Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/1880

Im Folgenden werde ich nun etwas aus meiner Sammlung an Erfahrungen berichten, die ich bis jetzt bezueglich der Eigenheiten der Kambodschaner machen durfte.
Khmer und Namensbezeichnungen. Die eigentlichen Namen der Leute hier werden kaum benutzt. Vielmehr spricht man sich mit "Schwester", "Tante" oder "Grossvater" an - je nach Alter und Geschlecht. Die Khmer sehen sich also als eine einzige, grosse Familie. Ich selber wurde zu Beginn einfach mit der Bezeichnung "barang" abgestempelt, was soviel wie "Auslaender" bedeutet. Umso stolzer bin ich, dass ich es inzwischen auch zur Bezeichnung "Kind" oder "Schwester" geschafft habe. Der 4-jaehrige Nachbarsjunge spricht mich sogar mit "Tante" an. Mit dem Wort "barang" ist das aber sowieso so eine Sache. Eigentlich heisst es naemlich nichts anderes als "Franzose". Dies kommt daher, dass Kambodscha ja bis 1953 unter der Herrschaft Frankreichs war, weshalb die Khmer Europaer generell gerne mit Franzosen in Verbindung bringen. Doch waehrend wir unseren Kindern beibringen, dass nicht gleich jeder Asiate ein Chinese ist, scheint die Bezeichnung "barang" hier fast schon offiziell. Es gaebe zwar auch noch ein richtiges Wort fuer Auslaender, aber viele Khmer kennen dieses nicht einmal. So kommt es, dass ich manchmal von den Kindern im Dorf ernsthaft mit "Hello, barang!", also "Hallo, Franzose!" begruesst werde. Aus unserer Sicht ist das natuerlich voellig daneben, hier macht es jedoch durchaus Sinn. Schliesslich soll der Uebername nur den Respekt der Kinder mir gegenueber zum Ausdruck bringen. Unglaublich liebenswert finde ich die Tatsache, dass die Khmer von ihren Landesgenossen nicht als "Kambodschaner" sprechen, sondern als ihre "kambodschanischen Schwestern und Brueder" - herzig, nicht?
Khmer und Reis. Wenn ich wohl eines nicht vermissen werde, dann ist das der Reis - er scheint hier allgegenwaertig. Aus Sicht der Khmer ist es das einzige Nahrungsmittel ueberhaupt, das richtig satt macht und ihnen Energie gibt. Deshalb ist er ausnahmslos bei jeder Mahlzeit in grossen Mengen dabei. Die aus der Kolonialzeit uebrig gebliebenen Baguettes, genauso wie die von den Chinesen und Vietnamesen kommenden Nudelgerichte werden hoechstens als "Snack" angesehen. Und Kartoffeln sind sowieso nur Gemuese. Die Frage "Hast du schon gegessen?" gibt es hier eigentlich nicht. Man fragt: "Hast du schon Reis gegessen?" - ist ja klar, dass es sich um kein anderes Grundnahrungsmittel handeln kann. Zudem hat die Frage in Kambodscha eine viel groessere Bedeutung als bei uns. Hier fragt man seinen Nachbarn oder die Freundin am Telefon nicht "Wie geht's?", wenn man sich begruesst, sondern halt eben "Hast du schon Reis gegessen?". Das heisst, ich teile den Leuten hier taeglich jeweils ungefaehr 20 Mal mit, dass ich eben noch nicht Reis gegessen habe. Am liebsten wuerde ich auch gleich noch hinzufuegen, dass ich in den naechsten 24 Stunden ebenfalls keinen Reis essen werde, sondern vielleicht Kartoffeln oder Mais; aber das fuehrt aus Erfahrung nur zu unnoetigen Diskussionen, ob ich nicht verhungere etc. Besonders geistreich war in diesem Zusammenhang mein Arbeitskollege letzte Woche, der mir schlau den Tip gab, ich solle abends nicht immer ein Ei essen; schliesslich sei es nicht gesund, jeden Tag das gleiche zu essen, meinte er. Als ich ihn daraufhin freundlich darauf hinwies, dass er ja 3 Mal am Tag Reis esse, ist er nur mit einem verlegenen Laecheln in seinem Zimmer verschwunden.
Khmer und Geld. Waehrend bei uns das Thema Geld eher ein Tabu ist, wird hier staendig darueber geredet. Diese Tatsache kam mir sehr entgegen, denn dadurch konnte ich die Leute bei meinen Interviews jeweils schon nach 2 Saetzen nach ihrem Einkommen fragen - bei uns eine Unmoeglichkeit. Wenn ich meinen Nachbarn draussen frage, was er denn gerade esse, kommt nicht nur z.B. die Antwort "gebratener Fisch". Nein, es wird auch gleich noch "8000 Riel pro Kilo" hinzugefuegt. Als waere das die wichtigste Eigenschaft des Fischs ueberhaupt. Auch wenn mich jemand nach meinen Einkaeufen fragt (was staendig vorkommt), wird anschliessend gleich hinterhergeschoben, wie viel ich denn fuer die Melone und die Bohnen bezahlt habe. Besonders speziell finde ich die Tatsache, dass auch bei Geschenken sofort der Preis genannt wird. Waehrend wir in Europa muehsamst 15 Minuten den Preiskleber abkratzen, hat mir meine Schuelerin beim uebergeben des Armbands, das sie mir schenken wollte, sofort mitgeteilt, dass es 2000 Riel gekostet hat. Natuerlich werde ich auch immer nach meinem Monatslohn gefragt, und wenn ich dann antworte, dass ich hier unbezahlt arbeite, sind die Leute jeweils ziemlich erstaunt. Anschliessend wollen sie dann immer wissen, wie viel ich denn von meiner Organisation fuer denn Lebensunterhalt bekomme, aber dieser Frage weiche ich jeweils aus. Schliesslich ist es doch einiges mehr, als viele Leute hier zum Leben haben und es kommt mir irgendwie komisch vor, dies zu thematisieren.
Khmer und Hochzeiten/Begraebnisse. Sie sind laut - sie sind umstaendlich - sie sind ueberall. Wenn man in Kambodscha wohl um eines nicht herum kommt, dann sind es Hochzeiten und Begraebnisse. Die Anlaesse dauern jeweils bis zu 3 Tage. Bei uns finden sie in einer Kirche oder im Privaten statt, hier tun sie es mitten auf der Strasse. Wunderbarerweise wird beim Aufbau am ersten Tag als allererstes die Musikanlage aufgebaut, damit diese auch ja in voller Lautstaerke 3 Tage durchdroehnen kann. Bei Begraebnissen ist dies ab 4 Uhr morgens der Fall. Auf welcher Strasse das Zelt steht, ist jeweils ein Zeichen des Reichtums des Veranstalters. Befindet sich das Zelt auf einer Nebenstrasse, hat der Organisator nicht so viel Geld. Kann er sich jedoch leisten, gleich die Hauptstrasse zu blockieren, ist er sehr reich. Das heisst, je wohlhabender der Veranstalter, desto mehr Leute werden fuer 3 Tage in ihrem taeglichen Verkehr gestoert. Was die Musik anbelangt, so ist diese nicht nur unglaublich laut, sondern auch sonst nicht ganz ohne. Waehrend die kitschigen Pop-Balladen an den Hochzeiten alle genau gleich toenen und man nach hoestens 20 Minuten sicher genug davon hat, ist die Musik bei den Begraebnissen unbeschreiblich klagevoll. Sie drueckt tatsaechlich genau das Innenleben eines Trauernden aus - ich habe noch nie zuvor so etwas Furchtbares gehoert. Ist ja alles schoen und gut, aber wenn man nichts mit dem Begraebnis zu tun hat und dann damit um 4 Uhr morgens geweckt wird, obwohl man bis um 6 schlafen koennte, ist es schon eher unangenehm. Mit diesen Anlaessen habe uebrigens nicht nur ich Muehe, auch die Khmer "bemitleiden" sich gegenseitig mit herzlichem Schulternklopfen, wenn der Nachbar in einem Monat gleich zu 3 Hochzeiten muss. Schliesslich muss man zu allem Ueberfluss auch jedes Mal noch ca. 15 Dollar an das Brautpaar spenden, da sich dieses die Hochzeit sonst nie im Leben leisten koennte. Bei einem Monatslohn von 100 Dollar und 3 Hochzeiten im Monat geht das dann fuer die Gaeste halt schon ziemlich ins Geld. Jedenfalls hat es mich nun auch "erwischt" und ich darf am Wochenende an meine erste Hochzeit gehen. Ich bin ja gespannt was mich erwartet.
Anna Bugmann
Anna Bugmann unterstützte von Januar 2014 bis März 2014 unser Schulbildungsprojekt in Kambodscha als freiwillige Englischlehrerin.