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Warum ist Wahrheit wichtig? Gibt es Wichtigeres? Dies ist eine der zentralsten Fragen des Lebens und der Philosophie. Einen besonders spannenden Ansatz, um darüber nachzudenken, bietet das Konzept der „metaphorischen Wahrheit“. Dieses Konzept, das der Biologe Bret Weinstein – inspiriert von einer Diskussion zwischen Neurowissenschaftler Sam Harris und Psychologieprofessor Jordan Peterson – entwickelt hat, erschüttert die Fundamente unseres Denkens.
Können Stachelschweine ihre Stacheln werfen?
Nein, das können sie nicht. Nehmen wir aber an, jemand verhält sich so, als könnten sie es. Er liegt falsch, und falschliegen ist ja schlecht, oder? In diesem Fall nicht. Wer sich verhält, als ob Stachelschweine ihre Stacheln werfen könnten, der bleibt auf Distanz, wenn er eins sieht, und das ist vorteilhaft.
Die Idee, dass Stachelschweine ihre Stacheln werfen können, ist in den Worten von Biologe Bret Weinstein „wörtlich falsch, aber
metaphorisch wahr“:
Nützliche Falschheiten
Es ist hochspannend, sich Beispiele für metaphorische Wahrheiten auszudenken. Ein paar davon:
- Im Umgang mit Waffen ist es eine vorteilhafte Faustregel, sich zu verhalten, als wäre jede Waffe, mit der man hantiert, geladen.
- Während der Pestepidemie im 14. Jahrhundert wurde die sogenannte „Miasmentheorie“ formuliert. Sie besagte, dass sich die Pest durch die Luft verbreite. Das ist faktisch falsch, doch die Leute, die sich verhielten, als wäre es wahr, reduzierten damit ihr Infektionsrisiko, weil sie sich in Quarantäne begaben.
- So manche „inspirierenden Sprüche“ könnten als metaphorische Wahrheiten angesehen werden. Es mag faktisch nicht stimmen, dass jeder alles schaffen kann oder dass alles einen Sinn hat, doch wer sich so verhält, als wäre das so, der kann daraus Vorteile schöpfen. Vielleicht wird er Dinge anpacken, die er sonst hätte bleiben lassen, und wird eher darüber nachdenken, was aus einem Schicksalsschlag zu lernen ist.
- Manche würden auch den freien Willen als eine metaphorische Wahrheit anführen. Belege und Argumente mögen dagegen sprechen, doch wir sollten uns so verhalten, als gäbe es ihn, damit unsere Leben besser sind.
- Als die größte metaphorische Wahrheit wird gerne die Religion angeführt. Ihre Allgegenwart und Dauerhaftigkeit in der Geschichte scheinen zu zeigen, dass sie evolutionäre Vorteile bieten muss, die nicht davon abhängen, dass ihre Aussagen über die Realität wahr sind.
Wie wertvoll ist Wahrheit?
Viele von uns neigen dazu, Wahrheit intuitiv als intrinsisch sehr wertvoll zu betrachten. Falschheit ist grundsätzlich schlecht, das Wahre ist schon allein deswegen vorzuziehen, weil es wahr ist. Unter diesem Blickpunkt wäre metaphorische Wahrheit etwas Schlechtes, weil sie falsch ist. Doch wenn man genauer hinkuckt, zeigt sich manchmal, dass sich dahinter doch höhere Werte verstecken. In einem früheren Blogbeitrag schrieben wir:
„Wir sollten realisieren, dass Wahrheitsliebe eine Bedingung für ethisch-moralische Güte ist. Denn nur, wer die Realität möglichst korrekt erfasst und einen guten Bullshit-Detektor hat, kann hoffen, dass sich seine Liebe auch möglichst wie Liebe auswirkt, dass er wirklich möglichst das Beste erreicht und wirklich „gut“ handelt.“
Diese Aussage impliziert, dass wir für Wahrheitsliebe sind, weil wir glauben, dass Wahrheit der Weg zum Guten und Falschheit der Weg zum Schlechten ist. Heißt das, unser höchstes Ziel im Denken ist nicht Wahrheit, sondern Vorteile? Ist das bei allen Menschen so, die vorgeben, nach Wahrheit zu streben? Die Antwort scheint zu sein: Mal so, mal so.
Es scheint Fälle zu geben, in denen Menschen die Wahrheit einzig und allein deshalb am meisten wollen, weil sie wahr ist, auch wenn sie weniger Vorteile mit sich bringt. Denken wir an Morpheus‘ Crew aus „Die Matrix“: Sie wollen in der Realität leben, auch wenn ihnen das Mühsal beschert. Für sie scheint Wahrheit ein Wert zu sein, der mehr wiegt als Nutzen. Doch Cypher ist eine Ausnahme: Er stellt Nutzen über Wahrheit. Für ihn wiegt die metaphorische Wahrheit der Matrix mehr: Wenn er so tut, als wäre sie real, erwachsen ihm daraus Vorteile, und das ist ihm wichtiger als die wörtliche Wahrheit.
Nutzenorientiert denken ohne Wahrheitssuche?
Es scheint, dass wörtliche Wahrheit für unterschiedliche Leute in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Priorität genießt. Doch was ist generell die bessere Priorität, wenn wir über Fragen nachdenken? Überlegen wir einmal, was es bedeuten würde, wenn statt Wahrheit Vorteile explizit das höchste Ziel im Denken sind. Würde das dann heißen, dass wir in jeder Frage nicht primär versuchen sollten, herauszufinden, welche Antwort richtig ist, sondern, welche uns die meisten Vorteile verschaffen würde? Wissenschaftler und Philosophen würden sich dann Fragen stellen wie:
„Welche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Lebens würde unser Wohlergehen am meisten fördern?“
„Welche Haltung sollten wir zum Problem des freien Willens einnehmen, damit wir den größten Nutzen erreichen?“
Wäre es praktikabel, so an Fragen heranzugehen und die Wahrheitssuche auszuklammern? Hier kann uns John Stuart Mill weiterhelfen. Er befasste sich in „Über die Freiheit“ mit dem Argument, dass Wahrheitsdiskussionen nicht immer sinnvoll seien, da der Nutzen einer Meinung manchmal über deren Wahrheit zu stellen sei.
Nutzen ist subjektiv
Zunächst schrieb Mill:
„Der Nutzen einer Meinung ist selbst Meinungssache; er ist ebenso streitbar, steht ebenso zur Diskussion und muss ebenso diskutiert werden wie die Meinung selbst.“
Was heißt Nutzen? Können wir uns da auf objektive Kriterien einigen? Was ist wirklich metaphorisch wahr und falsch? Bringt eine angeblich metaphorisch wahre Ansicht wirklich nur Vorteile mit sich? Was ist zum Beispiel, wenn ich wegen meines Glaubenssatzes, dass Stachelschweine ihre Stacheln werfen können, in ständiger Angst lebe und überhaupt nicht mehr in den Wald gehe? Dann wäre die Auswirkung dieser Idee unterm Strich negativ und sie wäre weder wörtlich noch metaphorisch wahr.
Ein anderes gutes Beispiel sind Lügen: Oft erscheinen sie kurzfristig metaphorisch wahr zu sein, da sie kurzfristig Vorteile verschaffen. Doch was ist mit den langfristigen Auswirkungen davon, nicht die Wahrheit zu sagen? Und ist eine Lüge metaphorisch wahr, wenn sie nie ans Licht kommt und somit nie Leid auslöst? Hier stellt sich auch die Frage: Für wen ist metaphorische Wahrheit nützlich? Es kann etwa für jemanden metaphorisch wahr sein, dass Impfungen Autismus verursachen: Wenn er sich verhält, als wäre das wahr, fühlt er sich besser und wird in seiner sozialen Gruppe akzeptiert. Doch für den Rest der Welt ist das alles andere als nützlich.
Dass eine Aussage metaphorisch wahr ist, ist eine Wahrheitsbehauptung, die wahrheitsorientiert diskutiert werden kann und sollte.
Die Beziehung zwischen Wahrheit und Nutzen
Mill fuhr fort:
„Die Wahrheit einer Meinung ist Teil ihres Nutzens. Wenn wir herausfinden sollen, ob es wünschenswert ist, dass eine Meinung geglaubt wird, ist es dann möglich, die Frage auszuklammern, ob sie wahr ist?“
Es kann gut sein, dass eine Idee keinen Nutzen oder Nachteile bringt, weil sie falsch ist. Das sollte also geklärt werden. Wenn wir herausfinden wollen, wie wir Nutzen maximieren können, dann ist es eine gute Basis, die Fakten zu kennen. Wie wir uns gegenüber Stachelschweinen am besten verhalten sollten, lässt sich am verlässlichsten bestimmen, wenn wir wissen, wie Stachelschweine tatsächlich beschaffen sind. Häufig ist es tatsächlich der beste Weg zu Vorteilen und die beste Prävention gegen Nachteile, erst einmal die Fakten zu suchen, und häufig ist es gefährlich, das nicht zu tun.
Wir sehen: Wahrheitssuche ist grundsätzlich ein gutes Werkzeug, egal, ob wir gerade auf Wahrheit als Selbstzweck oder auf Nutzen aus sind. Schwierig wird es dann, wenn sich die Wahrheit und das Vorteilhafteste widersprechen. Was, wenn jemand nur durch eine metaphorische Wahrheit überleben oder glücklich sein kann? Vor allem sind wir hier nicht frei: Wer Wahrheit priorisiert, kann sich nicht einfach durch Willenskraft dazu bringen, eine vorteilhafte Ansicht zu übernehmen, und wer dem Nutzen verfallen ist, der kann nicht ohne Weiteres zu einer kompromisslosen Wahrheitssuche wechseln. Sich zu verhalten, als wäre etwas wahr, scheint aber manchmal auch möglich zu sein, wenn man nicht glaubt, dass es stimmt – Cypher konnte so tun, als wäre die Matrix echt, obwohl er wusste, dass sie fake ist. Sollte man das? Die Diskussion sei eröffnet.
Fragen über Fragen
Metaphorische Wahrheit zwingt einen dazu, sich mit seinen wahren Motiven auseinanderzusetzen. Warum kritisiere ich Ideen wirklich? Einfach nur, weil ich sie für falsch halte, oder weil ich denke, dass sie Nachteile bringen? Und warum glaube ich, was ich glaube? Die meiste Zeit sind wir unbewusst mehr auf Nutzen als nur auf Wahrheit allein aus. Und das ist auch kein Wunder: Um zu überleben, muss man nicht per se glauben, was wahr ist, sondern, was ausreichend überlebensfördernd ist. Müsste man also sagen, dass metaphorische Wahrheit aus evolutionärer Sicht etwas Gutes ist und es sich bei Wahrheitssuche als Selbstzweck um ein Nebenprodukt oder sogar einen Bug in unserer evolutionären Software handelt?
Vielleicht ist es rein kulturell bedingt, dass wir angeben, so sehr an Wahrheit interessiert zu sein und sie gelegentlich um jeden Preis wollen. Wie dem auch sei: Letztlich geht es um die Ziele, die wir uns stecken. Und wenn die sich nicht auf „überlebensfördernd“ reduzieren lassen, dann sei’s drum. Sollte Wahrheit als Selbstzweck die oberste Priorität haben? Oder nur insofern, als sie Vorteile bringt? Wir wissen nicht, ob sich das jemals allgemeingültig normativ beantworten lässt.
Versuchen wir zumindest, rational zu sein. Rational sind wir dann, wenn das, was wir tun, uns unseren Zielen näher bringt. Wir mögen unsere Prioritäten nicht objektiv festlegen können, doch sobald wir Ziele haben, gibt es objektiv bessere und schlechtere Wege, diese zu erreichen. Darüber lässt sich im Wahrheitsmodus diskutieren. Und da gibt es oft Luft nach oben, egal, ob wir der Wahrheit oder dem Nutzen nachjagen.