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War bis ins frühe 13. Jahrhundert hinein zu Bellinzona nur der Felshügel des Castel Grande befestigt, sind nun im Verlauf des 13. Jahrhunderts die Wehranlagen erheblich erweitert worden. Ursache für diesen Vorgang war nicht allein die strategisch bedeutsame Rolle des Platzes in den Kämpfen zischen Guelfen und Ghibellinen, sondern auch die Zunahme des Passverkehrs, besonders nach der Erschliessung der Gotthardroute gegen 1230. Das Städtchen Bellinzona, um 1240 an der stelle einer älteren, unbefestigten Siedlung angelegt, verdankt seine Entstehung dem wachsenden Transitverkehr. In seinen schützenden Mauern liessen sich nicht nur Gastwirte, Handwerker und Kaufleute nieder, sondern auch vornehme Herren, wie die Überreste zweier fester Wohntürme zeigen, die vor einiger Zeit in der Altstadt entdeckt worden sind. Die grösste Erweiterung der Wehranlagen brachte nach der Gründung des Städtchen die Errichtung des Castello di Montebello auf einem felsigen Geländesporn östlich der Stadtanlage. In seiner heutige Gestalt stammt das Castello di Montebello aus dem 15. Jahrhundert. Die Bauten aus der Gründungszeit des ausgehenden 13. Jahrhunderts sind jedoch noch gut zu erkennen. In ihrer Gesamtheit besteht die Anlage von Montebello aus einem äusseren Befestigungsmantel, der im Grundriss eine Raute beschreibt, und aus einer Kernburg, einem unregelmässigen, mehrteiligen Baukörper. Die äussere Ringmauer schliesst mit langen, zinnen- und turmbewehrten Schenkelmauern an die Stadtbefestigung von Bellinzona an. Das Burgareal wird im östlichen Abschnitt von einem tiefen Halsgraben in eine Vorburg und eine Hauptburg geteilt. Der Bering ist mit einem umlaufenden Wehrgang ausgestattet, von dem aus die Verteidigung durch einen Kranz von Schwalbenschwanzzinnen und die Vertikalöffnungen einer Maschikulireihe erfolgen konnte. An drei Ecken ist der Bering durch vorspringende Schalentürme bewehrt; zwei davon weisen einen runden, einer einen vieleckigen Grundriss auf. Der Zugang führt von Norden her an die Vorburg heran, wo ein erstes Tor Einlass gewährt. Ein zweites Tor, bestehend aus einem imposanten Turmbau, erhebt sich am Eingang zur Hauptburg. Beiden Toren sind Gräben vorgelagert, die mittels Zugbrücken überquert werden müssen. Der heutige Aussenbering ist ein Werk des 15. Jahrhunderts. Er erhebt sich aber über den Fundamenten einer älteren, wohl um 1400 errichteten Ringmauer. Auf der Ostseite der Hauptburg stehen von diesem älteren Bering noch grössere Teile aufrecht.
Die Kernburg, umgeben von einem Innenhof, stellt den ältesten Ziel des Castello di Montebello dar. Der mehrgliedrige Baukörper setzt sich aus einem im Oberbau rekonstruierten Turm, zwei Höfen mit Brunnenanlage und einem Wohntrakt mit Nebenbauten zusammen. Eine unregelmässige Umfassungsmauer zieht sich um die ganze Anlage herum. Mit dieser Kernburg haben wir den im ausgehenden 13. Jahrhundert entstandenen Gründungsbau vor uns, den die Rusca als ihren Privatbesitz errichten liessen. Heute ist in dem Gebäudekomplex ein Museum für Archäologie und Stadtgeschichte untergebracht.
In der Hand der Visconti erlebte Bellinzona einen raschen Aufschwung. Die mailändischen Beamten hielten Einzug in das Städtchen und in das Castel Grande. Der Transitverkehr wurde durch ein geordnetes Zollwesen, die Errichtung von Unterkünften für die Reisenden und eine rücksichtslose Bekämpfung des Banditentums gefördert. Das Castel Grande, bis anhin aufgeteilt in eine Vielzahl privater Bauten, entwickelte sich zur staatliche Festung. Die Visconti brachten nach und nach das ganze Areal in ihren Besitz und bauten die Anlage nach den Bedürfnissen einer landesherrlichen Grenzburg aus. Unbenützte oder wertlos gewordene bauten, wie die ihrer Aufgabe beraubte Kirche S. Pietro, wurden niedergelegt. Dafür entstanden Unterkünfte für Besatzungstruppen, für Millitär- und Zivilbeamte sowie Magazine für Lebensmittel und Kriegsgerät. Auf die Bautätigkeit der Visconti geht die Unterteilung des Castel Grande durch zinnenbewehrte Trennmauern in drei Abschnitte zurück.
