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Frau Rytz, Frau Thorens, wie würden Sie sich in drei Adjektiven beschreiben?
Regula Rytz: Ich bin ein sehr offener und neugieriger Mensch. Das sind zwei … (lacht) … und ich bin bodenständig.
Adèle Thorens: In drei Wörtern? Das ist schwierig. Engagiert sicherlich. Fröhlich. Ungeduldig.
Bringen Sie den Westschweizer Spirit ins Präsidium, Frau Thorens?
Thorens: Ist das für Sie der Westschweizer Geist? (lacht lange)
Fröhlichkeit entspricht zumindest dem Klischee des Romands in der Deutschschweiz.
Thorens: Das weiss ich nicht. Vielleicht bin ich auch so, weil ich in Solothurn geboren wurde. Mein Vater arbeitete dort als Arzt. Aber ich lebte nur acht Monate in der Stadt Solothurn.
Frau Rytz, Sie erinnern in Ihrer Art an Simonetta Sommaruga.
Rytz: Finden Sie? Ich habe sicher Elemente, die sie auch hat. Ich lege meiner Arbeit gerne Fakten zugrunde, versuche, gerade als Exekutivpolitikerin, verschiedene Leute und Meinungen an denselben Tisch zu bringen, um gemeinsame Lösungen zu finden.
Sind Sie ähnlich asketisch und protestantisch wie Sommaruga?
Rytz: Ob sie das ist, weiss ich nicht. Ich selber bin verantwortungsbewusst und leistungsorientiert. Aber ich geniesse das Leben auch sehr gerne. Vielleicht anders als viele. Ich bin sehr gerne in den Bergen, in der Natur. Und ich lese gerne einen Sonntag lang im Bett. No Problem, ich arbeite nicht rund um die Uhr.
Thorens: Ich bin sehr protestantisch, sehr calvinistisch, entstamme der Hugenotten-Kultur. Ich bin genau wie du, Regula. Ich liebe die Arbeit. Ich finde sie motivierend. Die Familie Thorens ist ja in der Unterhaltungselektronik tätig, in der Schallplattenindustrie. Meine Familie ist wirklich unter den Titeln Protestantismus und Kapitalismus gross geworden. Ich bin aber keineswegs ein trauriger Mensch.
Muss man als Co-Präsidium wie ein Ehepaar funktionieren?
(beide lachen) Thorens: Man muss als Partner funktionieren. Im Eheleben redet man ja auch manchmal vom Partner. Mehr impliziert das aber nicht.
Rytz: Wir machen eine Art Jobsharing und teilen uns vor allem die Sprachregionen auf. Dafür muss man gut zusammen funktionieren. Entscheidend ist das Grundvertrauen.
Ist das vorhanden zwischen Ihnen?
Rytz: Wir kennen uns erst seit Oktober, nach meiner Wahl in den Nationalrat. Wir hatten von Beginn an das Gefühl, das funktioniere.
Thorens: Ich ging mit allen Kandidaten essen, sprach mit allen. Ich musste sicher sein, dass ich mir diese Zusammenarbeit vorstellen kann.
Was haben Sie denn gedacht, Frau Thorens, als Sie erstmals mit Frau Rytz gesprochen haben?
Thorens: Ich weiss nicht, ob ich das jetzt erzählen soll, da Sie uns als Paar bezeichneten. Aber ich hatte sofort das Gefühl, es funktioniere politisch zwischen uns. Nach der Wahlniederlage diskutierten wir sehr offen, was falsch gelaufen ist. Im Gegensatz zu den Medien, die von verschiedenen Strömungen schreiben, entstand sehr schnell eine gemeinsame Vision. Statt uns auseinanderzudividieren, hat uns die Niederlage nähergebracht.
Wie ergänzen Sie sich?
Rytz: Thematisch ergänzen wir uns gut. Ich bin zwar seit acht Jahren in der Exekutive in Themen wie Bauen, Verkehr, Abfallentsorgung und Stadtgrün tätig. Grüner gehts nicht. Zuvor habe ich mich auf Bildungs- und Finanzpolitik spezialisiert. Beim Gewerkschaftsbund war ich für die Dossiers Binnenmarktgesetz und Personenfreizügigkeit zuständig. Dort habe ich gesehen, wie Akkordmetzger aus Deutschland zu unglaublichen Bedingungen in die Schweiz gelockt werden. Sie arbeiten ohne Absicherung, zahlen die Reise selbst, nach 15 Stunden Akkordarbeit schickt man sie wieder zurück. Solche Kenntnisse sind für die Grünen wichtig. Wir setzen uns auch für jene Menschen ein, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Thorens: Unsere Kompetenzen ergänzen sich. Das gefällt mir. Ich habe ein ganz anderes Profil. Mein Universum ist das Umwelt-Milieu. Ich habe Philosophie studiert, mich mit dem Umgang natürlicher Ressourcen beschäftigt, komme vom WWF. Aus meiner Familien-Tradition heraus faszinieren mich auch Wirtschaft und Unternehmen. Man darf die Unternehmen nicht verteufeln. Als Philosophin suche ich Lösungen und nicht den Krieg der Ideologien.
Frau Thorens wird in den Medien als eher pragmatisch wahrgenommen, Frau Rytz gilt als eher links.
Thorens: Weshalb denn pragmatisch versus ideologisch? Weshalb links gegen rechts? Als Grüne habe ich diese Polarisierung nie akzeptiert.
Rytz: Entscheidend ist doch, welche Rolle eine Partei hat. Wir Grünen sind in der nationalen Politik in vielen Fragen nicht in der Mehrheit. Auch wenn sich mit Fukushima enorm viel verändert hat. Gemäss letzten Umfragen ist inzwischen sogar die Basis der FDP und SVP für den Atomausstieg.
Thorens: Das ist unglaublich!
Rytz: Da wir aber in vielen Fragen nicht bei der Mehrheit sind, müssen wir pointiertere Vorschläge präsentieren.
Thorens: In den Wahlen gerieten wir mit dem Atomausstiegs-Thema, das wir über Jahrzehnte alleine bearbeitet hatten, ans Ende eines Zyklus. Wir hätten stärker auf die Energiewende als konkrete Alternative fokussieren müssen. Bei anderen Themen stehen wir aber am Anfang eines Zyklus. Zum Beispiel bei der grünen Wirtschaft. Für diese Initiative haben wir die Unterschriften bald zusammen. Hier sind wir noch einsam, theoretisch, provokativ, visionär. Wir werden unsere Vision einer grünen Wirtschaft über Jahre hinweg erklären müssen. Aber hoffentlich werden wir nicht 40 Jahre warten müssen wie beim Atomausstieg, bis die Vision Realität wird.
Rytz: Noch etwas zum Pragmatismus. Als einzige Partei haben wir uns gegen die Ventilklausel und gegen die Abschaffung des Familiennachzugs im Asylbereich positioniert. Hier verteidigen wir unsere Grundwerte.
Thorens: So ist es, über Menschenrechte verhandeln wir nicht.
Eine Studie zeigt: Die Bevölkerung glaubt nicht, dass die Grünen Probleme lösen können. Bei der Problemlösungskompetenz hat die Partei Tiefstwerte. Das ist verheerend.
Rytz: Natürlich. Es gelang uns nicht zu zeigen, dass wir in sehr vielen Bereichen in der Verantwortung sind und gute Lösungen umsetzen. Wir regieren in neun Kantonen mit, sind in allen wichtigen Städten vertreten …
Thorens: … neu sogar in den drei grossen Städten Neuenburgs. Vielleicht waren die Grünen auf Bundesebene ein bisschen abgeschnitten von der Arbeit, die in den Regionen geleistet wird. Wir müssen zeigen, dass die Grünen in Bern dieselben sind wie jene, die in Kantonen und Städten mitregieren.
Was haben Sie als neue Präsidentinnen bei den Grünen angetroffen? Offenbar existierten Arbeitsgruppen nur noch auf dem Papier, die Organisation war chaotisch, die Fraktion scheint verkracht.
Rytz: Ich habe den neutralsten Blick, da ich von aussen kam. Ich traf eine sehr gut funktionierende Partei an, die sich mit den Initiativen zum Atomausstieg und zur grünen Wirtschaft sehr viel zugemutet hat. Wir haben in einem Jahr fast 200 000 Unterschriften gesammelt.
Thorens: Das ist viel für eine Partei unserer Grösse. Die Atomausstiegs-Initiative hat uns vielleicht Wähler gekostet, als wir sie lancierten. Doris Leuthard kündigt den Atomausstieg an und gleichzeitig wählten wir ein Oppositionsinstrument, um mehr oder weniger dasselbe zu verlangen. Das verstanden die Leute vermutlich nicht. Sieht man aber, was jetzt passiert, bedaure ich diese Initiative keineswegs. Im Gegenteil, sie ist unabdingbar. Diese Initiative ist heute eine Garantie, eine Absicherung für den Ausstieg.
