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Hans Stähli - sein Werk
Christoph Wegmann
Seit seiner späten Jugend hat Hans Stähli gemalt und gezeichnet. So ist im Verlauf seines Lebens ein sehr breites und umfangreiches Werk entstanden, wohl über tausend Oelgemälde und unzählige
Zeichnungen und Aquarelle. Viele Bilder wurden in Ausstellungen, die sich seit 1945 in grosser Zahl folgten, verkauft, andere Werke waren Auftragsarbeiten. Der Katalog der verbliebenen Bilder umfasst
über 400 Nummern. Eine erste Phase intensiven Malens folgte auf die Ausbildung in Basel (1933) und die Aufenthalte in Paris (1936) und in der Provence (1948). Ausserordentlich produktiv waren die
Jahre zwischen 1965 und 1980. Eine stilistische Entwicklung zeigte sich in den Siebzigerjahren: Mit Ausnahme der lichtvollen Provencegemälde sind die älteren Bilder oft dunkler, ernster,
gewissermassen altmeisterlich; darunter gibt es regelrechte Bravourstücke, wie etwa die Frau in der Appenzeller Tracht (vgl. Foto unter "Oelgemälde" in Rubrik "Porträts"). Ab 1970
wurden die Bilder im Pinselstrich flüssiger, freier, in der Spachtelung grosszügiger, die Palette wurde heller und bunter.
Für einen gelernten Schnitzler wäre es nahe gelegen, Plastiken zu schaffen. Dies war aber wegen eines Armleidens nicht oder nur selten möglich. So gestaltete Stähli die Kanzel der reformierten Kirche von Brienz. Die berufliche Praxis des Figurenschnitzens zeigt sich aber immer wieder in der grossen Plastizität vieler Motive des malerischen Werks. Stähli konzentrierte sich auf Oelbild, Aquarell, Pinselzeichnung, Zeichnung und Holzschnitt, und er wandte auf diesen Gebieten vielfältige Techniken an: Er verwendete für die Gemälde Pinsel und Spachtel, malte pastos und lasierend, schuf sowohl hauchdünne wie auch grosse und dichte, gemäldeartige Aquarelle (vgl. Foto "Waldlichtung" unter "Aquarelle"), benutzte Bleistift, Tusche, Kohle und schwarze Kreide, Pastellkreide, Rötel, Braunstift und Farbstift. Vielfalt prägt auch die Formate, das Spektrum reicht von Kleingemälden, wie etwa einem toten Distelfink (vgl. Foto unter "Oelgemälde" in Rubrik "anderes"), bis zu Grossformaten in der Berg- und Landschaftsmalerei.
Sehr oft ging Stähli mit Staffelei und Malzeug in die Natur und malte oder zeichnete vor dem Motiv. Weil er oft direkt in der Natur arbeitete, wirken viele seiner Bilder unmittelbar und fein empfunden. Im Atelier folgte dann, oft über längere Zeit, gar Jahre, die Weiterbearbeitung.
Stähli wurde immer wieder als Naturalist bezeichnet, vielleicht weil seine Bilder eine unmittelbare Beziehung zur Natur erkennen lassen. Die Benennung trifft aber begrifflich nicht das Wesentliche seiner künstlerischen Absicht. Er malte gegenständlich, war sich aber bewusst, dass es bei seiner künstlerischen Arbeit nicht ums Kopieren, um ein fotographisches Abbilden ging, sondern ums Gestalten. Er bemühte sich deshalb bei jeder Arbeit um die passende Konstruktion des Bildes, um die notwendigen Vereinfachungen und Auslassungen, die Verteilung der Massen und Elemente, die Harmonien und Kontraste, die Spannungen in der Linienführung, das Zusammenspiel der Farben. „Auf jeden Fall möchte ich mich nicht irgendeinem Schema verpflichtet wissen. Immer wieder ist es ein Ringen um die Klarheit im Aufbau eines Bildes,“ schrieb er 1972 in seinen Aufzeichnungen. Dieser Gestaltungswille zeigt sich deutlich in den vielen Bergbildern, wo es immer wieder darum geht, die Tektonik der Steinmassen herauszuarbeiten, durch geduldiges Schauen die Struktur in der Natur aufzudecken. Er zeigt sich auch in den Waldbildern, wo oft die Spannungen oder Parallelführungen im Netz der Baumlinien aufgezeigt werden (vgl. Fotos unter "Oelgemälde" in Rubrik "Waldbilder"). Im Spätwerk ging er in der Abstraktion noch einen Schritt weiter, indem er eine Reihe von Steinbildern malte, in denen es um ein reines Formen-, Farben- und Linienspiel geht.
Da Stähli weitgehend in der Umgebung von Brienz arbeitete, kommen die gleichen Motive immer wieder vor. So entstanden regelrechte Serien von Motiven, etwa der Brienzersee oder einzelne Berge, wie etwa die Oltschiburg (vgl. Fotos unter "Oelgemälde" in Rubrik "Berge"). In diesen Serien wird ein Motiv immer wieder neu in unterschiedlichen Ausschnitten angenähert, es verändern sich etwa das Verhältnis von Vordergrund, Bergmassiv und Himmel, Licht, Atmosphäre und Wetterlage, die Effekte der Tages- und Jahreszeiten. Der Maler zeigt damit, dass ein Ding nicht ein für allemal gegeben ist, sondern sich in seiner Erscheinung ständig wandelt und immer wieder neu wahrgenommen werden kann.
Hans Stähli hat in der Provence und in verschiedenen Landschaften der Schweiz gemalt. Der Grossteil der Bilder ist in der Gegend von Brienz und Schwanden entstanden. Die Welt, welche von seinen Bildern eingefangen wird, ist zugleich klein und gross. Einerseits malte er weitgehend die Dinge seiner unmittelbaren und weiteren Umgebung. Andererseits schöpfte er diese „kleine Welt“ aber aus, zeigte die intimen Details des häuslichen Alltagslebens wie auch die imposanten und erhabenen Erscheinungen der Natur. Alles konnte ihm als Modell dienen: Kinder mit ihrer frischen oder nachdenklichen Ausstrahlung, Charakterköpfe urchiger Bergler, die Menschen des Dorfes und der Familie, Alltagsgegenstände wie Werk-, Näh- oder Spielzeug, Früchte, Gemüse und Blumen, Tiere, Häuser, Gärten, Wiesen und Waldpartien, Bäche und Steine, markante Berge, der See und weite Landschaften. So hat er in seinem Gesamtwerk das Bild einer ganzen Welt geschaffen.
Pressestimmen
Da ist ein Junger, der mutig seinen Weg und seine Eigenart erarbeitet. So hat denn ein jedes gezeigte Bild seine Qualitäten, die wertvollsten aber jene, in denen sich die Art des Künstlers am
unmittelbarsten gibt.
Oberländer Volksblatt, Juli 1946
Mit festem breitem Strich entstand da die sicher gebaute Häusergruppe in der «Provence», während im «Abend am Brienzersee» die letzten Sonnenstrahlen empfindsam weich über die Bergspitzen sich ergiessen. In rhythmischen Konturen breitet sich vor uns die «Mittelmeerlandschaft» aus. Und in der Art der Typen, welche innerhalb der figürlichen Kompositionen Stählis erscheinen, wird leise die Erinnerung an den verstorbenen Brienzer Meister Max Burri wach.
Berner Tagblatt, 6.5.1953
In Hans Stähli begegnen wir einem Maler, dessen künstlerisches Wollen und dessen malerische Ausdruckskraft, jeder oberflächlichen Effekthascherei bar, ihrer Echtheit und Ehrlichkeit wegen den Beschauer fesseln und gerade um dieser seltenen Qualitäten willen überzeugen. Man fühlt sich von Stählis Kunst warm angesprochen, seien es die Landschaftsbilder aus dem Berner Oberland, vor allem aus der Brienzerseegegend, wo das Wasser in Kontrast steht zu den Bergriesen im Hintergrund, sei es die oberflächige Landschaft der Provence, wo das Auge, so weit es reicht, scheinbar nur eintönige Ebene erblickt, oder das Mittelmeer und seine breit hingelagerte Küste. Aber auch die Stillleben und die Porträts, wir erinnern vor allem an den beinahe lebensgross gezeichneten Walliser Buben, zeugen von bemerkenswert grossem Talent. Stähli erweist sich nicht nur handwerklich seiner Aufgabe gewachsen, sondern auch in der Farbbehandlung als malerisch sehr fein empfindend und sicher.
Der Bund, 6.5.1953
Während die typischen Seebilder mehr intim malerische Feinheiten aufweisen, zeigt sich der Künstler in den grösseren Formaten der Gebirgsbilder als grosszügiger Architektoniker des Bildbaues. Hier arbeitet er mit wenig Farbdichtigkeit und sehr geschlossen in der Harmonie der Farbklänge. Der Pinselstrich wird grossflächig, und wo er nicht genügt, wird die Farbe gleichsam in Mosaikstücken mit dem Spachtel aufgetragen.
Neue Berner Zeitung, 21.10.1955
In den kräftig gemalten Bergbildern erinnert er teilweise an Hodler. Da ist etwa das «Gebirge ob Brienz», hart und eckig setzt er die Pinselstriche nebeneinander, mit Schwarz fasst er die Grate und Schluchten zusammen. Kompositorisch sicher gebaut ist das «Breithorn». In pastosem Farbauftrag zeigt er uns die verwetterten Gesichter der Bergbauern. Er kennt aber auch den tonigen und weichen Farbauftrag.
Der Bund, 1.4.1970
Stähli ist, von Felsen und Bergen umgeben, kein weicher Maler. Er liebt die Kontraste, die scharfen Formen. Auch ist er ein sicherer Zeichner, was namentlich in seinen figürlichen Kompositionen wohltuend zur Geltung kommt. Stähli ist eine unabhängige Künstler-Persönlichkeit, der seine malerischen Fähigkeiten zu verwenden weiss.
Stadt Thun, März 1970
Hans Stähli schöpft kraftvoll alle Möglichkeiten aus, die ihm eine solide gegenständliche Malerei bietet, um den Berg darzustellen, der mit Wucht seine Schichten und Falten wirft, um zum Himmel zu streben. Das Licht zeichnet prachtvoll den Verlauf des Gesteins, tiefe Schatten deuten an, wie Tag und Nacht in stetem Kampfe liegen, der wolkenlose Himmel darüber drückt die Klarheit aus, die letztes Ziel und Sehnsucht ist.
Oberländisches Volksblatt, 7.6.1971
Seine Palette ist bunter und kühner geworden, ohne der Geschlossenheit der Farbkomposition Abbruch zu tun. Bei der Gestaltung seines «Wellhorns» z.B. hat er ganz neue, warme und doch leuchtende Farbtöne gefunden, aufgetragen mit breitem, sattem Pinselstrich.
Brienzer, 2.5.1972
Gepackt steht man vor einem Oelbild wie jenem vom «Enten-Wichel», einer Art Felsentor am Brienzersee. Es lohnt sich, den Aufbau der Komposition genau zu betrachten, lässt sich doch erkennen, in welch grossartiger Verteilung die Fläche aufgeteilt worden ist, wie Wasser und Felsen sich in einer klaren Linie voneinander abheben und wie der Schatten des Felsspaltes den oberen Teil des Bildes harmonisch teilt. Solches gibt der Darstellung einen inneren Halt von überzeugender Stärke. Man mag hundertmal an dieser Stelle mit dem Schiff vorübergefahren sein, ohne die Besonderheit dieses Naturschauspiels zu gewahren. Der Künstler seinerseits erfasst das Motiv in seiner einmaligen Eigenart, er setzt die einzelnen Töne um in ein Farbenspiel, das keinen toten Punkt enthält und dessen innere Spannung fort und fort auf den Betrachter ausstrahlt.
Oberländisches Volksblatt, 18./19.7.1975
Hans Stähli ist als Maler längst in weiten Kreisen bekannt. Sein in zwei Sälen der Schulwarte ausgestelltes Oeuvre umfasst an die zweihundert Bilder. (...) Seine Landschaften wirken heiter und luftig, plastisch im Spiel von Licht und Schatten und dank einer ausgefeilten Spachteltechnik nie verspielt oder süsslich. Steine in ihren unendlich variablen Formationen reizen immer wieder sein Malerauge: einmal als wuchtig aufgetürmte Granitblöcke an der Grimsel, dann wieder als Ufergestein in spiegelndem Wasser. Die Porträtmalerei beherrscht Stähli fast in der Art eines Albert Anker. Er erfasst nicht nur das Aeussere des Menschen, auch die Persönlichkeit des Modells tut sich dem Beschauer auf.
Berner Tagblatt, 27.10.1976
Ihm, der so oft den Berg in seiner Wucht und monumentalen Grösse malte, hat sich in den letzten Jahren auch das eigenartige Reich der Steine und Rinden erschlossen. Es scheint, als ob er gebannt sei ob der Schönheit der Zeichnungen, die sich auf der Oberfläche eines Felsstückes zeigen, und ob dem Farbenspiel, das in Tönen und in Formen ein unscheinbares Rindenstück zu einem Wunder macht. Er lehrt uns, den kleinen Dingen Beachtung zu schenken, an denen wir achtlos vorübergehen. Aus solchen Bildern ergeben sich Effekte, die in das Gebiet der abstrakten Kunst führen – Beispiele der Erkenntnis, wie in der Natur Gegenständliches und Abstraktes ineinander übergehen und die Grenzen unserer Einordnungen aufheben.
Oberländisches Volksblatt, 17.6.77
Stähli arbeitet wenig nach Skizzen. Meistens stellt er sich im Freien an irgendeinen Platz und beginnt zu malen. Im Atelier aber feilt er aus. Er schafft nach, reichert an, oder er vereinfacht und schaltet Störendes aus. Nur nicht zu viele Details! Auch das musste er lernen: das Hinmalen in grossen Linien. Er musste Licht und Schatten gegeneinander abwägen und immer feiner in Verbindung bringen. Und nicht das allein! Stähli, der das Zeichnerische nie ganz verleugnet, er verspannt jetzt die Linien, er bringt Zug und Gegenzug, allerhand Schrägstellungen. So wirkt das Erschaute frisch, voll tiefen Zusammenhangs.
Oberländisches Volksblatt, 1980
Auffällig ist, wie körperhaft Hans Stählis Bilder wirken. Sie sind auf Leinwand gemalt und doch von unglaublicher Tiefe und Weite. In einem Cézanne nachgefühlten Stillleben drohen die prallen Aprikosen vornüber aus dem Rahmen zu kullern. Hans Stähli malt sozusagen räumlich.
Oberländisches Volksblatt, 18.7.2000