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Im letzten Teil zum Thema „Mythos Seeschlange“ erläutere ich die mehr oder weniger wissenschaftliche Suche nach Beweisen für die Existenz der Seeschlangen sowie die Erklärungsmodelle der heutigen Forschung für dieses Phänomen.
Beweise fälschen
Manch einer dachte sich, wenn schon keine Beweise existieren, warum nicht welche erfinden? So präsentierte der Fossilienforscher Dr. Alfred Carl Koch 1845 im Apollo-Salon auf dem Broadway das vollständige Skelett der 35 Meter langen Seeschlange Hydrarchos harlani (Wasserherrscher). Das Skelett bestand aus Fossilienknochen von mindestens fünf Urwalen und diversen Säugetierknochen. Der Schwindel flog aber auf. Nichtsdestotrotz stellte Koch das Modell noch in Dresden, Leipzig und Berlin aus. Doch auch hier flog der Betrug auf. 1847 legten schliesslich vier Forscher eine Studie vor, die eindeutig belegte, dass der Wasserherrscher eine reine Erfindung ist.
Legenden und Kadaverfunde als Beweise
Am 6. Juli 1734 schrieb der dänische Missionar Hans Egede in einem Brief, wie er und sein Mitreisender Erik Pontoppidan auf ihrem Schiff kurz vor der Küste Grönland einem riesigen Seeungeheuer begegneten, das seinen Kopf soweit aus dem Wasser hochragen konnte, so dass es grösser als der Grossmast wurde. Der Kopf der Seeschlange war verhältnismässig klein zum faltigen Körper, der mindestens zwei grosse Flossen umfassten. Das Monster war nach Aussage der gesamten Schiffsbesatzung grösser als ihr Schiff.
Die Sichtung von Seemonster während einer Missionierungsreise auf hoher See war in dieser Zeit ein bekanntes Motiv. Bereits im 6. Jahrhundert begegnete der irische Mönch auf seiner Seefahrt verschiedenen Seemonstern, u.a. strandete er und seine Crew auch auf einem. Nun ja, sie dachten sie befinden sich auf einer Insel. Die Seefahrt wurde ihm übrigens von Gott höchstpersönlich aufgetragen, da Brendan im missionarischen Eifer Bücher über Seemonster als Unfug betitelte und verbrannte. Als Strafe dafür musste der Priester 9 Jahre über das Meer fahren und die Wunder finden, welche er als Quatsch abtat. Seeungeheuer galten in der Spätantike, mit dem Beginn des frühen Christentum, als ein Zeichen der allmächtigen, göttlichen Schöpfungsmacht. Im 12. Jahrhundert erschien erstmals Brendans Reisebericht „Navigatio Sancti Brendani“, der zur einer der populärsten Schriften im Mittelalter zählt. Manche Historiker lesen aus seiner Schrift sogar heraus, dass er der erste Mensch auf dem amerikanischen Kontinent war.
Nun aber zu Hans Egede und seinem Monster zurück.
1808 fanden die Fischer John Peace und George Sherar auf der Insel Stornsay (Schottland) den Kadaver einer Seeschlange, der 17 Meter lang war, drei Beinpaare hatte und eine zottelige Mähne hatte. Der Hals des Tieres war etwa drei Meter lang. Das Skelett bestand nur aus Knorpel. Dr. John Barclay von der Wernerian Natural History Society identifizierte den Kadaver als die legendäre Seeschlange von Egede und Pontoppidan und deklarierte sie als neue Tierart mit dem Namen: halsydrus pontoppidani (Pontoppidans Wasserschlange). Immerhin benannte er die Tierart nicht nach sich selbst. Gewebeproben des Kadavers werden im Royal Museum in Edinburgh heute noch aufbewahrt, jedoch sind die DNA Sequenzen durch die Konservierungsflüssigkeit zerstört worden. Eine andere Probe wurde in London während der Luftangriffe im zweiten Weltkrieg zerstört.
Im gleichen Jahr präsentiere der Vorsitzende dieser Society, Patrick Neill, den Fund der Pontoppidan Wasserschlange der Öffentlichkeit. Als Beweise führte er den „authentischen“ Augenzeugenbericht der beiden Priester auf (Priester lügen ja schliesslich nicht) und den Fund des unerkennbaren Kadavers.
Bereits zur Zeit des Fundes gab es Skeptiker. Edvard Home ging von der Annahme aus, dass es sich bei dem Monster of Stornsay um einen Kadaver eines Riesenhai handelt.
Von offizieller Seite wurde die neue Tierart übrigens nicht bestätigt.
Der Fund des Kadavers löste weltweit einen Hype nach der Suche von mythischen Tieren aus. Der Grund dafür war, dass sowohl die zwei Finder, als auch die Forscher dank der weltweiten Berichterstattung Ruhm und Geld verdienten. Anderer Fischer und Forscher wollten auch auf diesen Zug aufspringen.
Augenzeugenberichte als Beweise
Der Belgier Bernard Heuvelmans (1916-2001), der Begründer der modernen wissenschaftlichen Kryptozoologie, wollte die Sichtungen nicht als reine Fantasie abtun. 1968 analysierte er 587 Augenzeugenberichte von Seeschlangen in seinem Werk über diese. 56 Berichte erwiesen sich als Betrug, 121 hatten zu wenige Angaben und 52 Beobachtungen konnte er auf bekannte Tiere zurückführen. Zuletzt blieben 358 „echte“ Sichtungen übrig. Diese ordnete er verschiedenen Tiergruppen zu und bestimmte die Art. Seeschlangen unterteilen sich demnach in: Langhalsige Tiere mit Seelöwen Körper, das Meerpferd, der Vielhöcker, der Vielflosser, riesige Aale, krokodilähnliche Saurier und riesige Super-Otter. Heuvelmans unterzog diese Augenzeugenberichten jedoch nie einer Quellenkritik (in diesem Fall vor allem wahrnehmungspsychologische und kulturgeschichtliche Hintergründe). Seine wissenschaftliche Leistung bestand aber darin, sämtlichen verfügbaren Berichte auf der ganzen Welt über „verborgene“ Tiere, also Fabelwesen, zu sammeln und zu kategorisieren. Sein öffentlich zugängliches Archiv im zoologischen Museum Lausanne umfasst 25‘000 Berichte, 1‘000 Bücher, 12‘000 Dias und 25‘000 Fotos.
Aktuelle wissenschaftliche Erklärungsmodelle
Die Existenz von mythischen Seeschlangen wird von Skeptikern verneint. Die Augenzeugen beobachteten eher eine Gruppe von nacheinander schwimmenden Delphinen und missinterpretierten dies als ein Seeungeheuer. Andere Möglichkeiten sind die Sichtung treibende Baumstämme, Riesentang oder Spiegelungen.
Andere Forscher gehen eher davon aus, dass es sich hierbei um Sichtungen von Riemenfischen handelte. Diese Tiefseefischart zeichnet sich durch einen bis zu 8 Meter langen bandförmigen Körper und farbige Schuppen aus. Auf dem Kopf trägt der Fisch einen leuchten roten Kamm. Die Tiere gelten als sehr fragil, weshalb nur gestrandete Kadaver untersucht werden können. 2011 gelang es dem Team von Mark Benfield (University Louisiana) erstmals mit Hilfe eines Tauchroboters einen Riemenfisch in der Tiefsee zu filmen.
Der erste lebende Riemenfisch auf Video: Originalaufnahme des Tauchroboters in der Tiefsee:
Zudem sind auch viele Tiere, aufgrund fehlender zoologischer Kenntnisse, als Seeschlangen gedeutet geworden, wie beispielsweise der Meeraal oder verschiedene Arten von Muränen.
Fazit
Seeschlangen galten in den antiken Seefahrerkulturen als ein Symbol für Tod und Zerstörung, welche mit dem unbekannten weiten Meer assoziiert wurde. Erste schriftliche Zeugnisse ausserhalb der Mythologie finden wir ab dem 16. Jahrhundert. Auffallend ist, dass bereits zu dieser Zeit bestimmte Seemonster, die mit einer bestimmten Lokalität verbunden waren, Eigennamen von der dort ansässigen Bevölkerung oder von Forscher bekamen. Der grosse Hype um Seeschlangen begann mit der immer schnelleren Verbreitung von Nachrichten durch die Massenmedien. Zeitungsberichte über angebliche Sichtungen von Seeschlangen trugen demnach viel zu ihrer Popularität bei und seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sie sich zu Touristenattraktionen. Darin besteh wahrscheinlich auch der Grund warum eine berühmte Seeschlange nie einen Menschen getötet hat. Auch Gelehrte wurden von dem Medienhype mitgezogen und erfanden teilweise munter Arten der Seeschlange und erhofften sich als der Entdecker des mythischen Seeungeheuer in die Geschichtsbücher einzugehen.Um die Existenz der Seeungeheuer gegenüber Skeptiker zu beweisen, wurden mitunter Fakten gefälscht, Legenden als authenische Berichte dargestellt, angebliche Augenzeugenberichte ohne Quellenkritik verwendet und, als physiologischer Beweis, angespülte von Auge nicht identifizierbare Kadaver als Seeschlange betrachtet. Selbst im 21. Jahrhundert sind die Seeschlangen noch nicht ausgestorben und faszinieren die Medien, insbesondere im berühmt-berüchtigen Sommerloch. Fakt ist, dass bis dato kein wissenschaftlicher Beweis für die mythischen Seeschlangen vorgelegt werden konnte. Fakt ist aber auch, dass der Mensch erst am Beginn der Erforschung der Tiefsee steht. Je nach Quelle sind zwischen 1% und 8% der Tiefsee überhaupt erforscht und dokumentiert. Nach der Entdeckung des Riemenfisches, wie auch des Riesenkalmars darf man gespannt sein, was sich noch alles dort unten tummelt. Vielleicht ja auch eine mythische Seeschlange…