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im allgemeinen periodische Druckerzeugnisse. Das Hauptmoment des Begriffs Zeitungen ist die regelmäßige Wiederkehr.
Die Jahresberichte wissenschaftlicher Institute fallen ebensogut unter diesen Begriff wie das dreimal am Tag erscheinende politische
Journal. Im engern Sinn werden aber darunter litterarische Erzeugnisse verstanden, welche regelmäßig fortlaufend die
Ereignisse des Tags oder eines längern Zeitraums auf politischem, religiösem, wirtschaftlichem, künstlerischem oder wissenschaftlichem
Gebiet melden und besprechen.
Der Unterschied zwischen Zeitungen und Zeitschriften, welchen man zu machen pflegt, beruht auf bloßer Gewohnheit und hat keinen tiefern
Grund. Gewöhnlich pflegt man unter Zeitungen die täglich erscheinenden und vorwiegend politischen Arten der
Gattung zu verstehen, unter Zeitschriften diejenigen Arten, die wöchentlich, monatlich, viertel-, halb- und ganzjährlich erscheinen.
Das Wort Zeitung ist die hochdeutsche Form für das niederdeutsche »Theiding«
oder »Theidung«, welches etwa »Nachricht«
bedeutet. Wenigstens erinnert es an die Tidindi, die Nachrichten, von denen schon im 13. Jahrh.
die isländischen Sagas berichten. Noch im vorigen Jahrhundert wurde im gewöhnlichen Gespräch Zeitung
gleichbedeutend mit Nachricht gebraucht.
Der Einfluß der öffentlichen Meinung, der erst dann in Wirksamkeit trat, als sie sich ihrer Macht bewußt ward, ist neuern
Ursprungs. Er war bedingt von der Allgemeinheit der Bildung und von dem infolge der wachsenden Kultur sich
geltend machenden Bedürfnis, so viele Kräfte wie möglich am Staatsleben teilnehmen zu lassen. Seine Entwickelung deckt sich
völlig mit der Entwickelung populärer Einflüsse. Er erscheint nur da, wo in Rede oder Schrift der Menge ein Weg des Gedankenausdrucks
gegeben ist; am geringsten war er im Mittelalter, wo die antike Beredsamkeit geschwunden und das moderne
Schriftentum noch nicht gefunden war. Erst die reformatorischen Bewegungen der neuern Zeit schufen ihn neu und steigerten
ihn. Von der politischen Kritik juristischer und fast noch mehr theologischer Kreise,
[* 3] die beinahe die beiden ersten Jahrhunderte
der neuen Zeit beherrscht hat, ausgehend, wurde der Ausdruck der öffentlichen Meinung nach dem Dreißigjährigen
¶
mehr
Krieg auch das Bedürfnis der untern Kreise. Erst seit dieser Zeit gewannen die Äußerungen derer, die nicht Unmittelbar am
politischen Leben beteiligt sind, einen größern Einfluß, und die Wechselbeziehungen der Massen zu dem Gang
[* 5] der politischen
Ereignisse traten deutlicher hervor. Diese Entwickelung der öffentlichen Meinung ist zu ihrem großen Teil
mit ein Werk der Zeitungen, die ihr selbst wiederum ihren Aufschwung verdanken. Darin liegt die Bedeutung der Zeitungen, daß sie sich aus
Organen, welche der Verbreitung von Nachrichten über Thatsachen oder Ereignisse dienten, zu Trägern der öffentlichen Meinung
umbildeten, indem sie denStoff des Thatsächlichen der beurteilenden Besprechung unterzogen. So deckt
sich ihre Geschichte mit der der öffentlichen Meinung.
Die Acta diurna (s. d.) der Römer
[* 6] wird man nicht zu den Zeitungen in unserm Sinn rechnen dürfen; es fehlten ihnen alle Mittel jener
raschen und regelmäßigen Verbreitung, die für den Begriff Zeitungen wesentlich ist. Wenn sich in der trocknen Aufzählung von
Thatsachen, die sie boten, ein Institut erkennen läßt, das einigermaßen an einen Staatsanzeiger erinnert, so sind sie doch
von den allerersten Anfängen unsers Zeitungswesens durch einen Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden geschieden.
KeineTradition greift auf sie zurück, und von einem historischen Zusammenhang kann nicht die Rede sein. Das Zeitungswesen
ist eine freie Schöpfung der germanisch-romanischen Völker. Die ersten Spuren der Zeitungen zeigten sich unmittelbar
nach der Entdeckung der Neuen Welt. Die Auffindung Amerikas war ein Ereignis, dessen Bedeutung überall sofort gefühlt ward.
Der Brief von 1493, in welchem Kolumbus dem königlichen Schatzmeister Rafael Sanchez die Thatsache schilderte, ward in fast
alle Sprachen übersetzt und in zahllosen Exemplaren verbreitet. Er war wohl das erste Druckerzeugnis seiner Art, das rasche
und allgemeine Verbreitung fand.
