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Aboulai* ist 29 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Benin und hat einen Abschluss in Chemie, Biologie und Geologie. Am 27. April rettete die Besatzung der Ocean Viking das Schlauchboot, in dem er sich befand, in internationalen Gewässern, 32 Seemeilen vor der libyschen Küste. An Bord der Ocean Viking teilte er seine Geschichte, bevor er am 1. Mai zusammen mit 235 anderen Überlebenden im Hafen von Augusta (Sizilien) von Bord gehen konnte.
Aboulais Traum
Aboulai hat einen Traum: Er will medizinischer Entomologe [1] werden. Als er sich an der Universität von Abomey-Calavi (UAC) für einen Masterstudiengang in angewandter Entomologie einschreiben will, fehlen ihm dafür jedoch die finanziellen Mittel. Sein Traum rückt in weite Ferne.
Um das benötigte Geld für seine Einschreibung zu sparen, kehrt er nach Hause zurück und beginnt in der Landwirtschaft zu arbeiten. Während dieser Zeit wird er in seinem Dorf Zeuge einer blutigen Fehde. Seine Familie, nigerianischer Herkunft, wird beschuldigt, hinter den Auseinandersetzungen zu stecken. Durch die Ereignisse sieht sich Aboulai gezwungen, das Land zu verlassen. Er flieht mit dem Motorrad seines Vaters. Das Motorrad verkauft er später.
Der Weg durch die Wüste
Sein Weg führt ihn in den Niger und dann, durch die Wüste, nach Algerien. Aboulai sagt, er „bereue es zutiefst, diese Route gewählt zu haben“. Für den Weg durch die Wüste bezahlt er Schmuggler. Etwa fünfzig weitere Personen zählen zu seinen Mitreisenden, darunter Frauen mit Babies. Sie alle werden mitten in der Nacht, mitten in der Wüste, von den Schmugglern allein gelassen.
Aboulai muss lange laufen, um Algerien zu erreichen. „Ich habe die Nacht unter einem Kipplaster verbracht“, sagt er, „dann konnte ich Tamanrasset im Süden Algeriens erreichen, bevor ich 230.000 FCFA (etwa 350 Euro) zahlte, um nach Libyen zu gelangen. Um mir meine Ausreise zu ermöglichen, hat mein ältester Bruder sogar sein Land verkauft. Es ging mir nicht um ein Abenteuer. Es war ein Freund, der mir vom Mittelmeer erzählte und plötzlich gab eine Möglichkeit für mich, zu studieren! Dazu musste ich Europa erreichen – denn mein Traum, medizinischer Entomologe zu werden, war noch immer existent.“
Die Zeit in Libyen
In Libyen angekommen, wird Aboulai desillusioniert. Er beginnt als Maurer zu arbeiten, verdient aber sehr wenig. Später arbeitet er in der Landwirtschaft, erhält jedoch nicht einmal Lohn. Als er um diesen bittet, wird er mit dem Tode bedroht. Schliesslich läuft er davon: „Es war eine Wahl zwischen Leben und Tod – aber von dieser Entscheidung habe ich niemandem ausser meinem ältesten Bruder erzählt.“ Aboulai zahlt 350.000 CFA-Francs (etwa 530 Euro) für die Überfahrt. Das Gesicht derjenigen, die sein Geld erhalten, sieht er kein einziges Mal: „Wir haben immer über einen Mittelsmann kommuniziert“, sagt er.
Vor der Abreise wird Aboulai mit anderen Menschen in einen geschlossenen Raum gesperrt: „Wenn wir zu viel Lärm machten, wurden wir wie Tiere geschlagen.“ Mitten in der Nacht werden sie über die kurz bevorstehende Abreise informiert, denn: „Die Abfahrten finden nur nachts statt“, erklärt Aboulai. Wer es sich leisten kann, kauft sich vorsorglich eine Schwimmweste [2]. Doch auch Schwimmwesten kosten Geld – und in den Lagern, in denen Menschen vorher oft untergebracht sind, ein Vielfaches mehr. Durchschnittlich 200 libysche Dinar (etwa 36 Euro) zahlt man dort; in der Stadt sind die Westen mit 80 libyschen Dinar wesentlich billiger. Auch Luftschläuche [3], die als Boje dienen, sind überteuert. Er kostet 100 libysche Dinar, im Vergleich zu den 20, die in der Stadt gezahlt werden.
„Wir sind gegen 23 Uhr in der Nacht aufgebrochen. Die Menschen hatten Angst, als sie das Meer sahen. Aber das war egal – wir wurden trotzdem an Bord geprügelt. Für die Überfahrt bekamen wir dann fünf Benzinkanister, aber keine Wasserflaschen“, sagt Aboulai. „Am nächsten Morgen wurden wir gerettet.“
Ankunft auf der Ocean Viking und Blick in die Zukunft
Seinen Aufenthalt an Bord der Ocean Viking nennt Aboulai ein „Paradies auf Erden. Denn das Leben in Libyen“, sagt er, „ist mehr als die Hölle: Es ist voll von Unsicherheiten, Rassismus, Vergewaltigungen – einfach vielen Gemeinheiten. Wir haben dort alles erlebt. Aber hier werden wir wertgeschätzt – das überrascht mich. Hier sind wir sicher und hier haben wir medizinische Versorgung. Ich fühle mich wie zu Hause.“
Nach seiner Ankunft an Land will Aboulai als erstes seine Eltern kontaktieren. Er will wissen, ob es ihnen gut geht. „Meine Eltern sind sehr arm und meine Mutter ist Diabetikerin“, sagt er. „Ich weiss nicht, ob sie noch am Leben ist. Sie hat mich immer moralisch unterstützt und heute ist sie meine einzige Hoffnung.“
Er will versuchen, schnell die Gesetze des Landes, das ihn aufnimmt, zu lernen: „Ich muss die Sprache und die Gesetze des Landes lernen, sowie meine Rechte und Pflichten.“ Er hofft, dann weiter studieren zu können, um sich seinen Traum, endlich medizinischer Entomologe zu werden, zu erfüllen.
[1] Die medizinische Entomologie (Insektenkunde) ist ein Teilgebiet der Entomologie und befasst sich mit den Beziehungen der Insekten zur Gesundheit des Menschen.
[2] Anmerkung: Die Rettungswesten, die in Libyen erhältlich sind, sind oft nicht als solche zugelassen: Sie neigen dazu, Wasser aufzusaugen, sobald sie damit in Berührung kommen.
[3] Anmerkung: Dabei handelt es sich oft um die Luftschläuche von Autoreifen.
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*Der Name wurde geändert, um die Anonymität des Geretteten zu wahren.
Text: Morgane Lescot, Communication Officer an Bord der Ocean Viking
Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE