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Zum Problem «Erkenntnis-wissenschaft»
«Wer, um Klarheit zu besitzen,
den Bleistift zückt, um ihn hart zuzuspitzen, dabei, was sag ich, damit er ihm
als scharfen Griffel nütze,
lieber spitzt als schreibt, sich
dabei den Fehlern andrer Schreiber weiht, jenen nur solange spitzt,
bis die allzu lange Spitze bricht.»
Das folgende fand vor über vier Jahrzehnten in Arlesheim statt. Zu einer Zeit also, wo es am Goetheanum unterschiedlichste studentische Gruppen, in denen, unbesorgt von Smartphones und Anthrowiki, jede Menge Zeit zur Verfügung stand, in freien Studiengruppen Schriften Rudolf Steiners zu studieren. - Eine davon hat unter der Leitung des Basler anthroposophischen Erkenntniswissenschaftlers Werner Moser (Anm.1) in einem Zweijahreskurs Steiners "Grundlinien" durchgearbeitet. Moser war zur jener Zeit freier Mitarbeiter des 1973 vom Leiter der Jugendsektion am Goetheanum Herbert Witzenmann begründeten "Seminar für freie Jugendarbeit" (wie die Studienstätte damals hiess).
Als Schüler der Eurythmieschule am Goetheanum nahm ich an jenem Seminarkurs teil und lernte an exakten Satz-, Abschnitts- und Kapitelanalysen in die Begriffsbildungen sowie in die dahinter- und darüberliegende Ideenbewegung Rudolf Steiners einzutauchen.
Moser hat einige der in den beiden Bänden "Intuition und Beobachtung" gesammelten Aufsätze von Witzenmann immer wieder lobend erwähnt. Die meisten von ihnen erschienen nach dem zweiten Weltkrieg in der Stuttgarter "Die Drei".
Als 1977 der Kurs zu Ende ging, stand zur Debatte, eine neue Textarbeit zu beginnen. Ich war daran sehr interessiert und bat Moser wiederholt, dies zu tun. Für ihn schien als Textgrundlage nur Steiners "Philosophie der Freiheit" in Frage zu kommen. Da ich mich mit ihr bereits in einer anderen, mehrere Jahre dauernden Gruppierung beschäftigte, bat ich Moser, mit uns doch Steiners "Theosophie" mit derjenigen gedanklichen Zuschärfung zu erarbeiten, wie wir sie mit ihm bei den "Grundlinien" kennengelernt hatten. Ich verstand nicht, warum er darauf nicht eingehen wollte. Reizte mich doch besonders, zu ergründen, was ich in der Vorrede zur dritten Auflage der "Theosophie" las: «Wer noch auf einem anderen Wege die hier dargestellten Wahrheiten suchen will, der findet einen solchen in meiner «Philosophie der Freiheit». In verschiedener Art streben diese beiden Bücher nach dem gleichen Ziele.» - Da ich in der offenen Frage hartnäckig blieb, gestand er mir mit dem für ihn typischem, augenzwinkernden Schalk: «Weisst du, ich bin nur ein Wegweiser, ich gehe nicht selbst den Weg.» - Für mich war seine Aussage ebenso enttäuschend wie ich die Ehrlichkeit anerkennen musste, die darin zum Ausdruck gelangte.
Damit ist das Problem "anthroposophische Erkenntniswissenschaft" eigentlich auch schon umrissen. Es tritt in jenen Momenten auf, wo ein Schüler der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners das Studium seiner philosophischen Grundschriften verlässt und dazu übergeht, sie mündlich oder schriftlich vor anderen darzustellen, sie zu präzisieren und wo es ihm nötig erscheint, diese sogar zu erläutern, ohne verständlich zu machen, warum ihm die Entwicklung Steiners selbst nicht dazu ermuntert hat, auch seine späteren Schriften auf ihre Entstehungsbedingungen hin zu studieren. Aus Vortragsäusserungen Rudolf Steiners sind uns sowohl seine Einwände wie auch seine Wertschätzung gegenüber einer Tätigkeit bekannt, die man traditionell eine philosophische nennt. So etwa die oft zitierte Äusserung im Stuttgarter Vortrag "Philosophie und Anthroposphie" aus dem Jahre 1908, gerichtet an seinen vor ihm im Publikum anwesenden ersten "philosophisch" arbeitenden und publizierenden Schüler Carl Unger:
« ... In ihren tiefsten Teilen wird die geisteswissenschaftliche Bewegung nicht durch diejenigen ihre Geltung in der Welt erlangen, die nur die Tatsachen der höheren Welt hören wollen, sondern durch solche, welche die Geduld besitzen, in eine Gedankentechnik einzudringen, die einen realen Grund für ein wirklich gediegenes Arbeiten schafft, die ein Skelett schafft für das Arbeiten in der höheren Welt.»
Seitdem hat sich vieles verändert. Einige Autoren haben in Monographien die "Philosophie der Freiheit" kommentiert und sie in die Bewusstseins- und "Mysteriengeschichte" der Menschheit einzureihen unternommen (W.J.Stein, Palmer, Witzenmann, Prokofjeff, Muschalle, Sijmons, Majorek u.a.). - Andere sind Teilaspekten oder Begriffsentwicklungen im Werk Rudolf Steiners nachgegangen (Hueck, Ravagli, Ziegler u.a.). Dann gibt es nicht wenige Autoren, die ihr eigenes Schrifttum auf die "Philosophie der Freiheit" gründen (Ballmer, Moser, Meyer, Ben Aharon, Kühlewind, Scaligero, Swassjan, Miesmuller, Archiati u.a.), was jedoch zu keiner philosophisch relevanten Weiterentwicklung der Erkenntniswissenschaft geführt hat. Auch hat dadurch weder ihre gegenseitige Verständigung noch die Bereitschaft zur Durchführung gemeinsamer anthroposophisch-wissenschaftlicher Forschungsvorhaben gefördert. (Auf Kritiker einzugehen, welche die wissenschaftliche Grundlage der Anthroposophie Rudolf Steiners bezweifeln und daher ihre epochale Bedeutung zu sehen unfähig sind, besteht angesichts ihrer in sich verstrickten und von ihnen unentdeckten Antriebe, die ausserhalb der Hingabe an das reine Denken liegen, kein Grund.) Rudolf Steiner meinte einmal, eine richtig verstandene "Philosophie der Freiheit" müsse bildhaft als leeres Buch erscheinen, worin jeder Anthroposoph seinen eigenen Gedankenweg hin zum Erfassen des Geistes beschreiben solle, so wie er in seiner denkenden Aktivität wie in seinem Erfassen der geistigen Wirklichkeit in den Welterscheinungen erlebbar werde. Was er von einer inhaltlich wörtlichen Bezugnahme auf seine "Philosophie der Freiheit" erwartete, war, dass deren nur im Verlauf des ganzen Werks bestimmbaren Satzaussagen nicht zu abstrakt anschauungslosen Überzeugungen und logisch allgemeingültigen Aussageformeln über Welt, Ich und Wirklichkeit verkommen.
« .. Zu dem Schwersten für dieses äussere Verstandesmässige in der Kultur der Gegenwart gehört es bei den Menschen, dass sie meinen, wenn sie Worte haben, dann müsse aus diesen Worten, insofern sie auf den physischen Plan geprägt sind, immer das Gleiche folgen. Hier hat man zugleich die Stelle, wo Ahriman den Menschen der Gegenwart am intensivsten im Nacken sitzt, wo er sie verhindert zu begreifen, dass die Worte erst lebendig werden in ihrer tieferen Wesenheit, wenn man sie in dem Zusammenhang erschaut, in dem sie darin stehen. Nichts was über den physischen Plan hinausreicht, kann man verstehen, wenn man diese okkulte Tatsache nicht ins Auge fasst. Ganz besonders wichtig ist es für unsere Gegenwart, dass eine solche okkulte Tatsache als ein Gegengewicht gegen die äussere Verstandeskultur, die alle Menschen ergriffen hat, auf die Seelen, auf die Herzen wirken kann.»
