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Mai 1968: erste Jugendproteste
Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich die Wahrnehmung von «Jugend» – oder auch des oder der Jugendlichen - wie jene der anderen Lebensalter beträchtlich (Lebenszyklus, Alter). Doch erst der grosse soziale Umbruch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass «Jugend» als eine eigenständige soziokulturelle und politische Alterskategorie begriffen wurde. Proteste von Gruppen jüngerer Menschen gab es seit der Aufklärung immer wieder, diese wurden aber bis ins 19. Jahrhundert ausschliesslich vom männlichen Teil der gesellschaftlichen Elite bestritten.
Im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche Jugendbewegungen. Eigentliche Protestbewegungen begannen sich in den 1950er Jahren zu bilden (Jugendunruhen), die sich ab 1965 ausweiteten und politisierten. Die Studierenden als ihre Hauptträger lehnten die etablierte Ordnung grundsätzlich ab und forderten einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Vor 50 Jahren erreichten die Protestwellen in verschiedenen westlichen Ländern ihren Höhepunkt. In Frankreich gingen sie als «Mai 68» oder «Paris 68» in die Geschichte ein.
Auch in der Schweiz fanden in verschiedenen Städten und an Universitäten – insbesondere an solchen der Westschweiz - zahlreiche Manifestationen und unterschiedlich motivierte Aktionen statt. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei in Zürich am 31. Mai 1968 während des Jimi-Hendrix-Konzerts sowie vom 29. bis 30. Juni 1968 vor dem Warenhaus Globus (Globuskrawall) sorgten für grosses Aufsehen. Die 1968er-Rebellion löste eine Öffnung des politischen Systems und Reformen aus. Auch engagierten sich nach 1968 mehr und mehr Bürgerinnen und Bürger in sozialen Bewegungen. Ein direktes Erbe jener Ereignisse ist etwa die Frauenbefreiungsbewegung (FBB).
Proteste im Tessin
Studierende des Lehrerseminars Locarno standen am Anfang der Tessiner 68er-Bewegung. Der Historiker Mauro Stanga schildert im Folgenden deren Protestaktionen, die rund zwei Monate vor jenen des «Mai 68» in Frankreich begonnen haben. Für seinen Beitrag danken wir ihm ganz herzlich.
1968: Der Aufbruch beginnt im März in Locarno
Zu den frühesten Ereignissen der Achtundsechziger Bewegung zählen die studentischen Protestkundgebungen am Lehrerseminar Locarno (Jugendunruhen). Das für die Ausbildung der Tessiner Lehrer und Lehrerinnen zuständige Seminar wird zu einem Forum, auf dem Vertreter der neuen international ausgerichteten Jugendbewegung und das lokale Establishment ihre Klingen kreuzen.
Die als erste im Wohlstand geborene und aufgewachsene neue Generation unterscheidet sich deutlich von der vorangegangenen. Ihr Interessenhorizont wird nicht mehr nur durch die Befriedigung der Konsumbedürfnisse bestimmt, sondern zunehmend auch vom Ideal einer umfassenden gesellschaftlichen Solidarität. Das Bild von General Guisan ersetzt sie durch das Porträt von Che Guevara. Bis anhin gültige Verhältnisse stellt sie offen in Frage. Die Jungen lesen kritische Texte, versammeln sich, debattieren, ergreifen das Wort und die Initiative und beschreiten dabei neue Wege.
Am Lehrerseminar Locarno und letztlich auch in der ganzen Tessiner Gesellschaft dominieren Vorstellungen, die mit der neuen Zeit nicht mehr Schritt halten. Die junge Generation kritisiert vor allem den Lehrplan, der die aktuellen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Theorien nicht berücksichtigt, sowie das militärische Regime im Internat, in dem rund 600 Studenten und Studentinnen leben. Im Fokus der studentischen Kritik steht insbesondere Seminardirektor Carlo Speziali, der gleichzeitig auch Stadtpräsident von Locarno ist. In dieser Funktion wird Speziali seit Längerem von den Katholisch-Konservativen (CVP) wie auch vom linken Flügel der Sozialdemokraten, der sich 1969 als Partito socialista autonomo abspalten wird, scharf angegriffen.
Schon im Schuljahr 1966-1967 äussert in einer eigenen, unabhängigen Zeitschrift eine Gruppe von besonders entschlossenen Studenten und Studentinnen ihre Unzufriedenheit. In den ersten Monaten des Jahres 1968 werden ihre Beiträge immer kritischer. Eine Aussprache mit dem Direktor und Vertretern der Dozentenschaft führt nur zu einer weiteren Erhitzung der Gemüter.
Aufgrund des gestörten Gesprächsklimas zwischen den beiden Parteien kommt es in der Folge zu einer Aktion, die in der Tessiner Öffentlichkeit grosses Aufsehen erregt. Vom 9. bis 12. März 1968 boykottieren mehr als 200 Studierende den Unterricht und besetzen einen Saal des Seminars. Die als Befreiung empfundene Aktion zeichnet sich durch eine sorgfältige Planung aus: Die Studenten und Studentinnen pflegen enge Beziehungen zur Presse und zu den Behörden, zudem halten sie ihre Forderungen in ausführlichen Schriften fest. Nach dem Abbruch der Besetzung gehen die Kundgebungen weiter. Mittels der in dieser Zeit erstrittenen studentischen Vollversammlung und verschiedener Publikationen verschaffen sich die Studierenden weiterhin Gehör.
Bereits im folgenden Schuljahr sind erste Auswirkungen der Ereignisse vom März 1968 erkennbar: Angesichts der angespannten Situation erlaubt das kantonale Bildungsdepartement dem neuen Seminardirektor, Reformen durchzuführen. Die moderne Pädagogik hält Einzug in den Lehrplan. Mit ihren neuartigen Unterrichtsmethoden werden die jungen Lehrerinnen und Lehrer in den Gemeinden später auf den Widerstand eines Teils der Bevölkerung stossen. Doch die Lage beruhigt sich im Verlauf der 1970er Jahre und die Tessiner Schule wie auch andere gesellschaftliche Bereiche öffnen sich allmählich dem Wandel.
Eine Tatsache bleibt erwähnenswert: Von Anfang an profilierten sich an den Kundgebungen junge Studentinnen, in einer Zeit, als das Frauenstimmrecht weder auf kantonaler (erst ab 1969) noch auf eidgenössischer Ebene (erst ab 1971) eingeführt war.
Mauro Stanga, Bellinzona (Übersetzung Roger Sidler)
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