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Der «Ring» in Bayreuth: Castorf enttäuscht – Petrenko brilliert
- Aktualisiert am Donnerstag, 8. August 2013, 13:32 Uhr
Nach dem Feuerwerk des «Rheingold» nimmt Frank Castorf an den folgenden Abenden der «Ring»-Tetralogie vieles wieder zurück. Das Ergebnis ist über weite Strecken konventionelle Opernregie – mit einigen Knalleffekten. Überzeugend jedoch Dirigent Kirill Petrenko: Bravos für ihn, Buh-Rufe für Castorf.
Nach dem US-amerikanischen «Rheingold» folgt am zweiten Abend eine russische «Walküre». Die Bühne (von Bühnenbildner Aleksandar Denic) zeigt diesmal eine primitive russische Ölraffinerie, einen Maschinenschuppen mit Holzwänden, Blechdach, Bahngeleise und Bohrturm. Der Chef dieser Raffinerie ist Gott Wotan in Gestalt eines jüdischen Industriellen. Der Hintergrund dazu: In ihren Anfängen wurde der russische Erdölhandel vor allem von den Bankiers Rothschild gemanagt. Und nun also ein Jude als Hauptfigur in einer Oper des Antisemiten Wagner.
Wer nun bei der «Walküre» von Castorf die gleiche Technik der Überlagerung und Aufspaltung der Szene wie im «Rheingold» erwartete, sah sich getäuscht. Zwar gibt es wiederum Filmsequenzen, und sie zeigen eine kleine Geschichte der russischen Ölproduktion von den Anfängen bis zur Revolution, mit Szenen und Bildern aus oder nach frühen russischen Stummfilmen à la «Panzerkreuzer Potemkin». Die Walküren sind anscheinend südrussische Schönheiten, die sich auf dem Bohrgelände tummeln, und am Schluss der Oper hängt der Rote Stern am Bohrturm.
Streckenweise eine konventionelle Sängeroper
Castorfs eigentliche Inszenierung jedoch – die Geschichte des inzestuösen Liebespaars Siegmund und Sieglinde und der ungehorsamen Göttertochter Brünnhilde – ist über weite Strecken in den Mitteln stark reduziert, ja leer, und in der Anmutung absolut konventionell: eine reine Sängeroper.
Vielleicht hat das auch mit dem Sänger des Siegmund, Johan Botha, zu tun. Er ist kleingewachsenen, aber von stattlichem Umfang. Mit ihm ist Regietheater so gut wie unmöglich. Nimmt er etwa das Schwert seines Göttervaters Wotan in die Hand, so sieht das einfach nur tapsig aus.
Also lässt Castorf so gut wie alles bleiben, was er im «Rheingold» in einer Überfülle an Einfällen auf die Bühne gebracht hatte: Action, Körpereinsatz, die Aufspaltung der Bühnenszene. Wagners Werk funktioniert zwar auch so, seine Deutung aber – die ja der Witz einer Inszenierung sein müsste – bleibt oft aus.
Botha und Kampe brillieren
Der Gegensatz zwischen «Rheingold» und «Walküre» ist also frappant und auch etwas ernüchternd. War das Feuerwerk des «Rheingolds» schon alles, was Castorf zu bieten hatte? Frappant ist auch, wie sehr sich nun alles auf den Gesang und das Orchester konzentriert. Johan Botha und Anja Kampe als Geschwisterpaar sind die Stars des Abends und brillieren vokal.
Catherine Foster bietet eine zwar berührende, aber gesanglich nicht immer sehr sichere Brünnhilde. Ist ihre Stimme in der Szene der Todesverkündigung gewollt oder doch eher unfreiwillig so dünn und brüchig? Prompt – und auch etwas fies – gibt es für sie schon nach dem zweiten (!) Akt einige laute Buhs.
Überzeugend wie schon im «Rheingold» ist das Götterpaar Wotan und Fricka, Wolfgang Koch und Claudia Mahnke. Es demonstriert expressiv und einigermassen wortverständlich, was an Wagnergesang heutzutage optimal machbar ist. Der Held des Abends ist jedoch Dirigent Kirill Petrenko, der in der «Walküre» deutlich mehr Profil und Spannweite des Ausdrucks zeigt als noch im «Rheingold»: Als er zum Schlussapplaus erscheint, bricht das Haus unter dem begeisterten Getrampel fast zusammen.
«Siegfried» mit der Maschinenpistole
Ein Steinbruch mit den Köpfen der vier Revolutionäre Marx, Lenin, Stalin und Mao, ganz nach dem Vorbild der vier US-amerikanischen Präsidenten-Köpfe in Mount Rushmore. Ein Wohnwagen, in dem Siegfried und sein Ziehvater Mime hausen. Sie halten sich einen (stummen) Sklaven – der Darsteller ist der Barkeeper aus dem «Rheingold». Er schleppt Bücher und anderes Material, und schmiedet Siegfried sein Schwert, so muss er Blasbalg und Hammer spielen.
Man merke: Die industrialisierte Welt beutet Menschen als Arbeitskräfte aus, und es gab einige, die das zu ändern versuchten, jedoch mit zweifelhaftem Erfolg. Und es versteht sich: Siegfried erlegt den kapitalistischen Drachen Fafner, der das Rheingold hortet, natürlich nicht mit dem Schwert, sondern mit einer krachenden Salve aus seiner Maschinenpistole.
Liebesduett neben der Weltzeituhr
Für andere Szenen, vor allem für das grosse Liebesduett von Brünnhilde und Siegfried, wechselt die Szenerie der Drehbühne zur Berliner U-Bahnstation Alexanderplatz, naturgetreu nachgebildet mit Postamt und Weltzeituhr – anscheinend die deutsche Spielart des versteinerten Sozialismus.
Da ist auch der Barkeeper wieder; Wotan als besoffener Herumstreuner und Urmutter Erda als Edelnutte treffen sich bei ihm zum Spaghetti-Essen, und als Wotan Erda abwimmeln will, versucht sie es mit einer anderen Perücke und einem Blowjob. Brünnhilde und Siegfried haben in der U-Bahnstation auch schon einen Job gefunden, nämlich als Postbeamte, und bereits gelangweilt hört sich Siegfried die überschwänglichen Liebeserklärungen seiner Brünnhilde an.
Lautstarkes Buh-Gewitter
Auch das Publikum wendet sich dann einmal gelangweilt ab und dem permanent mitlaufenden Video zu: Ein Pferd trottet dahin, dann schleppt ein Mensch sich daher, schliesslich modert irgendetwas Organisches vor sich hin. Doch dann setzt Frank Castorf zum Ende des dritten Akts einen Knalleffekt: Langsam schieben sich zwei grosse Echsen oder Krokodile auf die Bühne, begatten sich, verschlingen einen Sonnenschirm und die Sängerin des Waldvogels (die sich, warum auch nur, aus dem zweiten Akt hierher verirrte) – und während all dem füttert Siegfried sie seelenruhig mit Brotstückchen.
Obwohl am Schluss auch diesmal das Regieteam nicht erschien, gab es ein lautstarkes Buh-Gewitter, das offensichtlich dieser Krokodilszene galt. Sie bot denn auch ausgiebigen Diskussionsstoff: Im Hotellift stellte jemand irritiert die Frage «Do you know what the crocodiles mean?». Nein, man weiss es nicht.
Ist es unser Genmaterial aus Urzeiten, das zwar gezähmt zu sein scheint, uns jedoch eines Tages wieder einholen könnte? Oder ist es einfach eine gezielte Provokation Castorfs? Sozusagen mit dem Hinweis: Man muss auch bei Wagner nicht alles so ernst nehmen? So oder so kann man dieser Szene eine suggestive Wirkung nicht absprechen.
Petrenko glänzt erneut
Suggestiv auch diesmal wieder der Gesang von Wolfgang Koch als Wotan, Martin Winkler als Alberich und Burkhard Ulrich als Mime, souverän und glutvoll wiederum Nadine Weissmann als Erda. Catherine Foster scheint sich vom Buh-Schock der «Walküre» ganz erholt zu haben und gestaltet eine überzeugende Brünnhilde.
Dass es heutzutage jedoch keine Heldentenöre mehr gibt, zeigt deutlich Lance Ryan, der als Siegfried immer wieder mit den sprachlichen und vokalen Anforderungen seiner Partie zu kämpfen hat. Wagner komponierte die Partitur des «Siegfried» in zwei zeitlich getrennten Arbeitsabschnitten.
Dazwischen veränderte sich seine musikalische Sprache drastisch: In der zweiten Hälfte des Werks ist alles viel komplexer und klanglich massiver. Hier brilliert nun Dirigent Kirill Petrenko erst recht. In der Bayreuther Akustik kann er das Orchester voll, kräftig und akzentreich aufspielen lassen, ohne die Sänger zu übertönen. Die Musik blüht in zahlreichen Farben auf, und einmal mehr erzitterte das Haus, als er erscheint. Bisher ist dies der «Ring» von Kirill Petrenko, nicht der von Frank Castorf.
«Götterdämmerung» im Zeichen eines Kapitalismus-Sozialismus-Konflikts
Bühnenbildner Aleksandar Denic überbietet sich noch einmal mit seinem Bühnenbild für den Schluss: Es zeigt meistens einen schäbigen Hinterhof, wo die Halbbrüder Gunther (elegant und platinblond) und Hagen (grobschlächtig mit ebenfalls platinblonder Irokesenfrisur) eine Döner-Bar betreiben. Immerhin scheint das Geschäft so gut zu gehen, dass sie ihrer Schwester Gutrune einen Mini schenken können, als sie in die Heirat mit dem Playboy Siegfried einwilligt.
Dieser wohnt mit Brünnhilde jetzt im Wohnwagen auf dem Land (das Paar hat bereits auch ein Kind), doch zieht es ihn in die Stadt, wo er gleich über Gutrune herfällt. Auch Alberich ist wieder da und streunt in Lederjacke, Unterhosen und Stiefeln nächtens durch die Gegend. Diese hat als Untergeschoss eines Treppenhauses auch eine Art Voodoo-Tempel zu bieten, daneben Reklame für «Elaste und Plaste» (die DDR lässt grüssen), und einen riesigen Treppenaufgang zu einem reichstagähnlichen Gebäude.
Kein Weltenbrand sondern ein kleines Feuer im Ölfass
Unnötig zu betonen, dass nach dem Panzerkreuzer-Zitat in der «Walküre» hier ein Kinderwagen herunterrollen wird – allerdings mit Kartoffeln drin. Kurz vor Schluss wird auch noch die blendend weisse Tempelfassade des New York Stock Exchange sichtbar, die bisher Christo-mässig eingepackt war. Vor ihr und einer Wand von Ölfässern singt Brünnhilde ihren Schlussmonolog «Starke Scheite schichtet mir dort», und Catherine Foster macht ihn zu einer der berührendsten Passagen der «Götterdämmerung».
Die Rheintöchter warten in einem Luxusauto – man sah es schon im «Rheingold» – bis sie den Ring, der all das Unheil auslöste, endlich wieder zurückbekommen. Am Schluss gehen Götter und Welt nicht in einem grossen Brand unter, es brennt nur ein kleines Feuer in einem kleinen Ölfass. Da werfen die Rheintöchter den Ring hinein, während Hagen ihnen zusieht.
Castorf scheint kaum an der Musik interessiert
Frank Castorf bietet auch in der «Götterdämmerung» nochmals all das, was er schon in den beiden vorangehenden Opern bot: Diskontinuität in der Handlung, ihre Umdeutung in einen Kapitalismus-Sozialismus-Konflikt vor dem Hintergrund des Ölhandels, die Anreicherung oder Überlagerung von Wagners Handlung mit allerlei zusätzlichen, oft rätselhaften Materialien via Video – und dazwischen viel Sängeroper im allzu konventionellen Sinn.
Die Vorgabe, die Castorf mit seiner temporeichen und mehrschichtigen Inszenierung des «Rheingolds» vorlegte, kann er in den drei Hauptabenden auf jeden Fall nicht einhalten. Natürlich macht es ihm Wagner selbst mit den langen Mono- und Dialogen dieser Opern auch sehr viel schwerer. Doch scheint sich Castorf für Wagners Musik auch gar nicht besonders zu interessieren. Zwar hat er manchen szenischen Einfall zur Handlung an sich, aber allzu oft überlässt er die Sängerinnen und Sänger sich selbst. Präzise Personenführung gibt es allzu selten.
Laute Buh-Rufe für Castorf
Mit diesem Freiraum weiss der Hagen von Attila Jun schauspielerisch einiges anzufangen, doch reagierte das Publikum auf seine vokale Leistung etwas ungnädig: Wie vor ihm schon Lance Ryan (Siegfried) hatte Jun einige geharnischte Buhs einzustecken. Die andern Sängerinnen und Sänger wurden unterschiedlich begeistert gefeiert, so wie auch der Männerchor, der – die Fähnchen der alliierten Siegermächte schwenkend – im zweiten Akt der «Götterdämmerung» Hagens Intrigen sekundiert.
Dieser Bravo-und-Buhs-Battle, die das Bayreuther Publikum bei den Premieren jeweils anstimmt, verwandelte sich beim Erscheinen Frank Castorfs und seines Regieteams in einen wilden Buh-Orkan, in den sich nur einige wenige Bravos mischten. Der Regisseur heizte diesen Sturm mit allerlei ironischen Gesten ans Publikum immer wieder an – beide Zeigefinger an den Kopf à la: «Strengt euer Gehirn etwas an!» – und er machte auch nach fünf, sechs, sieben Minuten keinerlei Anstalten, die Bühne wieder zu verlassen. Küsse, die er von den Sängerinnen und Sängern erhielt, gab er provokativ an die Buhenden weiter, und diese liessen sich auch sehr gerne zu weiteren Buhwellen provozieren.
Rasender Applaus für Petrenko
Erst als sich Dirigent Kirill Petrenko mit dem gesamten Orchester auf der Bühne zeigte, schlug die Stimmung wieder um. Zweifellos ist dies denn auch Kirill Petrenkos «Ring» und in zweiter Linie der «Ring» des Bühnenbildners Aleksandar Denic. Frank Castorf müsste ihn in einer sorgfältigen Weiterentwicklung für die zukünftigen Vorstellungen erst noch zu seinem machen. Und vielleicht müsste er dafür Wagner doch etwas ernster nehmen.
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