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Veröffentlichungen zur Schweizer Kirchengeschichte (I)
Mit dem Erscheinen des 13. und letzten Bandes des «Historischen Lexikons der Schweiz» (HLS) wird im kommenden Herbst ein historisches Grossprojekt seinen Abschluss finden. Die regelmässigen Besprechungen unter der Rubrik «Theologisches Buch» in der «Reformierten Presse» und in der «SKZ» geben darin Einblicke in die Relevanz des HLS für die Schweizer Kirchengeschichte. Ein Standardwerk für die Schweizer Kirchengeschichte – die «Helvetia Sacra» (HS) – fand seinen Abschluss schon vor einiger Zeit. Dessen Würdigung, die leider mit Verspätung erscheint, soll hier der Anfang einer losen Reihe in der SKZ zur Schweizer Kirchengeschichte bilden. Ziel dieser Reihe ist ein Überblick über die wichtigeren Veröffentlichungen zur Schweizer Kirchengeschichte, die in den letzten Jahren erschienen sind. Die «Helvetia Sacra» nimmt hier einen Ehrenplatz ein.
Unter dem Titel «Helvetia Sacra» veröffentlichte 1858 der Berner Patrizier Egbert Friedrich von Mülinen (1817–1887) in Bern den ersten Teil seines gross angelegten kirchengeschichtlichen Werkes. Mit dem Nachtitel kennzeichnete er gleich, was er darunter verstand: «oder Reihenfolge der kirchlichen Obern und Oberinnen in den ehemaligen und noch bestehenden innerhalb dem gegenwärtigen Umfange der schweizerischen Eidgenossenschaft gelegenen Bisthümern, Collegiatstiften und Klöstern (möglichst nach älteren urkundlichen Quellen und neueren zuverlässigen Mittheilungen)». Der zweite Teil erschien 1861. Damit schuf er für die Erforschung der Geschichte der katholischen Kirche in der Schweiz ein für lange Zeit unverzichtbares Hilfsmittel und Nachschlagewerk, auch wenn es einige Mängel hatte. Als Grundlage dienten ihm dazu die Urkundenbücher, Quellenwerke oder sonstige historische Veröffentlichungen, die damals mit der aufkommenden kritischen Geschichtsforschung in grosser Zahl erschienen. Dazu stützte sich von Mülinen aber auch auf Mitteilungen anderer Geschichtsforscher, die er im Vorwort zu beiden querformatigen Foliobänden dankbar erwähnt. Darunter findet sich auch P. Anselm Dietler (1801–1864), der eifrige Geschichtsforscher von Mariastein. Dass sich gerade ein Berner Protestant an ein solches Werk machte, das ausschliesslich die katholische Kirche betrifft, ist beachtenswert. Im zweiten Teil wird u. a. auch ausführlich und mit etwelcher Hochachtung der Jesuitenorden behandelt, der 1847 aus der Schweiz ausgewiesen worden war. Seit dem Erscheinen des von Mülinen’schen Werkes hatte die kritische Erforschung der schweizerischen Kirchengeschichte viele neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse erbracht. Zudem war eine Fortsetzung der in den beiden Bänden vorliegenden Angaben wünschenswert. So war es an der Zeit, dass sich Schweizer Historiker überlegten, ob nicht eine Neubearbeitung der «Helvetia Sacra» wünschenswert wäre. 1942 wurde innerhalb der «Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz» das Projekt aufgegriffen. In ihrem Auftrag erarbeiteten 1943 der Siftsarchivar von Einsiedeln, P. Rudolf Henggeler (1890–1971), der Vorsteher des Bundesarchivs, Professor Léon Kern (1894–1971), und der Freiburger Professor für Schweizer Geschichte, Oskar Vasella (1904–1966), zunächst Grundsätze für eine Neubearbeitung. Vorgesehen waren drei Bände, von denen der erste die Bistümer, der zweite die Männerund der dritte die Frauenklöster umfassen sollte. Die Arbeit sollte in erster Linie auf gedruckt vorliegendem Material erstellt werden, wenn nötig jedoch auch unter Beizug ungedruckten Archivmaterials. Dabei rechnete man selbstverständlich mit einer aktiven Mitarbeit der Staats-, Stadt- und Stiftsarchive. Doch das geplante Projekt liess sich auf dieser Basis nicht realisieren. Daraufhin entschloss sich der fleissige Einsiedler Stiftsarchivar, eine Neuausgabe im Alleingang zu machen, nachdem er lange Zeit vergeblich auf die Mitarbeit zuständiger Fachgelehrter gehofft hatte. Er berechnete nun sein eigenes Vorhaben auf 15 Lieferungen, was zwei Bände ergeben sollte. Seine Texte erarbeitete er einzig aufgrund der gedruckten Quellen und Literatur. Ihm wurde ein Druckkostenzuschuss von Seiten des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung zugesagt. So konnten 1961 die ersten fünf Lieferungen mit insgesamt 480 Seiten erschienen. Darin behandelte er die Nuntien, die Bistümer, die Kollegiatstifte und die ersten Klöster des Benediktinerordens (angefangen mit Beinwil-Mariastein bis zu einigen Seiten über Einsiedeln). Die Reaktionen auf die ersten erschienenen Faszikeln waren äusserst kritisch und ablehnend: So dürfe es nicht weitergehen. Die Literatur war nur unvollständig aufgenommen und verarbeitet worden, die Texte wurden als flüchtig, voller Mängel und Fehler kritisiert. Da hier öffentliche Gelder des Nationalfonds beansprucht worden waren, war die Veröffentlichung keineswegs mehr nur eine «private» Angelegenheit des Bearbeiters, die man einfach seiner alleinigen Verantwortung überlassen konnte.
Der Neuanfang
Auf Initiative des Nationalfonds kamen 1962 Fachleute und Kritiker zu einer Aussprache zusammen. Der Druck weiterer Lieferungen wurde gestoppt. Die Absicht von P. Rudolf Henggeler war sicher gut gemeint, aber ein solches Werk liess sich nicht mehr von einem Einzigen machen. Der Nationalfonds befürwortete die Schaffung eines «Kuratoriums zur Revision der Helvetia Sacra», übernahm die Kosten dafür und übertrug die Leitung zur Revision dem Basler Staatsarchivar Prof. Albert Bruckner (1904– 1985). Daraufhin wurden neue Richtlinien erarbeitet. Doch bald ergab sich, dass eine Revision der gedruckten Texte und vorliegenden Entwürfe von P. Henggeler nicht die Lösung sein konnte. Wenn ein modernes wissenschaftliches Handbuch entstehen sollte, musste auch archivalisches Material verarbeitet werden, das in Anmerkungen belegt sein müsste. Das bedeutete eine völlig neue Ausarbeitung und damit höhere Kosten, weil dafür Fachleute beigezogen werden mussten. 1964 wurde das neu geplante Projekt beim Nationalfonds eingereicht. Es sah 15 Bände vor mit insgesamt etwa 10 000 Seiten. Das Projekt wurde vom Nationalfonds genehmigt und dem neu konstituierten «Kuratorium (zur Edition) der Helvetia Sacra» anvertraut. P. Henggeler stellte grosszügig seine Texte und sein gesammeltes Material zur Verfügung. Man gestand ihm zu, dass er als Begründer der «neuen» Helvetia Sacra gelten soll, was dann auch im Buchtitel aufscheint. Tatsache ist, dass ohne sein wagemutiges Neubeginnen die neue «Helvetia Sacra» wohl kaum geboren worden wäre. Dafür sei dem Benediktinerpater von Einsiedeln gedankt.
Das geplante Werk sollte – wie schon von Mülinens Arbeit – alle Bistümer, Kollegiatstifte, Klöster und Kongregationen der Schweiz behandeln, wobei ein besonderes Gewicht auf die Kurzbiografien der kirchlichen Obern und Oberinnen gelegt wurde. Es sollten alle kirchlichen Institutionen seit den Anfängen des Christentums in der Schweiz aufgenommen werden bis hin zu jenen, die vor dem Jahre 1874 gegründet worden waren.
Denn mit der total revidierten Bundesverfassung von 1874 wurden Neugründungen von Klöstern verboten. Theoretisch waren darum keine Neugründungen von klösterlichen Institutionen nach 1874 möglich! Jede kirchliche Institution der katholischen Kirche der Schweiz sollte eine geschichtliche Einleitung und alles, was dazu gehört, bekommen. Alle leitenden Personen sollten mit einer Kurzbiografie Erwähnung finden.
Es sei hier gleich angemerkt, dass bei den entsprechenden Bänden auch Neugründungen nach 1874 in der Einleitung aufgenommen wurden. So werden im Band über die Kongregationen des 19. und 20. Jahrhunderts (VIII/2) gleichsam als Anhang alle Niederlassungen der Kongregationen, der Gesellschaften des apostolischen Lebens und der Säkularinstitute in der Schweiz bis ins 20. Jahrhundert aufgeführt.
Die Gliederung
Das Gesamtwerk wurde in neun Abteilungen oder Sektionen gegliedert. Bei den Orden sollte die entsprechende Ordensregel für die Gliederung den Ausschlag geben. Somit ergab sich folgender Aufbau:
I. Erzbistümer und Bistümer (grenzübergreifend), vorausgehend die Schweizer Kardinäle und die Nuntien in der Schweiz.
II. Die weltlichen Kollegiatstifte (u. a. Domstifte und weltliche Chorherrenstifte).
III. Die Orden mit Benediktinerregel (darunter die Zisterzienser und Trappisten sowie die Kartäuser).
IV. Die Orden mit Augustinerregel (u. a. regulierte Chorherren und Chorfrauen, Prämonstratenser, Dominikaner, Augustiner, Ritterorden).
