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Besuch aus Äthiopien
Prof. Abebe Haregewoin wurde vor einem Jahr vom äthiopischen Gesundheitsminister zum Berater (Senior Advisor) ernannt für die dringend nötige Reform des Gesundheitsweisens. Ein Hauptfokus ist die ganze Krebsvorsorge, die Krebstherapien und die Nachsorge. Prof. Haregewoin folgte Ende November 2019 einer Einladung von Prof. Stephen Bodis, Chefarzt des Radio-Onkologie-Zentrums des KSA. Wir trafen die beiden zum Interview.
Prof. Haregewoin, Sie sind seit einem Jahr Senior Advisor des äthiopischen Gesundheitsministers. Ihre Karriere im Gesundheitswesen hat aber schon früher begonnen. Können Sie uns etwas über Ihre berufliche Laufbahn erzählen?
Ich bin selber Arzt und stamme aus Äthiopien. Meine Ausbildung zum Facharzt für Radioonkologie absolvierte ich aber in der USA, am «Harvard Joint Centre for Radiation Oncology». Aus dieser Zeit kenne ich auch Prof. Stephan Bodis, Chefarzt des Radio-Onkologie-Zentrums des KSA. Wir waren damals Studienkollegen. Nach dem Studium blieb ich in den USA und verbrachte schliesslich über die Hälfte meiner beruflichen Laufbahn an der Harvard Universität von Massachusetts. Später wechselte ich in den biopharmazeutischen Sektor. Dort arbeitete ich als Forschungsarzt, hauptsächlich im Krebsbereich, und hatte schliesslich die Position des Senior Vice President bei Merck inne. Ebenfalls war ich fünf Jahre lang im Geschäftsbereich der Diagnostik tätig und entwickelte molekulare Marker für eine Vielzahl von Tumoren.
Was sind die Herausforderungen des äthiopischen Gesundheitswesens?
Äthiopien ist ein Entwicklungsland mit etwa 110-130 Millionen Menschen. Unsere Bevölkerung leidet unter den üblichen Krankheiten der Tropen wie Malaria, Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, Unterernährung. In manchen Gebieten hat die politische Instabilität Auswirkungen auf die Gesundheit. So tauchen sporadischen Krankheiten wie Dengue, Gelbfieber, Cholera etc auf. Die Grundversorgung hat sich in unserem Land sehr gut entwickelt: beispielsweise konnten Kinder- und Müttersterblichkeit sowie die perinatale Sterblichkeit gesenkt werden oder die Impfraten konnten erhöht werden. Unser Land hinkt jedoch in der sekundären, aber vor allem in der tertiären Versorgung hinterher. Und zwar vor allem wegen der wirtschaftlichen Aspekte, aber auch wegen der sich ändernden Philosophien der verschiedenen Regierungen. Kurz gesagt: es besteht ein gravierender Mangel an spezialisierter Pflege und Spezialisten für eine Vielzahl von wichtigen Disziplinen wie Onkologie, Neurochirurgie oder Orthopädie etc.
Was ist der Grund für Ihren Besuch in der Schweiz?
Ich kam auf Einladung meines Freundes Prof. Stephan Bodis in die Schweiz. Dabei standen verschiedene Besuche auf dem Programm wie der Besuch beim Onkologiezentrum Mitteland des KSA oder ein Besuch am Universitätsspital Zürich. Ebenfalls trafen wir uns zu Gesprächen mit verschiedenen Unternehmen der Gesundheitsbranche wie Varian oder Roche, aber auch mit Vertretern des DEZA und der Nationalen Strategie gegen Krebs (NSK) und der Schweizer Krebsliga. Ich bin interessiert daran, Kooperationen aufzubauen, welche die Krebsversorgung in Äthiopien verbessern. In meinem Land gibt es heute kein Krebszentrum bzw. nicht einmal ein Spital mit einer eigenen Krebsstation. Wir verfügen über etwa zehn Linearbeschleuniger für Strahlentherapie. Die meisten dieser Anlagen wurden vor Kurzem mit hohen Kosten angeschafft, jedoch ohne über genügend Personal zu verfügen, welche die Maschinen betreiben können. Mit meinen Treffen möchte ich eine Grundlage für eine gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Interessengruppen schaffen. Ich möchte «Köpfe und Ressourcen» zusammenzubringen, um als erstes ein Ausbildungsprogramm in Äthiopien zu schaffen, sodass die Geräte für die Strahlentherapie bedient werden können und Patientinnen und Patienten behandelt werden können. Als zweites sollen medizinische Onkologen in einem oder zwei Spitälern in unserem Land ausgebildet werden.
Sie haben erwähnt, dass Sie lange Zeit in den USA gelebt und dort im Gesundheitswesen gearbeitet haben. Ebenfalls haben Sie einige Jahre in Lausanne gelebt. Sie kennen demnach die Gesundheitssysteme dieser beiden Staaten gut. Jetzt waren Sie eine Woche in der Schweiz für einen Austausch. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen und was nehmen Sie mit?
