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Frau Gessler, Männer erhalten nur halb so oft die Diagnose «Depressionen» wie Frauen. Ist das «starke Geschlecht» auch emotional stärker oder übersehen Ärztinnen und Ärzte die männliche Depression eher?
Woran dies tatsächlich liegt, ist bislang nicht bekannt. Frauen begehen zwar dreimal so häufig einen Suizidversuch wie Männer, doch die tatsächliche Suizidrate ist bei Männern dreimal höher! Und dies trotz dessen, dass die Diagnose einer Depression bei Männern seltener gestellt wird. Möglicherweise sprechen Männer weniger über psychische Belastungen und holen sich später als Frauen professionelle Hilfe, da traditionelle Geschlechterrollen oft das Bild des starken Mannes vermitteln. Zudem verarbeiten Männer die Depression möglicherweise anders als Frauen. Zum Beispiel, indem sie häufiger Alkohol trinken. So kann es in manchen Fällen sogar zu einer Alkoholabhängigkeit kommen, für die ursprünglich eine Depression der Auslöser war.
Unterscheiden sich die Geschlechter hinsichtlich der Auslöser?
Davon geht man teilweise aus. Denn obwohl die Symptome von Depressionen bei Männern und Frauen ähnlich sind, variieren die Risikofaktoren, die zu der Erkrankung führen. Es ist geradezu paradox: Während bei Frauen die Heirat ihr Risiko für eine Depression erhöht, sind bei Männern besonders jene, die allein leben, gefährdet. Im Unterschied zu Frauen lässt eine Trennung das Depressionsrisiko bei Männern um ein Mehrfaches ansteigen! Zu den weiteren Risikofaktoren bei Männern zählen besonders Faktoren, die mit der Arbeit zusammenhängen, wie Arbeitslosigkeit, berufliche Krisen und Pensionierung.
Was lässt Männer in eine berufliche Krise rutschen?
Vor allem die Kombination von hohen Anforderungen mit geringer Kontrollmöglichkeit einerseits und einer hohen Tendenz zur Verausgabung mit geringer Belohnung andererseits. Einer meiner Patienten berichtete darüber, sich selbst bei der Arbeit so unter Druck gesetzt zu haben, dass er teilweise bereits um vier Uhr morgens zu arbeiten begann, da er sowie nicht mehr schlafen konnte.
Er war sehr leistungsfähig und konnte sich eher schlecht abgrenzen, bis er schliesslich notfallmässig über unser Kriseninterventionszentrum mit einer ausgeprägten Erschöpfung, Rückenschmerzen, Herzklopfen, Schweissausbrüchen und niedergeschlagener Stimmung eintrat. In seinem Fall war ein Burnout in eine Depression übergegangen. Sein Umfeld hatte ihn zuvor darauf hingewiesen, einen Gang zurückzuschalten, was er jedoch nicht berücksichtigte, bis es zur Krise kam.
Was kann ich tun, wenn ich bemerke, dass es meinem Kollegen nicht gutgeht?
Sprechen Sie ihn darauf an. Zum Beispiel in Form einer Rückmeldung, über das, was Sie meinen zu beobachten. Und stellen Sie vielleicht je nach Vertrauensverhältnis auch Fragen darüber hinaus, was ihn genau belastet. Motivieren Sie ihn in schwereren Fällen, dass er sich professionell helfen lässt.
Drei Tage Liebeskummer und der Studienkollege hat an nichts mehr Freude – schon ein Grund, sich professionelle Hilfe zu holen?
«Mann» darf auch mal traurig sein. Wenn jedoch Symptome wie eine deutliche Antriebshemmung, Schlafstörungen, negative Gedanken, Reizbarkeit oder das Verzichten auf jegliche Körperpflege sich innerhalb von einer oder zwei Wochen nicht deutlich bessern, sollte man sich Hilfe holen. Spätestens wenn konkrete Suizidgedanken auftauchen.
Was können Männer im Vorfeld für ihre psychische Gesundheit tun?
Regelmässige Bewegung und eine stabile Partnerschaft wirken sich positiv aus. Manche Stressoren lassen sich leider nicht immer gleich verändern. Hier wäre es wichtig, einen Ausgleich zum chronischen Belastungsfaktor zu finden, zum Beispiel ein Hobby, das einen entspannt und Freude macht.
Kann beispielsweise ein Spaziergang tatsächlich Depressionen lindern?
Bei leichten Depressionen hilft Bewegung durchaus. Mittelschwere Depressionen werden vor allem medikamentös und psychotherapeutisch behandelt. Allerdings ist auch dann körperliche Bewegung sehr wichtig. An dieser Stelle möchte betonen, dass viele Patienten mit einer Depression unterschätzen, wie wichtig eine regelmässige Medikamenteneinnahme ist, auch wenn es ihnen bereits besser geht. Denn in der Phase nach der Depression überschätzt man oftmals die eigene Belastbarkeit und so kann es früh zu Rückfällen kommen.