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Arbeitskraft
Bestimmt waren wir schon fast alle einmal in einer Situation, in der wir unser Wissen oder unser Können nicht anwendeten, obwohl es von Nutzen gewesen wäre. Diese Zurückhaltung beim Einsatz eigener Fähigkeiten kann verschiedene Gründe haben. Wir sehen beispielsweise einem Reisenden zu, der seine Tasche derart ungeschickt in der Gepäckablage verstaut, dass sie fast zwangsläufig herunterfallen muss. Aber statt zu helfen, warten wir ab, bis das Gepäck tatsächlich herunterfällt. Oder wir sehen im Auto als Beifahrer, wie jemand mit angezogener Handbremse losfahren will, und warten stumm, bis der Fahrer seinen Irrtum selber feststellt.
Schadenfreude?
Vielleicht sind wir im betreffenden Augenblick zu bequem, um einzuschreiten, oder wir möchten uns nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen. Und vielleicht verweigern wir unsere Hilfe aus reiner Schadenfreude. Es kann ausserdem vorkommen, dass wir einem Kind, das im Begriff ist, einen Fehler zu machen, aus pädagogischen Erwägungen nicht sofort helfen, damit es aus dem Fehler seine Lehren ziehen kann. Gründe, das offensichtlich Naheliegende im richtigen Moment nicht zu tun, gibt es verschiedene. – In einem Dorf im Schweizer Mittelland arbeitete vor vielen Jahren ein spanischer Bauhandlanger. Falls er noch lebt, müsste er jetzt ein alter Mann sein. Doch in der Zeit, von der hier die Rede sein soll, war er noch kräftig und ausdauernd. Er schaufelte und pickelte stundenlang, ohne müde zu werden. Er trug Mörtel in grossen Eimern, reinigte Schalttafeln mit einem Spachtel oder spitzte Löcher für Leitungen. Er reinigte Werkzeug und zog Nägel aus den Kanthölzern. Alles, was man ihm auftrug, erledigte er mit Geschick und stummer Duldsamkeit. Aber er tat nichts ohne Auftrag. – Zuweilen kam es zum Beispiel vor, dass ein Maurer sich beim Lesen eines Planes irrte und ein Mauerwerk am falschen Ort ansetzen wollte. Dann liess der Handlanger den Maurer eine kurze Weile arbeiten, bis er ganz nebenbei bemerkte, es wundere ihn, dass die Mauer nicht einen Meter weiter links geplant sei. Wenn der Maurer auf den Handlanger hörte und den Plan noch einmal zur Hand nahm, konnte er seinen Irrtum mit relativ wenig Aufwand korrigieren. Ignorierte er den Hilfsarbeiter jedoch, war es ohne weiteres möglich, dass der Maurer am Abend die Arbeit eines ganzen Tages wieder abbrechen musste.
Einmal hatten Zimmerleute eine lange Kellertreppe geschalt. Der Beton war bestellt, und die Arbeiter machten sich daran, die Treppe zu betonieren, als der Handlanger ganz nebenbei bemerkte, er habe beinahe das Gefühl, die Schalung sei ungenügend abgestützt. Niemand hörte auf ihn, und tatsächlich brach die Schalung unter dem Gewicht des frischen Betons ein. Der Handlanger sagte nichts mehr und räumte, ohne zu murren, auf.
«Warum hast du nicht energischer gewarnt?», fragte ein Lehrling darauf den Handlanger. – «Weil niemand mich nach meiner Meinung gefragt hat.» – «Aber du hast gewusst, dass die Schalung der Belastung nicht standhält?» – «Gewusst nicht, aber vermutet habe ich es schon.» – «Dann hättest du doch einschreiten sollen!»
Der Handlanger zuckte bloss mit den Schultern und tat weiter, was ihm befohlen worden war. Erst als der Lehrling nach Feierabend insistierte und dem Hilfsarbeiter sagte, ihm sei schon lange aufgefallen, dass er viel mehr könnte, als bloss Hilfsarbeiten zu verrichten, erzählte ihm der Handlanger seine Geschichte.
Kein Fähigkeitsausweis
Er sei seinerzeit in der Schweiz als Hilfsarbeiter eingestellt worden, obwohl er dem Personalchef erklärt habe, dass er in seiner Heimat ein kleines Baugeschäft geführt und fast alle Bauarbeiten selbst ausgeführt habe. Der Personalchef habe ihn daraufhin nach seinem Fähigkeitsausweis gefragt. Das Problem sei nur, dass er nie einen Fähigkeitsausweis gehabt habe, weil man zu seiner Zeit und in seiner Heimat das Handwerk nicht in Berufslehren gelernt habe, sondern durch blosses Hinsehen und Nachmachen.
In dem Land, aus dem er herkomme, gebe es keine Fähigkeitsausweise; Diplome existierten nur für die Akademiker. Und da er seine Berufskenntnisse nicht schriftlich habe nachweisen können, sei er nun eben Handlanger. Sein Stundenlohn sei der eines Handlangers. Als solcher werde er behandelt und als solcher arbeite er auch seit vielen Jahren, so gut er es könne. Zwar habe er noch das eine oder andere Mal beim Personalchef vorgesprochen und ihn gebeten, ihn anders einzustufen. Aber er sei mit seinem Anliegen nie durchgekommen. Seither behalte er sein Wissen normalerweise für sich, weil er gemerkt habe, dass es einfacher sei, nicht zu viel zu sagen und nicht zu viel zu hinterfragen.
Verschwendung von Wissen
Die Geschichte gab dem Lehrling zu denken. Das sei doch eine Verschwendung an Wissen, sagte der junge Bursche, der das Wort «Know-how» noch nicht kannte. Es müsse doch logisch sein, dass jeder Arbeiter auf der Arbeit jederzeit sein ganzes Können einbringe. Der Handlanger sah den Lehrling lange an, dann entgegnete er ganz ruhig: «Wissen und Erfahrung gehören immer dem, der sie sich angeeignet hat. Jeder ist frei, damit zu tun, was er für vernünftig erachtet.»