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Der Tag, an dem mich mein Haustier umbringen wollte, war ein Mittwoch. Es war ein mild hereinbrechender Sommerabend, das Zwitschern der Amsel lag in der Luft, die Sonne schickte noch ein paar späte Strahlen, der perfekte Moment für ein Bier auf der Terrasse. Daran war nicht zu denken. Das rasende Wesen war bewaffnet, es war bereit zu kämpfen und umkreiste mich in elliptischen Bahnen, während ich es mit dem Handfeger in der rechten Hand zu zähmen versuchte. Mich erfasste eine tiefe Angst vor der Situation, vor dem Projekt und vor allem vor dem Wesen um mich herum. Und ich dachte gleichzeitig den einen Gedanken in Dauerschleife: «Ich. Bin. Kein. Bär.» Immer wieder.
Das war Lektion eins gewesen, die uns der nahezu allwissende Hartmut am ersten Tag mitgegeben hatte. Und doch raste es vor mir, neben mir, über mir, hinter mir mit diesem aufgebrachten, grenzenlosen Furor, wie er nur Tieren in höchster Erregung zu eigen ist. Dabei hatte ich meinem neuen Haustier eigentlich nur vorgeschlagen, dass es von jetzt ab in einer anderen Kiste schlafen solle.
Mein Haustier ist ein Bien. Ich nenne es Meinbien. Es ist honiggelb mit schwarzen Streifen, leicht behaart, hat geschätzt 10000 Gehirne, 20000 Flügel, 60000 Beine und eine Königin. Ein Bienenvolk ist ein Superorganismus. Das Volk agiert wie ein einziges Lebewesen, das aus Tausenden Körpern zusammenwirkt. Alle Eigenschaften, alle Launen werden auf das ganze Volk übertragen.
Ich habe Meinbien an diesem Mittwoch aus seiner grünen Styropor-Wohnung genommen und die Waben in eine grosszügige Holzkiste gehängt: die Bienenbox, ihr neues Zuhause. Aus dem StyroporBienenhaus ziehen sie in eine Bienenvilla mit verzinktem Blechdach, hinterlüftetem Deckel, gebaut aus nachhaltigem, daumendickem Kiefernholz. Mit dem Besen fegte ich die Bienen hinein. Aber Meinbien will sich nicht recht fegen lassen.
Jetzt rufe ich es, aber es ist ein gepresstes Rufen, ohne die Zähne auseinanderzumachen: «Ich. Bin. Kein. Bär.» Ich stehe mit einer Art Astronautenhelm auf meiner Terrasse, in dem ein Wetter herrscht wie im Tropensturm. Ich schwitze. Und versuche, die gefühlten hunderttausend Teile von Meinbien zu bändigen. Kurswissen, Lektion zwei des allwissenden Hartmut: Ein Superorganismus ist ein Organismus, der miteinander handelt, ohne verwachsen zu sein. Jede Biene wäre theoretisch auch alleine überlebensfähig. Aber auf lange Sicht braucht sie eben den Schwarm. Und dieser Schwarm kreist gerade um mich, weil er glaubt, sein Stock werde angegriffen von einem Ungeheuer mit Besenhänden. Wie bin ich da nur hineingeraten?
Zwei Monate zuvor, Auftakt Imkerkurs. Ich sitze auf einem wackeligen Holzstuhl im Seminarpavillon, genannt «Aquarium», des Künstlerprojekts «Platzprojekt» in Hannover. Ich bin vorbeigelaufen an einem lebensgrossen rosa Elefanten aus Pappmaché, an alten Schiffscontainern mit Projekten für prototypische Lastenfahrradentwicklung und barrierefreie Tätowierkunst. Zwischen den Containern steht ein unentschlossenes Grüppchen von Menschen, die dieselbe Mischung aus Faszination und Ratlosigkeit in ihren Augen tragen wie ich: «Die Bienen?» – «Die Bienen.»
Vor uns steht Hartmut Münch, weisses T-Shirt, weisse Malerhose, und sagt: «Ihr müsst die Bienen totgucken. Gucken, gucken, gucken. Und sie riechen. Und sie fühlen.» Hartmut ist Diplom-Agrarökonom, imkert seit 30 Jahren und weiss mehr über Bienen als die Imkerforen, Wikipedia und die Fachbücher auf meinem Schreibtisch zusammen. Wir belegen bei Hartmut einen Imkerkurs von Stadtbienen e.V, einem Verein, angetreten, die Bienenhaltung zurück in die Städte zu bringen – von Zürich bis Hamburg. Der Kurs dauert ein Bienenjahr. Es gibt hier Frauen mit zu grossem Garten, Männer mit Angst vor der Pensionierung, Stadtbewohner mit leerem Balkon und vor allem viele auf der Suche nach einem erfüllenden Hobby wie mich. Jörg hat schon einen Bierbraukurs und einen zum Messerschleifen gemacht. Jetzt also Bienen. Uns alle treibt die Frage: Wann ist man bereit für einen eigenen Bien?
Ungefähr alles, was ich bis dahin vom Umgang mit Bienen weiss, weiss ich aus dem Bienenabenteuer von «Pu der Bär». Um dem Bienenvolk vorzutäuschen, er sei nur ein schwarzes Wölkchen, hatte sich Pu Bär in Dreck gewälzt, so hatte mir das meine Mutter vorgelesen. An einem Luftballon steigt der honigversessene Bär zu einem Baumwipfel auf, in dem er Bienen vermutet. Tatsächlich steckt darin die Lektion eins des Imkerkurses: «Ihr müsst im Laufe des Kurses lernen, euch anders als ein Bär zu verhalten», sagt Hartmut. Wir sollen uns hell kleiden. Nicht tapsig sein. Nicht die Erde erschüttern. Der Bär ist evolutionär betrachtet der Hauptfeind der Biene. Eine Kuh zu sein, das sei zum Beispiel besser. Hartmut sagt: «Ihr müsst versuchen, nächstes Mal geduscht zu erscheinen, denn Bären stinken.»
Dann gehen wir zum Bienenstock. Ich schaue, ob die anderen Kursteilnehmer aussehen wie Bären. Sehen sie nicht. Die Bienenbox steht hinter Containern am Rande des Geländes. Hartmut sagt: «Wenn ihr in den Stock reinguckt, wenn ihr Waben zieht, dann ist das für das Bienenvolk immer wie eine Operation am Superorganismus Bien.» Dann öffnet er den Deckel der Bienenbox.
Sind das viele. Ehrlich gesagt, eindeutig viel zu viele Bienen. Das ist die Reaktion bei meinem ersten Blick in den Stock des Kursbiens. In sechsunddreissig Jahren Stadtleben bin ich vor allem darauf geeicht, die gefährliche Natur von der ungefährlichen zu unterscheiden. Schon eine Biene ist gefährlich. Erst recht sind 30000 Bienen gefährlich. Andererseits krabbeln die hier fast putzig herum. Und sehen so gar nicht aus, als wollten sie mich umbringen. Wie durch ein Wunder wird keiner gestochen. Wenige Tage später schreibt Kursteilnehmer Jörg, er habe jetzt sein Volk. Ich fühle mich nach dem Kurstag deutlich weniger bereit für einen Bien.
Es ist erst ein paar Jahre her, da hat Johannes Weber, 33 Jahre alt, die Imkerwelt auf den Kopf gestellt. Vor allem Johannes brachte in den letzten Jahren Städter wie mich zum Imkern. Auf der Dachterrasse der alten Malzfabrik in Berlin sitzt der Bienenrevolutionär und trinkt Limettenlimonade. Schwarzer Dreitagebart, weisses T-Shirt, dazu kurze Hose. Vor sechs Jahren hatte Johannes die verwegene Idee, auf seinem winzigen Berliner Balkon Bienen zu halten.
