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Dubiose Kulturvereine
Eine Reihe von kleinen, aber feinen Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten der internationalen Kulturbeziehungen der Schweiz ist unter der Leitung des Lausanner Geschichtsprofessors Hans Ulrich Jost veröffentlicht worden. Im Vorwort schreibt Jost, die Wirkungen der kulturellen Beziehungen würden in der Regel unterschätzt, erwiesen sich aber bei näherer Betrachtung als effiziente Instrumente bei der Vorbereitung wirtschaftlicher und politischer Abkommen. Exemplifiziert wird dieser Gedanke an, Themen wie der Propagandatätigkeit der Sowjetunion in der Schweiz, dem Beitrag der Schweiz zur Geschichte des Buches, der Diskussion um das Schicksal der Kurden und Armenier, der Frankophilie des Diplomaten René de Weck, der humanitären Aussenpolitik der Schweiz, der Bewegung der Moralischen Aufrüstung und der Holocaust-Erinnerungskultur.
Ein besonders interessantes Beispiel ist die 1937 vom Textilindustriellen Carl Julius Atiegg gegründete "Associazione svizzera per i rapporti culturali ed economici con l'Italia". Drahtzieher im Hintergrund bei der Gründung dieses Kulturvereins war Bruno Gemelli, italienischer Konsul In Zürich. Weil er gemerkt hatte, dass unverblümte politische Propaganda in der Schweiz keine grosse Wirkung entfalten konnte, versuchte er, die bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien durch eine kulturelle Dimension zu ergänzen und so um Sympathien für das faschistische Italien zu werben. Es gelang ihm, neben Abegg noch weitere Prominente für die Sache zu gewinnen, etwa den Dichter Giuseppe Zoppi, die Industriellen Alfred Schwarzenbach, Henri Naville, Robert Sulzer und Jacob Schmidheiny. Sie alle waren keine Faschisten, aber sie liessen sich zeitweilig vom Faschismus blenden. Interessant ist, dass sich auch der Historiker Karl Meyer und der Romanist Theophil Spoerri, beide stark in der geistigen Landesverteidigung engagiert, von der fragwürdigen Kulturorganisation einspannen liessen. Erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs polte die Associazione ihre Zielrichtung um und unterstützte nun das demokratische Italien.
Spannend ist auch die Geschichte der republikanisch gesinnten polnischen Emigranten, die während des Ersten Weltkriegs von der Schweiz aus an der Wiedererrichtung eines polnischen Nationalstaates arbeiteten. Ihr wichtigstes Anliegen war es, dem künftigen unabhängigen Polen seine kulturelle Identität zurückzugeben. An der Universität Freiburg hatte sich schon lange so etwas wie ein Zentrum der polnischen Kultur auf Schweizer Boden entwickelt. In diesem Milieu entstand das Projekt einer dreibändigen polnischen Enzyklopädie. Der 1891 im galizischen Lemberg (Lwow) geborene Alfons Bronarski wirkte von 1920 bis 1924 als Redaktionssekretär an der Erarbeitung der Enzyklopädie mit. 1927 trat er in den diplomatischen Dienst der jungen polnischen Republik und wurde Pressechef in der polnischen Gesandtschaft in Bern. Als im Zweiten Weltkrieg der polnische Staat wieder unterging, sammelte er erneut eine Gruppe polnischer Wissenschafter um sich, die an einer neuen polnischen Enzyklopädie arbeitete. Das dreibändige Werk erschien schliesslich 1947 in Neuenburg.
Wie stark die von der Schweiz ausgehenden kulturellen Einflüsse die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen prägten, wird aus den kurzen Aufsätzen kaum ersichtlich. Diese können und wollen keine definitiven Ergebnisse präsentieren, sondern sind eher als Entwürfe zu künftigen umfassenderen Untersuchungen zu verstehen.
Tobias Kaestli, NZZ am Sonntag, 19 octobre 2003.