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In einer eng gefassten Definition des Begriffs meint S. "die Gesamtheit der in einem Zeitabschnitt erfolgten Veränderungen in der Struktur einer Gesellschaft" (Peter Heintz) oder, wie es Morris Ginsberg formulierte, "a change in a structure". S. bezieht sich also auf die Veränderung sozialer Strukturen und bzw. oder sozialen Verhaltens: z.B. auf Veränderungen in der sozialen Schichtung und Lage, im Rollenverhalten, in den Organisationsmustern und den Lebensverhältnissen. Er zielt jedoch nicht auf die blosse Geschichtlichkeit sozialer Systeme und Verhältnisse, sondern auf Umbrüche, die eine neue Qualität des Sozialen hervorbringen. Eine solche Betrachtungsweise setzt einen sozialen Hintergrund mit einer gewissen Ordnung und Regelmässigkeit voraus, so dass S. auch als Abweichung von relativ stabilen Zuständen und deren Neuformierung aufgefasst werden kann. In einer weit gefassten Definition beinhaltet der Begriff auch die Prozesse des wirtschaftl., polit. und kulturellen Wandels (z.B. Veränderungen in den Denkinhalten, in den Mentalitäten).
Die Kategorien Geschwindigkeit, Reichweite, Antriebskräfte, Richtung und Steuerbarkeit benennen Dimensionen des S.s, welche die sozialwissenschaftl. Theorien unterschiedlich erklären. Veränderungen verlaufen revolutionär oder evolutionär, nehmen einen linearen, diskontinuierl. oder zykl. Gang, erfassen die Gesamtgesellschaft oder Einzelbereiche, gründen auf endogenen oder exogenen Ursachen, bewegen sich zielgerichtet oder planlos fort, gehorchen Gesetzen, die den Menschen allenfalls einen gewissen Gestaltungsspielraum zubilligen, oder erfolgen spontan und nicht durch menschl. Verhalten intendiert. Da jede Untersuchung des S.s im Schnittpunkt von Statik und Dynamik angesiedelt ist, erweisen sich Krisen und Konflikte (Soziale Konflikte) als besonders ergiebige Forschungsfelder.
Während Soziologen wie Karl Marx, Herbert Spencer, Emil Durkheim und Max Weber S. geschichtsphilosophisch untermauert als zielgerichteten Fortschritt hin zur klassenlosen Gesellschaft, zu höherer Anpassungsfähigkeit, Differenzierung oder Rationalisierung deuteten, die Ursachen der Dynamik suchten und die moderne Gesellschaft antithetisch von der traditionalen Gemeinschaft abhoben, liegt heute der Schwerpunkt auf der Kontingenz S.s, auf dessen ambivalenten Folgen für die Menschen und auf den Funktionszusammenhängen. Der Geltungsverlust sozialer Regeln sowie die Durchsetzung neuer Werte und Praktiken werden als schwieriger Lernprozess dargestellt, der zu einem spannungsreichen Nebeneinander des Ungleichzeitigen führt, in dem Interessengegensätze mitunter hart aufeinanderprallen (so bei Hansjörg Siegenthaler).
Der Begriff S. tauchte erstmals in den 1920er Jahren in der amerikan. Soziologie auf, obschon sich fast alle Klassiker der Disziplin mit dem Phänomen der gesellschaftl. Veränderungen beschäftigt hatten. Sein Aufkommen reflektiert selbst die sozialen Umbrüche im Zug der Industrialisierung, aber auch die Erfahrung, dass S. zu einem konstitutiven Element moderner Gesellschaften wurde.
Die Schweizer Geschichtsschreibung griff bis auf ganz wenige Ausnahmen - so beschäftigten sich etwa Eduard Fueter und William Emmanuel Rappard mit wirtschaftl. und gesellschaftl. Wandel, während Robert Grimm und Valentin Gitermann marxist. Ansätze einbrachten - erst ab den 1960er Jahren strukturgeschichtl. Fragestellungen auf, als die Sozialgeschichte die bis anhin dominierende Politische Geschichte mit ihrem Fokus auf Personen und Ereignissen immer mehr zurückdrängte. Das Aufkommen der Kulturgeschichte in den 1980er Jahren verlieh der Auseinandersetzung mit dem S. zusätzl. Impulse. Dabei rückte die enge Begriffsdefinition zugunsten eines weit gefassten Verständnisses von Veränderungen in den Hintergrund.
Literatur
– Grundbegriffe der Soziologie, hg. von B. Schäfers, 1986, 365-370
– Wb. der Soziologie 3, hg. von G. Endruweit, G. Trommsdorff, 1989, 798-805
– P. Burke, Soziologie und Gesch., 1989, v.a. 111-148
– G.G. Iggers, Geschichtswiss. im 20. Jh., 1993
– Soziologie-Lex., hg. von G. Reinhold, 42000, 596-598
– L. Gallino, Dizionario di sociologia, 22004
– R. Boudon, F. Bourricaud, Dictionnaire critique de la sociologie, 72006, 86-89
Autorin/Autor: Roger Sidler