Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03514.jsonl.gz/1653

Er steht im Ruf, ein politischer Konvertit zu sein. Markus Somm war während der Studentenzeit und als Redaktor beim «Tages-Anzeiger» ein Linker. Dann wechselte er die Seite: Nach einem Studienjahr in Harvard kehrte er 2003 als Bürgerlicher in die Schweiz zurück. Er heuerte bei der «Weltwoche» an und erwies in einer Biographie dem SVP-Politiker Christoph Blocher die Reverenz. 2010 übernahm er die Leitung der «Basler Zeitung» und führte sie auf einen prononciert rechtsbürgerlichen Kurs.
Markus Somm sitzt in seinem getäfelten Büro auf der Redaktion der «BaZ» am Aeschenplatz. Ende Jahr ist Schluss. Christoph Blocher hat die «Basler Zeitung» an Tamedia verkauft. Ein weiterer Wechsel in der Karriere des 53jährigen Journalisten steht an.
Er stehe zu seiner Vergangenheit, sagt Markus Somm. «Ich war aus Überzeugung ein Linker und war stolz darauf.» Er habe mit den Trotzkisten sympathisiert, einige auch persönlich gekannt, aber ihrer Partei, der SAP, habe er nie angehört. «Was mich aber heute noch für sie einnimmt: Sie waren Dissidenten innerhalb der doch recht dogmatischen Linken; dafür haben sie viel gelitten, dafür bewundere ich sie immer noch.» Somm lief in Demonstrationszügen mit und liess sich von der damaligen Stimmung elektrisieren. Steine geworfen habe er jedoch nie.
Der Rebell lebte in einer Wohngemeinschaft. Für einzelne Mitbewohner, erzählt er, sei auch eine gemeinsame Weltanschauung wichtig gewesen, etwa in Bezug auf die militärische Landesverteidigung. Somm gehörte der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) an und half bei der Unterschriftensammlung gegen den Kauf der F/A-18-Militärjets mit.
Heute ist er vom Sinn der militärischen Landesverteidigung überzeugt. Und auch in anderen Bereichen hat Somm seine Meinung geändert: Früher forderte er einen starken Staat, der viele Steuern einziehen muss. «Ich war ein klassischer Etatist.» Heute ist er für eine geringe Steuerbelastung. Früher war er überzeugt, dass sozialdemokratische Rezepte ein besseres Leben für alle bedeuteten; heute sieht er den Kapitalismus als einziges Gesellschaftsmodell. «An die Revolution glaubte ich allerdings nie, aber an eine bessere, egalitäre, demokratischere Gesellschaft. Und das tue ich noch heute. Nur was den Weg dorthin betrifft, bin ich inzwischen anderer Meinung. Liberale Rezepte schaffen Wohlstand für alle.»
Nach dem Einstieg in den Journalismus kam Somm Mitte der 1990er Jahre zum «Tages-Anzeiger» – und zwar «aus Überzeugung», wie er betont, zuerst als Volontär, dann als Redaktionsmitglied in Zürich und im Bundeshaus.
Nach und nach schlichen sich beim jungen Journalisten Zweifel an der reinen Lehre ein: «Eine abrupte Kehrtwende hat es allerdings nicht gegeben.» Beim «Tagi» seien damals fast alle links gewesen. Das habe zu einer «langweiligen Einigkeit an Redaktionssitzungen geführt». Dissidenz kam schlecht an; eine «Tradition des Querdenkens» fehle der Zeitung bis heute.
Als «Tagi»-Bundeshausredaktor von 1999 bis 2002 erkannte Somm, wie schwierig das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU ist. «Die direkte Demokratie macht unser Land zu einem Sonderfall», ist er überzeugt. «Nirgendwo haben die einfachen Leute so viel Einfluss auf die Politik.» In der Schweiz werde kein einziges Gesetz gemacht, ohne dass die Volksvertreter sich bewusst seien, dass sie dieses Gesetz möglicherweise dem Volk erklären müssten, falls es zu einem Referendum komme. Ein einzigartiges System, so Markus Somm, das in der EU nicht mehr möglich wäre. Diese Erkenntnis habe ihn verändert: «Ich wurde von einem glühenden Anhänger eines EU-Beitritts zusehends zu einem überzeugten Euroskeptiker.»
Widerspruch weckte beim Historiker Somm auch der Schlussbericht der Expertenkommission von Jean-François Bergier 2002 über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. «Als ich das gelesen hatte, war mir klar, dass unsere Rolle nicht so übel war, wie sie hier dargestellt wurde.» Als Journalist fühlte sich Somm mit dieser Haltung ziemlich alleine: «Das entsprach halt nicht der gängigen Meinung.» Dennoch habe er nie etwas à contrecœur schreiben müssen.
Somm bewarb sich in Harvard für einen Masterstudiengang und wurde angenommen. Den Aufenthalt an der Eliteuniversität erlebte er als «intellektuelles Erdbeben». Obwohl Harvard als eher linksliberal gilt, lernte er dort auch brillante Konservative kennen, was ihm in Europa selten passiert war. «Ich hatte in Deutschland und in der Schweiz studiert. Damals war uns klar: Der Geist weht links. Dass man intelligent und rechts sein könnte, schien undenkbar. In Amerika hatte ich es plötzlich mit Leuten zu tun, die schrieben besser als ich, die dachten schneller als ich, sie waren klug und originell – und sie waren brutal konservativ.» Somm erkannte in den USA auch, wie hart politische Auseinandersetzungen sein können. «Das hat mich bis heute geprägt.»
Zurück in Europa, wechselte Somm direkt zu Roger Köppel in die Chefredaktion der «Weltwoche». Selbstzweifel bei der Neuorientierung hätten ihn nicht geplagt. «Ich erkannte, dass es neue politische Herausforderungen gibt, auf die man sich einstellen muss.» Die Faktenlage habe sich verändert und er damit seine Meinung.
Für Somm ist es «undenkbar», noch einmal ins linke Lager zu wechseln, dazu habe er zu viel politische Erfahrung gesammelt. Dennoch sagt er etwas überraschend: «Meine politische Überzeugung ist immer einem Wandel unterworfen, weil sich die politischen Gegebenheiten laufend verändern.» Falls eines Tages doch wieder das Linke unkonventionell würde, «würde ich den Konservativen besonders genau auf die Finger schauen, ob sie ihre Versprechungen einhalten».
Im persönlichen Umfeld habe er kaum Kritik an seinem Seitenwechsel gehört. Heikler sei der Umgang mit linken Politikern gewesen: «Zum Teil grüssten sie mich nicht mehr.»
Die politische Kontroverse gehört bei Somm zum Credo, insofern ist er sich treu geblieben. «Früher war es beruflich riskant, ein Linker zu sein, heute, ein Rechter zu sein. Mich zog die Rebellion stets mehr an als die Anpassung.» Das schliesse jedoch Intoleranz gegenüber Andersdenkenden aus. Mit seinem Vater, ABB-Chef, einem Freisinnigen und begeisterten Offizier, habe er stets intensive, auch schwierige Diskussionen gehabt, «manchmal bis die Fetzen flogen». Erst die Debatte um den EWR habe zu einer Annäherung mit dem Vater geführt. Er unterstützte ihn bei seiner Kampagne für einen Beitritt – damals war er noch ein Gegner von Christoph Blocher.
Trotz seinen Seitenwechseln habe er sich in seinem Selbstbild nicht sehr verändert, meint Somm. «Ich wollte früher schon, dass es möglichst vielen Menschen gutgehe. Das ist bis heute so geblieben.» So lässt sich etwa der kleinste gemeinsame Nenner von Links und Rechts umschreiben.
Ende Jahr ist bei der «BaZ» in der jetzigen Form Lichterlöschen. Somm, so heisst es, werde als Autor beim «Tagi» tätig sein. Bedeutet das zurück auf Feld eins für ihn? Darauf angesprochen, ist er zurückhaltend: «Bis dahin geht es eine Weile, ich habe hier noch viel zu tun.»
Rolf Hürzeler ist Redaktionsleiter der Zeitschrift «Kulturtipp».