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Mindestens neun Banken haben bisher gesagt, dass sie Arbeitsplätze in die Main-Metropole verlegen werden. Dies könnte letztendlich 10.000 neue Arbeitsplätze und weit über 85 Millionen Euro an jährlichen neuen Steuereinnahmen für die deutsche Finanz-Hauptstadt bedeuten und das Wirtschafts- und Kulturleben befruchten. Micha Hintz hasst diese Idee.
"Der Brexit wird furchtbar für Menschen mit einem normalen Einkommen", sagt Hintz, Inhaber der 37 Jahre alten Karl-Marx-Buchhandlung. Er liegt damit auf einer Linie lokaler Aktivisten, die versuchen eine aus ihrer Sicht gemütliche und bequeme Stadt zu schützen, die keinen Bedarf an Geld und Glanz der möglichen Legionen an wohlhabenden Neulingen hat. "Es mag gut für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Stadt sein", sagt Hintz, 61, hinter seinem beeindruckenden Marx-Bart. "Aber was wir brauchen, ist bezahlbares Wohnen. Und die Bevölkerung hat kein Mitspracherecht".
Wenn langjährige Frankfurter einer Brexit-getriebenen Welle von Neuankömmlingen misstrauen, so sind auch die Banker selbst alles andere als übermässig begeistert von der Idee. Die Stadt mit knapp 730.000 Einwohnern kann wohlwollend als "verschlafen" bezeichnet werden, zumindest im Vergleich mit London, einem der kulturell vielfältigsten Orte des Planeten mit einer Bevölkerung von 8,8 Millionen Menschen.
Ist Frankfurt zum Gähnen?
Obwohl nur wenige Banker Frankfurt öffentlich verunglimpfen, äusserten mehr als ein Dutzend im Vertrauen, dass sie wenig Interesse daran haben, an einen Ort zu ziehen, der in bestimmten Kreisen der Londoner City den Beinamen "Yawnfurt" (Gähnfurt) trägt. Einer, der wahrscheinlich nach Frankfurt gehen wird, sagt, er werde seine Familie in Grossbritannien zurücklassen und ein paar Tage in der Woche in Hotels in Frankfurt bleiben. Ein weiterer hat zugestimmt, für einen vorübergehenden Einsatz nach Frankfurt zu ziehen, hat aber eine Zusage gefordert, dass die Entsendung nicht länger als ein paar Jahre dauert.
Für Banker könnten "die reinen Daten vielleicht Ja zu Frankfurt sagen, aber das Herz definitiv nicht", sagt John Purcell, ein Executive Recruiter in London. "Bei all den möglichen kommerziellen Vorteilen, die Frankfurt bieten könnte, müssen grosse kulturelle Probleme überwunden werden."
Frankfurt hat etwa zwei Dutzend Theater, die regelmässig Stücke aufführen - London hat zehnmal so viele. In London gibt es 72 Restaurants mit Michelin-Sternen. Frankfurt hat 11. Und wo Londons Einkaufsmeilen jeden Tag und bis in die Nacht hinein pulsieren, verlangt das deutsche Gesetz, dass die Geschäfte sonntags geschlossen bleiben und damit viele der Frankfurter Einkaufsviertel in Geisterstädte verwandelt.
Stadtkern durch zweiten Weltkrieg zerstört
"Der Brexit könnte ein grosses Konjunkturpaket für Frankfurts Wirtschaft werden", sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan im September auf einer Konferenz. Aber die Stadt müsse ihre Infrastruktur aufbessern und "ein Dutzend weiterer Theater und ein paar hundert Restaurants" schaffen, wenn es diesen Stimulus geben soll.
Der im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörte historische Stadtkern Frankfurts wurde in den 1950er und 60er Jahren, oft im pragmatischen Stil der Zeit, schnell wieder aufgebaut. Es galt neue Wohnungen zu schaffen und den Weg für Autos frei zu machen. Ausserhalb des Zentrums wurden viele herrschaftliche Häuser aus dem 19. Jahrhundert zerstört, um Platz für unscheinbare Bürogebäude zu machen. Als in den 1980er Jahren mehr Banken nach Frankfurt kamen und Hochhäuser in die Skyline schossen, nannten Witzbolde die Stadt "Bankfurt". Und das war nicht als Kompliment gemeint.
Das änderte sich, und viele Bewohner sind heute stolz auf den Wald an Bürotürmen. Und im Vergleich zu London ist Frankfurt billig: Obwohl die Mieten steigen, betragen die typischen Wohnkosten nur 55 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns, gegenüber 135 Prozent in London, zeigen Daten des Bloomberg Global City Housing Affordability Index. Frankfurt hat sich indes in den letzten Jahren deutlich herausgeputzt. Zum Beispiel wurde das Flussufer am Main in einen 5 km langen Park mit Lauf- und Radwegen, Cafés und Restaurants sowie einem Dutzend Museen umgewandelt.
Am östlichen Ende dieses Parks liegt die Europäische Zentralbank, die fast 4.000 Fachleute, darunter viele Ausländer, in die Stadt holte. Es folgten internationale Schulen, Restaurants und Geschäfte, um die Vorlieben der Zugezogenen zu befriedigen. Die EZB war 2014 in ihr neues, 43-stöckiges Gebäude im ehemals kläglichen Ostend-Viertel umgezogen.
Der Stadt wurde Leben eingehaucht
"Als ich nach Frankfurt zog, gab es nur einen Ort in der ganzen Stadt, um ordentlichen Espresso zu trinken", sagt Stefano Nardelli, ein EZB-Ökonom, der kurz nach der Eröffnung der EZB im Jahr 1999 ankam. Und während inzwischen einige Supermärkte bis Mitternacht geöffnet haben, war es damals "nach 18 Uhr nicht möglich, Lebensmittel einzukaufen".
Heutzutage können die Mitarbeiter der EZB schnell zum Fluss runterfahren, um Martinis, Mojitos oder Macchiatos in den Bars zu trinken, die sich rund um ihr neues Hauptquartier angesammelt haben. Am Freitagabend laufen die nahe gelegenden Bürgersteige beinahe über vor Menschen, die Essen, Trinken und bis lange in die Nacht hinein plaudern.
Aber die Fassaden der Neubauten in der Gegend sind auch von Graffiti-Texten in der Art "Eine Stadt für alle" vernarbt. Ehemalige Bewohner wurden aus ihren Häusern gepreist, und moderne Wohnhäuser verdrängten die Lagerhäuser und Bordelle für Hafenarbeiter, sagt Tobias Schmitz, Mitarbeiter von Mieter helfen Mietern Frankfurt e.V., einer gemeinnützige Organisation, die Mieter in Verhandlungen mit Vermietern berät. Ein Zustrom von hochbezahlten Bankern auf Grund des Brexit werde die Lage nur verschlimmern, sagt er.
"Wir haben gesehen, wie sich das Ostend aufgrund der EZB verändert hat", sagt Schmitz. "Frankfurt wäre besser dran, wenn sich mehr Banken für Paris entscheiden würden".
(Bloomberg)