Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/1398

Kollege Remo Geisser von der Sportredaktion hat mir von interessanten Erfahrungen beim SMS-Schreiben berichtet.
Wenn er das Telekommunikationssystem benützt, hat er jeweils die Funktion «Texterkennung» eingeschaltet, die auf einem sogenannt intelligenten Wörterbuch im Mobiltelefon beruht.
Es vervollständigt Wörter, die man zu schreiben beginnt, und spart dem Eiligen auf diese Art oft mehrere Sekunden Zeit. Bisweilen macht es sogar gleich mehrere Vorschläge.
Remo ist nun aufgefallen, dass das Wörterbuch ihm nicht nur sprachlich behilflich ist, sondern ihn auch moralisch bilden will. Wenn er beispielsweise das Wort «Idiot» schreiben will, schlägt es ihm «Idiom» vor. Den umgekehrten Fall gibt es nicht.
Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht. Wenn ich beim Schreiben von «Trottel» bei «Trott» angelangt bin, erscheint «Trottoir»; aus dem Mistkerl wird ein Mister, aus der Nutte ein Nutzer, die Schlampe landet im Schlamm, der Sürmel im Südtirol.
Die Texterkennung schützt mich gewissermassen vor mir selber, wenn ich in Gefahr bin, die Welt mit wilden Beschimpfungen zu überziehen.
Begriffe aus der Fäkalsprache lehnt das Wörterbuch grundsätzlich ab. Die Texterkennung schützt mich also gewissermassen vor mir selber, wenn ich wieder einmal in Gefahr bin, die Welt mit wilden Beschimpfungen zu überziehen.
Es kann mich zwar nicht daran hindern, böse Worte zu schreiben, aber es sagt mir: Wenn du das wirklich willst, dann mach es bitte selber, aber notabene ohne mein Zutun.
Und dabei ist es konsequent. Auch das haben Remo und ich ausprobiert: Wir können Pfui-Wörter so oft verwenden, wie wir wollen; das Wörterbuch nimmt sie nicht in seinen Speicher auf. Andere Begriffe und selbst Eigennamen, die es als unverdächtig ansieht, werden umgehend willkommen geheissen.
Die Texterkennung ist also durchaus ein wirksames Mittel zur Erziehung des Menschengeschlechts. Zu viel des Guten tut es allerdings, wenn es mir bei jeder Gelegenheit ein Emoticon unterzujubeln versucht, also ein Symbol, das meinen Gefühlszustand ausdrücken soll.
Wenn ich etwa den Steuerkommissär oder Zahnarzt um einen Termin bitte, taucht nach der Anrede «Lieber . . .» sofort ein rotes Herz auf. Ich kann die Wörter «Stern», «Blume» und «Kleid» nicht schreiben, ohne dass die entsprechenden Bildchen auftauchen.
Clemens Brentanos Verse «O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!» werden so flugs zum Bilderbuch. Das wäre vielleicht noch eine Marktlücke!
Wenigstens ein bisschen kann man das System allerdings auch überlisten. Es kennt Emoticons zu Tieren, die als Schimpfwörter taugen. Zum Esel, zum Ochsen und zur Ratte fällt ihm zwar nichts ein, wohl aber zum Hund, zum Schwein und zur Schlange – auch wenn da eher herzige Tierchen zu sehen sind.
Das hilft mir indes zu behaupten, ich hätte es doch nett gemeint.