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Hans "Johnny" Müller
Meine musikalische Ausbildung
Ich wurde am 23.Februar 1916 in Bern geboren. Hier wuchs ich mit meiner jüngeren Schwester auf. Mein Vater war Notar, er starb als ich sechs Jahre alt war. Der Vater spielte gelegentlich Violine, meine Mutter hingegen kein Instrument, sie liebte aber Musik und war viele Jahre Mitglied im Kirchenchor der Nydeggkirche in Bern.
Sie begrüsste meinen Wunsch, ein Instrument spielen zu lernen. Als ich jedoch von einer Trommel sprach, war sie strikte gegen eine solche Anschaffung. Wir einigten uns auf ein Piccolo, und ich trat 1928 in das Trommler- und Pfeifercorps der Stadt Bern ein, wo ich zum Piccolospieler und Stimmführer ausgebildet wurde. Meine Mutter unterstützte mich auch, als ich mir 1931 eine Böhmflöte Marke Otto Mönnig, Leipzig und später Saxophone und eine Klarinette anschaffen durfte.
In der Musikschule des Konservatoriums nahm ich Unterricht beim Flötenlehrer Mangold, erster Flötist im Berufsorchester der Stadt Bern, dem Berner Stadtorchester. Dank der gründlichen Ausbildung und meinem Fleiss förderte mich Herr Mangold und bot mir die Gelegenheit, als Soloflötist aufzutreten. In der Französischen Kirche in Bern, spielte ich mit Klavierbegleitung das Flötenkonzert in C-Dur (KV 299) von W.A. Mozart.
An zwei Jahresabschlusskonzerten des Konservatoriums spielte ich im Konzertsaal des Casino die zwei virtuosen Flötenkonzerte: "Concertino op. 107" von Chaminade und "Fantasie hongroise op 2" von Andersen. Begleitet wurde ich vom Berner Stadtorchester unter der Leitung von Dirigent Alphons Brun, dem Direktor des Konservatoriums.
Dann wurde ich vom Berner Stadtorchester als vierter Flötist zugezogen, anlässlich der Aufführung der Psalmensymphonie von Igor Strawinsky, unter der Leitung von Dirigent Fritz Brun (Psalmen-Symphonie für gemischten Chor mit Knabenstimmen und Orchester mit aussergewöhnlicher Besetzung: dominierende Bläsergruppe vierfach, Violoncelli, Kontrabässen, 2 Klaviere und Schlagzeug, keine Violinen).
Der Komponist Paul Burkhard engagierte mich als Flötist in sein Orchester für die Aufführungen "Dreimal Offenbach" im Drei-Städtebund Theater Olten, Solothurn und Biel.
Daneben spielte ich in verschiedenen Amateurorchestern (Philadelphia, Postmusik u.a.), bei verschiedenen Anlässen wie dem Eidgenösischen Sängerfest, Schul- und Vereinsfeiern etc.
Während meiner Progymnasiums- und Gymnasialzeit, hatte ich also eine intensive Tätigkeit im Bereich der Klassischen Musik, bevor ich meine Liebe für die Jazzmusik entdeckte.
Da kommt mir noch folgendes in den Sinn: Im Unterrichtsfach Singen erntete ich immer die Note 4 bis meine musikalischen Erfolge auch bei der Lehrerschaft bekannt geworden sind. Aus der 4 im Singen wurde dann plötzlich eine 6.
Bekanntschaft mit der Jazzmusik
An einem Sommernachtsfest im Rosengarten in Bern sah und hörte ich erstmals eine Jazzkapelle und war sofort hell begeistert. Leider weiss ich den Namen der Jazzkapelle nicht mehr, nur soviel, dass sie aus Bern stammte. Der Saxophonist der Band war Berufsmusiker und spielte im Berner Stadtorchester Klarinette. Der damaligen Mode entsprechend trug er Hosen mit sehr weiten Hosenbeinen. Solche Bekleidung und die Mitwirkung in einer Jazzkapelle stempelten ihn aber bei den konservativen Berufsmusikern ab. Ich erlebte an einer Orchester- und Chorprobe der "Psalmensymphonie", wie dieser Musiker vor den mehr als zweihundert Musikern und Chorsängern vom Dirigenten Fritz Brun als "schwarzes Schaf" tituliert wurde, offenbar hatte der Klarinettist falsch gespielt.
