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Mein lieber Freund!
Du scheinst mit Beziehung auf die Alpenbahnfrage den Wunsch zu hegen, daß dem Bundesrathe in der nächsten Zukunft erspart werden möchte, in Sachen einen materiellen Entscheid zu fassen. Wenn die Sache nicht darunter leidet, so finde ich diesen Wunsch vollkommen berechtigt. Ich erkläre ihn durchaus nicht etwa, wie etwa Übelwollende es thun möchten, mit dem Bestreben des Bundesrathes, | die Sessel zu assecuriren: ich übersehe durchaus nicht, daß der Bundesrath von der edlern Erwägung, daß es neben der Alpenbahnfrage noch eine Menge anderer Angelegenheiten gibt, die man in Folge jener Frage so wenig als möglich in ein schiefes Geleise gelangen lassen darf, geleitet werden kann. Dieser Verschiebungstendenz dürfte durch den Schritt Vorschub geleistet werden, den der Gotthardtausschuß gegenüber dem Bundesrathe zu thun beschlossen hat & der wohl bereits seine Vollziehung gefunden haben wird.1 Wenn Italien auf eine Anfrage des Bundesrathes erklärt, daß das Ministerium seine Vorlagen an das Parlament in der Alpenbahnfrage noch nicht berathen, sondern weitere Mittheilungen, welche ihm Schweizerischer Seits in Aussicht | gestellt worden, abwarten werde2, so dürfte der Sache unbeschadet eine Verschiebung der materiellen Behandlung der Alpenbahnangelegenheit ab Seiten des Bundesrathes Statt finden können. Nachdem für eine Recharge an den Bundesrath mit Beziehung auf unsere Zuschrift von letzthin3 bereits so viel als Einstimmigkeit im Gotthardtausschusse vorhanden gewesen, habe ich die Abordnung an den Bundesrath, die sich mittlerweile bei Dir eingefunden haben wird, beantragt, gerade um dem Bundesrathe die Möglichkeit der Verschiebung einer materiellen Entscheidung ohne Nachtheil für die Sache zu ermöglichen. Der Ausschuß entschied sich schließlich einmüthig für meinen Antrag.4 Was nun aber die andere Form der Verschiebung anlangt, gemäß welcher | der Bundesrath erst auf Grundlage von Conzessionen, welche die Cantone für Alpenbahnen ertheilt, mit dem Auslande in Unterhandlung treten zu wollen erklären würde, so würde ich, bessere Belehrung vorbehalten, dieses Auskunftsmittel für sehr bedenklich halten. Es würde gemäß demselben die Entscheidung der Frage in die Hand des Grossen Rathes von Tessin, dem Conzessionsbewerbungen vorzulegen wären, gelegt.5 Wohl ist es nicht nöthig, Dich auf das Heer von Inconvenienzen aufmerksam zu machen, welche ein solches Verfahren in seinem Gefolge hätte. Daß Uri & Tessin die Conzession für eine Gotthardtbahn ertheilen würden, könnte wohl bei den Unterhandlungen mit Italien als eine unzweifelhafte Thatsache vorausgesetzt werden. Wenn hin| wieder die Conzessionirung einer Lucmanierbahn durch den Großen Rath von Tessin als weniger gewiß bezeichnet werden müßte, so wäre dieß nicht gerade ein Nachtheil. Übrigens kann ich mit Fug meine daherigen Betrachtungen abbrechen, da ich hoffe, es werde durch die vom Gotthardtausschusse gewünschte Anfrage bei Italien & die hierauf erfolgende Antwort Dein Verschiebungswunsch in Erfüllung gehen.
Die Wahlen im 2., 3. & wohl auch 4. Wahlkreise dürften einen lebhaften Character annehmen.6 Im 2. & 3. Wahlkreise scheint die Alpenbahnfrage eine große Rolle spielen zu sollen. Wenn darüber nur nicht die politischen Fragen allzu sehr in den Hintergrund gedrängt werden! So drängt sich Dr. Wille7 im 2. Wahlkreise stark hervor, dessen Brochüre in | der Savoyerangelegenheit8 Du Dich wohl noch erinnerst. Gewiß wäre es sehr am Platze, wenn Du mit Beziehung auf diese Persönlichkeit einen Wink an Deine Freunde im 2. Wahlkreise gelangen ließest. Ich habe meinerseits auch gethan, was möglich war. – Über Deine Wahl im 1. Wahlkreise ist Alles einverstanden.9 Es scheint hier keine Vorversammlung gehalten zu werden, vielleicht gerade, weil man annimmt, man sei über die Wahlliste einig. Indessen hätte mir die Veranstaltung einer Vorversammlung doch am Platze zu sein geschienen: es wäre immerhin die Beurkundung etwelchen Interesses am Wahlacte gewesen!
So eben komme ich aus dem Eidg. Schulrathe, welcher anläßlich des Bezuges des neuen Polytechnicums eine Erhöhung des Credites für dasselbe auf den | Betrag von Fr. 250 /m vorschlägt. Das Begehren ist gewiß sehr leicht zu rechtfertigen. Auch scheint mir eine Gesammtausgabe der Eidgenossenschaft v. Fr. 250 /m für Unterrichtszwecke nicht übertrieben. Der Zeitpunct endlich ist gewiß nicht ungeeignet. Das schöne Gebäude soll nun bezogen werden & die bei der Juragewässercorrection betheiligten Cantone werden dem Creditbegehren schicklicher Weise nicht entgegentreten können.10
Deinen gef. Rückäußerungen entgegensehend verbleibe ich mit freundschaftlichem Gruße
Dein
A Escher
Zürich
21 Oct. 63.