Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/919

Ich fahre auf die vierte der Hauptinseln Japans, nach Kyushu. (Hokkaido im Norden muss ich mir für einen späteren Besuch „aufsparen“). In Fukuoka, der grössten Stadt der Insel steige ich um und fahre nach Dazaifu. Daizaifu war in alten Zeiten die Hauptstadt Kyushus, sie ist umgeben von waldigen, jetzt hellgrün leuchtenden Hügeln.
Wie immer ist am Morgen noch nicht viel Betrieb, ideal um in Ruhe den Komyozenji-Tempel mit seinem herrlichen Garten anzusehen.
Danach das Kyushu National Museum mit dem Motto „Understand Japanese culture from the point of Asian view“. Eine gute Möglichkeit, meine Reise nochmals Revue passieren zu lassen.
Daizafu ist ein guter Standort für das (nach Tokyo, Nara und Kyoto) vierte Nationalmuseum Japans. Die Stadt liegt etwa 20 km von Fukuoka entfernt und geographisch gesehen näher bei Shanghai als bei Tokyo. Von der südkoreanischen Küste trennt sie nur 200 Kilometer.
Das Museum zeigt mit hochkarätigen Ausstellungsstücken auf, wie die Kultur Japans wesentlich von anderen Teilen Asien beeinflusst wurde. Zu sehen ist an einigen Beispielen, wie sich die die buddhistischen Figuren gewandelt haben, als sie über Indien und China nach Japan kamen.
In der Sammlung von Kaneko Kazushige werden Artefakte aus den – nach seiner Terminologie – vier „Ethno-Formen“ d.h. Kulturräumen Asiens verglichen: Westasien (zu dem er auch Zentralasien zählt), Süd-Asien mit Pakistan, Indien, Nepal und Bangladesh, Südostasien und Nordostasien mit Sibirien, der Mongolei, China, Japan.
Vieles war mir nicht bewusst, z.B. dass auch Japan 1274 und 1281 mongolische Angriffe erlebte.
Sehr interessant sind auch die vielen Zeichnungs- und Schriftrollen (Picture Scrolls), die viele Rückschlüsse auf die Alltagskultur Japans erlauben (Vgl. z.B. Kanagawa-Universität: PDF)
Audiovisuell aufbereitet ist z.B. eine Schriftrolle, die die kaiserliche Einladung an den chinesischen buddhistischen Priester Ganjin zeigt, seine von Havarien begleitete Fahrt nach Japan um 750 und schliesslich sein Wirken vor dem grossen Buddha und seine Gründung des Toshodaiji in Nara (vgl. auch den Blog Heritage of Japan oder JapaneseReference.)
Nach Dazaifu gefahren bin ich aber eigentlich wegen Tenman-Tenjin, dem Gott der Bildung. Sugawara no Michizane (845 – 903) war ein Gelehrter und hoher Beamter am Hof von Kyoto. Er kämpfte gegen Korruption und Klientelismus, verlor aber einen Machtkampf und wurde nicht Grosskanzler, sondern als Vizegouverneur nach Kyushu abgeschoben, wo er dann in Dazaifu starb. Die Rache nach seinem Tod soll schrecklich gewesen sein, seine Gegenspieler und Kyoto wurden von lange anhaltenden Unglücken heimgesucht, bis er schliesslich posthum doch noch zum Grosskanzler ernannt wurde. Heute gilt er nicht mehr als der Rachegott, sondern wieder als Gott der Bildung. Vor einem Examen wird in seinen Schreinen jeweils um Gelingen gebetet. (Vgl. Uni Wien).
Und dann fahre ich durch eine sehr schöne, südliche Hügellandschaft nach Saga im Innern der Insel. Weil es nirgends ein Hotel zu einem vernünftigen Preis gab, habe ich via airbnb Noriko angefragt, ob sie mich drei Nächte aufnehmen könne. Sie hat etwas gezögert, weil sie kein Wort Englisch kann. Aber die 57-jährige Mutter, die zwei Söhnen die Aufnahmeprüfungsvorbereitung und das Studium finanzieren muss, steht dann lachend am Bahnhof in Saga und verfrachtet mich in ihr Auto. Findig, wie sie ist, hat sie zwei Mormonen-Missionare – der amtsältere hat eine japanische Mutter – engagiert, um beim Abendessen zu übersetzen. Ich schlucke zuerst etwas leer, aber es wird ein lustiger Abend. Die beiden sind heute nicht auf Mission aus, sondern tun Noriko den Gefallen. Und es ist für sie eine Möglichkeit, in Norikos Haus zu kommen – wenn eine Frau allein ist, dürfen sie nämlich keine Hausbesuche machen.
Noriko sieht in den beiden ein bisschen ihre Söhne, die jetzt in Tokio leben und die sie vermisst. Sie zieht sie auf, weil sie zwei Jahre lang kein „Date“ abmachen dürfen und bedauert ihre Mütter, die so lange auf sie warten müssen.
Und so schreibe ich jetzt in einem mit BMW-Plakaten tapezierten Zimmer irgendwo in Kyushu einen Blogeintrag.