Im Progymnasium in Bern, lernte ich weitere jazzbegeisterte Schüler kennen. Wir besuchten oft die Schallplattengeschäfte wie Müller & Schade, Krompholz, vor allem das Kaufhaus Kaiser, um nach Jazzplatten zu stöbern und uns vorspielen zu lassen. Auf diese Weise lernten wir die berühmten farbigen Orchester Fletcher Henderson, Duke Ellington, Jimmy Lunceford, Louis Armstrong mit ihren Solisten kennen. Sie und weitere Jazzgrössen aus den USA waren unsere Vorbilder. Ihre Plattenaufnahmen zogen wir heran, um uns zu schulen. Ich denke hier beispielsweise an Duke Ellingtons Aufnahme "Rose Room" mit dem Klarinettensolo von Barney Bigard. Dieses Solo hörte ich mir so oft an, bis ich es originalgetreu Note für Note nachspielen konnte.
Ich bekam die Gelegenheit, vom Jurastudenten Schluepp, einem Mitglied des ersten Academians- Jazzorchesters, ein Altsaxophon der Marke Selmer, zu kaufen. Nun begann ich eifrig auf diesem Instrument zu üben. Dies bereitete mir keine grossen Schwierigkeiten, denn die Tastatur ist ähnlich wie bei der Böhmflöte. Bläser war ich schon, nun musste ich noch das Spielen mit dem Mundstück erlernen.
Die "Smart Boys", 1933 am Bahnhofplatz, Bern. V.l.n.r.: "Johnny" Müller, ? Steiner, Bruno Lafranchi, "Jack" Bühlmann und Eugen Müller.
The Smart Boys
Auf meine Initiative hin, wurde mit vier "Prögelern" 1933 eine Jazzband gegründet. Eine Tante von mir half bei der Suche eines geeigneten Namens, wir wählten ihrem Vorschlag gemäss die Bezeichnung Smart Boys. Die Formation umfasste fünf Musiker: Bruno Lafranchi, Trompete und Akkordeon, Eugen Müller, Tenorsax und Violine, ...Steiner, Drums, Hans Bühlmann, Piano und Arrangements, und mich selbst, Altsax, Flöte und Klarinette. Eugen Müller, ein Cousin von mir, stammte aus Saanen im Berner Oberland. Dank ihm konnten wir mit denSmart Boys im Gasthof Landhaus in Saanen an einem Tanzanlass spielen. Wir brachten eine Darbietung, welche wir den Teddies abgeguckt hatten (und die später auch von Hazy Osterwald übernommen wurde): Wir traten mit voller Besetzung an, dann verliess einer nach dem anderen das Podium und damit beendeten wir den Vortrag. Diese Showeinlage und der gespielte Jazz fand aber beim Publikum keinen Gefallen, auch nicht bei unserem Onkel aus Gstaad. Monate später, bei einem Spaziergang mit dem genannten Onkel im Rosengarten, ertönte ein Saxophonsolo aus dem dortigen Tea Room. Er sagte zu mir: "Was, ist dies ein Saxophon, das gefällt mir aber!" Ich war ziemlich erstaunt und zufrieden, dass unserem übrigens geigenspielenden Onkel Saxophonmusik gefiel.
Hans "Jack" Bühlmann entdeckten wir in einem Lokal, wo er auf dem Piano Jazz spielte. Sein Stil war ganz nach unserem Geschmack, da wir noch keinen Pianisten hatten, waren wir sehr erfreut, als Bühlmann sich bereit erklärte, sich unseren Smart Boys anzuschliessen. Jack war uns eine grosse Stütze als Arrangeur, Komponist und Pianist. Er besass das absolute Musikgehör. Wenn er auf dem Weg zu einer unserer Proben irgendein Geräusch, einen Akkord oder ähnliches hörte, gab er jedem von uns einen Ton an, den mussten wir spielen und dabei hörten wir den besonderen Klang, der ihm zuvor aufgefallen war.
1935 spielte ich auch als Flötist und Saxophonist in einem kleinen Salon- und Tanzorchester, bestehend aus einem Pianisten, einem Geiger, einem Schlagzeuger und mir. Während des Sommers spielten wir Sonntagnachmittags als Tanzorchester im Hotel Hirschen in Gunten am Thunersee, am 1. August, dem Nationalfeiertag, nachmittags auf der Terrasse des Berner Hotel Bellevue Palace.
"New Academicans", ca. 1936. V-l-n-r.: Louis Cagianut, Leon Nencki, "Jack" Bühlmann, "Fips" Cavelti, Gitarrist Cavelti, "Pilly" Bretscher, Franz Deucher, "Johnny" Müller, unbekannter Bassist, unbekannter Schlagzeuger.
Diese Jazzband wurde von Gymnasiasten und Studenten gegründet. Ihre Mitglieder waren Ernst Bretscher, Piano, Paul Bretscher, Altsax und Klarinette, ...Schluepp, Altsax, ...Pfund, Tenorsax. Wer die weiteren Mitglieder waren und wann die Band erstmals in Erscheinung trat, weiss ich nicht mehr.
Aus diesem Ensemble entstand 1934 die Nachfolgeband The New Academians.
Der Mitgliederbestand bewegte sich je nach Anlass zwischen fünf bis zehn Musikern. Der Stammbesetzung gehörten nebst mir an Alt- und Tenorsax, Flöte und Klarinette, Paul "Pilly" Bretscher, Altsax, Klarinette und Arrangements, Franz Deucher, Tenorsax, Philipp "Phips" Cavelti, Trompete und Gesang, Leon Nencki, Bass und Posaune, Hans "Jack" Bühlmann, Piano und Arrangements, René Bertschy oder Franz "Fräne" Kessi, Schlagzeug an.
Wir alle, die wir damals als Amateure musizierten, machten später eine berufliche Laufbahn ausserhalb der Musik. Zu jener Zeit verliess ich das Realgymnasium und absolvierte eine Lehre als Heizungszeichner. "Pilly" Bretscher studierte Jurisprudenz. Nach dem Weltkrieg war er übrigens Dolmetscher im Nürnberger Prozess. Franz Deucher war ein Enkel des früheren Bundesrates Deuche height="227" width="194" src="img/mh5_118_2.jpg" hspace="7" align="right">r.
Franz und ich besuchten gemeinsam das Gymnasium. Ich erinnere ich mich noch an ein Vorkommnis: Zu Beginn einer Französischstunde turnte Franz an einer Vorhangstange herum, als der Lehrer ins Schulzimmer trat, rief er überrascht aus: "Und das soll der Enkel eines Bundesrates sein?" Franz Deucher wurde später Chirurg und Chef des Kantonsspitals in Aarau. Der Französischlehrer hingegen hat sich während des Zweiten Weltkrieges wegen Unterschlagung von Lebensmittelkarten strafbar gemacht.
"Phips" Cavelti wurde ebenfalls Arzt und wanderte später in die USA aus. Ein Neffe von ihm spielte bei uns gelegentlich als Gitarrist mit.
Leon Nencki absolvierte ebenfalls ein Medizinstudium im Spezialfach Psychiatrie.
"Jack" Bühlmann ergriff den Beruf eines Buchdruckers und arbeitete im Betrieb seines Vaters, er übernahm nach dessen Tod den Betrieb. Vater Bühlmann bekleidete im Militär den Grad eines Obersten. Als wir einmal in La Chaux-de-Fonds auftraten und uns nach Spielschluss in den Schlafraum begaben, konnten wir nicht einschlafen, wir trieben in jugendlichem Übermut allerhand Schabernack. Darüber regte sich der Hotelier, gleichfalls ein Oberst, dermassen auf, dass er sich bei Vater Bühlmann über seinen Sohn und uns beklagte.
Bruno Lafranchi wurde ein erfolgreicher Anwalt in Bern.
Mein Neffe Eugen Müller studierte Elektroingenieur in Burgdorf, er wurde Beamter im Militärdepartement, avancierte im Militär zum Obersten, war nebenbei auch Segelflieger.
Die Laufbahn von René Bertschy, der als einziger von uns Profimusiker wurde, ist bekannt.
"New Academicans" V.l.n.r.: Leon Nencki, unbekannter Schlagzeuger, Louis Cagianut, "Fips" Cavelti, "Jack" Bühlmann, Franz Deucher, Gitarrist Cavelti, "Pilly" Bretscher, unbekannter Bassist, "Johnny" Müller.
Bei den New Academians galt das Kollegialprinzip, einen eigentlichen Orchesterchef haben wir nicht ernannt, aber dank ihren Qualitäten als Komponisten und Arrangeure dominierten "Jack" Bühlmann und "Pilly" Bretscher. Beide arrangierten im Stil unserer Vorbilder wie Fletcher Henderson und Count Basie, denn wir waren vom "schwarzen" Jazz richtiggehend "angefressen". Den "zackigen" deutschen Jazz lehnten wir ab, spielten ihn aber gelegentlich aus Plausch für uns privat und um uns darüber zu amüsieren.
