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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XVIII. Rede
30.
Das gleiche Wunder erlebte bald darauf auch meine Mutter. Es verdient ebenfalls erwähnt zu werden. Einerseits ehren wir damit in gebührender Weise die Mutter, welche wie keine andere der Ehrung würdig ist, anderseits erhält der Vater die Ehre, mit un erwähnt zu werden. Auch sie fiel in Krankheit, obwohl [S. 377] sie stets kräftig und rüstig war und Krankheit sie sonst immer verschont hatte. Unter vielen anderen Leiden war, um mich kurz zu fassen, das quälendste, daß sie mehrere Tage nacheinander keine Nahrung zu sich nehmen konnte und dagegen keine Hilfe fand. Wie nun hatte Gott sie ernährt? Nicht ließ er, wie seinerzeit den Israeliten, Manna regnen, nicht spaltete er, wie dem dürstenden Volke, den Felsen, nicht brachte er durch Raben wie einem Elias Speisen, nicht sättigte er sie durch einen fliegenden Propheten wie dereinst einen Daniel, der in der Grube schmachtete. Auf welche Weise ernährte er sie nun? Es träumte ihr, daß ich, den sie am meisten liebte und dem sie selbst im Traum keinen anderen bevorzugte, nachts plötzlich vor ihr mit einem Korbe und den hellsten Broten erschienen sei, diese gesegnet und über sie dem Brauche entsprechend das Kreuzzeichen gemacht habe, um sie zu ernähren, ihr die Gesundheit zu geben und sie wieder zur Kraft kommen zu lassen. Dem nächtlichen Traume entsprach die Wirklichkeit. Von da an nämlich erholte sie sich und hatte sie wieder mehr Hoffnung, wie sich klar und deutlich zeigen sollte. Denn als ich am Morgen des anderen Tages die Mutter besuchte, sah ich sie vergnügter wie zuvor, und als ich sie, wie gewöhnlich, fragte: „Wie hast du geschlafen und was wünschest du?” da gab sie mir zur Antwort: „Mein Kind, entgegenkommend und in aller Stille hast du mir etwas zu essen gegeben, und nun fragst du noch so lieb und freundlich, wie es mir geht.” Und sofort gab mir die Dienerin durch Winke zu verstehen, ich solle nichts einwenden, sondern mich mit der Antwort befriedigen, damit die Mutter sich nicht darüber aufrege, daß sie die Wahrheit ausgesagt habe. Noch eine Geschichte, welche Vater und Mutter gemeinsam betreffen, will ich erzählen.