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Ich versuche, in meinen Reisekolumnen politische Themen zu meiden. Erstens, weil darüber schon genug geschrieben wird – meist, wenn etwas Unerfreuliches passiert. Und zweitens, weil ich die Länder, die ich bereise, nur oberflächlich kennenlerne. Andere, die sich jahrelang mit einem Land beschäftigen, können politische Zusammenhänge besser aufzeigen.
Doch es gibt Gebiete auf dieser Welt, in denen die Politik allgegenwärtig ist – und die politischen Spannungen selbst bei einem Kurzbesuch ins Auge stechen.
Zum Beispiel im Nordwesten der chinesischen Provinz Sichuan. Diese Region wird grossmehrheitlich von Tibetern bewohnt, gehört aber nicht zum «Autonomen Gebiet Tibet», wie die chinesische Provinz offiziell heisst, und kann deshalb von westlichen Touristen auf eigene Faust bereist werden.
Das tibetische Volk hätte gern einen eigenen Staat oder zumindest mehr Autonomie, China will davon aber nichts wissen.
China versucht deshalb, die tibetische Sprache und Kultur Schritt für Schritt zu marginalisieren. Das hat zur Folge, dass im Nordwesten der Provinz Sichuan sogar die Suche nach einem Hotel eine politische Note erhält – zumindest, wenn eine fünfköpfige chinesische Reisegruppe mit zwei Europäern im Schlepptau durch Yajiang spaziert, einer Kleinstadt auf 2500 Metern Höhe, in die sich nur wenige Touristen verirren.
Die tibetischen Einwohner scheinen nicht richtig zu wissen, welchen Blick sie aufsetzen sollen: einen verächtlichen für die fünf Chinesen oder einen neugierigen für das junge Pärchen mit den grossen Augen, das von den Chinesen am Strassenrand aufgelesen wurde.
Auch im Wohnzimmer einer tibetischen Familie, die meine Freundin Lea und mich spontan zum Tee eingeladen hat, wird die Politik zum Thema. Ein 17-jähriges Mädchen übersetzt das Statement ihres Onkels auf Englisch: «Es ziehen immer mehr Chinesen hierher, das führt zu Spannungen.»
Am Abend beim Bier in einer Bar trete ich schliesslich ins politische Fettnäpfchen. Einer der vier jungen Männer, die sich zu uns an den Tisch gesetzt haben, will wissen, ob wir auch Lhasa besuchen werden, die Hauptstadt Tibets. «Nein, wir dürfen mit unserem Visum leider nicht nach Tibet reisen», antworte ich mit meiner Übersetzer-App. Darauf er verständnislos: «Aber ihr seid doch bereits in Tibet?!»
Wir sprechen von zwei verschiedenen Dingen: Ich vom Autonomen Gebiet Tibet, einer administrativen Einheit der Volksrepublik China, die von Ausländern nur mit einem akkreditierten Reiseveranstalter bereist werden kann. Er vom tibetischen Kulturraum, der weit grösser ist als das politische Tibet und unter anderem eben auch nach Sichuan reicht.
Der Besuch der Stadt Litang, 4000 Meter über Meer, bringt weiteren Stoff zum Nachdenken: Im Hostel, in dem wir die einzigen Gäste sind, sagt mir der Inhaber freudig, dass er Verwandte habe in der Schweiz. Kurze Zeit später telefoniere ich mit einem Tibeter, der seit mehr als zehn Jahren in Bern lebt. Als ich ihn – auf Schweizerdeutsch – frage, wie oft er die tibetische Heimat besuche, sagt er mit ernster Stimme: «Darüber reden wir am Telefon nicht, die Chinesen hören vielleicht mit.»
Beim Stadtbummel fällt dann auf, dass sämtliche Läden und Restaurants mit grossen chinesischen Zeichen angeschrieben sind. Um die tibetische Beschriftung lesen zu können, braucht man dagegen gute Augen. Kaum vorstellbar, dass die Ladenbesitzer diese Priorisierung selbst gewählt haben – denn auf der Strasse sind fast ausschliesslich Tibeter anzutreffen.
Am deutlichsten ist der chinesische Einfluss aber an der immensen Bautätigkeit zu erkennen. Überall werden Wohnungen, Hotels und Freizeitanlagen hochgezogen. Dass die Gebäude meist überhaupt nicht in die Umgebung passen, scheint den Städteplanern egal zu sein – Hauptsache der Tourismussektor wächst und es wird Raum geschaffen für die Ansiedelung von Han-Chinesen.
Auch brandneue Strassen haben die Chinesen bis ins hinterste Tal verlegt. Oft mithilfe von Tunnels und hohen Pfeilern. Und an den wenigen Orten, an denen es noch eine Schotterpiste gibt, wird fleissig gebaut.
Das Kalkül der chinesischen Bauherren: Der wirtschaftliche Fortschritt soll dazu beitragen, dass die Tibeter ihre Unabhängigkeitsforderungen vergessen. Stattdessen soll die Kultur des Geldes angenommen werden. Wenn man die zahlreichen tibetischen Mönche sieht, die auf dem Motorrad herumfahren oder mit dem Smartphone – iPhone 6 natürlich – herumspielen, bekommt man das Gefühl, dass der Plan aufgehen könnte.