Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/1652

Hollaus, Invar-Torre. Verdichtung durch Reduktion : Kontrastphänomene in den Porträts von Frank Auerbach. 2010, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities.

PDF

7Mb
Official URL: http://edoc.unibas.ch/diss/DissB_8939
Abstract
Frank Auerbach ----
Das künstlerische Schaffen des 1931 in Berlin geborenen englischen Malers Frank Auerbach gilt es trotz seines bei Kennern international konsolidierten Renommés für ein größeres Publikum erst noch zu entdecken. Seit seiner 1938 durch den nationalsozialistischen Antisemitismus erzwungenen Übersiedlung nach England lebt und arbeitet er seit Anfang der 1950er in London. Im Wirkungsfeld von Künstlern wie Francis Bacon (1909-1992), Lucian Freud (1922-2011) oder Leon Kossoff (1926) hat Auerbach ein individuelles und unverkennbares figuratives Werk geschaffen, welches in seiner Konsequenz zu den bedeutendsten Beiträgen der modernen und der zeitgenössischen Kunst zu zählen ist.
Die Gründe für die bisherige wissenschaftliche Vernachlässigung von Auerbachs Schaffen sind vielfältiger Natur. Mit den genannten Künstlern, die dem von Ronald B. Kitaj 1978 geprägten – und von der Kunstkritik weitgehend missverstandenen – Begriff der „School of London“ zuzuordnen sind, eint Auerbach ein für Englische Künstler seiner Generation fast schon stereotypes Schicksal, dass deren Schaffen außerhalb Englands lange kaum Beachtung wird.
Betrachtet man die Arbeiten, die Frank Auerbach seit den 1950er Jahren geschaffen hat, begegnet man einem Künstler, der sich ernsthaft und intensiv mit der Kunstgeschichte auseinandersetzt und sich konsequent an ähnlichen Motiven reibt. Neben Stadtlandschaften von Orten, die er meist in der unmittelbaren Umgebung seines Ateliers in Camden vorfindet, entstehen vor allem Porträtgemälde und -zeichnungen von Familienangehörigen und langjährigen Freunden, die in regelmäßigen Sitzungen in einem über Wochen und Monate andauernden Arbeits- und Wahrnehmungsprozess vor dem Modell entstehen.
Bereits früh zeigt Auerbach ein außerordentliches Gespür für die koloristischen und taktilen Qualitäten der Ölfarbe. Bis Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre bauen sich die Gemälde aus zahllosen, oftmals zentimeterdicken Farbschichten auf. Anschließend wird die Malweise entscheidend verändert: Nach jeder Sitzung werden die aufgetragenen Farbschichten von der Bildfläche wieder abgekratzt. Zurück bleiben lediglich Spuren der bereits geschaffenen Komposition, Substrate der wahrgenommenen visuellen Daten und die Erinnerung des Künstlers, auf denen bei der nächsten Sitzung wieder eingesetzt und mit dem Herausarbeiten des Bildes fortgefahren wird. Dieser Prozess wird solange fortgesetzt, bis Auerbach ein hohes Maß an Kohärenz und Spannung zwischen jedem einzelnen Pinselstrich, jedem Zeichen und jedem Farbklang feststellen kann, damit das Bild als ein unabhängiges Objekt funktioniert. Vergleichbare Veränderungen und Spuren intensiver Bearbeitung lassen sich auch an den Kohlezeichnungen feststellen, die parallel zu den Gemälden entstehen.
Bei flüchtiger Betrachtung dieser Werke mag der Eindruck einer expressiven, materialästhetischen Gestik aufkommen. Beginnt man allerdings diese Bildwelten sehen und lesen zu lernen, begreift man, dass ein solches Urteil deutlich zu kurz greift. Anspruch und Antrieb des Künstlers erweisen sich als weitaus komplexer: Im beständigen Abkratzen und Überarbeiten bereits gesetzter Farbschichten und getroffener Entscheidungen offenbaren sich sowohl ein beständiger Zweifel an der eigenen Wahrnehmung als auch eine unbändige Neugier, sein Gegenüber immer wieder aufs Neue zu erkunden. Unter solchen Voraussetzungen, wo mimetisch-realistische Wahrnehmungskonventionen einem solch kritischen Sehen keinen verlässlichen Halt mehr bieten, wird ein Porträt zu einem unerschöpflichen Möglichkeitsfeld von aufeinander folgenden und sich ineinander verschränkenden und überlagernden Sichtweisen. Das Sehen kann zu keinem endgültigen Ende gelangen, auch deshalb beginnt Auerbach mit jeder Sitzung gleichsam wieder von vorne. Im Akt des Malens manifestiert sich selbst ein vertrauter Gegenstand, den man zu kennen glaubt, als ein unbekannter.
Frank Auerbach reiht sich in eine seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bestehende Entwicklungslinie hochgradig innovativer wie radikaler moderner figurativer Malerei, die mit Paul Cézanne einen ersten Höhepunkt erreicht und sich lose über Chaïm Soutine, Alberto Giacometti, Eugène Leroy und seinen Londoner Künstlerkollegen bis in die zeitgenössische Kunst zieht. So individuell und unverwechselbar das Vermächtnis dieser Künstler ist, sie eint ein großes Thema: Ein absolutes Interesse, eine geradezu obsessive Neugier an den mannigfaltigen Erscheinungsformen des Menschen und seines Körpers. Die Kunst von Frank Auerbach handelt im Grunde von nichts anderem als dem unablässigen Versuch, das pure Leben in einem Bild festzuhalten.
|Advisors:||Boehm, Gottfried|
|Committee Members:||Kudielka, Robert|
|Faculties and Departments:||04 Faculty of Humanities > Departement Kunstwissenschaften > Fachbereich Kunstgeschichte > Neuere Kunstgeschichte (Boehm)|
|Item Type:||Thesis|
|Thesis no:||8939|
|Bibsysno:||Link to catalogue|
|Number of Pages:||253 S.|
|Language:||English|
|Identification Number:|
|Last Modified:||30 Jun 2016 10:54|
|Deposited On:||03 Dec 2013 15:15|
Repository Staff Only: item control page