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Schlafende Hunde soll man nicht wecken – und in schlafenden Mordfällen nicht herumstochern. Dass das frisch verheiratete Pärchen Gwenda und Giles Reed diese alte Volkweisheit missachtet, bezahlt es um ein Haar mit dem Leben. Wenn – ja, wenn da nicht Miss Marple gewesen wäre…
Der Untertitel des Romans (Miss Marple’s Last Case [Ihr letzter Fall]) ist übrigens ein wenig irreführend. Im Gegensatz zu Poirot, der am Ende seines letzten Falls (Curtain) sogar stirbt, ist Miss Marple nicht nur den ganzen Roman hindurch putzmunter und so gesund, wie eine ältere Dame nur sein kann – sie löst auch den Fall brillant und stirbt keineswegs dabei. Auch von der inneren Chronologie ihrer Fälle her kann es sich nicht um den letzten Fall ihres Lebens gehandelt haben: Miss Marple besucht Colonel und Mrs Bantry (er seinerzeit der Hauptmordverdächtige in The Body in the Library) in ihrem Landhaus. Der Colonel wird in einem andern Roman als verstorben erwähnt, das Anwesen als verkauft. Sleeping Murder muss also vorher stattgefunden haben. Von den externen Fakten her muss die Geschichte zu Beginn der 1930er Jahre spielen, zu einer Zeit nämlich, als der englische Mittelstand sich Villen auf dem Land leisten konnte, und – Personal. Mindestens eine Nanny, eine Köchin, ein Dienstmädchen und einen (Teilzeit-)Gärtner. Denn der Plot von Sleeping Murder beruht sowohl bei seiner Schnürung wie bei seiner Auflösung auf dieser (nach heutigen Begriffen) Unmenge von Bediensteten. Tatsächlich wurde der Roman bereits 1940 geschrieben. Allerdings landete er als Eiserne Reserve in einem Banksafe, und erst 1975, als Agatha Christie wusste, dass sie nicht mehr in der Lage war, weitere Romane zu schreiben, wurde er hervorgeholt und zur Veröffentlichung vorbereitet. Es dauerte allerdings noch ein Jahr, und Agatha Christie verstarb in der Zwischenzeit, bis der Roman das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Nur im Sinne des Erscheinungsjahrs 1976 also ist es Miss Marples letzter Fall, den wir hier vor uns haben.
Sleeping Murder ist denn auch noch nicht der Versuch, Miss Marple in ein psychologisches Kammerspiel einzuspannen, wie ihn Agatha Christie rund 10 Jahre später in A Pocket Full of Rye ausführte. (Dafür eignete sich ja Hercule Poirot bedeutend besser. Poirot ist per definitionem der Fremde, der solche eng zusammengekittete Gruppen sprengen kann. Miss Marple ist darauf angewiesen, einheimisch zu sein, zur Herde zu gehören.) Zwar spielt die Handlung nicht in Miss Marples Heimatdorf St. Mary Mead, aber Dillmouth ist ein ähnlich verschlafenes Kaff, in dem jeder jeden kennt und sich auf 20 Jahre zurück an die kleinsten Kleinigkeiten erinnert. So kann es nicht verwundern, dass es Miss Marple gelingt, sehr rasch Zugang zur Dorfbevölkerung zu finden, kennt sie doch immer jemanden, der jemanden kennt, der dort einheimisch (geworden) ist. Einmal mehr wird Miss Marple auch von ihrem Neffen als Relikt der viktorianischen Zeit bezeichnet – aber im Grunde genommen ist ja das ganze Setting ein Überbleibsel jener Epoche.
Das junge Pärchen, das es sich in den Kopf gesetzt hatte, als Amateur-Detektive den Mord an Gwendas Stiefmutter, der vor fast 20 Jahren stattgefunden haben muss (wenn er stattgefunden hat – die allgemeine Überzeugung ist, dass die mannstolle Helen mit einem ihrer vielen Liebhaber durchgebrannt ist), irrt natürlich in seinen Verdächtigungen gar fürchterlich – im Gegensatz zu Miss Marple, der es sehr rasch klar ist, wer der Mörder gewesen ist, die aber fast den ganzen Roman über dazu schweigt. Wenn sie dann endlich die ganze Geschichte (er-)klärt, liefert sie gleichzeitig die Gebrauchsanleitung zum Verfassen von Kriminalromanen à la Christie mit: Das Pärchen nämlich, so führt Miss Marple aus, habe zu viel für wahr genommen, was nur auf der Aussage einer einzigen Person beruht habe. Das ist auch der Trick, mit dem Agatha Christie arbeitet. Subtil werden Aussagen vom Detektiv oder gar auktoriell wiederholt, die eigentlich nur Aussage eines einzelnen sind, auf diese Weise aber den Status gefestigter Wahrheit erhalten.
Sleeping Murder ist bestens gemachte Unterhaltungsliteratur. Ich kann das Büchlein jedem empfehlen, der so etwas sucht, ohne sich gleich bei der Lektüre zu Tode ängstigen zu müssen. Obwohl es im Grunde genommen beängstigend ist, was Agatha Christie uns da vorstellt: Einmal mehr nämlich ist die an der Oberfläche so heile Welt des englisch-viktorianischen Landlebens keineswegs heil. Und einmal mehr ist der Mörder nicht der Gärtner (der ist nur und ohne Absicht Gehilfe beim Verscharren der Leiche), sondern ein Mitglied der Familie – die also alles andere als der heile und noch gesunde Rückzugsort ist, als der sie so gern dargestellt wird. Und wenn Miss Marple vorgeworfen wird, dass sie mit ihrer Art, von jedem zuerst einmal das Schlechteste anzunehmen, eine absolute Zynikerin sei, verneint sie das heftigst. Sie hoffe doch immer, dass alles sich zum Guten wende, meint sie. Implizit aber gesteht sie damit, dass es mit dieser Welt eben keineswegs gut bestellt ist, und bejaht somit hintergründig, was sie vordergründig zu verneinen scheint.
(Eine Bemerkung noch zur Übersetzung des Titels ins Deutsche. Im Gegensatz zum deutschen Titel von A Pocket Full of Rye verrät der Titel zwar nichts Relevantes. Aber der Wunsch, unsanft zu ruhen, wird im ganzen Roman niemals und niemandem gegenüber geäussert. Den Rat hingegen, von einem schlafenden Mordfall die Finger zu lassen, hören Gwenda und Giles des öfteren.)