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Amur-Leopard
Panthera pardus orientalis
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Über dreissig Leoparden-Unterarten?
Wir neigen dazu, Grosskatzen vor unserem geistigen Auge als Tiere der Tropen, genauer der Savannen Afrikas oder der Regenwälder Südamerikas und Südostasiens, zu betrachten. Das stimmt allerdings nur teilweise, denn mehrere Grosskatzen weisen als überaus erfolgreiche Raubtiere Verbreitungsgebiete auf, welche sich weit über die Tropen hinaus auch auf subtropische und sogar gemässigte Klimazonen ausdehnen - oder dies früher zumindest taten. So kam der Löwe (Panthera leo) einst im gesamten Nahen Osten und sogar in Südeuropa vor, der Tiger (Panthera tigris) besiedelt noch heute die im Winter frostigen Gebiete des fernöstlichen Russlands, und der Schneeleopard (Uncia uncia) lebt sogar gänzlich ausserhalb der Tropen. Auch der Leopard (Panthera pardus), der von sämtlichen Grosskatzen das weiteste Verbreitungsgebiet aufweist, bewohnt im westlichen, südlichen und östlichen Asien Bereiche, die durch kalte, schneereiche Winter geprägt sind. Dies gilt insbesondere für jene Leoparden-Unterart, die im fernen Osten Asiens heimisch ist: den Amur-Leoparden (Panthera pardus orientalis), von dem auf diesen Seiten berichtet werden soll.
Das Verbreitungsgebiet des Leoparden ist immens: Die gefleckte Grosskatze kommt - von den unwirtlichsten Bereichen der Sahara einmal abgesehen - in den meisten Regionen Afrikas vor. Im nördlichen Afrika sind die Bestände zwar heute stark ausgedünnt, doch finden sich noch immer kleinere Populationen in Marokko, Algerien und Ägypten. Im Nahen Osten wurde der Leopard ebenfalls stark zurückgedrängt, doch auch hier überleben kleinere Bestände in den meisten Ländern, von Israel und der Türkei im Westen bis zum Iran im Osten. Im Mittleren Osten (einschliesslich Sri Lankas) sind die Bestände des Leoparden bemerkenswert umfangreich, ebenso im kontinentalen Südostasien. In heute ziemlich «löcherigen» Beständen kann man der Art ferner im südlichen und zentralen China sowie im Bereich der fernöstlichen Ussuri-Region begegnen.
Die Körpergrösse sowie die Haarlänge, Grundfärbung und Fleckenzeichnung des Leoparden sind innerhalb seines riesigen Artverbreitungsgebiets ziemlich variabel. So reicht die Kopfrumpflänge erwachsener Individuen von 95 bis 190 Zentimeter, das Gewicht von 30 bis 85 Kilogramm. Die Flecken wiederum sind auf dem Rücken normalerweise zu Rosetten angeordnet; gewisse Leoparden besitzen aber - ähnlich wie Jaguare (Panthera onca)
- grosse Ringflecken mit Tupfen in der Mitte, während andere - mit Geparden (Acinonyx jubatus)
vergleichbar - dicht mit vielen Tupfen übersät sind. Hinsichtlich der Grundfarbe reicht sodann die Palette von Tieren mit weisslichem Ton bis hin zu den bekannten Schwärzlingen, die im Volksmund «Schwarze Panther» genannt werden.
Aufgrund dieser körperbauliche Variabilität wurden im Laufe der Zeit über dreissig Leopardenunterarten beschrieben. Manche Fachleute haben diese starke Aufsplitterung der Art schon immer für unsinnig gehalten. Molekularbiologische Untersuchungen des Leoparden-Erbguts haben ihre Ansicht nun gestützt: Es hat sich gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den meisten Rassen vernachlässigbar gering und vielfach auch keineswegs konstant sind. «Echte» Unterarten gibt es bestimmt weniger als zehn, wahrscheinlich sogar nur vier oder fünf.
Eine davon ist der Amur-Leopard, der im fernöstlichen Asien im Bereich des Ussuri-Flusses vorkommt und die am weitesten nördlich lebende Leopardenpopulation darstellt. Es handelt sich um einen mittelgrossen Vertreter seiner Art: Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 110 bis 140 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 64 bis 78 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 80 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht von durchschnittlich 32 und maximal 50 Kilogramm auf, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas kleiner und leichter sind als die Männchen. Das Fell des Amur-Leoparden gilt als das schönste Leopardenfell, denn zum einen ist es besonders dicht und lang (die Haarlänge bemisst sich im Winter oberseits auf 3 bis 5 Zentimeter, am Bauch sogar auf bis zu 7 Zentimeter), zum anderen ist die Grundfärbung im allgemeinen recht kräftig, und die Rosettenflecken sind mit einem Durchmesser von rund 5 Zentimetern verhältnismässig gross.
In Russland, China und den beiden Korea zu Hause
Die Amur-Leoparden bilden eine isolierte, von den übrigen Leopardenbeständen Asiens vollständig getrennte Population. In Russland
scheint diese Unterart nur noch im Bereich des Kedrovaya-Pad-Reservats westlich von Wladiwostok, nahe der Grenze zu China, vorzukommen. Früher war sie im Bereich des nordöstlich von Wladiwostok gelegenen Sikhote-Alin-Gebirgs recht zahlreich gewesen, doch wurde sie dort zwischen 1970 und 1983 vollständig ausgerottet. Der Bestand im Bereich des Kedrovaya-Pad-Reservats wird zwar auf nurmehr etwa dreissig Individuen geschätzt, doch scheint er erfreulicherweise in jüngerer Zeit einigermassen stabil geblieben zu sein.
In China
ist der Amur-Leopard heute ähnlich selten wie in Russland. Er kommt hier einzig in der nordöstlichen Mandschurei vor, nahe der Grenze zu Russland und zu Nordkorea. In der Provinz Heilongjiang dürften noch etwa zehn Amur-Leoparden leben. In der südlich davon befindlichen Provinz Jilin mögen es geringfügig mehr sein. Hier finden sie sich vor allem im Bereich des gebirgigen Changbai-Shan-Reservats, nahe der Grenze zu Nordkorea.
In Südkorea
wurde der Amur-Leopard letztmals im Jahr 1969 gesichtet. Damals wurde beim Odo-Berg in der südlichen Kyongsong-Provinz ein Individuum von einem Jäger erlegt. In jüngerer Zeit wurden allerdings frische Spuren beim Chii- und beim Sorak-Berg gefunden, was hoffen lässt, dass in Südkorea doch ein paar Individuen zu überleben vermocht haben.
Über die Bestandssituation des Amur-Leoparden in Nordkorea
ist nichts Näheres bekannt. Die Fachleute gehen aber davon aus, dass höchstens noch ein oder zwei Dutzend der hübschen Katzen im gebirgigen, an China grenzenden Norden des Landes, insbesondere im Bereich des Paekdu-San-Reservats, heimisch sind.
Die Gesamtpopulation des Amur-Leoparden in freier Wildbahn dürfte also insgesamt höchstens noch etwa hundert, über ein weites Areal verstreute Individuen umfassen. Der langhaarige Leopard gilt deswegen als die seltenste Leopardenunterart der Welt und wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «höchst bedroht» eingestuft.
Ein Meister der Huftierjagd
Ähnlich wie der Tiger ist der Leopard eine sehr anpassungsfähige Raubkatze, die keine besonderen Ansprüche an seine Umgebung stellt. Wichtig ist nur, dass genügend Beutetiere und Deckungsmöglichkeiten bei der Jagd vorhanden sind. Er kommt daher in sehr verschiedenartigen Lebensräumen vor: in steinigen Halbwüsten ebenso wie in dichten Regenwäldern, in schwülen Flussdeltas genauso wie in nebelverhangenen Bergwäldern. Im Himalaja hält er sich sogar regelmässig in Höhen von über 5000 Metern auf. Das Lebensraumspektrum des Amur-Leoparden ist allerdings nicht sonderlich abwechslungsreich: Er bewohnt hauptsächlich die weiten Laubwälder, die für seine fernöstliche Heimat so typisch sind.
