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Im Gegensatz zum militär. verwurzelten, wiss.-techn. Ingenieurwesen gilt die A. sowohl als zweckorientiertes Handwerk wie auch als Disziplin der bildenden Künste. Ihre Ausgestaltung unterliegt Determinanten wie der Wirtschaftsform, der geogr. und geolog. Umwelt, der Gesellschaftsstruktur, der Kulturtradition, subjektiven Aspekten (persönl. Vorlieben des Erbauers bzw. Auftraggebers), ideolog. Konzeptionen sowie externen Einflüssen. Nach ihrem Zweck werden der Sakral- und der Profanbau (Wehr-, Wohn-, Verwaltungsbau) unterschieden.
Das Bauwesen gehörte seit altersher zu den noblen Aufgaben weltl. und geistl. Würdentrager. Bf. Prothasius von Lausanne (um 652) fand anlässl. der Überwachung des Holzschlags für seinen Kirchenbau im Wald bei Bière den Tod. Die Überlieferung dieses trag. Ereignisses erinnert an Abt Sugers Suche nach geradegewachsenen Stämmen für die Dachkonstruktion der Klosterkirche von Saint-Denis gegen 1144. Einzigartiges Dokument klösterl. Entwurfstätigkeit ist der um 820-830 von der Reichenau nach St. Gallen gebrachte Klosterplan (Frühmittelalterliche Kunst). Der am Bau der St. Galler Klosterkirche beteiligte Mönch Winihart wurde rühmend "Dädalus" genannt. Für die 1064 geweihte, von Eberhard von Nellenburg gestiftete Klosterkirche Allerheiligen in Schaffhausen war dessen Hofkaplan Liutbaldus als Planer und Bauleiter tätig. In der Folge sind keine Baumeisternamen mehr zu finden, weder für den zweiten Bau von Allerheiligen (1103), noch für die Ableger von Cluny in Rüeggisberg, Romainmôtier und Payerne, für das Zürcher Grossmünster und das Basler Münster. Erst mit den got. Kathedralen wie Canterbury (England) werden Architektenpersönlichkeiten fassbar, und in der 1. Hälfte des 13. Jh. folgen die ersten bekannten Werkrisse.
Autorin/Autor: Adolf Reinle
Für die grossen Bauprojekte von Klerus und Adel standen oft keine ortsansässigen Bauleute zur Verfügung, diese mussten vielmehr von weit her berufen werden. Am südl. und nördl. Alpenrand wählten die Einw. mancher Dörfer und Talschaften zu ihrem Lebensunterhalt die Spezialisierung auf das Baugewerbe und die Wanderschaft durch Europa, so wie andere als Söldner, Melker, Zuckerbäcker oder Kaminfeger in die Fremde zogen. Familienzusammenhalt und Herkunft blieben wichtig: Um 1146 in Regensburg (D) tätige Bauleute wurden wegen eines Lohnstreits an ihren Herrn, den Bf. von Como (I), verwiesen. Dadurch wird als Herkunftsregion dieser Bauleute, sog. Comasken, die Gegend der oberital. Seen -- also auch das Tessin -- erkennbar (Maestranze). Bauleute aus dem Misox liessen sich für Jahrzehnte in Bayern oder Österreich nieder und wurden zuletzt dort sesshaft, ebenso Tessiner in Rom. Die Vorarlberger Bauleute des 18. Jh. wiederum folgten wie eine Kompanie ihrem voranreitenden Werkmeister zum Bauplatz von St. Urban und kehrten im Herbst zurück. Ein von oberital. Bauleuten ausgeführtes Hauptwerk der Romanik in der Schweiz ist das Zürcher Grossmünster, eine Leistung im heim. Bereich die Renaissancefassade (Renaissance) des Domes in Lugano. Die Funktion des Familiendenkens zeigt auf höchster Ebene der Werkstattclan Domenico Fontana, Carlo Maderno und Francesco Borromini samt ihrem Grab in S. Giovanni dei Fiorentini zu Rom.
Zum andern wurde die franz. Kathedralgotik in das Gebiet der heutigen Schweiz "importiert" (Gotik). Allein schon der offene Vierungsturm von Lausanne ist ein normann. Fremdling; Details weisen direkt auf die 1175 durch Wilhelm von Sens begonnene Kathedrale von Canterbury. Bauhütten wie diese waren die "Schulungszentren" der Gotik, und an Klöstern und Pfarrkirchen wie auch an Profanbauten finden sich ihre Ableger. Der Hochadel lieh seine Spezialisten europaweit aus: So finden wir den Architekten Jacques de Saint-Georges in den 1260er Jahren an den savoy. Burgen Yverdon und Chillon, 1271-75 als savoy. Bauinspektor und ab 1278 als Burgenbauer im Dienste des engl. Kg. in Wales (Burgen und Schlösser). Der savoy. Hofarchitekt Jean de Liège baute in den 1380er Jahren die Franziskanerkirche in Lausanne um, der Deutschordensbaumeister Johann von Ungarn plante und baute ab 1408 die Kartause in Basel, der Bildhauer und Baumeister Asmus Grasser aus München ab 1487 das St. Galler Kloster Mariaberg-Rorschach.
Um die Mitte des 14. Jh., beginnend mit dem Aufbau des Basler Münsters durch Johann von Gmünd nach dem Erdbeben von 1356, setzt eine fast ausschliessl. von dt. Meistern getragene "Gotisierung" der schweiz. Kunstlandschaft ein. Mit den Turmpaaren am Basler Münster, am Zürcher Grossmünster und an der Luzerner Hofkirche schuf die Gotik ihre Wahrzeichen. Solche sind auch, nach den Vorbildern in Freiburg i.Br. und Ulm, die Stadtkirchen mit axialem Frontturm in Freiburg und Bern, letztere nach dem Plan Matthäus Ensingers ab 1420 erbaut. In der savoy. Waadt errichteten aus dem savoy. Piemont kommende Ziegelbrenner (carroniers-maçons) um 1420-30, zuletzt unter Antoine Carbo von Vigevano (I), das Schloss Vufflens, und am ebenfalls savoy. Schloss Chenaux in Estavayer-le-Lac das Vorwerk (châtelet, 1433-41).
Die Spätgotik ist auch eine Blütezeit der Pfarrkirchen: Mehr als ein Dutzend entstand, aussschliessl. durch österr. Meister, in Graubünden. Zahlreich sind aber auch die spätgot. Kirchen- und städt. Profanbauten (Bürgerhaus, Kornhäuser, Markthallen) in der übrigen Schweiz. Die ansehnlichsten Rathäuser, diejenigen in Bern und Basel, waren das Werk oberrhein. Stadtbaumeister. Selten erscheint dagegen ein Schweizer in Süddeutschland, wie z.B. der Luzerner Hans Maschwander, gen. Schweizer, 1448-73 Holzwerkmeister in Nördlingen, Schöpfer wichtiger Dachstühle und Begutachter von solchen, z.B. von St. Lorenz in Nürnberg. Gross war der Wirkungskreis von Genfer Architekten: François Cirgat errichtete 1461 die Fassade der Kathedrale von Moûtiers-en-Tarentaise (F), Georges du Jordil arbeitete 1470-75 am Frontturm von St. Niklaus in Freiburg, François de Curtine erhöhte die Pfarrkirche von Payerne und schuf 1522-32 das Schiff von Saint-Martin in Vevey. Andere Teile der Waadt und die Grafschaft Neuenburg waren mehr nach der Freigrafschaft Burgund ausgerichtet. Im letzten Drittel des 15. Jh. begann die Wanderschaft von Walsern aus den südalpinen Tälern nach Norden, zuerst aus dem Lystal (Issime, Gressoney), dann aus dem Valle della Sesia (Alagna, Riva, zusammen Prismell gen.). Ulrich Ruffiner aus der ab 1500 in der Westschweiz wirkenden Prismeller Baumeisterfam. begann um 1505 im Wallis eine reiche Tätigkeit. Die Prismeller beherrschten got. und Renaissanceformen in gleichem Masse und waren deshalb an zuvor niedergelegten Bauvorhaben willkommen, so am Berner und am Freiburger Münster, wo noch Wölbungen ausstanden. Führend war Daniel Heintz d.Ä., der ab 1559 in Basel und ab 1571 in Bern wirkte. Herausragend sind Jakob Zumstegs got. Rathaus 1539 in Sursee, Anton Isenmanns ab 1600 mit mailänd. Werkleuten errichtetes Rathaus in Luzern und in Brig das 1658-78 von den Gebr. Bodmer erbaute Stockalperschloss.
Mit Prismellern in Kontakt waren auch die v.a. nach Deutschland wandernden ital. Bündner aus dem Misox. Nach Plänen des Malerarchitekten Joseph Heintz baute Gilg Vältin in Neuburg an der Donau zu Beginn des 17. Jh. das Rathaus und die Hofkirche. Die Werke der führenden Misoxer Enrico Zuccalli, Giovanni Antonio Viscardi, Gabriele de Gabrieli und Gaspare Giovanni Zuccalli wurden integrierender Bestandteil des bayr.-österr. Hochbarocks (Barock).
Eine Vermittlerrolle spielten auch die dt. Jesuiten und Barockbaumeister Jakob Kurrer, Christoph Vogler und Heinrich Mayer zwischen 1633 und 1680 mit der Hof-, der Jesuiten- und der Ursulinenkirche in Luzern sowie mit der Jesuitenkirche in Solothurn. Von ihnen lernten die um 1650 zünft. organisierten Vorarlberger Wandermeister, die in der Folge ein Jahrhundert lang das deutschschweiz. Bauwesen beherrschten. Hauptmeister wie Franz Beer (von Blaichten), Caspar Moosbrugger und Peter Thumb verfeinerten ihr Wandpfeilerschema in St. Urban und erfanden eigenwillige Kombinationen von Längs- und Zentralbau für die Stifts- und Wallfahrtskirchen Einsiedeln und St. Gallen.
Neben und nach den Vorarlbergern wirkten einzelne Meister und Fam. im selben Umkreis, in Zusammenarbeit und Konkurrenz. So der mehr höfisch orientierte Baumeister des Dt. Ordens, Johann Caspar Bagnato, dessen Projekt für St. Gallen 1750 der Schweiz eine bewegte Rokokokirche gebracht hätte (Rokoko). Pfarrkirchen als Pfeilerhallen und Festsäle bauten ab der Mitte des 18. Jh. bis tief ins 19. Jh. in gegenseitiger Beeinflussung die aus dem Tirol zugezogenen Fam. Singer, die mit Beer nach St. Urban gelangten Bregenzer Purtschert sowie ihre klassizist. Nachfolger (Klassizismus). Andererseits gab es punktuelle Sonderleistungen vereinzelter fremder Meister, verursacht durch eigenwillige Bauherren: in Luzern 1556 der ital. Renaissancepalazzo des Schultheissen Lux Ritter, in Freiburg 1581 das franz. Palais des Gardekommandanten Hans Ratze, in Genf an der Kathedrale 1752-56 der Säulenportikus des grossen piemontes. Architekten Benedetto Alfieri und die 1578 fertiggestellte Rathausrampe der Gebr. Nicolas und Jean Bogueret, in Neuenburg 1784-86 das Rathaus, ein Hauptwerk des franz. Klassizisten Pierre Adrien Pâris. In Solothurn entstand ab 1762 die äusserst repräsentative Stiftskirche St. Ursen nach Plänen von Gaetano Matteo Pisoni aus Ascona, der 1751 die Kathedrale Saint-Aubin in Namur (Belgien) entworfen hatte.
Fragen wir uns angesichts der manchmal fast flächendeckenden Tätigkeit ausländ. Wandertrupps und vereinzelter Berühmtheiten, wie weit daneben einheim. Meister ihren Platz hatten, so zeigen sich sehr unterschiedl. Verhältnisse: Bern besass im 18. Jh. eine stolze Reihe von Architekten -- Erasmus Ritter, Niklaus Schildknecht, Niklaus Sprüngli und Albrecht Stürler --, setzte ihnen aber gleichwohl für Staatsbauten berühmte Franzosen wie Joseph Abeille und Jacques Denis Antoine vor die Nase. In Basel wurden die eigenen Kräfte wie Johann Jacob Fechter, Samuel Werenfels und Daniel Büchel geschätzt. In Zürich, wo man -- wie Ratsherr Johann Heinrich Holzhalb beim Rathaus 1694 -- mit behördl. Architekturliebhabern baute, ragte das von David Morf 1752-57 erbaute Zunfthaus "zur Meise" heraus. In Freiburg wirkte einzigartig, aber nicht als "Stilverspätung", im 17. Jh. der Bildhauer und Barockgotiker Jean-François Reyff. Genf war mit eigenen und franz. Architekten auf der Höhe Frankreichs.
