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Eine Buchbesprechung zum neuesten Buch von Jean Ziegler, geschrieben von Stefan Federbusch, ofm
Jean Ziegler | Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin | 128 S. | Bertelsmann Verlag, München 2019 | ISBN: 978-3-570-10370-8
Preis: ca. CHF 20.–
Das Buch gewinnt seinen Reiz durch die Grundidee, es in Frage- und Antwortform zu gestalten. Ein Grossvater erklärt seiner Enkelin die Welt, genauer gesagt, die Funktionsweise des Kapitalismus. Über das Alter der Enkelin wird nichts ausgesagt. Der Autor spricht von „Kindern wie du“ (29), nicht von Jugendlichen. Andererseits wird mitgeteilt, dass die Fragestellerin auf´s Gymnasium geht (34), wo sie sich mit einer Abhandlung Rousseaus beschäftigt haben, was auf die Oberstufe schliessen lässt. Auch spricht sie davon, dass ihre Schulfreunde Marxisten seien (23). Nicht immer scheinen mir die Antworten in jugendgerechter und verständlicher Sprache auszufallen.
Inhaltlich ist der mittlerweile 85-jährige Autor Jean Ziegler für seine klare Positionierung bekannt. Seiner Meinung nach habe der Kapitalismus eine „kannibalische Weltordnung“ geschaffen, die radikal zerstört werden muss (13). „Lass es dir noch einmal gesagt sein, Zohra: Das kapitalistische System lässt sich nicht schrittweise und friedlich reformieren. Wir müssen den Oligarchen die Arme brechen, ihre Macht zerschlagen“ (121).
Die Akteure sieht Ziegler in der Internationalen Zivilgesellschaft mit ihren unzähligen Widerstandsformen. Von der Via Campesino, über die feministischen Bewegungen bis hin zu Greenpeace, Attac und Amnesty International (123).
Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (2000-2008) weiss Ziegler um die globalen Problemlagen, die zu Verelendung, Unterernährung und Kindersterben führen, zu Umweltzerstörung und Klimawandel. Für den Kampf David gegen Goliath gebraucht er ein anschauliches Bild: die neoliberale Ideologie gleiche „einem Boxkampf, in dem sich der Weltmeister im Schwergewicht, Anthony Joshua, und ein junger bengalischer Arbeitsloser, unterernährt, krank und von schmächtigem Körperbau, gegenüberstehen. Der Kapitalist beteuert: Der Kampf erfolgt nach gerechten Regeln. Beide Boxer sind den gleichen Bedingungen unterworfen. Möge der Bessere gewinnen!“ (101). Die vermeintliche Freiheit ist somit nur eine Pseudofreiheit. Kapitals unterwerfen.
„Für viele Leute ist es heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“ (Jean-Claude Michéa)(108). Selbst in einer direkten Demokratie wie der Schweiz stimmten die Bürgerinnen und Bürger in Volksabstimmungen gegen die Einführung eines Mindestlohns, gegen die Begrenzung der Managergehälter, gegen eine staatliche Krankenversicherung, gegen eine zusätzliche Urlaubswoche für alle, gegen eine Rentenerhöhung… Ziegler führt dies darauf zurück, dass 2 Prozent der Bevölkerung über 96 Prozent der Vermögenswerte verfügt und alles tut, um das Stimmverhalten des Volkes in seinem Sinne zu beeinflussen. Es bleibt also noch viel zu tun, um die Entfremdung der grossen Bevölkerungsmehrheiten zu überwinden und den Kapitalismus als Weltordnung abzuschaffen. Zumal nicht nur die 2 Prozent ganz anderer Meinung sein werden als der Autor.
Wenn die Streitschrift auch wie eingangs erwähnt an der ein oder anderen Stelle etwas konstruiert wirkt und durch die zahlreichen Fremdwörter eine Herausforderung darstellt, so ist sie doch eine lesefreundliche Alternative zu faktengespickten wissenschaftlichen Abhandlungen, die manche eher abschrecken. Dass eine Streitschrift nicht bis ins letzte differenziert, sondern etwas holzschnittartig für ihr Anliegen eintritt, liegt in der Natur der Sache. Historiker, Politologen und Ökonome werden an manchen Stellen zu anderen Bewertungen kommen. Wer die Grundzüge der kapitalistischen Wirtschaftsweise verstehen und ihre Auswirkungen reflektieren will, findet hier ein anregendes Werk, das die/den Lesende/n vor die Frage stellt, wo ich selbst dazu beitragen möchte, dass die Risse im Mauerwerk des Kapitalismus grösser werden.
Stefan Federbusch
Jean Ziegler (geb. 1934) ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Genf. Er war bis 1999 Nationalrat (Abgeordneter) im Eidgenössischen Parlament und von 2000 bis 2008 UN- Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats. Er ist Träger verschiedener Ehrendoktorate und internationaler Preise, wie z. B. des Internationalen Literaturpreises für Menschenrechte(2008). Seine in viele Sprachen übersetzten Bücher haben erbitterte Kontroversen ausgelöst und Jean Ziegler hohes internationales Ansehen verschafft. Zuletzt erschien von ihm „Der schmale Grat der Hoffnung“ bei C. Bertelsmann (2017).