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Kurzfristig wurde die Turnverein-Waldweihnacht letzten Dienstag abgesagt. Die sechzig Geschenke, welche für die Vereinskinder gedacht waren, wurden stattdessen den Bewohnern der Alpenruhe überbracht. Jedem Säckli mit Mandarine, Nuss und Schokolade wurde eine Weihnachtsgeschichte von Robert Schneiter nach einer Legende von Rudolf Otto Wiemer beigelegt. Nachfolgend die Legende und Robert Schneiters Worte dazu.
Der Stein des Eseltreibers
Im Stall von Bethlehem stand ursprünglich nur ein Ochse. Als es Nacht wurde, kam dann noch ein Esel dazu. Und dieser Esel gehörte dem Eseltreiber Joel. Joel arbeitete mit seinem Esel bis zu diesem denkwürdigen Tag, den wir nun jedes Jahr als Weihnachtsfest feiern, für den reichen Gutsherrn Abamoth. Joel war ein guter Arbeiter und sein Esel war ein gutes Lasttier. Der Esel war zwar schon recht alt mit einem zotteligen Fell und hatte eine unangenehme Eigenart. Er schrie immer. Ob man ihn schlug oder nicht, es machte ihm einfach Spass, zwischendurch immer wieder «I-A, I-A» zu schreien. Vielleicht kam er sich gar vor wie einer, der etwas Wichtiges zu verkünden hat.
Er schrie, und zwar auch dann, wenn es dem reichen Herrn Abamoth überhaupt nicht passte. Und weil Menschen mit viel Geld ja alles bestimmen wollen – nicht nur hier im Saanenland – beklagte er sich beim Eseltreiber und sagte: «Dieser Esel schreit mehr, als einem Esel erlaubt ist. Das stört mich.»
Was sollte ein armer Mann wie Joel darauf sagen? «Herr Abamoth», versuchte es Joel, «ein Esel, der viel schreit, ist auch ein guter Esel! Gott selbst hat schon mehrmals durch einen Esel etwas Wichtiges ausrichten lassen. Und vielleicht will Gott ja auch gerade durch diesen Esel etwas Wichtiges sagen oder zeigen.»
Das war etwas grossspurig geredet, und Herr Abamoth lief rot an, wurde zornig und schrie:
«Fort mit dem Esel! Und ein Eseltreiber, der einen so blöden Esel entschuldigt, soll ebenfalls im Pfefferland verschwinden!» So hatte Joel seine Arbeit verloren. Er nahm den Esel beim Half- ter, und beide verliessen Abamoths Grundstück. Vorher aber hob Joel einen flachen, kantigen Stein auf und steckte ihn in die Tasche; einen Stein, den man durch die Luft schleudern konnte und der härter war als Herrn Abamoths glattrasierter Schädel. Joel hütete den Stein wie einen Edelstein und sagte sich: «Rache ist süss!» Denn Joel wollte diesem Herrn Abamoth zeigen, dass man auch mit Geld nicht alles haben kann.
Joel ging mit seinem Esel bis zu einem Stall in Bethlehem. Dort band er den Esel an. Er selber schlief nebenan im Schopf. Aber der Esel fing plötzlich an zu schreien, und Joel musste seine warme Höhle im Heu wieder verlassen, um nach dem Esel zu schauen. Und was sah er da: Während er im Heu geschlafen hatte, waren Leute in den Stall gekommen. Ein Mann und eine Frau mit einem neugeborenen Kind. Joel sah sofort, dass es arme Leute waren, sonst hätte die Frau ihr Kind sicher an einem anderen Ort zur Welt gebracht. Nicht ausgerechnet in diesem lausigen Stall, in dem sonst nur Leute wie er oder Landstreicher und Vagabunden Unter- schlupf suchten. Als Joel in den Stall kam, machte der Esel «I-A, I-A» und deutete mit dem Kopf zur Krippe, in der das Kind lag, und sagte – oder es tönte wenigstens so, wie wenn er es sagen würde: «Siehst du nicht, was hier los ist?»
Joel schaute sich um und sah, dass die Krippe furchtbar wackelte und ganz schief stand. Das eine Bein war zu kurz, und deshalb konnte das Kind nicht schlafen. Es weinte. «Leg etwas unter!», sagte der Esel. Joel schaute sich im Stall um. Es war ziemlich dunkel, und er fand nichts zum Unterlegen.
«Greif doch in deine Tasche!», sagte der Esel. Joel griff in die Tasche. Das macht man ja immer so, wenn man etwas braucht und es nicht findet. Man sucht zuerst bei sich selber. Doch in der Tasche war nichts. Nur der Stein, den er Herrn Abamoth an den Kopf werfen wollte. Und als Joel den Stein widerwillig unter das zu kurze Krippenbein schob, nickte der Esel und machte: «I-A, I-A».
Der Stein passte haargenau. Die Krippe stand nun schön waagrecht. Das Kind konnte endlich schlafen, und der Esel wurde ruhig. Nur Joel war noch nicht ganz zufrieden. Denn er hatte den Stein für etwas anderes bestimmt. Er wollte mit dem Stein Herrn Abamoth den Schädel einschlagen. Wer konnte nun dem Herrn Abamoth noch zeigen, dass auch arme Leute und Arbeiter «öpper sy»? Aber schliesslich sagte er zu sich selbst: «Dann soll halt Gott für Gerechtigkeit sorgen!»
Und der Esel machte in dieser Nacht zum letzten Mal noch einmal ganz leise «I-A, I-A».
Es kann auch in unserer Zeit passieren, dass Gott einen sogenannten «Esel» braucht, um den Menschen zu zeigen, was er von den Menschen erwartet. Normalerweise haben wir zwar keine Steine in der Tasche, um sie jemanden an den Kopf zu werfen. Aber manchmal liegt einem ein Stein schwer auf dem Herzen, sodass man sich nicht richtig auf Weihnachten freuen kann. Auch diese Steine dürfen wir an Weihnachten ablegen, damit das Leben wieder ins Lot kommen kann.
Vielleicht trägt man auch mal ein böses Wort auf der Zunge, das man bei Gelegenheit noch an den Mann oder die Frau bringen möchte. Oder man grübelt ständig am gleichen Gedanken herum und wird ihn nicht los, weil man nicht weiss, wie man sich für ein Unrecht, das einem geschehen ist, rächen könnte. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, böse Worte und schwere Gedanken abzulegen, ohne jemanden zu verletzen. «Machs wie Gott – werde Mensch!» So heisst ein weihnächtliches Motto. Gott lädt uns an Weihnachten ein, alles, was das Leben oder das Zusammenleben schwer macht, abzulegen und es Christus zu übergeben, damit das ganze Leben wieder ins Lot kommen und Freude herrschen kann.
Ich wünsche euch allen von Herzen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit – eine Zeit, in der ihr spüren dürft, dass Gott euch liebt und für euch da ist – eine Zeit, in der es euch gelingt, Ja zu sagen zu eurem Leben. Ja zu sagen zu den hellen und dunklen Seiten, die das Leben reich machen.
Ich wünsche euch gesegnete Festtage, ein gutes neues Jahr und die grosse Kraft, einander immer wieder als friedliche und versöhnliche Menschen zu begegnen. Ich wünsche euch von Herzen Gottes Segen.
ROBERT SCHNEITER
Der Turnverein schliesst sich den Wünschen von Robert an.
TURNVEREIN SAANEN-GSTAAD, KATHRIN HEFTI