(Rudolf Steiner am 24. August 1913 in München)
Einundzwanzig Jahre zuvor hatte er, noch zugespitzter, diesen Gedanken bereits im Aufsatz des "Literarischer Merkur, 1892" so formuliert:
«Davon haben heute wenige Menschen eine Ahnung, dass etwas wahr sein kann, auch wenn das Gegenteil davon mit nicht geringerem Rechte behauptet werden kann. Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht [...] Dass eine jede Wahrheit nur an ihrem Platze gilt, dass sie nur so lange wahr ist, als sie unter den Bedingungen behauptet wird, unter denen sie ursprünglich ergründet wurde, das hat Hegels Genialität der Welt gelehrt. Es ist wenig begriffen worden .. »
Wenn Rudolf Steiners philosophischem Hauptwerk im Rückblick auf Jahrhunderte einmal sein überragender Platz innerhalb der europäischen Philosophiegeschichte sicher sein wird, wird man in ihm neben vielem anderen die Überwindung eines jahrhundertelang tradierten Gegensatzes zwischen gedanklichem Erfassen und künstlerischem Produzieren erkennen. - Der weltbekannte Intellektuelle Umberto Eco war stolz auf seine diesbezügliche Unterscheidungssicherheit, wenn er 1977 in seinem Grundwerk der Semiologie schrieb:
«Man möge also den Vorsatz einer heilsamen Askese darin sehen, dass die Kunst aus dem Bereich unserer Betrachtungen ausgeklammert wurde, und sich vor Augen halten, daß ein Grossteil der philosophischen Anstrengungen, die Zeichen zu bestimmen (Anm. Eco spricht von den sprachlichen Grundelementen als von Zeichen), gerade deshalb dunkel und dilettantisch bleibt, weil man es nie fertigbringt, von Zeichen zu reden, ohne sogleich auf die Kunst zu kommen.»
Ich erinnere, dass in seiner Weimarer Zeit, noch vor Abfassung der Freiheitsphilosophie, Rudolf Steiner einige Zeit der Erstellung einer allgemeinen Ästhetik gewidmet hatte. Im 19. Jhdt. erschienen bedeutende Arbeiten zum Wesen der Kunst, mit denen sich Rudolf Steiner intensiv befasst hatte (Schiller, Hegel, Schelling, Trahndorff, Vischer, Hartmann u.a.). - Kontrovers zu Hegels Kunstverständnis äusserte er sich vor allem in seinem ersten öffentlichen Vortrag überhaupt, in "Goethe als Vater einer neuen Ästhetik" (1888). Um 1891 begann er, mehrere Kapitel für die geplante Ästhetik zu schreiben (wozu sich Fragmente zu "Das Komische", "Naturalismus", "Das Tragische" erhalten haben) (Anm.2) . Wer versteht, warum Rudolf Steiner seine Ästhetik nie zu Ende geschrieben hat, sondern den seelischen Prozess, in dem "Stoff und Form" eine vermittelnde Gestaltung erfahren, ganz auf seinen - mit dem erlebten reinen Denken gemeinsamen - geistigen Produktionsquell in der menschlichen Seele zurückgeführt hat, wird sich nicht darüber wundern, dass wir in seiner Freiheitsphilosophie die Quintessenz künstlerischen Schaffens in der Beschreibung von schöpferischen Freiheitsakten vor uns haben. Was ein produktiv selbständiges Erkennen der