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Biel verpasst im ersten Spiel eine einmalige Chance. Torhüter Jonas Hiller war gut. Aber zu wenig gut für die Überraschung. Leonardo Genoni war besser.
Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden wir im Rückblick auf diese Serie erkennen, dass die Bieler eine riesige, eine einmalige Gelegenheit zu einer «Jahrhundert-Serie», zu einer Überraschung in der ersten Partie vergeben haben. Und Jonas Hiller hat die erste Chance nicht genutzt, ein Playoff-Held zu sein.
Das Drehbuch des Spiels beschert den Torhütern die Hauptrolle. Wenig Tore und am Ende die Entscheidung zum 2:1 erst in der Verlängerung (69. Min.). Es wird eines dieser Spiele, die ein Torhüter entscheiden kann. Und es wird ein Duell auf höchstem Niveau: Jonas Hiller wehrt 92,22, Leonardo Genoni 97,22 Prozent der Schüsse ab.
Es sind die höchsten Werte, die beim Auftakt zum Viertelfinale erzielt worden sind. Die Statistik, so umstritten sie auch sein mag, lügt nicht. Leonardo Genoni ist der bessere von zwei guten Torhütern. Die Bieler hatten gute Gelegenheiten zum 2:1. Sie scheitern am SCB-Goalie.
Jonas Hiller ist in diesem ersten Spiel ein guter, aber er noch kein grosser Goalie. Der erste Treffer (zum 1:1) ist haltbar. Im Rückblick zeigt sich die immense Bedeutung dieses Treffers: Nach weniger als sechs Minuten, bevor der SCB nervös wird, bevor die Dämonen des Zweifels erwachen, bevor die zersetzende Wirkung des Rückstandes einsetzt, gelingt der Ausgleich.
Jonas Hiller hat das haltbare 1:1 cool weggesteckt und fortan sind ihm grosse Paraden («Big Saves») gelungen. Aber gegen einen SCB in dieser Verfassung gewinnt Biel nur, wenn Jonas Hiller keinen haltbaren Treffer zulässt. Um es polemisch zu sagen: Hätte Simon Rytz (der Held des letzten Bieler Playoff-Dramas in sieben Akten im Frühjahr 2015 gegen die ZSC Lions mit einer Fangquote von 93,70 %) die gleiche Leistung gezeigt, dann würden wir sagen: Ja, ja, er war gut. Aber er ist halt kein Jonas Hiller.
Ein eifriger, ja übereifriger Favorit hatte lange Zeit Mühe, seine klare Linie, seine Ordnung, seine Ruhe im Spiel zu finden. «Wir spielten lange Zeit zu wenig diszipliniert und zu wenig kompakt» sagt SCB-Trainer Kari Jalonen. «Wir liefen zu viel und spielten zu wenig smart.»
Aber eben: bevor der SCB nach dem 0:1 (7. Min.) so richtig nervös und unsicher werden kann, fällt bereits der Ausgleich (12. Min.). So gross die Spannung, so gross die Aufregung, so gross zeitweise die Dramatik – am Ende nimmt das Spiel den erwarteten Ausgang. Der SCB gewinnt nicht im «Hurra-Stil». Er gewinnt auf unerbittliche Art und Weise. Wir können sagen: SCB musste in die Verlängerung – na und?
Der grosse SCB-Feldherr Kari Jalonen zelebriert nach dem Spiel Gelassenheit, nicht Arroganz. «Was soll ich denn sagen? Wir haben gewonnen …»
Er wird gefragt, ob er je befürchtet habe, das Spiel zu verlieren. «Nein, ich habe im Eishockey keine Angst.» Was ihm durch den Kopf gegangen sei, als Biels flinker Finne Toni Rajala Leonardo Genoni zum 0:1 überraschte? «Ein guter Schuss eines Finnen …» Was er seinen Jungs nach dem Spiel in der Kabine gesagt habe? «Nächster Treffpunkt Montag 09.30.» Am Sonntag ist beim SCB freiwilliges Eistraining. Obligatorisches Üben erst am Montag.
Die Bieler sind nach diesem Auftakt zuversichtlich. Sportchef Martin Steinegger sagt, das gute Spiel mache Mut und seine Spieler sagen das, was in diesem Augenblick der Playoffs zu sagen ist. Dass die Niederlage sie keineswegs entmutige. Dass noch alles offen sei. Toni Rajala bringt den Klassiker, dass der Dienstag eine neue Chance bringe.
Unten im «Bärengraben» gibt es noch hitzige Emotionen als die Spieler nach vollbrachter Arbeit in die Kabinen zurücktrotten. SCB-Vorkämpfer Tristan Scherwey liefert sich ein verbales, nicht zitierbares Redegefecht mit Biels Ersatzgoalie Simon Rytz. Martin Steinegger monierte bei Schiedsrichterchef Brent Reiber lautstark (aber nicht unanständig!) die einseitige Strafenstatistik mit sechs Zweiminuten-Ausschlüssen gegen Biel und nur einem gegen Bern. Zwar nützten die Berner tatsächlich ein Powerplay zum 1:1 – aber es waren auch die vielen Ausschlüsse, die vielen Powerplay-Gelegenheiten, die dazu beitragen, dass der Favorit so lange Zeit Mühe hat, seine Linie zu finden.
Biels Zuversicht ist sympathisch. Aber sie könnte sich bald einmal als Trugschluss erweisen. Es ist dem Aussenseiter in einem intensiven, kräfteraubenden Spiel nicht gelungen, das Selbstvertrauen des Titanen auch nur im Geringsten zu erschüttern.
Die Gelassenheit des SCB-Cheftrainers war nicht gespielt. Sie symbolisiert die unerschütterliche Zuversicht eines Favoriten, der noch daran ist, sein Spiel zu justieren.
Die Erfahrung lehrt, dass die Hockeygötter dem Aussenseiter in den Playoffs durchaus gnädig gestimmt sind und ihm eine Chance offerieren. Servette, Lausanne und Biel haben diese Chance erhalten. Lausanne durfte gegen Davos 3:0 führen, Servette in Zug 2:1 und Biel in Bern 1:0. Alle drei haben trotzdem verloren.
Gerne wird betont, die Rolle des Torhüters werde überschätzt. Das ist schlichtweg Unsinn. Die Rolle des Torhüters ist so wichtig, dass sie gar nicht überschätzt werden kann. Der einzige Spieler, der den SCB doch noch ins Wanken bringen kann, ist Biels Torhüter Jonas Hiller.
Aber dann darf der ehemalige NHL-Titan am Dienstag keinen haltbaren Gegentreffer kassieren und muss besser sein als Leonardo Genoni.