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Veränderungen – Über den Verlust der Sprache und das Verhältnis zur Zeit
Veränderungen
Über den Verlust der Sprache und das Verhältnis zur Zeit
„Was aber ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiss ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, dass es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre. Diese beiden Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, wie sollten sie seiend sein, da das Vergangene doch nicht mehr ‘ist’, das Zukünftige noch nicht ‘ist’? Die Gegenwart hinwieder, wenn sie stetsfort Gegenwart wäre und nicht in Zukunft überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit? Wenn also die Gegenwart nur dadurch Zeit ist, dass sie in Vergangenheit übergeht, wie könnten wir dann auch von der Gegenwartszeit sagen, dass sie ist (…)?“
Als Augustinus die „Confessiones“ schrieb und sich im 11. Buch nach der Bedeutung der Zeit und nach seinem Verhältnis zur Zeit befragte, war er 43 Jahre alt. Er stand am Anfang seiner Tätigkeit als Bischof; zehn Jahre vorher hatte sich fürs Christentum entschieden, in starkem Mass beeinflusst durch das Vorbild seiner Mutter, hatte Frau und Sohn davon überzeugt und sie verlassen, seinen hohen Posten in der römischen Administration Mailands aufgegeben und sich zurückgezogen, um in eine neue Lebensaufgabe hineinzuwachsen. Seine Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit der Zeit und der Mühe, diese zu verstehen und zu akzeptieren, da sie doch im Widerspruch steht zur nicht endenden Wiederholung von Zeit – zu Zeitlosigkeit und Ewigkeit – hatte mich seit meiner Jugendzeit und dem Beginn des Philosophiestudiums begleitet.
Augustinus’ „Confessiones“ hatten somit in erster Linie nicht eine theologische, sondern eine existenzphilosophische Bedeutung für mich. Sie wurden ergänzt durch Henri Bergson’s Überlegungen zum Begriff der Dauer wie zum Zusammenwirken von Zeit und Freiheit, dessen Einfluss auf mein Denken wiederum durch den Einbezug der Physik in die Philosophie dank Hermann Minkowski erweitert wurde, insbesondere durch die Bedeutung von Kraft und Bewegung sowie durch das Kontinuum von Raum und Zeit, sich zusätzlich durch Einsteins Relativitätstheorie auf mathematische Weise ergänzt fand, gleichzeitig durch diese vom gelebten Leben in eine abstrakte Dimension abgerückt wurde, jedoch abgefangen und verwoben mit allen menschlichen Zeiterfahrungen durch Sigmund Freuds psychoanalytische Erkenntnisse, durch Simone Weils verzweifelte Suche nach Aufhebung der Widersprüchlichkeit zwischen der Sehnsucht nach umfassender Erkenntnis und der hilflosen Vernetzung in eine Zeitgeschichte sinnloser Entwurzelung und Gewalt, durch Hannah Arendts optimistische Vision der Kraft der Gebürtlichkeit resp. des steten Neubeginns dank der auf Erkenntnis- und Entscheidungsmöglichkeit beruhenden Freiheit des Menschen.
Doch früh schon wusste ich, dass der grosse Fundus von Wissen, den Philosophie und Physik, Psychologie und Soziologie bieten, Teil einer intellektuellen Bibliothek bleibt, wenn er nicht einbezogenen wird in die Hürden und Fallstricke, in das Gefälle und auf die Inseln des eigenen Lebensflusses, wenn diese nicht bewusst erlebt und verarbeitet werden. Die Geburt meiner Kinder nach Monate dauernder Erwartung , deren Begleitung
bei der Weltendeckung, beim Wachstum, beim Lernen und Sich-Entfalten, der Tod einer kleinen Tochter, der Ablauf der Lebenszeit meiner Eltern und vieler mir nahestehender Menschen, die ungleich lange Lebenszeit jedes Menschen, mein eigenes Älterwerden, die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit von selbstbestimmter Lebensweise hier in der Schweiz und von lebenszerstörender Gewalt in der Wiederholung entmenschlichter Kriege hier in Europa und in anderen Teilen der Welt, die wachsende Beschleunigung in allen technologisch beeinflussten Gebieten, die den menschlichen Alltag beeinflussen – die gelebte Zeit bot jede Möglichkeit an, mein Verhältnis zu ihr mit Aufmerksamkeit zu befragen und stets neu zu sehen. Zunehmend wusste ich, dass Zeit und Werden, Zeit und Vergehen synchron sind, wie eine musikalische Suite. Dass Dauer nicht ein Widerspruch ist, sondern der bildhaft gespeicherten Abfolge von Wahrnehmungen und Empfindungen entspricht resp. dem zum Teil bewusste, zum Teil unbewussten, geheimnisvoll zeitlosen Innenleben, das dank der Erinnerung abrufbar bleibt. Dass einzelne Phasen des Zeitablaufs durch die Art und Weise zu leben mitbestimmbar sind, ein Teil jedoch nicht, dass es eine genealogische Zugehörigkeit gibt, die früher „Schicksal“ genannt wurde. Ich will näher darauf eingehen.
