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Auf dem Papier ist es vielleicht der unwahrscheinlichste Transfer in der Geschichte des Fussballs. Der junge argentinische Fussballstar Gonzalo Higuain wird im Sommer 2006 von Real Madrid umworben und unterschreibt beim … FC Locarno in der Schweizer Challenge League.
Nur, dass der aufstrebende Star niemals einen Fuss in die Tessiner Stadt setzen wird. Nicht einmal, um dessen prestigeträchtiges Filmfestival zu besuchen. Denn die Unterschrift des Argentiniers ist nur ein Trick. Es geht – natürlich – um Geld.
Der 18-jährige Gonzalo Higuain glänzt in der Saison 2005/06 im Trikot von River Plate. Logischerweise weckt er die Begehrlichkeiten der grossen europäischen Vereine, zu den Interessenten gehört auch Real Madrid. Ein Wechsel in die spanische Hauptstadt wäre für alle Beteiligten von Vorteil: Für Real, weil es sich ein grosses Talent angeln würde, für den Spieler, weil er zu einem der besten und glorreichsten Vereine der Welt wechseln würde, und schliesslich für River Plate, das Geld braucht.
Das Problem ist, dass der Verein aus Buenos Aires, der sich in grossen finanziellen Schwierigkeiten befindet, sofort Geld braucht. Also reist der Präsident, José Maria Aguilar, im August 2006 nach London. Er beschliesst, Anteile an Spielerverträgen von River Plate zu verkaufen, die Fussballer aber im Verein zu behalten. Und wer sitzt am anderen Ende des Verhandlungstisches? Der FC Locarno.
Für 6 Millionen Dollar erwirbt der Schweizer Verein 50 Prozent des Vertrags von Higuain. Bei einem zukünftigen Wechsel zu einem anderen Team erhalten die Tessiner die ersten 6 Millionen der Transaktion (also die volle Rückzahlung ihrer Investition) plus die Hälfte des restlichen Betrags.
Für einen Schweizer Zweitligisten sind solche Einnahmen unerhört viel Geld. Und dann: Bingo! Vier Monate später, im Dezember 2006, wechselte Higuain zu Real Madrid, ohne ein einziges Spiel für den FC Locarno bestritten zu haben – er hatte River Plate nie verlassen. Insgesamt kassierte der Tessiner Verein trotzdem 13 Millionen Dollar.
Zum Leidwesen des Tessiner Vereins und seiner wenigen Fans (im Schnitt 800 Zuschauer zu jener Zeit) landeten die Geldbündel jedoch nie in den Kassen des Vereins, sondern in den Taschen seiner zweifelhaften Besitzer, für die der FC Locarno nichts anderes als eine Briefkastenfirma war.
Die beiden Argentinier Fernando Hidalgo und Gustavo Arribas sowie der Israeli Pinhas «Pini» Zahavi, drei Spieleragenten, die die HAZ Sport Agency leiten, kauften den Verein auf, um ihn zu einer Drehscheibe für Phantomtransfers südamerikanischer Fussballer zu machen. Die Transaktionen hingegen waren sehr real und ermöglichten es den drei Männern, sich am Lago Maggiore mit Millionen zu bereichern.
Der 79-jährige Zahavi ist hinter den Kulissen des Weltfussballs ein wohlbekannter Name. Zwar ging der FC Locarno im Januar 2018 bankrott, lange, nachdem der Israeli das Tessin verlassen hatte, doch Zahavi füllte weiterhin sein bereits sehr umfangreiches Bankkonto. Er ist unter anderem der Agent von Robert Lewandowski, der in diesem Sommer von Bayern München zum FC Barcelona wechselte, und er soll auch 10,7 Millionen Euro beim Rekord-Transfer von Neymar von Barça zu PSG kassiert haben.
Zahavis ehemaliger Geschäftspartner Gustavo Arribas war von 2015 bis 2019 Chef des argentinischen Geheimdienstes. Er wurde von seinem Freund Mauricio Macri, dem Ex-Präsidenten des Landes und einstigen Boss der Boca Juniors, ernannt. Da sieht man mal wieder, wohin der Fussball und sein Networking führen können.
Es bleibt nun abzuwarten, wohin der Weg von Gonzalo Higuain ihn nach seiner Profikarriere führen wird. Diesmal wird es wohl nicht der FC Locarno sein, der mittlerweile nur noch in der 2. Liga spielt. Aber zumindest befreit von Praktiken, die einst seine Geschichte und seinen Ruf beschmutzt haben – und die 2020 von der FIFA verboten wurden.
Bald werden wir den Schweizer Nati-Captain Granit Xhaka mit der Meisterschale sehen. Es sei denn, eine Pandemie lege unser Leben lahm (bitte nicht schon wieder!), ein Asteroid lösche unseren Planeten aus (bitte definitiv nicht!) oder Bayer Leverkusen schafft etwas, was man nur «Vizekusen» zutraut (und natürlich Schalke 04 und dem Hamburger SV): eine nicht zu verspielende Ausgangslage tatsächlich noch zu verspielen.