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Glarean – ein vergessener Glarner Universalgelehrter?
Schaut man sich das Leben und die Errungenschaften des Heinrich Loriti genauer an, dann kommt man vor Ehrfurcht ob seiner vielen Errungenschaften fast ins Stocken. Aber von vorne: Heinrich Loriti wurde 1488 in Mollis geboren. Er war Sohn eines Bauern, der auch Ratsherr war, ansonsten ist wenig über seine Kindheit bekannt. Seine Eltern müssen wohlhabend gewesen sein, denn sie finanzierten seine Grundausbildung in Bern und dann weitere Studienaufenthalte in Rottweil, Köln, Aachen und Paris.
Kontakte ins Glarnerland
Während Glareans Studienaufenthalte findet sich immer wieder der Bezug zu Glarus und vor allem auch zu Ulrich Zwingli, der zu dieser Zeit Pfarrer in Glarus war. So sind Briefe von Glarean an Zwingli erhalten, in welchen beispielsweise ein genauer Bericht über die Heiligenlegenden von Felix und Regula (die der Legende nach durch das Linthtal nach Zürich flüchteten) angefragt wird. Glarean wollte bei seinem nächsten Besuch an der Glarner Kirchweih 1511 mit Zwingli darüber reden. Auch widmet Glarean dem damaligen Glarner Stadtpfarrer Zwingli ein Büchlein über Musiktheorie – die Freundschaft der beiden Männer scheint also stark gewesen zu sein, bis Glarean ab 1523 die Reformationsbestrebungen Zwinglis nicht mehr mittragen konnte.
Reformation - ja oder nein?
Glarean war durchaus an den Geschehen rund um die Reformation in der Schweiz interessiert. Steigt man noch ein wenig tiefer in die zeitgenössischen Quellen, so findet man beispielsweise in Glareans Bibliothek ein Buch Luthers. An und für sich noch nichts besonderes, Bücher gab es dank des aufblühenden Buchdrucks nun häufiger – aber die Anmerkungen, die Glarean an den Rand des Textes geschrieben hat, zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit den Texten Luthers. Manchmal finden sich dabei ironische und zustimmende Bestätigungen des Geschriebenen, manchmal auch das klare Gegenteil mit einer geradlinigen Ablehnung.
Ein weiteres Indiz neben den kleinen Randbemerkungen im Buch kann auch die lange Freundschaft mit Zwingli sein, die über ein Jahrzehnt gedauert hat. Wie bereits erwähnt schrieben die beiden Männer regelmässig Briefe oder trafen sich bei Glareans Heimataufenthalten im Glarnerland zu Gesprächen. Es ist - zumindest hypothetisch - davon auszugehen, dass sie in Gesprächen, wie in den Briefen angedeutet, auch über Theologie, den Glauben und die beginnende Reformation im Deutschen und in der Schweiz gesprochen haben.
Im Groben ist Glarean damit klar der Gegenreformation zuzuordnen, davon zeugt allein schon sein Bruch mit Zwingli und eine gemeinsame Flucht mit Erasmus von Rotterdam aus Basel 1529. Der Grund dafür war der dortige Bildersturm. Die intensive Auseinandersetzung mit dem reformatorischen Gedankengut und auch das Gutheissen einiger Passagen zeigt uns ein differenziertes Bild im Feinen.
Bezug zum Glarnerland und Schweizer Identität
Einen weiteren Bezug zum Glarnerland in Glareans Leben findet sich auch in einem seinem Schüler: Das war kein geringerer als Ägidius Tschudi. Für die Geschichtswissenschaften setzte zuerst Glarean die Grundpfeiler mit der Descriptio Helveticae, einem der identitätsstiftenden Texte für die Schweiz. Später schrieb dann Glareans Schüler Ägidius Tschudi sein Chronicon Helveticum, das seitdem ebenfalls als Grundlagenwerk der Schweizer Geschichte gilt. Und das erscheint als ein ganz spannendes Thema: Zwei Autoren aus dem Glarnerland, die sich gegenseitig beeinflusst haben, schrieben Werke, die heutzutage immer noch als identitätsstiftend für die (deutschsprachige) Schweiz gelten.
Beeindruckende Vielseitigkeit
Richtet man den Blick auf die weiteren Errungenschaften Glareans, so erscheinen sie schon fast aberwitzig vielfältig: Das alte System der Kirchentonarten nahm er in Angriff und erweiterte es von 8 auf 12 Modi – darunter die Vorläufer von Moll und Dur, wie wir sie heute kennen - und bis heute seine anerkannt grösste Leistung. Ausserdem verlegte Glarean ganz im Zeichen des Humanismus Ausgaben antiker, lateinischer Texte, die später ebenso massgeblich für die Geschichtswissenschaft wurden. Nebenbei, so scheint es, beschäftigte er sich zudem noch mit Geografie und entwickelte eine eigene Projektion der Südhalbkugel. Dann schrieb er ein Standardwerk für den Mathematik-Unterricht, das bis weit ins 18. Jahrhundert genutzt wurde. Das alles, so die heutige Forschung, fachlich fundiert, gründlich vorbereitet und keineswegs halbherzig. Und was nicht verschwiegen werden darf: 1512 wurde Glarean von Kaiser Maximilian I. zum Poeta laureatus ernannt - also zum lorbeergekrönten Dichter - das war die höchste Auszeichnung, die ein Dichter im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen - zu dem die Schweiz damals nominell noch gehörte - erhalten konnte.
Kollektive Erinnerungen?
Das Glarnerland hat also neben Ägidius Tschudi einen Universalgelehrten hervorgebracht, der auch noch lange eng mit Glarnern oder im Glarnerland lebenden Menschen im Kontakt stand. Eine ähnliche Berühmtheit wie sein Schüler scheint er jedoch nicht erlangt zu haben.
Auch wenn Wikipedia eben nicht als wissenschaftliche Quelle dienen kann, dann taugt es doch für einen kleinen Einblick in die kollektive Erinnerungskultur in der Region - und da wird Glarean eben nicht als bedeutende Persönlichkeit Glarus' geführt. Der Mensch, der sich selbst nach seinem Heimatskanton benannte und den Namen in die Welt hinausgetragen hat - und noch heute in diversen musiktheoretischen Magazinen und Preisen Aufmerksamkeit findet - scheint im Glarnerland weniger Aufmerksamkeit erlangt zu haben.
Spannend auch: Wohl gibt es eine Ägidius-Tschudi-Strasse in Glarus. Eine Glarean-Strasse findet sich nicht, allerdings wurde eine Strasse in Freiburg im Breisgau nach ihm benannt. Eine kleine Gedenktafel an Glareans Molliser Geburtshaus zeugt heute noch von seiner Herkunft, ebenso wie ein Glarean-Brunnen in nächster Nähe.
Ist Glarean damit ein vergessener Glarner Universalgelehrter? Pauschal lässt sich das nicht bejahen - verneinen jedoch auch nicht. Vielleicht findet sich ja zukünftig eine Strasse, die einen Namen gebrauchen kann.