Autorin/Autor: Adolf Reinle
Die Zeitenwende um 1800 brachte die Niederlassung ehem. Wandermeister und die Reaktivierung alteingesessener Baumeisterfam., aber auch die Profilierung aristokrat., z.T. dilettant. Architekten. Der Architektenstand wurde intellektualisiert: Erasmus Ritter und Niklaus Sprüngli absolvierten um 1750 Jacques François Blondels Ecole des Arts in Paris. Der Zürcher Maurerssohn David Vogel wurde in Rom auf Empfehlung Johann Caspar Füsslis durch Johann Joachim Winckelmann in die Kunstwerke allg. eingeführt, übernahm 1798 das Baudep. der Helvet. Regierung und entwarf 1799 in Luzern den Umbau des Mariahilf-Klosters zum Eidg. Nationalpalast. Anspruchsvolle suchten fortan anstelle der gewohnten ausgedehnten Wanderschaften die Ausbildung bei berühmten Architekten wie Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe, Pierre François Léonard Fontaine in Paris, Friedrich Schinkel in Berlin, Leo von Klenze und Friedrich Ritter von Gärtner in München. So widerspiegelt Gustav Albert Wegmanns (alte) Zürcher Kantonsschule schon 1837 Schinkels Berliner Bauakad. von 1832-35. Vertreter der 1. Hälfte des 19. Jh. sind der Klassizist Melchior Berri und der Neugotiker Johann Georg Müller.
Der grundlegende Umbruch erfolgte um die Mitte des 19. Jh.: 1855 wurde das Eidg. Polytechnikum in Zürich (Eidgenössische Technische Hochschulen) mit einer A.- und einer Ingenieurabt. eröffnet. Der Bautätigkeit, die sich in einem gewaltigen Aufbruch befand, stellten sich z.T. völlig neue Aufgaben wie der Bau von Bahnhöfen, Fremdenhotels (Hotelbau), Fabriken (Fabrikbauten), Schulhäusern, Spitälern, Verwaltungsgebäuden, Banken, Museen, Theatern, Casinos und Bädern. Ein Glücksfall für die Schweiz, vergleichbar mit den Berufungen der ausländ. Gotik- und Barockarchitekten, war die Tätigkeit Gottfried Sempers in Zürich als Lehrer am Polytechnikum (1855-71), das er erbaute. Als sein Meisterwerk gilt das Stadthaus Winterthur. Semper war sich als Historiker, Theoretiker und Praktiker von höchstem Rang der Problematik seiner Schöpfungen voll bewusst und verglich sie richtig mit der Situation der röm. Kunst ( Historismus (Kunst)). In Lausanne verfügte die Ecole spéciale 1859-69 über eine Abt. für A.
Nachdem durch das ganze 19. Jh. die Baustile der Vergangenheit repetiert worden waren, liess sie Karl Coelestin Moser, Nachkomme aarg. Baumeister und ab 1915 auch Prof. an der ETH Zürich, in seinem Œuvre nochmals Revue passieren, doch frei abgewandelt und mit modernem Atem durchdrungen. Zuletzt, 1927, schuf er mit St. Antonius in Basel die erste moderne Betonkirche in der Schweiz.
Autorin/Autor: Adolf Reinle
Die ETH Zürich wurde im 20. Jh. zur wichtigsten Ausbildungsstätte für A. in der Schweiz, doch besuchten angehende Architekten noch immer bevorzugt auch die Hochschulen in Deutschland (München, Stuttgart, Berlin) und Frankreich (Paris, Ecole des Beaux-Arts). 1942 erhielt die Westschweiz eine eigene Architekturabt. an der EPUL (seit 1969 ETH Lausanne) und eine Architekturschule (seit 1994 Universitätsinst.) in Genf. 1996 wurde in Mendrisio die Fakultät für A. als erste Fakultät der Univ. der Ital. Schweiz eröffnet. Daneben bilden seit 1874 kant. Höhere Techn. Lehranstalten bzw. Ingenieurschulen (Technikum) gelernte Berufsleute zu Bautechnikern aus. Die Berufsinteressen vertreten namentl. der 1837 in Aarau gegr. Schweizerische Ingenieur- und Architekten-Verein (SIA), der 1908 in Bern gegr. Bund Schweizer Architekten (BSA) und der 1935 in Gümligen gegr. Verband freierwerbender Schweizer Architekten. Der Schweiz. Techn. Verband (STV) ist dagegen für die Entwicklung der A. im engeren Sinne von untergeordneter Bedeutung. Immer auch schlossen sich einzelne Architekten der 1865 gegr. Ges. schweiz. Maler, Bildhauer und Architekten an, wohingegen die Architektinnen zuerst in der Gruppe Kunstgewerbe der 1902 gegr. Ges. Schweiz. Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen Aufnahme fanden, bevor sich ihnen die traditionellen Berufsverbände öffneten. Auf eine erste schweiz. Architekturzeitschrift, "Ehrenberg's Zeitschrift über das gesammte Bauwesen" (1835-42), folgten als Publikationsorgane der Verbände "Die Eisenbahn" (1874-82), abgelöst von der "Schweiz. Bauzeitung" (ab 1883), die 1979 mit dem "Bulletin technique de la Suisse romande" (ab 1900) zum "Schweizer Ingenieur und Architekt" fusionierte, die "Rivista tecnica della Svizzera italiana" (1910-67), "Das Werk" (seit 1914, vorher ab 1909 "Die Schweiz. Baukunst") und die "archithese" (seit 1972, 1977-79 "Werk-archithese").
Im Spannungsfeld internat. Einflüsse und nationaler Selbstbestimmung entwickelte die A. in der Schweiz sowohl avantgardist. Modernität wie auch regionale Eigenart. Die Erneuerung der bürgerl. Wohnkultur (Wohnhäuser) erhielt vor dem 1. Weltkrieg baukünstler. Anregungen von der engl. Kunstgewerbereform- und der dt. Werkbundbewegung (Jugendstil, Schweizerischer Werkbund (SWB)). Als Lehrer an der ETH vermittelten Karl Coelestin Moser (1915-28) und Hans Bernoulli (1913-38) internat. Gedankengut. Bauten der staatl. und der wirtschaftl. Repräsentation standen im Einflussbereich der Stuttgarter Schule, des franz. Neoklassizismus oder der oberital. Novecento-Bewegung. Die Schweiz. Landesausstellungen in Zürich (1883), Genf (1896) und Bern (1914) machten nationales Selbstverständnis in techn. Leistungsschauen und maler. "Dörfli" (Chalet) architekton. anschaulich. Der Wettbewerb für den Genfer Völkerbundspalast war 1926-27 Anlass einer ersten heftigen Auseinandersetzung zwischen den Traditionalisten und den Modernen (Le Corbusier, Hannes Meyer). Mit den professionell eingesetzten Mitteln der Publizistik, des Wettbewerbs, der Ausstellung und des Musterhauses suchten die Architekten des Neuen Bauens in den städt. Zentren die Aufmerksamkeit breiter Bevölkerungskreise für ihr umfassendes Reformwerk zu gewinnen (Sigfried Giedion, Peter Meyer). Manche Vertreter der Avantgarde erlebten die polit. und kulturellen Verhältnisse in der Schweiz als einengend und suchten Herausforderungen im Ausland (Le Corbusier, Hans Schmidt, Hannes Meyer). Unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise und des 2. Weltkriegs erhielten traditionelle Bauweisen sowie nationalist. und regionalist. Architekturauffassungen ideolog. Legitimation (Heimatstil). Im Rahmen nationaler und kant. Notstandsprogramme förderte die öffentl. Hand Bauaufgaben von allg. sozialer Bedeutung (Arbeitersiedlungen, gemeinnütziger Wohnungsbau) und legte den Grundstein zur Landesplanung (Armin Meili), in der Nachkriegszeit erweitert zur Regional- und Ortsplanung (Raumplanung). In den 1950er Jahren zeigte die A. in der Schweiz ein Bild kontinuierl., undogmat. Modernität und wirkte etwa im Schulhaus- (Alfred Roth) und im Kirchenbau (Hermann Baur, Fritz Metzger, Otto H. Senn) europaweit beispielhaft, während in den Jahren der Hochkonjunktur mit ihrer überbordenden Bautätigkeit (Zersiedelung) baukünstler. Ansprüche -- mit wenigen Ausnahmen (Atelier 5) -- hinter die techn. und ökonom. Anforderungen zurücktraten. Die Belange der A. im Sinne der Autonomie der Disziplin bekräftigte seit den mittleren 1960er Jahren in Theorie und Praxis eine Gruppe von Tessiner Architekten (Tita Carloni, Luigi Snozzi, Bruno Reichlin und Fabio Reinhart, Mario Botta), die einen vielbeachteten Beitrag zu einer rationalen Theorie des Territoriums und dessen materieller Gesch. leistete.
Seit den 1980er Jahren sind wieder vermehrt formale Fragen der A. in den Vordergrund der Diskussion gerückt: A. als Referenzsystem im Sinne der Semiotik, wobei Gesch. (etwa die Gesch. der modernen A. bei Roger Diener), kollektive und individuelle Erinnerungsbilder (Miroslav Ŝik, Herzog und de Meuron, Peter Zumthor) oder eine als besonders schweiz. rezipierte "Einfachheit" der architekton. Gestalt (in der Tradition von Max Bill) als Leitfiguren wirken. Der internat. Ausstrahlung der jüngeren Schweizer A. entspricht im Zeichen auch kulturell geöffneter Märkte der vielfach spektakuläre Auftritt auswärtiger Meisterarchitekten in der Schweiz (Frank Owen Gehry, Jean Nouvel, Richard Meier).
Autorin/Autor: Dorothee Huber