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Vor zwanzig Jahren hat die Zeitschrift «Schweizer Woche» den «Dorf-Schweizer des Jahres» gesucht.
Schon 1992 war die Zersiedlung ein grosses Thema und so erstaunt es nicht, dass die Schweizer Woche auch die Probleme der Agglomeration unter die Lupe nahm. Der «Dorf-Schweizer» von 1992 hiess Robert Flückiger, wohnhaft in Brugg. Er erhielt damals ein Jahresabo und seine Frau einen dicken Blumenstrauss.
Mich interessierte, was Robert Flückiger in den letzten 20 Jahren alles erlebte und wollte ihn besuchen. Jerome Eisner, Student an der Schweizer Journalistenschule MAZ, hat mich begleitet und wollte die investigativen Fragen stellen. Ich war einverstanden.
Ich habe mich auch vorbereitet. Es ist lange her, dass ich in die Agglomeration fuhr. Man spricht zwar in Zürich immer wieder davon, aber bringt dann doch nicht den Mut auf, mit dem Postauto dorthin zu fahren. Student Eisner recherchierte verschiedene Reisevarianten. Ich entschied mich für den sichersten und wählte die Zugvariante aus. Im kleinen Bahnhof von Brugg sahen wir viele Menschen aus dem Zürcher Ballungsraum. Äusserlich sehen sie uns ähnlich, aber tief drinnen sind sie doch Agglomerationswesen. Sie sind konditioniert, dass der Migros und die Post eine Mittagspause haben und dass ab 19.00 Uhr laute Gespräche nicht erlaubt sind. Ich mahnte Student Eisner noch einmal eindringlich, beim Interview nicht zu schnell und kompliziert zu reden.
Herr Flückiger werkelte gerade im Garten, als wir ankamen. Er winkte uns zu und schrie nach seiner Frau Erna, die gerade eine Rüeblitorte aus dem Ofen nahm. Student Eisner stellte die erste dumme Frage: «Benötigen Sie Ihren Garten zur Selbstversorgung?» Herr Flückiger verstand natürlich nichts. Ich kniff den jungen Studenten und übersetzte auf Agglo: «Der Journalistikstudent möchte gerne wissen, ob der Salat gut schmeckt.» Herr Flückiger sah überrascht auf: «Ja, das tut er!» Erna Flückiger bat uns herein, und ich setzte mich auf ein altes Lipo-Sofa. Ich blickte mich um. Die Wohnung sah noch aus wie auf dem Foto von 1992. Auf dem Röhrenfernseher standen die Pokale vom Schiessverein Brugg und eine Katze aus Speckstein. An den Wänden hingen drei Aquarell-Bilder. Sie zeigten aus verschiedenen Blickwinkeln die Stelle, wo die Limmat und die Reuss zusammenfliessen. Erna hat sie gemalt. Die gute Frau kam jetzt mit einem Tablett zu uns und servierte ekligen Filterkaffee. In der Zuckerdose klebten die Würfel aneinander. Ich forderte Student Eisner zu einem Kaffee auf. Erste Interview-Regel: Niemals einen Kaffee abschlagen.
«Herr Flückiger, arbeiten Sie immer noch bei der SBB?», wollte ich wissen. «Ja, Betriebsdisponent!» Ich hatte keine Ahnung, was das ist, schaute fragend den Journalistikstudenten an und wandte mich an Erna: «Und Sie, gute Frau, Sie leiten immer noch den Kirchenchor, oder?» - «Ja, schon.»
Von meiner Seite hatte ich keine Fragen mehr. Es war halt sehr gemütlich im Hause Flückiger. Die Rüeblitorte schmeckte sehr gut, ebenso der Pfefferminztee. Was soll ich auch mehr fragen, dachte ich. Hier bleibt die Zeit stehen. Ich kann in 20 Jahren nochmals kommen, und alles würde genau gleich aussehen. Natürlich, Student Eisner musste noch ein paar intime Fragen stellen. Er studiert halt an der Schweizer Journalistikschule MAZ. Eine Frage von ihm: «Empfinden Sie sich als Agglomerationsbewohner oder als Dorfbewohner, und wenn ja, warum?» Stille. Dann Erna: «Ja, im Dorf haben wir auch einen Volg.»
Ich bedankte mich bei den Flückigers und wünschte Gottes Heil. So etwas wünscht man sich in der Agglomeration. Zufrieden setzte ich mich im Zugabteil hin und schaute raus aufs vorbeiziehende Land. Student Eisner tippte bereits eifrig in seinen Computer und hörte nochmals die Tonbandaufnahme ab.