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Es war vor rund 35 Jahren. Wir sassen bei Henry in der Bude, drei oder vier Berner Studenten und Steffi, eine Kommilitonin aus Deutschland. Wir tranken Wein, rauchten, sprachen über dies und das und flirteten, jeder nach seinen Möglichkeiten, ein bisschen mit der hübschen jungen Frau.
«Sag mal, Steffi – warum betont ihr Deutschen jedes französische Wort eigentlich immer so penetrant auf der letzten Silbe?», wollte Henry plötzlich wissen. Die Frage kam wie aus heiterem Himmel, aber ich wusste, dass Henry diese Wahrnehmung schon lange beschäftigte und auch ärgerte.
«Na warum wohl?», fragte Steffi zurück. «Weil es richtig ist, natürlich.» Daraufhin erhob sich von Berner Seite energischer Protest, denn das glaubten wir als Bewohner eines teilweise frankophonen Kantons mit Sicherheit zu wissen: Französische Wörter werden auf der ersten Silbe betont, niemals auf der letzten. Überdies hatten wir am Gymnasium eine gute Lehrerin gehabt, eine Bilingue von unanfechtbarerer grammatikalischer und phonetischer Kompetenz. Steffi freilich beharrte tapfer auf ihrem Standpunkt, denn auch sie konnte sich auf tüchtige Lehrer berufen. Nach fünf Minuten war das Thema noch immer unentschieden, deshalb wandten wir uns neuem Gesprächs- und Trinkstoff zu.
Einen, zwei Monate später sprach Henry diese Sache erneut an. Er habe nun ein paar französische Filme analysiert, sagte er mir bei einem Whisky und einer Zigarette. Steffi habe, so ungern er es zugebe, auf vertrackte Art recht, sagte er. Es seit tatsächlich so, dass aus der Sprachmelodie heraus recht viele Wörter irgendwie auf der letzten Silbe betont würden, eigentlich aber eher nachbetont als wirklich betont. So gesehen lägen beide richtig, wir Schweizer mit der Erst- und die Deutschen mit der Endbetonung.
Dieser Disput um die französische Akzentuierung ist mir seither hin und wieder durch den Kopf gegangen. Um die Ungewissheit endlich einmal auszuräumen, griff ich neulich nach meinem alten Franz-Wörterbuch. Diese ehrwürdige Fibel würde mich bestimmt richtig unterweisen, dachte ich. Und sicher in meinem Sinn, mit Betonung auf der ersten Silbe, natürlich.
Und was bekam ich im guten alten «Juncker» von 1965 gleich auf der zweiten Seite zu lesen? «Die Betonung ruht im Französischen auf der Endsilbe.» Ich war sprachlos und bin es noch jetzt. Mir ist ein ganzes Lehrgebäude zusammengekracht, bestehend aus achteinhalb Jahren Französischunterricht und einer Verwandtschaft, die sich zur Hälfte aus Romands zusammensetzt.
Aber was will man? Wo die Fibel made in Germany recht hat, hat sie wohl recht. Mir bleibt wenigstens die Genugtuung, dass ich zehn Kilometer gegen den Wind und mit verbundenen Augen heraushören kann, ob es ein Deutscher oder ein Franzose ist, der «Carcassonne», «Rousseau» oder «Beaujolais» ausspricht. So, wie die Deutschen endbetonen, tut es sonst niemand auf der Welt.