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Alexander v. Humboldt in seiner Bedeutung für den Alpenclub
in seiner Bedeutung für den Alpenclub
Eine
H. Zähringer* ).
von
Der Name Alexander von Humboldt ist ein hochge-feierter, nicht nur in den Kreisen der Gelehrten, sondern auch in den Kreisen des Bürgerstandes und der Gebildeten überhaupt. Am 14. September dieses Jahres waren es 100 Jahre, dass dem preussischen Major Humboldt ein Söhnchen geboren wurde, das in der Taufe den Namen Alexander erhielt, und dem ein Leben von 90 Jahren beschieden war, reich an edlen Bestrebungen, erfüllt von wechselnden Erlebnissen und geschmückt mit rastloser Arbeit. Der hundertjährige Geburtstag Alexanders von Humboldt wurde nicht nur in seinem deutschen Heimathlande, nicht nur in seiner Vaterstadt Berlin festlich gefeiert — nein, überall, wo deutsche Bildung, deutscher Bürgersinn und deutscher Forschergeist heimisch geworden; auf beiden Hemisphären unsres Erdballs sammelten sich dieYerehrer des grossen Mannes, um seiner unsterblichen Verdienste dankbar zu gedenken, und die von ihm
* ) Die Sektion « Pilatus » eröffnete die Reihe ihrer Winterversammlungen am 27. November 1869 mit einer bescheidenen Humboldtsfeier, deren Mittelpunkt die nachstehende Abhandlung des Sektionspräsidenten bildete.
errungene Denkfreiheit, Entfesselung des Geistes und ächte Humanität im Freundeskreise zu feiern.
Der Name Humboldt lebt seit einer Reihe von Jahren in der Geographie und in den Naturwissenschaften. In Nordamerika und in Australien kennen wir ein Humboldt-gebirge; in Kalifornien liegt die Stadt Humboldt an der Humboldtsbay, in der Grafschaft Humboldt; längs der peruanischen Küste fliesst im stillen Ocean der Humboldt-strom; im eisigen Norden dehnt sich der Humboldt-gletscher aus, der grösste aller bekannten Gletscher; im Gebiete der Anden heisst die Vegetationszone zwischen 5000 und 9000'Höhe mit ihrem Reichthum von Pflanzenformen das Humboldtreich; im Pflanzenreiche finden wir einen Humboldtbaum und im Mineralreiche den Humboldtit. Die Feier des hundertjährigen Geburtstages hat die Zahl dieser Namen noch vermehrt und namentlich auch durch humane Stiftungen: Berlin gründete einen Humboldthain, um demYolke eine Stätte zu schaffen, wo durch die Freude an der herrlichen Natur der Sinn für alles Edle und Gute erstarke, und wo von Geschlecht zu Geschlecht der Name Humboldt eine Mahnung sei, nach Wahrheit zu streben und für diese einzutreten, soweit menschliche Kraft es vermag; in München stiftete ein Bürger ein Kapital an das Realgymnasium mit der Bestimmung, dass jährlich von den Zinsen ein Exemplar des Kosmos angeschafft und einem Schüler, der sich am meisten in den Naturwissenschaften ausgezeichnet, als Prämie eingehändigt werde New-York, Philadelphia und Pittsburg enthüllten am 14. September Humboldt -Denkmäler; an der Universität zu Harward wurde eine naturwissenschaftliche Schule unter Humboldt's Namen gegründet; Boston stiftete ein Humboldt-Stipendium für die besten naturwissenschaftlichen Arbeiten; New-York gründete ein Humboldt-Ho- spital für Deutsche, und in sehr vielen Städten entstanden Bibliotheken und Lesezimmer, die, nach Humboldt genannt, seinen Namen verewigen.
Ein Mann, dessen Andenken so gefeiert wird, muss mit Riesenkraft in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit eingegriffen haben, und in der That wäre es leichter, über Humboldt ein Buch zu schreiben, .als die Darstellung seines Schaffens in einen kurzen Vortrag zusammenzu-drängen. Ich werde es nicht versuchen, vor den Mitgliedern des schweizerischen Alpenclubs ein umfassendes Bild von den Forschungen Humboldt's zu entwerfen, lioch seiner Arbeiten über Pflanzen- und Thiergeogra-phie, über Geognosie und Geologie, über Meteorologie und physische Geographie, über Statistik und Volks-wirthschaftslehre eingehend zu gedenken, noch in eine Zergliederung seines herrlichen Kosmos mich einzulassen, in dem er das ganze Weltall als einen einzigen Organismus darstellt. Wir überlassen das billig den Naturforschern und beschränken uns auf eine Würdigung der weltgeschichtlichen Stellung Humboldt's überhaupt und « einer Bestrebungen auf den Gebieten, welche wir selbst auch bescheiden bearbeiten, insbesondere: nämlich auf die Förderung des Naturgenusses, auf eine sinnige Betrachtung der Naturschönheiten, auf die Auffassung der Natur als eines belebten Organismus.
Um Humboldt's weltgeschichtliche Stellung zu würdigen, müssen wir auf den Zustand der Wissenschaften überhaupt und der Naturwissenschaften insbesondere bis zu dem Zeitpunkte zurückkehren, wo Humboldt auftrat, nämlich bis zum Schluss des vorigen Jahrhunderts.
Es herrschte damals ein emsiges Forschen, aber nur nach dem Prinzipe der Theilung dies Arbeit; jeder bebaute -einen bestimmten Zweig, ohne von der Arbeit seines Ne- benmannes Notiz zu nehmen.
Die Methode in den Naturwissenschaften war wohl seit Leonardo da Vinci, Galilei und Baco die induktive; aber sie war nicht vergleichend, nicht combinatorisch; was von den Forschungen an 's Tageslicht kam, war in einer Sprache verfasst, welche nur den Fachgelehrten zugänglich war, so dass Göthe sagen konnte: „ Die Deutschen besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen. " ( Aphorismen über Naturwissenschaften. ) Die Wissenschaften waren vollständig zünftig und mit dem vollen Zopf des Zunftwe-sens ausgestattet. Nach all' diesen drei Richtungen hat Humboldt reformatorisch in die Wissenschaften eingegriffen. Er suchte bei seinen Forschungen nicht das Einzelne, sondern das Ganze, den nach bestimmten Gesetzen sich bewegenden Weltorganismus; er führte alle seine Arbeiten nach der vergleichenden oder combinatorischen Methode durch, nach welcher ein Gebiet durch das andere erleuchtet und eines durch das andere ergänzt wurde; er trat mit seinen Resultaten- vor die grosse Masse der Gebildeten und zwar in einer Sprache, welche ihn unter die Klassiker Deutschlands und Frankreichs versetzte. So ist er der Schöpfer nicht nur ganz neuer Wissensgebiete geworden, sondern auch — und das ist der Grund der unermesslichen Popularität seines Namens — der Schöpfer einer ganz neuen Literatur, nämlich der populären naturwissenschaftlichen Literatur, welche seit zwei Menschenaltern alle strebsamen Geister in herrlichem Strome befruchtet. Diese Literatur fördert die Entfesselung des Geistes, streitet wider allen Stillstand und schliesst dem denkenden Auge die wunderbare Harmonie der Natur auf. Dadurch ist Humboldt ein Wohlthäter der Menschheit geworden, der Hohepriester der wahren Humanität, ein Freund des Volkes und seiner Gesittung.
Kein Forscher vor ihm hat die Menschheit und ihre Geschicke in den Weltorganismus verflochten, weil Keiner vor ihm das Ganze überblickte.
Am Schluss des I. Bandes seines Kosmos p. 386 sagt er: „ Von den fernsten Nebelflecken und von kreisenden Doppelsternen sind wir zu den kleinsten Organismen der thierischen Schöpfung im Meer und Land und zu den zarten Pflanzenkeimen herabgestiegen, welche die nackte Felsklippe am Abhänge eisiger Berggipfel bekleiden. Nach theilweise erkannten Gesetzen konnten hier die Erscheinungen geordnet werden. Gesetze anderer, geheim-nissvollerer Art walten in den höchsten Lebenskreisen der organischen Welt, in denen des vielfach gestalteten, mit schaffender Geisteskraft begabten, spracherzeugenden Menschengeschlechts.Und Seite 385: „ Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstre-ben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höhern und niederem Menschenraçen. Es gibt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Kultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmässig zur Freiheit bestimmt, zur Freiheit, welche in roheren Zuständen dem Einzelnen, in dem Staatenleben bei dem Genuss politischer Institutionen der Gesammtheit als Berechtigung zukommt. Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist, wenn irgend eine die vielfach bestrittene, aber noch vielfacher missverstandene Vervollkommnung des ganzen Geschlechts beweist, so ist es die Idee der Menschlichkeit: das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurtheile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben, und die gesammte Menschheit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe, als Einen grossen, nahe ver- brüderten Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln.
Es ist dies das letzte, äusserste Ziel der Geselligkeit und zugleich die durch seine Natur selbst in ihn gelegte Richtung des Menschen auf unbestimmte Erweiterung seines Daseins. Er sieht den Boden, so weit er sich ausdehnt; den Himmel, soweit, ihm ent-deckbar, er von Gestirnen umflammt wird, als innerlich sein, als ihm zur Betrachtung und Wirksamkeit gegeben an. Schon das Kind sehnt sich über die Hügel, über die Seen hinaus, welche seine nahe Heimath umschliessen; es sehnt sich dann wieder pflanzenartig zurück; denn es ist das Rührende und Schöne im Menschen, dass Sehnsucht nach Erwünschtem und nach Verlorenem ihn immer bewahrt, ausschliesslich an dem Augenblicke zu haften. So festgewurzelt in der innersten Natur des Menschen, und zugleich geboten durch seine höchsten Bestrebungen, wird jene wohlwollend menschliche Verbrüderung des ganzen Geschlechts zu einer der grossen leitenden Ideen in der Geschichte der Menschheit. "
Nachdem wir Humboldt's weltgeschichtliche Stellung kurz dargelegt, treten wir etwas näher auf seine Bestrebungen in denjenigen Gebieten ein, welche der schweizerische Alpenclub selbst in bescheidener Arbeit bebaut. Es liegen diese Bestrebungen nicht neben den angegebenen Grundrichtungen, welche Humboldt's welthistorische Stellung begründen, sondern innerhalb derselben als nothwendige Strahlen aus dem Einen, Alles beherrschenden Brennpunkt: Auffassung der Natur als eines Ganzen und liebevolle Versenkung in die Betrachtung derselben. Um die Erreichung dieses Zieles zu ermöglichen, leitet er zum Naturgenusse an. Er spricht sich in den „ einleitenden Betrachtungen " zu seinem Kosmos I, 4 also aus: Schweizer Alpenclub.25 Zähringer.
„ Wer die Resultate der Naturforschung nicht in ihrem Yerhältniss zu einzelnen Stufen der Bildung oder zu den individuellen Bedürfnissen des geselligen Lebens, sondern in ihrer grossen Beziehung auf die gesammte Menschheit betrachtet, dem bietet sich als die erfreulichste Frucht dieser Forschung der Gewinn dar, durch Einsicht in den Zusammenhang der Erscheinungen den Genuss der Natur vermehrt und veredelt zu sehen. " Der Eintritt in das Freie, wie wir in unserer Sprache tief bedeutsam sagen, spricht den offenen, kindlichen Sinn des Menschen durch das dunkle Gefühl des Einklangs an, bietet aber auch dem im Beobachten geschärften Geist, welcher Einsicht in die Ordnung des Weltalls gewonnen, einen sinnigen Genuss. „ In solchen Anregungen ruht eine geheimnissvolle Kraft; sie sind erheiternd und lindernd, stärken und erfrischen den ermüdeten Geist, besänftigen oft das Gemüth, wenn es schmerzlich in seinen Tiefen erschüttert oder vom wilden Drange der Leidenschaften bewegt ist. " „ Bald ergreift uns die Grosse der Naturmassen im wilden Kampfe der entzweiten Elemente oder ein Bild des Un-beweglich-Starren, die Oede der unermesslichen Grasfluren und Steppen; bald fesselt uns, freundlichem Bildern hingegeben, der Anblick der bebauten Flur, die erste Ansiedlung des Menschen, von schroffen Felsschichten umringt, am Rande des schäumenden Giessbachs. Denn es ist nicht sowohl die Stärke der Anregung, welche die Stufen des individuellen Naturgenusses bezeichnet, als der bestimmte Kreis von Ideen und Gefühlen, die sie erzeugen und welchen sie Dauer verleihen. " I,8: „ Darf ich mich hier der eigenen Erinnerung grosser Naturscenen überlassen, so gedenke ich des Oceans, wenn in der Milde tropischer Nächte das Himmelsgewölbe sein planetarisches, nicht funkelndes Sternenlicht über die
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sanftwogende Wellenfläche ergiesst; oder der Waldthäler der Cordilleren, wo mit kräftigem Triebe hohe Palmen-stämme das düstere Laubdach durchbrechen und als Säulengänge hervorragen, ein Wald über dem Walde; oder des Pics von Teneriffa, wenn horizontale Wolkenschichten den Aschenkegel von der untern Erdfläche trennen und plötzlich durch eine Oeffnung, die der aufsteigende Luftstrom bildet, der Blick von dem Rande des Kraters sich auf die weinbekränzten Hügel von Orotava und die Hesperidengärten der Küste hinabsenkt. In diesen Scenen ist es nicht mehr das stille, schaffende Leben der Natur, ihr ruhiges Treiben und Wirken, die uns ansprechen; es ist der individuelle Charakter der Landschaft, ein Zusammenfliessen der Umrisse von Wolken, Meer und Küsten im Morgendufte der Inseln; es ist die Schönheit der Pflanzenformen und ihrer Gruppirung. "
Das sind Humboldt's Ansichten vom Naturgenuss, zugleich an drei Beispielen erläutert; auch dem Ungebildeten, der von dem gesetzmässig en Walten der Naturkräfte keine Ahnung hat, ist dieser Genuss zugänglich; aber erhöht und veredelt wird derselbe durch das Studium der Natur. Er sagt p. 20: „ Die Himmelsräume wie die blüthenreiche Pflanzendecke der Erde gewähren gewiss dem Astronomen und dem Botaniker einen grossartigern Anblick als dem Beobachter, dessen Natursinn noch nicht durch die Einsicht in den Zusammenhang der Erscheinungen geschärft ist. Wir können daher dem geistreichen Burke nicht beipflichten, wenn er behauptet, dass aus der Unwissenheit von den Dingen der Natur allein die Bewunderung und das Gefühl des Erhabenen entstehe. " Humboldt gibt uns im zweiten Bande seines Kosmos ( II, 4 ) die „ Anregungsmittel zum Naturstudium " an, und diese sind dreierlei Art: 1. Aesthetische Behandlung von Na-
25* turscenen in belebten Schilderungen der Thier- und Pflanzenwelt, ein sehr moderner Zweig der Literatur;
2. Landschaftmalerei, besonders insofern sie angefangen hat, die Physiognomik der Gewächse aufzufassen; 3. mehr verbreitete Kultur von Tropengewächsen und kontrasti-rende Zusammenstellung exotischer Formen. Und weiter sagt er ( II, 5 ): „ Wäre es mir erlaubt, eigene Erinnerungen anzurufen, mich selbst zu befragen, was einer unver-tilgbaren Sehnsucht nach der Tropengegend den ersten Anstoss gab, so müsste ich nennen: GeorgForster's Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges, die Gangesufer darstellend; einen kolossalen Drachenbaum in einem alten Thurm des botanischen Gartens bei Berlin. Die Gegenstände, welche wir hier beispielsweise aufzählen, gehörten der dritten Klasse von Anregungsmitteln an, die wir früher bezeichneten: der Naturbeschreibung, wie sie einer begeisterten Anschauung des Erdenlebens entquillt; der darstellenden Kunst als Landschaftmalerei; und der unmittelbar objektiven Betrachtung charakteristischer Naturformen. Diese Anregungsmittel üben aber ihre Macht nur da aus, wo der Zustand moderner Kultur und ein eigenthümlicher Gang der Geistesentwicklung unter Begünstigung ursprünglicher Anlagen die Gemüther für Natureindrücke empfänglicher gemacht hat. " Ueber das erste Anregungsmittel, die Naturbeschreibung, sagt Humboldt ( Kosmos II, 73 ): „ Es gehört in die Leiden der Gegenwart, dass ein unseliger Hang zu inhaltloser poetischer Prosa, zu der Leere sogenannter gemüthlicher Ergüsse gleichzeitig in vielen Ländern verdienstvolle Reisende und naturhistorische Schriftsteller ergriffen hat. Verirrungen dieser Art sind um so unerfreulicher, wenn der Styl aus Mangel literarischer Ausbildung, vorzüglich aber aus Abwesenheit aller innern Anregung in rhetorische Schwulstigkeit und trübe Sentimentalität ausartet.
Naturbeschreibungen können scharf umgrenzt und wissenschaftlich genau sein, ohne dass ihnen darum der belebende Hauch der Einbildungskraft entzogen bleibt. Das Dichterische muss aus dem geahnten Zusammenhang des Sinnlichen mit dem Intellektuellen, aus dem Gefühl der Allverbreitung, der gegenseitigen Begrenzung aus der Einheit des Naturlebens hervorgehen. Je erhabener die Gegenstände sind, desto sorgfältiger muss der äussere Schmuck der Rede vermieden werden. Die eigentliche Wirkung des Naturgemäldes ist in seiner Komposition begründet: jede geflissentliche Bewegung von Seite Dessen, der es aufstellt, kann nur störend sein. Wer, mit den grossen Werken des Alterthums vertraut, in sicherm Besitze des Reichthums seiner Sprache; einfach und individualisirend wiederzugeben weiss, was er durch eigene Anschauung empfangen, wird den Eindruck nicht verfehlen; er wird es um so weniger, als er, die äussere, ihn umgebende Natur und nicht seine eigene Stimmung schildernd, die Freiheit des Gefühls in Andern unbeschränkt lässt. " Als ein Beispiel, welche Macht die Schönheit der Natur in ihrer individuellen Ge-staltimg auf ein empfängliches Gemüth auszuüben vermag, führt Humboldt ( II, 57 u. 302 ) eine Schilderung des €olumbus an, der, ohne gelehrte Bildung, ohne physikalische und naturhistorisehe Kenntnisse, ein literarisch ganz ungebildeter Seemann, die Erscheinungen der Aussenwelt zu erfassen und zu kombiniren weiss. Jedes neu entdeckte Land scheint dem Columbus schöner als das früher beschriebene; er beklagt, nicht Worte zu finden, um die süssen Eindrücke wiederzugeben, die er empfangen. Wir lesen in seinem Tagebuche folgende Schilderung: „ Die Anmuth dieses neuen Landes steht hoch über der der Campina de Cordoba.
Alle Bäume glänzen in immer grünem Laube und sind ewig mit Früchten beladen. Auf dem Boden stehen die Kräuter hoch und blühend. Die Lüfte sind lau wie im April in Castilien es singt die Nachtigall süsser, als man es beschreiben kann. Bei Nacht singen wieder süss andere, kleinere Vögel; auch höre ich unsern Grashüpfer und die Frösche. Einmal kam ich in eine tief eingeschlossene Hafenbucht und sah, was kein Auge gesehen: Hohes Gebirge, von dem lieblich die Wasser herabströmen. Das Gebirge war bedeckt mit Tannen und andern vielfach gestalteten, mit schönen Blüthen geschmückten Bäumen. Den Strom hinaufsteuernd, der in die Bucht mündete, war ich erstaunt über die kühlen Schatten, die krystallklaren Wasser und die Zahl der Singvögel. Es war mir, als möchte ich so einen Ort nie verlassen, als könnten tausend Zungen dies alles nicht wiedergeben, als weigere sich die verzauberte Hand, es niederzuschreiben. "
Ueber das zweite Anregungsmittel zum Naturstudium, die Landschaftmalerei, sagt Humboldt ( Kosmos II,, 94 ): »Die Kenntniss und das Gefühl von der erhabenen Grosse der Schöpfung würden kräftig vermehrt werden, wenn man in grossen Städten neben den Museen, und wie diese dem Volke frei geöffnet, eine Zahl von Bund-gemälden aufführte, welche wechselnd Landschaften aus verschiedenen geographischen Breiten und aus verschiedenen Höhezonen darstellten. Der Begriff eines Naturganzen, das Gefühl der Einheit und des harmonischen Einklangs im Kosmos werden um so lebendiger unter den Menschen, als sich die Mittel vervielfältigen, die Gesammtheit der Naturerscheinungen zu anschaulichen Bildern zu gestalten. "
Ueber das dritte Anregungsmittel zum Naturstudium,
die Cultur von Tropengewächsen, sagt Humboldt ( Kos mus II, 97 ): „ Wenn man in dem Palmenhause von Potsdam von dem hohen Altane bei heller Mittagssonne auf die Fülle schilf- und baumartiger Palmen herabblickt, so ist man auf Augenblicke über die Oertlichkeit, in der man sich befindet, vollkommen getäuscht. Man glaubt unter dem Tropenklima selbst, von dem Gipfel eines Hügels herab ein kleines Palmgebüsch zu sehen. Man entbehrt freilich den Anblick der tiefen Himmelsbläue, den Eindruck einer grössern Intensität des Lichtes; dennoch ist die Einbildungskraft hier noch thätiger, die Illusion grösser als bei dem vollkommensten Gemälde. Man knüpft an jede Pflanzenform die Wunder einer fernen Welt, man vernimmt das Rauschen der fächerartigen Blätter, man sieht ihre wechselnd schwindende Erleuchtung, wenn, von kleinen Luftströmen sanft bewegt, die Palmengipfel wogend einander berühren. "
Diesen drei Anregungsmitteln zum Naturstudium, welche einen erhöhten und veredelten Naturgenuss vermitteln, müssen wir von unserem Stundpunkte aus noch ein weiteres anreihen, das zwar nur im engem Kreise, aber um so intensiver wirkt — es ist die Vaterlandsliebe! Wer im Schoosse eines mit den herrlichsten Naturschönheiten geschmückten Vaterlandes ruht, bedarf weder der Naturschilderungen noch der Landschaftsbilder noch der Tropengewächse, um sich mit Begeisterung dem Studium der Eigenthümlichkeiten seines Vaterlandes in Natur und Menschheit hinzugeben; kommen dann aber jene Anregungsmittel noch hinzu, so wird sich sein Studium vertiefen und er gewinnt den lohnenden Standpunkt des vollendeten Naturgenusses. Die Gründung des schweizerischen Alpenclubs zur Erforschung der wundervollen schweizerischen Alpenwelt war wesentlich eine
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That des Patriotismus, und der Anklang, den seine Bestrebungen und seine Arbeiten finden, sind ein Zeugniss für den patriotischen und ästhetischen Sinn, der in unserm Volke lebt. Ich habe in meinem Eröffnungsworte zur fünften Generalversammlung des schweizerischen Alpenclubs den Zürcher Conrad Gessner ( geb. 1516 ), den schweizerischen Plinius, als den eigentlichen Stammvater des schweizerischen Alpenclubs bezeichnet; er betonte wesentlich die ästhetische Seite: „ Welch'ein herrlicher Genuss, welche Wonne ist es, die unermesslichen Bergmassen bewundernd zu betrachten und sein Haupt über die Wolken zu erheben !" sagt er in seinem Briefe ( 1541 ) an Vogel ( Avienus ). Die vaterländische Seite betonte sein Landsmann Scheuchzer ( 1672—1733 ) und besonders der grosse Berner Albrecht von Haller ( 1708—1777 ). Den umfassendsten Standpunkt in Erforschung der Alpen nahm der Genfer Horaz Benedict de Saussure ( 1740— 1799 ) ein; aber welcher Abstand bis zum Standpunkte Humboldt's, der das ganze Weltall vom fernsten Nebelfleck bis zu unserer Erde, von der herrlichen Palme bis zur mikroskopischen Pflanze am himmelanstrebenden Felsen, vom Infusionsthierchen bis zum Menschen und seiner Geschichte überschaute! Erst seit Humboldt ist der Blick des Naturforschers und des Naturfreundes auf das Ganze gerichtet und auch der schweizerische Alpenclub mit seinen bescheidenen, auf ästhetischen und vaterländischen Naturgenuss gerichteten Bestrebungen verehrt in Humboldt seinen Wegweiser und folgt mit Begeisterung seinen umgestaltenden Winken.
Von Haller sagt Humboldt ( Kosmos II, 68 ), dass seine lokalen Schilderungen im Gegensatz zu seinen Vorgängern wenigstens bestimmtere Umrisse und eine mehr objektive Wahrheit des Colorits darbieten; und fügt dann » ( pag. 69 ) bei:
„ Erst als das Studium der Erdräume an
Tiefe und Mannigfaltigkeit gewann, als die Naturwissenschaften sich nicht mehr auf tabellarische Aufzählungen seltsamer Erzeugnisse beschränkten, sondern sich zu den grossartigen Ansichten einer vergleichenden Länderkunde erhoben, konnte die Ausbildung der Sprache zu lebensfrischen Bildern ferner Zonen benutzt werden. "
Zwar hat sich Humboldt nicht speziell mit den Schweizeralp en und deren Natursehönheiten beschäftigt; aber wir wissen, dass er im Jahr 1795 in der Schweiz war, den Gotthard und den grossen St. Bernhard überschritt und die Absicht hegte, die Schweiz noch einmal zu besuchen, was er jedoch nicht ausführen konnte. Welch'freundliche Erinnerung der Besuch der Schweiz in ihm zurückliess, sehen wir aus vielen Stellen seiner Schriften, wo er so gerne in seiner kombinatorischen Methode neue Eindrücke mit den in der Schweiz empfangenen vergleicht. Wir führen einige Beispiele an. In seinen „ Ansichten der Natur " I, 31, sagt er über den See von Valencia in Südamerika: „ Der Kontrast seiner gegenüberstehenden Ufer gibt ihm eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Genfersee. Zwar haben die öden Gebirge einen minder ernsten und grossartigen Charakter als die savoyischen Alpen; dagegen übertreffen aber auch die mit Pisang-Gebüschen, Mimosen und Triplaris dicht bewachsenen Ufer alle Weingärten des Waadtlandes an malerischer Schönheit. " Und im Kosmos I, 10: „ Wenn man als ein Spiel der Phantasie den Pilatus auf das Schreckhorn aufthürmt, so hat man noch nicht eine der grossteil Höhen der Andenkette, den Chimborazo, erreicht; wenn man auf den Chimborazo den Rigi thürmt, so schaffen wir uns ein Bild von dem höchsten Gipfel des Himâ-laya-Gebirgs, dem Dhawalagiri. " An andern Stellen ge- denkt er der Grimsel und des St. Bernhard oder der Gletscherinseln, aufweichen eine reiche Alpenflora sich ansiedelt, oder der Thierwelt, welche die Schneeregion der Alpen bewohnt.
Haben wir nun in kurzen Zügen Humboldt's weltgeschichtliche Stellung als Begründer der kombinatorischen Methode in der Naturforschung, als Schöpfer der populären naturwissenschaftlichen Literatur und als erster Forscher, der seinen Blick auf das Ganze, auf den durch unveränderliche Gesetze beherrschten Weltorganismus richtete, dargelegt; haben wir ihn ferner, und zwar meist in seinen eigenen Worten, als einen der Unsrigen, wenn auch unendlich über uns Allen erhaben, erkannt, als einen Mann, der durch das Naturstudium zum Naturgenuss gelangt, der darnach gestrebt, den Naturgenuss Allen zugänglich zu machen, und der uns in seinen Naturschilderungen das erste seiner Anregungsmittel zum Naturstudium in mustergültigster Form hinterlassen — so gelangen wir billig zu der Frage: Auf welchem Wege hat der grosse Mann die schwindelnde Höhe erreicht, zu welcher wir ahnungsvoll hinaufschauen und von welcher aus er den ganzen, von unwandelbaren Gesetzen beherrschten Weltorganismus überblickteWir beantworten diese Frage durch einen kurzen Abriss seines Lebens, der uns nicht nur seinen Bildungsgang und seine Arbeitsmethode, sondern auch seine Charakterstärke und seine wahrhaft humane Gesinnung, oder die ganze Grösse des vollendeten Mannes aufzeigen wird.
In Potsdam war dem Major Freiherr Alexander Georg von Humboldt, einem Kriegsmann aus der Schule Friedrichs des Grossen, am 22. Juni 1767 der erste Sohn Karl Wilhelm geboren worden; in Berlin erblickte am 14. September 1769 der zweite Sohn, Friedrich Heinrich Alexander, das Licht der Welt.
Ihre Jugend verlebten diese beiden Knaben in dem Schlösschen Tegel, drei Stunden von Berlin, in einer Landschaft, welche Heiterkeit und Ernst verknüpfte. Als die Knaben in das lernfähige Alter vorgerückt waren, suchte der Vater einen Erzieher und Lehrer für sie, und fand ihn in dem bekannten Sprachforscher und Jugendschriftsteller Joachim Heinrich Campe.
Obgleich Campe nur ein Jahr ( 1775 ) in dem Hum-boldt'schen Hause blieb, so ist seine Einwirkung.auf die beiden Knaben doch unverkennbar. Er hat wohl in ihnen jenen Trieb geweckt, der beide zeitlebens nicht verliess und der mit auf Sprachforschung gerichtet war. Campe hatte klar erkannt, dass die bisherige Erziehungsweise es nur auf Beschäftigung des Gedächtnisses, aber nicht auf die des Verstandes abgesehen hatte. Er ging darauf aus, die Empfänglichkeit des jugendlichen Geistes und Gemüthes durch Anschauung der Natur zu wecken; er hatte den Robinson herausgegeben und die Köpfe der Kinderwelt mit phantasiereichen Bildern kühner Seefahrten und Entdeckungen erfüllt; sollte er nicht auch in Alexander den Grund zu dessen Verlangen nach Welt-fahrten, zur Sehnsucht nach entfernten Gegenden gelegt haben? Der eine seiner Zöglinge wurde ein Sprachforscher, der andere ein Entdecker.
Nach Campe's Abgang ( 1776 ) übergab der Major v. Humboldt die Erziehung seiner beiden Söhne einem zwanzigjährigen Studenten, Christian Kunth, der ihr Führer bis in ihr Mannesalter blieb. Er war den Knaben ein mitfühlender, mitdenkender Freund, und was er vor Allem anstrebte, war die Entwicklung des Anschauungs-sinnes an den reichen Natur- und Kunstschätzen Berlin's-
und die Richtung auf eine Gesammtheit des Wissens, die sich gleichwohl mit Gründlichkeit vertrug.
Im Jahr 1770, als Wilhelm 12 und Alexander 10 Jahre alt war, starb der Major. Die geistvolle Wittwe wurde in ihrer sorgfältigen Erziehungsarbeit nicht nur durch Kunth, sondern auch durch den berühmten Arzt Heim kräftig unterstützt. Letzterer unterrichtete die beiden Knaben in der Botanik. Im Jahr 1783 ging Kunth mit ihnen nach Berlin, nicht um sie einer Schule zu übergeben, sondern um seinen Unterricht durch andere Lehrer in einzelnen Fächern ergänzen zu lassen. Beide Brüder wurden, trotz ihres Altersunterschiedes, gemeinschaftlich unterrichtet. Für den Jüngern Alexander war es eine starke Zumuthung, seinem altern, rasch auffassenden Bruder Schritt zu halten, und er wurde desshalb von manchem Lehrer als schwer begreifend taxirt, so dass die Mutter eine Zeit lang fast zweifelte, ob sich Alexander zum Studiren eigne. Zudem war er körperlich schwächer als Wilhelm und fast beständig kränkelnd; aber diese Kränklichkeit mochte nur eine Folge der allzugrossen Anstrengung seines Geistes sein, die er sich auferlegte, um nicht hinter seinem Bruder zurückzubleiben. Obgleich sich die beiden Humboldt ausschliesslich in vornehmen Kreisen bewegten, so setzten sie doch ihren Stolz darein, dem thätigen Bürger-thum und nicht dem thatlosen Adel anzugehören. Von Alexander wird erzählt, dass er einer Tante, deren Gatte Kammerherr war, und die ihn bei seiner Beschäftigung mit Thieren und Pflanzen, mit physikalischen und chemischen Apparaten fragte, ob er denn ein Apotheker werden wollte, die spitzige Antwort gab: „ Doch lieber Apotheker als Kammerherr. "
Im Jahr 1786 bezogen Wilhelm und Alexander in Begleitung von Kunth die Universität Frankfurt a. d. 0.,
ersterer um Rechtswissenschaft, letzterer um Kameral-wissenschaften zu studiren. Nach zwei Jahren ( 1788 ) gingen sie nach Göttingen, und dahin begleitete sie Kunth nicht mehr. Er trat in den Staatsdienst; doch blieb er der Mutter und den Söhnen ein treurathender Freund und bis an sein Lebensende war er es, dem die Brüder in ihrer Abwesenheit am liebsten die Verwaltung ihrer Familienangelegenheiten übertrugen. In Göttingen waren es besonders drei Männer, welche eine mächtige Anziehungskraft auf die Jünglinge ausübten: Der Philolog Heyne, der Naturforscher Blumenbach und der Physiker und Satyriker Lichtenberg. Aber noch wichtiger, besonders für Alexander, wurde der Schwiegersohn Heyne's, der berühmte Weltumsegler Georg Forster. Der kühne und bewegliche Geist Forster's gewann einen ausserordentlichen Einfluss auf Alexander. Ihn umgab der frische Duft der fernen Welten, die er durchwandert; gerne erzählte er vom Meer und seinen Wundern, von den Inseln der Südsee und ihren Naturmenschen, von dem Pflanzen-paradies der Tropen und den Schrecken der Polarwelt. Zudem war Forster ein Mann von umfassendem Wissen, tiefem Gefühle, scharfem Verstande, von hoher sittlicher Reinheit und starkem Charakter. Wie sollte ein solcher Mann nicht Einfluss auf den verwandten Alexander v. Humboldt gewinnen, dessen Phantasie schon in der Kindheit von den Bildern einer überseeischen Welt erfüllt war und der nicht minder einen mannhaft unabhängigen Charakter besass als Forster? Humboldt hat seinem Lehrer und Freund Forster im zweiten Bande des Kosmos ( S. 72 ), wo er von der Naturbeschreibung handelt, ein ehrenvolles Denkmal gesetzt. Er sagt: „ Der Schriftsteller, welcher in unserer vaterländischen Literatur nach meinem Gefühle am kräftigsten und am gelun- gensten den " Weg zu dieser Richtung eröffnet hat, ist mein berühmter Lehrer und Freund Georg Forster gewesen.
Durch ihn begann eine neue Aera wissenschaftlicher Reisen, deren Zweck vergleichende Völker- und Länderkunde ist. Mit einem feinen ästhetischen Gefühl begabt, in sich bewahrend die lebonsfrischen Bilder, welche auf Tahiti und andern, damals glücklichen Eilanden der Südsee seine Phantasie erfüllt hatten, schilderte Georg Forster zuerst mit Anmuth die wechselnden Vegetationsstufen, die klimatischen Verhältnisse, die Nahrungsstoffe in Beziehung auf die Gesittung der Menschen nach Verschiedenheit ihrer ursprünglichen Wohnsitze und ihrer Abstammung. Alles, was der Ansicht einer exotischen Natur Wahrheit, Individualität und Anschaulichkeit gewähren kann, findet sich in seinen Werken vereint. Nicht etwa bloss in seiner trefflichen Beschreibung der zweiten Reise des Kapitän Cook, mehr noch in den kleinen Schriften liegt der Keim zu vielem Grossen, das die spätere Zeit zur Reife gebracht hat. Aber — fügt Humboldt mit Rücksicht auf Forster's unglückliche Lebensverhältnisse hinzu — auch dieses so edle, ge-fühlreiche, immer hoffende Leben durfte kein glückliches sein !"
Im Jahr 1789, dem Jahre des Ausbruchs der französischen Revolution, verliess Wilhelm die Universität Göttingen, um in den Staatsdienst einzutreten, während Alexander seine naturwissenschaftlichen Studien fortsetzte und sich für eine Reise mit Forster vorbereitete, die er im folgenden Jahr auch unternahm. Der Rhein, Holland, Belgien, England und Frankreich wurden besucht. Mit einem Forster zu reisen, welch'ein Genuss musste das sein für einen zwanzigjährigen Jüngling von Alexander's Empfänglichkeit! Nicht bloss die Natur und die Schätze der Kunst, auch die Menschen, ihre Sprache, ihre Sitten und ihre Industrie waren für die Reisenden Gegenstand der Beobachtung und des Studiums.
Und dann sahen sie das Meer mit seinen Schiffen, die hinauszogen in die blaue Ferne, und mit ihnen zogen die Gedanken Alexander's hinüber zu den Wundern der Tropen. Aber so sehr auch der Plan einer grossen Reiseunterneh-mung schon damals in Alexander's Seele feststand, so musste doch die Ausführung noch verschoben werden. Nach der Rückkehr aus England ( 1790 ) ging er zunächst nach Hamburg, um auf der dortigen Handelsakademie neuere Sprachen und Handelswissenschaft zu studiren. Hier scheint auch in seine Gesundheitsverhältnisse eine Aenderun g eingetreten zu sein; er wurde kräftiger. 1791 ging er nach Freiberg, um sich unter dem berühmten Werner für das Bergfach auszubilden, das er im Einverständniss mit seiner Mutter zu seinem praktischen Lebensberufe gewählt hatte. Hier schlöss er eine dauernde Freundschaft mit dem grossen Geologen Leopold von Buch. Im Frühjahr 1792 trat der zweiundzwanzig jährige Alexander in den Staatsdienst, zunächst als Assessor im Berg- und Hüttendepartement in Berlin, bald aber als Oberbergmeister in Bayreuth. Hier sollte er das ganze'Bergwesen neu organisiren, und neben seiner umfassenden amtlichen Thätigkeit fand er noch Musse zu wissenschaftlichen Arbeiten, welche theils in eigenen Schriften, theils als Abhandlungen in Zeitschriften erschienen. Ueberraschend ist die Vielseitigkeit seiner Bestrebungen: Bergbau, Physik, Chemie, Geologie, Botanik werden von ihm in verschiedenen Richtungen bereichert. Die Zeit der amtlichen Thätigkeit währte für Humboldt nur vier Jahre, und obgleich er während dieser Zeit manche Reise, so auch eine nach der Schweiz und Oberitalien, unternehmen konnte, so liess ihm doch der Drang nach den Tropen keine Ruhe mehr.
Als er im November 1796 die Nachricht von dem Tode seiner geliebten Mutter erhielt, sah er das letzte Band gelöst, das ihn noch an die Heimath fesselte. Sein Entschluss, zu reisen, stand fest, und zwar sollte Westindien das Ziel sein. Seine amtliche Stellung gab er auf und begab sich nach Jena, wo sein Bruder lebte. Hier lernte er Schiller und Göthe kennen. Bei seinen Vorbereitungen zur Reise konnte er seinen Wahlspruch oft zur Anwendung bringen; denn wenn kaum eine Schwierigkeit besiegt war, so zeigte sich wieder eine neue. Sein Wahlspruch war: „ Der Mensch nìuss das Gute und Grosse wollen; das Uebrige hängt vom Schicksal ab !"
Zunächst wurden die Erbschaftsangelegenheiten geordnet. Wilhelm erhielt den Familiensitz Tegel, wo die Brüder ihre Jugendzeit verlebt, Alexander erhielt ein Rittergut, das er sofort verkaufte.Verwalter der beiden Vermögenstheile wurde Kunth. Die Kriegsereignisse machten eine projektirte Reise nach Italien unmöglich, und Alexander machte mit seinem Freunde Leopold von Buch geologische Studien in den österreichischen Alpen. In Salzburg lernte er einen Engländer, Lord Bristol, kennen, der die Absicht hegte, nach Egypten zu reisen und auf der Rückreise Palästina und Syrien zu besuchen. Lord Bristol bat um die Begleitung Humboldts, und dieser war auch bereit, der Aufforderung zu folgen, und begab sich desshalb im Frühjahr 1798 nach Paris, um Instrumente für die beabsichtigten Beobachtungen einzukaufen. Aber ehe er noch in Paris eintraf, erscholl die Kunde von Bonaparte's Zug nach Egypten. Lord Bristol wurde in Mailand als verdächtig verhaftet. Die Reise nach Egypten war demnach unmöglich, und Humboldt suchte sich der französischen Expedition nach der Südsee anzuschliessen, welche auf Kosten der Regierung unter Kapitän Baudin unternommen werden sollte.
Die wissenschaftliche Seite dieser Expedition sollte durch Michaux und Aimé Bonpland vertreten sein. In diesem Letztern fand Humboldt einen verwandten Geist, voll Liebe zur Natur und voll Drang, fremde Länder zu schauen. Bald verband Bonpland und Humboldt die innigste Freundschaft, die nur durch den Tod getrennt werden sollte. Während sich Humboldt auf seine Reise nach der Südsee vorbereitete, konnte die Regierung in ihren Kriegsnöthen das Geld zu der Expedition nicht finden, und diese wurde daher verschoben. Humboldt wollte sich nun einer Expedition französischer Gelehrter nach Egypten anschliessen; aber der Sieg der Engländer bei Abukir ( 1. August 1798 ) schnitt alle Verbindung Frankreichs mit Egypten ab. Da lernte Humboldt den schwedischen Konsul Skiöl-debrand kennen, der ihm und Bonpland eine schwedische Fregatte zur Ueberfahrt nach Algier zur Verfügung stellte. Humboldt und Bonpland wollten die Atlaskette erforschen und dann nach Egypten zu gelangen suchen. Sie begaben sich nach Marseille und warteten dort zwei Monate auf die Ankunft der schwedischen Fregatte, als endlich die Kunde einlief, sie habe an der portugiesischen Küste Schiffbruch gelitten. Nach all' diesen Enttäuschungen reisten Humboldt und Bonpland im Januar 1799 nach Madrid, und merkwürdiger Weise fanden sie hier, wie 300 Jahre früher Columbus, die beste Aufnahme und die erwünschte Förderung ihrer Zwecke. Die beiden Reisenden erhielten die Erlaubniss, alle spanischen Kolonien zu durchreisen, und es wurden ihnen zwei Pässe übergeben, durch welche sie ermächtigt wurden, sich ihrer Instrumente mit voller Freiheit zu Schweizer Alpenclub.26 bedienen und jede Beobachtung oder Messung vorzunehmen.
Im Mai verliessen sie Madrid, um sich nach Corunna zu begeben, von dessen Hafen allmonatlich ein Paket-boot nach der Havanna auslief. Als sie in Corunna anlangten, fanden sie den Hafen von englischen Kriegsschiffen blokirt, und die Abfahrt konnte nur erfolgen, wenn es gelang, die Wachsamkeit der englischen Kreuzer zu täuschen. Ein Sturm zwang die Blokadeschiffe, sich von der Küste zu entfernen, und der Pizzaro, auf dem sich die Reisenden eingeschifft, benutzte am 5. Juni 1799 die Abwesenheit der Engländer, um in See zu gehen. So konnte endlich Humboldt Europa verlassen, aber nicht im abenteuerlichen Drange nach unstetem Wandern, sondern wohlvorbereitet zur Förderung der Wissenschaften. Nicht bloss geistig, auch äusserlich frei und unabhängig, durch keines Fürsten Unterstützung gehemmt oder in der Richtung seiner Forschungen gebunden, zog er hinaus, ein hochgeborner Freiherr, in die freie Natur, die ihm bis in sein Greisenalter die höchsten Genüsse gewährte. Fünf Jahre und zwei Monate währte diese Reise, und in dieser Zeit hat Humboldt mehr für den innern Ausbau der Naturwissenschaft gethan, als in Jahrhunderten vor ihm die Gesammtheit der Forscher. Mit dem 5. Juni 1799 brach eine neue Zeit der Naturforschung an.
Das erste Reiseziel war die Insel Teneriffa; hier wurde der bekannte Pic, ein Vulkan von 3600 m Höhe, bestiegen. Humboldt schildert die Aussicht mit folgenden Worten: „ Die Erfahrung hat gelehrt, dass die Spitzen der höchsten Berge selten so schöne Aussichten bieten als die minder hohen Scheitel des Vesuvs oder des Rig'i-Der Pic von Teneriffa aber vereinigt durch seine schlanke Gestalt und seine örtliche Lage alle die Vortheile, welche weniger hohe Bergspitzen haben;
denn man entdeckt nicht nur auf seinem Gipfel einen Ungeheuern Horizont vom Meere; sondern man sieht auch die Wälder von Teneriffa und den bewohnten Theil der Küste in derjenigen Nähe, welche geeignet ist, die schönsten Gegensätze an Form und Farbe hervorzubringen. Als wir auf dem äussern Rand des Kraters sassen, richteten wir unsern Blick nach Nordosten, wo die Küsten mit Dörfern und Weilern geziert sind. Zu unsern Fussen gaben Haufen von Dünsten, die beständig von den Winden getrieben wurden, das mannigfaltigste Schauspiel. Eine gleichförmige Schicht von Wolken war an mehrern Stellen von kleinen Luftströmen durchbrochen worden, welche die von der Sonne erhitzte Erde zu uns heraufsendete. Stadt und Hafen Orotava mit ihren Gärten, Weinbergen und Schiffen lagen vor uns. Von der Höhe dieser einsamen Gegenden berührten unsere Blicke eine bewohnte Welt — wir hatten den auffallenden Gegensatz, den die entblös-ten Seiten des Pic, jene steilen, mit Schlacken bedeckten Abhänge, seine aller Vegetation beraubten Ebenen, mit dem lachenden Anblick bebauter Gegenden machen — wir sahen die Pflanzen nach Zonen geordnet, je nachdem die Wärme der Atmosphäre mit der Höhe der Lage abnimmt. "
Auf demselben Wege, den einst Columbus verfolgte, eilte auch Humboldt seinem Ziele, den Antillen, entgegen. Als man sich denselben näherte, brach auf dem Schiff,ein bösartiges Fieber aus, das die Reisenden nöthigte, in Cumana am 10. Juli 1799 an 's Land zu gehen. Humboldt fasste hier den Entschluss, das Innere von Venezuela zu erforschen. Wir können seine umfassenden Arbeiten nicht verfolgen und erwähnen nur der Erstei-
. 26* gung der Silla, von 2543 m Höhe, eines Berges, der fast senkrecht gegen das Meer abfällt.
Auf diesem Berge erlebte Humboldt mit seinem Freunde einen gleichen Genuss, wie vor sieben Monaten auf dem Pic von Teneriffa. Yor ihm lag eine Landschaft, in welcher die wilde Natur noch nicht von dem Menschen und seiner Zivilisation besiegt war; der westliche Gipfel der Silla entzog ihm den Anblick der Stadt Caraecas; dagegen sah man die zunächst gelegenen Häuser, zwei benachbarte Dörfer, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des Rio Guayre, der wie ein Silberfaden die Gegend durchzog. Der schmale bebaute Strich Landes stach freundlich ab gegen den düstern und wilden Anblick des umliegenden Gebirges. Da stand Humboldt am Rande eines über 2000 m tiefen Abgrundes und konnte sich nicht mehr von diesem Platze losreissen, bis die Vorsicht und die Natur selbst ihn an die Rückkehr mahnten. Aus der Ebene stieg allmälig ein Nebel empor, der endlich auch die Reisenden einhüllte.
Den amerikanischen Urwald schildert Humboldt mit folgenden Worten: „ Wenn ein europäischer Reisender zum ersten Male die Wälder Südamerika's betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich. Bei jedem Schritt fühlt er, dass er sich nicht an den Grenzen der heissen Zone, sondern mitten darin befindet, auf einem gewaltigen Kontinent, wo Alles riesenhaft ist, Berge, Ströme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn für landschaftliche Schönheit, so weiss er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben. Er weiss nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die peinliche Stille der Einsamkeit oder die Schönheit der einzelnen Gestalten und ihre Kontraste, oder die Kraft und Fülle des vegetabilischen Lebens. Es ist, als hätte
der mit Gewächsen überladene Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich die Baumstämme hinter einem grünen Teppich, und wollte man alle die Orchideen, die Pfeffer- und Pothos-arten, die auf einem einzigen Heuschreckenbaum oder einer indischen Feige wachsen, sorgsam verpflanzen, so würde ein ganzes Stück Land damit bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderhäufung erweitern die Wälder, wie die Fels- und Gebirgswände, das Bereich der organischen Natur. Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor und schwingen sich, mehr als 100 Fuss hoch, vom einen zum andern. "
Wir können Humboldt nicht auf seinen Wanderungen durch die öden Steppen, nicht auf seiner Orinoco-fahrt in einem ausgehöhlten Baumstamme, nicht in seinen Schilderungen der Thier- und Pflanzenwelt, der Gebirgs-formation, der Einwohner und ihrer Sitten verfolgen; wir notiren nur folgende Stelle aus einem seiner Briefe, den er bei seiner Rückkehr nach Cumana schrieb: „ Trotz aller Beschwerden ist doch diese Weltgegend zwischen den Wendekreisen so recht mein Element, und ich bin nie so ununterbrochen gesund gewesen als seit meiner Abreise aus Spanien. Trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte hat meine Gesundheit sichtbar zugenommen. "
Das weitere Reiseziel Humboldt's war Mexiko oder Neuspanien. Er schiffte sich in Cumana ein, und in Havanna vernahm er, die französische Expedition nach der Südsee unter Kapitän Baudin sei nun doch ausgelaufen. Sofort änderte er seinen Reiseplan, gab Mexiko auf und segelte wieder nach Südamerika, überschritt unter den schwierigsten Verhältnissen einen Pass der Anden von 3000 m Höhe und gelangte am 6. Januar 1802 in das herrliche, von einer Kette schneebedeckter Yulkane umschlossene Hochthal von Quito.
Hier erfuhr er die Grundlosigkeit des Gerüchts von der Baudin'schen Expedition. Aber obgleich es sein sehnlichster Wunsch gewesen war, mit Baudin die Reise um die Welt zu machen, so verlor er doch keinen Augenblick den Muth und machte sich ungesäumt an die Erforschung der Gegend von Quito. Welche entzückende Landschaftsgemälde schaute hier das Auge des für Naturschönheit so empfänglichen Humboldt! Hier umgaben ihn die höchsten Vulkane der Erde: der Cotopaxi, derAntisana, der Pichincha, der Tunguragua. Alle wurden bis zu bisher nicht erreichten Höhei ) erstiegen, und am 23. Juni 1802 unternahmen Humboldt und Bonpland die Besteigung des Chimborazo, der damals nicht nur für den höchsten Gipfel der Andenkette, sondern der Erde überhaupt galt. Er hat eine Höhe von 6354 m.
Diese Besteigung ist wohl die bekannteste, welche Humboldt ausführte, und die Hauptmomente sind folgende: Die Ebene von Tapia, aus welcher sich der Chimborazo glockenförmig mit weiten Schneefeldern erhebt, liegt 3200 m ü.M., hat also schon die Höhe unseres Titlis. Der Gipfel liegt noch 3154 m höher oder bietet abermals Titlishöhe dar. Mit Fernröhren hatten die Reisende« den Schneemantel durchforscht und mehrere vegetations-leere Felsgräte entdeckt, die, wie schmale, schwarze Streifen aus dem ewigen Schnee hervorragend, dem Gipfel zuliefen und den Besteigern Hoffnung gaben, für den Fuss einen festen Halt zu bekommen. Der Chimborazo sendet, trotz seiner ungeheuren Schneemassen, so wasserarme Bäche in die Hochebenen herab, dass man wohl annehmen kann, der grössere Theil seiner Wasser fliesse durch Klüfte in 's Innere; es erscheinen auch oft am Fusse
I
A. v. Humboldt40?
Bäche, welche wieder verschwinden. Der Berg ist von grossen Ebenen umgeben, die stufenweise übereinander liegen; diese Ebenen sind mit Gras bewachsen und ihre vollkommen horizontale Lage lässt auf einen langen Aufenthalt stehender Wasser schliessen. Man glaubt einen Seeboden zu sehen, ählich wie an manchen Stellen der Alpen. Die Flora scheint weniger reich als an den andern Schneebergen des Hochthales von Quito. Während des Aufstiegs gegen einen kleinen Alpensee zog sich ein dichter Nebel um die Reisenden zusammen und der Gipfel des Berges erschien nur auf Augenblicke. Bis zur Schneegrenze, welche hier in Montblanchöhe liegt, konnten sie reiten. Der Schnee war so weich, dass sie auf demselben nicht vorrücken konnten; sie hielten sich also an einen Felskamm, der sich gegen den Gipfel hinaufzog. Dieser schmale Kamm bestand aus verwittertem, bröckligem Gestein. Als man eine Höhe von 5000 m erreicht hatte, kehrten die Eingebornen, welche man als Führer und Träger mitgenommen, sämmtlich bis auf Einen zurück. Alle Bitten und Drohungen waren vergeblich. Die Indianer behaupteten, an Athemlosigkeit mehr zu leiden als die Reisenden, welche dennoch ihren Weg fortsetzten. Der Felskamm, auf dem sie sich bewegten, war oft nur 8-10 Zoll breit. Zur Linken war der Absturz mit Schnee bedeckt, dessen Oberfläche durch Frost wie verglast erschien. Zur Rechten senkte sich der Blick schaurig in einen wohl 1000 Fuss tiefen Abgrund, aus dem schneelose Felsmassen senkrecht hervorragten. Die aufwärts Klimmenden hielten den Körper immer mehr nach dieser Seite hingeneigt; denn der Absturz zur Linken schien noch gefahrdrohender, weil sich dort keine Gelegenheit darbot, sich mit den Händen an zackig vorstehendem Gestein festzuhalten, und weil dazu die dünne Eisrinde nicht vor dem Untersinken im lockern Schnee sicherte.
Im weiteren Klettern wurden Alle von Uebelkeit befallen. Der Drang zum Erbrechen war mit etwas Schwindel verbunden und weit lästiger als die Schwierigkeit zu athmen. Sie bluteten aus dem Zahnfleisch und den Lippen; die Bindehaut der Augen war ebenfalls mit Blut unterlaufen. Die Nebelschichten, welche die Reisenden hinderten, entfernte Gegenstände zu sehen, schienen plötzlich, trotz der gänzlichen Windstille^ zu zerreissen. Sie erkannten nun, und zwar ganz nahe, den domförmigen Gipfel des Chimborazo. Es war ein ernster, grossartiger Anblick. Die Hoffnung, diesen ersehnten Gipfel zu erreichen, belebte ihre Kräfte auf 's Neue. Der Felskamm wurde etwas breiter: sie eilten sichern Schrittes vorwärts, als auf einmal eine Schlucht von 100 m Tiefe und 20 m Breite ihrem Unternehmen eine unüb er steigliche Grenze setzte. Die Schlucht war nicht zu umgehen. Es war ein Uhr Mittags; das Barometer zeigte 13 " 11 ' " und das Thermometer 1° unter Null. Sie hatten eine Höhe von 5917 m = 18,213 Par.F. erreicht; aber der Gipfel jenseits der unübersteiglichen Schlucht lag noch 437 m höher. Sie blieben nur kurze Zeit in dieser traurigen Einöde und waren bald wieder ganz in Nebel gehüllt. Sie sahen nicht mehr den Gipfel des Chimborazo, keinen der benachbarten Schneeberge, noch die Hochebenen von Quito. Sie waren wie in einem Luftballon isolirt. Da das Wetter immer trüber wurde, so eilten die Reisenden auf demselben Felsgrate, der ihr Aufsteigen begünstigt hatte, herab. Es wrar aber noch mehr Vorsicht nöthig als beim Hinaufklimmen. Sie hielten sich nur so lange auf, als sie brauchten, um Fragmente der Gesteine zu sammeln; denn Humboldt sah voraus, dass man ihn in Europa oft um „ ein kleines Stück vom Chimborazo'1 ansprechen würde.
Bald wurden sie von einem Hagelschauer überrascht, und bei weiterem Hinabsteigen fielen dichte Schneeflocken auf sie nieder. Doch gelangten sie wohlerhalten an die Stelle, wo ihre Maulthiere standen, und die zurückgebliebenen Eingebornen in nicht geringer Sorge ihrer harrten.
Wie Humboldt später, als zuerst die Schneeriesen des Himalaya gemessen worden waren, über seine Besteigung des Chimborazo dachte, sehen wir aus seinem Briefe an Berghaus von 1828. Er schreibt da: „ Ich habe mir mein Lebtag etwas darauf eingebildet, unter den Sterblichen derjenige zu sein, der am höchsten in der Welt gestiegen ist — ich meine am Abhang eines Berges, am Abhang des Chimborazo! Wie lange haben die Menschen gestaunt über die Höhe der Cordilleren, und ich habe dieses Staunen getheilt und bin stolz gewesen auf meine Ascension! Mit einem gewissen Gefühle von Neid habe ich darum auf die Enthüllungen geblickt, welche von Webb und Consorten von den Bergen in Indien gegeben wurden, von deren kolossaler Erhebung man zwar eine Ahnung und Vermuthungen hatte, nicht aber beglaubigte, durch Messungen bestätigte Thatsachen. Ich habe mich über die Riesen des*Himalaya beruhigt, weil ich glaube annehmen zu dürfen, dass meine Arbeiten in Amerika den Engländern den ersten Antrieb gegeben, sich etwas mehr um die Schneeberge zu bekümmern, als es von ihnen seit anderthalb Jahrhunderten geschehen, während welches langen Zeitraumes sie den hohen Gebirgswall im Norden der ungeheuren Ebenen, die der heilige Strom befruchtet, man kann sagen gedankenlos betrachtet haben, ohne auch nur von fern die Frage aufzuwerfen: Wie hoch sind diese Kolosse des Himalaya? Ich habe mir gesagt^ die Andesketten von Quito bleiben doch in ihrem Rechte für die neue Welt, in ihr das höchste Gebirge zu sein und auf ihm der Chimborazo der erhabenste Scheitel;
und damit habe ich das neidische Gefühl, das mir die indische Gebirgswelt einflösste, zu beschwichtigen gesucht. "
" Wir können Humboldt wieder nicht auf seiner zweiten Ueberschreitung der Anden, auf seinen Forschungen im Thale des Amazonenstromes und in Peru, auf seiner Fahrt nach Mexiko und auf seinen zahlreichen Besteigungen mexikanischer Yulkane folgen. Humboldt verliess Mexiko im Januar 1804, begab sich noch einmal nach Havanna, besuchte die nordamerikanischen Freistaaten und landete am 3. August 1804 in Bordeaux, nach einer Abwesenheit von 5 Jahren und 2 Monaten wieder europäische Erde betretend. Grossartig steht diese fünfjährige Beise Humboldt's da, unerhört als das Unternehmen eines einzelnen, deutschen Privatmannes, beispiellos durch ihre Erfolge für Wissenschaft und Weltanschauung. Es bedarf einer seltenen sittlichen Grosse, um sein Yermögen rein im Dienste der Wissenschaften, unter schweren Mühseligkeiten und drohenden Gefahren zu opfern! Humboldt ist der zweite Entdecker Amerika's, aber der erste, der wahrhaft wissenschaftliche Kunde aus der neuen Welt brachte.
Die nächste Aufgabe, welche sich Humboldt stellte, war die Herausgabe seines Reisewerkes, und dafür verband er sich mit den ersten Gelehrten in Paris. Zuvor aber besuchte er noch seinen Bruder in Eom, bestieg mit Gay Lussac und Leopold v. Buch den Vesuv und stattete auch seiner Heimath Berlin einen Besuch ab. Hier wurde er durch die politischen Vorgänge nach der Schlacht bei Jena zwei Jahre im Staatsdienste festgehalten. Der patriotische Mann wollte seinem gebeugten Vaterlande die erbetenen Dienste nicht versagen; aber eine bleibende Anstellung lehnte er ab. Eine herrliche Frucht dieser Zeit sind seine „ Ansichten der Natur " eine Reihe von Schilderungen aus dem Leben des fernen Kontinents, „ bedrängten Gemüthern gewidmet ".
Mit diesen bezaubernden Naturgemälden war der grosse Reigen der po-pulär-naturwissenschaftlichen Literatur eröffnet!
Die Herausgabe des grossen Reisewerkes beschäftigte Humboldt 16 Jahre, von 1809 bis 1825, und daneben erschienen dann noch einige besondere Werke. Im Jahr 1822 traf Humboldt mit dem König von Preussen in Italien zusammen, und der preussische Monarch gewann ein solches Interesse an dem grossen Manne, dass er ihn einlud, nach Berlin überzusiedeln und ihm als Rathgeber für die wissenschaftlichen Vorgänge im Staatsleben zur Seite zu stehen. Diese Einladung stimmte mit Humboldt's Wunsche überein, in die Nähe seines Bruders zu kommen, der sich nach dem Austritt aus dem Staatsdienste auf dem Schlosse Tegel niedergelassen. Im Frühjahr 1827 erfolgte die Uebersiedelung nach Berlin. Um die Resultate seiner Forschungen auch einem grösseren Publikum zugänglich zu machen, begann Humboldt am 3. November 1827 seine Vorträge über physische Weltbeschreibung. Die Theilnahme, welche sich in allen gebildeten Klassen für diese Vorträge an den Tag legte, verursachte einen so ausserordentlichen Andrang, dass selbst die grosse Halle der Singakademie nicht ausreichte, die Zuhörer zu fassen, und Humboldt sich gezwungen sah, eine zweite Reihe von Vorträgen zu eröffnen. So entwarf er in 61 Vorlesungen in ebenso klar verständlicher als begeisternd fortreissen- derWeise ein Gemälde des Weltalls, das er später seinem berühmten Schriftwerke Kosmos zu Grunde legte. Die Zunftschranken des Gelehrtenthums waren mit diesen Vorträgen durchbrochen, der Sinn für Naturgenuss und Naturstudium erwachte allgemein, und die Naturkenntnisse strömten befruchtend auf alle Kreise des geselligen und staatlichen Lebens.
Aber ehe Humboldt an die Ausarbeitung und Veröffentlichung seiner denkwürdigen Vorträge ging, ergriff er noch einmal, wiewohl bereits 60 Jahre alt, den Wanderstab. Längst hatte er den Wunsch gehegt, die Hochgebirge und ausgedehnten Hochlande Asiens zu durch- wandern, um zwischen ihnen und dem amerikanischen Gebiet Vergleichungen anzustellen. Im Jahre 1828 machte ihm der Kaiser von Russland das Anerbieten, seine Reise auf Kosten der Regierung ausschliesslich zur Förderung der Wissenschaft zu unternehmen. Humboldt nahm das Anerbieten an und vereinigte sich mit den Naturforschern Rose und Ehrenberg.
Vor seiner Abreise nach Petersburg leitete er noch in Berlin die Versammlung deutscher Naturforscher, und in seiner begeisterten Eröffnungsrede bezeichnete er die Naturwissenschaft als die vermittelnde Macht, welche Entfernung, Verschiedenheit und Schranken in Leben, Glauben und bürgerlicher Verfassung aufhebe und zur geistigen Einheit des zerrissenen Menschengeschlechtes führe.
Wir können die kühnen Reisenden auf ihrem Zuge nach dem Ural, dem Altai und der Tartarei nicht verfolgen und können auch die reiche Ausbeute, welche die Reise vom Frühjahr bis in den November 1829, während 87-2 Monaten, zu Tage förderte, nicht namhaft machen; wir führen nur eine von den schönen Schilderungen an: „ Auf dem Bergrücken von Mittelasien breiten sich, wenn auch nicht die höchsten, doch die grössten Steppen der Welt aus. DieVegetation der asiatischen, bisweilen hügeligen und durch Fichtenwälder unterbrochenen Steppen ist gruppenweise viel mannigfaltiger als die der amerika- A v. Humboldt.
nischen. Der schönere Theil der Ebenen, von asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Sträuchern geschmückt. Wie die heisse Zone sich im Ganzen dadurch auszeichnet, dass alle Vegetation baumartig zu werden strebt, so charakterisirt einige Steppen der asiatischen gemässigten Zone die wundersame Höhe, zu der sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tartarischen Fuhrwerken sich durch weglose Theile dieser Krautsteppen bewegt, kann man nur aufrecht stehend sich orientiren und sieht die waldartig dicht gedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen, immergrünen, gegliederten Ratipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von flechtenartig aufspriessendem Salze, das ungleich, wie frisch gefallener Schnee, den lettigen Boden verhüllt. Diese mongolischen und tartarischen Steppen, durch mannigfaltige Gebirgszüge unterbrochen, scheiden die uralte, langgebildete Menschheit Tibet's und Hindostan's von den rohen nordasiatischen Völkern. Auch ist ihr Dasein von mannigfaltigem Einflüsse auf die wechselnden Schicksale des Menschengeschlechtes gewesen. Sie haben die Bevölkerung gegen Süden zusammengedrängt, mehr als die Gebirge den Verkehr der Nationen gestört und im Norden Asien's der Verbreitung milderer Sitten und des schaffenden Kunstsinns unwandelbare Grenzen gesetzt. Aber nicht als hindernde Vormauer allein darf die Geschichte die Ebene von Innerasien betrachten. Unheil und Verwüstung hat sie mehrmals über den Erdkreis gebracht. Hirtenvölker dieser Steppe haben die Welt erschüttert. Wenn in dem Lauf der Jahrhunderte frühe Geisteskultur, gleich dem erquickenden Sonnenlicht, von Osten nach Westen gewandert ist, so haben späterhin in derselben
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Richtung Barbarei und sittliche Rohheit Europa nebel-artig zu überziehen gedroht. "
Die nächste Arbeit war es nun, die Ergebnisse der asiatischen Reise zu veröffentlichen; das Werk wurde, gleich dem grossen amerikanischen Reisewerke in fran-zosischer Sprache verfasst.
Von nun an lebte Humboldt fast ausschliesslich in Berlin seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen. Im Jahr 1835 verlor er seinen Bruder, später auch seinen Freund Leopold v. Buch; sein amerikanischer Reisegefährte Bonpland war 1818 wieder nach Amerika zurückgekehrt, und so war auch er für Humboldt verloren, obgleich er erst 1858 im 85. Lebensjahre in Amerika starb. Auch seinen königlichen Freund, Friedrich " Wilhelm III., verlor Humboldt im Jahre 1840, und obgleich er zu dessen Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., in das gleiche Verhältniss eines wissenschaftlichen Rathgebers trat, so gestalteten sich doch die Verhältnisse am Hof für ihn höchst unangenehm. Eine Stellung im Staatsdienste, sowie einen Lehrstuhl an der Universität lehnte er beharrlich ab. Er bewahrte sich die Unabhängigkeit wie der Gesinnung so auch der äussern Lebensstellung. Er hatte sich gewöhnt, während der längsten Zeit seines Lebens sich mit 4 Stunden Schlaf zu begnügen, und erst das vorrückende höhere Alter nöthigte ihn, sich etwas längere Ruhe zu gönnen. So war es ihm möglich geworden, sogar noch eine höchst ausgedehnte Korrespondenz zu besorgen; jährlich empfing und beantwortete er gegen 2000 Briefe.
So hoch Humboldt als Forscher und Gelehrter stand, so hoch steht er auch als Mensch und Bürger. Mit dem regsten Interesse, mit innigster Theilnahme verfolgte er die Entwicklung der öffentlichen Verhältnisse, wirkte A. v. Humboldt.
in Nordamerika für die Abschaffung der Sklaverei, schützte in Deutschland freisinnige Männer vor Verfolgung und benutzte seine hervorragende Stellung, um den Fortschritt, die Aufklärung und die Freiheit zu fördern. Nichts hat den Abend seines Lebens mehr getrübt als der zeitweilige Rückschritt in der politischen Entwicklung, der ihm gegen Vertraute manche bittere Klage entlockte. Und dennoch verlor er den Muth nicht; bei jeder Wahl erschien der Greis an der Wahlurne und gab seine Stimme offen den Vertretern der freisinnigsten Richtung. Die Hoffnung, ja mehr — die Ueberzeugung, dass das Menschengeschlecht zur Freiheit bestimmt sei, dass es dieses Ziel erreichen müsse, verliess ihn nicht und tröstete ihn in der oft trüben Gegenwart. Humboldt's Herz schlug warm für.das Wohl der gesammten Menschheit und für die Geschicke der Einzelnen. Dafür sprechen seine Schriften und seine Thaten. Einen grossen Theil seines Einkommens verwendete er für Zwecke der Wohlthätigkeit, die er sorgfältig vor der Oeffentlichkeit verhüllte. Wie viele aufstrebende Talente er mit liebenswürdigster, Zuvorkommenheit, ja unter Aufopferung auf ihrem Wege gefördert hat, ist bekannt. Nicht minder, wie bereitwillig er die Verdienste Anderer anerkannte und ihnen Geltung zu verschaffen wusste. Seinen Freunden widmete er eine treue, unerschütterliche Anhänglichkeit.
Im Jahre 1844, also im 75. Lebensjahre, gab Humboldt den ersten Band seines weltumfassenden Kosmos heraus, den er bescheiden den „ Entwurf einer physischen Weltbeschreibung " nannte. In diesem gross artigen Werke sucht er in einer edlen, jedem gebildeten Denker verständlichen Sprache die grosse Aufgabe zu lösen, die Erscheinung der körperlichen Dinge in ihrem allgemeinen
Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganze aufzufassen, den Zusammenhang aller Dinge, die Einheit in der Vielheit der Erscheinungen darzuthun und hiedurch alle Kreise der gebildeten Welt für das Studium der Natur zu gewinnen. Und es gelang ihm dies in solchem Masse, dass man sagen kann, kein Buch im Gebiete der Naturwissenschaften hat je solchen Erfolg gehabt! 1858 erschien der vierte Band und am 6. Mai 1859 wurde der rastlose Greis, fast 90 Jahre alt, vom Todesengel abberufen. Seine irdischen Reste ruhen an der Seite des geliebten Bruders in Tegel auf dem Begräbnissplatze der Familie, den die von Thorwaldsen gearbeitete Bildsäule der Hoffnung schmückt; sein Geist aber wirkt in der Menschheit fort, für die er eine neue Stufe der Entwicklung „ anbahnte. Mit Humboldt verlor die Welt einen der universellsten Geister des Jahrhunderts, einen der edelsten Menschen, dessen fleckenloses Leben und von Selbstsucht freier Charakter ihm die Zuneigung und Gunst der Grossen, aber auch die " Verehrung und Hochachtung aller gebildeten Zeitgenossen erwarb!
Es kann mir nicht gelungen sein, ein würdiges Bild des grossen Mannes zu entrollen; denn das Grosse lägst sich nicht in einen kleinen Rahmen fassen; aber es ist mir vielleicht gelungen, die Clubgenossen neuerdings für den edlen Forscher zu interessiren, die Erinnerung an « eine auf das Ganze gerichteten Bestrebungen wachzurufen, seine Ansichten über einen veredelten Naturgenuss aufzufrischen und in ihm das Ideal des schweizerischen Alpenclubs hinzustellen.
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