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Zielrichtung aus Nachhaltigkeitssicht
Chancengerechtigkeit zielt darauf ab, dass alle Mitglieder der Gesellschaft ihr individuelles Potenzial entfalten und ihre Lebensgestaltung selber in die Hand nehmen können, ohne durch Diskriminierung und Armut eingeschränkt zu werden. Um individuelle Lebensqualität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten, sollen alle Menschen die Möglichkeit erhalten, uneingeschränkt an der Gesellschaft teilzuhaben und ihre Perspektive einzubringen.
Institutionelle Rahmenbedingungen wie der gleichberechtigte Zugang zu Existenzgrundlagen oder die Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheiden sind Voraussetzungen für Chancengerechtigkeit.
Chancengerechtigkeit wird hier einerseits gemessen durch den Anteil Frauen in Kaderpositionen, andererseits wird die Integration beeinträchtigter Kinder in die Volksschule betrachtet.
Stand Chancengerechtigkeit 2020
Der folgende Text beschreibt den Stand der Indikatoren G5.1 (2010–2018) und G5.2 (2012–2019)
Im Allgemeinen haben Frauen eine niedrigere berufliche Stellung als Männer, die deutlich häufiger eine leitende Funktion innehaben (BFS 2020). Der Anteil Frauen in Kaderpositionen im Aargau bewegt sich seit 10 Jahren leicht unter dem schweizerischen Durchschnitt und liegt 2018 bei 31,1 Prozent (Schweizer Durchschnitt 2018: 32,0 Prozent) (BFS 2019a). Dies, obwohl seit 2008 die Abschlussquoten der Frauen an universitären Hochschulen, Fach- und pädagogischen Hochschulen schweizweit diejenige der Männer übertreffen (BFS 2019d).
Auch in der Politik sind die Frauen untervertreten. Bei den Nationalratswahlen 2019 konnte sich der Frauenanteil um fast 20 Prozent auf 43,8 Prozent steigern. Das bedeutet, dass 7 von 16 Aargauer Nationalratssitzen von Frauen belegt sind (BFS 2019c). Im Grossen Rat hingegen nahm der Frauenanteil von 36,4 Prozent im 2016 auf 31,4 Prozent im 2020 ab (DFR 2020a). Im Regierungsrat ist seit 2019 keine Frau mehr vertreten.
Über die Hälfte aller Paare im Aargau lebt in einer traditionell geprägten Rollenverteilung, bei der Frauen eher Teilzeit und Männer eher Vollzeit arbeiten. Eine leichte Bewegung weg von dieser Rollenverteilung ist zu beobachten, schweizweit arbeiten Männer häufiger Teilzeit als noch vor zehn Jahren. Teilzeitarbeit ist aber nach wie vor eine weibliche Domäne: Frauen machen rund drei Viertel aller Teilzeiterwerbstätigen aus (NAB 2018). Die Gründe für Teilzeitarbeit variieren nach Geschlecht. Bei den Frauen ist die Kinderbetreuung mit 26,5 Prozent der wichtigste Grund (BFS 2019e), entsprechend häufig arbeiten Frauen mit Kindern Teilzeit: Bei den Müttern mit Kindern bis zu 6 Jahren sind es 82 Prozent (NAB 2018). Bei den Männern hingegen ist die Kinderbetreuung bei nur 6,1 Prozent der Grund für Teilzeitarbeit. Deutlich häufiger (17,5 Prozent) geben die Männer eine Ausbildung oder Studium als Teilzeitgrund an (Frauen: 8 Prozent) (BFS 2019e).
2017 wurde die Fachstelle Familie und Gleichstellung mit der Fachstelle Alter zur neuen Fachstelle Alter und Familie zusammengelegt, wodurch die Gleichstellung an Gewicht verlor. Gleichzeitig nimmt der Kanton Aargau seine Vorbildfunktion wahr und unterzeichnete 2018 die Charta "Lohngleichheit im öffentlichen Sektor". Er verpflichtet sich dadurch, regelmässig die Lohngleichheit zwischen Frau und Mann zu überprüfen. Eine entsprechende Analyse 2012 hat gezeigt, dass es in der kantonalen Verwaltung keine systemische, geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung gibt (RR 2018).
Der Anteil Schülerinnen und Schüler, der in Regelschulen integriert ist (Integrationsquote), entwickelt sich im Kanton Aargau kaum und liegt nach wie vor unter dem Schweizer Durchschnitt (BFS 2019f). In der Folge gestaltet sich für beeinträchtigte Jugendliche der Übergang in weiterführende Ausbildungen und das Berufsleben als besonders herausfordernd.
