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Kapitalismus ist ein Kampfbegriff, der geprägt wurde, um moderne Dynamiken zu beschreiben, die den jeweiligen Beobachtern missfielen. Goethe schuf den «Faust», um die Überforderung des modernen Menschen angesichts der Selbstbeschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung kritisch darzustellen. Als am wirkmächtigsten aber erwies sich jene Kapitalismuskritik, der Beschleunigung und Industrialisierung nicht schnell genug gingen: die der frühen Sozialisten. Der Kapitalismus, so deuteten diese Kritiker, sei aufgrund des chaotischen Wettbewerbs, des egoistischen Verfügens über Eigentum und aufgrund fehlender Koordinationsinstanzen ein rückständiges Wirtschaftssystem – immerhin dem Feudalismus überlegen, würde aber bald durch effizientere Zentralpläne hinweggefegt.
Diese Prophezeiung erfüllte sich nicht. Sie schlug aber Schneisen durch das Institut des Privateigentums – mit gewichtigen Folgen. In weiten Teilen der Welt forderten die Experimente zentralistischen Verfügens über die Produktionsmittel einen ungeheuren Blutzoll. In den vermeintlich «kapitalistischen» Teilen der Welt blieb das Privateigentum, hochbesteuert und reguliert zwar, formell erhalten. Doch die wichtigste und weit unterschätzte dieser Schneisen verläuft auch durch den Westen – es ist der Geldsozialismus, die schleichende Ersetzung von Marktgeld durch staatliches Kredit- und schliesslich Zeichengeld. Eine wichtige Motivation bei diesem Prozess war die vermeintliche Kapitalklemme, welche der breiten Masse im kapitalistischen System den Zugang zu den Produktionsmitteln verwehren würde. Kreditausweitung war daher eine wichtige Forderung und wesentliches Programm der Frühsozialisten.
«Freier Kapitalismus bedeutet viele kleine Blasen, aus denen man viel lernen kann. Staatlich regulierter Kreditismus bedeutet wenige grosse Blasen, aus denen niemand etwas lernt.»
Leider führt die monetäre Ausdehnung zu jenem Muster, das heute als Konjunkturzyklus bekannt ist. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass dieser Zyklus dem Kredit, der menschlichen Psyche, der Natur oder eben dem Kapitalismus inhärent sei. Tatsächlich aber ist der Konjunkturzyklus ein Phänomen des modernen, gemischten Wirtschaftssystems – eines Systems, für das «Kapitalismus» ein denkbar schlechtes Etikett ist. Schliesslich wird nicht das Kapital im eigentlichen Sinne vermehrt: Die produktiven Anlagen – materiell, technisch und geistig – werden im heutigen Westen eher stiefmütterlich behandelt. Die wenigsten Menschen sehen sich dort als Verfügende über Kapital, vielmehr sind die meisten verschuldet und alle sind Konsumenten. Der Konsum gilt gar als Triebkraft der Wirtschaft. Statt von Kapitalismus sollte man hier also eher von Kreditismus oder Konsumismus sprechen.
Nicht alle Blasen sind gefährlich
Zyklizität ist ein natürliches Phänomen – in lebendigen Systemen ist das Auf- und Abschwellen, das Zu- und Abnehmen, das Pulsieren natürlicher als der Stillstand oder die gleichförmige Expansion. Besonders am Konjunkturzyklus ist die Gleichzeitigkeit: die besondere Häufung von positiven Überraschungen in sehr vielen – manchmal nahezu allen – Wirtschaftsbereichen in der Hausse und von Enttäuschungen in der Baisse. Ein Gleichlauf, der sich quer durch Branchen und in der Wiederholung ähnlicher Zyklen zeigt.
Natürliche Blasen finden sich überall, wo sich viele Menschen zugleich täuschen, weil sie noch nicht lernen konnten: bei neuen Technologien, neuen Anlageideen, neuartigen Unternehmungen, bei Ideen, deren «Zeit gekommen ist». Die Masse verfällt leicht Hypes und Trends: Der Mensch ist ein mimetisches, ein nachahmendes Wesen, und doch müssen junge Menschen die Dummheiten selbst noch einmal machen, die ihre Eltern und Grosseltern schon begangen haben, um daraus zu lernen.
