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Das musst du wissen
- Noch vor vier Jahren verschrieb die deutsche Ärztin Natalie Grams ihren Patienten homöopathische Präparate.
- Heute kritisiert sie die Homöopathie scharf: Sie verdonnere die Menschen zu unnötigem Leiden.
- Als die Homöopathie vor 200 Jahren erfunden wurde, brachte sie aber Vorteile gegenüber der damaligen Medizin.
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Frau Grams, jahrzehntelang wurden Patienten mit Bänderriss operiert. Heute wird das nicht mehr gemacht, weil es sich als nutzlos herausgestellt hat. Das zeigt doch, dass sich auch die Schulmedizin irrt.
In der Zeit, als die Homöopathie entstand, hat man sich eigentlich nur geirrt. Die Medizin irrt sich auch heute noch dem besten Kenntnisstand entgegen. Der Unterschied zur Homöopathie ist aber: Die Schulmedizin zieht für sich selbst Konsequenzen aus diesen Irrtümern. Behandlungsmethoden werden verworfen, wenn sie keine Wirksamkeit zeigen können. Das fehlt bei der Homöopathie.
Die Homöopathie wird seit 1810 praktiziert. So lange kann man sich doch nicht irren.
Na ja. Den Aderlass hielt man Jahrtausende für das Nonplusultra. Man muss sich aber vor Augen halten, in welcher Zeit Samuel Hahnemann die Homöopathie erfunden hat. Ich glaube, er hat damals sehr viel Gutes getan.
Die Idee der Homöopathie kurz erklärt
«Ähnliches kann mit Ähnlichem geheilt werden.» Das ist die These des deutschen Arztes Samuel Hahnemann, der die Homöopathie Ende des 18. Jahrhunderts begründete. Leidet ein Patient zum Beispiel unter Kopfschmerzen, so wird er mit einer Substanz behandelt, die die gleichen Symptome bei einem gesunden Menschen hervorruft.
Diese Substanz wird vorher aber einer sogenannten Potenzierung (Verdünnung) unterzogen: Sie wird mit Wasser oder Ethanol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben, dies meistens im Verhältnis 1:10 oder 1:100.
Ursprünglich verdünnte man, weil viele Substanzen giftig waren. Erst später entwickelte Hahnemann die Idee der Potenzierung oder «Dynamisierung», durch die eine «im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft» wirksam werde.
Er war einer der ersten, der gesagt hat, Hygiene sei wichtig.
Ja, und vor allem hat er gesagt, dass die menschliche Psyche eine Rolle spielt. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen. Und er hat Praktiken wie Aderlass, Purgieren, Dehydratation und das absichtliche Zufügen von Infektionen bei geschwächten Patienten einfach weggelassen. Zu seiner Zeit gab es eine Cholerapandemie in Europa, wo die Patienten unter schrecklichsten Bedingungen in Krankenhäusern zusammengepfercht wurden. Man hat ihnen kein Wasser gegeben, weil man gedacht hat, wenn es hinten flüssig rauskommt, kippt man oben besser nichts mehr rein. Natürlich sind die Menschen reihenweise verstorben. Hahnemann hat als erster auf Hygiene geachtet. Hat den Menschen mehr Platz und mehr Zeit geschenkt. Und er hat ihnen Flüssigkeit gegeben. Natürlich haben die Menschen so besser überlebt. Das führen die Homöopathen heute noch als Beweis an. Damals war die Homöopathie wohl wirklich ein Segen. Eine bessere Alternative zur Schulmedizin. Das kann man heute aber einfach nicht mehr so sagen. Die Schulmedizin hat sich so stark weiterentwickelt.
In der Schweiz will die Universität Basel ihren Komplementärmedizin-Zweig ausbauen, und die Schweizer Universitäten erhielten den Auftrag vom Bundesamt für Gesundheit BAG, die Medizinstudierenden auch in Komplementärmedizin fit zu machen. Wie erklären Sie sich das?
Die Politik stützt sich halt nicht nur auf Fakten, sondern auch auf Beliebtheit. In der Schweiz gab es ja eine Volksinitiative zu der Frage, ob die Homöopathie in der Grundversicherung sein soll. Und nicht, ob sie einen medizinischen Nutzen hat. Politische Entscheidungen sind kein Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie. Ich bin überzeugt, dass auch die Deutschen «ja klar!» sagen würden, wenn sie gefragt würden, ob sie die Homöopathie staatlich fördern wollen. Aber warum? Weil sie die Homöopathie mit Naturheilkunde verwechseln, weil sie den Argumenten «sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei» glauben, die jahrzehntelang von allen Medien breitgetreten wurden. Und weil sie den falschen Informationen von Homöopathen vertrauen, dass es eben sehr wohl einen Wirkungsmechanismus gäbe. Doch das ist eine Blase. Und irgendwann wird die zerplatzen.
Natalie Grams
Ärztin, Autorin und ehemalige Homöopathin
Natalie Grams engagiert sich seit vier Jahren in der Aufklärung über Homöopathie. Sie hat dazu die Bücher «Homöopathie neu gedacht» und «Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen» geschrieben.
Sie ist ausserdem Kommunikationsmanagerin bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP, Leiterin des Informationsnetzwerkes Homöopathie und arbeitet für den Deutschen Konsumentenbund.
Ehrenamtlich engagiert sich Natalie Grams als Vize-Präsidentin des Humanistischen Pressedienstes, als Beirätin der Giordano-Bruno-Stiftung sowie im Münsteraner Kreis.
Zudem schreibt die Buchautorin regelmässig für «Spektrum der Wissenschaft».
In ihrem Buch schreiben Sie, Homöopathie sei quasi eine Psychotherapie für Leute, die sich nicht trauen, zum Psychiater zu gehen.
Ja, ich nenne es eine Psychotherapie light. Ich habe als praktizierende Ärztin oft erlebt, dass Patienten – gerade Männer, muss ich sagen – mit einem körperlichen Symptom zu mir kamen, und dann stellte sich heraus, dass es sich um eine Depression handelte oder ein anderes psychisches Leiden, das sich körperlich manifestierte. Ich glaube, es ist leichter, damit zum Homöopathen zu gehen. Und vielleicht ist es auch leichter, seinem Nachbarn zu sagen, dass man wegen Schnupfen oder Asthma hingeht. Und nicht, weil einem etwas auf der Seele lastet. Das ist übrigens ein ganz grosser Vorteil der Homöopathie. Sie stigmatisiert nichts. Sie klassifiziert nicht. Sie fühlt sich für alles zuständig, und teilt nicht zwischen Körper und Seele. Das ist durchaus wertvoll.
Wenn die Homöopathie keine Wirkung haben kann, hat sie ja auch keine Nebenwirkungen. Warum lassen Sie die Leute dann nicht einfach in ihrem Glauben?
Weil ich denke, dass die Homöopathie ein ganz konkretes Schadenspotenzial hat. Viele Menschen, die der Homöopathie vertrauen, unterlassen ihretwegen eine wirksame Therapie, oder zögern sie zu lange hinaus. Deshalb kostet die Homöopathie schlussendlich mehr, und nicht weniger. Dazu wurde in Deutschland eine grosse Studie gemacht. Die Behauptung, dass die Homöopathie im Gesundheitswesen Kosten spart, ist nicht haltbar. Menschen, die sich homöopathisch behandeln lassen, sind öfter und länger krank, und am Schluss müssen sie doch medizinisch behandelt werden. Das verursacht mehr Kosten. So richtet die Homöopathie tatsächlich einen Schaden für alle an. Eine weitere Gefahr besteht darin: Wenn man einer irrationalen Theorie wie der Homöopathie glaubt, verfällt man auch eher anderen irrationalen Konzepten, etwa Verschwörungstheorien. Man kommt in ein irrationales Denkmuster und beginnt, irrationale Entscheidungen zu treffen. Etwa sich oder seine Kinder nicht zu impfen. Wir sehen an den ansteigenden Masernzahlen, dass dies negative Folgen für die gesamte Gesellschaft hat. Und die Homöopathie verdonnert Menschen dazu, unnötig zu leiden. Kindern bei einer eitrigen Mittelohrentzündung kein Antibiotikum zu geben oder sie generell nicht zu impfen: Das ist einfach gefährlich.