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Das Grand Hotel Locarno – seit Dezember 2005 geschlossen
(Text aus „Hotelpaläste“, S. 146)
In den 1860er-Jahren löste sich Locarno langsam aus seiner touristischen Isolation. Die Gründe dazu finden sich im Eisenbahnbau, der damals das ganze Tessin bewegte. Einerseits entstanden die Hauptlinien von Bellinzona Richtung Chiasso und Locarno, anderseits war die Gotthardbahn mit dem längsten Eisenbahntunnel der Welt im Bau. Im Hinblick auf die Erschliessung von Locarno durch die Eisenbahn entwickelten sich erste Initiativen zum Bau eines neuen Hotels. Bereits im Jahre 1866 hatte ein Komitee vom späteren Architekten des Grand Hotel, Francesco Galli, Projektstudien ausarbeiten lassen. Aus dieser frühen Planungszeit sind auch zwei Projekte erhalten, von denen eines das Datum 1866 trägt.
Gebaut wurde das neue Grand Hotel aber erst in den 1870er-Jahren. Am 20. Dezember 1874 konnte das grosse Bankett zur Eröffnung der Eisenbahnlinie Bellinzona – Locarno im noch nicht ganz vollendeten Festsaal stattfinden, im Jahr darauf wurde das neue Grand Hotel Locarno feierlich eingeweiht. Als Architekt trat der bereits mit den ersten Vorprojekten beauftragte Francesco Galli (1822-1889) in Erscheinung. Der im Tessin wenig bekannte Architekt aus der engeren Region des Locarnese hat mit diesem Hotel wohl seinen bedeutendsten Bau geschaffen. Das Grand Hotel von Locarno war im Tessiner Rahmen ein bedeutender Wegbereiter für den Bautyp des Grand Hotels. Das imposante Gebäude weist über einem rustikalen Sockel ein monumentales Erdgeschoss und drei weitere, in der Höhe deutlich abgestufte Stockwerke auf. Die Vorderfassade wird durch zwei seitlich leicht vortretende Flügel und einen fünfachsigen Mittelrisalit mit vorgelagerter Loggia plastisch gegliedert. Den Abschluss des nur wenig verzierten Baus bildet ein in der italienischen Architektur des 19. Jahrhunderts weit verbreitetes schwach geneigtes Walmdach. Es wird bekrönt von einem stattlichen Frontispiz in den Formen der Neorenaissance, auf dem der Hotelname weithin sichtbar ist. Galli entwarf einen linearen Hotelgrundriss, der durch das Vorziehen der beiden Seitenflügel nach vorne eine schwache U-Form erhielt. Vor dem ebenfalls leicht vorspringenden Mittelteil ordnete er eine Veranda mit doppelseitiger Rundtreppe an, die in eine grosszügige Gartenanlage führt.
Eine zweiläufige Steintreppe mit Zwischenpodest steigt beidseits der Eingangshalle vom Erdgeschoss in die erste Etage, von wo aus bescheidene Stein-Eisentreppen in die höheren Geschosse anschliessen. Zusammen mit den von Säulen getragenen gewölbten Decken ergibt sich eine der repräsentativsten Treppenanlagen aus der Zeit der Belle Epoque. Im Erdgeschoss sind auf der Vorderseite sämtliche grossen Gesellschaftsräume angeordnet. Die heutige Einteilung und die Ausmalung des Festsaals gehen auf die im Oktober 1925 in diesen Räumen durchgeführte Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg zurück.