Rytz: Die zweite Initiative für eine grüne Wirtschaft nimmt vorweg, was im Juni am Erdgipfel in Rio de Janeiro diskutiert wird. Die Wirtschaft soll mit begrenzten Ressourcen so sparsam umgehen, dass wir nicht auf Kosten der nächsten Generation leben. Ich bin sicher, dass wir die Initiativen zustande bringen. Es herrscht eine grosse Aufbruchstimmung. Wir haben in verschiedenen kantonalen Wahlen gut abgeschnitten, sind in Fribourg erstmals in der Kantonsregierung.
Wo wollen Sie Akzente setzen?
Rytz: Bei den grünen Themen wollen wir die federführende Partei bleiben. Die Select-Studie zeigte auf, dass sich die Grünen am stärksten um diese Themen kümmern und dort die höchste Lösungskompetenz haben. Die Unterstützung für die grünen Themen ist heute viel breiter als noch vor zehn Jahren. Darauf sind wir stolz. Sehr wichtig sind uns aber auch ein sauberer Finanzplatz und soziale Sicherheit. Viele unserer Mitglieder unterstützen die Idee eines garantierten Mindesteinkommens.
Und welche neuen Themen packen Sie an?
Thorens: Wir werden uns sehr stark in der Internet-Politik engagieren. Wir veröffentlichten als erste Partei ein Konzept. Wir sprechen uns sowohl für Meinungsfreiheit wie für Privatsphäre und für den Schutz der Autorenrechte bei den Künstlern und Autoren aus. An der Delegiertenversammlung vom September werden wir die Internet-Politik thematisieren.
Haben die Grünen dieses Thema bisher unterschätzt, weil eine ältere Generation am Ruder war?
Thorens: So jung bin ich nun auch wieder nicht. Und zudem bin ich nicht auf Facebook.
Rytz: Ich schon, doch, doch. Allerdings mit sehr beschränktem Zeitbudget.
Thorens: Es geht da nicht um eine Generationenfrage. Ueli Leuenberger benützt das Internet täglich. Es geht um alte grüne Werte.
Rytz: Von der Tradition her sind die Grünen auch eine liberale Bürgerrechtspartei. Die Privatisierung des Wissens, wie das heute mit Patentierungen oder an den Universitäten mit bezahlten Lehrstühlen teilweise passiert, widerspricht unseren Grundregeln. Das Wissen ist unsere grösste Ressource. Wir bilden zu wenige Ärzte und Ärztinnen aus. Und auch für den enormen Nachholbedarf bei der Sanierung der Infrastrukturen fehlen uns die Fachkräfte. Wir müssen sie in Deutschland holen. Damit kommt die Personenfreizügigkeit ins Spiel. Wir unterstützen sie nach wie vor. Nur müssen die flankierenden Massnahmen im Bereich des Arbeits- und Mietmarktes verstärkt werden.
Thorens: Wir müssen von der rein quantitativen Debatte wegkommen. Am Lac Léman haben wir die qualitative Seite überschritten. Wir müssen aufhören, uns exklusiv auf die Entwicklung der grossen Agglomerationen zu fokussieren. Wir brauchen eine Vision für die nachhaltige Entwicklung der ganzen Schweiz, auch der ländlichen. Dann gelingt es uns vielleicht, die Zuwanderer nicht mehr zu verteufeln. Es geht ja um Fachkräfte.
Rytz: Das sind Leute, die uns die Weisheitszähne ziehen.
Die Grünen sind die letzte EU-Partei. Sind Sie für einen EU-Beitritt?
Thorens: Langfristig ja. Die Bevölkerung wird spüren, wann das im Interesse der Schweiz ist. Europa ist nicht perfekt. Das stimmt. Nur: Europa ist weltweit der klar progressivste Kontinent.
Rytz: Ich bin da skeptischer.
Thorens: Das ist jetzt der Röschtigraben.
Rytz: Ich bin wirklich keine Nationalistin. Ich unterstütze die europäische Idee. Entscheidend ist aber, welche Politik Europa macht. Die Sparpolitik führt zu Arbeitslosigkeit und Privatisierungen. Als Infrastrukturdirektorin macht mich das sehr skeptisch. Es geht nicht an, Strom und Wasser zu privatisieren. Diese Güter gehören in der Schweizer Tradition der Allgemeinheit.
Thorens: Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen ein Beitritt möglich wird.
Rytz: Wir müssen ja nicht in jeder Frage einig sein.
Bei der SP ist man glücklich über die Wahlverluste Ihrer Partei. Jetzt seien die Grünen wieder, was sie historisch immer gewesen seien, sagen einzelne: Stimmvieh der SP.
(Beide lachen schallend) Thorens: Wer hat Ihnen das gesagt?
Rytz: Zwischen Grünen und SP gibt es einen starken Austausch von Stimmen. Die Grünen haben jetzt in La Chaux-de-Fonds auf Kosten der SP ein Exekutivamt gewonnen. Das ist schade. Wir hätten beide gewinnen sollen.
Sie finden das schade. Die SP würde es freuen, gewänne sie auf Kosten der Grünen.
Rytz: Wir sehen das vielleicht ein bisschen offener.
Thorens: Lange war die SP unser einziger möglicher Partner.
Das hat sich geändert?
Thorens: In dieser Legislatur gab es Abstimmungen, die mich total überrascht haben. Das wäre noch vor wenigen Monaten unmöglich gewesen.
Rytz: Wir haben viele Erfolgsmöglichkeiten. Mit verschiedenen Partnern.
Auch mit der SVP?
Thorens (wie aus der Kanone geschossen): Sicher. In der Landwirtschaft oder bei der kritischen Haltung zu Cassis-de-Dijon.
Wollen die Grünen in den Bundesrat?
Thorens: Natürlich. Wir nehmen Verantwortung wahr in Gemeinden und Kantonen. Weshalb sollten wir das in Bundesbern nicht tun?
Die Unterschiede zwischen Ihnen sind doch grösser als gedacht. Frau Thorens ist impulsiver, denkt als Philosophin in den grossen Linien. Frau Rytz ist pragmatischer, bodenständiger.
Thorens: Adèle ist weniger pragmatisch? Ai, ai, ai. Jetzt haben die Westschweizer immer gesagt, wie pragmatisch ich sei. Interessant, was Sie sagen.
Rytz: Für mich sind die grossen Linien auch wichtig, vor allem in der Sozialpolitik. Es kann nicht sein, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer grösser werden und eine neue Geldaristokratie unser Land regiert.
Wo sündigen Sie als Grüne?
Thorens: Ich esse viel und gerne Fleisch.
Rytz: Ich esse kein Fleisch, fahre Velo, kann nicht Auto fahren, fliege kaum. (überlegt) Das ist jetzt fast ein wenig peinlich, keine Sünde zu haben. Vielleicht finde ich ja noch eine. Dann melde ich sie nach.
Regula Rytz, geboren 1962, ist ausgebildete Lehrerin und unterrichtete bis 1989. Sie studierte an der Universität Bern Geschichte, Soziologie und Staatsrecht und schloss 1997 mit dem Lizenziat ab. Von 1993 bis 1998 war sie politische Sekretärin des Grünen Bündnisses in Bern. Danach forschte sie für den Nationalfonds über «Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität». Von 2001 bis 2004 war sie Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbunds SGB. 2005 wurde sie Gemeinderätin der Stadt Bern und Leiterin des Tiefbauamts. Letzten Oktober schaffte sie die Wahl in den Nationalrat.
Adèle Thorens, geboren 1971, studierte Philosophie, Geschichte und politische Wissenschaften an der Universität Lausanne. Von 2004 bis 2009 arbeitete sie im Westschweizer Bildungszentrum des WWF Schweiz. Danach wurde sie selbstständige Beraterin. Von 2002 bis 2007 war sie Gemeinderätin in Lausanne, 2005 leitete sie die grüne Gemeinderatsfraktion. 2007 wurde sie in den Nationalrat gewählt. Thorens ist verheiratet und Mutter eines Kindes.
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Adèle Thorens gilt als Pragmatikerin, Regula Rytz als linke Gewerkschafterin. Im «Sonntag»-Interview entdecken die Co-Präsidentinnen der Grünen neben Gemeinsamkeiten auch politische und persönliche Unterschiede – in Sachen EU-Beitritt, aber auch beim ökologischen Sündenregister.