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Text: Sara Galle
Zwischen 1926 und 1973 nahm die Stiftung Pro Juventute mit Hilfe der Behörden mehrere Hundert Kinder aus «Vagantenfamilien» ihren Eltern weg mit dem Ziel, die Kinder zu sesshaften und «brauchbaren» Menschen zu erziehen.
Die fahrende Lebensweise galt während langer Zeit nicht nur als Gefahr für die Kinder, sondern auch für die Gesellschaft. Die Fahrenden wurden als Bettler und Diebe verfolgt, ausgewiesen oder weggesperrt, ihre Kinder in Heime und Anstalten versorgt. Dem Kampf gegen die fahrende Lebensweise verschrieb sich auch die 1912 gegründete Stiftung Pro Juventute. Ihr Mitarbeiter Alfred Siegfried, der das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» 1926 gründete und bis zu seiner Pensionierung 1958 leitete, sah nur eine Möglichkeit, um die Gefahr zu bannen: «Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will», so schrieb er, «muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen, er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinander reissen. Einen anderen Weg gibt es nicht.» Siegfried beabsichtigte deshalb, alle «Vaganten» systematisch zu erfassen mit dem Ziel, ihnen die Kinder wegzunehmen und an ein sesshaftes Leben zu gewöhnen.
Die rechtliche Grundlage für das Vorgehen bildeten die Kindesschutzmassnahmen des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, das 1912 in Kraft trat. Demnach hatten die Behörden in die Familie einzugreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet war. Das Gesetz erlaubte auch präventive Massnahmen. Alfred Siegfried warf den Eltern vor, ihre Pflichten zu vernachlässigen, beantragte bei den Behörden den Entzug des elterlichen Sorgerechts und liess sich zum Vormund der Kinder ernennen.
Für sein Vorhaben konnte Alfred Siegfried auf das dichte Netzwerk der Pro Juventute zurückgreifen. Die Informationen über die Familien beschaffte er sich bei Behörden, der Polizei, bei Lehrern und Pfarrern, Nachbarn, Verwandten und Mitarbeiterinnen der Pro Juventute. Es kam aber auch vor, dass Behörden die Pro Juventute mit der Fremdplatzierung jenischer Kinder betrauten.
Die Pro Juventute war die damals grösste, renommierteste und einzige Jugendschutzorganisation, die in der ganzen Schweiz aktiv war. In Stiftungsrat und -kommission hatten namhafte Persönlichkeiten Einsitz. Den Vorsitz übte ein amtierender oder ehemaliger Bundesrat aus. Dank der dezentralen Struktur und dem Verkauf von Briefmarken mit Wertzuschlag war die Stiftung auch in der Bevölkerung gut verankert. Es fanden sich deshalb rasch auch Gönnerinnen und Gönner, die das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» finanziell unterstützen. Von 1930 bis 1967 beteiligte sich der Bund mit einer jährlichen Subvention an den Kosten. Die Hauptlast trugen aber die Gemeinden.
Alfred Siegfried (1890–1972) arbeitete seit 1924 auf dem Zentralsekretariat der Pro Juventute. 1927 übernahm er die Leitung der wichtigsten und grössten Abteilung «für das Schulkind», der er bis 1958 vorstand. Pikant an seiner Anstellung ist, dass er kurz davor den Schuldienst hatte aufgeben müssen, weil ihn das Basler Strafgericht wegen «unzüchtiger Handlungen» mit einem Schüler verurteilt hatte. Sein Nachfolger Peter Doebeli wurde 1963 vom Zürcher Obergericht wegen sexueller Übergriffe auf Schutzbefohlene zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Clara Reust (1916–2000), die ab 1959 die Beistand- und Vormundschaften über die «Kinder der Landstrasse» übernahm, war zuvor beim katholischen Seraphischen Liebeswerk in Luzern tätig gewesen. Als Vormunde waren die Genannten für das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen verantwortlich. Die Aufsicht über ihre Tätigkeiten als Vormunde kam den zuständigen Behörden zu.