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Aufgewachsen in Chile
Alejandro Zambra: „Die Erfindung der Kindheit“ (Roman)
Ein Junge verbringt seine ersten Lebensjahre in der chilenischen Militärdiktatur. Als Erwachsener fühlt er sich von seinen Eltern, die Schweigen für die beste Antwort auf die damalige Lebenswirklichkeit hielten, verraten. Alejandro Zambra schreibt in seinem Roman vom Umgang mit den Erinnerungen und dem Versuch, sich selbst in der Geschichte des eigenen Landes zu verorten.
Von Louanne Burkhardt
Er lebt mit seinen Eltern in einer Vorstadt, verbringt seine Tage in der Schule und mit den Nachbarskindern auf der Strasse, er verläuft sich auf dem Nachhauseweg und hilft seinem Vater am Wochenende beim Autoputzen. Dies alles klingt nach einer gewöhnlichen Kindheit wie überall auf der Welt. Mit dem Unterschied, dass die Vorstadt zu Santiago de Chile gehört und der kleine Junge während der Militärdiktatur Pinochets aufwächst. Und gerade deshalb ist seine Kindheit keine gewöhnliche. Richtig bewusst wird dies dem Jungen aber erst später; als Erwachsener fühlt er sich um seine eigene Vergangenheit betrogen und wirft seinen Eltern vor, ihn in einem falschen Idyll aufgezogen zu haben.
Kindheit im Schatten
Der Ich-Erzähler macht sich auf die Suche nach der Wahrheit seiner behüteten Kinderjahre. Einen Roman schreibend begibt er sich auf die Spuren der Erinnerungen. Seine Eltern hielten sich aus der Politik raus und wollen so die Familie und vor allem ihren Sohn vor der blutigen Wirklichkeit der Diktatur behüten. Erst als die faszinierende Claudia, ein Nachbarskind, in das Leben des Jungen tritt, beginnt sich dessen Geschichte mit der Geschichte des Landes zu verwickeln. Ohne die Bedeutung seines Tuns zu kennen, geht er Claudias Bitte nach und beschattet deren Onkel. Die nachmittäglichen Spaziergänge durch die Strassen Maipús, immer im Schatten dieses geheimnisvollen Mannes, führen ihn zu scheinbar unbewohnten Häusern, geflüsterten Gesprächen und rätselhaften Frauen.
Was ist meine Geschichte?
Jahrzehnte später begegnet er Claudia wieder. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihnen entwickelt, ist für beide eigentlich nur der Wunsch, die Vergangenheit verstehen zu lernen, um sich dadurch ein wenig besser in der Gegenwart zurechtzufinden. Manchmal mit einer grossen Wut, manchmal mit einer nachdenklichen Traurigkeit verlangt der Ich-Erzähler danach, Claudias ganze Geschichte zu hören. Nur um zu erfahren, was er schon lange ahnte: Die Geschichten von übernommenen Idenentitäten, Versteckten und Exilanten, spielte sich auch in seinem Umfeld ab – ist Teil seiner eigenen Kindheit.
Seine Suche führt in zurück ins Elternhaus. Seinen Eltern wirft er Verrat vor, verurteilt ihr Schweigen, überträgt seine jetzigen politischen Ansichten auf die damalige Zeit und weiss nicht, ob seine passiven Eltern und auch er, als Kind, schuldig oder unschuldig waren. Das einzige, was er weiss, ist, dass er sich um seine eigene Geschichte, die Geschichte seiner Generation betrogen fühlt.
Glaubhafte Kinderaugen
Der Roman Alejandro Zambas wechselt zwischen Passagen, die in der Kindheit des Jungen spielen und der Gegenwart, der Zeit, in der der Ich-Erzähler einen Roman schreibend die Wahrheit in seinen Kinderjahren sucht und diese – wie der Titel sagt – neu erfindet. Die kurzen, ungefähr zwei Seiten umfassenden Abschnitte sind geprägt von einem melancholischen Grundton. Gerade jene Passagen, in denen der Erzähler seine Umwelt mit Kinderaugen sieht, überzeugen mit einer eindrücklichen Tiefenschärfe. Wir erfahren, wie ein Kind die Lebenswelt einer Diktatur wahrnimmt, unfähig, die Umstände rational einzuordnen. Vielleicht verstehen wir so auch ein wenig die Eltern des Jungen: Denn wie erklärt man einem Kind, was eine Diktatur ist?
Präsente Vergangenheit
Es ist nicht nur die Geschichte einer Kindheit in Chile und einer Generation, die ihren Eltern vorwirft, ihren Kindern die Wahrheit vorenthalten zu haben, so dass sie nun, als Erwachsene, zurückblicken und die eigene Authentizität in Frage stellen müssen. Es ist auch ein Roman über den Umgang mit der Vergangenheit im Allgemeinen. Über die Tatsache, dass das Gewesene essentiell ist für das Selbstverständnis im Jetzt. Es geht auch um das Schreiben und um das Festhalten, um den Umgang mit der Erinnerung. Letztendlich kann man nämlich nur die eigene Geschichte niederschreiben, und schon das ist – wie wir in „Die Erfindung der Kindheit“ sehen – schwierig genug.
Ein eindrückliches Buch, geschrieben in einer kraftvollen, entlarvenden Sprache, die von der renommierten Übersetzerin gekonnt ins Deutsche übernommen wurde. Es ist einer jener seltenen Romane, der einen nach dem Lesen klüger sein lässt als vor dem Lesen, den man aber trotz all seiner Schwere am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.
Titel: Die Erfindung der Kindheit
Autor: Alejandro Zambra
Aus dem Spanischen von: Susanne Lange
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 165
Richtpreis: 29.90 Fr.