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Sie fühlen sich häufig schlapp und müde? Wie ein Akku, der sich schnell entlädt und nur langsam oder unvollständig wieder mit Energie auflädt? Es fehlen Ihnen der Antrieb, etwas anzupacken, und die Ausdauer, es durchzuziehen?
Dies sind Anzeichen eines bei entzündlichem Rheuma recht häufig vorkommenden Symptoms: der Fatigue. Diese kann aber auch eine eigene, der Fibromyalgie zum Verwechseln ähnliche Krankheit sein.
Dieser Beitrag möchte das Verständnis für die Fatigue fördern und sie klarer als oft üblich einerseits von der Müdigkeit und andererseits der Erschöpfung im engeren Sinne abgrenzen.
Die Fatigue: Symptom oder Syndrom?
Die Unklarheiten um die Fatigue beginnen schon mit dem Namen. So passt die Alltagsbedeutung des französischen Ausdruckes «la fatigue» (Müdigkeit) kaum zur existenziellen Erschöpfung einer fortgeschrittenen Fatigue.
Existenziell, weil die verfügbare Energiereserven auf allen Ebenen dahinschwinden. Es bleibt nicht bei der muskulären Entkräftung. Die Betroffenen empfinden auch eine emotionale Erschöpfung, fühlen sich vielen Anforderungen nicht mehr gewachsen und brauchen länger, um über negative Erfahrungen hinwegzukommen. Hinzu kommen kognitive Funktionsausfälle wie Konzentrationsschwäche, Gedächtnislücken und Wortfindungsstörungen. Viele Betroffene fühlen sich wie benebelt im Kopf (Brain Fog).
Ungewiss ist dabei, ob die muskuläre Fatigue, die emotionale Fatigue und die kognitive Fatigue dreierlei Erschöpfungszustände sind oder ein und dieselbe Fatigue ausdrücken.1
Die Unklarheiten setzen sich fort im Blick auf die diversen Krankheiten, von denen die Fatigue ein Symptom sein kann. Denn Krebs, Rheuma, Corona, Multiple Sklerose, Herz- oder Lungenerkrankungen scheinen die Fatigue zu variieren. Einige Formen haben eigene Namen bekommen wie Cancer-Fatigue oder Post-COVID-Fatigue.
Zusätzliche Verwirrung stiftet das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) bzw. die Myalgische Enzephalomyelitis (ME). Die Diagnose ME/CFS erhebt die Fatigue in den Rang einer eigenen Erkrankung mit den beiden zentralen Symptomen Fatigue und Post-Exertional Malaise (der unverhältnismässigen Zustandsverschlechterung nach Belastung).2
Typisch für ME/CFS ist ein plötzlicher Ausbruch, häufig nach einer Virusinfektion. Im weiteren Verlauf entwickeln sich ähnlich viele und viele ähnliche Symptome wie beim Fibromyalgie-Syndrom (FMS) mit seinen zentralen Symptomen Schmerzen, Fatigue, Schlafproblemen und Konzentrationsstörungen.
Kurz: Die Fatigue kann sich als Symptom einer Krankheit ausprägen oder selber eine sein. Die Bestimmung als Syndrom (Krankheit) oder Symptom (Krankheitszeichen) ist Aufgabe der ärztlichen Diagnostik.
Was ist Fatigue im Unterschied zu Müdigkeit und Erschöpfung?
Auffällig an der Fatigue ist die Reaktion auf Stress. Zu diesem Zusammenhang hat die kanadische Krankenschwester Dr. Karin Olson eine einflussreiche Hypothese aufgestellt, die 2007 im Fachmagazin «Oncology Nursing Forum» veröffentlicht wurde.3
Olson schlug vor, das weite Feld der einschlägigen Schlüsselbegriffe (Unwohlsein, Krankheitsgefühl, Müdigkeit, Schlappheit, Langeweile, Depression, Gereiztheit, Erschöpfung, Schwäche, Ungeduld, Ängstlichkeit, Fatigue) auf die drei Grundbegriffe Müdigkeit, Fatigue und Erschöpfung zu reduzieren und diese in eine bestimmte Systematik zu bringen. Sie orientierte sich dabei am allgemeinen Reaktionsmuster des Körpers auf länger anhaltende Stressreize, das vom «Vater der Stressforschung» (Hans Selye) entwickelt wurde. Seinem Anpassungsmodell zufolge geht ein Organismus bei chronischem Stress durch die Phasen Alarm, Widerstand und Erschöpfung.
