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Der orange Riese beschäftigt zu sechzig Prozent Frauen. Im Kader sind es nur neunzehn Prozent. Dabei wurde die moderne Migros von einer Frau erfunden.
Cherchez la femme oder, wie die Volksweisheit auf Deutsch heisst: Hinter jedem grossen Mann steht eine grosse Frau. Hinter Gottlieb Duttweiler standen zwei: Duttweilers Frau Adele und die kaum bekannte polnische Emigrantin und Nationalökonomin Elsa Gasser-Pfau.
Keine wichtige Entscheidung Gottlieb Duttweilers fiel, ohne dass Gasser konsultiert worden wäre. Die Migros sähe heute ganz anders aus, wenn sie nicht gewesen wäre. Gasser, die 1921 in Zürich in Nationalökonomie promovierte und danach Redaktorin bei der NZZ war, hatte die Idee der Migros-Selbstbedienungsläden – eine Idee, der Duttweiler zuerst sehr skeptisch gegenüberstand. 1946 wurde der erste Migros-Selbstbedienungsladen eröffnet. Innerhalb kürzester Zeit erwirtschafteten die Selbstbedienungsläden mehr als zwei Drittel des Umsatzes, die Migros wuchs stetig und avancierte zum führenden Unternehmen Europas.
Gasser war es aber auch, die Duttweiler 1950 «ermunterte» – so die Wortwahl in der offiziellen Migros-Chronik –, nebst Nahrungsmitteln auch Gebrauchs- und Haushaltsartikel ins Sortiment aufzunehmen. 1952 regte sie an, Schallplatten ins Sortiment der Ex Libris aufzunehmen. Aufgrund des Erfolgs wurde Ende 1952 der Grammoklub Ex Libris gegründet.
In den Gründungsjahren der Migros Mitte der zwanziger Jahre hatte Duttweiler den Kontakt zu Gasser gesucht. Er kannte ihre Artikel und teilte ihre Ansichten zum Schweizer Detailhandel. Von der ersten Begegnung an war Gasser lange Jahre unabhängige, aber enge Beraterin Duttweilers. 1943 wurde sie Vizepräsidentin der Delegiertenversammlung. Von 1957 bis zu ihrem Tod 1967 war sie innerhalb des Unternehmens tätig, auf höchstem Posten in der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bunds. Elsa Gasser war die erste und jahrelang die einzige Frau im Management des Konzerns.
Geistige Mitgründerin
Als «geistige Mitgründerin» hat Duttweiler Gasser bezeichnet. Dennoch ist heute wenig über Elsa Gasser bekannt: Ihre Persönlichkeit und ihre genaue Rolle sind bisher nicht näher dokumentiert. Es gibt auch keine Migros-Firmengeschichte, die aus dem Blickwinkel von Frauen geschrieben worden wäre – dies obwohl Frauen in der Migros-Geschichte von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt haben. Als Kundinnen und Verbündete, und auf unternehmerischer Seite. Exemplarisch hierfür ist etwa, dass Duttweiler in seinen legendären Textinseraten «Zeitung in der Zeitung» bereits in den dreissiger Jahren das Frauenstimmrecht forderte.
In seinem schriftlichen Vermächtnis, den «fünfzehn Thesen von 1950», hielt der Migros-Gründer die zentrale Rolle der Frau explizit fest: «Das Frauenherz ist der sicherste Aufbewahrungsort für unser Ideengut – dort muss es bewahrt und gemehrt werden.» Wie sieht es heute aus? Geht die Migros besser als andere Unternehmen der Branche mit ihren Angestellten und insbesondere mit ihren Mitarbeiterinnen um?
Die Fakten: Siebzig Prozent der Kundschaft und sechzig Prozent der 82 000 Mitarbeitenden sind Frauen. Im Kader der Migros sind es neunzehn Prozent. Frauen sitzen nicht an den Schalthebeln, sondern an den Kassen. Trotz ihres frauenorientierten Gründers unterscheidet sich die Migros heute also nicht von anderen Unternehmen.
Unter den sechs Mitgliedern der Generaldirektion ist Gisèle Girgis die einzige Frau. Girgis wird als Mitanwärterin auf die Nachfolge von Konzernchef Anton Scherrer gehandelt, dessen Amtsdauer 2005 ausläuft. Ihre Wahl wäre ein Novum: Eine Konzernchefin oder Präsidentin hat es in der Migros noch nie gegeben. Auf Stufe Direktion sitzen 27 Männer und 3 Frauen: Marie-Louise Schmid, Leiterin der Direktion Marketing-Services, Hedy Graber, neue Leiterin der Direktion Kultur und Soziales, und Monica Glisenti, Direktion Corporate Communications und Sponsoring des MGB.
Sie habe als Frau bisher keinen schweren Stand und fühle sich in der Migros ausgesprochen wohl, kommentiert Kommunikationschefin Monika Glisenti ihr Frauendasein in der Teppichetage der Migros gegenüber der WOZ. «Das Missverhältnis zwischen Männern und Frauen in höheren Positionen finde ich trotzdem bedenklich.» Klare Worte für eine Migros, die sich sonst mit Zahlen und Fakten eher zögerlich gibt. «Ich frage mich oft», sagt Glisenti, «wieso es keine Genossenschaftsleiterinnen gibt. Vermutlich liegt es daran, dass auch die Migros die Frauen in ihrer beruflichen Entwicklung nicht genug konsequent fördert. Es bräuchte ganz gezielte Frauenförderungsprogramme, und zwar so lange, bis die Frauen auch in den oberen Etagen gleich stark vertreten sind. Ich bin überzeugt, dass sich die Frauen dann auch tatsächlich eine Karriere zutrauen würden – was heute viel zu selten der Fall ist. Zwanzig Prozent Frauen im Kader sind nicht genug!»
