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Politik und Parteien im WandelErgebnisse einer Längsschnittsstudie bei 2'500 lokalen Parteisektionen (1989 - 2003)
Online Publikationen

Partizipationsbereitschaft der Parteiaktiven1)
Eine explorative Analyse
Soziologisches Institut der Universität Zürich
Version 1.0, Juli 2004
Inhaltsverzeichnis:
7. Fazit
Die Bereitschaft der aktiven Mitglieder, sich für die Partei zu engagieren und an ihren Aktivitäten teilzunehmen, gehört zu den zentralen Ressourcen einer Lokalpartei. Je grösser diese Bereitschaft ist, desto grösser ist auch ihr Handlungsspielraum, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden und politischen Einfluss auszuüben. Die Palette der Beteiligungsformen, die im Rahmen der beiden Lokalparteien-Studien in den Jahren 1990 und 2003 2) untersucht wurden, reicht von der Bereitschaft, in der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen, über das Rekrutieren von neuen Mitgliedern, das Verteilen von Flugblättern und das Sammeln von Unterschriften, bis zur Teilnahme an Standaktionen und Protestveranstaltungen.
Die Bedeutung dieser verschiedenen Aktivitäten für die Mitglieder wie auch für die Parteien ist allerdings unterschiedlich. Während die Bereitschaft der Aktiven an einer Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen vor allem etwas über die persönlichen Fähigkeiten und über das Selbstbewusstsein der Parteimitglieder aussagt, ist die Bereitschaft neue Mitglieder zu rekrutieren ein Indikator dafür, wie stark sich die Mitglieder für die Organisation der Partei engagieren. Flugblätterverteilen, Unterschriften sammeln und an Stand- und Protestaktionen teilnehmen sind demgegenüber mehr oder weniger radikale Formen der politischen Partizipation, die sowohl mit der Stellung der Partei im politischen System wie auch mit der politischen Kultur der Partei und ihren Anhängern zusammenhängen dürften.
Weiter ist zu erwarten, dass zwischen den Parteien gewisse systematische Unterschiede bestehen. Diese können begründet sein durch die politische Orientierung der Lokalparteien und durch die Struktur ihrer Mitglieder, sie können aber auch von der Stellung der Partei im politischen System und vom Kontext, in dem die Lokalparteien agieren, abhängig sein. Im letzten Fall ist zu denken an die Grösse und andere Merkmale der Gemeinde wie beispielsweise die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprachregion oder die dominierende Konfession.
Bezüglich eines allfälligen Wandels der Partizipationsbereitschaft kann - zumindest theoretisch - unterschieden werden zwischen Veränderungen, die sich auf der Ebene der gesellschaftlichen Entwicklung abspielen und solchen, die auf der Ebene der einzelnen Individuen vonstatten gehen. Im ersten Fall handelt es sich um Entwicklungen, die alle Lokalparteien mehr oder weniger im gleichen Masse betreffen, im zweiten Fall sind Unterschiede in Abhängigkeit von verschiedenen charakteristischen Merkmalen der Parteiaktivisten zu erwarten.
Im Folgenden wird zuerst die Partizipationsbereitschaft in den verschiedenen Parteien dargestellt. Danach wird der Einfluss von Gemeindemerkmalen wie die Gemeindegrösse, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprachregion und die Konfessionszugehörigkeit analysiert. Anschliessend gilt zuerst das Augenmerk einigen charakteristischen Parteimerkmalen, wie beispielsweise der Positionierung auf verschiedenen politischen Dimensionen und dem Alter der Parteien, und dann wenden wir uns spezifischen Merkmalen einzelner Mitglieder zu. In einem separaten Abschnitt wird die Bedeutung der verschiedenen Variablengruppen gegeneinander abgewogen und abschliessend wird untersucht, wie sich die Partizipationsbereitschaft in den letzten 13 Jahren verändert hat.
1. Unterschiede zwischen den Parteien
Verhältnismässig geringe Unterschiede zwischen den Bundesratsparteien gibt es bei der Bereitschaft der Mitglieder, an der Gemeindeversammlung mit Wortmeldungen an die Öffentlichkeit zu treten. Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, hat die SVP unter den vier Bundesratsparteien mit knapp 30 Prozent den tiefsten Anteil an Lokalparteien, die angeben, dass mehr als die Hälfte der Parteimitglieder bereit wäre, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen. Deutlich grösser als bei den Bundesratsparteien ist dieser Anteil bei den Liberalen und den Grünen, wo er bei 50 Prozent und höher liegt.
Anders sieht es bei den Aktivitäten aus, die zum Ziel haben, die Basis der eigenen Lokalpartei zu vergrössern. Bei der SVP findet sich unter den Bundesratsparteien mit rund einem Viertel den grössten Anteil an Lokalparteien, in denen mindestens die Hälfte der Mitglieder die Bereitschaft aufweist, neue Mitglieder zu rekrutieren. Auch hier ist eine entsprechende Bereitschaft bei einem Grossteil der kleineren Parteien noch etwas grösser.
Was die anderen Formen der Politikbeteiligung, wie etwa das Verteilen von Flugblättern, das Sammeln von Unterschriften und die Teilnahme an Stand- und Protestaktionen anbelangt, so zeigen sich drei Gruppen von Parteien mit unterschiedlichen Partizipationspotentialen. Tief ist jeweils die Bereitschaft zu einem entsprechenden Engagement bei den bürgerlichen Parteien FDP, SVP, und CVP, mittel ist sie bei der SP, EVP und LPS und gross ist sie bei den Grünen.
Tabelle 1: Partizipationsbereitschaft der Aktiven 2003 (Anteil Lokalparteien, die dieser Aussage zustimmen)
Für den weiteren Verlauf der Analyse sind nun folgende zwei Fragen von Bedeutung. Zuerst einmal interessieren die verschiedenen Teilnahmeformen. Handelt es sich um Formen des politischen Engagements, die sich gegenseitig ergänzen oder vielmehr um solche, die in einem konkurrenzierenden Verhältnis zueinander stehen. Oder mit anderen Worten: Es wäre interessant zu wissen, ob diejenigen Lokalparteien, in denen zahlreiche Mitglieder bereit sind, sich an der Gemeindeversammlung zu äussern, auch häufiger Mitglieder haben, welche an Protestaktionen teilnehmen. Zum zweiten ist von Interesse, welche Merkmale oder Variablen die Unterschiede zwischen den Parteien erklären, wobei hier nicht nur die Unterschiede zwischen den Lokalparteien verschiedener Parteiströmungen, beispielsweise zwischen der FDP und der SVP, sondern vor allem auch die Unterschiede zwischen den Lokalparteien ein und derselben Partei nachgelesen von Bedeutung sind.
Unsere statistischen Analysen zeigen, dass sich die verschiedenen Aktivitäten nicht gegenseitig ausschliessen sondern ergänzen. Die einzelnen Aktivitäten stehen untereinander allesamt in einer positiven Beziehung, wie in Tabelle 2 nachgelesen werden kann. 3)
Tabelle 2: Partizipationsbereitschaft
Rangkorrelationskoeffizienten (Kendalls tau_b), sämtliche Korrelationskoeffizienten sind signifikant auf dem Niveau .000.
Weiter zeigt sich, dass vor allem die Variablen „Flugblätter verteilen“, „Unterschriftensammeln“ und „an Standaktionen teilnehmen“ besonders stark miteinander korrelieren. Aus diesem Grund werden diese drei Variablen für die weiteren Analysen zu einer Variable „Öffentliche Parteiaktivitäten“ zusammengefasst. Folgende vier Formen des politischen Engagements werden n den nachfolgenden Abschnitten genauer untersucht:
Teilnahme an Protestaktionen: Diese Variable zeigt schliesslich, wie weit die Parteimitglieder auch bereit sind, an weniger konventionellen politischen Aktionsformen teilzunehmen.
2. Gemeindegrösse, Sprachregion und Konfession
Die Politik in einer kleinen Landgemeinde unterscheidet sich von der Politik in grossen Gemeinden und Städten. Entsprechend ist zu erwarten, dass die Gemeindegrösse einen gewissen Einfluss auf die Partizipationsbereitschaft der Aktiven hat. Dies muss nicht zwingend auf die individuellen Prädispositionen der Aktiven zurückzuführen sein, sondern kann bereits damit zusammenhängen, dass bestimmte Aktionsformen, wie beispielsweise Stand- oder Protestaktionen, in den kleinen lokalpolitischen Kontexten nicht denkbar oder nicht angezeigt sind.
Abbildung 1 zeigt, dass die Partizipationsbereitschaft sowohl für die öffentlichen Parteiaktivitäten wie auch für die unkonventionellere Teilnahme an Protestaktionen positiv mit der Gemeindegrösse korrelieren. 4)
Abbildung 1: Partizipationsbereitschaft nach Gemeindegrösse
1 = praktische alle; 4 = praktisch niemand
Etwas weniger prägnant ist der Zusammenhang zwischen der Gemeindegrösse und der Bereitschaft Mitglieder zu rekrutieren, 5) während die Beziehung zwischen der Wortmeldung an der Gemeideversammlung und der Gemeindegrösse nicht linear verläuft. In den mittelgrossen Gemeinden scheint diese Bereitschaft tiefer zu sein als in den kleinen und grossen Kommunen.
Da in der Schweiz weder die Parteien noch die Struktur der Gemeinden gleichmässig über das ganze Land verteilt sind, ist nicht auszuschliessen, dass die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Partizipationsbereitschafen und der Gemeindegrösse durch regionale oder parteispezifische Partikularitäten verzerrt oder falsch ausgewiesen werden. Deshalb drängt es sich bereits an dieser Stelle auf, die Beziehung zwischen der Gemeindegrösse und der Partizipationsbereitschaft für die einzelnen Parteien gesondert zu überprüfen.
Zumindest teilweise bestätigt sich, dass die zunehmende Bereitschaft an Protestaktionen teilzunehmen in grösseren Gemeinden damit zusammenhängt, dass in diesen Gemeinden die linken und grünen Parteien, die diesbezüglich generell ein grösseres Potential ausweisen, stärker vertreten sind. Bei FDP, SVP und CVP finden sich keine signifikanten Zusammenhänge zwischen der Bereitschaft zu Protestaktionen und der Gemeindegrösse (vgl. Tabelle 3). Einzig bei der SP ist dieser Zusammenhang positiv. Genau umgekehrt sieht das Bild bei den öffentlichen Parteiaktivitäten aus. Während bei der SP solche eher zum „Standard-Werkzeug“ eines Parteiaktivisten zu gehören scheinen und in grossen und kleinen Gemeinden gleichermassen unterstützt werden, nimmt die diesbezügliche Bereitschaft bei FDP, CVP und SVP mit zunehmender Gemeindegrösse zu. Bei CVP und SP ist schliesslich die Bereitschaft, sich an Gemeindeversammlung zu Wort zu melden, in grösseren Gemeinden signifikant kleiner.
