Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/205

© 1990 Markus Kappeler
Brasilien
Mit einer Landfläche von über 8,5 Millionen Quadratkilometern und einem Anteil von 47 Prozent an der südamerikanischen Landmasse ist Brasilien nach der Sowjetunion, Kanada, China und den USA der fünftgrösste Staat der Welt - gut 200mal so gross wie die Schweiz. Grob lässt sich dieses riesenhafte Territorium in zwei geografische Hauptregionen gliedern: das Brasilianische Bergland und das Amazonastiefland.
Das Brasilianische Bergland nimmt fast den gesamten Süden und Osten Brasiliens ein und bedeckt mehr als die Hälfte der Landesfläche. Es setzt sich aus vielfältigen Berg- und Hügellandschaften sowie aus flachen, von Tälern zerschnittenen Tafelländern zusammen. Grösstenteils erreicht das Brasilianische Bergland eine Höhe von 600 bis 1000 Metern, und nur im Osten, gegen den schmalen Küstensaum am Atlantik zu, weist es grössere Erhebungen von über 2000 Metern Höhe auf.
Die zentralen Bereiche des Brasilianischen Berglands sind durch ausgedehnte savannenähnliche Grasländer gekennzeichnet. Diese werden gegen Norden hin durch eine halbwüstenähnliche Dornstrauchsteppe abgelöst. Nach Süden hin ist die ursprüngliche Pflanzendecke weitgehend der landwirtschaftlichen Erschliessung zum Opfer gefallen: Im Südosten findet man anstelle der einstigen Trockenwälder riesige Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen; auf den Hochebenen Südbrasiliens wurde der subtropische Nadelwald durch ausgedehnte Soja- und Weizenfelder ersetzt.
Inmitten des Brasilianischen Berglands befindet sich auch Brasilia, die Stadt, welche der ehemalige Präsident Juscelino Kubitschek auf dem Reissbrett hatte planen lassen und 1960 zur neuen brasilianischen Hauptstadt (anstelle von Rio de Janeiro) erklärte. Mit dem Bau Brasilias sollte ein unübersehbares Zeichen für das neue, moderne Brasilien gesetzt werden. Mit heute rund 1,6 Millionen Einwohnern bleibt die im brasilianischen «Hinterland» gelegene Retortenstadt in ihrer Bedeutung jedoch weit hinter den grossen Metropolen Sao Paulo (über 15 Millionen Einwohner) und Rio de Janeiro (über 10 Millionen Einwohner) zurück.
Nach Osten und Südosten hin ist dem Brasilianischen Bergland die etwa fünfzig bis achtzig Kilometer breite atlantische Küstenebene vorgelagert. Hier drängen sich allein zwischen den beiden Städten Salvador im Norden und Porto Allegre im Süden über dreissig Prozent aller Brasilianer. Mit seinen mächtig anwachsenden Städteballungen bildet dieser schmale Landstreifen das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum Brasiliens.
Das Amazonastiefland, vielfach auch Amazonien genannt, nimmt fast die ganze nordwestliche Hälfte Brasiliens ein. Undurchdringliche Regenwälder und schwül-heisses Klima prägen diese Region - und natürlich der Amazonas selbst, der mit seinen zahlreichen Nebenflüssen dieses riesige Becken entwässert. Er ist mit einer Gesamtlänge von 6518 Kilometern zwar «nur» der zweitgrösste Fluss der Erde (nach dem Nil), dafür aber der weitaus wasserreichste: Alljährlich führt er etwa 25 Prozent allen fliessenden Wassers der Erde ins Meer!
Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörten weite Teile des Amazonastieflands allein den hier ansässigen Indianerstämmen. Ende der sechsziger Jahre wurde dann aber die Erschliessung des undurchdringlichen Urwalds von der brasilianischen Regierung systematisch in Angriff genommen. Anlass dazu waren vor allem die sich zuspitzenden sozialen Probleme im Nordosten des Lands, dem dürregeplagten «Armenhaus» Brasiliens. Im Rahmen eines ehrgeizigen Entwicklungsprogramms sollten die Menschen aus den brasilianischen Elendsvierteln im Amazonastiefland angesiedelt werden.
In einem ersten Schritt wurden mit enormem Aufwand riesige Strassenschneisen in ostwestlicher und nordsüdlicher Richtung quer durch den Amazonas-Regenwald geschlagen, darunter die berühmte, 5600 Kilometer lange «Transamazonica», die heute fast schon symbolische Bedeutung für das gigantische Vorhaben hat. Entlang der schnurgeraden Pisten wurde daraufhin ein mehrere Kilometer breiter Waldstreifen für die Gewinnung von Ackerland gerodet, und Tausende von Umsiedlungswilligen erhielten jeweils ein Stück Land zugesprochen. Doch das ehrgeizige Projekt scheiterte. Denn der blossgelegte Regenwaldboden erwies sich als extrem nährstoffarm und war nach zwei, drei Ernten vollständig ausgelaugt. Ausserdem gab es für die Neusiedler kaum Möglichkeiten, ihre Agrarprodukte so weit abseits der Siedlungszentren zu verkaufen. Und dann blieben auch noch die versprochenen staatlichen Zuwendungen aus.
Viele Kolonisten traten darum schon bald wieder den Rückzug an und suchten ihr Glück anderswo. Dafür richteten nun ausländische Konzerne ihr Augenmerk auf die Amazonasregion. Gewaltige Flächen wurden in Weideland oder Holzplantagen mit schnellwüchsigen Baumarten umgewandelt. Und auf breiter Front wurde - und wird noch immer - der Regenwald zwecks Edelholzgewinnung zerstört.
Noch sind die tropischen Urwälder des Amazonasbeckens das grösste zusammenhängende Waldgebiet der Erde. Aber alljährlich fallen Abermillionen von Bäumen auf einem Gebiet von weit über 100 000 Quadratkilometern dem Menschen zum Opfer (Österreich: 83 854 Quadratkilometer). Und mit den Wäldern werden nicht nur die indianischen Ureinwohner Amazoniens, sondern auch Tausende von Tier- und Pflanzenarten immer weiter zurückgedrängt oder gar ausgerottet. Die Folgen dieser gigantischen Regenwaldvernichtung für das regionale und globale Klima sind, wenngleich nicht genau abschätzbar, so doch mit Sicherheit verheerend.
Glücklicherweise scheinen die seit Jahren von Wissenschaftlern aus aller Welt geäusserten Bedenken bei der brasilianischen Regierung allmählich Gehör zu finden. Dies wohl hauptsächlich darum, weil sich die hochgesteckten Erwartungen zu Beginn der Erschliessung des Amazonastieflands nicht erfüllten. Weder die wirtschaftlichen noch die sozialen Probleme des Landes konnten auf diese Weise gelöst werden. Noch lassen aber tiefgreifende Schutzmassnahmen auf sich warten.
Nach einem Baum benannt
Im Jahr 1500 landete der portugiesische Seefahrer Pedro Alvarez Cabral als erster Europäer an der brasilianischen Ostküste und gründete dort eine kleine Ansiedlung, die er Sao Salvador nannte und die bis 1763 als Hauptstadt dieser neuen portugiesischen Kolonie diente.
Auf schnelle Gewinne fixiert, waren die Kolonisatoren anfangs von ihrer Besitzung in der Neuen Welt ziemlich enttäuscht und sahen in ihr kaum lohnende Perspektiven. Einzig das tiefrote Brasilholz, das sich zur Farbherstellung eignete, schien wirtschaftlich interessant zu sein und wurde in grosser Menge nach Europa verschifft. Nach diesem Baum wurde dann die neue Kolonie von den Portugiesen «Brasilien» genannt.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts versuchten sich auch die Franzosen an der Küste Brasiliens festzusetzen und gründeten unter anderem im Jahr 1565 das heutige Rio de Janeiro. Die Portugiesen wehrten sich gegen diese «Einmischung», und so ging die Stadt in blutigen Gefechten mehrmals in portugiesische und dann wieder in französische Hände über. 1567 wurde sie dann endgültig portugiesisch. Die drohende Konkurrenz durch andere europäische Kolonialmächte veranlasste den portugiesischen König Joao II. nun dazu, eine systematische Besiedlung Brasiliens einzuleiten. Der ganze brasilianische Küstenbereich wurde kolonisiert, wirtschaftlich erschlossen und militärisch gesichert. Und Rio de Janeiro entwickelte sich allmählich zum Zentrum der Kolonie; 1763 löste es Sao Salvador als Hauptstadt Brasiliens ab.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war Brasilien zu einer wohlhabenden Kolonie mit einer eigenständigen Kultur geworden. In diese Zeit fiel die erste gegen das Mutterland gerichtete Unabhängigkeitsbewegung, die von Portugal jedoch zerschlagen werden konnte (1792). Dreissig Jahre später, 1822, wurde die Unabhängigkeit Brasiliens dann aber Wirklichkeit: Es begann damit, dass 1807 Napoleon mit seinen Truppen nach Lissabon einmarschierte. Anstatt sich Napoleon zu unterwerfen, setzte sich das portugiesische Königshaus mit seinem gesamten Hof nach Brasilien ab und rettete so zumindest den portugiesischen Thron. Auf vierzig grossen Segelschiffen wurden 15 000 Personen und beachtliche Teile des königlichen Besitzes (darunter rund 60 000 Bücher, die später den Grundstock der brasilianischen Nationalbibliothek bilden sollten) 52 Tage lang über die stürmische See transportiert.
Rio de Janeiro wurde nun Sitz der portugiesischen Monarchie und Zentrum des portugiesischen Weltreichs. Das wirkte sich nicht nur belebend auf die brasilianische Wirtschaft aus, sondern auch auf das Bildungs- und Sozialwesen. Die erste unabhängige Bank Brasiliens, erste medizinische Hochschulen und ein öffentlicher botanischer Garten gehen beispielsweise auf diese Zeit zurück.
König Joao IV. wäre im Grunde genommen gerne in Brasilien geblieben, doch Unruhen in Portugal im Anschluss an Napoleons Niederlage machten es erforderlich, dass er 1821 wieder nach Lissabon zurückkehrte. Brasilien hinterliess er in den Händen seines ältesten Sohnes Pedro. Dieser sperrte sich in der Folge vehement gegen eine erneute Unterordnung Brasiliens unter das portugiesische Mutterland. Am 7. September 1822 erhielt er an den Ufern eines kleinen Flusses namens Ipiranga die Order von seiten Portugals, Brasilien wieder in seinen früheren abhängigen Status zurückzuversetzen. Und da soll der Kronprinz ausgerufen haben: «Bei dem Blut, das in meinen Adern fliesst, und bei meiner Ehre schwöre ich, Brasilien zu befreien, so wahr mir Gott helfe! Freiheit oder Tod!» Dieser sogenannte «Ausruf von Ipiranga» war der Beginn der brasilianischen Unabhängigkeit, und der 7. September wird heute als Unabhängigkeitstag gefeiert.
Prinz Pedro gab der Kolonie den Status einer konstitutionellen Monarchie und ernannte sich zum ersten brasilianischen Kaiser. Doch er erwies sich in der Folge als eher glückloser Herrscher. Es kam zu zahlreichen Konfrontationen mit dem Parlament, dem Militär und einflussreichen Gruppen im Land. 1831 sah er sich gezwungen, zugunsten seines Sohnes, Pedro II., abzudanken. Dieser führte die Regierungsgeschäfte mit geschickter Hand bis 1889 und schuf in dieser Zeit die Grundlage für das moderne Brasilien. Strassen und Eisenbahnverbindungen wurden gebaut, mehr und mehr Europäer wanderten ein, das kulturelle Leben blühte auf, und die Sklaverei wurde abgeschafft (1888).
Gerade die grossen politischen Widerstände gegen die Aufhebung der Sklaverei führten aber letztlich zum Sturz des Monarchen. 1889, nach einem Militärcoup, wurde die Republik ausgerufen, und Kaiser Pedro II. musste mit seiner Familie ins Exil. Zum ersten Präsidenten Brasiliens wurde 1891 Marschall Deodoro da Fonseca gewählt, der an der Spitze des Coups gestanden hatte.
Schmelztiegel der Rassen
Weil die eingeborenen Indianer den strengen Arbeitsanforderungen der portugiesischen Kolonisten nicht gewachsen waren, schafften diese schon früh Negersklaven aus ihren westafrikanischen Besitzungen nach Brasilien. Etwa vier Millionen sollen es insgesamt bis zur Abschaffung der Sklaverei gewesen sein. Zwischen den Portugiesen, den Schwarzen und den Indianern kam es bald zur Vermischung. Zwischen 1820 und 1939 erlebte Brasilien ausserdem verschiedene grosse Einwanderungswellen aus Europa und Asien, was die rassische Vielfalt zusätzlich bereicherte. Hinsichtlich seiner Bevölkerung gilt Brasilien heute als einer der ganz grossen «Schmelztiegel» der Welt, in welchem Einwanderergruppen aller Hautfarben und mit den unterschiedlichsten Kulturen zur brasilianischen Gesellschaft verschmolzen sind. Gemäss neueren Erhebungen bezeichnen sich rund 55 Prozent der Brasilianer als Weisse, 38 Prozent als Mischlinge und 6 Prozent als Schwarze. Daneben gibt es kleine asiatische und indianische Minderheiten.
Obschon nach offizieller Darstellung in Brasilien Rassengleichheit herrscht und es keine rassistisch geprägten Vorurteile oder gar Feindschaften gibt, so steht doch fest, dass mit zunehmend dunklerer Hautfarbe Einkommen, Lebenserwartung und Ausbildungsgrad sinken. Zwei Drittel der Schwarzen (aber nur ein Drittel der Weissen) verdienen weniger als einen Mindestlohn. Und 42 Prozent der Schwarzen (jedoch nur 16 Prozent der Weissen) sind Analphabeten. Noch immer ist in Brasilien jene gesellschaftliche Rangordnung erhalten, die sich schon sehr früh in der Kolonialzeit herausbildete: An der Spitze stehen die Weissen, danach folgen die Mischlinge zwischen Weissen und Afrikanern oder Indianern, und der niedrigsten Schicht gehören die Schwarzen, die Indianer und die Mischlinge zwischen diesen beiden Rassen an.
Angesichts der vilebeschworenen Rassengleichheit in Brasilien wird im übrigen auch leicht die rücksichtslose Verdrängung der indianischen Urbevölkerung «vergessen». Die schätzungsweise über fünf Millionen Indianer, die bei der Ankunft der Portugiesen in Brasilien gelebt hatten, dürften mittlerweile auf unter 200 000 geschrumpft sein. Zu Beginn der portugiesischen Kolonialherrschaft wurden sie in grosser Zahl versklavt und starben zu Tausenden auf den Feldern und in den Minen der weissen Herren. Andere wurden brutal niedergemetzelt oder in Missionsstationen «zivilisiert». Mit den Weissen kamen ferner neue Krankheiten wie Masern oder Grippe, gegen welche die Indianer keine Abwehrkräfte besassen. Ganze Stämme wurden dadurch ausgelöscht. Und in jüngerer Zeit sind viele brasilianische Indianer Opfer der rigorosen Strategie zur Erschliessung des Amazonasbeckens geworden.
Ungefähr 13 000 Indianer leben heute in 24 Reservaten, wo sie, weitgehend von der Zivilisation unberührt, nach althergebrachter Weise für sich selbst sorgen und ihre Kultur pflegen können. Bekannt ist vor allem der 1961 gegründete 35 000 Quadratkilometer grosse Xingu-Nationalpark am Oberlauf des Xingu-Flusses, wo neun verschiedene Stämme mit insgesamt rund 1000 Indianern leben. Leider bleiben die Indianer aber selbst in diesen letzten Rückzugsgebieten nicht ungestört. Wiederholt wurde in den letzten Jahren von Massakern unter den brasilianischen Ureinwohnern berichtet, teils durch umherziehende Goldsucher. Ob die letzten brasilianischen Indianer noch lange solchen Übergriffen, der Ausbeutung ihrer Wälder und den neuen Strassen und Siedlungen auszuweichen vermögen, ist leider ziemlich fraglich.
Inflationsrate 1 bis 3 Prozent - im Tag!
Kein sonderlich erfreuliches Thema ist auch die Wirtschaftslage Brasiliens: Zwar ist Brasilien, bezogen auf sein Bruttosozialprodukt, die achtgrösste Wirtschaftsnation der westlichen Hemispäre. Es ist grösster Zucker-, zweitgrösster Sojabohnen- und drittgrösster Mais-Produzent der Erde, es ist der Welt grösster Kaffee-Exporteur, und es ist siebtgrösster Stahlproduzent, achtgrösster Aluminiumhersteller, neuntgrösster Autoproduzent unseres Planeten. Trotzdem kämpft das Land mit grossen Wirtschaftsproblemen, denn über 100 Milliarden US-Dollar beträgt die Auslandschuld Brasilien - bitteres Vermächtnis des von 1964 bis 1985 herrschenden und katastrophal wirtschaftenden Militärregimes. Brasilien ist heute der grösste Schuldner der Welt, der seine gesamten Handelsbilanzüberschüsse einzig für die Zinszahlungen aufbraucht. Durch Umschuldungsverhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds und internationalen Banken versucht sich Brasilien nun aus der erdrückenden Umklammerung zu lösen. So werden ausländischen Gläubigern als mögliche Variante der Schuldentilgung sogenannte «Dept Swap»-Geschäfte angeboten. 1988 wurde ein solches Geschäft beispielsweise mit der Chase Manhattan Bank abgewickelt. Sie verzichtete auf eine Forderung über 200 Millionen US-Dollar; dafür wurde diese Summe in brasilianischer Währung dem einheimischen Autohersteller Autolatina (Volkswagen/Ford) für Investitionen zur Verfügung gestellt, und die Chase Manhattan Bank in dieser Höhe an der Autolatina beteiligt.
Der Haken an diesen Transaktionen ist, dass der brasilianische Staat im Prinzip über gar kein Geld verfügt. Er muss also hierfür seine Notendruckmaschinen etwas schneller laufen lassen - mit der Konsequenz, dass sich die Geldmenge erhöht und die Inflation steigt.
Tatsächlich hatte die Inflation 1989 schwindelerregende Höhen erreicht: Täglich stiegen die Preise zwischen 1 und 3 Prozent. Und damit zerschmolz den Brasilianern das Geld buchstäblich in der Tasche. Das führte dazu, dass die Leute jeweils Anfang Monat, wenn die Löhne ausbezahlt wurden, vor den Banken Schlange standen und ihre Checks einlösten, um das Geld möglichst rasch in Waren umzutauschen.
Seit März 1990 versucht nun der neue Präsident Fernando Collor de Mello, der galoppierenden Inflation mit einem tiefgreifenden Anti-Inflationsprogramm, «Plano Collor» genannt, Herr zu werden. Ob seine Wirtschaftspolitik, die von Fachleuten als «revolutionär» bezeichnet wird, letztlich erfolgreich sein wird, lässt sich im Moment nicht vorhersagen. Kein Zweifel besteht jedoch darüber, dass das «Schwellenland» Brasilien auf dem Weg vom einstigen Entwicklungsland zur Industrienation noch gewaltige Hürden zu nehmen hat.
Legenden
Brasilien ist ein überaus fruchtbares Land, das sich mit den meisten Nahrungsmitteln selbst versorgen kann. Nach Erntemengen rangiert Zuckerrohr an erster Stelle, gefolgt von Maniok, Mais, Sojabohnen, Südfrüchten und Reis. Bild: Banananhändler im Hafen von Salvador, der ersten Hauptstadt Brasiliens.
Die brasilianische Nationalflagge existiert seit 1889. Der grüne Hintergrund symbolisiert den Waldreichtum des Lands, die gelbe Raute den Reichtum an Bodenschätzen (Gold). Die blaue Kugel stellt den Sternenhimmel dar, wobei jeder der 23 Sterne (wie bei der Flagge der USA) für ein brasilianisches Bundesland steht. Das gewölbte Band, das den Himmel umschliesst, trägt die Inschrift «Ordem e Progresso» («Ordnung und Fortschritt»).
Zu den letzten Ureinwohnern Brasiliens gehören die Xingu-Indianer. Im Quellegebiet des Rio Xingu, eines südlichen Amazonas-Zuflusses, leben sie in einem Reservat, das ihnen 1961 nach zähem Tauziehen endlich gesetzlich zugestanden wurde.
Zu den grandiosen Naturschauspielen, die es in Brasilien zu bewundern gibt, gehören die Wasserfälle von Iguaçu im Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay. Unablässig donnern hier die Fluten des Rio Iguaçu bis zu 82 Meter tief in den Abgrund.
Beim alljährlich vor Aschermittwoch stattfindenden Karneval von Rio sind die Gesetze und Regeln der Gesellschaft vorübergehend auser Kraft gesetzt und soziale Unterschiede aufgehoben. Vier Tage lang hat hier jedes Mädchen und jeder Bursche, ungeachtet seiner Herkunft, die Chance, eine Prinzessin bzw. ein Prinz zu sein.
Wohl in keinem anderen Land haben sich die Rassen dieser Welt so gründlich vermischt wie in Brasilien mit seinen gegenwärtig 154 Millionen Einwohnern. Wie bei diesem Jungen aus Recife lassen sich die Grenzen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen längst nicht mehr eindeutig ziehen.
Der «Palast des Nationalkongresses» symbolisiert geradezu die nüchterne Konzeption der neuen brasilianischen Hauptstadt Brasilia. Der Komplex besteht aus dem flachen Kongressgebäude mit dem Sitz des Senats (Kuppel) und dem Sitz des Abgeordnetenhauses (Schale) sowie zwei schlanken Hochhäusern mit den Büros der Abgeordneten.
Bei der Weltkaffeeproduktion steht Brasilien seit vielen Jahren auf Platz eins. Von den fünf bis sechs Millionen Tonnen Kaffee, welche weltweit im Jahr erzeugt (und konsumiert) werden, stammen 25 bis 30 Prozent allein aus Brasilien. Grossenteils werden die Bohnen in Rio de Janeiro und in Santos verschifft.
ZurHauptseite