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Ueli Weber
Co-Leiter Forschung und Vermittlung SLA
Ich lernte Comics oder «bandes dessinées», wie es auf Französisch angemessener heisst, sieben- oder achtjährig bei einem französischsprachigen Cousin kennen. Der Sprache nicht mächtig, aber fasziniert blätterte ich die Abenteuer von Tintin, die Prügeleien von Astérix und Obélix oder die Rennfahrer-Geschichten von Michel Vaillant durch. In meinem Elternhaus waren Comics eher verpönt und lange Zeit inexistent. Hingegen gab es im Ferienhaus meiner Grosseltern ein altes rotes Buch mit einer humoristischen Bildergeschichte, die auch von den familiären Autoritäten geschätzt wurde: Les amours de Monsieur Vieux Bois von einem gewissen Rodolphe Töpffer (1799–1846). Erst als ich 1996 die Töpffer-Ausstellung im Musée d’art et d’histoire in Genf zu dessen 150. Todestag besuchte, wurde mir bewusst, dass ich darin der ältesten «bande dessinée», gezeichnet 1827 im Arbeitszimmer eines jungen Lehrers in der Genfer Promenade de Saint-Antoine, begegnet war: Rodolphe Töpffer war der Sohn des anerkannten Landschaftsmalers Wolfgang Adam Töpffer (1766–1847). Seine Ambition, selbst Maler zu werden, musste Rodolphe mit zwanzig Jahren wegen eines Augenleidens, verbunden mit Farbenblindheit, begraben. So wurde er Lehrer und leitete hauptamtlich ein Internat mit dreissig bis vierzig Jungen aus ganz Europa und den USA. Er führte mit ihnen auch Exkursionen in den Alpen durch, die er in Skizzenbüchern dokumentierte, und betätigte sich als Schriftsteller. 1827 entstand, was er als «une ânerie audacieuse», «eine kühne Eselei», bezeichnete: Seine erste humoristische Bildergeschichte, eben Les amours de Monsieur Vieux Bois. Sie erzählt eine Reihe von absurden und grotesken Abenteuern eines ältlichen Gecken, der sich in eine junge Frau verliebt und hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung ihrer habhaft zu werden versucht. Nicht weniger als fünfmal nimmt er sich das Leben, erwacht aber, von seiner unsterblichen Leidenschaft angetrieben oder von Ratten angeknabbert, spätestens nach ein paar Tagen wieder vom vermeintlichen Tod, sei es, dass er sich mit dem Degen unter der Achselhöhe durchgestochen, ein zu langes Seil gewählt oder sich mit einer Kräuterbrühe statt dem Schierlingstrank vergiftet hatte. Töpffer spielt in seiner aberwitzigen Geschichte alle Liebestopoi der romantischen Epoche durch, vom Duell mit dem Rivalen über die Schäfer-Idylle mit Flötenspiel und die Entsagung in der mönchischen Einsiedelei bis hin zum drohenden Feuertod des Liebespaars auf dem Scheiterhaufen, bevor Monsieur Vieux Bois nach 92 Seiten sein namenloses «Objet aimé» in den sicheren Hafen der Ehe lotsen kann.
Töpffer zeichnete diese und ähnliche Bildergeschichten als Privatvergnügen, mit seinen Schülern beriet er die Entwicklung der Handlung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der über achtzigjährige Goethe Töpffer zur Publikation seiner Bildergeschichten ermutigte: Als ihm Monsieur Festus zu Augen kam, eine Parodie auf seinen Faust, war er begeistert. So wurde der Weimarer Dichterfürst zum Paten des Comics. In Paris schlugen die gedruckten Bildergeschichten sofort ein, in Kürze erschienen zahlreiche Raubdrucke und Plagiate. Im deutschen Sprachraum kam Töpffer nie über den Status eines Geheimtipps hinaus. 2016 erschien im avant-verlag (Berlin) nach langer Zeit wieder eine Auswahl seiner Geschichten mit Übersetzung, die hoffentlich dazu beiträgt, dass der Vaters des Comics wie sein Held aus dem Scheintoten-Dasein in der Fussnotengruft kritischer Goethe-Ausgaben aufersteht!
Ueli Weber