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Als Mia Moustache (auch bekannt als Rafaela Dieu) im Jahr 2015 vom chilenischen Gitarristen und Sänger Jurel Sónico online angeschrieben wurde, konnte noch niemand ahnen, was da alles noch kommen würde. Er, Frontmann der Band «Adelaida» aus Santiago de Chile, war (zurecht) begeistert von «Slag in Cullet», der 2013 aufgelösten Basler Formation, bestehend aus ihr, Drummer David Burger und Frontmann Andy Röösli.
Jurel war auf der Suche nach einer neuen Bassistin für «Adelaida» und fragte Mia kurzerhand (und nicht ganz ernsthaft), ob sie Lust hätte, bei ihnen einzusteigen – was schon nur aus geografischen Gründel nicht möglich war. Diese Idee wurde wieder begraben, doch stattdessen entstand eine mehrjährige freundschaftlich-musikalische Fernbeziehung: Mia und Jurel blieben in Kontakt, fingen an, übers Internet zusammen Songs zu schreiben und spielten in ihrem jeweiligen Zuhause Passagen ein, die sie sich gegenseitig hin- und herschickten. Der Grundbaustein für «Muerte Espiral» war gelegt.
Ein Spagat zwischen zwei Kontinenten
Ein Jahr später, Anfang 2017, reiste Mia nach Chile, wo sie für zwei Wochen in Jurels Musiker*innen-WG lebte und, zusammen mit ihm und seinem Schlagzeuger Pedro Ogrodnik, in einem Schlafzimmer die 4-track-EP «Invocación» aufnahm. Ein roher Vorgeschmack auf das aktuell erschienene, deutlich aufwändiger und herzhafter produzierte Debut-Album.
Im Sommer 2017 revanchierte sich Jurel mit einem Besuch in Basel. Mit Mias altem Drummer-Kumpel David Burger wurden bei Marc Obrist, Sänger der Stoner-Band «Rich Kid Blue» und Bandkollege von Mia bei «Zeal & Ardor», in einem Bandraum ein paar Songs aufgenommen.
Es folgten in den Jahren 2017 & 2018 einige Konzerte in der Schweiz und in Chile. Am Schlagzeug sassen jeweils Burger bei den Europa-Shows und Ogrodnik bei den Shows in Chile – Mia Moustache und Jurel Sónico blieben konstant.
Unverhoffte Lebensereignisse
Genau zu dieser Zeit passierte in der hiesigen Rockszene aber noch ganz etwas anderes: der weltweite Erfolg der Basler Band «Zeal & Ardor» wuchs seit ihrer Entdeckung im Jahr 2016 stetig an und wurde für Mia Moustache, Bassistin der Band, regelrecht zum Vollzeitjob. Riesige Tourneen, Festivalgigs und Presse-Auftritte auf der ganzen Welt führten dazu, dass die Zeit und Energie für das interkontinentale Projekt Muerte Espiral immer knapper wurde. Dieses und andere unverhoffte, weniger erfreuliche Lebensereignisse führten schliesslich dazu, dass die Band – und mit ihr die acht aufgenommenen «Demo»-Songs – für einige Jahre im Reich der Unterwelt verschwanden.
Back from the dead
Zum guten Glück kam Mia Moustache vor rund einem Jahr zum Entschluss, die vor Jahren eingespielten Songs aus den Tiefen der Vergessenheit zu befreien und diese – obwohl die Band eigentlich nicht mehr existierte – doch noch zu veröffentlichen. Zusammen mit Marc Obrist, der mittlerweile das professionelle Aufnahmestudio «Hutch Sounds» in Oberwil betreibt, wurden die ursprünglich als Demo konzipierten Songs aufpoliert und zum Album befördert. «Inframundo» (spanisch für «Unterwelt») erblickte schliesslich am 28. April 2023, mit einem bezaubernden von Künstler-Kollege Manuel Guldimann illustrierte Artwork, das Licht der Erde.
Spirale der Finsternis
Eingeleitet vom obligatorischen psychedelischen Ambient-Intro «Hipnosis», führen uns Muerte Espiral mit «Las Nàuseas» in ihre wuchtig-energetische Unterwelt. Bluesige Stoner-Bassteppiche (besonders bei «Mantenlo Real»), kreischende Gitarrenriffs, irgendwo zwischen Hendrix, Sabbath und Fu-Manchu, ballernde und zugleich präzis eingesetzte Drum-Beats und eine Stimme, die uns anschreit und sagt: wir meinen es ernst!
Etwa so zieht uns die Band, mit einigen verhältnismässig ruhigen und langsamen Ausnahmen bei «Tierra de Nadie», «El Camino» und «Conjuro», in die Abgründe dieses Albums.
Besonders stark fühle ich persönlich den Song «Cràneo», der meiner Meinung nach die ganze musikalische Bandbreite der Band am besten verdeutlicht und miteinander verbindet. Hier haben wir das energetische David Burger-Drumming, den Stoner-Breakdown, der zum Haare schwingen animiert, die eingängige Gesangsmelodie, die undurchdringliche Basswolke unter den Füssen und den brachialen instrumentalen Schlussteil. Ein Meisterwerk!
Zum Schluss beglücken uns Muerte Espiral in ihrem über sechsminütigen Abschluss-Song «Faz Roìda» noch mit einem lange ausufernden Noise-Outro, dass das Ende dieser psychedelischen, von dunklen Sehnsüchten und Ängsten geplagten Todesspirale namens «Inframundo» wunderbar verdeutlicht.
«Inframundo» ist ein richtig stabiles Stoner-Album, das durch seine brachialen Grunge-Einlagen die typische Trägheit des Genres abstreift und sich durch ihre an Psychedelic Rock der 1970er-Jahre orientierten Passagen und der dynamischen Stimme von Jurel Sónico von der breiten, bärtigen Masse abhebt. Den Göttern der Finsternis sei Dank, dass diese Songs nach so vielen Jahren doch noch veröffentlicht wurden.
About Noé Herrmann
Noé Herrmann (*1989 in Basel) ist selbstständiger Grafiker und seit vielen Jahren in der Basler Musikszene aktiv und vernetzt. Er steuert regelmässig Designs für lokale Bands, Künstler*innen und Kulturinstitutionen bei, war langjährigen Moderator der Sendung «BSounds» auf Radio X und sitzt bei der Tropical Grunge-Band «Retromorcego», der Emo-Band «Mild Crush» und der Pop-Funk-Band «Fraîche» am Schlagzeug.