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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
52. An den Priester Nepotian
9.
Die Farbe Deiner Kleider sei weder zu dunkel noch zu leuchtend. Prunk und Schmutz sind gleichmäßig zu meiden. Das eine sieht nach Vergnügungssucht, das andere nach Eitelkeit aus. Auf ein Leinengewand verzichten, verdient noch kein Lob, wohl aber, sich keines anschaffen zu können. Es wäre lächerlich und schandbar, bei vollem Beutel sich dessen zu rühmen, daß man kein Schweiß- oder Taschentuch besitzt. Es gibt Kleriker, die den Armen deshalb wenig geben, um selbst mehr zu erhalten. Unter dem Vorwand des Almosenspendens haben sie es auf den Erwerb von Reichtum abgesehen. Das ist schon mehr eine Jagd nach Beute als ein Werk der Nächstenliebe. Nach diesem System fängt man Raubtiere, Vögel und Fische. An dem [S. 140] Angelhaken wird ein kleiner Köder festgemacht, um damit die Börsen der Matronen zu erbeuten. Der Bischof, dem die Kirche anvertraut ist, muß prüfen, wem er die Verteilung der Gaben und die Fürsorge für die Armen überträgt. Besser ist es, nichts verteilen zu können, als schamlos Geld zu erpressen. Es liegt auch eine gewisse Anmaßung darin, wohltätiger scheinen zu wollen, als es der Bischof Christi ist. Nicht alle können wir alles. 1 Der eine ist in der Kirche Auge, ein anderer Zunge, ein anderer Hand, ein weiterer Fuß, Ohr, Leib usw. Lies im Brief Pauli an die Korinther nach, wie die verschiedenen Glieder einen Körper ausmachen. 2 Ein ungebildeter und einfacher Bruder soll sich deshalb noch nicht für heilig halten, weil er nichts weiß. Ebensowenig darf der erfahrene und beredte Bruder in diesen Vorzügen einen Beweis der Heiligkeit erblicken. Gilt es zwischen zwei Unvollkommenheiten zu wählen, dann ist Heiligkeit in grobem Gewande einer mit Sündhaftigkeit verbundenen Beredsamkeit vorzuziehen.
1: Vergil, Buc. VIII 63.
2: 1 Kor. 12, 12 ff.