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Jean-Noël Gex hält eine Glasscheibe gegen das Licht, blickt hindurch und kommt ins Schwärmen. Die Scheibe ist die Urform des Dias, 110 Jahre alt, und stammt aus der Produktion der Brüder Lumière, den französischen Pionieren der Fotoindustrie und des Kinos. Gex hebt hervor, was in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist: Farbfotografie gibt es schon seit mehr als 100 Jahren. Gex muss es wissen: Er arbeitete 27 Jahre als Technischer Verantwortlicher bei Ilford und versucht nun, durch den Verein «Cibachrome» das Erbe der Freiburger Fotoindustrie zu bewahren.
Vor allem betont er immer wieder, dass Freiburg in der Farbfotografie schweizweit eine Pionierrolle einnahm. An der Industriestrasse im Perollesquartier war ab 1935 die Firma Tellko ansässig, gegründet von drei Italienern. Tellko stellte dort respektable Schwarz-Weiss-Fotomaterialien her. 1946 erhielten sie aber Besuch von einem Herrn aus Deutschland, den es nach dem Krieg nach Freiburg verschlagen hatte. Dieser wollte die Verantwortlichen von Tellko überzeugen, auf Farbfotografie zu setzen. Ein Mitglied des Verwaltungsrats des Basler Chemiekonzerns Sandoz erkannte das Potenzial und stellte den Deutschen als Technischen Direktor ein.
Bei diesem Besucher handelte es sich um Willhelm Schneider, der vorher bei der deutschen Agfa schon Farbfotografie betrieben hatte. Nach dem Krieg ging deren Know-how nach Amerika und Schneider nach Freiburg.
So kam es, dass in Freiburg 1950 der erste Telcolor-Farbfilm herauskam, und dazu gleich das entsprechende Fotopapier. Tellko lieferte also einen Farbfilm, der sowohl für Farb-Dias als auch für Farbabzüge genutzt werden konnte. Dank weiteren ehemaligen Agfa-Technikern wurde die Qualität perfektioniert, und der Freiburger Farbfilm gewann gar Preise. Der Diafilm wurde bis nach Argentinien und Neuseeland vertrieben. Derselbe Film konnte auch für Kinofilme genutzt werden. Tellko hatte einen solch guten Ruf, dass sogar die ehemalige Produktion der Lumière-Brüder in der Firma Aufnahme fand.
Wie Gex weiss, wurde Tellko 1960 von Ciba übernommen; Ende der 1980er-Jahre folgte der Umzug aufs Ilford-Gelände in Marly. Unter Ciba wurde ab 1962 der Telcolor-Nachfolger Cibachrome hergestellt.
Nach einem enttäuschenden Versuch für Amateure wurde der Cibachrome-Diafilm der Film für Profifotografen. Darin liegt gemäss Gex auch der Unterschied zu Kodak, das mit dem Kodachrome den Verkaufsschlager im Amateurbereich lieferte.
Wie Gex berichtet, wurden die bekannten Ilford-Schwarz-Weiss-Filme in England produziert, die Diafilme hingegen in Freiburg respektive Marly. Nicht nur die kleinen Diapositive, sondern auch grossflächige Leuchtfolien entstanden dort. Cibachrome fand vornehmlich in der Mode- oder Schmuckfotografie Verwendung.
Ergiebiger Stock
Jean-Noël Gex hat als Technischer Verantwortlicher von Ilford seine Kunden, die Profi-Fotografen, auf die bevorstehende Einstellung der Produktion in Marly vorbereitet. Wo andere Firmen das Diapositiv schon aufgegeben hatten, schaute Ilford, dass ihre Kundschaft nicht von einem Tag auf den anderen ohne Material dastand. Noch 2013, bei der Schliessung von Ilford, habe der renommierte Fotograf Christopher Burkett rund 6000 Quadratmeter Cibachrome aus dem Stock in Marly gekauft.
Dias: Sie sind am langlebigsten
U nter den Überbleibseln von Ilford präsentiert Jean-Noël Gex einen Diafilm in Postkartengrösse. Dieser sei für die Archivierung von Dokumenten verwendet worden. Nebst der optimalen Auflösung überzeuge dieser Film durch eine Lebensdauer von gegen 500 Jahren. Für Gex ist kein anderes fotografisches Format so langlebig wie der Diafilm. Selbst bei billigen Dias aus den 1980er-Jahren, die schon einen Weisston haben, seien immer noch 80 Prozent der Bildinformationen erhalten, sagt Gex. Bei digitalen Bildern hingegen betrage die Lebensdauer wenige Jahrzehnte. Und wenn ein Schaden auftrete, sei die ganze Bildinformation weg. uh