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Welch ironischer Titel: «Notizen und Details». Was Kurt Marti seit 1964 in der «Reformatio» zuerst ohne Überschrift, später, ab 1984, eben als «Notizen und Details» veröffentlicht hat, ist nichts geringeres als ein literarischer Schatz. Würde man die sicher zweihundertfünfzig mehrseitigen Kolumnen drucken, ergäbe das ein herausragendes Dokument literarischer und kulturpolitischer Publizistik – präziser, bedeutender und schöner als all das wohlfeile Laut- und Hohlklingende, das Stimmen wie jene geduldige Martis stets übertönt hat.
Jedoch: Nicht jedes Hohl-Klingende ist Martis «Notizen und Details» fremd: Mehr als einmal hat er erzählt, wie er in Neuchâtel nach einer Jahresversammlung der «Gruppe Olten» den alten, weinseligen Ludwig Hohl (1904-1980) auf den Bahnhof begleitet und sanft in den Zug nach dessen Wohnort Genf geschoben habe. Denn Marti hat den kauzigen Alten und dessen literarisches Werk immer geschätzt. So sehr, dass er für seine Essays den Titel «Notizen und Details» wählte: Ludwig Hohl hat ja nicht nur einen Band mit «Nuancen und Details» (1939) veröffentlicht, sondern als Hauptwerk auch «Die Notizen» (1944/1954). Zudem hinterliess er einen Band mit «Nachnotizen», der mit dem Untertitel «Von den hereinbrechenden Rändern» 1986 veröffentlicht worden ist.
Von den hereinbrechenden Rändern? «Nicht vom Zentrum aus geschieht die Entwicklung, die Ränder brechen herein», hat Hohl geschrieben, und: «Die Mitte hat keine Kraft, sich zu erneuern.» Wenn einer das weiss und beim Schreiben stets mitbedenkt, dann Kurt Marti. Ihm war dieses Land nie eine Arena, in die man sich mit gedankenschwerer Pfeife im Mundwinkel unter grellen Scheinwerfern aus dem Fauteuil lehnt, um auf das Kommando des Regisseurs die Welt zu erklären. Marti hat den Herrensitz der rotkrawattierten Leitartikler stets gemieden (auch diese Mitte hat keine Kraft). Ihm ist «Schleckwerk statt Brot» zuwider, wie er letzthin geschrieben hat.
Der Charme von Kurt Martis «Notizen und Details» liegt nicht vorab im sanft ironischen Ton oder in den immer wieder verblüffenden Trouvaillen, sondern vorab in der Montage: Als Flaneur schreitet er die Themenfelder ab, die er sich vorgibt, nie linear, sondern stets wie absichtslos kreuz und quer. So zerlegt er sie in Aspekte, die nie den Eindruck eines abschliessend besprochenen Ganzen ergeben. Denn das Ganze ist, soweit es mit den Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis gesucht wird, stets das Unwahre, hat Adorno gesagt. Und Paulus: «Unser Wissen ist Stückwerk.» Diese Schnittmenge zwischen christlicher Lehre und der Ästhetik der Moderne ist zum Ausgangspunkt von Kurt Martis Erkundungsgängen durch das geistige Högerland geworden.
Was aber soll daran charmant sein? Der Gestus! Immer weiss Marti mehr und Genaueres als sein Publikum und immer stellt er sein überlegenes Wissen in den Dienst von Fragen, nicht von Antworten. Er sagt nicht: Weil das so ist, ist jenes so. Er sagt: Schau mal hierher, ist das nicht bedenkenswert? Dazu gibt es übrigens noch diesen Aspekt. Und jenen. Und den auch. Und man muss ihm von Durchblick zu Durchblick Recht geben und weiss danach: Wenn das so ist, wie Marti sagt, dann muss ich mir die Sache aber noch einmal gründlich überlegen. Seine bisher letzten «Notizen und Details» hat er dem «aufgeklärten, aufklärenden Protestantismus» gewidmet. Als ganzes sind seine Kolumnen ein Beweis dafür, dass ein solcher möglich ist. Und sie helfen auch einer ungläubigen protestantischen Seele wie der meinen – nicht zu glauben, aber am Nichtwissen nicht zu verzweifeln.
Damit Martis essayistische Publizistik weiterleben kann, muss sie neu und wenn möglich integral zugänglich gemacht werden. Dieses verlegerische Grossprojekt liegt nicht im alleinigen Ermessen von Martis Nagel & Kimche-Verlag, der als Tochtergesellschaft des Münchner Hanser-Konzerns andere Prioritäten haben mag. Martis Essays sind keine Frage des Markterfolgs, sondern für dieses zur Roheit liberalisierte Land eine kulturpolitische Notwendigkeit. Ich will nicht sagen, die Schweiz habe schon Dümmeres finanziert als ein solches Projekt. Sondern: Die Schweiz hat noch kaum je die Ehre gehabt, etwas menschenfreundlich Klügerem öffentliches Gewicht zu verleihen als Kurt Martis «Notizen und Details». Ich hoffe, sie wird sich dieser Ehre als würdig erweisen.
Der Beitrag erschien in der «Reformatio» unter dem Titel «Menschenfreundlich und klug». – Die Kolumnen sind zwei Jahre später unter dem Titel «Notizen und Details» tatsächlich integral veröffentlicht worden. Im Vorwort halten Hektor Leibundgut, Klaus Bäumlin und Bernhard Schlup zur Entstehungsgeschichte des Bandes fest: «Und Fredi Lerch forderte gar eine Gesamtausgabe zum Wohl eines ‘zur Rohheit liberalisierten Landes’: ‘Die Schweiz hat noch kaum je die Ehre gehabt, etwas menschenfreundlich Klügerem öffentliches Gewicht zu verleihen als Kurt Martis Notizen und Details.’» (Kurt Marti: Notizen und Details 1964-2007. Zürich [Theologischer Verlag Zürich], 2010, S. 8)