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«Jeder Rappen zählt» sammelt dieses Jahr für Jugendliche in Not. In der Schweiz wird deren Zahl auf derzeit rund 40‘000 geschätzt. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 25 Jahren am Rande der Gesellschaft, die mit Mehrfachproblemen sowie Schulunterbruch oder -abbruch konfrontiert sind, keine berufliche oder persönliche Perspektive haben und häufig isoliert und auf sich alleine gestellt sind. Der Parcours A2mains von Astural, einem Schweizer Sozial- und Lehrverein, reicht solchen Jugendlichen in Notlage die Hand, damit sie den Weg zurück in die Gesellschaft finden und einen Beruf erlernen können.
Treffpunkt war in einer abgelegenen Scheune in der Nähe von Vernier (Genf) an einem frischen Vormittag im Dezember 2015. Das einfache Holzhaus, direkt an der Rhone und unter der Autobahn gelegen, ist über eine Waldstrasse erreichbar und dient als Werkstatt, Lagerraum, Büro und Ort der Versammlung in einem. Wir werden von Christian Pasquali, Mitbegründer von A2mains (zu deutsch: «Mit zwei Händen»), in Empfang genommen. Kurz darauf stossen zwei Jugendliche, Nicolas und Samy, dazu. Zu einer Tasse Filterkaffee im oberen Stockwerk der Scheune erfahren wir mehr zum Projekt und hören die Geschichte der zwei Jungen.
Nicolas wächst in einer Patchwork-Familie der Genfer Gemeinde Petit-Lancy auf. Dort lebt er mit seiner Mutter und drei seiner vier Schwestern und Halbschwestern. Bis zur 7. Klasse verläuft alles nach Muster, aber im 8. Schuljahr beginnen die Probleme: Nicolas fehlt mehr und mehr die Motivation für das Lernen, die Beziehung zu seiner Mutter gestaltet sich schwierig, er verbringt zunehmend Zeit mit seinen Freunden vor der Play Station anstatt hinter der Schulbank. Am Ende des Schuljahres verpasst er den Abschluss. Es folgt eine Zeit mit Computerspielen, Herumhängen, Nichtstun.
«Ich fühlte mich wie der König der Welt, ich hatte das Recht zu tun und zu lassen, was ich wollte.»
Doch während Nicolas’ Freunde einer nach dem anderen an die Schule zurückkehren oder einen Job finden, bleibt er zurück und findet sich alleine wieder.
Christian Pasquali beobachtet bei den Jugendlichen, wenn sie zu A2mains stossen, drei Hauptprobleme: Erstens haben sie Mühe, an etwas dran zu bleiben, sprich es mangelt ihnen an der nötigen Motivation und dem Durchhaltevermögen. Zweitens tendieren sie dazu, alles, was mit Erwachsenen oder der Erwachsenenwelt zu tun hat, abzulehnen. Und drittens fehlt es ihnen an Selbstachtung und Vertrauen in die eigenen Kapazitäten. Der einjährige Parcours A2mains kombiniert drei Module in der Natur mit drei langen Etappen in einem beruflichen Umfeld. Das Wechselspiel zwischen Aktivitäten in der Natur und im Unternehmen soll den Jungen nicht nur zum nachhaltigen Berufseinstieg verhelfen, sondern auch ihre persönlichen Ressourcen mobilisieren.
Nicht selten stutzen die Eltern beim ersten Anblick der Scheune, wo A2mains ihr Hauptquartier eingerichtet hat. Vielleicht liegt es daran, dass das äussere Erscheinungsbild des Ortes so gar nicht ihren Vorstellungen von einer Betreuungseinrichtung für Jugendliche entspricht. Für die Jungen, die zu A2mains gelangen, ist dies jedoch der letzte Ausweg, um aus der Sackgasse und ihrer Misere herauszufinden. Zwei Jahre nach seinem Schulabbruch – er ist inzwischen 16 Jahre alt – steht Nicolas vor der Wahl: Entweder ihm werden Strafmassnahmen auferlegt, oder er rauft sich zusammen und macht beim Eingliederungsprogramm A2mains mit.
«Es war meine einzige Chance», so Nicolas. «Ich war überzeugt: Wenn ich diese verpasse, dann habe ich total versagt.»
Gleich zu Beginn des Programms steht mit einem dreiwöchigen Trekking eine erste grosse Herausforderung an. Sechs Lastesel sind nebst den drei Betreuern von A2mains und einem Begleiter die einzigen Gefährten. In totaler Autonomie, isoliert von der Aussenwelt und ohne Internetverbindung müssen die Jugendlichen den Alltag konfrontieren. Zwischen Wandern und vertrauensbildenden Erfahrungen wie Klettern finden sie zurück zu sich selbst sowie einer Tagesstruktur. Nach einer anschliessenden, zweimonatigen Passage in einem Unternehmen steht ein zehntägiges Winter-Trekking auf dem Programm. Erneut gilt es, in schwierigen Konditionen selbstversorgend unterwegs zu sein – diesmal jedoch im Schnee. Im Atelier an der Rhone basteln sich die Jugendlichen eigens und unter Anleitung von Pascal Sottas, diplomierter sozialpädagogischer Werkstattleiter und ebenfalls Mitbegründer des Programm, ihren Lastschlitten. Nicolas erinnert sich an die Härte der Kälte, aber auch an Schneeballschlachten und einen, nach einem Sprung zerbrochenen Schlitten.
«Da draussen in der Natur, da vergisst man, was alles schief läuft im Leben. Man lernt stattdessen sich darauf zu konzentrieren, was gut geht.»
Die Stärkung des Selbstwertgefühls bei den jungen Erwachsenen ist laut Christian Pasquali ein Kernelement auf dem Weg zur sozioprofessionellen Eingliederung. Bis zum Abschluss des dritten Moduls in der Natur (20 Tage auf dem Segelschiff) beobachtet er klare Fortschritte bezüglich soziale Fähigkeiten der Jungen: „Die Jugendlichen zeigen sich aufmerksamer, wir können mit ihnen nun einen friedlichen Gruppenaustausch führen und dabei auch bei einem Thema bleiben. Sie halten auch unbequeme Situationen wie Hunger, Durst oder körperliche Anstrengung aus und ziehen etwas durch, auch wenn sie dazu gerade keine Lust haben, sei es in der Natur oder im Unternehmen.“ Die Jungen wachsen über sich hinaus und übertreffen die eigenen (vermeintlichen) Grenzen, was sie nicht zuletzt auch etwas stolz macht.
Heute ist Nicolas, inzwischen 20 Jahre alt, stolz auf das, was er erreicht hat und geworden ist. Kurz nach Abschluss bei A2mains fand er eine Stelle beim Papier-Recycling-Unternehmen, wo er während dem zweiten Modul schon gearbeitet hatte. Er schätzt die gute Stimmung und den Teamgeist am Arbeitsplatz. Er zeigt sich flexibel, bleibt im Notfall auch mal länger oder übernimmt Ferienvertretungen für Arbeitskollegen. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist mittlerweile sehr gut: Nicolas hilft ihr beim Bezahlen der Rechnungen und sie macht eine Weiterbildung, um sich beruflich neu zu orientieren. Nicolas selber hat Geld zusammengespart und den Fahrausweis gemacht, sowohl für Personenwagen als auch für Grossfahrzeuge. Später möchte er gerne als Fahrer bei der Genfer Instanz für den Öffentlichen Verkehr (TPG) arbeiten.
«Das Leben ist gar nicht so stressig, wenn man motiviert ist», meint er mit einem gelassenen Lächeln.
Abschliessend fragen wir Nicolas, was er denn heute zu den Jungen sagt, die sich in einer ähnlichen Abwärtsspirale befinden wie er damals und nun zu A2mains stossen? Seine Antwort ist eindeutig:
«Du hast nichts zu verlieren, du kannst nur gewinnen! Deshalb: Versuch es, bleib dran, manchmal mag es dir schwer fallen, aber gib nicht auf!»
Und findet dabei, dass er fast ein bisschen wie ein Erwachsener, wie die Eltern dieser Jugendlichen klingt.