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Seit Saisonbeginn ist Mathieu Feigean Videoanalyst beim Servette FC. Nach dem Sieg gegen Vitesse Arnheim und ein paar Stunden vor dem Spiel gegen Waalwijk spricht er über seine Rolle im Verein und die Wichtigkeit der Daten im Fussball.
Mathieu, könntest du dich in wenigen Worten vorstellen?
Ich heisse Mathieu Feigean und bin 27 Jahre alt. Ich wuchs in der Nähe von Nantes auf, bevor ich für mein Studium in die Deutschschweiz kam. Vor kurzem habe ich meine Ausbildung an einem Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern beendet und dann bin ich zu Saisonbeginn für diesen Job als Analyst beim Servette FC nach Genf gekommen.
Welche Ausbildung hast du absolviert, um diese Arbeitsstelle zu besetzen?
Mein Studium habe ich mit dem Ziel angefangen, Sportlehrer zu werden. Nach einem gescheiterten Aufnahmetest bei der École Normale Supérieure (ENS) wollte ich einen Tapetenwechsel und ich ging nach England, um mich in der Forschung ausbilden zu lassen. Dort untersuchte ich die kollektive Intelligenz in der sportlichen Leistung und insbesondere den zwischenmenschlichen Koordinierungsprozess. Unter anderem fand ich heraus, dass je mehr Kenntnisse die Spieler über die Aufgabe und ihre Mitspieler miteinander teilten, desto besser war die kollektive Leistung. Gleichzeitig wissen wir, dass je zahlreicher die Spieler in einer Mannschaft sind, desto wichtiger sind die Kenntnisse über die eigenen Mitspieler. Was die Arbeit auf dem Platz angeht, zeigen diese Erkenntnisse, dass die Zusammensetzung und die Funktionstüchtigkeit eines Kollektivs viel komplexer sind als die einfache Summe der Einzelleistungen.
Wie kamst du nach Bern?
Nach dem Master wollte ich ein Doktorat machen und ich bekam ein Stipendium an der Universität Bern. Ich durfte das Thema frei wählen und entschied mich für die «Emergenz» der kollektiven Verhaltensweisen, mit dem Fussball als Forschungsgebiet. Emergenz kommt vor, wenn die Einzelpersonen keinen Einfluss mehr auf die Gruppenaktion haben, die gerade stattfindet. Ein Beispiel: wenn nach einer Theateraufführung alle Zuschauer klatschen, gibt es eine kollektive Synchronisation, die keinem Einzelnen gehört. Diese Synchronie ist eine Gruppeneigenschaft, auf die keine Einzelperson Einfluss nehmen kann. Dieses Phänomen kommt überall vor, bei den Fischen, bei den Vögeln, bei den Ameisen aber auch im Fussball. Ich wollte versuchen zu verstehen, wie sich diese Emergenz in unserem Sport ereignet. Was passiert, wenn die Mannschaft im kollektiven Flow spielt? Was passiert, wenn alles schlecht läuft? Was sind die Kriterien, um die Emergenz zu erreichen?
Worin besteht deine Arbeit beim Servette FC?
Meine Aufgabe besteht darin, dass ich dem Trainer helfe, die Leistung unserer Spieler zu optimieren und die Gegner zu schlagen. Deswegen habe ich zwei Missionen. Erstens muss ich zwei Tage vor den Spielen den Gegner analysieren. Welche seiner Verhaltensweisen wiederholen sich? Für diesen Bericht benutze ich zwei Sachen. Einerseits das Video und andererseits die Daten, damit ich nicht von meinem Auge getäuscht werde. Diese Daten werden mein erstes Empfinden bestätigen oder entkräften. Das Video bereichert die Daten und die Daten bereichern das Video. Im Grossen und Ganzen versuche ich, vorauszusagen, was am Wochenende passieren wird.
Meine zweite Mission besteht darin, dass ich nach unseren Spielen unsere Mannschaft analysiere. Wenn ich dies mache, muss ich mit unserem Trainer auf einer Wellenlänge sein. Wenn er von vertikalem Spiel, von Pressing spricht, muss ich die Szenen heraussuchen, wo wir es gut machten und wo wir es weniger gut machten, usw. Langfristig möchte ich, dass wir uns auf objektivere Daten stützen können. Wenn man von Pressing spricht, können zwei Personen völlig verschiedene Meinungen über eine gleiche Szene haben. Wenn man allerdings weiss, wieviel Meter die Entfernung vom gegnerischen Spieler betrifft, dann hat man ein objektives Datum, dem nicht widersprochen werden kann. Da gibt es die Subjektivität des Auges nicht mehr.
Du sprichst von der Objektivität der Daten. Was hältst du von den «Expected Goals»?
Es geht darum, über die Qualität eines Abschlusses zu urteilen. Dank mehreren Kriterien spricht man heutzutage mehr von der Qualität der Schüsse anstatt von der Quantität. Sie sind oft nahe an der Realität eines Endresultats. Diese Daten sind wichtig, aber nicht entscheidend. Ich brauche sie vor allem in der Matchvorbereitung auf einen Gegner. Wo finden die meisten Abschlüsse statt? Im Strafraum oder ausserhalb? Das Expected-Goal-Modell ist das erste Kriterium, welches aus der Datenverarbeitung entstanden ist. Man betrachtet nicht mehr blanke Zahlen, sondern analysiert und verarbeitet diese Daten. Andere Kriterien werden kommen, um die Qualität der Spieler zu beurteilen.
Kann ein Fussballspiel nur mit den Daten analysiert werden?
Ich denke, dass es keine Patentlösung gibt. Vereine wie Brentford oder andere in Dänemark haben nur auf solche Daten gesetzt, mit mehr oder weniger Erfolg. Das Problem ist eigentlich, dass es so viele Daten gibt, aber wenig qualifiziertes Personal, um diese Daten sinnvoll zu analysieren und verarbeiten. Blosse Zahlen können alles oder nichts bedeuten. Letztens habe ich folgende Zahl gesehen: in der Premier League werden 3,58% der Eckbälle verwertet, während es 3,08% in der französischen Ligue 1 und 3,78% in der Schweiz sind. Bedeutet es, dass man die Eckbälle in der Schweiz besser schiesst? Oder verteidigen die Schweizer Abwehren schlechter? Wenn du die Daten nicht tiefgründig analysierst, weisst du nicht, ob 3,78% besser ist als 3,08%: es kommt auf die Zahl, auf die Probenmenge, auf die Datenverteilung darauf an. Aus einer einfachen Zahl kann man keine Schlussfolgerung ziehen.
Wie analysierst du die erste Saisonhälfte des SFC?
Was die Einzelleistung angeht, stehen unsere Verteidiger in vielen Belangen oft im oberen Tabellenteil. Was den Sturm angeht, weisen unsere Stürmer bei den Expected Goals einen sehr korrekten Wert auf, nämlich knapp hinter den Stürmern von YB und Sankt-Gallen. In der Hinrunde hatten wir das Glück, dass mehrere Stürmer mit Expected Goals um die drei-vier treffen konnten. Nsame von YB muss bei etwas mehr als elf Exected Goals für fünfzehn Treffer sein. Was das Mittelfeld angeht, haben wir ausser den Key Passes noch zu wenige Bewertungskriterien. Was die kollektive Leistung betrifft, sind wir die zweite Mannschaft, die am meisten Bälle in der gegnerischen Hälfte erobert. Unsere zwei ersten Tore im Jahre 2020 gegen Vitesse Arnheim fallen nämlich nach solchen Aktionen. Wir haben beruhigende Zahlen, die die Qualität unseres Kaders zeigen.
Wie wird sich die Mannschaft in der Rückrunde deiner Meinung nach verhalten?
Wir starten mit zwei wichtigen Spielen in Neuenburg und zu Hause gegen Thun. Im Allgemeinen denke ich, dass unser Trainer Alain Geiger Prinzipien gefunden hat, die unserer Mannschaft und dem modernen Fussball gut entsprechen. Wenn man zum Beispiel die durchschnittliche Ballbesitzzeit vor einem Tor betrachtet, steht Basel bei 40 Sekunden, Servette hingegen um die 17 Sekunden wie Sankt-Gallen. Sankt-Gallen ist auf nationaler Ebene leistungsfähig, während Basel die beste Schweizer Mannschaft auf internationaler Ebene ist. Deswegen sollte man sicherlich ein Gleichgewicht zwischen Ballbesitz und schnellem Spiel in die Tiefe finden.