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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

23. Cap. Abfertigung der gnostischen und Platonischen Theorie über die Entstehungsweise der Seele.
Einige bilden sich ein, vom Himmel gekommen zu sein, und schmeicheln sich mit derselben Festigkeit der Überzeugung, unfehlbar wieder dorthin zurückzukehren. So z. B. Saturninus, der Schüler des Menander, der die Lehre aufgebracht hat, der Mensch, von den Engeln gebildet, sei erst ein hinfälliges, kraftloses und haltloses Machwerk gewesen und habe, unfähig zu stehen, auf der Erde wie ein Wurm gezappelt, sodann habe er durch das Mitleid des höchsten Wesens, nach dessen Bilde, aber nach dessen nicht vollständig erkanntem Bilde er vorschnell konstruiert worden sei, ein kleines Fünkchen Leben erlangt, dieses habe ihn erweckt, [S. 323] aufgerichtet, kräftiger beseelt und werde ihn nach Ablauf des Lebens zu seinem Ausgange zurückführen.
Karpokrates aber nimmt nur so viel von den höheren Stoffen für sich in Anspruch, dass seine Schüler ihre Seelen bereits Christo gleichstellen, natürlich noch mehr den Aposteln und auch noch beliebig darüber. Sie wollen sie von der erhabenen Macht empfangen haben, welche die mächtigen Herrschaften der Welt verachtet.
Apelles berichtet, die Seelen seien mit Hilfe irdischer Speisen aus ihren überhimmlischen Sitzen herausgelockt worden durch den Feuerengel, den Gott Israels, der der unsrige ist, und der sie sodann mit sündhaftem Fleische bekleidet und darin festgebannt habe.1
Der Schwarm der Valentinianer stopft den Samen der Sophia in die Seele, wodurch sie die Geschichten und Liebesromane ihrer Äonen in sichtbaren Bildern erkenne.
Ich bedaure, dass Plato, ohne es zu ahnen, zum Spezereikrämer für sämtliche Häretiker geworden ist. Denn er lehrt im Phaedon, dass die Seelen von hier dorthin gehen, und von dort hierher;2 und im Timaeus, dass die Erzeugten Gottes, als ihnen die Hervorbringung der sterblichen Wesen anvertraut war, den unsterblichen Seelenkeim in Empfang nahmen und ihn in die Eishülle eines sterblichen Körpers versetzten. Diese gegenwärtige Welt sodann sei das Abbild einer andern.
Um alles dieses glaubwürdig und annehmbar zu machen, nämlich erstens, dass die Seele früher in den höhern Regionen mit Gott im Verkehr der Ideen gestanden habe und zweitens, dass sie von dort herüberkomme und hier durchdenke, was sie ehemals aus den Ideen gelernt hat, dafür hat er einen neuen Beweis ausgeklügelt und sagt, die μαθήσεις [mathēseis] seien nur ἀναμνήσεις [anamnēseis], d. h. das Lernen sei nur ein Erinnern. Die von dort hieher kommenden Seelen hätten vergessen, wo sie früher waren und erinnerten sich erst in der Folge wieder daran, durch die gegenwärtigen sichtbaren Dinge belehrt. Da Plato mit diesem Argumente eben die Lehren annehmbar zu machen sucht, welche die Häretiker von ihm entlehnen, so werde ich die letzteren hinlänglich widerlegen, wenn ich die platonische Beweisführung über den Haufen werfe.
1: Circumfixerit ist wohl die richtige Lesart.
2: Plato, Phaed. p. 70. Tim. p. 29 und 43.