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Der Name Lille kommt von L’Isle, was auf die Sumpfinsel im Tal der Deûle verweist, auf der die ersten Bauten angelegt wurden. Als Stadt wurde Lille im 11. Jahrhundert gegründet und war Teil von Romanisch-Flandern; einer Grenzregion zwischen dem Heiligen Römischen Reich, Burgund und Frankreich. Das wohlhabende Gebiet war politisch umkämpft. Nach dem Ende des Burgunderreichs 1477 fiel Lille in den habsburgischen Machtbereich, ab 1555 gehörte die Stadt zu den Spanischen Niederlanden. Mit seinen Kanonen liess der französische Monarch Louis XIV. 1667/68 die Stadt belagern, bis die spanische Garnison sie aufgab. Der Ingenieur Sébastien Le Prestre de Vauban liess die grosse Citadelle de Lille errichten, eine der stärksten Festungen. Im Spanischen Erbfolgekrieg wurde nochmals erneut um Flandern gekämpft. Im Frieden von Utrecht fiel Lille 1713 endgültig an das Königreich Frankreich. Nach der Französischen Revolution wehrten die Lillois 1792 einen österreichischen Angriff ab, 1804 wurde Lille Hauptort des Départements Nord. 1846 erfolgte der Anschluss ans entstehende Eisenbahnnetz. 1854 nahm die naturwissenschaftliche Fakultät ihren Lehrbetrieb auf, aus der 1896 die Universität Lille hervorging. Im Norden Frankreichs wurde Kohle abgebaut, die Schwerindustrie florierte und Lille wuchs zu einer der grössten Städte Frankreichs. Im Ersten Weltkrieg zur «freien Stadt» erklärt, kam es in Lille zu keinen Kampfhandlungen. Im Zweiten Weltkrieg marschierten deutsche Truppen am 29. Mai 1940 ein, die französische Armee kapitulierte. Im September 1944 befreiten westalliierte Soldaten Lille. Ab den 1960er-Jahren wandelte sich die nordfranzösische Metropole zu einem Zentrum der Dienstleistungen und der Hochschulen.
Die Grand’Place von Lille wird auch Place du Général de Gaulle genannt, denn der Anführer des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzungsherrschaft Charles de Gaulle (1890-1970) wuchs in Lille auf. In der Mitte des Platzes steht die rätselhafte Colonne de la Déesse. Die Säule ist 12,5 Meter hoch, auf ihr erhebt sich die von Théophile Bra geschaffene, 3 Meter hohe Figur, die ein Feuerholz zum Entzünden von Kanonen trägt. Die Säule wurde 1842-45 zur Erinnerung an die Belagerung durch österreichische Truppen 1792 errichtet. Auf ihrer Frontseite sind die Worte des damaligen Bürgermeisters von Lille verewigt, mit denen er die Kapitulation der Stadt verweigert haben soll: «Nous venons de renouveler notre serment d’être fidèle à la Nation, de maintenir la Liberté et l’Égalité ou de mourir à notre poste. Nous ne sommes pas des parjures.» Vom Hauptsitz der regionalen Zeitung La Voix du Nord wachen weitere Damenfiguren, die Trois grâces symbolisieren die drei Regionen des Nordens: Artois, Flandre und Hainaut. Das auffälligste Haus auf dem Platz ist La Vieille Bourse mit den vielen Kopfstatuen, es wurde 1652/53 errichtet. An seiner Seite ragt – wie in vielen nordfranzösischen, belgischen und niederländischen Städten – ein grosser Glocken- und Uhrturm auf. Der Beffroi de la Bourse im neoflämischen Stil ist 76 Meter hoch und wurde 1921 eingeweiht. Zu jeder Viertelstunde schlagen die 25 Glocken vom Carillon und spielen gelegentlich ganze Lieder. Schade nur, ist dieser Beffroi nicht öffentlich zugänglich.
Die alte Stadtmauer von Lille wurde 1858 abgebrochen. Von ihr sind im Nordosten noch die Porte de Gand und die Porte de Roubaix zu sehen. In anderen Quartieren erinnert bloss ein Name daran, wo einst ebenfalls ein Zugangstor stand. Die Ausnahme ist die Porte de Paris im Süden. Zur Darstellung seiner Siege liess Louis XIV. 1685-92 dort einen klassischen Triumphbogen errichten. Dieser wirkt heute etwas verloren inmitten des modernen Verkehrs, aus der Zeit gefallen. Daneben steht das von 1924 bis 1932 erbaute Hôtel de Ville, ein langer Betonklotz. In ihm ist der zweite Beffroi von Lille integriert. Der Beffroi de l’Hôtel de Ville ist von Mittwoch bis Sonntag offen für Besucher:innen. Von oben geniesst man einen Rundblick auf die Stadt und das Umland.
Beim Palais Rihour, am Eingang zur Altstadt von Lille, erhebt sich eine grosse Gedenktafel auf den Ruinen des 1916 niedergebrannten Hôtel de Ville. Der Stadtrat stimmte für ein Monument aux Morts de Lille, mit dem 1924 der Architekt Jacques Alleman und der Bildhauer Edgar Boutry beauftragt werden. Auf drei Szenen wird allegorisch dargestellt, wie die Bewohner:innen von Lille unter der deutschen Besatzung gelitten haben. Die grosse Aufschrift wurde recht allgemein gewählt: «Aux Lillois, soldats et civils morts pour la Paix.» Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Widmungsinschrift um die Jahreszahlen 1939-45 ergänzt, womit das Denkmal seither für die Opfer beider grossen Kriege des 20. Jahrhunderts steht.
Nicht weit davon entfernt liegt an der Avenue Foch der Square Maréchal Foch. Dort ist das Monument Honneur et Patrie angelegt. Die streng rechtwinklige Anlage wird dominiert von einem Reiterdenkmal des Generals Ferdinand Foch (1851-1929) auf einem hohen Sockel, das Edgar Boutry 1936 geschaffen hat. Näher zur Hauptstrasse steht das Denkmal für den P’tit Quinquin, eine liebende Mutter hält ihren kleinen Jungen in den Armen. Und diese beiden sitzen unter einer hohen Büste von Alexandre Desreousseaux (1820-1892), einem Schriftsteller und Komponisten aus Lille. Das Wiegenlied L’chanchon Dormoire, besser bekannt als Dors min p’tit quinquin wurde 1853 von ihm komponiert und gedichtet. Trotz des lokalen Ch’ti-Dialekts ist es weit über den Norden hinaus bekannt.
Aus Lille stammte auch General Louis Faidherbe (1818-1889), der als Leutnant 1844-46 bei der Eroberung Algeriens mitwirkte und ab 1852 in Senegal diente, zuletzt als Gouverneur der französischen Kolonie. Er war an den lokalen Bräuchen durchaus interessiert; er forschte später zur Kultur Algeriens und Senegals und publizierte Schriften, was zu seiner Aufnahme in die Akademie führte. Der Berufsmilitär wurde 1870 vom Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs überrascht und erhielt das Kommando der Nordarmee, die den Vormarsch der preussischen Truppen nicht aufhalten konnte. Am Place Richebé erinnert seit 1896 ein von Antonin Mercié geschaffenes Reiterstandbild an Faidherbe. Wuchtig, handwerklich gut gelungen, wirkt es doch insgesamt sehr melancholisch. Es illustriert die Niederlage in der Schlacht von Bapaume 1871, eine gekrönte Figur schaut hoch zum General und seinem müden Pferd. Es wundert mich nicht, dass in den letzten Jahren antikoloniale Bewegungen verlangten, das Denkmal zu entfernen. Es sind Faidherbes Einsätze in Afrika, die Kritik auf sich ziehen, nicht die Schlachten von 1870/71.
Nördlich vom Zentrum liegt die Kathedrale Notre-Dame de la Treille, die von der einen Seite sehr gotisch beeindruckt, auf der Rückseite hingegen ganz modern und bescheiden wirkt. Das 1854 begonnene und riesig angelegte Werk wurde nie vollendet; die (vorläufige?) Rückseite wurde 1999 hinzugefügt. Ein Modell im Inneren der Kirche zeigt, wie die Kathedrale ausgesehen hätte, wäre sie im neugotischen Stil fertiggestellt worden.
Das benachbarte Musée de l’Hospice Comtesse thematisiert in einer Dauerausstellung die Stadtgeschichte und in temporären Ausstellungen verschiedene kulturhistorische Fragen. Dieses Museum ist klein, aber fein. Für meinen Geschmack dürfte die wechselhafte Geschichte von Lille und der Region noch stärker thematisiert werden.
Viel wuchtiger ist das Palais Beaux-Arts Lille, ein monumentaler Prachtbau des 19. Jahrhunderts. Dort finden sich Statuen von Napoléon und immer wieder andere Kunstausstellungen. Im Untergeschoss werden in einem grossen Saal die detailgetreuen Reliefs von Lille, Calais, Tournai, Maastricht und anderen Städten präsentiert. Sie zeigen, wie die Städte im 17. oder frühen 18. Jahrhundert aussahen und welche Festungen von Vauban und seinen Nachfolgern einst angelegt wurden.
Das traditionsreiche Musée d’histoire naturelle präsentiert seit 1822 Wissenswertes über die Natur von prähistorischen Tagen bis heute. Ein Fokus liegt auf den Sammlungen von Käfern, Insekten und ausgestopften Tieren. Manches wirkt etwas angestaubt, aber gerade das macht den Reiz dieses Museums aus: Mit solchen Schaukästen stellten die Biologen im 19. Jahrhundert dem bildungsbürgerlichen Publikum die Natur vor. Dank aktuellen Themen und guten Angeboten für Kinder bleibt das MHN bis heute aktuell und beliebt.
Mein allererster Besuch in Lille führte mich zum Bahnhof Lille-Flandres, die Reise ging weiter in Lille-Europe. Die beiden Bahnhöfe liegen fast direkt nebeneinander. Was hat es damit auf sich? Als das Projekt des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal in den 1980er-Jahren definitiv Fahrt aufnahm, setzten sich nordfranzösische Politiker mit Erfolg dafür ein, dass Lille von der neuen Schnellstrecke bedient wird. Dazu brauchte es einen leistungsfähigen Bahnhof mit durchgehenden Gleisen, 1994 wurde Lille-Europe eröffnet. Zwischen dem 1869 begonnenen und erst 1892 fertig gestellten Kopfbahnhof Lille-Flandres und dem neuen Durchgangsbahnhof liegt heute Euralille – ein gigantischer Einkaufstempel mit vielen Geschäften. Das ist nicht der schönste Flecken von Lille, aber immer gut besucht. Hat der Anschluss an den Eurostar Lille vor dem Niedergang bewahrt? Wahrscheinlich waren die damaligen Ängste weit übertrieben. Nützlich ist der Halt auf der Paradestrecke Paris-London alleweil. Wenn die Verbindung wieder einmal ausgebucht ist oder das Ticket astronomisch teuer, dann hilft oft ein Umstieg in Lille.