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Die Geschichte des Verlorenen Sohnes ist zu finden im Lukas-Evangelium Kp. 15, 11-32
In Rembrandts Meisterwerk „Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes“ gibt es trotz manchen Gemeinsamkeiten zwischen dem Vater und seinem älteren Sohn auch Unterschiede, die von Bedeutung sind. Henri Nouwen schreibt dazu:
- Der Vater beugt sich über seinen heimkehrenden Sohn; der ältere Sohn steht steif und starr da.
- Der Mantel des Vaters ist weit und umfangreich; der des Sohnes hängt eng am Körper.
- Die Hände des Vaters sind ausgestreckt und liegen auf dem Heimkehrenden in einer Geste des Segens; die des Sohnes sind eng am Leib zusammengelegt.
- Auf beiden Gesichtern ist Licht, aber das Licht vom Gesicht des Vaters durchströmt seinen ganzen Körper, vor allem seine Hände, und umgibt den jüngeren Sohn mit einer Hülle leuchtender Wärme; dagegen ist das Licht auf dem Gesicht des älteren Sohnes kalt und erstarrt. Seine Gestalt bleibt im Dunkel und seine zusammengelegten Hände im Schatten.
Das Gleichnis, das Rembrandt malte, könnte auch das Gleichnis von den verlorenen Söhnen genannt werden. Verloren war nicht nur der jüngere Sohn, der von Zuhause wegging, um in einem fernen Land Freiheit und Glück zu finden; auch der ältere Sohn, der zu Hause blieb, wurde ebenfalls ein verlorener Mensch. Äusserlich machte er Tag für Tag seine Arbeit und erfüllte alle seine Pflichten, aber mehr und mehr wurde er unglücklich und unfrei. Er war innerlich fern von seinem Vater. Fern von sich selbst. Er konnte nicht authentisch sein und gaukelte seinem Umfeld etwas vor, um den Ansprüchen zu genügen und keine Probleme zu verursachen. Äusserlich schien er glücklich und innerlich von Zerrissenheit geplagt. Als älterer Sohn spürte er einen Neid auf seinen jüngeren Bruder, weil dieser sich weniger darum bemühte, die Erwartungen anderer zu erfüllen und viel freier ist sich selbst zu verwirklichen. Die Fehler, die der jüngere Sohn begann, waren für alle klar, auch für ihn selber. Aber die Verlorenheit des älteren Sohnes ist viel schwerer zu begreifen. Er machte lauter Dinge, die richtig sind. Er war gehorsam, pflichtbewusst, gesetzestreu, fleissig. Die Leute respektierten ihn, bewunderten und lobten ihn. Er war makellos und einwandfrei.
Markus Zogg, Sozialdiakon
Impulse für den Glauben - XV
- Sehe ich auf dem Gemälde von Rembrandt noch andere Unterschiede zwischen dem älteren Sohn und dem Vater?
- Kenne ich das Verhalten: nach aussen eine glückliche und gesunde Fassade zeigen und innerlich eine Zerrissenheit erleben?
- Falls ja, bin ich bereit, dass mir jemand dabei hilft, lockerer und freier zu werden?
- Kenne ich das Gefühl von Neid?
- Auf wen bin ich neidisch? Weshalb bin ich neidisch? Woher kommt bei mir das Gefühl von Neid?
- Wie wirkt sich der Neid auf mich selber und auf meine Beziehungen zu Menschen aus?
- Habe ich das Gefühl, etwas im Leben verpasst zu haben?