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Kunstübung, welche mit dem Namen der «mykenischen» bezeichnet zu werden pflegt, nach der Stadt Mykenai (in Argolis), welche damals ein glanzvoller Herrschersitz war. Zeugnisse dieser Kultur finden sich aber nicht nur auf der peloponnesischen Halbinsel, sondern auch im nördlichen Griechenland, auf den Inseln und an der kleinasiatischen Küste, wie die Ausgrabungen Schliemanns auf der Stätte von Troja - des homerischen Ilion - beweisen.
Troja. Diese Ausgrabungen - nach dem Tode Schliemanns von W. Dörpfeld fortgesetzt - haben die wichtigsten Aufschlüsse geliefert. Man kann an der Hand der Funde den ganzen Entwicklungsgang der Kultur von der Steinzeit an verfolgen.
Idole. Gesichtsvasen. In der untersten Schichte der «ersten Stadt» fanden sich die ersten Spuren von Bildnerei rohester Form, welche auch anderwärts, in Cypern und Tiryns, der Nachbarstadt Mykenais, auftreten. Die Thonschalen weisen neben einfacher Linienverzierung bereits auch eine solche mit Augen auf. Die darauffolgende Schicht (zweite Stadt) bot bereits reichere Ausbeute, welche von einem ziemlichen Fortschritte zeugt. Neben «Idolen» aus Stein, Knochen und gebranntem Thon kommen nun auch solche aus Metall vor, dann Schmucksachen aus Gold und Thongefäße, welche die Form weiblicher Gestalten haben (Gesichtsvasen).
Diese Gefäße sind aus freier Hand gearbeitet, und die menschliche Gestaltung - die allerdings mehr angedeutet, als nachgebildet ist - wird durch Aufsetzen von Klumpen und Wülsten hervorgebracht. Die Thatsache, daß Idole wie Thongefäße durchwegs weibliche Gestalten darstellen, ist bezeichnend für die ersten Kulturstufen, wie auch die ältesten Gottheiten weiblich sind. Schon damals beginnt eine «übliche» Form (Schema) der Darstellung sich auszubilden: die Hände sind an die Brüste gelegt, um die nährende Milch herauszupressen.
Weibliche Formen. Die Erklärung für das Vorherrschen des «Weiblichen» ist einfach. «Entstehen» und «Vergehen» des Lebens machen auf den Naturmenschen den tiefsten Eindruck und mußten daher auch zunächst seinen Geist beschäftigen. Das «Entstehen» war sinnlich wahrnehmbar, das Weib erschien daher als die augenfällige Ursache
^[Abb.: Fig. 85. Der Poseidontempel zu Pästum.
(Nach Photographie von Alinari.)] ¶
alles Lebens; dies führte nicht nur zu dem sogenannten «Mutterrecht», nach welchem die Sippe (Verwandtschaft) durch die Abstammung von einer gemeinsamen Mutter begründet war, sondern auch zu der Auffassung, daß die «Gottheit» - die Urheberin alles Seins - weiblicher Natur sein müsse. Später erst beschäftigte auch das «Vergehen des Lebens» den Geist des Naturmenschen, und da kamen dann der Totenkult und der Glaube an die Fortdauer der Seele auf. Diese bezeichnen also schon eine höhere Stufe der Kultur.
Selbständigkeit der vormykenischen Kultur. Die Formen, wie sie in der zweiten Stadt auftreten, bleiben im Allgemeinen auch in der dritten bis zur fünften Schicht in Geltung, zeigen zwar eine sorgfältigere und bessere Ausbildung, aber sonst keine Fortschritte. Die ganze Kunstübung erscheint als eine selbständige und nur in sehr geringem Maße von der Kultur des Ostens beeinflußt.
Da diese Formen - insbesondere die nackten weiblichen Figuren - auch in Cypern und auf den Inseln des ägäischen Meeres und Kreta sich finden, so ist anzunehmen, daß die vormykenische Kultur dem ganzen Gebiete gemeinsam war, was eben wieder auf eine gemeinsame Urbevölkerung schließen läßt, die man als «ägäische» bezeichnen könnte.
Fremde Einflüsse. Wie schon vorhin gesagt wurde, hatte die Vermischung der eingedrungenen Griechen mit dieser Urbevölkerung einen raschen Aufschwung der Kultur zur Folge, der auch dadurch gefördert wurde, daß nunmehr ein regerer Verkehr mit Aegypten und dem Osten, durch die Phöniker vermittelt, entstand. Die mykenische Kultur und Kunstübung zeigt daher bei stark ausgeprägter Eigenart doch auch bedeutsame fremde Einflüsse.
^[Abb.: Fig. 86. Die Vorderseite des Poseidontempels zu Pästum.
(Nach Photographie von Alinari.)] ¶