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«Ich musste erfinderisch werden»von Stephan Ruch Die neapolitanische Altistin und Gastsängerin am Theater Orchester Biel Solothurn, Candida Guida, sitzt aufgrund der Unterbrechung der Proben zur Oper «Les Liaisons dangereuses» in Biel fest. Im Interview spricht sie über ihren derzeitigen Alltag und die Rolle der Marquise de Merteuil.
Candida Guida, wie halten Sie Ihre Stimme fit?
Ich gehe jeden Morgen und manchmal am Nachmittag auf die Probebühnen des TOBS üben. Trotz der Ungewissheit bereite ich mich auf zukünftige Auftritte und Produktionen vor. Ausserdem habe ich jetzt Zeit, um Rollen zu lernen, die ich schon lange mal singen wollte - wie zum Beispiel die Partie der Mistress Quickly aus Verdis «Falstaff».
Wie füllen Sie die restliche freie Zeit?
Ich arbeite an einer kritischen Ausgabe von Kirchenliedern, die der Cousin meines Urgrossvaters, Luigi Guida, komponierte. Es wäre schön, wenn ich eine CD mit seiner Kammervokalmusik aufnehmen und veröffentlichen könnte. Daneben praktiziere ich Yoga über Skype, jogge in meinem Apartment, telefoniere mit meiner Familie, schaue Serien und koche.
Was vermissen Sie zurzeit am meisten?
Einen Backofen. Da es in meinem kleinen Studio keinen gibt, musste ich erfinderisch werden; und so habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Torta Margherita in der Bratpfanne gemacht. Es hat überraschenderweise funktioniert.
Letztes Jahr haben Sie bereits in Den Haag an der Uraufführung von «Les Liaisons dangereuses» die Hauptrolle der Marquise de Merteuil gesungen und gespielt. Was fasziniert Sie an der Rolle?
Ja, diese Rolle ist eine Neuschöpfung auf der Opernbühne. Sie ist einerseits stimmlich anspruchsvoll, weil es abrupte Wechsel zwischen Gesang und gesprochenen Texten gibt. Andererseits verlangt der starke und intrigante Charakter der Marquise auch solide darstellerische Fähigkeiten. Insbesondere die letzte Szene ist für mich psychologisch eine Herausforderung. Ich gebe mich mit meinem ganzen Wesen in die Rolle hinein, und so wird am Schluss nicht nur die Marquise, sondern auch Candida verrückt.
Wie stehen Sie zur Idee, der bestehenden Musik von Vivaldi neue Texte hinzuzufügen?
Grundsätzlich bin ich ja eine Puristin. Aber diese Kreation finde ich ganz gut gelungen. Ein raffinierter Twist ist zum Beispiel, wie der Librettist Stefano Simone Pintor aus zwei Schlacht-Arien aus der Oper «Orlando» zwei Verführungsarien gemacht hat. Durch die Kombination mit zeitgenössischer Musik entstand ein feines und elegantes Gesamtprodukt.
Digitale Trostspender
Die neue Oper «Les Liaisons dangereuses» mit Musik von Antonio Vivaldi und Vanni Moretto und das Schauspiel «Nichts geschenkt!» sind neben mehreren Sinfoniekonzerten die letzten Produktionen auf dem Spielplan des Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) vor der Sommerpause. Alle Projekte befinden sich zurzeit in der Schwebe. Der Intendant Dieter Kaegi und das Direktionsteam können im Moment noch keine Aussage machen, wann der Spiel- und Probenbetrieb wieder aufgenommen wird.
Doch es gibt inzwischen mehrere digitale Trostspender für das abwartende Publikum. So veröffentlichte das TOBS das am 21. März 2019 in Brüssel aufgezeichnete Galakonzert des Sinfonie Orchester Biel Solothurn in voller Länge auf Youtube. Auch auf der neuen Audiostreamingplattform https://neo.mx3.ch können sich Interessierte jederzeit vergangene Sinfoniekonzerte anhören. Zudem postet das Theater auf seiner Facebook-
Seite von Zeit zu Zeit «TOBS@Home-Videogrüsse». Ensemble-Mitglieder zeigen hier, wie sie die Zeit der Isolation zu Hause künstlerisch produktiv nutzen.