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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (13.12.2005)
Benjamin Brittens «Peter Grimes» im Zürcher Opernhaus
Knapp drei Monate nach der Premiere vonSchostakowitschs «Katerina Ismailowa» bringt das Zürcher Opernhaus mit «Peter Grimes» von Benjamin Britten ein weiteres Meisterwerk des 20. Jahrhunderts zur Aufführung. Wie «Katerina Ismailowa» durch die sozialen Verhältnisse in Russland geprägt ist, vergegenwärtigt «Peter Grimes» das Milieu eines Fischerdorfes an der englischen Ostküste.
Der Titelheld von Brittens erster Oper - sie basiert auf einer Verserzählung von George Crabbe - ist ein Fischer, der durch fanatischen Arbeitseifer Wohlstand, Ansehen und die Hand der Lehrerin Ellen Orford zu gewinnen hofft, doch immer mehr ins soziale Abseits gerät. Bei einer gerichtlichen Untersuchung wird zwar der Tod von Peters jungem Gehilfen als Unfall bezeichnet. Doch als Ellen wenig später am Hals des aus dem Waisenhaus geholten neuen Lehrlings einen Fleck entdeckt, erhärtet sich der Verdacht körperlicher Misshandlung. Und nach dem Verschwinden des Knaben steht für die Gemeinde fest, dass Peter Grimes ein Mörder ist. Als dieser, erschöpft und geistig verwirrt, ins Dorf zurückkehrt, kann ihm der alte Kapitän Balstrode nur noch raten, aufs Meer hinauszufahren und sein Boot sinken zu lassen - ein kaum verschlüsselter Befehl zum Selbstmord.
Abstraktion statt Illustration
Britten und sein Textdichter Montagu Slater haben das Geschehen genau lokalisiert: Küstenlandschaft, Meer, Fischerhütten, Pub. Doch der Regisseur David Pountney und sein Bühnenbilder Robert Israel lassen alles Illustrative beiseite, von den Gezeiten zeugen einzig die beiden Monde im Hintergrund, und die Pfähle, zwischen denen eine stegartige zweite Spielebene angelegt ist, können als Schiffsmasten gelesen werden. Merkwürdig dann aber die an den Masten befestigten Stühle, auf denen während der gesamten Aufführung Männer und Frauen als Repräsentanten einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit harmlose Verrichtungen ausführen. Die Zielrichtung ist klar: Pountney und Israel geht es nicht um naturalistische Milieuschilderung - diese bleibt Sache der Kostümbildnerin Marie-Jeanne Lecca -, sondern um den zeitlosen Konflikt zwischen dem ausgestossenen Einzelgänger und der Gesellschaft, der 1945, als «Peter Grimes» in London uraufgeführt wurde, genauso aktuell war wie 1810, als Crabbe «The Borough» verfasste, und bis heute nichts an Brisanz verloren hat. So ist denn Brittens Oper auch ein grossartiges Zeugnis dafür, dass die welthaltigen Stoffe in der Provinz gedeihen.
Die Abstraktion, der sich Pountney und Israel verschrieben haben, erfordert allerdings ihren Preis: Die dunkle Bühne wirkt überladen und unübersichtlich, die surrealen Lichteffekte nutzen sich rasch ab, und die Konkretisierung von Peters Albträumen gerät in ihrer penetranten Symbolik geschmacklos statt suggestiv. Zudem erhalten die Figuren nicht immer genügend Spiel-Raum. Dabei sind sie alle stimmlich wie darstellerisch prägnant gezeichnet - eine derart hochstehende, ausgewogene Besetzung bietet das Opernhaus nicht alle Tage. Ein Glücksfall ist Christopher Ventris in der Titelrolle. Das warme lyrische Timbre seines Tenors lässt Grimes unmissverständlich als sensiblen, introvertierten Charakter erscheinen, doch verfügt Ventris zugleich über das dramatische Potenzial, um dessen Unbeherrschtheit und Brutalität mit aller Härte Ausdruck zu geben.
Bedrohliche Dorfgemeinschaft
Ähnlich differenziert in ihrer vokalen Gestaltung Emily Magee als Ellen Orford, zunächst der ruhende Pol in der aufgebrachten Dorfgemeinschaft, dann, als sie Verdacht gegen Peter schöpft, selber von hysterischer Panik erfasst. Von unanfechtbarer Autorität sodann Alfred Muffs stimmgewaltiger Captain Balstrode, schillernd Cornelia Kallisch in der Rolle der drogensüchtigen Sittenwächterin Mrs. Sedley, sehr authentisch der spröde Bürgermeister Swallow von Richard Angas. Für farbliche Aufhellung sorgen Liliana Nikiteanu als junge Wirtin und deren forciert muntere «Nichten» Sandra Trattnigg und Liuba Chuchrova. Martin Zysset als Pfarrer, Cheyne Davidson als Apotheker Keene, Rudolf Schasching als dem Alkohol verfallener Sektierer und Valeriy Murga als Fuhrmann komplettieren zusammen mit dem exzellenten Chor die Dorfgemeinschaft. Nicht zu vergessen Julian Visser als eindrücklicher stummer Knabe.
Die Hauptrolle in Brittens Oper spielt jedoch das Orchester, es erzählt und illustriert das Geschehen mit einer Eindringlichkeit, der man sich keinen Moment lang entziehen kann. Das Spektrum reicht vom derben Volksliedton bis zur klanglichen Entfesselung der Naturgewalten, von der Grundierung zarter Arioso-Gesänge bis zum komplexen instrumentalen Psychogramm der Titelfigur. Franz Welser-Möst entschädigt mit dem glänzend disponierten Opernhaus-Orchester für alles, was uns die Bühne an Atmosphäre und Farbe, an Kontrasten und Stimmungswechseln vorenthält. Musikalisch lässt diese Neuproduktion keinen Wunsch offen.