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Averroës (arabisch: أبو الوليد محمد بن أحمد بن محمد بن رشد )geboren 1126 in Córdoba; gestorben am 10. Dezember 1198 in Marrakesch; auch Averroes oder Averrhoës oder einfach Ibn Ruschd (ابن رشد) war ein spanisch-arabischer Philosoph, Arzt (Hofarzt der berberischen Dynastie der Almohaden von Marokko) und Mystiker.
Averroës verfasste eine medizinische Enzyklopädie und fast zu jedem Werk des Aristoteles einen Kommentar. In der christlichen Scholastik des Mittelalters, auf die er grossen Einfluss ausübte, wurde er deshalb schlicht als „der Kommentator“ bezeichnet, so wie Aristoteles nur „der Philosoph“ genannt wurde.
Averroës sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.
Jacob Anatoli (ca. 1194-1256) übersetzte seine Werke aus dem Arabischen ins Hebräische. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute strikt abgelehnt.
Leben und Wirken
Averroës wurde 1126 in Córdoba in eine Juristenfamilie geboren. Er studierte Recht, Medizin und Philosophie und war auch darüber hinaus ein sehr gebildeter Mensch. Im Jahre 1153 soll er von Ibn Tufail dem Fürsten Abu Yaqub Yusuf I. vorgestellt worden sein, welcher ihn in einem Gespräch fragte, was denn die Ansicht der Philosophen über die Ewigkeit des Himmels sei. Ibn Ruschd aber war eingeschüchtert und behauptete, sich nicht mit Philosophie zu beschäftigen. Also begann der Fürst ein Gespräch mit Ibn Tufail und zeigte dabei seine grosse Kenntnis der islamischen Philosophie und ihrer Fragestellungen. Ibn Ruschd begann sich dann doch in das Gespräch einzumischen und bekam schliesslich den Auftrag, alle Werke des Aristoteles neu zu ordnen und zu kommentieren, um dem Islam »rein und vollständig die Wissenschaft« zu geben. Er führte ein vielfältiges Leben, so war er 1169 Richter in Córdoba und Sevilla und 1182 wurde er Leibarzt des mittlerweile zum Kalifen gewordenen Abu Yaqub Yusuf I. Jedoch hielt er auch diese Stellung nur kurz und wurde wieder Richter in seiner Heimatstadt. Das alle spanisch-arabischen Philosophen kennzeichnende Merkmal der ungünstigen politischen Verhältnisse zu jener Zeit traf auch für Ibn Ruschd zu, die islamischen Herrscher bedurften ihrer nicht als vielmehr der Unterstützung durch Theologen. Averroës' Aufforderungen an die Menschen, ihre Vernunft zu gebrauchen, brachten ihn in Konflikt mit den Sichtweisen der islamischen Orthodoxie, und so wurde auch er nach Nordafrika verbannt, wo er am 10. Dezember 1198 in der Residenz Marokko starb.
Werk und Philosophie
Averroës war ein offener und kritischer Geist seiner Zeit. In seiner Beschäftigung mit Aristoteles ging er so systematisch wie nur möglich voran und interpretierte ihn wie niemand zuvor. Er schrieb Kommentare in mehreren Abstufungen, kürzere, mittlere und grössere und machte sich als Kommentator des Aristoteles einen Namen, sogar Dante erwähnt ihn in dieser Funktion in seiner „göttlichen Komödie“. Aristoteles ist dabei für Ibn Ruschd der vollkommenste Mensch, der im Besitze der unfehlbaren Wahrheit gewesen sei und sich den Menschen aber nur einmalig gezeigt habe. Er sei die inkarnierte Vernunft gewesen. Diese masslose Bewunderung führte natürlich auch zu allzu grosser Subjektivität und Fehlern in der Interpretation. Besonders seine Kritik an Avicenna und Fârâbî war nicht berechtigt, da er sich nicht ausreichend mit ihnen beschäftigt hatte. Seine eigene Philosophie baut sehr viel auf Logik auf, wie es von einem grossen Aristoteliker auch nicht anders zu erwarten wäre. Sie beginnt zunächst mit der Frage, ob man überhaupt philosophieren dürfe, ob es vom religiösen Gesetz her erlaubt, verboten, empfohlen oder notwendig sei. In Koran-Versen wie »Denkt nach, die ihr Einsicht habt!« findet Ibn Ruschd nicht nur die Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben nachzudenken, sondern auch, die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden, und diese sieht er eindeutig in der Philosophie und zumal in der aristotelischen Beweisführung gegeben. Aber auch Ibn Ruschd schränkt ein, dass nicht alle Menschen sich mit Philosophie beschäftigen können, sondern nur jene, die einen starken Intellekt besitzen. In Reaktion auf Ghazâlî teilt er den Koran und dessen Exegese in seinem Werk »Die entscheidende Abhandlung« in drei Gruppen ein:
