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Zurzeit, und noch bis 10. Februar 2019, ist in der Fotostiftung in Winterthur die Ausstellung «Wettlauf um China» zu sehen (siehe Fotointern Top Story). Sie widmet sich vor allem der Berichterstattung des Schweizer Fotojournalisten Walter Bosshard aus China in den 1930er-Jahren und seiner Rivalität mit dem gleichzeitig in China weilenden Robert Capa, um in der westlichen Welt über die Ereignisse des Zweiten Sino-japanischen Krieges zu berichten. Zu dieser Ausstellung ist im Limmat-Verlag das Buch «China brennt» herausgekommen, welches diese Schaffensperiode von Walter Bosshard eindrucksvoll dokumentiert.
Walter Bosshard gilt als Pionier des modernen Fotojournalismus, insbesondere durch seine Fotoreportagen aus Asien, die er in grossen Zeitschriften, bei der «Deutschen Illustrierten» (Ullstein Berlin), der «Münchner Illustrierten Presse», in der «Züricher Illustrierten» platzieren und im Auftrag der grossen deutschen Bildagentur «Dephot» arbeiten konnte. Zunächst war das Leben in China jener Zeit sein Hauptthema, einem Land, das im Westen weitgehend unbekannt war und nur von wenigen bereist wurde. Dann brach während seines zehnjährigen Aufenthaltes der Zweite Sino-japanische Krieg mit der Invasion Japans 1937 in China aus, der zu einem Handelsboykott der USA gegen Japan und folglich zum Angriff der Japaner auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbour führte. Ein Krieg also, der für den Westen zunächst «weit weg» erschien, der jedoch in China mit unvorstellbarer Brutalität tobte und weltpolitisch von erheblicher Tragweite war – er führte nahtlos in den Zweiten Weltkrieg über und wurde erst mit Kapitulation Japans 1945 nach dem Abwurf der beiden amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki beendet.
Mit seinen Reportagen zum Beginn der 1930er Jahre aus den weitgehend unbekannten Gebieten des Kunlun, der zentralasiatischen Wüsten und den Hafenstädten am Yangste, hat Bosshard den westlichen Medien zu spannenden Bildberichten verholfen. Damit hatte sich Bosshard schnell einen internationalen Namen geschaffen und galt als führender Korrespondent Europas in China. Durch seine Bilder kam China ins westliche Rampenlicht, vor allem nach dem Einfall der Japaner und dem Überfall chinesischer Städte, was zu einer grossen Fluchtwelle innerhalb Chinas führte. Besonders eindrücklich waren seine Reportagen aus der Stadt Hankou, dem zeitweisen Regierungssitz unter Tschiang Kai-shek, die von den Japanern massiv bombardiert und dann von ihren Truppen in einem blutigen Kampf besetzt wurde.
Erfolgversprechend war auch die Arbeitsweise von Bosshard. Er hatte bereits 1925 eine Leica erworben, die es ihm ermöglichte – im Gegensatz zu anderen Fotografen mit grösseren Kameras – völlig unbemerkt zu fotografieren. Es waren spontane Bilder, die Momente der Realität zeigen und nur wenige arrangierte Szenen, die damals üblich waren.
Das Buch «China brennt» von Peter Pfrunder ist eine grossartige Dokumentation jener bedeutendsten Schaffensperiode von Walter Bosshard. Prunder hat in der Fotostiftung in Winterthur, welche rund 200’000 Negative und Prints aus Bosshards Nachlass besitzt, und im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, welche die schriftlichen Aufzeichnungen von Bosshard verwaltet, eine hervorragende Recherchearbeit geleistet, die nun mit diesem Buch – und in der Ausstellung in Winterthur – der Nachwelt Bilder hinterlässt, die sonst in Vergessenheit geraten wären.
Urs Tillmanns
Buchbeschreibung des Verlages
Der Schweizer Walter Bosshard hat den modernen Fotojournalismus mitgeprägt. Um 1930, als neu gestaltete illustrierte Zeitschriften beispiellose Erfolge feierten, war er an vorderster Front dabei. Seine Bildberichte erreichten ein Millionenpublikum und machten ihn zu einem international gefragten Starreporter.
Ab 1931 konzentrierte sich Bosshard auf China, 1933 liess er sich in Beijing nieder. Er ahnte, dass dem Reich der Mitte tief greifende Umwälzungen bevorstanden. Fotografierend und schreibend verfolgte er den verheerenden Krieg mit Japan und den Machtkampf zwischen Nationalisten und Kommunisten, er widmete sich aber auch dem Alltag und dem Leben auf der Strasse. 1938 erreichte er als erster Europäer die Lösshöhlen von Yan’an, wo Mao und die Rote Armee ihre Kräfte sammelten. Mit seiner Reportage gewann Bosshard den Wettlauf der Medien – unter anderem vor Robert Capa, seinem Freund und Rivalen.
Peter Pfrunder hat sowohl das Negativarchiv der Fotostiftung Schweiz als auch die Bildbestände im Archiv für Zeitgeschichte (ETH Zürich) neu ausgewertet. In internationalen Pressearchiven sind viele vermisste Fotografien zum Vorschein gekommen, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden.
Bosshards fotojournalistisches Vermächtnis ist eine einzigartige, packende und anschauliche Quelle, um in jenes chinesische Jahrzehnt einzutauchen, das unsere Welt so folgenschwer verändert hat.
Der Inhalt
Zwischen den Fronten. Einleitungstext von Peter Pfrunder
1931 – Eröffnung der chinesischen Nationalversammlung
1931 – 1933 Japanische Besetzung der Mandschurei
1933 – 1936 Reisen ins Landesinnere
1934 – 1936 Kühles Grasland Mongolei
1937 Beginn des Zweiten Sino-japanisches Krieges
1938 Im Roten China – Besuch bei Mao Zedong
Mobilisierung der Landbevölkerung
Song Meiling
Der Fall von Hankou
Anhang mit Archivbögen, Biografie, Beschreibung des fotografischen Nachlasses, Danksagungen
Die Autoren
Walter Bosshard (1892–1975), Studien in Kunstgeschichte in Zürich und Florenz. Lehrer in Feldmeilen, Fotograf und technischer Leiter der deutschen Zentralasien-Expedition 1927/28. Reportagen über Gandhi und die indische Unabhängigkeitsbewegung machten Bosshard berühmt. Berichterstattung für die Ullstein-Presse, für «Life», «Picture Post» und die amerikanische Agentur Black Star. Fotojournalist und ab 1939 Auslandkorrespondent für die «Neue Zürcher Zeitung». Von 1957 bis zu seinem Tod lebte Bosshard im Val d’Anniviers, in Spanien und in Ägypten.
Peter Pfrunder, geboren 1959 in Singapur, aufgewachsen in der Schweiz. Studierte Germanistik, Europäische Volksliteratur und englische Literatur in Zürich, Montpellier und Berlin. 1995 bis 1998 Co-Leiter des Forums der Schweizer Geschichte / Schweizerisches Landesmuseum, Schwyz. Seit 1998 Direktor und Kurator der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Lebt in Zug. Zahlreiche Veröffentlichungen und Ausstellungen zur Schweizer Fotografie.
Bibliografie
Walter Bosshard: «China brennt – Bildberichte 1931–1939»
Herausgeber und Texte: Peter Pfrunder
256 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Halbleinen
141 Fotografien, 16 Kontaktbogen, 21 Dokumente
September 2018
Limmat-Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-865-0
Preis CHF 74.–, EUR 69.–