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Von Mai bis November herrscht in Zentralamerika Regenzeit. Im Vergleich zur anderen Jahreshälfte wo es so gut wie nie regnet, leert sich dementsprechend der ganze Jahresniederschlag in den Sommermonaten. Und auf radfahren bei alltäglichem Regen hatte ich keine Lust. Auch Tom und Luba ging es gleich. Sie wollten die Regenzeit in Mexiko, wo die Regenzeit nicht ganz so extrem ist wie weiter südlich, ausharren. Sie fanden ein Haus oder besser gesagt Häuser an der Laguna Bacalar welche sie für ein halbes Jahr hüten und betreuen würden. Auf meinem Weg Richtung Belize besuchte ich die beiden und bin für zwei Monate geblieben.
Mis Casas ist ein Grundstück mit mehreren Gebäuden, mitten im mexikanischen Dschungel an der wunderschönen Laguna Bacalar. Zum Grundstück gelangt man, indem man im kleinen Dorf Antonio Pedro Santos auf eine unbefestigte Piste einbiegt und zuerst durch die Ananasfelder der Region holpert und dann immer weiter in den Dschungel hinein. Nach rund 25 Minuten steht man dann vor dem Tor zu MisCasas.
Auf dem Grundstück befindet sich das Haupthaus in welchem wir im Parterre wohnten. Im Obergeschoss waren drei grosse Zimmer für rund 10 Personen welche an Gäste vermietet wurden. Im zweiten Haus hatte es nochmals eine kleine Wohnung, ebenfalls für Gäste. Dann hatten wir eine Palapa aka Partyhaus, einen riesigen Pizzaofen, einen Schwimmsteg, ein Bootshaus mit diversen Kanus und Bootssteg, eine Werkzeugkammer, eine Feuerstelle und jede Menge Dschungel um alles herum.
Der Strom kam von der Sonne was in der Regenzeit relativ spannend wurde. Das Wasser pumpten wir aus dem See in einen Tank auf dem Dach und für Trinkwasser und Gas mussten wir nach Bacalar reisen, rund 50 km weit entfernt. Ebenfalls war Bacalar die nächste Gelegenheit zum Einkaufen.
In MisCasas wohnten nicht nur wir drei, sondern auch noch jede Menge Tiere. Offiziell wohnten noch die Katzen Jearsey und Faza und die Hündin Mr. Mar dort. Auch die beiden Hunde von Tom und Luba, Phoebe und Lolo, wohnten natürlich nun auch da. Zu den nicht offiziellen aber sich immer wieder einschleichenden Gästen gehörten die grossen Kakerlaken, Skorpione, Riesenkröten, Frösche, die schönen aber tödlichen Korallenschlangen und andere Krabbelwesen in allen Grössen, Formen und Farben. Und rund einmal pro Monat kam es ohne Vorwarnung zur Ameiseninvasion. So hielten uns die ungebetenen Gäste nicht selten bis spät in die Nacht auf Trab oder rissen uns später dann aus dem Tiefschlaf.
Wenn uns die Dschungelbewohner nicht gerade beschäftigten, dann ganz sicher sonst etwas. Ob nun wieder mal das Gas, Wasser oder der Strom ausging oder sich irgendetwas an der sehr vernachlässigten Bausubstanz in die Brüche ging, irgendetwas gab es immer zu tun.
Aber aber wir hatten nicht nur Arbeit. Auch sehr sehr viel Freizeit und das an einem Ort, so unglaublich schön und wild. Das Velo habe ich in den zwei Monaten höchstens dazu bewegt, um bis Pedro Antonio zu fahren und neues Bier oder Ananas zu holen.
Ansonsten verbrachte ich viel Zeit mit Kanufahren, Stöckli werfen, Hundewettschwimmen, Schnorcheln, in der Hängematte, Kaffeetrinken, Lesen, Joggen, Musik machen, Fotografieren und vor allem meinen zwei neuen Hobbies: Nähen und Tortillas machen – unglaublich dass ich bis jetzt ohne diese Hobbies durchs Leben ging.Zum Nähen kam es, da sich die meisten meiner Ausrüstungs- und Kleidungsstücke nach und nach aufzulösen begannen. Und die Erfahrung mit der Zuverlässigkeit der mexikanischen Reperaturservicen eher enttäuschen war, kümmerte ich mich nun halt selbst darum, denn hey, es hatte sogar eine Nähmaschine hier 🙂 Benutzen konnte ich sie jedoch nur bei schönem Wetter. Nebst notwendigen Reparaturen entstanden nach und nach nun auch praktische Taschen und Utensilien welche ich mir schon seit Alaska gewünscht hatte aber nicht existierten.
Und Tortillas, die sind einfach super lecker und ruckzuck hergestellt. Und wenn man verschiedene Mehlsorten kombiniert kann man ganz lustige Figuren auf die Tortillas zeichnen.
Die Regenzeit war noch nicht so intensiv und wir hatten doch einige sehr schöne Tage mit wenig Niederschlag. Solche Tage luden jeweils dazu ein, morgens mit einem guten Kaffee an die Lagune zu sitzen und einfach mal für eine Stunde oder zwei dem Spiel von Sonne, Wind und Wellen zu zuschauen. Und dann, wenn das Wetter drehte: zuerst sieht man nichts, aber hört es plötzlich vom andern Ufer her rauschen, immer lauter bis schliesslich über den Mangroven eine dunkle Wand auftaucht. Innerhalb von weniger als einer Minute schiebt sie sich dann quer über den See und verschlingt alles in sich. Und dann heisst es rennen, denn erwischt einem der Regen ist man innerhalb von wenigen Sekunden komplett durchnässt und die Pfade um MisCasas verwandeln sich schlagartig in kleine Bäche – was für ein Spektakel. Noch viel spannender ist es, wenn man gerade mit den Kanu mitten auf dem See ist 😀
So verstrich der erste Monat viel schneller als gedacht und im September kam dann erst recht leben in die Bude. Wir hatten zwar immer wieder ein paar Gäste bei uns, welche etwas Abwechslung brachten aber Luba und Tom wollten im September heiraten und planten ein grosses Fest. Luba hatte sehr genaue Vorstellungen wie ihre Hochzeit aussehen würde und Tom und Ich waren natürlich ab sofort für alles und jedes verantwortlich und zuständig (also das waren wir davor auch schon, aber jetzt erst recht). So putzten wir das Grundstrück heraus wie wohl noch nie zuvor und entdeckten dabei allerhand spannendes. Also vor allem neue Skorpionnester und andere Tierchen.Nach und nach trudelten nun auch die Gäste ein – aus den verschiedensten Ecken der Welt. Und während gut zwei Wochen herrschte Hochbetrieb bei MisCasas. Der Ort war perfekt für eine Hochzeit und das Fest war wunderbar und wir feierten ein fröhliches Fest. Nur leider aber wurde mein Vorschlag, dass die Getränke auf einem Kanu in der Lague verankert werden nur schwimmend erreicht werden kann nicht umgesetzt. Dafür habe ich dann halt die Stossgarette blitzblank geputzt.
Mehr Fotos von der Hochzeit gibt es hier: https://www.stepoutandexplore.com/en/wedding-in-the-jungle-summed-up/.
Zusammen besuchten wir noch die überraschend schönen Ruinen von Kohunlich. Dasha aus Kanada verfiel vollkommen dem Ruinenfieber und ich machte ihr die Ruinen von Kalakmul schmackhaft. Ich wollte die Ruinen eigentlich mit dem Velo besuchen aber da die Ruinen rund 300 km weit im Dschungel versteckt sind, hätte dieses Projekt rund eine Woche in Anspruch genommen.So luden wir wenige Tage später das Auto mit unserem Ruinenequipment und machten uns noch vor Tagesanbruch auf in Richtung Kalakmul. Die ersten 230 km bretterten wir über den langweiligen Highway durch den Dschungel Richtung Westen. Doch dann wurde es plötzlich spannender denn die letzten 70 km führen über eine, zwar weitgehend asphaltierte, aber mit Schlaglöcher übersähte Piste zu den Ruinen. Und Dascha holte aus dem armen Mietauto das letzte raus und ich sah uns schon statt die Ruinen zu besuchen einen platten Reifen zu wechseln. Nach gut 2h auf der Piste kamen wir dann doch alle heil an. Und voller Aufregung stürzten wir gegen die Ruinen zu. Obwohl diese Ruinen zu den wohl eindrücklichsten überhaupt gehören hatte es nur wenige Besucher. Ich glaube fast, dass liegt an der doch eher umständlichen Anfahrt. Zuerst schlichen wir eine Weile durch die kleineren Ruinen der Anlage, aber wir kamen relativ zügig vorwärts denn die Moskitos vermiesten uns jede noch so kurze Pause. Und plötzlich tauchen sie wie aus dem Nichts mitten vor einem auf, die drei gigantischen Pyramiden von Kalakmul. Das erklimmen dieser erforderte nochmals ordentlich Energie und der Schweiss schoss nochmals so richtig aus den Drüsen. Doch der Krampf lohnte sich allemal. Oben, hoch über den Baumkronen des Dschungels hatte man einen wunderbaren Ausblick in alle Himmelsrichtungen und bis an den Horizont war nichts anderes zu sehen als dichter Dschungel. Auch von anderen Ruinen genoss ich schon schöne Ausblicke aber dies war nun wirklich unglaublich. Zum ersten mal war wirklich nichts von Zivilisation zu sehen oder zu hören, keine Staubwolken von Steinbrüchen, keine Richtstrahlantennen, keine Hochspannungsleitung, kein Hundegebell, kein Strassenlärm. Nichts ausser den Vögel, Affen und dem Wind war zu hören hier oben (ausser es streifte gerade eine mexikanische oder amerikanische Touristengruppen an er Pyramide vorbei, dann natürlich nicht).Kurz vor vier Uhr trotteten wir dann völlig erschöpft zum Parkplatz zurück und machten uns an die Heimfahrt – nochmals 300 km. Wir kamen gut voran, machten auf halber Strecke eine Tacopause und fuhren weiter gegen Bacalar. Mittlerweilen ist es stockdunkel und wir fahren immer noch auf dem unbeleuchteten Dschungelhighway nach Hause. Uns kommt gerade ein LKW entgegen und kurz bevor wir kreuzen schiesst von hinter dem LKW ein anderer hervor, geradewegs auf unserer Fahrbahn. Dasha reagiert blitzartig, reisst das Steuer rum und wir weichen auf den Seitenstreifen aus und düsen um Haaresbreite am überholenden LKW vorbei. Mit einem grossen Schrecken kamen wir davon und erreichten wenig später MisCasas und wir beenden unser 14-stunden Abenteuer mit ein paar Shots Tequilla.
Ah ja, fast hätte ich es vergessen. Ich habe auch zwei Monate vegan gelebt – the real adventure. So standen die zwei Monate ganz unter dem Moto MakeChrisVegan2018, was auch gleich unser Wifi Passwort war, welches aber nur bei schönem Wetter funktionierte.Ja, vegan leben war spannend. Tom war schon etwas länger vegan als ich und kannte ein paar Rezepte welche ich noch nicht kannte. Also eigentlich kannte ich keines und er alle. Spiegeleier seien auch nicht vegan wurde mir an Tag 1 klar gemacht, janu.Aber gegessen haben wir wie die Könige. Die besten veganen Burger der Welt, den besten al Pastor der Welt, den besten Baba Ganoush und weitere Leckereien aus Toms imaginärem Kochbuch.Ah doch, ich hab mal vegane Tacos gemacht, die waren auch seeeeeehr gut, wenn nicht gar die besten der Welt. Natürlich mit jeder Menge veganer Tortillas.
Gegen Ende September kommt bei mir langsam wieder Aufbruchstimmung auf. Da es hier im Dschungel nonstop ultrafeucht ist und ich meine Ausrüstung nun sehr lange nicht bewegt habe, ahne ich schlimmes. Der Ledersattel meines Velos ist der erste Vorgeschmack: ein dicker grauer Filz überzieht den Sattel und als löst bei der ersten Bewegung des Rads eine grosse Staubwolke aus – Schimmel! Am Sattel stört mich das eher weniger aber als ich dann mal meine Winterkleider inspiziere und den Schlafsack auspacke finde ich es nicht mehr so lustig. So verbringe ich die letzten Tage in MisCasas vor allem mit Schadensbehebung, Waschen und Desinfizieren.
Nun ist es anfangs Oktober und der intensivste Monat der Regenzeit beginnt. So richtig freue ich mich nicht wieder loszufahren und würde lieber noch ein bisschen Teig kneten und ein paar Tortillas pressen. Aber irgendwann ist Zeit zu gehen – nach Belize! Ein sehr interessantes Land wie ich bald herausfinden werde.
Ach ja, eigentlich sollte dieser Blog vor allem aus vielen Fotos bestehen. Leider hat sich meine wasserdichte Kamera in der Karibik von Belize von mir verabschiedet, respektive eben nicht verabschiedet sondern ist einfach abgeschlichen ist – gerade als ich ein Backup der Fotos erstellen wollte, wirklich. Daher sind die Erinnerungen an die spassigen Kanufahren mit Mr. Mar, Phoebe und Lolo nur noch in meinem Kopf gespeichert – ist auch ok. Und der Beweis dass ich das 2m lange Krokodil in der Lagune vor dem Haus wirklich gesehen habe leider auch 🙁 Und die Bilder vom coolsten Tier der Welt auch, aber das gehört sowieso in den nächsten Bericht. Stay tuned.