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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Siebtes Buch
20. Das gesamte ihm übergebene Gericht beweist sein Wesen und seine Geburt. Die Gleichheit der Ehre war Anlaß zur Übergabe des Gerichtes.
Doch damit es nicht den Anschein habe, er besitze nicht das geburtsmäßige Wesen, sondern in ihm sei es vielmehr kraft einer nicht ein-geborenen Macht, daß er zum Leben erwecke, wen er wolle, deswegen fügte er gleich hinzu: „Denn der Vater spricht auch nicht Gericht über irgend jemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben.”1 Durch diese Übergabe des Gerichtes ist aber Wesen und Geburt aufgewiesen, weil einerseits nur ein nicht-unterschiedenes Wesen alles besitzen, und anderseits ein Geborener nur dasjenige besitzen kann, was ihm gegeben wurde. Gegeben aber ist ihm alles Gericht, weil er zum Leben erweckt, wen er will. Das Gericht kann auch nicht dem Vater weggenommen erscheinen, weil er selber nicht Gericht hält; denn das Richten des Sohnes entstammt dem Richten des Vaters; von ihm ist ihm nämlich alles Gericht übergeben worden.
Doch der Grund zu der Übergabe des Gerichtes ist [S. 356] (auch) nicht verschwiegen. Denn es folgt: „Alles Gericht hat er aber dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch nicht den Vater, der ihn gesandt hat.”2
Was, frage ich, bleibt da noch an Mutmaßung übrig, oder was an Anlaß zu Ungläubigkeit? „Der Vater spricht kein Gericht über irgend jemanden, sondern alles Gericht hat er dem Sohn übergeben.” Der Grund für die Übertragung des Gerichtes war aber dieser, daß dem Sohne die genau gleiche Ehre zukomme wie dem Vater, und daß auch dem Vater keine Ehre erweise, wer es dem Sohne nicht tut.
Wie kann nach all dem das Wesen des Geborenen als verschieden (von dem des Vaters) aufgefaßt werden, das nicht nur das Wirken, die Macht, die Ehre, sondern auch die Schmähung der verweigerten Ehrung (dem Wesen des Vaters) gleichstellt? Nichts anderes als das Geheimnis der Geburt zeigt jetzt das Wort der göttlichen Antwort. Man kann und darf den Sohn nicht anders vom Vater unterscheiden, als daß man seine Geburt, nicht aber seine (Wesens-) verschiedenheit lehre.
1: Joh. 5, 22.
2: Joh. 5, 23.