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Die Guarani Mbya identifizieren “ihresgleichen“ in der Vergangenheit durch die Erinnerung an die unter ihnen übliche “Tambeao“ (eine Kleidung aus Baumwolle, die von den Frauen gewebt wurde), durch die Essgewohnheiten und durch die linguistische Ausdrucksweise. Im Kollektiv bezeichnen sie sich als “Ñandeva ekuéry“ (alle, die wir sind). Trotz so vieler Arten von Unterdrückung und Verfolgung, welche die Guarani im Lauf der Jahrhunderte ertragen mussten, und trotz der landesweiten Verteilung ihrer Dörfer, verstehen sich die Mbya als eine differenzierte indigene Volksgruppe. Obwohl Eheschliessungen zwischen den Untergruppen der Guarani vorkommen, haben sich die Mbya eine ganz bestimmte religiöse und linguistische Einheit bewahrt, die es ihnen ermöglicht, ihresgleichen sofort zu erkennen, selbst wenn sie in geografisch weit entfernten Dörfern leben und mit der nationalen Gesellschaft verbunden sind.
Guarani Mbya
|Andere Namen: M’byá

Linguistische Familie: Tupi-Guarani
Population: 5.500 in Argentinien, 7.000 in Brasilien, 14.900 in Paraguay.
Region: Argentinien, Paraguay, Brasilien in den Bundesstaaten: Espirito Santo,
Pará, Paraná, Rio de Janeiro, Rio Grande do Sul, Santa Catarina, São Paulo, Tocantins.
|INHALTSVERZEICHNIS

Geschichte, Namen und Orte
Bevölkerung
Sprache
Beziehungen und Kontakte
Territoriale Situation und Besitzrechte
Territorium
Gesellschaftliche, politische und religiöse Organisation
Produktives System
Im 16. und 17. Jahrhundert bezeichneten die Chronisten als “Guaranis” alle Gruppen derselben Sprache, die sie zwischen der Atlantikküste und Paraguay antrafen. Kleine Kommunen, die den Namen des Flusses trugen, an dessen Ufer sie lebten, oder den ihres politischen Führers, ergänzten sich zur “Guarani-Nation“.
Der portugiesische Entdecker Cabeza de Vaca bezieht sich auf “Dörfer der Guarani-Indios“, in denen er mit seinen Soldaten und eingeborenen Führern rastete – auf seiner Expedition von 1541 von der “Ilha de Santa Catarina“ (heute Sitz der Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina) bis nach Assuncion (Paraguay). “Dieses Volk der Guarani redet in einer Sprache, die von allen anderen Kasten der Provinz verstanden wird“, notierte er.
Mit der Ankunft der “Conquistadores“ wird das von den Guarani besetzte Land zur Bühne der Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Spaniern. In der Absicht, ihr eigenes Herrschaftsgebiet auszudehnen, interessierte es die Spanier, das Territorium ihrer Verbündeten, der Guarani, zu erweitern – dasselbe Interesse hatten die Portugiesen mit ihren Verbündeten, den “Carijó“ – und diese Interessen standen über jedweden Klassifizierungen und Unterteilungen zwischen den einzelnen indigenen Stämmen. Einige dieser Stämme wurden als “rebellische und kriegerische Indios“ charakterisiert, andere als “friedlich und unterwürfig“ – die Termini “Guarani“ und “Carijó“ (oder “Cario“) wurden von den Chronisten und Historikern verwendet ohne irgendwelche linguistische oder kulturelle Details.
Jene Guarani-Gruppen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert weder den spanischen Eroberern noch den Jesuiten-Missionen unterordnen wollten, und sich in die Berge und die subtropischen Wälder der paraguayischen Region Guaíra und “Sete Povos“ flüchteten, erscheinen in der Literatur unter dem genetischen Namen “Cainguá, Caaiguá, Ka’ayguá“ oder “Kaiguá“. “Kaygua” kommt von “ka’aguygua”, was “Bewohner des Waldes” bedeutet.
Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts erweiterten die ethnographischen Studien (Nimuendaju, Cadogan, Schaden) das Wissen hinsichtlich der linguistischen, religiösen, und politischen Spezifikationen, sowie über die materielle Kultur der Guarani – die Basis zur noch heute gültigen Klassifikation der Untergruppen entstand. Erst vor kurzem wurden die “originalen“ Wohngebiete der einzelnen Gruppen und ihre “Verteilung“ als Kriterien für ihre Klassifizierung und Unterteilung mit einbezogen. Obwohl diese Klassifizierung nicht mit den Definitionen der Gruppe, ihrer Herkunft und der durchlebten Situation der Guarani übereinstimmt, darf sie nicht nur als “klassifizierender Formalismus“ verstanden werden, denn er weist auf die Definition von deutlichen Unterschieden hin, die von den Indios selbst erlebt wurden.
Das derzeit von den Mbya, Ñandeva (Xiripa) und Kaiowa besetzte Territorium – Guarani-Gruppen, die man heutzutage auch in Brasilien antrifft – umfasst Teile Brasiliens, Paraguays, Argentiniens und Uruguays. In der orientalen Region von Paraguay sind die Kaiowa als “Pai Tavyterã“ und die Ñandéva/Xiripa als “Ava-Xiripa“ bekannt. Andere Guarani-Gruppen, wie die “Guajaki, Tapiete“ und die bekannteren “Guarayos“ und “Chiriguano“ findet man ebenfalls in Paraguay und Bolivien.
Die Dörfer der Kaiowa/Pai Tavyterã konzentrieren sich in der orientalen Region von Paraguay und dem südlichen Teil von Mato Grosso do Sul (Brasilien). Einige Kaiwa-Familien leben heute in Dörfern nahe denen der Mbya, im Küstengebiet des Bundesstaates Espirito Santo (Brasilien) und Rio de Janeiro. Im Gegensatz zu den Mbya und Ñandeva, die sich selbst als “Guarani“ bezeichnen, präsentieren die sich die Kaiwa als “Kaiowa“.
Die Ñandeva/Xiripa von Paraguay, konzentrieren sich in einem Gebiet zwischen den Flüssen Jejui Guazu, Corrientes und Acaray (Perasso 1987), und die von Brasilien leben in Dörfern der Bundesstaaten Mato Grosso do Sul, im Interior von São Paulo (Indigener Posten Araribá), in Paraná, Rio Grande do Sul und an den Küsten von São Paulo und Santa Catarina.
Der Terminus “Ñandeva“ bedeutet “wir“, “wir alle“ oder “unsere Leute“ – und er wird von allen Guarani angewendet. Er ist die einzige Präsentationsform jener, die den Dialekt sprechen, welcher von dem Ethnographen Kurt Nimuendaju unter dem Namen “Apapukuva“ aufgezeichnet wurde – als Kommunikationsform von Nachfahren der Stämme Tanigua, Apapukuva und Oguauiva. In Mato Grosso do Sul sind die Ñandeva bekannt als “Guarani“ – sie unterscheiden sich von den “Kaiowa“ – und in Paraguay als “Ava-Chiripa“, wegen ihrer traditionellen Kleidung, der “Chiripa“.
Die Mbya haben sich in verschiedenen Dörfern der orientalen Region Paraguays niedergelassen, im Nordosten Argentiniens (Provinz Missiones) und in Uruguay (im Umkreis von Montevideo). In Brasilien findet man sie in Dörfern des Innern und der Küste der Südstaaten – Paraná, Santa Catarina, Rio Grande do Sul – und in São Paulo, Rio de Janeiro und Espirito Santo in verschiedenen Dörfern innerhalb des Atlantischen Regenwaldes. Auch in der Nordregion des Landes findet man Mbya-Familien, die aus derselben grossen Gruppe stammen, die einst nach dem Paraguay-Krieg nach Brasilien herüber wechselte, sich dann in familiäre Gruppen aufteilte und gegenwärtig in Pará (Manizip Jacundá) leben, einige in Tocantins, in einem Areal der Karajá von Xambioá, und ein paar weitere Familien sind verteilt auf den Mittleren Westen. An der brasilianischen Küste setzten sich ihre Kommunen zusammen aus Familiengruppen, die bereits in historischer Zeit ihre Dörfer in den bergigen Regionen des Atlantischen Regenwaldes anzulegen pflegten – in der “Serra do Mar“, der “Bocaina“, dem “Tabuleiro“ u.a. Der Name “Mbya“ wird als “Leute“ übersetzt (nach Schaden) oder als “viele Leute auf einem Platz“ (nach Dooley, 1982).
Die Guarani-Bevölkerung an der Küste besteht aus Mbya und Ñandeva – mit wenigen Ausnahmen. Nach Eintragungen (in Dokumenten des Staatsarchivs) stellten die Ñandeva den grössten Teil der Guarani-Bevölkerung an der Küste São Paulos dar. Aufstellungen, die zwischen 1960 und 1970 durchgeführt wurden und die zunehmende Zahl der gegenwärtigen Dörfer beweist, dass die Mbya zahlenmässig im gesamten Küstenstreifen zwischen Rio Grande do Sul und Espirito Santo dominieren. Dazu muss man erwähnen, dass einige dieser Dörfer eine gemischte Bevölkerung beherbergen, die sich aus Nachkommen von Mischehen zwischen Ñandeva und Mbya zusammensetzt, (so wie in Mato Grosso do Sul Mischehen zwischen Ñandeva und Kaiowa üblich sind).
Gesellschaftliche Organisation und entsprechende Aktivitäten einer jeden Kommune richten sich vor allem nach einer religiösen Orientierung. In einem Dorf, in dem es Individuen einer anderen Untergruppe gibt, respektieren diese die Regeln (gesellschaftlich und politisch) Gebräuche und Rituale der vorherrschenden Gruppe und passen sich ihnen an. Manchmal handelt es sich auch um ein Dorf mit Familien aus derselben Untergruppe, die nicht immer einen Eigennamen als Gruppe besitzen. Dann identifizieren sie sich gegenüber der nationalen Gesellschaft als “Guarani“ (Ñandeva und Mbya) und Kaiowa.
Besonders die Mbya sind es, unter den Guarani-Gruppen, die kontinuierlich Areale an der Atlantikküste besetzen. Ausser ihrem gemeinsamen Motiv – die Suche nach der Erde ohne Böses (yvy marãey), der perfekten Erde (yvyju miri), dem Paradies, zu dem man das “grosse Wasser“ überqueren muss, um es zu erreichen – haben sie auch die Geschichte ihrer langen Wanderungen, die Aufrechterhaltung ihrer Tradition an jedem neuen Ort, die Lebens- und Überlebenserfahrung gemeinsam.
