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Bern 14 April 1860
Mein lieber Freund!
Du weißt, daß der Genfer De la Rive1 in London accreditirt ist. Er ist ausgezeichnet aufgenommen u wirkt vortrefflich.
In einem gestern eingegangenen Briefe2 meldete er: Rußland sey günstiger (was jedoch nur relativ zu verstehen ist); Russel3 versprach die Conferenz möglichst zu beschleunigen, die jedoch vor der Abstimmung in Savoien natürlich nicht statt finden könne; er billigt die Garnison in Genf u das feste aber mäßige Auftreten des Bundesraths. Dann fügte De la Rive bey: Mais évitez toute apparence d'occupation militaire de la Savoie. – D'ailleurs je crois qu'il faut donner encore à l'Empereur4 le moyen de se retourner et par consequence nous ne devons pas le porter à bout; nous devons le ménager sans pourtant aller à le flatter ce qui serait de la bassesse. – Man hält nur die 50 Mill. Schulden vor, welche Nord Sav. übernehmen müßte (offenbar stark übertrieben!) u hat den Gedanken mit der militärischen Grenze zu markten, d. h. über die Richtung der Linie. In dieser Hinsicht können wir allerdings Frankreich eine etwelche Conc ession5 machen, durch Fixierung der Grenze über den Mont-Vuache statt des Flüßchens les Usses ; aber in Faucigny ist eine Concession kaum möglich – |
Heute (u das ist viel wichtiger) vernehmen wir6 von Hrn De la Rive als Thatsache, daß die Conferenz sofort nach der Savoyer Abstimmung und vor der Ratification des Vertrags durch die Sard. Kammern statt finden werde, daß auch die Stimmung der andern Großmächte, besonders Preußens sehr günstig sey u daß England die Grundlage einer territorialen Cession vorschlagen werde. Frankreich wolle die Conferenz zugeben u diese Frage zur Discussion bringen laßen. Russel entwickle große Thätigkeit für unsre Sache. –
Die Interpellation Englands, von der ich dir schrieb, soll auf einem unbewachten Worte Kerns beruhen, welchem Thouvenel7 dann die Bedeutung des Anerbietens von Separat Vorschlägen auf einer andern Grundlage gab. Wir müßen diese Sache um so mehr ins Klare bringen, als uns Frankreich noch eine andre damit zusammenhängende Intrige spielte durch Publication einer VerbalNote v. 13 März 8 an den Bundesrath, von welcher uns nicht einmal eine Abschrift gegeben wurde. In derselben ist ebenfalls jenes angebliche Anerbieten v. Separat Verhandlungen enthalten u man wollte uns offenbar bey den andern Staaten, namentlich in Deutschland anschwärzen, wo die Note zuerst in der Köllner Zeitung9 erschien. –
Ich bitte dich von diesen Nachrichten einen sehr confidentiellen Gebrauch zu machen, indem wir wünschen, daß diese neuste Sachlage nicht v. der Schweiz aus publicirt werde. Natürlich | kannst du sie mit dieser Restriction Hrn Dubs mittheilen u ihm sagen, daß er, wenn es nicht schon geschah, auf dem gleichen Kanal nach Paris zurückberichten möchte, es sey gegenwärtig eine Separatverhandlung zwischen der Schweiz u Frankreich nicht möglich.
Meine besten Grüße!
Dein
F
Willst du Ehrhardt gelegentlich sagen, ich habe seinen Auftrag bei Hrn Blösch10 vollzogen – ob mit Erfolg, weiß ich noch nicht.
Was die Mission v. Dapples11 betrifft, so war er eigentlich für Petersburg bestimmt; allein da die letztre nicht zu Stande kam, so wurde er dann für Berlin bestimmt, zumal er schon angefragt worden war. Sonst beabsichtigten wir Hrn Heer12 nach Berlin zu schicken; ich hätte es vorgezogen. Indeß D. kennt die Sache auch sehr genau, ist dafür begeistert u wird gut repräsentiren.