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Mittelalter. Seit 1259 sind Juden im 1191 gegründeten Bern nachgewiesen. Juden lebten mit kurzen Unterbrüchen bis zu ihrer Ausweisung 1427 in der Stadt. Die Judengasse befand sich neben dem Inselkloster in der heutigen Kochergasse, Synagoge und Judentor standen auf dem Grundstück des Bundeshauses beziehungsweise vor dessen Haupteingang. Der Friedhof wurde ca. 1323 verkauft, zwei mittelalterliche Grabsteine sind erhalten. Das Judenviertel wurde 1901 überbaut, 2003 teilweise ausgegraben.
Die zumeist armen Juden lebten vom Geldgeschäft. Sie betrieben Pfandleihe, Klein- und Trödelhandel und erlangten einzig als Ärzte eine gewisse Berühmtheit. Schutzbriefe regelten Aufenthaltsbedingungen, Steuern, Berufstätigkeit und Religionsausübung. Ausgewiesen und verfolgt wurde die kleine Gemeinschaft nach der Ritualmordbeschuldigung von 1294 und nach Anklagen wegen Brunnenvergiftung und Weltverschwörung während der Pestzeit. 1427 verbannte die Stadt die Juden nach antijüdischer Hetze des Chronisten Konrad Justinger. Juden durften sich bis in die Mediationszeit nach 1798 nur als durchreisende Händler und Ärzte in der Stadt aufhalten.
Gemeindegründung. 1848 gründeten elsässische Juden die „Corporation der Israeliten der Stadt Bern“. Als Synagoge diente ab 1856 das Reihenhaus „Hinter den Speichern“ an der Anatomiegasse, der heutigen Genfergasse. Der Rabbiner von Hegenheim betreute die Gemeinde, und dort wurden auch die Toten bestattet. 1871 wurde der moderne Friedhof an der Papiermühlestrasse eingerichtet.
Synagoge. 1906 konnte die aufstrebende Gemeinde ihre Synagoge im maurisch-orientalischen Stil an der Ecke Kapellenstrasse/Sulgeneckstrasse einweihen. Um 1910 zählte die jüdische Gemeinde ca. 1000 Mitglieder; zahlreiche Juden waren aus Osteuropa eingewandert, unter ihnen russische Studentinnen.
Prominente. Die berühmteste jüdische Studentin aus Russland war die spätere Professorin Anna Tumarkin. Albert Einstein entwickelte seine Relativitätstheorie ebenfalls in der Bundesstadt. Der 1904 gegründete Dachverband der Schweizer Juden SIG wurde mehrmals von Mitgliedern der Berner Gemeinde präsidiert (unter anderen Robert Braunschweig und Rolf Bloch). Zwei Berner Juristen, Emil Raas und Georges Brunschvig, beide langjährige Präsidenten der Berner jüdischen Gemeinde, entlarvten im Prozess von 1933-1937 das antisemitische Pamphlet "Protokolle der Weisen von Zion" als Fälschung.
Ostjüdisches Minjan. Die jüdische Gemeinschaft brauchte bis nach dem Zweiten Weltkrieg Zeit, um die gesellschaftliche und religiöse Trennung zwischen den westeuropäischen und osteuropäischen Juden zu überwinden. Die Ostjuden besassen einen Gottesdienstraum an der Maulbeerstrasse und nahmen keine wichtigen Funktionen in der elsässisch geprägten Gemeinde wahr. Ein kleinerer kultureller Unterschied zwischen Schweizer Juden und zugewanderten Israelis wurde Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend überbrückt.
Gemeindehaus. Das gesellschaftliche Leben der heutigen Einheitsgemeinde spielt sich im 1971 erbauten, kürzlich erneuerten Gemeindehaus ab. Frauen und Jugendliche ab 18 Jahren sind seit 1973 stimmberechtigt. Mitglieder der JGB sind in der "Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft", in der "Gesellschaft Schweiz-Israel", im „Haus der Religionen“ und in zahlreichen jüdischen Vereinen aktiv, etwa 45 Kinder besuchen den Religionsunterricht oder die Jugendgruppe. Die Solothurner Juden nehmen am Gemeindeleben in Bern teil.
