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Gottes Vorsehung ist etwas, was wir häufig nicht wahrnehmen. Dennoch ist sie eine Realität in unserem Leben. Sie betrifft sowohl das allgemeine Geschehen auf der Erde als auch unser persönliches und gemeinschaftliches Leben.
Es gibt ein Buch in der Bibel, in dem die göttliche Vorsehung eine ganz besondere Rolle spielt: das Buch Esther. Es ist das einzige Buch der Bibel, das den Namen Gottes nicht ein einziges Mal erwähnt. Viele Bibelleser hat das verwundert. Dennoch ist es offenkundig, dass Gott im Buch Esther handelt. Er tut es allerdings nicht direkt, sondern indirekt. Er handelt durch Vorsehung. Obwohl sein Name nicht genannt wird, kann man sein Tun in vielen Einzelheiten deutlich erkennen.
Da es über die Vorsehung Gottes im Leben der Völker, der Menschen im Allgemeinen und der Gläubigen im Besonderen allerhand Missverständnisse zu geben scheint, ist es sicher gut, darüber ein wenig nachzudenken.
Vorsehung und Vorkenntnis
Das deutsche Wort «Vorsehung» entspringt dem Lateinischen (pro-video, d.h. «voraus-sehen») und bedeutet, dass man Ereignisse im Voraus sehen kann, bevor sie tatsächlich stattfinden. Es ist uns allen klar, dass kein Mensch die Zukunft im Voraus wissen und sehen kann. Salomo sagt: «Du weisst nicht, was ein Tag (gemeint ist der morgige Tag) gebiert» (Spr 27,1). Wir mögen gewisse Dinge ahnen oder vermuten, wirklich vorhersehen und zuvor erkennen kann sie jedoch nur Gott. Als «Gott des Wissens» (1. Sam 2,3) weiss Er um das Ende, bevor etwas überhaupt begonnen hat.
Das Substantiv «Vorsehung» kommt in der Bibel nicht vor, wohl aber ein Verb, das mit «zuvor erkennen», «von Anfang an kennen» oder «vorher wissen» übersetzt wird (Apg 26,5; Röm 8,29; 11,2; 1. Pet 1,20; 2. Pet 3,17). Das entsprechende biblische Hauptwort ist «Vorkenntnis» (Apg 2,23; 1. Pet 1,2). Von diesem griechischen Wort ist unser Fremdwort «prognostizieren» bzw. «Prognose» abgeleitet. Es setzt sich aus den beiden Wörtern «voraus» und «wissen» zusammen. Allerdings treffen menschliche Prognosen nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein, was bei Gott nicht der Fall ist. Je weiter das prognostizierte Ereignis entfernt ist, umso ungenauer werden unsere Prognosen. Gott hingegen weiss genau, was in der Zukunft passieren wird, und nicht nur das: Er lenkt alles, dass es so passiert, wie Er will.
In Jesaja 46,10 sagt Gott: «Der ich von Anfang an das Ende verkünde und von alters her, was noch nicht geschehen ist; der ich spreche: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich tun.» Mit der Vorsehung Gottes ist also gemeint, dass Er in allem völlige Kenntnis über die Zukunft hat und dass Er seine Pläne immer realisiert.
Göttliche Vorsehung – so wie wir sie z.B. im Buch Esther finden – schliesst ein, dass Gott im Vorhinein den Beschluss fasst, etwas zu tun oder mit jemand etwas Bestimmtes zu tun oder jemand für eine bestimmte Aufgabe auszuwählen. In diesem Sinn kann nur Gott etwas «vorsehen». Er sieht es nicht nur, sondern Er handelt auf der Grundlage seiner Vorkenntnis. Er tut dies entweder aktiv oder passiv.
