Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03428.jsonl.gz/647

Als Neunjähriger flüchtete Dominic Lobalu vor dem südsudanesischen Bürgerkrieg. Der Laufsport führte ihn in die Schweiz, wo er Asyl beantragt hat und seither Rennen für Rennen gewinnt – so auch am Samstag beim 44. Kerzerslauf.
Bei idealen äusseren Bedingungen lieferten sich Dominic Lobalu und Simon Cheprot am Samstag in Kerzers ein umkämpftes Duell. Schliesslich war es der 23-jährige Lobalu, der sich über die 15 Kilometer in 44:33 Minuten gegenüber seinem kenianischen Widersacher mit rund zwei Sekunden Vorsprung durchsetzen konnte. Für den jungen Afrikaner war es der erste Sieg am Kerzerslauf, nachdem er 2019 bereits den Murtenlauf für sich entscheiden konnte und den Gedenklauf im letzten Herbst als Fünfter beendet hatte. Mit Simon Ekidor, Titus Kipkosgei und Isaac Kipkemboi, 2021 Zweiter in Kerzers, klassierten sich auf den Rängen 3 bis 5 weitere Kenianer.
Die Geschichte des Siegers ist eine spezielle. Mit seiner Schwester flüchtete Lobalu als Neunjähriger während des südsudanesischen Bürgerkriegs vor den einfallenden Soldaten. Während seine Eltern dem Krieg zum Opfer fielen, begann Lobalu in Kenia mit dem Laufsport und wurde Mitglied im sogenannten Refugee-Team der Kenianer. Als einer der Besten schaffte er es bis an die WM 2017 in London. Die Erfahrungen, die Lobalu mit dem Flüchtlingsteam machte, waren aber nicht nur positiv: Er lief Strassenrennen in Europa und sah oftmals nur einen Bruchteil der Preisgelder, Versprechungen wurden nicht eingehalten. So auch 2019, als er mit dem Team nach Genf reiste. Lobalu gewann das 10-km-Rennen in 29:14 Minuten und wusste, dass er finanziell übers Ohr gehauen wird. Tags darauf setzte er sich mit zwei Freunden ab. Dennoch sass er wenige Tage später wieder im Flugzeug zurück nach Kenia. Weil ein Bekannter ihm Geld zukommen liess, konnte sich Lobalu beim Zwischenstopp in London ein Ticket für Lausanne kaufen. Von dort ging es in das Asylzentrum Vallorbe und schliesslich nach Chiasso.
Der Traum von Olympia
Während des Asylprozesses im Tessin fragte Lobalu immer wieder nach Trainingsmöglichkeiten in einem Team nach. So landete der Afrikaner in der Asylunterkunft in Ennetbühl und schloss sich dem LC Brühl an, wo ihn Trainer Markus Hagmann unter die Fittiche nahm.
Seither nimmt er ausschliesslich an Wettkämpfen in der Schweiz statt, weil sein Ausländerausweis mit dem Status F keine Auslandreisen zulässt. Hierzulande gehört er inzwischen zu den Besten; Siege am Silvesterlauf in Zürich oder an den Schweizer Meisterschaften im Halbmarathon unterstreichen das Potenzial Lobalus, der zuweilen mit dem Schweizer Aushängeschild Tadesse Abraham trainiert und hofft, bald den Status B zu erhalten, der ihm die Türe ins Ausland öffnen würde. Dass er an Schweizer Meisterschaften nicht einmal medaillenberechtigt ist, stört Lobalu nicht. «Ich laufe ja nicht fürs Geld oder die Medaillen», sagte er unlängst in einem Interview. «Dass ich im Gegensatz zu früher locker und ohne Zwang laufen kann, bedeutet mir viel mehr.» Und doch träumt der Kerzerslauf-Sieger von der ganz grossen Bühne: Er will 2024 für die Schweiz an den Olympischen Spielen teilnehmen.
Bekele eine Klasse für sich
Internationale Erfolge kann derweil Helen Bekele schon seit Jahren aufweisen. Die ebenfalls in der Schweiz lebende Äthiopierin gewann den Kerzerslauf in 51:00 Minuten vor der Kenianerin Joyce Njeru (21:22) und der Schweizer Berglaufspezialistin Maude Mathys (52:15). 2019 hatte Bekele den Streckenrekord des Murtenlaufs pulverisiert und schon zuvor alle relevanten Läufe in der Romandie wie die Escalade in Genf, die Corrida in Bulle oder die 20 Kilometer von Lausanne für sich entscheiden können. Der Sieg Bekeles, die vor vier Jahren beim Tokio-Marathon den zweiten Platz erreicht hatte, war insofern alles andere als eine Überraschung.
Umso unerwarteter war hingegen der 6. Rang von Julien Lyon (Chêne-Bougeries) bei den Männern, der sich damit noch vor den mehrfachen OL-Weltmeistern Matthias Kyburz und Daniel Hubmann sowie dem nationalen Spitzenläufer Adrian Lehmann den Titel des schnellsten Schweizers in Kerzers sicherte. «I am back!», schrie Lyon beim Überqueren der Ziellinie in den Himmel und setzte damit seiner Leidensgeschichte ein Ende. «Seit 2016 hatte ich gesundheitliche Probleme und musste mich zwei Jahre später an beiden Achillessehnen operieren lassen. Seither lief ich nie ohne Schmerzen.» Das sei nun passé und der Kerzerslauf hoffentlich der endgültige Neuanfang, so Lyon.
Seraina Stettler läuft ohne Trainingsplan, aber mit viel Freude
Im letzten August, als der Kerzerslauf wegen der Pandemie noch in einem speziellen Format stattgefunden hatte, lief Seraina Stettler überraschend auf den dritten Platz. Nicht im Elitefeld gestartet, düpierte die 22-Jährige aus Jeuss die Konkurrenz. Diesmal startete Stettler mit den Besten. «Das setzte mich unter Druck, die starten alle so schnell», lachte sie im Ziel. Sie überhole im Rennen die Konkurrenz lieber, das sei motivierender. In 59:24 Minuten klassierte sie sich letztlich im 13. Rang und wurde im Rennen der Freiburgerinnen nur von Delphine Bossart-Marmy (CAG Farvagny) geschlagen, die Zwölfte wurde. Betrüben konnte das Stettler nicht, sie hatte ihr Ziel erreicht. «Bei Kilometer 14 habe ich gesehen, dass mir noch vier Minuten blieben, um unter einer Stunde zu laufen», sagte die Seeländerin, die in Payerne unlängst Freiburger Meisterin über die 10 Kilometer auf der Strasse wurde.
Ich habe keinen Trainingsplan und keine konkreten Ziele in der Leichtathletik. Ich mache alles für den Spass», erklärte Stettler, die an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und sich mit Unisport fit hält. «Rad, Rudern, Aerobic, Trampolin – ich mache Verschiedenes. Momentan geht alles auf, das macht noch mehr Freude.»
Piller mit der besseren Tagesform
Klar bester Freiburger im Feld der Männer wurde Jari Piller. Der Läufer des TSV Düdingen lief in 49:10 Minuten als 17. ins Ziel ein und nahm Jérémy Schouwey (CS Broc) und Pascal Berset (CAG Farvagny) über eine halbe Minute ab. «Jérémy hatte nicht seinen besten Tag und nur wenige Trainings vom Februar in den Beinen. Ich hatte die bessere Tagesform», bilanzierte Piller. Sobald er das Tempo angezogen habe, sei Schouwey in Schwierigkeiten geraten, so der Stadtfreiburger.
Zuvor hatte das Duo aber versucht, trotz starken Gegenwinds Boden auf das Spitzenfeld gut zu machen. «Wir liefen abwechselnd im Wind, um nochmals heranzukommen, und haben uns dabei ein wenig verheizt», so Piller, der zwecks Vorbereitung auf das Rennen in Kerzers unter anderem um den Murtensee gerannt war. «Der Kerzerslauf war eine Standortbestimmung für mich. Ich werde nun entscheiden, wie mein weiteres Programm aussehen wird.» Sicher auf der Liste werden weitere Volksläufe im Kanton sein.
OK-Präsident Ith: «Es ist wie eine Familie, die wieder zusammenkommt»
Mit rund 5511 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern (4895 klassiert) am ersten «normalen» Kerzerslauf seit 2019 zog OK-Präsident Markus Ith eine positive Bilanz: «Es ist eine grosse Freude, die Läuferschar wieder zu sehen. Es ist wie eine Familie, die wieder zusammenkommt. Sie ist noch nicht ganz so gross, wie noch vor drei Jahren, aber wir sind sehr zufrieden.» Es sei eine stattliche Zahl für diesen Neuanfang.
Die 45. Austragung ist für den 18. März 2023 angesetzt. «Dann wollen wir auf dem heutigen Lauf aufbauen und den Teilnehmern einen guten Event bieten.» Ob sich die Teilnehmerzahl schon in einem Jahr wieder in den alten Sphären mit über 8000 Läuferinnen und Läufern bewegen wird, vermag Ith nicht zu sagen. «Wir nehmen es, wie es kommt. Es bringt nichts, uns mit Zahlen unter Druck zu setzen.» Man werde beobachten, welche Zahlen die anderen Läufe in diesem Jahr noch erreichen werden; dann könne man die Richtung, in die es gehe, abschätzen.