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Lagerungsschwindel
Symptome, Diagnose und Behandlung
Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) ist ein Schwindelgefühl, das abhängig von einer Lageveränderung auftritt. Das Wort „benigne“ bedeutet hierbei gutartig, während „paroxysmal“ für anfallsweise steht. In einigen Fällen wird auch die Bezeichnung als peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel (PPLS) verwendet, die den gleichen Schwindel (lateinisch und englisch: Vertigo) meint. Peripher bedeutet in dem Zusammenhang, dass er in einer äusseren Zone des Körpers liegt.
Der Lagerungsschwindel gilt im Prinzip als harmlos, ist jedoch äusserst unangenehm für alle Betroffenen. Als Ursache wird die Ablösung von Otolithen (auch Ohrensteine oder Statolithen genannt) von den Makulaorganen (Makula – kleiner Bereich der Netzhautmitte) Urticulus und Sacculus angesehen.
Diese Ohrensteine gelangen dann in die ebenfalls zum Gleichgewichtsorgan gehörenden Bogengänge, wodurch es zum Schwindel kommt. Im Folgenden erhalten Sie Informationen zu Ursachen, Symptomen und Therapie.
Die Symptome
Es gibt verschiedene Symptome, die für einen BPLS charakteristisch sind:
- Anfallartiges Vorkommen (paroxysmal)
- Auftreten von der Lageposition abhängig
- Dauer von nur wenigen Sekunden
- Endet von selbst
Es kann auch von einem sogenannten Drehschwindel gesprochen werden, der in der Regel eintritt, sobald der Kopf in seiner Position rasch verändert wird. Dieser Drehschwindel wird oftmals als Karussell im Kopf (Karussellschwindel) bezeichnet. Er kann bei folgenden Situationen auftreten:
- Beim Umdrehen im Bett
- Beim Aufrichten aus einer Liegeposition
- Bei schnellem Bücken
- Beim Drehen auf die betroffene Seite
Entsteht der Lagerungsschwindel während des Liegens beim Drehen von einer auf die andere Seite, können kreislaufbedingte Schwindelformen in der Regel ausgeschlossen werden. Andere Formen von Schwindel treten am häufigsten durch Erkrankungen des Innenohrs, der Augen oder des Gehirns auf.
Häufigkeit, Alter und Geschlecht von Betroffenen
Vom gutartigen Lagerungsschwindel sind circa 2 von 100 Menschen betroffen. Der Schwindel tritt eher bei Menschen im gehobenen Alter auf. Somit kommt die Erkrankung am häufigsten zwischen dem 50. bis 60. Lebensjahr vor, während der Altersgipfel zwischen dem 60. Und 80. Lebensjahr liegt. Frauen sind dabei wesentlich häufiger als Männer betroffen. Ganz gleich, ob die Erkrankung behandelt wurde oder nicht, bei 30-50% der Betroffenen tritt der Schwindel erneut auf. Über spezielle Übungen vom HNO-Arzt kann sich der Betroffene auch zu Hause in Eigenverantwortung einer Behandlung unterziehen.
Warum kommt der Lagerungsschwindel hauptsächlich bei älteren Menschen vor?
Die Diagnose Schwindel und insbesondere auch der Lagerungsschwindel tritt im fortgeschrittenen Alter gehäuft auf, da sich die Ohrensteine im Zuge des Alterungsprozesses ablösen und dadurch in einen Bogengang verlagert werden. Neben dem zunehmenden Alter ist auch die mögliche Häufung von Unfällen ein weiterer Faktor, der einen Schwindel im hohen Alter begünstigen kann. Ein Beispiel wäre hierbei eine Verletzung am Kopf.
Diagnose
Für die Diagnose solcher benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (englisch: Benign Paroxysmal Positional Vertigo) führt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt zunächst eine ausführliche Patientenbefragung durch. Wenn der behandelnde HNO einen gutartigen Lagerungsschwindel bei dem Patienten vermutet, wendet er die Dix-Hallpike-Lagerungsprobe am Patienten an. Diese dient als Provokationsmanöver, um den Schwindel gezielt hervorzurufen. Hierfür setzt der Arzt den Betroffenen aufrecht auf eine Unterlage. Der Patient wird dann mit zur Seite gedrehtem Kopf schnell auf die Seite gelegt. Beim Auftreten eines solchen Lagerungsschwindels kommt es begleitend zu Schwindgefühlen und einem Nystagmus. Ist eine andere Schwindelform oder Gleichgewichtsstörung vorhanden, hat diese auch einen anderen Ursprung, beispielsweise Probleme mit dem Herz-Kreislauf.
Was ist ein Nystagmus?
Bei einem Nystagmus handelt es sich um eine unkontrollierte und rhythmische Bewegung eines Organs. In der Regel sind damit die Augen gemeint, die auch nach erfolgter Dix-Hallpike-Lagerungsprobe überprüft werden. Dieses Augenzittern ist in der Diagnostik ein üblicher Indikator für das Vorhandensein eines Lagerungsschwindels, da er Ausdruck einer Fehlkoordination zwischen dem Gleichgewichts- und dem Sehsinn ist.
Woran erkennt der HNO-Arzt, welcher Bogengang gereizt ist?
Entscheidend hierbei ist die Richtung, in die sich die Augen beim Nystagmus bewegen. Verläuft er horizontal, ist der seitliche Bogengang gereizt. Die häufigste Schwindelform tritt allerdings auf, wenn Ohrensteine im hinteren Bogengang liegen. Dabei verläuft der Nystagmus vertikal. Der vordere Bogengang ist im Gegensatz zu dem seitlichen und hinteren äusserst selten betroffen.
Therapie: Lagerungsschwindel Übungen
Ein benigner und paroxysmaler Schwindel kann nicht medikamentös behandelt werden, da dies nach aktuellem Wissensstand (Dezember 2014) wirkungslos wäre. Stattdessen findet eine Behandlung mittels Lagerungsübungen statt. Sie dienen dazu, die abgelösten Teilchen zurück in die Otolithenorgane – Utriculus und Sacculus – zu führen. Von dem Lagerungsschwindel gibt es verschiedene Typen oder auch Formen. Die gängigsten sind hierbei die weiter vorne (anteriore) und die weiter hinten gelegenen (posteriore) Formen, wobei jeweils der vordere und hintere Bogengang gemeint ist. Mit den entsprechenden Übungen kann das Schwindelgefühl für gewöhnlich behoben werden. Beide Formen können mit dem Sémont- oder dem Epley-Manöver behandelt werden.
Sémont-Manöver
Bei diesem Manöver sitzt der Patient aufrecht vor dem Arzt, den Kopf um 45° gedreht, so dass die betroffene Seite zum Arzt zeigt. Dann wird der Patient abrupt seitwärts auf die betroffene Seite verlagert. Der Kopf bleibt dabei in der gleichen Lage. Dementsprechend liegt der Patient nun also seitlich mit Blick nach „oben“ auf der Liege. Die Verweildauer in dieser Position beträgt 2-3 Minuten, dann erfolgt eine Umlagerung des Patienten um 180° auf die andere Körperseite. Der Kopf wird hierbei in der gleichen Position gehalten, so dass der Patient nun in Richtung der Unterlage schaut. Danach wird der Patient langsam in die Ausgangslage zurück gebracht und 3 Minuten dort belassen.
Kurze Anleitung für das Sémont Manöver in drei einfach Schritten: 1. Aufrechte Sitzposition 2. Körper auf die Schulter kippen 3. Rasche Wendung um 180° auf die andere Schulter; Manöver je nach Bedarf für das rechte oder linke Ohr anpassen:
Epley- Manöver
Dieses Manöver ist von Dr. John Epley im Jahr 1980 erfunden worden. Dabei sitzt der Patient aufrecht mit gestreckten Beinen vor dem Untersucher. Der Kopf ist 45° zur betroffenen Seite gedreht, der Untersucher blickt also auf das gesunde Ohr. Dann erfolgt eine rasche Lagerung in Rückenlage, wobei der Kopf den Rand der Untersuchungsliege überragen muss (Kopfhängelage). In dieser Lage muss der Patient verweilen, bis Schwindel und Nystagmus nachgelassen haben (mindestens 1 Minute). Sind die Symptome abgeklungen, dreht der Patient den Kopf um 90° zur gesunden Seite und verweilt erneut, bis die Symptome abgeklungen sind (ca. 1 Minute). Danach dreht sich der Patient auf die gesunde Seite, wobei der Kopf in der vorher eingenommenen Position verbleibt, auch hier verweilt er ca. 1 Minute. Der letzte Schritt ist auch bei diesem Manöver das Aufsetzen in die aufrechte Position. Um bei dem Manöver nach Epley eine durch Schwindelattacken hervorgerufene Übelkeit möglichst zu vermeiden, sollte der Patient die Augen dabei schliessen.
Spricht der Patient nicht auf die Therapie an, wird das Lagerungstraining nach Brandt und Daroff empfohlen. Bei diesen Übungen begibt sich der Patient abwechselnd in die rechte und die linke Seitenlage. In einer Position verbleibt er ca. 30 Sekunden, zwischen den Positionen nimmt er immer wieder die aufrechte Sitzhaltung ein.
Anleitung für das Epley Manöver in 5 Schritten: 1. Aufrechte Sitzposition, Kopf 45° nach rechts drehen 2. Liegende Position 3. Kopf um 90° nach links drehen 4. Ganzen Körper um 90° nach links drehen 5. Aufrichten mit leicht zur linken Schulter gekippten Kopf; das Manöver für das linke Ohr mit spiegelverkehrter Richtung ausführen:
Was ist der Unterschied zwischen der anterioren und posterioren Form?
Die anteriore Form kommt eher selten vor und wird beinahe ausschliesslich bei einem Befreiungsmanöver ausgelöst. Dabei geraten die Otolithen statt in den Utriculus fälscherweise in den vorderen Bogengang. Wesentlich häufiger kommt hingegen die posteriore Form vor. Hierbei wird der Schwindel durch oftmals typische Bewegungen, etwa beim Aufrichten oder dem Hinlegen hervorgerufen. Es wird auch vom anterioren (vorderen) Bogengang und vom posterioren (hinteren) Bogengang gesprochen.
Verlauf und Prognose
Bei dem Lagerungsschwindel handelt es sich zwar um eine wenig angenehme Erkrankung, die aber für sich genommen ungefährlich ist. Oftmals geht sie auch ohne eine entsprechende Therapie wieder weg, es gibt allerdings auch Ausnahmen. So sind Fälle bekannt, bei denen es zu einem längeren Verlauf kam. Der Schwindel kann demnach für eine Dauer von wenigen Tagen über mehrere Wochen und Monate bis hin zu mehreren Jahren bestehen bleiben. Dies ist auch der Grund, warum ein zeitnaher Besuch beim HNO-Arzt dringend zu empfehlen ist. Auch wenn die Schwindelform häufig von selbst verschwindet, besteht die Gefahr über einen längeren Zeitraum mit den unangenehmen Symptomen konfrontiert zu sein.
Folgen und Komplikationen
Bei einem gutartigen und anfallsweise auftretenden Lagerungsschwindel kommen in der Regel auch Komplikationen vor, die den Alltag deutlich erschweren können. Insbesondere wenn die Schwindelattacken nicht durch eine Behandlung kuriert werden, müssen Betroffene lernen, mit den Symptomen umzugehen und zu leben. Das kann sehr belastend sein, beispielsweise wenn der Patient aufgrund des Schwindels aus dem Schlaf aufwacht. Die Erkrankung und die damit verbundenen Gleichgewichtsstörungen können zudem das Risiko zu stürzen erhöhen. Hält der Drehschwindel länger an, kann ausserdem das allgemeine Verhalten und Befinden des Betroffenen negativ beeinflusst werden. Deshalb sollte direkt, nachdem die Symptome erstmalig vorkommen, umgehend der HNO-Arzt oder ein Neurootologe (Spezialist der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde) aufgesucht werden, damit dieser die Otolithen zurück in die entsprechenden Positionen im Innenohr bringen kann.
Kann es zu bleibenden Schäden kommen?
Der Lagerungsschwindel selbst gilt als ungefährlich. Er stellt aber durchaus eine Belastung dar. So kann es durch den Schwindel zu psychischen Folgen kommen. Ausserdem ist durch die anfallsartigen Schwindelattacken die Gefahr zu stürzen gegeben. Dementsprechend sollten während eines bestehenden Lagerungsschwindels Tapezierarbeiten auf einer Leiter beispielsweise vermieden werden.
Gibt es auch einen bösartigen Lagerungsschwindel?
Einen bösartigen Lagerungsschwindel gibt es nicht direkt. Der Terminus „gutartiger Lagerungsschwindel“ ist deshalb gewählt, weil er eben keine unmittelbaren Schäden durch sein Vorhandensein auslöst. Allein durch indirekte Auswirkungen, etwa Stürze oder nervliche Belastungen, können Schäden entstehen.
Entstehung und Ursachen
Generell ist der gutartige Lagerungsschwindel von einem Ablösen der Ohrensteine begleitet, die dann in die Bogengänge gelangen. Dadurch begeben sich diese an die neue tiefste Stelle. Die Flüssigkeit in den Bogengängen gerät in Bewegung, was zu einer Ablenkung der Cupula (Gallertkegel im hinteren Bogengang) führt. In der Folge kommt es zu einer Erregung des betroffenen Bogengangs. Warum sich die Otolithen ablösen, kann verschiedene Ursachen haben:
- Entzündung des Gleichgewichtorgans im Innenohr
- Vorangegangene Verkehrs- und Sportunfälle
- Schädeltrauma oder Verletzungen am Kopf
- Fortgeschrittenes Alter
Kommt es zu Störungen oder einem Ausfall des Gleichgewichtorgans, besteht die Möglichkeit, dass Rauminformationen fehlerhaft an das Gehirn weitergegeben werden. In der Folge kann dann der typische Drehschwindel entstehen. Die genaue Ursache für das Ablösen der Otolithen ist jedoch unbekannt.
