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NORGE BLOGG #2 // Trondheim liegt auf gut 63° nördlicher Breite. Das ist für norwegische Verhältnisse zwar nicht wirklich im Norden. Und doch: Die Stadt und ihr Umland liegen ähnlich weit nördlich wie Reykjavik, Nuuk auf Grönland oder der Denali Nationalpark in Alaska. Ein Drittel des Staatsgebiets liegt nördlich des Polarkreises. Wie kann in diesen Breitengraden, mit wenig fruchtbarem Boden und langen Wintern, Landwirtschaft betrieben werden?
Weg nach Norden: Vom mittelnorwegischen Trondheim mit Getreidefeldern und Viehwirtschaft, über die Täler im Landesinneren, den Fjell mit seiner kargen Vegetation bis auf die Lofoten, wo wir zwischen schroffen Bergen und Moorgebieten eine sehr kleinräumige, aber vielfältige Landwirtschaft angetroffen haben. Fotos: Annemarie Raemy, 2023
Möglich macht es der Nordatlantikstrom, der warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko bis nach West- und Nordeuropa bringt. Dadurch weist Norwegen ein wärmeres Klima auf, als aufgrund der geographischen Breite zu erwarten wäre, und die gesamte Westküste Norwegens bleibt auch im Winter eisfrei. Die tief eingeschnittenen Fjorde an der Küste, der karge Fjell (Hochebenen) des Gebirges im Landesinneren sowie die dazwischen liegenden Täler mit einem kontinentaleren Klima, erzählen von den eiszeitlichen Gletschern, die das Land einst bedeckten. Die Landschaft ist kleinräumig, was auch die landwirtschaftlichen Strukturen beeinflusst hat.
Nur 3,5 % der Landesfläche (ohne Svalbard und Jan Mayen) sind landwirtschaftliche Nutzfläche, in der Schweiz sind es etwa 25 %. Diese verteilt sich überwiegend auf die vom Golfstrom begünstigten Küstengebiete und die tiefergelegenen Regionen im Innenland. Ein Grossteil der fruchtbaren Böden kann auf Grund der geografischen Breite Norwegens nur als Wiese oder Weide genutzt werden. Dank der klimatischen Gunstlage dafür bis nach Nordnorwegen. Der höher gelegene Fjell wird als Sommerweiden für die extensive Schafzucht genutzt. Die Samen beweiden die Stauden, Flechten und Moose des Fjells saisonal mit ihren halbdomestizierten Rentierherden.
Die graslandbasierte Viehwirtschaft für die Milch- und Fleischproduktion ist das Rückgrat der norwegischen Landwirtschaft. Dazu kommen die Schweine- und Hühnerhaltung. Nicht überraschend sind die wichtigsten Erzeugnisse der norwegischen Landwirtschaft Milch, Fleisch und Eier – 2022 generierten sie 63,3 % des Gesamteinkommens aus landwirtschaftlichen Produkten (s. Abbildung). Die seit Anfang der 1950er Jahre verfolgte Agrarpolitik hat gezielt dazu beigetragen, den Getreideanbau auf das Flachland zu konzentrieren. Die Viehhaltung wiederum wurde in Gebiete gelenkt, in denen die Anbaubedingungen für Getreide ungeeignet sind.
Kartoffel- und Getreideanbau findet man hauptsächlich in Ost- und Mittelnorwegen- hauptsächlich Gerste und Hafer, wobei der grösste Teil als Futtergetreide dient. Nur ein kleiner Teil der Getreideanbaufläche wird für Brotgetreide verwendet. Beeren- und Obstkulturen (Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen) befinden sich in den südlichen und südwestlichen Landesteilen. Aufgrund des Klimas wird in Norwegen vor allem Wurzel- und Kohlgemüse angebaut. Norwegen liegt am äussersten Rand des Anbaugebiets für mehrere wichtige Kulturpflanzen und ist eines der wenigen europäischen Länder, in denen keine Zuckerrüben angebaut werden können.
Auch in Norwegen ist in den letzten Jahrzehnten das Produktionsvolumen auf der gleichen landwirtschaftlichen Fläche gestiegen. Noch nie arbeiteten so wenig Menschen in der Landwirtschaft, und noch nie war der Ertrag pro Kuh so hoch wie heute. Dafür brauchte es mehr Effizienz (Maschinen) und (kapitalintensiven) Input an Produktionsmitteln wie Dünger, Pestizide und Futtermittel. Das wirft ökologische Fragen auf. Diskutiert werden auch Selbstversorgungsgrad und Proteinanbau. So will Norwegen den Getreideanbau im eigenen Land erheblich erhöhen. Die Produktion von Haferflocken soll bis 2030 gar zu 100 % im Land stattfinden. Dazu sollen robuste Getreidesorten sowie Ackerbohnen und Erbsen entwickelt werden, die für den hiesigen Anbau geeignet sind.
|Annemarie Raemy lebt und arbeitet mit ihrer Familie von August bis Dezember 2023 in Trondheim. Im «Norge Blogg» berichtet sie während dieser Zeit über Land, Leute und Landwirtschaft in Norwegen. Sie ist Teil des Teams der Geschäftsstelle der Kleinbauern-Vereinigung.|