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Die Kernpunkte dieses Fachartikels auf einen Blick:
- Was ist das Bálint-Syndrom?
- Geschichte
- Symptome des Bálint-Syndroms
- Anatomische Orientierung
- Diagnosestellung
- Behandlung (Therapieversuche)
Bálint-Syndrom: schwere Aufmerksamkeits- und Orientierungsstörungen als dominantes Kennzeichen
Bei dem sogenannten Bálint-Syndrom handelt es sich um ein sehr selten auftretendes Phänomen, das sich vor allem in einer ausgeprägten Störung der räumlichen Orientierung sowie der visuellen Aufmerksamkeit niederschlägt.
Seinen Namen verdankt das Syndrom dem ungarisch-österreichischen Neurologen Rezsö Bálint(1874-1929), der es erstmalig beschrieb.
Zu den markantesten Merkmalen zählen die sogenannte optische Ataxie, die okuläre Apraxie sowie die Simultanagnosie. Während Letztere die starke Beeinträchtigung der Fähigkeit, komplexe Bilder als Ganzes wahrzunehmen, beschreibt, bezieht sich die sogenannte okuläre Apraxie auf die nachlassende Fähigkeit, mit den Augen auf ein Ziel ausgerichtete Blickbewegungen auszuführen.
Bei einer optischen Ataxie hingegen sind Betroffene nicht mehr dazu in der Lage, von den Augen kontrollierte, zielgerichtete Handbewegungen auszuführen. Ein Beispiel ist hier das Greifen nach einer Türklinke oder einem Glas auf dem Tisch.
Vom 'Werdegang' eines Syndroms: ein Blick in die Geschichte
Zwar impliziert die Bezeichnung des hier im Zentrum stehenden Krankheitsbildes, dass seine Entdeckung grösstenteils den Studien und Beobachtungen Bálints zuzuschreiben ist.
Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang jedoch, dass vor allem Fallberichte von Holmes und Inouye, die das Auftreten des Bálint-Syndroms bei Menschen mit Schussverletzungen dokumentieren, die Ergebnisse des ungarisch-österreichischen Neurologen auf nicht unerhebliche Weise ergänzten.
Bálint selbst stützte seine Erkenntnisse in erster Linie auf die Erfahrungen mit einem Patienten, der infolge mehrerer Hirninfarkte, die wiederum Läsionen auf beiden Seiten des Gehirnes nach sich zogen, eine spezielle Symptomatik entwickelte.
Zu den besonders ausgeprägten Krankheitszeichen zählten dabei eine stark eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit beim Betrachten von Objekten in unterschiedlichen Grössen. Konkret äusserte sich diese unter anderem in der Unfähigkeit, mehrere im Gesichtsfeld befindliche Gegenstände gleichzeitig wahrzunehmen.
Abgesehen von anderen alltäglichen Handlungen war der Patient zudem nicht mehr in der Lage, einen zusammenhängenden Text zu lesen, da dieser für ihn nur noch ein verwirrendes Gebilde aus Buchstaben, die keinen tieferen Sinn ergaben, darstellte.
Auch Holmes Patienten wiesen eine starke Beeinträchtigung der räumlichen Tiefenwahrnehmung auf. Darüber hinaus zeigten sie die typischen Merkmale einer okulären Apraxie.
Das Bálint-Syndrom: Einzelheiten zur Symptomatik
Auf die wichtigsten Charakteristika des Bálint-Syndroms wurde bereits eingegangen. Bezeichnend ist hier das Zusammenspiel aus mehreren Krankheitszeichen, die zumeist parallel auftreten.
Im Detail handelt es sich dabei um Blickstörungen, Störungen der räumlichen Orientierung sowie die bereits beschriebenen Symptome Simultanagnosie und optische Ataxie.
Aufmerksamkeits- und Orientierungsstörung: die beiden Seiten des Bálint-Syndroms
In der medizinischen Fachwelt wird zwischen zwei Seiten des Syndroms unterschieden. Während die eine Seite eine visuelle Aufmerksamkeitsstörung beschreibt, ist für die andere Seite eine ausgeprägte räumliche Orientierungsstörung charakteristisch.
Doch was hat es damit genau auf sich?
Kommt es zu einem visuellen Aufmerksamkeitsdefizit, so äussert sich dies unter anderem in der bereits beschriebenen Unfähigkeit, komplexe Bilder als Ganzes zu erfassen. Entsprechend beschränkt sich hier die Wahrnehmungsfähigkeit auf einzelne Objekte bzw. Ausschnitte.
Abgesehen von diesem in der Medizin als Simultanagnosie bezeichneten Phänomen kommt es im Rahmen des Bálint-Syndroms oftmals auch zu einem sogenannten Hemineglect. Dahinter verbirgt sich das Nicht-Wahrnehmen einer Raumhälfte.
In der Kategorie der räumlichen Orientierungsstörung wiederum sind sowohl die optische Ataxie als auch die okuläre Apraxie zu finden.
Diese beiden bereits aufgeführten Störungen, die das Unvermögen, über die Augen erhaltene visuelle Nachrichten für die Koordination von Greif- und Augenbewegungen zu nutzen, benennen, führen oftmals zu weiteren gravierenden Einschränkungen.
Beispiele sind die sogenannte Agraphie, sprich die Unfähigkeit zu schreiben, sowie die Alexie bzw. die nachlassende Fähigkeit zu lesen.
Darüber hinaus geht die räumliche Orientierungsstörung mit einer drastischen Reduktion der Tiefenwahrnehmung einher, die sich aufgrund der Unfähigkeit, Entfernungen richtig zu bestimmen, unter anderem im Strassenverkehr als ausgesprochen gefährlich erweisen kann.
Grundlegende Fakten zur Anatomie
Von dem Bálint-Syndrom sind beide Gehirnhälften betroffen. Konkret handelt es sich dabei um eine Schädigung der parieto-okzipitalen oder aber der parietalen Lappen auf beiden Seiten des Gehirns.
Der sogenannte Parietallappen bezeichnet den mittleren Bereich des oberen Teils des Gehirns. Der Occipitallappen wiederum bildet den hinteren Teil des Gehirns. Die Sehrinde bleibt von den Störungen unbeeinflusst.
An dieser Stelle ist die Gefahr der Verwechslung mit anderen Hirnläsionen, die eine vergleichbare Symptomatik aufweisen, zu betonen. Beispiele sind im Rahmen von Psychosen auftretende funktionelle Störungen sowie unter anderem mit der Creutzfeld-Jakob-Krankheit einhergehende diffuse Schäden.
Tritt die optische Ataxie alleine auf, so liegt die Ursache zumeist in einer einseitigen Schädigung des oberen Scheitelläppchens.
Eine genaue Abgrenzung zwischen dem Bálint-Syndrom und anderen Beschwerden erfolgt im Rahmen einer detaillierten Diagnosefindung.
Diagnose Bálint-Syndrom: Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt
Auf das grosse Risiko einer Fehldiagnose wurde bereits verwiesen. Eine grundlegende Unerfahrenheit auf Seiten der Ärzte und das eher seltene Auftreten dieses Symptomkomplexes sind Faktoren, die oftmals zu einer fehlerhaften Einschätzung und Beurteilung der Krankheitszeichen führen.
Erkannt wird das Bálint-Syndrom zumeist von Therapeuten, die für die Rehabilitation nach einer Hirnläsion zuständig sind.
Grundsätzlich verweist jede Form von Störung der Raumdarstellung, die unmittelbar im Anschluss an eine beidseitige, parietale Schädigung auftritt, auf ein Bálint-Syndrom.
Auch Schäden des bilateralen okzipitoparietalen Bereiches sollten bei der Diagnosestellung berücksichtigt werden, zumal sie häufig an einem Bálint-Syndrom beteiligt sind.
Stichwort neuroanatomische Evidenz
Das Bálint-Syndrom wurde bei Patienten mit einer beidseitigen Schädigung der hinteren parietalen Kortikalis festgestellt. Hirntumore, Hirnverletzungen, die Alzheimer-Krankheit sowie mehrere Schlaganfälle gelten als Hauptverursacher für die Schädigung und letztendlich auch für die Entstehung des Syndroms.
Darüber hinaus wurde neben der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auch eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie als möglicher Auslöser definiert.
Potentielle Erscheinungsformen
Anzeichen, die nach erfolgten bilateralen Hirnverletzungen, ein Bálint-Syndrom vorschlagen und damit die Diagnosestellung erleichtern, sind unter anderem:
- eine Begrenzung des Aufmerksamkeitsfeldes des Patienten auf nur ein Objekt.
- das Unvermögen, die Augen gezielt auf visuelle Reize zu richten.
- die Einengung der visuellen Aufmerksamkeit, die ein realistisches Erfassen komplexer Bilder verhindert.
- Mängel in der zielgerichteten erfolgreichen Ausführung von Bewegungen, die durch das Auge kontrolliert werden. Dazu zählt beispielsweise das erfolgreiche Führen einer Gabel an den Mund.
Therapeutische Massnahmen mit Schwerpunkt auf drei Methoden
Geht es um visuoperzeptive Störungen, so erweist sich der Forschungsstand noch als ausgesprochen dürftig. Bis dato gibt es lediglich drei Ansätze, die die Behandlung von unter anderem in Verbindung mit dem Bálint-Syndrom auftretenden Wahrnehmungsdefiziten vorschlagen.
- Der sogenannte „remedial approach“ dient der Wiederherstellung bzw. ‚Reparatur‘ der im zentralen Nervensystem verursachten Schäden durch eine gezielte Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit bei alltäglichen Tätigkeiten beispielsweise in Form von sensomotorischen Übungen.
- Der adaptische Ansatz umfasst funktionale Aufgaben, die den Schwerpunkt auf die Fähigkeiten und Stärken der Betroffenen legen, um auf diese Weise eine Kompensation für die auftretenden Mängel zu erreichen.
- Der „multicontext approach“ hat zum Ziel, Strategien zu erlernen, die auf die Vielfältigkeit alltäglicher Anforderungen, darunter Aufgaben und Bewegungen eingehen.
Wenn Sie mehr Informationen über das Bálint-Syndrom benötigen, können Sie sich gerne an unseren Augenarzt im Lux Augenzentrum wenden.