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Bildung
Bildung ist ein Kernauftrag moderner Nationalstaaten und gilt als Schlüssel zu einer gelingenden persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Sie kann als Selbstzweck (Suchbewegung, Aufklärung) und als Mittel zum Zweck verstanden werden. Vom Bildungssystem werden die Förderung der Autonomie und Verantwortung von Individuen, etwa im Hinblick auf ihre Integration und Beteiligung an den Aufgaben der Zivilgesellschaft, sowie angemessen ausgebildete Fachkräfte für den Arbeitsmarkt erwartet. Die Schule ist dabei mit der paradoxen Herausforderung konfrontiert, allen Schülerinnen und Schülern gleiche Bildungschancen zu gewähren und ihre Schülerschaft gleichzeitig via Leistungsprinzip auf eine Hierarchie von Bildungsabschlüssen zu verteilen, die in den höheren Bildungsbereichen rationiert sind.
Frühförderung bzw. frühkindliche Bildung, die gesundheitliche und physische Entwicklung, emotionales Wohlbefinden, Lernzugänge, Kommunikationsfähigkeit sowie kognitives und allgemeines Wissen von Vorschulkindern fördert, umfasst institutionelle Angebote (u. a. Kindertagesstätten), die mehrheitlich dem Sozialbereich (und nicht dem Bereich Schule) zugeordnet werden.
Die Volksschule, welche Kindergarten/Eingangsstufe, Primarstufe sowie die Sekundarstufe I («Oberstufe») umfasst, ist mit über 50 % der öffentlichen Bildungsausgaben der gewichtigste Teil des Schweizer Bildungswesens. Die historisch gewachsenen kantonalen Schulsysteme sind durch strukturelle Vielfalt (Dauer von Kindergarten und Primarschule; Schulmodelle auf der Sekundarstufe I), inhaltliche Vielfalt (Lehrpläne und Lehrmittel) sowie unterschiedliche Systemgrösse charakterisiert. Aktuell wird eine Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme angestrebt (HarmoS-Reform). Die Angebote der Volksschule sind grossmehrheitlich öffentlich, nur fünf Prozent der Kinder besucht eine Privatschule. Die Zugänge zum Kindergarten, der Übergang in die Primarstufe, und der Übertritt von der Primar- auf die nach Leistungsgruppen gegliederte Sekundarstufe I werden in den Kantonen unterschiedlich gehandhabt (basierend auf Alter, Entwicklungsstand, Schulreife, Leistung, Verhalten, elterlicher Mitsprache usw.). Innerhalb der Stufen besteht die Möglichkeit, Klassen zu überspringen oder zu wiederholen. Die Repetitionsquote in der Volksschule liegt bei 2,4 %. Knaben und ausländische Kinder sind davon besonders stark betroffen. Die Effektivität der Wiederholung eines Schuljahres wird kritisch beurteilt. Schulabbrüche sind selten.
Mit dem Übergang der Sonderschulung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus der Zuständigkeit der Invalidenversicherung in jene der Kantone sind letztere neu auch für die Sonderpädagogik für Kinder und Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf zuständig. Zu den Angeboten gehören u. a. die heilpädagogische Früherziehung, Logopädie, Psychomotorik-Therapie, sonderpädagogische Massnahmen, und die Betreuung in Tagesstrukturen. Die Förderung in Sonderschulen und in Sonder- bzw. Kleinklassen wird zunehmend durch die – von gewissen Akteuren auch kritisierte – integrative Förderung in der Regelklasse ersetzt, die auch die Begabtenförderung umfasst.
Eine Besonderheit der Schweizer Volksschule ist die interkantonale und teilweise intrakantonale Vielfalt von Strukturmodellen sowie die damit verbundene unterschiedlich starke Hierarchisierung der Sekundarstufe I nach Leistungsklassen bzw. Anforderungsprofilen. Neben einem geteilten Modell (2 bis 4 hierarchisch getrennte Schultypen mit separaten Lehrplänen) lassen sich ein kooperatives Modell (zwei Typen von Stammklassen mit leistungsorientierten Niveaukursen) und ein integriertes Modell (nicht selektionierte Stammklassen mit leistungsorientierten Niveaukursen) unterscheiden. Der Anteil der Schüler und Schülerinnen, die in Schulen bzw. Stammklassen mit einem tiefen Anforderungsprofil («Grundansprüche») unterrichtet werden, variiert dabei je nach Kanton zwischen fünf und 40 %.
