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Anselm Stalder versteht künstlerische Arbeit als einen Prozess, in dessen Verlauf das Spektrum möglicher Lösungen nicht etwa eingeschränkt, sondern wenn möglich erweitert wird. Die künstlerische Produktion ist ein generatives Kontinuum innerhalb verschiedener, parallel bearbeiteter Themenbereiche, wobei ihn insbesondere die unterschiedlichen Formen und Funktionen von Wahrnehmung und ihre bildnerische Umsetzung interessieren. Er blickt zurück, arbeitet aber doch explizit an einem offenen Horizont.
In Amden zeigte Stalder im Sommer 1999 an drei Holzhäusern Aluminiumpaneele, die wie blinde Spiegel auf die umgebende Landschaft verwiesen oder den Betrachter auf seine inneren Bilder zurückwarfen. Während die erste, in der Art eines Haussegens permanent auf die Stirnseite einer Scheune befestigte Tafel an alpines Brauchtum erinnert, evozierte die zweite Arbeit auf der Flur »Zand«, ein um 180° schwenkbarer Plakatträger, ebenfalls an der Aussenwand eines Gadens befestigt, einen ortsfremden, unbestimmt städtischen Zusammenhang. Unterhalb des Faren, wo der Maler Otto Meyer-Amden bis 1928 gelebt hatte, traf man auf die dritte, nun quadratische und dem Betrachter und dem Himmel leicht zugeneigte Tafel, die wie ein Schutzschild an dem schon von Weitem sichtbaren Gaden angebracht war. Von dort aus blickte man auf den See, den Kerenzerberg und die Himmelskuppel. Die Arbeit visualisierte die exponierte Südlage des seither für das Atelier Amden angemieteten Gebäudes, das einen Rinderstall und im Obergeschoss einen Heuspeicher umfasst, und unterstrich dadurch die Weite der Landschaft.
Nach Amden hat Stalder zwei der drei Werke weiterbearbeitet und wieder ausgestellt.1 Für die Arbeit Grosse Worte teilte er das quadratische Aluminiumpaneel von 300 × 300 cm horizontal. Die beiden Hälften werden dabei nicht flach an der Wand angebracht, sondern so in den Raum gewendet, dass sie einen sich zum Betrachter hin öffnenden Raum bilden. Die Oberfläche jenes Segments, das sich von oben dem Betrachter zuneigt, ist stumpf, die untere Teilfläche dagegen blank poliert, so dass sich Licht, Betrachter und Umgebung darin spiegeln. Material, Masse und Bauart der Tafeln sind am Design von Reklametafeln orientiert. Als Plakatträger ist auch die Arbeit Ab- und Zuwender konzipiert. Die Tafel ist an einer Längsseite senkrecht an der Wand befestigt und lässt sich um 180° schwenken. Auf beiden Seiten der Drehachse hängt eine auf Aluminium aufgezogene Fotografie. Es handelt sich um Inkjetprints eines digital bearbeiteten Fotos, auf dem eine geschlossene Tür in einem Innenraum zu erkennen ist. Das Bild auf der linken Seite ist monochrom blau und mit weissen Punkten markiert, welche Augen, Herz, Geschlechtsmerkmale, Hände und Figur einer imaginären, vor der Tür stehenden Figur anzeigen. Dieses Punktraster wiederholt sich auf dem rechten Bild, das eine seitenverkehrte Version derselben Aufnahme darstellt.
Wenn wir Grosse Worte und Ab- und Zuwender mit dem Wissen um ihre Erstpräsentation in Amden betrachten, scheint es, als verdanke sich ihre jetzige Erscheinungsweise auch Impulsen, die von der Arbeit Meyer-Amdens ausgegangen sind. Aus seinem Briefwechsel mit Künstlerfreunden ist bekannt, dass er künstlerisches Schaffen nie primär als Produktionsvorgang verstand. Der Prozess der Bildfindung war bei ihm eine Arbeit an der Form, die er immer wieder auf die Grundlagen seines Lebens rückbezogen hat. Der Erwartungshorizont des Betrachters spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Stalder fasst, wie Meyer-Amden, das eigene Werk als Versuchsanordnung auf, in der jede Arbeit auf noch unentwickelte Fragestellungen hin untersucht wird. Darin, dass Meyer-Amden Realraum als Möglichkeitsform thematisierte, liegt der eigentliche Bezugspunkt: Ich sehe in jener Arbeit Stalders, die er nach der Präsentation in Amden weiterentwickelte und dabei um das Bild einer geschlossenen Tür sowie um eine imaginäre, vor dieser Tür stehende Figur ergänzte, einen Reflex von Meyer-Amdens Die Weberfamilie im Nachbarhaus in Amden (um 1918). In übertragener Form enthält die neue, autonome Arbeit Ab- und Zuwender den Ort, für den die vorausgegangene Fassung geschaffen worden war. Meyer-Amden – der den Faren bewohnte, in dessen Nachbarschaft Stalders Arbeit zu sehen war – zeigt im Hintergrund seines Gemäldes durch eine geschlossene Tür hindurch einen Knaben, der sich umkleidet. Zu diesem Bild schrieb der Maler aus Amden an seinen Künstlerfreund Paul Bollmann: »Es stellt dar die Heimkehr des Bauern und seines Knaben aus einem Schneesturm. Die Stube, Bauernstube wo ich gerade Zuschauer war, ist in Holzwänden, bläulichweissem Kachelofen und Ruhbett mit rotem Überzug. Ich beschreibe besser das gemalte. Der Bauer hat eben das nasse Hemd ausgezogen und steht in blossen Hosen. Seine Schwester in schwarzgraublau hebt eben ausgezogene Schuhe vom Boden auf. Die Mutter mit hell (rosa und grau) carriertem Oberkleid und viel verdecktem roten Rock nimmt ein Hemd aus der Schublade. Der Knabe ist in das Stübchen gegangen, aber ich male ihn aus der Vorstellung, aber mit samt der Wand die dazwischen ist; gleichfalls sind in der Mitte des Blattes, wo er vorher gestanden, entsprechende Stellen gemalt. Dort wo die Wände grosse Flächen einnehmen, zweimal, ist, in der Luft stehend, der Eindruck gemalt der vor sich gehenden Wetters, das man selbst schon erlebt hat, und gemalt Kraft der Gedankenfolge während dem Betrachten des Bildes dieser Heimkehr.«2
– Roman Kurzmeyer
- Vgl. Roman Kurzmeyer, »Realraum und Möglichkeitsraum«, in: Marie-Louise Lienhard (Hg.), Anselm Stalder: Keine Deregulierung für die Erfindung des Nebels, Ausst.-Kat., Helmhaus Zürich, Zürich / Wien / New York 2000, pp. 45–48.
- Otto Meyer-Amden an Paul Bollmann, zit. nach Hans Christoph von Tavel / Andreas Meier (Hgg.), Otto Meyer-Amden: Begegnungen mit Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Hermann Huber und anderen Künstlern, Ausst.-Kat., Kunstmuseum Bern et. al., Bern 1985, p. 32.