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Am 17. Februar, es war der 62. Tag, war Alissa morgens sehr unruhig und rührte kein Fressen mehr an. «Ständig stand sie vor der Terrassentür und wollte raus», erzählt Martina Leist. «Ein Geschäft erledigen wollte sie nicht, nur Gras fressen. Alles deutete auf eine baldige Einleitung des Wurfs hin.» Die Züchterin freute sich damals auf den Nachwuchs ihrer Eurasierhündin. Dieser liess jedoch auf sich warten.
Den ganzen Nachmittag über schlief Alissa, danach hatte sie wieder ordentlich Appetit. Alle Anzeichen für eine Geburt schwanden. Nachts überkam die Hündin dann wieder die Unruhe, sie hechelte viel und liess ihr Frauchen, die sich mit ihr zusammen das Wurfzimmer teilte, nicht einschlafen. «Als wollte sie mir mitteilen, dass ich aufpassen muss», erinnert sich Leist. So vergingen die Tage und Nächte. Am 19. Februar zog die Züchterin schliesslich ihre Tierärztin zu Rate, die bestätigte, dass die werdende Mutter sehr gestresst sei. Und sie hatte auch eine Vermutung, woran das lag.
Eifersucht und Rangordnung
Rückblick ins Jahr 2014. Zwei kalifornische Wissenschaftlerinnen wollten unter Hunden das nachweisen, was bis dato als rein menschliche Eigenschaft galt: die Eifersucht. Dafür führten sie ein Experiment durch, ohne dass die Halter der 36 Hunde ahnten, worum es ging. Diese sollten sich auf den Boden neben einen animierten Plüschhund setzen, der bellte und mit dem Schwanz wedelte, und mit ihm interagieren, als wäre es ihr eigener. Sie redeten ihm gut zu und streichelten ihn. Ihren eigenen Hund ignorieren sie dabei. In zwei weiteren Durchgängen wurde der Plüschhund einmal durch einen Kürbis, ein für die Hunde völlig fremdes Objekt, ersetzt, und im Kontrolldurchgang lasen die Besitzer lediglich laut aus einem Kinderbuch vor.
Das Resultat war eindeutig: Spielte der Halter mit dem Plüschhund statt mit ihnen, reagierten 78 Prozent der Hunde alles andere als begeistert. Sie stupsten und berührten Herrchen oder Frauchen immer wieder an und versuchten, sich zwischen die beiden zu drängen. Ein Viertel der Hunde schnappte gar nach dem vermeintlichen Konkurrenten. Bei Kürbis und Buch verhielten sich die Tiere dagegen ruhig.
«Das deutet darauf, dass die Hunde nicht nur eifersüchtiges Verhalten zeigen, sondern dass sie auch versuchen, die Verbindung zwischen ihrem Besitzer und dem vermeintlichen Rivalen aufzubrechen», erklärt Christine Harris von der University of California. Ihrer Ansicht nach ein starkes Indiz dafür, dass auch Haushunden ein gewisses Mass an Eifersucht nicht fremd sei. Ganz im Gegenteil: Das Verhaltensmuster ähnele sehr dem von eifersüchtigen Menschen.
Psychische Kastration
«Eifersucht und Neid sind sehr menschliche Eigenschaften, ich würde sie nicht auf Hunde anwenden», hält Tierärztin Yvonne Jaussi aus Langnau im Emmental BE dagegen. Nach ihrer Meinung gehe es vor allem um die Rangordnung, die der Mensch kaum beeinflussen könne. Denn bei freilebenden Wölfen ist die Fortpflanzung den ranghöchsten Weibchen vorbehalten. In der Zucht von Haushunden setze man dieses Naturgesetz aber ausser Kraft.
Dazu kommt, dass geschlechtsreife weibliche Hunde sowieso in Konkurrenz zueinander stehen. Die diplomierte Zoologin und Ethologin Sonja Doll Hadorn erklärt es mit der Parentalen Investition, einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Dieser beschreibt den Aufwand, den die Eltern in ihre Nachkommen stecken, damit möglichst viele von ihnen das fortpflanzungsfähige Alter erreichen und ihre Gene weitergeben. Und da Mütter am meisten investieren, ist die
«sexuelle Konkurrenz unter weiblichen Tieren höher als unter männlichen Artgenossen», wie Doll Hadorn erklärt.
Die Folge? Rangniedrigere Hündinnen fühlen sich durch die dominante Konkurrentin gestresst und werden unter Umständen gar aktiv unterdrückt, was wiederum ihre Fortpflanzungsfähigkeit hemmt. Man spricht von einer psychischen Kastration. «Bei unterdrückten Hündinnen kann sich beispielsweise die erste Läufigkeit weit über die normale Reifung hinaus verzögern. Oft kommt es auch vor, dass sie trotz Kopulation nicht aufnehmen oder eine Fehlgeburt erleiden», sagt Doll Hadorn.
Ob und wann sich die Lage wieder entspanne, sei fraglich. «Manchmal kuscheln die Streithennen nach einer Auseinandersetzung wieder miteinander und lecken sich gegenseitig die Wunden – bis es bei einer nächsten Situation wieder knallt.» Möglicherweise beruhigen sich alle Beteiligten mit dem Verlauf des hormonellen Zyklus. Es kann sich aber auch ein dauerhafter Hass entwickeln, so dass man die Tiere nur noch getrennt halten kann.
In freier Wildbahn wird mit Konkurrentinnen kurzer Prozess gemacht. Schon vor der Paarungszeit tritt die Mutterwölfin gegenüber geschlechtsreifen Genossinnen äusserst aggressiv auf, verstösst sie aus dem Rudel oder bringt sie gleich um. Nur wer sich sehr unterwürfig verhält, darf eventuell bleiben. Und das aus gutem Grund. Denn anders als der Hund hat sie keinen Menschen, der ihr bei Trächtigkeit und Aufzucht hilft. Sie muss sich alleine durchkämpfen und das bei einer hohen Sterblichkeitsrate unter Jungwölfen. Oft überlebt nur etwa die Hälfte das erste Lebensjahr. «Die Fortpflanzung ist für eine Wölfin ein sehr hohes Gut, und sie kann sich kaum erlauben, diese durch die Anwesenheit einer Konkurrentin zu gefährden», sagt Doll Hadorn.
Kontaktsperre und Bachblüten
Bei den Haushunden beginnt diese Konkurrenz in der Regel mit der Pubertät der jüngeren Hündin. «Nun fühlen sich Mutter oder Schwester in ihrer Stellung bedroht, oder die Junghündin versucht, ihre Konkurrentin zu stürzen.» Es kam allerdings auch schon vor, dass sich Hündinnen bei vorherigen Würfen unterstützt hatten, indem Artgenossinnen als Babysitter den Nachwuchs bespasst und erzogen hatten und dieses konkurrierende Verhalten völlig unversehens auftrat. So zumindest war es bei der Eurasierhündin Alissa. Wenn Züchterin Leist in der Vergangenheit mit ihr vom Decken zurückkam, setzte bei Alissas Mutter Emily stets der Beschützerinstinkt ein.
Doch bei der Geburt ihrer Jungen war es tatsächlich Emily, die Alissa bei der Geburt ihrer Jungen ausbremste, wie sich die Züchterin erinnert: «Meine Tierärztin gab mir den Rat, den Kontakt zwischen Alissa und Emily völlig zu unterbinden.» Denn Emily hatte ihre Tochter scheinbar so unter Stress gesetzt, dass diese nicht in Ruhe gebären konnte. Erst nach der Kontaktsperre und einer Dosis beruhigender Bachblüten war es so weit: In der Nacht vom 20. Februar erblickte der erste Eurasier-Welpe das Licht der Welt. Sechs weitere folgten.