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Butter!
“Julie & Julia” von Nora Ephron
Die Herausforderung: in 365 Tagen 524 Rezepte kochen. Rezepte einer Amerikanerin, die es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich verschlagen hat und die dort zur Spitzenköchin avanciert ist. Das, kurz gesagt, die Idee von “Julie & Julia”. Ein Film über zwei kochende Frauen, zwei Hummer und viel, viel Butter.
Von Sandra Despont.
Als Julia Child mit ihrem im diplomatischen Dienst tätigen Mann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich kommt, geht es ihr wie immer, wenn ihr Mann versetzt wird: sie muss sich in dem neuen Land irgendwie zurechtfinden, ihre Zunge um praktisch unaussprechbare fremdsprachige Wörter schlingen und sich aus dem Nichts eine einigermassen befriedigende Beschäftigung verschaffen.
“…und du bist so gut darin!”
Nach einem recht erfolglosen Hutmacherkurs widmet sich die überdreht-exzentrische Julia, gespielt von der wie immer gnadenlos guten Meryl Streep, der französischen Küche. Ein logischer Schritt von der Feststellung ihres Ehemanns, dass sie vor allem eins gut könne: essen! Ein Fisch, der in reichlich Butter gebraten ist und Julia einen Kommentar entlockt, der ungefähr so lautete: “Ooooooh – Butter! – Aiii – Ouuuuu! – Uuuuu!”, tut den Rest. Julia meldet sich in der Kochschule an, um die Kunst der französischen Küche zu erlernen. Dort soll ihr erst einmal beigebracht werden, wie man ein Ei zu kochen hat. Als sich Julia dadurch ein wenig unterfordert fühlt, bietet ihr die Schulleiterin an, gegen eine beträchtliche Summe in den Professionellenkurs zu wechseln. Dort trifft die energische Dame auf einen Haufen bös guckender GIs. Nachdem sie aber auf dem heimischen Küchentisch einige Kilogramm Zwiebeln zu Mus gehackt und die Küche vorübergehend unbetretbar gemacht hat, kriegt sie mit viel Durchhaltevermögen und Ehrgeiz die Küche und ihre Konkurrenten in den Griff. Bis sie zur Mitarbeiterin an DEM englischen Kochbuch der französischen Küche – Mastering the Art of French Cooking – renommierten Fernsehköchin und Revolutionärin der US-Fastfoodkocherei wird, muss sie sich aber noch gegen einiges Ungemach durchsetzen. Doch vor der schrillen, überenthusiastischen Julia würden sich wohl selbst petersiliefressende Raupen früher oder später verschreckt verkriechen. Renitente Verlegerinnen und ähnliche Widerwärtigkeiten haben da von vornhinein schlechte Karten.
Kochen – die einzige Sicherheit in der Welt
Auch die reichlich erfolglose Schriftstellerin Julie Powell sucht ein Ziel, wenn auch nicht vor dem totalen Nichts, sondern eher um zu vergessen, dass es mit ihrer Berufung, dem Schreiben, nicht so recht klappen will und als Zerstreuung von ihrem ziemlich anstrengenden Brotjob. Tag für Tag betreut sie Opfer von 9/11, die mehr oder weniger begründete Schadenersatzklagen an sie richten und manchmal auch einfach jemanden suchen, der ihnen zuhört. Nur bei ihren ausgiebigen Kochaktionen fühlt Julie, so etwas wie Einklang mit sich und der Welt. Als dann eine ihrer “Freundinnen” trotz absoluter Talentfreiheit einen Blog beginnt, kommt Julie eine geniale Idee. Sie will ihre Leidenschaft und ihr Hobby kombinieren und in einem Jahr sämtliche Rezepte Julia Childs, ihres grossen Vorbilds, nachkochen. Dass sie damit nicht nur Anerkennung und Selbstvertrauen gewinnt, sondern auch ihre Ehe aufs Spiel setzt, ahnt sie anfangs nicht. Doch bald wird ihr klar: in dem Kochbuch stehen auch wirklich herausfordernde Rezepte. Lebende Hummer in kochendes Wasser zu werfen und ganze Enten von ihren Knochen zu trennen ist nicht jederfraus Sache.
Feelgoodfilm für die Wirtschaftskrise
Sinnsuche zweier Frauen und Grenzerfahrungen in der Küche – so könnte man “Julie & Julia” auf den Punkt bringen. Die beiden Hauptdarstellerinnen machen es einem leicht, sich der reichlich simplen Botschaft, die etwa “Kochen und essen machen das Leben schöner” lauten könnte, willig zwei Stunden lang auszusetzen. Meryl Streep ist in jeder Rolle eine Augenweide und glücklicherweise geht Amy Adams neben der Grande Dame der Filmschauspielerei nicht völlig unter. Wer grosse Spannungshöhepunkte erwartet, wird enttäuscht sein, wer eine ausgefeilte, originelle Story wichtig findet, wird fluchen. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null, wer weder ein Fan von Kochen oder Meryl Streep ist, der wird einen guten Teil von “Julie & Julia” getrost verschlafen können.
Der Film gefällt sich in so vielen Koch- und Küchenszenen, dass allenfalls “Ratatouille” eine gewisse Konkurrenz darstellen könnte. Doch wer damit kein Problem hat, der kriegt zwei Stunden lang demonstriert, wie schön das einfache Leben, das Kochen und Essen und Blogschreiben sein kann. “Julie & Julia” ist ein Feelgoodfilm mit zwei Frauen (und übrigens auch zwei fabelhaften und glücklicherweise nicht überhaupt nicht bösartigen Männern) und viel, viel Butter. Wie geschaffen für die Wirtschaftskrise. In dem Sinne: gehet hin und kochet!
Ab dem 3. September 2009 im Kino.
Originaltitel: Julie & Julia (USA 2009)
Regie: Nora Ephron
Darsteller: Meryl Streep, Amy Adams, Stanley Tucci, Chris Messina, Linda Emond, Helen Carey
Genre: Komödie
Dauer: 123 Minuten
CH-Verleih: Disney