Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/2191

Caroll Shelby prägte als Rennfahrer und Konstrukteur mit Pragmatismus und Durchsetzungsvermögen die US-Sportwagenszene über Jahrzehnte hinweg. Wie nebenbei begründete er mit dem GT350 die sportlichste Variante des Ford Mustang.
Dieser Mann konnte alles. Er gewann die 24 Stunden von Le Mans, obwohl sein Körper den Belastungen theoretisch gar nicht gewachsen war. Er konnte es sich leisten, zum Erzfeind überzulaufen, ohne bei seinem früheren Arbeitgeber in Ungnade zu fallen. Und er schraubte so lange an Fahrwerk und Antrieb eines «Sekretärinnen-Coupés» herum, bis er es in einen rundstreckentauglichen Renner verwandelt hatte.
Caroll Shelby, geboren am 11. Januar 1923 als Sohn eines Postboten in Leesburg, Texas, lebte nicht einfach nur die typisch US-amerikanische Karriere eines Selfmademan – er lebte seine Träume. Und er lebte sie sicher ein bisschen intensiver, nachdem er in seiner Jugend eine lebensbedrohliche Herzinsuffizienz überstanden hatte. Sein fahrerisches Können honte er in einem Willy’s Jeep, kaum dass er den Führerschein hatte. Bis Mitte der 1950er-Jahre konnte er sich in Amateurrennen einen derartigen Ruf erarbeiten, dass er in die Werkteams von Aston Martin und Maserati eingeladen wurde. Bis zu jenem Rennen in Le Mans 1959, bei dem ihm am Steuer eines Aston Martin DBR sein Herz signalisierte: «Hör auf damit!» Was er auch trotz seines Sieges bei den 24 Stunden befolgte.
Fortan verlegte er sich auf die Entwicklungsarbeit hinter den Kulissen. Mit der AC Cobra – kleiner britischer Roadster mit sehr, sehr grossem Ford-V8 – schuf er ab 1962 bis zu 435 PS starke Renner, denen kaum ein zeitgenössischer Konkurrent etwas entgegensetzen konnte. Seinen ersten Motor musste er sich noch erbetteln, doch nach den ersten Rennerfolgen der Cobra erhielt er alle Freiheiten bei Ford. Dem ersten Ford Mustang trieb er als GT350 1965 mit verstärktem Chassis, grösseren Bremsen und 35 PS Mehrleistung die Pony-Car-Niedlichkeit aus. Jeder Generation des im Jahrestakt überarbeiteten Wildpferds folgte bis 1968 eine extra-scharfe Shelby-Version. 1966 bestellte die Autovermietung Hertz 1000 GT350H bei Shelby. Doch die Mieter brachten die Autos derart an die Belastungsgrenze, dass Hertz die Servicekosten zu hoch wurden und das Projekt abbrach.
Vor allem gut erhaltene GT500 – jene mit Siebenliter-V8-Motoren – erreichen heute je nach Version Preise von 200ʼ000 Franken und mehr. Sein Meisterstück lieferte Shelby indes 1966 ab: Nach einem abgeschlagenen Übernahmeangebot für Ferrari wollte Henry Ford II Enzo Ferrari dort treffen, wo es diesen am meisten schmerzen würde – in Le Mans. Shelby machte den übergewichtigen, hüftsteifen und wenig standfesten Ford GT40 derart Beine, dass sie vier Jahre in Folge das 24-Stunden-Rennen gewannen.
In den 1980er-Jahren folgte Shelby seinem Mentor Lee Iacocca zu Chrysler, trieb dort vor allem Dodge-Serienmodelle zu Höchstleistungen und schuf mit der Viper einen weiteren US-Supersportwagen. 2003 gründete er in Nevada seinen eigenen Tuning-Betrieb und näherte sich Ford wieder an. Ab 2008 trug der Mustang in seiner Topversion wieder Shelbys Wappen: eine sich aufbäumende Kobra. Jedes seiner Modelle komponierte er nach dem gleichen Rezept: Man nehme bewährte Grossserienteile und kombiniere sie so, dass sie mehr ergeben als ihre blosse Summe. Den V10 der Dodge Viper leitete er gar aus einem Lastwagenmotor ab.
Caroll Shelby starb am 10. Mai 2012 in Dallas, Texas, mit 89 Jahren. Selbst den Traum vom langen Leben konnte er sich erfüllen: Er lebt weiter in jedem Modell, dass seine Kobra im Grill trägt.