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Eine Wurfsendung der besonderen Art landete im Herbst 1969 in allen Schweizer Haushalten: Das Zivilverteidigungsbuch – ein Taschenbuch von 320 Seiten mit auffällig rotem Umschlag, es wurde in allen drei Landessprachen in einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren gedruckt. Die Gesamtkosten für das kontroverse Werk beliefen sich auf 4,8 Millionen Franken. Das Buch, aber auch die Kontroverse darüber erlauben einen Blick auf die mentale Verfassung der Schweiz in den Jahren des Kalten Krieges.
Absender des Buches war der Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, der CVP-Bundesrat Ludwig von Moos (1910–1990). Im Begleitbrief an die Bevölkerung erklärte er den Sinn des Werks so: «Das Buch will uns orientieren: im Hinblick auf künftige Geschehnisse, auf Prüfungen, die unsere Bevölkerung heimsuchen könnten, Natur- und schwere Katastrophen, auch zur Vorbereitung auf Zeiten möglicher Gefährdung unserer Heimat… Bewahren Sie das Buch sorgfältig auf, lesen Sie es besinnlich durch, vergewissern Sie sich von Zeit zu Zeit, ob alles vorbereitet sei, und tragen Sie dazu bei, dass wir zuversichtlich den kommenden Zeiten entgegensehen können.»
Das Buch lehnte sich in Stil und Aufmachung an das bereits 1958 erschienene Soldatenbuch an und war im Stil eines Ratgebers für Pfadfindertechnik verfasst. Die Lektüre lässt einen auch heute noch erschauern: Naturkatastrophen stehen dabei nicht mehr im Vordergrund, es geht fast ausschliesslich um den Krieg in unserem Land. Das Buch sollte die Zivilbevölkerung auf einen bewaffneten Konflikt und einen Atomkrieg vorbereiten. Es beschrieb den Ablauf eines Krieges von der Vorbereitung über einen Atomschlag bis zum Guerilla-Kampf und der Befreiung. Das Szenario orientierte sich im Wesentlichen am Zweiten Weltkrieg. Das Zivilverteidigungsbuch liess das Publikum im Glauben, dass die Schweiz für einen Atomschlag gerüstet sei:
«Beim Einsatz von atomaren Waffen nimmt die Wirkung mit der Entfernung vom Sprengpunkt ab. Wir müssen damit rechnen, dass in der Kernzone der Explosion alles zerstört ist. In einer weiteren Zone aber, wo zwar über der Erde ebenfalls alles zerstört ist, hat die Zivilbevölkerung in den Schutzräumen überlebt.»
Kontrovers wurde das Werk auch durch das Feindbild, das darin gezeichnet wurde: Der Feind kam ebenso stark aus dem Innern wie von aussen. Das Buch entwarf das Bild einer Schweiz, die von fremden Ideen unterwandert wurde, von Parteien und Organisationen aus dem Ausland. Damit war klar die Linke im Visier. Im Zivilverteidigungsbuch wird dies die zweite Form des Krieges genannt:
«Die zweite Form des Krieges ist darum so gefährlich, weil sie äußerlich nicht als Krieg erkannt wird. Der Krieg ist getarnt. Er spielt sich in den äußeren Formen des Friedenszustandes ab und kleidet sich in die Gestalt einer inneren Umwälzung. Die Anfänge sind klein und scheinbar harmlos – das Ende ist so bitter wie der Krieg selbst.»
Erwähnenswert sind auch die Illustrationen. Auf der einen Seite wurden sachliche Infografiken benutzt, auf der anderen Seite skizzenhafte Illustrationen, Personen ohne erkennbare Gesichter schemenhaft wiedergegeben und in den entsprechenden Passagen rot eingefärbt.
Zwei Männer koordinierten die Herausgabe des Buches mit einer Gruppe von weiteren Autoren – Frauen waren keine darunter: Der Nachrichtendienstoffzier Albert Bachmann (1929–2011) und der Historiker Georges Grosjean (1921–2002). Bachmann war Oberst im Generalstab der Schweizer Armee und wurde als eine «aussergewöhnlich bunt schillernde, mit gewissen abenteuerlichen Zügen behaftete Persönlichkeit» beschrieben. Er beauftragte Ende der 1970er-Jahren den dilettantisch auftretenden Spion Kurt Schilling, das österreichische Bundesheer auszuspionieren und versuchte später eine klandestine Widerstandsorganisation aufzubauen. 1979 wurde er in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.
Das Zivilverteidigungsbuch wurde in der Schweiz sehr kritisch aufgenommen und sorgte schon vor dem Erscheinen innerhalb des Bundesrates für Diskussionen. So soll sich der freisinnige Bundesrat Hans Schaffner (1908–2004), Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartments wiederholt für eine sachlichere Darstellung eingesetzt haben. Im Parlament gab es mehrere Vorstösse zum Thema. «Schliesslich passte das defensiv ausgerichtete Vorhaben auch nur schlecht in die Grundstimmung des politisch-kulturellen Aufbruchs in den sechziger Jahren», hält das Bundesarchiv heute fest.
Verständlicherweise war gerade in linken Kreisen die Empörung gross, wurden sie doch im Buch als potentielle Staatsfeinde diffamiert. Verschiedene Buchhandlungen tauschten das Gratis-Buch deshalb kostenlos gegen aktuelle Bücher von Schweizer Autoren aus. Bei einer Kundgebung vor dem Bundeshaus wurde das Werk sogar öffentlich verbrannt.
Besonders intensiv wurde die Kontroverse beim Schweizer Schriftsteller Verband (SSV) geführt, da SSV-Mitglied Maurice Zermatten die französische Übersetzung des Zivilverteidigungsbuchs besorgt hatte. Als Reaktion spaltete sich die Gruppe Olten vom Schriftsteller-Verband ab, sie sollte fortan eine wichtige Stimme werden. Zur Gruppe Olten gehörten unter anderem Peter Bichsel, Anne Cuneo, Walter Matthias Diggelmann, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Vahé Godel, Ludwig Hohl, Kurt Marti, Mani Matter, Adolf Muschg, Walter Vogt und Otto F. Walter. Die Gruppe Olten wurde erst 2002 wieder aufgelöst.
Das Zivilverteidigungsbuch war ein verunglücktes Projekt zur falschen Zeit. Die hohen Kosten hatten wohl auch mit der langen Produktionszeit von fünf Jahren zu tun. Konzipiert wurde es anfangs der 1960er-Jahre, als es 1969 endlich erschien, hatte sich der Zeitgeist gewandelt: Die Schweiz wollte den Schatten der Geistigen Landesverteidigung abstreifen und sich Neuem zuwenden.
Die Publikation des Zivilverteidigungsbuches wurde auch im Ausland verfolgt. Das Buch wurde in verschiedenen Ländern nachgedruckt und es erschien in arabischer, chinesischer und japanischer Sprache, teilweise sogar mit dem Schweizer Kreuz.
Regenwasser ist einer neuen Studie zufolge so stark mit Chemikalien belastet, dass es an keinem Ort der Welt Trinkwasserqualität hat. Selbst in der Antarktis oder im Hochland von Tibet liege der Anteil besonders langlebiger per- und polyfluorierter Chemikalien (PFAS) «um das 14-fache höher» als die von der US-Umweltbehörde EPA empfohlenen Werte für Trinkwasser, sagte der Hauptautor der Studie, Ian Cousins, der Nachrichtenagentur AFP.