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Meistens spricht man von anderen Planeten, wenn es um die Erschliessung neuen Lebensraumes in der Zukunft geht. Wir planen Missionen zum Mars, überlegen, ob man auf dem Mond Mineralien abbauen kann. Futurologen haben Visionen von Menschen auf Titan, dem grössten Mond Saturns. Vielleicht liegt der erste Schritt zu drastisch mehr Lebensraum aber näher. Viel näher.
Das ist Seasteading
«Seasteading», so nennt man das Konzept von dauerhaft bewohnbarem Lebensraum auf dem Wasser. Es ist ein Kofferwort aus «Sea» und «homesteading». Letzteres bedeutet so viel wie «Besiedelung». Es geht also darum, auf dem Meer Häuser, Dörfer oder ganze Städte zu bauen.
Das kann man auf zwei Arten machen:
- Land, das man bereits hat, wird erweitert. Man verbindet beispielsweise das Festland und eine Insel mit einer Brücke oder Deichen und schüttet das Land dazwischen auf.
- Man baut Konstrukte, die schwimmen und mobil sind und bei Bedarf Anker legen.
Die erste Version wird bereits fleissig betrieben. Küstenmetropolen wie Dubai und Singapur arbeiten täglich daran, Land an ihren Küsten zu gewinnen. Singapur ist der weltgrösste Importeur von Sand. Seit 50 Jahren schütten sie Land auf und haben so 22 Prozent ihrer Fläche gewonnen. In China sind in praktisch jeder Küstenregion Projekte in Planung, die Rohstoffe aus dem Innern des Landes nutzen, um auf dem Wasser zu bauen. Das bekannteste Projekt dieser Version des Seasteading sind die Palmen-Inseln vor Dubai.
Leben auf hoher See
Wirklich interessant, wenn man in die ferne Zukunft blickt, sind schwimmende Habitate. Der Futurologe Isaac Arthur widmete ihnen im Oktober eine Youtube-Dokumentation. Er sieht Seasteading auf hoher See in mehreren Phasen:
Erst werden es wohl einzelne Strukturen sein, die als schwimmendes Konstrukt schlichtweg mehr Sinn machen, als wenn sie an Land sind. Stell dir vor, ein Vergnügungspark im Mittelmeer wäre komplett auf einer schwimmenden Insel gebaut. Eine Kirmes muss nach jedem Besuch eines Dorfes oder eine Stadt alle Attraktionen zusammen- und dann wieder aufbauen. Als schwimmender Park könnte sie von Hafenstadt zu Hafenstadt reisen.
Schwimmende Museen, Casinos oder Sportstadien sind ebenfalls denkbar. Technisch wäre das ohne Problem bereits heute möglich. Ein Kreuzfahrtschiff hat alle Elemente in einer Mini-Version bereits an Bord.
Um die Meere von der Plastik-Verschmutzung zu reinigen, schlägt Arthur mobile Recycling-Stationen vor. Im Nordpazifik befindet sich heute ein riesiger Müllstrudel. Viermal hätte Deutschland darin platz. Eine riesige schwimmende Recycling-Station wäre ein effektives Mittel, um den Plastik nicht nur aufzusammeln, sondern auch gleich wiederverwertbar zu machen.
Arthurs Vision für die ferne Zukunft sind komplett selbständige Meeres-Städte. Menschen leben dann auf modularen Elementen, die miteinander verbunden werden können. Wenn dir dein Nachbar nicht mehr passt, steuerst du deine Haus-Insel einfach zum nächsten Meeres-Dorf.
Kein neues Konzept
Das klingt dir alles zu abgespaced? Menschen leben bereits seit Jahrhunderten so! Der Uru-Stamm im Titicaca-See in Südamerika lebt seit Jahrhunderten auf schwimmenden Inseln. Diese Inseln flechten sie selbst aus Schilf. Momentan leben die Urus auf etwa 50 solcher selbstgeflochtenen Inseln auf dem See.
Wenn dir dort dein Nachbar nicht mehr passt, kannst du einfach deinen Teil der schwimmenden Insel abtrennen und wegschwemmen lassen. Auch in Nigeria, Hong Kong und Kambodscha gibt es indigene Völker, die diesen Lebensstil pflegen. Seasteading ist keine ferne Zukunftsvision, sondern schon lange Realität.
Leo hat Journalismus studiert und arbeitet seit 4 Jahren in der Medienbranche. Er ist Textchef von Improve und interessiert sich für kreative Lösungen des Plastikproblems, grüne Energie und die Erforschung des Weltalls.
«When the wind of change blows, some people build walls, others build windmills.» – Chinesisches Sprichwort