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Vor 25 Jahren ruckelte der Zug von Shenzhen nach Guangzhou gemächlich vorbei an Dörfern und Reisfeldern, auf denen Bauern buckelten. Heute saust ein Hochgeschwindigkeitszug durch eine Megalopolis aus Leichtindustrie-Werkshallen, Wohnheimen für Wanderarbeiter, Apartmenthäusern und Bürotürmen. Grüne Hügel sieht man kaum mehr.
China ist bekannt für rasante Veränderungen. Doch nirgends zeigt sich das so extrem wie in diesem südlichen Zipfel des Landes, dem Perlflussdelta in der Provinz Guangdong.
Shenzhen an der Grenze zur einstigen britischen Kronkolonie Hongkong war noch in den 1970er Jahren ein Fischerdorf. Heute ist es mit elf Millionen Einwohnern Chinas viertgrösste Stadt und dabei, sich zum Hightech-Magneten für internationale Start-ups zu entwickeln. Parallel wächst Shenzhen mit der Provinzkapitale Guangzhou und anderen Städten des Deltas zur grössten Megacity der Welt mit 42 Millionen Menschen zusammen.
Mitten durch diesen urbanen Umbruch rauscht der Zug mit rund 180 Kilometern pro Stunde, für die 147 Kilometer braucht er eine knappe Stunde. Zu lang für die Planer, die längst eine viel schnellere Strecke in Auftrag gegeben haben. Diese soll in wenigen Monaten eingeweiht werden und von Guangzhou via Shenzhen in einer Stunde bis nach Hongkong rasen.
Shenzhen wurde noch zu seinen Fischerdorf-Zeiten zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas ernannt; hier unten im Süden begann der wirtschaftliche Aufstieg des ganzen Landes. Und so passt es, dass hier auch das Thema Hochgeschwindigkeit seinen Anfang nahm. Die nach den Endbahnhöfen «Guangshen Railway» genannte, 1911 eröffnete Bahnlinie war die erste Strecke Chinas mit vier Parallel-Trassees – so dass Personenzüge nicht mehr von Güterwagen ausgebremst wurden.
Als Peking in den 1990er Jahren eine Kampagne zur Beschleunigung der Eisenbahn startete, wurde die erste Machbarkeitsstudie für Tempo 160 auf der «Guangshen»-Strecke erstellt. Sie gehörte ausserdem zur ersten Handvoll, die 2007 für Tempo 200 ausgebaut wurden. Dass die Züge etwas langsamer fahren, ist eine Sicherheitsvorkehrung.
Noch 1993 fuhren Chinas Züge im Schnitt mit 48 Kilometern pro Stunde durchs Land. Für lange Strecken packten die Reisenden Instant-Nudelsuppen, Würste und Kleider zum Wechseln ein. Jeder Waggon hatte einen Boiler mit heissem Wasser für Tee und Nudeln.
In sechs Wellen hat China seither das Tempo auf der Schiene erhöht. Heute besitzt das Land mit mehr als 25000 Kilometern das längste Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. Auf vielen Strecken dürfen die Züge bis zu 350 Kilometer pro Stunde schnell fahren.
Somit kann China innerhalb eines Tages durchquert werden; Pyjama und Zahnbürste braucht niemand mehr einzupacken. Den eigenen Teebecher haben weiterhin alle dabei, denn die Boiler sind geblieben. Der Service im Zug ist nicht billig und wird von weniger Leuten genutzt als früher: Die Bahnhöfe sind inzwischen voller Schnellrestaurants.
Bis 2020 sollen im Perlflussdelta 2800 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrassees und 2200 Kilometer normale Bahngleise entstehen. Schon 2007 wurde der Plan präsentiert, dass jeder Ort im Perlflussdelta von jedem anderen innerhalb von 90 Minuten erreichbar sein werde. Damals konnte man sich das nicht vorstellen. Heute ist es so.
Christiane Kühl ist freie Journalistin; sie lebt in Peking, China.