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Mademoiselle de l’Espinasse war eine der naiven, jungen, begabten Frauen, die sich mit Elan und Ehrgeiz in die Welt stürzen und nicht wahrnehmen, in welchen Maße die sozialen Beziehungen in Wirklichkeit homosexuelle Beziehungen unter Männern sind, beziehungsweise das überhaupt nicht wahrnehmen und glauben, sie seien neutral. wobei sie die Tatsache, daß so wenig Frauen präsent sind, mit einer gewissen Rückständigkeit erklären, die im Zug des allgemeinen Fortschritts der Sitten verschwinden wird.
Es gibt mehr als eine Entschuldigung für diese Arglosigkeit bei vielen, ansonsten intelligenten Frauen: Die Verführung durch diejenigen, die sich hervortun, der jugendliche Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen, was andere nicht erreicht haben, die natürliche Ablehnung der Vorstellung, daß das Frausein gesellschaftliche Benachteiligung bedeuten könnte….
All die Umstände treten jedoch hinter einem andern zurück: Frau sein und Ansprüche der Welt gegenüber haben – sind zwei Dinge, die, jedes für sich genommen, etwas Normales für ein menschliches Wesen darstellen – doch zusammen ergeben sie eine Kombination, der die menschliche Gesellschaft in ihrer symbolischen Ordnung keine Wert zuerkennt.
Deshalb findet es die Frau, die ihre Kindheit hinter sich gelassen, aber von ihrem Anspruch, in der Welt etwas zu gelten, noch nicht abgelassen hat, viel natürlcher, sich an Individuen männlichen Geschlechts zu wenden, um weiterzukommen. Das ist die naheliegende Entscheidung, solange sich die symbolischen Ordnung
nicht ändert und die Differenz des Frauseins nicht zur Quelle von Wert und Legitimation der weibliche Ansprüche und zu deren Maßstab wird.
Wie weibliche Freiheit entsteht, Libreria delle donne di Milano, S. 145
Foto: Lisa Aka, in L’Orient le Jour