Kurz vor meinem 60. Geburtstag hatte ich eine Hirnblutung. Während weniger Minuten oder Sekunden geschah eine dramatische Veränderung meines Lebens, damit meines Verhältnisses zur Zeit.
Ich erlebte diese Veränderung wie eine Erleuchtung. So wie ein Vulkanausbruch den Ablauf des pflanzlichen Wachstums unterbricht, so erscheint mir im Rückblick der mir durch meinen Körperhaushalt auferlegte Rückzug in den Dämmerzustand. Während sechzehn Tagen war ich im Koma, wie ich später erfuhr, eine Zeit ohne bewusste Erfahrung und ohne Erinnerung. Als ich daraus erwachte, erlebte ich mit Staunen, dass ich nicht mehr verstehen konnte, was die Menschen, die sich an mich wandten, sprachen noch konnte ich in Sprache übersetzen was ich dachte, was ich fühlte oder zu fragen wünschte. Ebenso wenig konnte ich mehr gehen, da infolge der Hirnblutung noch ein Treppensturz erfolgt war, der einen Beckenbruch und den Bruch der Schulterblätter bewirkt hatte. Ich war sehr verwirrt und meinte, mich irgendwo in Russland, vielleicht in Sibirien in einer Psychiatrie zu befinden
Als ich in der Rehabilitationsklinik erstmals wieder den Ablauf der Tageszeit wahrnehmen konnte, vom Erscheinen des Morgenlichts mit der darauf einsetzenden Abfolge der Tagesstunden bis zum Eindunkeln und bis zum Aufleuchten der Sterne, erfüllte mich ein Gefühl von Glück, das ich seither oft beim Erwachen aus dem Schlaf neu erlebe, frühmorgens, wenn ich mir bewusst werde, dass mir ein neuer Tag offen steht, dass ich die Umdrehung der Erde um sich selbst im Kreislauf der Erde um die Sonne wieder erleben werde, ein kleines Wesen unter unzählbar vielen. Ich kann mich erinnern, wie ich damals mein Herzklopfen anders zur Kenntnis nahm, auch meinen Puls, den ich am linken Handgelenk unterhalb des Daumens erstmals wieder zu zählen wünschte, um meine innere Uhr zu kennen. Sie pochte und pochte und pochte, mir wurde beinah schwindlig ob dieser Bestätigung meines eigenen Kreislaufs, der offenbar nicht still gestanden war. Ich war abwesend gewesen im Zeitgefühl, jedoch nicht abwesend im Rhythmus der Zeit. Zwar war ich ohne Erinnerung an die im Dunkeln durchlebten Tage und Nächte, doch das Dunkel hatte sich nicht ausserhalb und nicht jenseits der Zeit befunden, sondern war Teil meines inneren Zeitraums gewesen, meines Körperraums und meiner Körperzeit.
In den Tagen und Nächten meiner inneren Absenz war der Winter eingebrochen, Schnee war gefallen, der Blick durch das Fenster bot ein anderes Bild als vor der erinnerungslosen Zeit. Ein grosser Wandel war geschehen. Durch das Fenster sah ich nicht auf den See und das gegenüberliegende Ufer mit dem zum Albis aufsteigenden Teil der Stadt, sondern auf weisse Hügel und auf vereinzelte Bäume, die schwer bezuckert sich beugten. Ich war in einem fremden Raum, in dem sich ein Bett, ein Tisch und ein Sessel befanden, mehr nicht. Ich musste wieder gehen lernen, musste wieder Worte finden. Hatte sich mein Lebensrad rückwärts gedreht? Erinnerungen an weit entfernte Tage wurden geweckt in einer der ersten Nächte.
