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von Daniel Paredes
Diese Woche ist der Trailer zum langersehnten neuen Film von Kultregisseur David Cronenberg erschienen. Die ersten Bewegtbilder zu “A Dangerous Method” zeugen jedoch eher von einem Kostümfilm und erinnern kaum an die bisherigen Werke Cronenbergs – ein Trugschluss?
In seinem Spielfilm-Debüt Shivers (1975) waren es noch phallusartige Parasiten, welche die Bewohner eines hochmodernen Gebäudekomplexes in Sexzombies verwandelten. In Rabid (1977) verteilte sich die Epidemie bereits über eine ganze Stadt, die aufgrund eines ebenfalls schief gelaufenen Experiments – Mad Scientists waren stets vertraute Motive des Kanadiers – von Tollwütigen unsicher gemacht wurde. Dies führte weiter über Horrorklassiker wie The Brood (1979), Scanners (1981), Videodrome (1983), The Dead Zone (1983) und The Fly (1986). Cronenberg wurde berühmt und berüchtigt für seine blutigen Effekte, die gleichaltrige Werke in ihrer Perfektion und dem Ekelfaktor meist in den Schatten stellten. Für The Fly, der die langsame Transformation eines Wissenschaftlers in eine überdimensionierte Fliege visualisierte, erhielt er sogar einen Oscar in der Kategorie “Bestes Make-Up”. Der „Baron of Blood“ wurde Aushängeschild des sogenannten Bodyhorrors. Dabei schien oftmals übersehen zu werden, dass der Horror bei Cronenberg in erster Linie in der Psyche seiner Figuren entsteht, dass die körperlichen Symptome psychosomatisch bedingt und meist nur groteske Symbole und Metaphern in Form biologischer Mutationen sind. Spätestens mit Videodrome, ein Meisterwerk über Gewaltdarstellung in Medien und aus einer seltenen First-Person-Perspektive erzählt, drängte sich eine psychoanalytische Lesart seiner Werke geradezu auf. Dies war auch der Zeitpunkt als die Kritiker auf Cronenberg aufmerksam wurden und ihn fortan als Auteur feierten. Um quasi sein neues Image als angesehener Regisseur immer wieder zu bestätigen, wurden die Filme und Figuren (und vor allem deren Sexualität) zunehmend komplexer: Dead Ringers (1988), Naked Lunch (1991), M. Butterfly (1993), Crash (1996), eXistenZ (1999) und Spider (2002). Tief blickte Cronenberg jeweils in die Psyche seiner Charaktere, die oft krank, verdreht oder abnormal erschien und fand dafür immer neue, gewagte und anspruchsvolle Erzählformen. Erst mit Viggo Mortensen und seinen beiden letzten Filmen A History of Violence (2005) und Eastern Promises (2007) kam er – auch hier nur an der Oberfläche – zum handfesten Genrekino zurück.
Aber weit und breit ist kein Kostümfilm zu sehen, wie es A Dangerous Method auf den ersten Blick zu sein scheint. Immerhin zeichnet hier Christopher Hampton (Dangerous Liaisons und Atonement) für das Drehbuch und das Theaterstück „The Talking Crue“ verantwortlich, auf dem der Film basiert. Weiss man jedoch, wer die beiden Herren mit den markanten Schnurrbärten sind, die von Viggo Mortensen und Michael Fassbender gespielt werden, fällt der Groschen relativ schnell: Niemand geringeres als Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, die Erfinder der Psychoanalyse respektive der Analytischen Psychologie, stehen im Zentrum der Geschichte. Das klingt stark nach einem Opus Infinitum. Auch wenn Cronenberg nicht wie Terrence Malick in The Tree of Life über die Entstehung der Welt sinniert, so springt er seinerseits zumindest an den Ursprung seines eigenen kleinen Filmuniversums zurück und der Trailer trägt bei einem zweiten Blick schon weitaus stärkere “Cronenbergsche” Züge: Sexualität als Forschungs- und Experimentiergegenstand; die Frau (Keira Knightley als Sabina Spielrein) als Objekt der Begierde, die zwischen den beiden Genies steht (wie schon in Dead Ringers meisterlich umgesetzt) oder Vincent Cassel, der in der Rolle des Otto Gross Cronenbergs bekanntes Motiv des Wahnsinns mit einbringen dürfte. Der Trailer macht jedenfalls richtig Lust, weitere Parallelen zu Cronenbergs Œuvre zu entdecken, zumal der Kanadier neben vertrauten Themen, auch wieder auf seine altbewährte Crew zurückgreifen kann: wie etwa auf Howard Shore, seit 1979 (The Brood) für Cronenbergs Filmmusik verantwortlich, auf Peter Suschitzky als Kameramann oder auf seine Schwester Denise Cronenberg, die jeweils die Kostüme kreiert. Auch bei den Schauspielleistungen darf man aufgrund des hochkarätigen Casts und den ersten Bildern auf Grosses hoffen, könnte Keira Knightley doch bereits jetzt eine Oscarnomination winken. Interessant ist natürlich auch, dass der Film an Originalschauplätzen gedreht wurde, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dies dürfte auch der Grund für die Schweizer Produzentenbeteiligung von Thomas Sterchi (ehemaliger jobs.ch-Chef) und Karl Spoerri sein. Spoerri ist seines Zeichens Festivalleiter des Zurich Film Festivals. Hoffentlich ein gutes Omen dafür, dass der Film schon kurze Zeit nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig (September) auch kurz darauf in Zürich am Zurich Film Festival (22.9.-2.10.) zu sehen sein wird.