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Calfeisen
Thal (Kt. St. Gallen, Bez. Sargans). Thalschaft im St. Galler Oberland; der obere, von Vättis w. ansteigende Teil des Tamina Thals. Von Vättis bis zur Sardona Alp, dem obersten Thalboden am Fuss des Hintergehänges, etwa 12 km lang und steigt von 950 auf 1750 m, also um 800 m oder um 6,67%. Davon kommen auf das untere Thalstück von Vättis bis St. Martin 7 km mit 400 m oder 5,7%, auf das obere Stück 5 km mit 400 m oder 8% Steigung. Bis auf den Kamm des Hintergehänges in der Sardona Gruppe sind es dann noch 3 km mit 1100-1300 m Steigung. Es ist ein enges und steilwandiges Thal, im vorderen und mittleren Teil etwa 5 km von Kamm zu Kamm. Weiter hinten rücken die Seitenkämme auf etwa 3 km Breite zusammen. Die sonst bei den meisten Alpenthälern und z. B. auch bei dem benachbarten Weisstannenthal vorhandene baumförmige Verzweigung nach oben fehlt hier. Ein einziges Seitenthälchen ist vorhanden, dasjenige von Tersol, das sich schon vom untern Teil des Hauptthales abzweigt und nordwärts bis zum Piz Sol ansteigt. ¶
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Drei, fast ausschliesslich aus jungen eocänen Gesteinen bestehende Gebirgsmassen umschliessen das
Calfeisen Thal. Es
sind der Sardonastock im W. als Thalschluss, der Muttenthaler Grat und ein Teil der Grauen Hörner im N. und die Gruppe des
Ringelspitz im S. Die Sardona Gruppe ist zwar nicht die höchste, wohl aber die massigste und am meisten
vergletscherte der drei Gruppen. Mit ihrem terrassierten Gletscher gibt sie dem Thal einen prächtigen Abschluss. Ihre dem
Calfeisen Thal zugekehrten Hauptgipfel sind die Grosse Scheibe (2922 m), der Saurenstock (3054 m) und das Trinserhorn (3028 m).
Zwischen den zwei letztern führt der vergletscherte Sardonapass (2840 m) hinüber zum Segnesgletscher
und nach Flims im Rheinthal.
Der höchste Gipfel der Sardona Gruppe, der Piz Segnes (3102 m), berührt das
Calfeisenthal nicht. Die höchsten Spitzen der
Südwand sind der Ringelspitz, mit 3251 m der höchste Berg von
Calfeisen und des Kantons St. Gallen
überhaupt, dann das Glaserhorn (3128 und 3091 m)
und das Tristelhorn oder der Piz da Sterls (3115 m). Auch sonst sind da noch verschiedene Zacken und Thürme über 3000 und
selbst über 3100 m hoch. Gleichwohl ist die Gruppe nur wenig vergletschert.
Sie hat nur kleine Hänge- und Schluchtgletscher. Auf der Seite von
Calfeisen sind der Glasergletscher
und ein dicker Eisfladen oben am Ringelspitz die bedeutendsten. Nach W. verknüpft sich die Gruppe durch einen etwas weniger
hohen Grat und die Trinser Furka (2489 m) mit der Sardona Gruppe. Nach O. findet sie ihren Abschluss durch die sog. Orgeln (2693
m) und den Simel (2350 m). Das ganze Gebirge fällt mit grosser Steilheit und mit gewaltigen Wänden gegen
Calfeisen ab, die der Südseite des Thals einen zwar grossartigen, aber auch äusserst wilden und vielfach schreckhaften Charakter
geben, deren Anblick demjenigen der Glärnischwände über dem Klönthalersee nicht nachsteht.
Milder ist die N.-Seite des Thals, wenigstens im innern Teil desselben. Die Gehänge steigen da sanfter
und in schönen Alpterrassen gegen den Muttenthaler Grat und den sw. Teil der Grauen Hörner an. Der erstere zweigt beim Scheibepass
von der Sardona Gruppe ab und zieht sich nö. bis zum Hangsackgrat (2640 m). Dann folgt ein ö. gerichtetes Kammstück bis
zum Sazmartinhorn (2848 m), mit dem die eigentlichen Grauen Hörner beginnen. Diese ziehen sich nach NNO.
und N. und verknoten sich an ihrem höchsten Punkt, dem Piz Sol (2849 m), zu hinterst im Tersol Thal. In der O.-Wand des letztern
erhebt sich dem Sazmartinhorn gegenüber das Grosse Zanayhorn (2825 m) als dritthöchste Spitze der Grauen Hörner.
