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Zwischen dem Alten und dem Neuen Jahr
Ich schreibe diese Zeilen zwar in meinem Büro zu Hause, versuche aber, wie Sie vielleicht auch, dem Alltag etwas zu entfliehen und zwischen den Jahren etwas zu Atem zu kommen. Deshalb gibt es heute keinen Wochenkommentar. Dabei ist es gar nicht so einfach, zwischen all den Corona-Zahlen und Pandemie-Nachrichten einen klaren Gedanken zu fassen. Und wie ich das schreibe, kommt mir Mary Poppins in den Sinn. Sie wissen schon: das mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Kindermädchen aus den Romanen von P. L. Travers. Im dritten Band «Mary Poppins Opens the Door» fasst sich Michael am Silvesterabend ein Herz und fragt Mary Poppins, wann denn das alte Jahr zu Ende gehe. «Tonight,» said Mary Poppins shortly. «At the first stroke of twelve.» «And when does it begin?» he went on. «When does what begin?» she snapped. «The New Year,» answered Michael patiently. «On the last stroke of twelve,» she replied, giving a short sharp sniff.
Das alte Jahr also endet mit dem ersten Glockenschlag, wenn die Uhr zwölf schlägt – und das neue Jahr beginnt mit dem letzten Schlag. Aber was ist dazwischen? Das sagt Mary Poppins nicht. Die Kinder bleiben deshalb wach und finden es heraus. Sleeping Beauty, also Dornröschen, erklärt es ihnen: «The Crack between the Old Year and the New. The Old Year dies on the First Stroke of Midnight and the New Year is born on the Last Stroke. And in between – while the other ten strokes are sounding – there lies the secret Crack.»
Und in diesem Crack, der Fuge, dem Riss zwischen zwei Jahren, ist alles möglich: «And inside the Crack all things are at one. The eternal opposites meet and kiss. The wolf and the lamb lie down together, the dove and the serpent share one nest. The stars bend down and touch the earth and the young and the old forgive each other. Night and day meet here, so do the poles. The East leans over towards the West and the circle is complete. This is the time and place, my darlings – the only time and the only place – where everybody lives happily ever after.»
Im Inneren des Risses also sind alle Dinge eins. Die ewigen Gegensätze treffen und küssen sich. Besonders schön: «Die Sterne beugen sich herab und berühren die Erde, und die Jungen und die Alten verzeihen sich gegenseitig.»
Das wünsche ich uns, dass diese Fuge zwischen den Jahren wirkt. Magie ist dafür keine nötig. Wir müssen es nur wollen, aufeinander zugehen, auf dass sich «Nacht und Tag treffen, ebenso die Pole». Ich glaube nicht, dass wir deswegen hinfort alle glücklich und zufrieden leben, happily ever after, wie es auf Englisch so schön heisst. Aber leichter, fröhlicher – und deswegen vielleicht doch glücklicher.
In diesem Sinne grüsse ich Sie herzlich aus der Fuge zwischen den Jahren.
Basel, 31. Dezember 2021, Matthias Zehnder <email-pii>
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Quellen
Bild: © KEYSTONE/Everett Collection
Travers, P.L.: Mary Poppins – the Complete Collection. HarperCollins Publishers: Glasgow, 2013.
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