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oper
Bilder: The Birgit Nilsson Foundation
Gut Ding will Weile haben – dieses Sprichwort könnte speziell für Birgit Nilsson erfunden worden sein. Mit 22 hörte sie überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben eine Oper. Zum Vergleich: Nur ein Jahr später, mit 23, sang ihre gleichaltrige hochdramatische Kollegin Astrid Varnay bereits ihre erste Brünnhilde und Sieglinde, und beide an der Met, während Birgit Nilsson vorerst einmal sechs Jahre lang am Konservatorium in Stockholm studierte.
1946 endlich, mit 28 Jahren, hatte sie an der Königlichen Oper ihr Debüt: Am 9. Oktober 1946 sang sie die Agathe im «Freischütz», Leo Blech dirigierte. Alles andere als ein grosser Erfolg. Dieser kam erst ein Jahr später mit Verdis Lady Macbeth unter Fritz Busch. «Eine wunderbare Partie, ich freute mich auf jede weitere Vorstellung wie ein kleines Kind auf Weihnachten.» Man glaubt nicht recht zu hören: Was für die meisten Sängerinnen eine der am meisten gefürchteten Partien ist, war für Birgit Nilsson wie Weihnachten. Verdis Lady verhalf ihr zum Durchbruch, allerdings vorläufig nur in Schweden.«Ich hatte immer schreckliche Komplexe! Was ich alles gezittert habe vor all diesen berühmten Kollegen und Dirigenten! Ich hatte zum Glück eine grosse Selbstdisziplin, und die hat mich gerettet. Aber ein Dirigent konnte mich sehr leicht aus der Ruhe bringen. In zehn Minuten kann ein Dirigent einen Sänger völlig fertigmachen.»
Und das sollte noch für einige weitere Jahre so bleiben: Jede neue Rolle – Venus, ihre erste Wagner-Partie (1947), Donna Anna (1948), ihre erste Partie, mit der sie sich Jahre später in Italien vorstellte, Lisa in «Pique Dame» sowie Wagners Sieglinde und die «Siegfried»-Brünnhilde (1949) – jede dieser Rollen sang sie vorerst nur in Schweden. «Ich war eigentlich gar nicht an Auslandgastspielen interessiert», gestand Birgit Nilsson im Rückblick, «denn in Stockholm hatte ich mir einen Namen gemacht. Ich wollte lieber zu Hause eine erstklassige Sängerin bleiben als in der grossen Welt vielleicht eine zweitklassige.» Auch später probierte sie fast ausnahmslos jede neue Partie zum ersten Mal am Königlichen Opernhaus in Stockholm aus. Erst im Jahr 1951 gelang es Fritz Busch, die Nilsson als Elettra in Mozarts «Idomeneo» ans Edinburgh Festival zu holen. Das wurde prompt ihr internationaler Durchbruch.
Alles braucht seine Zeit
Der Rest, würde man jetzt wohl sagen, ist Legende: Bayreuth, die Met, San Francisco, Chicago, La Scala, Covent Garden, Wien, Buenos Aires, München, Berlin, Paris. Und so weiter. Doch so einfach war es nicht, alles brauchte seine Zeit. Zum Beispiel in Bayreuth: 1953 debütierte Birgit Nilsson als Sopransolistin in Beet- hovens Neunter, ein Jahr später sang sie Elsa. Wieland Wagner fiel zwar vor ihr auf die Knie – aber er lud sie nicht mehr ein. Ihre erste Bayreuther Isolde sang sie folglich erst 1957, und zwar in Wolfgang Wagners Inszenierung.
Zu Wieland durfte sie erst 1962 wechseln (damals hatte sie bereits 88 «Tristan»-Vorstellungen hinter sich, was Wieland zweifellos nicht nur angenehm war); 1965 folgten die Brünnhilden in Wielands neuem «Ring». Karl Böhm dirigierte. Wieland Wagner sagte einmal: «Die Nilsson war berühmt, bevor sie gross wurde.» Überraschenderweise sah das Birgit Nilsson genauso: «Er hatte recht. Ich hatte mich in der Arbeit mit Wieland kolossal entwickelt. Sicher, ich war schon berühmt, bevor ich nach Bayreuth kam – aber noch nicht gross genug. Unter Wieland wurde ich grösser.» Betrübt war sie nur, dass es erst so spät zu dieser Zusammenarbeit kam. «Er liess mich fast zehn Jahre warten, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Was wäre geworden, wenn wir schon von Anfang an zusammengearbeitet hätten?»
