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Helga ist eben erst auf die Welt gekommen, ihre Zukunft ungewiss. Ihre Mutter hat bereits drei Kinder, ist geschieden, der Ex-Mann unterstützt sie finanziell nicht. Helga ist aus einer Affäre mit einem verheirateten Mann hervorgegangen. Und ihre Mutter weiss nicht, wie sie ein weiteres Kind allein durchbringen soll. Als sie Helga am 6. Oktober 1958 im Kantonsspital St. Gallen zur Welt bringt, hätte sie das Baby nach der Geburt eigentlich nicht ehen dürfen. So lautet die Abmachung mit der Adoptivkindervermittlung. Doch die Mutter will das Baby unbedingt nochmals in die Arme schliessen.
Sie bekommt eine Bedenkfrist, während dieser Zeit ist Helga in einem Kinderheim. Schliesslich ringt sie sich zur Adoption durch und schreibt den Behörden: «Da es für mich ein schwerer Entschluss ist, lege ich Ihnen die gute Wahl der künftigen Eltern von Helga besonders ans Herz.» Schon bald schlägt die Vermittlungsstelle eine Familie Giacometti in Lugano als Adoptiveltern vor: «Wir glauben, dass das dunkelhaarige, rassige Meiteli sehr gut ins Tessin passen würde.» Helga ist zu diesem Zeitpunkt vier Wochen alt.
Eine neue Identität mit einem Monat
So wird aus Helga Oertli Regula Giacometti. Ihre Eltern, Luciano und Hedwig Giacometti, erzählen ihr schon als kleines Mädchen, dass sie adoptiert worden ist. Über die Umstände und ihre biologischen Eltern weiss sie nichts. Lange ist das für Regula auch kein Thema, sie will bloss die Tochter von Mami und Papi sein.
In ihrem eben erschienenen Buch «Das Seitensprungkind» erzählt Regula Giacometti-Brühwiler, wie sie sich als erwachsene Frau dann doch auf die Suche nach den fehlenden Puzzlestücken ihrer Geschichte gemacht hat. Die Frage «Was habe ich meinem Kind eigentlich vererbt?» liess sie nicht mehr los, nachdem sie selbst Mutter geworden war. Als sie, damals 30 Jahre alt, zusammen mit ihrem Mann Thomas Brühwiler und dem gemeinsamen Sohn André den Kinderzoo in Rapperswil SG besuchte, erzählte sie ihm, dass die Adoptionsbehörde damals genau hier über ihr Schicksal befunden hatte. Ihr Mann, dann noch Polizist, schlug vor, spontan bei der Adoptionsvermittlungsstelle vorbeizuschauen. Sie klingelten.
Ein erster Blick in die Vergangenheit
Eine ältere Dame war über ihren Besuch nicht erfreut, erklärte sich aber bereit, Regula Brühwiler-Giacometti ihr Dossier kurz vorzulegen. Aus dem schmalen Dossier erfuhr sie, dass ihre leibliche Mutter sie nicht mehr zur Adoption freigeben wollte, als sie die Kleine in den Händen hielt. Sie las auch den Namen ihrer leiblichen Mutter. Die Sozialarbeiterin ermahnte sie, auf keinen Fall in Eigenregie nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen und bot sich als Vermittlerin an.
Noch bevor sie sich dazu durchringen konnte, den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter zu suchen, lag ein Brief von ihr in der Post. Die Sozialarbeiterin hatte eigenmächtig gehandelt. Regula Brühwiler-Giacometti war fassungslos, wütend, verwirrt. Bald siegte jedoch die Neugier, und Monate später, am 5. Februar 1989, trafen sich die beiden Frauen erstmals.
«Es war keine Begegnung à la ‹Happy Day›, es war das Treffen zweier fremder Personen», schreibt Brühwiler-Giacometti. Nach dem ersten Small Talk spazierten sie die Zürcher Uferpromenade entlang, stellten einander Fragen. Brühwiler-Giacometti erfuhr vom harten Leben ihrer biologischen Mutter, erkannte in der Krümmung ihrer Nase ihr eigenes Profil. Sie erzählte ihr im Gegenzug, wie sie in Lugano aufgewachsen war, Telefonistin bei der damaligen PTT wurde, für einen amerikanischen Broker arbeitete und schliesslich der Liebe wegen nach Aarau zog, wo sie einen Job als Chefsekretärin bei der Fremdenpolizei fand. Über ihren biologischen Vater erfuhr sie nichts.
Für eine Beziehung war es zu spät
Sie trafen sich noch ein letztes Mal. Für Brühwiler-Giacometti fehlte die Basis für eine Beziehung. Auch mochte sie die Kraft für eine weitere komplizierte Beziehung nicht aufbringen. Ihr Mami war depressiv und medikamentensüchtig, ihr Bruder (der leibliche Sohn ihrer Adoptiveltern) psychisch krank und drogenabhängig.
Ihre liebste Bezugsperson war ihr Vater, Luciano Giacometti. Sie beschreibt den Coucousin des bekannten Künstlers Alberto Giacometti als äusserst warmherzigen Menschen. Luciano stand Alberto Giacometti sehr nahe, und so wuchs Regula Giacometti inmitten der Werke der Künstlerfamilie auf. In einem Kurs hat sie gar eine Replika seiner bekannten Figur «L’homme qui marche» selbst gefertigt. Kamen Freunde auf die Künstlerfamilie zu sprechen, war ihr dabei aber immer unwohl. «Ich hatte dauernd das Gefühl, sie hinters Licht zu führen und eigentlich zweitklassig zu sein.» Denn von ihrer Adoption wussten nur ihr Mann, ihre Schwiegereltern, ihr Sohn und einige enge Freunde. Ein Geheimnis, das sie über die Jahre immer mehr belastete.
Seit sie erstmals über ihre Herkunft recherchiert hatte, las sie viel über Adoption. Sie war sich sicher, dass ihre vielen Krankheiten und Ängste als Mädchen auf frühkindliche Traumata zurückzuführen waren. Als ihr Mami vor vier Jahren an einem Krebsleiden starb, entschloss sie sich, die Geschichten ihrer Adoptiveltern aufzuschreiben. Das Buch sollte eine Chronik der Giacomettis werden.
Das Buch war ein Befreiungsschlag
Doch erst als sie den Mut fand, ihre eigene Geschichte zu schreiben, kam Leben ins Projekt. «Es war ein Befreiungsschlag», sagt sie. 27 Jahre nach ihrer ersten Recherche 1988 suchte sie erneut die Adoptionsvermittlungsstelle auf. Mittlerweile galt nicht mehr das volle Adoptionsgeheimnis (siehe Box unten). Sie hatte jetzt Zugriff auf ein stattliches Dossier und durfte sämtliche Unterlagen zu ihrer Adoption kopieren.
Vor allem die Briefe, die ihr Mami, das sie immer als kühl erlebte, an die Adoptionsstelle schrieb, berührten sie sehr. «Sie können sich kaum vorstellen, welche Freude wir an Regula haben. Sie ist ein liebes, fröhliches Meiteli und entwickelt sich sehr gut», las sie. Die Einsicht in alle Unterlagen gab ihr aber auch zu denken. Ihr wurde bewusst, wie banal Adoptionsverfahren in den 50er-Jahren abliefen. Da sie heute bei einer Gerichtskanzlei arbeitet, der die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) angegliedert ist, wollte sie in ihrem Buch ebenfalls aufzeigen, wie professionell die KESB arbeitet.
Ihr Buch hat ihr geholfen, mit der Vergangenheit Frieden zu schliessen. Und sie hofft, damit anderen Adoptierten zu helfen. Für sie ist die Suche aber noch nicht abgeschlossen: Ihr biologischer Vater bleibt ein Fragezeichen. Regula Brühwiler-Giacometti sucht weiter nach dem letzten Puzzlestück.
«Seitensprungkind», Regula Brühwiler-Giacometti, bei www.exlibris.ch für Fr. 23.90