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|Von Menschen und Bäumen|
Die Halbinsel Masoala in Nordostmadagaskar beherbergt eine welteinmalige Flora und Fauna. Umweltorganisationen wollen diese Waldgebiete schützen. Die Bevölkerung ist davon noch wenig überzeugt. In der schwer zugänglichen Region soll ein Naturpark entstehen, dessen grösster Schatz womöglich noch gar nicht bekannt ist. Denn noch immer werden unbekannte Tiere und Pflanzen entdeckt.
Hinter der Flussbiegung taucht ein ockerroter Pfad aus dem Morgendunst. Der Weg führt
vom Dorf hinunter zum Waschplatz am Fluss. Kinder plantschen im Wasser. Ein paar Frauen
spülen Emailgeschirr, ihre bunten Hüfttücher hochgewickelt. Seltsam leicht tragen ihre
Stimmen über den Fluss. Eine der Frauen winkt uns zu. Während sie die Töpfe und Teller
behende mit Sand ausreibt, fragt sie unseren Pirogier nach Neuigkeiten. Er lässt sich
nicht vom gleichmässigen Paddeln abhalten und antwortet mit der landesüblichen Formel:
Nein, es gibt keine Neuigkeiten. Er würde nie erzählen, einfach so beim Vorbeifahren,
dass der Kaffeepreis erneut gesunken ist. In gleichmässigen Schüben gleitet der Einbaum
den Fluss hinauf.
Der Onive ist einer der vielen Flüsse Madagaskars mit diesem Namen. Übersetzt bedeutet dieses alte madagassische Wort einfach Fluss. Dieser hier befindet sich im Nordosten der Insel und ist keine 100 Kilometer lang. Er zwängt sich von den Hügeln des Masoalagebietes hinunter in die schmale Küstenebene. Kurz vor seiner Einmündung in den Indischen Ozean wächst er zu einem kleinen See, eine in sich ruhende Verbreiterung, als ob das Wasser die flache Stelle hin zur Brandung nicht überqueren möchte. Es war dieser Fluss, der vor gut zweihundert Jahren den adeligen Abenteurer Benyowski mit Wasser versah.
Der ungarische Edelmann war nach mancherlei Abenteuern in Russland nach Ostasien
geflohen und setzte sich dann nach Madagaskar ab. Wie andere Abenteurer und Piraten, liess
auch er sich in der Bucht von Antongil nieder. Es entstand ein mit Holzpfählen
befestigtes Dorf, das er stolz Louisbourg nannte. Denn Benyowski sah sich zu Höherem
berufen und ernannte sich zum König der Madagassen.
In dieser Funktion verhandelte er mit dem König von Frankreich und anderen europäischen Adelshäusern. Doch seine madagassischen Untertanen waren ihm nicht sehr zugetan. Daher verlagerte er seine Residenz an die Mündung des Onive nach Nordostmadagaskar. Doch auch dort blieb ihm ein Erfolg versagt. Immerhin aber schickte er seinen Mitarbeiter François Mayeur zur Erkundigung über Land.
Mayeur war der erste Europäer am Königshof der heutigen Hauptstadt Antananarivo. Auf seiner monatelangen Reise machte auch Mayeur einen grossen Bogen um die Wälder des Masoala.
Die Halbinsel Masoala, so gross wie der Kanton Wallis, steht wie ein Angelhaken von der
Insel Madagaskar weg. Masoala wird von langen Hügelwülsten durchzogen: die Hügelwellen
reihen sich bis zum Horizont aneinander, als ob die Natur mit einem riesigen Kamm von Nord
nach Süden gefahren wäre. Die Hügel sind dicht bewachsen: ein grünes Meer aus
Baumkronen, darunter im knappen Dämmerlicht ein Irrgarten an Bewuchs. Vier Meter hohe
Farne, Lianen wie Schlangen um ihre Wirtsbäume, Schmarotzerpflanzen in Astgabeln. Die
über zwei Meter Regenfälle pro Jahr und die tropische Hitze haben aus der Hügelwelt ein
Naturparadies gemacht.
Seit Madagaskar vor 160 Millionen Jahren von Afrika wegdrifete, hatte der Urwald von Masoala Zeit, eine eigene Version der Schöpfungsgeschichte zu schreiben. Viele Pflanzenarten kommen nur dort vor, zahlreiche Tiere sind nur in diesem abgelegenen Gebiet zuhause. Wohl noch etliche sind von der Wissenschaft unentdeckt: Frösche, Libellen und anderes Kleingetier.
Auch Pflanzen sind noch zu entdecken. Daher ist diese feuchtheisse Region ein Eldorado für Botanisten und Zoologen. Und für die umliegende Bevölkerung. Sie holt sich aus dem Wald, was sie braucht: Land, Holz, Honig, Heilkräuter.
Denn Madagaskar ist reich an Kindern und es werden immer mehr. Das
Bevölkerungswachstum liegt bei über drei Prozent. 80% der Leute wohnen auf dem Land -
oft auf Subsistenzniveau und ohne Landreserven in Dorfnähe. Daher erhoffen sich viele ihr
Glück in den Städten. Wer aber in der Landwirtschaft bleiben will, muss neues Ackerland
suchen. So durchqueren die jungen Familien Flüsse und Hügel, bis sie irgendwo auf
unbebaute Täler stossen.
Sie brennen ein Stück Wald ab und pflanzen darin Bergreis und Maniok oder bewirtschaften die in mühsamer Arbeit flach terrassierten Talebenen. Weiler entstehen, später werden daraus Dörfer. Wenn das vorhandene Land nicht mehr genügt, wandern einzelne Familien wieder weiter. Die Pioniere locken erneut Landhungrige an und neue Dörfer entstehen. Der Bevölkerungsdruck ist gross, vor allem im nördlichen Teil des Masoala. Die Flüsse bilden die Einfallschneisen und die Pirogen sind die Verkehrsmittel dazu.
Wir nähren uns dem Dorf Sahafary. Sobald die Piroge mit einem leichten Zischen im
Ufersand steckenbleibt, rennt eine bunte Kinderschar herbei. Neugierig betrachten sie die
Fremden. Viele der Kinder haben aufgedunsene Bäuche: Fehlernährung und Würmer. Die
Kleider sind zerrissen, alle sind barfuss.
Mit einer Kette macht der Pirogier seinen acht Meter langen Einbaum fest und trägt das Paddel und den drei Meter langen Staken auf der Schulter zum Dorf hinauf. Zu oft nehmen sich die Dörfler einfach fremde Pirogen für eine Fahrt flussabwärts, um sie in Meeresnähe einfach treiben zu lassen. Die Dörfer sind immer an Wasserläufen erbaut, umgeben von Kaffeesträuchern und Bananenstauden. In den Nebentälern stehen die Zuckerrohrfelder.
Der Ortsname Sahafary bedeutet 'das Bächlein beim Zuckerrohr'. Bei alten Siedlungen liegt der Wald bereits einen halben Tagesmarsch oder mehr hinter den Häusern. Sahafary liegt auf einem Hügelsporn einen Tag per Piroge vom Meer entfernt und ist ein Dorf ohne Auto und ohne Ochsenkarren. In Dorfnähe weiden ein paar Zeburinder, die für die Arbeit auf den Reisfeldern gebraucht werden.
Mit viel Geschrei werden die Rinder auf der Parzelle hin und hergetrieben, um die unter Wasser stehende Erde in ein dickflüssiges Schlammbeet zu verwandeln. Danach werden die kniehohen Schösslinge von den Anziehbeeten in die Reisfelder umgepflanzt. Die Reisernte dient dem Eigenverbrauch. Als cash crops werden die alten Kolonialprodukte Pfeffer, Nelken, Kaffee und Vanille angepflanzt. Der Anbau der von den Franzosen zu Beginn dieses Jahrhunderts eingeführten Produkte lohnte sich noch vor einer Generation, jetzt kaum mehr.
In Sahafary gibt es vier Radios und eine Schule, besucht von zehn Kindern. Die Gründer
des Dorfes waren zwei Brüder und ihre Familien. Einer der Pioniere lebt noch und blickt
heute auf eine Siedlung von zwei Dutzend Dächern mit rund achtzig Einwohnern. Die Häuser
sind kastenartig auf kniehohen Pfählen erbaut. Als Baumaterial dienen das Holz und die
Blätter des Baums des Reisenden. Auf den Dächern sind die Blätter dieser Fächerpalme
wie Ziegel übereinandergelegt. In Sahafary gibt es kein Wellblech, also ist das Dorf
nicht reich.
Jedes Haus hat nur ein Zimmer von drei auf vier Metern. Denn die Familie lebt ohnehin meist draussen. Gekocht wird in einer eigenen Hütte oder im Einzimmerhaus. Der Rauch sammelt sich unter dem Palmwedeldach und hält die Mosquitos fern. Die Kochstelle ist überall gleich. Drei Steine in einem quadratmetergrossen Sandbett, das verhindert, dass die Hütten Feuer fangen. Auf den Steinen steht der Aluminiumtopf und dort wird gekocht, was jeden Tag gegessen wird: Reis. Manchmal Reis mit Fisch. Kaum Gemüse und nie Salat. Nur an Festtagen gibt es Fleisch. Der Reis wird lange gekocht und dann in eine Schüssel geleert. Die leicht angebrannte Schicht im Reistopf wird mit Wasser übergossen und erneut aufgekocht: daraus entsteht das Goldwasser, ein Getränk, das rauchig fade schmeckt und zu jeder Mahlzeit getrunken wird. Abends und oft auch tagsüber trinken die Männer und Frauen jedoch viel lieber Betsabetsa, eine stark alkoholisierte Zuckerrohrgährung.
Sie sind die Helden des Dorfes. Junge Männer um die zwanzig mit Oberarmen wie
Schiffsseile. Und die brauchen sie auch. Denn sie stellen Betsabetsa her. Ein waagrecht
liegender Baumstamm wird über zwei Holzböcken hin und hergewiegelt. Unter den schweren
Stamm werden die Zuckerrohrstengel geschoben und zerquetscht. Der Saft rinnt durch einen
Trichter in einen Plastikkübel. Bienen schwirren um den süsslich riechenden
Arbeitsplatz. Der Zuckerrohrsaft wird mit der Rinde des Bilahy-Baumes vermischt und nach
ein paar Tagen ist der Betsabetsa reif zum Zungengebet.
Falls etwas übrig bleibt, wird das Getränk verkauft. Fünf Liter bringen zwanzigtausend madagassische Franken, dafür kann man zwei T-Shirts kaufen oder sieben Malariabehandlungen. Doch meist trinken die Dorfbewohner den Betsabetsa vor ihren Häusern. Mit zunehmend glasigen Augen und viel Gelächter erzählen sie sich Geschichten.
So etwa von diesem pechschwarzen Waldungeheuer, dem Aye Aye. Das den Tod bringt und nachts die Kokosnüsse klaut. Daher wird dieser katzengrosse Lemure auch umgebracht, sobald er sich zeigt. Das menschenscheue, nachtaktive Säugetier lässt sich aber nur selten blicken. Und erhöht dadurch die Angst. Nur von Chamäleons sprechen die Leute nicht.
Fady ist ein madagassisches Wort mit einer vielschichtigen Bedeutung. Es bezeichnet ein Tabu, ein Verbot. Jeglicher Kontakt mit einem Fady bringt Unglück und oft sogar den Tod. Chamäleons sind Fady. Allein schon der Anblick dieser kleinen Drachen versetzt die Leute in Angst und Schrecken. Jäh rennen sie den Weg zurück, um ja nicht in Kontakt mit ihnen zu kommen. Sogar die kleinsten dieser Tiere, nicht länger als ein Fingernagel, verheissen Unglück. Denn sie haben die Angewohnheit, sich sofort auf den Boden fallen zu lassen, sobald jemand auftaucht. Sieht man eines dieser Miniaturen auf einem Ast, so bringt dies Unglück, Krankheit, Sorgen. Und das können die Bewohner nicht brauchen.
Die nächste Krankenstation ist einen halben Tag per Piroge entfernt und hat in der
Regel keine Medikamente auf Lager. Das Spital in der Kleinstadt Antalaha ist nur per
Piroge und Meeresschiff zu erreichen - oder zu Fuss. In beiden Fällen sind dies zwei Tage
Reisezeit. Mindestens. Masoala ist zwar auch eine riesige Naturapotheke und die Anwohner
kennen zahlreiche Kräuter und Blüten, um Schmerzen und Wunden zu heilen.
Sicherheitshalber beachten die Leute aber auch ihre zahlreichen Verbote. Der Pirogier, der zugleich auch Fischer ist, darf keinen Aal essen. Fady. Der alte Mann vor seiner Hütte geht dienstags nicht auf die Felder. Fady. Die künftige Mutter darf keinen Ingwer essen. Ihr Kind würde sonst verkrüppelt auf die Welt kommen. Ein unsichtbares Netz an Verboten und Geboten überzieht jedes Dorf. Aber es ist nie Fady, den Wald anzuzünden oder Holz zu fällen.
Und das sehen die Naturschützer, ausländische zumeist, nicht gern. Denn sie möchten
die einmalige Biodiversität der Region erhalten. Der Grad an Endemismus ist dermassen
hoch, dass viele Vertreter von Flora und Fauna auch innerhalb der Region nur an wenigen
Stellen vorkommen. So etwa eine bestimmte Art von fleischfressenden Pflanzen. Oder die vor
hundert Jahren erstmals beschriebenen Schlangenadler, die seither in weniger als zwölf
Exemplaren gefangen wurden. Seit vielen Jahren wurden letzthin zwei dieser majestätischen
Greifvögel wieder erstmals gesichtet.
Das gleiche gilt für die Rote Madagassische Eule, für Schmetterlinge und Orchideen. Deshalb möchten Umweltorganisationen diese Zone als Schutzgebiet erklären. Vorläufig jedoch kann sich die madagassische Regierung dazu nicht durchringen. Sie hat andere Probleme in der knapp tausend Kilometer entfernten Hauptstadt Antananarivo. Und vor Ort will die Lobby der - wenigen - professionellen Holzfäller von Schutz und Verbot nichts wissen. Zu sehr hat sie sich an den unkontrollierten Holzeinschlag gewöhnt, der seit der Unabhängigkeit Madagaskars immer drastischer wurde.
Als Benyowski vor zweihundert Jahren am Onive seinen Handelsposten unterhielt, war die
Halbinsel bis ans Meer dicht bewachsen. Niemand wagte sich in die fast undurchdringliche
und unheimliche Welt des Urwaldes hinein. Nur entlang der Küste befanden sich ein paar
Dörfer, die vom Fischfang und vom Reisanbau in unmittelbarer Umgebung lebten. Um die
Jahrhundertwende war Masoala, wie die ganze Ostküste Madagaskars, noch von einheitlichen
Waldgebieten bedeckt. Wissenschaftler machten damals schon auf die welteinmalige
Besonderheit der Masoala-Region aufmerksam. 1927 deklarierte die Kolonialadministration
diese 5000 km2 grosse Region zum zweiten Schutzgebiet des Landes.
Als die Franzosen 1960 ihre Fahne einzogen, waren bloss zehn Hektaren Wald gerodet. Doch nach der Unabhängigkeit Madagaskars wurde die Region neu eingestuft und Abholzbewilligungen vergeben. Zudem entstand eine weitflächige Palmölplantage. Und es wurde keinerlei Kontrolle mehr ausgeübt. 1991 waren nur noch 3660 km2 Wald übrig. Heute stehen im ganzen Land keine zehn Prozent mehr und Masoala verliert jedes Jahr 6% Wald. Es ist höchste Zeit zum Naturschutz, sagen die einen. Wir nehmen ja nur ein paar Bäume, sagen die anderen.
Seit Jahren ist geplant, diese einmalige Biodiversität erneut zum Schutzgebiet zu
erklären. Geplant ist eine Zone von 210000 Hektar bei einem Umfang von 500 Kilometern.
Der mehrheitlich von natürlichen Grenzen umgebene Park liegt in der Mitte der Halbinsel,
dort befinden sich noch kaum Siedlungen. Dieser Naturpark von der Grösse des Kantons Zug
soll von menschlichen Eingriffen verschont werden. Daher sollen auch die bestehenden
Weiler umgesiedelt werden, betroffen sind ein paar hundert Leute.
Ausserhalb des Parks wird eine Pufferzone geschaffen. Dort wird es der Bevölkerung erlaubt sein, den Wald weiterhin zu nutzen. Entlang der Uferzone sind Meeresreservate geplant, um die Riffe, Korallen und Fischbestände zu schützen.
Alle Vorbereitungen sind gemacht, die Grenzen markiert, das Parkmanagement ausgearbeitet. Doch Madagaskar ist unstabil: die Regierungen wechseln sich ab und keine will Verantwortung übernehmen. So bleibt der 'Parc National de Masoala', das grösste Naturreservat des Landes, vorläufig noch ein Projekt.
Zudem liegt den Bewohnern der Region die Vorstellung viel näher, dass das Schutzgebiet
errichtet wird, um kostbare Naturschätze problemloser abzutransportieren. Gerüchte reden
von Uran, von Edelsteinen, von Gold. Diese Produkte und viele mehr kommen auf Madagaskar
vor, und die Abbaustellen sind immer von einem Hauch Illegalität und einem Schleier aus
Gerüchten bedeckt. Warum kommen seit Jahren Dutzende von ausländischen Experten mit
Flugzeugen in die Region? Warum stehen ihnen Boote mit Aussenbordmotor, Computer und
Funkanlagen zur Verfügung? Warum werden seitenlange Inventare von Tieren und Pflanzen
gemacht und Bodenproben mitgenommen?
Dies doch nur, so sagen nicht nur die Dörfler entlang des Onive, um gewaltige Profite aus Bodenschätzen zu schlagen. In der Distriktstadt Antalaha, wo die Naturorganisationen ihre regionalen Zentralen haben, werden gleiche Mutmassungen angestellt. Und dort wissen die Leute, wovon sie reden. Denn Antalaha ist die Welthauptstadt des Vanilleanbaus - und somit der Vanillemafia.
Die Organisationen sind sich dieser Problematik zunehmend bewusst und geben der Informationsarbeit ein grosses Gewicht. Der nachhaltige Erfolg des Parks ist kein technisches Problem. Nur wenn die Anwohner von der Notwendigkeit eines Artenschutzes überzeugt sind, wird sich dieses Programm durchsetzen lassen.
Der Naturerhaltung und der Überzeugungsarbeit steht das nackte Überleben der Bewohner
gegenüber. Es ist klar, dass die Bevölkerung zu ihrem Überleben nicht vom Wald lassen
kann. Sie muss in künftige Schutzprogramme dermassen integriert werden, dass sie auch
rein ökonomisch am Erhalt der Gebiete interessiert ist.
Ohne Bäume keine Bienen, ohne Bienen keinen Honig, und den lieben die Leute sehr. Auch weil sich damit ein süsslicher Alkohol herstellen lässt. Schon jetzt sind die für den Pirogenbau am besten geeigneten Bäume nur noch schwer zu finden. Die Bewohner der Region Masoala haben nicht den Eindruck, dass der Wald schwindet. Sie bemerken nur, dass sie für den Honig und für den Bilahy immer tiefer in die bestehenden Waldgebiete, oft tagelang, unterwegs sein müssen. Auch sie lieben die Blutegel nicht, die sich an Regentagen hartnäckig an alle Körperteile saugen. Und eigentlich macht ihnen der Wald voller Geister und Gefahren Angst.
Doch solange ein Palisander, zersägt und an die Küste transportiert, den Monatslohn eines Lehrers einbringt, überwinden sie Angst und Morast. Und für diese sechzig Schweizer Franken können sie sich vier Stangen Zigaretten kaufen.
Die Umweltorganisationen suchen Wege, um die Anwohner aktiv einzubeziehen.
Zum Beispiel wollen sie Schmetterlingsfarmen errichten wie auf Neuguinea.
Der Verkauf von exotischen Schmetterlingen an Sammler und Museen bringt
viel Geld. Doch die Präparierung und der Versand sind aufwendig und übersteigen
die logistischen Fähigkeiten der Dorfbewohner.
Eine andere Einkommensquelle könnte das Züchten von Orchideen sein. Dieser Idee gewinnen die Leute nicht viel ab. Sie sind eher interessiert, den Bilahy gleich in Dorfnähe anzupflanzen. Doch das Konzept des Baumpflanzens, um dann jahrelang auf die Ernte zu warten, ist ihnen fremd. Zumal die Besitzverhältnisse des Bodens oft völlig unklar sind.
Ein weiteres Vorhaben ist in den Ansätzen schon umgesetzt: Baumschulen anlegen und die Jungpflanzen exportieren. Zum Beispiel nach Zürich, wo der Zoo bis zum Jahr 2000 ein Madagaskarhaus errichten wird. In dieser Sache bestehen bereits Kontakte und ein Programm. Verschiedene Pflanzenarten werden in einer Baumschule in Masoala angezüchtet und in den kommenden Jahren in Zürich weiterwachsen. Das wird der Limmatstadt nicht nur ein in der nördlichen Hemisphäre ziemlich einmaliges Biotop ermöglichen, sondern auch den Dorfbewohnern Arbeit geben und sie stimulieren, mit anderen Abnehmern weiterzumachen.
In der Baumschule in Ambatoloana stehen die jungen Baumtriebe bereits kniehoch. Nur wissen die Leute oft selber nicht, wie die vielfach steinharten Samenkerne zum Ausschlagen gebracht werden. Sie haben lediglich beobachtet, dass diese Baumart immer an Wasserläufen wächst und nur durch lange Versuche herausgefunden, dass die Samen erst eingeweicht werden müssen. Andere Samen, kinderfaustgross, müssen erst gegrillt werden, andere erst mit dem Hammer zerschlagen werden. Niemand hatte sich bislang überlegt, wie denn eigentlich die Vermehrung der Bäume geschieht.
Franz Stadelmann
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