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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Söldnerwesen oder Prostitution, Krieg oder Liebe: Das grosse Geschäft machten nur selten die, die ihren Körper hingaben. Die Hinterleute hingegen, die Schweizer Eliten, die mit ausländischen Herrschern regelmässige Lieferungen junger Männer vereinbaren konnten, verdienten gutes Geld. Vor allem seit den Siegen gegen die Habsburger und das Burgund waren Schweizer Kämpfer begehrt. Söldner wurden zum wichtigen Exportgut und immer mehr Männer liessen sich anwerben. Die Einsätze waren normalerweise auf einen Feldzug befristet, aber schon seit 1497 beschäftigte der König von Frankreich eine ständige Schweizer Leibwache. Nun tat es ihm Frankreichs Erzfeind gleich. 1505 fragte Papst Julius II. die Eidgenossen an, ob sie ihm 200 Infanteristen schicken könnten.
Und so zog Kaspar von Silenen mit 150 Männern in Richtung Süden. Der Winter war ungewöhnlich mild, vermutlich zogen die Söldner über den Gotthard und für Silenen war es ein persönlicher Triumph. Zwei Jahre zuvor war er wegen illegaler Söldneranwerbung aus dem Luzerner Rat geflogen, in Schwyz hatte man ihn in Abwesenheit zum Tod verurteilt – und jetzt war er berufen, erster Kommandant der Leibgarde des Papstes zu werden.
Nicht nur Silenens Ruf war zweifelhaft, die Schweizer insgesamt galten als besonders grausame Krieger. Damit passten sie perfekt zum Papst. Die Römer nannten Julius II. «il terribile». Der streitlustige Vater dreier Töchter hatte einen teuren Geschmack und hochtrabende Visionen. Er liess Michelangelo die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalen, engagierte Raffael für die Gestaltung seiner Privatgemächer – und legte den Grundstein für den Petersdom. In Rom sollte die grösste Kirche der Welt entstehen. Ausserdem, fand Julius II., gehörte ganz Italien unter die Kontrolle des Vatikans.
Kaspar von Silenen und seine Mannen erreichten Rom am 21. Januar 1506. Im Sommer wurde die Truppe auf 300 Mann aufgestockt und ab dem 26. August begleiteten die Gardisten den Papst auf seinem Feldzug gegen Perugia und Bologna. Silenen ritt feierlich vor dem Papst her. Dieser starb fünf Jahre später, ohne Italien erobert zu haben. Die folgenden Päpste rückten von den Grossmachtsfantasien ab und die Schweizergarde wurde zur defensiven Haustruppe. In der Schweiz hingegen blieb das Söldnerwesen ein Politikum. Die Eliten bereicherten sich mit immer grösseren Lieferungen an Herrscherhäuser in ganz Europa. Das führte dazu, dass immer öfter Schweizer gegen Schweizer kämpften – und das sorgte für Ärger in der Bevölkerung. Einer der heftigsten Kritiker war Pfarrer am Zürcher Grossmünster. Sein Name war Ulrich Zwingli.
Digital in die Vergangenheit
Dieser Beitrag erschien erstmals auf dem Blog des Schweizerischen Nationalsmuseums.
Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch