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Der folgende Text basiert auf einer schriftlichen Vertiefungsarbeit, die Yahya im Rahmen der Berufsschulausbildung verfasst hat. Aufbereitet von Alina Ragoni.
Der Krieg im Sudan
Mein Name ist Bilal Yahya, ich bin 25 Jahre alt und komme aus dem Sudan. Seit 2017 bin ich in Luzern. Ich bin gelernter Logistiker und arbeite bei IKEA.
2003 begann in Darfur ein Krieg. Darfur ist ein Teil des Sudans, der ein unabhängiges Land sein will. Deshalb gibt es Konflikte zwischen Darfur und der angrenzenden Stadt Karthum. Die Regierung vom Sudan will die Menschen, die jetzt in Darfur leben, von dort vertreiben und dass stattdessen die Menschen vom Norden nach Darfur ziehen. Viele Sudanesinnen und Sudanesen sind deshalb nach Chad und Zentralafrika geflüchtet.
Meine Familie und ich lebten in Darfur. Als ich drei Jahre alt war, mussten wir nach Norden flüchten, nach Al Jazeera Madani, und dort ein neues Leben beginnen. Die Stadt Mandani ist die zweitgrösste Bundesstadt im Sudan, es leben mehr als 4 Millionen Menschen dort.
Meine Mutter hat unsere Familie ernährt, eines Tages wurde ihr von ihrem Arbeitgeber gekündigt. Mit 9 Jahren habe ich deshalb begonnen, die Verantwortung für die Familie zu übernehmen, aber es war nicht einfach. Wir wollten zurück nach Darfur, wo es aber immer noch Krieg gab. Meine Mutter wurde krank und konnte nicht mehr arbeiten. Ich arbeitete auf dem Feld um etwas Geld für Essen zu verdienen, es reichte aber nicht für die Miete und deshalb gingen wir in ein Asylheim. Dort lebten wir fast drei Jahre. Mit 16 Jahren musste ich flüchten. Ich reiste durch die Sahara nach Tripolis (Libyen), dann über das Meer bis Italien und schliesslich in die Schweiz.
Durch die Sahara nach Libyen
Nach Libyen reisten wir mit einem Lastwagen. Wir hatten den Schleppern Geld gegeben, mussten aber warten und schliefen mehrere Nächte auf dem Sandboden der Sahara. Eines Nachts weckten uns die Schlepper und befahlen uns, auf einen Lastwagen zu steigen. Wir waren mehr als 120 Personen. Wir waren sehr froh, endlich von dort wegzukommen. Der weiche, feine Sand der Sahara war für mich ganz neu. Wenn man genug zu essen und trinken gehabt hätte, hätte man Spass haben können.
Aber so elend, wie wir dran waren, dachten wir nur ans Sterben. Ich dachte, wir würden es nie schaffen, hier lebend rauszukommen. Auch wer noch nie gebetet hatte, tat es jetzt, Moslems wie Christen, alle sprachen zu Allah. Nach 3 Wochen erreichten wir Libyen, genauer: Tripolis.
Von Tripolis ans Meer
In Tripolis blieb ich einige Wochen in einem Camp. Wir wohnten in einer dreckigen Lagerhalle. Wer versuchte zu fliehen, wurde erschossen. Viele Leute waren krank, sie hatten Husten, Durchfall, mussten erbrechen, weil es überall schmutzig war und es kein sauberes Trinkwasser gab. Während dieser Zeit ging es mir sehr schlecht. Ich hatte keine Sicherheit. Es interessierte niemanden, ob ein Mensch lebte oder starb.
Eines Morgens, etwa um fünf Uhr, riefen die Schlepper alle Namen der Flüchtlinge auf, die bezahlt hatten. Wir mussten auf einen Lastwagen steigen, der mit Backsteinen beladen war. Zwischen den Steinen gab es auf der Rückseite eine kleine Öffnung, durch die wir ins Innere klettern mussten. Im Inneren war es dunkel und heiss. Es gab keine frische Luft, sie hatten viele Menschen hineingestopft. Die Fahrt ging mehrere Stunden. Einmal hielt der Lastwagen und wir mussten das Fahrzeug wechseln. Wir wurden in einen Kühlwagen umgeladen. Das war sehr schlimm, dort waren wir zwischen Wasserflaschen eingeklemmt und es war sehr kalt. Wenn jemand geschrien hätte, hätte uns niemand gehört. Ich dachte, dass ich nie mehr lebend rauskomme. Als wir endlich aussteigen konnten, wurden wir in ein Zwischenlager gebracht. Wir hatten Hunger und Durst. Am Abend gab es Teigwaren mit Wasser, es gab aber nicht genug Essen für alle. In diesem Lager traf ich Leute, die ich schon von früher kannte.
Die Überfahrt mit dem Boot
Eines Nachts, als wir schliefen, kam einer der Schlepper und sagte: Wer bezahlt hat, muss sich bereit machen. In dieser Nacht geht es los. Niemand wusste, ob wir lebendig ankommen würden. Wir verabschiedeten uns von unseren Kollegen, die wir im Lager kennen gelernt hatten. Wir wussten nicht, ob wir uns je wieder sehen würden. Wir waren traurig und weinten. Man weiss nie, ob es ein Boot schafft, in Italien anzukommen oder nicht. Einige Tage vor uns war ein Boot gesunken. Das hatten wir erfahren und deshalb hatten wir grosse Angst vor unserer Überfahrt.
Wir waren etwa 140 Menschen auf dem Boot. Der Schlepper startete den Motor und rief auf Arabisch: “Viel Glück!”. So sind wir in die Dunkelheit losgefahren. Niemand durfte uns sehen. Wir fuhren die ganze Nacht, bis die Sonne wieder aufging. Hinter uns sprangen grosse Fische im Wasser. Die Leute riefen immer wieder: “Es kommt Wasser ins Boot, es ist kaputt, was wollen wir bloss tun?”. Wir schöpften das Wasser hinaus. Von meinem Platz aus konnte ich nichts anderes sehen als Wasser, Himmel und Wellen. Endlich, am zweiten Tag, sahen wir ein grosses Schiff. Wir feuerten eine Leuchtrakete. Es war ein Schiff mit vielen Soldaten. Sie zeigten mit ihren Waffen auf uns und fragten auf Englisch, wer der Kapitän sei. Unser Fahrer hatte Angst und liess das Steuer los. Ein Soldat sprang auf unser Boot und übernahm das Steuer. Über eine Strickleiter konnten wir, einer nach dem anderen, auf das grosse Schiff klettern. Ich kletterte schnell hinauf und schaute nicht mehr nach unten in das Meer zurück.
Von Italien nach Luzern
Von Sizilien ging ich weiter nach Rom. Ich wurde von der Polizei kontrolliert, dann sagte sie mir, dass ich gehen darf. Ich ging zum Bahnhof und fragte die Leute, ob jemand mir etwas zu Essen kaufen kann. Eine unbekannte Person hatte mir geholfen. Er fragte mich, ob ich mit meiner Familie unterwegs war. Ich sagte ihm, dass ich alleine gekommen war und dass ich weiterreisen wollte. Er kaufte mir Essen und ein Ticket nach Milano. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Milano. Dort traf ich meine Freundin Genet. Wir blieben sieben Tage in Milano, dann kaufte sie zwei Tickets für uns und wir fuhren nach Chiasso. In Chiasso wurden wir von der Polizei kontrolliert und in ein Camp gebracht. Im Camp bekamen wir Kleider und Essen, am nächsten Morgen hatten wir Transfer nach Zürich, wo ich meine Interviews1 hatte.
Ich lernte Deutsch und eines Tages kam ein Brief, in dem stand, dass ich bleiben durfte. Ich war überglücklich. Ich hatte mir gesagt: Ich habe eine Chance bekommen, und jetzt muss ich sie nutzen.
Chancen und Vorurteile in der Schweiz
Es gibt Leute, die behaupten: Flüchtlinge sind kriminell. Sie haben gar keine Probleme und kommen nur wegen des Geldes in die Schweiz. Meiner Meinung nach stimmt das nicht. Ich möchte erzählen, was ich darüber denke: Die Flüchtlinge aus Afrika haben verschiedene Probleme, je nach dem aus welchem Land sie kommen. Sie konnten in ihrem Land keine richtige Ausbildung machen, keine Arbeit finden, es gibt Krieg und Hungersnöte. Sie werden wegen ihrer politischen Meinung verfolgt und ins Gefängnis gesteckt. Deshalb fliehen sie.
Ich habe mich dazu entschieden, meine Geschichte aufzuschreiben, weil ich auf der Reise von Sudan nach Libyen viel zu viel gesehen habe, was ich in meinem ganzen Leben nie vergessen werde. Die Schlepper, die Fahrt im Lastwagen, dass wir mit Eimern Wasser aus dem Boot schöpfen mussten, wie wir über die Strickleiter auf das grosse Schiff geklettert sind. Die Ankunft in Italien war sehr glücklich. Jetzt lerne ich Deutsch und Englisch, arbeite und habe viele Freunde. In der Zukunft möchte ich ein Haus kaufen und eine Familie gründen. Ich bin sehr dankbar für die Schweiz und für die Menschen, die hier leben, für das multikulturelle Leben. Wir Flüchtlinge haben hier viel mehr Möglichkeiten, wir bedanken uns alle sehr.
1 Asylsuchende werden bei ihrer Ankunft in der Schweiz in einem mehrstündigen Interviewprozess zu ihrer persönlichen Situation befragt. Anhand dieser Befragung und daraus folgenden Abklärungen wird entschieden, ob Asyl gewährt wird oder nicht.