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Richard ist an Bord verantwortlich für die Betreuung der Überlebenden. Er war beim allerersten Rettungseinsatz von SOS MEDITERRANEE im März 2016 für unseren damaligen medizinischen Partner Médecins du Monde an Bord. Fünf Jahre später kehrte er als Teil des Teams der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) an Bord der Ocean Viking zurück. Nach mehreren Wochen an Bord erzählt er uns, was sich an Bord verändert hat und warum die Professionalisierung der Einsätze auf See angesichts der humanitären Krise im zentralen Mittelmeer von entscheidender Bedeutung ist. Hier ein Auszug aus dem Interview:
Was sind die wichtigsten Veränderungen, die du zwischen deinem ersten Einsatz im Jahr 2016 und deinem zweiten Einsatz im Jahr 2021 beobachtest?
Während dem ersten Einsatz der Aquarius war alles noch im Aufbau. Wir wussten nicht was uns erwartet, da wir keine klaren Abläufe und Rettungserfahrungen hatten. Dasselbe galt für die Betreuung der Überlebenden. Bessere Abläufe entwickelten wir nach dem Prinzip «Trial and Error». Auch die Crew war damals kleiner als heute und im Nachhinein mussten wir feststellen, dass auch die Rettungsausrüstung nicht perfekt an die Bedürfnisse angepasst war. Die ganze Situation war gefährlicher und herausfordernder, als wir es uns vorstellen konnten. Dies galt auch für die Versorgung von Überlebenden nach ihrer Rettung.
Wir mussten die Bedürfnisse der Geretteten vorhersehen, damit wir sie auf dem begrenzten Raum eines Schiffes versorgen können.
Die Teams wurden sich der Einzigartigkeit dieses Einsatzkontextes im Laufe der Zeit immer mehr bewusst. Bei der Betreuung der Überlebenden zum Beispiel schlug ich vor, jedem ein nummeriertes Armband zu geben, um die Anzahl der Personen an Bord zählen zu können, und medizinische Fälle unter Wahrung der Anonymität im Blick zu halten. Damals war ich alleine an Deck, um Dutzende oder gar Hunderte von Menschen zu registrieren, wir improvisierten mit Armbändern, die wir aus Absperrband und Markern herstellten. Heute haben wir Armbänder, die für diesen Zweck vorgesehen sind. Ein weiteres Beispiel, das mich besonders beeindruckt, sind die verbesserten Rettungsboote, die wir heute an Bord der Ocean Viking haben. Sie sind viel stärker und besser an die Situation angepasst als die, mit denen wir 2016 gestartet sind.
Auch haben sich die Seenotretter*innen stark professionalisiert.
In den Anfangszeiten hatten die Seenotretter*innen nicht immer etwas mit der Seefahrt zu tun, aber heute sind alle nicht nur alle perfekt ausgebildet, sondern absolvieren im Vorfeld auch noch Trainings von SOS MEDITERRANEE Mitarbeiter*innen, in denen jeder Handgriff geübt und wiederholt wird. Innerhalb von fünf Jahren haben sich das Know-how und das Verständnis für die Risiken und Herausforderungen erheblich weiterentwickelt. […]
All dies verbessert die Effizienz von Rettungsaktionen erheblich und trägt somit dazu bei, das Risiko in einem schwierigen und gefährlichen Umfeld zu verringern. Es verbessert auch die Art und Weise, wie wir uns um die Geretteten kümmern, sobald sie an Bord der Ocean Viking sind. Wir haben ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse der Überlebenden.
Hast du auch Veränderungen in Bezug auf die geretteten Personen und/oder den Kontext der Einsätze festgestellt?
In Bezug auf die Geretteten kann ich keine besonderen Veränderungen zwischen 2016 und heute feststellen. Die Demografie der Bevölkerung, die Gründe für ihre Flucht und die Aussagen über die in Libyen erlittene Gewalt sind leider gleichgeblieben. Im Gegensatz dazu ist der Kontext, in dem die Ocean Viking rettet, erheblich komplexer geworden.
Es ist schwierig geworden, Gerettete an einen sicheren Ort an Land zu bringen.
Die Verlängerung ihrer Zeit an Bord der Ocean Viking hat jedoch schwerwiegende Auswirkungen auf ihre körperliche und geistige Gesundheit. Ausserdem geht dadurch Einsatzzeit verloren. Jede Blockade, jede Woche, die wir damit verbringen, auf die Erlaubnis zu warten, an einem sicheren Ort an Land zu gehen, ist Zeit, die wir nicht mit Patrouillen verbringen können. Dies führt zwangsläufig zu einer drastischen und dramatischen Verringerung der Rettungskapazitäten. Mit dem Aufkommen von Covid-19 hat sich dies fatalerweise noch verschlimmert. Die Küstenstaaten sind auf die Unterstützung der anderen europäischen Mitgliedstaaten angewiesen. Zuzulassen, dass Menschen sterben oder zwangsweise nach Libyen zurückgeschickt werden, kann nicht die Lösung sein.
Fotos: IFRC & Jenelle Eli