Zwei einigermassen praktikable Pässe überschreiten diese Gebirge
der N.-Wand und verbinden das
Calfeisenthal mit dem Weisstannenthal.
Es sind der Heidelpass (2397 m) ö. vom Hangsackgrat und der Muttenthalpass (ca. 2430 m) w. von diesem.
Das
Calfeisenthal zeigt alle Erscheinungen eines Hochgebirgsthals: glänzende Firne, mächtige Felswände,
trotzige und abenteuerliche Gipfelformen, krachende Lawinen, unbändige Wildbäche, düstere Schluchten und blumenreiche Alptriften,
im Sommer belebt von weidenden Herden und freien, fröhlichen Hirten. Aber der obere und untere Teil zeigen verschiedene Naturen.
Der obere Teil bis hinunter nach St. Martin liegt ganz in eocänen Schiefern, die auf beiden Seiten nach
S. und SO. fallen, so dass die N.-Seite mehr die sanfter geneigten Schichtflächen mit ihrem Quellenreichtum, die S.-Seite
mehr die steil abgebrochenen Schichtköpfe zeigen. Es ist ein Synklinalthal.
Das Thal ist hier weiter, bildet einige kleine Thalböden, und die Gehänge sind, wenigstens auf der N.-Seite, hübsch terrassiert. Hier finden sich die 10 Alpen des Thales. Der untere Teil dagegen hat sich tiefer eingeschnitten, durch das ganze Eocän hindurch und noch tief in Kreide und Jura, ja zu unterst auch noch in den Rötidolomit und Verrucano hinein. Hier ist das Thal nur noch eine enge, nicht mehr isoklinale, sondern antiklinale Schlucht. Die Bergwände, beidseitig von den Schichtköpfen gebildet, treten da nahe zusammen und geben nur noch wenigen schmalen Terrassen Raum, so z. B. der am Ausgang des Tersolthals. Die Schlucht, wie auch das Thal weiter oben, ist an den untern Hängen noch gut bewaldet, wenn es auch an einzelnen schlimmen Blössen nicht fehlt. Der Hauptwaldbaum ist die Rottanne. Doch kommen auch Lärchen und hinten in den Alpen Sardona und Tristel bis auf 1800 m auch einzelne Arven vor.
Jetzt ist das Thal nur noch periodisch von Hirten, Jägern und Waldarbeitern belebt. Einst aber gab es hier feste Ansiedelungen
von sog. freien Walsern, die aus dem obern Wallis
stammten und seit dem 12. Jahrhundert eine Reihe abgelegener
Thalschaften Graubündens, des St. Galler Oberlandes und des Vorarlbergs kolonisierten. Wann sie zuerst im
Calfeisenthal erschienen
sind, ist unbekannt. Ihre erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1346. Sie wohnten in einzelnen Höfen auf den verschiedenen
Böden zwischen den Wäldern und Tobeln des Thales zerstreut vom Gigerwald bis nach Sardona. An sie erinnern noch zahlreiche deutsche
Namen wie Gigerwald, Brändlisberg, Eggalp, Plattenalp, Stockboden, Ammannsboden, Rathausboden, Ebni, Tristel, Husegg etc. Aber
noch vor den Walsern muss eine romanische
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Bevölkerung, wenn auch nicht dort gewohnt, so doch ihr Vieh dort gesömmert haben, wie dies heute wieder von einer wiederum
deutschen, nicht thalansässigen Bevölkerung geschieht. Dies beweisen romanische Namen wie
Calfeisen, Tamina, Tersol, Schräa,
Panära, Ancapan, Sardona etc. Eine dritte Gruppe von Namen stammt von einer dritten Bevölkerungsschicht, den
gegenwärtigen Besitzern her, so Malanser Alp, Gamser Aelpli u. a. Ansässig war aber einzig die mittlere Schicht, die freien
Walser.
Dieselben sind in
Calfeisen nicht ausgestorben, sondern haben dasselbe allmählig wieder verlassen, wohl teils infolge fortschreitender
Verwilderung des Thals, teils infolge veränderter Lebensverhältnisse überhaupt. Die alten Wohnungen der Walser sind verschwunden,
aber ihr Kirchlein zu St. Martin steht noch da auf einem Felsen mitten im Thal und daneben die Reste eines Beinhauses. Alljährlich
werden hier einige Messen für die Hirten gelesen und am Jakobifest (zweite Hälfte Juli) kommen grössere Scharen von Einheimischen
und Fremden aus dem Tamina- und Weistannenthal u. von Ragaz mit den Aelplern von
Calfeisen hier zusammen,
um das Gedächtnis St. Martins zu feiern.