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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Am Freitag, 03.10.2008, sahen wir uns diesen neuen französischen Film (deutscher Titel: „So viele Jahre liebe ich Dich“ im Londoner Chelsea an – ein fein gedrechseltes, psychologisches Meisterwerk von Philippe Claude, das sich in Nancy abspielt.
Zum Filminhalt: Nach 15 Jahren im Gefängnis wird Juliette (von Kistin Scott Thomas einzigartig porträtiert) entlassen. Sie sass traurig und tief in sich versunken auf dem Flughafen, auf ihre Schwester Léa (von Elsa Zylberstein dargestellt) wartend. Sie hat keinen Wunsch, ihre viel jüngere Schwester wieder zu sehen, muss aber, so will es eine Entlassungsbedingung, im familiären Umkreis untergebracht werden.
Ich greife diese Frage auf: „Qui est Juliette?“ (Wer ist Juliette?), die ein Gast im Freundeskreis der Familie während eines Abendessens wiederholt an Juliette richtet. Endlich antwortet sie: „Ich war 15 Jahren im Gefängnis wegen Mordes.“ Die Tafelrunde bricht in schallendes Gelächter aus und glaubt ihr natürlich kein Wort.
Die ganze Familie hatte Juliette seit dem Mordfall geächtet und aus dem Gedächtnis verbannt. Niemand durfte ihren Namen aussprechen. Auch ihre Schwester Léa hat die Spuren ihrer Kindheitserlebnisse mit ihrer Schwester aus dem Bewusstsein gelöscht. Juliette fand vorübergehend Aufnahme in Léas Familienhaus. Sie spricht kaum und fühlt sich fremd ausserhalb der Gefängnismauern, und nicht länger, wie im Gefängnis, von der Bourgeoisie verschont. Die Familie hat 2 vietnamesische Mädchen adoptiert, die ihr langsam den Zugang zur Welt ausserhalb ihres eigenen seelischen Kerkers wieder erschliessen, indem sie ihnen Geschichten vorliest oder sie im Klavierspiel hinterm verstimmten Piano im Estrich unterrichtet. Eines Tages hört Léa gerührt ihrem Spiel zu, und ihre Tochter fordert sie auf, ebenfalls ein Stückchen zu spielen. Es war eine Melodie aus der Kinderzeit der beiden Schwestern, die gemeinsame Erinnerungen heraufbeschwören und erste fragile – und sich allmählich vertiefende – Annäherungsversuche zwischen ihnen auslösen.
Gern sucht Juliette Papy Paul (Vater von Léas Gatten Luc, von Jean-Claude Armand glänzend gespielt) in seinem Zimmer auf. Seit einem Schlaganfall kann er nicht mehr sprechen und ist in die Welt der Bücher eingekapselt, obschon, anders als Juliette, in ihrer eigenen Vergangenheit. Papy Pauls Augen sprechen Bände: Güte und Verständnis leuchten aus ihnen. Diese Mörderin birgt ebenfalls Güte in ihrem Herzen. In diesem Augenblick ahnte ich, dass sie ihren Mord nicht kaltblütig begangen hatte, sondern aus … (ich verschweige hier das Schlüsselwort).
Von ihrer Sozialfürsorgerin und dem melancholischen Polizeikommissar unterstützt, findet sie schliesslich eine Stelle als Sekretärin in einem Spital. Als Ärztin ist Juliette mit dieser Umwelt vertraut und verrichtet ihre Aufgaben gewissenhaft; doch sie bleibt distanziert. Sie muss verschweigen, dass sie Ärztin ist.
Welche Mordtat hat Juliette denn eigentlich begangen? Ganz am Ende erst gibt der Film darüber Auskunft. Juliette hatte sich inzwischen wieder aufgefangen und zurechtgefunden und wechselt in ihre eigene Wohnung über. Die Schwesterliebe hat gesiegt: Il y a longtemps que je t’aime!
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Dieser Film erinnert mich an Eric Rohmers Filmkunst. Diese Gattung von Filmen bannt mich und reisst mich unfehlbar mit, mitten ins Geschehen. Diese Filme sind einem kleinen Liebhaberkreis vorbehalten, die nichts mit den zumeist stereotypen Massenfilmen voller Brutalität amerikanischer Provenienz gemeinsam haben. Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, kann ich diesen Film vorbehaltslos empfehlen, genauer gesagt: „ans Herz legen".
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