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Aus aktuellem Anlass (das Schweizer Fernsehen strahlte dieses Wochenende die Sendung "
Written by Mrs Bach
" aus) habe ich den Beitrag von yo vom 14. Mai 2009 aus dem alten Forum rüberkopiert. Webmaster.
Liebe Bachfreunde!
Das von mir geschätzte Internet-Musikforum Klassik.com brachte folgende Nachricht:
„Wissenschaftler vermutet Urheberschaft der sechs Cello-Suiten bei Anna Magdalena Bach
Melbourne, 10.10.2008. Auf einem internationalen Symposium für forensische Wissenschaften in Melbourne hat der Anthropologe Martin Jarvis Befunde präsentiert, die seiner Ansicht nach belegen, dass einige Werke Johann Sebastian Bachs (1685-1750) in Wahrheit von seiner zweiten Frau Anna Magdalena stammen. Dies hätten eingehende Vergleiche zwischen verschiedenen Handschriften J.S. Bachs und Anna Magdalenas gezeigt.
Gegenüber dem Magazin Cosmos äußerte Jarvis, dass es Beweise gebe, die darauf hinweisen, dass Anna Magdalena bereits vor der Heirat mit Bach seine Kompositionsschülerin, und später sogar seine Assistentin gewesen sei. Die Sechs Suiten für Violoncello Solo, die es nur in einer Abschrift Anna Magdalenas gibt, seien vermutlich durch sie komponiert worden. Darauf deute unter anderem die Tatsache hin, dass der erste Besitzer von Anna Magdalenas Kopie auf französisch darauf vermerkt habe, die Kompositionen stammen von Bachs Frau. Ähnliches könne bei den Sonaten und Partiten für Violine Solo angenommen werden.
Jarvis zufolge sei dieser Befund solange im Verborgenen geblieben, weil Frauen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Komponieren noch verboten war. Allerdings sei es bei einigen Briefen, die Jarvis zum handschriftlichen Vergleich heranzog, nicht hundertprozentig gesichert, ob sie tatsächlich von Anna Magdalena stammen.“
Ich konnte nicht umhin, darauf zu antworten. Sicher ist, daß eine Anzahl von Werken, die ins Bach Werke Verzeichnis BWV aufgenommen wurden, nicht von Johann Sebastian Bach komponiert wurden. Ich habe darüber schon einige Male hier im Forum geschrieben. Aber bei den Cellosuiten zu vermuten oder sozusagen sogar „wissenschaftlicht nachzuweisen“, daß sie nicht Bachs Genius entsprungen sind sondern von Anna Magdalena Bach komponiert wurden, ist geradezu absurd. Vielleicht aus diesem Grund ist meine Reaktion etwas zu heftig ausgefallen – aber sei’s drum. Hier meine Antwort:
„Wirklich tolle Information! Es ist doch schon lange bekannt, daß Bach wahrscheinlich unter Diabetes litt und deshalb zunehmend sein Sehvermögen verlor; er starb schließlich an den Folgen seiner Augenoperation. Schon lange vorher ließ er viele seiner Werke von seiner Frau Anna Magdalena, seinen Söhnen, seinem Schüler und späteren Schwiegersohn Altnikol zu Papier bringen. Sie glauben doch nicht im Ernst, daß jemand anderes als Bach höchstpersönlich in der Lage gewesen sein könnte, die höchst komplizierten und höchst künstlerischen Cello-Suiten zu komponieren. Nichts gegen Anna Magdalena, aber sie wäre vielleicht – architektonisch ausgedrückt – in Lage gewesen, ein Haus zu bauen aber mit Sicherheit keine Kathedrale!“
100% einverstanden! Ich habe den Artikel auch gelesen und war bereits in Versuchung, eine ähnliche Antwort zu schreiben. Es ist unglaublich wie dilettantisch manchmal sogar Wissenschafter argumentieren. Nur aufgrund der Notenhandschrift Rückschlüsse auf den Komponisten zu ziehen ist nicht nur fahrlässig sondern geradezu dumm.
Ähnliche Gedanken hatte ich auch schon, als ich von der wissenschaftlichen Beweisführung las, wie man sich bei der zeitlichen Bestimmung von Bachschen Kompositionen auf das verwendete Notenpapier gestützt habe. Es wäre doch sehr gut denkbar, dass Bach (zum Beispiel wegen des Umzugs von Köthen nach Leipzig) einen älteren Papiervorrat gerade nicht zur Hand hatte und zunächst einmal neueres Papier verwendete. Bis eines Tages der ältere Papiervorrat wieder zum Vorschein kam und er dieses aufbrauchte, bevor er neues kaufte.
Diese "Sensation" ist jetzt also fünfeinhalb Jahre alt (Mai 2009)und taucht nun wieder in der Presse auf. Dadurch, daß sie nach so langer Funkstille wiedergekäut wird, wird sie auch nicht richtiger. Inzwischen haben sich einige Fachleute dazu geäußert und die vorgebrachten schwachen Argumente (es ist unzweifelhaft Anna-Magdalenas Handschrift) entkräftet. Was mich wundert ist, daß die großen Interpreten wie z.B. ein Micha Maisky oder ein Jo-Jo Ma sich nicht trauen, ein Statement zu dieser Thematik zu veröffentlichen. Naja, vielleicht ist ihnen diese "Sensationsnachricht" zu profan und sie sind zu erhaben und überlassen eine Diskussion zum Thema den Musikwissenschaftlern. Wie auch immer - für mich ist die Sache entschieden.
Ich habe mich gefragt, weshalb dieses Thema "aufgewärmt" und so dargestellt wird, als ob es ganz neu sei. Dass es in die Themenwoche «Barock – mon amour» des Schweizer Fernsehens gepasst hat, kann ich ja noch nachvollziehen und akzeptieren. Der Rest ist aber merkwürdig.