Nun ja, ausser Bayreuth gab es ja zum Beispiel auch La Scala, wo sie am 7. Dezember 1958 zur Saisoneröffnung an der Seite von Giuseppe di Stefano die Turandot sang – einen ihrer grössten Triumphe. «Nun war meine Karriere gemacht, nun war ich auch in Italien ein Star.» Und es gab, sozusagen als drittes Standbein, die Wiener Staatsoper, wo sie 1957 ihre erste Premiere sang, Brünnhilde in Wagners «Walküre». Wien und La Nilsson – das wurde eine ganz besondere Liebesaffäre. Auch hier bei Höchstgagen, 28 Jahre lang. «Das lernte ich von Erich Kleiber», gestand sie später. «Er sagte mir: Frau Nilsson, Sie müssen sich rar machen. Immer Höchstgagen fordern und nie zu viel an einem Haus singen.»«Primadonnen-Allüren sind oft reiner Selbstschutz. Wir wollen nicht, dass jemand uns etwas Negatives sagt, wir wollen aufgebaut werden. Sänger sind eigentlich innerlich sehr klein. Sie haben eine Mauer um sich herum gebaut.»
La Nilsson im «Playboy»
Das vierte wichtige Standbein: die Metropolitan Opera in New York. Am 18. Dezember 1959 – das Datum ist in die Annalen der Met eingegangen – gab Birgit Nilsson ihren Einstand als Isolde. Ein Triumph ohnegleichen, und für die kommenden 16 Jahre wurde La Nilsson in New York zu einem besonderen Hype. «Ich glaube, dem New Yorker Publikum habe ich die besten Jahre meiner Karriere gegeben.» So kann man es sagen. Obwohl ein Kollege frotzelte: «Du hast nie wirklich Karriere gemacht, wenn du nicht im ‹Playboy› erschienen bist.» Typisch amerikanisch. Aber selbst das schaffte die Nilsson – mit einer Karikatur, die sie 1968 im «Playboy» als «Walküren»-Brünnhilde mit aus Eisen geschmiedetem, riesigem BH zeigt.«Heutzutage wollen alle Dirigenten sehr schnell sehr viel Geld verdienen. Man sieht sie erst bei der Orchesterprobe. Und manchmal nicht mal dort. Ich habe einige Vorstellungen ganz ohne Probe gesungen. Nicht bei Solti! Bei ihm gab es Klavierprobe um Klavierprobe und wer die Rolle nicht wirklich perfekt konnte, musste wieder antraben.»
Warum dieser Hype? «Sie war eine Klasse für sich», meinte Antonio Pappano. «Sie hat nie gebrüllt, sondern ein Maximum an Resonanzen mobilisiert. Sie hat auch nie auf die Stimme gedrückt – man hatte, wenn sie ihre berühmten hohen Schmettertöne losliess, nie das Gefühl von Kraft, sondern nur von grösstmöglicher Energie.» Nilssons erster Gesangslehrer pflegte, wenn seine Schülerin die grösseren vokalen Register zu ziehen begann und mit voller Pulle lossang, jeweils zu sagen: «Jetzt hat das Schiff Wind gekriegt.»
Genau so erlebte ich es selbst: Wenn Birgit Nilsson in Fahrt kam, im «Tristan», als Turandot oder Elektra, liess man sich noch so gerne auf diese Fahrt mitnehmen – da konnte nichts passieren, man durfte sich zurücklehnen und sich ganz dem Staunen öffnen. Vor allem bei den hohen Tönen, die sie mit einer Macht ohnegleichen über das Orchester bis in die hintersten respektive obersten Winkel des Zuschauerraums sandte. Es war, als würde jeder dieser Silbertrompetentöne einen Sieg verkünden und Mauern zum Einstürzen bringen. Trompeten von Jericho. Und regelmässig fiel das Publikum in einen entsprechenden Siegestaumel, über 50 Vorhänge nach einer «Elektra» kamen schon mal vor. Ihre hochexplosiv gestaltete Erkennungsszene mit Orest – das haute einen schlicht um, konnte zu Tränen rühren. Genauso wie ihr «Barak, ich hab es nicht getan» in Richard Strauss’ «Frau ohne Schatten».
Diva und Primadonna
«Keine wie sie», sagt Wotan im dritten Akt der «Walküre» über Brünnhilde. Worin lag das Geheimnis dieser einzigartigen Stimme? Die beste Antwort lieferte Birgit Nilsson wohl selbst: «Ich habe nie zu viel gesungen damals in meinen ersten Jahren in Stockholm, höchstens 25 Abende im Jahr. So ruiniert man die Stimme nicht.»
