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Man könnte auch sagen, Billy McCracken sei Schuld. Oder wenigstens Männer seines Schlags. Es hatte 1866 ein Änderung der Offsideregel gebraucht, um im Fussball gepflegtes Offensivspiel zu lassen (siehe Teil 1 dieser kleinen Serie). Und es sollte eine neuerliche Änderung der Offsideregel sein, die 1925 dem Fussball ein defensiveres Gesicht gab. Billy McCracken war daran nicht ganz unschuldig.
Von 1866 an hatte die Regel gegolten, dass ein Spieler im Abseits stand, wenn bei einem Vorwärtspass nicht mindestens drei Gegner zwischen ihm und der Torauslinie standen. Das hatte in Kontinentaleuropa ganz gut geklappt, ohne dass sich jemand beklagt hätte. In England dagegen war bereits 1885 der Berufsfussball legalisiert worden. Und mit der Einführung der Profis wurde das Resultat immer wichtiger.
So entwickelte sich eine ganz spezielle Art des Abwehrspielers, der sogenannte Offensivverteidiger (auf dem Zettelchen Nummer 3). Seine Aufgabe bestand in erster Linie daraus, im richtigen Moment einen Schritt nach vorne zu machen, so mindestens einen Gegenspieler offside zu stellen – und dann die Hand zu heben, um die Abseitsposition anzuzeigen. Meist reichte das, um den Angriff zu unterbinden. Und wenn nicht, war da ja noch ein zweiter Verteidiger, der den durchgebrochenen Gegner stoppen konnte (Nr. 2).
Und hier kommt Billy McCracken ins Spiel. Der Verteidiger von Newcastle United war nämlich ein ganz besonderer Könner des Ein-Schritt-nach-vorne-und-hoch-die-Hand. Ja, sein Talent in dieser speziellen Disziplin soll tatsächlich mitentscheidend dafür gewesen sein, dass 1925 die Abseitsregel erneut geändert wurde. Spieler wie er hatten das Feld für die Angreifer so eng werden lassen, dass in Grossbritannien kaum mehr Tore fielen. Und das drückte aufs Geschäft.
1925 wurde die Regel geändert. Nun mussten bei einem Zuspiel nach vorne nur noch zwei Gegner zwischen dem Stürmer und der Torauslinie stehen. Die Anpassung schien vordergründig ein voller Erfolg: In der englischen Liga fielen 1700 Tore mehr als im Vorjahr, eine Steigerung um 40 Prozent.
Im Rückblick aber wurde die Regelanpassung von Kritikern als Verkauf des Fussballs zugunsten der Profitgier beklagt. Von Willy Meisl zum Beispiel, der als Journalist für ausländische Zeitungen über den englischen Fussball berichtete. «Für den Laien» habe es ausgesehen, «wie eine kleine Veränderung der Spielregeln», schrieb der Österreicher 1953 in seinem Buch «Soccer Revolution», «es erwies sich aber als Knall eines Schusses, der eine Lawine in Gang setzte.»
Meisl kann nicht vehement widersprochen werden. Denn ausgerechnet auf die ach so torreiche Saison 1925/26 hin war ein Trainer zum Arsenal FC gekommen, der dem Fussball eine neue Wendung geben sollte. Eine hin zu mehr Defensive. Herbert Chapman gilt als der Erbauer des grossen Arsenal. Einer seine Leitsätze lautete: «Es ist nicht länger nötig, gut zu spielen. Die Mannschaft muss gewinnen, egal wie. Das Mass für ihre Fähigkeiten ist ihre Position in der Tabelle.»
Fünf Jahre Zeit hatte er verlangt, um mit Arsenal den ersten Titel zu erringen. Er war in allen Belangen ein visionärer Fussball-Manager. Völlig neu war zum Beispiel nicht nur die von ihm erfundene Magnettafel mit aufgezeichnetem Spielfeld zur System-Analyse. Neu war vor allem, dass ein Trainer überhaupt mit seinen Spielern über Taktik redete.
Pünktlich nach fünf Jahren gewann Arsenal 1930 den FA-Cup, 1931 und 1933 die Meisterschaft. Chapman hatte seinem Team ein System verpasst, das dem Rest der Liga überlegen war. Spielte die Konkurrenz noch immer das 2-3-5, das sich 1880 durchgesetzt hatte, dann lief Chapman in einem defensiveren 3-2-2-3 auf. Von oben gesehen, ergab das die Buchstabenkombination WM. Auf die grössere Freiheit, die die Stürmer durch die neue Abseitsregel gewonnen hatten, reagierte Chapman mit einem zusätzlichen Verteidiger.
Das WM-System war geboren. Dazu gehörte ein schnelles Konterspiel durch die Mitte, Chapman erschien das traditionelle Flügelspiel als zu wenig effizient. Schnell ahmten andere Teams diese Spielweise nach. Das aber kümmerte Chapman nicht. Seinem Freund Hugo Meisl, dem Bruder von Journalist Willy, sagte er: «Schau, Hugo, es funktioniert. Ich warte einfach, bis es jeder kopiert hat, dann werde ich was Neues aufbringen.»
Dazu sollte es nicht kommen: Herbert Chapman starb am 6. Januar 1934 im Alter von 55 Jahren an einer Lungenentzündung, die er sich bei Spielbeobachtungen im strömenden Regen zugezogen hatte. Sein Freund Hugo Meisl dagegen bastelte in Österreich an der ersten grossen Mannschaft der Fussballgeschichte, die ungekrönt abtreten sollte. Aber darum soll es in Teil 3 dieser kleinen Serie gehen.
Quellen: Christoph Biermann, Ulrich Fuchs: «Der Ball ist rund, damit das Spiel seine Richtung ändern kann», Kiepenheuer & Witsch.
Jonathan Wilson: «Revolutionen auf dem Rasen; eine Geschichte der Fussballtaktik», Verlag die Werkstatt.
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