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Wer nach den 1970er Jahren geboren ist, kann sich kaum eine Vorstellung von der Ödnis machen, die vor 1983 auf einheimischen Radiofrequenzen herrschte. In der Schweiz gab es zwar für jede Sprachregion zwei offizielle Programme. Wer sich aber für Anderes als traditionelle Volksmusik, seichtes Unterhaltungsgedudel oder bildungsbürgerliche Inhalte interessierte, fand beim Landessender kaum ein Angebot. Widerstand erwuchs dem Monopol der SRG erst ab Mitte der 1970er Jahre, als sich Radiopiraten oft allein oder in kleinen Gruppen daran machten, die Frequenzen zu beleben. Die technische Entwicklung und der Preiszerfall machten es möglich, dass sich auch Laien für wenige Hundert Franken einen Sender basteln konnten. Weil die Frequenzen jenseits von 100 MHz angeblich für Kriegszwecke freigehalten wurden, gab es zudem im Frequenzband genug Platz für ihre Experimente. Die PTT als Hüterin des Monopols setzte Einiges daran, dem Tun jeweils ein schnelles Ende zu setzen: Mit Peilsendern machte man Jagd auf die oft mobilen Sender und verfolgte sie strafrechtlich. Trotzdem existierten im Piratenjahrzehnt nach 1975 bald Dutzende von Sendern, die teils aus Plausch, teils mit politischem Sendungsbewusstsein oder einfach aus Frust über das ungenügende offizielle Angebot aktiv waren.
Piraten sind naturgemäss schwierige Archivkunden. Sie haben wenig Interesse, ihre Tätigkeiten dauerhaft zu dokumentieren. So ist es ein absoluter Glücksfall für uns, dass sich vor einem Jahr ein leidenschaftlicher Radiopiratenfan an seine Tonbandkassetten erinnerte: Dieter Menyhart sass in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren gebannt vor seiner Stereoanlage, suchte die Frequenzen nach Piratensendern ab und drückte auf die Record-Taste, sobald er fündig wurde. 33 Sendungen von mehr als 20 Piratensendern überlebten so, konnten digitalisiert werden und sind nun online zugänglich. Die Sender hiessen phantasievoll "Radio Gäterlischlitzer" oder "Alibaba", andere prosaischer "Radio Universal" oder "Alexandra". Inhaltlich dominierten zwei Typen: Den einen ging es um die musikalische Bereicherung und den Spass an der Sache. Die anderen hatten politische Ansprüche und sahen sich als Teil einer Gegenöffentlichkeit, die hauptsächlich gegen bürgerliche Politik und Repression im Strafvollzug wetterte.
1979 blies Roger Schawinski mit Radio 24 zum Sturm gegen das SRG-Monopol. Wo die Radiopiraten nur Nadelstiche platzieren konnten, versetzte Schawinski dem Monopol mit dem Zweihänder innert Kürze den Todesstoss. Im Sommer 1983 legalisierte der Bundesrat private und kommerzielle Lokalradios. Die Phase der Illegalität war vorbei. Die linke Gegenöffentlichkeit suchte und fand im Alternativen Lokalradio Zürich oder Radio Bern ihre Frequenzen. Und auch die SRG reagierte – im November 1983 ging DRS 3 auf Sendung. Und warb ein paar Jahre später mit dem Slogan "amtlich bewilligter Störsender"…
(In Piratenradios II wird es um einen weiteren Piratenradio-Nachlass mit Schwerpunkt politische Sender gehen.)