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Manchmal tragen sich solche Szenen auch im wahren Leben zu. In der «amerikanischen Allerweltsstadt» Denton, Texas entstaubte Livingston einen alten Computer mit Logic-Programm, brachte sich selbst das Produzieren bei und feilte, gerade einmal 14-jährig, an seiner Stimme. Tatsächlich tat er mehr als das. Er verbrachte die darauffolgenden zwei Jahre damit, einen Kanal zu erschaffen, um all seine Gefühle der Einsamkeit, Isolation und Unzulänglichkeit in Songs zu verwandeln. In der Summe ergeben sie die Debüt-EP «Lighthouse» des 17-Jährigen.
«Als ich lernte, wie man Musik macht, hatte ich das Gefühl, endlich etwas tun zu können, wozu ich zuvor nie in die Fähigkeit besessen hatte: eine Verbindung zu anderen aufzunehmen und ein Gefühl in ihnen auszulösen», gesteht er. «Ich war in der Lage, aus Erfahrungen in meinem Leben zu schöpfen und sie zu etwas Bedeutsamem für eine andere Person zu machen. Zum ersten Mal begriff ich die Gründe dafür, wieso ich nicht dazugehörte. Ich fand einen Weg für Altersgenossen, die mich nicht verstanden hatten, mich nun zu verstehen.»
Vor dieser schicksalhaften Erkenntnis lebt Livingston «in einer Welt der Filme und Videogames», wie er unumwunden zugibt. Er vertiefte sich in Halo, Far Cry, The Chronicles of Narnia und Star Wars. Als ältestes von drei Geschwistern kam sein erster Kontakt zur Musik zustande, als er sich in der Schule an der Posaune versuchte. Trotz der grenzenlosen Unterstützung seiner Eltern fühlte er sich nicht zugehörig und wurde gehänselt. «Es gab mir das Gefühl, nicht zu genügen, zugleich wollte ich mir dadurch umso mehr selbst beweisen, mehr sein zu können als das, was die Leute von mir erwarteten.» Mit zwölf Jahren begann er sich Ausdruck zu verschaffen, indem er die Kamera seines Vaters zur Hand nahm und Hochzeitsvideos drehte – er baute damit sogar ein kleines Geschäft auf. Ein Jahr später entdeckte er Macklemore & Ryan Lewis, Jon Bellion und Drake und erkannte in der Musik eine leere Leinwand.
«Ich habe mich so tief in meine Lieblingskünstler versenkt, dass ich dachte, es auch selbst tun zu können. Musik war das unbeschriebenste Blatt. Es war das perfekte Medium, um tatsächlich eine Geschichte zu erzählen. Meine Mutter hatte Logic auf ihrem alten Computer, also beschloss ich, es einfach mal zu probieren.» Eines Tages, als seine Familie gerade aus dem Haus war, sang er aus voller Kehle zu Kanye Wests «Ultralight Beam» und schärfte anschliessend seinen Gesang weiter. Etwa zur selben Zeit verliebte er sich zum ersten Mal, doch es war eine kurzlebige Geschichte. Familiäre Schwierigkeiten führten dazu, dass sie nur miteinander kommunizieren konnten, indem sie in Codes verpackte Sätze auf Spotify-Playlisten austauschten.
«Es riss mir das Herz heraus», seufzt er. «Sie war mein einziger Freund. Es war ein schwerer Schlag, dass die Person, der ich mich offenbaren konnte, aus meinem Leben gerissen wurde. Wir sahen uns ein Jahr lang nicht. Von da an hiess es: Bootcamp fürs Songwriting. Es zeigte mir, dass es möglich ist, meine Gefühle in meine Songs zu übertragen.» Das restliche Jahr über goss er all diese Emotionen in Musik. Vom Schreiben und Produzieren bis zur Technik und dem Aufnehmen übernahm er jede Komponente selbst und widmete in seinem Zimmer jede freie Minute der Musik. Ein frühes Demo fand 2019 seinen Weg zu Elektra, die ihn unter Vertrag nahmen. Über die Arbeit an dem, was am Ende Lighthouse werden sollte, fand er zu einem unverwechselbaren Stil.
«Ich würde es orchestralen cineastischen Pop nennen», sagt er. «So sehr ich Rap und Pop liebe, liebe ich Komponisten wie Hans Zimmer und Randy Newman. Ich vermische alles miteinander.» Diese Kreuzung ist deutlich auf der ersten Single «Fairytale» zu hören. Unter dem Strich macht Lighthouse deutlich: Livingstons Superkräfte beginnen gerade, sich zu entfalten. «Musik ist der einzige Weg für mich, wirkungsvoll zu kommunizieren, was mir im Leben widerfahren ist», schliesst er. «Ich hoffe, Menschen in einer ähnlichen Situation können sich mit diesen Songs identifizieren. Ich bin ein Kleinstadt-Kid, das sich mit denselben alltäglichen Problemen auseinandersetzt wie jeder andere Jugendliche. Doch ich möchte darüber sprechen, und genau das tue ich.»
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