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Man nannte Tschudi auch den «Schweizer Humboldt». Er bereiste Südamerika dreimal, beschrieb zahlreiche damals noch unbekannte Tierarten und brachte über 600 Tierpräparate für das naturhistorische Museum in Neuchâtel mit. Viele Tiere, vor allem Vögel, aber auch eine Meerschweinchen-Art, sind nach ihm benannt.
Kritische Geschichtsschreibung
Nun beschäftigt sich ein argentinischer Historiker mit Tschudi. Tomàs Bartoletti forscht gegenwärtig am Lehrstuhl für Geschichte der Moderne an der ETH.
«Als ich die postkoloniale Geschichte Perus recherchierte, bin ich auf Johann Jakob von Tschudi gestossen», erklärt Bartoletti sein Interesse an Tschudi. «Er hat fünf Jahre in Peru gelebt, und hat von der Fauna bis über die Quechua-Sprache vieles erforscht. Es gab im 19. Jahrhundert viele Reisende wie Tschudi. Sie haben ein Bild Südamerikas entworfen, das von rassistischen Einschätzungen geprägt ist, und so die Machtasymmetrie zwischen Europa und Lateinamerika verstärkt.»
Die Schweiz und der Kolonialismus
Mit der «Black Lives Matter»-Bewegung entbrannten weltweit Diskussionen über die koloniale Vergangenheit verschiedener Länder. So auch in der Schweiz.
Die Schweiz war zwar keine Kolonialmacht, war aber dennoch beteiligt an Kolonialismus und Sklavenhandel: als Händler von Kolonialwaren, Investoren in Sklavenschiffe, Söldner in den Kolonien, oder Sklavenhalter und Plantagenbesitzer in der neuen Welt.
Weitere Historikerinnen und Historiker verwiesen in den vergangenen Jahren nach kritischen Recherchen in den Archiven darauf, wie vollumfänglich die Schweiz das koloniale Gedankengut des 19. Jahrhunderts teilte.
Rassismus als Zeitgeist
Über die Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnete, schrieb Tschudi in Briefen an seinen Jugendfreund Alfred Escher: «In meinen Augen steht der Peruaner als Mensch auf der niedersten Stufe, als Nation ist er verabscheuenswerth» und «Mestizen, Mulatten, Zambos und Neger – letztere vier bilden die fürchterlichste und verabscheuungswürdigste Canaille die vielleicht auf Erden existiert».
Mit der Industriellenfamilie Escher verband Tschudi viel: Alfred und er waren Schulkollegen, gemeinsam sammelten sie Schmetterlinge, später brachte Tschudi für Heinrich Eschers Insektensammlung Exemplare aus Südamerika mit. Das Interesse an der Naturforschung gehörte damals zum Lebensstil des Bildungsbürgertums, und auch die Briefstellen zeugen vom Zeitgeist.
Bartoletti: «Tschudi äusserte sich rassistisch, aber dies rechtfertigte er mit der damals allgegenwärtigen Idee der Überlegenheit der europäischen Rasse. In diesem Kontext erscheinen diese Äusserungen also nicht so aussergewöhnlich. Allerdings gab es damals bereits kritische Stimmen, die die Überlegenheit der Weissen durchaus anzweifelten.»
Kein «Schweizer Humboldt»
Zu diesen etwa gehörte der deutsche Universalgelehrte Alexander von Humboldt, der sich bereits Jahrzehnte vor Tschudi explizit gegen die Idee von höheren und niederen Menschenrassen ausgesprochen hatte. Für Tschudi war Humboldt ein Vorbild. Ihm widmete er sein zoologisches Standardwerk über die peruanische Fauna.
Humboldt bezeichnete die Sklaverei als «das grösste aller Übel, das die Menschheit gepeinigt hat», Tschudi hingegen distanzierte sich nie von der Sklaverei, im Gegenteil, er befürchtete, ein freigelassener Sklave «wüsste keinen vernünftigen Gebrauch von seiner Freiheit zu machen. Er wird leicht zum Faulenzer, Säufer, Dieb und Bettler».
Dies äusserte Tschudi, als er 1860 als Schweizer Gesandter Siedlungen ausgewanderter Schweizer in Brasilien besuchte. «Die offizielle Schweiz schickte also einen Naturforscher als politischen Vertreter», sagt Tomàs Bartoletti. «Die Wissenschaft trug eine politische Verantwortung, denn sie formte damals das Bild der Welt.»
Die Schweiz hatte zwar selber keine Kolonien, profitierte aber vom Welthandel, der auf kolonialer Ausbeutung basierte. Und da ist Tschudis Geschichte ein gutes Beispiel für die globalen Verflechtungen der Schweiz im 19. Jahrhundert.