Bildeformen des Steinerschen Denkens betrifft, so liegt seit 1979 die unerreichte Monographie zur kompositionellen Gestalt der "Philosophie der Freiheit" in Herbert Witzenmanns "Die Philosophie der Freiheit als Grundlage künstlerischen Schaffens" vor. Er hat ihr in einem zweiten Teil den, von jeder Steinerschen Vorlage unabhängigen, zwölfgliedrigen Text "Der Schulungsweg des Künstlers" hinzugefügt, und sich dabei des von Rudolf Steiner erforschten gemeinsamen Quells von Kunst und Wissenschaft (siehe dazu bereits das Schlusskapitel seiner "Grundlinien") bedient. Das Problem einer anthroposophischen Erkenntniswissenschaft entsteht immer dort, wo der historisch-philologische Akademismus des 19.Jahrhundert sich der ersten Zeugnisse der Steinerschen Erkenntnisdramatik annimmt. Wo dies geschieht, wird leider höchst "zuverlässig" die Überführung der zu Beginn heilsam disziplinierenden Erkenntnisgrammatik in eine tiefer dringende Erkenntnisdramatik vermieden. Die Autoren verfallen dann allzu leicht ins Dozieren über dasjenige, was sie sich vorstellen, von Steiner verstanden zu haben, während der empirische "goetheanistische" Grundcharakter der Erkenntniswissenschaft sie dazu auffordern würde, die Befunde der individuellen Erfahrung innerhalb des Ausnahmezustandes wiederzugeben.
Dort, wo dies nicht getan, weil die Aufgabe nicht ins Bewusstsein gehoben wurde (nämlich, nicht über Reflektionsergebnisse zu referieren, sondern das Denken im Vorgang der Vorstellungsbildung - bei Wahrnehmungs- wie Begriffsurteilen - zu beobachten Anm.3), findet gewiss eine Verfälschung von Rudolf Steiners Geisteswissenschaft statt. Sie ist durch ihre Veranlagung zu nicht erinnerbaren, sondern originär zu produzierenden Ideenbildungen gekennzeichnet. Ihr Wesen liegt gewiss nicht in den kärglichen Krümeln, womit ein ungeklärtes, ungestilltes Bedürfnis nach ideell erhöhten Gemütszuständen zu befriedigen gesucht wird. In einem Text, der zur geisteswissenschaftlich begründeten "Philosophie über den Menschen" (Anm. 4) eingereiht werden könnte, werden beweisführende, argumentativ definitorische oder gelehrt exemplifizierende nicht zu finden sein. Gerade die Überwindung von selbstreflexiven intellektuellen Oberflächenpolituren ist das epochal Neuartige, das mit dem Werk Rudolf Steiners verbunden ist. Das in den letzten Jahrhunderten immer perfekter angestrebte Ideal einer "Objektivierung" mit den historisch, philologisch, assoziativ kontextualistisch oder belehrend spekulativen Spielformen "geisteswissenschaftlichen" Vorgehens können nur das Erlebnis vermitteln, dass ein seelisch beobachteter Bezug zum realen Geist beim Autoren nicht vorlag. In Herbert Witzenmanns autobiographischen Briefen "Lichtmaschen" finden wir die folgende kritische Bemerkung zum "Lesen von Büchern Rudolf Steiners":
«Allmählich lernte ich Rudolf Steiner lesen. Ich sage nicht: "die Bücher Rudolf Steiners". Denn dieser Ausdruck, dessen sich in der heutigen Situation nur die ehrfurchtsloseste Dummheit bedienen kann, hätte sich auch früher kein Ehrlicher gestatten dürfen. Man liest Rudolf Steiner und durch ihn die geistige Welt, und wer ihn nicht so liest, liest nichts.» (Anm. 5)
Erklärt sich nicht dadurch auch die Streitbarkeit etlicher erkenntniswissenschaftlicher Autoren gegeneinander, wenn sie die allgemeinen Grundvorgänge des Erkennens vornehmlich durch die Kritik ihnen fremd verbleibender Texte darzustellen hoffen? Sie gleichen einem Menschen, der einen Roman schreiben will, jedoch nie dazu gelangt, den ersten Satz niederzuschreiben, weil er sich ausschliesslich auf das Spitzen des Bleistifts konzentriert. Auch wenn es auf diesem Felde zu beeindruckenden Werken gekommen ist, so wird man den Eindruck nicht los, dass die kritische Notiz Rudolf Steiners über Hegel (neben all seinen Äusserungen, die Hegel als den hervorragendsten Philosophen der Neuzeit ansprechen) auch auf "anthroposophische Erkenntniswissenschaftler" (sofern es eine anthroposophische Erkenntniswissenschaft neben der Exegetik von Rudolf Steiners Grundschriften überhaupt gibt) übertragbar ist:
«Hegel irrte über den Weltgeist nicht, weil er sich mit dem Forschen diesem Geist ergeben wollte, sondern weil er statt sich diesem Geiste durch die Ideen zu ergeben, er sich dieser Idee selbst ergab. - Statt sich dem Weltgeist zu ergeben: Fetischismus der Logik - » (Anm. 6)
Anlässlich einer Tagung von «Das Seminar - Sozialästhetische Schulungsstätte, Basel» habe ich den Versuch unternommen, in zwei Vorträgen einiges über die Erfahrungen des Übergangs zwischen Erkenntnisgrammatik und Erkenntnisdramatik auszuführen. (Anm. 7) - Ich erlaube mir, daraus einen Punkt zu zitieren, der den Problemkreis "anthroposophische Erkenntniswissenschaft" verständlich machen kann. Er liegt mit dem fehlenden Bewusstsein des Gültigkeitsbereichs der Erkenntniswissenschaft innerhalb des Gesamtbereichs der rosenkreuzerischen Geisteswissenschaft Rudolf Steiners vor.
« Ihre funktionellen Mischungsanteile (des sinnenfällig Wahrgenommenen und des gedanklich Bewusstgemachten) gerinnen in den Vorstellungen alltäglicher Gegenwärtigkeit, in der ahnenden Vorwegnahme der Zukunft, im planvollen Handeln, im spielerisch freien Phantasieren, im erinnernden Vergegenwärtigen eines vormals Durchlebten. Was sich dabei dem gewöhnlichen Gedankenleben entzieht, sind die Träger der Vorstellungstätigkeit: denn weder sind die reinen Wahrnehmungen vorstellbar - Witzenmann bezeichnete sie als "untervorstellbar" - noch der begriffliche Intuitionsgehalt selbst - Witzenmann nannte ihn "übervorstellbar". Somit hat sich die Erkenntniswissenschaft ihren Arbeitsplatz zwischen diesen beiden wirklichkeitsgestaltenden, doch unvorstellbaren Grundpfeilern eingerichtet...»
Die Antwort Steiners an Walter Johannes Stein auf die Frage nach der ihn am längsten überlebenden Schrift (er erwähnte die "Philosophie der Freiheit") wird oft zitiert. Der Zusatz, dass, wer die dort geschilderte Freiheitsintuition realisiere, die ganze Anthroposophie wieder erstehen lassen könne, wird dahingehend leicht missverstanden, als wäre das, was auf Steiners geistigem Entwicklungsweg lag, auch für andere der Fall. Dieser Irrtum hat dazu beigetragen, dass eine grosse Kluft zwischen den zur Dogmatik neigenden "Liebhabern der Grundschriften" und den an geistigen Mitteilungen interessierten "Studenten der Anthroposophie" entstand. Die ersten hoffen, etwa aus der "Philosophie der Freiheit", die ganze Anthroposophie rekonstruieren zu können, die anderen vermeiden es, beim Aneignen vieler Antworten auf von ihnen zuvor nicht aufgeworfene Fragen, ihr Verhältnis zu Erkentnistrieb und Wahrheitsbesitz seelisch aufzuhellen. Somit muss der Bemerkung Rudolf Steiners zu Walter Johannes Stein die andere hinzugefügt werden:
«Mit der Philosophie der Freiheit war die Anthroposophie dem Leben nach, nicht der Theorie nach, begründet ...Diejenigen, die nicht mit dem Leben zu tun haben, sondern mit Schulstaub-Logik, sagen: aus der Philosophie der Freiheit folgt logisch nicht die Anthroposophie. - Wenn es logisch folgen würde, dann hätten Sie nur sehen sollen, wie all die Schulmeister im Jahre 1894 aus der Philosophie der Freiheit heraus die Anthroposophie deduziert hätten. Das haben sie hübsch bleiben lassen. Aber hinterher gestehen sie ein, sie können es nicht deduzieren, sie bringen das nicht zusammen, machen das zu einem Widerspruch zwischen dem Späteren und dem Früheren...» (Anm.9)
Die entscheidende Frage für diejenigen unter uns, die sich als Schüler von Rudolf Steiners Geisteswissenschaft verstehen und nicht als "anthroposophische Fachwissenschaftler" unterwegs sind, betrifft somit die Aufgabenstellung, die im Studium der Schriften Rudolf Steiners veranlagt wird, aber durch das Studium allein nicht gelöst werden kann. Sie bleibt unfruchtbar, wenn der Weg nicht gefunden wird, der jeden Einzelnen an die individuell zu erfahrene Schwelle zur geistigen Welt heranführt. Sie entschiedener ins Auge zu fassen, als es im letzten Jahrhundert geschah, ist entscheidend für diejenigen, die sich jener Aufgabe inne sind.Sie entschiedener in Angriff zu nehmen, als es im letzten Jahrhundert geschah, ist entscheidend für diejenigen, die sich dieser Aufgabe inne sind. Sie muss im Umfeld von neuen Erkenntnisgemeinschaften gelingen, wenn wir uns nicht vom abstrakten Diskutieren von Fragen - deren Bedeutung ebenso nebulös wie die Fähigkeit, sie zu beantworten, abwesend ist - uns den Blick auf die Entwicklungsaufgabe trüben und uns gegenseitig hindern, dasjenige zu tun, was für die geistig-göttlichen Wesen reale Anknüpfungspunkte für ihre inspirierende Hilfestellung in unseren, historisch so schweren Tagen bilden könnte.
Anmerkungen:
1) Werner Moser, 1924 - 2003. In seinen Seminarien hat Moser vom Beginn der 70-er Jahre an bis zu seinem Tode zahlreiche Menschen in die wissenschaftliche Begründung der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners eingeführt, so Renatus Ziegler, Peter Heusser, ThomasMeyer, Reinhardt Adam, Stephan Frei u.a. - Siehe die Niederschrift von acht im Jahre 1976 am Goetheanum gehaltenen Vorträge "Anthroposophie als Geisteswissenschaft". www.verlagwamosernachlass.ch
2) Chr.Lindenberg, Rudolf Steiner - eine Biographie, S.163
3) Die Aufgabenstellung findet sich im 3.Kapitel der "Philosophie der Freiheit".
4) Zur "Philosophie über den Menschen" siehe das erste Kapitel in Rudolf Steiners "Von Seelenrätseln", 1917.
5) H.Witzenmann, Lichtmaschen, S.103. SeminarVerlag, Basel 2005 / www.das-seminar.ch
6) R.Steiner, Notizblatt 5835, wahrscheinlich aus dem Jahre 1916
7) R.A.Savoldelli, Seelische Beobachtung und Geistesschau, SeminarVerlag 2019. Erhältlich in der
Buchhandlung am Goetheanum oder über https://seminarshop.ecwid.com/
8) R.A.Savoldelli, Seelische Beobachtung und Geistesschau, S.39
9) Rudolf Steiner in seinem Dornacher Vortrag vom 17. Juni 1924