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Konflikt – was ist das überhaupt?
04.09.2023
Lesedauer: 2:50
Eine Übung, die wir ganz zu Beginn meiner Mediationsausbildung gemacht haben, ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Wir Teilnehmenden haben uns in einer Linie aufgereiht. Die Dozenten haben uns verschiedene Situationen geschildert, beispielsweise.: „Mein Arbeitskollege hat eine Idee von mir verwendet, ohne mich zu erwähnen“. Oder: „Meine Tochter zieht, ohne mich zu fragen, meine Kleider an“. Die Frage lautete, für wen in der Gruppe die jeweils genannte Situation einen Konflikt darstellt und für wen nicht. Je nachdem musste man einen Schritt nach hinten oder einen Schritt nach vorne machen. Wer unentschlossen war, blieb stehen. Es zeigte sich, dass die Resultate sehr unterschiedlich waren: Es gab nur wenige Situationen, die alle Teilnehmenden eindeutig als Konflikt identifizierten. Das Fazit daraus ist, dass die Vorstellungen davon, was ein Konflikt ist, sehr individuell sind, und dass die eigenen Lebenserfahrungen und Erwartungen mit hineinspielen. Es kann durchaus vorkommen, dass eine Person eine Situation als Konflikt wahrnimmt, während die andere Person, die vielleicht sogar involviert ist, überhaupt nicht auf diese Idee kommen würde.
In der Lehre wird ein Konflikt definiert als Unvereinbarkeit im Wahrnehmen, im Denken, im Fühlen oder im Wollen, die bei mindestens einem Akteur in Bezug auf einen anderen Akteur erlebt wird. Dieses Erleben führt zu einem geänderten Verhalten bei mindestens einem Akteur, was die Beziehung der involvierten Personen zueinander verändert. Die Basis für einen Konflikt sind also sachliche und/oder emotionale Differenzen. Ob daraus ein Konflikt wird, entscheidet jedoch erst der Umgang mit diesen Differenzen. Einer der namhaftesten Konfliktforscher, Friedrich Glasl, zeigt eindrücklich auf, wie Konflikte eskalieren. Das Erstaunliche, aber auch das Erschreckende ist, dass Konflikte nach einem bestimmten Muster ablaufen: In der ersten Stufe verhärten sich die Fronten. In der zweiten Stufe entsteht Debatte und Polemik. In Stufe 3 wird nicht mehr diskutiert - es werden Fakten geschaffen. In Stufe 4 bilden die unterschiedlichen Akteure Gruppen und schotten sich ab. In Stufe 5 greifen sich die Parteien gegenseitig an und diskreditieren den anderen öffentlich. In Stufe 6 folgen Drohungen und Erpressungen. In Stufe 7 die ersten Vernichtungsschläge, in Stufe 8 Zerstörung und Zersplitterung des Feindes, in Stufe 9 ziehen die Parteien in die totale Konfrontation und nehmen damit die eigene Vernichtung in Kauf.
Glücklicherweise enden die wenigsten Konflikte in Stufe 9, denn die meisten Menschen haben ein Sensorium dafür, wann es Zeit ist, den Konflikt auf friedliche Weise zu beenden. Ab Stufe 3, so Glasl, benötigt es dafür Unterstützung von aussen. Die psychischen Blockaden sowie die Beweglichkeit der Kreativität und des Denkens sind in dieser Phase bereits so weit fortgeschritten, dass es sehr schwierig wird, aus eigener Kraft Lösungen zu finden. Eine der möglichen Interventionen ist die Mediation. Für Führungskräfte gilt die Faustregel: Je früher ein Konflikt als solcher erkannt und offen angesprochen wird, desto schneller und schadloser kann er gelöst werden. Ein unvoreingenommener und konstruktiver Umgang mit Konflikten stärkt ein Team langfristig.
Literatur: Glasl, Friedrich. Konfliktmanagement: ein Handbuch für Führung, Beratung und Mediation, ISBN 3-7725-2812-0.
Verein Universitäre Mediation: www.umch.ch
Schweizerischer Dachverband für Mediation: www.mediation-org.ch
Dies war der 1. Einblick in das Thema Konflikt und Mediation. Weitere Teile folgen.
Anna Aebischer-Imfeld ist Investorin und Verwaltungsrätin, unter anderem bei der von Graffenried Holding AG und bei der Schweizerischen Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme (SQS). Ende Jahr schliesst sie an der Universität Fribourg ihre Ausbildung als Mediatorin (CAS+) ab. Im Economelle-Blog gibt sie Einblicke das Thema Konflikte. Mediation ist ein Verfahren, bei dem die Konfliktparteien unter Anleitung einer allparteilichen Fachperson nachhaltige Lösungen selbst erarbeiten und in Eigenverantwortung umsetzen.