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Beim alljährlichen Turnier in Neu-Ulm stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Die Vollkontakt-Kämpfe laufen, meiner steht noch bevor – und mein Kung-Fu-Bruder geht K.O., eine Einlieferung ins Krankenhaus steht bevor. Sofort denke ich an das Organisatorische, daran, dass seine Sachen mitfahren, daran, dass er seine Ausweise braucht, daran, dass er nicht allein fahren muss. Einer unserer Coachs sieht das anders. «Bereite dich auf deinen Kampf vor.»
Vor Turnierbeginn sprach mein Sifu etwas ausführlicher mit mir über das Thema Mindset. Darüber, dass der Kampf im Kopf entschieden wird und ich nur noch darauf Einfluss nehmen könnte. Meine Fähigkeiten wären so gut, wie sie in diesem Moment seien, aber die Frage, ob ich sie abrufen könne, die seien von meinem Kopf abhängig. Er riet mir verschiedene Dinge zu tun, mich zu konzentrieren, mich vorzubereiten, das Adrenalin schon vorgängig abzurufen, und mit der Überzeugung des Sieges in den Kampf zu gehen. Dieser Prozess war in vollem Gange – und dann das auf mich dramatisch wirkende K.O. meines Bruders.
Ich zog mich also zurück, weg von den Geschehnissen. Noch immer wurde er auf der Fläche von den Sanitätern versorgt, eine Reihe von Offiziellen und Helfern bildeten einen Sichtschutz. Eine weitere Kämpferin kam zu mir, die ich schon lange kenne, zusammen mit ihrem Lehrer. Wir sprachen darüber, was passiert war und wie damit jetzt umzugehen wäre. In diesem Prozess stellte ich ihm eine Frage, und zwar, ob ich etwas anders hätte machen sollen. Er schaute mich an und gab mir keine Antwort darauf, sondern sagte: «Beschäftige dich jetzt nicht damit.»
Richtig. Richtig, darum war ich ja weggegangen. Ich war weggegangen, um mich nicht damit zu beschäftigen und mich vorzubereiten. Ich musste zurückfinden in den Kampfmodus, welcher nur die Ausrichtung auf den Sieg kennen durfte. Einen Kampf würde ich haben, drei Runden lang, und diese Runden, die hatte ich alle drei vor zu gewinnen. Langsam, ganz langsam, fand ich dorthin zurück, und als mein Kung-Fu-Bruder von den Helfern abtransportiert worden war, ging ich zurück zum Ring.
Als der Kampf begann, war ich wieder bereit. Nur einen Moment lang kam ich innerlich ins Straucheln, als meine ungewohnt grosse Gegnerin mit viel Energie angriff, aber der Gedanke war so schnell vorüber, wie er gekommen war. Keine ganze Runde später war der Kampf vorbei und meine Hand oben. Dann erst fiel mir auf, dass ich so konzentriert gewesen war, dass ich nicht mehr danach gefragt habe, ob unser verletzter Kämpfer zu sich gekommen sei oder nicht.
Als Fazit ziehe ich zum Einen, dass alles zu seiner Zeit geschehen muss, und dass es zudem wichtig ist, dem eigenen Team vertrauen zu können. Ich musste mich nicht kümmern, denn die anderen haben das getan. Das hat mir rückblickend den Boden gegeben, der nötig war, den Fokus wiederzufinden. Und zum anderen durfte ich feststellen, dass ich meine Konzentration wiederfinden kann, wenn sie gefallen ist. Trotz des Unfalles und auch trotz des kurzen inneren Disputs während dem Kampf habe ich zurückgefunden und konnte einen starken Sieg erringen.