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Es gibt 26 Millionen Geflüchtete auf der Welt, von denen ungefähr die Hälfte minderjährig ist. Viele von ihnen sind ohne Eltern geflohen und erlebten in ihren jungen Jahren bereits mehrere gravierende Schwierigkeiten – in Bezug auf ihre Identität, ihrer Familie und ihre Gesundheit. Im Jahr 2019 beantragten 441 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMAS) in der Schweiz Asyl, hauptsächlich aus Afghanistan und anderen Ländern wie Algerien, Somalia und Eritrea. Wie in einer kürzlich erschienenen Diplomarbeit zum Ausdruck gebracht wurde, wirkt sich die Freizeit auf die Identitätsbildung und die Lebensqualität des Alltagslebens junger Migrant*innen aus, da sie es ihnen ermöglicht, andere Menschen zu treffen, sich auszutauschen und sowohl individuell als auch innerhalb der Gesellschaft zu wachsen.
Die Stiftung IdéeSport fördert die Teilnahme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an ihren Veranstaltungen in offenen Sporthallen. Sie nehmen teilweise gar eine mitwirkende Rolle als Coachs wahr. Im August hat die Stiftung im Tessin ein neues Projekt, das «Partizipative Treffen», ins Leben gerufen. Es soll den Austausch zwischen den jungen Migrant*innen fördern und ihnen die Möglichkeit geben, sich über ihre Erfahrungen als Coachs in den Projekten von IdéeSport auszutauschen.Wir treffen Omar, der uns in einem kurzen Interview über seine Erfahrungen im neuen Projekt berichtet.
Möchtest du dich kurz vorstellen?
Ich bin Omar, ich komme aus Gambia. Ich kam 2019 in die Schweiz und 2020 ins Tessin. Ich bin also seit etwa einem Jahr hier. Zuerst kam ich nach Kreuzlingen (TG). Ich war 4 Monate in Kreuzlingen und wurde dann hierher versetzt (ins Foyer von Paradiso). Ich wollte nach Deutschland, aber ich wusste nicht genau, wo das war. Als ich aus dem Zug stieg, war es sehr spät und die Polizei riet mir, zu schlafen. Mir wurde klar, dass ich in der Schweiz war, als die Polizei mir ein Dokument zum Unterschreiben gab.
Wie hast du die Stiftung IdéeSport kennengelernt?
Raffa (Rafael Saco Fortuna, Jugendarbeiter, Abteilung Sottoceneri des Schweizerischen Roten Kreuzes) hat mir vorgeschlagen, mich bei IdéeSport als Coach zu engagieren. Ich habe nicht gezögert, weil ich gerne Sport treibe. Ich spiele Fussball und habe Spass am Sport, ich vertreibe mir damit gerne die Zeit. Ich gehe auch gerne mit Freunden Basketball spielen. Selbst in den Städten, in denen ich gewesen bin, habe ich immer gespielt.
Welche Erwartungen hattest du an das Projekt „Partizipatives Treffen“?
Ich habe es mir schwierig vorgestellt, all die Dinge zu lernen, die man als Coach lernen muss, aber dem war nicht so. In der Praxis ist es oft leichter als in der Theorie. Es war auch interessant, neue Leute zu treffen und kennenzulernen.
Was nimmst du von den vier Treffen mit?
Am Ende war es sehr nützlich, weil ich zu Beginn nicht wusste, wie die Aktivitäten, die man bei MidnightSports durchführt, funktionieren, und was den Teilnehmer*innen erlaubt und nicht erlaubt ist. Ich habe gelernt, dass es einige Regeln gibt, die man respektieren muss, wie beispielsweise den Basketball nur für das Basketballspielen zu verwenden (Umgang mit dem Material). Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, mit meinen Kolleg*innen zusammenzuarbeiten, wenn ich mit Jugendlichen arbeiten will.
Was hat dir an den Treffen besonders gefallen?
Dass man nach (der eigenen) Kultur fragte, z.B. nach dem Essen im eigenen Land und dass einige über diese Gerichte gesprochen haben und ich mich mit anderen, die ebenfalls aus anderen Kulturen stammen, besser bekanntgemacht habe. Auch die Übung, das Wort «Coach» oder «Trainer» in der eigenen Sprache zu sagen, hat mir sehr gefallen. Mein Freund hat sich nicht an das Wort in unserer Sprache erinnern können. Ich erinnerte mich daran, weil es in meinem Land eine Person gab, die mich so nannte. Am Ende schrieb ich es auf und sah, wie die anderen es in ihrer Muttersprache nennen und was der Unterschied zwischen Schrift und Aussprache ist.
Es hat mir auch gefallen, die Antworten anderer Leute zu hören. Antworten, die ich anfangs nicht ernst nahm, aber dann sagte ich mir: «Das ist ernst, warum habe ich nicht daran gedacht!» Und so war es eine sehr schöne Sache, andere Ideen zu hören und mit anderen zusammenzuarbeiten.
Eigentlich ging es auch darum, sich kennenzulernen. Es ist ein Austausch. Vielleicht gibt es Dinge, die man lernen kann, aber ihr könnt auch viel einbringen. Hattest du das Gefühl, du konntest Teil dieser Gruppe sein, deine Ideen einbringen und dich aktiv beteiligen?
Ja, auf den Zetteln (bei den Austauschaktivitäten) habe ich meine Ideen eingebracht. Einmal hat jeder in der Gruppe ein für ihn oder sie wichtiges Objekt mitgebracht. Viele haben interessante Dinge mitgebracht, z.B. brachte ein Junge eine Halskette mit und sagte, dass dies die Kette sei, die ihn von seinem Herkunftsland (Syrien) bis hierher begleitete. Das bedeutet, dass diese Kette seit mehr als 3 oder 4 Jahren bei ihm ist. Und wenn ich darüber nachdenke, dann fallen mir viele Dinge ein. Ich stellte mir beispielsweise vor, dass ich, wenn ich diese Halskette tragen würde, sie bis zu meinem Tod behalten würde. Es war eine schöne Sache. Es ist schön, weil ich gerne im Team arbeite und es hat mich dazu gebracht, über meine Erinnerungen nachzudenken.
Was sind deine Erinnerungen an die Treffen?
Ich erinnere mich gut daran, dass wir im Projekt EverFresh über die Auswirkungen des Rauchens gesprochen haben. Ich wusste nichts über die Auswirkungen. Aber nach den Erläuterungen verstand ich viele Dinge besser. Ich sehe z.B. einige Freunde von mir, wie sie elektronische Zigaretten rauchen, und ich dachte immer, dass dies ja nicht schlimm sei. Aber mir wurde erklärt, dass es irgendwann Schmerzen verursachen kann. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde.
Nach den Treffen hast du dich dem Team von Midnight MaSaVe… dum (Savosa) angeschlossen, wie lief es?
Am ersten Tag kam ich später an, weil ich einen Match hatte. Ich hatte das Team im Voraus informiert. Am Ende fand ich heraus, dass es einige Leute gab, die ich bereits kannte. Zu den anderen Veranstaltungen gingen wir also zusammen. Bei den anderen Leuten handelt sich um meine ehemaligen (Fussball-)Mannschaftskameraden.
Waren die Treffen dieses Sommers hilfreich, um in die Rolle des Coaches zu schlüpfen?
Die Teilnahme an den Treffen half mir zu verstehen, wie die Arbeit aussehen könnte. Als ich dem Team beitrat, musste ich nicht alles nachfragen – ich wusste beispielsweise bereits, dass ich viele Arten von Spielen vorbereiten musste.
Entsprachen das Projekt und die Arbeit deinen Erwartungen?
Zuerst dachte ich, dass 200 oder 300 Jugendliche an den Aktivitäten teilnahmen und dass es ermüdend sein könnte. Aber am Ende war es schöner als ich erwartet habe, auch der Arbeitsrhythmus ist nicht schwierig! Die Veranstaltungen in Savosa sind wunderschön, ich hatte viel Spaß und ich habe andere Leute kennengelernt. Wenn ich ankomme, rufen sie mir zu: „Omar, Omar!“, dann weiss ich, dass ich sie an der vorigen Veranstaltung getroffen habe, und ich bin glücklich!
Hast du den Eindruck, dass MidnightSports für dich auch in anderen Bereichen nützlich ist?
Ja, weil ich nachts normalerweise nicht ausgehe, sondern zu Hause bleibe. Dank MidnightSports gehe ich aus und treffe ich mich mit meinen Freund*innen. MidnightSports hilft mir, wenn ich gestresst bin, nicht darüber nachzudenken, und das Positive daran ist, dass es mir dabei hilft, diese Dinge für den Moment zu vergessen. Ausserdem, anstatt mit Freunden auszugehen, die mich vielleicht dazu bringen, etwas Schlechtes für die Gesundheit zu tun, bleibe ich lieber bei Freunden, die gerne Fussball spielen, damit ich Sport treiben und mich fit halten kann. Ich habe neue Freundschaften geschlossen. Wenn sie mich sehen, können sie jederzeit sagen: „Komm schon, lass uns einen Match spielen“. Nicht nur die Coachs, sondern auch die Teilnehmer*innen tun dies.
