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Ein «eiserner Vorhang» in Bern – und bald eine Million für Leonardo Genoni?
Der SCB kann die grösste Dynastie des Playoff-Zeitalters bauen. Aber nur, wenn Kari Jalonen klüger ist als John Slettvoll und Leonardo Genoni bleibt. Er ist wichtiger als der Trainer.
Eine Dynastie ist nach nordamerikanischer Definition nur ein Hockey-Unternehmen, das vier Titel hintereinander gewinnt. Streng genommen gibt es also seit Einführung der Playoffs nur die Dynastie des EHC Kloten mit den Titeln von 1993, 1994, 1995 und 1996.
Wir sind etwas grosszügiger und gewähren auch dem HC Lugano den Ehrentitel Dynastie. Für die Meisterschaften von 1986, 1987, 1988 und 1990.
Wenn wir wissen wollen, ob Kari Jalonen mit dem SC Bern die nächste echte Dynastie bauen kann – wobei die Meisterschaft von 2016 natürlich Lars Leuenberger gehört – dann finden wir eine Antwort in der Vergangenheit. Wenn wir der Frage nachgehen, warum die zwei vorerwähnten Dynastien in Kloten und Lugano untergegangen sind.
Von den bösen Bernern entthront
Der EHC Kloten hatte zum richtigen Zeitpunkt seine beste Mannschaft: das «Grande Lugano» und die «Big Bad Bears» in Bern hatten ihre Strahl- und Schlagkraft verloren. Die ZSC Lions gab es noch nicht. Arno Del Curto und sein HCD standen erst am Anfang ihrer Entwicklung. Fribourg-Gottéron, der einzige Herausforderer, hatte Slawa Bykow und Andrej Chomutow, noch immer die besten Ausländer aller Zeiten. Aber keinen Torhüter wie Reto Pavoni.
Und so konnte Kloten der letzte Meister unterer Playoff-Geschichte werden, der mit einem überragenden ersten Block plus einem grossen Torhüter Titel gewinnen konnte. Sobald sich die Titanen wirtschaftlich und sportlich erholten und in Davos ein neues Hockey-Kraftzentrum entstand, blieb Kloten nur noch die Aussenseiterrolle. Die Klotener geben uns keine Hinweise auf die Zukunft des SC Bern.
Der HC Lugano hingegen schon. Das «Grande Lugano» wurde zwar von einem starken Gegner, den grossen, bösen Bernern («Big Bad Bears») entthront. Aber die Wucht und Kraft der Berner war nicht der wichtigste Faktor. Entscheidend war der Grössenwahn von Luganos Trainer John Slettvoll.
Der John Slettvoll des 21. Jahrhunderts
Er perfektionierte das Spiel seiner Mannschaft wie vor ihm und nach ihm bis Kari Jalonen kein anderer Trainer. Das «Grande Lugano» war das Produkt seines Trainers. John Slettvoll stürzte ab, als er sich als «Hockey-Gott» wähnte und nach der totalen Spielkontrolle strebte. Der Schwede hatte nicht die talentierteste Mannschaft seiner Zeit. Aber die taktisch beste, disziplinierteste und defensiv beste. Eine Hockeymaschine.
Der John Slettvoll des 21. Jahrhunderts heisst Kari Jalonen. Mit seinem Perfektionismus, seiner Detailbesessenheit mahnt er stark an John Slettvoll. Und sein SCB funktioniert taktisch inzwischen ähnlich und fast so gut wie einst das «Grande Lugano». Der SCB ist taktisch mit Abstand die beste Mannschaft der Liga.
Seit dem «Grande Lugano» war nie mehr so viel Geld und so viel Talent taktisch so gut geschult. Nicht einmal in Davos. Nun hat der SCB den Vertrag mit dem taktischen Hexenmeister bis 2020 verlängert. Es ist der längste Vertrag, der in Bern seit der Einführung der Playoffs je mit einem Trainer abgeschlossen worden ist.Die Folgen dieses Vertrages, der schon fast einem «Hockey-Bundesbrief» gleichkommt, werden weitreichender sein als es sich SCB-General Marc Lüthi heute vorstellen kann.
Es droht ein «eiserner Vorhang der Langeweile»
Um es etwas salopp zu sagen: ein «eiserner Vorhang der Langeweile» senkt sich nun für die nächsten zweieinhalb Jahre über den SC Bern, einem führenden Unternehmen der Unterhaltungsindustrie. Kari Jalonen hat auf und neben dem Eis alles unter Kontrolle. Künftig gibt es nur ein bisschen Unterhaltung durch Transfergerüchte. Aber die hatten wir ja schon immer.
Ach, was waren das für herrliche Zeiten, als die Chronisten gegen den SCB-Trainer polemisierten konnten! Als Marc Lüthi von der Tribune herunterstieg um in der Kabine zu toben oder den Trainer sofort nach Spielende standrechtlich zu feuern! Sie sind dahin. Zumindest so lange wie Kari Jalonens Vertrag läuft. Der dauerhafte Erfolg ist programmiert.
Der SCB kann bis und mit der Saison 2019/20 die Liga dominieren. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Berner nach 2016 und 2017 auch 2018, 2019 und 2020 Meister werden und die grösste Dynastie der modernen Geschichte unseres Hockeys werden.
Oder doch nicht? Die entscheidende Frage ist, ob Kari Jalonen auf die gleiche Art und Weise hockeytaktisch grössenwahnsinnig wird wie einst John Slettvoll in Lugano. Er zeigt zwar gewisse Tendenzen. Die sind halt nicht zu vermeiden, wenn ein Trainer in einem Hockeyunternehmen zu mächtig und ein Wort Gospel (Wahrheit) wird. Inzwischen lässt der SCB-Meistertrainer sogar gegen Lotterteams wie Biel nach dem Motto «safety first» arbeiten statt spielen. Aber kann ein Unternehmen wie der SCB auf Dauer von Siegen alleine leben?
Der beste Goalie der Liga
Es gibt allerdings einen ganz grossen Unterschied zu John Slettvoll: Kari Jalonen ist ein international hoch respektierter Trainer und geniesst in Finnland Kultstatus. Er wird nicht von Minderwertigkeitskomplexen geplagt wie einst John Slettvoll, der nur in der Schweiz und sonst nirgendwo Ansehen genoss. Und es gibt noch einen Unterschied. Lugano funktionierte so gut, dass John Slettvoll glaubte, es gehe auch ohne grossen Torhüter. Nie vorher und nie nachher ist eine Mannschaft mit so durchschnittlichen Goalies Meister geworden wie das «Grande Lugano».
Dann ist diese Dynastie von Renato Tosios SCB gestürzt worden. Der SC Bern hat Leonardo Genoni. Den mit Abstand konstantesten und besten Goalie der Liga. Er ist und bleibt wichtiger als Kari Jalonen. Die vorzeitige Verlängerung mit ihm wird teuer. Weil auch die ZSC Lions, der HC Lausanne und – wenn Elvis Merzlikins in die NHL wechseln sollte – auch Lugano Meistergoalies brauchen. Und ich sehe für die nächsten fünf Jahre keinen neuen Meistertorhüter.
Durchbricht Genoni die Schallmauer?
Leonardo Genoni kann der erste Spieler werden, der nach Ablauf seines Vertrages im Frühjahr 2019 oder bei einer vorzeitigen Verlängerung die «Schallmauer» von einer Million Jahreslohn in unserer Liga knackt. Nun, da die Trainerfrage gelöst ist, kann sich Sportchef Alex Chatelain den Transfers zuwenden. Den Mitläufer Simon Bodenmann (er hat in Bern in der Qualifikation noch nie mehr als 8 Tore erzielt) wird er Ende Saison verlieren (für vier Jahre zu den ZSC Lions).
Kein Problem. Der SCB-Sportchef hat nun reizvolle Optionen auf dem Transfermarkt: soll er beispielsweise als Ersatz den ZSC Lions den offensiven Schillerfalter Roman Wick (31) ausspannen? Das wäre gut für die offensive Unberechenbarkeit und die Unterhaltung. Oder vielleicht besser den Langnauern den braven Yannick-Lennart Albrecht (23)? Oder soll er versuchen, Denis Hollenstein (28) in Kloten aus dem laufenden Vertrag herauszuholen – auch um zu verhindern, dass er bei den ZSC Lions landet?
Ein bisschen Transfergerüchte sind das letzte Vergnügen, das einem SCB-Chronisten neben dem Verfassen von Meisterwürdigungen noch bleibt.