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Der japanische Filmemacher Toshi Fujiwara hat einen Film über die «No Man’s Zone» gedreht, die Sperrzone um das seit März 2011 havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi: ein unglaubliches Zeitdokument.
Sie fahren vierzig Tage nach dem Tsunami ins Sperrgebiet von Fukushima. Keiner hält sie auf. Kleine weisse Gestalten gehen durch Berge von Schutt. Die Offstimme spricht von «Geistern», die durch die Landschaft spuken, und erklärt, es seien Polizeibeamte der Präfektur Fukushima, die nach Leichen suchten. Erst einen Monat nachdem das Unglück in den Reaktoren von Fukushima Daiichi seinen Lauf genommen hatte, durften die Beamten mit der Suche beginnen. Die Behörden hatten zuvor die Rettung untersagt, weil sie fürchteten, zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn die Rettungskräfte verstrahlt würden.
Der 42-jährige Filmemacher Toshi Fujiwara ist Mitte April 2011 mit einem Kameramann durch die Gebiete rund um das havarierte Atomkraftwerk gereist, ohne genau zu wissen, welchen Film sie drehen wollen. An der Grenze zur Sperrzone stand ein junger Polizist. Er fragte den Filmemacher, was er in der Zone wolle. Fujiwara sagte ihm: «Einen Film drehen.»
Worauf der Polizist wissen wollte, was für einen Film. Fujiwara sagte: «Es ist schade, dass alles innerhalb dieser Zwanzigkilometerzone nie mehr gesehen werden wird – wir haben bereits von den Kirschblüten gehört, die sind im Frühling sehr schön –, denn von diesem Jahr an wird das niemand mehr zu Gesicht bekommen. Ich finde es wichtig, das aufzuzeichnen». Der junge Beamte entgegnete: «Okay, doch leider tun Sie das alles auf eigene Verantwortung. Im Fall eines Unfalls können Sie keine Hilfe von uns erwarten. Seien Sie also vorsichtig, viel Glück und ‹ganbatte kudasai› – geben Sie Ihr Bestes.»
Duldsamkeit und Ironie
In der Zone scheint seit dem 11. März 2011 die Zeit stillzustehen. Fujiwara ist so dreist und zeigt nur das in seinem Film – es gibt keine Erklärungen über den AKW-Unfall oder über die Strahlung, es gibt keine Anklage, keine offene Wut, kaum sichtbare Trauer. Fujiwara zeigt nur die gnadenlose Zähigkeit des Stillstands. Die Kamera gleitet über Trümmerlandschaften, über Wälder, die aus der Winterruhe erwachen, über plätschernde Bäche, Autos und Schiffe, die kopfüber auf Feldern liegen, Rinder, die wiederkäuend in Gärten stehen, und immer wieder Trümmer. Eine Offstimme erzählt, dass sich der Kameramann schwergetan habe, in den Schutthaufen zu filmen, weil er fürchtete, unabsichtlich auf eine Leiche zu treten.
Es kommen auch Menschen zu Wort, die gleich neben dem AKW gelebt haben. Manche sind zurückgekehrt und versuchen aufzuräumen, auch wenn man ihnen das untersagt hat. Andere berichten, wie sie vor vielen Jahren in die Gegend gezogen sind, wie sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit der Landwirtschaft begonnen haben, weil Hunger herrschte. Erst später wurden die ersten Strassen gebaut, und die Männer suchten sich ausserhalb der Dörfer Arbeit. Dann folgte das Energieunternehmen Tepco und begann in den sechziger Jahren mit dem Bau des Atomkraftwerks, die Löhne und der Lebensstandard stiegen. Fast alle hier in der Gegend verstehen sich aber noch als Farmer, obwohl sie längst nur noch Teilzeitbauern sind und ihren Lebensunterhalt in den Atomkraftwerken Fukushima Daiichi oder Daini verdient haben, die das 250 Kilometer entfernte Tokio mit Energie versorgten.
Die unsichtbare Katastrophe
Mit feiner Ironie und leisem Humor beschreiben die Menschen den unfassbaren Irrsinn, der über sie hereingebrochen ist. Da sind zum Beispiel die beiden älteren Frauen, Mutter und Tochter, denen man nicht ansieht, dass sie wohl zwischen siebzig und hundert Jahre alt sind. Sie zeigen den leeren Kuhstall und ihr Haus, das sie räumen müssen, und sagen: «Wir haben nicht einmal Strom von Tepco bezogen!» – Sie lachen, ohne Zorn: «So ist das Leben, so ist der Lauf der Dinge.»
Die Offstimme, die den Filmemacher auf seiner Reise begleitet, gehört der armenisch-kanadischen Schauspielerin Arsinée Khanjian. Immer wieder thematisiert sie als fremde Betrachterin diese abgründige Normalität und fast unbegreifliche Duldsamkeit der Leute: «Es ist einfach, diese Menschen zu verurteilen, wenn sie sagen: ‹So ist halt das Leben› – ‹Shoganai› auf Japanisch. Man kann sagen, dass sie passiv und fügsam seien und nicht so autoritätshörig sein sollten. Einige von uns werden sogar wütend auf jene, die ihre Wut nicht zum Ausdruck bringen. Doch wäre diese Wut nicht bloss eine ausreichende Reaktion auf die Angst, wenn wir Dinge sehen, die für uns keinen Sinn ergeben?» Sehen heisse glauben, fährt sie fort: «Bilder sollten uns helfen, besser zu sehen, die Welt zu verstehen und einen Sinn zu finden. Doch am Ende scheint alles, was wir gesehen haben, seine Bedeutung verloren zu haben, wenn wir Bilder von Katastrophen betrachten, die wir nicht sehen können.»
Darin steckt die Kraft dieses Films: «No Man’s Zone» ist grausam in seiner Langeweile, weil der Film die ZuschauerInnen zwingt, dieses Nichts auszuhalten.