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Wer sich die Mühe macht, Buchstaben zu zählen, wird feststellen, dass es in den letzten fünfzig Jahren einen erstaunlich robusten Trend hin zu kurzen Namen gab. Taufte man die Mädchen früher Christina, Jacqueline und Elisabeth, so heissen sie heute Mia, Lia und Ria. Unter den beliebtesten zehn Mädchennamen war 1964 kein einziger mit drei oder vier Buchstaben. Die kürzesten waren Maria und Karin mit je fünf. Der erste Name mit drei Buchstaben lag erst an 43. Stelle: Ana, den wohl spanische und portugiesische Einwanderer in die Schweiz brachten; auf Rang 61 folgte Eva, auf Rang 67 Pia. Dafür gab es haufenweise Drei- oder Viersilber: Franziska, Christina, Katharina, Gabriella.
Heute ist es gerade umgekehrt: Unter den Top Ten des Jahres 2014 findet sich nicht einmal einer mit mehr als fünf Buchstaben. Der erste wirklich lange Name ist Valentina auf Position 35. Auf dem Vormarsch sind dagegen Lea, Zoe, Ava, Lou, Ela, Kim und Liv.
Bei den Männern gibt es einen ähnlichen Trend, doch wie immer, wenn es um Mode geht, schwächer ausgeprägt als bei den Frauen. Die Länge der zehn beliebtesten Männernamen nahm in den letzten fünfzig Jahren im Mittel um einen knappen Buchstaben ab. Über die Gründe für den Drang zu kurzen Namen spekuliert die Forschung schon länger. Vor allem drei Hypothesen tauchen immer wieder auf:
1. Eltern schauen heute mehr darauf, dass Namen international kompatibel sind.
2. Eltern wollen verhindern, dass der Name verunstaltet werden kann.
3. Eltern möchten, dass das Kind seinen Namen möglichst bald aussprechen kann.
Ob und wie stark diese Vermutungen zutreffen, bleibt ungewiss. Alle drei haben ihre Probleme. Wenn der Name auch im Ausland möglichst praktisch sein soll, warum sind dann manche Eltern so versessen darauf, ihn mit unnötigem Dekor zu versehen – Zoe, Zoé, Zoë? Wenn sie befürchten, jemand mache sich über den Namen lustig, warum taufen sie ihr Kind nicht gleich Michael oder David statt Mael und Diar? Und wenn es um die einfache Aussprache geht, wie lässt sich dann der Aufstieg von Maximilian erklären?
Maximilian ist mit zehn Buchstaben übrigens einer der längsten gängigen Namen. Bei neun oder zehn Lettern ist sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen Schluss. Auch am unteren Ende scheint es eine magische Grenze zu geben: Unter den tausend häufigsten Männer- und Frauennamen gab es 2014 keinen mit zwei Buchstaben. Bei den Männern liegt Bo auf Rang 1247, bei den Frauen My auf Platz 1688.