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Johannes Stump und Samuel Wenk - zwei Riehener Politiker des beginnenden 19. Jahrhunderts
Michael Raith
An der gegen den Meierhof gerichteten Westmauer unserer Dorfkirche war bis vor kurzem ein roter Sandsteinfleck zu sehen. Wer diesen Sandstein genau betrachtete, konnte an ihm die Reste einer Inschrift feststellen. Die Reste der Inschrift waren aber zu gering, um die Rekonstruktion des ursprünglichen Textes zu ermöglichen. Dank Gottlieb Linder, von 1876 bis 1887 Pfarrer in Riehen, der in seiner «Geschichte der Kirchgemeinde Riehen-Bettingen» von 1884 die in und an der Kirche angebrachten Epitaphien und weitere Inschriften recht genau beschrieben hat, und dank der Hinweise einiger alter Riehener ist es nun aber gelungen, Zweck und Inschrift des Steines zu eruieren. Es handelt sich nämlich um ein in die äussere Kirchenwand eingemauertes Grabmal, das ursprünglich folgenden Text trug: «Hier ruhen in Gott und erwarten eine fröhliche Auferstehung in Christo Jesu Meister Samuel Wenck Schmidt, starb seelig d. 6te Hornung 1814, seines Alters 68 Jahr. Frau Anna Maria Stump gebohrne Wenk, starb seelig den 24ten Hornung 1814 ihres Alters 39 Jahr. Meister Johannes Stump Rössliwirth, starb seelig den 6. Appril 1814 seines Alters 67 Jahr.» Der Stein und seine Inschrift sind für den Lokalhistoriker in verschiedener Hinsicht bedeutsam. Johannes Stump und Samuel Wenk waren Vettern, Anna Maria Stump «gebohrne Wenk» war eine Tochter von Samuel Wenk, die den Sohn von Johannes Stump geheiratet hatte. Wir haben also eine für das alte Riehen typische Verwandtschaftskonstellation vor uns. Samuel Wenk und Johannes Stump gehörten der reichen Riehener Oberschicht an. Politische Aemter wurden bis in unser Jahrhundert hinein nur von dieser Oberschicht bekleidet. Es verwundert deswegen nicht, dass wir Johannes Stump und Samuel Wenk zwischen 1798 und 1814 in den höchsten Aemtern sehen, die das damalige Riehen zu vergeben hatte.
Schon der Grabstein lässt vermuten, dass er an bedeutende und reiche Persönlichkeiten erinnern soll. Eine Grabmalkultur, welche diesen Namen verdient hätte, kannte das alte Riehen nämlich nicht. Normalerweise kennzeichneten einfache Kreuze die Begräbnisplätze. Da der bis 1828 dienende Friedhof um die Kirche recht klein war, mussten die Gräber meist nach wenigen Jahren wieder neu belegt werden. Im Vergleich mit den heutigen Gottesäckern muten die alten Begräbnisplätze, wenn wir nach den auf uns gekommenen Bildern schliessen dürfen, mehr als bescheiden an. Eine Ausnahme bilden der Wolfgottesacker in Basel und die alten erhaltenen Partien des Riehener Friedhofs am Haselrain. Doch darf nicht vergessen werden, dass wir es in beiden Fällen mit Grabsteinen der haute volée zu tun haben. Beispiele dafür, wie das Grab des «kleinen Mannes» im 18./19. Jahrhundert ausgesehen hat, besitzen wir in unserem Kantonsgebiet nicht mehr.
Ein Grabmal, wie es Johannes Stump, Samuel Wenk und Anna Maria Stump-Wenk gewidmet wurde, war für jene Zeit eine Ausnahme. Selbstverständlich gab es noch mehrere dieser Ausnahmen. Linder berichtet von einem Grabstein für Johannes Seidenmann-Wenk, Fürsprech, Bannbruder, Gescheidsrichter und erster Gemeindepräsident Riehens (1750-1812), der sich «im alten Kirchhof hinter dem Gemeindehaus in der Ringmauer» befinde. Diese Erinnerung an Johannes Seidenmann ist wahrscheinlich im Jahre 1918 der Erweiterung des alten Gemeindehauses geopfert worden.
Durch einen Schuppen versteckt und in die Wand des Klösteriis eingemauert ist noch ein weiterer Grabstein erhalten geblieben. Es ist derjenige für den Dreikönigswirt Johannes Gysin-Wenk (1757-1806). Wenn die Mauer zwischen Kirche und Meierhof fällt, so wird auch dieser Stein öffentlich zugänglich. Die Grabmäler für den Rössliwirt Stump und seine Angehörigen und für den Dreikönigswirt Gysin sind bekanntlich aber nur ein Teil dessen, was uns noch heute daran erinnert, dass die Umgebung der Kirche jahrhundertelang als Begräbnisplatz diente. Viele Initialen und Kurzinschriften, von deren Deutung ein anderes Mal die Rede sein soll, an der Kirche, am Klösterli und an der Mauer gegen den Meierhof, sind erhalten geblieben. Ein Vergleich zwischen diesen einfachen Inschriften und dem Rössliwirt-Epitaph belegt die Ungewöhnlichkeit des schönen und grossen Sandsteins. In diesem Zusammenhang darf allerdings der älteste und vornehmste Begräbnisplatz des alten Riehen nicht vergessen werden: die Kirche. Unseres Wissens hat jedoch kein Bürger von Riehen in ihr Aufnahme gefunden: von den acht noch erhaltenen Epitaphien erinnern sieben an Bürger der Stadt Basel, fünf davon an solche Basler, die Pfarrer in Riehen waren, und ein Stein gilt dem Bündner Adligen Fortunatus a Juvaltis (f 1673). In den Akten werden noch fünf weitere Gedenktafeln genannt, die alle Basler Bürgern gewidmet waren, heute jedoch verschwunden sind. Seit Ende des 18. Jahrhunderts stiess aber auch die Bestattung von Baslern in der Riehener Kirche auf Schwierigkeiten. So lesen wir im «Register derjenigen Persohnen welche von Ap. 1709: In der Pfarrkirchen Zu Riehen seyend Copulirt worden und gestorben und begraben seynd»: «Weil Herr Abraham Legrand dem hiesigen armen Seckel Enihundert neüe Thlr testiert und vermacht, so hat man aus Betrachtung diser Wohltaht auf Ansuchen der EE Erben dessen Leiche im hiesigen Kirchhause begraben lassen, soll aber desshalben denen EE Erben noch andern, die inskünftig den Legrandischen Hoof possedieren möchten, kein Recht seyn, sich einer Grabstätte in der Kirche anzumassen. R. den 26. 7bris 1773. M. J. Rudolf Rapp Pfr.» 1801 und 1806 wurden nochmals Bestattungen in der Kirche ausnahmsweise gestattet, doch war es dann damit endgültig vorbei. Ob es einen Unterschied gab zwischen dem einen Recht, jemanden in der Kirche bestatten zu lassen, und dem andern Recht, jemandem in der Kirche einen Gedenkstein zu setzen, wissen wir nicht. Von einem Stein für den genannten Abraham Legrand (1710-1773) ist jedenfalls nichts bekannt, obwohl dieser Landgutbesitzer nach der zitierten Notiz eindeutig in der Kirche begraben wurde. Wie dem auch sei: für Riehener kam die Kirche als Begräbnisplatz jedenfalls nicht in Frage. Und für Riehener Verhältnisse muss der Grabstein des Rössliwirts ausserordentlich gewesen sein. Im Gegensatz zum Friedhof um die Kirche, von dem uns keine Bilder erhalten geblieben sind, können wir uns vom Friedhof an der Mohrhaidenstrasse, der von 1828 bis 1898 diente, eine gewisse Vorstellung machen: die kleinen, bescheidenen Gräber herrschten vor und auch die Gedenksteine für die Honoratioren des Dorfes, selbst wenn sie im Geschmack des 19. Jahrhunderts etwas verziert waren, wirkten nicht übertrieben. Von den Grabmälern des Gottesackers an der Mohrhaidenstrasse sind einige erhalten geblieben, es befinden sich aber nur noch zwei an ihrem ursprünglichen Ort: sie erinnern beide an Bürger der Stadt und stammen aus der Zeit um 1830. (Vergleiche dazu meinen Artikel in der «Riehener-Zeitung» Nr. 53/1970: «Zwei alte Grabsteine»), Für die Behauptung, dass ein eigentlicher Grabstein mit Inschrift im Riehen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas besonderes war, findet sich in der Riehener «Begräbnißordnung, genehmigt an einer gemeinsamen Sitzung des Banns und des Gemeinderaths vom 19. October 1834» ein Beweis: dort wird nämlieh ausdrücklich vermerkt, dass derjenige, der ein Grabmal errichten wolle, dies nur dann tun könne, wenn der Pfarrer den Text der Inschrift genehmigt habe...
Doch nun zurück zum Gedenkstein für Johannes Stump, Samuel Wenk und Anna Maria Stump-Wenk: aus den Akten erfahren wir über diesen Stein nichts, wir wissen auch nicht, ob sein Platz in der Kirchenmauer ursprünglich war oder ob er erst später dorthin versetzt wurde. Wenden wir uns aber nach diesem Exkurs über Grabsteine im alten Riehen den drei auf dem zuerst genannten Sandstein verewigten Personen zu: Johannes Stump,den «Rössliwirth» kennen wir am besten von ihnen. Sein Grossvater Hans Jakob Stump (1680-1733), Angehöriger einer Schopfheimer Metzgerfamilie und selbst Metzger, war um 1700 nach Riehen gekommen und hatte 1704 Barbara Hoch, die Tochter des früheren Rössliwirts, geheiratet. Als Nachfolger seines Schwagers Gedeon Göbel-Hoch übernahm er 1705, inzwischen Bürger von Riehen geworden, selbst das Gasthaus zum Rössli. Er führte es bis zu seinem Tode. Es gab damals in Riehen drei Wirtschaften: das Rössli, belegt seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, den Ochsen, schon im 15. Jahrhundert erwähnt, und diejenige zu den «Drei Königen», welche seit Beginn des 18. Jahrhunderts geführt wurde. Samuel Hoch-Rein, der Schwiegervater von Hans Jakob Stump, hatte das Haus 1683 übernommen und 1693 das Recht erhalten, ein Schild auszuhängen. Samuel Hoch, der von Liestal nach Riehen gekommen war, begründete eine Wirte-Dynastie: von wenigen Ausnahmen abgesehen blieb das Rössli während Jahrzehnten in der Familie und manche seiner Nachkommen haben auch andere Riehener Gaststätten geleitet. Bevor das Rössli in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts an die Metzgerei Eiche AG verkauft wurde, war sein letzter Besitzer mit einer Nachfahrin von Samuel Hoch verheiratet: der damalige Rössliwirt Fritz Aebin (*1891) ehelichte 1914 Anna Basler (1886-1963), deren Grossmutter eine Stump gewesen war.
Die grosse Verbreitung, welche die Familie Stump später in Riehen erreichte, setzte jedoch erst mit den Enkeln von Hans Jakob Stump ein: sein einziger überlebender Sohn war Friedrich Stump (1711-1753), Rössliwirt von 1733-1752. 1734 heiratete Friedrich Stump Magdalena Seidenmann (1712-1799). Mit dieser Heirat dürfte er in die Riehener Oberschicht aufgenommen worden sein. Die Familie Seidenmann liess sich zwar erst 1672 in Riehen nieder, heiratete aber in «regimentsfähige« Riehener Geschlechter. Es verwundert deshalb nicht, dass schon der Schwiegervater Friedrich Stumps, Hans Seidenmann-Meyerhofer (1686-1753), obwohl Sohn eines Neubürgers, Richter, Gescheidsrichter und Geschworener wurde. Friedrich Stump-Seidenmann hinterliess drei Söhne, deren jeder einen noch heute blühenden Zweig der Familie begründete: Friedrich Stump-Rohrer (1735-1787), Sattler, Hans Jakob Stump-Burckhardt (1740-1813), Küfer, und Johannes Stump-Bertschmann (1746-1814). Der Zweig des Friedrich Stump braucht uns hier weiter nicht zu kümmern, obwohl sich unter seinen Nachkommen viele Riehener Originale und Persönlichkeiten befinden (Samuel Stump-Schmid, Flurbannwart, 1850-1921. Hans Stump-Ruckstuhl, Ochsen-, dann Hörnliwirt, Gemeinde- und Bürgerrat, 1891-1949. Samuel Stump-Schweizer, Gemeindeschreiber, 1892-1961. Friedrich Stump-Haller, Mitglied des Weiteren Gemeinderates, 1888-1947, Friedrich Stump-Gröbli, Mitglied des Weiteren Gemeinderates, 1910-1963. Alfred Stump-Bacher, Bürgerrat und Mitglied des Weiteren Gemeinderates, *1922).
Die verbleibenden Brüder Hans Jakob und Johannes Stump sind in der Literatur über Riehen schon häufig genannt worden. Auch treffen wir dieses Brüderpaar an Fixpunkten der Lokalgeschichte meist zusammen an. Und doch ist es schwer, aus den uns hinterlassenen Papieren ein Bild über ihre Charaktere zu gewinnen. Hans Jakob Stump rückte 1766 dadurch ins Rampenlicht der Lokalgeschichte, dass er Susanna Burckhardt (1741-1817), die Tochter eines Basler Landgutbesitzers in Riehen und die Schwester des späteren Vizekönigs von Neapel heiratete. Obwohl die Geschichte Riehens an solchen «morganatischen» Ehen nicht arm ist, muss für jene Zeit die Hochzeit zwischen einem Riehener Untertanen und einer Tochter aus dem «Daig» entweder einen zutiefst stilwidrigen oder - eher zu vermuten einen revolutionären Eindruck gemacht haben. Und damit ist ein Stichwort für das Leben der beiden Brüder gegeben: Revolution. Aber und hier kann man die Ehe Stump-Burckhardt beinahe symbolisch verstehen - diese Revolution ging Hand in Hand mit einer durchaus konservativen Haltung. Der reichen Riehener Oberschicht jener Zeit war die Bevormundung durch die Stadt lästig geworden. Man wusste sich durchaus in der Lage, seine politischen Probleme selbst zu meistern. Selbstverständlich waren die Angehörigen der Oberschicht keine Freunde einer totalen Emanzipation. Vielleicht wollten sie in Riehen die gleiche Rolle spielen, wie es die Basler Oberschicht in der Stadt tat. 1769 heiratete «unter dem Pastorat M. Joh. Rudolf Rapp» «Martii 6 Johannes Stumpp rössly-wirth Jgfr. An. Maria Bertschmann des Geschworenen Tochter». Anna Maria Bertschmann (1746-1806) war eine reiche Erbtochter. Ihr Grossvater Theobald Bertschmann-Meyer (16871734) war von Bettingen nach Riehen gekommen und hatte sich hier das Bürgerrecht erworben, ihr Vater Hans Georg Bertschmann-Eger (1723-1772) bekleidete die Aemter eines Richters und eines Geschworenen. Anna Maria erbte, da ihre beiden Brüder unvermählt starben, das stattliche Vermögen ihrer Eltern. Obwohl wir es hier mit einer Geldheirat zu tun haben dürften, scheint die Ehe Stump-Bertschmann sehr glücklich gewesen zu sein, lesen wir doch im Gemeinderatsprotokoll von 1806 in einer Liste der im Dezember Verstorbenen: «Frau Anna Maria Bertschmann, Herrn Gemeinds Präsident Johannes Stump des grossen Raths, gewesene eheliche Hausfrau, welche mit ihrem geliebten Ehegatten aus einem Wasser getauft worden und ihm immer zur Unterstützung und zum Vergnügen gewesen...». Aus diesem Text erfahren wir noch eine kleine Reminiszenz: Pfarrer Johann Heinrich Schönauer-Meyer (1695-1767, Pfarrer in Riehen 1745-1767) taufte am 15.Oktober 1746 in der Dorfkirche Johannes Stump und Anna Maria Bertschmann. Die beiden «Buschi» dürften damals noch nicht gewusst haben, dass sie sich an derselben Stelle rund 22 Jahre später die Hand zum Ehebund reichen würden ...
Schon im Jahre 1764 hatte der damals 18 Jahre alte Johannes Stump die Wirtschaft zum Rössli übernommen. Um 1770 liess er ein neues Wirtshausschild aushängen, vielleicht weil das von seinem Urgrossvater Samuel Hoch um 1693 montierte altersschwach geworden war. Das neue Schild verschwand zu Anfang dieses Jahrhunderts, konnte aber, vor allem dank der Initiative Paul Hulligers, 1960 in renoviertem Zustand wieder ausgehängt werden. Bei dieser Gelegenheit ist es an verschiedenen Orten ausführlich gewürdigt worden. Nun war aber Johannes Stump im Hauptberuf nicht Wirt. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein waren die meisten Riehener, auch wenn sie Beck, Schmied, Wirt und Maurer genannt werden, in erster Linie Bauern. So besassen Johannes Stump und sein Bruder, der Küfer Hans Jakob Stump, ansehnliche Ländereien; Hans Jakob war sogar Kirchmeier. Johann Rudolf Huber (f 1806), erst Professor der Geschichte an der Universität Basel, dann von 1794 bis 1800 Pfarrer in Riehen, führte 1796 eine soziologische Untersuchung über seine Gemeindeglieder durch, aus der wir über Johannes Stump erfahren, dass er von der Wirtschaft und den Gütern lebe, einen Knecht und eine Magd beschäftige, lesen und schreiben könne, eine Bibel besitze und seine alte Mutter bei sich beherberge. Als Politiker begegnet uns Johannes Stump in dieser Zeit aber noch nicht. Wirte durften nämlich bis zur Basler Revolution von 1798 keine öffentlichen Aemter ausüben. Sein Bruder Hans Jakob Stump diente der Gemeinde in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts als Statthalter des alten Untervogtes Theobald Wenk-Singeisen (1716-1797). Beinahe wäre Hans Jakob selbst Untervogt geworden, über die Gründe, warum es nicht dazu kam, berichtet Fritz Lehmann in seinem Artikel «Die Aufzeichnungen des letzten Riehener Untervogts Johannes Wenk-Roth im Meyerhof» («z'Rieche» 1964).
Schon 1797 sprang der Funke der Französischen Revolution auf Basel über. Aber bereits vorher war die Stadt in den Bannkreis der Auswirkungen der grossen Umwälzung im Nachbarland geraten: der 26. Dezember 1795 ist der bislang einzige Tag, an dem Riehen Weltgeschichte gemacht hat. Der damalige Weibel, Hans Jakob SchultheissSieglin (1730-1810), schrieb darüber: «den 26. Dezember ist allhier in der Landvogtei zu Riehen ein Ereignis vorgegangen, welches niemals geschähen und kaum mehr geschähen wird». Es handelt sich um den bekannten Austausch von Franzosen in österreichischer Gefangenschaft gegen die Prinzessin Marie Thérèse Charlotte, Tochter Ludwig XVI. von Frankreich. Bei diesem Anlass hatten drei Riehener Bürger «den Auftrag, den» sich noch in österreichischer Gefangenschaft befindlichen französischen «Herren aufzuwarten und auch mitzutrinken, welches auch geschehen, und nun die neue Einrichtung in Frankreich, Freiheit und Gleichheit, auch empfunden. Wie es in das Künftige gehen wird, ist Gott bekannt» (so nach den Aufzeichnungen von Hans Jakob Schultheiss). Die Aufwartung fand in der Landvogtei statt und bei den drei Riehenern handelte es sich um Hans Jakob Stump, Johannes Stump und den Weibel Hans Jakob Schultheiss. Wir sehen die Gebrüder Stump damit in den höchsten Chargen der Gemeinde. Die Notiz des Weibels lässt den Schluss zu, dass die Riehener Dreiervertretung ihre Sympathie für die neuen Verhältnisse in Frankreich unter Alkoholeinfluss entdeckt habe. Aber so einfach dürfte die Sache nicht gewesen sein.
Von der Uebergabe der französischen Gefangenen ist seinerzeit ein Bild publiziert worden. Es ist anzunehmen, dass auf ihm auch Hans Jakob und Johannes Stump zu sehen sind. Leider können wir nicht alle Personen, die auf dem Kupferstich zu betrachten sind, identifizieren. Da von Hans Jakob und Johannes Stump keine Portraits auf uns gekommen sind, müssen wir uns mit der Feststellung begnügen, dass die beiden Brüder Stump irgendwo auf dem Bild sein dürften, wir sie aber nicht bezeichnen können.
Mitten in den Wirren der unblutigen Basler Revolution treffen wir die beiden Brüder an einem wichtigen Anlass wieder gemeinsam an. Paul Burckhardt berichtet in seiner «Geschichte der Stadt Basel» darüber: «Eine grosse Demonstration» für die Forderung der Basler Revolution «war das Bankett am Neujahrstag 1798 im Zunfthaus zu Hausgenossen, das «Bärenessen», an dem man 150 Teilnehmer zählte. Städtische Herren von der» revolutionsfreundlichen «Patriotenpartei, Liestaler und bäuerliche Untertanen, eine bisher unerhörte gesellschaftliche Vereinigung, fanden sich hier zusammen», man liess «Peter Ochs, General Bonaparte, Wilhelm Teil und andere Freiheitshelden» hochleben. «Die 25 Toaste lagen schon gedruckt als patriotisches Menu auf dem Tisch: «Aller Augen funkelten von edlem Geist, jeder Handdruck war Ergiessung des Herzens, jeder Gedanke ein Wunsch für Menschenglück». An diesem Bärenessen nahmen auch Hans Jakob und Johannes Stump teil. Es vermag deswegen nicht zu verwundern, dass wir die Brüder nach dem Umsturz in Aemtern der neuen Republik finden: nachdem die Unvereinbarkeit des Wirteberufs mit einem öffentlichen Amt abgeschafft worden war, wurde Johannes Stump am 16. Mai 1798 zum Agenten der Gemeinde Riehen ernannt. Hans Jakob Stump erhielt im Oktober 1798 das Amt eines Försters der rechtsrheinischen Kantonswaldungen.
An diesem Orte geziemt es sich, Samuel Wenk-Eger vorzustellen. Er war ein Angehöriger der altbekannten Untervogtfamilie, der genannte Untervogt Theobald Wenk-Singeisen war sein Onkel. Auch sein Grossvater Hans Wenk-Höhner (1685-1749) und sein Cousin Johannes WenkRoth (1752-1820) waren Untervögte gewesen. Sein Vater, Hans WenkSeidenmann (1712-1747), blieb als Ochsenwirt von einem öffentlichen Amt ausgeschlossen. Seine Mutter, Maria Wenk-Seidenmann (17141788) war die Schwester von Magdalena Stump-Seidenmann, der erwähnten Mutter von Hans Jakob und Johannes Stump. Neben die nahe Verwandtschaft treten noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen Samuel Wenk und Johannes Stump: beide wurden in demselben Jahre, nämlich 1746, geboren, beide starben 1814. Sie sassen erst in der Munizipalität, später im Gemeinderat zusammen, Samuel Wenk wohnte zudem schräg gegenüber des Rösslis an der heutigen Baselstrasse und zwar neben dem Ochsen. Samuel Wenk wurde Schmied und heiratete 1771 Anna Eger (* 1744). Anna Wenk-Eger starb im selben Monat wie Anna Maria Stump-Bertschmann, nämlich im Dezember 1806. Es überrascht deswegen nicht, dass ein Sohn von Johannes Stump-Bertschmann, ebenfalls Johannes geheissen, wahrscheinlich bei Samuel Wenk den Beruf eines Schmieds erlernte. Johannes Stump junior (1773-1830) heiratete 1796 die Tochter von Samuel Wenk. Und dieser Tochter sind wir auf dem Grabstein auch schon begegnet: Anna Maria Stump-Wenk (1774-1814).
Samuel Wenk scheint schon vor der Revolution ein öffentliches Amt bekleidet zu haben, wird er doch bereits vor 1800 «Richter» genannt. Am 29. Mai 1799 wurde er, allerdings bei schwacher Wahlbeteiligung und mit einem schlechten Resultat, in den damals noch Munizipalität genannten ersten Gemeinderat Riehens gewählt. Er trat allerdings schon nach einem Jahr aus dieser Behörde wieder zurück, um erst am 22. November 1803 wieder eine Aufgabe anzutreten, der er aber bis zu seinem Lebensende treu blieb: damals wählten ihn Gemeinderat und Kirchenbann in einer gemeinsamen Sitzung zum Bannbruder, d. h. zu einer Art Kirchenvorstand.
In dieser Zeit tritt Hans Jakob Stump-Burckhardt, inzwischen sechzig Jahre alt geworden, von der aktiven Politik zurück, wir hören von ihm nur noch wenig. Sein Bruder Johannes tritt dafür umso mehr hervor. Noch bevor er Agent geworden war, unterschrieb er - wie bei Fritz Lehmann nachzulesen ist - am 17. Januar 1798 einen Beschwerdebrief der Gemeinde Riehen an die Obrigkeit und wurde am 21. Januar 1798 in einer Gemeindeversammlung zu einem der vier Volksausschüsse der Gemeinde gewählt. Er erhielt von allen Gewählten am wenigsten Stimmen und war immer nur der bestenfalls zweite Mann neben Johannes Wenk-Roth. Als Agent hatte er nicht nur eine Schärpe - für das damalige Riehen eine beinahe exotische Angelegenheit - zu tragen, er musste zudem die Gemeindeversammlungen leiten, hatte immer Zutritt zu den Sitzungen der Munizipalität, d. h. des Gemeinderates, und musste seinen Vorgesetzten wöchentliche Polizeirapporte abliefern. Einige hundert dieser Rapporte haben sich erhalten. Wir erfahren aus ihnen, dass sich in Riehen meist nichts besonderes zutrug. Manchmal wurde eingebrochen oder die jungen Riehener fürchteten, zum Militär eingezogen zu werden. Stump hatte sogar zu melden, welche Zeitungen seine Mitbürger lasen. Die Rapporte waren auf vorgedruckten Formularen abzugeben. Diese trugen das Bildnis Wilhelm Teils und folgende Fragen: «Ereignisse», «Massregeln so ergriffen wurden», «Gerüchte so ausgebreitet, und Schriften so gelesen werden», «Wirkungen derselben auf die Einwohner der Gemeinde», «Nahmen der Bürger die besondere Aufmerksamkeit verdienen, und wegen was», «Allgemeine Beobachtungen». Seine wenig welterschütternden Berichte, meist in gutem Deutsch und mit leserlicher Schrift abgefasst, unterzeichnete Stump mit der typisch helvetischen Floskel: «Gruss und Bruderliebe». Die Mediationszeit brachte das Ende der Agentenherrlichkeit. Johannes Stump dürfte seinem Spitzelamt kaum nachgetrauert haben. Er scheint sich in den Jahren der Helvetik vom Revolutionär zum Konservativen umgewandelt zu haben. Jedenfalls vermittelt er in seiner späteren politischen Tätigkeit einen patriarchalistischen Eindruck und verhält sich der Obrigkeit gegenüber recht devot.
Noch vorher, nämlich im Jahre 1802, übergab er die Wirtschaft zum Rössli seinem Sohne Hans Jakob (1780-1826). Von Hans Jakob Stump wissen wir nur, dass er dreimal verheiratet war, und dass alle seine Frauen Anna Wenk hiessen. Das politische Erbgut ist bei keinem der Söhne Johannes Stumps zum Tragen gekommen, es sei denn, man würdige die nur einjährige Tätigkeit des Drittgeborenen Friedrich Stump-Fischer, Beck (1773-1836), im Gemeinderat als öffentliche Leistung. Lediglich der schon erwähnte Johannes Stump-Wenk wurde immer wieder in Gemeindeämter gewählt (29. Mai 1799: Suppléant der Munizipalität, 30.Mai 1802 Munizipal, 14. Januar 1805 Gemeinderat). Er nahm jedoch keine dieser Wahlen an und entwickelte dabei eine wahre Meisterschaft im Finden von Ausreden. Dies bewog einmal einen Unterstatthalter zu einem ironischen Vergleich zwischen der Amtsfreude des Vaters und der Amtsabneigung des Sohnes. Das politische Interesse kam aber bei den Enkeln und weiteren Nachkommen des Rössliwirtes erneut zum Ausdruck. Auch dienten ein Sohn (Hans Jakob Stump-Wenk-Wenk, Küfer, 1771-1852, Gemeinderat, Gemeindepräsident, Grossrat, Appellationsrichter) und ein Enkel (Theobald StumpWenk-Wenk, 1801-1870, Gerichtsschreiber, Gerichtspräsident, Gemeinderat, Grossrat, Kleinrat) von Hans Jakob Stump-Burckhardt der Gemeinde in verschiedenen Aemtern. Dann aber verlor der von Hans Jakob Stump-Burckhardt abstammende Zweig der Familie seine Bedeutung. Lediglich der von J. J. Lüscher portraitierte Bauer Jakob Stump-Argast (1871-1925), ein Urenkel des Gemeindepräsidenten Hans Jakob Stump-Wenk-Wenk, erfreut als urchige Bauerngestalt noch heute die Besucher des Landgasthofes: das Bild hängt dort in der Garderobe.
Im 1803 wieder zu neuem Leben erweckten Basler Grossen Rat sassen zwei Riehener: Dr. med. Theobald Singeisen-Hitzig-Bürgelin, Appellationsrichter (1764-1804), und Johannes Wenk-Roth. Johannes Stump war, wie wir heute sagen würden, erster Nachrückender. Da Theobald Singeisen am 8. Juli 1804 starb, rückte Johannes Stump am 6. Oktober 1804 nach. Er blieb Grossrat bis zu seinem Tode am 6. April 1814. Die Tatsache, dass Johannes Stump Grossrat wurde, ist ein weiterer Beweis für seine Wohlhabenheit, musste man doch ein Vermögen von Fr. 10 000.- nachweisen, um auf die Kandidatenliste gesetzt werden zu können. Diese Voraussetzung erfüllten nur ganz wenige Riehener, und so fanden die Grossratswahlen meist nur unter einem halben Dutzend Bewerbern statt. Nach der Aufgabe der Wirtschaft und des Agentenamtes hatte Johannes Stump Zeit, sich verschiedenen Aemtern zu widmen. Noch 1803 kandidierte er, wenn auch erfolglos, für das Amt eines kantonalen Criminalrichters. Am 2. Januar 1805 wurde er in den Gemeinderat gewählt, nahm aber die Wahl nicht an. Nachdem der Kleine Rat des Kantons Basel am 16. März 1805 beschlossen hatte, dass die Arbeit der Riehener Gemeinderäte entschädigt würde, nahm Johannes Stump am 31. März 1805 eine neue Wahl, in der er 29 von nur 48 Stimmen erhielt, in den Gemeinderat an. Schon am 6. April des gleichen Jahres ernannte ihn der Kleine Rat auf den Vorschlag des Statthalters zum Gemeindepräsidenten. Er folgte in diesem Amte seinem erkrankten Cousin Johannes Seidenmann-Wenk. Johannes Stump stand damit vor der nicht leichten Aufgabe, einen personell gänzlich erneuerten Gemeinderat präsidieren zu müssen. Einer der am 31. März 1805 - übrigens mit 26 von 48 Stimmen - gewählten neuen Gemeinderäte war auch der Richter, Bannbruder und ehemalige Munizipal Samuel Wenk-Eger, der Schmied. Sein Handwerk dürfte er damals allerdings schon aufgegeben haben, denn schon 1796 äusserte er gegenüber Pfarrer Johann Rudolf Huber, dass er die Schmiede dem Schwiegersohn überlassen wolle. Offensichtlich lag ihm die Landwirtschaft näher als das Handwerk. Er besass nämlich viel Land und beschäftigte zwei Knechte sowie eine Magd. Wenn man ihn trotzdem bis zu seinem Tode «Schmied» nannte, so lag der Grund dafür wohl darin, dass man ihn auf diese Weise von Samuel Wenk, dem Ochsenwirt (1750-1821), der mit Samuel Wenk, dem Schmied, gleichzeitig im Bann und im Gemeinderat sass, unterscheiden wollte.
In den Akten der Jahre 1805 bis 1810 tritt uns der Gemeinderat immer nur als Kollegialbehörde entgegen, wir wissen also nicht, worin der Beitrag eines einzelnen Gemeinderates zum Gelingen des Ganzen bestand. Deswegen können die Verdienste von Johannes Stump und Samuel Wenk nicht genau umschrieben werden. Auf eines ist allerdings hinzuweisen: Riehen zählte in jenen Jahren 95 Prozent weniger Einwohner als heute. Der Gemeinderat hatte aber nicht 95 Prozent weniger zu tun als heute. Er war nämlich in Personalunion Gemeindeexekutive, Gemeindeverwaltung, Gericht für kleinere Fälle, Bürgerrat, Teillegislative und verantwortlich für die Ausführung kantonaler Gesetze. Deswegen musste der Gemeinderat schon damals jede Woche eine halbtägige Sitzung abhalten. Häufig hatten die Gemeinderäte den Weg in die Stadt unter die Füsse zu nehmen. Zudem waren sie in den seltensten Fällen nur Gemeinderäte. Wie wir gesehen haben, fungierten sie auch als Grossräte, Bannbrüder, Richter und manchmals auch als Militärs. Gemeinderat konnte nur sein, wer viel Zeit hatte. Und viel Zeit hatte nur, wer vom Vermögen leben konnte. Dafür, dass nur vermögliche Leute Gemeinderäte werden konnten, sorgte im übrigen auch das Gesetz.
Wie wir bereits erwähnt haben, verloren Samuel Wenk und Johannes Stump im Dezember 1806 ihre Frauen. Der Gemeinderat versicherte den beiden Witwern anlässlich seiner Sitzung vom 29. Dezember 1806 seine aufrichtige Teilnahme. Doch war Johannes Stump nach dem Verlust seiner Gattin ein innerlich gebrochener Mensch. Er scheint sich von seinen Geschäften etwas zurückgezogen und bei seinem Sohn, Hans Georg Stump-Keller (1769-1819), der Waldhornwirt am Grenzacher Hörnli war, aufgehalten zu haben. Jedenfalls empfing er dort, satt an der Grenze zwischen der Schweiz und Baden, am Silvester 1806 - zusammen mit dem Gemeinderat in Corpore und Dragonern - den abtretenden Landammann der Schweiz, den Basler Bürgermeister Andreas Merian, der über Grenzach nach Brugg zur Amtsübergabe reiste. «Hochderselbe genehmigte das Compliment huldreichst», wie es in einem zeitgenössischen Bericht heisst. Zwei Riehener Dragoner durften den Landammann nach Brugg begleiten. Am 5. Januar 1807 trafen in Riehen ein Dankschreiben des Bürgermeisters und sechs Taler ein. Das Geld war dazu bestimmt, dass die Dragoner an einem Winterabend ein Glas Wein auf des Bürgermeisters Ehre trinken könnten. Aus diesem Grunde fand am 15. Januar im Rössli ein Bankett statt: nicht das erste und gewiss nicht das letzte. In den Gemeinderechnungen - sie sind uns seit 1722 erhalten («JahrRechnung über Einahm und Aussgab des Gemeinde Guts zu Riehen vom 12.ten Jan.1772 bis d. ll.,en dito 1773») - finden sich immer wieder Hinweise auf von der Gemeinde bezahlte Essen im Rössli, z. B. «dem Rössleinwirdt für das AuffartMahl», «dem Rösslein Wirdt beym Umgang» etc. Nicht immer verdiente der Rössliwirt allerdings nur am Essen und Trinken: 1773 erhielt er einen Betrag «wegen Steür einziehen». Am 12. Juni 1796 ging es allerdings wieder einmal ums Trinken. Der Weibel und Dorfchronist Hans Jakob Schultheiss berichtet uns von der damals erfolgten letzten Huldigung der Riehener vor dem Landvogt. Auf Kosten des Landvogts wurden die Unterbeamten der Gemeinde im Rössli verpflegt, und sie durften auch ein Mass Wein trinken, eventuell auch mehr, «welches auch geschähen», wie Schultheiss schalkhaft beifügt. Und wenn wir gerade bei den Gemeinderechnungen sind: auch Samuel Wenk, der Schmied, taucht in ihnen immer wieder als Lieferant der Gemeinde auf.
Das Bankett vom 15. Januar 1807 hat Johannes Stump jedoch nicht aus seiner Traurigkeit gerissen. Am 7. Februar schrieb er dem Bürgermeister und begehrte seine Entlassung als Gemeindepräsident und Gemeinderat. Zwar gibt er zu, dass ihm «der Ruf seiner väterlichen Regierung ungemein schmeichelhaft gewesen, der ihn an die Spitze der erfahrensten Männer seiner Gemeinde, seiner vertrauten Freunde, gestellt habe; auch würde das Verlangen seiner Gemeinde und einer hohen Obrigkeit, fernerhin an der Stelle eines Gemeinde-Vorstehers, die er nun während neun Jahren, sieben und ein halbes Jahr unter beschwerlichen Zeitumständen bekleidet habe, nützlich seyn, über jede andere Neigung gesiegt haben, wenn nicht der unlängst erfolgte Tod seiner Gattin, sein Gemüth in tiefe Trauer und in eine Schwermuth versenkt hätte, welche er schwerlich zu überwinden trachte. Seine MitCollegen hätten bereits die Folgen davon empfangen müssen, indem er sich seit langer Zeit den Amtsgeschäften nicht mehr habe annehmen können; überdies sey er gesinnt, um sich ein wenig zu erholen, und wo mögl. zu zerstreuen, zu seinem Sohn, dem Wirth am Crenzacher Horn zu ziehen». Wir erfahren aus diesem - von Stump nicht selbst geschriebenen, wohl aber diktierten - Brief, dass unser Rössliwirt seine Ernennung zum Gemeindepräsidenten als schmeichelhaft empfand. Er dürfte der einzige Präsident gewesen sein, der dies zugab. Auf neun Jahre Tätigkeit als Gemeindevorsteher kommt er aber nur, wenn er 1798 und 1807 voll mitzählt, den Agenten als Gemeindevorsteher rechnet und die Zeit von 1803 bis 1805, in der er ja kein Gemeindeamt bekleidete, einschliesst. Offensichtlich war Stump jedes Mittel recht, sein Amt loszuwerden. Vermutlich hat der Kleine Rat das auch bemerkt, verstrichen doch bis zu seiner Entlassung als Präsident noch drei volle Monate. Am 2. Mai 1807 wurde der Rücktritt von Johannes Stump genehmigt. Der Gemeinderat hoffte aber, dass Stump «der E. Gemeinde nichtsdestoweniger mit seinen erprobten Kenntnissen diene ...».
Am 6. Mai 1807 ernannte der Kleine Rat zu einem neuen Gemeindepräsidenten Samuel Wenk-Eger. Das Amt blieb also «in der Familie». Zwei Jahre lang diente Samuel Wenk der Gemeinde in dieser Eigenschaft, um im März 1809 seinem Namensvetter Samuel Wenk-Kraft, dem Ochsenwirt, Platz zu machen. Eduard Wirz hat uns in seinem Artikel «Alte Riehener Strassensorgen» («z'Rieche» 1963) die hübsche Episode überliefert, nach der Samuel Wenk-Eger dem Landkollegium, das die Riehener immer wieder mahnte, die Staatsstrassen in Ordnung zu bringen und von den Riehenern immer wieder hören musste, dass sie keine Zeit für die Strassen hätten, da sie «ausserordentlich in den feldGeschäften zuruck» seien, schrieb: «wer nicht säet, der kann auch nicht ärndten». Nach seinem Rücktritt als Gemeindepräsident wirkte Samuel Wenk bis zu seinem Tode weiterhin als Richter und als Bannbruder. Johannes Stump erholte sich von seiner «Schwermuth» : am 19. Mai 1809 wählte ihn der Grosse Rat zu einem Eherichter und am 20. Dezember 1809 zu einem Gerichtsmann in Riehen.
1813 setzten die grossen Durchmärsche der Alliierten durch Riehen und Basel ein. Riehen wurde durch sie in schwere materielle und gesundheitliche Not gestürzt. Zählte man in Riehen zwischen 1795 und 1810 einerseits und zwischen 1815 und 1830 andererseits durchschnittlich 32 Tote pro Jahr, so stieg die Zahl der Toten im Jahre 1814 auf 120 Personen. Die fremden Soldaten hatten nämlich eine Epidemie eingeschleppt: das Nervenfieber. Als erster erlag ihm am 7. Januar 1814 der Bettinger Kirchmeier Friedrich Schlup. Im Januar starben 25, im Februar 15, im März zehn und im April noch vier Personen an der unheimlichen Krankheit. Dann war die Macht der Seuche gebrochen. Am 17. Juli starb die 25 Jahre alte Magdalena Stücklin als letzte am Nervenfieber. Mindestens 60 Todesopfer hatte das heimtückische Fieber gefordert. Die genaue Zahl ist unbekannt, da bei drei fremden Soldaten und 43 Einheimischen - 32 Kindern und elf Erwachsenen - keine Todesursache angegeben ist. Unter den Toten befand sich der Gemeindepräsident Martin Schlup von Bettingen, der Hauptmann Johannes Siegwald, gewesener Munizipalitätspräsident und Gemeinderat in Riehen, der Weihermeister Adam Schlup, der Gerichtsweibel Samuel Mürry und am 5. Februar unser Samuel Wenk-Eger, sowie am 24. Februar seine Tochter Anna Maria Stump-Wenk. Johannes StumpBertschmann starb an den Folgen eines Schlagflusses am 6. April und wurde am 8. April begraben. So hatte der Tod in der Gemeinde und in der Familie Stump-Wenk in kurzer Zeit reiche Ernte gehalten.
Ueber den Nachlass von Johannes Stump wurde von Notar Freyburger ein Inventar aufgenommen, es ist datiert vom 1. Dezember 1814 und beinahe 60 Seiten stark. Wir erfahren daraus, dass der Rössliwirt zwei Häuser, zwei Keller auf dem Kirchhof, viele Stücke Matten, Reben und Ackerland sein eigen nannte. Eine grosse Anzahl Riehener stand bei ihm in der Kreide. Auch besass er Silber und Gold. In seinem Keller befanden sich 50 Saum Wein «de 1802 und 1804». Sein Gesamtvermögen belief sich auf 34 277 Pfund. Leider kann dieser Betrag nicht ohne weiteres in Franken umgerechnet werden. Sicher ist jedoch, dass an den gegenwärtigen Verhältnissen gemessen unser Rössliwirt mehrfacher Millionär war.
Anna Maria Stump-Wenk hatte sechs Kindern das Leben geschenkt, eines davon war vor ihr, und zwar am blauen Husten, gestorben. Nach ihrem Tode vermählte sich ihr Gatte im Jahre 1816 mit Anna Hauswirth (1773-1859), doch gingen aus dieser Ehe keine Kinder mehr hervor. Johannes Stump hatte keine Töchter. Obwohl ihm nur zwei Schwiegertöchter Enkel gebaren, vermehrten sich seine Nachkommen in der Zeit von 1769 bis heute beachtlich: in dieser Zeit sind rund 700 Nachkommen des Rössliwirts geboren worden. Bei diesen Nachkommen hat sich da und dort das Interesse am Wirteberuf, wie wir bereits gesehen haben, erhalten. Besonders auffällig ist jedoch die grosse Zahl der politisch interessierten Nachfahren: der Schmied Samuel StumpStump (1802-1866) - sowohl er selbst als auch seine Frau stammen vom Rössliwirt ab - war Gemeinderat, Grossrat und zuletzt Kleinrat, der Wagner Samuel Stump-Stump (1834-1903) - er und seine Frau sind ebenfalls Nachkommen von Johannes Stump - war Gemeinderat, Johannes Stump-Wenk (1798-1843) war Gemeinderat und Grossrat, Dr. Carl Tanner-Bichsel (1888-1962), dessen Grossmutter ledigerweise Stump hiess, wurde basellandschaftlicher Regierungsrat und Regierungspräsident, auch war er Nationalrat und später Direktor der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, Johann Jakob Mory-Stump (18601939) - auch hier haben wir es wieder mit einer Ehe zu tun, deren beide Partner sich vom Riehener Agenten herleiten - war Gemeinde- und Bürgerrat, Dr. Hans Stump-Gysler (1885-1932) war Grossrat, Mitglied und Präsident des Weiteren Gemeinderates, Ernst Mory-Heggendorn (1891-1939) war Mitglied des Weiteren Gemeinderates, Jean MoryBrüderlin (1894-1961) Mitglied des Weiteren Gemeinderates und Einzelrichter, Ernst Lais-Wanner (1896-1967) wurde zum Mitglied und Präsidenten des Weiteren Gemeinderates gewählt: auch er gehört zu denjenigen Persönlichkeiten, die den eigenen Stammbaum und den der Gattin auf Johannes Stump zurückführen können. Weitere politisch aktive Nachkommen sind Gertrud Späth-Schweizer (* 1908), sie wurde zur ersten Bürgerrätin der Schweiz gewählt, und Hieronymus Spreyermann-Mathis (* 1912, seine Grossmutter war eine geborene Stump), der Mitglied des Weiteren Bürgerrates von Basel war. Friedrich Basler (1856-1927), 1911-1918 Gemeindepräsident von Bettingen, hatte mit Anna Maria Mory (1858-1915) eine Nachfahrin des Rössliwirts zur Frau. Gleich liegen die Verhältnisse beim Riehener Gemeindepräsidenten Johann Jakob Mory (1832-1916), der Anna Maria Stump (18291906) ehelichte. Auch der Gemeinderat, Grossrat, Gerichtspräsident und Appellationsrat Johannes Wenk (1816-1891) hatte in zweiter Ehe eine Stump zur Frau: Maria Magdalena (1827-1902). Im gegenwärtigen Weiteren Gemeinderat sind die Nachkommen des Rössliwirts durch Hans Mory-Denzler (* 1928) vertreten.
So sind Johannes Stump-Bertschmann und mit ihm, wenn auch in geringerem Masse, Samuel Wenk-Eger als bedeutende Vertreter des Riehener Gewerbes, als politische Repräsentanten der Gemeinde in Helvetik und Mediation, als dörfliche Richter und als Stammväter einer namhaften Anzahl von teilweise recht bedeutenden Magistraten in die Lokalgeschichte eingegangen. Dies hat den Gemeinderat bewogen, das verblichene und irreparable Grabmonument durch die bewährte Hand des Münsterbildhauers Fritz Behret neu schaffen zu lassen. Um einer neuerlichen Verwitterung entgegenzuwirken, wurde von einer Einmauerung in die Kirchenwand abgesehen: der Stein hängt im Vergleich zum bisherigen Standort um einige Zentimeter nach rechts verschoben und mit grossen Klammern befestigt an der Mauer unseres alten Gotteshauses. Er erinnert an die bescheidenen Anfänge der damals neugewonnenen Gemeindeautonomie, ein Appell an die Gegenwart, diese Autonomie auszubauen und zu bewahren.
Dieser Aufsatz hätte nicht geschrieben werden können ohne die Arbeiten und Hinweise von Paul Wenk-Löliger, Fritz Lehmann, Pfarrer Ludwig E. Iselin, Pfarrer G. Linder, Dr. Hans Vögelin und Hans Lengweiler.