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Promotion: Verena Doerfler
Hochstapeleien – Genealogie und Geschlecht einer Subjektivierungsweise
Das in den Kulturwissenschaften angesiedelte Projekt Hochstapeleien unternimmt den Versuch eine Geschichte der Gegenwart und/oder Genealogie der Hochstapelei mit Schwerpunkt auf den darin implizierten Geschlechterverhältnissen zu entwerfen. Eine solche genealogische Historisierung geht, wie von Martin Saar in einem Aufsatz zur Genealogischen Kritik prägnant zusammengefasst, von der Gegenwart aus und „schreibt deren hypothetische, fiktive oder spekulativen Vorgeschichte(n).“ Hypothetische, fiktive oder spekulative Vorgeschichten der Hochstapelei zu schreiben meint dann, die Hochstapelei nicht ausschließlich als amoralische Praxis des Betrugs zu lesen. Vielmehr stellt das Projekt die These auf, dass die Hochstapelei – gerade mit Blick auf historische Praktiken des Hochstapelns – auch als eine überaffirmative Praxis der Kritik gegenüber Macht-, Herrschafts- und Hierarchisierungsverhältnissen begriffen werden kann. Sinnvoll erscheint eine solche Lesart vor allem vor dem Hintergrund der Annahme, dass sich Hochstapeleien gegenwärtig zu einer gouvernementalen, neoliberalen Norm im Geiste eines Unternehmerischen Selbst (Bröckling) gewandelt haben. Außerdem zeigt sich, dass das Hochstapeln – historisch wie gegenwärtig – tendenziell eine mit ‚Männlichkeit’ und ‚männlicher’ Sozialisation assoziierte, berufliche Erfolge begünstigende, soziale Praxis darstellt. Tiefstapeleien hingegen werden – gerahmt von entsprechenden Forschungsbefunden der Psychologie – eher mit ‚weiblichem’, berufliche Erfolge konterkariererndem Verhalten in Verbindung gebracht. Diesen eindimensionalen Analysen gegenüber unternimmt das Projekt Hochstapeleien einen genealogischen ‚Kunstgriff’: Hochstapeleien werden dann nicht nur als eine kontingente Weisen der Subjektivierung konzeptionalisiert, sondern in gewissen Aspekten – als Akt lernender Imitation, in ihrem Modus des ‚Als-ob’ und angesichts des in ihr implizierten ‚Lachens zum Trotz’ – auch als eine Praxis der Selbstermächtigung und Selbst-Bildung gelesen. Dadurch erweist sich die Hochstapelei zwar als eine soziale Praxis, in der sich Geschlechterdifferenzen gleich bleibend zu reproduzieren scheinen, die aber, gerade auf Grund des scheinbaren Zwangscharakters, auch die Möglichkeit subjektiver Umdeutung in sich birgt. Zu diesem Zweck wird die Geschichte der Hochstapelei in drei ineinander übergehende Phasen unterteilt: Phase I erzählt vom diskursiven Aufstieg der Figur des Hochstaplers um 1900 – und konzeptionalisiert im Kontext von Bourdieus Habitus-Theorie die Hochstapelei als einen Normenbruch. Phase II beschreibt die Hochstapelei – anhand Foucaults Geschichte der Gouvernementalität sowie mit Bröcklings Unternehmerischem Selbst – für die Gegenwart als eine zum Zwang mutierte Norm. Im Bezug auf Fragen des Geschlechts wird es dabei insbesondere um die Frage gehen, ob sich – im Kontext von Butlers Unbehagen der Geschlechter sowie Körper von Gewicht – die Ontologisierung von Geschlecht in einem starren, binären, heterosexuellen Regulierungsrahmen, und damit die Behauptung ‚Ich bin eine Frau’ – nicht in gewisser Weise ebenfalls als ein Akt der Hochstapelei beschreiben lässt? Phase III fragt, etwa im Kontext von Jacques Rancières Unwissenden Lehrmeister und dessen darin entwickelten Bildungstheorie, nach den Möglichkeiten einer Umdeutung der Hochstapelei zu einem selbstermächtigenden Akt von Selbst-Bildung. Erzählt wird diese anders geartete Geschichte der Hochstapelei – als primär literaturwissenschaftliches Sujet – vor allem anhand klassischer und zeitgenössischer Hochstapler-Literatur (autobiographische und belletristische Literatur von oder über Hochstapler_innen), die mit soziologischen, philosophischen und literaturwissenschaftlichen Theorien in einen diskursanalytischen Dialog gebracht werden.
Keywords: Hochstapelei, Geschlecht, Gender, Subjektivierung, Selbst-Bildung, Selbstermächtigung, Kritik, Genealogie, Praxeologie, Habitus, Kriminalitäts- und Psychiatriediskurse um 1900, bürgerliche Geschlechterdiskurse um 1900, Gouvernementalität, Technologien des Selbst.
Promotion in den Fächern Kulturwissenschaften und Literaturwissenschaften an der Universität Hildesheim.
Erstgutachter: Prof. Dr. Toni Tholen
Zweitgutachterin: Prof. Dr. Andrea Maihofer