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Das Abenteuer Eranos
von Erik Hornung
Ein Abenteuer ist schon die Entstehung von Eranos. Es hat viele Väter, aber nur eine Mutter, nämlich Olga Fröbe-Kapteyn, geboren 1881 in London als Tochter eines holländischen Ingenieurs; in der Schweiz, wo sie in Zürich die Kunstgewerbeschule besuchte, war sie nur wenige Jahre mit einem österreichischen Musiker verheiratet, der bei einem Flugunfall umkam, und wurde Mutter von zwei Töchtern.
1919 kommt sie mit ihrem Vater ins Tessin, und im Jahr darauf erwirbt ihr Vater für sie ein Grundstück mit der Casa Gabriella in Moscia. In den nächsten Jahren formt sich der Gedanke, der dann in ERANOS Gestalt wird. 1928 wird der Vortragssaal der Casa Eranos erbaut, fünf Jahre vor der ersten Tagung, der eine Art „Sommerakademie“ voranging.
Bevor wir einen Blick auf die Väter von Eranos werfen, muss aber noch etwas zum Nährboden gesagt werden, zum Monte Verità über Ascona. Wie eng er mit der europäischen Kulturgeschichte unseres Jahrhunderts verflochten ist, hat die Ausstellung von Harald Szeemann „Monte Verità. Berg der Wahrheit“ 1978 in vielen Bereichen deutlich gemacht.[1] Seit 1900 wurde der Berg zu einem Experimentierfeld für neue Lebensarten, neue und vielfach sehr radikale Ideen. Vegetarier, Naturheiler, Anarchisten, Theosophen und andere Wahrheitssucher, dazu Poeten, Propheten und Künstler aller Arten besetzten den Berg, machten ihn zu einem Heiligtum der Alternativen und schrieben ihm jene „sakrale Topographie“ ein, die Szeemann in seiner Ausstellung beschwört. Von all dem hat einzig die Idee von Eranos bis jetzt überdauert.
Künftige Forschung wird sicher noch viele andere Wurzeln und viele andere Väter von Eranos ans Tageslicht heben, wir begnügen uns mit ein paar besonders wichtigen Namen.[2] Martin Buber hielt im August 1924 einen Lehrkurs über das Tao-te-king auf dem Monte Verità ab, an dem Olga Fröbe teilnahm; 1934 sprach er dann an der zweiten Eranos-Tagung. C.G. Jung lernte sie 1930 in Darmstadt bei einer Tagung der „Schule der Weisheit“ von Hermann Graf Keyserling kennen; einen Hauch Esoterik steuerten die Theosophin Annie Besant (anfängliche Mitarbeiterin der Madame Blavatska) und Krishnamurti bei; Ludwig Derleth, von Thomas Mann im „Doktor Faustus“ als Dichter und Prophet porträtiert, stand dem Kreis um Stefan George und den Münchner „Kosmikern“ nahe. Last but not least dann der Religionsforscher Rudolf Otto, den Olga Fröbe 1932 in Heidelberg traf und der dem keimenden Unternehmen – Frau Fröbe schwebte ganz allgemein ein geistiger Treffpunkt vor – den Namen Eranos gab: ein festliches Mahl, zu dem jeder Teilnehmende etwas beiträgt. Durch Krankheit verhindert, konnte er selber nicht zur ersten Tagung kommen, sein ebenso bedeutender Fachkollege Friedrich Heiler sprang für ihn ein. So wurde die Religionswissenschaft von Anfang an zu einer der tragenden Säulen der Tagungen, mochte auch durch die starke Persönlichkeit von C.G. Jung bisweilen die Psychologie dominieren.
Im symbolträchtigen Jahr 1933 fand dann die erste Tagung statt, zum Thema „Yoga und Meditation im Osten und im Westen“ – nicht auf dem Monte Verità, der damals bereits dem Baron von der Heydt gehörte (1927 war das neue Hotel erbaut worden), sondern im nahegelegenen Moscia, direkt am Ufer des Sees. Knapp sieben Monate nach der Machtergreifung des NS-Regimes in Deutschland, als die ersten Auswirkungen schon spürbar wurden, haben wir dieses Fanal einer Begegnung von östlicher und westlicher Geisteswelt! Was Eranos sehr bald für die innere und äussere Emigration bedeutete, hat Alfons Rosenberg in einem seiner „Flugblätter für Freunde“ ergreifend geschildert (Nr. 80, 1977).
Er hatte sich damals mit Gleichgesinnten auf eine Insel im Wörth-See zurückgezogen und beschreibt, wie ihm bei einer seiner Fahrten nach München das erste Jahrbuch in einer Buchhandlung über den Ladentisch gereicht wird. „Als ich in dem damals durch seine Seltenheit in Nazi-Deutschland kostbaren Buche blätterte, festigte sich mir die Gewissheit, dass ich in meiner Strebung nicht mehr alleine sei, dass ich vielmehr als das jüngste und unerfahrenste Mitglied einem weltweit verstreuten Kreise, der dem symbolträchtigen Unter- und Hintergrund des Lebens nachforscht, heimlich angehöre. Aber ach ... das Zentrum dieses ‘Kreises’ (befindet sich) hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, nämlich jenseits des Gotthard im Tessin ... Dahin wirst du nie gelangen!“.
Er ist dann doch sehr bald als jüdischer Emigrant dorthin gelangt und hat die zweite Hälfte seines Lebens in der Schweiz verbracht; sein Nachlass befindet sich jetzt in der Zürcher Zentralbibliothek. Und Rosenberg schildert noch, wie das erste Eranos-Jahrbuch bei dem Patristiker Hugo Rahner in Innsbruck ganz ähnliche Reaktionen auslöste. Auch ihm, dem „kleinen Jesuiten“, der mit seinen Ideen über einen christlichen Humanismus im Orden wenig Anklang fand, schien der neu etablierte Eranos-Kreis zwar seelenverwandt, aber zunächst unerreichbar fern, bis nach dem „Anschluss“ Österreichs das gesamte Jesuiten-Kolleg Innsbruck in die Schweiz abgeschoben wurde und in Sion eine neue Bleibe fand. Von dort holte ihn Olga Fröbe sehr bald als Redner, und Rosenberg schliesst seine Erinnerung: „Etwa zur gleichen Zeit erreichte Hugo Rahner und mich, die einander nicht kannten, die Kunde vom Wirken des Eranos-Kreises. Aber erst musste er wie ich die Feuer- und Wasserprobe des Exils bestehen, ehe wir uns auf den Eranos-Tagungen begegnen und mit einander befreunden konnten“.
Dass Eranos praktisch von Anfang an auch durch seine Jahrbücher weltweit gewirkt hat, verdankt es (neben den Rednern natürlich) Daniel Brody, dem engagierten Leiter (1929-1963) des Rhein-Verlags in Zürich, der jahrzehntelang den Druck der gehaltenen Vorträge betreut hat, neben den Jahrbüchern zusätzlich in Sammelbänden, so gerade auch für Hugo Rahner: „Griechische Mythen in christlicher Deutung“, 1957 erschienen und von Rahner „dem Eranos der Ahnenden“ gewidmet. Bis an das Ende der 1960er Jahre betreute der Rhein-Verlag die Jahrbücher, danach jeweils kurze Zeit der Verlag Brill in Leiden und der Insel Verlag; Frau Unseld war häufig an der Tagung, auch Siegfried Unseld kam einmal vorbei.
Die Tagung im August 1939 über „Die Symbolik der Wiedergeburt in der religiösen Vorstellung der Zeiten und Völker“ war schon überschattet von der europäischen Krise; immerhin konnten noch Walter F. Otto aus Königsberg und Louis Massignon aus Paris kommen, aber wenige Tage später brach der Zweite Weltkrieg aus. Olga Fröbe wollte auch 1940 und in den folgenden Jahren die Kontinuität nicht unterbrechen, sondern weiter gegen den Ungeist der Zeit ankämpfen. Im Vorwort zum Jahrbuch 1940/41 schreibt sie: „Im heutigen Europa, in dem fast jedes schöpferische Wirken verstummt ist, findet der Zeitgeist, auf dem Wege geringster Widerstände, in Eranos eine Ausdrucksmöglichkeit“. Religiöse Erfahrung und die zeitlosen Urbilder „bedeuten in der heutigen Zeit das Rettende; denn sie sind Träger des Sinns, und in ihnen ist eine regenerierende Kraft, die uns zuströmt, wenn wir uns ihnen zuwenden“.
Allerdings konnten praktisch keine ausländischen Redner mehr teilnehmen, man musste auf Asylanten und auf den Bestand der Schweiz zurückgreifen, und C.G. Jung, dieser „vulkanische Geist“ (Portmann), wurde unentbehrlicher denn je. Im August 1940 gab es, dem Jahrbuch nach, nur zwei Redner, Andreas Speiser und Jung, der im Zusammenhang mit dem Problem der Trinität über „Das Problem des Vierten“ sprach und dabei sein bedeutsames quaternäres Denken entwickelte. Durch ihn konnte, als einziger Ausländer, der ungarische Altphilologe Karl Kerényi 1941 an die Tagung kommen; er liess sich dann 1943 ganz in Ascona nieder und wurde zu einer der tragenden Säulen von Eranos.
Das Kriegsende brachte natürlich ein neues Aufblühen und auch einen neuen Stamm von Teilnehmern, dessen Ausläufer ich selber noch erlebt habe: deutsche Juden, die in die USA emigriert waren und nun regelmässig über den Atlantik an die Tagungen kamen. Für die Geistesgeschichte von Eranos war 1946 ein Epochenjahr, damals öffnete sich die Tagung unter dem Thema „Geist und Natur“ auch für die Naturwissenschaften. Es kamen der Mathematiker und Philosoph Andreas Speiser, der Naturphilosoph Friedrich Dessauer, der Physiker Erwin Schrödinger und vor allem der Biologe Adolf Portmann, auf den Frau Fröbe durch seine Radiovorträge gestossen war. Portmann blieb und hielt seit 1948 regelmässig den Schlussvortrag, als Abschluss und Zusammenfassung einer ganzen Tagung. 1962 wurde er, nach dem Tode von Olga Fröbe, Präsident der Stiftung Eranos, die sie zur Fortführung ihres Unternehmens eingesetzt hatte. Dabei hielt sie als Zweck der Stiftung fest (Testament vom 25. 8. 1961), er bestehe „in der Abhaltung von jährlichen Eranostagungen in dem Geiste, in dem ich sie seit 1933 geführt habe“, dazu in der Veröffentlichung der Vorträge in der Form von Eranos-Jahrbüchern.
Wie kein anderer, hat sich Portmann mit der Idee von Eranos identifiziert und betonte immer wieder, dass er „von Eranos zu Eranos“ lebe, die Tagung im späten August war immer der Höhepunkt des Jahres, für ihn wie für viele andere.[3] Als er, in einem kritischen Moment 1979, nicht mehr in der Lage war, den Schlussvortrag zu geben, sprang Gershom Scholem, der grosse Kabbala-Kenner, ein und würdigte die Bedeutung von Portmann für Eranos als „eine Figur, die die Einheit des wissenschaftlichen Bewusstseins für uns alle von neuem lebendig machte. Die verschiedensten Themen, die in den Programmen scheinbar kaum zusammengehalten waren, wurden dennoch unmittelbar im Kontext einsichtig. Portmanns Schlussvortrag war jeweils das tiefe Eingehen eines philosophisch gebildeten Biologen auf Fragen, die uns alle interessierten. Wir lernten viel von ihm ...“.[4]
Von den anderen lernen, von dem zehren und sich anregen lassen, was andere an dieses festliche Mahl des Geistes mitbringen, das gehört zur Idee und zum Abenteuer von Eranos. Gelehrte ganz verschiedener Herkunft und Ausrichtung versammeln sich mehrere Tage lang an einem Ort, der schon von der Natur besonders begnadet ist. Sie sprechen in vielen Zungen – vier „offizielle“ Sprachen und viele inoffizielle – über ein vorher vereinbartes Thema, und sie sind ergriffen von ihrem Gegenstand; Olga Fröbe wollte ergriffene Redner, keine „Professoren“, obwohl sie alle Professoren hiessen (so wieder Gershom Scholem). Aber sie sind auch offen, den anderen Raum in der Meinungsvielfalt zu geben. Viel Raum, viel Zeit: zwei Stunden stehen für den Vortrag zur Verfügung („Diese zwei Stunden taten viel, um Menschen wie mich an diese Tagung zu fesseln“: so wieder G. Scholem, der sich durch die Tagungen bewegen liess, wieder deutsch zu publizieren, obwohl er es in einem Brief an Leo Strauss etwas verschämt als „schweizerisch“ bezeichnet), und dazu kommt die Diskussion, in der sich noch manches ergänzen und verdeutlichen lässt; im Idealfall gehört ein ganzer Tag einem Redner oder einer Rednerin. Wer das einmal erlebt hat, dem werden die üblichen Kongresse und Tagungen, bei denen man von Referat zu Referat hastet, ohne dass Zeit zum „Verdauen“ des Gehörten bleibt, noch unerträglicher. Dies allein schon macht die Eranos-Tagungen zu einer unverzichtbaren, unvergleichlichen Blüte in der kulturellen Landschaft.
Zur Qualität der Beiträge sei hier auf eine Aufzählung bedeutender Namen verzichtet, die kann man in den Jahrbüchern nachlesen, vor allem in der sehr ausführlichen Liste, die R. Ritsema für das Jahrbuch 1988 zusammengestellt hat. Ich möchte als ein Beispiel nur Shmuel Sambursky herausgreifen, der von 1966 bis 1980 fast regelmässig sprach (sein Fach war die Geschichte der Naturwissenschaften) und in einer unvergleichlichen Weise im ersten Teil seines Vortrags über neuplatonische Philosophie, im zweiten Teil über komplizierte Sachverhalte der neuesten Physik reden konnte, beides in einer plastischen und einfachen Sprache, die man ohne weiteres verstand.[5] Mit dieser geglückten Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaft verkörperte er das Anliegen von Eranos besonders eindrücklich, und dazu kam noch die Ausstrahlung seiner liebenswürdigen Persönlichkeit. Das Ganze des Wissens und das Ganze des Menschlichen bilden den Horizont von Eranos, auch wenn an einer einzelnen Tagung niemals alle Aspekte des vorgegebenen Themas anklingen können. Aber die über 60 Bände unserer Jahrbücher stellen insgesamt ein Kompendium der Geistes- und Kulturgeschichte dar.
Ein Eranos-Vortrag soll alles andere sein als eine akademische Vorlesung. Der „ideale“ Redner sollte durch das Thema und die Art seines Vortrags sein Publikum fesseln, dazu auch seine persönliche Berührtheit spüren lassen. Eine Prise Esoterik und eine Prise Humor sind immer willkommene Zugaben, die einen Eranos-Beitrag schmackhaft machen; aber es darf nicht zu scharf „gewürzt“ sein, und niemals auf Kosten der sachlichen Zuverlässigkeit, Causerien sind bei Eranos nicht gefragt. Dafür werden hier auch Bereiche ernstgenommen, die am Rande oder sogar jenseits der Wissenschaft liegen, mag man sie nun „esoterisch“ oder anders nennen.[6] Und Eranos-Vorträge wollen auch ein ästhetischer Genuss sein, sie wollen zum Herzen sprechen; nichts ist hier verpönter als Fachidiome, wie sie in manchen Wissenschaften wuchern und einem Aussenstehenden oft den Zugang versperren.
„Thema und Einzelvorträge scheinen dem ersten Blick oft weit von der Aktualität abzuliegen“, sagte Portmann in seinem Vortrag „Vom Sinn der Eranos-Tagungen“, aber er fügte gleich hinzu, dass dieser Eindruck eine Täuschung ist. Hier kommen wir dem Abenteuer näher. Geheimnisvoll bleibt der Prozess, wie Eranos-Themen entstehen und sich nachträglich als überaus aktuell erweisen. Wir erleben das immer wieder, dass ganz spontan ein Thema hervortritt, mit dem sich alle identifizieren, zu dem ihnen sofort etwas aus ihrem Gebiet einfällt, und so formt sich bereits das nächste oder sogar übernächste Eranos.
Über das Ziel von Eranos hat die Begründerin an der ersten Tagung kurz und bündig gesagt: „Die Eranos-Tagungen haben sich das Ziel einer Vermittlung zwischen Ost und West gesetzt“, und die ersten Themen standen entsprechend ganz im Zeichen einer Ost-West-Begegnung. Dieses Ziel ist mit der Zeit etwas komplexer und umfassender geworden, und vor allem Adolf Portmann hat sich bemüht, es in Worte zu fassen, was nicht leicht ist.
Nach Portmann sind die Tagungen vor allem „dem archaischen Menschen gewidmet“, und er präzisiert: „Dieser archaische Mensch ist ein Mittelpunkt im Werk von Eranos seit der Gründung und bis zum heutigen Tag. Eranos hat die Vorstellung überwinden helfen, es sei dieses archaische Humane ein Beginn, auf den wir höchstens mit Rührung oder Achtung zurückblicken ... Eranos hat auf die Grösse und das Weiterbestehen dieses ursprünglichen Menschentums hingewiesen; die Bedeutung seiner geistigen Schöpferkraft und sein dauernder Anteil am künstlerischen Formen ist oft an den Tagungen am Langensee hervorgehoben worden“.
Diesem „archaischen“, schöpferischen Menschentum war gleichzeitig mit den Anfängen von Eranos auch Thomas Mann in seinem Joseph-Roman auf der Spur: dem Menschentum, das begnadet ist mit dem Doppelsegen „oben vom Himmel herab und von der Tiefe, die unten liegt“ und das allein dem Ungeist unserer Zeit begegnen kann. Dass Portmann gerade als Naturwissenschaftler so nachhaltig den Blick auf „das Dauernde im Menschen“ lenkt, hängt mit der Bedeutung zusammen, die der menschliche „Mediokosmos“, wie er ihn nennt, für ihn besitzt, gegenüber den ungeheuren Dimensionen im Makro- und Mikrokosmos, die die modernen Naturwissenschaften erschlossen haben und in denen das eigentlich Menschliche allzuleicht verloren geht. Dem „Mediokosmos“ des Menschen sollten, in seinen Augen, die Tagungen dienen, als ein „Werk der Stille“, geprägt durch die Ehrfurcht vor dem Menschen in seiner Natur wie in seiner Kultur.
Die Vielfalt des Menschengeistes in Vergangenheit und Gegenwart (und hoffentlich auch in Zukunft), Achtung vor seinen Schöpfungen in völlig verschiedenen Kultur- und Religionskreisen – das bildete von Anfang an den wesentlichen Inhalt der Tagungen, und dazu gehört auch die immer präsente Idee vom „Runden Tisch“, der gewissermassen unseren heiligen Gral bildet. Dieser Tisch, auch wenn er zumeist nur als Idee existiert und nur selten als Realität hervortritt, bringt die Vielfalt zusammen, auf einer Ebene sind alle einbezogen. Darauf zielt der Ausspruch von Jung beim Anblick einer Fotografie des Tisches mit leeren Stühlen: „Sie sind alle da“.
Zum Gelingen tragen aber noch viele andere Faktoren bei. Wichtig dabei ist, dass jeder Teilnehmer sich ganz auf diese Eranos-Zeit einstellt und durch nichts anderes ablenken lässt. Deshalb dienen die wenigen Veranstaltungen neben den Vorträgen und Diskussionen dem Ziel, die Teilnehmer zusammenzuführen – nicht, sie zu zerstreuen. Ein Konzertabend und ein gemeinsamer Ausflug geben Gelegenheit, alte Verbindungen aufzufrischen und neue zu knüpfen, Fragen weiter zu diskutieren. Die Oase des Monte Verità ist sicher gut geeignet, als bergender Rahmen zu dienen, aber auch der Kreuzgang des Collegio Papio ist uns lieb geworden, unvergleichlich aber bleibt die Atmosphäre des Gartens in Moscia, direkt am See.
Die zeitweilige Vertreibung aus diesem Garten bildet ja auch eines der Abenteuer von Eranos, und der 25. August 1988 wird für uns immer denkwürdig bleiben. Damals fand der letzte Vortrag des „alten“ Eranos statt, nachdem die Stiftung bzw. ihr einziger Vertreter, am Vorabend den Rednern erklärt hatte, die Arbeit der Stiftung würde in Zukunft ausschliesslich dem chinesischen Orakelbuch I Ching gelten, die Tagungen gäbe es nicht mehr. Nach allem, was über die Vielfalt des Menschlichen gesagt wurde, ist klar, dass diese Verengung nicht dem Geiste von Eranos entsprach und entspricht. Aber die einmütigen Proteste damals halfen nicht, die traditionellen Tagungen wurden aus Moscia verbannt und gingen für einige Jahre auf Wanderschaft, bis sie im April 2001 nach Moscia zurückkehren und verwandelt wieder auferstehen konnten. Die Möglichkeit einer Rückkehr zu den Ursprüngen kam gerade im richtigen Moment, als die Tagungen der „Amici di Eranos“ auf dem Monte Verità zu akademischen Seminaren verfremdet wurden und in technischem Aufwand zu ersticken drohten. Dabei hatte schon Olga Fröbe betont, dass sich ein Eranos nicht organisieren lasse, es müsse organisch wachsen. Mehr Einfachheit, mehr Menschlichkeit sind angesagt, um dem Geist von Eranos wieder Raum zu geben.
Die Vermittlung zwischen Ost und West, die das ursprüngliche Ziel der Tagungen war, hat Eranos in der letzten Zeit wieder stärker geprägt und uns damit zu den Anfängen zurückgeführt. Annemarie Schimmel, die bis zu ihrem Tod so unermüdlich für das Verständnis der islamischen Geisteswelt geworben hat, bestätigte immer neu Goethes dictum „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“. In ihrer Person wurden sie zu beglückender Einheit.
Jede Generation muss neu ihr Eranos finden, immer wieder in verwandelter Gestalt. Es gibt eine Überlieferung, dass bereits Olga Fröbe nach den ersten Tagungen wieder abbrechen wollte, aber von den Teilnehmern überredet wurde, weiterzumachen. Solche Anfechtungen gab es auch im Umkreis der 50. Tagung, aber auch sie wurde nicht die letzte. Am Anfang standen zum Teil noch Universalgelehrte wie Sambursky, die mehrere Fachgebiete gleichzeitig souverän überblickten und den Zuhörern vermitteln konnten. In unserer Generation müssen wir schon froh sein, wenn ein Gelehrter noch das Gesamtgebiet seines eigenen Faches überschaut; die Spezialisierung schreitet unaufhaltsam voran, und nach einer bekannten Definition ist ein Spezialist „ein Mensch, der über immer weniger immer mehr weiss, bis er zuletzt über nichts alles weiss“.
Hier liegt das Problem, auch für die Zukunft unserer Universitäten. Es gilt, ein Zusammenwirken der Fächer zu finden, das dieser Spezialisierung oder „Provinzialisierung“ (wie es David Carrasco nennt) gegensteuert. In Zukunft wird es immer mehr darauf ankommen, dass die auseinander driftenden Fachgebiete wieder zusammenkommen und zusammenwirken. Eranos ist, durch die Vielzahl der Sprachen und die Vielzahl der beteiligten Fächer, ein Versuch dazu, der vielleicht die Richtung weisen kann. Es lenkt bewusst den Blick auf ganz andere Kulturen und Zeiten, es zwingt dazu, sich mit ganz anderen Dingen als den gewohnten zu beschäftigen, und dies ist wohl das wirksamste Gegengift gegen die Spezialisierung.
Das Thema „Schuld“ von 1996 bietet ein gutes Beispiel für diesen heilsam-fördernden Zwang. Wir sehen, wie mit Schuld in ganz anderen Kulturen und Bereichen umgegangen wird, können unser eigenes Vorverständnis dadurch relativieren oder auch präzisieren. Wir müssen nur bereit und offen sein, die vielfachen Anregungen aufzunehmen und für uns fruchtbar zu machen. Wesentlich ist das Offene an Eranos. Es hat hier nie eine herrschende Doktrin, eine herrschende religiöse Einstellung gegeben, vielmehr ging es stets um Begegnung zwischen den verschiedenen Standpunkten, Ansichten und Methoden. Deshalb braucht Eranos das kollektive Zusammenwirken von ganz verschiedenartigen Persönlichkeiten.
Alles Lebendige ist aus dem Feuchten entsprungen. So ist der See der belebende Hintergrund der Zusammenkünfte. Im alten Vortragssaal übertönt manchmal das Rauschen der Wellen oder die Heftigkeit eines Tessiner Regens die Worte des Redners. Dazu kommt das Licht über dem See und auf den Hängen, kommt der Blick auf die üppige Vegetation und in die südliche Weite, in die Vielfalt dieser Landschaft, die in so schöner Entsprechung zur Vielfalt der geistigen Beiträge steht. Eranos gehört zu Ascona, es könnte an keinen anderen Ort verpflanzt werden. Daher wollte ja auch Walter Robert Corti seine erneuerte „Platonische“ Akademie in Ascona ansiedeln.
Zum 25. Jahrestag von Eranos erschien im Rhein-Verlag ein schmaler Band, in welchem die damaligen Redner und Mitträger von Eranos jeweils in wenigen Sätzen ihre Huldigung an diese Idee formulierten. Ich möchte mit den damaligen Worten von Mircea Eliade schliessen:
„L’Eranos d’Ascona compte aujourd’hui parmi les phénomènes culturels les plus importants de l’Europe. Je suis fier d’y participer!“.
Möge es so bleiben!
Anmerkungen
[2] Ausführlich sind Entstehung und Geschichte von Eranos jetzt dokumentiert in dem gründlich recherchierten Buch von Hans Thomas Hakl, Der verborgene Geist von Eranos. Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik, Bretten 2001.
[6] Gerade die esoterische Seite von Eranos und seine Bedeutung für die immer noch seltene akademische Auseinandersetzung mit Esoterik sind in dem Anm. 3 genannten Buch von Hakl vorzüglich herausgearbeitet.