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NEU IN WOLLISHOFEN
Von aussterbenden Wollishofer Geschlechtern war schon mehrmals die Rede, so vor allem im Beitrag zur Familie Asper oder in jenem zur Familie Hausheer. Das Verschwinden von lange eingesessenen Familien war offenkundig eine generelle Tendenz, denn die grossen und kleinen bäuerlichen Familiendynastien der Asper und Hausheer, aber auch jene der Burkhard und Honegger, die um 1800 noch sehr lebendig und aktiv waren, verschwanden seit Mitte des 19. Jahrhunderts und erst recht nach der Eingemeindung 1893 aus der Bewohnerschaft Wollishofens. Das bedeutete aber überhaupt nicht, dass die Einwohnerzahl Wollishofens zurückgegangen wäre – im Gegenteil! Also muss es eine starke Zuwanderung gegeben haben. Diesen Zuzügerinnen und Zuzügern ist der vorliegende Beitrag gewidmet.
«Zuzüger» lässt sich einfach sagen, das bedeutet aber noch nicht, dass Zuzüger in irgendeiner Weise eine homogene Gruppe dargestellt hätten. Sie zu fassen ist nicht trivial. Blog-Leserinnen haben schon mehrfach Kontakt mit Neu-Wollishofern bekommen. Man erinnere sich an Gottfried Lienhard, den Schreinermeister, der in den 1880er Jahren aus dem Aargau nach Zürich und Wollishofen gelangte, oder an den Glasermeister Joh. Georg Kiefer aus Riesbach, der dort als Württemberger Einwanderer um 1893 eingebürgert worden war.
Grundsätzlich sind zwei Arten von Zuzügern zu unterscheiden: Es gab solche, die nach Wollishofen kamen, um hier zu wohnen und zu arbeiten. Es gab aber auch solche, die nur in Wollishofen wohnten, aber im nahegelegenen Zürcher Zentrum zur Arbeit gingen. Eine interessante Methode, um diese Einteilung zu untermauern, ist die Betrachtung neuer Strassen oder neuer grösserer Wohnüberbauungen, deren Bewohner mehrheitlich nicht aus Wollishofen stammten, sondern eben für Neuzuzüger gebaut wurden. So gibt es Strassen, die sich für die Neuansiedlung besonders eigneten, so etwa neue Quartierstrassen wie die Etzel- oder die Rainstrasse. Interessant sind auch Gebäudekomplexe wie die Greppi-Häuser an der Seestrasse (siehe Greppihaus) oder die neuen Häuser im Wollishofer Oberdorf an der neuen Albisstrasse (gerade Nummern 84-92).
Dr. Edwin Kreis, früher Investor an der Rainstrasse
Die Rainstrasse war bis Ende des 19. Jh. ein Fussweg, allenfalls ein landwirtschaftlicher Erschliessungsweg. Als 1899 das Tram 1 Wollishofen via Enge mit der Stadt verband, wurde das Bauernland Wollishofens attraktiv für «städtische» Wohnbauten. Das liess eine Käuferschaft für davor bäuerliche Areale entstehen, welche mittels neuer Strassen zu erschliessen waren. Bei der Rainstrasse kann man diese Schritte schön nachvollziehen. Als erste Schritte zur Wohngegend unternommen wurden, lagen die Quartier- und Strassenpläne noch nicht vollständig vor, weshalb diese ersten Schritte noch recht anarchisch erfolgten. Zwei erste nicht-bäuerliche Wohnbauten entstanden bereits um 1900: es regierte noch ganz die private Initiative. Federführend für diese beiden Bauten war ein Arzt: Dr. med. Edwin Kreis, der hauptberuflich an der Bahnhofstrasse eine Praxis unterhielt.* Er kaufte noch vor 1900 ein Stück Wies- und Rebland, das an der «Güterstrasse», d.h. eben dem Landwirtschaftsweg auf dem Trassee der heutigen Rainstrasse, lag. Mitten im Landwirtschaftsland – zwischen heutiger Werner- und Wachtelstrasse gelegen, wollte der geschäftige Akademiker auf seinem eben erstandenen Land den Bau zweier Häuser, Rainstrasse 31 und 35, vorantreiben. Während er Nr. 31 schon 1904 an Eduard Rothpletz weiterverkauft hatte, baute auf dem anderen Grundstück seine Ehefrau Wilhelmine Hofmann als Bauherrin mit dem Architekten Ad. Schwarz 1906 ein schmuckes Dreiparteien-Mehrfamilienhaus im Heimatstil der Zeit, das später an die Tochter des Initianten ging, die bis in die 1940er Jahre darin wohnte.
Rainstrasse 35, Baujahr 1906. Foto SB (als es noch Schnee in der Stadt gab, 5.3.2006).
Bei der Verschreibung des Baugrundstücks 1900 wurde die Pioniersituation im Protokoll festgehalten: «Dem Eigentümer [Kreis] ist von der Stadtgemeinde (Bausection) die Bewilligung zur Erstellung von einem Wohnhaus ertheilt worden, unter der Bedingung, dass diese Baubewilligung nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt erfolgt, dass der Eigenthümer bzw. dessen Rechtsnachfolger sich allen Bedingungen und Auflagen eines später noch über diese Gegend anzuordnenden Quartierplanverfahrens in jeder Beziehung unterziehen.» Zudem wurde festgehalten, dass Dr. Kreis «auf eigene Kosten alle Anschlussarbeiten an ein späteres verändertes Niveau der Strasse auszuführen» hätte. Dieser erste urbane Neubau der Rainstrasse von 1906 stand bis 2008 an der besagten Ecke in einem zauberhaften Garten. Seine letzte Besitzerin – Nelly Rohner, eine erfolgreiche Weissnäherin – hatte das Haus 1947 von Bertha Kreis, der Tochter des Erbauers, übernommen. Sie liebte Haus und Garten, zierte letztern mit Gartenzwergen und Fischteich, in dem sie ihre Koi (japanische Zuchtkarpfen) hielt. Der Garten gab dem Anwesen ein ganz eigenwilliges Caché. Heute ist indessen alles abgerissen und durch ein Mehrfamilienhaus mit maximaler Ausnützung ersetzt.
Dr. Kreis war streng genommen kein Neuzuzüger. Mit seinem Engagement – zwischen Investor, Bauherr und Spekulant – bereitete er aber den Boden für viele neue Bewohner und Bewohnerinnen, die teils in Wollishofen, meist aber in der Stadt arbeiteten. 1926 wohnten zwar nur die Tochter Bertha Kreis, die keinem Beruf nachging, und ihr Mieter «A. Schmid, Oberst» – wohl mit Familie – im Haus an der Rainstrasse 35, nach Auszug des Obersten waren es dann meistens drei Mieter – aus dem Adressbuch geht jeweils nicht hervor, ob diese allein einen Haushalt bildeten oder mit einer Familie da wohnten.
Friedrich Klein, wohnhaft an der Etzelstrasse
Während Dr. Kreis unseres Wissens nie in Wollishofen wohnte, zog um 1930 eine Familie von der Palmengasse an die Etzelstrasse. Palmengasse, in Zürich? Ja, es gab eine, in unmittelbarer Nähe zur heutigen Sihlporte war das eine Verbindung zwischen Talacker und Talstrasse. Von dort her kam der Seidenherr Friedrich Klein an die Etzelstrasse 14. Mit seiner Frau und Kindern wohnte er in der schmucken, aber feudalen Villa mit einem aus heutiger Sicht immensen Garten. Später wurde das Areal parzelliert und beherbergt teils die Etzel-Residenz, anderseits die neue Überbauung der Architekten Em2n (Etzelstrasse 16-18). Noch heute erinnert ein Detail an das einstige feudale Anwesen, indem ein noch existenter kleiner Fussweg die Verbindung zur Albisstrasse erleichterte.
Etzelstrasse 14. Baujahr 1903. Aufnahme um 1940. Privatbesitz.
Friedrich Klein, verheiratet mit Leonie Gassmann, war Kaufmann, Sohn eines gleichnamigen Bäckermeisters mit Württembergischer Herkunft, der sich 1868 in Zürich einbürgerte und eine Bäckerei an der Niederdorfstrasse (zwischen Mühlegasse und Hirschenplatz) betrieb. Der Sohn wurde Kaufmann, investierte in die Firma Appenzeller & Cie, die mit Rohseide handelte. So wurde er zum Seidenherrn und wohnte eben standesgemäss an der schönsten Stelle der Etzelstrasse. Sein Sohn blieb beim Kaufmann, studierte indessen Ökonomie (Dr. rer. pol.) und wohnte später an der Kilchbergstrasse, wo auch der Enkel heute noch wohnt – auch er ein Ökonom.
Ein Blick in den Salon der Familie Klein zeigt den Status und die kulturelle Zugehörigkeit zum Bürgertum. Die Enkelin kann sich noch gut an die Inneneinrichtung erinnern, die sie immer in Verbindung mit Thomas Manns «Buddenbrocks» brachte.
Leonie und Friedrich Klein im Salon der Etzelstrasse 14. Privatbesitz.
Die grosszügige Villa an der Etzelstrasse mit ihrem immensen Garten hatte nach dem Auszug der Familie Klein leider kein langes Leben mehr. Die Villa wurde 1955 abgerissen und mit einem (ebenfalls schönen, aber modernen) Neubau ersetzt: dem Altersheim Etzelgut (das inzwischen auch schon wieder einem Neu-Neubau weichen musste...).
Altersheim Etzelgut. Verlag Beringer und Pampaluchi.
Sammlung MZ. Gelaufen am 1.2.1977.
Arbeitszuzügerinnen und -zuzüger
Anderswo in Wollishofen zogen ebenfalls neue Leute ein. Auf die Greppi-Häuser (damals Seestrasse 352-360, heute 404-412) haben wir im gleichnamigen Blog-Beitrag schon hingewiesen. Sie wurden in unmittelbarer Nähe der neuen Industrieanlagen (vor allem Rote Fabrik) in den 1890er Jahren erbaut. Studiert man die Liste der Mieter:innen, etwa fürs Jahr 1910, so trifft man in den 5 Liegenschaften insgesamt auf 37 Personen, die als Einzelmieter oder Haushaltsvorstand mit einem Beruf vermerkt sind. Teilen wir diese Berufsangaben in drei grobe Kategorien (Dienstleistung, Handwerk, Fabrik), so stellen wir fest, dass nur gerade 21% in der Fabrik arbeiten (worunter sogar noch die als Handlanger bezeichneten gerechnet wurden). Mit 43% ist der Anteil an Handwerkern am grössten. Doch auch Berufe, die Dienstleistung und Service beinhalten, waren ziemlich häufig (35%), wobei hier eine grössere Unsicherheit darin besteht, dass Glätterinnen und Wäscherinnen sowohl als Dienstleisterinnen mit Privatkundschaft als auch als Fabrikangestellte tätig sein konnten.
Ein ähnliches Bild ergibt der Blick auf die Häuserzeile Albisstrasse 84-92, ebenfalls im Jahr 1910. Wir finden klassische Handwerksberufe wie Schreiner oder Maler, aber auch Wirte, mehrere Schneiderinnen, aber nur gerade zwei Seidenarbeiter (männlich). Der Zuzug fremder Personen, die in Wollishofen Arbeit gefunden hatten, dürfte demnach hoch, die Chance, dass diese Personen indes über mehrere Jahre in Wollishofen sesshaft blieben, klein gewesen sein.
Wollishofen, Albisstrasse 84-92. Zustand 1911. Sammlung MZ. Gelaufen 6.9.1911.
Über viele Informationen zu solchen Zuzügern – Einzelpersonen und Familien – verfügen wir nicht. Es ist eher ein Zufall, wenn wir überhaupt mehr wissen, als was den Adressbüchern entnommen werden kann. Aber Freund Markus Zimmermann hat Fotos aus einer Hausräumung erstehen können, die einen kleinen zusätzlichen (beispielhaften?) Einblick ermöglichen. Just in einem der Greppihäuser, Seestrasse 354 (später 406) wohnte und arbeitete ein Coiffeur namens Arnold Laupper. 1910 war nur er im Adressbuch, 1920 tauchte aber schon ein zweiter auf: Arnold jun. war Feinmechaniker. 1925 erfahren wir, dass Arnold sen. noch immer an der Seestrasse 406 wohnte, wir erfahren auch den Mädchenname seiner Ehefrau: Zürrer. Zehn Jahre später, anfangs der 1930er Jahre finden wir Vater und Sohn an der Zellerstrasse 7 – der Vater als «a. Coiffeur», der Sohn weiterhin als Feinmechaniker, verheiratet (Räss bzw. Raess), die wir schon im Beitrag Zellerstrasse kennen gelernt haben. Der Vater überlebte seine Ehefrau Frederike Zürrer und schied 1935 aus dem Leben, der Todesanzeige entnehmen wir, dass er von Brugg und Windisch stammte (Lebensdaten: 1870-1935).
Der Sohn blieb indessen in Wollishofen: 1945 wohnte er an der Albisstrasse 7, 1971 an der Kalchbühlstrasse 102. Arnold jun. war in Wollishofen aufgewachsen und so mit dem Quartier eng verbunden. Beruflich arbeitete er als Kontrolleur E.W.Z. Anfangs der 1950er Jahre finden wir ihn in der Musik: er war Präsident der Harmonie Wollishofen und des Stadtzürcher Blasmusikvereins. Und mehr noch: Sohn Arnold organisierte auch eine Kompagnietagung der Sappeure des 1. Weltkrieges (NZZ vom 25.10.1957) – hier in Wollishofen! Es scheint, dass Arnold jun. und seine Frau Benedikta Räss keine Kinder hatten, weshalb sich die Spur der Laupper in Wollishofen nach 1971 verliert. Geblieben sind uns nur die Fotos aus der Hausräumung!
Grosseltern Laupper, Paar links. Sammlung MZ.
(SB)
* Das Wirken von Dr. Kreis als Investor in Wollishofen wurde bereits in meinem Artikel über die Rainstrasse (im Zürcher Taschenbuch 2011) aufgearbeitet.