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F.S., eine 17 jährige junge Frau verlässt im Herbst 2009 mit einem Gewicht von 98 kg das Kompetenzzentrum «Guglera» im Kanton Fribourg um eine Lehrstelle in einem nahegelegenen Dorf anzutreten, nachdem sie ein Jahr vorher mit einem Gewicht von 198 kg das Programm begonnen hatte. Die junge Frau war schon sehr früh übergewichtig. Ihr Vater verletzte sich bei der Arbeit, als sie noch ein kleines Mädchen war und war seither 100% von der IV abhängig. Die Mutter musste fortan für die fünfköpfige Familie sorgen und neben der 100% Arbeitsstelle auch noch den gesamten Haushalt führen. F.S. ist eine mittelmässige Schülerin und lebt zu Hause in einer von der Depression und den chronischen Schmerzen des Vaters geprägten Atmosphäre und muss der Mutter bei Hausarbeiten häufig zur Seite stehen. Ihr Gewichtsproblem beginnt ganz langsam parallel zu der familiär psychosozial schwierigen Situation zu Hause. Das erste Mal wird F.S. im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung auf ihr Gewicht angesprochen und beginnt in der Folge mehrmals ambulante Programme, wobei es ihr dabei immer wieder gelingt dank intensiver Diätberatung und ärztlicher Betreuung das Gewicht für einige Zeit stabil zu halten. Nach der Realschule und unzähliger Absagen auf Bewerbungsschreiben resigniert F.S. und verbringt den Tag vorwiegend zu Hause zusammen mit ihrem Vater vor dem TV. Sie nimmt innerhalb eines Jahres hundert Kilogramm an Gewicht zu.
Es ist heute generell akzeptiert, dass in den westlichen industrialisierten Ländern die jugendliche Adipositas (11-16%) ein alarmierendes epidemiologisches Problem geworden ist und dass die Ursachen dieses Problems multifaktoriell sind und ihren Ursprung vorwiegend in einem Lebensstil mit hyperkalorischer ungesunder Ernährung und wenig Bewegung haben. Longitudinale Studien haben gezeigt, dass übergewichtige Kinder häufig auch übergewichtige Erwachsene werden. Da zudem gezeigt werden konnte, dass es im Erwachsenenalter schwierig ist, Gewicht zu reduzieren, sollten übergewichtige Kinder die primäre Zielpopulation einerseits von präventiven, als auch therapeutischen Interventionen sein. Adipositas ist häufig mit Komorbiditäten (Hypertension, Glukoseintoleranz, Schlafapnoe, orthopädische Probleme, etc.) assoziiert, die gesundheitsoekonomisch einen wichtigen Faktor darstellen.
Es hat sich gezeigt, dass die einzige Chance eines Therapieerfolges darin besteht, dass dauerhafte Aenderungen des Lebensstils gemacht werden. Diese bestehen z.B. darin, Ernährungsgewohnheiten zu ändern und physische Aktivität zu steigern, sowie Verhaltensänderungen, insbesondere gegenüber emotionellem Stress zu bewirken. Ein weiterer Schwerpunkt des aktuell einzigen stationären Behandlungsprogramms für jugendliche Uebergewichtige in der Schweiz besteht nicht nur in Aenderungen des Lebensstils, sondern auch der Lebenssituation.
Ein wichtiges Ziel dieses Programms ist die Integrierung in der Arbeitswelt. Die folgende Tabelle 1 zeigt den Gewichtverlauf der ersten Patienten des Programms der Guglera, wobei klar gezeigt werden kann, dass sehr viel Gewicht verloren wird während einem einjährigen intensiven multidisziplinären stationären Programm. Gleichzeitig lassen die ersten Langzeitdaten jedoch auch vermuten, dass der langfristige Verlauf eben nicht allein von den Änderungen im Lebensstil, sondern eben insbesondere auch von Äenderungen in der Lebenssituation (Arbeitssituation) abhängen.
Es wird durch zahlreiche Untersuchungen immer deutlicher, dass langfristige Gewichtsreduktion und somit die Verhinderung von Komorbiditäten nur durch lange, intensive Programme erzielt werden können, deren Ansatzpunkte in einer Verbesserung des Lebensstils mit gesunder Ernährung und aktiver Bewegung bestehen. Ein vielleicht bisher noch zuwenig erkannter und wahrscheinlich alles entscheidender Punkt einer erfolgreichen Gewichtsreduktion ist jedoch zudem die Verbesserung der psychosozialen Situation. Es kann nicht genügend betont werden, dass es nicht genügt den Lebensstil zu ändern, sondern, dass auch die Lebenssituation übergewichtiger Kinder und Jugendlichen verbessert werden muss.
In diesem Sinne zählt das Kongressmoto in umgekehrter Reihenfolge nicht als «Sag mir was Du isst und ich sage Dir wer Du bist», sondern vielmehr : «Sag mir wer Du bist und ich sag Dir was Du isst !»
Um diese Punkte im Sinne einer ganzheitlichen Behandlungsstrategie zu berücksichtigen, braucht es in Zukunft die politische und finanzielle Unterstützung von solchen umfassenden Programmen wie an der Guglera.