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Was ist für unser Stadt-Quartier „Neuwiesen-Brühlberg-Tössfeld“ charakteristisch?
Von Corinna Heye und Heiri Leuthold vom Geographischen Institut der Universität Zürich erschien eine Studie über die Bevölkerungsverteilung 1990 und 2000 in der Stadt und Region Winterthur im Vergleich mit der Agglomeration Zürich. Die Stadtquartiere wurden zwecks Auswertung etwas grösser als üblich definiert. Das Quartier „Neuwiesen-Brühlberg-Tössfeld“ ist heute mit einem deutlich höheren Status verbunden als noch vor 15 Jahren.
Das Neuwiesenquartier war seit mehr als einem Jahrhundert von der katholischen Einwanderung geprägt; in der Kernstadt hatte man keinen Platz für die zugezogenen Hilfsarbeiter. Für sie wurde hinter dem Bahnhof das Quartier mit seinen beengenden Strassenfluchten erstellt.
Die Katholiken erhielten später auch hier ihre eigene Kirche, vom Stadtarchitekt Bareiss gebaut als milder Trost dafür, dass nicht er, sondern der junge, demokratisch gesinnte Semper das Stadthaus bauen durfte. Darüber hat Historiker Max Stierlin ( <email-pii> ) in seiner Dissertation zu den „Katholiken im Kanton Zürich von 1862 bis 1875 im Spannungsfeld von Eingliederung und Absonderung“ geschrieben.
Ich verstehe heute meine vor einigen Jahren verstorbene, 1906 geborene Grosstante besser, die jahrzehntelang an der Tellstrasse gewohnt und als Telefonistin bei der PTT auf der anderen Bahnhofsseite gearbeitet hat, und mir jeweils erzählt hatte, sie wohne „auf der katholischen Seite“ des Bahnhofs.
Noch heute sind die Nachwirkungen dieses Spannungsfelds von Eingliederung und Absonderung der katholischen Einwandererströme durch die reformierte, liberal geprägte Zürcher Kultur zu erkennen.
Unser Quartier ist geprägt von einem hohen Anteil von südeuropäischen Ausländerinnen und Ausländern. Nordeuropäische Einwanderer sind in andere Stadtteile gezogen.
Es zeigen sich weitere deutliche Unterschiede zwischen dem Lebensstil in der Kernstadt und demjenigen in den Agglomerationsgemeinden. Auf der Grundlage der Volkszählungen von 1990 und 2000 ist für unser breit definiertes Quartier „Neuwiesen-Brühlberg-Tössfeld“ charakteristisch:
ein relativ hoher Akademikeranteil (aber leicht tiefer alsin den Quartieren Altstadt-Lind und Heiligberg)
ein relativ tiefes steuerbares Einkommen mit einer dünnen „Oberschicht“ mit über 160’000 steuerbarem Einkommen (2-4 %)
ein hoher Anteil an Betagten (3 grösse Alterssiedlungen!):
die unter 15jährigen machen weniger als 15 % der Bevölkerung aus!ein kinderreicheres „Kern-Winterthur“ als die Agglomeration Zürich
Zudem stellen Heye / Leuthold fest: Familienhaushalte sind in unserem Quartier immer noch dominierend (im Gegensatz zu den Single- Haushalten in Zürich). Vollerwerbstätige Mütter sind in unserem Quartier dagegen selten (um ca. 20 %), die meisten Mütter sind teilzeitlich erwerbstätig: Vollzeit-Hausfrauen sind sehr selten (deutlich unter 20 %).
Das Quartier ist nicht bürgerlich-traditionell, sondern individualisiert(links-liberal/sozial) und eher mit niedrigerem Status verbunden. Allerdings ist es seit 1990 im Quartier zu einer der stärksten Statussteigerungen im ganzen Kanton gekommen, d.h. der Trend zeigt nach oben (zum Vergleich: Die Quartiere Schlosstal, Eichliacker, Dättnau, Blumenau sind statusniedriger; die Quartiere Heiligberg, Altstadt-Lind sowie Rosenberg sind tendenziell nicht nur statushöher, sondern auch bürgerlich tradtioneller in der Lebensform).
Das Quartier erfährt eine laufende Aufwertung und wird durch individualisierte Lebensstile geprägt bleiben, ohne über ein hochgradig urbanisiertes Stadtmilieu wie in Zürich zu verfügen. Das Bildungsbürgertum (hoher Akademisierungsgrad) wohnt in der Innenstadt; das Besitzbürgertum (hohe Einkommen) in den Stadtrandquartieren und der Agglomeration.
Seit der Volkszählung im Jahr 2000 hat sich das Quartier weiter aufgewertet (Ninck-Areal, Sulzer Areal, SLM Werk 2 mit 116 urban-modernen Wohneinheiten, 106 spektakuläre Wohneinheiten hinter dem Loftgebäude G48). Damit dürften sich drei Trends verstärkt haben: Der Anteil mit Hochschulbildung, der Anteil an SchweizerInnen und der Status (Einkommen, Vermögen) dürften bei einem stabil individualisierten Lebensstil zugenommen haben. Wer den bürgerlich-traditionellen Lebensstil sucht, muss weiterhin nach Oberseen-Ricketwil-Sonnenberg gehen.
Wir wohnen in einem weltoffenen Quartier mit unterschiedlichsten Lebensformen und Wertvorstellungen und Religionen. Längst ist das südeuropäische Element durch eine Vielzahl von Einflüssen, insbesondere aus dem asiatischen Raum, überlagert worden. Das zeigt mir auch mein subjektiver Eindruck: Hier leben Hilfsarbeiter mit dem „Familiennachzug“, Hochbetagte in Alterssiedlungen, junge Studierende in Wohngemeinschaften, Familien mit ihren Patchwork Strukturen. Hier begegne ich Gärtnern, Wirten, Informatikern und Historikerinnen, Ärztinnen und Lehrern, aber auch immer mehr Managern, welche die Nähe zum Flughafen und zu Zürich schätzen.
Es gibt neben Ein- und Mehrfamilienhäusern (Miete und/oder Eigentum) in unserem Quartier immer mehr moderne, urban geprägte Wohneinheiten (nicht billig!), teils im Brückenschlag mit den historischen Wurzeln (Sulzer-Areal). Das Quartier ist nicht nur Wohnraum, sondern Erwerbsort für viele, ein attraktiver Lebensraum ganz generell: Es ist dies eines der bevorzugten Gebiete für Nachtschwärmer nördlich von Zürich. Ein Quartier, das ich für meine Kinder ideal finde, um sie kleinräumig auf ein Leben in einer globalisierten Weltwirtschaft vorzubereiten.
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Maurice Pedergnana (Sommer 2006)