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| Tertullian († um 220) - Über den weiblichen Putz (De cultu feminarum)

Buch 2
10. Kap. Kostbarkeiten und Schmuck soll für die Christen nur dazu vorhanden sein, um sich durch Enthaltung davon in der Entsagung zu üben.
Natürlich ist es Gott gewesen, der die Unterweisung gegeben hat, wie man Wolle mit Pflanzen saften und Muschelschleim einkocht1. Es war ihm, als er das Weltall entstehen hieß, in Vergessenheit geraten, die Entstehung purpur- und scharlachroter Schafe anzuordnen. War es Gott, der die Fabrikation solcher Kleider ersonnen hat, welche, an sich leicht und dünn, einzig durch ihren Preis gewichtig werden? Ist Gott es, der solche Massen an Gold hervorgebracht hat, damit man die Edelsteine darein fassen und sortieren könne? Hat Gott den Ohrläppchen mit Sorgfalt Wunden beigebracht und auf die Verstümmelung seines Werkes und Marterung der Kinder, die dabei zum ersten Male Schmerz empfinden, so viel Wert gelegt, damit in den Narben dieser gleichsam für das Messer bestimmten Körperteile gewisse Körnlein hängen sollten, welche die Parther als Knöpfe sogar an ihre Stiefel setzen? Inbetreff des Goldes, dessen Schimmer Euch so sehr besticht, berichtet die Literatur, daß es bei einem gewissen Volke zu Fesseln gebraucht werde. Also sind diese [S. 198] Dinge nicht aus sich wirklich gut, sondern nur infolge ihrer Seltenheit. Nachdem aber die nötigen Kunstfertigkeiten durch die Engel, welche auch auf die Stoffe selbst hinwiesen, eingeführt waren, hat mühevoller Kunstfleiß in Verbindung mit der Seltenheit dieser Dinge die Vorstellung von ihrer Kostbarkeit erregt, und infolge dessen bei den Frauen das Verlangen, solche Kostbarkeiten zu besitzen, erweckt. Sind nun aber dieselben Engel, welche die genannten Stoffe und Lockmittel, ich meine das Gold und die Edelsteine, entdeckt, sowie auch die Bearbeitung derselben gezeigt und unter ändern auch das Mittel, die Augenbrauen zu färben, sowie die Schönfärberei gelehrt haben, von Gott verworfen worden, wie Henoch berichtet, wie können wir dann Gott wohlgefällig sein, wenn wir uns an Sachen erfreuen, die denen zugehören, welche dadurch Zorn und Strafe von Seiten Gottes herausgefordert haben?
Doch gesetzt auch, Gottes Vorsehung habe das alles bestimmt, er habe gestattet, daß Isaias gar nicht auf purpurne Kleider schelte, keine Haarfrisur eintreibe und die kleinen Halbmonde nicht mißbillige2, dann dürfen wir uns doch darum noch keine Einbildungen machen wie die Heidinnen, und Gott bloß für den Schöpfer, nicht auch für den Beaufsichtiger seiner Schöpfungen halten. Viel ersprießlicher und vorsichtiger würden wir handeln, wenn wir annehmen, Gott habe allerdings das alles hergerichtet und ins Dasein gerufen, aber in der Absicht, damit es Gelegenheiten gebe, woran sich die Sittenstrenge seiner Diener erproben könne, und damit bei der Erlaubtheit des Genusses Proben der Enthaltsamkeit abgelegt würden. Geben nicht weise Hausväter manchmal ihren Sklaven absichtlich Gelegenheit und Erlaubnis zu diesem oder jenem, bloß um zu sehen, ob und wie sie sich der gegebenen Erlaubnis bedienen werden, ob in der rechten Weise und mit Maß? Wie viel löblicher aber handelt der, welcher sich ihrer gänzlich enthält und die Nachsicht des Herrn mit Besorgnis betrachtet! "Alles", heißt [S. 199] es, "ist erlaubt, aber nicht alles frommt"3. Wer schon vor dem Erlaubten Scheu trägt, wird das Unerlaubte noch viel mehr fürchten.
1: Um sie gelb oder purpurn zu färben.
2: Als Haarschmuck, wie Isaias es 3,18ff. tut.
3: 1 Kor. 10,23.