Die Guarani-Bevölkerug Brasiliens im Jahr 2008 wurde geschätzt auf rund 51.000 Personen, unterteilt in Kaiowa (31.000), Ñandeva (13.000) und Mbya (7.000). In Paraguay hat der “Censo Naconal Indigena“ im Jahr 2002 die indigene Bevölkerung der Guarani auf 43.080 Personen gesetzt, davon Pai Tavyterã/Kaiowa (12.964), Ñandeva (15.229) und Mbya (14.887). In Argentinien besteht die Guarani-Bevölkerung fast ausschliesslich aus Mbya und konzentriert sich in der Provinz Missiones – rund 5.500 Personen. Die Ñandeva-Bevölkerung in Argentinien wird auf zirka 1.000 Personen geschätzt (CTI/G Grünberg, 2008). Nach diesen Angaben beläuft sich die gegenwärtige Bevölkerungszahl der Mbya auf 27.380 Personen.
Die Autoren stimmen darin überein, dass es äusserst schwierig ist, die Guarani tatsächlich zu zählen. Im Fall der Mbya erstreckt sich ein verwandtschaftliches Netz über ihr gesamtes Territorium, in dem sich die einzelnen Kommunen angesiedelt haben, und das bringt eine gesellschaftliche Dynamik hervor, die eine intensive Mobilität zur Folge hat (Besuche bei Verwandten, Rituale, Handel mit Material für Kunsthandwerk und Feldarbeit etc.). Deshalb ist es, technisch gesehen, einfach unmöglich, die Individuen zu zählen. Und es gibt noch andere Aspekte dieser Problematik: der Zugang zu einzelnen Dörfern oder Wohnungen, Schwierigkeiten bei der Information in den Kommunen, und vor allem die Aversion der Guarani gegen die Zählungsbeamten, denn sie verstehen das – mit Recht – als eine Kontrolle des Staates (wie auch Meliá 1997 in Paraguay und Brighenti 2001 in Argentinien berichteten).
In Übereinstimmung mit dem Linguistiker Aryon Dall’Igna Rodrigues ist die Sprache der Mbya ein Dialekt der Guarani-Sprache – so wie die der Kaiowa und Ñandeva – ein Idiom, das der Familie Tupi-Guarani entstammt, aus dem linguistischen Stamm Tupi. Die Guarani-Sprache wird von unterschiedlichen indigenen Gruppen/Völkern (in Brasilien, Paraguay, Argentinien, Uruguay und Bolivien) gesprochen, und sie ist in Paraguay sogar offizielle Sprache neben dem Spanisch. Sprachvariationen im Guarani betreffen die Aussprache und die tonischen Silben (die Mehrheit der Guarani-Worte ist oxyton = betont auf der letzten Silbe), aber vor allem betreffen sie das Vokabular und die Syntax (Satzlehre) – so die Experten der Guarani-Sprache.
In Dörfern in denen die Mbya mit den Ñandeva zusammen leben – wie zum Beispiel in einigen Fällen im Interior von Paraná und an der Küste von São Paulo und Santa Catarina – kann man sprachliche Einflüsse beobachten, besonders dann, wenn Mischehen bestehen.
Die Guarani-Mbya pflegen ihre Sprache und halten sie lebendig – die mündliche Überlieferung ist immer noch die effizienteste bei der Kindererziehung, bei der Verbreitung von Kenntnissen und bei der Kommunikation zwischen den Dorfgemeinschaften, und damit beweist sich die Sprache als stärkstes Element ihrer Identität. Wenige Mbya, und in ihrer Mehrheit noch junge Repräsentanten ihrer Interessen gegenüber der nationalen Gesellschaft, sprechen flüssiges Portugiesisch. Kinder, Frauen und Ältere sind zum grössten Teil einsprachig.
Die Guarani-Sprache auch schriftlich festzuhalten, wird seit 1997 in den Mbya-Dörfern aktiver vorangetrieben – zweisprachige Schulen wurden eingerichtet, nachdem man die NEIS (Núcleo de Educação Indígena – Indigene Erziehungs-Zentren) gegründet hatte, verbunden mit den “Secretarias Estaduais de Educação“ (staatliches Erziehungs-Sekretariat) und dem MEC (Erziehungs-Ministerium).
Unter den Mbya gibt es Pro- und Contra-Stimmen bezüglich des Unterrichts im Schreiben der Guarani-Sprache zu Beginn der Grundschule. Man hat nämlich beobachtet, dass Kinder, die zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr in Guarani alphabetisiert werden, ihren Sprachfluss und die Melodie der Muttersprache verlieren. Auf der anderen Seite gründet die Alphabetisierung in Guarani bis jetzt auf dem stärkeren Argument der offiziellen Institutionen, nämlich dass die implantierte indigene Schulerziehung differenziert angewendet wird.
Ausser ihrer Umgangssprache (ayvu) besitzen die Mbya eine rituelle Sprache, aussergewöhnlich ausgefeilt (ayvu porã) – was man mit “schönen Worten“ übersetzen kann, die den spirituellen Führern einst von ihren Gottheiten übermittelt wurden, und die nur bei besonderen rituellen Gelegenheiten ausgesprochen werden.
In einer Abhandlung über die Sprache und die Bedeutung des Wortes bei den Guarani, drückt sich Bartolomeu Melià folgendermassen aus: “Die Kunst des Wortes ist die Kunst des Lebens“. Unter den Guarani haben Seele und Wort die gleiche Bedeutung – der Besitzer einer Seele (nhee) strukturiert sein Leben, um “Träger und Fundament wahrer Worte“ zu sein (Melià, 1995).
Im 19. Jahrhundert erscheinen die Guarani-Mbya unter dem genetischen Namen “Caingua“ oder “Kayguá“. Es wird erklärt, dass “Kayguá“ von “ka’aguygua” kommt, eine abwertende Bezeichnung, die bedeutet “Bewohner des Waldes” (Cadogan, 1952). Hélène Clastres (1978) jedoch bestätigt jedoch dass, “von den Caiguás wahrscheinlich drei Guarani-Gruppen abstammen – Mbiá, Xiripá und Paim“ – die, nachdem sie vor den Siedlern und den Jesuiten geflohen waren, ihre Autonomie bewahren konnten, indem sie sich in einem Territorium niederliessen, das lange Zeit unzugänglich verblieb. Daher die Bezeichnung der “Caainguás“ oder “Cainguás“ als “Leute des Waldes“.
Die Guarani blicken auf eine lange Geschichte zurück (seit dem 16. Jahrhundert) und auf wirre Kontakte, die von der Beschlagnahme ihres Territoriums durch die europäischen Invasoren geprägt sind. In Brasilien tragen sie das Stigma der “kultivierten Indios“, weil sie Kleidung tragen und Industriegüter benutzen – andererseits werden sie als Indio-Nomaden, als Ausländer angesehen (aus Paraguay und aus Argentinien). Diese Tatsache, zusammen mit ihrer bekannten Aversion um Land zu kämpfen, verbreitete unter den Weissen die Ansicht, dass die Guarani kein Land brauchen, denn sie zeigten ja kein Interesse, darum zu streiten. Somit waren sie den spekulativen Interessen der Invasoren förderlich, die systematisch die angestammten Territorien der Guarani besetzten und ihnen sämtliche Eigentumsrechte auf ihre Heimat entrissen.
Die Guarani nennen die Weissen “Juruá“. Man weiss nicht genau seit wann sie diese Bezeichnung benutzen, jedoch ist sie heute allgemein gebräuchlich und scheint ihrem ursprünglichen Sinn entwachsen zu sein. “Juruá“ bedeutet wörtlich “Mund mit Haaren“, eine Referenz an den Bart oder Schnurrbart der europäischen Eroberer. Auf jeden Fall entstand der Name “Juruá“ zur Zeit des Erstkontakts mit weissen Siedlern und wurde mit der Zeit zu einer genetischen Referenz für die Nicht-Indianer (Ladeira, 1992). Ein weiterer Ausdruck, um die Weissen zu bezeichnen, ist “Etavakuére“ – wörtlich “diejenigen, welche die Mehrheit sind, die zahlreich sind in der Welt“. Dieser und andere Ausdrücke – obwohl in der Umgangssprache nicht benutzt – sind häufig in prophetischen Ansprachen oder, wie sie sagen, in der “Sprache der Vorfahren“.
Im Jahr 1910 wurde der “Serviço de Proteção aos Índios” (Indianerschutzdienst) – Kurzform SPI – gegründet. Nach seiner Auflösung durch die Militärregierung schuf man 1967 die FUNAI – “Fundação Nacional do Índio“ (Nationale Indianerstiftung), die bis heute für die indigene Politik des Landes verantwortlich ist. Während der Amtszeit des SPI, im Jahr 1913, schuf man im Umkreis von Bauru (Interior von São Paulo) indigene Reservate, in die Kaingang und Terena-Indios durch eine Kontaktfront angelockt werden sollten, deren Leiter Curt Nimuendaju war. Dahinter stand die Absicht, die Abwanderung der Guarani in Richtung auf die Atlantikküste zu stoppen.
Nach einer grossen Krankheits-Epidemie, die viele indigene Familien im Dorf Araribá (Munizip Avaí, Interior São Paulo) dahinraffte, gelang es weder die bereits an der Küste installierten Ñandeva-Familien umzusiedeln, noch die Bewegung der Guarani in Richtung Küste aufzuhalten – also schuf man den “Posto Indigena Padre Anchieta“ (Indianer-Posten) im Dorf “Itariri“ und den “Posto Indigena Peruíbe“ im Dorf “Bananal“ – beide in der südlichen Küstenregion des Bundesstaates São Paulo. Auch in Paraná wurden indigene Reservate geschaffen, für die Kaingang und die Guarani, die auf einem landwirtschaftlichen Modell beruhen, einer Arbeitsentwicklung, die der indianischen Kultur und Lebensart in keiner Weise entspricht, sondern auf der gegenwärtigen Politik basiert, die Indianer in die sie umgebende nationale Gesellschaft zu integrieren. Gegenwärtig erreicht die regionale Administration der FUNAI im Süden und Südosten auch die Ländereien der Guarani und anderer Ethnien.
Zu Toleranz und Diplomatie summieren sich Charakteristika eines systematischen Kontakts seit der Eroberung, was unter den Guarani sehr spezifische Reaktionen zur Folge hatte, ihre Traditionen zu bewahren und die Beziehungen zu der beherrschenden Gesellschaft zu stabilisieren. Auf Kosten ihrer antiken, intensiven Kontakte mit den Weissen, die ihnen kulturelle und religiöse Verfolgungen einbrachten, entwickelten sie verschiedene Mechanismen, um ihre kulturellen und religiösen Traditionen zu erhalten und zu leben, und um ihr Fortbestehen als Volk und Ethnie zu sichern. Ihre Massnahmen schlossen allerdings die unvermeidliche Koexistenz mit den Weissen nicht aus, mit denen sie stets ein freundschaftliches Verhältnis zu unterhalten suchten. Ihr Respekt gegenüber den Sitten und Gebräuchen, sowie der Religion der sie umgebenden nationalen Gesellschaft, und auch ihre dieser Gesellschaft angepasste Art sich zu kleiden, bedeutete keine Unterwürfigkeit, sondern entsprang einem kontinuierlichen Prozess der Anpassung, geboren aus der Strategie der Selbsterhaltung.
Aufgrund des wachsenden Drucks der sie umgebenden nationalen Gesellschaft verloren die Guarani im brasilianischen Küstengebiet Territorien, die sie niemals mehr zurück bekommen werden, weil sie zum Beispiel zur Anlage von neuen Autostrassen oder Industriekomplexen genutzt wurden – aber es gelang ihnen, ihre Dörfer als strategische und vitale Zentren zu erhalten, innerhalb der “Serra do Mar“ und dem Atlantischen Regenwald (Ladeira und Azanha, 1987).
Gegenwärtig halten sich die edukativen und gesundheitlichen Institutionen öfter in den Dörfern der Guarani-Mbya auf, um neue Formen der Koexistenz mit der nationalen Gesellschaft zu diskutieren und festzulegen.
Aufgrund der gegenwärtigen sozialen Bedingungen und den fehlenden Territorien, befinden sich die Guarani in einer Situation, die durch externen und internen Druck Krisen provoziert, die uns zwingen, den Kontakt mit ihnen zu überdenken und neu zu modellieren. Sie erleben das Paradox, unter einem Druck leiden zu müssen, der ihnen die Grundsätze der nationalen Gesellschaft aufzwingt, zum Beispiel hinsichtlich Erziehung, Gesundheit, Arbeit, Wohnung, etc., und zur gleichen Zeit, um sich ihre Rechte als “Indios“ zu garantieren, müssen sie sich ethnisch und kulturell differenziert verhalten, das heisst, “entsprechend ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Sprache, ihres Glaubens und ihrer Traditionen“ leben. Sie werden kritisiert und diskriminiert, wenn sie sich der bedürftigen Bevölkerung der Gesellschaft anzupassen versuchen, indem sie sich kleiden wie sie und sich verhalten wie sie – andererseits kritisiert und diskriminiert man sie ebenso, wenn sie keine neuen Hygiene- oder Gesundheitspraktiken, keine Erziehungsmethoden, keine konstruktiven landwirtschaftlichen Techniken annehmen wollen.
Abgesehen von ihrer offensichtlichen Toleranz und Diplomatie im Umgang mit der sie umgebenden nationalen Gesellschaft, legen sie die prekäre ambientale Situation, in der sie immer noch leben müssen, den Weissen zur Last. Neue Regierungswechsel haben damit begonnen, eine Demarkierung ihrer Territorien einzuleiten.
Nach Daten aus dem Jahr 2003 sind in den Regionen Süd und Südost Brasiliens (vom Bundesstaat Rio Grande do Sul bis nach Espirito Santo) zirka 100 Territorien besetzt von Mbya und Ñandeva, ausserdem noch andere Territorien vorrübergehend. Auf dem Küstenstreifen dieser Bundesstaaten befinden sich zirka 60 Dörfer, von denen nur 16 bisher auf demarkierten und vom Präsidenten der Republik abgesegneten Arealen stehen. Verschiedene Gerichtsprozesse wurden gegen die Präsenz der Guarani in diesen Gebieten eingeleitet. Unter den 40 Arealen im Interior der Südstaaten auf denen Guarani-Indios leben, sind die 10 demarkierten Areale vorwiegend besetzt von Kaingang-Indios (in Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná) sowie von Xokleng (in Santa Catarina), die Guarani dagegen leben nur auf einem geringen Teil dieser ihnen zugesprochenen Ländereien. Trotz der ihnen gesetzlich zugesprochenen Exklusivität jener Areale, halten sogar Nicht-Indianer im Interior von Guarani-Reservaten das indigene Land besetzt.
Die Regularisierung jener von den Guarani-Mbya besetzten Areale an der Küste wurde durch Initiativen und Projekte des CTI (Indigenes Arbeitszentrum) ab 1979 in den Dörfern der Hauptstadt São Paulo, sowie denen an der Küste São Paulos und Rio de Janeiros, eingeleitet. Daran beteiligt war auch der CIMI (Indigener Missionsrat) in den Dörfern an der Südküste des Bundesstaates São Paulo. Bis in die Mitte der 80er Jahre wurden an der gesamten Küste offiziell anerkannt: das Dorf “Bananal“ (Indigener Posten Peruíbe – Bundesstaat São Paulo) gegründet 1927, und das Dorf “Itariri“ (São Paulo), gegründet 1962. Das Dorf von “Parati Mirim“ war bereits seit 1960 in einem informellen Akt der Regierung von Rio de Janeiro anerkannt worden. 1983 leitet der CTI der Regierung von São Paulo (Franco Montoro/PMDB) ein Dossier weiter, welches die Guarani-Dörfer des Bundesstaates São Paulo betrifft – enthalten ist ein Projekt zur Regulierung des Grundbesitzes. Aufgrund des Interesses der Staatsregierung an der Regulierung der von den Guarani besetzten Areale in São Paulo, unterzeichnet die FUNAI ein Abkommen mit São Paulo (am 20.12.1984) betreffs der Demarkation der indigenen Areale – die dann 1987 offiziell abgesegnet werden.
