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Das Schweizer Bundespräsidium hat eine wechselhafte Geschichte. Von zentraler Bedeutung sind seit jeher «ungeschriebene Gesetze». So galt das Amt des Bundespräsidenten ursprünglich als besondere Auszeichnung. Ab den 1890er Jahren bürgerte sich das Rotationsprinzip ein.
Gegen Machtballung
Die Schweizer Verfassungsväter waren «pragmatisch denkende und kompromissfreundliche Regierungsmitglieder einzelner Stände», wie es im Historischen Lexikon der Schweiz heisst. Zauderer waren sie nicht: Da es die politische Grosswetterlage im Frühling 1848 gestattete, machten sie sich entschlossen ans Werk und entwarfen in wenigen Wochen die Verfassung des Bundesstaates. Eine Machtballung in wenigen Händen wollten sie verhindern. Erst recht nicht in Frage kam eine Konzentration der exekutiven Befugnisse bei nur einer Person. Entsprechend haben sie das Bundespräsidium ausgestaltet.
Zwei Rekordhalter
Erster Bundespräsident wurde 1848 und 1849 der Zürcher Liberale Jonas Furrer. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden meist besonders einflussreiche Bundesräte ins Präsidialamt gewählt. Die Rekordhalter Karl Schenk (BE) und Emil Welti (AG) brachten es auf jeweils sechs Präsidialjahre. Beide gehörten allerdings auch während sehr langer Zeit der Landesregierung an: Welti 24 Jahre, Schenk sogar 31 Jahre – damit ist er bis heute der Bundesrat mit der längsten Amtsdauer.
Rotationsprinzip seit 1890ern
Das heute noch übliche Rotationsprinzip, wonach die Bundesräte im Turnus zum Vizepräsidenten und ein Jahr später zum Bundespräsidenten gewählt werden, hat sich erst in den 1890er Jahren eingebürgert. Davor wählte die Bundesversammlung meist besonders angesehene Bundesräte zu Bundespräsidenten. Wer bei den Parlamentariern weniger beliebt war, musste sich teilweise lange gedulden: So wurde der St. Galler Willhelm Matthias Naeff trotz einer Amtszeit von 27 Jahren bloss einmal Bundespräsident (1853). Von den bis dato 119 Bundesrätinnen und Bundesräten bekleideten rund 20 das Amt der Bundespräsidentin oder des Bundespräsidenten nie. Dass ein Bundespräsident sein Amt nicht antreten konnte, kam nur einmal vor: Der Waadtländer Victor Ruffy, der zum Bundespräsidenten für das Jahr 1870 gewählt worden war, starb am 29. Dezember 1869. Es trat nie ein amtierender Bundespräsident zurück, der Zürcher Wilhelm Hertenstein allerdings verstarb 1888 im Amt.
Lange auch Aussenminister
In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Bundesstaates war es üblich, dass der Bundespräsident zugleich dem Politischen Departement, dem Vorläufer des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), vorstand. 1888 wurden die beiden Ämter erstmals entkoppelt. 1897 bis 1920 wurde die Kopplung nochmals aktiviert.
Acht Mal eine Bundespräsidentin
Bislang gab es acht Mal eine Bundespräsidentin. Als erste Frau wurde 1999 Ruth Dreifuss in dieses Amt gewählt. Auf sie folgten Micheline Calmy-Rey (2007 und 2011), Doris Leuthard (2010 und 2017), Eveline Widmer-Schlumpf (2012) und Simonetta Sommaruga (2015 und 2020).
In den Anfangsjahren des Bundesstaates spielte sich die Wahl des Bundespräsidenten oftmals unter geradezu chaotischen Umständen ab. Im Sommer 1858 etwa galt der Aargauer Friedrich Frey-Herosé als gewählt – bis eine Klage einging, eine Kommission die Umstände der Wahl untersuchte und schliesslich der Berner Jakob Stämpfli zum Bundespräsident für das Jahr 1859 erklärt wurde. Die Kommission hielt in ihrem Bericht fest, dass Wahlzettel umstandslos im Papierkorb entsorgt worden waren. Verantwortlich machte die Kommission gemäss Bundesblatt die „Eilfertigkeit einzelner Stimmenzähler“, von einer betrügerischen Absicht wurde nicht ausgegangen. Frey-Herosé, der als Gegner Stämpflis im Bundesrat galt, wurde dann 1860 Bundespräsident.
