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Publikation
Omer Fast (geb. 1972 in Jerusalem) zählt zu den herausragendsten Film- und Videokünstlern der letzten Jahre. Der Künstler, welcher seit 2001 in Berlin lebt, ist u.a. durch Ausstellungen im Carnegie Museum of Art in Pittsburgh, im Museum of Art in Indianapolis und im MUMOK (Museum für Moderne Kunst) in Wien bekannt geworden. Mit The Casting (2007), einer Mehrkanal-Videoarbeit, welche auch in der Ausstellung Unlimited der Art Basel zu sehen war, wurde der Künstler im Rahmen der Whitney Biennale vom Whitney Museum of American Art mit einem der international renommiertesten Kunstpreise ausgezeichnet. Der Künstler untersucht in seinen Einkanal- und Mehrfachprojektionen die Transformation von Erfahrungen in Erinnerungen und Erzählungen. Dabei unterläuft er die Logik der linearen Erzählung und lotet aus, wie Geschichten zu solchen werden und wie sie innerhalb ihrer Entstehung Veränderungsprozessen unterworfen sind. Das Kunsthaus Baselland präsentiert Omer Fasts erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz und legt den Fokus bewusst auf seine aktuellsten Filmarbeiten der letzten zwei Jahre: De Grote Boodschap (2007), Looking Pretty for God (After GW) (2008) und Take a Deep Breath (2008). In Kooperation mit dem Kunstverein Hannover entsteht ein Katalog.
Im Jahre 2007 entstand im Auftrag der belgischen Contour Biennale Mechelen der im Loop präsentierte Film De Grote Boodschap («Die grosse Nachricht»). In Anlehnung an die Charakteristika von TV Serien, konstruiert Fast eine sich wiederholende Geschichte aus vier Szenen, gespielt in drei verschiedenen Räumen, in welche die Kamera quasi linear und Wände durchdringend hinein fährt. De Grote Boodschap handelt von versteckten Ängsten und Vorurteilen, die sich aus unzureichenden und bruchstückhaften Informationen ergeben. Im Zentrum steht eine alte Frau, deren Erzählungen von der Vergangenheit selbst nach ihrem Tod Rätsel aufgeben. Die Nachbarn unterhalten sich über die Frau und ihre Wohnung und versuchen, aus unbestimmten Hinweisen Ereignisse und Zusammenhänge zu rekonstruieren. Die Schlüssigkeit des filmischen Verlaufs gibt einen narrativen Zusammenhang vor, der jedoch nicht eingelöst wird. Gideon Lewis-Kraus schreibt in seinem Katalogbeitrag: «Es gehört zur ethischen Erfahrung bei der Betrachtung von Fasts Arbeiten zu entdecken, wie wir eine Person auf allzu einfache Weise für einen Vertreter einer Geschichte halten — sei es seine eigene Geschichte oder die historische Geschichte. Fast ermahnt uns, dass Menschen zu widerstandsfähig sind, um in historischen Kategorien behandelt zu werden, zu unterschiedlich, um sie über einen Kamm zu scheren... Menschen sind mehr als das, was die Geschichte von ihnen erzählt, aber auch mehr als die Geschichten, die sie über sich erzählen und in denen sie gefangen sind.»
In Looking Pretty for God (2008), Fasts Beitrag zur Manifesta 7, koppelt der Künstler Interviews von Bestattungsunternehmern mit farbig arrangierten Fotografien von Kindermodels. Während die Leichenbestatter über das Einbalsamieren und Verschönern von Leichnamen sprechen, sehen wir professionelle Maskenbildner, welche die Kindermodels schminken. Der dokumentarische, scheinbar neutrale Blick wird endgültig entlarvt, wenn die Kinder den Off-Text der Interviewten zu sprechen scheinen. Looking Pretty for God hebt die Form der Dokumentation auf eine fiktiv-metaphorische Ebene und stellt Fragen zur Repräsentation im direkten Kontext von Tod und Leben und deren jeweiligen Vermarktungsmöglichkeit. Die Herstellung von Geschichten — sei es um Verkaufsentscheidungen zu manipulieren oder das Erinnerungsbild an eine verstorbene Person zu gestalten — bilden darin den zentralen Fokus.
Take a Deep Breath (2008) ist Fasts dritter Film. Die 2-Kanal-Videoinstallation knüpft ästhetisch und erzählerisch an Hollywood-Filmproduktionen. Die Handlung spielt an einem Set, an welchem der Augenzeugenbericht eines Selbstmordattentats nachgestellt werden soll. Es ist die Erzählung des Arztes Martin F., der auf dem Weg zu seinem Lieblingsfallafel Lokal ein Explosionsgeräusch hört, worauf er aufgrund seiner ärztlichen Hilfeleistungspflicht sofort zum Ort des Geschehens eilt. Dort findet er einen Mann vor, der beide Beine und einen Arm verloren hat. Er versucht, den Schwerverletzten mit Mund-zu-Mund Beatmung zu reanimieren. Dies die Einstiegsgeschichte. Als der Rettungsversuch scheitert und er den Schauplatz verlässt, wird schnell klar, dass der Arzt versucht hatte, den Selbstmordattentäter zu retten was ihn vor ein moralisches Dilemma stellte. Die einzelnen Handlungsstränge — der Augenzeugenbericht als solcher, das am Set gefilmte Material sowie das Geschehen während des Drehs — überlagern sich in einer Pirouette aus Erzählungen über die Erzählung bis zum Punkt, an dem sich Realität, Dokumentation und Interpretation kaum noch unterscheiden lassen. Der Prozess des Filmens selbst und damit die Herstellung und Wahrnehmung von Fiktion werden zum eigentlichen Gegenstand der Illusionsmaschinerie: Omer Fast lotet aus, was geschieht, wenn sich die Ebenen zwischen dem, was real ist und dem, was realistisch ist, ununterscheidbar verflechten.
Text von Sabine Schaschl