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Wenn einem Pferd Heu in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht: Wie viele Kilogramm wird es während 24 Stunden aufnehmen, wenn das Heu entweder in einem Netz oder lose vom Boden angeboten wird? Dieser Frage wurde im Rahmen einer studentischen Arbeit an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) nachgegangen.
Heunetz zur Heuaufnahme parat. (Foto: HAFL)
Grundbedürfnis Raufutter
Wildpferde in den Steppen verbringen rund 16 Stunden mit der Futteraufnahme. Das müssen sie tun, um ihren Nährstoffbedarf mit dem kargen Steppenfutter decken zu können. Lange Fütterungszeiten sind somit ein Grundbedürfnis der Pferde.
Mit der 2- bis 3-maligen Futtervorlage in der traditionellen Pferdefütterung kann diesem Grundbedürfnis nicht nachgekommen werden. Verhaltensstörungen wie das Koppen, Weben und Holznagen sind oft Folgen davon. Will man das Bedürfnis nach langen Fütterungszeiten erfüllen und den Pferden das Raufutter zur freien Verfügung vorlegen, kommt es mit den Futtermitteln, die heutzutage an die Pferde verabreicht werden, zu einer Überversorgung an Energie. Nebst der Tatsache, dass das Heu bei uns energiereicher ist als das karge Steppenfutter, haben unsere Freizeitpferde in der Regel weniger Bewegung als ihre Artgenossen in Freiheit. Das Resultat sind übergewichtige Pferde. Das Ziel wäre also, den Pferden lange Fresszeiten zu ermöglichen, ohne sie dabei mit zu viel Energie zu versorgen.
Der Praxisversuch
Im Rahmen einer studentischen Arbeit an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (BE) wurde untersucht, ob es einen Unterschied bezüglich der Aufnahmemenge während 24 Stunden gibt, wenn die Pferde Heu zur freien Verfügung aus einem Heunetz fressen oder es lose vom Boden aufnehmen. Frühere Untersuchungen zur Fütterung mit Heunetzen haben gezeigt, dass die Pferde das Heu aus Netzen langsamer fressen, gegenüber der Boden- oder der Krippenfütterung. Ob die verzehrte Menge aber auch kleiner ist, wenn die Tiere über 24 Stunden aus unterschiedlichen Fütterungssystemen fressen können, oder ob sie einfach länger fressen, darauf gab es bisher noch keine klaren Antworten.
Sechs Pferde, die in einem Zucht- und Pensionsstall stehen, nahmen an dem Versuch teil. Die Pferde standen während des Versuchs in Einzelboxen auf Holzpellets. An drei Pferde wurde das Heu in einem Heunetz verfüttert, während die anderen drei das Heu vom Boden fressen konnten. Zuerst wurden die Pferde während fünf Tagen an das jeweilige Fütterungsregime angewöhnt, und anschliessend wurden während dreier Tage die verzehrten Heumengen gemessen. Nach diesem ersten Durchgang wurden die Fütterungsvarianten gewechselt, sodass die Pferde, die mit dem Heunetz gefüttert wurden, nun das Heu am Boden erhielten und umgekehrt. So durchlief jedes Pferd beide Varianten.
Bei welchem Fütterungssystem frisst das Pferd mehr Heu?
Tatsächlich konnte ein Unterschied festgestellt werden. Pferde, die das Futter vom Boden frassen, hatten im Durchschnitt einen Verzehr von 3,25 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht. Die Pferde, die das Futter aus Heunetzen bezogen, nahmen im Schnitt lediglich 2,82 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht auf. Wenn man von einem 500 kg schweren Pferd ausgeht, frisst dieses vom Boden in 24 Stunden ca. 16 kg, wohingegen dasselbe Pferd nur ca. 14 kg Heu aus einem Heunetz aufnimmt. Dies stellt eine Differenz von über 2 kg dar. Die Pferde fressen das Heu aus Heunetzen also nicht nur langsamer, sondern sie fressen während 24 Stunden auch insgesamt weniger Heu.
Im vorliegenden Versuch hatten die Heunetze eine Maschenweite von 3,5 cm. In einem Versuch an der Forschungsanstalt Agroscope in Avenches (VD) konnte gezeigt werden, dass Pferde langsamer fressen, je kleiner die Maschen sind.
Gängige Fütterungsempfehlungen definieren als Mindestmenge an Heu 1,5 kg Trockensubstanz pro 100 kg Körpergewicht pro Tier und Tag. Dies entspricht 1,7 kg Heu. Wie der Versuch zeigt, können die Pferde diese Mindestmenge problemlos aus einem Heunetz zu sich nehmen.
Welche Auswirkungen eine lang andauernde Heunetzfütterung konkret haben, muss noch geklärt werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass Pferde, die aus Heunetzen fressen, weniger Energie zu sich nehmen, was einer Überfütterung entgegenwirkt. Allenfalls entwickeln Pferde jedoch mit der Zeit Strategien, um doch schneller und mehr Heu aus den Netzen zu fressen. Auch unklar sind die langfristigen Auswirkungen auf die Zähne, das Gebiss, das Zahnfleisch sowie auch auf allfällige Probleme infolge einer schrägen Kopfhaltung der Pferde während der Futteraufnahme. Es ist denkbar, dass die Nylonschnüre der Netze das Zahnfleisch wie auch die Zähne verletzen oder zumindest unnatürlich abnützen können. Die Höhe, auf der die Netze angebracht werden, muss ebenfalls gut durchdacht sein. Grundsätzlich sollten sie nicht zu hoch sein. Auf der Weide frisst das Pferd das Gras mit gestrecktem Hals vom Boden. Um zu verhindern, dass die Pferde mit den Hufen an den Netzen hängen bleiben, sollten sie jedoch auch nicht zu tief aufgehängt werden.
Die Fütterung aus Heunetzen kann eine wertvolle Hilfe sein, um eine lang andauernde, aber nicht zu hohe Raufutteraufnahme zu gewährleisten. Ungeachtet des Fütterungssystems sollte aber stets darauf geachtet werden, dass die Bewegung der Pferde und die Energieversorgung bei der Futteraufnahme angepasst und die Pferde entsprechend gearbeitet werden.
Unser Dank geht an die Besitzer des Pensions- und Zuchtstalls, ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen, und an EQ-Bedding für die grosszügige Unterstützung
Andreas Scheurer und Tanja Tüscher
Heumenge im Netz wird von Studierenden der Agronomie mit Vertiefung Pferdewissenschaften gewogen. (Foto: HAFL)
Abwägen des Heus für die Bodenfütterung. (Foto: HAFL)
In der Natur fressen freilebende Pferde 16 Stunden am Tag. (Foto: HAFL)