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Vanishing Thule Museum Nonam,Seefeldstrasse 317, Zürich
Projekt Inuit "Leben am Rande der Welt
Vanishing Thule
Von Markus Bühler-Rasom
Die Stadt Qaanaaq, einsam und kalt, erreiche ich Ende September 2010. Zwei Tage später setzt der Winter ein, es schneit, zuerst nur leise und dünn, dann heftig. Dieser Schnee, täglich mächtiger, wird den Ort bis im nächsten Sommer belagern - doch das Meer, jetzt im Oktober, ist noch eisfrei. Nicht wie einst - während Jahrhunderten.
„Das Eis“, sagt Lars Jeremiassen, 62 Jahre alt, einer der wenigen Berufsjäger in Qaanaaq, „das Eis ist die grosse Unbekannte.“ Vor zehn, fünfzehn Jahren noch, sagt Lars, habe er, um seine Leine ins Wasser zu bringen, durch zwei Meter dickes Eis ein Loch schlagen müssen, sogar eine Treppe habe man ins Eis gehämmert, um das Wasser zu erreichen und damit die Fische.
„Und heute ist das Eis noch halb so dick.“
Der Bezirk Thule mit seiner Hauptstadt Qaanaaq ist der nördlichste Punkt auf Erden, der von Menschen bewohnt ist. Achthundert Menschen leben in der Stadt und ihrer Umgebung, die meisten sind Inuit, ein Volk von Jägern, Fischern, Sammlern, nur wenige Dänen harren hier aus im Nordwesten von Grönland.
Magssanguaq Jensen verbringt seine alten Tage vor dem Fenster am Hafen, schweigt stundenlang und schaut hinaus auf die See, die ihm zum Rätsel wurde. Magssanguaq, sein Leben lang Jäger, ist nun fünfundachtzig und versteht die Welt nicht mehr. Keine zwanzig Jahre sind es her, seit er und seine Freunde auf Hundegespannen übers Eis zogen, bereits im Oktober – und nun ist da draussen nichts als munteres Wasser.
„Am 24. Oktober, wenn die Sonne für Monate ein letztes Mal untergeht, war das Meer jeweils eine feste Fläche“, knurrt der Mann und zeigt auf den Strand.
„Nicht mal der Strand“, sagt Magssanguaq, „gefriert jetzt noch.“
Das habe er noch nie gesehen. Verrückt.
Manchmal setzt sich Tateraaq Qaerngaq zu ihm, fünf Jahre jünger. Sie schweigen und reden, schauen hinaus und wundern sich über die neue Zeit, die verlorene Welt. Auch Tateraaq ist froh, ein Greis zu sein, der nicht mehr zur Jagd ausfährt. Früher, ja, da war alles anders, einfacher, klarer. Früher zog er allein im Kajak übers Meer und begriff die Winde und Wellen.
„Heute verstehe ich das Wetter nicht mehr“, sagt er leise und schüttelt den Kopf.
Allein zur Jagd zu fahren, das sei jetzt lebensgefährlich.
Dann erzählt er, wie sie einst in Hundegespannen neunhundert Kilometer weit in den Süden reisten, nichts als Eis - heute undenkbar. Und selbst in die umgekehrte Richtung, nach Norden, werde der Weg immer schwieriger. Oft müsse man über die Gletscher des Inlandeises fahren, weil das Meereis unsicher sei, brüchig, heimtückisch.
„In Etah, weiter nördlich“, holt der Alte aus, „vergruben wir im Spätsommer jeweils unsere Fleischvorräte unter Steinen, damit wir im Winter, wenn wir dort jagten, einen Notvorrat hatten. Heute verfault das Fleisch, bevor es gefriert.“
Das Glück der frühen Geburt hat Gedion Kristiansen nicht, er ist zweiundvierzig und muss, will er überleben, auf die Jagd. Und die wird ständig schwieriger. Vor zwei Jahren zog er mit Angiit Umaq los. Sie übernachteten in einer Hütte. Doch in der Nacht, wie noch nie zuvor seit Menschengedenken, ging plötzlich ein Riss durchs Eis, Gedion und Angiit rannten los, trieben die Hunde an, eine Fahrt um Leben und Tod. Gedion hatte Glück und rettete sich knapp auf sicheren Boden, Angiit aber, mitsamt seinen Hunden, sass auf der Scholle fest und trieb hinaus aufs Meer. Zurück in Qaanaaq, alarmierte Gedion die Polizei. Die schickte einen Helikopter los. Doch der kehrte, weil das Wetter so schlecht war, bald um, versuchte es am nächsten Morgen wieder. Man entdeckte Angiit und seine Hunde in der Nähe von Herbert Island, fünfunddreissig Kilometer vom Ort entfernt, wo er übernachtet hatte. Wieder war Sturm. Und den Rettern gelang es, nur Angiit aus dem Eis zu holen, nicht aber die Hunde und den Schlitten. Sie wurden nie mehr gesehen.
Wenig ist wie einst im höchsten Norden: Gefror das Meer vor zwanzig Jahren bereits im Oktober und blieb dann hart und sicher bis Ende Juli, so gefriert es jetzt erst im Dezember und bricht schon Anfang Juni wieder auf. Reisen übers Eis sind unwägbar geworden. Nicht nur für die Menschen. Auch den Tieren setzt das Ungewohnte zu. Bis anhin brachten Robben ihre Jungen in Eishöhlen zur Welt, meist entlang der Packeiskanten. Diese Höhlen waren bedeckt mit Schnee, boten den Jungen einen gewissen Schutz, zumal Eisbären sie so kaum witterten. Nun aber, in Zeiten des dünnen Eises, brechen die Neugeborenen oft durch und ertrinken. Lars Jeremiassen, Berufsjäger, hat schon beobachtet, wie Robben, um jede Sicherheit gebracht, ihre Nachkommen auf nacktem Eis gebaren. Der sichere Tod. Erfrieren die Jungen nicht während der Nacht, werden sie, zumindest in Küstennähe, die leichte Beute von Eisbären, Füchsen oder Raben.
„Auch Belugas, Kleinwale“, sagt Lars, „schwimmen nicht mehr jedes Jahr hierher, manche Vögel kommen früher als einst, auch die Eier legen sie früher, andere bleiben mittlerweile den ganzen Winter hier.“
Und doch, sagt er dann, sei das Ganze so absonderlich hoffentlich nicht, eine Phase vielleicht, eine dumme Eskapade des Klimas oder der Geister. Denn vor langer Zeit, vor Lars’ Geburt, hätten da drüben in der Mellville Bay bei Savissivik noch Moschusochsen gelebt und Rentiere, heute aber sei es dort so kalt, dass nur Eisbären überdauerten.
„Wir werden lernen, mit dem Neuen umzugehen. Auch die Tiere werden es lernen. Wir müssen.“
Was den Jägern von Qaanaaq wirklich Angst macht, ist die Politik, vielmehr die grönländische Regierung. Die hoffe, vermuten die Jäger, auf plötzlichen Reichtum, erwirkt von den vielen Bodenschätzen, die nun, in Zeiten der Schmelze, bald aus der Erde Grönlands gefördert werden könnten. Und wäre Grönland endlich reich, könnte es unabhängig werden vom Mutterland Dänemark. Angst macht den Jägern, dass die Regierung, gerade weil sie Grönland in die Unabhängigkeit führen will und deshalb vom Wohlwollen anderer Staaten abhängt, vor allem der europäischen, auf Druck eben dieser Staaten Jagdquoten festsetzt, so niedrig, dass kaum ein Jäger noch überleben kann.
„Es gibt doch genügend Tiere hier“, schimpft Gedion Kristiansen, „mehr als genug.“
Schon lange, wettert Gedion, bevor Greenpeace den Handel mit Robbenfellen weltweit zu Fall gebracht habe, hätten die Inuit nie mehr gejagt als nötig, dieses Ausbeutungs- und Ausrottungsdenken stamme aus Europa, wo man Tiere ihr kurzes qualvolles Leben lang gefangen halte, um dann nur Teile davon zu gebrauchen und den Rest wegzuschmeissen.
„Das ist uns fremd.“
Lars Jeremiassen, Gedion Kristiansen, Magssanguaq Jensen, Tateraaq Qaerngaq: Sie waren und sind Jäger am Ende der Welt. Als Knabe, vom Vater angeleitet, erlegten sie eine erste Robbe. Ab vierzehn wurde das Jagen zu ihrem Beruf.
Und jeder hat einen Sohn oder zwei oder drei. Doch keiner wird je Jäger sein.