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Die Fotografin Regina Schmeken
"Den technischen Charakter des Fotografierens überwinden und die Kamera dem subjektiven Sehen gefügig machen" – das ist das Programm Regina Schmekens. Mit der ihr eigenen Unbeirrbarkeit verfolgt sie es von früher Jugend an. Schon als Schülerin fotografierte sie. Bei ihrem Abitur legte sie eine Arbeit mit dem Titel „Experimente zum Naturstudium“ vor, in der sie Zeichnung und Fotografie miteinander verglichen und letztere als eigenständiges künstlerisches Medium begriffen hat.
Nach dem Lehramtsstudium der Germanistik und Kunstgeschichte in Essen widmet Regina Schmeken sich seit 1976 ganz der Fotografie. Während des Studiums machte sie auch Bekanntschaft mit fotografischen Ausbildungsgängen an der Folkwang Schule, aber sie war nicht daran interessiert, sich zu sehr in die Technik der angewandten Fotografie zu vertiefen. Denn sie suchte nach ihrem authentischen künstlerischen Ausdruck. In den Jahren 1977 und 1978 lebte sie längere Zeit in Paris, zeitweilig auch in Italien, und begann ihren eigenen fotografischen Stil zu entwickeln.
Seit 1980 werden ihre Fotografien regelmäßig ausgestellt, u.a.im Museum für Fotografie und im Deutschen Historischen Museum in Berlin, im Lenbachhaus in München, der Bibliothèque Nationale in Paris, sowie dem Museum Folkwang in Essen. Auch das Museum of Modern Arts in New York hat Bilder von ihr in der Sammlung.
Konturen, Licht und Schrift
Zwei Ausstellungen, „Geschlossene Gesellschaft“, 1994, und „Die Neue Mitte“, 2001, wurden nicht nur in Deutschland gezeigt, sondern weltweit. So hat das Goethe-Institut Schmekens Analysen der deutschen Befindlichkeit und des Generationenwechsels – eben die „neue Mitte“ - in über einhundert Hauptstädten präsentiert.
Schon früh wurde Regina Schmeken mit nationalen und internationalen Preisen geehrt: 1978 mit dem Kritikerpreis der „Rencontres Internationales de la Photographie“ in Arles, Frankreich, 1984 mit dem Förderpreis für künstlerische Fotografie der LH München und dem „Dr.-Erich-Salomon-Preis“ der Deutschen Gesellschaft für Photographie im Jahre 1996.
Die Kamera empfindet sie als „technisch hochentwickelten Bleistift“. Dieser Ausdruck ist von der gleichen Präzision wie ihre Bilder. Der Bleistift ist ein einfaches Instrument zur Erzeugung von Strichen. Man kann damit schreiben oder zeichnen. Es lassen sich also Geschichten erzählen oder Bilder mit grafisch scharfen Konturen anfertigen. Dabei spielt das Licht eine grosse Rolle. Und immer wieder verbindet sie Schrift und Bild. Immer wieder findet man Schilder und Plakate, auf denen etwas steht, das zur abgebildeten Situation wie ein ironischer Kommentar wirkt.
1986 erhielt sie die Anfrage der Süddeutschen Zeitung, ob sie bereit sei, als Redaktionsfotografin tätig zu werden. Sie sagte zu – und das war der Beginn eines Experimentes auf beiden Seiten. Keiner konnte damals wissen, wohin die Wege führen würden.
Von Anfang an ist viel darüber spekuliert worden, was eine Künstlerin wie sie mit einer Zeitung verbindet. Staunen und Gratulation zur Risikofreude haben den entscheidenden Punkt verfehlt, nämlich dass Regina Schmeken auf ihre Weise eine Erzählerin ist. Aber sie erzählt mit ihren Mitteln. Die Abstraktion und die Zuspitzung des Schwarz-Weiss-Bildes sind für sie essentiell.
Das Geheimnis guter Fotografen
Im deutschsprachigen Raum gibt es heute keine Zeitung mehr, die wie die Süddeutsche dank Regina Schmekens die Tradition des aktuellen Schwarz-Weiss-Bildes mit der dazu gehörenden Seitengestaltung fortführt.
Das ging nicht ohne Auseinandersetzungen. Als sie anfing, beschäftigte die SZ auf Honorarbasis zwei Fotografen für den Lokalteil. Hinzu kamen die Bilder aus den Bildagenturen. Die Redakteure und Metteure konnten damit die Seiten nach ihrem Gutdünken gestalten. Es gab keine Bildredaktion, die ästhetischen Gesichtspunkten Geltung verschafft hätte. Wenn die Textlänge es erforderte, schnitten die Redakteure einfach am Bild etwas ab.
Der Text dominierte. Jetzt kamen mit Regina Schmeken gleich zwei Probleme. Erstens sahen die Bilder anders als gewohnt aus. Plötzlich gab es mehr oder weniger leere Flächen, wo früher Köpfe zu sehen waren. Und dann bestand sie in der Mettage noch darauf, dass die Bilder nicht einfach beschnitten wurden, um noch einen oder zwei Absätze mehr unterzubringen: „Mädel, wirst Du nach Zentimetern bezahlt?“, hat ein Metteur einmal gefragt.
Neuartige politische Fotografie
Regina Schmeken hat die politische Fotografie markant verändert. Indem sie den Blick auf das scheinbar Anekdotische lenkt, kommt sie der Wahrheit näher. Sie war die erste Fotografin, die von einem Gipfeltreffen nicht das erwartete Gruppenfoto brachte, sondern ein Foto kurz zuvor, als die Politiker nach ihren Plätzen suchten. Oder sie fotografierte Helmut Kohl und John Major aus einer Perspektive, aus der es erschien, als sei die Massigkeit von Kohl auf den eher grazilen Major übergegangen (Abb). Dieses Bild konnte wegen seiner Neuartigkeit zunächst nur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erscheinen, aber Major selbst war davon so begeistert, dass er sich nach einem Abzug erkundigen liess. Dieser neuartige fotografische Blick für das Politische wurde bei der Verleihung des Dr.-Erich-Salomon-Preises hervorgehoben.
Das Geheimnis guter Fotografen besteht darin, dass sie etwas sehen, was anderen entgeht. Regina Schmeken hat zudem ein unglaubliches Gespür für Situationen – der „entscheidende Augenblick“, wie Henry Cartier-Bresson in seinem berühmten Aufsatz „L'Instant décisif“ geschrieben hat – und für geometrische Proportionen. Das Zusammentreffen beider Elemente in ihren Bildern machen ihre Erzählkunst aus. Dabei kann sie das Element der Komposition so weit treiben, dass der „Inhalt“, die „Geschichte“, ganz der Fantasie des Betrachters überlassen bleibt. In dem Band, Die neue Mitte“, von 2001 lassen sich diese unterschiedlichen Akzentsetzungen wunderbar studieren. Da gibt es ein Bild vom Kabinettstisch vom Oktober 1998. Die Namen von Schröder und Lafontaine, dazwischen eine Uhr.
Auch die Porträts würden zu längeren Betrachtungen einladen. Ihr gelingt es, mit ihren Bildern etwas vom Inneren zu zeigen, ohne indiskret zu sein. Die Sammlung der Porträts muss inzwischen beträchtlich sein. Ständig kommen neue hinzu, aus Berlin, wo sie seit 2008 lebt, und von dort, wohin sie die Arbeit bei der Süddeutschen Zeitung führt. Einige Politiker und andere Prominente hat sie im Verlauf der Jahre wieder und wieder porträtiert.
Ihre grösste Ausdruckskraft findet diese Kunst dort, wo Regina Schmeken politische Beziehungen zeigt. Joschka Fischer das erste Mal im Kabinettssessel, Oktober 1998 – Fischer und die Macht (Abb). Gerhard Schröder und Jacques Chirac in Köln beim Weltwirtschaftsgipfel im Juni 1998 – der Präsident in seiner „gloire“ und der auch physisch deutlich kleinere Kanzler. Wolfgang Schäuble und Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Essen im April 2000 – der Gedrückte und die Karrierefrau im Aufwind. Da werden Geschichten nicht nur erzählt, sondern auch vorweg genommen und zugleich kommentiert.
Seit 2004 fotografiert Regina Schmeken digital. Dabei nutzt sie auch die Techniken moderner Bildbearbeitung. Es liegen „Welten“ zwischen der chemischen und digitalen Bearbeitung, sagt sie. Die Arbeit vor dem Bildschirm ist für sie angenehmer als in der Dunkelkammer, aber es gibt einen entscheidenden Nachteil. Denn jeder Bildschirm zeigt Bilder etwas anders als die anderen. Es gibt also im herkömmlichen Sinne keine Druckvorlagen mehr.
Was sagt die Meisterin des Augenblicks zu der Möglichkeit, mit modernen Digitalkameras mehrere Bilder pro Sekunde zu machen? Sie würde diese Funktion bei politischen Ereignissen oder Porträts nicht nutzen, wohl aber bei Bewegungsstudien in ihren Sportaufnahmen. Das ist eben auch ein Interessengebiet von ihr: die (foto)grafische Analyse von Bewegungen. Auch deswegen war sie bei der Olympiade in Peking im Jahr 2008. Ihre letzte Ausstellung mit dem Titel „no sports.“ beschäftigt sich mit den Themen Fußball, Tanz und Stabhochsprung.
Das Spannungsfeld zwischen Auftragsfotografie und freien Bildserien - „wie ein anderer malt oder ein Gedicht schreibt“ - bestimmt bis heute die Arbeit von Regina Schmeken. Bleibt zu hoffen, dass es bald wieder einen Bildband gibt, der die Vielseitigkeit und Spannbreite dieser Fotografin dokumentiert.
Die Website von Regina Schmeken: www.regina-schmeken.com
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