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Das Wort Narrativ, wie es heute gebraucht wird, ist ein relativ junges Wort. Es deutet die Geschichte eines Landes, wie sie ein Volk gerne hört. Es beeinflusst sein Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung. Im Grunde handelt es nicht um die wahre Geschichte eines Volkes. Ein Narrativ beruft sich auf einen Mythos oder auf überragende Persönlichkeiten. Die Schweiz erkennt sich in der Geschichte des Tell. Wilhelm Tell und weitere Helden tauchen im «Weissen Buch» von Sarnen auf, in dem die Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft erzählt wird. In arglistiger Zeit musste sich die junge, noch fragile Eidgenossenschaft in einer sinnstiftenden Geschichte erkennen können. Der kluge Landschreiber von Sarnen, Hans Schriber, fasste 1470 zusammen, was im Volk überliefert wurde. Damit erhielt die Eidgenossenschaft eine Art Identität und eine Geschichte, an der sie sich orientieren konnte. Diese Geschichte wurde über Jahrhunderte weitergereicht und in den Schulen erzählt.
Im Artikel «Boris, der Schwerelose», in der NZZ am 24. Juli, war zu lesen: «Zu Johnsons Markenzeichen gehört auch der Optimismus. Er ist überzeugt, dass ein Narrativ in der Realität Spuren hinterlässt, wenn man es nur oft genug wiederholt.» England befindet sich in einer schwierigen Wirklichkeit, also braucht das Land eine Erzählung, auf die das Volk hofft, sie sei Zukunft. Bei Johnson tönt das simpel: «England knüpft wieder an seiner Grösse an! Das Land hat sich von der Gefangenschaft in der bürokratischen EU befreit.» Das heisst schlicht und einfach, es geht einer blühenden Zeit entgegen. Putin muss bei seinen Allmachtsphantasien nur auf Napoleon und Hitler verweisen, um seine Innen- und Aussenpolitik zu begründen und sie mit einigen Fakten, wie dem Krieg in der Ostukraine und der Eroberung der Krim, befestigen. Der Westen ist der Aggressor, den es abzuwehren gilt.
Menschen lassen sich gern von einem Narrativ leiten. Sie fragen nicht nach der historischen Wahrheit. In jedem Narrativ steckt ein Kern Realität, aber auch viel Phantastik. Die Historiker haben im Grunde Tell schon längst entzaubert, aber er lebt munter als Mythos weiter. Friedrich Schiller hat Wilhelm Tell zum Helden seines Schauspiels gemacht, das 1804 in Weimar uraufgeführt wurde. Selbst Max Frisch mit seinem kritischen «Tell für die Schule» konnte Schillers Narrativ des Freiheitkampfes nicht verdrängen. Die Tellgeschichte ist zu schön und zu theatral.
Wir alle sind in Geschichten verstrickt. Der Philosoph Wilhelm Schapp schrieb in seinem grundlegenden Werk «Philosophie der Geschichten», man könne einen Menschen in seinem Kern nur verstehen, wenn man seine Geschichten kenne. Er wachse von Kind auf in einen Berg von Geschichten hinein, die er als Erbe mittrage, und erlebe viele weiteren Geschichten. Solche Geschichten prägen die Biographie. Was für einen einzelnen Menschen zählt, gilt auch für ein Volk. Der älteren Generation wurde die Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft noch wie eine wahre Geschichte erzählt und die Schweizer erkannten sich darin als Eid-Genossenschaft.
Heute, wo die Schweiz nicht recht weiss, was sie im Europa der EU sein will, wird der Mythos von Tell wieder bemüht und Wörter wie Vögte und fremde Richter bestimmen in weiten Teilen des Volkes die Haltung gegenüber der EU. Diese emotionalisieren die Abwehrreaktionen und verhindern zugleich eine genaue Prüfung der Realität, wie sie sich heute darstellt. Die Schweiz wird zu einem Igel und lebt in einer politischen Wirklichkeit, die mit der modernen Zeit nicht mehr übereinstimmt. Die Erzählung über die fremden Vögte und Richter hat sich in vielen Köpfen so sehr festgesetzt, dass sie das sachliche Denken und Abwägen beeinflusst. Sie verhindert zudem, dass ein neues Narrativ entstehen kann. Was war denn die Schweiz auch ohne Tell und Hellebarden-Helden? Ein Land, das sich immer geschickt und klug den neuen Wirklichkeiten angepasst hatte.