Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/1135

Eine Aargauer Sage
Es war eine schreckliche Zeit, als die Franzosen im Jahr 1798 in Nidwalden einbrachen, und die Nidwaldner sich erbittert zur Wehr setzten. Hunderte von Männern und Frauen starben. Stans brannte ab. Die Angst trieb die Überlebenden in die Berge hinauf. Der kleine Remigi und sein Schwesterchen Kätherli waren mit Vater und Mutter am Ende des Sommers von der Alp heruntergekommen. Doch beide Eltern mussten im Kampf das Leben lassen. Remigi und seine Schwester hatten nur, was sie vor dem Alpabzug in ihren Rucksack gepackt hatten: einen Laib Brot, ein Stück Käse, etwas getrocknetes Fleisch und einen Strauss Alpenrosen, den sie oben am Buochserhorn gepflückt hatten.
Als es Nacht wurde, nahm Remigi seine Schwester an der Hand und sie wanderten talwärts. Sie gingen tage- und nächtelang, durchquerten Täler und stiegen über Hügel. Im Wald fanden sie Beeren und tranken Wasser aus Bächen und Quellen.
Eines Morgens erreichten die beiden einen verlassenen Bauernhof, auf dem sich noch eine Ziege befand, die sie melken konnten. Doch auch hier war ihnen nur eine kurze Ruhe vergönnt. Am nächsten Tag erschien ein französischer Reitertrupp, und steckte den Hof in Brand. Die beiden Kinder flohen wiederum in den Wald.
Auf einer Anhöhe über einem kleinen aargauischen Tal legten sich die Geschwister ermattet zur Ruhe. Sie betteten ihre Köpfchen auf den Rucksack, der nur noch die Alpenrosen und eine Handvoll Heimaterde enthielt. Remigi legte seinen Arm schützend um die Schwester. So schliefen die beiden Kinder ein und erwachten nicht mehr.
Aus dem Rucksack fielen die Samen der Alpenrosen in die Erde. Sie trieben Wurzeln, wuchsen und begannen zu blühen. Nach vielen Jahren entdeckte ein Förster an einem Maientag die seltene Blütenpracht. Er wollte für seine Braut einen Strauss pflücken. Doch als er nach der Blume griff, berührte er eine kalte Hand aus gebleichten Knochen. Erschrocken zog er seine Hand zurück. Jeden Frühling suchte er die Stelle wieder auf und fand die Blüten von Jahr zu Jahr schöner. Er hütete sein Geheimnis über viele Jahre. So wurden die Alpenrosen bis zum heutigen Tag im Bowald bei Schneisingen erhalten.