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Für Sucht Wallis entspricht die Definition von Sucht derjenigen des Groupement romand d’études des addictions (GREA), d. h. dem Verlust der Autonomie des Individuums in Bezug auf ein Produkt oder ein Verhalten. Sie zeichnet sich durch den Leidensdruck der Person und Veränderungen in ihrer Beziehung zur Umwelt aus. Sucht ist das Ergebnis einer Interaktion zwischen einer Person, Produkten und einem Kontext. Sie ist nicht auf ein individuelles Problem beschränkt, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft.
Sucht ermöglicht es der Person nicht mehr, ihre Lebensweise und ihre sozialen Beziehungen selbstständig zu gestalten. Sie erfordert eine Reaktion der Gemeinschaft in mehreren sich ergänzenden Bereichen, d. h. im Sozial-, Gesundheits-, Sicherheits-, Bildungs- und Umweltbereich.
Sucht im medizinischen Bereich und in der Psychiatrie
Sucht wird von der WHO als Krankheit anerkannt. Sie erfordert, dass eine medizinische Fachperson aufgrund einer Anamnese eine medizinische Diagnose stellt. Die Fachperson achtet auf greifbare, objektive Elemente und stützt sich auf die erforderlichen Kriterien, wie sie von der WHO in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) festgelegt wurden, um das Problem der Person einzustufen.
Die American Psychiatric Association hat in ihrer neuen DSM-5-Klassifikation die einzige Diagnose der Störung durch Substanzgebrauch oder Suchtmittel beibehalten, die die Diagnosen schädlicher Gebrauch (Missbrauch) und Abhängigkeit aus den früheren Klassifikationen vereint.
Das DSM-5 brachte einen dimensionalen Ansatz mit sich, d. h. die Person weist je nach Anzahl der vorhandenen Kriterien eine mehr oder weniger schwere Sucht auf (leichte, mittelschwere und schwere Störungen). Diese Entwicklung des Suchtkonzepts hat Konsequenzen für die Suchtbehandlung. Der dimensionale Ansatz ermöglicht es, den Nutzen abgestufter Interventionen und Behandlungsprogramme zu begründen, die von einer einfachen Kurzintervention bis hin zu einer umfassenden medizinisch-psycho-sozialen Betreuung reichen. Er rechtfertigt auch therapeutische Strategien, die von der einfachen Konsumreduktion bis zur Abstinenz reichen.
Das bio-psycho-soziale Modell als Eckpfeiler
Der französische Psychiater Claude Olievenstein und sein amerikanischer Kollege George Libman Engel haben die zeitgenössischen Auffassungen von Sucht begründet, indem sie ab 1970 ein sogenanntes bio-psycho-soziales Modell vorschlugen. In seinen Arbeiten über Drogen erklärt Olievenstein: “Die Drogensucht entsteht an einer dreifachen Kreuzung: an der Kreuzung eines Produkts, eines soziokulturellen Moments und einer Persönlichkeit. Dies sind drei gleichermassen konstitutive Dimensionen”. (C. Olievenstein, “La drogue ou la vie”, 1983).
Dieser dreidimensionale Ansatz hat die Art und Weise, wie man über die Sucht denkt, die sich damals hauptsächlich auf das Produkt und das Individuum konzentrierte, völlig erneuert. Er bezog zum ersten Mal die entscheidende erklärende Rolle des soziokulturellen Kontextes mit ein. Dieses Modell wurde seitdem nicht mehr in Frage gestellt.
Die Bedeutung des Umfelds
Seit den 1970er Jahren betonen zahlreiche Autoren die entscheidende Rolle des Umfelds bei der Entwicklung von Suchterkrankungen und – im Gegensatz dazu – bei der Genesung der Betroffenen.
Der Begriff der suchtgenerierenden Gesellschaft wurde von Jean-Pierre Couteron entwickelt. Er beschreibt einen kulturellen Kontext, der die Suchterfahrung banalisiert, noch bevor die ersten Erfahrungen mit Substanzen gemacht werden. Die süchtig machende Gesellschaft fördert eine Kultur des Exzesses und der Beschleunigung, die das Kind und später den Jugendlichen an sofortige und intensive Reaktionen gewöhnt, die denen ähneln, die die Substanzen hervorbringen werden.
Die Bedeutung der Neurowissenschaften
Die ersten Arbeiten über Sucht als “Krankheit des Gehirns” haben dazu beigetragen, von der lange Zeit vorherrschenden moralistischen Sichtweise wegzukommen.
Sie wiesen auf die Existenz eines Belohnungskreislaufs und später auf die Rolle hin, die Dopamin, das “Lustmolekül”, bei der Funktionsweise dieses Kreislaufs spielt.
Psychoaktive Substanzen wirken also auf das Nervensystem des Gehirns ein und verändern dessen Funktionsweise. Im Gehirn kommt es zu komplexen Störungen seiner Mechanismen, die zu einem Verlust der Kontrolle über das Verhalten führen können.
Die Neurowissenschaften ermöglichen es, gegen die weitverbreitete Vorstellung anzugehen, dass Sucht eine Schwäche oder einen Mangel an Willenskraft des Individuums widerspiegelt.
Das von den Fachleuten angenommene Kontinuum
Um das Spektrum der Verhaltensweisen zu verdeutlichen, das von unproblematischem Verhalten bis zum völligen Verlust der Autonomie reicht, unterscheiden Suchtfachleute üblicherweise zwischen drei Verhaltensweisen:
- Risikoarmes Verhalten: beschreibt Konsumformen und Verhaltensmuster, die weder für die Gesundheit der betroffenen Person noch für ihr Umfeld schädlich sind und die häufig Teil des gesellschaftlichen Lebens sind.
- Risikoverhalten: bezeichnet den Konsum von Substanzen oder ein Verhalten, die für die betroffene Person und ihr Umfeld körperliche, psychische oder soziale Probleme oder Schäden verursachen können. In diesem Stadium kann eine Intervention durch einen Spezialisten erforderlich sein. Es werden drei Verhaltensmuster unterschieden, die für den Einzelnen, sein Umfeld und die Gesellschaft potenziell schädlich sind:
- das exzessive Verhalten (z. B. Rauschtrinken),
- chronisches Verhalten (z. B. täglicher Alkoholkonsum),
- das der Situation nicht angepasste Verhalten (z. B. Fahren unter Alkoholeinfluss).
- Sucht: Bezeichnet einen Suchtmittelkonsum oder ein Verhalten, die durch “den Verlust der Autonomie der Person, ihren Leidensdruck und ihre Entfremdung” gekennzeichnet ist.