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Für undogmatische Linke war Mike Davis immer ein verlässlicher Referenzpunkt. Der marxistischen Tradition insofern treu, als sich seine Bücher der Analyse von Klassenverhältnissen und politischer Ökonomie widmeten, gleichzeitig aber zu antiautoritär, um sich von irgendeiner Orthodoxie an die Kette legen zu lassen. Und: Er war ein Vordenker des ökologischen Materialismus. Wenn Davis über soziale Verhältnisse schrieb, hatte er stets auch die Umweltbedingungen im Blick.
Dass Davis, der 1946 in proletarischen Verhältnissen geboren wurde – seine Eltern waren während der grossen Wirtschaftskrise als Wanderarbeiter:innen durch die USA gezogen –, kein klassischer Intellektueller war, sieht man schon an seiner Publikationsliste. Sein erstes Buch veröffentlichte er im Alter von vierzig Jahren, nachdem er sich zuvor unter anderem als Lastwagenfahrer, Fleischer und Buchhändler durchgeschlagen hatte. In seiner Jugend sei er ein ziemlich durchschnittlicher «Redneck» gewesen, erklärte Davis in einem Interview: «Autos klauen, Rennen fahren und Ärger bekommen.» Der frühe Tod seines Vaters hatte die Familie in ökonomische Not gestürzt und zwang Davis, schon als Jugendlicher arbeiten zu gehen.
Prophet der Unruhen
Durch die Student:innenorganisation Students for a Democratic Society in den sechziger Jahren politisiert, bemühte sich Davis mit Ende zwanzig dann doch noch um einen Studienabschluss. In der Folge lebte er einige Jahre in Grossbritannien, wo er Mitherausgeber der marxistischen «New Left Review» wurde.
International bekannt wurde Davis jedoch erst ab 1990 mit «City of Quartz», einer stadtsoziologischen Untersuchung über Los Angeles. Das 460 Seiten dicke Buch machte aus dem Autor einen gefragten Intellektuellen, der auch in bürgerlichen Zeitungen wie der «Los Angeles Times» Gehör fand. Der Ausbruch der antirassistischen Unruhen 1992 bewies, wie richtig er mit seiner Kritik an der sozialen Ungleichheit gelegen hatte – das Buch wurde zum Bestseller.
Während sich andere Autor:innen auf dieser Expertenrolle ausgeruht und eine ruhige akademische Karriere eingeschlagen hätten, begab sich Davis auf die Suche nach neuen Forschungsfeldern. Er war zu neugierig, um den Rest seines Lebens bloss als Stadtsoziologe durch die Welt zu reisen.
2001 veröffentlichte er das ebenfalls bahnbrechende Buch «Geburt der Dritten Welt», in dem er den Zusammenhang zwischen Klimaereignissen, Kolonialherrschaft und Hungersnöten anhand der britischen Besetzung Indiens untersuchte. Eine zentrale These darin lautete, dass nicht Wetterereignisse an sich, sondern erst die Verbindung von Kolonialstrukturen und Klimaphänomenen die Hungerkatastrophen in Indien verursacht hatten.
Dass sich Davis einem sozial-ökologischen Materialismus verpflichtet fühlte, mit dem er die Verschränkung von Natur- und Klassenverhältnissen analysierte, zeigte auch sein Buch von 2005 über die Vogelgrippe. Auch wenn sich Davis’ Befürchtung, die industrielle Landwirtschaft und der massenhafte Einsatz von Antibiotika würden der Welt eine globale und verheerende Vogelgrippepandemie bescheren, in dieser Form nicht bewahrheitete, sollte sich seine These als prophetisch erweisen. Das Überspringen des Covid-Erregers auf den Menschen hatte mit der Zerstörung natürlicher Lebensräume zu tun, die Ausbreitung der Seuche erfolgte entlang kapitalistischer Lieferketten.
Reportagenhaft und literarisch
Nur ein Jahr später veröffentlichte Davis erneut ein bemerkenswertes Buch. In «Planet der Slums» analysierte er den globalen Urbanisierungsprozess. Zum ersten Mal in der Geschichte lebten mehr Menschen in Städten als auf dem Land, konstatierte Davis, gleichzeitig wisse der Kapitalismus aber nicht, wohin mit den Leuten. Angesichts der aggressiven Abschottung im Norden «verbleiben als Unterbringungsmöglichkeit für die überschüssige Menschheit dieses Jahrhunderts nur die Slums». Megacitys wie die afrikanischen Zwanzig-Millionen-Städte Lagos und Kinshasa verweisen darauf, was Massenverelendung im 21. Jahrhundert bedeutet.
«Das Bemerkenswerte an Davis ist für mich, dass er seiner Sache gegenüber immer loyal geblieben ist, er sich immer die rebellische Perspektive bewahrt hat», sagt Theo Bruns vom Verlag Assoziation A, wo die meisten von Davis’ Titeln auf Deutsch erschienen sind. «Das Zweite, was ihn ausgezeichnet hat, war seine Sprache. Er hat reportagenhaft und literarisch geschrieben.» Dem Einwand mancher Kritiker:innen, in diesem Zusammenhang sei die wissenschaftliche Seriosität bei Davis manchmal zu kurz gekommen, kann der Verleger nicht zustimmen. «Er war ein scharfer Kritiker der Verhältnisse und hatte immer eine These. Aber er hat stets auch gut belegt, warum er etwas behauptete.»
Davis, dem schon vor längerer Zeit Krebs diagnostiziert worden war, zeigte sich in einem letzten grossen Interview in diesem Sommer gewohnt kämpferisch. In erster Linie sei er extrem wütend, stellte er in selbstironischem Ton fest: «Wenn ich etwas bedauere, dann, dass ich nicht im Kampf oder auf einer Barrikade sterbe, wie ich es mir immer romantisch vorgestellt habe.»