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Am 17. August 2019 wird der Waffenplatz Thun – der älteste und grösste Waffenplatz der Schweiz – seinen 200. Geburtstag feiern. Bereits im Februar stellte das VBS zudem wichtige Weichen für seine Zukunft.
20. August 1817
Die aus Vertretern aller Kantone bestehende «Tagsatzung», als Regierung des Staatenbunds, beschliesst ein eidgenössisches Militärreglement. Dieses gesteht den 22 Kantonen die Verantwortung für ihre Truppenkontingente zu, zielte aber auch auf eine Vereinheitlichung der 33'000 Mann starken eidgenössischen Armee.
17. August 1818
Die Tagsatzung beschliesst die Schaffung einer «gemeinschaftlichen Lehranstalt». Bern, Lenzburg, Luzern und Zürich bewerben sich. Thun erhält den Zuschlag. Die Thuner Allmend ist ideal geeignet für den Artilleriewaffenplatz und liegt geografisch etwa im Mittelpunkt der Artillerie liefernden Kantone.
1. August 1819
Die Zentral-Militärschule in Thun wird eröffnet. Erster Direktor ist der Luzerner Artillerieoberst Jost Göldlin von Tiefenau. Auf der Allmend wird das «Polygon» als Übungsfestungswerk errichtet. Die Offiziere logieren in Gast- oder Privathäusern, die Mannschaften im Zelt oder im einstigen Kornhaus auf der Aareinsel Bälliz. Als Munitionsdepot dient der Strättligturm. Als erste Ausbildner fungieren Artilleriehauptmann Salomon Hirzel aus Zürich und der Eidgenössische Ingenieur-Stabshauptmann Guillaume Henri Dufour.
1828
Die Schule nimmt neben Offizieren von Generalstabsdienst, Artillerie- und Geniewesen auch Generalstabsoffiziere und Kader von Infanterie, Kavallerie und Scharfschützen auf. Für Mannschaften finden alle zwei Jahre Ende Sommer «Eidgenössische Übungslager» für bis zu 5'000 Mann statt.
1832
Guillaume Henri Dufour, 1927 zum Oberst befördert, wird Kommandant der Thuner Militärschule.
1841
Die Armee kauft der Burgergemeinde Thun für 150'000 Franken die 505 «Jucharten» (ca. 18'000 Aren) grosse «Untere Allmend» ab und sichert sich die «Kalberweid» jenseits der Aare für künftige Zwecke.
1849
Als Ersatz für die 1827 und 1842 erweiterte Bällizkaserne gibt der 1848 gegründete Schweizer Bundesrat beim Militärdepartement den Plan einer Kaserne für 4'000 Mann in Auftrag. Umgesetzt wird er aber nicht. Ab Anfang der 1850er-Jahre verwaltet das «eidgenössische Kriegskommissariat» in Thun die Militärschule sowie die Allmend und sorgt für Lagerung, Unterhalt und Reparatur des Materials.
1858
Der Bundesrat beschliesst den Bau einer neuen Kaserne am Rand der Thuner Allmend. Dies weil Thun an die Eisenbahn angeschlossen wird und das Bahntrassee innert Jahresfrist die Bällizkaserne vom Übungsgelände auf der Allmend abtrennen wird.
1861–1864
Die Geschützhalle wird errichtet. Aus diesem ersten Zeughaus, das 1917 abbrannte, entwickelt sich mit den Jahrzehnten das eidgenössische Zeughaus Thun.
Zudem beschliesst die Bundesversammlung auf Initiative von Hans Herzog, 1860 bis 1874 eidg. Inspektor sowie Oberinstruktor der Artillerie in Thun und Präsident der Artilleriekommission, den Bau der Mechanischen Werkstätten und des Feuerwerker-Laboratoriums. Diese lösen das 1857 errichtete Pulver- und Werkzeugmagazin ab und werden von einer neuen Dampfzentrale mit Energie versorgt.
1864
Die Truppe bezieht die nach Plänen des Genfer Kantonsingenieurs Leopold Stanislaus Blotnitzki und des St.Galler Architekten Felix Wilhelm Kubly gebaute Kaserne. Sie bietet Platz für 1162 Mann, Stallungen für 400 Pferde und zwei Reitbahnen.
1870–1871
Herzogs Vision der Zentralisierung von Ausbildung, Entwicklung, Erprobung, Produktion, Wartung, Reparatur und Lagerung des Materials, vorwiegend der Artillerie als Hauptkontingent der Thuner Truppen auf der Allmend, hat sich verwirklicht. Doch während des deutsch-französischen Kriegs – Herzog ist Oberbefehlshaber der Schweizer Armee – stellt er fest: Seine Armee agiert alles andere als homogen. Er erstellt einen Mängelbericht, welcher in die Militärorganisation 1874 samt Bildung des Bundesheers und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mündet.
1874–1895
Das Feuerwerker-Laboratorium wird in Eidgenössische Munitionsfabrik M+F, die Mechanischen Werkstätten in Eidgenössische Konstruktionswerkstätte K+W umbenannt. Neben Munition, Waffen und Geschützen werden auch Fuhrwerke, Lafetten, Fahrgestelle und andere Militärgüter entwickelt und produziert. Das führt zum Bau von Munitionskontrolle, Hülsenfabrik, Eidgenössischem Munitionsdepot und Offizierskaserne sowie Ersatz der Dampfzentrale durch eine stärkere Turbinenanlage.
1895
Innert zwei Jahren wird die Offizierskaserne errichtet. Der westfälische Industrielle Gustav von Selve, angelockt vom Bedarf der Armee-Werkstätten für Rohmaterialien und Halbzeuge, errichtet in Thun ein Walzwerk mit Giesserei.
1901
Das Eidgenössische Elektrizitätswerk übernimmt die Energieversorgung der Regiebetriebe, welche sich über rund einen halben Kilometer zwischen Aare und Bahnlinie in Richtung Lerchenfeld erstrecken.
1911
Emil Messner wird Direktor der nun als Schweizerische Metallwerke Selve & Cie. firmierenden Rüstungsfabrik. Er dient zudem (1909-1923) als Instruktor und Kommandant der Schweizer Ballontruppen. Später wird er Mitbegründer des Schweizerischen Aero-Clubs sowie der ersten schweizerischen Luftfahrtgesellschaft «Ad Astra Aero», Vorläuferin der Swissair. Der flugbegeisterte und taktisch versierte Messner erkennt die Notwendigkeit einer «echten» Luftwaffe – und überredet den Generalstab, auf der Thuner Allmend ein Flugfeld zu errichten.
1914–1915
Bundesrat Motta erteilt die Weisung, «alle Waffenplätze sind dem Flugwesen zur Verfügung zu stellen». Die Abteilung Flug der K+W beginnt im Auftrag der Eidgenössischen Militärkommission mit der staatlichen Flugzeugproduktion und auf der Vorderen Allemend wird der Werkflugplatz gebaut.
1921
Der «Armeemotorfahrzeugpark» (AMP) wird errichtet.
1924
Die Schweizer Armee stellt in der Mannschaftskaserne Thun mit dem «Baranoff-Apparat» (konstruiert und 1919 patentiert von Valentin André Baranoff) den ersten Artilleriesimulator in Dienst. Dieser arbeitet rein mechanisch und mit Geländereliefkarten, wird von drei bis vier Mann bedient und bis 1978 für Ausbildung und Training der Artillerieoffiziere eingesetzt. 1927 und 1928 werden auch in Bière, Kloten und Frauenfeld, 1934 zudem in Bern verbesserte Baranoff-Apparate aufgebaut.
1925
Die ersten Kader- und Rekrutenschulungen für die «Motorwagengruppe» finden statt.
1937
Die 1935 der Kavallerie unterstellte Motortransporttruppe wird der «Leichten Truppe» unterstellt.
1939
Die von 1936 bis 1939 errichtete Dufourkaserne wird bezogen und die Ausbildung für Leichtpanzerfahrer aufgenommen. Allzu viele davon gibt es noch nicht. Die Schweizer Panzerarmee umfasst in den Kriegsjahren lediglich 28 Leichtpanzer der Typen «Vickers-Carden-Loyd» und «Praga». Bis 1940 finden jährlich noch zwei Gebirgs- und Feldartillerie-Rekrutenschulen sowie die Offiziersschule in Thun statt. Dennoch verliert Thun infolge der Reduit-Strategie vorübergehend an Bedeutung. Die Armee zieht sich in die Berge zurück – und Henri Guisan bezieht am 1. April 1941 den Kommandoposten als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee nicht in Thun, sondern in der Villa Cranz in Interlaken.
1945–1950
Die Artillerieausbildung wird nach Bière, Frauenfeld und Monte Ceneri verlagert. Auf der Allmend übernehmen die Panzer die Vorherrschaft. Für die Artillerie werden «Projektar»-Simulatoren angeschafft, welche mit der Projektion eines realen Geländebildes (Zielraumfoto) auf eine halbtransparente Leinwand bzw. Glasscheibe arbeiten. Statt Motormechanikern, -fahrern und -dragonern, Funkern sowie Strassenpolizisten beherrschen 150 Panzerjäger «G13» aus der Tschechoslowakei das Bild in Thun. Ab 1948 werden die Motorfahrer statt zentral in Thun bei den jeweiligen Truppengattungen ausgebildet. In Thun finden nun Motormechaniker-Rekrutenschulen statt.
1952
Die französischen AMX-Panzer (LPz51) werden beschafft.
1955
Die «Centurion»-Panzer kommen nach Thun
1961
Die von K+W entwickelten und gebauten Panzer 61 und 68 rollen an und mit der Reorganisation der Feuerführung und Feuerleitung im Zug der Truppenordnung 61 werden die Artilleriesimulatoren obsolet.
1968
Die Dufourkaserne geht infolge eines Landabtausches von der Stadt Thun an den Bund über.
1977
Der Simulator 77 für Artillerieschiessen löst die Baranoff-Apparate und die Projektar-Simulatoren ab.
1980
Das Panzerausbildungszentrum «MLT-Dreieck» wird fertiggestellt. Die Panzertruppen und später auch die Genie- und Übermittlungstruppen erhalten zunächst den Schützenpanzer M 113, der bei den Panzergrenadieren den Universal-Carrier ersetzt.
1987
Die Ausbildung auf den deutschen «Leopard 2»-Panzern beginnt.
1995
Die Munitionsfabriken in Altdorf und Thun fusionieren zur «neuen» Schweizerischen Munitionsfabrik, welche 1999 letztlich in die privatwirtschaftliche Ruag übergeht.
2003
Mit ELTAM wird der erste moderne Simulator in Thun eingerichtet
2005
Der Lehrverband Panzer, später Panzer und Artillerie, bezieht den Standort Thun und im Sommer 2006 beginnt die Ausbildung von Artillerieoffizieren in der «Panzer und Artillerie Offiziersschule 22».
2008
Die Artillerieausbildungsanlagen (INTAFF, FARGO und Wet D) werden ans Kommando Mechanisiertes Ausbildungszentrum (MAZ) Thun übergeben.
2010
Im MAZ wird ELTAM modernisiert. Neu installiert werden der Fahrsimulator für Panzer (FASPA) und elektronische Schiessausbildungsanlagen (ELSA) für den Schützenpanzer 2000, den Panzer 87 Leopard 2 WE sowie für den Schiesskommandanten.
2011–2013
Die Dufourkaserne wird für rund 28,3 Millionen Franken unter Einbezug des Denkmalschutzes gesamtsaniert und äusserlich dem Ursprungszustand von 1939 angeglichen. Auch die Unterkünfte werden saniert, ein Erweiterungsbau für das Verpflegungszentrum entsteht und die Kaserne wird ans Fernwärmenetz der Kehrichtverbrennungsanlage KVA Thun angeschlossen.
2019
Der Waffenplatz Thun feiert sein 200-Jahr-Jubiläum – und das VBS publiziert in der Armeebotschaft 2019 weitere Ausbaupläne für den Wpl Thun. Mittelfristig soll die militärische Nutzung auf zentralen Teilen der «Kleinen Allmend» zugunsten ziviler Nutzungen eingestellt und der Waffenplatz innerhalb von rund 15 Jahren in vier Etappen südlich der Allmendstrasse weiterentwickelt werden. In der ersten Etappe sollen für 84 Mio. Franken drei neue Hallen für die Zentralisierung der Instandhaltungsschule in Thun errichtet werden, um danach den Waffenplatz Lyss räumen zu können. In der zweiten Etappe (nach 2020) soll für rund 90 Mio. Franken das Technologiezentrum W+T der armasuisse vom Areal Zollhaus auf die Anlage Thierachern und Witaumatte verlegt werden. In der dritten und vierten Etappe (nach 2025; Budget: 180 Mio. Franken) sollen die bestehenden Ausbildungshallen und Gebäude auf dem Areal Zollhaus saniert sowie Kaserne, Ausbildungshallen, Betriebsinfrastruktur für das Berufspersonal und Abstellflächen neu errichtet werden. Nach Abschluss ist geplant, den in der «Kleinen Allmend» stationierten Teil der Instandhaltungsschule in die Areale Zollhaus und Kaserne zu verlagern.