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Über das appenzellische Zedelwesen
"Der Kredit eines Landes gehört zu den wichtigsten Faktoren der Wohlfahrt. Je gebildeter ein Volk, je höher es auf der Stufe der Kultur steht, desto sorgfältiger ist es für seinen Kredit besorgt. Daher die Erscheinung, dass alle Völker und Regierungen es sich angelegen sein lassen, die Hypothekargesetze, die Grundlage des Staatskredits, so viel als möglich zu vervollkommnen.
Das Hypothekarwesen, sowie die Gesetzgebung darüber, können wir bis in die ältesten Zeiten verfolgen, da es zu allen Zeiten Leute gegeben hat, welche ihr erworbenes oder sonstwie erhaltenes Vermögen gerne sicher, gegen einen jährlichen Zins angelegt wissen wollten. Der Geldumsatz in einem Lande wird durch Darleihen auf Grundstücke befördert und es ist der Kapitalbrief mit seiner Sicherheit auf Grund und Boden eigentlich die erste Banknote oder das erste Papiergeld, wenn ich es so nennen darf, das bestanden hat. [...]
Es wurden bestimmte Grundsätze für das Hypothekarwesen festgesetzt, die heutzutage in der ganzen gebildeten Welt Anerkennung und Geltung finden und von allen Nationalökonomen als richtig erkannt werden. Strenge Schuldgesetze sind im Interesse aller guten Schuldner selbst. Diese Grundsätze sind folgende: 1.) Vollkommene Sicherheit, dass der Gläubiger auf Rückzahlung der Hypothek von Seiten des Schuldners unter gegebenen Verhältnissen zählen kann, resp. Aufkündigung des Kapitals. 2.) Richtige, auf einen bestimmten Tag zu leistende Verzinsung. 3.) Gesetzliche Bestimmung eines fixen, unveränderlichen Zinsfusses als Maximum für Hypotheken. Diese Grundsätze sind erst neuern Datums und ganz besonders ist es der Code-Napoleon, der darin vorangegangen ist und dem andre Staaten nachgefolgt sind, bis dann auch in der Schweiz von der Zeit der Helvetik an sich die neuere Hypothekargesetzgebung in den verschiedenen Kantonen Bahn brach. So datirt das erste appenzellische Hypothekargesetz erst vom 30. August 1835, an welchem Tage durch eine ausserordentliche Landsgemeinde das durch die Revisionskommission vorgeschlagene Gesetz angenommen wurde. Dieses Gesetz sprach merkwürdiger Weise die Unaufkündbarkeit der Hypotheken zum ersten Mal aus. [...]
Es scheint, dass vor 1582 jeder freie Mann, der Siegel und Degen tragen durfte, berechtigt war, Hypotheken (Zedel) zu siegeln. Dadurch entstand eine Menge von Hypotheken, welche den Gläubiger nicht schützten. Die Form, wie solche errichtet werden sollten, ist nirgends zu finden, doch trifft man in den meisten, die mir zu Gesicht kamen, die Worte an: "so lang es beiden Theilen, also stehen zu lassen wohl gefallt", was unstreitbar eine Aufkündbarkeit voraussetzt. Der Unfug, der mit solchen Zedeln getrieben wurde, scheint ins Unendliche gegangen zu sein und brachte dieselben in solchen Misskredit, dass sie ihren wahren Werth ganz verloren und zu 50-60% im Handel vorkamen, wie dies zur Stunde leider in unserm Lande wieder der Fall ist. Dann ermannte sich die Regierung und erliess 1582 den 7. März eine Verordnung, [...]. Aus diesem Beschluss geht klar hervor: 1. Dass vor 1582 ein jeder sogenannter freier Mann, der ein Siegel hatte, Pfandtitel errichten und siegeln konnte; 2.) dass zum ersten mal eine Schatzung des Unterpfandes durch den Hauptmann und zwei Räthe vorgeschrieben wurde; 3.) dass diese Schätzer für die Schatzung haftbar waren; 4.) dass zum ersten mal bestimmt wurde, es sei ein Hypothekarbuch von Landes wegen einzuführen. Wie gesund diese Grundsätze waren, das beweist uns, dass sie in allen wohlgeordneten Staaten heute noch gelten, aber eben leider nicht mehr in unserem Kanton. [...]"
Das ganze Referat kann untenstehender Quelle entnommen werden.
Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1868, S. 113 ff.