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© Marcel Burkhardt
Koexistenz dank ausreichendem Brutplatzangebot
Die Mittelmeermöwe zeigte in den letzten Jahrzehnten eine starke Dynamik in Bestand und Ausbreitung. Dabei ist oft auch die Brutplatzkonkurrenz mit kleineren Laridenarten ein Thema, die aber mit geeigneten Massnahmen entschärft werden kann.
Foto © Schweizerische Vogelwarte
Foto © Pascal Rapin
Nach einem starken Bestandsanstieg im Mittelmeerraum brütete 1968 die Mittelmeermöwe erstmals bei uns. Bis heute hat sie die meisten Seen und einige Flussabschnitte der Niederungen der Schweiz besiedelt. Der Bestand ist bis 2015 auf über 1400 Brutpaare deutlich angewachsen. Heute brüten etwa 80 % des Bestands am Neuenburgersee auf 4 grossen Inseln im Fanel BE/NE und bei Cheseaux-Noréaz VD. Eine weitere grosse Kolonie befindet sich im Reussdelta UR mit etwa 100 Paaren. An den weiteren Brutplätzen brüten einzelne bis mehrere, maximal aber 10– 30 Paare. Nach der quasi vollständigen Besiedlung der verfügbaren grossen Kiesinseln in der Schweiz nimmt seit 2010 die Zahl der Dachbruten deutlich zu. Die grössten Kolonien befinden sich auf Flachdächern bei Mägenwil AG und bei Allaman VD mit je rund 80 Paaren. 2019 brütete etwa ein Sechstel des Bestands auf diesen «künstlichen Felsen», die analog zu den Inseln Schutz vor Bodenfeinden bieten.
Seit einigen Jahren aber ist der Bestand der Mittelmeermöwe stabil bis leicht rückläufig. Die Gründe dafür sind unklar, eine Rolle spielen könnten eine Begrenzung der Nahrungsverfügbarkeit und eine Limitierung des Brutplatzangebots auf den Kiesinseln durch aufkommende Vegetation, aber auch Prädation, welche den Bruterfolg vermindert. Trotzdem kommt es immer wieder zu Konkurrenzsituationen der Mittelmeermöwe mit Lachmöwe und Flussseeschwalbe. Diese beiden kleineren, regelmässig in der Schweiz brütenden Laridenarten brüten ebenfalls im Übergangsbereich zwischen Wasser und Land. Da ihre natürlichen Brutplätze durch Gewässerverbauungen grösstenteils zerstört wurden, sind sie heute auf künstliche Bruthilfen wie Plattformen und Flosse angewiesen. Die konkurrenzstärkere Mittelmeermöwe übernimmt diese Brutplätze teilweise und nimmt Bruthilfen in Beschlag, die sonst Dutzende von Nestern der kleineren Arten beherbergen könnten. Zudem kann sie bei Gelegenheit auch Eier und Jungvögel und ab und zu auch Altvögel von anderen Wasservogelund Laridenarten erbeuten.
Um die Konkurrenz der Mittelmeermöwe mit Lachmöwe und Flussseeschwalbe zu entschärfen, ist es wichtig, das bestehende Angebot von Bruthilfen weiterhin zu pflegen und auszubauen. Durch Renaturierung von Gewässern und Wiedervernässung von Feuchtgebieten können langfristig wieder natürliche Brutplätze geschaffen werden. Kurzfristig hilft es, wenn bestehende Bruthilfen erst bei der Ankunft der Lachmöwe ab März oder der Flussseeschwalbe ab Ende April zum Brüten freigegeben werden, in dem man die Flosse erst dann auswassert oder Plattformen bis dahin zugedeckt lässt. Sobald sich eine Kolonie von Lachmöwen oder Flussseeschwalben gebildet hat, können die brütenden Paare den Brutplatz gegen die grössere Art meist gemeinsam verteidigen. In den letzten Jahren haben sich auch Metallgitter bewährt, die den kleineren Arten den Zugang ermöglichen und der Mittelmeermöwe die Landung verunmöglichen. Das genügend grosse Angebot an Brutplätzen für Lachmöwe und Flussseeschwalbe ist auch wichtig, damit bei Ansiedlungen und Spezialisierung von Prädatoren in Kolonienähe (in den letzten Jahren wurden z.B. auch Schwarzmilan, Mäusebussard, Uhu und Rabenkrähe nachgewiesen) ein Ausweichen auf andere Brutplätze möglich ist.
Die bisherigen Massnahmen zum Schutz der beiden kleineren Arten scheinen erfolgreich zu sein: Der Bestand der Lachmöwe hat sich mittlerweile auf tiefem Niveau mehr oder weniger stabilisiert, während der Bestand der Flussseeschwalbe seit Jahren deutlich ansteigt, und neu angebotene Brutplätze besiedelt wurden.