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Die meisten epidemiologischen Studien befassen sich mit Krebserkrankungen von Kindern, deren Väter vor der Zeugung berufsbedingt einer erhöhten Strahlung ausgesetzt waren. Es wird viel weniger in Betracht gezogen, dass die Strahlenbelastung eines Elternteils vor der Zeugung vermehrt zu angeborenen Missbildungen oder Totgeburten führen könnte. In der Zeitschrift "The Lancet" vom 14. Oktober 2000 werden die Ergebnisse einer ausgedehnten britischen Studie beschrieben, bei der über 13'000 Beschäftigte aus der britischen Nuklear- sowie Atomwaffenindustrie teilnahmen. Allfällige Dosiswerte von Mutter oder Vater seit Beginn der Arbeit sowie die Anzahl Lebendgeburten, Geburten von Kindern mit Missbildungen und Totgeburten wurden analysiert. Die Forscher haben die notwendigen Informationen bei den Betroffenen selbst und nicht aus den Unterlagen der Firmen oder von Spitälern zusammengetragen - ein sonst unübliches Vorgehen.
Wenn vor der Zeugung eine Belastung mit ionisierender Strahlung vorlag, zeigt sich in der Studie kein erhöhtes Risiko einer angeborenen Missbildung. Dies unterstützt die Resultate einer Untersuchung von über 70'000 Geburten in Hiroshima und Nagasaki, in der nur eine kleine, aber nicht signifikante Risikozunahme mit steigender Dosis beobachtet wurde. Auch wenn sich ein Elternteil einer Strahlentherapie unterziehen musste, entwickelte sich kein erhöhtes Risiko für die Kinder, mit einer angeborenen Missbildung auf die Welt zu kommen.
Auch ein Zusammenhang zwischen erhöhter Strahlenbelastung der Väter und Totgeburten oder angeborenen Missbildungen konnte nicht hergestellt werden, was einer früher veröffentlichten Arbeit widerspricht, in der Beschäftigte aus Sellafield dahingehend untersucht wurden. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Föten, die früh in der Schwangerschaft sterben, weisen meist grosse Chromosomen-Fehler auf, und mehr als 90% aller Schwangerschaften mit solchen chromosomalen Missverhältnissen führen zum Abort. Es wird vermutet, dass ionisierende Strahlung vor der Zeugung für einen frühen Tod des Fötus verantwortlich sein kann, aber die Resultate aus der soeben publizierten Studie sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen Bestrahlung mit niedrigen Dosen vor der Zeugung und einer schweren genetischen Schädigung der männlichen Keimzellen.
Etwas weniger klar ist die Aussage bezüglich der weiblichen Untersuchungspersonen. Kleine Strahlendosen schienen hier das Risiko zu erhöhen, das Kind früh in der Schwangerschaft - vor der 13. Woche - zu verlieren, wenn sie um den Zeitpunkt der Empfängnis herum auftraten. Dieses erhöhte Risiko wurde aber auch durch kleine Dosen verursacht, die sich nicht nur auf einen Zeitraum um die Empfängnis herum beschränkten. Eine Bestrahlung in utero bietet keine ausreichende Erklärung für den gefundenen Effekt. Der festgestellte Sachverhalt beruht allerdings auf nur 29 Fällen und ist statistisch wenig aussagekräftig, aber für beruflich strahlenexponierte Frauen sind genaue Kenntnisse über solche allfälligen Zusammenhänge sehr wichtig. Deshalb sollen die Studien weitergeführt werden.
Quelle
R. Scheidegger nach The Lancet, 14. Oktober 2000