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Calvin, Jean
Als ich von dem Tode des Claudius (ein kurz zuvor gestorbener Freund Calvins) und deines Sohnes Ludwig die erste Nachricht erhielt, bin ich so tief betrübt worden, daß ich mehrere Tage weiter nichts tun konnte als seufzen. Und obgleich ich vor Gott mich noch so halten konnte durch jene Hilfsmittel, mit welchen er uns in traurigen Tagen ausrüstet, so war ich doch vor Menschen wie gar nicht da; für alle verschiedenen Pflichten erschien ich so untüchtig wie ein halbtoter Mensch. Auf der einen Seite beweinte ich einen sehr treuen und guten Freund, der mir in einer Zeit genommen ist, wo ich seiner am meisten bedurft hätte, mit dem ich so verbunden war, daß man keine engere Freundschaft denken kann. Auf der anderen Seite brannte der Schmerz um deinen Sohn, der so schöne Hoffnungen erweckte und nun in der ersten Blüte der Jahre dahingerafft ist, er, den ich wie eien Sohn liebte und der mich nicht anders als wie einen zweiten Vater wiederliebte.
Nicht die gewöhnlichen Tröstungen will ich vorbringen, die unter den Menschen üblich sind; es gibt nur eine kräftige und sicher Quelle des Trostes, woran Männer wie du sich halten können. - Gott hat deinen Sohn zurückgenommen, der ihn für eine bestimmte Zeit hier hingestellt hatte. Was Gott getan, ist nicht durch Zufall, ohne Ursache, sondern durch jenen Rat geschehen, der nicht anders als gut und recht sein kann, der nichts will, als was uns nützlich und heilbrigend ist. - Gott hat deinen Sohn darum aus der Welt genommen, weil es ihm nützlich war, auszuwandern, und um dich durch diesen Verlust zu läutern oder deine Geduld zu prüfen. Wenn du diesen Segen nicht erkennst, so mußt du vor allem Gott bitten, ihn dir zu zeigen. Wenn er dich noch mehr prüfen will, indem er ihn dir verbirgt, so laß Gottes Weisheit höher stehen als die Schwachheit deines Geistes.
Wenn du erwägst, wie schwer es ist, in dieser höchst traurigen Zeit den rechten Weg zu gehen, so wirst du deinen Sohn, den Gott zu sich genommen, glücklich schätzen, daß er so früh erlöst wurde, bevor er so vielen Gefahren, die ihm schon drohten, unterworfen wurde. Er gleicht einem Schiffer, der eine Seefahrt antreten will und auch hinausfährt, aber bald wieder, da draußen ein Sturm tobt, den schützenden Hafen aufsucht. Ein olanges Leben ist nicht immer die größere Wohltat Gottes, und die Zahl der Jahre, die ein langes und ein kurzes Leben scheiden, ist nicht eben so gar groß. Gott selbst, unser aller Vater, hatte ja schon gewollt, daß Ludwig zu seinen auserwählten Kindern gehören sollte. Nach seiner unendlichen Barmherzigkeit hat er dich der Gnade teilhaftig gemacht, daß du an deinem Sohne vor seinem Hinscheiden eine herrliche Frucht deiner Erziehung sahest, wodurch du erfuhrest, daß jener Segen: „Ich werde sein Gott sein und der seiner Nachkommen“ sich auch auf dich beziehe. Er war von der ersten Kindheit an, soweit es die Jahre erlaubten, so gut unterrichtet wie möglich und hatte schon solche Fortschritte gemacht, daß er für die Zukunft in uns die schönsten Hoffnungen erweckte. Sein Leben und seine Sitten hatten das Lob aller Guten verdient; beging er einen Fehler, so hörte er auf die Zurechtweisungen und Vorwürfe und zeigte sich folgsam. Äußerte er auch zuweilen ein heftiges Gemüt, so ging es doch nicht bis zur Hartnäckigkeit, und die zu heftigen Regungen wurden bald gebrochen. Was uns aber am meisten erfreuen muß, ist, daß er die Grundlage der Frömmigkeit so in sich aufgenommen hatte, daß er einen richtigen Begriff von der Religion besaß und von einer wahren Gottesfurcht durchdrungen war. Diese großen Wohltaten Gottes gegen deinen Sohn müssen mehr dazu beitragen, dir das Herbe deines Verlustes zu versüßen als dir seinen Tod schmerzlich zu machen.
Diese heiligen Seelen sind mitten unter frommen Ermahnungen und im Gebet zu Gott in die Gemeinschaft mit Christus eingegangen. Ich möchte nicht von meinem Schmerz befreit sein, indem ich wünschte, sie nicht gekannt zu haben. Sie werden mir bis zu meinem Ende eine heilige und wohltuende Erinnerung sein.
Vielleicht sagst du aber, was es nun helfe, daß dein Sohn überhaupt gelebt habe, wo er dir nun in der ersten Blüte seines Lebens weggenommen sei? Hat aber nicht Christus durch seinen Tod es errungen, daß er über Tote und Lebendige Herr sei? Wenn wir ihm angehören, wie es ja sein muß, wie sollte er nicht die Macht des Todes und Lebens über uns haben? 0bgleich nun dein Sohn nach deiner und meiner Meinung ein kurzesLeben gehabt hat, so muß es uns genug sein, zu wissen, daß er den Lauf vollendet hat, den der Herr ihm gegeben hat. Deswegen denken wir nicht, er sei in der Blüte gestorben; er, der vor dem Angesichte des Herrn reif war. Ich meine, daß alle diejenigen ihre Reife hier erlangt haben, die von dem Herrn abgerufen werden - oder willst du mit ihm hadern, als ob er jemand vor der Zeit von hier wegrisse?
Dies gilt für alle, hauptsächlich aber für deinen Ludwig. Er war schon in den Jahren wo er durch untrügliche Zeichen beweisen konnte, er sei ein Glied Christi. Sobald er diese hatte, ist er gestorben und unsern Augen entrissen worden. Aus den verschwindenden, entfliehenden Schatten des Lebens ist er aufgenommen worden in die wahrhafte Unsterblichkeit, den und du darfst nicht glauben, glauben, den verloren zu haben, den du in der seligen Auferstehung in Gottes Reich wieder erhalten wirst; denn sie haben beide so gelebt und sind so gestorben, daß ich gewiß bin, daß sie bei Gott sind. Laß auch uns darum nach dem Ziele eilen, welches sie schon erreicht haben. Es ist kein Zweifel, , daß Christus alsdann sie und uns verbinden werde in einer Gemeinschaft, in der unvergleichlichen Teilhaberschaft an seiner Herrlichkeit. …
Auch das wird dich nicht zu geringem Troste gereichen, wenn du bedenkst, was dir bleibt. Dein Karl ist dir geblieben, von dem wir alle ein solches Urteil haben, daß ein jeder von uns wünscht, er hätte solch' einen Sohn. - Vielleicht sagst du auch, es sei nicht leicht, sondern sehr schwer, die väterliche Liebe so zu unterdrücken, daß man keinen Schmerz über den Tod eines Sohnes empfinde. Das will ich aber auch nicht, daß du nicht trauern sollst. In der Schule Christi er-lernen wir keineswegs eine Philosophie, die von uns fordert, die menschlichen Gefühle zu unterdrücken, die uns Gott gegeben hat, und zu unempfindlichen Steinen zu werden. Alles, was ich gesagt habe, soll nur dazu dienen, deinem Schmerze eine Grenze zu setzen und ihn zu erleichtern; ich wünsche, daß du dich, wenn du dich ausgeweint, wie es die Natur und dein Vaterherz verlangen, nicht deiner Traurigkeit allzusehr hingebest. Freilich schreibe ich dir nicht in der Meinung als ob du dazu nicht selbst genug Verstand, Kraft und Seelengröße besäßest, aber ich habe meine Pflicht gegen dich nicht versäumen wollen. Wenn mein Brief - wie ich es glaube - überflüssig ist, so wirst du meine vielleicht zu ängstliche Liebe dennoch mit deiner großen Freundlichkeit an dir gefallen lassen.
Ich habe auch Bucer und Philipp gebeten, dir zu schreiben, und hoffe,daß das Zeugnis ihrer Liebe dir nicht unangenehm sein wird.“