Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/9

01.07.2010 Der 8. Bericht zur Schweizer HIV-Prävention ist erschienen
Verhaltensmonitoring HIV/Aids. In der Schweiz ist die Situation im Bereich HIV/Aids relativ stabil. Aus dem Verhalten und den HIV-Zahlen der einzelnen Risikogruppen lässt sich schliessen, dass die Präventionsarbeit in der Schweiz dem Problem angemessen ist. Ausnahmen sind die Gruppen Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und Migrantinnen und Migranten aus der Subsahara-Region.
Seit 1987 werden in der Schweiz die Entwicklung der HIV-Ansteckungen und das Verhalten bezüglich HIV/Aids mit einem Monitoringsystem beobachtet. Ziel ist es, die Wirksamkeit der Aids-Bekämpfungsstrategie beurteilen zu können, künftige Entwicklungen zu antizipieren und die Strategie entsprechend anzupassen. Das Verhaltensmonitoring besteht aus verschiedenen, wiederholt durchgeführten Erhebungen in der Allgemeinbevölkerung sowie in Bevölkerungsgruppen, die von HIV/Aids besonders betroffen sind. Die neusten Ergebnisse sind nun in der Publikation «Monitoring der Schweizer Präventionsstrategie gegen HIV/Aids. Synthesebericht 2004–2008. raisons de santé 155b» zusammengefasst. Der Bericht stellt der Schweizer HIV/Aids-Politik und der Schweizer Bevölkerung ein insgesamt zufriedenstellendes Zeugnis aus, bestätigt aber auch bekannte Brennpunkte: Handlungsbedarf besteht nach wie vor bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), und bei der Migrationsbevölkerung aus der Subsahara.
Risikoreiches Verhalten bei MSM
Seit der zweiten Hälfte der 90er-Jahre ist bei den MSM ein nachlassendes Präventivverhalten zu beobachten. Dies geht einher mit einer starken Zunahme von neuen HIV-Diagnosen zwischen 2003 und 2008. Wie die Gaysurveys zeigen, ist die Verwendung von Präservativen in festen Beziehungen seit Jahren rückläufig. Nun ist dies auch bei Sex mit Gelegenheitspartnern der Fall, selbst bei jungen MSM, die sich bisher immer besser geschützt hatten als ältere MSM. Zwei Drittel der MSM, die ungeschützten Analverkehr mit Gelegenheitspartnern hatten, gaben an, sogenannte risikomindernde Alternativstrategien anzuwenden, deren Wirksamkeit aber nach wie vor ungewiss ist. Dabei handelt es sich um Zurückziehen des Glieds vor der Ejakulation, die strategische Positionswahl (Wahl der aktiven oder passiven Position je nach Serostatus; diese Strategie basiert auf der Tatsache, dass das Risiko einer HIV-Übertragung für den aktiven Partner geringer ist als für den passiven Partner) und das Serosorting, die Auswahl des Partners anhand seines Serostatus.
Bei dieser Gruppe ist es schwierig, vorrangige Handlungsbereiche festzulegen. Die Zugehörigkeit zu einer Homosexuellenorganisation scheint schützend zu wirken. Diese Organisationen haben bei der Vermittlung von Präventionsbotschaften eine zentrale Rolle. Es ist auch klar, dass der Gebrauch von Präservativen weiterhin gefördert werden muss, besonders bei den jungen MSM. Wichtig sind zudem Massnahmen, die der Verharmlosung der HIV-Infektion und der Therapie entgegenwirken. Da die meisten Tests bei MSM in einer Arztpraxis durchgeführt werden, sollten Ärztinnen und Ärzte dafür sensibilisiert werden, die Gelegenheit für eine Beratung hinsichtlich der Prävention zu nutzen.
Menschen aus der Subsahara-Region stark betroffen
Die Zahl der neu gemeldeten Infektionen bei Personen aus Afrika südlich der Sahara ist verhältnismässig hoch. Mehrere Informationen deuten darauf hin, dass in dieser Gruppe ein erhöhtes Risikoverhalten besteht. Dazu gehören tendenziell mehr Sexualpartner und ungeschützter Sex bereits zu Beginn einer Beziehung, wenn der Serostatus noch unbekannt ist. Gesichert ist, dass der Zugang zu Prävention, Beratung und Testung für diese Gruppe nicht ausreicht. In Bezug auf die anderen Migrantengruppen (z. B. aus dem Balkan) weisen die verfügbaren Daten nicht darauf hin, dass dort grössere Präventionslücken bestehen.
Gutes Präventionsverhalten in der Drogenszene und in der Prostitution
Die verfügbaren Daten aus dem Bereich Sexwork weisen darauf hin, dass der Gebrauch von Präservativen im Sexmilieu weit verbreitet ist. Einzige Ausnahme bilden drogenabhängige Sexarbeiterinnen. Bei Sexworkern, deren Freier MSM sind, ist bei Analverkehr der Präservativgebrauch die Regel, aber nicht beim Oralverkehr. Auch in der Drogenszene ist die Situation in Bezug auf HIV erfreulich: Bei den Drogenkonsumierenden gibt es weiterhin nur wenige neue HIV-Fälle, und der gemeinsame Spritzengebrauch ist auf einem tiefen Niveau stabil geblieben (unter 10%). Dies gilt jedoch nicht für den Freiheitsentzug: Drogenabhängige Gefängnisinsassen sind weiterhin grossen Infektionsrisiken ausgesetzt.
Menschen mit HIV/Aids: Systematische Benutzung von Präservativen hat abgenommen
Die Mehrheit der Menschen mit HIV/Aids benutzt bei Sexualkontakten mit einem festen Partner systematisch ein Präservativ. Dieser Anteil hat jedoch abgenommen von 77% (2007) auf 71,9% (2008). Ähnlich ist die Entwicklung bei Sexualkontakten mit Gelegenheitspartnern. 2007 haben 85,1% der Menschen mit HIV/Aids in einem solchen Fall konsequent ein Präservativ benutzt, 2008 waren es noch 80,2%. Der Rückgang ist auf den Bereich MSM zurückzuführen. Dort hatte im Berichtszeitraum (bis 2008) ein erheblicher – und zunehmender – Anteil von Männern mit HIV/Aids ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Gelegenheitspartnern.
Vorbildliche Jugendliche
In der Allgemeinbevölkerung, insbesondere bei den Jugendlichen, werden in Bezug auf die Benutzung von Präservativen mit Gelegenheitspartnern weiterhin erfreuliche Werte verzeichnet. Fast alle Jugendlichen erhalten in der Schule Sexualunterricht und Informationen zur HIV/Aids-Prävention. Einige Themen, zum Beispiel die sexuelle Orientierung, werden jedoch noch zu wenig systematisch behandelt. Im höheren Lebensalter (46- bis 74-Jährige) ist ein deutlicher Rückgang des Präservativgebrauchs in Risikosituationen (neue Partner und Gelegenheitspartner) zu beobachten. Auch der HIV-Test ist in diesen Altersgruppen weniger verbreitet.
Einfluss von Bildung und Nationalität
Insgesamt haben die Analysen nach Bildungsstand und Sprachregion keine grosse Zahl von Ungleichheiten ergeben. Dort, wo Ungleichheiten bestehen, beziehen sie sich vor allem auf den Informationsstand (weniger gut bei den Personen mit tieferem Bildungsstand). Bei den ausländischen MSM und solchen mit tieferem Bildungsstand ist ein soziales Gefälle in Bezug auf das Schutzverhalten festzustellen.
Die Studie: «Monitoring der Schweizer Präventionsstrategie gegen HIV/Aids. Synthesebericht 2004–2008. raisons de santé 155b. www.iumsp.ch». Institut universitaire de médecine sociale et préventive, Lausanne.
Kontakt
Martin Werner, Sektion Prävention und Promotion, <email-pii>