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Hierzu ein Erlebnis. Vor etwa 36 Jahren flog ich nach New York, unter anderem um dort eine Freundin zu besuchen, die ich auf einer Asienreise einige Jahre zuvor kennengelernt hatte. Sheila.
Sie wohnte, wenn ich mich richtig erinnere, an der 84. Strasse East Side, in einer Gegend, die recht dörflich anmutete. Kleine Läden und Cafés an den Strassenecken und viele Bäume. Man kenne sich auch, werde in den Läden mit Namen begrüsst, sagte Sheila.
Sie hatte mich zum Nachtessen zu sich nach Hause eingeladen. Getroffen hatten wir uns in der Stadt und waren dann gemeinsam heimgegangen. Dort ging Sheila zuerst in die Stube und stellte den Fernseher an und dann in die Küche, um das Nachtessen zuzubereiten. Ich stand unter der Küchentüre, und wir unterhielten uns. Ich immer wieder irritiert durch den Lärm aus dem Fernseher.
Schliesslich fragte ich Sheila, warum sie den Apparat eingeschaltet habe, wir seien ja jetzt in der Küche und schauten gar nicht hin.
Das mache sie immer, wenn sie nach Hause komme.
Damit war meine Frage noch nicht beantwortet.
Aber weshalb?
Das machten hier alle so.
Aber WESHALB?
Stirnrunzeln. Überlegen. Ja, weshalb denn?
Offensichtlich hatte sich Sheila diese Frage noch nie gestellt.
Ahhh, vermutlich, weil sie sich auf diese Weise nicht so alleine fühle. Weil es in der Wohnung nicht so ruhig sei. Weil sie so keine Angst habe.
Häää!? Solche Gedanken waren mir neu! Eine Lärmkulisse zur Beruhigung. Grad als ob die Stadt nicht schon genug Lärm produzierte! Das Zuhause könnte eine Oase der Ruhe sein, wo das überanstrengte Nervensystem wieder auf den ‚Normalzustand‘ herunterfahren könnte. Und genau dies sollte verhindert werden. Das würde Angst auslösen.
Wie halten Sie’s mit der Stille?
Lassen Sie sich auch nonstop bedudeln?
Läuft das Radio permanent oder auch der Fernseher?
Und wenn ja, weshalb?
Dass dies heutzutage auch hierzulande häufig vorkommt, stelle ich fest, wenn ich aus dem Fenster blicke. Ich wohne in einem älteren Blockquartier und sehe vielen meiner Nachbarn in die Stube. Vor allem abends – das kann aber durchaus schon morgens der Fall sein – laufen die Fernseher fast flächendeckend. Ganze Wände wechseln im Sekundentakt Farbe und Form, sind ständig in Bewegung, die projizierten Figuren beinahe überlebensgross. Mir wird trümlig, schon wenn ich aus grosser Distanz nur einen Moment lang dieses Schauspiel verfolge. Diese Stuben sind nicht nur von Lärm erfüllt, sondern auch noch von riesigen Bildern, die einen vollkommen zudecken müssen.
Wenn ich mir dann vorstelle, wie ausgeliefert die kleinen Kinder dieser buntschreienden ewigwechselnden lauten Umwelt sind, so habe ich grosses Mitgefühl. Was bilden sich in diesen kleinen Hirnen wohl für Netzwerke und Strukturen? Wie wird die Wahrnehmung dieser Kinder beeinflusst? Was für ein Weltbild werden sie sich zusammenbauen? Wie werden sie einst mit der Ruhe umgehen? Werden sie eine solche überhaupt je kennen – und wenn ja, zulassen können? Oder sind sie gezwungen, mit den Stöpseln in den Ohren durch die Welt zu gehen, um einen bestimmten Lärmpegel aufrecht zu erhalten?
Stille, die war einmal – für viele noch nie.