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«Es war billigstes
Sonnenblumenöl.»
- Thomas Biederbick, Landeslabor Berlin-Brandenburg
In Berlin stellten Lebensmittelprüfer eine neuerliche Olivenölfälschung sicher. Preislich um ein Vielfaches günstigeres Sonnenblumenöl wurde als Kalamata-Olivenöl ausgegeben und im Berliner Handel in 5-Liter-Kanistern angeboten. Thomas Biederbick vom Landeslabor Berlin-Brandenburg sagte am Montag, 11.06.2018, zur Berliner Zeitung: «Es war billigstes Sonnenblumenöl.» Die Berliner Zeitung spricht dann auch von einem klaren Fall von Betrug.
In der Schweiz drohten für das gleiche Vergehen bis zu fünf Jahre Haft
Im Schweizerischen Strafgesetzbuch 311.0 werden solche oder ähnliche Fälle gemäss Art. 155 wie folgt unter Strafe gestellt:
1. Wer zum Zwecke der Täuschung in Handel und Verkehr eine Ware herstellt, die einen höheren als ihren wirklichen Verkehrswert vorspiegelt, namentlich indem er eine Ware nachmacht oder verfälscht, eine solche Ware einführt, lagert oder in Verkehr bringt, wird, sofern die Tat nicht nach einer anderen Bestimmung mit höherer Strafe bedroht ist, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.
2.168 Handelt der Täter gewerbsmässig, so wird er, sofern die Tat nicht nach einer anderen Bestimmung mit höherer Strafe bedroht ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.
Dirk Behrendt, Senator für Verbraucherschutz in Berlin sagt, verfälschte, gepanschte oder länger haltbar gemachte Lebensmittel seien ein Kriminalitätsphänomen. Es gäbe hohe Gewinnspannen und nur geringe Risiken entdeckt zu werden. Die Erträge daraus seien in etwa vergleichbar mit jenen des internationalen Drogen- oder Menschenhandels. Das lässt die Einen aufhorchen, während die Anderen weiter Däumchen drehen.
Politiker Behrendt findet nämlich, dass man es den Lebensmittelbetrügern in Deutschland heutzutage zu einfach mache, weshalb er fordert, dass etwa Whistleblower in Zukunft besser geschützt werden sollen, um so einfacher an Informationen kommen und letztendlich Lebensmittelbetrug effizienter bekämpfen zu können. Ausserdem sollen die Behörden, etwa Lebensmittelkontrolleure, Polizei, Staatsanwaltschaft und Zoll besser vernetzt werden. Seit zwei Jahren gäbe es eine Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft unter Berliner Leitung, die Lebensmittelkriminalität effektiv bekämpfen soll. Irgendwie, so stelle ich fest, decken sich seine Forderungen mit den meinen, welche ich gegenüber den Schweizer Behörden und der Schweizer Politik habe. Noch immer verharmlosen Schweizer Behördenvertreter die Olivenölsituation hierzulande oder aber sie finden angesichts der grassierenden Ressourcenknappheit, dass man (diejenigen, die eine strikte Umsetzung des Gesetzes verlangen) die Thematik Olivenöl völlig überbewerte.
Olivenöl: Das am meisten gefälschte Lebensmittel - in Deutschland wie in den USA
Gemäss dem deutschen Grünen-Politiker Behrendt sei Olivenöl noch vor Honig und Kaffee das am meisten gefälschte Lebensmittel in Deutschland. Ähnlich sieht es in den USA aus, wo US-Wissenschaftler in einer Datenbank alle seit 1980 bekannten Meldungen über Lebensmittelfälschungen zusammengetragen haben. Olivenöl gilt demnach mit einem Anteil von einem Viertel der Fälschungsmeldungen der zwölf am meist gefälschten Lebensmittel als dasjenige Produkt mit der höchsten Betrugs- resp. Fälschungsrate! Umso skurriler scheint Nelson Müllers jüngstes Olivenöltestresultat zu sein. Alle von ihm in den Test gegebenen Supermark- und Discounterolivenöle seien gemäss den vom ZDF beauftragten Prüfinstitutionen als Extra Vergine zu taxieren, sprich, das Produkt hält, was das Etikett verspricht.
Anteil Fälschungsmeldungen zu Lebensmittel in den USA seit 1980
Viele Experten, darunter auch Olivenölexperten, glauben, dass mit anderen, günstigeren Pflanzenölen gestrecktes Olivenöl oder wie im Berliner Fall als Olivenöl deklariertes Sonnenblumenöl heute in den Märkten Westeuropas eher Ausnahmen sein dürften. Vielmehr, so sagen sie, handele es sich beim Olivenölbetrug um die illegale Praktik des Olivenölverschnittes, bei welchem Olivenöle unterschiedlicher Qualitäten so lange gemischt werden, bis das finale Produkt erstens die gesetzlich vorgeschriebenen chemischen Grenzwerte für natives Olivenöl extra einhalten kann und zweitens von einem schlechten Panel - und davon gibt es mehr als genug (ich erinnere gerne nochmals an Nelson Müllers Olivenöltest im ZDF von Ende Mai 2018) - in der sensorischen Prüfung auch als Extra Vergine taxiert wird.
«Es gibt zwei
grosse Probleme.
Das erste: Das Ausmass
des Olivenölbetrugs ist
riesig. Das zweite:
Vielmehr wissen weder
Politik noch Behörden
darüber.»
Ich teile diese Theorie nicht, denn es gibt zwei grosse Probleme, denen wir Beachtung schenken müssen. Das erste: Das Ausmass des Olivenölbetrugs ist nach wie vor unvorstellbar riesig. Das zweite Problem: Vielmehr wissen weder die Politik noch die Behörden darüber, was vielleicht auch erklärt, dass beispielsweise in der Schweiz und Deutschland immer noch etwa 95 % des in den Supermärkten und Discountern der beiden Länder als Extra Vergine angebotenen Olivenöls in Tat und Wahrheit gar nicht dieser ersten Güteklasse entspricht. Einige in der Schweiz oder in Deutschland erhältliche Olivenöle sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit billigen Samenölen gestreckt. Berlin ist keine Ausnahme.
Die behördlichen Olivenölkontrollen in der Schweiz sind ungenügend in Quantität und Qualität
Ich habe in den letzten Tagen vier Jahresberichte von vier verschiedenen Lebensmittelbehörden gelesen. Es sind dies die Jahresberichte 2017 des Kantonalen Labors Zürich, des Amtes für Verbraucherschutz Aargau, der Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz des Kantons Luzern und des Kantonalen Laboratoriums Bern. In allen vier Jahresberichten zusammengefasst taucht der Begriff Olivenöl nur gerade 26 mal auf, wovon 23 Erwähnungen auf den Bericht des Kantonalen Labors Zürich entfallen, zwei auf jenen des Kantonalen Laboratoriums Bern und eine auf jenen des Amtes für Verbraucherschutz Aargau. Beim Berner Jahresbericht stand die Olivenöl-Erwähnung aber lediglich im Zusammenhang mit in Olivenöl eingelegten Sardellenfilets, während der Bericht aus Aarau Olivenöl immerhin im Zusammenhang mit einer Datumsschummelei auf Olivenölflaschen erwähnte. Dieses Beispiel verdeutlicht eindrücklich, wie bemüht die Schweizer Behörden sind, dem seit Jahren anhaltenden Olivenölbeschiss endlich den Riegel zu schieben.
Lediglich der Kanton Zürich berichtete seinerseits über eine Olivenölkontrolle, welche er in Restaurants und Gastronomiebetrieben durchgeführt hatte (mit haarsträubendem Resultat) sowie über eine überregional organisierte Olivenölprüfkampagne, an welcher neben Zürich auch die Kantone Luzern, Thurgau und Genf teilnahmen. Von in dieser Kampagne insgesamt 49 erhobenen Proben musste nach der chemisch-analytischen und der sensorischen Kontrolle durch das Schweizer Olivenöl Panel nur gerade ein Siebtel der Proben beanstandet werden. Vier Proben aus Genf sowie je eine Probe aus den übrigen teilnehmenden Kantonen wiesen offenbar qualitative Mängel auf, welche es den Produkten nicht ermöglicht, sich Extra Vergine nennen zu dürfen. Pikantes Detail an diesem Resultat: Die beanstandete Luzerner Probe ordnete das Kantonale Labor Zürich dem Schweizer Kompetenzzentrum für Olivenöl evoo ag zu.
Wir dürfen uns nichts vormachen: Es wird deutlich zu wenig häufig und deutlich zu wenig gut kontrolliert.
Dass Olivenöl, das mit Abstand meistgekaufte und somit beliebteste Speiseöl der Schweiz, in den Jahresberichten der eben erwähnten Kantonalen Laboratorien zusammengefasst nur gerade 26 Erwähnungen findet, zeigt, dass die Behörden in der Schweiz Olivenöl deutlich zu wenig häufig und deutlich zu wenig gut kontrollieren. Seit der Einführung des Olivenölgesetzes 2014 gab es mit Sicherheit nicht mehr als fünf Kontrollen, wovon die meisten nicht mal national organisiert wurden und wobei man bei keiner die Sensorik als schlussendlichen Massstab für die Gültigkeit des Qualitätsprädikats Extra Vergine geltend machte. Lediglich eine Kampagne, die eben erwähnte aus Zürich, bediente sich der sensorischen Prüfung, dies aber lediglich um allenfalls Korrelationen zu den ermittelten chemisch-analytischen Resultaten entdecken zu können. So schreibt das Kantonale Labor Zürich in seinem Jahresbericht 2017 zu ebensolcher Olivenölkampagne:
«Ergänzend wurde die Sensorik an
einer kleinen Auswahl von Proben durch ein akkreditiertes
Panel geprüft. Für amtliche Beanstandungen
ist das im Gesetz vorgesehene Vorgehen (u. a. Bestä-
tigung durch ein zweites Panel aus dem Ursprungsland)
so aufwendig, dass die Sensorikresultate nicht
für den Vollzug verwendet wurden. Es war jedoch
bemerkenswert, wie wenig die sensorischen mit den
analytischen Resultaten übereinstimmten. Die Hintergründe
für diesen Befund konnten aus den wenigen
Proben, die so geprüft wurden, nicht erfasst werden.»
Diese Behauptung der Resultatbestätigung durch ein Zweitpanel ist schlicht falsch. Lediglich im Falle eines Rekurses durch das geprüfte Unternehmen, muss dieses zwei Gegenproben vorlegen können, wovon eine aus dem Herkunftsland des entsprechenden Olivenöls (Abfüllland) kommen muss. So oder so meint Zürich aber mit anderen Worten, dass das Olivenölgesetz etwas gar umständlich sei, weshalb man es nicht in vollem Ausmass befolgen möchte. Jawohl. Es folgt damit der dümmlichen Haltung, die der oberste Kantonschemiker der Schweiz, Othmar Deflorin, schon 2016 gegenüber der Sendung Kassensturz vertrat. Zudem wird im Jahresbericht 2017 des KLZHs auch noch folgendes erwähnt:
«Es ist nach wie vor offen, ob Fälschungen und Täuschungen
in der Schweiz tatsächlich nicht sehr häufig
zu finden sind, oder ob allfällige Fälscher bereits einen
Schritt voraus sind. Weil die Auslobung «extra vergine»
eine hohe Konsumentenerwartung weckt und es
um viel Geld geht, wurde im Berichtsjahr weiter in die
Entwicklung neuer Analysenparameter zur Qualitätsund
Echtheitsprüfung von Olivenöl investiert.»
