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Die Legende der armen Spinnerin Marie-Madeleine
Es war einmal eine arme Spinnerin. Sie hiess Marie-Madeleine und lebte zwischen der Rue Toutes-Âmes und der Rue du Boule, der heutigen Rue de la Fontaine. Vom Morgengrauen bis zur Dämmerung sass sie an ihrem Spinnrad und füllte Spindel um Spindel. Viele Jahre vergingen so, und das einst hübsche Mädchen wurde grau und runzelig. Auch das Spinnrad wurde alt und begann zu quietschen, und dennoch spann Marie-Madeleine immer weiter.
Im Quartier grüsste man sie freundlich, tauschte einige Worte mit ihr. Aber meist nur kurz, denn die Spinnerin war nicht sehr gesprächig. Sie eilte stets schnell wieder an ihr Spinnrad zurück, um mit ihm alleine zu sein. Es schien, als ob sie Angst hätte, dass das kleine Spinnrad es nicht ertragen könne, untätig zu sein. Und so drehte sich ihr Rad Tag ein Tag aus.
Manchmal fragten sich die Nachbarn, besonders natürlich die Nachbarinnen: „Ist die arme Spinnerin denn wirklich so arm? Seit Jahren verkauft sie ihre Wolle und führt ein so bescheidenes Leben. Hat sie in dieser langen Zeit nicht schon einen kleinen Schatz angehäuft?“
Die Antwort auf die Frage kam an einem kalten Winterabend, an dem Marie-Madeleine ihre Seele aushauchte. Sie hatte verfügt, dass aus ihrem ganzen Besitz in der Nähe ihres Hauses unterhalb der Kathedrale eine schöne Kirche gebaut werden solle. Und so geschah es.
Die Kirche wurde nach ihr benannt und heisst nun La Madeleine.
Noch heute sieht man am Schlussstein des Chorgewölbes und an den unteren Enden der Chorbögen ein schönes, kleines, in Stein gemeisseltes Spinnrad. Lange noch erzählte man sich abends die Geschichte der armen Spinnerin und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand stets am 22. Juli ein Fest in diesem Quartier statt.
Es war ein seltsames Fest, das sich kaum deuten lässt: Die Kinder trugen eine von der Mère Feneul reich ausstaffierte Lumpenprinzessin durch die Strassen und stellten sie danach auf den Brunnen. Dann tanzten sie darum herum und sangen laut: „Tiens bon Marie-Madeleine, tiens bon Marie-Madelon!“. Anschliessend gab es eine kleine Brotmahlzeit, die den krönenden Abschluss dieses urtümlichen Festes bildete.
Der grösste Irrtum der Historiker besteht darin, dass sie nicht an Legenden glauben. Stattdessen haben sie die in Stein gemeisselten Spinnräder in der Madeleine-Kirche untersucht und sind zum Schluss gekommen, dass es sich eindeutig um das Wappen der Familie von Rolle handelt, die die Kirche im 15. Jahrhundert mit einer grosszügigen Spende unterstützt hat. Das Wappen der Familie besteht aus einem goldenen Spinnrad auf himmelblauem Hintergrund und einer silbernen Bergkette mit vier Gipfeln darunter.