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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Wittwen (De viduis)

Cap. V.
Ebenso lehrt die Schrift an einer anderen Stelle, wie barmherzig und mildthätig man gegen die Armen sein muß, ohne sich durch den Hinblick auf die eigene Armuth davon abhalten zu lassen. Den Ruhm der Freigebigkeit erwirbt man ja nicht auf Grund des angehäuften Besitzes väterlichen Erbgutes, sondern durch die innere Gesinnung der Mildthätigkeit. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, so wird durch das ewig gültige Unheil des Herrn jene Wittwe allen andern vorgezogen, von der das Wort gesprochen ward: „Sie hat mehr gegeben als Alle.“ 1 Damit hat der Herr als Grundsatz für das sittliche Verhalten Aller ausgesprochen, daß Keiner von der Darreichung des Almosens sich durch das beschämende Bewußtsein seiner Armuth zurückhalten lassen darf: daß aber auch die Vermögenden sich nicht schmeicheln dürfen, als hätten ihre Gaben wegen der größeren Fülle auch höheren Werth als die der Armen. Die Kupfermünze aus der knappen Tasche der Armuth gilt mehr, als die Goldbarren aus dem Schatze des Reichthums: vor Gott fällt ja nicht so sehr das, was gegeben wird, ins Gewicht, als das, was dem Geber noch verbleibt. Nun kann aber Niemand mehr geben, als derjenige, welcher für sich Nichts zurückbehält.
Wohlan denn, du reiches Weib! du bist mit Gold beladen, du schleifst durch den Staub die Schleppe deines kostbaren Gewandes und schaust umher, als müßte dir von Allen, die niedriger und ärmer sind als du, Huldigung dargebracht werden! Aber wie magst du dem armen Weibe [S. 112] gegenüber dich erheben, weil du durch den Reichthum deiner Gaben sie übertroffen hast? Auch die Ströme entsenden ihre überfließenden Wogen, aber ist denn der Trunk aus dem kleinen Bache nicht jener Wasserfülle vorzuziehen? Es schäumt auch der gährende Most, aber dem Winzer däucht es kein Nachtheil, wenn der Schaum verfliegt. Werden die Garben gedroschen mit schallenden Schlägen, so rieseln die Körner hernieder zur Tenne; in jenem Beispiele der Schrift, da fehlen die Ärntegarben, und doch war der Mehlkrug da, und es ergoß sich die gefüllte Oelschale. Die lange Dürre hatte die mächtigen Fässer der Reichen entleert, aber das arme Oelkrüglein der Wittwe strömte über. Nicht das also, was man von der Ueberfülle gleichsam hinauswirft, gilt etwas vor Gott, sondern das, was man in frommer Gesinnung darbietet. Nie gab aber Jemand mehr, als jene Wittwe, welche von dem, was den Sohn nähren sollte, den Propheten speiste; und weil nie Jemand mehr gab, darum hat auch nie Jemand Gleiches verdient. Das ist die Sittenlehre aus dieser alten Geschichte.
Aber auch das Geheimniß ist nicht zu unterschätzen, welches jenes Weib darstellt, als es die beiden Münzen in den Tempelschatz niederlegte. Groß erscheint in der That das Weib, das, nach dem Urtheile des Herrn, den Vorzug vor allen Anderen verdiente. Oder deutet es nicht etwa hin auf Jene (die Kirche), die aus ihrem Glaubensschatze der Menschheit zu Nutz und Frommen beide Testamente darbietet: mehr hat doch wahrlich keine gegeben. — Von den Menschen konnte Keiner die wahre Beschaffenheit jener Gabe abwägen, welche volles Vertrauen mit großartiger Mildthätigkeit vereinte. Du also, die du dein Wittwenleben im Streben nach der Tugend hinbringst, du darfst nicht zweifeln, daß du in den Schatz eine doppelte Gabe legst, beseelt vom gläubigen Vertrauen, geschmückt mit heiliger Milde.
Glückselig Jene, welche aus dem Schatze das Bild ihres Königs unversehrt hervorbringt. Dein Schatz ist die Weisheit und die Keuschheit; dein Schatz ist die Gerechtig- [S. 113] keit und die lautere Erkenntniß. So war jener Schatz, aus dem die drei heiligen Weisen Gold, Weihrauch und Myrrhen, den Herrn zu verehren, darbrachten. Mit dem Golde deuteten sie die Macht des Königs; mit dem Weihrauch ehrten sie den Gott; mit der Myrrhe bekannten sie die Auferstehung des gestorbenen Leibes. Auch du bewahrst den Schatz, wenn du auf dich anwendest das Wort: „Wir haben diesen Schatz in gebrechlichen Gefäßen.“ Du hast Gold, welches du darbieten sollst; Gott verlangt ja nicht von dir die Gabe leuchtenden Metalles, sondern jenes Gold des Geistes, welches am Tage des Gerichtes die Feuerprobe bestehen kann. Nicht kostbare Geschenke heischt er, sondern den Duft gläubigen Vertrauens, der von dem Altare deines Herzens emporsteigt und die innigen Gefühle einer frommen Seele kundgibt. Aus solchem Schatze sind nun nicht bloß die dreifachen Gaben der Weisen, sondern auch die beiden Münzen der Wittwe entnommen, auf denen unversehrt das Bildniß des himmlischen Königs erglänzt: ein Strahl seiner Herrlichkeit und ein Abdruck seiner Wesenheit. Von hohem Werthe sind in der That jene so mühevollen Erwerbe, welche mit ihrer Händearbeit jene Wittwe zusammenbringt, die Tag und Nacht unausgesetzt der Arbeit obliegt, die selbst in übernächtiger Mühe Lohn erwirbt, damit sie das Gedächtnis des verstorbenen Gatten rein bewahren, ihre geliebten Kinder nähren und auch den Armen dienen könne. Diese verdient doch wohl vor den Reichen den Vorzug; sie ist es, die das Gericht des Herrn nicht zu fürchten braucht.
Das ist ein Beispiel zur Nachahmung für euch, meine Töchter; „denn es ist gut,“ sagt der Apostel, „zu eifern im Guten; beeifert euch um die vorzüglicheren Gaben.“ 2 Es schaut auf euch immerdar der Herr, es schaut auf euch Jesus, wenn er hintritt zum Schatzkasten, wenn ihr den Dürftigen aus dem Verdienste eurer Hände das Almosen zu reichen euch verpflichtet haltet. Und was ist denn das, was du gibst, wenn du den Leib des Herrn empfängst? Gehe [S. 114] also nicht leer einher im Angesichte deines Herrn und Gottes, nicht baar der Barmherzigkeit, baar des Vertrauens, baar der Keuschheit; denn der Herr Jesus ist es nicht gewohnt, Tugendarme zu schauen und zu loben: nur die reich an Tugend sind ziehen seinen anerkennenden Blick auf sich. Die Jüngeren sollen dich schauen in deiner Arbeit, im Dienste der Armen. Das ist der Dank, den du Gott schuldest, daß du auch die Fortschritte Anderer ihm dankbaren Herzens darbietest. Kein Dank ist Gott wohlgefälliger, als die Gaben der Frömmigkeit.
1: Mark. 12, 43.
2: Gal. 4, 18; I. Kor. 12, 31.