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Was bedeutet der Klimawandel für unseren Wein? Von norwegischem Riesling und britischem Schaumwein.
Bis vor kurzem wurde englischer Wein noch belächelt. In der Region seiner Herkunft – in der Regel den Grafschaften von Südengland – wurde er mit deutschem Wein verglichen. Das galt damals kaum als Empfehlung. Er war süss, wurde in verschwindend geringen Mengen hergestellt und kaum verkauft. Britannien war, kurz gesagt, eine weinbauliche Einöde.
Nur eine Generation später hat sich eine prickelnde Veränderung vollzogen. Von Cornwall im Südwesten bis Kent im Südosten sind englische Weinberge in einem erstaunlichen Tempo aus der Erde gesprossen. Junge Unternehmen haben landwirtschaftliche Flächen in Weinberge verwandelt, und Investoren haben im Wettlauf um den besten "Fizz Anglais" Millionen in den Boden gepumpt.
Das Aufkommen von englischem Perlwein ist ein Symptom der globalen Verschiebung in einer Industrie, die völlig vom Wetter abhängig ist. Der kalkhaltige weisse Boden, der einen Grossteil Südenglands ausmacht, war geologisch schon immer identisch mit dem der Champagne. Was sich geändert hat, ist das Klima. Ein geringer Anstieg der Durchschnittstemperaturen hat ausgereicht, um ideale Bedingungen für Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier zu schaffen – die heilige Dreifaltigkeit der Rebsorten, welche für die besten Schaumweine verwendet werden.
Englands Weinindustrie sprudelt heute so sehr, dass die grossen Champagnerhäuser, darunter Taittinger und Pommery, sich mit englischen Winzern zusammengetan oder eigene Reben gepflanzt haben. Bei den wichtigsten Auszeichnungen der Branche schlagen englische Weine nun regelmässig ihre gallischen Rivalen. Die globale Weinkarte verändert sich, und unbekannte Regionen bekommen eine Chance – auch, da die Weinbauern zunehmend diversifizieren und die Investoren Weinen eine neue Zukunftsperspektive geben.
Mit steigenden Temperaturen gedeihen die Reben immer weiter nördlich. In Belgien, Schweden, Dänemark und Kanada wurden in den letzten Jahren Weinberge gepflanzt. Abenteuerlustige Weinliebhaber können jetzt ein Glas norwegischen Riesling schlürfen.
Doch während der Klimawandel dem Wein neue Grenzen setzt, zwingt er etablierte Winzer zur Anpassung – oder sie riskieren, dass ihre Trauben am Weinstock verkümmern. Aufgrund höherer Temperaturen reichern sich die Trauben viel schneller mit Zucker an. Dies wiederum erhöht den Alkoholgehalt und zwingt die Weinbauern, die Trauben viel früher zu ernten; und zwar, bevor sich komplexe Aromen entwickeln können.
In Bergregionen ist eine Lösung für diese Erwärmung die Flucht in die Höhe. Familia Torres, ein weltweit tätiger spanischer Weinhersteller, hat in den Ausläufern der Pyrenäen in einer Höhe von über 1000 Metern neue Reben gepflanzt – noch vor 20 Jahren ein Ding der Unmöglichkeit. Die Temperaturen sind dort zwar niedriger, aber die Höhe bringt neue Herausforderungen mit sich: Es ist schwieriger, Wasser heraufzupumpen und die Wetterbedingungen sind extremer.
Der Klimawandel zwingt die Landwirte dazu, auf neue Aspekte zu achten. Südliche Hänge in der nördlichen Hemisphäre – und nördliche Hänge im Süden – sind jetzt manchmal zu sonnig und warm, was zu einer Überreife der Trauben führt. Im Yarra-Tal in Australien werden erstmals schattige, nach Süden ausgerichtete Hänge angebaut; manchmal für Reben, die in kälteren Klimazonen gedeihen, die dort aber bisher nicht für lebensfähig gehalten wurden.
Sogar Trauben in Regionen, die seit Jahrhunderten für ihren Anbau bekannt sind, werden jetzt unrentabel. In Bordeaux, wo der Cabernet Sauvignon zu den wenigen Weinen gehört, die nach strengen regionalen Vorschriften hergestellt werden dürfen, hat die Regierungsunion schnell Experimente mit neuen, hitzeresistenteren Sorten durchgeführt, da die Winzer vor einer drohenden Krise warnen. Dazu gehören die dunklen Castets und die spät reifenden Arinarnoa. Im vergangenen Jahr, als Südeuropa in einer Hitzewelle verschmachtete, verzeichnete die Region Bordeaux mit 41,2 Grad Celsius seine bisher höchste Temperatur.
Extreme und unberechenbare Wetterverhältnisse, die mit dem Klimawandel zugenommen haben, bereiten den Landwirten noch mehr Kopfzerbrechen. Sie sind jedoch auch Chancen für Innovatoren. "Es hagelt, wenn es früher nur schneite, es regnet im Sommer, wenn es früher trocken war, und im Winter ist es trocken, wenn es früher regnete", sagte Gaia Gaja vom italienische Weingut Gaja im vergangenen Jahr gegenüber der New York Times. Weinbelastende Schädlinge gediehen in den feuchteren Sommern, fügte sie hinzu.
In Australien und Kalifornien, die in den vergangenen zwei Jahren teilweise von Bränden heimgesucht wurden, könnten neue Technologien die Auswirkungen des Rauchs auf die Aromen der Trauben mildern. In Burgund feuern die Winzer Silberjodidpartikel in Gewitterwolken, um die Bildung von grossen Hagelkörnern zu verhindern, die Reben zerstören.
Während Englands Weinindustrie boomt, bereiten sich die Winzer in den heisseren Regionen auf eine Zukunft vor, in der keine Reben überleben können. Eine kürzlich in der Zeitschrift Wine Economics and Policy erschienene Studie sagte voraus, dass "grosse Teile" Süditaliens, Griechenlands und Frankreichs bis 2050 selbst zu Weinbaubrachland werden könnten. Da der Klimawandel den Weinatlas verändert, kaufen Investoren in gute Weine die letzten guten Jahrgänge in der Annahme auf, dass ihr Wert in die Höhe schiesst, wenn die unvorhersehbaren Ernten das Angebot beeinträchtigen.
Die Frage ist nicht mehr, ob der Klimawandel die Weinindustrie verändert - sondern wie schnell.
Bilder: Unsplash, Olekii S
Der Klimawandel ist ein Thema, mit dem sich die LGT seit Langem auseinandersetzt. Denn wir sind davon überzeugt, dass auch Unternehmen einen Beitrag leisten können und müssen, um ihm entgegenzuwirken. Banken und Finanzdienstleister können das tun, indem sie darauf hinarbeiten, dass Kapital nicht mehr in Organisationen oder Unternehmen fliesst, die die Umwelt schädigen. Die LGT beispielsweise schliesst seit diesem Jahr Unternehmen gruppenweit aus ihrem Anlageuniversum aus, die am Abbau von Kohle zur Energieerzeugung beteiligt sind. Mehr Informationen zur Nachhaltigkeit bei der LGT finden Sie hier.