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Umgang mit Erwartungen von Eltern an ihre Kinder
«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht» (afrikanisches Sprichwort aus dem Buch «Kinderjahre» von Remo Largo). In der Regel stellen sich die Eltern automatisch auf den jeweiligen Entwicklungsstand ihres Kindes ein. So wird z.B. eine Mutter ihrem 3-jährigen Kind nicht voraus die Treppe hinunterrennen und erwarten, dass es mit ihr Schritt hält. Sie wird sich viel eher dem Tempo des Kindes anpassen und geduldig sein. Die Mutter könnte das Kind aber hinunterziehen, mit dem Resultat, dass es hinfällt und einen Misserfolg erlebt. Oder sie könnte es aus Mangel an Geduld oder Zeit hinuntertragen, was den Effekt hätte, dass das Kind eine Übungsgelegenheit verpasst.
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Möglichkeiten für eine gesunde Entwicklung in allen Bereichen bietet der Alltag reichlich und das Kind nimmt Übungsgelegenheiten wahr, wenn man es machen lässt. Das Lob der Eltern ist dabei sehr wichtig. Ab dem Alter von vier Jahren geschieht es nicht selten, dass Eltern zu viel von ihren Kindern erwarten, wenn es um vernünftige Argumente und um Sozialverhalten geht. Mit dem zunehmenden Spracherwerb des Kindes beginnen die Eltern früh mit ausführlichen Erklärungen über das Alltagsgeschehen. Das Kind versteht jedoch erst allmählich, was gemeint ist. Aus der Fülle der Informationen werden diejenigen verarbeitet, welche für den eigenen Entwicklungsstand und den nächsten Entwicklungsschritt wichtig sind. Man kann einem 4-jährigen Kind beibringen «Entschuldigung» zu sagen, aber man kann nicht erwarten, dass es versteht, was damit gemeint ist. Das Kind sagt «Entschuldigung», weil die Erwachsenen dann zufrieden sind. In diesem Alter beginnt das Kind erst langsam zu verstehen und sich bewusst zu werden, weshalb eine Entschuldigung angebracht ist.
Rollenspiele für Kinder
Im Rollenspiel werden alle Neuerwerbungen der geistigen Entwicklung angewendet. Die Bedeutung des Rollenspiels scheint darin zu liegen, dass es für das Kind eine Brücke zur Wirklichkeit bildet. Bei den 5- bis 7-Jährigen wird es zunehmend verfeinert. Im Rollenspiel, das bei fast allen Kindern spontan auftritt, werden folgende Merkmale der kindlichen Kreativität und Entwicklung optimal gefördert:
- Flexibilität in Beziehungen erleben und Beziehungen zu anderen aufbauen
- Erkennen, dass andere Menschen andere Erlebnisse haben
- Unangenehme Gefühle ertragen können zugunsten gutem Einvernehmen
- Bereinigung von Konflikten
- Verstehen und Erleben von Ursachen und Zusammenhängen durch direktes Ausprobieren nachgeahmter Alltagshandlungen und Nachbauen von Lebensräumen
- Entwicklung der Sprachkompetenz
Lernerfahrungen bieten
Lernerfahrungen sollten vom Kind über möglichst viele Sinne gemacht werden können (Tipps zur glücklichen Förderung findest du hier). Geeignet sind verschiedene Materialen, wie Stoffe, Schachteln, Büchsen, Wasser, Farben, Sand sowie Bewegungsmöglichkeiten drinnen und draussen, Geschichten hören, erzählen, Rollenspiele usw. Es gibt Kinder, die sehr ausdauernd bei einer Beschäftigung verweilen, andere brauchen viel Abwechslung.
Den Entwicklungsstand des eigenen Kindes einzuschätzen, ist nicht immer einfach. Bei Verunsicherung kann eine Besprechung bei Fachärztinnen/-ärzten für Kinder- und Jugendmedizin oder bei Fachpsychologinnen/-psychologen für Kinder- und Jugendpsychologie zur Klärung beitragen.
Insbesondere dann, wenn man das Gefühl hat, das Kind unterscheide sich in seinen Kompetenzen stark von seinen Altersgenossen, kann eine Abklärung zu einem gezielten, dem Kind angepassten, Förderprogramm verhelfen.
Entwicklung der Kinder
Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden. Man muss sie auch gehen lassen» (Jean Paul). Jedes Kind «tickt» ein bisschen anders und braucht seine Zeit zur optimalen Entwicklung. Das Kind hat am Anfang als Bezugspunkt nur sich selbst und es glaubt, dass alle Dinge seiner Umgebung mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sind, wie es selbst. So kann auch ein Tisch böse sein, weil man sich daran gestossen hat.
Im Alter von 4–5 Jahren wird es dem Kind möglich, sich vorzustellen, dass andere Menschen nicht gleich fühlen und auch nicht immer den gleichen Wissensstand haben, wie es selbst. Es merkt, dass man jemanden täuschen kann und probiert das auch aus. Jetzt verlieren Märchenfiguren für das Kind nach und nach ihren Wirklichkeitscharakter. Es beginnt, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu verstehen. Die Eltern merken, dass das Kind zugänglich wird für vernünftige Argumente.
Zeitempfinden von Kindern
Kinder erleben Zeiträume anders als Erwachsene. Das Zeitempfinden wird beeinflusst von der Intensität der Beschäftigung. In einem Versuch forderte man Vorschulkinder auf, während 15 Sekunden Striche in eigenem Arbeitstempo auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Nachher mussten sie erneut 15 Sekunden lang Striche in einem schnelleren Arbeitstempo zeichnen als beim ersten Mal. Wenn die Kinder dann gefragt wurden, ob sie beim ersten oder beim zweiten Versuch länger gearbeitet hatten, sagten die Kinder immer, dass sie beim zweiten Versuch länger dran waren. Sie begründeten ihre Antwort damit, dass sie ja mehr Striche gezeichnet hätten, als beim ersten Versuch.
Das Alter wird oftmals der Körpergrösse gleichgesetzt. Erst 7-Jährige können die Zeitspanne des Lebens mit der Geburtenfolge in Zusammenhang bringen und verstehen, dass der Grossvater älter ist als der Vater, obwohl der Grossvater z.B. kleiner ist. Das Verständnis für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwickelt sich ebenfalls im Altersabschnitt von 4–8 Jahren. Das Kleinkind lebt im Hier und Jetzt.
Einem 4-Jährigen fällt es z.B. noch schwer, die Bedeutung des Adventskalenders zu verstehen, und so kann es passieren, dass es alle Fenster auf einmal öffnet. Nicht weil es sich einer Anweisung widersetzt, sondern weil es erwartet, dass es dadurch Weihnachten wird. Die zeitliche Dimension eines Wochenplans ist oft auch noch für 8-Jährige schwierig zu verstehen.
Wahrnehmung von Figuren und Mustern (Gestaltwahrnehmung)
Geometrische Figuren wie Dreieck oder Quadrat werden früh wiedererkannt. Schwieriger ist es, diese zu zeichnen. Anfangs werden Figuren wie z.B. ein Stern, durch mehrere lose Dreiecke nachgezeichnet. Das Kind ist erst in der Lage einzelne Elemente (hier die Spitzen) davon wiederzugeben. Im Alter zwischen sechs und sieben Jahren können solche Figuren zunehmend richtig dargestellt werden. Im Alter von 4–8 Jahren wandelt sich die Darstellung des Menschen vom sogenannten «Kopffüssler» zu einem Menschen mit Kopf, Rumpf, Armen, Händen, Beinen und Füssen.
Mengenbegriff
Zwei Punkte können von den meisten 3-Jährigen schon als Zweiermenge erkannt werden. Drei Punkte werden mit vier Jahren auf einen Blick erfasst. Im Alter von sieben Jahren wird das Würfelbild bis zur Zahl sechs erkannt, ohne dass nachgezählt werden muss. Wird Flüssigkeit von einem breiten Glas in ein schmales hohes Glas gekippt, behauptet das Kind bis im Alter von ca. fünf Jahren, dass es im schmalen Glas mehr Flüssigkeit hat als vorher im breiten. Das Kind kann die Menge noch nicht in Beziehung zur Grösse des Behälters setzen. Deshalb kann es schwer einschätzen, wie viel Wasser im Glas Platz haben wird. Im Alter von acht Jahren bereitet diese Einsicht dem Kind keine Mühe mehr.
Gegenstandsmerkmale
In der Regel gelingt es 5- bis 6-Jährigen mehrere Objekte nach ihrer Länge, Grösse oder Farbe zu ordnen. Das Benennen ist eine zusätzliche Leistung. So kommt es, dass die Kinder Merkmale wie eckig/rund, weit/eng, hoch/niedrig, breit/schmal zwar erkennen, aber das Wort dafür noch nicht wissen.
Gedächtnis
Die bedeutendsten Gedächtnisleistungen erfolgen mit dem Erlernen der Sprache. Kinder fordern, dass Erwachsene bei Märchen oder Liedern bei jeder Wiederholung genau den gleichen Wortlaut anwenden. Die korrekte Wiederholung vermittelt das Gefühl von Sicherheit und stillt das hohe Übungsbedürfnis. Das Erinnerungsvermögen bezüglich eigenen Erlebnissen ist bis zum Alter von sieben Jahren noch sehr labil. Beeinflussende Fragen durch Erwachsene oder emotionale Bedürfnisse des Kindes können zu starken Täuschungen der Wahrnehmung führen, ohne dass das Kind dies bemerkt. Dadurch kann es zu Fantasielügen kommen, die jedoch nicht als bewusste Irreführung gewertet werden dürfen.
Verstehen und Akzeptieren von Spielregeln
Mit ca. 4 ½ Jahren steigt die Frustrationstoleranz. Vorher kann das Kind Misserfolge, z.B. im Spiel, kaum ertragen. Deshalb wird es versuchen, die Schuld am Misserfolg auf andere Umstände zu schieben (falscher Würfel, blöder Bruder) oder das Spiel so zu beeinflussen, dass es selbst zum Gewinner wird. Dies geschieht nicht, weil es absichtlich mogelt, sondern um die eigene Welt wieder in Ordnung zu bringen. Erst im sechsten Lebensjahr ist es normalerweise fähig, auf einen Wettbewerb mit einer anderen Person einzutreten. Dennoch fällt das Verlieren im Spiel 6- bis 7-Jährigen immer noch sehr schwer. Es wird stets als Minderung des Selbstwertgefühls erlebt und Wutausbrüche als Reaktion auf das Verlieren sind sehr häufig. Verlieren lernen - so geht's!
Fachautorin: Dr. phil. Marie-Claire Frischknecht / Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP / Rapperswil
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