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1. An der SGVW-Sommertagung wird die Wertschöpfung diskutiert. Was bedeutet Wertschöpfung für Sie?
Als Volkswirtschaftler verstehe ich unter Wertschöpfung die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen unter Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Die eigentliche Wertschöpfung sind dann die zu bestimmten Preisen bewerteten Produkte abzüglich der Vorleistungen. Das sind buchhalterische Konzepte, wie sie im System der Nationalen Buchhaltung oder auch einer Unternehmensbuchhaltung definiert sind. Eine Zunahme der Wertschöpfung über die Zeit bedeutet dann, dass der produzierte Wert der Güter und Dienstleistungen nach Abzug der Vorleistungen gewachsen ist, wobei diese Zunahme einerseits auf gestiegene Preise, zu denen die Produkte bewertet werden, oder auf eine grösseren Menge der hergestellten Güter zurückgeführt werden kann. Wenn bei gegebenem Faktoreinsatz der Output maximiert oder bei gewünschtem Output der Faktoreinsatz minimiert wird, ist der Wertschöpfungsprozess effizient organisiert.
2. Welches ist die Rolle des Staates in Bezug auf die Wertschöpfung und wie ist diese im Lichte der Finanzmarktkrise zu beurteilen?
Der Staat nimmt im Wertschöpfungsprozess zwei Funktionen ein. Einerseits stellt der Staat selbst Güter und Dienstleistungen her, andererseits verteilt der Staat Wertschöpfung um. Der Staat stellt öffentliche oder meritorische Güter her, wie zum Beispiel Sicherheit oder die Wasserversorgung. Er bietet auch Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Verkehr usw. an. In dem Sinne tritt der Staat als Produzent und Anbieter von Gütern und Dienstleistungen an. Dafür wird in Form von Steuern, Gebühren, Abgaben usw. bezahlt. Der Staat eignet sich aber auch Wertschöpfung an und verteilt diese um. Dies ist etwa bei den Sozialversicherungen der Fall. Welche Aufgaben der Staat letztlich erfüllen soll, ist aus ökonomischer Sicht nicht objektiv zu bestimmen. Dies ist vielmehr eine politische Frage und hat mit Werturteilen zu tun. Leistungen des Staates sind in der Regel nur schwer zu bewerten, weil oft kein Markt existiert, auf dem sich Preise zur Bewertung bilden könnten.
Die Rolle des Staates ist im Gefolge der Finanzmarktkrise wichtiger geworden. Dies hat ganz einfach damit zu tun, dass gewisse private Produzenten und Anbieter, namentlich die Finanzindustrie, im Strudel der Finanzmarktkrise in Schwierigkeiten geraten sind. Der Staat bzw. dessen „Agenten“, wie bspw. die Zentralbanken, haben deren Funktionen teilweise übernehmen müssen, was dazu geführt hat, dass der Staat seinen Aufgabenbereich ausgedehnt hat. Auch die Umverteilungsfunktion des Staates wird im Lichte der Finanzmarktkrise von vielen Bürgern neu gesehen. Sie fordern ein stärkeres staatliches Engagement, indem er sich mehr Wertschöpfung aneignet und diese anders als es bislang der Fall war, neu umverteilt. Dabei besteht latent die Gefahr, dass sich der Staat selbst überfordert.
3. Welche Massnahmen können von Politik und Verwaltung getroffen werden, um als Standorte attraktiv zu bleiben?
Die Politik und die Verwaltung sollten in erster Linie dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen, unter welchen der Wertschöpfungsprozess stattfindet, optimal sind. Die Politik und die Verwaltung sollen nur dann in die marktwirtschaftlichen Mechanismen eingreifen, wenn tatsächlich ein Marktversagen vorliegt. Wenn also aus irgendeinem Grund eine Unterversorgung mit öffentlichen Gütern und Dienstleistungen vorliegt oder wenn Private ihre Dienstleistungen und Güter ineffizient produzieren. Idealerweise sollte aber Marktversagen stets sehr eng ausgelegt werden. Was die Rahmenbedingungen angeht, so zählen viele staatliche Aktivitäten dazu. Rechtssicherheit, ein mildes Steuerklima usw. gehören hier genauso dazu, wie die effiziente Erbringung staatlicher Leistungen.
4. Wo sind die Grenzen dieser Massnahmen ersichtlich?
Die Grenzen staatlicher Leistungserbringung wurden im Zuge der Finanzmarktkrise offensichtlich. Es besteht natürlich latent die Gefahr, dass sich der Staat selbst überfordert bzw. durch die vielfältigen Ansprüche überfordert wird. Manifest wird dies spätestens dann, wenn er leere Kassen vorfindet und seine Leistungen nicht mehr finanzieren kann. Eine unmittelbare Folge davon ist dann geringeres Wirtschaftswachstum, also ein Rückgang der wirtschaftlichen Wertschöpfung.
Wertschöpfung aus volkswirtschaftlicher Sicht
Boris Zürcher, bis Ende April Vizedirektor bei der Avenir Suisse und nun tätig als Direktor und Chefökonom bei der BAK Basel Economics AG, teilt sein volkswirtschaftliches Wissen zum Thema Wertschöpfung.