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Hegner Hans Rudolf, 1603-1656, erster entlöhnter Stadtphysicus (Stadtarzt)
Die Familie Hegner wurde 1430 in Winterthur eingebürgerte. Sie dominierte die Stadt bis 1800. Das Geschlecht stammt wohl aus dem Raum Hegi-Elgg. Zwischen 1508 und 1798 stellten sie zum Beispiel 11 von 51 Schultheissen. Aus dem Geschlecht gingen aber auch hervor: 31 Mediziner (davon elf promovierte und sechs Stadtärzte), 17 Geistliche, 18 Gerber, fünf Wirte sowie sechs Metzger. Prestige gewannen die Hegners auch als Präsidenten des Musikkollegiums.
Ein Text aus „Schwitzkur und Angstschweiss“ von Urs Leo Gantenbein, Neujahrsblatt Stadtbibliothek Winterthur, 1997, mit der interessanten Medizingeschichte der Stadt Winterthur.
Hans Rudolf Hegner — der erste entlöhnte Stadtphysicus
Nach der Katastrophe von 1611 bestand in Winterthur lange Zeit keine Notwendigkeit oder auch kein Auskommen für einen studierten Arzt. Man entschloss sich aber doch, nun einen Stadtbürger für das Amt des Stadtarztes ausbilden zu lassen. Der 1603 geborene Hans Rudolf Hegner wurde an die Universität Basel geschickt, wo er nach Erlernen der sieben freien Künste im Juni 1620 das Baccalaureat erlangte. 1623 immatrikulierte er sich in Basel als Student der Medizin und führte dann seine Ausbildung in Padua weiter. Bei den von den Studenten stark mitgestalteten Aktivitäten an der Universität erhielt er den Titel eines böhmischen Rats und war Bibliothekar der deutschen Nation an der philosophischen Fakultät. 1627 schloss er seine Studien mit der Doktorpromotion ab.
Nach seiner Rückkehr aus Italien liess sich Hegner in Winterthur als Arzt nieder. Bereits 1630 gab er dem Winterthurer Spital ein Pulver für das Viehfutter ab und behandelte einen Knecht, der an «Hauptwe» erkrankt war. Er eröffnete die erste Apotheke der Stadt, die sich über vier Generationen an seine Nachkommen vererbte. Diese «obere Apothek», wo Hegner auch wohnte und praktizierte, befand sich an der heutigen Obergasse 38-40. Den gleichen Fehler, dass sich der Stadtmedicus in Schulden verstrickte, wollte man nicht noch einmal begehen. Am 12. Oktober 1636 erhielt Hegner eine ordentliche Bestallung. Ausschlaggebend war sicher auch, dass er als Sohn des Landschreibers einer einflussreichen Familie entstammte. Der Stadtmedicus wurde dazu verpflichtet, alle Fronfasten, also viermal jährlich, die Scherer und die Hebammen zu sich zu berufen und auf ihr Fachwissen zu prüfen. Seine jährliche Besoldung bestand aus 50 Gulden an Geld und einer Naturalabgabe von 6 Mütt Kernen (entspelztes Korn) und 6 Saum Wein aus dem Spital. Wie der Pfarrer wurde er vom Wachtdienst befreit, musste aber Steuern entrichten. 1799 ging die Hegnersche Apotheke ein, nachdem sie von vier Generationen geführt worden war.
Hans Heinrich Hegner (1646-1696)
Eigentlich hatte man von Hegner auch erwartet, dass er die Armen im Spital und die Almosengenössigen umsonst behandelte und mit Arzneien aus der Apotheke versah. Dagegen protestierte Hegner 1638 entschieden. Die Stadtväter wollten das aber nicht einsehen beliessen die Sache beim alten Dieser Punkt scheint auch in späteren Zeiten Anlass zur Kontroverse gegeben zu haben. Erst um 1760 ist wieder ein Passus vorgesehen, der zwar eine Vergütung der verwendeten Medikamente vorsieht, hingegen eine kostenlose Behandlung der Armen verlangt. Dies steht im Gegensatz zum Pflichtenheft des Stadtarztes, des handwerksmässig ausgebildeten Chirurgen, der schon immer der städtische Armenarzt gewesen war.
Hans Rudolf Hegners Sohn Hans Heinrich (1646-1696) wurde später ebenfalls zum Stadtphysicus gewählt, während seinem anderen Sohn Hans Rudolf (1631-1679) der Beruf des Apothekers bestimmt war. Der Enkel Hans Heinrich (1680-1734) erlangte die Stellung des zweiten untergeordneten Stadtphysicus, der in Winterthur auch Poliater genannt wurde, während es der Urenkel Hans Konrad (1709-1775) als Chirurg zum Stadtarzt brachte. Die obere Apotheke befand sich in den Händen dieser vier Generationen.
Überhaupt entstammten diesem einflussreichen Zweig der Familie Hegner mit dem Stammvater Hans Ulrich Hegner (1575-1635), dem Vater von Hans Rudolf, der das Recht hatte, seine Landschreiberstelle auf seine Nachkommen erblich weiterzugeben, neben drei Schultheissen bis ins 19. Jahrhundert elf Ärzte, fünf Chirurgen und ein Apotheker. Der am häufigsten anzutreffende Vorname ist Hans Ulrich, was Verwechslungen Tür und Tor öffnet. Unter den Nachkommen befindet sich auch der Dichter Ulrich Hegner, der zwar aus Tradition Medizin studieren musste, sich aber mehr zur Politik hingezogen fühlte und die Möglichkeit wahrnahm, Landschreiber zu werden. Ein anderer Familienzweig, dessen Stammbaum im vorhergehenden Kapitel abgedruckt wurde und der vom Gerber und Spitalmeister Hans Hegner ausging, brachte sieben Chirurgen und einen Arzt hervor.