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Bisher konnten nur weniger als fünf Prozent der Trümmer weggeräumt werden. Von den zugesagten internationalen Unterstützungshilfen ist nur etwas mehr als ein Viertel angekommen. Wie kann man sich den Wiederaufbau in Haiti vorstellen, wenn die Trümmer immer noch überall liegen, kein richtiges Abfallmanagement vorhanden ist und das Wasser an vielen Orten nicht chloriert wird? Diese Fragen beantwortet Nicolai Fischer im Interview mit Tink.ch. Fischer ist Projektverantwortlicher der Caritas Schweiz für die Katastrophenhilfe und den Wiederaufbau in Haiti.
Wie sieht die Situation heute, über ein Jahr nach dem Erbeben, aus? Was tun Sie, um zu helfen?
Wir haben mit der Caritas Schweiz zwei grosse Projekte gestartet: Zum einen geht es um den Wiederaufbau von Häusern und Schulen, zum andern um die Nothilfe. Zuerst schauten wir in den Nothilfegebieten, wo sich die meisten betroffenen Personen befanden, wo es Partnerorganisationen oder Behörden gab, mit denen wir in Kontakt traten. Zusammen bestimmten wir den Ort für die Nothilfe. So kamen wir auf Gressier, ein ländliches und sehr stark betroffenes Gebiet, wo die bedürftigen Bauern mit ihren Familien wohnen. Dort ist die Nothilfe am nötigsten, da 95 Prozent aller Häuser zerstört wurden. Dann starteten wir für das Projekt eine Studie, die zeigt, wie die Häuser erdbebensicher gebaut werden können. Im nächsten Schritt engagierten wir Ingenieure, die sowohl aus der Schweiz als auch aus Haiti kamen. Das ist ein wichtiger und notwendiger Teil der Hilfe, da sowohl das lokale Wissen wie auch das Erdbebensicherheitswissen erforderlich sind. In der Zukunft muss man die Naturgefahren mitberücksichtigen und Gebäude und Häuser bauen, die den Naturgewalten trotzen.
Woraus werden solche Häuser gebaut, woher kommt das Material und was passiert mit den überall liegenden Trümmern?
Der Bau von 1700 Häusern aus Stahlbeton und Mauerwerk ist in Planung, die ersten 100 Häuser stehen schon. Die Materialien wie Zement, Eisen und Steine kommen grundsätzlich aus Haiti. Die Bewohner selber bereiten den Platz fürs neue Haus vor, räumen die Trümmer weg und bauen die Häuser.
Welche Art von Hilfsmassnahmen braucht das Gebiet immer noch dringend?
Allem voran müssen die Wassersysteme verbessert werden. Die Trinkwasserversorgung bereitet nach wie vor eine sehr grosse Schwierigkeit. Ohne sauberes Wasser konnte sich die Cholera schnell ausbreiten. Wir starteten in den Schulen und Dörfern Präventionskampagnen, gleichzeitig verteilten wir Aqua-Tabs, mit denen die Menschen das Wasser desinfizieren können. Aufgrund von Cholera ist momentan eine medizinische Versorgung sehr dringend. Die Notunterkünfte für die Bevölkerung müssen gesichert werden, die Leute sollten nur sauberes Wasser trinken und möglichst bald ein neues Zuhause bekommen.
Wer bekommt zuerst ein neues Haus?
Klare Kriterien zu stellen ist schwierig, vor allem wenn man berücksichtigt, dass viele Menschen schon vor dem Unglück obdachlos waren. In den Städten herrschen grosse Unterschiede. Menschen, die bis zur Tragödie kein Zuhause hatten, sind mit einem Zelt schon glücklich. Anders sieht es bei Familien aus, die ein Haus verloren haben. Für sie reicht ein Zelt nicht lange. Die neuen Häuser erstellen wir in den ländlichen Gebieten, wo jede Familie je ein gleiches Haus erhält.
“Zu viel Koordination, zu wenig Effizienz”, einfach Chaos: Solche Stimmen hörte man aus den Medien. Woran liegt das?
Wenn man das Ausmass des Erdbebens bedenkt, verliefen die Koordination sowie die Effizienz meiner Meinung nach gut. Dies unter dem Aspekt, wie die Grundsituation vor Ort ist, was passiert ist. Die Hälfte aller politischen Ministerien ist Asche, wichtige Dokumente sind zerstört und auch die vielen Zentren von Organisationen liegen in Trümmern. Das Erdbeben war eine Riesenkatastrophe für das Land. Doch auch bei Katastrophen in kleinerem Ausmass, wie zum Beispiel dem Erdbeben in Pakistan, dauert es immer mehrere Monate, bis man mit dem Aufbau beginnen kann. Auch in der Schweiz würde es so lange dauern. Für eine nachhaltige Arbeit braucht es Zeit. Zu viel Koordination kann es in dieser Lage nicht geben. Es muss alles koordiniert werden, die helfenden Organisationen müssen sich untereinander absprechen, die neuen Häuser sollten alle dem gleichen Standard entsprechen und es darf zum Beispiel auch nicht vorkommen, dass durch fehlende Koordination eine Familie zwei Häuser bekommt.
Was ich auch in diesem Zusammenhang spannend finde, sind die Reaktionen der betroffenen Einwohner vor Ort. Sie sagen verständnisvoll: “Für uns ist es wichtig zu wissen, dass man uns hilft. Ob das Haus nun ein paar Monate früher oder später gebaut wird, ist nicht so wichtig.”
Wird mal die schöne Karibikinsel, die man aus den 60er-Jahren kennt, wieder ein gut besuchtes, touristisches Ziel sein?
Aufgrund der politischen und ökonomischen Lage war die Insel schon vor dem Erbeben kein befragter Touristenort und es wird lange dauern, bis die frühere “Perle der Karibik” wieder besucht wird, was ich aber für sie hoffe. Das Land mit zahlreichen Bodenschätzen und der wunderschönen intakten Landschaft hat nämlich ein grosses Potenzial, wenn es sich nur politisch und ökonomisch stabilisieren und entwickeln könnte. Es sollte nicht zynisch klingen, aber dieses Erdbeben kann auch eine Chance auf einen Neuanfang sein.