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Eine halbe Stunde vor Beginn der Pressekonferenz erhielt der ehemalige Lehrer Jürg Jegge einen Telefonanruf. Am Apparat war Hugo Stamm. Der langjährige Journalist hatte gemeinsam mit Jegges ehemaligem Schüler Markus Zangger das Enthüllungsbuch «Jürg Jegges dunkle Seite» geschrieben, das er nun der Öffentlichkeit vorstellen wollte.
Stamm wollte mit dem Anruf verhindern, «dass Jegge unvorbereitet mit Fragen von Journalisten konfrontiert worden wäre». Im Buch selbst kommt Jegge nur indirekt zur Sprache. Die beiden Autoren zitieren aus einem Brief.
Erst ein paar Tage später sollte Jürg Jegge die ihm vorgeworfenen sexuellen Übergriffe öffentlich bestätigen. In mehreren Zeitungsinterviews konnte der bekannte Reformpädagoge seine Sicht der Dinge darlegen. Jegge bestreitet die Übergriffe nicht, versucht aber, sie zu relativieren. In einem Gespräch mit der «Neuen Zürcher Zeitung» sagte er Sätze wie: «Ich war damals der Überzeugung, dass eine derartige Sexualität einen Beitrag leiste zur Selbstbefreiung und zur persönlichen Weiterentwicklung der Schüler.»
Moralisch stellt sich die Schuldfrage also nicht mehr: Es gibt mehrere Zeugen, und der Beschuldigte streitet die Übergriffe nicht ab. Medienethisch wird der Fall Jegge aber noch nachhallen, denn das Vorgehen des Co-Autors Hugo Stamm hat innerhalb der Journalistenzunft für fast so viel Aufsehen gesorgt wie das Buch selbst.
Zangger und Stamm haben Jegge nämlich bewusst nicht früher mit ihren Vorwürfen konfrontiert. Sie wollten verhindern, dass Jegges Anwalt die Publikation des Buchs per superprovisorischer Verfügung stoppt. Diese Taktik ist von den Schweizer Medienschaffenden sehr kritisch aufgenommen worden – was sie allerdings nicht daran hinderte, über das Buch zu schreiben, bevor sich Jegge selbst dazu äusserte.
Stamm selbst beklagt sich nun, seine Berufskollegen hätten seine Motive nicht genügend gewürdigt. Stattdessen hätten sie nach Schwachstellen gesucht und kritisiert, dass die beiden Autoren keine Stellungnahme von Jegge eingeholt hätten.
Doch die Skepsis der Journalisten ist mehr als begründet. Hätten Zangger und Stamm kein Buch, sondern einen Artikel geschrieben, hätten sie Jürg Jegge nämlich zwingend mit den Vorwürfen konfrontieren müssen. Personen anzuhören, gegen die schwerwiegende Beschuldigungen erhoben werden, gehört zu den journalistischen Grundpflichten. Jürg Jegges Verhalten hat die beiden Autoren nun nachträglich ins Recht gesetzt.
Doch es bleibt ein Nachgeschmack. Was, wenn es nächstes Mal einen Unschuldigen trifft?