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Das Café du Croissant liegt mitten in Paris, an der Ecke zwischen der Rue du Montmartre und der Rue du Croissant. Jean Jaurès war häufiger Gast. Er sass, jeweils den Rücken dem Fenster zugewandt, am grossen Holztisch, vertieft in die Lektüre eines Stapels von Zeitungen.
31. Juli 1914: Der rechtsgerichtete Taugenichts Raoul Villain zieht seinen Revolver und
schiesst durch das Glasfenster auf Jaurès. Er ist sofort tot.
Seit 1951 verlangt die ILO gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In der Schweiz wird das Prinzip
mit Füssen getreten.
EIN TRAUM. Jean Jaurès war der Sohn eines bitterarmen Kleinbauern aus dem Département Tarn im kargen Südwesten. Dank brillanter Intelligenz, unbändiger Energie und Stipendien wurde er Professor für Altgriechisch und Philosophie … und Begründer der sozialistischen Partei. Warmherzig, mit kraftvoller Stimme und mächtigem Wuchs, war er ein mitreissender Redner und einer der einflussreichsten Abgeordneten in der Nationalversammlung. Dominique Ziegler hat über ihn ein grossartiges Theaterstück geschrieben.
Drei Tage vor seiner Ermordung schrieb Jaurès: «Der Weg ist gesäumt mit Leichen, aber er führt zur Gerechtigkeit.» Neben seinem Einsatz gegen den drohenden europäischen Krieg galt seine Energie der Errichtung einer internationalen Organisation zum Schutz menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in Europa und den Kolonien.
Diesen Traum erfüllten seine überlebenden Genossen: Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wurde wie der Völkerbund 1919 im Rahmen der Pariser Friedenskonferenz gegründet. Beide Organisationen wurden in der Präambel des Versailler Vertrages genannt. Die Konferenz war davon überzeugt, dass es für einen dauerhaften Frieden unbedingt erforderlich sei, die Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen radikal zu verbessern.
Unermüdlich reisen heute die ILO-Inspektorinnen und -Inspektoren um die Welt und überprüfen die Einhaltung der 191 Schutzgebote ihrer Organisation. Dazu gehören die Gewerkschaftsfreiheit, der Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken, Plantagen und Minen oder das Verbot von Kinderarbeit und Lohndiskriminierung.
TAG DER BESINNUNG. Im kommenden Juni wird im Genfer Glaspalast der ILO der 100. Geburtstag dieser unabdingbaren Organisation gefeiert. Aber viel bleibt noch zu tun. Insbesondere auch für die offizielle Schweiz. Trotz vorbildlicher Arbeit der Schweizer Gewerkschaften hat unser Land 45 wichtige ILO-Völkerrechtsabkommen noch nicht ratifiziert. Zum Beispiel verlangt die ILO seit 1951 gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In der Schweiz wird das Prinzip mit Füssen getreten. Genau wie der von der ILO geforderte Kündigungsschutz für aktive Gewerkschafter.
Geburtstage sind Tage der Besinnung und der Mobilisierung. Auch von den arbeitenden Menschen in der Schweiz hängt es ab, dass die grossartige ILO in Zukunft effizienter für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgen kann.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes, in Deutsch erschienenes Buch heisst: «Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin».