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Mit John Locke wendete sich die Philosophie – zumindest in Grossbritannien – vom Rationalismus eines Descartes ab und dem Empirismus zu. Nicht abstraktes reines Denken bestimmt nach Locke die Wissenschaften, sondern sie haben ihre Grundlage in der Erfahrung. Pierre Gassendis Skeptizismus steht dabei Pate. Gassendi – hierin nicht Aufklärer sondern klassischer Denker der Renaissance – greift dabei auf die antiken Skeptiker zurück. Locke seinerseits übernimmt von Gassendi, neben der Hochachtung der Erfahrung, vor allem die Verachtung der Scholastik, der er vorwirft, reines Wortgeklingel zu sein, Anhäufung von sinnlosen Begriffen.
Der Essay erschien zum ersten Mal 1689 (mit dem Erscheinungsjahr 1690 versehen) und war ein sofortiger Erfolg, der mehrere Neuauflagen nötig machte. Locke nutzte diese Neuauflagen, um Änderungen und/oder Zusätze anzubringen. Die letzte noch mit seinen Verbesserungen versehene Auflage ist wohl die fünfte von 1706, die postum erschien. Schon diese Veröffentlichungsgeschichte zeigt einen wesentlichen Punkt in Lockes Selbstverständnis und in dessen Verständnis von Philosophie, vom Philosophieren. Es ging ihm – der Begriff „Essay / Versuch“ im Titel zeigt es ja – nicht darum, ein fixfertiges und abgeschlossenes System zu präsentieren. So geschieht es mitunter, dass sich Locke auch schon mal in diesem einen Buch selber widerspricht. Philosophie lebte für ihn vom Diskurs der Wissenschafter, und er war jederzeit bereit, auf Einwürfe einzutreten oder auch Verbesserungsvorschläge einzuarbeiten. Das macht diesen Text manchmal geschwätzig, umständlich und unförmig. (Betrand Russell, in seiner Philosophie des Abendlandes, wirft ihm im Vergleich mit Hume deshalb vor, dümmer als jener gewesen zu sein. Aber auch Russell war einer derer, die ein in sich abgeschlossenes und stimmiges System anstrebten, und für die der Sinn des Philosophierens eben darin bestand, solche Systeme zu entwerfen. Weshalb er mit dem offenen Denken eines Locke [oder auch des sog. späten Wittgenstein, den er immer – und immer zu Unrecht – als seinen Schüler betrachtete] wenig anfangen konnte.)
Im Essay diskutiert Locke zuerst das Konzept der sog. „eingeborenen Ideen“, Ideen, die wir schon immer haben, und die unser Denken präformieren. Mit Beispielen aus der Erfahrungswelt (z.B. der Tatsache, dass bei der Existenz eingeborener Ideen ja schon ein Baby fixfertig denken könnte und nicht erst mühsam die Sprache erlernen, ja seine eigenen Eltern erst erkennen lernen muss) widerlegt Locke dieses Konzept. Ideen kommen dem Menschen aus der Erfahrung. Eingeboren ist dem Menschen allenfalls die Fähigkeit, diese Erfahrungen verarbeiten zu können, daraus einfache oder komplexe Ideen zu bilden. Ob man das nun Sensualismus nennen will oder nicht, ist im Grunde genommen nebensächlich. Tatsache ist, dass der Sensualismus eines Hume oder eines Berkeley in Locke ihre Wurzeln haben, und dass Leibniz in seiner Auseinandersetzung mit Lockes Essay den Autor ganz klar als Sensualisten verstand.
Bei Locke entsteht die Erkenntnis durch Vergleich der Perzeption mit der bereits geformten Idee: Übereinstimmung – Nicht-Übereinstimmung. Erkenntnis verlangt also nach einem Urteil. Evidenz, intuitive Wahrheit ist dann gegeben, wenn eine Idee nicht weiter analysiert werden kann. Der (scholastischen) Logik sprach Locke jede erkenntnis-fördernde Wirkung ab: Der Satz „Was ist, ist“ bringt keine neue Erkenntnis. Noch Wittgenstein in seinem Tractatus sollte vom Satz „A = A“ dasselbe sagen. So ist es auch kein Wunder, dass Locke das gesamte dritte Buch (von vier) der Diskussion der Sprache als solcher widmete. Der grösste Teil davon ist den „Namen“ gewidmet, aber der Schluss spricht auch von den „Partikeln“, womit Locke auch in die Ahnenreihe der Aussagenlogik gehört.
Daneben übernimmt Locke auch Dinge von Descartes, so z.B. den Umstand, dass das erste, dessen wir uns unmittelbar gewiss sind, wir sind – unser Ich ist. (Locke erwähnt Descartes‘ Namen allerdings hier nicht.) Das gleich Nächstfolgende, dessen wir uns gewiss sind, ist die Existenz Gottes. Göttliche Offenbarung wird dabei immer durch die Vernunft geprüft.
Zum Schluss seines Essay wendet sich Locke dann den komplexen Ideen zu, den Grenzen des Wissens und dem Verhältnis von Begründung und Glauben. Es ist sicher dieser Kreis der Ideen, die einfach oder komplex sein können, die Locke angreifbar machen. Schon Leibniz hat darauf verwiesen, dass vieles, das Locke als „einfach“ betrachtet, mit eben so viel Berechtigung als „komplex“ gelten könnte. Und so liegt Lockes Verdienst m.M.n. weniger in der Anaylse von Ideen als vielmehr in der Tatsache, der Erfahrung wieder Platz im Erkennen verschafft zu haben, und in der Tatsache, die Rolle der Sprache bei der Bildung von Ideen ins Spiel gebracht zu haben.
Zum Schluss noch ein Wort zum Titel, bzw. zur gängigen Übersetzung des Wortes „Understanding“ durch „Verstand“. Sie ist so irreführend wie unumgänglich. „Understandig“ ist mehr als das Abstraktum „Verstand“, das wir irgendwo in unserer Hirnschale ansiedeln. „Understandig“ kann auch die konkrete Fähigkeit zu verstehen sein, ja sogar der konkrete Akt des Verstehens. Wie aber soll ich das im Deutschen ausdrücken?