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Im Bankensektor sind sichere Arbeitsplätze und leichtes Geld Geschichte. Anupam Agarwal hatte bei der UBS zum Kader gehört, ehe er im letzten Herbst entlassen wurde. Er richtet einen Warnruf an Junge, die mit einer Bankkarriere liebäugeln.
Die Bankenlaufbahn von Anupam Agarwal begann 1984 in London. Danach führte ihn die Tätigkeit bei der UBS nach Frankfurt und später Hongkong. Auf der Karriereleiter stieg Agarwal bei der Schweizer Grossbank bis zum Direktor in der Vermögensverwaltung auf.
Seit 2007 arbeitete der 49-Jährige am Hauptsitz in Zürich. Bei der UBS, die in der Finanzkrise ohne ein Rettungspaket von Bund und Nationalbank in der Höhe von über 50 Milliarden Franken kollabiert wäre, überstand der Bürger Grossbritanniens mit indischen Wurzeln mehrere Entlassungswellen.
In der letzten Abbau-Runde traf es jetzt allerdings auch Anupam Agarwal: Im Herbst letzten Jahres wurde er freigestellt, seine 28-jährige Bankkarriere war in 20 Minuten beendet.
swissinfo.ch: Was ist in Ihnen in diesem Moment vorgegangen?
Anupam Agarwal: Im Nachhinein kann ich die Gründe für die Freistellung verstehen. Aber die Art und Weise, wie sie kommuniziert wurde, war ein riesiger Schock für mich, denn ich erhielt die Mitteilung an einer Sitzung, die unter einem Vorwand einberufen worden war. Das kann viel, viel besser getan werden.
Es war das klassische 20-Minuten-Szenario: Es wird einem gesagt, dass man freigestellt ist, danach muss man sein Pult räumen und wird anschliessend zum Ausgang geleitet.
swissinfo.ch: Was haben Sie seither gemacht?
A.A.: Ich suche eine neue Stelle. Aber das Problem für mich sind die Sprachen, denn ich habe am Arbeitsplatz immer Englisch gesprochen. Ich kann zwar etwas Deutsch und Französisch, aber es reicht kaum aus, um in einer Firma aus der deutsch- oder französischsprachigen Schweiz einen Job zu erhalten. Deshalb nehme ich Sprachkurse und hoffe, dass es mit einem Zertifikat einfacher sein wird, eine neue Arbeit zu finden.
swissinfo.ch: Haben Sie je über einen Karrierewechsel nachgedacht?
A.A.: Auf jeden Fall. Die Idee, die Bankenwelt zu verlassen, hat sich bei mir verstärkt. Ich möchte mein Wissen und meine Fähigkeiten Unternehmen aus anderen Branchen zur Verfügung stellen, damit sie ihre Finanzen besser verwalten können.
swissinfo.ch: Wie sehen Sie den Bankensektor heute, insbesondere die Schweizer Banken?
A.A.: Auf globaler Ebene gibt es enorm viele neue Regulierungen, die bereits in Kraft oder angekündigt sind. Namentlich das Modell der Selbstregulierung, das die USA stark befürworteten, funktionierte nicht so gut, nach dem Motto: Lässt man die Zügel schleifen, nimmt sich jeder so viel, wie er nur kriegen kann.
Die neuen Regulierungen, wir sprechen von der Erhöhung der Eigenkapitalquote, der Verbesserung der Qualität der Eigenkapitalbasis und der Reduktion der Verschuldungsgrenze, wird Folgen haben: Die Banken werden kleiner und spezialisieren sich möglicherweise eher, vor allem aber müssen sie ihr Eigenkapital erhöhen. Sie arbeiten bereits daran, denn es gibt Fristen, bis wann die neuen Bestimmungen umgesetzt sein müssen.
Konkret müssen die Banken einen grösseren Teil ihrer Gewinne zurückbehalten, statt sie in Form von Dividenden oder Boni auszuzahlen. Ein grosser Brocken der Einkünfte fliesst in die Kompensationen der Mitarbeiter. Auch hier gibt es einen Wechsel: Die Tage, an welchenein Angestellter mit einem Bonus rechnen durfte, wenn er nur zur Arbeit erschien, sind vorbei. Ursprünglich war ja der Bonus gedacht als Belohnung für eine aussergewöhnliche Leistung.
Ich gehe davon aus, dass die Banken in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einem ganz harten Pflaster werden, was die Arbeitsplätze anbelangt.
Die Grundgehälter werden sicher weiterhin hoch sein. Darüber hinaus gehende Kompensationen aber werden viel schwerer zu erhalten sein, und sie werden viel kleiner ausfallen.
swissinfo.ch: Was würden Sie jungen Menschen raten, die im Bankensektor arbeiten wollen?
A.A.: Ich weiss von Absolventen der Graduate Training Programme der UBS, die nach ihrer zweijährigen Ausbildung kein Stellenangebot erhalten hatten.
Auch wer in ein solches Programm aufgenommen wird, muss sich bewusst sein, dass es bei der UBS keine Garantie weder für einen Job noch auf eine Karriere gibt. Vielleicht trafen sie es zeitlich schlecht, als die Banken schon die Phasen des Abbaus eingeleitet hatten. In solchen Zeiten können sie sich keine Angestellten mehr leisten, die keine oder nur geringe Erfahrung aufweisen, sich also in der Branche noch nicht bewährt haben.
Hunderttausende Stellen vernichtet
Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg verschwanden im globalen Finanzsektor allein im letzten Jahr 200'000 Stellen.
Die Bankbranche ist aber nicht der einzige Sektor, der seit Ausbrechen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 Stellen in riesigem Ausmass abbaute.
Im August 2011 hatte HSBC die Streichung von 30'000 Arbeitsplätzen verkündet. Lloyds trennt sich gegenwärtig von 15’000 Mitarbeitern, Barclays entlässt 3000 und die Royal Bank of Scotland 3500 Angestellte. Auch die niederländische ABM Ambro stellte 2350 Mitarbeiter auf die Strasse.
In den USA startete die Bank of America vergangenen September ein Kostensenkungs-Programm, in dessen Rahmen 30'000 Angestellte entlassen wurden. Jüngst folgte die Ankündigung von 2000 weiteren Entlassungen.
Citigroup teilte im Dezember 2011 die Streichung von 4500 Stellen mit, während Goldman Sachs 1000 und Morgan Stanley 1600 Mitarbeitern den blauen Brief schickt.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch