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Aus der Zeit gefallen
Nach kurzer Zeit stand er vor dem Haus der alten Dame, die ihn angerufen hatte. Sie hätte schöne Möbel zu verkaufen, es seien echte Antiquitäten und es lohne sich vorbeizukommen. Karl Andersen betrachtete das Haus von aussen. Es hatte schon bessere Tage gesehen. Die Fassade bröckelte und die einst bestimmt schönen Bemalungen waren verblasst, ein Schatten ihrer Vergangenheit. Doch so trist dieses Bild auch war, es weckte Hoffnungen beim ihm, dass hinter den Mauern des Hauses sich auch wirklich Möbel vorfinden könnten, die ihm als Antiquitätenhändler Freude bescheren.
Er drückte auf die Türklingel und steckte die Hände noch tiefer in die Taschen seines Regenmantels während er wartete, denn es war nicht nur alles feucht vom Nebel, gegen Abend wurde es auch noch kühl. Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür öffnete. Es war eine junge Frau. Sie musterte ihn kurz und bat ihn einzutreten. Karl Andersen folgte der Einladung. Das Haus war tatsächlich so gross, wie es von aussen zu sein schien und durch einen Gang führte sie ihn in eine Art Vorzimmer. «Wollen sie den Mantel ablegen», fragte sie und zeigte auf eine Garderobe. Er hängte ihn an einen Haken und nutzte die Gelegenheit für einen ersten Blick in den dunkel beleuchteten Raum.
Währenddessen stellte sich die junge Frau vor. «Ich bin die Nachbarin und dabei behilflich das Haus aufzulösen. Die Besitzerin zieht in ein Altersheim. Das Haus ist für sie alleine zu gross und auch zu Fuss ist sie nicht mehr so gut.» Karl Andersen hatte ihr aufmerksam zugehört und bereits einen guten, ersten Eindruck von der Einrichtung. Es schienen tatsächlich einige Möbelstücke dabei zu sein, die von Wert sein konnten.
Die junge Frau führte ihn durch das Haus, von Raum zu Raum und im dritten Stock trafen sie auf die alte Dame, welche ihn angerufen hatte. Sie war klein, ihr Händedruck aber kräftig und auch sonst hatte sie die Ausstrahlung einer starken Persönlichkeit. Das wurde ihm auf den ersten Blick klar. Sie strahlte Würde aus. «Mein Name ist Margarete von Ganson. Willkommen.» Sie bat ihn, sich in einen der Sessel zu setzten. Auch dieser Raum war beeindruckend gross und die Ausstattung hatte nicht weniger Ausstrahlung, als die alte Dame. Beides passte zusammen. Die Nachbarin servierte derweil Tee und Gebäck, aus einer scheinbar von Hand bemalten Teekanne, passenden Tassen und schon beinahe selbstverständlich - mit Silberlöffeln. Gleichzeitig präsentierten sich all diese Werte auffällig unaufdringlich, beinahe so als ob es Alltag wäre. Ihm wurde klar: Die alte Dame und das Haus waren aus der Zeit gefallen, sie waren der Rest einer Epoche, die längst Vergangenheit war. «Das Haus habe ich der Stadt vermacht, es soll ein Kunstmuseum eingerichtet werden. Möbel und Bilder will ich verkaufen. Das Geld spende ich einer sozialen Einrichtung», erläuterte Margarete von Ganson.
Die meisten Stücke stammten aus dem Familienbesitz und während die alte Dame auf einzelne Exponate einging, die ihr besonders am Herz lagen, öffnete die Nachbarin einen Schrank und zog einen Stapel Fotoalben hervor. Sie lud Karl Andersen ein darin zu stöbern und sich zu versichern, dass Möbel und Bilder eine lange Geschichte haben. Er folgte der Einladung, blättere Seite für Seite weiter, dabei entging ihm der prüfende Blick der alten Dame nicht. Es war wie eine Zeitreise, zurück ins 19. Jahrhundert und tatsächlich hatte sich seit damals im Haus nicht viel verändert. Es war beinahe so, als ob die Familie von Ganson alles dafür getan hatte, dass die Moderne um jeden Preis draussen bleibt. Genauer betrachtet war das Haus eigentlich bereits ein Museum, einzig die alte Dame wusste das nicht oder ignorierte dieses Wissen wenigstens. «Ich habe viel Gutes von ihnen gehört», sagte sie und lud ihn ein Möbel und Bilder näher zu betrachten.
Karl Andersen begann mit der Besichtigung. Er zog einen Schreibblock hervor, ging von Objekt zu Objekt und machte sich Notizen. Die alte Dame folgte ihm mit einigem Abstand und wenn er länger vor einem Möbelstück oder einem Bild stehenblieb, erläuterte sie deren Geschichte in wenigen Worten. Sie schwelgte dabei aber nicht in endlosen Erinnerungen, sondern kam auf den Punkt – kurz und knapp. Karl Andersen wurden schlagartig klar: Die alte Dame war nicht wirklich aus der Zeit gefallen, sie hatte sie bisher einfach nicht verlassen wollen. Es war ihre Welt, die sie sich bewahrt hatte. In diesem Augenblick bedauerte er es zutiefst, Teil des jähen Endes dieser Geschichte zu sein, welche die emotionale Einheit zwischen Haus, Möbeln, Bilder und Margarete von Ganson zerstörte. Er verstand immer mehr, wie hart dieser Schritt für die alte Dame sein musste und doch ging sie ihn mit einer schier unglaublichen Würde.
Nach Beendigung des Rundganges, der über zwei Stunden dauerte, waren sie wieder zurück im Raum, wo sie Tee getrunken hatten. Karl Andersen setzte sich in seinen Sessel, begann zu rechnen und je länger er rechnete, um so tiefer wurden das Runzeln auf seiner Stirn. Die Summe, welche er als Wert für die Einrichtung errechnet hatte, wurde immer höher. «Wollen sie noch einen Tee?», fragte die Nachbarin. Er lehnte dankend ab und rechnete weiter. Tatsächlich waren einige sehr schöne Stücke dabei, welche jedoch ihren Preis hatten und diesen zu drücken kam für ihn nicht in Frage. Immerhin waren sie häufig in einem sehr guten Zustand und mit Liebe gepflegt worden. Diesen Gedanken schien die alte Dame lesen zu können und sie sagte: «Unsere Familie hat eine lange Geschichte und wir haben sie immer gepflegt.» Für sie waren Haus, Möbel, Bilder Teil dieser Familiengeschichte, sie repräsentierten sie als Visitenkarte einer einst grossen, bürgerlichen Vergangenheit, für die es keinen Erben mehr gab.
Karl Andersen wurde damit bestätigt, was er vermutet hatte. Egal welche Summe er nennen würde, sie konnte nicht hoch genug sein. Geschichte hat kein Preisschild und Familiengeschichte schon gar nicht. «Ich weiss, wie sehr sie an den Möbeln und Bildern hängen, wie wichtig all das für sie ist. Aber ich kann ihnen diesen emotionalen Wert nicht zahlen und so schön viele dieser Stücke auch sind, auf dem heutigen Markt sind sie nur schwer zu verkaufen», erläuterte Karl Andersen. Diese Aussage basierte auf dem Wissen, dass in seinem Laden bereits solche Möbel und Bilder beinahe «lagerten», weil sich kein Interessent dafür fand und er nicht mehr wusste, wie oft er alles bereits abgestaubt hatte. Eine Summe nannte er nicht, er wollte erst wissen, was Margarete von Ganson dazu sagt. Sie überlegte einen Moment und antwortete: «Ich bin mir dessen bewusst.» Als sie das sagte, war ihre Traurigkeit nicht mehr zu überhören. Trotzdem forderte sie ihn auf: «Nennen sie einen Preis.»
Karl Andersen zählte auf, welche Möbel und Bilder für ihn als Händler interessant seien und bezeichnete deren Wert mit 50’000 Franken. «Mehr Geld habe ich nicht und die übrigen Stücke sind für mich nicht von Interesse.» Die alte Dame nahm das Verdikt scheinbar emotionslos entgegen. Sie schien nicht überrascht zu sein und sagte: «Gut, dann machen wir das so.» In diesem Moment plagte Karl Andersen das schlechte Gewissen, obwohl er nach seiner ehrlichen Meinung das Maximum geboten hatte. Gleichzeitig stieg seine Bewunderung für die alte Dame schier ins Grenzenlose. Obwohl sie ihre Familiengeschichte verkaufte, wahrte sie immer noch ihre Würde. Er vereinbarte mit ihr einen Vertrag aufzusetzen, ihn ihr in den nächsten Tagen zukommen zu lassen und Möbel sowie Bilder anschliessend abzuholen. Karl Andersen verabschiedete sich von Margaret von Ganson, bedankte sich für den Tee und liess sich von der Nachbarin zur Türe begleiten. Der Regenmantel war inzwischen trocken, der Nebel vor der Tür war geblieben und gefühlt noch dichter.
Auf dem Weg zurück zu seinem Antiquitätengeschäft dachte Karl Andersen über die Begegnung mit der alten Dame nach. Er stellte sich die Frage, wie er damit umgegangen wäre. Nach wenigen Minuten kam er bei seinem Ladengeschäft an, zog den Schlüssel hervor und sperrte die Tür auf. Er ging zwischen Möbeln und Gestellen durch, zog den Regenmantel ab und machte sich einen Kaffee. Von seinem kleinen, kunstvoll gestalteten Sekretär in der Ecke seines Ladens aus schaute er sich um. Es war seine Welt, eine Welt die er selber geschaffen hatte. In Erinnerung an die Begegnung mit Margarete von Ganson fragte er sich aber selbstkritisch, ob das nicht vielleicht auch ein eigenes Museum sei, um der Welt da draussen zu entfliehen. Am Schaufenster ging ein älterer Herr vorbei, schaute kurz hinein und ging weiter. Karl Andersen verscheuchte diese Gedanken, setzte sich an den Vertrag, um das Geschäft abzuschliessen. Stück für Stück listete er auf, fragte sich, an welchen seiner Kunden er es verkaufen könnte. Für einige Objekte lagen Anfragen vor, falls sich ein solches Stück findet. Der Alltag hatte ihn wieder eingeholt, Karl Andersen war wieder der Geschäftsmann, der mehr oder weniger erfolgreich mit Geschichte und Werten handelte, verkörpert durch Möbelstücke und Bilder.
Sein Antiquitätengeschäft betrieb er schon seit vielen Jahren. Er hatte es von einem Onkel übernommen, als dieser schwer erkrankte und den Betrieb von einem Tag auf den anderen aufgeben musste. Damals arbeitete Karl Andersen noch als selbstständiger Möbelschreiner. Doch es zeichnete sich bereits ab, dass er es damit in Zukunft schwer haben würde. Immer mehr kamen Fertigmöbel in Mode, die vor allem günstig waren und bei einem Umzug nicht mehr mitgenommen wurden – sondern einfach entsorgt. Es war günstiger. Der Möbelschreiner spürte den Wandel der Zeit. Auch deshalb zögerte er erst, als ihm sein Onkel das Antiquitätengeschäft zur Übernahme anbot. Sein Problem war damit nicht gelöst. Doch es war bereits in zweiter Generation in Familienbesitz und so kam der moralische Druck dazu. Sein Bruder Andreas kam nicht in Frage, er hatte Buchhalter gelernt und verstand von Möbeln nicht das Geringste. Dazu kam, dass ihm das Geschäft praktisch ablösefrei angeboten wurde, inklusive Bestand an Möbeln und Bildern. Er stimmte zu und stieg in das Antiquitätengeschäft ein. Damit blieb er dem Handel mit Werten treu.
Zu Anfang lief das Geschäft noch gut. Sein Onkel hinterliess ihm eine treue und teilweise gut betuchte Kundschaft. Doch diese wurde stets älter und deren Kindern wollten vor allem verkaufen. Teilweise kam das Geschäft beinahe zum Erliegen, doch irgendwie schaffte es Karl Andersen immer wieder, sich zu retten. Seine Rettung war ein reicher Kunde, der sich direkt am See eine kleine Villa leisten konnte. Diese musste natürlich entsprechend möbliert und mit passenden Bildern bestückt werden. Dieser reiche Kunde, er hiess Christian Glur, hatte ein Vermögen mit der Produktion von Autobatterien verdient, sich aus der Leitung des Geschäfts zurückgezogen und zur Ruhe gesetzt. Um seine Firma kümmerte er sich nur noch operativ. So blieb ihm viel Zeit, sich um eine geschmackvolle Einrichtung des repräsentativen Hauses zu kümmern. Auf Karl Andersen stiess er dabei ganz zufällig, bei einem Spaziergang.
Es war kurz vor Ladenschluss. Der Antiquitätenhändler wollte gerade das Licht ausschalten, als der Kunde das Geschäft betrat. «Schöne Möbel haben sie im Angebot», lobte er und fragte, ob er trotz fortgeschrittener Zeit noch einen kleinen Rundgang machen dürfte. «Nehmen sie sich Zeit und wenn sie eine Frage haben, beantworte ich sie gerne», lautete die Antwort. Der Kunde zögerte kurz und antwortete: «Zeit. Sie ist unser wichtigstes Gut. Danke.» Beinahe schien es, als würde ihn dieses Angebot mehr interessieren als Möbel oder Bilder. Doch je länger der Rundgang dauerte, umso grösser wurde das Interesse und der Besuch gipfelte in der Einladung das Objekt am See zu begehen und darüber nachzudenken, wie man es geschmackvoll gestalten könnte. Es war der Beginn einer kreativen und erfolgreichen Phase, welche alte Werte wieder aufleben liess. Wenigstens für eine kurze Zeit.
Fast zwei Jahre dauerte es, bis die von aussen schmucke Villa am See auch von innen höchsten Ansprüchen genügte. Davon profitierte zwar nicht ausschliesslich Karl Andersen, aber trotzdem führte das zu einem geschäftlichen Aufschwung, der sich sehen lassen konnte und in der Kasse deutliche Spuren hinterliess. Im Wissen, dass ihm so etwas nicht mehr häufig passiert, legte der Antiquitätenhändler möglichst viel Geld zur Seite und die Geschichte gab ihm recht. Es blieb ein Einzelfall. Zwar gelangen ihm immer wieder gute Einzelgeschäfte, aber die Unterbrüche wurden immer länger. Die grosse Zeit seiner Werte war vorbei, was blieb war die Verwaltung der Restbestände, seiner Zeit. Auch weil ihm immer weniger gut erhaltene Möbel oder Bilder angeboten wurden, die wirklich einen Wert hatten. Umso mehr freute er sich nun über die Objekte der Margarete von Ganson. Von diesem Geschäft erhoffte sich Karl Andersen viel, diese Qualität hatte Seltenheitswert.
Es dauerte einige Wochen, ehe das Geschäft erledigt war. Der Kaufvertrag wurde schnell unterzeichnet, der Abtransport von Möbeln und Bildern dauerte jedoch seine Zeit. Immerhin waren es wertvolle Stücke, denen es galt Sorge zu tragen. Auch musste der Antiquitätenhändler erst einmal Platz in seinem Laden schaffen oder mit anderen Worten: Einige Ladenhüter verschwanden im Lager, wurden abgedeckt und mussten als Verlust abgeschrieben werden. Bald erstrahlte das Ladengeschäft in neuem Glanz und die Schmuckstücke zogen neue Kundschaft an. Sie war zwar nicht immer zahlungskräftig, aber sie trug zur Werbung bei und die ruhigen Stunden, in denen Karl Andersen ein Buch lesen konnte und dazu einen Tee trinken, wurden seltener. Die Zahl der Besucher stieg, was sich allmählich positiv auf die Verkäufe auswirkte.
Allerdings war der Aufschwung auch mit Ärger verbunden. Häufig stürmten Kunden in das Antiquitätengeschäft und brachten nur wenig Zeit mit. Doch wie soll man die Vorzüge von Qualität und Werten in einer solch kurzen Zeit vermitteln? Wie soll eine kunstvolle Dekoration oder ein Bild in einer solch kurzen Zeit seinen Zauber verbreiten? Selbst die Einladung auf eine Tasse Kaffee oder Tee änderte nichts daran. «Keine Zeit.» Ein anderes Problem waren Rabatte. Nicht wenige Kunden brachten, kaum wurde über ein Objekt gesprochen, sogleich diese Frage ins Gespräch ein. «Ich verkaufe keine Rabatte, ich verkaufe Werte», lautete dann die Antwort von Karl Andersen. So sehr er sich also über geschäftlichen Erfolg freuen konnte, so sehr ärgerte er sich auch über das, was vor seiner Ladentür als Wert galt und ebenfalls Einzug in sein kleines Reich hielt. Er wusste bald nicht mehr ob Freude oder Ärger überwiegen sollen.
In einer ruhigen Stunde las der Antiquitätenhändler die örtliche Tageszeitung. Im hinteren Teil waren wie immer die Todesanzeigen untergebracht. Meist überflog er diese kurz und blätterte weiter. An diesem Tag war das anders: Margarete von Ganson war verstorben. Es war wie ein Stich ins Herz von Karl Andersen. Die alte Dame war nur kurze Zeit, nach ihrem Umzug ins Altersheim, einer Krankheit erlegen. Er erinnerte sich an die eindrückliche Begegnung mit ihr, an ihre Würde, ihren Mut, ihre Familiengeschichte, die er erfolgreich zu Geld gemacht hatte. Sein schlechtes Gewissen plagte ihn. Hätte er nicht diese kurze Zeit abwarten können? Die Objekte wären ja immer noch wertvoll gewesen. Doch schliesslich verscheuchte er diesen Gedanken. Die alte Dame hatte den Entscheid selber getroffen und umgesetzt. Stattdessen entschied er sich, Margarete von Ganson als Vorbild zu betrachten und mit der gleichen Würde durch das Leben zu gehen, ihre Werte zu wahren, auch wenn sich die Welt vor der Tür immer schneller dreht.