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Tidjane Thiam ist eine imposante Erscheinung, nicht nur wegen seiner Körpergrösse von über 1,90 Metern – auch seine Biografie ist bemerkenswert. Geboren wurde er am 29. Juli 1962 in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste und wuchs als Sohn eines Diplomaten des Kabinetts von Félix Houphouët-Boigny auf, der das westafrikanische Land in die Unabhängigkeit führte.
Für seine Ausbildung zog Thiam nach Frankreich: Ins renommierte Lycée Sainte-Geneviève de Versaille, den MBA schliesst er am Institut Insead ab, eine der renommiertesten Wirtschaftsschulen der Welt.
Thiam: Spitzenschüler in Frankreich
Nach Anfangsstationen bei der Weltbank und McKinsey kehrte er 1994 mit 31 Jahren in sein Heimatland zurück, kümmerte sich als Staatsbeamter um die Infrastruktur der noch jungen Demokratie, «um zu helfen», wie er sagte. Doch 1999 wurde er unter Hausarrest gestellt und erhielt vom neuen Machthaber ein Angebot, in der Regierung mitzuwirken. Er lehnte ab, ihm seien Demokratie, Marktwirtschaft und Gewaltenteilung zu wichtig – und Thiam kehrte nach Paris zurück.
Dort startete er wieder beim Beratungsunternehmen McKinsey, folgte aber bald dem Ruf des britischen Versicherers Aviva und arbeitete sich dort in kurzer Zeit um Europachef empor.
Thiam hat ein gespaltenes Verhältnis zu Frankreich, dem Land seiner Wahl und Stätte seiner Bildung. Er verspüre noch heute Stolz, wenn er daran denke, wie er am französischen Nationalfeiertag in erster Reihe der École Polytechnique die Paradestrasse Paris' Champs-Elysées herunterlief, sagte er an der Tagung «Qu'est-ce qu'être français?». Er war der erste Ivorer, der die Zulassung in das prestigeträchtige Insead-Institut erhielt. 1986 schloss er als Klassenbester an der École Nationale Supérieure des Mines de Paris ab und erhielt ein Stipendium für seinen Masterabschluss am Insead.
«Frustration gegenüber französischen Polizisten»
Wieder und wieder bekam er aber auch den Rassismus und Kleinmut seiner Mitbürger zu spüren. Er wurde trotz bester Qualifikationen in Frankreich bei Beförderungen regelmässig übergangen und musste erst nach Grossbritannien, um einen Job zu erhalten, der seinen Fähigkeiten entsprach: 2007 wurde er Finanzchef beim Versicherungskonzern Prudential.
Dem «Nouvel Observateur» verriet er 2009, kurz nach seiner Beförderung zum CEO im gleichen Unternehmen: «Ich verspürte Frustration gegenüber den französischen Polizisten, die mich duzten. Frustration, dass ich nach London emigrieren musste. Es zermürbte mich, dass ich sehen musste, dass ich bei Beförderungen durch schwächere Konkurrenten ausgestochen wurde, Frustration, dass England bereit ist, mir all das zu geben, was Frankreich nicht wollte oder konnte: Möglichkeiten, Respekt und das Wichtigste: Gleichgültigkeit gegenüber meiner Hautfarbe.»
Erster farbiger SMI-Chef in der Schweiz
In England wurde Thiam der erste schwarze CEO eines Konzerns aus den Reihen der 100 grössten britischen Unternehmen. Für die Schweiz ist die Ernennung von Thiam ebenfalls ein Novum: Auch hierzulande gab es bis heute in keinem grossen Konzern einen farbigen Geschäftsleiter.
Sein kometenhafter Aufstieg in London wurde kurz nach seiner Inthronisierung als Geschäftsleiter von einem heftigen Rückschlag begleitet. So verweigerten ihm die Aktionäre 2010 die Gefolgschaft, als er überraschend die amerikanisch-asiatische Konkurrentin American International Assurance (AIA) übernehmen wollte. Prudential wäre so auf einen Schlag zum grössten Versicherungskonzern Asiens geworden.
Obama der Wirtschaft
Doch vier Jahre später konnte Thiam auch ohne diesen Coup triumphieren: Der Aktienkurs sprang 2014 auf einen Höchststand, Prudential präsentierte ein Jahresergebnis mit zweistelligem Wachstum bei Betriebsgewinn und Dividende. Auch ohne die Grossfusion hatte er mit seiner Truppe alle Unternehmensziele bis Ende 2013 erfüllt. Sein Rezept war es, konsequent auf die rasch wachsende Mittelschicht Asiens zu setzen.
Der grosse FC-Arsenal-Fan Thiam gilt als Symbol einer neuen Generation schwarzer Geschäftsmänner, in England wurde er von den Medien als «cool» hochgejubelt. Gerne wird er mit dem US-Präsidenten Barack Obama verglichen, der es wie er allen zeigte, dass es geht, wenn man will und entsprechend erzogen wird. In der Tat genoss Thiam als jüngstes von sechs Kindern eine Kindheit, die von Anfang an auf eine Karriere ausserhalb des politischen Apparates eines korrupten afrikanischen Staates ausgerichtet war.
Gegenentwurf zu «Bonilutschern»
Es wird äusserst spannend sein zu sehen, wie sich Tidjane Thiams sauberes Image auf die Wahrnehmung der Credit Suisse in der Öffentlichkeit und deren Geschäftsgebaren im Hintergrund auswirken wird. Thiam war bisher der Gegenentwurf der «Bonilutscher», wie SP-Doyen Peter Bodenmann die UBS- und CS-Entourage kürzlich nannte. Man darf gespannt sein, wie sich der Neue am Paradeplatz in Zürich schlägt.