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Unter Beurteilung oder Evaluation wird allgemein das Bewerten von Prozessen oder Prozess-Ergebnissen verstanden. Evaluiert werden können sowohl der Prozess selber, wie auch das Ergebnis eines Prozesses. In der betrieblichen Grundbildung nimmt die Beurteilung oder die Evaluation einen hohen Stellenwert ein. Wir gehen den Fragen nach: Wozu dient sie? Wann wird sie vorgenommen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus ihr?
Die Evaluation erfüllt drei Funktionen, je nachdem, wann und zu welchem Zweck sie vorgenommen wird:
- die Prognose (Vorhersage),
- die summative Beurteilung (Ergebnis)
- die formative Beurteilung (Beurteilung im Prozessverlauf).
Prognostische Beurteilung. Evaluation hat dann die Funktion einer Prognose, wenn abgeklärt wird, ob Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person den gestellten Anforderungen entsprechen. Zu Beginn einer Arbeit kann damit zum Beispiel festgestellt werden, ob die lernende Person den Auftrag selbstständig planen und durchführen kann oder welche Vorgaben, Instruktionen oder Begleitmassnahmen ergriffen werden müssen.
Das klassische Beispiel einer prognostischen Beurteilung ist die Selektion (Auswahl) von Lernenden. Vor der Anstellung, also eigentlich am Anfang des Bildungsprozesses, stellt der Lehrbetrieb mit Hilfe verschiedener Instrumente, wie Schulnoten, Schnupperlehre oder Gespräch fest, ob Fähigkeiten und Fertigkeiten der lernenden Person den Anforderungen des zu erlernenden Berufs entsprechen.
Summative Beurteilung. Am Schluss einer Lernphase oder eines Auftrags wird Bilanz gezogen. Hat die lernende Person das Ziel erreicht? Sind die geforderten Leistungen erbracht? Geschehen kann dies zum Beispiel in einer Besprechung oder in einem Rapport, am Ende einer abgeschlossenen Lernphase mit einem Test, am Ende einer Lernperiode in einem Qualifikationsgespräch oder am Ende der beruflichen Grundbildung mit der Abschlussprüfung. Die Ergebnisse der Bilanz bestimmen den weiteren Verlauf der Ausbildung oder der Arbeit. Je nach Resultat kann die lernende Person in Zukunft ähnliche Aufträge selbstständig ausführen, komplexere Sachverhalte angehen, einen weiteren Lernprozess in Angriff nehmen oder – bei einer negativen Bilanz – die Aufgabe oder Teile davon wiederholen. Die Grenze bei der summativen Beurteilung ist meist scharf: genügend oder ungenügend, bestanden oder nicht bestanden.
Formative Beurteilung. Die formative Beurteilung ist sehr ähnlich wie die Qualitätssicherung. Sie wird während eines Arbeits- und Lernprozesses vorgenommen und ist deshalb für die berufliche Grundbildung die wichtigste Evaluationsform. Sie ist der lernenden Person individuell angepasst, berücksichtigt den Verlauf der Auftragserfüllung und hat deshalb grossen Einfluss auf die betriebliche Bildung. Diese laufende, tägliche Beurteilung geschieht, indem Lernende und Berufsbildner/innen miteinander arbeiten und sprechen, Missverständnisse klären, Probleme erkennen, den Prozess umstellen, einen Teilinhalt wiederholen und gemeinsam nach anderen Lösungen suchen. Die formative Evaluation ist im Arbeitsalltag ständig präsent und wird von allen angewendet.
Gruppenbeurteilung. Man könnte die Leistung einer Gruppe so verstehen, als handle es sich um die Addition von Einzelleistungen. Nur ist das in der Regel wenig sinnvoll: Wie sollen diejenigen beurteilt werden, die zwar keine Einzelresultate in Form von Fachlösungen bringen, die Gruppe aber geschickt organisieren, die Aufgaben verteilen, einen Zeitplan aufstellen, die eintreffenden Ergebnisse sammeln, kritische Fragen stellen, Einzelteile zu einem Ganzen fügen, die Präsentation vorbereiten, motivieren, aufmuntern und an Pause und Kaffee denken? Bei der Gruppenarbeit sollen verschiedene Fähigkeiten zum Tragen kommen. Es zählt die Gesamtleistung, die im Normalfall besser sein sollte als die Addition von Einzelleistungen. Dies sollte vor der Aufgabenstellung kommuniziert werden, so dass alle Gruppenmitglieder informiert sind.
Evaluation im Vergleich mit den Bildungspartnern und -partnerinnen. Jeder Lehrbetrieb verfügt – nebst den Standards, die in den Bildungsverordnungen festgelegt werden – über betriebseigene Normen, Massstäbe und Vorgaben. In diesem Regelnetz werden den lernenden Personen Aufgaben und Ziele gesetzt und ihre Leistungen gemessen. Darüber hinaus stehen den einzelnen Lehrbetrieben weitere wertvolle Möglichkeiten zur Überprüfung des Leistungsstands der lernenden Person zur Verfügung. In der Berufsfachschule erfahren die Lernenden, wie ihre Leistungen gegenüber jenen ihrer Kolleginnen und Kollegen sind. In den überbetrieblichen Kursen können sie sich und ihre praktischen Fähigkeiten in den direkten Vergleich mit den Lernenden aus anderen Betrieben stellen. Diese Vergleichsmöglichkeiten geben den Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern wertvolle Hinweise über die Qualität der eigenen Ausbildung und die Arbeit der lernenden Personen des Betriebs.
Klarheit bei der Aufgabenstellung. Ein Aspekt bei der Beurteilung ist besonders wichtig: Fragen und Aufgabenstellung müssen klar sein! So lapidar diese Feststellung klingt, so komplex ist deren Umsetzung. Das Formulieren von präzisen Fragen und klaren Aufgabenstellungen gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben von Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern. In diesen Zusammenhang gehört auch das Formulieren von klar verständlichen Beurteilungskriterien. Wer nicht weiss, nach welchen Kriterien ein Auftrag beurteilt wird, kann ihn im Grunde genommen gar nicht lösen. Lernende sollten in der Lage sein, die eigenen Lösungen selbst beurteilen zu können. Der Vergleich der Selbstbeurteilung der lernenden Person mit der Fremdbeurteilung durch die Berufsbildenden fördert die Bildungsqualität nachhaltig. In einer solchen Auseinandersetzung sprechen die Beteiligten nicht nur über Resultate, sondern auch über Lösungsstrategien, Zusammenarbeit, Kommunikation – und damit über die ganze Palette von Kompetenzen, die für das Erlernen eines Berufs notwendig sind.
Selbstevaluation. Oft sind die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner diejenigen, die die lernende Person evaluieren und ihr das Ergebnis mitteilen. Dabei besteht die Gefahr, dass sich die Lernenden mit der Zeit immer passiver verhalten und nicht mehr mit dem nötigen Engagement an die Aufgaben herangehen. Können sie sich aber selbst beurteilen, kann das sehr motivierend sein. Die Selbstevaluation versetzt die lernende Person in die Lage, ihre Lernfortschritte selbst zu analysieren und entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie fühlt sich ernst genommen, wird selbstständiger und sucht nach eigenen Lösungswegen – Motivation und Engagement der beruflichen Grundbildung gegenüber steigen. Selbstevaluation braucht die nötige Zeit, die richtige Fragestellung, klare Zielvorgaben und Unterstützung durch den Berufsbildner oder die Berufsbildnerin.
Quelle: Handbuch betriebliche Grundbildung, SDBB 2013