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Seit 22.01.2011 in der Kategorie Erzählung
Von einer Begegnung, die auch zum eigenen Selbst führt [die BB-Red]
Kolibri und Nymphe
Jener Mann, der mit freudiger Neugier auf mich zukam, erschien mir zunächst wie eine Karikatur, eine erbarmungslose Überzeichnung. Er war mit einem Körper geschlagen, an dem nichts zusammenpasste. Er musste als Kind unter Polio gelitten haben. Für sein Alter, er war vielleicht zwanzig Jahre älter als ich, war das sehr ungewöhnlich.
Jener Mann, der mit freudiger Neugier auf mich zukam, erschien mir zunächst wie eine Karikatur, eine erbarmungslose Überzeichnung. Er war mit einem Körper geschlagen, an dem nichts zusammenpasste. Er musste als Kind unter Polio gelitten haben. Für sein Alter, er war vielleicht zwanzig Jahre älter als ich, war das sehr ungewöhnlich. Sein linkes Bein war deutlich verkürzt und steif, ebenso sein linker Arm und seine linke Hand, die Hand eines Kindes, die er allerdings leicht und sogar anmutig bewegen konnte und mit der er mich einladend in sein Büro winkte. Er trug orthopädische Schuhe, deren unterschiedlich dicke Sohlen die Diskrepanz seines Wuchses ausgleichen mussten. In der Rechten hielt er einen schwarzen Gehstock mit silbernem Griff, ein Kolibri, wie ich später bemerkte. Als er sich umdrehte, sah ich, dass auch sein Rücken verformt war. Ein deutlicher Buckel zeichnete sich zwischen den Schulterblättern ab. Ich zögerte, ihm zu folgen, und er merkte es, drehte sich um, winkte noch einmal, lächelte und sagte in völlig unbeschwertem Ton: Kommen Sie, man gewöhnt sich daran.
Zutiefst beschämt, da er mein Taxieren, das ich selbst von anderen nur zu gut kannte und hasste, bemerkt hatte und dennoch mit einer Leichtigkeit darüber hinwegging, zu der ich selbst nie in der Lage gewesen war, folgte ich ihm. Dank seiner Schuhe und des Stocks ging er flüssig und aufrecht, beinahe energisch. Er steuerte auf eine Sitzgruppe im Eck seines Büros zu, bat mich, die Tür zu schließen und mich zu ihm zu setzen. Er zog eine goldene Savonette-Taschenuhr aus seiner Westentasche, ließ den Deckel aufspringen und verkündete nach einem vergewissernden Blick, dass wir leider nur zwanzig Minuten hätten.
Dieses Mal, sagte er. Und er lächelte erneut unbefangen und gewinnend und setzte sich.
Als er den Deckel der Uhr schloss, rieb er kurz mit dem Daumen über das erhaben auf dem Deckel prangende Bild einer Nymphe. Dabei bemerkte ich, dass seine Nägel perfekt manikürt und poliert waren. Mir fiel auf, dass seine Schuhe trotz der unterschiedlich dicken Sohlen ausgesucht elegant wirkten und wie nagelneu oder doch penibel gepflegt. Auch der Anzug musste maßgeschneidert sein, denn dem verformten Körper zum Trotz saß er perfekt. Um es kurz zu machen: Ich hatte einen Mann vor mir, der vermutlich nicht leicht an seinem körperlichen Los trug, dies aber mit Würde und zumindest scheinbarer Unbeschwertheit tat. Es kam mir vor, als hätte er seinem geschundenen Körper durch Zuwendung, schöne Kleidung und Accessoires eine Hülle geschaffen, die alle Unebenmäßigkeit und Beschwerlichkeit ausglich. Was für ein trotziges Statement, sich auf einen Gehstock mit Kolibri-Griff zu stützen! Welch Selbstverständnis, eine Nymphe zu liebkosen, wann immer man sich hatte vergewissern müssen, dass und wie viel Zeit vergangen war!
Unser Gespräch dauerte nicht einmal zwanzig Minuten. Er ließ mich wissen, dass er meine bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten aufs Genaueste verfolgt hatte und dass es ein Akt beispielloser Arroganz sei, mich als Entwickler bei ihm zu bewerben. Ich hätte, sagte er, genau zwei Möglichkeiten: ab sofort ein Team seiner Forschungsabteilung zu leiten oder aber augenblicklich zu verschwinden und ihm nie wieder unter die Augen zu kommen.
Das war meine erste Begegnung mit Professor Matana.
Ich brauchte keine Bedenkzeit. Dieser Mann, das spürte ich, würde mein Leben verändern. Vielleicht hatte er es durch seine bloße Erscheinung bereits getan, und ich wagte mir nicht auszumalen, was ich noch alles durch ihn entdecken würde. Also reichte ich ihm die Hand und sagte: Abgemacht. Damit war er zufrieden und lächelte wieder, diesmal spitzbübisch.
Sie sind also lernfähig, sagte er: Das ist noch ein Plus. Allerdings, setzte er hinzu, gebe es eine Bedingung, über die er nicht verhandeln könne.
Und die wäre? fragte ich.
Ich bestehe darauf, sagte er, dass Sie sich vorzeigbar machen. Wenn ich mit Ihnen arbeite, muss ich mich auch mit Ihnen sehen lassen können.
Dieser Satz traf mich wie der wohl gezielte Schlag eines Profiboxers. Es war ja nicht irgendwer, der mir damit deutlich zu verstehen gab: Ich kann nichts mit dir anfangen, wenn du dir selbst nichts wert bist.
aus: »Pan schweigt«,
© Benjamin Stein (2010)
Benjamin Stein
Gebloggt am 21.01.2011 in Turmsegler
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