Also erfand der die «Aktion Balkonbienen» – und baute die erste Bienenbox, eine, wie sie bald auf meiner Terrasse stehen wird. Das erklärt das Format der Bienenbox, sie ist nicht so tief und breit wie normale Beuten, damit sie an einer Balkonbrüstung hängen kann. Johannes sagt: «Das ist die Idee, die es so sexy macht. Für Leute, denen die Natur fern ist. Sie können Landwirtschaft machen.» Über ein Stipendium des Social Impact Lab entstand der Verein Stadtbienen. «Die ersten Kurse gab ich in der Kneipe eines Kumpels. Die machte erst am Abend auf, da konnten wir am Vormittag Bienenboxen bauen», sagt Johannes.
Mit den Boxen kamen die Überzeugungen, die Bienen anders zu halten: wesensgemäss. Johannes ist so einer, der das, was er anpackt, intuitiv richtig macht. Er stellt seine Anleitungsvideos auf Youtube. Und wie er da auf dem Dach steht und seinen Bien durchschaut oder mit einem Schwarm auf dem Rücken durch Berlin radelt, das wirkt einfach sehr cool. Der Verein Stadtbienen gibt heute vierzig Kurse in zwanzig Städten. Die Kurse dauern ein Bienenjahr. Und werden zwischen den Treffen per Whatsapp-Gruppe am Leben gehalten. «Wir waren schnell, wir waren jung. Und wir machten eine andere Art der Imkerei», sagt Johannes. Nicht alle waren davon begeistert. Viele Imker konnten nicht glauben, dass da jemand kommt, dem der Honig bei der Sache mit den Bienen gar nicht so wichtig ist.
Am Abend schreibt Jörg, er habe die ersten zwei Kilo Honig geschleudert. Vor mir liegt da der Bausatz, der zur Bienenbox werden soll. Sie kam als flaches Paket wie ein Möbel aus dem Abholmarkt. Nur die Teile heissen anders: Bodengitter, Flugbrett und Fluglochverengung. In braunen Papiertüten sind die Schrauben. Nach nicht einmal drei Stunden steht die Bienenvilla auf meiner Veranda zwischen Himbeere und Clematis, dank der Wasserwaage in der Horizontale. Dann nagle ich Rähmchen zusammen, in die Meinbien seine Waben bauen soll. Zwanzig Rähmchen, achtzig Nägel. Das Wabenwerk hält den Bien zusammen. Es ist quasi das Skelett des Bienenvolkes. Die Nachbarn schauen etwas irritiert herüber, welchen Zweck mein neues Gartenmöbel wohl haben wird. Hochbeet oder Vogelhaus?
Ein Bien ist kein billiges Haustier. Zumindest zu Beginn. Das erste Glas Honig kostet 1000 Franken, so lautet eine Imkerweisheit. Allein der Kurs kostet 290 Franken. Dann die Bienenbox für 340 Franken. Dazu kommen: der rote Stockmeissel, der Smoker, eine Imkerbluse. Noch eine Bluse für die Frau, die Schutzhandschuhe aus Schafsleder, der Abkehrbesen aus Rosshaarborsten, das Rauchkraut «Imkerfreund», eine Entdeckelungsgabel, ein Honigsieb und leere Honigeimer, eine Königinnenklammer, eine Futtertasche, Mittelwände aus Biowachs, ein Kinderschleier, Fenistil-Tropfen gegen mögliche Stiche, die Gläser. Das Budget ist weg, und man hat noch keine einzige Biene.
Der zweite Kurstermin wird der Tag, an dem ich zum ersten Mal meinen weissen Anzug anziehe. Die Imkerbluse. Wie die Mönche eines seltsamen Kultes erscheinen plötzlich alle Teilnehmer weiss gekleidet und stehen um die braune Bienenbox. Etwas hat uns gemeinsam erfasst. Der Bien hat uns in seinen Bann gezogen. Kursleiter Hartmut wird heute einen Kunstschwarm bilden. Den Bien teilen. Das funktioniert hauptsächlich mit Klopfen. Die Bienen werden an den Rahmen aus der Kiste gehoben und samt Königin in eine leere Kiste geklopft. Als dicke braune Traube hängen sie in der neuen Bienenbox am Rande des Platzprojekts. Ein Klotz aus Zucker soll ihr neues Zuhause attraktiv machen.
Dann kommen die Bienen. Meine Bienen. Es ist früher Morgen. Birgit bringt sie in einer grünen Styroporbehausung vorbei, gesichert mit Gurt, der Einflug verstopft mit Schaumstoff und einem Stück Holz. Es surrt. Birgit ist Hobby-Imkerin. Drei Wochen zuvor hatten Birgit und ich eins von ihren drei Bienenvölkern geteilt. Friedliche Völker, auf den ersten Blick grundsympathisch. Aus einem ihrer Bienenstöcke nahmen wir vier Waben mit Brut und zwei mit Honig und haben diese in eine neue Beute gehängt. Der neue Teilbien hat sofort damit angefangen, eine Königin heranzuziehen. Die grösste Überraschung des Morgens: Bienen funktionieren out of the box. Sobald der Schaumstoff entfernt ist, schwärmt Meinbien aus. Manche Bienen überschlagen sich kurz vor dem Abflug wie die Jugendlichen am ersten Tag der Saison im Freibad. Ich bin sofort vollkommen hypnotisiert.
In den kommenden Tagen werde ich mutiger: Ich greife nach Rähmchen mit Hunderten Bienen und bewege meine Nase nah heran, ohne sie anzuatmen. Ich lege das Zusammenzucken ab, wenn eine Biene auf der Hand landet. Jedenfalls meistens. Morgens gilt mein erster Blick aus dem Fenster den Bienen. Abends lege ich mein Ohr an den Stock. Mit der wachsenden Vertrautheit fangen die Sorgen an. Wer einmal ein Haustier hatte, kann sich vorstellen, wie viele Probleme 10000 Haustiere machen.
Vor allem ein Teil von Meinbien bereitet Sorgen: die Königin. Noch habe ich sie nicht gesehen. Die Frage überfällt mich jetzt oft, ob beim stillen Betrachten oder vor dem Einschlafen: Ist sie noch da? Ob sie das ist, erkennt man am besten daran, dass man sie sieht. Doch das ist wie bei «Wo ist Walter?»: Lauter ähnliche Körper, und einer ist etwas anders. Wenn ich sie nicht finde, bin ich auf ihre Spuren angewiesen. Eier sind ein Zeichen, dass vor 3,5 Tagen eine Königin da war. Eine Larve, dass vor 4 bis 9 Tagen eine Königin da war. Verdeckelte Brut ist ein Zeichen, dass eine Königin vor 9 Tagen vorbeigeschaut hat. Ein Volk ohne Königin ist vorerst aufgeschmissen. Der Bien ändert sein Temperament, soll dann ein hochtöniges Sirren mit einem tiefen Brummen von sich geben. Mein Bien summt angenehm tief wie ein Generator. Oder ist es ein Brummen?
Die Waben in der Bienenbox werden schwerer vom Honig. Die Arbeiterinnen fliegen mit dunkelgelben Pollenhöschen ein. Um mich herum kreisen ungefähr unendlich viele Bienen. Ich bin aus irgendeinem Grund ganz ruhig. Was mich noch vor acht Wochen aus der Haut hat fahren lassen, schreckt mich nicht mehr. Die Bienen sind immer noch aufgebracht von der Stockinspektion. Aber ich bin weiss und friedlich und kein Bär. «Ich bin kein Bär.» Das denkt sich plötzlich ganz leicht.
Heute, am Tag der Textabgabe, begegne ich der Königin zum ersten Mal. Plötzlich ist sie da. Sie ist für Königinnenverhältnisse eher klein, hat einen spitzen, glänzenden Hinterleib. Im Moment der Entdeckung fühle ich, wie ich im Bienensommer ankomme. Und lese in den Kursunterlagen: «Jetzt im Sommer bereitet sich der Bien schon auf seinen nächsten Winter vor.» Der Bien ist mir immer 10000 Flügelschläge voraus. Er ist nicht mein Bien, kein Haustier, er ist wild und selbstbestimmt, ein Seinbien.
Jakob Vicari ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Lüneburg (D).