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Von heute an werde ich gelegentlich über Irrtümer im Wahlkampf bloggen. Es sind dies alles landläufige Wahlkampfweisheiten, welche ich als falsch erachte.
Politiker, Parteipräsidenten und Wahlkampfleiter sprechen häufig davon, bei Nationalratswahlen eine starke Liste zu präsentieren. Was sie damit meinen, ist die Tatsache, dass sich auf der Liste ihrer Partei viele bekannte und starke Kandidaten zur Verfügung stellen. Dies wird häufig als Argument ins Feld geführt, wenn es darum geht, Gewinnchancen zu verteidigen. Diese Woche war Sondersession des Nationalrates. In diversen Gesprächen in den Wandelhallen haben mir Nationalräte erklärt, dass es in ihrem Kanton nicht schlecht aussehe für ihre Partei, „denn wir kommen mit einer starken Liste“. Auch die vielen Quereinsteiger, welche sich dieses Jahr präsentieren, sind Ausdruck dieser Strategie. Der FMH-Präsident Jacques de Haller, der Herzchirurg Thierry Carrel (siehe Bild) und der Bankier Thomas Matter sollen ihren Parteien Stimmen bringen.
Tatsache ist hingegen, dass Nationalratswahlen in erster Linie Listen-Wahlen sind. Je grösser der Kanton, desto mehr trifft das zu. Grünliberale und BDP punkten von Wahl zu Wahl mit weitestgehend unbekanntem Personal. Diese Parteien werden gewählt, weil sie für einen Brand, eine Idee, ein Thema, eine Message (wie auch immer man es nennen will) stehen. Auch bei der SVP werden wegen dem Erfolg der Liste Leute aus der zweiten und dritten Reihe in den Nationalrat gespült. Bei CVP, SP und vor allem FDP kämpfen hingegen immer mehr qualifizierte, etablierte und begabte Personen um immer weniger Sitze.
Ich habe nichts gegen starke Listen. Viele gute Kandidaten bringen sicher auch Stimmen für die Partei. Die Bedeutung wird allerdings überschätzt. Wer das Wahlsystem versteht, dem wird es bald klar werden. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Kanton Bern. Wenn ein SP-Kandidat es schafft, auf einer grünen Liste panschiert zu werden, bringt das der SP-Liste eine Stimme. Wenn ich die gleiche Person dazu bringe, eine SP-Liste unverändert einzulegen, dann bringt das der SP 26 Parteistimmen. Auch in einem mittelgrossen Kanton mit 10 Nationalratssitzen ist Parteienwahlkampf immer noch zehn Mal wertvoller als Personenwahlkampf.
Es braucht in einem Nationalratswahlkampf sicher Listen mit vielen guten Kandidaten. Zusätzlich dazu muss die Konkurrenz auf der Liste aber so gemanagt werden, dass es der Partei etwas bringt. Schliesslich braucht es also vor allem eine Message und eine Kampagne für die Liste. Man soll auch die Bilder auf Plakaten und Prospekten dazu nutzen, die Botschaft der Liste zu kommunizieren. Leider sehen wir auf Wahlkampfplakaten von Parteien aber nur eine Vielzahl von lächelnden Kandidatengesichtern. Von mir aus gesehen pure Geldverschwendung.
Dieser Blog war ursprünglich den Schweizer National- und Ständeratswahlen 2011 gewidmet. Meine Analysen zum Wahlkampf sind hier nach wie vor einsehbar. Da die Anzahl Leser auch nach dem eidgenössischen Wahljahr hoch blieb, habe ich beschlossen, diesen Blog weiterzuführen. Jetzt blogge ich hier in etwas loserem Abstand über den Amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 sowie über politisches Marketing allgemein. Dabei geht es mir weiterhin um das Handwerk und nicht um eine parteipolitische Stellungnahme.
Zur Person
Dr. Louis Perron ist Politologe und politischer Berater. Während den letzten Jahren hat er mehr als fünfzehn schwierige Wahlkämpfe im In- und Ausland gewonnen. In der Schweiz ist er aktiv in allen drei Sprachregionen und in mehr als der Hälfte der Kantone. Neben zahlreichen Kandidaten, Parteien und Verbänden gehör(t)en auch Firmen wie Coop, Swisscom und die SBB zu seinen Kunden. Im Ausland beriet er unter anderem zwei Präsidenten, einen Vizepräsidenten, zwei Kabinettsmitglieder sowie zahlreiche Senatoren.
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