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Titelgeschichte
Auf dem Rückzug
Der Wandel der Gletscher ist ein emotionales Thema – heute wie vor 400 Jahren. Wie geht es den Gletschern aktuell? Werden sie schon bald ganz verschwunden sein?
Kurz und bündig
- Die Gletscher sind zu gross für das heutige Klima.
- Kleine Gletscher reagieren schneller auf klimatische Veränderungen als grosse.
- Die Längenänderung der Gletscher ist ein guter Klimaindikator.
- Den letzten Höchststand erreichten unsere Gletscher in der Kleinen Eiszeit um 1850.
- 2100 werden noch nicht alle Gletscher verschwunden sein.
Am Bahnhof Morteratsch GR türmen sich gewaltige Eismassen auf. Es ist die Zunge des Morteratschgletschers, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis fast zur heutigen Station an der Bernina-Linie der Rhätischen Bahn reicht. Allerdings gab es diese damals noch nicht, der Streckenabschnitt wurde erst 1908 eröffnet. Seither hält der rote Zug am Eingang dieses durch Eis geformten Tals und bringt Besucher hierher. Diese müssen einen Fussmarsch von gut zwei Stunden zurücklegen, bis sie beim Gletscher ankommen, entlang der Talsohle, flankiert von den hohen Seitenmoränen aus Schutt, den der Gletscher zurückliess, als er sich immer weiter zurückzog. Diese Entwicklung dokumentieren Tafeln am Wegrand, die erste markiert das Jahr 1880. Da war der Gletscher bereits auf dem Rückzug; seinen Höchststand während der Kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Morteratschgletscher 1860 erreicht.
Seither büsste er rund drei Kilometer Länge ein und schmilzt seit 1999 mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 Metern pro Jahr. Zusammen mit dem Persgletscher bedeckt der Morteratschgletscher eine Fläche von 16 km2. Er ist damit einer der grösseren Gletscher in den Alpen und der grösste in der Bernina-Region. Der grösste Gletscher der Schweiz und der gesamten Alpen ist der Grosse Aletschgletscher mit einer Fläche von 80 km2. Beide sind sogenannte Talgletscher; Eisströme, deren Ende – die Gletscherzunge – bis ins Tal reicht. Im Gegensatz dazu gibt es Hänge- und Gratgletscher, die weit oben in den Felsen liegen und oft gar nicht als Gletscher erkennbar sind.
Das ewige Eis fasziniert: Die Schweizer Gletscher locken jedes Jahr viele Touristen aus dem In- und Ausland an. «Diese natürlichen Landschaftselemente gibt es nicht überall. Sie haben eine einzigartige Formenvielfalt, etwas Vergleichbares gibt es nicht», sagt die Glaziologin Christine Levy (45) vom Zentrum für angewandte Glaziologie der Fachhochschule Graubünden und der Academia Engiadina in Samedan GR. Ein zusätzlicher Punkt für die Anziehung dürfte sein, dass die Gletscher immer weiter zurückgehen. Sie sind also nicht nur selten, sondern auch vergänglich.
Landschaften im Wandel
Christine Levy befasst sich seit über 20 Jahren mit Gletschern. Ihr Forschungsgebiet sind die Gletscher im Bergmassiv des Piz Bernina. Sie beobachtet ihre Veränderung auch aus der Luft und hält die Entwicklung mit der Kamera fest. Die Bilder und ihre Erkenntnisse dazu hat sie im Buch «Bernina-Gletscher: Wo sich Himmel und Eis berühren» zusammengetragen. Sie verbindet damit ihren Beruf mit ihrem Hobby, dem Segelfliegen. «Gletscher verändern sich laufend und bleiben unberührt. Der Mensch kann hier nicht mitgestalten, wie er es sonst überall tut», erklärt sie ihre Faszination. Zu den Gletschern kam die Geografin im Jahr 2000 im Rahmen ihrer Diplomarbeit über Geomorphologie im Oberengadin, also der Formung der Erdoberfläche. Das Eis der Gletscher spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Gegend lag in der Eiszeit vor rund 20 000 Jahren unter einem dicken Eispanzer. Die Gletscher formten die Landschaft während Jahrtausenden. Wo ein Gletscher talwärts fliesst – oder floss – ist das Tal weit, die Talsohle relativ flach, es sind sogenannte U-förmige Täler. Der Gletscher fliesst über den Stein und schleift ihn ab. Die Felswände, die vom Eis freigelegt sind, haben daher runde Formen, nicht kantige. Ist das Eis weg, bleiben Seen und Seitenmoränen zurück, die mit der Zeit wieder bewachsen werden. Bisweilen lässt das Eis grosse Steine mitten in einer Ebene zurück, sogenannte Findlinge. Das Engadin ist ein solches Gletschertal, geformt durch den Inn-Gletscher, ebenso wie das Haslital, wo einst der Aaregletscher floss.
Für ihre Diplomarbeit widmete sich Christine Levy vor allem dem Roseg-Gletscher. Das Rosegtal bei Pontresina GR ist ein Seitental des Oberengadins. Über ihre erste Begegnung mit dem Roseg-Gletscher Anfang der 2000er-Jahre sagt die Glaziologin: «Damals reichte er bis zur Talsohle, endete im See mit einer eindrücklichen Eiswand.» Inzwischen hat er sich weit zurückgezogen und eine Felswand freigelegt. Gerade diese Steilstellen eines Gletschers sind heikle Punkte: «Das Eis ist dort relativ dünn. Wenn es komplett durchschmilzt, verliert die Gletscherzunge den Kontakt zum Nährgebiet», erklärt die Expertin. Dieser abgetrennte Teil wird nicht mehr zum Gletscher gezählt, sondern als Toteis bezeichnet. So büsste der Roseg-Gletscher auf einen Schlag einen Kilometer Länge ein.
Die Gletscher sind zu gross
Auch andere Gletscher verlieren zusehends an Länge und Masse. Jedoch mit Verzögerung. «Je nach Gletschergrösse hinkt der Abschmelzprozess bis 30 Jahre hinterher», sagt die Glaziologin. Oder anders gesagt: Die Gletscher sind eigentlich zu gross für die heute herrschenden Temperaturen. Warum das so ist, erklärt Levy am Beispiel eines Eiswürfels: «Er ist auch nicht in einer Sekunde weggeschmolzen, wenn man ihn auf den Tisch legt.» Ein kleiner Gletscher hat eine geringere Eismasse, die schneller reagiert, grosse Gletscher haben dickeres Eis und reagieren deshalb langsamer auf Veränderungen der Umgebung. Die Reaktionszeit des Morteratschgletschers beträgt etwa 20 Jahre: Er wird also erst in zwei Jahrzehnten die Grösse erreichen, die den klimatischen Gegebenheiten von 2020 entspricht.
«Die Attraktivität der Landschaft nimmt ab.»
Wie gross ein Gletscher sein dürfte, um den aktuellen klimatischen Bedingungen zu entsprechen, lässt sich am besten im Spätsommer ablesen, wenn die Schneegrenze ihre höchste Position erreicht hat. «Die Hälfte bis zwei Drittel der Fläche sollten dann noch mit Schnee bedeckt sein», so Levy. Diese Fläche ist das sogenannte Nährgebiet: Dort baut sich aus der Verdichtung von Schnee neues Eis auf. Der Schnee muss dazu das ganze Jahr über liegen bleiben. Das Zehrgebiet ist der untere Teil des Gletschers, der im Sommer schneefrei ist. Dort schmilzt das Eis und der Gletscher verliert an Masse.
Ob ein Gletscher wächst oder schrumpft, hängt von der sogenannten Massenbilanz ab. Schmilzt mehr Eis als nachwächst, nimmt die Gesamtmasse des Gletschers ab. «Man muss das über mehrere Jahre hinweg betrachten, um festzustellen, wie es einem Gletscher tatsächlich geht», betont Christine Levy. Ein einziges kühleres Jahr mit viel Schneefall reicht noch nicht aus, damit ein Gletscher wächst. Und: Ein Hitzesommer kann einen strengen Winter gar wieder zunichte machen. «Deshalb ist die Längenänderung der Gletscher ein guter Klimaindikator. Sie reagiert nicht auf die Wetterkapriolen eines Jahres, sondern ist ein Durchschnitt von vielen Jahren.» Damit die Gletscher wieder wachsen, müsste ihre Massenbilanz über Jahre hinweg positiv sein. Dazu müsste sich das Klima deutlich abkühlen.
Weihwasser gegen das Eis
Die Glaziologin befindet sich angesichts der schmelzenden Gletscher in einem Dilemma: Als Wissenschaftlerin beobachtet und dokumentiert sie deren Zustand. Gleichzeitig muss sie dabei zusehen, wie ihre «Schützlinge», die sie über Jahre begleitet hat, sich langsam auflösen. «Es ist faszinierend, die Veränderungen zu beobachten», sagt sie. Andererseits ist es ein Verlust: «Die Attraktivität der Landschaft nimmt durch das Abschmelzen ab», findet sie.
Es gab jedoch Zeiten, in denen die Menschen die Gletscher am Vorrücken hindern wollten, weil sie um ihre fruchtbaren Alpwiesen fürchteten. So fanden im 17. Jahrhundert, einer Kälteperiode, Prozessionen am Grossen Aletschgletscher statt. Man besprengte zum Beispiel das Eis mit Weihwasser, um es einzudämmen. Die Furcht wandelte sich mit der Zeit zu Faszination: In der Malerei wurden die eindrücklichen Formen zu beliebten Sujets und mit dem Aufkommen des Alpentourismus im 19. Jahrhundert zogen die Gletscher Bergsteiger an.
Heute gehören die weissen Berge und die Gletscher zur Schweizer Identität. Gut 1400 Gletscher bedecken etwa zwei Prozent der Landesfläche. Um 1850 waren es etwa 1735 km2. Die Durchschnittstemperatur war damals übrigens etwa 1,5 bis 1,8 Grad tiefer als heute. «Gletscher reagieren also sehr sensibel auf Temperaturschwankungen», hält Christine Levy fest. Und es sieht danach aus, dass die Temperaturen weiter steigen. Man kann sich denken, was das für die Entwicklung der Gletscher bedeutet. Werden sie also irgendwann ganz verschwinden? «Im Moment deutet alles darauf hin, dass die Alpen eines Tages eisfrei sein werden», sagt Christine Levy, fügt aber an: «Das wird wohl nicht mehr in diesem Jahrhundert passieren. Im Jahr 2100 wird es noch Gletscher geben, jedoch nicht mehr so lange Talgletscher, sondern vielmehr Hängegletscher weit oben in den Felswänden.»
Nahezu eisfreie Alpen wären in der Erdgeschichte nichts Neues: Als Hannibal 218 v. Chr. mit seinen Elefanten die Alpen überquerte, hat er kaum Gletscher gesehen. «Sie waren ziemlich sicher kleiner als heute. Die Temperaturen waren demnach über längere Zeit mit den heutigen vergleichbar oder sogar wärmer», erklärt Levy. Über die Minimalausdehnungen der Gletscher ist wenig bekannt, weil diese Landschaften noch unter dem Eis liegen.
Die Glaziologin erinnert nochmals an die Prozessionen. «Es wäre spannend, wenn die Leute, die damals daran teilnahmen, heute wieder hier wären und sähen, wie klein unsere Gletscher sind, wie schnell sie zurückgehen und was wir für ein Theater machen deswegen. Mich nähme wunder, was sie sagen würden. Vielleicht: ‹Seid doch froh›.»
Für den Menschen am einfachsten wäre es, wenn sich die Eismassen nicht gross verändern würden. «Aber ein Gletscher bleibt halt nicht einfach stehen.» Und so wird der Weg vom Bahnhof Morteratsch bis zum Gletscher auch künftig immer länger. Bis sich das Klima vielleicht eines Tages so sehr abkühlt, dass er wieder vorstösst.
Die Gletscher bewahren
Es gibt Methoden, mit denen das Schwinden der Gletscher aufgehalten werden soll. Je nach Gletscher empfiehlt sich eine andere Massnahme.
Verschiedene Skigebiete decken den Gletscher im Frühjahr mit einem Vlies ab – etwa Diavolezza im Oberengadin. Das Vlies wird mit Pistenfahrzeugen über den Gletscher gelegt, ab dann braucht es weder Wasser noch Strom oder andere Ressourcen. Im Herbst nimmt man es wieder zusammen. «Das ist relativ wirkungsvoll. Es hat aber den Nachteil, dass das nur auf kleineren Flächen möglich ist und auf einem Gebiet, das keine Spalten hat», erklärt Christine Levy. Grosse Gletscher wie den Morteratsch damit zu schützen, ist also nicht möglich. Auch für Gletscher mit viel Steinschlag klappt diese Methode nicht: Man könnte das Vlies im Herbst nicht mehr wegnehmen.
Eine andere Möglichkeit ist, das Schmelzwasser nicht abfliessen zu lassen, sondern es dem Gletscherkreislauf wieder zuzuführen. Schmelzwasserrecycling gewissermassen. Man beschneit den Gletscher von oben und nutzt dazu Wasserdruck. Dazu wird oberhalb des Gletschers Wasser gefasst. Damit das klappt, braucht es allerdings eine genügend grosse Wasserquelle, etwa einen See. «Es werden neue Seen entstehen, die man nutzen könnte», sagt Christine Levy, die derzeit an einer Studie dazu mitarbeitet. Auch beim Morteratschgletscher ist das eine Option. Hier könnte man einen See am Persgletscher nutzen, den es derzeit aber noch nicht gibt. «Es sind also noch einige Fragen offen», so Levy.
Lohnen sich diese Aufwände? «Das ist eine gute Frage», gesteht die Gletscher-Expertin. «In der Schweiz haben wir kein trockenes Klima, sondern auch Niederschläge, die uns mit Wasser versorgen.» In anderen Regionen wie im Himalaja mussten aber bereits Dörfer aufgegeben werden, weil die Wassermengen ohne den Gletscher nicht mehr ausreichten für deren Unterhalt. Und die bolivianische Hauptstadt La Paz ist in der Trockenzeit ausschliesslich vom Gletscherwasser abhängig. «Diese kann man nicht einfach aufgeben. Eine andere Lösung wäre also sinnvoll», sagt Christine Levy.