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Selige Mutter Teresa von Kalkutta
Ordensgründerin (Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe)
Gedenktag: 5. September
Predigt zur Seligsprechung Mutter Teresa von Kalkutta, 19. Oktober 2003
»Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein« (Mk 10,44). Diese Worte, die Jesus an die Jünger gerichtet hat und die soeben auf diesem Platz erklungen sind, weisen den Weg zu der »Grösse«, die dem Evangelium entspricht. Es ist der Weg, den Christus selbst bis zum Kreuz gegangen ist; ein Weg der Liebe und des Dienens, der jede menschliche Logik umstürzt. Der Diener aller sein!
Von dieser Logik hat sich Mutter Teresa von Kalkutta, die Gründerin der Missionare und Missionarinnen der Nächstenliebe, leiten lassen, die ich heute zu meiner Freude in das Verzeichnis der Seligen eintragen kann. Ich bin dieser mutigen Frau, deren Nähe ich immer gespürt habe, persönlich dankbar. Als Ikone des barmherzigen Samariters ging sie überall hin, um Christus in den ärmsten der Armen zu dienen. Nicht einmal Konflikte und Kriege konnten sie aufhalten.
Ab und zu kam sie und erzählte mir von ihren Erfahrungen im Dienst an den Werten des Evangeliums. Ich erinnere mich zum Beispiel an ihre Stellungnahmen für das Leben und gegen die Abtreibung, auch anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises (Oslo, 10. Dezember 1979). Sie pflegte zu sagen: »Wenn ihr hört, dass eine Frau ihr Kind nicht austragen, sondern abtreiben will, dann versucht sie zu überzeugen, dass sie mir dieses Kind bringt. Ich werde es lieben, weil ich in ihm ein Zeichen der Liebe Gottes sehe.«
Ist es nicht bedeutsam, dass ihre Seligsprechung gerade an dem Tag stattfindet, an dem die Kirche den Weltmissionssonntag feiert? Durch ihr Lebenszeugnis erinnert Mutter Teresa alle daran, dass der Evangelisierungsauftrag der Kirche über die Nächstenliebe führt und durch das Gebet und das Hören des Wortes Gottes genährt wird. Symbol dieses missionarischen Stils ist eine Aufnahme, die bei der neuen Seligen erkennbar wird, wenn sie in der einen Hand das Händchen eines Kindes festhält und durch die Finger der anderen Hand den Rosenkranz gleiten lässt.
Kontemplation und Aktion, Evangelisierung und menschliche Förderung. Mutter Teresa verkündet das Evangelium durch ihr ganzes Leben, das sie den Armen gewidmet hat und das zugleich ganz vom Gebet erfüllt war.
»Wer bei euch gross sein will, der soll euer Diener sein« (Mk 10,43). Tief bewegt gedenken wir heute Mutter Teresas, einer herausragenden Dienerin der Armen, der Kirche und der ganzen Welt. Ihr Leben ist ein Zeugnis für die Würde und den Vorrang des demütigen Dienstes. Sie wollte nicht nur die Geringste, sondern die Dienerin der Geringsten sein. Wie eine wahre Mutter der Armen beugte sie sich herab zu allen, die unter verschiedenen Formen von Armut leiden. Ihre Grösse bestand in der Fähigkeit, zu geben, ohne die Kosten zu berechnen; zu geben, »bis es wehtut«. Ihr Leben war ein radikales Dasein und eine mutige Verkündigung des Evangeliums.
Jesu Ruf am Kreuz: »Mich dürstet!« (Joh 19,28), ein Ausdruck der tiefen Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, durchdrang Mutter Teresas Seele und fand in ihrem Herzen fruchtbaren Boden. Den Durst Jesu nach Liebe und nach Seelen in Vereinigung mit Maria, der Mutter Jesu, zu stillen wurde das alleinige Ziel von Mutter Teresas Leben und die innere Kraft, die sie über sich selbst hinauswachsen und über den Globus »eilen« liess, um für die Rettung und Heiligung der ärmsten der Armen tätig zu sein.
»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Dieser Satz aus dem Evangelium, der so entscheidend ist für das Verständnis von Mutter Teresas Dienst an den Armen, war die Grundlage ihrer vom Glauben erfüllten überzeugung, dass sie, wenn sie den gebrochenen Leib der Armen berührte, den Leib Christi berührte. Ihr Dienst hatte Jesus zum Ziel, der sich unter der leidvollen Maske der ärmsten der Armen verbirgt. Mutter Teresa erhellt den tiefsten Sinn des Dienens – eine Tat der Liebe für die Hungrigen, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken und die Gefangenen (vgl. Mt 25,34–36) ist für Jesus selbst getan.
Mutter Teresa fand ihre tiefste Erfüllung und lebte die edelsten Eigenschaften ihres Frauseins in der vollkommenen Hingabe ihrer selbst an Gott und den Nächsten. Sie wollte ein Zeichen »der Liebe Gottes, der Gegenwart Gottes und der Barmherzigkeit Gottes« sein und alle an den Wert und die Würde jedes Gotteskindes erinnern, das »geschaffen war, zu lieben und geliebt zu werden«. Mutter Teresa »führte also Seelen zu Gott, und den Seelen brachte sie Gott«, und sie stillte den Durst Christi, besonders nach denen in grösster Not, nach denen, deren Gottesbild durch Leiden und Schmerzen getrübt war.
»Der Menschensohn ist gekommen, um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10,45). Mutter Teresa hat das Leiden des Gekreuzigten geteilt, in besonderer Weise in den langen Jahren »der inneren Finsternis «. Das war manchmal eine harte Prüfung, die sie als ein besonderes »Geschenk und Privileg« angenommen hat.
In den dunkelsten Stunden fand sie mit noch mehr Ausdauer Halt im Gebet vor dem allerheiligsten Altarsakrament. Diese schweren geistlichen Qualen haben sie dazu angeleitet, sich mit allen, denen sie Tag für Tag diente, immer mehr zu identifizieren, indem sie deren Schmerzen und manchmal sogar die Ablehnung erlebte. Sie sagte wiederholt, dass die grösste Armut darin bestünde, unerwünscht zu sein und niemanden zu haben, der für einen sorgt.
»Lass deine Güte über uns walten, o Herr, denn wir schauen aus nach dir.« Wie oft hat Mutter Teresa in den Momenten innerer Trostlosigkeit wie der Psalmist zum Herrn gesagt: »Auf dich, auf dich, mein Gott, hoffe ich!«
Wir würdigen diese kleine, in Gott verliebte Frau als einfache Botin des Evangeliums und unermüdliche Wohltäterin der Menschheit. Wir ehren in ihr eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit. Nehmen wir ihre Botschaft an und folgen wir ihrem Beispiel.
Jungfrau Maria, Königin aller Heiligen, hilf uns, dass wir sanft und demütig von Herzen werden wie diese furchtlose Botin der Liebe. Hilf uns, dass wir jedem Menschen, dem wir begegnen, mit Freude und mit einem Lächeln dienen. Hilf uns, Missionare Christi zu sein, der unser Friede und unsere Hoffnung ist. Amen.