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Über die Herkunft und Ausbreitung der altverbrieften Bürgergeschlechter und Familienwappen von Beinwil (Freiamt) fehlt es noch weitgehend an zuverlässig gesicherten, zeitgeschichtlichen Feststellungen. Hier öffnet sich für künftige Forschungen ein breites Bestätigungsfeld. Das Wort "Bürger" hängt zweifellos mit dem Begriff "Burg" als schützender Ort oder als Stätte der Geborgenheit zusammen. Die Bürger genossen wichtige Vorzüge, Rechte und Freiheiten. Das ländliche Bürgerrecht war vor allem wirtschaftlich motiviert. Im Dorfbereich gab es Land- oder Waldflächen, welche als unausgeschiedene Güter aller Dorfgenossen galten und gemeinsam genutzt wurden. Mit der Schwächung der Grundherrschaft und dem Erstarken des Bauernstandes gewann die Genossenschaft der Dorfleute zunehmend an Gewicht; sie wurde zur Dorfgemeinde, verleihte den eingesessenen Personen das Ortsbürgerrecht und beteiligte sie an der Willensbildung.
Die fehlende Existenzbasis – besonders nach Erbteilungen – führte innerhalb der ansässigen Bevölkerung langsam zu einer zurückgesetzten Schicht von Kleinbauern, Taglöhnern, Handwerkern und später auch Heimarbeitern. Durch die Schaffung der uns bekannten Gerechtigkeiten, die nur noch zusammen mit dem Hof veräussert werden konnten, förderte man die Ab- und Ausschliessung. Die Errichtung neuer Häuser wurde wegen der zunehmenden Holzknappheit (Bauholz und Heizungen!) ganz verboten. Solche Vorgänge prägten sichtbar auch die ländliche Architektur. Gegen die starke Bevölkerungsvermehrung wurden aus Mangel an Nahrung und Rohstoffen regelrechte Notmassnahmen ergriffen. Die Überflutung durch Zuzüger wurde beispielsweise mit der Erhebung von teils massiven Einzugsgebühren verhindert. Auch wollte man von Fremden wissen, wohin sie gehören, damit man sie im Verarmungsfall wieder an ihre Heimatgemeinden abschieben konnte.
Die Familiennamen entwickelten sich erst seit dem 12. Jahrhundert, zunächst in den Städten, um Personen gleichen Vornamens voneinander zu unterscheiden. In Beinwil (Freiamt) wurden noch sehr lange Personenverzeichnisse nach den Vornamen abgelegt. Die erworbenen Zunamen festigten sich nur langsam zu Familiennamen. Die Ableitungen sind vielfältig und stammen von veränderten Stammes- oder Vornamen, vom Wohnsitz oder Wohnstätte, von Spitz- oder Übernamen, ferner vom ausgeübten Handwerk oder Gewerbe. Zweige von Geschlechtern, die während Generationen hier sesshaft waren, sind oft nur schwer auszumachen. Die früheren Eintragungen wurden in der Regel sehr knapp gehalten. Genealogische Zusammenhänge können meistens nur von erfahrenen Personen durch Vergleichungen mit anderen Unterlagen nachvollzogen werden.
Ab 1600 beginnen in Beinwil (Freiamt) die ersten Kirchen- bzw. Familienbücher. Sie dienen oft als einzige Quelle zur Erfassung der Abstammungen. Leider sind aber auch diese nur lückenhaft geführt, was die Ahnenforschung wiederum sehr erschwert. Mit Verordnung vom 19. Weinmonat 1818 verpflichtete die Regierung sämtliche Ortsbürgerschaften, ein Bürgerregister nach vorgeschriebener Anleitung zu erstellen. Aus dieser Bestandesaufnahme sind uns die ältesten. Ortsansässigen Familiennamen wie folgt (in alphabetischer Reihenfolge) überliefert: Bucher, Burkart, Bütler, Eichholzer, Gisler, Huwyler, Jenni, Kaufmann, Kretz, Kreyenbühl, Küng, Laubacher, Melliger, Nietlispach, Perret, Rosenberg, Sachs, Saxer, Suter, Villiger, Winiger.
Die gesellschaftliche und rechtliche Entwicklung seit Ende des zweiten Weltkrieges, insbesondere auch die Mobilität unserer Tage, haben die ursprüngliche Bedeutung des Bürgerrechtes sehr stark eingeschränkt. Zu den typischen Geschlechtern von Beinwil (Freiamt) sind durch ständige Anpassungen und Erleichterungen im Bürgerrecht und Personenstandswesen mindestens eine Hundertschaft neuer Namen hinzugekommen. Die anfangs zitierte Geborgenheit und das Selbstgefühl, welches traditionellerweise mit dem Gemeinde- bzw. Ortsbürgerrecht vermittelt wurde, scheint aus der Mode gekommen zu sein.
Ortsbewohner und ihre Übernamen
Vor einigen Jahrzehnten hatte noch jedes Dörfchen seine charakteristische – oder auch neckische – Bezeichnung. So wurden die Beueler "Stierengrinder" die Broueler "Holzschlegel", die Wallenschwiler "Nachheuel" die Witteler "Holzniggel" und die Winterschwiler "Wespi" genannt. Diese spassigen Dorfzunamen hatten ihren Ursprung in folgenden Begebenheiten: Die Beueler waren bekannt als gute Viehzüchter. In der bodenständigen und landläufigen Bauernsprache bot sich der Ausdruck "Stierengrind" geradezu an. Die Broueler waren die Holzfäller in den grossen Klosterwaldungen auf dem langgestreckten Hügelzug des Lindenberges. Nun, Holzfäller war ein zu feines Wort. "Holzschlegel" passte besser in den typischen Dialekt. Die Bezeichnung "Nachtheuel" für Bewohner aus Wallenschwil war auf die abgeschnittene, vom Wald umschlossene Lage des Dörfchens zurückzuführen. Die Witteler protzten gerne etwas mit ihrem prächtigen Wald und den grossen Holzäpfeln. Deshalb wohl die Bezeichnung "Holzniggel". Die Winterschwiler schliesslich galten als sehr erfolgreiche Bienenzüchter. Der Name "Biene" war nun aber etwas gar zu nobel, und so sagte man einfach "Wespi".
Gessler
Das wohl berühmteste Geschlecht unserer Gemeinde stammt aus dem Ortsteil Wiggwil. Hier begegnen wir den Spuren eines Landvogtes "Gessler". Die Überlieferung berichtet von einer "Gessler-Gass", einem längst eingegangenen Weg, der zum "steinernen Hus" des Gessler führte. Zu jener Zeit hatten nur Adlige das Vorrecht, ihre Wohnstätte aus Stein zu bauen. Im kleinen Bauerndörfchen Wiggwil soll also das Lebenslicht jenes Mannes aufgegangen sein, das später in der "Hohlen Gasse" zwischen Küssnacht und Immensee eine jähes Ende nahm und in der Schweizer Geschichte seinen festen Platz gefunden hat.
Aus dem Jahre 1250 ist ein "Ulrich dictus Gessylarius" de Wicwile genannt, welcher nach Meienberg übersiedelte und sich schon ein Jahr später "Ulrich dictus Gessylarius de Meginberc" nannte. Etwa anderthalb Jahrhunderte lang blieben seine Nachkommen im Städtchen Meienberg sesshaft. Die Gessler waren Vollfreie und hatten in Wiggwil die Vogtei inne. Ihre Heimat war dem Kloster Kappel angegliedert. Dort befindet sich noch heute an bevorzugter Lage die Grabkapelle des Familienstammes, reich verziert mit einer grossen Zahl von Gessler Wappen.
Die Gessler entwickelten sich auf ihrem Stützpunkt zwischen Baden und der Urschweiz zu einflussreichen Geschäftsleuten, die auch mit den oberitalienischen Städten Handel trieben. Sie hatten unter anderem die Aufgabe, den Weg über den Gotthard auszubauen und zu sichern. Die Tatsache mag auch erklären, dass wir den leicht geänderten Geschlechtsnamen "Gisler" (heute noch in Wiggwil heimatberechtigt) verschiedentlich im Urnerland antreffen. Zusammenhänge werden hier offensichtlich.
Allerdings hat Friedrich Schiller in seinem Drama "Wilhelm Tell" dem Gessler auch gar viel böses zugedichtet, was kaum den Tatsachen entsprechen dürfte und den Familiennamen in ein schiefes Licht stellt. Die angeblichen Stammburg in Wiggwil, oder das "steinerne Hus", ist im Laufe der Zeit verfallen. In der Erinnerung älterer Einwohner ist allerdings die "Hüsligass" geblieben. Leider ist auch diese Weganlage in den letzten Jahrzehnten als Folge baulicher Anpassungen fast vollständig zugeschüttet worden und somit aus dem früheren Weilerbild verschwunden.
Huwyler-Frei Erhard, Gemeindeschreiber
1987 / 1999 / 09.2006