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An einem Junimorgen
Aus der Publikation „Eine neue Sicht-Testimonianze”
von Mario Barino
Es war Anfang Juni in Zürich: Die Stadt hatte sich nach einem nächtlichen Gewitter von der Sonne trocknen lassen, und der See begann sich mit weissen Segelschiffen zu füllen. Mario Comensoli war wie immer seit sieben Uhr früh in seinem Atelier an der Rousseaustrasse: er hatte wütende, graue Pinselstriche auf die Leinwand geworfen, doch das Bild wollte nicht Gestalt annehmen, er schwitzte und fühlte sich nicht wohl. Der Stich in der Brust war heftiger und stärker als an den Tagen zuvor, nie war er sich so alleine vorgekommen. In einem Tea Room am Schaffhauserplatz hatte er Professor Luciano Persico getroffen und dem treuen Freund sein Herz ausgeschüttet. Die Symptome, die er aufzählte, hatten Persico – der Comensoli wie alle seine Freunde, als unverbesserlichen Hypochonder betrachtete – ernsthaft besorgt: Kristallsplitter, die vor seinen Augen aufblitzten und ihn blendeten, und vor allem der Schmerz in der Brust, der nicht nachlassen wollte, eine wahre Qual. Diese Beklemmung, das bittere Gefühl eines tiefen Abgrunds, sprechen aus seinen letzten Bildern, in jener Hand, die sich verzweifelt aus der Erde hoch streckt, während schwarzgekleidete Frauen, die „pleureuses“ unerbittlich ihr bezahltes Klagegeschrei anheben. Comensoli hatte sich bei Persico über die Gleichgültigkeit der Freunde beklagt, die sein Drama nicht wahrnehmen wollten; und er wusste, dass er einen Vertrauten vor sich hatte, der ihn verstand: Persico war Lehrer und hatte, vom Gedankengut Freires inspiriert, aus dem Nichts eine Schule gegründet, wo die Einwanderer neben dem Umgang mit Dreh- und Fräsmaschinen auch lernten, deutsch zu lesen und zu schreiben. Für Persico, den er auch wegen seiner Distanz zu Christdemokraten und Kommunisten bewunderte, illustrierte Comensoli jedes Jahr die Kursprogramme und Tramplakate. Nun machte er sich bei ihm Luft, kräftig und fast kindlich trotzig, als müsse er plötzlich alle aufgestauten Frustrationen los werden: die Jugendjahre in einfachsten Verhältnissen, als Halbwaise am Rande der Gesellschaft, das Stottern, die schwache Gesundheit, – ein sehr verletzlicher Mensch, der beim Verlassen des Ateliers den Kinderscharen vor der benachbarten Schule aus dem Weg ging, weil sie dem grossen, sehr schlanken Maler immer „Du Nussknacker“ zuriefen.
Das letzte Fresko
Mario Comensoli war 71, das Kunsthaus hatte ihm eine wichtige Ausstellung gewidmet – und damit das künstlerische Werk eines Mannes gekrönt, der immer gegen den Strom geschwommen war, alles in allem mit Erfolg, den die Museen verweigerten sich ihm nicht mehr wie einst. Sogar die „Neue Zürcher Zeitung“ war voll des Lobes, seine Vergangenheit als Maler der Arbeiter war vergessen, Comensoli galt nun als typischer Vertreter des „âge de la glisse“, einer Epoche ohne Sicherheiten und festen Halt.
An diesem heissen Morgen des 2. Juni spürte auch Comensoli, dass die Welt um ihn herum gefährlich schief stand, dass die Bewegungen des Pinsels auf der Leinwand nicht mehr seinen Lebensimpulsen entsprachen, das sie auf der Oberfläche formlose Kalkklumpen hinterliessen. Er beschloss, seinen Arzt anzurufen, einen Allgemeinmediziner, der Rad fuhr wie er selbst und in der Langstrasse eine Praxis hatte. Die Long Street, wie die erste Fremdarbeitergeneration sie umbenannt hatte, war zu einem grossen Basar geworden, auf dem es von Drogendealern und farbigen Prostituierten wimmelte. Es waren die heissen Jahre des Letten, Comensolis Atelier befand sich plötzlich mitten in diesem Auswuchs des Sozialgewebes. Vor der Türe an der Rousseaustrasse spritzten sich die Süchtigen ihre Drogen, zwischen Marmorblöcken, die ein anderer Hausbewohner ungenutzt gelassen hatte: der patriotische Bildhauer Hans Brandenberg, der das Symbol der Landi 1939 – einen Soldaten mit mächtigem nacktem Oberkörper- geschaffen hatte.
Inzwischen war es Mittag geworden, die Menschen strömten aus ihren Büros zum See, suchten Abkühlung in den Schwimmbädern. Mario Comensoli bestieg sein Fahrrad, überquerte die Kornhausbrücke und fuhr die Langstrasse hinunter zur Praxis des Arztes. Dieser beruhigte ihn, machte ihm eine Spritze gegen interkostale Schmerzen und liess ihn gehen mit der Empfehlung, sich nicht anzustrengen. Der Patient gestand nicht alle seine Ängste ein: in solch schwierigen Augenblicken vor dem Richter hätte das Stottern ihn verraten können, so „muss man sich abfinden, die Dinge nur halb auszusprechen“, würde der Dichter Montale sagen: „Einmal sprach einer alles aus und war unverständlich“.
Die Rückkehr ins Atelier verlief dramatisch: Comensoli ging, das Fahrrad hinter sich herschleppend, zu Fuss die Langstrasse hinauf, kam zur Kornhausbrücke, und es war, als habe sich die Welt von allen überflüssigen Menschen befreit; rundum waren nur noch fahle, unruhige Gesichter wie er sie malte, menschliche Figuren, die sich beim Kornhaus in die Vene stachen; zusammenhanglose Umrisse, die ihre Schatten auf den in der Hitze flimmernden Asphalt warfen. Vor und um sich nahm Comensoli diese Gestalten wie das letzte, nicht verwirklichte Fresko seines Lebens wahr.
Der Schmerz liess nicht nach, die Angina pectoris wurde immer stärker. Mario Comensoli streckte sich auf der Atelierliege; auch seine letzten, gegen die Wand gekehrten Bilder, verschlossen sich ihm. Er sah nur diesen formlos grauen, unbeweglichen, höhnischen Fleck. Über seinem Kopf schrillte das alte Wandtelefon; es war die Fotografin, der Maler hätte sich ihr anvertrauen mögen, doch dann sagte er plötzlich: „Mir wird schwarz vor den Augen“.
Als alarmierte Helfer die von innen abgeschlossene Türe aufbrachen und das Atelier betraten, baumelte der Hörer im Leeren.