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Jedes Jahr werden in der Schweiz 1,2 bis 1,4 Millionen Weihnachtsbäume verkauft; mehr als die Hälfte davon stammen aus dem Ausland, die meisten aus Dänemark. Die geschmückten Bäume sind für viele ein unverzichtbarer Bestandteil des Weihnachtsfests. Die wenigsten unter ihnen würden denken, dass dieser Brauch gar nicht so uralt ist, wie man oft annimmt.
Oft heisst es, der Weihnachtsbaum mit seinen Lichtern sei auf germanische Traditionen zurückzuführen. In diesem Zusammenhang wird meist auf das Julfest verwiesen, das in vorchristlicher Zeit wohl zur Wintersonnenwende gefeiert wurde und heute in mehreren skandinavischen Ländern mit Weihnachten verschmolzen ist. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass zu diesem heidnischen Fest tatsächlich mit Lichtern geschmückte Tannen aufgestellt wurden.
Möglicherweise hat die Vorstellung, der Weihnachtsbaum habe einen germanischen Ursprung, damit zu tun, dass in nördlichen Gebieten im Winter Tannenzweige ins oder vors Haus gehängt wurden, vermutlich um böse Geister abzuwehren. Aber auch die Römer kannten bereits den Brauch, den Jahreswechsel mit immergrünen Lorbeerzweigen zu begehen. Und schon im alten Ägypten, China und bei den Hebräern sollen immergrüne Pflanzen als Schmuck ein Symbol für ewiges Leben gewesen sein.
Im Mittelalter stellte man Zweige von Obstbäumen ins Zimmer, sogenannte Wintermaien, die um Weihnachten blühen sollten. Da es nicht immer gelang, diese pünktlich zum Blühen zu bringen, bevorzugte man mit der Zeit eher immergrüne Pflanzen, etwa die Stechpalme, Kiefer, Fichte oder Lorbeer.
Ein weiterer möglicher Ursprung des Weihnachtsbaums liegt im christlichen Mysterienspiel zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, das jeweils am 24. Dezember – im Heiligenkalender der Tag von Adam und Eva – aufgeführt wurde. Als «Paradiesbaum», der mit Äpfeln als Symbol des Sündenfalls behängt wurde, dienten im ausgehenden Mittelalter Bäume, die zu diesem Zeitpunkt noch grün waren wie Tanne oder Fichte, aber auch der Buchsbaum. Mit der Zeit nahm die Bedeutung dieses Heiligen-Gedenktages ab; der 24. Dezember wurde immer mehr als Heiligabend vor Weihnachten gesehen. Damit wurde aus dem Paradiesbaum allmählich der Weihnachtsbaum.
Die Quellenlage ist notorisch dünn, und dies umso mehr, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Der Begriff «Weihnachten» – mittelhochdeutsch «ze wihen nachten» – taucht erstmals um 1170 in den Quellen auf. Die ältesten greifbaren Hinweise auf Weihnachtsbäume stammen dagegen erst aus der Übergangszeit von Spätmittelalter zu Frühneuzeit. So sollen 1419 Bäcker in Freiburg im Breisgau einen Weihnachtsbaum mit Lebkuchen, Obst und Nüssen behängt haben. Dafür gibt es jedoch keine belastbaren Belege. Sicher ist hingegen, dass in Strassburg im Jahr 1492 Tannen für die Kirchgemeinden der Stadt gekauft wurden. Es fehlen aber Hinweise auf Baumschmuck.
In den baltischen Hansestädten Riga und Reval (heute Tallinn) stellten deutsche Kaufleute um 1510 gegen Ende der Weihnachtszeit Tannenbäume auf dem Markt auf, schmückten sie und verbrannten sie zum Schluss. Wenig später, um 1527, ist in einer Urkunde von einem «weiennacht baum» in Stockstadt am Main die Rede. Für 1539 ist ein grosser Weihnachtsbaum im Strassburger Münster urkundlich belegt. Auch hier gibt es aber keinen Hinweis auf Baumschmuck.
Schliesslich begannen auch die Zünfte, Weihnachtsbäume in ihren Zunfthäusern aufzustellen – in Bremen etwa um 1570, als man kleine Tannenbäumchen mit Datteln, Nüssen, Brezeln, Äpfeln und Papierblumen behängte. An Weihnachten durften die Kinder den Baum «abschütteln»; das heisst, sie durften die Leckereien aufessen. Es ist der erste Beleg für einen dekorierten Weihnachtsbaum in Deutschland. 1597 verzierten Schneidergesellen in Basel einen grünen Baum mit Äpfeln und Käse, zogen damit in der Stadt umher und stellten ihn dann in ihrer Herberge auf.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts gelangte der Brauch aus den Zunftstuben zu den Wohnhäusern der wohlhabenden städtischen Bürger. Wohlhabend mussten sie sein, denn Tannenbäume waren in Mitteleuropa selten und dementsprechend teuer. Noch aber fehlte der Lichterschmuck; meist behängte man den Baum mit Papierrosen, Oblaten und Zischgold – goldglänzenden, dünnen Flitterplättchen aus Metall.
Kerzen als Baumschmuck tauchen zwar schon um 1611 erstmals auf, als Herzogin Dorothea Sibylle von Schlesien einen Weihnachtsbaum so schmückte. Doch diese heute omnipräsente Sitte verbreitete sich zunächst nur sehr langsam; erst mehr als hundert Jahre später, ab 1730, wurden Kerzen immer populärer, und damit nahm der Weihnachtsbaum allmählich seine heutige Form an.
Um die hohe Nachfrage nach Weihnachtsbäumen zu befriedigen, legte man im 19. Jahrhundert vermehrt Tannen- und Fichtenwälder an. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes trug zur Versorgung mit Weihnachtsbäumen bei. Zu dieser Zeit drang der Brauch, der oft als deutsche – und dann vornehmlich lutherische – Eigenheit wahrgenommen wurde, auch tiefer in katholische Gebiete vor. Die katholische Kirche hatte den Weihnachtsbaum lange mit Misstrauen beäugt und der Weihnachtskrippe den Vorzug gegeben.
In Deutschland kam der endgültige Durchbruch erst mit dem Deutsch-Französischen Krieg. Im Kriegsjahr 1870 standen zu Weihnachten in vielen Soldatenquartieren und Lazaretten geschmückte Bäume, was dem Brauch enormen Schub verlieh: Die Kriegsheimkehrer nahmen ihn in ihre Familien mit. Der Krieg brachte die deutsche Einigung – und zugleich ein Zusammenrücken auch der Konfessionen.
Ende des 19. Jahrhunderts war der Weihnachtsbaum so auch bei den deutschen Katholiken endgültig fester Bestandteil des weihnächtlichen Brauchtums. In den katholischen Kirchen erschienen Weihnachtsbäume aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch reservierter zeigten sich calvinistische Glaubensgemeinschaften, die dem vermeintlich heidnischen Brimborium nichts abgewinnen konnten.
Über die verwandtschaftlich eng verflochtene europäische Aristokratie verbreitete sich der Weihnachtsbaum im 19. Jahrhundert auch ausserhalb Deutschlands – nach Grossbritannien, Frankreich und Italien, in die Niederlande und selbst nach Russland, wo er allerdings vorerst nur in den gesellschaftlich höchsten Kreisen in St.Petersburg und Moskau üblich wurde.
Auch in die USA gelangte der Brauch, als ein deutschstämmiger Harvard-Professor 1832 zu Hause einen Weihnachtsbaum aufstellte. Von Neuengland aus verbreiteten sich die Weihnachtsbäume im ganzen Land. Präsident Franklin Pierce liess 1853 den ersten Weihnachtsbaum im Weissen Haus aufstellen. In den fortschrittsbegeisterten Vereinigten Staaten wurde 1882 auch der erste Weihnachtsbaum mit elektrischer Beleuchtung aufgestellt.
In Deutschland versuchten die Nazis während den zwölf Jahren ihres «Tausendjährigen Reichs», den Weihnachtsbaum mit einer angeblich ursprünglichen heidnischen Symbolik aufzuladen und das christliche Element in den Hintergrund zu drängen. So sollte aus dem Christ- oder Weihnachtsbaum die «arteigene Jul-Tanne» werden, zu der es passenden «Jul-Schmuck» mit nationalsozialistischen Motiven gab.
Diese Bemühungen, dem Weihnachtsfest einen heidnisch-germanischen Anstrich zu geben, blieben freilich weitgehend erfolglos und fruchteten nur in parteinahen Kreisen. Gegen Ende des Krieges wurde die Nazi-Weihnacht ohnehin zusehends unpopulär und nach Kriegsende beeilten sich die meisten, den verfänglichen Baumschmuck zu entsorgen.
Heute ist ein Weihnachtsfest ohne lichtergeschmückten Baum in weiten Teilen der Welt quasi undenkbar. Auch die zunehmende Kommerzialisierung der Weihnachtszeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat dem Brauch nichts anhaben können – ganz im Gegenteil.