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Gotthardbahn.
Zürich den 6ten Januar 1878.
Hochgeehrter Herr Präsident!
Die Depesche in der Neuen Zürcher Zeitung von gestern Abend1 über den Verlauf der intercantonalen Konferenz hat auf mich einen deprimirenden Eindruck gemacht, so daß ich mir erlaube Ihnen meine Ansicht über die Gotthardbahnange legenheit vor meiner Abreise an den Gotthard auszusprechen:
Dieses wiederholte Vertagen der Subventionsfrage muß die Besorgniß wachrufen, daß der Beginn des Baues nicht im nächsten Frühjahr erwartet werden kann.2 Tritt aber eine noch malige Verschiebung ein, dann wird die Basis aller Berech nungen verrückt, denn dann darf der Vollendungstermin keinen Falls vor 1t Juli 1882 angenommen werden.3 Die Situation der Gotthardbahn würde alsdann nur noch verschlimmert.
Nach meiner Auffassung ist die Reconstruction der Gotthardbahn vollendet, wenn die Schweiz die verlangten 8 Millionen Subvention definitiv der Gotthardbahndirektion zusichern kann. Alle andern Punkte bieten keine erheblichen Schwierigkeiten mehr dar.
Die Direktion hat nur nachzuweisen, daß sie mit den noch zu beschaffenden 40 Millionen ausreicht. Demgemäß bedarf sie | das Offert einer oder mehrerer Generalunternehmungen4 gestüzt auf das lezte Project5 Hellwag's . Fallen diese Offerte – wie ich annehme – so aus, daß mindestens die Summe für Unvorhergesehenes übrig bleibt, so wird es ein Leichtes seyn mit Hülfe der Pressel schen Vorschläge 6 und sonstigen Reductionen (auch in der Summe des Baupersonals, das bei einem Generalaccord bedeutend niedriger angesezt werden kann) entweder die 12 Millionen durch Erspar nisse nachzuweisen oder wenn dies nicht völlig möglich wäre, einige Millionen Obligationen 2ten Ranges durch die Unternehmung ausgeben zu lassen.
Die Ziffer des Generalofferts zu kennen, scheint mir eine der dringlichsten Reconstructionsmittel zu seyn. Denn dann läßt es sich auf einer sichern Basis mit dem Finanz Consortium verhandeln und die Schweiz wird gedrängt, ihre 8 Millionen aufzutreiben, da sie allein nur die Schuld trägt an einer weitern Verschleppung. Es wäre sogar nicht unmöglich daß – wenn die Gesellschaft das von ihr im Luzerner Programm7 Verlangte erfüllt hat – die beiden andern Subventionsstaaten bei der Schweiz anfragen, ob sie Willens sey auch ihre Schuldigkeit zu thun und zu diesem Mittel werden sie wohl noch greifen müssen, um dem guten Willen aufzuhelfen.
Ich wiederhole nochmals: zuerst muß die Gesellschaft die an sie gestellte Forderung erfüllt haben, dann werden die 8 | Millionen der Schweiz bald beieinander seyn. Wenn die volkswirthschaftliche Einsicht zu gering ist und die Mißgunst zu groß, dann wird die Diplomatie schon den Kant'schen8 Spruch zur Wahrheit werden lassen «du kannst, weil du sollst».
Die Monte Ceneri linie 9 wird bei der Bundessubvention eine große Rolle spielen. Ich glaube kaum, daß die Kantone mehr als 3 Millionen Subvention zusammenbringen, dann verbleiben noch 5 Millionen für den Bund übrig, wovon vielleicht 1 Million für unnöthig gewordene Unterhaltung der Gotthardstraße abzuziehen ist. Ob der Bund ausserdem für den Monte Ceneri noch eine weitere Subvention giebt, glaube ich nicht und es fragt sich, ob die Gotth.bahngesellschaft die Linie Lugano-Chiasso nicht einer neu zu bildenden Gesellschaft abtreten darf, welche die Monte Ceneri linie erstellt. Als Sackbahn ist nur Verlust auf dem Betrieb, somit nur eine Last für die Gesellschaft. Actionäre u. Obligationäre sollten keine Einwendungen erheben, wenn sie ihren Vortheil verstehen; denn je rascher die Monte Ceneri linie gebaut werden kann, desto vortheil hafter ist es für das Hauptnez.
Sollte der Bund die 8 Millionen allein übernehmen u. die Kantone u. Bahngesellschaften incl. dem Tessin u. den italienischen Städten 6 Millionen Subvention einzig für die Monte Ceneri linie geben, so könnten die fehlenden 7 Millionen durch Ausgabe weiterer Obligationen leicht be schafft werden. Die lezte Lösung wäre die beste, sie zöge auch den Patriotismus der nicht italienischen Schweiz in's Spiel. |
Wenn man sich in der Schweiz nur besser auf indirekte Staats einnahmen verstünde, der Tabak allein gäbe ein Einnahmsobject für die Subvention 3er Alpenbahnen ab.
Die Lage der Gotthardbahn fängt an eine acute zu werden, es darf jezt keine Zeit mehr versäumt werden und will es mir scheinen als behandle der Bundesrath und die Presse die für die Schweiz eminent wichtige Frage der Gotthardbahn nicht mit dem gebührenden Ernst.
Ich maße mir nicht an Ihnen Vorschläge machen zu wollen, aber die Überzeugung habe ich, daß die Vergebung der Bahn noch vor dem1t April zu geschehen hat und zu diesem Zweck muß rasch verhandelt werden.
Hochachtungsvoll
J. Kauffmann.