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Ittingen und die Kartäuser
Obwohl seit mehr als anderthalb Jahrhunderten keine Mönche mehr in Ittingen leben, ist der Name „Kartause Ittingen“ nach wie vor geläufig. Er weist auf den Orden hin, der den Ort, seine Topografie und seine Architektur über Jahrhunderte hinweg geprägt hat, und ist in jüngster Zeit für die Stiftung Kartause Ittingen, aber auch für die hier domizilierten staatlichen Museen zum Markennamen geworden.
Ittingen vor den Kartäusern
Um 1150 gründeten die drei Letzten aus dem Geschlecht der Herren von Ittingen in ihrem Adelssitz ein Kloster, das wie viele Adelsgründungen in dieser Zeit die Regel der Augustiner-Chorherren annahm. In diese Gründung brachten sie ihren ganzen Besitz und die kleine Gerichtsherrschaft ein. Die Blütezeit des Klosters war die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts; aus dieser Zeit stammen bis heute erhaltene Gebäudeteile wie beispielsweise die seitlichen Aussenmauern der Kirche.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts jedoch war Ittingen durch finanzielle und personelle Probleme ein Sanierungsfall: 1422 wechselte der Bischof von Konstanz die Chorherren aus. Der Konvent blieb jedoch klein, zu klein, um ein ordentliches Klosterleben zu garantieren, und die finanziellen Schwierigkeiten blieben.
Übernahme durch die Kartäuser
Durch die neue Anziehungskraft für Stifter, welche die Kartäuser im Spätmittelalter erlangt hatten, wurden sie verschiedentlich dazu ausersehen, in ihrem Bestand gefährdete Klöster zu übernehmen. Diese Situation ergab sich 1461 auch in Ittingen. An der Vereinbarung des Übergangs war der Prior der slowenischen Kartause Pleterje beteiligt. Slowenien war zu dieser Zeit Überfällen des osmanischen Reichs ausgesetzt, und vor diesem Hintergrund könnte Ittingen als Auffangmöglichkeit für slowenische Kartäuser ausersehen worden sein. Doch zu einem Zuzug aus Slowenien kam es nicht, und das Generalkapitel wies 1462 die Prioren von Buxheim und Güterstein an, geeignete Personen nach Ittingen zu entsenden.
Verschiedene Stifter trugen zur Verbesserung der materiellen Ausstattung bei und ermöglichten es, die Gerichtsherrschaft zu erweitern. Die neue Kartause war 1471 so weit konsolidiert, dass sie formell in den Ordensverband aufgenommen wurde.
Der Ittinger Sturm
1524 wurde Ittingen zum Schauplatz eines dramatischen Höhepunkts der schweizerischen Reformationsgeschichte. Der katholische Landvogt der Gemeinen Herrschaft Thurgau wollte Glaubensänderungen unter dem Einfluss von Zürich entgegenwirken und verhaftete einen Prediger von Burg bei Stein am Rhein. Die Bevölkerung der verbündeten Orte nahm die Verfolgung auf, doch als die Verfolger nahe der Kartause Ittingen die Thur erreichten, hatten sich der Landvogt und sein Gefolge bereits über den Fluss in das sichere Frauenfeld gerettet.
Die aufgebrachte Menge wandte sich nun gegen das Kloster, und es folgten zwei Tage der Plünderung und Zerstörung. Vor dem Abzug wurden die Gebäude in Brand gesteckt.
Trotz dieser Katastrophe ging die Kartause Ittingen nicht unter. Es dauerte jedoch Jahrzehnte, bis die Krise überwunden und alle Gebäude wiederhergestellt waren.
Blütezeit
Die Kartause Ittingen galt stets als armes Kloster; bis um 1600 litt es unter hoher Verschuldung. Der Auftakt zur Wende war eine bedeutende Schenkung von 1620, die unter anderem die Erneuerung der Mönchszellen ermöglichte. Die Zeit des Priorates von Bruno Müller (Prior 1614–1648) war zudem eine intellektuelle Blüte: Die Bibliotheksbestände wurden vermehrt, und mit Heinrich Murer (1588–1638) wirkte ein historisch-schriftstellerisch äusserst aktiver Mönch in Ittingen. Im 17. Jahrhundert begann die Kartause im Bereich Kreditwesen und Weinhandel auch unternehmerisch tätig zu werden und wurde dadurch im 18. Jahrhundert zum reichsten Kloster im Thurgau.
Spätzeit und Auflösung
Die Zeit der Helvetischen Republik (1798–1803) brachte für die Thurgauer Klöster einschneidende Veränderungen. Bedeutende Mittel wurden beschlagnahmt, sie mussten Steuern entrichten und die Wirtschaft wurde durch den neu gegründeten Kanton beaufsichtigt. Erst ab 1805 konnte das Kloster seinen Geschäften wieder autonom nachgehen. Doch mit dem Erstarken des Freisinns in der Schweiz wuchs in der Publizistik die Kritik an den Klöstern. Die Aufhebung erfolgte in zwei Schritten: 1836 verstaatlichte der Kanton die klösterliche Wirtschaft, und 1848 wurden die Mönche gegen die Zahlung einer Rente weggewiesen. Ein staatlicher Verwalter residierte in Ittingen und führte den klösterlichen Weingrosshandel bis zum Verkauf von 1856 weiter.