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Viele Kinder machen bei den Hausaufgaben keinen Strich alleine. Ständig muss man danebensitzen und ihnen sagen, was als nächstes zu tun ist. Andere Kinder kommen jede zweite Minute und fragen, ob ein Ergebnis richtig ist. Das kann einen schier zum Wahnsinn treiben! In diesem Artikel verraten wir Ihnen, weshalb viele Kinder die Hausaufgaben nicht selbständig machen möchten - und wie Sie Ihr Kind zu mehr Selbständigkeit anleiten. Falls Sie Lehrer/in sind, erfahren Sie hier, wie Sie dazu beitragen können, dass Ihre Schüler/innen die Hausaufgaben selbständig erledigen können.
1. Kinder sind unselbständig, weil sie nicht gerne alleine sind
Gerade jüngere Kinder geniessen die Nähe zu ihren Eltern. Durch unselbständiges Arbeiten erhalten sie eine „Extra-Portion Elternzeit“ auf die sie nicht verzichten möchten. Eine Neunjährige hat es auf den Punkt gebracht als sie meinte:
„Für mich hat meine Mutter nicht so viel Zeit – aber für die Schule schon.“
Kinder stellen beispielsweise fest:
Wenn ich meine Eltern frage, ob sie ein Spiel mit mir machen, dann antworten sie mit dem Satz: "Du Schatz, ich muss noch..."
Wenn ich ihnen sage, dass ich die Aufgabe nicht verstehe, dann sind sie gleich da: "Zeig mal her..."
Während Eltern häufig keine Zeit haben, nehmen sie sich diese, sobald es um die Schule geht.
Doch auch wenn die Eltern sich oft mit dem Kind abgeben, sind viele Kinder schlicht ungern alleine. Sie fühlen sich unwohl, wenn sie alleine ins Zimmer geschickt werden, um dort ihre Hausaufgaben zu erledigen.
Arbeiten Sie neben Ihrem Kind
Um selbständig zu arbeiten muss ihr Kind nicht alleine sein. Sie können Ihr Kind dazu einladen, neben Ihnen in Ihrem Arbeitszimmer oder am Küchentisch zu arbeiten. Oft hat es sich dabei bewährt, wenn Sie etwas tun, bei dem Sie sich ebenfalls konzentrieren müssen. Erledigen Sie die E-Mails oder bezahlen Sie die Rechnungen, während Ihr Kind die Hausaufgaben löst. Falls es Sie häufig unterbricht, könnten Sie ihm sagen, dass es gerne neben Ihnen arbeiten darf, Sie sich aber konzentrieren müssen: "Schreib doch die Fragen auf und mach mal weiter. Ich schaue es am Schluss mit dir an."
Sie können dem Kind auch zu verstehen geben, dass Sie mehr Zeit für schöne Aktivitäten mit ihm haben, wenn es selbständig arbeitet: "Jetzt hast du das alles alleine geschafft und weisst du was? Ich bin auch fertig mit den Mails und hätte jetzt Zeit für ein Spiel."
2. Kinder sind unselbständig, weil sie sich unsicher fühlen
Manche Kinder fühlen sich beim Lernen unsicher und haben Angst, etwas falsch zu machen. In der Folge fragen sie ständig nach, ob einzelne Aufgaben richtig gelöst sind.
Viele Eltern reagieren darauf mit einem "Ja! Das stimmt! Gut so. Mach jetzt weiter."
Paradoxerweise verstärkt diese Reaktion die Unselbständigkeit des Kindes. Es lernt: Wenn ich mich unsicher fühle und dann nachfrage, fühle ich mich wieder gut. Allerdings hält dieses gute Gefühl nur bis zur nächsten Aufgabe an. Gleichzeitig betonen Eltern oft, dass das Kind die Aufgabe "richtig" oder "gut" gelöst hat. Dadurch geben sie ihm das Gefühl, dass es wichtig ist, Aufgaben gut und richtig zu erledigen und bestärken damit unbewusst den Anspruch des Kindes, keine Fehler zu machen.
Betonen Sie, dass Sie Selbständigkeit schätzen
Viele Kinder bemühen sich bereits um mehr Eigenständigkeit, wenn sie merken, dass ihre Eltern Wert darauf legen.
Sie können mit Ihrem Kind gemeinsam die Hausaufgaben planen und es anschliessend zu mehr Selbständigkeit ermutigen. Zum Beispiel mit Fragen wie:
- "Was davon traust du dir alleine zu?"
- "Willst du die nächsten zwei Rechnungen selbständig versuchen?"
- "Ich glaube, die restlichen Sätze kriegst du alleine hin."
Sie können auch eine Forderung in Richtung Selbständigkeit stellen, der Ihr Kind gut nachkommen kann, wie: "Ich möchte, dass du den Tisch frei räumst, die Hausaufgabenhefte und Bücher hervorholst, die Bleistifte spitzt und alles alleine soweit vorbereitest, dass wir gleich starten können."
Sobald Ihr Kind – aus Eigenantrieb oder aufgrund Ihrer Ermutigung – versucht hat, sich einer Aufgabe alleine zu stellen, können Sie darauf zurückkommen und Ihre Wertschätzung dafür ausdrücken. Achten Sie einfach darauf, dass die Wörter „alleine“, „selbst“, „selbständig“ immer wieder in Ihrem Lob auftauchen:
- "Hey toll, so weit bist du schon alleine gekommen?"
- "Schön, wie selbständig du in letzter Zeit bist."
- "Du hast ja fast alles selbst geschafft!"
In dieser Phase ist es wichtig, dass Sie Ihre Qualitätsansprüche bewusst anpassen. Nichts ist bei den Hausaufgaben frustrierender als die Erfahrung: „Jetzt habe ich es alleine versucht, es war anstrengend – und jetzt wo ich endlich fertig bin wollen meine Eltern auch noch, dass ich alle Fehler ausbessere!“
Sobald Ihr Kind merkt, dass Ihnen eigenständiges Arbeiten wichtiger ist als ein „gutes“ oder „richtiges“ Resultat, werden sich auch die Unsicherheiten reduzieren.
3. Ihr Kind ist unselbständig, weil Ihre Hilfe zu bequem ist
Manche Nachhilfelehrer und Eltern sind stolz, wenn Kinder und Jugendliche zu ihnen sagen: „Wenn du das erklärst, wird es mir gleich viel klarer.“ Sie sind Experten darin, den Stoff in einfacheren Worten wiederzugeben, tolle Beispiele zu finden und den Stoff zu veranschaulichen. Es sind jedoch die gleichen Kinder, die zu sich sagen: „Es ist nicht so schlimm, wenn ich es in der Schule nicht kapiere, mein Papa zeigt es mir nochmal!“ oder „Dieser Text ist echt schwer – das muss mir dann die Mama erklären.“
Es ist für Kinder viel bequemer und spannender, den Stoff zusammen mit so einem tollen "Nachhilfelehrer" zu lernen, als sich den Text mühsam selbst zu erarbeiten oder im Heft nachzuschlagen wie die Rechenaufgabe geht.
Geben Sie Hilfe zur Selbsthilfe
Direkte, fachliche Hilfe, bei der Sie den Stoff in einfacheren Worten erklären, Lösungswege zeigen oder Ihrem Kind sagen, was es tun soll, ist kurzfristig der einfachere Weg. Das Kind versteht schneller, was es tun soll, schreibt in der nächsten Prüfung eine bessere Note und ist dankbar für Ihre Hilfe.
Es wird aber auch abhängiger von weiterer Hilfe. Es lernt nur den jeweiligen Stoff, aber keine Strategien, um sich in Zukunft selbst zurecht zu finden. Langfristig profitiert Ihr Kind nur von einer Hilfe zur Selbsthilfe.
Nehmen wir an, Ihr Kind muss einen schwierigen Text lernen. Sie denken sich vielleicht: Dieses Geschichtsbuch ist ja wirklich umständlich geschrieben und beginnen, direkt zu helfen, indem Sie den Stoff in einfacheren Worten wiedergeben, Fragen beantworten oder dem Kind dabei helfen, eine einfachere Zusammenfassung zu schreiben.
Wenn Sie Hilfe zur Selbsthilfe geben, haben Sie nicht nur den aktuellen Text im Kopf: Es geht Ihnen viel mehr darum, Ihrem Kind beizubringen, wie es schwierige Texte lesen, verstehen und lernen kann. Stolpert es über eine schwierige Stelle und fragt Sie um Hilfe, könnten Sie beispielsweise wie folgt reagieren:
- Was hast du denn bis jetzt verstanden?
- Lies einmal weiter – manchmal wird es später im Text erklärt.
- Gibt es ein bestimmtes Wort, das du nicht verstehst? Willst du es nachschlagen?
- Was ist mit der Grafik hier auf der Seite? Was zeigt sie?
- Lies es noch einmal durch – oft sieht man die Zusammenhänge bei schwierigen Texten erst beim zweiten Durchlesen.
- Habt Ihr dazu im Unterricht etwas gehabt? Kannst du dich erinnern, worum es ging?
- Helfen dir die Lernziele dabei, das zu verstehen?
Durch Hilfestellungen dieser Art vermitteln Sie Ihrem Kind Strategien anstatt Wissen. Mit der Zeit reicht es vielleicht sogar aus, wenn Sie einfach sagen:
- Wie könntest du vorgehen?
Gleichzeitig macht Ihr Kind dabei die wichtige Erfahrung, dass Lernen oft bedeutet, etwas zunächst nicht zu verstehen, dran zu bleiben, die gleiche Sache aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und schließlich zu einem Aha-Erlebnis zu gelangen.
Diese Hilfe zur Selbsthilfe ist für das Kind zunächst anstrengender. Manche Kinder werden sogar wütend und fragen: Warum kannst du es mir nicht einfach sagen!? Gleichzeitig ist diese Art der Hilfe zu Beginn auch für Sie als Eltern mühsamer.
Die Belohnung folgt jedoch nach einiger Zeit. Sie können beobachten, wie Ihr Kind kompetenter wird, mehr Strategien nutzt, mehr Ausdauer zeigt und weniger Hilfe braucht.
4. Ihr Kind ist unselbständig, weil es überfordert ist
Es kann auch sein, dass Ihr Kind auf Ihre Hilfe angewiesen ist, weil es schlicht und einfach überfordert ist.
Ihr Kind kann inhaltlich überfordert sein: Kinder mit Teilleistungsschwäche wie einer Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche benötigen auf sie abgestimmte Hausaufgaben. Nehmen Sie mit der Lehrperson Kontakt auf, wenn die Hausaufgaben regelmässig zu schwierig sind.
Ihr Kind kann aber auch im Bereich der Selbststeuerung und Planung überfordert sein. Gerade Kinder mit ADHS/ADS gelingt es oft nicht, die Hausaufgaben selbständig einzuteilen, früh genug anzufangen oder bei Schwierigkeiten dranzubleiben. In diesem Fall ist es hilfreich, wenn Sie beispielsweise mit dem Kind zusammen einen Hausaufgabenplan erstellen und für genügend Pausen sorgen.
Die wichtigsten Tipps haben wir im folgenden Video nochmals zusammengefasst. Vielleicht schauen Sie es sich mit Ihrem Kind an und sprechen gemeinsam über das Thema Selbständigkeit? (Falls es nicht richtig angezeigt wird, können Sie es auch direkt auf YouTube ansehen)
Kostenlos: Unser Online-Kurs "Mit Kindern lernen"
Möchten Sie wissen, welche Lernstrategien für Grundschulkindern hilfreich sind, wie Sie Hausaufgabenkonflikte beenden und die Motivation Ihres Kindes fördern können? Dann ist unser Online-Kurs "Mit Kindern lernen" genau das Richtige. In 12 Lektionen erfahren Sie, wie Sie Ihr Kind beim Lernen sinnvoll unterstützen können:
Autorenteam
Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.