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I
Gewinnen wir Erkenntnis über einen Menschen nicht wie über einen Baum? Wir nehmen beide mit allen Sinnen wahr. Der Mensch ist so und so groß, der Baum ist größer. Die Blätter des Baumes sind grün (im Sommer), die Haare des Menschen vielleicht braun. Die Rinde des Baumes fühlt sich rau an, die Haut des Menschen weich. Der Mensch riecht nach Parfum, der Baum würzig (im Herbst). Wenn der Wind geht, rauschen die Blätter in der Krone des Baums. Den Menschen hören wir atmen, sprechen, singen. Und so weiter. Doch ist es ein Fehler, das Erkennen eines Menschen mit dem eines Baumes gleichzusetzen.
II
Hätte man nur zwei Worte für den Unterschied zwischen Mensch und Baum, wären es vielleicht Sprache und Selbst-Bestimmung. Doch das ist grundlegend. Im Deutschen etwa meinen wir mit „Ich erkenne einen Menschen“ etwas anderes als mit „Ich verstehe sie oder ihn“. Jenes ist äußerlich, wie die Identifikation in der polizeilichen Gegenüberstellung: Ja, eine Person, die so ausgesehen hat, war am Tatort. Das Verstehen geht weiter. Wir müssen, so der wohl erste „verstehende Soziologe“ Max Weber, die „subjektiven Bestimmungsgründe“ kennen: „Was wollten Sie am Tatort?“ Sicher, manch Verhaltensweise versteht sich bei bloßem Hinsehen. Worauf läuft es wohl hinaus, wenn ein Mann an der Supermarktkasse eine Tüte Milch auf das Band legt? Da müssen wir ihn nichts fragen. Aber viele Verhaltensweisen sind nicht derart eindeutig. Und zudem verstehen wir so nur oberflächlich. Denn hinter dem Milchkauf spannt sich ein Universum auf. „Für wen ist die Milch, für Sie? … Für Ihr Kind? Wie alt? … Oh, die Mama ist krank. Wollen Sie nicht gleiche mehrere Packungen… Sie ziehen morgen in eine andere Stadt! … Es ist ungerecht, wegen einer solchen Lapalie gekündigt zu werden. … Ja, die Hilfe der Schwiegereltern wird Ihnen fehlen.“ Wenn man so will, verbirgt sich hinter jeder Handlung ein ganzes Leben, und das ist wiederum verbunden mit anderen Leben. Es wird deutlich: Wir verstehen andere Menschen nur, wenn wir sie zu uns sprechen lassen, was sie tun und getan haben und warum. Wir verstehen nur, wenn wir uns auf ihre Selbst-Bestimmung einlassen.
III
Wenn das Erkennen anderer Menschen Verstehen ist, dann verschränkt sich wegen Selbst-Bestimmung und Sprache der vermeintlich wissenschaftlich nüchtern-neutrale Erkenntnisanspruch mit einer moralischen Forderung: Gib anderen das Wort und hör zu! Sonst kannst Du nicht erkennen, also: verstehen. Dieser grundlegende Gedanke begegnet uns in unterschiedlichem Gewand. In rechtsstaatlichen Verfahren, wenn wir fordern, dass diejenigen, die vom Ausgang betroffen sind, gehört werden. Oder in der wissenschaftlichen Methodik. Wen, wie viele, wie und wie ausführlich muss ich befragen, damit ich einem gewissen Erkenntnisanspruch erheben darf? (Das Universum hinter der Milchtüte lehrt uns: Er ist immer höchst begrenzt). Und wir ahnen, wie oft diese Forderung jeden Tag nicht eingehalten wird – im Großen wie im Kleinen. In manchen Verfahren ist die Anhörung nicht vorgesehen. Jede Wahl – auch in funktionierenden repräsentativen Demokratien – wirft die Frage auf, ob die Wähler wirklich gehört werden. Überhaupt: Unentwegt sprechen Menschen für andere, Anwälte für Mandanten, Eltern für Kinder, Ehepartner füreinander (am liebsten, wenn die andere Person nicht anwesend ist). Manchmal machen sie das gut, manchmal schlecht. Wenn wir die einfache Forderung „Hör zu!“ ernst nehmen, muss uns schwindeln. Leben wir in der Unwahrheit?
IV
Nur ist Zuhören nicht Verstehen. „Ich kaufe mir einen Hund“, sagt einer. „Gute Idee, es wird viel eingebrochen.“ Der erste; „Nicht deshalb, ich fühle mich einsam, ich will einen Schoßhund.“ Die Zweite: „Ach so, ich dachte einen Wachhund. Bei meinen Nachbarn sind sie neulich eingestiegen.“ Sprache ist nicht eindeutig. Der Hund kann Schoß- oder Wachhund sein, und mit Einsamkeit und bestohlenen Nachbarn ragen bereits die Universen der Sprechenden in die Bedeutung der Worte hinein. Nur zuhören reicht nicht um zu verstehen. Wir müssen nachfragen, vielleicht verhandeln, streiten, nicht immer werden wir einig, bleiben unverstanden. Zu keinem Zeitpunkt versteht man das besser als in Beziehungskrisen. Was zudem, wenn ich die Sprache der anderen nicht spreche? Jetzt bin ich wieder beim Erkennen: Die Geräusche aus dem Mund gleichen dem Rauschen der Blätter. Ich weiß, wie das zustande kommt, aber ich verstehe nicht. Es bleibt mir – mit einem heiklen Wort – fremd. Wenn unsere Forderung lautet „Versteh!“ und nicht nur „Hör zu!“, wird es anstrengend, aufwändig. Wir brauchen Hände und Füße, eine Übersetzerin, 500 Stunden Sprachkurs. Jetzt können wir uns auf dem Niveau missverstehen wie der Einsame und die Verängstigte. Fehlt nur noch ein Abgleich der Universen. Nur wie mache ich jemanden verständlich, der keine Scheidung durchgemacht hat, wie das ist, wie: die Geburt eines Kindes, Singen im Chor, die Ruhe eines solitären Lebens, die Nähe einer Großfamilie, Folter und Flucht, Lust an der Wissenschaft, religiöse Ekstase? Lautet die Forderung am Ende nicht „Erkenne!“, nicht „Hör zu!“, sondern „(Er-)Lebe mit mir!“? (Sonst verstehst Du nicht.)
V
Ist das zu viel verlangt? Vielleicht leben wir nicht in der Unwahrheit, weil es den Kassierer nicht interessieren muss, warum der Mann die Milch kauft. Wir haben nicht die Zeit, bei jedem Kontakt Universen zu erforschen. Man kann nicht fordern, was unmöglich zu erfüllen ist. Aber wenn ich nicht versuche, die anderen zu verstehen, bleiben sie fremd. „Bäume“. Einen Baum mögen wir „an seinem Platz“. Im Park und bitte nicht morsch. Er nehme uns kein Licht, stehe uns nicht im Weg, wenn wir ein Haus bauen wollen, und er ängstige uns nicht damit, vielleicht umzustürzen. Sonst sägen wir ihn ab. Für die, die nicht verstanden werden, wird es unangenehm, gefährlich, unerträglich. Existentialistisch in der Trennung, existentiell im Asylverfahren. Wir sollten sie nicht zurücknehmen, die Forderung „Verstehe!“.
VI
Seit einiger Zeit weiß man, dass auch Bäume miteinander „sprechen“.