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Verständnis von Gesundheit und Krankheit
Wir haben gesehen, dass Krankheit eine Haltung ist, die der Organismus zum Überleben in einer besonderen Situation angenommen hat.
Eine Haltung ist inadäquat und muss entfernt werden, wenn:
- die ursprüngliche Situation nicht wirklich existiert
- die jetzige Situation anders ist
- die Reaktion nicht im Verhältnis steht zur Situation
Bedingtes Wohlfühlen und Einschränkung der Sichtweise
Bei Krankheit müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit sich jemand okay fühlt. Aufgrund dieser Bedingungen (Zwänge) und Obsessionen (fixierten Gefühle) wird unsere Fähigkeit, auf eine Situation zu reagieren, eingeschränkt. Der Grad der Einschränkung ist ein Maß für das Ausmaß der Krankheit. Ist solch eine Einschränkung vorhanden, sind wir nicht mehr offen für das, was uns entgegenkommt. Andererseits ist Gesundheit unbedingtes „Okay-Sein“. Ein gesunder Mensch fühlt sich okay, unter welchen Bedingungen auch immer. Das ermöglicht dem Menschen, im Hier und Jetzt zu sein und angemessen, der Situation entsprechend, zu reagieren. Wird in der Situation eine Leistung verlangt, wird diese erbracht. Verlangt die Situation, passiv zu sein, wird man passiv sein. Man muss weder eine Leistung erbringen, noch passiv sein, um sich okay zu fühlen. Man ist fähig, frei auf die jeweilige Situation zu reagieren. Gesundheit bedeutet Freiheit, Spontaneität und in der Gegenwart sein. Der Geist im Inneren ist frei, die Anforderungen der Situation zu erfüllen.
Die Wahnidee führt zu Bedingungen. Eine Person fühlt sich nur okay, wenn die Bedingungen, die durch die Wahnidee erschaffen wurden, erfüllt werden. Krankheit ist eine Beschränkung der Sichtweise. Es ist eine eingeengte Art, die Dinge zu sehen. Nur die Bewusstwerdung der Wahnidee kann diese zum Verschwinden bringen, genauso wie Licht die Dunkelheit zum Verschwinden bringt. Krankheit verschwindet nur mit Bewusstwerdung. Das homöopathische Heilmittel bewirkt ein Erkennen der Wahnidee, indem es die Person mit der ursprünglichen Situation, aus der die Wahnidee stammt, in Berührung bringt.
Kompensation
Kompensation bedeutet, mittels Willenskraft einige der Elemente seines Wesens zu verdecken, ohne diese zu verändern. In jeder Beziehung muss der Mensch auf irgendeine Art kompensieren. Kompensation wird benötigt, wenn eine spezielle Qualität in einer bestimmten Situation nicht sinnvoll ist, wenn sie nicht von der Gesellschaft benötigt wird oder wenn sie das eigene Image oder Leben in der Gesellschaft stört. Ist die Kompensation sehr intensiv oder ist der Patient sehr sensibel in Bezug auf die Gegenwart einer bestimmten Qualität, dann findet eine Überkompensation statt. Das heißt, dass ein Verhaltensmuster entwickelt wird, welches genau das Gegenteil von dem eigentlichen Wesen der Person ist.
Wir können folgende Fragen stellen, um unkompensierte Symptome herauszufinden:
- Welche Situation hat der Patient für sich selbst gewählt? Darin müsste sehr viel Unkompensiertes sein. Ein Beispiel wäre der selbst gewählte Beruf.
- Was sind die Dinge, die ihn in dieser Situation glücklich machen oder mit denen er sich wohl fühlt? Diese werden im Einklang mit seinem unkompensierten Zustand sein. Beispiele sind Hobbys, Interessen, Ziele, Wünsche, etc..
- Welche besonderen Eigenschaften hat er, die er nicht ändern kann, obwohl er diese als nicht gut erkannt hat? Diese sind seine unkompensierten Symptome.
- Welche Charaktereigenschaften und Eigenheiten hat er, die sozial missbilligt werden, die er aber trotzdem nicht vermeiden kann? Diese sind ebenso unkompensierte Symptome.
- Ängste und Fantasien enthüllen auch unkompensierte Symptome in Gegensätzen.
In Mittelprüfungen kommen viele unkompensierte Symptome zum Vorschein, da der Effekt des Heilmittels ungewohnt und nur von kurzer Dauer ist und so keine Zeit für Kompensation bleibt.
Wahre oder unkompensierte Symptome findet man in Krisensituationen, in der Kindheit, im Verhalten des Patienten mit den ihm Nahestehenden und dort, wo unbeabsichtigtes Verhalten zu Tage tritt.