Zu Beginn der 80er Jahre war die Anerkennung und entsprechende Demarkation der Guarani-Dörfer eilig geworden wegen der zunehmenden Projekte des Immobilien- und Tourismus-Sektors, die vom Bau der Autostrasse “Rio-Santos“ und ihren Nebenstrassen angetrieben wurden. Später waren dann noch grössere Verhandlungen und Manifeste von Seiten der Guarani und ihrer Verbündeten notwendig, um dem ambientalen Druck und den gesetzwidrigen Besetzungen aufgrund von Entwicklungsprojekten (Wasserversorgung, Tankstellen, Strassen – wie die Verdoppelung der BR-101-Piste im Süden) in den Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul zu begegnen.
Nach der Grundgesetzänderung von 1988 hatten die Indios einige Erfolge durch Anerkennung verschiedener Areale an der Küste zu verzeichnen. Trotzdem, weil sie ein ethnisch differenziertes Volk sind und eine Minderheit innerhalb der verschiedenen regionalen Gesichtspunkte darstellen, unterliegen sie konstantem Druck und kontinuierlichen Kontrollen ihrer gesellschaftlichen und territorialen Dynamik.
Obgleich die offiziell gültigen, administrativen Unternehmungen sich nicht mit der Komplexität der Besitzrechte bezüglich der von den Guarani besetzten Ländereien befasst haben, werden in den letzten Jahren von der FUNAI neue Areale vorbereitet.
Die Guarani-Mbya halten die Konfiguration ihres “traditionellen Territoriums” zusammen mittels ihrer unzähligen Dörfer, die auf eine weite geografische Fläche verteilt sind – in Paraguay, in Argentinien, in Uruguay und Brasilien – und das Meer gilt bei ihnen als natürliche Grenze ihres Lebensraums. Somit werden die physischen Grenzen der Dörfer und Wege bei den Mbya von ihrem “territorialen Konzept“ weit übertroffen – es stellt die Auffassung einer “Welt“ dar, die eine konstante Neudefinition der multiethnischen Verbindungen, der Teilung von Besitz, etc. voraussetzt. Die Beherrschung ihres Territoriums fusst auf der Tatsache, dass ihre reziproken Relationen weder von ihrem Dorfbereich noch von geografisch zusammenhängenden Komplexen begrenzt werden. Sondern sie finden im Bereich der “Welt“ statt, durch den ihr Territorium entstand. Somit verstehen die Guarani unter einem weiten Territorium die Dynamik ihrer Gesellschaft, ihrer Wirtschaft, ihrer Politik und die Wanderbewegungen, die noch heute, besonders von den Familien der Untergruppe Mbya, praktiziert werden.
Das Territorium – oder vielmehr die “Welt“ – der Guarani-Mbya ist, was ihren kartografischen und geografischen Raum betrifft, fragmentiert und unterteilt auf verschiedene Gesellschaften und soziale Gruppen. Im Gegensatz dazu, können die Dörfer oder “Tekoa“ – “Ort an dem sie mit ihren Gebräuchen und nach ihren Gesetzen leben“ – keine anderen humanen Gruppen aufnehmen. Der physische Raum eines “Tekoa“ muss natürliche Ressourcen enthalten und eine Privatsphäre der Kommune garantieren. Allerdings behindert die gegenwärtige Fragmentierung der Dörfer, aufgrund künstlicher Grenzen wegen offizieller Interessen (wie zum Beispiel Farmen, Grundstücke, Strassen, Bauprojekte etc.), ihre räumliche Ausbreitung, die für die Unterhaltung der eigenen Kommune so dringend notwendig wäre. Trotz alledem kann man in verschiedenen Dörfern eine aussergewöhnliche Nutzung, Verteilung und Organisation des zur Verfügung stehenden Platzes beobachten, die sich durch den gesellschaftlichen, politischen und religiösen Einfluss entwickelt haben, und sich mit ihrer Tradition vereinbaren lassen.
Obgleich eine geografische Nähe die Verbreitung gesellschaftlicher Verbindungen zwischen den Dörfern begünstigt, müssen wir bedenken, dass die Guarani-Gesellschaft Regeln, Sitten und Traditionen besitzt, denen ihre Gesamtheit unterworfen ist, und an die sie sich hält.
Die Guarani-Mbya der Küste trachten danach, ihre Dörfer auf der Basis ihrer mythologischen Gebote zu gründen, die insbesondere ihre Verbindung zum Atlantischen Regenwald voraussetzen, von dem sie, symbolisch und praktisch, ihr Überleben abhängig machen. Solche Plätze, noch heute von den Mbya bevorzugt, sind mit ihrer typischen Flora und Fauna, ihren Felsformationen und sogar den Ruinen antiker Bauwerke, Indizien dieser Tradition. Dörfer an diesen “auserwählten“ Plätzen anzulegen, bedeutet für sie, der himmlischen Welt ein Stück näher zu sein, denn für viele kann man von solchen Dörfern aus leichter das “Yvy marãey“ (Land ohne Böses) erreichen – das historische Ziel, welches von den Mbya traditionell durch ihre überlieferte Mythologie weitergegeben wird.
