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1.
Ist es so? Das Subjektive an der Sprache wäre ihr Unsagbares.
Mag sein, das Subjektive an der Sprache konstituiert sich überhaupt erst in der Rezeption. Subjektiv wird ein Text, indem ich ihn von meinem Ort und meiner Zeit her lesend, einem bestimmten Ort, einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Subjekt zuschreibe. Die Linie dieser Zuschreibung durch Raum und Zeit von Subjekt zu Subjekt ist einmalig, es ist «meine» Linie. (Natürlich ist auch das Bemühen um den Text, das Schreiben, ein subjektives; nicht aber der Text selber: In der Entäusserung des Schreibprozesses wird er zum Objekt. Ein gedruckter Text – in aller Regel dudenbereinigt – ist eine objektive Tatsache.)
2.
Das Unsagbare mit Metaphern umstellen! Das Sagbare bleibt entfremdet vom eigenen Blick. Die Wörter sind nichts, die Räume des Nachhalls alles. Garten der Poesie: Parkanlage für die LiebhaberInnen der Schlagschatten und Wörtergirlanden. Das Ich beginnt ausserhalb der verzweckten Begriffe. Das Ich beginnt ausserhalb der Sprache. Solange wir reden, ist «Ich» nirgends.
3.
Ich sind viele, aber viele sind kein Ganzes.
Wer «Ich» sagt, lügt oder weiss es nicht besser. Der «Wahnsinn im strengen Sinne», «der Sinn, der ins Unbegrenzte geht», «vollzieht die Aufhebung des Subjekts, das sich im Cogito konstituierte», schreibt Wilhelm Schmid in Bezug auf Hölderlin.[1] Daraus: Das Cogito-Subjekt konstituiert sich über das Bewusstsein des Eigenen, das heisst des subjektkonstituierenden Denkens und also: der als eigen gesetzten Sprache. Hölderlins Denkbewegung zum «Wahnsinn im strengen Sinne» überwindet dieses Cogito-Subjekt. Offen bleibt die Frage nach einer de-subjektivierten Poesie. Vermutlich sind Hölderlins Scardanelli-Gedichte nach 1806 in diesem Sinn de-subjektiviert.
4.
Das Eigene in (und an) der Sprache – so wie ich es im «Konvolut» gesucht habe – gehört der Sprache selber. Sprache ist eingespannt zwischen ihre gesellschaftliche Reproduktion und Weiterentwicklung und die – ausserhalb des sozialen Rahmens gedachte – Bedeutungslosigkeit und Selbstbezüglichkeit der einzelnen Wörter als sinnlose Laute und Zeichen von Nichts (Laute und Zeichen werden erst bedeutend durch gesellschaftliche Konvention: durch Konnotation).
Das ist das poetische Dilemma: Die kritische Potenz der Poesie liegt darin, die Wörter aus ihrer konventionellen Zeichenhaftigkeit zu befreien (wobei die gepflegte Deklamation von sozialkritischem Kolorit sein kann, aber nicht weiterhilft): Nur dies ist das Andere, das Fremde und deshalb Bedeutende der Poesie. Diese Befreiung macht die Wörter aber nicht zu eigenen der Poesieschaffenden, sie macht sie nichtssagend und selbstbezüglich, ein Baum ist ein Baum ist ein Haus. Befreite Sprache rauscht, verständlich kommunizierende Sprache ist beherrscht von gesellschaftlichen Konventionen (die wiederum Herrschaftsverhältnisse abbilden).
Wenn es so ist, wird die Suche nach einer eigenen Sprache illusionär. Wer verstanden werden will, muss sich der Sprache als gesellschaftlicher Konvention unterziehen (wer öffentlich zu reden beginnt, hat sich immer schon den Herrschaftsverhältnissen, wie sie sich in der gesellschaftlichen Konvention der Sprache spiegeln, unterzogen).
Wer aber auf einer eigenen Sprache beharrt, wird nicht verstanden. Um den Preis des kommunikativen Tods gehört mir ein ganzes Sprachuniversum. Und macht mich mein Gelalle sozial auffällig, dann gibt es dafür psychiatrische Kliniken. Punkt. Aus.
5.
Poesie befreit Wörter aus den Gravitationsfeldern ihrer Bedeutungskonventionen. Was möglich ist: Wörter poetisch gegenzubesetzen (plump: ich kann hartnäckig von «Baum» reden, wenn ich «Haus» meine). Ich überführe Sprache dann in den Zustand einer hermetischen Metaphorik (die in der Praxis sehr vielschichtig, schillernd, «bedeutend» sein kann; wobei diese «Bedeutung» nicht «auf den Begriff» zu bringen ist: sie schillert in bestimmten Bedeutungsfeldern (wie in der Mathematik die Wurzel aus minus eins als Zahl nicht vorstellbar ist und deshalb als Ergebnis eine imaginäre Zahl bildet, gibt es in der Poesie imaginäre Wörter).
Was auch möglich ist: Wörter ins Bedeutungsnichts zu befreien. Die Wörter heissen dann von der Produktion her nichts Konkretes mehr, «Babyficker» bedeutet nach dem Willen des Schriftstellers Urs Allemann nichts als das Zeichen «Babyficker»[2], eine reine Abstraktion, deren durch Konvention festgelegte Entsprechung im aussersprachlichen Raum vernachlässigbar sein soll.
Solche Wörter können von der Rezeption her ad libitum mit «Bedeutung» aufgeladen werden. Diese sagt über den Text nichts, aber einiges über die RezipientInnen aus (ihre Wertvorstellungen, ihre Idee von Sprache, Poesie etc.). «Allgemeingültigkeit» wäre dann genau das: Insofern ein Text nichts sagen will (genauer: «Nichts» sagen will), insofern kann er für die RezipientInnen alles sagen. Poesie in diesem Sinn ist antikommunikativ. Sie funktioniert nur oder nur insofern, als sie rein gar nichts kommuniziert. Poesie als soziale Animation: Ich sage dir nichts, aber ich sage dir nicht, dass ich dir nichts sage. Deshalb wirst du das, was ich sage, rezipieren, wie du Sprache üblicherweise rezipierst: Du lädst sie mit den Bedeutungen auf, die sich aus den Konventionen deiner gesellschaftlichen Realität ergeben. Von diesen Bedeutungen nimmst du an, sie entsprächen meiner Intention. Du irrst dich.
Was aber nicht möglich ist: Sprachkonventionen zu brechen und gleichzeitig eine inhaltlich präzise, gesellschaftspolitisch intervenierende Sprache zu sprechen. Poesie hat einen nicht-instrumentellen Zugang zur Sprache. Sprache instrumentalisieren heisst, sie aus bestimmten Gründen (aus bestimmten Interessen) etwas Bestimmtes bedeuten lassen zu wollen. Weltanschauung bedarf notwendigerweise eines solch instrumentellen Sprachzugangs – Poesie nicht.
Im Bereich poetischer Spracharbeit ist die von aussen formulierte Forderung nach der sozialkritischen Aussage als Engagement ihres Verfassers obsolet. (Poetische Spracharbeit ist sprachkritisch in dem Sinn, als sie Kritik betreibt an den herrschenden Sprachkonventionen. Das ist das Engagement, das von ihr gefordert werden kann und muss.) Im öffentlichen Raum verwirklicht sich das Engagement der Poesie nicht über ihren Inhalt, sondern über den Rahmen, in dem sie erscheint.
[1] Wilhelm Schmid: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1991, S. 178.
[2] Siehe: Urs Allemann: Babyficker. Wien (Deuticke Verlag) 1992.
(02./13./17./19.05.1991; 14.10.1998; 23.09.2017; 21.06.2018)