In wieweit bestehen auch Unterschiede zwischen den Sprachregionen? Signifikante Differenzen ergeben sich über alle Lokalparteien betrachtet, bei den Wortmeldungen an der Gemeindeversammlung, bei den öffentlichen Parteiaktivitäten und bei den Protestaktionen (vgl. Abbildung 2). Bei den Wortmeldungen liegt die angenommene Partizipationsbereitschaft in der Romandie höher als in der Deutschschweiz und im Tessin höher als in der Romandie. Bei den öffentlichen Parteiaktivitäten und bei den Protestaktionen liegt die Bereitschaft zum mitmachen in der Romandie am höchsten und im ersten Fall im Tessin und im zweiten Fall in der Deutschschweiz am tiefsten. Zumindest teilweise bleiben die Unterschiede zwischen den Sprachregionen auch signifikant, wenn die Analysen für die einzelnen Parteien durchgeführt werden, wobei ganz allgemein gilt, dass die Unterschiede nicht sehr ausgeprägt sind.
Tabelle 3: Gemeindegrösse und Partizipationsbereitschaft, nach Parteien
Rangkorrelationskoeffizienten (Kendalls tau_b), kursiv = signifikante Zusammenhänge
Abbildung 2: Sprachregion und Partizipationsbereitschaft
Bei der Konfession korreliert der Anteil an Katholiken ganz schwach positiv mit den Wortmeldungen an Gemeindeversammlungen und ganz schwach negativ mit dem Rekrutieren von Mitgliedern und den öffentlichen Parteiaktivitäten. Auch hier gilt, dass über alle Parteien gesehen, die Unterschiede sehr gering sind (vgl. Abbildung 3). Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Parteien zeigt sich dem gegenüber, dass in den CVP-Stammlanden, d.h. in den katholischen Gebieten, die Bereitschaft der Mitglieder signifikant höher liegt, wenn es darum geht, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen. Möglicherweise hängt dies mit der geringeren sozialen Integration der CVP-Mitglieder in den „Diaspora-Gebieten“ zusammen. Bei der SVP zeigt sich demgegenüber, dass in ihren neuen (katholischen) Gebieten die Aktiven eher bereit sind, Mitglieder zu rekrutieren und an öffentlichen Parteiaktivitäten teilzunehmen. Was damit zusammenhängen dürfte, dass sich hier die Lokalparteien noch in einer Aufbauphase befinden. Allerdings zeigt sich auch hier, dass die Beziehungen nicht ausgesprochen stark sind.
Abbildung 3: Konfession und Partizipationsbereitschaft
Ingesamt lassen die Analysen der Gemeinde- oder Kontextmerkmale Grösse, Sprache und Konfession auf den ersten Blick gewisse Regularitäten erkennen. Solche kommen zumindest zum Vorschein, wenn alle Lokalparteien gemeinsam betrachtet werden. Diese Regularitäten sind allerdings zu einem grossen Teil auf die unterschiedliche Verbreitung der Schweizer Parteien über das Land und die unterschiedliche Gemeindestruktur zurückzuführen. Betrachtet man die Parteien im Einzelnen, so verschwinden viele dieser Zusammenhänge.
3. Parteimerkmale
In einem nächsten Schritt soll geprüft werden, wieweit charakteristische Merkmale der Parteien in einem Zusammenhang mit der Partizipationsbereitschaft der Aktiven stehen. Zum einen sind dies das Alter der Lokalpartei und zum anderen die Verortung auf verschiedenen politischen Dimensionen.
Hinsichtlich des Alters der Lokalparteien kann erwartet werden, dass in jüngeren Parteien die Bereitschaft der Aktiven sich öffentlich für die Partei zu engagieren und an Protestaktionen teilzunehmen grösser ist. Dieser Zusammenhang sollte sich auch innerhalb der einzelnen Parteien nachweisen lassen. Nicht unbedingt zu erwarten ist demgegenüber ein Zusammenhang zwischen dem Alter und der Bereitschaft, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen. Bei der Mitgliederrekrutiereung lassen sich die Erwartungen in beide Richtungen formulieren. Jüngere Parteien sind noch stärker damit beschäftigt, die eigene Organisation zu konsolidieren, so dass dem Rekrutieren von Mitgliedern eine zentrale Bedeutung zukommt. Möglicherweise ist es aber auch so, dass in jüngeren Parteien den Mitgliedern nicht dieselbe Bedeutung zukommt und dass sie eine stärkere Wählerorientierung aufweisen.
Die Analysen über alle Lokalparteien zeigen schwache aber signifikante Beziehungen zwischen dem Alter einer Lokalpartei und den vier Formen der Partizipationsbereitschaft. Betrachtet man die Beziehungen für die verschiedenen Parteien getrennt, so verschwinden diese positiven Beziehungen von wenigen Ausnahmen abgesehen. Einzig bei der SP steht das Alter einer Lokalpartei in einem positiven Zusammenhang mit der Bereitschaft der Aktiven, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen, und bei der SVP sind in den älteren Parteien die Aktiven eher bereit, sich an öffentlichen Parteiaktivitäten zu beteiligen. Insgesamt wird aber die Vorstellung widerlegt, dass in jüngeren Lokalparteien die Partizipationsbereitschaft generell grösser sein sollte als in den älteren.
Betrachtet man die politische Orientierung der Lokalparteien auf den Dimensionen „Links-rechts“ und „Regierungspartei-Oppositionspartei“, so zeigen sich über alle Parteien gesehen, mit einer Ausnahme, signifikante Zusammenhänge. Ausser bei der Bereitschaft Mitglieder zu rekrutieren kann davon ausgegangen werden, dass in linken und in sich stärker als Oppositionsparteien definierenden Lokalparteien die Partizipationsbereitschaft der Mitglieder grösser ist (Tabelle 4). Am stärksten sind die Zusammenhänge bei der Bereitschaft der Aktiven, an Protestaktionen teilzunehmen.
Auch hier stellt sich die Frage, wie weit die auf der Basis aller Lokalparteien gefundenen Zusammenhänge allgemeingültigen Charakter haben. Ist es der Unterschied zwischen linken und grünen Parteien auf der einen und bürgerlichen Parteien auf der anderen Seite, der für die Regularitäten über die Gesamtheit der Lokalparteien verantwortlich ist, oder gilt auch für die einzelnen Parteien, dass die linken und oppositionellen Lokalparteien über eine grössere Partizipationsbereitschaft verfügen? Wiederum zeigen die Analysen, dass ein grösserer Teil der Beziehungen nicht mehr signifikant ist, wenn wir die Zusammenhänge für die einzelnen Parteien betrachten. Einzig bei der SP gilt in allen vier Fällen, dass die linkeren Lokalsektionen über ein grösseres Partizipationspotential verfügen. Bei der EVP gehen linkere Lokalparteien davon aus, dass ihre Aktiven eher bereit sind, sich an öffentlichen Parteiaktivitäten zu beteiligen und bei den Grünen findet sich ein entsprechender Zusammenhang bei den Protestaktionen. Auch bei der Selbstverortung auf der Regierungspartei-Oppositionspartei-Dimension müssen die für die Gesamtheit der Lokalparteien gefundenen Beziehungen relativiert werden. Untersucht man die Zusammenhänge für die einzelnen Parteien, so bleiben nur noch vier signifikante Beziehungen übrig. In den oppositionelleren SVP-Lokalsektionen sind die Mitglieder weniger bereit, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen, die oppositionelleren SP-Sektionen haben mehr Mitglieder, die für öffentliche Parteiaktivitäten zur Verfügung stehen, dasselbe gilt auch für die EVP, bei der zudem die oppositionelleren Sektionen auch eher über Aktive verfügen, die sich an der Gemeindeversammlung zu Wort melden.
Tabelle 4: Partizipationsbereitschaft und Positionierung auf der „Links-rechts-„ und der „Oppositionspartei-Regierungspartei-Dimension“
Kendall's tau_b, signifikante Zusammenhänge kursiv
4. Mitgliederstruktur
Die letzte Gruppe von Variablen, die hier in Betracht gezogen wird, bezieht sich auf die Mitgliederstruktur der einzelnen Lokalparteien. Es könnte erwartet werden, dass eine Häufung von individuellen Charakteristiken, welche auch in der Partizipationsforschung als beteiligungsrelevant gelten, in einem positiven Zusammenhang mit der Einschätzung der Partizipationsbereitschaft der Aktiven steht. Gängige Variablen der Beteiligungsforschung, welche auch in dieser Untersuchung berücksichtigt werden können, sind Bildung, Alter und Geschlecht.
Der Anteil der Aktiven mit einem Hochschulabschluss hat, das zeigen die Analysen über die Gesamtheit der Lokalparteien, einen positiven Einfluss auf die Partizipationsbereitschaft, auf die eine Lokalpartei zählen kann: Ein hoher Anteil an Aktiven mit Hochschulabschluss korreliert signifikant positiv mit allen vier untersuchten Partizipationsformen 6). Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Parteien finden sich aber einzig bei der FDP, im Fall der Wortmeldungen an Gemeindeversammlungen und bei der Rekrutierung von Mitgliedern, und bei der SP, im Fall von öffentlichen Parteiaktivitäten und Protestaktionen signifikante Beziehungen mit dem Anteil an Hochschulabgängern. Auch hier sind die Beziehungen positiv und entsprechen den gängigen Vorstellungen der Partizipationsforschung.
Beim Alter der Aktiven gehen die Erwartungen in zwei unterschiedliche Richtungen. Auf der einen Seite könnte davon ausgegangen werden, dass die jüngeren Aktiven eher bereit sind, sich in der Öffentlichkeit zu engagieren und an Protestaktionen teilzunehmen, auf der anderen Seite sind es möglicherweise eher die Älteren, die an einer Gemeindeversammlung das Wort ergreifen oder für die Partei Mitglieder zu rekrutieren versuchen.
Die Korrelationskoeffizienten zeigen, dass über alle Lokalparteien gesehen ein grösserer Anteil junger Leute unter den Aktiven mit einer Ausnahme in einem positiven Zusammenhang mit der Bereitschaft zu verschiedenen Parteiaktivitäten steht (vgl. Tabelle 5). Die Ausnahme bildet erstaunlicherweise die Bereitschaft an Protestaktionen teilzunehmen. Für die Parteien einzeln betrachtet verschwinden allerdings diese Zusammenhänge wiederum zu einem grossen Teil. Einzig bei der SVP ist in Lokalparteien mit vielen jüngeren Parteiaktiven die Bereitschaft etwas grösser, sich an der Gemeindeversammlung zu Wort zu melden oder Mitglieder zu rekrutieren und bei der SP geht ein hoher Anteil Junger einher mit einer grösseren Bereitschaft der Aktiven, an öffentlichen Parteiaktionen teilzunehmen.
Tabelle 5: Anteil Aktive unter 30 Jahren und Partizipationsbereitschaft
Untersucht man die Zusammenhänge zwischen dem Frauenanteil unter den Aktiven und der Partizipationsbereitschaft, so zeigt sich für die Gesamtheit der Parteien, dass vor allem die Teilnahme an öffentlichen Parteiaktivitäten und an Protestaktionen in einem positiven Zusammenhang mit dem Frauenanteil steht (vgl. Tabelle 6). Allerdings ist auch bei der Interpretation dieses Resultats Vorsicht geboten, da bekanntlich der Frauenanteil in den „militanteren“ grünen und linken Parteien deutlich höher ist. Untersucht man die Zusammenhänge für die einzelnen Parteien getrennt, so zeigt sich für die bürgerlichen Parteien FDP, CVP und SVP, dass der Frauenanteil kaum einen Einfluss auf die Partizipationsbereitschaft haben kann. Es lassen sich bei allen drei Parteien keine signifikanten Zusammenhänge finden. Einzig bei der SP bleibt die positive Beziehung bei den öffentlichen Parteiaktivitäten und bei den Protestaktionen erhalten. Dazu gesellt sich ein negativer Zusammenhang bei den Wortmeldungen an der Gemeindeversammlung. Je grösser der Frauenanteil, desto geringer - zumindest in dieser bivariaten Betrachtung - die Bereitschaft, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen.
Tabelle 6: Partizipationsbereitschaft und Anteil Frauen unter den Aktiven
Kendall's tau_b
Offensichtlich sind es auch bei den charakteristischen Merkmalen der Parteimitglieder vor allem parteispezifische Variablen, welche für die Unterschiede hinsichtlich der Partizipationsbereitschaft verantwortlich sind. Über die Gesamtheit der Parteien lassen sich mit den hier diskutierten Gemeinde-, Partei- und Mitgliedervariablen signifikante Zusammenhänge finden. Führt man die Analysen dann für die einzelnen Parteien getrennt durch, so verschwinden diese Zusammenhänge zu einem grossen Teil.
5. Wie kann die Partizipationsbereitschaft erklärt werden?
Die drei vorangehenden Abschnitte deuten darauf hin, dass die Unterschiede bezüglich der Partizipationsbereitschaft der Aktiven vor allem auf allgemeine Unterschiede zwischen den Parteien zurückzuführen sind. Oder anders gesagt: Die Aktiven der bürgerlichen Parteien sind nicht im selben Masse bereit, sich politisch zu engagieren wie die Aktiven der SP oder der Grünen. Kontextvariablen (Gemeindegrösse, Konfession, Sprache), Parteivariablen (Alter der Lokalpartei, Positionierung auf der Links-rechts- und der Regierungs-Oppositions-Dimension) und Mitgliederstruktur (Anteil Hochschulabgänger, Anteil jüngerer Parteiaktiven, Anteil Frauen) haben keinen oder im besten Fall einen sekundären Einfluss auf das Partizipationspotential.
Die bisherigen Analysen erlauben es allerdings noch nicht, diese Frage endgültig zu erklären, da in der Betrachtung der bivariaten Zusammenhänge die Beziehungen zwischen den verschiedenen erklärenden Variablen nicht ausreichend berücksichtigt wurden. In multivariaten Modellen soll deshalb abschliessend geprüft werden, ob die Partizipationsbereitschaft nicht doch mit bestimmten Gemeinde-, Partei- oder Mitgliedercharakteristiken erklärt werden kann, die unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Parteirichtung oder -familie sind.
Die Überprüfung dieser Frage erfolgt in einem ersten Schritt mit einer multilinearen Regression. Dazu fassen wir die einzelnen Partizipationsvariablen mit Hilfe einer Faktorenanalyse zu einem Partizipationsindex zusammen 7). Das Regressionsmodell über die Gesamtheit der Lokalparteien ergibt für alle bis anhin diskutierten Variablen einen unabhängigen Einfluss auf das allgemeine Partizipationspotential (vgl. Tabelle 7). Positiv ist der Einfluss der Gemeindegrösse, des Selbstverständnis als Oppositionspartei sowie ein grosser Anteil an Hochschulabgänger, an Jungen und an Frauen. Negativ wirkt sich aus, ein hoher Anteil an Katholiken und an Deutschsprachigen in der Gemeinde, sowie die Selbstverortung auf der rechten Seite des politischen Spektrums und ein höheres Alter der Lokalpartei. Der Erklärungsgehalt des Modells ist allerdings relativ bescheiden (R2 = .211). Weiter zeigt sich, dass die erklärte Varianz sehr klein ist, wenn wir nur die Gemeindevariablen berücksichtigen. Integriert man zusätzlich die Parteivariablen, so steigt die Erklärungskraft des Modells deutlich an, und auch die Mitgliedervariablen tragen noch einmal substanziell etwas zur Erklärung bei. 8)
Rechnet man dasselbe Modell für die einzelnen Parteien, so verschwinden allerdings die signifikanten Zusammenhänge zu einem grossen Teil. Auch hier bestätigt sich somit, dass vor allem die in Abschnitt 1 gefundenen Unterschiede zwischen den bürgerlichen und den linken und grünen Parteien für die signifikanten Beziehungen bei der Betrachtung der Gesamtheit der Lokalparteien verantwortlich sind. Einzig im Falle der SP lässt sich ein hohes Partizipationspotential zumindest teilweise mit einem hohen Anteil an Aktiven mit Hochschulabschluss, mit einem grösseren Anteil an Jungen unter den Aktiven und mit einer stärkeren Linksorientierung erklären.
Tabelle 7: Allgemeines Partizipationspotential - multilineares Regressions-modell
In einem nächsten Schritt untersuchen wir nun die einzelnen Partizipationsformen für die verschiedenen Parteien. Diese geschieht mit Hilfe einer binären logistischen Regression, da die einzelnen Partizipationsvariablen nicht intervallskaliert sind 9). Auch hier zeigt sich das bereits bekannte Muster. Über die Gesamtheit der Lokalparteien lassen sich für die einzelnen Partizipationsformen zahlreiche signifikante Beziehungen nachweisen, betrachtet man jedoch den Einfluss der unabhängigen Variablen für die einzelnen Parteien separat, so verschwinden dieses Beziehungen zu einem gross Teil. Für die SP kann festgehalten werden, dass in den deutschsprachigen Gemeinden und in den älteren Lokalparteien die Bereitschaft für Wortmeldungen an der Gemeindeversammlung etwas geringer ist, dass eine stärkere Linksorientierung und ein grösserer Frauenanteil mit einer grösseren Bereitschaft zur Rekrutierung von neuen Mitgliedern einhergeht, dass viele Hochschulabgänger einen positiven Einfluss auf die Bereitschaft zu öffentlichen Parteiaktivitäten haben und dass in den linken Lokalparteien das Protestpotential höher ist. Bei CVP und SVP finden sich überhaupt keine signifikante Beziehungen und bei der FDP ist in den eher links oder in der Mitte stehen Lokalparteien die Bereitschaft zu Wortmeldungen an der Gemeindeversammlung grösser, und die sich weniger als Regierungsparteien verstehenden Lokalparteien haben eher Aktive in ihren Reihen, die bei der Rekrutierung von Mitgliedern mithelfen.
6. Wandel der Partizipationsbereitschaft
Wie hat sich die Partizipationsbereitschaft über die letzten Jahre hinweg verändert. Hier stellt sich die Frage, ob die immer wieder beklagte politische Apathie auch auf der Ebene der Lokalparteien zunehmend zu einem Problem wird, weil die Partizipationsbereitschaft zurückgeht, oder ob möglicherweise die Lokalparteien von einer zunehmenden Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger profitieren, sich öffentlich und vor allem unkonventionell politisch zu artikulieren? In diesem Zusammenhang können ausgehend vom vorliegenden Untersuchungsdesign zwei unterschiedliche Fragestellungen untersucht werden:
Diese beiden Analysen können, müssen aber nicht zu denselben Ergebnissen führen. Einerseits hat sich die Gesamtpopulation der Lokalparteien in diesen 13 Jahren verändert und andererseits ist es nicht auszuschliessen, dass die Entwicklungen teilweise in gegenteilige Richtungen verlaufen, dann nämlich, wenn zwischen den alten und den neuen Lokalparteien Unterschiede bestehen.
Tabelle 8 zeigt, dass über alle Lokalparteien, die sich 1990 und/oder 2003 an der Untersuchung beteiligt haben, betrachtet, die Partizipationsbereitschaft der Aktiven für sämtliche Beteiligungsformen eher etwas zugenommen hat. Dieses für die Lokalparteien erfreuliche Ergebnis wird nun allerdings getrübt, wenn wir uns auf das Panel, d.h. auf diejenigen Parteien beschränken, die an beiden Befragungen teilgenommen haben. Nicht nur fallen die Zunahmen etwas geringer aus, sondern es sind im Falle der Mitgliederrekrutierung und dem Sammeln von Unterschriften sogar leichte Abnahmen zu verzeichnen. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Problemen, welche die Parteien in diesen beiden Bereichen auch an anderer Stelle immer wieder vermelden. Es ist zunehmend schwieriger Kandidaten und Mitglieder zu rekrutieren und das Sammeln von Unterschriften ist kaum mehr populär. Offensichtlich sind es bei der Gesamtbetrachtung doch vor allem die jüngeren Parteien gewesen, welche für die Zunahme des Partizipationspotentials verantwortlich zeichneten.
