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Als Pierin Vincenz Präsident der Aduno war, kaufte die Kreditkartenfirma ein Unternehmen, das teilweise dem Raiffeisen-CEO gehörte. Dies geschah verdeckt. Später beauftragte Gutachter übersahen die Zusammenhänge.
Pierin Vincenz am 8. Februar 2008, als er noch Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen-Gruppe war.
Noch im Sommer wird die Staatsanwaltschaft Zürich nach über zweijährigen Untersuchungen Anklage in der Causa Pierin Vincenz erheben. Angeklagt werden dürften der frühere Raiffeisen-Chef und der Ex-Aduno-CEO Beat Stocker wegen mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung. Wegen Gehilfenschaft dürfte weiter der Rechtsanwalt Beat Barthold angeklagt werden sowie die Gründungspartner der Investnet und der Eurokaution, zweier weiterer Übernahmen von Raiffeisen, welche die Behörde untersucht.
Besonders brisant ist die am weitesten zurückliegende Akquisition. Im Jahr 2007 kaufte die Kreditkartenfirma Aduno die Commtrain Card Solutions (CCS). Diese Übernahme löste zehn Jahre später eine Strafanzeige gegen die Aduno und damit die Causa Vincenz aus. Bei keiner Transaktion liegen so viele auch schriftliche Hinweise vor, dass sich Vincenz mit der Hilfe von anderen wohl auch privat bereichert hat. Davon zeugen auch drei Gutachten, welche Raiffeisen über jene Vorgänge in Auftrag gab. Diese liegen der NZZ vor. Was geschah damals?
Vorgehen im Trio
Im Juni 2005 gründete Barthold in Zug die Treuhandgesellschaft i-Finance-Management (iFM). Zweck war eine Beteiligung an der kleinen Commtrain, die Lösungen für das bargeldlose Bezahlen entwickelte und vertrieb. In die iFM brachten Vincenz und vermutlich auch Stocker je 750 000 Fr. ein, und dafür erhielten sie je 50% der iFM-Aktien. Als die Aduno mit der Commtrain eine Kooperation einging, wurde die iFM mit 60% Hauptaktionärin von Commtrain Card Solutions. Zwei Jahre später übernahm die Aduno 100% der Commtrain für 7 Mio. Fr. An die iFM gingen 4,2 Mio. Fr., davon flossen 1,7 Mio. Fr. in Vincenz’ und wohl auch in Stockers Privatkasse.
Allerdings hielten beide diese Beteiligungen vor Raiffeisen und Aduno geheim. Vincenz amtete damals als CEO der Raiffeisen-Gruppe und Verwaltungsratspräsident der Aduno, Stocker war CEO der Aduno.
Im Frühjahr 2009 bekam die «Sonntags-Zeitung» Wind von den Vorgängen. Vincenz musste dem Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty sein privates Investment beichten. Im April wurden über die Zürcher Anwaltskanzlei Niederer Kraft Frey (NKF) drei Parteigutachten in Auftrag gegeben.
Per 1. September 2009 kam die Beratungsfirma Helbling zu dem Schluss, dass der Kaufprozess korrekt abgelaufen sei. Claudio Loderer und Urs Wälchli beurteilten die Höhe des Kaufpreises als fair, und der Hauptgutachter Peter Forstmoser von NKF folgerte, das Vorgehen von Vincenz habe die Interessen der Aduno und von Raiffeisen «in keiner Weise beeinträchtigt». Er hätte zwar den Aduno-Verwaltungsrat über sein privates Engagement informieren sollen, die Unterlassung habe aber «nur» gegen die Verhaltensregeln von Führungskräften (Best Practice) verstossen. Oder anders formuliert: Vincenz habe weder der Aduno noch der Minderheitsaktionärin Raiffeisen einen Schaden zugefügt oder einen solchen in Kauf genommen.
Doch Vincenz, Stocker und Barthold hatten offenbar die wahren Besitzverhältnisse an der iFM geheim gehalten, das ist ein klarer Hinweis auf eine Absicht zur persönlichen Bereicherung. Wie bloss konnten die Gutachter zu ihrem Urteil gelangen?
Mit sich selbst verhandelt
Wie nun erkennbar wird, machten Stocker, Barthold und indirekt auch Vincenz den Kauf faktisch unter sich ab. So trat für die iFM stets Barthold als einziger Verwaltungsrat in Erscheinung. Selbst Personen, die für Commtrain verhandelten, wussten offenbar nicht, wer hinter dem Mehrheitsaktionär steckt, das bestätigt ein Anwalt, der an Sitzungen dabei war. Unüblich sei das nicht, meint er, die Nichtoffenlegung des wirtschaftlich Berechtigten an einer solchen Struktur sei erlaubt. Aus dem Handelsregister sind überdies nur die Mitglieder des Verwaltungsrates, nicht aber die Aktionäre einer Gesellschaft ersichtlich.
