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Anfang Oktober 1997 fragte mich Auslandredaktor pw, ob ich im Rahmen der internen WoZ-Weiterbildungsnachmittage etwas über guten Stil erzählen würde. Ich sagte leichthin zu: Der Nachmittag sollte erst im März 1998 stattfinden. Im Laufe des Winters tauchte in einem internen Papier mein geplanter Beitrag unter dem Titel auf: «Guter Stil, was ist das? Über moralischen Zeigefinger, das ach-so-wichtige Ich und die leicht schrägen Metaphern». Die Sache wurde mir zur Belastung, ich hatte grosse Widerstände, mit der Vorbereitungsarbeit anzufangen. Knapp vierundzwanzig Stunden vor dem vorgesehenen Termin am 12. März begann ich bei der Rückfahrt von Zürich nach Bern im Zug schliesslich damit aufzuschreiben, warum es für mich nicht ergiebig sei, über Stil nachzudenken. Ich formulierte zwei Thesen:
«• Stil, scheint mir, ist zu neunzig Prozent Handwerk und zu zehn Prozent ‘Musikgehör’, also das Gespür dafür, was in einer konkreten Situation richtig klingt und was falsch. Handwerk ist eine Frage der Professionalität, das heisst der Routine und des Fleisses. Musikgehör jedoch kann weder gelehrt noch gelernt werden.
• Die Diskussion über Stil ist eine ästhetische. Ich glaube nicht, dass ästhetische Kriterien objektivierbar sind. Ästhetische Wertungen sind viel eher eine Machtfrage. Die Definitionsmacht über das ästhetisch Gültigere liegt dort, wo sich kulturelles Kapital akkumuliert.»
Danach bastelte ich, ausgehend von der Frage, was denn eigentlich die Grundbedingung für einen Text sei, ein Dreipol-Modell mit der Überlegung, dass es für einen Text drei Dinge brauche: ein Ich, eine Welt und eine Sprache. So begann ich doch über Stil zu reden:
Ausgehend von diesem Dreieck stellte ich folgende These auf:
«Die drei Pole des Dreiecks umspannen ein Kräftefeld. Ein Text ist stilistisch dann gelungen, wenn er die von den drei Polen ausgehenden Kräfte in einen Ausgleich bringt. Dieser Ausgleich bündelt den Textsinn durch Erzeugung von Evidenz. Stilistisch gelungene Texte sind weder schön, noch raffiniert, noch genial – stilistisch gelungene Texte wirken.»
So gesehen ist guter Stil also im Zentrum der Dreipol-Struktur zu finden und Stilschwächen können demzufolge als Einseitigkeiten gesehen werden, bei denen der Stil von einem der drei Pole angezogen wird.
Wird der Stil Richtung Ichpol gezogen, werden Texte narzisstisch. Während meiner Ausführungen vor den KollegInnen wählte ich als Beispiel die Texte, die Niklaus Meienberg in seinen letzten Jahren schrieb. These:
«Implodiert die Welt in das Ich, dann implodiert auch die Aussage des Textes. Narzisstische Texte reden immer und ausschliesslich über das Ich.»
Wird der Stil Richtung Weltpol gezogen, dann wird der Text dogmatisch und klischiert. Als Beispiele verwies ich auf den Jargon des Magazinjournalismus mit seiner Textbaustein-Metaphorik, auf die Verlautbarungen der hiesigen Linksradikalen in den achziger Jahren und auf den Jargon von wissenschaftlichen ObjektivitäterInnen. These:
«Reisst die Verbindung zwischen Ich und Welt, tendiert der Text – egal ob im journalistischen oder politischen oder wissenschaftlichen Diskurs – zur Allmachtsphantasie.»
Wird der Stil schliesslich zum Sprachpol gezogen, wird er manieriert. Hierzu verwies ich auf mif.s Abwehrkampf um ihre WoZ-Rubrik «Die Welt spinnt» als Kampf gegen das formalistische Absterben eines Gefässes. (Hierher gehören auch alle klassischen Gedicht- resp. Strophenformen.) These:
«Ist eine strikte, unveränderliche Form vorgegeben, wird sie auf die Dauer jedes Erkenntnisinteresse und jeden Inhalt zu dominieren beginnen.»
Als resümierende These zum Dreipol-Modell hielt ich fest, dass die journalistischen Stilschwächen tendenziell auf der Achse Ich-Welt lägen; Stilschwächen auf der Achse Ich-Sprache seien tendenziell literarischer Natur. Mit dieser List war auch klargestellt, dass es zwar schlechte, tendenziell journalistische und schlechte, tendenziell literarische Texte gibt, dass aber stilistisch gute Texten gut sind abgesehen davon, welchem Genre sie zugeordnet werden: Spracharbeit ist Spracharbeit, ihre Schubladisierung als Journalismus oder Literatur ein Problem der kulturindustriell gesteuerten Rezeption.
Abschliessend postulierte ich, wenn ich zurzeit die WoZ anschaute, dann liege das Problem darin, dass das Erkenntnisinteresse des Ichs immer mehr dominiert werde von Inhalt und Form:
«Die heutige WoZ hat ein starres formales Konzept, das zum Abfüllen einlädt und zwingt. Die Welt, das heisst die Inhalte präsentieren sich immer mehr als Terror der politischen Agenda und des kulturindustriellen Outputs. Man ist überfordert, an alles, was publizistisch beschrieben zu werden nötig scheint, mit einem Erkenntnisinteresse heranzutreten. Deshalb resigniert man und sagt sich: Irgendetwas kann man ja über alles schreiben. Unklar ist immer mehr, wozu man überhaupt noch reden soll, weil man es wichtig findet.»
Die Frage, was demzufolge zu tun sei, beantwortete ich so:
«Nicht naiverweise in jedem Text ‘ich’ sagen. Aber wieder vermehrt über das schreiben, was man subjektiv als wichtig anschaut – unbesehen vom Themendiktat der Welt und vom Formendiktat der Zeitung.»
Aus zwei, drei Rückmeldungen zu schliessen, haben die KollegInnen dieses Palaver über Stil «anregend» gefunden.
(11.+24.03.1998; 25.08.2017)