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Allerdings wird hier auch über die persönlichen Vorlieben des Autors berichtet, über seine Bewunderung für Darwin (seine einleitende Skizze über dessen botanische Arbeiten ist eine wunderbare Hommage an den Begründer der Evolutionstheorie) oder Sigmund Freud (ein Kapitel, das sich sehr sperrig liest) und über allgemeine neurobiologische Probleme. Er analysiert etwa die Geschwindigkeit des menschlichen Denkens und Lebens und erwägt die Konsequenzen eines beschleunigten bzw. extrem verlangsamten Daseins (für beide Bereiche führt Sacks zahlreiche Fallbeispiele an, so erleben an Parkinson erkrankte Patienten ihre Umwelt – teilweise – wie in Zeitlupe). Oder er stellt die Frage nach dem Bewusstsein bzw. nach einem Kriterium, anhand dessen wir einem Lebewesen ein solches Bewusstsein zugestehen. Da wir dem Menschen unzweifelhaft Geist bzw. Bewusstsein konzedieren, es aber den meisten Pflanzen oder einzelligen Lebewesen abzusprechen pflegen (wobei es durchaus Argumente gibt, auch sehr einfach Lebensformen mit “Geist” auszustatten), muss irgendwo zwischen Amöbe, Löwenzahn und Homo sapiens der Übergang von bewusstlos zu bewusst erfolgt sein. Je länger man sich diesem Problem widmet, desto unsicherer wird man bezüglich der Sicherheit, mit der man über das Vorhandensein von Bewusstsein entscheidet.
Andere Kapitel beschäftigen sich mit der Fehlbarkeit unseres Gedächtnisses, das zwar einerseits für die Kontinuität der Person unerlässlich ist, dem man aber keineswegs trauen kann (so kennt fast jeder aus eigener Erfahrung Geschichten aus seiner Kindheit, die er erlebt zu haben glaubt, aber definitiv nicht erlebt haben kann: Sacks beschreibt selbst ein solches Ereignis, einen Bombenabwurf auf London, den er aber nachweislich nur von seinem älteren Bruder anschaulich geschildert bekam. Das Erinnerungsvermögen selbst aber vermag nicht zwischen solchen imaginierten und tatsächlichen Erlebnissen zu unterscheiden.) Oder mit akustischen Fehlleistungen, denen Sacks aufgrund seiner eigenen Altersschwerhörigkeit nachzugehen beschloss: Hier wird deutlich, wie stark unser Gehirn Sinn konstruiert und die Geräuschfolgen – auch wenn sie kaum interpretierbar sind – mit Bedeutung versehen. (Sehr schön beschreibt dies auch Dawkins im “Gotteswahn”, wenn er als Kind aus dem durch das Schlüsselloch pfeifenden Wind eine verständliche Botschaft rekonstruiert. Das Gehirn versucht auch aus völlig kontingenten, unorganisierten Sinneseindrücken Sinn zu erzeugen, so in der Dämmerung oder bei Zwielicht – wo sich denn auch die Geistererscheinungen häufen.) Dabei kritisiert Sacks die Freudschen Fehlleistungen als viel zu einseitig, “ver”hören ist ein sehr viel komplexerer Prozess als das Bewusstwerden/machen einer Verdrängung.
Ein wiederkehrendes Thema ist im Zusammenhang mit den Erinnerungen das nach dem Schöpferischen im Menschen. Sacks vertritt nachdrücklich die Ansicht, dass eigentlich alles von Menschen Produzierte zu einem Gutteil Plagiat ist, dass wir alle – z. B. in wissenschaftlicher Hinsicht – auf den Schulter von Riesen stehen (auch wenn wir das nicht immer wahrhaben wollen), dass aber auch Kunst immer auch das Produkt eines Lebens ist, das sich mit Kunstwerken aller Art auseinandersetzt und diese in eine vielleicht andere, neue, immer aber von dem bereits Konsumierten beeinflusste Form bringt. Der Lernen, Nachahmen, Nachäffen (man zeige nur einem kleinen Kind einmal die Zunge) scheint für die kulturelle Entwicklung des Menschen von ungeheurer Bedeutung (Mimikry erfolgt auf sprachlicher, emotionaler oder Verhaltensebene und häufig unbewusst).
Ein sehr angenehm zu lesendes, informatives Buch, in dem Sacks auch den Umgang mit seiner tödlichen Erkrankung thematisiert – und zwar auf bewundernswert nüchterne und doch sehr eindrückliche Art und Weise. Ich werde wohl einiges von ihm wieder- oder neu lesen: So ist mir seine späte Autobiographie ebenso unbekannt wie seine Jugenderinnerungen (Onkel Wolfram).
Oliver Sacks: Der Strom des Bewusstseins. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2017. (ebook)

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