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Baron-Cohen hat eine Theorie entwickelt, die sich “Empathising-Systemising Theory” nennt. Daran angeknüpft die “Extreme Male Brain Theory of Autism” mit dem “concept of hyper-systemizig”.
“Ausgehend von einem Kontinuum, bei dem an einem Ende Merkmale eines Empathisierens liegen (Lawson, Baron-Cohen & Weelwright 2004, 320) am anderen Ende Merkmale des Systematisierens (Baron-Cohen et al. 2009, 1377), versuchen Baron-Cohen und sein Team nachzuweisen, dass es zwei unterschiedliche, biologisch begründbare, geschlechtsspezifische Verhaltenstendenzen gibt. Während Mädchen und Frauen eher zum Empathisieren neigen würden, seien Jungen und Männer eher Systematisierer, die ein geringeres Mass an Empathie- Fähigkeiten zeigen (vgl. Baron-Cohen 2002). Autismus, der bis heute wesentlich häufiger bei männlichen Personen als bei weiblichen diagnostiziert wird, sei in dem Zusammenhang eine extreme Form des männlichen Gehirns (ebd. 2002, 251), indem die Denkprozesse in einem erhöhten Systematisierens zur Entfaltung kämen. Dies sei biologisch und vermutlich erblich bedingt. So gebe es eine höhere Rate an autistischen Kindern in Familien mit Vätern oder Grossvätern, die Mathematiker, Physiker oder Ingenieure seien (ebd. 252).” Georg Theunissen
Die Theorie mit weiblichem und männlichem Gehirn irritiert mich etwas, bin ich doch in der Zeit durch die Mittelschule, als wir uns kritisch in Arbeiten vertieften wie ”typisch Mädchen” – mit den Ideen, dass jedem Geschlecht alles ermöglicht werden soll bis hin zu, dass kleine Mädchen sogar zum Pinkeln im Stehen motiviert wurden. Weiblich oder männlich wird nicht einfach biologisch mit z.B. unterschiedlichen Gehirnen definiert – es gibt daneben pädagogische, kulturelle und soziale Einflüsse.
Was mir aus dieser Theorie und dem daraus entstandenen Konzept des erhöhten Systematisierens hingen sehr gefällt ist, dass es die Existenz von Talenten von Menschen im Autismusspektrum erklärt. Gerade stereotypes oder repetitives Verhalten wurde bis anhin pathologisiert – neu nun als Stärke betrachtet.
“Diese Stärken sind zugleich Ausdruck eines Systematisierens, durch das Spezialinteressen, repetitives Verhalten, das sogenannte Stimming (selbststimulierendes Verhalten), Bedürfnis nach Routine, Ordnung, Beibehalten von Situationen oder Widerstände gegenüber Veränderungen erklärt werden.” Georg Theunissen
Es scheint mir logisch, denn wenn man ein Interessen systematisiert, hat man etwas Konstantes, das Sicherheit bietet. Nun kann man von diesem System nur eine Sache auf einmal verändern und hat somit ausschliesslich ein ganz kleines Chaos, das quasi durch den gleich bleibenden Rest gerade noch so knapp drin liegt. Auch dieses Chaos kann man wiederum systematisieren, wenn man es nicht aushält.
65% aller autistischen Menschen betreiben laut Baron-Cohen hyper-systemizing. Für das Lernen heisst das, dass die erhöhte Aufmerksamkeit auf Details von der Schule beachtet werden soll. Erhöhtes Systematisieren muss gefördert und unterstützt werden. Autistische Schüler haben einen eigenen Lernweg, Lernstil und Zeitrhythmus.
“Des Weiteren wird uns signalisiert, dass sich das erhöhte Systematisieren als ein kreativer Prozess vollziehen kann, der zu Spezialinteressen sowie zu unkonventionellen, aber ebenso kreativen, neuartigen Ergebnissen führen kann, indem Dinge in einem neuen Licht erscheinen und damit Impulse für weitere Forschungen, Weiterentwicklungen oder gar gesellschaftlichen Fortschritt gegeben werden. Folgerichtig verdient das erhöhte Systematisieren pädagogische Wertschätzung und Verständnis – dies in der Form, dass zum Beispiel auch das Bedürfnis nach Routine und Ordnung oder repetitives Verhalten (sprachlich, motorisch), das sogenannte Stimming, für die betreffende Person hoch zweckmässig zur Erfassung der Welt sein kann (…).” Georg Theunissen
Seit ich mir bewusst bin, dass meinen Kindern das Denken in Systemen hilft, versuche ich diese Erkenntnis bewusst in meine Erziehung zu integrieren. Kommen wir in einer Sache nicht mehr weiter, dann suche ich eine kleine Einheit, die sich verändern lässt. Veränderungen brauchen bei uns darum immer Zeit. (Manchmal suchen sich meine Kinder diese kleine Einheit zur Veränderung auch selber.)
Literaturliste
Theunissen, G. (2004). Menschen im Autismusspektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer