Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/925

[wilhelmtux-discussion] Zukunft ohne Microsoft
Nicolas Iselin
nicolas at iselin.ch
Mit Dez 11 21:23:04 CET 2002
Am Mittwoch, 11. Dezember 2002 01.58 schrieben Sie:
>
> > Wär von euch hat schon mall über Kostenlose Wohnen , Essen Kino Bücher
> > usw. nachgedacht oder sollen die Programmierer die einzigen Menschen
> > sein, die für nichts arbeiten. Wie fiele IT arbeitslose wollt Ihr in der
> > Schweiz. Wie fiele arbeiten von euch in der IT brasche in Microsoft losen
> > Betreiben.
>
> Das ist kein Vergleich. Gute Software ist noch lange kein Massenprodukt,
> sie muss durch experten mit den Kunden/Nutzern zusammen entwickelt werden.
> Diese Nutzer können sich Software komplett entwickeln oder anpassen lassen
> und diese Arbit bezahlen. Davon können mehr Entiwckler leben als derzeit
> verfügbar sind und die Kunden haben was sie brauchen und nicht was ihnen
> jemand einredet.
Ich denke auch, dass die Zeit des Geschäftsmodells 'Standardsoftware
einmal entwickeln, millionenfach zum Fast-Null-Tarif kopieren und
teuer pro Kopie verkaufen (ohne irgendwelche Garantien zu übernehmen'
vorbei ist.
Das Hauptproblem mit dem Vergleich 'kostenloses Wohnen/Bücher/Kino' ist,
dass du die Tatsache ignorierst, dass Programme in der Bitwelt leben
(wo die Möglichkeit zur identischen Kopie eine Grundvoraussetzung ist
- kein Computer kann funktionieren, wenn er Daten von der Harddisk nicht
_unverändert_ ins RAM kopieren kann). Wohnen setzt ein Haus aus
Atomen voraus. Ein Buch ist auf Papier gedruckt. Im Kino hast du eine
Riesenleinwand und einen geheizten Saal. In der Atomwelt gibt es keine
identische Kopie. Der Materieduplikator ist noch nicht erfunden - der
Informationsduplikator hat inzwischen eine enorme Verbreitung gefunden.
Du liest diese Message gerade damit (oder hast einen verwendet, um
diese Message auszudrucken).
Uebrigens: Wenn der Materieduplikator eines Tages erfunden würde
(ich persönlich glaube nicht daran, aber als Gedankenexperiment),
wärst du dann auch dafür, dessen Einsatz möglichst nur grossen
Firmen (und auf gar keinen Fall 'dem kleinen Mann') zu ermöglichen,
nur damit deren Geschäftsmodell (das auf einer Welt vor dem
Materieduplikator beruht) weiterhin funktioniert ? Wurde der
Einsatz von Webmaschinen während der Industrialisierung verboten,
um die Heimarbeiter zu schützen ?
Deshalb halte ich die Zeit für gekommen, mit dem Copyright auf
reinen, nicht materialisierten Bitströmen aufzuhören. Dessen
Durchsetzung erfordert einen immensen juristischen und technischen
Aufwand - ein volkswirtschaftlicher Blödsinn. Das Urheberrecht
ist etwas anderes...
Ein nacktes Programm ist kein Produkt. Ein Programm ist nichts als
ein Plan, der unter bestimmten Voraussetzungen 'ausgeführt' werden
kann. Erst wenn es auf CD gebrannt, mit dem (Qualitäts-)siegel eines
Herstellers, mit Dokumentation und vielleicht auch noch einem gewissen
Anspruch auf Support verbunden ist, kann damit a) Geld verdient und b)
auch so etwas wie ein Copyright durchgesetzt werden. Ich würde es
also weiterhin unter Strafe stellen, Kopien von Windows-CDs herzustellen,
die aussehen, als kämen sie von Microsoft. Durchaus in Ordnung wäre
es aber, ISO-Images ins Web zu stellen...
Alles andere läuft auf ein Wissensmonopol und die totale Kontrolle
(Orwell's 1984 lässt grüssen) hinaus.
Ich bin jetzt etwas abgeschweift und das sind meine eigenen
(pseudo- ?) philosophischen Ueberzeugungen, die mit dem Ziel von
Wilhelmtux nur indirekt etwas zu tun haben.
>
> (nebenbei; diese Entwickler sind dann lokale Entwickler, also z.B.
> Schweizer, und sie arbeiten nicht in Redmond - davor hat Billy am meisten
> Angst.)
Das ist wiederum ein wichtiger Punkt, der sogar einen Politiker
aufhorchen lassen sollte.
>
> Ich bin überzeugt, dass davon die Qualität der SW profitieren wird. Denn
> dann haben die Anwender die Möglichkeit, die beste Software zu nutzen und
> auf ihre Verhältnisse anpassen zu lassen. Die Entwicklungsmechanismen
> proprietärer Software ermöglichen nicht, diese SW klein, schnell und stabil
> zu machen.
Klein (oder besser: Modular) zu sein ist eine wichtige Eigenschaft von
open source. Modularität ist wiederum eine wichtige Voraussetzung für
den sparsamen Einsatz von Ressourcen (also zum Beispiel längere Nutzungs-
zyklen von Hardware), und vor allem für die Security. Je weniger Code
auf einer Kiste läuft, desto weniger Bugs können von Bösen Buben [tm]
potentiell ausgenutzt werden. Es muss also einfach sein, unbenötigtes
Zeug einfach abzuschalten. Ein Ziel, das proprietäre Hersteller eher nicht
verfolgen, da sie den Kunden möglichst an sich binden wollen.
> http://pimientolinux.com/peru2ms/villanueva_to_ms_de.html
Kann man nicht oft genug empfehlen :-)
Und noch zu den Arbeitslosen: Gerade die Hirnwäsche von Bill Gates,
dass einen Computer zu Konfigurieren und Programmieren durch
unüberlegtes Mausclicken für jedermann ohne Lernaufwand zu machen
sei, hat Leute in die IT gelockt, die wohl besser etwas anderes
machen würden. Ohne eine gewisse Fähigkeit zur Abstraktion und
mathematischem Denken geht es nicht. Wenn ich nur an die zahllosen
offenen Mail-Relays denke, die für den immer mehr zunehmenden Spam
die Nahrungsgrundlage sind...
Ich finde es sehr wichtig, dass die Fachleute alles daran setzen sollten,
den _Gebrauch_ eines Computers für jedermann und jedefrau so einfach
und risikolos wie nur irgendwie möglich machen sollten. So wie die
Autokonstrukteure Autos bauen, die jeder fahren kann. Aber beim
Konfigurieren und Programmieren sollte halt ein Fachmann ran.
Wenige versuchen selber Ihren defekten Staubsauger zu reparieren.
Aber beim Computer ist jeder ein Fachmann. Obwohl diese Kiste um
Grössenordnungen komplizierter ist.
Und Open Source ermöglicht eben jedem, sich wirklich weiterzubilden.
Im Gegensatz zu Closed Source.
Nicolas
PS: Die, die sich über meine Mails mit völlig unbrauchbarem Datumsstempel
geärgert haben: Das liegt leider an einer uralt-Version eines
Webmail-Programms, das ich dann verwende, wenn ich unterwegs bin.
Dieses Mail hat einen vernünftigen Datumsstempel.
PPS: Ich fände es schön, wenn alle auf HTML-Mails verzichten könnten. Auch
das wäre ein Beitrag an offene, sichere, einfache Standards.