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Winston Churchill soll einmal gesagt haben: «Ich glaube nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.» Regelmässig gibt es Berichte in den Medien, welche diese skeptische Sichtweise gegenüber offiziellen Statistiken bestärken. Europäische Länder wie Griechenland und Italien wurden beschuldigt, die Höhe ihres Haushaltsdefizits und ihrer Staatsverschuldung im Zusammenhang mit dem Beitritt zum Euro-System gefälscht zu haben. Andere Länder wie Argentinien, die Türkei und China haben Berichten zufolge viele offizielle Wirtschaftsstatistiken manipuliert.
Die Türkei ist ein Beispiel, wie erheblich diese Manipulationen sein können. Dem «Economist» zufolge hat Ende Juni 2022 eine Gruppe von Forschern die Inflation in der Türkei auf 160 Prozent geschätzt – das Doppelte der offiziellen Rate von 79 Prozent. Gemäss einer Umfrage schenken sieben von zehn Einwohnern den Zahlen dieser Gruppe mehr Glauben als jenen der Regierung.
Das Wissen um die Diskrepanz zwischen der realen und der offiziell kommunizierten Wirtschaftslage ist auch für die Forschung wichtig. Viele empirische Analysen verwenden offizielle Daten, um Wirtschaftsfaktoren zu analysieren und vorherzusagen. Wenn diese Daten systematisch verzerrt sind, wird vermutlich auch die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft falsch vorausgesagt.
Halb so starkes Wachstum wie angegeben
Der tatsächliche Zustand einer Wirtschaft ist schwierig zu ermitteln, gerade weil bei den zur Verfügung stehenden Statistiken die Möglichkeit systematischer Manipulationen durch die Regierungen besteht. Aus diesem Grund verwenden wir einen Indikator für die Wirtschaftslage, der von Regierungen kaum oder gar nicht beeinflusst werden kann: die von Satelliten erfasste nächtliche Beleuchtung. Je heller ein Land in der Nacht ist, desto höher ist seine Wirtschaftsleistung. Umgekehrt weist ein nächtlich wenig beleuchtetes Land auf eine geringe Wirtschaftsleistung hin. Der sich ergebende Unterschied zwischen dem offiziell ausgewiesenen Bruttoinlandsprodukt und dem «wahren» Inlandsprodukt, geschätzt anhand der nächtlichen Beleuchtung, zeigt das mögliche Ausmass an staatlicher Manipulation der offiziellen Statistik.
Je autoritärer ein Staat ist, desto mehr neigt er dazu, die Wachstumsraten des Sozialprodukts aufzublähen. Luis Martinez, Professor an der Universität Chicago, schätzt aufgrund sorgfältiger Untersuchungen, dass autoritäre Staaten das Wachstum ihres Inlandsproduktes bis zu 35 Prozent überhöhen. Die Zunahme des Inlandsproduktes solcher «nicht freien» Länder zwischen 2002 und 2021 wird im Durchschnitt offiziell mit 147 Prozent ausgewiesen, gemäss den Satellitendaten betrug sie nur 67 Prozent, also nur etwa halb so viel. Gemäss der «South China Morning Post» hat die Region Innere Mongolei in China ihre Zahlen für die industrielle Produktion 2016 um nicht weniger als 40 Prozent übersteigert angegeben.
Zwei Faktoren erhöhen die Anreize autoritärer Staaten, offizielle Daten zu manipulieren. In Staaten mit schwachen demokratischen Institutionen kann es sich die Regierung erstens eher erlauben, Daten zu fälschen. Zweitens können autoritäre Staaten in Krisenzeiten stark unter Druck geraten, weil diese Regime einen guten Teil ihrer Legitimität aus einer guten wirtschaftlichen Leistung ableiten. Gerade in China beruht die Dominanz der Kommunistischen Partei und ihres Präsidenten wesentlich auf einer raschen wirtschaftlichen Entwicklung. Aus diesem Grund haben dort alle bürokratischen Einheiten einen starken Anreiz, das Inlandsprodukt überhöht auszuweisen. Wenn offizielle Daten manipuliert wurden, hat eine autoritäre Regierung zudem einen Anreiz, die Pressefreiheit weiter einzuschränken.
Entwicklungsländer neigen ebenfalls dazu, ihre offiziellen Statistiken zu manipulieren. Da sie meist autoritär regiert sind, werden Statistiken zur wirtschaftlichen Entwicklung übertrieben dargestellt. Andererseits haben gerade arme Länder einen Anreiz, ihr Pro-Kopf-Einkommen besonders tief auszuweisen, weil sie dann eher von anderen Staaten und internationalen Organisationen mit Entwicklungsgeldern unterstützt werden. Je stärker ein Land mit anderen Ländern verknüpft ist, das heisst je offener es politisch und wirtschaftlich ist, desto schwieriger ist es allerdings, das Sozialprodukt zu niedrig anzugeben. Dafür gibt es zwei Gründe: einerseits, weil mit einer steigenden internationalen Verknüpfung die Überprüfung der wirtschaftlichen Leistung einfacher einzuschätzen ist, und andererseits, weil zu tief ausgewiesene Statistiken abweisend auf andere Länder wirken, da diese befürchten, Entwicklungshilfe leisten zu müssen.
Je näher die Wahlen, desto falscher die Zahlen
Auch in der EU betreiben viele Regierungen eine «kreative Buchführung». Länder wie Griechenland neigen dazu, ihre offiziellen Statistiken zu ihren Gunsten zu manipulieren, um die Kriterien der Europäischen Union zu erfüllen. Wahlzyklen sind ein weiterer Grund, der Regierungen zur Manipulation offizieller Daten veranlasst. In autoritär regierten, aber auch demokratischen Ländern wird kurz vor Wahlen das Inlandsprodukt höher ausgewiesen, als die Licht-Daten nahelegen.
Ausserdem ist der Spielraum, Daten zu manipulieren, umso grösser, je dezentralisierter ein Land ist, weil die Gebietskörperschaften einen Anreiz haben, ihre Bedeutung zu betonen, indem sie ihr Inlandsprodukt überhöht ausweisen. In China fälschen lokale Gouverneure oft Zahlen über die lokale Wirtschaftsleistung, weil sie hoffen, deshalb eher befördert zu werden. Auch in afrikanischen Ländern weisen lokale Behörden oft geschönte Daten aus, um so zu mehr finanzieller Unterstützung zu kommen.
«In China fälschen lokale Gouverneure oft Zahlen über die lokale
Wirtschaftsleistung, weil sie hoffen, deshalb eher befördert zu werden.»
Überraschenderweise finden wir in unseren Untersuchungen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Pressefreiheit und dem Ausmass der Fälschung amtlicher Daten. Eine freiere Presse sollte es eher ermöglichen, Datenmanipulationen durch Regierungen festzustellen und zu publizieren. Dieses Ergebnis liesse sich durch die abnehmende Bedeutung der Presse im Vergleich zu digitalen Plattformen erklären. Eine wachsende Zahl junger Menschen verlässt sich stärker auf Diskussionen in sozialen Medien, Blogs und anderen digitalen Kanälen als auf Zeitungen. Tatsächlich scheinen die sozialen Medien weniger von der Einschränkung der Pressefreiheit betroffen zu sein, wie man aus einer Studie von Suveyda Karakaya und Rebecca Glazier über die Türkei schliessen kann. Daten für Afrika legen überdies nahe, dass auch ein unabhängiges statistisches Amt keinen Einfluss darauf hat, in welchem Ausmass Statistiken gefälscht werden.
Nachtlicht-Daten als Approximation für die wirtschaftliche Aktivität zu verwenden, hat auch Nachteile. Massnahmen, um die Lichtverschmutzung einzudämmen oder Strom zu sparen, könnten einen Einfluss darauf haben, wie viel Licht ausgestrahlt wird. Auch könnten skrupellose Regierungen mehr Beleuchtungen installieren, um in den Satellitenbildern besser dazustehen.
Die Fälschung von Statistiken ist nicht auf Regierungen beschränkt. Auch im Privatsektor ist die Manipulation von Daten weit verbreitet – zum Beispiel in Form von gefälschten Kreditratings oder Online-Bewertungen.
Datenfälschungen führen zu schlechten Politikentscheidungen. Wir wissen aber noch recht wenig darüber, wie sie vermieden werden können. Unseren Ergebnissen zufolge haben unterschiedliche institutionelle Bedingungen einen starken Einfluss darauf, in welchem Ausmass falsche offizielle Daten präsentiert werden. Auch die Möglichkeit, in der Datenaufarbeitung für mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht zu sorgen, könnte die Fälschung von Statistiken reduzieren.
Dieser Beitrag beruht auf dem Aufsatz von Frey und Moser «Governments Manipulate Official Statistics», der unter crema-research.ch/publications/ abrufbar ist.