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Alle reden von der Krise bei den Hypotheken und den Banken. Stecken wir auch in einer grossen Vertrauenskrise?
Alois Bischofberger: Von einer Vertrauenskrise in der gesamten Wirtschaft möchte ich nicht sprechen. Aber im Finanzbereich ist das Vertrauen wegen der Krise am amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt und ihrer Folgen noch nicht wieder hergestellt. Das zeigt sich am Geldmarkt. Dort ist der Spread, die Differenz zwischen den Leitzinsen und den Marktzinsen, noch immer ungewöhnlich weit. Das heisst, es fehlt noch am gegenseitigen Vertrauen der Banken.
In der Schweiz ist von dieser Kreditklemme unmittelbar kaum etwas zu spüren. Die Zinsen haben sich sogar leicht zurückgebildet. Geht das im gleichen Stil weiter?
Bischofberger: Ich erwarte in den nächsten Monaten nur eine langsame Beruhigung an den internationalen Geld- und Kreditmärkten. Wir werden die Abschlüsse für das gesamte Jahr 2007 abwarten müssen, um mehr Klarheit über den gesamten Abschreibungsbedarf der Banken zu erhalten.
Der Subprime-Hypothekenmarkt repräsentiert nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Kreditvolumens weltweit. Weshalb entfaltet er eine derartige Wirkung? Ist das vor allem ein psychologisches Problem?
Bischofberger: Die Verunsicherung rührt vor allem daher, dass bei diesen Finanzinstrumenten eine Bewertung äusserst schwierig geworden ist. Niemand kennt die Preise, weil diese Vehikel nicht gehandelt werden. Das macht skeptisch, obwohl die Volumina in diesem Kreditsektor nicht exorbitant sind.
Die Notenbanken haben zur Einschränkung der Krise auf den Finanzmärkten viel Liquidität bereitgestellt. Wird damit ein Inflationspotenzial aufgebaut?
Bischofberger: Die Zentralbanken haben in erster Linie sehr kurzfristige Mittel zur Verfügung gestellt, vor allem Tagesgeld und in geringerem Umfang auch Dreimonatsgelder. Sofern die Notenbanken bei dieser Politik bleiben, wird die zusätzliche Liquidität rasch wieder absorbiert.
Gibt es eine Teuerungsgefahr für die Schweiz?
Bischofberger: Die Inflationsrisiken sehe ich nicht aufgrund der Geldmengenexpansion, sondern als Folge des Wechselkurses. Die Schwäche des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro begünstigt mittelfristig die importierte Inflation.
Wirkt das bereits im nächsten Jahr?
Bischofberger: Wir rechnen für 2008 mit einer moderaten Teuerung von gut 1%. In den beiden folgenden Jahren sind die Perspektiven bezüglich Preisstabilität etwas weniger günstig. Die Inflationsrate sollte sich aber weiterhin innerhalb des Bandes von 0 bis 2% bewegen, das von der SNB als Preisstabilität definiert wird.
Der schwache Franken fordert die Nationalbank geradezu heraus, die Leitzinsen weiter anzuheben.
Bischofberger: In diesem Zusammenhang spielt auch die Lage an den Geld- und Kreditmärkten eine wichtige Rolle. Mit Blick auf das Wachstum, die Teuerungsrisiken und den Wechselkurs des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro wäre eine weitere Leitzinserhöhung durch die Nationalbank durchaus angemessen.
In den USA hat die Notenbank die Leitzinsen gesenkt. Das trägt nicht zur Stärkung des Dollar bei.
Bischofberger: Der Dollar dürfte im nächsten Jahr aufgrund der Zinsdifferenz, des abgeschwächten Wirtschaftswachstums und des hohen Leistungsbilanzdefizits schwach bleiben.
Die schwache Währung trägt der amerikanischen Exportwirtschaft aber Vorteile auf den Drittmärkten ein.
Bischofberger: Ja, die Exporte wachsen mit zweistelligen Raten. Die US-Wirtschaft profitiert vom schwachen Dollar und das stützt insgesamt die Konjunktur. Das reicht aber nicht aus, um die Bremswirkung, die vom Häusermarkt und vom Konsum ausgeht, zu kompensieren. Deshalb wird das Wachstum in den kommenden Quartalen unterdurchschnittlich ausfallen.
Der Ölpreis ist auf neue Rekordstände geklettert. Dämpft das die Wachstumsaussichten?
Bischofberger: Die Weltwirtschaft ist mit der Verfünffachung des Ölpreises innerhalb von fünf Jahren bisher erstaunlich gut zurechtgekommen. Bleibt die Notierung auf diesem hohen Niveau oder zieht sie gar noch an, dann ist aber mit einer bremsenden Wirkung auf die Weltwirtschaft zu rechnen.
Wie sieht Ihr Szenario für das nächste Jahr aus?
Bischofberger: Wir gehen davon aus, dass sich der Ölpreis in Richtung 80 Dollar je Barrel ermässigt.
Die Wachstumsprognosen wurden nur geringfügig zurückgenommen. Woher kommt dieser Optimismus?
Bischofberger: Insgesamt sehen wir 2008 schon eine Wachstumsverlangsamung, nicht zuletzt auch in der Europäischen Währungsunion. Aber wir erwarten keine Stagnation oder gar Rezession. Dafür sorgt die anhaltende Dynamik in zahlreichen aufstrebenden Volkswirtschaften, insbesondere in den asiatischen Ländern.
Vermögen Schwellenländer wie China und Indien einen Wachstumsdämpfer in den Industrienationen aufzufangen?
Bischofberger: Vollumfänglich ist das nicht möglich. Aber es gibt eine Teilkompensation. Diese Emerging Markets sind immer gewichtiger und tragen heute bereits die Hälfte zum weltweiten Wachstum bei.
Die konjunkturellen Verhältnisse können sich aber rasch verschlechtern, wenn in den USA die Konsumentenstimmung kippt und weniger neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Bischofberger: Bricht der private Konsum in den USA ein, lässt sich eine Rezession nicht vermeiden. Wegen der günstigen Einkommensentwicklung und dem immer noch robusten Arbeitsmarkt gehen wir aber nicht davon aus, dass die Amerikaner ihren Konsum markant einschränken.
In der Schweiz wurden in vielen Branchen markante Lohnerhöhungen angekündigt. Steigt damit die Konsumneigung?
Bischofberger: Die Konsumenten sind weiterhin zuversichtlich. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben sich nicht auf die Ausgabenfreudigkeit ausgewirkt. Dazu tragen sicher auch die Lohnerhöhungen und die gute Lage am Arbeitsmarkt bei. Die privaten Haushalte verfügen 2008 über eine höhere reale Kaufkraft, dies nicht nur wegen dem Lohnanstieg, sondern auch weil die Einkommenssteuern in vielen Gemeinden sinken und die Krankenkassenprämien deutlich weniger steigen als in den vorangegangenen Jahren. Wir rechnen im nächsten Jahr mit einem Wachstum des privaten Konsums von knapp 2%.
Wie sieht es am Arbeitsmarkt aus?
Bischofberger: Er verzeichnet weiterhin Beschäftigungsgewinne. Im Durchschnitt aller Branchen erwarten wir 2008 einen Anstieg um 1,2%, nach 2,5% 2007. Die Nachfrage nach Fachkräften und Spezialisten ist ungebrochen hoch. Daran dürfte sich nicht allzu viel ändern.
Die Aktienmärkte sind volatiler geworden. Droht nach der jüngsten Zurückstufung von den früheren Rekordständen ein weiterer massiver Kurseinbruch?
Bischofberger: Nein, damit rechne ich nicht. Es ist aber durchaus möglich, dass wir den Tiefpunkt noch nicht gesehen haben. In den nächsten Wochen und Monaten können nochmals negative Überraschungen auftreten. Die Stimmung bleibt volatil. Mittelfristig sehe ich aber gute Perspektiven. Die Aktienmärkte werden sich erholen. Dazu tragen die auf mittlere Sicht günstige Entwicklung der Unternehmensgewinne und die längerfristig guten Aussichten für die Weltwirtschaft bei. Die wachstumstreibenden Kräfte, wie etwa der hohe Infrastrukturbedarf in allen Volkswirtschaften, der technologische Fortschritt und die Globalisierung, bleiben erhalten.
Das Gewinnwachstum bei den Unternehmen hat sich allerdings verlangsamt. Ist das ein Signal für eine Wende an den Aktienmärkten?
Bischofberger: Wir haben eine ungewöhnliche Situation hinter uns, die sich kaum wiederholen dürfte. Zwischen 2004 und 2007 war das Wachstum bei praktischer Preisstabilität und tiefen Zinsen sehr hoch. Der Kostendruck wird auch in den Emerging Markets zunehmen und die Rohstoffpreise sind bereits auf ein hohes Niveau geklettert. Damit wachsen die Unternehmensgewinne weniger schnell, aber das führt nicht zu einem Einbruch an den Börsen.
Der Börsenaufschwung hält nun schon fast fünf Jahre an. Ist der Aufwärtszyklus nicht ausgereizt?
Bischofberger: Es gibt immer wieder Zwischenkorrekturen in einem langfristig positiven Trend. Die Globalisierung hat mit der Vernetzung und Integration der Weltwirtschaft ein neues Umfeld geschaffen. Der Wettbewerb an den Arbeits- und Produktemärkten wird intensiv bleiben. Das verbessert die Gewinnaussichten für die Unternehmen und ist deshalb positiv für die Aktienmärkte.
Dann sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nicht überhöht?
Bischofberger: Nein, die Börsenbewertungen aufs Ganze gesehen sind attraktiv.
Gibt es Branchen, die für 2008 besonders vielversprechend sind?
Bischofberger: Es sind Sektoren mit einem hohen Innovationspotenzial, wie die Informationstechnologie und die Kommunikation. Von der hohen Investitionsnachfrage werden der Maschinenbau und die Produzenten von Präzisionsinstrumenten profitieren. Etwas weniger günstig sieht es wegen der abgeschwächten Konsumentenstimmung für die zyklische Konsumgüterindustrie aus.
Bleiben Anlagen in festverzinslichen Papieren weiterhin unattraktiv?
Bischofberger: Die Obligationenrenditen dürften noch etwas steigen, sodass eine neutrale Gewichtung oder Untergewichtung von festverzinslichen Wertpapieren in einem Portefeuille vorderhand noch gerechtfertigt ist.
Wann steigen die Zinsen?
Bischofberger: Im 1. Quartal 2008 ist eine weitere Zinsanhebung durch die Schweizerische Nationalbank denkbar.