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© Foto by Eadweard Muybridge
Er beschrieb Bäume, Berge, Regentropfen – die Wunder der Natur
Der legendäre amerikanische Naturschützer John Muir ist hier kaum bekannt, die Übersetzung eines seiner Bücher schafft Abhilfe
Von Aurel Schmidt
In Amerika ist John Muir als Pionier des Naturschutzes avant la lettre ein Begriff. Muir ("Mjur" ausgesprochen) war Botaniker und Geologe, ein "naturalist", wie der angemessene englische Ausdruck lautet, aber auch Früchteproduzent, Maschinenbauer und technischer Erfinder. Seine Bücher werden in Amerika weitherum gelesen, in Europa sind sie so gut wie unbekannt. Dass jetzt eines davon, "Die Berge Kaliforniens", in einer ersten deutschen Übersetzung vorliegt, ermöglicht es, die längst fällige Bekanntschaft mit ihm endlich nachzuholen.
"Vom anthropozentrischen
In Savannah bestieg er das Schiff nach Fernandina in Florida, von dort ging es weiter nach Cedar Keys. Ein Malaria-Anfall hielt ihn einige Zeit auf, danach konnte er sich weiter nach Kuba begeben. Sein Ziel war Südamerika, die Pflanzenwelt lockte ihn, aber die Umstände zwangen ihn zur Umkehr. Die Fussreise über 1'000 Meilen (1'700 Kilometer) bezeichnete sein Biograph James B. Hunt als "Initiation".
Vom christlich geprägten anthropozentrischen Weltbild, das ihm durch den fundamentalistisch-christlich gesinnten Vater vermittelt wurde, musste er sich erst lösen, um allmählich zu einer biozentrischen und biophilen Betrachtungsweise zu gelangen.
Dass die Menschen glauben, Gott habe die Welt für sie geschaffen, war eine Ansicht, die er entschieden ablehnte. Wale seien keine Öldepots, schrieb er einmal. Das war zu der Zeit, als der Walfischfang seinen Höhepunkt erlebte. Schlangen sowie Krokodile, die in Florida grossen Eindruck auf ihn gemacht und sein Weltbild von der Einheit der Natur geprägt hatten, gehörten für ihn als ebenbürtiger Teil zur Schöpfung wie der Mensch. Das galt auch für alle anderen Kreaturen, selbst für Pflanzen, vor allem für Bäume, die er alle als Mitlebewesen betrachtete, sogar als "Mitsterbliche".
Ohne Mensch wäre das Universum unvollständig, meinte er, "aber ohne die winzigste transmikroskopische Kreatur, die jenseits unserer dünkelvollen Augen und Erkenntnisse lebt", wäre sie es genauso wenig.
"Muir gibt den unmittelbaren Augenblick
Alles gehört zusammen, alles ist Teil einer übergeordneten, "gloriosen" Einheit. Glorios ist ein von Muir häufig verwendeter Ausdruck. In Erdbeben, Lawinen und Stürmen sah er eine mächtige kreative Kraft am Werk.
Muir ist in der ganzen Welt herumgekommen, aber immer zog es ihn zuletzt in das Yosemite Valley in Kalifornien, wo er oft wochenlang durch die Wildnis streifte. Für den amerikanischen Schriftsteller Jack Kerouac war er ein Vorbild. In seinem Roman "The Dharma Bums" (Gammler, Zen und Hohe Berge) hat er beschrieben, wie Muir in einem Militärmantel im Freien schlief und hartes Brot in Wasser aufweichte, wenn er hungrig war.
In der Naturschutzbewegung und -literatur nimmt Muir eine zentrale Position ein. 1892 gründete er den "Sierra Club", die heute älteste und grösste Naturschutzorganisation der USA, der er bis an sein Lebensende als Präsident vorstand. Drei Tage im Jahr 1903 verbrachte er in Yosemite zusammen mit US-Präsident Theodore Roosevelt (1858-1919, Präsidentschaft 1901-1909), der von der "frontier", der Aussengrenze der amerikanischen Zivilisation, geprägt worden war. Durch Muir bestärkt, hat Roosevelt sich mit Nachdruck für die Idee des Naturschutzes eingesetzt, lange bevor dieser zu einem populären Thema wie heute wurde.
In "Die Berge Kaliforniens" ist es möglich, Muir besser kennen zu lernen. Das Buch lesen heisst soviel, wie seinem Autor auf Schritt und Tritt zu folgen und Wäldern, Bergen, Gletschern, Flüssen, Tieren, Pflanzen, Wiesen wie zum ersten Mal zu begegnen. Es ist der unmittelbare Augenblick der Wahrnehmung, den Muir eingefangen hat, der Blick, die Sicht dessen, der zum ersten Mal in ein unbekanntes Tal kommt. Zu Muirs Zeit war das noch möglich.
"Aus der Ferne betrachtet,
Manchmal könnte man meinen, das Buch würde Angaben über Naturvorkommen von einem Statistischen Amt auflisten und ihre Häufigkeit, die Orte des Vorkommens, ihre Verteilung, die jahreszeitlichen Manifestationen festhalten. Aber es ist klar, dass Muir den Objekten der Natur wie Freunden und alten Bekannten begegnet.
Man müsse lange bei den Bäumen gelebt haben, um sie zu kennen, schrieb er. Einmal kletterte er auf einen Baum, um einen Sturm besser zu beobachten. Dabei kam ihm in den Sinn, "dass die Bäume Reisende in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes sind". Bäume und Menschen "reisen gemeinsam auf der Milchstrasse", nur, dass die Bäume keine ausgedehnten Reisen unternehmen wie die Menschen, deren eigene Reisen doch auch nur wenig mehr sind "als das Flattern der Bäume".
Das ist Muirs Stil, immer erstaunlich, überraschend. Der Weg zum Universum führt durch einen Primärwald (würde man heute sagen, "a forest wilderness" steht bei Muir). Denn die Wildnis ist eine Notwendigkeit, eine Quelle des Lebens. Der Schweizer Humanökologe Dieter Steiner hat in seiner Muir-Monografie darauf hingewiesen, dass "Muir" der schottische Ausdruck für "Moor" beziehungsweise "unkultivierte Wildnis" ist. Also ein ideal passender Name.
Auf die Bedeutung der Wildnis für das Selbstverständnis des Menschen hat auch der amerikanische Naturalist Henry David Thoreau (1817-1862) hingewiesen. Die Wildnis trage dazu bei, die Welt zu erhalten, meinte er. Muir war mit der Philosophie Thoreaus vertraut.
Auch den Bergen galt Muirs Aufmerksamkeit. Aus der Ferne betrachtet, schrieb er, bildeten sie einen "cercle of friends", einen Freundeskreis. "Going to the mountains is going home", schrieb er auch, zu den Bergen gehen ist wie nach Hause zu kommen beziehungsweise zu sich selbst zu finden.
"Die Welt gehört denen,
Muir beschrieb das Schauspiel der Wolken und Stürme, den Weg, den die Gletscher genommen haben, die Wanderung der Winde, den Gesang der Lerche und der Amsel, die Sprache der Flüsse, das Wunder eines Regentropfens.
Es war für ihn eine ausgemachte Sache: "Love makes things visible", die Dinge werden durch die Liebe, die ihnen entgegengebracht wird, sichtbar. Oder anders gesagt: Die Welt gehört denen, die sie sehen. Diese Feststellung bekommt in Muirs Biografie eine erweiterte Bedeutung. Eine vorübergehende Erblindung war der Anlass, 1867 zum grossen Fussmarsch aufzubrechen. Muir wurde ein Sehender, ein Erkennender.
Jürgen Brôcan hat Muir mit bemerkenswerter fachterminologischer Kenntnis ins Deutsche übertragen und kommentiert. Wo Muir zweimal hintereinander "compared with" schreibt, übersetzt Brôcan einmal mit "verglichen mit" und das andere Mal mit "im Vergleich zu" – subtil.
"Mit dem Lesen des Buchs von Muir
Bemerkenswert ist sein Essay über das "American Nature Writing", das besondere amerikanische Genre, das "Field Guides, Abhandlungen zur Naturgeschichte, philosophische Essays über die Rolle des Menschen in der Natur, Berichte von Wanderungen, Reiseberichte, persönliche Erfahrungen, Naturschilderungen und kritische Artikel zur Ökologie" (so Brôcans Erläuterung) umfasst.
Eine ganze Bibliothek um Thema zählt er auf – fast eine Überforderung der Leserschaft. Aber mit dem neu vorliegenden Buch von Muir kann man ja sofort beginnen, noch heute.
Dass das Buch mit Aufnahmen des legendären Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904) ausgestattet ist, soll zum Schluss noch erwähnt werden. Muybridge hat mit seinen seriellen Aufnahmen der körperlichen Bewegung Aufsehen erregt, aber auch 1867 im Yosemite Valley, wo Muir wenig später seinen geistigen Mittelpunkt bestimmt, Aufnahmen gemacht. Ob die beiden sich getroffen haben, ist nicht bekannt.
John Muir: Die Berge Kaliforniens. Übersetzt, kommentiert und mit einem Essay von Jürgen Brôcan. Matthes & Seitz Verlag 2013. 352 Seiten. Fr. 49.90.
Zum Thema gehörend:
Dieter Steiner: Die Universität der Wildnis. John Muir und sein Weg zum Naturschutz in den USA. Oekom Verlag 2011. 402 Seiten. Fr. 44.90.
22. Dezember 2013
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