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Einige immunmodulierende Substanzen können das Infektionsrisiko erhöhen
MS-Therapie in Zeiten von Covid-19
Für Menschen mit MS besteht generell kein höheres Covid-19-Risiko, da die MS das Immunsystem nicht von vornherein schwächt. Diesbezüglich sind sich das BAG, die Schweizerische Gesellschaft für Neurologie und die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft einig. Ebenso sind Patienten ohne immunmodulierende Medikamente nicht zusätzlich gefährdet. Ein Expertenkonsensus zu den einzelnen MS-Medikamenten erlaubt eine Risikoeinschätzung.
Die gute Nachricht: Für Patienten mit MS besteht grundsätzlich kein höheres Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, als für jeden anderen auch. Für die Risikostratifizierung unterscheidet man jüngere MS-Patienten unter 65 Jahren und ohne Begleiterkrankungen von den älteren mit folgenden Vorerkrankungen:
- Hypertonie
- chronische Atemwegserkrankungen
- Diabetes
- Erkrankungen und Therapien, die das Immunsystem schwächen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Krebs
- hochgradige Adipositas mit einem BMI > 40 kg/m2..
Bei ihnen kann Covid-19 einen besonders schweren Verlauf nehmen. Ausserdem muss bei MS-Patienten mit bereits starker Behinderung (Rollstuhl, Bettlägerigkeit) aufgrund der schlechteren Lungenbelüftung mit einem erhöhten Infektionsrisiko und ungünstigerem Verlauf gerechnet werden.
Allgemein gilt auch für MS-Patienten, die Abstands- und Hygieneregeln strikt einzuhalten und ausserfamiliäre Kontakte auf das absolut notwendige Minimum zu reduzieren. Zu den weiteren Schutzmassnahmen sei an die Empfehlungen des BAG erinnert (s. Kasten).
Nicht mehr schwere Krankheitsverläufe
Eine hochrangig im Lancet Neurology publizierte Analyse liefert erste Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Covid-19 bei MS-Patienten.1 Eine italienische Studiengruppe analysierte die Daten von 232 MS-Patienten mit Symptomen und Anzeichen von Covid-19 (allerdings mit und ohne RT-PCR-Bestätigung). Bei 96 % kam es zu einem milden und bei 4 % zu einem schweren Verlauf, 3 % starben. Diese Resultate deuten darauf hin, dass die Krankheitsverläufe unter einer MS nicht schwerer sind.1
Aufgrund des bekannten, leicht erhöhten Schubrisikos nach Virusinfektionen, so auch nach einer Influenza, stellt sich die Frage nach den Auswirkungen von Covid-19 auf MS-Schübe. Doch dazu liegen bisher keine gesicherten Erkenntnisse vor. Das Schubrisiko hängt auf jeden Fall davon ab, ob eine wirksame Immuntherapie der MS erfolgt. Wird die Immuntherapie wegen einer Infektion mi SARS-CoV-2 unterbrochen, kann sich allein dies schon negativ auf die Schubrate auswirken.2
MS-Medikamente unter der Lupe
Die Schweizerische MS-Gesellschaft empfiehlt, dass die laufenden MS-Therapien während der Corona-Pandemie grundsätzlich fortgeführt werden.3 Zu den wichtigsten Medikamenten gibt es folgende Erkenntnisse:
- MS-Patienten ohne immunmodulierende Therapie sind nicht zusätzlich gefährdet.
- Dasselbe gilt auch für Behandlungen mit einem Interferon-beta-Präparat oder Glatirameracetat.
- Eine Schubtherapie mit hochdosierten Kortikosteroiden könnte das Infektionsrisiko und/oder das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 erhöhen.
- Verlaufsmodifizierende orale Medikamente wie Dimethylfumarat oder Teriflunomid können – vor allem bei reduzierten Lymphozytenzahlen – die Fähigkeit des Immunsystems reduzieren, auf Infektionen adäquat zu reagieren.
- Unter Fingolimod besteht ein leicht erhöhtes Risiko für Infektionen und/oder einen schweren Verlauf von Atemwegsinfektionen. Die Behandlung sollte trotzdem fortgeführt werden, um ein Wiederaufflammen der Krankheitsaktivität zu verhindern.
- Natalizumab erhöht nach aktueller Einschätzung das Risiko für Atemwegserkrankungen nicht.
- Ocrelizumab, Alemtuzumab und Cladribin erhöhen das Infektionsrisiko und das Risiko eines schweren Infektionsverlaufs besonders in den ersten Wochen nach der Verabreichung.
In einer aktuellen Publikation4 empfehlen Experten, eine laufende Therapie mit Beta-Interferon, Glatirameracetat, Teriflunomid oder Dimethylfumarat weiterzuführen. Die Entscheidung für oder gegen den Einsatz von Substanzen, die eine Lymphozytendepletion verursachen wie Ocrelizumab, Alemtuzumab oder Cladribin, sollte individuell je nach Aktivität und Schweregrad der MS getroffen werden. Möglich ist etwa eine temporäre Verschiebung des Therapiestarts bzw. der -weiterführung.
Vorsichtsmassnahmen zum Schutz vor Covid-19
- Vermeiden von öffentlichen Versammlungen und Menschenmengen
- Möglichst keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen
- Anstelle von Arztbesuchen – wann immer möglich – auf Telefonkonsultationen ausweichen
Referenzen:
- Sormani MP et al. Lancet Neurol 2020; 19(6): 481–482.
- Empfehlungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news
- Empfehlungen der Schweizerischen Multiple Sklerose-Gesellschaft unter https://www.multiplesklerose.ch/de/aktuelles
- Giovannoni G et al. Mult Scler Relat Disord. 2020. doi: 10.1016/j.msard.2020.10207