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Kunst
Der surreale Akt
Wenn der Name Gunter Sachs fällt, dann folgt gleich darauf St. Tropez. Dieser kleine französische Badeort an der Côte d’Azur ist mit dem Lebemann Sachs fest verbunden. Hier inszenierte er seinen ganz persönlichen 68er-Protest, seine ganz eigene Idee von freiem Leben und freier Liebe. Hier flirtete er mit Kaiserin Soraya, war drei Jahre mit Brigitte Bardot verheiratet und bestimmte mit allerlei tatsächlichen und fantasierten Frauengeschichten die internationale Klatsch- und Tratschpresse. Doch Gunter Sachs wäre heute nicht Gunter Sachs, wenn er sich damit begnügt hätte. "Stillstand durfte es in seinem Leben nicht geben", schreibt Michael Krüger über Sachs in seinem Vorwort.
Sachs verbrachte seine Jugend größtenteils auf diversen Internaten in der Schweiz. Anschließend studierte er ganz bieder Mathematik und Ökonomie, schließlich gründete einer seiner Großväter die Opel-Werke. Doch als er in den fünfziger Jahren nach Paris zieht, ist es nicht die Börse im Zentrum der französischen Metropole, der er sich zuwendet, sondern die in der Stadt pulsierende Galerie- und Kunstszene. Er beginnt, Werke der zeitgenössischen Kunst, die Neuen Realisten (Nouveaux Réalistes) und die Pop Art, zu sammeln. Sachs wird zum Kunstanhänger, zu einem wahren Kunstmäzen. 1967 zeigt er erstmalig seine schon damals beeindruckende Privatsammlung in der Villa Stuck in München. Zwei Jahre später dann der legendäre Umzug in die umgestaltete Turmwohnung des Palace-Hotels in St. Moritz. Als das "einzig wahre Happening der Pop Art" bezeichnet er selbst den Umbau des Appartements durch die Granden der Pop Art, darunter Yves Klein, Roy Lichtenstein und Andy Warhol. Sie machten sein privates Refugium zu einem bewohnbaren Kunstwerk.
Andy Warhol war schon damals einer der besten Freund Sachs’ und ihm widmet er zu Beginn der siebziger Jahre auch die erste Ausstellung in der eigenen Hamburger "Galerie an der Milchstraße". Die Ausstellung drohte zu einer Farce zu werden, denn niemand wollte die Werke kaufen. Sachs greift schließlich selbst zu und kauft einen Großteil der Exponate - als Kunstmäzen, Galerist und cleverer Geschäftsmann. Eine Ausstellung im Leipziger Museum der Bildenden Künste widmete sich kürzlich der Sammlung von Gunter Sachs.
Zu dieser Zeit wird er auch selbst zum Künstler. Sachs beginnt, Dokumentarfilme zu drehen und zu fotografieren - als Autodidakt. Zunächst waren es die Dokumentarfilme, denen er sein Herzblut weihte. Insgesamt sechs Filme drehte er und alle liefen auf den bekanntesten Filmfestivals weltweit, einige wurden sogar prämiert. Doch ein paar widerspenstige Nilpferde brachten ihn dazu, vom Dokumentarfilm Abschied zu nehmen und Fotograf zu werden. Es waren dann vor allem schöne Frauen, die der Fotograf ablichtete und einfallsreich in Szene setzte, Claudia Schiffer war sein Lieblingsmodell. Gunter Sachs war es, der den ersten Akt auf den Titel der französischen Vogue brachte. Damit startete er eine fast einmalige Karriere als Modefotograf. Es ging ihm dabei jedoch nie allein um das Ablichten weiblicher Nacktheit, sondern um ein völlig neues Verständnis von Fotografie im Sinne des modernen Surrealismus. Die Nacktheit der Modelle geht mit den vielfältigen Formen und Farben in seinen Bildinszenierungen eine ganz einzigartige Symbiose ein. Bis ins absurde verfremdete Sachs dabei die oft natürlichen Gegebenheiten der Inszenierung allein durch die Mittel der Perspektive und der Belichtungszeit.
Wie ihm das gelingt und welches Gespür er für das Überhöhen der alltäglichen Formen und Farben besitzt, wird in dem Bildband "Von Kunst, Kult und Charisma" deutlich. Die insgesamt 110 Farb- sowie 20 Schwarz-Weiß-Abbildungen zeigen nicht nur die Ergebnisse seiner Arbeit, sondern dokumentieren auch deren Entstehungsgeschichte und berichten aus dem Leben des Gunter Sachs. Gunter Sachs, milliardenschwerer Unternehmer, begeisterter Kunstsammler und beeindruckender Künstler. Dass er gleichzeitig als letzter verbliebener Gigolo gilt, wird da fast zur Marginalie. Und dennoch schwebt in den ausdrucksstarken Fotografien etwas von dem Charme des Casanovas Gunter Sachs und erzählen von der besonderen Beziehung zwischen dem Fotograf und seinen Modellen.