Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/3382

Rührselig waren sie immer schon, die Reden der Gewinner der Oscar-Verleihung. Aber in diesem Jahr waren wenigstens vier der Referate auch noch unverhohlen politisch.
«Die Zeit ist gekommen für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen.»
Namentlich Patricia Arquette, die den Oscar für die beste Nebendarstellerin im Film «Boyhood» entgegennehmen konnte, widmete ihre Rede «allen Frauen, die jeden Steuerzahler und Bürger der USA geboren haben» – um eben sie in ihrem Kampf für die Gleichberechtigung zu befeuern: «Nun ist endlich unsere Zeit gekommen für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika.»
Tosender Applaus wurde ihr zuteil. Und vornehmlich die Schauspiel-Kollegin Meryl Streep quittierte Arquettes Rede mit frenetischen Zurufen und stürmischen Gesten.
Wer gab diesem Hundesohn eine Greencard?
Auch Alejandro G. Iñárritu, der den Oscar für die beste Regie und den besten Film einheimste, nutzte das Rampenlicht zum politischen Bekenntnis. Als gebürtiger Mexikaner konnte er sich einen Seitenhieb gegen die amerikanische Einwanderungspolitik nicht verkneifen, wobei ihm sein Freund und Schauspielkollege Sean Penn den Steilpass lieferte:
«Wer gab diesem Hundesohn eine Greencard?» fragte Penn ironisch. Und Iñárritu konterte, dass die US-Regierung nun wohl Einwanderungs-Regeln für die Oscar-Academy festlegen müsse. «Zwei Mexikaner in Folge», scherzte er – an den letztjährigen mexikanischen Preis-Gewinner Alfonso Cuarón erinnernd – «das ist verdächtig.»
Marschiert weiter!
Eine Lanze für die Gleichberechtigung brachen die Sänger Common und John Legend. Sie standen deshalb am Rednerpult, weil sie mit «Glory» – dem Soundtrack zum Bürgerrechtsdrama «Selma» über den Freiheitskämpfer Martin Luther King – einen Oscar gewonnen hatten. Common reflektierte, wie aus einer geteilten Nation ein Land des Aufbruchs werden könne, in dem Rasse, Religion, Gender, sexuelle Orientierung und sozialer Status keinen Unterschied mehr machten.
Und John Legend gedachte der aktuellen Ungleichheit, die nicht bloss vor 50 Jahren bestand, sondern heute noch schwarze Bürger zu Protestmärschen vereine: «Es sind heute mehr Schwarze unter der Kontrolle der Justiz als zu Zeiten der Sklaverei 1850», sagte er. Die Gleichgesinnten, die ihm die Rede hier und dort in den in den Sitzreihen mit Tränen vergalten, hielt er zur Entschlossenheit an: «Leute, die zu unserem Lied marschieren, sollen wissen, dass wir bei ihnen sind. Marschiert weiter!»
Dank gebührt Edward Snowden für seinen Mut.
Schliesslich gaben sich auch die Macher der Dokumentation «Citizenfour» politisch, die mit ihrem Film über den Enthüller Edward Snowden an und für sich ein heikles Thema ans Set gebracht hatten. Laura Poitras, die als die Regisseurin für das Filmteam vor das Mikrophon stand, verwendete ihre Redezeit, um den amerikanischen Whistleblower zu ehren: «Dank gebührt Edward Snowden für seinen Mut,» sagte sie. Aber auch all den anderen Journalisten sprach sie ihren Respekt aus, die sich nicht nur für die Privatssphäre eines jeden stark machten, sondern für die Demokratie schlechthin.
Die politisch brisanten Reden, die in den Rängen und auf dem roten Teppich Beifall ernteten, standen allerdings im Widerspruch zum Verlauf und Resultat der Oscar-Preis-Verleihung. Die Entscheidungen zur Prämierungen bewegten sich nämlich im althergebrachten Rahmen: Vor und hinter der Kamera standen vor allem weisse Männer, und fast alle nominierten Filme erzählten von Problemen der weissen (US-)Mittelschicht.