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(NZZ – Wirtschaft – Schwarz und Wirz – Dienstag, 2. November 2021, Seite 23)
Von Gerhard Schwarz
Heute soll hier eines ehemaligen Marxisten gedacht werden. Am 18. Oktober ist in Budapest János Kornai gestorben, einer der bedeutendsten Ökonomen, die sich mit Systemzusammenhängen beschäftigen. Sein Leben bildet die Geschichte Mitteleuropas im 20. Jahrhundert ab. 1928 als János Kornhauser geboren, erlebte der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts, der in Auschwitz ermordet wurde, den Einmarsch der Roten Armee als Befreiung. Er studierte Philosophie, kam über Marx’ «Kapital» zur Ökonomie, wurde überzeugter Kommunist und Leiter der Wirtschaftsredaktion der Parteizeitung. Bald wuchsen dank seinen Unternehmensreportagen aber die Zweifel.
Nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn kritisierte er als erster Ökonom hinter dem Eisernen Vorhang die Planwirtschaft, glaubte aber noch eine Weile an deren Reformfähigkeit. Zwar wurde er auch dank Selbstzensur, wie er in der Autobiografie «By Force of Thought» bekennt, von János Kadar, dem Vater des «Gulasch-Kommunismus», zumindest geduldet und landete nicht im Gefängnis, aber er wurde oft von der Polizei verhört, permanent vom Geheimdienst beobachtet und beruflich diskriminiert.
Kornai hat formal nie Ökonomie studiert, aber 1956 eine Dissertation unter dem Titel «Überzentralisierung» verfasst. Sie erschien durch die Vermittlung des Nobelpreisträgers John Hicks 1959 auf Englisch und wurde im Westen sehr positiv besprochen. Es gab Einladungen von Universitäten in Skandinavien, Grossbritannien und den USA, die Kornai erst ab 1963 wahrnehmen durfte.
1984 folgte er mit staatlicher Erlaubnis einem Ruf an die Harvard University. Dort lehrte er bis 2002 und beschäftigte sich mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft, für den er die sogenannte Schocktherapie ablehnte. Seine Bücher und Aufsätze wurden vielfach übersetzt, die chinesische Regierung zu Zeiten von Premierminister Zhao Ziyang suchte seinen Rat. Ehrendoktorate und Auszeichnungen auf der ganzen Welt zeugen von grosser Wertschätzung. Es wäre keine Überraschung gewesen, hätte er den Nobelpreis erhalten. Verdient hätte er ihn.
Einige Lehren Kornais dürften nämlich noch lange relevant bleiben, nicht nur für Planwirtschaften. Neben der Einsicht, dass Zentralisierung der Wirtschaft und Repression notwendigerweise zusammenhängen, zählt dazu der Begriff der weichen Budgetbeschränkung («soft budget constraint»). Der zentrale Artikel dazu erschien 1986 in der Schweizer Zeitschrift «Kyklos», nachdem ihn die American Economic Review abgelehnt hatte. Er zeigt, dass Organisationen, die in letzter Konsequenz nicht mit dem Konkurs rechnen, weniger effizient sind und dass das nicht nur für klassische Staatsbetriebe gilt, sondern für Spitäler und Schulen, private Banken und Unternehmungen, die – weil «systemrelevant» – gerettet werden, und sogar für Städte oder Staaten ebenso. Das Fehlen der Konkursdrohung fördert die Verantwortungslosigkeit. Man hätte gut daran getan, vor der Finanzkrise Kornai mehr zu beherzigen.
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Gerhard Schwarz ist unter anderem Präsident der Progress Foundation.