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Menschen sind intelligente Wesen, die an einen einzigen, sterblichen, biologischen Körper gebunden sind. Dieser Körper ist an die Bedingungen der Erde angepasst, nicht an jede des Weltraums. Die Erforschung und Besiedlung der Galaxis werden daher intelligente Wesen übernehmen müssen, die über flexiblere Körper verfügen.
Der Körper eines Menschen ist äusserst empfindlich: Er braucht ganz bestimmte Bedingungen, um zu überleben. So muss die Umgebungstemperatur im Bereich zwischen 0 und 30 Grad liegen, damit er langfristig überleben kann. Der Druck sollte ungefähr jenem auf der Erdoberfläche entsprechen, der Sauerstoffgehalt der Luft darf höchstens um wenige Prozent vom Idealwert abweichen. Dazu kommt, dass er auf die Aufnahme von Nahrung angewiesen ist, die ihrerseits sehr speziellen Anforderungen genügen muss: eine kleine Menge zuviel oder zuwenig bestimmter Elemente, und die „Nahrung“ wird unbrauchbar. Dann kommen noch weitere Anforderungen, wie genügend Licht, genügende Gravitation, genügend Unterhaltung und so weiter hinzu. Kurz, der menschliche Körper ist eine Mimose, wenn man ihn mit den Bedingungen im Weltraum konfrontiert.
Das ist natürlich nicht besonders verwunderlich: Schliesslich hat sich der Mensch auf der Erde entwickelt, wo all diese Bedingungen seit Jahrmillionen unverändert gelten. Der Mensch ist durch und durch ein Wesen dieser Welt, er ist in die lebendige Natur des Planeten Erde integriert und ein Teil davon.
Dies ist einer der Gründe, weshalb die bemannte Raumfahrt so teuer ist: Ein Mensch im Weltraum muss die Erde quasi mit sich nehmen, um zu überleben. Raumanzüge und Raumfahrzeuge sind nichts anderes als kleine, ja winzige Lebensinseln, in denen die Umweltbedingungen der Erde in die Weiten des Alls mitgeführt werden. Und wie immer gilt, je komplexer das System, umso schwieriger ist es, das System gegen die Zufälle der Natur über eine längere Zeit aufrecht zu erhalten. Nur auf der Erde selbst liegt diese ganz besondere Kombination von Bedingungen für das menschliche Überleben in natürlicher Weise vor, nur hier erhält sich das „Lebenserhaltungssystem“von selbst, ohne weiteres Zutun des Menschen. Die Erde ist damit gleichzeitig die grösste und am einfachsten zu unterhaltende Lebensinsel, die der Menschheit zur Verfügung steht: Zurzeit scheinen wir aber noch lernen zu müssen, wie wir auf dieser Lebensinsel leben können, ohne sie zugrunde zu richten – doch ich bin zuversichtlich, dass wir dies lernen werden, auf die eine Weise oder auf die andere. Wie jedes Lebenserhaltungssystem ist auch die Erde nur für eine bestimmte Anzahl Menschen langfristig bewohnbar, und diese Anzahl liegt vermutlich unter den heutigen 6.6 Milliarden.
Dies bedeutet aber auch, dass die Menschheit in absehbarer Zeit ausserhalb der Erde nicht wirklich „heimisch“ werden kann. Die Menschheit wird, grosse Rückschläge und „Dunkle Zeitalter“ einmal ausgeklammert, früher oder später die Ressourcen des Sonnensystems zu nutzen lernen. Sie wird Forschungsstationen auf vielen Planeten und Monden des Sonnensystems gründen, und einige Enthusiasten werden beginnen, den Nachbarplaneten Mars in eine wohnlichere Version seiner selbst zu verwandeln („Terraforming“). Doch keine Welt da draussen hat das Potential, sich innerhalb der nächsten Jahrtausende in eine echte Kopie der Erde zu verwandeln: Wo immer die Menschheit ist, sie wird immer auf künstliche Lebenserhaltungssysteme angewiesen sein – ausser auf der Erde. Diese Lebenserhaltungssysteme können komplizierter (z.B. auf dem Mond, oder auf dem Merkur) oder weniger kompliziert (z.B. auf dem Mars, vielleicht auch Titan?) ausfallen, doch letztlich gibt ohne technische Unterstützung keinen wirklich „bewohnbaren“ Ort – ausser, wir erinnern uns, der Erde. Selbst ein „terrageformter“ Mars wird diesen unnatürlichen, für seine Entfernung zur Sonne instabilen Zustand früher oder später wieder verlassen und zu den jetzigen Bedingungen zurückkehren, wenn sein Klima nicht durch technische Unterstützung lebensfreundlich gehalten wird.
Kein Wunder also, sucht die Menschheit nach einer „zweiten Erde“ in fernen Sternsystemen – doch diese fernen „Erden“ dürften selten sein. Nach allem, was wir aus der Erforschung der Extrasolaren Planeten wissen, ist das Sonnensystem der Erde die grosse Ausnahme: erdähnliche Planeten auf stabilen Bahnen dürften nach allem, was wir wissen, nicht sehr häufig sein. Und selbst, wenn wir eine zweite Erde finden: Es ist keineswegs gesagt, dass diese für uns wirklich bewohnbar wäre (mal ganz abgesehen vom Problem, überhaupt erst dorthin zu kommen): Weichen die Umweltbedingungen auf dieser neuen Erde auch nur ein wenig zu stark von den Werten hier ab, so ist die Abhängigkeit von der technischen Unterstützung wieder da.
Letztlich bedeutet das, dass die Menschheit nur auf der Erde langfristig unabhängig von Technik überleben kann. Und das wiederum bedeutet, dass alle „Kolonien“ auf anderen Welten früher oder später untergehen werden. Zufällige Ereignisse, menschliches Versagen, Sabotageakte – die Lebenserhaltungstechnologie auf jeder Welt, in jeder Kolonie ist anfällig für die Zerstörung, umso mehr, je stärker die natürlichen Umweltbedingungen von den künstlich herbeigeführten abweichen. Sich selbst überlassen, kann eine solche Kolonie also vielleicht für einige Jahrhunderte, vielleicht auch Jahrtausende überleben, doch wirklich langfristig gesehen gibt es keine Garantie. Das mögliche Versagen der Technologie, auf der das Überleben basiert, hängt wie ein Damoklesschwert über jeder Kolonie.
Künstliche Intelligenzen, und um diese geht es hier gemäss dem Titel des Artikels auch, haben diese Probleme nicht. Eine Intelligenz, nicht an einen einzigen, biologischen Körper gebunden ist, kann sich allen Bedingungen anpassen: Ihr Überleben hängt nicht von Technologie ab, sie SIND Technologie: Die Intelligenz selbst ist nicht direkt von der fortgesetzten Existenz eines physischen Körpers abhängig: eine künstliche Intelligenz, die im Innern eines Computers existiert, ist lediglich ein Muster aus Einsen und Nullen, das auf jede beliebige (dafür geeignete) Hardware übertragbar ist – droht die Zerstörung der Hardware, wird auf eine andere ausgewichen. Egal was mit der temporären Hardware passiert, das Muster bleibt erhalten. Dadurch wird auch klar, dass künstliche Intelligenzen viel besser als Menschen dafür geeignet sind, die Galaxis zu erforschen und zu besiedeln.
Das muss nicht heissen, dass die einzelnen Menschen von dieser Entwicklung ausgeschlossen sind: Durch „Upload“, dem Scannen der Gehirnmuster und deren anschliessender Simulation in einem Computer, lässt sich ein menschliches Bewusstsein theoretisch in einen Computer kopieren (oder vielleicht sogar übertragen – siehe zukünftigen Artikel in der Rubrik „Zukunftstechnologien“). Diese künstlichen Intelligenzen menschlicher Herkunft können dann ihr Bewusstsein in beliebe neue Körper (biologischer oder technologischer Art) „herunterladen“. Eine künstliche Intelligenz braucht nicht einmal ein Raumschiff: Es ist auch möglich, das Gehirnmuster von einem Stern zum anderen zu funken (vorausgesetzt natürlich, am Zielort existiert bereits eine Empfänger-Station) – aus Sicht der künstlichen Intelligenz würde dabei keine Zeit vergehen. Dies sind die idealen Voraussetzungen, wenn man die Galaxis erforschen will: man schickt unbemannte Raumsonden aus, die in der Lage sind, Kopien ihrer selbst herzustellen – und jede Raumsonde baut eine Empfangsstation für Gehirnmuster und andere künstliche Intelligenzen. Im neuen System kann dann die Erforschung oder Besiedlung des Systems in Angriff genommen werden, sobald die ersten künstlichen Intelligenzen empfangen und in neue Körper „inkarniert“ sind (Aus diesem Grund müssten wir auch erwarten, dass ausserirdische Besucher nicht in physisch-körperlich-biologischer Form bei uns auftauchen, sondern viel mehr in Form von künstlichen Intelligenzen in beliebiger physischer „Inkarnation“).
Doch solchen künstlichen Intelligenzen könnte die „reale“ Welt bald nicht mehr genug sein. Wenn sie einmal seine Gesetze und seine Strukturen kennen, wird das Universum für unterbeschäftigte Hyperintelligenzen schnell langweilig: Sie könnten damit beginnen, sich ihre eigenen, virtuellen Welten zu erschaffen. Da jede künstliche Intelligenz ihre eigenes, virtuelles Universum mit einem minimalsten phyischen Aufwand (ein einziger, robuster Computer, freifliegend im interstellaren Raum reicht bereits) erschaffen kann, wird diese Möglichkeit zunehmend verlockend erscheinen. Mit den Ressourcen eines einzigen Sternsystems könnten vermutlich mehr virtuelle Welten geschaffen werden, als es im ganzen Universum gibt.
Möglicherweise ist dies auch eine Lösung des Fermi-Paradoxons. Der italienisch-amerikanische Physiker Enrico Fermi stellte schon in den dreissiger Jahren fest, dass vieles dafür sprach, dass ausserirdische Intelligenzen im Universum häufig sein müssten, doch wenn sie es wären, so Fermi, müssten sie schon lange hier sein – doch wir beobachten sie nicht. Die Auflösung des Paradoxons könnte also einerseits darin liegen, dass sie längst hier sind, und wir sie nicht als solche erkennen können, und anderseits, dass sie viel zu beschäftigt mit ihren virtuellen Welten sind, als dass sie sich eingehender mit einer neuen, kleinen Zivilisation auf einem unbedeutenden kleinen Planeten am Rande der Milchstrasse kümmern könnten. Da erschaffen sie lieber gleich noch ein neues (virtuelles) Universum.