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Florenz, 5 Dec. 65.
Herrn Dr A. Escher.
Hochgeachteter Herr,
Indem ich die Eile u Unvollständigkeit des heute abgegangenen Briefs wegen einer Menge von Abhaltungen zu entschuldigen bitte, versuche ich nachzuholen, was ich versäumt oder nur flüchtig berührt habe.
Der Minister, um mit dem Höchsten zu beginnen, ist durch u durch Gotthardfreundlich mehr selbst als Formen u Verhältnisse erlauben. So einstimmig dieses Urtheil aber ist, so einstimmig auch die Meinung von dem Mangel seiner Beharrlichkeit u Umsicht. Er ist unzuverlässig, wenn nicht in seiner Zuneigung, doch in seinem Planen. Viele urtheilen noch viel schärfer über ihn. Genug, die Kälte des ersten Besuchs war wohl die Folge des Ärgers, daß die Erklärung der preußischen Bereitwilligkeit zur Subvention nicht rechtzeitig eingetroffen war um das Alpenbahnprojekt in der Thronrede erwähnen zu können.
Auch die Depesche aus Berlin über die ungeschickte oder ungenügende Anregung von Seiten des Gotthardausschußes in den Rheinlanden findet ihre Erklärung | in der hastigen u wenig geschickten Behandlung des italienischen Gesandten in Berlin, der seine drängende Frage etwas unvermittelt an den Finanzminister gerichtet hatte.
Ich hoffe ein für den Gotthard günstiges Resultat von der Alpenbahnkommission, u ich hoffe auch einen günstigen Vorschlag an das Parlament. Freilich besteht die Gefahr eines Ministerwechsels; sie ist aber wie mir scheint weniger nahe als die stoffarmen Tagesblätter glauben machen wollen. Es sind Alle einig, daß ein besseres Ministerium an die Stelle treten müsse, aber es ist Niemand da, der genug Vertrauen genießt um als Ersatzmann vorgeschlagen zu werden. Die Mehrheit will Ersparnisse, aber über das Wo? u Wie? gehen die Meinungen auseinander. Es muß viel leichter sein eine Armee in den Krieg zu führen als eine Armee zu reduziren.
Wir haben keine Aussicht, daß der Nachfolger von Jaccini ebenso warm für den Gotthard sein werde, aber Männer wie Casaretto halten ein Vorgehen zu Gunsten des Gotthards auch unter einem anderen Minister für wahrscheinlich.
Als sehr nachhaltig bezeichne ich die Meinung über die tessinischen Bahnen. Man wünscht die Monte Cenere Linie aus dem Program der Gotthards bahn entfernt zu sehen, weil Anlage u Betrieb der letzteren unnöthig vertheuert würden, weil die Verbindung mit Genua verlängert u erschwert wird, u weil der Gotthard dem Splügen gegenüber, der auf beiden Seiten fast ebene | Zugänge hat, in Nachtheil kommt. Jaccini redet darum in wegwerfendem Tone von der tessinischen Subvention; u Rombaux u mehre Mitglieder der Kommission sagen, daß für den Fall des Festhaltens an des Monte Cenere Linie von Schweiz. Seite, Italien die Forderung stellen müße, daß die Alpenbahn auf dem einen oder anderen Ufer des Lagomaggiore (von Locarno oder Magadino aus) an die Schweizergrenze verlängert werden müße zum Anschluß an eine italienische Linie. Da bei sagt man denn auch, daß der Staat, ohne die 10 Millionen der lombardischen Bahnen, eine Subvention von 30 statt von 25 Millionen geben könne. Die Größe der erforderlichen Subventionen wird überhaupt auf 90 bis 95 Millionen angesetzt.
Ich habe mich in dieser Sache mehr nur auf das Anhören beschränkt; immerhin aber habe ich keinen Schritt in dem tessinischen Konzessionsbegehren thun wollen, obschon Ständerath Bossi irgend eine Meinung oder bezeichnende Mittheilung von mir gewünscht hat, u obschon Herr Pioda (Gesandter) geglaubt hat, ich sollte eine Warnung vor Hudson absenden. Letzteres wies ich ab, nicht weil ich an die Kaution u das Bauunternehmen von Herrn Hudson glaube, sondern weil mir derselbe als Hausfreund von Herrn Usedom warm empfohlen wurde, u weil ich letztern nicht verletzen wollte.
Wenn es den Tessinern an Verstand od an Rechtlichkeit fehlt u wenn sie glauben ohne Subvention durchschlüpfen zu können, so mögen sie sich selbst es zuschreiben, wenn die Monte Cenere Linie ganz | in Frage gestellt wird. Mir scheinen überhaupt weitere Schritte oder gar Zugeständnisse für die tessinische Konzession unnöthig; ist doch die Gefahr einer Lukmanierkonzession weit in den Hintergrund getreten.
Wenn Sie wünschen, daß ich mit Herrn Hudson, nach unserer beidseitigen reservirten Haltung, einläßlicher sprechen soll, so bitte ich um nähere Weisungen. Ich wiederhole übrigens, daß derselbe ebenso wohl ein gewandter Patron der Geldansprüche von Genaz., als auch eine vortreffliche Kraft für die Gotthard Sache zu sein scheint.
Endlich erlaube ich mir noch Ihnen die Frage über die hiesige Vertretung zu Handen des Ausschusses noch einmal vorzulegen. Die Vertagung der Kommission, welche der Minister auf 8 oder höchstens 10 Tage berechnet hat, verlängert sich nach Herrn Rombaux, der die Hauptarbeit zu machen hat, u der behufs derselben gestern Abend bis Mitternacht bei mir gewesen ist, bis zur 2ten Woche des Januars. Ich nehme nun an, daß es zweckmäßig sei alsdann in Florenz eine Vertretung zu haben, welche hinsichtlich der Vorlage an das Parlament mit dem Minister u mit einzelnen Mitgliedern zu verkehren im Stande ist; aber ich halte es fast für überflüssig während der ganzen Zwischenzeit anwesend zu sein. Zur Würdigung der Frage bemerke ich ferner, daß die Hin- u Herreise ungefähr so hoch zu stehen kommt als 10 Tage des Aufenthalts; daß die Herren Lanicca u Kilias | dermalen noch hier sind; daß Herr Koller vor den Festtagen die Reise kaum wird antreten wollen; und daß eine Ausdehnung meines hiesigen Aufenthalts über 4 Wochen eine bestimmte Anfrage bei dem Direktorium erfordern u wegen der Arbeiten am Jahresschluß mehr Schwierigkeiten finden würde. Mein persönlicher Wunsch treibt mich nach Hause; ich betrachte mich aber als Diener der Sache, soweit es nur immer mit meinem Amte u den Rücksichten auf meine Kollegen vereinbar ist.
Wenn mir telegraphisch berichtet wird, daß die Rückreise stattfinden könne, so würde ich noch etwa 3 Tage zu Abschiedsbesuchen u einigen Arbeiten brauchen. Verständen wäre jedenfalls, daß ich bei unerwarteten Zwischenfällen oder bei einem bestimmten Wunsche des Ministers nicht abreisen würde ohne ersetzt zu sein.
An Herrn Koller habe ich mich noch nicht gewendet, weil ich glaube, daß es vom Ausschuß selbst geschehen müße, u auch weil ich fast noch glaube, daß im Januar die Frage einer anderen Vertretung als durch den Ingenieur des Ausschußes erhoben werden könnte.
Um eine baldige Entscheidung ersucht mit der Versicherung wahrer Hochschätzung
W. Schmidlin.
NB. Ich hatte so eben eine Unterredung mit dem Minister, der sich gleich bleibt, hastig, keck, verzweifelnd. Er las mir eine Depesche des italienischen Gesandten in Berlin, nach welcher der Finanzminister von einer | Geldunterstützung des Gotthard nichts wissen will, Herr Bismark aber immer noch glaube dazu zu gelangen, aber langsamer. «Hätten Sie, sprach der Minister, nur die allgemeine Versicherung gegeben einen Subventionsantrag vor die Kammer bringen zu wollen, so wäre ich sofort vorangegangen; aber von Preußen kommt gar Nichts.» Ich machte ihn auf den gewöhnlichen Geschäftsgang aufmerksam u hielt die Hoffnung aufrecht. Einen Augenblick später sprach er wieder vom Vorangehen trotz Alledem, aber nicht mit mehr als mit 25 Millionen. Seine Frage über Erfolge in der Schweiz konnte ich nur mit dem Beschluß der Gemeinde Schwyz beantworten. Aber Tessin stellte ich nach einem Schreiben des Herrn Bossi bis morgen eine günstige Anzeige in Aussicht.
Herr Usedom glaubt, daß eine Abordnung nach Berlin namentlich durch die Darlegung der Betheiligungsverhältnisse von Italien u der Schweiz von Nutzen sein könne. Er muß übrigens auch zugeben daß die Sache Ihrer Natur nach Zeit braucht.
Vor Mitte Jan. wird hier kaum eine Entscheidung eintreten.
S.