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Ein Brief aus Londonvon Ursula MacKenzie
London, im Herbst 1996
Edward Heath hat es schon wieder fertiggebracht: Bereits zum dritten Male beteiligte sich unser ehemaliger Prime Minister als Sprecher an einer Moon-Konferenz. Diesmal sprach er in Washington 20 Minuten lang über "Familienwerte im 21. Jahrhundert". Sein Honorar war beträchtlich: L 35.000 (etwa 75.000 DM).
Heath befand sich nicht etwa in schlechter Gesellschaft. Andere "Ehemalige", darunter George Bush und Gerald Ford, waren auch anwesend. Was mag Leute, die einst Länder regierten, dazu bewegen, sich von Moon für ein paar Plattheiten schwer bezahlen zu lassen? Sollte das nicht unter ihrer Würde sein? Unwissenheit können sie nicht vorschützen. Es ist längst allgemein bekannt, daß die "Family Federation for World Peace" zu Moons Imperium gehört. Nicht alle Sprecher waren "passé". Einer zumindest wiegte sich noch in Zukunftshoffnungen, nämlich Mr. Jack Kemp, Senator Doles vorgesehener Vizepräsident. Mr. Kemp sagte anscheinend am selben Abend wie Heath sein Sprüchlein auf. Man kann daraus ersehen, daß Moon sich nach beiden politischen Seiten absichert.
Lord Healey, Außenminister in der letzten britischen Labour-Regierung, soll im Juni in Japan für die "Federation for Island Commonwealths for Peace" als Sprecher fungiert haben. Vielleicht war ihm in diesem Fall wirklich nicht bekannt, daß auch diese Organisation eine Moon-Branche ist.
Unsere Presse scheut sich vor klarer Stellungnahme. Briefe an die Redaktion - ich habe mehrere verfaßt - werden weder gedruckt noch bestätigt.
Ich hatte dem "Berliner Dialog" bisher noch nicht mitgeteilt, daß im Mai ein Verbot aufgehoben wurde, unter dem Scientologen sich nicht an Fernsehreklame beteiligen durften. Das Werbeverbot, verhängt 1993, war also nur drei Jahre wirksam. Wer mit der Aufhebung nicht einverstanden war, beschwerte sich schriftlich bei der "Independent Television Commission (ITC)". Es muß viel Post eingelaufen sein, aber viel Erfolg hatte die ganze Schreiberei nicht. Jeder wurde mit einem Pauschalbrief abgespeist, in dem die Organisation sich rechtfertigte. Religiöse Werbung jeder Art sei bis 1990 untersagt gewesen. Nach Aufhebung dieses Bannes hätte ITC sich zu folgenden Richtlinien verpflichten müssen:
Werbung kann nicht akzeptiert werden von Gruppierungen, die:
- 1. gesetzwidriges Verhalten ausüben oder solches unterstützen
- 2. Öffentlichkeit ausschalten von Riten und anderen Kommunalverpflichtungen.
ITC findet, daß gegen die "Scientologykirche" und "New Era Publications" nichts vorliegt. "Im Lichte von zuverlässigen Aussagen aus akademischen Kreisen" sind sie auch in zu Punkt 2 akzeptierbar. Leser, die sich bei Scientology gut auskennen, werden sich über diese Schlußfolgerung wundern, es sei denn, sie haben sich das Wundern allmählich abgewöhnt. Noch haben wir keine Scientology-Reklame im Werbefernsehen bemerkt, aber wenn sie kommt, wird sie ITC sicher allerhand einbringen. Die Scientologen hoffen, da in Bälde wieder etliches einzusparen. Sie bewerben sich z. Zt. um "Charitable Status". Sollte ihr Antrag positiv bewertet werden, würden sie dann ein "wohltätiger Verein", grotesk, aber nicht zum Lachen!
Um auf Heath zurückzukommen: Ein internationales Sprichwort lautet "Man beißt nicht die Hand, die einen füttert". Aus diesem Grunde werden großzügig bezahlte Konferenzredner auch nichts gegen ihren Gastgeber sagen. Entsprechend hat sich Heath stark gegen das über Moon im Herbst verhängte Einreiseverbot ausgesprochen. Moon hat sein Geld gut angelegt!
Ursula MacKenzie, 65,
stammt aus Chemnitz und lebt seit 1955 in England. Nach über 16
Jahren Arbeit für FAIR (Familiy, Action, Information & Rescue), die
britische Elterninitiative, die zugleich Beratungs- und Hilfsdienst
für Familien und Freunde von Kultbetroffenen ist. Sie lebt jetzt im
Ruhestand in London und schreibt exklusiv für den BERLINER
DIALOG ihre regelmäßige Kolumne.
Aus BERLINER DIALOG 4-96, © 1996