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De Sauvage orientiert sich an Habermas und Apel, sie spricht von einem Antagonismus von „lebensweltlich-orientierendem“ (mitgemeint ist immer der ethisch-moralische Aspekt) und systemisch-technisch-rationalem Denken, wobei letzteres im Sinne des Habermasschen Verfügungswissen interpretiert wie auch dessen Trias von den verschiedenen „erkenntnisleitenden“ Interessen akzeptiert wird und damit der äußerst enge (und künstliche) Begriff der empirisch-analytischen Wissenskonzeption und deren rein „technisches“ Interesse übernommen werden. Es ist eine Kritik an Wissenschaftlichkeit, die man zumindest im 21. Jahrhundert so nicht mehr wirklich erwartet und die mit den alten Diltheyschen Begriffen von „Erklären“ und „Verstehen“ operiert – und das auf eine völlig simplifizierende Art und Weise. Die technische Rationalität sei nicht in der Lage, „lebensweltliche“* Probleme zu lösen oder „Orientierungen“ zu bieten. Wobei nicht klar ist oder wird, was und wie hier orientiert werden solle: Denn eine Art der philosophischen Lebensberatung soll dann auch wieder nicht darunter verstanden werden. Jedenfalls meint de Sauvage, dass „angesichts der gegenwärtigen Komplexität eines ausdifferenzierten Wissenschaftssystems eine Arbeitsteilung zwischen Naturwissenschaftlern, die sich auf Verfügungs- und Mittelwissen (Habermas lässt grüßen), und Geistes- sowie Sozialwissenschaftlern, die sich auf Orientierungs- und Zweckwissen spezialisieren, keinesweges abwegig erscheint“.
Es ist dies die immer wieder unter verschiedenen Mäntelchen vorgebrachte Ansicht, dass es für bestimmte Probleme auch eine andere Methodologie gäbe, die (nie genau definiert) einfühlend, hermeneutisch, verstehend agieren solle, weil die Probleme einen spezifischen Charakter hätten, der mit „naturwissenschaftlich-technisch-rationalen“ Mitteln nicht in Angriff genommen werden könne. Das übersieht natürlich, dass alle Probleme stets einer rational-kritischen Lösung zugeführt werden können und müssen. Ob es nun Schwierigkeiten zwischen Ehepartnern sind oder die ökologische Krise – nirgendwo wird man vernünftigerweise von Rationalität und Kritik absehen können, im Gegenteil: Beziehungsprobleme leiden zumeist an einem Übermaß „gefühlvoller“ Lösungen (zerbrochenes Geschirr, Beleidigungen, Verletzungen oder auch ein versöhnender Geschlechtsakt dienen nie dazu, die grundlegenden Probleme zu lösen) und auch eine „lebensweltlich-orientierende“ Lösung der Atommülllagerung scheint wenig erfolgversprechend. Wir haben nirgendwo ein anderes Mittel als das der kritischen Rationalität, auch – und vor allem – in Bereichen der Ethik und Moral: Indem man sich (vorläufig) auf bestimmte Positionen festlegt, mögliche Folgen von Maßnahmen erörtert, daraus Rückschlüsse auf das zu erreichende Ziel zieht und dann vielleicht diese Ziele oder auch die Anfangspositionen revidiert, da sie bestimmten Folgerungen widersprechen. In den allermeisten Fällen kann man sich auf Grundpositionen (etwa die Menschenrechte) einigen – und nur wenn auch hier keine Einigung erzielt werden kann, ist der kritisch-rationale Dialog sinnlos (wer etwa dem anderen seine Lebensberechtigung abspricht, wird von diesem nicht mehr erwarten können, dass er sich auf eine Diskussion über die bestmögliche Vernichtung einlässt). Aber solche Fälle sind äußerst selten, im Gegenteil: Man wird sehr oft feststellen können, dass die Übereinstimmungen sehr viel stärker sind als gedacht.
Insofern könnte ein solcher kritisch-rationaler Dialog natürlich auch über die lebensweltlich-hermeneutischen Methodologien geführt werden, indem man sie definiert, ihre Problemlösungspotential untersucht und kritisiert. Allerdings werden diese Methoden entweder nicht klar umrissen oder aber dogmatisch durchgeführt (wie z. B. bei Gadamer, der explizit darauf hinweist, dass zu „bestimmten“ Fragen der „Laie“ (also alle diejenigen, die Gadamer als solche bezeichnet) keine Stellungnahme abgeben kann). Und so krankt dieses Buch an einem unklaren Denkstil, an häufigen Widersprüchen (man will dann doch nicht hinter dem erreichten Stand von Wissenschaft und Technik zurück, allerdings Philosophie betreiben in einer Form, als ob es keine Wissenschaft gäbe: Statt Atome Substanzanalysen, philosophische Anthropologie ohne Evolutionstheorie, Theorien des Geistes ohne Hirnphysiologie usf.) Wobei die Wissenschaft nicht nur in diesen grundsätzlichen Fragen eine Rolle spielt (spielen muss: Ansonsten wird die Philosophie tatsächlich zu einer elitären Gehirnakrobatik), sondern auch für die Lösungen aller lebensweltlich-orientierenden Fragen. Denn diese Lösungen müssen sich immer am Möglichen, Machbaren orientieren: Und die Grenzen des Machbaren werden durch die Naturwissenschaft bestimmt.
In weiten Teilen handelt es sich hier um ein oberflächliches Stammtischpamphlet, das vor allem im Internet (und der ständigen Verfügbarkeit des Wissens) den Untergang aller Werte zu erkennen glaubt. Die Auslassungen über das vermeintlich Antidemokratische, Oberflächliche, Gefühlslose, Isolierende und Verdummende des Internets erinnern mich in ihrer Einfalt an die Frage, die eine ältere Dame an mich richtete, nachdem sie erfahren hatte, dass ich einen Internetanschluss habe: „Sie interessieren sich also auch für Kinderpornos??“ Die Dame war über 80 und schrieb kein Buch über den philosphischen Verfall in der Gegenwart: Insofern konnte ich ihr ihre Haltung nachsehen. Bei einer sich aufgeschlossen gerierenden Autorin fällt das allerdings schwer, im besonderen dann, wenn sie eine Kritik des Denkens zu geben sich bemüßigt fühlt. Mehr wie Platitüden und Banalitäten nebst einiger philosophischer Unbildung (z. B. die Chuzpe, Max Webers Ausführungen zum Werturteilsstreit zu kritisieren, ohne auf die in diesem Zusammenhang wahrscheinlich unübertroffenen Analysen von Hans Albert auch nur im entferntesten einzugehen) ist aus diesem Buch nicht zu entnehmen, es ist ein höchst uninspirierter Versuch, alte neopositivistische Argumente (die in dieser radikalen Form nicht einmal von den Neopositivisten selbst vertreten wurden) in einer dumpf-technikfeindlichen Atmosphäre vorzutragen.
*Ich setze den Begriff „Lebenswelt“ deshalb unter Anführungszeichen, weil mir seine Bedeutung weder bei Husserl noch bei Habermas oder der Erlanger Schule wirklich deutlich wurde: Sie ist etwas, das ich immer schon habe, eigentlich „unhintergehbar“ ist, unter bestimmten Bedingungen aber doch wieder in Frage gestellt werden kann. Zumeist aber wird sie als ein unhintergehbarer Teil der „idealen Kommunikationsgesellschaft“ im Apel-Habermasschen Sinne betrachtet, ein Konstrukt, das ebensowenig von epistemologischer Relevanz ist. Bzw. es diente längere Zeit dazu, einen Letztbegründungsanspruch erheben zu können.