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Südlich im Saastal befindet sich der grösste Erddamm Europas, der Mattmark-Staudamm. Bild: Saastal Tourismus AG/Stefan Kürzi
Wer noch nie auf dem Mattmark war oder von ihm gehört hat, fragt sich wahrscheinlich, was diesen Ort so besonders macht. Für viele Einheimische ist diese wildromantische Umgebung ein Kraftort, an dem sie Energie tanken und dem Alltagsstress entfliehen können. Der Stausee wird heute zur Stromerzeugung genutzt. Er ist aber auch ein Ort mit schmerzhaften Erinnerungen. Um die ganze Geschichte zu verstehen, braucht es einen Blick zurück ins 17. Jahrhundert.
Früher Tourismus und Schmuggel über die Grenze
Die Mattmark war eine weite Talebene unterhalb des Monte-Moro-Passes, dem Grenzpass zu Italien. Es war die grösste Alp im Saastal, und alle vier Gemeinden hatten hier eine Alphütte, bei der über 100 Kühe, Schafe und Ziegen weideten. Der damalige Bergsee war durch den Allalingletscher, der damals bis in den Talboden reichte, gesperrt. Dennoch brach der See immer wieder aus und verwüstete das Saastal. Im Jahre 1856 errichtete der Kirchherr von Saas ein Hotel auf der Alp. Das Hotel diente als Ausgangspunkt für Bergtouren oder für Gäste, die von Saas-Almagell nach Italien reisen wollten. Viele Männer aus dem Saastal arbeiteten in den Goldminen von Macugnaga, so dass der Schmuggel über die Grenze zwischen 1870 und 1895 seine Blütezeit erlebte. Die Arbeiter schmuggelten Kaffee, Zigaretten und Saccharin nach Italien. Kupferkessel, Reis und andere Lebensmittel brachten die Grenzgänger zurück ins Saastal.
Das Hotel Mattmark aus der Postkarten-Ausstellung von Thomas Burgener. Bild: Emanuel Gyger
Der Bau des Staudamms
Das Kraftwerk Mattmark wurde zwischen 1958 und 1967 erbaut. Auf einer Breite von 373 Metern und einer Länge von 780 Metern wurde Moränenmaterial des Allalingletschers aufgeschüttet. Mit einer Höhe von 120 Metern und einem Volumen von 10,5 Millionen Kubikmetern entstand so der grösste Erddamm Europas. Die Siedlung Zermeiggern mit 20 Häusern und Ställen bei Saas-Almagell musste 1961 abgerissen werden, damit das Ausgleichsbecken gebaut werden konnte. Gleichzeitig wurden sechs Kantinen für die Unterbringung und Verpflegung der Arbeiter gebaut. Bis zu 1’300 Personen arbeiteten im Sommer auf der Kraftwerksbaustelle, als 1965 die Tragödie ihren Lauf nahm.
Die Baustelle des Kraftwerks Mattmark mit einer Armada von Lastwagen. Foto: E. Brügger
Schwerste Naturkatastrophe in der jüngeren Geschichte der Schweiz
Am 30. August 1965 um 17.10 Uhr brach über der Baustelle ein gewaltiges Stück des Allalingletschers ab. Zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll donnerten in die Tiefe und begruben das Barackendorf mit 93 Arbeitern unter sich, wo Werkstätten, Schlafplätze und Büros untergebracht waren.
88 Arbeiter, davon 56 Gastarbeiter aus Italien, kamen ums Leben. Dieses Ereignis war für die Saaser Bevölkerung, für die ganze Schweiz und auch für Italien ein Schock. Die Namen der Verunglückten wurden auf Steinplatten in der Kapelle von Zermeiggern eingraviert. Bis heute lässt sich die Tragödie nicht aus dem kollektiven Gedächtnis löschen. In der Bevölkerung ist sie spürbar.
Ein Jahr später wurde mit dem Bau der Staumauer aber fortgefahren und sie wurde 1967 fertiggestellt. 1969 wurde die grosse Mauer am Mattmark-Stausee eingeweiht und in Betrieb genommen. Das Pumpwerk Zermeiggern kam in den Jahren 1983 bis 1987 dazu. Im Jahr 2001 wurde die Stauanlage Mattmark aufgrund der Erkenntnisse aus den Hochwasserereignissen der 90er Jahre zum Schutz des darunter liegenden Saastals und des Rhonetals in einen Mehrzweckspeicher umgebaut.
Perfektes Wandergebiet: Vom Mattmark aus geht es zum Monte-Moro-Pass, der Landesgrenze zu Italien. Bild: Saastal Tourismus AG/Puzzle Media
Spaziergang, Wanderungen, Biketouren und Halbmarathon um den Stausee
Die durchschnittliche Jahresproduktion der Kraftwerke Mattmark AG beträgt 649 Mio. kWh. Damit können in der Schweiz rund 97’000 Personen pro Jahr mit Strom versorgt werden. Aber auch ein Besuch am Mattmark-Stausee lohnt sich. Seit 2008 befindet sich auf der Staumauerkrone ein Restaurant. Im ersten Stock gibt es einen Ausstellungsraum mit einer Dokumentation über die Entstehung der Staumauer. Und der Stausee dient heute nicht nur der Stromerzeugung, sondern auch der Erholung. Die Dammkrone bietet einen einzigartigen Blick auf den See und die umliegenden Berge. Auf der Staumauerkrone können Gäste anhand von Zeittafeln in die Geschichte des Saastals eintauchen. Ein Spaziergang zum oder um den Stausee, eine Wanderung zum Monte-Moro-Pass oder eine Biketour lassen den Alltagsstress vergessen. Auf der Distelalp können Wanderer sogar die typischen Walliser Eringerkühe bewundern.
Zum Gedenken an die Opfer der Naturkatastrophe findet seit 2019 der Mattmark Memorial Halbmarathon statt. Der Halbmarathon startet bei der Rundkirche in Saas-Balen und führt durch Lärchenwälder zur Staumauer. Anschliessend folgt die praktisch flache Runde über die malerische Mattmark. Wer es gemütlicher mag, kann die 8 Kilometer lange Seerunde in Angriff nehmen.