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„Das teure Obst ging fast ausschließlich nach Tohoku und Hokkaido im Norden. Kaum etwas davon erreichte Tokyo. […] Es war eine Zeit, in der Papiergeld Aktien und Zinsen ihren Glanz und ihren Reiz verloren hatten, und Leute waren gefragt, die tauschen konnten.“ (S. 70)
Das Parlament und die Polizei sind privatisiert worden. Die Aufgabe der neuen Polizei besteht vor allem in ihren Auftritten als Marschkapelle, und für die Existenz der neuen Parlamentarier*innen gibt es keine Belege. Intellektuelle beschwören nach dem Entscheid zur Abschottung in Zeitungen das Gute an der Isolationspolitik der Edo-Zeit (1603–1868) herauf. Die Isolation Japans vollzieht sich jedoch nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, bis ins Persönlichste hinein:
„Die Hauptarbeit der Parlamentarier bestand darin, am Gesetz herumzufingern. Da das Gesetz ständig geändert wurde, musste notwendig jemand daran herumfingern. - Aber wer das und mit welcher Absicht tat, das blieb im Dunkeln. Freilich konnte keiner das Gesetz sehen, aber um sich daran ja nicht zu verbrennen, schliffen alle ihre Intuition wie ein Messer und lebten in selbstgewählter Reserve.“ (S. 125)
Ein alleinerziehender UrgroßvaterYoshiro gehört mit über 100 Jahren zu den sogenannten „mittleren Alten“. Er zieht seinen Urenkel Mumey allein in Tokyo groß. Seine restliche Familie hat die Stadt verlassen, nur Mumey bleibt ihm, um dessen Leben er konstant fürchtet. Wie die meisten anderen Kinder kommt Mumey krank zur Welt. Mumeys Zähne sind mürbe, weswegen er kaum essen kann, zudem verträgt er viele Lebensmittel nicht. Er wird schnell müde, und morgens gelingt es ihm kaum, sich für die Schule anzuziehen:
„Er knüllte sie [die Kleider] zusammen oder faltete sie und zog sie wieder auseinander. Dabei blinkten in den grauen Zellen seines Hirns bunte Papierfetzen auf, orangenfarbene, blaue, silbrig glänzende. Und wenn er seine Schlafanzughose ausziehen wollte, dachte er ergebnislos darüber nach, mit welchem Bein, gab es doch zwei davon, er beginnen sollte. Dabei kamen ihm die Kraken in den Sinn. Vielleicht hatte er ja auch acht Beine, die ihm nur wie zwei vorkamen, weil jeweils vier davon zu einem gebündelt und fest zusammengeschnürt waren. Wie auch immer, wenn er ein Bein nach rechts bewegt, will er es auch nach links oder nach oben bewegen.“ (S. 136)
Die Autorin Yoko Tawada schildert den Alltag Yoshiros und Mumeys trotz des apokalyptischen Szenarios in zärtlichen und leichten Bildern, in Szenen wie der Suche des Urgroßvaters nach gesunden Lebensmitteln, dem Schulalltag Mumeys und Yoshiros Sorge um die fragile Gesundheit seines Urenkels. Dabei verliert sich Yoshiro, der Schriftsteller ist – oder es zumindest war – immer wieder in Tagträumen, in denen er einmal verbotenerweise reist, oder er erinnert sich an biographische Fragmente der letzten hundert Jahre, wie die Demonstrationen, bei denen er Marika kennenlernte, seine spätere Frau. Yoko Tawada stellt sich dabei als geschickte Weltenbauerin heraus. Es wird nie vollständig enthüllt, was zur gegenwärtigen Lage Japans geführt hat und ob es Menschen in anderen Ländern ähnlich geht. Dabei fügt sich dieses Herrschaftssystem nicht zu einem kohärenten Gegenbild unserer heutigen Welt zusammen, sondern bleibt schemen- und bruchstückhaft. Die Zukunft, wie „Sendbo-o-te“ sie schildert, ist nicht einfach eine Verlängerung unserer Gegenwart, sondern weist in träumerischen Bildern über diese hinaus. Ist das überhaupt noch eine Dystopie? Das subversive Potenzial fluider Geschlechter
