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Die unterbrochene Beziehung
Weil Mina eine Wasserratte, ist, gehen wir auch in den Ferien regelmässig ins Hallenbad. Der Tagesablauf in dieser Woche sieht in etwa so aus: Wir plantschen am spätere Vormittag zwei Stunden im Wasser herum und gehen dann heim zum Mittagessen. Achtung: Bei Wasserratten muss man immer damit rechnen, dass sie noch fünf Minuten Nachspielzeit heraushandeln, gerade dann, wenn man gehen möchte. Und am Schluss regelmässig noch dreimal untertauchen, bevor sie aus dem Wasser steigen können...
Gewitzte Eltern tun also gut daran, zehn Minuten früher mit dem ausgebreiteten Badetuch an den Beckenrand zu treten und der Ratte, pardon, dem Kind, zuzurufen: "Mina, es ist Zeit, aus dem Wasser zu kommen. Wir gehen Mittag essen." Nach fünf Minuten Verlängerung und dreimaligem Untertauchen sollte das Kind dann pünktlich in trockenen Tüchern sein. Bei Mina funktioniert das gewöhnlich sehr gut. Aber heute nicht.
Heute schwimmt Mina sofort weg, als sie mich kommen sieht. Und sie taucht einfach unter, sobald ich zu reden anfange. Das macht sie dreimal hintereinander so. Ich bin hilflos und wütend. Wer lässt sich schon gerne so behandeln? Niemand! Hätte ich eins unserer leiblichen Kinder in Minas Alter vor mir, würde ich meinen Gefühlen nun auch Ausdruck verleihen und rufen: "Hey, so nicht mit mir! Schwimm nicht einfach weg, wenn ich mit dir rede." Vielleicht würde ich noch hinzufügen, dass ich so nächstes Mal nicht mehr schwimmen komme. Und dann würde ich mich umdrehen und zur Garderobe gehen, weil ja alle wissen, dass es Zeit ist, heimzugehen. Das würde bei Nora, Julia und Yasmin ziemlich sicher eine Wirkung zeigen, und sie würden sich auch umziehen kommen.
Aber bei Mina würde das im Desaster enden, das spüre ich. Wenn ich jetzt ärgerlich mit ihr reden und einfach weggehen würde, könnte sie darauf nicht angemessen reagieren. Irgendwie scheint die Beziehung zu ihr bereits unterbrochen zu sein, und Mina wohl im roten Bereich, wenn sie sich so verhält. Das bedeutet, sie ist nicht mehr in der Lage, rational zu überlegen und sich in mich hineinzuversetzen, so wie es ihre grossen Schwestern in Mina Alter und in dieser Situation wohl durchaus noch könnten: "Warum ist Mami wütend? Ja, ok, ich verstehe es ja. Einfach wegzuschwimmen und extra unterzutauchen, wenn sie mit mir redet, ist nicht toll. Und wenn sie jetzt einfach geht, weiss ich auch warum: Weil es völlig klar ist, dass es Zeit zum Gehen ist. Ok, dann halt subito umziehen. Ich will ja auch nicht, dass sie nächstes Mal sagt, wir bleiben zu Hause." Für Mina im momentanen Zustand undenkbar.
Deshalb sage ich mir als erstes selber, dass meine negativen Gefühle berechtigt und okay sind. Zweitens muss ich irgendwie die Beziehung zu Mina wieder knüpfen. Weil es im Moment nichts bringt, weiter am Beckenrand herumzustehen, setze ich mich ein paar Meter entfernt auf einen Stuhl und versuche Augenkontakt mit Mina aufzunehmen. Nach ein paar Minuten schaut sie kurz zu mir hin. Ich lächle sie an und winke. Yes! Mina schwimmt zum Beckenrand und macht mir Zeichen. Sie zeigt zuerst auf mich und hält den Daumen hoch. Dann deutet sie auf meinen Mann, der neben mir auf dem Liegestuhl am Lesen ist, und hält den Daumen nach unten. Dann wiederholt sie das. Wenn ich das richtig verstehe, scheint es mit meinem Mann ein Problem zu geben. Ich gehe nach vorne zum Beckenrand und sage: "Mina, ich glaube nicht, dass der Papa eine Ahnung davon hat, was er falsch gemacht hat." "Doch, er weiss es genau", antwortet Mina wie aus der Pistole geschossen.
Weil ich mittlerweile wirklich Hunger habe, antworte ich: "Mina, ich brauche jetzt etwas zu essen. Wollen wir beide mal vorgehen, und der Papa kommt dann nach?" Damit ist Mina einverstanden. Sie steigt aus dem Becken, lässt sich abtrocknen und nimmt meine Hand. Mein Mann nickt, und wir gehen.
Auf dem Heimweg erzählt Mina, sie habe mit dem Papa im Wasser ein Spiel gemacht. Die Siegerin habe bestimmen dürfen, ob wir jetzt zum Mittagessen gehen oder nicht. Sie habe gewonnen und gesagt, er dürfe nichts zu Mittag essen. (Irgendwie scheint mir Mina schon zu diesem Zeitpunkt im roten Zustand gewesen zu sein, wenn sie meinem Mann das Essen verbieten will, schätze ich). "Und dann hat er noch zwei Dinge gemacht. Er hat einfach gesagt, Trick, wir gehen jetzt doch essen. Dabei war das gar kein Trick. Und dann hat er mich noch angelogen." Mir schwirrt der Kopf vor lauter Tricks und Lügen, und ich kann nicht alles nachvollziehen, was Mina sagt. Trotzdem bin ich froh, dass sie erzählt, was ihr auf der Seele liegt. "Und was kann der Papa jetzt machen, damit es wieder ok ist mit euch?", frage ich gespannt. "Nichts", antwortet Mina kurz und bündig. Im Klartext bedeutet das wohl, dass wir der Sache Zeit geben müssen. Deshalb gehen wir jetzt mal heim und kochen das Mittagessen.
Kommt Zeit, kommt Rat. Bei leiblichen Kindern ebenso wie bei Pflegekindern...