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Das Cover von Llewyn Davis’ erster Soloplatte erinnert frappant an das 1962 aufgenommene Folkalbum «Inside Dave Van Ronk». Doch auch wenn der fiktive Llewyn Davis genauso puristisch auf traditionelle Folksongs fixiert ist wie zu jener Zeit der reale Dave Van Ronk, so ist sein Leben eine Erfindung der Gebrüder Coen und die Stimme des Schauspielers Oscar Isaac weit entfernt vom erdigen Brummen und Jaulen des «Mayor of MacDougal Street», wie Van Ronk als Mentor einer ganzen Generation von Liedermachern genannt wurde.
Inside Llewyn Davis handelt vom Ende jener kaum mehr bekannten Periode zwischen der Blütezeit politisch motivierter Folkmusik und dem Durchbruch der Singer-Songwriter der sechziger Jahre. Llewyn Davis tritt als Vertreter jener neo-ethnics auf, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die tradierten Folksongs möglichst unverfälscht am Leben zu erhalten, und sich sogar gegenüber den Beat-Poeten abgrenzten. Obwohl der Film nur wenige Monate zuvor spielt, mag der Protagonist die Anzeichen einer Umwälzungen der Folkszene im Jahr 1962 nicht erkennen.
Dass die Coens ihn und seine Musik sehr ernst nehmen, machen sie gleich zu Beginn klar, als Llewyn Davis im Gaslight Café des Greenwich Village das Traditional «Hang Me, Oh Hang Me» in voller Länge singt und dabei den Kontakt mit dem Publikum eher vermeidet als sucht. Bald stellt sich Davis denn auch als Schicksalsverwandter des Serious Man von 2009 heraus. Das musikalische und gesellschaftliche Panorama von Oh brother, where art thou? (2000) sucht man hier vergebens. Dennoch macht Llewyn Davis als antriebsloses Gegenstück zu George Clooneys «Man of Constant Sorrow» Ulysses Everett McGill ebenfalls eine Odyssee durch, um am Ende wie in einem traditionellen Folksong wieder bei der ersten Strophe anzukommen. Dass er in einer Zwischenwelt lebt, die von vornherein dem Untergang geweiht war, zeigt schon ein Blick auf die Titel der verwendeten Songs: Auf «Hang Me, Oh Hang Me» folgt «Fare Thee Well», dessen eingängige Harmonien daran erinnern, dass Davis’ erfolgreichste Zeit wohl mit dem Selbstmord seines Duopartners unwiederbringlich zu Ende ging. Die abermals von T-Bone Burnett produzierte Musik reicht von irischen Balladen bis zum Carter-Family-Klassiker «The Storms Are on the Ocean». Diesmal singen alle Schauspieler selber, teils sogar live vor der Kamera, offscreen unterstützt von Marcus Mumford und den exquisit aufspielenden Punch Brothers.
Die Spannung zwischen den Traditionalisten und den jungen Singer-Songwritern zeigt sich, als Llewyn Davis für «The Last Thing on My Mind» des Tom Paxton nachempfundenen Soldaten Troy Nelson nur Verachtung übrig hat, anstatt das Potential selbst geschriebener Songs zu sehen. Da hilft es auch nicht, dass Troy mit Llewyns Freunden Jim und Jean, die von Justin Timberlake und Carey Mulligan verkörpert werden, «500 Miles» zum Besten gibt; jenen Song, den 1962 das von Albert Grossman lancierte Folktrio Peter, Paul and Mary unsterblich machen sollte.
Inhaltliche Ansätze jenseits traditioneller Folksongs nimmt Llewyn Davis nur tangential wahr; etwa wenn er aus Geldnot seinem Freund Jim beim fiktiven Pop-Hit «Please, Mr. Kennedy» aushilft und das darauf folgende Arbeitsangebot aus Protest gegen die Kommerzialisierung ausschlägt.
Selbst als er endlich im legendären Gate of Horn in Chicago ankommt und ihn der von F. Murray Abraham gespielte Impresario Grossman auffordert, «something from inside Llewyn Davis» vorzutragen, spielt dieser ihm «The Death of Queen Jane» vor, ohne verständlich machen zu können, welche Bedeutung die britische Ballade von der schwangeren Königin für ihn hat. Prompt erntet er eine Absage. Während eine vergleichbare Szene in Walk the Line (Regie: James Mangold, 2005) den jungen Johnny Cash davon überzeugt, dass er nur mit seiner ganz persönlichen Musik Erfolg haben kann, lassen die Coen-Brüder ihren Protagonisten lediglich frustierter, nicht aber am Misserfolg gewachsen nach Hause zurückkehren.
Am Beispiel des zwanghaft scheiternden Llewyn Davis machen sie klar, warum diese musikgeschichtlich interessante Umbruchszeit heute oft vergessen wird: nicht weil die Bewahrer des Volksliedgutes schlechte Musiker gewesen wären, sondern weil sie sich der von Tom Paxton initiierten Entwicklung zum Singer-Songwriter widersetzten. So betritt am Ende dieser Epoche – quasi in Llewyn Davis’ totem Winkel – ein anderer Barde mit walisischem Nachnamen die Bühne von Gerde’s Folk City. Einer, der mit radiountauglicher Stimme persönliche Songs von seinem Leben im Hier und Jetzt singt – von «Inside Bob Dylan» sozusagen. Auch er singt vom Abschied in «Farewell», einem weiteren Titel aus dem unerschöpflichen Fundus unveröffentlichter Dylan-Aufnahmen. Ein dramaturgischer Paukenschlag, auch wenn die Aufnahme – die Coens selbst haben auf den Anachronismus hingewiesen – von 1964 stammt.
Ironischerweise gehörte ausgerechnet der reale Dave Van Ronk zu jener Handvoll Musiker, die ihre rückwärtsgewandte Phase überwinden und sich einen festen Platz in der amerikanischen Folkmusik sichern konnten. Wohl auch deshalb endet der Film mit Van Ronks eigener Version von «Green, Green Rocky Road» und schafft mit dieser vom Blues geprägten Originalaufnahme einen Kontrast zu den musikalisch stilechten, aber doch wohlklingend melodiösen Interpretationen von Oscar Isaac.