Struktur. Die meisten Gemeindemitglieder sind Schweizer Bürger und wirtschaftlich dem Mittelstand zuzuordnen, vermehrt zählen heute auch Israelis zur Gemeinde. Die geistliche Leitung der Gemeinde haben Rabbiner David Sandor Polnauer und der Kantor Teron Cohen inne, die organisatorische Führung obliegt dem Vorstand, der seit 1998 zum dritten Mal in Folge von einer Frau präsidiert wird, heute von Edith Bino. Die jüdischen Gemeinden Biel und Bern sind als „Jüdische Gemeinden im Kanton Bern“ seit 1997 öffentlich-rechtlich anerkannt und den Landeskirchen weitgehend gleichgestellt. Der Rabbiner wird vom Kanton besoldet.
Gedenkkultur. Abwehr von Antisemitismus und Erinnerung an die Schoah (Holocaust) gehören zum Leben der Juden: Am 9. November 1988 wurde ein Mahnmal des Künstlers Oskar Weiss auf dem jüdischen Friedhof eingeweiht, die Landesregierung war bei diesem Anlass erstmals vertreten. Am 7. Mai 1995 wurde auf Anstoss der CJA Bern die nationale Feier zum Kriegsende im Berner Münster abgehalten. Eine wichtige Funktion bei der Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und bei der Leitung des Holocaust-Fonds nahm Rolf Bloch, damaliger Präsident des SIG und früherer Präsident der JGB, wahr. Das Archiv der Jüdischen Gemeinde Bern liegt im Staatsarchiv des Kantons Bern und ist zu Forschungszwecken einsehbar.
Jubiläum und Bildung. 1998 feierte die JGB ihr 150-Jahr-Jubiläum als gut ins öffentliche Leben integrierte Gemeinde, die mit dem „Jewish College“, einer Vortragsreihe zu jüdischen Themen, während 10 Jahren auch in der Stadt präsent war. Einzelne Angebote des 2010 gegründeten Instituts für Judaistik an der Universität Bern richten sich auch an die interessierte Öffentlichkeit.
Zukunft. Die JGB bezeichnet sich als traditionell und folgt im Gottesdienst dem orthodoxen Ritus, doch ausserhalb des Gottesdienstes sind auch Frauen in die Erklärung der wöchentlichen Thoralesung eingebunden. Zu den Problemen der Gemeinde gehören Überalterung, mangelndes Interesse an freiwilliger Mitarbeit, schwindende Finanzkraft und zunehmende Säkularisierung. Doch die familiäre Gemeinde versteht es erfolgreich, die verschiedenen religiösen und politischen Strömungen unter einem Dach zusammenzuhalten.
Gaby Knoch-Mund, Enable JavaScript to view protected content.
Literatur
Baeriswyl, Armand; Kissling, Christiane: Bevor es ein Bundeshaus gab. Zur Geschichte und Archäologie des Bundesplatzes, in: Bundesamt für Bauten und Logistik/Stadt Bern/Die Mobiliar (Hg.), Neugestaltung Bundesplatz in Bern 2004, Bern 2004; S. 11-25.
Bloch, René und Picard, Jacques (Hrsg.): Geschichte der Juden in Stadt und Region Bern (Arbeitstitel), SIG-Schriftenreihe, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, Zürich 2013
Dreifuss, Emil: Juden in Bern. Ein Gang durch die Jahrhunderte, Bern 1983
Epstein-Mil, Ron: Die Synaogen der Schweiz, SIG-Schriftenreihe, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, Zürich 2008, S. 203-211
Knoch-Mund, Gaby: Geschichte der Juden in Bern. Ausstellungsbeitrag zu „Bewusstsein aufgetischt“, Mai 2005 Knoch-Mund, Gaby: Bernische Grabsteine als Zeugnisse jüdischer Tradition, in: Berns mutige Zeit, hg. von Rainer C. Schwinges. Redaktion Charlotte Gutscher, Bern 2003, S. 223
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