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Girard,
Stephen, Philanthrop, geb. in der Nähe von Bordeaux [* 3] als Sohn eines Schiffskapitäns, wandte sich in jungen Jahren nach Amerika [* 4] und erwarb sich als Seefahrer und Kaufmann im Anfang dieses Jahrhunderts ein bedeutendes Vermögen in New Orleans, hauptsächlich aber in Philadelphia, [* 5] wo er starb. Als Privatmann zeitlebens die Rauheit und Bedürfnislosigkeit eines alten Seemanns zeigend, dabei im kleinen knauserig bis zur Hartherzigkeit, war er in öffentlichen Angelegenheiten von einer beispiellosen Freigebigkeit.
Diese kam namentlich der Stadt Philadelphia schon bei seinen Lebzeiten, noch mehr aber durch sein Vermächtnis zu gute. Den größten Teil seines ca. 40 Mill. Mk. betragenden Nachlasses bestimmte er für Errichtung des seinen Namen tragenden Girard-College, eins der bedeutendsten und mustergültigsten Erziehungshäuser der Welt. Ein 40 Acres großes ihm gehöriges Grundstück im nordwestlichen Teile Philadelphias bestimmte er für die nötigen Bauten. Dieselben wurden 1834 begonnen, und 1847 konnte die Anstalt bereits 300 Zöglinge aufnehmen, deren Zahl im J. 1890 bis auf 1600 gewachsen ist.
Die Kosten dieses Baues, welcher vier in Marmor u. Eisen [* 6] ohne jedes Holzmaterial hergestellte große Wohnhäuser, [* 7] das im Stile der Akropolis [* 8] aufgeführte Unterrichtsgebäude und die 10 Fuß hohe Granitmauer rings um das gewaltige Grundstück in sich schloß, betrugen nahe an 3 Mill. Doll. Nach Bestimmung Girards dürfen die Zinsen des übriggebliebenen Kapitals von 7 Mill. Doll. nicht aufgehäuft werden, sondern müssen stets jährlich zu Neubauten und Verbesserungen Verwendung finden.
Dadurch sind nunmehr noch vier neue Prachtgebäude und ein großer Kirchenbau zur Ausführung gekommen und die Zahl der Zöglinge, welche den besten Unterricht genießen, auf 1600 erhöht. Waisenkinder aus Philadelphia in erster Reihe, dann solche aus dem Staate Pennsylvanien und schließlich solche aus New Orleans im Alter von 6-10 Jahren finden hier Aufnahme, Erziehung und Pflege. Sie dürfen, je nach dem Wirkungkreis, den sie erwählt haben, bis zum 18. Lebensjahr in der Anstalt verbleiben.
Haben sie sich gut geführt, so erhalten sie bei ihrem
Abgang einen wohlgefüllten
Koffer mit Kleidern und Wäsche im
Werte von 75
Doll.
(300 Mk.). Auch wenn sie in das werkthätige
Leben getreten sind, bleiben sie dauernd unter dem
Schutze der Anstalt. Damit
bei der
Erziehung, resp. Bestrafung eines Zöglings keine Parteilichkeit möglich ist, hat
Girard die
Handhabung des Strafgerichts nicht in die
Hände der
Lehrer, sondern in die des jemaligen
Bürgermeisters und der Stadtväter
gelegt, welche die
Kuratoren der Anstalt sind.
Der Religionsunterricht wie die Sonntagsandacht wird nicht von
Geistlichen, sondern von den
Lehrern erteilt
und beschränkt sich fast ganz auf
Moralphilosophie. Nach einer Bestimmung des
Testaments ist keinem
Geistlichen irgend welcher
Religion der
Eintritt in die Anstalt selbst, auch nur zur
Besichtigung, gestattet.
Girard wollte nicht, daß sein segensreiches
Unternehmen der Zankapfel des in den
Vereinigten Staaten
[* 9] grassierenden Sektenwesens werde, welches jetzt (1890) nicht
weniger als 134 verschiedene christliche Religionssekten außer dem
Judentum und der katholischen
Kirche zu verzeichnen hat.
Vgl. Steph.
Simpson, Life of Stephen
Girard (Philad. 1832); Arey,
Girard-College and his founder (1860); »Handbook of
Girard-College«
(hrsg. von Scattergood, 1888).