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Vielleicht eines der wichtigsten Werke des singapurischen Kinos ist ein Roadmovie, das nie vollendet wurde. In der Netflix-Dokumentation «Shirkers» erzählt Sandi Tan, die Drehbuchautorin dieses stilbildenden Nicht-Films, wie es dazu kommen konnte.
Die Geschichte von «Shirkers» – so der Name des Films, der keiner war – ist lang, verworren und untrennbar mit der Erfahrung verbunden, im Singapur der Siebziger- und Achtzigerjahre aufgewachsen zu sein. Die Jugend der Regisseurin, Filmkritikerin und Autorin Sandi Tan war geprägt von einem übermächtigen Staat, in dem Konformität und gutbürgerliche Sittsamkeit oberstes Gebot waren: Kaugummikauen wurde verboten, während offizielle Kampagnen die Menschen zum häufigen Lächeln aufforderte. Tan und ihre beste Freundin Jasmine Ng rebellierten auf ihre Weise: Bereits als 15-Jährige wurden sie in die exklusive Underground-Szene des Stadtstaates aufgenommen und schufen sich ein Netzwerk von Bekannten im In- und Verwandten im Ausland, um an ihre geliebten Smiths-Alben und Jarmusch-Filme in die Finger heranzukommen.
Kein Wunder, waren die beiden, zusammen mit Sophie Siddique, an vorderster Front dabei, als der mysteriöse Amerikaner Georges Cardona Ende der Achtzigerjahre den wohl ersten Filmkurs Singapurs organisierte. Die drei jungen Frauen freundeten sich mit dem mehr als doppelt so alten Cinephilen an und drehten schliesslich, im Sommer 1992, «Shirkers» – einen atmosphärischen Kunstfilm über eine Serienmörderin; ein Roadmovie in einem Land, das mit dem Auto in 40 Minuten durchquert ist. Doch nach dem Ende der Dreharbeiten machte sich Cardona mit dem ganzen Material aus dem Staub.
In ihrer Dokumentation stellt sich Tan dem Scherbenhaufen, den sowohl ihr windiger Mentor als auch sie selbst vor einem Vierteljahrhundert hinterliessen: Er riss sich den wohl ersten singapurischen Independentfilm unter den Nagel – ein Werk, das gut und gerne hätte Kult werden können – und versetzte der überbordenden Kreativität seiner drei Kolleginnen so einen herben Dämpfer. Tan wiederum verfolgte während des Drehs obsessiv die Vision ihres «Shirkers»-Drehbuchs, was ihre Freundschaft zu Ng und Siddique gefährdete, und wurde in den Jahren danach hilflos Zeugin, wie Filme wie «Rushmore» (1998) oder «Ghost World» (2001) Motive anschlugen, die ihr Projekt vorweggenommen hatte – oder eben hätte.
Mitunter besteht die Gefahr, dass «Shirkers» ein wenig zu stark in die Legendenbildung abdriftet, doch insgesamt findet hier keine Selbstbeweihräucherung, kein in sich gekehrtes Filmen im Konjunktiv statt. Vielmehr ist es ein Versuch, mit der eigenen Geschichte fertig zu werden. Tan arbeitet auf, kontextualisiert, denkt über die rasante Entwicklung ihres Heimatlandes nach, diskutiert mit Ng und Siddique über die Fehler, die 1992 gemacht wurden – und unterlegt das Ganze mit privaten Videoaufnahmen von damals sowie mit dem tonspurlosen, und somit unbrauchbaren, «Shirkers»-Rohmaterial, das nach Cardonas Tod zu ihr zurückkehrte.
«Ein faszinierender, vielschichtiger und tief berührender Film über das Kino, über Kunst, über Machtverhältnisse, über geplatzte und verwirklichte Träume, über das Erwachsenwerden, über Singapur.»
«Shirkers» ist ein faszinierender, vielschichtiger und mitunter auch tief berührender Film über das Kino, über Kunst, über Machtverhältnisse – zwischen Männern und Frauen, zwischen dem Westen und dem Rest der Welt –, über geplatzte und verwirklichte Träume, über das Erwachsenwerden, über Singapur. Und obwohl Tan ihr Publikum mit einem Gefühl der Wehmut darüber hinterlässt, den originalen «Shirkers» niemals sehen zu können, ist diese Version mehr als nur eine dokumentarische Ersatzhandlung: Sie mahnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ohne in ihr zu leben.
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Netflix-Start Deutschschweiz: 26.10.2018
Filmfakten: «Shirkers» / Regie: Sandi Tan / Mit: Sandi Tan, Jasmine Ng, Sophie Siddique / Singapur / 96 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Netflix
Sandi Tan legt sowohl eine spannende Geschichte auf den Spuren von «Searching for Sugar Man» als auch eine berührende Ode an die Kreativität der singapurischen Künstlerszene vor.