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In der Zeitung "Le Temps" vom 18. Februar 2019 greift Nationalrätin Isabelle Chevalley unter dem Titel "Lançons une initiative pour des ONG responsables" (Lasst uns eine Initiative für verantwortungsvolle NGO starten) die NGO Solidar Suisse direkt an. Die folgende Replik von Carlo Sommaruga, Präsident von Solidar Suisse, erschien am 22. Februar 2019 in "Le Temps“.
In Ihrer Ausgabe vom 18. Februar 2019 unter dem Titel "Lasst uns eine Initiative für verantwortungsvolle NGOs starten" greift Nationalrätin Isabelle Chevalley die NGO Solidar Suisse, deren Präsident ich bin, frontal an und kritisiert deren Kampagne zur Beseitigung prekärer Kinderarbeit auf Baumwollfeldern in Burkina Faso.
Ihr Beitrag basiert auf falschen und diffamierenden Behauptungen. Deshalb erachte ich es als meine Pflicht, auf die propagierten Unwahrheiten zu antworten.
Frau Chevalley erklärt zu Beginn, Solidar Suisse fordere die Baumwollhändler dazu auf, den Handel mit Burkina Faso einzustellen. Das ist nicht wahr. Solidar Suisse hat die Baumwollhändler nie gebeten, den Handel mit Burkina Faso einzustellen. Im Gegenteil: Solidar Suisse fordert von den Baumwollhändlern Louis Dreyfus SA und Reinhart AG in Burkina Faso mehr Engagement. Sie werden aufgefordert, sich für die Abschaffung der prekären Kinderarbeit in diesem afrikanischen Land einzusetzen. Konkret bedeutet dies, dass Schweizer Unternehmen in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren sicherstellen, dass Baumwolle ohne prekäre Kinderarbeit produziert wird.
Isabelle Chevalley hat offensichtlich unseren Bericht nicht gelesen, wenn sie behauptet, dass die Kinder mit ihren Eltern aufs Feld gehen und dann dort auf dem Boden sitzen und spielen. Die von Solidar verbreitete Forschungsarbeit zeigt, dass Kinder ab dem Alter von 5 Jahren arbeiten. Sie berichten von langen Arbeitstagen in brütender Hitze, von Übermüdung und von Schulabsenz. Sie erzählen, wie sie ohne Schutzkleidung gefährliche Chemikalien sprühen müssen und werden auf den Feldern von Schlangen gebissen und von Skorpionen gestochen. Die Arbeit in dieser Form behindert die körperliche und geistige Entwicklung dieser Kinder und gehört weltweit verboten.
Isabelle Chevalley wirft Solidar Suisse Neokolonialismus vor und behauptet, dass wir die Situation vor Ort nicht verstanden hätten. Diese Beschimpfung zeug von der Unkenntnis von Frau Chevalley über die Arbeit, die Solidar Suisse seit 1974, also seit mehr als 40 Jahren, in Burkina Faso leistet, und von ihrem mangelnden Wissen über das Thema unserer Kampagne. Einerseits wurde die Studie über Kinderarbeit von einem burkinischen Forschungsinstitut durchgeführt, andererseits präsentierte Solidar Suisse die Ergebnisse dieser Studie allen lokalen Akteuren in Burkina Faso. Und alle lokalen Akteure, einschließlich der Baumwollunternehmen und der Produzentenvereinigung, waren sich einig, dass das Ausmass der prekären Kinderarbeit nicht akzeptabel ist. Das Büro von Solidar Suisse vor Ort - bestehend aus lokalen MitarbeiterInnen und unter der Leitung eines Burkinabé - entwickelte darauf zusammen mit der Produzentenvereinigung ein Sensibilisierungsprojekt. Diese Sensibilisierungsarbeit informiert die Eltern über die Bedeutung des Schulbesuchs und zeigt ihnen, wie sie ihre Kinder effektiv vor verschiedenen Gefahren schützen können. All dies zeigt, dass die Grundlagen der Kommunikation von Solidar Suisse im Gegensatz zum Neokolonialismus im Wesentlichen von lokalen Akteuren geprägt und entwickelt wurden.
Die Komplexität und das Ausmass der Kinderarbeit in der Baumwollproduktion in Burkina Faso erfordern das Engagement aller Beteiligten. Die Lieferkette geht über Baumwollhändler in die Schweiz, weshalb das Schweizer Büro von Solidar Suisse eine Informationskampagne in der Schweiz durchführt. Sie richtet sich an die Baumwollhändler Louis Dreyfus und Reinhart AG in der Schweiz und konzentriert sich auf die Ausbeutung der Kinder in Burkina Faso. Wir sind der Ansicht, dass die Baumwollhändler viel zu wenig tun, um Kinderarbeit in ihrer Lieferkette zu bekämpfen, und wir fordern sie auf, dafür zu sorgen, dass die Menschenrechte in ihrer Lieferkette im Einklang mit den UN-Leitlinien für Unternehmen und Menschenrechte geachtet werden.
Ziel unserer Sensibilisierungsarbeit in Burkina Faso und der Schweiz ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder in Burkina Faso zur Schule gehen können und dass sie geschützt und sicher sind, wenn sie ihren Eltern ausnahmsweise auf den Feldern helfen. Denn nur als gesunde Erwachsene mit Schulabschluss haben sie die Chance, der Armutsfalle zu entkommen.
In ihrem Beitrag erwähnt Frau Chevalley auch die Situation der Kinder in der Kakaoindustrie, auch in der Elfenbeinküste. Ich möchte erneut betonen, dass Solidar Suisse nur über die Situation von Kindern in der Baumwollproduktion in Burkina Faso spricht. Nach eigenem Bekunden von Frau Chevalley hat sie jedoch keine Ahnung von den Bedingungen auf den Baumwollfeldern in Burkina Faso (Tages Anzeiger vom 28.1.19.).
Wir verstehen die Beweggründe der Nationalrätin nicht und hätten uns gewünscht, sie hätte den Dialog mit uns gesucht, wie es Solidar Suisse mit den betroffenen Unternehmen in Burkina Faso und der Schweiz auch tut.
Carlo Sommaruga
Präsident von Solidar Suisse