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"ADJI DIEYE - APHASIA"
23.02.2023 Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, im Rahmen von "Photographic Encounters", vom 25. Februar bis am 29. Mai 2023
Bild: Adji Dieye, Videostill aus "Aphasia", 2022 © Adji Dieye
In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sich die in Zürich und Dakar, Senegal, lebende italienisch-senegalesische Künstlerin Adji Dieye (*1991) mit den Themen Postkolonialismus und Nationalstaatenbildung. Dabei untersucht sie aus einer afrodiasporischen Perspektive, welche Rolle Sprache und der urbane Raum in der Geschichtsschreibung spielen und hinterfragt diese als lineare Abfolge von Ereignissen kritisch. Im Mittelpunkt von Dieyes Ausstellung steht die Videoinstallation "Aphasia" (2022), die während eines mehrmonatigen Forschungsaufenthalts in Dakar eigens für das Fotomuseum Winterthur produziert wurde. "Die Arbeit gibt afrodiasporischen Communitys und Schwarzen Identitäten eine Stimme und erlaubt ihnen, sich als Teil eines lebendigen Archivs zu artikulieren.", schreibt das Fotomuseum.
Der Verlust von Sprache bildet die konzeptuelle Ausgangslage der transdisziplinären Arbeit "Aphasia", die an der Schnittstelle von Fotografie, Video und Performance die Widersprüche nationaler Wissensproduktion offenlegt. Der Begriff "Aphasie" (abgeleitet vom altgriechischen Terminus αφασία für Sprachlosigkeit) steht für eine kognitive Störung des Sprachvermögens oder Sprachverstehens, die sich oft darin zeigt, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich an Wörter zu erinnern oder diese zu artikulieren.
Dieye allerdings eignet sich den Begriff über eine Sprachperformance an verschiedenen öffentlichen Orten in Dakar an und überträgt ihn in einen kulturellen Kontext. Wir sehen die Künstlerin auf einem Dach, einem Stapel aufgetürmter Rohre oder einem riesigen Sandhaufen sitzen, die Gebäude und Baustellen im Hintergrund meist in Stoffe und Gerüste gehüllt. Gedankenversunken blättert sie dabei in einem Manuskript und murmelt Sätze in gebrochenem Französisch vor sich hin: Es sind Auszüge aus Reden, mit denen sich Präsidenten des Senegal seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 in französischer Sprache an die Bevölkerung gewandt haben und die Dieye in den Nationalarchiven des Landes mühsam recherchiert hat.
Beim Rezitieren sieht sich die Künstlerin mit einer gewissen Sprachlosigkeit konfrontiert, da sie sich darum bemüht, sich in der offiziellen, von der früheren Kolonialmacht eingeführten und dem Land aufgezwungenen Sprache auszudrücken, die nur ein Teil der Bevölkerung in ihrer institutionellen Form tatsächlich versteht. Als vermeintlich neutrale Sprache fungiert Französisch seit der Unabhängigkeit des Senegal trotzdem weiterhin als Verkehrssprache in Wirtschaft, Politik und Bildung – womit die koloniale Sprache ihren historischen Platz nicht räumt, den sie im letzten Jahrhundert mit dem Verdrängen der einheimischen Sprachen des Landes für sich reklamiert hat.
Während sich die städtischen Schauplätze in "Aphasia" verändern, entwickelt sich auch die Klangfarbe der Stimme, bis es nicht mehr die Künstlerin selbst ist, die die Sätze vorliest, sondern vielmehr eine Vielzahl an Stimmen – diejenigen von FreundInnen und Menschen mit ähnlicher Herkunft –, die Dieye im Zuge der Nachbearbeitung hinzufügte. Auf diese Weise bezieht sich die Künstlerin auf ihren eigenen biografischen Hintergrund, wobei sie die Sprache als vielstimmiges Werkzeug einsetzt, um bisher verdeckte afrodiasporische und senegalesische Stimmen sicht- und hörbar zu machen und gleichzeitig die eklektische kulturelle Identität des Landes seit der Unabhängigkeit 1960 neu zu denken. "Aphasia" bringt dabei umfassendere kulturelle und politische Strukturen der "post"-kolonialen Identität des Senegal ans Licht sowie die heterogene Nutzung von Sprachen im Land. Damit unterstreicht die Arbeit auch die Bedeutung des mündlichen Geschichtenerzählens als alternatives Wissenssystem und verweist auf die Leerstellen in institutionellen Archiven.
Dieyes künstlerische Untersuchung der sich rasch ausdehnenden Stadtlandschaft Dakars lädt dazu ein, sich nicht nur visuell mit den tief empfundenen Wahrheiten und Subjektivitäten der diasporischen und lokalen Communitys auseinanderzusetzen, mit denen die Künstlerin aufgrund ihrer eigenen Herkunft eng verbunden ist, sondern ihnen auch aktiv zuzuhören. Wenngleich der Verlust der Sprache den konzeptuellen Ausgangspunkt von "Aphasia" bildet, entfaltet sich die Arbeit zu einer Klanglandschaft, die sowohl der afrodiasporischen Gemeinschaft als auch der im Video singenden senegalesischen Verwandtschaft der Künstlerin Handlungsmacht und eine Stimmkraft verleiht. So entwickelt sich daraus ein polyphoner Kanon, der Schwarzen Identitäten und Spiritualitäten den Weg freimacht, selbst als lebendiges Archiv in Erscheinung zu treten.
Das Ausstellungsprojekt wurde im Rahmen von "Photographic Encounters" entwickelt, einem biennalen Format, mit dem das Fotomuseum Winterthur in Zusammenarbeit mit dem Christoph Merian Verlag FotografInnen und KünstlerInnen die Realisierung einer Ausstellung sowie einer begleitenden Publikation ermöglicht und damit die Umsetzung und Präsentation eines fotografischen Langzeitprojekts unterstützt. Adji Dieye wurde für die erste Ausgabe ausgewählt. Das Format "Photographic Encounters" wurde durch die Christoph Merian Stiftung initiiert und wird durch die Geissmann Scholarship for Photography ermöglicht.
Über Adji Dieye
Adji Dieye (*1991 in Mailand, Italien) lebt in Dakar (Senegal), Mailand und Zürich (Schweiz). Sie hat New Technologies for Art an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand studiert und einen Masterabschluss für Bildende Kunst von der Zürcher Hochschule der Künste. Indem sie die Grenzen des fotografischen Mediums erweitert, bewegt sich ihre künstlerische Praxis zwischen Performance, Skulptur und videobasierten Installationen. Ein wiederkehrendes Thema ihrer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der ikonografischen Sammlung im Nationalarchiv des Senegal, das sie auf zeitgenössische und kritische Weise befragt und so den Zustand des Landes seit der Unabhängigkeit untersucht. Dieye hat bereits in mehreren Werken mit klassifiziertem Archivmaterial gearbeitet, das sie als Mittel verwendet, um die Kontinuität unserer kolonialen Vergangenheit und Gegenwart freizulegen. Dieyes Arbeiten waren in internationalen Gruppenausstellungen im FOAM Amsterdam (2020), der Kunsthalle Wien (2020) sowie auf der African Photo Biennale in Bamako in Mali (2019) und dem Lagos Photo Festival (2017) zu sehen. Sie ist die Gewinnerin des C/O Berlin Talent Award 2021 und wurde für die erste Ausgabe des Formats "Photographic Encounters" ausgewählt.
fmw
Kontakt:
https://www.fotomuseum.ch/de/exhibitions-post/adji-dieye-aphasia/
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