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Endlich ist sie da, die Impfung gegen das Coronavirus – doch praktisch gleichzeitig taucht nun eine Mutation des Virus auf, welche noch aggressiver erscheint. Tanja Stadler von der Covid-19-Taskforce sagt, wahrscheinlich sei diese Variante schon in der Schweiz angekommen. Sie plädiert für schärfere Massnahmen.
Tanja Stadler
ETH-Professorin am Departement für Biosysteme
Die Mathematikerin Tanja Stadler ist Professorin am Departement für Biosystems Science und Engineering an der ETH. Sie entwickelt Methoden, um die Ausbreitung von Virus-Epidemien zu berechnen.
SRF News: Müssen wir uns Sorgen machen, dass die neue Variante des Coronavirus stärkere Krankheitssymptome oder mehr Todesfälle verursacht?
Tanja Stadler: Bisher haben wir keinerlei Indizien, dass diese neue Variante gefährlicher wäre.
Müssen wir uns Sorgen machen, dass die Impfungen nicht wirken könnten?
Wissenschaftler auf der ganzen Welt schauen sich an, wo sich diese Variante verändert hat. Und tatsächlich ist sie an der Oberfläche leicht anders. Aber es gibt keinerlei Hinweise, dass der Impfstoff nicht mehr wirksam wäre.
Es gibt keinerlei Hinweise, dass der Impfstoff nicht mehr wirksam wäre.
Sie haben gesagt, dass statistisch gesehen in jedem zweiten der fast 100 Flüge der vergangenen Tage aus Grossbritannien die mutierte Virusvariante in die Schweiz gebracht worden ist. Wie kommen Sie darauf?
Im Grossraum London, wo diese neue Variante vor allem zirkuliert, ist ungefähr einer von 300 Menschen positiv. Ungefähr die Hälfte haben diese neue Variante. Wenn man das hochrechnet auf die Zahl der Flugzeuge, dann kommt man auf diese Aussage.
Das würde bedeuten, dass ungefähr 50 Personen mit dem mutierten Virus bereits in der Schweiz sind?
Das ist eine grobe Schätzung, aber wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass diese Variante bereits eingeschleppt wurde.
Gemäss Martin Ackermann von der Covid-19-Taskforce werden die Massnahmen des Bundesrats nicht ausreichen, um eine Weiterverbreitung des Virus einzudämmen. Sehen Sie das auch so?
Wir sind nicht sehr optimistisch, dass man mit den bestehenden Massnahmen den R-Wert genügend absenken kann. Man müsste die Massnahmen per sofort verschärfen.
Wir sind nicht sehr optimistisch.
Die Westschweizer Kantone wollen Restaurants schliessen wegen des gestiegenen R-Werts. Also eigentlich ihretwegen, denn Sie berechnen ja diesen R-Wert?
Ich möchte betonen, dass wir diesen R-Wert jetzt schweizweit deutlich unter 1 drücken müssen – etwa auf 0.8. Dies würde eine Halbierung der Fallzahlen alle zwei Wochen bedeuten.
Dieser Wert sagt also vor allem etwas über die Situation von vor 14 Tagen aus?
Wenn ich mich heute anstecke, dann bekomme ich nach etwa fünf Tagen Symptome – es vergehen aber noch ein paar Tage, bis ich getestet bin und in der Datenbank erscheine. Bis wir also sehen, ob sich etwas signifikant verändert hat, vergehen somit 10 bis 14 Tage.
Wenn also die Kantone jetzt reagieren, sind sie eigentlich schon zwei Wochen zu spät?
Das ist das Problematische: Der Virus ist uns immer voraus, wir sehen nur, was vor 10 bis 14 Tagen passiert ist.
Sie müssten eigentlich recht genau wissen, welche Massnahmen wirken, weil Sie das dann am R-Wert sehen.
Das wäre schön. Wir Menschen funktionieren aber nicht wie Roboter. Wenn eine Massnahme eingeführt wird, heisst das nicht, dass dann alle dies genau gleich umsetzen. Die Massnahmen und die Umsetzung spielen zusammen. Und seit ein paar Tagen kommt jetzt noch diese neue Virus-Variante dazu. Von diesen Faktoren hängt ab, ob die Fallzahlen sinken oder steigen.
Was machen Sie an Weihnachten?
Im ganz kleinen Kreis mit der Familie feiern.
Das Gespräch führte Urs Leuthard.