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Als John Cyrus Bellman seine Tochter Bess verlässt, ist sie zehn Jahre alt. Er ist in ihren Augen ein Visionär, ein romantischer Abenteurer. Seine Schwester, welche sich Bess annimmt, sieht ihn als Verräter, Verrückten.
Ein Zeitungsartikel über den Fund von Knochen eines riesigen animal incognitum in Kentucky weckte in ihm das Verlangen gigantische Ungeheuer mit eigenen Augen zu sehen. Das Alltagsleben mit seiner Tochter auf ihrer kleinen Farm im Osten der USA verlor an Bedeutung.
Bess wird zwölf, ersehnt die Rückkehr ihres Vaters, welcher unbeirrbar Richtung Westen reitet, die Hoffnung nicht aufgibt. Seine Briefe erreichen seine Tochter nicht, welche sich ein Abonnement in der lokalen Bibliothek nicht leisten kann, von älteren Männern wahrgenommen wird.
Alte Frau aus der Ferne, ein junger Indianer, ist bereit John Cyrus im Tausch für eine Spiegelscherbe und eine Kette mit Perlen auf seiner Suche zu begleiten. Einander nicht verstehend ziehen sie zusammen weiter, ertragen gemeinsam Hitze, Kälte und den unendlich gross und leer erscheinenden Raum des Wilden Westen. Der junge Indianer, von seinem Stamm und von seiner Familie getrennt, unterstützt treu und stumm.
Carys Davis siedelt ihren Roman in einer Periode des nordamerikanischen Staates an, als in seinem Ostteil Aufbruchstimmung herrschte, der westliche Teil unbekanntes, meist unerforschtes Terrain bildete. Sie beschreibt in klarer, präziser Sprache gleichförmig wirkende Tagesabläufe von Bess und John Cyrus, baut behutsam Spannung auf, weckt Fragen und Mitgefühl, schürt Hoffnung auf ein Wiedersehen von Vater und Tochter. “WEST” packt, zieht an, lässt nicht los.
23. Mai 2020