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Der Bildungsstand der ersten hier geborenen Generation ist verschieden, je nach Epoche der Einwanderung der Eltern, d.h. ob sie 1854 oder nach 1880 ins Land gekommen sind. Für die Erhaltung des kulturellen Niveaus waren die Bedingungen für die ersten Kolonisten ungleich ungünstiger als für die zweiten. Jene der sogenannten Vergueirozeit standen hilflos im weiten, der Erschliessung harrenden Land.
Die nächste Kirche und Schule (in Jundiahy) war 8 Wegstunden entfernt. Ältere Siedlungen, an die man sich hätte anlehnen können, waren nicht vorhanden. Die meist dem Patrão verschuldeten Eltern waren genötigt, alle Kräfte mobil zu machen und die Kinder im Kaffeeberg mitarbeiten zu lassen, sobald sie nur Hände und Füsse gebrauchen konnten. In einer Umgebung, mit der sie sich in ihrem heimatlichen Idiom nicht verständigen konnten, mussten sie sich alle Mühe geben, die Umgangsprache zu erlernen, um im Existenzkampf bestehen zu können. Sie eigneten sich in Ermangelung eines regulären Sprachunterrichtes notdürftig den Dialekt der Arbeitskameraden, der Schwarzen an. Ohne Gelegenheit der Weiterbildung in der Muttersprache und den elementarsten Schulkenntnissen, verloren viele den Zusammenhang mit der Gedankenwelt der Urheimat und versanken und verkamen in dem niederen Niveau der umgebenden Arbeitswelt.
Darauf ist es zurückzuführen, dass sich von den Ersteinwanderern so wenige Menschen und Familien erhalten haben. Man darf es denen, die sich aus jener Periode hindurchgerettet, aber einen bedauerlichen Mangel an Kenntnissen der Muttersprache und der Schule aufzuweisen haben, nicht als Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Abstammung und ihrem Mutterland anrechnen, sondern muss als Ursache den unüberwindlichen Zwang der obwaltenden Umstände gelten lassen. Es kann nicht verwundern, wenn es auch die heutige Generation nicht begreifen will, dass die Kinder und Kindeskinder der 1854 Eingewanderten fast alle Analphabeten blieben, wenn sie nicht schon in der alten Heimat die Schule besucht hatten; denn hier im Land gab es die ersten dreissig Jahre fast keine Gelegenheit für einen Unterricht der Jugend.
Anders wurden die Verhältnisse mit der sogenannten Amstalden – Einwanderung der achtziger Jahre. Das Erscheinen des Kaplan Amstalden bedeutete für die alten Siedler den Anbruch einer neuen Phase ihres Kolonistenlebens. Sein Einfluss trug viel bei, ihre geistige und religiöse Situation zu bessern. Für die Jungkolonisten war er Halt, Mittelpunkt und Fortsetzer der heimatlichen Denk- und Lebensweise. Ohne den Kaplan wäre den Schweizern viel Lebenskraft verloren gegangen, die er durch die Einigkeit, die er verkörperte, erhalten konnte. Er, der aus der Obwaldner Volksgemeinschaft hervorgegangen war, ein Spätberufener des geistlichen Standes, in seiner Jugend Handwerker (Schuhmacher), hatte den richtigen Instinkt für das, was dieses Arbeitsvölkchen brauchte und was man ihm zumuten konnte. Es verehrt ihn denn auch heute noch wie vordem und soll ihn hoch halten in allen kommenden Geschlechtern.
Kaplan Amstalden, der Kaplan, wie er kurz hiess, sorgte auch für Schulunterricht, indem er sich Hilfskräfte zur Seite nahm. Er konnte ja nicht auf allen Fazenden sein, auf die seine Landsleute in Sítio Grande verteilt waren. So hatte er auf der Fazenda São Fancisco die Christine Ambiel, die spätere Gattin des Josef Gut angelernt, den Katechismus-Unterricht zu erteilen, was gleichbedeutend wie Schulunterricht war. Diesem Beispiel folgt heute die Tochter der Genannten, wieder eine Christine, die als Frau des Paulino von Zuben auf der Fazenda Palmeiras den Kolonisten-Kindern ohne Unterschied der Farbe die Grundbegriffe der Religion beizubringen sich bemüht.
Auch einige der Analphabeten unter den Schweizer Siedlern haben es zu grossen Vermögen und Landbesitz gebracht. Aber die Gründer der Helvetia sahen doch sehr bald, wie viel leichter und sicherer man als Landwirt und Bauer hier zu Lande bestehen könnte, wenn man des Lesens und Schreibens kundig war. Sie gingen deshalb schon nach 5 Jahren daran, für ihre Kinder eine Schule einzurichten und bauten 1894 das erste Schulhaus, nachdem Johann Bannwart, Ignaz Ambiel und Pius Amstalden von ihrer ersten Schweizerreise 1893 mit anderen Personen auch den Lehrer Hans von Deschwanden mitgebracht hatten. In diesem Zusammenhang mag erwähnt sein, dass eine Maria Deschwanden die Ahnfrau der Geschlechter Amstalden und von Zuben in Brasilien ist. Dem Beispiel der Helvetier folgten einige ausserhalb der ansässige Schweizer Familien, wie die Sigrist und von Zuben, wenn auch, in anderer Form, indem sie sich Hauslehrer anstellten, um ihren Kindern auch eine bessere Schulung fürs Leben angedeihen zu lassen.
Lehrer Deschwanden verheiratete sich mit der Tochter Sabine des 1881 eingewanderten Christian Fanger, blieb bis Ende 1897 im Land, um dann wieder in die Schweiz zurückzukehren. Ein halbes Jahr setzte der Schulbetrieb aus und mit der Anstellung des Lehrers Max Landmann im Juni 1898 war der Unterricht für vier Jahre gesichert und in guten Händen. Durch Landmanns Initiative und Eifer bildete sich zu dem Musikverein noch ein eigener Gesangsverein, der den Kirchenchor stellte, und nahm das geistige und gesellschaftliche Leben einen angeregten Aufschwung. Insbesondere nahm er sich um die Kirchenmusik an und kam selbst nach seinem Ausscheiden aus seiner Lehrerstelle vom Juli 1902 an als Musikdirigent und Orchesterleiter zu den Festtagen in die Kolonie, bis Ende 1903.
Die Neubesetzung war mit Schwierigkeiten verbunden. Der Versuch Lehr- und Pfarrstelle zu verbinden und durch einen Geistlichen auch den Schulunterricht halten zu lassen, schlug fehl. P. Friedrich Rabe, den man verpflichtete, blieb drei Monate. Nachdem man ihn am 7.Juni.1902 feierlich eingestellt hatte und obwohl man ihm einen Monatsgehalt von 250 Milréis bezahlte, verliess er Ende August desselben Jahres schon wieder die Kolonie. Die Schule stand wieder ohne Lehrkraft da. Aber man wusste sich zu helfen. Joseph Franz Bannwart, der Jüngste der Brüder Bannwart, übernahm das Lehramt und führte es mit Hingebung und Eifer vom Oktober 1902 bis Dezember 1904, um mit Beginn des folgenden Jahres die Schuljugend der Helvetia den Skt. Katharinenschwestern aus São Paulo zu übergeben, die man inzwischen für die Übernahme des ganzen Schulbetriebes gewonnen hatte.
Man hatte schon früher sich bemüht Lehrschwestern für die Kolonie zu erhalten, aber der Mangel an geregelten geistlichen Betreuung der Klosterfrauen trat stets hindernd der Ausführung des Planes in den Weg. Mit der Übersiedlung des Kaplans Amstalden von Rocinha (Fazenda Capella) nach der Helvetia war das Haupthindernis weggefallen und am 1. Januar 1905 traten die Ordensschwestern der hl. Katharina den Unterricht an, den sie zur grössten Zufriedenheit der Eltern und Munizipalbehörden bis zum 31. Dezember 1918 erteilten. Durch die Bemühungen des um die Kolonie auch sonst hochverdienten Benediktinerabtes Don Miguel Kruse von São Paulo gelang es, Benediktinerinnen von Sorocaba (Mutterhaus Tutzing, Bayern) für die Schule zu verpflichten, sodass der Unterricht ohne Unterbrechung fortgeführt werden konnte. Bis heute walten sie ihres Amtes in Schule, Kirchenchor und Sakristei und die Kolonie hat keinen anderen Wunsch, als dass es immer so bleiben möchte.
Die Helvetier haben sich viel kosten lassen all die Jahre des Bestehens ihres Unterrichtsinstitutes. Die Gründung selbst fiel noch in eine Zeit, wo sie noch lange nicht aller materiellen Sorgen enthoben waren, denn die vielen Landkäufe und die Vergrösserung ihrer Familien, Neubauten von Wohnhäusern und Nebengebäuden u.s.w. brachten es mit sich, dass es ihnen manchmal schwer fiel, ihre Beiträge zu entrichten. Der Opfersinn einer Gemeinschaft offenbart sich aber am besten in harten Zeiten. Mit der Ausdehnung der Kolonie und dem zunehmenden Kinderreichtum wuchs auch die Schülerzahl und das kleine Schulhaus musste durch ein grösseres Gebäude ersetzt werden. Die Familien entschlossen sich, das Schulhaus zugleich als Gemeinde- oder Rathaus zu bauen, mit Schul- und Beratungszimmern, Restaurationsraum, Küche, Theater- (Versammlungs-, Fest-) Saal und Bühne, sodass für alle Bedürfnisse einer Gemeinde unter einem Dache gesorgt war. Das Unternehmen erforderte 18 Contos de Réis und im September 1924 wurde das neue Gebäude feierlich seiner Bestimmung übergeben.
Schon bei der Vermessung im Jahre 1894 hatte man eine Alqueire Land als Platz für die Schule und die später zu erbauende Capella (Kirche) frei gegeben. Als beim Heranreifen des Planes eine Kirche zu errichten strengere organisatorische Massnahmen zur Durchführung des grossen Projektes notwenig wurden, und die Bevölkerung der Kolonie längst über den Kreis der Gründerfamilien hinausgewachsen war, bildete man nach Fertigstellung der Kirche die bereits bestehende Baukommission in einen Kirchen- und Schulverein um. Die definitive Gründung erfolgte am 9. Juli 1899. Die Geschäfte nahmen im Laufe der Jahre zu, sodass man sich entschloss, die Angelegenheiten der Kirche und der Schule zu trennen und in eigenen Vereinen zusammenzufassen. So trat denn am 24. Juli 1904 der Schulverein als besondere Institution ins Leben mit eigener Vorstandschaft, Kassen- und Schriftführung und unter der Bezeichnung “Nikolaus von Flüe“. 30 volle Jahre liegt nun das Schicksal der Helvetia-Schule in den Händen dieses Vereins, der, man darf es ohne Übertreibung oder Lobhudelei sagen, Vorbildliches in seiner Art geleistet hat. Es war nicht immer leicht für die Vormundschaft, in den wechselvollen Zeiten der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine grosse Belastungsprobe hatte er zu bestehen, als infolge des Eintretens Brasiliens in den Kriegzustand mit Deutschland alle deutschsprachigen Schulen geschlossen oder mit der Schliessung bedroht wurden.
Als am 12. November 1917 das Schliessungsdekret der Regierung tatsächlich eintraf und die Schule ihren Betrieb einstellen musste, begann die damalige Vormundschaft, an ihrer Spitze Joseph Gut und Anton Ambiel im Verein mit Joseph F. Bannwart ihrer Bemühungen um die Erlaubnis der Wiedereröffnung der Schule. Beim Schweizerkonsul in São Paulo und der Munizipalbehörde in Indaiatuba, beim Diözesanbischof D. João Nery in Campinas und beim Abt von São Bento, D. Miguel Kruse, in São Paulo sprach man zu verschiedenen Malen vor. Am 30. Januar 1918 brachte endlich der Inspektor Escolar Antonio Morato de Carvalho die Lizenz zur Wiedereröffnung unter Hinweis auf das inzwischen erlassene Gesetz vom 19. Dezember 1917.
Dieses bestimmt, dass die portugiesische Sprache und die brasilianische Geographie und Geschichte von einer brasilianischen Lehrerin gelehrt werden müssten. Der Oberin der Schule wurde drei Monate Zeit gelassen, den Lehrkörper dieser Bestimmung anzupassen und der Schulverein nahm es auf sich, die Kosten für eine Professora Brasileira zu tragen und sich um eine solche umzusehen. Daraufhin nahmen die Lehrschwestern den Unterricht wieder auf und diese peinliche Episode war überwunden.
Nicht lange jedoch dauerte es und eine neue Schwierigkeit tauchte für die Schule auf: das Mutterhaus des Katharinenschwestern in Petropolis kündigte an, dass es die Schwestern infolge Personalmangel zurückziehen müsse. Durch den Krieg war der Nachschub aus Ermland (Deutschland) ausgeblieben und der Orden brauchte seine Mitglieder zu anderen, ihm wichtiger erscheinenden Aufgaben. Don Miguel Kruse, Abt von São Bento, half der Gemeinde über diese unangenehme Situation hinweg, indem er Ersatz aus Sorocaba verschaffte. Die Lehrerinnen bewohnen das ehemals als Pfarrhaus errichtete Gebäude neben der Kirche und der Schulverein bezahlte dafür an den Eigentümer, den Kirchenverein, eine bestimmte Miete. Die Beziehung der Schwestern zum Schulverein und zur Schule sind durch besonderen Anstellungsvertrag geregelt. Die Zahl der Schulkinder schwenkt natürlich und bewegt sich in den letzten Jahren zwischen 40 und 80, wobei zu bemerken ist, dass auch Kinder anderer Nationalitäten von Fall zu Fall aufgenommen werden, wenn deren Eltern in der Kolonie ansässig sind und sich den Statuten des Vereins unterwerfen.
