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Zum Thema «Wege und Irrwege in der Rechtschreibung» fand am 28. Mai an einem Kölner Gymnasium eine Veranstaltung statt. Hierzu hatte die Initiative «Eltern für eine gute Schule NRW» in Zusammenarbeit mit anderen Elternverbänden (Elternverein NRW, Landeselternschaft der Gymnasien, Landesverband NRW der Eltern und Förderer sprachbehinderter Kinder und Jugendlicher e.V., Verein «Wertevoll Wachsen») eingeladen und Frau Prof. Dr . Röhr-Sendlmeier von der Bonner Universität und ihren Doktoranden, Herrn Kuhl, gewinnen können.
Die Ergebnisse einer Studie, die Frau Prof. Dr. Röhr-Sendlmeier zu diesem brennenden Thema mit ihren Forschungsgeldern ohne anderweitige Geldmittel über mehrere Jahre hinweg durchgeführt hat, lassen vermuten, dass die mangelnden Rechtschreibkenntnisse unserer Schüler, die sich seit vielen Jahren offenbaren, eine Folge bestimmter Lese- und Schreiblernmethoden sind, mit denen an unseren Schulen unterrichtet wird.
In der Studie wurden 3 084 Grundschulkinder in längs- und querschnittlichen Analysen in ihren Rechtschreibleistungen überprüft, die nach drei verschiedenen Didaktiken unterrichtet wurden: «dem systematischen Fibelansatz», dem Ansatz «Lesen durch Schreiben» und dem Ansatz «Rechtschreibwerkstatt».
Der «systematische Fibelansatz» erwies sich als eklatant überlegen gegenüber den im heutigen Schulalltag sehr viel häufiger praktizierten anderen Methoden. Beim «systematischen Fibelansatz» werden schrittweise Buchstaben und Wörter systematisch vom Einfachen zum Komplexen gelernt. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt, und jeder Laut wird einem Buchstaben zugeordnet. Die korrekte Schreibweise wird von Anfang an unterrichtet, die falsche korrigiert.
Nicht nur die Rechtschreibleistungen der systematisch angeleiteten Kinder waren sehr viel besser als die der anderen, sondern die Leistungen innerhalb einer Klasse klafften sehr viel weniger auseinander als bei den anderen Methoden. Die Überlegenheit des Fibelansatzes zeigte sich nicht nur bei den Kindern mit Deutsch als Muttersprache, sondern auch bei Kindern mit anderer Muttersprache. Auch die Lese- und Schreibmotivation fiel bei dem Fibelansatz nicht geringer aus als bei den anderen Methoden, so wie es immer wieder unterstellt wird.
Obwohl seit langer Zeit erfahrene Lehrer und besorgte Eltern auf die Mängel der Methode «Lesen durch Schreiben» hingewiesen haben, wurde weiter so unterrichtet, und auch nach der neuen Studie scheint sich nicht viel zu ändern. Frau Dr. Röhr-Sendlmeier berichtete, dass in 80 % der Grundschulen in NRW «Lesen durch Schreiben» oder «Mischformen» Praxis seien. Bei den «Mischformen» sind aber Prinzipien des Schreibens nach Gehör bzw. der Methode «Lesen durch Schreiben» enthalten. In anderen Bundesländern ( Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Brandenburg ab Schuljahr 2019/20) wurde «Lesen durch Schreiben» bereits verboten.
Die Schulministerin von NRW verbietet die Methode nicht, möchte aber, dass Rechtschreibregeln ab der ersten Klasse geübt und kontrolliert werden, und gibt einen Grundwortschatz vor, dessen korrekte Schreibweise die Kinder während der Grundschulzeit lernen sollen. Wie dies mit der Methode «Lesen durch Schreiben» erreicht werden soll, wirft Fragen auf und hat Widersprüche. Diesen Widersprüchen und einer daraus folgenden Verwirrung sind unsere Kinder weiterhin ausgesetzt, und zwar am Anfang ihrer Schulzeit, in der sie noch ganz offen, lernbegierig und besonders angewiesen sind auf eine gute Anleitung zum Lesen und Schreiben.
