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Da ich beginne, diese Zeilen zu schreiben, ist es zehn Jahre her seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes «Rana Plaza» nahe von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh. Es starben 1134 Menschen, und rund 2500 wurden verletzt. Vor allem Frauen waren betroffen, welche dort Kleider für westliche Kleidermarken nähten. Viele der Überlebenden haben bis heute keine Entschädigung erhalten. Gleichzeitig habe ich in den Medien gelesen, dass 40 Prozent der hierzulande gekauften Kleider gar nie getragen werden. Einige davon landen dann im Norden Chiles in der Atacamawüste, wo wegen einer nahen Freihandelszone riesige Altkleiderberge vom Irrsinn kapitalistischer Produktionsweise zeugen.
Da ich diese Zeilen beende, wird hierzulande der sogenannte «Muttertag» gefeiert: Für das Wohl anderer Menschen Besorgten wird für ihre unbezahlte Care-Arbeit das Jahr über gedankt; meist mit abgeschnittenen Blumen, die zu pflegen sie dann auch noch besorgt sein dürfen.
Das sind Beispiele einer ausbeuterischen Produktionsweise. Solchen Zusammenhängen geht die spannende wissenschaftliche Studie von Anna Saave Einverleiben und Externalisieren. Zur Innen-Aussen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise1 nach, die sie 2020 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Dissertation an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften eingereicht hat. Das Buch versteht sich als Grundlagenforschung und ist als vergleichende Studie eine Intervention im Sinne einer «pluralen Ökonomik», welche Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften und den Einbezug gesellschaftlicher Kontexte fordert.
In Teil I: Dynamiken der Einverleibung und der Externalisierung – eine theoretisch-begriffliche Rekonstruktion geht Anna Saave auf theoretische Spurensuche: Sie beginnt bei Karl Marx und seiner «ursprünglichen Akkumulation», wie er den Prozess der Einhegung von Allmenden und der Enteignung der bäuerlichen Bevölkerung, der sie «frei» machte für Lohnarbeit im Dienst der Kapitalisten, benennt. Der Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft war ab dem 16. Jahrhundert in Europa virulent. Rosa Luxemburgs Verdienst war es dann, die Trennung der Produzent*innen von ihren Produktionsmitteln nicht einfach als historische Grösse zu sehen, sondern als «Wesensmerkmal» im kapitalistischen Herrschaftsverhältnis zu beschreiben. Sie weitet die Perspektive auch aus auf globale Zusammenhänge wie den Kolonialismus und den Sklavenhandel. Es ist ebenfalls Rosa Luxemburg, die feststellt, dass es ein umfassenderes Verständnis von Akkumulation braucht und dass der Militarismus als Hebel der Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise dient. Diese Analysen haben grosse Aktualität!
Weiter stellt Anna Saave den wichtigen Subsistenzansatz der «Bielefelderinnen» (die kürzlich verstorbene Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof) vor: Dieser Ansatz verbindet Kapitalismus mit Patriarchatskritik in globaler Perspektive. Die kapitalistische Produktionsweise greift auf die Frauen, die Umwelt und die Subsistenzbäuerinnen zu. Die «ursprüngliche Akkumulation» ist intersektional: Sie bedient sich Ungleichheiten entlang von Kategorien wie race, class und gender.
Der Gewaltaspekt, welcher der Einverleibungslogik inhärent ist, wird anhand der Enteignung der Landbevölkerung in England im 16. Jahrhundert beleuchtet. Anna Saave zieht auch Silvia Federicis Caliban und die Hexe bei, in dem die italienische Philosophin und Aktivistin die systematische Verfolgung von Personen, die als Hexen diffamiert wurden, in den Kontext der Entstehung des Kapitalismus einordnete: Die Bäuerin und kräuterkundige Frau wurde von der Allmende vertrieben und zur Hausfrau gemacht.
Teil II: Theorie der Innen-Aussen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise widmet Anna Saave in erster Linie konkreten Beispielen. Denn: Es gibt kein Innen ohne ein Aussen. Diese komplexe Verwobenheit des Innen und Aussen stellt die Autorin an zwei Beispielen vor: einerseits an der Arbeit einer kreativ tätigen Person und andererseits an der «Solidarischen Landwirtschaft». Die zentrale Erkenntnis ist, dass sich Wirtschaften nicht nur innerhalb der offiziellen Ökonomie abspielt, sondern in der Dynamik des «Innen» und des «Aussen» in wechselseitigen Beziehungen: Wie werden Haushalte, Natur, Gemeingüter, Geschlechterverhältnisse, ehemalige Kolonien genutzt und der kapitalistischen Produktion einverleibt?
Der Autorin ist es gelungen, ausgehend von Karl Marx und dessen Rezeption durch Rosa Luxemburg eine weibliche Genealogie bis zu heutigen Denkerinnen in der ökonomischen Theoriebildung aufzuzeigen. Als Ermutigung, Ökonomie jenseits der Orthodoxie zu denken, ist dieses Buch zur Lektüre wärmstens zu empfehlen. Es bietet wichtige Impulse für ökofeministische Politiken der Transformation dessen, was landläufig als Wirtschaft bezeichnet wird.
Ebenfalls im Dienst dieser Transformation steht eine weitere lohnenswerte Publikation: Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz.2 Herausgegeben haben dieses Lesebuch Uta Meier-Gräwe, Ina Praetorius und Feline Tecklenburg. Es wird dem Bedürfnis vieler Menschen gerecht, Alternativen zur allgemein gängigen Art des Wirtschaftens zu entwerfen und kennenzulernen. Während der Coronapandemie erarbeitet, versammelt es ein Füllhorn an spannenden Initiativen und Projekten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, welche «Caring Communities in Caring Societies», «sorgende Gemeinschaften in einer sich sorgenden Gesellschaft», teilweise bereits seit Jahrzehnten umsetzen – ganz im Sinne der emeritierten Wirtschaftswissenschaftlerin Adelheid Biesecker, «das Ganze der Wirtschaft» in den Blick zu nehmen.
Ziel des Buches ist es, die zivilgesellschaftlichen Initiativen einer sozial-ökonomisch-ökologischen Transformation sichtbar zu machen. Das Thema «Care» soll als Querschnittsthema in allen Wissenschaftsbereichen etabliert werden, damit in Zukunft «das gute Leben für alle» und nicht die Vermehrung von Geld und der Profit im Zentrum des Wirtschaftssystems steht. Oder in den Worten des «Netzwerks Vorsorgendes Wirtschaften»: «Vorsorge statt Nachsorge, Kooperation statt Konkurrenz, Orientierung am Lebensnotwendigen».
Der einleitende Beitrag der Herausgeberinnen, welche sich alle der 2015 gegründeten postpatriarchalen Denkwerkstatt «Wirtschaft ist Care» zugehörig fühlen, benennt den Skandal, dass Care-Arbeit in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften, im politischen Diskurs sowie in den Medien nach wie vor ausgeblendet wird. Dies obwohl (oder weil?, so fragen sich die Herausgeberinnen) es sich dabei um den grössten Wirtschaftssektor handelt.
Unter der Überschrift Anfangen versammeln sich Pionier*innen und Initiativen, welche eine langjährige Geschichte haben und mit grosser Reichweite Akteur*innen aus Wissenschaft und zivilgesellschaftlichem Engagement zusammenbringen. Erwähnt sei das 1992 an der Universität St. Gallen gegründete «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften», das zu einem feministisch-kritischen Bewusstsein in den Wirtschaftswissenschaften beigetragen hat.
Aus dem Teil Fokussieren, der sich der Umsetzung in die Praxis zuwendet, sei die «Eidgenössische Volksinitiative für eine starke Pflege» erwähnt, eine Erfolgsgeschichte zur Verankerung von Care in der Schweizerischen Bundesverfassung.
Das Kapitel Zukunft denken widmet sich Initiativen, welche das Thema Care neu aufgreifen oder mit Themen in Verbindung bringen, welche bis jetzt noch nicht dafür erschlossen waren. So stellen die drei Schweizer Friedensorganisationen cfd, FriedensFrauen Weltweit und Kompetenzzentrum Friedensförderung KOFF ihre Reflexionen zur Implementierung der UNO-Resolution 1325 vor; diese verlangt, dass Frauen auf allen Ebenen angemessen und gleichberechtigt in Konfliktprävention, Friedensprozesse und Sicherheitspolitik sowie den staatlichen Wiederaufbau einbezogen werden.
Eingebettet sind die einzelnen Beiträge in einen spannenden Theorieteil zum Ansatz von «Wirtschaft ist Care»: In historischer Perspektive wird die Pervertierung des Begriffes «Wirtschaft» seit der Zeit Aristoteles’ und seiner Aufteilung der Sphären in die männlich konnotierte polis (Staat) und den weiblich konnotierten oikos (Haushalt) beleuchtet.
Obwohl Care der grösste Wirtschaftssektor ist, erscheint Sorgearbeit nicht im Bruttoinlandprodukt, welches als entscheidendes Mass des Wohlstands einer Nation gilt. Immerhin wird in der Schweiz die Haushaltproduktion vom Bundesamt für Statistik erhoben, jedoch kreist diese Grösse nach wie vor als sogenanntes «Satellitenkonto» um das BIP herum. Die drei Herausgeberinnen schliessen das Buch mit einer zuversichtlichen Aussage: Es geht voran!
Dieses tolle Buch ist ein not-wendiges und hoffentlich not-wendendes Plädoyer für ein Zusammendenken der vielfältigen zivilisatorischen Krisen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht. Mit einem ansprechenden Cover der Zeichnerin Kati Rickenbach ist das Buch ein Füllhorn an ermutigenden Ideen und Ansätzen, selbst tätig zu werden. Zu jeder Schilderung einer Initiative gehört ein ausführliches Literaturverzeichnis. Ein Verzeichnis der Autor*innen und Herausgeberinnen gibt Auskunft über deren Lebenszusammenhänge und Kontexte. Ergänzt wird das Buch durch eine Homepage, auf welcher neue Initiativen auf einer interaktiven Karte abgebildet und dokumentiert werden. «Wirtschaft ist Care» zieht Kreise!●
Anna Saave: Einverleiben und Externalisieren. Zur Innen-Aussen-Beziehung der kapitalistischen Produktionsweise. 364 S.
Uta Meier-Gräwe, Ina Prätorius, Feline Tecklenburg (Hrsg.): Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. 306 S.