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Eine fieberhafte Unruhe packte Lemaître. Seine Augen schweiften nervös von einem Gebäude, von einem Bild zum anderen, ohne etwas festzuhalten. Unendlich viele Eindrücke strömten auf ihn ein, und trotzdem geschah nichts. Was sollte er tun? Seit Tagen schon brütete er über dieser einen Idee. Der Idee, die er einfach nicht finden konnte. Wo waren sie hergekommen, die anderen brillanten Geistesblitze, mit denen er vor langer Zeit ein kleines Vermögen gemacht hatte? War es möglich, dass die Tiefen seines Geistes mit einem Mal leer waren? Vermutlich brauchte er Abstand. Abstand vom Auftraggeber, vom geplanten Werk, das noch nicht einmal in seinen Gedanken existierte. Doch Abstand nehmen hiesse, sich Zeit nehmen, und die hatte er einfach nicht. Sein bestes Bild erwartete man von ihm. Keine anderen Vorgaben. Und ein Meisterwerk hatte er versprochen. Er hetzte durch die Strassen seines Viertels.
„Wünschen Sie ein Portrait, Monsieur?“
„Danke Monsieur, das kann ich selbst“, meinte Lemaître kühl und eilte weiter zu seinem Wohnhaus. Dämlicher Strassenkünstler, dachte er, schlug die Tür zu und stürmte in den dritten Stock hinauf. In der kleinen Küche schenkte er sich ein grosses Glas Rotwein ein, trank es in wenigen Schlucken leer. Dann atmete er tief durch und spürte, wie sich eine angenehme Wärme in seinem Körper ausbreitete. Er setzte sich auf das Sofa und schloss die Augen. Er durfte sich nicht aufregen. Er musste ruhig bleiben. Er konzentrierte sich ganz auf sein Inneres, suchte in den verborgenen Winkeln seiner Gedanken, doch alles, was er fand, hatte er bereits so oft durchgekaut, dass er es nicht mehr ertragen konnte.
„Merde!“ Mit einem Ruck war Lemaître wieder auf den Beinen. Nervös tigerte er im Raum umher. Dieser Auftrag könnte ihn reich machen. Der Auftraggeber hatte ihm so viel Geld versprochen, dass er sich sogar eine grössere Wohnung leisten könnte, mit mehr Platz für seine Bilder und Staffeleien. Und das Beste: Er wäre nicht mehr auf dämliche Auftragsarbeiten angewiesen. Endlich hätte er die Freiheit, eigene Ideen zu verwirklichen! Seine Bilder waren gut, seine bisherigen Ideen genial gewesen. Trotzdem war dieser Auftrag seit Monaten sein erster. Er durfte nicht wählerisch sein.
Alles in ihm drängte zur Leinwand. Sie stand auf der Staffelei, in reinstem Weiss, und wartete darauf, bemalt zu werden. Erwartungsvoll auch die Farben, die Palette, der Pinsel. Sie riefen ihn zu sich. Er konnte es kaum ertragen, seine Malutensilien so unbenutzt dastehen zu sehen. Sein bestes Bild. Zärtlich strich er über den Holzrahmen der Staffelei.
Wie in den Nächten zuvor lag Lemaître nun grübelnd im Bett. – Das Beste. – Und was sollte das sein? – Geld? Gut, dann brauchte er nicht mehr zu arbeiten. Frauen? Die wechselte er alle paar Wochen. Die Kunst? Sie war sein Brot, sein Atem, seine Seele. Er brauchte sie, ohne die Kunst wäre er nichts. Doch wie wollte er sie malen?
Seinem Gefühl nach hatte er noch keine fünf Minuten geschlafen, als er durch ein Klopfen an der Wohnungstür geweckt wurde. Er drehte sich im Bett, zog sich die Decke über den Kopf. Doch wieder klopfte es. Genervt stand er auf. Auf dem Weg zur Tür vermied er es, die weisse Leinwand anzusehen.
„Guten Morgen Monsieur! Möchten Sie eines meiner Bilder kaufen?“
Er knallte die Tür zu. Was für eine penetrante Person, dachte er.
Wenig später klopfte es wieder.
„Voilà, Monsieur, hier sind meine besten Werke.“
„Ihre besten Werke.“ Herablassend runzelte Lemaître die Stirn.
Der Strassenkünstler nickte heftig, den Spott ignorierend.
„Na gut. Zeigen Sie her. Aber danach lassen Sie mich in Ruhe.“
Der Mann zog einige Bilder unter seinem Arm hervor und breitete sie auf dem Boden vor der Wohnung aus.
Langsam ging Lemaître zwischen den Bildern hin und her. Er betrachtete sie von oben herab, eines nach dem anderen.
„Was kostet das Ding da in der Ecke?“
„Oh, das ist eine meiner neusten Arbeiten. Ist mir gut gelungen, finden Sie nicht auch?“
„Was wollen Sie dafür?“
„Tausend.“
„Sind Sie wahnsinnig?“
„Ich feilsche nicht.“
„Tausend, für dieses – Machwerk?“
„Tausend für dieses Machwerk.“
Wenige Augenblicke später trat der Strassenkünstler ins helle Licht des Vormittags hinaus. Er trug ein Bild weniger unter dem Arm.
Lemaître stand reglos vor der weissen Leinwand. Dann tunkte er den Pinsel in die Farbe.
Von Fabienne Suter, G4B