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Geboren wurde er am 23. Oktober 1940 als Edson Arantes do Nascimento in Três Corações, einem Ort in der brasilianischen Provinz. Sein erstes Geld verdiente er als Schuhputzer – 15 Dollar pro Monat. Als «Pelé» avancierte er in den 1950-er Jahren zum vielleicht berühmtesten Sportler der Erde. Sein erster Profivertrag beim FC Santos hatte ihm 200 Dollar pro Monat eingetragen.
Als ich ihm 2013 am Rande der Gruppenauslosung zur WM-Endrunde 2014 in Brasilien in einem Ferienressort in Salvador de Bahia für ein Interview gegenüber sass, fragte ich ihn – wie ich ihn Anreden dürfe. Schliesslich verlangt sein Übername «O Rei» (der König) eigentlich einen Adelstitel. Pelé aber sagte – und das obwohl eine Portugiesisch-Dolmetscherin daneben stand – in gutem Englisch: «Bitte nenn mich einfach Pelé – Pé heisst auf Portugiesisch Fuss. Daraus hat mein Vater den Namen abgeleitet. Dabei war ich so stolz, dass ich Edson getauft wurde – benannt nach Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirne. Als ich auf die Welt kam, leuchteten in den brasilianischen Bergwerken die ersten elektrischen Lampen. Aus diesem Grund nannten mich meine Eltern Edison. Das i ist in der Geburtsurkunde allerdings verloren gegangen. Aber heute kann ich bestens mit Pelé leben.»
Pelé ging auf mich ein – wir lachten herzhaft
Wir lachten – so wie wir in der folgenden Stunde noch einige Mal herzhaft lachen sollten. Abgemacht war ein Gespräch von 20 Minuten Dauer. Aber Pelé hatte offenbar Lust und Zeit, auf die Fragen des Schweizer Journalisten einzugehen. Ich spürte schnell: Vor mir sass ein Mann, der mit sich und der Welt im Reinen war – dessen grössten Erfolge zwar schon Jahrzehnte zurücklagen, der die Leichtigkeit, Grandezza, Verspieltheit und Lebensfreude aber auch mit 73 Jahren noch auslebte, als habe er soeben Brasilien zum WM-Titel geführt.
Pelé setzte als Fussballer Massstäbe, die bis heute unerreicht blieben: 1363 Spiele, 1281 Tore, als einziger Spieler der Geschichte dreifacher Weltmeister. 26 Titel in 17 Jahren. Als er 1958 in Schweden seinen ersten WM-Titel gewann, war er 17 Jahre jung – und tauchte das Turnier mit seinen Finten und Toren in einen zauberhaften Glanz. Als er zwölf Jahre später in Mexiko die Jules-Rimet-Trophäe das dritte Mal in die Höhe stemmte, hatte ihn vor dem Turnier niemand mehr auf der Rechnung gehabt – doch wiederum wurde er zur überragenden Figur seiner Mannshaft.
Pelé besass technische Qualitäten, wie man sie zuvor im Fussball noch nie gesehen hatte – und er hatte eine Ausstrahlung, die ihn weit über die Grenzen des Sports zu einem Vorbild machte. Und obwohl er praktisch im Jahresrhythmus Angebote aus den europäischen Topliegen erhielt, blieb er «seinem» FC Santos (in São Paolo) immer treu. Erst im Herbst der Karriere zog es ihn für zwei Jahre nach New York zu Cosmos. In besagtem Interview fragte ich ihn damals, weshalb er nie nach Europa gewechselt hatte. Seine Antwort: «Für mich war Santos immer die beste Wahl – sportlich und atmosphärisch. Ich hätte zwar bei Real Madrid viel mehr Geld verdienen können, aber das zählte für mich nicht. Ich wollte dort spielen, wo ich mich wohl fühle und das Umfeld am besten stimmt.»
Pelé war der Beste – ohne Wenn und Aber
Die Diskussion über den grössten Fussballer der Geschichte ist ebenso alt wie umstritten. Eine verbindliche Antwort lässt sich selbst in einer basisdemokratischen Abstimmung nicht generieren. Sie wird jedes Jahr wieder aufgeworfen – auch 2022 nach der WM in Katar: Messi oder Mbappé? Auf die Frage, welcher heutige Spieler am ehesten mit ihm zu vergleichen sei, sagte Pelé: «Von der Rolle, die er in seiner Mannschaft spielt, kommt Messi meiner Spielweise am nächsten.»
Letztlich ist die Antwort nur eine Momentaufnahme im grossen Kontext. Die FIFA legte sich fest und kürte Pelé zum Weltfussballer des 20. Jahrhunderts. Das Internationale Olympische Komitee ging noch einen Schritt weiter und ernannte den brasilianischen Ausnahmekönner zum Sportler des Jahrhunderts.
Günter Netzer, der prägende Stilikone der deutschen Fussball-Geschichte, sagt über Pelé: «Er war der Beste – ohne Wenn und Aber. Seine Lebensgeschichte ist herausragend, seine Erscheinung, seine Ausstrahlung. Er wurde aus den kleinsten Anfängen und bescheidensten Verhältnissen in die Welt katapultiert, aber hat sich den Herausforderungen immer gestellt. Sein Status entsprach demjenigen von Cristiano Ronaldo heute. Aber Pelé trafen die öffentlichen Begehrlichkeiten und das globale Interesse praktisch ohne Vorwarnung und Vorbereitung. Trotzdem hat sich Pelé nie verändert. Er hat sein Leben so geführt, wie er es immer geführt hatte, blieb sich selber treu und ist immer ehrlich, menschlich und bescheiden geblieben.»
Die Welt verneigt sich vor dir
Besser kann man Edson Arantes do Nascimento nicht beschreiben – und die Worte Netzers decken sich mit dem Eindruck von jenem Menschen, den ich vor neun Jahren in Brasilien kennenlernen durfte. Drei Jahre später traf ich Pelé nochmals – am Vorabend der Euro 2016 in Frankreich. Er war damals an einem PR-Event mit Diego Maradona die grosse Attraktion. Pelé und Maradona – die beiden trennten 20 Jahre Alter, aber auch sonst ganze Welten. Maradona war ein Schatten seiner besten Tage: aufgedunsen, verlebt – irgendwie grün und gelb im Gesicht. Die Fans jubelten ihm zu, doch das Leben hatte ihn längst im Abseits zurückgelassen.
Dagegen strahlte Pelé etwas Staatsmännisches und Würdevolles aus. Er ging nach einer Hüftoperation an Krücken. Aber er war noch immer der, der er schon 1970 nach dem WM-Final 1970 gegen Italien in Mexiko gewesen war: der König. Ohne Wenn und Aber.
Daran muss ich heute mehr denn je denken. Mit Pelé verliert der Fussball seinen vielleicht grössten Könner der Geschichte. Und die Welt verliert eine Persönlichkeit, die auch den nächsten Generationen als grosses Vorbild dienen kann. Lieber Pelé, die Welt verneigt sich vor Dir und Deinem Lebenswerk.