In guter Erinnerung geblieben ist mir ein Engagement der New Academians über Weihnachten/Neujahr 1934/35 in einem Hotel in Adelboden.
In Bern mussten wir einmal bei einem Anlass hinter dem Vorhang der Bühne spielen, wir waren also für das Publikum nicht sichtbar. Die Gründe dafür blieben uns allen unbekannt, soweit wir aber feststellen konnten, handelte es sich um "anständige" Gäste.
Mit den New Academians erlebten wir viele Erfolge, bei verschiedensten Anlässen wie Hochzeiten, Schul- und Vereinsfeiern, Offiziersbälle, etc; in Lokalitäten wie im Stadtcasino, Kursaal, Bierhübeli, sowie in Orten wie Muri, Colombier, Ins, La Chaux-de-Fonds, Willisau. Wir hatten keine festen oder dauernden Engagements in Unterhaltungsbetrieben wie etwa im Stadtcasino, wir wurden nur für private Anlässe engagiert. Die Beliebtheit unseres Orchesters und die damit verbundenen Empfehlungen verhalfen uns zu den Auftritten.
Offizielle Engagements waren lediglich einige Übertragungen im Radiostudio Bern für Beromünster. Nach einer derartigen Sendung, traf ich Oskar Bertschy auf der Strasse der mir sagte, dass er unsere Band eben am Radio gehört habe. Die damals übliche Gage pro Mann betrug fünf Franken pro Stunde.
Louis Armstrong in Bern
Ein Höhepunkt für uns junge Amateurjazzer war der Auftritt von Louis Armstrong, der mit seinem Orchester am 4. Dezember 1934 im Berner Stadtcasino ein Konzert gab. Alles was wir im Konzertsaal zu sehen und hören bekamen, hat uns begeistert. Mich beeindruckte - neben Louis Armstrong - auch die Spielweise und Spielart des Pianisten Herman Chittison. Wie zu erwarten war, stiess das Armstrong-Konzert nicht nur auf Begeisterung, sondern sorgte auch für entrüstete Kritiken in Zeitungen. "Pilly" Bretscher schrieb daraufhin eine Erwiderung in der Zeitung "Bund", dabei unterlief ihm ein Orthographiefehler, den ihm die Jazzgegner voll Schadenfreude im "Bund" wiederum ankreiden konnten!
Als Saxophonist in "bertos orchestra"
Im Gegensatz zu unseren eher sporadischen Auftritten mit den New Academians, erhielt ich ein festes Engagement von Oskar Bertschy in dem von ihm geleiteten "bertos orchestra". Oskar Bertschy hatte in Bern ein Musikhaus, das ein beliebter Treffpunkt für viele Musiker war, und wo Frau Bertschy oftmals auch für das leibliche Wohl der Gäste sorgte. Dort lernte ich übrigens auch den Sohn von Ernest Berner kennen.
Die Mitglieder während meiner Zeit im Orchester waren Oskar Bertschy, Tenorsax und Violine, René Bertschy, Schlagzeug, gelegentlich auch Roger Bertschy, Trompete. Dann war noch ein Trompeter dabei, dessen Namen, nicht aber dessen Spielweise ich vergessen konnte, denn er konnte keine Synkopen spielen. Alle Bemühungen ihm das Synkopieren beizubringen, waren umsonst. Nach dem Krieg erspähte ich ihn wieder im Orchester des Zirkus Knie, er spielte immer noch in der gleichen Weise...
Ein weiteres Mitglied war Bertalan Bujka, Altsax, Klarinette und Violine, ein hochbegabter Zigeunermusiker, der nach längerer Mitwirkung bei den Original Teddies in die USA auswanderte. Dort leitete er ein bekanntes Unterhaltungsorchester.
Bei einer dieser Sessions war auch der Lead-Trompeter Harry Herzog von den Teddies mit dabei. Er war unglücklich, weil er - im Gegensatz zu mir - nicht in der Lage war, zu improvisieren. Ich konnte ihm das nachfühlen, ich hatte sehr viel Zeit gebraucht, bis ich im Stande war zu improvisieren. (Ich wage zu sagen, dass Improvisation einer gewissen Erleuchtung gleichkommt. Voraussetzungen sind jedenfalls Beherrschung des Instruments und die Fähigkeit aus dem Stegreif Melodien erfinden zu können. So wie es zum Beispiel Coleman Hawkins, Stephane Grappelli, Miles Davis, um nur diese drei Grossen zu nennen, tun können.
In der klassischen Musik sind interessanterweise, ausser bei Organisten, kaum grosse Instrumentalisten als Improvisatoren bekannt. Was aber nicht heissen soll, dass es unter den grossen Solisten keine "Erleuchteten" gibt!)
Mit dem Trompeter Roger Bertschy, dem jüngeren Bruder von René, hatte ich übrigens auch einmal an einem Aufritt in Brig gespielt.
Die Chocolate Kiddies habe ich nie im Chikito in Bern gehört, hingegen lernte ich eine andere Gruppe aus Holland kennen, The Ramblers, eine richtige Swingband, die mich sehr beeindruckte.
Auftritt mit Coleman Hawkins
Zu meiner grossen Überraschung und Freude kam 1936 Coleman Hawkins, der einflussreichste Tenorsaxophonist ins Dancing Chikito in Bern. Der damalige Hot Club Bern empfahl mich als Begleiter für Hawkins, und so hatte ich die Ehre, ein paar Tage als Altsaxophonist mit meinem Idol Seite an Seite zu spielen. Wir traten im Quartett auf: Coleman Hawkins spielte Tenorsax, ich selbst Altsax und Klarinette, ich glaube Ernest Berner sass am Klavier, ein Schlagzeuger, vielleicht war es Franz "Fräne" Kessi, war auch dabei. Wir spielten in Form einer Jamsession, ohne Noten und frei improvisierend, alle Stücke stammten aus dem damaligen Jazzrepertoire. Meine Bewunderung für Hawkins' Spiel, seine swingende, melodiöse Phrasierung, fand keine Grenzen. Unter seinem Einfluss wurde auch mein Spiel wesentlich geprägt, was mir Lob und Anerkennung auch in Fachzeitschriften einbrachte.
Hawkins hatte immer einen grossen Vorrat an Blättchen für das Mundstück. Diejenigen, die seinen Tonansprüchen nicht genügten, zerbrach er.
"Hawk" oder "Bean", wie Hawkins in Musikerkreisen auch benannt wurde, hatte ein angenehmes, ruhiges Wesen. Er war sehr gediegen und elegant gekleidet. Übrigens ein Merkmal, das typisch war für alle Jazzmusiker um jene Zeit.
Wir jungen Jazzer übernahmen diesen gepflegten und nicht ganz billigen Kleiderstil mit Begeisterung. Allerdings kam es damals auch zu grotesken Übertreibungen, ein Beispiel war der Jazzgeiger Athos Micheli (übrigens ein guter Musiker). Er liess seine Anzüge massschneidern, sodass diese nur dann tadellos sassen, wenn er stehend Solo spielte.
Coleman Hawkins trank in den Pausen seinen geliebten Whisky pur. Der Alkoholkonsum blieb nicht ohne schädlichen Einfluss auf seine Gesundheit. Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, sah und hörte ich Hawkins wieder anlässlich eines Konzertes mit Oscar Peterson in Basel. Hawk war stark gealtert, trug einen Bart und wirkte ungepflegt. Seine aggressive Spielweise enttäuschte mich ebenfalls, und ich fand Hawkins in jeder Beziehung nur noch einen Schatten seiner selbst. (In diesen Zusammenhang gehört die Feststellung, dass ich in meiner Laufbahn niemals mit Drogenkonsum konfrontiert worden bin).
Ähnliche Eindrücke wie beim genannten Hawkins-Konzert hatte ich auch bei Auftritten von anderen Jazzstars aus der Vorkriegsszeit. Seither bin ich solchen Konzerten ferngeblieben, um die guten Erinnerungen unverfälscht zu bewahren.
Erfreulicherweise gab es Ausnahmen. Dazu zählen die Konzerte von Duke Ellington und Louis Armstrong. Auch Auftritte von Count Basie, Stan Kenton, Woody Herman, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Miles Davis und vom Modern Jazz Quartet habe ich immer mit grossen Erwartungen besucht und bin von den Darbietungen nie enttäuscht worden.
Engagement bei Teddy Stauffer
Anfang Dezember 1936 erhielt ich eine briefliche Anfrage von den Teddies, ob ich bei ihrem kurzen Gastspiel im "Chikito" als Baritonsaxophonist mitwirken wollte. Ich war hell begeistert, ein solches Engagement zu bekommen, und habe zugesagt. Das Baritonsaxophon lieh mir ein bekannter Jazzmusiker in Bern, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Da ich vorher nie auf einem Baritonsax gespielt hatte, machte ich mich mit diesem Instrument mit Ton- und Spielübungen vertraut, denn ich wollte weder die Teddies noch mich enttäuschen.
Unter Stauffers Leitung spielte das Orchester seine Darbietungen vom Blatt, was mir aufgrund meiner Ausbildung keine Mühe bereitete. Auch die mir zuvor unbekannten Stücke konnte ich fehlerfei spielen.
Als Pianisten spielten Buddy Bertinat und Stauffers Jugendfreund Walo Linder, der an die Stelle von Jack Trommer trat. Walo Linder war Lehrer in Bern; wir haben uns immer sehr gut verstanden. Nach dem Krieg habe ich ihn in seinem Elektrogeschäft in Zürich besucht. Später war Walo Linder beim Schweizer Radio erfolgreich tätig, er war unter anderem auch der Entdecker von Catharina Valente.
Das musikalische Erlebnis, den unverwechselbaren Teddies-Sound mit einem Baritonsax ergänzen zu können, war einmalig für mich.
Die Aufforderung meiner Kollegen der New Academians, die als Zuhörer im Chikito waren, ich solle mich auch solistisch hervortun, lehnte ich ab, denn ohne Aufforderung von Teddy Stauffer wollte ich das nicht tun. Im Übrigen empfand ich meine Beteiligung an diesem einzigartigen Klangkörper derart phantastisch, dass ich dazu gar kein Bedürfnis verspürte.
Nach dem Gastspiel wollte mich Teddy Stauffer für sein Orchester engagieren, mit der Bedingung, dass ich zusätzlich noch Bandoneon-Spielen lernen müsse. Für mich als Zwanzigjährigen, war das Angebot sehr verlockend, umsomehr als die Teddies von der Zigarettenfirma Camel als Schiffsorchester engagiert waren, um an einer Weltreise auf einer Yacht teilzunehmen.
Doch gerade das Erlebnis bei den Teddies gab mir die Erkenntnis, dass trotz den vielen Vorteilen, ein solches Leben nicht meinen innersten Bedürfnissen und Ambitionen entsprechen würde. Buddy Bertinat sagte einmal zu mir: "Johnny, als Musiker hast Du mit 30 Jahren mehr erlebt als ein Sechzigjähriger!"
Die Mentalität, die einseitigen Gesprächsthemen und das Verhalten einiger der Jazzmusiker - was man auch einigen klassischen Musikern zuschreiben kann - hat mir gezeigt, dass mich der Musikerberuf, weil irgendwie realitätsfremd, nicht befriedigen würde.
Aus diesen Gründen habe ich das verlockende Angebot verdankt, aber nicht angenommen. Ich habe diesen Entscheid nie bereuen müssen, umso weniger als ich meine Begeisterung für klassische Musik und den Jazz nie verloren habe.
The Raggers und die Jazzband Ernst Lang
In Bern gab es in den dreissiger Jahren eine weitere Amateurband mit dem Namen The Raggers. Ich kann mich nicht näher an sie erinnern, obwohl sie fast gleichzeitig mit den New Academians existierte. Mitglieder der Raggers wurden gelegentlich zur Verstärkung bei den New Academians beigezogen, so Franz Deucher, Tenorsaxophon, und Louis Cagianut, Trompete.
Die Jazzband Ernst Lang war eine Gründung des späteren Direktors des Zoologischen Gartens in Basel, Dr. Ernst Lang. Die Band war hauptsächlich in und um Solothurn aktiv. Lang lud mich ein, in seinem Orchester mitzuwirken. Aus mir heute unerklärlichen Gründen - bei Kleider Frey hatte ich schon die Uniformmasse nehmen lassen - lehnte ich das Angebot ab. Auf zwei Fotos aus dem Jahr 1934 sieht man die Formation mit folgender Besetzung: 2 Trompeten, 2 Saxophone, Akkordeon, Stringbass und Schlagzeug. Lang und Lafranchi waren die Trompeter, die weiteren Mitglieder kann ich nicht erkennen.
Tondokumente
Von den New Academians wurden auf privater Basis im Musikhaus Krompholz in Bern Aufnahmen auf Wachsplatten hergestellt. Sie stammen aus zwei verschiedenen Sitzungen. Soweit ich mich erinnern kann, war die Musikerbesetzung bei beiden Aufnahmesitzungen die gleiche. Als Solisten sind zu hören: "Phips" Cavelti, Trompete, "Pilly" Bretscher, Altsax und Klarinette, "Jack" Bühlmann, Piano, und ich am Tenorsaxophon. An den Namen der Sängerin erinnere ich mich nicht mehr.
Ebenso existieren von unseren Radiosendungen auch einige private Mitschnitte.
Studienaufenthalt in Strelitz
Nach dem Abschluss meiner Lehre als Heizungszeichner ging ich im Frühjahr 1937 an die Ingenieurschule in Strelitz (Mecklenburg). Im Herbst 1939 schloss ich das Studium als Heizungs- und Lüftungsingenieur ab. Während dem Studium spielte ich in einem kleinen Tanzorchester, bestehend aus einer Pianistin, einem Geiger, einem Schlagzeuger und mir. Wir spielten bei verschiedenen Anlässen und Orten im schönen Lande Mecklenburg, sowie jeweils auch am Schweizerball der Ingenieurschule Strelitz. (Wir waren über 40 Schweizer, sowie etwa gleichviel Studenten aus Skandinavien, den Niederlanden und der Türkei). Ich hatte meine Jazzplatten bei mir und spielte diese meinen deutschen Freunden vor. Ich fragte sie nach ihrer Meinung, sie pflichteten mir bei, dass die Jazzmusik von Coleman Hawkins, Count Basie, Ella Fitzgerald und so weiter grossartig sei. Wie in vielen anderen Bereichen war auchv das offizielle Urteil der Machthaber des Dritten Reiches betreffend Jazz falsch.
Anlässlich meines Aufenthaltes in Bern im März 1939, verheiratete ich mich mit meiner Jugendfreundin Marian Lochhead.
Berufliche Tätigkeit in Berlin
Am 1.September 1939 (Beginn des Zweiten Weltkrieges) zogen meine Frau und ich nach Berlin. Ein deutscher Studienfreund vermittelte mir eine Stelle als Heizungs- und Lüftungsingenieur in der bedeutenden Firma seines Vaters, der Firma Wolfferts und Widmer, Haus für Wasser und Wärme, in Berlin. Ich hatte hier die Möglichkeit, grosse und interessante Anlagen in Berlin, Halle, Stettin und sogar für den Schah von Persien zu bearbeiten.
In Deutschland war zu jener Zeit der Jazz verpönt. Dennoch wurden die Aktivitäten einiger Jazzformationen, insbesonders in Berlin, stillschweigend geduldet, wie das Beispiel der vielen Engagements der Teddies in grossen Tanzpalästen zeigt.
Obwohl ich in Berlin selber nicht mehr musizierte, war mein Interesse an Jazzmusik nicht erloschen. Wir besuchten öfters Lokale, wo Jazzorchester auftraten, beispielsweise Kurt Hohenberger.
Einmal besuchte ich mit einem ehemaligen Mitglied der New Academians, Louis Cagianut, das Tanzlokal Delphi, wo die Teddies spielten. Als sie uns erblickten, spielten sie zu unserer Begrüssung den Berner Marsch. In den Spielpausen unterhielten wir uns mit einigen Musikern der Band und tauschten alte Erinnerungen aus Bern aus.
Selbstverständlich besuchten meine Frau und ich öfters auch klasssische Konzerte und Opern (Berliner Philharmoniker unter den Dirigenten Furtwängler und Karajan) und Therateraufführungen (mit Emil Jannings, Gustav Gründgens, Käthe Gold, Elisabeth Flickenschildt u.a.), die in Berlin auf höchstem Niveau geboten wurden.
Meine Jazzfreunde in Bern vergassen mich nicht, denn sie schrieben mir immer wieder, was es Neues gab auf dem Jazzplatz Bern. Ein Brief mit dem offiziellen Umschlag des Hot Club Bern fand besondere Beachtung bei den Prüfern, die ja sämtliche aus dem Ausland ankommenden Briefe öffneten und durch mehrere Kontrolleure überprüfen liessen. Die Briefe wurden mit Kontrollnurnmern abgestempelt. Unsere Schriftwechsel nach und von der Schweiz wurden jedoch nie beanstandet.
Heimkehr in die Schweiz
Die Schrecken des Krieges wurde mit dem ersten grossen Luftangriff auf die Reichhauptstadt Berlin am 1. März 1943 auch für uns wirksam. Das Haus in dem wir wohnten, ein Neubau mit Luftschutzkeller, wurde leicht beschädigt. Die Luftangriffe folgten immer häufiger, und wir mussten manchmal in der Nacht zwei bis drei mal in den Luftschutzkeller. Im Stadtzentrum waren die Zerstörungen verheerend, was man sonst noch zu sehen bekam, war beängstigend. In der Viermillionenstadt Berlin lebten circa 4000 Schweizerbürger. Ich war damals bei einem Schweizer Zahnarzt in Behandlung. Er sagte zu mir: "Heute behandle ich Sie zum letzten Mal, denn ich reise zurück in die Schweiz." Als ich dies hörte, funkte es auch bei mir. Zu meiner Frau sagte ich: "Wir gehen zurück in die Schweiz". Doch es dauerte noch volle drei Monate, bis wir endlich ausreisen konnten. Die deutschen Behörden verlangten zur Kontrolle viele Dokumente, Listen vom Hausrat, der vielen Bücher und Schallplatten und so weiter. Schliesslich erhielten wir dann ohne irgendwelche Auflagen die Genehmigung zur Ausreise. Nach über 80 Luftangriffen, die wir zum Glück unbeschadet überstanden hatten, reisten wir am 22.Juni 1943 zurück in die Schweiz. Für den Rücktransport unseres Hab und Gutes, konnten wir mittels "Liebesgabenpaketen" (500 Gramm Kaffee hatten damals einen Schwarzmarktpreis von 400 Mark!) eine Firma dazu bewegen, den Transport durch das kriegsgefährdete Deutschland zu übernehjmen. Wir atmeten auf, als alles vollständig und unbeschädigt in der Schweiz ankam.
Mit 27 Jahren in der Rekrutenschule
Man hatte mir auf der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin zugesichert, dass ich als "Hilfsdiensttauglicher" nicht sofort ins Militär einrücken müsste. Weit gefehlt, bereits am 6.Juli 1943 wurde ich für "diensttauglich" erklärt und rückte am 10. November 1943 in Langenthal in die Flab.Scheinwerfer R.S.XII.43 als Rekrut ein. Mit 195 Aktivdiensttagen und 60 Tagen Wiederholungskursen nach dem Krieg, leistete ich insgesamt 255 Tage Militärdienst.
Trotz der späten und nicht leichten Rekrutenschule mit 27 Jahren, bin ich froh, meine Dienstpflicht erfüllt zu haben, denn dies war auch wichtig für die Stellungen, die ich im Beruf innehatte.
Hans Müller: Zeichnung von Kunstmaler J. Keller, anlässlich einer Probe des Akademischen Orchesters in Basel, 1948.
1943 fand ich eine Anstellung bei der Heizungsfirma Lehmann & Co AG in Zofingen. 1944 zog ich mit meiner inzwischen fünfköpfigen Familie nach Basel, wo ich eine Anstellung als Technischer Leiter der Heizungsfirma Tschantre AG antreten konnte. 1954 wechselte ich zur Basler Filiale der Firma Sulzer AG (Heizung, Lüftung, Klima) über. Hier war ich bis zu meiner Pensionierung im Jahre 1981 als Filialdirektor tätig.
In Basel spielte ich einige Jahre als Flötist im Akademischen Orchester. Das Orchester veranstaltete jährlich diverse Konzerte, hatte verschiedene Auftritte, einmal an der Feier zur Schlacht von Dornach in Dornach.
Ich spielte verschiedentlich auch in Altersheimen und an privaten Anlässen zusammen mit Klavierbegleitung beliebte Flötenkonzerte.
1972 erhielt ich vom Pianisten "Jack" Bühlmann in Bern ein Schreiben, in welchem er mich über eine geplante Zusammenkunft der New-Academians-Veteranen in Muri bei Bern orientierte. Mit Ausnahme von "Pilly" Bretscher, der krankheitshalber nicht teilnahm, sind alle gekommen, auch "Phips" Cavelti aus den USA. Alle waren erfreut, sich nach so langer Zeit wieder zu sehen, zu unterhalten und zu hören was jeder Einzelne aus seinem Leben zu berichten hatte.
Frank Erzinger und Otto Flückiger
Textbearbeitung: Ewald Kaeser
Elektronische Bearbeitung: Armin Buettner
Dezember 1998
Weiteres Bildmaterial und weitere Angaben zu "Johnny" Müllers Musikerlaufbahn finden Sie in unserem Beitrag über René Bertschy.
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