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Das letzte mal in Afrika? Das letzte mal Reisen? - August 2013
In zwei Jahren hatte sich viel getan: Statt einem „Guru", eine art Baumhütte, hatten wir zwei Häuser, und eine Mauer drumrum! Die menschen haben sich vermehrt. Statt fünf oder sechs Leuten haben wir fünfzehn oder zwanzig Menschen. Alle wohnen nicht hier, aber am Tag sind es viele, zu viele habe ich immer wieder das Gefühl! Wir gingen darum viel auf den Markt oder redeten irgendwo im Schatten eines Baumes und rauchten. Wir diskutierten immer wieder, was wir in der nächsten Zeit machen wollten: Die 'Blinden' besuchen, helfen, wo das möglich schien, oder westwärts fahren, vielleicht an's Meer, das Moussa noch nicht gesehen hat.
Die Frauen machten inzwischen daheim Feuer, kochten, schwatzten, gaben sich mit den Kindern ab oder verkauften etwas auf der Strasse , denn sie hatten jetzt ein bisschen Geld. Kochen und Abwaschen und alles andere passierte immer noch draussen. Wasser musste man entweder in der Zisterne holen oder einer kam mit dem Esel und einem Karren und brachte hundert oder zweihundert Liter vorbei.
Uhu, die Schwester von Moussa, ist vor einem halben Jahr Witwe geworden, und es gehört sich so, dass der Mann der neu verwitweten Schwester anbietet so lange auf dem Hof zu leben (und zu arbeiten!) bis sie einen neuen Partner findet. Das gab auch den anstoss ein zweites Haus zu bauen. Ein anderes Projekt war, vielleicht 100 Meter weiter, eine zweite Mauer und ein Tor zu machen, , um einen Garten zu haben. Aber der Freund von Moussa hatte sich im letzten Moment aus dem Projekt verabschiedet, und die Mauern sind wieder verfallen! Ich war damals, im Frühling 2013, wieder in der Schweiz, und das Desaster wurde mir erst jetzt gezeigt. Schade, aber bitte: man muss auch Rückschläge hinnehmen! Die Maur ist zwar ganz hoch, aber ein bisschen breiter müsste sie sein, wenn wir's nochmals versuchen wollen!
Hirnschlag
Am 9. August, einem Freitag, haben wir zu mittag gegessen und geredet. Dann legte ich mich ein bisschen hin, weil ich mich nicht so wohl fühlte. Als ich wieder aufstehen wollte, da ging es zuerst nicht. Ich probierte es ein zweites und ein drittes mal. Endlich stand ich. Aber ganz so normal wie immer habe ich mich nicht gefühlt. Ich ging in das Haus – kein Haus wie in Westeuropa! Ein Zimmer und eine Kammer gab's, nur abgetrenntvon einem vorhang, das war alles! Ich lehnte mich ein wenig an die Wand und wartete. Die Kinder und die Frauen palaverten in Zimmer und Moussa hatte in der Kammer zu tun. Es musste ungefähr vier gewesen sein. Endlich kam er raus. Ich sagte oder besser wollte sagen, dass wir eine ruhige Ecke suchen sollten und nicht mehr weiter arbeiten müssten, aber komisch; ich konnte mich nicht mehr so ausdrücken wie noch vor einer Viertelstunde. Ich probierte es noch mals, aber es ging nicht. Ich konnte doch französisch oder vielleicht ... Schliesslich Begriff Moussa. Ich konnte nicht mehr sprechen, oder besser: was da raus kam, das machte keinen Sinn mehr. ! Auch konnte ich mich nicht mehr allein bewegen. Moussa oder ein anderer Mensch musste mir helfen, wenn ich irgendwo hin wollte!
Moussa war jetzt wirklich besorgt! Auch Aisha, die Frau von Moussa, , und die anderen mergten irgendwie, dass was nicht stimmte! Eine Hand und ein ffffffuss waren ok, aber die andere Hand und der Fuss? Was war mit denen? Ich fragte die anderen, aber sie verstanden mich nicht. Ich probierte es nochmals, ohne Erfolg. Sie waren ratlos und traurig. Ich war eher neugierig, was jetzt kommt.
Moussa holte inzwischen ein Auto, und irdendwie schafften wir es mich in's kleine Dispenciry des Dorfes zu bringen. Ich musste mich wieder hinlegen. Ich wartete ungefähr zwei Stunden; es geschah nichts. Ich konnte jetzt definitiv nicht mehr reden. Um acht Uhr abends verlegte man mich im Krankenwagen Nach Niame. Moussa war da. Ich war wach. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte gesprochen oder auch einfach etwas gemacht anstatt zu warten! Ich hätte verlangen können, im Auto zu sitzen anstatt zu liegen! Ich hätte verlangen können ... Ich hätte nur den Mut haben müssen, dass alles oder anderes zu tun! Aber ich habe es nicht gemacht, vielleicht aus Rücksicht oder aus Klugheit oder auch weil ich schlicht nicht daran gedacht habe! Ich nahm auch an, dass alles sich wieder einrenken würde. In drei oder vier Wochen bin ich wieder gesund! Es interessierte mich auch, was mit mir geschah in einem Land, das 'primitiver' war als die Schweiz mit der best ausgestatteten Medizin!
Am Freitag 10 oder 11 abends waren wir in Niame, und ich ging wieder ins Spital. Ich glaube, ich war jetzt im Bett. Ich wartete und, da ich nicht mehr sprechen konnte, beobachtete ich die Leute und träumte von diesem und jenem. Moussa und ein oder zwei Menschen waren da und das genügte. . Das Spital war genau das selbe wie im dorf, nur alles viel grösser. Alles oder fast alles musste man sich organisieren: vom Essen und trinken zum Scheissen! Einen Artzt habe ich auch nicht gesehen! Aber sonst? Mir hat es eigentlich gefallen!
Am Sonntag Nachmittag hat man mich nochmals in ein anderes Spital gebracht. Nicht in ein Spital wie in der Schweiz oder Deutschland, aber anders jedenfalls: Vornehmer und steriler, eben ein echtes Spital. Ich musste schon ein bisschen weg getreten sein, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass es noch andere Patienten gegeben hätte! Ich und eine Frau waren oft die einzigen im Raum. Die Frau arbeitete etwas, und ich schlief oder döste! Jetzt begreife ich langsam, was ich nicht mitgekrieckt habe! Ich war nicht tot, aber alles, was nicht ganz wichtig war, ging mich nichts mehr an.
Sie hatten die schweizer Botschaft erreicht und auch Thomas Näf. Aber all das wusste ich nicht oder ich habe es vergessen! Ich erinnere mich auch daran, dass ich nicht in die Schweiz wollte. Ich wollte in Afrika weiter leben oder sterben. Aber habe ich das wirklich gesagt oder nur gedacht? Ich weiss es nicht mehr. Thomas rief mich am Sonntag an, aber ich konnte nicht reden. Später hat er gesagt, dass er jetzt die Entscheidungen fällen muss, vorallem dann, wenn man schnell handeln musste.
Am Montag ist auch Moussa weg! Ich schlafe viel. Jetzt untersucht man mich. Irgendwann wache ich wieder auf. Moussa ist da. Wir unterhalten uns ein bisschen. Es ist abend. Schon abend! Moussa ist fort. Ich bin wieder wach. Ich werde in ein Auto gebracht, und wir fahren auf den Flughafen raus. Was ich nicht weiss ist, dass alles für mich arrangiert wurde: packen, Pass und Visa ... Moussa muss alles für mich getan haben. Ich wusste nichts davon, und jetzt würde man michin die Schweiz fliegen, der einzige Passaschier, gehätschelt und überwacht! Am Dienstag morgen landenen wir auf dem Dach des Uni-Spitals Basel (war es auf dem Dach des Unispitals), wo mich mein Bruder Thomas in Empfang nahm. Später hat man mir erzählt, dass man in Basel/Müllhausen gelandet ist.
ich will zurück nach Afrika!
Anfänglich war ich fast nicht ansprechbar. Aber nach und nach ist es besser geworden. Jetzt, nach der Epilepsie, kann ich mich nur vage erinnern, was im Unispital und nachher im Rehab geschehen ist. Natürlich war der ältere Bruder Thomas da, auch als Arzt. Dann war der jüngere Bruder Werner, der Hans (der Vater) und Freunde da. Sie kamen oft, aber ich erinnere mich nicht, wie oft. Hirnschlag? Epilepsie?
Eines der ersten präziseren Erinnerungen ist die Suche nach Kleidern: Georg Mattmüller wollte gerade aus dem Haus am Spalentorweg , da komme ich im Rollstuhl daher, um einiges – vorallem Kleider – zu holen. Er wusste von nichts. Er hat angenommen, dass ich in Afrika bin! Aber ich bin da, Ende August war das. Ich kann eigendlich nicht sprechen, aber er begreift ohne zu begreifen, und holt die Kleider und andere Sachen.. Ein anderes Mal ist der Sämi Jenzer da. Er hatte von Werner gehört, was mit mir passiert ist, und anfang September 2013 besucht er mich, obwohl wir uns das letzte mal vor 40 Jahren in der Schuhle gesehen haben! Ich bin erstaunt, denn nach der Epilepsie Kann ich mich nur noch schwach erinnern. 40 Jahre? Auch Andres erzählt, dass er einmal in der Woche dagewesen ist, wie er gehört hat, dass ich im Rehab sei, anstatt in Afrika. Frank Wolf aus Paris, Bea und Esther aus Basel, Gilles und Hermann aus Bern kamen auch. Aber ich weiss nur aus dem, was man mir nach der Epilepsie erzählt hat, was alles gewesen ist. Johanna Decker kam, und Ein- oder zweimal besuchte mich Johanna Marti, mit der ich für mehr als 20 Jahre gearbeitet habe. Ja, es sind viele Menschen da gewesen! Einige Male stürtzte ich auch. Ich rappelte mich auf, obwohl der Sämi oder Werner und noch andere da waren und helfen wollten.
Mitte September, ich war jetzt ungefähr drei Wochen in der ReHaB, lud man die Angehörigen und mich zu einen Gespräch ein. Man diskutierte auch darüber, was man nach der Rehab machen wolle. Man sprach immer wieder meinen Bruder Thomas an, anstatt direkt zu mir zu sprechen. Ich habe mich gewehrt, aber es war nicht leicht, mich zu behaupten, denn damals konnte ich mich noch ganz schlecht ausdrücken. Ich kann es im Grunde noch heute nicht, wenn man nicht gelegentlich ein bisschen wartet, um mir Zeit zu geben, das zu formulieren, was ich meine.
Ich war erst im Rollstuhl, und dann – peux a peux –, konnte ich wieder ein bisschen Gehen -, natürlich nicht wie vor dem Schlaganfall und immer mit Begleitung. Sämi und ich sind zum Beispiel zum Tramm 3 und zurück spatziert. Auch da Bin ich fast sicher, dass ich das mehrere male gemacht habe. Es ging wirglich aufwärts!
Auch die Sprache wurde ein bisschen besser, allerdings französisch war noch ganz schlecht, aber ich wollte wieder nach Afrika! , und zwar jetzt. Alle oder fast alle waren dagegen, aber ich setzte meinen Willen durch, und ich ging anfang Dezember wieder in den Niger. Natürlich nahm ich den Rollstuhl mit. Ich bin von Basel nach Paris gefahren, weil ich unterwegs Frank besuchen wollte. Zwei oder drei Tage habe ich in Paris zugebracht, und dann hat mich der Frank auf den Flugplatz gebracht. Jetzt kann ich mir fast nicht vorstellen, wie ich sechs Stockwerke ohne Lift in Paris geschaft habe, aber ich habe es geschafft!
Der Moussa holte mich in Niame ab. Das war im Dezember 2013. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt wieder in die Schweiz zurück wollte, aber die Angst und die Einsamkeit machten es schnell klar: Ich konnte eigentlich noch kaum laufen und sprechen, und da machte ich mich schon wieder auf die Reise? Nein! Ich musste zurück in die Schweiz! Also verabschiedete ich mich von Moussa und den anderen schweren Herzens - wenigstens nehme ich das an -, und kam zwei Wochen später wieder in die Schweiz zurück.
Sterben oder ...
Die Weihnachten verbrachte ich mit der Familie in Zweisimmen. Anfang Januar 2014 wohnte ich bei Urs und Pina und dem kleinen Viviano. Dann zog ich zu Georg in den Spalentorweg. Er hatte genügend Platz, da die krossen kleinen alle ausgeflogen waren. Nein, ich glaube, eine Tochter war noch zuhause, aber ich hatte nur wenig kontakt mit ihr.
Jetzt wollte ich ganz viele Therapien machen, wieder besser sprechen lernen und viel Spatzieren gehen, damit ich das zweite Mal wirglich wieder ganz sicher sagen kann: Jetzt gehe ich wieder nach Afrika. Aber mitte Januar 2014 bin ich statt dessen krank geworden. Ende Januar war ich wieder im Rollstuhl. Damals habe ich nur noch vom Sterben gesprochen. Roswitha war in der Zeit viel da, und auch da war das Tema vorallem sterben! Ich erinnere mich auch, dass ich telephonierte und ein Gespräch mit Ecsit hatte, und Frank und ich gingen zweimal ein Hospiz anschauen. Aber da sterben? Dass konnte und wollte ich nicht! Es war mir zu tot, und wir gingen weg ohne bedauern.
Ende Januar war ich zwar von verschiedenen Aerztên aufgeboten worden, aber sie interessierten sich mehr für meinen Kopf, und ich kam nicht auf die Idee, ich könnte auch noch ein anderes Problem haben. Am 10. 2. konnte ich nicht mehr, und ich ging wieder – unterstüzt von Georg - ins Spital! Ich selber kann mich nicht erinnern, aber ich glaube, die PUKK war's, besser bekannt als Psychiatrie von Basel. In der PUK untersuchten sie mich gründlicher und nahmen mir auch Blut ab. Ich hatte Malaria! Ich wusste es auch darum nicht, weil ich nie Fieber hatte. Da hätten sie vielleicht eher gewusst, was Sache ist.
Sobald ich verstanden hatte, was ich hatte, kehrte mein Lebenswille zurück: Sie haben mir drei mal am Tag Medikamente verabreicht, und ich wollte wieder Leben! Anfang März ging ich nocheinmal einen Monat in die REHAB Basel, denn ich war noch schwach. Ende März kehrte ich an den Spalentorweg, meine provisorische Bleibe, zurück.
Es könnte doch so schön sein!
Ich übte 'gehen'! Den Rollstuhl brauchte ich immer weniger, und Mein Bruder Thomas gab ihn im Juni 2014 zurück. Jetzt machte ich wieder Therapien und spazierte in Begleidung von Freunden und Bekannten, manchmal zwei drei oder fünf Stunden! Das Leben fing wieder an, Spass zu machen. Milo, Andres, Frank und andere waren mit von der Partie. Daniel Kish, der 'Vledermaus-Mann' aus den USA , besuchte mich, und die gute Elisabeth wanderte mit mir auf das Bruderholz. Wir rassteten in einer Beiz und wanderten weiter nach Reinach. Ich war zufrieden mit mir und stolz darauf, was ich geleistet hatte.
Auch traute ich mich wieder alleine auf die Strasse! Ja, alleine! Ich konnte wieder Stocklaufen. Ich kann mich erinnern, dass ich im Sommer den Barfüsserplatz oder die Schützenmattstrasse überquert habe, Und – eine andere Leistung: ich konnte ohne Begleitung die Breite in Basel finden und ein anderes Mal ging ich alleine zu Sämi und Ursula nach Rodersdorf. Ich ging nach Bern und Freiburg stocklaufend und allein! Die Sprache ging noch schlecht, das machte mich zwischendurch traurig, aber ich glaubte, wenn ich übe, dann kommt auch die Sprache zurück. Ich war auf dem Weg der 'Besserung'!
Im September 2014 zog ich wieder in eine eigene Wohnung. Ein Jahr später hatte ich Epilebsie, darum erinnere ich mich nicht mehr ganz, was war. Zum Beispiel die Wohnung! Ich glaube allen, dass ich die Wohnung habe, aber wie kam ich da hin? Nach der Epilepsie habe ich zuerst Nur den Schreibtisch erkannt, und das Gestell in der Stube, wo meine CDs waren. Nach und nach fiel mir auch anderes auf, aber es blieb immer ein Fremdsein da.
Vor der Epilepsie, im November 2014, machte ich ein erstes Mal ein Fest oder ein „Festlein". Ich sagte damals, dass ich wieder auferstanden sei! Man könne wieder mit mir rechnen! Und zwei Tage danach brach ich mir das rechte Bein! Erst konnte ich wieder aufstehen und ich nahm an, dass es ein Sturz war wie es immer wieder vorkommt. Ich duschte und zog mich an. Aber zwei Stunden später konnte ich den rechten Fuss nicht mehr belasten: Ich konnte zwar stehen, aber ich konnte keinen Schritt mehr machen!
Man hat das Bein drei Tage danach gerönkt aber nichts gefunden. Ich war wieder im Rollstuhl! Ich war deprimiert und wollte nichts mehr unternehmen. Die Ärztin hätte insistieren müssen, aber sie hat nicht insistiert. Schade! Im Dezember bin ich zwei Tage lang im Spital gewesen, aber anstatt zuerst noch einmal zu rönken, hat man gedacht, ich hätte noch einmal einen Schlaganfall gehabt. Aber auch dann hätte ein Mensch mit mir reden können. Ich glaube, man hätte nocheinmal gerönkt. Spätestens da hätte man das gebrochene Bein entdeckt. Aber ich war damals auch 'stur', jedemfalls meinten viele, dass ich genug habe, und ich deswegen so abweisend bin. Hinter der Sturheit war aber auch die Hilflosigkeit des Menschen, der sich ohne genügende Worte zur Verfügung zu haben, ganz schnell zurückgezogen hat.
Im Januar 2015 musste oder wollte ich vier oder fünf Wochen in die REHA Rheinfelden, eine ähnliche Institution wie Basel: Therapie ist im Vordergrund, nicht Untersuchungen oder Operationen. Man kommte mir auch dort nicht helfen. Zum Schluss riet mir einer von den ärzten trotzdem, wenn ich wieder in basel bin, das Bein nochmals zu rönken. Das habe ich gemacht und – at last! Man hat etwas gefunden: Das Hüftgelenk war entzwei.
Man hat mich am 18. März 2015 operiert und ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Einen Monat später bin ich gegangen, zwar zuerst nur fünf oder zehn Schritte, aber nach und nach erweiterte ich das Programm bis ich auch ausserhalb des Hauses eine halbe oder dreiviertel Stunden gehen konnte – natürlich immer mit Begleitung, aber immerhin! Dann plötzlich ging wieder nichts mehr! Ich war wieder im Rollstuhl ... Das war Mitte oder Ende Mai.
Eine 'Erinnerung', die mich beeindruckt hat,ist ein Besuch in Jürg Benedettis Praxis. Ich schreibe das, weil ich mich eigentlich nicht mehr erinnere, sondern Andres und andere haben es mir, wie ganz vieles nachher erzählt. Ich wollte hören, was Jürg als Neurologe zu der ganzen Sache sagen kann. Könnte das irgendwie mit dem Sturz vor dreiviertel Jahren und der Operation vier Monate später zu tun haben?
Ja, noch eine andere Erinnerung kommt hoch: Warum konnte ich zumindest mit dem Thomas Näf Anfang Juli wieder Laufen, obwohl andere gesagt haben, dass ich wieder im Rollstuhl sitze? Immerhin, wenigstens habe ich die erste Version des Berichts 'Das letzte mal in Afrika - das letzte mal Reisen' ins Web hochgeladen, das heisst, ich bin es vermutlich nicht gewesen, und ich war auch nicht der Schreiber des Berichts, aber diktiert habe ich ihn!
Ja, und dann die Epilepsie! Ich nehme an, dass ich irgendwann in der Nacht vom 6. Auf den 7. Juli 2015 ohnmächtig wurde - – ausgerechnet an meinen 60. Geburtstag! Ich war allein zuhause, und Milo und ein Therapeut fanden mich am nächten Mittag. Milo kam um mir zu gratulieren ... stattdessen hat er den Krankenwagen bestellt. Ich war immer noch ohnmächtig. Ich wurde ins Uni-Spital gebracht. Wieder Untersuchungen, Besprechungen und weitere Untersuchungen. Jetzt habe ich noch das linke Bein gebrochen. 10 Tage danach operierte man mich. Erst wollte man abklären ... Ich weiss nicht mehr was! Ich habe keine Erinnerung daran, was man mit mir alles gemacht hat. Erst im Felix Platter-Spital kamen nach und nach die Erinnerungen zurück. Allerdings bin ich jetzt viel vergesslicher als vor der Epilepsie, denn Epilebsie hatte ich!
Ulrike Schäfer kam fast jeden Abend zu mir, denn sie wohnte nur drei Minuten entfernt in der Lenzgasse. Auch Andres, Sämi, Milo und - ein seltener Gast- Jürg Benedetti kamen. Jürg blieb lange und erzählte mir was er untersucht hatte. Ich mag mich eigentlich nicht erinnern, aber es tat mir gut, was er sagte.Natürlich kamen Hans, mein Vater, und die Brüder und andere. Auch regelmässige Therapien hatte ich, und einige male kam ein Pfarrer und diskutierte angeregt und ganz unpfarrerisch mit mir! Es war eigentlich eine schöne Zeit. Es war Sommer, und ich spürte noch nicht eigentlich, was ich 'verloren'hatte.
Im September 2015 war ich wieder an der Sperrstrasse. Ich kann mich eigentlich nur vage erinnern, was ich so tagein tagaus gemacht habe. Ich habe einen Untermieter bekommen, eher zufällig. Ich mag mich auch erinnern, dass ich begonnen hatte, vieles wegzugeben, weil - ja, ich hatte wieder den Eindruck, ich werde sterben. Ich war wieder so schwach und energielos. Ich war eigentlich eines anderen Problems wegen zur Hausärztin gegangen. Sie hat mich untersucht, und plötzlich hat sie ganz besorgt gesagt, 'sie haben Lungenentzündung; Sie müssen ins Spital oder sie müssen in die Apotheke und ein Antivirenpreparat kaufen'!
Zwar Heilte die Lungenentzündung wieder ab, Weil ich aber immer noch so energielos und schwach war, gingen wir wieder einmal auf Wohnungssuche. Ich war gerade noch fähig, die sieben Stufen hoch- oder runterzugehen; das war im Rollstuhl nicht mehr möglich! Eine Wohnung habe ich scheusslich gefunden, und zwei Heime gevielen mir auch nicht, weil man dort die Assistenten entlassen und sich dem Heimleben anschliessen musste. Es ging mir auch ein bisschen besser, also versandete die Wohnungssuche wieder. Aber was machen, was machen!
Ich habe wieder einmal viel über Sterben nachgedacht. Warum leben, wenn das Leben eigentlich nur noch bedeutet, auf den Tod zu warten? Ich weiss jetzt viel weniger als vor der 'Epilepsie', was ich vergessen habe, oder was vielleicht zurück kommen würde, wenn ich mich wircglich anstrenge. Aber wie geht 'anstrengen'? Ich glaube, ich bin langsamer geworden, aber ich bin vielleicht nicht so vergesslich wie ich meine! Aber wenn ich alleine bin - und ich bin viel alleine! -, dann 'sacke' ich ab. Ich mache etwas, aber was! Ich staune jetzt noch, wie unproduktiv ich immer wieder bin!
Ich denke immer wieder darann, wie es wäre, wenn ich Augen hätte. Ich könnte mich viel besser bewegen; ich könnte mich im Raum viel müheloser orientieren; ich könnte durch den Raum gehen, weil ich ein Organ mehr hätte, und das was ich suche, viel einfacher finden würde; ich müsste mich in der Küche nicht mehr immer und immer wieder vergewissern, das ich die Tasse wirklich da habe, wo ich sie vermute. Eine Tasse Kaffee zu trinken, ist noch verhältnismässig leicht, aber einzuschenken ist schon schwieriger. Mit Gabel und Messer zu essen ist fast unnöglich. Im Bad ist es ähnlich. Die Zähne zu putzen geht, aber wenn mir etwas auf den Boden fällt und ich mühsam nach dem heruntergefallenen taste, dann wird es schwieriger, weil ich nichts sehe oder anders: Ich sehe viel, aber das eine finde ich nicht. Es hat sich in Luft aufgelöst. Und wenn ich aufgebe, dann zeigt sie sich vielleicht in eben der Ecke, wo ich gesucht habe. Allerdings kann es auch sein, dass es eine andere Ecke ist oder sie gar nicht herunter gefallen ist. Alles das müsste nicht sein, wenn ich die Augen hätte, aber ich bin blind!
Noch schlimmer wird es dann, wenn ich mich draussen bewege. Ich kann noch gehen, langsam und immer zu zweit, das heisst, einer muss mich führen, sonst geht es nicht mehr. Im Rollstuhl werde ich geschoben, das ist bequem ; jetzt geht es schneller, aber ich bin noch mehr auf die Menschen angewiesen. Ich muss nichts mehr machen. Ich bin erleichtert, aber auch ein wenig traurig, auch weil ich nie weiss, wo wir sind.. Wenn ich Augen hätte, dann könnte ich mich in einen Elektro-Rollstuhl setzen und ich würde mobiler. Ich wäre wesentlich schneller als die Fussgänger, jedenfalls wenn die Strassen einigermassen dem standard der Schweiz entsprechen. Ich könnte gehen und kommen wenn ich lust hätte. Und natürlich könnte ich auch laufen: Es ginge langsam und mit einem Stock, aber es ginge alleine!
Darsilamano zwei?
Ende November 2015 beschlossen wir, die anfang 2012 gegründete Vereinigung Darsilamano aufzulösen, weil sich kein Mensch fand, der Darsilamano weiter 'betreuen' wollte. Ich war im Rollstuhl, und ich hatte ungefähr alles Weggegeben, was ich hatte. Ich war einmal mehr bereit zu sterben. Bärni und das Geld, das noch in der Kasse waren, reichten noch anderthalb Jahre, und dann war Schluss mit Kongo, ausgeträumt der Traum, oder doch nicht?
Aber es ist nicht so leicht zu sterben! Nach und nach kam der 'alte Martin' zurück. Der 'alte Martin' ist nicht ganz richtig: viele Sachen sind mir heute zu kompliziert, ich weiss nicht, wie man einen Scheck einlöst, ich weiss nicht wie man einen billigen Flug bekommt, ich vergesse schnell, dass der Thomas M. heute hier war und von den 'Kindern' Till und Jonas gesprochen hat, ich erinnere mich nicht mehr oder noch nicht, was mit dem ganzen Geld - 60.000 oder mehr Franken im Januar 2014 - passiert ist, dass ich angeblich verloren habe ... Aber wenn es darauf ankommt, dann erinnere ich mich schnell an die Sachen, die mir wichtig sind! So kann ich mich auch erinnern, dass wir Fünfvierteljahre später den Verein wieder belebt haben, den wir ein bisschen zu schnell zu Grabe getragen haben. Wir können jetzt wieder Geld von Darsilamano 2 in den Kongo oder wo auch immer hinschicken oder einen Menschen beauftragen, in Butembo zum Rechten zu schauen -, ganz schweizerisch! Wir könnten das, aber ich habe das Gefühl das wir ein bisschen waiser und vorsichtiger geworden sind ... Wir haben auch wieder angefangen, in kleinem Kreis propaganda zu machen und für Darsilamano zu sammeln. Auch eine Webseite gibt's wieder und ein Postscheck Konto.
Die Hauptaufgabe des Vereins ist im Moment, die Schule in Nord-Kivu, Butembo zu unterstützen. In Süd-Kivu, Uvira, wo ich einige Zeit 'Lehrer' gewesen bin, haben wir ein oder zwei Jahre lang versucht, blinde und mehrfach behinderte Menschen zusammenzubringen und auch finanziell zu helfen. Nachdem ich ausgefallen war, versandete das Projekt oder es versandete eigentlich nicht sondern es Verwandelte sich in ein soziales Projekt. Das beeindruckte mich noch mehr, denn es zeigte, dass die Menschen nicht nur dess Geldes wegen gekommen waren.
Ich begann zu überlegen, in den Kongo zurück zu gehen, und im Mai 2017 schrieb ich Masemo in Uvira darüber. Er hat sich so gefreut, dass ich eigentlich gar nicht anders kann als 'JA' zu sagen. Ich hoffe, ich bin so mutig, dass ich es auch machen werde. Im Moment sieht es zwar ein bisschen düster aus, weil ich mich auf anraten eines anderen Arztes im September 2017 hinreissen liess, noch einmal die gleiche Operation zu machen wie zweieinhalb Jahre zuvor. Ich bin ein ungeduldiges Wesen, ich weiss. Aber drei Wochen nach der Operation kann ich viel weniger als vor der Operation! Ich will weiter an mich glauben, aber es ist schwerer als ich dachte.
Soll ich oder soll ich nicht ...
Im Sommer 2016 ist der Wg-Mensch wieder zu seiner Freundin zurückgekehrt. Dafür habe ich zwei Argentinier. Jetzt erwacht die WG zum leben! Bald kommt noch ein dritter - auch ein Argentinier - dazu. Wirglich, ich habe Glück, auch weil sie viel 'normaler' mit mir umgehen. Sie sagen vielleicht, 'du kannst nicht sehen', aber sie sagen das wie ein Fakt, weil sie in der Familie immer zwei drei Menschen haben, die ein bisschen 'anders' sind. Sie sagen das auch, weil sie sich nicht so viel Mühe geben mit dem 'Behinderten' anders umzugehen als mit den 'normalen' Menschen. Ich bin froh, denn jetzt werde ich so wahrgenommen wie ich innerlich bin. Allerdings merke ich auch, dass ich mich mehr zur Wehr setzen muss, wenn ich überleben will!
Ja, es ist nicht so leicht das alles zu akzebtieren. Wenn ich könnte, dann würde ich mir ein anderes Leben wümschen. Ein bisschen schneller laufen, ein klitzekleines bisschen Sehen, ein bisschen besser Schreiben, ein bisschen schneller Reden ... Ddann wäre es erträglich? Vielleicht, aber erstens ist es so wie es ist und zweitens ist es auch spannend, nicht immer, aber immer wieder!
Jetzt, ende Februar 2018, bin ich wahrscheinlich definitiv im Rollstuhl. Was mache ich jetzt? Ich habe mich im Sebtember 2017 auch deswegen operieren lassen, weil ich gehofft habe, besser zu gehen. Gehe ich trotzdem oder erst recht, oder gebe ich auf?
Copy 2017 2018, Martin Näf