Wie alle Leoparden ist der Amur-Leopard ein meisterhafter Jäger, der so ziemlich alles zu erbeuten vermag, was ihm über den Weg läuft. Bei der Jagd betätigt er sich - im Unterschied etwa zum Tiger - im allgemeinen nicht als Pirsch-, sondern als Lauerjäger: Er legt sich in der Nähe eines Wildwechsels, eines Wasserlochs oder einer Salzlecke gut getarnt auf einen tiefliegenden Ast, neben einen Felsen oder zwischen Büsche und wartet dort geduldig darauf, dass ein geeignetes Beutetier in seine Reichweite kommt.
Ist dies der Fall, so schleicht er sich zunächst unmerklich möglichst auf sechs bis acht Meter an das Tier heran. Dann entfaltet er plötzlich seine geballte Kraft und stürzt sich oft mit einem einzigen Satz auf das überraschte Opfer. Mit den spitzen Krallen seiner Pranken packt er es, reisst es zu Boden und bricht ihm mit einem kräftigen Biss das Genick (bei kleineren Tieren) oder erstickt es durch einen unnachgiebigen Biss in die Kehle (bei grösseren Tieren).
Hauptbeutetiere des Amur-Leoparden sind in seiner fernöstlichen Heimat Rehe (Capreolus capreolus)
. Daneben erlegt er gerne Sikahirsche (Cervus nippon)
, Moschustiere (Moschus moschiferus)
und Wildschweine (Sus scrofa)
. Er nimmt aber auch Hasen (Lepus spp.)
, Fasane, Marderhunde (Nyctereutes procyonoides)
, junge Kragenbären (Ursus thibetanus)
, Gorale (Nemorhaedus goral)
und viele andere Tiere, die in seinem Lebensraum vorkommen. Einzig grosse, wehrhafte Beutetiere wie Elche (Alces alces)
oder Rothirsche (Cervus elaphus)
meidet er - der Verletzungsgefahr wegen - im allgemeinen, ausser wenn solche jung oder durch eine Krankheit geschwächt sind.
Nutztiere des Menschen, darunter Hunde, Schafe und Ziegen, überfällt der Amur-Leopard mitunter auch, doch scheint dies selten vorzukommen, da er - im Gegensatz zu Leoparden in anderen Erdregionen - die Nähe menschlicher Siedlungen nach Möglichkeit meidet.
Ist die Beute zu gross, um auf einmal verzehrt zu werden, so schleppt der Amur-Leopard diese anders als seine Artgenossen etwa in Afrika nie auf einen Baum. Es gibt ja in seiner ostasiatischen Heimat keine Hyänen, die sie ihm streitig machen könnten. Allerdings versteckt er seinen «Vorrat» oftmals unter einem Felsen oder einem umgestürzten Baum oder verdeckt sie mit Laub und Schnee, um sie vor den Augen hungriger Krähen und Greifvögel zu verbergen.
Zwillingsgeburten sind die Regel
Der Leopard ist ein typischer Einzelgänger, bei dem jedes Weibchen und jedes Männchen für sich allein in einem festen Wohngebiet lebt, dessen Grösse sich nach der örtlichen Beutetierdichte richtet und beim Amur-Leoparden 50 bis 300 Quadratkilometer messen kann. Diese Wohngebiete überlappen an den Rändern stark mit denen benachbarter Artgenossen. Im allgemeinen geht jeder Revierinhaber seinen Nachbarn geflissentlich aus dem Weg. Von Zeit zu Zeit schliessen sich aber männliche und weibliche Tiere für kurze Zeit zu Paaren zusammen, um Junge zu zeugen. Dies scheint im Falle des Amur-Leoparden an keine Jahreszeit gebunden zu sein. Jedenfalls erfolgen Geburten im Frühling, Sommer und Herbst, ja selbst in grimmigen Januarfrösten.