Diese Frage kann ich sehr gut beantworten, liebe Lebensmittelhüter: Sehr wohl sind Fälschungen und Betrug beim Olivenöl in der Schweiz genau gleich häufig anzutreffen wie in Deutschland oder wie in den USA. Würden die Behörden doch nur mal ein echtes Extra Vergine mit einem unechten vergleichen, wüssten sie, wie's um die Olivenölqualität im Schweizer Detailhandel steht. Und, würden die Behörden die sensorische Prüfung mit letzter Konsequenz richtig anwenden, müssten die Grossverteiler à la Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner & Co. reihenweise die Olivenölregale leerräumen, weil deren Produkte nicht mit dem Gesetz konform sind. Weil die Behörden aber den Aufwand und die Mühe scheuen, Olivenöl richtig zu prüfen oder aber, weil sie sich nicht getrauen, reinen Wein einzuschenken und die grossen Player masszuregeln, wird dem Betrug nie das Handwerk gelegt werden können. Es kann erstens nicht angehen, dass man die Sensorik lediglich als "weichen Prüfparameter" betrachtet und ihn deshalb bei Kontrollen immer wieder vorsätzlich oder fahrlässig vernachlässigt, resp. vergisst. Im Gesetz ist klar notiert, dass sowohl die chemischen als auch die sensorischen Parameter erfüllt werden müssen, will ein Olivenöl von extra nativer Qualität sein. Diese Tatsache missachten die Vollzugsbehörden notorisch. Zweitens kann es - wie der Fall Zürich zeigt, nicht sein, dass Behörden, wenn sie sich schon mal für eine sensorische Prüfung entscheiden, die Öle an ein Panel senden, welches vor allen Dingen mit Einkäufern von grossen Supermarktketten und Ölabfüllern durchsetzt ist. Hier fehlt jede neutrale Grundlage, um Olivenöle seriös prüfen zu können. Die in grosser Abhängigkeit stehenden Prüfer werden immer das Interesse haben, ihre eigenen Öle sicher durch den Test zu bringen. Zudem haben diese Prüfer generell zu wenig Kontakt mit guten Olivenölen. Weil sie in der Regel immer nur schlechte bis miserable Ware degustieren, verändert sich deren Wahrnehmung. Sie taxieren folglich die etwas weniger schlechten Öle als gut. Dasselbe Problem kennen wir selbstverständlich auch aus anderen Ländern, wo Gefälligkeitsatteste die Regel sind. Den Betrug kann man nur durch den Staat, der in diesem Zusammenhang keine wirtschaftlichen Interessen haben sollte, bekämpfen. Folglich richtig schreibt es das Zürcher Labor ja im Jahresbericht 2017:
«In diesem Kontext verfolge ich auch die Diskussionen,
Entscheide und Entwicklungen in anderen
Kantonen mit einiger Skepsis. Die Untersuchungen
von amtlichen Proben an privatwirtschaftlich geführte
Laboratorien zu vergeben, birgt die Gefahr, dass nur
noch Untersuchungen durchgeführt werden, welche
das Labor aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen
auch anbietet. Dass diese Selektion aus
volkswirtschaftlichen Gründen aber möglicherweise
komplett falsch ist, wird dabei ausgeblendet. Nicht
jede Analytik, die der Überwachung der Lebensmittelsicherheit
dient, ist auch für das Labor rentabel.
Darum ist ein von privatwirtschaftlichen Überlegungen
mehr oder weniger befreites Labor Bedingung
für eine gute Lebensmittelüberwachung. Sie hat sich
am volkswirtschaftlichen Nutzen des Ressourceneinsatzes
zu orientieren.»
- Dr. Martin Brunner, Kantonschemiker Zürich
Umso fraglicher ist es, dass Zürich Proben nach Wädenswil ins mit Coop-Leuten durchsetzte Schweizer Olivenöl Panel sendet. Vielleicht, weil das Panel der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften angegliedert und somit staatlich ist? Oder weil es von der Schweizer Akkreditierungsstelle SAS akkreditiert ist und ihm somit Unabhängigkeit attestiert wird?
Zwei Dinge sind sicher: Wenn es im Berliner Handel als Olivenöl deklariertes Sonnenblumenöl zu kaufen gibt, wird es ähnliches mit Sicherheit auch in der Schweiz geben und wenn Olivenöl in Deutschland das am meisten gefälschte Lebensmittel ist, wird es das auch in der Schweiz sein. Immerhin konsumieren wir Eidgenossen über einen Liter pro Kopf und Jahr mehr davon als unsere lieben deutschen Freunde. Eine interstaatliche Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden wäre vor diesem Hintergrund doch angezeigt. Zusammen würde man wohl genügend Ressourcen zur Verfügung stellen können, um dem Olivenölbetrug endlich vernünftig Einhalt zu gebieten. Schlussendlich ist und bleibt die Olivenölbetrugsbekämpfung eine Frage der Courage.