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126 Was ist ein Ereignis?
Whitehead, Nachfolger oder Diadoche, wie die Platoniker das Haupt einer Schule nannten, obwohl es eine etwas verborgene Schule ist. Mit Whitehead erklingt zum dritten Mal die Frage: Was ist ein Ereignis? Er erneuert die radikale Kritik des attributiven Schemas, das grosse Spiel der Prinzipien, die Multiplikation der Kategorien, die Versöhnung des Allgemeinen mit dem Einzelfall, die Transformation des Begriffs zum Subjekt: eine vollkommene Hybris.
Es ist die vorläufig letzte grosse anglo-amerikanische Philosophie, kurz bevor die Anhänger Wittgensteins ihren Nebel, ihren Dünkel und ihren Terror verbreiten. Ein Ereignis ist nicht allein „ein Mensch wird überfahren“: die grosse Pyramide ist ein Ereignis, auch ihre Dauer während einer Stunde, während dreissig Minuten, fünf Minuten…, ein Übergang der Natur oder ein Übergang Gottes, ein Blick Gottes.
Welches sind die Bedingungen eines Ereignisses, damit alles Ereignis werde?
Das Ereignis produziert sich in einem Chaos, in einer chaotischen Mannigfaltigkeit, vorausgesetzt, dass eine Art Sieb dazwischen tritt.
„L’événement se produit das un chaos, dans une multiplicité chaotique, à condition dùne sorte de crible intervienne. Le chaos n’existe pas, c’est une abstraction, parcequ’il est inséparable d’un crible qui en fait sortir quelque chose (quelque chose plutôt que rien. Le chaos serait un pure Many, pure diversité disjonctive, tandis que le quelquechose est un One, non pas une unité, mais plutôt l’article indéfini qui désigne une singularité quelconque. Comment le Many devient-il un One.“
Gilles Deleuze Le Pli, Editions de Minuit, 1988, pg. 103
Das Chaos existiert nicht, es ist eine Abstraktionen, da es von einem Sieb, das aus ihm etwas (eher etwas als nichts) heraus lässt, nicht getrennt werden kann.
Das Chaos ist ein reines many, reine disjunktive Verschiedenheit, während das Etwas ein one ist, nicht schon eine Einheit, sondern vielmehr der unbestimmte Artikel, welcher eine beliebige Singularität bezeichnet.
Wie wird das many zum one? Ein grosses Sieb muss dazwischen treten, wie eine elastische und formlose Membran, wie ein elektromagnetisches Feld oder wie das Behältnis des Timaios, um ein etwas aus dem Chaos heraus zulassen, selbst wenn dieses Etwas sich davon sehr wenig unterscheidet.
Boe: Chora
127 In diesem Sinn konnte bereits Leibniz mehrere Annäherungen an das Chaos geben. Für eine kosmologische Annäherung wäre das Chaos die Gesamtheit aller möglichen, d.h. alle individuellen Wesen, insofern jedes für sich nach Existenz strebt, dass sie aber nur die kompossiblen durchgehen lässt sowie die beste Kombination der kompossiblen.
Für eine physische Annäherung wäre das Chaos die unergründlicher Finsternis, wobei aber das Sieb daraus den dunklen Grund (fond), das „fuscum subnigrum“, herauslöst, das zwar vom Schwarz kaum verschieden ist, aber doch alle Farben enthält: das Sieb ist wie die unendlich maschinenmässige Maschine, die die Natur konstituiert.
Vom physischen Gesichtspunkt aus wäre das Chaos eine allgemeine Benommenheit, die Gesamtheit aller möglichen Perzeption als ebenso viele Infinitesimale oder unendlich Kleine; das Sieb jedoch zöge daraus Differentiale, welche fähig sind, sich in regelmässige Perzeption zu integrieren.
Wenn das Chaos nicht existiert, dann weil es nur die Rückseite des grossen Siebs ist und weil dieses ins Unendliche Reihen von Ganzen und Teilen zusammensetzt, die uns chaotisch erscheinen (aleatorische Folgen), nur weil wir unfähig sind, ihnen zu folgen, oder weil unsere eigenen Siebe nicht genügen.
128 Selbst die Höhle ist kein Chaos, sondern eine Reihe, deren Elemente wiederum mit einer immer feineren Materie angefüllte Höhlen sind, von denen jede sich über die folgenden erstreckt.
128 Denn eben dies ist die erste Komponente oder Bedingung des Ereignisses, für Whitehead ebenso wie für Leibniz: die Extension.
Es gibt Extension, sobald ein Element sich so über die folgenden erstreckt, dass es ein Ganzes ist und die folgenden seine Teile. Eine solche Verknüpfung Ganzes-Teile bildet eine unendliche Reihe, die weder einen letzten Term noch einen Grenzwert hat (wenn man die Grenzen unserer Sinne vernachlässigt).
Das Ereignis ist eine Schwingung mit unendlich vielen Obertönen oder enthaltenen Vielfachen, wie eine Klang- oder Lichtwelle, oder auch ein immer kleinerer Teil des Raumes während einer immer kürzeren Dauer. Denn der Raum und die Zeit sind keine Grenzwerte, sondern abstrakte Koordination aller Reihen, die selbst in der Extension sind: die Minute, die Sekunde, die Zehntelsekunde….
