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1930 in Deutschland: Die zwei Jugendfreunde Alfred Lion und Francis Wolff fliehen als Juden vor den Nazis in die USA. Die beiden verbindet ihre eingefleischte Liebe zur Jazzmusik. Obwohl sie rein gar nichts über Plattenproduktion wissen, gründen sie 1939 in New York «Blue Note Records». Es sollte eines der bedeutendsten Jazz-Labels werden.
«Wir hatten nicht die Absicht, einen Hit zu landen»
Wolff und Lion wollten den Geist der Jazz-Künstler mit all ihrem Herzblut einfangen. Im Film wird darüber geredet, dass die beiden im Grunde nicht viel Ahnung von dieser Musikgattung hatten. Darum gaben sie nicht viele Anweisungen, sondern liessen die Musiker einfach spielen.
«Wir produzieren nicht mit der Absicht, einen Hit zu landen», erklärte Lion einst. Jahrelang hätten sie kein Geld verdient. Sie lebten von der Hand in den Mund. Der Saxophonist Wayne Shorter erklärt im Film, dass andere Plattenfirmen «Blue Note Records» nicht verstanden: «Warum sollte jemand eine Plattenfirma gründen, ohne Geld verdienen zu wollen?»
Regisseurin Sophie Huber
Die Schweizerin Sophie Huber war ursprünglich Schauspielerin. 2012 drehte die heute 47-Jährige ihren ersten Musik-Dokumentarfilm namens «Harry Dean Stanton: Partly Fiction», den sie gleich auf den Filmfestspielen von Venedig präsentieren durfte. Nun erfreut sie mit ihrer zweiten Dokumentation «Blue Note Records: Beyond the Notes» die Jazzherzen.
«Die Menschen verstanden seine Musik nicht»
Legendäre Künstler wie Herbie Hancock, Wayne Shorter, Robert Glasper und Ambrose Akinmusire nahmen bei «Blue Note Records» Platten auf. Alfred Lion soll das Spiel von Pianist Thelonious Monk, den er 1947 unter Vertrag genommen hatte, besonders beeindruckt haben.
Seine Musik war damals für viele Ohren zu experimentell und eigenwillig. Die Leute verstanden sie nicht und die Platten verkauften sich daher schlecht. Trotzdem hat ihn Lion 5 Jahre lang unterstützt. Heute ist er eine Legende: als Mitbegründer des Bebops, einer Ursprungsform des modernen Jazz.
Im Gegensatz dazu hatte der 25-jährige Klavierspieler Bud Powell rasch grossen Erfolg, nachdem er 1949 bei «Blue Note Records» aufgenommen wurde. Der etwas ältere Thelonious Monk soll ihn sofort unter seine Fittiche genommen haben – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Powell blieb schliesslich neun Jahre bei «Blue Note Records».
«An den Schulen gab es keine Instrumente mehr»
In den 80er Jahren floss der kreative Geist des Jazz immer mehr in die Hip-Hop-Kultur ein. Produzent und Musiker Terrace Martin erzählt, dass es wegen Präsident Reagans Sparpolitik an den Schulen in Los Angeles oft keine Instrumente mehr gab. Die Folge: gelangweilte Schüler, Gangs und Strassengewalt. Junge Afroamerikaner mussten sich andere Formen suchen, um sich musikalisch auszudrücken.
So entstand im Rückgriff auf Vinylplatten das Samplen – sprich: das Wiederverwenden, Wiederholen und Mischen alter Sound-Fetzen. Viele Samples aus dem Jazz und Swing erwiesen sich als perfekte Vorlagen für Hip-Hop-Beats. Die Platte «Ode to Billie Joe» von Lou Donaldson avancierte dabei zu einer der am meisten gesampelten Stücke von «Blue Note Records». Musiker wie Kanye West und Cypress Hill haben sie in ihrer Musik verwendet.
Kritik: «Blue Note Records: Beyond the Notes»
Sophie Huber greift in ihrem Film auf viele Archivbilder von Label-Gründer Francis Wolff zurück. Darauf sind die Musiker mit ihren Instrumenten zu sehen. In schwarz-weissen Aufnahmen, im Halbdunkel, oft ohne erkennbaren Hintergrund. Dazu erklingt auf der Tonspur eine Auswahl ihrer wichtigsten Tracks.
In den Interviews reden die Musiklegenden warmherzig über ihre Zeit mit Lion und Wolff. Hier spürt man die Liebe zum Jazz und Swing in ihrer pursten Form. Wie diese in den 80ern den Hip-Hop befruchtete, kommt dabei leider etwas zu kurz.
Umso mehr Raum gibt der Film den beiden deutschen Label-Gründern: Ihre Passion für afroamerikanische Musik inmitten einer zerrissenen Gesellschaft steckt an und verbindet.
Erzwungener Verkauf des Labels
1966 brachte «Blue Note Records» zwei Alben heraus, die sich ausgezeichnet verkauften: Lee Morgans «Sidewinder» und Horace Silvers «Song for My Father». Berauscht vom Erfolg pochten die Händler daraufhin auf mehr Hits. Mehr noch: Indem sie die Händler nur noch zögerlich bezahlten, verdammten sie das Label quasi dazu, nonstop Hits zu produzieren.
Schliesslich mussten Lion und Wolff die Marke «Blue Note Records», die inzwischen als «Cadillac der Jazz-Labels» verehrt wurde, 1966 an «Liberty Records» verkaufen. Sein neues Amt als Co-Manager legte Alfred Lion bereits nach einem Jahr nieder. Francis Wolff blieb «Blue Note Records» als leitender Mitarbeiter von «Liberty Records» dagegen bis zu seinem Tod im Jahre 1971 treu.
Erfreuliche Renaissance
Nach einer Stilllegung von 1979 bis 1984 hauchte «EMI» dem Label «Blue Note Records» neues Leben ein. Ein Jahr später wurde ein Reunion-Konzert für den Neustart veranstaltet. Bruce Lundvall, der ehemalige Chef von «Columbia Records» übernahm die Führung.
2002 wurde die talentierte Jazz-Sängerin Norah Jones unter Vertrag genommen. Eine der letzten Szenen des Films zeigt den heutigen Präsidenten Don Was im Studio, wie er originale Tonbänder für neue Vinylausgaben überarbeitet und restauriert. Die Geschichte von «Blue Note Records» geht also erfreulicherweise weiter.
Kinostart: 14.6.2018