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Frage von Madeleine Z.: «Es braucht mich nur jemand anzuschauen, und schon erröte ich. Seit der Pubertät ist das so bei mir. Jetzt bin ich über 30, und das Problem beherrscht noch immer mein Leben. Ich habe gehört, dass man sich dagegen eine Ader durchtrennen lassen kann – oder soll ich zu einem Psychiater?»
Es gibt tatsächlich eine Operation, bei der allerdings ein Nerv, der die Blutzufuhr zum Gesicht reguliert, durchtrennt oder abgeklemmt wird. Ich würde Ihnen allerdings empfehlen, sich erst mal in einer Psychotherapie mit Ihrem Leiden zu befassen.
Erröten ist grundsätzlich eine normale Reaktion. In peinlichen Situationen wird Blut im Gesicht zurückgehalten, die Gesichtstemperatur steigt um zirka ein Grad, nach 15 Sekunden wird das Maximum erreicht, nach 30 Sekunden ist der normale Zustand wiederhergestellt. Zu einem seelischen Leiden wird dieser Vorgang nur, wenn man sich des Rotwerdens schämt.
Fachleute sprechen dann von einer Erythrophobie, einer krankhaften Angst vor dem Rotwerden. Da es sich um eine körperliche Reaktion handelt, die sich vom Willen nicht beeinflussen lässt, mündet die Angst in einen Teufelskreis: Es tritt genau das ein, was man befürchtet hat. Der einzige Ausweg besteht darin, das Erröten nicht mehr als Katastrophe, sondern als lästige, aber unbedrohliche Reaktion des Körpers anzusehen.
Tiere kennen keine Scham
Natürlich gibt es auch ein Rotwerden vor Wut oder eine Rötung der Haut durch sportliche Aktivität oder durch Bluthochdruck. Das Erröten aber, das so schwer zu ertragen ist, ist eine Begleiterscheinung von Scham. Wir haben Angst davor, dass man sieht, dass wir uns schämen. Scham ist ein typisch menschliches Phänomen. In der Tierwelt gibts nichts Vergleichbares. Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat es so definiert: «Ich schäme mich meiner, wie ich andern erscheine.» Man schämt sich zwar für sich selbst, aber vor einem oder mehreren andern. Und es kommt darauf an, was in dieser Umgebung für Regeln gelten. In der Sauna schämen wir uns nicht, nackt zu sein, in einem Einkaufszentrum dagegen mit Sicherheit.
Scham hat eine Schutzfunktion; sie sorgt dafür, dass wir uns einen Intimbereich bewahren, sowohl körperlich als auch in unseren innersten Gefühlen. Die Scham definiert eine Grenze. Diese verläuft anders zur Öffentlichkeit als zum Lebenspartner oder zum Psychotherapeuten. Und sie ändert sich auch mit der Zeit. Die heutige Sommermode hätte vor 100 Jahren als absolut schamlos gegolten.
Scham ist ein äusserst schwer zu ertragendes Gefühl, man möchte in den Boden versinken, wendet die Augen ab, die Hitze schiesst einem ins Gesicht, man fühlt sich in den Augen der andern minderwertig und verachtenswert.
Eigene Schwächen akzeptieren
Ein angemessenes Schamgefühl ist gesund, normal und nötig. Jeder gerät von Zeit zu Zeit in Situationen, in denen er sich schämt. Wer von übermässigen Schamgefühlen geplagt wird oder unter Angst vor dem Erröten leidet, muss grundsätzlich zwei Wege beschreiten: Einerseits geht es darum, auf das Urteil der andern weniger Wert zu legen. Und anderseits darum, mit sich selbst immer mehr ins Reine zu kommen, zu lernen, sich selbst zu akzeptieren mit allen Fehlern und Schwächen, aber auch mit der Gewissheit der eigenen Liebenswürdigkeit.
6 Tipps zum besserem Umgang mit dem eigenen Schamgefühl
- Geben Sie den Wunsch auf, nicht mehr erröten zu wollen.
- Rufen Sie sich in Erinnerung: Sie stehen nicht im Zentrum der Welt, und niemand interessiert sich für Ihre Gesichtsfarbe.
- Akzeptieren Sie, dass Sie ein sensibler Mensch sind, der eben etwas schüchterner ist als andere.
- Erinnern Sie sich an Ihre Stärken, Ihre guten Eigenschaften, an all das, was Sie liebenswert macht.
- Nehmen Sie Ihr Erröten und allfällige dumme Bemerkungen mit Humor. («Du brauchst doch nicht rot zu werden.» Antwort: «Ich weiss, ich tus freiwillig.»)
- Vielleicht hilft Ihnen der bekannte Ausspruch: «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.»