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Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter nehmen zu. Forscher aus ganz Europa berichten in ihren Studien, dass bereits ein Drittel bis die Hälfte der Siebenjährigen öfters unter Kopfschmerzen leidet, bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren sind es bis zu 70 oder 80 Prozent. Selten sind es Erkrankungen, die dem (dann sekundär genannten) Kopfschmerz zugrunde liegen. In den allermeisten Fällen leiden die jungen Menschen unter dem sogenannten primären Kopfschmerz, d.h. unter Spannungskopfschmerzen oder Migräne.
Eine eindeutige Unterscheidung dieser beiden Kopfschmerzarten ist bei Kindern und Jugendlichen oft schwierig. Bei Kindern unter zwölf Jahren ist Migräne selten (weniger als drei Prozent). Bei den Kindern über zwölf leiden in etwa acht Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen unter einer Migräne. Mädchen sind häufiger betroffen, da Hormonschwankungen eine Attacke auslösen können. Migräne bei Kindern kommt öfter vor, wenn schon ein Elternteil darunter leidet.
Auch die Fälle von Spannungskopfschmerz nehmen mit dem Alter zu. Eine Übersichtsstudie unter Beteiligung mehrerer Kinder- und Jugendeinrichtungen in München kommt zu dem Schluss, dass bereits in der Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen etwa 70 Prozent immer wieder unter Kopfschmerzen leiden, 33 bis 40 Prozent sogar wöchentlich. Bei den über 15-Jährigen nennen Experten folgende Zahlen: Zehn Prozent haben Migräne, 50 Prozent leiden unter Spannungskopfschmerz und 20 Prozent unter Mischformen aus beidem. Die Kopfschmerzen treten häufig zusammen mit anderen körperlichen und/oder psychischen Symptomen auf.
Für eine Migräne sprechen bei Kindern folgende Symptome:
- Die Schmerzen sind intensiv. Es können vor allem bei jüngeren Patienten Übelkeit und Erbrechen auftreten, auch Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit oder Schwindel kommen vor.
- Die Kopfschmerzen sind beidseitig und werden oft als pulsierend empfunden. Sie verstärken sich durch körperliche Belastung, helles Licht und/oder Geräusche und Gerüche.
- Kurz vor einem Migräneanfall kann es auch bei Kindern zu einer sogenannten Aura kommen: beispielsweise das Sehen von Lichtblitzen, Gefühls- oder Sprachstörungen.
- Betroffene Kinder hören auf zu spielen oder zu lernen, sind blass, möchten sich hinlegen.
Durch Schlaf bessert sich der Kopfschmerz. Oft sind Kinder nach einer Schlafperiode beschwerdefrei.
Die Attacken sind kürzer als bei Erwachsenen und können schon nach weniger als zwei Stunden vorbei sein. Ein kleiner Trost für junge Patienten mag sein, dass sich bei sehr vielen eine Migräne «auswächst» und nach der Pubertät verschwindet. Nur etwa die Hälfte entwickelt im höheren Erwachsenenalter wieder eine leichte Migräne.
Allein die Zahlen geben nicht nur besorgten Eltern zu denken. Auch die in verschiedenen Studien europa- bzw. weltweit aufgeführten Risikofaktoren sprechen für sich. Die genannte Münchner Studie teilt diese in drei Bereiche ein:
Lebensstilfaktoren – und bei Schülerinnen und Schülern viel häufiger, als viele Eltern wissen – sind:
- Koffeinkonsum (z.B. Energydrinks)
- Alkoholkonsum
- Rauchen
- körperliche Inaktivität und Übergewicht
- Schlafmangel und
- die Einnahme von Schmerzmitteln.
Unter den Bereich Schule als wesentlicher Teil der Umwelt von Kindern fallen:
- ein hohes Erwartungsniveau der Eltern
- schulischer Stress; unfaire Behandlung in der Schule (auch wenn «nur subjektiv» so erlebt)
- zu wenig regelmässige Freizeit (als tatsächlich freie, nicht verplante Zeit verstanden).
Als psychische Faktoren – häufig mit den anderen genannten vermischt bzw. durch sie bedingt – gelten:
- Ängste und Sorgen
- eine schwierige familiäre Situation, Konflikte zu Hause, Trennung der Eltern
- Mobbing und persönliche Verletzungen durch das soziale Umfeld
- Schläge, Nichtbeachtung der Kinder, körperliche und seelische Misshandlung.
Natürlich können auch äussere Faktoren wie Lärm, schlechte Luft, grelles Licht oder Hitze eine Rolle spielen; sie sind aber selten die Auslöser für chronische Kopfschmerzen. Einen Zusammenhang mit der täglichen Computerzeit (z.B. Videospielen) bzw. anderen Medien konnten die Wissenschaftler in der Münchner Übersichtsstudie übrigens nicht feststellen. Dagegen meint der renommierte Kopfschmerzexperte Prof. Hans Christoph Diener, bis 2016 Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Essen, wer viel fernsehe, Videospiele spiele und ständig auf Smartphone oder Tablet schaue, habe auch öfter Kopfweh. Da verspannte Schultern oder ein verspannter Nacken ebenfalls Kopfschmerzen verursachen können, ist langes Starren auf einen Bildschirm sicherlich kontraproduktiv.
Da die Auslöser für Kopfschmerzen oft im (schulischen) Alltag des Kindes zu finden sind, sprechen Sie mit ihm und versuchen Sie, gemeinsam die Ursachen herauszufinden. Hat das Kind Stress in der Schule, mit Mitschülerinnen oder den Jungs in der Klasse, mit Lehrerinnen und Lehrern? Gibt es Schulkollegen oder eine bestimmte Lehrkraft, mit denen das Kind überhaupt nicht auskommt, und wenn ja, warum? Fühlt es sich unfair behandelt? Hat es Probleme mit dem Lehrstoff in einem bestimmten Fach?
Beobachten Sie Ihr Kind und überprüfen Sie die Regeln zu Hause: Ist das Kind täglich an der frischen Luft aktiv oder tendiert es dazu, sich zurückzuziehen und sich kaum draussen aufzuhalten? Hat es Angst und fürchtet sich vor etwas? Auch irreale Ängste können Kinder extrem belasten.
Bekommt das Kind ausreichend Ruhepausen und genügend Schlaf? Oder ist sein Tag mit zu vielen Aktivitäten angefüllt (dazu zählen auch Bildungsaktivitäten/Hobbys wie spezieller Musik- oder Kunstunterricht, Übungsstunden, Nachhilfe etc.)? Gibt es regelmässige Essenszeiten und eine feste Zu-Bett-geh-Zeit? Gibt es Regeln für die Nutzung von TV, Computer und Smartphone?
Wenn Ihr Kind zu Kopfschmerzen neigt, hilft oftmals eine Reihe von ganz einfachen Massnahmen.
Sorgen Sie für
- einen möglichst geregelten und ruhigen Tagesablauf mit festen Zeiten für Mahlzeiten und Schlafen sowie ein nicht zu vollgestopftes Programm
- viel Bewegung an der frischen Luft
- sportliche Aktivitäten im Freien wie Radfahren und Schwimmen. Ausdauertraining ist auch bei Migräne hilfreich
- ausreichend Schlaf
- genügend Ruhepausen auch am Tag (Nichtstun, Träumen, Malen oder Musik hören). Hilfreich kann auch sein, für die Familie feste Ruhepausen einzuführen.
- Bei akuten Kopfschmerzen können Sie dem Kind ein kühlendes Tuch auf die Stirn legen
- die Schläfengegend, die Stirn oder den Nacken mit Pfefferminzöl betupfen oder massieren (unbedingt die direkte Umgebung der Augen aussparen, bei kleineren Kindern kann es sonst zu Augenreizungen kommen)
- das Kind ruhen oder schlafen lassen, wenn es möchte.
Fachleute raten, Kopfschmerzen und Migräneattacken bei Kindern so früh wie möglich zu behandeln, um zu verhindern, dass sie chronisch werden. Dabei sollten jedoch möglichst keine oder nur spezielle Medikamente zum Einsatz kommen. Geben Sie Ihrem Kind auf keinen Fall eins der üblichen Kopfschmerzmittel für Erwachsene; diese sind für Kinder völlig ungeeignet, haben Nebenwirkungen und sind schlimmstenfalls sogar schädlich. Werden Schmerzmedikamente häufig eingenommen, können sie Kopfschmerzen neu verursachen oder verstärken. Das gilt auch für Erwachsene, aber für Kinder in besonderem Masse. Geht es gar nicht ohne Schmerzmittel, z.B. bei heftigen Migräneattacken, kann der Kinderarzt ein speziell für Kinder geeignetes Medikament verschreiben.
Im Übrigen ist das oben genannte Pfefferminzöl bei Kopfschmerzen einem herkömmlichen Schmerzmedikament absolut ebenbürtig und dabei weitaus verträglicher. Das beruht auf einem Wirkmechanismus, der einerseits zur Entspannung der Muskeln führt, andererseits die Weiterleitung bzw. die Verarbeitung von Schmerzimpulsen im Gehirn blockiert. Sie sollten aber immer eine speziell zubereitete zehnprozentige Pfefferminzlösung aus der Apotheke verwenden.
Wichtig sind zudem Entspannungsübungen und eine gesunde Ernährung mit vielen Kohlehydraten auf Vollkornbasis.
Meist sind Kopfschmerzen eher harmlos. Kopfschmerzen bei fiebrigen Erkrankungen und Erkältungen sind nicht selten und gehen mit dem Fieber oder dem Infekt auch wieder weg. Doch häufig auftretendes, starkes und/oder lang andauerndes Kopfweh kann das Allgemeinbefinden ernstlich beeinträchtigen. Relativ selten können Kopfschmerzen auch ein Alarmzeichen für eine schwerwiegende Erkrankung sein. Das muss ein Fachmann abklären.
Gehen Sie zu Ihrer Ärztin, wenn
- Ihr Kind innerhalb von drei Monaten häufiger über Kopfschmerzen klagt
- die Schmerzen sehr stark sind, sich verschlimmern oder länger als drei Tage anhalten
- Schmerzen hinter der Stirn oder den Wangenknochen auftreten (eventuell Anzeichen einer Entzündung in Stirn- oder Kieferhöhlen)
- die Kopfschmerzen sehr plötzlich einsetzen und von hohem Fieber, Nackenschmerzen und/oder besonderer Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen begleitet sind (möglicherweise Alarmzeichen für eine Hirn- oder Hirnhautentzündung)
- die Schmerzen mit Schwindel oder Sehstörungen verbunden sind oder nach einem Sturz oder Schlag gegen den Kopf auftreten.