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Akademische Rede von
Vizerektor
1899 nahm Alfred Gysi, Dozent für Histologie der Zähne und Prothetik, seine Tätigkeit an der zahnärztlichen Schule in Zürich auf Drängen seiner Kollegen und der Behörden wieder auf. Er hatte seinen Posten ein Jahr zuvor entrüstet verlassen, da die selben Behörden, «in Unkenntnis der Bedeutung der Zahnheilkunde und in ungenügender Würdigung der Leistungen des Institutes und seiner Dozenten, die Mittel hierzu glaubten knapper halten zu müssen.» (Stoppany 1925)
Es lohnt sich, kurz bei Alfred Gysi zu verweilen, da er die Entwicklung der Zahnheilkunde des 20. Jahrhunderts nicht nur in der Schweiz, sondern in der ganzen industrialisierten Welt wesentlich beeinflusst hat. Gysi wurde 1865 in Aarau geboren. Er schreibt in seinen biografischen Aufzeichnungen: «Vererbungsforscher mag es vielleicht interessieren, dass ausser meinem Vater auch mein Grossvater Reisszeugfabrikant war und dass mein Urgrossvater den Beruf eines Schlossers ausübte, so dass es nicht wunderlich ist, dass ich es schliesslich zum Beruf eines Zahnschlossers brachte.»
Nach der Primarschule besuchte Gysi das Progymnasium. Wegen mässiger schulischer Leistungen wechselte er dann an die Industrieschule, eine Anstalt, in der die Schüler vor allem auf die Anforderungen in handwerklichen Berufen vorbereitet wurden. Ohne Maturitätsabschluss konnte er das Studium der Zahnheilkunde an der Ecole dentaire de l'Université de Genève aufnehmen, dem ersten, 1881 gegründeten, zahnärztlichen Institut in der Schweiz. Dort lernte er Zähne zu ziehen und zu deren Ersatz Kautschukprothesen herzustellen. Vor Abschluss des propädeutischen ExamensProf. Dr. med. dent. Alfred H. Geering ist seit 1978 Professor für Zahnärztliche Prothetik und Direktor der gleichnamigen Klinik der Universität Bern. Von 1991 bis 1993 war er Dekan der Medizinischen Fakultät. Als Vizerektor ist er seit 1997 Mitglied der Universitätsleitung und zuständig für die Bereiche Finanzen, Informatikdienste und Bibliothekswesen.
jedoch verliess Gysi die Ecole dentaire, um in Amerika, dem damals in der Zahnheilkunde führenden Land, am Pennsylvania College of Dental Surgery weiterzustudieren.
In einem seiner Briefe, die er regelmässig nach Hause schickte und die einen Einblick in Gysis Persönlichkeit geben, berichtet er über einen seiner klinischen Versuche: «Vor den Ferien habe ich auch etwas Neues probirt, nämlich mit Cocaïne Zähne schmerzlos zu ziehen. Auf dem College ist das noch nie gemacht worden, und habe auch noch nie was davon sprechen hören aut dem College. Aber ich habe im (Dental) Cosmos darüber gelesen. Ich habe mir nun einen Patienten gesucht, um's einmal zu probieren: da sah ich bei einer Frau in unserm Haus drei faule Zähne im Mund stehen: ich spreche sie an, ob sie dieselben nicht wollte ausgezogen haben: nein, sagte sie, sie wollte lieber Zahnweh haben, denn sie habe sich auch schon einmal mit Lachgas ausziehen lassen, aber da sei sie 6 Monate lang krank gewesen, das hätte ihr den Magen so verdorben, daß sie das Meiste immer habe von sich geben müßen etc. etc., und sonst sei sie zu nervös, um sie gewöhnlich ausziehen zu lassen: nein, sie wolle nicht. Da sprach ich zu ihr, daß ich's ohne Schmerzen und ohne einzuschläfern und ohne ihrem Wohlbefinden was anzuthun ausziehen werde: das klang aber so märchenhaft, daß sie mich darüber auslachte: aber endlich fieng sie an zu glauben und willigte ein. Ich bestellte sie dann für den andern Tag auf mein Zimmer, und sie kam wirklich. Ich habe alles nöthige zur Operation zubereitet und legte nun 4%ige Cocaïnlösung mit etwas Watte um die 3 Zähne, nahm mein kleines Injektionsspritzchen und spritzte zu beiden Seiten der Zähne je 2 Tropfen tief in die Pilgern: sie wurde so nach und nach daran gewöhnt, daß ich ihr im Munde arbeite, und nach 10 Minuten griff ich heimlich mit der Zange in den Mund, die ich zuerst etwas erwärmt hatte, und zog die 3 Zähne aus, gab ihr hierauf ein Glas Wasser und sagte, sie solle den Mund ausspühlen, die Zähne seien 'raus; da schaut sie mich so verwundert an und glaubte es erst, als ich ihr die blutigen Zähne zeigte; da fühlte sie mit der Zunge nach der Stelle und fand sie wirklich nicht mehr; wo sie vor einer Minute noch gestanden hatten. Seither habe ich zwei andern Personen auf dieselbe weise Zähne gezogen und mit dem selben Erfolg.» (Nadig 1990)
Gysi betrieb nicht nur «klinische Studien», sondern er arbeitete auch intensiv im histologischen Labor. Er konnte nach Abschluss seines Studiums — als Bester von 80 Diplomanden —eine Dissertation über «Dental Caries under the Microscope» vorlegen, welche im «Dental Cosmos», der damals führenden Zeitschrift der Zahnheilkunde, publiziert wurde. In dieser Arbeit trat er für die chemisch-parasitäre Theorie der Zahnkaries ein und belegte sie mit einer Reihe mikroskopischer Bilder (Gysi 1887).
1888 kehrte Gysi in die Schweiz zurück. Er legte die kantonal aargauische Zahnärzteprüfung ab und erhielt später das eidgenössische Diplom. Er arbeitete vorerst als Assistent bei verschiedenen Kollegen und dann in der eigenen Praxis. Hier konnte er, unkontrolliert von einem Chef, seinen wissenschaftlichen Ideen nachgehen, die sich in weiteren Publikationen niederschlugen. Als 1895 die zahnärztliche Schule in Zürich gegründet wurde, erhielt er einen Lehrauftrag für das Gebiet der Zahnhistologie und der Prothetik.
Seine empirischen und theoretischen Untersuchungen über den Einfluss der Kiefergelenke
auf den Ablauf der Kieferbewegungen (Artikulation) und auf die Gestaltung der künstlichen Kauflächen bei der Rekonstruktion des Gebisses in einem mechanischen Gerät (Artikulator; siehe Abbildung) fanden sehr rasch allgemeine Anerkennung in der Zahnheilkunde (Gysi 1908). Rückblickend auf seine Erfahrungen mit den um die Jahrhundertwende sich widerstreitenden Artikulationstheorien und den zugehörigen Artikulatoren schrieb Gysi: «Zirka alle fünf Jahre ertönte der Schlachtruf 'Das Artikulationsproblem ist gelöst!' Schliesslich wurden die Artikulatoren derart kompliziert und kostspielig, dass sie nur noch von Spezialisten gebraucht werden können.» (Gysi 1948)
Während Gysi noch ganz im Geiste des ausgehenden 19. Jahrhunderts das Kausystem mathematisch zu erfassen suchte, entwickelte in den fünfziger Jahren ein Berner namens Albert Gerber — wie Gysi zuerst in der Privatpraxis tätig, dann von 1942 bis 1951 Dozent für zahnärztliche Prothetik in Bern und später Ordinarius für das gleiche Fachgebiet in Zürich — einen einfachen Artikulator, bei dessen Konstruktion nicht nur die mechanischen, sondern auch die physiologischen Gegebenheiten des Kausystems berücksichtigt wurden (Gerber 1950). Gerbers Gedankengänge und das sich daraus entwickelnde neuere Verständnis des Kausystems und seiner Wiederherstellung vermochten auch den alten Gysi zu überzeugen.
Auch ausschliesslich in der Praxis tätige Zahnärzte trugen wesentlich zum Renommee der Schweizer Zahnheilkunde bei. Sie erfanden technisch ausgeklügelte Systeme, mittels derer die Ersatzzähne an wenigen verbliebenen eigenen natürlichen Zähnen oder Zahnwurzeln verankert werden konnten. Im Anfang war es Eugen Müller in Wädenswil (Müller 1906), später folgten mehrere andere.
Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bekämpfung des Zahnschmerzes, die in den meisten Fällen mit der Extraktion des betroffenen Zahnes endete, und der Ersatz der verloren gegangenen Zähne im Vordergrund der zahnärztlichen Tätigkeit gestanden hatte, wurde in der Mitte unseres Jahrhunderts die Vorbeugung (Prophylaxe, Prävention) zu einem übergeordneten Prinzip der Zahnmedizin. Die Vorbeugung hat einerseits die Erhaltung der oralen Gesundheit, insbesondere der Zähne und ihrer Stützgewebe zum Ziel, und andererseits soll sie nach jeder Sanierung des Gebisses den Langzeiterfolg der Behandlung sichern.
Ideal wäre ja eigentlich ein gesundes Gebiss, ein Gebiss mit kariesfreien Zähnen und einem entzündungsfreien ZahnhalteapparatAlfred Gysi (1865-1957) mit einem seiner Artikulatoren (mechanische Geräte, welche die Kiefergelenkeund die Kiefer darstellen und in denen die Kiefermodelle des Patienten individuell montiert werden können). Gysi kontrolliert hier die Artikulation, das Aufeinandergleiten der Zähne von Totalprothesen.
(Parodont). Gesundheit soll nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der «Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens» sein. Man muss jedoch sowohl in der Zahn- wie auch in der Humanmedizin realistisch sein und klar erkennen, dass dieses angestrebte Ziel wohl kaum je ganz erreicht werden kann. Die «normalen» Verhältnisse in der Mundhöhle bringen es mit sich, dass die Unterscheidung zwischen gesund oder krank in der Mundhöhle nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip gemacht werden kann. Vielmehr gibt es neben dem absolut gesunden Gebiss einen als Nahziel erstrebenswerten Zustand relativer Gebissgesundheit, gekennzeichnet durch geringe Kariesaktivität und nur einzelne chronisch entzündete Parodontien (König 1987).
Bezüglich der Karies —der Autor musste an seinem Staatsexamen 1962 noch fünf verschiedene Theorien zur Entstehung der Karies präsent haben —gilt es heute als gesichert, dass die Mikroorganismen (vor allem Laktobazillen und Streptokokken) im filzig-weichen Zahnbelag (Plaque) sowohl Ursache für die Löcher in den Zähnen (Karies) als auch für die Entzündung des Zahnfleisches (Gingivitis) und die Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontitis) sind. Dabei spielt die Art der Ernährung eine entscheidende Rolle. Aus der Nahrung zugeführte niedermolekulare Kohlehydrate, d.h. leicht vergärbare Zucker, wie Traubenzucker und Fruchtzucker (Monosaccharide), Rohrzucker, Milchzucker und Malzzucker (Disaccharide) und schliesslich pflanzliche Stärke, Glykogen und Zellulose (Polysaccharide), werden in der Mundhöhle innerhalb weniger Minuten abgebaut. Dabei kommt es in der Plaque zu einem starken Abfall des pH-Werts, d.h. es entsteht ein saures Milieu. Dieses begünstigt das Herauslösen von Kalzium- und Phosphationen aus der plaquebedeckten Zahnhartsubstanz. Zwar ist der Speichel normalerweise in der Lage, den pH-Wert in der Plaque zu neutralisieren, wobei es zu einer Remineralisierung der Zahnhartsubstanz kommen kann. Bei häufiger Aufnahme von niedermolekularen Kohlehydraten jedoch bleibt der pH-Wert in der Plaque überwiegend unter dem kritischen Bereich von pH 5,7 und es kann zur Bildung von kariösen Läsionen kommen.
Auch an der Entstehung von Gingivitiden, erkennbar an Zahnfleischbluten und -schwellung, die unbehandelt nach einer gewissen Zeit in Parodontitiden mit Zahnfleischtaschen und Knochenabbau übergehen können, sind die Mikroorganismen mit ihren Stoffwechselprodukten (Toxine) ursächlich beteiligt, d.h. ohne Plaque entsteht keine Gingivitis. Umgekehrt kommt es zu einer vollständigen Heilung der Gingivitis, wenn die Plaque entfernt wird. Eine etablierte Gingivitis kann sich zu einer Parodontitis entwickeln, bei der die Bakterien in die Tiefe der Zahnfleischtasche vordringen und die Wurzeloberfläche des Zahnes besiedeln. Jetzt ist eine Selbstheilung — ohne professionelle Behandlung — nicht mehr möglich (Rateitschak et al. 1989).
Um die Verbreitung dieser Erkrankungen in der Bevölkerung erfassen zu können, hat sich die Zahnmedizin schon früh der Epidemiologie, der wichtigsten Arbeitsmethode der Sozial- und Präventivmedizin, bedient.
Bereits 1901 fand Eugen Müller —der oben schon als hervorragender Rekonstrukteur erwähnt wurde — bei 12- bis 14-jährigen Schulkindern in Wädenswil einen sehr hohen Kariesbefall. Er war damals schon fast so hoch wie in weiten Gebieten der Schweiz um 1960. Mit der Beschränkung des Zuckerkonsums
während des 2. Weltkriegs trat sofort ein deutlicher Rückgang der Zahnkaries auf. Diese Beobachtungen passen recht gut zu den Angaben über den Zuckerkonsum in der Schweiz. Er lag um 1900 bei 23 kg, stieg bis zum 2. Weltkrieg auf 44 kg und sank während des Kriegs auf 18 kg. Danach stieg der Zuckerkonsum wieder markant an und ist, von kleinen Schwankungen abgesehen, auf einer mittleren Höhe von 42 bis 43 kg pro Jahr und Einwohner verblieben. Eine deutliche Abnahme der Kariesprävalenz trat erst mit den kollektiven Zahnputzinstruktionen in den Schulen, der Abgabe von Fluoridtabletten und der Wasser-respektive Salzfluoridierung ein (Marthaler 1986).
Bereits ab Mitte der Fünfzigerjahre erschienen erste Berichte über Erfolge der Vorbeugung —ausgelöst durch Berichte aus dem Genfer Institut (Held &Piguet 1954) —, die erstmals die kariostatische Wirkung durch die Abgabe von Fluoridtabletten belegten.
Daneben war es wiederum ein Privatpraktiker, Marc Frey-Nyitrai in Ebnat-Kappel, der die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit Einschränkung des Zuckerkonsums, kollektivem Zähnebürsten und Abgabe von Fluoridtabletten in die Praxis der Schulzahnpflege umsetzte. Er konnte bereits in der 60er-Jahren ganze Schulklassen zeigen, in denen ohne Ausnahme alle Kinder kariesfrei waren (Frey-Nyitrai 1962, Wegelin 1980).
Der Kariesbefall bei Erwachsenen wurde später im Rahmen verschiedenster Forschungsprojekte erhoben. Dabei verdienen zwei wichtige Beobachtungen hervorgehoben zu werden:
— der durchschnittliche Zahnbestand war sehr hoch; beispielsweise fanden sich bei 34-jährigen Zürchern 1978 über 24 Zähne; nur wenige Personen besassen weniger als 12 eigene Zähne
— die Wirkung der Vorbeugung war bei jungen Erwachsenen bereits sichtbar, sofern diese während der Schulzeit in den Genuss von Vorbeugungsmassnahmen gekommen waren (Fasler-Chu et al. 1981).
Weitere Arbeiten galten der Erforschung der Epidemiologie der Zahnfleischentzündungen (Gingivitis), insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Sie erschienen in den späten Fünfzigerjahren (Mühlemann & Mazor 1958). Während bei der Gingivitis, bei der gute Mundhygiene zur Selbstheilung führen kann, die individuellen und kollektiven Hygienemassnahmen interessieren, steht bei der Parodontitis vor allem die Behandlungsnotwendigkeit im Vordergrund. Feldstudien zeigen, dass 84% der Patienten durch professionelle Hygieneinstruktion, Entfernen des Zahnsteins und Glätten der Zahnwurzeloberfläche behandelt werden können. Nur 16% der Untersuchten benötigen eine weitergehende Therapie durch einen Spezialisten (Rateitschak et al. 1989, Schürch et al. 1991).
Mit der Ausrichtung der Zahnmedizin auf die Prophylaxe werden in der Schweiz seit den 70er-Jahren Dentalhygienikerinnen und in neuerer Zeit auch Prophylaxeassistentinnen ausgebildet. Dies hat in vielen Praxen zu einer stufengerechten Aufgabenteilung geführt. Wie kaum in einem andern Land werden dadurch die Kosten der zahnärztlichen Versorgung in einem tragbaren Rahmen gehalten.
Die drei Hauptsäulen der Karies- und Gingivitisprävention:
— tägliche Fluoridanwendung, z.B. mit fluoridhaltigen Zahnpasten
— eine zahnbewusste Ernährung
— vor allem aber eine gute Mundhygiene.
Die grösste Gefahr für das gesunde Gebiss —Unfall und schwere Krankheit ausgenommen —lauert in der Gewöhnung und der damit verbundenen Nachlässigkeit. Wie anders liesse sich denn die erneute Zunahme von kariösen Läsionen bis hin zum vollständig zerstörten Milchgebiss erklären, wenn doch die Eltern dieser bedauernswerten Kinder selbst (noch) gesunde Zähne haben? Sie wurden von ihren Eltern — die das Loch im Zahn in eigener schmerzhafter Erinnerung hatten —zur täglichen Zahnreinigung angeleitet, mussten Apfel essen statt Schokoriegel, sie profitierten von der Schulzahnpflege mit den kollektiven Fluoridapplikationen. Wenn es nicht Nachlässigkeit ist, gehört dann das beobachtete Phänomen zum Thema Generationenkonflikt?
Altern gehört zu jenen Wahrheiten, die uns zutiefst beunruhigen, weshalb wir sie zu verdrängen suchen. Daher war wohl auch der Alterungsprozess bis in die Mitte des zu Ende gehenden Jahrhunderts praktisch ohne spezielles wissenschaftliches Interesse.
Alt und gebrechlich ist für viele ein Pleonasmus, wie Simone de Beauvoir in ihrem Buch «La vieillesse» (1970) schreibt. Sie weist unter anderem auf Hippokrates hin, der das menschliche Leben mit den vier Jahreszeiten vergleicht und das Alter dem Winter zuordnet. Er lässt es mit 56 Jahren beginnen und führt es auf eine Störung des Gleichgewichts der vier Körpersäfte zurück. Zeichen des Alterns sind rückbildende (involutive) Veränderungen, die als normal zu betrachten sind und sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig-seelisch ausdrücken Zu den natürlichen Veränderungen, die meist anpassenden Charakter haben, können abbauende (degenerative) Alterserscheinungen treten, die auch einzelne oder mehrere Teile des Kausystems betreffen.
Laut statistischen Angaben nimmt der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung zu. Sind zurzeit etwa 15% der Bevölkerung 65-jährig oder älter, werden es in 20 Jahren bereits 20% sein (BFS 1998).
Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass auch bei den Erwachsenen dank Prophylaxebemühungen, besserer zahnärztlicher Betreuung und Aufklärung immer mehr Leute mit eigenen Zähnen alt werden. Somit ist Gerontostomatologie, die Alterszahnmedizin, ein dringliches Anliegen der Zukunft.
Der grösste Prozentsatz der älteren Menschen —auch bei den über 80-Jährigen sind es immer noch rund 75% —leben selbständig und unabhängig.
Daten aus einer Privatpraxis über die Behandlungs- und Sanierungsmassnahmen bei 65-jährigen und älteren Patienten (im Durchschnitt >75 Jahre) zeigen folgendes Bild: Ein Fünftel dieser Patienten war zahnlos; sie trugen in beiden Kiefern Totalprothesen. Drei Viertel besassen in einem oder beiden Kiefern eigene Zähne, und nur ganz wenige waren in beiden Kiefern vollbezahnt. Bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten (55%) erfolgte eine Neuversorgung in einem oder beiden Kiefern mit fest sitzendem (Kronen und Brücken) und mehrheitlich abnehmbarem Zahnersatz, d.h. Teilprothesen und Totalprothesen. Bei den übrigen Patienten waren einfache konservierende (Füllungen), parodontale Behandlungen und Reparaturen oder Umänderungen bestehender Rekonstruktionen
notwendig. Allen Patienten, die noch über eigene, wenn auch teilweise nur wenige Zähne verfügten, wurden regelmässige Nachkontrollen (Recall) mit individueller Frequenz empfohlen. Es bestand eine eindeutige Korrelation zwischen der Anzahl eigener Zähne, Grad der Sanierung, Behandlungsmassnahmen und Recallverhalten — mit zunehmendem Alter mit abnehmendem Interesse (Mericske-Stern &Mericske 1989).
Aus anderen Untersuchungen geht allerdings hervor, dass der orale Zustand und insbesondere der Informationsgrad der Durchschnittsbevölkerung noch nicht dem Niveau entspricht, das mit den heutigen Voraussetzungen erreicht werden könnte. Zudem schneiden ältere Patienten schlechter ab.
Untersuchungen an hospitalisierten alten Patienten oder Pensionären von Heimen machten klar, dass gerade sie stark unterversorgt sind und nur mangelhaft oder überhaupt nicht zahnärztlich betreut werden. Der orale Zustand der über 74-Jährigen ist gekennzeichnet durch hohe Zahnlosigkeit (60%), parodontale Erkrankungen, ausgeprägte Schleimhautveränderungen, unzureichende prothetische Betreuung und eine ungenügende bis schlechte Mund- und Prothesenhygiene. Sozialmedizinische Befunde und eine eingeschränkte Gesundheit wirken sich auf den oralen Gesundheitszustand negativ aus. Einerseits fehlt es am Wissen, an der Initiative und Motivation des (gestressten) Pflegepersonals, anderseits an den räumlichen und technischen Möglichkeiten oder an der Organisation, so dass diesen alten Patienten keine oder zu wenig professionelle zahnärztliche Versorgung zuteil wird. Für die tägliche mundhygienische Betreuung der stark behinderten alten Patienten ist aber entsprechend geschultes Pflegepersonal erforderlich. Heute liegen in der wissenschaftlichen Literatur zur zahnärztlichen Betreuung der Betagten unabhängig voneinander erarbeitete Empfehlungen vor, die von einem bemerkenswerten inhaltlichen Gleichklang sind und somit die Objektivität des Anliegens unterstreichen (Suter 1998).
Die Gerontostomatologie ist nicht allein ein Bereich der zahnärztlichen Prothetik. Die Betreuung der alten Leute erfordert den Einsatz aller Fachrichtungen der Zahnmedizin mit ihren präventiven, konservierenden, parodontologischen, prothetischen und chirurgischen Aspekten inklusive der oralen Implantologie, dem jüngsten Kind der Zahnmedizin.
Die oralen Implantate (künstliche Zahnwurzeln) wurden primär für Zahnlose als Verankerungshilfen für Totalprothesen entwickelt. Meist sind es Schrauben aus technisch reinem Titan, einem Metall, das in dieser Form bioinert ist, d.h. vom Knochen reaktionslos aufgenommen wird. Bei geeigneter Oberflächenbearbeitung kommt es zu einem eigentlichen Verbund mit dem Knochen (Schroeder et al. 1994). André Schroeder, emeritierter Professor für Zahnerhaltung und alt Rektor der Universität Bern (1979/80), stellte die schweizerische Implantologie auf eine wissenschaftliche Grundlage. Sie etablierte sich weltweit in allen therapeutischen Bereichen, d.h. von der Totalprothese bis zum Einzelzahnersatz und bis hin zur Verankerung für kieferorthopädische Apparaturen. Die implantatgesicherten Totalprothesen, besonders im Unterkiefer, bieten eine bessere Funktion, mehr Sicherheit und damit eine erhöhte Lebensqualität (Mericske-Stern 1998).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand noch die Befreiung von Zahnschmerzen —meist durch Extraktion der Schuldigen und deren Ersatz durch Teil- und Totalprothesen —im Vordergrund der zahnärztlichen Tätigkeit. Die Rekonstruktion des Gebisses wurde bis zu einer technischen Perfektion betrieben, die sich nur noch wenige leisten konnten.
In der Mitte unseres Jahrhunderts wurde der filzig-weiche Zahnbelag, die Plaque, als vermeidbare Ursache für Karies und Gingivitis erkannt. Beide können durch einfache Präventions- und Prophylaxemassnahmen erfolgreich verhindert werden. Zahnbürste und Zahnpaste können sich alle leisten.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gewinnt die orale Gesundheit in Bezug auf das allgemeine Wohlbefinden für alle Altersstufen zunehmend an Bedeutung. Die Notwendigkeit einer eigentlichen Alterszahnheilkunde wird erkannt.
Noch gehört die zahnmedizinische Versorgung der Schweizer Bevölkerung weltweit zu den Besten. Die Erfolge der letzten Jahrzehnte sind nur dank einer wirksamen Prophylaxe erreicht worden. Im Zuge staatlicher Sparmassnahmen sehen die Zahnmediziner den hohen Standard bei Lehre und Forschung und auch bei der Prävention (Schul-, Jugend- und Behindertenzahnpflege) gefährdet.
Die Erhaltung der oralen Gesundheit durch eine optimale zahnärztliche Betreuung aller Altersklassen in allen Bevölkerungsschichten stellt in der Schweiz auch in der Zukunft eine grosse Herausforderung dar. Universität, Zahnärzteschaft und Gemeinwesen sind gefordert.
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