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Dawid Bastiat-Jarosz
Die ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen die Welt steht, werden mit jedem Jahr offensichtlicher, das von Rekordtemperaturen, Überschwemmungen, Dürren und sozialen Unruhen - die direkten Folgen des Klimawandels - geprägt ist. Das Problem wurde bereits identifiziert und beziffert; es ist bereits seit geraumer Zeit klar, was nötig ist, um die schlimmsten Szenarien zu verhindern, und der Weg dorthin wird seit der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris deutlich aufgezeigt. Doch das Versagen der COP27, stärkere Massnahmen zur Reduzierung der Emissionen durchzusetzen, verringert unsere Chancen, das Ziel von 1,5 Grad Celsius zu erreichen und lässt den Weg zu diesem Ziel zunehmend langwierig erscheinen.
Hätten wir schon fünf Jahre vor dem Pariser Übereinkommen damit begonnen, unsere Emissionen zu senken, hätte uns das 30 Jahre Zeit gegeben, eine Reduktion der Emissionen um 50% zu erreichen. Hätten wir damit 2020 begonnen, dann hätten wir zehn Jahre Zeit gehabt für eben jenes Ziel. Doch stattdessen hat die Menschheit Jahr um Jahr Emissionen in Rekordhöhe ausgestossen (mit Ausnahme von 2020). Stellen wir uns ein Szenario vor, bei dem wir schliesslich 2026 mit der Verringerung unserer Emissionen beginnen – das liesse uns nur noch ein paar Monate Zeit für die angestrebte Reduktion um 50%.
„Laut Schätzungen werden wir rund 9,2 Billionen USD pro Jahr benötigen, um bis 2050 auf Netto-Null zu kommen. Die Statistiken zeigen, dass Ausgaben von Regierungen keine zuverlässige Quelle für die zur Bekämpfung des Klimawandels benötigten Finanzmittel sind.“
Das weltweite Versagen, auch nur eines der Ziele im Bereich Emissionsreduktion zu erreichen, zeigt deutlich, dass Fortschritt im Bereich Klimawandel nicht leicht voranzutreiben und erst recht nicht billig sein wird. Laut Schätzungen werden wir rund 9,2 Billionen USD pro Jahr benötigen, um bis 2050 auf Netto-Null zu kommen. Die Statistiken zeigen, dass Ausgaben von Regierungen keine zuverlässige Quelle für die zur Bekämpfung des Klimawandels benötigten Finanzmittel sind. Es bedarf Alternativen. Und hier kommen die Finanzmärkte ins Spiel - der einzige Raum, in dem das Ausmass der finanziellen Herausforderung von der Grösse bestimmter Märkte in den Schatten gestellt wird (zum Beispiel vom weltweiten Anleihenmarkt mit $128,3 Billionen). Könnten wir nur einen Bruchteil dieser täglich investierten Geldmittel einsetzen, wäre die Finanzlücke gedeckt. Dazu bräuchten die Mitwirkenden an den Finanzmärkten einen klaren Plan und ausreichend Anreize, die sie zu Investitionen mit ökologischer und sozialer Wirkung bewegen.
Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts hat es Versuche gegeben, Investitionen verantwortungsvoller zu machen. Es begann mit einem negativen Screening, mit dem manche Finanzprodukte auf eine schwarze Liste gesetzt wurden, gefolgt von einem positiven Screening, dem ESG-Score (einer Nachhaltigkeitsbewertung in Sachen Umwelt, Soziales und Governance) und Best-in-Class-Investitionen. Heutige nachhaltige Investitionen sind rund um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) aufgestellt. Bei der Neugestaltung von Geschäftsmodellen muss der Schwerpunkt auf den Folgen und der immer detaillierteren Bemessung von externen Auswirkungen durch Firmen und Investitionen liegen. Man muss sich fragen, warum wir trotz der steigenden Zahl von Rahmenordnungen und Instrumenten in diesem Bereich bisher nicht in der Lage waren, das Ruder herumzureissen.
Die Antwort auf diese Frage liegt in den Defiziten und dem missbräuchlichen Gebrauch dieser Instrumente bzw. der unverblümten Bemühungen, die Wahrheit durch Greenwashing (oder Impact Washing) zu verschleiern. Das bekannteste Marktinstrument ist ein ESG-Reportingtool, das die Risiken entblösst, mit denen ein Unternehmen behaftet ist, anstatt als Leitfaden für Impact Investing zu dienen. Dennoch wird es in der Praxis häufig als letzteres portätiert. Neben ESG-Fonds werden Firmen mit hohen ESG-Scores als „nachhaltig“ eingestuft. Doch wer einen Investmentfond aufgrund der ESG-Scores eröffnet, findet dort Investitionen und Unternehmen, die man in nachhaltigen Produkten nicht erwarten würde, und umgekehrt fehlen Firmen, die sich darin befinden sollten.
„Bei den ESG-Standards handelt es sich um eine Selbsteinschätzung, die nicht geprüft wird. Zudem werden oftmals Kategorien oder Verhaltensweisen honoriert, die sich nicht in ökologische oder soziale Auswirkungen übertragen lassen oder dies auf indirekte Weise tun.“
Das liegt auch daran, dass es sich bei den ESG-Standards um eine Selbsteinschätzung handelt, die nicht geprüft wird. Zudem werden oftmals Kategorien oder Verhaltensweisen honoriert, die sich nicht in ökologische oder soziale Auswirkungen übertragen lassen oder dies auf indirekte Weise tun. Grosskonzerne erhalten beispielsweise Punkte, wenn sie Löhne über einem Richtwert zahlen, was sich beim ESG positiv auf die sozialen Auswirkungen niederschlägt. Grosse Firmen haben auch die Kapazitäten, um viele interne Strategien in Bezug auf ESG zu entwickeln, zahlreiche ESG-Berichte auszufüllen und bestimmte Kriterien zu erfüllen, zum Beispiel wie viele leitende ManagerInnen im vergangenen Jahr an einer Klimakonferenz teilgenommen haben. Diese Verhaltensweisen stehen kaum in einem Zusammenhang mit der ökologischen oder sozialen Wirkung, doch sie helfen grossen Firmen dabei, ihren ESG-Score zu verbessern (es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen ESG-Score und Firmengrösse und geringen Korrelationen für dieselben Firmen mit ESG-Bewertungen von anderen Score-Anbietern). Darum erzielen Firmen, die hauptsächlich Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren produzieren, einen höheren Score als reine Elektroauto-Hersteller und darum findet man auch Firmen aus der Tabakindustrie relativ weit oben im ESG-Risikobewertungsspektrum.
Es gibt mehrere Probleme mit grossen nicht-finanziellen Leitfaden zur Berichterstattung, doch zwei davon sind erwähnenswert. Erstens hat der Einfluss von Firmen und Finanzmarktbeteiligten auf die Art und Weise, wie die Bewertungskriterien gestaltet werden, diese Kriterien stark vermildert. Zweitens verleitet die Vielzahl an Standards zum Standard-Ankauf und macht das Gesamtbild für den einfachen Anleger äusserst unübersichtlich.
Die EU hatte das erkannt, und als sie ihren ambitionierten „Green Deal“-Plan finanzieren musste, um eine 55%-ige Verringerung der Emissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050 zu ermöglichen, beschloss sie, eine umfangreiche „nachhaltige Finanzreform“ durchzuführen, die aus mehreren Rechtsakten und der tragenden Säule, der EU-Taxonomie (EUT), bestand. Bei der Taxonomie handelt es sich um eine Liste mit spezifischen Kriterien, die eine wirtschaftliche Tätigkeit erfüllen muss, damit sie als nachhaltig eingestuft wird. Diese Kriterien werden von der EU-Kommission zusammen mit der Plattform für nachhaltiges Finanzwesen (einem Beratungsgremium aus WissenschaftlerInnen, IndustrievertreterInnen und UmweltschützerInnen) erarbeitet, die die Schaffung von wissenschaftsbasierten Parametern vorantreiben.
„Gleichzeitig sind Vermögensverwaltungen und Banken dazu angehalten, zu berichten, wie nachhaltig ihre Finanzprodukte und Kreditportfolios sind. All dies geschieht anhand von gesicherten Standards und Vorschriften, die Unternehmen kostspielige Aufforderungen auferlegen können.“
Revolutionär daran ist, dass diese Kriterien herangezogen werden, um auszuweisen, wieviel des Umsatzes, des Investitionsaufwands oder der Betriebskosten von Firmen sich mit der EUT decken oder, anders ausgedrückt, wieviel Prozent der jeweiligen Firma tatsächlich nachhaltig sind. Gleichzeitig sind Vermögensverwaltungen und Banken dazu angehalten, zu berichten, wie nachhaltig ihre Finanzprodukte und Kreditportfolios sind. All dies geschieht anhand von gesicherten Standards und Vorschriften, die Unternehmen kostspielige Aufforderungen auferlegen können.
Diese Veränderungen werden mehrere Implikationen haben. Erstens werden EndverbraucherInnen einen viel deutlicheren Einblick in den Inhalt von Finanzprodukten erhalten. Zweitens werden FondsmanagerInnen Produkte überprüfen müssen, die bis dahin als nachhaltig verkauft wurden und diese dahingehend umgestalten, sodass sie die neuen, ambitionierteren Kriterien erfüllen. Schliesslich wird ein höherer Anreiz für grosse institutionelle Vermögensverwaltungen, wie Pensionsfonds ($40 Billionen an Pensionsvermögen im OECD-Gebiet), Banken und EU-Strukturfonds, geschaffen, einen grösseren Teil des von ihnen verwalteten Kapitals auf Vermögensanlagen zu verteilen, die mit der EUT in Einklang sind. Diese Kapitalbewegung, so hoffen die politischen EntscheidungsträgerInnen, soll dabei helfen, die Finanzlücke zu füllen, sodass die Ziele für nachhaltige Entwicklung erfolgreicher angegangen werden können.
Das Potential einer standardisierten Taxonomie endet nicht an dieser Stelle. Wir müssen die EUT auf der Bewertung von Projekten oder Investitionen ausserhalb der EU, bei der Entwicklungsarbeit in einkommensschwachen und sogenannten Entwicklungsländern, ausweiten. Indem wir das tun, können wir nicht nur einen gemeinsamen Investitionsrahmen für Entwicklungsfinanzierungsinstitute und andere Investoren bereitstellen, sondern es auch europäischen Investoren leichter machen, in nachhaltige Firmen zu investieren.
Über den Autor
Dr. Dawid Bastiat-Jarosz ist Mitbegründer von Swisox und Mitglied der EU-Plattform für nachhaltiges Finanzwesen, sowie Fellow am Centre for Finance and Development am Geneva Graduate Institute. Swisox ist der erste ausschliesslich nachhaltige Finanzmarkt, der Impact-Firmen bei der Kapitalbeschaffung und Investoren beim An- und Verkauf von nachhaltigem Aktienkapital und nachhaltigen Anleihen unterstützt.
Disclaimer
Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Meinungen sind die der Autoren. Sie geben nicht vor, die Meinungen oder Ansichten des Geneva Policy Outlook oder seiner Partnerorganisationen wiederzugeben.
Dieser Artikel ist eine Übersetzung einer englischen Originalversion. Für jegliche offizielle Verwendung des Artikels beziehen Sie sich bitte auf die englische Version.