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«Er war in eine Welt des Experimentierens abgetaucht, die im französischen Kino völlig neu war», heisst es über Henri-
Georges Clouzot einmal in diesem Film. Doch diese Welt an einem idyllischen Ferienort in der Auvergne war nicht nur eine experimentelle, sondern ebenso eine radikal persönliche. Denn die Hölle, das sind keineswegs immer nur die anderen.
Von einer geschlossenen Gesellschaft konnte man also durchaus sprechen, als Clouzot im Frühling 1964, nach monatelanger Vorbereitung, mit den Dreharbeiten zu seinem Spielfilm «L’enfer» begann: Erzählt werden sollte die Geschichte eines Mannes, der sich von seiner Frau betrogen fühlt und sich dabei in obskuren Obsessionen verfängt, bis Wirklichkeit und Einbildung ununterscheidbar ins Inferno führen. Doch Clouzots Plan war nicht, diese Geschichte mit Bildern zu erzählen, sondern, auf noch nie gesehene Weise, in den Bildern selbst – ein verhängnisvoller Plan.
Clouzot eilte der Ruf eines Pedanten voraus, und auch wenn sein Ansehen bei der jungen Garde der Nouvelle Vague nicht besonders hoch war, galt er mit stilbildenden Arbeiten wie §le salaire de la peur und Les diaboliques nach wie vor als einer der bedeutendsten Filmemacher Frankreichs. Nach ersten Probeaufnahmen bekam er von Columbia tatsächlich ein unbegrenztes Budget zugesichert und stellte enorme Anforderungen an sich und sein Personal: drei Kamera-Teams, die parallel drehen sollten; unzählige technische und künstlerische Mitarbeiter, denen er Tag und Nacht neue Aufgaben stellte; und nicht zuletzt mit Serge Reggiani und Romy Schneider zwei Stars, um die sich alles drehte. «Ich frage mich, wie ich achtzehn Wochen mit Henri-Georges durchhalten soll», meinte Romy Schneider, doch soweit sollte es gar nicht kommen: Nach nur drei Wochen erlitt Clouzot eine Herzattacke, nachdem Reggiani zuvor fluchtartig die Dreharbeiten verlassen hatte. Der nie vollendete «L’enfer» sollte als mysteriöser Torso in die Filmgeschichte eingehen.
So teilt «L’enfer» bis heute sein Schicksal mit Arbeiten von Griffith, Chaplin, Ford, Murnau und Welles, auch wenn sich Claude Chabrol 1994 an eine Neuadaptierung des Stoffes machte. Doch zugleich gibt die Geschichte in unregelmässigen Abständen immer wieder ihre verschütteten Geheimnisse preis, wie etwa unlängst Langs “Originalversion” von §metropolis in Buenos Aires, oder sie öffnet sich für imaginäre Filme wie Kubricks nie realisierten «Napoleon».
Dass die Filmhistoriker Serge Bromberg und Ruxandra Medrea nun 185 Filmrollen und 13 Stunden belichtetes Material von Clouzots «L’enfer» gefunden haben, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrelangen, hartnäckigen Suche, die zugleich verstörende und betörende Bilder ans Licht bringt: Testaufnahmen von Romy Schneider, die Clouzot zum lebenden Versuchsobjekt machte, etwa indem er sie nackt und auf Schienen gefesselt vor eine einfahrende Dampfeisenbahn legte; daneben exzentrische Farb- und Lichtspiele beziehungsweise Aufnahmen einer Ausstellung über kinetische Kunst und Op-Art; und Fragmente einer Handlung in Schwarzweiss, in denen die scheinbare Idylle, mit der das Drama beginnt, zunehmend den bunt flirrenden Wahnbildern Reggianis weichen sollte.
Doch L’enfer d’henri-georges clouzot stellt auch eine eigenständige Leistung dar, denn die Arbeit der beiden Historiker erschöpft sich keineswegs in der Suche und Montage. Bromberg und Medrea erfassen dieses einzigartige Relikt in seiner intendierten Gesamtheit: Sie rekonstruieren chronologisch den Kern der Erzählung ebenso wie die unzähligen Legenden und lassen – wie als Kontrapunkt zur Bilderflut Clouzots – einzelne Dialoge von Bérénice Béjo und Jacques Gamblin in einem leeren Raum nachspielen. Hier taucht sie dann wieder auf: die Hölle.