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Ein Bauer fuhr einmal mit seinem Wagen voller goldgelber und süsser Birnen auf den Markt. «Herrliche Birnen zu verkaufen, kommt Leute und kauft!», rief er immer wieder. Das hörte auch einer der Mönche, vom nahen Kloster. Er kam näher und bat: «Sehr gerne hätte ich eine einzige Birne.» Der Bauer schaute den Mönch an und schüttelte den Kopf. Natürlich hatten Mönche kein Geld, also konnten sie sich keine Birnen kaufen, aber er wollte hier das grosse Geschäft machen und keine seiner Früchte verschenken. Der Mönch schaute ihn traurig an und sagte: «Du hast so viele Birnen auf deinem Wagen und kannst doch sicher eine einzige entbehren», dabei hielt er bittend seine Hand hin. Der Bauer schaute den zerlumpten Mönch an, wurde wütend und schrie: «Verschwinde, du Hungerleider!».
«Wieso wirst du so zornig, es geht doch nur um eine Birne?», fragte der Mönch. Da begann der Bauer vor Wut zu schreien und zu fluchen. Das störte nun die anderen Händler, die in Ruhe ihre Ware verkaufen wollten. «Gib ihm doch eine Birne und dann gebt Ruhe!», sagten sie. Doch der Bauer wollte keine einzige hergeben. Endlich kam ein Kaufmann aus seinem Laden, gab dem Bauern eine Münze und drückte dem Mönch eine Birne in die Hand. «So, und jetzt ist Ruhe!»
«Ich danke dir!», sagte der Mönch. «Ich besitze nichts und kenne keinen Geiz. Deshalb lade ich euch jetzt alle ein mit mir Birnen zu essen.»
Mittlerweile hatten sich viele Menschen um den Mönch versammelt und einer rief lachend: «Wie willst du mit uns teilen, du hast doch nur eine einzige?»
«Wartet, gleich werden wir mehr haben, ich muss nur erst den Birnbaum pflanzen.» Er begann die Birne zu essen. Schmatzend schleckte er den süssen Saft auf und ass, bis er nur noch die Kerne in der Hand hielt. «Jetzt brauche ich eine Hacke und Wasser.» Sofort eilte jemand, um das gewünschte zu holen und vor den Augen der Zuschauer, hackte der Mönch ein Loch in den Boden, legte den Birnenkern hinein und goss ihn mit Wasser an. Erstaunt sahen die Leute, dass schon bald darauf ein Keimling aus dem Boden wuchs. Er wuchs und wuchs und wurde vor ihren Augen zu einem Baum mit Stamm, Ästen und Blättern. Kurz darauf begann er zu blühen und schon bald hingen dicke Birnen daran, saftig gelb und reif. Der Mönch kletterte auf den Baum, nahm eine Birne nach der anderen und verschenkte sie an die Umstehenden. Nicht lange, da waren alle Birnen aufgegessen. Der Mönch nahm die Axt, fällte den Baum, nahm den Stamm auf die Schulter und wanderte unter Winken davon.
Während dieser ganzen Zeit hatte der Bauer dem Mönch mit offenem Mund zugeschaut. Nun, als dieser fort war, sah er sich um und traute seinen Augen nicht: Die Birnen waren fort und die Achse seines Wagens ebenfalls. «Ein Dieb, ein Dieb¨», rief der Bauer und rannte dem Mönch hinterher, doch der war schon längst verschwunden. Nur die Wagenachse lag vor dem Stadttor. Als der Bauer zu seinem Wagen zurückkehrte lachten die Leute. «Das hast du nun von deinem Geiz!», sprachen sie und der Bauer senkte beschämt seinen Kopf. Die Geschichte vom wunderbaren Birnbaum erzählten sich die Leute noch lange mit Genuss und ihr, ihr kennt sie jetzt auch.
Märchen aus Tibet, ©Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Guter, Tibetische Märchen, Frankfurt a M. 1997