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Sprache und Distanz
Interkulturelle Kommunikation ist so alt wie die Menschheit. Sie kommt dann vor, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen interagieren. Dies geschieht in unterschiedlichen Situationen wie beim Handel und Geschäftlichem, der Forschung oder in der Freizeit. Wieso aber ist interkulturelle Kommunikation eine spezielle Form der Kommunikation und wie können wir sie erlernen? Um das zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen, wie Kultur und Sprache miteinander verknüpft sind.
Kulturen entstehen aus gemeinschaftlichem Wissen und geteilten Wertvorstellungen. Sie basieren auf der gemeinsamen Geschichte und den Gepflogenheiten, die als «normales» Verhalten verstanden werden. Die Sprache ist Teil dieses als «normal» verstandenen Verhaltens und unser wichtigstes Werkzeug zur Kommunikation.
Aber wie beeinflusst die Kultur die Sprache?
Die Kultur liefert den Kontext, in dem eine Sprache gebraucht wird. Sie legt fest, worüber wir sprechen, welche Ausdrücke wir verwenden, wie laut wir reden, wie schnell wir antworten und was wir die andere Person zu wissen erwarten. Die Kultur legt die Regeln der Kommunikation fest und zeigt Kindern bereits früh auf, welches Verhalten von ihnen erwartet wird.
Kulturelle Einflüsse auf die Sprache
Die Sprache legt allerdings nicht nur den erwarteten Sprachgebrauch fest. Im Unterbewusstsein beeinflusst die Sprache auch, wie wir die Welt beschreiben. Farbbezeichnungen zum Beispiel. Im Italienischen gibt es drei Wörter zur Bezeichnung von unterschiedlichen Blautönen – «azurro», «blu» und «celeste». Dem gegenüber hat Maya nur ein Wort – «yax» – und beschreibt damit alle Töne von Blau und Grün in einem. Das bedeutet nicht, dass Sprecher von Mayasprachen nicht zwischen Blau und Grün unterscheiden können. Vielmehr bedeutet es, dass für Mayakulturen die explizite sprachliche Unterscheidung zwischen diesen Farben nicht relevant ist.
Farbbezeichnungen sind hilfreich, um aufzuzeigen, wie verschiedene Sprachen die Welt unterschiedlich beschreiben. Ein griechischer Arzt in Athen sagte mir vor ein paar Jahren, nachdem ich von einem Hund gebissen worden war, dass mein Bein «schwarz» werden würde. Ich erschrak und dachte, dass mein Bein nicht heilen würde, doch dann verstand ich, dass Schwarz die Farbe ist, die im Griechischen Blutergüsse beschreibt. Auf Deutsch und Englisch sind Blutergüsse blau, während sie im Spanischen als violett gelten. Diese Art von Missverständnissen tritt auf, wenn wir irrtümlicherweise annehmen, dass sprachliche Konventionen in allen Kulturen gleich sind.
Kultur beeinflusst Sprache jedoch auch über einzelne Wörter hinaus. Sie betrifft auch die Grammatik. Es gibt Sprachen, die angeben, ob eine Aussage auf bestätigtem oder angenommenem Wissen basiert. Sprachwissenschaftler nennen das «Evidentialität». Sie kommt in den meisten indigenen Sprachen Südamerikas und auch im Türkischen und anderen Sprachen vor. Evidentialität ist ein Ausdruck von Vertrauenswürdigkeit und als Prinzip so allgegenwärtig, dass sogar Spanisch und Portugiesisch es übernommen haben. Für Menschen aus diesen Kulturen ist es besonders wichtig, als vertrauenswürdig zu gelten. Ohne das Markierung der Evidentialität wird die Kommunikation missverständlich.
Genau wie Vertrauenswürdigkeit ist auch Höflichkeit von kulturellen Werten geleitet. Das sprachliche Höflichkeitsprinzip gibt vor, welche Ausdrücke mit wem gebraucht werden sollen. Höflichkeitsformen wie Deutsch «Sie», Spanisch «usted», Englisch «sir» und Portugiesisch «senhor» repräsentieren den hohen Status einer Person und die soziale Distanz zwischen den Sprechern. In gewissen Kulturen sind diese Distanzen wichtiger als in anderen. So ist das informelle «Du» in der Schweiz üblicher als in Deutschland, während «tú» in Spanien häufiger vorkommt als in Kolumbien.
Normalerweise lernen wir diese Regeln der Höflichkeit und Distanz im Kindesalter. Wir lernen sie zusammen mit unserer Muttersprache. Und da wir unsere eigene Kultur und unseren Kontext so gut kennen, nehmen wir kaum wahr, wie sehr diese Regeln uns beeinflussen. In interkultureller Kommunikation ist der Kontext weniger vertraut. Es muss von Neuem verhandelt werden, was als «normal» gilt.
Distanz ist ausschlaggebend
Wenn wir unser Verständnis von «Normalität» neu verhandeln, können wir nichts als gegeben erachten. Wir kreieren einen neuen Kontext. Dafür definieren wir zuerst Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Dieser Prozess ist geleitet davon, was wir selber wissen und was wir die andere Person zu wissen glauben. Die Unsicherheiten in diesem Prozess können schwierig zu handhaben sein, aber ein Bewusstsein darüber zu entwickeln ist der erste und wichtigste Schritt dazu.
Wenn wir einen neuen Kontext kreieren, definieren wir auch die richtige Distanz zwischen uns und der anderen Person. Verbindungen zwischen Menschen definieren sich immer aufgrund der richtigen Distanz und in interkultureller Kommunikation sind mehr Faktoren im Spiel, die die Distanz zwischen den Menschen erhöhen. Mit anderen Worten: interkulturelle Kommunikation dreht sich hauptsächlich um das Navigieren dieser Unsicherheiten, um die richtige Distanz zu finden.
Wie können wir die richtige Distanz finden?
Manchmal hängt die richtige Distanz davon ab, wie nahe wir vor einer Person stehen sollten. Meistens geht es aber in interkultureller Kommunikation um Status. Status ist beispielsweise der finanzielle und politische Einfluss einer Person, oder deren höhere Position in einer Familie oder Organisation. Herausfordernder ist aber die Tatsache, dass Distanz meist entlang ethnischer und geschlechtsspezifischer Grenzen definiert wird.
Die Distanz zwischen den Individuen beeinflusst ihr Verhalten sich gegenüber. Darum ist es wichtig, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Aufdringlichkeit und Zurückhaltung zu finden.
In der Schweiz zum Beispiel bevorzugt man eine grössere Distanz als anderswo. Dies gilt es zu beachten, um keine Grenzen zu überschreiten. Besucher sollten nie zu früh zu einer Verabredung erscheinen, damit die andere Person genügend Zeit hat, sich vorzubereiten. Insbesondere in Geschäftsbeziehungen wird es geschätzt, wenn eine respektvolle Distanz eingehalten und zu aufdringliche oder explizite Worte vermieden werden – andernfalls kann es vorkommen, dass die Zusammenarbeit kommentarlos beendet wird.
In Ländern mit einer kolonialen Vergangenheit ist das anders. Da ist es üblicher, auf einer persönlicheren Ebene verbunden zu sein. Vertrauen und Nähe sind wichtig und die Menschen mischen oft Geschäftliches und Privates. Dies allerdings meist nur unter Menschen der selben sozialen Gruppe, da soziale Klassen aufgrund der hohen interethnischen Kontakte und Konflikte in der Vergangenheit immer noch ausgeprägter sind. Für Ausländer kann es darum schwierig sein, solide und langfristige Freundschaften in Lateinamerika aufzubauen, vor allem wenn sie mit einem starken Akzent sprechen.
Kulturelle Distanz wird aber auch wesentlich durch das Mindset beeinflusst. Denn auch wenn ethnische Unterschiede gross sein mögen, können gemeinsame Interessen und Aktivitäten die Distanz reduzieren. Zwei Informatiker aus Brasilien und England verstehen sich wahrscheinlich mit grösserer Leichtigkeit als ein Lehrer und ein Informatiker aus demselben Land.
Mit interkultureller Kompetenz Sprache und Distanz navigieren
Folglich lässt sich interkulturelle Kommunikation auf zwei Aspekte herunterbrechen: Sprache und Distanz. Es spielt keine Rolle, um welche Kulturen es geht. Wichtiger ist es, verständlich zu kommunizieren und eine angenehme Dynamik aufzubauen.
Es gibt keine klaren Vorgaben, wie das am besten erreicht werden kann. Was zählt ist ein Bewusstsein für diese Herausforderungen und die Anwendung dieses Bewusstseins, um interkulturelle Kontakte zu meistern. Denn je mehr wir darüber wissen, wie Kultur die Sprache beeinflusst und wie wir die richtige Distanz finden können, umso erfolgreicher werden wir interkulturell kommunizieren.