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In Tierfabeln ist er eine bekannte Figur. Doch in unserem Alltag lässt er sich nur selten blicken: Heimlich und mysteriös lebt er mitten unter uns, denn die Zeit des Dachses ist die Nacht.
Meister Grimbart – so wird der Dachs in der Fabelwelt genannt. «Grimbart», das tönt auf den ersten Blick nach einem grimmigen Tier mit Bart. «Grim» deutet jedoch nicht auf einen finsteren Gesichtsausdruck hin, sondern stammt aus dem Germanischen, wo «grima» Maske oder Helm bedeutet. Die Maske ist tatsächlich das «Markenzeichen» des Dachses: Auf seinem weissen Kopf ziehen sich zwei schwarze Streifen von den Mundwinkeln über die Schnauze und die Augen bis hin zu den weiss geränderten Ohren und dem Nacken, wo sie heller werden und in das silbrige Grau der Oberseite und der Flanken verlaufen. Diese auffällige Fellzeichnung verleiht ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit der Roman- und Filmfigur Zorro, dem Rächer der Armen. Die Ähnlichkeit mit Zorro beschränkt sich aber auf die Maske, denn der Dachs wirkt in seiner Art sehr gelassen; in der Fabel gilt er als nachdenklich, bedächtig und ruhig. Dass diese Charaktereigenschaften dem Dachs zugeschrieben werden, mag auch an seinem Körperbau liegen: Mit seinem massigen Körper, den kurzen Beinen und dem kleinen Kopf wirkt er eher plump und untersetzt. Ganz anders seine äusserst flinken nahen Verwandten aus der Familie der Marderartigen wie Mauswiesel, Hermelin, Stein- und Baummarder, Iltis oder Fischotter.
Dachse nutzen ihren dachsbau jahrzente lang
Der Erdmarder – wie der Dachs auch genannt wird – verbringt mehr als die Hälft e seines Lebens unter der Erde in seinem selbstgegrabenen Bau. Diesen legt er meist an einem Hang an, der aus lockerem und gut entwässertem Boden besteht. Mit seinen kräftigen Krallen an den Vorderfüssen ist er zum Graben bestens ausgerüstet. Zudem kann er die Nasenlöcher verschliessen und so mühelos mit der Schnauze die Erde aus dem Gang stossen. Der Hauptbau eines Dachses ist ein komplexes Gebilde. Es besteht aus mehreren Wohnkammern, die mit trockenem Laub, Moos oder Farnkraut ausgepolstert sind. Die Wohnkessel sind über verschiedene Ebenen verteilt und mit einem Röhrensystem miteinander verbunden, durch das von der Oberfläche frische Luft zugeführt wird, ohne dass es zieht. Der Durchmesser des Hauptbaus kann bis zu 30 Meter betragen und bis zu 5 Meter Tiefe erreichen. Zahlreiche Eingänge führen in das unterirdische Labyrinth, das von jeder Generation weiter ausgebaut wird. Denn Dachsbaue werden über Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte benutzt. Sie können so geräumig sein, dass Dachse sogar Füchse als Untermieter dulden. Neben dem Hauptbau verfügen die Erdmarder noch über mehrere Nebenbaue. Sie sind wesentlich kleiner und werden nur sporadisch genutzt, zum Beispiel dann, wenn in der Nähe eine Futterquelle zur Verfügung steht. Auf diese Weise verringert der Dachs seine Pendlerstrecke. Als sehr reinliche Tiere vermeiden es die Erdmarder, ihr unterirdisches Zuhause zu verschmutzen. Deshalb graben sie ausserhalb des Baus kleine Erdlöcher, in die sie ihren Kot ablegen. Solche Dachslatrinen sind ein untrügliches Zeichen für die Anwesenheit eines Dachses.
Dachse sind treiben ein reges Nachtleben
In der Abenddämmerung verlässt der Dachs seinen Bau und kehrt erst im Morgengrauen wieder zurück. Die Nachtstunden werden dazu genutzt, Nahrung zu suchen, Baue zu graben oder die Grenzen des Territoriums zu markieren. In dieser Zeit können die Tiere Distanzen von mehreren Kilometern zurücklegen. Allerdings variieren diese Wegstrecken je nach Jahreszeit: Im Sommer laufen die Tiere nicht selten gegen zehn Kilometer weit, bevor sie wieder zum Bau zurückkehren, im Winter sind die Ausflüge deutlich kürzer. Wenn es sehr kalt ist oder Schnee liegt, bleiben die Dachse im Bau und halten Winterruhe. Um über diese nahrungsarme Zeit zu kommen, müssen sich die Tiere im Sommer und Herbst eine Fettschicht anfressen, was ihnen unter Jägern auch den Namen «Schmalzmann» eingebracht hat.
Dachse lieben als Nahrungquelle vor allem Regenwürmer
Zu ihrem Schmalz kommen die Dachse auf opportunistische Weise, das heisst, sie sind nicht wählerisch und fressen das, was gerade verfügbar und zugänglich ist. Das sind vornehmlich Regenwürmer, aber auch Schnecken, Käfer, Engerlinge, Wühlmäuse, Amphibien, Reptilien oder im Sommer und Herbst Früchte, Beeren, Wurzeln oder Getreide. In den feuchten Wiesen Grossbritanniens stehen überwiegend Regenwürmer auf dem Speisezettel der Tiere. Der Dachs zieht mit den Zähnen nur leicht an ihnen und scharrt sie dann mit seinen Krallen heraus. Mit dieser geschickten Technik kann ein Dachs bis zu 200 Regenwürmer erbeuten – pro Nacht, wohlgemerkt! Im trockeneren Mittelmeerraum hingegen, wo Regenwürmer seltener an die Oberfläche kommen, werden vor allem Eicheln, Kastanien, Oliven, Feigen oder Trauben gefressen. Sogar von den Stacheln eines zusammengerollten Igels lässt der Dachs sich nicht abschrecken: Er steckt seine Schnauze in die kleine Lücke am Bauch des Igelknäuels, rollt ihn auf und verzehrt ihn. Bei seiner Suche nach Nahrung verlässt sich der Dachs vor allem auf sein gutes Gehör und den hervorragenden Geruchssinn. Die Anpassungsfähigkeit von Meister Grimbart zeigt sich nicht nur auf seiner Menükarte, sondern auch in seinem Sozialleben. Dieses hängt von der Qualität seines Lebensraums ab. Wo ganzjährig ein gutes Angebot an Nahrung vorhanden ist, die Bodenbeschaffenheit sich gut fürs Graben eignet und günstige Klimabedingungen herrschen, dort leben Dachse in Gruppen oder Familien zusammen. Die Mitglieder solcher Gruppen pflegen ihre Kontakte, indem sie sich gegenseitig das Fell pflegen, an den Spielen der Jungen teilnehmen oder sich gegenseitig mit dem «Familienparfum» markieren. Wo hingegen die Bedingungen eines Lebensraums nicht dachsgerecht sind, leben die Tiere einzelgängerisch.
Dachs wurde fast ausgerottet
Mit seinem ausgeprägten Hang zum Graben kommt Meister Grimbart gelegentlich mit der Landwirtschaft oder mit Gartenbesitzern in Konflikt. Auf der Suche nach Regenwürmern und Engerlingen kann er mit seiner rüsselartigen Schnauze einen Rasen richtiggehend umpflügen, in einem Maisfeld kann er beträchtlichen Schaden anrichten. Zum Verhängnis wurde ihm seine Vorliebe für reife Trauben in den Rebbergen. Diese führte nämlich dazu, dass im 19. Jahrhundert Abschussprämien auf tote Dachse ausbezahlt wurden. Aber auch ohne Kopfgeld wurde früher tüchtig Jagd gemacht auf den Erdmarder, denn sein Fell war begehrt, da sich aus seinen langen Haaren Rasierpinsel herstellen liessen. Dank elektrischer Rasierapparate und dem Auftragen des Rasierschaums von Hand sind Dachshaarpinsel heute nur noch wenig gefragt. Doch kaum hatte der Jagddruck zu Beginn des letzten Jahrhunderts etwas nachgelassen, kam die Tollwut. Zwar waren die Dachse von der Virusinfektion weit weniger betroffen als die Füchse. Doch da sie ihre Baue häufig mit Füchsen teilen, wurden sie ebenfalls Opfer der systematischen Begasung der Baue, und ihr Bestand ging dramatisch zurück. Nachdem Anfang der 1890er-Jahre die Tollwut in der Schweiz und den angrenzenden Ländern fast vollständig ausgerottet worden war, konnten sich die Dachspopulationen wieder erholen. Heute leben Erdmarder sogar in Schweizer Städten, und dies nicht zu knapp: 150 bis 200 Tiere, so wird geschätzt, sollen es allein in der Stadt Zürich sein. An Nahrung für die Grimbarte fehlt es in den Städten nicht: Hier finden sie Speiseabfälle oder nicht geerntete Früchte, vor allem aber Grünflächen in Pärken, Friedhöfen oder Badeanstalten, wo sie nach Engerlingen und ihrer Lieblingsspeise, den Regenwürmern, graben können. Kein Zweifel: Der tierische Zorro ist zurück und lebt fast unbemerkt mitten unter uns!
Text Claudia Wartmann Fotos Fotolia
die anwesenheit des daches an den spuren erkennen
Die heimliche Lebensweise des Dachses macht es schwierig, ihn in der Natur zu beobachten. Wie andere nachtaktive Wildtiere bekommt man auch ihn nur selten zu Gesicht. In den von ihm bewohnten Gebieten hinterlässt er jedoch Spuren und verrät dadurch seine Anwesenheit.
Am ehesten sichtbar ist der Bau. Doch wie lässt sich ein Bau eines Dachses von dem eines Fuchses unterscheiden? Das auffälligste Kennzeichen eines Dachsbaus ist die Rinne, die vom Höhleneingang wegführt. Denn ein Dachs gräbt immer im Rückwärtsgang und zieht die Erde hinaus, um sie vom Eingang wegzuschaufeln, wodurch eine Rinne entsteht. Der Fuchs hingegen schleudert die Erde einfach ins Freie, sodass vor dem Bau ein kleiner Erdhügel entsteht. Der Dachs polstert seine Wohnräume mit trockenem Laub oder Moos aus. Manchmal ist deshalb am Eingang Polstermaterial zu finden, das er unterwegs verloren hat. Vor dem Fuchsbau liegt – besonders zur Zeit der Jungenaufzucht – einiges herum, zum Beispiel Knochen, andere Reste von Beutetieren oder auch Schuhe und anderes Spielzeug, das die Fuchseltern für ihre Sprösslinge angeschleppt haben. Der reinliche Dachs hingegen lässt keine Beutereste herumliegen. Und er setzt seinen Kot auch nicht irgendwohin wie der Fuchs, sondern fein säuberlich in eine «Toilette», eine fl ache Mulde oder ein Erdloch. Typisch für einen Dachsbau sind auch die Wege, die zu ihm hinführen, denn der Dachs bewegt sich auf immer den gleichen Trampelpfaden.
Neben diesen natürlichen hat der Dachs auch historische Spuren hinterlassen: Flur- und Ortsnamen wie Dachsberg, Dachsenhueb, Dachsenlöcher oder Dachsen weisen darauf hin, dass in diesen Gegenden offenbar einst Dachse gewohnt haben.
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