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Geneviève Federspiel, Sie haben für die DEZA in Indien und Nepal gearbeitet und waren nun von 2008 bis 2012 Leiterin des Kooperationsbüros der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit (Kobü) in Mali. Wie arbeitet die Schweiz in diesem Land?
Eine der Stärken der DEZA liegt darin, dass sie immer versucht, möglichst nah an der Realität zu sein. Mali ist ein verwundbares Land. Die DEZA ist dort bereits seit mehreren Jahren tätig und arbeitet mit einem sogenannten Szenario-Ansatz (siehe Vermerk unten), um rechtzeitig politische, soziale, wirtschaftliche und sicherheitsrelevante Entwicklungen vorwegzunehmen. Dies hat es uns ermöglicht, mit Ausbruch der Krise unsere Arbeit den neuen Verhältnissen anzupassen.
Zudem ist es uns gelungen, ein Programm auszuarbeiten, das sich an den lokalen Gegebenheiten orientiert. Hier unterscheiden wir uns von vielen anderen Geldgebern, die eher einen dogmatischen Ansatz verfolgen. Dank dieser Art der Zusammenarbeit können wir die Hilfe gezielt auf die Bedürfnisse des Landes und der Bevölkerung abstimmen.
Wir arbeiten in klar definierten geografischen Gebieten, die im Fall Malis, das selber rund vierzigmal grösser ist als die Schweiz, sehr gross sind. Dabei gehen wir von den territorialen Gegebenheiten aus und den Kenntnissen, die wir über die Menschen haben, die dort leben. Die DEZA ist sehr präsent vor Ort. Sie arbeitet eng mit ihren Partnern zusammen und steht in direktem Kontakt mit den Institutionen und den Akteuren, die Veränderungen anstossen. Sie führt häufig Missionen durch. Auf diese Weise können wir besser abschätzen, was wir tun könnten oder müssten.
Die DEZA möchte eine Entwicklungsvision festigen, die das ganze Land einbezieht und sich auf gewisse zentrale Bereiche konzentriert: Dazu gehören die Grundschulbildung, eine auf Arbeitsmöglichkeiten ausgerichtete Berufsbildung, die wirtschaftliche Eingliederung von Jugendlichen, Infrastrukturerweiterung und ländliche Entwicklung.
Ein weiteres Schwerpunktthema der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit ist die gute Regierungsführung. Der Putsch im März 2012 löste im Land Unsicherheit aus. Wie geht die Entwicklungszusammenarbeit mit dieser neuen Situation um?
Ich glaube, dass einer der Gründe für den Konflikt und die kollektive Unzufriedenheit in Mali darin liegt, dass die Bevölkerung die eigene Entwicklung nicht mitgestalten kann. Mali hat eine zentralisierte Verwaltung, es fehlt an Mitwirkung. Zudem ist es ein multikulturelles Land, in dem zahlreiche Ethnien in sehr unterschiedlichen Kontexten zusammenleben. In den Wüstengebieten im Norden des Landes leben hauptsächlich Nomaden (Tuareg, Peul, Bozo), die in einer engen Abhängigkeit anderer Ethnien (Sonrai, arabische Völker) stehen. Im Süden Malis, der über mehr Ressourcen verfügt, ist die Bevölkerung sesshafter. Für die lokalen Probleme braucht es folglich lokale Lösungen.
Hier spielt die Frage der lokalen Regierungsführung eine zentrale Rolle. Ziel ist es, die gesamte Zivilgesellschaft, d.h. private und öffentliche Akteure, einzubeziehen. Es ist wichtig, dass der Transitionsprozess von allen getragen wird und Teil des kollektiven Bewusstseins wird.
Als Mali vor zehn Jahren die Dezentralisierung zu einem wichtigen Ziel erklärte, entschied sich die Schweiz für ein Engagement auf diesem Gebiet. Ihre Entwicklungsprojekte sind heute trotz Putsch und Instabilität weniger gefährdet, weil sie nicht von Bamako abhängig sind. Wir konnten also unsere Arbeit im Süden und im Zentrum des Landes fortsetzen und auf diese Weise dazu beitragen, eine weitere Schwächung der Strukturen zu verhindern und das zu festigen, was noch gut funktioniert.
Ein Rückzug der Schweiz aus Mali ist also kein Thema?
Die Strategie der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit ist so konzipiert, dass die Arbeit unabhängig von möglichen Szenarien fortgesetzt werden kann. Im Norden mussten wir zwar in den von verschiedenen ethnischen Gruppen besetzten Gebieten die Programmarbeit wegen der anhaltenden Gewalt und der mangelnden Sicherheit unterbrechen.
Aber meine Erfahrung in mehreren Ländern hat mir gezeigt, dass es ein Fehler ist, sich einfach aus einem Land zurückzuziehen, denn das destabilisiert das betroffene Land noch mehr. Zudem gehen die gesamte Arbeit und die investierten Mittel verloren. Es ist viel wichtiger, Wege zu finden, um die noch funktionstüchtigen Strukturen zu stärken. Heute folgt die Schweiz dieser Logik, indem sie die Transition in Mali mitfinanziert.
In der heutigen Krisensituation in Mali haben wir die Möglichkeit, die folgenden Bereiche weiterhin zu unterstützen: lokale Verwaltung, Grundschulbildung, eine auf die wirtschaftliche Eingliederung von Jugendlichen ausgerichtete Berufsbildung sowie lokale Wirtschaftsentwicklung zur Verbesserung der Ernährungssicherheit.