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Sammlung
„Skulptur des Monats“ Juni 2003
Die sogenannte „Gruppe von Ildefonso“
Original
Datierung: Eklektische Komposition des frühen 1. Jhs. n. Chr. unter Verwendung griechischer Vorbilder aus dem 5. und 4. Jh. v. Chr.
Standort: ab 1839: Madrid, Prado, Inv. 28E
Herkunft: Aus Rom. (Im 17. Jh. in der Sammlung Ludovisi, von 1724 bis 1839 in der Sommerresidenz des spanischen Königs Philipp V. in San Ildefonso)
Material: Marmor
Höhe: 161 cm (inklusive Plinthe)
Abguss
Inv.-Nr.: SH 289
Erwerbsjahr: 1881
Material: Gips
Zustand: Rechte Hand des linken Knaben verloren. Der Gipsabguss wurde im Jahr 2002 von Felix Forrer restauriert.
Werkbetrachtung
Die Gruppe besteht aus zwei nebeneinander stehenden, jeweils von vorn wiedergegebenen nackten Jünglingen. Der linke lehnt sich dabei an die Schulter des rechten an. Letzterer hält in beiden Händen jeweils eine nach unten gerichtete Fackel; die eine ist gegen einen kleinen, zwischen beiden Knaben platzierten Altar geführt, die andere, die der Jüngling in der Hand des angewinkelten linken Armes hält, verschwindet hinter seinem Rücken. Die Köpfe beider Jünglinge sind bekränzt, nach unten geneigt und leicht nach rechts gewendet; der Blick scheint dabei beides Mal dem jeweiligen Gegenstand in der rechten Hand zu gelten.
Abbildung 1: Hypnos und Thanatos in der Skulpturhalle.
Was der linke Jüngling ursprünglich in seiner Rechten hielt, entzieht sich heute unser Kenntnis, denn der ganze Arm ist – wie übrigens auch dessen linke Hand, seine beiden Unterschenkel sowie die beiden Arme des Fackelträgers – modern ergänzt.
Neben und leicht hinter dem linken Bein des Fackelträgers versetzt befindet sich eine als Statuenstütze dienende Statuette der Persephone, der Gattin des Unterweltgottes Hades. Sie trägt einen Polos auf dem Kopf und hält in der Rechten einen Granatapfel.
Die Gruppe ist aus stilistischen Gründen am ehesten in augusteische Zeit zu datieren. Sie ist eine Arbeit eines neuattischen Bildhauers aus der Nachfolge des Pasiteles, der im 1. Jh. v. Chr. gewirkt hat, anzusehen, und als solche ein besonders ausgefallenes Beispiel für die römische Rezeption griechischer Statuenvorbilder in dieser Zeit: Das Werk kombiniert nämlich zwei verschiedene griechische Jünglingstypen zu einer eklektischen Neuschöpfung: Sie verbindet den sogenannten Apoll Sauroktonos (Eidechsentöter, rechte Statue im unteren Bild) des Praxiteles, einem Werk des mittleren 4. Jhs. v. Chr., mit dem sogenannten Westmacottschen Epheben (linke Statue im unteren Bild, den Polyklet wohl um 440 v. Chr. geschaffen hat, zu einer eigenen Knabengruppe.
Abbildung 2: „Westmacottscher Ephebe“ (links) und „Apoll Sauroktonos“ (rechts).
In der Originalversion des Praxiteles lehnt sich der junge Apollon an einen Baumstamm, um einer Eidechse nachzustellen, während der polykletische Jüngling ursprünglich mit seiner Rechten zum Haupt greift. Für die vorliegende Neukomposition hat der römische Bildhauer die beiden griechischen Vorbilder anpassen müssen und dabei vor allem die Armhaltung modifiziert: Den linken Jüngling hat er kurzerhand an den polykletischen angelehnt und am letzteren hierfür die Armhaltung „vertauscht“; den rechten ursprünglich angehoben Arm hat er gesenkt und dafür den anderen Arm angehoben. Ausserdem hat er beiden Händen jeweils eine brennende Fackel angefügt.
Im 2. Jh. n. Chr. ist die Ildefonso-Gruppe abermals modifiziert worden; dann nämlich muss der ursprüngliche Kopf des Angelehnten durch einen Porträtkopf des Antinous, des im Jahre 130 n. Chr. verstorbenen Lieblings des Kaisers Hadrian, ersetzt worden sein.
über Sinn und Bennennung der Gruppe, sowohl in ihrer ursprünglichen wie in ihrer veränderten Gestalt, ist viel gerätselt worden: Die verschiedensten Deutungen wurden seit dem 17. Jahrhundert vorgeschlagen: „Orest und Pylades am Grab Agamemnons“, die „Dioskurenbrüder Castor und Pollux“ (der eine sterblich, der andere unsterblich), eine „Todesweihe“ für Antinous oder – vielleicht als treffendste Deutung – „Hypnos und Thanatos“ (die Personifikationen des im antiken Ideengut wesensverwandten ‹Schlafes› und ‹Todes›).
Bei aller Vielfalt ist allen Deutungen der Bezug auf Grab und Tod gemein, auf den auch die beiden gesenkt gehaltenen Fackeln, der Altar sowie die Unterwelt-Gattin Persephone eindeutig hinweisen.
Dieser funeräre Zusammenhang wird durch den nachdenklich-traurigen Gesichtsausdruck und die stillen Gebärden der Jünglinge unterstützt; vielleicht ging es dem Bildhauer, wie Paul Zanker vorschlägt, einfach nur darum, „ein allgemeines Stimmungsbild“ zu vermitteln und den „gebildeten Betrachter so zu verschiedenen Mythenassoziationen anzuregen“.
Im Kunsturteil des 18. und 19. Jahrhunderts erfreute sich die Gruppe gerade aufgrund des sentimentalen Ausdrucks und der schwer fassbaren Deutung einer ungemein grossen Beliebtheit, wie zahlreiche Wiederholungen und Kopien aus dieser Zeit belegen.
Ivo Zanoni
Auswahl an Literatur zum Typus
- Paul Zanker, Klassizistische Statuen (1974) S. 28–30 Nr. 26 Taf. 30–31.
- Francis Haskell - N. Penny, Taste and the Antique. The Lure of Classical Sculpture 1500–1900 (1981) S. 173-175 Nr. 19 Abb. 90.
- Theodor Kraus (Hg.), Das römische Weltreich, Popyläen Kunstgeschichte Bd. 2 (1967) Nr. 259.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)