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21.11.2020 - Christoph Landolt und Eva Caflisch
21.11.2020
Christoph Landolt und Eva Caflisch
Der Mann aus Teig hat viele Namen
Grättimaa, Grittibänz, Hanselmaa und Elggermaa. Eine Wortgeschichte aus dem Schweizerischen Idiotikon von Christoph Landolt zum Gebäck, das in der Vorweihnachtszeit Hochsaison hat.
Heute wenden wir uns, wen erstaunt’s, den schweizerdeutschen Wörtern für den Teigmann zu, den man am 6. Dezember verzehrt. Am verbreitetsten ist der Grittibänz, die Basler kennen den Grättimaa, die Luzerner und Solothurner hatten zumindest früher den Hanselimaa oder Hanselmaa, und in der Region Winterthur– Unterthurgau–Stein ist oder war der Elggermaa zu Hause.
Illustration: © Tizian Merletti
Grätte und gritte bedeuten beide «die Beine spreizen; grätschen». Bänz ist eigentlich eine Koseform von «Benedikt», aber weil der Name so häufig war, konnte er für eine männliche Person schlechthin stehen. Der Grättimaa oder Grittibänz ist also ein Mann mit gespreizten Beinen, und so sieht das Gebäck ja auch tatsächlich aus. Hansel(i)maa bedeutet nichts anderes als «Person namens Hans». Elggermaa hingegen verweist auf das Städtchen Elgg im zürcherisch-thurgauischen Grenzgebiet. Im 20. Jahrhundert hat der Grittibänz aber dem Hansel(i)maa und dem Elggermaa arg zugesetzt und – dank der Unterstützung durch den binnenschweizerisch ausgerichteten Markt – deren Territorium erobert.
Nach Angaben aus dem 19. Jahrhundert wurde dieses Festgebäck in Bern aus Lebkuchenteig, in der übrigen Deutschschweiz aus «mehr oder weniger feinem Brotteig» gebacken. Die Grösse schwankte zwischen einem halben und zwei Fuss, also 15 bis 60 cm. Und gegessen wurde er je nach Region am Nikolaustag, an Neujahr oder zwischen Weihnachten und Sebastianstag (20. Januar). Heute dürften wohl die Herstellung aus Zopfteig und der Esstermin vom 6. Dezember überall gelten, nur bei den verschiedenen Grössen hat sich die alte Mannigfaltigkeit aus naheliegenden Gründen erhalten…
Hefeteigmann ungebacken und gebacken. Foto: Micha L. Rieser
Soweit die Teigmann-Geschichte des Dialektforschers Christoph Landolt. Und nun zu den Anmerkungen der Redaktorin: Immer interessiert an Wort- und Sachgeschichten schaue ich über den schweizerdeutschen Tellerrand hinaus und lande beim Surfen im Internet unweigerlich beim Stichwort „Stutenkerl“. Mit einer Stute, einem weiblichen Pferd, hat der nichts gemein, Stuten bezeichnen im Norden und Westen Deutschlands Hefebrote, meist mit Rosinen.
In anderen Gegenden Deutschlands heisst unser Grättimaa oder Grittibänz Weck- oder Weckenmann, im Tirol ist es der Krampus, abgeleitet vom unheimlichen Gefährten des Nikolaus. Aber auch hierzulande erinnern Grittibänze an den Schmutzli, wenn sie als Beiwerk eine Rute im Arm haben. Ist es jedoch die weisse Tonpfeife, seien die Bänzen eine Darstellung des Heiligen Nikolaus – nur dass der Bischofsstab reformatorisch umgedeutet worden sei.
Weckmänner, gebacken von Flammingo für CreativeCommons
Aber genug der Worte, schreiten wir zur Tat statt ins Ladengeschäft. Denn Backen war doch schon beim Lockdown im März ein beliebtes Ritual zur Hebung der Laune und Rezepte für die Brotfigur gibt es im Internet zu Hunderten, wobei sie einander viel ähnlicher sind, als die deutschen Bezeichnungen für den Teigmann.
Hier finden Sie bereits veröffentlichte Beiträge der Serie „Weihnachtsgeschichten“, verfasst von den Redaktionsmitgliedern:
Linus Baur: Es führt kein Weg an Corona vorbei