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Die geistige Entdeckung Chinas war eines der Ergebnisse der Aufklärung. „Diese Völker“, schrieb Diderot über die Chinesen, „sind allen andern Völkern überlegen an Alter, Geist, Kunst, Weisheit, Politik und in ihrem Geschmack für die Philosophie.“
Tausendjährige Hochkultur
Das erste Bildungswesen existierte von 1600 bis 1046 v. Chr. während der Shang-Dynastie und war von der konfuzianischen Philosophie geprägt. Staatliche Akademien (Shuyuan) boten ab dem 9. Jahrhundert Bildung auf universitärem Niveau an. Das Kaiserreich bot während mehr als tausend Jahren allen Menschen demokratisch die Möglichkeit einer Schulung, um die Ausübung des Regierungsamtes aristokratisch auf diejenigen zu beschränken, die sich als die Besten erwiesen. Es gab jedoch keine Schulpflicht. In Europa dauerte es bis ins späte 19. Jahrhundert, bis sich bei der Besetzung öffentlicher Ämter ähnliche Grundsätze durchsetzen konnten. Kolonialisierung zerstörte das Bildungswesen
Im Zuge der Kolonalisierung Chinas durch die europäischen Grossmächte und die Vereinigten Staaten brach das Bildungswesen in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast völlig zusammen und die Analphabetenrate lag bei 80 Prozent. Nach der Wiedervereinigung Chinas im Jahre 1928 begann die Kuomintang Partei mit einer landesweiten Schulreform, um die Entwicklung der Republik und der Wirtschaft zu fördern. Der Chinesische Bürgerkrieg (1927-1949) verhinderte die Umsetzung dieser Pläne.
Schwieriger Wiederaufbau nach sowjetischem Muster
Nach der Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 wurde zuerst die Grundschule nach dem Vorbild der Sowjetunion mit einer allgemeinen Schulpflicht eingeführt. Die Lehrmittel wurden aus der Sowjetunion importiert und übersetzt. Ebenso wurde deren Fächerkanon an den Schulen und Universitäten übernommen. Trotz grossen Anstrengungen der Kommunistischen Partei Chinas gelang es vorerst nicht, ein flächendeckendes Schulsystem einzuführen. Für den Wirtschaftsaufbau dringend benötigte Arbeitskräfte lernten als Erstes Lesen und Schreiben. Bis 1957 besuchten fast 50 Prozent aller Schüler der Mittelschulstufe diese berufsbildenden Schulen. Die Ausrichtung des Bildungswesens am sowjetischen Vorbild endete mit dem gegenseitigen Konflikt (1950er bis 1980er Jahre).
Mit der Kampagne des „Grossen Sprungs nach vorn“ von 1958 bis 1961 sollten die drei Unterschiede Land-Stadt, Kopf-Hand, Industrie-Landwirtschaft eingeebnet werden.
Mit der Kampagne des „Grossen Sprungs nach vorn“ von 1958 bis 1961 sollten die drei Unterschiede Land-Stadt, Kopf-Hand, Industrie-Landwirtschaft eingeebnet werden. Als Gegenreaktion und Kritik am sowjetischen Modell, das sich vor allem auf die Industrie konzentrierte, wurden in China sämtliche Programme auf die Landregionen zugeschnitten. 1965 besuchten rund 85 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Chinesen eine Grundschule. Die Lehrerausbildung hinkte der gestiegenen Schülerzahl hinterher und verschlechterte das allgemeine Bildungsniveau. Die „Kulturrevolution“ von 1966 bis 1976 führte zum erneuten Niedergang des Bildungswesens. Fast alle Schulen des Landes und die Universitäten waren längere Zeit geschlossen. Schüler und Studenten wurden politisiert, statt Aufnahmeprüfungen gab es politische Empfehlungen, um damit eine Elitebildung verhindern zu können.
Reform- und Öffnungspolitik
Bildung und Erziehung in der Volksrepublik China sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Ideen von Konfuzius, Menzius, Mao Zedong und Deng Xiaoping geprägt. Nach Maos Tod erfolgten ab 1978 im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik mehrere Schulreformen. Die Schulzeit wurde sukzessive auf zwölf Jahre erweitert und der zweijährige Arbeitseinsatz für Hochschulbewerber entfiel.
Ab Mitte der 1980er Jahre investierte der chinesische Staat grosse Summen in sein Bildungssystem. Der im Mai 1985 veröffentlichte „Beschluss über die Reform des Bildungswesens“ bildet bis heute die Grundlage für das Schulsystem. 1986 wurde eine allgemeine neunjährige Schulpflicht eingeführt. Auf der Grundlage des Bildungsgesetzes von 1995 und des Berufsbildungsgesetzes von 1996 soll der Forderung nachgekommen werden, dass möglichst jeder chinesische Arbeitende beim Eintritt ins Berufsleben über eine berufliche beziehungsweise schulische oder gar akademische Ausbildung verfügt.
Dezentrale Bildungshoheit
Das Ministerium für Bildung in Peking, welches die Rahmenkompetenz für Strukturen im Schul- und Hochschulwesen ausübt, ist die oberste Bildungsbehörde. Deren Befugnisse wurden in den 1990er Jahren zugunsten der verfassungsrechtlich garantierten Autonomierechte der Provinzen reduziert. Diese können Bildung in finanzieller, personeller und inhaltlicher Hinsicht grundsätzlich autonom umsetzen.
China nimmt am UNESCO-Bildungsprogramm „Education for All“ (EFA) teil. Es hatte 2001 einen Alphabetisierungsgrad von 98 Prozent der Bevölkerung erreicht. Seit der Bildungsreform von 2006 dürfen während der Schulpflicht keine Schulgebühren und Extragebühren (Nachhilfestunden) an Schulen erhoben werden.
Freiwilliger Kindergarten
Der Besuch des Kindergartens ist freiwillig und wird von Städten, Gemeinden, Kirchen, Betriebe und Privaten angeboten. Er kann im Alter von drei bis fünf Jahren beginnen und dauert bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr. Im Vordergrund steht eine altersgerecht emotionale Erziehung, die Kinder pädagogisch und sozial auf den Besuch der Grundschule vorbereitet. Kindergartenlehrer besuchen vier Jahre lang eine berufsbildende Sekundarschule. Im Kindergarten unterrichten drei Kindergärtnerinnen eine Gruppe von etwa 35 Kinder.
Grundschule und Sekundarstufe
Die Grundschule, meistens eine Ganztagesschule, dauert sechs Jahre, in ländlichen Gegenden teilweise fünf. Die Kinder werden mit sechs oder sieben Jahre eingeschult. Die Anzahl der Schulstunden beträgt 26 bis 30 pro Woche, eine Unterrichtseinheit dauert 50 Minuten. Zu den Fächern gehören: Chinesisch, Mathematik, Sport, Naturwissenschaften, Musik und Kunst und ab der 3. Klasse Englisch. Konfuzianische Lehrinhalte sind Teil des schulischen Bildungskonzeptes.
Die Sekundarbildung an den Mittelschulen ist aufgeteilt in drei Jahre Unterstufe und drei Jahre Oberstufe. Dies können allgemeinbildende und berufsbildende oder technische Mittelschulen sein. Der Fächerkanon umfasst: Chinesisch, Mathematik, eine Pflichtfremdsprache (meist Englisch), Physik, Chemie, Biologie, Technik, IT, Sport, Kunst, Musik, Ethik, Wirtschaftskunde, Geschichte und Erdkunde. Eine Unterrichtseinheit beträgt 45 Minuten; pro Woche 35 Unterrichtseinheiten.
Effizienter Klassenunterricht, effektives Lernen
In der Praxis sind unsere „neuen Formen“ des Unterrichtens und Lernens in China bisher nur in begrenztem Umfang implementiert worden. Die Unterrichtsinhalte sind klar vorgegeben und daher praktisch identisch an allen Schulen. Es wird sehr nahe am Schulbuch gearbeitet. Wissensabfragen und Tests führen dazu, dass die Richtigkeit der Ergebnisse wichtiger sind als die Lernprozesse. Informations- und Kommunikationstechnologien werden meist nur von den Lehrkräften eingesetzt (Powerpoint-Präsentationen). Gemeinsamer Klassenunterricht, das Abfragen kurzer Antworten sowie das Antworten und Wiederholen im Chor sind weit verbreitete Unterrichtstechniken. Auswendiglernen, Wiederholen und exaktes Einprägen sind nach chinesischer Auffassung ausgezeichnete Übungen zur Ausbildung von zusätzlichen Fähigkeiten wie Geduld, Ausdauer und Konzentration auf eine bestimmte Sache wie das Schreiben und Lesen der komplexen chinesischen Schriftzeichen. Selbständiges Arbeiten und Gruppenarbeit werden seltener und nur kurz eingesetzt.
Gesellschaftlich geniesst der Beruf des Lehrers hohe Anerkennung, weil Wertschätzung gegenüber Lehrenden ein Aspekt der chinesischen Lerntradition ist.
Hervorragende Leistungen
Eine internationale Forschungsstudie zeigt, was China und die anderen ostasiatischen Länder auszeichnet: Sie halten gute Leistungen nicht für nur auf die Schülergruppe mit hoher Intelligenz begrenzt, sondern pflegen eine demokratischere Einstellung: Fleiss und effektives Lernen eröffnen allen SchülerInnen ausgezeichnete Lernperspektiven (Konfuzius). Schulische Erfolge sind ihrer Überzeugung nach aber keineswegs eine Folge von Strebertum, das heisst von ehrgeizigem Egoismus. Leistungsstarken Schülern werden hohe soziale Kompetenzen zugeschrieben. Es ist attraktiv, in China gute Leistungen zu bringen. Chinesische Schüler gehen, anders als bei uns, nicht automatisch davon aus, dass ein Klassenkamerad mit sehr guten Leistungen über eine besonders hohe Intelligenz verfügen müsse. Dies stimmt mit der in vielen Studien gefundenen Überzeugung in asiatischen Kulturen überein, dass gute Leistungen vor allem Früchte von Fleiss und effektivem Lernen sind. Das hat wenig Ähnlichkeit mit unserem westlichen Druck-Drill-Demut-Stereotyp über das chinesische Bildungswesen. Gesellschaftlich geniesst der Beruf des Lehrers hohe Anerkennung, weil Wertschätzung gegenüber Lehrenden ein Aspekt der chinesischen Lerntradition ist. Bei uns werden leistungsstarke Schüler für tendenzielle Streber gehalten, die sozial wenig kompetent sind, und man glaubt, dass ohne eine hohe Intelligenz die Aussicht auf sehr guten schulischen Erfolg klein sei. Wie auch die PISA-Studie zeigt, bringen asiatische Länder deutlich bessere schulische Leistungen, sie sind sogar in manchen Fächern um Schuljahre voraus. Es scheint daher höchste Zeit, dass wir uns ganz nüchtern fragen, was wir von China, dem Patentweltmeister und PISA-Spitzenreiter, lernen können.
Quellen:
Barbara Schulte: China. In: Die Bildungssysteme der erfolgreichsten PISA-Länder: China, Finnland, Japan, Kanada und Südkorea. Lund University, Schweden 2017.
Albert Ziegler, Bettina Harder, Susanne Trottler: Chinas Erfolg bei PISA: Zufall oder Artefakt? Landesweite Beratungs-und Forschungsstelle für Hochbegabung an der Universität Erlangen-Nürnberg 2014.