Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03472.jsonl.gz/2135

Gibt es eine Wollishofer Tracht? Und weshalb soll sie erfunden sein? Um dies zu ergründen, werfen wir einen Blick in die Geschichte der Schweizer Trachten, die eng mit Zürich verflochten ist:
In den 1920er Jahren schloss die Zürcherin Julie Heierli (wohnhaft in Hottingen) ihr fünfbändiges Werk zu den Schweizer Trachten in der Überzeugung ab, ihnen ein «ehrendes Totendenkmal» gesetzt zu haben: Diese waren nämlich – mit wenigen Ausnahmen in einzelnen Kantonen – verschwunden. Wie war es dazu gekommen?
Regional unterschiedliche Trachten hatten sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelt; es waren entweder Arbeitstrachten oder edlere Kleider der Bäuerinnen und Bauern, die - an die jeweilige Mode angelehnt - in grosser Zahl in allen Regionen der Schweiz entstanden. Sie entsprangen dem Wunsch, sich hübsch zu machen – und sind damit ein Zeichen gestiegenen Selbstbewusstseins der ländlichen Bevölkerung. Sie waren aber auch ein «Produkt» der Städte, etwa wenn sie auf Bildern verewigt wurden, welche man touristisch vermarktete.
Bild von Joseph Reinhart, aus «Collection de costumes suisses des XXII cantons, 1819 »
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden immer weniger Trachten getragen, weil die Textilindustrie sich massiv gewandelt hatte, Stoffe billiger wurden, das mit der Trachtenherstellung verbundene Handwerk zurückging und der Reiz von immer wieder neuen, modischen Kleidern grösser war. Zudem wurden Quasi-Trachten hergestellt und zweckentfremdet («Dirndlisierung» schon damals!), was den Trend beschleunigte, dass die ursprünglichen Trachten aus dem Alltagsleben verschwanden.
Das Trachtensterben ging in ganz Europa vor sich. Parallel dazu setzte aber eine Verklärung der ländlichen Lebensweise ein und es wuchs zudem die Einsicht, die vielen Trachten als ein Stück Geschichte der Nachwelt zu erhalten: Es entfaltete sich Ende des 19. Jahrhunderts die Volkskunde als neue Wissenschaft, und Trachten wurden gesammelt. Auch gab es «thematische Kostümbälle», etwa 1895 ein Trachtenfest des Lesezirkels Hottingen in der Tonhalle Zürich, oder 1898 einen viel beachteten Umzug mit historischen Trachten aus allen Kantonen bei der Eröffnung des Landesmuseums in Zürich. Nach diesem liessen viele ihre Trachten in Zürich zurück, man brauchte sie nicht mehr; ohnehin hatte man sie aus beinahe vergessenen Truhen und Schränken eigens für den Anlass zusammengesucht. Diese zurückgelassenen Trachten begründeten die einzigartige und noch heute existierende Sammlung des Landesmuseums, welche Julie Heierli kuratierte und das eingangs genannte Werk – als Totendenkmal für die Nachwelt – abschloss. *
Postkarte «Schweizertrachten» Atelier Guggenheim, ca. 1910, nicht gelaufen, Privatbesitz
Es kam aber anders!
Vor dem Ersten Weltkrieg war der Schweizer Heimatschutz geboren worden und die Einsicht gewachsen, den Niedergang helvetischer Überlieferungen und Kulturdenkmäler stoppen zu wollen. Zudem hatte der Krieg die Schweiz und bisheriges Gedankengut erschüttert. Bezüglich der Trachten vollzog sich eine Wandlung: Das Trachtenkleid wurde neu zum Sinnbild der Heimatliebe. Im Zuge derselben erwachte ein neues Trachtenwesen, es wurden nicht nur im ganzen Land und auch in den Städten Gruppen gegründet, die sich Volkslied und Volkstanz widmeten, sondern aufgrund von historischen Bildern und ausgegrabenen oder im Museum gesehenen Trachten neue Modelle «wiedergeschaffen», meist eine Werktags- Sonntags- und Festtagstracht pro Region. Was viele nicht wissen: Fast alle unsere heutigen Trachten waren somit erst ab den 1920er Jahren aufgrund von alten Bildern «erfunden» oder «wiedererfunden» worden - Historiker sprechen von einer «invention of tradition»**.
