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Aeneas Lionel Acton Mackintosh ist am 1. Juli 1879 in Tirhut, Bihar, Indien geboren. Er war ein britischer Seemann und Polarforscher und nahm an der Nimrod-Expedition von 1907 bis 1909 unter der Leitung von Ernest Shackleton teil. Während Shackletons Endurance-Expedition in den Jahren 1914 bis 1917 leitete er die Rossmeer-Gruppe. Im Verlauf dieser Unternehmung kam Mackintosh bei der Querung einer unsicheren Eisfläche gemeinsam mit einem weiteren Expeditionsmitglied unter nicht eindeutig geklärten Umständen, vermutlich am 8. Mai 1916 im McMurdo Sund ums Leben.
Das Wappen der Mackintosh, stolze schottische Clan-Chefs, zeigt einen Löwen, einen Eber, ein Segelschiff und eine Faust, die ein Herz hält. Alle diese Symbole sollten im kurzen Leben des Aeneas Lionel Acton Mackintosh eine wichtige Bedeutung haben. Er wurde 1879, als das britische Empire unter Königin Victoria auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, im nordostindischen Bihar als einer von fünf Mackintosh-Söhnen geboren. Sein Vater Alexander war ein Indigopflanzer, ob (erfolg-)reich oder nicht, wissen wir nicht. Ebenso wenig, warum seine Mutter Annie 1894 ihren Mann verliess und mit ihren fünf Söhnen und der Tochter nach England zurückkehrte. Der kleine Aeneas wurde wie damals in England üblich ins Internat gesteckt und absolvierte danach eine kaufmännische Lehre. Mit sechzehn zwickte ihn wohl die Abenteuerlust und er fuhr wie sein legendärer Namensvetter, der trojanische Prinz Aeneas, der tapferste Held aus Homers Heldensage Ilias, zur See. Von 1899 an diente er sich bei der P&O Company zum Handelsoffizier hoch.
Ein Bild Mackintoshs aus dieser Zeit zeigt ihn als einen gutaussehenden Mann mit ebenmässigen Zügen, eckig-energischem Kinn und arroganter Attitüde. Ein Mann, der Grosses vorhat. Es begann für Mackintosh auch durchaus vielversprechend. Durch die Vermittlung eines Offiziers der P & O Company lernte Mackintosh 1907 Ernest Shackleton kennen. Dieser plante seine British Antarctic Expedition, die als „Nimrod“-Expedition 1907–1909 in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Shackleton wollte als Erster an den Südpol reisen und heuerte den impulsiven Mackintosh als Zweiten Offizier an.
Zwar einäugig, aber guten Mutes, schloss er sich im Januar 1909 Shackletons Expedition wieder an. Er sollte Depots errichten für die Rückkehrer vom Südpol. Auch diesmal sollte dem Schotten das Glück nicht hold sein: Ein wenig durchdachter Gang über das Eis nach Kap Royds kostete ihn beinahe das Leben. Zurück in England hielt seine Pechsträhne an: Seine verminderte Sehfähigkeit trug ihm die Kündigung der P&O Company ein. Sein Freund Shackleton, der ja am Südpol gescheitert war, beauftragte Mackintosh nun, in die Karpaten zu reisen, um sich da ein Bild zu machen über dortige Goldminen, von denen Shackleton Aktien hielt und der damit eine neue Südpol-Expedition finanzieren wollte. Der Erfolg dieser Mission ist ebenfalls nicht verbrieft. Eine Quelle berichtet zudem von einer Seereise Mackintoshs 1909 zu den Kokosinseln im Südpazifik.
Auf dem winzigen Eiland soll unser Schotte nach einem spanischen Goldschatz gesucht haben. Wohl wieder ohne Glück, denn 1913 trat er in Liverpool einen Bürojob an. Ein Jahr zuvor hatte er geheiratet. Gladys, geborene Campbell, schenkte Aeneas zwei Töchter. Die Geburt seines zweiten Kindes verpasste unser glückloser Weltenbummler, denn er war 1914 in Australien. Er nahm zum zweiten Mal an einer Südpol-Expedition teil, dieses Mal als Mitglied der Ross Sea Party. Diese sollte die Imperial Trans-Antarctic Expedition von Shackleton wiederum mit Depots unterstützen. Da der Südpol bereits im Dezember 1911 von Roald Amundsen erobert beziehungsweise erreicht worden war, plante Shackleton nun eine Durchquerung des Eiskontinents vom Weddellmeer bis zum Ross-Eisschelf.
Die Ross Sea Party 1915 und 1916 war von Pannen und Pech geprägt, nicht zuletzt wegen des draufgängerischen Charakters Mackintoshs. Er wagte, eben vom lebensbedrohenden Skorbut genesen, einen Gewaltmarsch per Schlitten, bei dem ein Grossteil der Hunde starb und die Moral der Mannschaft ins Bodenlose sank. Man hatte ja schon den Verlust des Schiffes «Aurora» zu verschmerzen, das durch einen Sturm verwüstet, unfähig zur Rückreise und unerreichbar auf See trieb, beladen mit Proviant, Brennstoff und Ausrüstung, die Mackintosh und seine Männer zum Überleben gebraucht hätten. Trotzdem unternahmen die Mäner Versuche, die von Shackleton gestellte Aufgabe zu erfüllen, was sie im Februar 1916 wieder beinahe mit dem Leben bezahlten.
Doch die Situation wurde wegen fehlendem Nachschub für die Gruppe immer schlimmer. Am 8. Mai 1916 brach Mackintosh zusammen mit Victor Hayward zu einem Himmelfahrtskommando auf: Sie wollten das Eis vom Hut Point aus bis zum Kap Evans zu Fuss durchqueren, um dort in Scott’s Basis nach Nahrung zu suchen. Kurz nachdem die beiden aufgebrochen waren, setzte ein schwerer Blizzard ein, die beiden verschwanden spurlos.
Auf der Rückreise von der Versorgungsmission im Februar 1916, in Erwartung eines baldigen Todes, schreibt er eine Abschiedsnachricht. Die Botschaft endet mit den Worten: „Wenn es Gottes Wille gewesen wäre, unser Leben zurückzunehmen, hätten wir es ihm als Briten gegeben, denn es ist unsere Tradition, dass wir dies mit Ehre tun. Auf Wiedersehen meine Freunde, ich weiss, dass meine liebe Frau und meine Kinder nicht vernachlässigt werden.“ Nach dem Tod ihres Mannes heiratete Gladys Mackintosh den Ersten Offizier der „Aurora“, Joseph Stenhouse.
Ironie des Schicksals: Shackleton brauchte die errichteten Depots nicht, da sein Schiff, die „Endurance“, schon auf dem Weddellmeer festgefroren war und zerdrückt wurde. Das Wrack ging als Sinnbild des Scheiterns ins kollektive Gedächtnis ein, Shackleton als tragischer Held. Aeneas Mackintosh, der Seefahrer mit dem Herzen eines Löwen und dem Temperament eines Ebers, blieb bestenfalls eine Fussnote der Geschichte.
Heiner Kubny, PolarJournal