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Die Mosuo – Geschlechterbalance im Reich der Frauen
Das riesige China hat eine lange matriarchale Geschichte, doch wird das wie so oft ignoriert. In der Jungsteinzeit und Bronzezeit waren weite Gebiete mit matriarchalen Siedlungen bedeckt. Entlang der drei grossen Ströme Salwen, Mekong und Jang tse kiang fand die Südwanderung statt. Diese nicht-chinesische Bevölkerung in den gebirgigen Rückzugsgebieten wies bis vor Kurzem matriarchale Traditionen auf. Dies war den Chinesen so auffällig, dass sie die Gegend in alten Chroniken mit “Nü kuo” (Reich der Frauen) bezeichneten. Heute gelten nur noch die Mosuo als matriarchal. Sie leben um den Lugu-See und in Yong ning, auf der Grenze von Yünnan und Szetschuan. Die ca. 40‘000 Menschen verteilen sich auf 80‘000 km2.
Soziale Organisation
Matriarchate sind Verwandtschaftsgesellschaften, denn sie werden von Clans getragen, die in weiblicher Linie verwandt sind. Zu dieser Matrilinearität tritt die Matrilokalität, d.h. alle Töchter, Söhne, Enkelkinder einer Clanmutter bleiben im Mutterhaus wohnen. Das dritte Kennzeichen eines Matriarchats ist die ökonomische Verfügungsmacht der Frauen. Alles Lebensnotwendige liegt in ihren Händen: Land, Lebensmittel, Häuser etc. Dies ist eine logische Folge aus der natürlichen Fähigkeit der Frau, Leben zu schenken und Kinder zu nähren. Die Politik matriarchaler Gesellschaften ist gekennzeichnet von Egalität und perfekter Wechselseitigkeit der Menschen untereinander. Dies bezieht sich ebenso auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie zwischen den Generationen. Jeder Hof beherbergt eine Grossfamilie mit einer Frau als Oberhaupt. Für die Mosuo ist es wichtig, Töchter zu haben, denn die Töchter setzen die Sippe fort. Töchter gelten mit 13 Jahren als erwachsen, ihnen zu Ehren wird ein Initiationsfest veranstaltet. Sie erhalten ein eigenes Zimmer und empfangen einige Jahre später dort ihre Liebhaber. Ökonomische oder soziale Erwägungen spielen keine Rolle. In diesen “azhu” oder “Besuchsehe” genannten Beziehungen ist allein die Liebe wesentlich.
Ökonomie und Aufgabenbereiche
Grundlage der Ökonomie ist der Ackerbau der Frauen. Am Lugusee beschränkt sich dieser auf Gartenbau in kleinen Beeten an den schmalen Uferstreifen und an den Hängen. Die Männer betreiben Fischfang. Im benachbarten Yong ning-Tal gibt es dagegen Platz für ausgedehnte Felder und Anbau von Trockenreis und Getreide. Die Nutzung ist sehr behutsam, denn sie geschieht in sorgsamer Handarbeit. Die Männer sind weniger an Haus und Hof gebunden, und sie machen die Arbeiten, die weite Wege erfordern: Jagen, Fischen, Bauholz fällen und transportieren, pflügen mit Ochsengespannen. Arbeitsteilung und soziales Zusammenwirken sind nicht nur zwischen den Geschlechtern klar gegliedert, sondern auch zwischen den Generationen. Die ältesten Frauen und Männer haben Weisheit und man hört auf sie. Die Frauen der zweiten Generation zwischen 40 und 65 sind Matriarchinnen und das Zentrum der Grossfamilie. Sie bleiben im Hof und regeln alle Angelegenheiten. Sie kochen für die Grossfamilie, versorgen die Tiere und beaufsichtigen die Enkelkinder. Die Mutterbrüder sind ebenfalls sehr angesehen, denn sie organisieren den Transport und leiten das Bauwesen. Auch sie nehmen sich der kleinen Kinder an und erziehen die Burschen in der Mutterfamilie. Die jungen Frauen der dritten Generation sind in der Regel mit Garten- und Feldarbeit ausser Haus tätig, wobei ihnen die jungen Männer helfen – sofern sie nicht beim Transport unterwegs sind. Die Kinder der vierten Generation leben unbefangen in diesem Gefüge. Sie haben stets mehrere Mütter und Grossmütter, dazu die Onkel verschiedenen Alters. Wer immer Zeit hat, widmet sich ihnen. Die Zufriedenheit der kleinen Kinder ist auffallend.
