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"SO 36" steht nicht nur für den ehemaligen Kreuzberger Postbezirk in Berlin, sondern auch für ein gleichnamiges Lokal, das ab Mitte der Achtziger zum CBGB Europas avancierte. Punk und Neue Avantgarde gaben sich dort ebenso die Klinke in die Hand, wie der deutsche Maler Helmut Middendorf. Als Mitglied der Neuen Wilden prägte er die Kunstlandschaft in den 1980er-Jahren nachhaltig. Expressionismus trifft auf Fauvismus.
2022 zeigt das Kunstmuseum Schloss Derneburg, Hall Art Foundation, eine Ausstellung mit dem Titel Berlin SO 36 Revisited, die dem inzwischen renommierten Maler gewidmet ist. Der vorliegende, die Ausstellung begleitende Katalog zeigt eine große Auswahl an Bildern und Papierarbeiten aus einer Zeit, in der nicht nur Berlin, sondern auch die Welt in zwei Hälften geteilt schien. Middendorf bewegte sich in einem Biotop aus Wehrdienstverweigerern, Einwanderern, radikalen Linken, Anarchos, K-Gruppen, alternativen Wohn- und Kneipenprojekten, Späthippies, Outcasts, Drogenfreaks, Hardcore-Punks, Traumtänzerinnen und "Gestörten jeder Schattierung". Eine andere Welt schien damals möglich, aber das gesellschaftliche Klima radikalisierte sich immer mehr und bürgerkriegsähnliche Zustände beherrschten nicht nur den traditionellen 1. Mai-Aufmarsch der autonomen Szene und des sog. Schwarzen Blocks. Zwischen 1977 und 1981 fanden Middendorf und einige Kollegen einen Platz in der Galerie am Moritzplatz, wo sie ihren künstlerischen Neigungen nachgehen konnten und erstmals auch Ausstellungen organisierten.
Viele seiner Gemälde sind auch Reflexionen über Tag und Nacht, respektive Realität und Traum. Bestechend ist dabei nicht nur die großzügig und knallig verteilte Farbe in überschäumenden Rot- oder Gelbtönen, sondern auch der Élan vital, mit dem Middendorf seine Werke offensichtlich zu erschaffen wusste.Der "Galerie am Moritzplatz" gelang es zum ersten Mal, Künstlerinnen und Künstlern einer "Selbsthilfegalerie" ohne fremde Unterstützung den Sprung in den internationalen Kunstmarkt zu ermöglichen. Middendorfs Werke wurden danach in Mailand, Tel Aviv, Paris, Los Angeles, Moskau, Leningrad, Tokio, New York etc. gezeigt.
Middendorfs Stil ist geprägt von Farbe und weniger von der Linie. Farbe steht dabei für das Prisma des Gefühls, für Venedig, während Linie für geometrische Formen und Vernunft, Florenz, steht, so Michael Stoiber. Motive sind aber dennoch klar zu erkennen, etwa Hämmer, Biergewitter, nackte Körper oder Trommler. Ein anderes Gemälde zeigt einen nackten "Doppel-Hamlet", der gleich zwei Totenköpfe über seinem Kopf schwingt. Viele seiner Gemälde sind auch Reflexionen über Tag und Nacht, respektive Realität und Traum. Bestechend ist dabei nicht nur die großzügig und knallig verteilte Farbe in überschäumenden Rot- oder Gelbtönen, sondern auch der Élan vital, mit dem Middendorf seine Werke offensichtlich zu erschaffen wusste. Aber auch Motive aus seinem Alltag zwischen 77 und 88 im Kreuzberger Stadtteil finden ihren Weg in Middendorfs Gemälde, so etwa "Riot" oder "Großstadteingeborene" (ausklappbares Triptychon) sowie "Ohne Titel". Andere Bilder zeigen Pilze, Brücken, Nashörner oder "Häuserpilze". Auch einige Bands, die damals im SO 36 auftraten, scheint Middendorf porträtiert zu haben. So etwa der auf dem Cover befindliche "Sänger", "Stage" oder "Sänger III". Betörend schön sind aber auch "Red Umbrella" oder "Rote Frau" resp. "Mit Katze", zwei Bilder, ein Akt, einmal in Rot, einmal in Gelb, mit Katze. Die Ausstellung im Museum Schloss Derneburg, Hall Art Foundation, lief bis 22. Oktober 2022. Wer sie versäumt hat, kann in hochwertigem Katalog des Kerber-Verlages eine Nachschau halten.