erlebte die Schweiz ein rasantes Wirtschaftswachstum, begleitet von einer starken Integration in die Weltwirtschaft. Gemäss einer Rekonstruktion des Historikers Thomas David, Professor an der Universität Lausanne, lag die Schweiz 1913, gemessen am Export pro Einwohner, hinter Belgien und den Niederlanden (zwei Kolonialländer) an dritter Stelle der Industrieländer. Gleichzeitig nahm die Eidgenossenschaft bei den Direktinvestitionen im Ausland den ersten Platz ein.
Einige Schweizer Unternehmen begannen bereits in den 1870er-Jahren mit der Verlagerung der Produktion, um die von vielen Ländern während der Weltwirtschaftskrise (1873-1895) auferlegten Zölle und Handelsschranken zu überwinden, die Produktionskosten zu senken und neue Absatzmärkte zu finden. Das Phänomen verstärkte sich nach 1890.
Die Entwicklung in der Schweiz verläuft ähnlich wie in anderen kleinen europäischen Industrieländern, namentlich Dänemark, Schweden, Niederlande und Belgien. Die geringe Grösse des Binnenmarkts zwingt die Unternehmen dieser Länder dazu, Absatzmärkte im Ausland zu suchen.
In der Schweiz ist die internationale Ausrichtung besonders ausgeprägt. Laut einer Studie des deutschen Historikers Harm Schröter hatten 1914 mehr als die Hälfte der multinationalen Unternehmen aus den erwähnten fünf Kleinstaaten ihren Hauptsitz in der Schweiz.
Zu diesen gehörten Unternehmen wie Brown Boveri (heute ABB), Ciba und Geigy (Novartis), Maggi (Nestlé), Nestlé, Sulzer, Suchard (Mondelez International), Wander (Associated British Foods) und andere.
Die Rolle der Kolonien
Direktinvestitionen von Schweizer Unternehmen im Ausland betreffen jedoch in erster Linie die Nachbarländer (Deutschland, Frankreich und Italien) sowie Grossbritannien und die Vereinigten Staaten.
"Im untersuchten Zeitraum sind die Schweizer Industrieunternehmen in den Kolonien kaum präsent und weisen keine produktiven Aktivitäten auf", sagt Thomas David, Professor für Geschichte an der Universität Lausanne.
"Das Zentrum der Aktivitäten der multinationalen Industriekonzerne vor 1914 war Europa", sagt auch die Genfer Historikerin Béatrice Veyrassat. In den Kolonien waren in den meisten Fällen Verkaufsniederlassungen eingerichtet, etwa bei Nestlé.
Eine Weltkarte, die 1913 im Almanach des Unternehmens veröffentlicht wurde, dokumentiert die Präsenz zahlreicher Niederlassungen und Agenturen entlang der afrikanischen Küste, in Indien und Südostasien. Nestlé-Fabriken jedoch gab es in dieser Zeit nur in Europa, den Vereinigten Staaten und Australien.
"Wenn man das Verhältnis zwischen den Schweizer Multis und dem Kolonialismus untersuchen will, muss man sich mehr mit den Handelsgesellschaften befassen. Sie haben in der Schweiz eine lange Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht", fügt Veyrassat an.
Operateure wie die Gebrüder Volkart, die Basler Handelsgesellschaft oder die Schweizer Handelshäuser in Asien, die sich zur heutigen DKSH zusammengeschlossen haben, betrieben Handel mit Baumwolle, Kakao, Kaffee und anderen Rohstoffen und kontrollierten wichtige Bereiche des internationalen Handels.
Diese multinationalen Handelskonzerne lieferten Rohstoffe, die für die Entwicklung der Produktionsaktivitäten von Industrieunternehmen benötigt werden, zum Beispiel Kaffee und Kakao. Gleichzeitig trugen sie dazu bei, dass Schweizer Industrieprodukte in immer mehr Ländern des Südens verkauft wurden.
"Bei diesen Aktivitäten bewiesen die Schweizer Akteure eine grosse Anpassungsfähigkeit sowie wirtschaftliche und kulturelle Flexibilität", sagt Veyrassat. Und bis zu einem gewissen Grad machten sie sich koloniale Strukturen zunutze.
Es ist jedoch äusserst schwer abzuschätzen, wie stark sich die Handelsbeziehungen mit den Kolonien auf das wirtschaftliche Wachstum der Schweiz vor und nach dem Ersten Weltkrieg ausgewirkt haben. Die bei weitem wichtigsten Export- und Importmärkte waren nach wie vor die europäischen Märkte.
Und selbst unter den Ländern des Südens waren die wichtigsten Handelspartner der Schweiz formell unabhängige Länder. Für einige Unternehmen und Branchen spielten die Kolonien jedoch eine wichtige Rolle als Rohstofflieferanten sowie als Handelsplatz.
Expansionsträume
Und was ist aus Maggi geworden? In den 1930er-Jahren war das Schweizer Unternehmen, ein Pionier der industriellen Nahrungsmittelproduktion, hauptsächlich in Europa tätig, besonders in Deutschland und Frankreich. Im Gegensatz zum Nestlé-Konzern, der Maggi nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm, hatte dieses Unternehmen keine nennenswerte Präsenz in Übersee.
Und doch haftet auch der Maggi-Strategie ein gewisser kolonialer Touch an. Unter den ersten Werbekarikaturen für das Maggi-Aroma, die auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen, findet sich das Bild von zwei einheimischen Afrikanern, die in einer Wüstenlandschaft Suppe kochen. 1922 nahm Maggi an der Kolonialausstellung in Marseille teil. Zu dieser Zeit hatten wahrscheinlich bereits einige Produkte des Unternehmens den Weg in die Kolonien gefunden.
Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg und im Zug der Entkolonialisierung wurden Maggi-Produkte wirklich global. In Afrika wurden innerhalb weniger Jahrzehnte gelbe und rote Brühwürfel an den Ständen aller Märkte verkauft. Sie wurden in Kürze zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen Küche.
Das Spiel des Maggi-Piloten war vielleicht nur eine Vision. Dies entsprach dem Traum von einer kommerziellen Expansion, die sich innerhalb einer kolonialen Logik bewegte, die von zivilisatorischen Ambitionen und rassistischen Haltungen durchzogen war und auf einer hierarchischen Konzeption der Beziehungen zwischen den Industrieländern und dem Süden der Welt basierte.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)
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