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Mit der Corona-Pandemie stehen wir vor der grössten Herausforderung der letzten 100 Jahre. Gemäss der aktuellen Prognosen entsteht daraus eine Wirtschaftskrise, die mit der Ölkrise der 1970er Jahre oder mit der grossen Depression der 1930er Jahre zu vergleichen ist.
Für die Schweiz werden für 2020 -6% bis -10% BIP prognostiziert, also einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6-10% 1. Eine solche Umwälzung haben wir in unserer 20 jährigen Firmengeschichte noch nie erlebt. Ihre Sicherheit bzw. die Verhinderung von Einbrüchen und Raubüberfällen ist unser Geschäft. So haben wir uns in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, wie sich die anstehende Wirtschaftskrise auf die Kriminalität im Allgemeinen und Eigentumsdelikte wie Diebstahl, Einbruch und Raub im Speziellen auswirken werden.
Beim Zusammenhang von Wirtschaft und Kriminalität muss man sicherlich die kurzfristigen und langfristigen Auswirkungen der Pandemie auseinanderhalten. In Zeiten von starken epidemiologischen Massnahmen, wo die Leute angehalten werden Zuhause zu bleiben und die Kontakte zu minimieren, in Zeiten mit einem eingeschränkten Personenverkehr, geht die Kriminalität in vielen Bereichen wie Einbruch und Diebstahl signifikant zurück. In der langfristigen Perspektive, nach der Lockerung der epidemiologischen Massnahmen, nach dem Auslaufen von kurzfristigen Stützungsmassnahmen, wenn sich die ökonomischen Auswirkungen mit Konkursen und Entlassungen bemerkbar machen, die Arbeitslosigkeit massiv steigt und viele Menschen in die Armut abrutschen, ist die Situation schliesslich eine ganz andere.
Wirtschaftskrise und Kriminalität
Wir gingen der Frage nach, wie sich eine Wirtschaftskrise auf die Kriminalität auswirkt. Dabei stützen wir uns auf eine grossangelegte Studie der UNO 2, welche die Auswirkungen der Finanzkrise in der Periode 2008/2009 in 15 Ländern 3 rund um den Globus analysiert hat.
Im Rahmen der Initiative "Global Pulse" 4 der Vereinten Nationen stellt dieser Bericht die Ergebnisse einer einzigartigen länderübergreifenden Analyse vor, mit der die möglichen Auswirkungen von wirtschaftlichem Stress auf die Kriminalität untersucht werden sollen. Anhand von polizeilich aufgezeichneten Kriminalitätsdaten für die Straftaten vorsätzlicher Tötung, Raub und Diebstahl aus fünfzehn Ländern oder Städten weltweit, untersucht die Analyse insbesondere den Zeitraum der globalen Finanzkrise 2008/2009. Da eine Wirtschaftskrise in einem relativ kurzen Zeitraum auftreten kann, wird dieser Zeitraum im Kontext von 20 vorlaufenden Jahren anhand hochfrequenter (monatlicher) Kriminalitäts- und Wirtschaftsdaten untersucht.
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sowohl in Zeiten einer Wirtschaftskrise als auch in Zeiten, in denen keine Krise herrscht, wirtschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Kriminalitätstrends spielen. Von insgesamt fünfzehn untersuchten Ländern wird durch statistische Modellierung in zwölf Ländern (80 Prozent) ein wirtschaftlicher Prädikator für mindestens eine Kriminalitätsart ermittelt, was auf einen gewissen allgemeinen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Veränderungen und Kriminalität schliessen lässt.
In elf der fünfzehn untersuchten Länder zeigten die Wirtschaftsindikatoren signifikante Veränderungen, die auf die Periode der Wirtschaftskrise 2008/2009 hindeuten. Sowohl die visuelle Prüfung der Datenreihen als auch die statistische Modellierung deuten darauf hin, dass in acht dieser elf "Krisenländer" Veränderungen der wirtschaftlichen Faktoren mit signifikanten Veränderungen der Kriminalität verbunden waren, was zu erkennbaren "Spitzenwerten" der Kriminalität während der Krisenzeit führte.
Gewalttätige Eigentumsdelikte wie Raubüberfälle schienen in Krisenzeiten am stärksten betroffen zu sein, wobei es in manchen Kontexten in einer Zeit wirtschaftlicher Anspannung zu einem bis zu zweifachen Anstieg kam. In vielen Kontexten wurde jedoch auch eine Zunahme von Tötungsdelikten und Diebstählen beobachtet. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der Theorie der kriminellen Motivation, die darauf hindeutet, dass wirtschaftlicher Stress den Anreiz für Einzelpersonen erhöhen kann, sich an illegalen Verhaltensweisen zu beteiligen.
In keinem Fall, in dem es schwierig war, einen Höhepunkt der Kriminalität zu erkennen, wurde ein Rückgang der Kriminalität beobachtet. Somit stützen die verfügbaren Daten die Theorie der kriminellen Möglichkeiten nicht, wonach ein Rückgang der Produktion und des Konsums einige Kriminalitätsarten, wie z.B. Eigentumsdelikte, durch die Generierung von weniger potenziellen Verbrechenszielen verringern könnte.
Wirtschaftsfaktoren und Kriminalität
Für jedes Land/jede Stadt wurde eine Reihe von Einzelverbrechen und wirtschaftliche Variablen analysiert. Über alle Kombinationen hinweg wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen einem Wirtschaftsfaktor und einem Kriminalitätstyp in etwa 47 Prozent der Kombinationen beobachtet.
Für jedes Land erwiesen sich unterschiedliche Kombinationen von Kriminalitäts- und Wirtschaftsprognosen als signifikant. Unter den beiden Methoden zur Analyse der Verbindungen zwischen Wirtschafts- und Kriminalitätsfaktoren (Visualisierung und statistische Modellierung) erwiesen sich verschiedene Kombinationen von Faktoren als signifikant, und in fünf Fällen wurden mit den beiden Methoden die gleichen Variablen identifiziert. Drei dieser fünf Fälle betrafen eher städtische als nationale Kontexte. Dies könnte darauf hindeuten, dass Zusammenhänge zwischen Kriminalität und wirtschaftlichen Faktoren am besten auf der Ebene der kleinstmöglichen geografischen Einheit untersucht werden.
Das Beispiel von Kanada zeigt auf eindrückliche Art und Weise den Zusammenhang der Arbeitslosenquote mit der Kriminalität (in diesem Beispiel anhand der Kategorie “Raub”)
In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die Beziehung zwischen Kriminalität und Wirtschaft nicht unbedingt unidirektional ist. Es gibt zwar theoretische Argumente dafür, warum sich Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen auf die Kriminalität auswirken können, aber es könnte auch der Fall sein, dass die Kriminalität selbst Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Ergebnisse hat, z.B. wenn sehr hohe Gewaltverbrechen von Investitionen abschrecken. Während des statistischen Modellierungsprozesses wurde die Kriminalität als "Ergebnis"-Variable und die Wirtschaftsdaten als "unabhängige" Variable festgelegt. Daher wurde das Modell nicht verwendet, um die umgekehrte Beziehung zu untersuchen - ob Veränderungen der Kriminalität auch zur Erklärung wirtschaftlicher Ergebnisse beitragen können.
Wurde durch statistische Modellierung ein Zusammenhang zwischen einer oder mehreren ökonomischen Variablen und den Ergebnissen von Kriminalität festgestellt, zeigte das Modell häufig eine Zeitverzögerung zwischen Änderungen der ökonomischen Variable und den daraus resultierenden Auswirkungen auf das Kriminalitätsniveau auf. Die durchschnittliche Verzögerungszeit in den untersuchten Kontexten betrug etwa viereinhalb Monate.
Statistische Modellierung auf nationaler und städtischer Ebene erwies sich als nützlich für die Erstellung von Prognosen der Kriminalitätstrends bis zu etwa drei Monaten im Voraus, wobei Informationen aus dem vorherigen Kriminalitätstrend und Änderungen der ökonomischen Variablen verwendet wurden. Die Genauigkeit der Prognosen war in vielen Fällen für den Einsatz in der Praxis geeignet.
Konklusion
Anhand der Ergebnisse der untersuchten Studie lässt sich sagen, dass wirtschaftliche Krisen die Kriminalität in vielen Kontexten steigen lassen. Es besteht also ganz allgemein ein Zusammenhang von Wirtschaftszyklen mit der Kriminalität, auch wenn sich dieser Zusammenhang je nach Kontext und Kriminalitätsart stark unterscheiden kann. In Anbetracht der sehr schweren Wirtschaftskrise, welche der Pandemie folgen wird, ist also mit einem signifikanten Anstieg der Kriminalität zu rechnen. Die Erfahrung aus verschiedenen Studien zeigen, dass dies insbesondere die Eigentumsdelikte (einfacher Diebstahl, Raubüberfall, Einbruch, etc.) betrifft, was in Zeiten wirtschaftlicher Not durchaus seine Logik hat.
- 1. Mit 1. Welle/Lockdown: -6% (IMF), -6.2% (SECO) und -7.7% (OECD), mit 2. Welle/Lockdown -10% (OECD), siehe IMF: At a Glance, https://www.imf.org/en/Countries/CHE, 1.9.20, SECO: Konjunkturprognose https://www.seco.admin.ch/dam/seco/de/dokumente/Wirtschaft/Wirtschaftsl…, 1.9.20 und OECD: The global outlook is highly uncertain, http://www.oecd.org/economic-outlook/june-2020/, 1.9.20
- 2. Monitoring the impact of economic crisis on crime, 1 January 2011, United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), Geneva
- 3. Argentinien, Brasilien, Kanada, Costa Rica, El Salvador, Italien, Jamaika, Lettland, Mauritius, Mexiko, Philippinen, Polen, Thailand, Trinidad und Tobago und Uruguay
- 4. Ziel der Initiative Initiative "Global Pulse" ist es, die Auswirkungen von Krisen auf gefährdete Bevölkerungsgruppen zu überwachen