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Die Diskussion um die 6. Bitte im «Vater unser» – und führe uns nicht in Versuchung – geht auf eine Änderung des Textlautes der französischen Version in der Reformierten Kirche zurück. Eine Einschätzung und Einordnung aus Sicht eines Romands.
Wie kam es eigentlich dazu, dass die 6. Bitte des «Vater unser» Anlass zu einer kontroversen Debatte gibt?
Bis ins Jahr 1964 waren die Übersetzungen des «Vater unser» von einer Konfession zur anderen im französischsprachigen Raum sehr verschieden: Vom Lateinisch in der Römisch-katholischen Kirche bis zu reformierten Varianten auf Du und Du mit Gott.
Viele Varianten vorhanden
Im Jahr 1964 übernahm eine gemischte (katholisch, orthodox und reformiert) Kommission die Arbeit, in einem ökumenischen Geist eine gemeinsame Übersetzung des «Vater unser» ausarbeiten zu lassen. Diese neue Übersetzung wurde an Ostern 1966 eingeführt. Was die sechste Bitte betrifft, entschloss sich die Kommission für die folgende Übersetzung: «Et ne nous soumets pas à la tentation.» – wortwörtlich übersetzt: «Und unterwirf uns nicht der Versuchung.» In den ehemaligen Versionen kann man lesen: «Et nous laissez pas succomber à la tentation.» – Version der Römisch-katholischen Kirche, wortwörtlich übersetzt: «Und lassen Sie uns nicht der Versuchung verfallen.» Die Reformierten Kirchen verwendeten eher: «Et ne nous con-duis pas dans la tentation.» – wortwörtlich übersetzt: «Und führe uns nicht in Versuchung.»
Ich zitiere das offizielle Communiqué zur 6. Bitte: «Die bisherigen Versionen wiesen alle ‹et ne nous induis pas en tentation› auf – übersetzt: ‹Und verleite uns in Versuchung nicht.› Da das Wort ‹verleiten› selten und schwierig geworden ist, wurden Abweichungen eingeführt. Die Variante ‹Ne nous laisse pas succomber à la tentation.› – wortwörtlich übersetzt: ‹Lass uns nicht der Versuchung verfallen.› ist besonders fehlerhaft. Sie scheint davon auszugehen, dass die Versuchung nur ein sittliches Übel sei, dem man sich widersetzen soll. Nun ist die biblische Versuchung auch eine von Gott gewollte Erprobung. Daher bitten wir ihn darum, uns in einer solchen Lage nicht zu stellen, so dass unsere Treue ihm gegenüber gefährdet wird – was mit sich bringt, sich von aller Sünde zu hüten.»
Worum geht es eigentlich?
Im Jahr 2013 unternahm die französischsprachige Römisch-katholische Kirche eine gründliche Neubearbeitung der liturgischen Bibel – jener Texte, die im Rahmen der Gottesdienste vorgelesen werden. Das Ergebnis, das von siebzig Fachleuten, Exegeten, Hymnografen und Literaten erarbeitet wurde, wies eine Neuformulierung der 6. Bitte des «Vater unser» auf: «Et ne nous laisse pas entrer en tentation.» – wortwörtlich übersetzt: «Und lass uns nicht in Versuchung eintreten!» Diese Änderung wurde darauf begründet, dass die Übersetzung von 1966 eine gewisse Verantwortung von Gott für die Versuchung vorausgesetzt hätte, die zur Sünde führt, als ob er der Verursacher des Bösen wäre. Diese Übersetzung könnte verwirrend sein und benötige eine theologische Vertiefung.
Es geht eigentlich um das Gottesbild: Wenn Gott jener ist, der uns der Sünde unterwirft, dann breitet sich das Bild eines sadistischen perversen Gottes aus, der Freude daran findet, seine Gläubigen zu erproben.
So ist es selbstverständlich nicht, aber die Doppeldeutigkeit bliebe beständig und wäre für manche zwingend störend. Mit der Neuformulierung «Ne nous laisse pas entrer en tentation.» hat man versucht, diese Doppeldeutigkeit aufzuheben. Auch wenn die Neuformulierung immer noch nicht sagt, wer der Verursacher des Unglücks ist (der Teufel, die gläubige Person?), kommt Gott nicht mehr in Frage. Sollte man sich darüber freuen?
Für den Neutestamentler an der Universität Lausanne, Daniel Mar-guerat, gibt es keinen Grund zu jubilieren. Seines Erachtens ist diese neue Übersetzung «bestenfalls unnütz, schlimmstenfalls entschärft». Er begründet: «Der biblische Text als Ganzes reicht aus, von Anfang an diese
alberne Idee zu beseitigen, dass Gott sich an uns vergnügt unseren Widerstand zu prüfen, indem er uns dem Bösen aussetzt.»
Die neue Version ist eine blosse Abschwächung
Der Ausschnitt aus dem Jakobusbrief (1,13b) ist sehr klar: «Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemanden.» Der Theologe bedauert die Milderung der Übersetzung. «Die Führung durch Gott wird in der bisherigen Übersetzung durch das aktive Verb angezeigt: ‹Ne nous conduis pas.› Die neue Version schwächt die Bedeutung dieses Satzes ab, die beteuert, dass Gott aktiv ist und er uns führt. Wenn wir so beten, bekennen wir, dass er unsere Schritte führt, dass unser Leben an kein blindes Schicksal ausgeliefert wird, dass wir an dieser Hoffnung festhalten.
Ich liebe die Idee, dass mein Leben einem Meister anvertraut ist, der es behütet – und ebenfalls dass er es nie der Versuchung aussetzen lässt. Es ist wie das Bekenntnis an einen Menchen, den man liebt: ‹Du wirst mich nie im Stich lassen.› Das soll als Hoffnung und als gegenseitiger Vertrauensbeweis verstanden werden. Auch wenn mein Leben den Schmerz überwindet und der Glaube uns vor Leid nicht verschont, bitte ich, dass Gott mich nicht dem Ungemach überlässt.»
Was bedeutet genau diese Versuchung («tentation» auf Französisch)? Wenn ein Begriff in dieser Bitte des «Vater unser» änderungsbedürftig wäre, dann wäre es tatsächlich dieser. «Tentation» wird heute als Aufforderung zur Begierde und zur Sünde verstanden. Darum geht es eigentlich nicht, wie Daniel Marguerat vermerkt: «Die Versuchung bedeutet eher die Erprobung, die Unordnung, in die man ab und zu abdriftet. Die Versuchung ist der dichte Übels- und Unsinnsmoment, wo alles chaotisch wird und kein Haltepunkt mehr besteht.»
Logischerweise ist es am Schwierigsten, in diesen Momenten, dem eigenen Glaubensbekenntnis treu zu bleiben.
Der Diskussionsstand in unseren Kirchgemeinden
In seiner Sitzung vom 10. März 2018 hatte das Comité Romand die Frage des «Vater unser» auf der Tagesordnung. Es ging darum, das Empfinden der Kirchgemeinden in dieser Frage aus-zuloten. Einige Kirchgemeinden haben schon einen Anlass über dieses Thema organisiert, andere sind dran es zu tun. Das Comité Romand wird einen Gesamtüberblick erarbeiten, der in einem Antrag an die Nationalsynode 2019 formuliert werden soll.
Ich kann dem Inhalt des Antrages nicht vorgreifen, dennoch dürfte es klar sein, dass diese einseitig durch die Römisch-katholische Kirche vorgenommene Änderung kaum goutiert wird. Die Änderung missachtet den biblischen Text, der an dieser Stelle leicht zu übersetzen ist.
Pfarrer Nassouh Toutoungi