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Kaum eine andere Burganlage unseres Landes beherrscht eine Landschaft so markant wie das mächtige Schloss Tarasp. Auf einem hundert Meter hohen Felsen erbaut, wacht die Festung über die Weiler am Fusse des Schlosshügels, und im Taraspersee spiegeln sich die weissen Mauern.
In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts nahmen hier die Herren von Tarasp Wohnsitz, die aus der Gegend des Comer Sees ins Engadin gezogen waren. Im Jahre 1239 gelangte die Festung an die Grafen von Tirol. Da das Unterengadin zum Bistum Chur gehörte, folgten verschiedene heftige Auseinandersetzungen zwischen den Tiroler Grafen, den Bündnern und den Bischöfen von Chur um den Besitz der Burg und um die Vormacht im Unterengadin. Ab 1464 war Tarasp eine österreichische Grafschaft. Noch heute prangt der Reichsadler am Palast und eine Schrift verkündet: «Hie Estereih». Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurde die Anlage auf ihren heutigen Umfang vergrössert und zur Grenzfestung ausgebaut.
1803 wurde Tarasp durch Napoleon der helvetischen Republik zugeschlagen. Der junge Kanton Graubünden hatte jedoch für die schlecht unterhaltene Burganlage weder Geld noch eine vernünftige Verwendung und verkaufte Tarasp 1829 für keine fünfhundert Franken an einen Privatmann aus Scuol. Tarasp wechselte verschiedentlich den Besitzer und wurde in den folgenden Jahrzehnten komplett geplündert. Fuderweise führte man Möbel und Täferungen weg und verkaufte sie im Kunsthandel. Die Wehrgänge und die hölzernen Vorbauten zerkleinerten die Dorfbewohner zu Brennholz. Trostlos stand das Schloss um 1900 da, dem Verfall preisgegeben.
Im Sommer 1900 reiste der Dresdner Industrielle Dr. Karl August Lingner zu einem Kuraufenthalt nach Tarasp. Er besuchte das Schloss und war über dessen Zustand entrüstet. Er kaufte die Anlage für 20'000 Franken und entschloss sich, eine Gesamtrenovation vorzunehmen. Mit Prof. Rudolf Rahn machte Lingner den damals besten schweizerischen Burgenfachmann zu seinem Berater. So konnte die gesamte alte Bausubstanz erhalten werden. Aus Bündner Patrizierhäusern und aus Edelhöfen des benachbarten Tirols wurden sodann alte Vertäferungen und Mobiliar zugekauft und im Schloss eingebaut.
In der früheren Waffenkammer liess Lingner eine grosse Konzertorgel einbauen: Tarasp sollte zu einem klingenden Schloss werden. Die Schlossorgel von Tarasp ist ein Meisterwerk der Orgelbaufirma Jehmlich aus Dresden. Dank dem grossen Einsatz der Orgelstiftung konnte die Schlossorgel im Jahre 1993-4 durch die Herstellerfirma umfassend restauriert werden und wird seither während den Sommermonaten für Konzerte benutzt.
Dr. Lingner pflegte auch die Umgebung des Schlosses, den Schlosshügel und den See. Im Park wurden über tausend Bäume angepflanzt und ein Wegnetz errichtet - damit der Schlossherr mit seinem Auto spazieren fahren konnte. Da in Graubünden bis 1925 ein allgemeines Autofahrverbot bestand, liess Dr. Lingner sein Auto mit einem Pferdevorspann von der Landesgrenze bis nach Tarasp befördern, wo er auf seinen Privatstrassen fahren durfte.
Leider war es Dr. Lingner nicht möglich, sein Schloss nach der Renovation zu bewohnen. Als alles zu seinem feierlichen Empfang bereit war, verstarb Dr. Lingner unerwartet am 5. Juni 1916. Die schöne Frau, die er in Tarasp empfangen wollte, hat die bereitgestellten Gemächer nie betreten.
Johann P. Fanzun
Testamentarisch vermachte Lingner das Schloss dem letzten König Friedrich August III. des Königreichs Sachsen. Dieser lehnte jedoch das Legat ab, worauf das Erbe dem kunstsinnigen Freund von Lingnera, Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein in Darmstadt zufiel. Ernst Ludwig sowie sein Sohn Ludwig mit seiner Ehefrau Prinzessin Margaret haben dieses Schloss geliebt und jahrelang gepflegt. Nach dem Tod der Prinzessin 1997 übernahmen die Familie von Moritz von Hessen und dessen Kinder Mafalda, Heinrich Donatus, Elena und Philipp das Erbe und kümmerten sich weiterhin um den Unterhalt der Burganlage.
Seit Mai 2008 besteht ein Kaufrechtsvertrag zwischen der Gemeinde Tarasp und der Familie von Hessen, wobei jetzt die Gemeinde für den Unterhalt eine jährliche Defizitgarantie leistet.
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