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Vom Kind im Heim zum «Heimkind»
Welchen Einfluss hat der Aufenthalt in einem Kinderheim auf die Selbstwahrnehmung und den weiteren Lebensweg eines Menschen? Welche Schlüsse können für die heutige Praxis gezogen werden?
von Clara Bombach, Thomas Gabriel und Samuel Keller
Marias frühesten Kindheitserinnerungen sind geprägt von Gefühlen der Einsamkeit. Sie erinnert sich noch gut an das, was ein Arzt ihrer Mutter in Anwesenheit von ihr und ihrem Bruder sagte: «Sie können gar keine Familie haben. Das schaffen Sie nicht, das ist zu viel!» Als ihre Mutter Mitte der 1960er Jahre nach einem Unfall ins Krankenhaus kam, wurde die Heimplatzierung von Maria und ihrem Bruder angeordnet. Maria war acht Jahre alt. Mit dem Eintritt ins Heim erlebte Maria, dass ihre Bedürfnisse auch hier von Erwachsenen nicht erkannt und laufend übergangen wurden. Als Reaktion darauf entschied sie sich, ihre Bedürfnisse denen anderer unterzuordnen. Ihr Ziel sei es stets gewesen, die Zeit im Heim möglichst ruhig und ohne viel Ärger zu überstehen. Weit über die Heimzeit hinaus hat Maria nicht nur diese soziale Skepsis beibehalten, sondern auch die Selbstwahrnehmung, für andere Menschen in gewissem Sinn immer noch als Heimkind zu gelten.
Wie Zuschreibungen Menschen verändern
Wer für eine gewisse Zeit in einem Waisenhaus, einem Kinder- und Jugendheim oder einem ähnlichen stationären Angebot platziert war, wurde – vor allem aus der Sicht der Erziehenden oder der Aussenstehenden – unweigerlich vom Kind im Heim zum «Heimkind». Dies wird in der Studie der ZHAW «Heimplatzierungen im Kanton Zürich: Einflüsse behördlicher Entscheide zwischen 1950 und 1990 auf den weiteren Lebensverlauf» deutlich. Übergreifend führten solche Zuschreibungen zu Veränderungen in der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, zur Einschränkung, aber auch zur Eröffnung von Handlungsspielräumen, zu Erfahrungen der Entmächtigung und manchmal auch der Bemächtigung. Gemeinsam war allen damaligen Kindern und Jugendlichen die Erfahrung, dass sie sich in sehr vielen Situationen nicht als Individuen mit je eigenen Bedürfnissen und Geschichten, sondern als «Heimkinder» wahrgenommen fühlten. Dazu gehörte zumeist, dass sie auf wenige defizitäre Eigenschaften reduziert wurden, die dem einzelnen Kind und Jugendlichen unmöglich gerecht werden konnten. Zudem erlebten sie sich oft als passive Objekte von Entscheidungen und Handlungen der Behörden und Heime und fühlten sich ihnen zunehmend ausgeliefert.
Wenn sich die Vergangenheit im Alltag bemerkbar macht
Solche Erfahrungen hatten nachweislich Auswirkungen auf die Ausgestaltung der weiteren Lebenswege dieser Kinder und ihrer Beziehungen zu sich selbst und zu anderen Menschen – auch heute noch, zum Zeitpunkt der mit ihnen geführten Interviews im Rahmen der Studie. Auch wenn sich die Art und Weise der Etikettierung der «Heimkinder» im Lauf der Zeit veränderte, auch wenn sie sich teilweise entschärft zu haben scheint (zum Beispiel dank mehr Unterstützung, Transparenz und Mitbestimmung im Heimalltag), blieb das «Heimkind» oft an ihnen haften. Vielleicht weniger sichtbar und diffuser, aber dennoch häufig lange über den Aufenthalt im Heim hinaus. Das Gefühl, seit Kindheit – sprich seit mehreren Jahrzehnten – nicht von Abhängigkeiten, Vorschriften und Überwachung loszukommen, führt in vielen Fällen zu Frustration und Wut. Andere ehemalige Heimkinder berichten von Gefühlen ohnmächtiger Resignation in einem aussichtslosen, ewigen Kampf gegen ein staatliches Konstrukt. Das kann so weit gehen, dass das grosse, allwissende System als lebenslanger Gegenspieler erfahren wird, der in verschiedenen Lebenssituationen erwartet und unerwartet agiert. Jeder weitere Kontakt beispielsweise mit dem Justizsystem wird dann als Beleg dafür gesehen, dass man auch Jahrzehnte nach dem Heimaustritt nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert und zu Unrecht bestraft wird.
Wieso Behörden oder einzelne Menschen als Gegenspieler gesehen werden
Im nachfolgenden Beispiel wird dies deutlich: Jonas wurde nach einem Selbstunfall der Fahrausweis entzogen. Er verlor dadurch das Symbol seiner endlich erreichten Unabhängigkeit nach dem Heimaustritt, was ihn um viele Jahre zurückwarf:
«Der Jugendtraum ist Motorradfahren, schon als Kind. Ich bin eigentlich andauernd Motorrad gefahren, obwohl ich mal einen schweren Unfall hatte. Da haben sie mir dann sechs Jahre den Führerschein weggenommen, weil ich einen Selbstunfall gemacht hatte. Aber die kannten natürlich meine Geschichte, dass es zu Hause scheisse war oder du bist im Heim gewesen oder so, das ist eine schlechte Sache, da kommst du in ein schlechtes Licht. Ja, du bist natürlich nicht so viel wert als uneheliches Heimkind».
Sozial- und rechtsstaatliche Handlungen und Interventionen werden als entmündigende Demütigungen erfahren. Solange dies der Fall ist, werden die ehemaligen Heimkinder bei kritischen Lebensereignissen keine Unterstützungsangebote annehmen können, die Veränderungen möglich machen. Viel eher scheint in solchen Momenten ihre Position als isolierte Aussenseiterin oder isolierter Aussenseiter zementiert zu werden.
Was die heutige Praxis daraus lernen kann
Die Qualität und die subjektive Sinngebung der Erinnerung an die erste Intervention spielen eine massgebliche Rolle. Im Falle von bestrafenden Eingriffen nach Jugendstrafrecht – von Strafen bis zu Gerichtsverhandlungen oder Freiheitsentzug – werden die Zementierung ebendieser Position sowie biografisch gefestigte Ohnmachts- und Wuterfahrungen aktualisiert und noch ausgeprägter wahrgenommen. Die heutige Praxis der Kinder- und Jugendhilfe kann dank Einblicken in Biografien nach Heimerziehung viel darüber lernen, wie sie nicht-beabsichtigte Effekte von Unterbringungen und Massnahmen verhindern und im Sinne einer Professionalisierung zusammen mit den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen auf sensible Themen angemessener eingehen kann.