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Beethovens «Mondscheinsonate» – Kunst oder Kitsch?
- Mittwoch, 18. Juni 2014, 15:10 Uhr
Beethoven hat 32 Klaviersonaten geschrieben. Warum ist diese eine, die Nummer 14, so berühmt, dass selbst Klassikmuffel sie sofort erkennen? Ist sie so genial oder, im Gegenteil, so einfach gestrickt? Beides trifft zu. Und das ist vielleicht das Geheimnis.
Nicht nur Richard Clayderman hat sie im Repertoire, sogar die Rockband Tote Hosen zitiert sie in ihrem Song «Hier kommt Alex». Der bezieht sich wiederum auf den Film «Clockwork Orange», in dem die Hauptfigur auf Beethovens Musik fixiert ist. Die «Mondscheinsonate» ist so etwas wie ein Beethoven-Code, so ähnlich wie der Anfang der Fünften. Nur eignet sie sich noch viel mehr für kitschig-romantische Versionen à la Richard Clayderman.
Wilde Spekulationen
Schon zu Beethovens Zeiten kursierten die wildesten Geschichten: Die Szene eines blinden schönen Mädchens im Mondschein am Klavier habe Beethoven so gerührt, dass er sich sanft neben sie hinsetzte und spontan den ersten Satz aus dieser Sonate improvisierte. Eine andere Version besagt, er habe das Stück aus dem Stegreif bei der Totenwache eines Freundes erfunden.
Und schliesslich gibt es da noch die schlüssigste Vermutung: Der erste Satz ähnelt musikalisch einer Stelle in Mozarts «Don Giovanni», der Sterbeszene des Komturs – von dorther hat Beethoven die Triolenbewegung. Darum wird dieser erste Satz auch als «Totenmusik» bezeichnet.
Franz Liszt soll sie darum seinem Publikum in einem völlig abgedunkelten Zimmer vorgespielt haben. Diese Musik hat aufgewühlt. Nacht, Tod, sogar eine Liebesgeschichte hat man dem Single Beethoven im Zusammenhang mit dieser Sonate nachgesagt. Der Witz ist: Beethoven selber hat seinem Stück keinen Titel gegeben. Eifrige Zeitgenossen haben sie in ihrer Verklärung «Mondscheinsonate» getauft.
Genialer Gassenhauer?
Was steckt denn nun musikalisch hinter dieser Sonate, vor allem hinter dem ersten Satz, der sie so berühmt machte? Es ist erstens die Form: Dieser Satz fliesst vom Anfang bis zum Schluss in Triolen dahin, er löst die damals übliche dreiteilige Form nicht ein. Da hat Beethoven etwas ganz neues ausprobiert. Mit dem Effekt, dass die Hörerin, der Hörer sich nicht durch eine Struktur hören muss, die für ungeübte Ohren vielleicht zu kompliziert ist.
Zweitens ist das Thema, also die Melodie in der rechten Hand, so einfach, dass sie eben wie ein Code wirkt: sechs Mal wird der gleiche Ton angeschlagen, und nach diesem sechsten Ton weiss man nun mit grosser Sicherheit: Das ist sie, die Mondscheinsonate. Das ist kein billiger Trick von Beethoven, sondern die geniale Idee zum grössten Klavierhit aller Zeiten. Kitsch ist diese einfach Melodie nur, wenn man sie kitschig spielt: Immer auf den ersten Taktschlag betont, mit grossen Crescendi, einem süss-monotonen Streicherklang unterlegt und dann noch mit einem uninspirierten Beat aufgepeppt, der an ein Dancing im schlechtesten Club der Stadt erinnert.
Neue Klangbilder der Mondscheinsonate
Spannender sind da die Versuche von Pianisten, die sich auf die Entstehungszeit beziehen und versuchen, ein für heutige Ohren wieder ganz neues Klangbild dieser so abgenudelten Musik zu kreieren: András Schiff (s. Audiobeispiel oben), der den ganzen Satz mit heruntergedrücktem Pedal spielt, was die Klangfarben vermischt und für Puristen unverständlich ist, aber aus einem Kommentar von Beethoven abgeleitet ist und durchaus seinen Reiz hat.
Oder aber Ronald Brautigam (s. Audiobeispiel oben): Er interpretiert den berühmtesten Mondschein der Musikgeschichte auf einem alten Flügel aus Beethovens Zeit, was dieser Musik «mehr Dreck» beschert – und sie dadurch noch berührender macht.
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