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GG 230
Demosthenis et Aeschinis Principum Graeciae Oratorum Opera, Cum utriusque autoris Vita, & Ulpiani Commentarijs, novisque Scholiis, ex quarta, eaque postrema recognitione, Graecolatina: Sex codicum impressorum, & inter hos Parisiensis nuper editi: duorum manuscriptorum, alterius Pannonij, alterius ex Augustana bibliotheca fideliszimi collatione, a mendis repurgata, varijs Lectionib. adaucta, Annotationib. illustrata: Per Hieronymum Vvolfium Oetingensem, utriusque linguae in Augustana Schola professorem. Indices duos adiecimus, Catalogum Operum Praefationi subiecimus, Gnomologiam Demosthenicam seorsim ad Scholarum usum excudimus... Basel: Eusebius Episcopius in der Officina Hervagiana März 1572. Fol.
Vierte griechische Basler Demosthenesausgabe der Officina Hervagiana bzw. Hieronymus Wolfs: 1532 war die erste griechische Basler Demosthenesausgabe bei Johannes Herwagen Vater erschienen, in handlichem Oktavformat, die erste Gesamtausgabe nach der Folio-Erstausgabe des Aldus Manutius von 1504 (GG 225); seine zweite, ebenfalls in Oktavformat, erschien 1547, mit Korrekturen gegenüber der vorangehenden Venezianer Ausgabe von 1543. 1549 erschien Wolfs grosse zweisprachige Ausgabe bei Oporin, und nach einer weiteren Venezianer (1554) und einer ersten Pariser Ausgabe (1570) folgt zum Abschluss des Humanismus und des Jahrhunderts (die nächsten erscheinen erst 1604 in Frankfurt und 1607 in Genf - Nachdrucke der Ausgaben Wolfs) wie als Krönung des Lebenswerks Wolfs auf dem Gebiet der antiken Rhetorik dieser in recht kleinen Typen zweispaltig gesetzte Riesenfoliant von 744 Seiten Text (4 Bde.), 367 Seiten Kommentar Ulpians mit ebenfalls Übersetzung und Annotationes Wolfs sowie biographischen Quellen und einem sechsten Band von nochmals 218 Seiten u.a. mit der kurzen älteren Gnomologie, Annotationes Wolfs zu Demosthenes und Aeschines, abweichenden Lesarten, textkritischen Castigationes des Vincentius Obsopoeus von 1533, Textverbesserungsvorschlägen aus der gerade zuvor noch erschienenen im Titel erwähnten Pariser Ausgabe (1570 bei Guillaume Morel Typographe du Roi, griechisch mit Ulpian), solchen, bzw. abweichenden Lesarten aus der ebenfalls im Titel erwähnten Augsburger Handschrift, die Simon Fabricius für Wolf untersucht hat, mit undatiertem Begleitbrief Wolfs an Episcopius, demjenigen des Fabricius an Wolf, weiteren Scholien, die Fabricius aus der Augsburger Handschrift abgeschrieben habe, mit Begleitbrief Wolfs vom 1. September 1570, und einem längeren Nachwortbrief an Episcopius zu allen diesen Lesarten-Ergänzungen vom 23. August 1570, dem Tage, an dem er glaube, nach Vollendung der Arbeiten für den Druck (typographicis scriptionibus confectis) eine Last schwerer als der Ätna abgeladen zu haben und aus harter Knechtschaft der goldenen Freiheit wiedergegeben worden zu sein. In diesem wie dem undatierten Begleitbrief an Episcopius weist er darauf hin, mit Dank, dass Theodor Zwinger und Episcopius ihn auf die Pariser Ausgabe hingewiesen und ihre Auswertung nahegelegt hätten, was den Druck verzögert und die Durchsicht der Augsburger Handschrift nach sich gezogen habe. Der Hinweis im Titel auf die getrennt für die Schüler erschienene Gnomologie gilt deren Druck von 1570 (GG 231); unseren Riesenfolianten hat gewiss kein Schüler je erhalten oder besessen. Sämtliche Geleitbriefe Wolfs an den Drucker datieren von 1570, die Titelseite des 6. Bandes zeigt das Datum von 1571, das Kaiserliche Privileg gegen Nachdruck auf sechs Jahre, um das sich Wolf bei Kaiser Maximilian II. für den Drucker bemüht hatte - für den von zahllosen Fehlern verbesserten und mit grossen Kosten herausgebrachten Druck - ist schon aus Prag vom 7. Mai 1570 datiert, und ebenfalls Wolfs Widmung an die beiden Augsburger Bürgermeister Hainrich Recklinger und Christoph Peitinger sowie den Rat der Stadt Augsburg ist schon am 13. August - Wolfs Geburtstag, wie er beifügt - 1570 niedergeschrieben worden. Das zeigt, dass der gewaltige Druck mit allen Nachträgen und entsprechenden Wartefristen einige Zeit gebraucht und wohl auch einige Mühe bereitet hat. Lässt auch vermuten, warum sich danach über dreissig Jahre lang kein Drucker und Verleger mehr an eine neue Demosthenesausgabe oder auch nur an einen Nachdruck der hier vorliegenden gewagt hat; der Genfer Nachdruck war zudem um die Annotationes Wolfs gekürzt. Die erste Ausgabe des Demosthenes, die über Wolf hinaus Neues bot, erschien erst 1748-1757 in Cambridge.
Wolfs Widmung an die ihm nahestehenden Herren seines Gymnasiums ist recht persönlich gehalten, bringt vieles aus seiner Biographie, bevor er konkret auf die Arbeit an der vorliegenden Ausgabe eingeht und ausführlich, gleichsam als Testament für seine Nachfolger, seine philologische Methode beschreibt. Zu ihrem Lob, spricht er Bürgermeister und Rat von Augsburg an, möchte er als unbegabter Redner nur auf seine durch sie ihm ermöglichte philosophische Arbeit hinweisen (otium philosophicum: dazu gehört die gesamte Beschäftigung mit der antiken Literatur - ausser Theologie, Rechte, Medizin - als das Gebiet der facultas artium; der heutigen philosphischen Fakultät), die er für ihre mit grossem Aufwand geförderte Bibliothek und die Förderung der studiosi ganz Europas durch seine Schriften habe leisten dürfen. Studien und Gelehrsamkeit gewährten sie Wohnsitz wie einst Athen, Alexandria, Tarsos, Berytos, nun Bologna, Paris, Strassburg und andere Städte. Er wisse wohl, dass viele, vielleicht nicht ohne Grund, über die Sitten gewisser Gelehrter klagten und darüber, dass des Schreibens von Büchern kein Ende sei, deren Mehrzahl nur die Geister von Besserem abhielten oder die Christenheit, die schon so mit ihren Angelegenheiten genug zu tun habe, noch mehr verwirrten. Er lebe aber ohne Klagen nun zwanzig Jahre in ihrer Stadt und es sei bekannt, dass seine Publikationen andere Zwecke verfolgten. Weder schreibe er über private Träumereien noch Streitsüchtiges, sondern er übersetze und erkläre längst und allseits anerkannte alte Autoren, und nicht ohne Erfolg, was die Nachdrucke seiner Arbeiten in Deutschland, Frankreich und Italien belegten. Man könne von ihm vielleicht Masshalten verlangen, sein Unvermögen die Feder abzulegen und unnötige Selbstquälerei durch Tages- und Nachtarbeit tadeln, da Alter und Gesundheit eher Ruhe und Musse verlangten. Wenn schon nicht die eiserne Arbeitskraft eines Cato, so wünsche er sich doch die Ausdauer, mit der die vornehmen Griechen und Römer das, was den heutigen Studenten und Gelehrten als harte Arbeit gelte - Sorge für den Unterhalt, Lesen und Schreiben - als Ergötzung angesehen hätten. Die Verteidigung von Klienten, Einsatz für den Staat im Rat und im Krieg hätten sie als Arbeit betrachtet. Ihm habe körperliche und geistige Kraft gefehlt; zudem hätten jene leicht in der eigenen Sprache geschrieben, während man heute einen guten Teil des Lebens zur Erlernung fremder Sprachen aus stummen Lehrern (d.h. Büchern) aufwenden müsse. Nicht zur Ergötzung oder zur Vertreibung langer Weile schreibe er, sondern da sein Ruf es nicht anders zulasse, und er verschweige seine Mühsal nicht. Denn als ihn vor 24 Jahren weniger sein Wille als die Not und Hoffnung auf Besserung in die typographische Stampfmühle geworfen hätten, habe er gemeint, durch kurze Mühsal eine dauernde Möglichkeit, sich frei seinen Studien zu widmen, zu erkaufen. Wie anders es herausgekommen sei, wisse jeder, der entweder ihre Bibliothek besucht habe, deren sie seine Arbeiten für würdig angesehen hätten, oder die Buchhandlungen durchstöbere. Das schreibe er nicht zum Eigenlob, sondern um zu zeigen, wie sein Schicksal ihn mit weniger angenehmer und gewinnbringender als unumgänglicher Arbeit in dieses Alter gebracht habe, dass er nun am wenigsten zum Philosophieren komme. Und diese Enttäuschung sei ihm mit vielen gemein. Demosthenes habe seine Athener aufgefordert, wie sie Staatsmänner nicht in den Ruhestand gehen liessen, auch selber die als Aufgabe übernommene Verteidigung Griechenlands nicht aufzugeben. Etwas Analoges, wenn auch sehr verschieden, sei ihm zuteil geworden. Nach dem Beginn der Übersetzung griechischer Redner, Philosophen, Astrologen und Historiker sei er bei dieser Tätigkeit, weder um Gewinnes (den man hiermit nicht erlangen könne) noch um Ruhmes willen, sondern aus Zwang oder Not heraus, alt geworden, und auch jetzt könne er sich noch kaum aus dem athenischen Staatssklavendienst befreit sehen. Er habe in täglichem Kampf Demosthenes, Aeschines und Ulpian so verbessert und erklärt, dass er nicht zögere, seine Kritiker aufzufordern, erst Besseres zu leisten. Doch die Mehrheit sei ihm wohlgesinnt und jene hätten selber kaum etwas publiziert. Aber lange habe er wie die Sklaven in den Steinbrüchen des Dionysius (bei Syrakus) gearbeitet. Wer ihm nach vierzigjähriger Fron eine mässige Musse, die sie ihm durch eine Pension zur Ausarbeitung dieses Werkes gewährt hätten, missgönne, sei der übelste Stänker. So bringe er ihnen dieses Werk nicht dar, sondern erstatte es zurück. Der frühere Patron dieses Werkes, in dessen Namen es dreimal erschienen sei, könne ihm, wie auch kein anderer, nicht Leichtfertigkeit vorwerfen. Nachdem er sich auf seine Güter zurückziehen wolle, habe er ihn und die Erzeugnisse seiner Musen ihnen anvertraut. Und sofern die Druckergesellen nicht wieder entstellten, was er verbessert habe - er sei weg von der Presse und habe bald diese, bald jene Vorlagen und Blätter (codices & chartas) dem Drucker gesandt - erscheine Demosthenes hier in völlig neuem Gewand und vermehrt, so dass man ihn kaum wiedererkenne. Er wage es zu gestehen, dass die Durchsicht einer einzigen Rede ihm fast mehr Mühe gekostet habe, als die ganze erste Übersetzung, sei es dass das nahe Alter vom Gefühl der Mühe mehr betroffen werde, die seinerzeit die Jugendkraft auf sich genommen habe, sei es der Unterschied, was einem in den Sinn komme, in einem Feuer des Geistes herauszuschütten, oder Überlegtes niederzuschreiben und fast jedes einzelne Wort auf die Goldwaage zu legen. Dennoch habe er nicht, was er oft beteuert habe und jetzt nochmals beteuere, die Beredsamkeit des Demosthenes wiedergegeben, und seine Leser, deren Interessen ja nicht berührt würden, seien nicht so aufmerksam wie dessen Hörer gewesen seien, um deren Ansehen und Heil es gegangen sei. Ebenso fehlten Vortrag und Gestik, die er für das Erste, Zweite und Dritte gehalten habe, doch Erfindung und Aufbau sowohl des Inhalts wie der Formulierung habe er getreuestens zu bewahren gesucht. Auch diese seien in seiner eigenen Sprache viel eigentümlicher, treffender, ergötzlicher, weshalb seiner Übersetzung der griechische Text (archetypus) beigegeben sei, damit die Kundigen wie die Schüler (studiosi) dieser so schönen und reichen Sprache ihn geniessen könnten. Und doch würden diejenigen, die das läsen, Demosthenes nicht so bewundern (was sein Gegner Aeschines gesagt habe), wie wenn sie ihn selber gehört hätten. Wie wenn Cicero als Konsul seine Reden zur Rettung des Vaterlandes gehalten habe, und jetzt dessen Reden stumm von jemand in seiner Freizeit durcheilt oder von einem Rednerlein ohne jede Gemütsbewegung und Abwechslung vorgetragen würden. Doch ihnen, die teils zu Studien, teils zu öffentlichen und privaten Geschäften in Italien, Spanien, Frankreich geweilt und beredte Männer und geistliche Redner in Versammlungen gehört hätten, brauche er das nicht zu schildern, wie sie nicht nur Weiblein und ungebildetes Volk, sondern auch ernsthafte und standhafte Männer rührten und zu Tränen bewegten, in Zorn oder zu Mitleid brächten, in die Unterwelt verdonnerten und wieder in den Himmel erhöben. Was er im griechischen Text seinerzeit an Fehlern ausgemerzt, gemindert oder wenigstens angezeichnet habe, sei den Gelehrten bekannt; dennoch seien ihm von manchen statt Lob für Scharfsinn und Gewissenhaftigkeit der Vorwurf waghalsigen Ratens (divinare) und von Verballhornung gemacht worden. Jetzt habe eine Kollation von fünfzehn Handschriften auch diesen Vorwurf widerlegt, da die meisten seiner Konjekturen durch eine alte Lesart bestätigt worden, dazu die durch Gleichgültigkeit der Kopisten oder Beschädigung der Handschriften entstandenen Lücken, die niemandes Scharfsinn hätte ergänzen können, gefüllt. Dennoch hätten auch so viele und so alte Handschriften an manchen Stellen zu wenig helfen können; diese Stellen habe ihm meist seine gewisse Art des Erratens (divinatio) verständlich gemacht: ohne delphischen Dreifuss, ohne Vogel- oder Opferschau oder ähnlichen Aberglauben (divinatio bezeichnet vor allem jegliche Weissagung) - einfach und natürlich und keinem gelehrten und scharfsinnigen Geist verwehrt: genaue Kenntnis der Grammatik, wiederholte und gewissenhafte Lektüre der besten Autoren, die sich gegenseitig erhellten, Beobachtung des Stils eines Autors, ein nicht weniger, sogar mehr auf die Sätze als auf die Wörter ausgerichteter Geist, Vergleich des Vorangehenden mit dem Folgenden, schliesslich die Überzeugung, was im Wortlaut missklingend, in den Gedanken fade erscheine, sei nicht von gewissenhaften, klugen und beredten Autoren geschrieben, sondern von nachlässigen, unerfahrenen, verantwortungslosen Kopisten verderbt worden. Er habe sich gewisse Kennzeichen und durch Beobachtung der unterschiedlichen Darstellung gleichsam Spuren gemerkt, die diese des Irrtums überführten. Darüber habe er andernorts ausführlicher gehandelt. Unter den Handschriften verdiene diejenige aus ihrer Bibliothek durch ihr Alter und ihre Zuverlässigkeit den ersten Platz. Dass er sie nicht schon früher verwendet habe, hätten die verschwundenen und ausgelöschten Buchstaben bewirkt, die er auch mit einer Brille nicht habe entziffern können. Schliesslich sei ihm sein gelehrter und überaus griechischkundiger Kollege Simon Fabricius in den Sinn gekommen (1533-1593, Kollege Wolfs und sein Nachfolger als Professor für Griechisch, Rektor zu St. Anna und Bibliothekar). Da er ihn nicht weniger scharfsichtig als scharfsinnig gewusst habe, habe er ihn gebeten, zu versuchen, ob man aus ihr etwas gewinnen könne. Freundschaftlich habe er sich sofort darangemacht und den dicken Band unglaublich schnell durchgelesen, einzigartig scharfsinnig alle Abweichungen bemerkt, festgehalten, herausgepflückt, an den Rand der gedruckten Ausgabe geschrieben, Erklärungen (scholia) beigefügt, die den philellēnes willkommen und nützlich sein dürften. Sie würden dies mit ihm dem Fleiss des Fabricius und ihrer Grosszügigkeit verdanken. Zum Lob des Demosthenes seien, wenn er sich nicht selber genügend dem Leser empfähle, die Äusserungen Ciceros und anderer bekannt. So bleibe ihm nur noch die Bitte, dieses sein letztes Werk, das seine Grabinschrift sein solle (falls noch weiteres folge, werde es ihm gegenüber unbedeutend sein), ebenso freundlich entgegenzunehmen, wie sie seinen Kommentar zu den Werken Ciceros vor sieben Jahren (1563 bei Oporin erschienen, erweitert 1569 bei Eusebius Episcopius) für ihrer Bibliothek nicht unwürdig angesehen hätten und ihn weiter als ihren Diener und Klienten anzunehmen. Wenn auch sein Auftreten, seine Einfachheit, seine Ferne von jedem Prunk, sein einsames Leben seinen Ruf minderten: die fremden Völker kennten Wolf und ebenso die Nachkommen, und die Studenten wie die Gelehrten würden ihre Freigebigkeit ihm gegenüber preisen. Worauf er in seinen Dank und Lobpreis noch ihre Kollegen Matthaeus Welser, Johann Baptist Hainzel und Johann Matthaeus Stamler einbezieht. Wolf ist 1580 gestorben; in diesem Jahr ist nochmals eine kleinere Arbeit zu Cicero erschienen. W 99.
Aus Besitz Remigius Faeschs (Vorbesitzername durchgestrichen und überklebt): B c I 45
Bibliothekskatalog IDS
Signatur: Bc I 45