Die kirchlichen Reformbewegungen waren es, welche zuerst die rasche Verbreitung von Ideen erzeugten und
förderten. Aber hier wie dort fehlte die Periodizität, welche hauptsächlich den Verbesserungen des Postwesens zu danken
ist. Auch die Notizie scritte, die »geschriebenen Nachrichten«, welche
etwas später die RepublikVenedig
[* 7] an öffentlichen Orten auszustellen pflegte, können noch nicht als eigentliche Zeitungen in unserm
Sinn betrachtet werden, obwohl von dem Geld (gazeta), das man für die Erlaubnis, sie lesen zu dürfen,
zahlen mußte, heute noch die Zeitungen in französischer, spanischer und englischer Sprache
[* 8] genannt werden. Diese Notizen sind eher
den römischen Acta verwandt. So kann man eigentlich erst seit dem 17. Jahrh. von einer regulären Presse
[* 9] reden; besonders in der zweiten Hälfte desselben, mehr noch zu Anfang des 18. Jahrh., bildete
sich jener kontinuierliche Ideenumsatz aus, der seitdem, immer mehr wachsend, allmählich zu einer Weltmacht geworden ist.
Wie der internationale geistige Verkehr dadurch gewachsen ist, beweist die Thatsache, daß in Deutschland jetzt Zeitungen in 36 verschiedenen
Sprachen gelesen werden. Von diesen erscheinen in Deutschland selbst nur in 8 Sprachen Zeitungen: in deutscher,
französischer, englischer, polnischer, dänischer, wendischer, litauischer und hebräischer Sprache. Die größte Sprachverschiedenheit
repräsentieren die Länder der österreichischen Monarchie, in welchen Zeitungen in 13 verschiedenen Sprachen erscheinen: in deutscher,
französischer, italienischer, polnischer, ungarischer, tschechischer, griechischer, romanischer, serbischer, slowakischer,
kroatischer, ruthenischer und slowenischer Sprache.
Außer den genannten bezieht man inDeutschland durch die kaiserliche Reichspost noch Zeitungen in russischer,
spanischer, portugiesischer, holländischer, schwedischer, neugriechischer, vlämischer, bulgarischer, lateinischer, rumänischer,
romanischer, armenischer, finnischer, norwegischer, türkischer und persischer Sprache. Von allen diesen Zeitungen haben die in französischer
Sprache die größte internationale Verbreitung; auf sie folgen die englischen, dann die deutschen Zeitungen. Werden die
ersten außer in Frankreich noch in 15 andern, die zweiten außer in England noch in 13 andern, so werden die letztern außer
in Deutschland noch in 10 andern Staaten gelesen.
Heusinger (»Die Zeitungspreisliste der Reichspostverwaltung«, im »Archiv für Post und Telegraphie«, Maiheft 1878) hat ausgerechnet,
daß in den 10 Jahren von 1868 bis 1878 mehr Zeitungen durch die Post vertrieben worden sind als in den 40 Jahren
vorher. Die Zahl der Verlagsorte, an denen deutsche Zeitungen erscheinen, belief sich 1881 auf 1432. Ganz besonders
ist die Zahl der durch die Post vertriebenen deutschen Zeitungen und ihrer Verlagsorte in Österreich,
[* 31] in der
Schweiz und in den Vereinigten Staaten
[* 32] sehr erheblich gewachsen.
Während in Österreich um 1828 an 6 Orten nur 26 Zeitungen erschienen (10 davon in Wien),
[* 33] in der Schweiz an 3 Orten nur 10, in den Vereinigten Staaten
gar keine, erschienen 1881 in Österreich an 85 Orten 434 (209 in Wien), in der Schweiz an 125 Orten 328,
in den Vereinigten Staaten an 31 Orten 230, darunter über die Hälfte in New York, wobei jedoch nicht zu vergessen ist, daß
hier nur die Zeitungslisten der deutschen Reichspost zu Grunde gelegt sind (Heusingera. a. O.). Nicht ohne Interesse ist auch
ein Blick auf die Erscheinungsweise der Zeitungen. In Großbritannien ist in dem genannten Zeitraum nicht eine einzige Zeitung mehr
als sechsmal wöchentlich erschienen. Wie dies mit der strengen Feier des Sonntags in England zusammenhängt, so mag es in dem
politisch erregten Naturell der Franzosen begründet sein, daß die Zahl der siebenmal wöchentlich erscheinenden
Zeitungen in Frankreich bei weitem die der wöchentlich sechsmal erscheinenden überwiegt. Von den deutschen Zeitungen erschienen
1881: 36 in 12 wöchentlichen Nummern, acht 13mal wöchentlich, eine 14mal, vier
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In Deutschland haben sich die politischen Zeitungen hauptsächlich seit dem Ende der 40er Jahre vermehrt. Während
1823-47 nur 22 neue politische Zeitungen entstanden, erschienen in den Jahren 1847-50 deren 66 neue. Ihre Zahl stieg bis 1871 auf 948 Stück,
bis 1881 auf 2337. Aber nicht nur die Entwickelung des politischen Sinnes hatte Einfluß auf die Zunahme
der Zeitungen, ganz besonders auch war es der Handel, welcher ihre Ausbreitung beförderte. Auch hierin datiert von 1850 ein neuer
Aufschwung.