Träume
In Träumen sind die meisten unserer Gefühle oder Aktionen unkompensiert, im Gegensatz zu unserem Wachzustand. Träume sind daher der direkteste und offensichtlichste Weg zur Wahnidee des Patienten. Träume haben daher einen enormen Wert als Symptome. Träume sollten weder ignoriert noch interpretiert werden.
Wir suchen in Träumen nach:
- der exakten Beschreibung jeder Einzelheit im Traum.
- dem genauen Gefühl im Traum. Die Gefühle in Träumen sind so individuell, dass sie uns immer wieder erstaunen.
- der Tiefe der Gefühle und dem Grad an Verzweiflung im Traum.
- Wo taucht im Leben des Patienten das Gefühl des Traumes auf – oder das Gegenteil davon?
- Was assoziiert der Patient spontan mit dem Gefühl im Traum?
Wie auch immer der Traum sein und wie verblüffend er auch zuerst erscheinen mag, es wird immer ein Gefühl damit verbunden sein, welches sowohl in der Fallaufnahme, wie auch in den wichtigsten Ereignissen im Leben des Patienten vorkommt.
Viele Träume tauchen dort auf, wo Gefühle stark kompensiert werden. Träume können angenehm oder unangenehm sein. Es gibt Situationsträume, symbolische Träume (für gewöhnlich ohne Emotionen), projizierte Träume und tiefe, wiederholte oder verbundene Träume, die meist sehr wichtig sind.
Die praktische Anwendung dieser Ideen
Was soll bei Krankheit geheilt werden?
Das Verständnis der oben genannten Konzepte führt zu Folgendem:
- Es ist die Zentrale Störung, die geheilt werden muss und nicht die Pathologie. Mit dem Entfernen der Zentralen Störung verschwindet die Pathologie. Die Zentrale Störung ist die P-N-E-I (psycho-neuro-endokrine-immun) – Störung.
Hahnemann definiert Krankheit als Störung der Lebenskraft. Es wurde in letzter Zeit besser verstanden, dass diese alles beherrschende übergreifende Lebenskraft mittels der kontrollierenden Organsysteme im Körper agiert, d.h. die P-N-E-I–Achse. Die Symptome der P-N-E-I–Achse zusammengenommen repräsentieren die Zentrale Störung. Wenn das Heilmittel die Zentrale Störung abdeckt, wird es die besonderen Symptome und die Pathologie heilen, sogar wenn die Pathologie nicht typisch für das Heilmittel ist.
Die folgenden Symptome repräsentieren die Zentrale Störung oder P-N-E-I–Achse:
- Symptome des Gemütszustands des Patienten
- Allgemeinsymptome wie:
-
- allgemeine Modalitäten, z.B. thermale Reaktion, Reaktion auf Geräusche, Licht etc., d.h. alle Faktoren, die den Zustand des ganzen Organismus entweder verschlechtern oder verbessern.
- Veränderungen von Appetit und Durst.
- Verlangen und Abneigungen.
- Schlafgewohnheiten und Träume repräsentieren ebenso die allgemeine Störung im Körper.
- Schwitzen, zum autonomen Nervensystem gehörend; auch der Geruch und die Farbe des Schweißes, ob Flecken machend oder nicht. All dies basiert auf allgemeinen Veränderungen des Stoffwechsels und repräsentiert daher den gesamten Organismus und nicht die einzelnen Schweißdrüsen an sich.
- Störungen der sexuellen Funktion und Impulse, wie menstruelle Symptome, Symptome während der Menopause bei Frauen, gesteigertes oder abgeschwächtes Sexualbedürfnis; diese gehören ebenso zum endokrinen System wie zum Gemüt und zum Nervensystem.
- Tendenzen zu bestimmten Beschwerden, wie z.B. häufig wiederkehrende Infekte, Allergien, die zum Immunsystem Bezug haben oder besondere Tendenzen zu immer wiederkehrenden Problemen eines oder mehrerer Organsysteme, z.B. wiederkehrende Herzprobleme oder Krankheiten des Nervensystems etc.
- Sehr eigenartige und charakteristische Symptome, sogar solche, die sich, wenn sie keine organische Basis haben, auf einzelne Körperteile beschränken, repräsentieren die Zentrale Störung und sind Funktionen des Ganzen.
- Krankheit ist nichts anderes als die grundlegende Wahnidee des Patienten.Wenn wir die grundlegende Wahnidee ganz verstehen, gehen wir direkt zur Wurzel des Problems. Mit der Bewusstwerdung kann die Wahnidee verschwinden und die Krankheit wird dadurch geheilt. Die Zentrale Störung führt zur Wahnidee. Wenn wir die Wahnidee verstehen und sie auflösen, erreichen wir eine Ebene, die tief genug ist, um eine Veränderung in der Zentralen Störung zu erwirken.
Was wirkt heilend in homöopathischen Heilmitteln?
Potenzierte Heilmittel haben keine bestimmte Stelle, an der sie wirken. Sie bewirken ausschließlich dynamische Effekte.
In einer Mittelprüfung produziert das Heilmittel einen Zustand, und zwar zuerst einen Gemütszustand und einen Zustand auf der Ebene der Allgemeinsymptome. Dann, abhängig von der individuellen Empfindlichkeit, wird es Symptome in verschiedenen Organen produzieren.
Ein homöopathisches Heilmittel ist in der Lage, einen Zustand ähnlich dem, in dem sich eine Person schon befindet, zu erzeugen. Dadurch ruft es eine Impression oder ein Bild der ursprünglichen Situation wieder hervor, in der dieser Zustand eine angemessene Reaktion war.
Modalitäten
Je näher eine der Modalitäten ein Faktor der ursprünglichen Situation des Heilmittels ist, umso mehr wird sie jenen Zustand verschlimmern. Je weiter sie von der Situation entfernt ist, umso mehr wird sie ihn verbessern.
Charakteristische Symptome
Allgemeine und körperliche charakteristische Symptome der Heilmittel sind ausschließlich nervöse Empfindungen. Symptome werden dann wichtig, wenn wir keine organische Basis oder pathologische Erklärung für sie finden und wenn sie begleitend oder unabhängig von der Pathologie auftreten.
Körper und Geist sprechen die gleiche Sprache
Lokale Besonderheiten, Allgemeinsymptome und Modalitäten zeigen ebenso wie auch Geistes- und Gemütssymptome die Zentrale Störung an. Sie alle entspringen der gleichen Quelle, welche weder mental noch körperlich ist, sondern tiefer als beide. Die Geistes- und Gemütssymptome formen allerdings ein Muster, welches man mit der Wahnidee assoziieren kann. Ein Muster bei körperlichen Symptomen zu entdecken ist schwierig. Die körperlichen Symptome sind separat und vereinzelt.
Der Homöopath kann mit beiden Ansätzen arbeiten: mit dem Geistes- und Gemütszustand oder mit dem körperlichen Zustand. Beide sind Türen in das gleiche Haus oder zwei Seiten der gleichen Münze. Ein weiser Mann schaut sich beide Seiten der Münze an, bevor er sie identifiziert, egal auf welcher Seite er begonnen hat.
Wann immer jemand auf eine Situation trifft, in der sich die Lebenskraft anpassen muss, wird der Körper helfen, wenn der Geist alleine es nicht bewältigt, und ebenso wird der Geist helfen, wenn der Körper mit einer Situation alleine nicht umgehen kann. Beide, Körper und Geist drücken die gleiche Störung aus. Diese Störung entspringt weder dem Geist noch dem Körper, noch ist sie in einem von beiden lokalisiert. Sie liegt auf einer tieferen Ebene als diese beiden und zwar auf der Ebene der Lebenskraft. Dies ist die Ebene von Gesundheit und Krankheit. Der Geist artikuliert den Zustand am besten. Die ganze Gesamtheit der Symptome ist eigentlich ein einziges Symptom, alle Symptome stammen von einer einzigen Wahnidee.
Potenzierung
Sind die Geistes- und Gemütssymptome sowie die Allgemeinsymptome klar, deutlich und intensiv, dann wird eine hohe Potenz des Heilmittels gewählt.
Je höher sich die Zentrale Störung befindet, umso höher die gewählte Potenzierung.
Je mehr wir uns dem exakten Heilmittel des Patienten nähern, umso höher die Potenzierung.
Materia Medica der Situationen
„Jedes Heilmittel beschreibt die Haltung aufgrund einer besonderen Situation“ – mit dieser Annahme begann ich, eine „Materia Medica der Situationen“ verschiedener Heilmittel zu erstellen. Alle Geistes- und Gemütssymptome eines Heilmittels können auf ein Muster zurückgeführt werden, welches mithilfe einer Situation repräsentiert wird. Dieses Konzept half mir, die Heilmittel zu verstehen. Allerdings darf man ein Heilmittel nicht aufgrund der Situation des Patienten wählen. In der Fallaufnahme geht es darum, nicht die reale Situation des Patienten zu erfassen, sondern wahrzunehmen, welche die (imaginäre) Situation ist, auf die er reagiert.
Mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Buch:
R. Sankaran, „Die Empfindung in der Homöopathie“, Homoepathic Medical Publishers, Mumbai, India.
Literatur von Rajan Sankaran
„Das geistige Prinzip der Homöopathie“,
„Die Substanz der Homöopathie“,
„Das System der Homöopathie“,
Alle Titel erschienen bei Homoeopathic Medical Publishers, Mumbai, India.
Jeweils zu beziehen über den Narayana Verlag oder den Sunrise Verlag.