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| Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über die Auferweckung des Lazarus (Joh. 11, 43.)

10.
Der Sohn ist deshalb, weil er nach dem Grabe fragte, nicht geringer als der Vater. Dadurch, daß er über Lazarus weinte, bewies er andererseits die Wahrheit seiner Menschwerdung. Wenn es heißt, daß er weinte und daß er schwitzte, so waren es seine Tränen und seine Schweißtropfen. Aber dadurch wird der Sohn nicht unter den Vater herabgesetzt; denn er ist ebenso Totenerwecker wie sein Vater. Er weinte, um die Wirklichkeit seiner Menschheit zu beweisen; er rief den Toten hervor, um seine Allmacht zu zeigen. Er fragte, um die Ungläubigen festzulegen; er betete, um seine Übereinstimmung [mit dem Vater] zu offenbaren. Auch dieses Beten am Grabe erniedrigt ihn nicht unter seinen Erzeuger. Daß er nicht aus Notwendigkeit betete, kannst du aus seinen eigenen Worten ersehen: „Dies sage ich um der Menge der Juden willen, damit sie glauben, daß du mich gesendet hast [und damit sie erkennen, daß du in mir bist und ich in dir bin]“ 1. Er heilte die Gesinnung der Menge, deren Gehör krank war und die offen bezweifelte, daß Jesus der Sohn des Allerhöchsten sei. Daher schrieb er alle seine Werke dem Vater zu, um zu zeigen, daß er nicht durch Anmaßung 2 Herr und Lebensspender sei. An dem Niedrigen 3, das an ihm geschah, sollten die Verständigen seine Liebe erkennen. Doch darüber zu sprechen, ist jetzt nicht meine Absicht. Die Wahrheit ist schon an sich klar und leuchtet hell ohne unser Wort. Vollkommen ist der Sohn wie sein Erzeuger, wunderbar der Erstgeborene wie sein Sender, Totenerwecker wie auch sein Vater; denn der nämliche, der weinte, erweckte zum Leben. Darüber hätte ich vieles zu sagen, wenn ihr es wünschet, das heißt, wenn ich sehe, daß der Same meines Wortes in euren Ohren aufgekeimt ist. Ja, selbst wenn ihr widerstrebt, werde ich trotzdem nicht ablassen, den Samen auszustreuen.
1: Joh. 11, 42. Der Rest der Rede fehlt in der römischen Ausgabe, steht aber nach Angabe Zingerles im vatikanischen Codex. Vgl. Joh. 14,10 und 17,21.
2: wörtlich: Raub, vgl. Philipp. 2,6.
3: z. B. die Tränen, der Schweiß, das Fragen usw.