Während bis 1850 in den Hauptplätzen des Verkehrs nur Kurszettel erschienen, hat sich seitdem eine MengeOrgane entwickelt,
die den finanziellen und merkantilen Interessen dienen. Nicht minder haben sich in gleichem Verhältnis
die Modenzeitungen, die illustrierten und Unterhaltungsblätter gehoben, letztere wiederum in Deutschland ganz besonders seit 1871. Auch
die Zahl der durch die Post vertriebenen Exemplare hat enorm zugenommen und zwar um das Fünffache in einem Zeitraum von 25 Jahren.
Während in Preußen
[* 47] 1850 die Zahl der versendeten Nummern 29,591,000 betrug, belief sich dieselbe 1874 auf 153,494,000 Nummern.
Und erst seit dieser Zeit etwa datiert sich wiederum der staunenerregende Umfang vieler Organe. Da war es nun von Wichtigkeit
und ohne Zweifel von größtem Einfluß auf die Verbreitung der Zeitungen überhaupt, daß 1849 der
deutsche Postkongreß zu Dresden
[* 48] einheitliche Bestimmungen in der Richtung traf, daß die Gebühr vom Einkaufspreis der Zeitungen ohne
Rücksicht auf die Bogenzahl berechnet und im Verkehr mit den dem Deutsch-Österreichischen Postverein beigetretenen Staaten
zwischen den bestellenden und absendenden Postanstalten zu gleichen Hälften geteilt wurde, ein Verfahren,
das heute noch für den Verkehr der deutschen Reichspostanstalten mit den österreichischen, bayrischen, württembergischen
und luxemburgischen Postanstalten zu Recht besteht.
Auch trug es mit zur Verbreitung der Zeitungen bei, daß seit 1848 die Gebührensätze insofern wesentlich ermäßigt
wurden, als die Gebühr niemals 25 Proz. des Einkaufspreises übersteigen durfte. Dieses Maximum nun hat
sich im Lauf der Jahre noch bedeutend verringert, und es hat sich schließlich eine Minimalgrenze von 40 Pf. jährlich für
jede bezogene Zeitung ergeben. Einkaufspreise und Beförderungsgebühren haben
sich gleichmäßig sehr vermindert, wenn auch
nicht in dem Grade, den man anzunehmen geneigt sein möchte, ein Umstand, der bei näherer Betrachtung
durch die erhöhten Herstellungs- und Betriebskosten erklärlich wird.
Auch war es für Leser wie Verleger von nicht geringem Belang, daß die Postverwaltung die Zeitungsüberweisungen ins Werk
setzte; ferner, daß sie seit 1871 auch die außergewöhnlichen Beilagen beförderte, seit 1874 sogar gegen das geringe Entgelt
von ¼ Pf. für das Exemplar. Einer der wichtigsten Fortschritte aber war es, als 1874 im Bereich des deutschen
Postgebiets die Zeitungsstempelsteuer aufgehoben ward. Sie hatte seit 1822 für jede im Inland erscheinende politische Zeitung
jährlich 1 Thlr. und für jede im Ausland erscheinende 1 Thlr. 10 Sgr. betragen und war 1852 auch
auf die nichtpolitischen Blätterübertragen worden. Sie erfuhr im Lauf der Jahre verschiedene Modifikationen,
bis sie endlich ganz verschwand, zugleich mit der Kautionspflicht der Verleger. Die Kaution, welche sich nach der Erscheinungsart
der Zeitung und nach der Wohlhabenheit des Verlagsorts zu richten pflegte, war sehr lästig und meist nicht niedrig. Die
Orte waren in vier Klassen geteilt, nach ihnen betrug seit 1851 die Kaution 5000, 3000, 2000 und 1000 Thlr.
In deutscher Sprache erscheinen nach der Zeitungspreisliste des kaiserlichen Postzeitungsamtes für 1890 auf der ganzen Erde 6978 Zeitungen. Die
Gesamtzahl der in Deutschland publizierten Zeitungen betrug 1889 etwa 6000, davon ca. 3000 politischen Charakters.
Auf einen großen Leserkreis stützt sich die 1860 gegründete »Kölnische Volkszeitung«, das tonangebende Organ der rheinländischen
Klerikalen. Von den klerikalen Blättern der übrigen deutschen Staaten, mit Ausnahme Bayerns, ist nur das
»MainzerJournal« nennenswert. In Bayern selbst verdienen Erwähnung die »Augsburger Postzeitung« und das von Sigl redigierte,
auf einem extrem partikularistischen Standpunkt stehende und von der Parteidisziplin unabhängige »Bayrische Vaterland«.