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| Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen.

Ps. 91Abhandlung über die Aufschrift des XCI. Psalmes.
1.
Abhandlung über die Aufschrift des XCI. Psalmes.
Ein Gesang-Psalm, am Sabbathtage.
„Gut ist es, zu bekennen dem Herrn und Lob zu singen deinem Namen, o Höchster!“ u. s. w. Nach den Zeiten des Gesetzes und nach der Erkenntniß der Wahrheit ziemt es sich, mehr den Körper selbst, als den Schatten des Körpers in das Auge zu fassen. Denn das Gesetz umfaßt das Vorbild dessen, was in unserm Herrn Jesus Christus [S. 373] erfüllt werden sollte. Es war nicht die Wahrheit selbst, sondern in ihm war die Beschauung der Wahrheit, mehr nützlich durch den Glauben, als durch die Wirklichkeit, mehr durch die Nachahmung, als durch die Sache. Denn die Dinge, deren Beobachtung geboten wurde, waren nicht durch die Kraft der Wirklichkeit selbst nützlich, sondern durch den Glauben der Beobachtenden heilsam, wie z. B. die verschiedenen Opfer, und die fromme Darbringung der Brandopfer, die Sorgfalt bei der Beschneidung, und die Ruhe am Sabbathe. Denn alle diese Dinge luden einerseits, wenn sie unterlassen wurden, eine Schuld auf, andererseits nützten sie, wenn sie vollzogen wurden, durch den Glauben an die Zukunft, wie der heilige Apostel sagt:1 „Ehe aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetze bewacht, auf jenen Glauben beschränkt, welcher geoffenbaret zu werden anfing. Das Gesetz war also unser Erzieher bis auf Christus, damit wir durch den Glauben gerecht gemacht würden. Da aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Erzieher; denn ihr alle seyd Kinder des Glaubens.“ So oft also etwas aus dem Gesetze gelesen wird, müssen wir bei der Vollbringung der gegenwärtigen Vorschriften in demselben den Spiegel der Zukunft erblicken. Und es wäre zwar passend, über alles oben zusammengefaßte Aufschluß zu geben, damit man nach der Lehre des Apostels einsehen möchte, daß Alles mehr durch den Glauben an die Zukunft, als durch die Kraft der Wirklichkeit selbst genützt habe; wir wollen aber, damit nicht alles, in Eines zusammengehäuft, den Zuhörern nicht so fast Erkenntniß gewähre, als vielmehr eine Last aufbürde. Einen Theil von dem Obigen abhandeln, und zwar denjenigen, der für die Zeit nothwendig ist, das ist den, welcher den Tag des Sabbathes betrifft, weil der Psalm folgende Aufschrift führt: „Ein Gesang-Psalm am Sabbath- [S. 374] tage;“ damit, wenn wir durch die Lehre der göttlichen Schriften kennen gelernt haben, was für ein Sinn in der Ruhe des Sabbathes enthalten sey, wir eine gleiche Verwirklichung auch der übrigen Dinge, welche in dem Gesetze sind, erkennen.
1: Gal. III, 23—26.