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Dins zu Hause war die blaue Welt. Eine stille Welt. Doch Din fühlte sich hier immer fehl am Platz. Er konnte sich selbst nicht erklären wieso. Er sah so aus wie die anderen. Das Wasser prallte von seiner Haut ab und seine Flossen waren wohl geformt.
Seine Mutter hatte ihm immer gesagt: „Du bist etwas ganz Besonderes.“
Doch als Din grösser wurde bemerkte auch sie, dass er anders war als die anderen Delphinjungen. Er interessierte sich nicht für das Fische jagen, nahm nie an den Wettschwimmen teil und wenn die Schule Exkursionen zu den Riffen unternahm, entwickelte er die seltsamsten Krankheitssymptome.
Seine Mutter hoffte natürlich, dass dies alles nur eine Phase war. Vielleicht war Din einfach ein Spät-Delphin, der für alles etwas länger brauchte. Also liess sie ihm einfach Zeit. An einer Elternsprechstunde erzählte die Lehrerin von sogenannten Genie Delphinen. Sie waren so aussergewöhnlich intelligent, dass sie sich bei den üblichen Aktivitäten langweilten. Sie erzählte auch von einem neuen Förderprogramm für die jungen Genies, welches die Schule im Sommer anbieten würde.
Dins Mutter war erleichtert und begeistert. Ihr Sohn wäre bestimmt einer dieser Genie Delphine und sie meldete ihn gleich für das Förderprogramm an. Zu Hause erzählte sie Din ganz aufgeregt von den Neuigkeiten: „Dein Unterricht wird im tiefsten Riff stattfinden, da wo die anderen Nicht-Genie-Delphine es nicht hin schaffen. Ihr werdet so viele neue Meerestiere sehen. Vielleicht wirst du sogar eine neue Spezies entdecken und berühmt werden.“
Doch Din fühlte sich elend. Er war ein schlechter Schwimmer. Wie sollte er die tiefen Riffs denn erreichen? Und die Meerestiere interessierten ihn eigentlich nicht. Er interessierte sich für die grüne Welt. Doch ihm fehlte der Mut, das seiner Mutter zu beichten.
Als der Sommer kam, schwamm Din zum Förderprogramm für Genies. Am ersten Tag standen die Klippen auf dem Programm. Din gab sich alle Mühe mit den anderen mitzuhalten, doch er fiel weit zurück. Der Unterricht hatte bereits angefangen als Din die Klippen erreichte. Die jungen Genies sollten auf den Wellen zu den Klippen reiten. Soviel konnte ihm ein Mitschüler sagen.
Als die Gruppe an die Wasseroberfläche kam, sah Din zum ersten Mal die grüne Welt, von der er so lange geträumt hatte. Die Wellen umspülten die Felsen, als würden sie diese liebevoll streicheln. Din erkannte seine Chance. Er würde auf den Wellen zur grünen Welt reiten. Dort würde er sich endlich zu Hause fühlen.
Er wartete bis sich eine grosse Welle näherte und liess sich von ihr anschieben. Die Welle schoss auf die Felsen zu, doch sie brach viel zu früh. Din geriet in den Wellenstrudel und überschlug sich mehrmals. Er prallte hart gegen die Felsen und danach konnte er sich an nichts erinnern.
Als er wieder zu sich kam herrschte überall um ihn herum Hektik.
„Din mein Junge, was ist pasiert?“
„Ich wollte die grüne Welt sehen“, antwortete Din benommen. Und plötzlich wurde es mucksmäuschen still.
„Gehörst du etwa zu den Grünen?“
„Ich wollte es mir nur mal ansehen.“
„Du bist ein Delphin. Du gehörst ins Meer. Mit den Grünen wollen wir nichts zu tun haben. Man kann ihnen nicht trauen. Und schon gar nicht jenen, die zwischen den Welten wandern. Oder haben dir deine Eltern etwa nicht von der letzten grossen Schildkrötenwanderung erzählt? Es war ein Desaster unsagbaren Ausmasses.“
„Es tut mir leid“, flüsterte Din.
Doch von da an mieden ihn die anderen aus seiner Klasse und auch für die Lehrer war bald klar, dass er nicht zu den Genies gehörte. Din schämte sich unglaublich.
Ein paar Tage später besichtigte die Klasse den Strand. Din fiel wieder weit hinter den anderen zurück und mittlerweile bemühte er sich gar nicht mehr, mit ihnen mit zu halten. Da tauchten vor ihm drei Schildkröten auf: „Guten Tag“, krähten sie fröhlich. Din war ganz aufgeregt: „Seid ihr unterwegs zur grünen Welt?“
„Ja freilich.“
„Kann ich euch begleiten?“
Doch die Schildkröten lachten so laut, dass man es wohl in allen sieben Weltmeeren hören konnte. Din hatte der ganze Mut verlassen. Was sollte er jetzt tun? Zu den Genies gehörte er nicht. Sollte er sich hier weiter quälen? Oder als Versager nach Hause zurück kehren?
Din stöhnte laut.
„Ruhe“, brummte es neben ihm. Eine grosse Schildkröte mit langem, weissem Bart tauchte neben ihm auf.
„Was störst du meinen Frieden?“
„Entschuldigung“, stammelte Din. „Ich wusste nicht...Ich wollte nicht...Ich gehe ja schon.“
„Gibst du immer so schnell auf?“
„Entschuldigung. Ich bin...Ich will doch nur...Ach was solls. Ich gehöre einfach nicht hier her.“
„Und wo gehörst du dann hin?“ wollte die Schildkröte wissen.
„Ich weiss es nicht. Die blaue Welt ist es nicht. Sonst hätte Neptun einen besseren Delphin aus mir gemacht. Als Delphin tauge ich nichts. Darum wollte ich mir die grüne Welt ansehen.“
„Ein Grüner also! Warum hast du das nicht gleich gesagt. Euch trifft man selten diese Tage. Freut mich. Ich bin Grummel.“
„Hallo Grummel.“
„Ja, die grüne Welt hat schon ihre Vorzüge, genau wie die Blaue. Nun ja, ich bin gerade auf dem Weg in die grüne Welt. Gerne kannst du mich begleiten.“
Und Grummel zog gemächlich weiter. Din brauchte noch einen Moment um sich in Pro- und Kontralisten zu verstricken. Doch als Grummel schon fast ausser Sichtweite war, schwamm er ihm einfach hinterher.
„Wo gehen wir hin?“
„An Land. Aber nicht hier.“
„Ich bin so aufgeregt. Endlich beginnt ein neues Leben. Darauf habe ich so lange gewartet!“
„Was war den mit deinem bisherigen Leben nicht in Ordnung?“ fragte Grummel.
„Ich habe da einfach nicht rein gepasst.“
„Wie kann man nicht in sein eigenes Leben passen?“
„Ich war anders. Mich haben die Delphin Dinger und die blaue Welt nicht interessiert. Ich war ein Aussenseiter.“
„Was hast du den von der blauen Welt gesehen?“
„Vieles. Wir haben auf jeder Exkursion ein anderes Riff besucht und ich war sogar beim Haifisch Turm.“
„Hmmm“, brummte Grummel.
Für eine Weile schwammen sie schweigend nebeneinander her. Dann verringerte Grummel seine Höhe.
„Zeit für den Fisch Spa.“
Grummel legte sich in die Korallen unter ihnen und Din gesellte sich zu ihm, auch wenn er keine Ahnung hatte, wovon die Schildkröte sprach. Es dauerte nicht lange und sie waren beide von kleinen Fischen umgeben, die sie putzten und massierten.
„Das ist göttlich“, seufzte Din.
„Wie ich sagte, die blaue Welt hat auch ihre Vorzüge.“
Als die Spa Fische sich entfernten, wollte Din gleich weiter schwimmen. Doch Grummel hatte es nicht eilig. Also sassen sie noch eine Weile in den Korallen. Erst jetzt bemerkte Din, dass sie von tausenden von Lebewesen umgeben waren. Bisher war er immer zu schnell vorbei geschwommen, um das alles sehen zu können. Die Regenbogenfische tanzten in der Sonne und da waren zwei Einsiedlerkrebse damit beschäftigt, ihre Häuser zu wechseln.
„Siehst du, die können sich auch ein neues zu Hause suchen, wenn das Alte nicht mehr passt“, Din freute sich.
„Was hat denn an deinem zu Hause nicht gepasst? War es auch zu klein?“
„Es hat mich einfach nicht glücklich gemacht.“
„Hmm“, brummte Grummel. „Bei mir ist das anders. Ich kann mein zu Hause nicht verlassen. Es gehört zu mir und wächst mit mir. Ich glaube, mein zu Hause war noch nie Schuld daran, wenn ich unglücklich war. Aber ich bin eben eine Schildkröte.“
„So etwas suche ich auch. Wann gehen wir jetzt in die grüne Welt?“ Din war ungeduldig.
„Wenn die Strömung kommt. Alles andere wäre unnötige Zeit- und Kraftverschwendung.“
„Ich habe noch nie auf eine Strömung gewartet“, erwiderte Din.
Die Zeit verging und gegen Abend erhob sich Grummel.
„Jetzt ist es an der Zeit mit der Strömung zu gehen.“
Din folgte ihm. Alleine hätte er es ja nicht in die grüne Welt geschafft.
Die Strömung zog die beiden mit und zum ersten Mal liess sich Din einfach treiben. Es war herrlich. Er konnte auf dem Weg Purzelbäume schlagen ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Und er hatte Zeit. Viel Zeit um die vorbeiziehenden Korallenriffe zu bewundern und Zeit um nach zu denken. Er dachte über das Anders Sein nach und zum ersten Mal machte es auch für ihn keinen Sinn, dass er in ein Leben hineingeboren wurde, das nicht für ihn gemacht war.
„Hier müssen wir raus“, brummte Grummel. Sie bogen nach links ab und vor ihnen lag eine lange Bucht mit tobender Brandung.
„Hier sind wir. Lass dich einfach von den Wellen an Land tragen.“
Din brachte noch ein Danke heraus, doch er war schon auf halbem Weg zum Strand. Voller Freude sprang er über die Wellen dem Strand entgegen. Doch nach jedem Sprung trug ihn das Meer einige Meter zurück. Er kam gar nicht vorwärts.
„Du willst zu viel und zu schnell“, brummte Grummel, der plötzlich neben Din auftauchte.
„Schau her, lass dich vom Sog der Wellen ins Meer hinaus tragen. Und wenn du es zulässt, werden die Wellen dich dann mühelos in die lang ersehnte grüne Welt spühlen. Doch vorher hätte ich eine letzte Frage Din. Wie willst du dich denn an Land fortbewegen?“
„Ich nehme einfach die nächste Strömung“, strahlte Din. „So wie du es mir beigebracht hast, Grummel.“
„Lieber Junge. Die Strömungen in der grünen Welt sind so fein und schwach, dass sie deinen Körper nicht werden tragen können. Die Menschen sind auch auf ihre Beine angewiesen, damit sie den Strömungen folgen können und auch sie verirren sich dabei meistens.“
„Was willst du damit sagen?“ Din wurde unruhig.
„Dein Körper gehört in die blaue Welt. Din, die sieben Weltmeere sind so viel grösser als du dir vorstellen kannst. Noch viel grösser als die grüne Welt. Geh und erforsche sie. Wenn du nirgends etwas findest, was sich glücklich macht, dann kannst du getrost in die grüne Welt und damit in dein sicheres Verderben gehen. Denn dann bist du selbst der Grund dafür, dass du unglücklich bist.“