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Mit dem Begriff Harninkontinenz oder Blasenschwäche bezeichnet man den unwillkürlichen, das heisst unfreiwilligen, Verlust von Urin. Besonders häufig leiden Schwangere, Übergewichtige oder Frauen mit schwacher Beckenbodenmuskulatur. Auch das Alter spielt eine Rolle: Oftmals verstärkt sich die Problematik nach den Wechseljahren, aufgrund des örtlichen Hormonmangels. Bis zu 25% der Frauen über 60 Jahre sind davon betroffen. Es nehmen jedoch nur 5% der Betroffenen wegen solcher Beschwerden ärztliche Hilfe in Anspruch. Frauenärzte und Frauenärztinnen sind hier der richtige Ansprechpartner. Denn man kann die Blasenschwäche nicht immer heilen, aber zumindest lindern oder hinauszögern. Gezielte Übungen stärken zudem die Beckenbodenmuskulatur und beugen so einer Inkontinenz vor.
Stressinkontinenz
Die Belastungs- oder Stressinkontinenz ist mit 35 bis 45% die am häufigste auftretende Form bei Frauen. Bei Erhöhung des Drucks in der Harnblase, beispielsweise durch Husten, Niesen, Laufen oder Treppensteigen, kommt es zu einer Störung im Bereich des Harnröhrenverschlusses. Die Ursache ist meist eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur und/oder eine Schädigung des Bandhalteapparates, der unter anderem für den korrekten Verschluss der Harnröhre zuständig ist, oft ausgelöst durch die starke Dehnung der Beckenbodenmuskulatur bzw. des Bindegewebes während einer Schwangerschaft und/oder Geburt oder sogar dem Einreissen dieser Gewebestrukturen. Weitere Faktoren sind schwere körperliche Arbeit, Übergewicht oder Fettleibigkeit und chronische Bronchitis bei Rauchern. Auch die Absenkung (Descensus) von Organen im Beckenbereich (Gebärmuttersenkung, Scheidensenkung) kann eine Stressinkontinenz auslösen.
Es gibt drei verschiedene Schweregrade:
Unfreiwilliger Urinabgang bei schweren körperlichen Belastungen. Dazu zählen Hüpfen, Springen, Husten,Niesen und schwerem Heben.
Unwillkürlicher Harnverlust bei leichten körperlichen Belastungen wie Treppensteigen, Gehen, Aufstehen oder Hinsetzen.
Urinverlust schon in Ruhe ohne wesentliche Belastung, jedoch nicht im Liegen
Dranginkontinenz
Die Drang- oder Urgeinkontinenz ist die zweithäufigste Form der Inkontinenz bei Frauen. Ein häufiger, nicht unterdrückbarer starker Harndrang, verbunden mit einem unwillkürlichen Urinverlust sind typisch. Man spricht auch von einer „nassen überaktiven Blase“. Kann der Harndrang noch beherrscht werden ohne Urinverlust, besteht eine Reizblase.
Wie die Stressinkontinenz kann auch die Dranginkontinenz mit einer Schwangerschaft und im Alter auftreten (Senkungen der Blase und der Gebärmutter-/ Scheidenregion), aber auch durch Entzündungen der Harnwege, Harnleiter- oder Blasensteine. Tumoren der Harnwege und neurologische Erkrankungen, wie beispielsweise eine Parkinson-, oder Alzheimer-Erkrankung, Nervenerkrankungen, Hirntumore oder auch Schlaganfälle sind weitere Ursachen
Untersuchungen
Es gibt spezielle Inkontinenzfragebogen, die Vorerkrankungen wie Herzinsuffizienz, Schilddrüsenerkrankungen oder Diabetes mellitus abfragen. Bestimmte Medikamente (z. B. Beruhigungsmittel und Antidepressiva) oder Substanzen (z. B. Koffein, Alkohol, Drogen) können das Auftreten einer Inkontinenz verschlechtern oder sogar erst hervorrufen. Möglicherweise ist es empfehlenswert, über 3 bis 14 Tage ein sogenanntes Miktionstagebuch zu führen. Dort wird eingetragen, wie viel getrunken wird, wann Harndrang spürbar wird, wie oft und wann die Toilette besucht wird und ob Harnverlust auftritt. Anhand dieser Angaben kann man eventuell Rückschlüsse auf ungünstige Trink- oder Toilettengewohnheiten oder andere Verhaltensmuster ziehen, die für eine Inkontinenzerkrankung verantwortlich sein könnten.
Durch eine gynäkologische Untersuchung lassen sich Absenkungen von Organen (Scheide oder der Gebärmutter) als mögliche Ursache in Ruhe und beim Pressen feststellen. Beim Stress-Test beispielsweise werden Patientinnen aufgefordert zu Husten oder zu Pressen. Der dadurch austretende unwillkürliche Verlust an Urin ist ein Anzeichen für eine Belastungs- bzw. Stressinkontinenz. Durch Abtasten der Beckenbodenmuskulatur kann ihre Funktionsfähigkeit überprüft werden. Das Anspannen der Muskulatur vermittelt einen Eindruck von der Stärke der Beckenbodenmuskulatur.
Um eine mögliche Entzündung der Blase oder der Harnleiter durch Bakterien zu erkennen, wird eine Urinuntersuchung, evtl. auch eine Restharnbestimmung durchgeführt.
Die Sonografie ist heute das beste bildgebende Verfahren zur Darstellung der dem Beckenboden aufliegenden Organe wie Harnröhre, Blase, Gebärmutter und Darm. Mögliche Veränderungen in der Lage der Organe, die eine Inkontinenz hervorrufen könnten, werden so entdeckt. Ausserdem kann mit Ultraschall das korrekte Anspannen (Kontraktion) und Entspannen (Relaxation) der Beckenbodenmuskulatur (Bio-Feedback) überprüft werden.
Weitere Methoden: Die Urodynamik (Uroflowmetrie, Zystometrie und Druck-Fluss-Messung) beurteilt die Harnblasenfunktion, also Harnfluss, Aktivität des Beckenbodens und der Bauchmuskulatur sowie Blasendruck. So können die verschiedenen Formen der Inkontinenz unterschieden werden. Mittels einer Blasenspiegelung (Urethrozystokopie) kann man eine Entzündung der Blaseninnenwand, Tumore, Blasensteine oder auch anatomische Veränderungen wie Ausstülpungen der Wand (Divertikel) oder Fistelbildungen erkennen.
Behandlungsmöglichkeiten
Beim Schweregrad 1 und 2 sollte erst einmal die Muskulatur und das Bindegewebe im Bereich des Beckenbodens konservativ gestärkt werden. Beckenbodentraining kann sowohl zu Hause als auch im Rahmen einer Physiotherapie erlernt und durchgeführt werden. Ein Erfolg stellt sich in der Regel nach drei bis sechs Monaten ein. Gewichtsreduktion hat oft einen positiven Effekt auch auf den Harndrang und vermindert den willkürlichen Abgang von Urin. Chronischer Husten sollte behandelt und das Heben von schweren Gegenständen vermieden werden.
Tagsüber sollte man keinesfalls die Flüssigkeitsaufnahme reduzieren, aus der Befürchtung, dass eine Toilette nicht rechtzeitig erreicht wird. Nicht nur bei Symptomen einer beginnenden Blasenentzündung ist es wichtig, genügend zu trinken. Dadurch werden die aggressiven Bestandteile des Urins ausreichend verdünnt. Zu geringe Trinkmengen hingegen konzentrieren den Urin so stark, dass er die Blasenschleimhaut angreifen kann. Wichtig: Keine harntreibenden Getränke trinken. Abzuraten ist grundsätzlich von Schwarz- und Grüntee-Getränken, Nieren- und Blasentees sowie Brennnesseltee. Darüber hinaus gelten auch Kaffee und alkoholische Getränke als harntreibend.
Abends nur noch wenig trinken, damit das nächtliche Wasserlassen auf ein Minimum reduziert wird.
Frauen und Mädchen, die eine schwache Blase haben, sollten die Abstände zwischen dem Wasserlassen möglichst lange ausdehnen und vorbeugende Toilettenbesuche vermeiden. Wird die Blase bei nur geringem Druck entleert, verkleinert sie sich zunehmend und signalisiert bereits bei kleinen Urinmengen einen verstärkten Harndrang. Besser ist, dem ersten Bedürfnis nach Entleerung nicht gleich nachzugeben und das Wasserlassen möglichst lange hinauszuzögern.
Bei Östrogenmangel während oder nach der Menopause kann durch eine örtliche Behandlung des Harn- und Genitalbereichs mit einer östrogenhaltigen Salbe oder durch das Einführen von Östrogenscheidenzäpfchen Besserung erreicht werden. Aufgrund der niedrigen, lokalen Dosierung ist nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen.
Die letzte Behandlungsmöglichkeit besteht in einer Operation. Bei einer sogenannten Kolposuspension wird mittels Bauchspiegelung oder Bauchschnitt die Vorderwand der Scheide unter der Harnröhre angehoben und am Bandapparat des Beckens befestigt. So wird verhindert, dass die Harnröhre in eine zu tiefe Position absinken kann. Die TVT-Operation (tension-free vaginal tape) stabilisiert diesen Bereich mit einem Kunststoffbändchen, das als dauerhafte Einlage unter die Harnröhre gelegt wird. Wenn neben einer Dranginkontinenz eine Senkung oder gar ein Vorfall der Organe von Gebärmutter, Blase und Darm vorliegt, kann durch eine Senkungsoperation in bis zu 80 Prozent der Fälle die Inkontinenz geheilt werden.
Quelle: Berufsverband der Frauenärzte e.V.