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Sie sind in Deutschland geboren, als Kind in die Schweiz gezogen, dort im Internat gewesen und mit Anfang 20 in die USA ausgewandert. Was bedeutet Heimat für Sie? Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Marc Forster: Meine ursprüngliche Heimat war Davos. Dort bin ich zur Grundschule gegangen, dort habe ich mich in die Berge und die Natur verliebt, dort aufzuwachsen, war ein Traum. Nach der Matura bin ich in die USA ausgewandert, war zuerst in New York, dann in Los Angeles. Ich habe Kalifornien wahnsinnig gerne, aber ich würde nicht sagen, dass das meine Heimat ist. Während ich Filme drehe, bin ich schliesslich meist woanders auf der Welt und nur zwei, drei Monate hier. Insofern sehe ich in meinem Herzen immer noch die Schweiz als Heimat an.
Wie werden Sie als Hollywood-Star in der sich bescheiden gebenden Schweiz wahrgenommen, wenn Sie, wie jüngst, über die Feiertage zum Skifahren heimkommen?
In der Schweiz merkt man die Prominenz gar nicht. Die Schweizer sind alle so wahnsinnig respektvoll und freundlich. Selbst wenn Leute einen hier erkennen, starren sie dich nicht an, alles ist sehr diskret. Hier kann Roger Federer die Bahnhofsstrasse in Zürich mit seiner Familie herunterlaufen und null Aufsehen erregen.
Das ist in Los Angeles schon anders ...
Allerdings. Viele Touristen kommen eigens her, um Stars zu sichten.
Wie viel bekommen Sie im Ausland von der Schweiz politisch noch mit?
Ich bin auch amerikanischer Staatsbürger und leider in die Tagesaktualität der Schweiz wenig involviert. Ich kriege nur ein paar oberflächliche Updates mit, wenn ich hier bin. Für mich ist wichtig, ein globales Verständnis zu haben: Was passiert zwischen den Kontinenten, zwischen Russland und der Ukraine, zwischen den europäischen Staaten ... Mich interessieren viele Dinge, aber ich kann nicht alles konsumieren, sondern mich nur in gewisse Sachen einlesen. Seit den Streamingdiensten gibt es auch so unglaublich viel Content, Filme, Dokumentationen, das kann man gar nicht alles anschauen.
Würde es Sie reizen, für einen Streaminganbieter zu arbeiten?
Es kommt darauf an, was es für ein Projekt wäre. Wenn das richtige käme, warum nicht? Ich sehe mich selbst als einen Geschichtenerzähler. Gewisse Geschichten sind perfekt für das Kino-Format. Andere könnte ich mir auch für einen Streamer vorstellen.
Welchen Eindruck haben Sie durch den Aussenblick auf das Schweizer Filmschaffen?
Was ich an der Schweiz schade finde: In einem Land wie Neuseeland zum Beispiel, das etwa die gleiche Proportion hat wie die Schweiz, gibt es sogenannte Tax Credits, also Steuergutschriften, für Filmproduktionen. Ich glaube, wenn man in der Schweiz für internationale Filme diese Tax Credits im gleichen Umfang wie in Neuseeland, Australien oder England anbieten würde, kämen viele internationale Produktionen hierher. Rein von den Locations ist es ja wahnsinnig schön zum Drehen. Eine solche Einführung würde auch für die hiesige Filmproduktion einen gewaltigen Aufschwung geben. Wenn man sich ansieht, was «The Lord of the Rings» allein für den Tourismus in Neuseeland gebracht hat - was wäre gewesen, wenn man diese drei Filme in der Schweiz gedreht hätte? Es gibt so viel Talent in der Schweiz, aber es wäre schön, wenn es für sie mehr Möglichkeiten und höhere Budgets gäbe.
Wäre das für Sie ein Grund, wieder in die Schweiz zurückzukommen und hier Filme zu realisieren?
Ich mache meistens internationale Filme, würde aber gerne etwas in der Schweiz drehen. Aber eben, es ist schwierig, solange diese Steuergutschriften, mit denen man sehr viel Geld sparen kann, nicht existieren, dann ist alles viel teurer.
Ihr Weg zu einem gefragten Hollywood-Regisseur verlief schwieriger als man vielleicht meinen möchte. Was war Ihr grösstes Highlight und welches Ihr schlimmster Tiefpunkt in den letzten dreissig Jahren?
Ja, besonders am Anfang nach der Filmhochschule in New York war der Weg tatsächlich lange und steinig. Dann kam «Monster's Ball», mein zweiter Spielfilm. Das war 2001, wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September. Alle möglichen Leute haben gesagt: «Niemand wird diesen Film ansehen! Das ist nicht das, was die Leute gerade wollen.» Und letztlich wurde «Monster's Ball» ein Hit. Das war der Wendepunkt für mich, danach ging es sehr, sehr gut. Aber eine schwierige Zeit war nach «Machine Gun Preacher» (2011) und «World War Z» (2013).
Warum?
Ich war schon einige Zeit in Amerika und da hinterfragt man sich selbst: Was will ich jetzt machen, was interessiert mich wirklich? Die Filme vorher habe ich alle aus Leidenschaft gemacht - ich mache immer, was mich im Herzen bewegt. Doch auf einmal kam ein Punkt, an dem ich merkte, es kostet sehr viel Energie, Filme zu machen, es ist wahnsinnig anstrengend. Aber grundsätzlich bin ich eine Kämpfernatur. Schlussendlich geht es immer darum, Probleme zu lösen und einen Weg zu finden, der einen selbst glücklich macht, aber auch die Menschen um einen herum.
Geben Sie viel auf die Anerkennung durch Kritiken und Preise oder ist Ihnen der Erfolg beim Publikum wichtiger?
Der finanzielle Erfolg ist mir insofern wichtig, weil er mir die Möglichkeit gibt, freier zu arbeiten, einfacher Investoren zu finden und damit überhaupt weitere Filme drehen zu können. Preise sind mir weniger wichtig. Es ist schön, wenn man geehrt wird, ein Festival gewinnt oder einen Oscar, aber ich glaube, letztendlich verändert es mein Leben nicht.
Letztes Jahr ist die Ära von Daniel Craig als James Bond zu Ende gegangen. Wie blicken Sie 15 Jahre nach «A Quantum of Solace» auf Ihren eigenen Beitrag in der Reihe zurück?
Wir haben den Film gleich nach «Casino Royale» gedreht und das grosse Problem war, dass damals die Drehbuchautoren streikten. Wir hatten kein Script, alles war sehr schwierig. Die Produzenten Barbara Broccoli und Michael Wilson wollten damals, dass ich den nächsten Teil nach «Quantum» auch noch mache, aber so ein Bond-Film braucht wahnsinnig viel Kraft. Heute kommen die Leute zu mir und sagen: «Der Film ist ja viel besser, als ich gedacht habe! Der ist gut gealtert und richtig aktuell mit seinem Thema, den Wasservorräten.» Ich glaube, in den letzten zwei, drei Jahren ist der Film bei vielen Leuten in seiner positiven Bewertung gestiegen.
Bei manchen Bond-Filmen ist es genau anders herum, sie sehen inzwischen alt aus...
Wenn ich selbst zurückschaue, sehe ich natürlich die Sachen, die ich gerne anders gemacht hätte. Das liegt teils aber auch am Drehbuch. Wir mussten so schnell arbeiten, an mehreren Orten auf der Welt gleichzeitig, hatten keine Zeit und keine Autoren und ich dachte mir, wenn wir ein bisschen gebremst hätten oder den Film um ein Jahr verschoben hätten, wäre das Drehbuch besser gewesen. Aber es wäre wohl einfach nur anders geworden, nicht so spontan. Kann ein Bond-Film überhaupt spontan sein? (lacht)
Sie haben sich in vielen Genres bewegt und schon originelle Stoffe wie «Stranger Than Fiction» verfilmt. Was hat Sie für Ihren neuen Film «A Man Called Otto» dazu bewogen, das Remake eines erfolgreichen Films, der auf einem erfolgreichen Buch basiert, zu machen?
Ich habe zuerst das Buch gelesen und fand auch den schwedischen Film «A Man Called Ove» von Hannes Holm sehr gut. Ich denke, dieser Charakter hat etwas Globales, er ist geradezu eine shakespearische Figur. Man könnte den Otto auch in der Schweiz machen, als Bünzli, oder in Deutschland oder in Spanien, wir kennen alle diesen Archetyp. Und wie die Nachbarschaft zusammenkommt und diesem Menschen wieder Hoffnung gibt - das empfinde ich in unserer Zeit als eine sehr wichtige Botschaft.
Haben Sie in der Schweiz einen solchen Bünzli kennen gelernt?
(lacht) In unserer Nachbarschaft gab's jemanden, der war ein bisschen ähnlich, aber er war nicht so wie Otto.
Otto scheint in unserer heutigen Empörungsgesellschaft ein fast ausgestorbenes Relikt zu sein: Einerseits ist er mürrisch und ultra-pedantisch, aber zugleich überraschend tolerant. Er erfüllt das Klischee vom «Alten Weissen Mann» also nicht wirklich ...
Das ist das Schöne daran: Otto ist ein Mann, der seine Prinzipien hat und nach ihnen lebt, aber gleichzeitig kein Rassist ist. Er ist nicht wie die Figur von Clint Eastwood in «Gran Torino». Otto sieht alle gleich.
Tom Hanks spielt in Hollywood sehr oft den uneingeschränkten Sympathieträger. Wieso wollten Sie ausgerechnet ihn für diese Rolle ein Stück weit gegen das Image besetzen?
Ich hatte das Gefühl, wenn man jemanden anderen nehmen würde, könnte es schnell passieren, dass man zu der Figur überhaupt keine Verbindung mehr herstellen kann. Sie wäre zu negativ besetzt. Bei Tom Hanks fasziniert mich, dass er das Image hat, der netteste Typ in Hollywood zu sein - und es tatsächlich ist. Ich habe mit so vielen Leuten gearbeitet und es ist unglaublich, wie toll dieser Mann ist. Wenn man Tom Hanks hat, kann der noch so mürrisch sein und man mag ihn immer noch. (aargauerzeitung.ch)