Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03357.jsonl.gz/1544

Wenn Sie einmal so richtigen literarischen Nonsens lesen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Text Auguste Bolte von Kurt Schwitters (1887-1948) – absurd und witzig zugleich.
Auguste Bolte sieht eines Tages auf der Strasse 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen, die alle zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung gehen. Sie kombiniert sofort: Da muss etwas los sein! Und marschiert hintendrein. Doch an der nächsten Strassenecke teilt sich die Gruppe – 5 gehen nach links und 5 nach rechts. Was tun? Wo ist denn nun etwas los, links oder rechts? Auguste rennt zunächst eine Weile hinter den einen 5 her, macht dann kehrt, um wieder zur Ecke zurück zu rennen und eine Weile den anderen 5 zu folgen, bevor sie wiederum wendet. Unterwegs wirft Auguste fleissig Ballast ab, bis sie schliesslich nur noch im Unterrock herumläuft bzw. herumrennt. Doch spätestens zu dem Zeitpunkt, als die beiden Fünfergruppen sich wiederum aufteilen, hat diese Methode längerfristig keine Zukunft mehr. Deshalb beschäftigt Auguste sich jetzt mit einer einzelnen jungen Dame, die zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gruppe verlassen und ein Haus betreten hat, ausgerechnet ein Haus mit der Hausnummer 5. Aber wo ist diese junge Dame jetzt? Auguste kennt kein Erbarmen. Gnadenlos klingelt sie in Nr. 5 an jeder einzelnen Wohnungstür, an manchen sogar mehrmals. Besonders Frau Alma Schulz, Witwe eines Dörrpflaumen-Produzenten, wird durch Augustes Forschungsdrang bis zum Nervenzusammenbruch getrieben.
Warum tut Auguste das alles? Weil sie wissen will, was läuft. Weil sie schon in der Schule ein gescheites Mädchen war. Und weil sie an der Hochschule des Lebens den Doktortitel erwerben möchte – Dr. leb. Auguste Bolte!