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Ray Eames stand zeitlebens hinter ihrem Partner Charles zurück – zu Unrecht, wie eine Veranstaltung im Vitra Haus zu belegen versuchte. Vitra ehrt zudem die Entwerferin mit einer eigenen Strasse auf dem Firmengelände in Weil am Rhein.
Sie gehörte zum berühmtesten Duo der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts und war damit an der Entwicklung vieler epochemachender Sitzmöbel beteiligt, die bis heute hergestellt werden und in zahlreichen Büros und Wohnungen anzutreffen sind. Trotzdem ist über Ray Eames’ Arbeit erstaunlich wenig bekannt. Wann immer ausnahmsweise der Fokus auf sie und nicht ihren Lebens- und Arbeitspartner Charles Eames fiel, interessierte man sich vor allem für die Frage, wie wichtig oder nebensächlich ihr Beitrag für die Entwürfe aus dem Eames Office in Kalifornien gewesen sein mögen, und weniger dafür, worin der Inhalt dieser Beiträge eigentlich bestand.
Am vergangenen Samstag jährte sich Rays Geburtstag zum 100. Mal – auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein wurde aus diesem Anlass eine bisher namenlose Strasse auf den Namen der am 15. Dezember in Sacramento geborenen Amerikanerin getauft. Zwei kurze Referate von Eames Demetrios, dem Enkel von Charles Eames – Ray und Charles hatten keine gemeinsamen Kinder – und von Architekt und Autor Joseph Giovannini verschafften bei dieser Gelegenheit Einblicke in Rays Schaffen.
Während Demetrios den etwas unverfänglicheren Part übernahm, Rays Biographie mit einigen wenig bekannten historischen Fotografien vorzustellen, bezog Giovannini eindeutig Stellung gegen eine Position, die Rays Rolle im Eames Office zu marginalisieren versucht. Eine solche Auffassung vertrat jüngst etwa Marilyn Neuhart – immerhin ehemalige Mitarbeiterin des Eames Office – in ihrem zweibändigen Werk zu den Eames-Möbeln. Neben einigen herablassenden Bemerkungen zu Rays sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten beschreibt sie dort, wie Ray Vorgaben für den Schwarzton einer Liege machte, die das Büro für Billy Wilder entwickelt hatte und die bis heute als Soft Pad Chaise auf dem Markt ist. Der Anekdote zufolge brachte Ray eine frische Aubergine als Farbmuster mit und stellte die Mitarbeiter damit vor eine schier unlösbare Aufgabe, da sich nicht nur das violett schimmernde Schwarz für den Aluminiumfuss kaum realisieren liess, sondern das Gemüse auch noch mit jedem Tag den Farbton änderte.
Dass in Neuharts Episode Ray die Farbe für den fertigen Entwurf beisteuert, ist indes kein Zufall. Rays Beitrag auf die Sphäre der Hausfrau zu beschränken, ist weit verbreitet. Dazu gehörte neben der Farbgebung vor allem die Dekoration, die eine Rolle spielte, wenn es darum ging, die Eames-Möbel für ein Fotoshooting zu arrangieren. Die Entwurfsarbeit und die eigentliche Entwicklung der Möbel fiel demnach eindeutig Charles oder einem Mitarbeiter wie Don Albinson zu.
Sinn für Farbe und Form
Gegen eine solche Vorstellung der Eames’schen Arbeitsteilung argumentiert Giovannini, indem er einen Blick auf Rays Schaffen wirft, bevor sie Charles an der Cranbrook Academy of Art in der Nähe von Detroit 1940 kennen lernt. Ray belegte über mehrere Jahre hinweg Meisterkurse beim Maler Hans Hofmann, der Anfang der Dreissiger Jahre aus Deutschland in die USA emigriert war und in New York moderne Kunst lehrte. Zentrales Anliegen seiner Lehre war es, abstrakte Gebilde nicht bloss als Flächen, sondern als voluminöse Körper mit räumlicher Tiefe aufzufassen. Betrachtet man Rays Bilder aus jener Zeit, wird augenscheinlich, was damit gemeint ist: Die amorphen Flächen überlagern sich auf hintereinander gestaffelten Ebenen, klappen nach vorne und nach hinten in den Bildraum und erhalten so selbst eine dreidimensionale Ausdehnung.
Giovannini gibt deshalb zu bedenken, dass man zu kurz schliesst, wenn man Rays Ausbildung zur Malerin vor allem als Grundlage für einen unfehlbaren Sinn für Farben sieht. Tatsächlich ist die Verwandtschaft der elegant gekurvten Umrisse vieler früher Möbel des Eames Office, aus denen die späteren häufig abgeleitet werden, mit den Zeichnungen und Bildern von Ray unübersehbar. Dazu passt auch, dass für die Form einer Skulptur aus Formsperrholz, mit der in den frühen Vierziger Jahren die Möglichkeiten des Materials demonstriert werden sollten, Ray Eames ausnahmsweise schon zur Zeit der Entstehung als verantwortlich ausgewiesen wird, während Charles vor allem um die technische Umsetzung bemüht gewesen sein soll.
Inszenierung als Duo
Ein neuer Blick auf Rays Beitrag zu den Eames-Möbeln bedeutet bei all dem nicht, Charles’ Arbeit irgendwie abwerten zu wollen. Er war der Chef des Büros und legte damit die Projekte fest, leitete deren Entwicklung und arbeitete zweifellos sowohl an technischen als auch ästhetischen Lösungen. Es geht nur darum, Ray nicht als Mond zu begreifen, der bloss das Licht der Sonne Charles reflektiert, um es mit einem Bild Giovanninis zu sagen. Dieses Bild prägte das Paar im Übrigen zeitlebens. Dabei ist es gar nicht so, dass Charles Eames seine Frau und Partnerin absichtlich an den Rand gedrängt hätte. Entgegen der Gepflogenheiten jener Zeit inszenierten sich die beiden stets als Duo, posierten auf zahlreichen witzigen Bildern und schufen damit die Marke Charles und Ray Eames – ein Novum in der Welt des Designs der Fünfziger Jahre.
Trotzdem blieb Ray stets im Schatten ihres Mannes, was sowohl mit den Rollenvorstellungen der Frau in jener Zeit als auch den jeweiligen Persönlichkeiten der beiden zu tun haben mochte. Und vielleicht müsste man sagen, dass gerade weil die beiden gemeinsam auftraten, diese Rollen zementiert wurden. Symptomatisch dafür ist der unvergessliche Auftritt in der Sendung «Home» auf NBC, wo Charles 1956 den neuen Lounge Chair vorstellt (s. unten). Auf die Frage der Moderatorin Arlene Francis, warum er extra nach New York gekommen sei, meint Charles: Wir sind gekommen um unseren neuen Sessel vorzustellen. Francis erklärt dem Publikum das Wir und Unser mit dem Verweis, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine fähige und interessante Frau stehe. Damit betritt Ray die Bühne, um für ein paar Minuten lächelnd neben ihrem Mann zu stehen. Die rhetorisch gemeinte Frage, ob sie die Möbel erklären möchte, lehnt sie dankend ab und verschwindet damit wieder aus dem Bild, während Charles unübertroffen charmant und beredt die Entwürfe vorstellt.
Man kann Charles das Showtalent ebensowenig zur Last legen wie Ray das Unbehagen, auf der Bühne zu stehen. Trotzdem beeinflussen diese Charaktereigenschaften bis heute unsere Wahrnehmung des Paars, und wir sollten uns davor hüten, daraus vorschnelle Schlüsse über die inhaltliche Bedeutung ihrer Beiträge zu ziehen.