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Religion - Christentum
Artikel von Walter Vogt, Zürich aus der Zeitschrift 'Wegbegleiter' Nr. 2/2001, S. 59-61.
Gestalt und Aussehen Jesu
Kleiner Versuch einer Deutung
Die Ostkirche stellt sich ihn als unschön vor. Vermutlich denkt sie nicht an den Heiland, sondern an den Pantokrator (Weltenherrscher). Dabei geht sie wohl von der Aussage Jesaja 53,2 aus, die man auf den Messias bezog: Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber das war keine Gestalt, die uns gefallen hatte. Wohl deshalb beschreibt ihn Justinus Martyrus als hässlich geworden durch Leiden und Demütigung. Irenäus empfindet ihn als schwach, schmucklos und ohne Ansehen. Origenes bezeugt, dass er klein, unschön und unscheinbar war. Er weist jedoch auch darauf hin, dass der Messias den Schlechten hässlich und den Guten schön vorkam. Byzantinische Missionare wissen zu berichten, dass Jesus am linken Bein hinkte. Das Fussholz am Kreuz liegt oft schräg. Man nennt es deshalb die byzantinische Kurve. Laut dem heiligen Ephrem, dem Syrer, mass Jesus nur drei Ellen, also etwa 135 cm. Auf die gleiche Grösse kommt um das Jahr 800 der Mönch Epiphan in Konstantinopel. Der heilige Justin beschreibt ihn sogar als missgestaltet.
In der Westkirche empfand man jedoch Jesus als schön. Ausschlaggebend war wohl der Psalm 45,3, der da lautet: Du bist der Schönste unter den Menschenkindern, voller Huld sind deine Lippen. Diese Überzeugung vertraten Augustinus und Hieronymus. Aus einer Sekundärliteratur des Mittelalters geht folgende Beschreibung hervor: Mit nussbraunen Haaren, die bis zu den Ohren glatt sind und von den Ohren abwärts sich in sanften Locken auf die Schultern herabwellen, mit einem Scheitel auf der Mitte des Hauptes nach der Art der Nazoräer, mit einer ebenen und klaren Stirn, mit einem Angesicht ohne Flecken ohne Tadel. Er trägt einen üppigen und vollen Bart mit Haaren von gleicher Farbe, der in der Mitte zweigeteilt ist, er hat blaugraue Augen mit ungemein mannigfacher Ausdrucksfähigkeit.
Unkörperlichkeit
Einen äusserst wichtigen Hinweis fand ich im Werk Jesus der Kommende von D.S. Mereschkowsky: Clemens von Alexandria berichtet, dass unter den Jüngern des Johannes ob des Apostels oder des Presbyters, kann uns gleich sein bis zum Ende des 2. Jahrhunderts die Vorstellung von der Unkörperlichkeit der Gestalt Jesu herrschte. Ein Nachklang der gleichen Überlieferung ist auch in den Acta Johannis' auf uns gekommen, die aus dem gleichen Kreise der ephesischen Jünger stammen, also Ende des 2. Jahrhunderts entstanden sind, das heisst zwei oder drei Generationen nach dem Tode des geheimnisvollen Greises Johannes, der dem Jünger, den Jesus lieb hatte', geistig so nahe verwandt war.
Wenn ich zu Tische lag, nahm er mich an seine Brust
und bald fühlte sich seine Brust glatt und weich an, bald hart wie Stein
Bald, wenn ich ihn anfassen sollte, traf ich auf einen materiellen dichten Körper, bald wiederum war die Substanz immateriell und überhaupt wie nichts
Legendäres
Als unser Herr nach Golgatha schritt, drückte ihn die Kreuzeslast so schwer, dass er Blutstropfen schwitzte. Veronika reichte ihm voller Mitleid ihr Tuch, um sein gemartertes Gesicht zu trocknen. Auf ihm blieb das schreckenerregende Antlitz, von dem es in der Weissagung des Jesaja heisst, dass seine Gestalt hässlicher ist denn anderer Leute und sein Ansehen denn der Menschenkinder.
Nach einer sehr alten Überlieferung war der Apostel Lukas nicht nur Arzt, sondern auch Maler. Einst bat man ihn, das Gesicht des Herrn zu malen. Er aber weigerte sich, weil dies über seine menschliche Kraft gehe. Nach dreitägigem Weinen, Fasten und Beten der Brüder erklärte er sich jedoch dazu bereit. Auf einer Holztafel zeichnete er die Umrisse, doch ehe er Pinsel und Farbe ergreifen konnte, erblickten plötzlich alle das fertige, nicht von Menschenhand geschaffene Bild. Prof. Dr. Walter Nigg schildert diese Szene ergreifend in seinem Werk Botschafter des Glaubens.
Das Grabtuch von Turin
Bis heute ist der Streit über die Echtheit dieser berühmten Reliquie noch nicht beendet. Deshalb lasse ich sie weiterhin unbesprochen. [Lesen Sie hierzu den Artikel von A. Risi in WB 1, 2001 red]
Heiland (Evangelium des vollkommenen Lebens)
Die Beschreibung soll von Publius Lentullus handeln, der sie als Statthalter von Judäa (Fn 1) nach Rom sandte. In diesem Bericht heisst es: Es ist vor kurzem ein Mann mit grosser Tugend aufgetreten namens Jesu Christ, der noch unter uns lebt und von den Heiden als Prophet der Wahrheit anerkannt wird, während seine Jünger ihn den Sohn Gottes heissen. Er erweckt die Toten und heilt Krankheiten aller Art. Er ist ein Mann von ziemlich hoher Gestalt, anmutig, mit ehrfurcht-gebietendem Gesicht, sodass, wer ihn anblickt, Liebe und Furcht zugleich empfindet. Sein Haar hat die Farbe der Kastanie, ist voll gereift, fliesst flach über seine Ohren, fällt dann jedoch in mehr morgenländischer Art in Locken und umwallt seine Schultern. Er trägt das Haar mitten auf dem Haupte gescheitelt nach der Art der Nazariter (Nasiräer). Seine Stirn ist glatt und sehr fein gebaut. Sein Gesicht ist ohne Fleck oder Falte, verschönt durch ein liebliches Rot. Seine Nase und sein Mund sind so geformt, dass nichts ausgesetzt werden kann. Sein Bart ist dicht, von gleicher Farbe wie das Haupthaar, nicht sehr lang, doch gegabelt. Sein Blick ist unschuldig und gereift, seine Augen grau, klar und lebhaft. Im Verurteilen der Heuchelei ist er schrecklich, in Ermahnungen höflich und voll guter Worte, im Gespräch freundlich und heiter und doch auch voll würdigen Ernstes. Niemand kann sich erinnern, ihn jemals lachen gesehen zu haben; doch viele sahen ihn weinen. Sein Körper ist in allen Teilen von wundervollem Ebenmass. Seine Hände und Arme bieten einen entzückenden Anblick. Beim Sprechen ist er sehr ruhig, bescheiden und weise. Er ist ein Mann, der durch seine ungewöhnliche Schönheit alle anderen Menschen übertrifft.
Das Buch gibt hierzu folgende Erklärung: Das echte Bildnis Jesu ist eine Wiedergabe des Porträts, das im Auftrag von Tiberius Cäsar in einen Smaragd gemeisselt worden war. Diesen Smaragd gab der Kaiser der Türken später aus dem Staatsschatz von Konstantinopel dem Papst Innozenz VIII. als Lösegeld für seinen Bruder, der von den Christen gefangengenommen worden war. (Die meisten Theologen sind der Ansicht, dass es sich um einen apokryphen Bericht aus dem 11. Jahrhundert handelt.)
Visionäres
Anna Katharina Emmerich (17741824)
Der Heiland war (als Jüngling) von Gestalt schlank und schmächtig, mit einem schmalen, leuchtenden Angesicht, gesund aussehend, aber doch bleich. Seine ganz schlichten, rötlich-gelben Haare hingen ihm gescheitelt über der hohen offenen Stirn auf die Schultern nieder. Er hatte einen langen, lichtbräunlich-grauen Hemdrock an, der bis auf die Füsse hing; die Ärmel waren etwas weit an den Händen ...
Jesus (in seinem dreissigsten Jahre) war grösser als die Apostel. Wo sie gingen oder standen, war es immer, als rage er hervor mit seiner weissen Stirn. Er ging sehr gerade und aufrecht, war nicht hager und auch nicht dick, sondern durchaus gesund und edel gebildet. Er hatte breite Schultern und eine breite Brust. Seine Muskeln waren ausgebildet durch Reisen und Übung. Er hatte auf blossem Leibe ein bräunliches, gestricktes oder gewobenes Hemd an, welches sich dehnte und in steifen Falten nach der Länge zog. Darüber hatte er ein langes, feines, wollweisses Gewand mit weiten Ärmeln, das um den Leib mit einem breiten Gürtel von demselben Stoffe gehalten war, welches er beim Schlafe um das Haupt hüllte ...
Maria Valtorta (1897-1961)
In ihrem zwölfbändigen Werk Der Gottmensch heisst es: Jesus ist ein schöner zwölfjähriger Jüngling, hochgewachsen, wohlgestaltet und kräftig - nicht dick. Er sieht infolge seiner Statur erwachsener aus als er ist. Er ist schon gross und reicht seiner Mutter bis an die Schultern
Er trägt ein weites, rubinrotes Wollkleid, das weich fällt und sehr schön und gleichmässig gewoben ist. Jesu blonde Haare sind schon sehr dicht und ihre Farben etwas satter als in den Kindertagen. Die bis unter die Ohren fallenden Locken leuchten kupferfarbig auf in ihren Rundungen. Es sind auch noch nicht die schulterlangen, gewellten Haare des Mannes, die dann in einer nach innen gedrehten Welle enden; doch sie beginnen schon in Farbe und Fülle diesen zu gleichen.
Jakob Lorber, der Schreibknecht Gottes (18001865)
Die von den Juden so verachteten Samariter bewundern die Erscheinung des Herrn. Der Hauptredner: Freunde, das ist also der Herr selbst, als ein sichtbarer Mensch unter uns Menschen: Welch eine herrliche Gestalt: Welch ein himmlisch-sanftes Liebesfeuer leuchtet aus seinem Auge, welch eine Weisheit strahlt aus seiner hohen Stirn, und welcher Worte muss sein herrlicher Mund fähig sein!' Ev. Joh. IX, 126 (1)
Zu guter Letzt sei noch eine Stelle aus dem Aquarius-Evangelium erwähnt. Maria und Joseph fragen im Tempel nach ihrem zwölfjährigen Kind, das tiefblaue Augen und hellblonde Haare habe.
Ansicht zweier Theologen aus der Neuzeit
Johannes Lehmann, ein oft recht unbequemer Publizist, kontert: Wir kennen zum Beispiel kein Bild von ihm, das ihn wie einen Israeli zeigt, mit dunkler Hautfarbe und prägnanter Nase, mit Kopfumfang und Burnus [wollener, meist weisser Mantel mit Kapuze der nordafrik. Beduinen red], wie es zu seiner Zeit üblich war, als diese Gegend noch Palästina hiess. Sein Jesus Report erregte seinerzeit die christlichen Gemüter; ihr Glaube war in Gefahr.
Tiefschürfende Erkenntnisse verdanken wir Ethelbert Stauffer; er weist nämlich darauf hin, dass es im Neuen Testament nur eine exakte Personenbeschreibung gibt. Es handelt sich um Johannes den Täufer, der in ein paar drastischen Sätzen beschrieben wird. Die Rabbiner waren nämlich streng und unerbittlich. Bei ihnen galten bestimmte Normen über die äussere Erscheinung eines echten Juden. Unter keinen Umständen durfte ein Gesetzeslehrer von ihnen abweichen. Nie ist davon die Rede, dass Jesus in dieser Hinsicht bemängelt oder gar kritisiert wurde. Abweichungen wurden stets mit Hohn und Härte vermerkt. Zur Zeit unseres Erlösers trugen die Männer das Haar schulterlang. In der Mitte war es gescheitelt und zudem mit Öl gesalbt. Bart und Schnurrbart gehörten zur Norm. Ein bartloser Jude war undenkbar. Verschiedene Münzdarstellungen bestätigen die Ansicht dieses protestantischen Theologen. Am Schluss seiner Abhandlung zitiert Stauffer wörtlich: Die Christusdarstellungen der apokryphen Jesustradition und altkirchlichen Bilderkunst sind nach dogmatischen Postulaten gestaltet und haben keinen historischen Wert.
Meine persönliche Meinung ist: Kein Sterblicher weiss es mit absoluter Gewissheit.
Walter Vogt, Zürich
Fussnoten
(1) Diese Beschreibung scheint wirklich legendär zu sein, denn Pontius Pilatus regierte in Judäa und Samaria von 26-36. Seine Vorgänger waren Coponius, Mareus Ambivius, Annius Rufus und Valerius Gratus. Übrigens: 1961 wurde der Pilatusstein in Cäsarea gefunden. Es heisst dort: PONTIUS PILATUS PRAEFECTUS JUDAEAE. Durch diesen Fund wird bestätigt, dass Pilatus nicht Prokurator war.
In der Tageszeitung Die Welt vom 28. März 2001 erschien ein umfassender Bericht über das heute von der Wissenschaft angenommene Aussehen Jesu.
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Letzte Änderung am 8. Januar 2004