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Am Vortragsabend des Historischen Vereins Schaffhausen löste der Vergleich von Covid-19 mit der Spanischen Grippe in der Fragerunde eine spannende Diskussion aus. Von Hermann-Luc Hardmeier
SCHAFFHAUSEN. Kann man die Spanische Grippe von 1918 mit Covid-19 vergleichen? Und falls ja: Was sind die Konsequenzen davon? Am Dienstagabend kamen im Museum Allerheiligen knapp 50 Zuhörerinnen und Zuhörer zusammen, welche sich zu dieser Frage von Prof. Dr. Madeleine Herren-Oesch von der Universität Basel informieren liessen. Die Referentin betrachtete die Krankheit aus der Perspektive
der Globalgeschichte Europas und nutzte die Spanische Grippe dabei als Referenzbeispiel. «Die Kriegsmetapher muss überdacht werden», stellte Madeleine Herren-Oesch gleich zu Beginn fest. «In einer Pandemie von Kampf zu reden, ist unsinnig. Es wird in dem Sinne auch keinen Sieger geben.» Die Spanische Grippe tauchte 1918 erstmals auf und wird für 50 bis 100 Millionen Tote verantwortlich gemacht. In drei Wellen überrollte sie die fast schutzlose Bevölkerung. Weil die
kriegführenden Länder Berichte über die Todesfälle zensierten, tauchten die ersten Zeitungsmeldungen darüber erst im neutralen Spanien auf. Und somit nannte man sie Spanische Grippe, obwohl sie höchstwahrscheinlich im letzten Kriegsjahr von amerikanischen Soldaten nach Europa gebracht wurde. Madeleine Herren-Oesch erklärte, dass es schon 1918 wilde Theorien gab, ob der Ursprung bei chinesischen Hilfsarbeitern läge, die in Frankreich Schützengräben aushoben und Tote bestatteten.
Auch «Fake News» gab es in jener Zeit bereits: Ein Hochstapler beispielsweise verkaufte in den Zwanzigerjahren das Mittel «Antimicrobum», welches zu Unrecht eine Grippeheilung versprach.
Falsche Vorwürfe
Im Jahr 1918 fielen Massnahmen gegen die Grippe in den kriegführenden Staaten unter das Kriegsrecht. Widerstände, wie man sie heute gegen Covid-Massnahmen erlebt, waren daher nicht denkbar und ein gesellschaftlicher Konsens nicht notwendig. Die Regierung entschied alleine. Bei der Schweizer Bevölkerung herrschte keine Ablehnung, sondern das Gegenteil war der Fall: Man warf der Sozialdemokratie vor, durch den Landesstreik die Demobilisierung der Armee nach dem Krieg
verzögert zu haben. In den Kasernen breitete sich die Krankheit aus, und die
Streikenden hätten somit die 25 000 Toten mitzuverantworten. Aus heutiger Sicht natürlich eine sehr einseitige und in dieser Absolutheit nicht zutreffende Betrachtungsweise. Aktuellere Forschungen entlarven es als politisches Argument und streichen eher das lange Zuwarten mit dem Schliessen von Kinos, Theatern sowie die kaum vorhandenen Schutzmassnahmen hinsichtlich der zweiten und weitaus tödlicheren Welle hervor. Madeleine Herren-Oesch verdeutlichte zudem, dass
man für die Impfgegner der heutigen Zeit 1918 wahrscheinlich wenig Verständnis
gehabt hätte: «Im kriegsversehrten Europa hätte man wohl alles genommen, was die Situation nur im Entferntesten verbessert hätte. Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit
spielten dabei natürlich eine zentrale Rolle.» Die Zuhörerinnen und Zuhörer wollten in der anschliessenden Diskussion wissen, ob Viren als biologische Waffen eingesetzt werden, ob die Behörden aus dem Geschehen von 1918 etwas gelernt hätten und ob die Gesellschaft gezielt gespalten werde. Die Referentin ordnete die Aussagen ein und unterstrich, dass der Vergleich vor allem eines lehre: «Wir denken national, aber Viren funktionieren global. Das hat gesellschaftspolitische Auswirkungen und erfordert globale Lösungen.» Die Spanische Grippe verschwand übrigens so plötzlich, wie sie
auftauchte. Historisch gesehen ist die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie daher durchaus berechtigt.
Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Donnerstag, 18. November 2021.