Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/1915

Ich interessiere mich nicht für missglückten Sex – vorzeitige Ejakulationen, Versagensängste oder mangelhafte Technik. Ich interessiere mich nicht für brutalen Sex – Schlagen, Klemmen, Brennen, Peitschen. Ich interessiere mich nicht für illegalen Sex – Begegnungen mit Minderjährigen, tierische Liebe. Aber jeden Herbst bin ich von Berufs wegen verpflichtet, mich mit schlechtem Sex zu beschäftigen, genauer gesagt: mit schlecht geschriebenem Sex.
Der «Bad Sex in Fiction»-Award, der alljährlich von der «Literary Review» in England vergeben wird, wurde von Auberon Waugh, dem früheren Herausgeber der Zeitschrift und Sohn Evelyns, gestiftet. Waugh, ein emsiger Kritiker, der pro Woche einen Roman zu verschlingen pflegte, entdeckte dabei einen Trend: Immer häufiger wurden in respektable literarische Werke überflüssige Sexszenen eingebaut, die weder die Handlung voranbrachten noch der Entfaltung der Charaktere dienten; wahrscheinlich, so vermutete Waugh, weil die Verleger glaubten, sie könnten mit solchen Ausschmückungen die Auflage steigern. Er lobte den Preis aus, um die Entstellung hervorragender Romane durch schlechte Sexszenen zu verhindern. Ziel war es, «auf den derben, geschmack- und oft gedankenlosen Einsatz überflüssiger Passagen sexuellen Inhalts in literarischen Romanen aufmerksam zu machen und davon abzuschrecken».
21 Jahre später ist unsere Arbeit noch immer unvollendet, ja die Kriterien für die Vergabe der Preise mussten auf absurde, unstimmige, klischeehafte, unbeabsichtigt lächerliche und prätentiöse Beschreibungen sexueller Aktivitäten ausgedehnt werden. Der Juryvorsitzende des Man Booker Prize von 2010, Andrew Motion, hat die Ansicht vertreten, der Bad-Sex-Preis habe «wahrscheinlich viele Autoren davon abgehalten, über Sex zu schreiben». Doch dem ist früher nicht so gewesen und heute, nach dem Erfolg von E. L. James, schon gar nicht. Mehrere Lektoren haben mir versichert, dass sie eine wachsende Anzahl von Manuskripten erhielten, die man als «literarische Versionen von ‹Fifty Shades of Grey›» bezeichnen könnte, ich bin mir sicher, dass uns die Arbeit nicht ausgeht.
Als Redaktor der «Literary Review» ist es meine Aufgabe, preisverdächtige Kandidaten auszuwählen. Das ist schwieriger, als es scheinen mag. Anders als bei anderen Preisen zeigen die Verleger und Agenten verblüffend wenig Interesse an der Teilnahme ihrer Autoren (obwohl wir unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit auch Tips von ihnen erhalten). Die Befragung unserer Rezensenten fördert die üblichen Verdächtigen zutage, aber der grösste Teil der Shortlist ist einer Mischung aus Intuition und harter Arbeit zu verdanken. Ich lasse mich in meinem Buchladen in einen Lehnstuhl sinken, neben mir wie Zinnen aufgetürmt die neuesten Romane, und verbringe Tage damit, die eingestreuten sexuellen Zwischenspiele aufzuspüren, das Auge geschärft für untrügliche Anzeichen im Schriftsatz – starke Häufung von Ausrufezeichen, mit Kursivdruck gespickte Dialoge – sowie einige verräterische Verben: schwitzen, flutschen, reiten, reiben.
Dabei herrscht die irrige Meinung vor, jede Schilderung von Geschlechtsverkehr sichere einem Schriftsteller einen Platz auf unserer Liste. Doch obschon Martin Amis einst behauptete, dass Szenen sexueller Natur in der Literatur «unmöglich» seien und nur «sehr wenige Autoren es mit Sex zu etwas gebracht» hätten, stosse ich jedes Jahr auf viele überzeugende Beispiele trefflicher und ausgewogener sexueller Schilderungen. Die Beratungen der in Klausur tagenden Jury bleiben selbstverständlich streng geheim, aber für jene, die im nächsten Roman eine pikante Szene unterbringen wollen, gebe ich gerne ein paar Hinweise auf die häufigsten Fettnäpfchen.
1. Die Beschreibung muss einen Sinn ergeben. Es ist erstaunlich, wie oft Autoren an dieser elementarsten Bedingung erfolgreicher Schriftstellerei scheitern. Haruki Murakami, der 2011 in die engere Auswahl kam, gönnt uns folgende Zeile: «Ein frisch gemachtes Ohr und eine frisch gemachte Vagina sehen sich sehr ähnlich, dachte Tengo.» Was ist eine frisch gemachte Vagina? Und was, um Himmels willen, ein frisch gemachtes Ohr? Tengo redet, als sei er statt ins Schlafzimmer in eine Bäckerei geraten.
2010 wurde Rowan Somerville für einen einzigen Satz aus seinem Roman «The Shape of Her» zum Sieger gekürt: «Wie ein Lepidopterologe, der sich mit einer stumpfen Nadel in ein gepanzertes Insekt spiesst, schraubte er sich in sie hinein.» («He screwed himself into her.») Hier gibt es gleich mehrere Schwierigkeiten. Erstens beschäftigen sich Lepidopterologen mit Schmetterlingen und Nachtfaltern, Tieren also, die nicht für die Undurchdringlichkeit ihres Panzers bekannt sind. Zweitens haben Entomologen aller Couleur die Angewohnheit, ihre Insekten auf Kartons zu spiessen; wenn sie sich dabei selbst mit aufspiessten, würde dies die Forschung beträchtlich behindern. Drittens ist «screwing» im englischen Sprachraum gängig und kann durchaus Freude machen; sich in jemanden hineinzuschrauben aber erfordert dann doch ein hohes Mass an artistischem Können. Der ganze Satz zerbröselt in ein begriffliches Durcheinander, noch ehe der Schlusspunkt erreicht ist.
2. Verzichten Sie auf Euphemismen. In seinem Roman «Ed Kind» (einer Aktualisierung und Übertragung der Ödipusgeschichte nach Seattle im 20. Jahrhundert) präsentiert David Guterson, der Preisträger von 2011, uns auf wenigen Zeilen ein «Membrum virile», eine «Hautflöte», «Familienjuwelen» sowie ein «Vor-» und ein «Hinterzimmer», was beim Leser den Eindruck eines gackernden Teenagers erweckt, der schlüpfrige Wörter sammelt, aber nicht den eines Schriftstellers, der sich ernsthaft mit Sex auseinandersetzt.
3. Lassen Sie sich nicht von Ihren Metaphern überwältigen. Ein hervorragendes Beispiel für dieses Phänomen findet sich in «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell: «Dieses Geschlecht schaute mich an, belauerte mich wie ein Gorgonenkopf, wie ein unbeweglicher Zyklop, dessen einziges Auge niemals blinzelt. Ganz allmählich durchdrang mich dieser stumme Blick bis ins Mark. (…) Wenn ich nur noch eine Erektion bekäme, dachte ich, könnte ich mich meines Schwanzes bedienen wie eines im Feuer gehärteten Pfahls, um diesen Polyphem zu blenden, der mich zum Niemand machte.» Selbst wenn wir grosszügig über die Verwirrung der Helden hinwegsehen – im Nu sind wir von Perseus zu Odysseus übergelaufen –, scheint der Autor so darauf versessen, den Mythos auf die Anatomie zu projizieren, dass man meinen könnte, er würde lieber die «Odyssee» inszenieren als sich mit Sex zu befassen.
Nicht weniger grotesk sind Vergleichskaskaden, die den Leser verwirren. Der israelische Autor Amos Oz, der regelmässig als Anwärter für den Nobelpreis gehandelt wird, hat in seinem 2009 in die engere Auswahl gelangten Buch «Verse auf Leben und Tod» ein unübertroffenes Beispiel geliefert: Zunächst «verschaffen seine geübten und jetzt sogar einfallsreichen Hände ihr ungeahnte Lust und streben Richtung Heimathafen, zum geheimsten Ankerplatz, bis ins Zentrum ihrer Lust»; dann wird der Liebhaber zu einem «Sonargerät, das fähig ist, Schwingungen wahrzunehmen, die dem Ohr jedes Sterblichen verborgen bleiben»; von der Unterwasserortung ist es nur ein kleiner Schritt zur Verwandlung «in einen Seismographen, der die Signale ihres Körpers auffängt und sofort entziffert»; etwas grösser ist dann der abschliessende Sprung vom Erdbebendetektor zu einem «Musiker, der sich völlig auf die Fingerspitzen auf der Klaviatur konzentriert». Am Ende hat der Leser wieder trockenen Boden erreicht, aber doch nasse Füsse bekommen.
4. Sie verfassen kein medizinisches Lehrbuch. Niemand denkt auf lateinisch an seinen Körper. Einer der diesjährigen Anwärter, Matthew Reynolds, schildert uns in «The World Was All Before Him», wie «die Arterien sich weiten und das Gewebe schwillt und all die wunderbar aufeinander abgestimmten und vielseitigen Rezeptorneuronen in glücklicher Harmonie ihre Salven abfeuern, bis die Gehirnzellen in tausend Farben schimmern und kreisen und schwingen», und placiert sich damit auf halber Strecke zwischen Anatomievorlesung und Nachtclub.
5. Lassen Sie die Finger von der Zerstörung des Universums. Dies gilt in fast allen Lebenslagen, besonders jedoch bei der Beschreibung des sexuellen Höhepunkts. Manche Autoren glauben, sie müssten dabei das gesamte raum-zeitliche Gefüge in Stücke reissen. Nehmen wir James Frey, der mit seinem biographischen Bericht «A Million Little Pieces» bekannt wurde und der 2011 beinahe für folgende Passage aus «Das letzte Testament der Heiligen Schrift» ausgezeichnet worden wäre: «Es war Liebe und Freude und Lust, und jeder Teil meines Körpers sang ein Lied, das ich noch nie gehört hatte, aber es war das schönste Lied überhaupt, und es war blendend und rein, und mein Gehirn verwandelte sich in das weisseste Weiss, und ich sah die Unendlichkeit, für immer und immer, ich sah Unendlichkeit und verstand sie sogar und verstand alles andere in der Welt, den ganzen Hass und Zorn und Tod und Leidenschaft und Neid und Mord, und nichts spielte eine Rolle.» Mein Haupteinwand ist, dass der Text zwar mit einer freizügigen und blasphemischen Attitüde daherkommt – der Held hat Sex im Namen Jesu –, aber zugleich eine christliche Form der Verleugnung von Sexualität betreibt, indem er eine körperliche Aktivität in abstrakte Begriffe und minimalistische Kunst übersetzt. Ausserdem habe ich keine Ahnung, wovon in aller Welt (oder um Himmels willen) der Autor hier spricht.
6. Schreiben Sie nicht in Echtzeit. Mimesis, der Versuch, die Wirklichkeit durch Sprache nachzubilden, stellt ein tiefgründiges ästhetisches Problem dar, auf das ich hier leider nicht ausführlich eingehen kann. Aber Sie sollten nicht glauben, dass, nur weil es beim Sex zu repetitiven Bewegungen kommt, dies auch in der Sprache so sein müsse. Betrachten wir Tom Wolfes 2004 ausgezeichnete Passage aus «Ich bin Charlotte Simmons»: «Die Finger schoben sich unter das Gummiband ihres Höschens, und Hoyt stöhn-, stöhn-, stöhn-, stöhnte, während seine Finger sich vor-, vor-, vor-, vortasteten und sie kos-, kos-, kos-, kosten, bis sie nur noch Bruchteile von Zentimetern vom Ansatz ihres Schamhaars entfernt waren.» Das Einzige, was diese Stelle zeigt, ist, dass der Erzähler offenbar stottert.
7. Halten Sie sich fern von allem, was mit Fischen zu tun hat. Wir hatten schon «Fischschleim und Sägemehl» (John Banville), einen «bodenlosen Sumpf von Fischleichen und gelb blühenden Lilien» (Péter Nádas), «Sex, der in Freude schwimmt wie ein Fisch im Wasser» (Nancy Huston), ja sogar «die austernhafte Unzugänglichkeit dieser Frau» (Anthony Quinn). Sie sind nicht der erste Mensch, der bemerkt, dass es dort unten ein wenig maritim zugeht, aber Sie machen sich mit Sicherheit zum Narren, wenn Sie meinen, Sie könnten es anderen auf nie dagewesene Weise vermitteln.
Die Preisverleihung findet auch dieses Jahr wieder im Dezember statt. Zu den Spitzenkandidaten gehören Woody Guthries postumer Roman «Haus der Erde» («Und hinter der Tür ihres Schosses fühlte sie ihre inneren Organe und Gewebe, all ihre Muskeln und Drüsen, spürte, wie sie rollten und pressten, pressten und rollten»); Manil Suris Urknall in «The City of Devi» («Irgendwo in irgendeiner Galaxie müssen in diesem Augenblick Supernovas explodieren (…)Wir streifen wie Superhelden an Sonnen und Sonnensystemen vorbei, tauchen in Schwärme von Quarks und Atomkernen ein»); und die bizarre Überschwenglichkeit in Susan Chois «My Education» («Wäre ich eine Puppe gewesen, sie hätte vielleicht jedes einzelne meiner Glieder abgerissen und an den Knöpfen gesaugt, bis sie glänzten, und ihre Zunge in jedes der Löcher gebohrt»).
Hunderte von Gästen werden dicht gedrängt sitzen, während zwei Schauspieler die Beiträge vorlesen. Sie sind gehalten, so natürlich wie möglich vorzutragen, damit die Musik der Worte für sich sprechen kann. Der Sieger erhält dann eine aus den 1950ern stammende Skulptur angeblich abstrakt sexuellen Inhalts von der Hand eines unbekannten Zürcher Bildhauers namens Posner. Es kam bisher nur selten vor, dass ein Gewinner den Preis ausgeschlagen hat; als Jonathan Littell 2009 aber von uns prämiert wurde, fürchtete sich der Verleger so sehr vor der Reaktion, dass er dem Schriftsteller die gute Nachricht vorenthielt.
Normalerweise nimmt man die Auszeichnung mit Humor entgegen; manche Preisträger sind den ganzen Abend ausnehmend freundlich und schlagen dann jahrelang erbittert in Kolumnen zurück. Wir werden regelmässig als verschwitzte, verklemmte, postpubertäre Pennäler beschimpft; oft wird unser Preis als Inbegriff eines typisch englisch verklemmten Umgangs mit Sex angesehen, der ebenso prüde wie lüstern ist. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Schilderung intimer Begegnungen verliert, wenn der Autor seinen Blick vom Geschehen abwendet und seine Prosa mit grellen Metaphern schmückt oder darauf beharrt, dass eine Runde auf der Matratze eine religiöse Erfahrung sei. Schlechter Sex ist das Ergebnis schlechter Prosa. Der Preis soll ein Anreiz sein, besser zu schreiben, und wenn er dazu beiträgt, dass unsere Romanciers ein wenig länger in sich gehen, bevor sie ihre Feder ins Schlafzimmer führen, wäre dies kein schlechtes Ergebnis.
Hier geht es zur Auflösung.