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Lange Nächte!
Ähnlich, wie bei unserem Einschiffen der Titanic-Song von Celine Dion fehl am Platze war, war es dumm von mir, unsere Victoria Katarina mit der Titanic zu vergleichen. Denn zum Einen war die Titanic um Einiges grösser, stabiler und massiver gebaut, als unsere Victoria Katarina und zum Anderen - und das beruhigt mich bedeutend mehr - gibt es auf dem Yangtse wegen des warmen und sehr milden Klimas nicht einen Hauch von Eisbergen. Trotzdem schlafe ich diese Nacht nicht so gut wie in einem unserer Vier- und Fünfsterne Hotels auf unserer Chinareise.
Auf dem Yangtse fahren gleichzeitig Hunderte grosser und noch grösserer Schiffe aller Art. Nebst Kreuzfahrtschiffen sehen wir meist Lastenkähne - bei uns auch Nauen genannt, nur um Einiges grösser - welche, mit Kies und Sand schwer beladen, den Yangtse befahren. Die Nacht hindurch regnet es mehr oder weniger stark. Positionslichter und ein starker Scheinwerfer mit dem unsere Schiffscrew die rechte Küstenseite ausleuchtet, sind alles, was wir in der Nacht von unserem Schiff aus sehen können. Ob der Capitän weiss, wohin er zu leuchten und vor allem zu fahren hat? Gestern Abend sprach er noch beim Capitän's Dinner zu uns. Würde er nicht besser auf der Brücke stehen und nach Hindernissen Ausschau halten? Gewiss, das was uns hier im Weg stehen könnte, sind definitiv keine Eisberge. Dafür das felsige Ufer, oder mindestens so schlimm, ein anderer Kahn der uns entgegenkommt. Und noch etwas stimmt mich nachdenklich und raubt mir meinen Schlaf. Was ist mit dem Staudamm?
1996 wurde mit dem grössten Wasserkraftwerk der Welt begonnen. 2009 wurde es fertiggestellt. Und seit bereits 2006 liefert das Kraftwerk mit seinen 25 gigantischen Turbinen Strom für halb China. Beliefert werden u.a. die Mega-Metropolen Peking, Shanghai, Hongkong und Chongqing. Je nach Jahreszeit sei der Yangtse zwischen 145 und 175 Metern gestaut. Mit dem Staudammprojekt hätten 1,2 Millionen Menschen umgesiedelt werden müssen, erklärt man uns auf dem Schiff. Irgend jemand sagte uns gestern, Wissenschaftler hätten errechnet, dass der Damm zu schwach sei um dem Wasserdruck ewig Stand zu halten. Man rechne allgemein damit, dass der Damm maximal zehn bis elf Jahre halten werde. Und was ist dann? In der Nacht rechne ich nach. Nachdem mir nachts das Denken etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt, als am Tage, schlafe ich diese Nacht unruhiger und kürzer, als normal. So rechne ich. Wenn wir von heute zehn Jahre zurückdatieren, dann landen wir exakt im Jahre 2006. Auch wenn der Damm erst 2009 komplett fertiggestellt wurde, so liefert das Kraftwerk doch bereits seit 2006 Strom.
Bei unseren Konsumprodukten, wie unseren Handys - und da trägt bereits Vieles den Namen "Made in Cina" - ist allgemein bekannt, kaum ist die Garantiezeit abgelaufen, gibt entweder der Akku den Geist auf oder etwas Anderes funktioniert nicht mehr. Wer kennt das schon nicht? Was wäre also, wenn gerade heute Nacht die zehnjährige "Garantiezeit" des Yangtse-Staudamms abläuft? Würden wir dann, wie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Oder so ähnlich? Unser "Dampfer", der sich zurzeit oberhalb und ganz in der Nähe des Staudammes befindet, wäre bei einem Dammbruch wohl schneller in der etwa 1'500 km entfernten Metropole Shanghai, wo der Yangtse ins Chinesische Meer fliesst, als wenn wir von hier dorthin fliegen würden. So schnell wollten wir dann doch noch nicht nach Shanghai.
Auch mit solchen Gedanken kann man sich unruhige Nächte schaffen. Irgendwann bin ich dann doch noch eingeschlafen.