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Die umstrittene Wort+Geist-Bewegung mit Hauptsitz in Röhrnbach im Bayerischen Wald, die in den 2000er-Jahren in der Schweiz mehrere Gemeinden zählte, aber seit dem Ausscheiden der YOU Church Kloten aus dem Verband keine feste Gemeindestrukturen mehr kannte, ist seit kurzem in der Schweiz wieder mit einer Lokalgemeinde vertreten: Wort+Geist Zürich feiert ihre Gottesdienste im Hotel Swiss Star in Wetzikon. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet hat den Gottesdienst am letzten Samstag besucht.
Besuch Wort+Geist Zürich vom 8. Februar 2020
Das gelbe Logo der Wort+Geist Bewegung strahlte mir von einem Schild sofort entgegen, als ich das Swiss Star Hotel in Wetzikon betrat. Es verwies auf den Gottesdienst, der an diesem Samstagabend um 19.30 Uhr stattfinden sollte. Ich folgte dem Schild, welches mich rechts vorbei der Rezeption in einen kleinen, kahlen Seminarraum führte. Das Zimmer war leer, bis auf einen jungen Mann, der gerade die Kabel der Stereoanlage entwirrte, und eine Frau im mittleren Alter, die mich etwas überrascht ansah. Beide gaben mir zögerlich die Hand. Sie schienen verwundert darüber, eine neue Interessentin zu haben. Die Verblüffung verschwand allerdings, als ich sagte, dass ich von Relinfo sei und gerne am Gottesdienst teilnehmen würde. Etwas zurückhaltend ging die Frau den Abklärungen nach, ob meine Anwesenheit in Ordnung sei.
Das Portrait als Altar
Ich setzte mich in die Dritte der vier Reihen. Es waren für etwa 50 Menschen Stühle bereitgestellt worden, wobei ich noch alleine im Raum sass. Als ich mich herum sah, fiel der Blick sofort auf ein Portrait von Helmut Bauer, das ganz zentral vorne den fehlenden Altar ersetzte. Breit lächelnd und im schwarzen Anzug gekleidet, schaute mir das Gesicht des Gründers und Leiters der Wort+Geist Bewegung entgegen. Abgesehen von diesem Bild gab es keine weiteren Hinweise auf den bevorstehenden Gottesdienst. Eine einsame Zimmerpflanze und ein Bild von Zügen dekorierten den insgesamt eher ungemütlichen Raum.
Anhaltende Umarmungen
Allmählich betraten die Gottesdienstbesuchenden den Raum. Jede Person, die hereinkam, umarmte alle bereits anwesenden Personen. Auch ich wurde entsprechend begrüsst. Diese Umarmungen dauerten immer eine Weile, was bei den bereits routinierten Gottesdienstbesuchenden entspannt und angenehm aussah, sich bei mir aber unnatürlich anfühlte und schon beinahe eine persönliche Grenze überschritt. Die Atmosphäre war ziemlich ruhig und entspannt und die Leute schienen sich bereits gut zu kennen. So tauschten sie kleine Geschenke miteinander aus, lachten fröhlich und freuten sich offensichtlich einander zu sehen.
Die begehrte erste Reihe
Um 19.30 Uhr, zum Zeitpunkt des geplanten Beginns des Gottesdienstes, waren etwa 25 Menschen anwesend. Die meisten waren ungefähr im Alter von 50 Jahren, wobei sich auch einige Familien mit kleinen Kindern oder Jugendlichen darunter befanden. Die Besuchenden setzen sich aus Personen verschiedener Herkunft zusammen. Die Kinder und Jugendlichen sassen in den hinteren Reihen, während die Erwachsenen allesamt zuvorderst in einer einzigen langen Linie eng nebeneinander standen. Die erste Reihe war offensichtlich begehrt. Ich steckte mich eher in die Kategorie der Kinder und blieb in den hinteren Reihen sitzen. Für eine letzte Umarmung stand ich nochmals auf. Sie war die längste und innigste.
Der „Oberhirte“
Es stellte sich heraus, dass diese letzte Umarmung vom Prediger des Abends stammte. Dieser heisst Andreas Lassner und betitelt sich selbst als „Oberhirte“. Für den Gottesdienst war er extra von dem Wort+Geist Zentrum in Nürnberg angereist. Die Prediger in Wetzikon wechseln immer wieder und die Gottesdienste in der Schweiz finden ohnehin nur drei Mal im Monat statt. So besteht die Möglichkeit, am freien Samstag nach Deutschland an die grösseren Gottesdienste zu reisen. Der Oberhirte muss also nicht jede Woche fünf Stunden anreisen. Lassner ist im mittleren Lebensalter, ziemlich gross und dünn und hat eine Bräune, die nicht wirklich zu seiner bayerischen Herkunft passt. Er war elegant gekleidet in einem rosafarbenen Hemd und einem Einstecktuch in derselben Farbe, welches in der Brusttasche des dunklen Sakkos steckte.
Eine rätselhafte Persönlichkeit
Andreas Lassners Heimat war ihm deutlich anzuhören. In einem breiten bayerischen Akzent begann er seine zweistündige Predigt. Dabei lachte er immer wieder in einer übertriebenen Weise und sprang gelegentlich auf und ab. Er benutzte keine Notizen, sondern sagte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Diese Tatsache führte dazu, dass er hin und wieder den Faden verlor und die Lücken füllte, indem er dem Publikum mitteilte, wie sehr er sie lieben würde, oder willkürliche Textstellen aus den von Helmut Bauer verfassten Büchern vorlas. Es war grösstenteils angenehm, dem Oberhirten zuzuhören, wobei sein Lachen nicht wirklich authentisch wirkte und das Herumspringen ebenfalls etwas erzwungen aussah. Auch seine persönlichen Anekdoten wurden auf eine roboterhafte Weise erzählt, sodass ich nach dem Gottesdienst seine Persönlichkeit nicht wirklich einordnen konnte.
„Schau, hier sind Engel in der Luft“
Der Inhalt seiner Predigt wiederholte sich immer wieder und drehte sich um dieselben drei Themen. Dabei stand der Geist im Mittelpunkt. Lassner stellte aber klar, dass dieser Geist nicht mit den Geistern aus der Esoterik verwechselt werden sollte. Daraufhin lachten alle über die Lächerlichkeit der Esoterik. Einige Minuten später sagte der Oberhirte, aus dem Nichts: „Schau, hier sind Engel in der Luft“. Ein weiterer immer wiederkehrender Punkt war der Auftrag der Anwesenden. Lassner war froh, immerhin in diesem Raum darüber sprechen zu können, den die Leute ausserhalb würden ihn für verrückt halten, wenn er von seinem Amt als Oberhirte erzählen würde. Auch Helmut Bauer, stets als Meister bezeichnet, wurde häufig erwähnt. Lassner sprach zudem, als wiederkehrender Zwischenkommentar, vom 7. Jahrtausend und dem energetischen Jahr 2020. Ich fragte mich dabei, ob die Wort+Geist Bewegung die im freikirchlichen Bereich früher beliebte Lehre der siebentausend Jahre umfassenden Weltgeschichte vertritt, die davon ausgeht, dass die Schöpfung um 4000 v. Chr. stattfand und dass ums Jahr 2000 herum das Millennium, das paradiesische Tausendjährige Reich angebrochen ist.
Die Energie des Geistes
Lassner differenzierte jeweils zwischen einem Leben mit einem Bewusstsein für den Geist und einem Leben ohne diesem Bewusstsein. Für ihn hat alles andere keine Bedeutung mehr, wenn der Geist in einem drin lebt, denn die geistliche Welt regiert die irdische Welt. Man solle also die Verstandesebene der irdischen Welt verlassen und kein Vertrauen auf die Intelligenz und die fünf Sinne setzen. Einheit und Liebe erfahre man erst, wenn diese geistliche Energie auflebt. Darum könne man auch zu zweit auf einem Pferd sitzen und trotzdem kein innerliches Zusammensein erleben. Die Anwesenden des Gottesdienstes seien die einzigen, die diese Einheit kennen würden, weil der Geist in ihnen lebt. So seien die gesamten Anwesenden eine Familie, die Familie Gottes. Die irdische Familie, also die Leute aus der früheren Zeit, würden ganz anders ticken, sie würden auf einer anderen Welt leben. Die Antennen dieser Menschen seien für die Energie des Geistes, laut Lassner, stumpf geworden. Freyung, der Veranstaltungsort der 4-Jahreszeiten Akademie, sei ein Energiepunkt und erst der Anfang der Ausbreitung dieser Energie.
Die Auserwählten
Für den Oberhirten ist klar, dass alle, die diesen Geist in sich spüren, von Gott gesandt wurden, um einen Auftrag zu erfüllen. In diesem Auftrag zu leben sei das schönste, denn man selbst sei die Lösung, um die Welt zu verändern. Die Leute draussen seien nämlich in ihrer Seele gefangen, darum müssten die Auserwählten die Energie dieser Menschen erwecken. Es sei ein innerer Ruf, der die teuflische Macht zerbrechen sollte, und sie seien erst am Anfang. Als Mitarbeiter Gottes seien die Anwesenden die massgeblichen Personen und von einer anderen Welt, erklärte Lassner. Bei allen anderen Menschen fehle etwas, nur jene, die mit dem Geist leben, hätten ein volles Leben. Das Leben ohne Glaube sei langweilig und komplett hohl.
Der Meister
Laut Lassner sind alle Anwesenden von Gott gesandt, aber nicht alle Geistpersönlichkeiten. Der Meister sei eine solche Geistpersönlichkeit, erklärte Lassner, auf das Portrait von Helmut Bauer zeigend. Der Meister spricht nicht aus dem Kopf, sondern erzählt das, was der Geist ihm mitteilt. Darum ist momentan beispielsweise das Gewicht der Bewegung auf der Akademie, denn der Meister hat dies gespürt. Lassner habe die extreme Strahlung, die der Meister hat, spüren dürfen, als er einen Tag mit ihm im Krankenhaus verbrachte. Der Meister hat nämlich gesundheitliche Probleme. Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, den die Ärzte würden keine Ursache dafür finden. Zur richtigen Zeit werde der Geist wieder alles heilen. Die Zukunft sei zwar unbekannt, der Geist mache jedoch was er wolle, sodass man sich keine Sorgen machen sollte.
