Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/452

Während die Gletscher in der Schweiz schmelzen, sucht das Land nach Möglichkeiten für einen nachhaltigen Umgang mit seinen Wasserressourcen. Die Forscher zeigen die potentiellen Probleme von Veränderungen auf, wie etwa neu-entstehende Seen, die nicht nur ein Risiko, sondern auch Chancen bieten könnten.
Die heutigen Gletscher sind nur noch ein Schatten ihrer einstigen Grösse. Viele werden infolge der Klimaerwärmung völlig verschwinden. Was aber wird mit dem Wasser geschehen, das in ihrem Eis lagert? Schweizer Forschende sagen voraus, dass in den nächsten Jahrzehnten anstelle der Gletscher neue Seen mit einer Gesamtfläche von mehr als 50 km2 entstehen könnten.
"Die Veränderung im Hochgebirge wird wirklich dramatisch sein, und sie wird rasch passieren. Sie wird dann über viele Generationen bestehen bleiben, denn die Gletscher werden wohl kaum zurückkommen", sagt Wilfried Haeberli gegenüber swissinfo.ch.
Haeberli, ein weltweit bekannter Gletscherforscher, und sein Team haben vor Kurzem im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms ein Projekt über nachhaltige Wassernutzung abgeschlossen. Das Projekt "Seen als Folge schmelzender Gletscher: Chancen und Risiken" berechnete aufgrund von Gletscherbettmodellierungen und zeitlichen Schwund-Szenarien, wo und wann in der Schweiz neue Seen entstehen könnten.
Die Gletscherseen bedeuteten aber nicht nur eine Veränderung der Landschaft, auch wenn dies "zentral sei für die Identität der Schweiz – sowohl im patrimonialen Sinn wie auch als Touristenattraktion". Laut dem emeritierten Professor der Universität Zürich stellt die Umverteilung der Wasserressourcen ein ernsthaftes Problem dar.
"Die Schweizer Bevölkerung lebt seit Jahrhunderten mit der Sicherheit, wegen Schnee und Eis im Sommer genügend Wasser zu haben. Dies wird nicht mehr so sein. In normalen Jahren wird die Schweiz noch immer genügend Wasser haben, in ausserordentlich trockenen Jahren wie 2003 jedoch könnte es Probleme geben", sagt er.
NFP 61
Das Nationale Forschungsprogramm "Nachhaltige Wassernutzung" (NFP 61) erarbeitete in 16 Forschungsprojekten wissenschaftliche Grundlagen und Methoden für einen nachhaltigen Umgang mit den Wasserressourcen in der Schweiz. Die Forschungsphase dauerte von Januar 2010 bis Ende 2013. Die Forscher befassten sich mit den Auswirkungen von klimatischen und sozialen Veränderungen auf die Wasserressourcen und identifizierten die Risiken und künftigen Konflikte, die mit der damit verknüpften Wassernutzung.
Hochwasser-Risiko
Noch wahrscheinlicher als Wassermangel dürfte jedoch das Risiko von Hochwasser und Erdrutschen sein, hauptsächlich in Gemeinden, die direkt unter den neuen Seen liegen.
"Insbesondere die grösseren, wie in der Aletschregion – dies ist eine völlig neue Situation. Die Leute in Brig [Stadt unter dem Altetschgletscher] hatten nie einen grossen See über ihren Köpfen, sie werden aber eine ganze Anzahl bekommen", warnt Haeberli. Die Behörden müssten deshalb anfangen, vorauszuplanen. So sollten sie etwa auch Schutzbauten prüfen.
Grindelwald im Berner Oberland wurde bereits mit der Bedrohung eines Gletschersees konfrontiert. Die Behörden liessen einen Tunnel bauen, der als Überlauf funktioniert und den Pegel des Sees reguliert.
"Eine ausgezeichnete Massnahme", sagt Haeberli. "Sie kam allerdings etwas spät. Während eines Jahres war die Lage ziemlich gefährlich."
Die Touristen sind ein Schlüsselfaktor in dieser Veränderung. Zur Zeit sind die Gletscher noch immer eine Attraktion. Sollten sie verschwunden sein, könnte die Landschaft kahl erscheinen, doch neue Seen könnten ebenfalls ein Anziehungspunkt sein. Die Bedrohung plötzlicher Flutwellen oder anderer Naturereignisse wäre Gift für den Tourismus.
Ein weiterer Faktor ist die Stromproduktion. Ungewiss ist, wie weit die Stromproduzenten profitieren können. Jedenfalls beobachten sie die Entwicklungen der Landschaftsveränderungen in den Alpen. Theoretisch könnten sie die neuen Seen zur Stromproduktion nutzen.
Wasserkraft
"Wir werden die Gletscher als natürliche Wasserspeicher verlieren. Deshalb brauchen wir künstliche Speicher – das könnten die Wasserkraft-Seen sein", sagt Roger Pfammatter, Direktor des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands, gegenüber swissinfo.ch.
Auch wenn er zugibt, dass diese Entwicklung für die Wasserkraftwerke eine grosse Chance sein könnte, so hat Haeberli doch gewisse Vorbehalte.
"Viele Seen werden in geschützten Landschaften wie im Aletschgebiet entstehen", sagt er. In der Schweiz sind zahlreiche Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschützt. Daher ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, in diesen Zonen irgendetwas zu bauen.
An Orten, wo Bauen erlaubt ist, könnten gemäss Haeberli Synergien zwischen Wasserkraft und Tourismus entstehen. Ein aktuelles Beispiel ist die Fussgängerbrücke beim Triftgletscher, auch Standpunkt eines Wasserkraftwerks. Die Brücke wurde errichtet, nachdem die Eisschicht rasant zurückgegangen und ein See entstanden war. Sowohl die Brücke wie auch die Überreste des Gletschers ziehen viele Touristen an und teilen sich gar einen Teil der Infrastruktur, so etwa den Zugang durch die Trift-Gondelbahn. Die Informationsseite Grimselwelt wirbt gar für eine Tour, wo man sich an der Staumauer abseilen kann.
Die "grosse Herausforderung ist, für alle akzeptable Lösungen zu finden", meint Pfammatter, dessen Verband auf Wasserkraft, Hochwasserschutz und Wasserbau spezialisiert ist. Haeberli lobt die gute Kommunikation, die sein Team mit dem Wasserwirtschaftsverband hatte. Er ist aber auch kritisch darüber, wie das Energiegeschäft arbeitet. Seiner Meinung nach ist alles durch Preise bestimmt, während eine langfristige Sicht fehle.
"Was machen wir mit dieser neuen Landschaft? Unsere Generation fällt Entscheidungen für die kommenden Generationen", betont Haeberli.
Pfammatter gibt zu, dass es mehr langfristige Planung braucht. "Es muss Leute geben, die riskieren, diese Entscheide zu fällen. Die Wasserkraftwerke sind jedoch in den Händen der Öffentlichkeit. Rund 85% der schweizerischen Wasserkraftwerke gehören den Kantonen und Gemeinden. Das Problem ist im Moment, dass politische und wirtschaftliche Unsicherheiten den Kraftwerken viel mehr Sorgen bereiten als der Klimawandel", sagt Pfammatter.
Haeberlis Studie bietet wenig spezifische Lösungen, sondern setzt den Akzent auf Szenarien, wo neue Seen entstehen und wie diese die umliegenden Gemeinden beeinträchtigen könnten.
Es sei nun an der Zeit, dass Entscheidungsträger die Zukunft planten, mahnt der Bericht. "Um Potenziale und Gefahren zu erkennen und rechtliche Konflikte zu reduzieren, sollte möglichst frühzeitig und umfassend geplant werden."
Rückgang der Gletscher
Die Gletscher in der Schweiz sind seit 1973 um rund ein Drittel geschmolzen. Gemäss der Universität Freiburg bedecken sie noch eine Fläche von etwa 940 km2.
Die Kalkulationen der Freiburger Glaziologen basieren auf der Kombination von kartierten Gletscherumrissen mit digitalen Geländemodellen aus den Jahren 1973, 1980 und 2010. Die meisten Gletscher der Schweiz gibt es in den Berner und Walliser Alpen.
Ende 2010 gab es 1420 Gletscher, die eine Fläche von 944 km2 bedeckten. In den 1850er-Jahren, am Ende der Kleinen Eiszeit, war es noch eine Fläche von 1753 km2 gewesen, 1973 1307 km2. Das ist eine Rückgang von 28% innert 37 Jahren.
Die Ergebnisse wurden im Cryosphere Discussions-Journal publiziert. Das neue Gletscherinventar wird auch in der Zeitschrift Arctic, Antarctic, and Alpine Research erscheinen.
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch