Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/286

zvc Arbeitszeit
Dem Menschen von damals war das gesetzte Ziel genügend wert, um den immensen Aufwand für die Aufrichtung der Alignements nicht zu scheuen. Indem er die Steine auf die Beine stellte, verwirklichte er ein Vorhaben, dem ein äusserst ehrgeiziges Leitmotiv zu Grunde lag: Die Alignements nehmen die Idee der aufrechten Steine auf, die einen Gegensatz zu den waagrecht liegenden Steinen der Toten bilden.
Das Bauwerk Carnac, das fällt auf den ersten Blick auf, war aufgrund seiner Dimensionen völlig ungeeignet für einen Versammlungsplatz. Zu weitläufig. Zu immens. Das schon. Aufgrund seiner Dimensionen taugte der Ort aber durchaus für Treffen. Die Abstände zwischen den Reihen, den Menhiren, stecken einen beachtlichen Raum ab.
Die ausgedehnten, grösseren und kleineren Flächen sind ein weiteres Element, das die Alignements auszeichnet. Dabei lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten. Wenn man zwischen den grössten Menhiren steht, wirken die durch diese Steine abgesteckten Räume wie abgegrenzt. Die mächtigen Steinkolosse bauen sich fast wie Mauern auf, die einen Raum einschliessen, zugleich den Blick aber labyrinthartig in benachbarte und entferntere Plätze gestatten. Steht man hingegen zwischen den kleineren und kleinen Menhiren, erhält der abgesteckte Raum eine ganz andere Bedeutung. Das Bedrohliche verschwindet. Die mit den Menhiren abgepflockten Quadrate scheinen offen und laden dazu ein, leichtfüssig von einem Feld in das nächste zu wechseln. Am östlichen Ende der Alignements entlassen sie den Besucher schliesslich in die Weite der Ebene, die heute zum Teil, wie bereits mehrfach in diesem Traktat festgestellt, bewaldet ist.
Einerseits schüchtern die abgesteckten Felder ein, andererseits ermöglichen die Menhire dem Besucher, mit wechselnden Einsichten durch das Menhirefeld zu schreiten. Und zwar Einsichten, die einerseits das Auge gewährt, andererseits das Empfinden. Bedrohung und Befreiung stehen in Carnac nah beieinander. Der Geist wird angeregt. Man fühlt sich heute an die Peripatetiker der Antike erinnert, welche, durch die Säulenhallen wandelnd, ihren Überlegungen nachhingen und nachgingen.