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Tagebuch #120
Ein Stein mit Spruch
Seit Wochen sind am Eingang der Arena im Rosenhof, unter dem Torbogen Steinplatten am Boden angebracht. Darauf sind die im Schlössli schon seit langer Zeit verwendeten Sprüche in Stein gemeisselt: „Werde der Du bist“, „Ich war - Ich bin – Ich werde sein“, „Ich bin der ich bin“. Das sind also die Worte, die einem empfangen am Toreingang. So wie es in Delphi hiess: „Erkenne dich selbst“ so sollen diese Weisheiten zum Aufwacherlebnis werden zu dieser Arena, die ja selbst durch Tierkreisthrohne, Tierkreissprüche und Labyrinth einladen zur Besinnung und Sinngebung. Diese Anlage ist seit Jahrzehnten nach und nach gestaltet worden. Es ist gewachsen. Da war nicht am Anfang ein Designer, der sich das alles ausgedacht hat und es dann ausführen liess. Ganze Generationen von Kindern, SeminaristInnen, MirarbeiterInnen haben da mitgewirkt. So wurde dieser Ort auch zum sakralen Ort, einem Ort von dem Menschen sagen, es sei ein magischer Ort, ein Kraftort.. Und so wird der Rosenhofpark mit dem Wasserverlauf, der der Nagaschlange entspringt, dem sensorischen Fussweg und Tunneleingang in den Paradiesgarten, dem Pizzaofen, mit dem Astrolabium, dem Regenbogeninstrument, dem Hühner- und Hasengehege, dem Gewölbe und Brunnen, der Kräuterspirale, mit dem uralten und jungen Baumbestand, mit der ständigen Pflege der Blumen und Sträucher ein Juwel. Für mich ist, der seit dem Anfang der Gestaltung des Parks in den Sechziger Jahre Dabeigewesener, dieser Ort ein Stück Heimat geworden.
Es ist nicht ganz leicht den Besuchern klar zu machen, dass dieser Park zugleich privat und öffentlich ist. Privat, weil ja hier die Bewohner der Schlössliliegenschaften wohnen, öffentlich, weil wir diesen Park gerne der Öffentlichkeit zeigen wollen. Gegenseitiges Verständnis und Respekt sind dazu unabdingbar.
Am sechsten September ist zugleich auch der Todestag von Aetti. Er ist 2001 gestorben. Wenige Tage vor dem Einsturz der Zwillingstürme in New York.
Anschliessend veröffentliche ich hier eine der sechzig berndeutschen Geschichten. Die Eichengeschichte passt zum Rosenhofpark:
4. D Eiche isch mi Boum
Scho aus Ching het mer dr Eichboum Idruck gmacht: Die zakige Escht, die ruchi Ringe, die eigenartige Eichle i de Bächerli. Wo mer de i dr sächste Klass i dr Schueu hei Böim zeichnet hei, hani gmerkt, dass d Eiche mi Boum isch. I dr Mythologie hani ghört, dass d Eiche dr Boum vom Blitzeschleuderer Thor isch u zum fürige Mars ghört. Das isch äs Fescht gsi für mi aus Choleriker.
Däheim hani dr Aetti gfragt, ob mir im Park ou Eiche heigi. Är het das verneint. I bi nie ä Gärtner gsi, de scho gar nid ä Boumgärtner. Doch hi ha Eiche wöue im Park. U de subito. I bi i Waud ueche u ha dört öppe zä jungi Eiche us em Bode gschrisse. I ha vorhär nid dra dänkt ä Stächschufu mit znä. U bi du sofort i üse Park se go setze.
Vo dä zä Eichene isch nume eini cho. Aber de grad richtig. Wen i düre Park bi, ha nig se immer bsuecht. Äs isch immerhin mi Boum gsi. I ha se aglängt u dr Stamm gstrichlet, are zuere ueche gluegt.- Öppe drü Jahr schpäter, mi Eiche isch scho drü Meter höch gsi, hani gse, dass sie öppe i dr Häufti knikt isch worde. Ä Kathastrophe! Öpper het viellecht us dr Eiche wöue ä Pfiuboge mache. I ha die knikti Eiche wieder ufgrichtet u mit Schnüer zämebunge. Die Eiche het die Kathastrophe überläbt und isch sogar läbiger witer gwachse. Auso so ne Art vo Resilienz, wie me hüt öppe so seit. Us eigeter Kraft, u de no besser aus vor dr Kataschtrofe, witerläbe. Us äm Uglük Kraft schöpfe. Das het mer Idruck gmacht.
Hüt, nach öppe sächzg Jahr, isch us däm Bäumli ä grosse Boum worde. Sicher über füfzäh Meter höch. Sini knorrige Escht si hüt grad so knorrig, wie nig se vor sächzg Jahr träumt ha. „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“, ha nig dänkt.
Viu schpäter, i bi ihre schwäre Läbeskrise gsi, hani imene Kreis vo Fründe, mi Kathastrophe-Situation dargleit. I ha müesse ä schwäri folgerichi Entscheidig fäue. U das hani de ou gmacht. Aber zum Zeiche, das mirs Ärnscht isch, hani im Park ä nöi Eiche gsetzt. Das mau eini usere Boumschueu. Das isch wider äs paar Jahr här. Mi zwöiti Eiche wachst, wachst schnäu i d Höchi. Dr Stamm isch no grazil. No nid so eichig. Si mahnt mi immer wider a mi Läbeskrise. U i cha hüt feschtsteue, dass i dür das Schwäre gwachse bi, stercher worde bi. Nid das i die Krise wott verherrliche. Äs isch schlimm gnue gsi. Aber i ha füre gluegt. Gluegt, dass i für mis Uglük nid vor auem, angeri gschued ha gä, ha mis Schicksau aus mis Eigeds agluegt. Das hei mer nid zletscht mini Eichene glehrt.
Dr Aetti het üs scho früe immer wieder sones Boumgedicht vorgläse. I dänke, das passt guet zu mire Eichegschicht:
Stiller Glaube
Die Bäume stehen stark und still,
Sie stehen dort wo Gott es will
Und tragen ihre Kronen.
Sie sehnen sich wie du und ich
Nach Himmelsblau und strecken sich,
Dass sie das Licht belohne.
Auch du sollst stehen still und stark,
Und sei dein Erdreich noch so karg,
Auch du trägst deine Krone.
Was sorget deine Seele sich,
Ein Stücklein Himmel auch für dich,
Hält Gott bereit zum Lohne.