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Sowohl die Abendveranstaltung der Robert-Grimm-Gesellschaft «Die Rückkehr der Revolutionäre» am 6. April als auch der Thementag «Lenins Zug: Die Russische Revolution und die Schweiz» der Lehrstühle für Osteuropäische Geschichte der Universitäten Basel, Bern und Zürich am 9. April boten interessante historische und inhaltlich bereichernde Vorträge und Gespräche.
Monika Wicki und Marga Voigt*
Die Demokratisierung des zaristischen Russlands hatte mit der Russischen Revolution 1905 begonnen. Doch sie kam im weiterhin durch den Zaren regierten Lande nie richtig zum Zuge. Als die Versorgungslage im Ersten Weltkrieg derart prekär wurde, dass eine Hungersnot drohte, demonstrierten Frauen am 8. März 1917 in den Strassen von Petrograd – Arbeiter und Soldaten schlossen sich ihrem Aufstand an, dem Auftakt zur Russischen Revolution. Dies wurde in den hiesigen Zeitungen jedoch erst Mitte März auf der Titelseite angekündigt. In der Folge wollten die in der Schweiz wohnhaften russischen linken Exil-Revolutionäre schnellstens mit ihren Familien in ihr Heimatland zurückkehren, um an der Revolution teilzunehmen. Sie gründeten ein Komitee zur Rückfahrt und beauftragten Robert Grimm für die diplomatischen Verhandlungen mit den zu durchreisenden Ländern. Deutschland unterstützte die Reise, in der Hoffnung, mit der Ankunft der Revolutionäre Russland zu schwächen. Dessen provisorische Regierung verweigerte aber die Einreisegenehmigung, sodass Grimm sein Mandat abgab. Lenin aber wollte dringend reisen. Nun übernahm Fritz Platten alle Reiseorganisationen, und am 9. April 1917 bestieg Lenin mit anderen Revolutionären den Zug nach Petrograd. Lenin, der bislang unbekannte Fahrgast, übernahm nach seiner Ankunft in Russland die Führung der bolschewistischen Partei und läutete – einige Monate später – mit den Forderungen nach Frieden, Brot und Land dem Volke im Oktober 1917 den Sturz der Provisorischen Regierung und damit den Bürgerkrieg ein.
Die Rolle der Zimmerwalder Bewegung
Julia Richers betonte in ihrem Vortrag die Bedeutung der Zimmerwalder Bewegung bei der Organisation der Rückkehr der russischen Revolutionäre, auch wenn Robert Grimm selbst nur am Anfang involviert gewesen war. Mit dem Aufstand der Petrograder Frauen war in Russland die Möglichkeit, den Krieg zu beenden, in Reichweite gerückt. Doch es kam anders als gedacht.
Die Geschichte, so Karl Schlögel, emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte aus Berlin im Gespräch mit Alexander Vatlin, Professor für Deutsche Geschichte aus Moskau, sollte als ein offener Raum verstanden werden: Ein Raum, der so oder anders gestaltet, gefüllt werden kann; ein Moment, der so oder anders ausgehen kann. Geplante Aktionen, aber ebenso auch Zufälle schrieben Geschichte. Darum sei es wichtig, bei der Betrachtung der Geschichte einen Schritt zurück zu treten, um den Denk-Raum der Möglichkeiten, die darin lägen, zu öffnen. Lenin sei nur eine Möglichkeit gewesen, und dass die Demokratie mit der Provisorischen Regierung nicht funktioniert habe, sei auch der Tatsache geschuldet, dass sie keinen Frieden brachte, dass das Land weiterhin darbte und hungerte. Hier sei Lenin in die Bresche gesprungen.
Wo am Anfang der Wunsch nach Revolution, nach einer Weltrevolution hin zum Sozialismus, gestanden habe, übernahm im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg das Gleichgewicht des Schreckens, der Kalte Krieg – und damit die Verteidigung des Landes – die Oberhand. Nun, nach der Wende 1991, seit 25 Jahren, seit einer Generation, gehe Russland einen neuen Weg. Heute, so Schlögel, sei die Geschichte Russlands ebenso offen wie damals, 1917. Auch heute gelte es, einen Schritt zurück zu treten bei der Betrachtung dessen, was geschieht. Hinzu komme, so Vatlin, dass die Geschichte Russlands noch keineswegs aufgearbeitet sei. Während in seiner Generation noch die Sowjetgedichte aus dem Kindergarten nachhallen, fehle der jungen Generation die Geschichte. Sie sei neugierig und müsse die Geschichte ihres Landes neu schreiben. Wir brauchten darum, setzt Schlögel ein, ein integratives Narrativ, eine Geschichte, die für alle stimme. Doch, so Vatlin, Geschichte sei immer Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Darum sei auch Lenins Leiche, immer noch aufgebahrt im Mausoleum in Moskau, heiss. Eine Verlegung oder Aufhebung des Grabes könnte politisch missbraucht werden.
Welche Geschichte wird erzählt?
Und aus dem Publikum erkundigte sich eine Frau, welche Geschichte uns denn heute erzählt werde? Schon 1917 habe die NZZ die Russische Revolution als solche kaum erkannt! Auch heute liefere die NZZ von Russland nur ein unvollständiges, bruchstückhaftes und teilweise ignorantes Bild. Die offizielle Berichterstattung zu diesem ereignisreichen Thementag im Landesmuseum Zürich war jedenfalls eher bescheiden.
* Monika Wicki ist Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, Marga Voigt ist Herausgeberin der Briefe Clara Zetkins aus dem Ersten Weltkrieg.