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Der Wiener Kultursoziologe Friedrich Herz täuschte sich, als er 1915, nach gründlichen und kritischen Forschungsarbeiten an Rassentheorien, feststellte: «Für die Wissenschaft sind die Rassentheorien im Sinne Gobineaus und Chamberlains heute erledigt.» Dafür, dass sie zwar erledigt, aber in weichgespülter wie in radikalisierter Form am Leben blieben, sorgten nicht die fortschreitende Wissenschaft, sondern Politik, Propaganda und das wohlfeile mediale Meinungsgewerbe. Ein exemplarischer Fall ist der in Harvard lehrende Genetiker David Reich, der sich immer wieder und gern mit Bestsellern und Meinungsbeiträgen an das große Publikum wendet und so seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in verdünnter Form verbreitet – zuletzt in einem Artikel in der New York Times (NYT) vom 23. März 2018 unter dem Titel «How Genetics is Changing our Understandig of
Das Gerede von «Rasse» ist «unwissenschaftlich und unverantwortlich»
Auf Reichs Artikel in der NYT antworteten zwölf Rechts-, Sozial- und Naturwissenschaftler aus England, den Niederlanden und Deutschland mit einem ausführlichen Artikel in der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 18.Mai 2018. Mit aller gebotenen Sorgfalt und Differenzierung weisen sie die in der NZZ evozierte rechte Botschaft, «Rassen» oder «Ethnien» seien «eine biologische Realität», als «unwissenschaftlich und unverantwortlich» zurück.
Reich referiert die Lehrmeinung der «Orthodoxie» folgendermassen: Genetische Unterschiede zwischen Menschen sind nur marginal mit biologisch bedeutsamen Merkmalen zu fassen; sie sind so marginal, dass man sie ignorieren kann. Seine Gegenthese lautet, dass durchschnittliche genetische Unterschiede zwischen «races» nicht länger zu ignorieren seien, vermeidet es aber mit sehr guten Gründen, auch nur anzudeuten, was «races» meint, was aber die NZZ zu wissen vorgibt.
Für seinen Artikel und seine vage Diktion erntete Reich, wie die Intervention der zwölf Wissenschaftler in der SZ betont, ein gespaltenes Echo: Die einen kritisierten, dass er an einem als biologistisch, deterministisch, essenzialistisch und letztlich rassistisch konnotierten Begriff festhalte. Reich selbst warnte schon öfter vor der Gefahr des Missbrauchs genetischer Befunde zur Rechtfertigung von Rassismus. Andere stimmten Reich zu, wenn er genetisch bestimmte, biologische Unterschiede zwischen «races» zumindest für möglich – wenn auch nicht für nachgewiesen – hält.
«Race» und «Rasse» sind nicht dasselbe
Die zwölf Wissenschaftler verweisen in ihrer Stellungnahme auf den unterschiedlichen Gebrauch der Worte «race» und «Rasse» im Alltag in den USA und im deutschen Sprachraum sowie auf historisch-semantische, also begriffsgeschichtliche Entwicklungen, die in den beiden Begriffen sedimentiert sind. Im US-Alltag, etwa bei Umfragen oder beim US-Zensus, sind «racial terms» bzw. die Frage nach der «ethnicity» gang und gäbe. Eine kausale Beziehung von genetischen Fakten und äusseren Merkmalen wird in diesem alltäglichen Sprachgebrauch in der Regel nicht unterstellt. Der Begriff «race» ist im angelsächsischen Alltagssprachgebrauch seit der Gründung der USA immer auch positiv akzentuiert als Kampfbegriff gegen rassistische Diskriminierung sowie soziale, politische und ökonomische Ungleichheit. «Today’s racial terms» (Reich) sind US-Amerikanern geläufig und werden problemlos als Selbstbezeichnung oder zu Selbstdefinitionen verwendet.
Historisch-semantische Präzision und rechtspopulistische Propaganda
Im Deutschen ist «Rasse» ein ethnisierendes Stereotyp und obendrein untrennbar verbunden mit nationalsozialistischen Verbrechen im «Rassenkampf» und «Rassenkrieg». Insofern kann es nur politisch-instrumentell motiviert sein, wenn Markus Schär in der NZZ von einem «Dogma» bzw. «Tabu» und der Evolutionsbiologe Axel Meyer von einer «unbequemen Wahrheit» sprechen, denn auch in der Schweiz und in Deutschland hat sich herumgesprochen, dass sich naturbedingt erscheinende Zuordnungen von Menschen zu «Rassen» als fragwürdig erwiesen haben. Derlei als unterdrückte Wahrheit oder als Dogma zu bezeichnen, verdankt sich rechtspopulistischer Polemik und Propaganda gegen vermeintliche Gebote «politischer Korrektheit». Markus Schär unterstellt seinerseits sogar «genetische Unterschiede zwischen Nationen(!)» und passt sich der neuerdings im NZZ-Feuilleton vorherrschenden – vorerst noch vornehmen – rechten Tonlage an, der verfettete nationale Gesänge nicht mehr fremd sind, wenn es gegen Flüchtlinge oder «Brüssel» geht.
Wo der Genetiker Reich vorsichtig von seiner «Sorge» spricht, «wohlmeinende Leute» könnten sich «dem Ansturm der Wissenschaft» widersetzen – für den Fall, dass diese dereinst haltbare neue Erkenntnisse präsentieren sollte –, setzt Schär in der landläufigen Manier rechtspopulistischer Demagogen ein «Skandalon» in die Welt, in der angeblich «das Dogma» bereits herrscht. Wer nach herrschenden Dogmen sucht, muss nur das stramm rechts gestriegelte NZZ-Feuilleton oder die Meinungsseiten konsultieren.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Rudolf Walther: Historiker, freier Journalist für deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, wohnhaft in Bad Soden a.T. in der Nähe von Frankfurt.
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