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Beatrice Kübli
Das Projekt «Toponymie de la Suisse romande» entspringt dem Glossaire des patois de la Suisse romande. Das Wörterbuch der Romandie – es gibt eines für jede Landessprache – basiert auf einem Fundus von über zwei Millionen Zetteln in 1353 Kästen, die von 1899 bis 1903 in fast 400 Orten erhoben wurden. Es zeigte sich bald, dass es wenig sinnvoll wäre, auch die Ortsnamen als Teil des Lexikons aufzuführen. Man entschied sich, für diese Eigennamen ein eigenes Werk zu erstellen.
Nachforschungen für eine vergessene Zeit
Eine der ersten Herausforderungen war es herauszufinden, welche Orte mit welchen Bezeichnungen gemeint waren und wo sich diese Orte befinden. Eine weitere Hürde zeigte sich bei der Aussprache. Oft spricht man die Ortsnamen nicht so aus, wie sie geschrieben werden. Zudem spricht heute kaum noch jemand den Patois-Dialekt. Dies ist eine entscheidende Schwierigkeit im Vergleich zum Deutschschweizer Wörterbuch, denn Schweizerdeutsch wird nach wie vor gesprochen. Iwar Werlen veranschaulichte das Problem anhand des Walliser Ortes Grengiols: «Grengiols sagt eigentlich keiner, der weiss, wovon er spricht.»
Ein junges Team zwischen Zettelkasten und Datenbank
Das Toponomastik-Team arbeitet heute in zwei Gruppen: Julie Rothenbühler und Nathaniel Hiroz digitalisieren die Einträge des Fichier Muret und verorten die Eigennamen, die im Fichier Muret nach Gemeinden geordnet sind. Othilie Girardin und Cassandre Javet befassen sich mit dem Fichier Liard. Paul-Henry Liard erstellte eine Kopie des Fichier Muret und ordnete die Eigennamen alphabetisch, wodurch Querverbindungen besser erkannt werden. Die Zettel wurden digitalisiert und werden nun in einer Datenbank erfasst. An der Präsentation des Projekts am 6. Dezember in Neuchâtel stellten die jungen Forschenden ihre Arbeit vor und beschrieben Knacknüsse, die sie mit detektivischem Gespür gelöst hatten. So war etwa ein Wort des Fichier Muret («Vélé») noch nirgendwo verzeichnet und es gab auch keine Verweise. Durch das Vergleichen von Wortlaut, Sinn, Form und geographischer Verteilung konnte die Bedeutung schliesslich zugewiesen werden. Auch zum Wort «Belle» aus dem Fichier Liard liess sich kein Eintrag finden, obwohl auf anderen Zettel mehrfach auf das Wort hingewiesen wurde. Das Team kam schliesslich zum Schluss, dass der Eintrag im Laufe der Jahre verloren gegangen war und machte einen entsprechenden Vermerk in der Datenbank.
Eine Datenbank für die Ortsnamen
Zur Digitalisierung greifen die Forschenden auf ein Programm zurück, das eigens für Ortsnamen erstellt wurde: «Fluna» ist eine relationale Filemakerdatenbank, die aus mehreren miteinander verknüpften Tabellen besteht. Erfasst werden hier die Quelle, der Kontext, der Beleg, der Locus (Ort) und das Lemma (der eigentliche Eintrag). Auch andere Dialektolog*innen benutzen die Datenbank. Sie dient als Basis für die Website orstnamen.ch, welche Informationen zu Deutschschweizer Orten liefert. Manuela Cimeli (SAGW), die als Koordinatorin der Nationalen Wörterbücher den Überblick hat, regte an, auch die Ergebnisse aus dem Fichier Muret über diese Website zugänglich zu machen. Eine Zusammenarbeit mit Folgen: Die Aufnahme der neuen Daten bedeutete nämlich nicht nur das Zusammenführen mehrere Datenbanken, sondern auch, dass ortsnamen.ch auf Französisch übersetzt werden musste. Aber es ist geschafft: Die Einträge sind jetzt unter www.toponymes.ch abrufbar.
Was noch möglich wäre
Das Projekt ist also bereits weit fortgeschritten. Sämtliche Zettel sind digitalisiert, die Verbindung der Ortsnamen mit der Karte, die Lemmas und die etymologischen Strukturen liegen vor. Was hingegen fehlt, ist die historische Dimension. Wo taucht ein Ortsname erstmals auf? Wie ist er entstanden? Und wie hat er sich verbreitet und entwickelt? Um zu zeigen, was möglich wäre, sollen diese Informationen für das Plateau de Diesse im Kanton Neuchâtel erhoben werden. Mittelfristig ist ein Ortsnamen-Lexikon für den Berner Jura geplant. Das Forschungspotenzial und die Motivation sind hoch. Nur die Finanzierung muss noch gesichert werden.