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Aaraus neuer Trainer, Marinko Jurendic, spricht im Interview über seine Kindheit, Ottmar Hitzfeld und seine Spielphilosophie.
Wie sind Sie aufgewachsen?
Marinko Jurendic: Ich bin in einem kleinen Dorf namens Pecnik im Norden Bosniens zur Welt gekommen, wo ich bis zu meinem achten Lebensjahr eine schöne Kindheit verbringen durfte.
Welche Erinnerung haben Sie an Ihre erste Zeit in der Schweiz?
Dazu eine Anekdote aus den ersten Schultagen der dritten Klasse in Ebikon. Mein Lehrer hiess Herr Rütimann. Irgendwann hat er meinen Vater und mich zu einem Gespräch eingeladen. Er nahm mein Diktatheft und legte es meinem Vater vor mit der Bitte: Herr Jurendic, können Sie mir das vorlesen? Ich sehe meinen Vater, der mit 57 leider viel zu früh gestorben ist, noch heute lachend vor mir. Denn er sah, dass ich das deutsche Diktat in Kyrillisch verfasst habe. Deutsch auf Kyrillisch, das ist ziemlich speziell. So begann mein Weg in der Schweiz, in Ebikon.
War es für Sie schwierig, sich zu integrieren?
Nein. Der Fussball war schon damals meine grosse Passion. Und der Fussball kennt nur eine Sprache. Jede Pause spielten wir draussen mit dem Tennisball Fussball. Ich erinnere mich an das erste Mal, da wollte mich ein älteres Kind verprügeln. Zum Glück beschützte mich mein drei Jahre älterer Bruder. Als ich dann ins Fussballspiel einsteigen durfte und die anderen sahen, wie ich spiele, wollte mich jeder in der Mannschaft statt mich verprügeln. Dass ich die Integration erfolgreich geschafft habe, verdanke ich zu einem grossen Teil dem Fussball – auch meinem Stammverein, dem FC Ebikon, wo ich in den E-Junioren erstmals aktiv war.
Sind Ihre Eltern schon früher in die Schweiz ausgewandert?
Ja. Ich war drei, als die Mutter 1980 in die Schweiz kam und in einem Hotel in Sarnen Arbeit fand. Der Vater, ein Schlosser, folgte ihr ein Jahr später. Anfang 1986, kurz nach der Geburt des jüngsten Bruders, kamen mein älterer Bruder und ich auch in die Schweiz.
Welches sind Ihre ersten Erinnerungen an den Fussball?
In Pecnik gingen wir von 8 bis 13 Uhr zur Schule und danach spielten wir barfuss auf den Strassen Fussball. Wir nutzten die Freiheit, dass wir überall und zu jeder Zeit Fussball spielen durften. Heute wird bemängelt, dass es an Strassenfussballern fehlt. In Pecnik war das normal. Ein Ball, viele Kinder – und los gehts.
Hatten Sie Mühe mit dem durchstrukturierten Alltag in der Schweiz?
Nein, ich habe mich in der Schweiz immer gut verstanden gefühlt. Aber ich hatte auch die Disziplin und den Willen, besser zu werden, mich durchzusetzen. Das hat mir sicher geholfen, über den Fussball Akzeptanz zu erlangen.
Sie haben später das Lehrerseminar absolviert – mit welcher Absicht?
Ich spürte immer schon die Berufung, mit Menschen arbeiten zu wollen. Zudem habe ich mich während meiner Schul- und Berufskarriere stetig weiterentwickelt.
Wie meinen Sie das?
Gegen Ende der 6. Klasse habe ich aus sprachlichen Gründen die Sek-Prüfung zunächst nicht bestanden. Also musste ich in die Realschule. Hatte dort aber so gute Noten, dass ich nach einem Jahr Real in die Sek durfte, wo ich wiederum sehr gute Noten hatte. Als mir in der 3. Sek eine Lehrstelle als Tiefbauzeichner angeboten wurde, sagte ich spontan zu. Dies, obwohl meine Lehrerin sagte: Marinko, du musst Lehrer werden.
Warum?
Offensichtlich hatte ich schon damals pädagogische Talente offenbart. Nach vier Monaten in der Lehre kam ich zum Schluss: das ist es nicht. Ich hörte auf mich und hatte den Mut, Nein zu sagen. Also kontaktierte ich meine ehemalige Lehrerin, Frau Studer, und sagte ihr, dass sie Recht hatte. Und so half sie mir bei der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung ins Lehrerseminar. Ich erinnere mich noch: Als ich von der Aufnahme ins Lehrerseminar erfuhr, wälzte ich mich vor Freude auf dem Boden, wie ein kleines Kind. Das war für mich die Bestätigung für meine Berufung, Menschen bilden zu wollen.
Haben Sie tatsächlich als Lehrer gearbeitet?
Ja, zunächst in Stellvertretungen, weil ich mit dem Wechsel zum FC Thun den Sprung zum Profifussballer geschafft habe. Nach meiner Profikarriere habe ich im Teilpensum gearbeitet und ein Bildungsinstitut geleitet.
Wer sind Sie heute?
Ich bin zunächst ein glücklich verheirateter Familienvater. Nach der Profikarriere wollte ich meinen Horizont abseits des Fussballfeldes erweitern und habe in der Folge während vier Semestern Jura und Wirtschaft studiert. Danach folgten berufliche Erfahrungen in Wirtschaft und Politik, wo ich benachteiligte junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben unterstützte. Diese knapp sechs Jahre verhalfen mir, eine etwas andere Sicht auf das Leben und auch auf den Fussball zu bekommen. Diese Erfahrungen haben mich zu einem kompletteren Menschen gemacht. Als Trainer konnte ich mich in den letzten Jahren stetig weiter entwickeln, mein Trainerprofil schärfen und somit meine Art, wie ich mit Menschen im Fussball zusammenarbeiten will, herausarbeiten.
Sie sprechen von einer anderen Sicht auf den Fussball.
Gewinnen ist die Maxime. Der Weg zum Sieg bedarf vieler Elemente, die vor allem neben dem Platz erarbeitet und aufgebaut werden müssen. Ausserdem bedingt der Erfolg, dass Menschen zusammenarbeiten, die die gleichen Wertvorstellungen haben und sich mit dem Gemeinsamen, Verbindenden identifizieren. Und es ist wichtig, dass man sich selbst nicht zu wichtig nimmt.
Wie verändert es die Arbeit für einen Trainer, ob die Spieler nun Profi sind oder nicht?
Letztlich haben alle Fussballer, egal ob Profi oder Amateur, etwas gemein: jeder will Spiele gewinnen, weiterkommen und besser werden. Diese Ambition ist die Basis, auf dieser Ebene begegne ich meinen Spielern.
In Ihrer offiziellen Vorstellung redeten Sie über Ihre Spielphilosophie: zielstrebiger und attraktiver Fussball, aber immer auch kontrolliert. Das tönt ziemlich austauschbar.
Einverstanden. Aber das war eine Kurzfassung. Für mich steht eine Spielidee mit klaren Prinzipien im Zentrum. An dieser Spielidee arbeiten wir täglich. Mit meinem Team will ich einen dynamischen Fussball spielen. Wir wollen aktiv sein, das Spiel bestimmen und einen hohen Druck auf den Gegner ausüben. Basis für unseren Erfolg ist eine stabile Defensive.
Das tönt nach ausgeprägtem Kollektivdenken. Es gibt aber auch die Komponente Ego, die Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen kann.
Klarheit in den Rollen und Aufgaben sind die Basis. Ich will aber keine Schema-Spieler. Der Fussball lebt von der Kreativität einzelner Spieler. Ich will darum Spieler, die positiv sind und einander aufbauen, jeder muss seine individuellen Qualitäten in den Dienst des Kollektivs stellen. Nur so kann das Team erfolgreich sein und auch der Einzelne sich entfalten. Es ist aber nicht so, dass egoistisches Denken keinen Platz hat. Im Gegenteil: von einem Stürmer erwarte ich das in gewissen Situationen sogar. Aber das persönliche Ego darf nie grösser sein als das Team.
Wer oder was inspiriert Sie?
Als Trainer hat mich Ottmar Hitzfeld sehr inspiriert. Durch meine Tätigkeit beim Schweizerischen Fussballverband durfte ich ihn kennenlernen. Auch er war Lehrer. Er ist eine Persönlichkeit, die verschiedene Aspekte in seine Arbeit einbezieht und den Menschen ins Zentrum stellt. Jeder Spieler hat seine eigene Geschichte und jeder hat seine Stärken. Als Führungsperson verstehe ich es als meine Verantwortung, die Potenziale meiner Spieler zu erkennen, um diese zur vollen Entfaltung zu bringen.
(aargauerzeitung.ch/8.6.2017)