Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03265.jsonl.gz/2044

Nach dem Tod des Philosophen, Psychiaters und politischen Schriftstellers Karl Jaspers im Februar 1969 verblieben die zahlreichen Briefe sowie seine Manuskripte bis zum Tod Gertrud Jaspers’ im Jahr 1974 zunächst in ihrer Wohnung in der Baseler Austraße. Bis in den Beginn der neunziger Jahre legte Hans Saner als letzter Assistent Jaspers’ und Rechtsinhaber des Manuskriptnachlasses vor allem aus den umfangreichen Materialien zu den nicht erschienenen Teilen der Großen Philosophen (1981) und der Philosophischen Logik (1991) posthume Editionen vor. Neben den zwei Nachlassbänden zu den Großen Philosophen, die Jaspers als drittes Buch einer auf sechs Bücher angelegten Weltgeschichte der Philosophie konzipiert hatte, brachte Saner noch eine umfangreiche Einleitung zur Weltgeschichte der Philosophie (1982) zum Druck. Eine erste Beschreibung des Manuskriptnachlasses publizierte Saner in dem 1973 erschienenen Sammelband Karl Jaspers in der Diskussion.
Der gesamte Nachlass Jaspers’ gelangte erst nach und nach an seinen jetzigen Ort im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Zuerst trafen die Briefe von und an Jaspers’ aus seinem Nachlass im Deutschen Literaturarchiv ein. Hannah Arendt, die Gertrud Jaspers dem testamentarischen Willen Karl Jaspers’ entsprechend als Erbin der Briefe ihres Mannes (mit Ausnahme der Briefe der Eltern) eingesetzt hatte, übergab bereits 1974 den größten Teil der Briefschaften dem Archiv in Marbach. Ende Mai 1975 reiste Arendt dann eigens für einen Monat an, sichtete die Briefe und verfasste ein Dossier über die Bedeutsamkeit einzelner Briefwechsel. Die beiden mit besonderem Interesse erwarteten Briefwechsel Jaspers’ mit Martin Heidegger und Hannah Arendt wurden 1990 bzw. 1985 durch Hans Saner zusammen mit Walter Biemel bzw. Lotte Köhler publiziert. Es folgten, vorgängig zu der dreibändigen Auswahlausgabe einschlägiger Korrespondenzen im Jahr 2016, weitere Briefwechsel etwa mit Oskar Hammelsbeck oder Karl Heinrich Bauer. In Vorbereitung befindet sich aktuell die Edition der Briefe Jaspersʼ mit seinen Verlegern in einer zweibändigen Ausgabe im Rahmen der Karl Jaspers Gesamtausgabe.
Über die Jahre gelangten noch weitere Briefe Jaspersʼ aus verschiedenen Quellen in das Archiv. Insgesamt überwiegen naturgemäß bei weitem die Briefe an Jaspers gegenüber seinen eigenen. Die Briefe der Empfänger, die nicht von diesen abgegeben wurden, liegen zumindest als Durchschläge, Abschriften oder handschriftliche Entwürfe vor.
Als sogenannter Kryptonachlass von Gertrud Jaspers, Tochter der Clara Mayer, geborene Gottschalk, und des Kaufmanns David Mayer in Prenzlau, finden sich im Archiv auch zahlreiche Briefe, etwa von ihren Brüdern Ernst und Gustav Mayer, letzterer bekannt geworden als Historiker der Arbeiterbewegung, insbesondere als Verfasser einer Biographie Friedrich Engelsʼ sowie eigener Erinnerungen.
Das Familienarchiv mit seinem reichhaltigen Schatz an Briefen, die Jaspers mit seinen Eltern und Geschwistern über etwa vier, mit der Schwester Erna Dugend sogar über sechs Jahrzehnte gewechselt hat, verblieb nach dem Tod Gertrud Jaspersʼ zunächst im Besitz der Familie der Schwester und wurde schließlich durch ihren Sohn Enno an das Deutsche Literaturarchiv abgegeben. Die erste Publikation einiger Briefe aus diesem Teil des Nachlasses erfolgte mit den Italienbriefen 1902 im Jahr 2006. Das Familienarchiv enthält darüber hinaus weitere biographisch und zeitgeschichtlich relevante Dokumente und, besonders erfreulich und überraschend, auch ein Teiltyposkript der vierten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie. Zusammen mit dem 2017 erfolgten Ankauf eines Teilmanuskripts dieser während der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandenen vierten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie durch die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die Karl Jaspers Stiftung und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach verbesserte sich damit die Situation des Nachlasses für die in verschiedenen Fassungen erschienene Allgemeine Psychopathologie Jaspersʼ entschieden.
Der umfangreiche Manuskriptnachlass selbst wurde von Hans Saner erst nach Abschluss seiner Editionsarbeiten im Januar 1991 an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach übergeben. Zuvor lagen die zahlreichen Mappen und Blätter teils in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel, teils in der Wanderstraße, wo Saner die Arbeiten für die Nachlasseditionen durchführte. Ein kleinerer, dritter Teil befand sich in einer weiteren Wohnung Saners am Petersgraben.
Die Bibliothek von Jaspers fand ihren Weg 2009 schließlich nach Oldenburg in die Geburtsstadt des Philosophen, wo sie im Jaspers-Haus der Forschung zur Verfügung steht. Der Bestand der Bibliothek ist auch in einem Online-Katalog einzusehen.
Für das seit 2012 laufende Editionsprojekt der Karl Jaspers Gesamtausgabe, das von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen getragen wird, besitzt sowohl der briefliche als auch der Manuskript-Nachlass von Karl Jaspers wesentliche Bedeutung.
Im Nachlass finden sich, neben den von Hans Saner bereits posthum publizierten Werken, drei weitere größere Text- beziehungsweise Projektzeugen von besonderer Bedeutung. Zum einen handelt es sich um die Grundsätze des Philosophierens, an denen Jaspers inmitten des Zweiten Weltkriegs als bereits seit 1937 zwangsweise in den Ruhestand versetzter Professor der Philosophie und unter äußerst erschwerten Bedingungen arbeitete. Er hoffte auf die Zeit, da ihm eine Publikation dieser Schrift, so wie zumindest zweier weiterer anderer großer Werke – einer vierten, weitgehend neu bearbeiteten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie und des ersten Teils einer umfangreichen philosophischen Logik – wieder möglich sein würde. Die Grundsätze, nach 1945 von Jaspers nicht mehr als eigenständige Publikation weiterverfolgt, dienten ihm schließlich als „Steinbruch“ (Hans Saner) für verschiedene nach 1945 realisierte Bücher. Dieses Werk, von Jaspers zwar seinerzeit schon weit vorangetrieben, aber zuletzt doch nicht endgültig abgeschlossen, liegt in verschiedenen Textstufen unterschiedlichen Grads der Durcharbeitung vor. Es kann dennoch als ein in der einmaligen geschichtlichen Situation zu Stande gekommener Ausdruck philosophischen Glaubens gelten, entsprechend dem geplanten Untertitel: Einführung in philosophisches Leben. Seine Besonderheit wird im Rahmen der Nachlassedition der KJG deutlich werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trug sich Jaspers über Jahrzehnte hinweg mit dem Gedanken, ein Deutschland-Buch zu schreiben. Auch diese ihn tief bewegende Frage, deren erste Gestaltung mit den Vorlesungen zur Schuldfrage 1945/46 und deren monographischer Publikation 1946 vorlag, zögerte Jaspers in der Folge aber trotz fortschreitender Bearbeitung nur immer weiter hinaus. In einem 1951 verfassten Vorwort gibt Jaspers an, den größten Umfang des Textes bereits in den Jahren 1946/47 geschrieben zu haben. Das Buch gelangte dennoch nicht zur Publikation. 1966 schließlich veröffentlichte Jaspers sein Buch Wohin treibt die Bundesrepublik?, von dem er ebenfalls als seinem „Deutschland-Buch“ sprach. Dieses ist jedoch von der früheren Disposition des Werks, das den Titel Deutsche Selbstbesinnung tragen sollte, deutlich unterschieden. Es überwog nun das zeitgeschichtliche, konkret politische Kolorit mit den drängenden Fragen der Innen- und Außenpolitik in den Regierungszeiten Adenauers und Erhards, etwa der Verjährungsfrage im Hinblick auf die Verbrechen des Nationalsozialismus, der Wiederbewaffnung, der Notstandsgesetzgebung, dies alles vor dem Hintergrund einer von Jaspers vehement vorgetragenen Kritik an den politischen Parteien und der durch sie geprägten Form der Demokratie in der Bundesrepublik. Nicht mehr im Mittelpunkt stand die Frage nach dem, was in Geschichte, Gegenwart und Zukunft „deutsch“ zu nennen wäre. Den weltgeschichtlichen Rahmen für diese nicht zu Ende gebrachte geschichtliche Selbstbesinnung hatte Jaspers mit seinen Überlegungen zu einer ersten und zweiten Achsenzeit bereits in Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (1949) skizziert.
Ein dritter größerer Entwurf, der unterschiedlich weit gediehene Stufen und Vorarbeiten aufweist, liegt vor unter dem Projekttitel Vom unabhängigen Denken: Hannah Arendt und ihre Kritiker, der bei vielen Forschern und der interessierten Öffentlichkeit unter dem Titel „Hannah-Buch“ ebenso geläufig wie bisher in der Tiefe unbekannt ist. Dieses späte Projekt Jaspers’ verdankte den Anlass seiner Entstehung ab 1964 dem im selben Jahr erschienenen Buch seiner früheren Schülerin Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess in Jerusalem sowie dem sich daran anschließenden Sturm entrüsteter Kritiken. Für Jaspers bündelten sich in diesem Ereignis noch einmal zentrale Motive seines eigenen Denkwegs: Die Frage nach Wesen und Möglichkeit eines unabhängigen Denkens vor dem Hintergrund eines existentiellen Wahrheitsverständnisses und die Auseinandersetzung mit Fragen des Gehorsams und Widerstands nicht zuletzt während der NS-Zeit. Ein entsprechender Teil der Abhandlung, den Jaspers zeitweise auch für eine mögliche gesonderte Publikation vorsah, handelt in zugleich historischer und systematischer Weise von den Motiven verschiedener deutscher Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus und der damit verbundenen Frage nach dem Gewissen. Auch eine bis in die zwanziger Jahre zurückreichende Auseinandersetzung mit einem anderen Schüler, der sich zur tiefen Irritation Jaspers’ nun auch im Lager der scharfen Kritiker Arendts fand, mit Golo Mann, hatte Jaspers geplant. Und nicht zuletzt wollte er noch einmal einen abwägenden Blick auf Max Weber, seinen Leitstern von frühester Zeit an, werfen.
Die letzte Auseinandersetzung mit Max Weber, die einsetzte, nachdem Jaspers über den Weber-Biographen Eduard Baumgarten ihm bislang unbekannte biographische Details aus Webers Leben erfahren hatte, fand ihren Ort vorübergehend auch im Hannah-Buch, wobei die verschiedenen Dispositionen sowohl eine Berücksichtigung dieses Themas wie auch seine Verwerfung in diesem Kontext widerspiegeln. Unter der Überschrift „Unabhängiges Denken im Kampf der Mächte“ finden sich Überlegungen, die sowohl auf das Hannah-Buch als auch das 6. Buch der Weltgeschichte der Philosophie verweisen. Daraus lässt sich ersehen, dass der systematische Kern des Hannah-Buchs, die Frage nach dem unabhängigen Denken, auch in Zusammenhang mit dem nicht zu Ende gebrachten 6. Buch der Weltgeschichte der Philosophie steht. Dieses Thema wiederum ist eng verbunden mit dem sich bei Jaspers mehr oder minder im Hintergrund durchziehenden Fragenkomplex zu Wesen und Möglichkeit einer eigentlichen philosophischen Kritik, die vor allem im Nachwort (1955) zu meiner Philosophie (1931) und im erst posthum veröffentlichten 10. Kapitel der Philosophischen Autobiographie über Martin Heidegger eine zentrale Rolle spielt.
Eine weitere, über viele Jahre hinwegreichende Entwicklung ist aus der Sicht des Nachlasses auch für die verschiedenen, teils noch zu Lebzeiten publizierten autobiographischen Schriften Jaspers’ zu verzeichnen. Es finden sich im Nachlass ebenso umfängliche Materialien privater Natur wie Dokumente aus dem Kontext der Universitäten Heidelberg und Basel, die Jaspers im Hinblick auf eine mögliche Autobiographie gesammelt hatte. In der Art und im Umfang dieser Sammlung lässt sich auch seine Überzeugung wiedererkennen, wonach Leben und Werk in einem engen Zusammenhang gesehen werden müssen. Aus den Familienbriefen geht hervor, dass er diesen Doppelblick auf Philosophen zum ersten Mal und noch weitgehend unter psychologischen Vorzeichen im Kriegsjahr 1916 durch konsequente umfassende Lektüre der Werke, Briefe und Dokumente zum Leben Nietzsches zur Durchführung bringen wollte. Daraus ergab sich dann die Nietzsche-Vorlesung im Sommersemester 1916, die im Nachlass beinahe vollständig in handschriftlicher Form erhalten ist – ein außergewöhnlicher Fall, sind sonst doch meist nur mehr oder minder umfangreiche Teile ganzer Vorlesungen in veränderter Ordnung und häufig bearbeitet in den Nachlass eingegangen.
Einige Aufsätze und Vorträge, die je nach ihrer Bedeutung zur Publikation im Rahmen der Nachlassbände der KJG vorgesehen sind, werden an einigen Stellen das Bild des Philosophen Jaspers auf seinem Weg von der Psychiatrie über die Psychologie in die Philosophie bereichern und den besonderen biographischen und philosophischen Hintergrund seiner politischen Überlegungen konkreter zum Vorschein bringen. Dies gilt nicht zuletzt im Hinblick auf das stille Jahrzehnt der 20er Jahre, die Zeit, in der Jaspers langsam sein erstes großes, nunmehr explizit philosophisch gemeintes Werk vorantrieb, die dreibändige Philosophie (Teil I., II. und III.), die im Dezember 1931 schließlich erschien. Für Jaspers sind es die Jahre der Auseinandersetzung mit Heideggers Impuls der Geschichtlichkeit des Daseins, ein Impuls, der in der für ihn bis zuletzt drängend gebliebenen Frage nach dem Verhältnis von geschichtlicher Einsenkung der Vernunft in die eigene Existenz und dem dennoch zu suchenden Raum einer gemeinsamen, universalen Vernunft Gestalt gefunden hat. In diese Jahre fällt u.a. ein Vortrag über „Die Erneuerung des philosophischen Idealismus in Deutschland“ (1927), der Vortrag „Transzendieren“ (1926), der einen Teil eines längeren einführenden Abschnitts zur Grundlegung der Philosophie im Rahmen der Vorlesung zur Religionsphilosophie 1925/26 zusammenfasst und später in die Einleitung zur Philosophie bzw. thematisch auch in deren dritten Band Metaphysik in den Abschnitt über formales Transzendieren eingehen wird. Von der Psychologie der Weltanschauungen an bis zum unvollendet gebliebenen Buch über das unabhängige Denken ist ihm die Frage in Gestalt einer unabschließbaren Dialektik offen geblieben und wohl auch nicht durch die Philosophie des Umgreifenden, die Periechontologie, abschließend beantwortet worden. Noch immer bleibt die Frage, wie sich die geschichtliche Gebundenheit des Einzelnen in seiner Existenz und im Denken zum universalen Anspruch eines nach Unabhängigkeit strebenden Philosophierens und Urteilens verhält.
Die Mappen und Mäppchen spiegeln unmittelbar die Arbeits- und Denkweise Jaspers’ wieder: Zu Beginn der Entstehung eines Werks legte Jaspers in der Regel umfangreiche Sammlungen angelegentlich festgehaltener Notizen und Exzerpte an. Er verfasste bereits ungefähr ab der Zeit des Ersten Weltkriegs Kataloge von Begriffen mit Fundstellen aus den Werken etwa Nietzsches und Kierkegaards. Nach 1945 entstand für das geplante Deutschland-Buch unter anderem eine Sammlung von etwa zweihundert DIN A4 Blättern mit Notizen und Aufzeichnungen, die in der Regel ein bis drei Seiten umfassen. Aus solchen ersten Notizen und Exzerpten, die mit Hilfe einer schließlich verfeinerten Disposition komponiert wurden, entstanden Manuskripte, öfters aus verschiedenen Blättern ausgeschnitten und neu zusammengeklebt, die abgetippt und weiter bearbeitet wurden. In Seminaren empfahl er dieses Verfahren auch seinen Studenten. Der Abschluss eines Werks wie der Abschluss einer Vorlesung hatte für Jaspers immer auch etwas Willkürliches, die Systematik wurde nie zum endgültigen System sondern blieb ein bewegliches Gebilde, das lediglich für eine Publikation eine Endgestalt erreichte. Der gesamte Nachlass liefert das Bild einer nur zufällig erstarrten Anordnung der zahlreichen Mappen und Mäppchen, die aus alten Kontexten herausgelöst in neue Projekte eingestellt und bearbeitet wurden, gleichsam zerschlagene oder zerfallene Teile, die sich doch immer wieder in neue Gestalten wandelten, ein nicht auf einen bestimmten Abschluss hin angelegter Prozess.
Die gewissermaßen kasuistische Einbindung des Lebens und seiner Zeugnisse in das Denken belegen nicht zuletzt die Briefe, die Jaspers in seinen Manuskript- und Materialmappen mit Bezug auf einzelne Werke ablegte, so etwa Abschriften der Abschiedsbriefe Betty Bauers und Erwin Dugends im Kontext des Hannah-Buchs Vom unabhängigen Denken und für seine Abschiedsvorlesung über die Chiffern der Transzendenz im Jahr 1961. Der Wille zur Dokumentation des eigenen Lebens sowie der sich in ihm spiegelnden Zeitumstände ist deutlich spürbar und kann als Ausdruck eines von außen auch unterkühlt wirkenden Beobachterstandpunkts beargwöhnt werden, auch wenn Jaspers ausdrücklich die Kommunikation als eine offene Form der Selbstwerdung des Menschen, vermittelt durch das Geschenk der geistigen Nähe suchte. Die freundlichere Lesart dagegen sieht darin eine Lebensform des permanenten Selbstausdrucks und der Selbstreflexion im Sinne einer immer weiter fortschreitenden Lebens- und Denkbewegung, für die wenige signifikante Andere konstitutiv werden.
Der Wille zur Dokumentation steht in einem spannungsreichen Kontrast zur durchaus auch einmal schriftlich festgehaltenen Beteuerung, der Nachlass sei neben den zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften nicht weiter von Interesse, ja es solle nichts aus dem Nachlass publiziert werden. Gegen einen solchen restriktiven Umgang mit dem Nachlass spricht, außer dem grundsätzlich zu befürwortenden Interesse der Nachgeborenen am Verständnis der Geschichte bis hinein in ihre eher verborgen gehaltenen Momente, nicht zuletzt auch Jaspersʼ eigenes philosophisches und psychologisches Interesse an Dokumenten, die einen besonderen Wert besitzen im Hinblick auf die Durchleuchtung und Erhellung existentiellen Denkens. Ob dabei das, was ans Licht gebracht wird einem gewissen Anspruch zu genügen vermag, muss nicht zuletzt der Versuch einer umsichtigen Interpretation und Einbindung zeigen.
Neben der posthum veröffentlichten Kritik Heideggers an Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen finden sich weitere bedeutende Manuskripte Anderer im Nachlass Jaspers’, von denen hier beispielhaft folgende genannt werden sollen.
Unmittelbar vor ihrer Flucht aus Deutschland 1933 überließ Hannah Arendt Jaspers die bis dahin verfassten Typoskriptseiten ihrer Arbeit über Rahel Varnhagen, die schließlich erst 1957 in englischer Sprache und 1959 auf Deutsch zur Publikation gelangten. Jaspers legte diese frühere Stufe des Textes im Rahmen der Materialsammlung für das Hannah-Buch ab.
Aus den sechziger Jahren stammt ein interessantes Dokument, ebenfalls von Hannah Arendt, die Jaspers nun auch das abschließende 6. Kapitel ihres zuerst auf Englisch verfassten Buchs On Revolution (1963) in der von ihr selbst besorgten deutschen Übersetzung als reichlich annotiertes Typoskript zuschickte.
Die Mitarbeit des Schwagers und Freundes Ernst Mayer insbesondere beim Entstehen der dreibändigen Philosophie in den zwanziger Jahren aber auch darüber hinaus mit Unterbrechung während der Zeit des Nationalsozialismus im holländischen Exil bis zum Tod Mayers 1953 lässt sich im Nachlass über zahlreiche Briefe und Manuskripte nachverfolgen. Blätter, von dem einen verfasst, wurden von dem anderen annotiert und dann wieder gegengelesen. Die Zusammenarbeit, die von Jaspers in seiner Philosophischen Autobiographie in besonderer Weise gewürdigt wurde und, nach einigen Jahren der nicht ganz so deutlich sichtbaren Vorbereitung, in den letzten drei Jahren vor dem Erscheinen der Philosophie zu einem permanenten Austausch von Manuskriptsendungen zwischen Heidelberg und Berlin führte, regte den Freund auch zur Abfassung eigener Abhandlungen zu einzelnen zentralen Fragen der Philosophie an. Insbesondere aus dem Themenkreis des zweiten Bands, der Existenzerhellung, lieferte er Jaspers nicht selten Formulierungen und Gedankengänge, die dieser sich in Teilen durchaus anzueignen vermochte. Die Enge der Zusammenarbeit, wie sie aus dem Nachlass ersichtlich wird, lässt die Philosophie gewissermaßen als ein Werk mit zwei, wenn nicht gar drei Urhebern erscheinen. Gertrud Jaspers, von Karl Jaspers öfters als unverzichtbare Partnerin bei der Entstehung seiner Werke hervorgehoben, hat ebenfalls Spuren im Manuskriptnachlass hinterlassen: Zahlreiche Blätter mit Anmerkungen, Rückfragen, Kritik und nicht zuletzt auch eigenen Formulierungen. Ernst Mayer wiederum hielt seine Dankbarkeit für das gemeinsame Philosophieren auch in brieflicher Form fest. Dass Jaspers umgekehrt auch die philosophischen Arbeiten des Freundes begleitete, ist im Nachlass Jaspersʼ etwa durch einige gestrichene Kapitel aus Mayers Werk Die Kritik des Nihilismus, das erst posthum 1958 erscheinen konnte, sowie an der sogenannten Rest-Kritik Mayers an Jaspersʼ Monographie über Nietzsche (1936) belegt.
Von Melitta Urbancic, geborene Grünbaum, einer Schülerin Karl Jaspersʼ, die 1927 bei ihm ihre Prüfung ablegte und nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zusammen mit ihrem Mann, dem Komponisten und Musikwissenschaftler Victor Urbancic, ins Exil nach Island ging, findet sich eine Version ihres Erinnerungsbuchs Begegnungen mit Gundolf im Nachlass Jaspersʼ. Der Text wurde aus einem anderen Nachlass stammend 2012 in der Marbacher Reihe Aus dem Archiv (ADA) publiziert.
Der Manuskriptnachlass wird so erschlossen und anschließend katalogisiert, dass die inhaltlichen Verbindungen, wie sie sich in der verschachtelten Ablagestruktur der Konvolute durch Jaspers selbst widerspiegeln, möglichst bewahrt bleiben, auch wenn dabei verschiedene Gattungen von Texten und Dokumenten (Manuskripte, Briefe in Kopien, Dokumente, Manuskripte Anderer, diverse Materialien) ungeschieden bleiben. Es erfolgt daher keine Neusortierung des Nachlasses nach formalen Kriterien. Die inhaltliche Beschreibung lehnt sich dabei an das bereits von Hans Saner gewählte Verfahren einer Inhaltsangabe der zahlreichen Mappen an. Auf diese Weise soll durch die Katalogisierung der oftmals über viele Jahre hinweg gewachsene Bestand in seiner Diversität für die zukünftige Forschung in direkter Weise sichtbar bleiben.