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World’s oldest
Michael Guggenheimer
„Nenn mir bitte gute Buchhandlungen in deiner Stadt“ schrieb ich Shula nach Glasgow. In mehreren Mails schilderte sie die Vorzüge einzelner Buchläden, Antiquariate und Bibliotheken. Ihr Hinweis auf ‚Charity Shops’, in denen sie mitunter auch gute Bücher finde, führte mich zu einem Laden von Oxfam an der Byres Road, über dessen breites Bücherangebot ich noch nachträglich staune. Oxfam ist vergleichbar mit der Caritas in der Schweiz: Gebrauchtes in guter Qualität wird hier zum zweiten Mal verkauft. Dass ich mich dann für John Smith & Son entschied, hing mit einem Lesezeichen zusammen, das mir Shula zukommen liess, ein Buchzeichen in mehreren Variationen, auf dem moderne Bauten abgebildet waren und auf dem in Grossbuchstaben stand: “World’s oldest bookseller“ und auf der Rückseite: „Proud supporter of Glasgow 1999 UK City of architecture and design“. Und gleich darunter die Adresse 57 St Vincent Street. Mir war klar, ich musste die älteste Buchhandlung der Welt aufsuchen, die sich rühmte Bücher zu Design und Architektur zu führen!
Es regnete in Strömen, das schottische Wetter war so wie es in den Reiseführern steht. „It’s the worst summer since years“, sagte der Mann an der Rezeption des kleinen Hotels. Ich hatte ihn in Verdacht, diesen Satz jedes Jahr im Sommer zu sagen. Ob es am Regen lag, dass wir die älteste Buchhandlung der Welt nicht fanden? Ob die Häusernumerierung in Schottland nach einem anderen System funktioniert als auf dem Kontinent? Wir liefen zweimal an der Hausnummer 57 vorbei, ohne die Hausnummer gesehen zu haben und fanden die ehrwürdig alte Buchhandlung nicht. Als wir dann beim dritten Anlauf endlich vor der richtigen Hausnummer standen und keine Buchhandlung sahen, hielten wir einen akademisch gebildet aussehenden Mann an, der uns erstaunt anschaute: Nein, die Buchhandlung sei im Jahr 2000, vor 15 Jahren also, aus dem Stadtzentrum an die beiden Glasgower Universitäten gezogen. Und leider existiere auch die fahrende Bibliothek, die einst zum Buchladen gehört hätte, lange nicht mehr. Der Akademiker wusste sogar noch mehr: Anders als die Eigenwerbung anpreise, sei John Smith & Co doch nicht die älteste Buchhandlung der Welt sondern die älteste in der englischsprachigen Welt. Immerhin.
So oder so, es war eine Ehrensache, beide Sitze von John Smith & Son aufzusuchen, den kleineren an der neueren Strathclyde University und den grösseren an der im Jahr 1451 gegründeten University of Glasgow. Weil der Hauptsitz der University of Glasgow in einem neogotisch anmutenden Gebäudekomplex mit Türmen und Erkern domiziliert ist, war es klar, dass die Buchhandlung jene Atmosphäre von alt, altehrwürdig und Tradition ausstrahlen würde. Nach einer Suche im Universitätsviertel endlich die Buchhandlung gefunden, wenn auch keine Spur von altehrwürdig oder Tradition. Eine Glasfassade in Blau- und Grüntönen, ein Bau aus den letzten zehn Jahren, moderne Einrichtung. Eine Cafeteria im selben Haus, eine schöne Gartenanlage im Hof laden zum Verweilen ein.
Beide Sitze von John Smith in Glasgow richten sich eindeutig an Studenten. Beide legen ihren Schwerpunkt auf den Verkauf übers Internet. Beide sind keine Orte zum Stöbern und stundenlangen Verweilen, auch wenn beide versprechen, jedes Buch liefern zu können. Die fremdsprachigen Bücherbestände sehr schlank gehalten. Wer hier deutsche, französische oder spanische Bücher sucht, bucht lieber einen Flug mit Easy Jet nach Paris, Berlin oder Madrid. Dafür sind die Bereiche Wirtschaft, Politik, Mathematik, Psychologie und Soziologie gut dotiert. Immer wieder an den Regalen der Satz „Buy more online“ und die Internetadresse des Unternehmens. Die Zeit des Stöberns in den Buchgestellen geht im Land ohne Buchpreisbindung verloren. „Serendipity“, das zufällige Finden von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist, wird hier zu einem eher raren Phänomen.
„John Smith’s hat eine lange und ehrenvolle Geschichte als Buchhändler, die zurückgeht auf das Gründungsjahr 1751“ heisst die Eigenwerbung des Unternehmens. Peter Gray, CEO der Firma meinte in einer Stellungnahme, es gebe eine eindeutige Klarheit darüber, wonach der traditionelle Buchhandel keine ertragreiche Zukunft vor sich habe. Im Sinne einer Neuausrichtung konzentriere sich die Firma auf die Belieferung von Büchern an Studierende und Lehrende. Das bedeutet, dass John Smith eng mit Dozenten der beiden lokalen und weiteren Universitäten in Grossbritannien arbeitet, Leselisten erstellt, Bücher in grösseren Mengen bestellt, den neuen Gepflogenheiten in Grossbritannien entsprechend Buchbestellungen vorzugsweise elektronisch entgegennimmt und sie nachher direkt per Post zustellt, wobei eine eigene Lieferfirma die Verteilung besorgt. Semesterferien kennen beide Shops in Glasgow nicht. Und beide verkaufen vom weissen Ärztemantel über Pulsmesser, Stethoskopen, vom Uni T-Shirt bis hin zur Unikrawatte, zum Heft, Schreibblock, Terminkalender, Kugelschreiber, Studien-Software, PCs, Laptops and Tablets schlicht alles, was Studierende brauchen.
John Smith ist heute auch über die Grenzen Schottlands tätig und beliefert Studierende der ersten Semester in eigenen Geschäften an der University of London sowie in Botswana und Ghana. Als die akademische Buchhandlung des Jahres im Vereinigten Königreich wurde das Unternehmen in den Jahren 2006, 2007, 2008, 2009, 2011, 2012, 2013 und 2014 ausgezeichnet. Nicht nur Bücher in Papier beliefert die Firma. Auch Vorlesungsskripte, die elektronisch geliefert werden, gehören zum Angebot. Eine Rubrik mit dem Titel „Reading Lists“ zeigt an, welche Werke gerade in den verschiedenen Fakultäten, Studienrichtungen und Semestern benötigt werden. Klar, dass John Smith diese Bücher vorrätig hat. Und doch: Beim nächsten Besuch in Glasgow, das weiss ich bestimmt, werde ich zuerst den Buchladen von Oxfam an der Byres Road aufsuchen. Und gleich nebenan im Haus Nummer 348 befindet sich die gemütliche, etwas altmodisch wirkende Hillhead Library, eine der 32 kommunalen Bibliotheken von Glasgow.Unbedingt hin!
John Smith’s Bookshop
65 Hillhead St.
Glasgow G4 0BA
Scotland
T: +44 141 334 8515
www.johnsmith.co.uk/glaG
Lernstoff aus zweiter Hand
Heinz Egger
Er wirft einen Blick über den Tresen, dann auf den Gläservorrat, wendet sich um und betrachtet die Ablage unter den Zapfstellen der gebrannten Wasser. Alles in Ordnung. Nur die Bar ist leer, stundenlang. Im Morar Hotel ist tagsüber sehr wenig los. Der Dienst in der Bar ist entsprechend langweilig – es sei denn, man wisse sich zu helfen.
Adam Kochwasser greift unter den Tresen und zieht ein ziemlich dickes Buch hervor. Er verbringt diesen Sommer als Barmann in Morar. Zwei Ziele hat er: Einerseits will er einiges an Geld heim nach Tschechien bringen, um sein Studium der Soziologie zu bestreiten, andererseits möchte er sein Englisch aufpolieren. Nun, wenn er niemanden zum Reden hat, dann halt ein Buch. Er stellt keine grossen Ansprüche an den Text. Unterhalten soll er ihn und Lernstoff, sprich Vokabular und Redewendungen, wird er so oder so genug bieten.
Deshalb liest Adam auch nie ohne Schreibzeug in der Hand. Immer wieder unterstreicht er, markiert Textteile am Rand oder schreibt etwas ins Buch. So auch im Roman „A Dark Kiss of Rapture“ von Sylvia Day, der 42-jährigen Vielschreiberin. Von ihr stehen noch eine ganze Reihe von Bänden in der Buchhandlung von Mallaig. Mallaig ist Endbahnhof der West Highland Bahn. Die Gemeinde wurde 1901 gegründet und zählt knapp 1000 Einwohner.
Dorthin reist Adam gern an seinem freien Tag. Es ist ja nur sechs Minuten mit dem Zug dorthin und der Bookstore liegt im Mission House dem Bahnhof gegenüber. Weder der Buchladen, noch das Café im Haus haben allerdings mit der Fisherman’s Mission, von der das Haus den Namen hat, etwas zu tun.
Der Bookshop, eigentlich ein Antiquariat für Bücher und DVDs, hat zwei Räume im Parterre. Der erste ist fast quadratisch, der zweite winzig und trapezförmig. Er war früher vielleicht eine Abstellkammer. Dort finden sich Bücher zur Fotografie, zum Kochen, Wandern und Klettern sowie Kriegsbücher. Der Boden ist mit Kisten verstellt. Nicht alles hat Platz in den Gestellen.
Adam schaut da auch immer wieder hinein. Aber er findet nichts, was in anspricht. Einzig das dreibändige Werk „The Art of Angling“ von Kenneth Mansfield, erschienen bei Caxton Publishing Company, 1957, hätte er gern. Ihm gefallen darin die vielen Darstellungen von Fischen. Aber 80 Pfund sind eine grosse Summe.
So hält er sich denn an die Belletristik, Krimis und die Thriller im grösseren Raum. Diese Bücher sind alle brochiert und kosten wenig. Für ein bis zwei Pfund sind die meisten zu haben. Nur die Bücher mit Widmungen kosten einiges mehr. Der Preis steht jeweils auf dem Schmutztitel.
Büchergestelle, die berstend voll sind, säumen die gelben Wände. An einer Wand sind DVDs, an der gleichen Wand daneben das kleine Reich des Antiquars. Bücherkisten, ein mit Bücherstapeln verstellter Tisch. An der Wand hängt ein Tablar, auf dem ein leuchtend blaues Radio-CD-Musikgerät steht.
Besonders witzig findet Adam die Tasse mit den Lesebrillen, die wohl Besucherinnen und Besucher zurückgelassen haben. Allein ist man in den Räumen sehr selten. Ein stetiges Kommen und Gehen herrscht. Junge Leute stehen vor den DVDs, neigen den Kopf zur Seite und lesen die Titel. Dieses Gestell schaut Adam nie an. Er hat im Hotel keine Abspielmöglichkeit für die Scheiben. Ein etwas bulliger Mittvierziger steht vor den Thrillern. Da ist die Auswahl bestimmt am grössten! Seine Sonnenbrille hat er ins schüttere Haar hochgeschoben. Bei den Krimis, von denen es fast ebenso viele wie Thriller hat, steht ein Mann mit Tarnanzugsjacke. Zwei Bücher hat er unter seinen Arm geklemmt, in einem dritten blättert er.
Bei den Novels steht eine ältere Dame mit Hut. Sie liest den Cover-Text eines dicken Buches von Josephine Cox, über die Daily Mail einst schrieb: Cox´s talent as a storyteller never lets you escape the spell”. Die englische 1941 geborene Autorin hat über 40 Bücher veröffentlicht. Ein grosser Teil der Titel findet sich auch im Mallaig Bookstore. Adam wird die Lektüre nicht so schnell ausgehen.
Wenn Adam sich etwas ausgesucht hat, zahlt er es dem Antiquar direkt, wenn er anwesend ist, oder eben im Café nebenan, in das es ihn immer zieht. Er liebt es, die ersten Seiten seiner neuen Eroberung gleich zu lesen. Dazu gönnt er sich Scones mit Konfitüre und geschlagenem Doppelrahm.
Mallaig Second-hand Bookshop
Morrison Building
Mallaig PH414QZ
Scotland