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Wege und Stege der Landschaft Avers
S. Stoffel ( Sektion Piz Terri ).
Von Wohl schon zur Zeit der ersten Besiedelung verkehrten die Bewohner der Landschaft Avers nicht, wie es naheliegend erscheint, thalabwärts mit der Landschaft Schams, sondern sie hatten ihren Verkehr nach außen durch in der Region der Hochalpen liegende Pässe. Die Forcellina verband das Avers mit Casaccia, der Stallerberg-Paß mit Stalla und der Madriserberg-Paß mit Cläven.
I. Die Forcellina oder das Furggelti.
In den letzten Jahrhunderten war der Paß über die Forcellina, oder, wie der Avner diesen Verkehrsweg nennt, das Furggelti, wohl die wichtigste Verbindung des Averserthales mit der Außenwelt. Der Ausgangspunkt dieses Passes ist der Hof Juf ( 2133œ il. M. ). Der Weg fuhrt zunächst durch die Jufer Wiesen, dann durch die Jufer Alp dem Averser-rheine entlang. Nach einer starken halben Stunde, von Juf weg gerechnet, beginnt der Aufstieg, der in einer großen Anzahl Kehren bewerkstelligt wird. Diese Kehren führen nicht direkt zur Einsenkung des Bergkammes hinauf, sondern befinden sich, einer hohen Felswand wegen, die diese Richtung unmöglich macht,nördlich davon. Die Felswand wird somit umgangen.
Nur durch einen sehr gefährlichen Fußweg, das „ Grippelti " geheißen, der durch die Felswand hinaufführt, kann man jene Kehren abschneiden und schneller zur Einsenkung gelangen. Von der obersten Kehre führt der Pfad mit geringer Steigung hinüber in die Lücke, 2673 ra ü. M., durch dieselbe hindurch und hinunter zum nunmehr zerfallenen Septimer-Berghaus. Von hier an fällt dieser Paß mit der bekannten Septimerstraße zusammen. Die ganze Tour von Juf bis Casaccia im Bergeil erfordert sechs Stunden, und zwar beträgt der Marsch von Juf bis zur Paßhöhe drei Stunden, von Juf bis zur Ruine des Septimer Berghauses vier Stunden, und von Juf bis Casaccia sechs Stunden. Imhof giebt in seinem Itinerar über die Albulagruppe ( 1893—1895 ) für diese Route nur fünf Stunden an, was uns als zu wenig erscheint.
Heute ist der Weg über das Purggelti teilweise verschüttet, so namentlich oberhalb der Kehren. Teilweise ist er durch Erdrutsche und Lawinen gänzlich zerstört. An noch bestehenden Strecken aber erkennt man sofort, daß wir es hier nicht bloß mit einem Fußweg zu thun haben; denn seine Breite beträgt stellenweise 2—21h und mancherorts noch mehr als 2^2 Meter. Die Kehren sind regelmäßig und nicht zu steil angelegt. Daraus ergiebt sich, daß der Weg ein viel benutzter war. Sicher ist, daß derselbe, außerordentliche Schneefälle ausgenommen, auch im Winter offen war.
Das Furggelti wurde zur Einfuhr von Lebensmitteln und zur Ausfuhr von Vieh benutzt. In den letztverflossenen Jahrhunderten war das Säumen über das Furggelti wohl eine Hauptbeschäftigung vieler Averser. Die meisten Waren, wie Mehl, Wein, Salz etc. mußten über diesen beschwerlichen Weg eingeführt werden, wobei zu berücksichtigen ist, daß in früheren Jahrhunderten infolge der damals größeren Bevölkerungszahl auch die nötige Einfuhr größer war als später.
Daß einst im AverserthalePferde gehalten wurden, geht daraus hervor, daß noch heute in Cresta ein Stall der Roßstall heißt, wie auch einer in Piatta, Cröt und Madris. Berücksichtigen wir, daß die Landschaft Avers bis zur Eröffnung der neuen Thalstraße seit Menschengedenken keine Pferde mehr gehalten hat, so ergiebt sich ohne weiteres, daß die Pferdehaltung im Avers aus früheren Zeiten datieren muß. Der Umstand, daß man diese Roßställe, wie erwähnt, noch in Cresta, Piatta, Cröt und Madris, d.h. IV2, 2 bis 3 Stunden außerhalb der dem Passe am nächsten gelegenen Station Juf vorfindet, deutet darauf hin, daß damals nicht bloß die dem Passe am nächsten wohnenden Averser, sondern auch Entferntere sich mit dem Säumen beschäftigten. Allerdings hatte, wie wir weiter unten sehen werden, nicht nur das Furggelti, sondern auch der Stallerberg seinen Saumverkehr, und könnte eventuell diese Pferdehaltung auch dem Stallerberg gegolten haben.
Neben dieser Bedeutung des Furggelti für die Einfuhr der im Thale nicht erhältlichen Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände spielte dieser Paß, wie angedeutet, auch eine wichtige Rolle als Ausfuhrweg für das Marktvieh. Wenn nun auch, infolge der Konkurrenz von Seiten zweier anderer gegen früher nunmehr häufiger benutzter Pässe, des Madriserberg-und des Stallerberg-Passes, der Saumverkehr über das Furggelti eine Einbuße erlitt, so fand die Ausfuhr von Vieh ausnahmslos immer noch über die Forcellina statt. Man trieb das Vieh anfänglich selber auf die Märkte von Lugano oder, wie der Averser sagt, Lauis, später nach Bergamo und Lecco. Nach und nach traten aber im Thaïe selbst Händler auf, welche das Marktvieh aufkauften und gesamthaft in den Handel brachten. Diese Transporte erfolgten jeweilen im Oktober oder anfangs November. Der Avner drückte sich im Dialekt so aus: Jetz fohransch gä Lauis, Lece und Meiland mit da Cima. Allerdings fand die Ausfuhr nur in Kühen und Stierkälbern statt. Es geschah dies zum letztenmal im Jahre 1884 durch Caspar Jäger von Juf. Heute liegt der Weg über das Furggelti verödet da. Einst im wirtschaftlichen Leben der Landschaft Avers die erste Rolle spielend, wird es heute fast nur noch von Touristen begangen.
Welche Wandlung hat sich mit dem Furggelti im Lauf der Jahrhunderte vollzogen! Was wüßte es zu erzählen von all den Vielitransporten, die aus diesen Gletscherrevieren dem sonnigen Süden zusteuerten, von den Säumern, welche auf ihren treuen und berggewohnten Tieren der italischen Rebe Blut hineinbrachten in dies weltabgeschiedene Hochthal Avers, auch hier das Menschenherz zu erfreuen; wie manche Probe der verschwenderischen Fülle der südlichen Vegetation mag in Form der verschiedensten Nahrungsmittel über die Forcellina den Weg nach dem Hochthale gefunden haben, in dem die Natur mit dem Menschen seit jeher zu kargen pflegte; wie mögen die Herdenglocken der vorbeiziehenden Viehtransporte, der Jodler des zurückkehrenden Bauers, das Wiehern der Saumpferde in den Flühen Echo gefunden und in seltsamer Weise eine Gegend belebt haben, wo sonst nur der eisigkalte Tod zu herrschen schien!
II. Der Stallerberg.
Mit dem allmählichen Eingehen des Verkehrsweges über das Furggelti gewann der andere aus dem Oberthal führende Paß, der Stallerberg, immer mehr an Bedeutung. Er führt von Juf aus nach Osten über eine Einsenkung des Gebirgszuges nach Stalla im Oberhalbstein ( 1776™ il. M. ). Die Strecke ist von Juf aus ganz kurz. Sie dauert drei Stunden. 1112 Stunden erfordert der Auf- und ebensoviel der Abstieg nach Stalla. Die Paßhöhe liegt 2584 m ü. M.
Einen fahrbaren Weg hatte der Stallerberg nie. Dagegen ist anzunehmen, daß dieser, wie das Furggelti, dem Saumverkehr gedient hat, weil auch hier das sogenannte „ Stangenstellen " stattfand, wie denn noch jetzt ein Ort „ Bei der Stange " heißt. Nachdem durch die Bevölkerungs-abnahme auch der Paßverkehr geringer wurde, ging die Säumerei nach und nach ein. Die Waren wurden dann durch Menschen herübergetragen. Gewöhnlich trug ein Mann 5-8 Rup, selbst 10 Rup waren keine Seltenheit, die Rup zu 19 Pfund gerechnet. Noch in den Fünfzigerjahren und bis 1865 brachte man den Salzbedarf des ganzen Thales über den Stallerberg. Da trug Hans Hartmann von Juf jedesmal einen Sack Salz von 200 Pfund über den Berg. Noch in den Achzigerjahren aber wurde der Stallerberg Sommer und Winter von Aversern begangen.
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Zu dieser Zeit kam man, als das Heu in den angrenzenden Thalschaften sehr teuer war, auf den Gedanken, von der reichlichen Heuernte der Thalschaft das Entbehrliche sur Winterszeit auf dem Schlitten über den Stallerberg zu führen, trotzdem dieser Paß in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, wie wir bereits erwähnt haben, zur Aperzeit nur durch Fußgänger benutzt wurde. Der durch einige Bauern gemachte Versuch gelang, und es wurde während der Winter 1887—1892 zum Zwecke der Heuausfuhr ein Schlittweg über den Stallerberg durch Private zeitweise offen gehalten.
Barth. Heinz, Revierförster in Avers, beschreibt uns einen solchen Heutransport folgendermaßen: „ Die Heufuhr hat, wenn möglich, im Monat Dezember angefangen. Von Juf weg führte der Weg in zwei großen Kehren bis auf den „ Turm ", ein Stück unter der Paßhöhe, und von dort in gerader Richtung bis zur Paßhöhe. Mit größter Mühe wurde der Weg bis jenseits der Paßhöhe auf die „ hohe Egga " oberhalb Stalla gebahnt in einer Länge von 2 bis 2 Va Stunden, von Juf aus gerechnet. Von dort weg wurden die Ballen vom Schlitten geworfen und dann in die Val Bivio hinuntergezogen, gerade so, wie man sonst in Avers das Heu von den Bergen herabzieht. In Val Bivio wurde das Heu vom Käufer gewogen und in Empfang genommen. Die Ballen wurden 2^2 bis 5 Centner ( 50 kg. ) schwer gemacht. Bis auf die Paßhöhe zogen die Rinder und Ochsen je nur eine Balle, von der Paßhöhe abwärts bis auf die „ hohe Egga " bisweilen auch zwei. Von dort weg band man oft drei bis sechs Ballen zusammen, und dann ging 's pfeilschnell hinab. "
„ Das Ganze war mit großer Mühe und Schwierigkeit verbunden. Oft bahnte man den Weg, und am nächsten Tage war keine Spur mehr davon; alles war schon ausgeglichen durch den hergewehten Schnee. Bisweilen war am Morgen noch ordentliche Witterung. Wenn man zurückkehrte, konnte man aber den Weg schon fast nicht mehr finden. Dann wurden treue Tiere vorausgetrieben, und diese behielten den Weg sicherer. Oft war es so kalt und „ bisig ", daß die Speisen gefroren. Mitunter war 's aber auch schön und angenehm warm, daß man 's nicht besser wünschen konnte. In den vordem Ortschaften wurde schon vor Tagesanbruch eingespannt, und fuhr man dann bei Juf mit Tagesanbruch vorbei. Je nach Witterung und Weg kam man am Abend zur Fütterungs-zeit wieder auf Juf zurück. Schön anzusehen war 's, wenn oberhalb Juf gegen die Paßhöhe 20—30 Zugrinder an einer Reihe und ebensoviel Männer sich langsam hinaufbewegten, und von der Höhe das Jauchzen und Jodeln niederschallte. Die Männer, welche auf der andern Seite das Heu hinabziehen mußten, kamen erst in der Nacht zurück. Die Heufuhr dauerte gewöhnlich bis Ende Februar. Am besten ging 's im Januar. "
Ja, bis 1894 führte man den größern Teil des Viehes, das im Sommer auf den AJpen von Avers gehalten wird, über Stalla ein, sogar solches, das in Madris gesommert wurde und vom Heinzenberg kam. Im Herbst wurde es wieder dort hintiberbefördert. Auch jetzt wird zur Sommerszeit über den Stallerberg Vieh hin- und hergetrieben. Sömmervieh von Oberhalbstein wird wohl auch in Zukunft noch über den Stallerberg eingeführt werden.
III. Der Madriserberg.
Hatte das Furggelti Bedeutung für Ober- und Unterthal, der Stallerberg vorzugsweise für das Oberthal, so haben wir im Madriserberg einen Paß, der hauptsächlich das Unterthal, d.h. Madris, Cröt und Campsutt bediente. Und währenddem, nachdem die Forcellina als wirtschaftlicher Verkehrsweg außer Kurs kam, der Stallerberg der wichtigste Verkehrsweg für Oberavers mit der Außenwelt war, erhielt das Madris einen Ersatz für das Furggalti im Madriserberg.
Der Fußweg über den Madriserberg verbindet ein Zweigthal des Avers, das Madris, mit Cläven, bei einer Paßhöhe von 2680 m ü. M. Von der obersten Ortschaft im Madris, dem im Sommer und Winter bewohnten „ Städtli ", ausgehend, nimmt nur 7— 8 Stunden in Anspruch. Auch hier mußten die zur Einfuhr bestimmten Waren von Menschen getragen werden. Bis auf die Paßhöhe wurden dazu oft Italiener angestellt, denen man bis dort für eine gewöhnliche „ Ledi " Mehl von 84 Pfund 3 Fr. bezahlte, bis nach „ Städtli " 5 Fr. Überdies gab man ihnen im Thale einen Imbiß und ein gutes „ Märend " auf den Heimweg. Die Wareneinfuhr über Madriserberg machte um die Mitte dieses Jahrhunderts ein Nebenzollamt in Madris notwendig, das vor zwei Jahren nach Campsutt verlegt wurde. Die Avner wagten sich sogar auch zur Winterszeit bei hartgefrorenem Schnee über den Paß, kamen aber oft in Lebensgefahr, wenn der Föhn die Schneemassen an den Bergen aufweichte oder neue Schneefälle eintraten. Heute wird der Paß als Einfuhrweg für Waren von den Aversern nicht mehr benutzt.
So viel von der Einfuhr über diesen Paß. In Kürze noch ein Wort von der Ausfuhr über diesen Verkehrsweg. Als einzige Gegenstände der Ausfuhr über den Madriserberg erwähnen wir meist aus Arvenholz erstellte, im Thale selbst verfertigte alpwirtschaftliche Geräte, wie Milchtausen, Eimer, Milchgebsen, „ Broggen " ( kleine Gebsen ) und seltener auch Butterfässer u. s. w. Diese Gegenstände wurden in den kleinen Ortschaften vor Cläven, in Savogno, St. Abbondio, Villa und Prosto veräußert. Aus dem Erlöse kaufte sich der Avner in Prosto oder Cläven Nahrungsmittel, wie Polenta- und Weißmehl, Reis, Kastanien u.a. m ., und im Averserthal nicht erhältliche Gebrauchsgegenstände.
IT. Der alte Averser Thalweg.
Besprochene Wege über das Gebirge wurden aus dem Grunde benutzt, weil noch vor wenigen Jahrzehnten nur ein halsbrecherischer Fußweg, zum Teil durch grauenerregende Schluchten führend, die Thalschaft Avers mit dem Hauptthale Schams verband. Jedenfalls wurde dieser Thalweg erst im 19. Jahrhundert so weit verbessert, daß man mit großer Gefahr mit einem Stück Vieh vorbeikam. Stellenweise war der Weg so schlecht und gefährlich, daß man oft ein ausgleitendes Tier vorn und hinten halten mußte, damit es nicht in die Tiefe stürze. Namentlich bei nasser Witterung war der Weg außerordentlich gefährlich.
Hauptsächlich zum Zwecke des Salzbezuges von Andeer her bahnte man von 1865 an im Winter einen Fahrweg zum Teil über das gefrorene Thalwasser. Die Erstellung dieses Weges kostete oft viel Arbeit, wenn er auch nur zwei Fuß breit war. Der Weg war bloß ein bis zwei Monate fahrbar, gewöhnlich im Februar und März. Er wurde zur Einfuhr von Salz, Mehl, Wein, den nötigen Gebrauchsgegenständen und für Vieh- und Holztransporte benutzt.
Übrigens fanden solche Holztransporte im Winter über das gefrorene Thalwasser auch in früherer Zeit statt. Schon vor Jahrhunderten hatte nämlich die zum Teil waldarme Landschaft Avers mit der Thalschaft Schams einen Vertrag betreffend Beholzung aus dem Schamserwalde abgeschlossen. Als Gegenleistung hatten die Avner den Weg von ihrer Grenze bis Außer-Ferrera zu unterhalten und auch im Winter offen zu halten.
Von Andeer bis Inner-Ferrera transportierten dortige Einwohner zur Winterszeit die zur Einfuhr nach Avers bestimmten Waren auf ähnliche Weise, mühsam bei schlechtem Schlittwege. Weil im Spätwinter die Nachmittage schon ziemlich warm und infolgedessen zu dieser Tageszeit die Wegsame schlecht waren, benutzte man den Weg möglichst in den frühen Tagesstunden. Eine Mese ( zweijähriges Rind ) zog 200, ein Ochse 300, selten 400 Pfund, ein Beweis, daß der Weg höchst mülisam und beschwerlich war. Wenn dieser Transport geschehen konnte, wurden dann um so weniger Waren über Staller- und Madriserberg hergetragen.
Zur Aperzeit war man darauf angewiesen, von Andeer her die Waren zu tragen. So ging der junge Simon Stoffel noch im Herbste des Jahres 1892 mit seiner „ Tschifara ", wie der Avner den Tragkorb nennt, nach Inner-Ferrera, um Mehl und Kartoffeln hereinzutragen. Auch die Post-gegenstände wurden getragen, sei es durch den Postboten selbst, oder bei größerem Gewichte durch besondere Träger, welche in Inner-Ferrera requiriert wurden; denn die Straße wäre zu gefährlich gewesen, um sie zur schneefreien Zeit mit einem beladenen Esel zu passieren. Die Menschen vertraten also hier den Grauschimmel, und es läßt sich leicht vorstellen, wie viel Schweißtropfen dieser Transport gekostet hat.
V. Die neue Averser Thalstrasse.
Mit der Erstellung der Kunststraße beginnt für Avers eine, neue Periode der Entwicklung. Viele Familien wären wahrscheinlich ausge- ".., wandert, wenn nicht eine bessere Verbindung mit der Außenwelt zu stände gekommen wäre. Der Bau erforderte einen Zeitraum von sechs Jahren ( 1889-95 ). Die Länge der Straße von der Einmündung in die Splügenstraße bei „ Bärenburg " bis zum Haupt- und Pfarrdorfe Cresta beträgt 19 Kilometer, die Breite 3 Meter mit der Rinne. Die Steigung ist infolge Vermeidung von Kehren teilweise ziemlich groß, nämlich 14-15°/o, auf kurze Strecken sogar 16°/o. Der Bau erforderte große Mauerwerke und im ganzen fünf Brücken über den Averserrhein, von denen vier aus Stein und eine, bei Inner-Ferrera, aus Eisen erstellt sind. Zum Teil zieht sich die Straße dem Wasser entlang, meist indes in ziemlicher Erhebung über dem Wasser am Gehänge hin. Um die im Verhältnis zur Horizontalentfernung beträchtliche Höhendifferenz zwischen Cröt ( 1720 m il. M. ) und Cresta ( 1949 m ü. M. ) zu überwinden, zieht sich oberhalb Cröt die Straße in einer Anzahl Kehren mit starken Steigen den Berg hinan. Die Baukosten beliefen sich auf über 400,000 Franken und wurden vom Kanton getragen.
Gleichzeitig mit dem Bau der Hauptstraße hat auch das Nebenthal Madris ein gutes Fahrsträßchen in einer Breite von zwei Metern erhalten. Dasselbe zweigt bei Cröt von der Kunststraße ab und zieht sich ohne bedeutende Steigungen bis nach Madris-Städtli. Die Kosten wurden durch die Gemeinde, die Privatalp Merla und Madriser Private aufgebracht. Auch die Höfe Unter- und Ober-Platta im Oberthale haben Fahrverbin-dung mit Cresta, also mit der Hauptstraße erhalten. Die Baukosten wurden durch die Gemeinde und Private aufgebracht.
Im Jahre 1899 soll auch Juf, die oberste Ortschaft der Landschaft Avers, fahrbaren Anschluß mit Cresta erhalten. Diese Straße wird aus Bundes-, Kantons-, Gemeinde- und Privatbeiträgen gebaut. Sie bezweckt vor allem auch bessere Zugangsverhältnisse für die weit ausgedehnte Gemeindealp Bergalga zu schaffen.
Durch den Bau der neuen Thalstraße hat das Avers äußerlich ein ganz neues Gepräge erhalten, und es wird der neue Verkehrsweg zweifellos auch das wirtschaftliche Leben der Thalschaft bedeutend beeinflussen.
Schlusswort.
Wenn schon infolge der Ebnung des Thalweges die im Verlauf dieses Aufsatzes erwähnten, einst durch den Avner viel benützten Bergpässe zur Zeit fast nur noch touristische Bedeutung haben, so ist doch nicht ausgeschlossen, daß die Zukunft den einen oder andern dieser Bergübergänge wieder zur wirtschaftlichen Verkehrsader machen wird.
Ohne Zweifel bedeutet die Verbesserung der Wege und Stege der Landschaft Avers nicht allein eine Erleichterung der Lebenshaltung der Thalbewohner, sondern namentlich auch eine mächtige Förderung des Fremdenverkehrs in diesem schönen Hochthale.
Auch wir begrüßen es, wenn der Thalschaft Avers durch den Touristenverkehr eine neue Erwerbsquelle eröffnet wird. Indessen stimmen wir mit B. Eblin vollständig überein, wenn er in seiner Abhandlung über „ Die Verwilderung unserer Hochgegenden " ( Jahrbuch S.A.C., Band XXX ) mit Nachdruck betont, daß die Fremdenindustrie allein nicht im stände sei, unsere Hochgebirgskultur dauernd zu heben; sondern daß es nur dann gelingen werde, unsere wirtschaftlich rückgängigen Hochthäler voider Verarmung, Entvölkerung und Verödung zu retten, wenn mit der Kolonisation durch die Fremden eine Regeneration dieser Thäler aus sich heraus, d.h. eine Wiedergeburt ihrer Bodenkultur Hand in Hand geht.
So hoffen wir denn, daß es für das Averserthal nicht bei der Verbesserung der Verkehrswege stehen bleibe, sondern daß durch Einführung eines rationellen Betriebes der Wald-, Land- und Alpwirtschaft die wirtschaftlich verarmte und infolgedessen entvölkerte Hochgegend wieder zu einem wohlhabenden Alpenthale werde, insbesondere wieder zu einem blühenden Bauernstande gelange, kann doch nicht genug betont werden, daß dieser letztere auf alle Zeiten hinaus den Grundstock des Volkes unserer schönen Alpenrepublik bildet.