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“Wie gefällt dir das Buch, Kind?”
“Gut.”
“Und was gefällt dir besonders daran?”
“Dass alle Männer weinen.”
Auch, wenn mir die Story anfangs ein bisl zu heteronormativ daherkam, und das Kind den Ausdruck “Männer” nicht wirklich zuordnen konnte (er kommt in unserem familiären Wortschatz kaum vor), das Buch von Jonty Howley ist eine Augenweide. Wir befinden uns in einem süssen Städtchen am Meer, durchgängig sehen wir maritime Motive wie Schiffe, Möwen, Anker, Wellen, Strände, Matros_innen, Klippen oder Leuchttürme und auf fast jeder Seite erstreckt sich das Meer bis zum Horizont. So schön, und jedes Mal entdecken wir neue Kleinigkeiten in den detailreichen Zeichnungen.
Levi lebt mit seinem Vater an der Küste und hat Angst, denn heute ist der erste Tag an der neuen Schule. Levis Vater weiß nicht recht, was er machen sollte, also sagt er zu Levi: “Männer weinen nicht.” In der englischen Originalausgabe sagt er wohl: “Big Boys don’t cry”, so meine Vermutung, da auch der Titel “Big Boys cry” lautet, was sinngemäß in eine etwas andere Richtung geht, also in etwa übersetzt werden kann mit “Große Jungs weinen nicht”, und so (zumindest für mich) eine andere Bedeutung hat als das sehr pauschale “Männer weinen nicht”.
Levi jedenfalls nimmt sich den Erziehungsratschlag seines Vaters zu Herzen und weint nicht. Am Weg zur Schule – das Kind fragt mich übrigens fast jedes Mal, warum denn Papa und Levi nicht gemeinsam gehen, dann wären vielleicht beide nicht so traurig – trifft Levi auf verschiedene, vorbildlich divers gezeichnete Menschen und beobachtet vor allem Männer, die weinen. In der Öffentlichkeit. Ganz ungeniert.
Warum weinen sie? Die Motive sind in Text und Bild nur ansatzweise beschrieben, was ich schön finde, da sich so interessante Diskussionen mit dem Kind ergeben. Die Einen weinen wegen dem Abschiedsschmerz, vor Freude, Glück, Stolz, aus Frust oder den Erinnerungen, weil die Musik und die Gedichte so schön sind oder so traurig, je nachdem. Es weinen alte Menschen, Reiche und Arme, Bäcker-Männer, Armee-Männer, überall sind Tränen.
Und so erkennt Levi mit jedem Schritt in Richtung neue Schule, wie unrichtig die Weisheit seines Vaters ist. Also weint er auch ein bisschen und der erste Tag wird gar nicht schlimm. Als Levi nach Hause kommt, hat der Papa Tränen in den Augen und sagt: “Es war dein erster Tag an einer neuen Schule – und ich hatte Angst.” Endlich spricht der Papa aus, was wir uns beim Vorlesen längst gedacht haben. Und weil es ok ist zu weinen, egal wie groß oder klein man ist, egal, ob Mann, Frau oder dritte Option, schließen sich Levi und Papa in die Arme und wir die beiden in unsere Herzen.
Weil es ok ist so zu fühlen, wie man eben gerade fühlt. Und Tränen sind ok, egal aus welchen Gründen sie kommen. Das verstehen alle – wir finden, das Buch geht gut ab ca. 3 Jahren.
Jonty Howley: “Männer weinen” (Zuckersüss Verlag), 24,90€