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Jean Tschumi (1904–1962) studierte ab 1922 an der École des Beaux-Arts in Paris Architektur. Danach arbeitete er bei Jacques-Émile Ruhlmann und gestaltete unter anderem Kabineneinrichtungen für die legendäre «Normandie». Ab 1932 engagierte er sich in der Lausanner Stadtplanung und wurde 1942 Mitbegründer der heutigen École polytechnique fédérale. Hauptsächlich in den Fünfzigerjahren entstand sein schmales, exklusives Werk mit Highlights der Verwaltungsarchitektur. Posthum ausgeführt wurde sein entwurf des WHO-Hauptsitzes in Genf. Er ist der Vater des Architekten Bernard Tschumi.
von Gabrielle Boller
Der Sitz der Nestlé-Hauptverwaltung in Vevey ist eines der grossartigsten Gebäude der Nachkriegsmoderne in der Schweiz – und doch wird sein Erbauer, der Lausanner Architekt Jean Tschumi, fast ausschliesslich in Fachkreisen geschätzt und geehrt. Dabei ist der Firmensitz von Nestlé gewiss kein Gebäude, das seine Schönheiten verstecken würde: Mit seinem grosszügigen Grundriss in Y-Form und seiner strukturierten, bläulich schimmernden Glasfassade strahlt das 1960 fertiggestellte Gebäude auch heute noch eine zeitlos moderne Eleganz aus, ist gleichzeitig repräsentativ und vornehm zurückhaltend.
Man könnte sagen, dass das Nestlé-Verwaltungsgebäude damit gewissermassen ein Dandy unter der Corporate Architecture ist, eine Spezialität Tschumis, der es meisterhaft verstand, Unternehmensphilosophie mit architektonischen Mitteln nach aussen hin sichtbar zu machen. Das Verwaltungsgebäude, das sich wegen Höhenvorgaben über fünf Stockwerke mit leicht zurückversetztem Dachgeschoss vor allem horizontal ausdehnt, zeigt mit seiner in den Winkeln gerundeten Y-Form gegen aussen schwungvolle Dynamik und im Innern eine die Bewegungsabläufe optimierende Raumaufteilung mit einer lichtdurchfluteten Empfangshalle. Die Fassade ist rhythmisiert durch fixe, auskragende Aluminiumlamellen, «Brise-soleil», die der Sonneneinstrahlung entsprechend angeordnet sind; ebenfalls aus Aluminium ist das Vordach über dem Eingangsbereich, das fast wie ein Sprungbrett zehn Meter weit frei in den Raum vorstösst und den zum Gebäude führenden Plattenweg überdacht. Und so wird der Besucher von diesem kühn ausschwingenden Dach angezogen und ins Innere geleitet, nur um gleich auch wieder hinauszugelangen, denn unweigerlich schweift der Blick von der vollständig verglasten Eingangshalle aus in die Ferne über den Genfersee. Diese Transparenz ermöglichen sehr massive Beton-Pilotis, auf denen der ganze Gebäudetrakt wie auf festen Stelzen ruht – anders als etwa Le Corbusier nutzt Jean Tschumi den so entstandenen freien Raum und gestaltet daraus eine grosszügige, luftig-noble Lobby, über die man zu einem weiteren Kernstück der Innenraumgestaltung gelangt, der spiralförmigen, skulpturalen Wendeltreppe, die sich im Schnittpunkt der drei Gebäudearme durch alle Stockwerke hochschraubt.
Wohl ist auch Tschumi noch dem Funktionalismus der Klassischen Moderne verpflichtet, doch er hat den Rigorismus der reinen Lehre längst verlassen – seine Entwürfe entwickelt er in verschiedenen Varianten mit leichthändig-ausgearbeiteten Skizzen, er lotet die Eigenschaften der Baumaterialien aus und setzt sie, ihnen das äusserst Mögliche abnötigend, unkonventionell ein. So sind seine Bauten Gesamtkunstwerke, so sorgfältig zur Umgebung in Beziehung gesetzt, dass sie diese spiegeln und manchmal geradezu aufwerten – in Vevey etwa entdeckt der Besucher, wenn er die Lobby betritt, als erstes das Flirren der Wasserfläche des Lémans, die sich wie gerahmt vor ihm ausbreitet.