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Die Ausgangslage
Nur wenige Bauten in Basel prägten die Geschicke der Stadt so nachhaltig wie die alte Brücke über den Rhein. Im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Teufelsbrücke der Gotthardpass für den Fernverkehr erschlossen, um den Nord-Süd-Warenhandel zu erleichtern. Da diese neue Alpenstrasse im unteren Hauenstein einen Zugang über das Juragebirge besass, eröffnete sich für Basel eine frequentierte Verkehrsroute, die der Stadt vermehrte Bedeutung als wirtschaftlichen Stapelplatz sicherte. Waren, die nun von Süden in reicher Zahl über die Alpen kamen und weiter nach Norden verhandelt wurden, mussten zwangsläufig den Rhein bei Basel überqueren. Bis ins 13. Jahrhundert erledigten einfache Fähren die Überquerung des Stromes, was sich mühselig und zeitraubend gestaltete, zumal die Fährschiffe nicht wie heute an festen Drahtseilen befestigt und der Strömung schutzlos ausgesetzt waren. Das bedeutete, dass man auf der Höhe der Kartause ablegte und bei der Schifflände wieder anlegte, um nach dem Löschen abzustossen und unterhalb des Kleinen Klingentals wieder landete. Die abgedrifteten Boote mussten nun wieder stromaufwärts gezogen werden, was einer mühseligen Prozedur gleichkam.
Daher war der Bau der Basler Rheinbrücke um 1225 ein Ausdruck wirtschaftlicher Stärke und Weitsicht, denn er vereinfachte den Warentransport über den Rhein erheblich. Die Brücke wurde zur Mittlerin links- und rechtsrheinischer Fernbeziehungen und brachte mit dem Zugang zur Gothardroute Basel zum Erblühen und trug den Namen der Stadt in die Welt hinaus. Zwar bestand seit Mitte des 12. Jahrhunderts in Rheinfelden eine Brücke, doch durch den Brückenbau in Basel wurde der direkte Weg ohne mühselige Fährfahrten möglich. Bischof Heinrich von Thun versetzte zur Finanzierung den Kirchenschatz an jüdische Pfandleiher, sicherte sich die finanzielle Hilfe der Bürgerschaft und wusste mit Erfolg die Klöster jenseits des Rheins, Bürglen und St. Blasien, an dem Bau zu interessieren. Im Gegenzug wurden sie vom Brückenzoll befreit. Die horrenden Aufwendungen für den Brückenbau wurden jedoch recht schnell wieder eingeholt. Die Basler Bischöfe nutzten über Jahrhunderte ihr weitreichendes Beziehungsnetz, um die Warenströme durch Basel zu lenken und sich mit dem Brückenzoll eine goldene Nase zu verdienen. Ein weiterer lukrativer Grundstein für die reiche Handelsstadt Basel war also gelegt; die Stadt Basel lag, um es mit Rudolf Wackernagels Worten zu sagen, "nun nicht mehr am Rhein, sondern über ihm, als seine Herrin."
Abgesehen von der Lage an der wichtigen Handelsroute lag Basels ältester Rheinübergang auch topographisch ideal: Ziemlich im Scheitel des landschaftlich so markanten Rheinbogens, dort, wo auf der Hangseite Grossbasels das Birsigtal einen Weg in das Gelände eingesenkt hatte. Aber die Lagebedeutung dieser Brücke beschränkt sich nicht nur darauf, denn oberhalb von Basel floss der Rhein in festgelegtem Bett, unterhalb der Stadt mäanderte er bis ins 19. Jahrhundert willkürlich in die damals überschwemmungsgefährdete Oberrheinische Tiefebene hinaus. Die Rheinbrücke in Basel bedeutete demnach flussabwärts auf weite Strecken hin die letzte sichere Übergangsmöglichkeit des Rheins.
Der spezielle Basler Brückenbau
Bei der Konstruktion der Brücke musste man den Hochwasserstand des Rheins, seine Stromgeschwindigkeit und die Sohlenhöhe des Flussbetts berücksichtigen. Da gegen die Grossbasler Seite sowohl Stromgeschwindigkeit wie auch Flusstiefe zunahmen, konnte nur die Hälfte der Brücke gegen Kleinbasel mit fünf dauerhaften Steinpfeilern ausgerüstet werden. Es fehlte im Mittelalter die Technik, ab einer gewissen Tiefe den Strom abzusperren um die zu fundierenden Pfeiler auf den relativ trockenen Grund zu setzen. Sieben Holzstelzen aus Eichenpfählen waren es auf der Grossbasler Seite, die sich als sehr anfällig erwiesen, da die Strömung in der Tiefe die hölzernen Pfeiler unterspülte. Die Brücke war daher auch ständig den Launen des oft reissenden Rheins ausgesetzt, ihre Geschichte ist bis zuletzt hauptsächlich eine Folge von Katastrophen: Hochwasser haben mit ihrer unbändigen Kraft ganze Pfeiler fortgespült oder Fröste haben besonders durch Eisschub Pfeiler beschädigt.
So soll beispielsweise im Jahre 1275 eine gewaltige Wasserflut die Brücke zum Einsturz gebracht und etwa hundert Bürger in den Tod gerissen haben. Im Herbst 1358 zerschellte ein vollbesetzter Kahn an einem der Brückenpfeiler, worauf alle Passagiere in den Fluten ertranken. Im Juli 1424 wurden drei Pfeiler fortgespült, und man behalf sich mit einer notdürftig reparierten Fahrbahn über die Bruchstelle, durch den wenige Tage später fünfzehn Personen in die Tiefe stürzten. Am Abend des heissen 5. August 1556 amüsierte sich die Bürgerschaft beim Brückenspringen der Jugend. Im grossen Gedränge brach das Geländer ein, und vierzig Menschen fielen ins Wasser, von denen fünf nicht mehr lebend geborgen werden konnten. Im Juni 1885 zerschellte einer von zwei vollbesetzten Kähnen am dritten steinernen Joch. Elf Personen, darunter vier Kinder, fanden hierbei den Tod. Trunkenheit der Fährleute habe dieses Unglück herbeigeführt.
Dass bei diesen und weiteren Unfällen die Brücke kleinen bis erheblichen Schaden nahm, ist selbstredend. Kostspieliger Unterhalt und teure Reparaturen wurde immer wieder nötig, und diese Ausgaben waren Sache der Bürgerschaft; so wurden die einlaufenden Gelder der Neubürgeraufnahmen und aus den Einnahmen des Brückenzolls zum Brückenunterhalt verwendet. Weiter wurden von den Verkaufsbuden, die bis ins 19. Jahrhundert hinein über den Jochen standen, Zinsen eingezogen.
Das Erscheinungsbild der Rheinbrücke
Die Konstruktion der Brücke ist heute noch feststellbar, da sich im Rheinbett auf der Kleinbasler Seite unter dem ersten und zweiten Bogen der heutigen Brücke im Schottertet des Stromes die Fundamente dreier gekappter steinerner Brückenpfeiler erhalten haben. Bei sehr niedrigem Wasserstand liegt das Flussbett trocken, und die Pfeilerfundamente können aufgesucht werden. Die steinernen Brückenpfeiler der mittelalterlichen Rheinbrücke waren hervorragende technische Leistungen der damaligen Zeit. An ihren im Grundriss rechteckigen Mittelkörper sind gegen und mit dem Stromstrich Keile angesetzt, deren Spitzen genau einen rechten Winkel bilden. (vgl. Bild). Ihre Längsachsen sind nicht genau senkrecht zum Brückenweg gestellt, sondern die stromaufwärts gewendete Spitze ist nach Osten geschwenkt. Der Baukörper bestand aus einem Pfeilergehäuse aus eisenverdübelten Haustenen (roter Sandstein), der etwa 80-90 cm tief in den anstehenden Felsen der Unterlage eingriff und im Innern mit Aufschüttungsmaterial gefüllt war. Der ehemalige Käppelipfeiler war als Mittelstütze der Brücke besonders stark gebaut. Die untersten vier Schichten bestanden hier aus grossen bis 6 Tonnen schweren Kalksteinquadern.
Die hydrodynamische Form der Pfeiler mit ihren rechtwinklig zusammenstossenden Flächen löste besonders am stromaufwärts gerichteten Teil beidseitig starke Wirbelbildungen aus, die in der Flussbettsohle neben dem Pfeiler tiefe Kolklöcher ausschwemmten. Durch Auffüllen der Kolklöcher mit schweren Steinen versuchte man der verhängnisvollen Unterspülung der Brückenpfeiler zu begegnen. Das 1840 neu erbaute Bärenfelserjoch zeigt eine bereits modern gehaltenen geschwungenen Linienführung; man hat also aus diesem Tatbestand seine Konsequenzen gezogen.
Das Bärenfelserjoch, seit 1457 von Kleinbasel her der sechste und äusserste Steinpfeiler, der die ungefähre Brückenmitte kennzeichnete, war die höchste Stelle der Brücke. Folglich war die alte Basler Rheinbrücke in ihrer Vertikalen in einen grossen, flachen Bogen gesprengt, der beim Bärenfelserjoch seinen höchsten Punkt erreichte. Die Fahrbahn lag hier etwa 1,80 Meter höher als bei ihren beidseitigen Anfängen. Die Breite des Brückenwegs war nicht auf der ganzen Brückenlänge einheitlich, da er sich gegen die Grossbasler Seite hin zu den beiden dortigen Toreingängen verbreiterte. Da hier Holzpfeiler verwendet wurden, fiel eine Erweiterung der Brückenbreite nicht schwer. Entsprechend der Weite der Tordurchfahrt, die etwa 4,20 Meter betrug, kann der Brückenweg als einheitlich etwas mehr als 4 Meter breit angenommen werden.