Was ist ein Bogengang?
Ein Bogengang ist ein Teil des Gleichgewichtorgans im Innenohr. Dabei handelt es sich um ein kreisförmiges Röhrchen, das mit Flüssigkeit gefüllt ist und an dem sich kleine Härchen befinden, die mit Nervenzellen verbunden sind. Alle Bewegungen des Körpers führen dazu, dass die Flüssigkeit in den Bogengängen und dadurch auch die Härchen mitbewegt werden. Über die Nervenzellen wird der Bewegungsreiz an das Gehirn weitergeleitet.
Weitere Schwindelformen
Neben dem Lagerungsschwindel gibt es weitere Schwindelformen, die auf andere Ursachen zurückgehen. So entsteht die Meniérè-Krankheit durch einen Druck im Gleichgewichts- und Hörorgan. Dies wird in der Regel von Übelkeit, Schweissausbrüchen und Erbrechen begleitet. Betroffen ist immer nur ein Ohr, auf dem ein Tinnitus und ein Hörverlust auftreten können. Starke psychische Belastungen können ausserdem einen Schwankschwindel auslösen. Bei einer Schädigung des Gehirns besteht zudem die Möglichkeit, dass ein zentraler Schwindel vorliegt, der in jedem Fall ärztlich untersucht werden sollte.
Lagerungsschwindel beim Kleinkind
Ein Lagerungsschwindel kommt bei Kindern eher selten vor. Zwar sind Schwindel und Probleme mit dem Gleichgewicht im Kindesalter keine Seltenheit, dies liegt aber oftmals in einer Migräne oder in anderen Leiden begründet. Das Ablösen von otokonischen Kristallen ist zwar auch schon bei Kindern nachweisbar, diese sind dadurch aber nicht zwangsläufig einem Schwindelgefühl ausgesetzt. Die Medizin weiss nicht genau, warum sich die Otolithen lösen. Es wird davon ausgegangen, dass sich das Risiko im steigenden Alter erhöht und dadurch die Wahrscheinlichkeit ab dem 35. Lebensjahr für einen gutartigen Lagerungsschwindel steigt.
Die Geschichte des Lagerungsschwindels
Die erste Beschreibung des gutartigen Lagerungsschwindels geht auf den Otologen Róbert Bárány ca. im Jahr 1920 zurück. 1969 bekam die Ursachenforschung durch H.F. Schuknecht neue Impulse. Ihm fielen bei den Untersuchungen verstorbener Patienten mit Lagerungsschwindel Rückstände von Ohrkristallen auf der Cupula auf. Vier Jahre später wurde die Cupulolithiasis Theorie von einer schlüssigeren zur Ursache des Lagerungsschwindels durch Schuknecht und Ruby abgelöst. Trotzdem ist die Ursache weiterhin nicht vollständig geklärt, da trotz idealer Behandlung auch keine Genesung eintreten kann.
Was ist die Cupulolithiasis Theorie?
Die Theorie besagt, dass sich Ohrenkristalle auf dem das Cupulaorgan im hinteren Bogengang ablagern. Der Otolith bildet an dieser Stelle ein Übergewicht an Gravitationskräften aus, was zu dem Drehschwindel und den anderen bekannten Symptomen führt.
Was ist die Canalolithiasis Hypothese?
Nach dieser Hypothese wird der Schwindel vielmehr durch ein ausgelöstes Trauma oder durch degenerative Effekte verursacht. Kleine Teilchen der Otolithen lösen sich dabei ab und bilden in freier Bewegung im hinteren Bogengang eine Art Pfropf, der dort zu einer beinahe vollständigen Blockade des Lumen (Innenraum von Hohlorganen) führt. Durch eine zügige Kopflagerung, kann der Pfropf auf die gegenüberliegende Seite und aus dem Bogengang heraus bewegt werden. Dies führt dann zu den typischen Symptomen.
Mehr Informationen
Wenn Sie mehr über das menschliche Gehör und den Gleichgewichtssinn erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen als Einstieg den Artikel: Das menschliche Gehör. Auf der folgenden Seite finden Sie eine Übersicht über diverse Artikel rund um die Themen Gehör und Gleichgewichtssinn: Nützliches Wissen rund um das Ohr. Sie haben generelle Fragen zum Thema Hörgeräte? Dann treten Sie mit uns Kontakt. Wir nehmen uns gerne Zeit für Sie und bieten Ihnen unsere Hilfe an – selbstverständlich unabhängig und kostenlos.