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Brunos Tramnotizen – N°71
Das Thema der beiden Frauen waren Männer. Sie tuschelten und lachten, plauderten über ihre Ansichten, schilderten, was einen Mann sexy mache, wie alt er sein und welchen Status er haben müsse, wie ihr Ideal aussehen solle. Irgendwie kam dabei heraus, dass beide Frauen einer Meinung waren, die Männer, die sie beschrieben, waren bei beiden praktisch identisch. Das war bemerkenswert, denn die jüngere Frau war knapp dreissig, ihre Freundin wohl noch keine sechzig. Lea, die jüngere, meinte, sie müsse sich jetzt schon langsam ernsthaft für eine gute Partie entscheiden, ab dreissig sei man als Frau nur noch zweite Wahl. Michelle, die ältere, fuhr sich durch ihre blonde Mähne, schaute erst argwöhnisch zu Lea hinüber, lachte dann und sagte, das sei totaler Mumpitz, jüngere Männer würden sie sogar sehr attraktiv finden. Überhaupt habe sie jüngere Männer schon immer leichter gekriegt, für einen Flirt und für mehr. Ihre Männer seien heute gut und gerne zehn Jahre jünger, manchmal noch jünger. Und sie hätten eine Menge Spass mit ihr. Lea gab sich verlegen, sagte, bei ihr sei es umgekehrt, jüngere würden sie gar nicht anmachen, sie brauche einen Mann, um den auch rund herum alles stimmen würde. Ihre letzten Lover seien durchwegs fünfzehn Jahre älter als sie. Lea und Michelle lachten, schauten sich an, dann fragte Lea, ob sie sich denn als ernsthafte Konkurrentinnen betrachten müssten. Michelle schaute zum Fenster hinaus, sinnierte, in gewisser Weise könne das schon sein, ob jetzt ernsthaft oder nicht, aber sie könne sich schon vorstellen, dass sie sich in die Quere kommen könnten. Lea tat verwundert über Michelles Selbstsicherheit, fragte, ob sie das auch für eine dauerhafte Beziehung so meine. Michelle antwortete gelassen, ja, warum denn nicht. Derzeit sei sie schon mehrmals mit einem äusserst smarten Typen ausgegangen, er sei noch keine fünfzig, zweimal seien sie auch ein Weekend in die Berge gefahren, es sei sehr, sehr elektrisierend zwischen ihnen. Elektrisierend?... fragte Lea, wie sie das meine. So wie sie es sage, sie würden es extrem schön haben, sehr wild sogar, viel wilder als das, was sie von früher kenne. Das sei komisch, sagte Lea, das erinnere sie an eine On-Off-Beziehung, die sie seit einem Jahr habe. Er sei auch etwa in diesem Alter, 48, um genau zu sein, er sei Designer, er habe ein Boesch auf dem See, eine Attika in der Stadt und eine Ferienwohnung in Klosters. Also der erinnere sie schon auch an sehr wilde Gewohnheiten, sie habe es zwar eher als berauschend empfunden, ... elektrisierend? Michelle wurde bleich, schaute mit grossen Augen und offenem Mund zu Lea, sagte nichts. Lea ihrerseits erschrak, fragte, ob etwas nicht stimme. Michelle fasste sich wieder, ergriff die Hand von Lea, schaute ihr tief in die Augen und fragte nur: Vincent? Drei Sekunden waren die beiden wie versteinert. Schliesslich lachten Lea und Michelle lauthals heraus und umarmten sich.
26. Juni 2016