Geistlicher Schlager
Die Predigt wurde immer wieder durch das Abspielen von Liedern unterbrochen. Diese handelten von den Themen Geist und Liebe. So wiederholte das zweite Lied, im Schlagerstil, kontinuierlich die Zeile: „Jetzt ist die Zeit, in der die Liebe übernimmt, in der der Geist alles durchdringt“. Das dritte Lied war in italienischer Sprache verfasst worden und eher im rockigen Stil. Die Musik wiederholte stetig denselben Text und war für meine Ohren eher unangenehm. Die Besuchenden wippten und klatschten dazu, wobei die Bewegungen bei den meisten ein wenig unbeholfen aussahen. Ich hatte zudem das Gefühl, dass das Tanzen auch dem Oberhirten unangenehm war.
Die Familienkasse
Die Reaktionen des Publikums auf die gesamte Predigt schienen mir spärlich. Was ich als Langeweile interpretierte, hätte jedoch auch Konzentration sein können. Die Stille wurde, besonders oft am Anfang, durch unkontrollierbares und für mich nicht wirklich erklärbares Lachen unterbrochen. Einige Kinder standen ab und zu auf, um nach Vorne zu den Eltern zu gehen, die meisten blieben aber hinten sitzen. Einige spielten leise miteinander Karten. Erst als die „Familienkasse“, wie Lassner die Kollekte nannte, gefüllt werden sollte, kam die grosse Stunde der Kinder, die mit Freude ein „Nötli“ in die Kollekte werfen durften.
Der ausgebliebene Liebesstrom
Lassner beendete den Gottesdienst um 21.40 Uhr mit einem letzten Lied. Währenddessen flüsterte mir eine erste Frau bereits ins Ohr und schwärmte von ihren Erlebnissen in der Wort+Geist Bewegung. Sie spüre hier die Liebe und den Geist, und alles sei so entspannt, da es keine Mitgliedschaft gebe. Eine weitere Frau gesellte sich dazu und erzählte, dass sie schon in vielen Freikirchen gewesen sei und in keiner so viel gespürt habe wie hier. Die Zurückhaltung vom Beginn des Gottesdienstes war komplett verschwunden. Der Oberhirte Andreas Lassner umarmte alle Anwesenden. Meine Umarmung erfolgte ganz zuletzt. Auch nach dem Gottesdienst spürte ich diesen „Liebesstrom“, welcher der Geist in mir hätte auslösen sollte, nicht, sodass mir die zu lange Umarmung immer noch unangenehm war.
Der lange Weg zu Wort+Geist
Ich entschied mich dennoch ein wenig zu bleiben, da einige der Besuchenden auf mich zukamen und mir von ihrer Faszination der Wort+Geist Bewegung erzählten. Ein etwa 40-Jähriger Mann redete besonders stark auf mich ein. Da sich die restlichen Besuchenden nun um den weiterpredigenden Oberhirten versammelt hatten, traten wir aus dem Raum hinaus. Der Mann erzählte mir von seinem langen Kampf mit dem Glauben, welcher ihn durch viele Freikirchen begleitet hatte und in der Wort+Geist Bewegung endete. Grundsätzlich war seine Geschichte spannend und ich hörte gerne zu. Störend war lediglich, dass er die wahre Anwesenheit Gottes nur der Wort+Geist Bewegung zusprach und so die Legitimität jeglicher anderer Gemeinschaften angriff.
Die Liebe zum „Geist“
Auf dem Weg zum Bahnhof liess ich den Abend nochmals Revue passieren. Der Gottesdienst und dabei vor allem die Musik, sowie das unkontrollierbare Lachen der Besuchenden sind mir ziemlich absurd vorgekommen. Der Führerkult um Helmut Bauer, der stets als Meister bezeichnet wurde und dessen Portrait den ganzen Gottesdienst begleitet hatte, machte mir Angst. Besonders störte mich aber der Elitarismus der Bewegung, der während der Predigt zum Vorschein kam und auch in den Nachgesprächen deutlich wurde. Die Leute am Gottesdienst waren mir aber grundsätzlich sympathisch gewesen und die Atmosphäre stellte sich als ziemlich zwanglos heraus. Ich hatte erwartet, dass der Abend strenger und nach rigideren Strukturen ablaufen würde. Die Entspanntheit lag wahrscheinlich auch daran, dass die Gemeinde in der Schweiz ein wenig abgeschottet ist vom zentralen Geschehen in Deutschland. Ich spürte keinen Druck der regelmässigen Besuchenden, mehr Zeit für die Gemeinde aufzuwenden. Die meisten feiern lediglich drei Samstage im Monat ihre Liebe zum „Geist“ und es scheint ihnen gut zu tun.
Louisa Bernet, 2020