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Letztes Jahr fragte mich eine Studentin auf der Zürcher Frauentagung, wie der Frauenanteil in der Informatik erhöht werden könne. Meine spontane Reaktion: Müssen Frauen überall gleichberechtigt vertreten sein? Trotz Bestnoten in Mathematik und Physik habe ich Soziologie studiert. Ein typisches Frauenstudium. Die Frage verdient allerdings eine begründete Antwort. Auch deshalb, weil die Frauenfeindlichkeit im amerikanischen Silicon Valley seit längerem Thema in der Öffentlichkeit ist.
Laut einer 2016 publizierten Studie berichtet die Mehrheit der Frauen, die in führenden Positionen bei Startups und Technologiekonzernen im Grossraum San Francisco arbeiten, von ungewollten sexuellen Annäherungen am Arbeitsplatz. Keine Einladungen zu Geschäftsessen, Ermahnungen wegen aggressiven Führungsverhaltens oder häufige Unterbrechungen in Meetings zugunsten männlicher Kollegen sind weitere Erfahrungen.
Die Firmenkultur im Silicon Valley - oft umschrieben mit nächtelangem Kräftemessen in Programmierwettkämpfen mit Pizza, Bier und sexistischem Teenager-Humor - scheint männlich geprägt. Das zeigt der jüngste Fall von dieser Woche: Ein Google-Mitarbeiter hat die Dominanz der Männer in der IT-Industrie mit biologischen Unterschieden erklärt. Er wurde entlassen.
Tatsächlich sind Frauen in den kalifornischen Technologieunternehmen unterrepräsentiert. Im Jahr 2016 waren nur 20 Prozent der technischen Mitarbeiterinnen bei den grossen ansässigen Technologiefirmen wie Apple, Facebook oder Google Frauen. Der Frauenanteil bei den einflussreichen Kapitalgebern ist mit 6 Prozent marginal. Zudem verdient eine Programmiererin durchschnittlich einen Drittel weniger als ein Mann mit derselben Qualifikation.
Die oft zitierte Diskriminierungsthese gegenüber Frauen im Silicon Valley hat allerdings einen Haken. Ausserhalb der Tech-Industrie ist der Frauenanteil in den IT-Abteilungen der US-Unternehmen nur unwesentlich höher. Hinzu kommt, dass in westlichen Ländern der Frauenanteil im Informatikstudium bis vor kurzem weniger als 20 Prozent betrug.
Das Silicon Valley schliesst qualifizierte Frauen nicht aus. Es gibt einfach wenige. Die wenigen qualifizierten Frauen betrachten sich oft als ungeeigneter für die Berufskultur. Hierdurch verstärken sich Geschlechter-Stereotype. Die Lohnunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Programmierern sind exemplarisch.
Die Studienfachwahl von Frauen und Männern erklärt hingegen den geringen Frauenanteil. Bereits unter Teenagern existieren ausgeprägte Geschlechterunterschiede bei den Karriereinteressen. Frauen bevorzugen lebendige, personenbezogene Inhalte wie Soziologie, Biologie, Medizin, während Männer leblose, manipulative Inhalte wie Informatik, Ingenieurwissenschaften oder Physik bevorzugen.
Die geschlechtertypische Wahl ist dann am stärksten ausgeprägt, wenn Jugendliche ihren Neigungen folgen dürfen, anstatt praktische, ökonomische Entscheidungen treffen zu müssen. Entsprechend studieren Mädchen aus postmaterialistischen Wohlstandsländern, aus Ländern mit hohen Wahlmöglichkeiten bei der Bildung und aus gutsituierten Familien selten Informatik. Dies legt auch die Schlussfolgerung nahe, dass Informatikerinnen auf Arbeitsmärkten in der Tat diskriminiert wurden. Allerdings nicht infolge ihres Geschlechts, sondern infolge ihrer sozialen Herkunft.
Tempi passati. Neuerdings begeistern sich auch Frauen für Informatik, die studieren dürfen, was sie wollen. Im deutschsprachigen Raum stieg die Anzahl der Studienanfängerinnen in Informatik-Studiengängen in den letzten vier Jahren um mehr als einen Drittel auf 35 Prozent an. Informatik erlebt eine Feminisierung. Die Aufgaben sind lebendiger und personenbezogener geworden. Zu denken sei an die Entwicklung von Lifestyle- und Gesundheits-Apps für das personalisierte Selbst oder an kommunikative Fähigkeiten für Karrieren bei den Branchengiganten.
Diesen Anforderungen sind die bisher die Branche dominierenden männlichen Nerds nicht mehr gewachsen. Tech-Ladys können sich locker machen. Ihnen gehört die Zukunft im Silicon Valley. Frauen mit hohen mathematischen Fähigkeiten haben oft auch hohe verbale Fähigkeiten. Die gilt seltener für Männer. Bei allem Gleichstellungs-Optimismus führte die Feminisierung von Branchen bisher stets auch zum Sinken der Löhne.
Die Gründe hierfür sind vielfältig und werden mit der Reproduktion von Statusunterschieden zwischen Mann und Frau erklärt. Für die Tech-Industrie ist das kreative Unternehmertum eine alternative Erklärung: Die ausrangierten Nerds werden sich in neuen Branchen ansiedeln, um dort ihre leblosen, allerdings oft sehr praktischen Erfindungen zu tätigen. Disruptive Branchen versprechen exorbitante Gewinne. So wie vor kurzem das Silicon Valley.