Die Käppelijochkapelle
Aus Dank an die Geistlichkeit für ihre Spendenfreude - und wohl auch um Gottes Schutz für den Bau zu bitten - wurde mitten auf der Brücke eine kleine Kapelle errichtet. Im Jahr 1392, dem Jahr der politischen Vereinigung von Gross- und Kleinbasel, erhält Cuntz Hukerer 14 Pfund, um die kleine "Käppelijoch" genannte Kapelle auf der Brücke instandzusetzen. Sie bestand zu jener Zeit wohl noch aus Holz und wurde erst 1478 durch einen Steinbau ersetzt. Sie trug schon damals ein im vorderen Giebel abgewalmtes Satteldach und öffnete sich in ganzer Breite nach der Brückenbahn. Sie war mit einer Darstellung des Gekreuzigten geschmückt, die im Januar 1433 von durchziehenden Hussiten mit Schneebällen und Faustschlägen geschändet wurde.
Das Käppelijoch hat auch kulturgeschichtlich eine gewisse Bedeutung. Vom Käppelijoch aus wurden Kindsmörderinnen, Diebinnen, Ehebrecherinnen oder Bigamisten durch Ertränken bestraft. Zur Exekution wurden den Verurteilten Hände und Füsse zusammengebunden, worauf man sie mit angehängten Rindsblattern in den Rhein warf. Auf der Höhe des St. Johanntors wurden sie dann aus den Fluten gezogen, und wenn sie noch am Leben waren, wurde ihnen die Freiheit gegeben. Da die Strafe sich in den meisten Fällen zugunsten der Verurteilten entschied, wurde sie im Jahre 1634 durch Enthaupten ersetzt. Auch das Schwemmen erfolgte vom Käppelijoch aus: Gefesselt und an ein Seil gebunden, wurden die Sträflinge dreimal unter der Rheinbrücke durchgeschwemmt. Die lebensgefährliche Prozedur wurde neben Unzüchtigen auch an Wiedertäufern vollzogen, die dadurch in dem gestraft wurden, worin sie gesündigt hatten: Die Wiedertaufe!
1478 wird die Brückenkapelle, unter Beibehaltung ihres Standorts auf dem fünften steinernen Joch, neu erbaut. Im Jahr 1512 erhielt Die Käppelijochkapelle ihre farbige Ausgestaltung. Den spärlichen Ertrag des hierfür bestimmten Opferstocks erhöhte der Rat mit einem Zuschuss unter der Bedingung, dass von nun an die "Nutzung" des Opferstocks des "Käppelis" dem Staatssäckel anheimfalle.
Das Ende der alten Brücke
Durch die Rheinregulierung des 19. Jahrhunderts in der Oberrheinischen Tiefebene wurden die Stromgeschwindigkeit und die Sohlenhöhe des Flussbetts in Basel verändert. Durch die Verkürzung des Stromlaufes bei gleichbleibendem Gefälle wuchs die Stromgeschwindigkeit, was sich bis oberhalb von Basel bemerkbar machte. Mit zunehmender Stromgeschwindigkeit aber trat durch stärkere Erosion eine Vertiefung des Flussbetts ein. Die mittelalterlich fundierten Rheinpfeiler auf Grossbasler Seite wurden unterspült, und am Ende des 19. Jahrhunderts stand der nicht zu verhindernde Einsturz der Brücke bevor. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch die einfache Konstruktion der mittelalterlichen Brückenpfeiler, denen es an stabilen Fundamenten fehlte. Auch die steinernen Brückenpfeiler waren beschädigt, das Bärenfelserjoch sogar derart stark, dass es wegen Einsturzgefahr durch einen stärkeren Brückenpfeiler ersetzt werden musste.
In den Jahren 1853 bis 1858 wurde zwar wieder kräftig an der Brücke gearbeitet: Die sieben hölzernen Joche wurden um eines reduziert, die mit einer Statuette Heinrichs von Thun und mit farbig glasierten Ziegeln gezierte Jochkapelle wurde auf das Bärenfelserjoch verschoben, die verbreiterte Fahrbahn mit neuem Belag und Trottoirs ausgerüstet und mit 22 Steinbänken (heute im Margarethenpark und in den Langen Erlen) beschwert. Das Ganze kostete Fr. 290'000,- und nachdem im Verlauf der nächsten Jahrzehnte nochmals Fr. 200'000,- aufgewendet worden waren, drängte sich eine einfache Lösung auf. Jeder Franken schien zu kostbar, um die gute alte, so viel verspottete Dulderin zu bewahren. So wurde im Juli 1899 durch Volksabstimmung, der eine "lebhafte Agitation" vorausging, der Bau eines neuen Rheinübergangs beschlossen. Der 18,8 Meter breite und 192 Meter lange und 2,67 Millionen teure Bau wird am 11. November 1905 anlässlich eines Volksfestes dem Verkehr übergeben.