Die Schule lehrt sämtliche Fächer der Volkschule nach den Vorschriften der staatlichen Unterrichtsverwaltung und dazu die deutsche Sprache als Pflichtfach. Ihre Prüfungen hält sie unter Einladung der Munizipalbehörden unter der Leitung des Pfarrers ab, der zugleich Schuldirektor ist und das Lehrpersonal gegenüber den Eltern der Schuljugend vertritt. Gegenüber den Munizip- und Stadtsbehörden fungiert als Delegierter des Schulverein beziehungsweise der Kolonie seit dem allzu frühen Hinscheiden von Anton Ambiels sein bewährter Neffe Constantin Ambiel, der Sohn des ebenfalls zu früh für Familie und Kolonie verstorbenen Ignaz Ambiel. Kaum 18 Jahre alt musste er des Vaters Stelle im Rate und in den Vereinen einnehmen und hat sich stets als energischer und uneigennütziger Mitarbeiter und Förderer der Kolonie gezeigt. Das Vertrauen, das seine Mitbürger schon in jungen Jahren in ihn gesetzt haben, hat er vollauf gerechtfertigt und er zählt mit Fug zur jüngeren Führerschaft von Helvetia. Von 1905 bis 1931 erhielt die Schule jährlich Geldunterstützung, teils von der Munizipalkammer, teils vom Staate São Paulo in Beiträgen zwischen 500 und 1800 Milréis; eine einmalige Beihilfe von 3000 schw. Franken (damals=7:838$000) auch von der Bundesregierung in Bern. Im Ganzen betrugen die Zuwendungen von öffentlicher Hand: 4.5 Contos de Réis vom Munizip Indaiatuba, 28 Contos vom Staate São Paulo und 7.8 Contos vom Mutterlande. Helvetia selbst hat bis heute in Form von freiwilligen Spenden, Vereinsbeiträgen, Schulgeldern, Erträgnissen von Wohlfahrtsfesten u.s.w. die respektable Summe von rund 120 Contos de Réis für Schulzwecke aufgebracht.
Aber nicht nur den Schweizerkindern kommen diese Aufwendungen zu gute, sondern der ganzen Umgebung der Kolonie. Denn die Lehrschwestern tun ein Übriges und halten eine überaus gut besuchte Sonntagsschule, zu der alle übrigen Kinder in und um Helvetia Zutritt haben. Der Schulverein “Nikolaus von Flüe“ stellt hiezu die räume und die Lehrerinnen ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung. Dem Zweck der Schule, “gute Staatsbürger aus den Kindern zu machen“ (“para que os filhos se tornem honrados cidadãos“) wird somit im weitesten sinne von der Schweizer Gemeinschaft gedient. Sie darf sich deshalb mit Stolz zu den besten Bürgerschaften ihrer Wahlheimat Brasilien zählen.
Die kulturellen Verdienste Helvetias um die Bevölkerung am Capivary Mirim haben zu einem guten Teil dazu beigetragen, grosse Wertschätzung bei den Behörden und den Nachbarn zu erringen. Zwei Sitze im Munizipalrate in Indaiatuba werden von Männern aus der Kolonie eingenommen und die deutschsprachige Friedburg (Friburgo) hält sich zur Ehre, beste Beziehungen zur Helvetia zu haben. Die Friedburger, Nachkommen holsteinischer, mecklenburgscher und kantonbernischer Einwanderer der Mitte des vorigen Jahrhunderts, sind gerne Gäste bei den Schul- und Gesellschaftsfeiern in Helvetia. Trotz der Verschiedenheit der Bekenntnisse werden Ehebündnisse zwischen Angehörigen der beiden Kolonien geschlossen und wenn es gilt, sich bei grossen Ausgaben für Kirchen und Schulen gegenseitig zu helfen, so geben die einen wie die andern gerne ihr Scherflein zum gemeinnützigen Zwecke. Ihre völkische Verwandtschaft als allemães halten sie allezeit hoch und auch Landschaft und Siedlungscharakter tragen das ihre dazu bei, der ganzen Gegend zwischen Capivary Mirim und Capivary ein einheitliches Gepräge zu verleihen, dem die kleinen Stammesunterschiede keinen Eintrag tun können.
Auszug aus dem Buch: “Colônia Helvetia, von Dr. Weizinger“