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Die Erwartungen sind hoch, als 1845 eine Expedition unter dem Kommando von Sir John Franklin in England aufbricht. Binnen drei Jahren soll er mit den beiden Schiffen „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ die legendäre Nordwestpassage entdecken und durchsegeln.
Die Expeditionsteilnehmer sind voller Optimismus, dass dieser ambitionierte Plan funktionieren wird. Dass er das nicht tat, ist bekannt. Die Expedition scheiterte tragisch. Alle 128 Männer kamen ums Leben, trotz zahlreicher Suchaktionen fehlte Jahre lang jeder Hinweis auf deren Verbleib. 1869 traf der US-amerikanische Polarforscher Charles Francis Hall bei seiner zweiten Expedition auf Inuit, die sich an verwahrloste, abgemagerte Weiße erinnern konnten. Im Prolog erzählt Kristina Gehrmann von dieser Begegnung, bei der die Inuit Hall von ehemaligen Lagern, zahlreichen Leichen und eindeutigen Hinweisen auf Kannibalismus erzählen. Wie konnte es soweit kommen, dass Franklins Expeditionsteam komplett zugrunde ging?
Im ersten der drei Bände „Im Eisland“ wird der Beginn der ehrgeizigen Expedition beschrieben. Die Vorbereitungen in England. Der zunächst belanglos erscheinende Fauxpas, dass Franklins Frau Jane ihn beim Mittagsschlaf mit dem selbst genähten Union Jack zudeckt. Nicht wissend, dass die englische Flagge nur über Tote gelegt wird. Die Tatsache, dass Kapitän Crozier die Expedition schnell hinter sich bringen möchte, weil Franklins Nichte Sophia Cracroft ihn nach dem Erlangen von Ruhm und Ehre bei der Expedition des Jahrhunderts heiraten möchte.
Am 19. Mai 1845 startet John Franklin, der Mann, der bei einer früheren Arktisexpedition wegen Nahrungsmangels seine Stiefel essen musste, mit „Erebus“ und „Terror“ in Greenhithe. Gehrmann gewährt Einblicke in das Leben an Bord der Schiffe. Dort werden Nacktbilder von Frauen gegen tägliche Rumrationen getauscht. Kapitän Croziers kleiner Affe Jacko sorgt für Belustigung. Der Husten des 20-jährigen Oberheizers John Torrington verschlimmert sich zusehends. Dass er an Schwindsucht leidet, der er schließlich am 1. Januar 1846 auch erliegt, wird jedoch erst nach dem Zwischenstopp auf Grönland festgestellt, beim dem noch fünf Männer die Schiffe verlassen hatten.
Kristina Gehrmanns tolle Zeichnungen im Manga-Stil sind aufs Wesentliche reduzierte. Zwar sind die zahlreichen jungen Besatzungsmitglieder dadurch schwierig zu unterscheiden. Die Schiffe sind jedoch erfreulich realistisch dargestellt. Ihr gelingt, selbst in dieser tragischen Geschichte, vergnügliche, lustige Szenen zu schaffen.
Die Suche nach der Nordwestpassage bleibt jedoch ebenso erfolglos wie die Suche nach dem eisfreien Nordmeer. Und so werden die Schiffe nahe Beechy Island für die erste Überwinterung vorbereitet. Band eins der Triologie endet mit einer Vorahnung auf die drohende Katastrophe. Die Konservendosen, die künftig die Hauptnahrungsquelle darstellen sollen, beginnen sich zu wölben und werden bereits teilweise als verdorben aussortiert.
Kann eine Graphic Novel einer solchen Expedition gerecht werden? Ja. Wer sich für Franklins Schicksal interessiert, hat sicher diverse andere Bücher darüber gelesen. „Im Eisland“ ermöglicht noch einen ganz anderen, kurzweiligen und ansprechenden Blick auf die Geschehnisse. Ebenso wie „Packeis“ von Simon Schwartz wird dieser Comic sicher neue Leser für Arktisexpeditionen begeistern. Auch ohne sich bisher durch hunderte Seiten umfassende Expeditionsberichte vergangener Jahrhunderte gelesen zu haben, zieht „Im Eisland“ schnell in seinen Bann.
Ich erwarte jedenfalls mit großer Vorfreude Band 2 und 3. Dass 2014 mit der „Erebus“ eines der beiden gesunkenen Schiffe der Franklin-Expedition in der Victoria Strait geortet wurde, wird dem Buch vielleicht unverhofft zu noch größerer Aufmerksamkeit verhelfen. Es sei ihm gewünscht.