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Dank der leidenschaftlichen Satzanalysen meines Grossvaters hatte ich sehr rasch lesen gelernt. … Zu Hause machte ich von meinen Lesefähigkeiten reichlich Gebrauch. … Mein Interesse am Lesen war so auffällig, dass mein Vater sehr früh begann, mir Bücher zu schenken, vor allem Geschichtsbücher, und die Bücher, die ich meinem Vater schenkte … habe ich regelmässig zunächst selber gelesen.
Später habe ich auch die Text der Ullsteinschen Weltgeschichte gelesen, denn ich wollte immer dem Unterricht voraus sein, in der Klasse ging mir alles viel zu langsam. …. Wenn ich heute eines dieser Bücher aus dem Regal ziehe und die vielen Eselsohren sehe, dann fühle ich mich zurückversetzt in jene Zeit, in der es so vieles zu entdecken gab. …
Eine Facette meiner Zuneigung zu Büchern ist meine grosse Lust, selbst zu schreiben und zu fabulieren.
Ich habe viel gelesen in meinem Leben, und wenn ich mit Menschen zusammenkomme, die Gelegenheit hatten, sehr viel mehr zu lesen als ich, empfinde ich einen leichten Anflug von Traurigkeit, dass ich diese Zeit nicht besessen habe. Und dennoch: es verging kein Tag, auch in meiner Zeit als Bundeskanzler nicht, wo ich mir nicht eine nächtliche Stunde oder mehr für die Lektüre von Büchern reserviert hätte.
Bruno Kreisky. Zwischen den Zeiten. Memoiren, Teil I. K & S: Wien/München/Zürich, 2000. (80-85)