Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03299.jsonl.gz/2007

Ein Raum mit Verpackpapier eingekleidet, in der Mitte einige Farbtöpfe, fünf Personen mit Pinseln in der Hand – das ist der Arbeitsort von Mirjam Valari. Es ist ein Malort, konzipiert nach dem Vorbild des Pädagogen Arno Stern, an dem Kinder und Erwachsene frei malen können. Ohne Anleitung, ohne Bewertung, ohne Druck. Sie sollen einfach malen.
Wenn es ein Sinnbild für Valaris Leben gibt, dann ist es dieser Raum im Basler Wettsteinquartier. Sie entschied sich immer gegen das Konventionelle, wollte immer frei sein, hat immer gemalt.
Nachdem Valari mit 16 Jahren die obligatorische Schulzeit beendete, schickten ihre Eltern sie in ein Internat im Kanton Fribourg. Das sei für sie «wie ein Gefängnis» gewesen, erzählt Valari. «Ich habe das nicht lange ausgehalten. Nach einem Jahr musste ich krankheitshalber das Internat verlassen.»
«Was soll bloss aus ihr werden?»
Valari ging an die Diplommittelschule in Münchenstein, die sie aber auch nach kurzer Zeit wieder beendete. Sie schrieb sich an einer Zürcher Kunstschule für den Vorkurs ein, den sie auch absolvierte. Weitermachen wollte sie aber nicht. Sie wollte «einfach Künstlerin sein», aber ihre Eltern beharrten darauf, sie solle doch etwas Anständiges lernen.
Also begann sie eine Lehre als Textilentwerferin. In einem Stickerei-Unternehmen in Appenzell zeichnete sie ein Jahr lang Spitzen für BHs und Bordüren. Aber auch das entsprach nicht ihrer Vorstellung von Freiheit und Kunst. Sie brach die Lehre ab. Die Eltern waren entsetzt: Was soll bloss aus ihr werden?
Der Vater, Sekundarlehrer und Berufsberater, schickte ihr ordnerweise Vorschläge, was es denn noch für Berufsmöglichkeiten gäbe. Und bei jedem Vorschlag sagte sie: Nein! Valari machte Gelegenheitsjobs und malte nebenbei.
Ihrem Traum, frei zu sein, Künstlerin zu sein, kam sie etwas näher, als sie einen Brief an ihr Vorbild Friedensreich Hundertwasser schrieb. Der bekannte österreichische Künstler lud sie nach Wien ein. Und wenig später wurde sie seine «Weggefährtin», wie sie sagt.
Hundertwasser, zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt, lud Valari, 23 Jahre jung, in sein Haus nach Neuseeland ein. «Ich jobbte gerade als Kellnerin in einer Beiz in Arlesheim. Die Anfrage kam für mich total überraschend. Ich sagte sofort zu, meldete mich bei meinem Chef ab und flog spontan nach Neuseeland.»
Zwei Monate lebte sie mit dem Künstler in einem abgeschiedenen Haus. «Das war für mich sehr spannend. Ich konnte sehen, wie er malt, wie er lebt.»
Es sei aber auch nicht immer einfach gewesen mit dem introvertierten Künstler. «Hundertwasser konnte stundenlang einfach an einem Tisch sitzen und vor sich hin schweigen – genau das Gegenteil von mir! Ich war jung, lebendig, wollte immer etwas unternehmen.»
Damit es ihr nicht langweilig wurde, half sie tatkräftig auf seinem riesigen Grundstück mit. «Ich verrichtete allerhand Arbeiten wie Bäume pflanzen, Holz hacken, Gartenarbeit, das alte Haus putzen. Da ich nicht mobil war und Hundertwasser immer sehr beschäftigt, kaufte er mir kurzerhand ein Mountainbike. Damit konnte ich mich frei bewegen und ins zwei Stunden weit entfernte Städtlein radeln, um wieder Menschen zu treffen.»
Ihr Umfeld habe die Beziehung zum 40 Jahre älteren Hundertwasser immer akzeptiert. Zwar hätten sich die Eltern zuerst gefragt: Was macht sie denn jetzt wieder? «Aber mit der Zeit haben sie mich in Ruhe gelassen und anerkannt, dass ich meinen eigenen Weg ging.»
Streit im Waldhaus
Zurück in der Schweiz blieb die Beziehung zu Hundertwasser bestehen. Valari pendelte zwischen Basel und Wien und verfeinerte ihre Malkunst. «Hundertwasser war daran interessiert, was ich malte. Als ich ihm das erste Mal meine Bilder zeigte, hatte ich grosse Angst. Was würde er dazu sagen? Ich wusste: Wenn es um künstlerische Arbeiten ging, konnte er sehr hart in seinem Urteil sein.»
Hundertwasser fand ihre Werke toll. Er habe ihr «grossen Mut gemacht» und sie wurde entschlossener, «den Weg als freischaffende Künstlerin zu verfolgen». Sie malte aber nie in Anwesenheit von Hundertwasser, das habe dieser nicht gewollt.
Zweieinhalb Jahre später beendete Valari ihr Verhältnis mit Hundertwasser. Sie waren gerade im Ferienhaus des Künstlers, als es zur Eskalation kam. «In dem Haus gab es nicht viel mehr als eine Matratze, ein WC und ein Holzofen. Hundertwasser hat zwar zu seinen Lebzeiten grossen Reichtum erlangt, er lebte aber in absoluter Bescheidenheit. Zum Waschen gingen wir an den Fluss und das WC waren die vielen Bäume im Wald.» Manchmal sei sie zum Duschen etwa eine halbe Stunde zu Hundertwassers Freunden gelaufen, auch um sich zu erholen.
Valari tat sich schwer mit dem stillen Künstler. «Ich konnte nicht mehr atmen, seine abwesende Haltung wurde mir irgendwann zu viel.» Sie konfrontierte ihn damit und floh anschliessend aus dem Waldhaus. Der Kontakt zu Hundertwasser brach vorerst ab.
Die beiden blieben in losem Kontakt, zum letzten Mal sah sie ihn 1994 in Wien, der Künstler starb 2000 völlig unerwartet an Bord eines Passagierschiffs vor der Küste Australiens.
Nächste Station: Griechenland
Kurz nach ihrem letzten Treffen entdeckt Valari eine neue Leidenschaft: die Ikonenmalerei. An einer Ausstellung in Dornach lernte sie eine georgische Ikonenmalerin kennen, die mit dem Ex-Präsidenten Georgiens verschwägert und in die Schweiz geflüchtet war.
An den Ikonenbildern faszinierte Valari mehr die Technik als die religiöse Symbolik. Sie wollte lernen, so zu malen. Also fasste sie den Plan, nach Griechenland zu gehen, um Ikonenmalerei zu lernen.
Valari erinnert sich: «Ich stand am Busbahnhof in Rethymno (auf Kreta; Anm. der Red.) mit einem Koffer in der Hand und zwei, drei Adressen in der Tasche.» Die erste Adresse erwies sich als Niete: ein deutscher Reiseführer, der nur entfernt mit der Ikonenmalerei zu tun hatte.
Die zweite Adresse war ein Volltreffer: Frau Valari, ein griechisches Grossmütterchen, 75 Jahre alt und Präsidentin vom Frauenverein in Rethymno. Die Frau verwies sie an ihren Sohn, Herrn Valari, der ein Hotel betrieb.
Fünf Monate später war Valari schwanger und vier weitere Monate danach heiratete sie Herrn Valari, von dem sie den Namen übernahm. «Es ging alles furchtbar schnell. Meine Eltern kannten ihn noch nicht einmal, als wir sie zur Hochzeit in Kreta einluden.»
Zurück in die Schweiz
Die nächsten 14 Jahre bestanden für Valari aus: Kinder grossziehen, Hotel managen und Ikonen malen. Nebenbei päppelte sie Strassenhunde auf und hatte zwischenzeitlich über 20 Katzen.
Als 2009 die Wirtschaftskrise begann, ging in Griechenland alles bergab. Valari erlitt eine persönliche Krise und zügelte 2012 mit der Familie in die Schweiz – «nicht zuletzt, weil wir unseren Kindern eine gute Schulbildung bieten wollten und das in Griechenland zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich war».
Die Ehe ging nach wenigen Monaten in der Schweiz in die Brüche und Valari war von nun an mit ihren beiden Kindern auf sich alleine gestellt. «Es war ein grosser Kulturschock, in die Schweiz zurückzuziehen. Hier sprachen alle von Weiterbildungen, Bachelor hier, Master da und ich hatte kein einziges Diplom.»
Eine glückliche Fügung
Doch der Zufall half ihr. Als sie hörte, dass das Forum Würth in Arlesheim eine Dauerausstellung zu Hundertwasser zeigen würde, meldete sie sich bei der Ausstellungsleitung. «Ich habe ihnen erzählt, dass ich Hundertwasser sehr gut kannte, das hat sie gefreut und sie haben mich für Führungen angestellt.»
Zu Beginn machte Valari ein paar Führungen pro Jahr. Dann wurden es immer mehr, es sprach sich herum, dass in Arlesheim sehr persönliche Einblicke in Hundertwassers Werke gegeben wurden. Die Ausstellung endete dieses Jahr, Valari hat eine Stelle am Museumsempfang gekriegt.
«In meinem Leben ging alles auf, auch ohne Diplome und abgeschlossene Ausbildungen. Alles, was mich interessierte, habe ich mir selber gesucht und beigebracht.» Genauso, wie sie es jetzt in ihrem Malort praktiziert. Arno Stern, der seinen Sohn André nie auf eine Schule schickte, habe ihr dafür die Augen geöffnet. In Paris lernte sie die beiden bei einem Malort-Seminar kennen.
«Das Recht, zu sein, wie ich bin»
«Bevor ich mich mit der Philosophie von Arno und André Stern auseinandergesetzt habe, dachte ich oft: Warum schaffen es alle um mich herum, Ausbildungen zu machen, nach Schema F zu lernen? Warum kriege ich das nicht hin? Ich hatte regelrecht Schuldgefühle und dachte: Was bin ich nur für ein schräger Vogel!»
Nun sei für sie klar, dass es eben auch ohne Druck und schulische Bildung gehe. «Es ist so, als hätte mir jemand mit der Philosophie des freien Lernens das Recht gegeben, so zu sein, wie ich bin.»
An der Klingnaustrasse, wo sie ihren Malort hat, sind die Kinder und Erwachsenen längst gegangen. Ihre Bilder hängen noch an den Wänden. Plötzlich meldet sich ein Mann, der seit drei Stunden drinnen malt. «Zeit, zu gehen», sagt er knapp und eilt davon. Valari lacht: «So kann es gehen. Zeit spielt hier keine Rolle.»