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Das grosse Epos der Mahābhārata zeigt ein universelles Prinzip, das in jedem Menschen stattfindet. Beide Seiten, die verhaftete (materielle) und die unverhaftete (spirituelle), sind in jedem Menschen mehr oder weniger vorhanden, abhängig vom Verwirklichungsgrad. Meistens ist zuerst die verhaftete Seite stärker und das Königreich der Sinne oder des Körpers herrscht. Erst wenn das Königreich der Seele die Herrschaft übernimmt, kommt wahrer Frieden und Freiheit ins Leben.
Diese Polarisierung in eine materiell orientierte (verhaftete) und eine spirituell orientierte (unverhaftete) Seite, ist ein natürlicher Prozess und findet im Bewusstsein jedes Menschen statt. Die beiden magnetischen Pole des menschlichen Bewusstseins (citta), einerseits bestehend aus dem Geist (mind) oder Sinnesbewusstsein (manas) und andererseits aus der Intelligenz (buddhi), bewirken diese Polarisierung. Die Intelligenz (buddhi) hat eine spirituelle Anziehung zu ātmā (engl. spirit); der Geist oder das Sinnesbewusstsein (manas) erfährt eine spirituelle Abstossung und wird eher zur Materie hingezogen (siehe auch nebenstehende Grafik aus dem Buch ‚Heilige Wissenschaft‚ von Sri Yukteswar).
Da buddhi – die reine unterscheidungsfähige Intelligenz – in der Mahābhārata metaphysisch durch Pāṇḍu dargestellt wird, werden seine fünf Söhne, die Pāṇḍavas, von Spirit (ātmā) angezogen. Deshalb ist ihre Haltung spirituell und unverhaftet.
Manas – der blinde Geist (mind) oder das Sinnesbewusstsein wird in der Mahābhārata durch den blinden König Dhṛtarāṣṭra verkörpert. Seine 100 Söhne oder die Kauravas, welche die Neigungen des Geistes darstellen, werden eher von der Materie angezogen. Ihre Haltung ist daher materiell und an die Materie verhaftet.
Dadurch ist der, in der Mahābhārata dargestellte Konflikt zwischen den Kauravas und den Pāṇḍavas ein natürliches Prinzip, welches in jedem Menschen stattfindet. Die Mahābhārata erzählt bildlich, wie dieses Prinzip entsteht, sich entfaltet und dann sich wieder auflöst. Die verschiedenen Abschnitte der Mahābhārata erzählen dies durch die Geburt der Kaurava– und Pāṇḍava-Prinzen, ihr gemeinsames Aufwachsen mit den ersten aufkommenden Konflikten, mit dem Exil der Pāṇḍavas und mit dem schlussendlichen Kampf auf dem Schlachtfeld. Schlussendlich wird sich immer das spirituelle Prinzip durchsetzen.
Der oben beschriebene Sachverhalt wird im 1. śloka der Bhagavad Gītā genau dargestellt, welcher unten stehend erörtert wird.
1. śloka der Bhagavad Gītā als Gesamtdarstellung der Mahābhārata und Bhagavad Gītā
Der erste śloka kann als eine Gesamtdarstellung der Bhagavad Gītā, welche in der Mahābhārata eingebettet ist, aufgefasst werden. Er drückt eine Verunsicherung des blinden Königs Dhṛtarāṣṭra (unser Geist – manas) aus. Er fragt nach der verhafteten (seine Kinder) und der nichtverhafteten Seite (seine Neffen). Was passiert jetzt? Obwohl er unbewusst weiss, dass die Pāṇḍavas die Schlacht gewinnen werden, ist er mit seinen Kindern, den Kauravas verhaftet und will von Saṁjaya (seinem Wagenlenker und Minister, welcher die Intuition darstellt) genau wissen, was auf dem Schlachtfeld passiert.
1. śloka / Kapitel 1 der Bhagavad Gītā
dhṛtarāṣṭra uvāca
dharmakṣetre kurukṣetre samavetā yuyutsavaḥ Ι
māmakāḥ pāṇḍavaś caiva kiṁ akurvata saṁjaya ǁ
Die wörtliche Übersetzung des 1. śloka der Bhagavad Gītā lautet:
„Dhṛtarāṣṭra sprach: Was taten die Meinen und die Pāṇḍavas, (als sie sich) in Kurukṣetra auf dem Felde des Dharma, kampfbegierig versammelt hatten, oh Saṁjaya?“
Dhṛtarāṣṭra:
Blinder König, Vater der 100 Söhne (Kauravas) und Onkel der Pāṇḍavas. Dhṛtarāṣṭra ist der blinde Geist (= manas, Sinnesbewusstsein, engl. mind) im Menschen.
Saṁjaya:
Die metaphysische Bedeutung von Saṁjaya ist die Intuition, welche dem blinden Geist oder Sinnesbewusstsein die Wahrheit vermittelt. Es ist durch die Meditation geförderte Innenschau jedes Menschen, welche dem Geist die wahren Informationen liefert.
Dharmakṣetra: Das Feld des Dharma kṣetra bedeutet >Feld<
Das göttliche Feld: Dharmakṣetra – der Ort wo die lebendige Seele (ātmā) wohnt.
Textstelle aus dem Buch ‚Die Bhagavad-Gita – Gott spricht mit Arjuna‚ von Paramahansa Yogananda:
„Dieser Teil des körperlichen Feldes befindet sich im Gehirn. Er erstreckt sich über einen Bereich von zwei Handspannen, ausgehend vom Punkt zwischen den Augenbrauen über die kreis- oder ringförmige Stelle dicht unter der Schädeldecke (der vorderen Fontanelle, einer kleinen Öffnung im Schädel, die sich nach der Geburt des Kindes allmählich schliesst) bis hin zum verlängerten Mark. Dieser Bereich wird >Dharmakṣetra< genannt und besteht aus dem verlängerten Mark und dem vorderen und oberen mittleren Teil des Grosshirns mit seinen astralen Zentren des geistigen Auges und des tausendblättrigen Lotos sowie den entsprechenden göttlichen Bewusstseinsstadien.
Die Wörtliche Bedeutung von Dharma, wie es hier in dem Wort > Dharmakṣetra < gebraucht wird, ist: >Das, was aufrechterhält<; aus der Sanskritwurzel dhṛi = „halten, stützen“. Dieser Dharmakṣetra-Teil des körperlichen Feldes erhält den menschlichen Körper – und ist die Ursache seines Entstehens. Es handelt sich hier um die feinsten Ausdrucksformen von Leben und Bewusstsein – um die Quelle aller Kräfte die den Menschen (mit seinem physischen, astralen und kausalen Körper) erschaffen und aufrechterhalten; dieselben Kräfte veranlassen die Seele schliesslich, die drei Körper zu verlassen und zum GEIST zurückzukehren. Daher ist sattva, die reine und aufklärende Eigenschaft der Natur, im Bereich von Dharmakṣetra vorherrschend. Dieses Dharmakṣetra ist der Sitz der Seele (ātmā). Von hier aus regiert das reine Seelenbewusstsein – in seinem individualisierten oder inkarnierten Zustand – als Schöpfer und Herrscher des dreifachen körperlichen Reiches.“
Kurukṣetra: Das Arbeitsfeld
Textstelle aus dem Buch ‚Die Bhagavad-Gita – Gott spricht mit Arjuna‚ von Paramahansa Yogananda:
„Der Kampfschauplatz dieser sich bekriegenden Streitkräfte ist Kurukṣetra (Kuru, aus der Sanskritwurzel kri = >Arbeit, materielle Handlung<; und kṣetra = >Feld<). Das Diese Oberfläche des menschlichen Körpers ist der Schauplatz ständiger sensorischer und motorischer Tätigkeit. Daher nennt man ihn zutreffend Kurukṣetra, das Feld äusseren Handelns – das heisst jegliche Tätigkeit in der Aussenwelt.“
Dharmakṣetra-Kurukṣetra:
Textstelle aus dem Buch ‚Die Bhagavad-Gita – Gott spricht mit Arjuna‚ von Paramahansa Yogananda:
„Der zweite Teil des körperlichen Betätigungsfeldes ist die zerebrospinale Achse mit ihren sechs feinstofflichen Lebens- und Bewusstseinszentren (verlängertes Mark, Nacken-, Herz-, Nabel-, Kreuzbein- und Steissbeinzentrum) und ihren beiden magnetischen Polen: dem Sinnesbewusstsein (manas) und der Intelligenz (buddhi).
….Diese zerebrospinale Achse mit den sechs feinstofflichen Zentren wird Dharmakṣetra-Kurukṣetra genannt und ist das Feld sowohl der feinstofflichen Energien und supramentalen Kräfte als auch der gröberen Handlungen. ….
Dharmakṣetra-Kurukṣetra bezieht sich also auch auf die religiösen und geistigen Pflichten und Tätigkeiten (des Yogis in der Meditation) im Gegensatz zu weltlicher Verantwortlichkeit und Tätigkeit. Die tiefere metaphysische Bedeutung von Dharmakṣetra-Kurukṣetra ist also, dass auf dem inneren Feld des Körpers die geistige Tätigkeit der Yoga-Meditation stattfindet, deren Ziel es ist, Selbst-Verwirklichung mit ihren sieben feinstofflichen Zentren der Lebenskraft und des göttlichen Bewusstseins.“
samavetā yuyutsavaḥ: sich kampfbegierig versammelt haben
māmakāḥ …… kiṁ akurvata: was taten die Meinen (māmakāḥ) ?
Mit den Meinen sind die 100 Söhne (Kauravas) des blinden Königs Dhṛtarāṣṭra gemeint. Der Geist (manas) verkörpert als Dhṛtarāṣṭra dehnt sich in die zehn verschiedenen Himmelsrichtungen aus und es entstehen 10 x 10 (= 100) verschiedene Neigungen, welche auch vṛttis genannt werden.
Diese 100 Neigungen (vṛttis) oder Söhne des blinden Geistes oder Sinnesbewusstseins sind es, welche auf dem spirituellen Weg Schwierigkeiten machen.
Rishi Patañjali schreibt im 2. Sūtra seiner Yoga- Sūtren: yogaś citta-vṛtti nirodhaḥ.
Dies bedeutet: >Yoga (Einheit) ist da, wenn alle Neigungen (vṛtti) des Bewusstseins (citta) versiegelt (nirodhaḥ) sind.
Einige der 100 Kaurava-Brüder:
Duryodhana
Ältester Bruder der Kauravas, Sohn von Dhṛtarāṣṭra und Gāndhārī
Innere (metaphysische) Bedeutung: ewige materielle Wünsche (Kāma), Leidenschaft
Duśśāsana
Zweitältester Bruder der Kauravas, Sohn von Dhṛtarāṣṭra und Gāndhārī
Innere (metaphysische) Bedeutung: Krodha (Zorn)
Vikarṇa
Einer der 100 Kaurava-Brüder, Sohn von Dhṛtarāṣṭra und Gāndhārī
Innere (metaphysische) Bedeutung: Dveṣa (Abneigung, Hass), Unglaube
pāṇḍavaś caiva kiṁ akurvata: und was taten die Pāṇḍavas?
Als der Bruder von Dhṛtarāṣṭra – Pāṇḍu – gestorben war, wuchsen die Söhne von Pāṇḍu (Pāṇḍavas) unter der Obhut von Dhṛtarāṣṭra gemeinsam mit den Kauravas auf. Die fünf Pāṇḍavas – Yudhiṣṭhira, Bhīma, Arjuna, Nakula und Sahadeva heirateten gemeinsam Draupadī. Nachdem die Pāṇḍavas und Draupadī 12 Jahre im Exil und ein Jahr in Inkognito lebten, fordern sie von den Kauravas ihr geraubtes Königreich zurück.
