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Zum Dies Iudaicus 2020
von Rabbiner Dr. David Bollag, Institut für Jüdisch-Christliche Forschung, Universität Luzern
Die Thora fordert den Menschen an verschiedenen Stellen auf, Gott zu dienen. An einer dieser Stellen lautet die Formulierung: „Gott mit dem ganzen Herzen zu dienen“ (Deuteronomium 11,13). Der Talmud erhebt zu dieser Formulierung die verständliche Frage, wie denn Gott mit dem Herzen gedient werden könne. Da der ideale Gottesdienst im Tempel vorgenommen wird und da dieser Dienst – primär mit den Opfern – ein physischer, körperlicher Dienst ist, wird hier die Frage gestellt, wie denn Gott mit dem Herzen, auf abstrakte Art und Weise, gedient werden könne?
Der Talmud beantwortet die Frage indem er erklärt, dass mit dem Dienst mit dem Herzen das Gebet gemeint sei. Das Gebet ist ein Dienst an Gott, der mit dem Herzen ausgeführt wird. In der heutigen Zeit, da wir keinen Tempel in Jerusalem haben, ist das Gebet gar die wesentlichste und bedeutendste Art, Gott zu dienen. Wenn heute von „Gottesdienst“ die Rede ist, so ist damit das Gebet gemeint.
Im Kontext der Diskussion der unterschiedlichsten Aspekte des jüdischen Gebetes geht der Talmud auch der grundlegenden Frage nach, wie denn das Gebet entstanden sei, wo sein Ursprung zu finden sei. Er präsentiert zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansichten. Die beiden Ansichten bringen auf direkte Art und Weise die zentralsten Eigenschaften des jüdischen Gebetes zum Ausdruck.
Die erste der beiden im Talmud präsentierten Ansichten ist, dass das jüdische Gebet von den Erzvätern – von Abraham, Isaak und Jakob – eingeführt worden sei. Die drei täglichen Gebete haben ihren Ursprung bei je einem der drei Erzväter, und der Talmud zitiert die Bibelstellen, die beinhalten, dass die Erzväter gebetet haben.
Die andere Ansicht im Talmud ist, dass die Gebete ihren Ursprung erst viel später haben, dass die verschiedenen Gebete des Tages parallel dem Opferdienst im Tempel eingerichtet worden seien. Jedes der drei täglichen Gebete gehe auf eine bestimmte Opferhandlung im Tempel zurück.
Die beiden Meinungen unterscheiden sich sehr klar voneinander – nicht nur in Bezug auf die Frage, wann das jüdische Gebet entstanden sei, sondern vor allem auch, was der Grundcharakter des Gebetes im Judentum sei.
Die erste Ansicht lässt uns verstehen, dass sich das jüdische Gebet primär dadurch auszeichnet, dass es – wie bei den Erzvätern – spontan, im Innern des Menschen, in einer bestimmten Lebenssituation entsteht, und deshalb sehr individuellen Charakter hat. Das Gebet entsteht aus dem Wunsch des Menschen, sich mit seinen ganz persönlichen Gedanken und Emotionen, mit Lob, Bitten und Dank an Gott zu richten.
Die andere Ansicht unterscheidet sich sehr klar davon. Sie sieht das Gebet – wie den Opferdienst im Tempel – als etwas dem Menschen von aussen Vorgeschriebenes, als eine tägliche Verpflichtung, die der Gemeinschaft und dem Einzelnen obliegt. Als eine Vorschrift an den Menschen, die er – unabhängig von seiner spezifischen Lebenssituation – mehrmals täglich zu einer bestimmten Zeit, mit gegebenem Inhalt und vorgeschriebener Form zu erfüllen hat.
Der Talmud versucht zu eruieren, welche der beiden Ansichten die richtige sei. Nach sorgfältiger Analyse der Meinungsverschiedenheit kommt er zum Schluss, dass beide richtig sind. Die Grundidee des Gebetes, das Beten des Menschen, geht auf die Erzväter zurück. Sie haben das Gebet initiiert und beeinflussen damit das jüdische Gebet bis heute. Doch die Festlegung vieler der einzelnen Vorschriften des Gebetes orientiert sich direkt am Opferdienst im Tempel. Das hat zur Folge, dass das jüdische Gebet auch direkt vom Opferdienst im Tempel beeinflusst ist.
Da beide, sehr unterschiedlichen Ansichten das jüdische Gebet prägen, zeichnet es sich durch eine innere Dialektik aus. Es beinhaltet verschiedene Eigenschaften, die sich grundlegend voneinander unterscheiden, sich gegenseitig scheinbar widersprechen, wenn nicht gar gegenseitig ausschliessen. Ein differenziertes, vertieftes Verständnis des jüdischen Gebetes zeigt aber, dass sich die verschiedenen Eigenschaften gegenseitig ergänzen und vervollständigen.
Das jüdische Gebet will sowohl spontan als auch vorgeschrieben sein. Wenn es im Innern des Menschen entsteht, so soll es wissen, wie es Inhalt und Form annehmen kann. Und wenn keine Spontaneität da ist, so sollen die Vorschriften dafür sorgen, dass es dennoch vorgenommen werden kann, und sie sollen das Innere des Menschen zum Gebet erwecken.
Der Jude steht in seinem Gebet sowohl als Individuum vor Gott – wie die Urväter, gleichzeitig aber auch als Teil der Gemeinschaft – wie im Tempel in Jerusalem. Das Leben jedes Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass er in gewissen Lebenssituationen primär ein einzelnes Individuum ist, während er in anderen Lebenslagen viel mehr Teil der Gemeinschaft ist. Das jüdische Gebet will mit voller Absicht beiden Aspekten des menschlichen Lebens Ausdruck verleihen.
Das jüdische Gebet ist also direkt von den Urvätern und vom Tempeldienst beeinflusst und trägt in einer dynamischen und lebendigen Dialektik die sehr unterschiedlichen Einflüsse beider Ursprünge in sich. In einer Dialektik, die es dem Juden ermöglichen soll, Gott mit seinem ganzem Herzen zu dienen.