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Episode 1
MUNDART
Christelle Wick
Es kann vorkommen, dass Deutsche meinen, das von Schweizern mit Akzent gesprochene Hochdeutsch sei unser Dialekt. Sie verkennen damit zweierlei: Der Dialekt gibt die örtliche Herkunft des Sprechenden preis und vielen ist die «Schriftsprache» fremd, weshalb sie ihre Gefühle und Gedanken lieber in Schweizerdeutsch ausdrücken. So gibt der Schweizer Schauspielschüler im Theaterstück «tigg-tagg-toggenburg» mit Inbrunst ein Mundartgedicht zum Kaisermanöver 1912 zum Besten. Es beschwört die Schweiz als Trutzburg, die ihre Neutralität bis zum bitteren Ende verteidigt.
Tatsächlich erhielt das Schweizerdeutsche im Ersten Weltkrieg mit der wachsenden Abneigung gegen Deutschland Auftrieb und wurde während des Zweiten Weltkrieg gar zur Geistigen Landesver-teidigung bewusst gepflegt und gefördert. Es entwickelte sich in der Folge eine Dialektliteratur. So verfasste die Nesslauer Schriftstellerin Frieda Hartmann auch Theaterstücke in Mundart, die von lokalen Theater-vereinen und Jodelchören in Restaurantsälen fernab der städtischen Zentren aufgeführt wurden.
1881 wurde der erste Band des «Idiotikon» gedruckt, ein nationales Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Auch Laien begannen schon bald, Begriffssammlungen anzulegen. Mit der zunehmenden Mobilität entstanden in den Ballungszentren sogenannte Mischmundarten, die sich in der Nachkriegszeit durch neue Massenmedien wie Radio, Fernsehen oder heute dem SMS stark verbreiteten.
Bildlegende:
Wörterschachtel
von Josef Feurer
Alte Lokalausdrücke galt es nun, vor dem Vergessen zu bewahren. So übergab Lehrer Josef Feurer 1973 dem Toggenburger Museum eine Kartei mit 2000 Wörtern des Nesslauer Dialekts. Es folgten die Publikationen «Tòggeborger Spròòch ond Aart» des Wattwiler Kaplans Theodor Kappler und «Hoo, aseweg!!» von Röbi Brunner. Wie bei Josef Feurer steht bei ihm der derbe Obertoggenburger Dialekt im Zentrum, den die Landschaft mitgeprägt habe. Eingebettet zwischen hohen Bergen, bekannt für seine Wetterumschläge, habe sich dort eine kantige Sprache mit einem reichen Vokabular zur Viehzucht und dem lokalen Handwerk gebildet. Eugen Imholz, ein in Bütschwil aufgewachsener Brauchtumsschnitzter, sammelt hingegen Ausdrücke aus dem lieblicheren Alttoggenburg.