Was sind deine Wünsche als Coach für diese Saison? Was sind jetzt deine Erwartungen?
Jetzt warte ich darauf, dass die Projekte MidnighSports im Tessin wiedereröffnet werden, dass es viele Leute gibt und man mit vielen Leuten Spaß an Fussball- und Basketballturnieren haben wird. Im Herbst fand ein Volleyballturnier statt. Mein Team hat verloren. Ich verliere zwar ungern, aber ich habe andere Leute getroffen und wir haben den zweiten Platz belegt. Im Anschluss genossen wir einen Filmabend. Aber wegen der Covid-19-Situation ließen viele Eltern ihre Kinder nicht kommen.
Was denkst du über die aktuelle Situation?
In Bezug auf die Zukunft ist es schwierig, den Jugendlichen zu sagen, dass sie nicht ausgehen sollen. Wenn man sagt, „Bleib einen Monat lang die ganze Nacht zuhause“, verursacht das bei manchen Menschen Stress. Wir sind alle so. Wenn man Jugendliche dazu drängt, etwas zu tun, ist das eher kontraproduktiv.
Bei MidnightSports arbeitest du mit anderen jungen Leuten und Gleichaltrigen zusammen. Was bedeutet Teamarbeit für dich?
Ich arbeite gerne mit anderen zusammen, deswegen fällt mir die Zusammenarbeit leicht. Wenn man zum Beispiel im Fussball nicht zusammenarbeitet, kommt man nicht voran. Aus diesem Grund erwartete ich, dass alle dazu beitragen. Ich habe Menschen gefunden, die zusammenarbeiten, einander helfen, und alles wurde einfach. Ich war in meinem Land bereits als Trainer tätig und habe Kinder im Alter von 7-8 Jahren trainiert.
Die Projektleiter*innen waren erfreut, dass du und deine Kolleg*innen sich den Teams angeschlossen haben. Ihr seid sehr verantwortungsbewusst und ein Vorbild für Jüngere. Möchtest du etwas sagen, das dir als besonders wichtig erscheint?
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit anderen zu spielen, und selbst, wenn es nur vier Teilnehmende hat, weiß ich, dass ich Spaß haben kann. Manchmal gibt es viele Teilnehmer*innen, dann kann ich die ganze Nacht lang zwischen den Spielen wechseln und mit anderen jungen Leuten spielen. Das gefällt mir!
Unterhältst du gerne andere?
Ich liebe es, andere zu unterhalten. Ich liebe es, andere glücklich zu machen! Ich bin sehr froh, wenn ich es schaffe, eine andere Person zum Lächeln zu bringen.
Welche Schule besuchst du?
Ich arbeite in Tesserete in einem Metallbauunternehmen und besuche gleichzeitig eine Berufsfachschule in Trevano. Die Schule läuft gut, die Arbeit ebenso. Dies, weil ich einen Arbeitgeber habe, der mich manchmal dort meine Hausaufgaben machen lässt. Wenn ich Hausaufgaben habe, sagt er mir, dass sie leicht sind, aber dass er sie vor 30 Jahren gemacht hat und sich nicht mehr daran erinnert, während ich sie aber erst kürzlich gemacht habe und ich sie machen kann. Dann erklärt er sie. Er hat mich sehr unterstützt und mir geholfen, weiterzukommen.
Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Die Zukunft ist schwierig, weil ich Anwalt werden wollte, aber man sagte mir, dass ich dafür Deutsch- und Französischkenntnisse brauche. Es braucht leider sehr viel Zeit, um diese Sprachen zu lernen. Ich mache also meinen (derzeitigen) Job, studiere und konzentriere mich auf den Fussball.
Wieso möchtest du Anwalt werden?
Seit ich ein Kind bin, helfe ich gerne Menschen. Ich verteidige und helfe vielleicht jemandem, den man fälschlicherweise beschuldigt hat.
Vielleicht kann man Menschen auch auf eine andere Weise helfen?
Aber man braucht viele Schulen.
Du sprichst fließend Italienisch!
Ich habe dafür ungefähr ein Jahr und fünf Monate gebraucht.
Man merkt, dass du dir Mühe gegeben hast, um diese Sprache zu lernen!
Dafür habe ich Sprachkurse besucht: Italienisch, Deutsch und Englisch. Französisch stört mich zu sehr, die Aussprache ist schwierig. Als ich in Kreuzlingen war, habe ich ein bisschen Deutsch gelernt.
Das Interview mit Omar, Coach bei Midnight MaSaVe… dum wurde von Elena Pedrazzini-Scozzari, Projektmanagerin bei IdéeSport, geführt.