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Diese Reise sollte für Emsy nicht die letzte sein. Emsy war ein Zigeuner, der die Freiheit liebte. Er hielt Tina auf Trab, die ihn unentwegt suchen durfte. Sein ehemaliges Lieblingsrevier, die Firma Roche, trat an zweiter Stelle. Er beobachtete, dass im nahe gelegenen Einkaufszentrum ein Umbau gemacht wurde. Es entstand ein grosses Gartencenter mit Hochregalen und vielen, vielen Blumentöpfen. Es roch dort herrlich nach Frühling. Leute gingen den ganzen Tag ein und aus. Das Areal wurde von einem hohen Maschenzaun umgeben, der für Emsy jedoch kein Hindernis darstellte. Wenn Emsy sich etwas duckte, konnte er ohne Probleme unter dem Zaun durchkriechen. Tagsüber stand sowieso der Eingang offen, durch den er frühmorgens schon mit hocherhobenem Schwanz stolzierte. Meistens legte er sich unter die Blumentröge, die auf beweglichen Hochgestellen auf Käufer warteten. Diese Gestelle boten Schatten und dienten zudem als Regenschutz. Wollte Emsy seine Ruhe haben, legte er sich auf ein Hochregal oder in einen riesigen Terracotta-Blumentrog. Es gab auch gemauerte Gartengrille, die ihm ein Dach über den Kopf boten. Er wurde zum Liebling der Gartencenter-Kunden. Die Kundschaft liebte ihn, wie er sich wohlig auf den Rücken rollte und alle Viere von sich streckte. Er wurde von allen Seiten gestreichelt und bewundert. Dies war die Welt, die Emsy liebte; hier war er im Mittelpunkt und konnte zeigen, was er alles zu bieten hatte. Die Kassiererinnen kannten ihn bereits und lachten über sein freundliches und zutrauliches Wesen.
Von Zeit zu Zeit kam Tina vorbei, um sich nach dem Streuner zu erkundigen. Manchmal, besonders in lauen Sommernächten, übernachtete Emsy im Gartencenter und ging nicht nach Hause. Dann machte Tina sich Sorgen und erkundigte sich im Gartencenter, ob er immer noch da war.
Es war ein herrliches Leben für Emsy. Er war den Leuten ganz nahe, die ihn liebkosten und sich über ihn wunderten. Sicher gab es in der ganzen Region kein anderes Gartencenter, das einen eigenen Hauskater besass. Wenn ihn der Hunger plagte, nahm er den kleinen Weg von 200 Meter auf sich und trabte nach Hause. Dort standen viele Töpfchen mit Leckereien, selbst dann, wenn Tina bei der Arbeit war. Dann schlug er sich den Bauch voll und schlenderte wieder zurück ins Gartencenter. An Feiertagen und Sonntagen langweilte sich Emsy. Dann kamen keine Leute vorbei und er sass einsam unter den Blumen und Gemüsesetzlingen.
Eines Tages beschloss er, den freien Tag zu nutzen, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Er folgte der alten Spur zur Firma Roche, liess diese aber mit hocherhobenem Kopf links liegen. Hinter diesem Gelände befand sich eine Fabrik. Die Tür zur Lagerhalle stand offen und Emsy streckte den Kopf hinein. Hier war es laut und heiss. Die Maschinen liefen auf Hochtouren. Da entdeckte er eine Maus, die quer durch die Halle rannte. Nichts wie hinterher, dachte er. Mit einem grossen Satz sprang er in Richtung Mausloch, wo die kleine graue Maus verschwand. „Welch Frechheit“, dachte Emsy, „warte nur, ich werd es dir zeigen“. Die Angestellten schauten Emsy mit verwundertem Gesicht an. Wie konnte ein Kater so gelassen mitten durch die lauten Maschinen spazieren? Emsy beschloss, ein paar Tage hier zu verbringen. Er wollte den Mäusen zeigen, wer hier der Meister war. Die Fabrikangestellten waren froh über Emsy, der ihnen innert kurzer Zeit den Mäusebestand redimensionierte. Eines Tages stand Tina da und nahm Emsy mit nach Hause. So stand er wieder vor seinen Töpfchen, die voller Leckereien waren. Er blieb zwei Tage und zwei Nächte und machte sich dann wieder auf zum nächsten Abenteuer.
