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Sigriswil
(Kt. Bern,
Amtsbez. Thun).
805 m. Gem. und Pfarrdorf, 240 m rechts über dem
Spiegel des
Thunersees und am unteren Ende der
weitläufigen
Sigriswilallmend, die sich in sanfter Abdachung an die schroffe Kette des
Sigriswilergrates anlehnt. Postbureau,
Telegraph, Telephon; Postwagen nach
Gunten. Gemeinde: 497
Häuser, 3093 reform. Ew.; Dorf: 59
Häuser, 377 Ew.
Die Gemeinde besteht aus einer ganzen Anzahl teilweise weit voneinander entfernter Ortschaften und erstreckt sich vom Ufer
des
Thunersees über die Höhen der
Sigriswilallmend und der
Blume bis weit hinüber ins Thal der
Zulg. Am Seeufer liegen
Merligen
am Ausgang des
Justisthales und
Gunten auf dem Delta des
Guntenbaches, beide mit fast südl. Vegetation
und als Fremdenorte stark besucht. Am Gehänge zwischen
Sigriswil und
Gunten finden sich noch Weinberge von bedeutender Ausdehnung.
Ungefähr auf gleicher
Höhe wie
Sigriswil liegen in ö. Richtung
Endorf (778 m),
Felden und
Wiler (850 m)
an einer Fahrstrasse, die um den hier mit der
Spitzen
Fluh und den
Ralligstöcken steil abfallenden
Sigriswilergrat herumbiegt
und ohne grosse Steigung in das
Justisthal führt, dessen
Alpen meist Bewohnern von
Sigriswil gehören.
Westl. der Guntenschlucht treffen wir Tschingel (900 m) und Aeschlen (755 m), ersteres über einer schroff zu diesem Tobel abbrechenden Felswand und letzteres an der Strasse nach Oberhofen auf einer Terrasse unmittelbar über dem See. Noch höher liegen Ringoldswil (993 m) an der W.- und Schwanden (1023 m) an der S.-Flanke der Blume auf der Wasserscheide zwischen dem Guntenbach und der Zulg. Zum Gebiet dieser letztern gehören Meiersmad (1080 m) und das noch entlegenere Reust (1000 m), ersteres in einem rauhen Hochthal und letzteres auf einem Bergrücken unmittelbar über der Schlucht der Zulg.
Diese zwei Ortschaften sind mit dem 2-3 Stunden entfernten Pfarrdorf
Sigriswil nur durch mangelhafte
Wege verbunden, haben
aber mit dem Bau der Wührestrasse eine bedeutend bessere Kommunikation mit
Thun und
Steffisburg erhalten.
Die Lage des Pfarrdorfes
Sigriswil auf der äussersten, nach S. exponierten und steil zum
See hinabfallenden Terrasse der
Bergflanke ist überaus sonnig und mild. Prachtvolle Aussicht auf
See,
Niesen, Stockhornkette und Hochgebirge. Mit dem 1 km
sw. gelegenen
Gunten, wo sich die nächste Dampfschiffstation befindet, ist
Sigriswil durch eine die Steigung
in grossen Schlingen überwindende Fahrstrasse (½ Stunde) verbunden.
Geplant wird der Bau einer Drahtseilbahn
Gunten-Sigriswil. Auch mit
Oberhofen steht
Sigriswil durch eine Fahrstrasse in Verbindung.
Diese steigt vom Seeufer her sanft an und erreicht über
Aeschlen das hochgelegene
Tschingel, wo sie sich
verzweigt. Während der eine Arm links nach dem Dorf
Schwanden führt, biegt der andere tief in das Thal des
Guntenbaches ein,
um das hart am Rand dieser
Schlucht auf seiner Terrasse tronende Pfarrdorf zu erreichen. Land- und Alpwirtschaft, Viehzucht.
Fremdenverkehr.
Ins Dorf selbst ein grosser Gasthof und in der Umgebung ausserdem mehrere Fremdenpensionen.
Der Betrieb eines ehemaligen Steinkohlenbergwerkes ist längst aufgegeben. Pfarrhaus und Kirche bilden eine malerische Gebäudegruppe.
In der Kirche bemerkt man einen polychrom gehaltenen gotischen
Taufstein aus dem 15. Jahrhundert und eine grosse, reich verzierte
Zehn Gebotetafel aus dem 17. Jahrhundert. Das mit einer originellen Inschrift versehene Archivgebäude
enthält viele alte Urkunden. Als Mittelpunkt der Gemeinde und Kirchort ist
Sigriswil besonders am Sonntag Morgen sehr belebt.
Die Bevölkerung der Gemeinde gehört in den
am See gelegenen
Dörfern mehr dem oberländischen und in den Bergortschaften
mehr dem emmenthalischen Typus an. Die Steilheit des
Bodens erschwert vielerorts die landwirtschaftliche
Arbeit und nötigt die Bewohner häufig, ihre
Lasten auf dem
Rücken zu tragen.
In geschichtlicher Hinsicht bietet die Gemeinde Spuren hohen Altertums. Bekannt ist der reichhaltige Fund aus der Bronzezeit bei Ringoldswil, sowie die Sage von einer durch Bergsturz verschütteten Stadt Roll in der Nähe des heutigen Schlosses Ralligen. Die Kirche soll im 10. Jahrhundert als eine der 12 Tochterkirchen derjenigen von Einigen gegründet worden sein. Sie war dem h. Gallus geweiht und gehörte zum Dekanat Münsingen der Diözese Konstanz. Als Kollatur der Edlen von Bremgarten wird sie schon im 12. Jahrhundert erwähnt.
Später kam der Kirchensatz durch Erbschaft an die
Brüder Heinrich von
Thun,
Bischof von Basel
(1215-1238) und
Burkhard von
Thun, die ihn dann dem Kloster
Interlaken vergabten. Bei der Reformation kam das Patronat an die Republik Bern.
Grosse
Pestepidemien 1565 und 1583, in welch letzterm Jahr hier im Zeitraum von fünf Monaten 350 Menschen starben, worunter 40 waffenfähige
Männer. 1653 beteiligte sich die Gemeinde am Bauernaufstand. 1671 gingen Kirche und Pfarrhaus in Flammen auf. 1799-1806
lebte als Vikar in
Sigriswil der vortreffliche bernische Dialektdichter
Gottlieb Jakob Kuhn (1775-1850), der in einem seiner
bekanntesten Lieder die
Sage von der
Spitzen
Fluh besungen hat. Von den
¶
mehr
übrigen Pfarrern von
Sigriswil sei genannt der als Prediger, Historiker und politischer Satiriker hervorragende Karl Howald
(1796-1869), der Verfasser einer bemerkenswerten mehrbändigen handschriftlichen Chronik von
Sigriswil. Vergl. Kuhn, J. G.
Versuch einer ökonomisch-topographischen Beschreibung der Gemeinde
Sigriswil (in der Alpina. III). Winterthur 1808. - Kuhn,
J. G. Wanderung auf die Höhen am Thunersee in der Gemeinde
Sigriswil (in den Alpenrosen). Bern
1815.