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Ende des 16. Jahrhunderts kaufte Basel dem Bischof einen grossen Teil des heutigen Baselbiets ab. Den hohen Preis von 200’000 Gulden finanzierte die Stadt mit unzähligen grossen und kleinen Krediten aus der Bürgerschaft. Ein Blick in die Jahrrechnungen zeigt: Unter den Geldgebern finden sich auch etliche Frauen.
Das Jahr 1585 markiert einen wichtigen Punkt in der Basler Stadtgeschichte. Mit dem Badener Vertrag regelte ein eidgenössisches Schiedsgericht, welche Territorien und Dörfer rund um die Stadt Basel auch tatsächlich in deren Herrschaftsgebiet gehörten, und welche beim Bischof verbleiben sollen. Damit wurde ein jahrzehntelanger Streit formell beigelegt. Doch der Reihe nach. Im Verlauf des Spätmittelalters hatte sich Basel politisch, wirtschaftlich und territorial immer mehr von seinem einstigen Stadtherrn, dem Bischof, emanzipiert. Die immer selbstbewusster auftretende Bürgerschaft verwehrte ihm zunehmend althergebrachte Rechte, und als vorläufigen Höhepunkt entzog sie ihm 1521 eine Mitsprache bei der Besetzung der politischen Führungsschicht der Stadt. Auch territorial begannen sich die Kräfte zu verschieben. Aufgrund finanzieller Probleme musste das Fürstbistum Gebiete wie etwa die Ämter Liestal, Waldenburg und Homburg an die Stadt verpfänden. Gleichzeitig begann Basel, seine Herrschaft auf eigentlich fürstbistümliche Dörfer im Birseck und im Leimental auszudehnen.
Frühneuzeitliches «Crowdfunding»
Lange wurde diese städtische Expansionspolitik von den Bischöfen hingenommen – bis der 1575 eingesetzte Jakob Christoph Blarer von Wartensee den Rückzug der Stadt aus allen bischöflichen Territorien forderte – unterstützt von den katholischen Orten der Eidgenossenschaft, die ihm den Rücken stärkten. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde 1585 der eingangs erwähnte Entscheid gefällt: Basel musste sich aus den Orten im Birseck und Leimental zurückziehen, konnte aber im Gegenzug die bislang verpfändeten Ämter gegen eine vergleichsweise hohe Ablösesumme von 200’000 Gulden definitiv erwerben. Insgesamt musste Basel allein im Jahr 1587 für den Loskauf 150’000 Pfund zusätzlich aufbringen. Die Jahrrechnungen geben Auskunft darüber, wie die Stadt diesen enormen Ausgabeposten finanziert hat: nämlich zu einem grossen Teil durch die Hilfe der eigenen Bevölkerung. In einer Art frühneuzeitlichem «Crowdfunding» haben Baslerinnen und Basler, aber auch vermögende Personen aus der näheren und ferneren Umgebung der Stadt, v.a. dem Sundgau und Elsass, Baden und Süddeutschland, der Stadt teilweise hohe Geldbeträge in Form von wiederkäufigen Krediten zur Verfügung gestellt.
Potente Witwen und vermögende Ehepaare
Im Krisenjahr 1587 lieh etwa Maria Burckhardt, «Hannsz Laux Iselins, desz rahts der statt Basell, seeligen hinderlaszenen wittwen», Basel die stolze Summe von 3750 Pfund – der Betrag bewegt sich mit seiner Höhe im oberen Drittel der Kredite. Als Gegenleistung zahlt ihr die Stadt jeweils jährlich «auf den ersten Tag Meyens» 187 Pfund und 10 Schillinge aus. Catharina Burckhardt legte 2000 Pfund ein, Gertrud Brand immerhin noch 1250 Pfund und Esther Frobenius bezahlte 1000 Pfund ein. Nur noch 375 Pfund betrug die Einlagenhöhe von Barbara Brand. Insgesamt gewährten im Jahr 1587 Frauen der Stadt Kredite in Höhe von für 8275 Pfund und finanzierten so ein kleines Stück des Baselbietes mit. Alle Frauen, die allein für einen Kredit einstanden, waren Witwen. Ehepaare, die explizit gemeinsam auftraten, zeichneten im selben Jahr für 18’350 Pfund Kredite an die Stadt. Damit waren Frauen an 18 % der Kreditsumme, die die Stadt in diesem Jahr zur
Sonderfinanzierung aufnahm, allein oder gemeinsam mit ihrem Ehemann direkt beteiligt. Ganz allein verantworteten Frauen dagegen nur etwa 8 % der benötigten Summe.
