Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03483.jsonl.gz/1231

Titelbild: Ingo Höhn
Diesen Artikel gibt's in unserer Märzausgabe zu lesen. Jetzt 041 – Das Kulturmagazin abonnieren!
Fragen rund um künstliche Menschen sind um einiges älter als moderne Computer. Bereits 1818 beschrieb die 18-jährige Mary Shelley in «Frankenstein» die Möglichkeit, unbelebter Materie Leben künstlich einzuhauchen. In diesem Fortschritt liegen Faszination und Grauen nahe beieinander. Was für Shelley galt, gilt auch für Martina Clavadetschers neuen Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Es ist also kein Zufall, fungiert ein Zitat Shelleys als Motto des Buches.
Das neue Werk Clavadetschers ist so bildstark, wie man es von ihr kennt. Die Sprache ist hart und assoziativ, frönt Leerstellen und Doppeldeutigkeiten. Der Roman ist gegliedert in die Geschichten dreier Frauen: Iris, Ling und Ada. Deren Erzählungen sind wiederum ähnlich einer russischen Matruschka – einem «Mütterchen» – angeordnet. Jede bildet wiederum den Rahmen für eine Geschichte in der Geschichte. Dass die Matruschka kein abwegiger Vergleich ist, zeigt sich auch durch die nahezu familiäre Verbindung, in der die Frauen zueinander stehen: Iris nennt Ling ihre «Halbschwester», während Ada, deren Erzählung den Kern des Romans bildet, als «Urmutter» bezeichnet wird.
Ada heisst mit ganzem Namen Ada Lovelace, geborene Byron. Die englische Mathematikerin entwarf im 19. Jahrhundert in Analytical Engine eine theoretische Beschreibung einer Rechenmaschine. Ihre Forschung war unter anderem grundlegend für die Erforschung künstlicher Intelligenz. Damit steht sie am Anfang von Clavadetschers patriarchaler Dystopie, die grösstenteils in einer Sexpuppenfabrik in China spielt, in der Ling arbeitet.
Dort ist die junge Frau für die Kontrolle der Frauenkörper zuständig, sie merzt Produktionsfehler am Latex aus, macht sie «makellos», wie sie selbst den Figuren zuflüstert. Bis eines Tages die Betriebsleitung an sie gelangt und sie bittet, bei der Entwicklung des Kopfes mitzuhelfen. Denn die Puppen sollen lernen zu interagieren, eine Art Alexa zum Anfassen. Die Forschenden der Fabrik tüfteln daher an Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, die selbst lernt, wie Menschen Gespräche führen, und entsprechend die eigene Verhaltensweise anpasst.
Clavadetschers Roman liest sich als Emanzipationsgeschichte. Die künstlich fabrizierten Frauen widersetzen sich dank ihrer neu gewonnenen Intelligenz ihrem Zweck, blosse Objekte zur Luststillung einsamer Männer zu sein. Sie streben danach, selber etwas zu kreieren, selber zur schaffenden Kraft zu werden. Ling, die ihr ganzes Leben angepasst war, die in ihrer Liebe für Struktur und Wiederholung fast autistische Züge aufweist, lernt, was es bedeutet, Regeln zu brechen und eigenen Bedürfnissen nachzugeben. Clavadetscher zeigt, wie die Frauen durch Zeit und Raum miteinander verbunden sind. Eine Verbundenheit, die immer stärker wird und am Ende das Potenzial hat zur grossen Revolution.