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Wahlen können die Vorstellungen von Menschen darüber, was ethisch richtig und was falsch ist, verändern – und sie können dies mitunter sehr schnell tun! Das zeigt eine aktuelle Studie unter Beteiligung einer Forscherin der Universität Freiburg.
Soziale Normen sind gesellschaftlich verankerte Werte, die uns im Alltag Orientierung geben, und die als sehr langlebig und beständig gelten. Jüngste Beobachtungen deuten jedoch darauf hin, dass sie sich als Folge von Wahlergebnissen rasant ändern können.
Normalisierung von Rhetoriken
In Grossbritannien kam es nach dem Brexit-Referendum 2016 zu einem starken Anstieg von Hassverbrechen gegen Ausländer_innen und Immigrant_innen. Ein Bericht der Vereinten Nationen führt dies unter anderem darauf zurück, dass das Referendum «einwanderungs- und ausländerfeindliche Rhetorik normalisiert» habe. Eine vergleichbare Entwicklung war nach der Präsidentschaftswahl 2016 in den USA erkennbar. Auf der anderen Seite legen wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA und Deutschland nahe, dass sich Wahlerfolge von weiblichen Kandidatinnen positiv auf die Einstellung gegenüber Frauen in der Politik und am Arbeitsplatz auswirken können. Haben Wahlen tatsächlich das Potential, gesellschaftliche Moralvorstellungen und Normen zu beeinflussen?
Wie sozial angemessen ist Teilen?
Jana Freundt (Universität Freiburg), Arno Apffelstaedt und Christoph Oslislo (beide an der Universität zu Köln) haben diese Frage mithilfe eines Online-Experiments untersucht. Den Teilnehmer_innen wurde eine Situation beschrieben, in der Studienteilnehmer_innen entscheiden, ob sie ihr Einkommen mit einer anderen Person aus der Studie teilen wollen. In einigen Teilnehmer_innen-Gruppen wurde zuvor anhand eines Referendums bestimmt, ob eine Regel eingeführt wird, die entweder besagt, dass alle ihr Einkommen teilen sollen, oder dass Einkommen nicht geteilt werden soll. Das Befolgen der gewählten Regel ist freiwillig.
Die Forschenden untersuchten mithilfe einer Ranking-Skala, für wie ‘sozial angemessen’ die Proband_innen das Teilen bzw. Nichtteilen von Einkommen halten. Ohne vorgegebene Regel wurde Teilen als deutlich sozial angemessener empfunden als Nichtteilen. Wenn jedoch die von der Mehrheit gewählte Regel besagte, dass nicht geteilt werden soll, drehte sich das Bild: Nun wurde Nichtteilen häufig als das sozial angemessene Verhalten beurteilt. Je nach Ausgang kann also ein Abstimmungsergebnis eine weit verbreitete Moralvorstellung – beispielsweise die Akzeptanz der Entscheidung nicht zu teilen – untergraben. Im konkreten Experiment erhöhte dies nicht nur die moralische Bewertung von eigennützigem Verhalten, sondern führte auch dazu, dass normative Bewertungen im Allgemeinen schwieriger und mehrdeutiger wurden.
Zusammenhang zwischen Wahlen und Normen
Die Ergebnisse zeigen, dass Handlungen, die zuvor als sozial unangemessen beurteilt wurden, aufgrund eines Wahlergebnisses als sozial angemessen wahrgenommen werden können. Ein zuvor bestehender moralischer Konsens wird dadurch tendenziell geschwächt. Das Forschungsteam konnte durch seinen Studienaufbau andere den Normwandel beeinflussende Faktoren ausschliessen, und damit erstmals einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen Wahlen und Normen identifizieren. Interessanterweise war der Einfluss von Wahlen auf Normen auch dann noch zu beobachten, wenn der Wahlprozess demokratische Mängel aufwies, zum Beispiel wenn eine Wahlgebühr eingeführt wurde, Wähler_innen bestochen oder ärmere Wähler_innen von der Wahl ausgeschlossen wurden.
Die Ergebnisse der Studie eröffnen neue Perspektiven für das Nachdenken über die Rolle von demokratischen Prozessen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Studie: Arno Apffelstaedt, Jana Freundt, Christoph Oslislo (2022): Social norms and elections: How elected rules can make behavior (in)appropriate. In: Journal of Economic Behavior & Organization. Volume 196, April 2022, 148-177. https://doi.org/10.1016/j.jebo.2022.01.031