Direktes und indirektes Handeln
Wenn Gott aktiv handelt, können wir es in der Regel sehen und erfassen – obwohl wir es nicht immer verstehen. Manchmal ist Gottes Handeln klar erkennbar, weil Er direkt und sichtbar eingreift. Doch manchmal handelt Er indirekt, d.h. wir erkennen es nicht ohne Weiteres. Genau dann sprechen wir von Vorsehung. In Psalm 11,4 lesen wir: «Der HERR ist in seinem heiligen Palast. Der HERR – in den Himmeln ist sein Thron; seine Augen schauen, seine Augenlider prüfen die Menschenkinder.» Der Thron im Himmel spricht von der Regierung, die vom Himmel aus geschieht. Deshalb ist die Regierung Gottes für uns oft nicht erkennbar. Dennoch ist sie real. Das erkennen wir ganz deutlich im Buch Esther. Wir lernen dort einiges über die göttliche Vorsehung.
1) Gottes Vorsehung ist für uns Menschen häufig nicht direkt erkennbar
Wie bereits gesagt, wird im Buch Esther Gott nicht ein einziges Mal erwähnt. Trotzdem ist das göttliche Handeln als Folge seiner Vorkenntnis eindeutig erkennbar. Er verbirgt sich und hält doch alle Fäden in seiner Hand. Asaph schreibt: «Im Meer ist dein Weg, und deine Pfade sind in grossen Wassern, und deine Fussstapfen sind nicht bekannt» (Ps 77,20). Alles geschieht dennoch so, wie Gott es will und wie es seinen Plänen entspricht. Das kurze Kapitel 10 im Buch Esther zeigt das Ziel des Ratschlusses Gottes. Zu Beginn der Geschichte sah alles völlig anders aus. Mordokai sollte den Tod am Galgen finden, und alle Juden sollten ermordet werden. Zum Schluss kam es so, wie Gott es von Anfang an vorgesehen hatte. Statt von Todesangst und Bedrohung lesen wir vom «Wohl seines Volkes» und von «Frieden» (Est 10,3).
Wir können sicher sein, dass Gott sich nicht nur um das Schicksal von Völkern und Nationen kümmert. Ihn interessieren nicht nur die grossen Dinge des Lebens, auch die Details des Alltags sind in seiner Hand – für uns oft unsichtbar, doch deshalb nicht weniger real. Er sorgte z.B. dafür, dass der König eine schlaflose Nacht hatte und nicht – wie es sonst häufig der Fall war – Frauen zu sich kommen liess. Stattdessen befahl er, die Chroniken zu bringen und sie ihm vorzulesen. Gott sorgte weiter dafür, dass ihm in den Chroniken die Rettungstat Mordokais vorgelesen wurde. War das Zufall? Ganz sicher nicht! Gott führte es bewusst so. Damit nahm die ganze Geschichte eine gewaltige Wendung.
2) Gottes Vorsehung ist allumfassend
Es gibt keinen einzigen Umstand in unserem Leben, der nicht durch die Vorsehung Gottes abgedeckt ist. Wenn wir das Buch Esther lesen, finden wir das ganz deutlich. Es beginnt damit, dass der König ein Fest feiert und endet damit, dass er ein zweites Dekret erlässt. Doch er tut das, weil Gott es so will. Gott hält alles in der Hand. Als Kinder Gottes wissen wir, dass uns alle Dinge zum Guten mitwirken (Röm 8,28).1 Es geht nicht nur um einige Ereignisse im Leben, sondern um alle Dinge. In Römer 11,36 sagt Paulus: «Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.»
3) Gottes Vorsehung berücksichtigt die Verantwortung des Menschen
Gott benutzt nicht nur Umstände und Ereignisse, um seinen Vorsatz auszuführen. Er gebraucht dazu ebenfalls Menschen – gottesfürchtige Menschen und manchmal sogar gottlose Menschen. Im Buch Esther geschieht der Wille Gottes nicht nur durch Mordokai und Esther, sondern z.B. auch durch den bösen Haman. Wenn Gott in seiner Vorsehung Menschen benutzt, widerspricht sein souveränes Handeln nie der eigenen Verantwortung des Menschen oder nimmt sie weg. Kein Mensch ist einfach eine «Marionette» Gottes. Nein, Gott hat uns Menschen so geschaffen, dass wir eigene Entscheidungen treffen können. Im Buch Esther sehen wir das deutlich bei Haman, dem Judenhasser. Sein persönliches Verhalten führte am Ende dazu, dass er an seinem eigenen Galgen aufgehängt wurde und die Juden, die er vernichten wollte, gerettet und erhöht wurden. Menschen mögen so etwas «Ironie des Schicksals» nennen. Doch das ist es nicht. Gott steht dahinter, und zugleich trifft jeder Mensch seine eigene freie Entscheidung. Gott zwingt die Menschen auf der Erde nicht dazu, etwas zu tun oder zu lassen. Haman war für das, was er tat, voll und ganz verantwortlich. Gleiches galt für den König und seine Entscheidungen. Das traf auch auf alles zu, was Mordokai und Esther taten.
4) Gott ist souverän
Gleichzeitig gilt immer, dass Gott souverän ist und jeder Mensch «in ihm lebt und sich bewegt» (Apg 17,28). Kein Mensch kann irgendetwas tun, was Gott nicht will. Im Fall von Haman können wir es so formulieren: Haman stellte seinen eigenen Galgen auf, an den Gott ihn aufhängen liess. Diese Souveränität Gottes dürfen wir nicht unterschätzen. Gott ist so gross, dass Er die Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen lässt und zugleich alles so führt, wie es seinem Plan entspricht. Das sind wie zwei Seiten einer Münze, die wir nie gleichzeitig anschauen können. Menschliche Philosophie versucht gerade dies zu tun und zu ergründen. Sie wird immer scheitern. «Das Verborgene ist des HERRN, unseres Gottes; aber das Offenbarte ist unser und unserer Kinder in Ewigkeit» (5. Mo 29,28).
5) Gott erreicht immer sein Ziel
Wenn Gott in Vorsehung handelt, gelangt Er immer an das Ziel, das Er sich gesetzt hat. Im Buch Esther ist das einerseits die Rettung Mordokais, Esthers und aller Juden im persischen Reich. Anderseits ist es die Beseitigung des Feindes Haman. Wir erkennen darin unschwer das Ziel Gottes mit der Erde. In der «Fülle der Zeiten» (Eph 1,10) – das ist das Tausendjährige Reich – kommt Gott mit dieser Schöpfung zu seinem Ziel: Alles wird unter die Regierung des Sohnes des Menschen gestellt. Zugleich wird dann die Macht des Feindes gebrochen und der Satan 1000 Jahre ausgeschaltet sein. Auch für unser Leben gilt: Gott hat einen Plan, und wir können sicher sein, dass Er in seiner göttlichen Vorsehung dieses Ziel erreichen wird.
Fazit
Die Botschaft Gottes im Buch Esther ist nicht zu überhören. Gott handelt – wenngleich oft unsichtbar – durch Ereignisse und durch Menschen, um sein Ziel zu erreichen. Kein Mensch kann sich dem widersetzen. Das stärkt unser Vertrauen in unseren Gott – und zwar gerade dann, wenn wir sein Handeln in Vorsehung nicht erkennen oder nicht verstehen. Elihu sagte zu Hiob: «Warum hast du gegen ihn gehadert? Denn über all sein Tun gibt er keine Antwort» (Hiob 33,13). Wenn wir in der himmlischen Herrlichkeit sind, werden wir alles verstehen, was Gott in unserem Leben zu unserem Guten getan hat. Alles wird dann unseren Gott ehren und verherrlichen.
- 1Wir wollen beachten, dass dort nicht steht, dass wir verstehen oder glauben, dass uns alle Dinge zum Guten mitwirken. Wir verstehen es sicher nicht immer, und leider glauben wir es auch nicht immer. Doch Paulus spricht bewusst davon, dass wir es wissen.