Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/2171

Ab dem 17. Jahrhundert lässt sich eine eindrückliche Auswanderungsbewegung der Engadiner Bevölkerung ins Ausland feststellen. Als Zuckerbäcker zu Wohlstand gekommen, kehrten viele «Randulinas» wieder in ihre Heimat zurück und errichteten sich hier stattliche Häuser und repräsentative Palazzi. Die ortsbaulichen Auswirkungen dieser Migration sind bis heute in etlichen Bündner Dörfern ablesbar. In S-chanf prallen zwei unterschiedliche Siedlungsstrukturen aufeinander: Östlich der Kirche gruppieren sich mehrere ortstypische Bauernhäuser zu einem Haufendorf, während sich der Ort im Westen zu einem Strassendorf mit repräsentativen Herrschaftshäusern entwickelt hat. Diese vornehme Strassenbebauung, die den Wohlstand und Gestaltungswillen der bürgerlichen Schicht abbildet, stammt grösstenteils aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
Die «Villa Flor» am westlichen Dorfausgang ist einer der jüngeren Bauten dieser Bewegung: Sie wurde 1904 von der aus Parma zurückgekehrten Familie Cloetta gebaut. Mit ihren streng symmetrisch gegliederten Fassaden und der Hierarchisierung der Geschosse ist das Herrenhaus dem Spätklassizismus zuzuordnen. Beim Interieur finden sich Elemente des damals modernen Jugendstil.
Heute hängt von der ursprünglichen Kassettendecke im «Frühstückszimmer» eine Leuchte aus den 1960er-Jahren, die den Weg von einem Pariser Flohmarkt nach S-chanf gefunden hat. Im «roten Salon» nebenan schweift der Blick von einem alten Kachelofen über das Wandtäfer der Bauzeit hin zu Vintage-Möbeln, die stilbewusste Akzente setzen. Werke von renommierten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern bespielen zahlreiche Wände der Villa. Kuratorin der Ausstellung und Besitzerin des Hauses ist Ladina Florineth, selbst eine «Randulina Engiadinaisa»: Nach langen Auslandsaufenthalten kehrte sie in ihre Heimat zurück, verwandelte das Herrenhaus mit Liebe zum Detail in ein Bed and Breakfast und lädt nun zu einem kulturell inspirierenden Aufenthalt ein.
Natalie Schärer, Schweizer Heimatschutz