Neben der Fabrik, in der er ein paar Tage zu Gast war, ging eine Strasse abwärts Richtung Fluss. Sie führte ins Industriegebiet. Dies war eine Gegend, die Emsy noch nicht kannte und die ihn unheimlich neugierig machte. Er wollte unbedingt wissen, was sich hinter den verschiedenen Toren verbarg. Eines Morgens, nachdem er sich einen dicken Bauch angefressen hatte, stiefelte er davon. Es war ein langer Weg und Emsy musste aufpassen, dass Tina ihn nicht entdeckte, bevor er sein Ziel erreicht hatte.
Das erste Tor im Industriegebiet stand offen. Hier lagerten Autoreifen in allen Grössen und Marken. Sie waren zu hohen Bergen aufgestapelt und auf Paletten befestigt. Emsy konnte auf ihnen rumturnen, durch sie durchspringen und die Krallen daran wetzen. Zwei junge Männer beluden einen LKW und kümmerten sich nicht um ihn. So legte er sich in einen Reifenstapel und schlief den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht. Der Bauch war voll, kein Hunger plagte ihn. Am kommenden Morgen, als die Arbeiter das grosse Tor zum Lager öffneten, stand Emsy mit verschlafenem Blick vor ihnen. In diesem Lager blieb er zwei Tage, dann hatte er alles gesehen, was er sehen wollte. Am zweiten Abend stellte ihn der Arbeiter vor die Tür. Na ja, das war ja nicht so schlimm. Es gab noch etliche andere Tore, hinter denen Emsy neue Abenteuer vermutete. Bei Anbruch der Dunkelheit machte er sich auf den Weg zum nächsten Gebäude.
Er musste die Strasse überqueren. Da hörte er plötzlich ein Quietschen. Ein Fellbündel flog durch die Luft. Es war daraufhin mucksmäuschenstill. Das Auto war davongefahren und Emsy realisierte, dass er das Fellbündel war, das nun am Strassenrand lag. Er verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz am Kopf. Ein klaffende Wunde von der Stirn zum Schnäuzchen überzog das hübsche Gesicht des kleinen Katers. Blut rannte aus der Wunde und lief ihm in die Augen. Der Mund brannte, er verspürte plötzlich unendlichen Durst. Die Glieder waren wie gelähmt und schmerzten ungemein.
In seinem Kopf dröhnte es, und er hörte Stimmen, die ihm bis anhin unbekannt waren. Als er endlich die Augen etwas öffnen konnte, sah er die Lagerhalle, die seine Neugier geweckt hatte. Daneben befand sich ein Bürogebäude mit einem erhöhten und gedeckten Eingangsbereich. Dort wollte er hin und sich etwas erholen. Er schleppte sich mit letzter Kraft die Treppe hinauf und legte sich vor dem Eingang auf den Teppich. Dann wurde er bewusstlos. Erst gegen Morgen wachte er wieder auf. Die Schmerzen waren noch immer da, doch konnte er sich kaum mehr daran erinnern, was eigentlich passiert war. Er wollte aufstehen, doch versagten seine Beine den Dienst.
Eine Stunde später kamen ein paar junge Damen, die in diesem Büro arbeiteten. Sie entdeckten den verletzten Kater und nahmen ihn zu sich. Sie organisierten etwas Futter und reinigten seine Wunde. Es war warm und ruhig im Büro. Emsy legte sich unter das Pult und schlief sofort ein. Die Sekretärinnen hatten grosses Mitleid mit dem kleinen Tier, das sich bei ihnen vor den Eingang gelegt hatte. Sie wussten nicht, woher er kam und wohin er gehörte, erkannten aber sofort, dass es Hilfe brauchte.
So blieb Emsy zehn Tage dort. Tagsüber durfte er im Büro schlafen und erhielt regelmässig Futter. Am Abend ging er raus in die frische Luft und verbrachte die Nächte in der freien Natur. Punkt sechs Uhr stand er wieder am Eingang und wartete auf seine Retter.
Dennoch stimmte etwas nicht mit Emsy. Er war zwar froh, dass er hier gut aufgehoben war, doch war ihm nicht klar, wohin er eigentlich gehörte und was passiert war. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie es zu diesem Unfall gekommen war.
Nach zehn Tagen stand eine Frau am Eingang, die Emsy voller Mitleid betrachtete. Sie war geschockt über die Narbe, die sein Gesicht noch immer entstellte. Sie nahm ihn auf die Arme und drückte ihn fest an sich. Emsy liess alles mit sich machen, konnte sich aber nicht erklären, was sie eigentlich von ihm wollte. Er erkannte Tina nicht mehr, die sich grosse Sorgen um ihn gemacht hatte. Er wusste nichts davon, dass sie tagelang durch die Induestriegebäude gefahren war und nach ihm gesucht hatte. Sie hatte erfahren, dass er sich zwei Tage im Reifenlager einquartiert hatte, konnte ihn aber nirgendwo finden. Sie fuhr mit dem Fahrrad durch die Gegend und rief nach ihm, jedoch ohne Erfolg. Er konnte nicht wissen, dass sie in einer Nacht- und Nebelaktion alle Firmen des Industriegeländes angeschrieben hatte und eine Suchmeldung nach Emsy gefaxt hatte. Auch ahnte er nichts davon, dass seine Retterinnen Tina informiert hatten.
Sie nahm Emsy ins Auto und fuhr nach Hause. Als er dort ausstieg, war er sich nicht sicher, ob er schon mal hier war. Es standen viele Autos in Reih und Glied nebeneinander. Er schaute die Frau, die ihn hier hergebracht hatte, mit verwunderter Miene an. Sie ging zielstrebig auf einen Garten zu, der kaum zehn Meter vom Parkplatz entfernt war.
Als Emsy vor der Hecke stand, hörte er eine Katzenstimme, die seinen Namen rief. Er ging in Richtung Stimme und stand vor einer Katzentüre, hinter der es nach frischem Fleisch roch. Da musste er rein, das war klar. Emsy stiess die Türe mit seiner verletzten Stirn auf. Da stand sie nun, die kleine Smokie, die sich so nach ihm gesehnt hatte. Sie begrüsste ihn wild und schaute ihm zu, wie der die Näpfe leerfrass. Dann legte er sich auf das Sofa und Smokie setzte sich dicht neben ihn. Sie leckte ihm mit ihrer rauen Zunge das Gesicht und die Narbe, die noch immer gut sichtbar war. Er erzählte ihr, was ihm passiert war, mindestens das, woran er sich noch erinnern konnte. Irgendwie hatte er das Gefühl, schon mal hier gewesen zu sein. Zudem war die kleine Katzendame eine Schönheit, die ihn aufs Neue faszinierte. Sie mochte ihn, das stand fest, denn sonst hätte sie ihn nicht so sehnsüchtig erwartet.
Emsy blieb nur kurze Zeit bei Tina. Er musste sich hier etwas genauer umsehen und herausfinden, ob er wohl hierhin gehörte. Er überquerte die kleine Strasse, die vor Tinas Wohnung lag, und bog in einen Park ein. Smokie folgte ihm stumm. Ein Nachbarskater gesellte sich zu ihnen. Auch er wunderte sich über die Ruhe, die Emsy ausstrahlte. Er war sich sicher, hier stimmte etwas nicht. So zeigten Tinas Katzen Emsy seine neue/alte Welt. Sie wussten, dass Emsy Hilfe brauchte und standen ihm zur Seite.
Als Emsy alles beschnuppert und getestet hatte, fühlte er sich wohler. Es kam ihm alles doch irgendwie bekannt vor. Er zottelte zum nahe gelegenen Gartenzenter, wo er vor seinem Ausflug viele Stunden verbracht hatte. Als er die Pflanzen sah und die Hochgestelle, auf denen er sich immer ausgeruht hatte, fühlte er sich wohl. Er begrüsste die Kassiererin mit einem lauten Miau. Sie freute sich, Emsy wiederzusehen, denn auch ihr war seine Abwesenheit aufgefallen.
Auch das nahe gelegene Feld wurde von Emsy unter die Lupe genommen. Hier roch es vertraut nach Feldmäusen. Den ganzen Tag hindurch versuchte er sich zu konzentrieren. Tinas Stimme ging ihm nicht aus dem Sinn. Sie klang so vertraut und dennoch fremd.
Erst gegen Mitternacht kam Emsy zu Tinas Wohnung zurück. Auch sie wurde mit lauter Stimme begrüsst. Tina war froh, Emsy wohlauf anzutreffen. Sie hatte sich Sorgen gemacht, dass Emsy nicht mehr wusste, dass er hierher gehörte. Dass er nun unaufgefordert nach Hause kam, war für sie ein positives Zeichen. Sie musste ihm Zeit lassen, er würde sich schnell wieder einleben, das hoffte sie fest.
Auch am kommenden Tag streifte Emsy durch die Felder. Bekannte Gerüche stiegen ihm in die Nase. Am Abend ging er zu Tina zurück und zu den Näpfen, die prallgefüllt mit leckerem Fleisch waren.
Tina betrachtete den kleinen Kater, der viel zu ruhig war. Sie wusste, dass er noch nicht wieder gesund war. Seit sie ihn in dieser Firma abgeholt hatte, kam kein einziges Schnurren aus seiner Kehle. Dies war für Emsy sehr erstaunlich, konnte er doch alle Weltrekorde im Schnurren brechen. Zudem war er ängstlich, eine Art, die sie von Emsy nicht kannte. Bis anhin war er unerschütterlich, hatte vor nichts und niemandem Angst.
Tina legte den schlafenden Kater ins Bett neben sich, damit er sich an ihren Geruch gewöhnen konnte. Dort lag er nun, zusammengerollt und schlief wie ein kleines Kind. „Emsy, Emsy“, dachte sie „solche Ausflüge können eines Tages dein Untergang sein“. Sie schliefen beieinander und hofften, dass jeder neue Tag die Heilung voranbringen würde. Und allmählich ging es Emsy besser. Je weniger es in seinem Kopf dröhnte, desto besser konnte er sich an das Vergangene erinnern. Er realisierte, dass dies sein Zuhause war und dass die Katzen und Tina seine Freunde waren. Nach kurzer Zeit war Emsy wieder der alte. Seine Neugier war wiedergekommen. Es war klar, sobald er wieder voll auf den Beinen war, würde er die nächste Erkundungstour in Angriff nehmen.
So ging es nicht lange und Emsy blieb erneut verschwunden. Tina konnte sich gut vorstellen, wo er war. Sicher war er ins Industriegelände zurückmarschiert zu seinen neuen Freundinnen. Sie war nicht erstaunt, als eines Tages eine Faxnachricht zu Hause lag, in der die Freundinnen berichteten, dass Emsy sie besuchen kam. Sie hatten grosse Freude an ihm. Wie nach seinem Unfall durfte er den ganzen Tag im Büro verbringen und auf den Kisten unter dem Pult liegen. Sie stellten ihm Futter und Wasser hin und verwöhnten ihn. Am zweiten Tag informierten sie Tina, die ihn abholen kam. Emsy war bis auf die Narbe im Gesicht wieder der alte geworden. Er hatte aus dem Unfall zwar gelernt, sich von den Autos etwas fern zu halten, doch die Abenteuerlust war zurückgekehrt.
So musste Tina ihn gut im Auge behalten, damit sie wusste, wo er sich so rumtrieb. Es durfte nicht mehr passieren, dass sie erst nach Tagen realisierte, dass er eigentlich gar nicht nach Hause kam. Oft fuhr sie über den Mittag zur Firma Roche, wo Emsy sich öfters rumtrieb. Entdeckte sie ihn, wenn er mitten im Feld nach einer Feldmaus schnappte und ihn rief, stellte er die Ohren und rannte mit grossen Schritten auf Tina zu. Wenn die Autotür offen stand, sprang er hinein und wartete, bis Tina sich ans Steuer setzte. Er sprang ihr auf den Schoss und schnurrte ihr wild in die Ohren. Erst wenn sie ihn ausgiebig gestreichelt hatte, verzog er sich in den hinteren Teil des Autos, wo er den Ueberblick auf die Umgebung hatte. Sie fuhr ihn nach Hause, wo er ausgiebig zu Mittag frass. Er kannte zwar den Weg zurück, doch gefiel es ihm besser, wenn er mit dem Auto nach Hause kutschiert wurde. Nobel, nobel, dachten die Nachbarn, als Emsy mit hochgestelltem Schwanz aus dem Auto kletterte.