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Eine Carte Blanche für Tobias Hensel.
Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar 2014 führte zu Missstimmungen bei der Europäischen Union, ihren Mitgliedsstaaten und vor allem der EU-Kommission. Die Schweiz hatte gerade eine vertiefte Zusammenarbeit in Bezug auf die von der EU aufgelegten universitären Austauschprogramme beschlossen, da wurden die noch zarten Pflänzchen weiterer Verhandlungen auf Eis gelegt. Die Schweiz wurde aus dem Programm Erasmus+ geworfen, das auf breiter Basis für internationalen Austausch sorgen und Stipendien und Fördergelder in grösserem Stil sprechen sollte.
Dieser Post nimmt Bezug auf drei Fragen:
- Warum ist internationaler Austausch für die Forschenden notwendig?
- Warum ist internationaler Austausch für die Studierenden wichtig?
- Warum ist die Universität Zürich – und damit auch ihre Studierenden – auf ausländische Studierende angewiesen?
Warum ist internationaler Austausch für die Forschenden notwendig?
Der amerikanische Politologe Benjamin Barber schrieb seine Promotion über die politische Geschichte von Dörfern in Graubünden. 1984 formulierte er im Buch «Strong Democracies» ein Konzept für eine partizipative Demokratie, welches in den USA heute als Klassiker der politischen Theorie gilt und zum Bestseller avancierte. Es ist anzunehmen, dass er dieses Konzept nicht so hätte formulieren können, wenn die Vorarbeit nicht in Graubünden stattgefunden hätte.
Und wenn in Asien ein neuer Virenstamm entdeckt wird, dann interessiert dies die ganze Welt.
Forscher sollen sich kennen, sollen ihre Arbeiten kennen und gemeinsam an Erkenntnissgewinnen arbeiten. Dies geht nicht, wenn man unter sich bleibt an seiner Akademie. Internationaler Austausch hält die Forschung am Leben, wenn man nicht miteinander spricht, entwickeln sich keine neuen Fragen und ohne neue Fragen schläft der Betrieb irgendwann ein. Kein neues Wissen führt zu Stillstand, führt zu Verlust bestehenden Wissens und letztlich zum Untergang der ganzen Kultur. Sicherlich sehr drastisch, aber allgemein betrachtet richtig.
Nun ist die Akademie aber nicht in Gefahr. Der Austausch findet weiterhin statt. Aber er wird schwieriger und das vor allem für junge Forschende, also Doktoranden. Benjamin Barber ist mit einem Stipendium in die Schweiz gekommen in den späten 1960er-Jahren. Wäre er auch gekommen, wenn er kein Stipendium bekommen hätte?
Warum ist internationaler Austausch für die Studierenden wichtig?
Was Studierende im Ausland zu suchen haben, wird häufig gefragt. Gut, die Frage warum man überhaupt studiert bekommt man nicht viel seltener zu hören. Dennoch: Studierende durchleben während ihres Studiums eine Zeit, in der sie sich Dingen in einer Ausführlichkeit widmen können, die ihnen später eher nicht mehr vergönnt sein werden.
Man lernt viel, nicht nur für die Akademie, sondern für das ganze Leben. Viele leben während ihres Studiums zum ersten mal fern der Eltern, oft in einer fernen Stadt, sie bilden neue Freundeskreise, werden selbstständig. Und warum nicht die Chance nutzen, sein Studium an noch ferneren Universitäten fortzusetzen? Eine neue Sprache, Einblick in eine andere Kultur. Und auch Universitäten unterscheiden sich. Diese Erfahrungen prägen den Charakter. Wir alle wollen bessere Menschen werden. Und mehr Erfahrungen sind da gewiss förderlich. Und wieder lässt sich Benjamin Barbers Beispiel nehmen: Würde man ohne die Möglichkeit finanziell gefördert werden, wirklich ins Ausland gehen?
Warum ist die Universität Zürich – und damit auch ihre Studierenden – auf ausländische Studierende angewiesen?
Fast 5’000 an der UZH eingeschriebene Studierende sind ausländischer Herkunft. Das sind knapp 20 Prozent. Hier sind eventuelle Austauschstudierende nicht eingerechnet. Fragt man nun, warum 5’000 Studierende irgendeine Bedeutung hätten, so muss gesagt werden, dass diese 20 Prozent für eine Menge an Lehrstühle sorgen, Nachfrage schafft Angebot, bei grösserer Nachfrage muss sich das Angebot entwickeln. Die UZH ist vielfältig, ihre vielen verschiedenen Studiengänge und die vielen Lehrstühle schaffen interessante Vorlesungen und Seminare. Mit weniger Studierenden wäre diese Vielfalt in Gefahr. Und hierbei muss immer bedacht werden, dass ausländische Studierende keine schweizerischen Studierenden von einem möglichen Studium fernhalten. Wer an der UZH studieren möchte, der kann dies mit Schweizer Matur sofort tun.
Sicherlich ist die Thematik internationaler Mobilität für die Wissenschaft weitaus vielfältiger als hier dargestellt. Es ging auch nicht darum einen ganz grossen Wurf zu liefern, sondern auf wenig beachtete Aspekte einzugehen. Die Universität Zürich geniesst in allen Teilen der Welt ein hohes Ansehen. Ebenso geniesst die Schweiz ein hohes Ansehen. Allein deshalb lohnt die Förderung von Austauschprogrammen. Und dies muss auch im umgekehrten Sinne geschehen. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät bilanziert einen Überschuss an «Outgoings», also zu vielen UZH-Studierenden, die ins Ausland gehen, gegenüber einer geringen Zahl an «Incomings», also Studierender aus dem Ausland, welche die UZH besuchen. Von einem Austausch kann also schon fast nicht mehr gesprochen werden, eher von einem ungleichen Handel zu Gunsten der UZH.
Möchte die UZH weiterhin im wissenschaftlichen Weltgeschehen mitspielen, so muss sie international geöffnet sein. Für ihre eigenen Studierenden, die das Label UZH in die Welt tragen, und gegenüber ausländischen Studierenden, die die Schweiz und die UZH kennenlernen möchten!
Tobias Hensel studiert Politikwissenschaft im 10. Semester und war von 2012 bis 2013 Co-Präsident des VSUZH-Vorläufers StuRa. Heute ist er in der BiKo tätig und representiert die Studierenden im Universitätsrat.