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Eine der häufigsten Berufskrankheiten in der Schweiz ist die Lärmschwerhörigkeit. 800 Fälle sind es pro Jahr. Dies hatte die Suva bereits in den Fünfzigerjahren erkannt und mit den ersten Präventionsmassnahmen begonnen. 1971 erfand sie das «Audiomobil» – einen Messwagen, mit dem sie Unternehmen besuchte und die Angestellten untersuchte. Mobil ging sie gegen eine eigentliche Volkskrankheit vor.
Lärm ist kein Stoff, kein Gift. In der ursprünglichen Konzeption der Berufsunfallversicherung konnte er deshalb auch keine Berufskrankheit verursachen. Dennoch waren die Folgen für die Gesundheit der Arbeiter, die sich über Jahre nicht gegen die Lärmeinwirkung an ihrem Arbeitsplatz schützten, offensichtlich.
1956 begann die Suva, freiwillige Leistungen an Schwerhörige zu entrichten – allerdings nur für Schäden, die zu «Taubheit oder an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit» führten, also für schwere Fälle. 1961 beantragte sie dem Bundesrat, den Lärm als Ursache für Berufskrankheiten in das entsprechende «Verzeichnis gemäss Art. 68 KUVG» aufzunehmen. Gleichzeitig betonte sie die «entscheidende Bedeutung» der vorbeugenden Massnahmen:
«Denn wenn dieses Leiden einmal entstanden ist, besteht keine Aussicht auf Heilung, lediglich seine Folgen können durch Hilfsmittel gemildert werden.»
1968 entschloss sich die Suva, die Lärmbekämpfung zu einem Schwerpunkt der Prävention zu machen. In einem «grossen, lärmintensiven Betrieb» führte sie Testuntersuchungen durch – als Grundlage für die Einführung der medizinischen Prophylaxe. 1969 untersuchte sie 800 Versicherte – «orientierungshalber», wie die Suva festhielt. Es war deutlich, dass sie eine grossflächige Präventionskampagne plante.
Bei der Bekämpfung von Hörschäden setzte die Suva auf eine mobile Lösung. 1971 erfand sie das «Audiomobil» – einen Messwagen, mit dem sie Unternehmen besuchte und die Angestellten untersuchte. Schon im ersten Halbjahr führte sie 4000 Untersuchungen durch. Zunächst beschränkte sie sich auf Unternehmen in der Zentralschweiz, 1972 kamen die Kantone Genf und Tessin dazu.
Schnell wurde das auffällige «Audiomobil» für die Suva zu einem Sympathieträger. Es wurde in der Öffentlichkeit wahrgenommen, es stand für die Volksnähe und in einem gewissen Sinne für die Innovationskraft der Versicherungsgesellschaft, der in der Öffentlichkeit immer noch das Image der «Anstalt» anhaftete. Dies erkannte die Suva-Führung: Das zweite «Audiomobil» wurde 1973 an der Mustermesse in Basel lanciert, in den Achtzigerjahren wurden die insgesamt sechs Fahrzeuge – als PR-Aktion – auf die Städtenamen von Kreisagenturen getauft: Sitten, Bellinzona, Zürich, Lausanne, Bern und St. Gallen.
Zehntausende von lärmgefährdeten Arbeitnehmern wurden getestet, in der Regel etwa 50 000 pro Jahr. Systematisch wurden die lärmintensiven Industrien kontrolliert – Stahlwerke, Giessereien, Druckereien und Buchbindereien, Kunststeine- und Zementwarenfabriken, das Baugewerbe, später auch die Nahrungsmittelindustrie, Betankungs- und Fluggesellschaften, Mühlen, Maschinenfabriken sowie Eisen- und Strassenbahnen.
1976 stellte die Suva fest, dass «die zulässigen Grenzwerte für gehörschädigenden Lärm im Allgemeinen erreicht oder zum Teil sogar überschritten werden». Und sie wies darauf hin, dass rund 250 000 Arbeitnehmer in der Schweiz an lärmexponierten Arbeitsplätzen arbeiteten. 90 Prozent der Weisungen, die von der Suva an Betriebsinhaber gingen, betrafen den Lärmschutz.
Allerdings haperte es mit der konkreten Umsetzung. Nach der Kontrolle von 2500 Betrieben stellte die Suva in ihrem Jahresbericht von 1985 fest: «93 Prozent der Betriebe stellten Lärmschutzmittel zur Verfügung, und rund 50 Prozent der überprüften Arbeitnehmer machten davon Gebrauch.» Das heisst, die Hälfte der Arbeitnehmer verzichtete darauf, Ohrenstöpsel oder Gehörschutzkapseln zu verwenden.
1992 waren es nur noch 25 Prozent, die sich nicht schützten. Hingegen stellte die Suva fest, dass fast ein Fünftel der Gehörschutzkapseln defekt und die Hälfte der Geräte nicht gewartet waren. Für die Suva war es ein Grund, die Präventionsarbeit zu intensivieren.
1997 zog sie eine positive Bilanz: 1973 hätten noch mehr als 37 Prozent der untersuchten Personen zumindest leichte Gehörschäden aufgewiesen, 1997 sei der Anteil auf 11 Prozent gesunken. 2008 betrug er noch 9 Prozent, und auch das Bewusstsein für die Präventionsmassnahmen hatte den gewünschten Stand erreicht: Mehr als 90 Prozent der Arbeitnehmer trugen einen Gehörschutz.
Mit der Lärmprävention war es der Suva gelungen, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. 1987 entwickelte sie einen Telefonhörtest, der von Hunderttausenden von Schweizern genutzt wurde. Topmodern auf einer CD, in der «bestmöglichen Tonqualität ohne Abnützung des Tonträgers und erst noch zu einem vernünftigen Preis», wie sie schrieb, nahm man Prüftöne auf. Telefonanrufer konnten testen, ob sie die Töne hörten – analog dem Verfahren in den «Audiomobilen».
Für die Suva war es ein unerwarteter Erfolg. Sie hatte mit 1000 Anrufern pro Monat gerechnet, in den ersten 15 Monaten waren es 234 808 Anrufe – 420 pro Tag.
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