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Heute ist das Sihltal ein See. 1936, ein Jahr vor der Flutung, reiste Leo Wehrli in das sich verändernde Gebiet, um Landschaft, Viadukte und die Baustellen des neuen Wehrs fotografisch zu dokumentieren. Die damals entstandenen Diapositive sind heute als Zeitzeugen einer verlorenen Landschaft zu lesen.
Leo Wehrli (1870-1954) war laut der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft ein engagierter Geologe. Er führte in Argentinien und auch in anderen Regionen der Welt Expeditionen durch, lehrte als Gymnasiallehrer an der Höheren Töchterschule in Zürich und war massgeblich an der Gründung der Zürcher Volkshochschule beteiligt, an der er bis ins hohe Alter Vorlesungen zu den unterschiedlichsten geologischen Themen abhielt. Die Untermalung der Vorträge mit Diapositiven trug zu deren Beliebtheit bei: Nicht nur geologische Kenntnisse wurden dabei vermittelt, sondern auch das Publikum mit Fotografien aus aller Welt unterhalten.
Die Aufnahmen des Sihltals von 1936 wurden somit in erster Linie für den Unterricht an der Volkshochschule genutzt, für die Vermittlung technischer und baulicher Veränderungen und der Illustration einer Landschaft im Wandel. Die Serie «Etzelwerk» beinhaltet 22 Fotografien. Acht davon werden in diesem Essay näher betrachtet. Dabei sollte das Spannungsfeld zwischen bestehender und entstehender Bausubstanz aufgezeigt und das Aufeinanderprallen zweier Welten illustriert werden.
Abbildung 1: Das Viadukt Willerzell wird nach der Flutung über den Sihlsee führen (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09856).
In Abbildung 1 kann man bereits einen solchen Kontrast erkennen: Das neu errichtete Willerzell-Viadukt soll nach der Flutung die beiden Seeufer miteinander verbinden. Auf der Fotografie ragt es noch aus einem leeren Tal hervor. Das Viadukt wird das alte Bauernhaus im Vordergrund mit den Bergen im Hintergrund verbinden, diese werden die Flutung unbeschadet überstehen. Hingegen sind am Talboden rechts der Brücke Hütten und ein kleines Bauernhaus zu sehen. Diese werden untergehen. Die Aufnahme zeigt also einerseits einen Ausschnitt der Bergkette und ein Bauernhaus des Sihltals, zentral scheint jedoch die Konstruktion und das Ausmass des Viadukts zu sein, welche als neue Verbindungsachse funktionieren wird.
Abbildung 2: Die «unberührte» Landschaft des Sihltals (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09857).
In Abbildung 2 fehlen Elemente des neuen Staudamms. Man sieht eine «unberührte» Landschaft, die wiederum von Hütten gesäumt und als Agrarland genutzt wird. Es ist in erster Linie eine bedrohte – und leere Landschaft. Diese wird auch in Abbildung 3 nochmals gezeigt: In der Ferne sieht man einen Ausschnitt der Bergkette, im Vordergrund befindet sich ein Weg, links davon nochmals Agrarland und eine Hütte, rechts ein Bauernhaus. Auf dem Weg befindet sich eine Person auf dem Fahrrad. Die Fotografien können als Momentaufnahme gelesen werden, als Konservierung eines einmaligen Zustandes. So wirken die Kompositionen dann auch manchmal so, als würde die alte Landschaft langsam einschlafen, während gleichzeitig etwas neues am Entstehen ist. Die Aufnahmen wirken, als wären sie in einer Art Vakuum entstanden.
Abbildung 3: Eine Person fährt mit dem Fahrrad durch das Sihltal (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09858).
In Abbildung 4 sieht man das Steinbach-Viadukt, eine weitere Brücke, die sich über den zukünftigen See spannen wird. Dieses Mal befindet sich der Fotograf jedoch unterhalb der Brücke auf dem Talboden. Das Viadukt ist noch nicht fertiggestellt, man sieht ein Gerüst, aber keine Arbeiter. Auch hier scheint die Szenerie eingefroren zu sein: Die Sihl durchfliesst das Tal im Vordergrund und im Hintergrund sind Wiesen und Wälder an einem Berghang sichtbar. Es entsteht ein Kontrast zwischen der brachialen Struktur des Viadukts und den weichen Formen der Landschaft.
Abbildung 4: Unten sieht man die Sihl durchfliessen, oberhalb spannt sich bereits das zukünftige Steinbach-Viadukt (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09859).
Die nächsten beiden Aufnahmen zeigen zwei Baustellen: In Abbildung 5 sehen wir die «Rickenbach-Verbauung». Es befinden sich mehrere Arbeiter auf der Abbildung, was in der Serie von Leo Wehrli eine Ausnahme darstellt. Vorne rechts ist ein Haus zu sehen, im Hintergrund wiederum mehrere Hütten und weitere Häuser. Ebenfalls sichtbar sind Elektrizitätsmasten und im linken Vordergrund liegt Bauschutt. Dieses Bild schläft weniger, es scheint etwas in Bewegung zu sein, es wird gebaut, es liegen Gegenstände herum, die Komposition ist weniger aufgeräumt und zeigt ein Gebiet im Umbruch. In der Abbildung manifestiert sich so der Wandel.
Abbildung 5: Am Flusslauf der Sihl wird auch gebaut (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09872).
In Abbildung 6 liegt die Baustelle im Hintergrund. Man sieht Gerüste, den Anfang einer Konstruktion und einen Wald. Zentral scheint hier jedoch das Wohnhaus im linken Vordergrund zu sein. Die Staumauer im Hintergrund ist noch nicht fertig und scheint in dieser Komposition beinahe unwichtig und zweitrangig. Dennoch wirkt sie wie ein Einschnitt in die sonst ruhige Landschaft des Sihltals. Dadurch wird nochmals sichtbar gemacht, wie das Gebiet vor einer einschneidenden Veränderung steht.
Abbildung 6: Hinten sieht man die Baustelle des Staudamms, vorne ein altes Bauernhaus (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09876).
Abbildung 7 zeigt dann die andere Seite des Stauwehrs und somit das gesamte Ausmass der Mauer. Wirkte die Baustelle von fern eher übersichtlich und zugänglich, so imponiert sie auf dieser Komposition als kolossale Wand. Auch wenn das Bild auf den ersten Blick statisch wirkt, so zeigt sich bei einer genaueren Betrachtung, dass hier einiges passiert: Unten links befinden sich Arbeiter auf der Baustelle und auch oben in der Mitte auf einer Art Plattform sind Arbeiter zu sehen. Darauf werden Baumaterialien geliefert, es hat mehrere Verbindungsachsen zur Transportation von Baumaterial, einen Kran, der von unten ins Bild ragt und Betonpfeiler, die ebenfalls noch fertiggestellt werden müssen. In der Ferne sieht man zwar noch die Landschaft des Sihltals und wenige Häuser, doch diese geraten hier regelrecht in den Hintergrund. Die Staumauer dominiert.
Abbildung 7: Die Talfront der Staumauer erscheint um einiges imposanter als die vorherige Ansicht (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09880).
Auf der letzten Aufnahme (Abb. 8) zeigt Leo Wehrli nochmals die Landschaft ohne jeglichen Einschnitt des kommenden Stauwehrs. Keine Viadukte, keine Schuttberge und auch keinen Staudamm. Ähnlich wie bei der zweiten Abbildung sehen wir hier die Ebene des Sihltals. Durch die Komposition verschwindet sie beinahe komplett im Nebel. Im Vordergrund sehen wir mehrere Heuhaufen, von links eine Strasse und mehrere kleine Hütten mit Feldern und Bäumen. Im Gegensatz zum lauten Bild der Baustelle, herrscht nun absolute Stille. Man sieht keine Menschen, man sieht auch keine Bauwerkzeuge oder Automobile. Zeigte die Aufnahme des Stauwehrs eine Welt in Bewegung, so ist auf dieser letzten Aufnahme eher das Gegenteil der Fall. Die Landschaft wirkt abgeschlossen, vergangen und statisch.
Abbildung 8: Alte Agrarinfrastrukturen des Sihltals (Bildarchiv, ETH-Bibliothek, Dia_247-09881).
Die Aufnahmen sind wertvoll, weil sie eine bestimmte Entwicklung und kollektive Gefühlslage in der Schweiz unterstreichen: So zeigen die Fotografien exemplarisch, wie das Selbstbild als autarkes, von Landwirtschaft geprägtes Land mit Vorstellungen von Technologie und Fortschritt aufeinanderprallen. Die Bilder zeigen auch deshalb einen Gegensatz auf, weil das Erstellen des Staudamms und die Flutung des Sihltals zu einem Verlust bisheriger Agrarinfrastrukturen und Lebenswelten geführt hat. So sind die Fotografien eine Momentaufnahme des damaligen Zustands, der heute so nicht mehr zu rekonstruieren ist.
Wenn wir Fotografien verwenden, um historische Räume oder Veränderungen besser zu verstehen, stellt sich immer die Frage, inwiefern sie als Quellen dienen können. Sind solche Aufnahmen für eine historische Analyse geeignet oder dienen sie zur simplen Illustration? Inwiefern lassen sich komplexe Veränderungsprozesse an solchen Fotografien ablesen? Transportieren Fotografien nicht immer auch den Blick und damit die Perspektive – und die sozialisierte Ästhetik des Fotografen oder der Fotografin mit?
Pierre Bourdieu beschreibt die Fotografie als «soziale Praxis». So beinhalten Fotografien nicht nur die «expliziten Intentionen des Produzenten», sondern eben auch «Schemata des Denkens, der Wahrnehmung und der Vorlieben, die einer Gruppe gemeinsam sind.» Die Aufnahmen Leo Wehrlis sind also in erster Linie als Fotografien seiner sozialen Klasse zu lesen und weniger als neutrale Berichterstattung. Die Diapositive des Sihltals beinhalten somit ganz bestimmte Eigenschaften, die es zu ergründen gilt. Fotografien sind dadurch, ähnlich wie schriftliche Quellen, zuerst einer Quellenkritik zu unterziehen. Erst durch das Einbetten der Fotografien in einen historischen Kontext, der insbesondere soziale Gebrauchsweisen thematisiert und gleichzeitig Herkunft und Intention des Produzenten oder der Produzentin abklärt, können Fotografien fachgerecht als Quellenmaterial genutzt werden.
Durch Wehrlis Fotografien können vor allem die Bildsprache und Perspektive eines Schweizer Geologen in der Zwischenkriegszeit analysiert werden. Sie sind Bildzeugnisse der fortschreitenden Elektrifizierung sowie der Verdrängung und Überlagerung alter Infrastrukturen. Die Umsiedlung der ansässigen Bevölkerung wird hingegen nur implizit thematisiert. Eine Auseinandersetzung mit historischen Fotografien sollte also immer Fragen nach deren Entstehung beinhalten – und eingewobene Selbstverständlichkeiten hinterfragen.
Literatur:
Bourdieu, Pierre: Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, Hamburg 2014.
Geimer, Peter: Theorien der Fotografie. Zur Einführung, Hamburg 2009.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars «Digitale Bilder und digitale Bildarchive» bei Prof. Dr. Monika Dommann am Historischen Seminar der Universität Zürich.