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Lehren aus San Francisco (1906)
Die Erdbebenkatastrophe in Japan ist noch längst nicht ausgestanden, aber die Diskussion über die ökonomischen Auswirkungen ist bereits voll in Gang. Die grosse Frage ist, ob die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Experten sehen vor allem zwei Übertragungsmechanismen:
- einen Rückgang der globalen Nachfrage, weil Japan als drittgrösste Volkswirtschaft der Welt vorübergehend ausfällt
- höhere Erdölpreise, weil Japan den Rückgang der Stromversorgung mit erhöhten Erdölimporten kompensieren muss
Eine grosse negative Wirkung wird aber eher ausgeschlossen, denn Japan macht weniger als zehn Prozent der globalen Volkswirtschaft aus. Grössenverhältnisse allein sind jedoch zu wenig aussagekräftig. Lehman Brothers war keine besonders grosse Bank, und Griechenland macht nur drei Prozent der Eurozone aus – dennoch kam es in Kürze zu einer grossen Finanz- und Wirtschaftskrise. Ein ähnliches Beispiel, das zur Vorsicht mahnt, ist das Erdbeben von San Francisco (1906). Das Ereignis war lokal begrenzt, dennoch übertrug sich der Schock schnell auf London, dem damaligen Weltfinanzzentrum, und die Weltwirtschaft (siehe diese Forschungsarbeit).
Die Ansteckung lief 1906/07 über den Goldstandard, dem damaligen Währungssystem. Englische Versicherungsgesellschaften zahlten hohe Entschädigungssummen, was den Goldkurs des britischen Pfunds unter Druck setzte. Daraufhin erhöhte die Bank of England die Zinsen, was das internationale Zinsniveau anhob, worauf eine Reihe von Investment Trusts an der Wall Street konkurs gingen. Von der Wall Street übertrug sich die Panik auf das gesamte US-Bankensystem und schliesslich auf die Weltwirtschaft. Die Schweizer Exporte zum Beispiel erlitten einen deutlichen Rückgang.
Heute haben wir keinen Goldstandard mehr, dennoch könnte es auch diesmal zu einer internationalen Ansteckung kommen. Der japanische Staat ist hoch verschuldet, während die japanische Zentralbank viele US-Staatsanleihen in ihren Büchern hält. Wie wir von den jüngsten Ereignissen in der Eurozone wissen, wird es schnell brandgefährlich, wenn die Anleger die Bonität der Schuldner anzuzweifeln beginnen. Man kann nur hoffen, dass die Anleger in Japan ruhiges Blut bewahren.