Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03100.jsonl.gz/2994

Karl Marx hatte recht: Der Kapitalismus hat die verkrusteten Strukturen des Feudalismus und der Aristokratie aufgebrochen und eine Welle der Innovation und des Fortschritts losgetreten. Es ist kein Zufall, dass die Phase der rasanten technologischen Entwicklung und der massiven Erhöhung unserer Lebensstandards, die mit der Industriellen Revolution begann, auch die Phase des globalen Aufstiegs der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist.
Gleichzeitig erleben wir heute aber eine Krise des Kapitalismus'. Die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen nimmt weltweit zu; die globale Wirtschaftsmacht ist konzentriert in den Händen relativ weniger Organisationen und Individuen; der mit der Realwirtschaft eng verbundene Industriekapitalismus wich ab den 1980er Jahren einem aggressiven Finanzkapitalismus; der Klimawandel, eine direkte Folge unseres Wirtschaftens, bedroht die Existenz der Menschheit.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, in naher Zukunft mit einer Revolution oder dergleichen abgeschafft wird; bis auf Weiteres dürfte der Kapitalismus das sprichwörtliche Betriebssystem der Welt bleiben. Gleichzeitig befinden wir uns aber wahrscheinlich nicht, wie der Politologe Francis Fukuyama Ende der 1980-er Jahre berühmterweise postulierte, am Ende der Geschichte. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung hat sich mit dem Fall der Sowjetunion weltweit durchgesetzt, aber Gesellschaften sind nie statisch, sondern in einem steten, wenn auch zähen Wandel begriffen.
Wohin geht die kapitalistische Reise? Wir befinden uns gegenwärtig an einem Scheideweg, und es gibt unterschiedliche Szenarien, was die Zukunft bringen könnte.
Soziale Strukturen sind träge und pfadabhängig. So, wie die Dinge gestern waren und wie sie heute sind, bestimmt wesentlich, wie sie morgen sein werden. Das ist grundsätzlich durchaus gut, weil Trägheit in positivem Sinne Stabilität und Sicherheit bedeutet: Weil sich die Gesellschaft nur langsam und meistens nicht stark ändert, können wir für die Zukunft planen und davon ausgehen, dass über Nacht nicht alles komplett anders wird.
Die Kehrseite der gesellschaftlichen Trägheit ist aber, dass Dinge, die wir mit guten Gründen ändern sollten, manchmal nur schwer zu ändern sind. Das trifft auch auf die Nachteile des Kapitalismus zu, und zwar in einem doppelten Sinn. Einerseits, und ganz neutral, ist mit der Zeit eine gewisse Trägheit innerhalb kapitalistischer Systeme unvermeidbar – Kapital bedingt mehr Kapital. Andererseits hat die kapitalistische Pfadabhängigkeit auch eine aktive Komponente. Jene, die vom Status quo profitieren, haben nämlich einen Anreiz, in den Erhalt des Status quo zu investieren.
Das bedeutet konkret: Je vermögender eine Interessengruppe, desto effektiveres Lobbying kann sie betreiben, um damit die eigenen Ziele durchzusetzen und ihre Privilegien zu wahren. Dieser Mechanismus führt nicht nur zu einer Verhärtung des Status quo, sondern zu einer schleichenden Verschlechterung aus Sicht der Mittel- und Unterschicht. So gibt es beispielsweise Anzeichen, dass mehr Ungleichheit in einem Land dazu führt, dass der politische Einfluss der Vermögenden steigt, was wiederum zu noch mehr Ungleichheit führt.
Dieses Szenario ist realistischer, als uns lieb sein kann. Wenn sich nichts verändert, bleibt grundsätzlich alles beim Alten – die Tendenzen von gestern und heute werden morgen lediglich noch ausgeprägter sein.
Im Westen blicken wir bisweilen mit Bewunderung und Neid nach China. In den letzten rund 20 Jahren hat China eine explosionsartige Entwicklung durchgemacht und nicht nur Armut massiv gesenkt, sondern unter anderem auch eine Hightech-Industrie aufgebaut, die auf Augenhöhe mit westlichen Tech-Giganten ist. Es liegt nahe, sich zu fragen, ob wir uns vom chinesischen Modell eine Scheibe abschneiden können.
Der Kern der chinesischen Erfolgsgeschichte ist eine auf den ersten Blick eigentümliche Konstruktion: der Staatskapitalismus. Staatskapitalismus bedeutet, dass eine Gesellschaft grundsätzlich kapitalistisch operiert, die Zügel des Wirtschaftsgeschehens aber kategorisch und umfassend beim Staat liegen. Der Staat betreibt in unterschiedlichen Branchen starke oder quasi-monopolistische Unternehmen, und der Staat steuert stark, wie und wann private Unternehmen aktiv sein dürfen.
Auf den ersten Blick mag der Staatskapitalismus, wie ihn China vormacht, ein valables Modell sein, frei nach dem Motto: Wenn es funktioniert, warum nicht? Das Problem mit dem chinesischen Modell ist, dass es zutiefst anti-demokratisch und freiheitsfeindlich ist. Der chinesische Staatskapitalismus ist ein Instrument für die Regierung Chinas, ihren totalitären Machtanspruch zu zementieren und auszubauen.
So wäre beispielsweise der gigantische digitale Überwachungsstaat in China undenkbar ohne die (erzwungene) Kooperation privater chinesischer Tech-Unternehmen. Sogar westliche Tech-Unternehmen werden dank des Staatskapitalismus in den chinesischen Überwachungsapparat eingespannt. Wenn nämlich westliche Tech-Unternehmen in China aktiv sein wollen, müssen sie zuhanden der kommunistischen Partei massive Zensur- und Überwachungsmassnahmen umsetzen. Apple, Microsoft, LinkedIn und andere Unternehmen machen dabei mit.
Staatskapitalistische Tendenzen scheinen grundsätzlich inkompatibel mit Demokratie, egal ob in China, in Saudi-Arabien, in Russland, im Iran oder in Venezuela. Eine Ausnahme bildet Norwegen, ein unbestritten demokratisches und freiheitliches Land, wo der Staat dennoch überdurchschnittlich grosse Anteile an Unternehmen besitzt sowie den grössten Investmentfonds der Welt betreibt.
Kurios am norwegischen Sonderfall ist, dass der norwegische Staat massgeblich am Erdöl- und Erdgas-Giganten Equinor beteiligt ist und den staatlichen Investmentfonds unter anderem aus Profiten mit dem Erdöl- und Erdgas-Geschäft von Equinor füttert. Der Fonds hat aber ironischerweise zum Ziel, Norwegen für eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe fit zu machen. Sogar das am wenigsten verwerfliche Beispiel für Staatskapitalismus hat also einen reichlich fahlen Beigeschmack.
Im August 2019 haben rund 200 US-amerikanische CEOs grosser Unternehmen eine erstaunliche Erklärung verabschiedet: Das «Shareholder-Value»-Paradigma, bei dem die kurzfristige Gewinnmaximierung für Investoren im Vordergrund steht, solle einer langfristigen Sichtweise weichen, bei der das Ziel ist, alle gesellschaftlichen Stakeholder zu bedienen, nicht nur die Investoren.
Diese Erklärung hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Wenn 200 CEOs in dem Geburtsland des Shareholder Values öffentlich eine Abkehr vom Shareholder Value fordern, birgt das eine gewisse Sprengkraft. Könnte es sein, dass wir auf dem Weg zu einem faireren, nachhaltigeren und gemeinschaftlicheren Kapitalismus sind?
Das, was die US-amerikanischen CEOs fordern, ist in Europa als «soziale Marktwirtschaft» bekannt: Eine Form des Kapitalismus, bei der kapitalistisches Wirtschaften mit sozialem Ausgleich und sozialem Fortschritt verbunden wird. Das Vorzeigebeispiel für soziale Marktwirtschaft war Deutschland in den Nachkriegsjahrzehnten, in denen wirtschaftliches Wachstum ein besseres Leben für alle bedeutete, nicht nur für Investoren.
Die Idee der Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft klingt verlockend, und ein öffentliches Plädoyer US-amerikanischer CEOs mag uns das Gefühl geben, auf dem richtigen Weg zu sein. Doch was sich ganz konkret verändern soll, um Kapitalismus auf den tugendhaften Pfad der sozialen Marktwirtschaft zurückzubringen, ist unklar. Zum Beispiel ist ein zentrales Standbein der sozialen Marktwirtschaft die sogenannte «Sozialpartnerschaft»; das Verhandeln von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Augenhöhe, um tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Die Interessen der Arbeitnehmenden werden dabei von Gewerkschaften vertreten.
Doch der Organisationsgrad von Gewerkschaften nimmt stetig ab (in der Schweiz sank der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Erwerbstätigen von 1960 bis 2017 von rund 31% auf rund 17%), und in modernen, immer wichtigeren Arbeitskontexten wie etwa der Gig Economy sind Gewerkschaften inexistent und stattdessen prekäre Arbeitsverhältnisse an der Tagesordnung.
Nicht zuletzt in den USA führte der Niedergang der Gewerkschaften zu stagnierenden Löhnen für die Mittel- und Unterschicht. «Corporate-Social-Responsibility»-Kampagnen wie die Erklärung der 200 CEOs, mit denen Unternehmen ihr Image aufzupolieren versuchen, sind nett, aber ob dahinter tatsächlich mehr als bloss Hochglanz-PR steckt, darf bezweifelt werden.
Kapitalismus ist auf wirtschaftliches Wachstum ausgelegt. Zügelloses wirtschaftliches Wachstum verursacht aber Probleme, wie nicht zuletzt der Klimawandel erschreckend aufzeigt. Aus der Überlegung heraus, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum nicht unendlich weitergehen kann, postuliert die «Degrowth»-Bewegung darum, dass die beste Lösung sei, Wirtschaftssysteme gezielt schrumpfen zu lassen, um ein ökologisch nachhaltiges Niveau zu erreichen.
Degrowth ist ein Ansatz, der ganz intuitiv sinnvoll scheint: Wir müssen raus aus dem kapitalistischen Wachstums-Hamsterrad und eine nachhaltige Wirtschaftsform finden, mit der wir uns nicht selber den Teppich unserer Lebensgrundlagen unter den Füssen wegziehen. Diese Erkenntnis ist im Grunde trivial, aber gerade der Klimawandel zeigt, dass wirtschaftliche Anreizsysteme paradoxerweise Folgen haben können, die das krasse Gegenteil unserer eigentlichen Interessen sind (Die wenigsten Menschen wollen die Erde aktiv unbewohnbar für Menschen machen.). Degrowth ist die metaphorische Bremse, die entschleunigt und uns Zeit gibt, einen anderen Kurs einzuschlagen.
Vom Bauchgefühl her dürfte Degrowth also auf grossen Zuspruch stossen. Ein genauerer Blick offenbart aber rasch die Probleme dieses Ansatzes. Ein wesentliches Problem mit Degrowth ist, dass es sich dabei um ein sehr unscharfes, vages Konzept handelt – mehr Motto und Forderung als philosophisch ausgeklügelter Ansatz. Wie genau eine Volkswirtschaft eine Schlankheits-Kur durchmachen könnte, um danach ein nachhaltiges Gleichgewicht zu finden, wissen auch die überzeugtesten Verfechter von Degrowth nicht.
Weiter stellt sich die Frage, ob Degrowth nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir könnten die Schweiz beispielsweise auf einen Lebensstandard, wie ihn die Amischen haben, zurückentwickeln. Das wäre «nachhaltig» (wir würden nicht mehr Ressourcen beanspruchen, als das Ökosystem hergibt), aber damit würden wir gleichzeitig das Risiko einer zivilisatorischen Stagnation eingehen. Das Streben nach Fortschritt ist eine wesentliche Triebfeder der menschlichen Entwicklung. Uns auf ein vordefiniertes maximales Niveau der wirtschaftlichen Aktivität einzupendeln und zu beschränken, könnte entsprechend bedeuten, dass wir auch Innovation, Erfindertum und Kreativität abklemmen.
Eine der grundlegenden Absurditäten des Lebens nehmen wir als solche nicht wahr, weil wir sie für «normal» halten: Als Mensch zu existieren, kostet.
Wir kommen unverschuldet auf die Welt (niemand von uns hat selber entschieden, existieren zu wollen), müssen aber viel Geld zahlen, um in der Welt leben zu dürfen. Wir zahlen Miete, wir zahlen für Essen, wir zahlen für Krankenversicherung, wir zahlen für Kleider, wir zahlen für elementare persönliche Hygiene. Wer Glück hat, wird in eine wohlhabende Familie hineingeboren und braucht sich ob der Kosten des blossen Existierens keine Sorgen zu machen.
Die meisten von uns haben kein derartiges Glück und müssen darum Arbeit nachgehen. Arbeit, die oft weder erfüllend noch besonders sinnvoll ist. Wir wenden so einen grossen Teil unserer begrenzten Lebenszeit auf, nur um die Kosten für das blosse Auf-der-Welt-Sein zu decken.
Ein Weg, um diesen krassen existenziellen Druck des Arbeitens abzuschwächen, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Grundeinkommen ist ein fixer Geldbetrag, den alle Einwohnerinnen und Einwohner eines Landes erhalten, und zwar ohne Bedingungen oder Verpflichtungen.
Ein Grundeinkommen hätte, nebst der Abschaffung der Kosten für das blosse Existieren, weitere positive Effekte. Die Arbeiterschicht hätte dank eines Grundeinkommens zum ersten Mal die Freiheit, wirklich auszuwählen, was für Jobs sie annehmen und wie viel Lohnarbeit sie verrichten will. Auch dürfte es mit einem Grundeinkommen viel weniger sogenannte «Bullshit-Jobs» geben, wie sie der Anthropologe David Graeber in seinem Buch «Bullshit Jobs: A theory» beschreibt: Jobs, die keinen Mehrwert in der Welt schaffen und Menschen keine Erfüllung oder keinen Sinn geben, sondern im Wesentlichen dazu da sind, zu beschäftigen.
Das Grundeinkommen ist also in mehrfacher Hinsicht verlockend, aber der Schuss könnte auch nach hinten losgehen. Eine zentrale Herausforderung für ein Grundeinkommen ist, das Grundeinkommen so zu gestalten, dass es wirklich ein lebenswertes Leben ermöglicht und nicht bloss den finanziellen Druck des Existierens ein wenig lindert. Wenn das Grundeinkommen nur ein «Zustupf» ist, kann das nämlich paradoxerweise mehr Menschen in Tiefstlohn-Jobs treiben und damit letztlich Kapitalbesitzer subventionieren.
Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen in Höhe von 500 Franken pro Monat einführen, könnte niemand von diesem Grundeinkommen alleine leben und wäre entsprechend weiterhin auf Arbeit angewiesen. Arbeitgeber könnten diese 500 Franken aber als indirekte Subvention nutzen: Die Löhne sinken einfach um 500 Franken, und es entstehen neue Tiefstlohn-Jobs unter der Armutsgrenze.
Das Grundeinkommen könnte auch einen preistreibenden Effekt haben. Wenn wir beispielsweise ein Grundeinkommen von 2000 Franken einführen und Mietwohnungen im Durchschnitt 2000 Franken teurer werden, nützt das Grundeinkommen nicht der breiten Bevölkerung, sondern nur den Eigentümern der Mietobjekte.
Die Idee, ein lebenswertes Leben leben zu dürfen, ohne dafür einem lebenslangen Druck auf unbefriedigende, fremdbestimmte Arbeit ausgesetzt zu sein, ist moralisch richtig. Es ist aber nicht sicher, ob ein Grundeinkommen das richtige Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen.
Die alten Staffeln der Science-Fiction-Serie «Star Trek» gehören zum Besten, was das Fernsehen hervorgebracht hat. Praktisch jede Folge wirft ein philosophisches Problem oder ein moralisches Dilemma auf, und wir als Zuschauerinnen und Zuschauer denken und fiebern mit. Aber auch die Prämisse der Star-Trek-Welt regt zum Denken an: Es gibt kein klassisches Geld und keine kapitalistische Wirtschaft mehr, denn dank moralischem und technologischem Fortschritt wurde es möglich, allen Menschen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Die Welt von Star Trek ist eine Welt, in der Knappheit faktisch überwunden wurde. Ist so eine Welt in der Realität möglich?
Die Post-Knappheits-Gesellschaft von Star Trek wird durch futuristische Technologien wie zum Beispiel dem Replikator, der Energie zu Materie wandelt und auf Knopfdruck alles Erdenkliche quasi aus dem Nichts herstellen kann, ermöglicht. Von solcher Technologie sind wir heute noch weit entfernt. Wir brauchen aber gar keine futuristische Science-Fiction-Technologie, denn Knappheit zu überwinden bedeutet nicht, unendlich viel von etwas zu haben, sondern lediglich, so viel eines Gutes erschaffen zu können, dass alle, die das Gut in Anspruch nehmen müssen, es auch in Anspruch nehmen können.
Das Gut ist nicht zwingend gratis, aber die Herstellungskosten sind so gering, dass wir davon eine genügend grosse Fülle haben, um alle Bedürfnisse abzudecken. In bestimmten Bereichen ist das bereits heute Realität. Zum Beispiel beim Trinkwasser: Alle Menschen in unserer Gesellschaft benötigen Trinkwasser, und wir sind in der Lage, allen Menschen nachhaltig genug Trinkwasser so gut wie kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Der grosse Schritt, der uns in eine veritable Post-Knappheits-Ära katapultieren könnte, ist die heute beginnende Automatisierungs-Revolution, wie Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem Buch «Inventing the Future» beschreiben. Automatisierung gibt es mindestens seit dem frühen 20. Jahrhundert, aber die heutige Automatisierung basiert auf einer Intelligenz-Explosion, wie es sie bisher noch nie gab.
Künstliche Intelligenz kann immer mehr immer besser – und erkämpft sich Sieg um Sieg in Domänen, die wir ehemals als nur von uns Menschen beherrschbar glaubten. Geht dieser Trend weiter, wird ein Grossteil der heute notwendigen manuellen, menschlichen Arbeit obsolet, aber Wohlstand und technologische Entwicklung werden weiterhin steigen und voranschreiten.
Es ist allerdings nicht garantiert, dass es wirklich so kommt. Zum einen wissen wir nicht, ob Automatisierung das Potenzial, das wir ihr zuschreiben, wirklich hat; es könnte sein, dass wir bald an harte technologische Grenzen stossen und KI-getriebene Automatisierung nicht so revolutionär wird, wie wir uns erhoffen. Zum anderen bedeutet erfolgreiche und flächendeckende Automatisierung nicht zwingend einen positiven Wandel des Kapitalismus. Die Treiber der Automatisierung sind nämlich private Unternehmen, deren Investoren nicht ein Ende der Knappheit wollen, sondern gigantische Profite.
Es ist darum denkbar, dass die Automatisierungs-Revolution nicht etwa eine Post-Knappheits-Gesellschaft einläutet, sondern stattdessen eine neue Schicht der Billionäre entstehen lässt, die unvorstellbar viel Macht haben und die Geschicke der Wirtschaft und Politik noch viel stärker zu ihrem eigenen Vorteil steuern, als Investoren es heute tun.
Die Zukunft unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist ungewiss. Vielleicht kommt alles gut, vielleicht werden die Dinge unvorstellbar schlecht. Fest steht nur eines: Wenn wir passiv bleiben und die Gestaltung der Zukunft ausschliesslich jenen überlassen, die bereits heute die Zügel der politischen und kapitalistischen Macht in den Händen haben, riskieren wir, dass die Mehrheit der Bevölkerung (weiterhin) auf der Strecke bleibt.
Was ist zu tun? Der erste und wichtigste Schritt, den wir machen müssen: Uns als Gesellschaft wieder trauen, grosse Ideen zu haben. Uns trauen, den Status quo zu hinterfragen und zu skizzieren, wie die Zukunft, die wir mit guten Gründen wollen, auszusehen hat.
Dass wir das können, zeigt die Geschichte. Rechte für Arbeitnehmende, sozialstaatliche Massnahmen wie Alters- und Invalidenrente, oder nicht zuletzt Demokratie an und für sich waren einst grosse, fast unerreichbar scheinende Ideen – bis sie eines Tages Realität wurden, weil genug viele Menschen daran geglaubt haben.