Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03333.jsonl.gz/2110

Was bisher geschah:
Finanziell gesichert, hält Francis sein Erwerbsleben klein. Sein Alltag ist von der virtuelle Realität bestimmt, in der er den Versuch unternimmt, den einen variierenden Traum, der ihn nachts häufig und bruchstückhaft heimsucht, zu reinszenieren und weiterzuentwickeln, bis er ihn lückenlos verstehen würde. Maltes und Fiete befürchten, Francis an die virtuelle Welt zu verlieren und versuchen, ihn mehr und mehr für die eigentliche Welt zurückzugewinnen. Obwohl Francis die Besorgnis seiner Freunde teilt, geht er seines Vorhaben wegen auf ihres kaum ein. Doch hilft ihm ihre Nähe, sich nicht im virtuellen Leben zu verlieren. Auch sich an Amilia zu wenden vermittelt ihm in der eigentlichen Welt Bodenhaftung. Erst gerade hat er Fiete den dritten Brief an sie mitgegeben. Er hätte von ihm abgeschickt werden sollen, stattdessen hat er ihn mit Malte zusammen gelesen.
Wie Malte den Brief von Francis gelesen hat, meint er: „Es steht zwar fest: Amilia wird keines von Francis‘ Schreiben je erhalten, aber auch sein jüngster Brief sagt mir, dass er sie nicht loslassen mag. Wenn auch nahe an der Verzweiflung, hofft er nach wie vor, etwas von ihr zu vernehmen und besser als über sie im Unklaren zu bleiben, sollte sie ihn darüber aufklären, weshalb sich ihre Wege getrennt haben.“ Fiete räumt ein: „Es ist nun aber nicht so, als würde sie ihm zurückschreiben.“ Malte fährt fort: „Wir schreiben in ihrem Namen an Francis zurück.“ Fiete stimmt zu: „Ergibt Sinn, Francis gibt Amilia erst auf, wenn er erfährt, weshalb Amilia den Kontakt zu ihm abgebrochen hat, weiss, dass er daran keine Schuld trägt und einsieht, dass er sie gehen zu lassen hat. Malte nickt und blickt Antwort suchend in den Himmel: „Es fragt sich nur, was wir ihm konkret schreiben.“ Fiete vermag darauf nichts Genaues zu erwidern und schiebt erst einmal auf: „Lass uns gehen, uns wird schon etwas einfallen.“
Am Tag darauf treffen die beiden einander im Café um die Ecke und machen sich daran, den Brief zu verfassen. „Lieber Francis“, das war einfach. Malte setzt gleich fort: „Erst einmal Entschuldigung dafür, ohne Verabschiedung zu verschwinden und erst mit diesen Zeilen wieder mit dir Kontakt aufzunehmen. Ich möchte mich dir erklären und wissen sollst du gleich, dass dich für mein Fortgehen keine Schuld trifft. Dennoch werde wir einander nicht mehr sehen. Wie schwierig es auch ist, komme ich nicht umhin, unser Kapitel abzuschliessen – mit dir, so hoffe ich. Dafür bedarf es deines Verständnisses und ich will es herzustellen versuchen.
Gegangen bin ich, weil“, weiter weiss Malte nicht. Gedanklich ins Stocken geraten, innerlich Worte aufrufend und gleich wieder verwerfend, springt Fiete ein und fügt hinzu: „Gegangen bin ich, weil ich krank bin, im Kreise der Familie sterben möchte, darum wissend, dass du mich zuletzt als gesunde Person gesehen haben würdest.“ Eine knappe Minuten nachdenkliche Stille, dann schliesst Malte an: „Das Hanta-Virus, es hat mich auf Forschungsreise in Südamerika befallen, hämorrhagisches Fieber ausgelöst und greift meine Lungen an.“ Malte atmet schwer aus, Fiete findet die letzten Worte: „Es geht dem Ende zu, und schliessen darf ich meine Augen im Wissen, ganz gelebt, sehr geliebt und viel Liebe erfahren zu haben. In dem Sinne, lieber Francis, danke und leb‘ wohl.“
Malte legt mit schwerer Miene den Stift ab und meint: „Ist das der richtige Weg?“ Fiete nickt, ist sich sicher: „Ja, es ist an der Zeit, sie gehen zu lassen, ist sie doch eigentlich schon lange tot.“