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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Thessalonicher-Brief

Erste Homilie.
2.
In diesem Sendschreiben nun sucht der Apostel die Gläubigen von Thessalonike, welche durch viele Drangsale gar sehr darniedergebeugt waren, aufzurichten, indem er sie einerseits wegen ihres bisherigen Verhaltens lobt, andrerseits sie tröstet mit dem Hinweis auf Das, was die Zukunft bringe, nämlich auf die Strafe der Bösen, und die Belohnungen, so da der Guten harren. Auf diesen Punkt nun geht der Apostel näher ein, indem er zwar den Zeitpunkt nicht offenbart, aber als Zeichen der Zeit den Antichrist nennt. Denn für ein schwachgläubiges Gemüth ist es eine bedeutende Bestärkung, wenn man ihm nicht bloß das Eintreten eines Ereignisses verkündet, sondern auch noch einige nähere Umstände hinzufügt. Diese Wahrheit berücksichtigte auch der Heiland selber, als er, auf dem Ölberge sitzend, seinen Jüngern den Untergang der Welt mit aller Umständlichkeit prophezeite. Und wozu dieß?
[S. 736] Damit Jene, welche einen Antichrist oder Pseudochrist aufstellen wollen, mit ihrer Lehre keinen Eingang fänden. Darum gibt Christus auch selber noch eine Reihe von Zeichen an; das erste und vorzüglichste, wenn er sagt: „Wenn das Evangelium allen Völkern verkündet sein wird.“1 Ein anderes, damit sie nicht im Unklaren sein könnten bezüglich seiner Ankunft, indem er sagt: „Er wird kommen wie der Blitz.“2 Also wie der Blitz wird er erscheinen, der nicht in irgend einem Winkel verborgen ist, sondern weithin leuchtet; so groß wird sein Glanz und seine Glorie sein, daß er Niemand braucht, der auf ihn aufmerksam macht, wie ja auch der Blitz dessen mit nichten bedarf. Vom Antichrist spricht der Heiland auch, wenn er einmal sagt: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr habt mich nicht aufgenommen; wenn ein Anderer in seinem eigenen Namen kommt, diesen werden ihr aufnehmen.“3 Ferner hat er noch als solche Zeichen angegeben anhaltende und unbeschreibliche Drangsale und den Umstand, daß Elias vorher erscheinen müße.
Das sind nun Dinge, über welche die Thessaloniker damals im Zweifel waren; uns aber ist dieser ihr Zweifel nützlich geworden; denn die Belehrung kam nicht bloß Jenen zu Gute, sondern auch uns, damit wir von kindischen Fabeln und Ammenmärchen los werden. Oder habt ihr etwa nicht oft in euren Kinderjahren erzählen hören vom Antichrist und seinen Kniebeugungen? Solche Dinge pflanzt der Teufel in unsere noch zarten Herzen, damit der Aberglaube mit uns aufwachse und uns irreführe. Da nun der hl. Paulus hier ausdrücklich vom Antichrist sprach, so hätten er sicherlich solche Dinge nicht übergangen, wenn sie für uns zu wissen nützlich wären. Darum ist es auch uns nicht nütze, sie zum Gegenstande des Forschens und Nach- [S. 737] grübelns zu machen. Denn der Antichrist wird, wenn er kommt, keineswegs das Knie beugen, sondern im Gegentheil „sich über Alles erheben, was da Gott heißt oder göttlich verehrt wird, so daß er sich als Gott in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt.“4 Denn gleichwie der Teufel aus Hoffart gefallen ist, so leitet er auch alle seine Werkzeuge an zur Hoffart.
1: Matth. 24, 14.
2: Ebd. 24, 27.
3: Joh. 5, 43.
4: II. Thess. 2, 4.