Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03591.jsonl.gz/1583

Monatelang trieb er auf offener See, ernährte sich von Fischen, die er mit blossen Händen fing, und trank seinen eigenen Urin. Jetzt wurden die Eltern ausfindig gemacht. Sie bestätigen, ihren Sohn 13 Monate lang vermisst zu haben. Doch viele Ungereimtheiten bleiben.
Vergangenen Donnerstag finden zwei Einwohner der Marshall-Inseln den entkräfteten José Ivan, der – je nach Bericht – eigentlich José Salvador Albarengo, Albaniaga oder Alvarenga heisst, am Strand des Ebon-Atolls. Aufgepäppelt und wieder bei Kräften erzählt der Schiffbrüchige von seiner 13-monatigen Odyssee auf dem Pazifik. Seine Erzählungen sind wirr und hinterlassen einige Zweifel.
Am 21. Dezember 2012 sticht José Ivan nach eigenen Angaben mit einem jungen Begleiter in Mexiko in See, um auf einem Tagestrip nach El Salvador Haie zu fangen. An das Datum seiner Abreise kann er sich zwar erinnern, doch vieles hat er vergessen: Weder weiss er, wie alt er genau ist, noch wo seine Eltern und seine Tochter wohnen.
Offenbar hatte niemand weder José Ivan selbst, noch seinen jungen Begleiter als vermisst gemeldet. Der Junge, auf 15-18 Jahre geschätzt, sei krank geworden, habe sich geweigert zu essen und sei etwa vier Monate nach der Abreise gestorben. José Ivan habe die Leiche über Bord geworfen.
Ernährt habe er sich von Schildkröten und Fischen, sagte José Ivan. Wenn es nicht geregnet hatte, habe er das Blut der Schildkröten oder seinen eigenen Urin getrunken. Über all die Monate hatte der Schiffbrüchige aber lediglich ein Messer und einen Sonnenschutz dabei. Wie konnte er Schildkröten und Fische fangen? Mit blossen Händen, sagt José Ivan. Mit einer Hand habe er die Tiere angelockt, mit der anderen habe er die Fische an der Flosse gepackt. Ungewiss ist, weshalb er kein Netz für die ursprünglich geplante Hai-Jagd dabeihatte.
Nach Monaten auf See strandete José Ivan schliesslich auf dem Ebon-Atoll, einem Teil der Marshall-Inseln. Er habe gerade einen Vogel gefangen, erzählte José Ivan dem «Telegraph», als er Bäume erblickte. Er habe sich ans Ufer geschleppt und dort geschlafen, bis ihn zwei Einheimische entdeckten. Obwohl er von den Behörden und Ärzten als «entkräftet» beschrieben wird, ist sein gesundheitlicher Zustand den Umständen entsprechend offenbar unglaublich gut. Ein Staatssekretär der Marshall-Inseln sagte nach einem Treffen mit dem Schiffbrüchigen gemäss «Daily Mail», der Mann sei im Vergleich zu anderen Menschen, die so etwas überlebt hätten, nicht einmal sonderlich dünn.
Skeptiker bezweifeln, dass der Schiffbrüchige nach 13 Monaten auf See bei so guter Gesundheit sein kann und es mit einem beschädigten Boot überhaupt so weit schaffte. Doch die Aufklärungen um José Ivan Odyssee nehmen den Zweiflern langsam den Wind aus den Segeln. Mittlerweile sind auf «The Telegraph» erste Bilder des Bootes mit dem Namen von José Ivans Arbeitgeber aufgetaucht. Und vor kurzem konnten gemäss «Daily Mail» José Ivans Tochter und seine Eltern ausfindig gemacht werden.
Wenn die Geschichte des Schiffbrüchigen stimmt, grenzt sein Überleben an ein Wunder. Zwar werden immer wieder Fischer im Meer von Stürmen erfasst und bei den Marshall-Inseln an Land gespült, doch noch nie hatten Schiffbrüchige eine solch lange Zeit auf See überlebt. 2012 starben zwei Fischer nach 28 Tagen an Herzinfarkt und Dehydration. 2006 wurden auf dem Inselstaat im nördlichen Pazifik schon einmal drei mexikanische Fischer aus Seenot gerettet. Sie waren neun Monate auf dem Meer unterwegs gewesen und ernährten sich von Fischen, Seevögeln und Regenwasser. 1992 überlebten zwei Fischer aus Kiribati 177 Tage auf hoher See, bevor sie Samoa erreichten.