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Manet und Hokusai – eine Begegnung bei Regen
«… der ostasiatische Einfluss bricht sich mit der Gewalt einer notwendigen Thatsache Bahn. Diejenigen, welche ihn ferner verkennen wollen, geben sich das Zeugnis, den Ursprung der modernen Bewegung zu verkennen…».
Diese entschieden formulierte Äußerung stammt von Roger Marx (1859–1913), einer der einflussreichsten Kunstkritiker seiner Zeit. Heute, mit einer zeitlichen Distanz von weit mehr als einem ganzen Jahrhundert, können wir seine Einschätzung als eine kunsthistorische Gewissheit wiederholen: Die Verinnerlichung japanischer Stilmittel gilt als einer der wichtigsten Grundsteine für die Entwicklung der europäischen Moderne.
Die Manga-Bände von Hokusai
Ein bei Kunstschaffenden des 19. Jahrhunderts besonders geschätztes Werk aus Japan waren die Manga (15 Bände, 1814–1878) von Katsushika Hokusai (1760-1849), eine lose Sammlung verschiedener, inhaltlich nicht zusammenhängender Skizzen. Unter anderem faszinierte sie, dass es in der japanischen Kunst nichts zu geben schien, was nicht der Darstellung wert gewesen wäre: Pflanzen Tiere, Szenen des Alltags, Landschaften, Übernatürliches – all das und noch einiges mehr findet sich in den kleinen Heftchen gleichrangig vereint (Abb. 1). Diese kompromisslose Zusammenstellung ermutigte sie, die in der westlichen Tradition verankerte Unterscheidung zwischen hohen und niederen Sujets in Frage zu stellen.
Auch Edouard Manet (1832–1883) studierte und rezipierte Hokusais Manga-Bände voller Begeisterung. Besonders offensichtlich wird dies bei seiner um 1870 entstandenen Radierung Die Schlange vor der Metzgerei (Queue devant la boucherie), die zu Recht immer wieder mit der Darstellung Samurai im Regen von Seite 15 des ersten Manga-Bandes verglichen wurde (Abb. 2 und 3). Beide Darstellungen zeigen eine eng zusammengerückte Gruppe von Menschen mit Regenschirmen, die aufgrund ihrer vielen Überschneidungen miteinander verschmelzen. Darüber hinaus ist beiden Bildern gemein, dass sie darauf verzichten, den Regen selbst darzustellen: Dies hat zur Folge, dass die Reaktion auf das unwirtliche Wetter und die davon beeinflussten Körperhaltungen zum eigentlichen Bildthema werden. Der Kegelhut des japanischen Lastenträgers etwa scheint direkt auf seinen Schultern zu ruhen, gerade so als ob er keinen Hals hätte. Ihm entspricht die schirmlose helle Gestalt am linken Bildrand bei Manet, die unter einer Kapuze versteckt, stoisch im Unwetter ausharrt – überhaupt ist in beiden Bildern von keiner einzigen Figur auch nur der Ansatz des Gesichtes zu sehen. Dadurch wird die Gruppe jeweils vollkommen anonymisiert und erscheint umso mehr als ein zusammenhängendes Gebilde.
Die eigene Kreativität stimulieren
Neben den offensichtlichen Gemeinsamkeiten zeigt der Vergleich der beiden Bilder auch, wie gekonnt Manet die Begegnung mit der japanischen Kunst zur Stimulation der eigenen Kreativität nutzte. Während bei Hokusai alle Flächen und Körper durch umlaufende Konturlinien klar definiert sind, arbeitet Manet bewusst mit Auslassungen und Fragmentierungen. Die Gruppe von Regenschirmen, welche er wie sein Vorbild in mehreren übereinanderliegenden Reihen anordnet, weist mittendrin plötzlich Leerstellen auf, die vom Auge selbst ergänzt werden müssen. Einer der Regenschirme besteht gar aus nichts mehr als einem einzigen schwarz schraffierten Segment. Auch die Körper der im Regen Stehenden werden nicht von Konturlinien begrenzt. Vielmehr experimentiert Manet hier mit der Kombination von Parallelschraffuren in verschiedene Richtungen – horizontal, vertikal, diagonal –, um Anfang und Ende einer Figur anzuzeigen. Am stärksten entfernt er sich von Hokusais Bildsprache durch die schattierte Bodenfläche in Kombination mit der im Hintergrund angedeuteten Wand, die seine Figurengruppe räumlich verortet, ganz so wie es europäischen Sehgewohnheiten entspricht.