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Text und Fotos: Tobias Hüberli
Die Vorstraat im holländischen Ort Kampen ist menschenleer. Aus einem offenen Fenster dringt Maschinenlärm, sonst ist da nichts, ausser ein an die Wand angelehntes Velo und ein Schild, das Besucher darauf hinweist, dass der Eingang zur Zigarrenmanufaktur De Olifant an der parallel zur Vorstraat verlaufenden Oudenstraat liege.
Das war nicht immer so. Um das Jahr 1900 war Kampen das Tabakzentrum der Niederlande. Über 120 Manufakturen sorgten in der Vorstraat für hektisches Treiben. Tausende Ballen Tabak aus den indonesischen Kolonien wurden hier zu Zigarren, Pfeifen- und Kautabak verarbeitet. Die Stadt war für den Handel so bedeutend, dass sie fast zur Hauptstadt erkoren wurde. Aber eben nur fast. Und so ist Kampen heute eine beschauliche Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern am Ufer der IJssel.
Die Zigarrenmanufaktur De Olifant ist das letzte Überbleibsel dieser Blütezeit. Die Fabrik befindet sich noch immer im gleichen Haus, in dem sie 1883 gegründet wurde. Die Räume sind eng und die Treppen zu den insgesamt vier Stöcken derart steil, dass ein Schweizer Arbeitsinspektor die Einrichtung wohl augenblicklich schliessen würde. «Wir hatten noch nie einen Unfall, seit ich hier arbeite», sagt Fabrikdirektor Thomas Klaphake lachend. Der umgängliche Holländer stiess 1993 zum Unternehmen, das seit vier Generationen der Familie Van der Sluis gehört.
4,5 Millionen Stück Zigarillos, Shortund Mediumfiller-Zigarren werden dieses Jahr bei De Olifant produziert. Im Vergleich zur niederländischen Gesamtproduktion von zwei Milliarden Stück eine Winzigkeit. Doch hat sich die Fabrik eine treue Kundschaft erarbeitet. «Wir haben unsere Philosophie seit den Gründerjahren nicht verändert», erklärt Klaphake. «Wir fertigen Zigarren nach dem alten holländischen Rezept und verwenden dafür nur die beste Qualität.»
Traditionell benutzen die Niederländer für ihre Zigarren Tabake aus Indonesien, konkret von den Inseln Sumatra und Java. Bis in die Sechzigerjahre wurden jährlich über 100 000 Ballen Sumatra- Deckblätter importiert. Auch diese Zeiten haben sich geändert. «Der Einkauf von Tabak ist schwierig geworden. » So ist der Anbau von Zuckerrohr lukrativer als jener von Tabak, zudem fressen die wachsenden Städte in Indonesien jedes Jahr Ackerland weg. Der Import von Sumatra-Deckblättern beträgt heute gerade noch 2500 Ballen pro Jahr.
Noch schwieriger gestaltet sich der Einkauf von Java-Tabaken. «Wir unterscheiden auf Java über 20 Anbaugebiete », sagt Klaphake. Die indonesischen Produzenten tun dies allerdings nicht mehr immer, weshalb die Ballen Tabak in Kampen überprüft werden und jedes Blatt einzeln sortiert wird. Fünf der insgesamt 32 Mitarbeiter kümmern sich bei De Olifant einzig um den Einkauf von Tabak. Darunter auch Binette Van der Sluis, die Urenkelin des Fabrikgründers.
Zigarillos und Shortfiller-Zigarren geniessen in der Welt des Tabaks nicht den gleichen Status wie eine aus ganzen Blättern gerollte Longfiller-Zigarre. «Zu Unrecht», findet Klaphake, der seine Zigarillos sogar mit Weinen vergleicht: «In unseren Zigarren stecken über 20 Sorten Tabake aus vier unterschiedlichen Herkunftsländern. Diese Vielfalt erlaubt es uns, den Geschmack einer Zigarre extrem fein abzustimmen und für die gesamte Jahresproduktion konstant zu halten.»
Das Rezept einer holländischen Zigarre lautet wie folgt: ein Sumatra- Deckblatt, ein Umblatt aus Java sowie eine Einlage mit Tabaken aus Kuba, Brasilien und Java. «Der kubanische Tabak stiftet der Zigarre den Pfeffer, aus Brasilien kommt die Süsse, und Java bringt ihr die nötige Milde.» Als äusserst anspruchsvoll beschreibt Klaphake die Herstellung der Mini- und Giant-Zigarillos. «Die meisten Raucher empfinden einen Zigarillo als scharf. Unser Ziel sind ausgewogene Zigarillos mit einem vollen Geschmack.» Das ist insofern kompliziert, als die Rauchdauer durchschnittlich sieben Minuten beträgt und die kleine Menge an Tabak die Mischung erschwert. Dass aber ein gut gemachter Zigarillo ein grosser Genuss sein kann, beweist De Olifant mit seiner «Giant Cigarillo 5 Brasil». «Jedes unserer Formate hat eine eigene Tabakmischung und somit einen ganz eigenen Charakter », so Klaphake.
Im dritten Stock der Manufaktur rattern nicht nur drei Zigarrenmaschinen, sondern arbeitet auch der älteste Zigarrenmacher der Niederlande. Tinus Vinke ist 87 Jahre alt und kümmert sich um die limitierten Editionen von De Olifant. Bis zu 400 Mediumfiller rollt der Meister pro Tag. Die Einlage der Zigarren wird aus Tabakabschnitten zusammengestellt, eine Stunde gepresst, gewendet, nochmals eine Stunde gepresst und danach mit dem Umblatt und dem Deckblatt versehen. Vinke arbeitet seelenruhig und erzählt nebenher, wie er während ein paar Jahren auch in Deutschland für Dannemann gearbeitet habe. «Rauchen Sie?», fragt er und steckt mir ein paar frisch gerollte Formate zu.
Damit das Handwerk nicht vergessen geht, hat Vinke vor einiger Zeit drei Frauen in die Lehre genommen, darunter Maaike van der Sluis, die Ehefrau von Thomas Klaphake. «Der Anfang war schwer, aber mich interessierte nicht nur das Handwerk, sondern auch diese Geselle-Meister-Tradition», erinnert sich diese. Heute dreht sie an einem guten Tag 200 Zigarren. «Gegen Tinus haben wir noch immer keine Chance», sagt van der Sluis und lacht. Vier bis sechs limitierte Ausgaben produzieren Vinke und seine Gesellinnen pro Jahr. «Dieses Jahr liefern wir 250 Boxen in die Schweiz.» Interessierte Fachhändler können eine limitierte Ausgabe aber auch exklusiv für den eigenen Laden, wenn gewünscht unter eigenem Namen bestellen. Allerdings nur ab einer Bestellmenge von 5000 Zigarren.
Das Rauchverbot in den Niederlanden hat auch die Strategie von De Olifant beeinflusst. 2003 beschloss Klaphake, ein zweites Standbein aufzubauen. «Der Einkauf von Tabak ist dem von Kaffee oder Tee sehr ähnlich», sagt er. De Olifant vertreibt unter dem Namen «De Eenhoorn» selbst gerösteten Kaffee sowie Tee an Private oder direkt an die Gastronomie. Das gesamte Sortiment an Zigarren, Kaffee, Tee sowie auch Portwein, Käse und Schokolade kann im fabrikeigenen Laden an der Oudenstraat bezogen werden. Zum Laden gehört übrigens auch ein schmuck eingerichtetes Restaurant, mit exzellenten Salaten, holländischen Spezialitäten und – wen wunderts? – hervorragendem Kaffee.
Traditionsreiche Manufaktur
Zwischen 75000 und 100000 Stück Zigarren verkauft das Familienunternehmen De Olifant derzeit pro Jahr in der Schweiz. Die Short- und Mediumfiller-Zigarren der traditionsreichen Manufaktur aus dem ehemaligen niederländischen Tabakzentrum Kampen bestechen nicht nur mit ungewöhnlichen Formaten, sondern auch mit einem milden und dennoch gehaltvollen Geschmack. Die Zigarren werden noch immer nach dem alten holländischen Rezept gefertigt. Neben Tabaken aus Kuba und Brasilien werden vor allem Sorten aus den ehemaligen holländischen Kolonien, von den Inseln Sumatra und Java, verwendet. Rund 10000 Besucher besichtigen jährlich das enge, über 200 Jahre alte Haus an der Oudenstraat. Neben dem Privileg, Tinus Vinke, den ältesten Zigarrenmeister der Niederlande, zu treffen, können im Dachstock der Manufaktur auch Artefakte aus 300 Jahre Tabakgeschichte bestaunt werden. Darunter zum Beispiel eine Auswahl antiker, meist noch aus Elfenbein gefertigter Pfeifen.
www.olifant.com
De Olifant in der Schweiz
Sämtliche Zigarillos und Zigarren der Marke De Olifant werden von der Wellauer AG in Buchs importiert. Das Sortiment besteht grob betrachtet aus drei Linien. Zur Linie «Modern» gehören die Mini- und Giant-Zigarillos «Brasil» und «Sumatra». Die Linie «Classic» ist das Herzstück des Unternehmens und umfasst acht Modelle, variierend vom kleinen Zigarillo über die überaus beliebte «Knakje» bis hin zu «Corona Panatella ». Nur in begrenzter Auflage erhältlich sind die Mediumfiller der Linie «Emotion» wie etwa die «Vintage-Sumatra» oder aber die «Bahia-Brasil».
Wellauer AG
Bahnhofstrasse 10
9470 Buchs
081 756 14 70,
www.welltabac.ch