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Auf die Parteienstärke hat das Panaschieren keinen Einfluss. Für einzelne Kandidatinnen und Kandidaten kann der Nettozufluss an Panaschierstimmen jedoch wahlentscheidend sein. Die Wählerschaft orientiert sich mehrheitlich auf der links-rechts Achse. Das sind die Ergebnisse einer Analyse der Zürcher Panaschierstatistik zu den Nationalratswahlen von 2011.
Eine Eigenheit des Wahlsystems für den Nationalrat ist die Vermischung von Partei- und Personenwahl. Die Kandidierenden sammeln in erster Instanz Stimmen für die eigene Listenverbindung. Die individuelle Stimmenzahl wird erst bei der Sitzverteilung innerhalb der Partei relevant. Etwas mehr als 46 Prozent aller abgegebenen Parteilisten waren bei den Nationalratswahlen 2011 panaschiert. Dazu kamen in kleinerem Umfang Stimmen von leeren Listen, welche von den Wählenden selber ausgefüllt wurden.
Filippo Leutenegger und Hans Egloff nur dank parteifremden Stimmen gewählt
Besonders panaschierfreudig scheinen die freisinnigen WählerInnen zu sein. Die Listen von FDP und Jungfreisinnigen wurden zu mehr als der Hälfte verändert abgegeben. Relativ häufig muss dabei Filippo Leutenegger von der Liste gestrichen worden sein. Er schaffte die Wiederwahl in den Nationalrat nur dank seiner Popularität ausserhalb der Parteibasis. Ohne diese Stimmen wäre er parteiintern auf dem sechsten Platz gelandet und hätte den Sprung in den Nationalrat um zwei Plätze verpasst. Dass es am Schluss doch noch gereicht hat, liegt vor allem an den SVP-WählerInnen. Mehr als zehn Prozent ihrer Panaschierstimmen für parteifremde KandidatInnen konnte er auf sich vereinigen. Wenn man bedenkt, dass 716 weitere KandidatInnen um diese Stimmen gebuhlt haben, ist das sehr viel. Leutenegger als Kandidaten für das Amt des Stadtpräsidenten zu nominieren, in der Hoffnung er könne das Potenzial der SVP-Wählerschaft am besten ausnützen, war deshalb sicher einen Versuch wert.
Neben der FDP-Liste kam es auch innerhalb der SVP zu einem wahlentscheidenden Plätzetausch. Hier wurde Hans Egloff, Präsident des Hauseigentümerverbandes, mit Hilfe listenfremder Stimmen anstelle von Gregor Rutz gewählt. Beide Kandidaten erhielten von der eigenen Partei fast gleich viele Stimmen. Ausschlaggebend war das gute Resultat von Egloff bei den Mitteparteien. Während Rutz mehr Stimmen von Parteilisten rechts der SVP holte, gelang es Egloff im deutlich grösseren Stimmenpool der politischen Mitte zu reüssieren.
Die Einzelbeispiele von Egloff und Leutenegger lassen vermuten, dass Kandidierende ihre Wahlchancen erhöhen können, wenn sie sich an jenem Rand der Partei bewegen, der an das grössere Stimmenpotenzial grenzt.
Die SVP hat die treuste Wählerschaft; die SP ist auch ausserhalb der Parteibasis beliebt
Die Panaschierstatistik lässt nicht nur Rückschlüsse über die Stimmenherkunft einzelner PolitikerInnen zu. Ebenso kann die Beliebtheit von Parteien ausserhalb ihrer Basis sowie die Loyalität der eigenen Wählerschaft aufgezeigt werden. Die untenstehende Grafik zeigt auf der horizontalen Achse, wie viele Stimmen die Parteien pro hundert Wahlzettel durch das Panaschieren verlieren. Auf der vertikalen Achse ist die Parteiattraktivität dargestellt. Sie zeigt, wie viele Stimmen pro hundert Wahlzettel anderer Parteien und leerer Listen gewonnen wurden. Das Konzept dieser Darstellung wurde von Peter Moser, Statistisches Amt Kanton Zürich, übernommen. Er hat eine ähnliche Auswertung für die Nationalratswahlen 1999-2007 sowie die Kantonsratswahlen 2011 gemacht. Seine Analysen finden sich hier und hier.
Von den sieben grössten Parteien hat die BDP nicht nur die illoyalste Basis, sondern ist in den Augen der anderen WählerInnen auch am unattraktivsten. Am treusten ist die Wählerschaft der SVP. Ausserhalb ihrer Basis ist die Partei jedoch nur durchschnittlich beliebt. Damit kommt auch in der Panaschierstatistik zum Ausdruck, was sich bei Majorzwahlen immer wieder zeigt: Die SVP ist zwar die mit Abstand stärkste politische Kraft; im Verhältnis dazu ist der Sukkurs ausserhalb der eigenen Basis jedoch eher klein. Gerade umgekehrt verhält es sich bei den Grünen und der SP. Die beiden Parteien gewinnen am meisten Panaschierstimmen; vor allem die Grünen haben aber keine sonderlich loyale Wählerschaft. Hinzu kommt, wie die nächste Grafik zeigt, dass die Attraktivität der Parteien über keine grosse Reichweite verfügt. Panaschierstimmen werden innerhalb der politischen Lager verteilt.
Klare Blockbildung in der Wählerschaft
Von der SP floss die Hälfte aller Panaschierstimmen zu den Grünen; umgekehrt waren es sogar 5 Prozentpunkte mehr. Am anderen Ende des politischen Spektrums ist die Nachbarschaftsliebe zwar auch gross, aber nicht ganz so ausgeglichen. Die FDP erhält 48% aller Panaschierstimmen der SVP, sie revanchiert dafür jedoch mit nur einem Drittel der eigenen Panaschierstimmen. Die Wählerschaft bildet also keine ‚unheiligen‘ Kombinationen auf ihren Listen, indem sie linke und rechte Parteien kombiniert. Zum Ausdruck kommt die Aversion der SVP-Wähler gegenüber der BDP. Sie geben dieser Partei weniger Stimmen als der SP und nur etwas mehr als den Grünen. Bei allen beliebt ist dafür die GLP. Sie holt bei der Wählerschaft aller grossen Parteien mindestens am zweitmeisten Panaschierstimmen.
Weil sich die Parteien bezüglich Wähleranteil, Parteiloyalität sowie Anziehungskraft auf WählerInnen anderer Parteien teilweise stark unterscheiden, verbergen sich hinter den oben dargestellten Anteilen sehr unterschiedliche Absolutgrössen. Es stellt sich die Frage, ob es einzelnen Parteien gelingt, mit Hilfe der Panaschierstimmen ihren Wahlerfolg in einem relevanten Umfang zu steigern.
Für die Parteien ist das Panaschieren ein Nullsummenspiel
Bei den Nationalratswahlen 2011 sind ca. 8% der Stimmen durch panaschieren verschoben worden. Grob umgerechnet, entspricht dieser Anteil zwei bis drei Nationalratssitzen. Um einen zusätzlichen Parlamentssitz zu gewinnen, müsste eine Partei also einen grossen Teil der Panaschierstimmen auf sich vereinen. Die Grafik unten zeigt, um wie viel Prozentpunkte sich der Wähleranteil der Parteien durch die Panaschierstimmen verändert hat. Es kommt klar zum Ausdruck, dass für die Parteien das Panaschieren ein Nullsummenspiel ist.
Die Grünen, als Gewinner des Wettbewerbs um die Panaschierstimmen, steigern ihren Anteil um knapp einen halben Prozentpunkt. Um einen zusätzlichen Sitz zu erhalten, müssten sie den Nettozufluss mindestens verfünffachen. Wer sich für die absoluten Nettoflüsse zwischen den Parteien interessiert, findet die entsprechende Grafik hier.
Die Zahlen belegen deutlich, dass das Panaschiersystem für Parteien keine Relevanz hat. In Einzelfällen kann es jedoch über den individuellen Wahlerfolg von KandidatInnen entscheiden. Um im innerparteilichen Konkurrenzkampf zu bestehen, lohnt es sich, ausserhalb der Parteibasis auf Stimmenfang zu gehen.
Literatur:
Moser, Peter (2007): Wahlverwandtschaften im Zürcher Parteiengefüge. Panaschieren in den Zürcher Nationalratswahlen 1999-2007. Statistisches Amt Kanton Zürich: statistik.flash 10/2007
Moser, Peter (2011): Parteiloyalitäten der Wählerschaft im Wandel. Eine Analyse der Panaschierdaten der Zürcher Kantonsratswahlen 2011. Statistisches Amt Kanton Zürich: statistik.info 2011/06.
Ursprungsdaten:
Statistisches Amt Kanton Zürich (2011): Panaschierstatistik Nationalratswahlen 2011.
Von Basil Schläpfer / <email-pii> / 07-719-495
Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen eines Forschungsseminars am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich im Frühjahrssemster 2014 entstanden: Politischer Datenjournalismus bei Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno Wüest.