Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/3995

«Il n’y a certes plus en France de religion d’Etat, mais il existe une religion de l’Etat.»
Michel Winock
Professor für Geschichte am Institut d’études politiques de Paris und ehemaliger Programmdirektor des Verlags Editions du Seuil, am 12.4.2017 im Interview auf Slate.fr
Es ist eine Unsitte der Streitrhetorik, eindeutig besetzte Begriffe in einen Zusammenhang zu stellen, in dem sie nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben. Wer wie Michel Winock von einer «Religion des Staates» spricht, der will den Etatismus lächerlich machen. Das ist gut und recht. Die Vorstellung, dass jemand im Staat (oder, in anderen Beispielen, im Markt, im Kapitalismus, in der Freiheit oder in der Gleichheit) das Transzendente sucht und anbetend vor ihm auf die Knie fällt, ist schliesslich an Absurdität kaum zu überbieten. Touché – und trotzdem ist der Sprachgebrauch unangemessen.
Der Begriff Religion ist in seiner Substanz nicht neutral und deshalb auch als Metapher nicht beliebig anwendbar, ob in freundlicher oder in gehässiger Tonlage. Er ist unverrückbar an das Transzendente gebunden. Er stammt aus dem Lateinischen: «Religio» bezeichnet Frömmigkeit und gewissenhafte Sorgfalt; der Sinnzusammenhang verweist auf die Beachtung der Vorschriften des Glaubens. Religion ist eine aus dem Glauben an etwas Göttliches erwachsende Weltanschauung, einhergehend mit einer sich um sie herum konstituierenden Gemeinschaft und Lehre. Die Form der religiösen Praxis mag variabel sein, das «religiöse Gefühl» an sich jedoch ist als Fähigkeit universell und jedem Menschen mitgegeben. Es spiegelt das unstillbare «Streben nach dem Unbekannten, dem Unendlichen», wie der vor 250 Jahren geborene Denker Benjamin Constant in seinem Werk «De la Religion» formuliert.
Es folgt mindestens von zwei Seiten Ungemach, wenn man das Wort Religion in einen ihm fremden Kontext entführt. Einerseits zielt ein solcher Abusus auf eine intime, eben dem Heiligen vorbehaltene Empfindungswelt des Menschen. Damit führt solche Rede, gerade weil sie eine Einstellung maximal delegitimieren soll, direkt ins Reich der gesprächsabschliessenden Biestigkeiten. Andererseits färben die zusammengespannten Begriffe unweigerlich aufeinander ab. Selbst wenn das nicht beabsichtigt ist, beschädigt es doch auf subtile Weise die Wahrnehmung der Religion, wenn man es überhaupt als Denkmöglichkeit zulässt, dass sie sich auch auf nichttranszendentale Dinge richten könnte. Dieser entweihende Effekt wiegt umso schwerer, je drastischer, je absurder die Kombination gewählt ist.
Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».