Frauen in die Leitungsfunktionen – das fordert auch Migros-Verkäuferin Monika X*.. Die 56-jährige Mutter eines erwachsenen Sohnes arbeitet seit sechzehn Jahren Teilzeit in einer Filiale ausserhalb Zürichs. Die meisten Chefposten in ihrer Migros sind von Männern besetzt, sagt sie. «Das war früher anders, jetzt hat es wieder gewechselt.» Die Untervertretung der Frauen habe indirekt damit zu tun, sagt Monika X., dass Frauen oft Teilzeit arbeiteten. «Man will aber keine Teilzeitangestellte in Leitungsfunktionen. Obwohl dies doch nur eine Frage der Organisation wäre!»
Die Organisation und insbesondere die Arbeitspläne scheinen in den Filialen grundsätzlich ein Knackpunkt zu sein. War es früher noch möglich, an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Zeiten zu arbeiten, wird heute völlige Flexibilität gefordert. Jahrelang arbeitete Monika X. immer vormittags, seit einiger Zeit aber ist dies nicht mehr erlaubt. Die Verkäuferinnen müssen von morgens acht bis abends acht Uhr einsetzbar sein. Dies sei insbesondere für Mütter mit kleinen Kindern schwierig, deren Kinder in Krippen (eine Migros-eigene Krippe gibt es nur in Zürich) oder von Bekannten betreut werden. Eine Kollegin habe schon gekündigt, weil die Krippe ihres Kindes im Sommer unerwartet für fünf Wochen geschlossen wurde und ihr Vorgesetzter nicht bereit war, ihr für diese Zeit frei zu geben.
Stress und Frust
Weiter sei für Frauen mit Kindern erschwerend, sagt Monika, dass es keine Samstagsaushilfen mehr gebe. Früher arbeiteten samstags oft Studentinnen. Die Studentinnen hat man abgeschafft, die Mitarbeiterinnenzahl wurde reduziert; die gleiche Arbeit muss von weniger Mitarbeiterinnen gemacht werden. «Das löst viel Stress aus und kann frustrieren. Es ist für viele Frauen auch unbefriedigend, wegen Zeitdruck die Arbeit nicht mehr genau und gut machen zu können.»
Ein Lied, das man auch in anderen Branchen singt. Nur sind da die Löhne besser. Eine Verkäuferin in der Migros im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs verdient heute «mindestens 3500 Franken» plus Sonntagszulage, erläutert eine Kassiererin. Nicht viel angesichts der Arbeitsbedingungen – man denke etwa an die langen Warteschlangen an den Wochenenden. Erst seit dem 1. Januar 2003 wird den Teilzeitangestellten flächendeckend ein Mindestlohn von 3300 Franken brutto auf hundert Prozent garantiert. Dies haben die Gewerkschaften VHTL und Unia erwirken können.
Die Verkäuferinnen in der Migros-Genossenschaft Zürich verdienen zwischen 3300 und 4200 Franken brutto. Seit kurzem hat die Migros ein Leistungslohnsystem, das so genannte «m-fee». Auf 4000 Franken und mehr zu kommen, ist für die meisten laut Gewerkschaften aber utopisch, gerade in der Westschweiz oder in ländlichen Gegenden wie dem Emmental. Lohnverbesserungen sind nur über einen Funktionswechsel oder Aufstieg möglich – der jedoch, wie oben geschildert, gerade vielen Teilzeit arbeitenden Frauen verwehrt bleibt.
Kein gutes Vorbild
Mit den Mindestlöhnen für Teilzeitangestellte sind die Gewerkschaften einen Schritt vorangekommen – eine echte Gleichstellung bezüglich Löhne ist damit jedoch noch nicht erreicht. Zwar gibt es heute kaum noch Diskriminierung zwischen Mann und Frau in der gleichen Tätigkeit. Die indirekte Diskriminierung ist aber nach wie vor eine bittere Realität, der Verkauf wird nach wie vor markant unterbewertet.
Hier (wo meist Frauen arbeiten) liegen die Saläre 25 Prozent tiefer als für vergleichbare Tätigkeiten in anderen Branchen, kritisieren die Gewerkschaften. «Im Verkauf besteht noch ein grosser Nachholbedarf», sagt Catherine Laubscher, Unia-Zentralsekretärin. Die Migros sei bezüglich der Löhne vergleichbar mit anderen Unternehmen der Branche: «Die Löhne sind nicht schlechter, aber auch nicht besser.»
Man würde sich von seinem Schweizer Lieblingsunternehmen anderes wünschen. Man würde erwarten, dass in der Migros mehr Frauen in den ChefInnensesseln sitzen. Und man würde erwarten, dass die Migros, die den Schweizer Detailhandel schon einmal revolutioniert hat, nicht nur mit «guten Sozialleistungen», sondern mit wirklich guten Löhnen neue Massstäbe setzte. Schrieb doch Übervater Duttweiler vor mehr als einem halben Jahrhundert: «Die Löhne und Saläre wie auch die Arbeitsbedingungen und das Verhältnis zu der Arbeiter- und Angestelltenschaft müssen weiterhin vorbildlich sein. Unser allgemeines Bekenntnis, dass der Mensch in den Mittelpunkt des Wirtschaftens gestellt werden müsse, hat für unsere Genossenschaften besondere Gültigkeit. Die Einstellung, dass alle Mitarbeiter untereinander als Menschen gleichgestellt sind, bei allem notwendigen vollen Einsatz und guter Disziplin, sollte namentlich den Vorgesetzten stets gegenwärtig sein.»
Stattdessen pflegt die Migros in ihrem Umgang mit den Frauen eher eine andere Formel: «F-Budget».
* Name geändert