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Es ist ein schöner Brauch in der France rurale, dass die Jagdvereine einen Teil ihrer Beute den Bauern abgeben, als Dank dafür, dass sie auf deren Land ihr Metier ausüben dürfen.
Papa Liares (der Vater unseres Maires Jean-Michel) ist Präsident der hiesigen société de chasse.
Er hat uns heute Fleisch gebracht. Kottelettes von einem Wildschwein, das die Jäger vor ein paar Tagen hier erlegt haben. Die Kottelettes sind schön ausgemetzget, und wir werden sie für kommende (Fest-)Essen einfrieren.
Henri Liares ist 71 Jahre alt, arbeitet aber zusammen mit seiner Frau immer noch auf dem grossen Hof, den er bereits vor Jahren seinem Sohn übergeben hat. Er betreut die 60 Mutterkühe und die Gänse und ist, wie fast alle hier, begeisterter Jäger und Naturbeobachter.
Heute hat er uns bei einem Gläschen Floc de Gascogne ein wenig von früher erzählt. Von der Zeit, als er noch zur Schule ging und Frankreich von den Deutschen besetzt war.
Vom Zweiten Weltkrieg...
Er war neun Jahre alt, als tausend deutsche Besatzer hier in der Nähe eine Ferme eingekreist haben, in der sich hundert französische Widerstandskämpfer versammelt hatten. Die deutsche Wehrmacht hat auf der Stelle 76 Résistance-Kämpfer erschossen.
Neben den noch bestehenden Grundmauern des Hofes und den Überresten des Lastwagens, der den Franzosen als Munitionstransporter gedient hatte, erinnert ein eindrückliches Monument mit den Gräbern der Toten an das schreckliche Geschehen.
Ganze Familien wurden ausgelöscht, selbst unbeteiligte Zeugen auf den Nachbarhöfen wurden an diesem 7. Juli 1944 kaltblütig ermordet.
Henri Liares hat einzelne Opfer gekannt, kennt viele ihrer Angehörigen, und er hat in dieser Zeit auch die nächtlichen Schiessereien gehört.
Wir fragen uns immer wieder, wie die Täter von damals weiterleben konnten. Einzelne dürften ja heute noch leben.
Und wir fragen uns, wie Franzosen damit umgehen, wenn die Enkel derer, die damals Gräueltaten verübt haben, heute hier Ferienhäuser kaufen?
...zur Europäischen Union als dem Friedensprojekt
In der Zwischenzeit haben die "ewig" verfeindeten Staaten Deutschland und Frankreich im Rahmen der Europäischen Union 50 Jahre lang aktive Friedenspolitik betrieben.
Am 25. März 1957 wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) geschaffen. Die "legendären Sechs" Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg unterzeichneten die Römischen Verträge und riefen so die EWG ins Leben.
Später wurde daraus die Europäische Gemeinschaft (EG) und danach die Europäische Union (EU).
Diese europäische Zusammenarbeit trägt Früchte. Ein weiterer Krieg ist unter den inzwischen 27 EU-Staaten glücklicherweise undenkbar geworden, Diktaturen wurden zu Demokratien, wirtschaftlich darnieder liegende Regionen blühten auf.
Die EU ist dank ihren sozialen und ökologischen Wertvorstellungen zur einer der weltweit wichtigsten Stimmen überhaupt geworden.
Das europäische Projekt erlitt im Lauf seiner Geschichte viele schmerzhafte Rückschläge. Kürzlich wieder mit der Ablehnung der europäischen Verfassung durch Frankreich und die Niederlande.
Europa deshalb in die Krise reden zu wollen, würde der Geschichte nicht gerecht. Alle ähnlichen bisherigen Schwierigkeiten sind in der Gemeinschaft immer im Team angegangen und überwunden worden.
Und die Schweiz?
Es gibt Leute in der Schweiz, zurzeit leider sogar auch im Bundesrat, die arrogant und überheblich die EU als undemokratisches, bürokratisches Monster darstellen. Oder gar als Feind, gegen den es die höchste Freiheit zu verteidigen gilt.
Eine Freiheit, die darin besteht, dass das Alpenland weiterhin Steuerdumping zu Gunsten von superreichen Ausländern und zu Lasten der europäischen Finanzsolidarität praktizieren können will.
Verschwiegen wird, dass die Schweiz der EU, den Frauen und Männern verschiedener Nationalitäten, die sich seit Jahrzehnten für ein Friedensprojekt einsetzen, sehr viel zu verdanken hat.
Der Grat zwischen gesundem Selbstvertrauen und hässlicher Überheblichkeit ist auch für kleine Nationen sehr schmal. Der kürzliche Fussballmatch gegen Deutschland könnte uns eine Lehre sein.
Ruedi und Stephanie Baumann
Die Meinung des Autorenpaars muss nicht mit jener von swissinfo übereinstimmen.
Das Autorenpaar
Stephanie Baumann, Jahrgang 1951, war Berner Kantonsrätin und Nationalrätin für die Sozialdemokraten. Zudem amtete sie als Verwaltungsrats-Präsidentin des Berner Inselspitals.
Ruedi Baumann, Jahrgang 1947, ist gelernter Bauer und Agronom. Er war Gemeinderat, Kantonsrat, Nationalrat und Präsident der Grünen Partei Schweiz.
Stefanie und Ruedi Baumann haben zwei Söhne. Die Familie bewirtschaftete 28 Jahre lang einen Bauernbetrieb in Suberg, im Berner Seeland, bevor sie im Jahr 2003 nach Frankreich auswanderte.
Heute leben die Baumanns in der Gascogne, 100 km westlich von Toulouse, und sind als Biobauern auf ihrem eigenen Hof tätig.