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Peter Ochs und die Revolution von 1798: Vom “Grand Tribun” zum “Citoïien helvétien”Veröffentlicht am 8.12.2021, zuletzt geändert am 26.10.2023 #Frühe Neuzeit
Dieses Jahr jährte sich am 19. Juni zum zweihundertsten Mal der Todestag des Basler Politikers, Diplomaten und Revolutionärs Peter Ochs-Vischer (1752–1821). Er vermittelte im April 1795 den Frieden von Basel in der Hoffnung, den Ersten Koalitionskrieg zu beenden, der ganz Europa verheerte, und damit die Voraussetzungen für eine friedliche Entwicklung der Revolution in Frankreich und Europa zu schaffen. Er war auch massgeblich an der Gründung der Helvetischen Republik (1798–1803) beteiligt.
Die Würde eines Menschen ist unantastbar
Die Helvetische Republik löste die alte 13-örtige Eidgenossenschaft ab. Sie existierte zwar nur kurze Zeit, gab aber der weiteren Entwicklung der Schweiz wichtige Impulse: So entstanden an Stelle der von unfreien Untertanen bewohnten Gebiete 1798 die souveränen Kantone Aargau, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Waadt.
Ochs war nicht nur Staatsmann und Diplomat, er war auch ein versierter Jurist, der nicht nur verschiedene Verfassungsentwürfe ausarbeitete, sondern sich ebenso für Reformen des Strafrechts und des Eherechts einsetzte. Er verfasste zudem die “Geschichte der Stadt und Landschaft Basel”, die erste auf Quellen basierte Basler Kantonsgeschichte.
Die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit verletzten Ochs’ Rechtsempfinden. Die “Würde” eines Menschen war unantastbar. Er lehnte Folter, grausame Körperstrafen und öffentliche Hinrichtungen ab. Persönliche Freiheit und politische Rechte waren in seinen Augen Grundrechte aller, nicht Privilege weniger. In der alten Eidgenossenschaft waren vor 1798 aber nach Ochs’ eigenen Berechnungen mehr als 95 Prozent der Einwohner rechtlose “Untertanen”.
Den Entschluss zur “Revolutionierung” Basels und der Eidgenossenschaft fasste Ochs anlässlich seiner Wahl zum “Grand Tribun” (deutsch: Oberstzunftmeister) im August 1796. Ochs gab seinem neuen Amt − dem zweithöchsten nach dem Bürgermeister −, das traditionell die Interessen der in den Zünften organisierten Stadtbürgerschaft vertrat, eine neue Bedeutung. Er wollte Sprecher aller Staatsbürger sein. Dieser Entschluss entstand, nachdem Ochs viele Jahre lang vergeblich an die Vernunft und den Gerechtigkeitssinn der regierenden Bürger appelliert hatte, freiwillig auf ihre Privilegien zu verzichten und die Baselbieter Untertanen als gleichberechtigte Staatsbürger anzuerkennen.
Die Revolutionierung der Schweiz
Ende des Jahres 1797 schien es Ochs und anderen “Revolutionsfreunden” auch ein Gebot der politischen Klugheit, die “Revolutionierung” der Schweiz zu beginnen angesichts der militärischen Lage in Europa – Napoleon hatte im Oktober Österreich-Habsburg zum Frieden von Campo Formio gezwungen – und der allgemeinen revolutionären Unruhe in vielen Teilen der eidgenössischen Untertanengebiete: Als Napoleon im November 1797 von Genf nach Basel reiste, begrüsste ihn die Bevölkerung auf der ganzen Strecke als “Befreier”. Ochs hatte Gelegenheit, mit Napoleon während seines kurzen Basler Aufenthalts zu sprechen, und beschloss die Beunruhigung der Basler Regierung zu nutzen, um direkt mit der französischen Regierung zu verhandeln.
Ende November 1797 verreiste Peter Ochs nach Paris, wo er Anfang Dezember 1797 eintraf. Er besass nicht nur ein Mandat der Basler Regierung, er war auch der Vertrauensmann der Schweizer “Revolutionsfreunde”. Von Paris aus stiess Ochs die Revolution in Basel an, der bald andere Kantone folgten. Im Auftrag des Direktoriums arbeitete er einen Verfassungsentwurf aus. Die eigentliche Verfassung sollten später die gewählten Volksrepräsentanten entwerfen, und der neue Souverän, das Volk, darüber abstimmen. Die Hoffnungen, die Ochs hegte, klingen an in der Unterschrift “Citoïien helvétien”, mit der er Anfang Januar 1798 einen Brief unterzeichnete. Er hatte – wie in der berühmten “Opfernacht” vom 4. August 1789 die Pariser Nationalversammlung – alle seine Privilegien abgelegt.
Die eine und einzige Helvetische Republik
Die “Umwälzung” der alten Eidgenossenschaft war keine Erfolgsgeschichte. Die französischen Besatzer und der Bürgerkrieg zwischen Gegnern und Befürwortern der Revolution verheerten das Land. Ochs’ Beziehungen zu Pariser Regierungskreisen, seine Landesabwesenheit während der entscheidenden Tage und die von der Pariser Regierung ohne sein Wissen unter seinem Namen in Umlauf gesetzte Verfassung setzten ihn dem Verdacht aus, das Land an Frankreich “verraten” zu haben. Ochs konnte zwar am 16. April 1798 in Aarau die “eine und einzige” Helvetische Republik proklamieren, aber er wurde nicht in die Regierung gewählt. Seine Wahl zum Direktor einige Monate später war das Ergebnis eines französischen Komplotts. Mit Ochs’ Sturz im Juni 1799 begann die Serie von Staatsstreichen, die schliesslich Napoleon Ende September 1802 mit der Proklamation von Saint-Cloud beendete.
Ochs durchlebte nach seinem Sturz einsame und finanziell schwierige Jahre, kehrte aber 1801 in die Politik zurück. Als Sprecher der Landbevölkerung nahm er an der von Napoleon im Dezember 1802 in Paris einberufenen Consulta teil, und im März 1803 kehrte er − dank der Stimmen der Baselbieter − in die Kantonsregierung zurück. Bis zu seinem Tod 1821 kämpfte er beharrlich für die Ideen, die ihn 1796 zum Revolutionär gemacht hatten.
Quellen
Literatur
Benjamin Mortzfeld (Hg.), Menschenrechte und Revolution – Peter Ochs (1752-1821).
Abbildungen
Abb. 1: Physionotrace, Paris 1791. Universitätsbibliothek Basel, UBH Portr. BS Ochs P 1752, 9a.
Abb. 2: Direktor. Universitätsbibliothek Basel, UBH Portr. BS Ochs P 1752, 1a.
Abb. 3: Unterschrift. Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 511a 800 J 31: Nr. 13.
Autorin
Sara Janner studierte Geschichte, Historische Grundwissenschaften, Philosophie und italienische Literaturwissenschaften in Basel und Florenz. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Universitätsbibliothek Basel. Als freischaffende Historikerin publiziert sie zur Geschichte Basels und der Region am Oberrhein, vor allem zum 18. und 19. Jahrhundert.