V. Der Franziskusorden.
VI. Der Karmeliterorden.
VII. Die Regularkleriker (u. a. Jesuiten).
VIII. Die Kongregationen (vom 16. bis zum 20. Jahrhundert).
IX. Religiöse Laiengemeinschaften (u. a. Beginen und Begarden).
Die «neue Helvetia Sacra»
Professor Bruckner machte sich nun mit einem Mitarbeiterstab ab 1964 an die Arbeit. Das Staatsarchiv Basel-Stadt stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung. Gleichzeitig wurde an mehreren Bänden gearbeitet, was die Koordination gewiss nicht vereinfachte. Bruckner arbeitet zuerst zusammen mit seinen Assistenten. Dann trat 1968 eine junge Historikerin, Frau Dr. Brigitte Degler-Spengler, ins Redaktionsteam ein. Ihr wurde 1974 die Leitung der Redaktion (bis 2003) übertragen. Nach ihrer Pensionierung übernahm ein bisheriges Redaktionsmitglied, Frau Dr. Petra Zimmer, die Leitung. Beide führten mit viel Energie das monumentale Werk zu Ende. Für die Erarbeitung der einzelnen Institutionen und Klöster war es nötig, fähige Mitarbeitende zu suchen und diese zu begleiten. Das war nicht immer leicht. Denn immer wieder ergaben sich Probleme mit den Ablieferungsterminen. Solange nicht alle Beiträge für einen bestimmten Band vorlagen, konnte er nicht gedruckt werden. Das war nun – neben der allgemeinen Redaktionsarbeit – die oft mühsame und hartnäckige Arbeit der Redaktionsleitung in Basel. Endlich erschien 1972 der erste Band der ersten Abteilung. Er behandelte die Kardinäle, die Nuntien und die beiden Bistümer Basel und Chur. Bereits zwei Jahre später lag der Doppelband mit den Kapuzinern und Kapuzinerinnen vor. Damit zeigte sich nach langem Warten, dass die Neuausgabe der Helvetia Sacra nun auf gutem Wege war und man in den nächsten Jahren mit mehr oder weniger Regelmässigkeit einen neuen Band erwarten durfte. Der dreiteilige Benediktinerband mit den frühen (vorbenediktinischen) Klöstern erschien 1986. Gerade für diesen umfangreichen, 2150 Seiten umfassenden Benediktinerband ergaben sich jahrelange Verzögerungen, bis endlich alle notwendigen Texte zum Druck vorlagen. Das erging aber auch anderen Bänden so, wie etwa dem Konstanzer Bistumsband, der über die Schweizer Grenze hinaus besondere Beachtung fand und einen Nachdruck erforderlich machte.
Der wichtige Registerband
Mit dem Erscheinen des Registerbandes – er umfasst über 800 Seiten – wurde das Riesenwerk im Herbst 2007 abgeschlossen. Dieser Band erschliesst nicht nur das Gesamtwerk mit einem Orts- und einem ausgeklügelten Namensregister. Man bedenke, dass es im Mittelalter eine grosse Zahl von Petrus, Johannes, Rudolfus usw. gab, die keinen Zunamen haben. Sie alle mussten im Register ihrer Institution zugeordnet werden, wenn das Register einen Sinn haben sollte. Der Indexband gibt aber auch Auskunft über das Entstehen, die Mitarbeitenden und die Verantwortlichen. Beigelegt ist auch eine CD-ROM, die verschiedenen Suchansprüchen gerecht zu werden sucht. Der Registerband ist um so nötiger, als das Gesamtwerk nun 28 Bände umfasst; wenn man die Teilbände mitzählt, sind es sogar 34 selbständige Bücher. Auf dem Bücherregal macht dies über 1,5 Meter aus! An diesem Werk wurde 43 Jahre (1964–2007) gearbeitet. Die Kosten zur Erarbeitung trug weitgehend der Schweizerische Nationalfonds. Allerdings wurde 1980 eine zusätzliche Helvetia-Sacra-Stiftung begründet, die von Geldern aus den Kantonen und von privaten Institutionen gespeist wurde. Sie half, finanzielle Engpässe zu überwinden, die es eben auch gab. Der Gesamtaufwand wird auf zirka 17 Millionen Franken geschätzt.
Würdigung
Insgesamt deckt die Helvetia Sacra mit ihren 20 546 Druckseiten nicht weniger als ungefähr 1500 Jahre schweizerische Kirchengeschichte ab. Rund 1000 kirchliche Institutionen kommen darin zur Sprache. Mit Kurzbiografien werden etwa 24 500 kirchliche Persönlichkeiten erfasst. Mitgearbeitet haben 233 Autoren und Autorinnen. An der Veröffentlichung waren drei Verlage (zuletzt Schwabe Verlag Basel) beteiligt, was zeigt, dass auch hier im Verlaufe der Jahre Schwierigkeiten entstanden waren. Nun ist dieses bisher umfangreichste kirchengeschichtliche Nachschlagewerk über die Schweiz vollendet. Es dauerte lange. Aber das Resultat darf sich sehen lassen. Ein ähnliches Werk gibt es europaweit nicht. Man darf sicher von einem «Jahrhundertwerk der schweizerischen Kirchengeschichte» sprechen. Alle an der neuen «Helvetia Sacra» Beteiligten verdienen den Dank jener, die dieses Werk konsultieren. Wer immer Schweizer Geschichte des Mittelalters betreibt oder überhaupt sich mit der schweizerischen Kirchengeschichte beschäftigt, wird an der neuen «Helvetia Sacra» nicht vorbeikommen.