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Aus dem Rahmen fallen
Die Filme der britischen Regisseurin Sally Potter
Von Esther Buss
Mit der Virginia-Woolf-Verfilmung «Orlando» (1992) wurde die britische Filmemacherin (geb. 1949) bekannt. Seitdem fasziniert ihr Werk, das zwischen Experimental- und klassischem Erzählkino laviert, es provoziert aber mitunter nicht minder harsche Kritik. Immer wieder geht es Sally Potter um die Persönlichkeit als «Rollenspiel», um das «Ich» im Spannungsfeld von eigenen Wünschen und sozialen Rollenerwartungen. So auch in «The Party», in dem das gesellige Beisammensein einiger Upper-Class-Freunde unvorhersehbar eskaliert.
In Sally Potters Filmen wird viel getanzt: Tango, Stepptanz, Revuetanz, Gesellschaftstanz, Modern Dance. Es gibt einen Küchentanz, einen Fahrsteigtanz, einen Kamintanz, einen Schlittschuhtanz, einen Regentanz und einige mehr. Trotz Anleihen an Genres wie Musical und Tanzfilm ist der Tanz in den Filmen der britischen Regisseurin indes weder ein emphatisches Bekenntnis zum Leben noch kommt ihm die Aufgabe zu, tänzerische Meisterschaft auszustellen. Wenn in einem Film von Sally Potter getanzt wird – oder wenn sie selbst tanzt wie in «The Tango Lesson» (1997) –, dann geht es in der Regel um Form, Haltung, Selbstdisziplin und Wiederholung. Und nicht selten verbirgt sich hinter den einstudierten, wiederholten, sehr gefassten Bewegungen, Formen und Haltungen ein gesellschaftsdiagnostisches Szenario. Anders gesagt: Sally Potters Tanzszenen sind Minidramen, in denen Geschlechterrollen, kulturelle Differenzen und Ähnliches ausgehandelt werden.
Ein Pferd in der verdutzten Tanzgesellschaft
Die beiden tollsten Tanzszenen finden sich in Potters experimentellem Debüt «The Gold Diggers» (1983), das in atemberaubenden Schwarz-Weiss-Bildern (Kamera: Babette Mangolte) die Beziehungen zwischen Gold, Geld und Frauen erforscht. In einem Tanzstudio begegnet der schöne Filmstar Ruby (Julie Christie) einer Tänzerin, die steppend von ihrem komplizierten Weg zur Solotänzerin berichtet – eine Erzählung, die sich unschwer als Selbstermächtigungsgeschichte lesen lässt. Später ist Ruby die Protagonistin einer Tanzszene in einem opulenten Historienfilm (eine Anspielung auf David Leans «Doktor Schiwago», in dem Julie Christie die Hauptrolle spielte). Beim Paartanz bringt Ruby so unauffällig wie elegant sämtliche Männer zu Fall, bevor sie von einer schwarzen Französin (Colette Laffont) gerettet wird, die auf einem Schimmel mitten in die verdutzte Tanzgesellschaft reitet. Nach dieser fulminanten «Rettung» kommt es unter den Frauen im Ballsaal zu einer Befreiung von der standardisierten Bewegungsordnung. Entfesselt beginnen sie miteinander zu tanzen und in ihren bauschigen Rüschenkleidern jauchzend das Treppengeländer herunterzurutschen. Die konsternierten Männer werden buchstäblich an den Rand gedrängt
Charlotte Sally Potter, 1949 in London als Tochter einer Musiklehrerin und eines Innenarchitekten und Schriftstellers geboren, wurde in den ausgehenden 1960er- und frühen 1970er-Jahren politisch und intellektuell sozialisiert. Ihre künstlerischen Interessen waren von Anfang an vielseitig gestreut: Neben Film studierte sie Komposition, Tanz und Choreografie. Anfang der Siebzigerjahre arbeitete sie vorwiegend als Performance-Künstlerin und Theaterregisseurin, zudem war sie Mitglied verschiedener Bands wie der Feminist Improvising Group.
