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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZEHNTES BUCH. Das durch das Gedächtnis, die Einsicht und den Willen dargestellte Bild der Dreieinigkeit nach seinem Bestande.
2. Kapitel. Niemand kann etwas völlig Unbekanntes lieben.
4. Jeder eifrig sich Mühende also, jeder Wißbegierige, liebt nicht etwas Unbekanntes, auch nicht, wenn er mit brennendstem Verlangen darauf besteht, zu wissen, was er nicht weiß. Entweder hat er nämlich schon eine allgemeine Kenntnis dessen, was er liebt, und verlangt nun darnach, es auch in einem bestimmten Einzelding oder in verschiedenen Einzeldingen kennenzulernen, die er noch nicht kennt, die ihm aber vielleicht gerühmt werden, und er bildet sich nun in der Seele eine bildhafte Gestalt, durch die er zur Liebe erregt wird. Woher anders aber bildet er diese Gestalt als aus jenen Elementen, die er schon kennt? Wenn er jedoch das Ding, das ihm gerühmt wurde, dieser in der Seele gestalteten und im Gedanken ganz bekannten Form unähnlich findet, dann wird er es vielleicht nicht lieben. Wenn er es liebt, dann beginnt er es in dem Augenblick zu lieben, in dem er es kennenlernt. Kurz zuvor war ja das, was geliebt wurde, was die Seele formte und sich selbst darzubieten pflegte, etwas ganz anderes. Wenn er aber das Ding, von dem ihm Kunde geworden war, jener Form ähnlich findet, so daß er in Wahrheit zu ihm sagen kann: Ich liebte dich schon, auch dann liebte er sicherlich nicht als etwas Unbekanntes, was er in jenem ähnlichen Bilde schon gekannt hatte. Es kann auch sein, daß wir in der Gestalt des ewigen Wesensgrundes etwas sehen und es dort lieben, [S. 74] was wir dann, wenn es in der Erscheinung eines zeitlichen Dinges zum Ausdruck kommt, jenen, die es auf Grund ihrer Erfahrung loben, glauben und so lieben: auch da lieben wir nicht etwas Unbekanntes — wir haben darüber schon oben hinlänglich gehandelt. Oder wir lieben etwas Bekanntes, um dessentwillen wir etwas Unbekanntes suchen. Dabei hält uns keineswegs die Liebe zum Unbekannten gefangen, sondern zu jenem Bekannten, zu dessen Kenntnis, wie wir wissen, die Kenntnis auch des Unbekannten gehört, das wir noch suchen. So ist es mit dem unbekannten Wort, von dem ich eben vorhin sprach. Es kann auch sein, daß jemand das Wissen selbst liebt, das keinem, der etwas zu wissen wünscht, unbekannt sein kann. Aus diesen Gründen scheinen das Unbekannte jene zu lieben, die etwas wissen wollen, was sie nicht wissen, und von denen man wegen ihres brennenden Verlangens, das Unbekannte zu suchen, nicht sagen kann, daß sie ohne Liebe seien. Daß aber die Sache anders liegt und daß schlechthin nichts Unbekanntes geliebt wird, das glaube ich für alle, die sorgfältig auf die Wahrheit schauen, überzeugend nachgewiesen zu haben. Weil aber die Beispiele, die wir anführten, sich nur auf jene Fälle beziehen, wo jemand, was er selbst nicht ist, zu wissen wünscht, muß man zusehen, ob nicht etwa eine neue Sachlage auftaucht, wenn der Geist sich darnach sehnt, sich selbst kennenzulernen.