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Blattkritik – Schweizer Monat Juni 2018
Ich bedanke für mich für die Einladung, die Ausgabe 1057 der Schweizer Monats mit einer Blattkritik zu begleiten.
Die Blattkritik orientiert sich an drei Leitfragen. Die dort geäußerte Kritik muss mit meinem generellen Eindruck verbunden werden, mit dem Heft eine intensive, lange Auseinandersetzung geführt zu haben. Ich habe im Moment noch Avenue abonniert, ein Heft, das äußerlich ähnlich wertig daherkommt, aber inhaltlich deutlich beliebiger wirkt; es bleibt weniger hängen.
- Welchen Text aus dem Heft würde ich mit Schülerinnen und Schülern lesen?
»Wahrheit« ist ein klassisches Unterrichtsthema im Deutsch- wie im Philosophie-Unterricht. Ein aktuelles Thema – wie Debatten über »Fake News« und das postmoderne Verständnis der Wahrheit zeigen. Bitcoin ist wie viele zentrale Aspekte der Digitalisierung im Gymnasium ein vernachlässigtes Thema – die Themenwahl des Hefts würde also dafür sprechen, das Postulat, im Deutschunterricht vermehrt Sachtexte zu lesen, erfüllen zu können.
Der erste Text des Hefts, der konzise, dichte Essay von Markus Gabriel, der Theorien verständlich zusammenfasst, starke Thesen formuliert und eine spezifische Haltung begründet, erfüllt alles, was ich von einem Sachtexte erwarte, der im Gymnasium die Lektüre lohnt. Doch dann fällt der Wahrheits-Teil ab: Die nächsten beiden Artikel sind Paraphrasen von Studien, der Artikel zu Verschwörungstheorien geht zwar abseits der ausgetretenen 9/11-Pfade auf esoterische Bewegungen und Reichsbürger ein, übernimmt aber den zentralen Teil direkt (und leider auch teilweise falsch) aus Michael Butters aktuellem Buch (Auf S. 18 wird ein Bild eines Verschwörungstheoretikers übernommen, das Butter als »Stereotyp« bezeichnet. In seinem Buch heißt es: »Inwieweit dieses Klischee der Wahrheit entspricht, wird von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich beantwortet. Die Psychologie und die Politikwissenschaft […] würden sagen: ,Nicht viel.'«).
Das Interview mit dem Fälscherpaar Beltracchi ist zwar amüsant, aber zu oft eine übertriebene Selbstdarstellung (in einer Interview-Unterrichtseinheit würde ich darauf aber sehr gerne eingehen).
Der Debattenbeitrag von Guelpa ist hochinteressant, aber zu technisch für meine Klassen – und dasselbe gilt auch für die Blockchain-Texte, die ich gerne meinen Kolleginnen und Kollegen der Wirtschaft empfehle. Für mein Fach wäre die Schilderung des Experiments spannend, weil das ein Verfahren ist, das Schülerinnen und Schüler für Maturaarbeiten oft mögen. Aber es fällt leider einerseits gegenüber dem spektakulär erzählten Grassegger-Selbstversuch andererseits wirken die Beschreibungen des technischen Scheiterns in Zeiten von Coinbase schon leicht antiquiert. Jeanne, welche diese Plattform verwendet, formuliert zum Schluss aber einen spannenden Gedanken, den ich per Zufall diese Woche auf Facebook diskutiert habe: Sind Frauen in der Cryptoszene untervertreten, weil sie weniger risikofreudig sind – und werden sie deshalb auch schlechter bezahlt?
Abschließend stellt sich für mich etwas die Frage, für wen das Heft geschrieben wird. Ganz klar wird mir das nicht – Interesse, in politische, gesellschaftliche und philosophische Themen tiefer einzutauchen scheint Voraussetzung. Muss man studiert haben, um die Texte mit Gewinn lesen zu können?
- Die Funktion von Visualisierungen
Die unten stehende Darstellung von Bitcoin stammt aus »Wirtschaft verstehen« von Ramge und Sowochow. Sie wirft die Frage auf, weshalb im Heft keine Bitcoin-Visualisierung zu sehen ist (nicht einmal ein Glossar). Und als ich mir diese Frage gestellt habe, habe ich das Heft noch einmal durchgearbeitet. Vor den Gabriel-Essay ist eine optische Täuschung eingerückt, mit der ich mit meinen Kindern kurz gespielt habe. Sie lässt uns einen Aspekt der Wahrheits-Themas erfahren. Ähnlich clever sind die drei Graphen im Rühli-Artikel zu Fake News – sie zeigen schnell, was der Autor gekonnt aus zwei Studien herausarbeitet: Fake News verbreiten sich schnell, hinterlassen aber weniger Wirkung, als man annehmen könnte. Anders sieht bei Porter und Wood aus: Die »mittlere Differenz auf einer 5-Punkte-Skala« wirkt sehr technisch. Ich muss die Grafik sehr lange studieren, um zu verstehen, was sie bedeutet; rufe schließlich leicht frustriert ihr Paper auf und lese im Original nach. Mich verwirrt die Visualisierung mehr, als dass sie mir Zusammenhänge erklärt. Zudem ist sie so klein geschrieben – hätten nicht drei Statements pro Kategorie gereicht? Das wars dann schon mit Visualisierungen, alles andere ist Illustration: Menschen in schwarz-weiß, Pferde in farbig. Nur der Faserpelz der Munotwächterin leuchtet.
- Genügt das Heft den eigenen Ansprüchen?
Im Editorial heißt es, das sei kein Heft von »PR-Heinis«, weil die Redaktion mit langen Vorlaufzeiten arbeite und entsprechend »ansprechende Heft- und Argumentationsstrukturen« erzeuge. Das Resultat erschöpfe sich so nicht in »Contrarianism« oder Scheinwahrheiten für die In-Group, sondern sei weder berechenbar noch langweilig.
Nach der Lektüre kann ich diesen zweiten Punkt bestätigen. Symptomatisch sind die großartigen Rubriken und Kolumnen, die ich mit viel Vergnügen gelesen habe. Sie sind alles andere als populistisch oder ideologisch, sondern schaffen Begegnungen mit Menschen und Ideen, die bei mir als Leser hängen bleiben. Auf S. 26 kann man jedoch einen Effekt beobachten: Während Jürgensen über die KESB differenziert auf einer argumentativen Ebene schreibt und so eine Auseinandersetzung dokumentiert, ohne auf die eine oder andere Seite zu kippen, gelingt das Hoffmann bei der Besprechung der Cultural-Appropriation-Debatte nicht. Er kippt klar auf eine Seite.
Dieses Kippen bedroht zuweilen auch das Blockchain-Dossier. So beschwört Ronnie Grob eine Zeit herauf, in der wir »kinderleicht« mit Krypto-Apps bezahlen (S. 51), obwohl im Heft erwähnt wird, dass eine Transaktion im Moment 30 Rappen koste (S. 56) und 13 Minuten daure (S. 59). Der Optimismus gegenüber den Krypto-Währung ist latent spürbar, auch wenn viele Perspektiven auf das Phänomen eröffnet werden. Aber halt auch die »PR-Heinis« direkt zu Wort kommen und ihre Startups anpreisen. Nicht nur das: Das Dossier umfasst so viele Texte, dass die im Editorial erwähnte Argumentationsstruktur verloren geht. Egal wo ich zu lesen beginne – entweder treffe ich auf Sätze, bei denen ich kein Wort verstehe, oder ich erhalte Dinge erklärt, die ich im Artikel zuvor schon verstanden habe.
Generell wirkt der Bitcoin-Teil etwas verspätet und leider auch nicht mit dem Wahrheits-Teil verbunden. Gerade die Themen Vertrauen oder Verschwörungstheorie (vgl. z.B. diesen Essay) hätten hier schöne Anknüpfungspunkte geboten.
Ein Gegensatz bietet der Verwaltungsartikel von Guelpa: Er ist originell, aktuell – und führt eine Debatte aus dem Heft weiter, die dadurch an Tiefe gewinnt. So zeigt sich, was ich mir auch für den ersten und letzten Teil wünschen würde: Bezüge, Dialog – aber ohne Wiederholungen und Redundanzen, sondern als eine Auseinandersetzung zwischen Informierten, die sich über eine Sache verständigt haben und auch die Leserinnen und Leser darüber in Kenntnis versetzen.