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Die soziale Frage ist im Westen derzeit in aller Munde. Der soziale Ausgleich, die Umverteilung, der Sozialneid. Also gehen wir im Westen davon aus, dass die soziale Frage künftig auch die Gemüter in aufstrebenden Ländern wie China beschäftigen werde. Und lehnen uns selbstzufrieden zurück, weil wir glauben, dass ihnen noch grosse soziale Konflikte bevorstehen. Dabei könnten wir uns jedoch täuschen. Den Chinesen sind unsere Sichtweisen sehr fremd.
Es gibt verschiedene Erhebungen, unter anderem der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), die zeigen, dass unter Chinesen Sozialneid eine geringere Rolle spielt als in westlichen Gesellschaften. Ich habe dies unter anderem während der Zeit, da ich in Hongkong lebte, konkret im Alltag erfahren können.
Der heute achtzigjährige Li Ka-sching gilt als Schulbeispiel eines Tycoons. An der Börse, im Immobiliengeschäft und im Dienstleistungssektor hat der ehemalige Schanghaier ein Riesenvermögen gemacht, der nach seiner Flucht vor den Kommunisten in der englischen Kronkolonie Hongkong als Hersteller von Plastikblumen sein erstes Geld verdiente.
Li Ka-sching muss sich nicht mit Bodyguards umgeben. Ich habe ihn wiederholt allein auf der Strasse, in einem Restaurant oder in einem seiner Geschäfte gesehen. Für die Hongkonger ist der superreiche Li Ka-sching eine Leitfigur. Jeder will so werden wie er, und die ambitiösen Eltern impfen bereits ihren kleinen Kindern ein, dass sie sich anstrengen sollen, um dereinst ebenso reich zu sein wie einer der Tycoons.
Ich mag die Chinesen – vor allem wegen ihres Pragmatismus und ihrer Abneigung gegen alles, was nicht mit dem Diesseits zu tun hat. In ihrem Sozialverhalten steht eindeutig die Familie, der Clan im Zentrum. Und im Familienverband geht es nicht um Rechte, sondern um gegenseitige Pflichten.
Die Eltern haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass es ihren Kindern gutgeht und dass sie die besten Startchancen fürs Leben erhalten. Die Kinder wiederum haben die Pflicht, sich gegenüber ihren Eltern ehrerbietig zu erweisen, ihnen Gesicht zu geben, will heissen: sie durch Spitzenleistungen stolz zu machen, und im Alter nach ihnen zu schauen – nicht nur materiell, sondern auch emotionell.
Auf diese Weise hat die chinesische Gesellschaft seit Jahrtausenden erfolgreich funktioniert und kulturelle und zivilisatorische Spitzenleistungen hervorgebracht. Nach eineinhalb Jahrhunderten selbst- und fremdverschuldeten Unterbruchs sind wir jetzt wieder Zeugen eines gigantischen Leistungsschubs des chinesischen Volkes.
Ich mag die Chinesen, weil sie bei allem, was mit Geld und Reichtum zu tun hat, so herrlich unverkrampft sind. «How much?» ist der Satz, den man im Umgang mit Chinesen am häufigsten zu hören bekommt. Wieviel man verdiene, will der eine wissen, wieviel das Bild gekostet habe, will eine andere herausfinden, und wieviel man für den Anzug bezahlt habe, fragt ein Dritter. Als solider Schweizer fühlt man sich anfänglich von solch direkten Fragen betupft. Was geht denn dies einen Wildfremden an? Dabei sind es doch gerade diese sinnvollen Fragen, die alles in der materiellen Welt auf Dollar und Cent herunterbrechen und mit gestelzten Ideologien oder weltfremden und weltfeindlichen Religionen nichts zu tun haben. Sie machen das Erdendasein erträglich.
Ich mag die Chinesen, weil sie alle Karten auf Leistung und keine einzige auf Herkunft setzen. In diesem Sinne stehen die Chinesen denn auch den Amerikanern viel näher als den Europäern. In der Tat liegt Europa nicht nur geographisch, sondern auch mentalitätsmässig zwischen der indischen Welt mit ihrer traditionellen Kastenorientierung und den USA mit ihrer weitreichenden, durch den Markt geprägten sozialen Mobilität.
Diese europäische Ambivalenz kommt insbesondere bei der Wertschätzung von Dienstleistungen zum Ausdruck. Im Grunde genommen sind die Europäer – wie jede Kastengesellschaft – nicht in der Lage, auf humane Art Dienstleistungen zu erbringen oder zu konsumieren. Während in den USA und eben auch in China jede Dienstleistung auf einen monetär abgegoltenen Vertrag reduziert wird,…