Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03228.jsonl.gz/635

Die beiden Ausstellungen zu einem prekären Arkadien 1933-45 zeigen nicht nur grosse Kunstwerke, sie berichten auch von grosser Liebe in Zeiten grössten Hasses bzw. von den Ob- und Subjekten dieser grossen Liebe: Einmal von einem grossherzigen Land und dessen Landschaft, Italien, zum anderen von einer grossherzigen Frau und ihrer Körperlandschaft, Eva Grosz.
Als im Februar 1935 in Berlin wenige Getreue Max Liebermann, der ein Zeitalter deutscher Kunst geprägt hatte, ohne Feier und unbemerkt von der Öffentlichkeit beerdigen, wird mehr zu Grabe getragen als ein großer Maler. Dies empfand auch der anwesende, damals fünfundfünzigjährige Hans Purrmann. Er hatte sich bis zuletzt um ein angemessenes Begräbnis durch die Preussische Akademie der Künste bemüht. Auch ihm hatte sich die Kunstwelt bereits verschlossen durch die Auflösung der Berliner Secession, durch das Abhängen seiner Bilder in Ausstellungen und Museen, durch die Schließung der Galerien moderner Kunst. Am 23. Juli desselben Jahres schrieb Purrmann an einen Freund: "Ich habe den Verwalterposten bei der Villa Romana in Florenz bekommen... An dem Posten ist ja nicht viel, nur freie Wohnung (eingerichtet), vier Zimmer und ein Atelier, kein Gehalt, aber Transferierungsmöglichkeit von deutschem Geld. Ich habe auf zwei Jahre angenommen und muß im Oktober antreten. Damit komme ich aus Berlin und dem fruchtlosen Streit." Beginn eines typischen unspektakulären und pragmatischen Rückzuges eines Malers aus Deutschland nach Italien, das er bereits gut kannte, aber auch Beginn einer langen Reihe von Gemälden und Aquarellen, in denen die Landschaft der Toskana und die Stadtlandschaft von Florenz eine ungewöhnliche Huldigung erfuhren.
In Übergängen dagegen vollzog sich der Rückzug Eduard Bargheers von Hamburg nach Ischia und Florenz. Zeichen der Warnung gab es viele für ihn: Auflösung der Hamburgischen Sezession, Schließung von Ausstellungen, an denen er beteiligt war, aber auch Nuancen wie die Weisung seines Segelclubs, den von Thomas Mann inspirierten Namen seines Bootes "Hans Castorp" zu ändern, was er mit Austritt quittierte, schließlich die Auswanderung - wenn nicht gar Flucht - seiner zumeist jüdischen Hamburger Sammler und Förderer. Trotz dieser eindeutigen Zeichen und obwohl Bargheer politisch keineswegs genehm war, erwarb er noch 1935 ein Haus in Blankenese. Er kam immer wieder nach Hamburg zurück und stellte sogar 1940 noch in der dortigen Galerie Commeter aus, baute sich aber gleichzeitig eine neue Existenz in Italien auf, und konnte sogar in Florenz ausstellen. Es begann eine künstlerische Hymne und Analyse der italienischen Landschaft, besonders der Insel Ischia, die ihren Höhepunkt, da Bargheer nach dem Kriege in Italien blieb, in den fünfziger und sechziger Jahren erreichte.
Die deutsche Kunst der Moderne entfaltete sich ab 1933 ausschließlich im Ausland abgesehen von Inseln kleiner Freiräume und von vereinzelten verborgenen Ateliers im Inland. Ein nicht unerheblicher und nicht unwesentlicher Teil dieser Kunsttätigkeit im Ausland erfolgte in Italien, während im einstmals fortschrittlichsten und wirkungsvollsten Kunstbetrieb der Welt, in den Museen und Kunstvereinen Deutschlands sich der Nazi-Kitsch etablierte. In Italien bot sich für die Künstler eine Situation, die für sie sowohl "innere Emigration" als auch Exil von wechselnder und unterschiedlicher Mischung darstellte. "Innere Emigration" insofern, als einige von ihnen durchaus nach Deutschland zurückkehren konnten. Die dort verbliebenen Freiräume gestatteten ihnen sogar, ihre Werke zu verkaufen, um in Italien davon leben zu können. Exil insofern, als sie ihrer kulturellen Wurzeln beraubt waren und die Beziehung zu Deutschland durchaus lebensbedrohend werden konnte. Eine Zwitter-Situation und eine Gratwanderung, welche von den Betroffenen, aber auch vom heutigen Betrachter Sensibilität für Zwischentöne voraussetzt.
Neben der jahrhundertealten Italien-Sehnsucht sprachen auch einige sehr reale Erfahrungen für dieses Land, in welchem die Kunst in allen Bevölkerungsschichten einen hohen Stellenwert hat: 1932 schrieb Max Peiffer Watenphul aus Porto Salvo bei Gaeta, er und Karl Rössing seien dort "die einzigen Ausländer. Die Könige des Ortes.", und noch im Dezember 1943, nach der Besetzung durch die Deutschen und kurz vor seinem Abtransport nach Auschwitz, wo er umkam, berichtete Rudolf Levy seinem Freund, dem Schriftsteller Herbert Schlüter, aus Florenz: "Meine Bilder verkaufe ich immer noch ganz gut...". Emigranten, aber auch zahlreiche italienische Sammler kauften den deutschen Künstlern in Italien Werke für ihre Sammlungen ab. In der kleinen Galerie "Il Ponte" am Lungarno Guicciardini in Florenz konnten sie sogar ausstellen.
Eduard Bargheer erlebte im Oktober 1935 auf der Insel Ischia das Wunder des Südens, das er am 20. Oktober so beschrieb: "Jeden Morgen, wenn ich die Läden öffne und auf Sant'Angelo blicke, durchfährt mich wieder der gleiche freudige Schreck, daß alles wirklich existiert, daß ich den Ort nicht träume." Und am 23. Oktober: "Morgen bin ich 10 Tage hier, und ich habe das Empfinden, daß sie wichtig werden für mein ganzes weiteres Leben." Seine Kunst kreist nach seinen Anfängen im nordischen Expressionismus der Hamburger Sezession der 20er Jahre seit den 40er Jahren um die zentralen Themen „Stadt“ (Forio d‘Ischia) zu unterschiedlichsten Jahres- und Tageszeiten, die dort oft stattfindende „Prozession“, den „Epomeo“, das Gebirge über ihr, die „Vulkanische Landschaft mit Cap“ weiter südlich wie auch die dortige „Schlucht“ und die aus der Nähe gesehene dortige Vegetation in „Agave“ oder „Opuntie“. In diesen Thematiken konnte er ab 1947 voll und ganz vom äußeren Schein zur inneren Struktur dieser Insel vordringen und schuf eine Hymne auf die südliche Kultur- und Natur-Landschaft und ihr Licht, wie unsere Ausstellung vielfach zeigt.
Max Peiffer Watenphul prägten das Ruhrgebiet, das Bauhaus in Weimar und die Folkwangschule in Essen in den zwanziger Jahren. Nach fast naiv anmutenden, jedoch bald magischen Anfängen von Landschaft, Stadtlandschaft, Stilleben und Porträt wurden für sein Werk die Reisen in den Süden bestimmend, z. B. 1924 nach Mexiko aber auch nach Salzburg, Dubrovnik und Sanary-sur-Mer und immer wieder nach Italien. Hier löste sich in den Ischia- und Cefalù-Landschaften von 1937 und den gleichzeitigen Stilleben endgültig der heftige Widerstreit zwischen Hell, Licht und Gelöst auf der einen und Dunkel, Dumpf und Geschlossen auf der anderen Seite zugunsten südlichen Lichtes und südlicher Heiterkeit. Die Malerei des befreundeten italienischen Weggefährten Filippo De Pisis dürfte Peiffer Watenphul auf seinem Weg zu leichter und luftiger Malerei mit heftigen Pinselstrichen, aber im Freilassen nicht grundierter Leinwand oder Wegkratzen der Farbe bestätigt haben. Er schuf, wie Purrmann für die Toskana und Bargheer für Ischia, das Bild der heissen süditalienischen Landschaft und ihrer grandiosen Blütenpracht. Er hatte das Unglück, 1941 nach Deutschland zurückkehren zu müssen, dort nicht malen zu können, jedoch das Glück, sich seit 1946 wieder ganz dem südlichen Licht Italiens widmen zu können.
Hans Purrmann dürfte unter den Malern, die sich nach 1933 nach Italien zurückzogen, der bekannteste und erfolgreichste gewesen sein. Günstige Umstände gaben ihm verhältnismäßig freie und beständige Arbeitsmöglichkeiten im Land der Zuflucht, nämlich als Leiter der Villa Romana, obwohl auch seine Situation prekär blieb, da man seine grundsätzlich ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus durchaus kannte. Neben wenigen Akten, einer Reihe von Porträts und Stilleben wurde er nicht müde, die Landschaft der Toskana darzustellen, und dies vorwiegend in der unmittelbaren Umgebung der Villa, von der er sich ungern fortbegab. So malte er den Ausblick von der Villa, die Villa selbst, den Garten und den Brunnen, den wir als zentrales Gemälde seiner Florentiner Jahre in unserer Ausstellung zeigen können. Es entstand ein einprägsames Bild von Form, Farbe und Licht der toskanischen Landschaft und ihrer Vegetation, vor allem der Zypresse, das sich für den, der es kennt, wie eine Folie vor die Wirklichkeit schiebt: Die Kuppel des Doms von Florenz sucht er - mit den Augen Purrmanns - über den Spitzen der Zypressen vor der Apenninenkette. Der Schüler von Matisse und Verehrer französischer Malerei hatte in den zwanziger Jahren am lichtdurchfluteten Ufer von Sanary-sur-Mer und in Langenargen am Bodensee seine Farbe immer leichter aufgetragen. Er löste sich dadurch von den Vorbildern und fand den eigenen Stil. Die Toskana gab seiner Bildform und der Farbe wieder Gestalt und Gehalt, seinem Werk die volle Reife.
Dr. Wolfgang Henze