Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03281.jsonl.gz/2467

Unter dem Namen Kamancheh ist das Instrument auf dem Kaukasus, im Iran und in Afghanistan bekannt. In Ägypten wird sie „Kamanga“ genannt, in der Türkei „Iklik“ und in Zentralasien „Gidzhak“ („Gechak“). Interessant ist, dass „Kamancheh“ in der Türkei ebenfalls ein Streichinstrument ist, allerdings anderer Bauweise; in Zentralasien dagegen wird der Bogen, der zum spiel auf der „Gidzhak“ verwendet wird, „Kamancheh“ oder – wie in Aserbaidschan – „kaman“ genannt. Auf diese weise wird die Verbreitung des Instruments in Klein- und Zentralasien, dem nahen Osten und dem Kaukasus sichtbar.
Jeder versuch, die Herkunft der Kamancheh einem einzelnen Volk zuzuschreiben, ist nicht nur aussichtslos, sondern auch unwissenschaftlich. Die Bezeichnung des Instruments geht auf das Wort „Kaman“ zurück, was Bogensehne bedeutet, während die Endung „cheh“ sich von „chal“ (spielen) ableitet und darauf hinweist, dass es sich um ein Streichinstrument handelt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Streichinstrumente sich aus gezupften Saiteninstrumenten entwickelt haben: anstatt der Finger oder eines Plektrons wurde nun ein Stift verwendet, dessen enden wie bei einer Bogensehne mit Tiersehnen oder Pferdehaar zusammengezogen wurden (1). Es wird vermutet, dass im alten Indien oder in Zentralasien die ersten Streichinstrumente gefertigt wurden (2). Zunächst war die Kamancheh einsaitig, hatte einen vergleichsweise kleinen Korpus, einen langen Hals und einen länglichen Stachel. Der Korpus wurde aus Kürbis, schalen von Kokosnüssen, oder ausgehöhltem Holz gearbeitet. Anschliessend wurde auf die offene Seite Schlangenhaut gezogen. In der mittelalterlichen Literatur gibt es Zeugnisse für das zeitgleiche aufkommen der Kamancheh und des Gidzhak, wobei im vergleich das erste Instrument das beliebtere war (3).
Aus den klassischen poetischen Werken der Dichter Hagani Shirvani, Nizami Gandchavi oder Mohammed Füzuli sowie aus Buchillustrationen der aserbaidschanischen Miniaturkünstler Aga Mirek und Mir Sayyid Ali erfahren wir heute, wie sich die Kamancheh auf dem Territorium des mittelalterlichen Aserbaidschan verbreitet hat. Wie der herausragende aserbaidschanische Musikwissenschaftler Abdulkadir Maragai (1353-1434/35) schreibt, wurden die zwei Saiten des Instruments damals aus Pferdeschweifhaar oder Seidenfäden hergestellt, da sie den schönsten Klang gewährleisteten. Der Korpus wurde zudem mit der Membran eines Rinderherzens bezogen. Für den deutschen Naturwissenschaftler, Arzt und reisenden Engelbert Kämpfer, der Aserbaidschan von 1683 bis 1684 besuchte, war die Kamancheh, verglichen mit allen anderen Saiten- und Streichinstrumenten, aufgrund ihrer Klangfarbe das schönste und wohlklingendste Instrument. In seinen Reiseberichten beschreibt er die Kamancheh als drei-, manchmal auch viersaitig, die mithilfe eines mit Pferdeschweifhaar bespannten Bogens zum Klingen gebracht wird, während das Instrument auf einem anderthalb handbreit langen Metallständer auf dem Boden ruht. Der runde Korpus besitzt einen Durchmesser von einer Handbreit, ist mit einer Ledermembran bezogen und hat einen ledernen Steg.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war in Aserbaidschan die dreisaitige Kamancheh am weitesten verbreitet. Ihre Saiten wurden aus dem Darm von Schafen oder anderem Vieh hergestellt. Museumssammlungen traditioneller Musikinstrumente lassen allerdings darauf schliessen, dass es bereits zu dieser Zeit Exemplare der Kamancheh mit vier, fünf oder sogar sechs Saiten gab. Bei einigen Instrumenten war der Korpus zudem sowohl auf der Unterseite als auch an der flachen Oberseite mit Leder bespannt (4). Verglichen mit der heutigen Bauweise nahm damals der Stachel eine fast doppelte Länge an (5).
Die wichtigsten Bestandteile der modernen Kamancheh sind der kugelartige, zum Zentrum hin leicht Spitz zulaufende Korpus (Chanag), der rundliche Hals (Gol), ein filigraner Kopf (Kellja) mit wirbeln (Ashyh) und ein gerader Metallstachel. Das Instrument ist insgesamt 70 bis 80 cm Lang. Hergestellt wird die Kamancheh überwiegend aus Nussbaumholz. Der Korpus wird mit Fischhaut vom Bruststück eines ausgewachsenen Welses oder mit rinderblase bespannt. Am oberen Teil der Decke, in der nähe des Halses, verläuft Quer zu den Saiten ein gewölbter Steg (Herek) aus Nussbaumholz. Diese Lage des Steges ermöglicht sowohl in den tiefen als auch in den hohen Registern einen vollen und sauberen Klang. Für das Griffbrett wird hornplatte verwendet. Zur Befestigung des Halses am Korpus dient ein Metallstift, der durch den gesamten Korpus hindurch in den hals geschlagen wird. In das andere ende dieses Stifts, das unterhalb des Bodens hervorsteht, wird anschliessend der Stachel geschraubt, der kugelartig zuläuft und als Ständer für das Instrument dient. Oben geht der Hals in einen geschnitzten Kopf über, der einem Kästchen mit kunstvoll gearbeiteter Spitze ähnelt. In die vorgefertigten Öffnungen an den Seiten des Kopfes passen Runde oder pyramidenförmige Wirbel aus Nussholz. Die Kamancheh hat vier Stahlsaiten, wobei die beiden niedrigsten zusätzlich mit Kupfer- oder Bronzekantille (sehr feinem Metalldraht) umwickelt werden.
Den Klang des Instruments erzeugt ein Bogen (Kaman), der 55 bis 59 cm Lang ist und dessen Grundlage ein gerader oder leicht gebogener Stab (Chubuk) aus Hartriegel von 10 mm Durchmesser ist. An seinen enden wird Mithilfe von abnehmbaren Metallhülsen eine Strähneaus 160-180 Pferdehaaren eingespannt. Beendet der Spieler seinen Auftritt, kann er den Stachel abschrauben und ihn zusammen mit der Kamancheh in einem Instrumentenkasten oder einem Stoffbeutel verstauen. Nicht selten wird das Instrument mit Einlegearbeiten aus Perlmutt, Knochen, Kupfer oder Goldkantille verziert.
Meistens spielt der Künstler im sitzen, indem er die Kamancheh senkrecht hält und auf seinem linken Knie abstützt. Das untere ende des Bogens wird leicht zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand eingepresst. Die Technik der Bogenführung für das Spiel auf der Kamancheh ist eine andere als die für das Geigenspiel, da der Musiker das Instrument mit der linken Hand zusätzlich zu den Bewegungen des Bogens dreht. Vier Finger der linken hand greifen die Saiten.
Die Kamancheh wird in Quarten und Quinten gestimmt. Für ein Solo oder die Begleitung zum Gesang bei der Aufführung des Mugham, einer traditionellen aserbaidschanischen Musik, werden die zweite, dritte und vierte Saite entsprechend der Tonart des Stückes gestimmt, während die erste unverändert bleibt. Die Kamancheh gilt als das melodischste unter den aserbaidschanischen Volksinstrumenten. Nicht umsonst wurden viele Begriffe und Epitheta, die verschiedene dynamische Nuancen der aserbaidschanischen Folklore reflektieren, gerade auf der Kamancha ausgearbeitet. Die Spielkunst des Musikers tritt bei Soli besonders hervor, wenn ein instrumentaler Mugham aufgeführt wird (vor allem der Sshushtar“, der „Shur“ und der „Bajaty-shiraz“). Die Kamancheh wird auch die „gesprächspartnerin der Tar“, das zentrale Musikinstrument des Mugham, genannt. In der Sammlung der aserbaidschanischen Radiogesellschaft wird die aAfnahme eines rhythmischen Mugham verwahrt – „Mansurije“ in der Interpretation des bekannten Hanende (Sänger) Dzhabbar Garyagdi oglu in Begleitung der Kamancheh. Neben dem Mugham beinhaltet das Repertoire des Instruments auch instrumentale Varianten von Volksliedern und Tänzen. Seit der zweiten hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Kamancheh, ebenso wie die Tar, zu einem festem Bestandteil von Volksmusikorchestern und verschiedenen traditionellen Ensembles, sowohl als Solo- als auch als Begleitinstrument. Auf manchen Bühnen erklingt sie auch ganz alleine, ohne Orchester. Die Auftritte des aserbaidschanischen Künstlers Gabil Aliyev mit der Kamancheh werden auf der Balaban, einem flötenartigen Holzblasinstrument, und der Gaval, einer Trommel, begleitet. Gerade dank dieses herausragenden Musikers wurde nicht nur die Schönheit der aserbaidschanischen Volksmusik, sondern auch die ungewöhnlichen Spielmöglichkeiten der Kamancheh weltweit bekannt. Das Instrument spielt nicht zuletzt bei der Weiterentwicklung der modernen professionellen Musik in Aserbaidschan eine wichtige rolle. Seine technischen Möglichkeiten erlauben eine äusserst vielfältige Anwendung, und so entstanden bekannte Werke wie die Konzerte für eine Kamancheh und ein Symphonie- (Zakir Bagirov, Hadchi Khanmammadov, Tofig Bakikhanov) oder Kammerorchester (Adviyar Akhmatova), die Stücke „Scherzo“, „Tarantella“ oder „die Tanz-suite“ (Suleyman Aleskerov), „die Melodischen Etüden“ (Said Rustamov), ein Stück für Kamancheh und ein Volksmusikorchester (Nazim Guliyev) oder ein Monolog für die Kamancheh und ein Klavier (Ramiz Zohrabov).
Sicherlich werden aserbaidschanische Komponisten auch weiterhin Musikliebhaber weltweit mit neuen Werken für dieses wundervolle Musikinstrument begeistern.
Anmerkungen
- Модр А. Музыкальные инструменты. М., «Музгиз», 1959, с.
- Бахман В. Среднеазиатские источники о родине смычковых инструментов // Музыка народов Азии и Африки, вып. 2. М., «Советский композитор»,1973, с. 349-373.
- Marağalı Ə. Musiqi alətləri və onların növləri // Qobustan, 1977, No 1, 77.
- Абдуллаева С. Народный музыкальный инструментарий Азербайджана. Баку, «Элм», 2000, с.
- Bakıxanov Ə. Ömrün sarı simi, Bakı, «İşıq», 1985, 16
Prof. Dr. Saadet Abdullayeva
Kunsthistorikerin
IRS