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Cyborgs sind seit längerem nicht mehr nur das Produkt von Science-Fiction: Herzschrittmacher machen Menschen zu kybernetischen Lebewesen. Das Verständnis, wo das Cyborg-Sein anfängt und wo das Mensch-Sein aufhört, hat sich im Lauf der Zeit verändert. Machen uns Computer, Wearables, Smartphones und Co bereits zu Cyborgs?
Cyborg ist die Kurzform für «Cybernetic Organism». Der in Cyborg enthaltene Begriff Organismus öffnet die Bedeutung von Cyborg. Dieser muss nicht zwangsläufig Mensch/Maschine sein. Auch Tiere oder Pflanzen können Cyborgs sein. Zum ersten Mal verwendet wurde der Begriff 1960 in einem wissenschaftlichen Artikel in der Zeitschrift «Astronautics». In diesem untersuchten die Autoren, wie der Astronautenkörper technisch erweitert werden könnte, um sich den Bedingungen im All anzupassen. Die Idee dahinter: Es sei logischer, den menschlichen Körper für das Überleben im All zu modifizieren, statt die Bedingungen im All an die Bedingungen auf der Erde anzupassen. Sie zeigten dies am Beispiel einer Ratte. Dieser wurde eine Osmose-Pumpe implantiert, die sie ständig, ohne das Zutun der Ratte, mit verschiedenen Chemikalien versorgte. Diese Ratte, so die Forscher, sei einer der ersten Cyborgs. Bereits in dieser ursprünglichen Verwendung des Begriffs, ist ein Cyborg ein Mischwesen aus Organischem, das durch selbstregulierende Erweiterungen ergänzt wird.
Die Cyborg-Ratte mit Osmose-Pumpe.
Screenshot: Cyborgs and space
Cyborgs vs. Androiden
An dieser Stelle muss die Unterscheidung zwischen Cyborg und Androiden gemacht werden. Androiden sind eine Spezialform humanoider Roboter. Bestes populärkulturelles Beispiel hierfür ist die «Terminator»-Filmreihe. Die Terminatoren werden oft als Cyborgs bezeichnet, sind aber aufgrund der fehlenden organischen Komponente als Androide zu klassifizieren. Die Unterscheidung ist indes nicht immer so einfach. Um das aufzuzeigen, bietet sich der Charakter Motoko Kusanagi des Mangas/Anime «Ghost in the Shell» an. Kusanagi besitzt seit ihrer frühen Kindheit einen vollständig künstlichen Körper. Sie war demnach zu Beginn ihres Lebens organisch. Ihr Bewusstsein, ihre Persönlichkeit wurde aber in einen künstlichen Körper transferiert. Mit der klassischen Definition von Cyborg lässt sie sich also nicht fassen. Sie als Androide zu bezeichnen, wäre aber auch falsch. Persönlich würde ich sie als Cyborg bezeichnen, da sie ursprünglich organisch war. Der Manga/Anime ist übrigens auch heute noch höchst aktuell und nach wie vor Lesens-/Sehenswert (was wohl auch der Grund für die katastrophale Hollywood-Adaption von 2017 war).
Revival der Cyborgs
Cyborgs und Androide spielten nach der ursprünglichen Verwendung der Begriffe vor allem in Science-Fiction-Literatur und -Filmen eine Rolle. Bis die Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway 1985 ihr Cyborg-Manifest (im Original: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist Feminism in the Late Twentieth Century) publizierte. Darin spricht sich Haraway für die Verwischung traditioneller hierarchischer Grenzen aus. Beispielsweise zwischen Natur und Kultur/Technik oder Mensch und Tier. Durch (bio-)technische Entwicklungen entstehen gemäss ihr Hybridwesen, die weder der einen noch anderen Seite zugeordnet werden können. Sie spricht gar davon, dass wir uns im späten 20. Jahrhundert alle in Cyborgs verwandelt haben. Darin sah sie die Möglichkeit der Befreiung von alten gesellschaftlichen Zuschreibungen: Traditionelle Gegensätze wie beispielsweise Geist/Körper oder Mann/Frau verschwimmen zunehmend. Wenn Menschen Hybridwesen sind, fallen die Grenzen zwischen scheinbaren Gegensatzpaaren. Dadurch lösen sich auch hierarchische Gefälle zwischen diesen Paaren auf: Der Geist kann nicht mehr über den Körper herrschen, Mann nicht mehr über Frau oder Mensch über Maschine. Haraways Text hatte vor allem grossen Einfluss auf feministische Debatten, aber auch in der Soziologie, Film- und Literaturanalyse etc. wurde ihr Konzept des Cyborgs verwendet. Ihr Verständnis von Cyborg ist eher ein diskursives. Es öffnet den Begriff aber weiter und ermöglicht die Diskussion über Cyborgs ausserhalb des Gegensatzpaars Mensch/Maschine.
Hommage an Donna Haraway: In «Ghost in the Shell 2: Innocence» hiess die Forensik-Expertin Haraway.
Screenshot: Ghost in the Shell 2: Innocence
Dank der Öffnung des Begriffs durch Haraway spielt sich die Transformation von Hybridwesen nicht nur auf der Ebene Mensch/Maschine ab. Die Wortschöpfung Cyborg aus «kybernetisch» und «organisch» lässt bereits eine weitere Form von Hybridwesen erahnen. Die Transformation in einen Cyborg spielt sich auch auf der Ebene organisch/digital ab. Die Hybridisierung von Mensch/Maschine geht mit der Hybridisierung von organisch/digital einher. Auf der Seite Mensch/Maschine bestehen Cyborgs aus menschlichen Körpern, verlinkt mit smarten Helferlein. Auf der anderen Seite bestehen sie aus ihren verschiedenen digitalen Avataren, durch die sie online kommunizieren. Hier setzt der Cyborg Activism, eine neuere Form von digitalem politischen Engagement, an. Was es genau damit auf sich hat, werde ich in einem späteren Artikel erörtern.
Cyborgs, wo man hinschaut
Seit dem Cyborg-Manifest hat sich unsere Welt gesellschaftlich und technologisch massiv verändert. Cyborgs im Sinne von Hybriden aus Mensch/Maschine sind an der Tagesordnung. Offensichtliche Beispiele finden sich in der Medizin. Prothesen ersetzen zumindest teilweise fehlende Gliedmassen, Cochlea-Implantate übernehmen die Funktion beschädigter Teile des Innenohrs oder Herzschrittmacher stimulieren den Herzmuskel zur Kontraktion. Der Cyborgkünstler Neil Harbisson implantierte sich ein Gerät, mit dem er Farben anhand von akustischen Signalen wahrnehmen kann. Er ist der erste Mensch, der von einer Regierung (Vereinigtes Königreich) indirekt als Cyborg anerkannt wurde: Er musste lange dafür kämpfen, dass auf seinem Passfoto seine Antenne zu sehen sein darf. Er erreichte dies, indem er argumentierte, dass die Antenne Teil seines Körpers sei. Es gibt aber auch Menschen, die ihren Körper kybernetisch erweitern, ohne eine körperliche Benachteiligung ausbügeln zu wollen. So lassen sich beispielsweise Menschen RFID-Chips implantieren. Die Möglichkeiten, den Körper zu optimieren, scheinen Grenzenlos. Darauf, was das für gesellschaftliche Auswirkungen haben könnte, werde ich in einem weiteren Artikel eingehen.
Neil Harbisson mit seinem Eyeborg.
Bild: Wikipadia
Sind wir alle Cyborgs?
Es stellt sich die Frage, wie nahe am oder wie weit im Körper kybernetische Erweiterungen sein müssen, um Menschen zu Cyborgs zu machen. Datenbrillen und andere Wearables erweitern unsere Körper durch vernetzte Technik, zumindest zeitweise. Dasselbe gilt für Smartphones, Computer oder alle möglichen weiteren Technik-Gegenstände. Sie durchziehen unser soziales Leben zusehends und wir verschmelzen immer mehr mit diesen Geräten. Sind wir durch die Smartphone-Benutzung bereits Cyborgs?
