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Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft
Yara Roth, 2003 | Biel, BE
„Siehst du beim Betrachten des Buchstaben B eine Farbe?“ Diese Frage brachte mich aus dem Konzept. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie ernst gemeint war und es auf der Welt tatsächlich Menschen gibt, die Buchstaben und Zahlen farbig sehen. Wie ich in diesem Gespräch erfahren durfte, gibt es diese aussergewöhnliche Art der Wahrnehmung. Man nennt sie Farb-Graphem-Synästhesie. In dieser Arbeit untersuchte ich die Farb-Graphem-Synästhesie in Verbindung mit dem Gedächtnis. Ich bin der Frage nachgegangen, ob Farb-Graphem-Synästhetiker*innen im Vergleich zu Nicht-Synästhetiker*innen im Hinblick auf die Speicherkapazität ein besseres Arbeitsgedächtnis haben. In einem eigens entworfenen Experiment mit zwei selbst entwickelten Merktests wurden fünf Farb-Graphem-Synästhetiker*innen und acht Nicht-Synästhetiker*innen verglichen. In beiden Merktests hat die Gruppe der Synästhetiker*innen ein besseres Ergebnis erzielt. Die Hypothese, dass ein messbarer Unterschied in der Leistung des Arbeitsgedächtnisses auftritt und sich die Farb-Graphem-Synästhetiker*innen mehr Grapheme als Nicht-Synästhetiker*innen merken können, konnte innerhalb der untersuchten Population bestätigt werden. Die Resultate sind im Rahmen dieser Untersuchung signifikant.
Fragestellung
(I) Haben Farb-Graphem-Synästhetiker*innen im Vergleich zu Nicht-Synästhetiker*innen im Hinblick auf die Speicherkapazität ein besseres Arbeitsgedächtnis?
Methodik
Um die Fragestellung zu beantworten und die Speicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses zu messen, wurden fünf Farb-Graphem-Synästhetiker*innen und acht Nicht-Synästhetiker*innen rekrutiert und verglichen. Ich habe zwei Merktests entwickelt, welche je aus vier Filmen bestanden. Während einer Dauer von 1,8 Sekunden wurden jeweils zwölf Grapheme, also Buchstaben (Merktest 1) und Zahlen (Merktest 2), eingeblendet. Aufgabe der Probanden und Probandinnen war es, sich bei jedem Film möglichst viele Grapheme zu merken. Nach Ablauf des Films durften sie die gemerkten Grapheme auf dem Testblatt markieren. Bei allen Filmen wurde der gleiche Ablauf angewandt.
Ergebnisse
Ich habe die Durchschnittswerte der Personen der jeweiligen Gruppen mit denen der anderen Gruppe verglichen und mit dem T-Test die Signifikanz der Ergebnisse errechnet. Die Gruppe der Farb-Graphem-Synästhetiker*innen konnte sich durchschnittlich 6,95 Buchstaben (Merktest 1) und 6 Zahlen (Merktest 2) merken. Bei den Nicht-Synästhetiker*innen fielen die Ergebnisse mit 6 Buchstaben und 4,8125 Zahlen tiefer aus. Die Gruppe der Farb-Graphem- Synästhetiker*innen konnte sich mehr Grapheme merken. Sowohl beim Buchstaben- als auch beim Zahlentest fielen die Ergebnisse signifikant aus.
Diskussion
Vorab will ich erwähnen, dass meine Stichprobe nicht repräsentativ war. Somit können alle gewonnenen Erkenntnisse dieser Arbeit lediglich auf die untersuchte Population bezogen werden. Da die Synästhetiker*innen in beiden Tests ein besseres Ergebnis erreicht haben, kann für die beiden Personengruppen ein Unterschied bezüglich der Speicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses aufgezeigt werden. Der Grund für dieses Ergebnis könnte am Einfluss des visuellen Speichers liegen. Während die Nicht-Synästhetiker*innen nur einen visuellen Reiz aufnehmen (das Aussehen des Buchstabens), sind es bei Farb-Graphem-Synästhetiker*innen zwei (das Aussehen des Buchstaben und die dazu assoziierte Farbe, die sich nicht verändert). Die Farb-Graphem-Synästhetiker*innen haben somit eine zusätzliche Merkhilfe, was das bessere Ergebnis erklären könnte.
Schlussfolgerungen
Innerhalb der untersuchten Population konnte ein signifikanter Unterschied bezüglich der Speicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses festgestellt werden. Die Synästhetiker*innen haben in beiden Tests eine bessere Leistung erzielt und konnten in ihrem Arbeitsgedächtnis jeweils mehr Grapheme speichern. Trotz des Umstands der zu kleinen Stichprobe war ein signifikanter Unterschied zwischen den Personengruppen feststellbar. Um eine allgemeingültige Aussage formulieren zu können, müsste der Versuch mit einer repräsentativen Stichprobe durchgeführt werden. Spannend wäre zudem, sich mit der Auswirkung der Farb-Graphem-Synästhesie auf das Langzeitgedächtnis zu befassen.
Würdigung durch den Experten
Nicolas Baechtold
In ihrer Arbeit befasst sich Yara Roth mit dem Einfluss der Synästhesie auf das Arbeitsgedächtnis. Die vorliegende Arbeit beeindruckt durch eine fundierte Analyse des Themas. Der Schwerpunkt liegt bei einer experimentellen Untersuchung. Zudem wird ein Interview mit einer Betroffenen geführt. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen eine bessere Leistung des Arbeitsgedächtnisses bei Synästhetiker*innen. Die Stichprobe ist für eine Maturaarbeit sehr gross, um jedoch signifikante Aussagen zu treffen zu klein. Dennoch geben die Resultate Anlass zu weiterer Forschung. Eine beachtenswerte Leistung.
Prädikat:
sehr gut
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Seeland Gymnasium Biel, Biel/Bienne
Lehrer: Daniel Kummer