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Früher, als Spieler, war es seine Aufgabe, dort zu sein, wo es brennt, wo Gefahr droht. Er war der typische Abräumer im defensiven Mittelfeld, der die Ordnung mit einem einfachen Pass wiederherstellte. Nun, als Nationalcoach, wäre er froh gewesen, wenn er in den letzten Wochen etwas weniger Brandherde hätte löschen müssen. Da waren zum einen die zahlreichen verletzten Spieler, die er ersetzen musste, zum anderen Attacken aus dem Umfeld der Mannschaft, die er möglichst geräuschlos parieren sollte.
Deschamps’ Team hat die Sympathien der Fans. Innerhalb der Gruppe sind keinerlei Misstöne zu vernehmen. Doch der Coach selbst musste in den Tagen vor dem EM-Eröffnungsspiel am 10. Juni gegen Rumänien Rassismus-Vorwürfe kontern. Eric Cantona sagte in einem Interview mit einer englischen Zeitung, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Nicht-Nominierungen von Karim Benzema und Hatem Ben Arfa rassistische Hintergründe habe. Und Benzema selber meinte in einer spanischen Zeitung, der Nationalcoach habe sich bei seinem Entscheid vom rassistischen Teil Frankreichs beeinflussen lassen.
Es gehört zu den Qualitäten von Deschamps, dass er das Wohl der Mannschaft nicht aus den Augen verliert. Mit Kommentaren zu den Vorwürfen hielt er sich zurück, obwohl ihm wahrscheinlich so einiges auf der Zunge gelegen hätte. Cantona, etwas wie der Intimfeind von Deschamps, nannte den heutigen französischen Nationalcoach vor rund 20 Jahren auch mal despektierlich “Wasserträger”. Tatsächlich war Deschamps als Spieler nie einer für das Spektakel. Er war ein klassischer defensiver Mittelfeldspieler, der viel rannte und möglichst risikolose Pässe spielte.
Deschamps besitzt eines der eindrücklichsten Palmarès: Er war zweimal Champions-League-Sieger, Welt- und Europameister, italienischer und französischer Champion und gewann einige Cup-Wettbewerbe. Er machte seine Mitspieler besser und sorgte für den Zusammenhalt im Team. Schon mit 20 Jahren war er Captain des FC Nantes, später führte er die gleiche Rolle bei Olympique Marseille und der französischen Nationalmannschaft aus. 52 Mal, so oft wie kein anderer, trug er die Captainbinde der “Equipe tricolore”.
“Ich dirigierte schon immer gern meine Mitspieler. Das liegt in meinem Naturell”, sagte Deschamps einmal. “Ich war kein spektakulärer Spieler. Ich musste also kompensieren.” Der Weg zum Trainer war vorbestimmt. Monaco, Juventus Turin und Marseille waren sein Stationen, ehe er 2012 Nationalcoach wurde. Überall hatte er Erfolg, trennte sich aber auch jeweils im Streit mit Präsident oder Sportchef. Der etwas unscheinbar wirkende Deschamps will das Sagen haben, er lässt sich selber ungern dirigieren.
Von sich selber gibt Deschamps wenig preis, er geht verbal genauso selten ein Risiko ein wie früher auf dem Platz. Der 47-Jährige ist schwer zu fassen, weil er auch ein ausgesprochener Pragmatiker ist, der auf seine Entscheide zurückkommen kann, wenn es ihm erfolgversprechend scheint. Von Stürmer André-Pierre Gignac hielt er bei Olympique Marseille lange Zeit wenig, nun steht dieser im EM-Aufgebot. Er hält nicht an einer bestimmten Spielphilosophie fest, sondern richtet sich nach dem, was er hat. Dass Frankreich nun offensiv spielt, liegt an der Qualität der Spieler in diesem Bereich und nicht an seiner Überzeugung.
Sein Erfahrungsschatz ist riesig und besteht längst nicht nur aus erfolgreichen Turnier-Kampagnen. Deschamps war bereits Nationalspieler, als “Les Bleus” 1993 in der WM-Qualifikation völlig überraschend scheiterten. Und er erlebte von Grund auf mit, wie Aimé Jacquet danach als Nationalcoach die Mannschaft formte, die später Welt- und Europameister wurde. Er sah, wie sehr Jacquet vor der Heim-WM 1998 unter Druck stand, wie sehr dessen Entscheide kritisiert wurden. Druck von aussen kann die Gruppe stärker machen. Gefährlich wird es erst, wenn das Team darunter leidet. Deshalb agiert Deschamps als ruhiger Feuerwehrmann.
(SDA)