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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

99. Vortrag
2.
Denn wenn der Heilige Geist als eine Taube erschien in körperlicher Gestalt1, so war das ein für den Augenblick bewirktes und vorübergehendes Gesicht, wie auch, als er auf die Jünger herabkam, ihnen zerteilte Zungen erschienen gleich Feuer, das sich auf jeden von ihnen niederließ2. Wer also sagt, die Taube sei mit dem Heiligen Geiste zur Einheit der Person verbunden worden, so daß aus ihr und Gott (denn der Heilige Geist ist Gott) die eine Person des Heiligen Geistes bestand, der wird dies auch von jenem Feuer zu sagen gezwungen sein, um so einzusehen, daß er keines von beiden behaupten dürfe. Denn diese Dinge, welche zur Bezeichnung der Substanz Gottes, je nachdem es notwendig war, den körperlichen Sinnen der Menschen sich darstellten und vorübergingen, sind für den Augenblick von Gott hervorgerufen worden an der dienenden Kreatur, nicht an der herrschenden Natur, die, in sich bleibend, bewegt, was sie will, und, selbst unveränderlich, verändert, was sie will. Wie auch jene Stimme aus der Wolke wohl die körperlichen Ohren und den Sinn des Leibes, der Gehör heißt, berührt hat3; und doch ist keinesfalls zu glauben, das Wort Gottes, was der eingeborene Sohn Gottes ist, werde, weil er Wort genannt wird, durch Silben und Töne begrenzt, weil ja auch nicht alle zugleich erklingen könnten bei einer Rede, sondern gleichsam alle neugeborenen Töne den sterbenden ordnungsgemäß nachfolgen, so daß das Ganze, was wir reden, durch die letzte Silbe beschlossen wird. Es sei ferne, daß der Vater so zum Sohne [S. 1003] redet, d. h. Gott zu seinem göttlichen Worte. Doch dies zu fassen, soweit es vom Menschen überhaupt erfaßt werden kann, ist Sache derer, welchen nicht Milch, sondern feste Speise gehört. Da nun der Heilige Geist nicht durch Annahme eines Menschen Mensch geworden, nicht durch Annahme eines Engels Engel geworden, nicht durch Annahme irgendeiner Kreatur Kreatur geworden ist, wie ist bei ihm das Wort des Herrn zu verstehen: „Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er immer hören wird, das wird er reden“? Eine schwierige, eine mehr als schwierige Frage! Der Heilige Geist selbst möge beistehen, damit wir wenigstens, wie wir sie denken können, so auch darzulegen vermögen, und dieselbe so zu eurem Verständnis gelange, gemäß meiner Fähigkeit.
1: Matth. 3, 16.
2: Apg. 2, 3.
3: Luk. 9, 35.