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In Isabelle Ryfs erstem Buch erzählt ein Mädchen vom Verlust seines Bruders. Die Erzählung möchte berühren und ergreifen, was ihr stellenweise auch gelingt. Dennoch bleibt das Geschehen am Ende unverständlich, nicht allein wegen der gewählten Kinderperspektive.
Konrad ist tot. Noras Bruder wurde von einem Auto überfahren. Jetzt sitzt Noras Mutter auf dem Fußboden, neben ihr der heruntergefallene Telefonhörer, aus dem noch Vaters Stimme zu hören ist. Nora tastet die Anzeige der Geschirrspülmaschine ab, dann weint sie mit ihrer Mutter. Isabelle Ryfs Erzählung Konrad, Felix und ich handelt vom Einfall des Grauens in ein Kinderleben. Es ist das erste Buch von Isabelle Ryf, die am Schweizer Literaturinstitut in Biel literarisches Schreiben studiert hat. Vom Verlag wie üblich als Roman vermarktet, handelt es sich bei Ryfs Debüt doch eher um eine Erzählung. Hier spricht ein Mädchen im Kindergartenalter von dem, was man gern «Trauerarbeit» nennt, und von der Rückkehr in den Alltag. Von der Beerdigung und von der Trauer der Eltern, aber auch vom Essen im Kindergarten und einer neuen Nachbarin, die Handauflegen praktiziert.
Ryf imitiert die Sprache eines Kindes. Nora stellt viele Fragen. Ihr Blick auf die Welt ist ein kindlich-beschränkter. Als eine neue Strasse in Noras Wohngebiet asphaltiert wird, beschreibt sie den Teer als «schwarzen Teig». Nora muss sich auf ihre eigenen Beobachtungen verlassen, um die Welt zu beschreiben. Sie kann kaum auf Abstraktionen zurückgreifen. Das bringt unschuldig-naive, eigentümliche Sätze wie diesen hervor: «Unter Oma Idas Bettdecke riecht es nach Eintopf mit Zwiebeln.» Oder: «Luisa sitzt nackt auf dem Bett beziehungsweise auf einem Mann, der ebenfalls nichts anhat.» Dennoch ist es kein realistischer Ton, in dem die Erzählerin spricht. Im Buch finden sich Wörter wie «Felsdurchbruch» und «Talmulde», die in ihrem Alter niemand verwenden würde. Auch der Satzbau ist bisweilen zu verschachtelt. Die Autorin macht ihre Sprache damit, freundlich gewendet, als eine Kunstsprache kenntlich.
Zur Autorin
Isabelle Ryf wurde 1986 in Niederbipp geboren. Sie ist Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel und hat ein Studium der Rechtswissenschaft in Zürich abgeschlossen. 2015 war sie Stipendiatin im Atelier des Kantons Solothurn in Paris. Sie lebt in Olten. «Konrad, Felix und ich» ist ihr erster Roman.
Dieses Kunststück funktioniert streckenweise sehr gut: Der Leser wechselt die Perspektive und schaut auf das Geschehen wie aus Kinderaugen. Das sorgt einerseits für einen unvoreingenommenen Blick mit Lust an fantasievollen Gedankengängen. Eine ungewöhnliche Begründung findet Nora beispielsweise für den senffarbenen Anstrich im Keller: «Die Treppe und der Boden sehen so aus, damit sich die Bratwürste im Keller zu Hause fühlen.» Andererseits verweigert diese kindliche Wahrnehmung den Leserinnen und Lesern einen klaren Blick auf das, was geschieht. Nora sieht ihren Vater beispielsweise mit einer leeren Tupperware-Schüssel auf die Toilette gehen und mit einer vollen zurückkommen. «In dem Gefäss ist weisser Schleim. Der Schleim sieht aus wie Fischkleister und riecht auch so. Der Sirup sei für Mutter, damit es ihr bald besser gehe.» Tatsächlich trinkt Noras Mutter das offenbar gemeinte Ejakulat, das Oma in ihre Trinkflasche mischt. Hier übertreibt es Isabelle Ryf mit der Unwissenheit ihrer Erzählerin. Denn gerne hätte man erfahren, warum getrunkenes Sperma helfen soll. Und wogegen eigentlich?
Solche unerklärlichen Vorkommnisse machen Noras Erzählen zwar authentischer, versteht sie doch die Situation genauso wenig wie der Leser. Und doch ist dieses Erzählprinzip frustrierend, weil man es durchschaut und sich von einem Buch ungern wie ein Kind behandeln lässt. Die imitierte Wahrnehmung eines Kindes hat eine kontraproduktive Wirkung: Anstatt den Leserinnen und Lesern näher zu kommen, bleibt die Protagonistin auf Distanz. Nach emotionaler Anteilnahme zu Beginn wird man zusehends gleichgültiger ihren Erlebnissen gegenüber. Das Buch steht sich damit, anders als ähnlich gelagerte Projekte wie Julia Webers Immer ist alles schön oder auch Grit von Ryfs Verlagskollegin Noëmi Lerch, zunehmend selbst im Weg. Abstriche bei der Authentizität und mehr Zugeständnisse an die Leserinnen und Leser – mehr «Felsdurchbrüche» und «Talmulden» also – hätten ihm durchaus gut getan.