Wie im Diagramm ersichtlich, zeigt die Kurve des Stresswiderstandes nach einem Schlenker in der Alarmphase einen erstarkenden und gipfelnden Verlauf im Stadium des Widerstandes (resistance) und am Ende einen Abfall in die totale Erschöpfung (exhaustion).
Olsons Leistung besteht im Kern darin, diesen Phasen die drei Zustände Müdigkeit, Fatigue und Erschöpfung zuzuordnen. Diese Zuordnungen bilden einen Rahmen, innerhalb dessen sich seither sehr viele Definitionen der Fatigue bewegen.4
|Phase||Zustand|
|Aufbau einer Alarmreaktion||Müdigkeit|
|Aufrechterhaltung des Widerstandes||Fatigue|
|Erschöpfung der Widerstandskräfte||Erschöpfung|
Wichtig für das Verständnis der Fatigue sind die Abgrenzungen und die Übergänge.
Müdigkeit
Die Müdigkeit ist ein Zustand akut verbrauchter Energie und Ausdruck einer Alarmreaktion auf Stress. Die Betroffenen empfinden in den Muskeln ein Gefühl von Schwere oder Schwäche, sind vergesslich, reizbar und schläfrig. Sie haben in der Regel keine Schlafprobleme.
Fatigue
Fatigue-Betroffene hingegen fühlen sich müde ohne Schlafneigung und haben keinen erholsamen Schlaf. Sie zeigen ein irreguläres Schlafmuster mit wenig oder gar keinem Tiefschlaf. Hinzu gesellen sich Konzentrationsstörungen, Ängstlichkeit, eine zunehmende Empfindlichkeit auf Licht, Geräusche und Berührungen sowie zahlreiche weitere Beschwerden, die sich mit noch so viel Erholung und Entspannung kaum lindern lassen.
Die Betroffene sind gezwungen, mit ihren verfügbaren Energien haushälterisch umzugehen. Zum Beispiel, indem sie für soziale Aktivitäten jeweils vorab Energiereserven ansammeln und danach einen Ruhetag einlegen. Zu jeder Leistung müssen sie sich aufraffen und anstrengen. Das Stressanpassungsmodell reflektiert diese kämpferische Seite in der aktiven Aufrechterhaltung des Widerstandes.
Erschöpfung
Die Erschöpfung ist in Abgrenzung zur Fatigue deren Steigerung und entwickelt massive körperliche, kognitive und emotionale Symptome wie spontane und unvorhersehbare Energieverluste, Verwirrtheit und Depression. Zu arbeiten und am sozialen Leben teilzunehmen, wird schwierig. Der chronische Energiemangel zwingt zu einem Leben auf Sparflamme. Betroffene beschreiben ihr Lebensgefühl als ein Dahinvegetieren.
Der Weg von der anfänglichen Müdigkeit zur völligen Erschöpfung ist aber keine Einbahnstrasse. Bei erfolgreicher Stressanpassung dürfen Betroffene hoffen, aus der Erschöpfung in eine Fatigue respektive aus der Fatigue in eine Müdigkeit zurückzufinden. Müdigkeit, Fatigue und Erschöpfung sind Ausprägungen eines Kontinuums (eines zusammenhängenden Ganzen) mit Übergängen von Stadium zu Stadium.
Wie häufig ist die Fatigue bei Rheuma?
Allgemein geht man davon aus, dass vier von fünf Menschen mit einer chronisch entzündlichen Erkrankung so sehr unter einer Fatigue leiden, dass sie im täglichen Leben davon beeinträchtigt werden.
Auch bei entzündlichem Rheuma ist der Fatigue-Anteil beträchtlich. Er liegt bei der rheumatoiden Arthritis bei ungefähr 70%. Die Fatigue bei RA kann sogar noch vor den Gelenkbeschwerden auftreten (und diese ankündigen) und übrigbleiben, nachdem sich alle anderen Symptome durch eine erfolgreiche Therapie haben zurückdrängen lassen.
