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Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg. Noch heute leiden Hunderttausende von Menschen an den Spätfolgen. Vor allem wegen dem von den USA eingesetzten hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange. Es verursacht genetische Schäden über Generationen.
Ein Büffet aus massivem Holz, Räucherstäbchen, Buddha auf einer Lotosblüte, Porzellangefässe für Opfergaben, künstliche Blumen. Im Haus der alten Mutter Hoang Thi The steht gleich hinter dem Eingang der Ahnenaltar. Darauf ein Foto von Tran Ran, ihrem Mann, gestorben 2002.
Im Vietnamkrieg geriet er als Meldeläufer des Widerstandes oft mit dem hochgiftigen dioxinhaltigen Entlaubungsmittel Agent Orange in Berührung. Das Herbizid wurde von den US-Truppen über Wäldern und Reisfeldern versprüht, um dem Feind die Deckung und die Nahrungsgrundlage zu rauben.
Ahnenaltäre stehen in Vietnam unabhängig von einer Religion und gelten als Mittler zwischen Lebenden und Toten. Diese Schreine fehlen in keinem Haushalt, in keinem Geschäft. Da fast jede Familie im Land durch den Krieg Angehörige verloren hat, bilden diese Ahnenaltäre eigentlich das grösste Kriegsdenkmal der Welt.
Lesen Sie in unserem historischen Abriss mehr über den 2. Vietnamkrieg, der 1964 begann und bis 1975 dauerte.
Wir befinden uns in Da Nang. Postkartenstrände, Luxusresorts, die berühmten Marmorberge mit ihren Höhlen und buddhistischen Heiligtümern. Kaum etwas erinnert daran, dass hier einst die Tore zur Hölle weit aufgerissen wurden.
Stützpunkt des Todes
Die heutige Millionenstadt im tropischen Zentralvietnam war während des Krieges eine wichtige Marinebasis der US-Armee. Hier lag auch ihr grösster Luftwaffenstützpunkt. Von hier aus starteten die Flugzeuge mit ihrer tödlichen Fracht.
13 Millionen Tonnen Bomben fielen auf Vietnam. Von hier aus flogen die C-123-Maschinen, die das hochgiftige, dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange über Südvietnam versprühten.
Der Postkartenstrand von Da Nang: Nichts deutet auf den Schrecken hin, der einst von diesem Ort ausging. (Bild: Roland Schmid)
Auch 40 Jahre nach dem Krieg sind die tragischen Folgen sichtbar. Hunderttausende von kranken Menschen, Nachkommen der Vietnamsoldaten mit schwersten Missbildungen. Das Dioxin ist teilweise noch immer in der Nahrungskette und schädigt das Erbgut über Generationen hinweg. Der Vietnamkrieg – ein Krieg ohne Ende.
Als Behinderte geboren
Die 77-jährige Mutter Hoang Thi The lebt einem sumpfigen Aussenquartier von Da Nang, zusammen mit ihren beiden schwerstbehinderten, erwachsenen Kindern, beide sind Dioxinopfer. Das Haus mit Wellblechdach ist heruntergekommen, die Räume sind dunkel und feucht. An den Betonwänden zeigen schmutzige Striche den Wasserstand der letzten Überschwemmungen. Sieben Mal mussten die Bewohner im vergangenen Jahr vorübergehend ausziehen, um nicht im eigenen Bett zu ertrinken.
Tochter Tran Thi Ty Nga, 33, kann sich mit einer Art klapprigem Rollator und mit Mutters Hilfe mühsamst noch etwas fortbewegen. Auf einem vorsintflutlichen Gerät, gebastelt aus Holz und Metall, absolviert sie täglich ihre Bewegungstherapie. Seit Geburt hält sie ein Stützkorsett aufrecht. Bis sie neun Jahre alt war, konnte sie noch einige Schritte gehen.
Ihre Mutter ist seit Jahrzehnten am Limit. Manchmal stürze ihre Tochter, sagt sie. Nga ist übergewichtig. «Alleine schaffe ich es nicht, sie hochzuheben und muss Nachbarn holen.»
Nachdem ihr Mann aus vier Jahren Kriegsgefangenschaft heimkehrte, habe er im Wasserwerk gearbeitet und gut verdient, erzählt die Mutter. «Ich konnte mir sogar goldene Ohrringe kaufen. Doch dann wurden unsere Kinder krank. Wir fuhren zur Behandlung immer wieder ins weit entfernte Saigon. Um die Rechnungen bezahlen zu können, mussten wir alles verkaufen. Den Schmuck, das Haus, das Land.»
Heute ist alles weg. Geblieben ist ein Leben in grosser Armut. Es reicht nicht einmal für eine ausgewogene Ernährung und für Medikamente. Und geblieben sind Kinder, die nicht gesund geworden sind.
In der Region von Da Nang gibt es laut der örtlichen Opfervereinigung noch immer um die 5000 Menschen, die an den Spätfolgen von Agent Orange leiden. Und immer wieder die Sorge der Mutter: «Ich werde älter und älter und sorge mich sehr um die Zukunft meiner Kinder. Wer wird sich einst um sie kümmern, wenn ich nicht mehr da bin? Das ist meine grösster Kummer.»
Eine Lösung sind Verwandte. Doch meist ist die Bürde zu gross. Spezialisierte Heime gibt es noch keine. Und so endet das ohnehin schwierige Leben vieler Agent Orange-Opfer eines Tages in vielleicht weit entfernten Altersheimen, von denen es in Vietnam erst wenige gibt. Allerdings nur für zahlungskräftige Bürger.
Genaue Opferzahl ist unbekannt
Heute leben bereits drei Generationen Menschen mit Agent Orange bedingten Schäden. Über wie viele weitere Generationen sich die Erbschäden auswirken werden, weiss man nicht.
Pham Thanh Tien von der lokalen Opfervereinigung DAVA in Da Nang, da wo die alte Mutter mit ihren beiden behinderten Kinder wohnt: «Fast zwei Drittel der betroffenen Kinder in Da Nang gehören zur ersten Generation. Je etwa ein Viertel aller Opfer zur zweiten und dritten. Die Opfer der dritten Generation sind unter 15 Jahre alt. Die meisten Betroffenen werden kaum über 30.»
Wie viele Agent-Orange-Opfer es gibt, weiss niemand. Erst jetzt beginnen Bemühungen zur genauen statistischen Erfassung. Die Schätzungen gehen sehr weit auseinander. Die nationale Opfervereinigung spricht von landesweit drei Millionen und das vietnamesische Rote Kreuz von etwa einer Million.
Chuck Searcy, geboren 1944, ist amerikanischer Kriegsveteran und lebt seit Jahrzehnten in Hanoi. Während sein Land sich bis heute jeglicher Wiedergutmachung widersetzt, engagiert er sich mit anderen US-Veteranen auf privater Basis für die Linderung von Kriegsspätfolgen. Scearcy ist Vizepräsident der internationalen Agent-Orange-Arbeitsgruppe. Bei ihr laufen alle Fäden zum Thema zusammen.
USA weigern sich, die Verantwortung für Opfer und Schäden zu übernehmen.
Zu den Opferzahlen sagt Scearcy: «Wie diese Schätzungen zustande kommen, ist unklar. Wie kann man wissen, ob eine bestimmte Krankheit oder eine Missbildung wegen Agent Orange entstand oder nicht? Unmöglich, den klaren Beweis zu erbringen.»
Trotzdem: Die Indizien seien unmissverständlich. «Wenn ein Vater oder eine Mutter während des Krieges immer wieder mit dem Herbizid in Kontakt kam und sie dann Eltern werden von zwei, vier oder sechs schwer behinderten Kindern – da können Sie sich Ihren eigenen Reim darauf machen.»
Das Fehlen streng wissenschaftlicher Beweise sei vergleichbar mit der jahrzehntelangen Debatte darüber, ob Rauchen Krebs errege oder nicht. «Auch da gilt: Die Indizien sind doch ziemlich überzeugend.»
Es gibt viele Gründe weshalb es so schwierig ist, den Agent-Orange-Tatbeweis zu erbringen. Einen nennt Le Ke Son. Er leitete bis 2014 während zehn Jahren das nationale «Steering Commitee 33», die Agent-Orange-Koordinationsstelle der Regierung. Er war sozusagen der oberste Agent-Orange-Beamte Vietnams. «Unser Land hat nicht genügend Geld, um die Beweise zu beschaffen. Der Nachweis von Dioxin im Blut ist sehr teuer, rund tausend Dollar pro Probe.»
Mangelnde Beweise
Mangelnde Beweise sind auch der Grund dafür, dass bis heute alle gerichtlichen Klagen von Opfern scheiterten. Seit den 1970er-Jahren gab es Hunderte von Wiedergutmachungsklagen gegen die USA und die Herstellerfirmen von Agent Orange, allen voran Monsanto und Dow Chemical. Fast alle Klagen wurden mit der Begründung abgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang von Agent Orange und Krankheiten sowie Missbildungen nicht bewiesen sei.
Fehlende Glieder, Gaumenspalten, Krebs, Diabetes, Chlorakne, Depressionen, Immunschwächen, die auch bei harmlosen Krankheiten tödlich enden können: Rund 140 Gesundheitsschäden werden heute mit Dioxin in Verbindung gebracht.
Doch auch wenn Dioxin im Blut nachgewiesen wird, belegt dies noch nicht zweifelsfrei, dass es von Agent Orange stammt. Dioxinhaltige Gifte gibt es auch sonst in der Umwelt, zum Bespiel in einigen Pflanzenschutzmitteln, zudem entstehen Dioxine bei Verbrennungsprozessen.
In einem sind sich viele Experten einig: Wer die Agent-Orange-Frage allein streng wissenschaftlich und legalistisch angeht, schafft unter den Opfern sehr viel Leid.
Bei der Herstellung von 2,4,5-T entsteht als unerwünschtes und unvermeidbares Nebenprodukt das Dioxin 2,3,7,8-Tetrachlordbenzoparadioxin oder kurz TCDD. Bei der übereilten Produktion von Agent Orange kam es zu einer verhängnisvollen Pfuscherei und deswegen zu einer sehr viel grösseren Kontamination mit Dioxin (TCDD) als vorgesehen.
In den Herstellungsprozessen für die US-Landwirtschaft enthielt dasselbe Herbizid eine weit geringere Konzentration als das in Vietnam verwendete. Nämlich bis zu 50 ppm (parts per million) anstelle der üblichen 0,05 ppm. Deshalb war die Kontamination mit Dioxin in vietnamesischen Zielgebieten bis zu tausend Mal höher als auf amerikanischen Äckern. Dioxine sind bereits in geringsten Mengen hoch toxisch.
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Die TagesWoche widmet dem Ende des Vietnamkriegs vor 40 Jahren einen Schwerpunkt – mehr dazu im Dossier.
Hören Sie auch das Radio-Feature zum Vietnamkrieg: Freitag 15. Mai, 20 Uhr, «Passage», Radio SRF2 Kultur (Wiederholung; Sonntag, 17.5., 15 Uhr).