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Kurt Drawert (DE)
Spiegelland. Ein deutscher Monolog
Suhrkamp Verlag, 1992
Aus: Kurt Drawert. Spiegelland. Ein deutscher Monolog. Suhrkamp Verlag, 1992
...doch es muss auch eine Hinterlassen geben, die die Geschichte auf die ich selbst einmal, denn das Vergessen wird über die Erinnerung herrschen, zurückgreifen kann wie auf eine Sammlung fotografierten Empfindens, und die die Geschichte, denn das innere Land wird eine verfallene Burg sein und keinen Namen mehr haben und betreten sein von dir als einem Fremden mit anderer Sprache, erklärt.
...doch mit dem Land sterben die Begriffe noch nicht, die es hervorgebracht hat, wir haben, sagte ich zu W., den ich zufällig, nach fast zehn Jahren, wiedertraf, mit Begriffen gelebt und mit einer Sprache gelebt, die über Existenzen entschied und über Biografien, ritualisierte Verständiungssätze, magische Verkürzungen, Formeln der Anpassung oder der Verneigung, auswendig gelernt, dahingesagt, die Verformung der Innenwelt durch die Beschaffenheit der Wörter, sagte ich zu W., der fett geworden ist, verbittert und zynisch, ein obszönes Vokabular spricht, unablässig Bier trinkt, grob aufstösst und mit hassverzerrtem Gesicht: die Säue ausficken will, die ihn so ruiniert haben, wie er sagte. Ich war fünfzehn, als mir der etwas ältere Jugendfreund Bücher zu lesen gab, die mein Leben entscheidend prägen sollten, Freud, Sartre, Dostojewski, Nietzsche, "Als Zarathustra dreissig war..."