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Wenn man Spongebob seine Stimme leiht
Aufgezeichnet von Ines Häfliger; Foto: GettyImages
Als Synchronsprecher war ich früher unsichtbar. Trotzdem wurde ich hie und da erkannt. Das merkte ich, wenn etwa der Taxifahrer irritiert in den Rückspiegel blickte, während ich mich mit ihm unterhielt. Heute sprechen mich mehr und mehr Jugendliche auf der Strasse an. Dank den neuen Medien wissen sie, wie die deutsche Stimme von Spongebob aussieht.
Entdeckt hatte mich der deutsche Regisseur Herbert Ballmann, der Anfang der Sechzigerjahre in meiner damaligen Berliner Grundschule für den Fernsehfilm «Alle Loks pfeifen für Jan» ein Kind ohne Kamera-Erfahrung suchte. Ich setzte mich im Casting durch und spielte mit elf Jahren meine erste Fernsehrolle. Wir drehten Aussenaufnahmen, die wegen Störgeräuschen nachsynchronisiert werden mussten. Danach erkundigten sich die Leute im Tonstudio bei meiner Mutter nach unserer Telefonnummer; sie meinten, ich hätte ein gutes Ohr und sei sehr musikalisch. In der Folge spielte ich in einer Reihe von Jugendfilmen und Hörspielen mit.
Weil am deutschen Fernsehen seit den Siebzigerjahren immer mehr amerikanische Serien gezeigt wurden, bekam ich nebst meiner Arbeit vor der Kamera auch Angebote als Synchronsprecher. Als ich ab 1995 Steve Urkel aus der US-Sitcom «Alle unter einem Dach» sprechen durfte, wurde meine Stimme einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Vier Jahre später wurde «Spongebob Quare Pants» auf Nickelodeon ausgestrahlt. Die Originalstimme des sprechenden Schwamms ist derjenigen von Steve Urkel zum Verwechseln ähnlich, weshalb meine Stimme geradezu prädestiniert war für die deutsche Ausgabe. Anfangs befürchteten die Produzenten, die deutschen Zuschauer brächten meine Stimme mit jener von Urkel in Verbindung. Doch die Sendung wurde schnell so populär, dass, als «Alle unter einem Dach» in Deutschland in der Wiederholung gezeigt wurde, viele dachten, Steve Urkel hätte die Stimme von Spongebob – und nicht etwa umgekehrt. In beiden Rollen verstelle ich meine natürliche Stimme. Wie ich das technisch genau mache, kann ich nicht beschreiben. Ich vertraue auf mein Gehör und versuche, die Originalstimme so akkurat wie möglich wiederzugeben. Dabei achte ich auf Sprechtempo, Lautstärke und Emotionen. Jemand, der nicht so oft wie ich im Studio ist, trainiert seine Stimme meist mit speziellen Sprechübungen. Wie ein Pianist, der seine Fingerübungen macht. Mein tägliches Stimmtraining sind die Studioaufnahmen selbst. Manchmal bin ich bis zu acht Stunden im Studio. Leihe ich Spongebob meine Stimme, halte ich aber nicht länger als vier Stunden am Stück durch. Meine Stimmbänder werden enorm strapaziert.
Pro Tageseinsatz erhalte ich eine Grundgage. Das Salär hängt zusätzlich von der Anzahl zusammenhängender Szenen – sogenannter Takes – ab. Für die Produzenten rechnet es sich besser, wenn sie die Synchronsprecher einzeln ins Studio bestellen und alle Takes an einem Tag aufnehmen. Meine Gesprächspartner stelle ich mir also nur vor. Umso grösser ist die Verantwortung der Regie: Sie muss irrsinnig achtgeben, dass die Aufnahmen synchron sind. Früher, als ich noch mit anderen Sprechern gleichzeitig im Studio war, mussten wir auch schon mal eine Szene abbrechen, weil wir uns vor Lachen kugelten. Etwa, als Mister Crab seinen Panzer verlor und sich nackt unglaublich genierte.
Wenn Eltern fürchten, ihr Kind verdumme, wenn es sich «Spongebob Schwammkopf» anschaut, ist das absoluter Quatsch. Die Serie ist nicht nur fantasievoll, sondern auch lehrreich, besonders was den sozialen Unterton anbelangt: Spongebob ist ein liebenswerter Kerl, hilfsbereit, nicht nachtragend und fast immer gut gelaunt. In den 17 Jahren, in denen ich den kleinen Schwamm nun synchronisiere, ist er mir ziemlich ans Herz gewachsen. Und da ihn eine persönliche Note erst glaubhaft macht, steckt in Spongebob auch ein grosses Stück Santiago.