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Fragen und Antworten zum Arbeitszeugnis
Es gibt so viele Situationen, in welchen Fehler bei der Zeugniserstellung oder Zeugnisformulierung begangen werden. Ebenso viele Fälle gibt es, bei denen der Arbeitnehmer aus irgendeinem Grund mit dem ausgehändigten Zeugnis nicht einverstanden ist.
Denn geht der Arbeitgeber nicht auf gerechtfertigte Einwände ein, hat der Arbeitnehmer die Möglichkeit, ein korrekt ausgestelltes Zeugnis auf dem Gerichtsweg durchzusetzen. Nachfolgend finden Sie einige Antworten auf die wichtigsten und häufigsten Fragen aus der Praxis.
Wer unterschreibt das Arbeitszeugnis?
Wer darf in einem Unternehmen das Arbeitszeugnis unterschreiben, kann ein Arbeitszeugnis beispielsweise auch von der Personalassistentin unterschrieben werden.
Antwort:
Arbeitnehmer haben Anspruch auf ein Arbeitszeugnis, das von einem hierarchisch übergeordneten Zeichnungsberechtigten der Firma unterschrieben wird. Eine Unterzeichnung durch eine gleichgestellte oder gar untergeordnete Person wäre eine Persönlichkeitsverletzung des Arbeitnehmers (OR 328).
Wann muss ein Zeugnis fremdsprachig abgefasst sein?
Eine Grenzgängerin aus Frankreich verlangt, dass ihr Arbeitszeugnis auf französisch geschrieben wird. Müssen der Arbeitgeber das machen?
Antwort:
Der Arbeitgeber hat das Arbeitszeugnis in der Sprache abzufassen, die am Ort des Betriebs üblich ist. In zweisprachigen Regionen muss das Zeugnis so abgefasst werden, dass es das wirtschaftliche Fortkommen des Arbeitnehmers nicht behindert. In Biel oder Fribourg könnte ein welscher Arbeitnehmer durchaus verlangen, dass sein Zeugnis französisch abgefasst wird. Anders verhält es sich bei Ausländern und Grenzgängern und Arbeitnehmern, die eine Stelle in einem andern Sprachgebiet suchen. Hier ist es klar Sache des Arbeitnehmers, für die Übersetzungskosten aufzukommen.
Vollständiges Arbeitszeugnis schon nach drei Monaten?
Einer ausländischen Mitarbeiterin, die drei Monate im Einsatz war, wurde eine Arbeitsbestätigung ausgestellt. Nun reklamiert sie ein Arbeitszeugnis. Für solch kurze Einsätze ist das eigentlich nicht üblich. Muss die Unternehmung ein solches Zeugnis ausstellen?
Antwort:
Es besteht für Arbeitgeber eine gesetzliche Pflicht, auf Verlangen des Arbeitnehmers jederzeit ein Zeugnis auszustellen (OR 330a, Abs.1). Es ist allerdings dem Arbeitgeber überlassen, auf mögliche Schwierigkeiten einer ausführlichen Qualifizierung detailliert einzugehen und dies im Zeugnis zu artikulieren. In den allermeisten Fällen kann jedoch ein Arbeitgeber schon nach wenigen Tagen und Wochen klar Stellung nehmen und somit seine Verantwortung und gesetzliche Pflicht wahrnehmen und ein Zeugnis ausstellen.
Wie soll im Zeugnis auf Krankheiten eingegangen werden?
Ins Zeugnis eines Mitarbeiters, der aufgrund seiner häufigen krankheitsbedingten Absenzen entlassen wurde, wurde geschrieben, dass ihm für die Zukunft gesundheitlich alles Gute gewünscht wird. Er beanstandete den Satz: “Wir danken Herrn Müller für seinen Einsatz und wünschen ihm von Herzen, dass er seine Krankheit besser in Griff bekommt.” - Wie kann man das anders formulieren?
Antwort:
Der Satz wird zu Recht beanstandet. Er verletzt die Persönlichkeit des Zeugnisträgers. Wenn eine Person krankheitshalber entlassen werden musste, kann man in einem korrekten Zeugnis durchaus auf die Krankheit eingehen. Allerdings muss man dabei besonders verantwortungsbewusst und umsichtig vorgehen.
Ein möglicher Ansatz zur Lösung besteht darin, nach den tieferen Gründen der Krankheit zu fragen. Tauchen entlastende Argumente und Fakten auf, kann es durchaus sinnvoll sein, die Krankheit in einem Verständnis erweckenden Kontext zu erwähnen. (Beachten Sie im Rahmen von krankheitsbedingten Kündigungen unbedingt OR 336c, Abs. 1, lit. b und Abs. 2, Kündigung zur Unzeit).
Ist das Abfassen negativer Arbeitszeugnisse verboten?
Es ist zulässig ein schlechtes Arbeitszeugnis zu schreiben? Stimmt das?
Antwort:
Leider werden im Zusammenhang mit Arbeitszeugnissen viele unhaltbare Behauptungen herumgeboten. Es ist im Gesetz nirgends verankert, dass man keine negativen Aussagen in Zeugnissen machen darf. Ein Zeugnis muss wahr sein und in zweiter Linie wohlwollend formuliert werden: Das Wohlwollen ist dem Grundsatz der Wahrheit klar untergeordnet.
Soll eine mangelhafte Leistung im Zeugnis vertuscht werden?
Wir haben einen Mitarbeiter aufgrund seiner mangelhaften Leistungen entlassen. Da ich ihm nicht schaden will, habe ich zu seinen Leistungen geschrieben: «Herr Horat arbeitete stets gemäss seinen Fähigkeiten. Er verlässt uns im gegenseitigen Einvernehmen.» Geht das?
Antwort:
Solche Überlegungen stammen aus einer Zeit, als man versuchte, mit verschleiernden Codierungen die Arbeitgeber mittels Zeugnis zu warnen. Wer schreibt, ein Arbeitnehmer habe gemäss seinen Fähigkeiten gearbeitet, beurteilt die Leistungen ungenügend. Der Leser erkennt nicht, ob und wie man mit den Leistungen zufrieden war. Darum verstösst ein Arbeitgeber mit dieser Formulierung klar gegen die gesetzliche Pflicht von OR 330a, ein Zeugnis auszustellen, das sich über die Leistungen des Arbeitnehmers ausspricht. Absolut falsch und wahrheitswidrig ist die Aussage, dass man sich im gegenseitigen Einverständnis getrennt habe. Wenn jemand entlassen wird, gehört dies im Zeugnis vermerkt. Allerdings ist man auch in diesem Fall gezwungen, eine sprachliche Brücke zu bilden, welche die Aussage in einen positiven Kontext einbindet und dadurch wohlwollend ausfallen lässt.
Wie sollen Konflikte im Zeugnis erwähnt werden?
Wir haben eine «streitsüchtige» Mitarbeiterin entlassen. Im Arbeitszeugnis haben wir geschrieben: «Es fiel ihr nicht leicht, sich in die betriebliche Ordnung einzufügen.» Sie verlangt nun, dass ich diesen Passus streiche. Muss ich das?
Antwort:
Ja. Mit dieser Floskel wird einmal mehr vom Problem abgelenkt. Es geht hier weniger um die betriebliche Ordnung als vielmehr um eine Angestellte, die von der Umgebung subjektiv als «streitsüchtig» wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, regelmässige Qualifikationen durchzuführen. Die Arbeitnehmerin hat ein Recht darauf, frühzeitig zu erfahren, dass ihr Arbeitgeber (und ihre Umgebung) mit ihrem Verhalten nicht zufrieden ist. Sie erhält damit eine Chance, ihr Fehlverhalten zu verbessern.
Macht die Qualifizierung «Einfühlungsvermögen» einen Zeugnisträger zum Casanova?
Stimmt es, dass mit der Zeugnisformulierung «zeigte grosses Einfühlungsvermögen» ein innerbetrieblicher Schürzenjäger bezeichnet wird?
Antwort:
Tatsächlich wurde diese Qualifizierung in der Vergangenheit hin und wieder dazu benutzt, um Mitarbeiter als betriebsinterne Don Juans zu diffamieren. Es handelt sich dabei um eine hinterhältige Pervertierung eines positiven Begriffs, mit dem in unverstellter Sprache und in bestimmten beruflichen Umfeldern eine besonders wichtige Qualität, nämlich Sensibilität und intuitiver Spürsinn bezeichnet werden kann. Für einen Zeugnisleser ist es letztlich völlig unklar, ob «Einfühlungsvermögen» im eigentlichen oder im codierten Sinne gelesen und verstanden werden soll.
Deutet das Fehlen eines Gütesiegels auf ein codiertes Zeugnis?
Kürzlich habe ich in einem Arbeitszeugnis gelesen: «Dieses Zeugnis ist nicht codiert. Die Aussagen sind so gemeint, wie sie formuliert sind.» Sind Zeugnisse, in denen nichts Besonderes steht, wirklich alle codiert?
Antwort:
Nein, natürlich nicht. Trotzdem sei allen verantwortungsbewussten Arbeitgebern angeraten, unbedingt einen solchen Hinweis in neu erstellten Arbeitszeugnissen anzubringen. Die vielen überzeugten Anwender der transparenten Arbeitszeugnisse haben erkannt, dass die Interessen der Zeugnisträger mit den Interessen potentieller neuer Arbeitgeber übereinstimmen.
Darf/muss das Zeugnis Arbeitsloseneinsatz als solchen deklarieren?
Die Abteilung «Logistik Arbeitsmarktlicher Massnahmen» (LAM) des kantonalen KIGA vermittelt Stellenlose für meist sechsmonatige Arbeitseinsätze an private Firmen; die Bezahlung übernimmt die ALV mittels Taggeldern. Am Ende des Arbeitseinsatzes erhalten die Arbeitslosen ein Arbeitszeugnis. Eine der Einsatzfirmen schreibt in diesen Zeugnissen: «Wir bestätigen, dass Herr ..., vom 1. Januar bis 30. Juni 2000 im Rahmen einer arbeitsmarktlichen Massnahme bei uns als Magaziner im Einsatz stand».
Ein Stellenloser hat sich darauf bei der Firma beschwert und verlangt, dass der Passus «im Rahmen einer arbeitsmarktlichen Massnahme» gestrichen wird, da damit ja alle Arbeitgeber wüssten, dass er stellenlos sei, was seine Bewerbungschancen schmälere. Da die Firma nur uncodierte und wahre Zeugnisse schreibt, will sie dieser Bitte nicht nachkommen. Wer hat nun recht?
Antwort:
Tatsächlich ist jeder Arbeitgeber verpflichtet, ein Zeugnis wahrheitsgetreu auszustellen; andererseits geht es auch darum, die geeignete Person vorurteilslos für eine zu besetzende Stelle auszuwählen. Im vorliegenden Fall muss der Schutz der Persönlichkeit in Verbindung mit datenschutzrechtlichen Überlegungen höher gewichtet werden als die Erwähnung der arbeitsrechtlichen Massnahme. Im Vordergrund steht die reibungslose Wiedereingliederung der arbeitslosen Person in den Arbeitsmarkt. Die Forderung besteht daher zu recht: Der Passus darf so nicht im Zeugnis erscheinen.
Gehören potenzielle Gesundheitsprobleme ins Zeugnis?
Eine Mitarbeiterin kündigt mit der Begründung, an ihrem fensterlosen Arbeitsplatz im Keller bekomme sie gesundheitliche Probleme. Trotz dieser Klagen hat sie aber nie gefehlt. Im Arbeitszeugnis steht nun der Passus: «Frau ... verlässt ihre Stelle) auf eigenen Wunsch aus gesundheitlichen Gründen». Die Mitarbeiterin verlangt nachträglich ein neues Zeugnis, in dem «aus gesundheitlichen Gründen» gestrichen wird. Muss diesem Wunsch entsprochen werden
Antwort:
Nach OR 330a müssen im Arbeitszeugnis Art und Dauer sowie die erzielten Leistungen und das gezeigte Verhalten erwähnt werden. Gesundheitliche Überlegungen eines Arbeitnehmers, die zur Kündigung führen, sind rein persönlicher Natur und dürfen deshalb nicht im Zeugnis erscheinen. Dem Wunsch nach Streichung muss entsprochen werden.