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Susanne Kübler, Tages-Anzeiger (19.02.2008)
Leidenschaftliches Plädoyer für eine vernachlässigte Oper: Nikolaus Harnoncourt und Martin Kusej bringen Robert Schumanns «Genoveva» ins Zürcher Opernhaus.
Seit Jahren schon nützt Nikolaus Harnoncourt jede Gelegenheit, um Schumanns «Genoveva» zu rühmen. Schumann, der viele Opernpläne verworfen und nur diesen einzigen realisiert hat, habe nicht weniger als die Neuerfindung der Oper geschafft mit diesem Stück - das allerdings schon kurz nach der Leipziger Uraufführung 1850 in der Versenkung verschwand. Allenfalls konzertant wird es gelegentlich gespielt (gerade von Harnoncourt, der es auch auf CD herausgebracht hat). Die Ouvertüre ist im Konzertsaal heimisch geworden, während Schumann auf der Bühne allenfalls noch mit den «Faust»-Szenen vertreten ist, die eigentlich konzertant gedacht waren.
Verkehrte Welt? Oder ist die «Genoveva» eben doch ein zwar interessantes, aber letztlich bühnenuntaugliches Stück? Ist der von Schumann selbst aus verschiedenen Versionen der Genoveva-Legende zusammengestellte Text so schwach, wie schon im 19. Jahrhundert bemängelt wurde, oder ist er einfach anders als gewohnt (und anders als bei Schumanns Zeitgenossen Richard Wagner, der sich operngeschichtlich durchgesetzt hat)? In Zürich bietet sich nun die rare Gelegenheit, sich ein Bild von dieser «Genoveva» zu machen - und ein leidenschaftliches Team dabei zu beobachten, wie es für ein Werk «auf die Barrikaden» (Harnoncourt) geht.
Die Handlung findet nicht statt . . .
Der Ansatz ist so radikal, dass er auf den ersten Blick vom Werk wegzuführen scheint. Da wird keine Geschichte erzählt und keine Lebensnähe der Figuren gesucht, die Handlung findet zu einem beträchtlichen Teil nicht statt. Regisseur Martin Kusej, der zuletzt in der Zürcher «Zauberflöte» mit Harnoncourt zusammengearbeitet hat, verlegt das Geschehen sozusagen ins Innere der Figuren. In einem gleissend weiss ausgeleuchteten Raum (Rolf Glittenberg) führt er die vier Protagonisten zusammen - Golo, den stürmisch Liebenden; Genoveva, die ihre Ehre rein halten will; Siegfried, ihren Gatten, der in den Krieg zieht; und Margaretha, Golos Amme, die ihrem ehemaligen Schützling mit schwarzer Magie und notfalls auch mit Mord zu seinem Glück verhelfen will.
Gefangen sind sie alle: in diesem Raum, in ihrer Vergangenheit, im strengen Schwarz-Weiss der Bühne, in all den ersehnten, abgewürgten, verschütteten Gefühlen. Um für seine Frau nicht da zu sein, braucht Siegfried nicht in den Krieg zu ziehen. Er war ja eigentlich schon weg, als er noch den normalen Ehealltag zelebrierte: Kuss auf die Stirn, leichtes Wanken ihrerseits, Blick auf die Uhr.
Hat das noch etwas mit dem Stück zu tun? Es hat. Auch die Musik, das macht Harnoncourt schon in der Ouvertüre deutlich, führt hier nicht von A nach B. Jähes Erschrecken, gehetzte Bewegung, lyrischer Stillstand prägen die Komposition; sie ist nicht undramatisch, wie ihr oft vorgeworfen worden ist, aber sie entwickelt sich nicht nach der üblichen Logik des Dramatischen. So werden Tonfälle oft eher ausprobiert als ausgespielt. Genoveva und Golo finden sich im Volkslied statt in der Liebe, Schumanns Talent fürs Charakterbild zeigt sich oft, und manchmal blitzt gar ein bisschen Wagner auf (dessen «Lohengrin» Schuman während der Entstehung der «Genoveva» studiert hatte). Aber wo immer sich ein Ton durchzusetzen scheint, wird er gleich wieder ins Brüchige, Ungewisse umgelenkt: in eine scheinbar ziellose Linie etwa oder in den Widerspruch zwischen beschworenem Glück und gestopften Trompeten.
Es ist eine Musik der Frage-, nicht der Ausrufezeichen, und das Orchester der Oper macht das hörbar: mit vollem, aber nie glättendem Klang, vor allem aber mit einer unbedingten Konzentration auf den Moment. Das Tastende dieser Partitur kommt so ebenso zum Vorschein wie die strenge Konstruktion, die immer wieder motivische Splitter aus dem Rahmenchoral auftauchen lässt.
Auch diese Musik erzählt mehr von einem Innenleben als von äusseren Vorgängen. Und zwar von Schumanns Innenleben, sagt Kusej, der mit dem Antihelden Golo sozusagen ein Alter Ego des Komponisten ins Zentrum seiner Inszenierung rückt (schliesslich hatte Schumann in einer anfänglichen Konzeption der «Genoveva» Golo ebenfalls mehr Raum einräumen wollen). Es braucht nicht viel Fantasie, um in der ersehnten Genoveva Clara zu erkennen und in Siegfried den unwilligen Schwiegervater Friedrich Wieck. Kusej hütet sich aber vor autobiografischer Eindeutigkeit; seine Sicht ist so offen, dass auch andere Perspektiven möglich sind.
Das ist gut so, zumal ausgerechnet Golo die schwächste Darstellung erhält. Shawn Mathey liebt und hasst allzu nahe am Opernalltag, sein heller Tenor tendiert zuweilen ins Grelle. So steht dennoch Genoveva im Mittelpunkt, und mit ihr eine wunderbare Juliane Banse, die sich diese Figur mit schmerzhafter Intensität angeeignet hat. Zart wirkt sie, schutzlos in ihrem Nachthemd (Kostüme: Heidi Hackl), stets ein bisschen abwesend. Nur in ihrer Stimme ist sie ganz da. Das Glück, das sie nicht findet, liegt in einem Sopran, der selbst in der Höhe seinen dunklen Kern bewahrt.
. . . und das Happyend auch nicht
Es klingt nach Verzweiflung, wenn sie von Liebe singt. Denn nicht nur Golo bedrängt sie; da ist auch der Chor, der sich in seine Intrige einspannen lässt und mit schwarzer Gewalt in ihr weisses Leben drängt. Und da ist vor allem Siegfried, der sie als «meiner Güter Bestes» bezeichnet und behandelt; Martin Gantner verkörpert diesen wackeren Gatten so grandios kühl, dass man ihn gerne in den Krieg schicken würde. Er trägt nicht weniger Schuld an der Tragödie als die Hexe Margaretha, die Cornelia Kallisch mit strähnigem Haar und expressiver Stimme gibt. Man glaubt ihr das Böse, und wenn sie in einer aufwühlenden Arie von dem Kind singt, das sie einst umgebracht hat, weiss man auch, woher es kommt.
Da gibt es nichts gut zu machen, weil es noch nie gut war. Wenn Blut aus dem vielseitig verwendbaren Lavabo strömt, wenn die Wände verschmiert werden und der Spiegel zersplittert, dann werden nur Dinge sichtbar, die schon angelegt waren. So wird es nichts mit dem Happyend, das eigentlich zum Stück gehören würde - obwohl und weil das Kuss-Wanken-Uhrblick-Ritual nochmals kurz aufgenommen wird. Kusej stellt dem Jubel des klangmächtig singenden Chors ein Bild von Einsamkeit und Elend gegenüber. Die Zeiten, da man aus einer Gequälten eine Heilige machte, sind glücklicherweise vorbei.
Jubel gab es statt dessen für die Aufführung (nur die Regie kassierte auch ein paar Buhs). Und man meinte, es hätte sich eine besondere Berührtheit in den Applaus gemischt. Es ist nicht irgendein Opernabend, und die «Genoveva» ist nicht irgendein Werk. Deshalb tut sich dieses Stück so schwer. Umso grossartiger ist es, wenn Leute wie Nikolaus Harnoncourt, Martin Kusej oder Juliane Banse sich dafür engagieren.