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«Ich hätte mich sicherlich nicht einem solch schwierigen Thema gestellt, wenn nicht die ganze Logik meiner Forschung mich dazu veranlasst hätte» (Bourdieu 2005, 7).
Dies ist der erste Satz des 2005 in Deutsch erschienenen Buches Die männliche Herrschaft des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Er beschäftigte sich am Ende seines Schaffens mit der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen – einem «schwierigen Thema». In einem ersten Schritt werde ich in diesen Aspekt der Theorie Bourdieus einführen und zeigen, wie die Verschränkung der herrschenden Geschlechterordnung mit anderen Formen sozialer Ungleichheit gedacht werden kann und wie sich dies in den Habitus der Menschen einschreibt. Die Rezeption des Habitusbegriffs bei Bourdieu füllt ganze Bibliotheken. Doch innerhalb der Geschlechterforschung ist sie bis heute immer noch zurückhaltend, auch wenn von einer «Rezeptionssperre gegenüber Bourdieu» (Krais 2011, 318) nicht mehr die Rede sein kann (vgl. Beaufaÿs/Krais 2005; Dölling 2004; Jäger et al. 2012; Krais 2001). Seine geschlechtsspezifische Konzeption des Habitus eröffnet eine Möglichkeit der umfassenden Weiterentwicklung feministischer Kritik, wenn sie mit seinem zweiten zentralen Bereich – der Theorie sozialer Felder – verbunden wird. Diese Theorie betont, dass der soziale Raum in verschiedene Bereiche mit eigenen Ressourcen und Regeln differenziert ist. In einem zweiten Schritt soll die Theorie hier erweitert und für feministische Kritik nutzbar gemacht werden. Eine mit Feldern operierende Geschlechtertheorie könnte differenziertere und empirisch überprüfbare Ergebnisse erzielen und verallgemeinernde und totalisierende Begriffe feministischer Theorie vermeiden.
Zur Rekonstruktion der männlichen Herrschaft
Um mit dem Bourdieuschen «Werkzeugkasten» (Hofbauer 2014) richtig umzugehen, ist eine Einführung in seinen Denkstil nötig. Bourdieu löst sich von der klassischen Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt. Seine «epistemologische Kritik richtet sich gegen das wissenschaftliche Denken in Substanzen, das in der Regel von Gegensatzkonstruktionen getragen wird, wie etwa die Einteilung in Gesellschaft versus Individuum, Strukturen versus Handeln […], Männer versus Frauen» (Zimmermann 2008, 125). An die Stelle eines substantiellen Denkens, das Identitäten zum Ausgangspunkt hat, tritt ein Denken in Relationen. Diese Relationen sind an konkrete Praktiken von Akteur_innen gebunden, die Bourdieu in den Fokus nimmt. Hiermit wird er auch anschlussfähig für die Geschlechterforschung. Diese hat in der «Diskussion um ‹doing gender› thematisiert, dass Geschlecht nicht etwas ist, was man hat, sondern was man tut» (Engler 2003, 233). Einerseits ist das herrschende Geschlechterverhältnis ein gesellschaftlicher Zwang, andererseits wird es in alltäglichen Praktiken immer wieder hergestellt. Dieses Zusammendenken von Zwang und Selbsttätigkeit «ermöglicht es, das Wirken […] von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in der sozialen Praxis offen zu legen» (a.a.O. 231). Für Bourdieu ist die männliche Herrschaft «in gewissem Sinne der geeignetste Gegenstand» (Bourdieu 1997, 220), um sie als moderne Herrschaftsformen zu begreifen und an ihr Kritik üben zu können.
Der Begriff des Habitus (Bourdieu 1987; 1993; Lenger/Schneickert/Schumacher 2013) ist hierfür zentral. Ganz allgemein geht es um ein System dauerhafter Dispositionen, das die Praktiken, Verhaltensweisen, Einstellungen und Haltungen prägt, die zur zweiten Natur der Akteur_innen geworden sind. Unter diesen Dispositionen handeln sie. Ihre Praxis wird durch sie strukturiert und bringt auch wiederum Praxis hervor. Der oben beschriebene Bruch mit dem Denken in substanziellen Kategorien wird hierbei sehr deutlich. Der Körper als Träger des Habitus steht nicht im Gegensatz zum sozialen Raum, sondern ist dessen Existenzform. Der Habitus reproduziert die Bedingungen seiner eigenen Produktion, da in ihm selbst kulturelle Praxen tradiert, naturalisiert und somit stabilisiert werden.
