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Von Barbara Sträuli-Eisenbeiss
Es ist nicht einfach, den Inhalt abstrakter Begriffe zu erfassen. Dies zeigt sich im besonderen bei der Bestimmung von Werten. Was ist oder heisst eigentlich »gut« und »gerecht«, was dagegen »verwerflich« und »ungerecht«? Wohl besitzt jeder Mensch eine Vorstellung von der Bedeutung solcher Begriffe. Nimmt man diese Vorstellungen jedoch etwas genauer unter die Lupe, so zeigt sich, dass sie oft kein Wissen darstellen, sondern Meinungen – wechselhafte, subjektive Meinungen. Dieser Sachverhalt wird im Platon-Dialog »Der Staat« anschaulich offengelegt. Sokrates diskutiert hier mit einigen seiner Bekannten über das Wesen der Gerechtigkeit. Seine Analyse der verschiedenen Äusserungen seiner Gesprächspartner macht bewusst, wie bruchstückhaft oder, wie im Fall des Sophisten Thrasymachos, wie verkehrt die einzelnen Anschauungen bei Lichte betrachtet sind. Eine solche kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Gerechtigkeit ist heute noch aktuell; denn auch in unserer Zeit werden Gerechtigkeitsvorstellungen vertreten, die einseitig und fragwürdig sind und die zum Anlass von Unrecht und grossem Leid werden.