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Lawinensprengung mit Minenwerfern
Der Winterbetrieb der Berninabahn erforderte auch einen achtsamen Umgang mit der Lawinengefahr zur Gewährung der Sicherheit von Passagieren und Personal.
Um Überraschungen auszuschliessen wurde bei der Berninabahn schon früh die künstliche Auslösung von Lawinen getestet und praktiziert. Dies erfolgte mit leihweise abgegebenen Minenwerfern der Schweizer Armee. Heute werden bei Bedarf die Lawinen mit von Helikoptern abgeworfenen Sprengladungen zielgenauer ausgelöst.
Aufsatz "Von Lawinen" aus dem Jahr 1936
Im Jahr 1936 publizierte der ehemalige Direktor der Berninabahn, Eduard Zimmermann, einen Aufsatz in der Schweizerischen Bauzeitung unter dem Titel "Von Lawinen".
Ausschnitt: ..... Wie Verkehrswege und Ortschaften durch Lawinenverbauungen und Aufforstungen, durch Ablenkmauern und Galerien usw. vor Lawinen geschützt werden können, ist bekannt. Schon seit alters wurde von den Säumern, die mit ihren Trossen zur Winterszeit über lawinengefährliche Pässe zogen, auch die künstliche Auslösung von Schneerutschen usw. als Schutzmassnahme angewandt. Starkes Knallen mit der Peitsche von sicherer Stelle aus galt als praktisches Mittel zur Auslösung von Lawinen. Umgekehrt war es verpönt, beim Traversieren gefährlicher Stellen irgendwelchen Lärm zu verursachen; sogar die Glocken der Saumtiere wurden verhängt.
Die Schneeforschung der letzten Jahre (Dr. Hess, Bern und Prof. Paulcke, Karlsruhe) hat ergeben, dass man besser von lawinengefährlichem Schnee als von lawinengefährlichen Hängen spricht. Denn je nach Schneesorte und Witterung können auch in der Regel ganz ungefährliche Hänge Schneerutsche und Lawinen senden. Alle diese, oberhalb der Gebirgswege liegenden Hänge zu verbauen, ist finanziell unmöglich. Diese Gründe haben bei der Berninabahn dazu geführt, auf die alten Erfahrungen der Säumer zurückzukommen.
Schon 1921 wurde versucht, mit sogenannten Donnerschlägen Auslösewirkungen zu erzielen; im Jahre 1927 ging man zur Verwendung von Spezialraketen über. Aber diese Massnahmen befriedigten deshalb nicht recht, weil die Explosionen nicht immer genau dort erfolgten, wo sie die grösste Wirkung versprachen, d.h. an den meistens ziemlich genau bekannten Abrissteilen der Lawinen.
Im Jahre 1934 stellte die eidg. Militärverwaltung der Berninabahn auf deren Wunsch für Versuche je ein Gebirgsgeschütz, einen Minenwerfer und eine Infanteriekanone zur Verfügung. Während letztgenannte für diesen Zweck sofort ausschied, zeigten sowohl Gebirgsgeschütz als Minenwerfer sehr gute Wirkungen.
Da die Bedienung einfacher und die Munition billiger ist als beim Gebirgsgeschütz, entschloss man sich zur Weiterführung der Versuche mit den Minenwerfern, mit denen es inzwischen recht oft gelungen ist, Schneerutsche und Lawinen auszulösen. Die Hänge wurden jeweils von der gefährlichen Schneelast dann befreit, wenn sich keine Züge usw. im Gefahrbereiche befanden. Es wird dadurch erreicht, dass sich auch bei schwerstem Schneewetter keine allzu grossen Schneemassen ansammeln können, die nach irgendwelcher Selbstauslösung mit ungeheurer Gewalt und alles zerstörend niedergehen würden.
Es muss vor allem darnach getrachtet werden, die natürlichen Abrissstellen der Lawinen gut zu treffen. Die Geschoss-Granaten sollen eine möglichst feine Momentan-Zündung besitzen. Sobald die Granate zu tief in den Schnee eindringt, ertrinkt sie wirkungslos im weissen Material. Durch die Explosion an der Oberfläche oder spätestens in der obersten Schneeschicht muss eine möglichst grosse Schneemenge in Bewegung gebracht werden. Der Reibungskoeffizient der Ruhe wird in den der Bewegung übergeführt, der kleiner ist als die Reibungszahl der Ruhe und eventuell unter dem Gefahr-Koeffizienten des Hanges liegt.
(ab hier wird der Artikel sehr schneephysikalisch und wissenschaftlich. Wer gerne den ganzen Artikel lesen möchte, kann sich gerne bei mir melden, via Kontaktformular)
Lawinenschutz aus touristischer Sicht
Da stets viele Briten als Ferien- oder Kurgäste in die Schweizer Berggebiete reisten,
waren Lawinenunglücke in England immer wieder Thema. Die Zeitungen berichteten über
Opfer und Verkehrsunterbrüche, was zweifelsohne ungünstig für den Ruf der Wintersportorte
in der Schweiz war. Zum Beispiel "Avalanche Disaster: Eight Killed On Bernina Train". The Times, Nr. 42362, S. 16 erschienen am 18. März 1920
Es kam daher vor, dass die Berninabahn betonte, keine Engländer seien in das Unglück involviert gewesen, so im obigen Fall: „The Bernina railway authorities inform [....] that no British travellers were in the accident.“ The Times vom 18. März 1920.
Nicht von ungefähr also wurden die Bilder weiter unten über die Tourismus-Organisationen verbreitet.
"Minenwerfer zur Behebung der Lawinengefahr"
Die folgenden beiden Aufnahmen waren weder Instruktionsbilder noch stellen sie eine reale Situation dar. Der Text gibt allerdings Aufschluss über die wirkliche Absicht.
Hier auf Ospizio Bernina demonstrieren zwei Angestellte der Berninabahn die Handhabung des Minenwerfers.
Eine Person beobachtet mit dem Feldstecher das Zielgebiet, die andere richtet entsprechend den Angaben den Abschusswinkel ein und manipuliert die Sprenggranate.
Auf diesem Foto würde der Schuss allerdings in Richtung Passtrasse oder Jochumkurve losgehen...
Diese Aufnahme wurde zu Werbezwecken verteilt, betitelt mit "Minenwerfer zur Behebung der Lawinengefahr"
Der Stempel auf der Rückseite besagt: "Reproduktionsrecht nur abgelöst bei Angabe des Ortes unter Beifügung der Bezeichnung GRAUBÜNDEN und bei Namensnennung des Photografen. Verkehrsverein für Graubünden, Chur"
Der Minenwerfer steht auf einer stabilen Platte, einer sogenannten Lafette. Im Vordergrund eine Transporttasche mit weiteren Granaten.
Wäre es eine Farbaufnahme, würde nach meiner Militärerinnerung die Granate grau bemalt sein (Kriegsmunition) mit gelbem Ring (Aufschlagzünder).
Bei den Granaten in der Tasche sind aus naheliegenden Gründen die Aufschlagzünder nicht eingesetzt... Vergleiche den Unterschied zur abschussbereiten Granate - also mit aufgeschraubtem
Aufschlagzünder. Die Zünder mussten sehr fein eingestellt sein, damit die Sprengung möglichst auf der Schneeoberfläche ausgelöst wurde (siehe Aufsatz Zimmermann oben). Da war also auch ein
subtiles Manipulieren der Granaten vor dem Abschuss ratsam....
Andere Stelle in der Nähe, aus einem anderen Winkel fotografiert.
Zur Ausrüstung gehört auch ein Signalhorn, um vor dem Abschuss zu warnen. Zusammen mit den steifen Hüten ist das sehr vertrauenserweckend!
Gut ersichtlich hier die typische, sehr einfach aufgebaute Fahrleitung der Berninabahn, noch mit doppeltem Fahrdraht.
Beide Fotos sind leider undatiert. Querverweise aus der Lawinenliteratur lassen jedoch eine Datierung nach 1935 zu, siehe Textfeld oben.
Im Gegensatz zu den gestellten Aufnahmen oben ist im Schneeräumungsfilm der Berninabahn aus dem Jahr 1937 die Ausrichtung und der Abschuss der Minen real zu sehen.
Zielbeobachtung parat?
Und Abschuss!
Lawinensprengung mit Kanone, Raketen und Sprengladungen
Im legendären Schneeräum-Film der Berninabahn aus dem Jahr 1937 wird neben verschiedenen
Schneeräumfahrten auch die Sprengung von Lawinen ausführlich gezeigt (etwa ab Minute 17). Nachstehend ein paar Screenshots aus dem Film (Archiv RhB)
Wie im Aufsatz von E. Zimmermann erwähnt. stellte die eidg. Militärverwaltung versuchsweise einen Gebirgsschütz und eine Infanteriekanone zur Verfügung.
Um welchen der zwei genannten Typen es sich hier handelt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Im Film gut zu sehen ist, wie ein mit Skiern ausgerüsteter Bahnmitarbeiter mit zwei Raketen unter dem Arm zum Abschusspunkt geht. Derweil wartet die Dampfschneeschleuder an sicherer
Stelle.
Aufnahme vermutlich zwischen Morteratsch und Surovas. Andere Meinungen willkommen!
Die Verwendung der Raketen war ein verhältnismässiges simples Prozedere. Aber auch mit sehr ungenauen Resultaten, deshalb wurde davon wieder Abstand genommen.
Der Film ist leider ohne Ton und Stimme. Deshalb vermute ich, dass hier die Sprengung von vorher deponierten Ladungen vorbereitet wird.
Minenwerfer auf der Berninastrecke bei der RhB
Jahrzehnte später entstand diese Dreierserie von Fotos. Kaum noch zu Werbe- sondern wohl eher zu Schulungszwecken. Spannend wäre es, die entsprechende Instruktion dazu zu erfahren. Die Aufnahme stammen schätzungsweise aus den 1960er/70er-Jahren.
Durch das Justieren der Vertikal- und der Horizontalachse wird die Flugbahn bestimmt. Die optische Zielvorrichtung ist an die beiden Winkel gekoppelt.
Hoffentlich sieht man da auch wirklich trotz Sonnenbrille etwas....
Das Gerät scheint keinen grossen Veränderungen unterworfen zu sein, nur die Bedienungs"mannschaft" hat sich verjüngt...
Auch hier ist die Granate mit dem Aufschlagzünder gut erkennbar.
Dies war das Bild zum Berninabahn-Wettbewerb.
Und Schuss! Ohren zuhalten und Knall abwarten :-)
Der Minenwerfer scheint fix in einer Art Kiste mit Klappdeckel installiert zu sein. Wer kann dazu nähere Angaben machen?