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Erinnerungen an eine Kindheit im Bellevue
27. Mai 2016 – von Eduard Bohren
Der in diesem Jahr verstorbene Eduard Bohren (*1934) wuchs zwischen 1939 und 1950 in Adelboden auf. Vor einigen Jahren erzählte er uns, wie er als kleiner Junge das Aufwachsen im Hotel in vollen Zügen genoss.
Dieses ermöglichte ihm seine Gotte und Tante Elisabeth Richard-Bohren. Die Hotelgründerin, die ihn als Fünfjährigen bei sich aufnahm, bot ihm und ihren Kindern Normalität – dies in Zeiten, die auch für sie alles andere als normal waren.
«Als meine Eltern sich im Juli 1937 scheiden liessen, wurde ich dem Vater zugesprochen. 1939, im Alter von gut fünf Jahren, nahm mich Gotte Liseli zu sich nach Adelboden, wo ich zwischen 1939 und 1950 mit meinen beiden Cousins Hansruedi und Beat familiär aufwachsen durfte. Gotte Liseli, die bereits mit 34 Jahren Witwe war, behandelte mich stets wie ihre beiden Söhne. Während des Krieges nahm sie ferienhalber auch einen Knaben aus der damaligen Tschechoslowakei auf. Er hiess Matko und war mehrere Male bei uns in der Schweiz.
Meine beiden Cousins
Ab 1941 besuchte Hansruedi dann das Progymnasium in Biel, wo er bei der Familie seines Onkels wohnte. Da er nun eine Schulmappe hatte, erbte ich seinen Schultornister, auf den ich sehr stolz war. Erstens war er von Hansruedi und zweitens hatte er auf dem Deckel nicht mehr allzu viele Haare, was mich professioneller aussehen liess. Dieser Schulsack begleitete mich die ganzen 9 Schuljahre, die ich im Dorfschulhaus von Adelboden verbrachte. Ich habe Hansruedi als den grossen, intellektuellen Cousin sehr bewundert. Er lehrte mich Schach spielen, er zeigte mir, wie man mit Skiern und dem Fussball umzugehen hat. Für mich und die Nachbarsbuben war er der absolute Dribbelkünstler.
«Beat brachte mir zum Beispiel das Krevettenessen bei.»
Natürlich hatte ich mit Beat eine intensivere Beziehung, ging er doch bis im Frühjahr 1948 ebenfalls in Adelboden zur Schule. Mit seinen immer etwas ausserordentlichen Ideen lehrte mich Beat vieles. Er brachte mir zum Beispiel das Krevettenessen bei, indem er mich ins Economat im Keller führte. Dort öffnete er Büchsen mit Krevetten, um mir zu zeigen, wie gut die seien. Abgesehen von seinen für ein Kind eher aussergewöhnlichen kulinarischen Vorlieben wollte Beat ein Kind wie jedes andere sein. Als er einmal eine schöne, neue Wolljacke erhielt, schnitt er mit der Schere Löcher rein, um von seinen Schulkollegen nicht als verwöhnter Hotelierssohn betrachtet zu werden. Es war nicht üblich, neue Kleider zu tragen. Auch ich hatte nie welche, was mich nicht störte. Im Gegenteil.
Amerikanische Internierte
Ein grosses Erlebnis war für uns alle, dass in verschiedenen Hotels von Adelboden, so auch im Bellevue, internierte amerikanische Fliegertruppen untergebracht wurden, die in der Schweiz zur Landung gezwungen worden waren oder deren Flugzeuge über der Schweiz abgestürzt waren. Jeweils im Dezember haben sie alle Kinder zu einer schönen Weihnachtsfeier ins Hotel Palace eingeladen. Dort übergaben sie uns nebst anderen Geschenken einen Kugelschreiber. Kugelschreiber waren damals in der Schweiz noch nicht erhältlich.
In dieser Zeit entwickelte sich im Wallis ein Erdbebenzentrum, was auch in Adelboden sehr spürbar war. Das Kupferdach unseres Hotels dröhnte dann sehr stark. Beim ersten Beben meinten unsere amerikanischen Gäste, es handle sich um eine Bombardierung und verschwanden unter den Tischen.
Zusammenstoss mit General Guisan
Ein weiteres Grosserlebnis waren für uns die Winterarmee-Meisterschaften im Februar 1943 in Adelboden. General Guisan bezog im Bellevue Unterkunft, was zur Folge hatte, dass vor dem Haupteingang zwei «Wachthüsli» installiert wurden und wir Knaben schon vor dem Besuch des Generals dort stundenlang, mit einem Besenstiel bewaffnet, Wache hielten. Als es dann ernst wurde, haben diese Aufgabe Soldaten übernommen, die ihr Quartier im ‹Glättizimmer› im Keller hatten.
«Obschon der General Guisan gerne seine Zigarre rauchte, durfte er beim Rauchen nie fotografiert werden.»
Einmal gab es zum Dessert Caramelköpfli mit einem Schlagrahmbouquet. Als dieses Dessert im Pass nach oben kam, erschrak Gotte Liseli sehr und liess vor dem Servieren sofort den Rahm entfernen. Obschon der Guisan gerne seine Zigarre rauchte, durfte er nie beim Rauchen fotografiert werden.» Einmal rannte ich das Treppenhaus hinauf und im ersten Stock um die Ecke. Dabei kam es zu einem Zusammenstoss mit General Guisan, indem ich Kopf voran in seinen Bauch stiess. Er aber streichelte mir liebevoll übers Haar, worauf ich noch heute stolz bin. Wer kann so etwas schon erzählen?
Gotte Liseli liess uns grosse Freiheiten. So durfte ich im Stall hinter dem Hotel bis zu 30 Kaninchen züchten und auch bei der Betreuung der zwei bis vier Schweine mitwirken. Ohne dass Gotte Liseli je ein Wort darüber verloren hätte, war es für sie klar, dass meine Kaninchen nicht im Kochtopf des Hotels enden konnten. Jeweils im Frühling verkaufte ich die Kaninchen den Bauern, die sie für einen Sommer mit auf die Alp nahmen. Zeitweise hatten wir auch zwei Katzen. Erst als ich eine dritte nach Hause brachte, gab es ein Veto.»
Charmante Hotelkultur von damals
Service, Service! Die Gäste stellen abends die Schuhe vor die Zimmertüre. Der Portier reinigt diese am Morgen in aller Früh im Keller und deponiert sie wieder vor den entsprechenden Hotelzimmern. In der Regel geht er, in Uniform gekleidet, bei jeder Ankunft des Postautos hinunter zur Post. Das Gepäck der Hotelgäste wird im Winter mit dem Hornschlitten, im Sommer mit einem grossen zweirädrigen Leiterwagen transportiert.
Wein nur für den Chef! Die Angestellten werden in einem separaten Esszimmer im Keller verpflegt. Der Küchenchef und die Köche sitzen an einem grossen Tisch in der Küche. Wobei nur der Chef zum Essen ein Glas Rotwein – in der Regel Montagner – bekommt. Die Familie isst im Familienzimmer das Drei-Gang-Menü – mittags und abends; die Hotelière will dabei auch die Qualität des Essens prüfen. Mit dabei ist auch der Hotelsekretär Herr Zölch, eine Respektperson, in dessen Anwesenheit die Kinder kerzengerade am Tisch sitzen.
Gong fürs Gästeessen. Mittags und abends wird ein einheitliches Drei-Gang-Menü serviert. Zum Essen rufen die Kinder und Neffen der Hotelière, indem sie mit einem Gong das Treppenhaus hinauf- und hinuntergehen hinuntergehen – die Gäste erscheinen dann im Speisesaal. Auf allen Tischen steht eine Karaffe Hahnenwasser. Der Wein wird im Keller mit einem fest montierten grossen Zapfenzieher entkorkt.