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Video-Buchtipp
Schach mit dem Tod
Am frühen Morgen am 16. Juli 1945 liessen Wissenschaftler in der Wüste von New Mexico die Sonne aufgehen – sie zündeten erfolgreich die erste Atombombe der Geschichte. Es war der nukleare Urknall. Jahrelang hatte die amerikanische Armee unter grösster Geheimhaltung an der Bombe gearbeitet. Codename: Manhattan-Projekt. Die Waffe, die den USA die Macht in die Hand gab, die Erde zu vernichten, konnte nur deshalb entwickelt werden, weil Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Ländern friedlich miteinander forschten. Es ist dieses Paradox, das im Zentrum des neuen Romans von Steffen Jacobsen steht. «Schach mit dem Tod» heisst das Buch. Es gipfelt in der Frage, ob das Wissen über die Atombombe wirklich nur den USA gehören soll. Der dänische Physiker Niels Bohr und Professor J. Robert Oppenheimer, der das Manhattan-Projekt leitete, setzten sich für wissenschaftliche Transparenz und Offenheit ein. Sie sahen in der Atombombe den ultimativen Aufruf zur Zusammenarbeit der Nationen. Die amerikanische Armee sah das anders. Doch die Amerikaner blieben nur vier Jahre lang die einzige Atommacht: Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion in Kasachstan ihre erste Atombombe. Es stellte sich das ein, was später als Gleichgewicht des Schreckens bezeichnet wurde. Die sowjetische Bombe war eine exakte Kopie jenes Bombentyps, der in der Wüste von New Mexico explodiert und später auch über Nagasaki abgeworfen worden war. Das am schärfsten bewachte militärische Geheimnis der Amerikaner war verraten worden. Wer steckt dahinter? War es ein teuflischer Verräter – oder war es ein Held, der das atomare Gleichgewicht auf der Welt wiederherstellte? Das ist das Thema des Romans.
Unter den leitenden Wissenschaftlern, die an der Atombombe arbeiteten, waren Nobelpreisträger eher die Regel als die Ausnahme. Allen voran Niels Bohr, der für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome schon 1922 den Nobelpreis für Physik erhalten hatte. Bohr war der Übervater der Atombombe. Mit ihm arbeiteten etwa die Nobelpreisträger Hans Bethe, Enrico Fermi und James Chadwick an der Bombe. Geleitet wurde das Projekt von J. Robert Oppenheimer, auch er ein theoretischer Physiker. Sie alle tauchen im Buch von Steffen Jacobson auf. Held des Romans ist aber David Adler, ein junger Däne. Er ist kein Physiker, sondern Elektro-Ingenieur. Er ist als Assistent von Niels Bohr in Los Alamos – weil er der zwanzig Jahre jüngere Cousin von Niels Bohr ist. David Adler stösst 1945 zum Projekt, kurz vor dem ersten Test der Atombombe. Durch seine Augen lernen wir die Wissenschaftler, ihre Theorien und das verrückte Forschungszentrum mitten in der Wüste kennen.
Da befinden wir uns allerdings schon mitten im Roman. Um uns Leserinnen und Lesern begreiflich zu machen, warum David Adler sich überhaupt auf die Arbeit in Los Alamos einlässt, setzt das Buch viel früher ein und erzählt darüber hinaus die Vorgeschichte in Rückblenden. Um es kurz zu machen: David Adler wird vom sowjetischen Geheimdienst erpresst. Die Russen haben seine Frau und seine Tochter in Gewahrsam. Wenn er nicht tut, was sie ihm sagen, sieht er sie nicht lebend wieder.
Das Buch setzt ein, als sich David Adler weit draussen auf dem Arktischen Ozean befindet: Er hat eine Überfahrt auf der Mary Jane ergattert, einem siebzig Fuss langen Bergungsschiff der US-Marine. Doch das Schiff wird von einem deutschen Torpedo getroffen und sinkt. Mit knapper Not kann sich David Adler retten. Er gelangt in ein britisches Militärhospital. Da wird er vom britischen Geheimdienst aufgegriffen und zur Zusammenarbeit mit Niels Bohr gebracht.
In Gesprächen mit Niels Bohr begreift David Adler langsam, um was es bei dem Forschungsprojekt in der Wüste geht.
«Bohr schaute nachdenklich zu den dunklen Fenstern.
‹Krieg ist die Mutter aller Kreativität, heisst es, und da ist was dran›, sagte er und zeigte mit einer ausladenden Bewegung auf seine verstreut Papiere. ‹All das hier … hätte ich vor wenigen Jahren noch nicht für möglich gehalten. Ich hätte die Atombombe als pure Fiktion abgetan, aber nun ist es hier.›
‹Was?›
‹Das gespaltene Atom. Alle Energie, die in Atomen gebunden ist, kann umgewandelt werden. Ich habe die Zukunft gesehen. Das Problem ist nur, dass so viele Menschen nicht begreifen, dass dies der Beginn einer neuen Epoche ist. Politiker denken in Wahlperioden, Kriegen, Strategien. Aber das hier ist so viel mehr. Eine komplett neue Wirklichkeit.›» (Seite 106 f.)
Die Politiker, mit denen es Oppenheimer und Bohr zu tun haben, begreifen das nicht. Schlimmer noch: Sie halten die Bedenken der Physiker für Defätismus, ja für Verrat. Churchill will Bohr zeitweise sogar verhaften und vor ein Kriegsgericht stellen.
In der Wüste kämpfen die Physiker und Ingenieure mit vielen technischen Problemen, die Steffen Jacobsen gut verständlich vermittelt. In der Bombe muss eine Explosion von konventionellem Sprengstoff verschiedene Materialien mit einer unterkritischen Masse blitzschnell und doch kontrolliert so zusammenführen, dass es zu einer schlagartigen Kettenreaktion kommt. Schritt für Schritt lösen die Wissenschaftler die technischen Probleme. Endlich ist ein Prototyp bereit. Es kommt zum Test in der Wüste. Die Testexplosion, bezeichnenderweise Trinity genannt, also Dreifaltigkeit, führt allen beteiligten Wissenschaftlern die Ungeheuerlichkeit ihres Vorhabens vor Augen. Im Buch erleben wir die Textexplosion durch die Augen von David Adler:
«Der Himmel im Norden wurde taghell erleuchtet von einem belndend weissen Licht, das von überall und nirgends herkam. Weisse, gelbe und grüne Lichtsäulen und Blitz erstreckten sich durch die darüber liegende Wolkendecke, und die Welt wurde plötzlich flach und zweidimensional: das Licht schälte Felsen und Menschen aus der Dunkelheit heraus und warf kilometerlange, pechschwarze Schatten hinter sich.
Das Licht bohrte sich quer durch seine Seele – in dem weissesten Weiss, das je ein Mensch gesehen hatte. Davids Gesicht glühte an diesem kalten Wüstenmorgen, und trotz Schutzbrille konnte er die Knochen in seinen Händen sehen. Es war wie ein Sonnenaufgang, nur vielfach stärker als jeder Sonnenaufgang, den er je erlebt hatte. Das Weiss gebar eine Feuerkugel, die aus ihrem Zentrum herauswuchs und über die leblose Jornada rollte, ehe sie sich von einem Sockel gelber, roter und grün ionisiert Luft empor gehoben von der Erdkruste löste.
Der Sockel wuchs und weitete sich zu einer spektral leuchtenden, sich abflachenden Pilzwolke aus, die den ganzen Himmel bedeckte. 40 Sekunden später erreichte der Explosionsknall die winzigen Menschen vor dem Bunker und hallte von allen Hängen, Felsen und von Menschen geschaffenen Gegenständen wieder. … David entdeckte Bohr einen Meter entfernt. Der Professor war offensichtlich bis in die Tiefe seiner Seele und seiner innersten Überzeugungen erschüttert. Seine Schweisserbrille hing unbeachtet von seiner Hand herunter. Die unschuldige Neugier war aus seinen dunklen und leeren Augen verschwunden. Er sah David mit flackerndem Blick an. ‹Ich werde nie mehr wieder forschen›, sagte er.» (S. 386 f.)
Steffen Jacobsen beschreibt eindrücklich und eindringlich die Prometheus-Tat der Physiker. Dabei wird nicht nur die Physik nachvollziehbar, die sich in der Bombe abspielt, wir können Schritt für Schritt auch die philosophischen Implikationen nachvollziehen, die Bohr und Oppenheimer und im Buch auch Adler beschäftigen. Es kommt zum Verrat und David Adler ist nicht der einzige, der die Geheimnisse aus der Wüste schmuggelt. Wir verstehen durch die Lektüre aber, dass dieser Verrat vielleicht die vernünftigste Heldentat ist, die im letzten Jahrhundert vollbracht worden ist.
Bei all den schwierigen Fragen bleibt «Schach mit dem Tod» übrigens ein äusserst spannend zu lesender Thriller, ein Buch, das man kaum mehr aus den Händen legt und das man, ist die letzte Seite gelesen, mit Bedauern wieder schliesst. Faszinierend.
Steffen Jacobsen: Schach mit dem Tod. Roman. Heyne, 448 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-453-27201-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783453272019
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Basel, 25. Januar 2022, Matthias Zehnder
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