Stefano Franscini gehörte von 1848 bis zu seinem Tod 1857 dem Bundesrat an und erwarb sich grosse Verdienste um die im 19. Jahrhundert sehr arme und von den konservativen Nachbarstaaten misstrauisch beäugte Eidgenossenschaft. Franscini war ein fleissiger Datensammler, organisierte die erste Volkszählung und arbeitete an wichtigen Gesetzesprojekten mit. Als introvertierter – und zunehmend schwerhöriger – Mann, der ausserdem in seinem eigenen Kanton umstritten war, eignete er sich jedoch aus Sicht der Bundesversammlung nicht für das Amt des Bundespräsidenten. Seinem Nachruhm tat dies keinen Abbruch.
Der Zürcher Wilhelm Hertenstein stand dem Militärdepartement vor, als seine Wahl zum Bundespräsident des Jahres 1888 anstand. Damals war es üblich, dass der Bundespräsident immer zugleich das Politische Departement, Vorläufer des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten, leitete. Der gelernte Förster Hertenstein hielt sein Französisch – die führende Diplomatensprache jener Zeit – jedoch für mangelhaft und so wurde entschieden, die Koppelung Bundespräsidium-Aussenministerium zu beenden: Hertenstein durfte auch nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Militärdepartement verbleiben. Sein Amtsjahr verlief dennoch unglücklich. Er erkrankte im November 1888 schwer und starb nach einer Operation. Als bislang einziger Bundespräsident konnte Hertenstein sein Amtsjahr nicht beenden.
1891 wurde mit dem katholisch-konservativen Luzerner Josef Zemp erstmals ein Politiker in den Bundesrat gewählt, der nicht der liberal-radikalen Fraktion angehörte. Nach diesem Zugeständnis, mit dem die im jungen Bundesstaat dominierenden Freisinnigen eine Regierungskrise abwendeten, sollte der Neuling eingehend begutachtet werden, bevor ihm das Bundespräsidium zugetraut wurde. Das Anciennitätsprinzip etablierte sich in der Folge als ungeschriebenes Gesetz.
1918. Der Genfer Gustave Ador wurde damals wenige Monate nach seiner Wahl in den Bundesrat zum Bundespräsidenten gewählt. Die Gründe hierfür sind in der Aussenpolitik zu finden. Schon dass der über 70-jährige Ador als Mitglied der kleinen Liberalen Partei überhaupt Bundesrat wurde, konnte als Signal an Frankreich und England verstanden werden, nachdem die Schweizer Regierung und insbesondere Aussenminister Arthur Hoffmann im Ersten Weltkrieg deutschfreundlich agiert hatten. Die Wahl Adors - seit Jahrzehnten als Freund Frankreichs bekannt - erwies sich nach dem Krieg und der Niederlage des deutschen Kaiserreiches als segensreich. Unter anderem ist es Adors Wirken zu verdanken, dass Genf Hauptsitz der UNO-Vorläuferorganisation Völkerbund wurde. Ende 1919 trat Ador bereits wieder aus dem Bundesrat zurück und wurde erneut IKRK-Präsident.
In absoluten Zahlen liegen zwei Sozialdemokraten aus der Nordwestschweiz an der Spitze: Hans-Peter Tschudi (BS) und Willi Ritschard (SO) erhielten jeweils 213 Stimmen aus der Vereinigten Bundesversammlung, als sie für die Jahre 1970 beziehungsweise 1978 ins Amt des Bundespräsidenten gewählt wurden. Die 1970er Jahre fallen generell als Phase auf, in der künftige Bundespräsidenten gute bis sehr gute Resultate erzielten. Der Vergleich über die ganze Geschichte des Bundesstaates hinweg ist schwierig, da die Zahl der Nationalräte erst 1967 auf 200 festgelegt wurde und davor teilweise deutlich tiefer lag. Ein sensationelles Resultat gelang in früheren Jahrzehnten einem weiterem Nordwestschweizer: Der Basler FDP-Bundesrat Ernst Brenner, der 1908 seine zweite Amtszeit als Bundespräsident absolvierte, erhielt bei der Wahl 186 von 192 damals möglichen Stimmen (96,9 Prozent). Der linksfreisinnige Thurgauer Adolf Deucher konnte sich mit Blick auf sein Amtsjahr 1903 über 173 von 180 Stimmen freuen (96,1 Prozent).
Letzte Änderung 18.08.2021