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Haben wir es mit einer Art Scheherazade, einer literarischen Adaption im Stil der Barbara Cartland (die im Dialog aufscheint), einer neverending story oder einer story to end all stories zu tun? Die Verliebtheit der intellektuellen französischen Regisseure in Literatur ist uns bekannt. Das Niedergeschriebene hat den gleichen Stellenwert wie die Realität im Leben, beide Existenzen bedingen einander. Daraus entstehen changierende neue Impressionen, wie sie sich in den Filmen Truffauts oder Godards – nur zum Beispiel – und heute auch in den Filmen eines François Ozon zeigen. Nicht die faktenversessene Zeichnung und Beweiskraft der Deutsch sprechenden Nachbarregisseure zeichnet die Figurenwelt aus, keine intentionalen moralischen Schemata bevölkern sie.
Im Schnelldurchlauf haben wir in diesem Film zu Beginn Gesichter vor uns oder Menschen in der Alltäglichkeit des Durchmessens von Räumen. Und das Schlussbild verweist uns wieder auf Verhaltensweisen, die immer wieder menschliches Leben bestimmen. Dazwischen wird dann das Brennglas auf einen konkreten Fall gerichtet, der uns Individualität vorgaukelt, Interesse okkupiert, obwohl er doch gar keiner solchen Aufmerksamkeit bedürfte. Aber die künstlerische Imagination umfängt uns und verleiht für kurze Zeit Sinn.
Germain, ein Gymnasiallehrer, ereifert sich über die platten und uninteressanten knappen Ausführungen der Schüler zu seiner Aufgabe, über das Erlebnis des letzten Wochenendes zu berichten. Bis ihn die weit ausholende Beschreibung eines Schülers aus der letzten Bank, Claude, wegen der gekonnten Formulierungen und der Intensität gefangennimmt. Der Inhalt lässt ihn so neugierig werden, dass er auch seine Frau Jeanne in sein Interesse einbinden muss. Claude beschreibt, wie er das Vertrauen eines Mitschülers gewinnt, um in dessen Elternhaus heimisch zu werden, um die Familie zu beobachten. Er gibt seinem vorgeblichen Freund Nachhilfe in Mathematik und hat so fast ungehindert Zugang in ein neues Heim. Man erfährt, dass Claudes Mutter gestorben und sein Vater behindert ist, was ein Motiv wäre, nach einem Familienleben zu suchen. Claude schliesst seine Beobachtungen mit dem Hinweis auf Fortsetzungen, und unser neugieriger Lehrer, der dem Suspense des Sechzehnjährigen verfällt, ermuntert ihn immer wieder, voyeuristisch tätig zu werden. Als die Gefahr des Abbruchs der Beziehung Claudes zu seinem Beobachtungsobjekt droht, weil sein “Zögling” die Prüfung kaum schaffen dürfte, ist Germain bereits so in seiner Neugierde gefangen, dass er die Mathematikaufgaben im Lehrerzimmer entwendet, um sie Claude zur Verfügung zu stellen, damit der weitere Beobachtungen und Beschreibungen machen kann.
Was interessiert Germain eigentlich an diesen Aufsatzfolgen? Das Verhalten des Jungen, die Intimitäten einer fremden Familie, die Umsetzung spionagehafter Erkenntnisse in eine literarische Form eines Frühbegabten, die erotischen Reflexionen über Claudes Begehren von Esther, der Mutter seines Mitschülers? Auf jeden Fall hat sich Germain so verstrickt, dass er dafür mit dem Verlust seiner sozialen und persönlichen Bindungen büssen wird.
Es gibt nichts zu beweisen in diesem Film: das Geschehen oder, besser gesagt, das Verhalten der Personen kann auf so vielfältige Weise ausgelegt werden, dass der stringente psychologische Analytiker Schiffbruch erleiden wird. Ozon, der das Theaterstück «El chico de la última fila» des spanischen Autors Juan Mayorga als Vorlage für seine filmische Konstruktion benutzt hat, erklärt:
Dans la construction du scénario, tout est fait pour que le spectateur participe, qu’il soit pris au jeu de l’histoire, que son imaginaire soit sollicité. Il y a des manques dans l’histoire, le passage entre les rédactions et la réalité est de moins en moins marqué. Le montage a beaucoup contribué à faire disparaître le dispositif de départ, à renforcer les ellipses, à jouer sur la confusion entre le réel et la fiction.
Die Geschichte hat als Movens das Verhalten Claudes zu den Frauen, denn sowohl Esther wie Jeanne bewirken sein Verlangen, das natürlich nicht erfüllt werden könnte oder kann, weil das die platte Realität und den Verlust des schwebenden Zaubers bewirken würde. Und trotzdem sitzen wir gespannt wie Germain, um die Fortsetzung von Claudes Beobachtungen zu erfahren, die doch nichts Herausragendes erzählen wird!
Ein Vielerlei von Partikeln des Geschehens rankt sich um die literarischen Cliffhanger. Herausragend wohl die Charakterisierung der Galerie, die Jeanne als Kuratorin betreibt und die ein nicht gerade sympathisches Bild von der Kunst unserer Zeit vermittelt. Sie wird von den Besitzerinnen, älteren eineiigen Zwillingen, deren Aussehen an Porträts einer Diane Arbus erinnert, aufgelöst werden. Oder dieser immer wieder aufscheinende China-Tick, repräsentiert in der beruflichen Tätigkeit von Esthers Mann. Und auch Jeanne stellt in ihrer letzten Vernissage China-Bilder von unwirklichem Sujet vor. Esther wiederum erzählt viel von ihren innenarchitektonischen Ambitionen, und Germain hat auch ein Buch geschrieben, das das Gefallen von Claude findet, was er ihm gesteht, als sie zusammen am Ende auf einer Bank sitzend das Geschehen in den Familien dieser Welt betrachten.
Nicht vergessen werden darf aber bei diesem Kaleidoskop menschlicher Regungen die Kraft der Begleitmusik von Philippe Rombi: «La mélodie qui revient souvent sur les rédactions a un côté feuilletonnant, elle donne envie de connaître la suite des rédactions de Claude, puis contamine tout le film.»