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RebellInnenrätsel: Die selbstbewusste Künstlerin
Auch mit über neunzig Jahren wird sie in jedem Interview auf ihren berühmten Ex angesprochen, mit dem sie von 1944 bis 1953 zusammen gewesen war. Dabei hat sie heute längst eine erfolgreiche eigene Karriere als Künstlerin hinter sich. Die Tochter aus wohlhabendem Haus sollte auf Wunsch ihres Vaters eigentlich Jus studieren, wusste aber bereits als Fünfjährige, dass sie Malerin werden wollte.
Die Arbeit zum Bild beschreibt sie als «Ringen mit dem Unbekannten»: Es gelte, «die Leere der Leinwand zu tilgen», der erste Pinselstrich sei «wie die Eröffnung beim Schach». Man müsse Raum schaffen für möglichst viele weitere Schachzüge, aber auch «notwendige Opfer» bringen. Das Programm der neuen Pariser Schule, der sie zugerechnet wurde, beschreibt sie so: «Wir wollten nicht mehr nur das Auge täuschen, sondern den Geist.»
Nachdem sie ihren über vierzig Jahre älteren Partner aus freien Stücken verlassen hatte, was für diesen eine ganz neue Erfahrung war, wütete er, ihre Realität sei nun zu Ende und es bleibe ihr einzig «der Geschmack von Asche im Mund». Vergeblich versuchte er, ihre Karriere massiv zu sabotieren, etwa indem er allen Pariser Galerien drohte, er würde sie boykottieren, falls sie die Bilder der Gesuchten weiterhin ausstellen sollten. Als sie 1964 eine Biografie über ihre Zeit mit dem weltbekannten Maler nachreichte, versuchte dieser, die Publikation juristisch zu verhindern, und weigerte sich fortan, die beiden gemeinsamen Kinder zu sehen.
Dabei ist das lakonische Buch keineswegs eine oberflächliche Abrechnung, sondern eine elegant praxisnahe Zergliederung des alten Kults um das männliche Genie und die weibliche Muse. Beiläufig wird auch klar, dass sie dem launischen Künstlertyrannen alle Alltagsgeschäfte abnahm und überhaupt der ganze Haushalt nach seiner Pfeife zu tanzen hatte, während sie selbst sich jede Minute für ihre Kunst mühsam stehlen musste. Eines ihrer Werke von 1946 nennt sie denn auch ironisch «Adam zwingt Eva, in den Apfel zu beissen», in einem früheren, mit Bleistift gezeichneten Selbstporträt von 1941 scheint sie direkt durch uns BetrachterInnen hindurchzublicken.
Wer ist die Malerin, die den paradoxen Satz prägte, KünstlerInnen bräuchten viel Zeit, um jung zu werden – und so die Angst davor zu verlieren, ihr «Feuerwerk der Virtuosität» zu offenbaren?
Wir fragten nach der Künstlerin Françoise Gilot, die am 26. November 1921 in Neuilly-sur-Seine, einem Nobelvorort von Paris, geboren wurde. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs lernte Gilot den damals bereits weltberühmten Maler Pablo Picasso kennen, mit dem sie zwei Kinder haben sollte – Claude und Paloma. Ihre sehr lesenswerten Memoiren über die Zeit mit dem jähzornigen Künstlerpascha und über die ganze schillernde Pariser Kunst-, Politik- und Literatur-szene jener Jahre sind auf Deutsch unter dem Titel «Leben mit Picasso» im Zürcher Diogenes-Verlag erschienen. Gilot malt bis heute, und ihre Bilder werden auf der ganzen Welt ausgestellt.