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Das Grauvieh war noch bis ins späte 19. Jahrhundert die dominierende Rinderrasse der Ostalpen. In der Schweiz verschwand die Rasse im Zuge einer Orientierung auf Braunvieh. In den 1980er-Jahren wurden aus dem Tirol erste Grauvieh-Rinder zur Wiederbelebung importiert. Heute ist die Rasse im Berggebiet in zwei Zuchtlinien wieder etabliert.
Dieser Tipp wird präsentiert vom Fundus Agri-Cultura.
Bis in die Spätantike zurück reicht die Geschichte des Grauviehs. Damals umspannte das Römische Reich noch den ganzen Mittelmeerraum. Der Warenverkehr war auch zu Lande auf einem gut ausgebauten Strassennetz intensiv. Auch Nutztiere wurden gehandelt. Die Provinzen Rätien und Noricum, die das heutige Graubünden und Tirol umfassten, lagen am Schnittpunkt der Handelswege und Kulturen. Hier dürften im Gefolge der ersten alemannischen Einwanderer erstmals grossrahmige, alemannische Rinder nach Rätien gelangt und mit den angestammten, deutlich kleineren ligurisch-keltischen Rinderrassen gekreuzt worden sein. Über Jahrhunderte wurden diese Rinder in verschieden Schlägen und Tälern im Tirol und im Bündnerland gehalten. Die Ansprüche waren hoch. Sie waren Fleisch- und Milchlieferanten gleichermassen, wurden aber auch als Zugtiere eingesetzt und mussten mit den oft rauen klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Eine Bestandesaufnahme zum „Nutzwert der Rinder-Racen in den österreichischen Alpenländern“ aus dem Jahr 1875 zeitigte drei dominierende Schläge im Tirol: Oberinntaler, Lechtaler und Wipptaler mit recht unterschiedlichen Eigenschaften und Färbungen. In Graubünden kannte man den leichteren Albula- und den schwereren Bündner Oberländerschlag.
Viehzucht beschränkte sich in den Alpen damals vorwiegend auf die unmittelbare Talschaft. Die meisten Landwirte züchteten zudem ihr Vieh selbst. Im Zuge der Industrialisierung und der beginnenden Abwanderung vom Land in städtische Gebiete stiegt die Nachfrage nach Milch und Fleisch. Die besten Tiere wurden aus den alpinen Regionen an die nun entstehenden Grossmolkereien in Stadtnähe verkauft. Die Bestände gingen drastisch zurück, die Zucht wurde vernachlässigt. Gegensteuer sollte mit der Gründung von Viehzuchtgenossenschaften gegeben werden. In der Schweiz wurde nun auf der nationalen Bühne das Braunvieh favorisiert. Das vorwiegend in Graubünden verbreitete Grauvieh wurde nach und nach verdrängt und verschwand schliesslich komplett von der Bildfläche. Anders in Österreich. Der Versuch, mit dem Import von Braunvieh-Stieren aus der Schweiz die Wüchsigkeit des Grauviehs zu verbessern und zugleich den grauen Farbschlag zu fördern, führte zu einem Durcheinander der Farben und wurde abgebrochen. Mit der klaren Ausrichtung auf Braunvieh, das als eigene Rasse anerkannt wurde, und Grauvieh, das ab 1907 wieder systematisch auf die Farbe gezüchtet wurde, gelang die Wende. In den folgenden Jahrzehnten kam es zur Gründung einer ganzen Reihe von lokalen Zuchtgenossenschaften. Das für 1933 formulierte Zuchtziel, eine „leichte bis mittelschwere, auf kombinierte Leistung gezüchtete Gebirgsrasse“ zu erreichen, gilt im wesentlichen bis heute. Die Leistungen des Grauvieh beeindrucken gerade vor dem Hintergrund des alpinen bis hochalpinen Lebensraumes der Rasse.
Mitte der 1980er-Jahre kam es durch die Stiftung Pro Specie Rara zu ersten Importen von Tiroler Grauvieh, um das ausgestorbene Rätische Grauvieh wieder zu beleben. Man orientierte sich dabei am leichteren Albulaschlag. Seither hat sich wieder ein stattlicher Bestand etabliert. Unabhängig davon kam es auch zu Importen aus modernen Zuchtlinien des Tiroler Grauviehs, so dass heute wie damals zwei Grauvieh-Zuchtlinien koexistieren. Beide sind nicht mehr nur im Bündnerland verbreitet, sondern in der ganzen Schweiz: Als sehr robuste, geländegängige Zweinutzungsrassen, die oft in Mutterkuhherden anzutreffen sind.
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