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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
8. Sind auch die mancherlei ungeheuerlichen Menschenarten aus der Zeugschaft Adams oder der Söhne Noes hervorgegangen?
Auch die Frage erhebt sich, ob die mancherlei ungeheuerlichen Menschenarten, von denen die heidnische Geschichtsüberlieferung berichtet, auf die Söhne Noes oder genauer auf jenen einen Menschen, von dem auch sie abstammten, zurückzuführen seien. So soll es Leute geben mit einem Auge in der Mitte der Stirne, solche, bei denen die Fußsohlen hinter die Schienbeine gekehrt sind, solche, die die Natur beider Geschlechter haben und rechts eine männliche, links eine weibliche Brust, und die sich gegenseitig als Mann sowohl wie als Weib verbinden und sowohl zeugen wie gebären; dann wieder gebe es Leute ohne Mund und sie lebten nur vom Atmen durch die Nase, ferner Leute von Ellenlänge, von den Griechen Pygmäen genannt, nach der Elle [pugmh] wieder anderswo empfingen die Frauen mit fünf Jahren und würden nicht über acht Jahre alt. Auch erzählt man von einem Volke, wo die Leute nur ein Bein haben und die Kniekehle nicht beugen, und dabei von merkwürdiger Behendigkeit sind; man nennt sie Skiopoden, weil sie bei der Hitze rücklings auf der Erde liegend sich mit dem Schatten ihrer Füße schützen; andere seien nackenlos und hätten die Augen auf den Schultern, und sonstige Arten von Menschen oder Scheinmenschen, wie sie in der Meerstraße zu Karthago in Mosaikmalerei dargestellt sind, entnommen aus Büchern mit seltsamen Geschichten. Nun erst die Kynokephaler, die ihr Hundskopf und ihr Gebell schon mehr zu den Tieren als zu den Menschen stellt. Übrigens braucht man nicht zu glauben, daß es all die Menschenarten gibt, von denen man spricht. Dagegen möge kein Gläubiger zweifeln, daß, wer immer als Mensch, d. i. als vernünftiges und sterbliches Wesen, geboren wird, unter welchem Himmelsstrich es auch sei, seinen Ursprung nimmt von jenem Ersterschaffenen, mag er im übrigen auch eine unserer Erfahrung noch so ungewohnte Körpergestalt oder Farbe oder Bewegung oder Stimme haben, gleichgültig auch, mit welcher Fähigkeit, nach welcher Seite hin, mit welchen Eigenschaften seine Natur besonders ausgestattet ist. Es tritt jedoch durch solche Erscheinungen klar in die Augen, was dem natürlichen Durchschnitt entspricht und was eben durch seine Seltenheit merkwürdig ist.
Derselbe Grund aber wie für menschliche Mißgeburten läßt sich auch für mißgestaltete Völker geltend machen. Gott ist der Schöpfer aller, und er weiß, wo und warum etwas zu schaffen ist oder war; denn er weiß, welche Teile er gleichartig und welche er abweichend zu gestalten hat, um in der Gesamtheit ein herrliches Gewebe zu wirken. Wer freilich das Ganze nicht zu überblicken vermag, der wird durch vermeintliche Mißgestalt eines Teiles verletzt, weil ihm der Zusammenklang des Teiles mit dem Ganzen und seine Beziehung nicht zum Bewußtsein kommt. Daß Menschen mit mehr als fünf Fingern an Händen und Füßen zur Welt kommen, wissen wir; und diese Abweichung ist noch die geringste von allen; gleichwohl darf man ja nicht meinen, der Schöpfer müsse sich hier in der Zahl der für einen Menschen schicklichen Finger geirrt haben; so töricht darf man nicht denken, wenn man auch freilich nicht weiß, warum er das so gemacht hat. Niemand kann mit Recht seine Werke tadeln; er weiß, was er tut, auch wenn größere Unregelmäßigkeiten auftreten. Bei Hippon Zaritus1 lebt ein Mann, der halbmondförmige Füße hat und nur zwei Zehen an jedem, und ähnlich sind auch seine Hände gestaltet. Gäbe es ein ganzes Volk mit solchen Eigentümlichkeiten, so würde man es in jene Geschichte der Seltsamkeiten und Merkwürdigkeiten aufnehmen. Aber werden wir diesem Mann wegen solcher Unregelmäßigkeit die Herkunft von dem Ersterschaffenen absprechen? Zwitter, auch Hermaphroditen genannt, so selten sie vorkommen, gibt es wohl zu allen Zeiten; bei ihnen sind beide Geschlechter so deutlich vorhanden, daß man schwankt, nach welchem man sie eigentlich bezeichnen soll, wenn auch der Sprachgebrauch entschieden hat, daß man sie nach dem vorzüglicheren, also dem männlichen Geschlechte benennt. Denn niemand spricht von Zwitterinnen oder Hermaphroditinnen. Vor einigen Jahren, jedenfalls noch in unseren Zeiten, ward im Morgenland ein Mensch geboren, der war in seinen oberen Gliedern gedoppelt, in den unteren einfach. Er hatte also zwei Köpfe, zwei Brustkörper, vier Hände, dagegen nur einen Bauch, zwei Füße, wie ein Einzelmensch; und er lebte solange, daß der Ruf seiner merkwürdigen Gestalt großen Zulauf von Schaulustigen veranlaßte. Wer könnte erst alle menschlichen Leibesfrüchte anführen, die weit abweichen von ihren unzweifelhaft feststehenden Eltern? Wie nun solche Wesen gleichwohl unbestreitbar von jenem Einen abstammen, so muß man auch bei all den Völkern, die laut der Berichte in allerlei körperlicher Verschiedenheit gleichsam aus dem Fahrgleis der Natur ausspringen, das die Mehrzahl und fast die Gesamtheit einhält, wofern sie nur unter die Begriffsbestimmung vernünftiger sterblicher Wesen fallen, unbeirrt daran festhalten, daß sich ihre Abstammung herleitet von eben jenem Stammvater aller, wenn anders die Berichte über diese verschiedenen, untereinander und von uns so weit abweichenden Völker der Wahrheit entsprechen. Denn jene Naturgeschichtler könnten uns am Ende in ihrer ruhmredigen Freude an Seltsamkeiten auch noch die Affen und Meerkatzen und Sphinxen, wenn wir nicht wüßten, daß das keine Menschen, sondern Tiere sind, als eine Art Menschenvölker aufbinden, ohne daß man ihre grundlosen Behauptungen Lügen strafen könnte. Beziehen sich aber die Wunderlichkeitsberichte auf wirkliche Menschen, so ließe sich etwa annehmen, Gott habe deshalb manche Völker so erschaffen, damit wir nicht über den Ungestalten, die bei uns von Menschen zuweilen ans Tageslicht befördert werden müssen2 , irre werden an seiner Weisheit wie etwa an der Kunstfertigkeit eines weniger geschickten Meisters. Es braucht also nicht ungereimt zu erscheinen, wenn es so gut, wie bei den einzelnen Völkern Menschenungeheuerlichkeiten vorkommen, nun auch unter dem gesamten Menschengeschlecht manche Völkerungeheuerlichkeiten gibt. Um also diese Frage nach allen Seiten hin zu einem endgültigen Abschluß zu bringen: entweder ist an dem, was da über gewisse Völker behauptet wird, überhaupt nichts; oder wenn etwas daran ist, so handelt es sich nicht um wirkliche Menschen; oder sie stammen aus Adam, wenn es sich um wirkliche Menschen handelt.
1: Das heutige Bizerta in der ehemaligen römischen Provinz Afrika.
2: Das oportet des Textes, das handschriftlich gut bezeugt ist, braucht nicht durch die Konjektur apparet oder patet ersetzt zu werden, es bewegt sich völlig in Augustinischer Anschauungsweise; vgl. oben II 3 [ed. Dombart 1, 56 Z. 7].