Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03184.jsonl.gz/456

Lectio X
Echo und Narcissus sind zwei Figuren aus den Metamorphosen des Autors Publius Ovidius Naso, eines der vielseitigsten römischen Dichter. In seinem Hauptwerk erzählt er die Geschichte der Welt bis zu seiner Zeit in Verwandlungen: Von der Entstehung der Welt selber durch die Verwandlung einer einheitlichen, trägen Masse in verschiedene Elemente (Wasser, Erde, Luft), Räume (Land, Meer, Himmel) und Zeiten (Tag und Nacht; die Jahreszeiten); von der Entstehung bestimmter Lebewesen und landschaftlicher Besonderheiten; vom Wandel der menschlichen Kultur, aber auch von den Verhältnissen zwischen Menschen, menschenähnlichen mythischen Wesen und den Göttinnen und Göttern.
Echo und Narcissus sind typische Vertreter dieser mythischen Figuren. Die Nymphe Echo ist von Juno bestraft worden: Als der Göttervater Jupiter sich in den Bergen mit den Nymphen zu Liebesspielen traf und seine Frau Juno dessen Betrügereien aufdecken wollte, trat ihr eben jene Echo entgegen und hielt sie mit ihrem Geschwätz so lange auf, bis die Nymphen geflohen waren. Juno aber bemerkte die Täuschung und drohte ihr: «Nur wenig Macht über diese Zunge, mit der ich getäuscht worden bin, wird dir gegeben sein und nur ein kurzer Gebrauch der Stimme.» — Ab diesem Moment konnte Echo nicht mehr selber sprechen, sondern nur die letzten Worte ihres Gegenübers wiederholen.
Narcissus wiederum ist der Sohn der Nymphe Liriope. Der Flussgott Cephisus hatte diese mit seinem gewundenen Fluss umfangen und gefangen und sie dann vergewaltigt. Das in dieser lieblosen Verbindung gezeugte Kind spiegelt in seinem Wesen die Art seiner Entstehung wieder: Zwar ist er wunderschön, doch kann er keine Liebe für andere empfinden.
In den Metamorphosen lässt Ovid die beiden aufeinander treffen. Die Interaktion dieser tragischen Gestalten kann nur tragisch enden…