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Anatomie d’une chute | Rezension von Ondine Perier
Mehr als ein Gerichtsdrama.
Ein Mann wird vor dem Haus seiner Familie tot aufgefunden. Handelt es sich um Selbstmord, einen versehentlichen Sturz oder um Mord? Ist seine Frau eine Mörderin? Die Regisseurin Justine Triet (DIE SCHLACHT VON SOLFERINO, VICTORIA, SYBIL) hat mit ANATOMIE D’UNE CHUTE einen Film von glasklarer Inszenierung geschaffen. In der Umsetzung ihrer Geschichte bleibt sie ganz nah an den Figuren. Diesen verleiht sie grosse Intimität, besonders dann, wenn es darum geht, ihre Reaktionen und Emotionen während des Gerichtsprozesses erfahrbar zu machen. Triet bedient sich dabei langer Einstellungen im Gerichtssaal, um das Ausmass des Prozesses zu betonen. Den Ort des Dramas siedelt sie in einer abgelegenen Hütte in den Bergen an.
Ein Toter im Schnee
Die erste Szene des Films spielt im Wohnzimmer des Chalets: Eine junge Journalistin befragt die Schriftstellerin Sandra (Sandra Hüller) zu ihrer Karriere und ihrem Beruf. Die beiden müssen das Interview aber abbrechen, da die Umgebung von ohrenbetäubender Musik erfüllt ist. Ein Junge, der vermutlich sehbehindert ist, kommt mit seinem Hund von einem Spaziergang zurück und entdeckt erschrocken den Körper seines Vaters, der blutverschmiert im Schnee liegt. Sehr schnell wird Sandra beschuldigt, den Sturz verursacht zu haben. Die Justizmaschinerie wird in Gang gesetzt. Durch den Prozess und die Interviews zwischen der Angeklagten und ihrem Anwalt greift die Regisseurin das Thema Ehe und die Frustrationen, die mit den Kompromissen in einer Ehe einhergehen, brillant und sehr treffend auf. Ehefrau Sandra ist erfolgreich in ihrem Beruf, während ihr Ehemann Samuel, der ebenfalls Schriftsteller ist, Schwierigkeiten hat, die Inspiration für seinen ersten Roman zu finden. Ihr elfjähriger Sohn Daniel hat nach einem Unfall in der Vergangenheit sein Augenlicht teilweise verloren. Die Familie hat sich entschlossen, das hektische London zu verlassen und in eine Hütte in den Bergen von Grenoble, Samuels Heimat, zu ziehen. Das zentrale Thema ist die Ehe, aber auch Schuld und Elternschaft werden feinfühlig behandelt.
Eine Ode an den Feminismus
Sandra ist eine starke Frau, die unabhängig arbeitet und ihr Geld verdient. Sie steht zu ihren Wünschen, die sie nicht zügeln will. Dennoch scheint sie in der Lage zu sein, aus Liebe gewisse Opfer zu bringen. Ihre Einstellung ist rational und vernünftig und alles in allem ziemlich altruistisch. Sandra Hüllers kühle Darstellung verleiht der Figur wenig Empathie, dafür aber umso mehr Bewunderung für ihre Fähigkeit, trotz des Drucks von aussen einen klaren Kopf zu bewahren und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
Starke und unabhängige Frauenrollen, die zu ihrer Sexualität und ihren Wünschen stehen, sind ein Merkmal der Regisseurin Justine Triet. Sandra Hüller (die in ihrem vorherigen Film SYBIL eine hysterische Regisseurin verkörperte und vor allem die Hauptdarstellerin des hervorragenden TONI ERDMANN war) ist hier sowohl als angeklagte Zeugin als auch als fürsorgliche Mutter und selbstbestimmte Frau makellos.
Männliche Nebendarsteller auf Augenhöhe
Hervorzuheben sind aber auch die bemerkenswerten Leistungen von Swann Arlaud (PETIT PAYSAN) und Antoine Reinartz (ALICE ET LE MAIRE, ROUBAIX UNE LUMIÈRE) in den gegensätzlichen Rollen des Verteidigers und des Staatsanwalts. Einige ihrer Wortgefechte – alle bewundernswert geschrieben – führen zu unerwarteten und willkommenen humorvollen Szenen. Der junge Milo Machado Graner liefert ebenfalls eine fehlerfreie Leistung ab und kultiviert geschickt seinen Teil des Geheimnisses. Samuel Theis als labiler Ehemann zeigt sein Talent und Charisma vor allem in den Szenen mit Rückblenden.
Fazit: ANATOMIE D’UNE CHUTE ist eine einfühlsame Reflexion zum Thema Beziehung und besticht durch eine faszinierende Crew. Die flüssige Erzählung verläuft zwar auf konventionelle Weise, besticht aber durch seine Intensität und anhaltende Spannung. Hervorzuheben ist der Einfallsreichtum in den Rückblenden, den zentralen Szenen des Films. Justine Triet bestätigt damit ihr Talent und beglückt uns mit einer umwerfenden Sandra Hüller.