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Schafwolle aus dem Verzascatal ist das Grundprodukt für unterschiedlichstes Kunsthandwerk, das in Sonogno erfolgreich an Touristen verkauft wird. Dank einer selbst entwickelten Maschine muss die Wolle zum Waschen endlich nicht mehr nach Italien geschickt werden.
Schafwolle war im Verzascatal einst ein wertvolles Gut, und jede Familie hielt Schafe, um Kleider, Decken und Fäden herstellen zu können. Dann kamen industriell hergestellte Stoffe auf, und die Wolle verlor an Wert. So dramatisch, dass die wenigen Bauern, die noch Schafe hielten, ihre Wolle verbrannten oder vergruben, statt sie mühsam zu verarbeiten. Für Pro Verzasca, den Verein, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, das charakteristische Tal im Tessin am Leben zu erhalten, eine Tragödie. Und für ihren langjährigen Präsidenten, Marcel Bisi, ein unhaltbarer Zustand. Also organisierte Marcel vor elf Jahren eine erste Schafwollsammlung. Er liess die Wolle waschen und karden, und überredete Heimwerkerinnen im Verzascatal, sie zu verspinnen und zu diversen Produkten wie Kleidern, Filzfiguren oder Taschen zu verarbeiten. Pro Verzasca eröffnete einen Laden in Sonogno, zuhinterst im Tal, und verkaufte dieses Kunsthandwerk dort mit wachsendem Erfolg.
Waschstrasse en miniature
Doch dass die Wolle aus dem Tal hinaus, und sogar bis nach Italien gefahren werden musste, um gewaschen zu werden, stiess Marcel sauer auf. Es müsste doch möglich sein, die rohe Wolle selbst zu verarbeiten, dachte der 57-Jährige, der Bürger von Brione ist und in Gordola, am Eingang des Verzascatals, lebt. Er machte sich schlau, besichtigte die vollautomatischen Verarbeitungsanlagen von Textilfirmen in Italien und machte sich dann daran, die dort gesehene Waschstrassen im Miniaturformat nachzubauen. Marcel ging auf die Fachhochschule SUPSI in Manno zu und konnte die Verantwortlichen nach anfänglicher Skepsis davon überzeugen, im Rahmen einer Abschlussarbeit Studenten die Woll-Waschanlage konstruieren zu lassen. 2009 fanden in Sonogno erste Tests statt. Die Idee: die Wolle unter anderem mit Ultraschall zu reinigen. «So richtig funktioniert hat es noch nicht, aber wir sahen, dass es im Prinzip möglich war», erinnert sich Marcel.
Das Projekt in Kürze
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Verein Pro Verzasca
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Bau einer Woll-Waschanlage
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Sonogno/TI
Neue Arbeitsplätze
Heute ist die Weiterentwicklung dieses Prototyps in Betrieb, untergebracht in einer unscheinbaren Gewerbeliegenschaft in Gordola. Das Projekt hat auch schon einen Arbeitsplatz geschaffen: Michelangelo Calzascia ist Vollzeit angestellt und Herr über eine faszinierende Mischung aus topmodernen, von den Studenten selbst konstruierten und uralten, wieder instand gestellten Maschinen. Schritt für Schritt verwandelt sich dabei die rohe, dreckige und fettige Wolle in feines Vlies, in dicke, flauschige Wollbänder oder auch in dünne Fäden. Michelangelo wäscht, kardet und spinnt einerseits im Auftrag von Privaten, die ihm ihre Wolle bringen. Einen Grossteil der Wolle verarbeitet er aber für Pro Verzasca. Teils geht die gereinigte Wolle in den Wiederverkauf, teils landet sie bei den Woll-Verarbeitungsfrauen im Verzascatal.
Heute ist gerade Färbetag in Sonogno. Unter grossen Chromstahlkesseln hat das gute halbe Dutzend Frauen, die heute hier sind, Feuer gemacht, Wasser erhitzt und mit Hilfe von Blüten, Rinden oder auch getrockneten Cochenilleschildläusen verschiedenfarbene Sude aufgesetzt. Dort kommen Wolle und Fäden hinein, werden teils stundenlang aufgekocht, umgerührt, ziehen gelassen. Immer wieder stecken Touristen ihre Nasen in die Färberei und schauen fasziniert zu, wie in einem blauen Sud aus gelber Wolle grüne wird. «Ich geniesse es, beim Färben mitzuhelfen», sagt Gianna Monti. «Das ist nicht nur ein willkommener Nebenerwerb. Das Spinnen und Stricken macht auch viel mehr Freude, wenn man die Wolle bereits selbst gefärbt hat», verrät sie und lotst nebenbei eine der interessierten Touristinnen in den einige Schritte weiter unten gelegenen Laden. Kurz darauf wechselt dort eine Strickjacke den Besitzer. Schon wieder ist damit ein kleiner Beitrag dazu geleistet worden, dass die Schafwolle aus dem Verzascatal wieder zum wertvollen Gut wird.