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Ab 1776 arbeitet der Kritiker und Essayist Merck praktisch nur noch für Wielands Teutschen Merkur. Nachdem sich Wieland und Merck zuerst nicht sehr freundlich gegenüberstanden, lernten sie sich sehr rasch gegenseitig schätzen. Eine echte Freundschaft entwickelte sich, und schon 1776 war Merck so etwas wie der Haus- und Starkritiker von Wielands Teutschem Merkur geworden, der in den beiden Jahrgängen 1776 und 1777 rund 10% des Volumens füllte. Diese Tätigkeit ist in Band 3 der Gesammelten Werke dokumentiert – der Werkausgabe, die Ulrike Leuschner seit 2012 im Wallstein-Verlag herausgibt und wissenschaftlich betreut. Die Editionsprinzipien sind dieselben wie in Band 1; und so ist auch Band 3 sorgfältig gearbeitet in Edition und Kommentar. Letzterer verzichtet diesmal auch auf die läppischen Informationen zur griechischen Götterwelt, die ich noch in Band 1 zu monieren hatte – vielleicht nur schon deswegen, weil die nun keine Rolle mehr spielt in Mercks Schaffen. Er hat sich definitiv vom Rokoko und dessen Götter- und Schäferwelt gelöst und mit Wieland auf die gemässigt-aufklärerische Schiene gewechselt. Die ganze deutsche aufklärerische Bewegung war ja – im Vergleich zur französischen – ziemlich zurückhaltend, wenn es um politische oder religionskritische Aussagen ging. Nicht, dass Merck (oder auch Wieland!) nun brav geworden wäre. Merck verfügt durchaus über das Talent des echten Kritikers, mit zwei oder drei Sätzen einen Autor „fertig zu machen“, und er setzt es auch ein. Mehr als Wieland wohl manchmal lieb ist, der als Herausgeber gewisse Rücksichten nehmen muss oder will, und seinen Hauskritiker auch brieflich um solche Rücksichten bittet. Dies wird im Anhang sehr gut dokumentiert und hat mir persönlich Lust gemacht, auch die Edition von Mercks Briefen zu lesen, auf die Fr. Leuschner jeweils verweist.
Aber zurück zu unserem Band 3. Die Herausgeberin hat die beiden dokumentierten Jahre je separat aufgeführt, innerhalb der beiden Jahre dann die längeren Essays Mercks vorangestellt und die Kritiken folgen lassen. Die Essays zeigen den vielseitig interessierten Merck vor allem von seiner kunstkritischen Seite, dem es Rembrandts Clair-Obscur angetan hat. Aber auch ein in zwei Teilen publizierter Aufsatz zum mittelalterlichen Ritterwesen fehlt nicht. Darin beweist Merck sein Talent, angelesenes Wissen nicht nur schnell, sondern auch konzis in Eigenes umzuwandeln. Diese Umwandlung bleibt dabei korrekt – jedenfalls so korrekt, wie es auch die benutzte Quelle war. Will sagen: Merck war ein ungeheures Talent darin, die Kernaussagen eines Sach- oder Fachbuchs erfassen und in eigenen Worten wiedergeben zu können. Dabei sind die wenigsten dieser Essays einfach so entstanden, sondern sie waren Auftragsprodukte. Sicher, Merck hat nicht jeden Auftrag oder Wunsch Wielands erfüllt; aber anhand von Vorgaben zu produzieren, schien ihm zu liegen.
Bei den eigentlichen Rezensionen sehen wir dann die grosse Spannweite von Mercks Interessen erst ganz. Sein Interesse an der Kunst zeigt z.B. eine positive Rezension von Winckelmanns Geschichte der Kunst des Altertums. Verschiedenste Musenalmanache werden ebenso rezensiert, wie Herders Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Bei den Musenalmanachen zeigt sich Mercks guter Geschmack, der von der Literaturgeschichte bestätigt worden ist, indem er z.B. als einer der ersten auf Bürgers Talent hingewiesen hat. Herders Werk wird ebenso positiv beurteilt wie Goethes Stella, die mit ihrer Auflösung in ein ménage à trois zu jener Zeit einen kleinen Skandal entfacht hatte. (In beiden Fällen wusste sich Merck übrigens einig mit Wieland.) Einen noch im Sturm und Drang verhafteten Klinger hingegen schätzte Merck wesentlich weniger. Von Lavaters Physiognomik versuchte er sich zu distanzieren, was nicht ganz einfach war, da der Zürcher über ein grosses Beziehungsnetz verfügte und Wieland sich deshalb zu äusserster Vorsicht gezwungen sah. Daneben rezensierte Merck mit Vorliebe Schriften zur Naturwissenschaft (was seiner aufklärerischen Grundeinstellung sicher entsprach), Schriften zur Ökonomie (wo er jeden Versuch von Einzelnen oder Gesellschaften, den Bodenertrag der Landwirtschaft zu verbessern, freudig begrüsste und ausführlich darstellte) und Reiseberichte (wo er vor allem Pallas‘ Bericht von seiner Reise durch verschiedene Provinzen des russischen Reiches ausführlich rezensierte, wohl auch, weil er da aus eigener Erfahrung beitragen konnte). Nur in Sachen Musik war Merck offenbar wenig bewandert – da schmecken seine Beiträge danach, dass er mit angelesenem Wissen urteilt.
Merck leitete im Übrigen in Darmstadt so eine Art kleines Rezensionsbüro, hatte also durchaus seine eigenen Zulieferer für den Stoff, den er dann an Wieland weitergab. Dies erklärt einerseits die Menge an Rezensionen, die Merck liefern konnte, obwohl er ja nicht davon bzw. dafür lebte; erklärt andererseits auch die Schwierigkeiten der Herausgeberin, die nur mit Siglen gekennzeichneten Rezensionen im Teutschen Merkur in jedem Fall genau zuordnen zu können. Die Menge: In den 178 Seiten Text und Illustrationen dieses Bandes finden wir ungefähr – neben 10 längeren Essays – rund 100 grössere oder kleinere Rezensionen zu praktisch allen Gebieten menschlichen Wirkens bzw. Schreibens. Wie komplex die Situation für den heutigen Leser bereits geworden ist, zeigt die Tatsache, dass diesen 178 Seiten Original-Text weitere 200 Seiten Kommentar folgen. Die Herausgeberin hat sich die Mühe nicht verdriessen lassen, die rezensierten Zeitschriften und Bücher nach Autopsie zu verifizieren. Den Schluss der Ausgabe machen dann die verdankenswerter Weise hinzugefügten Verzeichnisse und Register aus – weitere rund 70 Seiten. Alles in allem wie schon in Band 1 eine gelungene Ausgabe, die Fachmann ebenso wie dem privaten Leser und dem Bibliophilen Freude machen wird.