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Jurassische Uhrmacher als Taktgeber für eine weltweite Bewegung: Ein Buch zeichnet die Herkunft des Anarchismus nach – und seine Aktualität.
«Was kann man noch vom Anarchismus lernen?», fragte rhetorisch der marxistische Historiker Eric Hobsbawm im Jahr 1969. Denn viel abgewinnen konnte er dem Anarchismus nicht. Wie das «noch» schon andeutet, war für ihn diese politische Tradition längst vom Marxismus überholt.
Eine solche Haltung prägte lange auch viele Forschungsarbeiten zum Anarchismus. Diesem wurde häufig nur als Vorgeschichte zur modernen ArbeiterInnenbewegung Bedeutung beigemessen. AnarchistInnen wurden dabei nicht selten als rückständige, «kleinbürgerliche» und fortschrittsfeindliche Individuen dargestellt, deren Gesellschaftsentwürfe dem Reich der Vergangenheit angehören.
Labor für Widerstandsformen
Doch seit einiger Zeit versuchen historische Forschungen, diese Überheblichkeit abzulegen. Dazu gehört auch Florian Eitels Buch «Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz». Die Studie widmet sich der Entstehung der anarchistischen Bewegung im Tal von Saint-Imier zwischen 1866 und 1881. Dort wurde ein weltweit bedeutendes Stück Geschichte geschrieben: An einem Kongress im September 1872, an dem lokale Anarchisten – vornehmlich männliche Uhrenarbeiter – sowie anarchistische AktivistInnen aus verschiedenen Ländern zusammenkamen, wurde die «Antiautoritäre Internationale» als Gegenbewegung zur «marxistischen» Fraktion der Internationalen Arbeiterassoziation (Erste Internationale) gegründet.
Damit war der Grundstein für eine eigenständige anarchistische Bewegung gelegt. Der Kongressort war nicht zufällig gewählt, sondern ging auf eine längere politische und gewerkschaftliche Organisierung der jurassischen Uhrenarbeiter zurück, die ihnen weltweit grosse Bewunderung einbrachte.
Häufig wird die Entstehung der anarchistischen Bewegung als Resultat eines Hahnenkampfs zwischen dem Anarchisten Michail Bakunin und dem «Staatssozialisten» Karl Marx dargestellt. Florian Eitel hingegen begibt sich auf eine sozial- und kulturhistorische Spurensuche, die die Entstehung des Anarchismus in ihrem spezifischen Kontext verstehen will. Das Buch zeigt somit die komplexen Zusammenhänge zwischen der Globalisierung des 19. Jahrhunderts, deren Folgen für die Schweizer Uhrenindustrie und der Radikalisierung der jurassischen Arbeitenden auf. Mit ihrem Ideal einer staatenlosen Gesellschaft und ihren länderübergreifenden Netzwerken erscheinen die AnarchistInnen dadurch weniger als engstirnige GegnerInnen der kapitalistischen Globalisierung, sondern vielmehr als Kämpfende für eine «alternative Globalisierung», wie der Autor es treffend formuliert.
Auf der Grundlage einer Fülle von Quellen meistert Eitel eine schwierige Gratwanderung: Seine Geschichte ist weder eine abstrakte Globalgeschichte, die die lokalen Eigenheiten vernachlässigt, noch eine räumlich begrenzte Regionalgeschichte, die das politische Projekt der AnarchistInnen auf ein lokalgeschichtliches Kuriosum herabstuft.
Die globale Relevanz der anarchistischen Aktivitäten im Berner Jura wird laut Eitel auch durch die Tatsache verdeutlicht, dass dort ein «Labor» für gewerkschaftliche Organisations- und Widerstandsformen entstanden ist. In Zusammenschlüssen von Arbeitenden entdeckten die AnarchistInnen Keimzellen einer neuen Gesellschaft. Indem dort Klassenkampf, Solidarität und Selbstverwaltung erprobt wurden, sollte das emanzipierte Zusammenleben bereits im Hier und Jetzt ansatzweise realisiert werden. Diese später als «Anarchosyndikalismus» bekannt gewordene Doktrin entwickelte eine enorme Ausstrahlung. Als dann um die Jahrhundertwende weltweit anarchosyndikalistische Massengewerkschaften gegründet wurden, griffen die Gewerkschaftsmitglieder auf Erfahrungen zurück, die durch im Jura lebende AnarchistInnen gesammelt worden waren.
Revival des Anarchismus
Der Zugang zur äusserst spannenden Materie wird allerdings durch den grossen Umfang und den hohen Preis des Buchs erschwert. Die LeserInnen müssen sich viele Seiten gedulden, bis sie erstmals richtig mit den im Jura lebenden AnarchistInnen Bekanntschaft schliessen. Teilweise aufgewogen wird das durch eine gute LeserInnenführung, sehr reichhaltiges Bildmaterial sowie die Möglichkeit, eine kostenlose digitale Version des Buches zu beziehen. Schliesslich stellt sich die Frage, ob das Buch dem Anspruch, eine Geschichte der Namenlosen zu schreiben, vollumfänglich gerecht wird. Streckenweise stützt sich die Analyse dann doch sehr stark auf die Schriften der Anarchisten James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel, die längst zum erweiterten Kanon anarchistischer Theoretiker gehören.
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sprechen viele wieder von einem Revival des Anarchismus. Viele AktivistInnen knüpfen heute an anarchistisches Gedankengut an. In vielerlei Hinsicht unterscheiden sie sich von den jurassischen Uhrenarbeitern des 19. Jahrhunderts. Gemeinsam ist allen aber das Ideal eines solidarischen und freiheitlichen Zusammenlebens jenseits von Nationalstaat und Kapitalismus. In einer Zeit des weltweiten Rechtsrutsches, zunehmender sozialer Ungleichheiten und einer strukturellen Krise der institutionellen Linken bietet Florian Eitels Buch deshalb eine geschichtswissenschaftlich fundierte Grundlage, um das «noch» aus Hobsbawms Frage durch ein «wieder» zu ersetzen.
Buchpräsentation: Freitag, 8. März 2019 um 19 Uhr im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich.