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Modernisierung in bewegten Jahren – die Frühzeit der SRG
Das Radio-Zeitalter begann in der Schweiz dank privater Kräfte in den Regionen. Als sich jedoch die Schwächen des Schweizer Modells zeigten, entstand nach heftigen Diskussionen schon bald die «Allegorie des helvetischen Föderalismus» – die SRG.
«Der deutschschweizerische Landessender, der schon vor etlichen Wochen seine durchdringende Stimme erhoben hat, konnte heute die offizielle Weihe über sich ergehen lassen.» Mit diesen Zeilen begann die «Neue Zürcher Zeitung» am 12. Juni 1931 einen ganzseitigen Bericht vom Vortag unter dem Titel «Beromünster – Die Einweihung des Landessenders». Die Schweizerische Obertelegraphendirektion und die Schweizerische Rundspruch-Gesellschaft hatten zu dieser «feierlichen eidgenössischen Radiotagung» über hundert Gäste eingeladen, die von Luzern und Olten aus «in bequemen Wagen der Postverwaltung» anreisten. Die Strassen des Ortes «leuchteten in den Farben des Bundes, des Standes Luzern und des Fleckens Münster». Später fuhren die Teilnehmenden «in einer nunmehr acht Wagen zählenden Kolonne zum Sender hinauf, der zwei Kilometer oberhalb des Städtchens auf einer aussichtsreichen Ebene» lag. Der Sender – das waren zwei «freitragende Stahltürme von je 125 Meter Höhe», welche die «strahlende Antenne» hielten, und das Sendegebäude, «ein moderner Zweckbau, leicht an Corbusier erinnernd». Zweieinhalb Monate vorher, am 29. März 1931, war unweit von Lausanne der Westschweizer Landessender Sottens in Betrieb gegangen; 1933 sollte noch jener auf dem Monte Ceneri folgen.
Hohes Tempo
Genau zehn Jahre zuvor hatten in der Westschweiz und in Kloten erste Radioversuche stattgefunden – über sogenannte Flugplatzsender. Kurz danach gründeten private Kreise in Lausanne und Zürich, etwas später auch in Bern, Genf und Basel lokale und regionale Organisationen, die Radiostationen betreiben wollten. Das Tempo der Wellenpioniere war oft hoch: Die Gründung der Radiogenossenschaft Zürich (heute SRG Zürich Schaffhausen) etwa erfolgte am 16. Februar 1924, sechs Monate später wurden im Studio im Amtshaus IV die ersten professionellen Sendungen realisiert und über den Sender auf dem Hönggerberg verbreitet.
Die Schweiz im Hintertreffen
Doch fast ebenso schnell geriet das Schweizer Radiomodell mit seinem Netz von regionalen Stationen kurz darauf in eine umfassende Krise. Die meisten Sender hatten neben technischen auch finanzielle Probleme, weil die Zahl der Empfangskonzessionäre deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb. «Gehörte die Schweiz Mitte der zwanziger Jahre zu den Pionieren im öffentlichen Rundfunk, so war sie bereits 1928 von der Entwicklung überholt und besass mit ihren fünf Kleinsendern keine Grundlage mehr für eine europakonforme Radiopolitik», schrieb der Historiker Edzard Schade im «DU»-Heft «Radio – im Ohr die ganze Welt» von 1994. «Die schweizerischen Programme fielen inhaltlich wie technisch hinter die international rasch steigenden Qualitätsnormen zurück, und manch ausländischer Sender liess sich einfacher und klanglich reiner empfangen als die einheimischen.»
Polemische Debatten
In dieser schwierigen Zeit präsentierte die Radiogenossenschaft Zürich brisante Vorschläge für eine umfassende Reorganisation des Schweizer Rundfunks, die klar auf Konzentration setzten, auf einen Zusammenschluss der bestehenden Stationen in einer nationalen Rundfunkgesellschaft und auf die Errichtung grosser Sendeanlagen durch den Bund. Mit Feststellungen wie «Radio ist nun einmal international, nicht kantonal und nicht lokal» löste der Zürcher Radiodirektor Eduard Günther heftige und teilweise polemisch geführte Debatten im Land aus. Die Radiogenossenschaft Bern (heute SRG Bern Freiburg Wallis) etwa warnte eindringlich vor «Einheitsprogrammen».
Schnelle Entwicklung
In dieser Phase von radiopolitischen Auseinandersetzungen spielten die Bundesbehörden eine immer wichtigere Rolle. Die Obertelegraphendirektion, die Ende 1928 zu einer ersten nationalen Konferenz einlud, hatte auch internationale Entwicklungen im Auge, wie etwa jene in England, wo die «British Broadcasting Company» 1927, fünf Jahre nach ihrer Gründung, zu einer «Corporation», also zu einem «Public service» geworden war. Ab Anfang 1929 entwickelten sich die Dinge einmal mehr in der Frühgeschichte des Schweizer Rundfunks schnell. Bereits im Mai beantragte der Bundesrat Kredite für zwei grosse Sendeanlagen. Mit seiner Zustimmung nahm das Parlament grundlegende Entscheide zur Zukunft des Radiowesens im Land vorweg. Als die Schweizerische Rundspruch-Gesellschaft, die den regionalen Organisationen eine Teilautonomie bot, am 21. März 1931 gegründet wurde, waren die Bauarbeiten für die Landessender Beromünster und Sottens schon längst im Gang.
Die Eile sollte sich schon bald als Vorteil erweisen. Nur zwei Jahre nach der Gründung der SRG, dieser «Allegorie des helvetischen Föderalismus» (Edzard Schade), wurde Deutschland ein totalitärer Staat und sein Rundfunk zum grenzüberschreitenden Propaganda-Instrument. Und sollte die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats zum Schluss kommen, das Radio sei geeignet, «ausländischen Angriffen auf die demokratische Staatsform mit einer geistigen Landesverteidigung entgegenzuarbeiten».
90 Jahre SRG – eine historische Reise in fünf Teilen
Mit diesem Beitrag über den Landessender Beromünster und die frühe Krise des Rundfunks in der Schweiz beginnt eine Jahresserie zur Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft. Sie wird in der nächsten LINK-Ausgabe fortgesetzt.
Lust auf noch mehr Geschichte? Die SRG Deutschschweiz bietet mit dem Podcast «Radio Retro» einen Einblick in das Radioarchiv der SRG.
Text: Roger Ehret
Bild: Zentralarchiv GD SRG SSR / Bildarchiv C 002.03.115
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