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Seit der Ölpreis in den letzten vier Monaten um mehr als 60% eingebrochen ist und inzwischen auf einem Niveau von 43 Dollar pro Barrel notiert, stellt sich die Frage, ob damit der strukturelle Ölpreisanstieg der letzten Jahre ein Ende gefunden hat. «Ein Teil der Preiskorrektur ist sicherlich auf die Liquidation spekulativer Long-Positionen und den Abbau von Risikopositionen der wichtigsten Marktteilnehmer in Zusammenhang mit der Finanzkrise zurückzuführen», sagt Tobias Merath, Leiter Commodities Research bei der Credit Suisse.
Mehr noch als diese Faktoren spiele aber die Änderung des Nachfrage- und Angebotsgleichgewichts eine Rolle. Laut Merath wurde die Ölproduktion vor allem in den Opec-Ländern im 1. Halbjahr 2008 deutlich gesteigert. «Über die Sommermonate haben viele ölproduzierende Länder mit voller Kapazität gefördert», erklärt der Ölexperte. Nachdem nun die Nachfrage aufgrund des hohen Ölpreises im 1. Semester sowie der Wirtschaftsabschwächung deutlich nachgelassen hat, ist es beim Ölpreis zu einem Einbruch gekommen.
Engpässe zu erwarten
Trotz der scharfen Preiskorrektur der vergangenen Monate zeigt der Trend längerfristig wieder nach oben. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) in Paris sieht gar in den nächsten Jahren, sobald die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt, neuerliche Engpässe bei der Ölversorgung auf uns zukommen. Ausschlaggebend dafür sind die Ölförderunternehmen, die angesichts des tiefen Preises ihre Investitionen reduzieren könnten. Diese sind aber nötig, um den Rückgang in den konventionellen Feldern aufzufangen. Zudem ist die Erschliessung von neuen, kleineren Vorkommen oder solchen unter der Meeresoberfläche aufwendiger. Befürchtet wird zudem, dass die Projekte für erneuerbare Energien nun vernachlässigt werden. Schliesslich werden diese Vorhaben, wenn die Energiepreise längerfristig auf einem tiefen Niveau verharren, weniger rentabel ausfallen.
Erhebliche Investitionen nötig
Weitere Investitionen sind auch nötig, um die steigende Nachfrage nach Rohöl zu befriedigen, die in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Während derzeit der Konsum etwas mehr als 85 Mio Fass pro Tag beträgt, geht die IEA bis 2030 von einem Anstieg auf über 106 Mio Fass pro Tag aus, angetrieben durch den Aufstieg und die Industrialisierung der Emerging Markets. «Um diesen Anstieg des Konsums zu decken, sind erhebliche Investitionen nötig», ist Credit-Suisse-Analyst Merath überzeugt.Dabei seien diese hauptsächlich in den Ländern des Nahen Ostens nötig. Die Region verfügt über 60% der weltweiten Ölreserven, ist derzeit jedoch nur für etwa 30% der globalen Ölproduktion verantwortlich. «Da sich die Ölfelder in Europa, den Vereinigten Staaten und teilweise auch in Russland in einem fortgeschrittenen Stadium der Produktion befinden, sinkt dort die Produktion», so Merath. Diese Kosten der Produktionsverlagerung und der Erschliessung neuer Ölfelder dürften auf die Ölpreise durchschlagen.
Opec wird Fördermenge drosseln
Für eine Stabilisierung des Ölpreises dürften zumindest mittelfristig die Opec-Staaten sorgen, indem sie die Fördermenge weiter drosseln. Dies dürfte bereits am 17. Dezember erfolgen, wenn sich die Mitgliedstaaten das nächste Mal im algerischen Oran treffen. Grund dafür ist unter anderem, dass beim aktuellen Ölpreis die Staatskassen der Länder aus dem Gleichgewicht geraten könnten. Einen fairen Wert pro Fass sieht Saudi-Arabien beispielsweise bei einem Preis von 75 Dollar.Doch nicht nur die Haushaltsbudgets der Opec-Staaten machen einen erneuten Anstieg des Ölpreises nötig. «Der gegenwärtige Preis von unter 50 Dollar liegt bereits unter den Grenzkosten der Produktion und dürfte dementsprechend nicht nachhaltig sein», erklärt Merath. Derzeit liegen die Grenzkosten für die Produktion von 85 Mio Fass pro Tag zwischen 60 und 70 Dollar pro Barrel. «Diese Kosten dürften in den nächsten Jahren aufgrund der erforderlichen Produktionsverlagerung eher steigen als fallen», ergänzt der Credit-Suisse-Analyst.
Preisstabilisierung erwartet
Angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs und der anhaltenden Finanzkrise ist kurzfristig weiterhin mit eher schwachen Ölpreisen und einer erhöhten Volatilität zu rechnen. Die IEA erwartet beispielsweise, dass die Preise auch im nächsten Jahr unter Druck sein werden, hauptsächlich wegen der Wirtschaftsflaute.«In der ersten Jahreshälfte 2009 dürfte aber eine allmähliche Preisstabilisierung einsetzen», so Merath. Und auf längere Sicht zeichnet sich ab, dass der strukturelle Aufwärtstrend beim Ölpreis noch länger anhalten wird. Für Investoren in Ölaktien oder Zertifikate auf das schwarze Gold könnte ein Einstieg auf dem aktuellen Niveau somit wieder interessant werden.