Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/863

Geschichte der Hard
Textilindustrie (1802–1924)
1802 gegründet, läutete die Hard als erste mechanische Grossspinnerei der Schweiz das neue Zeitalter der Industrialisierung ein. Rund um die Achse «Arbeit» veränderte sich die Gesellschaft grundlegend: Die Fabrik verlangte nach einem neuen, fremdbestimmten Rhythmus; Arbeits- und Wohnort trennten sich; die Selbstversorgung verlor an Wichtigkeit.
In England hatte die Industrialisierung schon früher eingesetzt, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der europäische Markt mit billigem englischen Baumwollgarn geflutet. Die hiesigen Baumwollhändler – damals schon klingende Winterthurer Namen wie Sulzer, Ziegler, von Clais – bangten um ihre Absätze. Sie schlossen sich zusammen und gründeten die «Hard-Gesellschaft». Arbeitskräfte waren günstig und in grosser Anzahl vorhanden: Viele Heimspinnerinnen waren durch die englische Konkurrenz arbeitslos geworden.
Von Anfang an schufteten auch Kinder in der Fabrik. Die Industrialisierung entwickelte sich rasch und die Gesetzgebung hinkte hinterher. Deshalb arbeiteten sowohl Kinder wie auch Erwachsene lange Jahre weit gehend ungeschützt. Arbeitszeiten von 14 Stunden und Nachtarbeit waren an der Tagesordnung. Die Kinder wurden nach getaner Arbeit einige Stunden unterrichtet. Im Kanton Zürich entwickelten sich Schritt für Schritt Gesetze zum besseren Schutz der Kinder. Bundesweit wurde die Kinderarbeit bis 14 Jahre erst 1877 mit dem Fabrikgesetz verboten.
Bis 1924 erfuhr die Textilfabrik Hard drei Blütephasen mit jeweiligen Eigentümerwechseln. Die Produktion wurde auf eine Weberei und die Herstellung von Textilmaschinen ausgeweitet. In jeder Phase wurde auch die Wasserkraft weiter ausgebaut, welche von Beginn weg genutzt wurde. Der alte Unterwasserkanal von 1802 unter dem Industriehof kann heute noch besichtigt werden. Er führte damals das Wasser nach der Nutzung zurück in die Töss.
Aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage wurde Anfang der 1920er-Jahre die Spinnerei eingestellt, 1924 folgte die Weberei.
Spinnerei Hard um 1820
Quelle: Stadtbibliothek Winterthur
Webstuhl der Spinnerei Hard, 1924
Quelle: Stadtbibliothek Winterthur
Weiterführende Literatur zur Industriegeschichte der Hard:
-
Larcher, Sabina und Elsa Bösch: Fabrikneue Arbeit: Haard Spinnerey 1801–1860. Winterthur, 2002.
-
Verein Dorfmuseum Wülflingen: 200 Jahre Hard: Ausstellung am Dorfet im Kirchgemeindehaus Wülflingen. Winterthur, 2002. (Zusammenstellung verschiedener Texte und Quellen)
-
Dejung, E. und M. Ruoff: Die Spinnerei Hard. Neujahrsblatt der Stadt-bibliothek Winterthur, 1937.
«Ära Stüdli», Kunststoffpresswerk (1928–1985)
Nach einer kurzen Zwischenphase, in der die Hard von der «Knopffabrik Neftenbach» genutzt wurde, zog 1928 die Firma Stüdli und Co. ein. Das Kunststoffpresswerk schuf vielfältige Produkte für den pharmazeutischen Gebrauch, für die Textil- und Elektroindustrie und für den Haushalt. Das Unternehmen florierte lange Zeit, es wurden Niederlassungen im In- und Ausland gegründet. Später wendete sich das Blatt, und 1985 musste die Firma Konkurs anmelden.
Ab 1935 vermietete die Firma Stüdli grosse Hard-Räumlichkeiten an das neu gegründete Berufslager für arbeitslose Metallarbeiter. Das Berufslager entwickelte sich weiter zur «Fachschule Hard Winterthur», welche 1962 an die Schlosstalstrasse zog und zur «Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur» wurde.
Werbung der Firma Stüdli+Co., um
Quelle: Stadtbibliothek Winterthur
Berufslager Hard, um 1940
Quelle: Stadtbibliothek Winterthur
Gemeinschaft Hard AG (seit 1986)
Aus der Konkursmasse der Firma Stüdli entstand die Gemeinschaft Hard AG. Einige KünstlerInnen, Grafiker und Architekten mieteten seit 1985 die günstigen und grossen Räume des taumelnden Unternehmens. Im gleichen Jahr musste dieses Konkurs anmelden und die gesamte Anlage wurde zum Verkauf ausgeschrieben. Die MieterInnen wollten ihre Räumlichkeiten nicht verlieren und wurden aktiv. Bald reifte die Idee einer Wohn- und Gewerbegemeinschaft. Weitere Interessierte stiessen hinzu. In unzähligen Sitzungen wurden Konzepte, Organisationsform, Finanzierung und Vorgehensweisen diskutiert. Anfang September 1986 war es so weit: Die neu gegründete Gemeinschaft Hard AG übernahm die gesamte Anlage zu einem Kaufpreis von 8 Millionen Franken.