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Ausgangslage
Der Kanton Tessin lancierte 2001 ein Sanierungsprojekt für den gesamten Cassarate im Umfang von 22 Millionen Franken. 2004 wurde beschlossen, die Flussmündung des Cassarate zu renaturieren und ein Wettbewerb für die Umgestaltung wurde ausgeschrieben. Die Kosten für das Projekt «Foce del Fiume Cassarate», 5,93 Millionen sollten sich Bund, Kanton und die Stadt aufteilen. Trotz starkem politischem Widerstand stimmte die Bevölkerung Luganos dem Kredit mit 50,6 Prozent Ja-Stimmen zu. Damit konnte der Cassarate über eine Länge von 150 Metern renaturiert und der Bevölkerung als Erholungsraum zugänglich gemacht werden. Ein neuer Weg und eine Brücke für den Langsamverkehr verbinden die beiden Ufer und ermöglichen im Sommer einen direkten Zugang vom Stadtpark, dem Parco Ciani, zur einzigen öffentlichen Badeanlage von Lugano.
Bewertung
Lage
Das Delta des Cassarate befindet sich im Zentrum von Lugano, der Fluss bildete vor der Fusion mit Cassarate die Gemeindegrenze. Das Areal ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen (Bushaltestelle im Norden des Areals) und von der Altstadt zu Fuss oder mit dem Velo über den Parco Ciani leicht zu erreichen. Am Rand des Parco Ciani befinden sich mehrere Cafés, Restaurants und der Lido.
Gemeinde
Die Stadt Lugano hat noch keine umfassende Strategie zur Innenentwicklung erarbeitet. Es fehlt auch eine Vision zur Verdichtung von Arealen oder zum Umgang mit öffentlichen Räumen. Für Neubauten werden oft Architekturwettbewerbe durchgeführt. Die Stadt hat jedoch erst wenig Erfahrung mit qualitativen Verfahren bei der Entwicklung und Gestaltung öffentlicher Räume. Der Wettbewerb für den Foce del Cassarate war eine Premiere. Er löste heftige Reaktionen und eine breite öffentliche Debatte über die Finanzierung, den Nutzen und die Priorität des Vorhabens aus. Der Stadtrat und das Parlament unterstützte das Projekt.
Eigentum
Die Bauherren des Foce del Cassarate waren der Kanton und die Stadt. Als alleinige Eigentümer auf dem Areal (Wasserlauf, Fluss- und Seeufer, Gymnasium, Stadtpark) hatten sie von Anfang an die gleichen Erwartungen.
Kennziffern
- Einwohnerzahl: 63'583 (2016)
- Arealgrösse: 16'000 m2
- Investitionskosten: 5,9 Millionen CHF
- Qualität der ÖV-Erschliessung: B/C - gute/mittelmässige Erschliessung
- Gemeindetyp BFS: Städtische Gemeinde einer mittelgrossen Agglomeration
Prozess
2004 wurde für die Umgestaltung des Fluss- und Seeufers ein Wettbewerb im selektiven Verfahren ausgeschrieben und ein Siegerprojekt erkoren. Die Bewilligung des Kredits für die Umsetzung dieses Projekts durch die Stadt führte in der Bevölkerung zu einer Welle der Opposition und zur Gründung eines Referendumskomitees. Diese Reaktion lässt sich zum Teil durch die fehlende Mitwirkung und mangelnde Information über das Projekt erklären. Das siegreiche Architekturbüro setzte sich in der Folge stark für eine offene Kommunikation ein. Zudem wurde ein überparteiliches Komitee zur Unterstützung des Projekts Foce del Cassarate gebildet. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern dauerten mehrere Monate, ermöglichten aber eine breite Diskussion über die Herausforderungen dieses Vorhabens, vor allem in Bezug auf den öffentlichen Raum und die zukünftige Verdichtung des neuen Grossraums Lugano.
Akzeptanz
Dank dieser Umgestaltung konnte ein zentraler, aber bis dahin unzugänglicher Ort der Stadt neu entdeckt und für die Bevölkerung erlebbar gemacht werden. Die Wege für Fussgängerinnen, Fussgänger und Velofahrende wurden verbessert. Dank einer neuen Passerelle müssen sie nun nicht mehr die entfernte Brücke der stark befahrenen Kantonsstrasse benutzen, um vom Stadtzentrum in die Quartiere Cassarate und Castagnola (Fusionsgemeinden) zu gelangen. Das Projekt Foce del Fiume ermöglichte es zudem, den Hochwasserschutz zu verbessern, die Biodiversität zu erhöhen und den Erholungsraum des Parco Ciani auszudehnen.
Dichte
Da das Projekt keine Neubauten umfasst, wurde die bauliche Dichte nicht erhöht. Hingegen nahmen die funktionale und soziale Dichte deutlich zu, da sich die Bevölkerung diesen Ort, der lange Zeit ohne Leben war, nun aneignen konnte. Jetzt bieten sich hier verschiedene Nutzungen an: erhöhter Holzsteg, Bänke, Platz, Strand, Steinstufen usw. Der Foce del Cassarate wird heute stark frequentiert. Durch die Schaffung dieses attraktiven Erholungsraums kann in Zukunft eine Verdichtung der benachbarten Quartiere ins Auge gefasst werden.
Qualität
Das Projekt öffnet einen Teil der Stadt, der für die Bevölkerung zuvor verbaut und nicht zugänglich war. Es erweitert mit einer hochwertigen öffentlichen Grünfläche und einem ungefährlichen Zugang zum Fluss den bestehenden Parco Ciani. Der Foce del Cassarate ist zudem eine effiziente Antwort auf das dringende Bedürfnis, die Stadt vor Hochwassern zu schützen und gleichzeitig die Biodiversität zu fördern.
Wirtschaftlichkeit
Die Gestaltung des Parks wurde durch den Bund, den Kanton und die Stadt Lugano finanziert. Mit dieser Investition kann dieser Stadtteil vor Naturgefahren geschützt und gleichzeitig ein öffentlicher Raum geschaffen werden, der den Erwartungen der Bevölkerung entspricht. Das Projekt ist Bestandteil einer Gesamtplanung zur etappenweisen Umgestaltung des Flussufers von der Mündung in Lugano bis ins Val Colla.
Zusammenfassung
Der Foce del Cassarate soll zusammen mit dem Parco Ciani zur grünen Lunge des neuen Lugano werden, das aus der Fusion mehrerer Gemeinden hervorgegangen ist. Der hochwertige, offene Grünraum bietet eine gewisse Kompensation für die bauliche Verdichtung in den Agglomerationen. Indem die Stadt den neuen Erholungsraum für die Bevölkerung mit dem Schutz vor Hochwasser koppelte, schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Projekt ermöglicht zudem eine Verbesserung der Fuss- und Velowege. Auch landschaftliche Qualitäten und die Biodiversität werden erhöht, und dies in einer Stadt, die von Autos dominiert wird und in der die Böden stark versiegelt sind. Mit dem Freiraumprojekt Foce del Cassarate wurden neue Wege eingeschlagen. Es wurde auf politischer Ebene denn auch nicht problemlos akzeptiert. Die rege Nutzung und erfolgreiche Inbesitznahme durch die Bevölkerung zeigen aber, dass die richtigen Entscheide getroffen wurden. Jetzt müssen noch die benachbarten Quartiere hochwertig entwickelt werden, damit das Potenzial dieses aussergewöhnlichen öffentlichen Raumes maximal genutzt wird.
Besondere Stärken
Aus Sicht von EspaceSuisse sind folgende Punkte des Beispiels besonders erwähnenswert:
- Er verbindet Massnahmen für den Hochwasserschutz mit der Gestaltung eines neuen öffentlichen Raumes.
- Der Park ist ein zentraler Standort innerhalb der heutigen Stadt (nach der Gemeindefusion), und eine Voraussetzung für eine Quartierverdichtung.
- Der Foce del Cassarate wurde hochwertig umgesetzt mit einem besonderen Augenmerk auf die Landschaft und die gesellschaftliche Dimension.
Quellen
- 2014. Ein Fluss sendet urbanistische Signale aus. Neue Zürcher Zeitung vom 14. Juni, Zürich.
- 2014. Von der Stadtgrenze zum Mittelpunkt., Hochparterre 12/2014, Zürich.
- 2014. La riqualifica idraulica del fiume Cassarate: spazi liberi di qualità per la nuova Lugano. Tagung VLP-ASPAN «Spazi Liberi» vom 21. Oktober, Ascona.
- 2017. Officina del Paessagio, Sophie Ambroise, Lugano.
Stand der Bewertung durch EspaceSuisse: Juni 2018