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Meinrad Lienert (1865 – 1933) – Ein Schweizer Erzähler (I)
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU
Der erste Autor, der mir in meiner Jugend die «Schweizer Sagen und Heldengeschichten» nahe legte, war der zeitlebens in Zürich als Autor und Redaktor wirkende Innerschweizer Meinrad Lienert. Zusammen mit den wenig jüngeren Ernst Zahn, zeitweilig Wirt im Bahnhofbuffet Göschenen, Heinrich Federer («Pilatus» 1912) und etwas später Meinrad Inglin und Josef Maria Camenzind gehört er zu den grossen und erfolgreichen Meistererzählern des Urschweizer Alpenraums. Als Präsident des Schweizer Schriftstellerverbandes (1913) gehörte er zusammen mit dem Bauernschriftstellern Alfred Huggenberger zu den vor gut hundert Jahren repräsentativen Autoren der Schweiz.
Geboren 1865 in Einsiedeln als Sohn des Landschreibers Conrad Lienert und der Wirtstochter Maria Anna (Marianne) Apollonia Ochsner geboren, war als Erzähler der Schweizer Sagen und Pionier der Mundartdichtung der erste Innerschweizer Autor von nationaler Geltung. Weder sollte man ihn auf das Stichwort „Heimatschriftsteller“ reduzieren noch in ihm einen biederen Anwalt der Vergangenheit sehen. 1915 vermittelte er in seiner „Trichtenhausener Weltbetrachtung“ im „Bruderkrieg“ zwischen Deutsch und Welsch, welcher im damaligen Schweizer Schriftstellerverband einen tiefen Riss auslöste. Das klosternahe Geburtshaus des Sohnes einer gutbürgerlichen Familie von Wirten trug den Namen „Adam und Eva“, früher „Englischer Gruss“. Dies wurde für Meinrad Lienert symbolisch. Desgleichen der Befund, dass eine seiner Ahninnen, das „Ankebabeli“ (Barbara Lienert-Birchler), 1755 mit dem Anbau von „Gumel“ (Kartoffeln) im Hochtal begann. Diese und andere heimatkundlichen Recherchen verdanken wir den beiden Lienert-Studien von Karl Hensler, Kleinverleger und Autor aus Einsiedeln.
Die „Einordnung“ Lienerts in die Literatur- und Geistesgeschichte der Innerschweiz bleibt von Interesse. Er ist nämlich wie wenige – so zum Beispiel Meinrad Inglin und Thomas Hürlimann – zum Poeten innerschweizerischer Identität geworden, ein Erzähler aus der Tradition von Johann Peter Hebel und Heinrich Zschokke. Man würde jedoch seinem Andenken keinen Gefallen tun, sähe man ihn als Schwyzer Version von Jeremias Gotthelf, Conrad Ferdinand Meyer oder Gottfried Keller. Lienert gewann Profil als Volksschriftsteller aus der Gründergeneration des Schweizer Schriftstellerverbandes. Zu diesen gehörten beispielsweise noch Felix Moeschlin, Carl Albert Loosli, Heinrich Federer und Alfred Huggenberger. Dabei verfügte der Mann aus Einsiedeln, wie aus der Weggefährtenschaft mit Carl Spitteler nachzuweisen ist, über einen Respekt gebietenden literarischen, historischen und politischen Horizont. Er nahm Stellung, hütete sich aber vor engherziger Parteilichkeit. Zur Zeit des 1. Weltkrieges war ihm jeder Anflug von Deutschschweizer Chauvinismus fremd. Damals selbst unter angesehenen Autoren keine Selbstverständlichkeit. Lienert entspricht deshalb keineswegs einem zum Teil lokalpatriotisch verniedlichenden Bild, das man sich nachträglich von ihm machte.
Eindrücklich kommt dies in einem Brief zum Vorschein, den er am 28. Januar 1923 aus Zürich an einen jungen Schwyzer Autor schrieb, Meinrad Inglin (1893 – 1871), der sich durch das Echo seiner Landsleute auf den Roman „Die Welt in Ingoldau“ vernichtet fühlte. Es reichte vom Zerbrechen einiger Freundschaften bis hin zu einem Wirtshausverbot. Der ältere der beiden Namensvetter stand damals auf dem Gipfel schriftstellerischer Prominenz. Das ehrgeizige Nachwuchstalent Inglin war über seinen lokalen „Literaturskandal“ hinaus noch weitgehend unbekannt.
Lieber Herr Inglin!
