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Zu Friedrich Dürrenmatt – 4. November 2019
Einst dürstete ich nach deinem Glauben
Mein Land
Nun dürste ich nach deiner Gerechtigkeit
Wahrlich
Die Ärsche deiner Staatsanwälte und Richter
Lasten so schwer auf ihr
Dass ich das Wort Freiheit kaum ertragen kann
Das du ständig im Maule führst.
So beginnt Friedrich Dürrenmatts Schweizerpsalm III.
Dürrenmatt wurde nicht als Lyriker bekannt, aber diese dritte und letzte Neuinterpretation des Schweizerpsalms, der seit 1961 die offizielle Nationalhymne ist, bringt uns zurück in die Zeit vor fünfzig Jahren.
Von den Steuerhinterziehern aller Länder unterhalten
Schenkst du General Westmoreland Whisky ein
Mit ihm nächtlich auf die Rettung des Abendlandes
anstossend.
Dürrenmatt bezieht sich hier auf den Besuch des Chief of Staff der US Army, General Westmoreland, in der Schweiz Mitte September 1969.
Der hohe Besuch dieses ehemaligen Oberbefehlshabers der US-Truppen in Vietnam bei der Schweizer Armee führte im ruhigen Land zu unerwarteten Protesten und fand deswegen weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Fünfzig Jahre später haben es die Medien versäumt, an das Jubiläum dieses Besuchs zu erinnern. Über die 1968-er Generation wurde berichtet, auch das Festival in Woodstock vom August 1969 wurde wieder thematisiert, aber zu Westmoreland gab es nur Schweigen.
An einem der Proteste nahm Arthur Villard teil, Grossrat aus Biel. Er hatte sich schon früher gegen die atomare Aufrüstung der Schweiz und für ein Waffenausfuhrverbot engagiert, war Sekretär der Schweizer Sektion der War Resisters international und meinte in einer Rede sinngemäss, dass sich auch die Schweizer überlegen müssten, ihre Dienstbüchlein zu verbrennen, wenn die jungen Männer in der USA ihre Einberufungsbefehle verbrannten und wenn die neutrale Schweiz unfähig war, sich von Amerikas Krieg in Vietnam zu distanzieren.
Ein Offizier verklagte Villard wegen Aufforderung zur Dienstverweigerung. Villard wurde in erster Instanz freigesprochen, weil zwei Polizisten, die seine Rede mitverfolgt hatten, sich nicht an den genauen Wortlaut der Aufforderung erinnern konnten. Gegen den Freispruch wurde appelliert.
Vor dem bernischen Obergericht und später vor Bundesgericht bestätigte Villard sinngemäss den Inhalt seiner Rede, statt sich auf die unklare Erinnerung der Zeugen zu berufen. Die Folge der Meinungsäusserung war eine einmonatige Gefängnisstrafe, die Villard auch antrat.
In seinem Schweizerpsalm III stellt Dürrenmatt sich nicht als Armeegegner dar (Nichts gegen deine Armee…), trotzdem kommt er zum Schluss:
Die Stütze meines Landes sind die, welche denken
Nicht jene, die mitmarschieren.
Dann fährt er fort:
Armer Villard
Das Töten verurteilend
Wirst du von einem Lande verurteilt
Das aus dem Töten Profit zieht
Deine Lauterkeit sei unser Vorbild
Deine Tapferkeit werde die unsrige
Die Tapferkeit, in einem Lande zu leben
In welchem es langsam genierlich wird
Einem Bundesrat die Hand zu reichen.
Von Dürrenmatt wohl nicht ironisch gemeint, sondern ernst.
Zurück zum Kontext vor fünfzig Jahren.
Friedrich Dürrenmatt, der nie ein Studium beendet hat, ist eingeladen, im November 1969 als Ehrendoktor der Temple University in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania gewürdigt zu werden.
Nun will auch der Kanton Bern den inzwischen weltbekannten und anderswo preisgekrönten Schriftsteller ehren. Der Kanton, in dem Fritz aufgewachsen ist und als Studienabbrecher und eher erfolgloser Autor bis 1952 gelebt hat, verleiht ihm den Grossen Literaturpreis. Der Anlass findet am 25. Oktober 1969 in Bern statt. Dürrenmatt akzeptiert den Preis und gibt ihn gleich weiter an drei Personen: Sergius Golowin, Paul Ignaz Vogel und Arthur Villard.
Villard war wohl 1969 der meistgehasste Mann des Kantons.
Die Nennung seines Namens «liess jeden im Saal erschauern», so schrieb das Thuner Tagblatt in einem Bericht zur Preisverleihung. «Nicht, dass Dürrenmatt mit diesem Arthur Villard etwas gemeinsam hätte, auch nicht, dass er ihm besonders nahestehen würde, aber niemand wäre besser geeignet gewesen, als es darum ging, die Festgemeinde und die Bürger des Kantons zu provozieren».
Dürrenmatt und der «Kryptokommunist» Villard (die Bezeichnung stammt aus demselben Bericht) sind tatsächlich verschieden.
Heute kennen wir den Begriff «Kryptowährung». Aber «Kryptokommunist»?
Der Mann, der versteckt, dass er eigentlich Kommunist ist. Der Wolf im Schafspelz. Aber dieser Villard hat in der Zeit des Weltkriegs über tausend Tage Aktivdienst geleistet.
Anders Dürrenmatt. Er hat schlechte Augen, ist deshalb nur hilfsdienstpflichtig. Auch auf frühen Fotografien wirkt er etwas übergewichtig, später wird er zuckerkrank. Er ist das Gegenteil eines richtigen, eines soldatischen Mannes.
Aber statt sich zu schämen, stellt er das Unheldische als Lösung dar. Romulus, der letzte Kaiser von Westrom, weigert sich im Stück von 1949, das Imperium zu verteidigen und bietet dem Germanen Odoaker an: «Herrsche nun du. Es werden einige Jahre sein, die die Weltschichte vergessen wird, weil sie unheldische Jahre sein werden – aber sie werden zu den glücklichsten Jahren dieser Erde zählen».
Es wurde kritisiert, Dürrenmatts Stück sei unhistorisch. Das stimmt zwar, aber es hatte keinen historischen Anspruch, und das weströmische Reich endete wirklich auf eine unüblich zivilisierte Weise. Odoaker schickte die Reichinsignien nach Ostrom. Der noch junge Romulus lebte fortan als Privatmann auf seinem Landsitz und erhielt eine jährlichen Pension.
Auf unserem Tagesausflug vom 2. November zum Thema «Friedrich Dürrenmatt, die Idylle und der drohende Atomkrieg» besuchten wir als erstes den Friedhof in Biel-Madretsch, auf dem der von Dürrenmatt geehrte Dissident Villard zusammen mit seiner zweiten Frau Paulette begraben ist, unter einem Grabstein mit dem Zitat von Victor Hugo CEUX QUI VIVENT SONT CEUX QUI LUTTENT, dem Motto des Kämpfers.
Der Tag war von uns zufällig gewählt, aber er passte für den Besuch. Seit dem 10. Jahrhundert erinnert man sich an Allerseelen an die Verstorbenen. Ein Sohn von Arthur Villard zündete eine Kerze an auf dem Grab.
«Der Schriftsteller muss die Literatur vergessen», sagte Dürrenmatt, es solle ihn «nicht die Literatur, sondern die Welt beschäftigen, in der er nun einmal lebt».
Um dem Schriftsteller näherzukommen, waren wir bemüht, uns an die Welt und die Gesellschaft zu erinnern zwischen dem Weltkrieg und den 1960-er Jahren. In der kollektiven Erinnerung bleiben die Gründung von NATO, Warschauer Pakt, BRD und der DDR 1949, der Koreakrieg 1950-53 und der Aufstand in Ungarn 1956. Eher verdrängt werden die Ablehnung des Frauenstimmrechts in der Volksabstimmung von 1959 und die Tests der Weltmächte mit immer stärkeren Atombomben, die zu einer radioaktiven Verseuchung der Atmosphäre führten.
Die Problematik des Atombombenzeitalters wurde von Robert Jungk in seinem Buch «Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher» von 1956 dargestellt. Dürrenmatt hat darüber eine Rezension geschrieben.
Die Erinnerung an den Bau der Berliner Mauer 1961 bleibt wach, sie wurde auch öfters durch die Medien aufgefrischt. Ältere Menschen erinnern sich weiter an die Expo 1964, an den Mirage-Skandal 1965, an die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und an die Mondlandung 1969.
Im Jahr 1969 wurde auch das Büchlein «Zivilverteidigung» in alle Haushalte verteilt. Besonders umstritten waren die fünfzig Seiten mit dem Titel «Die zweite Form des Krieges». Einführend erklärten die Autoren: «Die zweite Form des Krieges ist darum so gefährlich, weil sie äusserlich nicht als Krieg erkannt wird. Der Krieg ist getarnt. Er spielt sich in den äusseren Formen des Friedenszustandes ab und kleidet sich in die Gestalt einer inneren Umwälzung…»
Von Biel führte unser Ausflug nach Schernelz und auf die Festi, wo der von finanziellen Nöten geplagte junge Schriftsteller bis 1952 mit seiner Familie lebte.
In der Idylle oberhalb von Ligerz schrieb Dürrenmatt erste Theaterstücke, mehrere Hörspiele, meist für deutsche Radiosender, aber auch den Kriminalroman «Der Richter und sein Henker», der mit einem Mord am Abend des 2. November ganz in der Nähe beginnt, und den nächsten Kriminalroman «Der Verdacht».
Auf der Festi lebt die Tochter der Künstlerin, die der Familie Dürrenmatt Unterschlupf gewährte. Sie stellt dort auf kleinstem Raum Textilkunst ihrer Mutter Elsi Giauque und Postkarten und Fotografien des 2018 verstorbenen Fotographen Leonardo Bezzola aus.
Wir danken ihr an dieser Stelle für ihre Gastfreundschaft und den ausgezeichneten Festiwein!
Auf der Roche de l’Ermitage über dem ehemaligen Wohnhaus von Dürrenmatt in Neuchätel spürten wir den starken Südwestwind und genossen die Aussicht über den See, in dem sich die Sonne spiegelte, während sich über den Jurabergen dunkle Wolken türmten.
An diesem Ort sprachen wir über das Stück «Die Physiker», das Ende Februar 1962 in Zürich uraufgeführt wurde. Obwohl Kontakte zwischen Ost und West im Kalten Krieg nur sehr eingeschränkt möglich waren, wurde Dürrenmatt, der seit dem Stück «Der Besuch der alten Dame» weltweit erfolgreich war, auch im Osten übersetzt und gespielt. Das Stück «Die Physiker» schaffte es schon 1962 auf den Spielplan der Leningrader Komödie. 1963 wurde es sogar im Theater der Roten Armee in Moskau gespielt. Erst 1964 kam es in New York auf die Bühne.
Dafür lehnten die Schweizer am 1. April 1962 den Verzicht auf Atomwaffen in einer Volksabstimmung ab. Kein Aprilscherz. Abstimmen durften nur die Männer.
Als die Weltmächte Ende der 1960-er Jahre übereinkamen, die Weiterverbreitung der Atomwaffen zu verbieten, und als der Schweizer Versuchsreaktor in Lucens 1969 explodierte, setzte sich langsam die Einsicht durch, dass es zu spät war für die Entwicklung einer schweizerischen Atombombe.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ausflugs hatten schliesslich die Gelegenheit, das Centre Dürrenmatt zu besuchen und bei der Vernissage der Ausstellung «Le Grand Festin / Das grosse Festmahl» anwesend zu sein, die bis 22. März 2020 zu sehen ist. In ihr geht es um das Thema Essen und Trinken.
«Mein Sarg soll voller Kartoffelsalat und Cervelatwurst sein», wünschte sich Dürrenmatt. Es kam dann zwar anders, aber ärgern sollten wir uns darüber nicht. Besser halten wir uns an Dürrenmatt: «Wenn ich zwischen zwei Todesarten wählen könnte, würde ich mich lieber totlachen als totärgern».
Die Enthauptung auf der Aarebrücke – 7. Oktober 2019
Den Rundgang in und um Solothurn haben wir am vergangenen Samstag nicht nur durchgeführt, weil Solothurn sich rühmt, «die schönste Barockstadt der Schweiz» zu sein – eine Charakterisierung, die der ehemalige Denkmalpfleger des Kantons, Samuel Rutishauser, in seinem Kunstführer über Solothurn als «nicht zutreffend» bezeichnet.
Es ging uns auch um die Rolle, die Solothurn als Standort der französischen Botschaft zwischen 1530 und 1792 spielte, und um die Bedeutung des Ortes für das Söldnerwesen, das die barocken und klassizistischen Bauten finanzierte, die wir heute in der Stadt und der Umgebung bewundern können. Ich denke dabei zum Beispiel an die prächtige Jesuitenkirche von 1680-89, «Denkmal der Grosszügigkeit des allchristlichsten Königs Ludwigs des Grossen», wie an der Fassade unübersehbar in lateinischer Sprache verkündet wird.
Thematisch war der Rundgang auch eine Fortsetzung des Ausflugs nach Saint-Maurice vor einem Monat. Mauritius, der Anführer der Thebäischen Legion, mustert in Solothurn seit 1555 die Passanten als Brunnenfigur und verkörpert stolz die Vereinbarkeit von Krieg und Christentum.
Die heiligen Soldaten, die in Solothurn besonders verehrt werden, sind aber die Märtyrer Urs und Viktor aus dieser von Mauritius angeführten Legion. Ein Relief über dem Eingang der Sankt-Ursen-Kathedrale zeigt, wie die Heiligen geköpft werden.
Auf dem Relief des 18. Jahrhunderts findet die Enthauptung auf der Aarebrücke statt, und ich verstehe, dass die Solothurner sich ihre Stadt nicht ohne Aarebrücke vorstellen können. Denkmalpfleger Rutishauser ist da keine Ausnahme. Er schreibt, die nachweisbare Geschichte der Stadt beginne damit, dass «Kaiser Tiberius eine Strasse von Italien über den Grossen Sankt Bernhard nach Aventicum (Avenches), Vindonissa (Windisch) und Augusta Raurica (Augst) bauen liess. In Salodurum (Solothurn), wo sie die Aare überquerte, entwickelte sich rasch ein Vicus, ein kleinstädtisches Zentrum. Der genaue Standort der dazu notwendigen Brücke ist heute umstritten.»
Mein Problem: Ich kann die Notwendigkeit einer Brücke nicht einsehen.
