Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/2460

Celeste di Fontanabella war ein ausgezeichneter Alp Hirt von sechzehn Jahren, ein sehr munterer Jüngling, kräftig und schön. Sein Gesicht war ganz braunschwarz vor lauter Sonne und Alpenluft. Er trug Kleider aus bescheidenem Barchentstoff. Aber seine Augen strahlten vor Lebensfreude, und er fühlte oft das Verlangen, die Freude und Lust, die ihn beseelte, mit irgendeinem Lied aus den Alpen auszudrücken.
Auf der Alp oben stiess er, kaum dass es Tag wurde, in sein Horn, das einen voll- und tiefklingenden Ton von sich gab. Das war seine Tagwacht oder sein Tagelied. Sobald er die Kühe gemolken hatte, versammelte er sie alle in der Umfriedung vor der Sennhütte und führte sie dann hinaus auf die herrlichen Weiden, wobei die Glocken klingelten, dass es schien, als wäre es ein Gruss an die prächtige Morgenröte, die man am Himmel aufsteigen sah. Die Kühe wandelten schwer und vorsichtig empor durch die steilen Fusswege am Rand der vielen Abgründe. Oben angelangt, zerstreuten sie sich, um das zarte Gras und die feinen Alpenkräuter zu fressen. Und kam es vor, dass eine sich zu weit entfernte, so rief Celeste sie beim Namen. Dann blieb sie stehen und kehrte wieder zur Herde zurück.
Während die Kühe weideten, streckte sich Celeste, dessen Augen vor Zufriedenheit glänzten, auf den Rücken aus, legte seine Hände unter den Nacken, liess sich am grasigen Abhang von der warmen wohligen Sonne bescheinen und sagte bei sich selbst:
«Weidet ihr nur, meine schönen Kühe, weidet das blühende und wohlriechende Gras und die feinen Kräuter. Ich passe schon auf. Weidet nur, bis ihr genug habt, so gebt ihr mir reichlich kräftige Milch. Der Besitzer der Alp wird daraus grosse, schöne gelbe und glänzende Ballen Butter gewinnen und dazu Käse, wie Wagenräder so gross, und ich bekomme meine gewohnte Schüssel voll süssen und frischen Rahm.»
Und von Zeit zu Zeit hob Celeste seinen Kopf höher und beobachtete seine Herde, ob sie noch alle beisammen seien, die schwarzen, die blonden und die gefleckten Tiere. Und die Sonne war seine Uhr. An ihrem Stand konnte er ablesen, welche Zeit es war.
Wenn dann der Schatten der Berge auf den höheren Weideplätzen sich verlängerte, rief der Hirt die Kühe zurück, gab jeder eine Hand voll Salz, streichelte sie und führte sie dann den gleichen Weg wieder in die Alphütte hinunter. Bei dieser immer gleichmässig sorgfältigen Pflege wurden die Tiere kugelrund und schritten mit bedächtiger Gangart einher. Sie traten in den grossen Stall der Sennhütte hinein, und jede ging an ihren Platz, ohne dass man jemals eine zweimal rufen musste.
So schien es, als ob auf dieser glücklichen Alp von Fontanabella alles so weiter gehen sollte, Jahr für Jahr. Und dies umso mehr, weil Celeste als Hirt keinen grossen Lohn beanspruchte. Er begnügte sich mit seiner Milch und etwas Brot, und überdies bekam er jede Nacht eine Schüssel Rahm, die er dann jeweils auf einem Balken in einer Ecke des Stalles für sich beiseite stellte. Spät abends, wenn die Kühe schon alle schliefen oder ihr Gras wiederkäuten, erhob er sich von seinem Strohlager, sprang mit einem Satz auf den Balken hinauf, setzte sich rittlings darauf und trank mit gierigen Zügen den Süssen, frischen Rahm, der ihm wie Sammet im Gaumen vorkam. Und bei jedem Schluck schnalzte er mit der Zunge.
Aber an einem schönen Sommertage, ungefähr anfangs Juni, wechselte die Sennhütte ihren Besitzer. Der neue Eigentümer erwies sich sehr bald als ein Geizhals. «Oh, oh», meinte er spöttisch, «eine ganze Schüssel voll Rahm jeden Abend für den Alphirten Celeste? Ja warum nicht gerade ein ganzes Rad fetten Käse oder einen Ballen Butter von fünf Kilo Gewicht! Was zum Teufel, mein Hirt, ich glaubte, du würdest dich von Gras und guter Alpenluft ernähren? Eine Schüssel feinen Rahm jeden Abend, das ist nicht übel. Ja, warte nur, du sollst bedient werden!»
So rief Filippo, der neue Besitzer der Alphütte, mit Hohn, als er zum ersten Mal zur Alp hinaufkam und ihm die Sache erzählt wurde.
Sobald die Nacht hereinbrach, nahm er die Schüssel, tat etwas Mist hinein, füllte sie dann mit Rahm und stallte sie an den gewohnten Platz. «Ich wette meinen Kopf, dass der dumme Hirt es nicht einmal merkt», sagte er und lachte dabei hinter seinem langen rötlichen Schnurrbart. Darauf warf er sich auf seinen Strohsack, und einige Minuten nachher schlief er zufrieden ein. Er wäre aber viel weniger glücklich eingeschlummert, wenn er den armen Celeste gesehen hätte, wie dieser rittlings auf dem Balken sass und ahnungslos nach seiner Schüssel griff. Welch grausame Enttäuschung. Celeste fing an zu niessen und dann zu schimpfen; wie ein Türke. Nicht einmal mehr eine Schüssel Rahm war also seine ganze Tagesarbeit wert!
Indessen schlief Filippo immer noch ruhig weiter. Aber Schlag Mitternacht wurde er plötzlich aufgeweckt von einem grässlichen Lärm. Die grossen Milchkessel, die man aufs Feuer stellte, stiessen zusammen. Die Kuhschellen und Ziegenglöcklein, die an der Decke hingen, läuteten und bimmelten. Es war eine sonderbare Musik. Die Butterfässer, die Eimer, die Kübel und Zuber, die hölzernen Näpfe, die Löffel, die grossen Rührkellen, sie alle tanzten miteinander einen höllischen Reigen mitten in der Küche. Und: «Filippo soll es büssen, Filippo muss es büssen», donnerte eine Stimme aus dem kurzen Rauchfang des Kamins. Und hierauf verfiel alles wieder in grosse Stille.
Mit Grausen hatte der Alpbesitzer Filippo dies alles mitangehört. Nach einer Weile schlief er zwar wieder ein. Er hatte jedoch einen schrecklichen Traum, und er fühlte sich gequält von Alpdrücken.
Am Morgen stand Filippo frühzeitig auf. Wie seltsam! In der Küche war alles in Ordnung. Der grosse Milchkessel leuchtete mit seinem mächtigen Gesicht wie ein Vollmond. Der Käse, den man am Abend vorher zubereitet hatte, tropfte auf seinem Gitternetz von Leinwand. Draussen kündigte sich der schönste Tag an.
«Ich habe einen abscheulichen Traum gehabt», sagte Filippo zu sich selbst. Dann ging er zum Bächlein, das vor der Sennhütte vor-überfloss und sein ewiges, immer gleiches Liedlein murmelte. Dort wusch er sich im klaren Bergwasser Gesicht und Hände. Dann begann er mit dem Melken der Kühe. Die Milch floss reichlich in die sauber geputzten Holzkübel hinab und überlief beinahe mit ihrem lauwarmen Schaum.
Sobald die Kühe gemolken waren, gingen sie fort, wie alle Morgen, und stiegen auf die gewohnten Alpwiesen hinauf, aber — ob sie wiederkehrten, das war eine andere Frage.
Als der Abend von den Bergen herabstieg und die Stunde schon vorüber war, da die Kühe gemolken sein sollten, spähte Filippo am Horizont und spitzte die Ohren. Aber wie gross war sein Erstaunen, als er von der heimeligen Musik der Kuhglocken keinen Ton mehr vernahm. Er stiess Flüche aus, dass sie den Mond, der eben am schwarzen Berggrat emporstieg, hätten bleich machen können. Dann begab er sich auf die Suche nach der Herde; aber er forschte vergebens. Nicht eine Spur von den sechsunddreissig Kühen war mehr zu sehen.
Filippo lief dahin und dorthin, bergauf und in grossen Sätzen die Halden hinunter wie ein Toller. Er rief alle seine Tiere beim Namen und heulte wie ein vom Teufel Besessener. So gelangte er auch an den äussersten Rand eines Abgrundes, der den Namen «Calderone» oder «Grosser schwarzer Kessel» trägt.
Dort ganz unten in der Tiefe bewegte sich ein unansehnlicher Haufe, von dem ein klägliches Stöhnen emporstieg. Das also war alles, was von der stattlichen Herde noch übrig war. Von einer unerklärlichen Panik ergriffen, waren die Kühe in wirrem Durcheinander dort hinuntergestürzt worden.
Auch Celeste, der treffliche Hirt, wurde in den Alphütten von Fontanabella nicht mehr gesehen. Keine Viehherde getraute sich mehr in der Nähe des «Schwarzen Kessels» zu weiden, und fortan wurden diese Alphöhen das Reich der Adler und wilden Gemsen.
Aus: Walter Keller: Am Kaminfeuer der Tessiner. Hans Feuz Verlag Bern
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.