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Stehend erreichen wir den Endbahnhof. Stehend daher, weil alle Sitzplätze im Zug bereits hoffnungslos ausverkauft waren, als wir fünf Tage früher die Zugtickets kaufen wollten. Nicht so schlimm, stehen wir halt. Auch Rosi und Jürg schlagen sich wacker. Trotzdem sind wir alle froh, als der überfüllte Zug nach sechs Stunden Fahrzeit endlich Datong erreicht.
Datong? Als vor einigen Jahren eine UNESCO-Gutachtergruppe die Yungang-Grotten ausserhalb der Stadt besuchte, bezeichnete ein Delegationsmitglied Datong damals als „hässlichste Stadt der Erde“. (Unabhängig von dieser Aussage wurden die Yungang-Grotten, dann trotzdem als Weltkulturerbe aufgenommen.)
Und heute? Nun, Datong ist wirklich kein schöner Ort. Die Region ist bekannt für den Kohlebergbau und die Stadt ist von unzähligen Fabriken umringt, welche wahlweise weissen, gelben oder schwarzen Rauch ausstossen, der die Häuserfassaden entsprechend verfärbt. In dieser Stadt ist von Mao Zedongs Sprichwort „erst produzieren, dann die Folgen mindern“ nur die erste Hälfte befolgt worden.
Zurück zur obigen Aussage: Was wäre wohl in der Schweiz passiert, wenn dasselbe Delegationsmitglied Olten* als die hässlichste Stadt bezeichnet hätte? Einige hätten sich vielleicht ab dessen Ungehobeltheit echauffiert und eine öffentliche Entschuldigung verlangt, andere hätten insgeheim gedacht, dass der Typ doch irgendwie Recht habe. So oder so: Thema erledigt. Und im ehrgeizigen China? Das Land wäre nicht sich selbst, wenn es nicht grosse Taten hätte folgen lassen. Und das sieht dann in etwa so aus:
Eigentlich bestand das grosse Stadtzentrum von Datong aus unzähligen Hutongs. Diese wurden jedoch fast komplett abgerissen und mussten neuen Wohnblocks weichen. Da diese aber als hässlich bezeichnet wurden, werden sie gerade wieder niedergerissen, damit man doch wieder die Hutongs von früher neu aufbauen kann. Auch an die alte Stadtmauer hat sich der Bürgermeister erinnert. Also wurde kilometerlang eine 200 Meter breite Schneise durch die Stadt geschlagen, um eine gigantische Stadtmauer (Wassergraben inklusive) aufzubauen. Die neue Mauer aus der Beton-Dynastie kann jetzt als „alte Stadtmauer“ der Ming-Dynastie besichtigt werden – Denkmalpflege auf Chinesisch.
Im Zentrum reihen sich nun Einkaufskomplexe an neue altchinesische Hutongs. Es fühlt sich hier surreal an – als wären wir in einem seelenlosen chinesischen Disneyland unterwegs. Für die ursprünglichen Bewohner der Altstadt gibt es natürlich kein Platz mehr. Sie wurden und werden gerade umgesiedelt in neue, noch grössere, noch höhere Wohnhäuser ausserhalb der Stadtmitte.
Ihr ahnt es, Datong unternimmt all dies nicht primär wegen des UNESCO-Delegationsmitgliedes. Schon auch, aber eben nicht nur. Der primäre Treiber ist die Urbanisierung. 1980 haben 20% der Chinesen in Städten gelebt, heute sind es bereits über 50% und weitere 350 Millionen Chinesen sollen noch folgen. Millionen-Städte entstehen in China am Reisbrett und werden tags darauf gebaut. Überall schiessen Hochhaussiedlungen aus dem Boden und ziehen sich über Kilometer dahin. Wir sehen, wie Städte untereinander mit neuen Autobahnen und Trasses für Hochgeschwindigkeitszüge vernetzt werden – China boomt uns fast um den Verstand.
Kann das gut gehen? Vielleicht. Die Völkerwanderung wird sicher stattfinden, die Frage ist nur wie schnell. Nebst Wohnraum braucht es dafür in den Städten ebenso Arbeitsplätze. Andererseits sind Immobilien (auch) in China Statussymbole. Ein Chinese ohne Wohneigentum hat es schwer eine Chinesin zu finden. Das sind gleich zwei triftige Gründe, weshalb chinesische Immobilien prima Spekulationsobjekte sind. Immobilienblase? Ziemlich sicher. Wird es China ernsthaft aufhalten? Wohl kaum…
P.S. Das hängende Kloster fernab der Stadt ist absolut sehenswert!
* Selbstverständlich ist die Ortschaft rein zufällig gewählt