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Die FIFA-Disziplinarkommission beschäftigt sich mit dem SFV. Das ist nicht neu. Doch die Jubel-Geste von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ist mit scheinbar ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit kaum zu vergleichen.
1995 waren es Alain Sutter und ein paar Copains im Nationalteam, die vor einem Spiel in Schweden mit dem «Stop it, Chirac»-Banner gegen die Atomversuche Frankreichs in der Südsee protestierten. Neun Jahre später in Portugal hielt die Spuck-Affäre um Alex Frei die (Fussball-)Schweiz in Atem. 2012 zeigte Ottmar Hitzfeld dem Schiedsrichter nach einem Spiel gegen Norwegen den Stinkefinger. Und nun ist der SFV wieder im Fokus der Sportjustiz. Die FIFA untersucht den Doppeladler-Jubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri im Spiel gegen Serbien.
Die verschiedenen Fälle sind schon deshalb nicht miteinander zu vergleichen, weil in Schweden und Portugal die UEFA zuständig war. Für «Stop it, Chirac» gab es vom europäischen Verband nur einen Verweis gegen den SFV. Alex Frei wurde für sein Spucken gegen Steven Gerrard im EM-Spiel gegen England mit einer Sperre von drei Spielen belegt. In Portugal gab damals weniger die Tat an sich zu reden, als das Verhalten des SFV, der den Spieler das Spucken erst leugnen liess, bis TV-Bilder Alex Frei doch entlarvten.
Wenn es für den SFV nun in Russland darum geht, ähnliche Fälle aus der Vergangenheit zu suchen, findet er am ehesten den Stinkefinger von Ottmar Hitzfeld gegen den spanischen Schiedsrichter David Fernandez Borbalan im September 2012 nach dem WM-Qualifikationsspiel in Bern gegen Norwegen.
Die Verteidigungsstrategie des damaligen Nationaltrainers, wonach er den Mittelfinger sich selber gezeigt habe, fand bei der FIFA kein Gehör. Hitzfeld wurde aufgrund der Verletzung von Artikel 57 des Disziplinarreglements für zwei Spiele gesperrt. In diesem Artikel geht es um Ehrverletzung und Fairplay.
Statt einer Ehrverletzung gegen den Schiedsrichter geht es im Falle der Jubel-Gesten von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit den zum albanischen Doppeladler geformten Händen eher um eine mögliche Provokation der Zuschauer. Infrage käme daher eine Sperre wegen Verletzung von Artikel 54 des Disziplinarreglements. «Wer während einer Partie die Zuschauer provoziert, wird mit mindestens zwei Spielsperren und einer Geldstrafe von mindestens 5000 Franken belegt», steht da.
Und wenn die FIFA diese Geste in einen viel grösseren, nämlich politischen Zusammenhang bringt? Solche Fälle gab es auch schon, wenn auch von viel gravierenderem Ausmass. Im November 2013 hatte der kroatische Verteidiger Josip Simunic im Anschluss an die erfolgreichen WM-Playoffs gegen Island in Zagreb über das Stadionmikrofon die Parole «Za Dom – Spremni!» gerufen. Dieser Ausruf – «Für die Heimat – bereit!» – ist umstritten, weil er auf einen Geheimbund im Jahre 1929 zurückgeht, aus dem sich eine faschistische Bewegung entwickelte.
Die Strafe durch die FIFA fiel danach drakonisch aus. Wegen diskriminierenden Verhaltens und Anstiftung zur Fremdenfeindlichkeit wurde Simunic zu einer Sperre von zehn Pflichtspielen verurteilt. Ein Urteil, das später auch vom CAS in Lausanne bestätigt wurde. Simunic verpasste deshalb die WM-Endrunde 2014 in Brasilien und schied aus dem kroatischen Nationalteam aus.
Der albanische Doppeladler ist nicht mit «Za Dom – Spremni!» zu vergleichen. Und eigentlich auch nicht mit dem Stinkefinger von Ottmar Hitzfeld. Diese Geste hatte wenig Spielraum zur Interpretation zugelassen. Ganz anders der Doppeladler: Ist er Ausdruck der Freude? Ein Gruss in die Heimat? Eine Provokation? Ein politisches Statement? «Es ist nicht schwarz oder weiss», sagte der Schweizer Nationalmannschaftsdelegierte Claudio Sulser. Und SFV-Präsident Peter Gilliéron meinte: «Es wäre ein Präzedenzfall. Es ist ein schwieriges Feld für die FIFA, sie muss aufpassen.» Vielleicht können am Ende mit einer Busse alle gut leben. (pre/sda)