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Hochverehrter Herr & Freund!
Es scheint mir nothwendig zu sein, Ihnen vor der auf Morgen anberaumten Unterredung zwischen Ihnen, Herrn Zingg, Herrn Beckh & Herrn Wetli einige Mittheilungen zu Ihrer Orientirung zukommen zu lassen.
Herr Wetli war gestern Abend bei mir & trug mir folgendes vor:
Er habe früher bei der Projectirung der Gotthardbahn sich auf den Standpunct gestellt, die Kosten möglichst zu reduziren; deshalb sei er bis Amsteg der Thalebene gefolgt & habe von Amsteg aus die bekannten Spitzkehren in Anwendung gebracht; aus dem Projecte des Herrn Beckh habe er sich | nun davon überzeugt, daß die Rücksicht auf den Kostenpunct nicht als so entscheidend angesehen werde; er glaube deshalb, es sollte schon von Seedorf aus die Maximalsteigung in Anwendung gebracht & bis Göschenen festgehalten werden; die Linie Seedorf–Göschenen werde nicht mehr kosten als die Beckh'sche Linie Amsteg–Göschenen; es werde in Folge dessen die Linie Flüelen–Seedorf– Göschenen 7 Kilometer kürzer werden als die Linie Flüelen–Altdorf–Amsteg– Göschenen & es ergebe sich in Folge dessen eine entsprechende Kostenersparniß.
Der Gedanke des Herrn Wetli ist jedenfalls aller Beachtung werth. Dagegen dürfen wir den Gesichtspunct, das technische Gutachten bald möglichst erscheinen zu lassen, nicht bei Seite setzen. Ich habe nun Herrn Wetli vorge| schlagen, etwa in der Form einer Zuschrift an den Gotthardausschuß sein Project übersichtlich zu beschreiben & die zu seiner Veranschaulichung dienenden Plane beizulegen. Ich bemerkte dabei Hrn. Wetli, daß die übersichtliche Beschreibung in das «technische Gutachten» werde aufgenommen werden, unter Beifügung der Bemerkung, daß die der Beschreibung entsprechenden Pläne sich in der Hand des Ausschusses befinden; diese Pläne noch lithographiren zu lassen & ebenfalls dem Gutachten beizulegen dürfte namentlich um des damit verbundenen Zeitverlustes Willen unthunlich sein. Hr. Wetli war durch diese Eröffnung durchaus nicht befriedigt. Er wünscht offenbar, daß seine Plane auch lithographirt & dem Gutachten beigelegt werden. Er | zog sich dann in der Ihnen bekannten Weise in sich selbst zurück & verstummte. Ich äußerte noch die Ansicht, Hr. Beckh könnte in seinem Gutachten noch des Wetli schen Projectes als Variante unter Anführung des Autors gedenken & auch in den Situationsplanen die Wetli'sche Linie als Variante einzeichnen. Es fand aber auch dieser Gedanke bei Wetli keinen Anklang. Es besteht da offenbar eine tiefgehende Jalousie. Peyer, der dem größten Theile meiner Unterredung mit Wetli beiwohnte, sprach sich in ganz gleichem Sinne, wie ich, gegen ihn aus. Aus einem Briefe des H. Zingg, den ich so eben empfangen habe, geht hervor, daß er auch ganz übereinstimmende Ansichten hat.
So viel zu Ihrer Orientirung. Ich | muß es nun Ihrer diplomatischen Geschicklichkeit überlassen, den Faden der Ariadne aus diesem Labyrinthe zu finden. Dabei annerkenne ich, daß Ihnen Schweres zugemuthet wird! Im schlimmsten Falle wird Wetli sich mit seinem Projecte zurückziehen. In diesem Falle dürfte Beckh zu veranlassen sein, die Idee von sich aus zu prüfen & in dem Gutachten als Variante (unter Erwähnung des H. Wetli in geeigneter Weise) zu berühren.
Wollen Sie die Güte haben, den Inhalt dieses Briefes Hrn. Zingg mitzutheilen. Es liegt darin die Beantwortung seines an mich gerichteten Schreiben. Meine herzlichen Grüße wollen Sie beizufügen die Gefälligkeit haben.
Empfangen Sie noch meinen besten Dank für Ihr geschätztes Schreiben | vom 5 dß. & genehmigen Sie die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung von
Ihrem ganz ergebenen
Dr A Escher
Bern
9 Dezbr 1864.