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L'animoteur 5 + 6
selfie or I am donkey
Hintergrundinformation
«L’animoteur 5 + 6 — Selfie or I am donkey» gehen aus der Bildarbeiten und Performance von «L’animoteur 1» und «L’animoteur 2» 2015 hervor, sowie aus der Intervention im öffentlichen Raum von «L’animoteur 3» ebenfalls 2015, und «L’animoteur 4», einer Bildarbeit von 2017. In dieser Serie und ihren Fortsetzungen begebe ich mich in einen Bereich, in dem die Linie/Grenze zwischen Mensch und Tier zur Disposition gestellt werden.
Die Titel dieser Serie beziehen sich auf Jacques Derrida’s 10-stündiger Rede über das autobiografische Tier von 1997, die nachträglich transkribiert wurde: «L’animal que donc je suis» oder auf Deutsch «Das Tier, das ich also bin» und auf Englisch «The Animal That Therefore I Am».
Die Titel mit «L’animoteur ...» fungieren als Linse, durch welche die verschiedenen Ebenen der Performance kanalisiert werden:
. L’âne ist das französische Wort für Esel. In diesen Performances und installativen Bildarbeiten öffne ich ein (somatisches) Erfahrungsfeld zur Esel-Mensch-Natur.
. L’animateur ist das französische Wort für einen Animator oder eine Animatorin, die die Leute unterhält und anregt. Im Titel «L’animoteur ...» klingt auch das französische Wort ’moteur’ (Deutsch Motor). Ich bin in dieser Performance Situation sowohl Animatorin als auch Motor, der die Situation aufrechterhält.
Diese Wortebenen reiben sich mit der Umgebung und den Bedingungen, in denen Bildarbeit und Performance jeweils situiert werden: sei im geschützten Ausstellungskontext im Kasko, einem off-Kunstraum in Basel (2015) oder in einer Gruppenausstellung in der Kunsthalle in Luzern (2017), oder am KIPAF Festival in Kalkutta Indien, einer aktivistischen Initiative (2015), dort in der exponierteren Situation im öffentlichen Raum des Victoria Memorials.
Die Bildarbeiten sind bewegt-animierte Objekte.
In den Performances und Interventionen kommuniziere ich durch Rede, Bewegung, Gesang und mit Tanz mit den anwesenden Menschen, die Kunstpublikum als auch Passant_innen sind.
Konzept «L’animoteur 5 + 6 — selfie or I am donkey»
Das Projekt, das ich für ’Operaismo Naturale: Ecology of the event’ entwickelt habe, spricht wieder eher unauffällig und beiläufig die nicht bewusste Ebenen des Mensch-Tier-Organismus in Bezug zu Technologie an, bzw. die ’conditio-techno-human(imal)’. Mit Text, Bewegung und Stimme versuche ich einen Raum der feinstofflicheren Bezüge zu schaffen, in dem eine Sensibilität für das Klima spielt, das wir gemeinsam bilden und für die Räume, durch die wir uns bewegen. Das sind sowohl Ausstellungskunstraum als auch öffentlicher Raum. Können sich hier und jetzt die Grenzen von Mensch, Spezie und Organismus verwischen, ja aktiv erweitert werden und so Dividualität, Pluralität und Multinaturalität, die immer wo (verborgen) sind, aufs Tapet bringen?
Wie unsere Beziehung zur Natur ist, was mit uns und mit der Natur los ist, ist nicht klar. Es gibt keine ganze Kontrolle über die Natur, sie hat ihre starke Portion von Widerständigkeit. Der Esel, die Eselin und das Maultier verwirren uns mit ihrem eigenen Willen und ihrer eseligen Widerständigkeit. Ihre Anblicke verraten mir eventuell ebenso wenig über ihre Sprache, wir wir uns selber in der Beziehung zu (unserer) Natur und zu unseren technischen 'tools' (i-Phone) verstehen. Aber wir können mit-einander-Sein. Deshalb muss ich sprechen und singen und mich, den Esel, die Eselin und andere mit dem i-Phone auf der Screen spiegeln und so fotografieren.
Die Performance beginnt im Innenraum des 'Antic Bath' mit einem Prolog:
Dimitrina schreibt auf mein weisses Hemd mit schwarzer Farbe und auf meine dunkelgrauen Leggings mit weisser Farbe «DONKEY — I AM — I FOLLOW — YOU ARE BEAUTIFUL» oder was immer sie von meiner Rede, die sie währenddessen hört, aufschreiben will. Auf Englisch spreche ich von Jacques Derrida's Rede zum autobiografischen Tier: «L'animal que donc je suis». ich erkläre, was es mit dem Satz auf sich hat, wie verschachtelt er vom 'Sein' und vom 'Nach-Folgen' spricht und wer oben und unten und vor und nach wem ist. Ich spreche auch vom Esel dem ältesten Kleintransporter der Welt und erwähnte seine Auftritte in der (Welt-)Literatur. Dimitrina und jemand aus dem Publikum übersetzen ins Bulgarische. Alsdann ohne Rede 'schiebe ich meine Schuhe' an meinen Füssen durch den Raum, die metallischen Verstärkungen an den Sohlen hallen. Panels mit den Grenzumrissen von Bulgarien und der Schweiz und eine Silhouette von einem Esel werden hochgehalten. Die Frage wird gestellt, was das sei und die Antworten darauf gehört. Dann verteile ich ans Publikum viele Panels mit Abbildungen von Eseln und von Robert Fludd's universalistischen Weltmodellen, als auch einen 'Eselsschwanz' aus Wolle. Da den Eselsschwanz niemand wirklich will, nimmt ihn Dimitrina mit den Worten, «since I am the curator I take it».
Während der ganzen Zeit mache ich von mir Selfies, ich ziele meistens auf eine Gesichtskante und bilde so immer auch einen Teil des Raume 'hinter mir' ab.
Nun gibt es einen Transfer zu Fuss vom 'Antic Bath' zum anderen Ausstellungsraum, dem SKLAD, in einem anderen Stadtteil: Ich bitte die Zuschauer_innen mitzukommen, und auch die Panels mitzunehmen und diese wenn möglich immer wieder hochzuhalten, da wir uns auch auf einem Demonstrationszug befinden würden. Jemand muss mir den Weg zeigen, da ich nicht weiss, wie das SKLAD zu erreichen ist. Wir gehen oder eher wir schlendern durch die Haupt-Einkaufsstrasse von Plovdiv. Es ist Samstag, viele Menschen aus dem umliegenden Dörfern sind am Einkaufen und vergnügen sich in der Stadt. Ich frage Passant_innen: «May I make a selfie with you?». Wenn die Antwort ja ist, wird ein Bild gemacht, das meistens der Anfang eines Gesprächs ist, das ich mit der Frage beginne: «Have you ever met a donkey?», und/oder «Have you had an experience with donkey? Did you ever touch a donkey? What do you think of donkeys?». Wenn die Gesprächspartner_in nicht Englisch spricht, übersetzt Dimitrina, die die ganze Zeit sehr nahe bei mir ist, da sie den 'Schwanz des Esels' hinter mir hält. ... Die Zuschauer_innen sind vor uns im SKLAD angekommen, denn wir haben uns mit den Selfies und den Gesprächen Zeit gelassen. Dass die Begegnungen mit den Menschen auf der Strasse nicht Fokus einer Performance sein sollten, sondern im eigentlichen Sinne eine reale Begegnung, das hat sich so ergeben und ist auch im Sinne der Sache gewesen. Die Menschen, die ich angesprochen habe, sollten sich nicht in einer Aktion ausgesetzt fühlen.
Der Epilog findet im Innenraum des SKLAD statt. Ich ziehe das weisse Hemd und das Shirt darunter aus, und schneide meine Leggings den beiden Beinlängen nach bis unter die Hüfte auf und schneide dort die Stoffteile ab. Nun stehe ich in kurzen Hosen, also mit freien Beinen, und nacktem Oberkörper da. Auf den Beinen und auf den Armen sind horizontale schwarze Linien sichtbar, ein Verweis auf die Zebrastreifen auf den Beinen der wilden somalischen Esel. Auf dem Rücken ist das Eselskreuz gezeichnet. Vorne auf Bauch und den Brüsten gibt es grosse dunkelgraue Flecken, die gegen die Ränder hin verlaufen, sie sind identisch mit der hälftigen Gesichtsbemalung. Ich halte eine letzte Rede: zu Derrida's Konzept der Redewendung «l'animot», die uns klar macht, dass die Mehrzahl 'Tiere' (französisch l'animaux') eben ein Wort ist und dass derart vom Regenwurm bis zum Schimpanzen alle Tiere in dieses Wort gepresst werden. Ich besinge das Wort «l'animot» mit «YOU ARE SO BEAUTIFUL TO ME», weil ich es so schön finde. Dieses Lied wurde ursrprünglich von Billie Preston komponiert. Weltbekannt wurde es durch die Version von Joe Cocker, die Glauben machte, dass damit eine schöne Frau besungen werde, was wahrscheinlich nicht die ursprüngliche Absicht (von Billie Preston) war. Also wer ist 'YOU'? — hier und jetzt singe ich es für die Menschen im Raum, den Esel und Derrida's schönes Konzept vom «l'animot»
Text-Skript