Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03383.jsonl.gz/198

House of Sand - Casa de Areia (2005)
House of Sand - Casa de Areia (2005)
Oder: Verzweifelte Fluchtversuche aus der Wüste
Die Geschichte von Casa de Areja, inspiriert vom japanischen Film The Woman of the Dunes aus dem Jahr 1954, erstreckt sich über einen Zeitraum von insgesamt 59 Jahren und beginnt 1910: Die junge, schwangere Áurea (Fernanda Torres) wird von ihrem Mann Vasco (Ruy Guerra) gezwungen, zusammen mit ihm und ihrer Mutter, Dona Maria (Fernanda Montenegro) in ein unwegsames Gelände mitten in einer Sandwüste in der brasilianischen Provinz Maranhão zu ziehen, wo dieser ein kleines Stück Land gekauft hat und sich dort niederlassen will. Bald nach der Ankunft stirbt Vasco in einem Unfall und die beiden Frauen sind fortan auf sich alleine gestellt. Ihr einziger menschlicher Kontakt ist eine Gruppe entflohener Sklaven, darunter Massu (Seu Jorge), welcher die beiden tatkräftig beim Aufbau ihres neuen Heimes unterstützt.
Áurea verzweifelt an der unfreundlichen Einöde und will so bald als möglich zurück in die Stadt zurückkehren, was sich allerdings als nahezu unmögliches Unterfangen erweist. Mehrere günstige Gelegenheiten verpasst sie aufgrund teilweise unglücklicher Umstände. Die Jahre ziehen sich dahin, Áurea beginnt sich mit ihrem Schicksal abzufinden und geht eine Liebesbeziehung mit Massu ein. Währenddessen reift ihre Tochter Maria zur jungen Frau und versucht, wie früher ihre Mutter, dem Leben in der Wüste zu entfliehen...
Film-Rating
Prächtige Landschaftsaufnahmen präsentiert uns Regisseur Andrucha Waddington in diesem Film. Er verzichtet dabei fast vollständig auf musikalische Untermalung und der Dialog ist spärlich, so dass das Blasen des Windes oder das Rauschen des Meeres über weite Strecken die einzige Tonquelle darstellt. Áurea erwähnt in einer Szene, dass das, was ihr von der Stadt am meisten fehle, die Musik sei. "Sing doch etwas", wird sie daraufhin von ihrer Tochter Maria aufgefordert, welche die Musik nur auf diese Weise kennen gelernt hat. Nein, sie meine nicht solche Musik, erwidert darauf Áurea, sondern "richtige" Musik. Tatsächlich kann durch diese Beschränkung auf das Darstellen der Natur und das gleichzeitige Fehlen von Musik auch der Zuschauer die für Áurea unerträgliche Einöde und ihre verzweifelte Sehnsucht nach urbanem Leben nachvollziehen.
Die beeindruckende Bildsprache kann allerdings nicht über gewisse inhaltliche und formale Mängel hinwegtäuschen: so geschieht der Wechsel zwischen den insgesamt vier Zeitebenen (1910, 1919, 1942 und 1969), jeweils ziemlich abrupt: Ganze Jahrzehnte werden kurzerhand übersprungen und die Figuren scheinen in ihrer persönlichen Entwicklung nicht merklich fortgeschritten zu sein, abgesehen vielleicht vom einen oder anderen grauen Haar. Dabei wäre insbesondere zwischen den ersten beiden Zeitebenen der "Robinson"-Aspekt von Interesse: wie finden sich die beiden auf sich alleine gestellten Frauen aus der Stadt in der garstigen Wildnis zurecht? Doch dafür scheint sich Waddington höchstens nebenbei zu interessieren. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie schwierig und prägend das Leben in der Wüste sein muss.
Ebenfalls nicht ganz nachzuvollziehen ist die Tatsache, dass sich die von Anfang an vorhandene erotische Spannung zwischen Áurea und Massu erst nach über zehn Jahren entlädt. Im Wege stehen würde einer Liebesbeziehung nach dem Tod ihres Mannes eigentlich nichts.
Interessant ist zudem der Kunstgriff des Regisseurs, seine beiden Hauptdarstellerinen in verschiedenen Rollen einzusetzen: Áurea wird so in jungen Jahren von Fernanda Torres dargestellt, während Fernanda Montenegro Dona Maria verkörpert. In den späteren Zeitebenen sehen wir dann Montenegro in der Rolle von Áurea und Torres als deren Tochter Maria. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den beiden Schauspielerinnen auch im richtigen Leben um Mutter und Tochter handelt, eine vertretbare Entscheidung, die zudem wohl die Parallelität der Gefühle Áureas bzw. Marias zusätzlich betonen soll. Trotzdem ein wenig verwirrend für den Zuschauer, denn dermassen ähnlich sehen sich die beiden Frauen doch nicht. Dass die Tochter plötzlich aussieht wie die Mutter, welche ihrerseits stark der Grossmutter ähnelt, mutet dann etwas seltsam an.
Den beiden Darstellerinnen ist ansonsten aber nicht viel vorzuwerfen: sie spielen stark, und es ist bestimmt nicht deren Schuld, dass der Film zeitweise langatmig und ein wenig unglaubwürdig ausfällt. Sehenswert bleibt er allemal, allein schon dank der grandiosen Landschaftsaufnahmen. Aus der Geschichte hingegen hätte mehr gemacht werden können.
OutNow.CH:
23.07.2006 / ebe
Community:
Kommentare: