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Die
gute Nachricht der Psychologin Susan Pinker lautet: Nichts ist wichtiger als
soziale Kontakte unter den Menschen. Die schlechte: Immer weniger Menschen
werden es sich leisten können.
Gesundes
Essen und viel Bewegung: So wird man gesund alt, heisst es. Oder doch nicht?
Susan Pinker: Sie sollten aufhören zu rauchen, sie sollten auch Sport treiben und sich vernünftig ernähren. Aber wenn Sie wollen, dass es Ihnen wirklich gut geht und Sie gesund alt werden, müssen Sie Ihr soziales Netz pflegen.
Gibt
es eine Erklärung dafür?
Es gibt Studien, die zeigen, dass bei Tieren soziale Kontakte einen Einfluss darauf haben, wie Zellen miteinander interagieren. Wenn man beispielsweise weibliche Ratten isoliert, entwickeln sie acht Mal häufiger Brustkrebs als nicht isolierte Ratten.
Kehren
wir zurück zu Menschen. In den Schweizer Städten leben immer mehr Singles – und
diese werden immer älter. Irgendwie scheint Ihre These nicht ganz aufzugehen.
Gesundheit und langes Leben werden durch eine ganze Reihe von Faktoren beeinflusst. Ich würde daher sagen: Wenn diese Singles ein tragfähiges soziales Netz haben, dann werden sie noch gesünder und älter werden. Die meisten Freunde meines Vaters starben, als sie zwischen 60 und 70 Jahre alt waren, die meisten von ihnen an Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sie rauchten, ernährten sich falsch und bewegten sich kaum. Heute wissen wir das alles und unternehmen etwas dagegen. Was wir jedoch immer noch kaum begriffen haben, ist die Bedeutung der sozialen Kontakte für unsere Gesundheit.
Altersdemenz
ist auf dem Vormarsch. Gibt es auch hier eine Verbindung zu sozialen Kontakten?
Die Korrelation zwischen den beiden ist sehr ausgeprägt. Es gibt beispielsweise eine sehr bekannte schwedische Studie, die zeigt, dass die Menschen mit den häufigsten sozialen Kontakten am wenigsten unter Gedächtnisschwund leiden.
Eine
bekannte Studie bei amerikanischen Nonnen hat aufgezeigt, dass diese nicht nur
sehr alt, sondern auch sehr gesund alt werden. Gibt es dafür eine Erklärung?
Nonnen leben de facto in einem kleinen Dorf mit sehr vielen sozialen Kontakten – und sie achten gegenseitig aufeinander. Keine Nonne stirbt einsam.
Sie
haben eine Region auf der Insel Sardinien studiert, wo die Menschen sehr alt
werden. Was haben Sie dabei herausgefunden?
Genetische Gründe, die mediterrane Ernährung und der Lebensstil machen etwa drei Viertel der Langlebigkeit aus. Für den Rest ist das ausserordentlich ausgeprägte Sozialleben in diesen Dörfern verantwortlich.
Immer
intelligentere Software kann inzwischen Sprache imitieren. Wird sie bald auch
Gefühle vortäuschen können und so soziale Interaktion mit Maschinen
ermöglichen?
Nein. Wir können – teilweise zumindest – mit Hilfe von intelligenter Software die Gefühle der Menschen analysieren, aber wir können sie nicht künstlich herstellen.
Menschen
können jedoch gegenüber Maschinen Gefühle entwickeln. Männer lieben ihre Autos,
Soldaten ihre Hilfsroboter.
Bei mir funktioniert das nicht, aber ja, Menschen können Gefühle auf Dinge übertragen. Aber daraus zu schliessen, dass Maschinen deshalb ein adäquater Ersatz für menschliche Kontakte sein können, wäre arrogant.
In
Altersheimen werden immer öfters Roboter
gegen die Einsamkeit eingesetzt. Wie beurteilen Sie das?
Es gibt inzwischen auch Roboter, die alten Menschen die Haare waschen. Ich finde das schäbig und herabwürdigend. Sind Sie verheiratet?
Danke, ja, glücklich sogar.
Wenn Sie nach Hause kommen und Ihre Frau sagt: Du siehst aus, wie wenn du einen schlimmen Tag gehabt hättest. Kann ich dir etwas bringen? Ein Roboter kann möglicherweise merken, dass es Ihnen mies geht, aber glauben Sie wirklich, dass er den gleichen Effekt wie Ihre Frau erzeugen kann?
Das
ist eine hypothetische Frage, weil es diesen Roboter noch nicht gibt.
An sozialen Robotern wird derzeit intensiv geforscht, gerade im Zusammenhang mit der Betreuung von alten Menschen.
Sie
denken an den Paro, die kuschlige Roboterrobbe. Wie sinnvoll ist das?
Als Hilfsmittel können sie nützlich sein, aber sie werden niemals menschliche Kontakte ersetzen. Sie sagen ja auch nicht zu Ihrer Frau: Liebling, ich verlasse dich, aber ich gebe dir als Gegenleistung diesen Roboter.
Inzwischen
entwickeln wir eine Beziehung zu Maschinen, zu Siri beispielsweise, die uns
weckt oder daran erinnert, dass wir morgen die Wäsche aus der chemischen
Reinigung holen müssen.
Das ist okay. Aber wir sagen Siri nicht: Ich will, dass du mir jeden Morgen sagst, dass du mich liebst.
In
der Fiktion geschieht das bereits, etwa im Film «Her», wo sich ein Mann in Siri
verliebt.
Der Film endet tragisch, weil der Mann am Schluss realisiert, dass seine künstliche Geliebte hunderttausende von andern Geliebten hat und er ihr nichts bedeutet.
Die
bekannte MIT-Psychologin Sherry Turkle sagt in ihrem jüngsten Buch: Soziale
Medien zerstören unsere Empathie. Würden Sie dem zustimmen?
Nur teilweise. Ich glaube, dass wir derzeit einen Backlash gegen die Technologie erleben. Meine Kinder beispielsweise wollen immer weniger, dass ihre Smartphones ihr Leben in Beschlag nehmen. Die Dinge werden wieder ins richtige Verhältnis gerückt, genauso wie die ehemalige Liebesaffäre der Menschen zu ihren Autos allmählich einem viel nüchterneren Verhältnis Platz macht.
Worin
äussert sich der Backlash Ihrer Kinder gegen die Technologie?
Mein Sohn braut sein eigenes Bier und er fermentiert sein eigenes Sauerkraut, seine Freundin strickt ihre eigenen Pullover. Gerade bei den Jungen gibt es ein grosses Bedürfnis, zum Authentischen zurückzukehren. Das zeigt sich sehr ausgeprägt beim Essen: richtiges Olivenöl, hausgemachte Pasta etc. Deshalb bin ich überzeugt, dass echte menschliche Kommunikation wieder sehr gefragt sein wird.
Kann
man sich das auch leisten?
Technologie wird tatsächlich zu einer neuen Teilung der Gesellschaft führen. Wer es sich leisten kann, der fliegt zu seinen Eltern und seinen Freunden, die anderen müssen skypen.
Was
ist mit dem globalen Dorf, in dem wir angeblich alle bald leben werden?
Smartphones und Laptops schaffen neue Unterschiede. Es ist teuer geworden, eine richtige Universität zu besuchen. Viele müssen sich mit Online-Vorlesungen begnügen. Echte menschliche Kommunikation wird sehr teuer werden.
Wird
es also kein friedliches Zusammenleben von Technik und Mensch geben?
Doch, aber nur, wenn wir es richtig anpacken. Technik kann uns träge machen. Wir müssen weder Mathematik noch Sprachen lernen, weil der Computer das für uns erledigt. Er findet auch den richtigen Weg in einer fremden Stadt, etc. Es gibt aber Dinge, welche die Technik nie für uns erledigen kann. Sie wird niemals Liebe für Sie empfinden oder sich wahrhaft um Sie kümmern.