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Milas, ein verschlafenes Landstädtchen an der Südwestküste der Türkei, wurde 2010 zum Ort eines Verbrechens. In einem Stadthaus mit antiken Fundamenten, die – so vermutete man – von einer Tempelanlage aus der Zeit der Römer stammten, machten sich Diebe mit schwerem Gerät zu schaffen. Hatten sie sich doch ausgerechnet, dass unter der vermeintlichen Tempelanlage antike Schätze sein könnten, die auf dem Schwarzmarkt bares Geld wert sind. Schliesslich boomt der Antikenhandel.
Und die Räuber hatten den richtigen Riecher: Sie stiessen auf eine unterirdische Kammer und machten eine atemberaubende Entdeckung. Unter einem Entlastungsraum, der dazu diente, eine darunter gelegene Grabkammer zu schützen, fanden sie einen reich geschmückten Marmorsarkophag, rundum verziert mit einem Relief, das Jagd- und Familienszenen darstellt. Die Grabkammer selbst war mit farbigen Wandgemälden geschmückt. Die Diebe hatten allerdings keinen Blick für diese Kostbarkeiten, sie wollten den Inhalt des Sarkophags bergen. Beim Aufbohren des Marmorgewölbes kamen grosse Mengen Kühlwasser zum Einsatz – die kostbaren Wandgemälde wurden dabei zu grossen Teilen zerstört. Schliesslich entwendeten die Grabräuber Teile der Beute.
Unwiederbringliche Schätze auf dem Schwarzmarkt verkauft
Einige Tage später kamen sie wieder, um den Sarkophag selbst abzutransportieren. Doch sie hatten nicht mit der Aufmerksamkeit der örtlichen Polizei gerechnet. Die mutmasslichen Grabräuber wurden gestellt und verhaftet. Einige unwiederbringliche Schätze waren jedoch schon auf dem Schwarzmarkt verscherbelt. Was blieb, war zwar eine ausgeräumte, aber doch historisch und archäologisch wertvolle Grabstätte aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.
Aus dieser Zeit sind nur wenige aussagekräftige Fundkomplexe erhalten. Damals herrschte an der Südwestküste der heutigen Türkei der karische Kleinkönig Maussolos unter persischer Vorherrschaft. Da diese nur locker war und Maussolos es ausserdem verstand, geschickt zu taktieren und zu koalieren, vergrösserte er sein Herrschafts- und Einflussgebiet.
Maussolos unterstützte einerseits die einheimische anatolisch-karische Kultur, förderte aber andererseits die griechische Kunst und Literatur. Anstelle von Milas machte er um 367 v. Chr. die Hafenstadt Halikarnassos – das heute touristisch bedeutsame Bodrum – zur neuen Hauptstadt Kariens und liess es von griechischen Baumeistern und Künstlern mit prunkvollen Bauten ausstatten. Auch gab er dort ein Grabmal für sich selbst in Auftrag, das Mausoleum vonHalikarnassos, das aber erst unter der Herrschaft seiner Schwester, Ehefrau und Nachfolgerin Artemisia fertiggestellt wurde. Dieses Mausoleum gilt bis heute als eines der sieben Weltwunder der Antike.
«Die ganze Machart der Grabstätte in Milas ähnelt derjenigen des berühmten Mausoleums in Halikarnassos», sagt Professor Christian Marek, Althistoriker von der Universität Zürich. Marek ist der Wissenschaftler, der nach der Entdeckung der Grabstätte in Milas im Jahr 2010 von der türkischen Regierung beauftragt wurde, die Inschriften auf dem Gelände der Grabstätte zu untersuchen. Er forscht bereits seit dreissig Jahren in der Türkei. Marek ist Kenner der historischen Landeskunde Kleinasiens sowie der antiken Geschichte im östlichen Mittelmeerraum und dem Vorderen Orient. Seit der ersten Hälfte der 1980er Jahre führt der Historiker auch Feldforschungen und epigraphische Studien in Kleinasien durch.
Den Abklatsch interpretieren
Jetzt, vier Jahre nach dem Fund der Grabstätte in Milas, machte Marek eine weitere Entdeckung. Die türkischen Archäologen hatten einige spätantike Häuser freigelegt, die zeitlich nach der Errichtung der Grabstätte entstanden sein mussten. «Da sah ich eine Treppe, die wohl zu den Häusern gehörte. Auf einer der Stufen entzifferte ich altgriechische Zeichen», erzählt Marek. «Kurz darauf wurde die Stufe der Treppe freigelegt, und wir hatten eine lange Stele vor uns, in die ein 124 Zeilen langes Gedicht eingemeisselt war». Marek hatte schnell das Gefühl, etwas Erstaunliches vor sich zu haben und so war es auch: das Gedicht ist das längste erhaltene griechische Gedicht, das in Stein gemeisselt gefunden wurde, und es ist in Sprache und Versart einzigartig. Leider ist ein Teil des Gedichts nicht mehr zu entziffern, weil auf der Trittstelle der Stufe der eingemeisselte Text abgetreten wurde. Der Historiker machte sofort einen so genannten Abklatsch der Inschrift. Dabei wird ein Abdruck von der Inschrift mit feuchtem, extra dicken Papier genommen.
Im Moment weilt der Althistoriker wieder in Zürich und versucht zusammen mit seinem Team, den Abklatsch zu entziffern und zu übersetzen. So viel steht jetzt schon fest: «Es handelt sich um ein Gedicht, das vor allem vom Leben und Wirken aber auch von den Kämpfen eines Mannes namens Pytheas handelt. «Pytheas hiess der berühmte Architekt des Mausoleums von Halikarnassos», erklärt Marek und vermutet, dass der Pytheas der Versinschrift möglicherweise mit dem Architekten identisch ist.
Vertiefter Blick in die Zeit des vierten Jahrhunderts v. Chr.
In poetischer Sprache und im Versmass des trochäischen Tetrameters erzählt das Gedicht die Lebensgeschichte eines vielbeschäftigten Mannes. Das Versmass war damals beliebt und wurde oft in Begleitung einer Flöte auch singend vorgetragen. Die besondere Herausforderung für Marek und sein Team besteht nun darin, die fehlenden Teile so weit wie möglich zu ergänzen und den Text zu interpretieren. Ende 2015 soll der wissenschaftliche Befund in einem Buch veröffentlicht werden. Eins ist jedoch jetzt schon sicher: In Zukunft werden aufbauend auf Mareks Erkenntnissen noch viele Wissenschaftler an diesem aussergewöhnlichen Fund arbeiten, um einen vertieften Blick in die Zeit der Perser und alten Griechen zu erhalten.
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