Der deutsch Philosoph Dierk Spreen zieht hier die Grenze. Er sagt, dass aus Menschen erst ein menschlicher Cyborg wird, wenn die Hautgrenze überschritten wird. Das Unter-die-Haut-gehen ist demnach Voraussetzung zur Cyborgwerdung. Diese Voraussetzung scheint sinnvoll. Je nachdem, wie weit man kybernetische Erweiterungen fasst, können beispielsweise bereits Brillenträger als Cyborgs angesehen werden. Wenn man das Ganze auf die Spitze treibt, kann jedes von Menschen benutzte Objekt als Technik-Gegenstand angesehen werden. Wir Menschen wären demnach seit jeher, zumindest zeitweise, Cyborgs. Die Unterscheidung Cyborg/Nicht-Cyborg wäre damit hinfällig. Spreen entwickelt deshalb das Schiebreglermodell. Dabei wird ein Regler auf einer Skala zwischen Lowtech- und Hightech-Körper verschoben. Überschreitet der Regler auf dieser Skala die Hautgrenze, wird ein Mensch zu einem menschlichen Cyborg. Als Beispiel führt Spreen die Implantation von RFID-Chips auf: Wird ein Chip implantiert, übertritt der Schiebregler die Hautgrenze. Der Mensch wird dann zum menschlichen Cyborg. Wird der Chip wieder entfernt, bewegt sich der Schiebregler wieder auf die andere Seite der Grenze. Er geht davon aus, dass der Technisierungs- und Cyborgisierungsgrad mit zunehmendem Alter und zunehmendem Fortschritt der Technologieentwicklung zunimmt. Spreen erachtet die systematische Entwicklung körperinvasiver kybernetischer Technologien als eine kulturelle Innovation. Diese gehe auf Fortschritte in den neueren Lebenswissenschaften und in der Computertechnologie zurück. Das ist denn auch sein Argument gegen die Aussage, dass Menschen schon immer Cyborgs waren.
Obschon Spreens Schiebreglermodell Sinn macht, würde ich die Grenze zur Cyborgwerdung nicht vom Unter-die-Haut-gehen abhängig machen. Diese Sichtweise erscheint mir zu eng. Computer, Smartphones und Wearables verändern unser Leben mehr als andere Technik-Gegenstände bis anhin. Zudem öffnen sie die Sphäre des Digitalen. Unser Leben spielt sich somit nicht mehr nur im Organischen ab, sondern auch im Digitalen. Neben der Cyborgwerdung auf der Ebene Mensch/Maschine können Menschen auch auf der Ebene organisch/digital zu Cyborgs werden. Wir bedienen Computer, Smartphones und Wearables nicht ständig, wie wenn wir sie implantiert hätten. Unsere Aktionen werden durch die Verwendung aber ins Digitale transferiert und existieren dort parallel zum Organischen. Die Frage, ob wir alle Cyborgs sind würde ich deshalb mit ja, aber nicht zu jeder Zeit beantworten.
Wie siehst du das? Sind wir bereits alle Cyborgs oder sind wir noch weit davon entfernt?
Sehr interessanter Beitrag! Das Thema spricht mich extrem an. Ich bin eher auf der Seite, dass die Grenze durchaus bei der Haut gezogen werden kann. Alles über der Haut erachte ich einfach als "Technik", obschon wir (->Smartphone) selbstverständlich absolut abhängig davon sind.
Ich fand den Ghost in the Shell Hollywood-Film übrigens super. Klar, er vermisste Tiefgang. Dafür war er visuell extrem cool umgesetzt. Wer das Original kennt und mag, findet so darin eine super Live-Action-Umsetzung.
Du schreibst, wir benutzen das Smartphone nicht ständig. Ich kenne Leute, welche es sogar im Schlaf benutzen. Aber solange in kurzer Zeit immer wieder neue Modelle und Standards rauskommen, kommt so schnell nichts unter die Haut. So sind wir also im "besten" Fall eine Art von Möchtegern-Cyborgs
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Meiner meinung nach wäre diese "Person/Ding/Maschine" immernoch kein Android da die Basis ein Mensch war und solange diese Eigenschaften des Menschsein nicht komplett ausgelöscht werden wird er auch nie einer sein.
Die Menschen sind jetzt schon halbe Cyborgs zur zeit werden die geräte noch nicht implantiert aber die abhängigkeit der technik ist schon so gross das es einer cyborgisierung gleich kommt. Unsere Technik wird im moment nur an den Menschen angebaut. Der letzte schritt wird nicht mehr lange auf sich warten lassen
Meinerseits würde ich die Grenze am bi-direktionalen Datenfluss fest machen:
Jemand mit Herzschrittmacher wäre demnach ein "Einweg"-Cyborg. Ab dem Moment, in dem ich mit meinem Geist (oder wie biologisch üblich dem Kleinhirn) den Herzschrittmacher steuern könnte, wäre für mich "Cyborg" erfüllt.
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lol nein ist er wirklich nicht XD man stelle sich vor, es gibt Bücher mit über 700 Seiten.. oder so lang dass man Geschichten in mehreren Büchern rausbringen muss. Übrigens ist nichts neues dass Digitec auch Kunden oder einfach externe mal was schreiben lassen. So what?