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Buchtipp
Die kürzeste Geschichte Englands
Nach dem 70. Thronjubiläum der Queen und Partygate des Premierministers, nach Brexit und Nordirlandkonflikt können wir definitiv feststellen: Die spinnen, die Briten. James Hawes erklärt uns in seinem Buch, warum das so ist. Sein Buch ist ein Parforceritt von Caesar über Eroberung, Empire und Weltkrieg bis zum zum Brexit. Dabei erschliesst uns Hawes ein England, das sich alle unsere Vorurteile Lügen straft und zuweilen ganz erstaunlich an die Mythen der Schweiz erinnert: Die trotzige Inselfestung, deren Bewohner immer hartnäckig unabhängig bleiben wollten, die das Parlament erfanden und sich die habe Welt zu einem riesigen Imperium unterwarfen. Doch das «United Kingdom» ist im Inneren zutiefst gespalten und das seit Urzeiten. Schon bevor die Römer in Britannien einfielen, war England geteilt in einen Süden und einen Norden. Über die Jahrhunderte blieb diese Teilung virulent, jetzt bricht sie wieder auf wie eine Wunde. Ein spannendes Buch, das aus der Geschichte viel von dem erklärt, was einen in der Gegenwart wundert.
Schon der Römische Kaiser Claudius interessierte sich nicht für ganz Britannien, sondern nur für den Südosten des Landes: Hier wohnten jene Stämme, die so fortschrittlich waren, dass sie Münzen prägten und gebrauchten. Die Grenze ihrer Gebiete ist kein Zufall. Sie entspricht dem von Dorset an der Südküste bis zu den Cleveland Hills in Yorkshire verlaufenden Juragürtel, wo junger Sandstein, Lehm und Kalk auf ältere Tonsteine und magmatisches Gestein treffen. In diesem Südosten hatte sich Ende des 1. Jahrhunderts eine friedliche und wohlhabende Kolonie von Galliern etabliert. Jenseits dieses Gebiets, im Norden, waren die Menschen eindeutig germanischen Ursprungs. Irgendwann wollten die Römer die ganze Insel beherrschen. Doch sie scheiterten: Die Menschen im heutigen Schottland wehrten sich so erfolgreich, dass die Römer sich hinter Verteidigungswälle zurückziehen mussten, die bis heute sichtbar sind. Die römische Zivilisation in Britannia beschränkte sich auf Südostengland.
Schon für die Römer war der Ärmelkanal also keine Barriere, sondern im Gegenteil eine Verbindung zu Britannien. Der Juragürtel hingegen wurde zur unüberwindlichen Barriere zwischen dem gallisch geprägten Süden und dem eigensinnigen Norden. Hawes beschriebt in seiner England-Geschichte, wie prägend diese Teilung für das Land über Jahrhunderte war. Seit der römischen Okkupation war der Südosten ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur. Nach den Römern und den Germanen wurde das Land von Dänemark und dann endgültig von Frankreich überrannt. Französisch wurde zur einenden Sprache der Eliten. Eine königliche Elite, gegen die sich das entwickelte, was man bald als Parlament bezeichnete. Englisch wurde zur Sprache der Opposition. Schliesslich etablierten sich die englischen Herrscher, wobei es immer die Herscher aus dem Südosten waren, die zunächst Grossbritannien und dann das Vereinigte Königreich beherrschten.
In dem geschichtlichen Augenblick, in dem diese Engländer sich ein riesiges Weltreich zusammeneroberten, fand auch die industrielle Revolution statt. Es kam die Stunde des Nordens, weil hier wertvolle Mineralien wie Erz und Kohle im Boden steckten. Der Norden begann, seine Ansprüche anzumelden, dem Süden gelang es aber, diese Ansprüche niederzuschlagen. England wuchs zu einem Empire, das einen Viertel der Erde umfasste.
Dann folgten der Abstieg, zwei Weltkriege, die Anbindung an die USA und an Europa. Schliesslich ging das Empire unter. James Hawes beschreibt, wie die alten Teile Grossbritanniens wieder zu grosser Bedeutung fanden: «Die Partei des Südens überzeugte den Norden ein erstes und einziges Mal, sie zu unterstützen, indem sie behauptete, der Freihandelsblock Europas sei eigentlich ein feindlicher Überstaat und England müsse deshalb an einem Strang ziehen.» Fast unmittelbar danach begann die Covid-19-Krise, und der Nord-Süd-Konflikt war wie von selbst wieder eröffnet. «Die Engländer, gespalten wie immer und bald schon zum ersten Mal seit Jahrhunderten allein in der Welt, sollten jetzt sehr klar darüber nachdenken, was vergangen ist, was verschwindet und was kommt.» Genau dazu regt dieses Buch an, das zwar aus britischer Perspektive geschrieben ist, aber einen liebevoll-distanzierten Blick auf die Insel pflegt, so dass es sich auch für uns Kontinentaleuropäer gut lesen lässt. Als Schweizer entdeckt man dabei immer wieder Ähnlichkeiten in Sachen Eigensinnigkeit – und in Sachen Selbstüberschätzung.
James Hawes: Die kürzeste Geschichte Englands. Die spinnen, die Briten. Der Bestsellerautor erzählt die Geschichte eines merkwürdigen Landes. Ullstein, 400 Seiten, 14.90 Franken; ISBN 978-3-548-06504-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783548065045
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