Ihrem Schreiben entnehme ich, dass Ihnen das Erscheinen Ihres ersten, mit so grossem künstlerischen Ernst geschaffenen Buches, keine ungetrübte Freude wurde. Nun, das liess sich ja wohl denken, dass ‚Ingoldau‘ Ihren ungewohnten Geist, der sich im Roman furchtlos offenbarte, und auch die scharfgezeichneten Bilder aus dem Leben, nicht gleichmütig betrachten werde. – Aber, lieber Herr Inglin, Sie sollen sich dadurch nicht entmutigen lassen. Sondern Sie, der Sie ja das Volk kennen, werden es auch zu verstehen vermögen, begreifen, dass ihm Ihr Buch Ausserordentliches, Ungewohntes bringt, das mit seiner Art, die geistigen und leiblichen Dinge dargestellt zu sehen, arg in Widerspruch kommt. Und dann wird man sich da und dort für sehr lebendig gezeichnet halten und vielleicht wird sich gar dieser oder jener betroffen fühlen, an den Sie gar nicht dachten. (…) Die Aufregung, die durch Besprechungen natürlich noch gesteigert wurde, wird sich aber gewiss legen, früher als Sie wohl denken. Sie werden aber aus diesen Tagen, so glaube ich, mehr Gewinn als Nachteil ziehen. Sie werden gestählter, aber auch bedachtsamer aus dieser Erfahrung hervorgehen. Gestählter, als einer, der sich seinen Weg nicht leicht gemacht hat und der ums Ziel ringen muss und will. Bedachtsamer, als einer, der noch zu lernen vermag. (Zit. aus: Beatrice von Matt: Meinrad Inglin – Eine Biographie, Zürich 1976, S. 283)
Dieser wegweisende, im besten Sinn väterlich-kollegiale Brief enthält nicht eine Silbe Konkurrenzneid gegenüber einem Schriftsteller, der Lienert später über Jahrzehnte etwas in den Schatten stellen sollte, was sich in Sachen Prosakunst schon in Inglins pionierhaftem Erstlingswerk andeutete. Auf der anderen Seite war Lienert das literaturpolitische Vermitteln in hochumstrittenen Angelegenheiten schon seit der Zeit des 1. Weltkrieges geläufig. Die bedeutendsten Stunden in seinem Leben schlugen in den Zehner- und Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Der Einfluss von Schriftstellern auf das öffentliche Leben war in der damaligen Schweiz höher als heute. Eine umstrittene, aber sogar beim Bundesrat anerkannte Orientierungsgrösse war der spätere Nobelpreisträger Carl Spitteler (1845 – 1924), als dessen bedeutender Weggefährte Meinrad Lienert 1915 sich seinerseits Profil verschaffte. Zeigte man sich 2014 allenthalben vom politischen Schriftsteller Spitteler angetan, war dies hundert Jahre zuvor keineswegs der Fall. In dieser kritischen Situation spielte Meinrad Lienert eine Rolle, auf die bisher nicht ausreichend aufmerksam gemacht wurde. Dazu gilt es einige zeitgeschichtliche Hintergründe zu beleuchten.
Es gilt als bekannt, dass Carl Spittelers bedeutende Basler Rede „Unser Schweizer Standpunkt“ vom 14. Dezember 1914 als kritische Schilderung einer real existierenden Polarisierung ein unterschiedliches, in der Deutschschweiz mehrheitlich negatives Echo auslöste. Den Akten in den Archiven von Basel und Schaffhausen kann man zusätzlich entnehmen, dass Spitteler selbst im eigenen Lager, so bei den vermeintlich aufgeschlossenen Mitgliedern der Neuen Helvetischen Gesellschaft, nur bei einer Minderheit Verständnis fand. Seine Stellungnahmen galten nicht als neutral, sondern als franzosenfreundlich und gegenüber dem Deutschen Reich kritisch. Ein Vorwurf lautete, er giesse bei den vorhandenen (zum Teil geleugneten) Spannungen nur Öl ins Feuer. Bei der Neuen Helvetischen Gesellschaft Basel kam es sogar zu einigen Austritten. Bei der NHG Schaffhausen wollten im April 1915 von 24 Mitgliedern nur deren 4 Spitteler zum 70. Geburtstag gratulieren. So zum Beispiel der aus Biel zugezogene Drogist und Zahnpastahersteller Werner Minder („Trybol“), der seine Jugend im gleichen Quartier wie Robert Walser verbracht hatte. Spittelers Freunde und Anhänger mussten sich statt um Solidarität hauptsächlich um Schadenbegrenzung kümmern. Minder hatte sich noch nach der Zeit des 1. Weltkrieges mit deutschfreundlichen Kreisen polemisch angelegt, deshalb später auf die Einbürgerung in Schaffhausen verzichtet. In der Zeit des 1. Weltkrieges fand schweizweit in Wirtschaft und Kultur eine Debatte um Schweizer Qualität und Schweizer Identität („Schweizer Woche“) statt, zu der die Auseinandersetzung um und mit Spitteler sozusagen nur einen Spezialfall bildete.
Ganz entschieden gegen Spitteler wandte sich der populärste Volksschriftsteller der Ostschweiz, Alfred Huggenberger (1867 – 1960). Damit war auch innerhalb des Schweizer Schriftstellerverbandes ein klarer Bruch signalisiert. Die Atmosphäre war höchst brisant. Wer sich in dieser Sache die Finger nicht verbrennen wollte, hielt sich bei heiklen Fragen um den nationalen Zusammenhalt besser aus der Debatte heraus. Bei Meinrad Lienert war dies nicht ganz der Fall. Dabei wäre es für ihn falsch gewesen, sich in einer hochumstrittenen nationalen Frage zu weit aus dem Fenster hinauszulehnen.
Hinweis auf weitere Blogs von Meier Pirmin
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