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Trotz grossen Vorsprungs in Wahlumfragen sei ein Sieg Joe Bidens bei den US-Präsidentschaftswahlen alles andere als sicher. Das sagt Courtney Kennedy, Direktorin Umfrageforschung bei Pew Research in Washington. Sie zeigt auf, wo die Grenzen von Umfragen im US-Wahlkampf liegen.
Courtney Kennedy
Courtney Kennedy ist Direktorin für Umfrageforschung am Pew Research Center. Sie berät das Zentrum bei allen Forschungsarbeiten. Kennedy hat einen Doktortitel in Umfragemethodik von der University of Michigan.
SRF News: Im Durchschnitt der landesweiten Umfragen führt Joe Biden im Moment mit einem Vorsprung von gut sieben Prozent. Tönt nach viel. Doch was heisst das für die Wahl im November?
Courtney Kennedy: Das heisst nicht allzu viel. Natürlich gibt es einen Eindruck, welcher Kandidat im Moment landesweit bevorzugt wird. Aber in unserem System mit den Wahlmännern ist der Blick auf die Bundesstaaten wichtiger. Die Anzahl der Stimmen übers ganze Land spielt keine Rolle. Zweimal in den letzten 20 Jahren hatten wir eine Wahl, bei der die Person mit den meisten Stimmen nicht Präsident wurde. Zuletzt 2016. Das heisst, man muss die Umfragen in den einzelnen Bundesstaaten anschauen, vor allem dort, wo es traditionell sehr eng ist.
Tatsächlich sieht es da anders aus. Nimmt man die sechs am härtesten umkämpften Staaten, liegt Biden nur noch 3,7 Prozent vorne. Ähnlich wie im Rennen Clinton-Trump vor vier Jahren.
Genau. Trotz des klaren Bildes aus den nationalen Umfragen ist das Rennen sehr eng. Biden hat noch einen weiten Weg, es ist alles andere als entschieden. Trump ist sehr konkurrenzfähig.
In Umfragen können wir aufzeigen, was die Bevölkerung über Covid19 und die Rassismus-Debatte denkt, über Ereignisse in der Vergangenheit. Aber sie sind nicht drauf ausgerichtet, den Gewinner einer engen Wahl vorauszusagen, die erst in zwei Monaten stattfindet.
Trump ist sehr konkurrenzfähig
Während 2016 die nationalen Umfragen ziemlich genau waren, gab es bei den Umfragen auf Stufe Bundesstaaten Probleme.
Man muss bei Umfragen sicherstellen, dass die Bevölkerung repräsentativ abgebildet wird. Leider war das 2016 in den Bundesstaaten nicht immer der Fall. Viele Umfragen gewichteten Menschen mit einem College-Abschluss und damit potenzielle Clinton-Wähler zu stark. Das gab ein falsches Bild. Eine andere Herausforderung war, dass sich viele Wählerinnen und Wähler sehr spät entschieden und die Umfragen das nicht mehr abbilden konnten.
Ist der Fehler der Gewichtung behoben?
Die meisten Umfrageinstitute haben ihn behoben, aber nicht alle. Man muss sich bewusst sein, dass es auf Stufe Bundesstaaten immer noch viele billige, schnelle und ungenügende Umfragen gibt. Auch sie finden den Weg in die Medien und können ein grosses Echo auslösen. Deshalb muss man sehr vorsichtig sein.
Wo liegt das Problem, wenn aufgrund der derzeit deutlichen landesweiten Umfragen ein Kandidat wie Biden als haushoher Favorit bezeichnet wird?
Wenn in den Medien immer wieder suggeriert wird, ein Kandidat habe sehr gute Siegeschancen, kann das dazu führen, dass viele gar nicht mehr wählen, weil sie einen Erdrutsch-Sieg erwarten. Das zeigen empirische Untersuchungen. Es ist aber gefährlich, weil nationale Umfragen nicht das Mass aller Dinge sind (siehe oben). Und weil es suggeriert, dass sich mit Umfragen definitive Wahlresultate vorhersagen lassen. Und letztlich kann das dem vermeintlich schwächeren Kandidaten helfen.
Das Interview führte Peter Düggeli.