Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03112.jsonl.gz/162

Geld, Dollar, Finanzkrisen – ein Dauerthema
Es droht der Kladderadatsch
Von Beat Kappeler, Wirtschaftsjournalist, Hinterkappelen BE
Am Sonntagabend des 15. August 1971 trat der Imperator der Welt vor die Kameras und gestand den Bankrott ein. Präsident Richard Nixon bedeutete, dass die Notenbanken der Welt keine US-Dollars mehr gegen Gold eintauschen konnten.
Das Geldsystem der Welt war 1944 in der Konferenz von Bretton Woods so festgelegt worden: Alles Gold lag nach dem Krieg in den USA für die Waffenlieferungen ans British Empire und für Schulden anderer Staaten, weshalb fortan die Notenbanken der Welt Dollar-Guthaben als Reserven hielten. Die USA versprachen, diese US-Dollars allenfalls in Gold umzutauschen. Das ganze Weltwährungssystem war damit indirekt auf Gold gegründet (Gold-Exchange-Standard).
Mit kurzfristigem Horizont
Wichtig zur Geld- und Reserven-Versorgung der Welt war, dass die USA ein Handels- oder Kapitalverkehrs-Defizit hatten, um US-Dollars in die Welt zu setzen. Die Lieferantenländer konnten dann die gewonnenen US-Dollars als Grundlage der Geldausgabe im Inland benutzen. In der Bilanz der Notenbanken standen damit, einfach gesagt, als Schuld die Notenausgabe, als Guthaben die zugrundeliegenden, goldgesicherten US-Dollars.
Die Bedingung, dass dieses Weltwährungssystem funktionierte und genügend Transaktionsgeld hatte, war also das Handels- und Ertragsbilanz-Defizit der USA. Das Land des Währungsankers musste sich systemgetreu schwächen, was der Ökonom Robert Triffin seit 1960 bemängelte (Triffin- Dilemma) und der französische Finanzminister Valéry Giscard d'Estaing als «privilège exorbitant» bezeichnete. Wie der Euro heute war auch das US-Dollar-System von Politikern gegen jede wirtschaftliche Vernunft und mit kurzfristigem Horizont eingerichtet worden.
Notbremse
Bereits ab 1961 überstiegen die US-Dollars in der Welt die Goldmenge in den USA – das System war unterdeckt. Dies sprach sich herum, und die Notenbanken holten ihr Gold in den USA ab, zuletzt im August 1971 die Banque de France und die Schweizerische Nationalbank. Da zog Nixon die Notbremse.
Ich war entsetzt und ahnte, dass ein Zeitalter zu Ende ging. Im Studium am «Institut de hautes études» in Genf, das für mich erst ein Jahr zurücklag, hatten wir diese Fragen immer wieder gewälzt.
Von da an mutierte die internationale Geldwirtschaft in die flexiblen, frei durch den Markt bestimmten Wechselkurse eines reinen Papiergeld-Systems, in welchem im Keller der Notenbanken rechtlich kein Gold mehr irgendwas irgendwem garantierte. Es zirkulierte nun «Fiat Money», also willkürlich geschaffenes Geld, das nur auf dem Vertrauen des Publikums beruhte. Es gab für die Geldvermehrung keine reale Grenze mehr. Man machte nach 1982 die Notenbanken von der Politik unabhängig. Diese reduzierten ihre eigene Geldschöpfung, um die Inflation abzubremsen. Das gelang notdürftig, mit vielen Schwankungen und Irrungen.
Buchgeldschöpfung
Die Noten der Zentralbanken fanden in jedem Land irgendwann ihren Weg auf ein Konto der Bank A. Diese freute sich und erteilte an einen Kunden einen Kredit, den dieser an seine Lieferanten auf Bank B überwies. Diese erteilten wieder Kredite, die als Verbuchung zu Einlagen auf den Banken C, D und E wurden. Auf der ursprünglichen Notenbankgeldmenge baute sich durch diese Verbuchungen eine viel grössere Geldmenge auf – Buchgeldschöpfung genannt. Die einzelne Bank tat nichts Unrechtes; ihre Bilanz hatte bei den Schulden die Einlagen, bei den Guthaben die erteilten Kredite – und sie lebte von der Zinsdifferenz. Aber die Banken schufen Geld als System. Nur waren die Guthaben allgemein in kürzerer Frist rückzahlbar als die erteilten Kredite. Wenn das Publikum in Panik geriet und seine Einlagen zurückzog, war und ist jede einzelne Bank zahlungsunfähig, die Raiffeisenbanken wie die Grossbanken.
Diese Labilität bildet den Ursprung aller immer intensiveren Bankregulierungen und Aufsichten. Diese Labilität erschütterte das westliche Finanzsystem nach dem Konkurs von «Lehman Brothers» am 15. September 2008. Der riesige Bodensatz an kurzfristigen Geldern, welche normalerweise zwischen den Banken als Einlagen zirkulierten, fror innerhalb von Stunden ein. Die Banken gaben einander keine Einlagen mehr und zogen sie zurück; das Publikum tat dasselbe. Praktisch alle westlichen Banken waren illiquid.
Politisch gewollte Fehlkonstruktion
Die gängige Interpretation von Politikern, Ethikern, Sozialwissenschaftern und Populärautoren sieht die Ursachen der Finanzkrise in der Gier, in den Boni, in der «strukturierten Verantwortungslosigkeit» (so sagte es die emeritierte Soziologin Claudia Honegger), in den Finanzinstrumenten (Derivaten, Verbriefungen, Hedgefonds) – kurz: in einem bunten Strauss von Vorwürfen, die man schon immer gerne erhob. Auch der Schlussbericht des «Financial Crisis Inquiry Report» der offiziellen US-Kommission trägt auf 540 Seiten geschwätzig, aber ungewichtet alle möglichen Umstände vor.
Wenn es eine Struktur gab, die Verantwortung für die Finanzkrise hatte, dann das Papiergeldsystem mit Buchgeldschöpfung der Banken, worauf sich die Politik 1944 eingerichtet hatte und die seither gut von ihr und von der verursachten Inflation lebte. Ausserdem war der unmittelbare Anlass die ebenfalls von der US-Innenpolitik forcierte Eigentumsstreuung beim Hausbesitz, welche die 2‘000 Milliarden fauler Hypotheken als Material der Krise lieferte. Die Instrumente konnten nun wirklich wenig dafür.
Wenn man ausserdem die Gier als systemgewollte Triebfeder einbezieht, also das Eigeninteresse der Banken, aber auch der Kreditnehmer, der Millionen von Hypothekarschuldnern zu Tiefzinsen und Höchstbelehnungen in den USA, in Spanien, Irland und Osteuropa, dann gibt es keinen Raum für die seltsame moralische Empörung über Banken und Banker. Alles war politisch so gewollt und eingerichtet.
Vollreservenbanken als wahre Sicherheit
Als Abhilfe kann man nun entweder ein striktes Trennbankensystem oder ein Vollreservenbanksystem errichten, wo die Banken nur Vermögenswerte verwalten, aber diese ausserhalb ihrer Bilanz direkt auf Rechnung der Kunden in Immobilien, Aktien, Obligationen und Geldmarktfonds investieren, wo also die Geldschöpfung nur durch die Notenbank stattfindet. Oder den Goldstandard. Oder die Notenausgabe durch private Banken, die im Wettbewerb um Solidität gegenüber dem Publikum stehen, wie von 1848 bis 1907 in der Schweiz und von 1789 bis 1913 in den USA. Oder mit Banken, deren Obligationengläubiger im Krisenfall die Guthaben in Aktien umtauschen und die Bank sofort und ohne Staatshilfe sanieren müssen («contingent convertible bonds»). Oder aber man akzeptiert die Frivolität des gegenwärtigen Systems und sucht die Schuld nicht bei den Banken.
Hingegen steht man im Jahr 2011 genauso verblüfft und ahnungsvoll da wie 1971 beim Zusammenbruch des Golddevisenstandards vor der explodierenden Geldmenge. Diesmal allerdings steht man vor dem Aufkauf der früheren, schlechten Kreditpakete aus den Banken durch die Notenbanken, vor deren Aufkauf schlechter Staatspapiere in den USA und durch die Europäische Zentralbank (EZB) sowie vor der massiven Kreditstützung und Geldschöpfung durch den Internationalen Währungsfonds (IWF).
Wenn die Wehleidigkeit aller Beteiligten, also der Banken, Politiker, Firmen und Gewerkschaften, anhält und wenn mit diesen Mitteln immer weiter Liquidität geschaffen wird, muss eine Inflation oder ein allgemeiner Kladderadatsch folgen. Denn die Schulden sind immer noch da, wurden aber vervielfacht und auf alle denkbaren Bilanz-Ebenen geschoben – von Haushalten in Banken, in Staatsschulden, in Notenbanken und in den Weltwährungsfonds.
Beat Kappeler
Dieser Artikel entstammt – mit Zustimmung von Autor und Verlag – dem kürzlich im NZZ-Verlag erschienenen neuen Buch von Beat Kappeler «Wie die Schweizer Wirtschaft tickt». Einen Bestell-Talon für diese interessante, sehr lesenswerte Neuerscheinung finden Sie auf dem «Büchertisch» auf Seite 7 der heutigen «Schweizerzeit».