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Das Bild der humanitären Schweiz ruht auf drei Grundpfeilern: einem neutralen IKRK, einer aussergewöhnlich hilfsbereiten Bevölkerung und auf deren grosszügigem Spendeverhalten. Die «humanitäre Tradition» bildet das historische Fundament dieser Pfeiler. Aber die Geschichtswissenschaft hat erst wenige Bruchstücke einer Geschichte der humanitären Schweiz erforscht.
Humanitäre Symbole und Ehrungen zieren das ganze Land. Die Fahne mit dem Emblem des Roten Kreuzes weht immer wieder neben jener mit dem Weissen Kreuz, wie etwa zum diesjährigen Weltrotkreuztag in Basel (vgl. Bild). Sinnhaft sind diese Symbole nur mit dem Verweis auf die Vergangenheit. Doch welchen Beitrag kann die Geschichtswissenschaft zur Erklärung der fest verankerten Vorstellung über die «humanitäre Schweiz» liefern?
Erstens ist es ihre Aufgabe die vielen verschiedenen Geschichten hervorzuheben, die mit einer humanitären Schweiz in Verbindung gebracht werden können und diese einzubetten.
Wer Quellen zu Rate zieht, findet bereits neben den bekannten Geschichten über die Rotkreuzgründung in Genf eine Vielzahl von Gründungsgeschichten humanitärer Organisationen in anderen Ländern und Zeiten. Auch haben humanitäre Lichtgestalten der Vergangenheit nicht ausschliesslich Schweizer Pässe geführt. Während in der Schweiz vor allem Henri Dunant und Guillaume-Henri Dufour bekannt sind, ehren andere Länder die Engländerinnen Florence Nightingale (Krimkrieg 1856) oder Eglantyne Jebb (1920-er Jahre) den italienischen Senator Giovanni Ciraolo (1920-er Jahre), den Kalif Abu Bakr (632 nach Chr.) oder den osmanischen Sultan Abdülmecid (1845). Diese Auswahl könnte um ein Vielfaches erweitert werden.
Nicht nur humanitäre Lichtgestalten sind überall anzutreffen, auch haben Geschichten der Hilfe kaum einen roten Faden: Diplomaten und Juristen trieben an Konferenztischen in Friedenszeiten humanitäre Völkerrechtsnormen voran; politische EntscheidungsträgerInnen und Verwaltungsangestellte prägten in stillen Kammern Leitlinien der Hilfspolitik; spontan gebildete Organisationen und Freiwillige halfen beim Ausbruch von Krieg in ihrer Umgebung Verletzten oder Ausgehungerten; Ärztinnen und Pfleger eilten an ferne Kriegsfronten und stellten ihre Fachkenntnis in den Dienst der Verwundeten; Private leisteten Sach- oder Geldspenden.
Motive zur Hilfe
Humanitäre HelferInnen traten an unterschiedlichen Orten und Zeiten auf – und sie hatten unterschiedliche Motive: Barmherzigkeit, Angst, Selbstvergewisserung, Taktik, ja sogar das Steuersparen durch Spenden konnten am Ursprung von Hilfe stehen. Oft waren sich die Helfenden ihrer Beweggründe für Hilfe selbst nicht bewusst. Für die Schweiz gilt deshalb, was der englische Historiker Keith O‘ Sullivan für das gesamte Feld des Humanitarismus schrieb: «Humanitarianism is a broad church».[1] Humanitäre Hilfe musste immer wieder neu organisiert, verhandelt und geleistet werden. In einer Geschichte über die humanitäre Hilfe der Schweiz ein wiederkehrendes oder traditionelles Verhalten vorauszusetzen ist trügerisch.
So gut die Dokumentation von humanitärem Engagement in einigen Kriegen auch sein mag, so schlecht ist sie in anderen. Eine zweite Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es deshalb, auf den Quellenmangel in vielen Kriegen hinzuweisen und auf die einseitige Perspektive der verfügbaren Quellen. Ein Beispiel für diese Perspektive ist Henri Dunants bekannte «Erinnerung an Solferino», die gleichzeitig Dokumentation und Aufruf zur Handlung ist. Diese Quelle vermag durch ihre Perspektive des Helfers zwar den Erfolg einer Bewegung zu erklären, sie gibt aber kaum Antworten darauf, wie die Hilfsempfänger die Situation empfanden, wann und von wem Leiden wahrgenommen oder ausgeblendet wurde und ob es noch andere Folgen der humanitären Handlungen gab als jene, die der Helfer erzählt.
Neue Räume fürs Humanitäre
Um die einseitige Perspektive auf die Helferin, die selbst keine zeitlose Figur ist, zu erweitern, muss der Ausgangspunkt der Geschichte bei Bedingungen, Reaktionen und sozialen Folgen der Hilfe liegen. Der Status des humanitären Helfers ist zudem selbst ein Produkt sozial gewachsener Bedeutung, verhandelbar und veränderlich. Dies ist weit mehr als eine akademische Forderung; allein der Begriff «humanitär» hat seine eigene Geschichte, die jünger ist als die Geschichte des Helfens. Ebenso hat der Begriff der «humanitären Schweiz» Konjunkturen, die nicht parallel zum Ausmass an Leid und geleisteter Hilfe verlaufen.
Neue Geschichten der «humanitären Schweiz» müssen also nicht die einzelne Hilfsinstitution oder ein «helfendes Land» zum Massstab nehmen, sondern «humanitäre Räume» in den Mittelpunkt stellen. Humanitäre Räume, in denen «die Schweiz» operierte, kannten sehr unterschiedliche soziale, politische und geographische Landschaften. Nie waren sie auf einen Staat beschränkt, selten deckten sie sich mit Landesgrenzen. Lokales und globales Handeln trafen im Humanitären aufeinander. Imperiales kreuzte mit Bürgerschaftlichem. Expertentum stiess auf Engagement. In diesen Räumen lassen sich aussagekräftigere Paradigmen für Handlung feststellen als die Leitlinien und Grundsätze der humanitären Organisationen. Chronologisch waren dies in der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Paradigmen des Fortschritts und der Institutionalisierung der Schweiz. Im 20. Jahrhundert erhielten erst das Recht, später die Professionalisierung und in jüngster Zeit die Re-Politisierung einen hohen Stellenwert.
Solche Perspektiven auf neue Geschichten der «humanitären Schweiz» haben nicht zum Ziel, humanitäres Handeln in Abrede zu stellen oder die Begrifflichkeiten aus Untersuchungen zu verbannen. Sie nehmen im Gegenteil die Begriffe sehr ernst und zum Ausgangspunkt einer Erzählung – wenn auch unter veränderten Vorzeichen.
[1] Kevin O’Sullvian et al.: «Humanitarianisms in context», in: European Review of History, 23 (1-2), 2016, S.4.