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25. Dezember 1971: Der grösste Sportler aller Zeiten bestreitet sein einziges Gastspiel in der Schweiz. Boxlegende Muhammad Ali bereitet sich in Zürich auf den Kampf gegen Jürgen Blin am Stefanstag vor.
Der Champ trug einen Ledermantel und ausgelatschte Militärstiefel, als er im Hotel Atlantis Sheraton die Treppe hinunterkam. Im Foyer wartete der Fotograf Eric Bachmann, unterwegs im Auftrag der Ringier-Zeitschrift «Sie+Er». Er wollte Ali bei seinem morgendlichen Trainingslauf begleiten. Das berüchtigte Grossmaul erwies sich als unkompliziert. «Ali war freundlich, keine Spur überheblich», erinnert sich Bachmann.
Ali rannte los über die verschneiten Hänge des Üetlibergs, mit Bachmann im Schlepptau. Dieser hielt mit der Kamera drauf und machte über Tage hinweg unzählige Fotos. Während Jahrzehnten verstaubten sie in seinem Archiv. Nun kann man sie bestaunen, im Bildband Muhammad Ali, Zürich, 26.12.1971. An jenem Stefanstag kämpfte der Superstar aus den USA im Hallenstadion gegen den Hamburger Jürgen Blin.
Wie war es zum einzigen Auftritt der Boxlegende in der Schweiz gekommen? Die Story liest sich wie ein Krimi. Ausgangspunkt war eine Wette in der Playboy-Bar an der Badenerstrasse. Der Promoter Hansruedi Jaggi hatte mit dem «Blick»-Klatschreporter Jack Stark um eine Flasche Ballantine's gewettet, dass er Cassius Clay – so der Geburtsname des zum Islam konvertierten Boxers – nach Zürich bringen konnte.
Jaggi, 30 Jahre alt und knapp 1,60 Meter gross, war eine schillernde Figur. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen und hatte sich mit der Organisation zweier legendärer Konzerte einen Namen gemacht: 1967 holte er die Rolling Stones ins Hallenstadion – das Publikum randalierte und schlug alles kurz und klein. Ein Jahr später liess er Jimi Hendrix am gleichen Ort auftreten – es folgten die Globus-Krawalle, die Zürcher Variante der 68er-Revolte.
Die Verpflichtung Alis war eine schwierige Angelegenheit. Erst durch Vermittlung von Jaggis Freund Rock Brynner, Sohn des glatzköpfigen Hollywoodstars Yul Brynner mit Schweizer Vorfahren und Bürgerrecht von Möriken-Wildegg (AG), klappte es. Ali befand sich damals an einem schwierigen Punkt seiner Karriere. Er hatte eine mehrjährige Sperre wegen Militärdienstverweigerung hinter sich und im März den «Kampf des Jahrhunderts» gegen Weltmeister Joe Frazier verloren.
Am 15. Dezember 1971 landeten der Champ und seine Familie samt rund 50-köpfigem Anhang in Kloten. Er wohnte wie erwähnt im Atlantis Sheraton und trainierte im Hotel Limmathaus, wo ihm im Theatersaal ein Boxring eingerichtet wurde. Nach dem Lauf am Üetliberg entschied er spontan, Ersatz für seine kaputten Stiefel zu kaufen – er hatte sich im Schnee nasse Füsse geholt.
Im kleinen Datsun von Fotograf Eric Bachmann fuhren der Boxer und sein Coach Angelo Dundee an die Langstrasse zum Schuhgeschäft Schönbächler. In Alis Grösse 47 gab es nur ein Paar beige Wanderschuhe der Marke Raichle. Er kaufte sie, ebenso eine Fellmütze, oder vielmehr nahm er sie mit. Der grosse Muhammad Ali hatte kein Geld dabei. Der Ringier-Verlag, der Bachmanns Bilder exklusiv druckte, bezahlte später die Rechnung.
Geld war ohnehin ein grosses Thema. Anfangs war Hansruedi Jaggi für seine Idee belächelt worden. Als es plötzlich klappte, machten alle die hohle Hand. Mit den Einnahmen aber happerte es. Jaggi wollte Muhammad Ali als Werbeträger vermarkten, doch viel mehr als zwei Autogrammstunden in Basel und im neu eröffneten Shoppingcenter Spreitenbach schaute nicht heraus.
Mit den Fernsehrechten lief es nicht besser. Alis blonder Gegner Jürgen Blin war in den USA ein Nobody. Kein amerikanischer Sender wollte deshalb den Kampf übertragen. Die Deutschen wollten ihrem Publikum am zweiten Weihnachtsfeiertag kein Boxspektakel zumuten. Das Schweizer Fernsehen redete sich damit heraus, wegen dem Spengler-Cup in Davos keine freien Kapazitäten zu haben. Am Ende übertrug nur der britische Privatsender ITV den Kampf live, für 11'000 Pfund.
Der Kartenverkauf war ebenfalls ein Flop. Zwar sassen am 26. Dezember, einem Sonntagabend, Sportpromis wie Bernhard Russi, Clay Regazzoni, Ferdi Kübler und Schwingerkönig Ruedi Hunsperger am Ring. TV-Liebling Mäni Weber führte durch das Programm. Doch nur 6361 Tickets wurden abgesetzt, das Hallenstadion war knapp halbvoll.
Der Kampf selbst verlief wie erwartet einseitig. Jürgen Blin versuchte seine Unterlegenheit mit ungestümem Angriff zu kompensieren. Ali liess die Schläge an sich abprallen. Als Blin in der siebten Runde ausgepowert war, schickte der Champ ihn auf die Bretter.
Muhammad Ali zog nach seinem Zürcher Gastspiel, das für ihn nur eine Fussnote war, weiter zu neuen Erfolgen. Er wurde noch zweimal Weltmeister. Für Hansruedi Jaggi dagegen endete seine «Schnapsidee» mit einem finanziellen Desaster. Der Verlust war mit mehr als 800'000 Franken weit höher als befürchtet. Trotzdem kam Jaggi mit einem blauen Auge davon: Der deutsche Industrielle und Boxfan Bernd Grohe deckte das Defizit stillschweigend.
Dies alles und weitere Episoden dieser abenteuerlichen Geschichte kann man in der Biographie von Hansruedi Jaggi nachlesen, der im Jahr 2000 mit erst 59 Jahren an einer unheilbaren Muskellähmung starb. Oder vielmehr könnte man, denn das vom Journalisten Eugen Sorg geschriebene Buch ist bis heute nicht erschienen, weil Jaggis Witwe Einspruch erhoben hat.
Ähnlich verworren ist die Lage beim 45-minütigen Dokumentarfilm «The Baddest Daddy in the Whole World», den der Filmemacher Ernst Bertschi während Alis Zürich-Aufenthalt gedreht hat. Das grandiose Zeitdokument wurde an der Vernissage von Eric Bachmanns Buch einem kleinen Kreis geladener Gäste gezeigt. Öffentliche Aufführungen aber sind unmöglich, denn niemand weiss, wem die Rechte an dem Film gehören.