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Vom musikalischen zum optischen Wettbewerb (Quelle: "Die Welt")
Seitdem die Fernsehzuschauer per Telefon abstimmen dürfen, wird
der Wettbewerb, der inzwischen Eurovision Song Contest heisst, von einer
Ausweitung der musikalischen und optischen Tabuzonen bestimmt.
Den Anfang machte 1998 die transsexuelle Sängerin Dana International,
die Israel vertrat und gewann. Es folgten unter anderem ein deutscher
Metzger in P-Funk-Kostüm, ein Lesben-Duo aus Russland, drei
als Stewardessen verkleidete Herren aus Slowenien oder eine Gruppe
tätowierter Ska-Punks aus der Türkei. Auch in diesem Jahr
dürfte wieder für reichlich von den Liedern ablenkende
Unterhaltung gesorgt sein. Fürs Finale in Athen am 20. Mai
haben sich eine kroatische Sängerin mit Porno-Vergangenheit, ein
Hamburger Country-Pop-Quintett sowie der "Bernhard Brink Rumäniens"
qualifiziert.
Der Skandalwert dieser Ländervertreter ist jedoch gar nichts
verglichen mit dem Beitrag Finnlands.
Für das heutige Halbfinale des Song Contest,
bei dem aus 23 Nationen zehn für die Endausscheidung gewählt
werden, haben die Skandinavier die Band Lordi nominiert. Sie
besteht aus fünf Gruselmonstern, die die Hymne "Hard Rock
Hallelujah" intonieren. Um Europa auf den Schock vorzubereiten, wurde
Lordi-Sänger Tomi Putansuu alias Lordi auf Interviewtour nach
Deutschland geschickt. Vor dem Gespräch in Berlin nimmt der
ehemalige Filmstudent und bekennende Kiss-Fan erst mal die braunen
Fangzähne aus dem Mund und lässt sich von einer Mitarbeiterin
die Plastik-Klauen von den Händen ziehen. Mit ihm sprach Josef
Engels.

"Welt": Kennen Sie den Kölner Karneval?

Lordi: Nein. Wieso?

"Welt": Ihre Aufmachung erinnert mich ein wenig daran. In Köln
verkleidet man sich einmal im Jahr sechs Tage lang und betrinkt sich
hemmungslos.

Lordi: Oh, das gibt's bei uns in Finnland jeden Abend. Nur ohne die
Verkleidung.

"Welt": Warum wurden Sie von den Finnen gewählt?

Lordi: Der Song ist gut. Ausserdem gab es beim Vorentscheid auch viele
Protestwähler. Es ist ja im Finale normalerweise immer so: Finnland,
0 Punkte. Wir haben die Hardrock-Fans geweckt. Die, denen der Eurovision
Song Contest normalerweise vollkommen egal ist. Wir haben 42 Prozent
der Stimmen bekommen. Bei zwölf Mitbewerbern keine schlechte Quote.

"Welt": Inwiefern repräsentieren Sie als Monster Ihr Heimatland?

Lordi: Wir sind ein gutes Beispiel für die Verrücktheit der
Finnen. Aber in erster Linie repräsentieren wir unseren Musikstil:
Melodischen Rock im Geist der achtziger Jahre. Death-Metal-Fans
würden uns als Pop-Band bezeichnen.

"Welt": Haben Sie eigentlich den Grand Prix in den vergangenen Jahren
regelmässig verfolgt?

Lordi: Ja. Der Contest ist ein eigenes Genre. Das Schlüsselwort
dürfte wohl camp sein. Vielleicht nicht für die Interpreten
und die eingefleischten Fans. Aber für den Rest der Welt. Es gibt
da immer dieselben Klischees. Es gibt den Abba-Song, den Euro-Disco-Song,
den Ethno-Song mit Dudelsäcken und Glöckchen. Und natürlich
die Eurovisions-Ballade. Kein Künstler bei klarem Verstand würde
so etwas auf ein normales Album pressen! Ich habe mir das Spiel aber
immer angeschaut. Es ist zweifellos gutes Entertainment.

"Welt": Es gab selbst in Finnland viel Aufregung um Ihre Wahl. Priester
werfen Ihnen satanische Botschaften vor.

Lordi: Das regt mich auf. Es ist eine Beleidigung für die Band,
was wir da von finnischen Priestern gehört haben. Wir haben
nichts, aber auch gar nichts mit dem Satan zu tun. Eine unserer Singles
hiess "The Devil Is A Loser". Dadurch haben wir viele christliche Fans
gewonnen. Unser Schlagzeuger hat lange in einer Kirchengemeinde gearbeitet
und sogar Lieder für Kindergottesdienste komponiert. Ich bin von den
Priestern enttäuscht, die auf uns den ersten Stein werfen. Wenn
jemand sagt: "Aber die sehen doch aus wie Satan!", denke ich nur:
Ich würde mal gern einen kennenlernen, der Satan persönlich
getroffen hat. Und was die Hörner, die Fangzähne und die roten
Augen angeht - nach dieser Logik müssten Kühe, Hunde und Hasen
auch satanisch sein.

"Welt": Wie wird Ihre Show in Athen aussehen?

Lordi: Pyrotechnik. Und fünf Monster auf der Bühne, die Hardrock
spielen. Wir haben leider nur drei Minuten, und die Umbaupausen sind
gerade mal 30 Sekunden lang. Natürlich hätten wir gern unser
Spukschloss dabei, unsere Kettensägen und die Leichen. Aber das haut
zeitlich nicht hin. Trotzdem: Diese drei Minuten werden etwas sein, das
der Eurovision Song Contest niemals zuvor gesehen oder gehört hat.

"Welt": Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Lordi: Wir haben doch schon längst gewonnen! Soviel Aufmerksamkeit
hat eine finnische Gruppe beim Contest noch nie bekommen.

"Welt": Ihre Botschaft an Europa?

Lordi: Habt keine Vorurteile, seid nicht engstirnig. Wir mögen
wie schlimme Monster aussehen, aber das liegt ganz im Auge des
Betrachters. Unsere Fans jedenfalls finden uns süss.