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Wie er lacht!
Er lacht viel und gern. Man würde nicht vermuten, dass er eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat: Er will die Schweiz verlassen und nach Pakistan zurückkehren. Doch er kann nicht zurück.
Dafür müsste er belegen, dass er ist, der er ist. Er müsste beweisen, dass er Pakistaner ist. Das sollte doch nicht so schwierig sein? Seine Eltern leben im Punjab, und er spricht ausser seiner einheimischen und der Verkehrssprache Urdu keine asiatische Sprache. Aber ohne Pass lässt man ihn nicht ausreisen, und den Pass verweigert ihm die pakistanische Botschaft. In der Schweiz darf er keine Arbeit annehmen. Seine Hauptbeschäftigung ist das Warten.
|Name:||Baba*|
|Vorname:||Muhammad Bilal|
|Geburtsdatum:||12.05.1984|
|Zivilstand:||ledig|
|Adresse:||unstet|
Im Jahr 2006 wanderte Bilal legal und mit all seinen Papieren versehen aus seiner Heimat aus. Ein Jahr arbeitete er am neuen Ort in einem Restaurant. Dann reiste er per Schiff illegal in ein europäisches Land. Als das Schiff anlegte, verlangte der Schlepper mehr Geld, und da Bilal nicht bezahlen konnte, bekam er sein Gepäck nicht zurück. Darin war alles, was er bei sich hatte, auch sein Pass, seine Schulabschlüsse, seine Identitätskarte. So begann sein Leben als Sans-Papiers.
Als gelernter Maschinenschlosser arbeitete er drei Jahre in einem Industriebetrieb. Im Juli 2009 liess sich Bilal, wieder durch einen Schlepper, in die Schweiz bringen. Er arbeitete zeitweise in einer Pizzeria. Im Juni 2010 geriet er in eine Polizeikotrolle und wurde ausgewiesen. Bis er sich einen Pass besorgen konnte, kam er in Untersuchungshaft. Er sass drei Monate. Es schlossen sich drei weitere Monate Ausschaffungshaft an. Er wurde von einem Ort an den andern verlegt. Die Stationen waren Olten, Sursee, Luzern, Wauwilermoos, Basel, Schwyz.
Strafverfügung
Bilal stellte einen Asylantrag. Das Gesetz sieht vor, dass der Antragsteller bis zum Entscheid im Gefängnis zu bleiben hat. Das kann 3-4 Monate dauern.
Ich sagte, das wolle ich nicht. Ich wolle nicht in einer Zelle leben wie ein Tier. Ich sagte, ich habe nichts getan, ich bin bloss illegal hier. Sie dürfen mich nicht so lange ins Gefängnis setzen. Ich habe niemanden, der mich unterstützt, ich kenne niemanden, d.h. ich werde nicht verschwinden. Aber man berief sich auf das Gesetz.
Er gab sein Einverständnis freiwillig nach Pakistan zurückzukehren. Dafür erhielt er ein Leben in vorläufiger Halbfreiheit. Und die Aussicht, dass er bei einer Abschiebung von neuem ins Gefängnis kommt, in Pakistan.
Ich will lieber dort ins Gefängnis, wo ich etwas abzusitzen habe, als unschuldig in einem andern Land. Dort gehen die Tage ab von der Strafe, hier nicht. Das war eine schwierige Entscheidung. Ich könnte es darauf ankommen lassen hier zu bleiben, ich würde in Nothilfe bleiben, das kann 5 bis 8 Jahre gehen Aber ich verliere meine Gedanken, meine Kräfte, meine Produktivität. Eines Tages bin ich alt und habe die beste Zeit meines Lebens untätig hier verbracht.
|Name:||Baba*|
|Adresse:||unstet|
Sie befinden sich illegal in der Schweiz. Es ist Ihre Pflicht sich heimatliche Reisepapiere zu beschaffen und damit die Schweiz sofort zu verlassen. Die erfolgte Ausreise haben Sie uns zu beweisen. Sollte die Ausreise nicht bis zum ... erfolgt sein, haben Sie sich auf diesen Zeitpunkt hin pünktlich bei uns zu melden und uns über Ihre Bemühungen betr. Reisepapierbeschaffung und Ausreise aus der Schweiz zu informieren.
Regelmässig ruft er die pakistanische Botschaft an, viermal hat er in Bern vorgesprochen. Um sich einen Pass zu besorgen, müsse er in Islamabad persönlich vorstellig werden, hiess es. Obwohl ihm die Schweizer Behörden Glauben schenken, kann er ohne gültige Dokumente nicht ausgeflogen werden. Sein Vater hat vergeblich versucht ihm einen Pass zu besorgen. Eine irre Situation. Sie kann noch Jahre dauern. Bis, vielleicht, Bilals Foto und seine Unterschrift von der pakistanischen Botschaft nach Islamabad gelangen, von dort nach Lahore, von dort in seinen Distrikt, von dort in seine Stadt. Jede Behörde lässt sich reichlich Zeit. Und anschliessend geht es denselben Weg zurück.
Er lacht. Es ist nicht Galgenhumor, sondern das Lachen eines lebenslustigen jungen Menschen. Er hat im Gefängnis Deutsch gelernt und spricht es besser als mancher, der seit Jahren in der Schweiz lebt. Ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank und ein kleines Zimmer, hier lebt er 24 Stunden am Tag. Wenn er nicht gerade mit dem Velo unterwegs ist, vor die Stadt, dorthin, wo das Gemüse ein wenig billiger ist. Er muss mit seinen 10 Franken pro Tag haushalten, die er in Form von coop-Gutscheinen bekommt. Bei der Gruppe Asylnetz in Luzern kann er die Gutscheine gegen Geld eintauschen. Es ist noch immer praktisch ein Nichts, aber zumindest kann er entscheiden, wo er das Nichts ausgibt.
*) Name geändert
Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik. Er lebt als freier Schriftsteller und Herausgeber in Basel, gibt Schreibkurse, macht Schreibbegleitungen, führt einen Lesezirkel. Seine letzten Werke sind der Roman Ein Duell (Arche Verlag 2006) und der Gedichtband Im Stimmenhaus (Waldgut Verlag 2008).