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Ramanuja
Wenn die Lebewesen
individuelle Persönlichkeiten sind,
so schlussfolgerte er,
ist das Höchste ebenso eine Persönlichkeit,die Höchste Persönlichkeit.
Indem Shankar die Veden im Hinblick auf eine besondere Schlussfolgerung interpretierte, stellte er die Doktrin des Nicht-Dualismus, advaita-vedanta, auf, die behauptet, dass alle Lebewesen auf einer Ebene mit Gott stehen. Er betonte vornehmlich solche Verse, die eine Antwort auf den rationalistischen Atheismus der Buddhisten gaben, aber auch die Lehren Schankaras waren nicht ganz theistisch. Daher wurde eine weitergehende Enthüllung der höchsten Realität bestimmt. Diese Bestimmung wurde durch Schri Ramanuja-Acharya erfüllt.
Ramanuja wurde nach unserer Zeitrechnung im Jahre 1017 in Indien geboren, als, nach astrologischen Berechnungen, die Sonne im Zeichen des Krebses stand. Seine Eltern waren Asuri Kesava und Kantimati, beide aus aristokratischen Familien stammend. Ramanuja verbrachte die Tage seiner Kindheit in Schriperumbudur, seinem Geburtsort. Im Alter von 16 Jahren wurde er mit Rakschakambal vermählt.
Nur vier Monate nach seiner Hochzeit wurde Ramanujas Vater schwer krank und starb. Nach dem Tode seines Vaters übernahm Ramanuja die Führung des Haushaltes und beschloss, nach Kanchi, einer für ihre Gelehrten und prachtvollen Tempel gerühmte Stadt, umzuziehen.
In Kanchi lebte ein Gelehrter namens Yadava Prakasch, der für seine Bewandertheit in der Doktrin desadvaita-vedanta, Nicht-Dualismus, bekannt war. Niemand konnte Yadava in seiner Fähigkeit, Schankaras Kommentare zum Vedanta-sutra zu erklären, übertreffen. Ramanuja schrieb sich in der Schule Yadavas ein und befasste sich mit dem Studium des Sanskrit und der vedischen Literatur. Obwohl er nicht im geringsten von der Auffassung Schankaras überzeugt war, lernte Ramanuja seine Lektionen gut und wurde bald einer von Yadavas bevorzugten Studenten. Weil Yadava ihn für einen ernsthaften Anhänger der Lehren Schankaras hielt, zeigte Yadava Ramanuja besondere Zuneigung. Aber diese Zuneigung dauerte nicht lange an.
Eines Tages, nachdem Yadava einen Vortrag über die Chandogya Upanischade gehalten hatte, bat er Ramanuja seinen Körper mit Öl zu massieren, was ein Dienst war, der in jenen Tagen für gewöhnlich von einem Studenten ausgeführt wurde. Während er seinen Lehrer massierte, kam ein anderer Student wegen der Klärung eines Punktes des morgendlichen Vortrages zu Yadava. Der Junge hatte die Bedeutung des siebten Verses des ersten Kapitels, das mit tasya yatha kapyasam pundarikam evam akshini begann, nicht begriffen. Yadava fuhr fort, seine Interpretation zu erklären, die die erstaunlichen Qualitäten Gottes in einer offenkundig anstössigen Weise beschrieb. Die Worte seines Lehrers betrübten das Herz Ramanujas, das voller Liebe für die Höchste Gottheit war. Heisse Tränen strömten aus seinen Augen und fielen auf Yadavas Oberschenkel. Als dieser die heissen Tränen spürte, blickte er auf und konnte verstehen, dass etwas Ramanuja Schwierigkeiten bereitete. Über sein Leid befragt, antwortete Ramanuja: "Oh, grosser und weiser Meister! Ich war tief im Herzen getroffen, eine solch ungeziemliche Erklärung von einer ehrbaren Seele wie Euch zu hören. Wie sündhaft ist es von Euch, den Höchsten, der mit allen anmutigen Qualitäten versehen und die Quelle aller schönen Dinge dieser Welt ist, zu erniedrigen. Vom Munde eines so gelehrten Mannes wie Euch, hätte ich niemals solch eine niedere und hinterlistige Auslegung erwartet."
Yadava wurde so ärgerlich, dass er sich kaum beherrschen konnte. "Nun gut" sagte er verächtlich, "vielleicht möchtest du deine eigene Auslegung präsentieren, da du offenbar glaubst, es besser zu wissen."
