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konfidentiell
Luzern 29 September 1875.
Herrn Präsident, Dr. Alfred Escher in
Zürich.
Verehrtester Herr Präsident!
Sie haben mir vor einiger Zeit in sehr freundlicher Weise das Anerbieten gemacht an meiner Stelle die Leitung des Expropriationswesens1 zu übernehmen um dasselbe unmittelbarer mit der technischen Bauleitung verbinden zu können, als diß bis dahin der Fall war. – Auf diese Eröffnung hin habe ich Ihnen versprochen den Vorschlag reiflich zu prüfen und dabei nur das Intresse der Sache selbst im Auge zu behalten. –
Diesem Versprechen gemäß habe ich die Frage nach allen Richtungen geprüft, mich über den Umfang der Arbeiten, welche schon diesen Winter, ganz besonders aber im nächsten Jahr auf dem Gebiet des Expropriationswesens zu bewältigen sein werden2, orientirt und die Mittel und Wege, welche geeignet sein möchten diese Arbeiten rasch und gut zu erledigen, ernstlich erwogen. – Wie ich Ihnen bereits in Bern mittheilte habe ich das Ergebniß meiner Prüfung im Wesentlichen in einem Reglement betreffend die Organisation des Expropriationswesens niedergelegt. – Ich beehre mich Ihnen hiermit den Entwurf dieses Reglementes3 zu übermitteln mit der Bitte, denselben einer ersten Durchsicht unterstellen zu wollen und mit der Erklärung, daß ich Ihre Bemerkungen zu demselben mit Dank entgegennehmen werde. – |
Den Wünschen des Herrn Oberingenieur Hellwag wurde in dem Entwurf, soweit diß bei der Gesammtorganisation unserer Verwaltung thunlich war, Rechnung getragen und die Bestimmungen der Art. 5, 8 & 9 bieten hinreichende Garantie, daß sich die nothwendigen Wechselbeziehungen zwischen Baudienst und Expropriationsdienst sowohl von der Centralverwaltung als bei den Sektionen ganz naturgemäß gestalten werden und daß durch ein harmonisches Zusammenwirken der beiden Faktoren ein Organismus geschaffen werde, der geeignet ist, mit möglichst wenig Zeitaufwand die Expropriation der weitern Linien erfolgreich durchzuführen. –
Damit dieser Organismus mit allem Nachdruck arbeiten kann ist im Weitern nothwendig, daß die technische Bauleitung dem Centralkomissariat einen tüchtigen Techniker als Bau-Referent (art 5) beiordnet und daß den Sektionsingenieuren ausreichende Kompetenzen ertheilt werden, damit sie nach Art 9 litt b & d im Benehmen mit den Abtheilungs-Komissären die kleinern baulichen Begehren und Anstände mit den Expropriaten, d. h. die große Mehrzahl derselben, erledigen können. Die Art & Weise, wie Herr Oberingenieur Hellwag ähnliche Fragen behandelt läßt mich hoffen, daß er in beiden Punkten mit meiner Anschauung einig gehe und demgemäß beitragen werde ein vollkommenes Einvernehmen in dieser Angelegenheit herbeizuführen. Ein solches Einvernehmen war mit dem frühern Chef der technischen Bauleitung nicht erreichbar, troz allem Entgegenkommen von meiner Seite.
Von der sachlichen Erörterung auf denjenigen Theil der Frage übergehend, der mich persönlich betrifft, so muß ich Ihnen nach nüchterner Erwägung aller Verhältnisse die Erklärung abgeben, daß ich Ihr Anerbieten nicht annehmen kann und zwar aus Gründen, die Sie ehren werden. – |
Die Annahme Ihres Anerbietens würde mich in hohem Grade entlasten und von diesem Standpunkt aus betrachtet, könnte ich dasselbe nur mit Freuden begrüßen, aber ganz im nämlichen Grade würde Ihre Arbeitslast anwachsen & das könnte ich niemals verantworten, denn ich weiß zu wohl daß Ihre Gesundheit in den letzten 3 Jahren unter dem Übermaß von Anstrengungen vielfach gelitten hat und daß Ihnen in den nächsten Jahren auf Ihrem Geschäftsgebiet noch vermehrte Anstrengungen bevorstehen. – Wollte ich aus persönlichen Bequemlichkeitsrücksichten zu einem solchen Schritt Hand bieten, so müßte ich in meiner Selbstachtung mehr einbüßen, als man von mir verlangen darf. –
Daran knüpft sich die weitere Betrachtung, daß selbst die schonendste Form der Übertragung einen dunklen Schatten auf meine bisherige Geschäftsführung im Expropriationswesen werfen würde, während ich in dieser Richtung nicht gewillt bin einen Tadel oder auch nur den Schein eines Solchen anzunehmen. Die Expropriation der Tessiner Thalbahnen 4 wurde ungeachtet der mangelhaften Katasterpläne, der großen Parcellirung und der außerordentlichsten Schwierigkeiten aller Arten mit geringen Kräften & in wenigen Monaten so weit gefördert, daß mit Ausnahme einiger Stellen auf allen Loosen gebaut werden könnte. Die Erwerbung ist auch zu günstigen Preisen durchgeführt, denn obgleich bei den 3 Städten Bellinzona, Locarno & Lugano eine große Zahl von Villen und auf der Linie mehrere Ziegeleien und Kalkbrennereien gerichtlich exproprirt werden mußten, kommt doch der Durchschnittspreis pro Juchart nur auf Fr. 3852 zu stehen. – Ich bin mir bewußt mit treuer Hingebung gearbeitet zu haben und das gleiche Zeugniß kann ich | Herrn Hallauer5 geben 6, obgleich der wackere Mann von Herrn Gerwig und einigen seiner Kreaturen ( Sartorio7, Ehrenfreund8 ) geradezu als Sündenbock behandelt wurde. Die mehrfachen Kränkungen, welche jene Herren auch mir nicht erspart haben, haben mich keineswegs entmuthigt, ich bin vielmehr bereit mit erneutem Eifer die bevorstehende größere Expropriations-Campagne durchzuführen und um meinen daherigen Pflichten mit ungetheilter Kraft genügen zu können bin ich entschlossen auf Ende dieses Jahres meine Stellung als Mitglied des Ständeraths aufzugeben.9
Zum Schluß kann ich nicht unerwähnt lassen, daß die Stellung Ihrer Kollegen zur öffentlichen Meinung in Luzern schon seit geraumer Zeit eine peinliche ist & daß sie durch eine solche Erweiterung des transitorischen Beschlußes vom 17. Merz 1872 eine noch peinlichere werden müßte. –
Ich habe Ihnen nun mit allem Freimuth meine Anschauungen über die vorliegende Frage mitgetheilt und hoffe daß Sie dieselben als das Ergebniß innerster Überzeugung freundlich aufnehmen wollen.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner aufrichtigsten Hochschätzung und Verehrung.
Weber