Ich habe fast vierzig Jahre lang im Westen gelebt, hauptsächlich in den USA, aber auch in Norwegen und – wie von Ihnen erwähnt – vor etwa 40 Jahren in Lausanne, als ich bei den WHO-Laboratorien der ISREC arbeitete. Da ich als Arzt in den USA gelebt habe, bin ich mit der hochwertigen Gesundheitsversorgung bestens vertraut. Ich arbeite jetzt in einem ressourcenbeschränkten Umfeld und kenne die klaffende Kluft und das Gefälle in der Gesundheitsversorgung in diesen grundlegend unterschiedlichen sozioökonomischen Umgebungen sehr gut. Die Wirtschaft unseres Landes ist aber im letzten Jahrzehnt zweistellig gewachsen. Diese Wachstumsrate ist eine der höchsten der Welt und die höchste in Afrika. Ich bin daher optimistisch, dass mein Land in den nächsten zwei Jahrzehnten ein Land mit mittlerem Einkommen sein wird. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass sich die Gesundheitsversorgung Äthiopiens verbessern und letztendlich den Anschluss an den Rest der Welt finden wird. Mein Land, das nie kolonisiert wurde, verfügt immer noch über unerschlossene Mineralreserven wie Öl und Mineralien sowie über ein reichhaltiges landwirtschaftliches Potenzial, das das geplante Wirtschaftswachstum beschleunigen wird.
Eine Krebsdiagnose bedeutet für die meisten Äthiopier das Todesurteil.
Sie haben auch das Kantonsspital Aarau (KSA) besucht, welchen Eindruck gewinnen Sie vom KSA?
Am KSA ist zu meiner Überraschung besonders das Bestrahlungsprogramm von Weltklasse und bietet die gleiche Qualität der Versorgung wie ein Harvard Spital. Es überrascht mich eigentlich nicht, dass der Leiter der Radioonkologie, mein ehemaliger Studienkamerad, viel damit zu tun hat. Er hat einen unbezwingbaren Geist, kombiniert mit der Schweizer Arbeitsethik, Genauigkeit, Qualität und menschlicher Fürsorge. Ich habe zwar keine andere Abteilung im KSA besucht, gehe aber davon aus, dass ich dort eine ebenfalls gute Betreuung und hohe Einsatzbereitschaft vorfinden würde.
Haben Sie Wünsche für den Gesundheitssektor / das Gesundheitssystem im Allgemeinen und für Äthiopien?
Ich liebe mein Land Äthiopien und mein Volk. Ich habe die höchsten Wünsche an das Wohlergehen und die Gesundheit der äthiopischen Bevölkerung. Ich weiß, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Ich hoffe, dass meine Bemühungen Teil eines umfassend nationalen Strebens sein wird, das mein Land gleichzeitig zu einem hohen Wachstum und zu einer humanen Entwicklung antreibt. Und dass dabei kein Teil der Bevölkerung zurückgelassen wird. Als Onkologe weiß ich, dass eine Krebsdiagnose für die meisten Äthiopier das Todesurteil bedeute. Ich würde gerne sehen, dass diese schreckliche Situation der Vergangenheit angehört. Meine Wünsche, Bestrebungen und Träume für mein Land sind gross. Sie alle einzeln aufzuzählen würde lange dauern.
Darf ich Ihnen noch ein Schlusswort geben?
Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung von Prof. Stephan Bodis und seiner Chefarztsekretärin Sandra Spreiter. Sie haben mir diesen Besuch ermöglicht. Weiter möchte ich mich auch bei allen bedanken, die ihre Türen und Herzen geöffnet haben und mir in irgendeiner Art halfen. Die Schweizerinnen und Schweizer haben ein schönes Land und offene Herzen. Und ich wünsche mir, dass sie mein Land als würdiges Land für eine Zusammenarbeit betrachten.
Herr Prof. Bodis, wie wertvoll ist ein solcher internationaler Austausch bzw. Kontakt?
Diese Kontakte sind für unsere internationalen Aktivitäten unabdingbar Bsp unser Mitgliedschaft in international klinischen Studiengruppen.
Persönlich empfinde ich es als Horizonterweiterung. Es ist ein Geben und Nehmen unter Fachpersonen, die unter anderen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen arbeiten. Zusätzlich schätze ich die oft daraus wachsenden Freundschaften.
Welche Bedeutung hat der Besuch für Sie als Klinikleiter?
Für unsere Klinik ist es wichtig, da wir zahlreiche internationale Mitarbeiter beschäftigen und uns auf dem internationalen Parkett bewegen. Er bringt eine andere Sichtweise und Hintergrund mit. Die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in seinem Land sind ganz anders. Sich darüber auszutauschen, bringt immer beiden Seiten neue Erkenntnisse oder auch Bestätigung. Solche Treffen sind deshalb sehr inspirierend und fruchtbar.
Was haben Sie aus der Woche mitgenommen?
Im Verlauf der Woche durfte ich vielen Entscheidungsträgern im Schweizer Gesundheitswesen begegnen, die ich ohne diesen Besuch kaum kennengelernt hätte. Mehr berichten kann ich, sobald das White Paper über die ambitiöse Gesundheitsreform in Äthiopien vorliegt.