Mit sehr freundlicher Stimme antwortete Ramanuja: "Verehrter Herr, es ist nicht notwendig, eine geringschätzige Interpretation zu einem Vers zu geben, wenn die wahre Bedeutung klar und glorreich ist."
"Dann lass uns diese deine Bedeutung, die so glorreich ist, hören!" sagte Yadava. Da stand Ramanuja auf, und mit grosser Demut gab er die Bedeutung des Verses wieder. "Die beiden Augen des Höchsten sind so lieblich wie zwei Lotosse, die durch die Strahlen der Sonne erblüht sind."
"Ich verstehe," sagte Yadava, "du sprichst, als gäbe es tatsächlich solch eine 'Höchste Person'. Das liegt an deiner kindlichen Unwissenheit. Du hast deine Lektion nicht richtig gelernt. Du solltest immer daran denken, dass das Höchste ohne Form, ohne Namen und ohne Eigenschaften ist. Das ist die Lehre des grossen Schankara. In Zukunft solltest du deine dummen Gefühlsduseleien nicht aussprechen!" Die Worte Yadavas waren schmerzhaft für Ramanuja, aber aus Respekt vor seinem Lehrer blieb er ruhig.
Einige Tage später ereignete sich ein zweiter Vorfall. Yadava erklärte einen Vers aus der Taittiriya Upanischade, der mit satyam jnanam anantam brahma beginnt und sagte, dass Brahman Intelligenz, Wahrheit und das Unendliche sei. Als Ramanuja diese Erklärung hörte, fügte er höflich hinzu: "Brahman ist versehen mit den Eigenschaften Intelligenz, Wahrheit und Unendlichkeit. Das heisst, dass Er nicht wie gewöhnliche Lebewesen von Unwissenheit bedeckt ist. Er ist niemals falsch, und Seine Energien sind unbegrenzt, nicht beschränkt. Das Höchste Brahman ist der Ursprung aller guten Eigenschaften, jedoch steht Er über diesen Eigenschaften, wie der Sonnenplanet dem Sonnenlicht übergeordnet ist."
Die Erregung, die Yadava in seinem Geist fühlte, liess seine Stimme zittern. "Du junger Narr!" rief er. "Deine Schlussfolgerungen stimmen nicht mit denen Schankaras oder irgendeines der vorangegangenen Meister überein! Wenn du auf diesem nutzlosen Geschwätz über einen persönlichen Gott beharrst, warum kommst du dann überhaupt hierher, um meine Zeit zu verschwenden? Warum eröffnest du nicht deine eigene Schule und lehrst, was immer du willst? Nun verlasse sofort mein Klassenzimmer!" Ramanuja erhob sich von seinem Platz und verliess schweigend den Raum.
Kurz danach eröffnete Ramanuja eine kleine Schule in seinem Heim, und unversehens begannen viele Menschen zu ihm zu kommen, um seine hingebungsvollen Vorträge zu hören. Ramanujas Lehren waren vollständig theistisch. Er lehnte das Konzept ab, dass der jiva, ein Lebewesen, dem Höchsten Brahman ebenbürtig oder Gott werden könnte, wie von Schankara behauptet wurde. Das Lebewesen, so lehrte Ramanuja, ist ein Teilchen Gottes, und seine Aufgabe als solches ist, dem vollständigen Ganzen zu dienen. Er sagte, dass die Hand ein Teil und daher ein Diener des Körpers ist. Ebenso ist das Lebewesen Teil des Höchsten, und daher ist seine wesensgemässe Stellung, diesem Höchsten zu dienen.
Die Philosophie Ramanujas wurde als visischtadvaita, oder qualifizierter Nicht-Dualismus bekannt. Demnach werden die Lebewesen als qualitativ eins mit dem Höchsten, gleichzeitig jedoch quantitativ verschieden von Ihm angesehen. Ramanujas Aussage zum quantitativen Unterschied war, dass die fragmentarischen Teile des Höchsten abhängig vom Höchsten sind, aber nicht das Höchste werden können.
Die Philosophie Schankaras behauptet, dass alles Brahman und das Brahman selbst vollkommen homogen, undifferenziert und ohne Persönlichkeit sei. Individualität käme nur aufgrund von Illusion, oder maya, auf. Aber diesem Verständnis trat Ramanuja streng entgegen. Seine Philosophie stellt fest, dass es niemals Wissen von einem eigenschaftslosen Objekt geben kann. Wissen deutet notwendigerweise auf ein irgendwie zu beschreibendes Objekt hin. Ramanuja liess niemals ein eigenschaftsloses, undifferenziertes Brahman gelten, sondern ein Brahman, das ein Attribut einer grösseren Realität, Gott Selbst, ist. Wenn die Lebewesen individuelle Persönlichkeiten sind, so schlussfolgerte er, ist das Höchste ebenso eine Persönlichkeit, die Höchste Persönlichkeit.
