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Die Kornhausplatz-Tüpfete
Die «Kornhausplatz-Tüpfete» 1892 war der Auftakt Zum 125. Geburtstag des Zeichners und Malers Hans Eggimann 1872-1929
«Meinem lieben Bruder Fritz zur freundlichen Erinnerung gewidmet. Ostermontag, den 17. April 1892» - steht auf der Innenseite des Kartondeckels eines Heftchens mit liebevoll aquarellierten Umrisszeichnungen. Sie zeigen Varianten des Eiertüpfens, vom schlauen Betrüger mit Holzei bis zum Unglücklichen, der mit einem ungekochten Ei tüpfte und nun die fatalen Folgen davon auf seinen Kleidern hatte.
Da legte einer Zeugnis ab von unerschöpflicher Phantasie und der Fähigkeit, Einfälle mit zeichnerischen Mitteln auszudrücken. Eine seltene Begabung ermöglichte ihm zeichnend zu sprechen, erzählen, plaudern, scherzen, warnen, drohen, lehren, versöhnen und lieben, so lebhaft und eindringlich, dass es auch ohne Text überzeugend wirkte.
Wer waren die Brüder Fritz und Hans? - Söhne des Wirte-Ehepaars Eggimann im Restaurant-Hotel zur Pfistern, neben dem Zeitglocken. Fritz wurde passionierter Alpinist, der auch beruflich in die Höhe kletterte. Er war Direktor und Teilhaber des renommierten Berner Hotels Bellevue-Palace. Hans erlangte die Maturität am hiesigen Gymnasium und studierte anschliessend am Polytechnikum in Dresden Architektur.
Als junger Architekt arbeitete er in Lausanne an den Plänen für das dortige Postgebäude, dann wurde er von Ingenieur Simons zur Ausgestaltung der Kornhausbrücke in Bern herangezogen. Nachher betraute ihn Professor Auer mit der Innengestaltung des Parlamentsgebäudes.
1899 reiste Hans Eggimann nach Paris zur Weiterbildung an die Ecole des Beaux-Arts. Nach der Jahrhundertwende übernahm er für fünf Jahre die Leitung des Baugeschäftes seines allzufrüh verstorbenen Onkels in Langenthal. In dieser Zeit verheiratete er sich mit Anna Krügle aus Berwangen (Deutschland). Er unternahm Reisen nach Italien, Deutschland und Österreich, mit Eindrücken, die sein künstlerisches Schaffen nachhaltig prägten. 1906 liess er sich endgültig in Bern nieder. An der Monbijoustrasse eröffnete er ein Büro für Architektur und Kunstgewerbe.
Sternstunde des Lebens
1907 unterzeichneten Albert Welti und Wilhelm Balmer gemeinsam den Vertrag zur Ausführung des Wandbildes im Ständeratssaal. Zur gemeinsamen Arbeit übersiedelten sie im darauffolgenden Jahr nach Bern. Für Hans Eggimann wurde das Zusammentreffen mit diesen Malern zur Sternstunde seines Lebens.
Der Architekt kannte die Gegebenheiten im Parlamentsgebäude von Grund auf. Es ist auffallend, wie umsichtig die Architektur im Wandbild aufgenommen, weitergezogen und zur Einheit wurde. Zum Dank für seine Hilfe zeigte Albert Welti Hans Eggimann die technischen Feinheiten der Radierung. Offenbar übertrug sich damit auch die Begeisterung für diese Kunst und das Schaffen bis ins kleinste Detail im Geister- und Märchenhaften. Es entstand eine Freundschaft, deren Beweis uns in den vielen gegenseitig gewidmeten Radierungen vorliegt.
Im Atelier Weltis an der Melchenbühlstrasse entwickelte sich ein Begegnungszentrum für Maler, Bildhauer, Literaten, Kunstkritiker und Kunstliebhaber. Von hier aus gingen Anregung zur Kreativität und Mut zur Selbständigkeit. Einige Künstler waren bereits von München her miteinander bekannt. Sie waren mehr introvertiert, träumerisch und poetisch veranlagt, anders als jene Schweizer Maler, die sich mehr an der Plein-air-Malerei aus Frankreich orientierten.
In die freie Kunst
Es ist anzunehmen, dass die geltungssüchtige Originalität mit Farbexzessen heftig kritisiert wurde. Hans Eggimann war in diese Auseinandersetzungen hineingestellt. Er fand sich im traditionsbewussten soliden Kreis um Welti zuhause. Die Geistesverwandtschaft mit ihm war so stark, dass er sich entschloss, freier Künstler zu werden und in der Radierung die Meisterschaft anzustreben.
Von 1910 bis 1912 veröffentlichte der Künstler im Verlag A. Francke, Bern, drei Mappenwerke mit Originalradierungen. Der frühe Tod Albert Weltis 1912 hat sicher Hans Eggimann tief erschüttert. Die Arbeit an Radierungen ging zurück.
1913 illustrierte er für Gian Bundi «Aus dem Engadin, Märchen und Schwänke». Im folgenden Jahr erschien von Hans Eggimann «Satiren und Einfälle» mit 32 ganzseitigen Zeichnungen. Damit waren Programm und Schlüssel für sein grafisches Werk festgelegt.
Verhängnisvolle Helgeli
In den Kriegsjahren lernte man eine neue Seite des Künstlers kennen. Er malte 180 Miniaturen für Bildserien der Sammelalben, welche die Schokoladefabrik Tobler zu Reklamezwecken herausgab. Der geistige Inhalt der Bilder entsprach teilweise dem Gedankengut der Freimaurerloge, der Hans Eggimann und Theodor Tobler angehörten. Dieser Einsatz wurde für den Künstler doppelt zum Nachteil. Die damalige Farbdruck-Technik war noch in den Anfängen und vermochte die Qualitäten der Originalgemälde nicht wiederzugeben. Die verfälschten Bilder wurden weit verbreitet und bekannt.
Danach galt der Künstler unter Malerkollegen abschätzig als «Helgelimaler». Es gab noch Neid um die «Brotaufträge». Hans Eggimann musste ertragen, dass seine Werke in wichtige Ausstellungen nicht aufgenommen wurden.
Nach dem Krieg folgten weitere Buchillustrationen. 1919, für Hedwig Correvon «Gespenstergeschichten aus Bern», 1922 für Carl Seelig «Im Märchenwald» und 1923 für Nold Halder «Aus einem alten Nest, Sagen und Spukgeschichten aus Lenzburg». Im Selbstverlag veröffentlichte er weitere Mappenwerke mit Originalradierungen: 1921 «Das Jahr», 1923 «Satiren» und 1928 «Mensch und Natur».
Beim Betrachten dieser Kunst wirkt auf uns ein grossartiges Schauspiel. Immer sind Menschen im Spiel die gefangen sind in ihren Wünschen und Träumen, umgeben von Geistern, Dämonen und Kobolden. Dauernd ist der Tod versteckt gegenwärtig. Jeder Akt ist gestaltet aus Bildern von scheinbar unendlich vielen Einzelheiten in grosser Dichte. Alles ist getragen vom mächtigen Schöpfer aller Welten.
Mit flüchtigem Blick ist es nicht erfassbar. Nach intensiver Betrachtung erschliesst sich Hintergründigkeit, und man wird zu erneuter Auseinandersetzung zurückgerufen. Ein solches Gesamtwerk schaffen zu wollen, erscheint unheimlich und vermessen. Die Vollendung konnte nur dem genialen Zauberer Hans Eggimann gelingen.
Ein Teil des Werkes sind Exlibirs. Der Künstler war selbst Sammler dieser Kleinkunst. In seinen gegen hundert selbstgeschaffenen Blättern, grösstenteils Radierungen, spürt man den einfühlsamen Menschenkenner. Die Kleinode sind gestaltet mit ausgedehnten Flusslandschaften, Seegestaden und Bergketten im Hintergrund, oft umrahmt von reichen Blumenkränzen. Man verliebt sich in diese Miniaturen, die in ihrer Kleinheit eine unglaubliche Weite tragen. Man nimmt in ihnen die ungestillte Sehnsucht nach einer heilen Welt wahr.
Problem Farbe
Die etwas über fünfzig meistens kleinformatigen Gemälde machen einen schmalen Teil des Gesamtwerkes aus. Es sind mit Farbstift überarbeitete Gouachen, Temperas und einige Ölbilder. Eine Radierung war oft Anfang und das Gemälde die Weiterentwicklung. Für die Maler des Kreises am Melchenbühlweg war die Farbe nicht zentrales Element.
Für Hans Eggimann gab es nie einen Durchbruch der Farbe, so wie ihn Paul Klee 1914 während seiner Tunesienreise erlebte. Dieser war ja bereits in München dabei und später ebenfalls Gast am Melchenbühlweg. Farb- und Lichtprobleme löste Hans Eggimann nach altmeisterlicher Art. Beim Wunsch nach extremer Lichtwirkung wendete er manchmal die Technik von Segantini an. Jugendstil-Einflüsse waren ganz natürlich, denn seine reale Umgebung war davon geprägt.
Die Wurzeln des Künstlers reichten allerdings zurück zur phantastischen Malerei von Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel. Seiner Zeit voraus entwickelte er dagegen Darstellungsarten, die erst später zum Begriff wurden. Erstaunlicherweise wurde das von seinen Kollegen übersehen. Er galt als veraltet und überlebt. Seine sanfte feine Kunst wurde durch die Schockwirkungen der andern erdrückt und zur Seite geschoben. So fand seine Kunst nur wenig Liebhaber. Der Herausgeber des «Kunstwart», Ferdinand Avenarius, schrieb an Hans Eggimann: «Wenn die Nebel vergangen sind, werden Sie unter den wenigen sein, die nicht mitzerronnen sein werden - Ihre Zeit wird kommen, wenn sie nicht schon da ist.»
«Der Bärenspiegel»
Es begann die Weltwirtschaftskrise, zuerst im Ausland, dann durch den Rückgang des Exports auch zunehmend in der Schweiz. In dieser düsteren Zeit gründeten Hans Eggimann und Ar- min Bieber die humoristisch-satirische Monatsschrift «Der Bärenspiegel». Der Titel erinnerte an den altdeutsch Schalknarr Till Eulenspiegel.
Die beiden Maler amteten als Redaktionskommission und Ernst Gerber als Feuilletonist und Geschäftsführer. Die Zeitungsbeiträge waren ab 1923 der Hauptteil im Schaffen von Hans Eggimann. Er neigte mehr und mehr zum bissigen Humor und zur Satire. Mit Tuschestrichen oder lavierten Tuschezeichnungen blieb er seinem aufwendigen minuziösen Stil treu. Aufträge für Exlibris erfüllte er nebenher weiter. Bis 1926 entstanden zusätzlich zehn Ölgemälde. Mit dem Mappenwerk von acht Radierungen folgte 1928 ein Höhepunkt.
Damit hatte sich der Künstler vermutlich übernommen, denn er war vom 9. Dezember 1927 bis zum 28. Dezember des folgenden Jahres in Davos. Von hier aus sandte er für den «Bärenspiegel» Beiträge mit Kritik zum Fremdenverkehr in den Alpen. Im Duktus der letzten Zeichnungen vom 19. April und 17. Mai 1929 sind deutliche Anzeichen einer inneren Krise sichtbar. - Am 29. Mai 1929 stürzte sich Hans Eggimann von der Kirchenfeldbrücke.
Auf der Rückseite einer Besuchskarte von Anna Eggimann steht mit ihrer Handschrift: «Fasse das Glück wo's sich bietet, Trage das Unglück als Glück, Zwing dein Geschick Dir zu dienen, Vorwärts schau niemals zurück. (von Hans) - als wenn ich dies vermöchte!»
Lindi und Tschumi
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Redaktion des «Bärenspiegels» vielen bernischen Künstlern ihre Zeitschrift offen hielt. Junge Talente hatten erstmals die Möglichkeit, ihre Zeichnungen zu veröffentlichen. Der leichtfüssige Albert Lindegger durfte seine Zeichnungen aus Rücksicht auf seine Eltern nicht mit vollem Namen signieren. Seiner Spontaneität entsprechend, reichte er lieber Bleistiftzeichnungen ein und musste aus drucktechnischen Gründen zum Zeichnen mit Tusche angehalten werden. Otto Tschumi passte sich leichter an. Es ist anzunehmen, dass sein Surrealismus von Hans Eggimann beeinflusst wurde. Die Redaktoren waren für diese Künstler Vatergestalten. Lindi blieb Armin Bieber zeitlebens in Dankbarkeit verbunden.
Bertha Zürcher schrieb über ihren Malerfreund Hans Eggimann: «Es ist ein wehmütiges Gefühl, dass dieser frohmütige, geistvolle und tiefgründige Kollege nicht mehr unter uns weilt, der Satiriker mit dem beissenden Spott, der Dichter mit den unergründlichen Märchengestalten. Aber sein jäh abgeschnittenes Lebenswerk trägt dennoch den Stempel der Vollendung (...) dieses unmittelbar aus der Tiefe herausquellende Leben, diese urschöpferische Darstellungskraft und Phantasie geben seinem Werk etwas Unvergängliches, Zeitloses.»
Ende November (1997)* erscheint im Berna Verlag, Bern, vom Verfasser unseres Artikels das Werkverzeichnis von Hans Eggimann mit rund achthundert Werken. Das Leinenbändchen mit dreissig teils farbigen Abbildungen erscheint als bibliophile Auflage in 500 arabisch, respektive fünfzig römisch nummerierten Exemplaren. Der Vorzugsausgabe ist ein Exlibris als Handabzug vom Original-Druckstock beigelegt.
*Anm. der Redaktion