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Die Globalisierung bringt es mit sich, dass erwachsene Kinder in einem anderen Land leben. Wenn die Eltern in der Heimat pflegebedürftig werden, bringt das die Kinder häufig in ein Dilemma, denn sie sind mit der Arbeit und eigenen Kindern beschäftigt. Auslandchinesen und Auslandchinesinnen sind besonders unter Druck.
Der seit 44 Jahren in der Schweiz lebende taiwanesische Schriftsteller Chu Wen-Huei hat ein Buch zum Thema "Kindliche Pietätexterner Link" geschrieben, das ins Deutsche übersetzt und in der Schweiz publiziert wurde. "Kindliche Pietät" ist ein Konzept aus dem Konfuzianismus und bedeutet Respekt oder Pflichtgefühl gegenüber den Eltern und den Vorfahren. Diese Ethik spielt auch im heutigen China eine zentrale Rolle. Es wird von erwachsenen Kindern erwartet, dass sie sich voll und ganz um ihre Eltern kümmern sowie dem Wunsch der älteren Generation Folge leisten.
Das Buch von Chu beinhaltet Dutzende Geschichten von Auslandchinesen, die in unterschiedlichen Ländern leben, und sich mit der Frage "Kindliche Pietät Ja oder Nein" auseinandersetzen. Denn für Auslandchinesen ist es besonders schwer, das Pflichtgefühl gegenüber den in der Heimat gebliebenen Eltern einzuhalten.
In einer der Geschichten geht es um eine Chinesin, die einen Schweizer geheiratet hat. Die Eltern in der Heimat haben ländlich-konservative Ansichten, was sie in ihrem neuen Leben in der Schweiz in unangenehme Situationen bringt. Eine andere Geschichte erzählt von einem homosexuellen Sohn, der sich gezwungen sieht, Kinder zu zeugen, um die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern auf einen männlichen Stammeshalter zu erfüllen. Eine weitere Erzählung handelt von einem taiwanesischen Austauschstudenten und dessen nostalgischer Erinnerung an den Duft des von seiner Mutter per Post geschickten geschmorten Schweinefleisches – das durch die lange Distanz bei der Ankunft bereits vergammelt war.
"Ich möchte den psychologischen Konflikt aufzeigen, der für Auslandchinesen und Auslandchinesinnen durch das traditionelle Konzept der ʹkindlichen Pietätʹ in der gegenwärtigen Gesellschaft entsteht," sagt Chu. "In der globalisierten Welt emigrieren viele Chinesen und Chinesinnen ins Ausland. Wegen der Distanzen geraten sie bei der kindlichen Pietät gegenüber den Eltern oftmals an ihre Grenzen."
Kindliche Pietät der Schweiz näherbringen
Rolf Bächi ist Leiter des Verlagshauses Prong Press und lebt seit mehreren Jahren in Taiwan. Vor einigen Jahren stiess er in einem Antiquariat auf das ins Deutsche übersetzte Buch "24 Formen der kindlichen Pietät". Die darin erzählten Geschichten möchten westliche Leser und Leserinnen mit dem Konzept der kindlichen Pietät vertraut machen.
Bächi war vom Buch begeistert. Er möchte dem Westen die konfuzianischen Moralvorstellungen näherbringen. Deshalb brachte der Verlag Prong Press das Buch von Chu Wen-Huei heraus.
"Ost und West ergänzen sich in diesem Bereich", sagt Chu. Die Schweiz hat ein gutes Sozialsystem mit den drei Säulen der Altersvorsorge, dem mobilen Pflegedienst Spitex und einer ausgeklügelten Pflegefinanzierung. Damit ist die Lebensqualität bis ins hohe Alter garantiert. Doch mit der Überalterung der Gesellschaft stösst auch dieses System an Grenzen.
"Reicht das Geld in der Schweiz nicht aus, könnte das Manko mit dem chinesischen Konzept der kindlichen Pietät ausgeglichen werden!", meint Chu Wen-Huei und fügt an: "Wenn die erwachsenen Kinder einen grösseren Beitrag leisten, ist dies eine Entlastung der Altersvorsorge und so der Gesellschaft."
Wenn erwachsene Kinder in China nicht genügend Zeit haben, sich um ihre Eltern zu kümmern, könnte laut Chu umgekehrt das westliche respektive schweizerische Modell der Altersversorgung eine Lösung sein: "Durch die Einrichtung von Altersheimen und Sozialversicherungen kann das schlechte Gewissen der Kinder gelindert werden."
Chinesische Pietät vs. schweizerische Liebe
Brigitte, eine fünfzigjährige Luzernerin, lebt in einem zweistöckigen Haus: Im ersten Stock wohnt sie mit ihrer vierköpfigen Familie, im zweiten Stock wohnt ihre 89-jährige Mutter. "Seit ich klein bin, war es ein Wunsch von mir, mich eines Tages um meine Mutter zu kümmern. So wie sie das für mich tat, als ich klein war." Der Satz dieser Schweizer Tochter gleicht doch sehr dem chinesischen Verständnis von kindlicher Pietät.
Brigittes Mutter kocht seit einigen Jahren selten selbst, jeden Tag steigt sie die Treppe hinunter in den ersten Stock, um gemeinsam mit ihrer Tochter und deren Familie zu speisen. So wird sie auch gleich in den Familienalltag integriert. Abgesehen davon behalten die beiden Haushalte ein individuelles Leben bei: Die Mutter verwaltet weiterhin ihr Geld selbst, sie hat ihr eigenes Telefon, Waschmaschine, Auto und empfängt in ihrer Wohnung ihre eigenen Gäste.
"Viele Schweizer Seniorinnen und Senioren haben Angst nicht mehr in der Lage zu sein, ein autonomes Leben zu führen. Daher möchten viele so lange wie möglich selbstständig bleiben." Als ehemalige Krankenpflegerin bei der Spitex, kam Brigitte täglich mit alleinlebenden Seniorinnen und Senioren in Kontakt. Nachdenklich sagt sie: "Wenn es die Gesundheit zulässt, ist es für Seniorinnen und Senioren am besten, selbständig zu leben. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Kinder sie häufig besuchen kommen, aber gleichzeitig erwarten sie nicht, dass sich ihre Kinder vollumfänglich um sie kümmern."
Aus Sicht von Chu mangelt es in der Eltern-Kind-Beziehung von Schweizern und Schweizerinnen nicht an Respekt oder Liebe, jedoch an "kindlicher Pietät". Er erklärt: "Der Unterschied besteht darin, dass kindliche Pietät sich nicht auf Respekt und Liebe beschränkt, sondern auch bedingungslose Annahme und Loyalität beinhaltet. Sie basiert auf einer autoritären Beziehungsform: Selbst wenn die Eltern falsch liegen, muss die kindliche Pietät eingehalten werden. In den Augen von Westlern ist das undemokratisch."
Laut Chu erachtet der Westen China als autoritäres System, während Chinesen und Chinesinnen den Westen als zu materialistisch empfinden. Er selbst positioniert sich – ganz schweizerisch – in der neutralen Mitte der beiden Positionen.
Wenn die Mutter stirbt
Chu lebt bereits sein halbes Leben in der Schweiz und bedauert, nicht in der Nähe seiner Eltern sein zu können, die immer gebrechlicher werden. Die Distanz ist ein Dilemma. Er hofft, dass seine Eltern gesund bleiben, denn er kann nicht gleichzeitig an mehreren Orten sein.
"Die Mutter ist verstorben. Eine Wohltat!" ist der Titel einer der Geschichten, geschrieben von der taiwanesischen Autorin Yan Minru, die ebenfalls in der Schweiz lebt. Das Buch handelt von einer im Ausland lebenden Tochter, die Hals über Kopf zurückreist, um ihre schwerkranke Mutter in den letzten Monaten ihres Lebens zu begleiten. Die Protagonistin erlebt ein Dilemma: Auf der einen Seite ist da die krebskranke Mutter im Endstadium, auf der anderen Seite der Ehemann, der ein Ultimatum stellt: Wenn sie nicht zurückkomme, sei ihre Beziehung zu Ende.
Die Tochter hat nur noch einen Wunsch: "Wenn Mutter nicht mehr so sinnlos leidet und schnell sterben kann, bin ich bereit alle Konsequenzen auf mich zu nehmen, als Tochter ohne kindliche Pietät."
Zur Alterspflege in die Schweiz?
Auch wenn die Wirklichkeit meist weniger dramatisch ist als im Buch beschrieben, stellt eine Erkrankung der Eltern erwachsene Kinder im Ausland dennoch auf eine harte Probe. "Ich kann nicht zu lange von meiner Arbeit und Familie hier weg sein, doch brauchen mich meine Eltern dort auch…", klagt eine aus Peking stammende Frau, die mit einem Schweizer verheiratet ist. "Wenn man Einzelkind ist, kann man dann die Eltern in die Schweiz holen?"
Die Frage, ob ein Familiennachzug der betagten Eltern in die Schweiz möglich ist, beschäftigt nicht nur sie. Viele in der Schweiz wohnhafte Ausländer und Ausländerinnen stehen vor dem gleichen Problem. swissinfo.ch hat deshalb beim Bund sowie beim Amt für Migration des Kanton Zürichs nachgefragt, und folgende Antworten erhalten:
"Grundsätzlich ist der Familiennachzug in aufsteigender Linie (Kinder ziehen die Eltern nach) nicht vorgesehen. Dass Eltern zu ihren Kinder kommen können, ist nur in Ausnahmefällen gestützt auf Art. 8 EMRK (Menschenrechtskonventionexterner Link) denkbar, wenn sich die Eltern in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu den Kindern befinden, weil sie krank, invalide oder mittelos sind, so dass sie ohne die Kinder nicht überleben könnten. Die Anforderungen sind aber sehr hoch, Insbesondere werden auch genügende eigene finanzielle Mittel der Kinder für den Unterhalt der Eltern vorausgesetzt, so dass dauerhaft keine Gefahr des Bezuges von Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen besteht. Der Abschluss einer Krankenversicherung ist in der Schweiz obligatorisch. Der Unterhalt der Eltern muss mit den eigenen finanziellen Mitteln umfassend und dauerhaft sichergestellt sein. Es sind keine staatlichen Unterstützungsleistungen vorgesehen."
Emmanuelle Jaquet von Sury, Pressesprecherin, Staatssekretariat für Migration
"Eine wie von Ihnen angesprochene Familienzusammenführung von chinesischen Staatsangehörigen aufgrund der "Ein-Kind-Politik" ist mir nicht bekannt. Es gelten auch hier die allgemeinen Voraussetzungen aus dem Gesetz über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration (AIG)externer Link. So besteht für Drittstaatsangehörige die Möglichkeit als Rentner zugelassen zu werden. Dafür wird vorausgesetzt, dass das 55 Altersjahr erreicht wurde, die notwendigen finanziellen Mittel gegeben sind und die betreffende Person über eine besondere persönliche Beziehung zur Schweiz verfügt (Art. 28 AIG)."
Tobias Christen, Juristischer Sekretär & Kommunikationsbeauftragter, Migrationsamt Kanton Zürich
Aus den Antworten wird ersichtlich, dass der Nachzug der Eltern aus Drittstaaten in die Schweiz nicht per se ausgeschlossen ist, aber es müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Es ist nicht ganz einfach.
Aber wären die betagten Eltern überhaupt glücklich, wenn sie in die fremde Schweiz ziehen würden? Wären die erwachsenen Kinder, von denen die Eltern vollkommen abhängig wären, mit der Situation glücklich? Welcher Weg ist für beide die beste Lösung? Auf diese Fragen gibt es keine allgemein gültigen Antworten, jede Familie hat ihre eigene Lösung.
swissinfo.ch