• Klare und evidente Verse, die direkt und für jedermann verständlich sind (etwa „Es gibt keinen Gott ausser Gott“)
• In ihrer Aussage klare Verse, die aber darüber hinaus auch von Personen mit starkem Intellekt interpretiert und reflektiert werden können (etwa „Der Barmherzige hat sich auf dem Thron zurechtgesetzt“, für „Einfache“ so zu verstehen, dass Gott wie ein König auf dem Thron sitze, während „Personen mit starkem Intellekt“ hier schon einen Machtanspruch Gottes erkennen)
• Verse, bei denen nicht klar ist, ob sie wörtlich oder im übertragenen Sinne zu verstehen sind und bei denen folglich auch die Meinung der Gelehrten abweichen kann (etwa Verse über die Auferstehung oder Ähnliches)
Noch viel direkter greift er Ghazâlî dann aber in seiner Schrift „Die Inkohärenz der Inkohärenz“ an, der Titel ist in Anlehnung an Ghazâlîs „Die Inkohärenz der Philosophen“ gewählt. Dort hatte Ghazâlî die Philosophen vor allem deswegen angegriffen, da sie Unglauben auf Grund von drei Dingen lehrten:
• Die Urewigkeit der Welt
• Das Wissen Gottes um die Einzeldinge nur auf allgemeine Weise
• Die mögliche Auferstehung des Menschen nur mit der Seele, nicht aber dem Leibe
Ibn Ruschd antwortete auf diese drei Punkte folgendermassen:
• Der Koran sagt nirgends, dass die Welt aus dem Nichts geschaffen und in der Zeit entstanden sein soll. In den sechs Tagen der Schöpfung schwebte Gottes Thron dem Koran nach sogar „über dem Wasser“, woher davon auszugehen ist, dass die Welt schon existiert haben könnte. Solche Verse ordnet Ibn Ruschd aber der dritten Gruppe der Koran-Verse zu, wegen deren Interpretation niemand des Unglaubens bezichtigt werden dürfe.
• Die Philosophen behaupten gar nicht, dass Gott kein Wissen um die Einzeldinge hätte. Sie betonen aber, dass es anders sei als das Wissen der Menschen und dass die Menschen also gar nicht wissen könnten, was Gott alles weiss. Ihr Wissen entstehe Schritt für Schritt, während Gottes Wissen von Ewigkeit her alle Dinge umfasse und daher eine Voraussetzung dafür sei, dass die Einzeldinge nacheinander entstehen.
• Auch leugnen die Philosophen die Auferstehung nicht und lehren nichts, was im Widerspruch zum Koran stünde. Auch jene Verse ordnet Ibn Ruschd der dritten Gruppe der Koran-Verse zu, und wiederum ist er der Meinung, dass niemand aufgrund „anderer“ Interpretation des Unglaubens bezichtigt werden dürfte.
Hier setzt dann auch sein eigenes philosophisches System an, wobei es hier keine Werke mehr gibt, sondern sich seine Lehre auf seine vielen Kommentare und Kompendien zu griechischen Autoren erstreckt, wiewohl er nicht des Griechischen mächtig war. Die Wahrheit sei nach Aristoteles verloren gegangen. Avicenna und anderen wirft er vor, Philosophie mit Theologie verbunden zu haben und somit die Philosophie für Leute wie Ghazâlî überhaupt erst angreifbar gemacht zu haben. Auch Ibn Ruschd beschäftigte sich, wie fast alle islamischen Philosophen, mit dem Intellekt bzw. der Vernunft. Aber bei Ibn Ruschd hat nicht jeder Mensch seinen eigenen individuellen potenziellen Intellekt, der ihm die Glückseligkeit ermöglicht. Denn bei ihm gibt es nur einen universalen potenziellen Intellekt. Das Individuum verfügt aber nur über jene Tätigkeiten, die mit der körperlichen Existenz zusammenhängen, die von einer Seele koordiniert werden, einer Seele, die mit dem Körper verbunden ist und mit ihm vergeht. Die geistige Erkenntnis gehört also nicht in den Bereich des Individuellen.