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Vampire im Schweizer Film? Die gibt es tatsächlich. In Chimères (2013) vom Neuenburger Olivier Beguin beginnt die Verwandlung eines jungen Schweizers mit einer verunreinigten Bluttransfusion, nach einem Unfall in Rumänien. Zurück in der Schweiz entwickelt Alexandre einen Blutdurst, der ihn erschreckt.
Olivier Beguin hat einen modernen Vampirfilm gemacht, der den Konventionen treu bleibt und sie doch fest in unserer Realität verankert.
Aber schon dreissig Jahre früher gab es einen eigenständigen Schweizer Vampirfilm. Strasek, der Vampir von Theodor Boder ist eine experimentelle Hommage an die grossen des Genres, an Carl Theodore Dreyers «Vampyr» von 1932 oder Murnaus unübertroffenen Klassiker «Nosferatu» von 1922.
Sein filmisches Experiment brachte Boder sogar eine Qualitätsprämie des Bundes ein. Das ist eher untypisch für den Umgang der Schweiz mit dem fantastischen Kino und seinen Möglichkeiten.
Nach dem Niedergang des erfolgreichen kommerziellen Kinos der Gotthelf- und Heidi-Filme Ende der fünfziger des letzten Jahrhunderts krempelte der Schweizer Autorenfilm die Filmförderung und die kulturpolitischen Ansprüche um.
Das aufkommende Fernsehen beschleunigte die Entwicklung, kommerzielle Filme wurden teurer und globaler, während Europas Jungfilmer die Subventionierung der Autorenkunst erkämpften.
Mit der Erkenntnis, dass der winzige Schweizer Kinomarkt die Produktionskosten für einen Spielfilm nie mehr würde einspielen können, verlagerten sich die Bemühungen und die Ansprüche.
Sozialkritisch, gesellschaftlich relevant und vor allem gegenwärtig sollten die neuen Schweizer Filme sein. Das strahlte zeitweise weit über die Grenzen aus, etwa mit den Filmen des Westschweizers Alain Tanner.
Und es kulminierte in einem der schönsten Schweizer Filme überhaupt, Fredi M. Murers Höhenfeuer von 1985. Die Geschichte einer verbotenen Geschwisterliebe in den Bergen war zugleich gegenwärtig und verwurzelt in den ländlichen Gotthelf-Welten.
Aber im Großen und Ganzen taten sich nicht nur die Schweizer Filmerinnen und Filmer, sondern vor allem die Förderstellen jahrzehntelang schwer mit Genre-Projekten. Fantastische Stoffe, Horror, Science-Fiction, Krimis: Alles was den Ruch des «grossen», kommerziellen Kinos mit sich brachte, war suspekt.
Dabei gingen zwei fundamentale Tatsachen vergessen: Genre-Filme, insbesondere Horror-Filme sind Nischenprodukte. Sie lassen sich kommerziell vermarkten, aber nie nur lokal. Und wenn sie einen Nerv treffen, haben sie eine grosse Halbwertszeit, verkaufen sich jahrelang.
Und viel wichtiger: Genrefilme funktionieren, wenn sie gut sind, weil sie einen gesellschaftlichen Nerv treffen. Es ist in der Regel der Transfer eines phantastischen Mythos in eine psychologisch und sozial realistisch gezeichnete Gegenwart, welche den wahren Horror dieser Geschichten auslotet.
Das beste Beispiel dafür ist der globale Boom der Zombie-Geschichten. Von George A. Romeros Night of the Living Dead von 1968 bis zum Serien-Erfolg von The Walking Dead war es ein weiter Weg. Aber die Zombie-Metapher, das Bild des seelenlosen, persönlichkeitsfreien Konsumenten, hat sich weltweit festgesetzt.
Anaïs Emery, die Direktorin des Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF, sagt dazu: «Zuerst einmal hat sich die Wahrnehmung des Fantastischen als ein hirnloses, kommerzielles Genre grundlegend weiterentwickelt. Unsere französischen Nachbarn etwa haben kürzlich einen Förderfonds für Genrefilme eingerichtet, mit Menschen vom Fach. Einige europäische Länder gehen in diese Richtung. In der Schweiz gibt es leider keine vergleichbare Initiative. Unser Nachwuchs stellt schöne Prototypen her, aber er hat Schwierigkeiten – bei der Produktion von Visual Effects, mit knappen Budgets und auch immer wieder mit Drehbuchtechniken rund um den Aufbau von Suspense.»
Und damit trifft es Emery ziemlich genau. Das Bewusstsein um die innovative Kraft des Genrefilms ist beim Schweizer Filmnachwuchs gewachsen. Michael Steiners Sennentuntschi hatte einen langen, steinigen Finanzierungsweg hinter sich, als der Film 2010 endlich ins Kino kam.
Steiners Missen-Massaker zeigte allerdings zwei Jahre später auch die Grenzen einer «lokalen» Genre-Produktion auf, ebenso wie der Schweizer 3D-Slasher One Way Trip mit Melanie Winiger. Das reine Kopieren und Lokalisieren erfolgreicher Mainstream-Formate erreicht eben nur den lokalen Nischenmarkt. Alle anderen haben ja ihre eigenen Klone.
Was aber funktioniert und fasziniert, das ist der elegante, intelligente und innovative Umgang mit den Versatzstücken des Genre-Kinos. Das macht der Pionier und Berlin-Schweizer Mathieu Seiler schon seit Jahren vor, etwa mit seinem Brandenburger Werwolf-Film Der Ausflug (2013) oder mit seiner Slasher-Hommage True Love Ways (2015).
Oder im letzten Jahr Lisa Brühlmann mit ihrem realistisch fantastischen Meerjungfrauen-Coming-of-Age-Horror Blue My Mind, der weltweit Festivalpreise abräumte und gleich drei Schweizer Filmpreise.
Die Zeit der Berührungsängste unter den Filmemacherinnen ist vorbei. Und bei den Förderstellen damit hoffentlich auch.
Diesen kurzen Text habe ich aus Anlass des NIFFF für srf.ch/kultur geschrieben.
Hier im Blog habe ich ihn ergänzt mit den passenden Links zu den einzelnen Filmen.