Ramanuja schlussfolgerte weiter, dass, wenn Illusion die Identität des Höchsten bedecken könne, diese höher als Gott einzustufen sei. Deshalb, so behauptete er, sind wir ewig individuelle Persönlichkeiten, und das Höchste ist ewig die Höchste Persönlichkeit, aber aufgrund unseres Begrenztseins sind wir manchmal Täuschung unterlegen.
Ramanuja akzeptierte auch die von Schankara abgelehnte Theorie der Umformung. Nach Schankara ist die materielle Welt falsch. Sie hat keine Existenz. Ramanuja andererseits sagte, dass die materielle Welt Gottes Energie ist, und dass die subjektive Wirklichkeit in Bezug auf die materielle Manifestation keine Änderung ihrer Substanz erfährt, genauso wie ein Sänger, der aus eigener Energie ein Lied kreiert, sich aufgrund dieser Schöpfung nicht verringert. Er wird eher glorreicher.
In der visischtadwaita Philosophie werden weder die materielle Welt, noch die Lebewesen als unabhängig von der Höchsten Persönlichkeit angesehen. Die Lebewesen, da sie mit freiem Willen versehen sind, sind eine unterschiedliche Manifestation des Höchsten, wohingegen sich die materielle Energie direkt nach dem Willen des Höchsten manifestiert. Der freie Wille des Lebewesens ist ein überaus wichtiger Faktor, da dieser freie Wille als das grundlegende Prinzip der wechselseitigen Beziehung zwischen Gott und dem Lebewesen angesehen wird.
Ramanuja stellt die Beziehung des Lebewesens mit Gott als auf ewigem Dienst beruhend dar. Wenn die Lebewesen durch die Methode der Hingabe und natürlichen Liebe zu Gott, vergleichbar mit dem Umgang zwischen einem liebevollen Diener und seinem Herrn, von den Täuschungen, die von der materiellen Energie herbeigeführt werden, befreit sind, dann geht die Seele in den spirituellen Himmel, Vaikuntha, ein. Einmal die Vaikuntha-Welt erreicht, beschäftigt sich die Seele im ewigen Dienst der Höchsten Person, Narayana (Vischnu). Diese erhabene Botschaft vermittelte Ramanuja seinen Zuhörern täglich.
Der stolze und arrogante Yadava Prakasch wurde angesichts der wachsenden Popularität Ramanujas und des Einflusses, den er auf die Menschen von Kanchi hatte, unruhig. Er rief seine getreuen Studenten zu sich und sagte: "Dieser unverschämte Ramanuja ist ein Ketzer! Er ist ein Ärgernis für die Gesellschaft und eine Bedrohung für unsere Lehren des Nicht-Dualismus. Ich sehe für dieses Problem keine andere Lösung, als diesen Schurken zu töten! Was sagt ihr?" Yadavas Schüler stimmten völlig mit ihrem Lehrer überein, da auch sie neidisch auf Ramanuja waren. Also erdachten sie einen Plan, ihn zu töten.
Unter dem Vorwand, dem heiligen Ganges huldigen zu wollen, trafen Yadava und seine Schüler Vorkehrungen für eine Pilgereise nach Benares und fragten Ramanuja, ob er sich ihnen anschliessen wolle. Nichts von ihrem verräterischen Plan ahnend, nahm Ramanuja die Einladung an. Ramanuja bat seinen Cousin Govinda, ihn zu begleiten. Am vierten Tage ihrer Reise wurde Govinda von einem jüngeren Schüler Yadavas ins Vertrauen gezogen, der den Plan Ramanuja zu töten enthüllte.
Über die bösen Absichten Yadavas und seiner Anhänger schockiert, nahm Govinda Ramanuja zu einem abgelegenen Ort im Wald und informierte ihn über die Gefahr. Er bat Ramanuja, sofort in den Wald zu flüchten, ehe es zu spät war.
Govinda kehrte daraufhin zum Lager zurück und erzählte den anderen, dass er und Ramanuja im Wald nach wilden Beeren gesucht hätten, und währenddessen sich ein Tiger auf Ramanuja gestürtzt und seinen hilflosen Körper weggeschleppt hätte. Nach aussen hin zeigten Yadava und seine Schüler Zeichen von Bedauern, aber innerlich sprangen ihre Herzen vor Freude. Ramanuja war nun für immer aus ihren Leben verschwunden. So dachten sie.
Auf seiner Wanderung durch das Land, seinen Heimweg suchend, kam Ramanuja an einen Brunnen, wo ein Mann und eine Frau eifrig Wasser heraufzogen, um es zu ihrem Dorf zu tragen. Das Paar bot ihm einen Becher Wasser gegen seinen Durst an. Nachdem er getrunken hatte, legte Ramanuja sich zu einer Rast nieder und fiel in einen traumreichen Schlaf. Er träumte, wie er auf dem Weg durch den Wald Ramachandra, die Inkarnation Gottes, und Seiner Gefährtin Sitadevi sah, die ihm den Weg zu seinem Dorf zeigten. Als Ramanuja aus seinem Traum erwachte, waren der Mann und die Frau am Brunnen verschwunden. Sich umsehend erkannte er, dass er sich am Stadtrand von Kanchi befand. Wie er dorthin gekommen war, konnte er nicht nachvollziehen, ausser durch ein Wunder.
In Kanchi setzte Ramanuja sein gewöhnliches Leben fort und erzählte niemandem davon, dass sein Leben in Gefahr gewesen war. Einige Monate vergingen, bis eines Tages Yadava und seine Schüler nach Beendigung ihrer Pilgereise nach Kanchi zurückkehrten. Sie waren beim Anblick Ramanujas, lebend und wie gewöhnlich seine Schule führend, verblüfft. Sie dachten, ihr Plan sei aufgedeckt worden, bekamen Angst und unterliessen jegliche weiteren Pläne, Ramanuja zu töten.
Der Ruhm Ramanujas breitete sich weiter und weiter aus. Als er eines Tages in seine Studien versunken dasass, kam ein ehrwürdiger Heiliger namens Yamunacharya an seine Tür, um ein Almosen zu erbitten. Ramanuja zeigte seine ganze Höflichkeit und hiess den Heiligen in seinem Haus willkommen. Er erfuhr, dass Yamuna von Schri Rangam, dem berühmten Vischnu-Tempel, war. Im Laufe ihrer Unterhaltung erkannte Ramanuja bald, dass Yamunacharya ein qualifizierter spiritueller Meister der Wissenschaft der Hingabe war. Von Entzücken und Jubel übermannt, fiel Ramanuja zu seinen Füssen und bat darum, als sein Schüler angenommen zu werden.
Yamuna richtete Ramanuja sofort vom Boden auf, umarmte ihn mit tiefer Liebe und sagte: "Mein Kind, ich bin heute selig, deine Hingabe zu Gott zu sehen. Mögest du ein langes und ergebnisreiches Leben haben, immer auf den Dienst zu Narayana, der Persönlichkeit Gottes, bedacht."
Dann umkreiste Ramanuja seinen Guru, um glückverheissende Umstände zu erflehen, und Yamuna ging nach Schri Rangam.
Mehr als je zuvor, predigte Ramanuja die Lehre der Hingabe mit Kraft und Überzeugung. Er war in seiner Darstellung so überzeugend, dass sogar Yadava Prakasch und seine Anhänger sich ergaben und Ramanujas Schüler wurden.
Dann kam eines Tages ein Bote von Schri Rangam und berichtete Ramanuja, dass sein Guru krank sei und auf der Schwelle des Todes stünde. Ramanuja machte sich sofort auf nach Schri Rangam, konnte aber nicht rechtzeitig dort ankommen. Kurz bevor Ramanuja ankam, verliess Yamuna seinen Körper und betrat das glückselige Reich Vaikuntha.
Ramanuja überquerte den Fluss Kaveri, erreichte die Insel, auf der der Tempel von Schri Rangam stand und ging direkt zu dem Platz, an dem sein Guru lag. Yamuna lag mit geschlossenen Augen auf einem Bett, seine Arme an seinen Seiten ausgestreckt, und sein Gesicht strahlte, als sei er in Gedanken von unendlicher Schönheit vertieft.
