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Smith gehört zu jener recht großen Menge schottischer Philosophen der Aufklärung, die wir vor allem mit dem Namen von David Hume verbinden und deren Zentrum die Universitäten von Edinburgh und Glasgow waren. Auch Smith studierte und lehrte dort: Er war in Glasgow Student von Frances Hutcheson und später auch dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Logik und Moralphilosophie. (Dazwischen studierte er u.a. eine Zeitlang Philosophie in Oxford, hielt aber das Städtchen wie die Universität für eher rückständig und fühlte sich in England nicht wohl.)
Heute sieht man in Adam Smith den Begründer der Nationalökonomie als wissenschaftliches Fach. Zu dieser Ehre kam Smith allerdings fast ein wenig wie die Jungfrau zum Kind. Ursprünglich war sein heute als Standardwerk dieser neuen Wissenschaft geltendes Buch The Wealth of Nations (wie man den doch recht umständlichen Titel meist abkürzt) moralphilosophisch intendiert, in dem Sinne, dass Smith eine Untersuchung begonnen hatte dessen, was das Glück des Menschen ausmacht. Teil – großer Teil – dieses Glücks war für den Schotten der materielle Wohlstand, und so machte er sich an eine Abhandlung darüber, wie dieser Wohlstand zu erreichen und zu erhalten sei. Zunächst aber galt es, überhaupt zu bestimmen, wie Wohlstand definiert und berechnet werden sollte. Smith wendet sich mit seinem Buch, das 1776 zum ersten Mal erschienen ist, dann aber noch zu seinen Lebzeiten vier weitere Auflagen erlebte, gegen die zu seiner Zeit herrschende wirtschaftliche Theorie des Merkantilismus, die – vereinfacht formuliert – davon ausging, dass auf dieser Erde nur ein so und so großes, endliches Vermögen vorhanden ist, und der Wohlstand einer Nation sich nun darin bemessen lässt, wie viel davon pro Jahr aus den andern Nationen in ihr eigenes Vermögen fließt, ob also die Nation einen Handelsüberschuss oder ein Handelsdefizit ausweist. Strafzölle auf ausländischen Waren einerseits, Exportsubventionen auf eigenen Produkten andererseits dienten dazu, diesen Warenfluss dahingehend zu steuern, dass die eigene Nation einen Überschuss ausweisen konnte. Smith war einer der ersten, der darauf hinwies, dass diese Sicht der ökonomischen Dinge nicht den ganzen Waren- und Geldkreislauf berücksichtigte. Er will in seinem Werk nachweisen, dass staatliche Eingriffe – egal welcher Art – in den freien Handel letzten Endes nur dazu führen, dass sich die Waren im Inland auf jeden Fall verteuern, womit der Anreiz dafür sinkt, in die Produktion dieser Waren Arbeitskraft zu investieren. Was dann natürlich eine weitere Verteuerung der Ware nach sich zieht. Ein Teufelskreis, der nach Smith schlussendlich in der Verarmung einer Nation endet. Den Merkantilismus behandelt Smith in extenso, weniger ausführlich die spezifisch französische Antwort auf diesen, die Theorie der Physiokraten, die vor allem dazu bestimmt war, das Ausbluten der Agrarwirtschaft, die durch den radikalen französischen Merkantilismus verursacht worden war, zu stoppen, indem der Reichtum einer Nation nur über die primäre, agrare Produktion definiert wurde.
Möglichst wenige staatliche Eingriffe, möglichst viel, das über Angebot und Nachfrage geregelt wird: Adam Smith gilt als Verfechter wirtschaftsliberalen Gedankenguts. Dabei sollten allerdings die Neoliberalen, die sich heute auf ihn berufen, vorsichtig sein. Wohl stellt Smith das Kapital in den Vordergrund seiner Wirtschaftstheorie, aber es handelt sich bei ihm immer um das Kapital eines Einzelnen – ob nun Arbeiter, Bauer, Rentier oder Staatsoberhaupt. Kapitalgesellschaften kennt er zwar und behandelt sie auch, vor allem bei der Diskussion der ostindischen Gesellschaften, die sich in verschiedenen Ländern gebildet hatten, weil z.B. Großbritannien oder Dänemark diese Weltgegenden nicht als Staat ausbeuten wollten oder konnten. Er ist aber der Meinung, dass solche Kapitalgesellschaften immer mit Misswirtschaft und Bankrott enden würden, weil letztlich das Interesse an einer Erwirtschaftung von Gewinn für die Gesellschaft bei den handelnden ‘Managern’ (wie der moderne Begriff wohl lautet – Smith nennt sie nicht so) nur beschränkt ist, da es sich beim Geld, das diese Leute verwalten und bewirtschaften, nicht oder nur teilweise um ihr eigenes handelt. Hier macht sich bei Smith das Erbe der schottischen Aufklärung, macht sich auch Thomas Hobbes’ anthropologisch-politische Auffassung vom Menschen bemerkbar. Es ist demnach nur natürlich, dass solche ‘Manager’ sich selber bereichern, die Firma aber ausbluten lassen; und jeder Versuch einer Kontrolle ihrer Machenschaften verspricht nur weiteren finanziellen Aufwand, garantiert aber keinen Gewinn. Aktiengesellschaften im heutigen Sinn – und dazu noch international tätige Aktiengesellschaften – wären Smith in höchstem Maße suspekt gewesen.
Kolonialismus und Sklaverei behandelt Smith ebenfalls. Letztere hält er für eine unökonomische Art, Dinge zu verwalten – aus dem selben Grund, aus dem er Kapitalgesellschaften verwirft: Der Sklave ist in keiner Weise interessiert daran, seine Arbeit gut und gewinnbringend auszuführen, weil er ja eben gerade keinen Gewinn davon hat. Ein freier, selber Kapital in Form von Lohn akkumulierender Arbeiter wird mehr Herzblut in seine Arbeit stecken und mehr Gewinn erzielen. Kolonien andererseits können, müssen aber nicht Gewinn bringen. Was zumindest die britischen Kolonien betrifft, propagiert Smith die Einrichtung eines wirklich großbritischen Reichs, das heißt, eine vollständige Integration der Kolonien von Nordamerika und Westindien (und Irlands!) ins Mutterland, die diesen die gleichen politischen und wirtschaftlichen Rechte und Pflichten zukommen lässt wie dem Mutterland. Ja, Smith sieht sogar voraus, dass sich der wirtschaftliche und damit auch der politische Schwerpunkt eines solchen Reichs irgendwann in der Zukunft nach Nordamerika verlagern würde. Als Beispiel für eine schlechte Verwaltung ihrer Kolonien dienen Smith Spanien und Portugal, die durch ihre Eroberungen in Südamerika ärmer geworden sind als vorher – nicht trotz, sondern wegen der reichen Funde an Bodenschätzen bzw. des Versuchs, diese im merkantilistischen Sinn zu monopolisieren.
(Interessant ist nebenbei auch die Geschichte der deutschen Übersetzung dieses Werks: 1776 in der ersten Auflage in Großbritannien erschienen, wurde es noch im gleichen Jahr von einem Cousin Friedrich Schillers ins Deutsche übertragen. Allerdings war diese Übersetzung wohl nicht so ganz gelungen – erst die Übersetzung von Christian Garve aus dem Jahr 1796 brachte dem Buch im deutschen Sprachraum den Erfolg, den es im englischen bereits hatte. 1846/47 erschien auch eine Übersetzung von Max Stirner – was wohl erklärt, woher wiederum Stirners Bild eines trägen und sich nicht mehr weiter entwickelnden China stammt, das er in Der Einzige und sein Eigentum präsentiert und das sich praktisch genau so bei Adam Smith finden lässt. Ich habe An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations in der Version der dritten Auflage von 1784 gelesen, der letzten, der Smith noch substantielle Ergänzungen anfügte.)
Fazit: Smith’ Buch muss man nicht nur dann gelesen haben, wenn man die beginnende industrielle Revolution oder den frühen Kapitalismus verstehen möchte. Es ist heute in Details zwar überholt, in seinen Grundlagen aber immer noch auf die aktuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten anwendbar.