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Wohlan also, Rilkenesen allen Geschlechtes, lasst uns beginnen!
Die Beziehung zwischen Onkel Georg und Rainer M. Rilke war geprägt von einer tiefen poetischen Verbindung sowie gegenseitiger Bewunderung und Unterstützung. Beide waren respektive sind noch immer bedeutende Vertreter der deutschen Lyrik des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, deren Werke sich durch eine tiefe Innerlichkeit, Introspektion und eine intensive Auseinandersetzung mit existenziellen Themen auszeichnen. Nur in finanzieller Hinsicht war Schmalhans Küchenmeister bei beiden Poeten. Mein Onkel und Rilke trafen also erstmals im Jahre 1912 an der Theke der damals bei der Bohème beliebten Bierhalle Adenauer (der Betreiber Wolfgang "Wolle" Adenauer war ein Vorfahre des Kanzlers) an der Peripherie Berlin-Zehlendorfs aufeinander. Zu dieser Zeit hatte mein Oheim, privat dem Brotberufe eines eher erfolglosen Apothekers nachgehend, bereits einige zwar schmale, doch wie üblich durch seinen unnachahmlichen Humor geprägte Gedichtbände veröffentlicht, während unser Rainer Maria bereits als etablierter Homo poetas galt und mit seinen literarischen Ergüssen internationale Anerkennung bei den Bildungsbürgern dieser Zeit errang. Onkel Schorsch bewunderte Rilkes poetische Sensibilität und die Art und Weise, wie er tiefgründige Emotionen und spirituelle Aspekte in seinen Gedichten verarbeitete. O wie gerne denke ich an die Zeit zurück, als er mir, dem kleinen, schwindsüchtigen Büblein, welches sich unruhig in seinem Gitterbettchen fläzte, aus den Duineser Elegien vorlas, bis ich einschlummerte oder wie er dereinst, mich auf dem Schoße wiegend, Teile der Orpheuschen Sonette sinnend und wie fast immer leicht schmunzelnd murmelnd vor sich hinrezitierte. Rilke wiederum erkannte das außergewöhnliche Talent und die aufrichtige Intensität in meines Onkels Werken. Diese wechselseitige Bewunderung führte zu einer engen Freundschaft und in der Folge zu einer intensiven Korrespondenz. In ihren Briefen diskutierten sie nicht nur über literarische Angelegenheiten, sondern offensichtlich auch über persönliche Erfahrungen, philosophische Ideen und die Herausforderungen des künstlerischen Schaffens in pekuniär schwierigen Phasen mit dem zusätzlichen Problem damals fehlenden Mäzenatentums. Diese Schriftstücke sind leider verloren gegangen, Onkel Schurli hat sie stets sofort nach der Lektüre vernichtet. "Damit die Oma nichts davon erfährt, Burschi", hat er manchmal, mir verschwörerisch zuzwinkernd, gesagt. Rainer Maria ermutigte meinen Onkel also, seiner dichterischen Ader zu vertrauen, riet ihm jedoch gleichzeitig, nicht weiterhin in seiner eigenwillig-humorvollen Art zu schreiben, sondern, dem Zeitgeiste entsprechend, eher dunkle, getragene Poeme zu verfassen. Onkel Georgs Gedichte zeugen also ab diesem Zeitpunkt, getragen durch Rilkens Rat, jedoch auch den politischen Umbrüchen der Zeit und nicht zuletzt - ich wiederhole es - der Nichtverfügbarkeit finanziell erreichbarer Genüsse geschuldet, von einer düsteren, tragischen Weltsicht und einem tiefen Verständnis für die Abgründe der menschlichen Existenz. Onkel Schorschs Verse sind also ab sofort geprägt von Schmerz, Einsamkeit und einer eher doch morbiden Atmosphäre. Rilke erkannte in Onkel Georgs Schaffen einen besonderen Ausdruck menschlicher Zerrissenheit und stimmte seiner Ansicht nach darin überein, dass die menschliche Seele oft von inneren Kämpfen im wahrsten Wortsinne gebeutelt wird. Trotz der ästhetischen, jedoch sich dennoch ähnelnden Unterschiede zwischen ihren Werken teilten mein Onkel und Rilke ein tiefes Interesse an der Erforschung des Menschseins, besonders in Bezug auf Personen beiderlei Geschlechts und der menschlichen Psyche. Beide Poeten waren von der Suche nach spiritueller Transzendenz und der Darstellung der menschlichen Seele in ihrer ganzen Komplexität getrieben. So war es nicht weiter verwunderlich, dass über kurz oder lang ein dritter Protagonist und Verfasser von für die Zeit beinahe utopisch anmutenden Schriften, der seinerzeit aus Mähren emigrierte Universitätsprofessor Doktor Freud nämlich, die verschlungenen Wege unserer beiden Verseschmiede kreuzte, in der Folge bei unseren beiden Poetastern psychische Probleme vermutete und entsprechend seiner Profession therapeutische Seancen mit ihnen vornahm. Leider endete die Freundschaft zwischen Onkel Schorsch und Rilke abrupt mit Onkels tragischem Tod, veranlasst durch eine Überdosis Kokain aus dem stets gut gefüllten Giftschränkchen seiner Offizin. Rilke war zunächst tief erschüttert über den Verlust seines Weggefährten, lernte Onkels Werk nach dessen Tode jedoch umso mehr zu schätzen. Der Kokshandel wurde mit Onkel Georgs Tod ebenfalls zum Erliegen gebracht. Dieser Umstand soll bei Herrn Freud laut Aussage seiner damaligen "Haushälterin" Marieluise Hoffellner Gräfin zu Schönwitz-Persenbeuggh ein "aggressives Syndrom", man könnte es neudeutsch durchaus einen Wutanfall nennen, ausgelöst haben. Entging ihm doch das für die bereits abgehaltenen Therapiesitzungen als Honorar des zum Depressiven erklärten "Apopoeten" (wie der berühmte Arzt despektierlich über Onkel Schurli zu sagen pflegte) abverlangte weiße Pulver ("Staubzucker" nannte es mein Onkel - Oma durfte ja als biederes Heimchen am Herde um Himmels willen nichts von diesen doch eher dubiosen Transaktionen innerhalb der Männerzirkel Wiens erfahren). Und Rilke soll in der Folge auf entsprechende Zahlungsaufforderungen nicht reagiert haben ... Freudlos sah sich Freud also veranlasst, einen Supplementband zu seinem ohnehin schon (zu) umfangreichen Oeuvre zu verfassen, welcher aber nicht mehr an die phantasievollen Schnurren seiner frühen Schreibperiode heranreichte. Niemals würde er - das realisierte der Professor frustriert - in der Lage sein, die schriftstellerische Begabung unserer beiden Dichterpersönlichkeiten zu erreichen, schon gar nicht zu übertreffen, war er auch noch so bemüht, seinem inneren Pegasus kräftig die Sporen zu geben. In heiligem Zorne zwang Freud in der Folge die Scholaren seiner Fakultät, sich ganz seinem Rasen als "Pionier der Hirnforschung" - wie er sich sah - hinzugeben, aber ihm auch - weil ja kein Koks "zur inneren Erwärmung", wie er es oftmals schmunzelnd nannte, mehr zur Verfügung stand - stets mit erlesenen Rauchwaren (Cigarren, vorzugsweise aus kubanischem Palmblatt, handgewickelt, Größe M) dienlich zu sein, was die Studiosi gerne taten, um den fakultativen Notenschnitt, besonders aber den jeweils eigenen, zu erhöhen. Viele der Kommilitonen emeritierten aber auch in der Folge halb wahnsinnig aus den Hallen der universitären Einrichtung, zählten später zu seinem gut betuchten Patientenkreis und sogar ein Weltkrieg brach aus.
Resümierend also war die Beziehung zwischen Onkel Schurli und Rainer Maria geprägt von einer tiefen Wertschätzung füreinander, sowohl als Dichter als auch als durchaus eigenständiges Individuum. Ihre gleichgelagerte stets humorvolle Geisteshaltung und die wechselseitige Unterstützung in jeder Hinsicht (sic!) trugen immerhin zur Bereicherung der literarischen Schöpfung des angehenden vergangenen Jahrhunderts und zur Entwicklung der deutschen Dichtkunst der frühen Moderne insgesamt bei. Requiescat in pace!
Ich hoffe, Sie mit diesem Aufsatze nicht gelangweilt zu haben, falls doch: bitte um Nachsicht!
Georg Trakl jun.