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Was hattest du in den letzten Jahren für einen gewaltigen Erfolg. Du bist von Projekt zu Projekt getourt, wurdest in Büchern beschrieben und wirst jährlich in den amerikanischen Sportarten vergeben. Nein warte, letzteres ist dein älterer Cousin, der Most Valueable Player. Bist du auf ihn eigentlich neidisch? Er, der Most Valuable, du das Minimum Viable? Lass uns das bei Gelegenheit persönlich besprechen.
Dein Erfolg hat aber auch Schattenseiten. Plötzlich wurdest du zum Buzzword, zum geschassten Hype. Leute lächeln müde, wenn du genannt wirst. «Ach, dass ist doch nur eine Ausrede, um Dinge nicht zu tun», höre ich des Öfteren. Oder du wirst in Projekten bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht: «Da können wir nichts wegstreichen, wir brauchen alle Funktionen, sonst wird es ein Flop.» Deine Daseinsberechtigung scheint in Frage gestellt. Aber wieso?
Du wurdest 2001 von Frank Robinson erschaffen. Heute beschreibt er dich als «(…) the sweet spot in the upper left quadrant of ROI on the vertical axis and risk, which correlates directly to effort and time to market, on the horizontal axis.» Ich vermute bei dieser Definition sagt das folgende Bild mehr als tausend Worte:
Bildquelle: SyncDev
Das ist sehr betriebswirtschaftlich. Aber keine Angst, er bleibt nicht so technisch. Er sieht dich auch als eine Art Mindset:
“It says, think big for the long term but small for the short term. Think big enough that the first product is a sound launching pad for it and its next generation and the roadmap that follows, but not so small that you leave room for a competitor to get the jump on you.”
Du bist also perfekt zugeschnitten. Gross genug, um die Welt zu verändern und die Konkurrenz hinter dir zu lassen, aber auch klein genug, um dich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Damit ist klar, wieso du von The Lean Startup adoptiert wurdest. Startups kämpfen immer um das Geld von Investoren und müssen so schnell wie möglich beweisen, dass ihr Geschäftsmodell am Markt funktioniert. Das Geschäftsmodell ist dabei die Hypothese, aus der du mit möglichst wenig Risiko und Aufwand erschaffen wirst, um sie am Markt zu testen. Findest du Anklang, wirst du weiter gepflegt und entwickelt. Wenn nicht, muss das Startup Teile oder sogar die ganze Hypothese verwerfen und umschwenken (pivotieren). Mit dem folgenden Sketch habe ich versucht, dir das zu visualisieren:
Das ist kein einfaches Los, mit dem du leben musst. Willst du überleben, bist du zum Erfolg verdonnert. Ein immenser Druck. Aber versuche es von einer anderen Perspektive zu sehen. Du hilfst vielen Leuten mit beschränkten finanziellen Mitteln, ihren Traum zu erfüllen, möglicherweise die Welt zu verändern und Arbeitsplätze zu schaffen.
Dank deiner erfolgreichen Tour über die kleinen Bühnen der Startups wurden nun auch die grossen und finanzkräftigen Veranstalter auf dich aufmerksam. Alle wollen dich anstelle von riesigen, mit ungenutzten Features verunstalteten Produkten bauen.
Persönlich finde ich das sehr begrüssenswert. Aber ich verstehe auch deine Zweifel. Zu schnell wirst du als «Minimal» abgestempelt und nicht als das gesehen, was du bist: ein tolles Produkt mit tollen Features, das bei Erfolg weiterentwickelt wird.
Du musst uns verstehen. Dich zu finden, ist nicht einfach. Wir müssen in einigen hitzigen Diskussionen herausfinden, welche der Unmengen an Möglichkeiten denn nun die tollen Features sind. Das kann uns an den Rand der Verzweiflung bringen.
Zum Glück haben wir dafür Hilfsmittel. Oft finden wir dich, wenn wir uns, wie im folgenden Bild, das Kano-Modell vor Augen führen und dich aus den Basisfunktionen, einigen Leistungsfunktionen und zwei bis drei Begeisterungsfaktoren als Sahnehäubchen zusammenstellen.
Oder wir implementieren nur das Hauptszenario eines Use Cases und nicht sämtliche Alternativen. Beispielsweise bauen wir zuerst das Hochladen eines Fotos in die Social Media App deiner Wahl und erst zu einem späteren Zeitpunkt das Bearbeiten der Fotos mit verschiedenen Filter.
Auch die Story Map hilft uns, dich zu finden. Dafür schneiden wir einmal quer durch dich wichtigsten Stories der User Tasks und erhalten dich so als vollständiges Paket über die gesamte User Journey.
Ich könnte noch vieles über dich schreiben, muss aber langsam zum Ende kommen. Vorher will ich dir noch die eingangs gestellte Frage aus meiner ganz persönlichen Sicht beantworten. Liebes MVP, du hast sehr wohl deine Daseinsberechtigung. Du hilfst uns, die richtigen Diskussionen zu führen und darüber nachzudenken, ob es wirklich «alles» braucht, um erfolgreich zu sein.
Für mich bist du ein würdiger Enkel deines Grossvaters Vilfredo Pareto und des nach ihm benannten Prinzips: 80% der Ergebnisse lassen sich mit 20% des Gesamtaufwandes erreichen.
Bleib, wie du bist, und lass dich kontextabhängig und mit vielen fruchtbaren Ideen gestalten.
Dein Beni
PS: Lass dich von deiner Konkurrenz, dem Minimum Awesome Product, dem Minimum Viable Feature, dem Minimum Marketable Product und wie sie alle heissen, nicht beirren. Für mich braucht es die nicht, da du selber all diese Facetten bedienen kannst.
Quellen:
Buch: Don McGreal & Ralph Jocham: The professional product owner : leveraging scrum as a Competitive Advantage, Boston 2018.
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