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Das Mentalisieren als psychologischer Prozess beschreibt zuerst eine Alltagskompetenz "das Handeln anderer und das eigene in Begriffen von Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten zu verstehen" (Schultz-Venrath und Felsberger 2016). Diese Kompetenz wird im Laufe der seelischen Entwicklung erworben und ist von der Qualität der Interaktion mit dem sozialen Umfeld und den Bezugspersonen abhängig.
Auch Erwachsene können, in besonders belastenden Situationen, auf frühere Mentalisierenerfahrungen zugreifen. Im Äquivalenzmodus wird das innere, psychische Erleben mit der äusseren Realität gleichgesetzt, unangenehme Gefühle, Alpträume, negative Überzeugungen als reale Fakten betrachtet. Im als-ob-Modus wird die Realitätsprüfung (wie im kindlichen Spielverhalten oder in der virtual reality) ausser Kraft gesetzt und die innere Welt als die einzig echte erlebt. Im teleologischen Modus drückt sich die Intention aus, das Umfeld durch eigenen, impulsiven Handlungen zu kontrollieren und damit für Auflösung der inneren Spannung zu sorgen.
Die Fähigkeit zum Mentalisieren steht in Verbindung mit der Resilienz. Eine gute Mentalisierungskompetenz erlaubt eine bessere Anpassung an widrigen sozialen Umständen und zwischenmenschlichen Belastungen. Diese Kompetenz setzt "epistemisches Vertrauen" voraus, eine Bereitschaft zur Offenheit gegenüber als "sicher" verstandenen Anderen (Fonagy, Luyten, Allison, Campbell 2017).
Mentalisieren als psychotherapeutische Technik verlangt nach einem aktiven, aber neutralen Therapeuten, engagiert, neugierig und interessiert, freundlich zugewandt und bereit auch - in besonderen therapeutischen Situationen - zur Selbstoffenbarung. Eine spezifische Technik lässt sich als "stop-and-rewind" beschreiben: der sonst nicht zu stoppende Gedanken- und emotionelle Fluss des Patienten wird höflich unterbrochen und der Bericht "zurückgespult" und erneut in einem moderateren Rhythmus gemeinsam bearbeitet.
Personen mit einer ADHS-Problematik zeigen oft eine Beeinträchtigung des Mentalisierens. Im Umgang mit sich selbst und anderen verzichten sie tendenziell auf die Fähigkeit zum Mentalisieren und womöglich haben weniger Vertrauen in durch die Mentalisierung gewonnenen Einsichten (Perroud et al 2017).
Meine Erfahrung zeigt, dass Personen mit einer ADHS-Problematik oft über dysfunktionale Interaktionen mit den primären Bezugspersonen (Eltern, Geschwister) berichten. Diese letzteren reagieren, teils aus Unwissenheit, teils aus eigener ADHS-Betroffenheit, inadäquat mit den besonderen Bedürfnisse des Kindes. Diese Interaktion beeinflusst die innere Beziehungslandschaft des Kindes bis ins Erwachsenenalter.
Eine Mentalisieren-basierte-Therapie (MBT) kann dabei helfen frühere Beziehungserfahrungen (im dort-und-damals) mit aktuellen (im dort-und-jetzt) zu verbinden, diese in der therapeutischen Situation (im hier-und-jetzt) einer Rekonstruktion zu unterziehen und diesen eine neue Bedeutung zu verleihen. Mentalisieren bedeutet allerdings auch die Grenzen des Mentalisieren zu erkennen und vorübergehend akzeptieren anstelle eines impulsiven Aushandelns (im hier-und-damals).