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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

II. Rede
4.
Weder Menschen noch anderen Wesen ist ― ich weiß es ― Anarchie und Unordnung vorteilhafter als Ordnung und Obrigkeit. Für Menschen ist sie am allerschlimmsten, da sie mehr Gefahren ausgesetzt sind. Wenn sie nicht das erste Gebot der Vernunft, Abwege zu meiden, beachten, ist es wichtig, daß sie sich doch nach dem zweiten Gebot der Vernunft richten, nämlich sich vom Abweg zurückführen zu lassen. Da diese Forderung gut und gerecht erschien, so ist der Wunsch, alle sollen regieren, nach meinem Dafürhalten nicht weniger schlimm und ordnungswidrig wie das Verlangen, keiner solle die Herrschaft übernehmen1. Würden alle die Führung, mag man sie als Würde oder als Vorrang bezeichnen, von sich weisen, dann würde das schöne Ganze der Kirche größtenteils verstümmelt werden, und es würde seine Schönheit verlieren. Wo würde bei uns noch Gott von jemandem die geheimnisvolle, erhebende Verehrung, die an Größe und Würde alles bei uns übertrifft, erhalten, wenn König und Führer, Priestertum und Opfer und alles fehlt, was den Treulosen in alter Zeit wegen ihrer großen Sünden zu schwerster Bestrafung entzogen worden war2?
1: D. h. wenn es nun einmal außer den Irrenden auch Führer geben muß, dann ist die Forderung, das Volk und nicht ein einzelner soll Regent sein, ein Unsinn.
2: Vgl. Osee 3, 4.