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Die Brasilianer sind sich einig: Es waren erfolgreiche und schöne paralympische Sommerspiele. Am Sonntag sind sie zu Ende gegangen. Ihr größtes Vermächtnis sind nicht die 72 von den brasilianischen Athleten erzielten Medaillen und zahlreiche Rekorde, sondern eine Veränderung in den Köpfen.
Anders als erwartet, haben die Paralympics ein breites Publikum erreicht und deutlich gemacht, dass die Sportler mit Behinderungen keineswegs bedauernswert, sondern wie andere auch zu gewaltigen Leistungen in der Lage sind.
Viele Momente werden von den Paralympics Rio 2016 in Erinnerung bleiben, wie der vom Bocciateam in der Kategorie BC3, bei dem die Bälle mit Helmaufsätzen oder dem Mund über Rampen in Richtung Zielkugel angestoßen wurden und die Brasilianer das Finale gegen Südkorea gewonnen haben.
Spektakulär hat aber schon die Eröffnung angefangen, bei deren Zeremonie Para-Athlet Aaron Whelez mit einem Rollstuhl eine 15 Meter hohe Rampe hinunter gefahren ist, um mit einem Salto samt Rollstuhl durch die Countdown-Null zu springen.
Mit tosendem Applaus war Márcia Malsar bedacht worden, als sie unter strömenden Regen nach einem Sturz mit der paralympischen Fackel ohne Hilfe einfach wieder aufgestanden und die Strecke weiter voran geschritten ist. Sie hat 1984 beim 200m-Sprint die erste paralympische Goldmedaille Brasiliens geholt.
Nicht weniger Emotionen gab es im “Estádio Aquático“ als Susana Ribeiro gemeinsam mit Clodoaldo Silva, Joana Maria Silva und Daniel Dias in der 4x50m Freistilstaffel auf das Siegerpodest gestiegen ist und die Silbermedaille umgehängt bekommen hat.
Im Triatlhon hat Susana mehrere Titel erzielt und Brasilien ebenso beim Ironman vertreten. Das war vor der Diagnose der neurodegenerativen Erkrankung Multisystematrophie (MSA) im Jahr 2005. Danach musste sie das Schwimmen wiedererlernen.
Weil ihre Krankheit in den vergangenen Jahren stark fortgeschritten ist, war bis kurz vor den Paralympics ihre Teilnahme an den Wettkämpfen nicht sicher. Bei der Freistilstaffel war der Einsatz der 48-Jährigen hingegen ausschlaggebend für den Erfolg des brasilianischen Teams.
Ein weiterer Schwimmstar ist Daniel Dias. Weil er in allen Wettkämpfen, bei denen er angetreten ist, danach auf das Siegerpodest gestiegen ist, nennen ihn seine Fans Michael Phelbs der Paralympics.
Bei den Teilnahmen an drei Paralympics-Ausgaben hat er 24 Medaillen erreicht und damit mehr erzielt als der bisherige Rekord (23), der vom Australier Matthew Cowdrey aufgestellt worden war. Allein bei Rio 2016 hat Daniel Dias neun Edelmetalle geschafft. Der 28-Jährige hat das Publikum aber auch wegen seiner sympathischen Art und mit seinem strahlenden Lächeln erobert.
Die Welt bewegt hat ebenso der italienische Ex-Formel-1-Rennfahrer Alessandro Zanardi. Nachdem er bei einem aufsehenerregenden Unfall auf der Piste vor 15 Jahren beide Beine verloren hat, hat er beinahe auf den Tag genau 15 Jahre nach dem Unfall Gold beim Handbike-Rennen (H5) geholt.
Unvergeßlich wird den Brasilianern die Freude der jungen Italienerin Beatrice Vio bleiben. Die nach ihrem Goldgewinn beim Fechten einen wahren Freudentanz im Rollstuhl aufgeführt hat.
Einen unglaublichen Kraftakt hat der Iraner Siamand Rahman geleistet. Er hat beim Gewichtheben seinen eigenen Rekord von 296 Kg gebrochen und mal eben 310 Kg in die Höhe gestemmt.
Rekorde haben die Para-Athleten bei Rio 2016 etliche gebrochen. Insgesamt waren es 193, drei davon stammen von Brasilianern. Ein ganz besonderer ist jedoch der Publikumsrekord der Paralympics. An einem einzigen Wochenende sind im olympischen Park 167.000 Besucher gezählt worden, 10.000 mehr als am stärksten Tag der Olympiade.
Nicht bewahrheitet hat sich die Befürchtung, dass die Sportler der Paralympics in leeren Stadien antreten müssen. Kurz vor Beginn und noch während der Spiele sind 2,1 Millionen Eintrittskarten verkauft worden, nur in London 2012 waren es 200.000 mehr.
Auf die Probe gestellt worden ist aber auch das Publikum. Das durfte beim Fußball ganz gegen ihre Gewohnheit ihre Seleção nicht lautstark anfeuern, weil die blinden Spieler die Stille benötigt haben, um den Ball zu hören. Um so stärker wurde nach Spielende gefeiert, besonders dann, als Brasilien im Fünfer Fußball zum vierten Mal in Folge den Titel geholt hat.
Die Brasilianer haben zwar ihr Ziel verfehlt, beim Länderranking den fünften Platz zu erreichen. Sie haben jedoch mit ihren erzielten 72 Medaillen (14 Gold, 29 Silber, 29 Bronze) einen neuen historischen Rekord Brasiliens aufgestellt. Beim Länderranking sind sie indes mit 14 Goldmedaillen auf dem achten Platz gelandet.
Mit 289 Athleten sind soviele Brasilianer wie nie zuvor bei den Paralympics angetreten. Sie waren in 99 Finalen vertreten und haben in 13 verschiedenen Disziplinen das Siegerpodes bestiegen. Spitzenreiter sind die Leichtathleten, die für 33 der insgesamt erzielten Medaillen verantwortlich sind.
Sie haben Wort gehalten und ihr Versprechen, täglich für mindestens eine Medaille zu sorgen, bei Weitem erfüllt. Sportminister Leonardo Picciani spricht von einer „außerordentlichen Beteiligung“ und verspricht künftig eine stärkere Förderung des Para-Sports in Schulen, Trainingszentren und über finanzielle Beihilfen für die Athleten.
Insgesamt sind in den elf Tagen 529 Goldmedaillen, 529 Silber und 539 Bronze an die besten der 4.342 teilnehmenden Athleten aus 163 Ländern vergeben worden. Erzielt worden sind sie bei 528 Wettkämpfen in 23 verschiedenen Disziplinen.
Auf das Siegerpodest sind Sportler aus 82 Ländern gestiegen. Gold ist an die Sportler von 63 Ländern gegangen. Allein die chinesischen Athleten haben 107-mal Gold erreicht, 81 mal Silber und 51 mal Bronze.
Musikalische Abschlußfeier
Voll besetzt war das Maracanã-Stadion auch bei der Abschlußfeier am Sonntag (18.). Sie ist als musikalisches Spektakel inszeniert worden, bei dem Gruppen wie “Nação Zumbi” und “Batuqueiros do Silêncio” und Sänger wie Saulo Fernandes, Ivete Sangalo und Vanessa da Mata das Publikum mit den verschiedenen Rhythmen des Landes begeistert haben.
Athletische Einlagen gab es von einer Rollstuhlfahrergruppe.
Überreicht worden ist bei der Abschlußfeier ebenso die Prämie “Whang Youn Dai”. Sie wird seit 1988 an Para-Athleten vergeben, die die Werte des paralympischen Geistes und der Menschenrechte in besonderer Weise repräsentieren.
Prämiert worden sind mit ihm der aus Syrien stammende Schwimmer Ibrahim Al Hussein und die in Rußland geborene Nordamerikanerin Tatyana McFadden. Ibrahim Al Hussein ist vor drei Jahren nach einer Explosion im Syrienkonflikt ein Bein amputiert worden. In Rio 2016 ist er für das Flüchtlingsteam angetreten.
Tatyana McFadden ist beim Rollstuhlrennen nahezu unschlagbar. Bei vier Paralympicteilnahmen hat sie 16 Medaillen erzielt. Nebenbei setzt sie sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein.
Sowohl Rio 2016 Komitee-Präsident Carlos Arthur Nuzman als auch Sir Philip Craven vom Internationalen Paralympics Komitee (IPC) haben in ihren Ansprachen dem Iraner Bahman Golbarnezhad gedacht, der am Samstag (17.) bei einem Radrennen nach einem Sturz ums Leben gekommen ist.
Beide haben auf den Erfolg der Paralympics hervor gehoben. Craven hat besonders dem Publikum gedankt und sich in Portugiesisch mit „Muito obrigado, Cariocas“ bedankt.
Einige der brasilianischen Sportler werden jetzt nach Rio 2016 ihre Sportkarriere beenden. Andere werden bereits mit den Vorbereitungen für eine Teilnahme an den paralympischen Spielen in Tokyo beginnen. Sie alle haben während der elf Tage Erstaunliches präsentiert und vor allem einen enormen Beitrag zur Integration behinderter Menschen geleistet.