Die Römerstrasse führte von Aventicum bekanntlich schnurgerade zur Siedlung Petinesca beim heutigen Dorf Studen südöstlich von Biel. Etwa eine halbe Stunde von dieser Siedlung entfernt muss sie den Ausfluss des Bielersees, die Zihl, überquert haben. Nachweislich führte von dort eine Römerstrasse durch den Pierre Pertuis über den Jura, während man die Spuren einer anderen Römerstrasse auf der Linie Port-Meinisberg-Altreu fand, von wo man ohne Hindernisse nach Solothurn gelangt und weiter dem Jurasüdfuss entlang nach Brugg / Vindonissa, wo die Aare an einer sehr engen Stelle einfach überbrückt werden konnte.
Zur Erinnerung: Vor der Juragewässerkorrektion floss die Aare nicht in den Bielersee und nicht aus dem Bielersee, sondern wild und ungebändigt durch die Ebene zwischen Aarberg und Solothurn. Es brauchte also bestimmt keine Aarebrücke zum Erreichen des römischen Vicus auf der Nordseite der Aare im heutigen Solothurn. Und hätte es sie gebraucht, dann hätte es noch eine weitere Brücke gebraucht irgendwo zwischen Petinesca und Büren an der Aare, um die römischen Legionäre und Zivilisten erst mal auf die Südseite des chaotischen Flusses zu bringen.
Wäre ich ein fauler Römer gewesen, hätte ich in Solothurn jedenfalls keine Brücke gebaut, sondern hätte mich mit einer Fähre für den Lokalverkehr begnügt. Aber vielleicht waren die Römer fleissig und bauten gerne Brücken.
Faul waren dagegen definitiv die Soldaten der Französischen Revolution und die Funktionäre der Helvetischen Republik in Solothurn.
Ich zitiere nochmals den ehemaligen Denkmalpfleger Rutishauser: «Nachdem die Franzosen 1798 auch in Solothurn einmarschiert waren, mussten auf Geheiss der damaligen aufklärerischen Regierung sämtliche Wappen und Insignien, die an das Ancien Régime erinnerten, entfernt werden», schreibt er.
Das Resultat der Faulheit: In der Klosterkirche der Visitation steht bis heute vor dem Chor ein Gitter, das überragt wird von den drei Lilien der Bourbonen-Dynastie. Diese Symbole der verhassten Könige habe ich in keiner Kirche in Frankreich gesehen. Hier stehen diese Lilien und erinnern mich an die Abertausenden von Schweizer Söldnern, die für die Könige gestorben sind. Auch die Franzosen haben das Schweizer Söldnerwesen bis heute nicht vergessen. Die Redewendung «Point d’argent, point de Suisse» gilt nicht als veraltet.
Man hat die Lilien, die vereinsamt in einer der vier Klosterkirchen stehen, wohl kaum je wahrgenommen oder aber schon vergessen. Kein Reiseführer erwähnt sie. Die Solothurner Bevölkerung kümmert sich nicht um bourbonische Lilien. Man sieht die Menschen am Samstag nicht in den Kirchen, sondern auf dem Markt. Die alte Innenstadt lebt, und das ist auch gut.
Kein Schweizerkreuz – 22. September 2019
Das letzte Wochenende haben wir mit einer kleinen Gruppe in Turin verbracht auf den Spuren der Savoyer-Dynastie.
Die Savoyer haben bekanntlich das Waadtland regiert, bevor es 1536 von den Bernern erobert wurde.
Den Genfern sind die Savoyer nicht nur als Grenzgänger bekannt. Sie erinnern sich auch daran, dass sie in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1602 beim Versuch gescheitert sind, die Stadtmauern zu erklettern und die protestantische Hochburg mit militärischer Gewalt wieder ins katholische Herzogtum Savoyen einzugliedern. Seither wird die Niederlage der Savoyer und der Sieg der Genfer bei der Escalade jedes Jahr im Dezember ausgiebig gefeiert, mit einem Volksfest und einem historischen Umzug.
Die Fahrt mit dem Zug fanden wir ganz reizvoll. Von Genf ging es zwischen Rhone und Jura nach Süden, dann bei sonnigem und klarem Wetter dem Ufer des Lac de Bourget entlang bis zur sympathischen Kleinstadt Chambéry. Bei der Weiterreise vom herzoglichen Chambéry ins königliche Turin schlängelte sich der TGV Paris-Mailand ganz nach unserem Motto slow travel in mässigem Tempo durch die Alpentäler hinauf nach Modane und Bardonecchia (1240 m ü. M.), bevor er vorbei an Abgründen und steilen Felswänden zur Poebene hinunter rollte bis in die Metropole Turin mit ihren grosszügigen, kilometerlangen Lauben oder portici.
Die Atmosphäre im Viertel Quadrilatero Romano in Turin an einem Spätsommerabend könnte man beschreiben oder als Filmsequenz schildern, aber selbst dort zu sein ist ein spezielles Erlebnis. Eine Erfahrung ist auch die Küche, besser als die Lektüre eines Kochbuches. Nur so viel: Nicht zufällig kommt auch slow food aus dem Piemont.
Die Hinterlassenschaft der Savoyer entdeckten wir auf unserer Reise nicht nur in den Palästen der Könige von Sardinien, sondern auch an unerwarteten Orten.
Zum Beispiel auf diesem Briefkasten der regie poste, der königlichen Postbetriebe, im ältesten Marienheiligtum der Alpen, im imposanten Santuario di Oropa. Das Zeichen sieht fast aus wie ein Schweizerkreuz, ist aber keins. Der Briefkasten, kein Museumsstück, wird täglich geleert.
Wir werden unsere Reise wohl in ähnlicher Weise wiederholen, voraussichtlich 2021, zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Eröffnung der Alpenbahn, deren Bau eine Herausforderung war für die besten Ingenieure ihrer Zeit und für die Arbeiter, die vierzehn Jahre brauchten, um ihr Werk zu vollenden.
Frühe Orte des Christentums – 8. September 2019
Vorgestern war der Himmel bedeckt. Heute morgen blicke ich aus dem Fenster: es regnet, und das Aussenthermometer zeigt 7° C.
Und gestern? Der gestrige Ausflug galt zwei frühen Orten des Christentums in der Schweiz, Avenches und Saint-Maurice. Wir wurden verwöhnt mit christlichem Wetter.
Bei der thematischen Vorbereitung des Ausflugs habe ich mich für das Leben und Sterben des burgundischen Königs Sigismund interessiert, der im Jahr 515 das älteste Kloster der Schweiz in Saint-Maurice d’Agaune gegründet hat.
Die Schweiz hatte keine Könige? Das stimmt nur halb. Die Eidgenossen hatten zwar keine Könige. Aber auf dem Gebiet der heutigen Schweiz haben Könige geherrscht und wurden Könige gekrönt.
Wer ist schwanger und schenkt der Welt das nächste royal baby? Neuigkeiten aus der britischen Königsfamilie bewegen auch in der Schweiz ein interessiertes Publikum.
Aus der Geschichte der damaligen burgundischen Königsfamilie sind nicht Schwangerschaften überliefert, sondern Verrat und Mord zwischen engen Verwandten. Schon die ersten Könige der europäischen Zivilisation hatten Mühe mit der Umsetzung des Gebots der Nächstenliebe.
Auch vor der Legalisierung des Christentums im Römischen Reich wurde reichlich Blut vergossen. Kaiser Konstantin hatte am Vorabend der Schlacht an der Milvischen Brücke, die am 28. Oktober 312 stattfand, angeblich eine Vision: er sah den Text «Unter diesem Zeichen wirst du siegen» mit einem frühen Symbol des Christentums am Himmel über dem Schlachtfeld. Konstantin gewann die Schlacht gegen eine feindliche Übermacht. Zehntausende kämpften, Konstantins Rivale Maxentius ertrank im Tiber. Das Christentum wurde 313 im Reich erlaubt. Christen lebten auch in Aventicum, und ihre Grabbeigaben im Museum von Avenches gelten heute als die ersten christlichen Gegenstände in der Schweiz.
Im kleinen Museum ist eine einzigartige Goldbüste von Kaiser Mark Aurel ausgestellt, der von 121 bis 180 gelebt hat. Dieser Kaiser ist in der heutigen Populärkultur weniger bekannt als Nero oder Caligula, denn er zeichnete sich nicht durch Brutalität oder Perversion aus. Das System der Adoptivkaiser sollte im Gegenteil bestmögliche Regierungsführung erleichtern. Marcus Aurelius war als talentierter Junge adoptiert worden vom Kaiser, den er als Vater betrachtete. Er selbst herrschte pflichtbewusst als höchster Diener des Staates, strebte nach Gerechtigkeit und versuchte, mit Hilfe der Philosophie der Stoiker Selbstüberschätzung zu vermeiden. Am Ende des Lebens schrieb er Selbstbetrachtungen nieder, die einen Einblick in sein Leben und Denken ermöglichen.
Das Kloster Saint-Maurice ist berühmt dank seinem wertvollen frühmittelalterlichen Klosterschatz. Es lohnt sich, dafür genügend Zeit einzuplanen. Die Gruppe auf dem gestrigen Ausflug hat den Rundgang durch die Ausgrabungen und die Ausstellung geschätzt.
In Vérolliez steht eine Kapelle am Ort, an dem nach der Überlieferung die Thebäische Legion hingerichtet wurde. Die Nonne, die sich um die Kapelle kümmert, berichtet, dass Pilger aus Oberägypten, die den Ort besuchen, von Gefühlen überwältigt werden.
Kein Wunder. Durch die blutigen Anschläge gegen ägyptische Kirchen in den letzten Jahren hat die Geschichte des Martyriums der Thebäischen Legion für die Kopten eine neue Bedeutung erhalten, auch wenn sie 1700 Jahre zurückliegt.
Brugg, Habsburg, Königsfelden – 11. August 2019
Bei der Vorbereitung des Tagesausflugs zu den frühen Habsburgern stellte ich mir die Frage, ob es einen logischen und chronologischen Weg gibt, der die Ursprungsorte der Dynastie in und um Brugg auf einer angenehmen Wanderung verbindet.
Die Antwort ist ja. Am 3. August waren wir mit einer Gruppe von interessierten Menschen auf diesem Weg unterwegs.
Um die Besonderheit des aargauischen Städtchens Brugg in vorindustrieller Zeit zu begreifen, muss man sich dorthin begeben, wo die mächtige Aare sich in einen schmalen Spalt zwängt. Es braucht keine besondere Ausbildung, um zu erkennen, dass dies die naheliegendste Stelle für den Bau einer Brücke ist. Das haben die Römer gemerkt, für die Brugg bald ein Verkehrskontenpunkt wurde, und nach ihnen die Habsburger. Brugg hat die Aarebrücke im Namen und im Wappen. Wenn man die Brücke nicht gesehen hat, kann man Brugg nicht verstehen.
Von der Brücke aus führt ein angenehmer Wanderweg flussaufwärts der Aare entlang nach Altenburg, wo sich Guntram, einer der Urahnen der Habsburger, zwischen den Resten eines römischen Kastells niedergelassen hat. Die Burg ist heute eine Jugendherberge. Guntram stammte aus der elsässischen Familie der Etichonen, wenn man der Chronik über die Gründung des Klosters Muri Glauben schenkt, einer frühen Gründung der Habsburger. In Altenburg wurde dann Guntrams Sohn Kanzelin geboren, und um das Jahr 985 dessen Sohn Radbot.
Radbot hat nichts Schriftliches hinterlassen, dafür spielt er eine Rolle in der Legende über die Gründung der Habsburg. Radbot jagte mit einem Habicht. Der entflog ihm, und Radbot folgte ihm durch den Wald bergaufwärts bis zur höchsten Stelle. Der Ort gefiel ihm und er beschloss, dort eine Burg zu erbauen. Weil weder er noch seine Frau Ita von Lothringen die dazu nötigen Finanzen hatte, half ihm sein Schwager, der Bischof von Strassburg.
Um zu Fuss von der Altenburg zur Habichtsburg / Habsburg zu gelangen, gibt es einen direkten Weg. Der führt ein Stück weit der Aare entlang, dann überquert man Hauptstrasse, Bahnlinie und ein Werkgelände mit Zementbauteilen und steigt direkt in den Wald, der zur Habsburg führt. So etwa muss Radbots Habicht vor tausend Jahren geflogen sein, und hinter ihm zu Fuss oder zu Pferd stellen wir uns Radbot vor. (Hinweis: Der tausendjährige Weg in den Wald ist inzwischen unterbrochen und abgesperrt – hoffentlich nicht für die nächsten tausend Jahre).
Der erste Habsburger, der 1273 deutscher König wurde, war Rudolf, der sich gerne als armer Graf darstellte, um seinen Rivalen, den mächtigen König von Böhmen, um so besser demütigen zu können. Ganz arm war er nicht, aber offenbar pragmatisch und vergleichsweise bescheiden, also nicht unschweizerisch. Wie alle frühen Habsburger reiste er viel und pflegte seine Beziehungen. Als König sorgte er auch dafür, dass seinen Söhnen die Herzogtümer Österreich, Kärnten und Steiermark als Lehen verliehen wurde.
Mehr als sechshundert Jahre lang haben die Habsburger in Österreich geherrscht. Und damit nicht genug. Was andere mit dem Kriegsgott Mars erkämpften, das fiel den Habsburgern dank der Liebesgöttin Venus in den Schoss. So zumindest formulierte es die habsburgische Propaganda. Weil man im glücklichen Österreich zielgerichtet heiratete, beherrschten die Habsburger zeitweise ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Eine Geschichte, die es auf der Welt nur einmal gibt und die in und um Brugg beginnt.
Vom Dachstock der Habsburg sieht man die ehemalige Klosterkirche Königsfelden. Sie ist ein weiterer wichtiger Ort zum Verständnis der frühen Habsburger. Dorthin gelangten wir nach einem guten Mittagessen auf der schattigen Terrasse des Schloss-Restaurants.
Unterwegs, beim Fundament des Galgens des Amtes Königsfelden, kann man anhalten und den grauslichen Mord am zweiten Habsburgerkönig schildern. Es geschah im Frühling 1308. König Albrechts Neffe Johann durchbohrte dem König mit dem Schwert den Hals, während ein Kumpan ihm von hinten den Dolch in den Rücken rammte und ein dritter Verschwörer ihm mit einer Axt den Schädel spaltete. Kein würdiger Tod für einen deutschen König, aber ein Grund, um eine Gedächtniskirche zu errichten, die der Reiseführer Baedeker als «das wertvollste Kulturdenkmal des Kantons» bezeichnet.
Innerhalb der Mauern des Klosters, zusammen mit Mönchen des Franziskanerordens und Nonnen des Klarissenordens, lebte Agnes, Tochter des Ermordeten und Witwe des Königs von Ungarn, eine reiche und respektierte Frau, in ihrem eigenen Haus, ohne ein Gelübde abzulegen. Mit ihrer Persönlichkeit, ihren Überzeugungen und ihren Fähigkeiten verstand sie es, durch Verhandlungen verschiedene Kriege zu beenden. Aus ihrer Zeit stammen die wertvollen Glasmalereien in der Kirche, die meist um das Jahr 1325 entstanden sind. Die mittleren drei der elf hohen Chorfenster stellen Passionsgeschichte, Menschwerdung Christi und Auferstehung dar.
Die seitlichen Fenster zeigen Johannes und Katharina, Paulus und Maria, Anna und Klara, Nikolaus und den heiligen Franziskus – das bekannte Bild der Vogelpredigt wurde Motiv für eine Briefmarke. Auf den untersten Fenstern erkennt man Stifterinnen und Stifter mit ihren Wappen. Die Berner, die Brugg und Königsfelden 1415 eroberten, haben die Glasfenster nicht zerstört, sondern repariert. So kam die eben aus den Rippen des Adam erschaffene Eva 1508 zu ihrer hübschen Renaissance-Gestalt.
Besançon – anfangs Juli 2019
Eigentlich habe ich den Fahrer des Schienenbusses nur gefragt, ob er die Vorhänge etwas zur Seite schieben könne, damit wir Passagiere das Gleis vor uns erblicken können während der Fahrt.
Seine Antwort: «Kommen Sie nur rein, und stellen Sie Fragen, ich werde mich bemühen, sie zu beantworten».
Der Dieselmotor sprang an, der Zug bewegte sich, fuhr gemächlich über Weichen, verliess den Bahnhof von La Chaux-de-Fonds, liess Wohnblocks und Uhrenfabriken hinter sich, beschleunigte auf der Hochebene. Dann senkte sich die Strecke gegen Le Locle zu, der Lokführer bremste, wir hielten kurz an, fuhren weiter zum Grenzbahnhof Le Locle Col-des-Roches mit seinem verlassenem Gleisfeld für längst verschwundene Güterzüge und an einem leerstehenden Hotel vorbei in den ersten Tunnel.
Dann waren wir in Frankreich, am Hang oberhalb der Strasse mit der Zollstation. Die Strecke senkte sich weiter. Sie sei seit vierzig Jahren nicht saniert worden, meinte der junge Lokführer aus Besançon. Wir sahen die nicht verschweissten, etwas unregelmässig angeordneten Gleisstücke vor uns, man hörte und spürte den charakteristischen Rhythmus eines Zuges. Pflanzen wuchsen zwischen dem Schotter, es rumpelte trotz der bescheidenen Geschwindigkeit, eine langsamere Bahnfahrt kann man sich schwerlich vorstellen, slow travel eben.
Ich wies die mitreisenden Passagiere auf das bescheidene Flüsschen Doubs hin, welches wir vor Morteau überquerten. Dann ging die Fahrt nach einem Halt weiter, gemächlich dem Fluss entlang, dann in die Höhe, vor uns ein weiterer Tunnel, der Lokführer zeigte auf den Zugang zu einem Stollen, den man gebaut hatte, um den Tunnel im Kriegsfall zu sprengen, zu einer Zeit, als Bahnlinien noch militärische Bedeutung hatten.
Am Schluss der Strecke wand die Bahnlinie sich dem hohen Felsen entlang nach unten, auf dem die bekannte Zitadelle von Besançon steht, und von oben sah man wieder den Doubs, der nach einem sehr weiten Umweg ein grosser Fluss geworden war.
In Besançon im Parc Micaud gleich neben der Bahnhaltestelle Mouillère hielt unsere kleine Gruppe vor der Statue von Louis Pergaud, dessen Buch von 1912 «La guerre des boutons» nach dreissig Auflagen immer noch verkauft wird. Dann Kaffee trinken im Café Beaux Arts, anschliessend vor dem bescheidenen Geburtshaus den Gesellschaftstheoretiker Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) vorstellen, der die These «Eigentum ist Diebstahl» geprägt hat und der als Typograph und späterer Korrektor die Texte des ebenfalls in Besançon geborenen Frühsozialisten Charles Fourier (1772-1837) gelesen und korrigiert hat.
Im Quartier Battant über die Architektur des Hôtel de Champagney staunen, einen Blick in die klassizistische Kirche der Maria Magdalena werfen, auf einer Terrasse der Place de la Révolution ein gutes Mittagessen verspeisen. Beim Weitergehen die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf das Motto VTINAM lenken, das zur Stadt gehört wie ihr Wappen, ein Adler zwischen zwei Säulen. Das Kunstmuseum besuchen mit dem römischen Neptun-Mosaik und den Gemälden von Lukas Cranach und Pierre Bonnard, dann vor dem Denkmal für Victor Hugo unter den schattenspendenden Kastanien erklären, wie der Autor darauf kam, Besançon als vieille ville espagnole zu bezeichnen.
Im Renaissance-Palast des kaiserlichen Kanzlers Nicolas Perrenod de Granvelle das Uhrenmuseum Musée du Temps besichtigen, dort Titians Porträt des Besitzers nicht übersehen, auch nicht das Porträt Karls des Kühnen ein Jahr vor seinem Tod, nicht den Wandteppich, der die Hochzeit von Kaiser Karl V mit Isabella von Portugal zeigt, die dazu führte, dass im Weltreich der Habsburger die Sonne nie unterging. Auch die allegorischen Gemälde der jungen Frau beachten, die die Franche-Comté vor der Eroberung durch Frankreich darstellen, und natürlich die Präsentation der lokalen Uhrenindustrie.
Schliesslich ein paar Schritte weitergehen auf der Grande Rue, die eine der zwei Hauptachsen der römischen Stadt Vesontio ist, bis zum römischen Triumphbogen Porte noire, der nach einer gründlichen Reinigung ganz weiss erstrahlt, und zur Kathedrale mit den Kapitellen aus dem 11. Jahrhundert, deren Darstellungen man aber kaum genau erkennen kann, weil sie so hoch oben sind und die Scheinwerfer, die die Kirche beleuchten, so blenden.
Wir haben nicht alle Sehenswürdigkeiten gesehen, und sie allein machen eine Stadt nicht aus.
Die Menschen, die am Samstag aus den Aussenquartieren, den Vorstädten und der Umgebung in die Innenstadt kommen und sie bevölkern, bringen eine lebensfrohe Atmosphäre in diese alte und gleichzeitig moderne Stadt, die bisher vom Massentourismus verschont geblieben ist.
Nachtrag zu Jacques Chessex – 12. Juni 2019
Der Tagesausflug vom 1. Juni nach Moudon und Ropraz liegt schon einige Tage zurück. Was haben diejenigen verpasst, die nicht daran teilgenommen haben?
Um 09.34 sollte von Bern aus der Zug nach Kerzers fahren, von dort ein Anschlusszug über Avenches durchs Broyetal nach Moudon, lateinisch Minnodunum. Die Stadt liegt an der alten Römerstrasse von Rom nach Helvetien. Geplante Ankunft in Moudon: 11.05 Uhr.
Aber dann, im Bahnhof Bern, die Information, dass der Zug wegen einer Fahrleitungsstörung ausfällt. Eine Umleitungsempfehlung über Lyss überzeugte uns nicht. Via Fribourg und Romont kamen wir rechtzeitig in Moudon an. Dort trafen wir schliesslich alle 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Fast alle waren pünktlich. Ein Wunder.
Im Chor der Kirche Saint-Etienne setzten wir uns auf die über 500 Jahre alten, geschnitzten Chorstühle. Es gibt da keine Abschrankung, aber Vorsicht beim Herunterklappen der Sitze! Der Ort bietet sich an, um etwas zu erzählen über die Geschichte der Verkehrswege, der Stadt, des Waadtlandes und über Peter II von Savoyen, der im 13. Jahrhundert die savoyische Herrschaft in der Waadt und bis Bern weiterentwickelte.
Von den Chorstühlen aus sieht man die savoyischen Herrschaftszeichen an der Decke, die zur Zeit der Reformation und der bernischen Herrschaft übertüncht waren: das Motto der Dynastie, eine Abkürzung in vier Buchstaben, sowie den Knoten in der Form einer 8, wie am Gebäude in der Altstadt, das als Maison des Etats des Vaud bezeichnet wird.
Moudon, laut Chessex wegen häufigem Regen und Nebel als “Nachttopf des Kantons” bekannt, ist ein kleines Städtchen. Und doch reichte die Zeit auch bei unserem Ausflug nicht für alles.
Im Museum von Alt-Moudon, in einer Sonderausstellung zum Thema Justiz, wäre eine Niederschrift von 1577 des althergebrachten und von Bern anerkannten Rechts zu sehen, le coutumier de Moudon, zusammengestellt dank der grossmütigen Unterstützung der Gnädigen Herren von Bern.
Verpasst haben wir mit der Gruppe auch das sehenswerte Museum Eugène Burnand. Der naturalistische Maler wurde als Offizier der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet.
Den Besuch beider Museen empfehlen wir im Nachhinein wärmstens.
Am Nachmittag des 1. Juni die Busfahrt nach Carrouge im Haut-Jorat. Das Dorf ist die Heimat des Poeten Gustave Roud, der Jacques Chessex beeinflusst hat. Über ihn gibt es ein Filmporträt des Westschweizer Fernsehens RTS von 1965, ein frühes Werk des Filmemachers Michel Soutter, der zu den Pionieren des nouveau cinéma suisse gehört. Man muss sich Zeit lassen für den Film in schwarz-weiss, er dauert 31 Minuten. Man könnte es «slow TV» nennen, in Analogie zu slow food und slow travel : https://www.rts.ch/archives/tv/culture/personnalites-suisses/4101192-gustave-roud.html
Nach einem Spaziergang, der in der sommerlichen Hitze etwas Anstrengung abverlangt, Ankunft im Dorf Ropraz, in dem der streitbare Jacques Chessex gelebt hat.
Die Rettung. Alain Gilliéron von der Fondation L’Estrée versorgt und verwöhnt unsere Gruppe sehr grosszügig mit Wasser, Weisswein, Kuchen und Erinnerungen an den befreundeten Schriftsteller. In der Kapelle neben dem Café de la Poste liest er uns das Gedicht La Mère.
Am 16. April 1942 wurde der jüdische Viehhändler Arthur Bloch in Payerne ermordet, von einer Gruppe lokaler Nationalsozialisten. Chessex, in Payerne geboren, war damals acht Jahre alt. Die Tochter des Mannes, der sich schon als Gauleiter sah, besuchte seine Klasse. Un juif pour l’exemple beschreibt den Mord genau. Als das Buch anfangs 2009 erschien, wurde Chessex angefeindet. Im Oktober desselben Jahres starb er während einer Veranstaltung in der Bibliothek von Yverdon. Zum Gedenken an seinen Tod sind 2019 verschiedene Gedenkveranstaltungen geplant.
Jacques Chessex hat mehrmals über den Friedhof geschrieben, neben dem er früher lebte und in dem er heute liegt. Tod und Sexualität: Chessex hat heikle Themen behandelt. Kompromisslos.
Manchmal war er nicht nur ehrlich, sondern auch provokativ. In seinem Text On est de Berne, der im Portrait des Vaudois von 1969 zu finden ist, beschreibt er die bernischen Eroberer der Waadt, la bande à Naegeli.
Mit der Armee der Eroberer von 1536, deren Gutturallaute die Waadtländer nicht verstehen können, fährt ein begeisterter Passagier mit. D’un fourgon aux essieux grinçants sort la tête exultante de Charles Gilliard, und später: On est de Berne! crie Charles Gilliard qui sautille en battant les mains. Und so geht es weiter.
Gilliard war auch mal Gymnasiallehrer in Lausanne, wie Chessex, aber Lehrer für Latein. Nach eingehendem Studium der mittelalterlichen Originaldokumente publizierte er 1929 ein 732 Seiten starkes Werk über die Verwaltung von Moudon durch die Savoyer, akribisch recherchiert, voller Quellenangaben, 1935 dann ein Buch über die Eroberung der Waadt durch die Berner. Ohne die Berner hätte die Reformation in Genf kaum überlebt, glaubt Gilliard, und er meint, dass die bernische Zeit entscheidend gewesen sei für die Herausbildung einer eigenen Identität der Waadtländer.
Die Ansicht ist plausibel. Um eine weitere konfessionelle Spaltung der Eidgenossenschaft zu verhindern, überliessen die Berner nämlich weite Gebiete der früher savoyischen Waadt den katholischen Freiburgern und Wallisern. Die Menschen, die dort lebten, waren bald nicht mehr Waadtländer, sondern wurden Freiburger und Walliser.
Klar ist mir, dass Chessex mit Gilliard nicht einverstanden war. Aber warum?
Charles Gilliard starb 1944. Er konnte sich nicht wehren gegen den Platz auf einem Wagen mit quietschenden Achsen inmitten der bernischen Streitmacht , den Chessex ihm 1969 zuwies. Und da auch Chessex vor zehn Jahren gestorben ist, können wir ihm dazu keine kritischen Fragen mehr stellen.
Bei den Savoyern – 24. Mai 2019
An zwei Tagen Mitte Mai fegte eine stürmische Bise über Savoyen und sorgte für kühles Wetter mit blauem Himmel. Wir benutzten die Zeit für eine Fahrt nach Chambéry und den Lac de Bourget.
Die Reise war erholsam, diente aber auch der Vorbereitung der ersten mehrtägigen Reise von chtour.ch, die vom 11. bis 18. September 2019 stattfindet. Dabei geht es um die Dynastie der Savoyer.
Wir wissen jetzt, wie viele Minuten zu Fuss man vom Bahnhof Chambéry zum Hotel braucht. Wir wissen auch, in welches Restaurant wir die Teilnehmer am ersten Abend zu einem innovativen menu découverte einladen wollen, und welche bretonischen Buchweizen-galettes wir für ein leichtes Mittagessen empfehlen können. Und wir werden uns bewusst, wieviel es in Chambéry zu sehen gibt und wozu die Zeit nicht reicht.
In Aix-les-Bains haben wir uns die Haltestelle gemerkt, wo der Bus zum Hafen fährt. Am Hafen Parks, eine Strandpromenade, Restaurants, und das Schiff zur Abteikirche am gebirgigen Ufer, wo Mitglieder der Dynastie begraben sind. Das grösste Grabmal ist ausgerechnet dem Grafen gewidmet, der für die bernische Geschichte eine besondere Rolle spielt.
Die Altstadt von Chambéry war für uns eine Überraschung. Es gibt einige malerische Winkel, noch nicht restaurierte Innenhöfe.
Nach unserem Besuch habe ich die Schriften des savoyischen Patrioten gesucht, dessen Statue den Treppenaufgang zum herzoglichen Schloss überragt. Joseph de Maistre lebte während der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege im Exil, zuerst im bernischen Lausanne, dann als Vertreter des Königs von Sardinien in Sankt Petersburg. Seine Publikationen bereiteten die monarchistische Restauration Europas vor, die am Wiener Kongress beschlossen wurde.
Vor Chambéry ist aber am 1. Juni die Stadt Moudon auf dem Programm, die savoyische Hauptstadt des Waadtlandes. Und die wuchtige Literatur des Jacques Chessex.
Maibummel – 8. Mai 2019
Für den 4. Mai lautete die Wetterprognose: anhaltender Regen, der in Schnee übergeht.
Der angekündigte Maibummel fand trotzdem statt. Am Zielort im luzernischen Ruswil besichtigte die kleine, für jedes Wetter ausgerüstete Gruppe die 55 Meter lange, imposante Dorfkirche mit ihrem illusionistischen Deckengemälde, das den Blick frei gibt auf einen blauen Himmel, in dem die Muttergottes entschwindet.
Erst als wir aus der Kirche traten, begann der Regen. Wir spannten die Regenschirme auf und gingen zur nahen Bushaltestelle. Starker Regen prasselte während der Fahrt an die Scheiben. Am späten Abend verwandelten sich die Regenfälle in einen Schneesturm. Und gestern sahen die Voralpen im Gantrischgebiet so aus – weiss mit schwarzen Felsen.
Wenn man zu Fuss zwischen zwei Dörfern im Mittelland unterwegs ist, sieht man, wie sehr das Land zugebaut ist. Man kann sich darüber ärgern. Man kann sich auch freuen an den Bildausschnitten, die den Eindruck von Ursprünglichkeit vermitteln. Erfreulich ist jedenfalls, wie die Bevölkerung ihre jahrhundertealten Heiligenstatuen erhalten hat.
Vor der Kapelle von St. Ottilien warten wir kurz, bis ein Kleinkind getauft ist. Dann können wir eintreten und die Votivbilder in den Seitenkapellen genauer anschauen, die sonst mit Eisengittern abgeschlossen sind. Die Bilder zeugen davon, dass die heilige Ottilie in der Vergangenheit bei Augenleiden geholfen hat.
Vielleicht kann Ottilie nicht nur bei der Sicht helfen, sondern auch bei der Sichtbarkeit? Wir wünschen uns jedenfalls noch eine verbesserte Sichtbarkeit von chtour.ch in den Medien.
Ein erstes Resultat gibt es zu erwähnen. Henriette Brun-Schmid von der Könizer Zeitung hat einen Artikel geschrieben über unseren Versuch, eine neue Art des Reisens zu entwickeln. Um ihr ein Beispiel für unbekannte Kultur in der Nähe zu zeigen, bin ich mit ihr nach Hindelbank gefahren
Auferstehung kann man sich schwer vorstellen, bis man die Skulptur gesehen hat, von der der Tourist Johann Wolfgang von Goethe berichtet hat.
Den Artikel, der Ende April erschienen ist, finden Sie hier.
Chambrelien – Ostern 2019
Mit dem Schnellzug in die Natur?
Das kann doch nicht sein. Schnellzüge halten in den Städten.
Aber eine Ausnahme gibt es.
Wer mit dem Zug von Bern über Neuenburg nach La Chaux-de-Fonds fährt, erlebt, dass der Zug kurz hält und dann in entgegengesetzter Fahrtrichtung weiterfährt. So ist es seit 1859. Jeder Zug muss hier wenden.
Während der Bundesrat 2018 vorgeschlagen hat, den Kopfbahnhof mit einem Tunnel zu umfahren, beschliesst der Ständerat im März 2019, eine neue Bahnlinie zwischen den beiden grossen Städten des Kantons zu bauen.
Chambrelien liegt 44 Minuten von Bern. Der Bahnhof ist nicht bedient. Das Bahnhofbuffet scheint verlassen. Einige Pendler haben ihre Autos abgestellt.
Man hört das Motorengeräusch des wegfahrenden Zuges, dann nur noch summende Insekten.
Ein Werktag vor Ostern, Frühlingshitze, frisches Grün, Blüten. Der Wanderweg führt in die Kalksteinfelsen am Südhang über der Areuseschlucht. Gegenüber auf der anderen Talseite die dunkle Wand des Creux-du-Van.
Zwei Lebewesen, Gemsen, die sich verwundert nach mir umblicken.
Ein Aussichtspunkt. Weit unten in der Schlucht erblickt man die Bahnlinie Neuenburg-Pontarlier mit ihren Tunneln. Die Tunnel sind breit, für eine Doppelspur gebaut. Die ist nicht mehr notwendig. Die direkten Züge von Bern nach Paris, die von Bern in den Westen fuhren, verkehren hier schon lange nicht mehr. Der verbleibende direkte TGV macht einen Umweg über Mülhausen, über 100 Kilometer im Norden.
Der Weg nähert sich langsam den Geleisen. Neue Gitternetze schützen die Bahn vor Steinschlag. Die Steinbrocken auf dem Wanderweg zeigen, dass es die Netze braucht.
Nach einer guten Stunde komme ich zur Bahnhaltestelle Champ-du-Moulin. Unten am kühlen Fluss ist das Hôtel de la Truite. Tische und Stühle stehen draussen an der Sonne. Der Mann an der Bar wünscht sich für Ostern viele Besucher.
Die Qual der Wahl: dortbleiben, weiter flussaufwärts wandern, weiter flussabwärts. Abwärts geht es leichter, das Tal ist breit, Jogger rennen, Familien wandern, es zeigen sich keine Gemsen mehr. Das Tal verengt sich, der Fussweg führt über Treppen und Brücken durch eine dramatische Schlucht, bis sich diese wieder weitet.
In Boudry, kurz vor der Tramhaltestelle, das Geburtshaus von Jean-Paul Marat, ermordet in Paris in der Badewanne. Aber das ist eine andere Geschichte.
Vergangenheitsbewältigung – 7. April 2019
Das Schloss Trachselwald zeigte sich beim gestrigen Tagesausflug von seiner düsteren Seite. Die Sonne, die sich anfänglich über dem tiefen Morgennebel erhoben hatte, versteckte sich. Ein bissig kalter Wind wehte durch den Innenhof. Nassschnee löste sich von den steilen Dächern und zerplatzte auf dem grauen Pflaster, während Martin Hunziker, langjähriger Pfarrer der Langnauer Täufergemeinde, erzählte, wie Trachselwald jahrhundertelang das Zentrum der Verfolgung der Täufer war, die sich weigerten, ihre Kinder taufen zu lassen, Kriegsdienst zu leisten und den Treueeid auf die Obrigkeit zu schwören.
Im Turm stiegen wir auf engen, steilen Treppen nach oben. Eiserne Handschellen und ein schwerer, verschliessbarer Balken mit Öffnungen für die dünnste Stelle der Unterschenkel diente zur Fixierung von gefährlichen Gefangenen im sogenannten Mörderkasten.
Der Bauernführer Niklaus Leuenberger war 1653 im Turm gefangen, bevor man ihn auf der alten Landstrasse über die Wägesse nach Bern brachte, wo er zum Tod verurteilt, geköpft und zur Abschreckung der Bevölkerung gevierteilt wurde.
Sobald wir das Schloss verliessen, zeigte sich die wärmende Sonne. Wir wanderten über eine Anhöhe mit Blick auf die Hochalpen und erreichten schliesslich den Haslebacher Hof, auf dem der letzte in Bern hingerichtete Täufer lebte. Die Familie Haslebacher hütet hier ihren Stammbaum, Tonaufnahmen des Haslebacher Lieds und andere Erinnerungen an Besuche bei den Amischen in Pennsylvanien sowie eine 1553 gedruckte Bibel, die wohl dem berühmten Vorfahren gehört hat.
Warum Trachselwald besuchen?
Zur Vergangenheit Berns gehört auch Trachselwald.
Der Ausflug nach Trachselwald folgte auf einen Stadtrundgang durch das UNESCO-Weltkulturgut Berner Altstadt. Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Die Landvogtei Trachselwald und der spätere Amtsbezirk Trachselwald grenzen im Osten an das Luzernbiet, das wir auf einem Ausflug am 4. Mai erkunden.
Der gute Schächer – 3. März 2019
“Der gute Schächer”, so wird die Glasmalerei von 1449 genannt, die auf der Ankündigung für unseren gestrigen Rundgang durch Berns Altstadt abgebildet ist.
Sie ist Teil eines Zyklus, von dem nur noch ein Teil der Scheiben erhalten ist.
Jede Bernerin, jeder Berner ist im Münster gewesen. Aber wer hat das Bild beachtet?
Ich selbst bin da keine Ausnahme. Erst die böse Absicht, den Bernern auf einem Rundgang Dinge zu zeigen, die sie in ihrer eigenen Stadt weder beachten noch verstehen, hat mich zu einer Beschäftigung mit den Glasmalereien im Münster geführt.
Ich habe die kleine Gruppe von Teilnehmern auf unserem Rundgang gefragt, was sie auf dem Bild sehen.
«Ein Mann, auf ein Kreuz gebunden, aber nicht Jesus. Und ist da noch eine zweite Person?»
Schächer ist ein altes Wort, es bedeutet wohl am ehesten Raubmörder.
Zwei solche Verbrecher werden mit Jesus hingerichtet. Der eine bereut seine Taten und bekehrt sich. Der sterbende Jesus, ans Kreuz genagelt, verspricht ihm, dass er noch am selben Tag ins Paradies kommt.
Man sieht auf dem Bild, wie die als Gestalt in der Grösse eines Kindes dargestellte Seele des Verbrechers von einem Engel aufgenommen wird.
Der Grundstein für das Münster wurde sechs Jahre nach der Eroberung des Aargaus gelegt, in einer Zeit, in der ein neues Selbstbewusstsein nach einer neuen Kirche verlangte.
Nach dem Einsetzen der Glasfenster fehlte noch eine wichtige Reliquie. Aber nicht lange. Den Kopf des heiligen Vinzenz stahl ein schneller Berner in Köln.
Was geschah mit dem Kopf nach der Reformation?
Sonderheft Reisen – 20. Februar 2019
Heute morgen beim Kaffee stosse ich beim Durchblättern der Post auf das Sonderheft Reisen, eine Beilage in der Gratis-Zeitschrift des Unternehmens, das als Konsumverein angefangen hat.
Auf sieben Seiten werden sieben Gründe für eine Reise auf die Insel La Réunion im Indischen Ozean vorgestellt. Am Schluss erfahre ich als Leser, dass ein Schweizer Reisebüro eine Wanderreise dorthin anbietet, fünfzehn Tage ab 5450 Franken. «Reisen Sie! Schauen sie über ihren Tellerrand hinaus!» Das fordert der Redaktor in seinem Editorial.
Die Sonne scheint durchs Fenster. Die Ferne lockt, und jetzt, wo es in Europa Frühling wird, soll ich als Mensch, der über den Tellerrand blickt, Wanderferien auf der Südhalbkugel planen. Treibhausgase? Halb so schlimm. Endlich schneefreie Alpen, und Blumen auf der Blüemlisalp.
Ein anderer Artikel macht mir eine Reise nach Las Vegas schmackhaft. Stolz wird erwähnt, dass Las Vegas vor hundert Jahren nicht viel mehr war als ein kleiner, staubiger Bahnhof. Eine Bahnstation in der Wüste, wo Fernzüge sich kreuzen – dafür könnte ich Fernweh entwickeln. Ich sässe dort auf einer Bank und hätte Zeit, nochmals Dschingis Aitmatov zu lesen.
Zurück zur Realität.
Was suchen wir beim Reisen? Was zieht uns an, worin liegt der Reiz?
Es ist die Veränderung, die Andersartigkeit. Es sind die kulturellen Unterschiede.
Um diese Unterschiede zu spüren, muss man in Europa nicht weit reisen, sondern aufmerksam.
Aber kann man kulturelle Unterschiede wahrnehmen, wenn man seine eigene Kultur kaum kennt?
Auf dem Tisch neben der Kaffeetasse liegt ein grossformatiges Buch, 675 Seiten Glanzpapier, es gehört der Nationalbibliothek: die Glasmalereien im Berner Münster.
Wenn man einen Rundgang durch die Berner Altstadt organisiert, kann etwas Vorbereitung nicht schaden.
Tulpen und andere Blüten – anfangs Februar 2019
Kürzlich in Bern an der Ferienmesse, die jeweils im Januar stattfindet. Wir fragen uns, ob es sich lohnen würde, das Angebot von chtour.ch beim nächsten Mal an einem Stand vorzustellen.
Den Besuchern werden Flugreisen und Carreisen angeboten, auch Wanderreisen, wenige Kulturreisen.
Das unsichtbare Prinzip der Anbieter: Das Reiseziel muss weit weg sein. Gut sind Südafrika, Kanada und Australien.
Denn die Veranstalter müssen Geld verdienen. Sie verdienen mit ihren Prozenten auf den Kosten für Transport und Unterkunft. Je weiter die Reise geht, desto eher können sie ihre Fixkosten decken, überleben, einen Profit erwirtschaften. Reiseziele in der Nähe anzubieten lohnt sich kaum.
Und doch gibt es Reiseziele in Europa. Man kann mit dem Car nach Holland fahren, um die Tulpenblüte zu sehen.
Die Cars stehen in einer Halle, sie sind sauber und komfortabel, sehen besser aus als die osteuropäischen Cars, die für ein paar Stunden beim Bärengraben halten, um den fernöstlichen Touristen einen Spaziergang in der Berner Altstadt zu erlauben, bevor sie abends in ein Hotel jenseits der Landesgrenze gefahren werden.
Dass die Tulpen auch hierzulande blühen, erfährt man an der Ferienmesse nicht. Im April blühen sie beispielsweise am Tulpenfestival auf der Promenade am Genfersee, in Morges.
Die SBB hat an der Ferienmesse keinen Stand, um die Besucher an das Tulpenfestival nach Morges zu locken. Verständlich. Der Umsatz der Fahrkarten nach Morges rechtfertigt die Ausgaben für einen Stand nicht. Vielleicht wird der Besuch der Tulpen am Genfersee dafür an einer Ferienmesse in Holland angeboten, wer weiss?
Dafür zeigt die BLS Präsenz.
Beworben werden nicht Reisen in die Region, die die BLS auf den Reklametafeln in ihren Vorortszügen “Bijouland” getauft hat.
Angeboten werden von der BLS Gruppenreisen nach Spitzbergen oder nach Mahé, Seychellen. Bahnreisen gibt es auch. Anreise jeweils per Flugzeug.
Wenn wir uns nicht wehren, bestimmt die ökonomische Logik den Ort unseres Fernwehs.