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Porträt einer Lesenden
Was gibt es Schöneres, als geruhsam ein Buch zu lesen? Der berühmte Maler Max Liebermann (1847-1935) hat seine Frau in dieser Zeichnung dabei porträtiert: Sie sitzt entspannt in einem Lehnstuhl und ist in ihre Lektüre vertieft. Wer hätte aufgrund dieses Bildes ahnen können, wie tragisch das spätere Leben des Ehepaars aufgrund der Bedrohungen durch das NS-Regimes sein würde? Die Provenienz des Bildes konnte leider nicht lückenlos geklärt werden. Umso dankbarer ist die Graphische Sammlung mit den Nachkommen eine Einigung gefunden zu haben, das schöne Werk weiter ausstellen zu dürfen und so die Liebermanns weiter im Gedächtnis zu behalten.
Man sieht es dem Bild nicht an: Martha Liebermann liess sich nicht gerne von ihrem Mann porträtieren. Oder vielleicht spürt man es daran, dass sie in seinen Werken nicht im klassischen Sinne posiert? Manchmal stellte Max sie schlafend dar, am liebsten aber beim Lesen – ganz versunken und ohne, dass sie ihre Umwelt wahrzunehmen schien. So auch in dieser Zeichnung, wo der Raum nur leicht angedeutet ist; die Konzentration liegt auf der Gattin und dem Sessel. Gekonnt hebt der Künstler, der heute zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Impressionismus zählt, seine Frau mit dunklen Schraffuren heraus und macht sie zum Mittelpunkt seiner Komposition.
Im 2023 jährt sich der Todestag von Martha Liebermann zum achtzigsten Mal. Es ist bekannt, dass sie sich in der jüdischen Gemeinde engagierte und sich für wohltätige Angelegenheiten einsetzte. In der Öffentlichkeit blieb sie im Hintergrund und überliess den Auftritt lieber ihrem Mann. Sie begleitete ihn durch alle Lebensphasen: Von den anfänglich schwierigen Zeiten als Maler bis zum Erfolg als Künstler und engagiertem Mitbegründer der Berliner Secession. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten litt das Ehepaar unter antisemitischen Anfeindungen, und als Max Liebermann im Jahre 1935 starb, wurde seine Kunst weitgehend aus deutschen Museen entfernt. Käthe, die einzige Tochter, emigrierte mit ihrer Familie in die USA. Martha hingegen blieb in Deutschland. Eine fatale Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Die Witwe verlor durch die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime fast ihr gesamtes Vermögen. Ab 1941 versuchte sie mehrfach zu emigrieren, was jedoch scheiterte. Zwei Jahre später nahm sie sich das Leben, um einer unmittelbar bevorstehenden Deportation zu entgehen. Kurz darauf beschlagnahmte die Gestapo alles, was sich in ihrer Berliner Wohnung befand – die Wohnungseinrichtung und die bei Martha Liebermann verbliebenen Kunstwerke.
Nach dem Tod Max Liebermanns am 8. Februar 1935 hatte seine Witwe, gemeinsam mit dem Kunstschriftsteller und Liebermann-Biografen Erich Hancke den Nachlass geordnet. Alle Werke, die noch unsigniert waren, versahen sie damals mit einem Nachlassstempel, der den Namenszug «MLiebermann» trug. Dieser Nachlassstempel befindet sich auch auf dem Werk der Graphischen Sammlung ETH Zürich (Abb.). Daraus lässt sich schliessen, dass die Zeichnung unmittelbar nach dem Tod des Künstlers mit hoher Wahrscheinlichkeit im Eigentum seiner Witwe gewesen sein muss. Ob die Zeichnung auch zur Werkgruppe «Bleistiftzeichnungen etc.» gehörte, die von der Gestapo kurz nach Martha Liebermanns Tod beschlagnahmt wurde? Der ETH Zürich ist ein transparenter Umgang in Bezug auf ihre Werke wichtig. Trotz intensiver Recherche konnte in diesem Fall keine lückenlose Provenienzkette ermittelt werden. Es bleibt unklar, wo sich die Zeichnung zwischen dem 8. Februar 1935 bis zur Übergabe an die Graphische Sammlung durch den Antiquar Karl Alfred Ziegler im Jahr 1959 befand. Da die ETH Zürich nicht zweifelsfrei bestätigen kann, dass es sich um eine unbedenkliche Provenienz handelt, hat sie mit den Nachkommen eine gütliche Einigung gefunden. Diese ermöglicht es, dass das schöne Werk weiterhin in der Sammlung bleibt.
Dieses Werk von Max Liebermann und viele mehr finden Sie in unserem Sammlungskatalog Online: Sammlungskatalog Online – Graphische Sammlung ETH Zürich