Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/1825

Der junge Horace Ward Martin Tavares Silva begreift schnell: Wer als Secondo in den USA überleben will, muss sich anpassen – und gleichzeitig sich selbst bleiben. Also ändert er seinen kapverdischen Namen «Silva» um in «Silver» und versilbert von da an seinen Migrationshintergrund, wo er nur kann.
Sport oder Musik
Unterstützung erhält er dabei vor allem von seinem Vater. «When Horace was coming up, there were only two things a black guy could be successful in and make money and be something: sports or music … Horace wasn’t interested in sports, so I really pushed him with the music.» (Aus Gene Lees: «Cats of Any Color»)
Weil der Junge kein Interesse an Sport zeigt, pusht ihn sein Vater also in der Musik. Und Horace Silver macht seinen Namen bald zum Markenzeichen für Jazz-Kompositionen, die man ins Herz schliesst und nicht mehr aus dem Kopf bringt – Themen wie «Song For My Father, Link öffnet in einem neuen Fenster», «Nica’s Dream, Link öffnet in einem neuen Fenster», oder «Peace, Link öffnet in einem neuen Fenster».
Noch heute, ein halbes Jahrhundert später, widmen hochkarätige Musiker ihre Aufnahmen der Musik von Horace Silver, spielen Hunderte von Amateur-Bands seine Stücke und werden sie von unzähligen Jazzschülern analysiert und interpretiert. Horace Silver wird in den 50er- und 60er-Jahren so berühmt, dass man fast sagen kann: Spielen ist Silber – Schweigen wäre ein Fehler. Nur: Wie hat er das gemacht?
Aufs Maximum reduziert
Wenn man sich heute eines der klassischen Horace-Silver-Alben anhört, dann fällt auf, wie sparsam alles ist – sparsam und gleichzeitig satt und voll im Klang. Silver bringt seine Musik extrem auf den Punkt, oder wie es der Basler Pianist Hans Feigenwinter sagt: «Wenn es zu einem Problem mehrere Lösungen gibt, dann wählt Horace Silver die einfachste.»
Diese Eigenschaft verbindet Horace Silver mit Art Blakey, einem grossen Schlagzeuger des 20. Jahrhunderts, mit dem er ein paar Jahre lang eine Band hat und den Hard Bop erfindet. Mit ihm stellt Horace Silver ein Quintett zusammen, das als The Jazz Messengers Geschichte schreibt. Damit erfindet er den Quintett-Klang, der für den Hard Bop steht – mit der Frontline aus Saxophon und Trompete und der Rhythmus-Gruppe aus Klavier, Bass und Schlagzeug. Oft spielt Horace Silver mit dem Klavier eine dritte Stimme im Satz, manchmal ist er auch einfach der Kitt in den Fugen zwischen den beiden Bläsern – manchmal lässt er auch einfach Luft.
Legendäre Albumcovers
Die Luft bringt diese Musik zum atmen. Der Klang ist zwar immer satt und warm – jedoch nie überladen. Die hektischen Akkordfolgen und komplexen Linien des Bebops spielt Horace Silver noch bei seinem Entdecker, Stan Getz – dort klingt er noch genau wie Bud Powell, der als Bepop-Pianist Massstäbe gesetzt hat. Danach aber streift Silver den Bebop ab wie eine zu enge Haut. Er findet seinen eigenen Sound, mit dem Quintett das ideale Setting dafür und im Label Blue Note und vor allem im Produzenten Alfred Lion den idealen Vermarkter für den Horace-Silver-Sound.
Eines hat Horace Silver in den 50er- und 60er-Jahren so gut begriffen wie niemand sonst. Mit guter Musik, gespielt von den besten Musikern, ist es noch nicht gemacht. Die Musik muss auf einem Album in einen dramaturgisch perfekten Ablauf gebracht und das Album dann so attraktiv wie möglich eingepackt werden. Horace Silver findet einen so guten Kontakt zum Produzenten Alfred Lion, dass er bei den berühmten Album-Covers von Blue Note mitreden darf. So erschafft er Gesamtkunstwerke, die heute allesamt als Klassiker gelten.