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Auf ihren Hauptprotagonisten Andreas Bichel stiess Andrea Maria Schenkel aus purem Zufall. Bei Archivarbeiten fiel der deutschen Autorin ein «New York Times»-Artikel von 1889 über Jack the Ripper in die Hände. Der Journalist glaubte im englischen Serienkiller einen Nachahmungstäter eines bayerischen Frauenmörders zu erkennen: Andreas Bichel.
80 Jahre vor Jack the Ripper tötete Bichel mindestens zwei Frauen in seinem Wohnort Regendorf. Der Ort liegt in unmittelbarer Nähe von Andrea Maria Schenkels Geburtsstadt Regensburg. Die Neugierde der Krimiautorin war geweckt.
Eins mit seinen Opfern sein
Im Roman «Der Erdspiegel» erzählt Schenkel die Geschichte von Andreas Bichel. Dieser lockt zwischen 1806 und 1808 junge Frauen in sein Haus. Er verspricht ihnen, sie in einen sogenannten Erdspiegel sehen zu lassen, der ihnen die Zukunft zeigt.
Andrea Maria Schenkel
Andrea Maria Schenkel, geboren 1962, lebt in Regensburg und Larchmont, einem Vorort von New York. Sie unterrichtet kreatives Schreiben und schreibt regelmässig für das Magazin «Zeit Verbrechen».
Sie gilt als eine der renommiertesten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihr Debüt «Tannöd» (2006) avancierte zum Überraschungserfolg und wurde mit dem Deutschen Krimipreis und dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Die Geschichte beruht auf einem ungeklärten Sechsfach-Mord, der sich 1922 zugetragen hat.
Auch für ihren zweiten Roman «Kalteis» (2007) erhielt Schenkel den Deutschen Krimipreis. In der Folge erschienen «Bunker» (2009), «Finsterau» (2013) und «Täuscher» (2016) sowie «Als die Liebe endlich war» (2016), ein Roman jenseits des Krimigenres.
Bichel nutzt die Leichtgläubigkeit der Frauen aus und tötet sie auf grauenvolle Weise. Ihre Kleider bewahrt er auf, lässt sie umschneidern und trägt sie selbst. Sie werden für Bichel zu einer Art zweiten Haut. Er will den Opfern nahe sein, eins mit ihnen werden.
Der Mörder von nebenan
Dass Andreas Bichel ein Frauenmörder ist, eröffnet uns der Roman bereits im ersten Kapitel. Währenddessen ahnt die Dorfgemeinschaft lange nichts. Bichel gilt gemeinhin als feiner Nachbar, aufrichtiger Geschäftsmann und begnadeter Geschichtenerzähler.
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Für den Spannungseffekt sorgt die Frage, ob und wie der Täter überführt wird. Auf dem Weg dorthin verbindet Schenkel die Perspektiven der Opfer, des Täters und weiterer Figuren in kurzen Erzählpassagen. Was zuerst ungeordnet erscheint, fügt sich zu einem schlüssigen Gesamtkonstrukt.
Historischer Rechtsgelehrter als True-Crime-Autor
Andrea Maria Schenkel greift für ihre Kriminalgeschichten mit Vorliebe auf historische Stoffe zurück. Für «Der Erdspiegel» stand ihr dafür eine erstaunlich gute Quellenlage zur Verfügung. Nicht selbstverständlich für ein Verbrechen, das über 200 Jahre zurückliegt.
1811 stellte der Rechtsgelehrte Paul Johann Anselm von Feuerbach in einer Auswahl bemerkenswerter Verbrechen die Morde Bichels ausführlich vor. Feuerbachs Schilderungen lesen sich bis heute mit Schaudern und Genuss.
Paul Johann Anselm von Feuerbach
Der deutsche Jurist lebte zwischen 1775 und 1833 und war Schöpfer des bayerischen Strafgesetzbuches von 1813. Unter Feuerbachs Mitwirkung wurde in Bayern die Folter abgeschafft und seine Forderung «Keine Strafe ohne Gesetz» wurde zu einem Kernelement des modernen Rechtstaates.
Die Morde des Andreas Bichel schilderte Feuerbach in seiner Fallsammlung «Merkwürdige Verbrechen in aktenmässigen Darstellungen» (1811). In seinen fast schon erzählerischen Texten schildert Feuerbach nicht einfach die Tatbestände. Sein Interesse galt hauptsächlich der psychologischen Erforschung der Verbrechen. Damit gilt der deutsche Rechtsgelehrte als Begründer der wissenschaftlichen Kriminalpsychologie.
Dank Feuerbach war der Fall Ende des 19. Jahrhunderts international noch bekannt genug, dass sich ein Journalist der «New York Times» darauf berief – und weitere 130 Jahre später Andrea Maria Schenkel darauf stiess.
Die Psychologie des Mörders verstehen
Für ihren neuen Roman bleibt Schenkel über weite Strecken nah an den historischen Fakten. Aber das Motiv des Täters wird aus den Quellen nicht ersichtlich. Schenkel füllt diese Lücke und macht das, was die Berichte über den Frauenmörder nicht können: in den Kopf des Täters hineinschauen.
Es ist ein Versuch, der Psychologie des Mörders auf die Spur zu kommen. Dazu reichert Schenkel die Geschichte hier und da auch mit Fiktion an. Der Reiz der wahren Begebenheit hinter dem Roman geht damit nicht verloren.
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Und auf jeden Fall steckt in «Der Erdspiegel» weitaus mehr Wahrheit als in der These eines Journalisten der «New York Times», dass Jack the Ripper ein Nachahmungstäter von Andreas Bichel gewesen sei.
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