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Das Solidaritätsprinzip lässt sich mit dem Grundsatz "Einer für alle, alle für einen" umschreiben. Individuen, Gruppen oder Staaten in Bündnissen können solidarisch sein, wenn sie das Gefühl haben, dass sie zusammen gehören. Diese Zusammengehörigkeit äussert sich darin, dass man sich gegenseitig unterstützt.
So hat auch der Begriff Solidarität seine ganz praktische Seite - ebenso wie die Humanität, die wir als Hilfeleistungen umsetzen.
Im Christentum geht die Solidarität sogar noch weiter. Christliche Nächstenliebe fordert die Unterstützung aller Menschen, die es nötig haben - nicht nur solcher mit gleichen Interessen oder Zielen.
Die christlich begründete Solidarität soll im geistigen und im materiellen Bereich gelten. Sie ist ursprünglich eine Selbstverpflichtung des Individuums vor Gott.
Solidarität hat aber auch die Form von Gesetzen angenommen. Zum Beispiel kann eine unterlassene Hilfeleistung unter Strafe gestellt werden. Solche Gesetze existieren in eingeschränkter Form auch im materiellen Bereich, etwa bei der Unterhaltspflicht zwischen Ehegatten oder Eltern und Kindern.
Im 19. Jahrhundert wurde in Europa im Zusammenhang mit der Industrialisierung das Solidaritätsprinzip erstmals gesellschaftlich anerkannt: Arbeiter schlossen sich zu Gewerkschaften zusammen und kämpften gemeinsam für bessere Bedingungen. (Sie machten dabei dasselbe, was Dunant immer wieder vorschlug: Sie organisierten sich.) Die Arbeiterschaft sicherte sich gegen Entwicklungen ab, die in ihren Augen ihre Existenz bedrohen. Solidarität wurde zur Grundlage, ja zum Kampfbegriff der Arbeiterbewegung.
Das institutionalisierte Solidaritätsprinzip kommt auch in bestimmten Rechtsformen, etwa bei den Versicherungen zum Ausdruck. Dies ganz besonders in den Bereichen, die die Arbeitsfähigkeit einschränken: Krankheit, Unfall, Altersvorsorge, Arbeitslosigkeit und Behinderung. Während der Grundgedanke der Solidarität von Freiwilligkeit ausgeht, ist die Mitgliedschaft in den Sozialversicherungen nicht freiwillig.
Der "Vertrag" funktioniert folgendermassen: Jedes Mitglied einer Solidaritätsgemeinschaft bezahlt Beiträge in die gemeinsame, von einer Versicherungsgesellschaft verwaltete Kasse. Wer einen Schaden erleidet, erhält daraus finanzielle Mittel.
Hilfswerke und humanitäre Organisationen wie die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung bauen aber auf der Freiwilligkeit und der Uneigennützigkeit ihrer Mitglieder und Angestellten auf. Sie setzen sich ein, weil sie den Mitmenschen helfen wollen. Unabhängig davon, ob der Einsatz ohne oder gegen bescheidenes Entgelt geschieht - es zählt vor allem, dass er nicht aus Gewinnorientierung geschieht, sondern aus dem selbst gewählten humanitären Engagement. Ein Netzwerk von 97 Millionen ehrenamtlich Tätigen - Mitgliedern und Freiwilligen - bildet die Grundlage der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.
In der Schweiz hat der Anteil der Freiwilligenarbeit in den letzten Jahrzehnten eher abgenommen (auch wenn er sich immer noch auf hohem Niveau bewegt). In der Zukunft wird Freiwilligkeit wegen der Bevölkerungsentwicklung noch stärker gefragt sein. Es gibt nämlich eher weniger Geburten und eine hohe Lebenserwartung, folglich weniger Junge. Das Schweizerische Rote Kreuz fördert die Freiwilligenarbeit mit einem speziellen Programm.
Nicht selten sind es Ausnahmesituationen, die uns zum solidarischen Handeln bringen: Umweltkatastrophen wie Hochwasser oder Stürme, die einen geregelten Alltag ausser Kraft setzen, mobilisieren oft grossartige Hilfsaktionen.
Der Dorfbrand in Heiden AR vom September 1838 ist ein Beispiel aus der Geschichte, das zu Dunant gut passt. Mit einer Ausnahme wurden alle Häuser zerstört. Innerhalb von zwei Jahren entstand das Dorf neu und schöner, in regelmässiger klassizistischer Anlage. Möglich wurde dies durch eine überregionale Solidarität. Nur zehn Jahre nach dem Brand entwickelte sich Heiden zum erfolgreichen Molkenkurort. Ein aktuelles Beispiel stellt die bislang grösste, weltweite Spendenaktion nach dem Meerbeben vom 26. Dezember 2004 ("Tsunami") dar.

Solidarität

Während eines Streiks, der von der gesamten polnischen Bevölkerung getragen und als antikommunistische Bewegung verstanden wurde, schlossen sich 1980 die polnischen Arbeiter der Schiffswerft Danzig zur Gewerkschaft Solidarnosc ("Solidarität") zusammen. Inzwischen hat die Solidarnosc an politischem Einfluss verloren. Der Begriff steht in den ehemals kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas aber immer noch für den Beginn des Endes der kommunistischen Zwangsherrschaft.

Naturkatastrophen wie Überschwemmungen (hier Luzern, 2005) schaffen Ausnahmesituationen, die oft alle Menschen in einem bestimmten Einzugsgebiet betreffen - und zusammenschweissen. Denn Einzelne bleiben wirkungs- und hilflos. Zusammen kann die Situation bewältigt werden.
Freiwilligenarbeit in einer humanitären Organisation ist ein Weg, Solidarität zu leben. In der Schweiz hat die sogenannte Sozialzeit immer noch einen guten Boden: Jede vierte Person übt mindestens eine unbezahlte ehrenamtliche oder freiwillige Tätigkeit aus. Die Unterstützung durch Gleichgesinnte kann die Motivation vergrössern.
Aktive Solidarität kann zum Beispiel durch den Kauf von Gemüse und Früchten im fairen Handel (Max Havelaar, Claro, Gebana, teils auch Migros oder Coop) umgesetzt werden. Fair-Trade-Produkte werden nachhaltig und gerecht produziert und gehandelt. Dies bedeutet: keine Kinderarbeit, hohe Qualität, ökologische Erzeugung, fairer Preis und soziale Standards für Produzentinnen und Produzenten.
Fairer Handel ist eine rasche und wirksame Strategie zur Armutsbekämpfung. Bauern und Bäuerinnen in Afrika, Lateinamerika und Asien erhalten festgelegte Mindestpreise. So können sie ihre Dörfer und Familien aus eigener Kraft stärken. Die Umstände, unter denen sie leben und arbeiten, werden nachhaltig verbessert - ein kleiner Schritt für uns vielleicht, aber ein grosser für unsere Produzenten.
Solidarität wird auch im Sport gross geschrieben: Eine Mannschaft ge winnt am ehesten, wenn jedes Mitglied seine Stärken einbringen kann und gleichzeitig die Talente der anderen Mitglieder berücksichtigt. Solidarität bekunden auch die Fans, die "ihr" Team in guten wie schlechten Zeiten unterstützen. Schliesslich bieten auch die Paralympics (olympischen Spiele für Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung) eine Chance für gelebte Solidarität.
Auch in der Kultur hats Platz für Solidarität. "Live Aid" hiess das Benefizkonzert vom 13. Juli 1985, das massgeblich vom Musiker Bob Geldof aus Anlass der damals akuten Hungersnot in Äthiopien organisiert wurde. Es war das bis dahin grösste Rockkonzert.
Im Londoner Wembley- und im John-F.-Kennedy-Stadion in Philadelphia traten abwechselnd während mehr als 16 Stunden die Topstars der Musikszene auf. An Fernsehen und Radio verfolgten fast 1,5 Milliarden Menschen den Anlass. Durch Spendenaufrufe kamen schliesslich gut 100 Millionen Euro zusammen.
1989 folgte "Band-Aid-II", 2004 "Band Aid 20". Am 2. Juli 2005 veranstaltete Geldof anlässlich der Konferenz der G8 (Gruppe der acht stärksten Wirtschaftsmächte) in Edinburgh eine Fortsetzung namens Live 8 (gleichzeitig an acht Orten in den Mitgliedstaaten plus Edinburgh und Südafrika). Diesmal wurden Unterschriften gesammelt. Sie sollten die Politiker zur Erhöhung der Entwicklungshilfe und zu einem Schuldenerlass für Afrika bewegen.
Grenzenlose Solidarität, eine gerechtere Welt, die bessere Verteilung der Reichtümer sind wichtige Ziele. Solidarität ist aber auch in der Familie, der Schule oder in der Gemeinde wichtig. Der Umgang mit "Randgruppen", mit Schülerinnen und Schülern, die über kleinere finanzielle, intellektuelle oder sprachliche Möglichkeiten verfügen, prägen die Stimmung.
Aggressives Ausgrenzen oder integratives Akzeptieren - für beides muss man sich aktiv entscheiden. Solidarität kann aber auch einen "Gruppendruck" erzeugen, der unabhängige Entscheidungen erschwert oder verunmöglicht. Solidarität setzt also voraus, dass jeder Einzelne eine Meinung hat und diese auch vertreten kann. Auch hier wiederum reicht die mündliche, theoretische Unterstützung nicht, sondern es kommt auf die Haltung danach - mit den möglichen Konsequenzen - an.
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