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Der Schweizer Glaziologe Felix Keller züchtet im Engadin künstliche Gletscher, so genannte Eis-Stupas. Die Idee stammt aus dem indischen Ladakh. Kellers Ziel ist die Rettung des Morteratschgletschers. Doch da liegt noch viel Arbeit vor ihm. Denn die Eis-Stupas allein können den Gletscherschwund nicht aufhalten.
Felix Keller
Glaziologe
Felix Keller ist ein Schweizer Glaziologe. Er lehrt an der ETH Zürich Fachdidaktik Umweltlehre. Keller leitet das Institut an der Academia Engiadina. Er gehört zu den führenden Forschern auf dem Gebiet der Entwicklung von Eis-Stupas und Gletscherschutz.
SRF News: Es gibt künstliche Gletscher im indischen Ladakh und bei Ihnen im Engadin am Morteratschgletscher. Sind das die einzigen künstlichen Gletscher auf der Welt?
Felix Keller: Das hängt davon ab, wie man künstliche Gletscher definiert. Die Eis-Stupas, welche die Ladakhi als künstliche Gletscher bezeichnen, entsprechen nicht einem Gletscher wie wir uns ihn vorstellen. Anstelle einer grossen, sich talwärts bewegenden Eismasse sind es eher grosse und faszinierende Eiskörper, die jedoch in einem Garten Platz haben. Solche Eisspeicher wurden bereits mehrfach auch in anderen trockenen Hochgebirgsregionen, vor allem in Zentralasien, angelegt. Die speziell in Ladakh entwickelten Eis-Stupas gibt es bisher jedoch nur dort und seit dem vorletzten Winter in der Schweiz.
Was ist ein Eis-Stupa?
Ein Eis-Stupa ist ein künstlich gebildeter, bis 20 Meter hoher, Eiskegel. Dessen Schmelzwasser kann in trockenen Bergregionen zu Bewässerungszwecken genutzt werden. Es handelt sich um eine Erfindung aus Ladakh (Indien).
Inwiefern unterscheidet sich Ihr Gletscher-Projekt im Engadin von jenem in Ladakh?
Der Morteratschgletscher, den wir zu retten versuchen, verliert pro Jahr rund 15'000 Eis-Stupas. Es ist also vor allem eine ganz andere Grössenordnung von der wir in unserem Projekt sprechen. Oder anders formuliert: Es wäre nicht denkbar zur Rettung des Morteratschgletschers jährlich 15’000 Eis-Stupas zu bauen.
In Ladakh geht es darum, den Bauern Wasser für den Frühling zu geben. Was ist das Ziel im Engadin?
Die Eis-Stupas aus Ladakh bei uns im Engadin sind einfach sehr schön. Unsere vielen Besucher sind fasziniert. Die Eis-Stupas regen zum Nachdenken an. Es geht uns im Engadin darum, die Besucher unseres Eis-Stupa-Dorfes für das globale Thema «Wasser und Eis» zu begeistern.
Die Eis-Stupas aus Ladakh sind einfach sehr schön.
Aber nützlich sind die Eis-Stupas schon auch?
Ja, klar. Die Stärken dieser Eiskörper liegen in der energie-neutralen und dezentralen Anwendung als jahreszeitliche Wasserspeicher in der Landwirtschaft von Hochgebirgswüsten.
Sie experimentieren momentan in Pontresina. Gibt es auch geplante Eis-Stupas an anderen Orten in der Schweiz?
Wir sind bereits an einem 1:1-Projekt zur Sicherung der Wasserversorgung der Lischanahütte im Unterengadin. Es laufen aber auch Gespräche für den Bau von Eis-Stupas im Berner Oberland.
Ihr Ziel als Forscher ist es, den Morteratschgletscher zu retten. Wie weit sind Sie schon?
Wir konnten die Machbarkeit der Gletscherrettung wissenschaftlich nachweisen und haben dies auch entsprechend publiziert. Im Moment sind wir an der Erarbeitung der technischen Umsetzung sowie im politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozess und werden dieses Projekt wieder an der nächsten Weltwasserwoche in Stockholm präsentieren.
Wie funktioniert Ihr Projekt genau?
Wir sprechen von sogenanntem Schmelzwasser-Recycling. Dies bedeutet konkret, dass wir im Sommer das Schmelzwasser sammeln und im Winter mittels dem neuen in der Schweiz entwickelten Verfahren ohne Einsatz von externer elektrischer Energie wieder zu Schnee umwandeln. Unsere Berechnungen zeigen, dass wenn wir zehn Prozent der Gletscheroberfläche im Sommer am richtigen Ort schneebedeckt halten können, der 1,5 Milliarden Tonnen schwere Morteratschgletscher in zehn Jahren wieder zu wachsen beginnen würde.
Ist somit die allgemeine Angst vor dem grossen Gletscherschwund unberechtigt, weil man auch künstlich den Gletscher jederzeit wieder aufwerten kann?
Dem ist leider nicht so, denn die sogenannten künstlichen Gletschern sind rein von der Grössenordnung gesehen mit den natürlichen Gletschern gar nicht vergleichbar. Kommt hinzu, dass das von uns entwickelte Rettungsverfahren sehr aufwendig ist.
Das Gespräch führte Benedikt Widmer.