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Wenn sich die interkulturell turnenden Exzellenzforscher dereinst für Mühlenweg interessieren wollen: es gäbe Stoff genug. Nicht nur die abgegriffenen Notizbücher, in denen er in den ersten Wochen der Expedition 1927 in der Gobi begann, mongolische Wörter nach dem Gehör aufzuschreiben. Alltagswörter, brauchbar. Erfragt von den mongolischen Kamelmännern. Es ging um Tiere, Essen, Wetter, Wassersuche, Einrichten und Abbruch des Lagers. Eine intuitive Methode des Lernens, sie brachte ihn zugleich den Lebensgewohnheiten und dem Wissen der Nomaden näher.
Im Roman “In geheimer Mission“ lässt Mühlenweg (20 Jahre später) in Kapitel 32 den jungen Christian auf solche Weise sein Wörterbuch beginnen: indem er sich von der gleichaltrigen Mongolin Siebenstern die bedeutsamen, weil nützlichen Wörter erfragt. Die Zahlen bis Zehn, die Benennungen für Fluss, Hund, Stern, für Kaltes und Schmales … Zu thematisch geordneten Vokabellisten, immerhin mit gut 500 Wörtern, war er selbst erst während ruhiger Wochen am Edsin-Gol gekommen. Im Monat darauf wurde er von Sven Hedin mit einem Mongolen und einem Chinesen auf Sondermission geschickt, um Proviant für die Expedition zu besorgen: weil er als einziger unter den Deutschen der Expedition sich auf Mongolisch verständigen konnte. Ein Abenteuer, das ihn auf den „Pfad der Nachdenklichkeit“ führte.
Im Allensbacher Museum zeigen wir im Raum „Asien“ das Abschiedsgeschenk des Tschachar-Mongolen Märin. Von ihm hatte er am meisten gelernt hatte. Mühlenweg durfte / sollte sie – dem Brauch folgend – im Frühjahr 1932 aus Märins Habe selbst aussuchen, nach gemeinsamen Monaten in einer meteorologischen Expedition. Grund zur Dankbarkeit hatten die Mongolen: auch die medizinische Versorgung hatte zu Mühlenwegs Aufgaben gehört. Er wählte Märins Steigbügel. Dass er diese klumpigen Eisenbügel nicht gebrauchen konnte, wusste er. In den Augen seines Freundes aber bewies er seine Wertschätzung, indem er etwas Wertvolles annahm, ohne das ein Mann in der Wüste nicht sein konnte. Mühlenweg selbst wünschte sich damals noch, dass er später in die Gobi zurückkäme. Es hat nicht sollen sein. Noch im selben Jahr begegnete er in Wien der Frau, die seinen tiefergehenden Wunsch nach Sesshaftigkeit (zögernd) erfüllte. Und die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner trieb ohnehin die meisten Europäer aus China hinaus.
Dies war nur die Einleitung für ein ganz anderes Desiderat interkultureller Forschung: die Rezeption Mühlenwegs in Übersetzungen nämlich. Dass er eine Wirkung nicht nur in Europa hatte, seit den acht Ausgaben in anderen Ländern, die über den Verlag Herder ab 1952 zustande kamen, erfahren wir bei Libelle noch heute. Gestern – wir sind im Juli 2011 – meldete sich Brad Houx (aus Chester, Vermont, USA) über LinkedIn, er hat mit einem Freund in den späten Achtziger Jahren auf den Spuren von „Big Tiger and Christian“ die Reise des Mühlenweg-Romans von Peking nach Urumtschi per Fahrrad angetreten. (Das chinesische Militär war not amused.)
