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Gerhard Falkners Baltschiedertal
«Ich ging entlang dieser zottigen Ufer der Dämmerung, und meine Arme streiften das Bärenfell der Gestrüppe, während das letzte Glühen die Wipfel der Bäume mit einer feurigen Monstranz umgab. (...) Während meine Gedanken von einer schläfrigen Unbestimmtheit waren und sich in einer sinnlosen Unselbständigkeit bewegten, waren die Sinne geschärft, denn der Pfad stieg steil an, bis er, an gewaltigen Abstürzen der Landschaft vorbeiführend, die berühmte Suone, eine über weite Strecken aus dem Stein gehauene Wasserleitung, erreichte und ab da auf regelmäßiger Höhe der Talflanke folgte. (...) Ich verspürte das mächtige Wachsen der Massive und kämpfte mit der sich in Wellen auftürmenden Dunkelheit wie ein Schwimmer mit dem Wasser.
Ein paar Mal während dieses traumverlorenen Dahingehens hörte ich ich den Klagelaut eines erlöschenden Lebens, dann hatte eine Eule oder ein Marder an ihrem Schlafplatz abgesammelt, ohne ihr viel Zeit für einen Protest einzuräumen.
Manchmal wurde der Weg sehr schmal, wenn er sich auf gar keinen gewachsenen Grund mehr stützen konnte, sondern direkt aus dem Fels entweder herausgehauen oder herausgesprengt war, weil eine senkrecht herunterkommende Wand seine natürliche Fortsetzung verhinderte.»
Gerhard Falkner: Bruno (2008)
Gerhard Falkner hat sich vor allem als Lyriker einen Namen gemacht. Mit «Bruno» hat er eine Novelle vorgelegt, in der er – inspiriert von Stifter- und Hemingwaylektüren, die Walliser Wälder und Gebirgstäler stimmungsvoll beschreibt. Die Suche nach dem Braunbären Bruno (der nie im Wallis war, sondern nur für den Zweck der Novelle hier auftaucht) wird für den aus Berlin angereisten Dichter zur Obsession. Deren Schilderung ist aber wohltuend ironisch durchsetzt: Einmal kommentiert der Erzähler ein Bild des Raubtiers mit den Worten: «Jemand wie ich könnte sich nur wünschen, auszusehen wie dieser Bär». Ein anderes Mal wird in einer Szene maximale Spannung aufgebaut, weil der Erzähler meint, endlich Bruno gegenüberzustehen – Gefahr, Adrenalin – tausend Gedanken jagen durch seinen Kopf. Als das Tier aber seinen Kopf hebt, ist es – bloss «eine Kuh. Genauer gesagt war es ein halbwüchsiger Bulle». Das oben präsentierte Zitat ist hingegen der Auftakt zu einer tatsächlich lebensgefährlichen Szene. Der Berliner Dichter stürzt auf seiner nächtlichen Suonen-Wanderung über den Fels, er klammert sich mit den Händen an die Kante, unter ihm nur noch der Abgrund.
Gerhard Falkner hat wie Felicitas Hoppe den Spycher-Literaturpreis gewonnen. Damit verbunden ist ein mehrmonatiger Schreibaufenthalt in Leuk sowie, im Gegenzug, die Verpflichtung, einen dort entstandenen Text abzuliefern. «Bruno» ist das Ergebnis von Falkners Leuk-Monaten. (BP)
Das Baltschiedertal liegt auf der Walliser Seite im Herzen des UNESCO-Weltkulturerbes Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Das Bild zeigt einen der Wege, den der Dichter auf seinem nächtlichen Streifzug gegangen sein könnte. Die Rinne rechts gehört zum künstlichen Bewässerungssystem, durch welches das kostbare Wasser von Quellen und Gebirgsbächen auf das in jahrhundertelanger Arbeit urbar gemachte Land geleitet wird. Die kilometerlangen Gräben, Steinrinnen und auch ausgehöhlte Baumstämme heissen «Suonen», im französischsprachigen Unterwallis auch «bisses». Die Wiesen und Äcker sind auf kleinen, teils stufenförmig angelegten Parzellen. Einzelne Menschen wären zu einer derartigen Leistung nicht in der Lage gewesen. Die «Suonen» konnten nur über ein intaktes Gemeinwesen geschaffen, gepflegt und zu einem weit verzweigten künstlichen Bewässerungsnetz entwickelt werden.