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Kulturtechniken des Entscheidens. Zur Handlungsmacht administrativer Medien und Dinge
Freitag, 10. Juni
11:15 bis 12:45 Uhr
Raum 2060
Das Panel fragt, wie Entscheidungen in Politik, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft prozessiert, d.h. getroffen, durchgesetzt, aufrecht erhalten, aber auch abgewendet, untergraben und ausgehebelt werden. Dabei fasst das Panel Entscheiden methodisch als Kulturtechnik. Kulturtechniken »bezeichnen das, was Medien machen, was sie bewirken, zu welchen Handlungen sie verleiten. Kulturtechniken präzisieren die Handlungsmacht von Medien und Dingen« (Vismann, 445). Entscheiden als Kulturtechnik zu beschreiben, heisst fallweise das komplexe Akteur-Netzwerk zu rekonstruieren, »das technische Objekte und die Handlungsketten einbegreift, in die sie eingebunden sind, die sie konfigurieren oder die sie konstitutiv hervorbringen« (Engell/Siegert, 7).
Dirk Baecker charakterisiert Entscheidung als eine Kommunikation, »die an andere Kommunikationen adressiert wird (so, wie die eine Akte auf eine andere Akte verweist und jeder Akt einen anderen Akt fordert und abweist zugleich), um weitere Entscheidungen zu ermöglichen« (Baecker, 30). Akten fungieren folglich kulturtechnisch besehen als Medien des Entscheidens. Sie bestehen aus Schreiben und deren Beilagen, die ein Antwortschreiben verlangen, dem wiederum alle vorgehenden Schreiben zu einem Geschäft beiliegen. Adressaten greifen darin Inhalte und Vorschläge von Absendern bzw. Beilagen auf und verleihen jenen Vorschlägen dadurch ein stärkeres Gewicht. Der Bezug auf Kommunikationsangebote vorheriger Akten fabriziert eine Entscheidung, ohne dass diese vor der Bezugnahme schon feststehen würde. Akten konstituieren Verfahren (Luhmann): Sie verleiten zur Handlung der Bezugnahme auf vorliegende Schreiben und bahnen so eine Entscheidung an. Das »erklärt, weshalb etwas Macht an einen durchschnittlichen Geist abgegeben wird, einfach indem man Akten durchsieht« (Latour, 296). Akten statten Akteure mit limitierter Handlungsmacht aus, begrenzen Assoziationen, bringen mit anderen Worten Beamte hervor. Zugleich assoziieren Akten Beamte und Vorgesetzte, Administrationen und Subjekte und erzeugen so auf Wiederholung basierende bürokratische Strukturen (Hull).
Ziel des Panels ist es, ausgehend von solchen Überlegungen danach zu Fragen, ob Entscheiden als Kulturtechnik eine spezifische, historisch indexierte (etwa bürokratische) Form der Macht darstellt oder ob unterschiedliche Medien des Entscheidens (wie Akten, Formulare, Statistiken etc.) in unterschiedlichen historischen Kontexten je eigene Formen der Macht ausbilden. Dabei steht auch in Frage, ob sich spezifisch administrative, politische, rechtliche, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Kulturen und Probleme des Entscheidens voneinander abgrenzen lassen und wie sich insbesondere politische Macht zur Entscheidung verhält. Das Panel besteht aus drei Referaten und einem Kommentar à je 15 Minuten und einer anschliessenden 30-minütigen Diskussion.