Die Tragzeit dauert ungefähr 95 Tage, und die Wurfgrösse beträgt meistens zwei, seltener eines und nur in Ausnahmefällen drei Junge. Die trächtigen Weibchen ziehen sich für die Geburt in eine geeignete Höhle zurück. Die Neugeborenen wiegen 500 bis 700 Gramm und sind anfänglich blind und völlig hilflos. Im Alter von etwa einer Woche öffnen sich ihre Augen, und mit etwa zwei Wochen beginnen sie, in ihrem Unterschlupf herumzukrabbeln, doch erst mit gut zwei Monaten wagen sie sich erstmals aus ihrer Kinderstube heraus.
Die Sprösslinge werden bald danach entwöhnt, das heisst von der Muttermilch auf feste Nahrung umgewöhnt. In den folgenden zwölf bis fünfzehn Monaten begleiten sie ihre Mutter auf deren Streifzügen durch das Revier und werden von ihr sorgfältig in die Kunst des Beutegreifens eingeweiht. Danach trennen sie sich - als mittlerweile ausgewachsene Tiere - von ihr und machen sich auf die Suche nach eigenen Revieren. In dieser Lebensphase streifen sie weit umher.
Im Alter von zwei bis drei Jahren werden die jungen Amur-Leoparden geschlechtsreif. Sie sind zu diesem Zeitpunkt gewöhnlich sesshaft geworden, und die Weibchen pflanzen sich in der Folge regelmässig etwa alle zwei Jahre fort. Unter natürlichen Verhältnissen erreichen Leoparden ein Alter von etwa 15 Jahren; das Höchstalter liegt bei 23 Jahren.
Internationales Amur-Leoparden-Reservat
Die Bestände des Amur-Leoparden sind in unserem Jahrhundert massiv zurückgegangen. Hauptursache hierfür ist die starke Bejagung durch den Menschen - einerseits wegen seines prächtigen Fells, andererseits weil seine Knochen in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet werden. Daneben hat auch sein schlechter Ruf als «Viehdieb» eine Rolle gespielt. Ferner hat ihm die Verminderung der Huftierbestände, auf die er als Nahrungsgrundlage angewiesen ist, zugesetzt. An geeigneten Lebensräumen scheint es in seiner fernöstlichen Heimat bislang nicht zu mangeln, so dass zumindest dieser Faktor für den Fortbestand des Amur-Leoparden vorderhand eine untergeordnete Rolle spielt.
Um die letzten Restbestände des Amur-Leoparden zu erhalten (und möglichst zu vermehren), schlagen die Fachleute eine Reihe von Massnahmen vor: Vordringlich ist erstens die Vergrösserung der vorhandenen Reservate, in denen die gefleckte Raubkatze noch vorkommt, und zweitens deren Zusammenfassung zu einem grenzüberschreitenden, russisch-chinesisch-nordkoreanischen Schutzgebiet von mindestens 15 000 Quadratkilometern Fläche. Das russische Kedrovaya-Pad-Reservat misst heute lediglich 180, das chinesische Changbai-Shan-Reservat 1910 und das nordkoreanische Paekdu-San-Reservat 140 Quadratkilometer. Das reicht als Lebensraum für eine gesunde Leopardenpopulation bei weitem nicht aus.
Wesentlich wäre sodann innerhalb dieses Areals die unnachgiebige Bekämpfung der weitverbreiteten Wilderei, einerseits um die Amur-Leoparden selbst endlich vor diesem Frevel zu schützen, andererseits um ihre wichtigsten Beutetiere auf ihre ursprüngliche Bestandsdichten zurückzubringen. Zudem müsste die forstwirtschaftliche Nutzung des Gebiets vermieden und Waldbrände wirksam verhütet werden.
Der Amur-Leopard ist wie alle Leoparden ein überaus anpassungsfähiges und erfolgreiches Raubtier. Wenn es uns gelingt, trotz aller politischen und wirtschaftlichen Widerstände im «Dreiländereck» Russland-China-Nordkorea ein sicheres und ausreichend grosses Rückzugsgebiet für ihn zu schaffen - und hierfür setzt sich der WWF seit Jahren mit aller Kraft ein -, so wird er diese Chance bestimmt zu nutzen wissen.
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