Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/356

Wie schon seit ein paar Jahren traf sich auch dieses Jahr unser Jahrgang wieder zu seinem traditionellen Anlass. Dabei unternehmen wir in der Regel eine kleine Wanderung in der näheren Umgebung mit anschliessendem kulinarischen Abschluss. Diesmal folgten wir dem Eisenweg von Wölflinswil nach Herznach, im Aargauer Jura.
Die Geschichte beginnt schon sehr frĂĽh. Vor Millionen von Jahren, die Kontinentalplatten waren noch nicht so stabil, Herznach befand sich damals etwa auf der Höhe von Marokko, also etwa 1500 Kilometer in sĂĽd-sĂĽdwestlicher Richtung näher beim Ă„quator. Die Schichtenbildung mit Granit, Gneis, Karbon, Tonstein hatte ihren Anfang genommen. Mit der Zeit wurden die Gebirge, auch der Jura, gefaltet, die Meere flossen ab, mehr Schichten bildeten sich, wurden abgelagert. An mehreren Stellen konnte Eisenerz, zum Teil in sehr hoher Qualität, anfänglich sogar im Tagebau, abgebaut werden. So ist belegt, dass sich 1207 in Wölflinswil ein Hauptabbaugebiet befunden haben muss. Auch in Herznach wurde zu dieser Zeit bereits Eisenerz abgebaut. Diese Episode endete wohl um 1850. Wir folgten dem Eisenweg von Wölflinswil nach Herznach. Wären wir nicht so mit uns selber und unseren Gesprächen beschäftigt gewesen, so hätten uns diverse Wegweiser zu Stolleneingängen, „BelĂĽftungsschächten“ und ähnlichem auffallen mĂĽssen. So blieben es meist nur Wasserlachen im Gelände.
1937 wurde im Herznacher Bergbau der Betrieb wieder aufgenommen. Anfänglich wurde das Erz mit Lastwagen nach Frick gefahren und von dort mit der Bahn weiter ins Ruhrgebiet transportiert, weil in der Schweiz geeignete Hochöfen fehlten. Der Abbau des Eisenerzes konnte sehr rasch stark erhöht werden. Statt der Lastwagenfahrten entschloss man sich fĂĽr den Bau einer KĂĽbelseilbahn an den Bahnhof von Frick. Zur Zwischenlagerung des Eisenerzes vor dem Stollen brauchte es ein Eisenerzsilo. 1942 konnte es mit einem Fassungsvermögen von 1000 Tonnen seinen Betrieb aufnehmen. 1967 musste der Eisenerzabbau aus wirtschaftlichen GrĂĽnden bereits wieder aufgegeben werden. Das Eisenerz mit lediglich ca 30% Eisengehalt wies im internationalen Vergleich sehr hohe Gestehungskosten auf. In den 30 Jahren Erdbaugeschichte wurden 1.6 Mio Tonnen Erzgestein abgebaut. Das Rekordjahr war 1941 mit 212’000 Tonnen abgebautem Eisenerz mit 139 Angestellten.
Lange Zeit bestand immer noch die Hoffnung und Absicht, den Abbau wieder aufnehmen zu können. Leider hatte das Erdbeben von Friaul (1976) auch Auswirkungen auf die Stollen im Bergwerk. Die schön aufgeräumten, „besenreinen“ Stollen wurden mit einer Schicht Gestein, herabgefallen von der Decke, zugeschĂĽttet oder fielen sogar ganz in sich  zusammen. Seit dem ist man sehr vorsichtig und zurĂĽckhaltend geworden, mit dem Betreten und der Realisierung weiterer Ausbauideen in den Stollen. Alles scheint an SicherheitsĂĽberlegungen und damit verbundenen Kosten zu scheitern. Nur wenige Meter nach dem Betreten des Stollens, versperrt eine massive Betonmauer die weiteren Eingänge. Was ĂĽbrig blieb ist ein sehr sehenswertes, kleines Museum, eine restaurierte Grubenbahn und das Bergwerksilo. Hätte es zum Zeitpunkt unseres Aperos, nach der Besichtigung des Stollens, nicht geregnet, wir hätten ihn wohl am Ufer des Badeseeleins in freier Natur einnehmen können und dabei den Damhirschen am Berghang zusehen können. Doch so fĂĽhrte uns die Grubenbahn direkt an den oberen Rand des ehemaligen Erzsilos und „kippte“ uns dort aus.
Wir trampelten mitten in die wunderbare Wohnung von Brigitte und Ueli. Genossen dort den Apero im Trockenen und kamen zu einer wunderbaren Aussicht über Herznach. Man stelle sich vor: Ein Turmrestaurant auf 18 Metern Höhe, mit freiem Blick, wenigstens nach Süden. Unverbaubare, einmalige, schönste Lage. Doch bis es soweit war, hatte der heutige Besitzer, ein ehemaliger Mühlenbauer, einen ziemlich langen Kampf mit Behörden, Banken und Lieferanten durchzustehen. Mit Phantasie, Kreativität, viel Geduld und noch viel mehr Eigenleistung baute er ein Bergwerksilo zu einem Wohngebäude mit Restaurant und Übernachtungsmöglichkeit für Gäste um. Schlichtweg ein Bijou in allen Bereichen.
Das anschliessende Nachtessen nahmen wir dann im Bergwerksilo ein. Es befindet sich etwa in der Mitte des V-förmigen Trichters. Wie das üblich bei Erlebnis-Gastronomie ist, mussten wir unser Essen selber zubereiten, wenigstens das Gemüse in der Wokpfanne selber umrühren. Auch an dieser Stelle, möchte ich der Organisation dieses Anlasses nochmals ganz herzlich für diesen wiederum sehr gelungenen, lehrreichen und abwechslungsreichen Anlass danken. Ein Dank gehört aber auch Brigitte und Ueli für die Führung, die vielen geschichtlichen und interessanten Hintergrundinformationen, das feine Essen und die Benützung des Wohnzimmers. Einfach einmalig!