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Statt im Tea-Room trinke sie den Kaffee im Migros-Restaurant, erzählt die 69-jährige Rentnerin aus Burgdorf. Dort sei er Fr. 1.20 günstiger. «Auch beim Einkaufen schaue ich immer, was Aktion ist.» Dank ihrer Sparsamkeit komme sie gut über die Runden, meint sie, trotz dem bescheidenen Einkommen von 3000 Fr. pro Monat.
Das Klischee von den reichen Pensionären stimmt bei weitem nicht für alle. In Wirklichkeit besteht in dieser Alterskategorie ein grosser finanzieller Graben: Während die reichsten 20% der Rentnerhaushalte ein Monatseinkommen von über 11 000 Fr. beziehen, müssen sich die ärmsten 20% mit weniger als 3000 Fr. begnügen.
Wie kommt die riesige Differenz zustande? Diese Frage hat die Credit Suisse in einer Studie erstmals untersucht. Was in der Analyse zunächst auffällt: Bei der AHV sind die Renten relativ gleichmässig über die verschiedenen Einkommensklassen verteilt. Beim untersten Quintil (20% der Bevölkerung) beträgt das Einkommen aus der ersten Säule im Durchschnitt 2100 Fr., verglichen mit 3300 Fr. beim obersten Quintil. Umso grösser ist die Ungleichheit innerhalb der beruflichen Vorsorge: Die reichsten 20% erhalten jeden Monat mehr als 5000 Fr. aus der zweiten Säule. Demgegenüber kommen die ärmsten 20% auf nur 300 Fr. (siehe Grafik). «Unsere Auswertung zeigt, dass der Ausbau der beruflichen und privaten Vorsorge nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich stark ausfällt», erklärt Studienautorin Sara Carnazzi, «diese Pfeiler spielen erst bei den wohlhabenderen Schichten eine wichtige Rolle.»
Rückblende: Das 1985 eingeführte Drei-Säulen-System hatte zum Ziel, eine ausgewogene Balance zwischen Solidarität und Eigenverantwortung zu erreichen. Die erste Säule basiert auf dem Prinzip der Umverteilung, indem die Erwerbstätigen für die Rentner bezahlen. In der zweiten und dritten Säule dagegen spart jeder für sein eigenes Alterskapital.
Die Zahlen der Credit Suisse verdeutlichen nun aber: Für einen grossen Teil der Rentner existiert das Drei-Säulen-Konzept hauptsächlich in der Theorie. Aus welchen Gründen? Eine Rolle spielt, dass die berufliche Vorsorge erst 1985 obligatorisch wurde, vorher war sie freiwillig. Ein heutiger Neurentner war somit bereits 33 Jahre alt, als er mit der Einzahlung in die Pensionskasse begann.
Ein wichtiger Faktor ist sodann der gesellschaftliche Wandel. «Das Konzept der beruflichen Vorsorge ist ausgerichtet auf den Mann, der 100% arbeitet und die Familie ernährt. Das entsprach 1985 ja auch dem Normalfall», sagt Pensionskassen-Experte Werner C. Hug. Seither haben die Erwerbstätigkeit der Frauen und die Teilzeitarbeit allerdings stark zugenommen. Wer in einem kleinen Pensum oder als Freelancer arbeitet, fällt vielfach unter die Eintrittsschwelle der zweiten Säule, welche zurzeit bei einem Jahreslohn von 21 150 Fr. liegt.
Schädlicher Koordinationsabzug
Das Manko beschränkt sich aber nicht auf die unteren Lohnklassen. Auch der Mittelstand profitiert erst wenig von der zweiten Säule. Die Rentnerhaushalte im zweiten Quintil erhalten im Schnitt 970 Fr. pro Monat aus der Pensionskasse, gegenüber einer deutlich höheren AHV-Rente von 2540 Fr. «Dass in dieser mittleren Gruppe das Verhältnis nicht ausgeglichener ist, erachte ich als zentrale Erkenntnis aus der Studie», meint Professor Martin Eling von der Universität St. Gallen, «es ist ein Zeichen dafür, dass der geltende Koordinationsabzug in der beruflichen Vorsorge nicht mehr zeitgemäss ist.»
Dieser sogenannte Koordinationsabzug wird seit langem kritisiert: Sowohl der Pensionskassenverband wie auch die Gewerkschaften forderten bereits vor Jahrzehnten erfolglos dessen Abschaffung. Denn er bestraft die tiefen und mittleren Einkommen, wie das Beispiel in der Tabelle verdeutlicht: Bei einer 40-jährigen Person fliessen bei einem Bruttoverdienst von 80 000 Fr. jedes Jahr 5500 Fr. in die Pensionskasse. Beträgt der Lohn nur 40 000 Fr., so führt dies nicht, wie man annehmen könnte, zu einer Halbierung der Altersgutschrift. Stattdessen sinkt die Einzahlung in die Pensionskasse um 72% auf lediglich noch 1500 Fr.
Inzwischen hat auch die Politik den schädlichen Effekt erkannt: Der Bundesrat wollte den Koordinationsabzug in seiner ursprünglichen Vorlage zur Reform 2020 vollständig streichen. Die Version, die im September zur Abstimmung kommt, sieht hingegen nur eine Senkung vor, von 24 675 Fr. auf 14 100 Fr. So wie die Eintrittsschwelle und der Koordinationsabzug die Renten der Ärmeren verschlechtern, profitieren die Wohlhabenden von den Steuervorteilen der zweiten Säule. Sie haben einen Anreiz, möglichst viel Geld zu investieren, weil die Einzahlungen von der Einkommenssteuer befreit sind. Je höher die Steuerprogression, desto mehr schenkt es ein.
Dieser Effekt spiegelt sich ebenfalls in den Zahlen der Credit Suisse: Beträgt die mittlere Pensionskassenrente im vierten Quintil noch 3040 Fr., so springt dieser Wert bei der obersten Kategorie auf 5050 Fr. «Eine übermässige Steueroptimierung hat mit dem eigentlichen Konzept der Vorsorge nichts mehr zu tun», kritisiert Doris Bianchi, die beim Gewerkschaftsbund für Sozialversicherungen zuständig ist. Sie verweist auf die Statistik des Bundes, wonach die steuerbegünstigten Einkäufe in die Pensionskassen 5,2 Mrd. Fr. pro Jahr erreichen.
Zinsflaute bestraft Sparer
Die zweite Säule steht vor der grössten Herausforderung seit ihrer Einführung vor 32 Jahren: Um von der Bedeutung her zur AHV aufzuschliessen, müsste sie ihre Leistungen weiter ausbauen. Stattdessen zeichnet sich nun eine Stagnation der künftigen Renten ab. Der Grund sind die rekordtiefen Zinsen, welche zu einem Anlagenotstand geführt haben. «Leidtragende sind primär die Vorsorgewerke – also letztlich wir alle», erklärt Martin Eling, «denn die Nullzinspolitik der Notenbanken führt zu einer gewaltigen Umverteilung des Vermögens von den Sparern zu den Schuldnern, insbesondere den Staaten.»
Eine gesunde zweite Säule sei enorm wichtig, namentlich für die sozial Schwächeren, betont Sara Carnazzi von der Credit Suisse: «Die berufliche Vorsorge hat den grossen Vorteil der kollektiven Risikoübernahme. Dadurch bekommen auch Leute mit kleinen Vermögen Zugang zu den Finanzmärkten und können ihre Anlagen breit diversifizieren.»
Was bedeuten die derzeitigen Schwierigkeiten der Pensionskassen für das Drei-Säulen-System? Eine Verschiebung der Gewichte zur AHV bringt keine nachhaltige Lösung, weil auch diese immer tiefer in die roten Zahlen rutscht. Zukunftsfähig ist die Vorsorge nur, wenn sie von drei eigenständigen starken Säulen gestützt wird. Nur so entsteht eine ausgewogene Mischung von Umverteilung und Eigenverantwortung. Eine Säule allein kann die riesigen Lasten der zunehmenden Alterung unmöglich tragen.