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Vielleicht fährst du ja demnächst in den Norden, dorthin, wo die heftigen Winde durchs Grenzland wehen, die Schneeflocken wirbeln und die Flüsse zufrieren. Dort lebt ein Mädchen, das mir nicht aus dem Sinn geht. Wenn du sie siehst, sag ihr einen Gruss von mir. Ich habe sie einmal wirklich geliebt. Du erkennst sie am langen Haar, das ihr in Locken über die Brust fliesst. Ich weiss nicht, ob sie überhaupt noch an mich denkt. Schau doch mal, ob sie einen warmen Mantel hat, der sie vor den Stürmen schützt.
Von wem du sie grüssen sollst? Sag einfach, ich sei einer von diesen Folksängern in New York, Bob Dylan, 21 Jahre alt. Das bedeutet nichts. Übrigens ist es hier gerade Winter. Die Strassen sind von Schnee und Matsch bedeckt, die Trottoirs vereist. Ich gehe die Jones Street im Greenwich Village hinauf und hinab, in alten Klamotten, die Hände in den Taschen meiner Jeans vergraben, mit coolem Blick. Ich übe die Pose oft vor dem Spiegel. Wenn Suze mich dabei beobachtet, lacht sie mich aus. Suze Rotolo, du wirst sie kennen. Jeder hier kennt sie. Wir sind seit zwei Jahren zusammen.
Sie hat sich bei mir untergehakt und lehnt lächelnd den Kopf gegen meine Schulter. Wieder und wieder. Wir werden nämlich fotografiert. Für den Umschlag meines zweiten Albums! Ich will es «The Freewheelin’ Bob Dylan» nennen. Nicht schlecht, oder? Eigentlich wollten wir die Bilder in unserer winzigen Wohnung in der West Fourth Street machen, am liebsten mit mir auf meinem Lehnstuhl vom Sperrmüll, Suze auf dem Schoss, aber dem Fotografen war es zu eng. Stell dir vor, er hat eine Hasselblad! Columbia hat ihn engagiert, er heisst Don Hunstein und soll ein grosses Tier sein. Du siehst, aus mir wird noch was!
Da stehen wir also, und ich friere wie ein Schneider. Aber die Lederjacke musste einfach sein, Schnee hin oder her. Immerhin hat Don gesagt, er lade uns nachher zum Essen ein. Columbia zahlt’s. Und die Platte wird toll. «Blowin’ In The Wind», «Masters Of War», «Don’t Think Twice», «Hard Rain» und das ganze Zeugs kennst du ja schon. Aber das zweite Stück auf der ersten Seite musst du dir anhören: «Girl From The North Country». Das ist der Hammer! Es ist das mit der verflossenen Geliebten, zu der ich dich schicken will. Die heulenden Winde, der schützende Mantel, die wahre Liebe: Passt doch!
Ehrlich gesagt, habe ich das Lied halb geklaut. Das mache ich ja meistens. Wenn ich einmal richtig berühmt und alt werde, will ich ein Album namens «Love & Theft» einspielen. Dann haben die Kritiker was zum Kauen! Kennst du eigentlich Martin Carthy? Er singt eine tolle Version von «Scarborough Fair». Das ist irgend so ein altes englisches Volkslied. Von da habe ich die Melodie und auch zwei Verse. Trotzdem ist es mein Song. Und wenn du meine Schöne von früher im Norden triffst, kannst du ihr davon erzählen. Vielleicht wird sie dann ja weich. Aber will ich das überhaupt? Ich weiss nicht recht.
Wenn mir nur einfiele, wie sie hiess! Ich war so oft verliebt damals in Minnesota. In Echo Helstrom. In Bonnie Beecher. In wen noch alles. Aber an keine von ihnen dachte ich, als ich den Song schrieb. Er richtet sich an eine Traumgestalt, der ich immer folge und die ich nie erreiche. Ein bisschen gar kitschig, sagst du? Geschenkt! Vorhin haben Suze und ich übrigens noch herumgealbert. Sie kennt den Song natürlich. Und sie hat gesagt: Wenn wir uns jetzt da im Schnee knipsen lassen und das Bild als Plattencover um die Welt geht, werden alle Leute denken, dass nur ich das «Girl From The North Country» sein kann. Was natürlich Quatsch ist. Sie ist ja hier, direkt neben mir, sie lächelt in die Kamera und klammert sich an mich. Wir haben es gut zusammen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Jedenfalls muss ich sie vorderhand nicht in Elegien bejammern.
Vermutlich hat sie trotzdem recht. Schnee im Song, Schnee auf dem Cover, ein Mädchen aus dem Norden, ein Mädchen an meinem Arm im Winter von New York: Das wird nicht mehr zu stoppen sein. Eine Wahrsagerin hat mir das bestätigt. Und weisst du, was sie mir noch gesagt hat: Dass ich den Song eines Tages mit Johnny Cash aufnehmen werde! Das hat mich glatt umgehauen. Er ist für mich ja so etwas wie eine religiöse Figur. Leider hat sie auch gesagt, dass Suze sich in nicht allzu ferner Zukunft von mir trennen wird. Sie meinte, ich würde ihr noch bis nach Italien nachreisen, sie aber verfehlen. Das kann ja heiter werden!
Wir gehen immer noch schlotternd die Jones Street hinauf und hinunter, jeweils nur ein paar Schritte. Der Fotograf findet kein Ende. Ich hoffe wirklich, dass es bald etwas zu essen gibt. Du Glückspilz sitzt wahrscheinlich gerade in einer gutgeheizten Bar und gönnst dir einen dreifachen Whiskey. Aber wie gesagt: Schau doch mal, wenn du demnächst im Norden unterwegs bist, nach meiner wahren Liebe. Sie soll sich an mich erinnern, und sie soll nicht frieren. Sag ihr, ich schicke ihr Geld für einen neuen Mantel, sobald die Tantièmen für meine Platte hereinschneien.
Manfred Papst leitet das Ressort Kultur der NZZ am Sonntag.
Wer ist das «Girl from the North Country» in Bob Dylans Song? Ein fiktiver Brief des Sängers aus dem Jahre 1963.
- Von Manfred Papst
Vielleicht fährst du ja demnächst in den Norden, dorthin, wo die heftigen Winde durchs Grenzland wehen, die Schneeflocken wirbeln und die Flüsse zufrieren. Dort lebt ein Mädchen, das mir nicht aus dem Sinn geht. Wenn du sie siehst, sag ihr einen Gruss von mir. Ich habe sie einmal wirklich geliebt. Du erkennst sie am langen Haar, das ihr in Locken über die Brust fliesst. Ich weiss nicht, ob sie überhaupt noch an mich denkt. Schau doch mal, ob sie einen warmen Mantel hat, der sie vor den Stürmen schützt.