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„Wenn Sie zaubern könnten, was würden Sie zaubern?“ - „Ich würde versuchen, zu einem Vogel zu werden. Zum blauen Vogel im 4. Akt von Dornröschen.1'' Diese präzise Ortung der persönlichen, in diesem Fall poetisch verklärten Wunschvorstellung stammt vom Schweizer Staatssekretär Dr. Franz Blankart und findet sich im Tanz der blauen Vögel der Hoffnung des Vechiger (BE) Gemeindepräsidenten nach Schuldentilgung seines Dorfs sowie der Illusion eines tschechischen Bestattungsunternehmers, daß es „hier so ist, wie im Fernsehen gezeigt wird L’J, daß es in Amerika ist“, gegenübergestellt.
Lisa Faessler dokumentiert in ihrem neuesten Film den versuchten Brückenschlag zwischen Ost und West. Ausgangspunkt dafür war die Gemeindepartnerschaft der südböhmischen Kleinstadt Thrové Sviny mit dem Berner Dorf Vechigcn. Befragt und porträtiert wurden „Menschen in gleicher Funktion“ und „zwei wichtige Arbeitgeber“ (in Vechigen das Alters- und Pflegeheim, in Thrové Sviny die Spielwarenfabrik). Die Sympathie der Filmerin liegt dabei auf tschechischer Seite, die gekennzeichnet ist durch eine bewegte Geschichte, durch Aufbruchstimmung, Desillusion, vor allem aber durch ein kritisches, ein politisches Bewußtsein. Gleichzeitig charakterisieren das Hier tradierte, unhinterfragte historische Immobilität („Frei sein, wie die Väter waren“), kontrollierte Ordnung und eine behäbige (Selbst-) Zufriedenheit. Lädt dort ein unkonventioneller Staatspräsident Frank Zappa zur Feier des Abzugs russischer Truppen cm, für den ein Rockmusiker (Michael Kocb) als Cheftunterhändler fungierte, gerät hier die salbungsvolle Selbstdarstellung des Chefunterhändlers Blankart für den LWR-Vertrag zur unfreiwilligen Parodie seiner selbst: Realpolitik versus Politrhetorik.
Der „Tanz“ im Filmtitel mag auf das Reigenhafte der Collage anspielen, auf die Skrupellosigkeit im Gegenüberstellen von Menschen, Sachverhalten und Toneinspielungen, auf das rhythmisierte Wiederaufgreifen von Gesprächen, Bildern und Musikstücken.
Verfremdung ist angesagt. Gleiche Gesten, gleiche Akte, Antworten auf gleiche Fragen sind ein Prinzip der Montage; die Inkongruenz von Visuellem und Akustischem ein anderes. Die Tonspur der folgenden Szene wird oft vorgezogen oder schiebt sich ins anschließende Bild. So entstehen beim Zusehen Irritationen, da im ersten Moment Bild und Ton nicht eindeutig zuzuordnen sind, Person und Aussage nicht übereinstimmen. So entsteht aber auch eine Gesprächssituation zwischen Ost und West, werden Erzähler und Zuhörer geschaffen, die in der Realität so nicht existiert haben. Respektlos manipuliert Faessler ihr vielfältiges Material und inszeniert prägnante Gegenüberstellungen.
Verschiedentlich mußte sich die Regisseurin den Vorwurf gefallen lassen, die Menschen für ihren Film zu mißbrauchen, was bei den Bildern aus dem Pflegeheim meiner Meinung nach der Fall ist. Die an seniler Demenz leidenden Alten sind der Kamera hilflos ausgeliefert, die wiederholten kurzen Einspielungen ihrer Aufnahmen nicht schlüssig in den unmittelbaren Zusammenhang einzuordnen. Auch an anderer Stelle gerät die rasante Montage in die Nähe manieristischer Bildspielerei. Tanz der blauen Vögel ist insgesamt aber ein interessanter Versuch, den Bereich zwischen dokumentarischem und experimentellem Filmschaffen neu auszuloten, und stellt auf seine (polemische) Weise die Frage nach filmischer Objektivität.