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Der neue Roman des vielfach ausgezeichneten Autors Mathias Enard entführt die Leserin/den Leser nach Westfrankreich, genauer in das Departement Deux-Sèvres. Dorthin sendet der Autor seinen Protagonisten. David Mazon kommt aus Paris und ist Doktorand der Anthropologie. In seiner Dissertation will er ethnografisch das Landleben erforschen, um damit seine Träume von einer akademischen Karriere zu verwirklichen. Warum, so fragt sich die Leserin, schickt Enard den ambitionierten Anthropologen gerade in diese Gegend Frankreichs? Warum hat er nicht eine andere Region für sein Jahresbankett der Totengräber gewählt? Vielleicht, so die Vermutung, hängt es mit der Herkunft des Autors zusammen. Mathias Enard ist in der Region Deux-Sèvres aufgewachsen und verfügt damit über eine Innenperspektive dieses gesellschaftlichen Mikrokosmos.
Mit diesem neuen Text kehrt er in seine alte Heimat zurück; nähert sich ihr aus einer ethnologischer Perspektive. Er macht daraus keinen der in Mode gekommenen Erinnerungstexte, sondern webt eine grossartige Geschichte aus fulminant erzählten Einzelgeschichten. Er ändert immer wieder das Format, wechselt von der Ichform des Tagebuches zu Passagen, in denen er seiner freien Erzähllust frönt. Das Einfügen von Chansons zwischen den einzelnen Kapiteln wirkt auf den ersten Blick irritierend, ergibt aber Sinn. Diese eingestreuten Volks- und Kinderlieder geben dem Text nicht nur eine eigene Melodie, sie stellen eine dynamische Verbindung des Vergangenen mit der Gegenwart dar und verweisen auf Bedeutung des historisch-politischen Kontextes der Erzählung.
Doch zurück zur Geschichte, die relativ kurz zusammengefasst werden kann. Ausgestattet mit einem Jahresstipendium, um an seiner Dissertation zu schreiben, landet David eines Tages im Dorf La Pierre-Saint-Christophe. Sein Vorhaben, eine bahnbrechende wissenschaftliche Abhandlung über die Gegend zu schreiben, gerät relativ rasch in eine Schieflage. Nach einigen Besäufnissen in der Dorfkneipe, der Bekanntschaft mit den "schrägen Vögeln" des Dorfes und der Teilnahme an einem Jagdausflug wird er zunehmend ein Teil der Dorfgemeinschaft. Sein Dissertationsvorhaben rückt in den Hintergrund, die Lust an einer akademischen Karriere verblasst. Die Bekanntschaft mit der Biobäuerin Lucie trägt sicherlich massgeblich zur Verrückung von Davids Begehrlichkeiten bei. Es kommt wie es kommen muss. David gibt seine wissenschaftlichen Ambitionen auf, zieht von Paris in das Dorf und beginnt mit Lucie ein biologisches Landwirtschaftsprojekt.
Das klingt vielleicht nach einer Zurück-aufs-Land-Geschichte, ist sie aber nicht. Die vielen Erzählstimmen, es kommen nicht nur der Protagonist, sondern auch die lebenden und die toten Dorfbewohner*innen zu Wort. Diese gegenwärtigen, vergangenen und auch zukünftigen Stimmen werden von Mathias Enard zu einem exuberanten Text verwoben, der ein vielschichtiges Portrait der Region zeichnet. Die titelgebende Geschichte, Das Jahresbankett der Totengräber, steht stellvertretend für eine kenntnisreiche, kluge und humorvolle Erzählweise, die zum Nachdenken, zum Staunen und zum Lachen einlädt. Zu Recht wird Mathias Enard als "postromantisch gestimmter kosmopolitischer Hallodri" bezeichnet (Hubert Winkels, SDZ, 19.5.2021).Klappentext:
Für eine Dissertation über das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert zieht der Pariser Anthropologe David aufs Dorf, um Sitten und Bräuche der Landbevölkerung zu beobachten. Die Stille, die ständige Anwesenheit von Tieren aller Art, vor allem aber die überraschende Unangepasstheit sämtlicher Dorfcharaktere ziehen ihn in ihren Bann, und bald ist er viel involvierter in das Landleben, als er es sich je hätte träumen lassen. Doch nie wird er all die weitverzweigten Vorgeschichten kennen, die Mathias Enard in kühner Fahrt durch Raum und Zeit mit komödiantischer Lust erzählt.
Das neue Buch von Mathias Enard ist mehr als ein Roman, es ist ein atemberaubendes literarisches Erlebnis, aus dem man verändert hervorgeht – bereit, das eigene Verhältnis zum Leben auf dieser Erde zu überdenken.Über die Autorin / über den Autor:
Mathias Enard, 1972 geboren, lebt in Barcelona. Auf Deutsch erschienen von ihm die Romane Zone (2010), für den er den Candide-Preis 2008 erhielt, Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten (2011), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt des lycéens 2010, und Strasse der Diebe (2013). Für den Roman Kompass (2016) erhielt er den Prix Goncourt 2015 und 2017 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 2019 erschien sein Gedichtband Letzte Mitteilung an die Proust-Gesellschaft von Barcelona.Preis: CHF 36.50