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Annette Hug
Wunderhorn, 2016
Inhalt:
Annette Hug erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte des José Rizal, dem philippinischen Augenarzt, Schriftsteller und späteren Helden der Unabhängigkeit. Eigentlich erzählt sie bloss eine bestimmte Episode aus dessen Leben, nämlich die Zeitspanne um das Jahr 1886. Während eines Aufenthalts in Heidelberg übersetzt Rizal Schillers Drama Wilhelm Tell ins Philippinische, genauer: in die Sprache Tagalog. Dieses Buch wird später den Unabhängigkeitskampf auf den Philippinien anfachen und letztlich auch Rizals Schicksal besiegeln. Hugs Buch handelt von der Kunst des Übersetzens und von Rizals unbedingten Willen sich – wie einst Wilhelm Tell dem Habsburger Gessler – der spanischen Kolonialmacht zu widersetzen.
Kommentar:
Hug zeichnet in ihrem sprachlich dicht gewobenen Roman akribisch nach, wie Rizal mit den Schwierigkeiten des Übersetzens ringt; wie er mit jedem Wort kämpft, mit all dem, was in der Sprache an Kulturellem stets mitgeschleppt wird. Rizal wird dabei – anders als in der posthumen Stilisierung zum Widerstandshelden –, als vielschichtige Persönlichkeit sichtbar; als eine Person, die gleichermassen von Zweifeln heimgesucht und von Gerechtigkeitssinn geleitet ist. Mit dieser Darstellung gelingt es Hug der vielrezipierten Lebensgeschichte des José Rizal – es existieren alleine 50 Biographien – eine eigene, literarische Fassung entgegen zu stellen. Und sie entdeckt so, scheinbar nebenbei, auch Wilhelm Tell als die vielschichtige Figur, die sie bei Schiller noch ist. Man kann daraus nicht zuletzt die Weigerung herauslesen, den Schweizer Urmythos allzu schnell der Rubrik Folklore zu überlassen.