In seiner Studie Die männlichen Herrschaft beschreibt Bourdieu das Geschlechterverhältnis als ein hierarchisches Herrschaftsverhältnis und erweitert sein Konzept des Habitus, indem er diesen als von Anfang an vergeschlechtlicht und vergeschlechtlichend begreift:
«Ich neige zu der Annahme, dass man lernt, eine Frau zu sein, aber man lernt immer zugleich, Tochter oder Frau eines Arbeiters, Tochter oder Frau eines leitenden Angestellten zu sein. Die Geschlechtssozialisation ist von der Sozialisation für eine soziale Position nicht zu trennen» (Bourdieu 1997a, 222).
Nicht nur Klassenlage und Erziehung beeinflussen den Habitus. Der Kategorie Geschlecht wird als grundlegendem kulturellem Symbolsystem von Bourdieu sogar ein konstitutiver Charakter zugesprochen, da sie die Sicht auf die Welt, «d.h. die Prinzipien der Vision und Division (der Einteilung und Aufteilung) der natürlichen und sozialen Welt» (ebd.), bestimmt. Anhand von drei Punkten möchte ich versuchen, dem Begriff näherzukommen:
Der erste zentrale Punkt ist der Prozess der Naturalisierung der männlichen Herrschaft und der Geschlechtsunterschiede. Es geht Bourdieu darum, «Prozesse zu enthüllen, die für die Verwandlung der Geschichte in Natur, des kulturell Willkürlichen in Natürliches verantwortlich sind» (Bourdieu 2005, 8). Auf Basis von Analysen der kabylischen Gesellschaft weist er einen Zusammenhang zwischen geschlechtlicher Arbeitsteilung, körperlichen und kognitiven Strukturen sowie Körperhaltungen, Mimik und Gestik nach. In einer «ungeheuren kollektiven Sozialisationsarbeit» (a.a.O. 45) wird der bipolare Gegensatz der Geschlechter («Aspekt der Differenz»), der in der Welt omnipräsent ist, als «normal, natürlich und darum unvermeidlich» (a.a.O. 19) gefestigt. Diese Naturalisierung ist dort besonders leicht, wo ein Rekurs auf ein körperliches Substrat möglich ist. Die Konstruktion von Geschlecht ist – simultan zum Habitus – eine Verinnerlichung von gesellschaftlichen Strukturen, die das individuelle Verhalten anleiten und generativ wieder Praxis erzeugen, in denen die Geschlechterdifferenz naturalisiert wird und Männer und Frauen ‹natürlich› als etwas anderes erscheinen.
Der zweite Aspekt ist die Inkorporierung und Körperlichkeit der Herrschaft, durch den die Naturalisierung noch verstärkt wird. Der Körper wird als Speicher und Bedeutungsträger verstanden, in dem Vergangenes fortlebt und sich erhält. Die soziale Welt konstruiert «den Körper als vergeschlechtlichte Wirklichkeit und als Speicher von vergeschlechtlichten Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien, die wiederum auf den Körper in seiner biologischen Realität angewendet werden» (Bourdieu 1997, 167). Die Geschlechter sind also Produkte der Einschreibung eines Herrschaftsverhältnisses in den Körper. Neben den Aspekt der Differenz tritt hier noch die herrschaftliche Überordnung der Männer über die Frauen («Aspekt der Hierarchie») hinzu. Deutlich wird dies, wenn Bourdieu die dezidiert körperlichen Aspekte des Habitus beschreibt:
«Der Gegensatz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen realisiert sich darin, wie man sich hält, in der Körperhaltung, im Verhalten, und zwar in Gestalt des Gegensatzes zwischen dem Geraden und dem Krummen (Verbeugung), zwischen Festigkeit, Geradheit, Freimut (ins Gesicht sehen, die Stirn bieten und geradewegs aufs Ziel blicken oder losschlagen) einerseits und Bescheidenheit, Zurückhaltung, Nachgiebigkeit andererseits. […]. Männliches Streben nach oben gegen weibliche Bewegung nach unten […], diese grundlegenden Gegensätze der Gesellschaftsordnung zwischen Herrschenden und Beherrschten […] sind stets geschlechtlich überdeterminiert, als hätte die Körpersprache von geschlechtlicher Herrschaft und Unterwerfung die Grundlage für die körperliche und verbale Sprache von gesellschaftlicher Herrschaft und Unterwerfung abgegeben» (Bourdieu 1993, 129ff.).
Aus diesem grundlegenden Gegensatz zwischen weiblich und männlich, den Gewohnheiten, die sich im Körper manifestieren, ergeben sich nach Bourdieu alle weiteren gesellschaftlichen Unterscheidungen. Die Trennung nach Geschlecht ist daher als Grundlage aller anderen Trennungen zu sehen.
Die männliche Herrschaft, als dritter Aspekt, realisiert sich dabei als symbolische Gewalt. Sie ist, so Bourdieu, sogar deren «Paradefall» (Bourdieu 1997a, 220):
«An der Geschlechterherrschaft lässt sich freilich besser als in jedem anderen Fall zeigen, dass symbolische Gewalt sich durch einen Akt des Erkennens und Verkennens erfüllt, der jenseits und unterhalb der Kontrolle von Bewusstsein und Willen liegt, im Dunkel der Schemata der Habitus, die gleichzeitig vergeschlechtlicht und vergeschlechtlichend sind» (Bourdieu 1997b, 96).
Herrschaft ist hier ein zweiseitiger Prozess. Auf der einen Seite wird Herrschaft über materielle Bedingungen durchgesetzt. Auf der anderen Seite gibt es auch die symbolische Ebene, die in der Moderne eine relative Eigenständigkeit zur ökonomischen Unterdrückung erlangt hat. Die symbolische Gewalt als Gewalt, die als solche meist gar nicht erkannt wird, rekurriert auf die Gegebenheit der sozialen Ordnung und geltender Regeln der Geschlechterhierarchie, die (auch von den Dominierten) anerkannt werden. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von der symbolischen und «unbewussten Komplizenschaft» (a.a.O. 228) der Frauen. Dabei nimmt «der Beherrschte den Herrschenden mittels Kategorien wahr, die von der Herrschaftsbeziehung hervorgebracht wurden und von daher im Interesse der Herrschenden liegen» (Bourdieu 1998, 197). Das Einverständnis von Frauen mit den herrschenden Kategorien ist also nicht rational, sondern aufgrund der Naturalisierung und Inkorporierung erworben worden.
Feministische Feldanalyse: Über Bourdieu hinaus
Die konkrete Ausgestaltung des geschlechtlichen Habitus sollte jedoch empirisch in der konkreten gesellschaftlichen Umgebung (der Felder) betrachtet werden. In modernen, hochdifferenzierten Gesellschaften ist der soziale Raum in verschiedene, relativ autonome Felder gegliedert, in denen Macht- und Verteilungskämpfe ausgetragen werden. In diesen Feldern gelten verschiedene Praxisformen mit eigener Logik:
«Jedes Feld setzt eine spezifische Form von Interesse voraus und aktiviert sie, eine spezifische illusio als stillschweigende Anerkennung des Wertes der Interessenobjekte, die in ihm auf dem Spiel stehen, und als praktische Beherrschung der Regeln, die in ihm gelten» (Bourdieu/Wacquant 1996, 149).
Das jeweilige Objekt des Interesses strukturiert die Akteur_innen in einem bestimmten Feld. Soziale Felder sind somit zuerst Kräftefelder mit eigener Logik (dem Streben nach dem Objekt). Die Beschreibung des Feldes erschöpft sich aber nicht in der gemeinsamen illusio, also dem Glauben an die Sinnhaftigkeit der Regeln, die Struktur wird auch durch gegenwärtige Macht- und Kräfteverhältnisse der Akteur_innen beschrieben. Daraus entwickeln sich verschiedene Strategien der Beteiligten, die um soziale Positionen konkurrieren – Felder sind Kampffelder, in denen die Positionen ständig zur Disposition stehen. Vermittelt werden diese Positionen durch verschiedene Kapitalsorten: «Gleich Trümpfen in einem Kartenspiel determiniert eine bestimmte Kapitalsorte die Profitchancen im entsprechenden Feld» (Bourdieu 1985, 10). Auf verschiedenen Feldern (wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft) gelten also verschiedene Trümpfe (Macht, Wissen, Geld), die im Spiel eingesetzt werden können. Durch die Inkorporierung des Geschlechterhabitus werden diese Trümpfe eher weiblich oder männlich assoziiert.
In dieser geschlechterspezifischen Erweiterung der Feldtheorie sehe ich den Mehrwert für feministische Kritik, um Geschlechtereffekte konkret nachweisen zu können. Jäger et al. argumentieren, dass der Geschlechtshabitus «nicht auf ein bestimmtes Feld zu reduzieren» (Jäger et al. 2012, 24) und so stark sei, dass er «alle gesellschaftlichen Felder gleichermaßen» (ebd.) durchziehe. Daher überrasche es auch nicht, dass in Bourdieus Ausführungen zur männlichen Herrschaft Felder nicht auftauchen. Kurze geschlechtsspezifische Betrachtungen finden sich zwar im Feld der Literatur (Bourdieu 1999), eine genauere Analyse mit der Frage, ob jene auch auf andere Bereiche wie Wissenschaft oder Politik übertragen werden können, erscheint mir aber aus zwei Gründen sinnvoll:
Erstens ist die Vernachlässigung der Kategorie Geschlecht in der Theorie sozialer Felder bei Bourdieu selber nicht schlüssig. Felder und Habitus können nicht unabhängig voneinander gedacht werden, sie sind die «beiden Existenzweisen des Sozialen» (Bourdieu 1985, 69). Felder als gegebene objektive Strukturen sind nicht ohne die subjektiven Dispositionen (Habitus) zu denken; sie sind Körper und Leib gewordene Geschichte. Zweitens sind auf einzelnen Feldern unterschiedliche Veränderungen (Politik: Frauenquoten; Wissenschaft: Anstieg von weiblichen Professuren etc.) empirisch beobachtbar und sollten daher genau reflektiert werden.
Im Folgenden möchte ich am Beispiel der Felder Schule, Politik und Wissenschaft spezifische Effekte der Kategorie Geschlecht andeuten. Diese drei Felder eignen sich, da sich dort aktuell die oben genannten Aspekte der männlichen Herrschaft wiederfinden lassen: Differenz, Hierarchie und symbolische Gewalt.
Bourdieu beschäftigt sich mit der Schule vor allem im Hinblick auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit und den unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten für Schüler_innen (vgl. Bourdieu 2015a). Huxel (2011) erweitert diesen Gedanken um den Aspekt Geschlecht. Grundsätzlich sei die illusio die formelle Gleichbehandlung aller Schüler_innen. Gerade auch von der Bildungsexpansion seit den 1970er Jahren hätten verstärkt Frauen profitiert. Heute sei sogar eine «Überrepräsentation von Abiturientinnen im Gegensatz zu Abiturienten» (Huxel 2011, 92) zu beobachten. Neben dieser scheinbaren Gleichheit würden aber auch vielfältige Normvorstellungen und geschlechterspezifische Erwartungen an die Schüler_innen für die «Herstellung und Erhaltung von Zweigeschlechtlichkeit» (a.a.O. 93) sorgen. An Beispielen wie dem Umgang im Sportunterricht sowie den geschlechtsspezifischen Vorannahmen im Unterricht lassen sich deutlich die Aspekte der Naturalisierung und der Differenz der männlichen Herrschaft wiederfinden.
Auf dem Feld der Politik lässt sich der Aspekt der Hierarchie und der Inkorporierung der Herrschaft aufzeigen. Das politische Feld wird von Bourdieu als «Arena» (Bourdieu 2001, 41) verstanden, in dem um Herrschaft und Macht gekämpft wird. Es ist im Verhältnis zu anderen Feldern in einer herrschenden Position, da es durch den Staat und dessen Macht bestimmen kann, was gesellschaftlich denk-, handel-, und sagbar ist. Bourdieu deckt die sozialen Zugangsbedingungen auf, die auf dem politischen Feld herrschen. Das nötige politische Kapital konzentriert sich bei einer kleinen Anzahl von Akteur_innen mit genügend Bildung und freier Zeit (a.a.O. 51f.). Hierbei spricht er von einem tendenziellen Ausschluss von Frauen. Auch wenn aktuell immer mehr einzelne Frauen in Spitzenpositionen gelangen, bleibt der männlich konnotierte Habitus (Streben nach Macht und Einfluss) unberührt. Er muss auch von Frauen als gegeben angenommen werden, um aufsteigen zu können. Deren Erfolg ist nur durch die Anerkennung dieses «Prinzips gewährleistet und beschert daher nur wenigen (privilegierten) Frauen mehr Teilhabe» (Löffler 2008, 96). Diese werden darüber hinaus noch mit dem Verhältnis zwischen Machtstreben und Weiblichkeit konfrontiert. Die empirisch messbaren Ungleichheiten in der Politik (Anzahl weiblicher Abgeordneter etc.) sind deutlicher als im Bereich der Schule. Verweise auf die Leistung einzelner Frauen versuchen, diese strukturellen Unterschiede in der Politik zu verdecken und in den Bereich der persönlichen Leistungsbereitschaft zu verschieben.
Ebenso wie in vielen anderen Feldern klammert Bourdieu auch in seinen Beiträgen zum wissenschaftlichen Feld die Praxen der Vergeschlechtlichung aus. Hier lässt sich sehr deutlich der symbolische Aspekt der männlichen Herrschaft aufzeigen. Als Beispiel sollen hierfür geschlechterspezifische Unterschiede in der deutschen Soziologie dienen. Hier sind die Forschungsspezialisierungen von Professor_innen interessant. Insgesamt dominieren Männer im Feld, jedoch existieren relative Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Forschungsschwerpunkte:
Verteilung der Forschungsschwerpunkte nach Geschlecht (in Prozent)
|Forschungsschwerpunkt||Weiblich||Männlich||Differenz|
|Frauen- und Geschlechterforschung||30,2||4,7||25,5***|
|Soziologische Theorie||13,2||30,5||-17,3***|
|Familiensoziologie||18,4||7,6||10,8**|
|Kultursoziologie||3,7||13,6||-9,9**|
|Migrationssoziologie||19,9||11||8,9*|
|Methoden der empirischen Sozialforschung||15,4||22,9||-7,5|
|Methoden der qualitativen Sozialforschung||16,9||10,2||6,7|
|Religionssoziologie||1,5||6,8||-5,3*|
N=372, *=p<.05, **=p<.01, ***=p<.001 (Fisher’s Test)
(eigene Erhebung)
Darin zeigt sich, dass zentrale Feldstrukturen durch geschlechtliche Unterschiede strukturiert sind. Diese geben einen Hinweis darauf, dass die inhaltliche Differenzierung und deren Reproduktion über Mitarbeiter_innenstellen, Posten und Berufungen auch mit sozialstrukturellen Ungleichheiten und symbolischen Erwartungen an die Akteur_innen in Verbindung stehen. Zimmermann (2000) weist nach, dass die vermeintlich objektiven Qualitäts- und Entscheidungskriterien in Berufungsgremien deutlich männliche Rekrutierungsmuster aufweisen, die gerade in den kapitalstärksten Positionen enorm stabil sind. Engler (2001) stellt die Konstruktion wissenschaftlicher Persönlichkeit ins Zentrum, die ihr zufolge männlich vergeschlechtlicht ist. Sie belegt ebenfalls, dass nicht allein die Leistung einer Person entscheidend ist, sondern auch eine vergeschlechtlichte Form der symbolischen Herrschaft.
Für die Analyse der männlichen Herrschaft folgt aus diesen drei Beispielen, dass Geschlecht in unterschiedlichen sozialen Feldern verschieden wirkt und Geschlechtseffekte je spezifisch sind und auf vielfältige Arten und Weisen erscheinen. Was im literarischen Feld (bezogen auf Geschlecht) von Bedeutung ist, unterscheidet sich von den Relevanzen und Kapitalien des wissenschaftlichen oder politischen Feldes. Damit ergibt sich die Notwendigkeit empirischer Forschung, die das spezifische doing gender auf den einzelnen Feldern zum Thema macht. Daher sollte das Habitus-Konzept in der Frauen- und Geschlechterforschung «nicht als isoliertes Konzept für theoriegeleitete empirische Forschung genutzt, sondern vielmehr im Zusammenhang mit dem Feld-Konzept» (Engler 2003, 240) gebraucht werden.
Ausblick: Kritik am patriarchalen Kapitalismus
Mithilfe dieser Beispiele sollte verdeutlicht werden, dass sich Geschlecht in den einzelnen Feldern unterschiedlich auswirkt. Es ist daher notwendig, diese spezifischen Formen aufzudecken und dadurch zu einer umfassenden und differenzierten feministischen Kritik am patriarchalen Kapitalismus zu kommen. Auch wenn Bourdieu keine dezidierte Kapitalismustheorie oder -kritik liefert, stellt er doch Analysemittel bereit, die eine Theorie der Geschlechterverhältnisse als Gesellschaftstheorie denkbar machen. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive sichtbar in feministische Kritik einzubringen, ist für Bourdieu selbst «vielleicht das politisch Allerdringlichste» (Bourdieu 1997a, 220). Im Hinblick darauf wurde hier versucht, durch eine Analyse des Habitus und der sozialen Felder bezogen auf Geschlecht deutlich zu machen, wo und wie sich männliche Herrschaft zeigt.
Innerhalb von Bourdieus relationalem Denken können die sozialen Felder aber nur im sozialen Raum, also als zueinander in Beziehung stehend, verstanden werden. Es geht also auch darum, übergreifende patriarchale Strukturen zu finden und aufzudecken. «So kann die jeweilige soziale Welt aus der Nähe betrachtet werden, ohne dass die dort wirkenden Mechanismen losgelöst vom Makrokosmos analysiert werden» (Engler 2003, 244). Dadurch wird eine Leseart des Patriarchats als totalisierende Begrifflichkeit vermieden. Mit Hilfe der geschlechtsspezifischen Analyse der Felder kann das Patriarchat als «multilokales System von sozialen Strukturen und Praktiken […], in dem Männer Frauen beherrschen, unterdrücken und ausbeuten» (Sauer 2001, 57) verstanden werden. Das Patriarchat lässt sich somit «in unterschiedlichen sozialen Räumen lokalisieren» (ebd.).
Zum einen gibt es die symbolische Geschlechterordnung, die zentral zur Herstellung wie Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Form gesellschaftlicher Herrschaft beiträgt: der vergeschlechtlichte Habitus, auf dem weitere gesellschaftliche Teilungsprinzipien beruhen. Zum anderen ist die je spezifische Form der Unterdrückung der Frau auf bestimmten Feldern abhängig von der illusio, die auf dem Feld geteilt wird. Feministische Kritik muss diese «schwierige Aufgabe», der sich Bourdieu selbst gestellt hat, aufnehmen und das jeweils historische und feldspezifische Verhältnis von Gesellschafts- und Geschlechterordnung konkretisieren. Hierbei bieten sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten für Forschung, da Bourdieu selbst seine empirische Basis ja auf die Kabylei beschränkt hat. Eine feministische Kritik, die eine Überprüfung und Erweiterung seiner Thesen für moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert zum Inhalt hätte, könnte vorgegebene Kategorien des Wahrnehmens, Denkens und Handelns (die von vornherein vergeschlechtlicht sind) infrage stellen und deren angebliche Natürlichkeit dekonstruieren. Zum anderen ermöglicht der Fokus auf die Vorgänge auf den Feldern auch, historische Brüche und politische Bewegungen ganz konkret in den Blick zu nehmen und nicht einem Determinismus oder Geschichtsfatalismus zu erliegen.
Wenn man also die Unterdrückung durch eine Gewalt allumfassend und relational beschreibt, kann allumfassende Gesellschaftskritik entstehen, die Strukturen in ihrer Verbindung verstehen, kritisieren und auch verändern will. Für feministische Kritik nach Bourdieu bedeutet dies, dass in bürgerlich-patriarchalen Gesellschaften die Gesellschafts- und die Geschlechterordnung konstitutiv miteinander verbunden sind und nur zusammen verändert werden können. Dafür ist es nötig, in einer symbolischen Revolution die grundlegenden geschlechtlichen Kategorien der Vision und Division aufzudecken und zu verändern. In diesem Zusammenhang kann dann eine Kritik am patriarchalen Kapitalismus folgen: Wird die männliche Herrschaft und der männliche Habitus als Grundlage des Strebens nach Macht, Einfluss und Wettbewerb verstanden, werden die Grundlagen für eine kapitalistische Ordnung deutlich beziehungsweise wird durch den relationalen Denkstil deutlich, dass eine Trennung hier gar nicht möglich ist. Allgemeingültige Bewertungsschemata sind daher ebenso aufzugeben wie das Denken in Substanzen und Dualismus – ein wahrhaft schwieriges Unterfangen.
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