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Auf Nüshu stiess ich ganz zufällig – dank einem Nebensatz in einem Zeitungsartikel. Was für eine unglaubliche Geschichte! Wieder war eine Woche viel zu wenig. Am liebsten würde ich mich dem Thema noch viel intensiver widmen.
Parallel zu Nüshu habe ich mit dem Bliptronic 5000, der bei uns zuhause wohnt und ab und zu zum Einsatz kommt, gespielt. Auf die Idee gekommen bin ich deshalb, weil er aussieht wie ein Codierblock. Es ist ganz lustig, damit Musik zu machen. Man beginnt sofort, eher optisch statt akustisch zu arbeiten.
Nüshu ist die einzige Sprache der Welt, die von Frauen entwickelt und nur von Frauen benutzt wurde... Sie stammt aus der Provinz Hunan im südlichen China und ist zwischen Hunderten und mehreren Tausend Jahre alt – Expert*innen sind sich darin nicht ganz einig. Die letzte Sprecherin starb 2004. Dank eines Museums in einem abgelegenen Dorf erlebt Nüshu heutzutage ein Revival.
Nüshu bedeutet nichts anderes als Frauenschrift. Sie wurde von Mutter zu Tochter weitergegeben. Die Mütter erklärten ihren Töchtern während eines Rituals am dritten Tag nach der Hochzeit, was das Leben und die Gesellschaft für sie bereithalten würde. Und viele der älteren Frauen verfassten autobiographische Texte.
Bereits als Kinder schworen sich Mädchen auf Nüshu jeweils zu dritt oder zu viert, ein Leben lang Freundinnen zu bleiben. Sie bezeichneten sich als „sworn sisters“, die Kontakt halten wollten, selbst wenn eine von ihnen der Heirat wegen in ein anderes Dorf ziehen musste.
Meist wurden die Texte auf Fächern, Gürteln oder anderen Kleidungsstücken festgehalten. Die Schrift ist schmal und elegant und auf den ersten Blick zu erkennen. Nüshu wurde nicht gesprochen – nur geschrieben und gesungen.
Nüshu ist eine phonetische Schrift, die aus vier lokalen Dialekten besteht. Geschrieben wurde mit Bambusstäben und Tinte, manchmal offenbar auch mit der Asche, die nach dem Kochen in den Woks übrigblieb.
In vielen Texten wird erwähnt, dass die Frauen durch Nüshu einen eigenen Weg fanden, sich auszudrücken, einander gegenseitig zu trösten – eine Art Ausweg aus der patriarchalischen Gesellschaft zu finden also. Häufig ist auch von einer „geheimen“ Sprache die Rede. Da würde ich gern ein bisschen nachforschen. Drückt man da vielleicht einen voreiligen Stempel auf? Ist es wirklich möglich, dass diese Sprache geheim war, wenn sie doch überall geschrieben wurde? Könnte es sein, dass sie vielleicht nicht geheim war – dass sie die Männer aber gar nicht interessierte (Frauenzeugs!), und deshalb tatsächlich eine Funktion des geheimen Austauschs einnehmen konnte? Sind Nüshu-Texte tatsächlich zum Teil ein bisschen aufrührerisch, wie der Folgende vermuten lässt:
for sister, the attic
for brother, the great hall & study
We embroider a thousand patterns
young brother reads a thousand books
Originaltext, gesungen im Dokumentarfilm "Nu-shu: A Hidden Language of Women in China" von Yue Qing
Auf jeden Fall ist klar, dass Nüshu den Alltag der Frauen beschreibt, die die Sprache benutzten. Sie dokumentierten das Leben auf dem Land, die Geburt eines Kindes, die Interaktionen zwischen Frauen und Männern – und geben dadurch einen realistischen Einblick auf ihre Stellung in der Gesellschaft. Und das macht die rund 500 erhaltenen Texte natürlich sehr wertvoll.
Bekannt wurde Nüshu übrigens dank eines männlichen Forschers. Zhou Shuoyi entdeckte die Sprache in den 50er Jahren, weil seine Tante ihrem Mann in ein Dorf folgte, wo Nüshu gesprochen wurde, und begann sie systematisch zu erfassen. In den 60er Jahren kam der Umsturz, seine Arbeit geriet in Maos Visier und wurde als gefährlich abgestempelt. Er verbrachte 21 Jahre in einem Arbeitslager. Als er freikam, fuhr er mit seiner Arbeit fort, und veröffentlichte 2003 ein Nüshu-Lexikon.
2013 schrieb der Komponist Tan Dun ein Werk, das Nüshu-Texte musikalisch zum Leben erweckte. Er war 2008 nach Hunan gereist und hatte Nüshu auf Film festgehalten – in einer Symphonie mit 13 Sätzen brachte er diese Originaltexte auf die Bühne.
Unterdessen wurde Nüshu als touristische Ressource für die Region entdeckt. 2000 eröffnete eine Nüshu-Schule in Puwei, einem abgelegenen Dorf, das nur über eine Hängebrücke erreicht werden kann. Sieben Frauen sind dort als „Erbinnen“ der Sprache angestellt – sie wahren die Tradition, geben Kurse und Führungen im lokalen Museum.