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Plädoyer für den Kapitalismus aus theologischer Sicht
Kapitalismus gilt als Gegenbegriff zum Sozialismus. Dieser Sprachgebrauch ist nicht befriedigend, denn auch sozialistische Systeme arbeiten grundsätzlich mit Kapital, und kapitalistische Systeme sind keineswegs frei von sozialistischen Komponenten. Der Ausdruck «Sozialismus» hat, da er sich um den Gefährten («socius») dreht, einen menschlicheren Klang, während das Kapital mit allem, was damit zusammenhängt, nach Materialismus und Geldgier riecht. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat freilich gezeigt, dass sozialistische Systeme sehr unmenschlich sein können, und dass der Kapitalismus (im deutschen Sprachraum vorzugsweise Marktwirtschaft genannt) den Habenichtsen die besten Chancen bietet, ihr Los zu verbessern. Der Sprachgebrauch kann und soll nicht am Schreibtisch umgekrempelt werden. Indessen ist es wichtig, sich seiner Mängel bewusst zu sein, um nicht in die Fallen der Sprachmanipulation zu tappen.
Wert des Eigentums in der jüdisch-christlichen Ethik
Kapitalistische Systeme sind darauf angewiesen, dass das Eigentumsrecht gewährleistet ist. Das Eigentum erzeugt die stärksten — wenn nicht sogar die einzigen — Anreize zum sorgfältigen Umgang mit Gütern sowie zur Leistung und Wertschöpfung. Befragt man die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, so fällt auf, dass das Eigentum in der jüdisch-christlichen Werteskala einen hohen Rang einnimmt. Im Dekalog, dem Rückgrat jüdisch-christlicher Ethik, kommt das Eigentum an prominenter Stelle vor. Das siebente Gebot «Du sollst nicht stehlen.» bildet die Grundformel des Eigentumsschutzes. Das zehnte Gebot «Du sollst nicht begehren nach dem, was dein Nächster hat.» schürft tiefer und zielt auf das menschliche Herz. In seinem vollständigen Wortlaut ist dieses Gebot nicht ausschliesslich an das Diebstahlverbot gekoppelt, sondern knüpft auch die eheliche Treue an («Du sollst nicht begehren nach dem Weib deines Nächsten.»). Es deckt die menschliche Neigung zum Neid auf. Neid kann sich sowohl am Sein als auch am Haben entzünden. Das zehnte Gebot zeigt den Nachdruck, mit dem die Heilige Schrift den Schutz des Eigentums postuliert. Überdies nimmt im Bundesbuch, einer über dreitausendjährigen Rechtssammlung aus der Richterzeit, der Eigentumsschutz geradezu rabiate Züge an: «Wenn der Dieb beim Einbruch ertappt und totgeschlagen wird, trifft den Täter keine Blutschuld.» (2. Mose 22,2).
Biblische Vorbehalte gegen das Eigentum und die Umverteilung
Freilich kennt die Bibel auch handfeste Vorbehalte gegenüber dem Eigentum. Sie werden laut, wo Propheten die einseitige Anhäufung von Eigentum als Beschädigung der Gesellschaftsordnung werten. «Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Acker an Acker rücken, bis kein Platz mehr ist und ihr allein Besitzer seid mitten im Lande!» (Jesaja 5,8). Ferner ist Landbesitz im Alten Testament nicht willkürlich verfügbar, sondern dient der Sippe als Lebensgrundlage. Das zeigen die Bestimmungen über die Sabbat- und Halljahre. Diese schaffen Gelegenheit, veräusserte Grundstücke zurückzukaufen und erinnern daran, dass letztlich Gott der Grundeigentümer ist. Auch wenn diese Bestimmungen nie in Kraft waren, bringen sie doch den Vorbehalt gegenüber der Ausübung des Eigentumsrechts deutlich zum Ausdruck.
Auf Vorbehalte stösst man auch im Neuen Testament. Angesichts der Gottesherrschaft proklamiert Jesus ein Leben, das von der Dominanz der Vorsorge befreit ist. Vorsorge konkretisiert sich in der Anhäufung von Eigentum. «Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr dies alles braucht. Trachtet aber zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.» (Matthäus 6,32f.). Dem Gleichnis vom reichen Kornbauern, der wegen seiner masslosen Vorräte als Narr bezeichnet wird, schickt Jesus die Warnung voraus: «Sehet zu und hütet euch vor jeglicher Habgier! Denn selbst im Überfluss wächst einem das Leben nicht aus dem Besitz zu.» (Lukas 12,15). Jesus selber wirkte als besitzloser Charismatiker und berief seine Jünger in die gleiche Existenzform (Lukas 9,3 und 10,4). Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich von Reichen zu Tische laden oder unterstützen zu lassen (Markus 2,15).
Die biblischen Vorbehalte gegen das Eigentum sollen den Menschen für die Sünde, die ihm innewohnt, sensibilisieren. Sie sind ein Appell, sein Vertrauen nicht an die materiellen Dinge, sondern an Gott zu hängen. Keinesfalls können sie eine Aushöhlung des Eigentumsrechts rechtfertigen. Solche Aushöhlung muss zwangsläufig eine staatliche Bürokratie vollziehen, die ja ihrerseits der Sünde verhaftet ist. Die moderne Geschichte ist gerade in dieser Hinsicht instruktiv: Je umfangreicher die Umverteilungs- und Subventionsströme, desto grösser das Betrugs- und Korruptionsrisiko. Gerade weil das biblische Menschenbild so kritisch, ja geradezu pessimistisch ist, darf Macht nur in begrenzten Mengen angehäuft werden. In Diktaturen und sonstigen zentralistischen Systemen sind die durch Fehlentscheidungen verursachten Schäden logischerweise am verheerendsten. Das Eigentumsrecht und der freie Handel gewährleisten eine Fragmentierung des Besitzes und somit der Macht.
Aus dem gleichen Grunde sind gegenüber der Umverteilung, welche die kapitalistischen Systeme zunehmend mit sozialistischen Komponenten verwässert, Vorbehalte am Platz. Die Umverteilung der Güter erfolgt entweder nach dem Giesskannenprinzip durch das Gesetz oder selektiv durch die Bürokratie. Im ersten Fall werden unnötig hohe Mengen umverteilt, was das Eigentumsrecht aushöhlt, der Wirtschaft zu viele Mittel entzieht und grösstenteils Leuten zufliesst, die es gar nicht nötig haben. Hinzu kommen erhebliche Reibungsverluste im staatlichen Räderwerk. Im zweiten Fall ist die Willkür vorprogrammiert, da die Amtsstellen fremdes Geld verteilen. Als Willkür muss auch Nachgiebigkeit gegenüber bedauernswerten Schicksalen gelten. Sie hat wohl erheblich zur explosiven Zunahme des IV-Missbrauchs in den letzten Jahren beigetragen.
Argumente für den Kapitalismus aus theologischer Sicht
Der Kapitalismus ist aus theologischer Sicht das mit Abstand am wenigsten schlechte wirtschaftspolitische System. Zusammenfassend lässt sich diese These folgendermassen begründen:
- Der Kapitalverkehr erleichtert die Allokation von Leistungen und Gütern und bietet somit jedem Menschen die optimale Chance, seine eigene Lage und diejenige seiner Angehörigen zu verbessern.
- Freie Wirtschaft und freier Handel spiegeln das christliche Bekenntnis, wonach jeder Mensch vor Gott gleich ist und sich daher gemäss seinen Gaben und Neigungen entfalten können soll. Jeder Mensch hat die Chance, seinen Trumpf, und sei es auch nur den tieferen Lohnanspruch, einzubringen.
- Freie Wirtschaft und freier Handel maximieren die Zahl der Eigentümer. Dadurch sinkt das Risiko eines zerstörerischen Machtmissbrauchs durch eine Oligarchie. Dieses Risiko ist wegen der menschlichen Sünde dauernd virulent.
- Der Kapitalismus bringt Reiche und Superreiche hervor. Diese setzen die Wegmarken für den Lebensstandard, den die mittleren und unteren Schichten in naher oder fernerer Zukunft erreichen werden. Die Alternative dazu ist nicht, dass alle etwas reicher und ein paar wenige etwas ärmer sind, sondern dass alle viel ärmer sind.
- Zum Kapitalismus gehören vorübergehende Nothilfe sowie dauernde Hilfeleistungen zugunsten Behinderter. Was sich ausschliesst, ist Kapitalismus und Umverteilung.
- Der kapitalistische Wohlstand öffnet den Weg für caritative Leistungen und Liebesgaben. Diese werden im Sozialismus erstickt und vom Staat zentralistisch ausgeübt, mit den bekannten Klumpenrisiken, welche allen bürokratischen Systemen anhaften.
- Der Kapitalismus entlastet den Staat von der Rolle des Ernährers. Dadurch kann der Staat sein Kerngeschäft, nämlich Recht und Ordnung zu gewährleisten, am besten erfüllen. Ein wichtiges biblisches Prinzip ist der Vorrang des Rechtes vor der Macht.
- Der freien Wirtschaft und dem freien Handel wohnt die Dynamik inne, sich über Landesgrenzen hinaus auszubreiten. Dadurch werden fremde Länder zu Partnern, was das Konflikt- und Kriegsrisiko vermindert.
Peter Ruch ist evangelischer Pfarrer und Stiftungsrat des Liberalen Instituts.
2006