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Herr de Molière in 33 kurzen Kapiteln
Mag sein, dass Michail Bulgakows schrille Faust-Satire «Der Meister und Margarita» das beste Buch des 20. Jahrhunderts ist, aber man sollte darüber «Das Leben des Herrn de Molière» (1929) nicht vergessen: ein stilles, schlichtes, aber unglaublich pointiertes Porträt des phänomenalen Dramatikers, Regisseurs, Schauspielers, Wanderbühnenleiters und von dessen Zeit. Statt fliegender Hexen und mephistophelischer Magie gibt es hier nur den ganz gewöhnlichen Zauber des Theaters. Allerdings kann man im Fall von Molières Theaterfieber kaum von «gewöhnlich» sprechen.
Glaubt man Bulgakow, so hat sich der junge Jean-Baptiste bereits im zartesten Alter mit dem Virus infiziert. Nicht nur die grossen Bühnen, auch der lärmige, schmutzig-bunte Pariser Jahrmarkt des 17. Jahrhunderts mit seinen Schaustellern, Strassenkünstlerinnen und Scharlatanen hatte es ihm angetan, sodass er unbedingt Komödiant werden musste. Der grösste Komödiant aller Zeiten, meint Bulgakow, dessen zeitlich frei flottierender Erzähler auch bei der von ihm geschilderten Geburt mit dabei ist, wo er die Hebamme zur Vorsicht mahnt: «Der Tod dieses Säuglings würde für Ihr Land einen schweren Verlust bedeuten.»
Zum Glück hat die Hebamme ihre Arbeit gut gemacht, zum Glück hat sich Molière weder von seinen Eltern noch von widrigen Umständen irritieren lassen: Die 33 kurzen Kapitel, in denen 51 Lebensjahre, ein umfangreiches Werk und eine Epoche erzählt werden, führen eindrücklich vor, wie schwer der Verlust tatsächlich wiegen würde. Trotz der historischen Genauigkeit ist es eine sehr persönliche Annäherung, eine tiefe Verneigung eines Autors vor seinem Bruder im Geiste. Anhand von Molières Wirken am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV reflektiert Bulgakow die gefährliche Liaison zwischen Kunst und totalitärer Politik und somit auch seine eigene Situation im stalinistischen Russland – was prompt dazu führte, dass der Roman zu Lebzeiten des Autors nicht gedruckt werden konnte. Möge auch sein Nachruhm die Jahrhunderte überdauern!