Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03600.jsonl.gz/511

Fast 15 Jahre, vom Wettbewerbsgewinn im Jahr 2007 an gerechnet, werden vergangen sein, wenn der Claraturm in Basel 2021 fertiggestellt ist. In diesem Zeitraum ereignete sich vieles Vorhersehbares und Unvorhergesehenes: ein Wechsel der Eigentümerschaft, die Reorganisation des mit der Planung betrauten Architekturbüros, Veränderungen hinsichtlich Nutzung und Gestaltung, Rekurse, Gerichtsurteile, Referenden. Was zum einen daran liegt, dass es sich angesichts der nordwestlichen Ecke der Kreuzung Clarastrasse und Riehenring um einen der prominentesten Bauplätze in Basel handelt. Und zum anderen damit zu begründen ist, dass das etwa 100 Meter in die Höhe ragende Hochhaus samt Annex eine im lokalen Spätklassizismus wurzelnde Zeile viergeschossiger Bauten mit zwei alteingesessenen Gastwirtschaften ersetzt.
Städte sind im ständigen Wandel begriffen. Als «lebensweltlichen Vertrautheitsschwund» hat der Philosoph Hermann Lübbe das Phänomen bezeichnet, wenn das Mass an Veränderung pro Zeiteinheit die Akzeptanz seitens der Bevölkerung überschreitet. Dies kann zu Konflikten führen, die in der Gegenwart wirken, retrospektiv – aus der Blickrichtung der Zukunft – aber an Bedeutung verlieren. Die meisten der Passantinnen und Passanten, die heute über die Freie Strasse in Basel bis zum Markplatz gehen, nehmen nicht wahr, dass es sich hier um einen massiven Stadtumbau des späten 19. Jahrhunderts handelt, dem die bestehende mittelalterliche bis barocke Substanz bis auf wenige Relikte geopfert wurde.
Kontinuität des Wandels
Der Standort in Kleinbasel wurde geprägt und überformt durch kontinuierliche Prozesse der Modernisierung. Diese begannen zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Badische Hauptbahn, die 1851 das deutsche Haltingen erreicht hatte, aufgrund eines Staatsvertrags zwischen dem Grossherzogtum Baden und der Eidgenossenschaft ihre Strecke nach Basel und schliesslich rechtsrheinisch nach Waldshut (und später über Schaffhausen und Singen bis nach Konstanz) verlängern konnte. Der erste Badische Bahnhof, zunächst ein hölzernes Provisorium, ging 1855 am heutigen Riehenring in Betrieb, der damals Bahnhofstrasse hiess. Bis zur Niederlegung der Befestigungen endete das rechtsrheinische Basel am Claraplatz, aber nun wuchs es binnen kurzer Zeit Richtung Osten. Vis-à-vis vom Bahnhof entstand die spätklassizistische Häuserzeile, in der sich auch die neu gegründete Brauerei Warteck etablierte. Der Ausschank befand sich im 1861 fertiggestellten Eckhaus zur Clarastrasse, eben dort, wo die Reisenden warteten – auf die Züge oder die Droschken. Der Entwurf des Gebäudes stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit von Amadeus Merian, dem Onkel des Brauereibesitzers und überdies dem ersten Stadtbaumeister von Basel. Das Café Spitz an der Mittleren Rheinbrücke sowie das Hotel Drei Könige gelten als seine wichtigsten Bauten.
Schon 1890/91 wurde die Brauerei an den Burgweg verlagert, und 1913 eröffnete der weiter Richtung Riehen gelegene neue Badische Bahnhof, da der alte und die mit ihm verbundene Trassierung der Bahn das städtebauliche Wachstum der Stadt behinderten. Auf dem Gelände des alten Bahnhofs und den angrenzenden Spinnerei-Arealen entstand, was die Bedeutung Basels fortan massgeblich prägen sollte: das Messegelände. Die erste Mustermesse öffnete 1917 ihre Tore, und seither beanspruchte sie ständig wachsende Flächen im Stadtteil Rosental. Um ihr Amalgam an Bauten für die Zukunft zu rüsten und der immer wieder einmal angedrohten Abwanderung entgegenzuwirken, lancierte die Messe 1994 die Strategie Messe Basel Plus. Resultate waren drei markante Grossbauten, mit denen sich die Institution mit verstärkter Sichtbarkeit ins Stadtbild einschrieb: die gläserne Messehalle von Theo Hotz (1999), der Messeturm der Architektengemeinschaft Morger & Degelo sowie Daniele Marques(2003)– und schliesslich die neuen Messehallen von Herzog & de Meuron (2013). Letztere stiessen auf ein besonders kontroverses Echo. Grund hierfür war weniger die Tatsache, dass dem neuen Kopfbau die frühe Messehalle von Hermann Herter zum Opfer fiel, sondern dass dieser mit seinen schier unendlichen Dimensionen weite Teile des Messeplatzes überspannte und damit die Optik der Achse Clarastrasse/ Rosentalstrasse einschneidend veränderte.
Vom Brauen zum Bauen
Nachdem Warteck die Markenrechte an Feldschlösschen in Rheinfelden verkauft hatte, wurde der Brauereibetrieb am Burgweg 1991 geschlossen. Die Warteck Invest AG entwickelte und verwaltet die Immobilien des ehemaligen Unternehmens. Zunächst wurde mit Diener & Diener der Standort Burgweg umgewidmet, 2007 schliesslich publizierte man die Ergebnisse eines Architekturwettbewerbs für die Neubebauung am Riehenring. Das siegreiche Projekt Claraturm stammte von Morger + Dettli – also dem Nachfolgebüro von Morger & Degelo, heute Morger Partner. Städtebaulich kann man den Claraturm nur als Gewinn einstufen: Der durch den Bau der Messehallen von Herzog & de Meuron etwas in die zweite Reihe gerückte Messeturm erhält ein visuelles Pendant, und etwas mehr Vertikalität tut an diesem Ort angesichts der Horizontalität des Kopfbaus gut. Wermutstropfen: der Abriss der Warteck-Häuser mit den beiden Traditionsgaststätten Warteck und Zum Wurzengraben. Dagegen opponierten frühzeitig Heimatschutz und Freiwillige Basler Denkmalpflege, scheiterten jedoch in letzter Instanz vor dem Bundesgericht. 2010 verkaufte Warteck Invest das Projekt an den UBS Immobilienfonds Sima und dessen Tochtergesellschaft Balintra. Nun nahm das Vorhaben Fahrt auf: Bebauungsplan und Zonenänderung stiessen auf das Wohlwollen des Regierungsrats, wurden vom Grossen Rat abgesegnet und erhielten 2013 auch in einem Referendum die nötige Mehrheit. Aus gutem Grund, denn der Claraturm trägt zur gewünschten innerstädtischen Verdichtung bei, schafft zusätzlichen Wohnraum, reduziert keine Grünflächen und tritt angesichts des Hochhaus-Clusters von Roche in seiner Höhenentwicklung von 96 Metern doch moderat in Erscheinung. Ohnehin ist die Akzeptanz von Hochhäusern – insbesondere, wenn sie dem Wohnen dienen – in den letzten Jahren hierzulande signifikant gewachsen. Einen zusätzlichen Attraktor stellt das oberste Geschoss dar, das einer (noch nicht spezifizierten) öffentlichen Nutzung zugeführt werden muss.
Doch der Einspruch eines Einzelklägers verzögerte die Umsetzung des Projekts erneut. Der Pächter der temporär in den Warteck-Häusern betriebenen Pianobar klagte zunächst gegen den Bebauungsplan, dann gegen die Baubewilligung. Beide Prozesse endeten vor dem Bundesgericht und wurden schliesslich abgelehnt.
In der Höhe wohnen
Inzwischen wächst der Rohbau am Riehenring in die Höhe. Der Claraturm besteht aus zwei direkt miteinander verbundenen Teilen: dem eigentlichen Turmbau an der Ecke Clarastrasse und Riehenring mit insgesamt 31 Geschossen und einem winkelförmigen, sechsgeschossigen Annexbau, der in die Drahtzugstrasse ausgreift und auf die Massstäblichkeit der Blockrandbebauung reagiert; die Nachbargebäude auf beiden Seiten stammen übrigens von Diener & Diener.
Zeigt der Turm zur Strassenecke hin gewissermassen klare Kante, so ist er zu den beiden anderen Seiten hin zurückgestaffelt. Auf der Seite des Riehenrings, wo die Abtreppung über der Höhe der Blockrandbebauung im siebten Geschoss einsetzt, ist sie mit der nötigen Reduzierung des Schattenwurfs begründet; auf der Seite der Clarastrasse, wo sie sich auf die obersten sieben Geschosse beschränkt, folgt sie ästhetischen Überlegungen und stärkt die Orientierung des Turms Richtung Messe.
Das Grundkonzept des Projekts mit seiner markanten städtebaulichen Figur ist seit 2007 unverändert geblieben, war aber ursprünglich als eine Mischung aus Büroflächen und Wohnungen gedacht. Die neuen Eigentümer entschieden sich für ein reines Wohngebäude. Die Ausnahme stellt lediglich das Erdgeschoss dar, das Gastronomie und Läden vorbehalten bleibt. Über ein grosszügiges, z-förmiges Foyer, das von der Strassen- und der Hofseite aus zugänglich ist, und die drei Lifte werden sämtliche Geschosse des Turms erschlossen. Insgesamt umfasst der Claraturm 285 Mietwohnungen mit 1 bis 4,5 Zimmern. Im Annexbaufinden sich Wohnungen mit Loggien, die strassenseitig orientierten Einzimmerwohnungen werden mit beweglichen MOVEment-Modulen ausgestattet. Die mit der Ausführung des Gesamtprojekts betraute Halter AG entwickelte die Technologie gemeinsam mit dem Wiener Architekten Angelo Roventa und setzt sie in verschiedenen Bauprojekten ein.
Im Turmbaukörper wurde auf Aussenräume verzichtet, doch die brüstungsfreie Verglasung inszeniert das Leben über den Dächern von Basel. In den spektakulärsten Wohnungen bietet sich ein Ausblick in drei Himmelsrichtungen, doch auch in den kleineren wird ein Maximum an Ausblick dadurch unterstützt, dass die Trennwände zwischen den Räumen als Schiebetüren ausgebildet sind, die sich von der Fassade aus zurückfahren lassen.
Waren die geschlossenen Teile der Fassade zum Zeitpunkt des Wettbewerbs noch in Weiss vorgesehen, so wechselten die Architekten im Verlauf der Ausführungsplanung Farbigkeit und Materialität. Zur Anwendung gelangt nun, wie man in einem Mock-up auf der Baustelle sehen kann, dunkelbraun eloxiertes Aluminiumblech. Durch einen Prägeschliff, der die Horizontalität der Gliederung unterstreicht, erhält dieses ein spezielles Oberflächen-Finish. Je nach Lichtsituation und Sonnenstand wechselt das Gebäude seinen Charakter, wirkt mal dunkel und volumenhaft, dann gleissend und fast entmaterialisiert. Die Fassaden- Fenster- Elemente werden in China produziert und vor Ort vollinstalliert versetzt.
Weitere Hochhäuser im Umfeld sind im Übrigen anstelle des bestehenden Messeparkhauses in Planung. Vorprojekte von Morger Partner und Herzog & de Meuron liegen vor. Die Messe als Eigentümerin verhält sich allerdings derzeit zögerlich. 2019 fand nach über hundert Jahren zum letzten Mal die Mustermesse Basel statt. Städte sind im ständigen Wandel begriffen. www.claraturm.ch
Morger Partner Architekten
Meinrad Morger, 1957 in Appenzell geboren, gründete 1988 in Basel gemeinsam mit Heinrich Degelo das Architekturbüro Morger & Degelo, das sich schnell als eines der führenden und diskursprägenden der Deutschschweiz etablieren sollte. Weithin Beachtung fanden die Überbauung Dreirosen-Klybeck (1996), das Musikmuseum im Lohnhof (2000) sowie der Messeturm (2003, zusammen mit Daniele Marques) – alle in Basel –, aber auch das gemeinsam mit Christian Kerez geplante Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz.
2006 begann Meinrad Morger eine neue Zusammenarbeit mit Fortunat Dettli, die 2015 endete. Seither ist das Büro umfirmiert in Morger Partner. Das Team um Meinrad Morger und seine Partner Martin Klein und Henning König umfasst etwa 60 Mitarbeitende. Zu den prominenten realisierten Bauten der jüngsten Zeit zählen die Hilti Art Foundation in Vaduz (2015) und das Hochhaus der Hochschule für Gestaltung und Kunst (2014) auf dem Dreispitz-Areal in Basel. Die Überbauung des Tramdepots Hard in Zürich stiess in einem Referendum im Februar 2020 auf breite Zustimmung und im Februar 2020 auf breite Zustimmung und soll bis 2025 realisiert werden.