Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03404.jsonl.gz/1452

Komponist*innen-Förderpreisträgerin
Sara Glojnarić
Essay
Ihrem Stern folgendvon Iva Lovrec Štefanović
Astrolog*innen würden Geburtstage sicherlich als Prophezeiungen deuten, aber die Tatsache, dass Sara Glojnarić (in Kroatien, zu Beginn des Kriegsjahres 1991) nicht nur am Geburtstag ihrer Mutter, sondern auch am Geburtstag der Pop-Ikone David Bowie geboren wurde, könnte als einer der Meilensteine auf ihrer Reise ad astra betrachtet werden.
Die Musik, mit der sie als Kind umgeben war, erwies sich als natürlicher Wegweiser für sie. Sara Glojnarić konzentrierte ihre musikalische Ausbildung auf die Komposition und erwarb ihre Grundlagen-Kenntnisse bei Professor Davorin Kempf (ebenfalls Schüler eines der bedeutendsten kroatischen Kompositionslehrer des 20. Jahrhunderts, Stjepan Šulek, der auch Milko Kelemen unterrichtete, einen Komponisten, der Zagreb in Richtung Stuttgart verließ, wo er ein wichtiger Musikprofessor wurde). Sara Glojnarić ging als Erasmus-Studentin nach Stuttgart und blieb dort – bis zum Ende ihrer Ausbildung und später in der neuen Klasse von Martin Schüttler. Sie machte diese Stadt zu ihrem Lebensraum, zu einem Knotenpunkt, dessen Wege überall hinführen – sowohl in kreative Richtungen als auch zu tatsächlichen Reisen, Seminaren, Aufenthalten oder Besuchen.
Die Öffnung zu einer Welt, die ganz natürlich in ihre eigene eindrang, gab der jungen Komponistin einen Raum zum Spielen und Experimentieren, aber auch für tiefgründige Überlegungen über die Gesellschaft, die Ungerechtigkeit oder das Erbe des Jahrhunderts, in dem sie geboren wurde, aus der Erinnerung und Nostalgie eines anderen.
Mit der Hilfe von Professor Schüttler beherrscht sie ganz unterschiedliche kreative Ausdrucksformen, wie den Einsatz von Video, Multimedia und Schnitt, und räumt dabei alle Vorurteile gegenüber nicht-klassischem Musikmaterial sowohl aus der Geschichte als auch aus der Gegenwart aus dem Weg. Das Leben im Strudel neuer Ideen brachte Sara Glojnarić neue Herausforderungen und erste wichtige Auszeichnungen, wie die in Darmstadt 2018 für eine einzigartige Idee und Umsetzung eines Stücks, nämlich einer Installation unter dem Titel #popfem2, in der sie akribisch und gekonnt Aufnahmen von Anhörungen des US Supreme Court zu einer einzigartigen collagierten Aussage über die frauenfeindliche Gesellschaft und das System kombiniert. Eine originelle Denkweise, die folglich die Bearbeitung des Videomaterials sowie das endgültige Kunstwerk und den Ausdruck bestimmt, offenbart Sara Glojnarić als Miniaturistin, geduldige Entdeckerin und Aktivistin für die Rechte der Frauen und für die Menschheit als solche, die sie als eine Welt gleicher, d.h. gleichberechtigter Individuen wahrnehmen möchte.
Das humorvolle und doch tief nachdenkliche Werk This Champagne Is Burned (2021) setzt diese Linie fort und eröffnet neue Horizonte, die die Unvereinbarkeit von Übersetzung (und Synchronisation) entlarven. Diese Videoarbeit, die im klassischen Bollwerk der Avantgarde, Darmstadt, präsentiert wurde, hierarchisiert (und stellt) Aussagen und Auftritte von Karlheinz Stockhausen und Dolly Parton nebeneinander, deren Hit Jolene wie die Promenade aus Bilder einer Ausstellung und der Schlussclip aus der ikonischen Fernsehserie Dynasty wie ein manieristischer Vers aus dem Frühbarock in Concetto-Manier untermalt ist.