Ebenfalls bei 70% oder wahrscheinlich höher liegt der Anteil der Fatigue-Betroffenen beim Sjögren-Syndrom.5 Einzelne meinen sogar, dass das Symptom Fatigue bei Sjögren nur ganz selten fehle.6 Bei Lupus zählt die Fatigue bei zwei Dritteln der Betroffenen zur Symptomatik.7 Im Falle von Morbus Bechterew sind knapp die Hälfte von Fatigue betroffen.8
Gibt es Medikamente gegen die Fatigue?
Es gibt kein Arzneimittel gegen die Fatigue. Man nimmt allgemein an, dass die Fatigue eine Folge der immunologisch-entzündlichen Prozesse sei. Wenn dem so ist, müsste sie auf die medikamentöse Absenkung des Entzündungspegels ähnlich ansprechen wie der Schmerz. Die Verbesserung des Krankheitsverlaufes durch klassische Basismedikamente (wie Methotrexat) oder Biologika (wie TNF-alpha-Hemmer) sollte also ebenfalls die muskuläre, die kognitive und die emotionale Erschöpfung reduzieren. Aber diese Wirkungen sind gering.9Antidepressiva können eine Option sein. Zu deren Wirksamkeit bei einer Fatigue gibt es allerdings keine gesicherten Erkenntnisse. Empfohlen werden Antidepressiva nur, wenn die Fatigue in Begleitung einer Depression auftritt oder wenn man vermuten kann, dass die Fatigue von einer Depression ausgelöst wurde.10
Unter den pflanzlichen Arzneien wirken vor allem Ginseng-Präparate gegen die Fatigue. Dazu gibt es mehrere Studien mit Krebs-Betroffenen. Aber ob sich die bei Cancer-Fatigue gewonnenen Erfahrungen auf die Fatigue bei entzündlichem Rheuma übertragen lassen, ist ungewiss. Ginseng ist ein bewährtes Mittel gegen alle Formen von Erschöpfung. Dafür liefern die traditionellen asiatischen Heilkunden historische Evidenz. Ginseng kann aber mit anderen Arzneistoffen wechselwirken. Wenn Sie Medikamente einnehmen, sollten Sie sich vor einer Anwendung von Ginseng ärztlich beraten lassen.
Fachliche Prüfung: Dr. med. Michael Gengenbacher, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Bewegungsapparat und Innere Medizin, ZURZACH Care
Autor: Patrick Frei, Rheumaliga Schweiz
Veröffentlichung: 15. September 2023
Anmerkungen
- Barth, Reno: Fatigue – eine biologische Folge der Entzündung. Ars Medici Dossier III 2016, S. 28-30. PDF zum Herunterladen.
- Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V.: Was ist ME/CFS? Abrufbar über diesen Link. Letztmals eingesehen am 11.09.2023.
- Olson K. A New Way of Thinking About Fatigue: A Reconceptualization. Oncol Nurs Forum. 2007 Jan;34(1):93-99. https://doi.org/10.1188/07.ONF.93-99
- Matti, N, Mauczok, C & Specht, MB. Müdigkeit, Fatigue und Erschöpfung: Alles das Gleiche oder Ausprägungen eines Kontinuums? – Ein Diskussionsanstoss. Somnologie 26, 187–198 (2022). https://doi.org/10.1007/s11818-022-00372-6
- Wikipedia: Sjögren-Syndrom. Abrufbar über diesen Link. Letztmals eingesehen am 11.09.2023.
- Krüger, Klaus: Kampf gegen die bleierne Müdigkeit, in: mobile 2014/4.
- Medical Tribune: Fatigue bei Lupus – Begleiterkrankungen, Medikamente oder spezifische Organschäden. Abrufbar über diesen Link. Letztmals eingesehen am 11.09.2023.
- Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew: «Die Bechterew-Müdigkeit» und was man dagegen tun kann. Abrufbar über diesen Link. Letztmals eingesehen am 11.09.2023.
- Manjaly, Zina-Mary: Fatigue bei rheumatoider Arthritis, in: SPV/ASP-Info Nr. 150, Dezember 2018, Seiten 5-8.
- Deutsche Fatigue Gesellschaft: Medikamentöse Therapie. Abrufbar über diesen Link. Letztmals eingesehen am 11.09.2023.