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Angesichts der erklärten Ziele meiner Privatbibliothek ist es im Grunde genommen erstaunlich, dass die Geschichte um Abaelard und Heloisa bis vor kurzem noch in keiner Weise darin Aufnahme gefunden hatte. Handelt es sich doch bei den beiden um das vielleicht berühmteste Liebespaar der Literaturgeschichte; um ein Liebespaar dazu, das gegenüber Romeo und Julia den Vorteil aufweist, tatsächlich gelebt und geliebt zu haben. Nun habe ich diese Lücke geschlossen, mit dem seit Jahrzehnten bei Lambert Schneider (heute ein Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft) erhältlichen Band mit oben genanntem Titel.
Allerdings habe ich Abaelard selber durchaus zur Kenntnis genommen – als Frühscholastiker, als einen der besten frühen Logiker. Im Gedächtnis des überwiegenden Teils der Menschheit wird er allerdings durch seine Leidens- und Liebesgeschichte bleiben.
Fast alles, was wir heute über Abaelard wissen, stammt aus seiner Leidensgeschichte (Historia Calamitatum), die den Briefwechsel mit Heloisa eröffnet. Die Leidensgeschichte ist, ganz nebenbei, auch die wichtigste und beste autobiografische Schrift seit Augustins Bekenntnissen. Die Geschichte des Kanonikers, der die ihm anvertraute blutjunge Schülerin verführt, sie schwängert und heimlich heiratet, dann doch vom Vater ertappt und von gedungenen Schlägern entmannt wird, ist wohlbekannt. Abealard muss bis zu diesem Ereignis ein junger, heissblütiger, aber auch von Ehrgeiz und Besserwisserei zerfressener Mann gewesen sein. Nachher blieb ihm nur noch der Ehrgeiz und die Besserwisserei. Schon vorher an der Universität Paris bei den lehrenden Kollegen unbeliebt, wurde er deswegen nach seinem Eintritt in ein Kloster sehr rasch zu einer Persona non grata innerhalb der katholischen Kirche der Zeit.
Ob die Briefe Heloisas echt sind, oder ob Abaelard sie ebenso geschrieben hat wie die eigenen, ist meines Wissens bis heute unter den Fachleuten umstritten. Mir vermittelte sich der Eindruck, dass wir hier wirklich zwei verschiedene Persönlichkeiten vor uns haben. Der Briefwechsel selber ist – mit Ausnahme des ersten Briefs von Heloisa, der ein flammendes Liebesbekenntnis zu Abaelard (und auch ein Bekenntnis ihrer sexuellen Nöte nach dem Eintritt ins Kloster!) enthält – im Grunde genommen nur eine Anleitung zum tugendhaften, mönchischen Leben. Denn Abaelard – typisch Mann – biegt Heloisas Gefühlsergüsse sehr rasch in ein erbaulich-predigthaftes Gespräch um, das jede persönliche Note scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dabei zeigt sich, dass Heloisa an Gelehrsamkeit und Belesenheit ihrem Geliebten nur wenig nachgibt, auch wenn sie sich immer wieder in die klassische Rolle des sich unterordnenden Weibchens begibt – in beidem so die Gottschedin vorweg nehmend.
Den zweiten Teil des Buchs bilden sog. “ergänzende Texte”. Da finden wir Abhandlungen zu theologischen Fragen, die Heloisa ihrem Abaelard offensichtlich gestellt hat, ein Mahngedicht von Abaelard an seinen Sohn und einiges aus der Korrespondenz des Abtes von Cluny, Petrus, bei dem Abaelard den Schluss seines Lebens verbracht hat, und der sich offenbar vergebens um eine Rehabilitation des verrufenen Kirchenmannes bemüht hat.
Ich bin froh, diese Lücke meiner Bibliothek geschlossen zu haben – auch wenn die Geschichte von Abaelard und Heloisa mittlerweile derart ins abendländische Kulturgut eingedrungen ist, dass ich in diesem Buch nur wenig Neues erfahren konnte. Immerhin habe ich nun die immer wieder zitierten bzw. paraphrasierten Texte Abaelards zu seiner Vita einmal in Gänze und im Zusammenhang lesen können. Im Grunde genommen aber hätte ich diese Texte ein paar Jahrzehnte früher lesen sollen…