Gesungen aber hatte sie schon immer, bereits als Kind, und man musste sie nie besonders darum bitten. Dass sie eine aussergewöhnliche Stimme hatte, war ihr lange gar nicht bewusst. Eine Naturstimme, kein Zweifel. «Aber auch eine Naturstimme muss man pflegen und in den Griff bekommen», gab Birgit Nilsson zu bedenken. Und was schadet der Stimme? «Verkühlung – und Verliebtsein.»
Nicht nur die Opernfans lagen ihr zu Füssen, auch Dirigenten wussten um den Ausnahmerang dieser Sängerin. «Birgit, wenn du aufhörst zu singen, dann höre ich auch auf zu dirigieren», sagte Karl Böhm. Und nach einer besonders gelungenen «Tristan»-Vorstellung in Bayreuth meinte der Oberbürgermeister beim Nachtessen: «Frau Nilsson, wir möchten Sie gerne in Bayreuth begraben …»
Auf der Bühne war Birgit Nilsson die ungekrönte Diva. Privat hingegen war sie ganz anders, witzig und mit gesundem Humor gesegnet. «Primadonna kann man auf der Bühne sein, wenn man entsprechende Partien singt. Aber doch nicht im Leben! Das wäre mir viel zu mühsam. Vielleicht sind die Sängerinnen, die im Leben Primadonnen sind, nicht genug Primadonna auf der Bühne. Oder sie verwechseln das Leben mit dem Theater.»
Fast immer spielte Birgit Nilsson sozusagen übermenschliche Gestalten, Prinzessinnen, Königstöchter, Göttinnen. Elektra, Salome, Tosca, Turandot, Sieglinde, Brünnhilde, Lady Macbeth, Aida. Eine Ausnahme bildete Agathe im «Freischütz» – eine Partie, die ihr nicht wirklich lag. Eine Ausnahme war dann auch die Färberin in der «Frau ohne Schatten». Es war ihr letzte neue Partie, und es brauchte Jahre, um sie dazu zu überreden. Dem Regisseur Nikolaus Lehnhoff gelang es schliesslich, und er studierte die Partie mit ihr für das Rollendebüt in Stockholm 1975 ein. Es wurde einer ihrer späten, grossen Triumphe, und anschliessend sang sie diese ungemein anspruchsvolle Partie auch in München, Frankfurt, Wien, Hamburg, Berlin, Buenos Aires und San Francisco.«Wohl fühlt man sich, wenn ein Dirigent innerlich mitsingt, wenn er weiss, wo für den Sänger die schwierigen Stellen stecken, dann geht fast alles. Sonst gilt: Das eigene Tempo singen, die Augen schliessen und durch. Das hat oft geklappt.»
Der Schlussstrich
Die letzte neue Partie – und wann die letzte Vorstellung? «Es ist schwer, den Schlussstrich zur richtigen Zeit zu ziehen. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Ist es dann, wenn die Stimme auf dem absoluten Höhepunkt ist, während man aber als Mensch und Künstler noch nicht ausgereift ist? Oder soll man akzeptieren, dass der Umfang der Stimme kleiner wird? Soll man das Rollenfach wechseln und mit den schon dicht gedrängten Mezzosopranen in deren Rückzugsrollen konkurrieren und wie ein Parasit von seiner früheren Popularität leben?» Eines war ihr immer klar: Von vergangenen Erfolgen wollte sie nicht leben – nur ja kein Mitleid des Publikums.
Noch sieben Jahre trat Birgit Nilsson in ihrer letzten, neuen Partie auf. Zwei Vorstellungen waren auch am 9. und 30. Juni 1982 an der Wiener Staatsoper zum Saisonbeschluss geplant. Während 28 Jahren hatte sie an diesem Haus gesungen; nach diesen Vorstellungen sollte nun definitiv Schluss sein, jedenfalls in Wien. Zwischen den beiden Terminen hatte sie zudem am 16. Juni in Frankfurt einen Auftritt als «Elektra». «Es war eine strahlende Vorstellung, und ich fühlte mich wirklich in Hochform, als wäre es der Höhepunkt meiner Karriere.» Unmittelbar nach dieser Vorstellung meinte sie zu ihren Kolleginnen und Kollegen: «Das war meine letzte Vorstellung.» Einfach so – und konsequenterweise sagte sie alles andere, was noch geplant war, ab. Typisch Birgit Nilsson. ■
Die Zitate entstammen dem Interview von Reinmar Wagner mit Birgit Nilsson (M&T 3/2006)