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Als die Bankiers noch Abenteurer waren
Vor gut einer Woche hat die Finma ein Konkursverfahren über die Bank Hottinger & Cie AG eröffnet. Die genauen Gründe werden nicht genannt. In der Pressemitteilung heisst es lediglich, es habe eine Überschuldung gedroht (Pressemitteilung der Finma).
Vordergründig handelt es sich beim Konkurs der Hottinger & Cie um eine kleine Erschütterung auf dem Finanzplatz Schweiz. Die Bank hat 50 Angestellte und eine Bilanzsumme von rund 145 Millionen Franken. Aus einer längerfristigen Perspektive hingegen ist das Verschwinden der Zürcher Bank ein einschneidendes Ereignis. Sie markiert das langsame Abbröckeln einer alten schweizerischen Bankentradition.
Die Hottingers sind nämlich eine Familie, die es im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert schaffte, bei den grossen Pariser Finanzgeschäften mit von der Partie zu sein. Es war eine Zeit, als die Bankiers noch Abenteurer waren, meisterhaft beschrieben vom Schweizer Historiker Herbert Lüthy. Inmitten von Staatsbankrotten, Revolutionen und Kriegen versuchten die Bankiers, Kredite zu vergeben, Vermögen zu sichern und Handelsgeschäfte zu finanzieren, manchmal mit Erfolg, oft mit Verlust.
Die Verbindung zu Paris lief über die Republik Genf, Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft und Hort des calvinistischen Protestantismus. Von hier aus bestanden enge Beziehungen zu den französischen Calvinisten (Hugenotten), die das Pariser Bankengeschäft zu einem grossen Teil beherrschten. In diesem Kreis spielten Genfer Bankiers immer wieder eine entscheidende Rolle. Das Buch von Lüthy trägt deshalb den Titel «La Banque Protestante en France».
Der berühmteste Vertreter jener Genfer Elite war Jacques Necker. Geboren 1732, trat er im Alter von 16 Jahren in Paris in die Dienste des Genfer Bankiers und Hugenotten Isaac Vernet. 1756 tat sich Necker mit Partnern zusammen und gründete eine Bank, die ihm zu grossem Vermögen verhalf. Rund zehn Jahre später wurde er Genfer Botschafter am französischen Hof.
Wiederum etwa zehn Jahre später wurde er Finanzminister Frankreichs mit dem Auftrag, die maroden Finanzen zu sanieren. Das gelang ihm unter anderem deshalb, weil er die Staatsschulden am Genfer Kapitalmarkt konsolidieren konnte. Wegen allzu ehrgeiziger Pläne wurde er 1781 entlassen, aber schon sieben Jahre später vom verzweifelten Ludwig XVI. wieder als Finanzminister eingesetzt. Als wenig später die Französische Revolution ausbrach, konnte sich Necker zunächst in seiner Position halten. Als er realisierte, dass die Revolution einen verhängnisvollen Lauf nahm, demissionierte er vons ich aus im September 1790. Anschliessend zog er sich auf den Landsitz Coppet bei Genf zurück und schrieb mehrere Bücher, unter anderem über die Revolution. 1804 starb er.
Die Hottingers spielten in derselben Liga wie Necker, aber ihr Aufstieg kam etwas später. Begründet wurde die Bankentradition von Hans Konrad Hottinger (1764–1841). Er stammte aus wohlhabendem Haus und arbeitete wie der Vater zunächst im Textilbereich, entschied sich aber schliesslich für den Finanzsektor. Wiederum war Genf der entscheidende Standort. Dort lernte Hottinger das Bankgeschäft von der Pike auf und entschied sich, sein Glück in Paris zu versuchen. Zunächst war er nur Lehrling bei einer angesehenen Bank, erhielt dann aber 1786 die Chance, eine eigene Bank zu gründen, die unter dem Namen Rougement, Hottinguer & Cie firmierte. Rougement war ein Pariser Bankier mit Neuenburger Verwandtschaft auf der mütterlichen Seite (de Pury). Geldgeber waren sechs Zürcher Handelshäuser, die sich unter dem Schirm der Firma Usteri, Ott, Escher & Co. zusammentaten. Die Hauptaufgabe von Rougement und Hottinger war es, die Zürcher Exporte nach Frankreich finanziell abzuwickeln. Daneben sollten sie überschüssiges Kapital gewinnbringend anlegen.
Die Geschäfte liefen schlecht, weil Rougement sich bei kolonialen Geschäften verspekulierte. Bereits 1790, ein Jahr nach Ausbruch der Französischen Revolution, ging die Bank in Konkurs. Hottinger gründete nun mithilfe der Zürcher Handelshäuser eine neue Bank, die Hottinguer & Cie, um von der Konkursmasse der untergegangenen Bank zu retten, was noch zu retten war. Auch diesmal war der Erfolg bescheiden, weil die französische Revolutionsregierung das Geldwesen mit einer Inflation ruinierte. Bereits 1793 wurden die Bankgeschäfte wieder sistiert. Wegen der hohen Verluste kam es zu Zerwürfnissen unter den Zürcher Kaufleuten. Hans Caspar Escher, der Grossvater von Alfred Escher, floh zuerst nach Paris, dann nach Russland, wo er als Offizier diente. Heinrich Escher, Hans Caspars Sohn, ging zusammen mit Hottinger in die Vereinigten Staaten.
Nun liefen die Geschäfte rund. Hottinger erarbeitete sich im Heimatland seiner Mutter ein Vermögen, kehrte drei Jahre später nach Paris zurück, um seine Bank zu reanimieren, und etablierte sich als Finanzberater von Charles-Maurice de Talleyrand. Talleyrand war seit 1796 Mitglied des Direktoriums und für die Aussenpolitik zuständig. Diese Position verdankte er vor allem Germaine de Staël, Tochter von Jacques Necker. Hier schliesst sich der Kreis zwischen Paris und Genf wieder.
Dank der Verbindung zu Talleyrand stieg Hottinger in die höchsten Pariser Kreise auf. Er wurde Präsident der Handelskammer, Oberst der Nationalgarde, Mitglied der Kammer der Hundert Tage und Regent bei der Gründung der Banque de France (1800 gegründet). 1810 erhob ihn Napoleon zum Baron de l’Empire. Die politischen Umbrüche, die auf den Sturz Napoleons folgten, überlebte er ohne Probleme. Sein Protektor Talleyrand hatte sich immer wieder rechtzeitig in Stellung gebracht, wenn ein Machtwechsel bevorstand. 1841 starb Hottinger in Paris, drei Jahre nach Talleyrand.
In der Folge spielten die Nachkommen von Hans Konrad Hottinger eine wesentliche Rolle in der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte Frankreichs (hier mehr Details). 1968 kehrte Henri Hottinguer in die Schweiz zurück und gründete die Hottinger & Cie, über die nun ein Konkursverfahren eröffnet wird.