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die schmuckhafte Seite der neuen Bauweise. Die Spitzgiebel, die Fialen und Krabben, das Maßwerk, kurz, das anmutend Zierliche, erregten das Gefallen der Italiener, welche darin nur Mittel zur Steigerung der Prunkwirkung fanden.
Städte-Dome. Gleichwie die nordischen, suchten auch die italienischen Städte, welche Unabhängigkeit und Reichtum gewonnen hatten, ihre Macht sichtbar zum Ausdruck zu bringen durch prächtige Bauten, und die Bürgerschaften wetteiferten ehrgeizig, mit solchen ihre Nachbarn und Nebenbuhler zu übertreffen. Diese Prahlsucht, wie man es nennen könnte, ergriff selbst auch kleinere Städte, welche schwere Opfer nicht scheuten, um ebenfalls mit einem großartigen Bau prunken zu können. Darum trifft man in abgeschiedenen, halbverschollenen Bergorten oft herrliche Dome, die mit der heutigen Verkehrsstille und Aermlichkeit einen seltsamen Gegensatz, für die Bewohner aber eine Quelle freudigen Stolzes und Ersatz für die bescheidenen Verhältnisse der Gegenwart bilden.
Siena. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erscheint als die mächtigste Landstadt Mittelitaliens Siena, damals selbst den Seehandelsplätzen an Reichtum und Kraft ebenbürtig, dem nachbarlichen Florenz überlegen. Hier ist eine der wichtigsten Stätten der Kunstentwicklung; und eine - freilich nur kurze - Zeit hatte es die führende Stelle inne. - Die Bürgerschaft Sienas hatte schon vor 1250 den Umbau des alten Domes begonnen, 1260 wurde ein neuer Plan angenommen, 1264 war die Kuppel vollendet und man begann mit der inneren Ausschmückung. Im Jahre 1284 hatte man Giovanni Pisano berufen und mit der Ausführung der Stirnseite betraut, welche nach seinen Entwürfen begonnen, aber erst nach 1380 vollendet wurde.
Diese Stirnseite gilt als die prächtigste und schmuckreichste Schöpfung der italienischen Gotik; im Innern zeigt der Dom eine Mischung romanischer (rundbogiger) mit gotischen Formen. Auch die Eingänge haben noch Rundbogen, über welche gotische Ziergiebel (Wimperge) aufsteigen. Wie wenig man auf den inneren Zusammenhang der Schmuckformen mit der Baufügung achtete, erhellt daraus, daß der Oberteil der Schauseite drei Giebel enthält, diese aber keineswegs den Abschluß der Dächer darstellen. Schichten aus weißem, rotem und schwarzem Marmor lassen das Aeußere wie das Innere gestreift erscheinen und bringen ebenso wohl die Vorliebe für Farbe, wie jene für die wagerechten Linien zur Geltung.
^[Abb.: Fig. 305. Der Dom zu Meißen.
Blick auf die Schauseite des Seitenschiffes mit vorgebauter Kapelle.] ¶
Florenz. Das aufstrebende Florenz mochte wohl ungern das Lob dieses Prachtbaues hören und als im Jahre 1294 der Neubau der Hauptkirche San Reparata beschlossen wurde, sollte der neue Dom - wie es in einer Urkunde heißt - «reicher und ehrwürdiger werden, als irgend eine andere Kirche in Toscana».
Man berief zu dem Werke den Meister Arnolfo di Cambio, der zur Zeit mit dem Bau der Franziskanerkirche Santa Croce (in Florenz) beschäftigt war, die bei einfacher Anlage durch großartige Raumverhältnisse sich auszeichnet und insofern merkwürdig ist, als sie eine altchristliche Basilika - ohne Gewölbe, mit offenem Dachstuhl - in gotischen Formen darstellt. Nach Arnolfos Plan sollte der Dom an Größe und Breiträumigkeit alle andern übertreffen; die Anlage zeigt eine dreischiffige Gewölbe-Basilika mit einer ganz eigenartigen Anordnung des Chores und Querschiffes.
Diese sind nämlich zu einem achteckigen, mit einer Kuppel überdachten Mittelraum verbunden, welcher an drei Seiten mit Nischenausbauten in Form halber Achtecke ausladet. Die meisterhaft lebendige Verbindung des Centralbaues mit der Basilikaform, der Kuppel mit gotischen Stilformen, die riesenhaften Verhältnisse und die Kühnheit der Baufügung rechtfertigen den Ruf des Domes, der freilich das Auge mehr durch den farbigen Marmorschmuck seines Aeußeren fesselt.
Man findet auch hier wieder die Neigung für das Malerische und die Farbenfreudigkeit, welche für Italien bezeichnend sind. Hatten die Sienesen den berühmtesten Bildner seiner Zeit für ihren Dombau gewonnen, so beriefen nun die Florentiner - nach Arnolfos Tode (1310) und einer längeren Zwischenzeit, in welcher der Bau stockte - den größten Maler, Giotto, zum Obermeister des Baues (1334). In den zwei Jahren bis zu seinem Tode begann er den - nach italienischer Sitte freistehenden - Glockenturm, der einfach viereckig, ohne jede Verjüngung aufsteigend, mit nur wenigen Fensteröffnungen durchbrochen, durch seine farbige Marmorverkleidung ungemein anmutig - malerisch reizvoll - wirkt. (Bemerken muß ich noch, daß die ursprüngliche Stirnseite, wie sie Arnolfo begonnen hatte, unvollendet blieb und 1588 ganz abgetragen wurde; ihre jetzige Gestalt erhielt sie 1875-1887 von de Fabris. - Die Kuppel wurde 1421-1434 von Brunelleschi ausgeführt.) Daß auch hier die wagerechten Linien stark betont, selbst die Spitzgiebel der Fenster und Thüren geradlinig abgekappt sind, brauche ich nicht erst hervorzuheben. Ein an deutsch-gotische Formen gewöhnter Beschauer kann an dem Florentiner Dom am besten den tiefgehenden Unterschied zwischen jener und der echt-italienischen Gotik erkennen.
Umbrien. Die Stirnseite des Sieneser Domes hat ein Seitenstück in jener des Domes zu Orvieto, - von Lorenzo Maitani 1310 begonnen - die durch klare, die senkrechte Linienführung mehr betonende Gliederung sich auszeichnet. Zu dem bildnerischen Schmuck tritt noch Mosaikmalerei. Wenn auch die Formen etwas weichlich sind, so möchte ich fast dem Dom Orvietos den Vorzug vor dem Sieneser geben, er ist «gotischer», nähert sich mehr dem nordischen Stil und trägt doch das Gepräge italienischer Auffassung.
Beachtung verdient auch der Dom von Perugia als Versuch, die Form der gotischen Hallenkirchen in Italien einzuführen. Er ist in großen Verhältnissen angelegt (das Mittelschiff
^[Abb.: Fig. 306. Giebel der Marienkirche zu Prenzlau.] ¶