Wer sich für die Titel der Übersetzungen von Mühlenwegs Hauptwerk interessiert, in der Reihenfolge des Erscheinens – sie sind alle im Netz zu finden, am einfachsten über http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html
US-Amerikanisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Italienisch: Attraverso il deserto di Gobi: Missione Segreta. Englisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Niederländisch: Kompas-Berg en Grote-Tijger. Schwedisch: På hemligt uppdrag i Gobiöknen. Spanisch: En misión secreta a través del desierto de Gobi. Französisch: L’heure du dragon. Dänisch: I hemmelig mission gennem Gobi-Ørkenen. Allein was man über die US-Ausgabe bedenken könnte…
Es war Kurt Wolff von seinem New Yorker Pantheon Verlag her, dem als erster der sensationelle Erfolg eines unbekannten Autors bei Herder auffiel. Als in Freiburg schon die vierte Auflage lief (Dezember 1951) fragte er wegen einer Lizenz an, aber mit harten Bedingungen: Er wollte den Roman nur gekürzt machen und das Geleitwort von Sven Hedin sowieso weglassen, das sei politisch nicht akzeptabel für den US-Markt. (Das Geleitwort war nebulös, enthusiastisch und unverdächtig. Aber der große Asienforscher Hedin war nach 1945 persona non grata für die Alliierten. Er hatte Hitlers Berliner Olympiade mit einer Rede miteingeweiht, und als das Reich schon in Schutt und Asche lag, März 1945, hofierte die NS-Wochenschau den Deutschland-Freund anlässlichs eines 80. Geburtstags.) Herder legte Mühlenweg nah, den Bedingungen zuzustimmen.
Ob ihm Kurt Wolff ein Begriff war? Eher nicht. Als KW sein Namenskürzel so langsam zum Begriff eines Kultverlags machte, hatte Fritz Mühlenweg mit Büchern weniger im Sinn gehabt. Da war er Drogistenlehrling, dann Soldat, dann hart arbeitender Kaufmann in den Inflationsjahren gewesen – und in der Freizeit eher auf Wandern, Skifahren, Rudern aus. Dass KW damals Georg Trakl entdeckte, als Erster den deutschschreibenden Böhmen Franz Kafka verlegte, Heinrich Manns „Untertan“ zum Seller machte: das wurde ihm erst Jahrzehnte später zum Kranz geflochten.
(Männer-Geschichtsschreibung: Immer ist nur von KW die Rede, wenn männliche Verleger sein Podest beleuchten. Er hatte seiner feinen Literaturnase, seinem Sinn für neue literarische Qualitäten zunächst auch dank dem Geld seiner ersten Ehefrau bedenkenlos folgen können. Und seine zweite Frau Helen, die mit ihm vor dem Zugriff der Nazideutschen über Italien, Frankreich nach den USA floh: ohne diese Helen Wolff wäre der Aufbau des Pantheon Verlags in NY so nicht denkbar gewesen. Mühlenweg bekam ab 1951 von Helen Wolff ermunternde Lektoratsbriefe, die ihn auf gutem Kurs halten sollten… Sie hat nach dem Tod ihres Mannes dann noch 30 Jahre lang Verlagsarbeit geleistet und u. a. Günter Grass in den USA bekannt gemacht.)
Die Pantheon-Ausgabe von „Big Tiger and Christian“, feinsinnig übersetzt von den Engländerinnen Isabel und Florence McHugh, erschien 1952, zwar gekürzt, dafür aber marktgerecht illustriert von einem Berliner Emigranten: Rafaello Busoni, der noch in Deutschland begonnen hatte, Klassiker der Weltliteratur zu illustrieren. Und ich habe dieser Tage erst über einen Blog von amerikanischen Mühlenweg-Fans erfahren, dass die Wolffs den Erfolg ihres Buchs mit einem dezenten Trick beförderten: Der eine der beiden Helden, Christian, Sohn eines deutschen Arztes in Peking, der bei Mühlenweg deutsch und chinesisch spricht und versteht, der versteht sich in der Pantheon-Ausgabe auf Chinesisch und Amerikanisch, und wenn er etwas aus seinem Land erzählt, dann ist es “America”. http://www.allthingsransome.net/rrreviews/bigtigerandchristian.html