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Auf dem Feld der Toten
Den Beinamen „Newsky“ erhielt er, nachdem er um 1240 die Schweden, die es auf St. Petersburg abgesehen hatten, in der Schlacht an der Newa besiegt hatte. Später schlug er auch die deutschen Kreuzritter, welche ihre Herrschaft vom Baltikum aus auf Nordrussland auszudehnen suchten. Darum gilt Alexander Newsky in der russischen Geschichtsschreibung als ein Nationalheld. Die russisch-orthodoxe Kirche sprach ihn im Jahr 1547 sogar heilig. Zahlreich sind die Ikonen, auf denen der Schutzheilige abgebildet ist und von Gläubigen verehrt wird.
Legendenbildung
Schon früh entstanden Chroniken, welche das Leben des Heerführers verherrlichten. Ganz gewiss gehört er zu jenen, welche eine Allianz russischer Fürsten beförderten, um gegen die Einfälle der Mongolen gewappnet zu sein. Newsky reiste sogar an den Hof von Khan Berke, wo man ihn als Gefangenen festhielt. Kurz vor seinem Tod entliess man den kranken Fürsten, der 1263 in Gorodez an der Wolga starb und zunächst in Wladimir beigesetzt wurde.
Später sollten vielerorts in seinem Namen Kirchen und Klöster entstehen. Peter der Grosse liess die sterblichen Überreste des Helden in die Kathedrale des Alexander-Newski-Klosters in St. Petersburg überführen und dort beisetzen. 1725 wurde ein Orden mit seinem Namen begründet. Die Führer der Oktoberrevolution von 1917 schafften diesen zwar ab, doch Stalin setzte ihn im 2. Weltkrieg wieder ein. Auch Ungläubige brauchen Helden und Vorbilder! Noch heute pilgern viele Russen zum Grab des Schutzheiligen der Stadt St. Petersburg.
Künstler im Machtgefüge
In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts kam auch die Sowjetunion bei der Erweckung russischer Werte und eines kämpferischen nationalen Patriotismus nicht ohne die legendären Helden der Vergangenheit aus. Der Regisseur und Filmemacher Eisenstein holte aus der Geschichte jene Stoffe, die geeignet waren, den Stolz und den Kampfeswillen der Russen gegen faschistische Angreifer zu erwecken. So entstand 1938 sein Film „Alexander Newski“ und fünf Jahre später, als Hitler Stalin bereits den Krieg erklärt hatte, der zweiteilige Film „Iwan der Schreckliche“. Für beide schrieb der Komponist Sergei Prokofiew, der 1935 aus dem Westen nach Russland „heimgekehrt“ war, die Musik.
Es war ein besonderer Glücksfall, dass Eisenstein für seine Bilder einen derart expressiven und dramatischen Tonmaler wie Prokofiew finden konnte. Filmmusik hat freilich ihre eigenen Gesetzlichkeiten, verlangt allerlei emotionale und szenenbedingte Tricks, die nur in Zusammenhang mit den Bildern verständlich sind und Sinn machen. So hat Prokofiew auch mit der Filmmusik zu „Alexander Newski“ das gemacht, was er bereits mit seiner Musik zum Film „Lieutenant Kijé“ im Jahr 1934 erfolgreich zustande gebracht hatte: Er arbeitete seine Komposition um in eine symphonische Form, die nun auch für den Konzertsaal tauglich war. Im Fall von Kijé sollte daraus eine Orchestersuite werden, im Fall von Newski war es eine Kantate.
So entstand im Winter 1938–39 aus den 27 Teilen der Filmmusik des Vorjahres Prokofiews 7-sätzige Kantate „Alexander Newski op. 78“ mit einer Aufführungsdauer von ungefähr 40 Minuten. Dafür wählte der Komponist ein grosses Orchester, einen mächtigen Chor sowie als Einzelstimme einen Mezzosopran. Die Szenen – nach Texten des russischen Dichters Lugowskoi – schildern zuerst die Qualen des russischen Volkes unter dem Joch der Mongolen, dann Newskis Sieg über die Schweden in der Schlacht an der Newa, darauf sein Kampf gegen die Kreuzritter in Pskow. Es folgt ein Weckruf an das russische Volk, in den Kampf zu steigen. Daarauf erleben wir die Schlacht auf dem vereisten See Peipus im Jahr 1242 gegen die deutschen Ritter. Nun folgt die gleich vorzustellende einzige Arie des Werkes mit dem Titel: „Das Feld der Toten“, als Abschluss wird der Einzug Newskis mit seiner Siegesarmee in Pskow besungen.
Die Opferperspektive der Musik
Wir wissen aus vielen anderen Werken: Jede musikalische Verherrlichung des Krieges ist und bleibt ein künstlerisches Dilemma. Gefragt ist bei der Vergegenwärtigung von Kriegen und Schlachten nicht nur triumphales Siegesgeheul, sondern neben dem Mut und dem Verteidigungswillen der Kämpfer sollen doch auch das Leid und die Qualen der Opfer geschildert werden. Es gibt in der Musikgeschichte kaum eine zweite Arie, die dies in vergleichbar genialer Art und Weise vollbringt, wie dieser Klagegesang einer jungen Frau, die Prokofiew auf dem Schlachtfeld der Toten nach dem „kühnen Falken“ rufen lässt, den sie nach all dem Geschehenen noch lieben könnte.
Auch hier bleibt die Sprache des Dichters patriotisch, sogar kriegerisch eingefärbt. Die Musik aber erlaubt uns, das Andere zu hören: das unsägliche Leid, der dunkle Schmerz, das unbegreiflich Qualvolle, das den Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit immer auch begleitet. Die Stimme der Frau lässt es erkennen, ebenso wie die schwarze Einfärbung des begleitenden Orchesters.
Elegie der Befriedung
Das Seltsame an dieser Arie ist, dass sie ein Liebeslied für die gefallenen Kämpfer ist, die vom Schwert durchbohrt oder von Pfeilen erstochen am Boden liegen und mit ihrem Blut die russische Erde tränken. Gleichzeitig jedoch ist sie ein Grabesgesang, ein Requiem für die, die nun geopfert auf dem Feld der Toten liegen. „Wer für Russland ging tapfer in den Tod, / küssen werde ich seine toten Augen ihm.“ Keinen schönen Mann sucht diese Frau: „Tapfer sei der, den ich haben will.“ Sie vergleicht ihn mit dem „kühnen Falken“, den man zu Beginn der Arie in der Luft meint schwirren zu hören.
Wie eine Elegie der Befriedung kommt einem diese Arie vor. Etwas gebets- und litaneiartiges klingt in ihr auf. Das melodische Umkreisen dieser unheimlich daliegenden Toten durch diese dunkel raunende Stimme hat geradezu einen Beschwörungscharakter. Das kann es doch nicht gewesen sein! Die zu Tode Gekommenen sind der Stachel im Fleisch jedes noch so ruhmreichen Sieges.
In der hier gewählten Aufnahme hören wir die russische Mezzosopranistin Elena Obraztsova, begleitet vom London Symphony Orchestra unter Claudio Abbado. Das Piano am Ende ihrer Arie singt diese Künstlerin so wunderbar eindringlich und leise, als möchte sie sicher sein, dass die Toten auf dem Schlachtfeld ruhig weiterschlafen können und nicht, eine Stimme von solcher Schönheit vernehmend, bereits vor dem Jüngsten Tag erwachen und auferstehen möchten.
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