Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03173.jsonl.gz/1245

|Manchmal bringt die Schriftstellerei einen Preis. Nicht immer folgt der Leistung entsprechendes Lob. Schon gar nicht vom teamentwickelten Ehemann. Im Kleingedruckten der Kursverträge steht offenbar, dass das Gelernte im Privatleben auf gar keinen Fall angewendet werden darf.
|Mein Angetrauter gehört zum oberen Kader. Er hat etliche Leute unter sich, und die Firma schickt ihn regelmässig zu teuren Kursen. Teambildung, Kommunikationstraining, Konfliktmanagement. Auch an dem Tag, an dem ich den Brief bekomme, ist er geschäftlich unterwegs. Motivationstraining für Fortgeschrittene.
Ich habe, so heisst es in dem Schreiben, beim Kurzgeschichtenwettbewerb in meiner Altersklasse den 1. Preis gewonnen.
Mein Sohn Mark, zweieinhalb, kommt mit verstörtem Gesichtsausdruck aus seinem Zimmer, als er meinen Freudenschrei hört: "Was hast du, Mama??" "Ich habe bei einem Wettbewerb gewonnen", sage ich und drücke ihn an mich. Das Wort "Wettbewerb" ergibt für ihn keinen Sinn, aber trotzdem strahlt er mich an. "Super, Mama!"
Die nächsten zwei Stunden verbringe ich mit Telefonaten und mailen und leite die gute Nachricht in alle Himmelsrichtungen weiter. Meine Tagesplanung ist über den Haufen geworfen. Zum Glück kann mein Sohn bei meiner Nachbarin zu Mittag essen.
Theorie und Wirklichkeit
Ich überfalle meinen Gemahl, als er spät abends heimkommt. Anstatt Jubelrufe und dem Griff nach der Sektflasche ernte ich Argwohn: "Wettbewerb? Wo denn? Was denn? Ostschweizerinnen? Ach, das sind ja nur die, für die du auch sonst schreibst." Nach einem Blick in den Brief: "Das war ja ausserdem eh nur für Frauen ..."
In der folgenden Schmollphase überlege ich mehrmals, in der Firma meines Mannes anzurufen und vorzuschlagen, ihn von der TeilnehmerInnenliste des nächsten Kurses zu streichen. Sie sollen das Geld lieber mir schicken. Da wäre es besser angelegt.
Der wahre Könner
Aber alles hat ein Ende, und nach gut zwei Tagen bin ich wieder ansprechbar. Wir haben uns mit Kollegen zum Abendessen in einem Restaurant verabredet. Ich schmeisse mich in Schale, hantiere mit Schmuck, Parfum und Schminkutensilien. Das Ergebnis ist so schlecht nicht. Der kurserfahrene Mann wirft mir einen Blick zu und sagt: "Wir sollten los, wir sind spät dran."
Noch ein kurzer Abstecher zu meiner Nachbarin, die auf unseren Sohn aufpasst, um ihr den Wohnungsschlüssel zu geben. Mark kommt aus der hintersten Ecke ihrer Wohnung angerannt, wo er gespielt hat. Er schmeisst sich in meine Arme, drückt mir einen nassen Kuss auf die Wange und sagt: "Mama, siehst du aber schick aus!"
Ich glaube, der Kleine wird es weit bringen im Leben. Ganz ohne Motivationstraining.

Autorin/Autor

Eva Philipp
|Publikationsdatum
|30.01.2004