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Die immunologische Revolution
Forschung Das Immunsystem wurde vor 200 Jahren entdeckt, aber es scheint, dass viele Menschen immer noch Mühe haben, die immunologische Revolution zu akzeptieren.
Die Geburtsstunde der Immunologie
Im 18. Jahrhundert starben jährlich etwa 400'000 Menschen an Pocken. Edward Jenner, ein englischer Landarzt, beobachtete, dass Melkerinnen oft nicht an Pocken erkrankten. An den Eutern von Kühen, die an Kuhpocken litten, sah er zudem ähnliche Hautläsionen wie bei Pockenpatienten.
Wir wissen nicht mehr, was Jenner sich dabei dachte, schliesslich gab es damals noch keine grundsätzlichen Erkenntnisse über Infektionskrankheiten, noch wusste man, was Bakterien oder Viren waren, und es gab beispielsweise keine brauchbaren Mikroskope. Trotzdem sammelte Jenner mit seinem Sackmesser eitriges Pustel-Material von einem Kuheuter und ritzte damit den Oberarm eines Jungen auf.
Der Junge erkrankte leicht, konnte aber nach sechs Wochen nicht mit den Menschenpocken angesteckt werden. Jenner vollzog das gleiche Prozedere noch an anderen Menschen, sogar an seinem eigenen Sohn, und reichte 1796 eine wissenschaftliche Publikation ein, die von der Royal Society abgelehnt wurde.
Trotzdem war das die Geburtsstunde der Impfung und der Immunologie. Das Erstaunliche ist, dass die Impfung von Anfang an bekämpft wurde, und es bis heute Impfgegner gibt, die diesen Durchbruch der Medizin noch heute leugnen.
© Wellcome Collection
Forschung
Die klinischen Anwendungen waren aber 100 Jahre lang fast ausschliesslich auf die aktive Impfung beschränkt. Die Immunologie wurde zum Grundlagenfach, für dessen Erkenntnisse mehr als zehn Nobelpreise verliehen wurden. Heute kennen wir die wichtigsten Zellen und eine grosse Zahl der Moleküle, welche an der Immunantwort beteiligt sind.
Monoklonale Antikörper können seit 1975 im Labor hergestellt werden und haben Forschung und Routine befruchtet. Die genetische Revolution erfasste die Immunologie und zeigte mit dem Gen-Rearrangement auf, dass wir Menschen trotz der wenigen Gene, aus denen wir bestehen, es durch eine tägliche Genmanipulation schaffen, Milliarden von verschiedenen Antikörpern gegen körperfremde und eigene Substanzen herzustellen.
Das Grundlagenwissen der Immunologen wurde immer breiter und fand Anwendung bei fast allen anderen medizinischen Fächern. Die Immunologie hat sich sozusagen selber abgeschafft und wurde zum integrierten Bestandteil jeder medizinischen Spezialität.
Grundlage der Labormedizin
Immunologische Verfahren sind die Grundlage vieler Methoden der Labormedizin, ohne die heute niemand mehr auskommt. Die moderne Krebsbekämpfung braucht Antikörper und Immunzellen, welche von einer wachsenden Biotechindustrie hergestellt werden.
Derzeit sind wahrscheinlich wesentlich mehr als 500 verschiedene monoklonale Antikörper in der Pipeline dieser Industrie. Sie werden nicht nur bei der Krebsbekämpfung Anwendung finden, sondern sozusagen zu den Anfängen zurückkehren und als Medikamente gegen Infektionen eingesetzt werden.
Viel mehr Hoffnung ruht allerdings auf den Antikörpern als Immunregulation, etwa bei Allergien, aber noch viel wichtiger bei Autoimmunerkrankungen, für die es noch keine wirksamen Medikamente gibt.
Hoffen wir, dass es nicht wieder 100 Jahre dauern wird, bis die Menschen diese neuen Durchbrüche in der Medizin akzeptieren werden.
Blütezeit der künstlichen Antikörper
Wir haben heute sozusagen die Blütezeit der künstlich hergestellten Antikörper, die manchmal sogar aus anderen Molekülen bestehen. Insgesamt haben Antikörper bereits bewiesen, dass dadurch gänzlich neue und sehr wirksame Medikamente zur Verfügung stehen.
Den therapeutischen Immunzellen gehört allerdings die Zukunft. Diese hat damals zaghaft angefangen, als man verstand, unter welchen Bedingungen Organe transplantiert werden können. Die Stammzelltherapie als Weiterentwicklung hat bereits vielen Menschen das Leben gerettet.
Heute versucht man Immunzellen im Labor genetisch so zu verändern, dass sie noch viel gezielter wieder in den Patienten zurückgegeben werden können, um dort Krebs oder andere unerwünschte Zellen zu bekämpfen. Es ist anzunehmen, dass die Klinik aufgrund dieser experimentellen Verfahren unser Grundlagenwissen verbessern wird.
Hoffen wir also, dass es nicht wieder 100 Jahre dauern wird, bis die Menschen diese neuen Durchbrüche in der Medizin akzeptieren werden.