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Ende Juni und Anfangs Juli 2016 fuhr ich auf dem Manali-Leh-Highway. Diese Strasse verbindet, wie es der Name schon erahnen lässt, die Ortschaften Manali und Leh. Wer sich aufgrund des Wortes „Highway“ nun eine Autobahn vorstellt, würde von der teilweise schlechten Strassenqualität enttäuscht werden. Doch ein „Highway“ ist es allemal, führt die Strasse doch über mehrere Pässe, wobei einige sogar über 5000 Meter hoch sind. Da ich durch das Spiti Valley gefahren war, traf ich erst in Gramphoo auf den Manali-Leh-Highway, weshalb ich den 3978 Meter hohen Rohtang Pass, den ersten und niedrigsten Pass auf dem Manali-Leh-Highway, nicht überquerte.
Viele Touristen
Zuerst führte mich die Strasse durch das Lahaul-Gebiet, wo mich die Landschaft stark an die Alpen erinnerte. Als ich das erste Mal auf einen anderen Fahrradfahrer stiess, fragte ich, ob er auch alleine unterwegs sei. „No, we are a group of 18 people from poland“. Ja, auf dem Manali-Leh Highway traf ich viele Touristen, welche nur für ein paar wenige Wochen nach Indien fliegen, um mit (halb)beladenen Fahrrädern von Manali nach Leh und dann weiter auf den Khardung la, den scheinbar „höchsten Pass der Welt“, zu fahren. Auf die Frage, wo ich letzte Nacht übernachtet hätte, antwortete ich, dass ich neben der Strasse mein Zelt aufgestellt hatte. Der Pole sagte dann, dass seine Gruppe in einem Guesthouse übernachtet hatte, da es schliesslich wichtig sei, warm duschen zu können und ein Bett für einen guten, tiefen Schlaf zu haben. Als Reisender fand ich es amüsant zu sehen, welche Wichtigkeit solche Reisegruppen dem Duschen und einem Bett zukommen lassen – denn als ich den Polen traf, war ich bereits wieder zwei Wochen unterwegs, hatte während dieser Zeit nur im Zelt übernachtet, mich mit kaltem Schmelzwasser gewaschen und fühlte mich dabei blendend. Später an diesem Tag traf ich auf weitere Leute dieser polnischen Gruppe. Ich fand es lustig, dass (fast?) alle mit Klickpedalen, gepolsterten Fahrradhosen und Funktionswäsche unterwegs waren und ich mit meinen gefundenen und verschiedenfarbigen Flipflops, ungepolsterten Hosen und meinem in Myanmar auf der Strasse gefundenen Hemd fuhr.
Baralacha La
Auf der Karte sah ich einen Platz, der sich mir zum Übernachten anbot. Kurz vor meinem geplanten Übernachtungsplatz erblickte ich ein paar grosse Verpflegungs- und Übernachtungszelte. Im einen dieser Zelte ass ich vier grosse Teller Thali (Reis mit Linsensuppe und Gemüse). Nach dem Essen unterhielt ich mich noch eine Weile mit einer siebenköpfigen Fahrradgruppe aus Indien, welche jedoch mit einem Begleitfahrzeug und ohne Gepäck an ihren leichten Mountainbikes unterwegs war und in einem dieser grossen Zelte übernachtete. Ich fuhr jedoch noch weiter bis zum nächsten Bach, um dort eine ruhige, erholsame Nacht in meinem eigenen Zelt verbringen zu können. Auf dem Baralacha La (4850m) angekommen, genoss ich zwar die schöne Aussicht, ärgerte mich aber auch über den Müll, der auf dem Pass herumlag: leere Petflaschen, leere Glasflaschen und leere Chipstüten. Es ist und bleibt für mich unbegreiflich, wie man solchen Müll, insbesondere wenn man mit dem Auto unterwegs ist, einfach an den Strassenrand werfen kann.
Gata Loops
Gegen Abend erreichte die „Gata Loops“. Diese 21 Haarnadelkurven, welche auf einer Höhe von 4200 Meter beginnen, bilden im Wesentlichen den Anfang des 4739 Meter hohen Nakee La. Als ich diese Haarnadelkurven in Angriff nahm, erwartete ich, bald wieder auf einen kleinen Bach zu stossen. Doch leider kam ich an keinem Bach vorbei und mein Wasservorrat neigte sich dem Ende zu. Zwar hatte ich einige Kilometervor den Gata Loops einen kleinen Fluss auf einer Brücke überquert, wo ich Wasser hätte besorgen können. Doch umkehren, nach dem ich schon fast die Hälfte des Anstiegs bewältigt hatte, fand ich eine schlechte Idee. In einer Haarnadelkurve entdeckte ich ganz viele, ganz verstaubte Wasserflaschen. Einige davon waren noch originalverschlossen, andere waren mit (Trink)Wasser aufgefüllt worden. Erst im Nachhinein fand ich heraus, dass anscheinend einmal ein Trucker in dieser Haarnadelkurve starb und dort beerdigt wurde und dass deshalb manche Menschen an dieser Stelle Zigaretten und Wasserflaschen für den Verdursteten hinlegen. Da dieser Haufen schmutziger Flaschen für mich nicht sehr heilig aussah und ich auch nicht annahm, dass sie für jemanden bestimmt seien, nahm ich zwei unverschlossene Flaschen an mich und nahm auch noch einige andere Flaschen mit. Ich hoffe, dass der Tote mein Handeln nachvollziehen kann und mir verzeiht.
In der darauffolgenden Kurve später stellte ich mein Zelt neben der Strasse auf. Vor dem Schlafengehen bewunderte ich den sehr eindrucksvollen Sternenhimmel. In der Nacht gewitterte es vermutlich in der Nähe von Manali, auf jeden Fall sah ich, wie Blitze hinter einer Bergkette den Himmel immer wieder erleuchteten. Ich schaute dem Geschehen etwa eine halbe Stunde lang zu, dann schlief ich weiter.
Nakee La und Lachulung La
Am nächsten Morgen fuhr ich auf den Nakee La, um dann nach einer kurzen Abfahrt vor dem Anstieg zum nächsten Pass, dem Lachulung La, zu stehen. Den verhältnismässig kurzen Anstieg auf den 5050 Meter hohen Lachulung La konnte ich am selben Tag zurücklegen.
Nach der Passhöhe führte die Strasse an einem Fluss entlang zur Ortschaft Pang. In Pang fragte ich einige indische Motorradfahrer, wie die Wassersituation nach der Ortschaft aussähe. Ich erhielt die Antwort, dass die Strasse während fünf Kilometer auf die 4800 Meter hohe Hochebene „Moore Plains“ führe und dass ich dann nach weiteren 20 Kilometern auf einen Fluss stossen würde.
Moore Plains
Ein Fluss klang für mich nach einem vielversprechenden Übernachtungsplatz, so fuhr ich mit lediglich zwei gefüllten Flaschen Wasser weiter in Richtung „Moore Plains“. Nur zwei Kilometer von Pang entfernt kamen mir zwei Fahrradfahrer ohne Gepäck entgegen. Ich fragte sie zur Sicherheit auch noch einmal, ob sie wissen, wie weit es zum Fluss sei.
„River?! There’s no river. The next time you can get water is in 45 kilometres.“
Zwar hatte ich erwartet, dass die Kilometerangabe der Inder nicht korrekt sein könnte, doch dass es gar keinen Fluss gab, erstaunte mich sehr. Ich fuhr noch einige hundert Meter weiter, bevor ich mir eingestehen musste, dass es nicht sinnvoll wäre, weitere 45 Kilometer zurückzulegen oder mit lediglich zwei Litern Wasser zum Trinken und Kochen mitten auf dem Plateau zu übernachten. Meine immer stärker werdenden Kopfschmerzen, welche vermutlich von der Höhe verursacht wurden, waren ein weiterer Grund, weshalb ich zurück nach Pang fuhr und dort am Fluss campierte. Dieser Ort war mit 4500 Metern Höhe auch der tiefste Punkt, den ich erreichen konnte. Am nächsten Morgen konnte ich ganz ohne Kopfschmerzen auf die „Moore Plains“ fahren. Landschaftlich ist diese Hochebene anscheinend eines der Highlights der ganzen Fahrt, doch leider verdeckten viele Wolken den Blick auf den blauen Himmel. Nach ungefähr 45 Kilometer Fahrt erreichte ich die Stelle, an welcher die Strasse zum Tso Kar, einem Salzsee, abzweigt. An dieser Kreuzung gab es zwei Essenszelte. Während dem Mittagessen erklärte mir ein Einheimischer, dass der Taglang La, der mit 5328 Metern höchste Pass des Manali-Leh-Highways, noch 25 Kilometer entfernt sei. Ich fand es unrealistisch, den Pass am selben Tag noch zu überqueren. Aber ich wollte auch nicht weiterfahren und auf (über) 5000 Metern Höhe übernachten. Deshalb entschied ich mich, einen Abstecher zum Salzsee Tso Kar zu machen. Gegen Abend kehrte ich von meinem nichtlohnenden Abstecher zu den grossen Zelten zurück. Der Betreiber des Zeltes bot auch eine Übernachtung im Zelt an, welche jedoch 100 Rupien gekostet hätte. Da ich befürchtete, dass es in diesem Zelt sicherlich jemanden geben würde, der in der Nacht schnarcht, beschloss ich, mein eigenes Zelt einige Meter daneben bei den Yaks aufzustellen und so auch noch Geld für eine weitere Mahlzeit zu sparen.
Taglang La
Den Taglang La (5328m) erreichte ich zusammen mit einer Polin. Als wir auf dem Pass die Aussicht genossen, welche vor allem zurück auf die „Moore Plains“ sehr eindrücklich ist, erreichten weitere Fahrradfahrer der polnischen Gruppe den Pass. Plötzlich fing es auf dem Pass an zu „schneien“. Also, einige Inder, welche mit Autos oder Motorrädern unterwegs waren und aus mir unerklärlichen Gründen stolz waren, auf dem Pass zu stehen, filmten sich und sprachen von Schnee – es handelte sich jedoch lediglich um ein paar vereinzelte, kleine Eiskristalle, welche vom Himmel herabfielen. Immerhin betrug die Temperatur auch noch gut 10 Grad, doch viele der indischen Touristen scheinen es zu lieben, sich und ihr „Abenteuer“ völlig übertrieben zu präsentieren.
Zum Glück war die Abfahrt vom Taglang La in Richtung Leh vollständig asphaltiert, so macht das Pässefahren besonders Spass. Während der Abfahrt wurde die Umgebung immer grüner und ich fuhr an einigen Dörfern vorbei.
Nach der Ortschaft Upshi wurde die Strasse definitiv wieder flach und leider blies ein starker Gegenwind. Der Indus, welcher ab Upshi parallel zur Strasse verlief, war leider relativ lange nicht gut erreichbar, und so kämpfte ich mich nach einem langen Tag noch gegen den Wind durch, bis ich endlich einen Zugang zum Fluss fand, wo ich in meinem Zelt übernachten konnte, bevor ich am nächsten Tag die letzten 30 Kilometer nach Leh zurücklegte.