Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/2222

Ed Neumeister - Komponist, Arrangeur, Posaunist und Orchesterleiter
Der neu berufene Fachbereichsleiter Komposition & Arrangement an der Fakultät III blickt auf eine reiche Erfahrung als Musiker zurück. So hatte er in den 80-er und 90-er Jahren Einsitz in den Big Bands von Buddy Rich, Lionel Hampton, Gerry Mulligan, Mel Lewis und Duke Ellington. Als besonders prägend für seine Ausbildung erwähnt er den Unterricht bei Bob Brookmeyer. Neben dieser Verankerung im Jazz war und ist er ein gesuchter Freelance - Posaunist in klassischen Orchestern und Ensembles (NY Philharmonic, Long Island Philharmonic, Concordia Chamber Symphony u.a.). Zahlreich sind die Arrangements eigener und fremder Kompositionen für Formationen jeder Grösse. Als Auftragsarbeiten für das Metropole Radio Orchestra Hilversum entstanden die Suite in fünf Sätzen "The Metropole Suite" und 1999 "Medusa", ein Konzert für Posaune und Jazzorchester. Einen sehr schönen Einblick in seine solistischen Fähigkeiten erlaubt die subtil arrangierte CD "The Mohican and the Great Spirit" (TCB 01072, mit P. Eigenmann,gui und H. Hämmerli, b). Mit Spannung erwartet wird die Transkription eines Streichquartetts von Bartok für vier Posaunen ("Bartok's 4th String Quartett and other Pieces", erscheint demnächst bei TNC Records). Die CD "Here & There" (Mons Records 824 329) dokumentiert eindrücklich, wie seine Kompositions- und Arrangierkunst für die Big Band der Jazzschule Graz fruchtbar gemacht werden konnte. Liest man schliesslich die Kritiken über seine Arbeit als Dozent in Clinics und Master Classes in Amerika und Europa, so kann man den Studierenden der Fakultät III zu ihrem Dozenten nur gratulieren.
Im Herbst 2000 ist an der Fakultät III der Musikhochschule Luzern die erste Klasse Hauptstudium Komposition & Arrangement eröffnet worden. Es ist dies eine der drei möglichen Optionen, welche Studierende nach Absolvierung des Grundstudiums haben. Es geht in diesem Ausbildungsgang um die Aneignung der wichtigen Arrangement- und Kompositionstechniken. Die dereinst Diplomierten sollen in der Lage sein, Ensembles verschiedener Arten, Grössen und Stile zu leiten, komplexe musikalische Abläufe zu erkennen und nicht zuletzt eigene musikalische Ideen mittels Arrangements und Kompositionen umzusetzen. In diesem Zusammenhang kommt dem Dozenten Ed Neumeister eine wichtige Aufgabe zu. Ich habe ihn zu Beginn gefragt, was denn Jazz heute eigentlich sei.
ED NEUMEISTER: "Jazz ist eine Vielfalt von Stilen und sein wichtigster Aspekt ist die Improvisation. Es gibt da keine scharf gezogenen Grenzen zwischen Jazz und anderer Musik. Nicht mal zwischen Jazz und zeitgenössischer klassischer Musik. Das ist heute alles sehr durchlässig. Auch Jazz und Pop: Wo beginnt das eine, wo endet das andere? In seinen Anfängen ist Jazz populäre Musik, sie wurde getanzt. Und nach einer Weile wurde er zur Konzertmusik. Wenn wir den Blues und die afrikanischen Wurzeln dazunehmen, so wird das Ganze ein enorm weitgreifendes Thema.
Wenn wir im Unterricht Musik hören und über formale Aspekte diskutieren - im Fach Komposition sind Form und Farben (colours) zentral - dann frag ich manchmal: Ist das nun Jazz? Die eine Hälfte der Klasse sagt ja, die andere sagt nein. Meine Antwort darauf ist: Who cares? Ich persönlich verarbeite in meinen Kompositionen Jazz, klassische, afrikanische, indische und südamerikanische Einflüsse."
1996 erschien beim Label TCB eine CD , die Ed Neumeister zusammen mit dem Gitarristen Peter Eigenmann und dem Bassisten Hämi Hämmerli in einer wunderbar entspannten musikalischen Ambiance zeigt ("The Mohican and the Great Spirit", TCB 01072). Die eigenwillige Besetzung des Trios unter Ausschluss von Drums und Piano demonstriert umso deutlicher die gestalterischen Kräfte dieses exzellenten Posaunisten.
E.N.: "Die Arbeit im Trio hat mir gefallen, und es war nicht so, dass wir das Gefühl hatten, das sei nun ein Quartett minus one... Nie musste man um den Sound kämpfen. Trotz freier dynamischer Ausgestaltung blieb das Spiel durchsichtig. Ich denke , dass eines meiner wichtigen musikalischen Ziele (goals) die Klarheit ist. Bei mir zuhause im Studio hing während Jahren ein grosses Schild mit der Aufschrift "clarity". Im instrumentalen Spiel, in der Komposition, im Interplay, aber auch im schriftlichen und mündlichen Ausdruck, war es immer mein Ziel klar zu sein. Und Klarheit in den Arrangements ist wichtig, damit alle Stimmen gehört werden."
Musik entsteht in der Imagination des/der KomponistIn. Bevor sie zu Gehör gebracht wird, bleibt sie eigentlich Makulatur. Wie kann der Unterricht an der Fakultät III organisiert sein, damit Studierende ihre Kompositionen oder ihre Arrangements auch hören und auf die Qualität hin überprüfen können?
E.N.: "Das war in der Tat eine sehr wichtige Frage, als wir mit der Organisation dieses Kurses begannen. Im Moment lösen wir das so, dass wir für die Klasse schreiben, das sind vier Saxofonisten, ein Bassist und ein Piano. Der erste Auftrag, den ich den StudenInnen gegeben habe, ist, für 3 Saxofone und Kontrabass zu schreiben. Daran arbeiten sie im Moment und werden die Resultate nach den Herbstferien vorlegen. So starten wir. Im Verlauf des Semesters werden wir die Zusammenarbeit suchen mit den verschiedenen Ensembles, die es an der Fakultät III gibt. Das wird in etwa eine Besetzung Trompete, Posaune, zwei Saxofone und Rhythmusgruppe ergeben. In weiterer Zukunft werden wir für Big Band schreiben und im dritten Jahr ist eine Zusammenarbeit mit der Fakultät I geplant, sodass wir auch für Streicher und Bläser schreiben können."
Eines der Ensembles, in denen Ed Neumeister als Posaunist tätig ist, das New York Trombone Quartett (mit Joe Alessi, Jim Pugh und Dave Taylor) veröffentlicht demnächst eine CD, welche die Umsetzung eines Streichquartetts von Bela Bartok für vier Posaunen enthält. Darüber wollte ich Genaueres in Erfahrung bringen.
E.N.: "Als ich nach New York kam, gründeten wir ein Posaunenquartett, der erste Posaunist der NY-Philharmonic Joe Alessi war mit dabei. Obwohl es schon einiges für vier Posaunen gab, suchten wir doch nach einer grösseren Herausforderung. Da hörte ich mir die sechs Streichquartette von Bartok im Hinblick auf ihre eventuelle Eignung für eine Transkription an. Das Vierte schien sich anzubieten. Zuerst arrangierte ich nur einen Satz und wir probiertens aus. Die anderen Mitglieder des Posaunenquartetts waren begeistert. So was hatten wir noch nie gespielt, und es war sehr sehr schwierig. An bestimmten Stellen konnte ich spezifische Möglichkeiten des Posaunenspiels (zB zweistimmig zur eigenen Stimme) nutzbar machen. Ich glaube es haut hin! Bartoks Sohn weiss, dass wir daran arbeiten. Ich bin sehr gespannt darauf, was er sagen wird."
Gemäss den allgemeinen Zielsetzungen, die zum Hauptstudium Komposition & Arrangement formuliert wurden, sollen die Studierenden ein Bewusstsein entwickeln für die enge Verbindung von Persönlichkeit und musikalischem Ausdruck. Als ArrangeurIn wie als KomponistIn entwickeln sie ihre eigene musikalische Sprache, folgen ihren persönlichen künstlerischen Ideen und lernen sie umzusetzen. Dazu wollte ich vom Dozenten für Komposition und Arrangement eine Auslegung.
E.N.: "Im Englischen verwende ich die Begriffe Intuition und Intellekt. Intuition ist als musikalischer Terminus eigentlich das Ohr, unsere Fähigkeit zu hören. In meinem Unterricht sage ich öfters, dass wir auch Musik aufschreiben möchten, die nicht in unserem Kopf ist. Die Musik, die schon in unserem Kopf ist, ist immer Musik der Vergangenheit. Unser Ohr kennt die Vergangenheit. Es kennt nicht die musikalische Zukunft. Aber mit unserem Intellekt können wir unser Ohr trainieren, dass es sich auf die Zukunft einstellt. Wir studieren die Musik der Vergangenheit und landen mit ihr in der Gegenwart. Das Ziel ist es dann, mit der Gegenwart im Gepäck in die Zukunft zu gehen. Ich denke das gilt allgemein für alle Künste. Es gibt KünstlerInnen, die sich Vergangenem zuwenden und dabei bleiben. Ein grosse Zahl von Jazzstars leben musikalisch von der Vergangenheit. Das ist ok, ich hab da nichts dagegen. Aber wenn ich persönlich den Jazz der Vergangenheit hören möchte, dann ziehe ich es vor, die alten Meister zu hören. Warum sollte ich mich mit Imitaten begnügen. Ich weiss zwar, dass wir alle mit Imitieren beginnen. Das ist sicher wahr. Aber wir müssen vorankommen und "von daheim weggehen", wenn ich so sagen darf. Und unser Intellekt hilft uns eine Musik zu entwerfen, die uns in die Zukunft trägt. Das versuche ich meinen StudentInnen zu vermitteln. John Cage hat das sehr schön gesagt; der Teilnehmer eines Seminars fragte ihn: Mister Cage: Do you hear the music before you write it? Und seine Antwort war: Well, of course not. If I could hear it, why would I write it? Meine kompositorische Arbeit ist eine Mischung von alledem: Manchmal kann ich mich hinsetzen, und ich hab eine Vorstellung und kann sie gleich niederschreiben. Und andere Male, da habe ich nur eine kleine kompositorische Zelle, die ich dann intellektuell bearbeite, nach Spielregeln, Kompositionstechniken usw."
Und wie stehen nun die Chancen für eine Musik, die noch nie gehört wurde, die erst intellektuell entworfen sein will, hat sie ein Publikum? Ed Neumeister vertritt da einen Standpunkt, der Hörende und Komponierende quasi ins gleiche Boot setzt.
E.N.: "Am Anfang ist es wohl so, dass das Ohr etwas, was neu ist, nicht gerne hört. Das ist menschlich. Das ging Beethoven oder Strawinsky nicht anders. Aber das Ohr ist lernfähig. So ist denn eine der zentralen Fragen: Mag mein Ohr das nicht, weil es nicht gute Musik ist, oder mag es das nicht, weil es noch neu ist? Da müssen wir einfach ein Weilchen damit leben; dann ist es nicht mehr so neu und wir können entscheiden ob es gut ist oder nicht."
(Die Fragen stellte Fredi Lüscher, Musiker)