Auch als ich sechs Jahre alt war, hatte ich nicht mehr gehen und kaum mehr sprechen können. Erst war das Kriegsende gefeiert worden, wenige Wochen später war von einem Auto überfahren worden und hatte drei Monate im Spital bewegungslos auf dem Rücken gelegen, das rechte Bein an einen Galgen gehängt. Als ich nach dieser endlos wirkenden Zeit aus dem Krankenzimmer entlassen wurde, war es nicht Winter geworden, sondern Spätsommer mit heiss vibrierender Luft, die kaum mehr einzuatmen war. Mir schien, es hätte doch möglich sein sollen, aus dem versengten Garten, in welchen ich gesetzt wurde, in den Wald zu gelangen, unter die dichten Kronen der Bäume. Doch was ich mir vorstellte und wünschte, war ein raschelndes Blätterwerk von Vorstellungen, die ich nicht umsetzen konnte. Gehörte ich nicht mehr zu den Kindern, sondern zu den alten Leuten, die kraftlos im Altersheim sassen und nie mehr würden gehen können? Damals hatte mir geschienen, die Zeit sei ausserhalb von mir und ohne mich in der Sommerhitze verglüht worden. Gleichzeitig hatte ich gespürt, dass ich es nicht ertragen konnte aufzugeben, dass ich Hilfe brauchte – vielleicht einen Zauberspruch -, zu welchem ich jedoch selber etwas beisteuern musste, um wieder in den Zeitrhythmus der Kindheit zurückzufinden.
Hatte ich Franz, dem Knaben aus Wien, der drei Jahre älter war wie ich, erklären können, was ich brauchte? Ich denke kaum, und doch baute er mir eine Seifenkiste, damit ich wieder lernen sollte zu gehen, ja vielleicht lernen konnte?
Es war damals Frühherbst geworden, noch immer waren die Tage warm und lang, als Franz die Seifenkiste neben mich stellte, ich irgendwie darin Platz nahm und mit klopfendem Herzen den steilen Hügelweg hinterrasselte, mit Franz, der mal voraus, mal nebenher lief. Doch wie gelangte ich wieder hinauf? Gestützt auf die Kiste mit den wackligen Rädern, die Franz von hinten stützte und schob, erst nur einen Schritt, dann lange Pausen, dann zwei oder drei. Ich gab nicht auf, und Franz half weiter.
Diese Erinnerung zu Beginn des Erwachens in der Rehabilitationsklinik war von grosser Bedeutung. Sie versetzte mich in die gelebte Erfahrung des Erschreckens vor der zeitlos erlebten Dunkelheit, auch in dessen Überwinden und in das neu zugängliche Zurechtfinden mit der Zeit. Inzwischen war es Winter geworden; ich war tatsächlich alt geworden. Seit der Kindheit, schien mir, hatte ich viele Leben gelebt, doch erstmals war die Zeit wieder ohne mein Wissen verflossen, sie war in Bewegung gewesen, ohne dass ich sie weder wahrnehmen noch spüren konnte. Als ich wieder zu mir gekommen war und erfasst hatte, wer ich war – dieselbe wie vorher und zugleich ganz anders – durchdrang mich das früher gelesene und oft diskutierte Wissen ganzer Generationen wie eine Neuentdeckung: die Zeit war stets dieselbe und gleichzeitig war sie Werden und Vergehen, sie stellte dessen Bewegung dar, Raum hin oder her, sie hielt nicht an, toc-toc, toc-toc, voran-voran, zurück in die Kindheit und weiter voran-voran, sie war von Dauer, zurück und voran, wie weit? – wie weiter? Mir war bewusst geworden, dank der Erinnerung an das Trauma der Kindheit, dass ich und mein Leben Teil der Zeit waren, ein Teil des Zurück und Voran, die gleiche und zugleich andere damals und heute, heute wie damals. Auch dass ich auf der Linie meiner eigenen Mutter, meiner Tanten und meiner Grossmutter für die zukünftige Zeit eine zweite Hirnblutung zu erwarten hatte, die endgültig sein würde. Mein Verhältnis zur Zeit hatte an Intensität gewonnen, da war ein Fächer von Emotionen, der sich öffnete – ein Gefühl von Dauer, ja von Zeitlosigkeit, zugleich von nicht vorhersehbarem Verglühen.
Mir wurde klar, dass ich mich zu entscheiden hatte, ähnlich wie Jahrzehnte zurück in der Kindheit. Dass ich erneut der Hilfe bedurfte. Zu früh, spürte ich, um aufzugeben, selbst wenn sprechen und gehen nicht wieder auffindbar wären; zu früh, um dem tobenden Vulkan im Kopf das Gedächtnis zu opfern und damit die eigene, innere Zeit. Ich wünschte, die noch offene, unbekannte Zeit zu erleben – wie damals dank der Seifenkiste. Der Tag ging zu Ende, ich blickte zum Fenster. Die Nacht begann, der Wind setzte ein mit heulenden Böen und steigerte sich in die sausenden Wellen des Nachtorkans, der pausenlos tobte und Schnee vor sich trieb wie weissen Sand in der Wüste. Ich hatte entschieden. Ich lag im Klinikbett unter der Decke, die drei Finger der rechten Hand auf dem Pulsschlag der linken, ich zählte nicht, sondern spürte das Glück der Kindheit, mitten im jagenden Zischen der Windflut, das gleiche „Zu-früh-noch“ wie damals. Der nächste Morgen wurde nicht hell, der Winterorkan zerriss den Rhythmus der Zeit, doch der Entscheid blieb in mir wie eine starke Krücke.
Das Lernen setzte ein, Bild für Bild und Wort für Wort, ein Suchen im Bilderwörterbuch, das mein ältester Sohn mir gebracht hatte, dann ein Skizzieren und Notieren ins leere Heft: Tisch/der, Fenster/das, Türe/die und weiter und weiter. Schwierig war, Deutsch und Französisch zu unterscheiden. Ich konnte nicht gehen und trotzdem zerfloss die Zeit. Tage später begannen Logopädiestunden nach einer Methode aus Deutschland, Versuche zu lesen und zu erinnern, ein Stolpern, verzweifeltes Üben und Wiederholen. Weshalb hatte ich so Mühevolles entschieden? Wie konnte es wieder gelingen, Wörter im Durcheinander der Wörterwüsten zu ordnen? Bedeuteten Babylon und Hirnblutung dasselbe? Meine zwei Töchter und meine zwei Söhne besuchten mich oft, auch meine Enkel, sie waren klug und, wie ich staunend empfand, weit über mich hinausgewachsen. Einzelne Freundinnen und Freunde, einzelne Geschwister legten lange Reisen zurück und verharrten ein wenig im Zimmer an meinem Tisch, bevor sie sich wieder entfernten. Die Nähe tat gut, ich war dafür dankbar. Doch ich spürte mit Klarheit, dass niemand mir abnehmen konnte, was mir oblag: den Entscheid umzusetzen, den ich nach dem ersten Erwachen getroffen hatte; mit den Veränderungen, die in mir geschehen waren, ein Gleichgewicht zu schaffen; ob den Beeinträchtigungen nicht zu verzagen; das Leben zu lieben.
Die Tage tickten über in Nächte, die Nächte in Tage, und langsam lernte ich, kleine Sätze zu stottern, Linie für Linie zu schreiben. Ich hörte Musik und wagte, den Rhythmus zu suchen für Schritte und langsam wieder zu gehen.
Fortan war die Zeit – anders wie vorher – Begleiterin meines Ich von Augenblick zu Augenblick, untrügerisch selbst in der Stille der Nacht, sie war die Wirklichkeit meiner Geschichte, das war mit bewusst, wenngleich allein von Tag zu Tag, beschränkt auf eine Anzahl von Stunden. Würde ich wissen wie viele? Waren es nicht pro Tag 24, pro Monat 720, pro Jahr 8’750? Auch die Zahlen wieder zu lernen ging Schritt für Schritt einher mit der Zeit, ein Ordnungsgefüge, das den Raum erfüllte, meinen Körperraum mit dem Herzraum, den Raum im Raum und diesen wieder im Raum, Innen und Aussen, und nach dem Tod im Erdinnenraum oder im Erdaussenraum, das erschien mir gewiss, die Zeit war gezählt und zugleich nicht zählbar-unendlich.
Die Intensität des täglichen Lernens verdichtete die Zeit, das Lernen von Worten und deren Bedeutung, das Lernen von Hören und Verstehen dessen, was Andere sagten, von Übersetzen in Worte und Sätze dessen, was ich dachte und fühlte; zugleich das Lernen mich zu bewegen, erst irgendwie dem Bett entlang, dem Tisch entlang, dann entlang einer Linie im Raum und später von Stufe zu Stufe. Das tägliche Lernen versetzte mich in alle Variationen eines Prozesses (im Sinn von „procedere“) mit den Gefühlen der Neugier, der Genugtuung und der Enttäuschung, des schleppenden Rhythmus, der Müdigkeit und des Rückschritts, der Fülle von Erinnerungen oder des lähmenden Mangels – in alle Variationen gelebten Lebens.
Ich hatte als Übungslektüre Pessoas[1] „Buch der Unruhe“ vor mir. Mit dem über sein Unwissen Klagenden ergab sich ein stilles Gespräch. „Ich weiss nicht, was die Zeit ist“ hatte er geschrieben. „Ich weiss nicht, welches ihr wahres Mass ist, falls sie überhaupt eines hat. Ich weiss, dass die Uhrzeit falsch ist. Sie unterteilt die Zeit räumlich, von aussen. Die gefühlte Zeit, weiss ich, ist ebenfalls falsch. Sie unterteilt nicht die Zeit, sondern unsere Empfindung von der Zeit. Die Zeit der Träume ist gleichfalls falsch. In ihnen streifen wir das eine Mal eine verlängerte, das andere Mal eine verkürzte Zeit, und, was wir erleben, ist übereilig oder langsam infolge irgendeines Vorgangs beim Verfliessen der Zeit, dessen Natur ich nicht kenne. Zuweilen meine ich, alles sei falsch, und die Zeit sei nur ein Rahmen, um das einzufassen, was ihr fremd ist. In der Erinnerung an mein vergangenes Leben sind die Zeiten aus sinnlosen Ebenen angeordnet (…). Ich überlege mir, ob die Bewegungen wirklich synchron sind, die die gleiche Zeit beanspruchen, in denen ich eine Zigarette rauche, diesen Abschnitt niederschreibe und auf dunkle Weise nachdenke“. Später hielt Pessoa fest: „Sich bewegen heisst leben, sich aussprechen heisst überleben. (…) Alles ist, was wir sind, und alles wird für diejenigen, die uns in der Mannigfaltigkeit der Zeit nachfolgen werden, so sein, wie wir es uns intensiv vorgestellt haben, das heisst, wie wir es dank unserer Phantasie wahrhaft gewesen sind. Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit ihrem grossen farblosen Panorama mehr ist als eine Abfolge von Deutungen, ein verworrener Konsens zerstreuter Zeugen.“
Der heimliche Dialog mit Pessoa war für mich wichtig; in vielem war ich mit ihm nicht einverstanden. Die gelebte Zeit empfand ich nicht als Illusion, nicht die vergangene und nicht die kommende, selbst wenn für diese unbekannte Grenzen sein würden. Die Zeit in ihrer ganzen Komplexität, in allem, was in ihr „heimlich und unheimlich“[2] erscheint, war/ist/wird sein als eine aus dem Gewesenen sich vorweg weiter entwickelnde Tatsache, meine Lebenszeit wie diejenige meiner Vorfahren und meiner Kinder ebenso wie die grosse, kaum erfassbare Zeitgeschichte der Völker.
Bevor ich die Klinik verliess, um zurückzukehren in die Stadt, die ich nicht mehr kannte, erschien es mir wichtig, meine Überlegungen über die Zeit und über die Veränderungen im Verhältnis zur Zeit zu notieren und daraus für die Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Logopäden, für die Physiotherapeuten und für einzelne Patientinnen ein kleines Abschiedsgeschenk zu stricken, für diese vielschichtige Innenwelt der Klinik, von welcher ich ein Teil geworden war. Die Vorbereitung hatte viele Wochen beansprucht, sie kam mir vor wie Arbeit in einem Bergwerk. Mein Wunsch war gewesen zu stricken, tatsächlich musste ich meisseln. Meine Kinder hatten mir seit Beginn des Klinikaufenthalts einzelne Bücher aus meiner Bibliothek gebracht – Gedichte von Nelly Sachs, einen schmalen Band Spinozas, die „Confessiones“ von Augustinus, Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, ein Lehrbuch in Neurologie, „Zeit und Freiheit“ von Bergson, wie schon erwähnt „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa, „Vita activa“ von Hannah Arendt, einen Band der „Cahiers“ von Simone Weil und einiges mehr. Mich wieder in gedruckte Texte hinein zu versetzen, deren Bedeutung in mir zwar gespeichert, jedoch nicht mehr abrufbar war, diese wieder zu finden und neu zu lesen erschien mir, als müsste ich mich in verschüttete Stollen vortasten, um Leuchtkäfer zu finden. Welch ein Geheimnis war dieser Speicherkasten von Zeit und Erinnerung, Zeit des Erkundens und Verarbeitens. Einmal mehr fühlte ich mich an den Anfang versetzt.
Als ich den heutigen Abend vorbereitete, las ich den Text von damals wieder durch und fragte mich, wie das mühselige Mosaik verstanden werden konnte. Augustinus’ Fragen, das wurde bestätigt, vernetzen sich darin in ihrer Unabschliessbarkeit; sie vernetzen sich mit jedem Zeitbezug, mit jeder Zeiterfahrung und allen Zeitverhältnissen. Sie finden sich auch in Pessoas Klage über die ständig entschwindende Zeit. Doch würde Zeit nur in der menschlichen Vorstellung bestehen, wie Pessoa sie empfand, so wäre sie nichts anderes denn ein subjektives Produkt. Gewiss, sie ist es insofern als die Zeit auf je subjektive Weise erfahren und erlebt wird. Daraus ergeben sich Zeitbilder, die dazu beitragen, ein Verhältnis zur Zeit zu erarbeiten. Das Verhältnis zur Zeit betrifft die persönliche Mitbeteiligung am Verstehen der Zeit und am Umgehen mit der Zeit; es beruht – wie jedes andere Verhältnis – auf dem Wert der Reziprozität, der sich auf der schmalen Linie des Augenblick zwischen rückwarts (recus) und vorwärts (procus) immer wieder neu entscheidet. Es sind die Knoten im Geflecht und Muster des Lebensteppichs, die zu knüpfen den Menschen zusteht und die ermöglichen, das Vergangene und Gewesen, selbst wenn es dunkel war, zu akzeptieren und zu integrieren, die lähmende Angst vor dem noch nicht erlebten Unbekannten zu mindern und die stärkende Kraft der Neugier und des Selbstvertrauens wieder zu wecken, die dem Kind das Leben als Entdeckung einer Palette von Farben anbietet.
Was jede Vorstellung sprengt, ist die grosse Zeitgeschichte, in welche die eigene Zeit eingeflochten ist und mit deren Unruhe, deren nicht beeinflussbaren Macht und sich steigernden Destruktivität keine Übereinstimmung möglich ist. Hamlets Klage, von Shakespeare vor über 400 Jahren notiert, zehrt heute an den Menschen stärker denn je. „The time is out of joint, the cursed, spite I was born to set it right“[3] –“Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, dass ich zur Welt sie einzurichten kam.” Es ist die Verzweiflung ob dem Druck der berechneten und gewerteten Zeit, die seit Menschengedenken durch jede Art von Sklavschaft geschaffen wurde, es ist die Unfreiheit in der Lebensgestaltung und die Verunmöglichung, dem eigenen Zeitrhythmus gerecht zu werden. Mit der Unterwerfung des menschlichen Zeit- und Arbeitsrhythmus unter das industrialisierte Produktionstempo der Maschine, die einherging mit der gewinnorientierten Kontrolle über Zeitmass und Lebenswert, setzte sich eine Verdinglichung der Menschen durch, die mit der Digitalisierung und Virtualisierung ins Masslose gesteigert wurde. Die Forderung tempo-tempo, die schon vor Generationen die Menschen krank machte, ist heute nicht einmal mehr aussprechbar. Die Masslosigkeit menschlicher Destruktion, die sich schon im Ersten Weltkrieg ankündigte, wurde mit dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen, die seither eine Tatsache der Sinnlosigkeit waren, vielfach bestätigt. Jede Art von Grenze wurde aufgehoben, auch das mit der Tonsprache verbundene Mass, auch die Erfahrung des Raums resp. der Distanz zwischen einem Teil der Erde und einem anderen durch den Aufwand von Zeit. Was heute als “Fortschritt” erklärt wird, hat seit bald zwei Jahrzehnten – seit dem ersten Golfkrieg -, mit der digitalen Kommunikation die Lichtgeschwindigkeit erreicht und seit über über fünf Jahrzehnten mit dem atomaren wie auch mit dem chemischen Waffensystem die Möglichkeit der Vernichtung der gesamten Menschheit.
Dass jegliches Mass und hiermit auch jegliches Zeitmass überschritten ist, löst so grosse Ängste aus, dass auch heute viele Menschen darob erkranken. Während einer kurzen Etappe mag die Anpassung an die durch Technik und Wirtschaft geforderte Tempo- und Leistungssteigerung gelingen, doch jede Art von Masslosigkeit bewirkt Atemlosigkeit und Erschöpfung. Herzbeschwerden, Kreislaufprobleme und viele weitere Leiden sind die Folge. Ihnen zu Grunde liegt die Angst, die sich als unsichtbare Herrschaft seit Generationen gesteigert hat und die schon Heinrich Heine in seiner Zeitbetrachtung meinte, als er schrieb, dass „(…) eine Solidarität der Generationen herrscht, die aufeinanderfolgen, ja die Völker, die hintereinander in die Arena treten, übernehmen eine solche Solidarität, und die ganze Menschheit liquidiert am Ende die grosse Hinterlassenschaft der Vergangenheit“.
Wie ist mit diesem ängstigenden Zukunftsbild umzugehen? Wie lässt sich die Angst vor der Zukunft lösen? Wie lässt sich trotz der nicht mehr messbaren und nicht mehr steigerbaren Beschleunigung, die den Äther durchzieht, für jeden einzelnen Menschen wieder ein Zeitmass finden, dass sein Verhältnis zum Leben, zu seinem eigenen Leben und zum Leben der anderen Menschen auf gute Weise ordnet und begleitet?
Der Rekurs auf die Vernunft mag nützlich sein; die Vernunft kann ordnende und regulierende Kriterien anbieten, doch sie genügt nicht. Die Vernunft lässt sie sich zu jedem Zweck benutzen oder missbrauchen. Es bedarf der sorgfältigen Prüfung des Zwecks, um den es geht, wenn bei Entscheidungen der Rekurs auf die Vernunft vorgegeben wird. Es bedarf des kritischen Denkens und zugleich bedarf es der „raison du coeur“, das heisst, es bedarf des Muts als der Sprache des Herzens, es bedarf dieser probeweisen Aktivierung mit kleinen Energiemengen, um zu spüren, dass es andere Möglichkeiten gibt als die Unterwerfung unter die Angst, andere Möglichkeiten als Mutlosigkeit, auch andere Möglichkeiten als Flucht in eine der zahlreichen ideologischen oder pharmakologischen Ersatzmöglichkeiten, die angeboten werden. Der damit einhergehende Zweck bewirkt nach kurzer Zeit neue Ängste. Es ist wichtig zu wissen, dass die Angst nur so lange auf Notwendigkeit beruht, als sie eine warnende Funktion hat. Wenn sie zur konstanten inneren Gewalt wird, hat sie diese Funktion verloren. Sie zu hinterfragen und ihre Ursachen zu klären ist, gehört zu den grossen Chancen.
Die Angst vor der Zeit als einer mächtigen, lähmenden Klammer oder als einem bedrohlich jagenden Torpedo – Zeitbilder, die sich aus Gesprächen mit Patienten ergaben -, beruht auf Erfahrungen psychischer oder körperlicher Gewalt, die weit zurückliegen, die jedoch ein Gefühl der Machtlosigkeit oder der Wertlosigkeit bewirkt haben, das sich fortsetzte und verstärkte. Dies zu erkennen ermöglicht einen anderen Blick auf sich selber, auf den eigenen Lebenswert und auf den persönlichen Wert des Überlebens. Es gewährt die Genesung aus dem bedrückenden Mangel an innerer Sicherheit, welcher der Angst zugrunde liegt; es ermöglicht eine andere Beachtung lebenswichtiger Bedürfnisse und eigener Wahlmöglichkeiten in Hinblick auf deren Erfüllung. Ein solches Erkennen kommt nie zu spät, es gibt in der Lebenszeit hierfür keine Schranke. Der Zeitpunkt ist immer der richtige, um die „Intuition“ wirken zu lassen und aus dem verborgenen Leiden durch das Erkennen der Ursachen jene Leidenschaft oder „Intensität“ der Lebenszustimmung wachsen zu lassen, die den Sinn auch dieses Lernprozesses spürbar werden lässt, des ganzen Lernprozesses, der mit dem Leben, über das wir verfügen, angeboten wird. Hannah Arendt hatte auf einem ihrer späten Notizblätter festgehalten, dass – ich zitiere ungefähr, ohne den Text vor mir zu haben – denjenigen, die unter Wüstenbedingungen die Leidenschaft fürs Leben aushalten können, zuzutrauen ist, in sich jenen Mut zu sammeln, der an der Wurzel des richtigen Tuns liegt.
Ich komme zum Schluss: Mut (courage) bekundet die Vernunft der Seele (la raison du coeur). Mut ist die wortlose Sprache des Gemüts. Nicht der Mutlosigkeit anheimfallen heisst, auf die Empfindungen achten, die den nicht messbaren Wert des Lebens kundtun: die Unersetzbarkeit der menschlichen Wärme und des tiefen Atems, mit welchem jedes menschliche Wesen im Augenblick der Geburt dem Leben seine Zustimmung vermittelt. Die persönliche Lebenszeit, die damit beginnt, bedarf gleichzeitig der wärmenden und stärkenden Präsenz anderer Menschen, sie bedarf in jeder Phase des Austauschs und des Teilens von Wissen und von Kräften in der Beachtung der menschlichen Grundbedürfnisse. Das Verhältnis zur Zeit wird geprägt durch diese auf die Beachtung der Grundbedürfnisse abgestimmte Erfahrung der Verlässlichkeit der Menschen untereinander und zueinander. Sie ist – ohne Ausnahme- eine zentrale Voraussetzung für ein hohes Mass an Angstfreiheit. Auch wenn sie während langer Zeit brüchig war oder gefehlt hat, lässt sie sich nachholen, sobald der Erkenntnisprozess gewagt wird, wie ich es – gestützt auf meine Erfahrungen – zu erläutern versuchte. So kann das Verhältnis zur Zeit angstfrei werden, obwohl der Ablauf der Zeit pausenlos weitergeht und das Ausmass an Zeitgeschichte nicht mehr erfassbar erscheint. Wahrnehmen und Beachten des menschlichen Zeitrhythmus in Hinblick auf die Begrenztheit des Lebens heisst letztlich, zum Lebensmut des Anfangs zurückfinden.
[1] Fernando Pessoa (geb. 1888, gest. 1935); Buch der Unruhe. Amman Verlag, Zürich 1986, S. 252 ff / S. 294. (Livro do Desassossego. Übersetzung aus dem Portugiesischen ins Deutsch von G. R. Lind)
[2] Julia Kristeva. Fremde sind wir uns selbst. Edition Suhrkamp 1604, Frankfurt a. M. 1990. S. 199 f
[3] William Shakespeare. Hamlet I. Aufzug, 5. Szene (vermutlich zwischen 1600 und 1602 verfasst).