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Klima und Lebensgewohnheiten bestimmen Sensibilisierungsmuster
Mithilfe eines in Wien entwickelten Screenings wurde erstmals ein umfassender europäischer Allergie-Atlas erstellt. Studienleiter Prof. Dr. Rudolf Valenta erklärte uns, warum die Sensibilisierungsmuster in verschiedenen Regionen Europas so unterschiedlich sind, und wie eine «smarte» Allergieprophylaxe aussehen könnte.
- Medical Tribune: Warum gibt es weniger Sensibilisierungen in heissen, trockenen Regionen?
- Warum spielen Wespen- und Insektenallergien in südlichen Regionen nur eine geringe Rolle?
- Wie sieht es mit der geografischen Verteilung von Lebensmittelallergien aus?
- Was kann man also tun? Es ist doch unrealistisch zu sagen: Esst keine Früchte mehr …
- Welche Schlüsse lassen sich aus ihren Ergebnissen für die klinische Praxis ziehen, und inwiefern können auch therapeutische Ansätze daraus abgeleitet werden?
- Ist es denkbar, dieses Testsystem, das in der Studie zur Anwendung kam, in Zukunft auch im klinischen Alltag einzusetzen? Das wäre ja ein unglaublich wertvolles Screening-Tool, wenn man auf einen Schlag 176 potenzielle Allergenmoleküle abklären könnte …
Die Studie wurde unter der Leitung der MedUni Wien in Kooperation mit dem Karolinska-Institut in Stockholm und der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems durchgeführt und Ende Februar 2023 im Top-Journal «Allergy» publiziert (1). Untersucht wurden die IgE-Sensibilisierungsmuster bei neun verschiedenen bevölkerungsbasierten Kohorten aus unterschiedlichen geografischen Regionen in Nord-, West-, Mittel- und Südeuropa. Insgesamt umfassten die in der Studie analysierten Kohorten Blutproben von 2.855 Kindern im Alter von ein bis 16 Jahren, sodass nicht nur die Anzahl und Art, sondern auch die Entwicklung von IgE-Sensibilisierungen von der frühen Kindheit bis zur Adoleszenz erfasst werden konnten. Über die wichtigsten Ergebnisse sprachen wir mit Studienleiter Prof. Dr. Rudolf Valenta.
Medical Tribune: Warum gibt es weniger Sensibilisierungen in heissen, trockenen Regionen?
Prof. Dr. Rudolf Valenta: Einerseits kommt es aufgrund des heissen, trockenen Klimas zu weniger Pollinosen. Vergleicht man zum Beispiel zwei Regionen in Spanien, von denen die eine sehr heiss und trocken ist, die andere aber ein moderates Klima hat, sieht man, dass in der heissen Region mehr als 50 Prozent weniger Kinder sensibilisiert sind. In Wahrheit könnte man so weit gehen zu sagen: Durch den Klimawandel kommt es zunehmend zur Versteppung, Allergien werden drastisch weniger werden. Auch Hausstaubmilben brauchen eine gewisse Feuchtigkeit, um sich gut zu entwickeln. Dass es weniger Tierhaarallergien in südlichen Regionen gibt, kann man damit erklären, dass die Tiere dort meistens draussen sind, während sie in nördlichen Regionen eher im Haus gehalten werden.
Warum spielen Wespen- und Insektenallergien in südlichen Regionen nur eine geringe Rolle?
Das könnte daran liegen, dass Kinder in südlichen Ländern lieber drinnen bleiben, wenn es draussen sehr heiss ist, und folglich weniger gestochen werden.
Wie sieht es mit der geografischen Verteilung von Lebensmittelallergien aus?
Auch hier gilt: Alle Allergene, denen man vermehrt ausgesetzt ist, können Allergien hervorrufen. Das nennt man Exposom. Interessant ist zum Beispiel, dass Erdnussallergien, die bei Kindern häufig lebensbedrohliche Zustände auslösen, nur in bestimmten Ländern eine Rolle spielen – nämlich dort, wo viele Erdnussprodukte wie zum Beispiel Erdnussbutter konsumiert werden, etwa in Schweden oder Grossbritannien. In südlichen Ländern treten hingegen verstärkt Früchteallergien auf, zum Beispiel auf Pfirsiche. Das heisst, die Ernährungsgewohnheiten spielen eine grosse Rolle in Hinblick darauf, worauf die Kinder allergisch werden.
Was kann man also tun? Es ist doch unrealistisch zu sagen: Esst keine Früchte mehr …
Ja, das stimmt. Aber man könnte schon sagen: Wir kaufen keine Erdnussbutter, wenn es gute Butter von der Alm gibt. Oder wir nehmen uns kein Haustier, wenn das Kind bereits sensibilisiert ist. Andere Faktoren kann man wiederum relativ schlecht beeinflussen, etwa was draussen wächst. Aber selbst in diesem Punkt gehen die Überlegungen so weit, dass der Mensch seine Umgebung im Prinzip verändern kann. Das konnte in einer Studie in Usbekistan gezeigt werden: In Taschkent wurde die ganze Stadt neu bepflanzt. Innerhalb einer Generation hat sich das Sensibilisierungsmuster gewandelt.
Welche Schlüsse lassen sich aus ihren Ergebnissen für die klinische Praxis ziehen, und inwiefern können auch therapeutische Ansätze daraus abgeleitet werden?
Wichtig ist zu wissen, dass man Sensibilisierungsmuster bereits in Labortests finden kann, wenn noch gar keine Symptome vorhanden sind. Das heisst, man kann bei Risikokindern sehr wohl Massnahmen setzen, etwa eine Diät einführen, oder schon sehr früh eine allergenspezifische Immuntherapie anfangen. So lassen sich schwere Symptome verhindern. Die PAT-Studie hat bereits vor etwa 20 Jahren gezeigt: Wenn man Kinder mit geringen allergischen Symptomen rechtzeitig mit einer spezifischen Immuntherapie behandelt, dann entwickeln sie kein Asthma. Eigentlich lässt sich einiges in der klinischen Praxis umsetzen!
Ist es denkbar, dieses Testsystem, das in der Studie zur Anwendung kam, in Zukunft auch im klinischen Alltag einzusetzen? Das wäre ja ein unglaublich wertvolles Screening-Tool, wenn man auf einen Schlag 176 potenzielle Allergenmoleküle abklären könnte …
Leider ist der Test in dieser Form und in dieser Qualität für die tägliche Praxis nicht erschwinglich. Auch hier gibt es leider eine traurige Entwicklung – ähnlich wie bei Antibiotika und anderen Medikamenten, die uns derzeit ausgehen. Das ist der Grund, warum wir versuchen, diesen Test selbst weiterzuentwickeln. Aber wir sind «nur» eine Forschungsabteilung, und wir haben nicht die Möglichkeiten, uns um Zertifizierung und Vertrieb zu kümmern. Aber mir ist völlig klar: Wenn dieser Test in guter Qualität erschwinglich wäre, würde er alles andere wegblasen.
Die Studie zum europäischen Allergie-Atlas
Für die Studie (1) entwickelte das Forschungsteam um Prof. Dr. Rudolf Valenta vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien in Kooperation mit dem Karolinska-Institut in Stockholm einen Allergen-Microarray-Test, der 176 Allergenmoleküle abdeckt und sich hinsichtlich Umfang und Sensitivität den bisher verfügbaren diagnostischen Test als überlegen erwies. Die Studie liefert erstmals einen umfassenden Atlas der molekularen IgE-Sensibilisierungsraten und -muster der Bevölkerung aus verschiedenen Regionen Europas. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- Am weitesten verbreitet war die Sensibilisierung gegen das häufigste Gräserpollenallergen (Phl p 1) und das Hauptallergen der Katze (Fel d 1).
- Die Empfindlichkeit gegenüber Hausstaubmilbenallergenen (Der p 1, 2 und 23) variiert je nach Region stark und ist im Norden am geringsten.
- Sensibilisierungen gegen Erdnussallergene kommen nur in einigen wenigen Regionen vor.
- Fruchtallergene (Pru p 3, Act d 1 und 2) stehen in Süd- und Mitteleuropa im Vordergrund.
- Wespen- und andere Insektenallergene stellen in Nord-, West- und Mitteleuropa die vorherrschenden Allergenmoleküle dar, nicht jedoch in Südeuropa.
- Kiewiet MBG et al. A molecular sensitization map of European children reveals exposome- and climate-dependent sensitization profiles. Allergy. 2023 Feb 23. doi: 10.1111/all.15689. Epub ahead of print. PMID: 36815272.
Presseinformation der MedUni Wien, 9. März 2023