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Sein wissenschaftlicher Name ist eine Beleidigung: Lepus timidus heisst so viel wie Angsthase. Dabei muss sich der Schneehase als Nestflüchter von klein auf in einem unwirtlichem Lebensraum voller Fressfeinde mutig behaupten.
Während der letzten Eiszeit bevölkerte der Schneehase in Europa den eisfreien Gürtel. Als die Gletscher zurückwichen, folgte ihnen der Tarnkappenkünstler nicht nur nordwärts, sondern auch südwärts in die Alpen. Er ist somit eine der wenigen borealen, will heissen im hohen Norden beheimateten Säugetierarten, deren Vorkommen in Mitteleuropa als Eiszeitrelikt auf die Alpen beschränkt ist. Hier bewohnt er steinige Gebiete im Krummholzgürtel des Waldgrenzenbereichs in Höhen von 1400 bis 2700 Meter, ausnahmsweise bis über 3000 respektive bis unter 1200 Meter.
Verwandt mit dem Schneehasen sind der grössere, ganzjährig braun gefärbte Feldhase und das kleinere Wildkaninchen, der Ahne aller Hauskaninchen. Während letzteres nur im Tiefland vorkommt, überlappen sich zum Teil die Habitate von Feld- und Schneehase, die gelegentlich sogar verbastardieren – offenbar finden Schneehäsinnen die grossen Feldhasenrammler attraktiv…
Der Schneehase richtet sich tagsüber sein Ruhelager nahe der Schneegrenze ein, in einer flachen Erdmulde getarnt zwischen Steinen, Stauden und Legföhren. Im Winter lässt er sich in seiner Sasse oft vollständig einschneien. Seine Nahrung besteht im Sommer aus Kräutern, Gräsern und Beeren. Im Winter begnügt er sich mit dürren Zweigen und der Rinde verschiedener Weich- und Laubhölzer. Übrigens: Trotz Nagezähnen sind Hasen und Kaninchen keine Nagetiere, sondern gehören in die Ordnung der Hasentiere.
Bei der Verdauung spielen der grosse Blinddar und dessen Mikroorganismen eine wichtige Rolle. Ausser der normalen Losung in fester Bohnenform setzen die Hasentiere noch eine zweite Kotform ab, weiche, schleimüberzogene Kügelchen. Sie werden im Blinddarm gebildet, enthalten bis fünfmal mehr Vitamine als die normale Losung und werden nach der Ablage sofort wieder aufgenommen und unzerkaut geschluckt.
Dadurch wird ein Teil der Nahrung zweimal verdaut und somit besser aufgeschlossen – eine Art biologisches Recycling, vergleichbar dem Wiederkäuen der Kühe und anderer Wiederkäuer (Ruminanten). Diese Laune der Natur hilft den Hasenartigen, längere Fastenzeiten bei Schlechtwetter zu überbrücken.
Der Schneehase ist perfekt an die harten Bedingungen des alpinen Winters angepasst. Er ist kleiner und pummeliger als der Feldhase, Ohren und Schwanz sind kürzer, das vermindert den Wärmeverlust und schützt vor Kälte. Sein Überlebensprinzip heisst: unentdeckt bleiben. Deshalb lebt er dämmerungs- und nachtaktiv, womit er sich dem Adlerauge entzieht. Den Tag überdauert der Schneehase in seiner Sasse in sicherer Deckung.
Als schneegängiger Sprinter ist er spezialisierter als der Feldhase. Seine Läufe sind grösser und zudem die Zehen stärker behaart, was sie schneeschuhartig verbreitert und ihm die Fortbewegung auf Schnee erleichtert. Als Tarnkappenkünstler hat er zudem die Fähigkeit, seine Fellfarbe jahreszeitlich zu wechseln. Im Sommer ist sein Fell etwas grauer als das braune des Feldhasen, im Winter wird es schneeweiss (bis auf die schwarzen Ohrspitzen) und die Isolierkapazität steigt.
Hasen sind Fluchttiere, die jedoch bei Gefahr nicht einfach kopflos davonrennen. Dank Früherkennung von Fressfeinden können Hasen diesen trick- und temporeich ein Schnippchen schlagen. Ihr Radar sind die grossen Ohren und die teleskopartigen, am Kopf hochstehenden, weit auseinanderliegenden Augen, die einen Rundumblick ermöglichen.
