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Der britische Klimaforscher Kevin Anderson begrüsst zwar die hehren Ziele des neuen Klimaabkommens von Paris. Aber ohne radikale Massnahmen seien diese nicht zu erreichen.
Der Saal ist zum Bersten gefüllt, als der Klimaforscher Kevin Anderson zusammen mit vier Kollegen am zweitletzten Tag der Uno-Klimakonferenz in Paris eine Pressekonferenz gibt. Die fünf sind sich einig über das neue Klimaabkommen: Es ist gut, dass die Politik die Notwendigkeit anerkennt, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau zu begrenzen (das sind 0,5 Grad über dem heutigen Niveau) – doch der Vertrag bleibt weit dahinter zurück, dies zu gewährleisten.
Anderson ist nicht nur einer der renommiertesten Klimaforscher weltweit; er ist auch einer, der sich deutlicher als andere öffentlich äussert. Nach Paris ist er mit dem Zug gereist, seit elf Jahren hat er kein Flugzeug mehr bestiegen. Das ist auch der Grund, weshalb er nicht dem Weltklimarat IPCC angehört, dessen Sitzungen rund um die Welt stattfinden. Darauf angesprochen, gibt sich Anderson dennoch als grosser Fan des IPCC zu erkennen. Um gleich zu relativieren: Das gelte vor allem für dessen naturwissenschaftliche Aussagen und viel weniger für das, was er damit mache.
WOZ: Kevin Anderson, was meinen Sie, wenn Sie Ihr Lob für den IPCC auf dessen naturwissenschaftliche Aussagen reduzieren?
Kevin Anderson: Der IPCC leistet hervorragende Arbeit. Wir Klimaforscher haben ja das Problem, dass der Klimawandel schnellere Antworten erfordert, als es der wissenschaftliche Prozess normalerweise zulässt. Trotzdem sind die IPCC-Berichte sehr gut, und ich halte den IPCC-Prozess für den am eingehendsten überprüften wissenschaftlichen Prozess, den es je gab. All die massiven Angriffe der Klimawandelleugner haben ihm nichts anhaben können. Aber wenn es um die Frage geht, was angesichts des Klimawandels zu tun sei, bemühen sich die IPCC-Autoren sehr, den Rahmen dessen, was politisch und ökonomisch als normal gilt, nicht zu verlassen. Sie schrauben so lange an den Annahmen herum, bis ihre Modelle Resultate liefern, die politisch erträglich scheinen.
Tun sie das bewusst, oder sind sie selber in ihrem Denken gefangen?
Das sind intelligente Leute, die wissen, was sie tun! Meine Interpretation ist die, dass sie sich innerhalb des Mainstreamdiskurses bewegen wollen, und dafür haben sie durchaus gute Gründe. Denn wenn man gewisse Grundannahmen über unsere Welt infrage stellt, wird man auf Ablehnung stossen.
Und dann hört sowieso niemand auf sie.
Das fürchten sie. Aber als Wissenschaftler sollten wir uns nicht darum kümmern, ob die Leute mögen, was unsere Forschung ergibt, sondern bloss darum, ob es valable Einwände dagegen gibt. Stattdessen verändern wir die Annahmen, die unseren Szenarien zugrunde liegen, bis wir ein Resultat erhalten, das zum herrschenden Paradigma passt. Das ist nicht wissenschaftlich! Die Politik müsste sich darauf verlassen können, von uns die bestmöglichen Informationen zu erhalten. Wie sie es dann ihren Wählern vermittelt, ist nicht unsere Sache.
Es ist in den Klimawissenschaften seit längerem üblich, mit Kohlenstoffbudgets zu rechnen: Wenn man die Erwärmung auf x Grad begrenzen will, hat man noch ein Budget von y Gigatonnen CO2, die in die Atmosphäre gelangen dürfen. Bei der Berechnung der Budgets gibt es allerdings zwei grosse Unsicherheitsfaktoren. Der eine sind selbstverstärkende Rückkoppelungseffekte; sie schmälern das Budget. Beispielsweise ist in gefrorenen Böden viel Methan gespeichert – ein Treibhausgas. Tauen die Böden auf, könnte plötzlich sehr viel davon freigesetzt werden. Der andere sind «Negativemissionen» – hypothetische künftige Techniken, mit denen sich CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernen und sicher entsorgen lässt. Sie vergrössern das Budget.
Kevin Anderson sagt, es sei üblich geworden, in den Szenarien anzunehmen, dass Negativemissionen in naher Zukunft möglich sein werden. Unerwartete Rückkoppelungseffekte dagegen berücksichtigten die Szenarien nicht. Selbst die Rechnung, wonach die bisher zugesagten klimapolitischen Massnahmen der Staaten zu einer Erwärmung von 2,7 oder 3 Grad führten, basiere auf dieser Sichtweise. So zu rechnen, sei «sehr gefährlich» und «sehr irreführend für die Politik». Gebe es nämlich – womit zu rechnen sei – dereinst keine funktionierenden Negativemissionstechniken, befänden wir uns auf einem Pfad zu einer Erwärmung um 4 oder mehr Grad.
Selbst wenn man von den optimistischen Szenarien ausgeht, ist die Klimapolitik unzureichend – und alle wissen das. Ich habe nicht den Eindruck, dass mangelnde wissenschaftliche Information das Hauptproblem ist.
Es stimmt, dass viele Politiker radikale Massnahmen scheuen. Aber nur dank einer verharmlosenden Wissenschaft sind sie in der Lage zu behaupten, wir könnten das 2-Grad-Ziel einhalten, ohne radikale Massnahmen zu ergreifen. Statt zu sagen: Es gibt da ein paar Grundsatzfragen, die wir stellen müssen. Beispielsweise, wie die Verantwortung für den Klimawandel verteilt ist. Warum zehn Prozent der Weltbevölkerung für die Hälfte aller Emissionen verantwortlich sind. Wir fürchten uns, genau hinzuschauen, denn dann sähen wir: Die Emissionen kommen von Leuten wie uns. Wir müssen unser Leben sehr stark ändern, und nicht zwangsläufig in eine Richtung, die man als Politiker den Leuten gerne verspricht. Damit wir die 2 Grad noch schaffen, muss in naher Zukunft etwas sehr Grosses passieren, und damit meine ich nicht erst in fünf Jahren.
Das Pariser Abkommen hat zum Ziel, die Erwärmung «deutlich» unter 2 Grad und wenn möglich unter 1,5 Grad zu halten. Geht das überhaupt noch?
Wohl nur mit Negativemissionen – und auch dann nur, wenn es keine unerwarteten Rückkoppelungseffekte gibt. Trotzdem finde ich das 1,5-Grad-Ziel politisch richtig. Es ist wichtig, dass die Leute, die besonders verletzlich sind, darauf insistieren, dass für sie schon eine Erwärmung um mehr als 1,5 Grad unerträglich wäre – als Gegengewicht zu den vielen, die sagen, wir sollten uns auf eine 3 oder 4 Grad wärmere Welt einstellen.
An der Klimakonferenz ist viel von der Notwendigkeit die Rede, die fossilen Emissionen zu stoppen. Diese machen aber nur zwei Drittel aller Treibhausgasemissionen aus; es bleibt das restliche Drittel – CO2 aus Abholzung und Landnutzung etwa.
Richtig, und es ist sehr schwer, diese Emissionen zu reduzieren, vor allem die landwirtschaftlichen. Es gäbe viele landwirtschaftliche Praktiken, die weniger Treibhausgase freisetzen, aber man wird die Emissionen nie ganz auf null bringen, wie es im Energiesektor möglich ist. Also müssen wir die fossilen Emissionen nur umso schneller reduzieren. Aber ich sehe es nicht so, dass hier in Paris vor allem davon die Rede sei, wie man die fossilen Energien loswerde: Es ist vor allem die Rede davon, wie man die erneuerbaren ausbaut. Das ist nicht dasselbe! Für das Klima ist irrelevant, wie viel erneuerbare Energie wir produzieren oder wie effizient wir Energie nutzen; es zählt einzig, wie viel oder wenig Kohlenstoff wir verbrennen.
Wir müssen die fossilen Emissionen bis 2050 aus dem Energiesystem verbannen, der reiche Teil der Welt deutlich früher – vielleicht bis 2035. Ich glaube nicht, dass sich viele Politiker dessen bewusst sind. Das ist weit von dem entfernt, was hier diskutiert wird. Es ist eine Herausforderung, die mit einem Krieg vergleichbar ist. Und wenn dann der ärmere Teil der Welt bis 2050 auch aussteigt, dann reicht das eben gerade aus, um die 2 Grad nicht zu überschreiten.
Eine extreme Aussage.
Wenn ich das unter Fachkollegen sage, widerspricht mir niemand. Aber alle fürchten sich vor den Folgen unseres Wissens für die Politik und unsere Lebensstile. Die Klimakonferenz reflektiert das auf keine Weise, insofern bin ich ziemlich desillusioniert.
Haben Sie mehr erwartet?
Es gab hier in Paris vor einem halben Jahr eine wissenschaftliche Konferenz über Negativemissionen. Da war die Möglichkeit, dass keine dieser Techniken funktionieren wird, ein grosses Thema. Deshalb hoffte ich, man würde auch hier etwas mehr Kritik hören.
Sie sind seit elf Jahren nicht mehr geflogen. Wie reagieren die Leute in Ihrem Umfeld, wenn Sie sagen, dass Sie nicht fliegen?
Sie rutschen nervös auf dem Stuhl hin und her. Ein Kollege, den ich hier getroffen habe – ein Klimaforscher, vor dem ich viel Respekt habe –, ist aus England nach Paris geflogen. Er sagte, er bewirke hier mehr Gutes, als er mit seinem Flug schade. Er betrachtete sich als Teil der Lösung. Aber wir müssen beginnen zu begreifen, dass wir Teil des Problems sind. Sonst verstehen wir nicht, worum es geht.
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