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Vorlesung Ältere Kunstgeschichte: Ähnlichkeit und Mensch im Spätmittelalter. Eine Revision des Porträts.
Mittwoch, 22.03.2023
Die sagenhafte Entstehung der Bildgattung des Bildnisses ist verblüffend. Eine der Überlieferungen besagt, die Tochter des korinthischen Töpfers Butades habe in der griechischen Antike den von einer Kerze an die Wand geworfenen Umriss ihres Geliebten nachgezeichnet, bevor dieser in die Ferne aufbrach, und so das erste Bildnis erschaffen. Viel hat diese Silhouette nicht mehr mit den uns geläufigen Bildnissen zu tun. Doch eines ist beiden gemeinsam: Das Bildnis macht die abwesende Person in gewissem Sinne präsent, holt sie aus der weiten Ferne vor unser Auge. Denken wir an frühe Bildnisse, so sind diese meist mit Künstlerpersönlichkeiten des 15. Jahrhunderts wie Leonardo da Vinci, Antonello da Messina verbunden oder stammen aus dem Umkreis der Brüder van Eyck. Doch was war eigentlich vorher? Taucht das Porträt wirklich ganz unverhofft gegen Anfang des 15. Jahrhunderts auf, ohne jegliche Vorstufen, ohne jegliche Vorbereitungsphase? Gerade die Lebensnähe der Porträts des 15. Jahrhunderts lässt umso mehr die Frage aufkommen, woraus sie sich entwickelt haben und wie Bildnisse in früheren Zeiten aussahen. Wann wurden eigentlich ähnliche Bildnisse erstmals angefertigt? Spiegelten die ersten Bildnisse den Charakter, also das Temperament oder „Seelenleben“ der Dargestellten aus, wie Leonardo es mit seinen Porträts erreichen wollte? Die Frage erscheint umso berechtigter, wenn man die inhaltliche Definition des Begriffs „Porträt“ und „Bildnis“ genauer unter die Lupe nimmt. Was verstehen wir unter einem „Porträt“ oder „Bildnis“? Ist es das Gemüt, das vermittelt werden soll, oder die physische Ähnlichkeit, die den Vergleich mit den Gezeigten erlauben muss, oder gar beides? Wenn wir also nicht einmal eine konkrete Definition des „Porträts“ haben, dann müssen wir auch offen sein für neue, wenig bekannte Arten von Bildern, und es rücken andere Formen von Personendarstellungen in unseren Gesichtskreis, die mit den Tafelgemälden der oben genannten Künstler wenig gemeinsam haben. Das Augenmerk richtet sich dabei auf die Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert und somit auf die Entstehungszeit der ersten naturalistischen Darstellungen des Menschen nach der Antike. Die Ähnlichkeit, ja Wiedererkennbarkeit des Einzelnen spielt bei diesen frühen Bildern eine bedeutende Rolle. Es ist die Zeit der Scholastik und des Humanismus, die in gewissem Sinne das Bindeglied zwischen alten und neuen Auffassungen hinsichtlich der Menschendarstellung bilden. Vor allem in der Grabmalkunst Italiens, Frankreichs und Englands macht sich der Wille breit, ein Individuum in seinem charakteristischen Äußeren abzubilden. In der Malerei wird diese Strömung zunächst in außergewöhnlichen Stifterbildern umgesetzt. Bald danach erreicht das Bildnis breite Gesellschaftsschichten und macht Karriere als eine der eindrucksvollsten Bildgattungen überhaupt. Der Wille zur Ähnlichkeit des Dargestellten ist dabei allen diesen Produktionen gemeinsam. Schon die etymologische Wurzel des französischen Wortes „portrait“ zeigt an, dass gegen Ende des 12. Jh. ein besonderer Drang zum Festhalten der äußeren Züge einzelner Personen auftaucht und in der Folge verstärkt wird. In einem neuen Blick auf die Anfangszeit des Porträts zeigt sich, dass die Bildnisse des 15. Jahrhunderts nur die Fortführung einer Idee waren, die schon lange vorher aufgekommen war und für die im Übrigen nicht nur die Gesichtszüge, sondern die Nachahmung des gesamten Körpers von Bedeutung war.
|Dozierende(r):||PD Dr. Dominic Olariu|
|22.03.2023:||14:15 - 15:45|
|Ort:||2. Etage, 201

Hauptgebäude
Hochschulstrasse 4
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