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Roland Blaettler, 2019
Im Kanton Neuenburg haben wir eine uns völlig unbekannte Keramikwerkstatt entdeckt, oder besser gesagt wiederentdeckt. Sie wird in der Literatur kaum erwähnt, ausser in einer Studie der beiden Schülerinnen Marianne Biselli und Antonella Simonetti mit dem Titel Travail de l’argile au Val-de-travers hier et aujourd’hui. Sie entstand im Jahr 1984 unter der Leitung von Pierre-André Klauser. In dieser nicht sehr ambitionierten Forschungsarbeit, in Form eines Daktyloskripts vorliegend, wird in der Tat eine Töpferei erwähnt, die Vincent Diana in Champ-du-Moulin (Gemeinde Boudry) in den Jahren 1890-1905 führte.
In einer kürzlich entdeckten Zeitungsnotiz, erschienen in Le Nouvelliste vaudois vom 10. März 1900 (S. 2), finden sich weitere Informationen zu den offiziellen Anfängen von Dianas Werkstatt. Darin heisst es: «Auf der malerischen Lichtung von Champ-du-Moulin hat sich gerade ein neues Unternehmen niedergelassen. Es handelt sich um eine Töpferei, deren Produkte aus Mergel oder lokalem Ton hergestellt werden.» Das Neuenburger Museum für Kunst und Geschichte (Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel) verfügt über zwei unvollendete Keramiken aus dieser Werkstatt, die vom Töpfer selbst überreicht wurden, sowie über drei etwas feiner ausgearbeitete Exemplare, eine Schenkung von Alfred Godet und Théodore Delachaux. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Museum für das zeitgenössische Schaffen interessierte, insbesondere für eine Werkstatt, die vor kurzem im Kanton eingerichtet worden war und in die man offensichtlich einige Hoffnungen gesteckt hatte.
Die beiden unvollendeten Exemplare – Schrühbrände (MAHN AA 1321; MAHN AA 1320) –, die von Diana gestiftet wurden, gelangten 1899 in die Sammlung, ebenso wie die von Alfred Godet gestiftete und von einer gewissen Frau O. Godet dekorierte Schale (MAHN AA 2072), was beweist, dass der Töpfer einige Monate vor dem Frühjahr 1900 mit der Arbeit begonnen hatte, ohne jedoch den gesamten Herstellungsprozess zu beherrschen. Tatsächlich wurde die bemalte Schale «in Nyon emailliert und gebrannt», wahrscheinlich in den Einrichtungen der Manufacture de poteries fines de Nyon. Diese drei frühen Beispiele tragen eine Blindmarke, ein verziertes «C» (wahrscheinlich für Champ-du-Moulin), die in den noch feuchten Ton eingedrückt wurde (siehe MAHN AA 1321; MAHN AA 1320; MAHN AA 2072).
Die beiden Vasen in etwas feinerer Ausführung, aus der Schenkung von Théodore Delachaux (MAHN AA 1870; MAHN AA 2084), werden erst 1935 mit der Erwähnung «Erste Versuche von M. Diana, April 1901» in die Sammlungen aufgenommen. Aus dem alten Inventar des Museums geht auch hervor, dass die Formen der beiden Vasen «von Clement Heaton» (1861–1940) stammten, dem berühmten Glasmacher und Dekorateur englischer Herkunft, der zwischen 1893 und 1914 in Neuenburg lebte.
Nachforschungen, insbesondere beim Zivilstandsamt, ergaben keine Hinweise zu den Lebensdaten von Vincent Diana, noch zum Zeitraum seiner Niederlassung in der Region. Auch ein Besuch bei Herrn Maximilien Diana, dem Neffen von Vincent, der noch immer in Travers lebt, erlaubte uns nicht, diese Wissenslücken vollständig zu schliessen. Wir können nur bestätigen, dass die Dianas, eine Emigrantenfamilie aus Brusnengo (Piemont), in Frankreich und Portugal gelebt haben, bevor sie sich in Champ-du-Moulin niederliessen, wo Vincents Mutter ein Restaurant betrieb, wie ein von Herrn Diana aufbewahrtes Kontobuch von 1869 bezeugt. Letzterer besitzt auch etwa fünfzehn von seinem Onkel hinterlassene Keramiken. Darunter befindet sich ein signierter, 1898 datierter Schrühbrand eines Irdenwarekruges: ein etwa 30 cm hohes balusterförmiges Gefäss mit einem gemodelten Frosch als Henkel. Die Form zeigt ein komplexes Profil, erzeugt durch Abdrehen auf der Töpferscheibe. Eine weitere Vase ohne Glasur zeigt die Dekorationstechnik, die der Töpfer bei einigen seiner Stücke anwendete: eine gemodeltes Auflage wird auf das Objekt appliziert, die feinen Details werden von Hand kunstvoll eingearbeitet, und dann wird das Ganze mit einer farbigen Engobe überzogen (siehe MAHN AA 1870; MAHN AA 2084).
Die Mehrzahl der Stücke, die wir in Travers untersuchen konnten, sind kleine Vasen mit einfachen, eleganten Formen, wahrscheinlich mit einer rosa Glasur überzogen und mit relativ nüchternen geometrischen oder pflanzlichen Motiven verziert, die in Blau, Schwarz und Gelb gemalt sind, ein wenig im Geist des niederländischen Jugendstils. Tatsächlich ist die Hintergrundfarbe durch eine Engobe gegeben, die mit einer semi-opaken Glasur überzogen ist; die Motive scheinen auch mit farbigen Engoben ausgeführt zu sein, die unter der Glasur aufgetragen wurden. Die meisten dieser verzierten und glasierten Objekte sind sehr genau bezeichnet und datiert: «V. Diana – Champ-du-Moulin – 15.XII.1900». Wie die im MAHN aufbewahrten Exemplare zeichnen sie sich durch ihren experimentellen Charakter aus: Die Glasur und die darunter liegenden Dekore weisen regelmässig Brennfehler auf.
Es ist offensichtlich, dass Vincent Diana verschiedene Techniken der Tonformung perfekt beherrschte: Drehen, Giessen, Eindrehen, und es ist wahrscheinlich, dass er dieses Know-how bereits besass, als er sich vermutlich Ende der 1890er-Jahre in Champ-du-Moulin niederliess. Hingegen scheint es ihm nie gelungen zu sein, das Glasieren vollständig zu beherrschen. Dies mag einer der Gründe gewesen sein, warum er die Region um 1905–1906 in Richtung Tessin verliess, wo er als Angestellter der 1904 gegründeten Keramikfabrik in Sementina, im Bezirk Bellinzona, arbeitete (Schweizerisches Handelsblatt, Bd. 22, 1904, S. 1354). Maximilian Diana besitzt zwei feine Steingutobjekte mit der Stempelmarke «Sementina»: eine kleine Jugendstil-Vase mit erhabenen Pflanzenmotiven in mehrfarbiger Unterglasurmalerei und einen Krug in Form eines karikierten Gesichts eines ausgelassenen Lebemanns aus dem Volk. Beide Objekte tragen die Unterschrift von Vincent Diana und das eingeritzte Datum 1907. Laut Maximilian Diana war Vincent als Vorarbeiter in der Keramikfabrik in Sementina angestellt und offensichtlich hat er auch Formen für die Manufaktur entworfen, insbesondere diejenigen, die wir in Travers untersuchen konnten. In Champ-du-Moulin, wo er seine Werkstatt «auf einem Stück Land, das ihm nicht gehörte» eingerichtet hatte, arbeitete Vinzenz zusammen mit seiner Schwester Clothilde und seinem Bruder Albert, Maximiliens Vater. Albert folgte seinem Bruder für einige Zeit nach Sementina, wo sie gemeinsam in der Keramikfabrik arbeiteten.
Weitere Nachforschungen in den Tessiner Archiven werden es uns vielleicht eines Tages ermöglichen, den Werdegang von Vincent Diana genauer nachzuvollziehen, einem interessanten Keramiker, dessen unbestreitbare Talente während seines Aufenthalts in Neuenburg offenbar nie ihren vollen Ausdruck finden konnten.
Übersetzung Stephanie Tremp
Bibliographie:
Blaettler/Ducret/Schnyder 2013
Roland Blaettler/Peter Ducret/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH I: Neuchâtel (Inventaire national de la céramique dans les collections publiques suisses, 1500-1950), Sulgen 2013, 26-28, 500.