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Ein beachtliches Waffenarsenal liegt am Boden der Turnhalle der Blindenschule in Zollikofen: 24 Schwerter, 4 Kampfstöcke, 4 Schilde, 1 Streitaxt, 2 Dolche und 2 Streithämmer. Vor 678 Jahren hätte dieses Material wohl dafür gereicht, im Laupen-Krieg Teile des Stadtberner Heeres im Kampf gegen die Herzöge von Österreich auszurüsten. Heute dienen die zur Schau gestellten Langschwerter sowie Hieb- und Stichwaffen aber einem friedlicheren Zweck.
An diesem heissen Donnerstagabend treffen sich in Zollikofen elf Geschichtsinteressierte, um die mittelalterliche Fechtkunst zu trainieren. Richard Harvey sieht aus, als hätte sich ein Eishockeyspieler auf eine Fechtbahn verirrt: Er trägt am Oberkörper eine schwarze Fechtjacke. Weiss-blaue Handschuhe und Schoner schützen die Hände, den Unterleib sowie die Ellbogen. Eine schwarze Fechtmaske verbirgt Harveys Kopf und Gesicht vollständig. Die Kosten für eine vollständige Ausrüstung mit Schwert belaufen sich auf gegen 1000 Franken.
Schwert auf Schwert
Die Schutzmassnahmen sind nötig. Mit dem stumpfen Zweihänder im Anschlag übt der 47-Jährige mit seinem Partner das sogenannte Zeitlupenfechten. Beide führen Angriffs- und Verteidigungspositionen langsam durch, um sich die Abläufe zu verinnerlichen. Wenn Metall auf Metall trifft, erfüllt ein helles Klirren die Turnhalle.
Nach der Aufwärmrunde wird es schweisstreibend und ernst: Harvey legt mit seinem Partner ein Sparring ein.
Jetzt gilt es, in Echtzeit den Gegner zu treffen. Harveys Gegenüber versucht mit über den Schultern erhobenem Schwert, einen gezielten Stich zu setzen. Im Bruchteil einer Sekunde schafft es Harvey, seitwärts auszuweichen und dem Gegner einen «Schnitt» unterhalb des linken Schulterblattes zu verpassen. «Ein Schlag auf eine schlecht geschützte Körperstelle kann schon schmerzhaft sein», sagt Harvey danach lachend.
Der Trainer Richard Harvey über Schwierigkeiten beim Reproduzieren und seine Lieblingswaffe:
Ein beachtliches Waffenarsenal liegt am Boden der Turnhalle der Blindenschule in Zollikofen: 24 Schwerter, 4 Kampfstöcke, 4 Schilde, 1 Streitaxt, 2 Dolche und 2 Streithämmer. Vor 678 Jahren hätte dieses Material wohl dafür gereicht, im Laupen-Krieg Teile des Stadtberner Heeres im Kampf gegen die Herzöge von Österreich auszurüsten. Heute dienen die zur Schau gestellten Langschwerter sowie Hieb- und Stichwaffen aber einem friedlicheren Zweck.
Historische Quellen
Der Heilpädagoge hat im Jahr 2005 den Verein Leo et Ursus mit Sitz in Bern mitbegründet, lateinisch für Löwe und Bär. Der Name beruht auf der gleichnamigen Fabel des griechischen Dichters Aesop. Mit seinen aktuell 32 Mitgliedern hat sich der Verein zum Ziel gesetzt, die mittelalterliche Fechtkunst mit Schwerpunkt Langschwert anhand von Quellen aus dem Mittelalter nachzustellen und zu bewahren (siehe Box).
Das hat seine Tücken. «In den Überlieferungen ist etwa die Fussarbeit nicht gross beschreiben», sagt Harvey. Zudem gebe es keine überlieferten Vorgaben für den Unterricht der Fechtkunst, solche hätten erst geschaffen werden müssen. Der Verein bietet in der Region Bern vier Trainings pro Woche an.
«Volg allen treffen den starcken wiltu sÿ effen Wert er so zück stich wert er Ja zw ÿm ruck». Zu Deutsch: «Folg in jedem Aufeinandertreffen den Starken, wenn du sie narren willst. Wehrt er ab, so zuck, stich. Wehrt er weiter ab, bedräng ihn.» Langes Schwert nach Johann Liechtenauer, 14. Jahrhundert
Eine Quelle sind die Lehren des deutschen Fechtmeisters Johann Liechtenauer aus dem 14. Jahrhundert, überliefert von seinem Anhänger Peter von Danzig aus Ingolstadt. Im mittelalterlichen Deutsch tönen Liechtenauers Tipps so: «Volg allen treffen den starcken wiltu sÿ effen Wert er so zück stich wert er Ja zw ÿm ruck.» – «Folg in jedem Aufeinandertreffen den Starken, wenn du sie narren willst. Wehrt er ab, so zuck, stich. Wehrt er weiter ab, bedräng ihn.»
Der strikte Bezug auf die historischen Überlieferungen beeinflusst das Selbstverständnis von Leo et Ursus. «Wir verstehen uns eher als Kampfsportler und weniger als Reenactment-Darsteller, welche das Mittelalter nachbilden», sagt Harvey. Der Verein trete deshalb auch nicht an mittelalterlichen Festen auf.
Der «Codex S.554», auch bekannt als «Solothurner Fechtbuch», wurde im frühen 16. Jahrhundert erstellt. Es ist eine Kopie eines Leitfadens, den der deutsche Fechtmeister Paulus Kal vermutlich um 1470 verfasst hat. Das Original des «Solothurner Fechtbuchs» wird in der Zentralbibliothek Solothurn in Solothurn aufbewahrt. Das Manuskript existiert nur in Fragmenten: Lediglich 30 der ursprünglich 62 Seiten sind vorhanden, auf denen wiederum 57 Illustrationen zu sehen sind. Kals Handbuch basiert auf den Schriften des wegweisenden deutschen Fechtmeisters Johann Liechtenauer und befasst sich mit Kampffechten, Rossfechten, Blossfechten (Schwertkampf ohne Rüstung) sowie Kals eigenen Lehren.
Das meint der Experte
Diesen Anspruch anerkennt Marc Höchner, Experte für militärische Fundstücke am bernischen Historischen Museum. Diese Zeitung hat ihm Bilder und Videos des Trainings von Leo et Ursus vorgelegt. «Die Mitglieder dieser Vereine verfügen oft über ein grösseres Detailwissen über die mittelalterliche Fechtkunst als Historiker. Davon können wir profitieren», sagt der Spezialist für die frühe Neuzeit. Der sportliche Aspekt überwiege aber klar, sagt Höchner.
Zum Schwertkampf ist Vereinsmitgründer Richard Harvey durch seine Begeisterung fürs Handwerk und das Interesse fürs Mittelalter gekommen. Nicht nur fertigte er Langbogen an, sondern versuchte sich auch im Schmieden eines eigenen Schwertes. Irgendeinmal tauchte der Wunsch auf, die Waffen selber führen zu können.
Die Mitglieder von Leo et Ursus gehören einer relativ jungen Szene in der Schweiz an. Zusammen mit achtzehn anderen Gruppen hat sich der Verein zum Dachverband Swiss Hema zusammengeschlossen. Hema steht für Historical European Martial Arts oder historische europäische Kampfkünste. Europaweit sind die nationalen Verbände ebenfalls miteinander vernetzt.
Erfolgreiche Filme und Fernsehserien wie «Herr der Ringe» und «Game of Thrones» verhelfen Hema zu zunehmender Popularität. Wer ein Training gesehen hat, ahnt jedoch, dass Schwertkampf- und Degenszenen aus Hollywood nichts mit der Realität zu tun haben. «Auf dem Schlachtfeld wären Einzelkämpfer verloren gewesen. Über Sieg und Niederlage haben vielmehr geschlossene Formationen entschieden», sagt Harvey.
Tanja Schiess, die einzige Frau bei Leo et Ursus, entdeckte ihre Liebe zum Schwert schon früh:
Doch auch die sozialen Medien im Internet helfen, ein attraktives Bild von Hema zu vermitteln. Tanja Schiess, die einzige Frau bei Leo et Ursus, hat sich schon immer fürs Mittelalter interessiert. Als Mädchen duellierte sie sich mit Spielzeugschwertern mit ihren Brüdern. Auf dem Videoportal Youtube hat sich die 22-Jährige über Hema informiert und sich danach entschieden, es mit der mittelalterlichen Fechtkunst zu versuchen.
Auch Frauen fechten
In der Mitte der Turnhalle in Zollikofen ist sie mit dem Langschwert zum Sparring gegen einen Partner angetreten, der etwa gleich gross wie sie ist. Im knapp sechsminütigen «Kampf» kann Schiess durchaus mithalten. Sie pariert Angriffe und trifft einige Male. «Auf dem Feld ist sie ein echter Kerl!», tönt es aus der Gruppe. «He, das habe ich gehört», gibt Schiess zurück.
Tauchen Sie eine Minute in den Kampf von Schiess mit ein:
Frauen hätten im Mittelalter in der Regel nicht auf dem Schlachtfeld gekämpft, gibt Historikerin Simona Slanicka von der Universität Bern zu bedenken. Sie hat das Männlichkeitsbild dieser Epoche erforscht und gilt als ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet. «Aussergewöhnlich» findet Slanicka, dass sich die Hema-Bewegung deutlich von Reenactment distanziert. «Es scheint, als wollten sie sich von den Esoterikern und der Fantasyszene abgrenzen.»
Trotz des betonten Augenmerks auf die historischen Quellen könne Hema allenfalls als «anderer Gebrauch von Geschichte» bezeichnet werden als eine «Wiedererfindung der Tradition». Denn: «Wie im Mittelalter gekämpft wurde, können wir nur erahnen», so Slanicka. Ein Guckloch darauf, wie die Vergangenheit wirklich ausgesehen habe, gebe es nicht.
Immerhin vermitteln Leo et Ursus und die anderen Vereine eine Vorstellung davon.
Impressum
Bilder: Beat Mathys
Historische Bilder: Wikimedia Commons
Text: Jon Mettler
Umsetzung: Claudia Salzmann
Videos: Claudia Salzmann