Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/9

Miss Jemimas Tagebuch: Donnerstag, 2. Juli 1863 (Fortsetzung)
Eine Öffnung in einer grünen Bergwand führt uns nach Leukerbad, dem Sommerkurort mit seinen Thermalbädern und Chalet-Hotels im riesigen Amphitheater der Gemmi, die aus 1000 Metern einen Schatten auf die grünen Berghänge wirft.
Als wir eintrafen, wurde gerade zum Abendessen geläutet. Wir zogen uns rasch um und setzten uns im Speisesaal des Hôtel des Frères Brunner zu Tisch.
Der Speisesaal war ein niedriger Raum mit Fenstern an beiden Schmalseiten; er wurde nicht mithilfe der Erfindung von Dr. Arnott gelüftet, sondern auf eindeutig primitive Weise. Kleine Schwungräder drehten sich ununterbrochen. Ihr Geklapper untermalte das Stimmengewirr der vierzig Gäste auf mysteriöse Weise und es schien, als ob die Speisenden im Gegenzug mit ihrem Besteck klapperten, weshalb sich dann wieder die Bedienung verschlechterte.
Vielleicht war uns im Tal der Appetit vergangen, vielleicht waren wir unterdessen auch ganz einfach verwöhnt – in jedem Fall konnten wir den äusserst unterhaltsamen Siebengänger nicht geniessen, den uns die Frères Brunner servierten.
Der Gämsenbraten, alias Chèvre, erschien in einer Essigsauce; er war eindeutig ein wichtiger und beliebter Gang. Uns jedoch hatte er noch nie geschmeckt. Wir liessen ihn zurückgehen.
Die Suppe war eindeutig wässrig – die Rindfleischscheiben umlegt mit gebratenen Kartoffeln – halb verhungert – die Bergforelle hatte das Element Wasser mit dem Element Öl vertauscht. Das Geflügel mit Reis war jenseits von Gut und Böse. Der Gämsenbraten, alias Chèvre, erschien in einer Essigsauce; er war eindeutig ein wichtiger und beliebter Gang. Uns jedoch hatte er noch nie geschmeckt. Wir liessen ihn zurückgehen.
Unser Kellner reagierte mit Verwunderung und Verachtung. Fast mitleidig mit uns armen Unwissenden, die diese edle Speise nicht zu schätzen wussten, fragte er uns beschwörend «N‘aimez vous pas le chamois?» Einer von uns wollte den Kellner nicht verletzen und antwortete ihm daher auf Englisch. Der Kellner war zufrieden, uns aber fiel es schwer, länger ernst zu bleiben.
Unter den übrigen Neuheiten fanden sich Schotenerbsen und ein Eis, das genauso aussah und schmeckte wie ein halbes Pfund Butter.
Leukerbad dürfte seine Existenz den heissen Mineralquellen verdanken. Im Ganzen sind es zwölf. Die wichtigste unter ihnen hat eine Temperatur von 124 Grad Fahrenheit und reicht, um die Bäder zu speisen.
Seit über 320 Jahren suchen Kranke aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz hier Heilung. Im Winter werden sämtliche Häuser und Hotels zugesperrt und verlassen. Schon dreimal fanden die Einwohner wegen der Lawinen bei ihrer Rückkehr im Frühjahr nur noch Trümmer vor. Inzwischen werden sie durch einen tiefen Graben am Fuss des Felsens geschützt, der die losen Schneemassen aufnimmt.
Die Kranken werden dazu verdonnert, vormittags und nachmittags je vier Stunden im Wasser zu sitzen. Die Herren und Damen baden gemeinsam, damit sie sich nicht allzu sehr langweilen.
Es gibt zwei Badehäuser mit je vier grossen Becken und einer Galerie, auf der sich die Freunde der Badenden aufhalten können, um mit diesen «Amphibienmenschen» zu plaudern. Die Kranken werden dazu verdonnert, vormittags und nachmittags je vier Stunden im Wasser zu sitzen. Die Herren und Damen baden gemeinsam, damit sie sich nicht allzu sehr langweilen. Man kann ihnen zusehen, wie sie rundherum im Bad sitzen und verschiedenen Beschäftigungen nachgehen, die sich mit dem nassen Element vertragen.
