Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/3319

Die Symbolsprachen von Marcel Duchamp und Pablo Picasso / © 1974-2002 by Franz Gnaedinger, Zurich, <email-pii> / www.seshat.ch
Die Symbolsprachen von Marcel Duchamp und Pablo Picasso
Der junge Marcel Duchamp entging dem Militärdienst, indem er die Aufnahmeprüfung einer Kunstakademie absolvierte. Das Thema seiner schriftlichen Arbeit war Leonardo da Vinci. Meine These: Duchamp fand über seine Prüfung einen Zugang zu den als schwierig und geheimnisvoll geltenden Werken Leonardos und interpretierte dessen Mona Lisa als ein Gleichnis des Sehens und die Werkreihe mit Johannes dem Täufer als Zeugnisse einer Künstlerlaufbahn (gerade so, wie ich dieselben Werke von 1974 an gedeutet habe), fand indes kein Verständnis für seine Einsichten (ebenso wie meine Interpretationen seit 27 Jahren unbeachtet bleiben) und nahm deshalb das Unverständnis gegenüber dem Kunstwerk als Thema seiner Arbeiten, insbesondere im Grossen Glas, wofür er eine reiche Symbolsprache entwickelte, die zum einen aus alten Menschheitssymbolen, zum anderen aus originellen eigenen Symbolen bestand, und worin er das Unverständnis auf die Spitze trieb. Was taugt ein Bild wie die Mona Lisa, wenn es niemand verstehen kann oder will? Duchamp gab das Malen auf und erhob gewissermassen sein Leben zur Kunst, indem er seine vielfältigen Symbole im Alltag zur Geltung brachte. Ein paar Beispiele. Meiner Deutung nach war die flüssige Materie, insbesondere Wasser, bei Duchamp ein Symbol für das Leben; Bewegung ein Symbol für das aktive Leben, Drehung ein Symbol für das organische Leben; das Dreidimensionale ein Symbol des Wirklichen, Realen, Körperlichen, Lebendigen. Die feste Materie war ein Symbol für das Sein. Metalle waren Symbole für das menschliche Dasein. Die gasförmige Materie, insbesondere Luft, war ein Symbol für den Geist, während das Atmen schon vom Wort her auf die Inspiration verweist: inspirare, einatmen. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges verliess Marcel Duchamp Paris und ging nach Buenos Aires. Der Name dieser Stadt heisst nichts anderes als Gute Luft ... Marcel Duchamp gefielen die beweglichen Arbeiten von Antonio Calder, für die er den Namen Mobile ersann. Aus demselben Grund dürften ihm die beweglichen, quasi lebendigen Arbeiten des jungen Jean Tinguely gefallen haben. - Es folgt eine kurze Liste der Symbole im Grossen Glas von Marcel Duchamp, wobei anzumerken wäre, dass nur ein kleiner Teil der Ideen im Bild selber ausgeführt wurde, die anderen finden sich in der Grünen Schachtel.
WASSER - Leben ♣ BEWEGUNG – lebendige Tätigkeit ♣ DREHUNG - organisches Leben ♣ WÄRME -Lebendigkeit ♣ LUFT, gasförmige Materie - Geist (hebräisch ruach, griechisch pneuma und lateinisch spiritus heissen alle drei Wind, Hauch, Atem, Geist) ♣ ATEM - Inspiration. ♣ PARFUM – es wirkt anreizend ♣ TABAKRAUCH – er wirkt anregend ♣ FESTE MATERIE - Sein, Dasein. ♣ METALLE - Symbole für das menschliche Dasein ♣ GLAS - ein Symbol des Bildes, gleichsam ein verdinglichtes Sehen (Leonardo meinte, ein Bild soll wie ein Spiegel sein, der sich mit den Bildern der umliegenden Gegenstände füllt / man schaue durch ein Fenster und stelle sich vor, dass die gesehenen Bilder im Glas festgehalten würden / übrigens waren die ersten Photoplatten aus Glas)
EINS - das Eine ♣ ZWEI - Polarität ♣ DREI und NEUN - Alles und jedes ♣ LINIEN - Sehen, Denken, Fühlen; innere Anlagen ♣ RUND und GERADE - stehen zueinander wie Fühlen und Denken: Gefühle geben die Richtung des Handelns vor, prüfen sie, bestätigen oder korrigieren sie, während uns das Denken in einer gegebenen Richtung voranträgt; mit Gefühlen allein würden wir uns beständig im Kreis drehen, mit Denken allein geradewegs in die nächste Wand laufen ♣ FLÄCHE, EBENE - Bild, Sprache ♣ DREIDIMENSIONALES – Körper, Lebendiges, Raum, Welt, Realität ♣ VIERDIMENSIONALES - eine höhere Dimension, in der alles zusammenfindet; bei Duchamp möglicherweise ein Symbol für Erotik im Sinne gelebter Kunst; man denke auch an den Eros des Verstehenwollens.
LA MARIEE MISE A NU PAR SES CELIBATAIRES, MEME - MONA LISA VUE PAR SES SPECTATEURS, M'AIME - Mona Lisa, angeschaut von all den Leuten, liebt mich, lächelt mir zu - mir, dem jungen Marcel Duchamp, einem Augenzeugen Leonardos; niemand von all den vielen Leuten, die sich im Louvre drängen, versteht Leonardos Bild, kann oder will es begreifen, aber ich verstehe es wohl, und leiste mir einen Scherz, indem ich das allgemeine Unverständnis gegenüber der Mona Lisa, diesem Gleichnis des Sehens, zum Thema meines Grossen Glases mache ...
DIE BRAUT - das Bild, Mona Lisa, das Grosse Glas selber ♣ IHRE JUNGGESELLEN - die Betrachter, das unverständige Publikum (Kunsthistoriker eingeschlossen); im übertragenen Sinne das unerfüllte, von allzu vielen Sachzwängen eingeschränkte Menschen/Männerleben ♣ DIE ANGESTREBTE VERMÄHLUNG - das wirkliche Sehen und Verstehen des Bildes, im übertragenen Sinne ein erfülltes Leben.
DIE BRAUT als mechanisch-anatomischer Farbschatten - eine ironische Verknüpfung der Interessen Leonardos (Malerei, Anatomie, Mechanik) ♣ IHR LIEBESGAS – ihr Ruhm, ihre Schönheit (von der bei Duchamp wenig blieb, doch immerhin zeigt eine kleine Vorstudie zur Braut eine der Mona Lisa ähnliche Gestalt) ♣ DIE DREI GAZESCHLEIER - die Erscheinungsweisen des Bildes (Mona Lisa ist immer dieselbe und erscheint doch immer ein wenig anders, je nach unserer Art und augenblicklichen Verfassung) ♣ DIE ERSCHEINUNG EINER ERSCHEINUNG - das Bild eines Bildes, das Grosse Glas als ironische Paraphrase der Mona Lisa.
DER FRIEDHOF - das Museum: die Bilder sind leblos, zeigen verstorbene Menschen, die Maler sind auch schon tot. Eine weitere Form von Leblosigkeit wäre Lieblosigkeit: wenn der Eros des Verstehenwollens fehlt (wenn Professoren, Museumsleute, Verleger und Redaktoren die Kunstgeschichte in Beschlag nehmen und keine neuen Einsichten dulden) ♣ DIE GEHÄNGTE - das Bild hängt an einer Wand ♣ DIE JUNGGESELLEN - die Museumsbesucher: sie gehen leise, flüstern, stehen reglos, führen auch nur ein halbes Leben.
DIE UNIFORMEN - die menschlichen (insbesondere männlichen) Berufe; die auf einzelne Aspekte und Tätigkeiten reduzierte menschliche Existenz ♣ DAS GESCHLECHT - die Person ♣ DIE GESCHLECHTSEBENE - die Sprache ♣ DIE SCHOKOLADENREIBE - der Körper ♣ DIE SCHOKOLADE – die organische Materie ♣ DIE WALZEN - die Organe ♣ DAS BAJONETT - die Wirbelsäule ♣ DIE SCHERE - der Sehapparat mit seinen gekreuzten Sehbahnen ♣ DER QUADERFÖRMIGE AUFBAU DES SCHLITTENS - das menschliche Bewusstsein ♣ DIE KUFEN - das Unterbewusste (eher als das Unbewusste) ♣ DIE BLEIGEWICHTE in Form von Cointreau-Flaschen, die an einer Kette aufsteigen, über das Rad kippen, hinabfallen, untertauchen und auf der anderen Seite wieder hochsteigen - unsere Bedürfnisse, die immer neu gestillt werden wollen. ♣ DAS WASSERRAD - die menschliche Seele ♣ VOM WASSERFALL ANGETRIEBEN - vom Leben unterhalten ♣ DIE EMANZIPIERTEN METALLE - die beseelte Materie ♣ DAS LEUCHTGAS - der menschliche Geist ♣ DER FLITTER - die einzelnen menschlichen Fähigkeiten und Talente ♣ DIE NEUN MUSTERFÄDEN, je ein Meter lang, aus der Höhe eines Meters fallen gelassen, wobei jeder Faden eine eigene Form und Länge annahm - wir Menschen: alle gleich, alle anders; unsere inneren Anlagen und Massstäbe (bemerkenswerterweise sind auch die später isolierten DNS-Stränge lineare Gebilde, die sich erst noch drehen; ihre Entdeckung dürfte Marcel Duchamp gefreut haben) ♣ DIE SIEBE - gesellschaftliche Institutionen wie Familie, Schule, Kirche, Fabrik., Büro, Kaserne.
DIE VORGÄNGE AUF DER RECHTEN SEITE - Vorgänge beim Anschauen des Bildes ♣ DER BOXKAMPF - die erste Mühe, sich ins Bild einzuleben ♣ DIE TROPFEN - Anteile unseres eigenen Lebens, die wir ins Gemälde hineinprojizieren ♣ DIE SPIEGELUNG DER TROPFEN - Mona Lisa erscheint lebendig, aber es ist unser eigenes Leben, das wir auf’s Bild übertragen und von ihm zurückgespiegelt bekommen ♣ DIE JUNGGESELLEN ALS EINE HALLUZINATION DER BRAUT - wenn wir Mona Lisa ansehen, geben wir einen Teil unseres Lebens ab; wir werden ruhig, sie erwacht, beginnt sich leise zu regen, wir kommen gleichsam auf dieselbe Lebensstufe, es beginnt ein stiller Dialog; später versiegt er, Mona Lisa sinkt in ihr Bild zurück, es bleibt eine unüberwindliche Distanz; die Bildfigur wirkt nicht mehr eigentlich lebendig, aber auch nicht ganz leblos, sie scheint vielmehr zu träumen, uns nur noch wie als vorüberhuschende Schatten eines jahrhundertelangen Traumes wahrzunehmen ...
DIE EINSCHÜSSE - die vielen verschiedenen Interpretationen der Mona Lisa respektive des Grossen Glases ♣ IHR ZIEL - die wahre Aussage des Künstlers ♣ DIE LINSE - das Auge ♣ DIE MANDALA - Symbol für die von Leonardo mehrfach beschriebene und für das Bild der Mona Lisa entscheidende Anlage des Gesichtsfeldes ♣ DIE DREI NIMBEN - Symbole für die Beziehung Maler - Bild - Augenzeuge (verständige Betrachter).
Nach dem Diebstahl der Mona Lisa aus dem Louvre und dem Wirbel, den das Ereignis auslöste, versah Marcel Duchamp eine kleine Reproduktion der Gioconda mit einem Schnauz und Spitzbärtchen und schrieb darunter die Buchstaben L.H.O.O.Q. Liest man die Buchstabenfolge im französischen Sinne, so erhält man Elle a chaud au qul. Liest man dieselben Buchstaben im englischen Sinne, so erhält man LOOK = sieh, schau! Zudem weisen die feinen Spitzen des Schnäuzchens genau zu den Mitten der Pupillen hinauf! So käme das Sehen auf doppelte Weise ins Spiel: über das Wort look und über die Pupillen. Das feine Ziegenbärtchen weist auf die ruhenden Hände hinab: Sehen ist eine Tätigkeit der Augen (und des Geistes), während die Hände ruhen. - Ob die Inschrift im Licht der obigen Symbole mehr hergibt? L.H.O. - elle a chaud: Wärme als Symbol der Lebendigkeit. O.Q: ergänzen wir diese Laute auf inspirierte Weise, nämlich mit air = Luft, Geist, und lesen wir die Buchstaben frei, so bekommen wir occulaire. Die ganze Inschrift könnte dann so lauten und heissen: ELLE (Mona Lisa) A CHAUD (erscheint lebendig) OCCULAIRE (in Bezug auf ihre Augen), ihr schönes, bewegliches, lebendiges Lächeln erscheint beim Blick in ihre Augen ... Der Witz an diesem ikonoklastischen kleinen Werk: Marcel Duchamp bietet mit einem Scherz die erste wirkliche Deutung der Mona Lisa an.
Die obigen Symbole sind auch ein Schlüssel zum Verständnis zumindest einiger ready mades von Marcel Duchamp. Der Glaskolben mit Pariser Luft erinnert an die Braut vom Grossen Glas und wäre ein Symbol für Inspiration. Der Flaschentrockner aus Metall, an dem leere Flaschen steckten, könnte das Museum symbolisieren: die Glasflaschen würden die Kunstwerke darstellen: sie enthalten keine Flüssigkeit aber Luft, kein Leben aber Geist. Eine sonderbare Gummiplastik spielt mit ihrem eigenen Schatten: dasselbe Objekt sieht in zwei und drei Dimensionen gleich aus, wobei der zweidimensionale Schatten der Bilderwelt und das dreidimensionale Objekt der realen Lebenswelt zuzuordnen wären; ihr gleichartiges Aussehen wäre dann gewissermassen die Vereinigung der beiden Dimensionen. Eine Schneeschaufel heisst In advance of a broken arm - der Schnee ist gefrorenes Wasser, erstarrtes Leben, es macht Mühe, ihn wegzuschaufeln, man riskiert vielleicht sogar einen gebrochenen Arm. Eine Tonsur in Form eines Sternes wäre als geistiges Symbol zu lesen. Bei diesen kurzen Hinweisen will ich es bewenden lassen, selber raten und Marcel Duchamp auf die Schliche kommen macht mehr Spass.
Wobei anzufügen wäre, dass gar nicht alle Objekte spassig gemeint sind. Ganz im Gegenteil: einige machen so herbe Aussagen, dass ich die Deutung besser zurückhalte. Man bedenke die Zeit, in der Duchamp lebte, und was es für einen für einen armen Franzosen hiess, wenn er nacheinander in Schule, Fabrik und Kaserne gedrillt und anschliessend in die Schützengräben befohlen wurde.
Pablo Picasso reagierte mit einer anderen Symbolsprache auf seine Zeit. Nehmen wir sein Guernica von 1937. Meiner Meinung nach bedeutet das Pferd bei Picasso die Zivilisation, der Stier mit seinen Menschenaugen die menschliche Natur einschliesslich der Triebnatur, der Tisch die Kultur im Sinne der menschgemässen dinglichen Welt, der Vogel die Kunst (Malerei, Poesie, Musik). Der liegende Mann und die Bäuerin nehmen zusammen die ganze Bildlänge ein und stehen für die Menschheit. Die Häuser sind zugleich Aussenraum wie Innenraum. Die zum Fenster hereinschauende Frau symbolisiert die Anteilnahme der Weltöffentlichkeit. Das geschundene, von den Umständen jener Zeit gepeinigte Pferd ist zum Täter geworden. Der Huf seines rechten Hinterbeines geht über in die Schneide der Axt, welche den liegenden Mann enthauptete. Zwischen den Hinterbeinen des Pferdes findet sich das Vexierbild eines kubistisch verzogenen Hakenkreuzes. Würde der Mann stehen, so würde er seine Sternenhand gen Himmel recken, doch er liegt am Boden, zerbrochen, während seine Frau, die Bäuerin, denselben Kräften ausgeliefert, stark deformiert erscheint, aber immer noch eine zusammenhängende Gestalt bildet (eine kluge Beobachtung von Walter Rützler). Der Hals des Stieres und die Schulterlinie der weinenden Frau formen ein Oval: Symbol des Eies, der lebenden Zelle, der Familie. Die Nüstern des wehrhaften, Stieres, der seine Familie beschützt, wie auch die Augenpaare der beiden seitlichen Frauen erinnern an das chinesische Symbol von Yin und Yang, ebenso die Nüstern des Pferdes, die aber verdreht sind und deshalb nicht zum Kreis resp. Oval zusammengeschoben werden könnten. Am linken und am rechten Rand sieht man zwei Öffnungen, die auch Vergangenheit und Zukunft symbolisieren: eine ferne Vergangenheit, als noch Vulkane die Erdoberfläche ausmachten, und eine Zukunft, von der man nicht weiss, was sie bringen wird - steht die Tür offen, oder fällt sie eben ins Schloss? Im Gemälde Das Beinhaus von 1944/45 erscheint dieselbe Tür am linken Rand und führt unter einen Tisch, wo drei tote Menschen liegen: eine Frau, ein Kind, ein Mann; offenbar zum Gedenken an die Leichenberge der Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg. Es gibt aber auch Zeichen der Hoffnung: der gefallene Mann in Guernica ist in einer weiteren Lesart ein gestürztes, dabei zerbrochenes Kriegerdenkmal; neben seinem geborstenen Schwert blüht eine kleine Blume im hellen Schein der Kerze. Das böse Pferd erscheint nocheinmal im grossen Wandbild Der Krieg von 1952 (Vallauris). Dagegen zeigen die Radierungen vom Frühling 1968 heiter beschwingte Pferde, die eine bessere Zeit ankünden.
Mein Dank geht an Serge Stauffer, der leider 1989 verstarb, und an Walter Rützler, der meine Liste der Symbole von Marcel Duchamp in der Affenschaukel publizierte. Beide haben mich entscheidend gefördert.