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Die Studie zeigt die Beschäftigungsentwicklung im Sozialbereich in den vergangenen Jahren auf, analysiert Erklärungsansätze, erstellt eine Projektion der künftigen Entwicklung und diskutiert mögliche Ansätze zur Effizienzsteigerung.
Die Nachfrage nach Fachkräften ist in den letzten Jahren in verschiedenen Branchen stark gestiegen. Dies gilt insbesondere auch für den Sozialbereich. Dabei besteht die Gefahr, dass das Angebot an entsprechend qualifizierten Fachkräften mit der gestiegenen Nachfrage nicht mithalten kann. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen Massnahmen auf den bereits bestehenden oder drohenden Fachkräftemangel reagiert werden kann. Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) hat im Jahr 2011 die Fachkräfteinitiative lanciert. Vor diesem Hintergrund wurde das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) u. a. beauftragt, in Zusammenarbeit mit den Kantonen einen Bericht zur Beschäftigung und zur Produktivität im Sozialbereich zu verfassen. Mit der vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in Auftrag gegebenen und hier zusammengefassten Studie liegen die entsprechenden Ergebnisse vor.
Breite Definition des Sozialbereichs für die vorliegende Studie
Die Abgrenzung des Sozialbereichs für diese Studie erfolgt nach Branchen anhand der Branchennomenklatur NOGA 2008 des BFS. Diese beinhaltet neben dem stationären und ambulanten Sozialwesen (NOGA 87 und 88) auch Teile der öffentlichen Verwaltung und die Sozialversicherungen (NOGA 84). Weiter ordnet die Studie – der nationalen und internationalen Statistik folgend – die Pflege- und Altersheime (NOGA 871000 und 873001) dem Sozialbereich zu. Damit geht die statistische Abgrenzung weit über den Sozialbereich im engeren Sinne hinaus und deckt auch Teile des Gesundheitswesens ab. Für gewisse Auswertungen erfolgt eine zusätzliche Abgrenzung nach Berufsfeldern anhand der Schweizerischen Berufsnomenklatur SBN 2000 des BFS.
Überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum Zwischen den Jahren 1995 und 2013 fand im Sozialbereich ein Beschäftigungswachstum von 121 000 auf 209 000 Vollzeitäquivalente (VZÄ) statt. Dies entspricht einer Zunahme von 88 000 VZÄ bzw. 73 Prozent. Über den gleichen Zeitraum ist die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung (gemessen in VZÄ) um rund 16 Prozent angestiegen. Dabei gilt es zu beachten, dass bei dieser Betrachtung keine berufsbezogene Abgrenzung stattfindet. Neben Personen mit einer dem Sozialbereich zugeordneten Fachausbildung wie z. B. Sozialarbeiter/Sozialarbeiterin werden in dieser Betrachtung z. B. auch kaufmännische Angestellte oder Köche und Köchinnen, die im Sozialbereich arbeiten, berücksichtigt.
Die höchsten Wachstumsraten waren bei der Tagesbetreuung von Kindern festzustellen. Im Hinblick auf die absoluten Zahlen an VZÄ war das Wachstum in den Bereichen Alters- und Pflegeheime sowie den Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Suchtkranke und psychosoziale Fälle am grössten (vgl. Grafik G1).
Sozial- und Gesundheitsberufe dominieren Der Sozialbereich wird von zwei Berufsfeldern geprägt. Im Jahr 2014 übten rund 26 Prozent der Erwerbstätigen im Sozialbereich einen Sozialberuf und rund 24 Prozent der Erwerbstätigen einen Gesundheitsberuf aus. Die restlichen 50 Prozent der Erwerbstätigen verteilen sich auf Berufe aus dem Gastgewerbe, der Hauswirtschaft, auf kaufmännisch-administrative Berufe, Unterrichtsberufe, Berufe aus dem Berufsfeld der Reinigung und Körperpflege, dem sozial-, geistes- und naturwissenschaftlichen Bereich und dem Managementbereich.
Zwischen 1995 und 2003 stieg die Beschäftigung um 75 Prozent.
Unterdurchschnittliche Zuwanderungsquote Die Zuwanderungsquote von Erwerbstätigen aus dem Ausland (definiert als der Anteil der in den letzten zehn Jahren aus dem Ausland zugewanderten Erwerbstätigen im Sozialbereich) hat wie in den anderen Branchen im Betrachtungszeitraum (2003–2014) zugenommen, liegt im Niveau allerdings tiefer als im Durchschnitt über alle Branchen. Während die Zuwanderungsquote im Sozialbereich von 5,5 Prozent im Jahr 2003 auf 7,6 Prozent im Jahr 2014 zugenommen hat, ist die Zuwanderungsquote in den anderen Branchen von 6,8 Prozent im Jahr 2003 auf 12,6 Prozent im Jahr 2014 angestiegen.
Welche Faktoren treiben die Beschäftigungsentwicklung? Die Beschäftigungsentwicklung ist grundsätzlich durch folgende Determinanten getrieben:
- demografische Entwicklung
- gesellschaftliche Veränderungen (wie z. B. der höhere Prozentsatz von berufstätigen Müttern und der zunehmende Bedarf an familienergänzender Kinderbetreuung)
- politische Initiativen (wie z. B. die Anschubfinanzierung für Angebote im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung).
Auf Grundlage dieser Determinanten identifiziert die Studie Erklärungsfaktoren, die quantifiziert werden können und korreliert diese mit der Beschäftigungsentwicklung. Diese Analyse hat nur deskriptiven Charakter, lässt also keine kausale Interpretation zu. Die Daten liefern Hinweise, dass das Beschäftigungswachstum im Sozialbereich stark mit der Grösse der Gesamtbevölkerung, dem Anteil der älteren Bevölkerung (>64-jährig bzw. >80-jährig), der Erwerbsquote der Mütter und der Wirtschaftsleistung (zunehmender Wohlstand schafft die Voraussetzungen, um mehr und bessere soziale Dienstleistungen bereitzustellen) in Zusammenhang steht.
Demografische Entwicklung, gesellschaftliche Veränderungen und politische Initiativen treiben die Beschäftigungsentwicklung.
Eine höhere Wirtschaftsleistung bzw. ein höheres Einkommen schaffen die Voraussetzung, dass die öffentliche Hand mehr und bessere soziale Dienstleistungsangebote bereitstellen kann und dass privatwirtschaftlich angebotene Dienstleistungen von den Konsumenten auch stärker nachgefragt werden.
Weiterer Beschäftigungsanstieg erwartet Projektionen auf der Grundlage der identifizierten Erklärungsfaktoren zeigen, dass die Beschäftigung im Sozialbereich bis zum Jahr 2030 gemäss mittlerem Szenario von 209 000 VZÄ im Jahr 2013 auf 317 000 VZÄ im Jahr 2030 um rund 52 Prozent zunehmen wird. Der Anteil des Sozialbereichs an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung dürfte gemäss den Beschäftigungsprojektionen gemäss mittlerem Szenario von 5,4 Prozent im Jahr 2013 auf 7,4 Prozent im Jahr 2030 zunehmen. Gemäss Projektionen wird das Beschäftigungswachstum in absoluten Zahlen bei Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Suchtkranken und psychosozialen Fällen sowie in den Alters- und Pflegeheimen besonders gross ausfallen. Die Wachstumsrate (also das prozentuale Wachstum) wird bei der Tagesbetreuung von Kindern am grössten sein.
Angespannte Fachkräftesituation Die Fachkräftesituation wird vor dem Hintergrund der vergangenen und künftig zu erwartenden dynamischen Beschäftigungsentwicklung beurteilt. Die Analyse liefert Hinweise auf eine zunehmend angespannte Fachkräftesituation im Sozialbereich. Dies betrifft mit den Sozial- und Gesundheitsberufen insbesondere die zwei grössten Berufsfelder im Sozialbereich.
Verschiedene Masse der Produktivität In der makroökonomischen Statistik ist die Arbeitsproduktivität als Wertschöpfung pro Arbeitseinheit (z. B. Vollzeitäquivalent VZÄ) definiert. Diese Definition liefert für den Sozialbereich jedoch aus verschiedenen Gründen keine aussagekräftigen Ergebnisse. Daher hat die Studie ein alternatives Produktivitätsmass entwickelt, das für einen Teil des Sozialbereichs verwendet werden kann: Heimtage pro VZÄ. Werden die Veränderungen der Morbidität der Heimbewohner (gemessen an deren Alter) und der Qualifikationsstruktur der Mitarbeitenden berücksichtigt, zeigt eine Analyse der Alters- und Pflegeheime, dass die entsprechende Produktivität in den vergangenen Jahren stabil geblieben ist.
Abschwächung des künftigen Fachkräftebedarfs durch Produktivitätssteigerungen? Schliesslich identifiziert die Studie auf Basis einer Literaturanalyse, von Expertengesprächen und Workshops mögliche Massnahmen zur Effizienz- bzw. Produktivitätssteigerung im Sozialbereich. Ein im Rahmen des Projektes entwickelter Denkrahmen unterscheidet die Handlungsansätze Qualitätsabbau, Optimierung und Innovation. Diese Handlungsansätze können auf der Ebene der sozialstaatlichen Rahmenbedingungen (Makroebene), auf der Ebene der Institutionen des Sozialbereichs (Mesoebene) und auf der Ebene der Erbringung sozialer Hilfen (Mikroebene) greifen. Werden die Handlungsansätze und Handlungsebenen kombiniert, eröffnet dieser Denkrahmen neun Handlungsfelder (vgl. Grafik G2).
Vertreter von Kantonen und Institutionen des Sozialbereichs sehen die grössten Chancen im Bereich der Optimierung (insbesondere Handlungsfelder D und E, Grafik G2). Hier wurden zahlreiche mögliche Massnahmen genannt. Auf der Makroebene wären das z. B. verbesserte Planung, mehr Koordination oder Informationsaustausch zu Good Practice, auf der Mesoebene die Konzentration auf das Kerngeschäft, Realisation von Skalenerträgen durch grössere Einrichtungen oder Optimierung des Skill- und Grademixes in der Belegschaft. Weit weniger denken die im Rahmen des Projektes befragten Stakeholder an eigentliche Innovationen; genannt wurden aber u. a. Umsetzung personenzentrierter und sozialraumorientierter Ansätze sowie der Einsatz technischer Innovationen in den Bereichen Information, Kommunikation, Monitoring und Robotik.
Handlungsmöglichkeiten auf der Ebene von Bund und Kantonen und deren Bewertung Wie kann der Staat entweder direkt oder durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass Produktivitätsverbesserungen im Sozialbereich erreicht werden? Möglichkeiten sind u. a.: bessere Koordination und Abstimmung zwischen Sozialleistungs- und Versorgungssystemen, Optimierung von Regulierung (wobei manche Branchenvertreter einen Abbau von Regulierungen fordern, andere hingegen neue und/oder verbesserte Regulierungen für notwendig halten), Änderungen bei der Finanzierung von Sozialleistungen und sozialen Institutionen, Einführung von mehr wettbewerblichen Elementen, Finanzierung von Aus- und Weiterbildung sowie Förderung von Innovation, u. a. durch Investitionen in Forschung, Wirkungsmessung und Identifikation von Good-Practice-Beispielen im In- und Ausland. Bezüglich der Priorisierung der zu implementierenden Massnahmen bietet die Studie insofern Unterstützung, als sie aufzeigt, welche Bereiche des Sozialwesens heute die meisten Ressourcen binden und wo besonders grosse Wachstumsraten zu erwarten sind. Gleichzeitig weist der Bericht auf die komplexen Wirkungszusammenhänge von möglichen staatlichen Massnahmen zur Effizienzerhöhung hin, stellt mögliche Zielkonflikte dar (z. B. zwischen einer Reduktion des Aufwands im Bereich der externen Kinderbetreuung und der aus verschiedenen Gründen erwünschten Erhöhung der Erwerbsquote der Mütter) und warnt daher vor einer unreflektierten Implementierung von auf den ersten Blick erfolgversprechenden Massnahmen.
Mögliche Ansätze zur Produktivitätssteigerung unterstehen komplexen Wirkungszusammenhängen und diversen Zielkonflikten.
Fazit Der Sozialbereich wird, sofern sich die in der Vergangenheit beobachteten Trends fortsetzen, auch in Zukunft deutlich mehr personelle Ressourcen benötigen. Dies stellt die Gesellschaft im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Fachpersonen vor grosse Herausforderungen. Die vorliegende Studie zeigt auf, dass zahlreiche Ideen zur Optimierung und Innovation im Sozialbereich vorhanden sind. Die Erwartungen an die möglichen Wirkungen produktivitätssteigernder Massnahmen im Sozialbereich müssen jedoch realistisch bleiben. Die untersuchten Determinanten des Beschäftigungswachstums im Sozialbereich werden durch die im Bericht skizzierten Massnahmen nicht verändert: Bevölkerungswachstum und Altersstruktur sind durch langfristige Entwicklungen determiniert; Wirtschaftswachstum und eine steigende Erwerbsquote der Mütter sind gesellschaftlich erwünscht, Letztere ist integraler Bestandteil der Strategie gegen den Fachkräftemangel.
- Literatur
- Kägi, Wolfram; Kaiser, Boris; Lobsiger, Michael; Knecht, Donat (2016): Beschäftigung und Produktivität im Sozialbereich; [Bern: BSV]. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 16/16.