Spiegel und Illusionsbrüche
Zwei kulturelle bzw. ästhetische Bewegungen waren für ihre Entwicklung als Filmemacherin prägend: der strukturalistische Film und die feministische Theorie. Potters Interesse an experimentellen Formen und konzeptuellen Rahmungen sind selbst noch in den Arbeiten der jüngeren Zeit spürbar – etwa in der Fashion-Satire «Rage» (2009) wie auch in ihrem aktuellen Kammerspiel «The Party» (2017).
Feministische Themen wiederum – Rollenbilder, der weibliche Blick, Selbstreflexion – spielen bereits im Kurzfilm «Thriller» (1979) eine explizite Rolle. Sally Potter realisierte den in Festivalkreisen viel beachteten Meta-Krimi nach ihrer Ausbildung an der London Film-Makers’ Co-operative, zuvor waren mit «Jerk» (1969), «Black and White» (1969) und «Play» (1971) bereits filmische Arbeiten entstanden. Auch wenn sie in ihrer fast 50-jährigen Laufbahn die unterschiedlichsten Genres, Erzählformen und Grössenordnungen ausprobiert hat – vom aufwändigen Kostümfilm bis zum kleinen Blue-Box-Experiment –, ist ihr Werk konsistenter als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Wiederkehrende Motive sind Spiegel (als Medium der Selbsterkenntnis), bühnenhafte Settings, der grosse Stellenwert von Tanz und Musik, Illusionsbrüche und das Element der Wiederholung. «I can repeat and I can be repeated», heisst es in «The Gold Diggers» programmatisch.
Sally Potter tat sich nicht leicht, ihre Rolle als Filmemacherin zu finden. Dem spröden Diskursfilm «The Gold Diggers» schlug eine regelrechte Welle von Anfeindungen entgegen – und der Umstand, dass Potter für das Projekt ausschliesslich Frauen engagiert hatte, wurde unglaublicherweise als «männerfeindlich» gescholten. In der Virginia-Woolf-Verfilmung «Orlando» (1992) versuchte sie mit spektakulären Schauwerten (die exzentrischen Kostümentwürfe stammen von Sandy Powell), feministische Fragestellungen für ein breites Publikum zu öffnen. Für die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin Tilda Swinton war der Film der Durchbruch, es gab zahlreiche Preise und Oscarnominierungen. Doch auch «Orlando» war keineswegs unumstritten. Der Kritiker Jonathan Rosenbaum, der «The Gold Diggers» sehr mochte, nannte den Film einen abgesicherten crowd pleaser – einen «Film mit praktisch keiner einzigen Idee, aber viel modischer Garnitur (…) und einer Menge Attitüde».
Unangestrengte Tango-Lektionen
Bei Publikum und Kritik hat Sally Potter bis heute einen unsicheren Stand. Mal stören sich Rezensenten am konzeptuellen Überbau und dem Festhalten an überambitionierten Formen, mal sind es ihre Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack, die Abwehr auslösen. Tatsächlich gehen Potters Versuche, Intellekt und Gefühl, experimentelle Form und populäres Erzählkino zu verbinden, nicht immer auf. Das bizarrste Beispiel ist «The Man Who Cried» (2000), eine Geschichte über die Odyssee einer jüdischen Frau (Christina Ricci) im Europa des aufsteigenden Faschismus. Übersteuerter Pomp, penetrante Opernmusik, ein B-Movie-Plot und nicht zuletzt die von Cate Blanchett gespielte Figur eines komplett grotesken Showgirls ergeben ein «unmögliches» Gemisch, das dennoch – oder gerade deshalb – Faszination auszuüben vermag.
Zu Potters schönsten Arbeiten gehören «The Tango Lesson» (1997) und «Ginger & Rosa» (2012), zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In «The Tango Lesson» spielt Sally Potter sich selbst: eine Regisseurin, die in der mühseligen Vorbereitungsphase eines Filmprojekts (tatsächlich handelt es sich um den Stoff zu «Rage») beim Tango-Meister Pablo Verón Unterricht nimmt – und dann beschliesst, stattdessen einen Film über das Tango-Tanzen zu machen. Auch wenn Potter den teilweise in Schwarz-Weiss gedrehten Film als eine selbstreflexive Studie über künstlerisches Arbeiten, Geschlechterverhältnisse und kulturelle Unterschiede anlegt, ist «The Tango Lesson» von einer entspannten, unangestrengten Atmosphäre getragen. Der Tango und sein strenges Regelwerk geben dem Film eine Form, die viele erzählerische Freiheiten erlaubt.