Die Plätze, an denen die Guarani ihre familiären Niederlassungen anlegen, werden als “Tekoa“ bezeichnet. Entsprechend ihrer Tradition – so beschreibt es Montoya 1640 – bedeutet “Tekoa“ auch “Art des Seins, System, Gesetz, Kultur, Norm, Verhalten, Sitten“. Ein “Tekoa“ ist demnach jener Ort, an dem der Guarani “er selbst sein“ kann. Man kann “Tekoa“ als den Ort qualifizieren, der die physischen, geografischen, strategischen und ökologischen Bedingungen erfüllt, die es erlauben, eine Grossfamilie mit eigener spiritueller Führung und eine religiös und landwirtschaftlich fundierte, gesellschaftspolitische Gemeinschaft zu gründen.
Damit sich aber auch reziproke Verbindungen zwischen den verschiedenen “Tekoa“ der Mbya entwickeln, ist es notwendig, dass diese in ihrem Gesamt gewisse ambientale Konstanten präsentieren (intakte Wälder, guten Boden für die Feldarbeit, Quellen, etc.), die es den Mbya erlauben, ihre “Art zu sein“ auszuleben und ihre gesellschaftlichen Regeln anzuwenden.
Ein Guarani-Dorf kann aus einer einzigen Grossfamilie bestehen, insofern diese einen spirituellen Führer besitzt und eine eigene Politik. Das Bevölkerungskontingent der Guarani-Dörfer ist verschieden, im Durchschnitt zwischen 20 und 200 Personen, und sie umfassen familiäre Einheiten, die von einer spirituellen und politischen Führung integriert worden sind. Die interne räumliche Organisation der Dörfer wird von den einzelnen Affinitäten und Verwandtschaftsgraden bestimmt.
Den traditionellen Guarani-Sitten entsprechend besteht die Grossfamilie, im Prinzip, aus einem Ehepaar, den Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkeln, die in einer Produktions- und Konsumeinheit zusammen leben. Gegenwärtig ist die Grossfamilie – eventuell mit ein paar Varianten innerhalb ihrer Gemeinschaft – die Produktionseinheit. Jedoch der “Besitz“ der Felder und die Nutzung ihrer Produkte sind Sache der “elementaren Familie“ (Ehepaar und ihre Kinder). Dies verhindert aber nicht den Arbeitsdienst auf den Feldern des Schwiegervaters oder die Realisierung von gemeinsamen Festen zwischen den Familien.
Unter den Mbya liegt die spirituelle Führung in der Hand des “Tamõi“ (Grossvater) und seiner Helfer (Yvyraija) – auch Frauen können diese Führungsposition einnehmen (Kunhã Karai). Gegenwärtig besitzt jede Kommune einen politischen Führer, den Häuptling, dem jüngere Führer beigeordnet sind, die als Vermittler zwischen der indigenen Kommune und den Repräsentanten des Staates fungieren, sowie als Kontakte zu den verschiedenen Ämtern. Bis in die Mitte der 90er Jahre war es üblich unter den Mbya, dass der spirituelle und religiöse Führer auch der politische Chef der Gemeinschaft war. Aber in Perioden zahlreicher Kontakt-Schwierigkeiten, wie es immer mal wieder der Fall ist, erweist sich diese Regelung als unmöglich, denn der spirituelle Führer muss vor solchen Querelen bewahrt werden.
Die Mbya (und auch die Ñandeva) bauen und unterhalten ein besonderes Haus für die Praktizierung des Gebets und ihrer kollektiven Rituale (Opy guaçu), in der Regel in der Nähe oder direkt angelehnt an das Haus des “Tamõi“.
Die religiösen Praktiken der Mbya sind häufig und dauern viele Stunden. Angeleitet vom spirituellen Führer beschäftigen sich die “Gebete“ – realisiert durch Gesänge, Tänze und Reden – auch mit alltäglichen Situationen und Notwendigkeiten (Ernte, fehlendem oder zu vielem Regen, familiäre Probleme, wichtige Geschehnisse, Unvorhergesehenes, etc.).
Die bedeutendste Zeremonie, die in der “Opy“ abgehalten wird, ist “Nheenmongarai“ – wenn die traditionellen Felder abgeerntet und gesegnet werden – zu diesem Anlass werden auch die Namen an die Neugeborenen dieser Periode vergeben. Das “Nheemongarai“ muss mit der Periode der “neuen Zeiten“ zusammenfallen (Ara pyau), die durch die starken Gewitter des Sommers angekündigt werden. Damit legt die Verbindung zwischen der Maisernte, der Segnungs-Zeremonie und der Vergabe der “Seelen-Namen“ den landwirtschaftlichen Kalender und den Verbleib der Familien in ihren Dörfern fest.
Das mythologische Archiv der Guarani ist aussergewöhnlich reich und komplex. Unter den verschiedenen Autoren hat León Cadogan die grösste Sammlung klassischer Mythen und Erzählungen der Mbyz angelegt. Die Mbya haben ihrerseits Interpretationen und im Lauf ihrer Geschichte erlebte Ereignisse in ihr mythologisches Archiv aufgenommen. Für die Mbya steht fest, dass auch der Alltag mythologische Verbindungen enthält, die sich aus der Kommunikation mit den Gottheiten ergeben. Somit “werden die Traditionen in jedem Jahrhundert in die Praxis umgesetzt, den Prinzipien der Mythen folgend, auf denen die Gedanken und Aktionen der Mbya gründen“.
Der Zyklus der Aktivitäten (Selbsterhaltung und Rituale) wird von zwei Zeiten bestimmt, die zwei Jahreszeiten entsprechen: “Ara pyau“ und “Ara yma“. Diesen Zeiten entspricht die “Wärme“ (Frühling – Sommer) und die “Kälte“ (Herbst – Winter).
Für die Guarani ist die Landwirtschaft strukturelle Aktivität ihres gemeinschaftlichen Lebens. Man kann sagen, dass sich bei den Mbya die Bedeutung der Landwirtschaft in ihrem humanen Wesen manifestiert, und allem was zu ihrer Lebensweise gehört – interne Organisation, Gegenseitigkeit, Austausch von Samen und Spezies, Experimente, Rituale, Erneuerung der Zyklen. Auf diese Weise ist ihre Landwirtschaft Teil eines erweiterten Systems, das Aspekte der gesellschaftlichen Organisation, ethische und symbolische Prinzipien beinhaltet, die sich in erster Linie an der zeitlichen Dynamik der zyklischen Erneuerung orientieren, als an der Quantität und Verfügbarkeit der Nahrungsmittel. Man kann also sagen, dass die Mbya nicht von der Landwirtschaft leben – aber sie leben nicht ohne sie.
Die Guarani besitzen traditionelle Nutzpflanzen (eine Vielfalt von Maissorten und anderen Hülsen- und Knollenfrüchten), die besondere Vorsichtsmassnahmen hinsichtlich der Beachtung von Regeln und den entsprechenden Pflanz- und Ernteperioden voraussetzen, denn im Gegensatz zu anderen Pflanzen, interagieren diese mit den einzelnen Sphären des Lebens, und ihre Reproduktion ist eine Grundbedingung für die Realisierung der Rituale, vor allem des “Nheenmongarai“. Diese Zeremonie betrifft exklusiv die traditionellen Pflanzen, das heisst, jene Varianten, welche seit Jahrhunderten von den Guarani kultiviert und nie mit anderen (gewöhnlicheren) Spezies gemischt werden. Die pflanzlichen Kulturen der Weissen bezeichnen die Mbya genetisch als “Tupi“ (Avati tup, Kumanda tupi – “Bohnen“).
Die kultivierten Flächen belaufen sich im Durchschnitt auf ½ bis 3 Hektar, abhängig von der Grösse und der Qualität des Erdbodens, aber auch von der Zahl der Bearbeiter. Sie pflanzen Fruchtbäume und Heilkräuter rund um die Häuser. Sie sammeln Waldfrüchte und Material (Holz, Lianen, Schilfrohr, Bast etc.) für die Konfektion von Kunsthandwerk, kleinere Fallen und für den Haushalt.
Obwohl eine Quelle der Ernährung, ist die Jagd keine alltägliche Praxis unter den Guarani – und sie war es auch nie. Diese Aktivität beinhaltet für sie praktische und symbolische Bedeutungen, die durch die Tötung der Lebewesen ihre Kontinuität verlieren würden. Sie besitzen rigorose Verhaltensregeln bezüglich ihres Nahrungskonsums, die sich nach den Jahreszeiten und den jeweils zur Verfügung stehenden Nahrungsmitteln richten. Die Aktivität der Jagd, trotz einer gewissen gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung, ist durch die Fragmentierung der Waldgebiete und entsprechender Bedrohung der Fauna im Atlantischen Regenwald bei den Guarani fast völlig eingestellt worden.
Das Kunsthandwerk ist eine Aktivität, auf die sich die Guarani spezialisiert haben und die verschiedene Arbeitsetappen verlangt. Das Produkt ist ein Gut, das der Familie gehört (der Kernfamilie) in allen seinen Aspekten (Kreation, Wert, etc.), und sie ist verantwortlich für alle Phasen seiner Herstellung – Sammeln und Schneiden des Rohmaterials zur richtigen Zeit (nach dem Mondkalender), Qualität des Materials (naturell oder künstlich) und der Konfektionierung, der Aufbewahrung, der Preisgestaltung und des Verkaufs. Die einzelnen Aufgaben, von der Produktion bis zum Verkauf, werden auf die einzelnen Familienmitglieder verteilt – je nach Alter, Geschlecht und Können. Diese Aktivität spielt auch in der Dynamik der Tauschgeschäfte eine Rolle (Rohmaterial und fertige Teile) zwischen den Familien. Allerdings vermischen sie ihre Gebrauchsgegenstände (im Haushalt, bei Ritualen oder Körperschmuck) nicht mit jenen, die zum Verkauf produziert wurden.
Im Allgemeinen arbeiten die Guarani-Mbya nur selten ausserhalb ihrer Dorfgemeinschaft, und wenn sie es tun, dann nur für eine kurze Zeit. Deshalb ist die Herstellung von Kunsthandwerk immer noch ihre bedeutendste Einnahmequelle.
In den letzten Jahren werden einige Jugendliche als sanitäre Assistenten, Krankenhelfer und indigene Lehrer vom Staat unter Vertrag genommen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther