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Mit neuen Techniken überwinden die Tech-Unternehmer die Distanz. Selbst aber setzen sie auf das Prinzip der räumlichen Nähe. Da gedeiht eine neue disruptive Intellektualität, wie zwei neue Beispiele zeigen: Mencius Moldbug und Eric Weinstein.
Das Silicon Valley changiert ständig zwischen analoger Unmittelbarkeit und digitaler Entgrenzung.
Es wurde gesagt, Kalifornien sei eher eine Geisteshaltung als ein Ort. In der allgemeinen Vorstellung ist der Golden State nach wie vor ein Synonym für wirtschaftliche Chancen in einem gesegneten Klima, das körperlicher und geistiger Gesundheit förderlich ist. Obwohl zwischen dem berühmten Vorschlag des amerikanischen Verlegers Horace Greeley «Go West, young man!» und Jim Morrisons hypnotisierender Wiederholung von «The West is the best» mehr als ein Jahrhundert liegt, prägt diese Zeit den Mythos des Ortes auch heute noch.
Dieser sonnige Highway nach Utopia hat in den letzten Jahren jedoch eine dunklere Richtung eingeschlagen, besonders was die grossen Metropolregionen betrifft. Die Produktion von Reichtum hat zu einer Konzentration desselben geführt, und Teile des Staates wie die San Francisco Bay Area sind für die meisten derer, die keine soliden sechsstelligen Gehälter beziehen, zur Wüste geworden.
Neue Denkformen entstehen
Auch wenn gegenwärtige Besorgnisse über den Tod Kaliforniens als Brutstätte alternativer Lebensweisen und politischer Experimente weit übertrieben sind: Es ist nicht zu leugnen, dass Kalifornien durch den Aufstieg von Oligopolen eher der Machtzentrale einer vom Geld befeuerten neuen Lumpenaristokratie ähnelt als einem Ort intellektueller Gärungsprozesse. Während des Obama-Wahlkampfs von 2008 erschienen Hollywood und das Silicon Valley als Herolde linksliberaler Aufklärung. 2020 wird Hollywood von dem linken britischen Stand-up-Comedian Ricky Gervais brutal attackiert, und die Kandidaten der Vorwahlen bei den Demokraten kritisieren die Unternehmen im Valley mehrheitlich in scharfer Form. Hat also der Spätkapitalismus das intellektuelle kalifornische Ketzertum am Ende gezähmt?
Nein. In den letzten 15 Jahren waren Blogs und Podcasts zwei führende Formen intellektueller Informationsverbreitung. Laut Google Trends erlebte das Interesse an Blogs zwischen 2007 und 2009 einen Höhepunkt, um dann einen langsamen Niedergang zu erfahren. Das wachsende Interesse an Podcasts ist hingegen eine jüngere Erscheinung – erst im Mai 2018 übertrafen sie bei den Suchtreffern die Blogs.
Im Unterschied zu den herkömmlichen Medien des 20. Jahrhunderts navigieren Blogs und Podcasts im Reich der Vernetzung und Schnelligkeit des Internets, was ihre potenziell klandestinen und potenziell subversiven Züge verstärkt. In unserem westlichen Cyberspace, einem trotz der Präsenz von Monopolen und der Netzüberwachung immer noch relativ losgelösten Gebiet, ist das Internet eine Spielwiese geblieben. Auf ihr können Outlaws ihre Botschaften verbreiten, ohne von den herrschenden Mächten daran gehindert zu werden. Und da hat das Silicon Valley gerade einiges zu bieten.
Fall 1: Moldbug
2007 begann Mencius Moldbug (das Pseudonym des in der San Francisco Bay Area ansässigen Software-Entwicklers Curtis Yarvin) seinen Blog «Unqualified Reservations» («Unqualifizierte Vorbehalte») zu schreiben. «Unqualified Reservations» ist heute der am häufigsten diskutierte Urtext des Neoreactionary Movement (Neoreaktionäre Bewegung, NRx), einer politischen und intellektuellen Richtung, die durchdrungen ist von einem antidemokratischen Elitismus und Autoritarismus.
NRx malt sich die Rückkehr zu einer semifeudalen Gesellschaft aus – zusammengesetzt aus Körperschaften, die als Stadtstaaten handeln und miteinander konkurrieren. Die Bürger haben sich an die unveränderlichen Gesetze zu halten, können sich aber für einen Ein- oder Austritt frei entscheiden. Die Themen Moldbugs reichen von der Philosophiegeschichte bis hin zu halb verschwörungstheoretischen Einstellungen und geopolitischen Reflexionen, die er frei ins Netz stellt. Sein Antiegalitarismus bezieht sich zudem auf Fragen der Rasse: Obwohl er weissen Nationalismus verwirft, bezweifelt er, dass «alle Rassen gleich clever» seien, und plädiert deshalb für eine genetische Basis einer von ihm so formulierten «kognitiven Biodiversität des Menschen».
Die Struktur, die Moldbug in seinen zuweilen bizarren Beiträgen aufs Korn nimmt, ist etwa das, was er «die Kathedrale» nennt – das System kultureller Hegemonie, das sich zusammensetzt aus Spitzenuniversitäten, der «New York Times» und ähnlichen Medieninstitutionen der Elite, der Unterhaltungsindustrie Hollywoods und anderer Orte. Sie alle haben sich laut ihm dem Auftrag verschrieben, die öffentliche Meinung zu formen, während sie entgegengesetzte Standpunkte ächten. Nun ja.
Moldbugs Denken ist auf Hunderten Online-Plattformen diskutiert und zumeist heftig kritisiert worden – doch der Gedanke, dies als verstiegene Abnormität anzusehen, wäre eine naive Geringschätzung. Mit dieser Aussage beziehe ich mich nicht darauf, wie die Technologiebranche, in der Moldbugs Ideen weit verbreitet sind, immer engere Verbindungen mit der Präsidentschaft Trumps eingeht. Moldbugs Internetpräsenz ist kein Spiegelbild seiner politischen Relevanz.
Sie ist aber symptomatisch dafür, dass das Silicon Valley in Hinblick auf die jüngste intellektuelle Produktion, sei sie nun verstörend oder anregend, keineswegs bankrott ist: Diese findet man in erheblichem Umfang an anderen Orten als im Umfeld der üblichen Schauplätze. Wagniskapitalismus und dröhnende Startups mögen die hauptsächlichen Eigenschaften Kaliforniens sein, die den alten Kontinent erreichen, doch da steckt noch mehr dahinter.
Fall 2: Weinstein
Eine weitere Persönlichkeit, die sich für intellektuelle Fundgruben interessiert, ist der in Los Angeles geborene Harvard-Absolvent Eric Weinstein, der erst vor ein paar Monaten in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, nachdem er Jahre im Silicon Valley zugebracht hatte. 2019 startete der systemkritisch Weinstein, der 2016 für Bernie Sanders stimmte, seinen Podcast «The Portal». Dabei handelt es sich um einen Podcast im langen Format, dessen Episoden etwa zwei Stunden dauern – ein Format, das durch einen anderen Kalifornier, den Stand-up-Comedian und früheren Kampfsportkommentator Joe Rogan, unter dem Namen «The Joe Rogan Experience» bekannt wurde.
Dieses Format wird seit 2005 von anderen in der Bay Area arbeitenden Persönlichkeiten genutzt – etwa von dem Stanford-Professor Robert Harrison mit seinen «Entitled Opinions». Podcasts im langen Format sind eine Form, mit der in einer Ära gebrüllter Botschaften, fehlender Debattenkultur und wie Fast Food vorgefertigter Massenunterhaltung längere intellektuelle Gespräche bewahrt werden: Sie sind mehr als Interviews – Gespräche, in denen die Teilnehmer über Themen diskutieren, die von wechselseitigem Interesse sind.
In einer Welt der Hypergeschwindigkeit sind diese Podcasts bestrebt, den Rhythmus des Dialogs zu verlangsamen und den komplexen Aspekten geistigen Austauschs den Raum zu geben, den sie zur Entfaltung und zum Atemholen brauchen. Darin liegt die Ironie dialektischer Bewegungen: Ausgerechnet das angeblich oberflächliche Kalifornien, wo jeder eine sofort einsetzbare Kurzpräsentation in der Tasche zu haben scheint, spielt bei der Verbreitung dieses Genres eine tragende Rolle.
Mit Gästen, unter denen von Biologen über Künstler bis hin zu Wirtschaftswissenschaftern alles vertreten ist, und mit der umsichtigen Nutzung des Podcast-Genres im Langformat wird Weinsteins «The Portal» zu einem innovativen und bedeutenden Bestandteil der heutigen Intellektuellenszene. Damit versucht Weinstein, einen Weg aus dem zu finden, was er als ein Klima des Oberflächensurfens und des Stillstands ansieht, wo gelähmte Institutionen und politisch verkrustete Strukturen Privilegien zu bewahren trachten, anstatt eine kreative Erkundung neuer Schauplätze des Denkens und des Handelns anzuregen.
Sorgfältiger und konsequenter als NRx (und ohne auf autoritäre Neigungen zurückzugreifen) zieht auch «The Portal» in den Krieg gegen seine eigene Version der Kathedrale. Weinsteins Bezeichnung dafür ist Disc – the Distributed Idea Suppression Complex (etwa: der weitverzweigte Komplex zur Unterdrückung von Ideen): das systematische Abwürgen wichtiger Ideen und Themen, weil sie für die institutionelle Ordnung zufälligerweise äusserst disruptiv sind.
Grosse Nähe, hohe Intensität
Es wird nicht unbemerkt bleiben, dass diese Attacken gegen abgeschirmte, institutionalisierte Narrative aus einer Ecke kommen, die durchaus der Sitz der etablierten Macht des 21. Jahrhunderts ist – dem Silicon Valley. Die beiden eben erörterten Beispiele betreffen zudem Individuen, für die die herkömmlichen sechs Grade der Trennung viel kleiner werden.
Das betrifft insbesondere und am eindeutigsten die Figur des libertären Unternehmers und Milliardärs Peter Thiel, des Arbeitgebers Weinsteins als Generaldirektor seiner Investment-Firma und Geldgeber von Moldbugs Startup Urbis. Sowohl Moldbug als auch Weinstein besuchten in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zwei kleine, zusammenhängende Seminare an der Stanford University. Hier liegt ein weiteres Paradoxon des Silicon Valley: Die Wiege der Digitalisierung und der Aufhebung von Entfernung ist nach wie vor verliebt in die Nähe, die von der schmalen Halbinsel der Bay Area gefördert wird.
So erst entsteht intellektuelle Intensität, die im besten Fall disruptiv wirkt. Das Silicon Valley bleibt also ein Hotspot der Intellektualität. Was 2007 das Bloggen war, ist 2020 das Podcasting: ein Schmelztiegel sowohl des Hässlichsten als auch des Strahlendsten, eine Plattform sowohl für das Provokativste als auch für das Banalste. Die kalifornischen Vibrationen findet man nur, wenn man surft – diesmal im Internet.
Andrea Capra lebt und arbeitet in Stanford. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helmut Reuter.