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Dann kam der Tag, an dem Giulia erschien. Sie kletterte eines Morgens aus einem Lieferwagen und stand mitten in Emsys Revier. Die wunderschöne, dreifarbige Tigerkatze war vermutlich von weit weg hergereist, denn sie miaute mit einem fremdländischen Dialekt. Auch war sie sehr hungrig, was auf eine lange Reise hindeutete. "Kein Problem", dachte Emsy "Futter gibt es hier in Hülle und Fülle". Er lockte Giulia in die Nähe des Bürogebäudes, in dem seine Frauen arbeiteten. Doch Giulia hatte Angst. Sie wusste nicht, wo sie war und wie sie wieder nach Hause kam. Sie kannte weder den freundlichen Kater Emsy noch dessen Freundinnen. Irgendwie fühlte sie sich vollkommen verloren. Nur das leere Gefühl im Magen war sehr unangenehm. Ihre Angst war zu gross und sie traute sich nicht näher als zehn Meter ans Gebäude heran.
Als die Frauen die ausgehungerte Giulia entdeckten, riefen sie Tina an. Sie sollte das verängstigte Tier einfangen. Tina machte sich schon aufs Schlimmste gefasst, als sie, mit Katzenkorb und Handschuhen bewaffnet, zum Büro fuhr. Stattdessen sass dort eine wunderschöne Tigerdame mit weit aufgerissenen Augen. Sie miaute ununterbrochen und bettelte nach Futter. Ohne Probleme konnte Tina die dünne Katze auf den Arm nehmen und ins Büro tragen. Dort füllte sie sich an Emsys Futternapf ihren leeren Bauch auf. Während dessen schaute sie sich überall genauestens um. Nach dem letzten Bissen spazierte sie direkt ins erste Büro und legte sich unter den Tisch, als sei sie schon immer hier gewesen. Sie schlief sofort ein, denn die letzten 72 Stunden waren für Giulia ein
Horror-Trip gewesen. Sie war in einen kleinen Transporter geklettert und versehentlich ins Fricktal gefahren worden. Nun war sie 150 km von daheim entfernt und kannte nichts und niemanden. Der Kleintransporter wurde übers Wochenende ungeöffnet abgestellt und die arme Giulia musste dort eingesperrt ohne Fressen und Wasser ausharren. Erst als der Fahrer am Montagmorgen die Hecktüre öffnete, konnte Giulia aus ihrem Gefängnis entweichen.
Tina und die Frauen berieten sich. Was konnte man nur mit Giulia anfangen? Hier lassen konnte man sie nicht und nach Hause mitnehmen, das ging auch nicht, denn die anderen Katzen würden sich über einen Neuzugang gar nicht freuen. Vorsichtshalber informierten sie mal das Tierfundbüro und schrieben die zugelaufene Katze im Internet aus. Doch konnten sie nicht so lange warten bis der Besitzer sich meldete, denn Giulia musste über Nacht irgendwo untergebracht werden. Alle in diesem Büro hatten zu Hause Katzen, nur einer nicht, Andy. Er war der einzige Mann in dieser Bürogemeinschaft. Er sollte Giulia bei sich aufnehmen und ein paar Nächte bei sich behalten. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als man ihn mit diesem Vorschlag konfrontierte. Er war etwas entsetzt
und überrumpelt, doch dann schmunzelte er. Zum Erstaunen aller nahm er das Angebot mit grosser Freude an. Er wollte schon immer eine Katze haben und bei Giulia war es Liebe auf den ersten Blick.
Giulia zog bei Andy ein und verbrachte ein paar schöne Wochen in seiner Wohnung und mit Hochgenuss auch in seinem Bett. Sie war verschmust, anhänglich, eine absolute Klette. Giulia verfolgte Andy auf Schritt und Tritt. Sie begleitete ihn in die Küche, ins Bad und legte sich neben ihn aufs Sofa. Er konnte kaum weg, ohne dass sie miaute. Am Morgen kam er regelmässig mit Verspätung und mit schlechtem Gewissen zur Arbeit. Ueber den Mittag musste er nach Hause eilen, denn Giulia war ja sonst zu lange alleine. Nach wenigen Wochen musste er einsehen, dass er im goldenen Käfig sass, bewacht durch seine geliebte Giulia. Auch die Tigerkatze hatte sich verändert. Obwohl man am Anfang den Eindruck hatte, sie sei eine reine Wohnungskatze, wurde ihr Drang nach draussen stärker. Sie versuchte jeden Windzug zu erhaschen und zwischen Andys Beinen hindurch nach draussen zu gelangen. Sie miaute oft stundenlang, und es war nicht zu übersehen, dass auch sie sich eingesperrt fühlte. Sie wollte wieder Gras unter ihren Pfoten spüren. Beide wurden jeden Tag etwas unglücklicher.
Andy musste einsehen, dass er sich von Giulia trennen musste. Sie war keine Wohnungskatze, doch wohnte er im siebten Stock und konnte ihr keinen Freigang bieten. Sie würde in der Gefangenschaft zugrunde gehen. Er hatte einen Freund, der auf einem Bauernhof lebte. Ihm wollte er Giulia bringen. Eines Tages fuhren beide in die Ostschweiz. Ganz oben, weit entfernt von den anderen Höfen, lag der grosse Bauernbetrieb. Dort durfte Giulia nun leben und durch die Ställe streifen. Es gab grosse Weiden, auf denen unsagbar viele Mäuse lebten. Bald lernte sie die anderen Tiere kennen, die Rinder, die Schafe und die vielen Hühner, die gackernd umherliefen. Giulias neues Herrchen war ganz lieb zu ihr. Sie durfte, wann immer sie wollte, ins Haus rein und musste nicht wie manch andere Bauernhofkatze im Stall leben. Sein Arbeitsort war hier und Giulia musste nicht, wie bei Andy, alleine daheim auf die Rückkehr des Herrchens warten. Sie konnte ihn jederzeit bei seiner Arbeit besuchen gehen und ihm zuschauen, wenn er die Kühle melkte oder die Pferde fütterte. Es war ein paradiesischer Fleck, an den es Giulia verschlagen hatte. Sie war Andy dankbar, dass er ihr einen so schönen Platz gesucht hatte. Dies zeigte sie ihm auch jedes Mal, wenn er hierher kam um sie zu besuchen. Dann leckte sie seine Hand und legte ihren Kopf auf seine Beine. Nun waren alle wieder glücklich. Hier hatte sie ihr neues schönes Zuhause gefunden. Nun begann für sie ein neuer, glücklicher Lebensabschnitt.