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Noch in den 1980er Jahren tat ein Zürcher Germanistikprofessor geschlechtergerechte Sprache als vorübergehende Modeströmung ab. Dass die Geschichte ihm nicht recht gibt, ist auch Luise F. Puschs Verdienst. Sie stand mit ihrer linguistischen Forschung, ihren witzig-verständlichen Vorträgen und Beiträgen auch in Schweizer Tageszeitungen Patin für manche aufmüpfige Idee, feministische Debatte oder Verabschiedung von Sprachleitfäden. Der stadtzürcherische stammt von 1994.
Claudia Nielsen
Als könnte sie kein Wässerchen trüben, schaut die angejahrte Dame mit den rosigen Wangen freundlich in die Kamera und berichtet emotionsarm. Dabei zeichnet die erfolgreiche Luise F. Pusch mit viel Witz und wenig Bitterkeit über die Brüche und den Mangel an Selbstverständlichkeiten in ihrem Leben. Sie hatte sich bereits einen Namen mit der Erforschung von Zeitformen im Italienischen und Deutschen gemacht, als sie mit 32 in der Schweiz einen Psychiater aufsuchte, um sich umpolen zu lassen, weil sie das Kämpfen und Verstecken als Lesbe nicht mehr aushielt.
Umpolen sei nicht möglich, beschied dieser, Selbstvertrauen auf- und Angst abbauen schon. Er schickte sie schon nach der ersten Stunde ins Frauenzentrum nach Zürich, wo sie in der HFG Homosexuelle Frauengruppe ihresgleichen kennenlernte und Interesse für ihren autobiografischen Bericht «Sonja» fand. Sie konnte ihn im Suhrkamp Verlag publizieren, in Sorge um ihre Wissenschaftslaufbahn unter einem Pseudonym. Forschen war ihre Leidenschaft, habilitiert war sie inzwischen auch.
1992 fragt sie der Moderator einer Fernsehsendung, ob sie sich Sendungen anschaue, die mit «sehr geehrte Zuschauer» begännen. Sie antwortet, «ich verstehe natürlich Fremdsprachen und die Männerfremdsprache kenn’ ich auch». Und fährt freundlich fort, seit Jahrtausenden hätte sich der Mann als Norm in der Sprache etabliert. Er sei der Moderator und wenn eine Frau dasselbe tue, sei das «in» angehängt. Nur im Tierreich gäbe es Ausnahmen, zum Beispiel «die Ente ist weiblich und das Männliche ist angehängt, also der Enterich».
Vortrag ja, Lehrstuhl nein
Ihre Sorge um Berufsoptionen erwies sich als berechtigt. Über 100 Bewerbungen trugen ihr keine Wissenschaftsstelle ein, geschweige denn die Berufung an einen Lehrstuhl. Da halfen selbst bundesweite studentische Protestaktionen und Gutachten nichts. Sie bewirkten zwar, dass sie endlich zum Vortrag für eine ordentliche Professur vorgeladen wurde, diesen vor viel Publikum mit viel Erfolg hielt, der Lehrstuhl aber an einen männlichen Vortragenden ging.
Inzwischen war Luise F. Pusch mit ihren Publikationen und Auftritten so bekannt, dass sie ihre Brötchen auch ohne Professur verdienen und weiter forschen konnte. Tagungen mit ihr waren seit den 1980er Jahren ausgebucht und wurden wiederholt, ihre Auftritte machten auch in den USA Furore und die Publikationen verkauften sich gut. «Das Deutsche als Männersprache» 1984 und «Alle Menschen werden Schwestern» 1990 wurden mehr als 150 000mal verkauft.
Luise F. Pusch hat sich auch der Frauenbiografieforschung verschrieben, als Verfasserin und Herausgeberin etwa mit Büchern über Schwestern, Töchter oder Mütter berühmter Männer. Zudem hat sie 1983 das Portal für Frauenbiografien fembio.org ins Leben gerufen und nährt es seither. Lapidar sagt sie im Film, die Datensätze seien inzwischen auf 32 000 angewachsen, von wissenschaftlicher Qualität und dennoch einfach zugänglich. Die Vielfalt der Schlagworte, nach denen sich darin suchen lässt, geht weit über eine übliche Suchmaschine aus. Die Suche nach «Schwestern berühmter Männer» ergibt 5 Treffer, nach «Zürich» 60, nach Schweiz über 300.
Frei zugänglicher Film
Aus Anlass des 75sten Geburtstags von Luise F. Pusch hat die Schweizer Germanistin Madeleine Marti den Film über dieses Leben gedreht, um «das Leben und die Leistung dieser gescheiten Frau festzuhalten, aber auch geschichtliche Veränderung sichtbar zu machen, zu zeigen, dass sich Gesellschaft verändert». Das Gleichstellungsgesetz in der Schweiz ist gerade mal 30 und das Stimm- und Wahlrecht für Frauen 50 Jahre alt.
Luise F. Pusch arbeitet weiter am Fembio-Portal (dem eine optische Auffrischung zu gönnen wäre) und nimmt Stellung zu den Entwicklungen in der Sprache. Aktuell begründet sie interessant die Vorteile des Binnen-I für StudentInnen gegenüber dem Gendersternchen in Student*innen. Eine sehr schöne Passage im Film ist, getreu dem damaligen Motto der Frauenbewegung, «das Private ist politisch», wo sie und ihre Partnerin Einblick in ihre Beziehung seit über dreissig Jahren geben. Vier Monate zusammen in Boston, vier Monate zusammen in Hannover und vier Monate im Jahr getrennt. Auch ihnen ist zu wünschen, dass die Pandemie rasch abflaut. Die Filmpremiere ist pandemiebedingt verschoben, ansehen lässt er sich gratis zuhause.
Madeleine Marti (Kamera: Sabine Wunderlin): «Luise F. Pusch – Hindernislauf mit Happy End», 2020 (50 Min).
lesbengeschichte.ch/filme oder vimeo.com/407097558