Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03619.jsonl.gz/595

Am östlichen Schweizer Bodenseeufer wurden einst Kampfjets, Business-Flugzeuge, Seilbahnkabinen, Züge und Trams gebaut. Während rund 40 Jahren produzierten die Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein FFA verschiedene Transportmittel und experimentierten mit neuen Technologien. Im Jahr 1987 wurde das Unternehmen aufgeteilt und verkauft.
Das St. Galler Staatsarchiv hat nun Bilder veröffentlicht, die sich bisher im Besitz des Fliegermuseums Altenrhein befanden. Die Fotos wurden digitalisiert und sind nun über die Website , Link öffnet in einem neuen Fensterdes Staatsarchivs öffentlich zugänglich. In zahlreichen Arbeitsstunden und Kontakt mit Zeitzeugen hat der Ostschweizer Verkehrshistoriker Anton Heer die Bilder aufbereitet und Informationen dazu recherchiert.
Am meisten habe ihn die Vielfalt der Bilder überrascht, aber auch die Lücken, sagt Anton Heer. Rund um den Eisenbahnbau in der FFA würden nämlich kaum Bilder existieren, da diese wohl mit dem Nachlass an die spätere Schindler Holding verschwunden sind. Ein Grossteil der Bilder dokumentiere vor allem den Flugzeugbau.
Schon die «Do X» wurde in Altenrhein gebaut
Ihren Ursprung haben die Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein in den Dornier-Werken Altenrhein AG, welche 1924 vom Luftfahrtpionier Claude Dornier gegründet wurden. Ein Aushängeschild der Dornier-Werke war das Luftschiff «Do X», welches am Bodensee seinen Erstflug hatte. Auch im Archiv des Schweizer Fernsehens findet sich ein Beitrag über die «Do X» sowie weiteres bewegtes Bildmaterial über die FFA.
Was für die Dornier-Werke das Flugschiff «Do X» war, war für die Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein der Kampfjet P-16. Noch bevor der FFA-Patron Claudio Caroni das Vorgängerunternehmen 1952 vollständig aufkaufte, hatten die FFA bereits Prototypen des Vorzeige-Kampfjets für die Schweizer Luftwaffe produziert.
Vom Kampfjet zum Business-Flugzeug
Ende der 1950er-Jahre erteilte die Luftwaffe der FFA einen Grossauftrag und bestellte 100 Stück des P-16. Da einer der Kampfjets wegen eines Defekts in den Bodensee stürzte, wurde der 400-Millionen-Auftrag im Sommer 1958 storniert. Die Serienproduktion des P-16 in Altenrhein wurde eingestellt.
«Kurz nach dem bundesrätlichen Nein suchte Caroni nach neuen Geschäftsfeldern», sagt Verkehrshistoriker Anton Heer. In Zusammenarbeit mit dem US-Amerikaner William P. Lear tüftelten die FFA an einem Businessflugzeug, welches auf der Flügelkonstruktion und den Eigenschaften des P-16 beruhte. Daraus ergab sich schliesslich der bekannte «Learjet», welcher jedoch in den USA produziert wurde.
Den erhofften internationalen Erfolg erzielten die FFA schliesslich mit dem Schulungsflugzeug AS-202 Bravo. Das Projekt begann 1967 und sollte zusammen mit einem italienischen Flugzeughersteller realisiert werden. Die Zusammenarbeit klappte schliesslich nicht wie erwünscht und das Programm wurde schliesslich vollständig in Altenrhein koordiniert.
Die AS-202 Bravo wurde nach einem Pflichtenheft für die Vorschulung von Schweizer Kampfjetpiloten entwickelt. Das Flugzeug diente auch Flugschulen, galt als fehlerverzeihend und akrobatiktauglich. Mehrere Dutzend Exemplare wurden ins Ausland geliefert; unter anderem nach Indonesien, in den Irak und nach Marokko.
In der Luft, zu Wasser und auf Schienen
Nebst Flugzeugen wurden in Altenrhein zeitweise auch Boote, Bratpfannen und sogar Iglus zum Campieren gebaut. Ein wichtiges Standbein für die FFA war auch die Produktion von Seil- und Eisenbahnwaggons. So wurde beispielsweise das «Walzehuusebähnli» zwischen Rheineck und Walzenhausen in Altenrhein gebaut.
Die FFA wurden schliesslich 1987 an die Schindler Holding verkauft. Seit 1997 gehört das Werk in Altenrhein zu Stadler Rail mit Sitz im thurgauischen Bussnang. Die Flugzeugsparte wurde schrittweise aufgeteilt und schliesslich von der Pilatus-Gruppe übernommen oder teilweise weiterverkauft.