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14. Dezember 2017
Eine Tellerwäscherkarriere?
Es ist die Karriere von M’hamed „Momo“ Bouhlal, eines zielbewussten, intelligenten und mutigen Mannes, der keine Anstrengung scheut. 1973 kam er in einem Berberdorf in Marokko zur Welt. Er war 4, als die Familie nach Korsika zog. Er besuchte die kleine Dorfschule. Zum Schulbeginn kaufte der Vater ihm ein französisches Wörterbuch und wies ihn an jeden Tag eine Seite zu lernen. Er selber hatte nie eine Schule besucht.
1985 und 1990 kamen Momos Brüder zur Welt. Er lernte schon als Jugendlicher Babypflege. Mit 13 Jahren brachten die Eltern Momo für ein Jahr in eine Privatschule nach Marokko, wo er am Morgen das Pensum der französischen Schule, am Nachmittag Arabisch büffelte. Die Zeit war hart, der Schlafsaal im Keller, die Mitschüler rücksichtslos, heimtelefonieren viel zu teuer.
Er lernte Bootsmechaniker, was ihn nur im Sommer ernährte, dann Automechaniker. Die Familie Lutz besuchte Korsika jedes Jahr. Iris, die jüngere Tochter, verliebte sich und wollte zu Momo ziehen, aber der Winter auf Korsika war fad. So kam Momo in die Ostschweiz. Nach der Hochzeit lebte das Paar zwei Monate lang bei Iris’ Eltern. Dann besuchte Iris Heiner Näf, der in der Herbrig Wohnungen besass. "Wie heisst dein Mann?" - "Bouhlal." - "Ist er schwarz?" - "Nein." Iris zeigte das Bild ihres Mannes. "Also gut." Eine Tochter und ein Sohn machten das Paar zur Familie.
Momo fand zuerst Temporärarbeit in St. Gallen bei der Firma Braun. Schon nach 4 Monaten hatte er einen festen Vertrag. Im Jugoslawienkrieg wollte er zwischen seinen Arbeitskollegen nicht Stellung beziehen und wechselte deshalb die Stelle. Als Automechaniker stellte er in der Lustmühle Luxusautos instand, fand aber bald, dass blosse Motoren ihn nicht mehr fesselten. Er sah ein Inserat einer Kontaktlinsenfirma in St. Gallen und rief an. Bei einem Gespräch über Wein, Olivenöl und Tomatensauce sagte Momo: "Ich komme vorbei, mit meinem Namen habe ich sonst keine Chance." Er stellte sich am Montag vor und hatte am Mittwoch den Vertrag.
Als sich die Besitzer der Kontaktlinsenfirma trennten und 48% der Belegschaft entliessen, hatte er den Mut mit drei Arbeitskollegen "Lensforme" in Speicher zu gründen. Sechs Monate arbeitete das Team um die Zertifizierung vorzubereiten. Momo zahlte sich einen Lohn von Fr. 2000.-, was genau der Miete der neuen Familienwohnung entsprach. Im Sommer 2010 waren die ersten Lieferungen bereit. Die Firma profilierte sich mit den Eigenschaften "schnell, exakt, spezialisiert". Jede Linse ist ein Unikat.
Nun heisst die Firma "Appenzeller Kontaktlinsen", nachdem eine Freundin von Momos Schwiegermutter darauf hinwies, dass „Lensforme“ nicht die korrekte Schreibweise für "Linsenfirma" sei. Hauptmarkt sind die D-A-CH-Staaten, auch aus Frankreich, Nordafrika, Italien und Kasachstan treffen Bestellungen von Augenärzten und Optikern ein.
Bericht: Hanni Brogle | Fotos: Siliva Fritz