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Nachruf in cinebulletin, Oktober 2003
Annelies Ursin
Ein langes, reich-bewegtes Leben; aber wer war sie nun? Experimentelle Filmerin? Assoziativer Freigeist? Einfallsreicher Paradiesvogel unter filmisch-ernsten Handwerkerinnen? Bei männlichen Kollegen oft verkannt, zu dominant und frauenbewegt?
Herkunft mit Mentalität die russische Seele des Vaters und die südösterreichische Leichtigkeit des Seins der Mutter, Temperament und die Mixtur von Begabungen der Eltern sind von Bedeutung. Gregor Rabinovitch war ein exzellenter Radierer und schuf sich mit Portraits, sozialkritischen Mappenwerken und spitzen politischen Karikaturen im
»Nebelspalter« vor allen Dingen während des Naziregimes einen unvergessenen Namen. Mutter Steffi war ebenfalls studierte Malerin und schrieb für Zeitungen. Natürlich gehört zum Ererbten auch Widerstand und Eigenständigkeit samt Lust und Kraft, sich abzusetzen, durchzusetzen, manchmal auch ohne Rücksicht, andere und sich selbst verletzend einen Weg zu gehen. Die in der Schweiz wegen geschlossener Grenzen 1914 festgehaltenen Künstler-Eltern mit ihren Alltagssorgen, aber auch Förderung von Isas früh erkannten Begabungen,
– Zeichnen und Gedichte schärften ihren Blick und ihr trotzdem spielerisches Herangehen an Aufgaben.
Nach kurzen Ausbildungszeiten in der Kunstgewerbeschule Zürich, bei Orell Füssli und in Wien kam sie 1938 verfrüht durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Schweiz zurück. Isas zeichnerische Begabung und ihr Schreibtalent führten sie bald zur freien Mitarbeit bei Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen und sie erwarb sich einen speziellen Ruf mit ihren spielerisch-humorvollen Karikaturen. Eigentlich ein Traumjob den sie auch nach der Heirat mit Heiner Hesse 1941 und der Geburt der Kinder ausübte, um zum Lebensunterhalt beizutragen. In der Folge kamen gleich nach dem Krieg Aufträge für Reportagen nach Wien, Prag, die sie selbst illustrierte. 1947 setzte sie sich im Sog der rumorenden Bewegung mit einem 1. Flugblatt für das Frauenstimmrecht ein, das vor allem Iris von Roten, eine ihrer Freundinnen aus Kinder und Jugendzeiten mittrug, deren 1958 erschienenes Buch »Frauen im Laufgitter« einen veritablen Skandal auslöste.
Isa war keine Frauenrechtlerin, sie arbeitete aus »Spass an der Sache« und wenn ihr etwas glückte, beflügelte sie das. Die Reportagen für die Swissair-Gazette sollen in den 60er Jahren mit Fotografien illustriert werden, folglich bringt sie sich das autodidaktisch bei und hat sofort Erfolg mit ihrem zeichnerisch-fotografischem Können und ihrem sicheren Blick. Diese Jahre sind auch von Brüchen und Lebenseinschnitten geprägt: der Tod ihres Vaters 1958, des Schwiegervaters Hermann Hesse 1962, 1966 ihrer Mutter Steffi. Isa macht ihre ersten erfolgreichen Fotoausstellungen und beginnt mit einer 16mm-Kamera 1969 ihre ersten »experimentellen« Kurzfilme und entrinnt damit der fotografischen Statik mit Bewegung! »Spiegelei«- von Guy Maget vertonte, abstrakt verzerrte Wasserspiegelungen, organisch wie ein dauernd sich veränderndes Hundertwasser-Bild. Anders wiederum »Monumento Moritat« über Denkmäler, Friedhofstatuen, mit einer Venus, die letzten Endes um Kopf und Arme gebracht ist und begleitet wird von Isas pointierten sprachspielerischen Texten. »Der rote Blau« mit Roy Bosier: »Warum muss ein Film eine Handlung haben? Warum darf nicht mit Bildern, Tönen, Gedanken und Gefühlen gespielt werden?« sagt und schreibt sie die zarte, aber zähe Frau, die nichts von (Film)-Theorien hielt, sondern ihren Intuitionen folgte, treffsicher wie ihre Karikaturen. Schon ihre Reportagen evozierten Text-Bilder und ihre Sehweisen waren durch die künstlerische Aus-Bildung oft geniale Würfe, die man sich so nicht theoretisch aneignen konnte, indem man Konstruktionselemente definiert, um etwas auszudrücken. Vielleicht war das das weibliche Element mit einer Portion Unberechenbarkeit, das zu viel Lob und auch Tadel und Verkennung führte.
Immerhin findet sie sich mit ihren teilweise poetisch-surrealen, ironischen und symbolistischen Kurzfilmen als »Quereinsteigerin« in einer Reihe mit den Schweizer Filmpionierinnen Reni Mertens und Jacqueline Veuve, die eigenständig für Regie und Kamera verantwortlich zeichnen und sich speziellen Themen widmen. Sie eröffnet mit »Spiegelei« 1972 das 1. internationale Frauenfilmfestival in New York, 2 Jahre später in Paris mit »Der rote Blau« und 1975 das 1.Filmfestival in der Schweiz, das sich ausschliesslich den Regie Frauen widmet.
Die Jahre 1970 bis 1980 gehören zu den bewegtesten Jahren im Leben von Isa: sie drehte eine Menge Kurzfilme, erarbeitete 12 Frauen-Portraits für das Fernsehen, engagiert sich für die Jung-FilmerInnen, macht unzählige Reisen in bekannte und unbekannte Welten und zeigt ihre Filme an Festivals.
Sie schien alterlos, blieb ihrer Art treu, lag quer mit Themen und Verwirklichung ihrer nonkonformistischen Filmästhetik, Schwerelosigkeit, »die schillernd wie eine Libelle über dem steinigen Boden flog« (Fredi M. Murer). Natürlich kam sie so auch kaum in den Genuss von öffentlichen Geld- und und Fördermitteln. Zwar wurden ihre Phantasie und ihre ungewöhnlichen Ansätze auch preisgekrönt, aber mit Ungewöhnlichkeit erreicht man nur Kenner und nicht dieS, die mit einer Latte Länge mal Breite mal Höhe messen. Isa war kein Schachtelmensch und passte in keine Norm-Schublade.
Bereits ca. 1982 entdeckt sie für sich den Video-Film. Davon war Isa als neues, handliches Ausdrucksmittel samt der Möglichkeit für Experimente zusätzlich fasziniert, aber auch als Film-Tagebuch mit grossem technischen Potential.
Ihre langen Filme drehte sie relativ spät in den 80er Jahren: »Schlangenzauber«, der auf verschiedenen Ebenen mit der Schlangensymbolik zu tun hat. Die Fakten des Selbstmords oder Mordes der Schlangentänzerin Rosita Rayas verbindet sie mit der mythischen Rolle der Schlange und schliesslich mit dem trockenen Humor einer Moritat als gelungene Mixtur von Magie und Realität. Zeitlich vorher:
»Sirenen-Eiland« in einer eigenwillige Montage von Grossstadt-Unterwelt agieren einsame Frauen, wird die Sehnsucht nach Liebe und Natürlichkeit besungen und deren Verlust beklagt; ein Film, der sich wegen seiner offenen Strukturen schwer erschliesst, aber zum Frauen-Kultfilm avancierte. »Geister & Gäste in memoriam Grand Hotel Brissago« schliesslich ist ein Höhepunkt in ihrem Schaffen, in dem sie ein faszinierendes Netzwerk von Wirklichkeit und Fiktion beschwört, das uns Zeitgeschichte, Vergänglichkeit und Imaginäres beeindruckend nahebringt; mit Recht wurde das Werk mit dem Max Ophüls-Preis ausgezeichnet.
Isas herausragende Eigenschaft im Leben wie im Film war ihr Zugehen auf Andere, ihre Fähigkeit zur Kommunikation und alles mit allem zu verbinden. Dabei blieb sie immer eigenwillig, selbstbestimmt, und verfolgte mit jungem Charme, Können, Ideen und künstlerische Ziele bis ins hohe Alter.
1998 veröffentlicht sie in im aufwendigen Bildband Das schöne Spiel Film mit vielen Text- und Bildmontagen ihr bildnerisches Vermächtnis. Nachher wird es relativ still um sie. Gedächtnis und körperliche Kräfte lassen nach. Eine Karte fällt aus meinem »Isa-Archiv«: ein Wald und darin ihr Gesicht und der Text: viel Vergnügen, herzliche Leihgabe von Isa. Am 14.August hat sie uns leise verlassen.
Annelies Ursin
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