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«Ein Schrei, gehüllt in Form»: Max Jacob (1876-1944)
«Statt einer Frau bin ich eines Tages einem Gott begegnet», schrieb er 1921 in einem Gedicht und meinte damit den kurz zuvor verstorbenen Amadeo Modigliani, dem er in «sündiger Ekstase» verfallen war. Denn auch mit dem himmlischen Gott hatte er längst seine Begegnung gehabt, der 1876 im bretonischen Quimper geborene Max Jacob, der seit 1901 am Pariser Montmartre mit Picasso und Apollinaire malend und dichtend der Moderne zum Durchbruch verhalf. 1909 bereits war ihm, dem Juden, an der Wand seines Zimmers Christus erschienen, aber da ihm Kabbala und Astrologie mehr als die Bibel bedeuteten, liess man ihn fünf Jahre warten, ehe er in die katholische Kirche aufgenommen wurde.
Im Roman «Saint Matorel» hat Jacob 1911-1914 die Titelfigur, einen Metro-Schaffner, seine visionäre Erfahrung nacherleben lassen; «La défense de Tartufe» (1919) evoziert anhand von Gedichten und Gebeten das Hinundhergerissensein zwischen Gott und Welt, von dem auch sein gültigstes Werk zeugt: die lyrische Prosa «Le Cornet à dés» /«Der Würfelbecher» von 1917, wo die Grenze zwischen Leben und Kunst, Diesseits und Jenseits völlig aufgehoben ist.
1921/22, im Klosterdorf Saint-Benoît-sur Loire, entstand Jacobs «Art poétique», das Bekenntnis zu einer Literatur der Emotion und der formalen Brillanz: «Dichtung ist ein Schrei, gehüllt in die Form.» In Saint-Benoît lebte Jacob auch während des 2.Weltkriegs und der deutschen Besetzung, als das Judentum den bekennenden Katholiken wieder einholte. «Früher bemerkte mich keiner in der Strasse. Jetzt lachen die Kinder über meinen gelben Stern», heisst es in einem der letzten Poeme. Und «Ich danke Gott für das Martyrium» ist in dem Brief zu lesen, den er dem Pfarrer von Saint-Benoît aus der Deportation schrieb. Im KZ Drancy ist Max Jacob, während Jean Cocteau und Sacha Guitry in Paris Unterschriften für ihn sammelten, am 5.März 1944 mit 68 Jahren einer Lungenentzündung erlegen.