Religion
Die Mosuo haben zwei Religionen, die miteinander verschmolzen sind: Eine sehr alte Naturreligion und den später importierten Lamaismus. Ihre wichtigste Göttin ist die Berggöttin Gan mu. Einmal jährlich pilgern sie auf den Berg und feiern ein grosses Fest. Alle grossen Berge und Steine, ebenso die grossen Gewässer sind weibliche Gottheiten. Sie kennen die Vorstellung einer Wiedergeburt. Eine verstorbene Person wird im Raum, wo sie einst von der Mutter geboren wurde in Hockerstellung in eine ausgehobene Grube gesetzt. Die Hoffnung auf die Wiederkehr in der eigenen Sippe und die Aufbahrung in der Erdgrube sind sehr archaische Elemente, welche bis auf die Altsteinzeit verweisen. Die Verehrung der Ahninnen ist in ihr tägliches Leben integriert. Auf dem Hausaltar stehen Schälchen und Töpfe mit Speisegaben und Tranksamen. Nach dem Glauben der Mosuo haben die Vorfahren auch im Jenseits an allem teil. Sie sehen, was die Familie tut und spricht. Ihre Gegenwart wird gewünscht und gesucht, weil sie Segen bringt.
Kann das Matriarchat überleben?
Das Matriarchat der Mosuo hat trotz vielen Anfechtungen Jahrtausende überlebt. Nach Einschätzung des einheimischen Ethnologen La mu hat die matriarchale Lebensweise auch heute noch Überlebenschancen. Die Mosuo überstanden schon zahlreiche Übergriffe. In jüngerer Zeit waren die Gefahren weniger militärischer Art, als vielmehr die Infiltration der Hirne und Herzen mit dem Lamaismus, die administrative Eroberung durch die Kulturrevolution 1966-1971 und das Gebot, monogam zu heiraten. Schon in den 1990er Jahren war eine touristische Vermarktung absehbar durch den Bau von Strassen, Flugplätzen und Hotels. An Feiertagen werden lastwagenweise chinesische Touristen an den See gekarrt. Es sind hauptsächlich Männer, denn in der chinesischen Tourismuspropaganda werden im ganzen Land die schönen, jungen Frauen der Mosuo gepriesen, die in ihren Trachten über den See rudern und singen. Doch die Gefahr durch den han-chinesischen Tourismus ist nach La mu eher gering, denn die Besucher reisen abends wieder ab. Was sich aber ändert ist das Freizeitverhalten der Mosuo, durch Fernsehkonsum und westliche Vorbilder. Die positive Einschätzung ihrer Friedfertigkeit und ihrer Konfliktlösungsstrategien durch westliche Forschungsprojekte wirkt dagegen positiv auf die Mosuo zurück. Mittlerweile gibt es auch von Mosuo verfasste Bücher, sagt die chinesische Ethnologin Yan Ruxian, in denen sie die Vorteile der matriarchalen Struktur selbst hervorheben. Das Weggehen der Söhne für bessere Bildungsmöglichkeiten ist zwar ein Problem, sie kehren meistens nicht mehr zurück. Solange die Töchter jedoch in der Heimat bleiben, wird sich die Mosuo-Gesellschaft nicht auflösen.
Mosuo-Thementag am 12. September in St.Gallen
Das MatriArchiv organsiert einen Thementag zu den Mosuo, der Gelegenheit bietet, dieses interessante Volk kennen zu lernen. Es wird ein 90minütiger Dokumentarfilm gezeigt, anschliessend stehen die Filmemacherinnen Uscha Madeisky, Daniela Parr und Dagmar Margotsdotter für Fragen zur Verfügung. Der Landschaftsmythologe Kurt Derungs befasst sich mit den Mythen und Traditionen der Mosuo und die Ärztin Barbara Pade hat sich intensiv mit den Kommunikationsmustern in matriarchalen Gesellschaften auseinander gesetzt. Dazwischen ist Gelegenheit zur Vertiefung anhand von Büchern und anderen Medien aus dem MatriArchiv
Mosuo-Thementag
Samstag, 12. September
9-17 Uhr, Bibliothek Hauptpost St. Gallen
Anmeldung bitte bis 1. September
Weitere Informationen: