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Gefährlich ist der Kalte Krieg, weil ein Angriff aus dem Osten nie ausgeschlossen werden kann. Davon gehen aus: die meisten Schweizer PolitikerInnen und Militärs. Also auch die Planer der Kampfjetflotte und diejenigen, die deren Anträge im Parlament zu bewilligen haben. Und wenn der Russ kommt, gehts um Leben und Tod. Respektive um helvetische Freiheit oder kommunistische Knechtschaft. Es sind deshalb auch hehre Zeiten - wenn diese Flieger nur nicht dermassen teuer wären!
Sogar die Landesverteidigungskommission (sie prägt in dieser Zeit die schweizerische Militärdoktrin und definiert den Rüstungsbedarf der Armee) fragt nach Kriegsende, «ob die Schweiz allenfalls auf eine Flugwaffe verzichten könne». Auch wenn es eine rhetorische Frage ist: Gestellt wird sie, weil «die Fliegerwaffe», wie der Bundesrat 1946 festhält, «weitaus die kostspieligste [ist]. Ungefähr der dritte Teil der Militäraufwendungen wird von der Flugwaffe in Anspruch genommen.» Ein Verhältnis, das seither in etwa gültig ist.
Am 21. Mai 1947 startet der Bundesrat ins Düsenzeitalter: Er sagt, dass es 500 Kampfjets brauche, um die Schweiz zu verteidigen. Gleichzeitig gibt er bekannt, dass er 75 britische De Havilland DH-100 Vampire kaufen will - die ersten Düsenjäger.
Der Nationalrat ist sich in der unmittelbar folgenden Sommersession nicht ganz so sicher und diskutiert lange über das Geschäft. Vielfältig sind die Argumente gegen diese 64,45 Millionen Franken teure Anschaffung: Es sei unklar, welchen gesundheitlichen Risiken sich Kampfjetpiloten aussetzten; mit Düsenflugzeugen könnten, da viel zu schnell unterwegs, keine Ziele am Boden angegriffen werden; bevor nicht feststehe, mit welchem Konzept das Land verteidigt werden soll, sei es sinnlos, Flugzeuge zu beschaffen; auch die Typenwahl wird kritisiert; überdies zerstörten die Austrittsgase der Düsen beim Start die Rasenpisten.
Doch der Kredit für den zu grossen Teilen noch aus Holz gefertigten Vampire wird mit 74 gegen 59 Stimmen bewilligt. «Man hätte sich allerdings einen schöneren Namen als Vampire gewünscht», meint der Stadtbasler Landesring-Nationalrat und ehemalige Präsident des Schweizerischen Schriftsteller-Verbands Felix Moeschlin, «ist ‹Blutsauger› doch kein schöner Begriff für die Schweiz.» Die 75 Kampfjets werden im englischen Hatfield hergestellt und 1949 in die Schweiz geflogen. Im selben Jahr bewilligt das Parlament 108 Millionen für weitere hundert «Vämpi», wie ihn die Piloten nennen.
Veraltete Veteranen
Weil sie zu Schnäppchenpreisen zu erstehen sind, kauft der Bundesrat Ende Januar 1948 ausserdem hundert propellergetriebene Jagdflugzeuge P-51 Mustang. Die Finanzdelegation der eidgenössischen Räte ist damit einverstanden, die Mustang füllen die Lücke, bis die Flugwaffe genügend Düsenflugzeuge beschafft hat. Die veralteten Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg werden von den US-Amerikanern in Deutschland nicht mehr gebraucht, sind seit drei Jahren im Freien parkiert, stehen vor der Liquidation und kosten 4000 US-Dollar (damals etwa 17000 Franken) pro Stück. Da die US Air Force für einen längeren Betrieb nicht mehr genügend Ersatzteile liefern kann, erhält die Schweiz dreissig weitere Maschinen als Ersatzteillager. Anfang 1949 gelingt es, doch noch günstig zu Ersatzmaterial zu kommen, sodass die dreissig Mustang der Flotte eingegliedert und ab 1957 auch schon wieder mit den hundert anderen ausgemustert werden.
Keine Freude an den Vampire und noch weniger an den Mustang hat die Schweizer Flugzeugindustrie, deren wichtigste Vertreter das staatliche Eidgenössische Flugzeugwerk F+W in Emmen, die privaten Flug- und Fahrzeugwerke AG FFA in Altenrhein und die Pilatus-Flugzeugwerke AG in Stans sind. Seit 1919 werden in der Schweiz - meist in Lizenz - Flugzeuge für die Armee gebaut, allein im Zweiten Weltkrieg über 400 Stück. Allerdings hat man hierzulande erst spät gemerkt, dass an Düsen kein Weg vorbeiführt. Immerhin können die drei Firmen die zweite Serie Vampire ab 1951 im Lizenzbau fertigen, nur die Triebwerke kommen direkt aus Britannien.
Schneller Bundespräsident
Als sich abzeichnet, dass der helvetische Kampfjet auf sich warten lässt, spricht der Nationalrat am 12. April 1951 weitere 175 Millionen Franken für 150 Jagdbomber DH-112 Venom (Schlangengift), die Pilotenzelle und die meisten Triebwerke dieses auf dem Vampire basierenden Modells werden in Lizenz in der Schweiz gefertigt. In der Sommersession 1954 gibts für 115 Millionen noch einmal hundert verbesserte Venom. Sie werden von 1953 bis 1958 ausgeliefert und sind bis 1983 im Einsatz, wobei rund ein Fünftel der 250 Maschinen abstürzt.
Mit dem Venom erhält die Flugwaffe erstmals ein Flugzeug mit Schleudersitz. Damit sinkt die in den Jahren zuvor ansteigende Zahl der tödlichen Unfälle - alleine 1951 kommen bei Abstürzen und Kollisionen vierzehn Piloten in zehn Propeller- und vier Düsenflugzeugen ums Leben. Bis 2006 können sich 49 Piloten per Schleudersitz retten, wobei sich rund die Hälfte beim Wegschleudern oder Landen verletzt.
Der Venom kann auch Napalmbomben abwerfen. Aber nicht mit Überschall fliegen. Trotzdem knallts am 17. Oktober 1953 in der Schweiz: Ein Testflugzeug vom Typ Hawker F Hunter durchbricht die Schallmauer. 1955 wird der zunehmende Fluglärm erstmals im Parlament thematisiert, 1960 reklamieren viele Leute, weil vermehrt auch in der Nacht geflogen wird.
1956 ist es soweit: Mit den insgesamt 425 Vampire und Venom sind alle 21 Kampfflugzeugstaffeln der Schweizer Flugwaffe ausschliesslich mit Düsenjägern ausgerüstet - alle anderen Luftwaffen auf der Welt haben zu diesem Zeitpunkt auch noch Propellermaschinen im Einsatz. Eine weitere Weltpremiere gelingt am 27. Februar 1957 Bundespräsident Hans Streuli. Nachdem sich am Vortag EMD-Chef Paul Chaudet als Passagier durch die Schallmauer hat fliegen lassen, will der 64-jährige Streuli auch - er ist das erste Staatsoberhaupt, das sein Land mit Überschallgeschwindigkeit durchquert.
Wegen der Ungarn- und der Suezkrise wird im Oktober 1956 der Treibstoff knapp, die Flieger bleiben zeitweise am Boden. Die neuen Jets verbrauchen auch wesentlich mehr Flugbenzin: Während die Propellerflugzeuge C-35 und Mustang pro Stunde mit 250 respektive 400 Liter auskamen, sind die Düsenjets viel durstiger: Der Vampire braucht 1500, der Venom 2000, der P-16 2400 Liter. Sicherheitshalber baut das EMD deshalb für 60,4 Millionen Franken unterirdische Tanklager. Probleme gibts auch mit den Romands: Sie wollen nicht in die Kampfjetkanzeln steigen, statt zwanzig - wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspräche - stellen sie bloss sechs Prozent der Piloten.
Immer noch verzögert sich die Auslieferung von einheimischem Material. Die Militärs werden ungeduldig, testen 1957 verschiedene ausländische Jets. Am 15. November beantragt der Bundesrat, hundert britische Hawker F Mk 58 Hunter für 312,7 Millionen Franken zu kaufen. Das Parlament folgt ihm im Januar 1958, bereits am 12. April fliegen die ersten Jäger von England nach Emmen. Im Jahr 1960 verfügt die Flugwaffe über 508 Düsenflugzeuge.
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