Die Pāṇḍavas entsprechen den fünf Nervenzentren (cakren) in der Wirbelsäule:
Yudhiṣṭhira
Ältester Bruder der Pāṇḍavas, Sohn von Pāṇḍu und Kuntī, mit einem geheimen Mantra durch Dharma (Yama) gezeugt.
Innere (metaphysische) Bedeutung: Das Nackenzentrum – Element Äther
Bhīma
Zweitältester Bruder der Pāṇḍavas, Sohn von Pāṇḍu und Kuntī, mit einem geheimen Mantra durch Vāyu (Pavana) gezeugt.
Innere (metaphysische) Bedeutung: Das Herzzentrum – Element Luft
Arjuna
Mittlerer Pāṇḍava-Bruder, Sohn von Sohn von Pāṇḍu und Kuntī, mit einem geheimen Mantra durch Indra gezeugt.
Innere (metaphysische) Bedeutung: Das Nabelzentrum – Element Feuer
Nakula
Zweitjüngster Bruder der Pāṇḍavas, Zwillingsbruder von Sahadeva, Sohn von Pāṇḍu und Mādrī, mit einem geheimen Mantra durch die Aśvins gezeugt.
Innere (metaphysische) Bedeutung: Das Kreuzbeinzentrum – Element Wasser
Sahadeva
Jüngster Bruder der der Pāṇḍavas, Zwillingsbruder von Nakula, Sohn von Pāṇḍu und Mādrī, mit einem geheimen Mantra durch die Aśvins gezeugt.
Innere (metaphysische) Bedeutung: Das Steissbeinzentrum – Element Erde
Stammbaum der Kauravas und der Pāṇḍavas gemäss Mahābhārata:
Textstelle aus dem Buch ‚Die Bhagavad-Gita – Gott spricht mit Arjuna‚ von Paramahansa Yogananda:
„Eigentlich würde man erwarten, dass die im ersten Vers gestellte Frage des Königs in der Zeitform der Gegenwart erfolgt. Der Autor Vyāsa benutzte aber in „Was taten sie?“ absichtlich eine Verbalform der Vergangenheit – ein klarer Hinweis für den unterscheidungsfähigen Schüler, dass sich die Gītā nur beiläufig auf eine historische Schlacht auf dem Feld des Kurukṣetra in Nordindien bezieht. Vyāsa beschreibt vor allem einen universalen Kampf – wie ihn der Mensch in seinem täglichen Leben auszufechten hat. Hätte Vyāsa nur den Verlauf einer tatsächlichen Schlacht berichten wollen, die sich gerade auf dem Feld von Kurukṣetra zutrug, hätte er Dhṛtarāṣṭra in der Zeitform der Gegenwart zu seinem Boten Saṁjaya sprechen lassen: „Meine Nachkommen und die Söhne des Pāṇḍu – was tun sie jetzt?“ Das ist der springende Punkt. Die zeitlose Botschaft der Bhagavad Gītā bezieht sich nicht nur auf die historische Schlacht, sondern auf den kosmischen Widerstreit zwischen gut und böse. Sie beschreibt das Leben als eine Reihe von Kämpfen, die zwischen dem GEIST und der Materie stattfinden – zwischen der Seele und Körper, Leben und Tod, Wissen und Unwissenheit, Gesundheit und Krankheit, Beständigkeit und Vergänglichkeit, Selbstbeherrschung und Versuchung, Unterscheidungskraft und blindem Sinnesbewusstsein. ….
Vom historischen Standpunkt aus ist es sehr unwahrscheinlich, dass kurz vor einem solch schrecklichen Krieg, wie er in der Mahābhārata beschrieben wird, Krishna und Arjuna ihre Streitwagen in Kurukṣetra auf ein offenes Feld zwischen den beiden gegnerischen Heere lenkten und sich dort auf ein langes Streitgespräch über Yoga einliessen.“