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Critique
par Liliane Studer
Publié le 19/07/2013
Was ist geschehen in Djerba? Diese(r) Frage stellt sich Astèr immer wieder. Sie weiss, dass ein Splitter in ihren Kopf eingedrungen ist, dass dies nach der Explosion in der Synagoge von Houmt Seek passiert ist, dass dadurch ein Teil ihres Hirns verletzt wurde, dass die Erinnerung ausgelöscht zu sein scheint – oder wie Astèr zu ihrer Freundin Paco sagt, sie weiss sehr wohl, was geschehen ist, sie kann es nur nicht erzählen. Mit Djerba eng verknüpft ist Claude. Astèr wollte ihn dort nach Jahrzehnten wieder treffen. Claude und Astèr lebten 1980 in einem besetzten Haus – freie Sicht aufs Mittelmeer, hiess die Forderung damals –, und sie verliebte sich in ihn. Die Faszination fürs Meer ist Claude geblieben, er wurde Forscher und Kritiker. Was ihn trieb, wer er nun ist, das hätte Astèr von ihm hören wollen. Was ihr bleibt, ist ein kleines Gerät mit seiner Stimme. Und aus diesem Gerät erfährt sie, dass er in Seenot geraten ist, dass er ums Überleben kämpft, dass ihm die Lebensmittel, das Essen ausgehen. Und so weiss sie, dass nicht nur sie nicht am Ort war, wo sie sich treffen wollten. Doch Astèr hat den Anschlag überlebt, wo Claude ist, ob er noch lebt, das weiss sie nicht, als sie in Brooklyn hört, was er auf Band gesprochen hat. Claude erzählt nicht nur über das Heute und Jetzt, auch er erinnert sich an die Achtziger, an die Bewegung, an seine Rolle damals und wie er immer auch der Aussenseiter war. Ändern lässt es sich nicht mehr, dies hätte auch eine erneute Begegnung zwischen Astèr und Claude nicht vermocht.
Beide sind politisch interessierte Menschen, 22 Jahre später immer noch – der Roman setzt 2002 ein, als Astèr nach dem Anschlag und ihrer Erholung in verschiedenen Krankenhäusern wieder zu Hause in Brooklyn ist –, ihr Interesse für das Zeitgeschehen prägt die ganzen knapp 300 Seiten des Buches: Auch der Autor ist ein politisch denkender Mensch. Neben den Lebensgeschichten von Astèr und Claude ziehen sich zwei weitere Erzählstränge durch den Roman, nämlich jene des Fahrers, in dessen Taxi Astèr sass, als der Anschlag verübt wurde, und jene des Flüchtlings aus Mali, der in einem verwüsteten Segelboot auf Lampedusa strandet.
Tahar, der Taxifahrer, gibt seiner Empörung Ausdruck über seine «Brüder» – die gewesenen, die verlorenen, die fehlgeleiteten –, denen er sich lange nahe und verwandt fühlte, für die er jedoch nach dem Anschlag auf die Synagoge kein Verständnis mehr aufbringen kann. Mit dieser Form des Radikalisierung will er nichts zu tun haben, und er gerät doch in deren Nähe, weil er sie kennt, und in der Folge gezwungen ist, zu fliehen, da auch er verdächtigt wird, am Anschlag beteiligt gewesen zu sein. In seinem Monolog erzählt Tahar seine Geschichte, die eng verknüpft ist mit der Geschichte seiner Heimat, aus der er nun vertrieben wird. Ein Vertriebener ist auch Touré, einer der unzähligen Flüchtlinge aus Mali, die in Lampedusa aufgegriffen und verhört werden. In seinen Ausführungen versucht er dem Commissario etwas von seiner Lebensrealität zu vermitteln, was ein sinnloses Unterfangen ist, denn der Commissario hat nicht den Auftrag zu verstehen.
Vier Menschen, vier Leben, vier Schicksale – verbunden durch das Mittelmeer, zwischen Afrika und Europa, ein Raum voller Geschichten, die vom Suchen nach besseren Lebensbedingungen, nach einem besseren Leben überhaupt erzählen und oft im Tod enden. In seinem Roman gelingt es dem Basler Autor Christoph Keller, der hauptberuflich beim Schweizer Radio SRF2 tätig ist, diesen Mittelmeerraum mit Geschichten zu füllen, die er auf überzeugende Art miteinander verknüpft. Entstanden ist ein spannender Roman voller Sinnlichkeit, Energie und Lebenskraft.