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Die Bauern werden Heimarbeiter
Zwischen 1634 und 1836 steigt die Bevölkerungszahl im Gossau von 977 auf 3118. Das zwingt das Bauerndorf, seine wirtschaftliche Basis zu erweitern und neben dem Ackerbau in die Viehzucht und Milchwirtschaft zu diversifizieren. Trotzdem ist die Landwirtschaft nicht mehr in der Lage, allen Gossauer Bauernfamilien eine Existenzgrundlage zu bieten. So versuchen viele ihr Glück in der Heimarbeit. Bald schon stehen in den meisten Gossauer Kleinbauernhäusern Spinnräder und Webrahmen. Betrieben werden sie in erster Linie von Frauen und Kindern, während sich die Männer um die Landwirtschaft kümmern. Schon im 18. Jahrhundert lebt rund die Hälfte der erwerbstätigen Gossauer von der Heimarbeit. Die Baumwolle wird ihnen von den städtischen Handelshäusern geliefert, wobei der Fergger als Mittelsmann fungiert und die fertige Ware auch wieder zurück an den Auftraggeber liefert.
Milch und Wein
Im 19. Jahrhundert wird der Ackerbau zunehmend von der Milchwirtschaft abgelöst. Im ganzen Kanton entstehen Milchsammelstellen und Kleinkäsereien. Gossau zählt um das Jahr 1900 bereits 19 Sennereien. Kleinbauern, die sich die hohen Investitionen in Milchvieh nicht leisten können, geben ihre Betriebe reihenweise auf. So spaltet sich die berufstätige Bevölkerung in den Gossauer Wachten zunehmend in Vollbauern und Fabrikarbeiter. Auch der Rebbau, der in Gossau seit dem Spätmittelalter nachgewiesen ist, legt in dieser Zeit kräftig zu. Bald schon findet man überall an geeigneten Lagen grössere und kleinere Rebberge. So ist etwa der langgestreckte, geschützte und sonnige Hügelzug von Ottikon über die Altrüti bis zum Kirchhügel über und über von Reben bedeckt. Später wird der Weinbau in Gossau wegen Reblausbefalls weitgehend aufgegeben.
Die Fabriken kommen
Die Heimindustrie sichert vielen kleinen Bauern ein – wenn auch kärgliches – Einkommen. Die industrielle Revolution, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzt, macht ihr aber nach und nach den Garaus. Im ganzen Land schiessen Textilbetriebe wie Pilze aus dem Boden. In Gossau wird die erste Baumwollspinnerei 1816 in einem rückwärtigen Anbau der Taverne Krone in Bertschikon eingerichtet. Im selben Jahr wird die Mühle in Gossau-Dorf, die einst an Stelle der heutigen Accum stand, in eine Baumwollspinnerei umfunktioniert. Ihr folgen eine Färberei bei der mittleren Mühle, eine Baumwollspinnerei auf dem Tannenberg und eine Baumwollfabrik im Unterdorf. Die Heimarbeiter sehen sich nunmehr gezwungen, zu Tiefstlöhnen und unter oft unmenschlichen Bedingungen in den Fabriken zu arbeiten.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschiebt sich die Baumwollverarbeitung zunehmend in grössere Fabriken. Gossau vermag mit dieser Entwicklung nicht Schritt zu halten, weil der Dorfbach zu wenig Energie liefern kann. So weichen einige Unternehmer in die aufstrebende Seidenindustrie aus. Erfolgreich ist dabei die Fabrik auf dem Tannenberg, die zum grössten Industriebetrieb des Dorfes avanciert. Ebenso gut hält sich die Wetziker JDEWE, die in Unterottikon eine Seidenwinderei betreibt. Der Besitzer Johann Jakob Dürsteler kauft auch das prächtige Wohnhaus neben der Fabrik, das heute seinen Namen trägt. Die Seidenfabrikation bleibt in der Schweiz eine Leitindustrie, bis die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren ihren Untergang einläutet.
Von der Postkutsche zur Eisenbahn
Bevor es Postkutschen und Poststellen gab, wurden Nachrichten und Briefe zumeist von laufenden Boten übermittelt. Auch zwischen Zürich und Gossau verkehrt ein solcher Kurier, zuerst einmal, dann zweimal in der Woche. Mit der Zeit hält sich jede Gemeinde im Zürcher Oberland einen Boten, den so genannten Pott. In Gossau nimmt noch um das Jahr 1900 Rudolf Künzli, der “Potte-Ruedi”, diese Aufgabe mit seinem Ochsengespann wahr. Ab 1836 macht in der Fuchsrüti zweimal pro Woche eine Postkutsche Halt. Sie ist bis zum Bau der Eisenbahn die einzige regelmässige Verbindung zwischen den Dörfern des Zürcher Oberlands und der Stadt Zürich.
Die 1830 eingesetzte liberale Kantonsregierung forciert den Bau eines leistungsfähigen Strassennetzes, das sie als entscheidende Voraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft erachtet. Unter anderem errichtet sie 1844 die Strasse von Stäfa über Grüningen und Ottikon nach Wetzikon und von 1848 bis 1853 die neue Forchstrasse. Für die lokalen Strassen sind die Zivilgemeinden zuständig, die mit dieser Aufgabe öfters finanziell überfordert sind. Um ihren Pflichten nachzukommen, führen sie so genannte Strassenrotten ein, in denen die männlichen Dorfbewohner in die Pflicht genommen werden.
Schliesslich wird ab den 1850er-Jahren die ganze Schweiz durch ein Eisenbahnnetz erschlossen. Weil die grossen Eisenbahngesellschaften das Zürcher Oberland dabei links liegen lassen, bauen einige Ustermer Unternehmer die Glattthal-Bahn, die von Wallisellen über Uster nach Wetzikon, Rüti und Rapperswil führt. Gossau erhält 1903 mit der Wetzikon-Meilen-Bahn einen Anschluss an diese Linie. 1950 wird die Trambahn aus dem Verkehr gezogen. Ihre Strecke decken fortan die Autobusse der 1946 gegründeten Verkehrsbetriebe Zürcher Oberland ab.
Die moderne Wasserversorgung entsteht
Ebenso wichtig für das Gedeihen eines Dorfes und seiner Wirtschaft ist die Wasserversorgung. Gossau ist hier auf der sicheren Seite, denn das Dorf liegt über einem riesigen Grundwasserstrom. Während Jahrhunderten gewinnen die Menschen dieses Wasser aus Schöpf-, Zieh- und Laufbrunnen. Schon sehr früh bilden sich in den Gossauer Wachten Brunnengenossenschaften, die dafür sorgen, dass die Brunnen und Quellen einwandfreies Wasser liefern. In Grüt gründen zwei Gewerbler 1897 die erste private Wasserversorgung, in die sich nach und nach das ganze Dorf einkauft. Schliesslich tritt die Wacht der 1932 gebildeten Wasserversorgung Grüt-Berg/Gossau-Brand bei, die ihr Trinkwasser mittels eines Pumpwerks im Seewadel ans Tageslicht fördert. Unter- und Oberottikon bauen 1932/33 mit weiteren Wassergenossenschaften eine gemeinsame Grundwasserversorgung samt Leitungen. 1956 entsteht auf dieser Basis die Gruppenwasserversorgung Zürcher Oberland, die heute über 90’000 Einwohner in einem 18’000 Hektar grossen Gebiet versorgt.
Die Kriegs- und Krisenjahre
In den Kriegs- und Krisenjahren des 20. Jahrhunderts macht die Gossauer Wirtschaft eine schwierige Phase durch. Die Textilindustrie verliert an Bedeutung, und auch in Gossau schliessen verschiedene Fabriken ihre Tore, darunter 1930 die Seidenweberei Tannenberg. Der Gemeinderat versucht, neue Industrien für den Standort Gossau zu gewinnen. 1931 zieht die auf Heiztechnik spezialisierte Firma Accum ins Dorf und entwickelt sich rasch zum wichtigsten Arbeitgeber. Und in der einstigen Seidenweberei beginnt die Firma E. Hauser mit einer Champignonzucht.
Von 1941 bis 1943 wird das Gossauer Ried im Rahmen des Wahlen-Plans drastisch umgestaltet. Die von Kanton und Bund mitfinanzierten Arbeiten sind Teil der so genannten Anbauschlacht, die vom ETH-Agronomen und späteren Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen initiiert wird. Meliorationen bilden beim Vorhaben, die Schweiz zum Selbstversorgerland zu machen, einen wesentlichen Faktor. In Gossau werden 746 Hektaren Riedland entwässert, Bäche kanalisiert und 120 Kilometer neue Feldstrassen gebaut. Dank dieser Massnahme gewinnt die Landwirtschaft viel neuen Boden. Dafür geht ein Stück wertvolle Naturlandschaft mit einer reichen Flora und Fauna unwiderruflich verloren.
Die Hochkonjunktur der Nachkriegszeit
Zwischen 1950 und 1990 wächst die Gossauer Bevölkerung um das Dreifache. Im Dorf entwickelt sich ein blühendes Baugewerbe. Der Bauboom hat zur Folge, dass viele ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter, vor allem Italiener, nach Gossau ziehen. In den 1960er-Jahren arbeitet rund ein Drittel der Dorfbevölkerung in der Baubranche, ein weiteres Drittel in der Landwirtschaft und das letzte Drittel in der Industrie. Noch heute ist Gossau eine Gemeinde, die von Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie gleichermassen geprägt ist.