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Der Tsunami vom 26. Dezember 2004 wurde nicht durch ein Erdbeben ausgelöst. Für die Moken, eine Gruppe von Seenomaden, war der Ursprung der gigantischen Welle ein Riesenkrebs, der im Meer lebt. Diese Legende führte dazu, dass Salama Kla-Talay sein Dorf retten konnte.
Salama Kla-Talay ist mit 71 Jahren einer der Ältesten des Stammes der Moken, eines der letzten Völker im südostasiatischen Raum, die noch nomadisch leben. Sein ganzes Leben lang hat er das Meer befahren, stets in engem Kontakt mit der Natur und den Geschichten seiner Vorfahren.
Am Morgen des 26. Dezember 2004 war Kla-Talay im Moken-Dorf auf der Insel Surin Taiexterner Link im Süden von Thailand. Plötzlich hörte er einen gewaltigen Lärm. "Ich dachte, es wäre ein Helikopter, doch am Himmel sah ich nichts. Dann schaute ich in Richtung Meer und bemerkte, dass es sich weit zurückgezogen hatte. Sofort habe ich meinen Sohn benachrichtigt: der 'Laboon' kommt", erinnert er sich. "Laboon" bedeute In der Sprache der Moken "die Welle, welche die Leute verschlingt", erklärt er uns.
Seenomaden
Die Moken kamen vor 4000 Jahren aus China und leben seither an den südlichen Küsten von Myanmar (ehemals Burma) und auf einigen thailändischen Inseln.
Auf ihren "Kabang", den traditionellen Holzbooten, fahren sie von einer Bucht zur andern, um zu fischen und nach Weich- und Krustentieren zu tauchen. Während der Monsunzeit errichten sie provisorische Siedlungen an geschützten Plätzen an den Inselküsten.
Die zunehmende Ausbeutung der Meere, das Errichten von Naturschutzgebieten und die von den Behörden erlassenen Einschränkungen des Bewegungsfreiraums zwingen die Moken immer mehr dazu, das Nomadenleben aufzugeben und sesshaft zu werden.
Man schätzt, dass es heute noch rund 2000 Moken gibt.
Die Seenomaden kennen dieses Phänomen gut: Die älteren Generationen erzählen, dass sie den "Laboon" mindestens drei Mal erlebt haben. Der letzte war vor rund hundert Jahren. "Die Moken wissen, dass das Wasser früher oder später wiederkommt, wenn es sich zurückzieht", berichtet Salama Kla-Talay.
Der Tsunami und der Riesenkrebs
Der von Salama Kla-Talay ausgelöste Alarm erreichte schnell die andern 200 Bewohner des Dorfes auf der Insel. Alle begannen, den Hügel hinaufzurennen. "Ich hörte viele Leute sagen: 'Die Moken flüchten, folgen wir ihnen!'", erzählt er.
Der Tsunami hat Häuser und Boote weggefegt. Doch an diesem Tag hat niemand das Leben verloren. Das einzige Opfer war ein halbseitig gelähmter Moken, erinnert sich Kla-Talay. "Wir haben ihn an einen sicheren Ort gebracht. Doch als wir die Insel verliessen, haben wir ihn vergessen. Als wir nach einiger Zeit wieder zurückkehrten, haben wir nur noch seine Leiche vorgefunden."
Zur Frage nach dem Ursprung des "Laboon" erklärt der Seenomade, dass die Moken an die Existenz eines Riesenkrebses glauben, der in den Tiefen des Ozeans in einer Höhle lebt. Eine Kreatur, die für die Strömungen und Stürme verantwortlich ist.
"Wenn der Riesenkrebs seine Höhle verlässt, nimmt das Wasser den Platz ein, und das Meer zieht sich zurück. Die Bewegungen des Krebses erzeugen den Laboon". Nach Ansicht der Moken hat der Tsunami von 2004 eine sehr klare Bedeutung. "Der Krebs wollte sich die Natur zurückerobern, die ihm der Mensch entrissen hatte", unterstreicht Salama Kla-Talay.
Verlorene Freiheit
Kla-Talay hat das Nomadenleben der Moken aufgegeben. Seit vielen Jahren lebt er dauerhaft auf der Insel von Surin Tai, einem Ort, wo er einmal vor dem Monsunregen Zuflucht gesucht hatte. Wir treffen ihn in Chaipat, einem Dorf auf dem Festland, wo er seine kranke Frau heilen lassen will.
Wehmütig zeigt er uns ein Buch über sein Volk. Auf den Schwarzweiss-Fotografien von 1973 ist sein Vater zu sehen. Mit ganz einfachen Mitteln baut er ein "Kabang", das traditionelle Holzboot der Moken.
Boote bauen kann Salama Kla-Talay nicht mehr. Nicht seines fortgeschrittenen Alters wegen, vielmehr sind es die Einschränkungen des modernen Lebens. Wegen der Nationalparks, sagt er, können die Moken die grossen Bäume nicht mehr fällen, deren Holz sie für die Boote bräuchten.
Die Fischerei und das Einsammeln von Meeresfrüchten bei Ebbe werden immer schwieriger. Einst war die Freiheit der Moken grenzenlos, heute ist es nicht mehr möglich, auf den Wassern des Indischen Ozeans umherzuziehen. "Wir haben unsere Bewegungsfreiheit auf dem Meer verloren", stellt Kla-Talay fest.
Was bleibt, ist die Tradition der mündlichen Überlieferung, die der 71-Jährige heute der jungen Generation weitergibt. "Es ist wichtig, dass das, was wir vor 10 Jahren erlebt haben, im Gedächtnis unseres Volkes weiterlebt, denn der Laboon wird eines Tages wiederkommen."
* Redaktor der englischsprachigen Zeitung "Phuket Gazette"
(Übertragen aus dem Italienischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch