Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/1131

Der grösste Schatz meiner Eltern war die B&O-Anlage. Sie lieben Musik, und ich liebte es damals, die dazugehörende Plattensammlung durchzugehen. Darunter eine LP, die eine Coverillustration hatte, die so gruslig war, dass ich sie immer wieder anschauen musste: eine Szene auf dem Friedhof. Der Priester steht am Kopfende eines Sargs, das Gesicht grün, das Kreuz erhoben, der Tote darunter in eine amerikanische Flagge gehüllt, die Trauergemeinde streng gekleidet.
Das Cover gehört zu Joan Baez' 1971er-Hit-Album «Blessed Are» und illustriert den Song «The Night They Drove Old Dixie Down». Sie modelte das Lied damit quasi über Nacht von einer alten Südstaatenhymne zu einem Protestsong um und wurde damit zum Superstar ihrer Zeit: grosses musikalisches Können, das auf grosses politisches Engagement trifft. Joan Baez machte «Folk» zuerst cool und dann mainstreamfähig.
An einem Kind geht solches natürlich komplett vorbei; mich erinnerte die Illustration an den alten Leichenwagen bei uns im Dorf. Der war zwar längst nicht mehr im Einsatz, stand aber, schwarz gestrichen und mit gedrechselter Einfassung, ganz hinten im Feuerwehrdepot. Das Depot stand an einem besonders grusligen Ort, im Wald, vis-à-vis der Metzgerei. Um den Wagen zu sehen, musste man sich auf die Zehenspitzen stellen und – wortwörtlich - die Nase an der Scheibe plattdrücken. War der Nachbarsjunge dabei, wagten wir es manchmal, ins Depot hineinzuspähen. Wir bildeten uns dann ein, dass es bestimmt noch eine alte, vergessene Leiche in dem Wagen hätte. In meiner Fantasie hatte diese Leiche grünliche Haut, wie die auf dem Plattencover von «Blessed Are».
Anders wars für meine Mutter. Diese LP stand für die Art von Protest und Veränderung, wie sie sich meine Eltern, die beide Lehrer waren, wünschten: Baez marschierte mit Martin Luther King, sie flog nach Vietnam, um vor Ort gegen den Krieg zu demonstrieren. Baez war anders als viele ihrer Hippiekollegen: Tochter eines renommierten Physikers, aufgewachsen in den USA und in Libyen, lehnte sie Drogen ab, sprach fliessend Französisch und Spanisch und brauchte weder Gurus noch Ashrams, um ihre Visionen für eine bessere Welt zu entwickeln.
Als Kind war mir Baez' Stimme fast zu durchdringend, beinahe aufdringlich: Heute klingt sie rauer und in meinen Ohren attraktiver. Den Idealen ihrer Generation bleibt Baez auch auf ihrer aktuellen Scheibe treu. Ihr erstes Album in zehn Jahren klingt intensiv, präzis und ist ein beeindruckendes Alterswerk.
Wer sie live erleben will: Die 77-jährige Baez tourt diesen Frühling/Sommer durch Europa, wie sie sagt zum letzten Mal. Nachdem ich am Telefon meiner Mutter von dem Album vorgeschwärmt habe und wir über Baez und ihre Tour gesprochen haben, stelle ich fest: In mir weckte ihre Musik die Liebe zum «Folk» und zur Troubadour-Tradition. Meiner Mutter aber bringt sie immer noch viel mehr als nur Musik: Joan Baez bringt Hoffnung.
Alternativ: Den Song «The Night They Drove Old Dixie Down» nahmen nach Joan Baez verschiedene Bands in ihr Repetoire. Meine Lieblingsversion ist die der Band «The Black Crowes»
Joan Baez Tourneeplan
Joan Baez Album bei Ex Libris