Anfänglich nahm man es mit diesen Bauvorhaben gemächlich, vor allem mit den Befestigungsanlage, denn von Norden her schien keine Gefahr zu drohen. Der Tod des Herzogs Gian Galeazzo Visconti im Jahr 1402 änderte aber alles. Im Herzogtum brachen wilde Kämpfe um die Erbschaft des verstorbenen Fürsten aus, und von aussen her versuchten verschiedene Feudalherren, sich Teile des wehrlosen Herzogtums anzueignen. Albert von Sax rückte von der Mesolcina her vor Bellinzona und bemächtigte sich des festen Platzes, politisch gesichert durch die Eidgenossen, mit denen er eine Vereinbarung getroffen hatte. Das Erstarken des Herzogtums Mailand unter Filippo Maria Visconti liess einen Gegenstoss erwarten, dem sich nach Alberts Tod die nunmehrigen Grafen von Sax zu entziehen versuchten, indem sie 1419 Bellinzona den Urnern und Obwaldnern verkauften. Die Innerschweizer hatten ihre Augenmerk schon seit einiger Zeit auf die Täler südlich des Gotthards gerichtet. 1403 hatten sie die Leute des Livinentals in ihr Landrecht aufgenommen, und jetzt, im Jahr 1419, schienen sie auf sehr einfache Weise die Schlüsselstellung Bellinzona in ihren Besitz gebracht zu haben.
Die mailändische Reaktion liess nicht lange auf sich warten. Nachdem die Urner wiederholte Angebote des Herzogs, Bellinzona gegen eine grosszügige Geldentschädigung zurückzuerstatten, abgelehnt hatten, holte der mailändische Söldnerführer Carmagnola 1422 zu einem Überraschungsanschlag aus, besetzte Bellinzona und wies die überrumpelte eidgenössische Besatzung vor die Tür. Der Versuch, die auf so blamable Weise verlorengegangene Feste Bellinzona mit Waffengewalt zurückzuerobern, endete mit der eidgenössischen Niederlage von Arbedo im Juni 1422. Alle Anstrengungen der Eidgenossen, besonders der Urner, Bellinzona wieder in ihre Hand zu bekommen, blieben nun für lange Zeit fruchtlos. Überspielt von der mailändischen Diplomatie, die es immer wieder verstand, durch günstige Wirtschafts- und Soldverträge das gute Einvernehmen mit den Eidgenossen zu wahren, und im Stich gelassen von den meisten anderen eidgenössischen Orten, die für ein Ausgreifen über den Gotthard wenig Interesse aufbrachten, mussten sich die Urner lange Jahrzehnte gedulden, bis sie ihr Ziel, Bellinzona zu gewinnen, verwirklichen konnten. Um 1450 gelang es ihnen wenigstens, die Leventina bis an die Brücke von Biasco zu besetzen, aber nicht einmal der spektakuläre Sieg der Urner und ihrer Verbündeten von 1478, erfochten bei Giornico gegen eine Mailänder Übermacht, vermochte dem Herzogtum die Feste Bellinzona zu entreissen.
Andererseits war man sich in Mailand bewusst, dass die Urner darauf brannten, die Scharte von Arbedo auszuwetzen und sich Bellinzonas zu bemächtigen. Nach 1422 wurde deshalb systematisch an den Festungswerken gearbeitet. Die mailändischen Ingenieure begnügten sich nicht damit, die bestehenden Wehranlagen des Castel Grande, des Castello di Montebello und der Stadtbefestigungen auszubauen und zu modernisieren, sondern sie erweiterten die vorhandenen Festungswerke allmählich zu einer schwer einnehmbaren Talsperre, die das ganze Engnis von Bellinzona mit Einschluss der Ticino-Niederung abriegelte. Verstärkt wurden die Ringmauern des Castel Grande, mehrheitlich neu aufgeführt die Umfassungsmauern der Stadt Bellinzona und des Castello di Montebello. Eine geradezu fieberhafte Bautätigkeit entfaltete sich in den Jahren nach der Schlacht von Giornico. Die schon im früheren 15. Jahrhundert in Angriff genommene, aber wohl unvollendet gebliebene und militärisch wenig wirksame Sperrmauer westlich des Castel Grande wurde nun um 1480 vollständig neu aufgebaut. Diese Talsperre, Murata geheissen, setzte am Bering des Castel Grande an, lief über eine natürliche Felsrippe, durchquerte die Flussniederung des Ticino und stiess auf der rechten Talseite bei Carasso an die felsige Bergflanke an. Heute stehen von der ganzen Anlage nur noch die östlichen Teile. Im 16. Jahrhundert riss ein fürchterliches Hochwasser die flussnahen Partien weg. Der Pontone, ein mächtiger Torbau, durch den eine Strasse führte, die den Felshügel des Castel Grande westlich umging, wurde 1869 sinnlos geschleift, und auch die turmartige Bastion, die als Brückenkopf auf dem rechten Ticinoufer bei Carasso stand, die Toretta, legte man im 19. Jahrhundert nieder.
Die an das Castel Grande anschliessenden Partien sind kürzlich mit grosser Sorgfalt restauriert worden. Sie vermitteln noch einen guten Eindruck von der einstigen Anlage. Sie Sperrmauer ist über vier Meter breit. Die als Wehrplattform ausgestattete Mauerkrone ist beidseitig mit einer zinnenbewehrten Maschikulireihe versehen. Der Mauerverlauf wird auf einem natürlichen Felskopf von einem staken Rundturm mit gewölbten Innenraum und Zinnenkranz unterbrochen. Durch die ganze Mauer hindurch zieht sich ein gewölbter, knapp zwei Meter breiter Gang, von dem aus sich nach beiden Seiten Schiessscharten für Handfeuerwaffen und leichtkalibrige Geschütze öffnen. Vertikale Schächte, die in regelmässigen Abständen durch das Mauerwerk führen, dienten zum Abzug der Pulverdämpfe.
Luftaufnahmen (1953)
Mit der Gründung des Kantons Tessin zu Beginn des 19. Jahrhunderts fielen die Befestigungsanlagen an den Staat. Dieser richtete um 1820 die Gebäulichkeiten des Castel Grandes als Zeughaus und als Gefängnis ein. Die Innenausstattung des Südtrakts und der Torre Nera erinnern noch an diese Zeit. Um das Raumbedürfnis zu decken, errichte man verschiedene Nebenbauten, die aber heute bis auf einen Flügel wieder abgebrochen worden sind. Für die gegenwärtig noch aufrechten Bauten des Schlosses, insbesondere für den historisch wertvollen Südtrakt, wird zur Zeit eine umfassende Restaurierung vorbereitet, nachdem Montebello, Sasso Corbaro, die wichtigsten Partien der Stadtbefestigung und neuerdings auch die Murata seit Jahren in Etappen renoviert worden sind.
Die drei Schlösser und das verstärkte Dorf von Bellinzona stehen von nun an auf der Liste der Monumente und der Standorte des weltweiten Kulturgutes, das von der UNESCO geschützt wird. Sie kommen zu den drei anderen Weltkulturerbe hinzu, die schon in der Schweiz ausgewählt wurden: das Kloster von St. Gallen, jenes von Mustair und die Altstadt von Bern.
Zwei Jahre Untersuchungen, Austausch und Verhandlungen mit Gutachten und die Diplomatie haben das ICOMOS (internationaler Rat der Monumente und der Standorte) von der Bedeutung und die Integrität der Festung überzeugt. Das ICOMOS hat seinerseits die Kandidatur der monumentalen Gesamtheit mit der Zustimmung des Ausschusses untermauert, die es während seiner 24. jährlichen Tagung ratifizierte, die in Cairns (Australien) im letzten November stattgefunden hat.
Das kulturelle Erbe, das vom schweizerischen Bund vorgeschlagen und das durch eine eindrucksvolle Dokumentation über seine Geschichte, seine Integrität und seinen Schutz unterstützt wurde, hat den ganzen Auswahlkriterien entsprochen.
Die kantonalen Behörden haben bestätigt, dass die monumentale Gesamtheit nicht nur eine Zeugenaussage der Bedeutung der Militärarchitektur im Mittelalter, sondern ebenfalls ein einmaliges Beispiel in Europa der Entwicklung eines Standortes in konstanter Anpassung an die Bedürfnisse des Menschen nach Zeitaltern war und, dass in diesem Zusammenhang es verdiente, auf der Liste des weltweiten Kulturgutes enthalten zu sein.
In der Tat enthüllen die prähistorischen Entdeckungen, die etwa 60 Jahrhunderte zurückdatieren, die Anwesenheit menschlicher Einrichtungen seit dem Neolithikum (4, Jahrhundert v. Chr.) auf dem felsigen Kap von Castel Grande. Diese natürliche Schranke, die sich auf einem engen Übergangsort befindet, in der Mitte eines tiefen Tales, das den Norden vom derzeitigen Europa mit dem Süden verband, hat schon immer den Menschen angespornt, die Stelle zu bebauen, umzuwandeln und zu verbessern, und im Laufe der Jahrhunderte in eine echte Verteidigungsfestung zu verwandeln, die durch eine Mauer bis ins Tal am Fluss Ticino führte.
Es wurde ebenfalls daran erinnert, dass die Konsolidierung der Gesamtheit, die zwischen dem 13. und 15. Jahrhunderten errichtet wurde, seine "Echtheit" oder, wenigstens die Vorstellung, von dem, was davon bleibt, bis ins Ende des Mittelalters zurückdatiert. Was die Demolierungen und die aufeinanderfolgenden Hinzufügungen betrifft, wurden sie meistens durch den Willen diktiert, die Gebäude nach den derzeitigen Bedürfnissen wieder zu verwenden. Aber ist es trotzdem dank der Pracht des Ortes und seiner natürlichen strategischen Lage, dass die Ruine stetig restauriert wurde, und dass die Gesamtheit bis zu unseren Tagen überlebt hat.
Die letzte Restaurierung von Architekten Aurelio Galfetti ist eine gewollte zeitgenössische Herausforderung, die sowohl eine klare Lektüre der Geschichte Europas durch die Geschichte der Festung als auch eine funktionelle Benutzung der Gebäude und des Parks durch die Einwohner des Dorfes von Bellinzona, dem Hauptort des Kantons Tessin erlaubt.
Bibliographie