Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03602.jsonl.gz/604

Was eine kürzlich entdeckte Inschrift mit Mose und unserem Glauben zu tun hat
Übersetzt und überarbeitet von Johannes Nussbaum, Original publiziert am 21.04.2021 auf ARQUEBIBES.
Archäologen, die an der Ausgrabung der antiken Stadt Lachisch beteiligt sind, haben eine 3500 Jahre alte Keramikscherbe mit einer alphabetischen Inschrift entdeckt. Es könnte die älteste derartige Inschrift sein, die jemals in Israel gefunden wurde.
Ein österreichisches Team entdeckte das Fragment im Jahr 2018 und veröffentlichte im April 2021 einen Artikelin der Fachzeitschrift Antiquity der Cambridge University Press, in welchem sie ihre Schlussfolgerungen zu dieser Inschrift vorstellen.
Die Inschrift wurde auf einer Scherbe eines Gefässes aufgebracht, das aus Zypern importiert wurde und dessen Stil typisch ist für die Zeit von 1550-1400 v. Chr., welche von Archäologen Späte Bronzezeit I genannt wird. Das Fragment misst ca. 40 x 35 mm, die Innenseite ist mit dunkler Tinte beschriftet. Es können zwei Zeilen mit jeweils drei Buchstaben identifiziert werden. Darüber hinaus sind zwei weitere Buchstaben rechts der oberen Zeile und ein dritter zwischen den beiden Zeilen zu erkennen.
Gemäss der Interpretation der Autoren des Artikels müssen die beiden Zeilen von rechts nach links gelesen werden. Der erste Buchstabe in der oberen Zeile ist ein ʿayin (ע), das auf der ägyptischen Hieroglyphe für "Auge" basiert. Der zweite Buchstabe ist ein bet (ב), basierend auf der ägyptischen Hieroglyphe für "Haus", und der dritte Buchstabe ist ein dalet (ד), basierend auf der ägyptischen Hieroglyphe für "Tür".
Diese drei Buchstaben können als Wort עבד (ebed) gelesen werden, was "Sklave" oder "Diener" bedeutet. Sie können aber auch als Teil eines Eigennamens verstanden werden, da in semitischen Sprachen Namen mit dem Bestandteil ʿbd sehr häufig vorkommen.
Der erste Buchstabe des zweiten Wortes ist ein nun (נ), das sich von der ägyptischen Hieroglyphe für "gehörnte Viper" bzw. "Kobra" ableitet. Dieser Buchstabe ist auch zwischen den beiden Zeilen und rechts neben der ersten Zeile zu erkennen. Die Autoren des Artikels identifizierten den zweiten Buchstaben mit peh (פ), und es ist nicht ganz klar, welche Hieroglyphe diesen Buchstaben inspirierte. Der dritte Buchstabe ist ein tav (ת), dessen Herkunft ebenfalls unbekannt ist. Nach dieser Interpretation würden die drei Buchstaben das Wort נפת (nophet) bilden, das im Hebräischen "Honig" oder "Nektar" bedeutet.
Die Typologie der Buchstaben, die Art der Keramik (des Tongefässes) und die Radiokarbondatierung legen eine Datierung der Inschrift auf etwa die Mitte des 15. Jahrhunderts v.Chr. nahe. Doch was ist so bemerkenswert daran? Das prickelnde an dieser Entdeckung ist, dass dies der älteste Beleg einer Alphabetschrift in Israel ist. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil es nach wie vor umstritten ist, ob die hebräische Schrift zur Zeit von Mose überhaupt schon existierte. Das hat weitreichende Konsequenzen, denn die Bibel nennt Mose als den Autor der ersten fünf Bücher der Bibel. Mit der neu entdeckten Inschrift ist es nun viel einfacher zu argumentieren, dass zur Zeit von Mose bereits eine hebräische Schriftsprache existierte.
Über den Ursprung der alphabetischen Schrift (im Gegensatz zu piktografischen Schriften wie z.B. den ägyptischen Hieroglyphen) ist nur weniges bekannt. Die ältesten Funde von alphabetischen Inschriften stammen aus dem Wadi el-Hol in der westlichen Wüste Ägyptens und aus Serabit el-Khadim, einer altägyptischen Türkissteinmine im Süden der Sinai-Halbinsel. Diese Inschriften stammen aus dem 19.-18. Jahrhundert v.Chr. und es wird angenommen, dass sie von semitischen/kanaanäischen Arbeitern geschrieben wurden, die in Ägypten lebten. Da diese Semiten das komplexe ägyptische Bildsystem nur ansatzweise beherrschten, passten sie einige Hieroglyphen an, um die Laute ihrer semitischen Sprache darzustellen, und erfanden so das allererste Alphabet, das in Fachkreisen proto-sinaitische Schrift genannt wird.
Später verbreitete sich diese alphabetische Schrift in der Levante, wo sie sich zum phönizischen Alphabet weiterentwickelte. Dieses wiederum diente als Vorlage bei der Entwicklung des griechischen Alphabets, auf welchem auch unsere lateinischen Buchstaben basieren, die wir heute verwenden.
Wir wissen zwar nicht genau, wann die proto-sinaitische Schrift ins heutige Land Israel kam. Aber mit der neu entdeckten Inschrift haben wir einen Beleg aus dem 15. Jh., also ungefähr zur Zeit der Landnahme, als die Israeliten das Land besiedelten. Das ist bemerkenswert: Es ist nämlich umstritten, ob zu jener Zeit das israelitische Volk und die hebräische Sprache schon existierten. Kritiker glauben nicht an einen Auszug aus Ägypten, und bestreiten, dass es im 15. Jh. bereits Israeliten gab in Kanaan, die hätten Hebräisch schreiben können. Doch die Lachisch-Inschrift ist nicht nur die älteste Alphabetinschrift in Israel, sondern auch ein wertvolles Indiz für die Anwesenheit von Israeliten – falls die Sprache dieser Inschrift Hebräisch ist.
Denn obwohl die Buchstaben in der Lachisch-Inschrift gängige Namen und Wörter der späteren hebräischen Sprache bilden, handelt es sich laut Felix Höflmayer (dem Erstautor des Artikels) nicht um das hebräische Alphabet, sondern um ein Alphabet, aus dem sich das Hebräische erst Hunderte von Jahren später entwickelte.
Professor Douglas Petrovich argumentiert jedoch in seinem Buch The World's Oldest Alphabet: Hebrew as the Language of the Proto-Consonantal Script, dass die Sprache des ersten Alphabets, das in Ägypten erfunden wurde, tatsächlich Hebräisch war und dass die Autoren dieser Schrift Nachkommen von Joseph waren, der nach dem biblischen Bericht (Genesis 45-47) seine gesamte Familie von Kanaan nach Ägypten brachte, um die Jahre der Dürre zu überleben. Mit dem Exodus in der Mitte des 15. Jahrhunderts v. Chr. brachten die Hebräer die alphabetische Schrift dann in die Levante.
Obwohl Petrovichs Interpretation mit dem archäologischen Material und auch mit dem biblischen Bericht übereinstimmt, hat sie in der akademischen Welt nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es im Lichte der neuesten Entdeckungen durchaus möglich ist, dass Mose die ersten fünf Bücher der Bibel auf Hebräisch schrieb. Und das, obwohl jahrzehntelang kritisiert worden war, dass dies gar nicht möglich sei. Diese Entdeckung lehrt uns, dass archäologische Erkenntnisse immer nur sehr bruchstückhaft sind, und dass wir unseren Glauben nicht vorschnell aufgeben sollten aufgrund der aktuellen archäologischen Lehrmeinung.