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Das gedämpfte Wachstum und die Anti-Korruptionskampagne der chinesischen Regierung haben 2013 die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie nach China geschwächt. Im Vorfeld von Baselworld, der weltweit grössten Uhrenmesse, geben sich die Experten der Branche trotzdem zuversichtlich.
2000 betrug der Wert der Schweizer Uhren für China lediglich 16,8 Millionen Franken. 2012 lag der Wert hundertmal höher, nämlich bei 1,6 Milliarden Franken. Während dieser boomenden Jahre seien die Käufe der asiatischen Länder für 70% des Wachstums der Schweizer Uhrenindustrie verantwortlich gewesen, schreibt die Grossbank Credit Suisse in ihrem Bericht 2013 über die Branche.
Hongkong und China belegen heute den ersten bzw. vierten Platz der wichtigsten Importländer für Schweizer Uhren. Laut Schätzungen wird weltweit fast eine von zwei Uhren an einen chinesischen Kunden verkauft. Seit 2012 laufen diese Exporte aber auf niedrigeren Touren. Im letzten Jahr sind die Exporte helvetischer Uhren nach China um 12,5% auf 1,44 Milliarden Franken geschrumpft.
Für Daniel Pasche, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH), ist der Einbruch hauptsächlich auf das gedämpfte Wirtschaftswachstum Chinas zurückzuführen. "Die Wachstumsrate ist von 12% um 2005 auf 7,5% im Jahr 2013 gefallen. Obwohl diese Quote immer noch eindrücklich ist, hat der Rückgang dem Konsum in China zugesetzt", sagt er.
20'000 bestrafte Funktionäre
Im Dezember 2012, einen Monat nach seiner Wahl an die Spitze der Kommunistischen Partei Chinas, hat Generalsekretär Xi Jinping eine Anti-Korruptionskampagne lanciert, die bis heute anhält. Die Massnahme soll, nachdem die Extravaganzen verschiedener Funktionäre die Öffentlichkeit schockiert hatten, die Glaubwürdigkeit der Machthaber wieder herstellen. Im Visier von Xi Jinping stehen nicht nur die "Fliegen" (die unteren Kader), sondern auch die "Tiger" (die Mächtigen).
Innerhalb eines Jahres sind 20'000 Funktionäre wegen Verletzung der neuen Gesetze bestraft worden. Seither vermeiden es die Offiziellen, in der Öffentlichkeit mit Luxusgütern aufzufallen. Sie wollen nicht das gleiche Schicksal erfahren, wie der Direktor eines Sicherheitsbüros in der Provinz Shaanxi, der im Herbst 2013 wegen Bestechung zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. Auf einer Foto, die auf einer chinesischen Website publiziert wurde, war er zuvor mit 11 verschiedenen Luxusuhren am Arm zu sehen.
Für die Funktionäre wird es schwieriger, Geschenke zu akzeptieren, was in China sehr verbreitet ist. Eine Uhr ist zwar diskreter als ein Luxusauto, weil sie sich in einer Schublade versorgen lässt, bis sich die Zeiten ändern. Aber wer sie annimmt, setzt sich dem Risiko aus, denunziert oder Opfer einer Erpressung zu werden.
Rémi Quesnel, Peking, swissinfo.chInfobox Ende
Kampf der grassierenden Korruption
Dass das chinesische Eldorado derzeit etwas gebremst wurde, liegt auch an der Anti-Korruptionskampagne, welche die Regierung 2012 lanciert hat (Vgl. rechte Spalte). Als Geschenke an die Funktionäre der Kommunistischen Partei im Austausch für Gefälligkeiten sind die Uhren zum Sinnbild für chinesische Korruption geworden. "Diese Kampagne gegen Korruption lastet auf den Uhrenexporten. Welche Wirkung sie genau hat, ist allerdings schwierig zu bestimmen", sagt Pasche.
Es sei nicht das erste Mal, dass Peking der "missbräuchlichen Bürokratie und der Verschwendung in der Verwaltung" den Kampf ansagt, erklärt Delphine Centlivres, Direktorin der Schweizer Sektion von Transparency International. Weil die grassierende Korruption sogar das Überleben der Partei gefährden könnte, habe sich der neue Präsident Xi Jinping entschieden, die Plage zu bekämpfen.
"Der Übergang zu einer Marktwirtschaft hat das Korruptionsniveau in China während der letzten Jahre beträchtlich erhöht, vor allem weil der Staat in den privatisierten Unternehmungen eine Beteiligung behält. Einige hohe Funktionäre verfügen über wichtige Entscheidungsbefugnisse.
Hauptsächlich diese Leute stehen im Visier dieser Kampagne", sagt Delphine Centlivres. Die verbreitete Korruption könnte zum endgültigen Bruch zwischen der Bevölkerung und der Partei führen: "Die Empörung ist gross, und die chinesische Regierung will eine Volksrevolte, ein weiteres Tiananmen, um jeden Preis verhindern."
Andrea Gerst, Swiss & Global Asset Management
Die Marken des Hochpreissegments waren im letzten Jahr am stärksten betroffen. Longines, Rado und Tissot [Marken aus dem mittleren Preissegment der Swatch Gruppe] sind weiterhin gewachsen.
Prestige-Marken im Visier
Fast wöchentlich werden Funktionäre verurteilt, und die Strafen sind hart. Auf den vom Fernsehen oder im Internet verbreiteten Bildern sind manchmal Funktionäre zu sehen, die am Handgelenk eine Schweizer Luxus-Uhr tragen. Diese prestigeträchtigen Objekte haben unter dem Korruptionskampf am meisten gelitten, während sich die diskreteren Marken dem Radar besser entziehen konnten.
"Die Marken des Hochpreissegments waren im letzten Jahr am stärksten betroffen. Longines, Rado und Tissot [Marken aus dem mittleren Preissegment der Swatch Gruppe] sind weiterhin gewachsen", sagt Andrea Gerst, Co-Managerin eines Schweizer Investitionsfonds für Luxusgüter (JB Luxury Brands Fund, Swiss & Global Asset Management).
Die wachsende Ungleichheit hat die chinesischen Behörden auch dazu veranlasst, die Werbung für Luxusprodukte in gewissen Städten des Landes drastisch einzuschränken. Die Massnahme hat ihre Spuren auch in den Exportstatistiken der Uhrenindustrie hinterlassen: Im letzten Jahr hat die Schweiz eine Rekordzahl Uhren nach China verkauft, aber der Durchschnittswert jeder einzelnen Uhr ist um 100 Franken geschrumpft.
Jean-Daniel Pasche relativiert den Exportrückgang, "der nach einem verrückten Wachstum von mehr als zehn Jahren eintritt". Auch für Credit Suisse gibt es noch keinen Grund für Panik: "Die Abwärtsbewegung bei den Schweizer Uhrenexporten sollte nicht als Einbruch, sondern als Normalisierung betrachtet werden. Angesichts der anhaltenden Wohlstandsfortschritte der chinesischen Bevölkerung und der Beseitigung von Handelshemmnissen (Freihandels-Abkommen) dürfte sich die Expansion dieses Marktes fortsetzen, (….) allerdings in einem langsameren Rhythmus", heisst es im Bericht der CS.
Credit Suisse
Angesichts der anhaltenden Wohlstandsfortschritte der chinesischen Bevölkerung und der Beseitigung von Handelshemmnissen (Freihandels-Abkommen) dürfte sich die Expansion dieses Marktes fortsetzen.
Ein Image-Problem?
Das Freihandels-Abkommen, das die Schweiz und China im Juli 2013 unterzeichnet haben, sieht eine Reduktion von 60% der Zölle auf Schweizer Uhren in den nächsten zehn Jahren vor. Wegen der Preisunterschiede, aber auch um Fälschungen zu vermeiden, ziehen es zahlreiche Chinesen gegenwärtig immer noch vor, ihre Uhren in Hongkong, in Europa oder in den USA zu kaufen.
Der Appetit der Chinesen auf Luxusprodukte bleibe bedeutend, vor allem, wenn sie ins Ausland reisen, sagt Andrea Gerst. "Gemessen an den Ausgaben haben die Chinesen die Amerikaner als grösste Tourismusnation der Erde überholt. Das langfristige Wachstum des Luxussektors setzt sich fort. In diesem Jahr dürfte die Branche um 7 bis 9% wachsen", schätzt sie.
Eine Frage stellt sich trotzdem: Ist es für die Branche kein Problem, dass die Schweizer Uhr zu einem Objekt geworden ist, das in China am häufigsten mit Korruption in Verbindung gebracht wird? "Nein, überhaupt nicht", sagt Jean-Daniel Pasche. "Die Schweizer Uhren behalten ihren ausgezeichneten Ruf. Es gibt nicht das geringste Anzeichen, dass die Chinesen weniger Interesse dafür hätten."
Reservierter geben sich die Schweizer Uhrenindustriellen, die in China aktiv sind. Mehrere von ihnen, darunter die Swatch-Gruppe, die weltweit grösste Uhrenfirma, haben es abgelehnt, auf diese Frage von swissinfo.ch zu antworten.
(Mitarbeit: Rémi Quesnel à Pékin; Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch