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Die Bauhaus-Leuchten 1919-1933
Zur Zeit wird viel geschrieben über das Bauhaus. Was dabei untergeht, ist die Entwicklung der Metallwerkstätte im Bauhaus, welche massgebend zur Gestaltung von Leuchten beigetragen hat. Einige dieser Leuchten werden heute noch produziert. Andere wiederum sind Vorläufer der darauf folgenden Entwicklungen ausserhalb Deutschland, denn 1933 war Schluss in Deutschland auf Grund der Nazi-Herrschaft.
Text & Fotos: Philippe P. Ulmann
Die Situation der elektrischen Beleuchtung in Deutschland um 1920
Nach dem ersten Weltkrieg, nach den Zerstörungen, war nur ein kleiner Teil der Haushalte und Geschäfte mit elektrischem Strom ausgerüstet. Man sprach anfangs der zwanziger Jahre von ca. 20 %! In den folgenden Jahren erfolgte eine starke Zunahme, so dass 1930 ca. 50 % der Haushalte und die meisten Geschäfte elektrifiziert waren. Aber die Beleuchtung war ganz anders als heute. In der Industrie wurden vorwiegend Bogenlampen verwendet. Geschäfte, das Gastgewerbe, Ladengeschäfte suchten dekorative Leuchten. Im Büro gab es eine minimale Grundbeleuchtung. Zu diesen sollte eine Zusatzbeleuchtung treten, die z.B. das Arbeiten am Abend ermöglichte. So entstand in den späten zwanziger Jahren und den frühen dreissiger Jahren ein riesiger Bedarf an funktionellen Leuchten.
Die Metallwerkstätte, ihre Personen und die Leuchten
Für die Gestaltung von Leuchten war die Metallwerkstatt zuständig. Sie wurde zuerst von Johannes Itten, ab 1923 bis 1928 von Lásló Moholy-Nagy, geleitet. Wie Gropius wollte er Kunst und Technik zu einer neuen Einheit verschmelzen. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Metallwerkstatt bald zu einer der innovativsten Abteilungen des Bauhaus. Foto 1
Curt Fischer (1890-1956): der Erfinder des lenkbaren Lichtes
Curt Fischer ist nicht nur der Erfinder der Scherenleuchte, der damals ersten beweglichen Leuchte. 1921 veranlassten ihn schlechte Lichtbedingungen an den Arbeitsplätzen, eine Gelenkleuchte mit blendfreiem Reflektor zu entwickeln, die als Vorbild für fast alle späteren Gelenkleuchten angesehen werden kann. Sie bestach nicht nur durch ihr schlichtes Design, sie war auch beispielhaft funktionell zum Arbeiten. Die Midgard Lenkleuchte, wie sie damals genannt wurde, war ein grosser Erfolg. Sie gehörte u.a. nicht nur zur Ausstattung von Arbeitsräumen im neuen Dessauer Bauhausgebäude, sondern sie fand sich ebenso in den Wohnräumen der Bauhausmeister und der Studierenden. Auch Walter Gropius, der Gründungsdirektor des Bauhauses, hatte Midgard-Gelenkleuchten in seinem Dessauer Meisterhaus. Die Funktionalität dieser weit ausladenden Leuchten (es gibt noch eine einarmige Version) ist so gut, dass sie heute immer noch produziert werden (früher Midgard-Leuchten, - heute vertrieben unter Ply). Foto 2-4
Christian Dell (1893-1974): Silberschmied
Dell wurde von Walter Gropius im Jahre 1922 als Werkmeister für die Metallwerkstatt gewonnen. Diesem stand ein Team von Formmeister und Werkmeister zur Verfügung, welches den von Gropius gesuchten Weg zur industriellen Herstellung von funktionellen Industrieprodukten förderte. Arbeitsleuchten.
Nach seinem Weggang vom Bauhaus übernahm er an der Frankfurter Kunstschule die Metallwerkstatt. Die Frankfurter Kunstschule hatte ähnlich Zielsetzungen wie das Bauhaus. Während Dell's Arbeit in Frankfurt entstanden viele Entwürfe, die auch in der Metallwerkstatt gefertigt wurden. Mit der Machtübernahme 1933 durch die Nationalsozialisten wurde die Tätigkeit der Frankfurter Kunstschule abrupt beendet.
Dell hatte aber bereits Verbindungen zur Firma Gebr. Kaiser in Neheim-Hüsten aufgenommen. Dies mündete im Jahre 1934 in eine intensive fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Dell und Gebr. Kaiser. Unter der Bezeichnung idell wurden eine Vielzahl an Arbeitsleuchten im Baukasten-Prinzip entwickelt und produziert. Das wohl eigenständigste und unverkennbare Merkmal dieser Leuchten war das frei verstellbare Kugelgelenk, welches Schirm und Leuchte verband. Foto 5
Marianne Brandt (1893-1984): Meisterschülerin
Sie trat im Jahre 1924 als Lehrling in die Metallwerkstatt ein. Moholy-Nagy erkannte bald das aussergewöhnliche Talent von Marianne Brandt. Nach einem neunmonatigen Aufenthalt in Paris wurde sie im April 1927, da ohne Abschluss, „Meisterschülerin“ von Moholy-Nagy. In den Jahren 1928-1929 leitete sie die Metallwerkstatt. Die Firma Körting und Mathiessen, damals einer der grossen Hersteller von technischen Leuchten, besonders auch Bogenleuchten, suchte die Zusammenarbeit mit dem Bauhaus, um unter dem Namen KANDEM formschöne und funktionelle Leuchten herzustellen. Diese Zusammenarbeit kam 1928 zu Stande und sollte sich für beide Seiten als äusserst fruchtbar erweisen. Marianne Brandt hat in diesem Zusammenhang wertvolle Arbeit geleistet, die sich in der Produktion vieler Leuchten niederschlug und besonders für das Bauhaus eine wichtige finanzielle Einkommensquelle wurde. Marianne Brandt verliess 1929 das Bauhaus. Obwohl während ihrer Bauhauszeit viele Leuchten für Kandem entwickelt worden waren, hatte Marianne Brandt nachher grosse Mühe, die ihr eigentlich zustehenden Lizenzen zu erhalten. Marianne Brandt war aber auch für andere Hersteller tätig. Eine der schönsten Leuchten wurde von Ihr, zusammen mit Hans Przyrembel für die Firma Schwintzer und Gräf entworfen. Die Leuchtenserie wird heute noch von Tecnolumen hergestellt. Foto: 6
Carl Jakob Jucker (1902-1997), Wilhelm Wagenfeld (1900 – 1990): Bauhausleuchte WG24
Was nicht bekannt ist: die ursprüngliche Tischleuchte mit dem charakteristischen Glassockel, damals MT8 und MT9, wurde vom Schweizer Carl Jakob Jucker in der Metallwerkstätte entwickelt und von Wilhelm Wagenfeld mit mässigem Erfolg an der Leipziger Messe zum Preis von DM18 angeboten. Im Gegensatz dazu zeichnete sich der Entwurf von Wilhelm Wagenfeld mit einem Metallsockel aus. Die künstlerische Urheberschaft der Leuchte ist aufgrund des Fehlens von Dokumenten bis heute umstritten. Für die Variante mit dem Glasschaft werden in der neueren Literatur Jucker und Wagenfeld angegeben, wobei Juckers Anteil die Entwicklung des Glasfuss, des Lampenschaftes sowie der sichtbaren Gewinde umfasst, während Wagenfeld die Glaskuppel, deren Halterung sowie das Metallrohr im Glasschaft entwarf. Der Lampenfuss mit dem Glasschaft wurde auch noch für andere Lampenentwürfe Wagenfelds verwendet. Foto 7
C.F. Otto Müller (1932): Sistrah-Leuchtenprinzip
Im Jahre 1932 trat C.F. Otto Müller mit seinem Sistrah-Leuchtenprinzip auf den Markt. Dieses war unter den Prämissen der grösstmöglichen Helligkeit verbunden mit Blendfreiheit entwickelt worden und bestand aus einer Kombination unterschiedlicher Gläser (Kristall-Klarglas, Opalüberfangglas und Kristallglas satiniert). Diese Leuchten konnten in vielen Formen und Anwendungen eingesetzt werden. In erster Linie ist die Sistrah-Leuchte als ZahnSistraharzt-Leuchte bekannt geworden. Sistrah-Leuchten werden heute noch hergestellt von Müller & Zimmer. Foto 8.