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Kaukasus-Leopard
Panthera pardus ciscaucasica
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Kaukasien, die Landenge zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer, trennt Osteuropa von Westasien. Es ist eine Gebirgsregion, welche durch den Grossen Kaukasus, einen rund 1200 Kilometer langen und bis 5633 Meter hohen Gebirgszug, geprägt wird. Während eines Grossteils des 20. Jahrhunderts gehörte Kaukasien politisch zur Sowjetunion. Seit deren Auflösung im Jahr 1991 ist es auf vier separate Länder aufgeteilt: Das nördliche, europäische Kaukasusvorland («Ziskaukasien») ist Teil der Russischen Föderation, während das südliche, asiatische Kaukasusvorland («Transkaukasien») auf die drei eigenständigen Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan entfällt.
Aserbaidschan, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist mit einer Fläche von 86 600 Quadratkilometern (Österreich: 83 871 km2) das grösste der drei transkaukasischen Länder. Landschaftlich ist es sehr abwechslungsreich: Im östlichen, an das Kaspische Meer grenzenden Bereich besteht es zu einem grossen Teil aus einer Tiefebene, welche teils tiefer als der Meeresspiegel liegt. Im Norden, beim Grossen Kaukasus, umfasst es eine Hochgebirgslandschaft, welche beim Berg Bazarduzu eine Höhe von 4485 Metern erreicht. Und im Westen, beim Kleinen Kaukasus, findet sich eine ausgedehnte Bergregion, welche teils ebenfalls bis auf über 3000 Meter ansteigt.
In Kaukasien kamen einst drei Grosskatzenarten vor, nämlich der Löwe (Panthera leo)
, der Tiger (Panthera tigris)
und der Leopard (Panthera pardus)
. Der Löwe musste als erster weichen: Er wurde um 100 n.Chr. vom Menschen ausgerottet. Der Tiger starb im Laufe des 20. Jahrhunderts aus. Beim letzten verlässlichen Nachweis handelt es sich um ein Individuum, das im Jahr 1932 beim Dorf Prischib im Talisch-Gebirge im südöstlichsten Zipfel Aserbaidschans erlegt worden war. Im angrenzenden Norden Irans hat der Tiger noch eine Weile länger überlebt, doch ist er inzwischen - offiziell seit 1973 - in ganz Westasien ausgestorben.
Der Leopard hat sich als die widerstandfähigste der drei Grosskatzen erwiesen. Er kommt noch heute in der Region vor, in sehr geringer Zahl zwar in Kaukasien selbst, jedoch in grösseren Beständen im benachbarten Nordiran. Der kaukasische Bestand wird auf höchstens ein paar Dutzend Individuen geschätzt, wovon wahrscheinlich rund die Hälfte in Aserbaidschan lebt. Verschiedene Institutionen und Organisationen - darunter der Weltnaturfonds (WWF) im Rahmen seines «Programms zur Erhaltung der Ökoregion Kaukasus» - unternehmen in jüngerer Zeit erhebliche Anstrengungen, um das Überleben des Leoparden in diesem europäisch-asiatischen Grenzgebiet zu sichern. Beispielsweise sind in Aserbaidschan Naturschutzgebiete zu Nationalparks aufgewertet, Parkwächter ausgerüstet, Anti-Wilderer-Einheiten ausgebildet, das Strafmass für Wilderei empfindlich erhöht, Entschädigungsschafherden für geschädigte Viehzüchter aufgebaut, Weiterbildungskurse für Lehrer durchgeführt und Informationsmaterialien für die ansässige Bevölkerung erarbeitet worden.
Willkürlich geschaffene Unterarten
Der Leopard gehört innerhalb der Familie der Katzen (Felidae) zur vier Arten umfassenden Gattung der Eigentlichen Grosskatzen (Panthera)
. Bei den drei anderen Arten handelt es sich um den Löwen, den Tiger und den Jaguar (Panthera onca)
. Der Leopard ist durchschnittlich der kleinste der vier Vettern, jedoch der am weitesten verbreitete: Man kann ihm vom Kap der Guten Hoffnung bis nach Sibirien und von der Wüste Sahara bis zu den Regenwäldern Javas begegnen.
Innerhalb dieses riesenhaften Areals sind die Körpergrösse sowie die Fellfärbung und -musterung der Art in Anpassung an die lokalen Umweltbedingungen sehr variabel. In Afrika sind beispielsweise die Leoparden der äquatorialen Regenwälder im Durchschnitt kleiner, dunkler und dichter gefleckt als die Leoparden der ostafrikanischen Savannen. Aufgrund dieser Variabilität sind in der Vergangenheit mehr als dreissig Leopardenunterarten beschrieben worden. Die Gültigkeit vieler dieser Unterarten ist jedoch fraglich, weil die Unterschiede zwischen den meisten Unterarten erstens gering und zweitens keineswegs konstant sind. Findet sich heute in einem Museum ein Leopardenfell, bei dem die Herkunftsangabe fehlt, so vermag darum kein Experte dasselbe einer bestimmten Unterart zuzuordnen - auch nicht mit Hilfe der Molekularbiologie.
Dass eine Gliederung in Unterarten beim Leoparden problematisch ist, zeigen die folgenden Überlegungen: Damit sich die regionalen Bestände einer Tierart in unterschiedlicher Richtung entwickeln und sie mit der Zeit zu unterschiedlichen Formen werden, müssen Barrieren zwischen ihnen den genetischen Austausch stark behindern oder ganz unterbinden. Zumindest bis vor zwei oder drei Jahrhunderten ist dies beim Leoparden nur bei ein paar wenigen Beständen wie denjenigen auf Sri Lanka oder im Amur-Ussuri-Gebiet der Fall gewesen. Bei allen anderen fand eine rege «Bastardisierung» statt. Die Männchen führen nämlich in ihrer Jugend ein ziemlich nomadisches Leben: Nach dem Verlassen des mütterlichen Territoriums streifen sie weit umher und durchwandern dabei auch unwirtliche Gegenden, bis sie sich schliesslich an einem fernen Ort niederlassen und ein eigenes Territorium errichten. Dort pflanzen sie sich in der Folge mit den ansässigen Weibchen fort, welche sich, wie bei vielen anderen Säugetierarten, in der Jugend als wenig wanderfreudig erweisen. Zwischen benachbarten Leopardenbeständen findet auf diese Weise eine ständige genetische Durchmischung statt. Die Unterschiede im Erbgut und demzufolge im Körperbau sind darum innerhalb des weiten Verbreitungsgebiets der Art meistenorts gleitend. Man nennt eine solche allmähliche geografische Variation - mit fliessenden Übergängen von einer Form zur anderen - «klinal» (vom griechischen Verb klinein
= neigen). Eine Abgrenzung von geografischen Beständen als Unterarten ist in solchen Fällen willkürlich und unrichtig. Denn es wird oberflächlich eine Einheitlichkeit der betreffenden Unterarten vorgetäuscht, welche aufgrund der kontinuierlichen - eben: klinalen - Merkmalsvariation gar nicht vorhanden ist.
Im Kaukasus recht gross und ziemlich hell
Vielfach überwiegt aber leider das seltsame Bestreben des Menschen, alles und jedes in Ordner und Unterordner zu zwängen. So werden im Falle des Leoparden die Bestände in Kaukasien von alters her als eine eigene Unterart namens Kaukasus-Leopard (Panthera pardus ciscaucasica)
eingestuft, während die im südlich angrenzenden Iran als separate Unterart namens Nordpersischer Leopard (Panthera pardus saxicolor)
betrachtet werden, obschon die beiden Bestände zweifellos eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden.
Die in Kaukasien heimischen Leoparden sind im Durchschnitt recht gross und haben mehrheitlich eine helle Grundfärbung, wie dies bei den Leoparden der zentral- und westasiatischen Gebirgsregionen allgemein der Fall ist. Die Kopfrumpflänge liegt gewöhnlich zwischen 130 und 170 Zentimetern, das Gewicht zwischen 40 und 80 Kilogramm, wobei die Männchen im Durchschnitt deutlich grösser sind als die Weibchen. Die Färbung und die Musterung des Fells sind bei den verschiedenen Individuen recht unterschiedlich, die Fellgrundfarbe und die Felldicke variieren überdies bei jedem Individuum saisonal. Das Winterfell ist verhältnismässig lang, manchmal sogar etwas zottig und weist fast immer eine sehr helle Grundfärbung auf. Das Sommerfell ist deutlich kürzer und glatter und variiert farblich stärker.
Hauptbeute sind Huftiere
Leoparden sind hinsichtlich ihrer Ernährung keine Spezialisten, sondern Generalisten, welche ein sehr breites Spektrum von Wildtieren zu erjagen vermögen. Diese Flexibilität ist zweifellos ein Hauptfaktor für ihren grossen Überlebens- und Ausbreitungserfolg. Ihre bevorzugte Beute bilden meistenorts mittelgrosse Huftiere. In Kaukasien gibt es davon eine überraschend grosse Vielfalt: Zu nennen sind die Bezoarziege (Capra aegagrus)
, der Ostkaukasische Tur (Capra cylindricornis)
und der Westkaukasische Tur (Capra caucasica)
, ferner das Argali (Ovis ammon
; ein Wildschaf), die Nordöstliche Gämse (Rupicapra rupicapra)
, das Reh (Capreolus capreolus)
und das Wildschwein (Sus scrofa)
. Neben diesen erbeuten die kaukasischen Leoparden bei Gelegenheit auch kleinere Tiere wie das Gewöhnliche Stachelschwein (Hystrix cristata)
oder den Europäischen Feldhasen (Lepus europaeus)
. Welche Tiere hauptsächlich erlegt werden, hängt mit dem lokalen Beutetierangebot zusammen. In einigen Gebieten Kaukasiens werden beispielsweise Wildschweine selten erlegt, während sie in anderen einen wichtigen Teil der Leopardenkost ausmachen. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Wildschweine besonders wehrhafte Beutetiere sind und von den Leoparden wohl nur dann bejagt werden, wenn das Angebot an anderen, weniger gefährlichen Arten wie der Bezoarziege oder dem Reh unzureichend ist.
Die erwachsenen Leoparden führen grundsätzlich ein einzelgängerisches Leben. Jedes Männchen und jedes Weibchen streift in einem eigenen Wohngebiet umher, wobei aber die - besonders grossen - Wohngebiete der Männchen stets mit den - deutlich kleineren - Wohngebieten mehrerer Weibchen überlappen. Dadurch ist die Kommunikation zwischen den beiden Geschlechtern mittels Duftspuren stets gewährleistet. Die Grösse der bisher erforschten Leopardenstreifgebiete reicht von etwa 7 Quadratkilometern im wildreichen Royal-Chitwan-Nationalpark in Nepal bis zu etwa 500 Quadratkilometern in der Kapprovinz in Südafrika, wo die Beutetierdichten sehr gering sind. Wie gross die Streifgebiete in Kaukasien sind, wissen wir nicht.
In Gebieten mit gemässigtem, deutlich jahreszeitlich geprägtem Klima bringen die Leopardenweibchen ihre Jungen im Allgemeinen im Frühling zur Welt. Dies ist auch im kaukasischen Raum der Fall. Die Paarungszeit fällt hier in den Januar. Die Tragzeit dauert meistens 92 bis 95 Tage. Als Kinderstube dient dem Leopardenweibchen vielfach eine Felshöhle oder eine Nische unter Felsblöcken. Die Wurfgrösse beträgt normalerweise zwei oder drei, ausnahmsweise aber auch vier, fünf oder sogar sechs Junge. Letztere weisen bei der Geburt eine Länge von ungefähr 15 Zentimetern auf und wiegen zwischen 500 und 700 Gramm. Sie sind blind und hilflos, tragen aber von Anfang an ein ziemlich dichtes Fell. Im Alter von etwa einer Woche öffnen sie ihre Augen, und mit etwa zwei Wochen beginnen sie, in ihrem Unterschlupf herumzukrabbeln. Doch erst mit gut zwei Monaten wagen sie sich erstmals aus ihrem Versteck hervor.
Das Weibchen säugt seine Jungen, bis sie etwa fünf Monate alt sind, doch beginnt es schon viel früher, sie an feste Nahrung umzugewöhnen und in die Kunst des Beutegreifens einzuführen. Die Jungen lösen sich von ihrer Mutter im Alter von ungefähr einem Jahr, bleiben aber oftmals noch ein paar Monate beisammen und gehen erst dann eigene Wege. Im Alter von zwei bis drei Jahren werden sie geschlechtsreif. Die Weibchen pflanzen sich in der Folge gewöhnlich alle zwei Jahre fort. In der freien Wildbahn können Leoparden ein Alter von 12 bis 15 Jahren erreichen.
Als Viehdieb verrufen
Mensch und Leopard haben in Kaukasien viele Jahrtausende lang nebeneinander gelebt. Es sind über 3000 Jahre alte Felszeichnungen entdeckt worden, auf denen Leoparden zu erkennen sind, welche Jagd auf Wildziegen machen oder aber ihrerseits von Menschen gejagt werden. Tatsächlich wird der gefleckten Grosskatze - wie in vielen anderen Regionen des Artverbreitungsgebiets - von alters her nachgestellt, teils wegen ihres prächtigen Fells, teils wegen ihrer vermeintlichen Gefahr für den Menschen (Todesfälle durch Leoparden sind extrem selten), teils auch wegen ihrer gelegentlichen Übergriffe auf Nutztiere. In den fruchtbaren, dichter besiedelten Tiefländern Kaukasiens wurde die Art schon früh verdrängt, später auch in den mittleren Höhenlagen der Bergregionen. Heute kommt sie praktisch nur noch in Gebirgsgegenden vor, welche von schroffen Felswänden und unwegsamen Geröllfeldern geprägt und zumeist spärlich mit niedrigwüchsigen Gehölzpflanzen, darunter Wacholder (Juniperus spp.)
, bewachsen sind.
In der Sowjetunion galt der Kaukasus-Leopard lange Zeit als «Schädling» und wurde darum intensiv verfolgt. Erst 1972, als seine prekäre Bestandssituation bekannt geworden war, wurde er unter vollständigen Jagdschutz gestellt. Die neuen Länder, welche nach der Auflösung der Sowjetunion entstanden sind, haben erfreulicherweise diesen Schutzstatus übernommen. Der Jagddruck auf den Leoparden wurde hierdurch zwar gesenkt, jedoch niemals ganz beseitigt, da überlieferte Anschauungen - insbesondere im Hinblick auf Grossraubtiere - schwer zu ändern sind. Weiterhin wird der Leopard von vielen Bewohnern Kaukasiens als Bedrohung für das eigene Leben sowie dasjenige ihrer Nutztiere betrachtet. Letzteres obschon getötete Nutztiere selten auf ihn, hingegen oft auf Wölfe (Canis lupus)
und Braunbären (Ursus arctos)
zurückzuführen sind. Fachleute schätzen, dass jährlich weiterhin ein oder zwei Leoparden illegal getötet werden.
Die Tatsache, dass überhaupt noch Leoparden in Kaukasien vorkommen, könnte im Übrigen der kontinuierlichen Einwanderung von Tieren aus den grösseren Beständen im angrenzenden Iran zu verdanken sein. In Aserbaidschan jedenfalls stammen die meisten Sichtungen aus der Nachitschewan-Exklave und aus dem Talisch-Gebirge. Beide Gebiete grenzen unmittelbar an den Iran. Nicht sicher ist also, ob es sich bei den letzten kaukasischen Leoparden um Restbestände der Unterart Panthera pardus ciscaucasica
oder um eingewanderte Exemplare der Unterart Panthera pardus saxicolor
handelt. Dies ist ja aber wie gesagt völlig nebensächlich. Wichtig ist allein, dass diese bemerkenswerte Grosskatze in der Region zu überleben und vielleicht - dank der vielfältigen Anstrengungen der Naturschützer - sogar ihren Bestand zu erweitern vermag.
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