Stocker übernahm zudem als CEO der Aduno die Leitung der Übernahmeverhandlungen gleich selbst; das Mandat hatte er sich vom Verwaltungsrat geben lassen, der von Vincenz präsidiert wurde. Die Aduno hatte zuerst den Anwalt einer grossen Kanzlei als Berater beigezogen. Laut dem Helbling-Gutachten fühlte sich Stocker von diesem aber «nicht ergänzt» und «nicht genügend unterstützt». Der Anwalt wurde deshalb, man ahnt es, durch einen «bereits bekannten fach- und branchenkundigen Anwalt» ersetzt, durch Beat Barthold.
Es kam zu der absurden Situation, dass sich Stocker und Barthold in den Verhandlungen gegenübersassen, weiteren Anwesenden waren aber nur ihre Hüte als Aduno-Chef beziehungsweise als Vertreter des Mehrheitsaktionärs iFM bekannt. Nicht offengelegt war angeblich, dass Stocker Aktionär der iFM war und Barthold auch aufseiten der Aduno als Berater von Stocker agierte. Ausserhalb des Trios war Dritten offenbar zudem nur Vincenz’ Rolle als Aduno-Präsident bekannt, nicht aber seine Beteiligung an der iFM.
Was sagt Forstmoser?
Warum nahmen die Gutachter diese Konstellation nicht zur Kenntnis und gingen nicht darauf ein? Vor allem Forstmoser lagen, wie ersichtlich ist, die relevanten Unterlagen vor. So sah er, dass sich Vincenz und Stocker (verdeckt) an der iFM beteiligt hatten, dass Vincenz dennoch an Abstimmungen im Aduno-Verwaltungsrat teilnahm und ebenso dass Vincenz privat kassierte.
«Es war mir nicht bewusst, dass es eine Zusammenarbeit von Vincenz mit anderen gab oder eine solche wahrscheinlich war», sagt Forstmoser heute. Der Auftrag von Raiffeisen sei klar auf das Verhalten des CEO Vincenz eingegrenzt gewesen, und genau das habe er untersucht. Weder Beat Stocker noch eine Zusammenarbeit von Vincenz mit Stocker oder Barthold sei je ein Thema gewesen. Rückblickend, sagt Forstmoser, würde er einen Abschnitt hinzufügen mit dem Hinweis auf die heikle Konstellation, dass nicht nur der Aduno-Präsident, sondern auch der CEO privat am Kaufobjekt beteiligt gewesen seien.
Liest man die Gutachten heute, so ist das Zusammenspiel klar ersichtlich. Aber damals beurteilten die Gutachter nur die Handlungen von Einzelpersonen, dies mit einem klaren Fokus auf Vincenz. Die Helbling-Gutachter sahen zwar das Auswechseln des Anwalts auf Wunsch von Stocker, untersuchten das aber nicht weiter im Hinblick auf ein allfälliges Zusammenspiel mit Barthold. Forstmoser fokussierte seine Abklärung konsequent auf die Handlungen von Vincenz. Und konnte so folgern, dass dieser nie «direkten Einfluss» auf die Verhandlungen genommen habe. Wäre er von einer Zusammenarbeit ausgegangen, hätte er feststellen müssen, dass Vincenz durchaus über Stocker und Barthold Einfluss nehmen konnte.
Vincenz streitet alles ab
Forstmoser glaubt, dass wohl auch die Kenntnis über die Zusammenarbeit nichts an seiner Schlussfolgerung geändert hätte. Zwei renommierte Gutachter hätten Kaufprozess und -preis als korrekt eingestuft, und weder Aduno noch Raiffeisen sei ein Schaden entstanden. Ob das wirklich so ist? Wäre der Kaufpreis wirklich gleich hoch ausgefallen, wenn der Aduno-Verwaltungsrat über die persönlichen Engagements der Chefs informiert gewesen wäre?
Sicher ist aber, dass die Existenz der Gutachten mehreren Personen bekannt war. Beat Schmid von der «Sonntags-Zeitung» fragte Vincenz mehrmals persönlich danach; dieser habe aber jedes Mal vehement verneint, an der iFM beteiligt gewesen zu sein. Später beschied die Bank dem Journalisten, die Übernahme sei korrekt abgelaufen. Schmid wandte sich auch an andere Mitglieder des Aduno-Verwaltungsrates, alle verwiesen sie auf die Gutachten, weshalb Schmid auf einen Artikel verzichtete.
Aber angeblich wurden die Gutachten weder dem Verwaltungsrat von Raiffeisen noch demjenigen der Aduno vorgelegt. Wollte sich der Präsident Marty nicht mit seinem dominanten CEO anlegen? Laut dem Forstmoser-Gutachten gab es weder bei der Aduno noch bei von Raiffeisen ein Verbot für Geschäftsleitungsmitglieder, private Beteiligungen zu halten. Zusätzlich waren Verwaltungsräte nicht verpflichtet, allfällige Investments offenzulegen.
Möglicherweise wollte Marty diesen Mangel der internen Raiffeisen-Regeln nicht zum Thema machen, weshalb er die Gutachten nicht vorlegte. Auf Anfrage sagt Marty: «Hätte ich vor elf Jahren ein strafbares Verhalten festgestellt, hätte ich dem Verwaltungsrat von Raiffeisen Konsequenzen beantragt.»