Die v. a. schul- und unterrichtsorganisatorisch motivierte Hierarchisierung der Sekundarstufe I ist problematisch. Zum einen ergibt sich daraus in Kantonen mit reduzierten Anteilen an erweiterten Anforderungsprofilen eine stärkere Bildungsrationierung. Zum anderen führen Schulen mit «Grundansprüchen» zu einer leistungsmindernden sozialen Segregation der Schülerschaft und zu Bildungsnachteilen für Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, von solchen mit Migrationshintergrund, sowie von Knaben.
Die Sekundarstufe II umfasst die Berufsbildung, Fachmittelschulen und gymnasiale Maturitätsschulen (Gymnasium, Kantonsschule usw.). In der Schweiz absolvieren zwei Drittel der Jugendlichen nach der obligatorischen Schule eine berufliche Grundbildung. Die Lehrabbruchsquote variiert je nach Beruf zwischen 10 und 30 %. Lernende mit späten Lehrabbrüchen (ab dem dritten Lehrjahr) sind selten, dafür ist das Risiko für sie, ohne Ausbildung zu bleiben, besonders hoch. Die mehrheitlich dual in Berufsfachschulen und Ausbildungsbetrieben organisierte Ausbildung wird für ihre Arbeitsmarktnähe geschätzt. Die berufliche Grundbildung führt aber auch in hohem Masse zur Wahl von ungleichen Ausbildungsberufen zwischen Mädchen und Jungen (Geschlechtersegregation).
Der Berufsbildungsanteil unterscheidet sich stark nach Kanton. Während in den Kantonen Thurgau und St. Gallen über 80 % der Schülerschaft eine berufliche Bildung absolviert, beträgt der entsprechende Anteil im Kanton Genf nur 40 %. Kantone mit tieferen Berufsbildungsanteilen weisen entsprechend höhere Gymnasial- und Fachmittelschulquoten auf. Das angemessene Verhältnis von Berufs- und Allgemeinbildung ist in der Schweiz umstritten.
Eine Stärke der beruflichen Grundbildung ist, dass sie auch leistungsschwächere Jugendliche zu integrieren vermag. Absolventinnen und Absolventen aus Schulklassen mit «Grundansprüchen» ist der Übergang ins Gymnasium, in die Fachmittelschulen mit Fachmaturität und in die leistungsmässig anspruchsvolleren beruflichen Grundbildungen dagegen zumeist verwehrt. Im Berufsbildungssystem stehen ihnen primär die zweijährige berufliche Grundbildung mit Berufsattest (EBA) sowie duale Berufslehren mit eher bescheidenem Anspruchsniveau offen. Zudem geht die Marktregulierung von Ausbildungszugängen durch die Arbeitgeber mit einem Diskriminierungspotenzial einher, von welchem insbesondere ausländische Jugendliche betroffen sein können. Jugendlichen, die weder einen direkten Zugang zu den Mittelschulen noch in eine Berufsausbildung erhalten, stehen Zwischenlösungen (Brückenangebote) offen. Auszubildende in drei bis vier Jahre dauernden Ausbildungsberufen haben die Möglichkeit, während oder im Anschluss an die Erstausbildung eine Berufsmaturität zu erwerben, die den Übergang an die Fachhochschulen ermöglicht.
Die Tertiärstufe gliedert sich in universitäre Hochschulen, Fachhochschulen, pädagogische Hochschulen, sowie in die höhere Berufsbildung. Letzterer werden die Ausbildung an höheren Fachschulen sowie verschiedene höhere Berufs- und Fachprüfungen zugerechnet. Die Hochschulen, die akademische Titel (v. a. Bachelor und Master) verleihen, erfordern je nach Typ eine spezifische Hochschulzugangsqualifikation (Gymnasiale Maturität, Fachmaturität, Berufsmaturität). Im internationalen Vergleich hat sich das Hochschulsystem mit der Entwicklung der Fachhochschulen in den vergangenen zwanzig Jahren relativ spät ausdifferenziert. Die Hochschulen etablieren sich zunehmend auf dem Gebiet der Weiterbildung mit Lehrgängen, die keine Hochschulzugangsqualifikation erfordern (z. B. Certificate of Advanced Studies). Zum Weiterbildungsangebot gehören u. a. auch die Senioren-Universitäten, welche älteren Menschen lebenslanges Lernen und eine aktive gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Literaturhinweise
Bundesamt für Statistik (Hrsg.) (o. J.). Bildung und Wissenschaft. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft.html
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hrsg.) (2016). Dossier: Das Versprechen der Bildung / La promesse de la formation. Bulletin SAGW, 16(4), 31–61.
Wolter, S. C., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Hof, S., Meier, R. & Oggenfuss, C. (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.