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Ist Europa noch zu retten? – So könnte unser neues Heft auch übertitelt worden sein. Am 12. September steht eine wichtige Entscheidung aus: Das Karlsruher Bundesverfassungsgericht könnte die rasante Fahrt Deutschlands in eine europäische Wirtschafsdiktatur in letzter Sekunde stoppen, wegen Verfassungswidrigkeit. Werden die Karlsruher Richter die Hand an die Notbremse legen?
Diese Entscheidung wird im gleichen Karlsruhe gefällt, in welchem am 29. September 1812 ein badischer Erbprinz geboren worden war, um kurz nach der Geburt gegen ein anderes Kind ausgetauscht, 16 Jahre gefangen gehalten und schließlich ermordet zu werden – Kaspar Hauser. Er wurde nicht ohne tiefen Grund als Kind Europas bezeichnet. Mit seiner Individualität waren spirituelle Wirkensziele verbunden, die weit über deutsche Interessen hinaus reichten. Seine Gefangenschaft und sein Tod waren nicht nur Ausdruck dynastischer Machtkämpfe, sondern vor allem des Widerstandes gewisser okkulter Kreise, welche gerade eine dem wahren deutschen Volkswesen angemessene übernationale Politik in Mitteleuropa unterbinden woll(t)en. Dieser Aspekt ist in der bisherigen Kaspar-Hauserliteratur wenig berücksichtigt worden.
Der anthroposophische Dramatiker Paul Michaelis schrieb im Sommer 1943 ein Drama, das gerade diesen okkulten Angriff in den Vordergrund rückt: Kaspar Hauser – Eine Tragödie.* Zum 200. Geburtstag Kaspar Hausers veröffentlichen wir auf den folgenden Seiten den ersten Akt aus diesem Drama.
Eine kurze Reise ins Südtirol – in Begleitung von Freunden und ein paar Redaktionsmitgliedern – führte in überraschender Weise vor Augen, wie Europa derzeit zwischen Wahn und Wirklichkeit am Schwanken ist. In Levico Terme wurden Habsburger Monarchieträume zum Besten gegeben, und in Rovereto bei Trient war das schier Unglaubliche zu erleben, dass phrasenhafte Worte eines gegenwärtigen US-Präsidenten und Kriegsverbrechers (Afghanistan, Guantanamo) verehrt und in Musik gesetzt werden können. Lech Walesa hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, welche als eine Art Quintessenz der Europa- oder besser der EU-Illusionen der Gegenwart erlebt werden konnte.
Gewisse Passagen im folgenden Reisebericht könnten etwas leichtfüßig klingen. Der Leser mag sich nicht beirren lassen: sie sind nur ein kleiner satirischer Spiegel der zum Teil unfassbar grotesken Vorgänge, die beschrieben werden.
Eine überwiegende Mehrheit von «Europäern» sind nicht Kinder oder Freunde des «Kindes von Europa», sondern Kinder des Wahns, alle Wirklichkeit wurzle letztlich bloß in materiellen Prozessen und Gütern.
Helmuth von Moltke sprach einmal von einer «Hoffnung, die in ihren Untergründen (…) dämonisch» sei (siehe S. 6). Friedrich Dürrenmatt hat eine dazu passende Zeichnung gemacht.
Solcherart sehen die gegenwärtigen EU-Hoffnungen von Millionen Menschen aus. Wir wollen es für möglich halten, dass es auch aus diesen «dämonischen Hoffnungen» noch ein spätes Erwachen geben könnte.
Thomas Meyer
*Zu den ersten Kennern und Schätzern gehörten Ludwig Polzer-Hoditz und Karl Heyer, dem wir das bis heute tiefgründigste Kaspar-Hauser-Werk verdanken.