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In meinen biografischen Portraits betonte ich immer wieder den Aspekt, keine Heldenverehrung betreiben zu wollen. Im Rahmen meiner Bavinck-Reprise (siehe mein kürzlicher Post “Wer war Herman Bavinck?”), ausgelöst durch den ersten Band der erstmals herausgegebenen Reformierten Ethik, nahm ich mir (nochmals) ein unangenehmes Kapitel aus den letzten Jahren Bavincks vor. In meiner Dissertation hatte ich lediglich in einer Fussnote darauf hingewiesen.
Es geht um ein aufgefundenes Manuskript im Bavinck-Archiv der Freien Universität Amsterdam. Dabei handelt es sich um eine Broschüre, die Bavinck 1919 geschrieben, jedoch von der Veröffentlichung zurückgehalten hatte. 1994 wurde diese Broschüre nach der 70-jährigen Sperrfrist erstmals herausgegeben (mit dem provokativen Titel “Als Bavinck nu maar eens kleur bekende”, zu deutsch “Wenn Bavinck nur Farbe bekannt hätte”). George Harinck hat in einem Artikel den «knackigsten Abschnitt» daraus herausgegeben (alles in niederländischer Sprache).
Eine satte Bewegung und die nächste Generation
Bavinck zählt die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte auf:
- Die Zeit des innerkirchlichen Kampfes hatte sich beruhigt (markanteste Stationen: 1834 Afscheiding, 1886 Doleantie)
- Die Anti-Revolutionäre Partei (ARP) hatte sich seit über 20 Jahren im öffentlichen Leben etabliert. Ihre Vertreter hielten öffentliche Ämter, die Partei war an Regierungsbildungen beteiligt.
- Es gab, bedingt durch die Industrialisierung und Urbanisierung, auch sozialen Fortschritt. Der Wohlstand in ländlichen Gebieten hatte sichtbar zugenommen.
- Der Schulkampf war ebenfalls zu einem Ende gekommen. Die niederländischen Gesetze anerkannten nicht nur die privaten Einrichtungen, sie sahen eine gleiche staatliche Bezuschussung der christlichen Privatschulen vor.
- In der sekundären und gymnasialen Bildung waren ebenfalls Fortschritte erzielt worden; die Anzahl der Institute war gewachsen; die Freie Universität in Amsterdam war 1905 staatlich anerkannt worden.
- Das allgemeine Wahlrecht wie auch das Frauenstimmrecht war eingeführt.
Auf der anderen Seite hatte der Erste Weltkrieg gewaltige Umwälzungen hervorgerufen. Der überschäumende Kulturoptimismus der Vorkriegszeit war abrupt zum Stillstand gekommen. Eine junge Generation Reformierter, welche die Zeit des kulturellen Kampfes nicht erlebt hatte, warf den Älteren leblose Orthodoxie und ein Leben in vergangenen gloriosen Zeiten vor. Graafland berichtet in seinem Vortrag über Bavincks Broschüre von einem Brief von J. C. Aalders, der berichtete, dass für die jungen Reformierten die Entwicklung der Elterngeneration sehr enttäuschend gewesen sein musste,
weil sie zunehmend in Richtung einer fortschrittlichen, kulturorientierten religiösen Institution ging, in der der lebendige Glaube an Christus, verwurzelt in der Schrift, immer mehr zu einer Art reformiertem kulturellen Protestantismus verarmte.
Bavinck pflegte in seinen letzten Lebensjahren intensiven Kontakt zu dieser neuen Generation. Nicht zuletzt war er als Professor der Dogmatik auch für die Ausbildung des Pfarrnachwuchses mit verantwortlich. Er sprach an zahlreichen Veranstaltungen, zum Beispiel der christlichen Studentenverbindung.
Die Schriftfrage als zentrale Frage der Zukunft
An dieser Stelle kam Bavinck auf die Schriftfrage zu sprechen. Er sah (voraus?), dass diese Frage im Gefolge der Umwälzungen des 20. Jahrhunderts im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen würde. Zunächst stellte er fest, dass am der Autorität der Schrift in reformierten Kreisen nicht gezweifelt werde (“Aan het gezag der Heilige Schrift mag in christelijke kring niet getwijfeld”) , jedoch der Schriftgebrauch Gegenstand von Diskussionen darstelle. Es gebe keine unfehlbare Interpretation, darin liege die relative Freiheit. Auf grammatikalisch-historischem Gebiet erziele die Exegese laufend Fortschritte. «Die Anwendung neuerer, besserer Methoden hat zweifellos sehr viel zum besseren Verständnis der Heiligen Schrift beigetragen.» Er wage daher nicht, die Sprach- und Geschichtsforschung mit einem Bannfluch zu belegen.
Dank dessen sehen wir die Bibel heute als ein historisches Buch, das unter Gottes Führung in der Zeit, in einer bestimmten Umgebung, von bestimmten Menschen usw. geschaffen wurde. Die Bibel ist in Form eines Buches geschrieben wurde. Das ist die organische Inspiration, die Unterscheidung (nicht die Trennung) zwischen Sein (wezen) und Form.
… Was Gott dem Menschen von sich aus mitteilen wollte, ist Fleisch geworden, schwach, ist in die menschliche Existenz eingetreten. Denken, Leben und Geschichte hat einen historischen, temporären Charakter, mehr noch, ist Schrift geworden (inskripturatio), mit Tinte aufgeschrieben, auf Papier, gedruckt, etc. Die Form ist völlig menschlich, von Anfang bis Ende. Deshalb gibt es keine Trennung, keinen Gegensatz zwischen Sein und Form, sondern eine Unterscheidung.
Bavinck schrieb dann: «Es ist zu unterscheiden zwischen auctoritas normae und historiae. Es gibt Worte und Taten des Satans, böse, falsche Propheten, uninspirierte Menschen in der Schrift, die für uns keine Norm sind. Sogar Hiobs Freunde gehören ihnen.» Dann fügt er eine (offenbar beispielhafte) Aufzählung an: a) Weltbild der Schrift, Astronomie, Anthropologie, Geozentrik, b) Kosmogonie (Genesis 1 und 2) , c) Naturbeschreibung Israels, ohne Ursachen und Kausalität (Gott, der donnert und blitzt), d) Historiographie, ebenfalls ohne Rücksicht auf die schöpferische Kausalität, e) Prophezeiung, verwurzelt in der Geschichte, f) Apokalyptik (stark symbolisch), g) Jesus in den Gleichnissen.
Daraus zog Bavinck den Schluss, dass diese zeitliche und kulturelle Distanz berücksichtigt werden müsse. Daran schliessen erneut drei Beispiele an, (a) die Exegese der Bergpredigt vs. neutestamentliche Moral als Ganzes (passive Tugenden seien dort im Vordergrund gestanden), (b) das Verhältnis zwischen Fürsten und Dienern (Sklaven) und die heutige soziale Frage, (c) das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, der Regierung und den Einzelnen. Hier hätte sich vieles verändert.
Offene Fragen ohne Antwort
Am verwirrlichsten ist ein Absatz mit Fragen, die nicht beantwortet werden. Bavinck sah sie als Fragen, die auf dem Hintergrund der Veränderungen besonderes Gewicht gewinnen würden und beantwortet werden müssten.
Warum besteht die Schrift und wird Wort Gottes genannt? Aus formalen oder materiellen Gründen? Weil sie von Gott Wort für Wort inspiriert wird oder weil sie Gottes Wort enthält, nämlich Gottes Heilsplan, Gottes Heilsratschluss? Gibt es für das erstere Beweise in der Schrift? Hat der Begriff Gotteswort in der Schrift jemals diese formale Bedeutung? Kann man eine Schrift als Gottes Wort bezeichnen, die von Gott inspiriert wurde und nichts über sein Wesen, seine Tugenden usw. enthielt? Ist Inspiration jemals eine Garantie ohne mehr zu sein, Beweis für Wort Gottes im materialen Sinn? Kann Gott auch falsche Propheten, den Teufel, die Schlange inspirieren?Originallaut: “Waarom is en heet de Schrift Gods woord? Om formele of materiële redenen? Omdat ze van God ingegeven is van woord tot woord, of omdat ze Gods woord bevat namelijk Gods verlossingsplan, Gods heilsraad? Is er voor het eerste enig bewijs in de Schrift? Heeft de term woord Gods in de Schrift ooit de formele betekenis? Kan een Schrift Gods woord heten, die door God ingegeven ware en niets over zijn wezen, deugden enz. behelsde. Is inspiratie ooit waarborg zonder meer, bewijs van woord-Gods-in materiële-zin? Kan God ook valse profeten, duivel, slang inspireren?”
Im zweiten Teil werde ich auf einige Vermutungen eingehen und dann die Beurteilung zweier Fachleute anschauen.