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Vom Rex 1952 ins Rex 2008 bis in die Grabenhalle seit 2013
Einführung
Am 24. Oktober 1952 begann mit Los Olvidados von Luis Buñuel das Abenteuer Cineclub in St. Gallen. Mit den Filmen der ersten Saison wurde ein sehr ambitioniertes Programm zusammengestellt. Das mit seinen 450 Plätzen aufweisende Kino Rex war fast von Anfang an ausverkauft und man musste schon bald eine Warteliste für Neumitglieder führen. Dieser Boom hielt mehrere Jahre an. Austritte waren selten. Nur Vereinsmitglied Nr. 104 war nach dem ersten Abend und über das Programm im Allgemeinen so empört, dass er schon am 25. Oktober 1952 seine Mitgliederkarte mit dem folgenden Kommentar zurückgab: Ich war der Auffassung, dass der wirklich sehenswerte Film auch irgend ein positiver Gedanken enthalten sollte. Da dies scheinbar bei ihrer Auswahl nicht vorgesehen ist, so möchte ich meine Zeit nutzbringender verwenden, als ihre Filme anzusehen.
Der Vorstand war vom überwältigenden Publikumszuspruch überrascht und für die zukünftige Programmgestaltung bestärkt, mit entsprechend anspruchsvollen Filmen weiterzufahren. 1952 zeigten die sieben St. Galler Kinos die gängigen Publikumsfilme, meist amerikanischer Herkunft. Dagegen programmierte der Cineclub die ersten Nouvelle-Vague-Filme (wie die Filme Clair, Renoir, Carné, Clouzot, Cocteau), neorealistische Streifen aus Italien (de Sica, Rosselini, Visconti), noch unbekannte japanische Filme, Reprisen von Filmklassikern (Eisenstein, Murnau, Welles) oder eben Luis Buñuel, der wahrlich kein Wohlfühlkino bot. Das eigentliche Studiokino gab es noch nicht, aber genau dieser Begriff traf für das Programm des Cineclubs zu. Das Experiment der Filmversessenen wurde zu einem vollen Erfolg.
Fredi Hächler
Die Gründung
Einige Cineasten bemühten sich schon 1950, den St. Galler Filmklub zu gründen. Sie nahmen mit Jules Schulthess, dem damaligen St. Galler Kinomonopolisten, Kontakt auf. Dieser versprach anfänglich, das Kino Säntis zur Verfügung zu stellen und bei der Aufnahme in den Schweizerischen Lichtspieltheater-Verband behilflich zu sein. Darauf begann man erfolgreich Mitglieder zu werben. Doch Schulthess liess sich Zeit mit verbindlichen Zusagen. Die Vereinsführung und die erwartungsfrohen Neumitglieder wurden ungeduldig und drängten diesen zu konkreten Abmachungen. Im Jahre 1951 wurde erfolglos mit Schulthess weiterverhandelt. Der rettende Ausweg zeigte sich mit einem neuen Kinostandort. Robert Huber baute an der Zwinglistrasse 2 das Kino Rex (Eröffnung 27. September 1952). Mit neuer Hoffnung wurde der Start auf den Oktober 1952 im Rex geplant. An der Gründungsversammlung vom 7. Juli 1952 im Restaurant Traube konstituierte sich der neue Verein, nun Cineclub genannt, mit dem Präsidenten Remi Nüesch. Mit dabei waren schon Leute wie Hans Ritter, Eduard Naegeli, Werner Weiskönig und vor allem Marga Karbe, die über Jahre die prägenden Kräfte im Verein sein sollten.
Die Vereinsführung
Wenn man das Wort Cineast mit Filmliebhaber ausdeutet, so waren die Leute der Gründergeneration eine erfolgreiche Gruppe von eingeschworenen Cineasten mit dem Ziel, den andern Film nach St. Gallen zu bringen. Nach über 56 Jahren und mit über 800 ausgewählten und besprochenen Filmen kann man den Cineclub St. Gallen zu den erfolgreichsten Filmklubs der Schweiz zählen.
Der Cineclub ist mit seinen Statuten und dem Kassenwesen als Verein organisiert. Ist der Cineclub ein Verein? Oder ist er ein «Serviceclub» für den andern Film? Man kann davon ausgehen, dass alle Mitglieder eben diese Art Filme schätzen und die Daten des Cineclubs zum festen Bestandteil in ihrem Terminkalender machen.
Wenn man aber in den Protokollen der unzähligen Vorstandsitzungen und der Hauptversammlungen blättert, zeigt sich der typische Vereinsalltag. Wie viele Mitglieder sollen/können aufgenommen werden? Später sinkt die Mitgliederzahl unter 150 (1991: 132 zahlende Mitglieder) - steht der Cineclub vor der Auflösung? Muss der Eintritt pro Abend tiefer sein als beim übrigen Kino? Entscheidend ist natürlich die Filmauswahl: Wie viele Film-Reprisen verträgt es heute noch, sollen nur Filme gezeigt werden die im übrigen Kinoalltag nicht vorgeführt werden, hat das unbeschwerte Filmvergnügen seinen Platz im Cineclub, darf Casablanca wirklich dreimal gezeigt werden und warum wurden von Jacques Tati bisher nur zwei Filme gezeigt?
Die treibende Kraft im Hintergrund war und ist der Cineclub-Vorstand mit der unermüdlichen Filmkommission. Es kann aber nicht anders sein, dass die immense Arbeit offensichtlich auch Spass macht, denn Antoinette Maurer ist erst die fünfte Vereinspräsidentin (nach Remi Nüesch, Heini Kuhn, Berni Walser und Joseph Plattner) und Silvia Friedli die dritte Filmkommissions-Präsidentin (Eduard Naegeli und Marga Karbe) in der Vereinsgeschichte! Diese Leute mussten neben dem grossen Engagement und der Sachkenntnis ebenso grosses Geschick aufweisen, divergierende Strömungen und Kräfte im Verein im Verlaufe der Zeit zu erkennen und entsprechend zu agieren. Die grosse Mehrheit der passiven Kinogänger braucht die kleine Gruppe von Verschworenen, die alljährlich ein neues Jahresprogramm der Überraschungen aus dem Hut zaubert.
Mitglieder
Ein voller Kinosaal ist für den im Hintergrund arbeitenden Vorstand wohl die grösste Befriedigung für das unermüdliche Schaffen. Die ältesten vorhandenen Mitgliederlisten aus dem Frühling 1951(!) umfassen rund 400 Mitglieder. Noch sollten gut 18 Monate vergehen bis zum eigentlichen Startschuss. Bis zu diesem Zeitpunkt haben sich nochmals gegen zweihundert Interessenten gemeldet, was dann zu den erwähnten Wartelisten führte.
Doch nach einigen Jahren nahmen die Mitgliederzahlen kontinuierlich ab. 1965 gab es öfters freie Plätze im Kino Rex. Seither drehten sich die Diskussionen an den Vorstandssitzungen und an den Hauptversammlungen nicht nur um Wartelisten, sondern um die Werbung von Neumitgliedern. Man analysierte über die Gründe und plante Gegenmassnahmen. Bedrohlich nahmen sich die 132 Mitglieder im Jahre 1992 aus. War der Cineclub zum Auslaufmodell geworden, war er überaltert oder liefen die Vereinsstrukturen mit ihren Zielen an den Besuchergewohnheiten der Kinogänger vorbei?
Aus vorhandenen Protokollen/Unterlagen rekonstruierte Mitgliederzahlen
- 1965 425
- 1974 471
- 1975 386
- 1976 473
- 1977 482
- 1978 505
- 1979 387
- 1980 398
- 1981 318
- 1982 345
- 1983 381
- 1985 324
- 1986 203
- 1987 231
- 1988 225
- 1989 221
- 1990 202
- 1991 160
- 1992 132
- 1993 152
- 1994 220
- 1995 215
- 1996 198
- 1997 196
- 1998 252
- 1999 228
- 2002 316
- 2004 280
- 2005 252
- 2006 223
Programmauswahl
Die Erfolgsgeschichte des Cineclubs St. Gallen ist eng verknüpft mit einer geschickten Programmauswahl. Artikel 2 der Clubstatuten umschreibt eigentlich noch immer das Vereinscredo: Der Cineclub erstrebt die Förderung des guten Films auf dem Platze St. Gallen und die Hebung des Kritikvermögens für den guten Film. Er bezweckt vor allem auch, seinen Mitgliedern sehenswerte und künstlerisch wertvolle Filme vorzuführen. In den Fünfzigerjahren war es der Wunsch einer nicht unbedeutenden Minderheit von Kinogängern (es gab noch kein Fernsehen …), die genug hatte vom seichten Mainstream-Programm der kommerziellen Kinobetriebe, nach dem ‚andern’ Film. Die initiativen Gründerinnen und Gründer hätten schon 1950 einem interessierten Publikum ihr Programm vorführen können. Nach beträchtlichen Anfangsproblemen konnte die erste Saison 1952/1953 endlich gestartet werden. Sieht man sich heute die damaligen Jahresprogramme mit den sehr anspruchsvollen Studiofilmen an, so muss man nach dem überwältigenden Publikumserfolg feststellen, dass die Filmauswahlkommission unter Eduard Naegeli damals eine echte Marktlücke im Kinobetrieb gefunden hatte.
Obwohl der Kinosaal von Anfang an übervoll war, nahmen die Diskussionen und Kritiken an der Programmgestaltung schon an der ersten HV einen wichtigen Platz ein. So wünschte damals ein Herr Levy, dass dem schönen Film im Gegensatz zum schweren, erdrückenden Film der Vorzug gegeben werde. Tatsächlich waren die eher heiteren Filme in der Minderzahl gegenüber den wirklich ambitionierten und oft schwer verdaubaren Studiofilmen. Man muss aber der Filmkommission über all die Jahre zugestehen (und sie ist für die Erfolgsgeschichte des Cineclub St. Gallen primär verantwortlich), dass sie immer wieder den Geschmack und die Erwartungen der Mitglieder mehrheitlich getroffen hat. Auswahl und Schwerpunkte haben sich über die Jahrzehnte immer wieder verschoben. Waren es zuerst die Studiofilme der Franzosen und Italiener, folgten die Kurzfilme der Solothurner Filmtage, der Kunstfilm, der unbekannte Film aus Asien und aus der Schweiz, Reprisen und Klassiker. Doch bald tauchten auch augenzwinkernd Filme wie die von Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Walt Disney auf. Oder wer wäre schon freiwillig an einem Sonntagmorgen in einen Heidifilm gegangen und hätte dabei sogar ein paar Tränen verdrückt? Die Filmauswahl war immer für Überraschungen gut. Dies muss so bleiben, auch wenn bei der Ankündigung für die neue Saison das Thema Farben lautet und Deep Blue nicht dabei ist.
Preispolitik
Wie viel Kino darf es für wie viel Geld denn sein? Ebenso wie die Filmauswahl löst die Preispolitik immer wieder kontroverse Diskussionen aus. Der Kassier oder die Kassierin scheint oft den undankbarsten oder den mindestens unspektakulärsten Job im Verein zu haben. Meistens wird der Kassabericht mit einem Höfflichkeitsapplaus an der HV durchgewunken. Was soviel heisst wie: Die Kasse ist irgendwie im Lot. Davor hatten aber im Vorstand bestimmt Diskussionen stattgefunden, ob der Beitrag so belassen werden könne oder ob man noch mehr Supporter/Gönner werben müsse. Ein Dauerthema ist und bleibt die Saalmiete und der Einzelbillettverkauf.
99 Franken für elf Filmabende, Überraschungen inklusive, scheint vernünftig. Für die Saison 1953/54 zahlte man für zehn Filme 18 Franken, Paare 30 Franken.
Die besonderen Events
Spätestens bei den Extrawünschen des Vorstandes legt sich die Stirne des Kassiers/Kassierin in Falten. Oft entspringen diese Events scheinbar der puren Lust, den Mitgliedern etwas Besonderes zu bieten: Zwischen zwei Heidifilmen an dem besagten Sonntagmorgen ein Älplerfrühstück, nach dem Schwingerfilm eine Schwingerdemo, die persönliche Anwesenheit des Filmemachers, Lesungen oder Livemusik bei einem Stummfilm.
Früher versuchte der Cineclub zusammen mit andern Institutionen das Medium Film der Jugend näher zu bringen. So wurden entsprechende Veranstaltungen mitorganisiert z.B. an der Gewerbeschule, in der Kellerbühne oder im K59. Er engagierte sich stark in der damaligen städtischen Bewegung Jugend und Film, in den Kulturfilmorganisationen und ähnlichen Institutionen, die das Ziel hatten, die Jugend an den ‚guten’ Film heranzuführen. Diese Bemühungen sind offensichtlich heute kein aktuelles Thema mehr im Cineclub. Tatsächlich sind die älteren Jahrgänge gegenüber den jugendlichen Mitgliedern in unserem Verein in deutlicher Überzahl …
Zu andern besonderen Veranstaltungen (siehe Liste): Im Jahre 1959 wurde der Film Wege zum Ruhm von Stanley Kubrick in der Zeit des Kalten Krieges aus Rücksicht auf die Amerikaner landesweit verboten. Der Cineclub organisierte eine Reise in zwei Bussen nach Konstanz, um diesen viel diskutierten Film im Roxy sehen zu können.
Weitere vereinsmässige Veranstaltungen seien erwähnt: Der Ausflug (2001) nach Lausanne in die Cinémathèque und die mehrtägige Reise nach Turin (2005). Immer wieder kam periodisch der Wunsch auf, einen Vereinsstamm oder spezielle Diskussionsabende mit filmischen Themen zu organisieren. Doch diese Ansätze für ein intensiveres oder traditionelles Vereinsleben wurden nie realisiert.
ciné-b
Ende der Fünfzigerjahre (1957) kam der Wunsch auf, an separaten Daten vor allem experimentelle Filme oder unbekannte Filme aus der Dritten Welt zu zeigen. Einige eingefleischte Cineasten unter Richard Bosshard organisierten sich dazu in einer Untergruppe des Cineclubs. Diese neue Veranstaltungsreihe bekam den Namen ciné-b. Der Start erfolgte am 25. November 1957 um 18.15 im Kino Capitol mit Entr’acte, Berlin und Le chien andalou. Weitere Filme siehe Liste. Der Eintritt für die ciné-b-Filme kostete 8 Franken pro Saison. 1971/72 wurden die letzten zwei Filme im Rahmen des ciné-b gezeigt.
Diese zusätzliche Filmreihe war keine eigentliche Erfolgsgeschichte. Einerseits war das Interesse der Cineclubmitglieder an weiteren filmischen Veranstaltungen geringer als erwartet und der organisatorische Aufwand mit der entsprechenden Finanzierung war zu gross. So konnten in der Saison 1959/60 mangels Anmeldungen keine Filme gezeigt werden.
Kinostandorte
Die Odyssee durch die vielen verschiedenen Kinostandorte kann an der beiliegenden Liste nachvollzogen werden. Als Jules Schulthess 1950/1952 keine Hand zu einem Start im Säntis geboten hatte, erwies sich das neue Kino Rex 1952 mit Robert Huber als Besitzer als Glücksfall. Einerseits war er dem neuen Verein sehr gewogen und war behilflich bei allfälligen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Filmen. 1974 erwarb Franz Anton Brüni das Rex. Er nahm wie Robert Huber Einsitz im Vereinsvorstand. Doch die Zusammenarbeit sollte bald nicht mehr zum Besten sein. So verlangte Vorstandsmitglied Brüni z.B. 1000 Franken Kinomiete (Protokoll HV 1983). Der Betrag konnte schliesslich nach zähen Verhandlungen auf 600 Franken gedrückt werden. Bis zum Verkauf auf den 1. Januar 2007 sollten sich die Probleme mit dem Kinomonopolisten Franz Anton Brüni häufen. Mit der neuen Besitzerin der St. Galler Kinos, der Kitag, herrschte zu Beginn gutes Einvernehmen.
Die Veränderungen in der St.Galler Kinolandschaft führte den cineclub vom Palace über das Storchen und Rex 2013 in die Grabenhalle - und weitere Pop-Up-Spielorte wie die Galerie vor der Klostermauer, Lattich im Güterbahnareal, Kunstmuseum und Skatehalle Riethüsli.