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Im eng gewachsenen Dorfteil Laret, dem eigentlichen Dorfkern von Pontresina oberhalb der Via Maistra, steht die Chesa Melna, das Gelbe Haus. Es teilt seine Entstehungsgeschichte mit vielen anderen stattlichen Bürgerhäusern der Bergdörfer des Engadins und des Puschlavs. 1825 hatte Peter Jan Jenny das Haus aus seinen Einkünften als Zuckerbäcker im fernen Polen erbaut. Das Anwesen mit Stall und grossem bergseitig gelegenem Garten innerhalb der steilen, engen Gassen des Larets ist der Rückzugsort der Familie Saratz, die mit ihrem in fünfter Generation geführten gleichnamigen Hotel den Prospekt des Dorfes wesentlich mitprägt.
Das Gespräch mit dem bei Bau und Planungsprozess federführenden Bauherrn, Nuot Saratz, zeigt rasch, dass der Erfolg dieses Bauprojektes viel mit der eigenen Biographie und der Leidenschaft für Gemeindeentwicklung und Architektur zu tun hat. Neben seiner beruflichen Tätigkeit wirkte er jahrelang als Baufachchef von Pontresina bei der Gestaltung seines Heimatdorfes mit, auch anderswo auf dem Hochplateau des Engadins finden sich Spuren seines
Engagements.
Komponiertes Ensemble
Das Erbe unter vier Brüdern zu teilen, bedeutete zu verdichten und dort, wo ehemals der Garten war und ein baufälliges Engadiner Haus stand, weitere Häuser zu errichten. Befreundete Architekten wie Hans Jörg Ruch, der schon das Hotel mit dem Südflügel Ela Tuff gekonnt erweiterte, und die Lazzarinis waren für die kurzfristig angesetzte Aufgabe nicht verfügbar. Marchet Saratz, Vertreter der sechsten Generation und angehender Architekt, brachte seinen Professor Peter Märkli ins Spiel. Märkli wiederum holte ihm artverwandte junge Architekten ins Boot und beschränkte sich auf den Masterplan und den gemeinsam mit Marchet Saratz geplanten Umbau des Talvo, des Stalls, und den unterirdisch inszenierten Verbindungsraum für den Fuhrpark der geplanten 14 Wohnungen.
Märkli rückte den bestehenden Bebauungsplan im Rahmen des Möglichen zurecht und entwickelte die Vision eines aus verschiedenen Häusern komponierten Ensembles. «Wie gewachsen» sollten sie sich in das enge Siedlungsgefüge einpassen, und das lässt sich durch mehrere Handschriften eher bewerkstelligen.
Typologie, Lage und Ausrichtung der Einzelbauten definierte er als Grundlage für die weitere Bearbeitung. Mit den ausgewählten drei jungen Kolleginnen und
Kollegen verbindet ihn der universitäre Betrieb, das gemeinsame Arbeiten und die konzeptuelle Ausrichtung. Für die Bauherrschaft bedeutete dies eine grosse Portion an Vertrauen in die Projektleitung, da die Architekten nicht allzu viel an Bauerfahrung mitbrachten, dafür umso mehr an Finesse und Imagination.
Was Peter Märkli mit Marchet Saratz, Christof Ansorge, Ingrid Burgdorf und Alex Herter in ihren einzeln geplanten Bauten zusammenfügte, verlangte viel an Koordination von beteiligten Interessen und Austarieren von Bestehendem und Hinzugefügtem. Von den 14 Wohnungen sind knapp die Hälfte Erstwohnungen, sechs weitere Miteigentümer deponierten ihre Wünsche. Diese vielschichtige Melange an Eigentümern führte zwar zu einigen Verzögerungen, jedoch der Einbezug eines lokalen Bauleiters, einheitlicher Fachplaner für alle Häuser, und einer fachlich versierten Projektleitung durch die Bauherrschaft garantierte die konzeptuell und handwerklich hochwertige Umsetzung in sehr kurzem Zeitraum.
Zeitgemässes Wohnverständnis
Das Los entschied über die Bearbeitungsfelder. Alex Herter widmete sich der Adaptierung der Chesa Melna und deren Erweiterung durch einen Südflügel, der Chesin. Das Ockergelb, im Österreichischen das Schönbrunnergelb, verbindet Bestand und Neubau. Komplementär dazu das Taubenblau der Fensterläden, deren partielle Überhöhen auf die unters Dach verlegte Beletage verweisen. Das mit kleinem Versatz gelöste Vorspringen einer Raumschicht gegen den Innenhof entspringt dem Wunsch nach Hierarchisierung der Volumen und strukturiert. Die daran angebrachten weissen Putzfelder nehmen Beziehung auf zum Erker des Bestandes und den weissen Friesen der angrenzenden Chesa Immez.
Auf der Südseite kommen weitere Farben ins Spiel: das markante Oxidrot der ornamentalen Geländer – Ähnliches ersann Herter schon am Märkli-Bau für Novartis – bringt Eigenständigkeit ins Spiel. Die pragmatische, grossflächige Fensterlösung in gedecktem Grau, teils in die Pfeilerstruktur gesetzt, teils hinter vorgelagerter Loggia, tritt optisch zurück. Auch im Inneren überzeugt die
Verschränkung von Alt und Neu, die Grosszügigkeit des Raumflusses bringt zeitgemässes Wohnverständnis auch in den Bestand.
Der Talvo gibt sich nach aussen nahezu unverändert. Märkli und Saratz ermöglichen mit wenigen gestalterischen Eingriffen die Umnutzung zu Atelier und Wohnraum. Rohe Materialien entsprechen der Urtümlichkeit des Objekts, der Raum betört durch seine gedämpfte Lichtführung.
Positionsbezug zum Dorf
Ingrid Burgdorf gewann mit ihrer Neuinterpretation eines Engadiner Hauses die Zustimmung der Denkmalpflege, der Abriss des baufälligen Bestandes wurde gewährt. An der steilen Gasse türmen sich fünf Stockwerke im schlanken Bauwerk. Symmetrisch, nahezu venezianisch anmutend an der Eingangsseite, mit leichten Irritationen in der Anordnung arbeitend auf den anderen Seiten. Fenster, Loggien und Erker erzeugen durch ihre unterschiedlich artikulierten weissen Umrahmungen Korrespondenz zu bekannten Bildern ohne plattes Surrogat zu sein. Die Wohnungen basieren teils auf traditionellen Elementen wie dem Längsraum des Suler und erzeugen behagliche Atmosphäre innerhalb gut gewählter Proportionen.
Der neue Palazzo, die Chesa Sur, bildet den oberen Abschluss der Häusergruppe. Hier übernimmt Christof Ansorge das Motiv der Schauseite zum Dorf, ähnlich der Hotelpalazzi an der Via Maistra, und reagiert über den engeren Kontext hinaus, will Position beziehen zum Dorf. Die Fassade zelebriert Rhythmus und Ordnung durch Pfeiler aus geschichtetem Gneis, reckt sich hoch über die umliegenden Dächer und kaschiert das asymmetrische Satteldach. In den luxuriös geschnittenen Wohnungen verblüfft ein freigespielter Raumplan, basierend auf Durchblicken und räumlichen Verschränkungen.
Eingegliedert in Gewachsenes
Drei Komponenten führten zum Gelingen des Gesamtprojekts bis hin zum Fortschreiben der Dorfstruktur: Die ausgeprägte Bestellerkompetenz des Auftraggebers, der auf Angemessenheit anstatt auf Maximierung setzt, das feinsinnige Gespür für die diffizile Aufgabe und die strategisch kluge Vorgehensweise durch den Architekten, dessen Weitsicht, die Planung auf mehrere Kollegen zu verteilen, und nicht zuletzt die Fähigkeit der jungen Architekten, eine jeweils eigenständige und dennoch dem Ort verbundene
Anmutung der Häuser zu schaffen, ohne in Historismen zu verfallen. Das Resultat ist ein Ensemble an Häusern, welches nicht nur von der Beziehung untereinander lebt, sondern vor allem auch durch deren geschickte Eingliederung in die gewachsene Struktur des Dorfkerns, atmosphärisch und selbstverständlich zugleich.
Bilder: Rasmus Norlander