Wir können also eine zweite Komponente des Ereignisses in Betracht ziehen: die extensiven Reihen haben innerliche Eigenschaften (etwa Höhe, Intensität, Klangfarbe, Teint, Wert oder Sättigungsgrad einer Farbe), welche jede für sich in neuen unendliche Reihen eintreten, welche auf Grenzwerte hin konvergieren, wobei das Verhältnis zwischen den Grenzwerten eine Konjunktion konstituiert.
Die Materie oder das, was Raum und Zeit erfüllt, weist solche Merkmale auf, die ihre Textur jedes Mal in Abhängigkeit von den darin eingehenden verschiedenen Materialien bestimmen. Es sind keine Extension mehr, sondern wie wir gesehen haben, Intensionen, Intensitäten, Grade. Es ist nicht mehr eher etwas als nichts, sondern eher dieses als jenes. Nicht mehr der unbestimmte Artikel, sondern das Demonstrativpronomen. Bemerkenswerterweise scheint die auf Mathematik und Physik gegründete Analyse von Whitehead ganz unabhängig von derjenigen von Leibniz zu sein, obwohl sie mit dieser zusammenfällt.
129 Sodann kommt die dritte Komponente, das Individuum. Hier ist die Entgrenzung zu Leibniz an direktesten.Für Whitehead ist das Individuum Kreativität, Bildung eines Neuen, nicht mehr das Unbestimmte und auch nicht das Demonstrative, sondern das Persönliche. Wenn wir Element dasjenige nennen, was Teile hat und ein Teil ist, was aber auch innerliche Eigenschaften hat, dann sagen wir, dass das Individuum eine „Konkretisierung“ von Elementen ist.
Das ist etwas anderes als eine Verknüpfung oder eine Konjunktion, es ist eine Prehension : ein Element ist das Gegebene, das „datum“ eines anderen Elements, dass es prehendiert. Die Prehension ist die individuelle Einheit. Jedes Ding prehendiert das, was ihm vorher ging und es begleitet, und prehendiert so Stück für Stück eine Welt. Das Auge ist Licht- prehendierend.
Die Lebewesen prehendieren das Wasser, die Erde, die Kohle und die Salze. In einem bestimmten Moment prehendiert die Pyramide die Soldaten Napoleon Bonapartes (Vierzig Jahrhunderte schauen auch euch nieder), und umgekehrt.
Man kann sagen, dass „die Echos, die Reflexe, die Spuren, die prismatischen Deformationen, Perspektiven, Schwellen und Falten“ Prehension sind, die in gewisser Weise dem psychischen Leben vorhergehen.
Der Vektor der Prehension geht von der Welt zum Subjekt, vom prehendierten Datum zum Prehendierenden (Superjekt); auch sind die Daten einer Prehension öffentliche Elemente, während das Subjekt das intime oder private Element ist, welches Unmittelbarkeit, Individualität und Neuartigkeit ausdrückt.
Das Datum aber, das Prehendierte, ist selbst eine präexistente oder koexistente Prehension, so dass jede Prehension Prehension der Prehension ist und das Ereignis ein „Nexus von Prehensionen“.
Jede neue Prehension wird zum Datum, wird öffentlich, wenngleich für andere, es objektivierende Prehensionen; das Ereignis ist untrennbarerweise die Objektivierung einer Prehension und die Subjektivierung einer anderen, es ist zugleich öffentlich und privat, potentiell und aktual; es geht in das Werden eines anderen Ereignisses ein und ist Subjekt seines eigenen Werdens. Es gibt immer etwas Psychisches im Ereignis.
130 Neben dem Prehendierenden und dem Prehendierten weist die Prehension drei andere Merkmale auf.
Zunächst ist die subjektive Form die Weise, in der das Datum im Subjekt ausgedrückt ist, oder auf die das Subjekt das Datum aktiv prehendiert (Emotion, Bewertung, Projekt, Bewusstsein). Es ist die Form, in der das Datum im Subjekt, im “feeling“ oder der Weise gefaltet ist, jedenfalls wenn die Prehension positiv ist. Denn es gibt negative Prehensionen, insoweit das Subjekt bestimmte Data aus seinem Zusammenwachsen (concrescence) ausschliesst und folglich nur durch die subjektive Form dieses Anschlusses erfüllt ist.
An zweiter Stelle sichert das subjektive Ziel den Übergang eines Datums in ein anderes im Ergreifen, oder eine Prehension in eine andere im Werden, und setzt die Vergangenheit in eine mit der Zukunft schwangere Gegenwart.
Schliesslich markiert die Befriedigung, dass das „self-enjoyment“, als Schlussphase die Art, in denen das Subjekt sich mit sich erfüllt und ein immer leichteres privates Leben erreicht, wenn die Prehension sich mit seinen eigenen Data anfüllt.
Das ist eine biblische und auch neue platonische Auffassung, welche der englische Empirismus (vor allem Samuel Butler) auf den höchsten Punkt getrieben hat. Die Pflanze preist die Ehre Gottes, weil sie sich umso mehr mit sich selbst erfüllt, je mehr sie die Elemente, von denen sie ausgeht, intensiv betrachtet und kontrahiert und in dieser Prehension das self-enjoyment ihres eigenen Werdens erfährt.
Diese Merkmal der Prehension kommen auch der Monade bei Leibniz zu. Zunächst ist die Perzeption das Datum des prehendierenden Subjekts, nicht in dem Sinne, dass dieses eine passive Wirkung erlitte, sondern im Gegenteil in dem Sinn, dass es ein Potential aktualisiert oder es aufgrund seiner Spontanität objektiviert: so ist auch die Perzeption aktiver Ausdruck der Monade, je nach deren eigenem Gesichtspunkt. Die Monade aber hat mehrere aktive Ausdrucksformen, nämlich ihre Weisen, nach denen ihre Perzeptionen sinnlich, affektiv oder begrifflich sind.
Das Streben bezeichnet in diesem Sinn den Übergang einer Perzeption zu einer anderen als konstitutiv für ein Werden. Schliesslich vollendet sich dieses Werden nur, wenn die Gesamtheit der Perzeption dahin strebt, sich einer „vollen und wahrhaften Lust“ and zu integrieren, eine Zufriedenheit, mit der die Monade sich erfüllt, wenn sie die Welt ausdrückt, eine musikalische Freude, Schwingungen zu kontrahieren, deren Obertöne unbewusst zu berechnen und daraus die Kraft zu ziehen, immer noch weiter zu gehen, um etwas Neues hervorzubringen.
Boe: Fuchs - Die Frage der Kreativität
131 Denn mit Leibniz taucht das Problem auf, dass nicht aufhören wird, Whitehead und Bergson zu verfolgen: nicht das Problem, das Ewige zu erreichen, sondern das, unter welchen Bedingungen die objektive Welt eine subjektive Hervorbringungen von Neuartigkeit, also eine Schöpfung, erlaubt.
Die beste aller Welten besass eben diesen Sinn: es war nicht die am wenigsten verabscheuenswürdige oder die am wenigsten abstossende Welt, sondern diejenige, deren Ganzes eine Hervorbringungen von Neuartigem möglich sein liess, eine Freisetzung tatsächlicher Quanta an „privater“ Subjektivität, selbst um den Preis der Verdammten.
Die beste aller Welten ist nicht diejenige, welche das Ewige reproduziert, sondern diejenige, worin sich das Neue hervorbringt, die eine Fähigkeit zur Neuartigkeit, zur Kreativität besitzt: teleologische Konversion der Philosophie.
Darum aber geht es gleichwohl ewige Gegenstände. Das ist nach Whitehead sogar die vierte und letzte Komponente des Ereignisses:
die Extensionen, die Intensitäten, die Individuen oder Prehensionen, und schliesslich die ewigen Gegenstände oder „Ingressionen“.
Tatsächlich verändern die Extension unablässig ihren Ort, gewinnen durch Bewegung zugetragene Teile oder verlieren sie; die Dinge ändern sich unablässig; selbst die Prehension gehen unaufhörlich in variable Zusammengesetzte ein und verlassen sie.
Die Ereignisse sind Fliessende.
Was erlaubt uns von daher zu sagen: es ist derselbe Fluss, dieselbe Sache oder dasselbe Vorkommnis…? Es ist die grosse Pyramide….Es muss sich im Fluss eine Permanenz verkörpern, sie muss in der Prehension erfasst werden können. Die grosse Pyramide bedeutet zweierlei, einen Übergang der Natur oder einen Fluss, der in jedem Moment Moleküle gewinnt und verliert, aber auch einen ewigen Gegenstand, der durch alle Momente hindurch derselbe bleibt.
132 Während die Prehension im inner aktual sind (eine Prehension ist potentiell nur durch Bezug auf eine andere aktuale Prehension), sind die ewigen Gegenstände reine Möglichkeiten, die sich fliessend realisieren, jedoch auch reine Virtualitäten, die sich in den Prehensionen aktualisieren.
Daher erfasste eine Prehension nicht andere Prehensionen, ohne ewige Gegenstände bewusst zu machen (das eigentlich begriffliche feeling).
Die ewigen Gegenstände vollziehen die Ingression in das Ereignis. Bald sind sie Qualitäten, wie eine Farbe, ein Klang, die ein aus Prehension Zusammengesetztes qualifizieren, bald Figuren wie die Pyramide, die eine Ausgdehnung bestimmen, bald Sachen wie Gold oder Marmor, die eine Markierung durchschneiden..
Ihre Ewigkeit ist der Kreativität nicht entgegengesetzt. Untrennbar vom Prozess der Aktualisierung oder Realisierung, in denen sie eingehen, haben sie keine Permanenz ausserhalb der Grenzen der Flüsse, die sie realisieren, oder der Prehension, die sie aktualisieren. Ein ewiger Gegenstand kann also aufhören, sich zu verkörpern, wie neue Dinge, eine neue Figur, zuletzt ihre Bedingungen finden können.
Gilles Deleuze