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Der geographische Südpol ist kein natürlich sichtbarer Punkt auf der Erdoberfläche, sondern wird durch die Rotationsachse der Erde bestimmt. Da sich der am Südpol 2.700 Meter dicke Eispanzer langsam bewegt, wird die Lage des Pols auf der Eisoberfläche am 1. Januar eines jeden Jahres zentimetergenau neu vermessen und mit einem jährlich kunstvoll neu gestalteten „Südpolmarker“ markiert. Zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Erreichen dieses ominösen Punktes auf 90 Grad südlicher Breite der wildeste Traum der Polarfahrer.
Nach der Eroberung des Südpols durch Roald Amundsen am 14. Dezember 1911 rückte die erste Durchquerung des Kontinents in den Fokus der Begierde. Nachdem der Brite Ernest Shackleton mit seinem Plan der ersten Antarktisdurchquerung im Zuge der Imperial-Trans-Antarctic-Expedition 1915 durch den Untergang der Endurance schon im Packeis der Weddelsee scheiterte, gelang die erste Kontinentaltransversale schließlich während des internationalen geophysikalischen Jahres 1957/58 dem Geologen und späteren Direktor des British Antarctic Survey in Cambridge Vivian Fuchs und dem neuseeländischen Everest-Erstbesteiger Edmund Hillary mithilfe von Traktorzügen.
Zahlreiche wissenschaftliche Traversen mit schweren Raupenfahrzeugen folgten. 1980/81 fuhren die Briten Ranulph Fiennes, Charles Burton und Oliver Shephard im Zuge ihrer vierjährigen Transglobe-Expedition zur Umrundung der Erde entlang des Greenwich-Meridians via beide Pole mit Skidoos quer durch Antarktika. 1985/86 folgten Roger Mear, Robert Swan (beide UK) und Gareth Woods (CAN) nach einer Überwinterung mit Ski und Schlitten den Spuren von Robert Scott von Cape Evans über den gefährlichen Beardmore-Gletscher. Als sie nach 1.405 Kilometern den Südpol erreichten, ereilte sie die Nachricht, dass zur gleichen Zeit ihr Schiff Southern Quest in der Ross-See vom Packeis zermalmt worden und gesunken war.
Nachdem die wichtigsten geographischen Ziele auch in der Antarktis längst erforscht, durchquert und bestiegen waren, begannen professionelle Abenteurer ab den frühen 1990er-Jahren neue Möglichkeiten zu suchen, alte Herausforderungen neu zu definieren und Kriterien für neue Rekorde aufzustellen. Bei modernen Langstreckenläufen ist die zurückzulegende Distanz ein entscheidendes Kriterium. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze, wo gestartet wird – je nachdem, ob die meerseitige Schelfeiskante oder erst der dem Südpol näher gelegene, landseitige Beginn eines Schelfeises als Kontinentalrand herangezogen wird.
Aufgrund flugtechnischer Verzögerungen legten Reinhold Messner und Arved Fuchs (D) 1989/90 den Startpunkt ihrer Antarktisdurchquerung am inneren Rand des Ronne-Filchner-Schelfeises fest, wo sie auf 82°05’S und 71°58,5’W mit einer Twin-Otter abgesetzt wurden und losmarschierten. In diesem Bereich befindet sich die mehrere Kilometer breite „Groundingline“, wo sich der vom Südpolarplateau herabfließende Inlandeispanzer vom Untergrund löst und als 500 bis 1.000 Meter dicke Schelfeistafel am Meer aufschwimmt. Diese in der Natur kaum feststellbare Zone ist als innere Küstenlinie für Südpolexpeditionen anerkannt. Der heute als „Messner-Start“ bekannte und beliebte Startpunkt liegt übrigens 110 Kilometer weiter östlich des Startpunkts von Messner und Fuchs und ca. 860 Kilometer Luftlinie vom Südpol entfernt. Ein anderer gerne verwendeter Startpunkt für Südpolgeher liegt beim Hercules Inlet, 1.130 Kilometer vom Pol entfernt.
Hier startete bereits 1988/89 erstmals eine kommerzielle, elfköpfige Skiexpedition mit Skidoo-Unterstützung unter der Führung von Martyn Williams (CAN) zum Südpol. Dabei erreichten mit Shirley Metz und Victoria Murden (beide USA) auch die ersten Frauen den Südpol „overland“ mit Ski.
Nicht nur das „Was?“ auch das „Wie?“ entscheidet
Eine der wohl spektakulärsten Antarktisdurchquerungen aller Zeiten war die legendäre „Transantarctica“. Dem internationalen Team unter der Leitung von Will Steger (USA) und Jean-Louis Etienne (F), Victor Bojarski (USSR), Geoff Somers (UK), Keizo Funatsu (JP) und Qin Dahe (CHN) gelang 1989/90 mit drei Hundeschlittengespannen die längste jemals durchgeführte Antarktis-Durchquerung. Sie führte von der Spitze der Antarktischen Halbinsel über das mittlerweile aufgelöste und nicht mehr vorhandene Larsen-Schelfeis, an den Ellsworth Mountains vorbei, über die US-Amundsen-Scott-Station am Südpol und die damals sowjetische Vostok-Station bis zur Mirnyi-Station in der Ostantarktis: Kaum vorstellbare 6.048 Kilometer mit Ski und Hundeschlitten in sieben Monaten (220 Tagen)! Ein phantastisches Abenteuer, das seinesgleichen sucht.
Die erforderliche Logistik war groß angelegt. Ein Jahr vorher wurden 14 Tonnen Hundefutter, Nahrungsmittel und Brennstoff auf der geplanten Route in 18 Depots ein- und während der Expedition erschöpfte oder kranke Hunde zur Erholung ausgeflogen und durch „frische“ ersetzt. Aufgrund der enormen Strecke und Dauer war es sogar notwendig, bereits im Polarwinter und unter härtesten Witterungsbedingungen aufzubrechen. Erstmals gelang es, den gesamten Kontinent ohne Motorfahrzeuge zu durchqueren – und das gleich auf der denkbar längstmöglichen Route. Es war auch die letzte Expedition, die sich noch konventionell mit Sextanten und Hodometer (Kilometerzähler auf einem Laufrad) und noch nicht mit der gerade aufkommenden Satellitennavigation orientierte, was eine ganz besondere Qualität des Abenteuers darstellte.
Hundeschlittenexpeditionen sind heute leider nicht mehr möglich. Das 1991 beschlossene Umweltprotokoll zum Antarktisvertrag erlaubt nämlich keine Schlittenhunde am Kontinent mehr. Dass das Umweltprotokoll die eleganten Hundeschlittengespanne aus den Zeiten der Entdecker gerade aus Gründen des Umweltschutzes – und zwar zum Schutz der einheimischen Tierwelt vor übertragbaren Krankheiten – verbietet, ist zwar verständlich. Es erscheint aber doch irgendwie ironisch, dass Motorfahrzeuge aller Art hingegen zulässig sind. Die traditionsreiche Ära der Entdeckung des Kontinents mit den Hundeschlittengespannen ist jedenfalls seit Anfang der 1990er-Jahre vorbei und damit ein großartiges und ebenso spannendes wie emotionales Kapitel der Erforschung des Kontinents.
Bereits Fridtjof Nansen verwendete 1888 bei der berühmten ersten Durchquerung Grönlands auf „Schneeschuhen“ und 1895 beim Versuch, den Nordpol zu erreichen, auf Kufen- bzw. Kajakschlitten montierte Windsegel. Reinhold Messner und Arved Fuchs waren 1989/90 schließlich die Ersten, die in der Antarktis auf ihrer insgesamt 92 Tage dauernden, ca. 2.390 Kilometer – und nicht wie stets und erst kürzlich wieder kolportiert 2.800 Kilometer – langen Transversale mit Erfolg Zugschirme einsetzten. Ihre Expedition begann wie bereits erwähnt aufgrund fluglogistischer Probleme nicht anstatt wie ursprünglich geplant am äußeren, sondern erst am inneren Rand des Ronne-Filchner-Schelfeises und führte von dort auf einer bislang unbekannten Route zum Südpol und weiter über den Beardmore Gletscher bis hinaus zur neuseeländischen Scott-Station an der Küste auf der anderen Seite des Kontinents. Der Bergsteiger und der Seemann ließen zwei Depots einfliegen, um ihre Nahrungsmittel- und Brennstoffvorräte ergänzen zu können. Zum ersten Mal gelang ihnen eine Durchquerung Antarktikas ohne unmittelbare Hilfe von Fahrzeugen oder Schlittenhunden nur mit Ski, Pulkaschlitten und Zugschirmen – „by fair means“ oder „nur mit natürlichen Kräften“,17 wie es Reinhold Messner treffend formulierte – sofern man die beiden Depots zur Unterstützung außer Acht lässt. Wann immer es der Wind und die windzerzauste Eisoberfläche zuließen und sie mit ihren für das Ski-Laufen und weniger für das Ski-Fahren konzipierten, weichen Lederschuhen und Telemarkbindungen gleiten konnten, spannten Messner und Fuchs ihre Parawings auf, die ihnen vom Baden-Württemberger Kite-Pionier Wolf Beringer speziell konstruiert wurden.
Bereits seit 1961 hatte der aus Berchtesgaden stammende Dieter Strasilla, der als Vater des Gleitschirms gilt, auch an fallschirmartigen Windsegeln für das „Para-Skiing“ in den Schweizer Alpen getüftelt. In der Pionierzeit der 1980er- und frühen 1990er-Jahre wurden die praktisch nur vor dem Wind einsetzbaren Parawings einfach als elegante Innovation des autarken Polarreisens angesehen. Diese frühen Zugschirme mit ihren kurzen Leinen waren aber noch nicht vergleichbar mit den heutigen, lenkbaren Hochleistungs-Powerkites mit ihren langen Leinen, die es ermöglichen, viel schneller zu reisen, hart am Wind zu kreuzen und geradezu sagenhafte Distanzen zurückzulegen. Dazu aber später.
1996/97 verzichtete der Norweger Børge Ousland erstmals für eine Durchquerung gänzlich auf Depots und einen Partner. Ihm gelang das erste „Full Solo Unsupported Ski & Snowkite Crossing of Antarctica“, die erste Solo-Skidurchquerung des Kontinents mit abschnittsweiser Verwendung eines Zugschirms von der äußeren Schelfeiskante bei Berkner Island über den Südpol bis an die Küste der Ross-See: 2.845 Kilometer in nur 64 Tagen, im Schnitt knapp über 44 Kilometer pro Tag – und das erstmals ohne jegliche Depots, Versorgung oder Hilfe von außen. Er widerstand sogar der Verlockung, die US-Amundsen-Scott-Station am Südpol zu betreten, um sich zu duschen, und lehnte auch die Einladung zu einem Essen und sogar eine Tasse Kaffee ab. Er wollte die ganze Reise komplett unabhängig von jedweder Unterstützung durchziehen und nicht den geringsten Anlass geben, womöglich das begehrte Prädikat „unsupported“ zu gefährden. Das Einzige, was er annahm, waren ein paar ausgedruckte E-Mail-Briefe seiner Familie. Das galt damals ebensowenig als Unterstützung wie heute die Verwendung eines Satellitentelefons. Ihm gelangen ein physischer und psychischer Grenzgang und ein Meilenstein in der Geschichte der Antarktis, der richtungsweisend für die weiteren Hochleistungsexpeditionen war.