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Natürlich
Eine Kuh frisst grünes Gras und gibt weisse Milch und bildet daraus und aus der übrigen Nahrung Fleisch und Blut, Knochen und Hörner, Haut und Haar und all das Uebrige. Das ist das Natürlichste von der Welt und natürlich gar kein Wunder. Wundern würden wir uns eher, ja erschrecken, wenn da plötzlich eine Kuh statt der weissen Milch grüne Milch gäbe und sich etwa auf dem Rücken grün begraste. "Natürlich", sagt Aristoteles dazu, fresse eine Kuh grünes Gras und bilde daraus weisse Milch und all das Uebrige: Phýsei, "von Natur", nähmen alle Pflanzen und Tiere Nahrung auf und bildeten daraus ihre je verschiedenen Organe.
Der griechische Naturforscher Anaxagoras hat besagte Verwandlung von Gras in Milch dann doch verwunderlich gefunden und aus derlei Stoffwechselprozessen seine Theorie von der je verschiedenen Mischung "gleichartiger Teilchen" abgeleitet: Im Gras auf der einen Seite und in der Milch und all dem Uebrigen auf der andern, meinte er, seien jeweils genau die gleichen Stoffe enthalten, nur in je verschiedener Mischung. "Natürlich", sagt Aristoteles dazu wieder, habe der alte Anaxagoras sich da verwundert: Phýsei, "von Natur", seien alle Menschen auf Wissen aus, und das Sich-Verwundern sei der Anfang aller Wissenschaft.
Die griechische phýsis - und entsprechend die lateinische natura - bezeichnet eigentlich das grosse "Werden" und "Wachsen" und dann bei Aristoteles überhaupt den Naturprozess, wie er ohne den Eingriff des Homo sapiens seinen immer gleichen Gang geht. Als "natürlich" hat Aristoteles alle die Prozesse betrachtet, die ihren Beweggrund in sich selbst haben, die ohne Anstoss und Lenkung durch den Homo faber sozusagen "von selbst" ablaufen. Phýsei, "von Natur, natürlicherweise", sagt Aristoteles, falle ein Stein zu Boden und steige eine Luftblase im Wasser auf, kreisten Sonne, Mond und Sterne um die Erde; "von Natur, natürlicherweise", entwickelten sich Pflanzen und Tiere, brächten ihresgleichen hervor und vergingen wieder; "von Natur, natürlicherweise", sei der aufrechtgehende, vernunftbegabte Mensch zu Werkzeuggebrauch und Technik, zu Rechts- und Staatsgemeinschaft, zu Wissenschaft und Philosophie geboren.
Aus der himmlischen Sphäre der Philosophie ist dieses "natürlich" seither in den irdischen Dunstkreis des Alltags herabgestiegen, und da steht es wie einst für alles sozusagen "von selbst" Geschehende, so jetzt für alles irgendwie "von selbst" Verständliche, mehr oder weniger scheinbar Selbstverständliche: "Kommst du mit ins Kino?" - "Natürlich!"; "Kannst du mich verstehen?" - "Natürlich!". Was ist da nicht alles "natürlich", und natürlich lässt sich mit solch einem beiläufigen, Selbstverständlichkeit suggerierenden "Natürlich" mancher Zweifel von vornherein ersticken, mancher Einwand von vornherein abschmettern.
Neuerdings, da die Wunder der Technik gerade so selbstverständlich und zugleich gerade so unverständlich daherkommen wie die Wunder der Natur, hat sich der Sprachgebrauch dieses Allerwelts-"Natürlich" noch mächtig erweitert. "Natürlich" erscheint mein Text auf dem Bildschirm, wenn ich das entsprechende Symbol anklicke; "natürlich" verschwindet er augenblicklich, mauseklicklich, wenn ich das entsprechende Fenster wieder schliesse. Natürlich würde Aristoteles angesichts dieses Sprachgebrauchs heftig protestieren: Die phýsis, der in den Dingen selbst wirkende natürliche Beweggrund, sei eine Sache, die téchne, das von aussen eingreifende technische Vermögen des Menschen, eine andere. Aber natürlich könnten wir da wieder protestieren und gut aristotelisch kontern: Wenn denn der Homo sapiens, wie Aristoteles als erster erklärt hat, phýsei, "von Natur, natürlicherweise", ein Homo faber und also auch ein Homo electronicus ist, so ist doch eine virtuelle Kuh auf dem Bildschirm eine gerade so natürliche Sache wie die leibhaftige Kuh auf der Weide. Wer hätte da wohl recht? Beide, natürlich!
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster