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Titel:
Ein Leben für fremde Herren
Thema: Leute
Datum: 08.10.1711
Masse: 32,1 x 40,5 cm
Standort: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Pa.013-01
Urheber/-in: Comte d‘Albemarle
Beschreibung:
Entlassungsurkunde für Johann Ulrich Zürcher aus dem Berner Regiment Stürler in niederländischen Diensten. Das am 8. Oktober 1711 im belgischen Tournai namens des Oberkommandierenden Arnold Joost van Keppel ausgestellte Dokument trägt Siegel und Unterschriften des Comte d’Albemarle und seines Beauftragten De la Sarraz.
Geschichte:
Mit den Worten «Morgen verliere ich mein Leben» verabschiedete sich der Gaiser Soldoffizier Johann Ulrich Zürcher (1688–1747) am Abend vor der Schlacht am Col de l'Assiette von seinen Kameraden. Zürcher behielt Recht: Sein ungestümes Vorgehen im verlustreichen Kampf zwischen französischen und piemontesischen Truppen bezahlte er am 19. Juli 1747 mit seinem Leben, das er wie Tausende anderer Schweizer Soldaten und Offiziere in fremden Diensten meist fernab der Heimat verbracht hatte.
Johann Ulrich Zürcher trat bereits 1703 als 15-Jähriger in die Dienste der Niederlande und arbeitete sich bis zum Kompaniefähnrich empor. Gemäss dem abgebildeten Zeitzeugnis bat Zürcher 1711 aus privaten Gründen um die Entlassung aus dem niederländischen Dienst. Doch schon gegen Jahresende stand er im Sold des deutschen Kaisers in Oberitalien. Um 1713 war Zürcher wieder in den Niederlanden, ab 1716 unter venezianischen Fahnen und 1719 bis 1721 wirkte er als Werbemajor für Spanien.
Mit dem Eintritt in preussische Dienste 1726 kam nach rastlosen Wanderjahren Stabilität in den Werdegang. Zürcher wirkte zunächst als Werber für die königliche Leibgarde der langen Kerls des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Dank seines Engagements und seiner militärischen Haltung stand er beim König bald in hoher Gunst: Zum einen wurde er vom König in persönlich adressierten Schreiben mit «Mein lieber Zürcher» angesprochen. Zum andern diente er als Wachtoffizier in Küstrin, wo der gegen seinen Vater opponierende Kronprinz Friedrich II., der spätere Friedrich der Grosse, gefangen gehalten wurde. Die Treue zum Königsvater rächte sich jedoch nach dem Thronwechsel zu Friedrich II., denn Zürcher wurde im Herbst 1740 ohne Pensionsleistung entlassen. Schliesslich kommandierte Zürcher von 1743 bis zu seinem Tode 1747 eine der beiden Appenzeller Kompanien im Dienste von Sardinien-Piemont.
Johann Ulrich Zürchers Karriere als «Berufsoffizier» im Sold fremder Mächte war kein Zufall: Einerseits hatten schon sein Grossvater und sein Vater im Ausland gedient, andererseits war Gais eine Hochburg der fremden Dienste – allein zwischen 1647 und 1750 waren über 15 % der in dieser Zeit verstorbenen Männer im Kriegsdienst umgekommen. Ein restriktives Bodenrecht behinderte das wirtschaftliche Fortkommen, weshalb viele junge Gaiser in die Solddienste flüchteten. Allerdings war es anders als zu früheren Zeiten kaum mehr möglich, als Söldner ein grosses Vermögen anzuhäufen. Aber der Dienst versprach weiterhin Abenteuer und Freiheit, auch wenn sich die Realität häufig als eintöniger Kasernenalltag und stumpfer Drill entpuppte.
Bei Johann Ulrich Zürcher war zum einen vielleicht seine wirtschaftliche Lage ausschlaggebend für seinen langjährigen Verbleib in fremden Diensten. Eine endgültige Rückkehr nach Gais und ein Engagement in der Landespolitik hätte sich Zürcher möglicherweise kaum leisten können. Zum anderen darf man ihn zweifellos einen Haudegen nennen, der Freude am Militärischen empfand: So liess sich Zürcher einen schlecht verheilten Beinbruch noch einmal brechen, um nicht mit hinkendem Gang vor den preussischen König treten zu müssen. Zürchers militärische Urkunden und einige Briefe wurden später in einem Aktenband vereinigt. Die Sammlung dient als Beispiel für die vielen vergessenen Appenzeller Soldaten und Offiziere in fremden Diensten.
Autor: Sandro Frefel, Appenzell
Literatur:
StAAR, Mn.Z-03 Personendokumentation Zürcher.
StAAR, Pa.013-01 Privatarchiv Johann Ulrich Zürcher (1688-1747).
Fuhrer, Hans Rudolf. Eyer, Rober-Peyer (Hrsg.): Schweizer in «Fremden Diensten». Verherrlicht und verurteilt. Zürich 2006.
Witschi, Peter: Appenzeller in aller Welt. Auswanderungsgeschichte und Lebensschicksale. Herisau 1994.
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