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Frankreich in der Südsee – Neukaledonien
Glasklares Wasser, geschützte Lagunen, palmenumsäumte weisse Sandstrände – daraus bestehen in der Regel Südsee-Träume. Viele suchen ihre Erfüllung in Zielen wie Tahiti, Samoa, Bora Bora oder den Fiji-Inseln. Bisher noch wenig entdeckt ist Neukaledonien – ein Stück Frankreich in der Südsee.
Neukaledonien ist eine Inselgruppe im südlichen Pazifik zwischen der Nordküste Australiens und den Fiji-Inseln. Fast neunzig Prozent der rund 18.600 Quadratkilometer umfassenden Fläche nimmt die Hauptinsel Grande Terre ein, die daher oft mit Neukaledonien gleichgesetzt wird.
Das Land der Kanak
Erst spät geriet die abgelegene Inselgruppe im südlichen Pazifik ins Blickfeld der Europäer. Der berühmte Seefahrer James Cook gilt als Entdecker Neukaledoniens. Auf seiner zweiten Südseereise kam er 1774 hierher und gab den Inseln ihren heutigen Namen. Besiedelt wurde Neukaledonien aber bereits lange vor der Zeitenwende. Prägend ist bis heute die Einwanderung der Polynesier, aus der sich das in zahlreiche Stämme gegliederte einheimische Volk der „Kanak“ entwickelt hat. 1853 wurde Neukaledonien von Frankreich in Besitz genommen, das das Gebiet – ähnlich wie Grossbritannien in Australien – zunächst als Sträflingskolonie nutzte. Viele der weissen Neukaledonier heute sind Nachfahren dieser zwangsweise ersten Siedler. Später folgten weitere freiwillige Einwanderer aus dem französischen Mutterland.
Heute leben circa 270.000 Menschen auf Neukaledonien. Etwa 45 Prozent gehören der Urbevölkerung Kanak an, 35 Prozent sind Weisse, der Rest besteht überwiegend aus Bewohnern, die von anderen polynesischen Inseln stammen. Das Zusammenleben zwischen Kanak und Weissen war in der Vergangenheit nicht immer konfliktfrei. Lange bestand eine Art „Apartheid“, die mit der Diskriminierung der Ureinwohner einherging und immer wieder zu Unruhen führte. Heute sind die Spannungen deutlich geringer geworden und man versucht, das kulturelle Erbe der Kanak zu bewahren. Der Status Neukaledoniens ist allerdings offen. Obwohl die Inseln zu Frankreich gehören, haben sie eine Sonderstellung. Nach einer Vereinbarung muss in absehbarer Zeit ein Referendum über die Unabhängigkeit stattfinden. Danach wird sich entscheiden, ob Neukaledonien weiter französisch bleibt oder ein selbstständiger Staat wird.
Nouméa – wie an der Cote d‘Azur
Mehr als die Hälfte der Neukaledonier wohnt im Umfeld der Hauptstadt Nouméa, die malerisch auf einer Halbinsel mit zahlreichen Buchten im Südwesten von Grande Terre liegt. Mit ihren Strassencafés, palmenbestandenen Promenaden und Stränden erinnert die Stadt fast ein bisschen an Badeorte an der Cote d’Azur und wirkt in diesem Teil der Welt wie aus dem fernen Europa hierher verpflanzt. Nouméa ist in der Regel auch erste Anlaufstation für Reisende. Der internationale Flughafen La Tontouta wird vor allem von Linien aus Australien und Neuseeland bedient. Um von Europa aus hierher zu gelangen, muss man schon etwas Zeit einkalkulieren. Die Flugzeit dauert mit Zwischenlandungen rund 28 bis 36 Stunden. Nouméa ist eine grüne Stadt, die durch moderne Bauten geprägt wird. Hauptsehenswürdigkeit der Kapitale ist das Tjibaou-Kulturzentrum. Im Centre culturel Tjibaou finden Veranstaltungen und Vorführungen statt, die in erster Linie der traditionellen Kanak-Kultur gewidmet sind. Das Kulturzentrum selbst bildet eine gelungene Mischung aus moderner Architektur und der herkömmlichen Bauweise der Ureinwohner.
Ein tropisches Naturerlebnis
Reisen nach Neukaledonien bedeuten aber vor allem ein tropisches Naturerlebnis mit ganz unterschiedlichen Facetten. Da die grossen Touristenströme die Inseln bisher umgangen haben, bietet sich dabei häufig die Gelegenheit, noch unverfälschte Südsee-Atmosphäre zu erleben und sich fast ein wenig wie die ersten Entdecker zu fühlen. Grande Terre bietet auf einer Länge von 400 Kilometern und einer Breite von 50 bis 60 Kilometern Besuchern eine grosse landschaftliche Vielfalt. Im Inneren finden sich zauberhafte grüne Berglandschaften. Sanfte Hügel steigen zu den schrofferen Bergen der Chaîne Centrale an. Der höchste Gipfel ist mit 1629 Metern der Mont Panié an der Nordostküste.
An der Westküste gibt es ausserdem grosse, fast savannenartige Ebenen, die bevorzugt für die Viehzucht genutzt werden. Hier ist das Land der Broussards, der Cowboys der Südsee, die auf ihren Pferden stark an Vorbilder aus dem Wilden Westen erinnern. In unmittelbarer Küstennähe finden sich umfangreiche Mangrovenwälder. Zur Ostküste fällt das Gebirge relativ steil ins Meer ab, so dass nur Platz für einen schmalen Küstenstreifen ist. Dank des tropischen Klimas gedeiht hier eine besonders üppige Vegetation. Wunderschöne Flussläufe, Täler und Wasserfälle zwischen baumbestandenen Bergen kennzeichnen vielerorts das Bild. Die Kanak-Dörfer der Ostküste haben sich noch ihre Ursprünglichkeit bewahrt.
Weltnaturerbe – das neukaledonische Barriereriff
Ein besonderes Naturphänomen ist das neukaledonische Barriereriff. Es gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und bildet so etwas wie den kleinen Bruder des Great Barrier Reefs in Australien. Das Doppelbarriereriff umgibt die Hauptinsel Grande Terre sowie einige südlich davon gelegene Inseln auf einer Länge von fast 1500 Kilometern. Es sorgt für geringe Meerestiefen und eine Vielzahl an Lagunen – ein ideale Lebenswelt für zahllose Meeresbewohner und ein ebenso vielfältiges wie faszinierendes Ziel für Taucher und Schnorchler. Innerhalb des Riffs reicht das Meer höchstens fünfundzwanzig Meter tief. Einer der schönsten Orte, um die Lebenswelt im Umfeld des Riffs zu entdecken, ist zweifelsohne die Île des Pins. Die Insel liegt etwa zwanzig Flugminuten südlich der Hauptinsel Grande Terre und erfüllt nahezu alle Südsee-Klischees. “l’île la plus proche du paradis“ – „Die dem Paradies am nächsten gelegene Insel“ wird sie gerne genannt, ein Name, dem Île des Pins alle Ehre macht.
Lagunen und Atolle
Paradiesisch zeigen sich auch die sogenannten Loyalitätsinseln östlich von Grande Terre. Etwa hundert Kilometer von der Hauptinsel entfernt präsentiert sich dem Reisenden hier eine eigene Inselwelt. Lifou, Maré, Ouvéa und Tiga heissen die vier grössten Eilande. Sie verdanken ihre Existenz Korallenbänken, die sich einst aus dem Meer gehoben haben. Alle vier bilden Atolle, die jeweils eine Lagune umschliessen. Am schönsten ist wohl Ouvéa, das mit einem 25 Kilometer langen weissen Sandstrand aufwartet und mit zahllosen kleinen Nebeninseln eine besonders ausgedehnte Lagune formt. Ouvéa hat sich dabei besonders auf nachhaltigen Tourismus ausgerichtet. Die Loyalitätsinseln sind fast ausschliesslich von Kanak bewohnt, die hier noch ihre traditionelle Lebensweise pflegen. Sie bieten daher auch eine besonders gute Gelegenheit, die Kultur der Ureinwohner „life“ zu erleben.
Ein gefährdetes Paradies
Noch liegt Neukaledonien in einer Art Dornröschenschlaf. Es bleibt dem Inselarchipel in der Südsee zu wünschen, dass es sich seine natürliche Schönheit auch in Zukunft bewahren kann. An Gefährdungen und Eingriffen in die Natur hat es nicht gefehlt. Die reichen Nickelvorkommen auf der Hauptinsel haben in einigen Teilen zu erheblichen Schädigungen des Ökosystems geführt. Vor allem im Südosten von Grand Terre wird der begehrte Rohstoff im Tagebau gewonnen. Hier wurde das ursprüngliche Landschaftsbild zerstört. Ökologie und Ökonomie miteinander in Einklang zu bringen, das ist eine Herausforderung, die sich auch in Neukaledonien in besonderer Weise stellt.
Oberstes Bild: Neukaledonien bietet Reisenden ursprüngliche Südseelandschaften, die noch wenig vom Tourismus berührt sind. (Bruno.Menetrier, Wikimedia)