Im autobiografischen Drama «Ginger & Rosa» (2012) blickt die Filmemacherin auf ihre Jugend im London der beginnenden 1960er-Jahre zurück. Im Mittelpunkt stehen zwei unzertrennliche rebellische Teenager, deren Freundschaft in Zeiten der Kuba-Krise auf eine harte Probe gestellt wird. Während sich Ginger (Elle Fanning) in Weltuntergangsfantasien hineinsteigert und die Nähe zum politischen Aktivismus sucht, lässt sich Rosa (Alice Englert) von ihrer Vorstellung der ewigen Liebe treiben. Schliesslich fängt sie ausgerechnet ein Verhältnis mit dem Vater der Freundin an.
Durch seine klare, konventionelle Narration macht sich «Ginger & Rosa» innerhalb von Sally Potters Werk fast schon unkonventionell aus. Ihr Hang zur Thesenhaftigkeit weicht einem erzählerischen «Flow», in dem feministische Perspektiven gleichwohl mitschwingen. Wenn Ginger angewidert beobachtet, wie ihre Mutter (Christina Hendricks), die für die Familie einst ihre künstlerischen Interessen aufgab, in der Schule mehr Haushaltsunterricht einfordert, kündigen sich die gesellschaftlichen Umbrüche – 1968, die Frauenbewegung – bereits an. Bezeichnenderweise wird ausgerechnet in dieser Erzählung über adoleszente Gefühlslagen nicht getanzt – nicht einmal, wenn Little Richards «Tutti Frutti» aus der Jukebox schallt.
«Naked Cinema»
Timothy Spall und Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson und Bruno Ganz: Sally Potters aktueller Film «The Party» glänzt mit einer hervorragenden Besetzung. Dass die Regisseurin kein Problem hat, internationale Stars für ihre Projekte zu gewinnen, verweist auf ihren Ruf, gerade in der Kooperation mit ihren Darstellern besonders geschickt zu sein. Die Liebe zu Schauspielern bezeichnet sie selbst als eine treibende Kraft bei ihrer Arbeit – und als entscheidenden Faktor im Zauber des Kinos: «Es ist immer wieder der Mensch in der Einstellung, der uns durch das Labyrinth der Gefühle und der visuellen Informationen führt. Es ist seinetwegen oder ihretwegen, dass wir wissen wollen, was als nächstes passiert. Die intime, machtvolle Beziehung zwischen Publikum und Schauspieler fühlt sich vielleicht natürlich an, ist aber eine Konstruktion, das Endresultat vieler Arbeitsprozesse.» Dies schreibt Sally Potter in der Einleitung ihres Buchs «Naked Cinema», in das ihre reiche Arbeitserfahrung eingeflossen ist. Ausführlich analysiert sie, wie sich diese Prozesse ihrer Erfahrung nach gestalten lassen, vom Casting über die Dreharbeiten bis zur Postproduktion. Der zweite Teil des Bandes enthält Interviews, die die Regisseurin mit zahlreichen prominenten Schauspielerinnen und Schauspielern führte. Was nicht nur den Blick auf Potters eigene Filme schärft, sondern für alle jene interessant ist, die sich generell für Schauspiel und Schauspielführung interessieren.
Esther Buss arbeitet als freie Film- und Kunstkritikerin in Berlin. Veröffentlichungen in Katalogen, Zeitungen und Magazinen, u.a. in Spex, kolik.film, Filmdienst, Texte zur Kunst und Jungle World. Der Artikel «Aus dem Rahmen fallen – Die Filme der britischen Regisseurin Sally Potter» erschien erstmals in der Zeitschrift Filmdienst 15/2017.
Sally Potter: «Naked Cinema. Working With Actors», Verlag Faber & Faber, 2014 (in englischer Sprache).