Natürliche Blasen dieser Art sind nicht gesellschaftsbedrohend. Massenbestätigung ist auch ein menschliches Gut, wenn plötzlich sehr viele die gleichen Bücher lesen und die gleichen Serien sehen, dann ist das keine Wertvernichtung, auch wenn manche die Trends später belächeln, sich schlimmstenfalls ein wenig dafür genieren. Unternehmerische Hypes, wie sie etwa der Gartner-Hype-Zyklus nachzeichnet (Auslöser, Gipfel der Erwartungen, Tal der Enttäuschungen etc.), sind zwar gewichtiger für Einzelexistenzen, aber gesellschaftlich wenig dramatisch. Eine Blase zieht Geld, Köpfe, Aufmerksamkeit an, und das ist nichts Schlechtes. Entscheidend ist, dass solche natürlichen Blasen sich stets auf Einzelbereiche, etwa bestimmte Industrien, Technologien, Konzepte beschränken und erkenntnisfördernd sind: Sie sorgen dafür, dass Kapital von denjenigen, die mit der Masse irren, zu denjenigen wandert, die besser antizipieren können und nachhaltiger tätig sind.
Kapitalismus bedeutet, «skin in the game» zu haben
Blasen sind also durchaus natürlich, für die aktuelle «Alles-Blase» trifft das allerdings nicht zu. Die verblüffende Korrelation von Entwicklungen in völlig unterschiedlichen, gar konträren Anlageklassen, welche die Besonderheit der aktuellen Situation darstellt (und welche die Bezeichnung «Alles-Blase» erklärt), ist dagegen höchst unnatürlich – und schon gar nicht kapitalistisch. Kapitalismus könnte im besten Sinne bedeuten: 1. Kapitalaufbau ist Individuen möglich. 2. Individuen dürfen von der gesteigerten Wertschöpfung durch gelungenen Kapitalaufbau profitieren. 3. Individuen tragen die Kosten für verfehlten Kapitalaufbau oder Kapitalkonsum. Dann entspräche die unternehmerische Dynamik auch einer erkenntnistheoretischen: Die Verfügung über die passenden Elemente tauglicher Kapitalstrukturen wandern von dafür minderbegabten zu den höherbegabten Händen. Diese Dynamik wirkt in eingeschränkter Form natürlich auch heute, doch es sind gerade die Einschränkungen, die konjunkturzyklische Verdichtung und Lernunfähigkeit erklären.
Lernprozesse sind teuer, aber ihr Lehrgeld wert, wenn dieses denn korrekt abgerechnet wird, das heisst: wenn Erkenntnis belohnt und das Irren bestraft wird. Würden Geld und Güter einzig als Ergebnis des Marktes existieren, also ohne Privilegien, Interventionen und Verzerrungen, wären sie zugleich Lernergebnis und Lernmöglichkeit. Regulierung verunmöglicht hingegen das Lernen: Anstelle einfacher Regeln steht die Intervention von Menschen, die keine Lehrgelder zahlen und daher keine Anreize haben, aus ihren Fehlern zu lernen. Ihnen kann die Realität völlig egal sein – und manchmal ist das offensichtlich auch tatsächlich der Fall. Die Dynamik der Lerneffekte wird so künstlich abgewürgt.
Als Begründung für Regulierung und Umverteilung wird jeweils vor allem der Schutz der Kleinen ins Feld geführt – doch paradoxerweise verbaut man damit just den Kleinen die Chance, grösser zu werden. Es kommt zu künstlichen Skaleneffekten: Die bereits Grossen erhalten einen zusätzlichen Vorteil, da sie quasi Bestandsschutz geniessen, wodurch die Lernprozesse des Marktes gelähmt werden. Grosskonzerne, Banken und institutionelle Anleger können länger irren, ohne Konsequenzen zu tragen. Dadurch verschwinden die Konsequenzen aber nicht, sie werden nur in die Zukunft verschoben und verdichtet. Regulierung schützt kurzfristig das «dumb money», lässt es dabei aber exponentiell wachsen. Verbote können nicht unterbinden, nur verdrängen. Das zeigt der unvermindert grosse Markt für Drogen.
Heute kennen viele nur noch den Preis von etwas, aber nicht mehr den Wert. Das Lehrgeld, das am Ende dieser Nominalwertillusion zu zahlen sein wird, wird das grösste, schmerzhafteste und damit wichtigste werden. Echte Kaufkraft und Liquidität müssen wieder im Zentrum von Bewertungen stehen, nicht absurde Extrapolationen. Illiquide Kapitalstrukturen, wie sie Unternehmen darstellen, sollte man nicht nach den Marktpreisen marginaler Anteile an mit Geld gefluteten Börsen bewerten («Marktkapitalisierung»). Heute dienen Aktien, wie auch alle anderen Anlagen (Immobilien etc.), als Hortersatz: Weil sie knapper als das geschaffene Geld sind, steigen ihre Kurse. Dieser Ersatz ist gerade deshalb nötig, weil die Politik die Menschen vor dem durch die akademische Volkswirtschaftslehre vermaledeiten Horten schützen will.
Irgendwann muss die Schwerkraft wiedereinsetzen
Wo reale Menschen interagieren, wird es immer Irrtümer, Betrug, Gewalt und existenzbedrohendes Scheitern geben. Ein Kapitalismus in unserem Sinne wird womöglich der Zahl nach noch mehr davon zeigen, mehr Irrtümer, mehr Betrügereien, mehr Unfälle, mehr Konflikte, mehr ruinierte Existenzen. Doch in der dynamischen Betrachtung wird sich zeigen, dass die Qualität eine andere ist: Die Irrtümer sind verstreuter und lehrreicher, die Betrügereien und Konflikte kleiner und weniger Menschen betroffen, der Ruin viel leichter zu verdauen, weil die Dynamik schneller wieder aufhilft und der höhere Wohlstand immer weniger Mittel zum Überleben voraussetzt.
«Ein echter Kapitalismus muss natürlich ohne staatliche Rettungsmassnahmen auskommen, ‹too big to fail› ist einer der antikapitalistischsten Gedankengänge überhaupt.»
Manchmal können zur Überraschung der meisten Menschen plötzlich grosse Konzerne, Bankhäuser, Geldformen oder Institutionen kollabieren, Wechselkurse und Bewertungen können riesige Ausschläge zeigen. Ein echter Kapitalismus muss natürlich ohne staatliche Rettungsmassnahmen auskommen, «too big to fail» ist einer der antikapitalistischsten Gedankengänge überhaupt. Die dramatische Veränderung, welche die meisten kalt erwischt, ist manchmal nötig, dann bricht eben die Innovation unvermittelt herein. Doch wenn Rechtspersonen verschwinden, Bewertungen und Kurse gegen null purzeln, verschwinden weder Materie noch Geist der Menschen – Bewertungsumschwünge sind Möglichkeiten der schnellen Umwidmung von Ressourcen. Damit können sie aus falschen Verwendungen in bessere überführt werden.
Freier Kapitalismus bedeutet viele kleine Blasen, aus denen man viel lernen kann. Staatlich regulierter Kreditismus bedeutet wenige grosse Blasen, aus denen niemand etwas lernt. Der Übergang zur Lernfähigkeit ist schwierig, denn das erste Lehrgeld ist das höchste – verspricht aber auch den höchsten Lohn. Aus Angst und Bequemlichkeit könnte man stattdessen bei der «Systemfrage» Ausflucht suchen. Das Verkennen des heutigen Systems als «reiner Kapitalismus» würde dann auch noch die verbliebene Freiheit in Frage stellen.
Grundlage dieses Artikels bildete ein Beitrag in «Explosive Geldpolitik: Wie Zentralbanken wiederkehrende Krisen verursachen», das am 17. Oktober in der Edition Liberales Institut erschienen ist.