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Aus dem Immaculata-Archiv:
Das Scheyerer Kreuz
Aus den einschlägigen Urkunden zusammengestellt
von + Dr. P. Laurentius Hanser O.S.B.
1. Das heilige Kreuz in Jerusalem
Nach dem Opfertode des göttlichen Heilandes wurde das Kreuz von den Juden am Fuße des Kalvarienberges eingescharrt, wo es fast drei Jahrhunderte verborgen blieb. Unterdessen erfüllten sich die Weissagungen des Herrn über den Untergang Jerusalems und die Ausbreitung seiner Kirche, welche in zehn furchtbaren Verfolgungen aus den Strömen von Martyrerblut Millionen neuer Söhne gewann. Als die Wüteriche Diokletian und Galerius vor Gottes Richterstuhl gerufen wurden, und Konstantin, der Sohn der hl. Helena, wider den Gegenkaiser Maxentius zu Felde zog, erschien ihm (312) das Kreuz helleuchtend am Himmel mit der Inschrift: "In diesem Zeichen wirst du siegen!" Konstantin glaubte der Verheißung, erhob das Kreuz an Stelle des abgöttisch verehrten römischen Adlers zum Feldzeichen, ließ das Christusmonogramm auf der neuen Reichsstandarte, Labarum genannt, anbringen, und zog nach einem glänzenden Siege über Maxentius in Rom ein, wo er seine Bildsäule aufstellen ließ mit dem Kreuze in der Hand und der Inschrift: "In diesem heilbringenden Zeichen habe ich eure Stadt vom Tyrannen befreit." Durch das Mailänder Edikt (313) gewährte er dem Christentum die staatliche Anerkennung. Zwischen den Jahren 326-329 unternahm die Kaiserin-Mutter Helena trotz ihrer 80 Lebensjahre eine Wallfahrt ins Heilige Land, um dortgemäß der ihr im Traumgesichte erteilten Mahnung nach dem Grabe des Heilandes und dem Werkzeuge unserer Erlösung zu forschen. Sie fand die heiligen Stätten verwüstet und verschüttet und durch die von Kaiser Hadrian (117-138) errichteten Götzentempel entweiht. Nach langer Mühe wurde die Felsengrotte des heiligen Grabes bloßgelegt, und nicht weit davon in östlicher Richtung fanden sich drei Kreuze samt Nägeln und der Inschrift, die aber losgetrennt war, sodaß man das Kreuz Christi nicht mehr erkennen konnte. Da ließ der heilige Bischof Makarius die drei Kreuze nacheinander einer Schwerkranken auflegen, die durch Berührung des dritten Kreuzes auf der Stelle genas. Die Nägel und einen Teil des hl. Kreuzes schickte Helena ihrem kaiserlichen Sohn nach Konstantinopel, während der größere Teil in Jerusalem verblieb, wo auf Befehl Konstantins über dem Kalvarienberg und dem heiligen Grabe alsbald ein Riesendom erstand, der am 13. September 335 zu Ehren der Auferstehung Christi (Anastatis) und des hl. Kreuzes eingeweiht wurde. Am nächsten Tage wurde von der Kanzel des neuen Gotteshauses aus zum ersten Male das Volk mit der Kreuzreliquie gesegnet. Zur Erinnerung daran feiert man seitdem das Fest Kreuzerhöhung.
Im Jahre 614 fiel Jerusalem in die Hände der heidnischen Perser, die das hl. Kreuz raubten und es erst vierzehn Jahre später dem siegreichen Kaiser Heraklius zurückgaben, welcher es in feierlicher Prozession auf den Kalvarienberg tragen wollte. Allein am Fuße des heiligen Berges angelangt, fühlte er sich so lange von einer geheimnisvollen Gewalt an der Vollendung des Weges gehindert, bis er auf den Rat des hl. Bischofs Zacharias von Jerusalem allen kaiserlichen Prunk ablegte und barfuß, im schlichten Pilgergewande alsbald sein Ziel erreichte. Leider konnten sich schon wenige Jahre darnach (636) die Anhänger des falschen Propheten Mohammed Jerusalems bemächtigen, das ihnen erst am 15. Juli 1099 von den Kreuzfahrern unter Gottfried von Bouillon wieder entrissen wurde, um sodann bis zum 2. Oktober1187 die Hauptstadt des gleichnamigen christlichen Königreiches zu bilden. Damit sind wir bei dem Jahrhundert angelangt, in welchem die nun in Scheyern verehrte Kreuzreliquie von Jerusalem ins Abendland gebracht wurde.
2. Das heilige Kreuz in Dachau
Im Jahre 1114 wurde das Patriarchalkapitel von Jerusalem, das bisher aus Weltpriestern bestanden hatte, durch die Ordensgesellschaft der Kanoniker vom heiligen Grabe ersetzt, welche 1122 die Bestätigung von Papst Kalixt II. erlangte und 1144 in Palästina bereits sieben Klöster zählte. Als in der Folgezeit die Lage des christlichen Königreichs Jerusalem durch die wachsenden Anstürme der Ungläubigen immer bedrohter wurde, geriet auch das Patriarchat infolge der Erschwerung der abendländischen Pilgerzüge und innerer Zwistigkeiten mit den Tempelrittern in Geldverlegenheit. Um dieser Not abzuhelfen, gab der Kanoniker Konrad, ein Mitglied der genannten Ordensgesellschaft, dem Patriarchen Fulcherius (1146-1157) den Rat, einen Almosensammler mit Reliquien ins Abendland abzusenden, und erbot sich selber zu diesem Unternehmen. Derartige Sammelreisen waren damals ebenso an der Tagesordnung, wie in unserer Zeit die Kirchenbaulotterien. Ganze heilige Leiber trug man unter Glockengeläute und Psalmengesang von Land zu Land, und Hunderttausende strömten herbei, die Heiligen durch Gebet und Opfergaben zu ehren. So entschlossen sich denn auch Patriarch Fulcherius und das Kapitel der hl. Grabeskirche den Kanoniker Konrad als Almosensammler auszusenden mit einem Reliquienkreuze und einem Beglaubigungs- und Empfehlungsschreiben folgenden Inhaltes:
(Die beiden Urkunden der Patriarchen Fulcherius und Heraklius kamen 1803 durch die Säkularisation aus dem Scheyerer Klosterarchiv in das Reichsarchiv nach München, wo sie seit 1900 wiederholt von erstklassigen Autoritäten auf dem Gebiete des Urkundenwesensuntersuchtund einstimmig als echt anerkannt wurden.)
"Fulcherius, durch Gottes Barmherzigkeit Patriarch der Kirche von der heiligen Auferstehung Christi unseres Herrn, und Amalrich, Prior der heiligen Grabeskirche, mit dem gesamten Konvente der Chorherren entbieten den Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten, allen geistlichen und weltichen Würdenträgern, den Reichen wie den Armen, welche diese Urkunde lesen oder verlesen hören, Gruß in Christo nebst dem Versprechen des heiligen Gedenkens am glorreichen Grabe des Herrn. Teuerste Brüder! In allen Teilen der Welt brennen viele Gläubige vor Verlangen, die hochheiligen Orte des Leidens und der Auferstehung des Herrn zu besuchen, und verpflichten sich dazu durch Gelübde; aber Krankheit, drückende Armut oder verschiedene andere Hidernisse lasten auf ihnen und lassen sie mitnichten dahin gelangen. Daher haben Wir nach gemeinschaftlicher brüderlicher Beratung beschlossen, ihnen entgegenzukommen und trostreiche Aussichten zu eröffnen. Wir haben also von den hochheiligen Orten Reliquien gesammelt, nämlich 1. von Bethlehem, wo der Herr geboren worden und in der Krippe gelegen, 2. vom Orte seiner Aufopferung im Tempel des Herrn, 3. vom Orte seiner Gefangennehmung zu Gethsemani, 4. von der Leidensstätte auf dem Kalvarienberge, 5. vom glorreichen Grabe des Herrn, 6. vom Orte seiner Himmelfahrt auf dem Ölberge, 7. von der Lagerstätte der seligsten Gottesmutter Maria auf dem Berge Sion und von ihrem Grabe im Tale Josephat. Und wir haben davon dieses Kreuz gebildet und überdies einen Teil von dem durch Christi Blut geweihten heiligen Kreuze beigefügt und senden es euch zum Troste durch den Kanoniker Konrad, unsern Sohn, der dieses heilige Kreuz zu überbringen und zu bewahren hat, nachdem er selber dazu geraten und sich angeboten hat. Wir raten also euch allen im Herrn: Wer immer von Reue getrieben oder durch ein Gelübde verpflichtet, das Grab des Herrn zu besuchen strebt, aber durch Krankheit, Armut oder andere Hindernisse, wie obengesagt, von einer so langen und gefährlichen Reise abgehalten wird, der bringe vor diesem heiligen, durch hochheilige Heiligtümer geheiligten Kreuze Gott ein Lobopfer nach dem geringen Maße seines Vermögens -- sei es ein Haus, ein Grundstück oder sonst eine Besitzung -- als eine Vergabung an den Herrn und dessen glorreiches Grab, und erfülle so seine Gelübde dem Allerhöchsten. Und also wird er vor Gott und vor Uns seines Gelübdes ledig sein und so großen Lohn empfangen, als hätte er die Vergabung am Grabe des Herrn selbst gemacht. Die Kräftigeren aber, die deshalb besser daran sind, sollen ihr Versprechen erfüllen, weil sie dazu imstande sind, damit sie für ihre Anstrengung einen besonderen Lohn erhalten. Auch Wir gewähren von seiten Gottes allen, die dieses heilige Kreuz verehren und vor demselben für das Grab des Herrn einen Beitrag spenden, alle Vergeltung, die Wir von Gott zu erhalten hoffen für die Gebete, Almosen und alle guten Werke, welche in der Kirche des heiligen Grabes und den zu ihr gehörenden Gotteshäusern verrichtet werden, und Wir bestätigen im Herrn Unsere Gewährung."
Mit diesem Sendschreiben ausgerüstet begab sich der Chorherr Konrad auf die Sammelreise, die er aber nicht zu dem in Jerusalem erwarteten Ende bringen sollte. Die Ausstellung und vollends die Herumführung von Reliquien war nämlich damals nicht so ungefährlich, wie heute. Neben zahllosen Räubern, die es nur auf die kostbaren Fassungen und Behälter abgesehen hatten, gab es auch genug Unerleuchtete, welche jede Gewalttat für erlaubt hielten, wenn sie dadurch in den Besitz von Heiligtümern gelangen konnten.
Daher stellte man Reliquien nur an hohen Festen aus und verwahrte sie den größten Teil des Jahres hinter Schloß und Reigel, wenn man sie nicht überhaupt in den Altären oder Kirchenwänden einmauerte, wie den hl. Rock zu Trier, oder vergrub, wie den Leib des hl. Franziskus von Assisi (+1226), der erst 1818 mühsam wieder aufgefunden wurde.
Zur letzteren Art scheinen auch jene nicht näher bezeichneten Bekannten oder Verwandten des Grafen Konrad II. von Dachau gehört zu haben, die dem Kanoniker Konrad das hl. Kreuz mit Gewalt abnahmen. Wann und wo dies geschehen, wohin die Reliquie zunächst verbracht wurde und welches die weiteren Schicksale des Kanonikers Konrad waren, ist nicht überliefert. Der Name Konrad war allerdings damals in Süddeutschland fast so verbreitet, wie heutzutage der Name Joseph; da er sich aber in der gräflichen Linie derer von Dachau vom Vater auf den Sohn und Enkel vererbte, so möchte man beinahe vermuten, daß auch jener Kanoniker Konrad dem Dachauer Geschlechte angehörte und von seinen Verwandten mitsamt der Reliquie gewaltsam zurückgehalten wurde. Übrigens waren die Grafen von Dachau gleich jenen von Wittelsbach, Grub und Valley Abkömmlinge des uralten Heldengeschlechtes der Schyren. Die gemeinsame Stammburg Scheyern wurde um 1119 in ein Benediktinerkloster umgewandelt, wo auch die Dachauer ihr Erbbegräbnis hatten. Graf Konrad I. starb daselbst um 1130 als Mönch. Sein Sohn Konrad II., seit 1157 Herzog zu Dalmatien, verschied am 18. Februar 1157 zu Bergamo in Oberitalien; die Leiche wurde nach Scheyern überführt. Dessen Sohn, Herzog Konrad III., der Letzte seines Geschlechtes, machte 1172 mit Herzog Heinrich dem Löwen von Bayern und Sachsen eine Wallfahrt nach Jerusalem. Bei diesem Anlasse brachte Patriarch Amalrich (1157-1180) auch den Reliquienraub zur Sprache und Konrad III. gelobte die Erbauung einer Kirche zu Ehren des heiligen Kreuzes. Amalrichs Nachfolger Heraklius (1180-1191) mahnte in einem väterlichen Schreiben den Herzog, "in Christo geliebten Sohn und Freund", zur Erfüllung dieser mündlichen Abmachungen.
"Wir erinnern uns", schreibt der Patriarch, "Eure Hoheit, als dieselben in unserer Gegenwart sich befanden, angelegentlich gebeten zu haben wegen eines Kreuzes, das einige von Eurer Bekanntschaft zu den Zeiten Eures Vaters einem unserer Brüder mit Gewalt genommen haben. Indem Wir Euch dieses abermals durch gegenwärtiges Schreiben ins Gedächtnis zurückrufen, legen wir Euch dasselbe zur Nachlassung Eurer Sünden auf und bitten Euch dringend, daß Ihr um Gottes willen und aus Ehrfurcht gegen das Grab des Herrn Euch die Wiedererlangung des erwähnten Kreuzes recht angelegen sein und nach dessen Wiedererlangung zu ebendessen Ehre, wie Ihr versprochen habt, eine Kirche bauen lasset. Erzeiget uns auch die Gnade, die uns entzogenen Besitzungen, deren Schirmherr Ihr seid, an unsrerstatt zurückzuheischen, daß wir selbe durch Eure Weisheit wieder erlangen. So wird man an Eurem wirksamen und liebevollen Eifer in dieser Angelegenheit erkennen, daß Ihr vom Herrn Jesus Christus in der himmlischen Seligkeit ewig belohnt zu werden und der guten Werke und Gebete der Grabeskirche des Herrn teilhaftig zu sein verdient habt."
Daß der Patriarch hiemit auf das hl. Kreuz zugunsten Konrads III. förmlich verzichet hat, folgt nicht notwendig aus dem Wortlaute des Schreibens. Sollte der Herzog die Reliquie "wiedererlangen" für sich oder die Grabeskirche von Jerusalem? Auch im letzteren Falle war die Erbauung einer Sühnekirche für den Frevel des Reliquienraubes kein unbilliges Verlangen, selbst wenn das hl. Kreuz nicht bei ihr zu verbleiben hatte. Auf jeden Fall geht aus dem Schreiben hervor, daß Konrad III. sich 1172 noch nicht im Besitze der Reliquien befand. Doch kann die Überlieferung nicht richtig sein, daß das hl. Kreuz vor seiner Verbringung nach Scheyern hundert Jahre in Dachau verborgen gewesen sei. Da Konrad III. am 8. Oktober 1180 als der Letzte seines Stammes verschied, worauf Herzog Otto I. von Wittelsblach Burg und Gebiet von Dachau käuflich an sich brachte, aber selber schon nach drei Jahren starb, so darf angenommen werden, daß die Reliquie spätestens um diese Zeit nach Scheyern kam. Den Brief des Patriarchen Heraklius hat Konrad III. schwerlich noch bei Lebzeiten erhalten; die von ihm versprochene Kirche zu Ehren des heil. Kreuzes blieb unerbaut.
3. Das heilige Kreuz in Scheyern
"Als der Letzte von Dachau starb, da kam das heilige Kreuz mit seiner Leiche nach Scheyern." So berichtet die älteste deutsche Chronik von Scheyern, welche um 1390 in Holz gerahmt vor oder in der Fürstengruft daselbst aufgehängt wurde und bis ins 18. Jahrhundert dort verblieb. Nach einer anderen Überlieferung wäre das hl. Kreuz bereits unter Abt Ulrich III. (1135-1160) in das Kloster gebracht, aber erst unter Abt Waldemar (1171-1203) zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt worden. Die Art und Weise, wie der Kanoniker Konrad um den Besitz der Reliquie gekommen war, macht deren längere Verborgenheit allerdings begreiflich. Denkbar wäre auch, daß der Chorherr Konrad schon vorher auf seiner Sammelreise Scheyern berührte, ehe ihn das Mißgeschick ereilte, sodaß man die Verschiedenheit der Überlieferungen durch eine zweimalige Ankunft des hl. Kreuzes erklären könnte. Auf keinen Fall aber wurde es durch den Grafen Konrad I. nach Scheyern gebracht, da dieser schon 1130, also sechzehn Jahre vor dem Regierungsantritte des Patriarchen Fulcherius starb. Anlaß zu jener Vermutung gab ein uraltes Wandgemädle über dem Dachauer Grabe, von dem Abt Stephan Reitberger noch 1623 als Augenzeuge berichet, daß es einen Mönch darstellte, mit dem Scheyerer Kreuz in der Hand. Neuere vermuten vielmehr in ihm jenen Kanoniker Konrad von Jerusalem, welcher dem ihm entrissenen Schatze nach Scheyern folgte (oder voranging) und dort seine letzte Ruhestätte fand. Man kann im Interesse der historischen Forschung den Verlust dieses ältesten bekannten Erinnerungszeichens an die Ankunft des heiligen Kreuzes in Scheyern nicht genug bedauern.
Die beiden Urkunden der Patriarchen Fulcherius und Heraklius finden sich bereits abgeschrieben in einem spätestens 1241 vollendeten Scheyerer Pergament-Kodex der Münch. Staatsbibliothek (clm 17401 fol. 235a), während ein anderer mehrere Jahrzehnte früher gleichfalls in Scheyern entstandener Kodex (clm 17401 fol. 9) die Legende von der wunderbaren Entstehung des Kreuzesbaumes in 109 Verszeilen besingt. "Kloster des heiligen Kreuzes" wird die Abtei Scheyern zum ersten Male genannt in einem unterm 18. Juni 1362 am päpstlichen Hofe zu Avignon auf Bitten des Paulus Cholner von 24 Bischöfen ausgestellten Ablaßprivilegs von 40 Tagen (= 960 Tagen) für den Besuch des Gotteshauses an den Festen des Herrn, der Muttergottes, der Apsotel und anderer Heiilgen (Reichsarchiv fasc. 6). Sechs Jahre später, am 24. August 1368, bekennt Ulrich der Schreiner zu Habertshausen in feierlicher Urkunde, der Scheyerer Kustos P. Ulrich der Munnenbeck habe ihm nachgewiesen, daß sein Gut "des heiligen Kreuzes rechtes Eigen und ein freies Seelgerät" sei, das nach des Schreiners Tode wiederum "dem heiligen Kreuz ledig und los" sein solle. Als Zeugen sind unterschrieben Abt Ulrich VI. und Propst Johann von Scheyern nebst den Edlen von Euernbach und Hohenkammer.
Aus dieser Zeit mag auch die älteste noch erhaltene Kreuzfassung stammen, ein Reliquiar von Birnbaumholz, umgeben mit silberner, vergoldeter Treibarbeit. In den Jahren 1511-13 ließ Abt Johannes Turbeit (1505-35) durch den Goldschmied Leonhard Burger von Landshut Scheyerns größten Schatz in Gold und Edelsteine fassen. Die damals entstandene prachtvolle gotische Kreuzmonstranz ist leider nur mehr in Abbildungen erhalten. Nachdem bereits 1730 Abt Maximilian Rest die unmittelbare Fassung der Reliquie hatte erneuern lassen, wurde unter seinem Nachfolger Plazidus Forster (1734-57) die alte Monstranz vom Augsburger Goldschmied Herkomer eingeschmolzen und durch ein neues, jetzt noch erhaltenes Ostensorium von Silber in den prunkhaften Formen des Rokoko ersetzt. Als 1801 die Klöster ihr Kirchensilber an den bayrischen Fiskus abliefern mußten, wanderte auch diese Monstranz in das kurfürstliche Münzamt nach München, wurde aber von der Gemeinde Scheyern um 696 fl. wieder ausgelöst. Als nunmehriges Gemeindeeigentum entging sie dem Sturme der Klosteraufhebung und kam mit der Neuorganisation der Kirchenverwaltung in das Eigentum der Pfarrkirchenstiftung Scheyern, in welchem sie noch steht. Da im Laufe der Zeiten an dem die Reliquie bedeckenden Kristall mehrere Sprünge entstanden waren, entschloß man sich 1901 zu einer gründlichen Reparatur. An Stelle von sieben unechten großen Brillanten, welche die Lage der dem Auge unsichtbaren Reliquien des Hl. Landes bezeichnen, traten sieben kleinere, aber echte, umgeben von 56 echten Smaragden, alles in Feingold gefaßt. Zum Ersatze von anderen fehlenden Steinen wurden 15 Rubine, 3 weitere Smaragde und 6 indische Granaten eingesetzt, sodaß an der ganzen äußeren Fassung sich nunmehr kein unechter Stein mehr befindet. Eine zweite neuangefertigte Hülse von Silber mit Spiegelglas dient dem Schutze der kostbaren Fassung beim Darreichen zum Küssen. Zugleich wurde auch die große silberne und die kleinere kupferne Kreuzmonstranz (angefertig 1747) vom Goldschmied Ortmann-Kronenbitter in München restauriert und neuvergoldelt und am 3. Mai 1902 zum ersten Male wieder benutzt. Nach den 1901 vorgenommenen genauen Messungen der hl. Reliquie beträgt die Dicke des Stammes durchschnittlich 2 mm, seine Durchschnittsbreite 7 1/2 mm; nach Zusammensetzung der 6 Einzelteile mißt der Längebalken 18 1/2 cm, der obere Querbalken 4 cm, der untere 8 1/10 cm.
Hauptfest des hl. Kreuzes ist der 3. Mai (Kreuzauffindung), an welchem Tage die Reliquie nach dem Pontifikalamte in feierlicher Prozession von vier Priestern um die Klostermauern getragen wird. Bis zum Säkularisationsjahr 1803 fand am ersten Freitag darnach allährlich der sog. Kreuzritt statt, wobei der funktionierende Priester hoch zu Roß das heilige Kreuz in rotsammtener Bursa umgehängt trug, begleitet von einer großen Reiterschar. Diese Prozession bewgte sich in einem Umkreise von mehreren Stunden durch die Gemeinden von Euernbach, Menzenbach, Pfaffenhofen, Hettenshausen und Scheyern. Ihre Stelle vertritt nun der Scheyerer Flurumgang mit der hl. Reliquie am Pfingstmontag, wobei das erste Evangelium am Viether Kreuz gesungen wird, das zweite am Hammerschiedkreuz, das dritte am Straßerkreuz vor Großenhag und das letzte in der Försterkapelle vor Scheyern. Seit dem Jubeljahr 1933 wird das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September allährlich ebenso feierlich begangen wie das Hauptfest am 3. Mai mit Pontifikalamt und Prozession im Freien.
Kleine Abbildungen des Kreuzpartikels aus Messing, die sog. Scheyerer Kreuzlein, sind seit Jahrhunderten als Wallfahrtsandenken beliebt. Sie werden mit dem hl. Kreuze gesegnet und berührt, und wenn sie von einem bevollmächtigten Priester mit den päpstlichen Ablässen versehen sind, so können diejenigen, welche ein solches Kreuzlein andächtig bei sich tragen oder aufbewahren und wenigstens einmal in der Woche einer hl. Messe beiwohnen oder den hl. Rosenkranz beten, an folgenden Tagen einen vollkommenen Ablaß gewinnen: 1. Weihnachten, 2. hl. drei Könige, 3. Ostern, 4. Christi Himmelfahrt, 5. Pfingsten, 6. hl. Dreifaltigkeit, 7. Fronleichnam, 8. Mariä Lichtmeß, 9. Mariä Verkündigung, 10. Mariä Himmelfahrt, 11. Mariä Geburt, 12. Unbefleckte Empfängnis, 13. Johannes der Täufer, 14. Hl. Joseph, 15. Peter und Paul, 16. Andreas (30. November), 17. Jakobus (25. Juli), Johannes (27. Dezember), Thomas (21. Dezember), Philippus und Jakobus (1. Mai), Bartholomäus (24. August), Matthäus (21. September), Simon und Judas (28. Oktober), Matthias (24. Febraur), und Allerheiligen. Bedingung: Beicht und Kommunion und andächtiges Gebet nach der Meinung des Heiligen Vaters.
Uralt ist im ganzen Benediktinerorden die Erteilung des sog. Maurussegens an Kranke und Leidende. Wie nämlich der hl. Abt Maurus mit einer von seinem Ordensvater St. Benediktus empfangenen Reliquie des hl. Kreuzes wunderbare Krankenheilungen wirkte, so will die Kirche auch jetzt noch durch die Kraft des Lebensbaumes von Golgotha unter Anrufung des hl. Maurus den Kranken und Leidenden Heilung oder doch Erleichterung verschaffen, indem sie dieselben an drei verschiedenen Tagen segnen läßt. Auch sollen drei Votivmessen (zu Ehren des Leidens Christi, zu Ehren des hl. Maurus und für die armen Seelen) gelesen oder doch wenigstens drei Rosenkränze in dieser Meinung gebetet werden.
Um dem frommen Verlangen, insbesondere der Wallfahrer, jederzeit zu entsprechen, ist ein Pater ständig als Kustos des hl. Kreuzes aufgestellt.
Antiphon
O heiliges Kreuz, glänzender als alle Himmelsgestirne und erhaben über alle Zedern des Libanon! Deine Glorie erfüllt den ganzen Erdkreis und alle Menschenkinder sollten dich lieben und verehren; denn du bist heiliger als die gesamte leblose Schöpfung, da du allein gewürdiget wurdest zu tragen den Sühnepreis der Welt, den König des Himmels. O gebenedeites Kreuz, an welchem das Leben der Welt gehangen, an welchem Christus triumphiert, und sein Tod den Tod der Sünde überwunden hat: Beschütze die gegenwärtige Gemeinde, die heute zu deiner Lobpreisung versammelt ist!
Lasset uns beten!
O Gott, der du das lebenspendende Kreuzesbanner mit dem kostbaren Blute deines Sohnes weihen wolltest: Wir flehen dich an, verleihe, daß diejenigen, welche über dieses heiligen Kreuzes Ehre frohlocken, sich überall deines Schutzes erfreuen mögen! Durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit dir lebt und regiert in Einheit mit dem Heiligen Geiste, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Transkription: P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell