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2021 feierten gleich zwei Filme des japanischen Regisseurs Ryūsuke Hamaguchi Premiere: Die dreistündige Haruki-Murakami-Adaption «Drive My Car» wurde zum Überraschungserfolg. Dem grossartigen Kurzfilmzyklus «Wheel of Fortune and Fantasy» wäre das ebenfalls zu gönnen.
Eine junge Frau (Kotone Furukawa) merkt, dass der neue Partner, von dem ihr ihre beste Freundin (Hyunri) erzählt, ihr Ex-Freund (Ayumu Nakajima) ist. Eine Studentin (Katsuki Mori) lässt sich auf den finsteren Plan eines Kommilitonen (Shouma Kai) ein, der einem verhassten Professor (Kiyohiko Shibukawa) eins auswischen will. Zwei Frauen (Fusako Urabe, Aoba Kawai) treffen sich auf der Strasse und beginnen, sich zu unterhalten, im Irrglauben, sich zu kennen.
Es sind, auf dem Papier, keine weltbewegenden Geschichten, die Ryūsuke Hamaguchi in seiner Kurzfilm-Anthologie «Wheel of Fortune and Fantasy» verhandelt. Doch wie sein oscarprämiertes Meisterstück «Drive My Car» mit seiner geduldigen Auseinandersetzung mit Trauer, Einsamkeit, Kunst und emotionaler Verschlossenheit unlängst gezeigt hat, braucht der japanische Regisseur nicht viel mehr als eine simple Prämisse und ausgedehnte, schlicht inszenierte Dialogszenen, um seinem Publikum ein zutiefst bewegendes Kinoerlebnis vorzulegen.
In «Wheel of Fortune and Fantasy» demonstriert Hamaguchi dieses Talent gleich dreimal. In den Kurzfilmen «Magic (or Something Less Assuring)», «Door Wide Open» und «Once Again» beschäftigt er sich mit Themen, wie man sie auch in «Drive My Car» vorfand: die Tücken jeglicher Art von Beziehung – ob romantisch, sexuell oder rein platonisch –, Kommunikationsprobleme, unterdrückte Gefühle, das kathartische Potenzial von Rollenspielen, die Erkenntnis, dass man manchmal einen anderen Menschen braucht, um in sich selbst hineinzublicken. Diese inhaltliche Verwandtschaft kommt nicht von ungefähr: Die Dreharbeiten von «Drive My Car» fielen pandemiebedingt zwischen jene von «Door Wide Open» und «Once Again»; für Hamaguchi selbst bilden die beiden Filme ein Zwillingspaar.
Doch wo sich «Drive My Car» drei Stunden Zeit nahm, um das komplexe, bisweilen widersprüchliche Innenleben einer Handvoll Figuren auszuloten, bleiben die Dinge in «Wheel of Fortune and Fantasy» weitaus impliziter und dadurch auch abstrakter. Das tut der Faszination, welche die von Hamaguchi erdachten Szenarien ausüben, aber gar keinen Abbruch – im Gegenteil.
Jede der knapp 40-minütigen, von sanftem Humor durchsetzten Episoden erzählt eine scharf umrissene Geschichte, in der das Publikum dazu animiert wird, seine eigenen Schlüsse über die Beteiligten zu ziehen. Vorgeschichten und persönliche Situationen werden angedeutet – oft mithilfe subjektiv verzerrter Selbsteinschätzungen, deren Ambivalenz von den Schauspieler*innen ausnahmslos mit beeindruckender stimmlicher und mimischer Präzision vermittelt wird. So ist man als Zuschauer*in stets doppelt aktiv: Man fühlt sich in die einzelnen Figuren und ihre aktuellen Herausforderungen hinein, während man sich noch mitten im Kennenlernprozess befindet.
«Beziehungen, so die Schlussfolgerung, sind kompliziert – ein Spannungsfeld aus individuellen Vorstellungen und Erwartungen, vergangenen Enttäuschungen und imaginierten Zukünften.»
«Magic» ist ein Musterbeispiel für diese erzählerische Raffinesse. Während eines langen Taxigesprächs erfährt Meiko (Furukawa) von der neuesten romantischen Eroberung von Tsugumi (Hyunri), merkt, dass es sich dabei um ihren eigenen Ex-Freund Kazuaki handelt, und wird dabei auch gleich mit Kazuakis anscheinend geschönter Sichtweise auf ihre Trennung konfrontiert. Doch sosehr diese Einführungssequenz Meiko als unglücklich Sitzengelassene zu etablieren scheint, wird dieser Eindruck vom weiteren Geschehen ernsthaft in Zweifel gezogen – und zwar auf eine Art und Weise, die eine allgemeine Verurteilung irgendjemandes Verhalten verunmöglicht. Beziehungen, so die Schlussfolgerung, sind kompliziert – ein Spannungsfeld aus individuellen Vorstellungen und Erwartungen, vergangenen Enttäuschungen und imaginierten Zukünften, in dem emotionale und moralische Klarheit oftmals eine Illusion ist.
Und auch «Door Wide Open» und «Once Again» bestechen mit ihren eigenen Nuancen, ihren eigenen Grauzonen. Die Geschichte der verheirateten Nao (Mori), welche aus alles andere als offensichtlichen Gründen auf die Rachefantasien ihres jüngeren Liebhabers Sasaki (Kai) eingeht und dem sozial unbeholfenen Professor Segawa (besonders grossartig: Kiyohiko Shibukawa) eine «Honigfalle» stellen will, ist eine leise erschütternde Aufarbeitung von institutionellen und geschlechterpolitischen Machtgefällen und gesellschaftlicher Prüderie.
Gerade in diesem Kontext ist «Once Again» ein umso hoffnungsvollerer Abschluss von Hamaguchis Kurzfilmzyklus, da hier, in einer Welt, die sich vom Internet verabschiedet hat, die Möglichkeit einer erfüllenden, lebensverändernden, «magischen» Verbindung zwischen zwei Unbekannten suggeriert wird. Doch gleichzeitig schwingt auch in dieser Episode eine untrügliche Melancholie mit: Nicht nur kompensiert die Zufallsbekanntschaft von Natsuko (Urabe) und Aya (Kawai), die sich zunächst für alte Schulfreundinnen halten, letztlich halt doch für eine Lücke im Leben beider Frauen – Hamaguchis Drehbuch liesse sogar die (zugegebenermassen eher unwahrscheinliche) Interpretation zu, dass Natsuko und Aya ihre Verwechslung am Ende doch nur vortäuschen.
Die drei Kapitel setzen unterschiedliche thematische Akzente, harmonieren im Anthologieformat aber hervorragend miteinander: So wie sich Meikos Eifersucht in Sasakis Groll gegen Segawa widerspiegelt – da im Grunde beide einer hypothetischen Zukunft nachtrauern –, so findet Natsukos Gefühl der Verlorenheit ihre Entsprechung in Naos beruflicher und familiärer Unsicherheit. Sie alle sind Menschen im Glücksrad des Lebens, Spielbälle des Zufalls, mal Opfer, mal Nutzniesser*innen der Spätfolgen ihrer eigenen Entscheidungen; und sie alle manövrieren sich in Situationen, die ihnen weitere schicksalhafte Entscheidungen abverlangen.
«Viele Regisseur*innen können froh sein, im Laufe einer ganzen Karriere ein einziges Meisterwerk zu landen. Hamaguchi sind zwei in einem Jahr gelungen.»
Hamaguchi inszeniert diese kleinen, aber emotional gewichtigen Anekdoten mit der ihm eigenen Leichtfüssigkeit und einer Einfühlsamkeit, die im aktuellen Drama-Kino wohl ihresgleichen sucht. Wer «Drvie My Car» für seine empathische Grossherzigkeit schätzte, wird nicht umhinkommen, sich auch von «Wheel of Fortune and Fantasy» begeistern zu lassen. Viele Regisseur*innen können froh sein, im Laufe einer ganzen Karriere ein einziges Meisterwerk zu landen. Hamaguchi sind zwei in einem Jahr gelungen.
Über «Wheel of Fortune and Fantasy» wird auch in Folge 42 des Maximum Cinema Filmpodcasts diskutiert.
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Kinostart Deutschschweiz: 7.4.2022
Filmfakten: «Wheel of Fortune and Fantasy» («偶然と想像», «Gūzen to Sōzō») / Regie: Ryūsuke Hamaguchi / Mit: Kotone Furukawa, Hyunri, Ayumu Nakajima, Katsuki Mori, Shouma Kai, Kiyohiko Shibukawa, Fusako Urabe, Aoba Kawai / Japan / 121 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Sister Distribution
Der berührende «Wheel of Fortune and Fantasy» zeigt Ryūsuke Hamaguchis Klasse: In drei präzis inszenierten Kurzfilmen illustriert er die Tücken zwischenmenschlicher Beziehungen.