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27. INT. KURZFILMTAGE WINTERTHUR: "WIR HATTEN NOCH NIE SOVIELE AUSVERKAUFTE VORSTELLUNGEN"
12.11.2023 Sechs Tage lang zeigten die 27. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur das aktuelle Schweizer und internationale Kurzfilmschaffen in seiner ganzen Bandbreite: Von 100 Jahre alten Disney-Filmen über eine Ovo-Werbung von 1948 auf 16-mm-Film, "Das satanische Dickicht" von Willy Hans und politischen Gay-Porn von Bruce LaBruce bis zu Juju-Stories. Der "Grosse Fokus: O Canada" und das "Land im Fokus: Nigeria" fanden viel Anklang beim Publikum, genauso wie die Wettbewerbsprogramme. Der Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb geht an den japanischen Kurzspielfilm "Oyu" von Atsushi Hirai; den Schweizer Wettbewerb gewinnt Basil da Cunha mit "2720". Den Publikumspreis erhält Mohammad Valizadegan für "And Me, I'm Dancing Too" (Iran, Tschechien, Deutschland 2023). Insgesamt verzeichnete das Festival rund 18'000 Eintritte. Die 28. Kurzfilmtage finden vom 5. bis 10. November 2024 statt.
Bild: Hauptpreis des Schweizer Wettbewerbs 2023 für "2720" (Schweiz/Portugal 2023) von Basil da Cunha, Preisgeld CHF 10'000.–, gestiftet von SUISSIMAGE und SSA
Der Gewinnerfilm "Oyu" (Frankreich/Japan 2023) folgt seinem Protagonisten in der letzten Nacht des Jahres in ein öffentliches Bad in einer japanischen Kleinstadt. Er überzeugte die Jury "mit seiner emotionalen Tiefe": "Es geht um Trauer, aber auch um Gemeinschaft". Letztere steht auch im Zentrum von "Pacific Club" von Valentin Noujaïm (Katar, Frankreich 2023), der den diesjährigen Prix George für die beste dokumentarische Form erhält. Der hybride Dokumentarfilm handelt vom Pacific Club, dem ersten Nachtclub für Araber aus den Vorstädten von Paris, der im Untergeschoss des Geschäftsviertels La Défense angesiedelt war.
Im Schweizer Wettbewerb gewinnt Basil da Cunha mit einer portugiesisch-schweizerischen Koproduktion, die in einem illegalen Viertel Lissabons spielt.
Der detaillierte Jurybericht und alle PreisträgerInnen finden sich -> hier.
Aktuelle Fragen, unterwanderte Stereotypen und viel Selbstironie
Der "Grosse Fokus" zu Kanada und das "Land im Fokus Nigeria" haben auf den ersten Blick nicht allzu viel gemeinsam. In den Fokusprogrammen liessen sich dann aber schnell globale Fragen und universelle Themen ausmachen, gerade weil sich die jungen Filmtalente der Nigerian New Wave von den melodramatischen Nollywood-Klischees abwenden und stärker für ein internationales Publikum produzieren: "Auch wenn ich mich glücklich schätze, in einem Land zu leben, das eine eigene Filmindustrie hat – viele Länder in Afrika und in der Welt haben dies nicht – gibt es einen Drang, andere Geschichten zu erzählen. Geschichten, die Nigeria treu bleiben, aber auch universal verstanden und geschätzt werden können", so der nigerianische Regisseur Michael Omonua, der auch Teil der internationalen Jury war.
Genauso wie beim "Grossen Fokus: O Canada" stiessen die Programme auf reges Publikumsinteresse, mit sehr gut besuchten Screenings und anregenden Q&As mit RegisseurInnen und dem Publikum. Entsprechend zufrieden zeigte sich Michael Omonua: "Die Kurzfilmtage sind ein Ort für FilmemacherInnen, die eine eigene Stimme und etwas zu sagen haben. Sie sind eine Feier der Einzigartigkeit jedes einzelnen Filmschaffenden."
Somit wurde die im diesjährigen Trailer von Nefeli Chrysa Avgeris vorweggenommene Liebeserklärung an den Kurzfilm und ans Kino mehr als eingelöst: "Es war ein Fest – nicht nur des Kurzfilms, sondern auch der Offenheit und Neugier seitens der Filmschaffenden und des Publikums. Neben Partys und unterhaltsamen Programmen bringen wir immer neue Perspektiven nach Winterthur, die nicht nur neue visuelle Erlebnisse mit sich bringen, sondern auch viele offene Fragen oder Widersprüche, die es auszuhalten gilt. Das fällt natürlich leichter im Rahmen eines Festivals in einer Gemeinschaft von Filmschaffenden und Filmfans. Das war dieses Jahr besonders spürbar", meint der künstlerische Leiter John Canciani. So zelebrierte das Kanada-Programm "Nature & Nurture" zwar die majestätische Natur, zeigte aber auch deutlich, wie Menschen diese zerstören beziehungsweise vor den Schäden der Globalisierung retten wollen. Das Festival bot aber auch eine willkommene Flucht aus dem Alltag, beispielsweise beim Ausflug ins Bear Country mit dem kanadische Experimentalfilmer Matthew Ranking und Musiker Nico Feer. Und am Freitagabend gab es late-night Aerobic bei der zweiten Ausgabe von "Sport ist Mord".
An den diesjährigen Industry Events war künstliche Intelligenz (KI) ein zentrales Thema: Während sich in Hollywood nun ein Streikende abzeichnet, nachdem die SchauspielerInnen und AutorInnen sich mit den Studios geeinigt haben, wie sie besser vor dem Einsatz künstlicher Intelligenz geschützt werden sollen, fasste der Film- und TV-Produzent Patrick Karpiczenko in seiner Keynote in Winterthur unterhaltsam zusammen, was KI bereits kann und wohin die Entwicklung in Zukunft gehen könnte. Die Arbeitsbedingungen in der Branche werden sich wohl massgeblich verändern und erstrebenswerte Arbeitserleichterungen mit sich bringen, aber eben auch die Gefahren einer manipulativen Industrie-Maschine.
Highlights und Publikumslieblinge
Die Schweizer und Internationalen Wettbewerbsprogramme stiessen auf ein generell grosses Publikumsinteresse. Ebenso die sehr gut ausgelasteten bis ausverkauften Fokus-Programme "Nature & Nurture", "Talk To Me", "Behind the Masc" und "There Is a Crack in Everything", "That’s How The Light Gets In" aus dem "Grossen Fokus Kanada" sowie "Love & War", "Beyond Nollywood" und "Tales of Emancipation" aus dem "Fokus Nigeria", oder auch "Sparks II", das "Best-of European Film Awards", die "Züri Shorts", die "Hot Shorts", die Trilogie "Archival Disruptions" oder das Jubiläumsprogramm "100 Jahre Disney", wo Jung und Alt sich über die ersten Abenteuer von Mickey Mouse und Co. amüsierten – vom schwarz-weissen Stummfilm zu den farbigen und vertonten, heute noch bekannten Versionen.
Fazit der Festivalleitung
Mit rund 18'000 Eintritten ist die Festivalleitung sehr zufrieden mit der diesjährigen Ausgabe. "Neben den sehr guten Eintrittszahlen, womit wir 2019 sogar übertreffen konnten, freuten mich dieses Jahr besonders die generell vollen Kinos. Die kleinen Special-Interest-Programme, aber auch die grossen Säle waren mehrheitlich gut gefüllt. Wir hatten noch nie so viele ausverkaufte Vorstellungen. Und auch ausserhalb der Kinosäle war die gute Festivalstimmung und die verbindende Filmbegeisterung unter BesucherInnen und Filmschaffenden bis spät in die Nacht spürbar", so Stefan Dobler, Kaufmännischer Leiter.
kft
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