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«Wir haben in einer Villa gelebt, aber auch in einer Garage»
Mitte der 90er-Jahre zog die gelernte Grafikerin Miriam Selmi Reed mit einer Künstler-Greencard in die USA. Als Concept Artist montierte sie für den Filmklassiker «Titanic» Passagiere auf das sinkende Schiff oder retuschierte Bruce Willis die Haare. Mittlerweile wohnt sie in Affoltern und begleitet andere bei ihren Projekten.
Von: Livia Häberling
Heute denkt Miriam Selmi Reed manchmal darüber nach, was damals alles hätte schiefgehen können. Als sie im Jahr 1996, als 29-Jährige, mit zwei Koffern und einer Künstler-Greencard in New York landete und damit sinngemäss verkündete: «Amerika, da bin ich!»
Nächtliche Spaziergänge durch New Yorks einschlägige Viertel oder eine Kugel, die nur knapp über ihr Autodach hinwegzischte: Das würde sich Miriam Selmi Reed heute nicht mehr zumuten wollen. Und woher nahm sie den Mut, damals mit ihrem Portfolio in den Hollywood Hills bei Berühmtheiten anzuklopfen? Heute wundert sie sich. Doch was immer hätte schiefgehen können: Nichts davon traf ein, im Gegenteil: Ihr Leben als Künstlerin entwickelte sich bald prächtig.
Das hing auch damit zusammen, dass Miriam Selmi Reed bereits vor ihrem Umzug regelmässig in den USA war und erste Branchenkontakte knüpfen konnte. In einer New Yorker Galerie stellte die gelernte Grafikerin eigene Illustrationen und Bilder aus, zudem arbeitete sie für Schweizer Unternehmen regelmässig vor Ort an Projekten mit. Nach ein paar Monaten in New York zog es sie an die Westküste, wo sie zunächst an einem Disneyland-Projekt mitarbeitete, bis sie etwas fand, das sie noch mehr faszinierte: die Filmindustrie. So kam es, dass Miriam Selmi Reed zum Unternehmen «Cinesite» stiess, das bei Filmproduktionen die Spezialeffekte umsetzte.
Sie sagt, möglich geworden sei das, weil sie nicht nur die Adobe-Palette beherrscht habe, sondern auch sehr schnell und präzis im Handzeichnen gewesen sei. In den nächsten Monaten arbeitete sie an diversen Hollywood-Produktionen mit. Für eine Szene in «Titanic» montierte sie Passagiere auf das sinkende Schiff, für «The Truman Show» illustrierte sie Wolken, und einmal war es ihre Aufgabe, Bruce Willis per Mausklick mehr Haare wachsen zu lassen. «Ich bin immer wieder an die richtigen Leute gelangt», sagt Miriam Selmi Reed rückblickend. Später arbeitete sie als Freelancerin, zeichnete für ein Musikvideo von «Eminem» und «Dr. Dre» das Storyboard, also die einzelnen Videosequenzen, nach denen später gedreht wurde. Sie muss noch heute lachen, wenn sie erzählt, wie sie kurzfristig am Produktionsset erschien und sich, in Rap-Themen mit Ahnungslosigkeit gesegnet, irgendwann erkundigte, «was das denn nun für ein Doktor» sei.
Weitergeben, was sie gelernt hat
Miriam Selmi Reed mochte es, an der Titanic-Premiere über den roten Teppich zu schreiten, in einer Villa zu wohnen, als es ihnen – ihr Mann war ebenfalls im Filmgeschäft tätig – während einigen Jahren finanziell sehr gut lief. Doch sie will auch nicht verhehlen, dass das nicht immer so war: «Der Konkurrenzkampf ist riesig und der Druck hoch, doch die Löhne sind tief. Es gab Zeiten, da wohnten wir in einer umgebauten Garage, in einem Bungalow direkt neben den Disney Studios».
Im Jahr 2009 kehrte das Ehepaar in die Schweiz zurück. Zuerst wohnten die beiden in Albisrieden, später zogen sie nach Affoltern, wo sie noch immer leben. Dort gründeten sie das Design-studio ReeDesign KIG. Seither bietet Miriam Selmi Reed verschiedene Dienstleistungen an: Sie entwirft Logos, kreiert handgezeichnete oder digitale Illustrationen, schneidet Filme oder setzt Comics, Kinder- oder Sachbücher gestalterisch um. Ausserdem betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann den kleinen Verlag ReedAround.com. Während ihrer Zeit in Amerika habe sie zwar «viele hervorragende Lehrer» gehabt, die sie handwerklich weitergebracht hätten, doch vieles habe sie eben auch «on the Job» gelernt, sagt Miriam Selmi Reed. Dieses «projektbasierte Lernen» liegt ihr besonders am Herzen. Dieses Wissen vermittelt sie seit mehr als zehn Jahren auch in diversen Kursen. Dort zeigt sie Interessierten, wie sie Filme schneiden, Seitenlayouts gestalten oder Illustrationen erstellen können. Und so dem eigenen Projekt einen Schritt näher kommen.