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Henry Brandt war einer der Pioniere des Neuen Schweizer Films, ein innovativer, mutiger und engagierter Filmemacher sowie ein produktiver und geschätzter Fotograf, der jedoch bei den neuen Generationen von Filmliebhaber*innen und Fachleuten kaum bekannt ist. Dieses Jahr wäre der Künstler 100 geworden, ein Anlass, der zahlreich gefeiert wird (www.henrybrandt.ch). Auch das Locarno Film Festival zeigt drei kürzlich restaurierte Werke aus seiner Filmografie: Les nomades du soleil (1954), Quand nous étions petits enfants (1961) und La suisse s'interroge (1964). Wir trafen Frédéric Maire (FM) und Caroline Fournier (CF), Direktor bzw. Leiterin der Filmabteilung der Cinémathèque suisse (CS), die Brandts Werken restauriert haben.
Frédéric Maire, wie stark war die Beziehung zwischen Henry Brandt und dem Filmfestival von Locarno?
FM: Brandt war ein regelmässiger Besucher des Festivals. Einige seiner Filme wurden in Locarno vorgeführt und mit Preisen ausgezeichnet. Im Jahr 1955 gewann er den ersten Preis in der Kategorie ethnografischer Film für Les nomades du soleil, das Werk, das ihn berühmt machte. Im Jahr 1961 wurde er für Quand nous étions petits enfants mit dem Silbernen Segel ausgezeichnet.$
Henry Brandts Blick scheint sich vom typischen «Orientalismus» der Zeit zu unterscheiden, mit anderen Worten, er entspricht nicht gerade der kolonialen Ideologie ...
FM: Henry Brandt hatte grossen Respekt vor den sozialen Gruppen, die er darstellte. Was Les Nomades betrifft, so sei daran erinnert, dass es sich um einen Auftragsfilm des Ethnografischen Museums Neuenburg handelte. Direktor des Museums war damals Jean Gabus, der als einer der Schweizer Pioniere eines postkolonialen, nicht-eurozentrischen und damit antirassistischen Diskurses gelten kann. Auch in Quand nous étions petits enfants zeigt Brandt ein heute schockierendes Blackface-Spektakel von Kindern, das er aber sofort mit einem verschleierten kritischen Kommentar abschliesst.
In Quand nous étions petits enfants dokumentiert Brandt eine Art pädagogische Utopie. War der Film eine realistische Darstellung der schulischen Aktivität?
Ja absolut. Charles Guyot, der Lehrer im Film, war ein Anhänger der pädagogischen Methode von Célestin und Élise Freinet, die in Frankreich sehr beliebt waren. Laut die Freinets mussten Schüler*innen auch aktive Teilnehmer*innen am Lernprozess sein und nicht nur Behälter, die mit Wissen gefüllt werden mussten. Bei dieser Methode wird dem Machen, dem Erleben im sozialen und natürlichen Kontext des Kindes grosse Bedeutung beigemessen. Der Film von Brandt ist in diesem Sinne ein aussergewöhnliches pädagogisches Dokument.
Caroline Fournier, was waren die grössten Herausforderungen bei der Restaurierung von Brandts Filmen?
CF: Noch zu Lebzeiten begann Brandt, seine Filme bei der CS einzulagern. Dadurch konnten die Filme bestmöglich konserviert werden. Ende der Achtzigerjahre führte er sogar eine erste Restaurierung von Les nomades du soleil durch. Diese Arbeit wurde jedoch mit Umkehrfilmen gedreht, d.h. mit Material, das direkt ein Positiv erzeugen kann. Die Qualität ist daher weniger gut als bei herkömmlichem Film, vor allem in Bezug auf den Kontrast, der sehr scharf ist und dem es an Nuancen fehlt.
La suisse s'interroge ist vielleicht der bekannteste Titel in Brandts Filmografie. Ein Schlag in die Magengrube in einem besonderen audiovisuellen Wahrnehmungsdispositiv ...
CF: Der Film, der aus fünf Kurzfilmen besteht, die in verschiedenen Formaten und auf verschiedenen Bildschirmen gezeigt wurden, wurde während der Weltausstellung in Lausanne 1964 von Millionen von Menschen gesehen. Das Filmerlebnis bestand aus einem Rundgang durch einen Pavillon. Den Film im Kino zu sehen, ist ein beeindruckendes Erlebnis, aber es ist nicht dasselbe. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Henry Brandt, der immer für einen Auftrag arbeitete, ein sehr kritisches Werk schuf, obwohl das Drehbuch der staatlichen Kontrolle unterlag.
Brandt war auch als Fotograf tätig und produzierte eine Menge Tonmaterial. Wie ist die Beziehung zu Ihrer Tätigkeit als Filmemacher?
CF: Die fotografische Tätigkeit verlief oft parallel zur kinematografischen. Les Nomades du soleil zum Beispiel ist auch der Titel eines Fotobuchs von Brandt. Andererseits finden wir in den Filmwerken auch das Tonmaterial des Autors, das akustisch sehr genau ist. Brandt arbeitete mit einem tragbaren Nagra-Recorder, der ihm Qualität und Bewegungsfreiheit bot.
Abbildung: © Collection La Cinémathèque suisse
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