Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/51502

<h2>SubmittedText<h2><p>Der Bundesrat wird aufgefordert, negative Entwicklungen der revidierten kaufmännischen Grundbildung mit geeigneten Massnahmen abzuwenden und allenfalls Anpassungen vorzunehmen, sowie einer analog geplanten Berufsbildung in Verkauf und Detailhandel Einhalt zu gebieten.</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Die kaufmännische Ausbildung ist der zahlenmässig bedeutendste Bereich der Berufsbildung. Etwa 10 Prozent der 120 000 vor der Berufswahl Stehenden treten jährlich in diese dreijährige Lehre ein. Das entspricht 15 Prozent der jährlichen Lehrverhältnisse.</p><p>Die Reform der kaufmännischen Grundbildung ist die Antwort auf Entwicklungen, die sich bereits in den Achtzigerjahren anbahnten. Der Einzug der elektronischen Datenverarbeitung führte dazu, dass sich eine Unterscheidung der Lehre in "Sekretariat" auf der einen und "Rechnungswesen" auf der anderen Seite je länger, je weniger halten liess. Auch die dominierende Stellung der Schule wurde durch die technologischen Entwicklungen in den Betrieben infrage gestellt. Vor allem aus der Arbeitswelt häuften sich die Klagen, dass die kaufmännische Erstbildung den Ansprüchen nicht mehr genüge.</p><p>Die Reform der kaufmännischen Grundbildung hat folgendes Ziel: Mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis verfügen die Absolventinnen und Absolventen über ein grundlegendes Wissen und Können, mit dem sie im gesamten Berufsfeld produktiv einsetzbar sind. Dieses Wissen und Können ist auf lebenslanges Lernen und auf Flexibilität in einem Bereich angelegt, der praktisch alle Branchen und alle Anbieter vom Kleinstbetrieb bis zum Grosskonzern umfasst. Besondere Kernpunkte sind:</p><p>- Das neue Ausbildungs- und Prüfungskonzept wertet den Praxisteil auf, indem die betriebliche Bildung neu zur Hälfte in die Bewertung des Lehrabschlusses eingeht.</p><p>- Die Schulen führen die Lernenden in einem drei- bis sechswöchigen Basiskurs in den Umgang mit den neuen Technologien ein. Der Basiskurs entlastet die Betriebe von einem Teil der Einführungsarbeit. Er findet möglichst zu Beginn des ersten Schuljahres statt. Über seine Dauer und seine Gestaltung entscheiden die Schulen und Betriebe einer Region.</p><p>- Leistungsziele vermitteln den angehenden Kaufleuten eine vollständige Information darüber, was sie in Teilprüfungen an der Lehrabschlussprüfung leisten müssen. Sie sind für Betriebe und Schulen unterschiedlich und werden periodisch von einer gesamtschweizerischen Prüfungskommission auf ihre Angemessenheit und Aktualität überprüft und gegebenenfalls angepasst.</p><p>- Der Schulanteil ist degressiv gestaltet, d. h., die schulische Bildung nimmt im Laufe der Grundbildung ab. Die Lernenden sind dann vermehrt im Betrieb, wenn sie eine höhere Leistungsfähigkeit erreicht haben.</p><p>Leitlinien und Inhalte der Reform wurden im Wesentlich von der Arbeitswelt definiert. Die Innovationen wurden in einer breit angelegten, sechsjährigen Pilotphase erprobt und evaluiert. An der Erprobung waren elf Kantone und mehrere tausend Lehrlinge aus über zwanzig Branchen beteiligt. Die Evaluation zeigte eine hohe Akzeptanz der Neuerungen bei allen Beteiligten, sobald die Anlaufschwierigkeiten vorbei waren, wie sie bei allen grundlegenden Reformen auftreten. Mit der flächendeckenden Einführung seit dem Sommer 2003 werden zusätzliche Kreise mit den Neuerungen konfrontiert.</p><p>Die landesweite Implementierung der neuen kaufmännischen Grundbildung wird ebenfalls von Evaluationen begleitet. Verbesserungen und Optimierungen sind wesentlicher Bestandteil. Eine definitive Regelung ist auf 2008 vorgesehen - getreu dem neuen Berufsbildungsgesetz, das seit 2004 in Kraft ist und eine fünfjährige Übergangsfrist vorsieht.</p><p>Mit dem Inkrafttreten des Berufsbildungsgesetzes steht der Weg offen für eine ganzheitliche Strukturierung der kaufmännischen Grundbildung. Zurzeit umfasst sie neben der integrierten Berufsmaturität für Leistungsstarke ein "B-Profil", das vermehrt auf Routinetätigkeiten sowie auf Informations- und Kommunikationstechnologien abstellt.</p><p>Voraussichtlich auf 2005 wird neu eine zweijährige Grundbildung für Lernschwächere eingeführt, die mit einem eidgenössischen Attest abschliesst. Dieses neue Angebot ist nicht einfach eine Aufwertung der Anlehre, sondern ein eigenständiges Bildungsangebot. Die zweijährige Grundbildung beruht wie die dreijährige auf einem landesweit definierten Qualifikationsprofil mit möglichen Anschlüssen zum Fähigkeitszeugnis - dies im Unterschied zur bisherigen, individuell ausgerichteten Anlehre, die beruflich in eine Sackgasse führte.</p><p>Es besteht kein Zweifel, dass die Reform der kaufmännischen Grundbildung vermehrte - oder zumindest andere - Anforderungen an die Lernenden und an die Betriebe stellt. Dies entspricht einer allgemeinen Entwicklung im Wirtschaftsleben. Die längerfristig zu erwartenden und in Pilotversuchen auch erreichten Kompetenzgewinne wiegen allfällige kurzfristige Umstellungsprobleme bei Weitem auf.</p><p>Verfehlt ist es, den Lehrstellenrückgang im kaufmännischen Bereich vollumfänglich auf die Reform abzuwälzen. Es kann durchaus sein, dass einzelne Betriebe noch zögern, eine Ausbildung auf der Höhe der Zeit anzubieten. Bei der engen Verzahnung von Ausbildung und Arbeitswelt, die das schweizerische Berufsbildungswesen kennzeichnet, ist die beobachtbare Stagnation bei den Lehrstellen vielmehr eine Konsequenz des starken Strukturwandels, der auch den Dienstleistungssektor erfasst hat.</p><p>Es ist das ständige Bestreben der drei Verbundpartner der Berufsbildung - Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt - optimale Bedingungen für die Jugendlichen und die Ausbildungsbetriebe bereitzustellen. Dabei versteht sich von selbst, dass alle Beteiligten nicht nur das Schlimmste verhindern, wie es der Motionär fordert, sondern gemeinsam dafür sorgen, den hohen Stand der schweizerischen beruflichen Bildung zu halten und wo möglich noch zu erhöhen.</p><p>Bei einer allfälligen Annahme der Motion durch den Erstrat ist der Bundesrat bereit, im Zweitrat den Antrag zu stellen, die Motion in einen Prüfungsauftrag abzuändern.</p>  Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.