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Als ich vor Jahren in einer Radiosendung drei Lieblingsbücher vorstellen durfte, habe ich meinen Lieblingsschriftsteller Kurt Tucholsky nicht einmal erwähnt: Es wäre mir schwergefallen, dem Inhalt der zehnbändigen rororo-Jubiläumsausgabe, die 1990 anlässlich seines hundertsten Geburtstags erschienen war, nebst zwei anderen Büchern in 45 Minuten Sendezeit gerecht zu werden.
Nun sind es schon 125 Jahre her, seit am 9. Januar 1890 in Berlin das erste Kind in die gutbürgerliche, jüdisch-liberale Familie des Bankkaufmanns Alex Tucholsky geboren wird. Zwei weitere werden folgen. Der Vater stirbt, als der Sohn 15 ist; der Junge mag seine Mutter nicht, was ihm posthum als Entschuldigung für seine Bindungsunfähigkeit zugute gehalten wird. Für den Ältesten ist es Gymnasium, Jus-Studium in Berlin und Genf und – dann kommt bereits der Krieg, der ihn für den Rest seines kurzen Lebens prägen wird. Die protestantische Taufe erfolgt im Sommer 1918.
Gnadenlos scharf
An seinem 23. Geburtstag erscheint sein erster Artikel, in der von Verleger und Freund Siegfried Jacobsohn gegründeten, linksliberalen Theaterzeitschrift «Die Schaubühne». Die Prestige-Zeitschrift wird dann verkaufsträchtiger in «Weltbühne» umbenannt; für kurze Zeit nach Jacobsohns frühem Tod gibt Tucholsky sie als Hommage an seinen Mentor selbst heraus, überlässt sie dann seinem Gesinnungsfreund, dem von ihm verehrten Verleger und Publizisten Carl von Ossietzky, schreibt aber regelmässig weiter für diese Publikation. Damit sie nicht zu sehr Tucholsky-lastig ist, legt er sich vier Pseudonyme zu: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und Kaspar Hauser.
Das Allermeiste dieser zahllosen Beiträge, die zwischen 1918 und 1932 erschienen sind, ist erwähnens- und zitierenswert, obwohl es sich nicht um ein grosses literarisches Werk handelt. Die Texte sind Porträt und Panoptikum der Weimarer Republik, aber sie sind von einer fast beängstigenden Zeitlosigkeit, und so liebevoll ironisch der unbestechliche Chronist der „Goldenen Zwanziger Jahre" seine Epoche unter die Lupe genommen hat, so gnadenlos scharf hat er auf die ersten Anzeichen des aufkommenden Faschismus reagiert.
Hering mit Schlagsahne
Neben diesen journalistischen Beiträgen hat er auch zwei (weitgehend autobiografische) Romane geschrieben, zahlreiche Rezensionen zu Werken seiner Zeitgenossen, viele Reisenotizen und Glossen verfasst, unter denen die «Ratschläge für einen schlechten Redner“ (eindreiviertel Buchseiten) und die «Ratschläge für einen guten Redner“ (eine Viertelseite) wohl zu den bekanntesten gehören. Sein souveräner Umgang mit der Sprache kommt besonders gut in den Aphorismen zum Ausdruck, von denen viele einem nicht mehr aus dem Kopf gehen: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger." Oder: „Hering ist gut. Schlagsahne ist gut. Wie gut muss Hering mit Schlagsahne sein!"
Und dann die Gedichte! Mary Tucholsky, seine Witwe und Nachlassverwalterin, hat sie in einem dicken Band herausgebracht, auf 824 Seiten, chronologisch geordnet, und man kann ihr nicht dankbar genug dafür sein, wie Gerhard Zwerenz, einer der Tucholsky-Biografen, festhält: „Wer heute Kurt Tucholsky liest, muss wissen, er verdankt diesen Gewinn zum grossen Teil dieser aktiven, unermüdlichen Frau, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Energie daran ging, Tucholskys Schriften zu sammeln, zu ordnen, zu publizieren." Ideale Nachttischlektüre: Irgend etwas vorm Einschlafen findet man immer – vorm Einschlafen, wohlgemerkt, nicht zum Einschlafen, denn unter Umständen könnte das eine oder andere Gedicht dazu führen, dass man weiterliest und weiterliest und...
Sein Domizil in Zürich: Florhofgasse 1
Tucholsky und die Frauen: a never ending story! Quantitativ könnte er es mit Leporellos Katalogarie aus Mozarts «Don Giovanni» aufnehmen; qualitativ hingegen hapert es. Mary, die schöne, vornehm-zurückhaltende Baltin, ist die Frau seines Lebens, die Geschichte der beiden eine klassische Version von „Nicht-mit-aber-auch-nicht-ohne-einander“. Es ist seine zweite Ehe nach der Scheidung von seiner ersten Frau, der Ärztin Dr. med. Else Weil, die in Auschwitz umkommen wird; ihre gemeinsame Zeit, die sie weitgehend getrennt voneinander verbringen, dauert nur vier Jahre, wenn auch die Scheidung erst 1933 nach weiteren fünf Jahren erfolgt. Sie bleibt jedoch seine Vertraute, seine Seelenverwandte, würde man heute sagen. In einem Abschiedsbrief wird er ihr (und uns) gestehen, dass die Schuld für das Scheitern dieser auf beiden Seiten grossen Liebe ihm zugeschrieben werden muss. Sie hat ihm verziehen, ihn um 52 Jahre überlebt und sich liebevoll und nachhaltig um sein Gedenken, seinen Nachlass und die Tucholsky-Stiftung gekümmert.
Mit seiner erfolgreichen Sommerromanze «Schloss Gripsholm» ist die offenbar etwas intensivere Liebschaft mit Lisa Matthias verewigt worden. Aber dann, gegen Ende seines Lebens, gibt es noch einmal eine Beziehung: Die Schweizer Ärztin Dr. Hedwig „Nuuna” Müller unterstützt den inzwischen fast einkommenslosen Schriftsteller – einst einer der bestbezahlten Journalisten Deutschlands –, der staatenlos, krank, ohne seine Leserschaft, ohne seine Sprache, als unerwünschter Asylant im schwedischen Exil lebt; sein Domizil während seiner Besuche in Zürich heisst Florhofgasse 1.
Die faschistische Zukunft erahnt
Was ihn mehr als alles andere zu meinem Lieblingsschriftsteller gemacht hat, ist seine klare politische Haltung, der er auf vielfältige Weise Ausdruck gegeben hat. Der Faschismus hat von den Anfängen bis zu seiner Legitimierung durch Hitlers Machtübernahme 1933 wohl keinen sarkastischeren Kritiker gehabt als Kurt Tucholsky. Als Journalist, Kolumnist und Chronist verfolgt er die Entwicklungen mit wachen Augen und geisselt sie mit scharfer Zunge – ein unermüdlicher Kämpfer, dessen einzige Waffe seine geschliffene Sprache ist.
Der Veteran des Ersten Weltkrieg ist Augenzeuge unvorstellbaren, sinnlosen Leidens gewesen und nach Kriegsende leidenschaftlicher „Pazifist stärkster Richtung” geworden, wie er von sich gesagt hat. Mit Aussprüchen wie „Soldaten sind Mörder“ oder dem Titel eines Plakats mit den Fotografien hoher Militärs „Tiere sehen dich an“ macht er sich nicht beliebt, aber er weiss, wovon er spricht, er hat Antennen entwickelt und wird ein Seher, der die faschistische Zukunft erahnt, die allerdings noch seine schlimmsten Vorahnungen übertreffen sollte.
Selbstmord in Schweden
Als er, der „aufgehörte Deutsche”, die Aussichtslosigkeit seines Kampfes erkennt, versagt sich ihm die Waffe: Unter den letzten Dokumenten, die er uns hinterlassen hat, bevor er 1935, nur 45 Jahre alt, im schwedischen Exil Selbstmord begeht, ist die berühmte Zeichnung «Eine Treppe». Die Treppe hat drei Stufen: „Sprechen – Schreiben – Schweigen".
„Sie waren ein wirklicher Kämpfer gegen jegliche Reaktion, gegen jeglichen Blödsinn der Politiker und gegen jede spiessige Gefühlsduselei – so recht ein Mann nach meinem Geschmack." Mit diesen Zeilen aus dem «Brief an einen Unvergessenen» ehrt der Verleger Ernst Rowohlt einen „seiner" Schriftsteller postum, und es sind unter anderem die von Rowohlt angeführten Attribute, die den Unvergessenen zu meinem Lieblingsschriftsteller gemacht haben.
Kritisch und romantisch
„Zu einem ganz, ganz bösen Mann am Fahrkartenschalter möchte ich immer sagen: ‚Na, was haben Sie denn so für Billetts - ?'" Wenn Sie das nachvollziehen können, oder wenn Sie sich je nach der ultimativen Antwort auf die Frage: „Wo kommen die Löcher im Käse her?" gesehnt haben, dann werden auch Sie gewisse Sympathien für diesen nicht nur Unvergessenen, sondern auch – angesichts einer äusserst bedrohlichen politischen Lage – Unerschrockenen entwickeln. Und vielleicht kommen Sie dann mit auf eine (Wieder-)Entdeckungsreise durch Tucholskys Werk:
Da ist der Reiseschriftsteller – wach, kritisch und romantisch –, der zum Beispiel auf einer Frankreichreise auch nach Albi kommt, dem Geburtsort des Malers Toulouse-Lautrec. Es gelingt ihm, mit dessen Mutter zusammenzukommen – eine Begegnung, die in dem Text „Einer aus Albi“ zu einer berührenden Schilderung wird. Der nimmermüde Kriegsgegner besucht auch die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs und berichtet seiner Frau Mary von Reflexionen und Erinnerungen sowie den Vorahnungen des Zweiten.
Hitler - gnadenlos der Lächerlichkeit preisgegeben
Entdecken Sie Tucholsky, den unabhängigen Literaturkritiker: erfrischend respektlos und seiner Zeit weit voraus. Er muss die deutsche Übersetzung von James Joyces «Ulysses» rezensieren, und das Buch gefällt ihm nicht. Ist das nun ein misslungener Roman in einer neuen Art von Prosa, oder liegt es vielleicht an der Übersetzung? Sein mutiges Fazit: „Entweder ist hier ein Mord geschehen, oder es ist eine Leiche fotografiert worden.“
Schmunzeln oder lachen Sie mit dem Satiriker, dessen gesellschaftskritische Glossen von einer grossartigen Beobachtungsgabe zeugen, besonders, wenn es um Familie, Ehe, beendete Liebschaften oder cholerische Egomanen geht. Aber da sind auch viele Texte, bei denen einem das Lachen im Halse steckenbleibt: «Hitler und Goethe», zum Beispiel, im Stil eines (schlechten) Schüler-Aufsatzes verfasst, der den einen der beiden gnadenlos der Lächerlichkeit preisgibt.
Rowohlt beendet seinen Brief so: „Sie, lieber Tucholsky, brauchen wir heute." Das war 1948. Und heute, 67 Jahre später, am 9. Januar 2015?