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Franz Schnyder war mit Uli der Knecht (1954) und Uli der Pächter (1955) bei der Fachkritik und beim Publikum äusserst erfolgreich, doch mit dem kitschigen Melodram Zwischen uns die Berge (1956), einer Auftragsarbeit nach fremdem Drehbuch, erlebte er einen künstlerischen Absturz. Um sich für künftige Produktionen unabhängig zu machen, gründete er Ende Mai 1957 zusammen mit dem Filmkaufmann Henrik Kaestlin und dem Filmproduzenten Lazar Wechsler die Neue Film AG. Das erste Projekt der neuen Produktionsgesellschaft sollte einen aktuellen Stoff behandeln: die Ereignisse rund um den 10. Mai 1940, jenen Tag, als Hitlers Wehrmacht die Beneluxstaaten überfiel und auch in der Schweiz eine deutsche Invasion befürchtet wurde. Während der Arbeit am Drehbuch (an dem neben Schnyder der Schriftsteller und «Du»-Redaktor Arnold Kübler und der österreichische Theaterautor Wilhelm Michael Treichlinger beteiligt waren) war im November 1956 der ungarische Volksaufstand ausgebrochen, was nicht ohne Wirkung auf das Filmprojekt bleiben sollte.
Zwiespältige Erfahrungen
Der 10. Mai spielt an einem Tag (beziehungsweise innerhalb von 24 Stunden), der Film zeichnet mosaikartig Ereignisse in jenem Zeitabschnitt nach. Als Katalysator und teilweise auch als Kommentator dient dabei der deutsche Flüchtling Werner Kramer (Heinz Reincke), der frühmorgens schwimmend den Rhein überquert und anschliessend versucht, sich nach Zürich zu seiner Kindheitsfreundin Anna Marti (Linda Geiser) durchzuschlagen. Kramers Erfahrungen mit der schweizerischen Zivilbevölkerung sind zwiespältig: Der Lastwagenchauffeur Neuenschwander (Max Haufler) nimmt ihn zwar verbotenerweise mit und lädt ihn zum Mittagessen ein, lässt ihn aber, als am Radio in den Mittagsnachrichten vom deutschen Einmarsch in Holland berichtet wird, brüsk sitzen. Und Annas verwitweter Schwager Albert Widmer (Fred Tanner), ein Angestellter der städtischen Verkehrsbetriebe, solidarisiert sich wohl mit den holländischen Opfern, will aber aus Eifersucht Kramer bei der Polizei anzeigen.
Indem er seinen Blick in Der 10. Mai auf Alltagsszenen richtete, stellte Franz Schnyder verschiedene patriotische Klischees infrage. So ist die Schweiz keineswegs das geschlossene, abwehrbereite Land, wie es sich in den Filmen im Dienst der geistigen Landesverteidigung präsentierte. Angst, Nervosität und Eigennutz bestimmen die Handlungsweise der Bevölkerung, wobei die Oberklasse um einiges schlechter abschneidet als das sogenannt einfache Volk. Reiche Mitbürger_innen, die sich ins Landesinnere absetzen wollen, blockieren mit ihren vollgestopften Automobilen die Zufahrtsstrassen in die Innerschweiz und schrecken in Einzelfällen auch nicht vor Bestechung zurück, um freie Fahrt zu erhalten.
Die Konzentration auf private Episoden bewirkt freilich auch, dass im Film weder Politik noch Behörden infrage gestellt werden. Die Beamten sind sogar erstaunlich hilfsbereit, allerdings vornehmlich auf einer privaten, ausserdienstlichen Ebene, so etwa Bahnwärter Tschumi an der Landesgrenze (Emil Hegetschweiler). Er bietet dem geflohenen Kramer Kaffee an und lässt ihn laufen: «Wenn ich wiederkomme, sind Sie nicht mehr da, und ich habe Sie nie gesehen.»
Die Uraufführung von Der 10. Mai fand am 18. Oktober 1957 im Zürcher Kino Capitol statt. Die Kritik lobte das Werk praktisch einhellig, doch der Film floppte an der Kinokasse. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges (der Volksaufstand in Ungarn und dessen Niederschlagung durch die Sowjetarmee lagen weniger als ein Jahr zurück) war das Schweizer Publikum nicht bereit, sich auf eine selbstkritische Befragung einzulassen. Das war auf oberster politischer Ebene nicht anders: In Bern verweigerte man dem Film die Anmeldung für die Berlinale 1958. «Mit schmutziger Wäsche geht man nicht ins Ausland» war, wie sich Schnyder 1977 in einem Interview erinnerte, die lakonische Begründung für den negativen Entscheid. Sein Werk lief dann ausser Konkurrenz in Berlin, immerhin als Eröffnungsfilm der Veranstaltung.
Retour à Gotthelf
Schnyder als Regisseur und Produzent von Der 10. Mai blieb auf einem Schuldenberg von 340 000 Franken sitzen (wobei mitspielte, dass es sich beim Film für die damaligen Verhältnisse um eine Grossproduktion handelte, in der alles, was im Schweizer Film Rang und Namen hatte, zu einem Auftritt kam, teilweise in äusserst kurzen Nebenrollen). «Retour à Gotthelf» hiess nun die Parole für Schnyder: 1958 kam Die Käserei in der Vehfreude ins Kino (in der BRD unter dem Titel Wildwest im Emmental lanciert), 1960 Anne Bäbi Jowäger: Wie Jakobli zu einer Frau kommt, 1961 dessen Fortsetzung Jakobli und Meyeli, 1962 die Anne Bäbi Jowäger: Gesamtfassung, und 1964 schliesslich Geld und Geist (der einzige Gotthelf-Film in Farbe). Es waren allesamt Kassenschlager.
Fast zwei Jahrzehnte nach der Uraufführung erlebte Der 10. Mai ein kaum erwartetes Comeback: Mitte der Siebzigerjahre waren der Zweite Weltkrieg und insbesondere die Schweizer Flüchtlingspolitik ins öffentliche Interesse gerückt. 1967 war Alfred A. Häslers bahnbrechendes Buch «Das Boot ist voll» erschienen, 1975 gelangte Rolf Lyssys Film Konfrontation in die Kinos, und im Januar 1976 erlebte Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S. (Richard Dindo, Niklaus Meienberg) an den Solothurner Filmtagen seine Erstaufführung.
Für Schnyder schien damit der Moment für eine Neulancierung seines Films von 1957 gekommen. Er kürzte dafür die ursprüngliche Version um gut acht Minuten, wobei er auch Passagen entfernte, die 1957 die Flüchtlingspolitik in allzu rosigem Licht erscheinen liessen. Der grösste Eingriff betraf den Anfang des Films: Weil 1976 beim Publikum die Kenntnis der politischen Lage vom Frühjahr 1940 nicht mehr automatisch vorausgesetzt werden konnte, fügten Schnyder und Heinrich Haller (der beim Schnitt assistierte) eine vierminütige Montage aus deutschen Ufa-Wochenschauen ein, welche zentrale Momente von Hitlers Machtergreifung 1933 bis zum Einmarsch in Holland 1940 thematisierte.
Mustergültige Restauration
Bei der Neubearbeitung zerstörte Schnyder das Originalnegativ von Der 10. Mai, was die nachmalige Restaurierung des Films enorm erschwerte. Die vollständige Fassung der 1957er-Version wurde erst nach langem Suchen auf einer 16mm-Kopie gefunden. Umgekehrt kam während der mehrjährigen Nachforschungen in Wiesbaden eine dritte Fassung des Films zum Vorschein, jene, die 1958 an der Berlinale und hernach in der BRD im Kino gezeigt wurde. Sie war in (Schweizer-)Hochdeutsch synchronisiert und enthielt an etlichen Stellen einen zusätzlichen Offkommentar, mit dem eine Parallele von 1940 zur aktuellen Situation im Kalten Krieg gezogen wurde, so auch gleich zu Beginn: «Die Schweiz wird […] einer plötzlichen und tödlichen Bedrohung gegenüberstehen, die wie heute, fast zwanzig Jahre später, auch jedes freiheitsliebende Volk gefährden kann. Deshalb erzählen wir die Geschichte vom 10. Mai 1940.»
Die kürzlich erschienene Doppel-DVD enthält nun erstmals alle drei Versionen, dies in digital restaurierter Bildqualität und im 16:9 Bildformat, das auch Schnyder vorsah. Eine Wieder- oder Erstbegegnung mit Der 10. Mai lohnt sich nicht nur aus historischem Interesse: Schnyders Meisterwerk überzeugt durch eine abwechslungsreiche Erzählweise sowie durch Detailtreue und atmosphärische Dichte. Ein flüssiger Schnitt (Hans Heinrich Egger) verknüpft Aktuelles mit Alltäglichem und wechselt elegant zwischen verschiedenen Schauplätzen. Speziell erwähnenswert sind die Nachtaufnahmen (Kamera: Konstantin Tschet) und, angesichts der exquisiten Besetzung wenig erstaunlich, die schauspielerischen Leistungen.
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