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«König David ist eine schillernde Figur»
Walter Küng ist der Sprecher in Arthur Honeggers «König David» mit dem Aargauer Symphonie Orchester.
(Aargauer Zeitung, Rosmarie Mehlin, 03. März 2011)
Der Anruf vor rund einem Jahr bei ihm daheim in Baden war für Walter Küng eine grosse Überraschung und eine ebensolche Ehre – auch wenn nicht Hollywood am anderen Ende der Leitung war. «Dass das Aargauer Symphonie-Orchester, das ASO, fragte, ob ich Zeit hätte, den Sprechpart in ‹König David› zu übernehmen, hat mich enorm gefreut. Es ist eine ganz besondere Herausforderung – da kann und will man als Schauspieler nicht Nein sagen.»
Im letzten Jahr hatte Küng erstmals die Erfahrung gemacht, als Sprecher mit einem Orchester zusammenzuarbeiten. «Die Orchestergesellschaft Baden spielte die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg und ich habe Ibsens gleichnamiges dramatisches Gedicht bearbeitet und, umrahmt von der Musik, vorgetragen.» Er habe noch nie eine Aufführung von «König David» gehört, «aber Arthur Honegger und insbesondere sein ‹symphonischer Psalm›, als den er seinen ‹Roi David› bezeichnet hatte, waren mir bekannt. Mein Musiklehrer am Seminar Wettingen, der bekannte Karl Grenacher, hatte mich an dieses Werk herangeführt, wie er mir generell den Zugang zu und die Freude an der Musik eröffnet hatte.»
An der Pforte zur modernen Musik
Früher habe er Klavier gespielt, so Küng, heute besuche er regelmässig Konzerte – auch mit zeitgenössischer Musik. «Honeggers ‹König David› ist an der Pforte zur modernen Musik angesiedelt.» Das Werk war 1921 im «Théâtre de Jorat» im waadtländischen Mézière uraufgeführt worden. 1908 gegründet, war dieses Sommer- Volkstheater während des Ersten Weltkriegs geschlossen gewesen. Zur Wiedereröffnung hatte der Leiter des Theaters, René Morax, das Drama «Le roi David» geschrieben, und der Dirigent des Orchestre de la Suisse Romande, Ernest Ansermet, hatte vorgeschlagen, als Komponisten den in Paris lebenden Arthur Honegger anzufragen. Der damals 29-jährige Schweizer, der bis dahin in seinem, nebst Frankreich zweiten Heimatland wenig bekannt war, dessen Porträt heute aber unsere 20-Franken-Note ziert, nahm den Auftrag begeistert an. Er schrieb Morax’ Bühnenstück in ein Oratorium für Sopran, Alt, Tenor, gemischten Chor, Orchester und einen Sprecher um.
«Die Musik taucht den Zuhörer in ein faszinierendes Wechselbad: Honegger spielt unter anderem mit Fugen, die an Bach erinnern. Vor allem ist die Musik ein sehr ‹architektonisches› Gebilde, mal lyrisch, mal monumental, dann hat sie sowohl rhythmisch-akzentuierte Momente wie auch luzide Gesangspassagen», schwärmt Schauspieler Küng und zieht ein klares Fazit: «Honeggers Musik hat Suchtpotenzial.»
Seit drei Monaten begleitet ihn «König David» sozusagen auf allen seinen Wegen. Er hat das Werk – «übrigens mit Wolfgang Reichmann als Sprecher» – auf sein iPhon geladen und so hatte er als leidenschaftlicher Zugfahrer die letzten Wochen ausreichend Musse, sich intensiv darin zu vertiefen. «Unter den Solisten ist der Erzähler die Hauptfigur. Er spricht nur selten zusammen mit der Musik, ich kann also weitgehend frei umgehen mit der Textgestaltung.» Auch mit dem Text selbst geht Küng frei um: «Obwohl es eine alttestamentarische Geschichte ist, habe ich bei meinen Vorbereitungen nicht die Bibel hervorgenommen. Ich beschäftige mich zwar mit Religionen, würde mich aber selber nicht als religiös bezeichnen.»
Nach der heiligen Schrift
Der Text, den Küng liest, ist «eine freie Übertragung mit verbindendem Text nach den Worten der Heiligen Schrift» von Hans Reinhart, dem Stifter des renommierten Hans-Reinhart- Rings und Abkömmling der bekannten Winterthurer Industriellen und Mäzenen-Familie. Grundsätzlich ist das Werk als szenische Aufführung mit Bühnenbild und Kostümen gedacht. Aber meistens wird es konzertant aufgeführt – so auch vom ASO. «Es ist eine wunderbare Aufgabe! Einerseits ist es grossartig, einen Abend mit einem Orchester wie dem ASO unter Douglas Bostock, mit Chor und Gesangssolisten zu gestalten. Andererseits ist Davids Geschichte spannend und er eine sehr schillernde Figur: Kriegerisch mit erotischer Anziehung steht er seinen Gefühlen für Batseba gegenüber. Davids Ambivalenz zum Tragen zu bringen, ist eine grosse Herausforderung. Ich habe mir deshalb zum Ziel gemacht, möglichst viele Facetten in meine Lesung zu bringen, und freue mich sehr über den Weg zu diesem Ziel.»