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WOZ: Für welchen literarischen Nachlass haben Sie bisher am meisten bezahlt?
Thomas Feitknecht: Über Geldbeträge oder die Hitparade unserer Nachlässe geben wir keine Auskunft. Jeder Nachlass ist einzigartig, und der Preis lässt sich nur festlegen, wenn man die Details kennt. Man kann nicht sagen, X habe die gleiche literarische Bedeutung wie Y, also müsse der Nachlass gleich teuer sein. Wenn sich im einen zum Beispiel zwanzig Briefe von Hermann Hesse finden, dann steigt der Preis.
Aber Grössenordnungen können Sie nennen?
Hans Werner Richter hat seinen Vorlass angeblich für rund 300’000 Mark verkauft. Seither sagt man in Deutschland, ein Autor, der etwas auf sich halte, verlange mindestens so viel. Die Preise für Einzelwerke, die in den letzten Jahren bezahlt worden sind, reichen von 450 Franken für ein 100seitiges Typoskript von Jürg Laederach, bis zu rund 2,7 Millionen Franken für Franz Kafkas «Der Process». Auch bei kompletten Vor- und Nachlässen gibt es die ganze Bandbreite: Es gibt welche, die den Archiven geschenkt werden, jener von Bertolt Brecht andererseits kostete 11 Millionen Mark. In Gesprächen mit Kollegen der Literaturarchive in Marbach und Wien habe ich festgestellt, dass wir hier im SLA nie Spitzenpreise bezahlt haben.
Ist das SLA knauserig?
Für 2004 haben wir 490’000 Franken für Ankäufe zur Verfügung. Wir können uns also nicht alles leisten. Dazu kommt: Wenn sich herumspricht, dass wir zum Beispiel von Friedrich Dürrenmatt oder Hesse oder Golo Mann alles zu jedem Preis kaufen, dann werden wir sehr schnell gnadenlos bestraft, denn dann entwickeln sich die Preise entsprechend. Deshalb beauftragen wir gewöhnlich Externe, für uns an Auktionen mitzubieten.
Ist es eigentlich einfacher, mit den Autoren und Autorinnen um den Vorlass zu verhandeln als mit den Erben um den Nachlass?
Nicht unbedingt. Irgendeinmal muss man das vorliegende Lebenswerk als Material beziffern. Es liegt auf der Hand, dass Verkäufer und Käufer nicht immer die gleichen Preisvorstellungen haben. Seit Bestehen des SLA 1991 ist es aber mit einigen wenigen Ausnahmen immer wieder gelungen, sich zusammenzuraufen.
Müsste man das Material nicht dem Markt anbieten, um seinen Preis festzustellen?
Eigentlich schon. Wobei es zwei Möglichkeiten gibt: Entweder man bietet einen Nachlass en bloc an. Dann ist die Chance, dass ein Schweizer Autor oder eine Schweizer Autorin überhaupt gekauft wird, relativ klein. Oder man bietet auf dem Autografenmarkt Einzelstücke an. Einzelne Preziosen können so zwar sehr hohe Preise erzielen, aber das restliche Material wird entwertet. Wir versuchen wenn möglich immer, die ganzen Nachlässe zu erwerben und dafür einen Mischpreis auszuhandeln.
Nehmen wir an, Sie stehen vor zwanzig Bananenschachteln voll Papier: Wie legen Sie denn den Kaufpreis fest?
In jedem Fall schaut sich jemand vom SLA das Material an – wenn es sehr viel ist, zumindest stichprobenweise. Zusätzlich lassen wir häufig eine Schätzung durch Fachleute des Autografenhandels machen.
Am angenehmsten für das SLA ist es zweifellos, wenn die Nachlässe geschenkt werden.
Das stimmt. Von den wichtigsten sind uns mehrere geschenkt worden: jene von Dürrenmatt, Golo Mann oder Jean Rudolf von Salis zum Beispiel. Allerdings: Obschon Dürrenmatt geschenkt hat, ist sein Nachlass unterdessen der teuerste, wenn man die Folgekosten berücksichtigt. Er knüpfte 1989 seine Schenkung ja an die Bedingung, dass sie den Kern eines zu gründenden schweizerischen Literaturarchivs bilden müsse.
Wir haben bisher vom Tauschwert gesprochen – der Nachlass als Ware. Wo liegt denn der Gebrauchswert all dieses Altpapiers?
Eines der Amtsziele des Bundesamts für Kultur ist im Moment die Erarbeitung von Grundlagen einer zukünftigen Memopolitik der Schweiz – also einer Politik der Erhaltung von Kulturgütern. Die Frage, die sich der Staat stellt, lautet: Was muss man langfristig tun, um die wichtigsten Kulturgüter des Landes zu erhalten? Ein wichtiges Projekt, allerdings werden zurzeit politisch keine Entscheide gefällt, weil halt alles kostet.
Insofern wären Nachlässe Beiträge zum Gedächtnis des Landes.
Allerdings! Nehmen wird das neu erschienene Standardwerk von Urs Bitterli über Golo Mann. Bitterli hat wochenlang hier im Archiv recherchiert. Oder die im letzten Jahr erschienene Patricia-Highsmith-Biografie von Andrew Wilson. Oder die Niklaus-Meienberg-Biografie von Marianne Fehr. Auch sie haben hier gearbeitet. Es stimmt zwar, dass unser Archiv nicht von Massen konsultiert wird – an den 243 Arbeitstagen des Jahres 2003 zählten wird 716 Benutzer und Benutzerinnen.
Das SLA ist so gesehen ein Luxus.
Eben nicht! Dadurch, dass für solche Publikationen hier recherchiert wird, entsteht ein grosser Mehrwert für das Verständnis der Porträtierten und ihrer Zeit, entsteht wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn über die Entstehung und die Entwicklung von kulturellen, politischen und sozialen Strömungen. Daneben dient unser Material ja auch der Öffentlichkeit. Ich denke an die Soireen im Stadttheater, an unsere Zeitschrift «Quarto» mit jeweils einem thematischen Schwerpunkt oder an die aktuelle Ludwig-Hohl-Ausstellung. Hier profitiert ein breiteres Publikum ganz direkt. Zwar ist der Kreis der direkt Benutzenden klein, aber der Multiplikationseffekt ist gross.
Zwischen den Bananenschachteln und dem realisierten ideellen Mehrwert durch Publikationen oder Ausstellungen liegt Arbeit.
Tatsächlich ist dadurch, dass die Kisten bei uns eingelagert werden, noch nicht viel gewonnen. Das Ordnen ist eine riesige Arbeit. Wir entscheiden bei jedem Nachlass aufgrund seiner Bedeutung, wie tief, das heisst: wie exakt wir ihn unter Berücksichtigung der vorhandenen Mittel erschliessen können.
Würden diese Kosten auf die Benutzer und Benutzerinnen überwälzt, könnte man das SLA gleich schliessen.
Das ist so. Dass wir Beratung und Konsultation der Nachlässe gratis anbieten, ist ein Service public. Allerdings ist auch die Schweizerische Landesbibliothek (unterdessen: Nationalbibliothek, fl.], zu der das SLA gehört, auf dem Weg zum FLAG – zum «Führen mit Leistungsauftrag und Globalbudget». Künftig werden auch wir häufiger für gewisse Dienstleistungen Geld verlangen müssen, insbesondere Bearbeitungs- und Verwertungsgebühren. Leistungen, die einen materiellen Mehrwert schaffen, werden einen Preis haben. Diese Idee begeistert mich zwar nicht. Aber wenn wir schliesslich die Einzigen wären, die gratis arbeiteten, würden wir gerade deshalb durch zusätzliche Nachfragen bestraft. Hier entsteht ein Markt, auf dem wir unsere Dienstleistungen anbieten.
Aufhänger dieses Interviews waren die 26. Solothurner Literaturtage, die vom 21. bis 23. Mai 2004 stattfanden und an denen unter anderem die Frage «Was ist ein Nachlass wert? Que valent les archives des écrivains?» zur Diskussion gestellt wurde.