Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/1395

Im 15. Jh. bezeichnete der Name R. das Gebiet zwischen Biasca und der Brücke von Cassero (Claro). Zwischen 1499 bzw. 1500 und 1798 war die R. eine Gemeine Herrschaft der Orte Uri, Schwyz und Nidwalden. Seit der Schaffung des Kt. Tessin 1803 handelt es sich um einen Bezirk, der im Norden an die Bezirke Blenio und Leventina, im Westen an Locarno, im Süden an Bellinzona und im Osten an den Bündner Bezirk Moesa grenzt. Er weist eine Fläche von 166,5 km2 auf. 2016 umfasste er die sechs Gemeinden Biasca, Claro, Cresciano, Lodrino, Iragna und Osogna als Bezirkshauptort. Nach den Fusionen von 2017 gehörten noch Biasca und die neue Gemeinde Riviera zum Bezirk. 1850 4'449 Einw.; 1900 6'024; 1950 5'816; 2000 11'434.
Im MA gehörte die R. zur Leventina (Ambrosianische Täler), deren Schicksal sie bis Anfang des 15. Jh. teilte. Sie unterstand zunächst dem Domkapitel von Mailand, das Ende des 13. Jh. die weltl. Gerichtsbarkeit an die Visconti, später an die Sforza verpachtete. Im MA bildete die R. keine polit. und administrative Einheit. Die selbstständigen Gemeinden Biasca, Claro, Osogna und Cresciano kamen ab Mitte des 14. Jh. unter die Rechtssprechung eines Podestà der Visconti, während die auf dem rechten Ufer des Tessin gelegenen Iragna und Lodrino 1441 von der Leventina gelöst und zu einem Vikariat der Mailänder Herzöge zusammengefasst wurden. Kirchlich war die R. der Diözese Mailand zugeteilt. 1403 stellte sich die R. mit der Leventina unter den Schutz von Uri und Obwalden, fiel aber bereits 1422 nach der Niederlage der Eidgenossen in der Schlacht bei Arbedo wieder an die Visconti zurück. 1441 erlangten die Urner erneut die Kontrolle über die Leventina und drangen 1447-49, 1467-68 in die Dörfer der R. ein, die 1478 auch von eidg. Truppen eingenommen wurden. 1495 besetzten Uri, Schwyz und Luzern das Bleniotal und die R. Im Vertrag mit Frankreich von 1499 erhielt Uri als Gegenleistung für seinen Verzicht auf Bellinzona die Gemeinden der R., wobei Claro erst 1500 hinzukam. Kurz darauf schuf Uri mit Schwyz und Nidwalden die gemeine Herrschaft R., deren Hauptort Cresciano, ab 1573 Osogna war. Ein Rat der Fünf im 16. Jh., der Sieben im 18. Jh. unterstützte den Landvogt in der Rechtssprechung. Die Satzungen der Vogtei datieren von 1632. In der Helvet. Republik 1798-1803 gehörte die R. zum Kt. Bellinzona, seit 1803 ist sie einer der acht Bezirke des Kt. Tessin.
Bis ins 19. Jh. zählte die R. zu den ärmsten Regionen des Kantons. Immer wieder überschwemmte der Fluss Tessin das Gebiet. Obschon die Gemeinden stets von der Landwirtschaft lebten, verzeichneten sie gegen Ende des 19. Jh. ein bescheidenes Wirtschaftswachstum. Dieses rührte vom Granitabbau her, der dank der Bauarbeiten für die Gotthardbahn aufgekommen war und um 1900 seinen Höhepunkt erreichte. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. entwickelte sich v.a. in Biasca ein für die oberen Täler wichtiges Industriegebiet. Die Gotthardbahn, das örtl. Strassennetz und die Autobahn A2 beanspruchen einen Grossteil des Talbodens und veränderten die Landschaft der R. nachhaltig. Mit der neuen Alpentransversalen (AlpTransit) wird sich diese noch ausgeprägter in einen Korridor für den Durchgangsverkehr verwandeln.
Quellen
– MDT, Ser. 2
Literatur
– A. Gasser, Die territoriale und staatsrechtl. Entwicklung der Eidgenossenschaft, 1932, 59 f., 132 f.
– G. Wielich, Das Locarnese im Altertum und MA, 1970
– G. Chiesi, Lodrino, 1991
Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi / CHM