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Herrschaft und Sprache in der Ukraine
In der Kiewer U-Bahn – sie soll über die weltweit am tiefsten gelegenen Stationen verfügen – findet man sich als Tourist leicht zurecht. Nicht zuletzt deshalb, weil in den Zügen die Haltestellen in Wort und Schrift nicht nur auf Ukrainisch, sondern auch auf Englisch angekündigt werden. Das Russische fehlt, obwohl wahrscheinlich um die Hälfte der Hauptstadtbewohner dieses Idiom als Muttersprache bezeichnen würde.
Englisch als politisches Richtungssignal
Diese Sprachauswahl in der Metro ist natürlich ein politisches Signal. Das Englische bedeutet nicht nur eine freundliche Geste gegenüber den vielen Touristen. Es soll offenkundig auch die neue Orientierung des Landes Richtung Westen markieren. In der Ukraine gilt seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahre 1991 Ukrainisch als amtliche Hauptsprache. Das Russische wurde später in einigen Regionen ebenfalls als Amtssprache anerkannt. Im praktischen Alltag der Bürger aber koexistierten Russisch und Ukrainisch nahezu problemlos nebeneinander.
Zumindest in den Städten können – oder konnten – die meisten Menschen ohne grosse Mühe von der einen in die andere Sprache wechseln. Dies obwohl sich Russisch und Ukrainisch in Wort und teilweise auch in der kyrillischen Schrift viel deutlicher voneinander unterscheiden, als etwa das Deutsche und Schweizerdeutsche.
Die vor allem im offiziellen Bereich inzwischen verstärkte Distanzierung vom russischen Sprachgebrauch ist einerseits verständlich. Das Russische war in der Ukraine (das Wort heisst Grenzland) jahrhundertelang die Sprache der Moskauer Macht und Vorherrschaft. Nur der Westen des Landes, etwa die Gegend um Lemberg (ukrainisch Lwiw), wurde lange Zeit vom polnischen und dann vom österreichisch-ungarischen Imperium regiert.
Der Zar und Stalin verbieten ukrainische Publikationen
Das Russische und das Ukrainische haben sich beide aus dem Fundus der kirchenslawischen Liturgiesprache der orthodoxen Kirche entwickelt, angereichert und differenziert durch regionale volkssprachliche Einflüsse. Aus Furcht vor separatistischen Bestrebungen in der Ukraine erliess Zar Alexander II. 1876 ein weitreichendes Verbot ukrainischer Publikationen. Der ukrainische Dichter Taras Schewtschenko, der heute als ukrainischer Nationaldichter gilt, wurde wegen seiner ukrainisch geschriebenen Texte und Gedichte in die kasachische Verbannung geschickt.
Während der Wirren des Bürgerkrieges im Gefolge der bolschewistischen Revolution entstand 1918 in der Ukraine eine kurzlebige ukrainische Republik, in der das Ukrainische erstmals zur Staatssprache deklariert wurde. Die Politik der Ukrainisierung wurde zunächst fortgesetzt, als die Bolschwiki das Land bald darauf der Sowjetunion einverleibten. Doch als 1932/33 in der Ukraine wegen der brutalen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft eine furchtbare Hungersnot (Holodomor) ausbrach, durch die um die 3,9 Millionen Menschen den Tod erlitten, befahl Stalin den abrupten Stopp der ukrainischen Sprachförderung. Praktisch alle Publikationen in ukrainischer Sprache mussten verschwinden.
Gesetzliche Einschränkung des Russischen
In der Nach-Stalin-Ära ist die Unterdrückung der ukrainischen Sprache zwar gelockert worden, doch im höheren Bildungsbereich akzeptierte man nur Russisch als Unterrichts- und Publikationssprache. Dass nach der Auflösung des Sowjetimperiums in der neuen Kiewer Republik das Ukrainische als erste Amtssprache deklariert wurde, ist als Reaktion auf die während Generationen erlebte Diskriminierung dieser Sprache zwar verständlich. Man wollte damit die Existenz einer eigenen sprachlichen und kulturellen Identität unterstreichen.
Der sprachlichen Alltagsrealität wird die deklarierte Exklusivität des Ukrainischen im offiziellen Bereich allerdings nicht gerecht. Dies umso weniger, als kurz nach der jüngsten Präsidentschaftswahl die Isolierung des Russischen durch eine Gesetzesverabschiedung im Parlament noch verschärft worden ist. In weiten Teilen ist die Ukraine nun einmal ein bilinguales Land. In den östlichen und südöstlichen Gebieten dominiert das Russische und in der transkarpatischen Grenzregion zu Ungarn wird vorwiegend Ungarisch gesprochen.
Der vollen Identifikation aller Bürger in allen Teilen das Landes mit dem ukrainischen Staat wäre zweifellos besser gedient, wenn dem Russischen gesetzlich ein breiterer Raum eingeräumt würde. Der seit der Maidan-Revolte von 2013/14 und der darauffolgenden russischen Aggression energischer denn je zuvor angestrebten Westorientierung des Landes würde eine grosszügigere Sprachregelung keinerlei Abbruch tun.
Politik und Alltagsrealität
Der neu gewählte, aber noch nicht amtierende Präsident Wolodimir Selenski, der in der südostukrainischen Industriestadt Krywyi Rih (russisch: Kriwoi Rog) aufgewachsen ist und Ukrainisch erst in den letzten Jahren lernte, hat angedeutet, dass er sich für eine Modifikation der einseitigen offiziellen Sprachregelung einsetzen werde. Sollte ihm das gelingen, dürften eines Tages in der Kiewer U-Bahn die Stationen nicht nur auf Ukrainisch und Englisch, sondern auch – wie in früheren Zeiten – wieder auf Russisch angekündigt werden.
Der quirlige Optiker in der Kiewer Altstadt, den wir in seinem Geschäft zur Sprachenfrage Ukrainisch-Russisch ansprechen, reagiert darauf mit einer wegwerfenden Geste. Nur die Politiker wollten sich mit diesem Thema wichtigmachen, meint er lachend. Unter gewöhnlichen Leuten unterhalte man sich wie gewohnt – je nach Situation und Kundschaft – mal Ukrainisch, mal Russisch. Er ist nicht der einzige Gesprächspartner in Kiew, der sich in diesem Sinne äussert. Ein Bekannter aus Charkiw fügt hinzu, in der Ukraine würden ohnehin viele Gesetze nie angewandt. So werde es möglicherweise auch mit dem verschärften Sprachengesetz geschehen.
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