Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03643.jsonl.gz/2438

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1993 von Peter Ziegler
DIE APOTHEKE PESTALOZZI IM LUFT (1831–1863)
Die Regenerationszeit, deren Hauptziel die politische und wirtschaftliche Gleichstellung der Landschaft mit der Stadt Zürich war, brachte dem Kanton auch die erste Landapotheke in Wädenswil. Im Juli 1830 richtete Hans Heinrich Pestalozzi (1802–1853), Bürger der Stadt Zürich und Sohn des Richterswiler Pfarrers Mathias Pestalozzi-Wegmann1 (1877-1829), das vom Wädenswiler Oberamtmann Heinrich Escher unterstützte Gesuch an die Regierung, in Wädenswil eine Apotheke führen zu dürfen.2 Nach dem die Behörde die Bitte genehmigt hatte, erwarb Pestalozzi am 4. Oktober 1830 vom Wädenswiler Arzt Dr. Johann Caspar Richardt dessen an der Luftgass gelegenes Haus, genannt «Zur Bescheidenheit», samt angebautem Waschhaus und Schopf3, und im folgenden Jahr konnte in Wädenswil die erste Apotheke auf der Zürcher Landschaft eröffnet werden. Der eingehende bezirksärztliche Revisionsbericht vom 21. November 1831 rühmt die zweckmässige Einrichtung von Offizin, Laboratorium, Keller und Magazinen und stellt dem Apotheker, dessen Haupttätigkeit in Lieferungen an Ärzte bis in die Innerschweiz bestand, das beste Zeugnis aus.4
1832 verheiratete sich Heinrich Pestalozzi mit Rosina Gutmann (1812–1836). Nach deren frühem Ableben schloss er 1840 eine zweite Ehe mit Anna Esther Henriette Herdener (1822–1896) von Wädenswil.5
Die Grundprotokolle geben Aufschluss über die genaue Lage der Apotheke Pestalozzi: Sie stand auf dem Platz der heutigen Liegenschaft Seestrasse 89, seeseits der einst die Hauptstrasse bildenden Luftstrasse, und grenzte seit 1840 an die neue Seestrasse. Waschhaus und Schopf wurden umgebaut und werden 1832 in den Lagerbüchern der Brandassekuranz als «Apotheke mit Laboratorium» bezeichnet, 1833 als «Apotheke mit zwei darauf erbauten Etagen».6
Leider erfüllte sich Pestalozzis Hoffnung auf Einführung der Rezeptur nicht. So spezialisierte er sich hauptsächlich auf den Grosshandel mit Drogen und Farbwaren. Und darin war er erfolgreich. 1841 ersetzte der Apotheker ein benachbartes Magazin durch ein neues, das er 1847 erweitern liess. 1906 wurde das Gebäude zum heutigen Wohnhaus Seestrasse 91 umgebaut. Im Sommer 1844 kaufte J. H. Pestalozzi dem Landwirt Jakob Isler in der Feldweid bei Beichlen im Wädenswiler Berg 5000 Quadratfuss Riedboden ab und liess hier einen Blutegel-Teich anlegen.7 Und 1846 erwarb er von Heinrich Hermann im Luft die seinem Eigentum benachbarte Behausung Ass.-Nr. 58 an der Sustgass am See.8 Das Verzeichnis der Stadtbürger von Zürich auf das Jahr 1851 führt Hans Heinrich Pestalozzi in Wädenswil als «Apotheker und Fabrikant chemischer Artikel» auf, die durch die Firma «Pestalozzi u. Comp.» vertrieben wurden.9
Johann Heinrich Pestalozzi starb im Juni 1853 im Alter von knapp 51 Jahren.10 Die Erben führten die «Pestalozzi'sche Apotheke in Wädensweil» weiter. Zuerst amtete als «Provisor» Ludwig Meyer von Zürich, dann Pestalozzis Tochtermann Salomon Steinfels (1828–1913) von Zürich, der 1856 Maria Wilhelmine Pestalozzi (1836–1860) geheiratet hatte.11 Deren Schwester Bertha (1833–1900) vermählte sich 1859 in zweiter Ehe mit dem Wolltuchfabrikanten Johami Jakob Treichler (1824-1894) im Neuhof Wädenswil, dem Mitinitianten des Elektrizitätswerks Waldhalde an der Sihl und Gemeindepräsidenten von Wädenswil.12
Häuser zwischen Seestrasse und Luftstrasse auf der Höhe der Sust, um 1900. Ansicht von Osten. Zweites Haus von links: «Gambrinus», viertes Haus von links: «Alte Apotheke».
Ähnlicher Bildausschnitt wie oben, 1993. Die «Alte Apotheke» wurde 1910/11 durch einen Neubau ersetzt (drittes Haus von links).
Briefkopf der Drogen- und Chemikalienhandlung J. Hürlimann & Cie., vormals J. H. Pestalozzi & Cie., mit Datum vom 14. Januar 1914.
Die Erbausscheidung erfolgte am 31. Oktober 1857 im Notariat Wädenswil. Die Töchter aus erster und zweiter Ehe des verstorbenen Apothekers Heinrich Pestalozzi erklärten sich damit einverstanden, dass die väterlichen Liegenschaften in Wädenswil samt der Apotheken-Konzession zum ermässigten Schatzungswert von 27 500 Franken dem einzigen Bruder Jakob Heinrich Pestalozzi verkauft werden sollten.13 Da dieser aber erst fünfjährig war, handelte für ihn Dr. Jakob Pestalozzi, Fürsprech in Wädenswil, als Vormund. Am gleichen Tag verkaufte der Vormund diesen Besitz an Heinrich Baumann und Salomon Steinfels weiter: an den Stiefvater und an den Schwager des früheren Eigentümers.14 Dabei wurde abgemacht, dass der Apotheker Salomon Steinfels-Pestalozzi in den Gebäulichkeiten den Apothekerberuf noch bis zum 13. Juni 1863 ausüben dürfe. Im weiteren behielt sich der Vormund für eine Zeit von zehn Jahren für sein Mündel das Recht vor, die Liegenschaften – doch ohne Apotheken-Konzession – zurückzukaufen. Dieser Rückkauf erfolgte aber nicht. Am 2. September 1863 trug Landschreiber Flad ins Grundbuch ein, Gemeinderat und Kaufmann Heinrich Baumann, der sich 1857 mit der Witwe Anna Esther Pestalozzi-Herdener vermählt hatte, habe den früheren Miteigentümer Apotheker Salomon Steinfels, nun zum Lindenhof in Wädenswil sesshaft, ausgekauft und sei nun alleiniger Eigentümer der zwischen Seestrasse und Luftstrasse gelegenen Liegenschaften.15 Über die Tochter Anna des Heinrich Baumann-Herdener vererbten sie sich auf Professor Johann Jakob Walder-Baumann und wurden 1910/11 durch An- und Umbau zum heutigen dreistöckigen Wohnhaus Seestrasse 89 umgestaltet.16
VON DER DROGERIE ALPINA ZUR DROGERIE SÜESS
Nach der Trennung von Apotheke und Drogenhandel führte Jakob Heinrich Pestalozzi (1852–1934), Sohn des Apothekers Hans Heinrich Pestalozzi aus zweiter Ehe, als Kaufmann im Haus zur Apotheke im Luftquartier wohnhaft, ab den 1880er Jahren die Fabrik für pharmazeutische Produkte weiter.17 Er war seit 1877 mit Ida Treichler (1857–1909) verheiratet.18 Unter der Firmenbezeichnung «J. H. Pestalozzi & Cie. » betrieb er neben einer Drogen- und Chemikalienhandlung zwei Milchzuckerfabriken sowie eine chemische Fabrik und exportierte eine Zeitlang Milchzucker nach den Vereinigten Staaten.19 Die Fabrik in Wädenswil lag an der Eintrachtstrasse unterhalb des 1874 eröffneten Gaswerks und bestand 1891 aus dem Pulverisier- und Magazingebäude Ass.-Nr. 1050 mit Anbau, Hochkamin und eingemauertem Dampfkessel, angebaut an die Scheune Ass.-Nr. 1034, ferner dem Magazingebäude Ass.-Nr- 1060, einem Schopf Ass.-Nr. 1093 und dem Magazingebäude Ass.-Nr. 628 bei der alten Apotheke im Luft.20 1892 erlosch die Firma «J. H. Pestalozzi»; an ihre Stelle trat die neue Kollektivgesellschaft «J.H. Pestalozzi + Cie.»21 Über Heinrich Baumann-Herdener und Anna Walder-Baumann kamen die Gebäude 1918 durch Kauf an Schlossermeister Julius Theiler und 1923 – der Hochkamin wurde bei dieser Handänderung nicht mehr aufgeführt – an Zimmermeister Gottlieb Wahrenberger.22 1970 wurden die Bauten abgetragen.
Die «Droguen- & Chemikalien-Handlung» mit «Pulver- & Schneide-Anstalt» wurde 1901 samt der Milchzuckerfabrik auf Spitzen an Jakob Hürlimann verkauft, dem seit 1895 das Wohnhaus zur Bernburg auf dem Buck (Buckstrasse 19) gehörte.23 Geschäftssitz war das Haus Alpina, Seestrasse 118/120 (abgebrochen 1963), gegenüber der Liegenschaft «Zur Reblaube».24 Der Kaufmann Jakob Hürlimann hatte dieses Wohn- und Geschäftshaus an der Seestrasse ob dem alten Engel im Mai 1883 von den Geschwistern Maria, Elise und Huldreich Rudolf Hauser zum Jakobshof erworben.25 Es hiess ursprünglich «zum Fellbau» und wurde 1884 vom neuen Besitzer «Albina» getauft.26 Später setzte sich der Name «Alpina» durch. In der «Alpina» betrieb Hürlimann die ehemalige Firma Pestalozzi unter dem neuen Namen «J. Hürlimann & Cie.» weiter.27 Mit Heinrich Pestalozzi-Treichler (1852–1934) stand er auch sonst in Verbindung:
Haus «Alpina» an der Seestrasse, mit Drogerie Furrer. Ansicht von Westen, vor dem Abbruch im Jahre 1963.
1901 zum Beispiel erwarb Pestalozzi Hürlimanns neu erbautes Haus zum Abendstern an der Bürglistrasse.28 1918 wurde Huldreich Schmid Eigentümer des Wohnhauses Alpina mit Drogerie und Lebensmittelgeschäft.29 Und nach ihm geschäftete hier dessen Neffe, Walter Furrer (1908–1989), der das 1939 erworbene Haus 1962 zum Abbruch dem Staat Zürich verkaufte.
Ältere Einwohnerinnen und Einwohner erinnern sich noch an die Zeit, da Walter Furrer-Frauenfelder in der «Alpina» seine Drogerie führte und hier Kinder im langgezogenen Laden mit seinen zwei Eingangstüren die begehrten Schleckwaren Bärendreck und Süssholz erstehen konnten. Zur Drogerie gehörte auch eine Benzinzapfsäule, die an der Hausecke beim unteren Reblaubenweg stand. «Es war jeweils ein besonderes Ritual», schreibt der ehemalige Nachbar Max Stoop30, «wenn die Tanksäule mit dem Schlüssel geöffnet wurde und die beiden Schaugläser, die normalerweise hinter zwei Schwenktürchen verborgen waren, sichtbar wurden. Ein Handhebel wurde nun hin und her bewegt, um den Treibstoff aus dem unterirdischen Tank ins eine Schauglas zu pumpen. War dieses voll, so legte man einen Hahn um, worauf sich das Benzin aus dem Schauglas durch den Schlauch in den Treibstoffbehälter des Kunden entleerte, währenddem mit dem Hebel weitergepumpt und das zweite Schauglas gefüllt wurde. Das Benzintanken war eine bedächtige und aus heutiger Sicht auch gemütliche Angelegenheit.»
1963 hatte das Haus Alpina für die Verbreiterung der Seestrasse zu weichen. Die Drogerie Furrer fand in der Überbauung Krähbach an der Zugerstrasse 58 einen neuen Standort. Im März 1970 ging sie an den heutigen Eigentümer über, den eidgenössisch diplomierten Drogisten Herbert Süess.
DIE APOTHEKE STEINFELS «ZUM LINDENHOF» (1863–1918)
Am 19. Dezember 1862 verkaufte Metzger und Weinwirt Johann Jakob Streuli «zum Lindenhof in Wädensweil» dem Apotheker Salomon Steinfels «im Luft» mit Kaufantritt am 1. Mai 1863 sein 1847 an der Zugerstrasse neu erbautes Wohnhaus und ein mit Durchgang verbundenes Metzg- und Tanzsaalgebäude.31 Im Erdgeschoss des vorderen Hauses (Zugerstrasse 20), das ihm schon ab Neujahr 1863 zur Verfügung stand, eröffnete nun Steinfels eine neue Apotheke, als Ersatz für die geschlossene bisherige im Luftquartier bei der Sust. Das hintere Haus, das ehemalige Tanzsaalgebäude, diente fortan als Laboratorium und Magazin.
In den 1860er Jahren machte Steinfels für seine ins Haus «Zum Lindenhof» an der Zugerstrasse verlegte Apotheke vermehrt Reklame in der Lokalzeitung. Die Inserate vermitteln Einblicke ins Sortiment hier feilgebotener Artikel. Am 3. Juni 1863 wurden im «Anzeiger» solide Glaskrüge in zwei Grössen angepriesen, dazu Füllungen zu Selters- und Sodawasser. Auch frisches St. Moritzerwasser war hier zu haben. Am 14. Dezember 1863 empfahl die Apotheke zum Lindenhof Handwaschpulver als bestes Mittel gegen das Aufspringen der Hände und am 4. Januar 1864 für Hustenleidende die Pektorinen des Arztes J. J. Hohl in Heiden. Am 16. August 1865 empfahl Steinfels «Aechtes Eau de cologne in ganzen und halben Fläschchen», am 11. Juni 1868 Eau de Moscou in Fläschchen zu achtzig oder zu vierzig Rappen, als vorzügliches Mittel gegen Zahnschmerz, üblen Geruch der Zähne und des Mundes. Und in der Zeit der Weinlese und Obsternte, am 10. Oktober 1868, machte der Apotheker die Landwirte aufmerksam auf das bei ihm vorrätige ausgezeichnete Pulver zum Einstreuen in die hölzernen Trottenspindeln sowie auf bestes Öl zum Schmieren eiserner Spindeln.
Auch im wahlweise herausgegriffenen Jahre 1890 gehörte der Apotheker Salomon Steinfels in Wädenswil zu den regelmässigen Inserenten des «Allgemeinen Anzeigers vom Zürichsee».32 Er überraschte die Bevölkerung immer wieder mit neuen Heil- und Wundermitteln. Gegen Appetitlosigkeit, Schwäche und Müdigkeit empfahl der Apotheker am 25. Januar, während einer Grippewelle, den stärkenden Chinawein mit Malaga, in Flaschen zu 3 Franken: «Derselbe enthält die wirksamen Bestandteile der Chinarinde gelöst und ist in Folge seines schwach bittern Geschmakkes sehr angenehm einzunehmen. Von den bekannten Spirituosen und Bittern hat dieses von mir bereitete Präparat den Vorzug, neben reinem Naturwein keinen Zusatz von Alkohol zu enthalten und deshalb speziell von Frauen und Kindern leicht ertragen zu werden.»
Drei Tage später pries Steinfels Doktor Pattisons Gichtwatte an - das Paket zu einem Franken -, ein vorzüglich wirkendes Mittel gegen Gesichts-, Brust-, Hals- und Zahnschmerzen, gegen Kopf-, Hand- und Fussgicht, gegen Gliederreissen, Rücken- und Lendenweh.
Am 30. Januar 1890 inserierte der Wädenswiler Apotheker wiederum. Diesmal für echte schweizerische Spitzwegerich-Brustbonbons gegen Husten, Heiserkeit, Katarrh und Verschleimung, hergestellt aus der als sehr heilsam bekannten Spitzwegerich pflanze.
Der Hausmittelschatz wohlbestellter Häuser finde durch den Dennler-Eisenbitter eine vorzügliche Ergänzung. Seine Anwendung bewähre sich bei Bleichsucht, Blutarmut, Schwächezuständen, Appetitlosigkeit ebensosehr bei Erwachsenen wie bei Kindern. Mit solchen Worten wies Steinfels am 6. Februar 1890 auf die zweifränkigen Originalflaschen dieses Heilsafts hin.
Husten- und Brustleidende durften sich von Dr. J. J. Hohls Pektorinen gegen Husten, Keuchhusten, Lungenkatarrh, Heiserkeit und Engbrüstigkeit rasche Linderung erhoffen. Die Tabletten mit sehr angenehmem Geschmack waren – so das Inserat im «Anzeiger» vom 8. Februar 1890- in den beiden Wädenswiler Apotheken Pestalozzi und Steinfels in Schachteln zu 75 oder 110 Rappen vorrätig.
Auf die Grippe- und Hustenmittel der Winter- und Frühjahrszeit folgte gegen Ende Mai die Reklame für ganz andere Produkte. So für das Radlauersche Hühneraugenmittel (Salicylcollodium). Eine Flasche mit Pinsel kostete beim Wädenswiler Apotheker Salomon Steinfels einen Franken. «Jedes Hühnerauge, jede Hornhaut und Warze wird in kürzester Zeit durch blasses Überpinseln mit dem rühmlich bekannten, allein echten Apotheker Radlauerschen Hühneraugenmittel sicher und schmerzlos beseitigt.» So versicherten Hersteller und Verkäufer im Inserat vom 24. Mai 1890.
Auch gegen Blattläuse und Ungeziefer an Rosensträuchern und Edelobstbäumen wusste Apotheker Steinfels in derselben Ausgabe des «Anzeigers» Rat: Knodalin hiess das beste Vertilgungsmittel! Gegen starken Fußschweiss, gegen das Brennen und gegen wunde Füsse hatte Steinfels, wie er im Inserat vom 21. Juni 1890 bekanntgab, ebenfalls die besten Mittel zur Hand: Fusspomade, Fusspulver und Fusswasser.
Am 6. Dezember empfahl Salomon Steinfels «Frostbalsam gegen Gefrörni», und gleichzeitig kündigte er in einem andern Inserat geruchloses Fussbodenöl von Schlatter, Schmid & Co. in Bern an, das in Wädenswil nur bei ihm zu beziehen sei. «Neu! Billig! Praktisch! Gesundheit! Reinlichkeit! Zeitersparnis!» hiessen die Empfehlungen für das Konservierungsmittel für tannene und harzhölzerne Fussböden und Treppen, welches das Wichsen der Fussböden überflüssig machte. Die Gebrauchsanweisung wurde in der Annonce gleich mitgeliefert:
«Der vorher gut gereinigte, trockene Fussboden wird mit diesem Öl vermittelst eines Pinsels oder Lappens bestrichen; das Öl wird hierauf mit einer steifen Bürste oder einem wollenen Lappen in den Fussboden eingerieben. Dieses Öl dringt sofort in das Holz ein, verleiht dem Fussboden schon bei einmaligem Anstriche für längere Zeit ein schönes Aussehen und wird besonders für vielbenützte Parterre-Lokalitäten geradezu unentbehrlich, indem es nicht nur deren schnelle und leichte Reinigung vermittelt, sondern auch die Feuchtigkeit abhält.»
Apotheker Salomon Steinfels verheiratete sich nach dem Tod seiner ersten Gattin Maria Wilhelmina Pestalozzi (1860) im Jahre 1862 mit Anna Homer von Zürich (1836–1892).33 1868 gehörte er zu den Gründern des Apothekervereins des Kantons Zürich.34 1892 zog sich Apotheker Salomon Steinfels, nunmehr 64 Jahre alt und verwitwet, aus dem Beruf zurück und überliess die renommierte Wädenswiler Apotheke seinem Sohn aus zweiter Ehe, dem Apotheker Friedrich Steinfels-Stäubli (1863–1918). Salomon Steinfels erfreute sich bis in sein hohes Alter einer seltenen Rüstigkeit und war noch in seinen letzten Lebensjahren gelegentlich in der Apotheke seines Sohnes tätig.35
Friedrich Steinfels, seit 1892 mit der Horgnerin Fanny Stäubli verheiratet36, war wie sein Vater ein erfolgreicher Berufsmann. Auch er gehörte dem Apothekerverein des Kantons Zürich an, von 1894 bis 1898 und von 1910 bis 1914 als Vizepräsident.37 Daneben bekleidete er öffentliche Ämter. 1885 wurde er in die Sekundarschulpf!ege Wädenswil-Schönenberg und 1889 in die Wädenswiler Gesundheitsbehörde gewählt.38 Dann nahm er im Gemeinderat Wädenswil Einsitz, und von 1902 bis zu den Neuwahlen im Sommer 1917 gehörte er dem Zürcher Kantonsrat an.39
Eigentümer der Apotheke zum Lindenhof war weiterhin der Vater Salomon Steinfels. Erst auf den 1. Oktober 1908 übertrug dieser mit Zustimmung der andern vier Kinder – Fräulein Marie Steinfels in Zürich, Paul Steinfels in Paris, Fräulein Helene Steinfels in Rheinau und Frau ze Liegenschaft zum Lindenhof an der Zugerstrasse auf den Sohn, Apotheker und Kantonsrat Friedrich Steinfels-Stäubli.40
DIE APOTHEKE VON HANS MEYER ZUM LINDENHOF (1918–1966)
Kantonsrat Friedrich Steinfels-Stäubli starb am 20. Mai 1918. Nun übernahm der junge Apotheker Hans Meyer (1894–1973) die Geschäftsführung der Lindenhof-Apotheke, die er dann von den Erben Steinfels am 29. September 1922 zu Eigentum erwerben konnte.41 Kaufobjekt waren das Wohnhaus Ass.-Nr. 438, das Wohnhaus mit Magazin und Laboratorium (Ass.-Nr. 439), ein Schopf mit Magazin (Ass.-Nr. 440), das Gartenhaus Ass.-Nr. 437, samt Hofraum und Garten an der Zugerstrasse 20.
Wer heute eine Apotheke aufsucht, möchte meist ein ärztliches Rezept einlösen oder sich auf Anraten des Apothekers mit Medikamenten eindecken. Dass der Apotheker die Mixtur im Hinterzimmer selber zusammenbraut, das erwarten die Kunden kaum mehr von ihm. Dies aber gehörte auch noch in den Anfangszeiten von Apotheker Hans Meyer-Frei zu dessen Aufgaben. Aus natürlichen Stoffen und Mineralien wurden im Hinterhaus der Apotheke, im Laboratorium, Extrakte gekocht, Salben gerieben, Pflaster gestrichen, Pillen gedreht und Sirupe gekocht. Dabei wurde er von seiner Gattin Frieda Meyer-Frei tatkräftig unterstützt. Wer von der Zugerstrasse her in die Apotheke eintrat, stand einem massiven Korpus gegenüber und erblickte an den Wänden Glasschränke und Gestelle mit sorgfältig beschrifteten Flaschen in allen Grössen und Formen, mit einem Glas- oder Korkzapfen sorgfältig verschlossen. Eine um 1918 aufgenommene Fotografie gibt diesen Eindruck wieder und weckt zugleich Erinnerungen an vergangene Zeiten.
Hans Meyer-Frey (1894–1973) betrieb von 1918 bis 1966 die Apotheke im «Lindenhof» an der Zugerstrasse 20.
Nachdem sich die Lindenhof-Apotheke bereits seit 26 Jahren in den Händen der Familie Meyer befand und der Sohn Hans H. Meyer-Huber ins väterliche Geschäft eingetreten war, dachte man trotz düsterer Zeit während des Zweiten Weltkriegs an die Zukunft: Auf der Seite gegen das 1898 erstellte Wohn- und Geschäftshaus «Linde» hin, das damals im Erdgeschoss das Warenhaus Nordmann beherbergte, gliederte man der Apotheke 1944 einen einstöckigen Flachdachbau mit Zinne an, welcher mit erweitertem Sortiment die Drogerie aufnahm.42 Schon 1952 wurde der Platz wieder knapp: Das Geschäft musste um zwanzig Quadratmeter erweitert werden.
Nach langen Jahren aktiver Mitarbeit übernahm der Sohn Hans H. Meyer-Huber die gesamte Geschäftsführung und erwarb im Februar 1965 die Liegenschaft zu Eigentum. Jetzt hiess es wieder die Zukunft planen. 1966 fiel ein wichtiger Entscheid. Die Apotheke wurde aufgegeben; die Drogerie zog für zwei Jahre in ein Provisorium an der Zugerstrasse 24; das Haus Zugerstrasse 20 mit der Apotheke wurde im Herbst 1966 abgerissen, und an seiner Stelle entstand ein vom damaligen Zeitgeschmack geprägter Neubau. Hier wurde im Mai 1968 die grosszügig eingerichtete, moderne Drogerie Meyer eingeweiht43, gleichzeitig mit dem im selben Gebäude untergebrachten Warenhaus ABM, das 1993 das Jubiläum des 25jährigen Bestehens feiern konnte.
Apotheker-Gattin Frieda Meyer-Frey in der Apotheke, um 1920.
Das älteste Bild der Apotheke zum «Lindenhof».
Die Apotheke von Süden, vor dem Abbruch, 1966.
1944: Hans H. Meyer hat die Apotheke um eine Drogerie erweitert.
1980 gab es in der traditionsreichen Drogerie Meyer ein weiteres Mal einen Generationenwechsel. Nun übernahm der Sohn Martin H. Meyer als diplomierter Drogist in dritter Generation die Geschäftsführung. Im Frühling 1992 wurde die Drogerie & Parfümerie H. & M. Meyer im Innern vollständig umgebaut und neu gestaltet. Seit dem 12. März 1992 empfängt das Team seine Kundschaft in modernsten Anforderungen entsprechenden Räumlichkeiten.44 1993 konnte die Familie Meyer übrigens ein Jubiläum feiern: Vor 75 Jahren hatte der Vater und Grossvater der heutigen Eigentümer, Apotheker Hans Meyer, die ehemalige Apotheke Steinfels an der Zugerstrasse 20 übernommen. Grund auch für diesen Rückblick in die Geschichte der Wädenswiler Apotheken und Drogerien.
Schubladen, Gestelle, geheimnisvoll beschriftete Glasgefässe - Erinnerungen an die Apotheke Meyer.
WÄDENSWIL HAT WIEDER DREI APOTHEKEN
Trotz der Schliessung der Apotheke von Hans Meyer im Jahre 1966 blieb Wädenswil nicht ohne Apotheke. Denn am 20. Oktober 1932 hatte Dr. Hans Schulthess-Stüssi (1905–1973) im seeseitigen Teil des Wohn- und Geschäftshauses Merkur am neu geschaffenen Bahnhofplatz, dort wo sich vorher das Tapezierer- und Vorhanggeschäft von Julius Herdener befunden hatte, ebenfalls eine Apotheke eröffnet.45 Er stand der Bahnhof-Apotheke mit angegliederter Drogerie bis Ende Juni 1964 vor. Dann wirkte hier bis 1990 Frau Gemma Kollbrunner, und seither ist der eidg. dipl. Apotheker Hans-Martin Bindschedler deren Inhaber. Er ersetzte den Namen «Bahnhof-Apotheke» durch «HMB-Apotheke & Drogerie». Seit dem 1993 abgeschlossenen Umbau im Zusammenhang mit der Renovation der seeseitigen Hälfte des Geschäftshauses Merkur betreten Kundinnen und Kunden auch hier modern und ansprechend eingerichtete Räume.
Aus der Erkenntis heraus, dass nach der Schliessung der Apotheke Meyer eine einzige Apotheke in Wädenswil zu wenig sei, gründete Dr. Walter E. Künzler eine zweite. Lag die Bahnhof-Apotheke im untersten Dorfteil, sollte mit der neuen vor allem das obere Dorfgebiet bedient werden. So kam es im Neubau an der Oberdorfstrasse 23 am 1. Oktober 1971 zur Eröffnung der Oberdorf-Apotheke46, die ab 1986 von der Firma Denner geführt wird, und der seit 1987 der eidgenössisch diplomierte Apotheker Andreas Maritz vorsteht.
Andreas Maritz und sein Team der Oberdorf-Apotheke, 1993.
Seit 1992 gibt es in Wädenswil drei Apotheken. Im Februar jenes Jahres eröffnete nämlich der Inhaber der HMB-Apotheke, Hans-Martin Bindschedler, im mittleren Teil des Wohn- und Geschäftshauses Central an der Zugerstrasse 2 als Filiale der HMB-Apotheke die Central-Apotheke.47 Neben einem reichhaltigen Sortiment an Medikamenten, homöopathischen Präparaten und üblichen Drogerieprodukten steht hier auch eine grosse Auswahl an Sanitätsartikeln und an bekannten Kosmetik- und Parfümmarken zur Verfügung.
Blick hinter die Kulissen der alten Bahnhof-Apotheke.
Medikamentenschrank – am selben Standort – in der HMB-Apotheke, 1993.
Die Medikamente sind übersichtlich in Schubladen versorgt.
In der Central-Apotheke, 1993.
Peter Ziegler
ANMERKUNGEN
AAZ= «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee» = Notariat Wädenswil
NW= Notariat Wädenswil
StAW = Stadtarchiv Wädenswil
StAZ= Staatsarchiv des Kantons Zürich
1 Hans Pestalozzi, Geschichte der Familie Pestalozzi, Zürich 1958, Stammtafel 23.
2 Hans Rudolf Fehlmann , Die alten Apotheken im Kanton Zürich, Zürcher Chronik 1976, Heft 2, s. 58.
3 StAZ, B XI Wädenswil 20, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 20, 1826, S. 438. - StAW, IV B 59., Lagerbuch der Brandassekuranz, Liegenschaft Ass.-Nr. 55a (neu 159) und Nr. 55b (neu 158).
4 Emil Eidenbenz , Geschichte der zürcherischen Pharmacie seit 1798, Zürich 1918, S. 54.
5 Wie Anm. l.
6 StAW, IV B 59., Lagerbuch der Brandassekuranz.
7 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 2, 1843–1846, s. 257.
8 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 2, 1843–1846, s. 487.
9 Verzeichnis der Stadtbürger von Zürich auf das Jahr 1851, Zürich 1851, S. 170.
11 AAZ 1853, Nr. 47.
12 Wie Anm. 4 und Anm. 1.
13 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 5, 1855–1860, s. 271.
14 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 5, 1855–1860, s. 272-274.
15 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 7, 1863–1864, S. 254.
16 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 24, 1890-1893, S. 71 und Bd. 35, S. 225-228. -Die im Archiv des Bauamtes Wädenswil aufbewahrten Pläne für den An- und Aufbau des Wohnhauses «zur alten Apotheke» des Herrn Prof. Walder, Seestrasse 89, sind datiert mit November 1910.
19 Albert Hauser, Wirtschaftsgeschichte der Gemeinde Wädenswil, Neujahrsblatt der Lesegesell schaft Wädenswil für 1956. S. 175.
20 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 24,
1890-1893, S. 72.
21 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 24, S. 559.
22 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 27, 1897–1899, S. 269; Bd. 37, S. 564; Bd. 43, S. 83.
23 Wie Anm. 19 .
24 Briefkopf dieser Firma im Archiv Peter Ziegler.
25 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 21, S. 32.
26 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 21, S. 32, 192/193.
27 Wie Anm. 19 und 24.
28 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 28, 1899–1902, s. 475.
29 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 38, S. 106.
30 Max Stoop, Seestrasse 119 - einem abgebrochenen Haus zum Gedenken. AAZ vom 13. Januar 1989.
31 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 3, 1846–1851, S. 54 und Bd. 6, 1860-1863, S. 524.
32 Peter Ziegler, Wundermittel aus der Apotheke
Steinfels, AAZ Nr. 164 vom 18. Juli 1990.
33 Verzeichnis der Bürger und Niedergelassenen der
Stadt Zürich im Jahr 1882, Zürich 1882, S. 458.
34 Wie Anm. 4, S. 79.
35 Wie Anm. 4, S. 55.
36 Bürgeretat der Stadt Zürich 1911, Zürich 1911, s. 881.
37 Wie Anm. 4, S. 80.
38 AAZ vom 26. April 1885, 28. April 1889 und 3. April 1892.
39 Regierungsetat des Kantons Zürich für das Jahr 1902/1903, Zürich 1902, S. 6. – Regierungsetat des Kantons Zürich für das Jahr 1916–1917, Richterswil 1916, S. 7.
40 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 32, 1908-1910, S. 186.
41 NW, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 40, 1921-1923, s. 373.
42 AAZ Nr. 60 vom 12. März 1992, Sonderbeilage.
43 AAZ Nr. 113 vom 15. Mai 1968.
44 AAZ Nr. 60 vom 12. März 1992, Sonderbeilage.
45 AAZ Nr. 167 vom 19. Oktober 1932.
46 AAZ Nr. 228 vom 1. Oktober 1971.
47 AAZ Nr. 282 vom 5. Dezember 1991, Sonderbeilage «Das neue Central».