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Der Sinnbegriff
Vielleicht geht man am besten von einem Alltagsverständnis aus. Im Alltag wird Sinn offenbar als etwas verstanden, was uns abhanden kommen kann oder was fehlen, nicht da sein kann. Wir leiden ständig unter Sinnverlust. Die Sinnfrage taucht auf, und dann wird zum Beispiel die Religion aufgerufen, uns den Sinn zu geben, der uns fehlt, obwohl das sehr befremdlich ist, wenn man die Religionsgeschichte betrachtet. Religion war ja eine Interpretation von Welt, und die Welt war eben so von Gott geschaffen. In der Zeitgeschichtlichkeit einer Heilsgeschichte war die Welt so, wie sie war, und dies war keine Antwort auf die Frage, wie wir zu Sinn kommen. Es ist bemerkenswert, dass wir Religion jetzt so sinnfunktional verstehen und dabei als Beobachter voraussetzen, dass wir zwischen sinnvoll und nichtsinnvoll unterscheiden können. Aber können wir das? Und ist die Unterscheidung von sinnvoll und nichtsinnvoll sinnvoll? Und wiederum: für wen?
Wenn man sich mit diesen Schwierigkeiten an die Philosophie wendet, die für solche Fragen ihre Zuständigkeit in Anspruch nimmt, dann ist, glaube ich, immer noch die dominante Auskunft, dass Sinn etwas ist, was sich auf ein Subjekt bezieht. Dass man also, wenn man die Frage stellen muss und auch stellen kann, für wen etwas Sinn macht, an ein Subjekt nicht in einem formalen Sinne, sondern im Sinne eines Individuums denkt, das lebt und über sich selbst nachdenkt und Sinn als Form der Orientierung überhaupt oder als Form einer befriedigenden Orientierung praktiziert.
Husserl beispielsweise fordert in der Transzendentalen Phänomenologie insbesondere in dem Teil, der sich mit der Kritik der Wissenschaft und der Technik befasst -, dass das Erleben mit konkret Sinn stiftenden Bewusstseinsleistungen ablaufen solle. Das setzt aber voraus, dass zunächst einmal die Intersubjektivität ein lösbares Problem ist, denn wenn jedes Subjekt für sich selbst Sinn produziert, Sinn konstitutiert und evaluiert, ob das sinnvoller Sinn oder nicht sinnvoller Sinn ist, hat man das Problem, was zwischen den Subjekten passiert und ob es ein Sphäre der „Intersubjektivität", wie man dann sagt, gibt, die ihrerseits Sinn hat - aber für welches Subjekt?
Diese Schwierigkeit bringt uns, wie ich glaube, an einen Wendepunkt oder zumindest an den Punkt, wo wir uns darüber klar werden können, dass wir die Sinnkategorie auf zwei verschiedene Systemtypen - das ist jetzt meine Sprache - anwenden müssen, nämlich auf psychische Systeme, Bewusstseinssysteme, die sinnhaft erleben, und auf soziale Systeme, Kommunikationssysteme, die Sinn dadurch reproduzieren, dass er in der Kommunikation verwendet wird.
Das sagt noch nichts über die Fragen, was denn nun Sinn eigentlich ist, wie wir Sinn definieren wollen und wie wir den Begriff fassen wollen, sondern zeigt zunächst einmal eine Schwierigkeit auf, die darin besteht, dass uns das Subjekt abhanden gekommen ist oder, wenn man das so ausdrücken will, eine ontologische Instanz, irgendjemand, auf den wir Sinnkonstitution beziehen können, der es tut, der es leistet, dem es zurechenbar ist, den man vielleicht kennen muss, um zu wissen, was für ihn Sinn ist, irgendeine Seinshaftigkeit im Hintergrund, und seien es nur gewisse Regeln der Sinnkonstitution, die a priori, also für alle empirischen Subjekte, gelten würden. Wenn Sie diesen Theoriezug mitmachen, dass man scharf zwischen Bewusstsein und Kommunikation trennt - auf diese Frage komme ich in einem späteren Teil der Vorlesung zurück -, dann entwurzelt das in gewisser Weise den Sinnbegriff insofern, als wir dann keine Adresse mehr haben, keinen Beobachter, den wir beobachten können, sondern zwei verschiedene Dinge, nämlich Bewusstsein einerseits und soziale Kommunikation andererseits. Die Frage ist, ob wir einen Begriff, eine Ordnung finden können, in dem oder in der das, was wir Sinn nennen, nicht darauf angewiesen ist, das Problem durch Referenz auf ein Subjekt oder auf irgendeinen Sinnträger, irgendeine Sinn konstituierende Agentur zu verlagern, sondern in dem oder in der ein ausreichend formaler Sinnbegriff formuliert werden kann.
Mein nächster Versuch, einen Sinnbegriff ohne eine bestimmte Systemreferenz, ohne eine bestimmte ontologische Referenz zu formulieren, liegt in der Benutzung der Unterscheidung von Medium und Form. Dazu muss ich erst einmal einiges sagen, weil die Beziehung dieser Unterscheidung zur Systemtheorie nicht unproblematisch ist und weil ich gerade das ausnutzen möchte, um über Sinn im Sinne eines Verhältnisses von Medium und Form zu sprechen, und dabei noch nicht voraussetzen möchte, welches System operiert, um Sinn zu konstituieren, Sinn zu erleben, Sinn zu erfahren, Sinn zu reproduzieren usw. Der Vorteil dieser Unterscheidung von Medium und Form ist, dass man nicht ohne weiteres auf ein Subjekt, einen Sinnträger verwiesen wird, sondern sich Sinn zunächst einmal ganz abstrakt vorstellen und an der Begrifflichkeit selbst arbeiten kann, die uns darüber Klarheit verschafft, wie das Verhältnis von Medium und Form zu denken ist. Ich bin auf diesen track gekommen durch eine Unterscheidung von Fritz Heider in einem Aufsatz, der 1926 publiziert wurde, dann fast verschwunden war, in einer gekürzten englischen Fassung 1959 wieder veröffentlicht wurde und durch Karl Weick wieder entdeckt worden ist. Es kommt alles irgendwie aus der österreichischen Ecke.
Bei Heider geht es zunächst einmal nur um Wahrnehmungsmedien - Heider ist Psychologe; seine Frage ist, wie es kommt, dass wir bestimmte Laute, Geräusche identifizieren, hören können, dass wir bestimmte Dinge - deswegen heißt der Aufsatz Ding und Medium - sehen, dass etwas Konturen hat, irgendwo anfängt, irgendwo auflhört, eine bestimmte Form und eine bestimmte Gestalt hat. Die Idee des "Mediums" ist, dass es einen Bereich von losen Kopplungen massenhaft vorkommender Elemente gibt: Luftpartikel, physikalische Lichtträger - „Licht" ist kein physikalischer Begriff, aber der Begriff für das Medium, in dem wir etwas sehen. Ohne Licht, das kann man sehr schnell ausprobieren, sehen wir nichts. Das heißt, es gibt offenbar eine Differenz zwischen einem unsichtbaren Medium und einer sichtbaren „Form", wie ich jetzt sagen würde, oder Gestalt. Wenn wir das Licht selbst auch noch sehen würden, gleichsam ständig Lichtreflexe hätten, würden uns die Konturen der Dinge unerkennbar werden. In Grenzfällen, wir haben Gewohnheiten, können wir noch interpretieren, aber ich weiß nicht, ob Sie auch die Erfahrung gemacht haben, dass man nachts beim Autofahren auf nassen Strassen plötzlich nur noch ein flimmerndes Licht, eine Lichterkombination sieht und gar nicht mehr weiß, ob man noch auf der Strasse ist und ob die anderen Wagen einem entgegenkommen oder nicht. In dem Maße, in dem die Gestalt auf Licht selbst reduziert wird, auch wenn das Licht noch Formen hat, Lampen und so weiter, wird das Wahrnehmen schwierig. Erst recht beim Hören: Wenn die Luft selber ständig Geräusche machen würde, würde es schwierig werden, Sprache oder sonstige artikulierte oder identifizierte Geräusche wahrzunehmen.
Daraus folgt die Möglichkeit, mit einer Unterscheidung zu arbeiten, die in der heutigen Literatur im Allgemeinen mit den Ausdrücken lose Kopplung/feste Kopplung wiedergegeben wird. Das hat in der Systemtheorie teilweise eine andere Tendenz angenommen, die ich im Moment einmal außer Acht lasse, die Tendenz nämlich, dass man sagt, lebensfähige, stabile Systeme müssten lose gekoppelt sein: Es darf nicht alles von allem abhängen; es muss Interdependenz unterbrochen werden und so weiter. In dieser gleichsam präsystemtheoretischen Unterscheidung von Medium und Form sagt man, dass es zunächst einmal massenhaft Elemente gibt, die ihren Status als Element nicht einer bestimmten Kopplung verdanken, jedoch das Material bieten, aus dem Kopplungen hergestellt werden können.
Heider hatte die Wahrnehmungsmedien vor Augen, aber man kann sich auch die Sprache als einen Wortschatz und eine Menge von Sätzen vorstellen. Das ist auch der Grund, weshalb ich von „Medium und Ding" auf „Medium und Form" umstelle: um auch Sprache einzubeziehen. Es gibt eine Fülle von Wörtern, und es gibt gewisse kombinatorische Regeln. Man kann Sätze bilden, und die Sätze sind Formen im Medium von Sprache, während die Wörter wiederum Formen im Medium von möglichen Geräuschen oder möglichen optischen Designs sind. Es gibt Licht und Luft als Wahrnehmungsmedien, in denen man Wörter bilden kann, schriftlich oder mündlich. Die Wörter sind wiederum eine Medium, mit dem man Sätze bilden, also sinnhafte Aussagen machen kann. Es geht immer darum, einen Bereich der losen Kopplung, der seinerseits auf der Ebene der basalen Elemente Formen voraussetzt, für Kombinationsmöglichkeiten zu öffnen und von dort aus dann jeweils im laufenden Betrieb von Systemen welcher Art auch immer, bewussten Systemen oder kommunikativen Systemen, die Möglichkeit zu haben, Formen zu bilden.
Dabei sind einige Zusatzüberlegungen wichtig, die ich hier nur andeuten kann. Eine Überlegung ist, dass das Medium immer nur über Formenbildung reproduziert wird. Wenn nie Sätze gebildet würden, würde man die Wörter vergessen. Sprache kann sich nicht bloß als Lexikon erhalten, und Lexika kann man natürlich auch erst erfinden, wenn man Schrift hat, und sie haben einen spezifischen Zweck. Aber die Sprache selbst ist eben Sprechen, Schreiben oder Lesen; sie reproduziert die Möglichkeit der Formbildung und ist als Möglichkeit daran gebunden, dass sie benutzt wird. Das ist die eine Zusatzüberlegung.
Eine zweite Uberlegung ist, dass das Medium stabiler ist als die Formbildung. Ein Geräusch verklingt, ein Objekt kann verschwinden, aber trotzdem sehen und hören wir mithilfe eines Mediums jeweils etwas anderes. Das führt in gewisse Probleme mit klassischen Vorstellungen von Stabilität. Denn die Stabilität liegt gerade nicht in den Formen. Stabil ist etwas, was lose gekoppelt ist, was keine Form hat, was in der klassischen Sprache „Materie" oder „Unbestimmtheit" ist. Alles, was Stabilität gewinnt, wird damit unsicher, prekär und temporär, es gilt für eine bestimmte Zeit. Man formuliert einen bestimmten Satz, und er verklingt und wird nie wieder benutzt oder aufgezeichnet und dann bei Gelegenheit wieder aktiviert, aber inzwischen haben wir anderes zu tun. Das ist eine merkwürdige Mischung von Dauerhaftigkeit des Möglichen auf der einen Seite und temporärer Formbildung, die zur Reproduktion der Möglichkeiten führt. Das ist kein einfaches Konzept von stabil und instabil oder dauerhaft und vergänglich, sondern ein Mischverhältnis von loser Kopplung, die zu festen Formen gebunden werden kann, aber nur auf Zeit, mehr oder weniger lange, je nachdem, wie die Systeme operieren, und jeweils immer selektiv gebunden werden, sodass die Möglichkeiten des Mediums nie in eine Form gebannt werden können. Wenn, dann haben wir die Form „das Medium Sprache" und sprechen die Wörter „das Medium Sprache" aus oder schreiben sie auf in einem anderen Medium und können dann definieren, was die Elemente dieses Mediums sind, die lose Koppelung ermöglichen, nämlich Wörter. Aber abgesehen davon, ist jedes Medium wieder neu geschaffen für einen spezifischen Gebrauch in temporären, oft sehr rasch wechselnden Formen.
Ich will hier nur erwähnen, denn das gehört in eine soziologische Ausführung, dass man auf diese Weise auch die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien oder Interaktionsmedien von Talcott Parsons rekonstruieren kann. Man kann Geld als ein Medium begreifen, das zu Zahlungen kristallisiert werden kann: Man kann nur zu einem bestimmten Preis zahlen. Wenn Sie zur Bank gehen und ihr eine Blankoüberweisung geben und sagen, Sie wollten etwas stiften, zahlen oder schenken, wird die Bank nicht aktiv. Genauso wenn man etwas sagen will, aber nicht weiß, was man sagen will, und genauso, wenn man Macht hat, aber sie nicht benutzt, um etwas anzuordnen, sondern sich nur auf den symbolischen Sessel der Macht setzt und sagt, „Hier bin ich, ich werde euch später sagen, was ihr tun müsst." Es ist diese Sequenz von Wahrnehmungsmedien, Kommunikationsmedien, Sprache und engeren funktionsspezifischen Medien wie Geld oder Macht, die in der Soziologie, in der Gesellschaftstheorie interessant ist. Wir kommen zu immer neuen Medien für eingeschränkte Bereiche, die aber immer wieder ihre Elemente in gewisser Weise entkoppeln und immer wieder Kombinationsmöglichkeiten bereitstellen.
Nachdem ich mithilfe dieser Begrifflichkeit eine Auswertungs- oder Anwendungs-möglichkeit charakterisiert habe, komme ich jetzt auf den Begriff des Sinns mit der Frage zurück, ob man sich vorstellen kann, dass Sinn nicht etwas Substanzielles oder Phänomenales, irgendeine qualitative Einheit, sondern eine bestimmte Art der Differenz von Medium und Form ist. Ich bin nicht vollständig sicher, ob dieses Passen der Begriffe aufeinander wirklich gelingt, aber im Moment stelle ich mir vor, dass Sinn tatsächlich so etwas wie eine ständige Aufforderung zur Bildung spezifischer Formen ist, die sich immer noch dadurch auszeichnen, dass sie im Medium von Sinn gebildet sind, die aber nicht Sinn als Kategorie überhaupt repräsentieren, es sei denn wieder mit dem Wort „Sinn", das man hören kann, wenn es gesagt wird, oder lesen kann, wenn es geschrieben ist, aber das Wort Sinn ist nicht das Einzige, was Sinn hat, sondern kommt in irgendwelchen Sätzen hin und wieder vor.
Dann müsste man überlegen und sagen können, was die medienhafte Seite, das Medium des Sinns ist, wenn man dieses von Formen des Sinns unterscheiden will. Vielleicht ist es gut, sich dafür den Ausdruck „mediales Substrat" anzugewöhnen, denn wenn das Medium immer die Möglichkeit der Formbildung in einem Medium ist, brauchen wir eigentlich eine dreifache Terminologie: erstens das Substrat, die Elemente, die lose gekoppelt sind und fest gekoppelt werden können, wobei man immer selektiv vorgehen muss, zweitens die Formen und drittens das Zusammenspiel, in dem der ganze Apparat von Medium und Form nur Sinn hat, wenn er gebraucht wird.
Wenn man mit dieser Terminologiekrücke „mediales Substrat" arbeiten will, könnte man sagen, dass jedes Sinnerleben immer zweiteilig oder unterscheidungsförmig abläuft. Wenn man es in der Terminologie von Spencer Brown ausdrücken will, würde man sagen, dass man immer auf der Innenseite eine Art von Form hat, mit der man arbeiten kann. Etwas Bestimmtes ist gesehen worden: Ich sehe, der Sinn dieses Apparates ließe sich durch Drehen an den Schrauben und durch Auflegen von Präparaten aktualisieren. Ansonsten stört er nur, man kann sich daran stoßen und ihn kaputtmachen. Sinn in bestimmten Konfigurationen, in bestimmten Gestalten, in bestimmten Formen ist nur die Innenseite des Mediums; es gibt immer noch die Außenseite der anderen Möglichkeiten der Verwendung oder bei wahrnehmbaren Objekte eine Außenseite, an der sie auflhören, das Undsoweiter des Raumes oder auch die relative Beständigkeit solcher Dinge, nach der man nicht annimmt, dass sie in 300 Jahren noch an dieser Stelle sein werden.
Diese Überlegung lässt sich - wie Sie sehen, springe ich bewusst hin und her zwischen völlig verschiedenen Theorieressourcen, und dies war erst einmal ein Zugang zu dieser Problematik - über die phänomenologische Analysen Husserls etwas deutlicher beschreiben. Husserl hatte diese Analysen - vieles von ihm stammt ja erst aus dem Nachlass - auch selbst publiziert. Sie finden gute Ausführungen dazu in den Ideen I aus dem Jahr 1913 und später in Erfahrung und Urteil. Der Gedanke ist - immer subjektrelativ gedacht-, dass das Subjekt, das Bewusstsein intentional, also aktförmig arbeitet. Diese Aktualisierung in der intentionalen Aktivität des Bewusstseins ist auf etwas Bestimmtes gerichtet. Man identifiziert Gegenstände, Menschen, Symbole oder was immer, aber immer in einem Horizont, wie Husserl sagt, der Verweisung auf andere Möglichkeiten. Man gerät nie in eine ontologische Falle in der Art, dass man sich etwas denkt und davon so eingenommen ist, dass man nicht wieder loskommt und immer nur „dies" denkt, immer nur „Wohnzimmer" denkt, immer nur „Systemtheorie" denkt, um ein aktuelles Beispiel zu nehmen, und an überhaupt nichts anderes mehr denken kann als an „Systemtheoretisches". Sondern man hat, wenn man schon so denkt, immer den Gedanken, wieso das denn „Theorie" sei oder was hier denn „System" heiße. Das heißt, alles, Symbolik und Dinge, verweist in einem Horizont der möglichen Bestimmtheiten, wie Husserl sagt, oder der Bestimmbarkeit eines bestimmten Stils auf andere Möglichkeiten. Man landet nie in einem unmarked space im Sinne Spencer Browns, in einer völlig undefinierten Situation, aus der man nie wieder herauskäme. Man arbeitet immer auf der Innenseite der Unterscheidungen und immer mit nahe liegenden anderen Möglichkeiten. Wir wissen, wenn wir hier herauskommen, haben wir bestimmte Wege zu nehmen, um die Universität zu verlassen, zu unseren Wagen zu kommen und den Motor anzulassen, den Schlüssel dazu haben wir in der Tasche. Es gibt immer Cluster von Sinnbildungen.
Aber Sinn ist nicht nur dieses Verweisen auf andere Möglichkeiten, sondern auch die Lokalisierung dieser Verweisung in allem, was wir uns konkret als Gegenstand unserer Aktualität, unseres aktuellen Erlebens vorstellen. Ebenso ist, wenn wir von Bewusstsein auf Kommunikation umschalten, zu allem, was gesagt werden kann, zu aller Information, immer auch der Auswahlbereich vorhanden: Was habe ich erwartet, und was kommt? Was überrascht mich im Verhältnis zu dem, was auch noch möglich wäre? Wer sagt was? Soll ich Ja oder Nein dazu sagen? Alle Items, die operativ aktualisiert werden, leben und haben Sinn nur, weil sie in einem Horizont anderer Möglichkeiten plaziert sind.
...Wir kommen nicht aus dem Medium heraus. Wir sind, wenn wir bewusst oder kommunikativ operieren, immer schon an die Verwendung des Mediums Sinn gebunden. Auf dieser Ebene führt uns unsere Sprache irre, die uns nahelegt, wir könnten sagen, etwas sei nicht sinnvoll. Ich komme darauf zurück, aber es ist vielleicht nützlich, zwischen sinnhaft oder sinnbezogen in einem ganz allgemeinen Sinne und der negierbaren Vorstellung von sinnvoll/nichtsinnvoll noch einmal zu unterscheiden. Zunächst einmal glaube ich, dass man festhalten sollte, dass alle Negationen - weil diese nicht in einem undefinierten Rahmen operieren, sondern sich als bestimmte Negationen immer auf etwas Bestimmtes beziehen oder weil umgekehrt auch jede Bestimmung Negation von anderen möglichen Bestimmungen impliziert - eine Art von Weltpräsenz erfordern, die ihrerseits die Form von Sinn hat, also eine Form bildet. Wenn man sagt „Etwas ist nicht der Fall" oder „Das macht keinen Sinn in einer bestimmten argumentativen Situation" will man damit Bestimmtes erreichen, Bestimmtes ausschließen, also Sinn prozessieren. Wir können uns deshalb auch nicht in eine Welt hineindenken, in der es keine sinnprozessierenden Systeme gibt. Oder, ich muss mich vorsichtiger ausdrücken, wir können uns natürlich eine Welt vorstellen, in der alle Menschen und alle Computer vernichtet sind und nur noch Steine und was weiß ich, Insekten oder wüstenhafte, strahlende Restzustände existieren. Wir können uns eine Welt vorstellen, in der kein Sinn mehr operativ produziert und reproduziert wird, aber wir können diese Vorstellung selbst nur sinnhaft bilden. Wir sind darauf angewiesen, uns vorzustellen, was als Restnatur vorhanden sein könnte. Und wir denken daran, was gewesen und was zerstört ist. Wir können uns auch nicht wirklich das Weltverhältnis von Steinen vorstellen: was ein Stein empfindet, wenn er wahrnimmt, wie steinern er ist. Das ist eine Vorstellung, die wir konstruieren können, aber nicht vollziehen. Wir können negieren und können sagen, dass die Welt für einen Stein nicht sinnhaft verfügbar ist, aber diese Aussage hat für uns Sinn, weil wir sie kontrastierend zu dem sehen, was für Menschen Sinn hat und welche Funktion Sinn im Orientierungsraum der Menschen übernimmt.
Schwierig wird es, wenn man an Tiere denkt. Ob man die Sinnkategorie für Tiere anwenden könnte, ist eine Frage, die wir gelegentlich diskutiert haben und die ich für unentscheidbar halte, weil wir, wenn wir Tiere beobachten, diese Tiere in einer sinnhaften Welt beobachten und deshalb Mühe haben, uns die Welt vom Standpunkt der Fledermaus, des Buchfinken oder der Kuh aus vorzustellen und zu überlegen, wie solche Tiere ihre für sie zweifellos erkennbare Wahrnehmungsumwelt, den Raum, den sie außer sich sehen, ordnen. Es spricht ja viel dafür, dass es auch etwas mit sinnhaften Übergängen oder mit Protosinn zu tun hat, wenn man die Flüssigkeit und Eleganz sieht, mit der Tiere sich von Situation zu Situation schwingen. Man hat den Eindruck hat, dass das offenbar nicht nur eine sporadische oder Ad-hoc-Affäre ist. Wir neigen dazu, uns vorzustellen, dass die Tiere den Raum als sinnhaft, als Bezug vom Vorherigen zum Nachherigen, sehen, aber ich weiß nicht, ob wir das wissen können, weil wir eben ohnehin auf die Unterstellung von Sinn angewiesen sind. Das ist aber ein Sonderproblem, das uns auf die Form der Universalität oder Unvermeidlichkeit des Mediums Sinn für spezifische Systeme, Bewusstseinssysteme und Kommunikationssysteme, hinweist. Zu dieser Universalität gehört, dass die eigene Negation in das Medium eingebaut ist, dass es auch noch Sinn macht, sich vorzustellen, dass für andere Arten von Ausgangspunkten oder andere Arten von Systemen das Medium Sinn nicht verfügbar ist - und dies wiederum als Aussage, die für uns nur als sinnhafte Aussage verfügbar ist.
Ich glaube, das genügt jetzt im Moment zum Thema, welche Unterscheidung über Sinn aktualisiert wird - die Unterscheidung von Aktualität und Potenzialität -, und zur Frage der Systemreferenz, nach der es Sinn konstituierende Systeme gibt, zu deren Operationsweise es unvermeidlich gehört, dass sie Sinn benutzen.
Niklas Luhmann
Medium Sinn
Systemtheorie