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Die älteste Quelle der Alpen
Das Tram fuhr nicht von ungefähr zwischen St. Moritz Dorf und St. Moritz Bad. Die beiden Ortsteile sind erstaunlich unterschiedlich. Das Dorf liegt eng zusammengedrängt am sonnigen Hang, das Bad weitläufig unten in der Ebene am See. Die dortige Heilquelle ist die älteste nachgewiesene Quellfassung im Alpenraum. Ausgrabungen haben eine Wasserfassung aus zwei riesigen ausgehöhlten Lärchenstämmen zutage gefördert, die ungefähr auf das Jahr 1500 v. Chr. datiert werden konnten. Die urzeitliche Konstruktion ist heute an ihrem originalen Standort im Forum Paracelsus, der alten Trinkhalle und Fassung der St. Moritzer Quelle, zu sehen.
Belle-Époque-Hotels in St. Moritz Bad
Während langer Zeit erlaubte die Gemeinde keine Hotels in St. Moritz Bad. Als das Verbot endlich fiel, entstand ein Ensemble von Belle-Époque-Grandhotels, jedes mit Park und flachen Spazierwegen. Vieles davon ist noch erhalten, vor allem die grossen zusammenhängenden Freiflächen der ehemaligen Hotelparks mit den unzähligen frechen Eichhörnchen, die mit ihren erbeuteten Arvennüsschen routiniert unter den Ortsbussen hindurch über die Strasse rennen. Das Grand Hôtel des Bains Kempinski, das Hotel Reine Victoria und das Hotel Laudinella mit seinem Konzertsaal und dem reichhaltigen Kulturprogramm sind nahe, aber in vornehmem Abstand um die Quelle angeordnet. Deshalb war den Hotels im Dorf die elektrische Strassenbahn wichtig: So konnten sie ihren Gästen eine angenehme Verbindung zum Bad anbieten. Der Bädertourismus war in St. Moritz aufgrund der Quelle seit Jahrhunderten etabliert. Allerdings gab es im Gegensatz zum konkurrierenden Davos keine grossen Sanatorien. Die Engadiner warben sogar damit, dass man sich bei ihnen nicht mit der Tuberkulose anstecken könne. Der absichtliche Verzicht auf die Lungenkranken machte die Wirtschaft allerdings empfindlicher für die Krisen der Weltpolitik. Nach dem Stillstand des Ersten Weltkriegs kam der Tourismus nur mühsam wieder in die Gänge. Im Sommer 1929 war die Malojabahn von St. Moritz nach Chiavenna fertig vermessen und mit Pfosten ausgesteckt, bereit für den Baubeginn im Frühling 1930. Aber am 29. November beendete der «Black Friday» die «Roaring Twenties» und damit alle weiteren Bahnträume im Engadin. Dafür blieb das Südufer des Silsersees mit seinem spektakulären Lärchen- und Arvenwald unverbaut.
Passlandschaft auf dem Bernina
Gebaut wurde dagegen die Berninabahn, gerade noch rechtzeitig vor dem Krieg, eine reine Touristenbahn, nur für den Sommerbetrieb gedacht, mit ein paar panoramamässig besonders schönen Schlaufen, die aber in berüchtigten Lawinenzügen lagen. Als die Berninabahn 1943 von der Rhätischen Bahn (RhB) übernommen wurde, gab es einen Ganzjahresbetrieb, und die Panoramaschlaufen wurden begradigt. Auch die Bernina bahn war von Anfang an elektrisch – mit einer Ausnahme: Die grosse dampfbetriebene Schneeschleuder dampft und raucht bis heute. Doch nicht nur die Bahn ist spektakulär. Auch die ganze elektrische Kulturlandschaft auf der Wasserscheide zwischen Adria und Schwarzem Meer ist es. Ab 1910 entstand mit der Aufstauung des Lago Bianco auf der Passhöhe – mit einer nördlichen und einer südlichen Staumauer, mit dem Palüsee und den Kraftwerken Robbia, Palü und Cavaglia – eine ganze Kraftwerks- und Stauseekette. Die Staumauern, aber auch Bahnhofgebäude und Kraftwerkszentralen wurden durchgehend vom selben Architekten gestaltet, dem St. Moritzer Nicolaus Hartmann.
Via Energia
In der Region um St.Moritz gibt es des halb nicht nur kulturell und landschaftlich viele unbekannte Dinge zu entdecken. Sie spielte auch eine führende Rolle in der Entwicklung und Anwendung der elektrischen Energie. Die Via Energia entlang des Wanderwegs zwischen BerninaHospiz und dem Kraftwerk Cavaglia zeigt das mit Schautafeln in Italienisch und Deutsch. Sollte das Pumpspeicherkraftwerk Lago Bianco jemals gebaut werden – mit erhöhten Staumauern, einer neuen unterirdischen Kraftwerkszentrale und kilometerweise neuen Stollen –, wird dies eine neue Episode der reichen Engadiner Energiegeschichte sein. Der internationale Applaus für eine weitere «europäische Batterie» wäre sicher – wie in jener Sommernacht, als Johannes Badrutt das elektrische Licht einschaltete.