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von Patrick Kollitsch
Am Dienstag Abend putschte das Militär in Thailand. Der Weg zum Putsch war lang und vorhersehbar.
Thaksin, der ehemalige Premierminister, hatte in den vergangenen Jahren zunehmend für eine Spaltung des Landes gesorgt. Bei seinem Amtsantritt 2001 hatte er großspurig Kredite an die Dörfer verteilt und Arztbesuche für 30 Baht versprochen. Der armen Landbevölkerung brachte seine Regierung zu Beginn viel, weshalb sie entscheidend zu seiner Wiederwahl vergangenes Jahr beitrug.
Bereits zu Beginn seiner ersten Amtsperiode wurde allerdings bekannt, dass Anteile seines Familienunternehmens Shincorp auf seine Putzfrau und seinen Chauffeur übertragen wurden, um Steuern zu sparen und seine Besitztümer zu verschleiern. Er ließ darauf hin Journalisten, die darüber berichteten, mundtot machen und schrieb die Verfassung um. Seither ist es im einst medienfreundlichsten Lande Südostasiens für Journalisten nahezu unmöglich geworden, kritisch über die Regierung zu berichten. Im Wahlkampf zu den Neuwahlen diesen Jahres glänzte die Berichterstattung größtenteils durch tägliche Meldungen über Klagen Thaksins gegen seine Kritiker und Journalisten.
Anfang dieses Jahres verkaufte Thaksins Familie ihre Anteile an eine Holding aus Singapore. Möglich war das nur, weil kurz vor dem Deal die Gesetze umgeschrieben wurden, um den Verkauf der Firma ins Ausland zu ermöglichen. Die Familie Shinawatra musste für den Verkauf keine Steuern zahlen. Viele warfen ihm vor, ein Stück Thailand verkauft zu haben und die bereits seit Monaten veranstalteten Demonstrationen gegen seine Regierung entwickelten sich zu Massendemonstrationen.
Er trat zurück (nur um wenig später seinen Rücktritt zu einer Regierungspause umzudeuten), löste das Parlament auf und setzte Neuwahlen an. Die Opposition boykottierte die Wahlen und Thaksin wurde wieder gewählt. Kurze Zeit darauf wurde auf Intervention des Königs die Wahl für ungültig erklärt. In den letzten Monaten befand sich das Land im politischen Stillstand. Die Wahlkommission wurde auf Verletzung der Verfassung verklagt und verurteilt, eine neue Kommission gewählt.
Zuletzt deutete alles auf Neuwahlen Ende November hin. Thaksin gab widersprüchliche Kommentare zu seiner politische Zukunft ab und es war keine Änderung der Verhältnisse absehbar. Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch gab es beinahe täglich – bereits im Dezember schien er greifbar zu sein. Jede Armeebewegung wurde argwöhnisch beobachtet. Auch am Dienstag gab es Meldungen, die auf einen Putsch hin deuteten. Unter anderem hatte Thaksin, der wohl etwas ahnte, eine Webcam-Sitzung aus New York mit den Militärchefs an- und diese ihn versetzt.
Am Abend dann lag etwas in der Luft. Es waren ungewöhnlich viele Thais auf den Straßen unterwegs und nach 21 Uhr fielen nach und nach die Fernsehsender aus. Thaksin befand sich in New York und sollte um 4 Uhr Bangkokzeit am Mittwoch Morgen eine Rede vor der UNO halten.
Die Thaisender zeigten alle die gleichen Bilder und Videos. Man konnte dann in diversen Foren und Online-News lesen, daß die Armee alle TV-Stationen besetzt hatte. Channel 9 gelang es noch, eine Ansprache von Thaksin aus New York per Telefon zu senden, in der dieser den Ausnahmezustand erklärte und dass er am Donnerstag zurück kehren wird um dem Putsch ein Ende zu setzen. Der Chef von Channel 9 wurde festgenommen und seither sendeten alle Sender das Gleiche – Propagandavideos zum 60ten Thronjubiläum Seiner Majestät König Bhumibol Adulyadej.
Das Mobilfunknetz wurde abgeschaltet. Meine Internetanbindung gab es noch, allerdings auch nur eingeschränkt und sehr instabil. Die Hauptinformationsquelle für die Farangs im Lande war das Internet – die normalerweise im Zweikanalton mit englischer Synchronübersetzung ausgestrahlten Informationen der Thaisender wurden nur noch auf Thai übertragen.
Um 23 Uhr verlas ein Sprecher eine erste Erklärung. Armeechef General Sonthi Boonyaratkalin wurde als Vorsitzender des „Administrative Reform Committee under the Constitutional Monarchy“ (ARC) eingesetzt und übernahm die Ämter und Funktionen des Premierministers und des Kabinetts. Es wurde ausdrücklich gesagt, dass der König als Staatsoberhaupt anerkannt wird. Die Armee verhängte das Kriegsrecht über das Land und in Bangkok wurden an strategisch wichtigen Punkten Panzer aufgefahren.
Es folgten im Verlauf der Nacht weitere Mitteilungen des ARC. Der Mittwoch wurde zum Feiertag erklärt um für Ruhe im Volk zu sorgen und den Übergang so reibungslos wie möglich zu gestalten. Thaksins Rede vor der UNO wurde kurz vor 4 Uhr abgesagt. Es war angekündigt, dass die Internetzugänge gesperrt würden, wenn er seine Rede halten sollte.
Gestern am Morgen wurde dann eine Erklärung des ARC auf allen Fernsehkanälen übertragen, in der noch einmal bekräftigt wurde, dass der König als Staatsoberhaupt anerkannt wird.Der Rest des Tages war von kommunikativem Chaos gezeichnet. Es hagelte Gerüchte und Gegendarstellungen. Das ARC verkündete am Nachmittag, dass der König Sonthi als Präsidenten des ARC bestätigt hat, was von allen als Legitimation des Putsches angesehen wird. Später begann man dann, die ersten Mitglieder der ehemaligen Regierung zu verhaften. Weitere Truppen und Panzer zogen in Bangkok ein. Die Stimmung allerdings war entspannt.
Heute verläuft das Leben hier wieder wie jeden Tag. Der Putsch war kurz und effektiv. Der eigentliche Schaden wird jetzt erst erzeugt durch Reisewarnungen der Länder und die fehlerhafte Berichterstattung vieler Medien. Man sollte europäisches Demokratieverständnis nie auf das anderer Länder übertragen. Schon gar nicht auf asiatische Demokratien. Der Putsch hat das Ende einer korrupten Regierung gebracht, die auf andere Art und Weise nicht mehr zu bekämpfen war. Das zeigten die Ereignisse im Verlauf des vergangenen Jahres.
Das ist der 20. Putsch in Thailands kurzer Geschichte der Demokratie seit 1932 und bisher hat jeder Putsch zu einer positiven Änderung oder Entwicklung der Verhältnisse im Land geführt. Von Vertrauen in Hinweise und Warnungen vor Reisen nach Thailand rate ich dringend ab.
[Update] Noch während ich diesen Beitrag schreibe, mehren sich Berichte über eine angespannte Stimmung in der Militärregierung und einen Gegenputsch, der geplant sein soll. Ich werde darüber natürlich in meinem Blog berichten.
Patrick Kollitsch ist 31 Jahre alt und lebt seit Januar 2005 in Thailand auf der Insel Ko Samui im Golf von Thailand. Gemeinsam mit seinen beiden Shih-Tzus bewohnt er einen Bungalow gleich hinter Maenam. Wenn er nicht vor seinem Computer sitzt streift er über die Insel und photographiert die Tempel der Insel oder lernt Thai. Er bloggt auf die schreiBBloga.de über das tägliche Leben als Farang in Thailand.