Beim barrierefreien Zugang, der das Behindertengleichstellungsgesetz vorschreibt, hat der Kanton Aargau Fortschritte erzielt. Der Webauftritt des Kantons wurde 2017 von der Stiftung "Zugang für alle" zertifiziert (DFR 2020b). Weniger weit fortgeschritten ist der Aargau beim hindernisfreien Zugang im öffentlichen Verkehr: Von den rund 750 Bushaltestellen an Kantonsstrassen, die bis 2023 behindertengerecht ausgebaut werden müssten, sind 2019 erst knapp 10 Prozent realisiert; bis 2023 ist die Anpassung von weiteren 250 Haltestellen geplant (BVU 2019).
Indikator G5.1: Frauen in Kaderpositionen, Aargau und Schweiz
Der Indikator zeigt den Frauenanteil in Kaderpositionen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Kaderpositionen.
Der Anteil Frauen in Kaderpositionen soll zunehmen.
|langfristig (seit 2010)||positiv|
|kurzfristig (seit 2016)||unverändert|
Frauen in Kaderpositionen, Aargau und Schweiz, 2000–2018
Aktualisierung Daten 2022
|langfristig (seit 2010)||positiv|
|kurzfristig (seit 2016)||unverändert|
Frauen in Kaderpositionen, Aargau und Schweiz, 2000–2020
Indikator G5.2: Integrationsquote in Regelschulen, Aargau
Der Indikator zeigt den Anteil aller Schülerinnen und Schüler, die in Regelschulen integriert sind und nicht in Sonderschulen unterrichtet werden.
Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die in Regelschulen integriert sind, soll zunehmen.
|langfristig (seit 2012)||unverändert|
|kurzfristig (seit 2016)||unverändert|
Integrationsquote in Regelschulen, Aargau, 2012–2019
Aktualisierung Daten 2022
|langfristig (seit 2012)||unverändert|
|kurzfristig (seit 2016)||unverändert|
Integrationsquote in Regelschulen, Aargau, 2012–2020
Herausforderungen für das Thema Chancengerechtigkeit
- Das Ziel der Chancengerechtigkeit setzt den Einbezug des Übergangs vom Frühbereich in die obligatorische Schulzeit voraus. Die Herausforderung "schulergänzende Betreuungsstrukturen" sind interdepartemental und im interkantonalen Verbund anzugehen.
- Angesichts des hohen Anteils an teilzeitarbeitenden Frauen und einem leicht wachsenden Anteil an teilzeitarbeitenden Männern steht der Kanton Aargau vor der Herausforderung, auch für Führungspositionen Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die sich mit der Familienarbeit vereinbaren lassen, damit das vorhandene Potenzial, auch hinsichtlich des Fachkräftemangels besser ausgeschöpft werden kann.
- Angesichts des Fachkräftemangels gilt es inländische Fachkräfte möglichst gut einzubinden, dies bedingt auch qualitativ und quantitativ gute Angebote in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung. So können Mütter und Väter weiter im Arbeitsprozess tätig sein und Arbeit und Familie vereinbaren.
- Aufgrund der demographischen Entwicklung nimmt die intergenerationell geforderte Pflege von betagten Angehörigen zu. Dies verstärkt auch die Mehrfachbelastung von Erwerbstätigen und sie müssen allenfalls das Pensum reduzieren oder gar aus dem Arbeitsmarkt austreten. Damit gefährden sie auch oft ihre eigene Altersvorsorge.
- Die Entfaltung und eigenständige Lebensgestaltung für Menschen mit Beeinträchtigung sind weiterhin eine besondere Herausforderung. Strukturveränderungen in der Wirtschaft führen zum Wegfall einfacherer Arbeiten, die auch für Menschen mit Beeinträchtigung geeignet sind. Dienstleistungen und neue Produktionsmethoden ermöglichen zwar grundsätzlich eine Anpassung von Aufgaben an spezifische Bedürfnisse und Fähigkeiten, zumal insbesondere für Menschen mit Körper-, Seh- oder Hörbehinderung wirkungsvolle Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Die systematische Nutzung dieses Potenzials in höherer Bildung und Beruf steckt aber erst in den Anfängen.
- Die Umsetzung des barrierefreien Zugangs gemäss Behindertengleichstellungsgesetz ist für den Kanton Aargau weiterhin eine zentrale Herausforderung.