Sara Glojnarić, die als Kind am Ende des 20. Jahrhunderts geboren wurde, erforscht, seziert und fügt dies erfolgreich zu ihren eigenen Botschaften zusammen. Aber nicht nur auf der Ebene der Analyse und Gegenüberstellung von Videomaterialien, sondern auch als groß angelegte Untersuchung der Popmusik und ihrer Klangfetische formt sie dann in ihrem Sugarcoating-Zyklus, dessen vierte Episode (sugarcoating#4) für großes Orchester bei einem Sonderkonzert des Festivals Wien Modern (im November 2022) mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, interessante sugar-coated (dt. zuckerüberzogene) Kompositionen, die in einer Studie von einer Million Popsongs die dichteste Ableitung ihrer Erkundungen zeigen: Die Lautstärke, die sich durchsetzt, die Tonhöhe und die durch Wiederholungen und Loops reduzierten und komprimierten Texturen. Und gerade die Dichte, die daraus entsteht, ist die Definition eines Orchesterstücks, das sich den Musiker*innen fast wie eine sportliche Disziplin präsentiert, mit hohem Anspruch und Virtuosität, wie Sara Glojnarić selbst einmal in einer Erläuterung hervorhob. Glojnarić ist zwar die jüngste Preisträgerin des kürzlich verliehenen Erste Bank Kompositionspreises und die einzige außerhalb Österreichs, die jemals ausgezeichnet wurde, doch ist dies nur eine in einer Reihe von Auszeichnungen und Ehrungen, die sie bereits erhielt– vom Ivo Vuljević-Preis für junge Musiker*innen und dem Porin-Preis in ihrem Heimatland Kroatien, bis hin zu bedeutenden Auftragswerken, darunter auch neue Opern, an die Sara Glojnarić stets frisch als Teammitglied herangeht, wobei sich ihr untrügliches Gespür für die Anziehungskraft der Musik in solchen Formaten als besonderes Merkmal des Gesamtwerks entpuppt. Von der Kinderoper Žabica kraljica über die als für Erwachsene (18+) bewertete Oper Im Stein, die aufgrund der Pandemie unerwartet im Filmformat nach dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer, der auch das Libretto schrieb, entstand (eine Oper, die mit Details aus der Welt der Prostitution und des düsteren Untergrunds den Blick auf existenzielle Realitäten nach dem Mauerfall öffnete), bis hin zu den jüngsten Herausforderungen, die sie mit Erfolg in Angriff nahm. Derzeit komponiert sie ihre neue Oper.
Sara treibt Sport, zwar auf Amateurebene, aber dennoch, und Triathlon ist die Disziplin, die sie in gewisser Weise auch in ihrem künstlerischen Leben verfolgt, mit drei Uraufführungen in drei Wochen Ende letzten Jahres. Die Verbindung zu dieser sportlichen Disziplin zeigt sich auch in einer neuen Serie von Kompositionen, die sie mit Latitudes für ein präpariertes Klavier begonnen hat. Eine sauber und kreativ gestaltete Website, die Zusammenarbeit mit einem Verleger, Präzision bei der Einhaltung von Plänen und Fristen – man könnte sagen, Pure Bliss, um den Titel ihrer jüngsten Komposition für das Klangforum Wien in Erinnerung zu rufen, eine Komposition, die nach ihrer Uraufführung in Wien durch europäische Festivals touren und den Ausgangspunkt von Saras steiler Karriere erreichen wird – Zagreb und seine berühmte Musikbiennale, die gerade von (dem bereits erwähnten) Milko Kelemen ins Leben gerufen wurde.
Der Sternenstaub, der von David Bowie und seiner nonkonformistischen und freien Kreativität in die Welt gestreut wurde, ist ganz sicher auf Sara Glojnarić gelandet, die unbelastet von Kategorien und Klassifizierungen, die oft mit der Musik einhergehen, ihren Blick in den Himmel richtet und manchmal mit einem überraschenden Blick auf unsere Gegenwart, auf die wesentlichen Begriffe und Ansichten im Leben, immer fantasievoll und immer sehr menschlich, antwortet.