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Das FIFA-Management versagt in der sozialen Frage
28. Mai 2002
Stellungnahme der internationalen Clean Clothes Campaign zur Haltung der FIFA
Die FIFA kümmerte es bisher wenig, wie die Sponsoringmillionen erwirtschaftet wurden, die während der Fussball WM 2002 in ihre Kassen fliessen. Die Firma Adidas darf als Hauptsponsor am positiven Prestige der Fussball-Weltmeisterschaft in Korea und Japan teilhaben, obwohl soziale Mindeststandards in vielen Fabriken missachtet werden. Das ist unsportlich und empörend. Die FIFA hatte mehrfach angekündigt, noch vor der WM 2002 zu den sozialen Probleme in ihren Geschäftsbeziehungen Stellung zu nehmen. Offenbar ist die FIFA daran gescheitert. Das belegen aktuelle Berichte der Clean Clothes Campaign (CCC) aus Indien, Pakistan, China und Indonesien. Befragungen in Fabriken, wo teilweise auch Artikel mit dem WM-2002-Logo produziert werden zeigen, dass die elementarsten Arbeitsrechte verletzt wurden: Mehr als 11 Stunden tägliche Arbeitszeit an 30 Tagen im Monat, zu tiefe Löhne, hohe Verletzungsgefahr und sogar die ausbeuterische Kinderarbeit wurden erneut belegt.
Die FIFA delegiert ihre Verantwortung
Die Clean Clothes Campaign (CCC), in der Schweiz getragen von Brot für alle, der Erklärung von Bern (EvB) und Fastenopfer, hat von der FIFA bisher vergeblich verlangt, dass die Arbeitsbedingungen bei ihren Partnern und deren Lieferanten verbessert werden. Gleich erging es dem weltweiten Netzwerk gegen Kinderarbeit, dem Global March against Child Labour. Deshalb veröffentlichen diese Organisationen heute einen gemeinsamen Appell an die FIFA und die Sportartikelfirmen. Darin zeigen sich die zwei Organisationen schockiert über die Antwort der FIFA, wonach ”die FIFA nicht für die Arbeitsbedingungen in den Fabriken verantwortlich gemacht werden kann.” Diese Aussage bestätigt den Eindruck, dass die Sozialklauseln in den Lizenz-Vereinbarungen der FIFA bisher weitgehend Makulatur blieben. Die CCC und der Global March rufen die FIFA auf, endlich die Verantwortung zu übernehmen, indem sie einen vollständigen, sozialen Verhaltenskodex für alle Sponsoren und Lizenznehmer einführt. Damit diese ethischen Grundnormen bei allen Produzenten eingehalten werden, muss die FIFA eine unabhängige Überprüfung akzeptieren. Mit einer Postkarten- und E-Mail-Aktion wird diesen Forderungen in der Schweiz Nachdruck verliehen: Bereits jetzt hat die CCC gut die Hälfte der angestrebten 2002 “Vorschläge für die FIFA” gesammelt.
Beschränkte Erfolge der FIFA-Projekte in Indien und Pakistan
Aktuelle Berichte zur Fussballproduktion in Indien und Pakistan zeigt, dass die Projekte gegen Kinderarbeit der FIFA zusammen mit der UNICEF nur begrenzt zum Erfolg führen. Trotz einigen Verbesserungen werden weiterhin Kinder missbraucht in der Produktion von Fussbällen. In Pakistan nähten Kinder auch Fussbälle für WM Hauptsponsor Adidas. In diesen Regionen, wo viele erwachsene FabrikarbeiterInnen zu wenig verdienen, um ihre Familien zu ernähren, können Eltern ihre Kinder oft nicht in die Schule senden. Oft müssen sich Kinder am Broterwerb beteiligen. Gemäss diesen Recherchen werden die FIFA-Lizenzbestimmungen bezüglich der meisten Arbeitsrechte verletzt. Die Hauptprobleme betreffen die tiefen Löhne, die langen Arbeitszeiten, die Gewerkschaftsrechte und die grossen Unfallrisiken. Diese Resultate zeigen die Grenzen der ”Pflästerli-Politik” der FIFA. Gefordert wird daher eine umfassende Strategie, um die elementaren Arbeitsrechte künftig zu respektieren.
Adidas Bälle stammen aus chinesischen Schwitzbuden
Ziellos spielen sich unterdessen die FIFA und ihre Partner den Ball gegenseitig zu. Zudem trägt die Verlagerung der Ballproduktion nach China dem 3-Streifen-Konzern neuen Ärger ein. In der Fabrik Guan Ho in der südchinesischen Stadt Dongguan werden die Leute gezwungen, bis spät in die Nacht zu arbeiten. Während der Hochsaison wird an mindestens 11 Stunden am Tag gearbeitet, und dies ohne einen einzigen Freitag im Monat. Das stellt eine klare Verletzung der Adidas-Verhaltensnormen dar. Die bezahlten Akkordlöhne sind zudem extrem tief angesetzt. Als es im Februar 2002 darüber zu einem Arbeitskonflikt kam, wurde ein Arbeiter entlassen. Obwohl dies eine Verletzung des chinesischen Rechts darstellt, werden beim Arbeitseintritt von den ArbeiterInnen hohe Kommissionen eingezogen. In der Zwischensaison verdienen viele Näherinnen nicht einmal mehr den gesetzlichen Mindestlohn von weniger als 90.- Franken im Monat. Zudem ist das Unfallrisiko hoch. ”Sobald ich den Lohn vom letzten Monat endlich erhalte, werde ich kündigen. Die Finger brennen. Es ist grauenhaft”, sagt eine Arbeiterin, die keine Aussicht auf eine andere Stelle hat.
Auch bei Nike drückt der Schuh
Ebenso schlecht wie Adidas schneidet Nike, der grösste Sportbekleidungskonzern ab. Sie können es sich leisten, acht Fussball-Nationalmannschaften auszurüsten (Hauptsponsor Adidas finanziert sogar deren 10), den Beschäftigten wollen sie aber keine ausreichenden Löhne bezahlen. Davon berichtet Leily, eine verheiratete Frau, die wie ihr Mann in der indonesischen Fabrik Nikomas Gemilang, in Serang, Westjava, arbeitet (siehe die Studie: ”We are not machines”, 2002). Wegen dem tiefen Einkommen leben sie getrennt von ihrem Kind. Der Monatslohn im November 2001 betrug rund 140 Franken. Leily schätzt, dass sie etwa 250 Franken bräuchten, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Zum Überleben werden daher Überstunden gearbeitet. Das erlaubt ihnen, etwas Geld an die Grosseltern zu senden, die sich um ihr Kind kümmern. Sie besuchen ihr Kind lediglich alle 4 Monate, weil die Reise teuer und die Freitage selten sind. Nike- und Adidas-ArbeiterInnen in Indonesien, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen, befürchten die Entlassung, Gefängnis und Repressionen. Rakhmat Suryadi ist einer von 24'000 Beschäftigten von Nikomas Gemilang, wo für Nike und Adidas Sportschuhe produziert werden. Am 21 März 2001 wurde er beim verlassen der Fabrik von unbekannten Männern verprügelt. Er erlitt zahlreiche Wunden am Kopf und an den Beinen. Eine Woche lang er im Spital und konnte einen Monat nicht arbeiten. Unklar sind nach wie vor die Auftraggeber der Tat. Der Vorfall geschah einen Monat nach dem Suryadi in einer lokalen Zeitung Aussagen über die Arbeitsbedingungen bei Nike-Produzenten machte.
FIFA braucht eine unabhängige Kontrolle
Obwohl bei der FIFA oft und viel von Völkerverständigung gesprochen wird, leiden die ärmsten Bevölkerungsschichten in südlichen Ländern unter dem Fussball-Business. Damit die FIFA die ethischen Spielregeln künftig einhält, müsste sie neben einem vollständigen Kodex die unabhängige Kontrolle akzeptieren, wie sie von der Clean Clothes Campaign vorgeschlagen wird. Die CCC spielt damit dem künftigen FIFA-Präsidenten einen Steilpass zu, der es ihm erlauben wird, mit den lukrativen Sponsoring- und Lizenzverträgen ethisch lupenreine Treffer zu erzielen. Die WM 2002 wird aber von Not und Leid von Tausenden von ArbeiterInnen überschattet.