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Sie haben sich auf die Suche gemacht nach Oberwalliser Schreibtalenten: Die beiden Co-Präsidenten der Vereinigung der Walliser Autorinnen und Autoren deutscher Sprache WAdS, Nicolas Eyer und Charles Stünzi. Die Texte von 17 Schreibenden fanden Aufnahme in ihrer Literaturanthologie. Kann der Sammelband „Talwind II“ jedoch als repräsentativ gelten? Und vor allem: Gibt es neue und gute Ansätze bei den Schreibenden? Ich habe mich mit Nicolas Eyer unterhalten. Er wohnt in Naters, ist Lehrer, und er hat für sein literarisches Schaffen bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Hannes-Taugwalder-Preis 2006 und den Preis des Walliser Schriftstellerverbandes 2011.
Muss eine Anthologie zur Oberwalliser Gegenwartsliteratur repräsentativ sein? Diese Frage stellt sich für Nicolas Eyer nur bedingt. Mit „Talwind II“ habe man vor allem eine Aktualisierung des 11 Jahre alten Vorgängerbandes angestrebt, sagt Eyer. Damals wollte man einen Überblick bieten über die Oberwalliser Gegenwartsliteratur. Jetzt, elf Jahre später, ist es eher ein Querschnitt. Die Herausgeber möchten neue Tendenzen aufzeigen und auch neue Namen ins Spiel bringen. Freilich befinden sich darunter auch Namen, die bereits die Affiche von Talwind I geziert haben. Die soeben aktualisierte Anthologie kann so auch die Frage beantworten, ob es in der Deutschwalliser Literatur so etwas wie Kontinuität gibt.
In der Anthologie Talwind II fehlen aber leider einige literarische Grössen. Darunter Berufs-Schriftsteller und Literaten wie Rolf Hermann, Christine Pfammatter und andere. Hat, wer einen Sammelband zur Oberwalliser Gegenwartsliteratur herausgibt, nicht auch eine „Holschuld“ in dem Sinne, dass man also auch Berufsschriftsteller und Literaten gezielt angehen müsste? Darf eine Literaturanthologie, die auf Freiwilligkeit und auf dem Goodwill der Mitmachenden basiert, als aussagekräftig für eine ganze Region angesehen werden? Nicolas Eyer fände es falsch, wenn man Schreibende in die Pflicht nehmen würde mitzumachen. Er beteuert, man habe auch bekannte Namen angeschrieben, aber leider nicht von allen Rückmeldungen erhalten. Zudem – so Nicolas Eyer – sei es auch kein erklärtes Ziel gewesen, ein Buch herauszugeben, in dem die grossen Namen allesamt vertreten sind. Die gute Mischung von Altbekanntem und von Neuerem sei für die Herausgeber wichtiger gewesen.
In der Lyrik feiert das Walliserdeutsche eine Renaissance. Gedichte in Walliserdeutsch scheinen insbesondere in der übrigen Deutschschweiz ein Renner zu sein. Unter Applaus des Publikums versuchte sich gar Laudator Mario Andreotti, der aus dem Sanktgallischen stammt, lustvoll in der Lektüre von walliserdeutschen Gedichten. Für Nicolas Eyer ist es nicht so entscheidend, ob Gedichte nun in Walliserdeutsch geschrieben sind oder in Hochdeutsch. Jede Autorin, jeder Autor schreibe in einem eigenen Idiom, in einer Sprache, in der sie / er sich wohlfühle. Natürlich komme dem Dialekt eine wichtige Funktion zu, er diene vornehmlich der Identitätsstiftung, gibt Eyer zu bedenken. Ob allerdings die relative Häufung von Gedichten im Walliser Dialekt eine Tendenz ist, darüber wollen die Herausgeber nicht spekulieren. Sie seien selber gespannt, die Entwicklung in dieser Richtung zu beobachten.
Bei Gedichten in hochdeutscher Sprache stehen traditionelle neben modernen Gedichtformen. Einige Lyrikerinnen haben sich von Metrum und Reim verabschiedet, bevorzugen also die freie Form. Eine neue Stossrichtung beim Dichten? Nicolas Eyer hat Mühe mit der Bezeichnung „modern“. Derartige Gattungsbegriffe würden einen Text immer auch in eine Schablone pressen, bedauert Eyer. Er stellt aber fest, dass alle Gedichte in „Talwind II“ in einer Traditionslinie stehen. Es seien keine grundlegend neue Stile darunter, sondern eher aufbauende. Die Anthologie beinhaltet meist traditionelle klassische Gedichtformen, solche also, die sich an bereits bestehende anlehnen.
Bei der Erzählprosa sind verschiedenste Stile auszumachen. Eine interessante Mischung sei da vorhanden, stellt Nicolas Eyer fest. In „Talwind II“ finden sich Texte von Autoren, die chronologisch erzählen, andere arbeiten mit Rückblenden, wieder andere schreiben mit Hilfe von Montagetechniken. Nebst einer traditionellen Themenwahl befassen sich Autoren in ihren Texten auch mit der Mythologie oder mit modernen gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese Vielfalt sorge für Spannung und mache den besonderen Reiz aus, so ein Buch „auf den Weg zu bringen“, verrät Nicolas Eyer.
Text und Foto: Kurt Schnidrig