Tabelle 8: Wandel der Partizipationsbereitschaft: alle Lokalparteien und Panel
In einem nächsten Schritt betrachten wir deshalb die Verhältnisse in den einzelnen Parteien. Da uns in erster Linie der Wandel der Parteiorganisationen interessiert, beschränken wir uns auf die Panel-Daten. Betrachtet man diejenigen Lokalparteien, die an beiden Befragungen teilgenommen haben, so zeigen sich bei der FDP keine wesentlichen positiven Veränderungen. Einzig bei den Standaktionen ist der Anteil der Lokalparteien, in denen mehr als die Hälfte der aktiven Mitglieder zu einer Teilnahme bereit wäre, deutlich grösser geworden (vgl. Tabelle 9). Die CVP Lokalparteien verfügen in jüngerer Zeit insgesamt über eine etwas grössere Partizipationsbereitschaft. Allerdings sind auch hier die Veränderungen eher bescheiden. Bei der SVP zeigt kann davon ausgegangen werden, dass es nicht nur die neu gegründeten Lokalsektionen sind, welche über ein grösseres Partizipationspotential verfügen.
Tabelle 9: Wandel der Partizipationsbereitschaft nach Parteien (aggregiert)
Die Partizipationsbereitschaft hat, abgesehen vom Unterschriften sammeln, auch in denjenigen Lokalparteien zugenommen, die bereits 1990 existierten und sich an der Befragung beteiligt haben. In der SP bereiten vor allem das Mitgliederrekrutieren und das Unterschriftensammeln gewisse Probleme. Hier hat die Partizipationsbereitschaft in den letzten Jahren kaum zugenommen.
Dies dürfte für die Partei umso schwerer wiegen, als bei ihr die Mitglieder eine grössere Bedeutung haben und das Ergreifen von Initiativen und Referenden wichtige Mittel der politischen Einflussnahme sind.
Die grössten Einbrüche verzeichnen die Grünen, bei denen öffentliche Parteiaktionen wie Unterschriftensammeln, Flugblätter verteilen und an Standaktionen teilnehmen deutlich weniger populär sind. Auch die Bereitschaft Mitglieder zu rekrutieren liegt im Jahr 2003 tiefer als 1990. Einzig bei den Protestaktionen ist die Partizipationsbereitschaft angestiegen.
Aber auch diese Ergebnisse müssen noch einmal kritisch hinterfragt werden. Nicht auszuschliessen ist nämlich, dass der Wandel auch so nicht vollumfänglich erfasst wird. Grundsätzlich würde die Möglichkeit bestehen, dass die Lokalparteien mit einem hohen Partizipationspotential an beteiligungswilligen Aktiven eingebüsst, und solche mit einem tiefen Partizipationspotential in gleichem Masse an beteiligungswilligen Aktiven gewonnen haben. Unter dem Strich hätte dann keine Veränderung stattgefunden, auf der Ebene der einzelnen Lokalparteien wären die Veränderungen hingegen markant gewesen. Die Ergebnisse dieser Analysen sind in den nachfolgenden Abbildungen zusammengefasst.
Ingesamt zeigen die Analysen, dass der Anteil der Lokalparteien die keine Veränderungen erfahren haben, praktisch in allen Fällen am grössten ist. Bei den Wortmeldungen an der Gemeindeversammlung ist für CVP und SVP der Anteil der Lokalparteien, bei denen eine Zunahme der Partizipationsbereitschaft zu verzeichnen ist, etwas grösser als derjenige mit einer Abnahme. Für SP und FDP ist das Gegenteil der Fall. Bei der Mitgliederrekrutierung fällt vor allem die negative Bilanz von SP und Grünen auf. Hier überwiegt der Anteil der Lokalparteien mit einer Abnahme den Anteil der Lokalparteien mit einer Zunahme. Bei der SVP ist es gerade umgekehrt und bei der FDP halten sich die beiden Lager in etwa die Stange. Das Unterschriftensammeln für Initiativen und Referenden scheint bei der Mehrheit der Parteien heute weniger populär zu sein. Einzig bei der CVP überwiegt hier der Anteil der Parteien mit einer Zunahme den Anteil der Parteien mit einer Abnahme. Eher zu- als abgenommen hat schliesslich bei allen Parteien der Anteil der Mitglieder, die sich an Protestaktionen beteiligen würden. Vor dem Hintergrund der anderen Ergebnisse ist dies aber wohl eher im Zusammenhang mit einer gewissen Normalisierung unkonventioneller Formen der Politikbeteiligung und weniger mit einer generell höheren Bereitschaft, sich für die eigene Parteien einzusetzen, verbunden.
Abbildung 4: Veränderung der Partizipationsbereitschaft - an Gemeindeversammlung Wort ergreifen
Wandel auf Ebene der einzelnen Lokalpartei, nur Lokalparteien, die an beiden Befragungen teilgenommen haben
Abbildung 5: Veränderung der Partizipationsbereitschaft - Mitglieder rekrutieren
Wandel auf Ebene der einzelnen Lokalpartei, nur Lokalparteien, die an beiden Befragungen teilgenommen haben
Abbildung 6: Veränderung der Partizipationsbereitschaft - Unterschriften sammeln
Wandel auf Ebene der einzelnen Lokalpartei, nur Lokalparteien, die an beiden Befragungen teilgenommen haben
Abbildung 7: Veränderung der Partizipationsbereitschaft - Protestaktionen teilnehmen
7. Fazit
Die Bereitschaft der Aktiven einer Lokalpartei sich politisch für ihre Partei zu engagieren, variiert vor allem zwischen den bürgerlichen Parteien und den linken Parteien. Dies gilt zumindest für die öffentlichen Parteiaktivitäten (Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln, an Standaktionen teilnehmen) sowie die Teilnahme an Protestaktionen. Weniger ausgeprägt sind die Unterschiede bezüglich der Bereitschaft der Aktiven, neue Mitglieder zu rekrutieren und oder ihrer Bereitschaft, an der Gemeindeversammlung das Wort zu ergreifen.
Ob das Partizipationspotential in einer Lokalpartei hoch oder tief ist, hängt vor allem davon ab, zu welcher Parteifamilie sie gehört und lässt sich unabhängig davon kaum erklären. Die hier untersuchten Gemeinde-, Partei- oder Mitgliedermerkmalen weisen für die Gesamtheit der Lokalparteien signifikante Beziehungen auf, überprüft man jedoch, ob diese Variablen auch innerhalb der einzelnen Parteien die Partizipationsunterschiede bestimmen, so verlieren sie zum grössten Teil ihren Einfluss. Mit anderen Worten heisst dies, dass es eine partei- oder mitgliederspezifische Partizipationskulturen geben muss, welche weniger mit der Herkunft und dem sozialen Hintergrund der Aktiven, sondern vielmehr mit ihren politischen Orientierungen, welche auch für ihre Anbindung an gerade diese Partei bestimmend sind, zusammenhängen.
Was die Veränderung des Partizipationspotentials anbelangt, so sieht die Zukunft der Parteien nicht allzu rosig aus. Vor dem Hintergrund der rückläufigen Mitgliederzahlen muss es bedenklich stimmen, dass der Anteil der Lokalparteien, bei denen diesbezüglich die Bereitschaft in den letzten 13 Jahren zugenommen hat, für drei von vier Bundesratsparteien kleiner ist, als der Anteil, der diesbezüglich eine Abnahme zu verzeichnen hat. Hier weist einzig die SVP eine positive Bilanz aus. Und das Sammeln von Unterschriften ist offensichtlich sogar in allen Parteien heute weniger populär als noch vor ein paar Jahren. Zugenommen hat hingegen in allen Parteien die Bereitschaft, sich an Protestaktionen zu beteiligen, was darauf hindeutet, dass die Partizipationsform heute salonfähiger geworden ist.
|Fussnoten:
1)
Diese Arbeit ist im Rahmen des Projekts "Aktuelle
Entwicklungstrends der Kommunalparteien und Kommunal-politik" entstanden,
das vom Schweiz. Nationalfonds vom Mai 2002 bis August 2004 gefördert
wurde (Projekt-Nr. 1214-064857).

2) In die beiden weitgehend identischen schriftlichen Umfragen wurden alle (ca. 6000) lokalen Parteisektionen in den Gemeinden der Schweiz einbezogen. Als Informanten wurden die Präsidenten dieser Gruppierungen aufgefordert, über die Mitglieder, die Binnenorganisation, die externen Aktivitäten sowie über die ideologischen und sachpolitischen Positionen ihrer Partei in standardisierter Weise Auskunft zu geben. In der ersten Umfrage (1989) sind 2594 auswertbare Fragebogen zurückgesandt worden, in der zweiten Befragung 2545. In beiden Fällen hat sich also knapp die Hälfte aller angefragten Gruppierungen an der Umfrage beteiligt.
3) Auch eine Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse) über alle sechs Variablen extrahiert lediglich einen einzigen Faktor. Der Eigenvalue beträgt 3.336 und erklärt 55.6 Prozent der Varianz.
4) Die entsprechenden Rangkorrelationskoeffizienten lauten .183 für die öffentlichen Parteiaktivitäten und .140 für die Protestaktionen. Beide Beziehungen sind hoch signifikant.
5) Kendalls tau_b = .095 (sig. =.000).
6) Die Rankkorrelationskoeffizienten zwischen dem Anteil Aktiven mit Hochschulabschluss und den vier Partizipationsformen lauten: an der Gemeindeversammlung das Wortergreifen: .084 (sig. .000), Mitglieder rekrutieren: .051 (sig. 016), Teilnahme an öffentlichen Parteiaktivitäten: .123 (sig. .000) und Teilnahme Protestaktionen: .108 (.000), Nmin=1365.
7) Die Reliabilitätsanalyse für die 6 Variablen, aus denen der Faktor „Partizipationspotential“ extrahiert wurde, weist eine Cronbach’s alpha von .8372 aus. Dies kann als gut bezeichnet werden.
8) Werden im Modell nur die Gemeindevariablen berücksichtigt, so beträgt das R2 (adj). 028. Zieht man die Parteivariablen mitein, so steigt der Wert auf .136.
9) Die Partizipationsvariablen werden wie folgt recodiert: niemand/ein kleiner Teil = 0, mehr als die Hälfte/alle = 1. Vgl. dazu Backhaus et al. (Backhaus, Klaus, Bernd Erichson, Wulff Plinke und Rolf Weiber (2003). Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte Einführung. Berlin, Heidelberg, New York: Springer), S. 417 ff.