Neben den Veränderungen der Umwelt und der Politik verwandeln sich jedoch auch die Körper der Menschen, insbesondere die der Kinder. Die Mutter Mumeys entwickelt sich tot zum Vogelwesen weiter, und angesichts der Körper der Kinder mutmaßen die Alten darüber, ob die Menschen in hunderttausend Jahren alle Kraken sein werden. Einige Expert*innen behaupten, dass die ganze Menschlichkeit verweiblicht werde, andere, dass „die als Männer geboren wurden, […] zu Frauen werden. Und die, die als Frauen geboren wurden, werden zu Männern werden“ (S. 129). Diesem Konzept des Geschlechterwechsels, das auch später noch eine Rolle spielen wird, scheint ein binäres, essentialistisches Geschlechterverständnis zugrunde zu liegen, das davon ausgeht, dass die Geschlechteridentität den Körpern biologisch eingeschrieben sei. So heißt es auf der Seite weiter:
„In den Gegenden, in denen weibliche Föten abgetrieben werden mussten, war die Natur, deren Balance durch die Menschen zerstört worden war, rasend vor Wut und rächte sich mit einigen verblüffenden Kunstgriffen. Eine ihrer rabiaten Maßnahmen war, sicherzustellen, dass das Geschlecht eines Menschen nicht sein ganzes Leben lang dasselbe blieb. Es änderte sich zwei oder drei Mal in seiner Lebenszeit, ganz wie von selbst, und niemand konnte im Voraus wissen, ob er oder sie nur einmal oder zweimal ihr Geschlecht wechseln würden.“ (ebd.)
Diese Passage stellt das subversive Potenzial fluider Geschlechteridentitäten heraus, blendet als Element einer dystopischen Zukunft jedoch aus, dass diese Subversion schon immer Teil der Menschheitsgeschichte war und dabei schon immer auch über die binäre Konstruktion des vermeintlichen Gegensatzpaares Mann-Frau hinausging.
Dystopische Welten zeichnen sich meist durch die Komplexe „Macht“ und „Technologie“ aus, wenn man den Genregrenzen Glauben schenken möchte, die geprägt wurden von Romanen wie „1984“ von George Orwell, aber auch von Margaret Atwoods „The Handmaid‘s Tale“. Diese Romane denken die Gegenwart pessimistisch weiter. Sie spielen in repressiven Regimes, deren Herrschaft durch neue Technologien gestützt wird. In „Sendbo-o-te“ kontrolliert das unsichtbare Regime auch weite Teile der Gesellschaft, dies jedoch gerade ohne Technologie. Auch sonst weicht die Erzählung von dystopischen Konventionen ab. Immer wieder gleitet sie ins Fantastische, Träumerische. Das ständige Kippen ins Surreale unterbricht einerseits den Lesefluss, erhöht aber auch die erzählerische Spannung. Es führt dazu, als Leser*in die vielen auf verschiedenen Ebenen liegenden Fragmente zu einem zusammenfügen zu wollen, die lückenhaft beschriebene Welt ergründen zu wollen, während die Geschichte jedoch zusammen mit der Evolution immer schneller voranschreitet und die Treiber*innen dieser Evolution im Verborgenen bleiben.
Als Mumey dann ins Visier einer geheimen Organisation gerät, die ausgewählte Kinder zu Forschungszwecken als Sendboten außerhalb Japans schmuggeln wollen, verschwimmen die Grenzen zwischen Biologie und Geographie immer mehr, also buchstäblich zwischen dem Innen und Außen.
Der Roman schraubt sich dann vollends ins Unfassbare, sprachlich und erzählerisch. Die bildreiche Sprache Yoko Tawadas in der Übersetzung Peter Pörtners trägt die Erzählung dabei immer weiter in eine Zukunft, in der sich von Menschen gezogene Markierungen auflösen. Vielleicht lässt sich „Sendbo-o-te“ daher am ehesten so lesen: als ein poetisches Plädoyer gegen Grenzen.