In meiner langjährigen Praxis als Förderschullehrerin war mir «Lesen durch Schreiben» schon lange ein Dorn im Auge, zumal ich oftmals Schüler hatte, die sich infolge dieser Methode das Lesen und Schreiben nicht mehr zutrauten oder beim Lese- und Schreiberwerb an der Förderschule mit dieser Methode völlig überfordert waren, denn auch vor den Förderschulen für lern- und geistigbehinderte Schüler machte diese Methode nicht halt! Dass die Ergebnisse der Studie allerdings so eindeutig sind und die gravierenden Mängel und ihre Folgen so offensichtlich aufzeigen, wurde mir erst durch den Vortrag klar. Denn in den Medien wurde dies nicht deutlich vermittelt oder sogar in Frage gestellt.
Mich beeindruckte bei der Veranstaltung sehr, wie sachlich, aber auch deutlich die beiden Vortragenden die zur Empörung anlassgebenden Ergebnisse ihrer Studie darstellten. Sie betonten immer wieder, dass es ihnen nicht um Kritik und Zweifel an den Lehrern gehe. Auf Protest einiger Lehrer im Publikum reagierten sie sehr freundlich, ruhig und sachlich und versuchten, auf deren Einwände einzugehen. Eine Schulleiterin brachte ein, dass sie mit «Lesen durch Schreiben» Erfolge habe. In der Diskussion wurde dann aber deutlich, dass sie die falsche Schreibweise ihrer Schüler korrigiert, was bei «Lesen durch Schreiben» nicht vorgesehen ist. Die Sorge einiger Eltern lese-rechtschreibschwacher Kinder, die offen ihre Situation schilderten, nahmen Frau Prof. Dr. Röhr-Sendlmeier und erfahrene Lehrer aus dem Publikum mit grossem Verständnis entgegen und gaben hilfreiche Anregungen zur Lösung der Probleme.
Der Beitrag der Vorsitzendenden des Elternvereins NRW, Frau Heck, bestätigte die Ergebnisse der Studie, und er war alarmierend. Sie berichtete, dass sie von immer mehr besorgten und verzweifelten Eltern um Unterstützung gebeten werde. Ein Gymnasiallehrer berichtete, dass an seiner Schule in der 5. und 6. Klasse die Lücken in der Rechtschreibung bearbeitet werden müssten, was zunächst erfolgreich sei. In den oberen Klassen jedoch würden die alten Fehler wieder auftauchen! Dazu erklärte Herr Kuhl aus lernpsychologischer Sicht, dass es kein «Umlernen» gebe, dass also die einstmals gelernten Fehler im Gedächtnis blieben und nur etwas Neues dazugelernt werde.
Ein Teilnehmer sagte, es stelle sich die Frage, warum der Raum an diesem Abend nicht überfüllt sei, da die Studie ja Alarm geschlagen habe, und warum sie seitens des Bildungsministeriums nicht zur Kenntnis genommen werde. Die Antwort sei in politischem Zusammenhang zu finden. Wie viele andere Kollegen habe auch ich während meiner vierzigjährigen Arbeit als Lehrerin beobachten können, dass es in der Schulentwicklung immer weniger um eine gute Bildung unserer Kinder ging. Ich musste selbst erleben, wie man Kollegen, die unliebsame Fragen stellen und nur an den Grundlagen des Lernens und der Sonderpädagogik festhalten, zum Schweigen bringt. «Lesen durch Schreiben» ist nur ein Beispiel für die gesamte Schulentwicklung der letzten Jahrzehnte. Es ist nicht mehr wichtig, dass Kinder korrekte Schreibweise, das Einmaleins und tiefergehende Sachkenntnisse erwerben, welche Voraussetzungen für selbständiges Denken sind. Auch Werte wie Rücksicht, Respekt, Anstrengung und Sorgfalt stehen nicht mehr im Vordergrund, wenn der Lehrer sich zurückhalten und jedes Kind mit seinem eigenen Programm am Computer lernen soll. Das Ziel scheint zu sein, die Schüler auf Jobs in einer global agierenden Wirtschaft vorzubereiten: fähig, einfachen schriftlichen Anweisungen zu folgen, aber ohne Grundkenntnisse und die Erfassung des Ganzen, flexibel einsetzbar und beliebig verschiebbar. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum den Ergebnissen der Studie keine Beachtung geschenkt wird und der «Verdummung» auf dem Rücken unserer Kinder nicht Einhalt geboten wird.
Trotz aller Erschütterung der Beteiligten angesichts des Fazits der Studie und der Not betroffener Kinder und ihrer Eltern war die gesamte Veranstaltung bereichernd und stärkend. Dank der Sachlichkeit der vortragenden Wissenschaftler und der im Sinne der Kinder gut geführten Diskussion aller Beteiligten konnte ein sehr konstruktives und anregendes Gespräch entstehen. •
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