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Es ist so: Wenn ich in den Armen ein Ameisenlaufen spüre, weiβ ich, dass mein rechter Schläfenlappen aktiv wird. Ich setze mich umgehend hin, schließe die Augen und höre zu, wie sich mein Bewusstsein leise gluckernd ins Nichts entleert. Dieser präkreative Vorgang ist angenehm beseligend. Ist kein einziger Gedanke mehr vorhanden, kann ich sehen, wie meine Hand den Stift ergreift, kann spüren, wie die Sätze zu strömen anfangen, und ich lasse mich tragen von diesem Strom in eine unendliche dunkelblaue Zuversicht, Blatt um Blatt.
Gar nicht wahr.
Es ist so: Ich tippe einen ersten Satz und lösche ihn und schreibe ihn neu und lösche ihn und schreibe ihn neu, bis er glüht – dann ist die Geschichte entfacht. Ich bleibe dran über Stunden, schiebe die Glut hastig von Abschnitt zu Abschnitt, fiebernd fast, vergesse zu essen, zu schlafen, der erhitzte Computer rauscht, und die Seiten fallen knisternd aus dem Drucker. Ich lese sie, zerknülle sie, keine gefällt mir, und morgen geht es von vorne los. Ich tippe einen ersten Satz und lösche ihn und schreibe ihn neu …
Gar nicht wahr.
Es ist so: Ich habe vor Jahren in London einen kleinen Pelzkragen von Katherine Mansfield ersteigert, den lege ich mir beim Schreiben um. »Wenn ich über Enten schreibe, ich schwöre, dann bin ich selber eine Ente«, hat die wunderbare Erzählerin Mansfield gesagt, und diesen Satz zitiere ich laut, bevor ich in die Tasten greife. Der Satz hilft, der Pelz auch: Es gelingt mir einigermaßen, präzise zu sein, in meiner Einfühlsamkeit knapp zu bleiben, und die tragischen Elemente ganz beiläufig einfließen zu lassen.
Gar nicht wahr.
Es ist so – und das ist nun wahr: Mein Schreiben hat nichts Zauberhaftes und nichts Fieberhaftes, es ist ganz einfach eine Arbeit, die mir Zeile für Zeile Verschiedenes abverlangt. Ich wäge die Wörter: Zu schwer, zu leicht? Ich registriere den Rhythmus der Sätze: Swingt er, schlurft er? Ich beobachte meine Figuren: Tun sie, was sie sollten? Ich rüttle an der Geschichte: Hält sie, wackelt sie? Ich bemühe mich, mir bei Geschwätzigkeit ins Wort zu fallen. Abgenutzte Redewendungen zu entsorgen. Begriffe nicht unbesehen zu verwenden. Bricht das Herz? Ist doch gar kein Knochen. Dastehen wie vom Blitz getroffen? Daliegen wär logischer. Der Koffer wartet aufs Abgeholtwerden? Nein, Koffer können nicht warten. Schreiben ist ein permanentes Quiz mit sich selbst: Wie überwintert ein Schmetterling? Googeln! Schreibt man Lilliput so? Dudeln! Ist Fingerbeere ein Helvetismus? Karlheinz fragen! Wie hört es sich an, wenn Wasser auf Wasser fällt? Ausprobieren! Eine gute Gelegenheit, kurz vom Computer abzuhauen, um dann mutig wiederzukommen in der Hoffnung, das bislang Geschriebene sei gut. Aber schon ist die Verunsicherung wieder da: Kann ich stehen lassen, dass der Himmel blaufingrig in die Hügel greift? Ja, warum nicht. Kann ich »geistige Verwirrung« mit »Kabelsalat« vergleichen? Nein, weg damit. Löst der letzte Abschnitt Kopfschütteln aus? Und soll ich das riskieren? Der russische Lyriker Ossip Mandelstam soll gesagt haben: »Aus guten Gedichten kann man heraushören, wie die Schädelnähte gesteppt werden.« Das gefällt mir, obwohl ich nicht weiβ, warum.
Wenn ich so schreiben kann, dass ich es selber gerne lesen würde, bin ich zufrieden. Manchmal gelingt es mir. Glück! Manchmal liegen Text und Absicht nicht genau aufeinander, sind wie zwei leicht verschobene Scherenschnitte. Frust! Und manchmal reden ich und ich gänzlich aneinander vorbei. Delete! Nach rund zwei Stunden und knapp zweitausend Zeichen - das ist etwa die Hälfte dieser Textlänge – mag ich vorerst nicht mehr. Die Tube ist leer, die ganze kreative Paste verstrichen. Am folgenden Tag um die gleiche Zeit mache ich weiter. Schreiben ist wie gesagt eine Arbeit. Eine, die mir gefällt. Am besten gefällt sie mir, wenn ich damit fertig bin.