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- 1. Anfang
- 2. Video
- 3. Die Wirbelsäulenform
- 4. I Einfluss auf die Wirbelsäulenform - das Kreuzbein
- 5. II Einfluss auf die Wirbelsäulenform - das Sitzen
- 6. I Muskulatur - Funktion und Aufbau
- 7. II Muskulatur - Anpassung an Veränderungen der Muskellänge
- 8. III Muskulatur - Hüftbeugemuskel (M. iliopsoas)
- 9. Zusammenfassung
- 10. Video zum Zweiten
- 11. Analyse der Kernaussagen
Analyse der Kernaussagen
1 Die Zeichnung
Herr Liebscher zeichnet in seinem Video das Schema eines stehenden Menschen. Gemäss Duden ist ein Schema “… eine anschauliche grafische Darstellung, die die wesentlichen Merkmale von etwas wiedergibt … “.
In diesem Sinne ist die etwas kindlich wirkende Zeichnung von Herrn Liebscher kein Schema, da die wesentlichen Merkmale falsch oder nicht gezeichnet wurden. Nämlich
- entspricht die Form der Wirbelsäule nicht den realen Gegebenheiten, weil diese nicht gerade ist,
- ist die Wirbelsäule im Brustwirbelsäulenbereich nicht lordotisch und
- der Einbau der Wirbelsäule mit dem Kreuzbein wurde nicht gezeichnet, die Wirbelsäule von Herrn Liebscher entspringt am hinteren Rand des Beckens.
2 Die sitzende Stellung
Herr Liebscher zeichnet diese, indem er im Hüftgelenk gegenüber dem Stand einen 90° Winkel einnehmen lässt. Es stimmt, dass die meisten Menschen so sitzen, dass deren Oberschenkel vorallem aufgrund der Stuhlkonstruktion horizontal zu liegen kommen.
Wie wir aber oben gesehen haben, bleibt beim Hinsetzen die Form der Wirbelsäule nicht automatisch erhalten, sondern sie krümmt sich nach hinten. Diese Sitzhaltung ist beim grössten Teil der sitzenden Menschen die Normalhaltung. Deswegen verändern sich, wie wir weiter unten sehen werden, auch die Muskel-längenverhältnisse anders als von Herrn Liebscher vermutet.
Man beachte an dieser Stelle einmal die Qualität der Zeichnung auf der rechten Seite (wieder nach Brügger) und vergleiche sie mit der Zeichnung von Herrn Liebscher. Dabei handelt es sich um Nachzeichnungen anhand von Röntgenbildern, womit man den realen Verhältnissen am Nächsten kommt.
3 Die Hüftbeugemuskulatur
Herr Liebscher zeichnet den Verlauf der Hüftbeugemuskulatur in die Zeichnung des stehenden Menschen ein. Beim Sitzen aber verändert sich der Ansatz dieser Muskulatur, weil der Oberschenkel im Hüftgelenk gebogen wird.
4 Wirkungslinie des Iliopsoas
Von Herrn Liebscher wird nur eine Wirkungslinie des Iliopsoas Muskels in seine Zeichnung eingezeichnet. Deren Verlauf stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Wie wir gesehen haben, verläuft sie deutlich steiler. Da der Iliopsoas an allen Lendenwirbeln ansetzt, addieren sich deren Wirkunslinien zu einer gemeinsamen resultierenden Richtung, die erst recht steiler verläuft.
5 Kippung des Beckens
Weil die Lendenwirbelsäule mit dem Becken verbunden sei, würde diese über den Zug des Iliopsoas zusätzlich nach vorne kippen. Das stimmt zwar teilweise für die reine Betrachung einer Muskelwirkung. In Wirklichkeit gibt es diese Isoliertheit nicht. Man muss zusätzlich die Wirkung der Schwerkraft auf den Körper berücksichtigen.
Diese wirkt zusätzlich in der vertikal orientierten sitzenden Körperstellung so auf die Wirbelsäule ein, dass diese zusammen mit dem Becken nach hinten gedreht wird.
Auch wenn tatsächlich eine von Herrn Liebscher gezeichnete nach vorne ziehende Kraft auf die Wirbelsäule wirken würde, wäre diese nicht gross genug, um die vom Oberkörpergewicht auf das Becken rückdrehend wirkenden Kräfte zu überwinden. Bei einer Kräftebetrachung müssen immer alle auf einen Körper wirkenden Kräfte betrachtet werden!
6 Die Rückenstrecker müssen gegenziehen
An dieser Stelle seiner Erklärungen ist Herr Liebscher der Meinung, dass die Rückenstrecker gegen die Wirkung des Iliopsoas gegenziehen müssen, was aus biomechanischer Sicht falsch ist. Wortwörtlich:
“… und jetzt hinten, die Rückenstrecker, müssen ja gegenziehen, um, das was nach vorne zieht, dieses Drehmoment, wieder auzuhalten …” Wir haben immer ein Drehmoment was nach vorne wirkt, durch diese Verkürzung, und jetzt müssen wir ein Gegendrehmoment bauen. Das heisst, sie spannen stark an. “
Wirkt eine Kraft drehend auf einen Körper, so hat diese eine Drehwirkung auf denselben oder sie besitzt ein sogenanntes Drehmoment. Dies ist auch der Begriff den Herr Liebscher in seinem Beitrag verwendet und er meint, dass man gegen die Drehwirkung des Iliopsoas nach vorne (Bild Mitte) über die Rückenstrecker ein Gegendrehmoment nach hinten bauen müsse (Bild rechts). Das dem nicht so sein kann, sollte jedem klar werden, wenn man sich die elementaren physikalischen Verhältnisse anhand eines Steuerrades veranschaulicht.
Diese Situation kennt jeder aus dem Alltag. Dreht man das Steuerrad im Uhrzeigersinn, kann man dieses einweder über eine Krafteinwirkung an 1, an 2 oder an 1 + 2 aus drehen. Diese Drehkräfte wirken gleichsinnig. Gegensinnig würden Kräfte wirken, deren Wirkunslinien auf der linken Seite nach unten wirken (3).
Auf der nächsten Abbildung wieder nach Brügger kann man sehen, dass die Rückenstrecker (1) eine synergistische Wirkung zum Iliopsoas (2) entfalten, d.h. sie drehen das Becken, wie auch alle andern rot eingezeichneten Muskeln, in die gleiche Richtung, wie der Iliopsoas, also nach vorne.
Wie wir aber unter 5 gesehen haben, wirkt vorallem die Schwerkraft (3) rückdrehend auf das Becken und die Wirbelsäule. Sie generiert das Gegendrehmoment. Sollten tatsächlich andere Muskeln diese Gegendrehung unterstützen, so müssen sie auch eine entsprechende Drehwirkung haben. Das wären von den Wirkungslinien her die blau eingezeichneten Muskeln.
Exkurs Drehmoment
Die genaue Bestimmung eines Drehmomentes ist etwas komplizierter. Relevant für die Drehwirkung einer Kraft ist nur deren senkrechter Abstand ihrer Wirkungslinie zur Drehachse. Der Betrag dieses sogenannten wirksamen Hebels errechnet sich trigonometrisch.
aus M. Friedlin “Das Spinnennetz – ein Modell des faszialen Netzes? – Gedanken zu den Begriffen Kraft, Zug und Spannung sowie deren Verwendung innerhalb des osteopathischen Konzeptes”, Muttenz 2002
7 Verstärkung der Hohlkreuzwirkung durch die Rückenstrecker
Wenige Sekunden später widerspricht sich Herr Liebscher, indem er die Wirkung der Rückenstrecker im gegenteiligen Sinne veranschaulicht, indem er erklärt, dass sich diese, wie bei bei der Anspannung der Sehne eines Bogens, verstärkend auf die Krümmung auswirken soll. Das würde stimmen, aber es widerspricht dem zuvor Gesagten!
Die gezeichnete Krümmung ist übrigens nach Herrn Liebscher bereits ein zu hohles Kreuz. Wie wir jetzt aber wissen, entspricht diese Ausprägung der Krümmung einer normalen Höhlung der Lendenwirbelsäule!
8 Effekte die passieren
Das seien die Effekte, die bei der Einnahme dieser Sitzhaltung passieren, was nach Herrn Liebscher der Haupteffekt sei, warum ein Hohlkreuz entsteht.
Neben den bereits erwähnten Fehlern in der Argumentation von Herrn Liebscher, begeht er noch den folgenden Denkfehler.
Wie ich in Abschnitt 7 – Muskulatur – Anpassungen an Längenänderungen beschrieben habe, werden die rot gezeichneten Muskeln zwar kürzer, sie verkürzen aber nicht zwangsläufig.
Dazu müssten diese über Tage oder Wochen in dieser Stellung immobilisiert werden, d.h. man müsste tagelang in dieser Stellung verharren. Und wie wir alle wissen, macht das kein Mensch. Spätestens nach ein paar Stunden, steht man wieder auf und bewegt dabei seine Muskeln in die Gegenrichtung, wodurch sie wieder genügend Dehnreize erhalten.
