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Und zwar in gotischer Schrift (Fraktur).
Wer einen halben Tag Zeit hat und ein paar unvergessliche Stunden erleben möchte, dem empfehle ich, einmal in (ur)alten Zeitungen zu stöbern.
Die Ausgaben von alten Zeitungen findet man vielleicht im Stadtarchiv, im Staatsarchiv oder, und vor allem, in der ZB (Zentralbibliothek) in Zürich. Dort kann man sich diese alten Zeitungen gebunden bestellen und in Ruhe in der Bibliothek durchblättern. Der Anzeiger von Uster, beispielsweise, ist diesbezüglich eine sehr interessante Zeitung, er erschien ab Mitte des 19. Jahrhunderts jede Woche mit sechs Ausgaben. Und zwar ist er sehr kurz, er bestand normalerweise täglich aus vier Seiten, also zwei Blättern, mit Nachrichten aus aller Welt, aus dem In- und Ausland, von der weiten Welt und denjenigen vor dem eignen Haus, (Werbe-) Anzeigen und selbstverständlich den amtlichen Nachrichten, den Amtsblatt-Veröffentlichungen der Gemeinden.
Ich fuhr also nach Zürich, und die Stunden, die ich dort im 4. Untergeschoss der ZB zubrachte, gehören mit zu den amüsantesten und unterhaltsamsten meiner gesamten Recherche zur
Familienforschung. Man findet in den Anzeigern Geburtsanzeigen, Todesanzeigen und Beerdigungshinweise und Eheverkündigungen. Man muss aber wissen, dass Geburtsanzeigen sehr unregelmässig
erscheinen, vielleicht nur jedes Vierteljahr, Eheverkündigungen werden einigen Wochen vor dem dem Heiratsdatum, das einem bekannt ist, veröffentlicht, weil es die Verkündigung ist, dass zwei sich
verheiraten wollen und falls jemand Einwände hat, kann er sich dann noch melden ("oder für immer schweigen"). Und somit sind die Todesanzeigen und die Beerdigungsnachrichten die besten Meldungen,
die man finden kann. Sie sind am aufschlussreichsten von allen amtlichen Nachrichten. Mit dem Prädikat "besonders wertvoll" versehen sind sie, weil man dort zwei Sachen findet: erstens ein
Hinweis zur Todesursache - "nach langer, geduldig ertragener Krankheit" oder "er wurde jä aus dem Leben gerissen" - und die andere wichtige Information sind die Namen der Hinterbliebenen (die
Angehörigen), also welche Kinder haben wen geheiratet (wichtig wegen dem Namenswechsel der Töchter). Manchmal steht auch eine Adresse in der Todesanzeige, welche die Angehörigen aufgegeben haben,
die Traueradresse. Die Adresse, an welcher der Verstorbene wohnhaft gewesen war, steht andrerseits oftmals bei den von der Gemeinde geschalteten Inseraten zu den Beerdigungen.
Nun zur Erklärung, weshalb einen alte Zeitung auch noch spannend udn unterhaltsam sein soll: aus den damaligen (Werbe-) Anzeigen erfährt man viel über das Leben von früher. Und viele Nachrichten aus aller Welt, die ich in Ausgaben der Zeitung um die Jahrhundertwende 1900 gelesen habe, hätten auch in einer Ausgabe von heute aus dem Jahr 2015 veröffentlich werden können, so aktuell sind sie, immer dieselben Kriegsberichte, dieselben Empörungen, dieselben Meldungen über Unglücksfälle und Verbrechen… die Anarchisten von damals werden heute einfach Terroristen genannt, die Kriegsschauplätze ändern minim die geographische Lage (wenn überhaupt), die Hungersnöte, die damals von Russland bekannt waren, finden heute in Afrika statt (und wer aktuell an die riesigen Flüchtigsströme denkt, findet in Jahren nach dem ersten Weltkrieg ein Pendant vermutlich noch grösseren Ausmasses, und aus dieser Katatrophe entstand damals auch der Pass für Staatenlose, der sogenannte "Nansen-Pass" - aber dazu mehr in einem späteren Blog). Und dann gibt es gerade in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende und dem ersten Weltkrieg aber auch viele Neuerungen: neue Strecken wurden von Schnellzügen befahren (von Moskau nach Sibirien), es gibt neuerdings elektrische Kochherde, welche den Hausfrauen angepriesen wurden für einfacheres Zubereiten der Malzeiten (in einem Vergleich die Kosten von Holzfeuerung und diejenigen, welche für den elektrischen Strom beim Kochen entstanden) und nicht zuletzt - man höre und staune - um die Luft weniger zu verschmutzen (!), spezielle Machinen, welche die unterschiedlichsten Verrichtungen einfacher gestalten sollen und Velos (das wichtigste Transportmittel früher, das eben erst damals vor rund hundert Jahren aufkam). Man findet auch Fahrpläne für die Eisenbahn und die Dampfschiffe. Und die Schweizerische Bundesbahn veröffentlichte 1898 die Angaben für eine Generalabonnement (heute besser bekannt unter dem Kürzel GA) mit einer detaillierten Beschreibung, wie das Foto für den Ausweis auszusehen hat (nein, vom Lächeln mit geschlossenem Mund steht da noch nichts…) und mit der Preisliste für ein Jahr freie Fahrt auf allen Strecken des Eisenbahnnetzes und übrigens auch auf Schiffen in der 3. Klasse (Fr. 300.-), der 2. Klasse (Fr. 450.-) oder der 1. Klasse (Fr. 600.-) - und Partnerabos waren schon damals viel günstiger.
Es gibt Werbeinserate für Tafeläpfel, Zuchtstiere, Kinderwagen (von Fr. 17.- bis Fr. 85.-) und zierlichen Damenstiefelchen für die Konfirmation. Auch allerlei Salben und Wässerchen, um die Gesundheit zu erhalten,werden angpriesen (aber solche für Abnehmprodukte habe ich keine gefunden). Die Liste ist fast unendlich lang…
Merke: Alte Zeitungen sind ein Sammelsurium von Informationen, das kaum woanders geboten wird. Sie sind eine Zeitreise - in gotischer Schrift (Fraktur)! Man sitzt so quasi mit den eigenen Vorfahren am Tisch, liest die Zeitung und diskutiert mit ihnen zusammen über den Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Amerika, den gestrigen tödlichen Sturz eines Kleinkindes in der Nachbarschaft in den Brunnen und beratschlagt darüber, wieviele Kilos von den Saatkartoffeln man nun benötigt und ob man das Geld entbehren kann, um für das Jüngste neue Schuhe von diesem einmaligen Lagerverkauf zu besorgen, weil es schon wieder gewachsen ist.