Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/2275

Normalerweise ist im Sommer etwa die Hälfte der Oberfläche des Eisschildes, den Grönland bedeckt, von der Schmelze betroffen, ein natürlicher Vorgang. Auf den höhergelegenen Punkten gefriert das Schmelzwasser fast gleich wieder an Ort und Stelle. In der Nähe der Küste wird ein Teil des Wassers von den Gletschern zurückgehalten, der Rest ergiesst sich in den Ozean. Aber im Juli 2012 ist innerhalb weniger Tage ein dramatischer Anstieg der betroffenen Fläche zu sehen gewesen. Gemäss Satellitendaten waren rund 97 Prozent der Oberfläche des Eispanzers von der Schmelze betroffen gewesen. Die Forscher haben noch nicht bestimmen können, ob dieses extensive Schmelzereignis das Gesamtvolumen des Eisverlustes beeinflussen wird und ob es sogar zu einem Anstieg des Meeresspiegels kommen wird.
«Der Eisschild Grönlands ist ein riesiges Gebiet mit einer mannigfaltigen, wechselvollen Geschichte. Dieses Ereignis in Kombination mit anderen natürlichen, aber aussergewöhnlichen Phänomenen, wie beispielsweise der grosse Gletscherabbruch am Petermann-Gletscher sind alles Teile einer sehr komplexem Geschichte,» sagte Tom Wagner, der Leiter des NASA Kryospährenprogrammes in Washington. «Satellitengestützte Beobachtungen helfen uns zu verstehen, wie Ereignisse wie dieses miteinander in Verbindung stehen und auch in Verbindung mit dem weitere Klimasystem».
Son Nghiem aus dem NASA Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, USA, hatte Radardaten vom Oceansat-2 Satelliten der Indischen Weltraumforschungsbehörde ISRO analysiert und hatte erkannt, dass der grösste Teil der Oberfläche des grönländischen Inlandeises Schmelzvorgänge aufwies. Nghiem sagte: «Das war so aussergewöhnlich, dass ich zuerst die Resultate in Frage gestellt hatte: war das real oder aufgrund eines Datenfehlers.» Nghiem setzte sich mit Dothy Hall vom NASA Goddard Weltraumzentrum zusammen. Sie studierte die Oberflächentemperaturen von Grönland mit Hilfe von Daten, welche von den NASA Terra- und Aqua-Satelliten kamen und bestätigte ungewöhnlich hohe Temperaturen und extensives Schmelzen auf der Oberfläche des Eises. Weitere Bestätigung kam von Thomas Mote, einem Klimatologen der Universität von Georgia in Athens, USA, der Mikrowellen-basierten Daten eines Meteo-Satelliten der US Luftwaffe ausgewertet hatte. Alle drei Messungen zeigten, dass sich das Schmelzen sehr schnell ausgebreitet hatte. Am 8 Juli 2012 waren es gerade einmal 40 Prozent der Oberfläche, 4 Tage später bereits über 97 Prozent.
Dieses extreme Schmelzereignis fiel mit einem ungewöhnlich starken Hochdruckkeil, einer Hitzekappe, über Grönland zusammen. Der Keil war ein Teil einer Serie von Keilen, die seit Ende Mai für Grönland wetterbestimmend waren. «Jeder nachfolgende Keil war stärker als der vorherige», sagte Mote. Diese letzte Hitzekappe begann sich am 8. Juli 2012 über Grönland zu legen und hatte sich drei Tage später komplett über den Eispanzer gelegt. Ab dem 16. Juli 2012 begann sich die Kappe wieder aufzulösen.
Sogar das Gebiet um die Station Summit auf dem höchsten Punkt des Grönlandeises, 3500 Meter über dem Meeresspiegel, war von dem Schmelzen betroffen. Solch ausgeprägtes Schmelzen bei der Station und über dem gesamten Eispanzer wurde nicht mehr seit 1889 gemessen, meinte Kaitlin Keegan vom Dartmouth College in Hanover, USA, die Eisbohrkerne aus der Region analysiert hatte. Gemäss den Messungen an der Station lagen die Temperaturen vom 11. und 12 Juli 2012 um über ein Grad über dem Gefrierpunkt für diese Zeit. «Eisbohrkerne von hier zeigen deutlich, dass Schmelzereignisse von diesem Ausmass durchschnittlich alle 150 Jahre wiederkehren. Mit dem letzten Ereignis von 1889 kommt dieses hier genau nach Fahrplan». sagt Lora Koenig, eine Gletscherforscherin des NASA Goddard Weltraumzentrum und Mitglied des Untersuchungsteams. «Aber wenn wir solche Schmelzereignisse in den nächsten Jahren weiterhin beobachten werden, wird es besorgniserregend».