Heute schätzen Trachtenleute nebst der regionalen Verbundenheit die Nachhaltigkeit ihres Festkleides, das meist das einzige massgeschneiderte Kleid im Schrank ist. Auch ist man mit einer Tracht bei jedem Anlass «gut angezogen» und muss keine Sekunde an die mühsame Kleider- und Acessoireauswahl verschwenden! Denn bei jeder Tracht ist geregelt, was dazugehört und wie sie getragen werden soll. Zwar sind bei Gruppen und deren Tätigkeiten rückläufige Zahlen zu verzeichnen, aber das Tragen einer Tracht an sich erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, was man in Zürich bald erleben kann:
Die Stadt wird 2024 – nach 1939 und 1974 bereits zum dritten Mal - Schauplatz des nur alle 12 Jahre durchgeführten Eidgenössischen Trachtenfestes! Die ganze Schweiz trifft sich mit ihren farbenfrohen Trachten drei Tage lang in der Innenstadt. Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind herzlich willkommen, die wiedererfundenen, schönen Trachten aus allen Landesteilen zu bewundern und mitzufeiern! Die 1926 gegründete Schweizerische Trachtenvereinigung, welche diese Feste ausrichtet, hatte ihren Sitz über viele Jahrzehnte mitten in Zürich, in Zusammenarbeit mit Heimatschutz und Heimatwerk. Einige Jahre war mit Albert Wettstein-Meier (1916-1983) zudem ein alteingesessener Wollishofer Geschäftsführer dieser Werke.
Eidg. Trachtenfest Zürich 1939 als Teil der Landi, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Nun zur Frage der Wollishofer Trachten:
Zur Zeit der wiederaufstrebenden Trachtenfreude war Wollishofen bereits Teil der Stadt Zürich, aber dennoch ein ehemaliges Dorf am Zürichsee. Trachtenfreundinnen und -freunde können sich daher entweder eine Stadtzürcher Tracht zulegen oder alternativ eine vom linken Zürichsee-Ufer tragen, dessen Trachtenreichweite offiziell «von Richterswil bis Wollishofen» geht. Es gibt daher keine «eigene», aber dennoch viele «Wollishofer Trachten», weil es für beide Regionen Werktags, Sonntags- und Festtagstrachten gibt! Jedoch: Im Ortsmuseum Wollishofen befindet sich auf dem Estrich ein "Trachtenschrank", in welchem dem Museum überlassene Exemplare aufbewahrt werden: Es sind ausnahmslos Stadtzürcher Trachten! Und auch alle mir bekannten Trachtenleute aus Wollishofen tragen die Trachten der Stadt. Somit hat offenbar die "dörfliche Trachtenmöglichkeit" in Wollishofen keinen Anklang gefunden.
vlnr: Stadtzürcher Festagstrachten, Festtagstrachten linkes Zürichseeufer, Werktagstracht Stadt Zürich
Foto 1 und 2: mit freundlicher Genehmigung von www.trachten-zuerich.ch
Eine besondere Rolle spielt die Zunft Wollishofen: Zünfter (und deren Frauen) tragen an Umzügen ebenfalls Trachten. Dabei haben die Wollishofer einen besonderen Weg und keine der beiden lokalen Trachtenmöglichkeiten gewählt: Nach Gründung der Zunft wurden an den Umzügen Kostüme, die Pfahlbauer darstellen sollten, getragen – weil vor dem Bahnhof, im Haumessergrund, Pfahlbaufunde gemacht worden waren. Diese Kleider waren natürlich wenig dekorativ. So schaute man sich nach einer schönen Tracht um und es wurde 1928 entschieden, die Knonauer Tracht als «Wollishofer Zunft Tracht» zu tragen. Auch diese war aufgrund von alten Quellen neu designt worden.
Aus Trachtenverbands-Sicht ist das «Auswählen irgendeiner Tracht» zwar keine gute Idee – die regional unterschiedlichen Trachten zeigen üblicherweise die Herkunft der Trägerin oder des Trägers. Aber mein Wollipedia-Kollege, Historiker Sebastian Brändli, legt glaubhaft dar, dass die Wollishofer bzw. generell die Seeleute vom linken Ufer über lange Zeit mit den Ämtlern in enger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung standen. Daher: Wenn eine Zürcher Quartierzunft die Knonauer Tracht als historisch «verbundenes» Kleid tragen darf, dann die Wollishofer!
Ursula Hänni, Bloggerin und Trachtenfrau
* siehe auch Blogbeitrag des Landesmuseums Zürich zu Julie Heierli
** Der Begriff stammt vom britischen Sozialhistoriker Eric Hobsbawm.