Für einen Augenblick richtete sich jedermanns Aufmerksamkeit auf Ramanuja, als dieser den Raum betrat und sich neben seinen Guru setze. Tränen der Liebe füllten seine Augen, und er schluchzte. In seinem Herzen fühlte er grossen Trennungsschmerz von seinem Meister. Die linke Hand Yamunas schwebte in der Yoga-Haltung für Frieden, mit drei Fingern ausgestreckt und dem Daumen und dem Zeigefinger an den Spitzen zusammengeführt. Seine rechte Hand hingegen war an seiner Seite, aber zur Faust geballt. Alle Schüler waren starr vor Verwunderung über die Haltung der rechten Hand ihres Guru, und keiner von ihnen konnte die Bedeutung dessen verstehen. Während jeder in Staunen verharrte, brach Ramanuja die Stille und erklärte: "Unser Guru, der ehrwürdige Yamunacharya, hat drei Wünsche, die er erfüllt haben möchte. Ich werde die allgemeine Menschheit, die von der Unpersönlichkeitslehre irregeführt ist, beschützen, indem ich den Nektar der Hingabe zu den Lotosfüssen Narayanas über sie ergiesse."
Als Ramanuja sprach, streckte sich ein Finger an Yamunas rechter Hand aus. Dann sagte Ramanuja: "Zum Wohle der Menschen der Welt werde ich einen Kommentar zum Vedanta-sutra verfassen, der die Höchste Person als die höchste Realität nachweist." Hierzu streckte sich ein weiterer Finger aus, und Ramanuja fuhr fort: "Und um Parasara Muni zu ehren, der in längst vergangener Zeit die Beziehung zwischen jivas,Lebewesen, und ishwara, der Höchsten Person, festgestellt hat, werde ich einen meiner Schüler, der wohlgelehrt und hingegeben ist, nach ihm benennen."
Dann wurde Ramanuja still. Der dritte Finger der rechten Hand Yamunas streckte sich aus. Jeder der Anwesenden war erstaunt über dieses Wunder, und von diesem Tage an akzeptierten sie alle Ramanuja als ihren Führer und Leiter. Im Laufe der Zeit wurden alle drei Gelübde von ihm erfüllt.
Ramanuja lebte weiter in Schri Rangam, diente der Bildgestalt Narayanas und gab jedem der zu ihm kam Erleuchtung, bis zum Alter von 120 Jahren. Eines Tages, als er die Bildgestalt verehrte, betete er: "Lieber Gott, was immer ich zum Erhalt der Essenz der Veden, zur Erhebung der gefallenen Seelen und zur Etablierung der Zuflucht bei Deinen Lotosfüssen als das höchste Lebensziel tun konnte, habe ich getan. Nach vielen Jahren in dieser Welt ist mein Körper nun müde geworden. Erlaube mir freundlicherweise, diese sterbliche Welt zu verlassen und Deine höchste Wohnstatt zu betreten."
Mit diesem Gebet kehrte Ramanuja zur Versammlung seiner Schüler zurück und gab seinen Wunsch, diese Welt zu verlassen, bekannt. In ein Meer von Trauer geworfen, ergriffen die Schüler die Füsse ihres Guru und flehten ihn an, bei ihnen zu bleiben. "Es ist für uns unerträglich, an die Abwesenheit deiner göttlichen Gestalt zu denken, die das höchste Reinigende, der Sitz alles Guten, der Vernichter allen Kummers und der Quell grenzenloser Freude ist. Hab Erbarmen mit deinen Kindern und bleib bitte noch einige Zeit bei uns."
Ramanuja blieb noch drei Tage auf der Erde. Um ihre bekümmerten Herzen zu beruhigen, sprach Ramanuja seine letzten Anweisungen zu denen, die ihm am nächsten und liebsten waren: "Bleibt immer in Gemeinschaft von Gott hingegebenen Seelen und dient ihnen so, wie ihr eurem eigenen spirituellen Lehrer dienen würdet. Habt Vertrauen in die Lehren der Veden und die Worte der grossen Heiligen. Werdet niemals der Sklave eurer Sinne; seid immer bemüht, die drei grossen Feinde der Selbstverwirklichung, Lust, Ärger und Gier, zu besiegen. Verehrt Narayana, und erfreut euch daran, die Heiligen Namen Gottes, euer einziges Refugium, zu lobpreisen. Dient den Geweihten Gottes ernsthaft. Durch den Dienst zu den grossen Gottgeweihten bringt man den besten Dienst dar und erlangt schnell die höchste Barmherzigkeit. Immer an diese Dinge denkend, sollt ihr glücklich in dieser Welt leben, um die nächste zu erreichen."
Mit diesen Abschiedsworten, gab Ramanuja, seinen Kopf in den Schoss Govindas gelegt und seinen Geist in spiritueller Trance vertieft, seinen sterblichen Körper auf und ging in das Reich Vaikuntha ein.