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In Kinder-Reimen wird der Nikolaus zuweilen wenig respektvoll als Niggi-Näggi bezeichnet. So etwa im allseits bekannten Reim, den ungezogene Schlingel auch heute noch dem Nikolaus nachrufen – aus einem sicheren Versteck heraus natürlich: „Niggi-Näggi, Bohnustäggi, gib mer Nuss und Biirä, suscht chumi nimme fiirä“. Diese Unverschämtheiten sind volkskundlich und etymologisch wohl damit zu erklären, dass der Nikolaus eine Umdeutung der keltisch-heidnischen Figur des Sami-Klaus ist. Der christianisierte Nikolaus wurde in der Deutschschweiz übernommen als ein schweizer-deutscher Niggel. Ein Niggel ist per definitionem ein Mann, der sein Handwerk nicht versteht. Das Verb niggelen oder näggelen hat die Bedeutung von „etwas auf gut Glück versuchen“.
Verbirgt sich die frühere keltisch-heidnische Kultur dahinter? Viele Geschichten und Legenden rund um den Samichlaus lassen erahnen, dass die Figur des heutigen Nikolaus oder Samichlaus weit zurück geht bis auf die untergegangene keltische Kultur. Diese war heidnisch, was schon für die römischen Kaiser Augustus, Tiberius und Claudius nicht akzeptabel war. Sie verboten die keltischen Druiden-Schulen. Später verbot dann auch die katholische Kirche das gesamte keltisch-heidnische Brauchtum. Um ihrer katholischen Heilslehre zum Durchbruch zu verhelfen, ersetzte die Kirche die keltischen Traditionen durch eine Fülle von Heiligen-Legenden.
Aus dem keltischen Sami-Klaus wurde später der heilige Sankt Nikolaus von Myra – wenn man zumindest der volkskundlich-etymologischen Forschung vertraut. Das Wort „Sami“ kann hergeleitet werden vom früheren keltischen „Samonios“, in der Bedeutung der „unvergänglichen Seele“, und ein „Chlaus“ oder „Klaus“ ist der Bewohner einer Klause. Der Bezug zu den keltischen Druiden und Samonios ist offensichtlich. Der römische Schriftsteller Lucanus erzählt bereits im 1. Jahrhundert: „Die Druiden wohnten in den Tiefen der Wälder und zogen sich dorthin zurück, wo es keine andere Menschen-Seele gab.“ (Pharsalia I, 450).
Nikolaus oder Weihnachtsmann? Die Reformation und deren Ablehnung der Heiligenverehrung hatte zur Folge, dass der 6. Dezember als der Namenstag und Tag der Bescherung von Sankt Nikolaus in vielen Ländern auf den 24. / 25. Dezember verlegt wurde. Dies erklärt auch die Vermischung der Figuren „Nikolaus“ und „Weihnachtsmann“, die bis heute für Verwirrung sorgt. Nach dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert mutierte der katholische Nikolaus zu einem Visitator (Besucher), der, von einem gezähmten Teufel eskortiert, die Kinder zu Hause aufsuchte. Seine erzieherische Aufgabe bestand darin, die Kinder auf Unarten oder Lobenswertes hinzuweisen. Später wurde er mancherorts dann zum Gabenbringer und Weihnachtsmann.
Noch heute ist die Respektlosigkeit gegenüber dem Niggi-Näggi in Sagen und Legenden lebendig. In Lenzburg soll der Niggi-Näggi hoch über der Altstadt gehaust haben. Die Sage erzählt: An seinem Namenstag stieg der alte Chlaus beim Eindunkeln hinunter in die Stadt. Er wollte die Leute im Städtchen mit guten Ratschlägen eindecken. Doch eines Jahres streuten böse Buben Erbsen auf den Weg, der zur Chlauswohnung führte. Der alte Chlaus rutschte aus, kollerte eine Treppe hinunter und tat sich an allen Gliedern weh. Die Buben im Städtchen verkleideten sich inzwischen mit Chlausmänteln. Sie zogen von Haus zu Haus und verspotteten den alten Chlaus. Verärgert und zornig zog sich dieser in seine Wohnung zurück. Als er wutentbrannt die Tür hinter sich ins Schloss warf, wurde dabei der Eingang verschüttet. Als dann im darauffolgenden Jahr kein Chlaus erschien, bereuten die Kinder ihren Streich. Mit Geisseln (Peitschen) machten sie Lärm, um den Chlaus zu wecken und wieder zu motivieren, die Menschen zu besuchen. Doch der Chlaus ward nie mehr gesehen. Geblieben ist die Tradition des sogenannten „Chlauschlöpfens“.
Text und Foto: Kurt Schnidrig