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Leah: «Für mich ist das ein ganz normales Gefühl. Es gibt zwar einige, die mir aus Versehen noch ‹sie› sagen, aber die meisten sprechen mich richtig an. Seit ich auf die Welt gekommen bin, habe ich gesagt, dass ich ein Bub bin. Ich habe ein Schlitzli. Aber ich bin kein Mädchen.»
Leah Signer* ist neun Jahre alt, besucht die dritte Primarklasse, fährt gern Ski, liebt Breakdance und hilft daheim regelmässig beim Kochen. Leah sieht aus, wie man sich einen typischen Jungen vorstellt: kurzes, blondes Haar, Löcher in den Jeans, weiter Kapuzenpullover. Meistens ist Leah draussen am «Umerueche». Stillsitzen ist keine Option.
Wenn man es nicht weiss, merkt man nicht, dass Leah ein Transkind ist. Er ist mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren worden, fühlt sich aber als Junge. Die Diagnose im Fachjargon: Geschlechtsinkongruenz. Das körperliche und das psychische Geschlecht stimmen nicht überein.
Es wird früh dunkel an diesem Winterabend. Leah, wie er sich weiterhin nennt, sitzt mit noch roten Backen am Küchentisch in einer Zürcher Stadtwohnung. Er ist gerade erst auf seinem Trottinett heimgefahren, war mit seinen Freunden draussen. Mit ihm am Tisch sitzen seine Eltern Anja* und Thomas* und seine elfjährige Schwester Yael*. Der siebenjährige Bruder Enno* ist noch bei einem Kollegen.
Der Vater: «Bemerkbar gemacht hat sich das früh. Leah war schnell windelfrei und weigerte sich, Mädchenunterhosen anzuziehen. In der Kita griff er in der Vorratskiste nach den Jungenunterhosen. Letztens habe ich auf dem Handy ein Video gefunden, wo er einen alten Rock von Yael trägt. Da dachte ich mir: Was haben wir uns da überlegt? Das ist offensichtlich ein Bub, der einen Rock tragen muss. Leahs ganzes Verhalten war männlich geprägt. Er wollte nur mit Buben spielen und mit einer Spielzeugpistole ins Bett. Ab und zu hat er auch versucht, im Stehen zu pinkeln.»
Die Eltern akzeptieren Leahs Wünsche. Er wählt, was er tragen will. Steuert beim Einkaufen die Jungenabteilung an, wählt den Pullover mit Spider-Man-Motiven. Je älter er wird, umso klarer wird den Eltern, dass es nicht bloss eine Phase ist. Im Kindergarten wird Leah noch als Mädchen angesprochen. Am Elternabend sagt der Vater, dass er zwei Töchter und einen Sohn hat: «Obwohl ich spürte, dass es eigentlich nicht stimmt.»
Wann immer die Kinder sich aufteilen müssen, stellt sich Leah zu den Buben. Die Kindergärtnerin lässt ihn machen. Vor dem Übertritt gibt sie den Eltern die Nummer der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
. Sie sollen sich beraten lassen. «Wir hätten es wohl einfach so weiterlaufen lassen. Leah hat sich immer geholt, was er braucht. Wir hatten nie Angst um ihn», sagt Anja Signer.
Leah: «Als ich in die erste Klasse kam, hat meine Lehrerin gesagt, dass ich bei den Mädchen aufs WC und in die Umkleidekabine muss. Das wollte ich aber nicht. Das habe ich meinen Eltern erzählt und ihnen auch gesagt, dass sie jetzt endlich mit diesem ‹sie› aufhören sollen. Es hat mich genervt.»
Das Ehepaar sucht das Gespräch mit dem Schulleiter. Dieser erklärt, dass sie sich auf Gegenwind von Eltern gefasst machen müssen, wenn Leah in die Knabentoilette gehen will. Leah solle doch das Behinderten-WC nahe der Bibliothek benutzen. Dagegen wehren sie sich. «Dann hätte er noch mehr das Gefühl gehabt, dass mit ihm etwas nicht stimmt», sagt Thomas Signer.
Sie beschliessen, dass es am besten für Leah ist, wenn er als Junge angesehen wird – und die entsprechende Garderobe und das WC benutzen kann. Vor allem seine Lehrerin sei froh gewesen um die klare Ansage, sagt Thomas Signer: «Sie hatte gemerkt, wie enorm er darunter litt, dass sie ihn mit den Mädchen mitgeschickt hatte.»
Leah: «Wenn Schüler, die mich von früher noch als Mädchen kennen, ‹sie› zu mir sagen, dann unterstützen mich meine Freunde. Ich habe coole Mitschüler. Einmal sagte ein Fünftklässler im Buben-WC zu mir, dass er auf drei zähle und ich dann draussen sein müsse. Ich hätte einen Schlitz und sei ein Mädchen. Das fand ich voll gaga und habe es meiner Lehrerin erzählt.»
Die Übergangsphase sei teilweise hart gewesen, sagt Anja Signer. «Es gab Kollegen, die fragten, ob wir Leah das wirklich durchgehen lassen wollen.» Auch Thomas Signers Mutter glaubte lange nur an eine Phase. Und viele Mütter hätten neugierige Fragen gestellt: «Sie wirkten ungläubig. Ich habe das nie so eng gesehen. Ich habe nicht Mädchen oder Junge, sondern einen Menschen geboren.»
Die 37-Jährige lernte an einer Infoveranstaltung andere Betroffene kennen, die auf weniger Akzeptanz stiessen. Eine Familie aus Glarus zog nach Zürich, weil das weitere Umfeld das Transkind nicht akzeptierte.
Die Mutter: «Wir haben dann damit angefangen, im Freundeskreis Videos zum Thema rumzuschicken. Das Problem ist oft, dass die Menschen zu wenig informiert sind. Es befremdet sie, weil sie keine Ahnung haben. Es war für viele in unserem Umfeld wichtig, zu verstehen, dass Leah nicht einfach nur ein Junge sein will, sondern dass er in seinem Denken ein Junge ist. Er lebt das.»
Den Geschwistern und der Mutter gelingt der Wechsel zum «er» schnell. Thomas Signer aber hadert. «Mir ist das schwergefallen. Ich bin immer wieder zum ‹sie› übergegangen. Vielleicht ist es die Macht der Gewohnheit.» Der 40-Jährige war es gewesen, der damals den Namen Leah ausgesucht hatte. «Für mich ist das ein sehr weiblicher Name. Vielleicht hängt es auch damit zusammen.» Über eine Namensänderung hat die Familie nachgedacht. «Vielleicht würde dies weniger Fragen aufwerfen.» Während der Ferien im Bündnerland hat Leah ab und zu gesagt, dass er Leo heisse.
Die Schwester: «Leah war nie wie eine Schwester, die Mädchensachen mit mir macht. Wenn ich alte Bilder anschaue, dann sieht er immer aus wie ein Junge. Er tut mir manchmal leid. Als wir mal in einem Lager waren, hat ein Junge ihm aus Spass beim Zähneputzen am Brüneli die Pyjamahosen runtergezogen. Sie wussten nicht, dass er eigentlich ein Mädchen ist, und ich hatte Angst, dass sie es rausfinden. Danach ging es mir im Lager nicht mehr so gut. Und manchmal merke ich beim Spielen mit anderen Kindern, dass er seinen Namen nicht sagen will, wenn sie ihn fragen.»
Vor gut einem Jahr haben die Eltern bei Leah mittels einer Röntgenaufnahme der Hand sein biologisches Alter bestimmen lassen, damit sie ungefähr wissen, wann die Pubertät einsetzen wird. Das hat die behandelnde Psychologin geraten, damit Leah auf Wunsch Hormonblocker nehmen kann. Das ist eine Möglichkeit, den Beginn der Pubertät hinauszuzögern, damit er mehr Zeit hat, um zu entscheiden, ob er eine Hormontherapie möchte.
Unter dem Einfluss der Testosteronbehandlung würde Leah später ein eindeutig männliches Aussehen erhalten. Sein Körper würde behaarter, die Stimme tiefer. «Wir lassen es auf uns zukommen. Leah hat uns immer gesagt, was er will. Er wird auch bei dieser Entscheidung seinen Weg gehen», sagt Thomas Signer. Obschon er vor solchen Eingriffen Respekt hat. «Wenn er damit anfängt, dann wird er vermännlichen. Dann kann er mit 25 nicht mehr sagen, dass er sich als Frau fühlt.» Später werde die Frage dazukommen, ob er sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen will.
Dagmar Pauli, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ist Expertin auf dem Gebiet der Geschlechtsidentität. Die Zahl der Transkinder in den Sprechstunden ist in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen. «Das hat aber nichts mit einem Trend zu tun. Sondern liegt daran, dass man heute eher auf das Empfinden der Kinder hört», sagt sie. Pro Monat registriert sie zwischen 10 und 15 Neuanmeldungen. «Man muss aber beachten, dass Kinder und Teenager aus der ganzen Deutschschweiz zu uns kommen.»
Fälle wie der von Leah, wo sich die Transidentität in sehr jungem Alter manifestiert, seien zwar selten, aber nichts Aussergewöhnliches. Ein Kind könne früh merken, dass es dem falschen Geschlecht zugeordnet wurde. Und dies auch mitteilen, so Pauli. «Die Identität im anderen Geschlecht muss über einen längeren Zeitraum anhalten, bis eine Diagnose gestellt wird. Nur weil ein Junge mit Puppen spielt
, ist er noch nicht transgender.»
Die Mutter: «Ich bin froh, dass Leah seinen Körper nicht hasst. Es gibt Transkinder, die grosse Wut auf ihre Geschlechtsteile haben und sich nicht im Spiegel anschauen können. Bis jetzt hat er noch nie gross gesagt, dass er einen Penis will. Was uns eher Sorgen macht, sind seine heftigen Wutanfälle. Irgendwie merkt er wohl, dass er nicht immer in das gängige Bild passt.»
Als in den letzten Ferien im Tessin beim Baden ein neues Gspäändli von Leah merkte, dass er da unten ein Schlitzli hat, hat Leah nur gesagt, dass es auch Buben ohne ein Schnäbi gebe. Daraufhin habe sein Freund nur mit den Achseln gezuckt und ihm seinen Fuss gezeigt, an dem zwei Zehen zusammengewachsen sind.
* Name geändert