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NZZ am Sonntag: Sie haben 2012 einen Test auf den Markt gebracht, mit dem man die Länge der Chromosomenenden bestimmen kann. Der Test soll Auskunft über die Lebenserwartung geben. Wie hat sich das Geschäft entwickelt?
Elizabeth Blackburn: Wir haben den Test an eine Non-Profit-Organisation verschenkt, ich habe keinen Einblick in das Geschäft und damit auch keinen Interessenskonflikt. Aber im Grunde genommen brauchen wird den Test gar nicht. Schliesslich bedarf es auch keiner Lungenbiopsie, um zu erfahren, dass man nicht rauchen soll. Wir wissen aus Forschungsstudien recht gut, wie sich die Chromosomenenden, auch Telomere genannt, auf die Gesundheit beim Menschen auswirken.
Nämlich?
Die Telomerlänge ist ein guter Prädiktor für typische Altersleiden wie Herzkrankheiten, Alzheimer oder Diabetes. Telomere sitzen an den Enden von Chromosomen, den Trägern unserer Erbanlagen. Wie Schutzkappen an den Enden von Schuhbändeln halten sie die Stränge zusammen. Werden Telomere im Laufe des Lebens kürzer, können sie die Chromosomen nicht mehr schützen, die Zellen werden funktionsunfähig und können sich nicht mehr erneuern.
Warum werden Telomere kürzer?
Zum einen nimmt ihre Länge mit dem Alter ab. Zum anderen kennen wir inzwischen auch Umwelteinflüsse, welche zur Verkürzung beitragen. Dazu gehört unter anderem Armut, Diskriminierung oder ein tiefer Bildungsstand. Es hat also viel mit gesellschaftlichen Missständen zu tun.
Es gibt Leute, die kritisieren ihre Forschung als politisch motiviert, die alles auf die sozialen Umstände zurückführen will.
Das ist seriöse Wissenschaft, die Zusammenhänge werden seit Jahren beobachtet. Telomere lügen nicht.
Elizabeth Blackburn
Elizabeth Blackburn, 68, erhielt 2009 zusammen mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Medizin für ihre Entdeckungen auf dem Gebiet der Telomerforschung. Die gebürtige Tasmanierin ist seit 2016 Präsidentin des Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, Kalifornien. In ihrem 2017 erschienenen Buch «The Telomere Effect» beschreibt sie, wie man «jünger, gesünder und länger» leben kann.
Wie beeinflusst soziale Diskriminierung die Chromosomenenden?
Das wissen wir im Detail nicht, wir wissen aber, dass das schon in Utero beginnt. Wir haben die Lebensumstände von Schwangeren untersucht und dann bei ihren Neugeborenen die Telomerlänge angeschaut. Sind die Schwangeren extremem Stress ausgesetzt, weisen die Babys verkürzte Telomere auf. Gewalt und emotionelle Vernachlässigung in der Kindheit korrelieren ebenfalls mit kurzen Telomeren. Und das ist ein realer Befund, denn Telomere haben keine Gefühle.
Wirkt sich Stress auch bei Erwachsenen auf die Telomere aus?
Ja. Wir haben 58 Frauen untersucht, von denen 19 gesunde und 39 chronisch kranke Kinder versorgten. Die Mütter der kranken Kinder hatten deutlich kürzere Telomere.
Kann man aus der Telomerlänge denn auf die Lebenserwartung schliessen?
Statistisch gesehen schon. Das zeigte die Kopenhagen-Studie, für die man 65 000 ältere Personen während 7 Jahren beobachtete. In dieser Zeit starben 7000 Personen. Je kürzer die Telomere waren, um so grösser war das Risiko zu sterben.
Haben Hundertjährige sehr lange Telomere?
Ja. Wir haben eine grosse Population von 100 000 Personen angeschaut. Vergleicht man die Telomerlänge der über 95-Jährigen mit der von 75-Jährigen, sieht man, dass sie bei den fast Hundertjährigen länger ist. In einer Bevölkerung nimmt die Telomerlänge bis zu einem Alter von 75 ab, danach nimmt sie wieder zu. Das heisst aber nicht, dass die Telomere ab 75 effektiv wieder länger werden. Vielmehr sind dann die meisten Leute mit kurzen Telomeren verstorben. Diejenigen mit langen Telomeren sind dagegen noch mit 85 oder 95 Jahren am Leben.
Versicherungsfirmen müssten daran interessiert sein, Leute zu testen.
Kurze Telomere verändern die Wahrscheinlichkeiten, sie liefern aber keinen Blick in die Kristallkugel. Und Telomere sind nur einer von vielen Faktoren, die das Altern beeinflussen. Aber klar interessieren sich Versicherungsfirmen für solche Hinweise. Doch sinnvoller wäre, sie würden sich den Zuckerkonsum der Menschen anschauen. Die Menge Zucker, die ein Mensch zu sich nimmt, korreliert mit der Kürze der Telomere in ähnlicher Weise, wie es das Rauchen tut. Versicherungen sollten also besser fragen: «Wie viele gezuckerte Getränke trinken Sie pro Tag?» Denn das kann die wichtigsten Alterskrankheiten vorhersagen.
In Ihrem neuen Buch «The Telomere Effect» erklären Sie, dass wir unseren Telomeren nicht restlos ausgeliefert sind, sondern es bis zu einem gewissen Grad selber in der Hand haben, ihre Länge zu beeinflussen.
Die Länge der Telomere ist veränderbar. Sport kann zum Beispiel die Telomere verlängern. Wir haben Tausende von Personen in den USA gefragt: «Treiben Sie moderaten Sport, intensiven Sport, fahren Sie mit dem Fahrrad oder laufen Sie zur Arbeit?» Unsere Auswertung zeigte, dass die Telomerlänge mit der Menge Sport korreliert. Jede einzelne Kategorie hatte einen kleinen Effekt, je mehr Kategorien man ausübte, um so grösser war der Effekt auf die Telomerlänge.
Und das wirkt sich auf die Sterblichkeit aus?
Wir haben 600 nicht sehr gesunde Amerikaner im Alter von Ende 60 untersucht. Sie waren herzkrank und gehörten zur Alterskategorie, in der die Sterblichkeit stark zunimmt. Wir haben sie 5 Jahre lang beobachtet. In der Gruppe, die in dieser Zeit ihre Telomere verlängern konnten, war die Sterblichkeit halb so hoch wie bei denen mit kürzeren Telomeren. Dies ist ein Befund, den man sich zu Herzen nehmen sollte. Neben Sport wirkt sich auch genügend Schlaf, das Vermeiden von Stress oder auch Meditation günstig auf die Telomerlänge aus.
Silicon Valley investiert derzeit stark in die Altersforschung. Die Google-Tochter Calico zum Beispiel investiert 1,5 Milliarden Dollar. Wird der Mensch bald unsterblich?
Das sind langfristige Investitionen. Der Erfolg hängt zudem weniger vom investierten Geld ab, entscheidender ist, ob man die besten Forscher kriegt. Wir wissen inzwischen recht gut, wie das Altern in kurzlebigen Organismen funktioniert. Jetzt wollen wir besser verstehen, was bei langlebigen Organismen passiert. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es nichts Magisches, was das Altern beim Menschen angeht. Ein grosses Problem ist ja auch, dass man Jahrzehnte beobachten muss, um einen lebensverlängernden Effekt erkennen zu können.
Initiativen aus Silicon Valley machen auch sonst von sich reden. Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chen haben einen Teil ihres Vermögens in eine Initiative gesteckt, Krankheiten zu bekämpfen. Wird die öffentlich finanzierte Forschung bald überflüssig?
Das ist ein interessantes und langfristiges Projekt. Aber solche Initiativen werden niemals die Staatsausgaben ersetzen. Nehmen wir die Bill Gates Foundation. Würden sie gleich viel Geld ausgeben wie die staatlichen National Institutes of Health (NIH), dann wären sie in 3 Jahren bankrott. Das Budget der NIH beträgt 30 Milliarden pro Jahr. Wir müssen die Beiträge von Gates und Zuckerberg also im richtigen Verhältnis sehen. Die Chen-Zuckerberg-Initiative bringt 3 Milliarden in 10 Jahren auf, also 0,3 Milliarden pro Jahr. Es hört sich riesig an, es ist aber lediglich 1 Prozent des NIH-Budgets.
Sie wurden im Januar ans World Economic Forum in Davos eingeladen, um über Leadership und glückliche Arbeitskräfte zu sprechen. Wie sind Sie zu dieser Einladung gekommen?
Es gibt sehr viel Forschung, die zeigt, dass der Arbeitsort, der soziale Austausch, der Grad der Selbstbestimmung, der Respekt, der einem entgegengebracht wird, grossen Einfluss auf die Zufriedenheit und Produktivität von Arbeitnehmern haben. Und auch da spielen Telomere hinein: Chronischer Stress am Arbeitsplatz verkürzt die Telomere. Wichtig ist, dass Leute den Wert ihrer Arbeit schätzen, egal, ob es der Institutsleiter ist oder der Elektriker, der um Mitternacht die Kühltruhe repariert. Und da ist Leadership entscheidend: Sie muss allen Mitarbeitern das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein.