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Dakar, Restaurant «Keur Souadou»
Warum nur musste es Dakar sein? Hätten sich die Entführer nicht irgendeinen anderen Ort aussuchen können, um Koslow zu verstecken? Gab es nicht auch Keller in Paris, wo sich Maille jetzt wohl gerade ein Plateau de Fruits de Mer an der Rue Paul Bert gönnen würde – oder in Wien, wo das «On» an der Wehrgasse mit dem weltbesten Kuttelsalat lockte? Dakar, das bedeutete Malariatabletten, klebrige Strassenhändler und diffuse Schuldgefühle – denn immerhin war es nicht auszuschliessen, dass er von einem jener Plantagenbesitzer abstammte, die ihr Vermögen auf dem blutenden Rücken von Sklaven aus Afrika gemacht hatten. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, an diesem Morgen auf Gorée die Maison des Esclaves zu besuchen – die Erzählungen des Guides, der die Touristen durch diese Kammern der Grausamkeit führte, lagen ihm wie schlecht gekochte Hülsenfrüchte auf dem Magen? Ob man ihm wohl ansah, dass er möglicherweise von einem Planteur abstammte?
Zum Glück hatte er eine Aufgabe, einen guten Grund, hier zu sein. Doch der gute Grund wollte sich im Moment nicht zeigen. Um 20 Uhr hätte der Mann hier erscheinen müssen - jetzt war es 22.30 Uhr, die schöne Wirtin gähnte äusserst ostentativ und gleich würde die Küche schliessen. Er sah sich auf dem Display seines Mobiltelefons nochmals die Nachricht an, die ihn die «Abteilung» auf seine geheime Nummer getextet hatte: «20h ‹Keur Souadou› – Treffen Roff». Am Nebentisch unterhielten sich zwei amerikanische Pärchen über die bizarren Rituale eines befreundeten Skippers – und in einer Ecke des düsteren Lokals sass ein Kora-Spieler, der seiner seltsamen Harfe melancholische Klänge entlockte. Von Roff keine Spur. Maille bestellte ein Gericht namens «Tiebou Viande», das sich als eine ebenso ölige wie lieblose Tomatensauce mit Rindfleischwürfeln und Karotten entpuppte – in fast jeder Beziehung eine Art Bestrafung. Dann bezahlte er und ging. Als der dem Kora-Spieler ein paar Münzen in die Hand drückte, zwinkerte ihm der einvernehmlich zu. Verwirrt trat Maille auf die kaum beleuchtete Strasse hinaus.