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Laurenz Bolliger
2002
DER NACHHAUSEWEG
von Laurenz Bolliger
Für gewöhnlich verliess Jean Matter sein Büro um viertel nach fünf. Wenn er zügig ging und seine über die Jahre ausgetüftelte Idealstrecke einhalten konnte, reichte es ihm ganz gut auf das Neunundzwanzignach-Tram. Er setzte sich auf einen Einzelsitz, nahm seine Ledermappe auf die Knie, schaute aus dem Fenster und fuhr bis zur Endstation. Von da waren es noch gegen die vierhundert Meter bis nach Hause: Eine Strasse hinunter, dann schräg über eine Querstrasse, geradeaus und noch einmal rechts. Nach der letzten Biegung konnte er sein Haus bereits von weitem erkennen, wie es im sommerlichen Abendlicht weiss und stolz den Abschluss einer langen Reihe markierte, und im Winter hinter den Fenstern die Lampen längst brannten, und seine Frau Aline das Abendessen zubereitete. Diesen letzten Abschnitt des Heimwegs ging Jean Matter meist etwas schneller, es war ihm, als könne er das Essen schon riechen.
Seit vierzehn Jahren beschloss Jean Matter seine Arbeitstage auf diese Weise. Der Weg gehörte zum Alltagsleben wie die schlechte Laune von Herrn Schaltenbrand, seinem Vorgesetzten, oder der Filterkaffee um zehn. Jean Matter machte sich auch sozusagen nie Gedanken dazu, nur manchmal, wenn im April die Quartiergärten zu blühen begannen, die Kirschbäume und die farbigen Hecken, und die Nachbarskinder auf der Strasse spielten, dachte er, dass er seinen Nachhauseweg ganz gerne mochte, auch im Sommer und im Herbst gab es schöne Tage und im Winter war der Gehsteig an einigen Stellen vereist. Er ging dann besonders vorsichtig, regte sich aber ungeheuer auf, denn es war eigentlich Sache der jeweiligen Bewohner eines Reihenhauses, den an ihr Grundstück angrenzenden Abschnitt des Gehsteigs vom Schnee freizuschaufeln und allenfalls zu salzen. Das letzte Stück seines Wegs legte er an eisigen Wintertagen auf der Strasse zurück. Auf die Familie vom Eckhaus gegenüber war leider kein Verlass: An manchen Tagen glich der Gehsteig vor ihrer Garage einem Schlittschuhfeld. Er hatte sich schon ein paar Mal überlegt, Herrn Schaltenbrand zu fragen, was man unternehmen könnte in einem solch heiklen Fall. Herr Schaltenbrand kennt sich mit dergleichen Dingen aus, er ist Jurist, dachte er, mit Fällen wie diesen verdient er sein Brot. Aber er konnte sich nie durchringen, Herrn Schaltenbrand zu fragen. Im übrigen waren es selten mehr als achtzehn oder zwanzig Tage im Jahr, an denen der Gehsteig rund um das Anwesen des Eckhauses von gegenüber vereist war, und Jean Matter sagte sich, was sind denn achtzehn oder zwanzig Tage von dreihundertfünfundsechzig.
In der Adventszeit achtete er nicht aufs Eis, so gross war nämlich seine Freude, wenn er schon von weitem die Weihnachtstanne, seine Weihnachtstanne, im Vorgarten erblickte: Seit zehn Jahren schmückte er sie jedes Jahr am ersten Adventssonntag mit wasserdichten und temperaturresistenten Plastikkerzen, und seit zehn Jahren freute sich das ganze Quartier mit ihm über die schiere Pracht. Ja, es stimmt, Jean Matter war der erste, der den tristen Winteralltag mit fröhlichen Kerzen im Vorgarten aufgehellt hatte und - das soll nicht unerwähnt bleiben - er hat dafür manches Kompliment eingeheimst. Seit ein paar Jahren allerdings bereitet ihm seine Tanne nicht mehr dieselbe Freude, rundherum blinkt und blinzelt es in allen Gärten und hinter allen Fenstern: Sterne, Herzen, Schlitten, Engel überall. Und trotzdem hat Jean Matter auch in diesem Winter bei windigen Minustemperaturen am ersten Sonntag im Dezember seine Kerzen auf der Tanne arrangiert und sich am Abend darüber gefreut. Meine Tanne hat immerhin Tradition, sagte er sich, und schaute lange und zufrieden in die Lichter.
Vier Tage danach brannten sie nicht mehr. Jemand hatte das Kabel durchgeschnitten. Als Jean Matter an diesem Tag von der Arbeit nach Hause kam und sah, was geschehen war, spürte er, wie sich eine Kälte in seinem Körper breit machte und ihm das Wasser in die Augen schoss. Er nahm ein paar Stücke Karton und schrieb mit dickem schwarzen Filzschreiber eine Mitteilung an die Passanten: Wegen Vandalismus brennen die Kerzen in diesem Jahr nicht mehr. Wir bitten um Verständnis und wünschen trotzdem allen schöne Weihnachten. Er packte die Kartonschilder in Plastikfolie und hing sie an die Tanne.
Als Jean Matter an einem der kalten Januartage im neuen Jahr aus der Tram stieg, begrüsste ihn die Nachbarin vom gegenüberliegenden Eckhaus. Sie überquerten zusammen die Strasse und schlugen den gemeinsamen Nachhauseweg ein, während sie sich über dies und jenes unterhielten. Er erzählte ihr von der Arbeit, nicht viel, und sie sprachen über ihre Gärten. Schön sah sie aus in ihrem langen Wintermantel und er erinnerte sich, wie er ihr früher manchmal bei der Gartenarbeit zugeschaut hatte an den Samstagnachmittagen, wenn er mit seinen Kindern auf der Strasse herumtollte. Wie sie Unkraut jätete oder Zwetschgen pflückte. Wie sie kräftig den Komposthaufen abtrug und die roten Herbstblätter zusammenrechte, wie sie den Rasen mähte und die Brombeerstauden gekonnt an der Garagenwand hochband. Während seiner ersten Jahre im Quartier hatten sie des öfteren Kontakt, man redete über die Kinder und die Schule. Aber die Kinder waren längst erwachsen und ausgezogen, Jean Matter fragte die Nachbarin, wie es den ihrigen erginge und was sie machten. Es fiel ihm auf, dass er sich gerne mit ihr unterhielt, dass es ihm angenehm war in ihrer Gegenwart, und wie sie zur zweitletzten Ecke kamen, dort, wo er seit vierzehn Jahren schräg über die Querstrasse ging, und sie alsbald nach rechts in die Querstrasse einbiegen würde, dachte er, dass er gerne noch ein paar Schritte an ihrer Seite weiterginge. Freundlich sagte sie, so!, hier trennen sich unsere Wege, und lachte sympathisch und wollte sich gleich verabschieden. Jean Matter überlegte nicht lange, rief, warum, nein!, hob seinen Kopf hastig nach rechts, sagte, ich kann doch auch diesen Weg nehmen, und bog mit ihr in die Querstrasse ein. Er holte tief Luft, liess eine kleine Pause verstreichen und sagte dann in einem fröhlichen Ton, hier schaut alles ganz anders aus, Sie haben wirklich einen hübschen Nachhauseweg. Am vorderen Eingang des Eckhauses angelangt, wechselten sie noch zwei, drei Worte in der abendlichen Winterkälte und verabschiedeten sich. Auf dem Gehsteig lag dünnes Eis.
Am nächsten Tag fiel es Jean Matter etwas schwerer, sich wie sonst auf seine Arbeit zu konzentrieren, jedenfalls bemerkte er, dass er am Telefon zweimal auf Wiedersehen sagte. Er konnte es nicht erwarten, an der Endstation aus der Tram zu steigen und seinen neuen Nachhauseweg einzuschlagen: Statt schräg über die Querstrasse zu gehen, würde er rechts in die Querstrasse einbiegen, diese hinunterlaufen, um dann, am Eckhaus vorbei, dort, wo die Nachbarin wohnt, links in seine Strasse abzuschwenken. Auch von dieser Ecke konnte er sein Haus sehen und das Licht in den Fenstern und die dunkelgrüne Tanne im Vorgarten. Und es war ihm beinahe, als könne er in der frostigen Januarluft sein Abendessen ausmachen.