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- Auf den Ozeanen kämpfen die grossen Fangnationen um immer weniger Fisch.
- Mit milliardenschweren Subventionen schicken Länder wie China oder Spanien ihre Fangflotten um die halbe Welt.
- Die Fischbestände könnten sich sehr rasch erholen, doch dafür müssten die Menschen weniger Fisch essen.
Vor der argentinischen Küste leuchten die Lichter einer chinesischen Stadt. Hunderte von Fischerbooten aus China versammeln sich während der Fangsaison 370 Kilometer vor Argentinien auf dem Südatlantik. Sie sind um die halbe Welt gefahren in der Hoffnung auf einen fetten Fang. Denn die Gewässer vor Argentinien sind reich an Tintenfisch, und Tintenfisch ist eine Delikatesse für immerhin 1,4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen.
Bis 370 Kilometer ins Meer hinaus erstreckt sich die Wirtschaftszone eines Küstenstaats, dort hat er das alleinige Recht zu fischen. Dahinter, auf hoher See, tummeln sich die Trawler der grossen Fangnationen, allen voran China, aber auch Japan und Spanien.
Argentinien bezichtigt China des Fischdiebstahls, immer wieder würden Schiffe unerlaubterweise in die Wirtschaftszone eindringen. China weist die Vorwürfe zurück. Gleichwohl hat die argentinische Küstenwache bereits 2016 einen chinesischen Trawler versenkt.
Jetzt will sie aufrüsten. Am 24. Juni stellte die argentinische Regierung die «ARA Piedrabuena» vor: ein Kriegsschiff, ausgerüstet mit Kanonen und einem Helikopter. Es soll die Küstenwache im Kampf gegen die illegale Fischerei verstärken.
Wie in Argentinien verschärfen sich auf der ganzen Welt die Konflikte um die Fischbestände.
Konflikte auf hoher See
Irland: Die irische Kriegsmarine beschlagnahmt im Mai ein Fischerboot aus Spanien. Es ist bereits das fünfte in diesem Jahr.
Brexit: Grossbritannien und Frankreich schicken Kriegsschiffe und Patrouillenboote in den Ärmelkanal. Es geht um die Fischereirechte nach dem Brexit.
Südchinesisches Meer: Bei den Grenzkonflikten im Südchinesischen Meer zwischen China und anderen Anrainerstaaten wie Malaysia oder Indonesien geht es nicht nur um Öl- und Gasvorkommen, sondern auch um reiche Fischbestände.
Fisch wird knapp
Denn Fisch ist vielerorts ein rares Gut geworden. Zumal Jahr für Jahr mehr Fische getötet werden als heranwachsen. Längst ist der Fischfang nicht mehr nachhaltig. Noch 1978 waren laut der Welternährungsorganisation FAO 91 Prozent der Bestände stabil, 2017 noch 66 Prozent – und die Zahl geht weiter zurück.
Schliesslich ist Fisch für 800 Millionen Menschen in Küstenregionen das wichtigste Nahrungsmittel, und in reichen Ländern wie der Schweiz gilt Fisch als gesunde Alternative zu Fleisch. 154 Millionen Tonnen Fisch hat die Menschheit im vergangenen Jahr verzehrt, etwa 20 Kilo pro Kopf der Weltbevölkerung.
Die Schweiz und der Fisch
Essen die Schweizerinnen und Schweizer gerne Fisch?
Gerne vielleicht schon, aber im internationalen Vergleich eher wenig, nämlich etwa 9 Kilo pro Kopf und Jahr – im Vergleich zu 20 Kilo weltweit. Die Schweiz ist ein Binnenland, Fisch eine Delikatesse und anders als vielen Küstenregionen kein Hauptnahrungsmittel.
Kommt der Fisch aus inländischer Produktion?
Nur gerade 2,4 Prozent des in der Schweiz konsumierten Fischs wurde lokal gefischt oder gezüchtet. Schweizer Fisch ist mit einer Gesamtmenge von unter 4000 Tonnen pro Jahr kein Massenprodukt. Die Grösse der Gewässer, ihre Verschmutzung und strenge Auflagen (Mindestfanggrössen, Schonzeiten, Schutzgebiete) schränken die Erträge ein.
Welcher Fisch ist der Beliebteste?
Lachs steht an der Spitze der Importstatistik und wird immer beliebter. Bedeutendstes Importland ist Norwegen, wo im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Tonnen Lachs in Aquakulturen gezüchtet wurden.
Bereits ist der industrielle Fischfang im Mittelmeer kaum noch rentabel, 75 Prozent der Bestände sind überfischt. Grösste Fischlieferanten sind heute der Pazifik und der Atlantik mit 50 respektive 23 Millionen Tonnen pro Jahr. Mehr als die Hälfte des verzehrten Fischs kommt jedoch aus Fischzuchten, auch Aquakulturen genannt. Freilich besteht das Futter für die Zuchtfische aus wild gefangenen Fischen, etwa als Fischmehl oder Fischöl. Die Überfischung wird dadurch weiter befördert.
Kommt dazu, dass die Klimaerwärmung sich massiv auf die Fischbestände auszuwirken beginnt. Forscherinnen und Forscher gehen beispielsweise davon aus, dass Fische in warmem Wasser eine kleinere Körpergrösse und eine höhere Sterblichkeitsrate haben werden.
Fischfang: oft illegal
Ein besonderes Problem stellt die illegale, undokumentierte und unregulierte Fischerei dar, international mit der Abkürzung IUU zusammengefasst. Darunter fallen zum Beispiel chinesische Schiffe, die ohne Erlaubnis in der argentinischen Wirtschaftszone auf Fischfang gehen, aber auch Fischerboote, die sich nicht an Fangquoten halten oder ihren Fang nicht ordnungsgemäss deklarieren.
Es gibt Schätzungen, wonach zusätzlich zur ordentlichen Fangmenge weitere 30 bis 50 Prozent aus IUU-Fischerei stammen. Angesichts der Grösse des Problems haben Staaten und internationale Organisationen in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer wieder neue Regeln erlassen und Kontrollen verschärft. Doch auf hoher See bleibt dies ein schwieriges Unterfangen.
Subventions-Schwemme
Für die Überfischung der Meere sind aber auch die Staaten selbst verantwortlich, indem sie die Fischerei mit 35 Milliarden Dollar subventionieren. Eine unglaubliche Summe, wenn man bedenkt, dass der weltweite Fischerei-Umsatz etwa 90 Milliarden Dollar beträgt.
Hinter der Subventions-Schwemme steht die Lobby eines Wirtschaftszweigs, der in vielen Küstenregionen dominant ist: Von der Backstube über die Tankstelle bis zur Bank sind rund um einen Fischereihafen alle vom Wohl der Fischereibetriebe abhängig.
Daher haben Fischerinnen und Fischer seit jeher eine schlagkräftige Lobby. Und schlagkräftige Argumente: Fischerei-Subventionen halten die Preise für die Konsumentinnen und Konsumenten tief und schützen die Arbeitsplätze in der Fischerei-Industrie.
Kein Wunder, gibt es bis heute kein internationales Abkommen zur Regulierung der Fischerei-Subventionen, obschon die Mitgliedstaaten der Welthandelsorganisation (WTO) seit 2001 – seit 20 Jahren! – darüber Verhandlungen führen.
Jetzt aber scheinen sich die Verhandlungen plötzlich auf der Zielgeraden zu befinden. Bereits im Juli soll ein Text vorliegen, im November das Abkommen unterzeichnet werden. Was dieses beinhalten und bewirken wird, ist freilich noch offen.
Sicher ist: Die Sorge um den Klimawandel, den Zustand der Meere und der Fische ist grösser geworden.
«Seaspiracy» stösst Debatte an
Der Dokumentarfilm «Seaspiracy» rechnet mit der globalen Fischindustrie ab. Seit der Premiere am 24. März ist er einer der meistgeschauten Filme auf Netflix und hat eine weltweite Debatte über den Fischkonsum angestossen.
Wobei es durchaus Anlass zur Hoffnung gibt: Fische pflanzen sich sehr rasch fort, die Bestände könnten sich eigentlich sehr rasch erholen. Zum Beispiel legen Thunfisch-Weibchen pro Laichsaison, je nach Alter, zwischen 500'000 und 10 Millionen Eier. Dass viele Thunfisch-Arten trotzdem vom Aussterben bedroht sind, liegt an der exzessiven Fangmenge von jährlich rund sechs Millionen Tonnen – ohne IUU-Fischerei, wohlgemerkt.
Eigentlich müssten nur alle etwas weniger Fisch konsumieren – und die Bestände könnten stabilisiert werden. Doch im Moment bleibt dies Hoffnung, eine Wende beim Fischkonsum ist noch nicht in Sicht.
Und so drohen sich auch die Konflikte auf den Ozeanen weiter zu verschärfen. Die «ARA Piedrabuena» dürfte nicht das letzte Kriegsschiff sein, das gekauft wurde für den Kampf gegen die illegale Fischerei.