Dank solcher Möglichkeiten zur Früherkennung von Gefahren verharren sie zuerst wie erstarrt in Deckung, um dann unerwartet mit explosionsartigem Start zu entkommen. Solche Blitzstarts und Sprinttempi von bis zu 70 Stundenkilometern selbst auf Schnee ermöglichen ihnen die grossen, kräftigen Hinterläufe. Mit den kleinen Vorderläufen lässt sich das überraschende Hakenschlagen einleiten, was die Chance erhöht, einem Fressfeind zu entkommen.
Weil Hasenkeulen von verschiedensten Beutegreifern geschätzt werden, müssen die Hoppler ständig fluchtbereit sein. Aus der Luft können tagsüber Steinadler, Habicht und Kolkrabe (für Junghasen zudem Sperber und Turmfalke) gefährlich werden, nachts auch der Uhu. Terrestrisch lauert Gefahr von Fuchs, Marder und Luchs – und zur Jagdzeit in gewissen Kantonen von den Niederwild-Grünröcken. Auch freilaufende Touristenhunde sind sowohl für Schneehase als auchSchneehuhn, die oft ihren Lebensraum teilen, ein (vermeidbares) Problem.
Störungen steigern Stresshormone
Wildtiere im Bergwinter leben am energetischen Existenzminimum. Unnötige Störungen durch Wintersportler abseits der Pisten können ihr Leben aufs Spiel setzen. Das belegen aktuelle Losungsuntersuchungen des Schneehasenforschers Maik Rehnus: Kotproben aus Wintersport-Bereichen im Engadin weisen höhere Stresshormongehalte auf als solche von Tieren im Nationalpark.
Aber auch die Klimaerwärmung bringt dem Schneehasen Ungemach: Im zunehmend schneearmen Spätherbst steigt der Druck der Raubtiere; zugleich erfolgt die kälteabhängige Umfärbung des Fells schon vor dem ersten Schneefall, wodurch die Tarnfunktion ins Gegenteil mutiert. Zudem steigt der Feldhase, dessen Lebensraum jetzt schon mit dem des Schneehasen überlappt, zunehmend höher und konkurrenziert so den kleineren Verwandten.
Es gibt aber auch Bereiche, etwa im Kanton St. Gallen, wo die Situation gerade umgekehrt ist – wegen dem geringen Feldhasenvorkommen und dem dadurch fehlenden Konkurrenzdruck. Hier kann man dem an sich hochalpinen Schneehasen deshalb vereinzelt auch in tieferen Lagen begegnen. So gibt es Beobachtungen auf 1200 und sogar auf bloss 900 Metern Höhe über Meer. Weil Hasenkeulen von verschiedensten Beutegreifern geschätzt werden, müssen die Hoppler ständig fluchtbereit sein.
Wer denkt, es sei einfach, in einem Wirrwarr von Schneehasenspuren jener zu folgen, die zur Sasse und damit zum Versteck des Hasen führt, der täuscht sich. Denn um ihre fährtensuchenden Fressfeinde in die Irre zu führen, haben die Tarnkappenkünstler noch eine weitere Finte im Köcher: sie laufen unverhofft in der eigenen Spur zurück und machen dann plötzlich einen weiten Sprung zur Seite in eine Deckung, wodurch die Hauptspur blind endet. Deshalb bleibt die strenge Schneehasenjagd des Öfteren ohne Beute, was ein echter Jäger jedoch mit Fassung trägt.
Insgesamt werden schweizweit jährlich rund 1450 Schneehasen geschossen, am meisten (gut 1100) in Graubünden, wo die Hasenjagd vom 1. Oktober bis zum 20. November offen ist und zirka 1700 Niederwild-Jäger das Patent lösen.
Seit Beginn der Datenerhebung 1955 liegt die durchschnittliche Strecke gesamtschweizerisch bei knapp einem halben Schneehasen pro Jahr und Jäger, was auf ein konstantes Vorkommen schliessen lässt. Eine genaue Zahl aller freilebenden Schneehasen in der Schweiz ist allerdings nicht bekannt; eine vorsichtige Hochrechnung kommt auf etwa 14 000. Erschwerend für solche Erhebungen wirken sich klima- und krankheitsbedingte Bestandesschwankungen aus.
Foto: mauritius-images.com, Zeichnung: E.M.