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Ein einzelner Mensch kann Berge versetzen, wenn er seinen Mitmenschen helfen will
Sie begann mit ihrer bahnbrechenden Arbeit in den 1950er Jahren in Kalifornien. Damals mussten hörbehinderte Kinder in Taubstummenanstalten dahin vegetieren, weil sie als „dumm“ galten und sie niemand adoptieren wollte. Man glaubte, „taubstumme“ Kinder würden so geboren werden und man könnte daran nicht viel ändern, etwa so wie man heute noch glaubt, man würde als Genie geboren werden. Man wusste nicht (mehr), dass der Wiener Ohrenarzt Viktor Urbantschitsch bereits um 1900 versucht hatte, vorhandene Hörreste bei sogenannt taubstummen Kindern durch die von ihm entwickelte „Hörgymnastik“ physisch zu verbessern (erste Hörerziehungsbewegung).
Neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Menschen
Selbst in der Fachwelt waren folgende Zusammenhänge kaum bekannt: „Taube“ Säuglinge verfügen über ein Restgehör, das in den ersten Lebensmonaten „trainiert“ werden muss, damit es sich normal entwickelt. Nur dann können “Stumme” die Sprache erlernen. Und beides zusammen bildet die notwendige Voraussetzung dafür, dass sie nicht „dumme“ „Taubstumme“ bleiben, sondern dass eine normale kognitive Entwicklung stattfindet. Aufgrund dieser Unkenntnis kam es auch niemandem in den Sinn, bei allen Neugeborenen einen Hörtest zu machen. Erst mit der verbesserten Audiometrie in den 1980er Jahren konnte man den wissenschaftlichen Nachweis erbringen, dass 97 % der Schüler in Gehörlosenschulen genügend Hörreste hatten, um von Hörgeräten und Spracherziehung profitieren zu können.
Fortschritte der Hörgerätetechnologie eröffnen ungeahnte Möglichkeiten
Ab 1952 kamen erstmals Hörgeräte auf Transistorbasis auf den Markt, die dank Miniaturisierung nur noch die Grösse einer Zigarettenschachtel hatten. Obwohl damit auch kleinere Kinder versorgt werden konnten, durfte man nach gängiger Meinung den Kindern erst ab sechs Jahren Hörgeräte einsetzen. Als Griffiths begann, die herrschende Meinung aufgrund ihrer Beobachtungen in der Praxis in Frage zu stellen, wurde sie ausgerechnet von den Menschenfreunden (Philanthropen) und der Fachwelt bekämpft. Mitkämpfer, die ähnliche Erfahrungen, wie sie machten, musste sie auf der ganzen Welt suchen. 1954 liess sie sich bei Edith Whetnall an der Audiology Unit des Royal National Throat, Nose ans Ear Hospital in London in Pädaudiologie ausbilden. Dort konnte sie erstmals beobachten, wie gehörlose Kinder mit einer Hörverstärkung, kombiniert mit einer Lautspracherziehung (auditiv-verbale Erziehung), normal sprechen lernten, wenn man damit in den ersten drei Jahren begann.
In den 1950er Jahren begann sie bei gehörlosen Babys und Kleinkindern bilaterale Vollzeithörverstärkung (zwei Hörgeräte) anzuwenden. Bereits einmonatige Babys erhielten von ihr Hörgeräte. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen zeigten, dass das Restgehör so optimiert werden konnte, dass es die Integration in die natürliche Umwelt und in die Regelschule ermöglichte.
Bei der Versorgung von gehörlosen Säuglingen mit bilateralen Hörgeräten entdeckte Griffiths 1956 zu ihrem grossen Erstaunen, dass die Hörgeräte nach ein paar Monaten abgesetzt werden konnten, weil die Säuglinge inzwischen eine normale Hörfähigkeit entwickelt hatten und die Hörgeräte nicht mehr tragen wollten. Das erste dieser Babies war der vier Monate alte, als taub diagnostizierte Glen, der tags und nachts nie länger als 15 Minuten am Stück schlief. Als er seine Hörgeräte erhielt, schlief er das erste Mal die ganze Nacht durch. Am anderen Morgen wollte er die Milchflasche nicht nehmen, bis man ihm die Hörgeräte eingesetzt hatte. Mit sechs Monaten sagte er sein erstes Wort und mit neun Monaten konnte er normal hören.
Um sich Gewissheit über diese sensationelle Entdeckung zu verschaffen, führte sie von 1969 bis 1973 eine klinische Studie an 21 gehörlosen Säuglingen durch. Diese zeigte, dass 67 % der Säuglinge, die im Alter bis 8 Monate an der Studie teilnahmen und mit Hörgeräten versorgt wurden, eine normale Hörfähigkeit entwickelten, während das bei keinem der Säuglinge, die erst nach 8 Monaten Hörgeräte erhielten, der Fall war. Es gab Ausnahmen, die wegen neuronalen Defekten (Röteln, Meningitis, Vererbung) weiterhin mit Hörgeräten versorgt werden mussten.
Der Otologist Arpad Götze führte am Janos Spital in Budapest, Ungarn, von 1978 bis 1981 eine ähnliche Studie durch mit dem Ziel, Griffiths Studie zu widerlegen. Bei der mit 68 gehörlosen Säuglingen durchgeführten Studie konnten 51 (75 %) eine normale Hörfähigkeit entwickeln, die übrigen 17 hatten gehörlose Eltern oder erhielten ihre Hörgeräte erst nach 8,5 Monaten. Damit hatte Götze wider Erwarten, die Ergebnisse von Griffiths bestätigt und sogar übertroffen.
Neugeborenen-Hörscreening ermöglicht frühe erfolgreiche Intervention
Als Griffiths erkannte, dass die ersten Lebensmonate entscheidend für eine normale Hörentwicklung waren, begann sie sich ab 1964 für allgemeine Hörtests bei den Neugeborenen einzusetzen. Sie erstellte den Blueprint für Kaliforniens erstes Neugeborenen-Hörscreening von 1966 und setzte alles daran, dass der Staat Kalifornien 1998 ein Gesetz erliess, das das Hörscreening bei der Geburt obligatorisch machte. Gehörlosigkeit ist einer der am häufigsten auftretenden Geburtsfehler, von dem etwa 3 von 1000 Säuglingen betroffen ist.
Sie entwickelte Hilfsmittel und Techniken zum Testen von Neugeborenen auf Hördefizite und erwarb dafür 1975 ein United States Patent. Diese Testverfahren waren vor allem für gehörlose Säuglinge unter acht Monaten wertvoll, weil damit eine Hörgeräteversorgung vor der kritischen Periode von acht Monaten möglich war, was der Mehrzahl von ihnen innert Monaten eine normale Hörentwicklung ermöglichte. Das Neugeborenen-Hörscreening ist heute in vielen Staaten zur Routine geworden.
Hören und Sprechen lernen wie alle anderen Kinder
In dem von ihr 1954 gegründeten Hörcenter konzentrierte sie sich nicht nur auf individuelle Sprachtöne, sondern entwickelte die Geschwindigkeit, den Rhythmus und die Sprache. Sie wusste, wenn ein gehörloses Kind mit Hilfe von Hörgeräten während der Reifeperiode der Sprachentwicklung bis etwa 3,5 Jahre Hören lernte, würde es auch die Sprache auf natürliche Weise (wie die Hörenden) entwickeln. Sie machte die Erfahrung, dass das frühe Hörscreening und die unmittelbare Anwendung von verbesserten Hörgeräten mit starker und anpassungsfähiger Verstärkung gehörlosen oder schwerhörigen Kindern erlaubte, ein Teil der hörenden Welt zu werden. Sie setzte sich auch für den intensiven Einbezug der Eltern ein, damit sich diese informierten, engagierten und bei der Hörerziehung konsequent mithalfen. Die Anwendung von Griffiths „Auditory Ansatz“ wurde – obwohl zu der Zeit vom medizinischen Establishment als „Scharlatanerie“ verspottet – zu einer Standardanwendung in den amerikanischen Spitälern. Das Hear Center erhielt internationale Anerkennung für seine Innovationen und die umfangreichen Test- und Therapieprogramme.
Griffiths Ansatz der frühen Hörbildung und Sprachanbahnung bei gehörlosen und hörgestörten Säuglingen und Kleinkindern und ihre Integration in die Welt der Sprechenden mit Hilfe der Eltern hat seither unzähligen gehörlosen Kindern eine neue Chance eröffnet, durch eine normale Sprache an der Welt der Gesunden teilzunehmen und in gleicher Weise lernen und mittun zu können.
„Gehörlose Kinder erinnern mich an Schmetterlinge: Zuerst eingekapselt in einem Kokon tiefer Stille, den sie nicht selber gemacht haben, und dann, wenn Töne und Kadenzen der Liebe sie erreichen, entfalten sie sich in all ihren individuellen Farben, in weichen oder brillanten Schattierungen.“
– Ciwa Griffiths: Come Out, Little Butterfly
Zu Ciwa Griffiths
Sie war das neunte von zehn Kindern (ihr Vorname bedeutet Neun in der Fidschi-Sprache). Ihre Mutter, eine Frauenrechtlerin und Pazifistin, wurde in Texas und ihr Vater auf Fidschi geboren. Ihr Schwiegervater, George Littleton Griffiths (* 1844 Woolwich, England – 1908 Suva, Fidschi) hatte 1869 in Levuka die Fijji Times gegründet, wo die Mutter als Reporterin arbeitete und die Leitartikel schrieb. Die Familie lebte in Suva, Sydney, Brisbane, Texas, Kalifornien und erlebte die harte Zeit der beiden Weltkriege und die Grosse Depression. Sie erwarb ihren Bachelor of Arts 1932 am San Francisco State College.
1937 begann sie in einer Einzimmerschule in Monterey County zu unterrichten, wo ein gehörloses Kind den Anstoss gab, dass sie sich der Gehörlosenpädagogik zuwandte. 1940–1941 studierte sie an der Clarke School for the Deaf in Massachusetts und machte den Master of Sciences an der University of Massachusetts. Sie bildete sich 1954 bei Edith Whetnall an der Audiology Unit des Royal National Throat, Nose and Ear Hospital in London in Pädaudiologie weiter. 1954 gründete sie die Hear Foundation in Eagle Rock, Los Angeles, Kalifornien. 1955 erwarb sie den Doktortitel für Pädagogik an der University of Southern California. In den 1970er Jahren organisierte sie die weltweit ersten zwei internationalen Konferenzen über die Anwendung der Hörtechnologie für gehörlose Kinder. Daraus entstand eine neue Organisation, die Auditory-Verbal International (AVI) (heute: AG Bell Akademie). Ehrungen: 1978 The World Who’s Who of Women. Das Hear Center führt ihre Arbeit bis heute weiter.
Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=iGDDfBvnje4, Introduction to the Hear Center in Pasadena, CA
Ciwa Griffiths: HEAR: A Four-Letter Word. Autobiografie und Geschichte der Gehörlosenerziehung. Wide Range Press 1991, ISBN 0963070908
Ciwa Griffiths: One out of ten. Autobiografie, Wide Range Press 1993, ISBN 0963070959
Armin Löwe: Hörgeschädigtenpädagogik international. Geschichte – Länder – Personen – Kongresse. Eine Einführung für Eltern, Lehrer und Therapeuten hörgeschädigter Kinder. HVA Schindele, Heidelberg 1997, ISBN 3-89149-183-2
Daniel Tibussek: Einfluß frühkindlicher Hörstörungen auf die Reifung der Frühen Akustisch Evozierten Potentiale (FAEP). Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Köln 2002