Finanzgeschäfte sind auch Frauensache
Ein Blick in die übrigen Jahre der Basler Stadtrechnung zeigt, dass Frauen nicht nur in solchen Ausnahmesituationen Ressourcen mobilisieren konnten. Sie waren vielmehr regelmässige Käuferinnen von Leibgedingen und wiederkäufigen Zinsen. Von allen zwischen 1535 und 1610 aufgenommenen Passivdarlehen in Basel zeichneten Frauen sogar etwas mehr als die 8 % im Krisenjahr. Die bereits genannte Maria Burckhardt ist in mehrerer Hinsicht kein Einzelfall. Unter den Kreditgeberinnen in den 1580er Jahren befinden sich mit Faustina Amerbach, Barbara Brand, Gertrud Brand, Katharina Burckhardt und Esther Froben gleich fünf andere Witwen, die ebenfalls wohlhabenden Basler Patriziatsfamilien angehörten. Das ist kein Zufall, denn Witwen genossen im
frühneuzeitlichen Basel Freiheiten, die ledigen und verheirateten Frauen verwehrt blieben. Während letztere zwar als Kauffmannsfrauen oft bei den Geschäften ihrer Ehemänner mitarbeiteten und dabei auch von deren Gewinnen profitierten, blieb ihnen selber das Geschäften mit dem von ihnen in die Ehe eingebrachten Vermögen verwehrt. Erst als Witwen erhielten sie die volle rechtliche Handlungsfähigkeit über ihr Kapital. Zwanzig Jahre nach ihrem Kredit an die Stadt Basel taucht Maria Burckardt wiederum in den Jahrrechnungen von 1608/09 auf. Nun aber bei den Kreditrückzahlungen, wo ihr von der Stadt 3750 Pfund «geben und abglöszt» werden. Dank der gut erforschten Geschichte der Familie Burckhardt wissen wir, dass Maria Burckhardt 1541 geboren wurde. Zur Zeit ihrer Kreditvergabe war sie 46 Jahre alt. Mit einem zwanzig Jahre dauernden Vertrag ist sie ein Risiko eingegangen, das kühn und wohl auch kühl kalkuliert war – das aber, so zeigen es die Rechnungsbücher – zu ihren Gunsten ausgefallen war. Zwei Jahre später verstarb sie. Zugegeben: Die Behauptung, Frauen hätten das Baselbiet gekauft, ist etwas hoch gegriffen. Ein genauerer Blick in die Rechnungsbücher macht aber doch deutlich, dass Frauen auch damals schon in den Büchern des Finanzhaushaltes als aktive Teilnehmerinnen auf dem Finanzplatz Basel zu finden waren.
Reiche Frauen, reiche Bürger, reiche «Ausländische»? – Die Financiers der Basler Herrschaft
Aber nicht nur ein Blick auf die Frauen in den Jahrrechnungen lohnt sich. Die Details der Kreditaufnahme von 1587 lassen deutlich werden, wie sehr sich die männliche Elite der
Stadt anstrengen musste und angestrengt hat, um die ausserordentliche Herausforderung durch den Bischof zu parieren, etwa wenn Ratsherr Heinrich Lautterburg zunächst für fünftausend Pfund zeichnete, um als nächstes für seine Vogtkinder Heinrich und Maria Mentelin nochmals fünftausend Pfund Kredit zu geben. Oder wenn der oberste Pfarrer, Antistes Jacob Grynäus, zunächst die Kreditsumme von eintausend Pfund aufwarf, um kurz darauf nochmals die gleiche Summe als Kredit an die Stadt einzuschiessen. Ein zweiter oder dritter Blick in die Akten zeigt aber auch, dass nicht allein die Basler und ganz gewiss nicht die anderen reformierten Eidgenossen, sondern vor allem die «Außlendischen», wohlhabende oder reiche Vermögende aus der näheren oder ferneren Umgebung von Basel, mit fast 40 % massgeblich dazu beitrugen, die notwendige Geldsumme so schnell aufzubringen. Als besonders grosszügig erwiesen sich dabei die Sundgauer, allen voran die Markircher wie etwa Sebastian Egersheimer, der allein zehntausend Pfund aufbrachte. Die Geschichte vom Loskauf der Basler vom Bischof zeigt, wie dynamisch die Stadt und ihre Bewohner eine der grössten Herausforderungen in der Basler Herrschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit angegangen sind. Dabei halfen ihnen Auswärtige, Nicht-Eidgenossen aus dem Sundgau, die ihre Zukunft offensichtlich aktiv mit dem Schicksal der Stadt verbanden, entscheidend.
Dieser Beitrag stammt von Susanna Burghartz und Lukas Meili, Leiterin und Mitarbeitendem des Projekts Jahrrechnungen der Stadt Basel 1535 bis 1610 – digital. Für die Online-Edition der Basler Jahrrechnungen digitalisierte das Staatsarchiv die Jahrrechnungen.