Wir waren uns einig, dass die Institution Leukerbad am nächsten Morgen besichtigt werden sollte – um uns mit eigenen Augen von den kaum glaublichen Vorgängen zu überzeugen.
Wir verbrachten den Abend auf einem Spaziergang zwischen den Chalets sowie auf der Promenade unter den Linden. Obwohl wir durch und durch müde waren, setzten wir unsere letzte Kraft daran, das höchste Dorf der Schweiz, Albinen, zu erreichen.
Miss Mary und Mister James liessen den ganzen Rest der Gruppe in ihrem sportlichen Eifer hinter sich. Die Müdigkeit zwang aber einige weniger Sportsbegeisterte zur Rückkehr. Die unvergleichliche Dämmerung und die wunderbare Aussicht waren aber beglückend genug.
Zudem hatten die «natürlichen Beschützer» eine gewisse Angst davor, dass die jugendlichen Heldinnen der Gruppe versuchen könnten, die Leitern nach Albinen hochzuklettern, wenn wir sie erreichen würden. Da es nun spät am Abend war und die Dunkelheit einbrach, hätten die Damen zudem bei der Rückkehr unter das gastliche Dach des Hôtel «Les Frères» Probleme haben können.
In der Nähe des Hotels spielte eine Kapelle, als wir zurückkamen. Das Konzert endete aber um zehn Uhr, worauf hinter allen Schlafzimmerfenstern die Lichter angingen, und Leukerbad schlief einmal mehr unter dem sanften Einfluss des Mondes, der langsam und majestätisch hinter einem kolossalen Felsen auf der linken Seite aufging.
Miss Jemimas Tagebuch: Freitag, 3. Juli 1863
Wie abgemacht standen wir um fünf Uhr morgens auf und sahen schon halbbekleidete Badende auf dem Weg zu ihrer täglichen Bädersitzung. Wir folgten ihnen, nicht um zu baden, sondern um zu beobachten. Allerdings wurden wir das nagende Gefühl nicht los, dass wir uns wie Gaffer verhielten. Noch schwieriger war es, den gebotenen Ernst zu bewahren.
Um die allzu offensichtlichen Effekte unserer Beobachtungen etwas zu tarnen, gaben wir uns zunächst damit zufrieden, einmal durch eine beschlagene Fensterscheibe zu blicken. Wahrscheinlich hätte uns dies auch gereicht, wenn nicht ein Bademeister die Tür weit aufgerissen hätte. Damit war unser Rückzug unmöglich.
Ihre nächste Mahlzeit nahm sie bis zu den Schultern im Wasser ein; auf einem hölzernen Tablett standen eine kleine Kaffeekanne, ein Tellerchen mit Butter und geschnittenes Brot.
In einem Badebecken erkannten wir eine Dame, die uns am Vortag im Speisesaal gegenübergesessen hatte. Ihre nächste Mahlzeit nahm sie bis zu den Schultern im Wasser ein; auf einem hölzernen Tablett standen eine kleine Kaffeekanne, ein Tellerchen mit Butter und geschnittenes Brot. Wir erkannten Sitze oder Bänke, die rund um das Bad angebracht waren. Auf ihnen sassen Menschen in dunkelblauen oder dunkelroten Roben.
Ein Herr mit Schnurrbart, nach seiner eigenen Meinung ein Mann im besten Alter, nutzte sein schwimmendes Tischchen für Lederarbeiten, andere Badende bereiteten sich auf ein Brettspiel vor und ein gewichtiger, rundschultriger Gast von rund 60 Jahren schwamm prustend und spritzend in die Ecke gegenüber, um einige Damen zu begrüssen. Dabei achtete er kaum auf seine Umwelt und wurde deswegen von einigen übermütigen jungen Damen ebenfalls angespritzt.
Am Rande des Beckens lagen zahlreiche angefangene Handarbeiten in ihren Körben. Daraus schlossen wir, dass die Damen ihre Hände trocknen und dann stricken oder häkeln, obwohl wir niemanden bei einer solchen Arbeit sahen.