Da die meisten Menschen aber in einer gekrümmten Stellung sitzen, könnte es sogar sein, dass die rot gezeichneten Muskeln länger werden! Auch das gibt es und es muss a) erkannt werden und b) adäquat behandelt werden.
9 Was muss man jetzt tun?
Hören wir zuerst Herrn Liebscher:
“Man muss den Hüftbeuger auflängen, dann richtet sich das Becken auf, es gibt eine Gegenbewegung, das (die Lendenwirbelsäule) geht wieder zurück, und wird automatisch gerader und wenn sich das hier (die Rückenstrecker) wieder entspannt, können auch diese Muskeln (die Rückenstrecker), die hier verkürzt sind, die diese extreme Krümmung aufrecht erhalten, können sie den Bogen wieder loslassen und er kann wieder gerader werden und die physiologische Krümmung der Wirbelsäule kann sich wieder einstellen.”
1. “… man muss den Hüftbeuger auflängen”
Sollte dieser tatsächlich verkürzt sein, muss er in der Tat verlängert werden. Das ist allerdings nicht ganz einfach, es braucht dazu spezielle Techniken. Wir wissen ja, dass eine Verkürzung nicht nur eine temporäre Angelegenheit ist, sondern diese geht mit dem Abbau von Sarkomeren einher. Diese müssen zuerst wieder angebaut werden.
2. “… dann richtet sich das Becken wieder auf, die LWS geht zurück und wird automatisch gerader”
Der aufrichtende Mechanismus, bzw. die aufrichtende Kraft, wäre die oben erwähnte Schwerkraft, die sowieso ein Gegendrehmoment erzeugt. Automatisch findet aber sowieso meistens die Rückwärtskippung des Beckens statt. Sollte diese aus einer Gewohnheit heraus nicht stattfinden, muss sie bewusst willkürlich ausgeführt werden.
3. “… und wenn sich das hier wieder entspannt (die Rückenstrecker) , können können sich auch diese Muskeln (wieder die Rückenstrecker”), die hier verspannt sind, wieder loslassen”
Sind die Rückenstrecker verkürzt, können sie sich nicht einfach so wieder entspannen und loslassen, aus dem gleichen Grund wie bei Punkt 1. Sie sind strukturelle zu kurz und müssen zuerst wieder in die Länge wachsen.
4 “… die physiologische Krümmung der Wirbelsäule kann sich wieder einstellen.“
Die “physiologische Krümmung” wäre nach Herrn Liebscher eine gerade Lendenwirbelsäule. Jedenfalls hat er sie so gezeichnet. Der Begriff “physiologische Krümmung” taucht hier zu ersten Mal auf. Was heisst also “physiologische Krümmung”.
10 Umprogrammieren der Muskeln, Neustart
Mit den vorangegangenen Ausführungen wurden sowohl die Hypothese als auch die Erklärungen über die Entstehung eines “Hohlkreuzes” falsifiziert. Sämtliche Erklärungen von Herrn Liebscher entsprechen nicht der Wirklichkeit. Ergo muss man die Muskeln auch nicht “umprogrammieren” oder “neustarten”. Man sollte lediglich nicht tagelang am Stück sitzen – aber das macht ja sowieso niemand.
Interessant ist auch, dass die Erklärungen von Herrn Liebscher auffallende Ähnlichkeiten mit den Thesen von Dr. V. Janda haben, einem der renommiertesten Spezialisten der Bewegungsmedizin. Bereits in den 1970 – er Jahren hat er eine Fehlhaltung des Menschen mit dem Begriff “das untere gekreuzte Syndrom” beschrieben. Auch da geht es um Muskellängen- bzw. Spannungsgleichgewichte.
10 “Like”
Leider bekommt Herr Liebscher von mir kein erhofftes Like. Wie ich eingangs erwähnt habe, sind sowohl die Prämissen als auch der Inhalt falsch. Ich hoffe, dass die Qualtität der Aussagen dieses Videos nicht die “therapeutischen” Kenntnisse im Generellen von Herrn Liebscher wiederspiegeln. Man müsste sich dann wirklich fragen, warum man eine “Ausbildung” oder “Kurse” nach “seiner Methode” besuchen sollte.
Nicht umsonst ist die Ausbildung zum Physiotherapeuten deutlich komplexer und findet auf Hochschulniveau statt und schliesst im Minimum mit einem Bachelor of Science ab!
Schliesslich wurde auch die Kernfrage, bzw. die These, warum ein Hohlkreuz überhaupt schädlich sein soll, nicht beantwortet, denn wie wir eingangs gesehen haben, ist “hohl” ja “normal”.