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Wie lässt sich «gütiger Gott» in ein zeitgemässes Idiom übersetzen? Das fragte Bruno Latour vor zehn Jahren in seinem Buch «Jubilieren. Über religiöse Rede». Und er machte einen erstaunlichen Vorschlag. Man könne den Begriff gütiger Gott so übersetzen: «selbstverständlicher Rahmen des gewöhnlichen Alltags».
Selbstverständlicher Rahmen des gewöhnlichen Alltags?
Vielleicht liess eine ähnliche Intuition Dorothee Sölle Mitte der 1980er-Jahre in ihrem Schöpfungsbuch «Lieben und arbeiten» notieren: «Ist Gott der total Andere, so wird die Welt zu einem gottlosen Ort, und es gibt in ihr nichts Heiliges, keine göttliche Wirklichkeit mehr.»
Wenn Gott der selbstverständliche Rahmen meines Alltags ist, dann ist die Frage: «Sind Sie eigentlich gläubig oder ungläubig?» nicht nur eine abgedroschene, sondern schlicht eine falsch gestellte Frage.
Wie könnte ich die Existenz dessen anzweifeln, was mich alltäglich umfängt und trägt?
Dass ein postmoderner und poststrukturalistischer Denker mit dem Schwerpunkt Wissenschafts- und Techniksoziologie sich überhaupt für religiösen Rede und die Frage nach Gott interessiert, war nicht naheliegend. Zumal Latour in dem Buch nicht Sprachspiele seziert, sondern auf eine persönliche und geradezu fromme Weise ringt.
Fromm war Bruno Latour allerdings in einem höchst unkonventionellen, eigensinnigen und schöpferischen Sinn.
Gleich zu Beginn des zitierten Buches verriet Latour über sich: «Doch, er geht zur Messe, oft, sonntags, aber das will nichts heißen. Es gibt keine Sprache mehr für diese Dinge. Hört er, was drinnen gesprochen wird, knirscht er mit den Zähnen; hört er aber, was draußen gesprochen wird, schäumt er vor Wut.»
Gott, Religion, Glaube, Wissenschaft – wem sagt das noch etwas?
«Die Geistlichen», kritisierte der Katholik, »haben es vorgezogen, die Wörter fromm zu bewahren auf die Gefahr hin, den Sinn zu verlieren.»
Latour riet zu einer spirituellen Entwöhungskur, um die «Übersetzungsfehler» zu vergessen, die sich in religiöse Rede eingeschlichen haben («Es gibt keine gute religiöse Rede.»). Dass der Informationsgehalt religiöser Rede gegen null tendiert, schmälerte sie in seinen Augen nicht, denn es gehe gar nicht um Information:
«Machen Sie einen Test: Stellen Sie alles zusammen, was die Engel der Bibel sagen, und Sie erfahren nichts, fast gar nichts. Der Informationsgehalt dieser zahllosen Anweisungen bleibt nahe null. Die Engel überbringen keine Botschaften. Sie verändern das Leben derer, an die sie sich wenden.»
International bekannt wurde der Soziologe mit eigenwilliger Feldforschung in den 1970er-Jahren. Zusammen mit Steve Woolgar untersuchte Latour Prozesse und Sprachspiele in einem Wissenschaftslabor: dem Biochemistry Laboratory des Salk Institute im kalifornischen San Diego.
Passend zum Beginn der Postmoderne legten Latour und Woolgar in ihrer Studie (veröffentlicht 1979 unter dem Titel «Laboratory Life: The Construction of Scientific Facts») den Fokus auf die soziale Konstruktion von «Fakten» und auf die Entmythologisierung wissenschaftlicher Expertenkulturen.
Die Soziologen schlüpften gegenüber Naturwissenschaftlern in die Rolle Primitiver. Sie gaben sich als Feldforscher im Labor demonstrativ uninformiert. So konnten sie beobachteten, wie in die Produktion vermeintlich neutraler wissenschaftlicher Fakten auch kulturelle Vorannahmen, wissenschaftliche Moden, Zufälle oder gar Zwänge von Geldgebern hineinspielten.
Latour war bemüht, Brücken zu bauen zwischen den beiden immer weiter auseinanderdriftenden Kulturen der Natur- und Kulturwissenschaften («Two Cultures»). Er bemühte sich auch um Brücken zwischen Wissenschaftslaboren und Künstlerateliers und beeinflusste die zeitgenössische Lab-Kultur.
Latour war zudem einer der Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie, einem sozialwissenschaftlichen Ansatz. ANT kommt heute in verschiedenen Feldern zur Anwendung und geht von Vernetzung und Zusammenschlüssen unterschiedlicher Elemente zu mehr oder weniger kohärenten Akteuren aus.
«Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie» 1995 oder «Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie» von 2001 sind viel gelesene Schriften.
From Matters of Facts to Matters of Concern
«Gebt mir ein Laboratorium und ich werde die Welt aus den Angeln heben», ist ein Aufsatz von 2006 überschrieben. Als immer deutlicher wurde, dass es die Welt ist, die aus den Angeln zu kippen droht, wurde Latour zu einer wichtigen Stimme im Kampf gegen ein gedankenloses Weitermachen wie gehabt.
Bereits 2004 beschrieb Bruno Latour in seinem unglaublich aktuellen Aufsatz «Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern» mit Sorge, wie angesichts der «künstlich am Laufen gehaltenen Kontroverse um die globale Erwärmung» der von ihm wesentlich mitbegründete Sozialkonstruktivismus durch Klimawandelleugner missbräuchlich verwendet wird.
«Gefährliche Extremisten benutzen eben dasselbe Argument von sozialer Konstruktion, um mühsam gewonnene Beweise zu zerstören, die unser Leben retten könnten.»
Gefahr drohe, so Latour, nicht so sehr von ideologischen Argumenten, die als Tatsachen verkleidet seien, sondern umgekehrt vom «exzessiven Misstrauen gegenüber Tatsachen, die zu Unrecht für ideologische Argumente gehalten werden». Er hatte also die Grösse einzugestehen, dass die einst eingeschlagene Stossrichtung problematische Folgen zeitigte. Was als kritische Erweiterung der Wissenschaft intendiert war, wird heute antiwissenschaftlich gewendet.
Kampf um Gaia
Ein grosses Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm im Berliner Gropius-Bau («Down to Earth») war 2020 wesentlich von Latours Schriften zur Krise des Planeten inspiriert: von «Das terrestrische Manifest» von 2017 und dem zwei Jahre davor veröffentlichten Bestseller «Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime.»
Bruno Latour hatte sein Kommen zugesagt und wurde sehnsüchtig erwartet. Bereits krebskrank, konnte er jedoch nicht reisen. Seine Studenten und Stundentinnen aber waren aus Paris gekommen und betrieben während der mehrwöchigen Dauer der Ausstellung im Gropius-Bau ein Labor in seinem Geiste.
In dem Labor ging es darum, in Gesprächen mit den Latour-Schüler:innen den eigenen Wissensstand zu prüfen und zu begreifen, was alles zusammenspielen muss, damit menschliches und anders-als-menschliches Leben weiterbestehen kann: in einem nicht mehr so selbstverständlichen Rahmen des gewöhnlichen Alltags.
Jetzt ist der grosse Soziologe und Philosoph im Alter von 75 Jahren in Paris gestorben. Sein Geist wird durch viele engagierte Latour-Schüler weiterwirken.
Lecture von Bruno Latour über den «Global Backlash».
Foto: Bruno Latour, Wikimedia Commons