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Im Zentrum unseres kommenden Konzertes am 14.Mai 2022 steht die Messe solennelle von Louis Vierne (1870 - 1937), ein faszinierendes und bezauberndes Werk für gemischten Chor und zwei Orgeln.
Im Jahr 2020, in welchem der reguläre Konzertbetrieb wegen der Pandemie schwer gelitten hat, jährte sich der Geburtstag von Louis Vierne zum 150. Mal. Wir gedenken dieses Anlasses nun etwas später. Unser Konzert findet zudem 85 Jahre nach Viernes Tod statt.
Viernes Leben war gezeichnet durch viele Schicksalsschläge. Er kam am 8.Oktober 1870 in Poitiers mit einer schweren Sehbehinderung zur Welt und erblindete während seines Lebens sogar ganz.
Mit 10 Jahren hörte er das Orgelspiel von César Franck (1822-1890), was für ihn einer „Offenbarung“ glich. („Ich war fassungslos und geriet in eine Art Ekstase”)
Daher erlernte er das Klavierspiel und studierte bei Franck sowie Charles-Marie Widor (1844-1937) Orgelspiel und Improvisation. Sein herausragendes Können hat einen raschen Aufstieg ermöglicht: 1892 wurde er Stellvertreter an der weltberühmten und bis heute kaum veränderten Cavaillé-Coll-Orgel in der Saint-Sulpice Kirche in Paris. Er wirkte als Assistent und später als Nachfolger von Ch.M. Widor in der Orgelklasse des Pariser Konservatoriums (Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris), bis er schliesslich im Jahr 1900 Titularorganist der Kathedrale Notre-Dame in Paris wurde. Dieser Berufung (eine prestigeträchtige, aber schlecht bezahlte Stelle) ging er bis zum Tag seines Todes während seines 1750. Konzertes in Notre-Dame am 2. Juni 1937 nach.
Maurice Duruflé, dessen wir als Viernes Schüler im Konzert ebenso mit zwei kleineren Werken gedenken, erinnerte sich:
„Vierne hatte soeben mit grossem Ausdruck sein letztes Werk, das „Triptyque“, gespielt. Ich stand neben ihm, um zu registrieren. Als er den letzten Satz des Triptyque („Stèle pour un enfant défunt“) begann, wurde er blass, seine Finger hingen förmlich an den Tasten und als er seine Hände nach dem Schlussakkord abhob, brach er auf der Orgelbank zusammen: Ein Gehirnschlag hatte ihn getroffen. An dieser Stelle des Programms sollte er über das gregorianische Thema „Salve Regina“ improvisieren. Aber anstelle dieser Hommage der Patronin Notre-Dame’s hörte man nur eine einzige lange Pedalnote: Sein Fuss fiel auf diesen Ton und erhob sich nicht mehr.“
Während seines Trauergottesdienstes war nach Viernes letztem Willen „seine“ Orgel in schwarz verhüllt und schwieg. Zu hören war lediglich Gregorianik, der Ursprung aller Kirchenmusik. Diese zitieren wir mit zwei Stücken aus „Quatre Motets sur des Thèmes Grégoriens op. 10“ von Maurice Duruflé, Viernes Schüler.
Louis Vierne wurde auf dem Friedhof Montparnasse in der Nähe von César Franck, dessen feierlicher Psalm 150 in unserem Konzert ebenso erklingt, beigesetzt.
Seine breitgefächerte Kunst (Orgelspiel, Orgelimprovisation und Komposition) im kühn originellen spätromantischen Still beeindruckt umso mehr, als er eine laut seiner eigenen Schilderung „pure Aneinanderreihung von Katastrophen” zu bewältigen hatte: Neben seiner gescheiterten Ehe und dem tragischen Tod seines Sohnes erlitt er mit 36 Jahren einen komplizierten Beinbruch und musste seine Pedaltechnik ganz neu erlernen. Ein Jahr später erkrankte er schwer an Typhus, später an grünem Star und erblindete gänzlich. Trotz all dieser äusserst schweren Schicksalsschläge setzte er seine Tätigkeit als Komponist fort, konzertierte gar intensiv - gefeiert als brillanter Improvisator - in Europa und Amerika.
Als Komponist hat er sich natürlich „seinem“ Instrument, der Orgel, am intensivsten gewidmet und hat die Kunst der Orgelsymphonie zu ihrem Höhepunkt geführt.
Ebenso hat der Umstand, dass es in den französischen Kirchen meistens eine grosse Orgel auf der Empore und eine Chororgel beim Altar gibt, für ihn eine grosse Rolle gespielt. Dies zeigt sich exemplarisch in unserer „Messe solennelle en ut dièse mineur pour chœur à quatre voix mixtes et deux orgues“ op.16 aus dem Jahr 1900. Vierne hatte ursprünglich an eine Orchesterbegleitung gedacht. Aus praktischen Gründen und auf Anraten von Ch.M. Widor hat er sich jedoch für die Fassung für Chor und zwei Orgeln entschieden. Bei der Uraufführung 1901 in der Kirche Saint-Sulpice spielte Widor die Hauptorgel und Vierne selber die Chororgel.