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FuchsMass49
E Der Tunnel zum Wesen des Menschen:
Die Konstruktion der Mitwelt
Diese Sachlage wird komplizierter, wenn man Umwelt und System nicht wie räumliche Arrangements behandelt, wie Besiedelbarkeiten94, sondern die Aussage ernstnimmt, daß das System die Differenz von System und Umwelt und insofern kein klassisches Objekt, keine res extensa ist, sondern ein im Zeichen der Barre formulierter transklassischer Gegenstand, man könnte sagen: weder Subjekt noch Objekt, sondern – Unjekt.95
Wir gehen dieser Komplikation jetzt nicht umfangreich nach, sondern halten nur fest, daß Sinnsysteme, wenn zutrifft, daß sie keine Stellen im Raum besetzen, als konditionierte Koproduktionen96 begriffen werden können.97
FuchsMass 95-125: Die Form des Menschen -
Die Konstruktion der Mitwelt
8. Der Geist des Menschen
Geist, versteht sich, ist so wenig wie der Mensch oder die Freiheit ein
Theoriebegriff.240 Er ist zu pneumatisch, zu volatil, zu sehr ›Spiritus‹, einer der Zentralgründe dafür, daß Kant jede Pneumatologie verworfen hat: als schlechte Metaphysik.241 Dennoch besetzt das Wort bis heute bei der Bestimmung dessen, was der Mensch sei, einen zentralen Rang.242
Der Mensch, das ist ein ›Geistwesen‹, wobei dann Geist schon früh als ›Formlosigkeit‹ thematisiert wird, die in gewisser Weise ein ›Ort der Formen‹ ist, ohne selbst: Form zu sein.246 Insofern Geist ›ortlos‹ ist, hat er die eigentümliche Qualität, nichts beinhalten zu können, was Orte in Anspruch nähme. Übrig bleibt das Substanzlose, die Ideen oder, wie man später sagen kann, die Information:
»Der Geist enthält keine Dinge, keine Schweine, keine Menschen, keine Geburtshelferkröten oder was auch immer, sondern nur Ideen (d.h. Nachrichten von Unterschieden), Informationen über ›Dinge‹ in Anführungszeichen, und immer in Anführungszeichen ...Daraus folgt, daß die Grenzen des Individuums, wenn sie überhaupt real sind, keine räumlichen Grenzen sind, sondern eher so etwas wie die Figuren, die in mengen-theoretischen Diagrammen /Mengen/ darstellen, oder die Sprechblasen, die aus den Mündern der Personen in Comic Strips kommen.«247(Bateson)
Wenn aber Informationen nach Bateson Unterschiede sind, die
Unterschiede machen, dann ist das, was der Geist enthalten kann (wenn er so etwas wie ein Enthalter wäre), absolut undinglich. Geist hätte nicht eigentlich ein Sein, und wenn doch, so wäre er oder hätte er ein ausgezeichnetes Sein:
»Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ›Person‹, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig sich vollziehendes (wesenhaft bestimmtes) Ordnungsgefüge von Akten.
Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie. Seelisches vollzieht ›sich selbst‹ nicht: es ist eine Ereignisreihe ›in‹ der Zeit … Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende.«248 (Scheler)
Als dieses seltsame (nur zeitlich ordnende) Nicht-Ding ist Geist für Max Scheler genau das Merkmal, das nicht auf einer Dimension liegt, die den Menschen mit dem Tier verbindet. Geist ist nicht einfach nur gesteigerte Intelligenz, die im Dienst der Adaption, der Lebenserhaltung steht.249
Er ist vielmehr ein Prinzip, das »lebensfeindlich« und dem Leben entgegen-gesetzt ist.250
Geist ist »existentielle Entbundenheit vom Organischen«, Umweltfreiheit, Weltoffenheit251, fernerhin »Sachlichkeit, Bestimmbarkeit durch das So-Sein von Sachen selbst.«252 Er verfügt nicht einmal über eine eigene Energie.253
Nun würde man aber in die Falle der Anthropo-Ontologie laufen, wenn versucht würde, etwas darüber auszumachen, was denn der Geist sei. Die Frage ist vielmehr im Zuge unserer Untertunnelung, welcher Prozeß, welcher Zustand oder ›Unzustand‹ bezeichnet wird, wenn von Geist die Rede ist, und wiederum verfahren wir so, daß wir die Ermöglichungs-bedingungen von Kommunikation in den Blick zu nehmen. Es müßten ja in gewisser Weise unfaßbare, undingliche, unsinnliche und vielleicht sogar un-sinnige Bedingungen sein, die man ebendeswegen unter den Titel ›Geist‹ rubriziert.
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a) Undinglichkeit zum ersten: Die Metaphysik der Autopoiesis
»Da wir also, mit völlig ungenügendem Intellekt ausgerüstet, (eine Gemeinheit des Demiurgen!), in einem Meer von Unbegreiflichkeiten plätschern: hab ich mir seitdem abgewöhnt, Metaphysik zu betreiben. Selten mehr Denkanfälle.
Nun stehe ich nur noch und registriere, was die lächerlichen alten Damen (die Parzen) mit mir und der Welt so vorhaben.« Arno Schmidt
»Es gibt nichts in unserer Modernität, das nicht zutiefst metaphysisch ist.« Jacques Derrida
»Jedesmal wenn in unserem Geist Dualität auftritt, erscheint Zeit. Zeit ist der generische Name für alles, was Dualität und Differenz betrifft.« Valéry, P.
Wenn man davon ausgeht, daß Sozialsysteme sich autopoietisch repro-duzieren und daß sie zu diesem Zweck die Zeit der différance aufspannen, in der es keine identischen und identifizierbaren Ereignisse gibt, die nicht im Nachhinein (auf dem Wege der Differenz, der Dualität254) ermittelt würden durch Ereignisse, die demselben Aufschubsarrangement unterliegen, dann müssen die Systeme ihrer Mitwelt nicht nur Sinnexegese betreiben können, sondern in ihrer Eigenzeit auf diesen Zeitmodus eingestellt sein, also zeittechnisch zumindest ›autopoiesisisomorph‹ operieren.255 Sie würden sich (als Sinnsysteme) nicht in der ›Naturzeit‹ bewegen, deren Vektor, klassisch genommen, von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft ausgerichtet ist, sondern in der Sinnzeit, die im Blick auf herkömmliche Zeitmodelle zeitgegenläufig arbeitet.256 In dieser Zeit ist dasselbe niemals dasselbe – außer paradox: durch einen Nachtrag, der die Identität vorangegangener Ereignisse bezeugt, aber sie dadurch erst: erzeugt.257
Autopoietische Systeme als Zeitmaschinen halten nichts fest, es gibt auf operativer Ebene keinen Verbleib, keine Remanenz, kein ›Anwesen‹ von Ereignissen.258 Solche Systeme kennen keine elementaren Identitäten, keine Aneignungen, die nicht zugleich ›Ent-Aneignungen‹ wären.259 Das aber hieße zunächst, daß solche Systeme sich nicht selbst fassen, sich nicht sich selbst appräsentieren könnten.
Ebendeshalb war es nötig, oben von re-entry-mächtigen Mitweltsystemen zu sprechen, die dazu befähigt sind, sich selbst in sich selbst von allem Nicht-sie-selbst unterscheiden zu können.260
Insofern darf man gerade nicht im Sinne Max Schelers (der sich auf Geist bezieht) von einer reinen, puren Aktualität reden, wenn man auf Autopoiesis referiert, sondern nur von einer verschobenen Präsenz (das ist die Zeit der Sinnerwirtschaftung) und von einer völlig unfaßbaren Gegenwart dessen, was akut, was jählings, was als ein Ereignis geschieht, das nur ein Ereignis gewesen sein wird, wenn ein anderes Ereignis (für das dasselbe gilt) hatte angeschlossen werden können.261
Das aber hieße zunächst, daß solche Systeme sich nicht selbst fassen, sich nicht sich selbst appräsentieren könnten. Ebendeshalb war es nötig, oben von re-entry-mächtigen Mitweltsystemen zu sprechen, die dazu befähigt sind, sich selbst in sich selbst von allem Nicht-sie-selbst unterscheiden zu können.260
Insofern darf man gerade nicht im Sinne Max Schelers (der sich auf Geist bezieht) von einer reinen, puren Aktualität reden, wenn man auf Autopoiesis referiert, sondern nur von einer verschobenen Präsenz (das ist die Zeit der Sinnerwirtschaftung) und von einer völlig unfaßbaren Gegenwart dessen, was akut, was jählings, was als ein Ereignis geschieht, das nur ein Ereignis gewesen sein wird, wenn ein anderes Ereignis (für das dasselbe gilt) hatte angeschlossen werden können.261
261 Ich erinnere an den schönen Satz: »Das ist – weil es schon gewesen ist: So lautet das merkwürdigste Gesetz des Geistes.« (Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 3, Frankfurt am Main, 1989, S. 29.
Vielleicht trifft man das Gemeinte am ehesten, wenn man sich das
autopoietische Operieren wie ein Zählen vorstellt, bei dem Zahlen herauskommen, die nicht das Zählen sind.262 Zählen könnte man auffassen
als das ›Einschießen‹ von Lücken in eine im Prinzip lückenlosen Welt.263
Von Zahlen her (von diesen Resultaten aus) läßt sich ein Zählen, das sie erzeugt, schlußfolgern, ein Zählen, das aber nicht eine Zahl ist, sondern: Operation. Diese Operation wäre (jedenfalls solange wir der Einfachheit halber bei natürlichen Zahlen bleiben) die ›Verlückung‹ eines unendlichen Kontinuums. Umgedeutet auf Autopoiesis: Die Operation (als différance-basierte Synthese, sei sie psychisch, sei sie sozial) ist: Inzision in der metrischen Bedeutung dieses Wortes, ›Zäsurierung‹ oder Intervallproduktion, Synthese des Übergangs264, Erzeugung von ›transients‹, das dann so, daß kein Synthese-Ereignis die ›Fülle des Seins‹ hat oder trägt oder gar Subjekt einer Kette von isolierbaren Ereignissen sein könnte.265
Die autopoietische Synthese (i. e. Operation) ist schlicht nicht registrabel. Sie ist – mit einem alten Wort gesagt –: ineffabile.266 Man könnte sogar formulieren: Sie ist präzise ›metaphysisch‹.267 Sie läßt sich, will das heißen, nicht ›physikalisieren‹, messen, abwiegen, sie kann nicht operationalisiert und empirischen Verfahren zugänglich gemacht werden. Und es trifft sich, daß die différance durch ebendiese Eigenschaft, keine Eigenschaft zu haben, definiert ist.268 Die autopoietische Operation ist nicht erreichbar, sie ist durch den durchgehenden Zug der Nicht-Originalität gekennzeichnet.269
Sie produziert ›Resultate‹ (zum Beispiel: Vorstellungen oder Kommunikabilien), aber sie ist nicht: diese Resultativität. Sie kann auch nicht als Singularität gedacht werden, sie ist als Operation nur Operation in Konkatenation, und wir würden hier sagen: aus diesem Grund nur systemisch möglich.
Nicht einmal das Wort ›Operation‹ trifft den Sachverhalt genau, denn es suggeriert einen Operateur270, einen Täter, der die Operation tut, oder wenigstens einen Vorgang, der als Subjekt eines Satzes genommen werden könnte.
Soziale Systeme können die Besonderheit dieser Metaphysik nicht wahrnehmen noch (und aus dem gleichen Grunde) deren Resultate.
Ebendeswegen setzen sie, wie wir sagten, wahrnehmende und zugleich
sinnbefähigte Mitweltsysteme voraus, die ihrerseits registrieren können, daß sie die operative Konkatenation (ihrer selbst und der Sozialsysteme) nicht einsehen und nicht kontrollieren können.
Wir wollen annehmen, daß der Ausdruck für diese Nichtkontrollierbarkeit ›Geist‹ ist: als das, was – wiewohl es an den Resultaten ablesbar ist – jede (sinnliche) Wahrnehmung transzendiert, ohne dabei in irgendeinem klassischen Verständnis transzendent oder gar transzendental zu sein. Wenn man ein altes Bild aufgreifen darf: Der Geist (den wir leider nur hypostasiert, als Subjekt schreiben können), ist das ›Wehen‹, das man nur an der Bewegung der Blätter erkennt. Es fügt sich, daß schon in der Antike dieses Bild zentral ist: Pneuma.271 Wir wollen wie Kant diese Pneumatologie verwerfen, aber anders als er nicht die Vernunft an deren Stelle inthronisieren, sondern einfach nur sagen: Geist ist der sozial eingeführte Ausdruck (der Stellvertreter) für sinnbasierte Autopoiesis.
Wenn man vom ›Geist des Menschen‹ als seinem Königszeichen spricht, so ist nichts weiter gemeint als diese spezielle Operativität. Die via regia zu einer Analytik des Geistes wäre entsprechend eine Zeitanalytik der Autopoiesis, für die im Augenblick noch nicht logisch hinreichend mächtige Instrumente zur Verfügung stehen. Für unsere Zwecke genügt es, daß soziale Systeme sinnbasierte Autopoiesis in ihrer Mitwelt als Bedingung ihrer Möglichkeit voraussetzen. Die semantische Abbreviatur dafür: Geist.
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b) Undinglichkeit zum zweiten: Die Metaphysik des Beobachters
Beobachtung ist eine Operation, die auf dem Abstraktionsniveau der Autopoiesis beobachtet wird.272 Diese Formulierung ist selbst-implikativ,
zirkulär, paradoxie-anfällig, insofern sie besagt, daß man über diese Operation nur dann etwas wissen kann, wenn man sie durchführt, sie also im genauen Sinne auf sich selbst anwendet.273 Erschwerend kommt hinzu, daß das Abstraktionsniveau, auf dem der Begriff ›Autopoiesis‹ kalibriert ist, so hoch liegt, daß man, wie oben festgehalten wurde, von einer Art ›Zeitmetaphysik‹ ausgehen müßte, die nur um den Preis erheblicher Simplifikationen in die Nähe von etwas ›Empirisierbaren‹ überführbar wäre.
Ziel der Abstraktion des Beobachtens hin auf ein Unterscheiden und Bezeichnen (oder vielleicht genauer: auf ein Bezeichnen hin, das immer einen Unterschied markiert, der selbst durch eine Unterscheidung bezeichnet werden könnte), Ziel also dieser Abstraktion war es, einen Begriff für zwei empirisch vollkommen verschiedene Realisationen derselben Form zu haben, mithin psychische und soziale Operationen der Form nach als baugleich zu identifizieren. Es ist evident, daß die Psyche nichts Soziales herstellt oder reproduziert und das Soziale nichts an Psychischem. Der einfachste Ausdruck dafür ist: Psychische Systeme kommunizieren nicht, soziale Systeme nehmen nicht wahr (denken nicht).
Beide Systemtypen jedoch vollziehen, so die These, die Operation der Beobachtung – das aber nur in einer unterschiedlichen Medialität, die keine operativen Überlappungen zuläßt. Sie bezeichnen (also: unterscheiden) in einem fort: soziale Systeme durch Anschlußoperationen, die festlegen, daß und dann wie ein vorangegangenes Ereignis an wiederum voraufgegangene Ereignisse angeschlossen hat, psychische Systeme durch die Transformation von Gedanken in Vorstellungen274 oder, wie ich es sagen würde: durch Zitation.275
Das dadurch gegebene Problem macht sich sprachlich bemerkbar. Es bereitet offenbar keine Schwierigkeit, die Systeme, die die Mitwelt sozialer Systeme ausmachen, als beobachtende Systeme aufzufassen, aber ersichtlich gewaltige Mühe, soziale Systeme (Kegelclubs, Hochzeitsgesellschaften, Organisationen oder gar die Gesellschaft) als beobachtende Systeme zu denken. Wahrscheinlich würden viele noch mitziehen, wenn gesagt würde: Soziale Systeme prozessieren Beobachtungen, sie beinhalten sie gleichsam, aber den nächsten Schritt würden nicht mehr so viele mitmachen, nämlich das Partizip ›beobachtend‹ adjektivisch an das Substantiv ›Sozialsystem‹ zu hängen. Man erträgt, daß das Wort Sozialsystem sprachlich in die Subjektposition rücken kann, aber nicht: daß es genommen wird wie die Bezeichnung eines, wenn man so sagen darf: Realsubjektes. Sozialsysteme können nichts tun, sie sind keine Agenten oder Akteure, und wenn man doch so verfährt, als ob es so wäre, bewegt man sich im Kontext von Konventionen oder sozial konzedierten Abbreviaturen, die nur in einer (vielleicht deswegen sogar anrüchigen) wissenschaftlichen Spezialsprache eine Funktion erfüllen, aber in keinem Fall so etwas wie ›eigentliche‹ Ausdrücke sind. Die ›eigentlichen‹ Beobachter, das sind die Leute, die Menschen; Sozialsysteme ließen sich, so der Tenor der Einwände, nur in einem ›Jargon der Uneigentlichkeit‹ zu Beobachtern stilisieren.
Die Weigerung, solcher Uneigentlichkeit beizupflichten, speist sich aber aus einer systemisch-systematischen Quelle. Sozialsysteme setzen (dies ist wiederum der Duktus unserer Untertunnelung), eine Mitwelt voraus, die von re-entry-mächtigen, sinndeutungsbefähigten, volitions-, intentionalitäts- und freiheitsbegabten Prozessoren gebildet wird, die – und nur in dieser Form – als Ankerpunkte der Zurechnung auf mitteilende Instanzen dienen.276
Was immer auch als Selektion der Mitteilung in der Kommunikation (via Anschlußselektivität) zustande kommt, es käme nicht zustande, wenn nicht mit dieser Selektion auch ›Mitteiler‹ ermittelt würden, durch Mitteilung Handelnde, die sich via Mitteilung mutuell aufeinander beziehen und genau in diesem Sinne Subjekte der Kommunikation zu sein scheinen. Dieses ›Ausflaggen‹ ist so alltäglich, so selbstverständlich, daß psychische Systeme kaum eine andere
Chance haben, als sich dann tatsächlich auch als Handelnde (und nicht als solche, die gehandelt werden) zu begreifen. Damit aber gehandelt werden kann, muß beobachtet werden können, und genau in diesem Sinne projizieren soziale Systeme Beobachter so in die Umwelt, daß nur Beobachter die konstitutive Umwelt, also: die Mitwelt ausmachen.277
Prekär für einen klassischen Beobachter, der eine universitas rerum aufspannt, ist, daß die Theorie der Beobachtung den Beobachter nur in einer transklassischen Form zuläßt. Er ist keine ›Dichtigkeit‹, keine ›opacité‹.278
Der Beobachter kann nur selbst unterschieden und bezeichnet werden. Er taucht nicht als er selbst auf, sondern immer schon: als Bezeichnung.279 Die zur Katachrese gewordende Metapher des ›blindspot‹ ist hier einschlägig.280 Sie besagt, daß die Beobachtungsoperation den Beobachter verdeckt, weil sie ihn nur unterscheiden und bezeichnen kann.281
Er ist, in einer etwas anderen Sprache gesagt, immer: imago, immer: imaginär. Er ist (ähnlich wie ein Medium) schlicht das Resultat von operativer Inferenz, mithin im weiter oben bezeichneten Sinne: Unjekt. Als Subjekt eines Satzes könnte er nur gebarrt notiert werden – Beobachter.282 Oder in paradoxer Formulierung: Der Beobachter ist eine ›nonentity‹283, ein imaginärer Wert, mit dem soziale Systeme rechnen können (im Sinne von Projektion).284
Die Situation verschärft sich, wenn man dazu übergeht, Systeme als Beobachter, Beobachter als Systeme zu konzipieren. Dann sieht man sofort, daß sinnbasierte Systeme ihre Einheit ebenfalls nur imaginär konstituieren können, da Systeme gar keine Einheiten sind, sondern: sich reproduzierende Differenzen, also ebenfalls: Unjekte.
Die Mitwelt sozialer Systeme ist die Projektion psychischer (wahrnehmender und sinnverarbeitender) Systeme, also – genau besehn – die Projektion einer Differentialität, die sich ihrer selbst niemals ansichtig wird, es sei denn: als Konstruktion, die schon im Gedanken der Re-entry-Mächtigkeit impliziert ist.
Im Ergebnis: Der Beobachter ist ›meta ta physica‹. Er ist nicht angesiedelt in der Welt wie ein weiteres Ding, ein weiterer Zustand. Er ist nicht erreichbar, man kann ihn nicht ins Licht ziehen, ihn nicht ›aufklaren‹, geschweige denn: aufklären. Er ist – cum grano salis formuliert – transzendental, ein Apriori jeder sozialen und psychischen Operation, eine aporía oder, spielerischer gesagt: eine kognitiv und kommunikativ unumgängliche Ausweglosigkeit. Der Beobachter ist unfaßbar, die Chiffre für diese Unfaßbarkeit (und die damit verknüpfte Fassungslosigkeit) seit Olims Tagen: Geist.
c) Undinglichkeit zum dritten: Die Metaphysik der singulären Allgemeinheit
Beobachten ist Bezeichnen im Rahmen einer Unterscheidung oder ein
Bezeichnen, das von Beobachtern (eingeschlossen: Selbstbeobachtern) als eine Markierung aufgefaßt werden kann, an die sich durch weitere Operationen derselben Art Unterscheidungen heranassoziieren lassen. Jede Markierung ist nur Markierung, wenn sie als in einer Unterscheidung situiert aufgegriffen wird. In der kognitiv und kommunikativ verfaßten Sinnwelt informieren Unterschiede als Unterscheidungen, die seriatim getroffen werden, und sie informieren ausschließlich, wenn sie die Sinnform aufweisen – also nur als selektive Verweisung. Pointierter: Sinnfreies Beobachten ist schon deswegen unmöglich, weil die Operation der Beobachtung nicht Unterschiede nutzt, sondern Unterscheidungen.285
Mit dem Medium ›Sinn‹, in das sich Bezeichnungen/Unterscheidungen einschreiben lassen, sind zwei seltsame Bewandtnisse verknüpft: Es ist nämlich universal und, wenn und insoweit es mit Zeichen verknüpft wird, allgemein.
Universal, das will (in tautologischer Formulierung) heißen, daß ausnahmslos
alle Sinnsysteme dem Sinn nicht ausweichen können. Es gibt für sie keine sinnfreien Operationen, und selbst die Beobachtung, die sagt, etwas sei sinnlos, hat ersichtlich: Sinn.286
Sinn ist »fundamentale Ordnungsform«287, insofern er (in sich und für jede Applikation) immer Negation ermöglicht, nur nicht die Negation seiner selbst. Es ist keine Äußerung denkbar, die Sinn negiert – außer in der Form von Sinn, also paradox. Eine Formulierung Martin Heideggers variierend, ließe sich sagen: Der Sinn ist das Haus des Seins.288 Es ist für Sinnsysteme ein absolut ›verrammeltes‹ Haus. Es hat keine Ausgänge.289 Da ist keine Exit-Option.290 Weder Körperbezug noch Gefühle machen eine Ausnahme: Auch dies alles ist Sinnsystemen nur als Sinn zugänglich.291
Allgemeinheit von Sinn, das will heißen, daß jeder Sinn, der durch (einst stattgehabten oder aktuellen) Zeichengebrauch in’s Spiel kommt, niemals privater oder idiosynkratischer Sinn ist. Wenn wir Bewußtsein begreifen als ein zeichenprozessierendes System (und das bedeutet auch: als ein beobachtendes System), dann stammt alles, womit es bezeichnen und unterscheiden kann, nicht von ihm selbst, sondern aus der Sozialität, die – via Kommunikation – alle Möglichkeiten der Bezeichnung und Unterscheidung anliefert.
Das Bewußtsein ist ein durch und durch auf der Operation des Zitierens beruhendes System, das, wenn es erst einmal im Gange ist, schließlich auch die organisierte Wahrnehmung (i. e. das psychische System) in toto dazu nötigt, die Weltregistratur oder die Welterzeugung (das ›Welten‹) zitatförmig zu leisten.292 Die alte Formulierung, daß der Mensch zur Freiheit verurteilt sei (Sartre), läßt sich variieren: Das psychische System ist zu Sinn verurteilt und damit: zur Allgemeinheit von Sinn, zur Unmöglichkeit der Kommunikation von Einzigartigkeit, geknüpft an die Unmöglichkeit: einzigartig zu denken oder wahrzunehmen.293
Der Beobachter (hier: Bewußtsein), den das Sozialsystem projizieren muß, insofern es Zitationsmaschinen benötigt, ist: der überaus paradoxe Fall einer singulären Allgemeinheit.294 Er ist komplette Alterität.Will man einen Ausdruck, den die soziale Welt für diesen Fall einer in Singularitäten prozessierten Allgemeinheit bereitstellt, so empfiehlt sich auch dafür der alte Ausdruck: Geist. Und es schickt sich an dieser Stelle, Georg Wilhelm Friedrich Hegel die schuldige Reverenz zu erweisen.295
d) Undinglichkeit zum vierten:
Die Metaphysik der Nicht-Berechenbarkeit
Es gibt überaus interessante Versuche, im Blick auf die eben diskutierten ›meta ta physica‹ dem Gehirn, das als die Infrastruktur (hardware) psychischer Prozesse aufgefaßt wird, ›Verfahren‹ nachzuweisen, die hinsichtlich der bekannten Physik und der bekannten Mathematik als errechnende Nichtrechnungen zu begreifen wären.296 Sogar die Quantenphysik wird mit all ihren für den common sense so heftigen Bizarrerien bemüht, um irgendwie eine Zone für causes uncaused oder computations uncomputed zu identifizieren, die dann die Quellen für das wären, was man das Unphysikalische oder Unbiologische schlechthin nennen könnte, eben die Quellen für den Geist oder das Geistige, für – wenn man so sagen darf – die ›sprungbereite‹ Dämonie, die irgendwie von den Futteralsystemen der Mitwelt sozialer Systeme beherbergt wird und, wie wir gesehen haben, genau in dieser Form Projektion ist: vom Sozialen her beobachtet.297
Es scheint fast als, als ginge es darum, im Ding ›Gehirn‹, in dieser ›Super-Verschaltung‹, ein nicht-dingliches Ding zu (er)finden, das sich gleichwohl (in welcher wissenschaftlichen Zukunft auch immer) der physiko-chemikalisch-biologischen Welt einordnen ließe, ein im Moment abenteuerliches Sonderding sozusagen, das aber im Fortschritt der hard sciences ent-abenteuert werden könne, ein Fortschritt, für den das ›Unbedingte‹ nichts sei, das sich aushalten lasse.298
Das Reich der Freiheit, der Volition, der Intention und Intuition, des Ästhetischen, das Reich des Geistes also, das eines der a-kausalen Spielräume, der Indeterminiertheit wäre, wird dabei, wiewohl es sich in dieser Perspektive irgendwie entdinglicht findet, gleichwohl ›dingfest‹ gemacht. Die
Psyche, das Bewußtsein, der Geist (mind) sind so eine Art ›Etwasse‹, die sich zwar den Beobachtungsmöglichkeiten klassischer Physik entziehen, etwa dem Prinzip der Stetigkeit oder dem der vollständig kausalen Bestimmtheit der Welt, ›Etwasse‹ aber, die durch die transklassische Physik (im wesentlichen Quantenphysik) neuen Interpretationen ausgesetzt werden können.299
Seite 115 Soziale Systeme haben per definitionem keine Masse, kein Gewicht, keine Ausdehnung, keine Organe, keine Wahrnehmung. Sie sind keine Behälter, die membranartige Grenzen unterhalten, keine materialen Soliditäten oder Unsoliditäten, die sich der Physik (oder Chemie oder Biologie) der Welt unterordnen ließen. Sie leben, wie wir sagten, nicht einmal; aber sie leben auch nicht nicht.303 Sie fallen nicht in irgendeine naturwissenschaftliche Kategorie, so sehr sie auf der Ebene ihrer Infrastruktur (der Subemergenz) an die Physik, die Chemie, die Biologie der Welt gebunden sind, an Unverzichtbarkeiten, ohne die sie nie zustandekämen, Unverzichtbarkeiten, die aber zugleich nicht Momente, Elemente oder Komponenten der autopoietischen Reproduktion von
Sinnsystemen sind.
Kurz: Sozialsysteme lassen sich nicht als so eine Art ›Dinge‹ auffassen, insofern sie die Reproduktion und Stabilisierung einer Differenz darstellen: System/Umwelt, für die gilt, daß sie keinen ›Raum‹ bezeichnet mit einem ›Drumrum‹, kein Gebilde mit einer Umgebung, durch die sich spazieren ließe, bis man an eine Grenze käme, die das ›Drumrum‹ abrupt abbräche zugunsten eines ›Drinnen‹, das man nach dem Überschreiten einer Grenze betreten könnte wie eine eingezäunte Kuhwiese oder eine romanische Krypta. Es gibt, wenn man über die differentielle Konstitution sozialer Systeme spricht, kein ›Introite‹ und kein ›Introibo‹.
Der deutlichste und bekannteste Ausdruck dafür ist, daß diejenigen, die als ›Grenzgänger‹ vorstellbar wären, die Leute, die Menschen, die Individuen etc., niemals irgendeine Grenze überschritten haben, um dann in die Sozialität einzurangieren. Sie sind immer diesseitig, und Sozialsysteme im Blick auf diese Diesseitigkeiten immer: transzendent und deswegen auch nicht besiedelbar.
Nun wäre dies alles kaum der Rede wert, wenn nicht im Zuge unserer
Argumentation das, was für Sozialsysteme gilt (sie sind durch keine Physik
erreichbar), auch seine Gültigkeit behielte für das, was wir Psyche, psychisches System, Bewußtsein nennen. Diese Art von System ist nicht minder die Reproduktion einer System/Umwelt-Differenz, nicht minder autopoietisch, nicht minder ausgestattet mit ephemeren, zeitflüchtigen Elementen, die sich an keiner Stelle des Systems aufhalten, eines Systems, das darüber hinaus keinen Raum, keine Stelle hat, an der es ein Ereignis beherbergen könnte. Reproduktion einer Differenz, das heißt auch (in der sprachlichen Bizarrerie, die wir uns gönnen: Es ist ›Unjekt‹. Es läßt sich nicht beobachten, oder besser (wenn wir schon quantenphysikalische Analogien heranziehen): Es läßt sich nur ›aspekthaft‹ beobachten, nur so, daß das Scharfstellen eines Aspektes andere Aspekte ver-unschärft, vielleicht so ähnlich, wie es die Heisenbergsche Unschärferelation (1927) für mikrophysikalische Un-Einheiten behauptet.304
Ein Ausdruck für diese seltsame Unbeobachtbarkeit mag erneut ›Geist‹ sein.
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e) Undinglichkeit zum fünften: Die Metaphysik des Systems –
konditionierte Koproduktion
»Himmel und Erde entstehen mit mir zusammen.
Das All wird mit mir Eins.« Tschuang Tschou
»La natura è piena d’infinite ragioni che non furono mai in isperienza.«
Leonardo da Vinci
Wenn man sagt, das System sei Differenz, sei die Einheit von System und Umwelt, läßt man sich auf höchst absonderliche Verhältnisse ein. Denn die Einheit einer solchen Differenz ist nicht die EINS des Systems, das, wie man leicht sehen kann, als Begriff, der definiert werden soll, in der Unterscheidung, die ihn definiert, wiederum auftaucht, ein logischer Fehler, wie es scheint, der das System, wie wir oben schon bemerkt haben, in’s Imaginäre entschwinden läßt.305 Ein Ding dieser Art kommt in der uns vertrauten Realität nicht vor.306 Der schwierige Begriff, der darauf reagiert und den wir oben schon mehr oder minder allusiv eingeführt haben, ist konditionierte Koproduktion.307
Koproduktion ist zunächst das Zentrum oder – vielleicht besser – die Schaltstelle der Laws of Form des George Spencer-Brown: »Der gesamte Text der Laws kann auf ein Prinzip reduziert werden, welches wie folgt aufgezeichnet werden könnte. Kanon Null (Koproduktion): Was ein Ding ist, und was es nicht ist, sind, in der Form, identisch gleich.«308
Das ist die Behauptung der Einheit einer Zweiheit.309 Diese Behauptung ist unmittelbar verknotet mit der Vorstellung, daß die Welt, die wir kennen, durch die Operation des Beobachtens entsteht. Denn dieser Satz bezieht sich nicht auf ein Universum, wie es ist, sondern auf das Universum und die Universa310, die entstehn, wenn beobachtet, also unterschieden und bezeichnet wird.
Der Einschub ›in der Form‹ referiert auf die Form der Form – das ist die Unterscheidung. »We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.«311
Wenn mithin in einer Beobachtung Koproduktion bezeichnet ist, wird die Form unterschieden von: Nichts.312 Oder anders: Jede Unterscheidung unterscheidet sich als Form (i. e. als Unterscheidung) von Nichts.313 Die Form der Unterscheidung ist die Unterscheidung selbst, gehalten gegen oder projiziert auf ›emptiness‹, auf den ›empty space‹.314 Oder noch anders: Mit jeder Erzeugung einer Form wird das, was sie nicht ist, mitproduziert.315
Konditionierte Koproduktion, das ist für Spencer-Brown der exakte Ausdruck dafür, »wie das scheinbare Universum sich selbst aus dem Nichts heraus konstruiert.«316 Wann immer etwas beobachtet wird, ist im selben Zuge etwas, das es nicht ist, mit-produziert. Das Bezeichnete (das Etwas) gerät in die Sicht um den Preis einer ungeheuerlichen Ausblendung, die – indem sie eine
Partikularität erscheinen läßt – den ›Rest‹ verschwinden macht: »Seine
Partikularität ist der Preis, den wir für seine Sichtbarkeit bezahlen.«317 Das ist der Sinn der berühmten Formulierung: »Existence is a selective blindness.«318
Wir müssen jedoch hier nicht den mystischen Abzweigungen folgen, die Spencer-Brown selbst nahegelegt hat, indem er den Laws of Form sechs chinesische Schriftzeichen vorausgehen läßt, die er aus dem Dao de Jing des Lao-Tse bezieht und die in etwa bedeuten: »Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos.«319 Für uns wichtig ist allein, daß der Begriff der konditionierten Koproduktion geeignet erscheint, die Metapher des Systems aufzulösen, die – wenn man Kontakt aufgenommen hat mit jenem Begriff – plötzlich als Abbreviatur (im nahezu musikalischen Sinne dieses Wortes) begriffen werden kann.
Denn wenn das System (und wir reden hier immer über Sinnsysteme) Differenz ist, dann ist es: Nichts.320 Dann hat es kein ›Sein‹. Dann ist es nichts ›Seiendes‹.321 Wir können dann nicht mehr sagen, hier ist das eine, dort das andere System (so sehr uns die Sprache dazu nötigt), sondern nur, daß das System (als Wort322) dafür einsteht, daß ›etwas‹ weder hier noch dort ist, daß jede Bezeichnung eines ›hier‹, eines ›dort‹, eines ›hüben‹, eines ›drüben‹ die konditionierte Koproduktion ver-einseitigt, einschnürt und in gewisser Weise: vergewaltigt.323 Und schlimmer noch: Der Beobachter, der diese Ver-Einseitigung vornimmt, ist selbst: Resultante desselben Prozesses, wenn und insoweit wir ihn als System denken. Er ist, wie wir oben sagten: ein ›Blindlings‹.324
Das System ist, wenn man es als eines markiert, das, was es ist, per exclusionem: durch Ausschluß dessen, wodurch es ist, dessen also, was es nicht ist, obwohl dieses Nicht-ist kein Nicht-ist wäre ohne die Markierung, durch die es in einem Zuge (in der einen Beobachtung) hergestellt wird. Oder – weniger sperrig: Tick ist nur Tick, wenn Tack ist, und Tack ist nur Tack, wenn Tick ist.325 System ist nur System, wenn Umwelt ist, und Umwelt ist nur Umwelt, wenn System ist. Ohne einander sind beide: Nichts.326
Aber auch das ›Ohne einander‹ führt in die Irre, denn das Korrelat wäre: ›Miteinander‹, und darin würde stecken: das eine und das andere. Aber es geht nicht um dies und dann das, nicht um zwei Begrenztheiten, die ›wechselwirken‹. »Ichi soku Issai« – All: das ist Einheit, so formuliert man Differenz und Einheit im Japanischen.327 Übersetzt auf unsere Fragestellung: Setzt man Kommunikation auf Null, vernichtet man: Bewußtsein; setzt man Bewußtsein auf Null, vernichtet man Kommunikation. 328
122 123
Vielleicht kann man hier in einer alten Tradition von einer synousía sprechen, einem ›abstandslosen Zusammensein‹.329 Oder auch von einer operativen Henosis (Einung), der man dann nur beikommen könnte mit einer Henologie, die noch zu verfassen wäre.330 Sie wäre aber zugleich eine ›Dyologie‹, insofern sie von ihrem ›Gegenstand‹ nur immer wie von etwas reden könnte, das der Fall ist, wenn etwas anderes der Fall oder nicht der Fall ist.331
Jede Bezeichnung der einen Seite der Differenz ist nur möglich, wenn damit ein im Moment »verborgener Begleiter« entsteht, etwa in dem Sinne, daß ein Cent nur ein Cent ist, wenn es mehr gibt als nur den einen.332
Spencer-Brown formuliert: »Having decided that the form of every token called cross is to be perfectly continent, we have allowed only one kind of relation between crosses: continence. Let the intend of this relation be restricted so that a cross is said to contain what is on its inside and not to contain what is not on its inside.«333
Das bedeutet, daß jede Unterscheidung, die ›perfekte Beinhaltung‹ darstellt, in einem Raum geschieht, durch den sie Teil einer weiteren Unterscheidung wird, die sie nicht beinhalten kann. Sie schreibt ein ›cross‹ mit, das sie nicht mitschreibt, eben ein: unwritten cross, und das mag dann eine gute Übersetzung jenes ›leeren, verborgenen Begleiters‹ sein. Überträgt man dieses Verhältnis auf das System, so würde jede Unterscheidung, die auf der Unterscheidungsseite des Systems vorgenommen wird (zum Beispiel: System/Element) die ›große Außenseite‹ dieser Unterscheidung un-schreiben.
Etwas anders ausgedrückt: Jeder Ausdruck, der in einem ›tiefen Raum‹ angetroffen wird, kann diesen Raum nicht mitunterscheiden, wiewohl er als Bedingung der Möglichkeit für den Ausdruck unverzichtbar ist. Allein im seichten Raum der Tiefe Null wird der Ausdruck ganz getroffen (System/Umwelt) und unterscheidet sich dann nur noch von: Nichts.334
Will man also Systeme beobachten (genommen als die eine Seite der Differenz System/Umwelt), dann kann man nicht die Einheit der Unterscheidung im seichten Raum der Tiefe Null unterscheiden, denn wovon könnte man diese Einheit unterscheiden? Wie sollte man die Grenze zum Nichts überschreiten können? –
Die einzige Möglichkeit ist der berühmte re-entry, der Wiedereintritt der Unterscheidung in die Unterscheidung. Hier hieße das, daß auf der Seite der Unterscheidung System/Umwelt noch einmal System und Umwelt unterschieden werden, jetzt aber so, daß die Kopie der Ausgangsunterscheidung in die Seite des Systems es gestattet, die so entstandenen Seiten zu kreuzen. Die bekannte Metapher dafür ist die des Tunnels.335
Das System kann seine eigene Einheit nicht erfassen (bezogen auf dieTiefe Null), aber die Differenz kann gleichsam in es eingeschleust werden, und zwar so, daß das System sich in sich selbst von Nicht-es-selbst unterscheidet, weil es die Grenze ›intern‹ kreuzen kann, die es auf der Ebene seiner Einheit zu kreuzen nicht in der Lage ist. So entsteht ihm seine Zeit336, so die Realität, in der es sich und anderes bezeichnen kann, und so das, was man die ›reale Dauer‹ genannt hat.337
Das ist auch gemeint, wenn vom unhintergehbaren Schon-Sein-in-der-Welt die Rede ist.338 Und natürlich: Auch time-binding ist nur möglich, wenn der re-entry stattgefunden hat, der die Zeit eröffnet.339
Was durch die Untertunnelung, dem re-entry, ausgelöst wird, ist die Blindstellung der konditionierten Koproduktion der Tiefe Null. Das System begegnet sich im Modus der selective blindness.340 Es hat keinen Zugriff auf seine Einheit außer in der Weise einer Oszillation zwischen System und Umwelt – in sich. Es hat auch nicht, wie wir beiläufig, aber nicht ohne Ernst sagen wollen, irgendeine Möglichkeit, seine Einheit in der seichten Unterscheidung zu kontrollieren, zu steuern oder auch nur irgendwie zu beeinflussen.341
Konditionierte Koproduktion ist nicht erreichbar. Sie ist dem Zugriff entzogen, wenn im re-entry die zugängliche, aber gerade nicht vollständige Welt inszeniert wird. Versucht man dennoch, das System oder seine Umwelt zu beobachten, ist eine Beschreibung gleichsam nur als ›improper mixture‹ möglich, als ›uneigentliche Mischung‹.342
In einer ganz anderen, sehr mächtigen Philosophie-Sprache ausgedrückt, zieht die Untertunnelung den Schleier der Mâyâ auf.343
In unserer Diktion: Die Metaphysik des Systems ist keine Chimäre, sie ist die Referenz auf die Unterscheidung der Tiefe Null, auf konditionierte Koproduktion, auf diese Zugriffsentzogenheit, der man in der Tradition die verschiedensten Namen gegeben hat, auch den des Geistes.344 Klar dabei ist, daß der Mensch auf der Ebene der Tiefe Null nicht vorkommt (nicht beobachtet werden kann); aber er wird – klassisch – begriffen als das Wesen, das Anteil hat an dieser fundamentalen Bedingung der Möglichkeit von Unbeobachtbarkeit.
323 In einer Metapher gesagt, die eigentlich keine Metapher ist: »Das Auge
ist schon in den Dingen, ist Teil des Bildes, es ist die Sichtbarkeit des Bildes… Das Auge ist nicht die Kamera, es ist die Leinwand.« So jedenfalls Deleuze, G., Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main 1993, S. 82. Natürlich kann man den Eindruck gewinnen, daß »nicht-Cartesischen Menschen« hier eine starke Intuition eignet. Ein Beispiel für viele:
»Die graue Maus will Erde aus dem Loch scharren.
Diese Maus will Erde herausscharren.
Diese lukura-Maus hat helle Flecken.
Diese lukura hat helle Flecken.
Diesen Sodabusch zernage ich,
Ich selbst zernage ihn.
Die feuchte Erde zermalme ich,
den Kopf auf das Kopfkissen gelegt zermalme ich sie.
Den cotton-bush zernage ich,
die an der Spitze befindlichen Blätter.«
(Lied der Aranda, zit. nach Bowra, C. M., Poesie der Frühzeit, München 1967, S. 183.
Seite 309
VII. Epilog
»Ohne Kommunikation gibt es keine menschlichen Beziehungen, ja kein menschliches Leben.« Niklas Luhmann
Alltäglich fungierende wie religiöse, philosophische und wissenschaftliche Anthropologien würden nur noch mühsam, nur noch kontraintuitiv, nur noch um den Preis von Starrsinn Reduktion von Komplexität leisten können. Wir haben gesagt, daß Sätze wie »Der Mensch ist … die Menschen sind … die Menschheit ist… das menschliche Leben ist …« und all ihre Äquivalente unter heterarchen Gesellschafts-bedingungen nur mehr als Indices für im besten Fall ›robuste Naivitäten‹, im schlechtesten Fall für Fundamentalismen genommen werden können.
Der Mensch ist, wenn wir mit leicher Hand gegen unser eben eingeführtes
Verdikt verstoßen dürfen, ein (historisch konditioniertes) regulatives Sinnschema, das – nach langer Insistenz auf Einheit, Zentralität, Einzigartigkeit1 – unter die Bedingung einer ›Listenförmigkeit‹ ausfällenden Moderne geraten ist, die dem Schema die ›Regulativität‹ nimmt.
Rekonstruktion der Konstruktion von Menschen als relevante Umwelt (Mitwelt) durch soziale Systeme.
Die Strategie dieser Rekonstruktion war es, von sozialen Systemen, von Kommunikation her zu errechnen, wie diese Umwelt beschaffen sein müßte, damit das Spiel des genuin ›Sozialen‹ gespielt werden kann. Oder anders formuliert: Die Suche galt dem, was im Sinne externer Notwendigkeiten als Bedingung der Möglichkeit des Betriebs sozialer Autopoiesis (von dort aus gesehen) unverzichtbar wäre, und der Beantwortung der Frage: wie diese ›Externitäten‹ beschaffen (angesetzt) sein müßten, damit jenes Spiel ›funktioniert‹.
Man könnte mit allem Recht einwenden, daß diese Strategie ältere ›Vereinseitigungen‹ (das Denken des Menschen von Gott, später vom Menschen her) nur durch eine andere ›Einseitigkeit‹ ersetzt (das Denken des Menschen von sozialen Systemen her), aber genau gegen diesen Einwand ist das Theorem konditionierter Koproduktion gesetzt und die im gewissen Sinne ›ungeschriebene Lehre‹ des Unjekts.4
Dazu wurde auf dem zurückliegenden Weg einiges gesagt, das sich auf den einen Punkt bringen läßt:
Ein System ist nicht ein ›ontologischer Ort‹, um den man quasi herumspazieren könnte, sondern der (mnemotechnische) Ausdruck für die Einheit der Differenz von System und Umwelt. Wenn man etwas ›in‹ einem System (sagen wir: in der Psyche, im sozialen System) bezeichnet, gelingt dieser Bezug auf ein ›In‹ nur durch eine Abstraktion, die mit der Schein-Evidenz eines Innen/Außen-Schemas operiert, so als ginge es um ein ›Dies‹ und ›Das‹, um die Zustandsverschränkung von Wahrnehmung und Sinn (menschliches Leben) hier, um soziale Systeme (Nicht-Menschliches) dort.
Die zentrale Leistung einer System/Umwelt-Theorie ist aber nicht dieses ›hier‹ und ›dort‹, sondern das Kupieren genau dieser Denkmöglichkeit im Sinne eines Differenzdenkens, das die Differenz nicht als ›Spreizung‹ im Raum denkt, nicht als Distanz zwischen etwas hier und etwas anderem dort, sondern Spatialisierung schon als Effekt einer Einheit auffaßt, die – beobachtet – via Unterscheidung in die Form der ›Zwei‹ getrieben wird.5 Sobald Beobachtung im Spiel ist, ist ein präsignifikativer ›Raum‹ (ist die ›chora‹, wenn man an tiefe Intuitionen Platos denkt) nicht mehr erreichbar.6
Konditionierte Koproduktion ist (wie auch der Ausdruck ›Unjekt‹) das noch hilflose Zeichen dafür, daß die Verschiedenheit von System und Umwelt observationstechnisch nicht vermieden werden kann...
Das Sinn-Schema ›der Mensch‹ markiert die fungierende Zentralsymbolik der soziopsychischen Koproduktion. In dem Wort ›Symbolik‹ (wie im Wort ›Koproduktion‹) ist die Unauflösbarkeit, die Unausdeutbarkeit, die ›Unausstaunbarkeit‹7 des im Schema bezeichneten Sinnes mitausgesagt.
Aber welche Witterungen auch immer, der Eindruck stellt sich ein, daß solche Einschätzungen intellektuelles Vergnügen bereiten können,aber wenig ›alltagstauglich‹ sind. Die Referenz auf konditionierte Koproduktion, auf die Einheit jener fundamentalen Verzweiung, ist nicht instruktiv im Blick auf die Frage, was zu tun sei. Sie informiert über einen stets zurückweichenden Letzthorizont anspruchsvoller Kognition, über einen Letzthorizont, der allenfalls (aber alles andere als darin unwichtig) hilfreich für Bemühungen ist, fundamentalistische Letzteinschätzungen der Welt zu konterkarieren, denen Anthropo-Ontologien zugrunde liegen. Aber die Frage, was zu tun, was ›gesollt‹ zu tun sei, ist damit nicht beantwortet.
Und sie kann auch hier nur im Sinne einer Vorbereitung für mögliche
Konkretionen diskutiert werden. Im Zentrum einer solchen Präparation steht die These, daß zumindest ein ›Seitenwechsel‹ versucht werden könnte, wenn (nach allen vorangegangenen Überlegungen) akzeptiert wird, daß die Frage des Menschen nicht mehr abzulösen ist von der Domäne der Kommunikation. Ethik wäre dann nicht mehr verfertigbar als etwas, das in den Blick gerät, wenn das menschliche ›Leben‹ sub specie aeternitatis beobachtet wird15 oder: sub specie hominis, sondern als etwas, das sub specie communicationis konstruiert werden müßte.
Das primäre Begehren ist das Begehren nach ›Partizipation‹ an Kommunikation, die ubiquitär die Bedingung der Möglichkeit für alles ist, was sonst noch im menschliche Leben Bedeutung gewinnen kann.
Die Zukunft läßt sich als ein Medium begreifen, dessen Invarianz durch die Variabilität oder die Toleranz für Sinnzuweisungen oder Formeinschreibungen bestimmt ist. Und es fügt sich, daß die Präzisierung, die wir vorgenommen haben, als wir von ›Inferenzmedien‹ sprachen, ein zentrales Merkmal der Zukunft mitgetroffen hat: ihre ausschließliche Inferierbarkeit. Von diesem Gedanken ist es nicht sehr weit zu der Überlegung, daß die Moderne der Gesellschaft gekennzeichnet sei durch massive Referenz (Inferenz) auf das Medium ›Zukunft‹. Nicht die Vergangenheit, nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft wird mehr und mehr in jeder Gegenwartslage für die Konditionierung von Sinngestaltungen in Anspruch genommen...
Seite 125
F Transit zur Moderne des Menschen
1. Die Frage nach einer anderen Erzählung des Menschen
Auf dem bislang zurückgelegten Weg haben wir den Versuch unternommen, die Form des Menschen zu bestimmen. Zentral war dabei, daß nach Vorspielen im Blick auf die einfachste Unterscheidung des Menschen (der Mensch/die Menschen) und im Blick auf Menschheit als Deklarationsmedium ausprobiert wurde, ob sich – sozusagen quintessentiell – noch etwas über den Menschen ausmachen lasse. Dabei sind wir trickreich verfahren. Wir haben nicht mehr gefragt, was der Mensch sei, sondern wie das, was wir alltäglich ›Mensch‹ nennen, von Sozialsystemen als Moment der relevanten Umwelt (als Mitwelt) konstruiert werden muß.
Wann immer es darum geht, die relevanten Prozessoren in der Umwelt sozialer Systeme zu bestimmen (und natürlich solcher sozialer Systeme, wie wir sie bis dato kennen345, von denen wir also annehmen, daß sie im Betriebsmodus der Kommunikation arbeiten), wird eine Mitwelt logisch erzwungen, deren Prozessoren intransparent sind in ihrer Eigen-Operativität, eine Mitwelt, die sich aus Futteralsystemen zusammensetzt, die als ›Außenheiten‹ auf unzugängliche ›Innenheiten‹ durchschließen lassen.346
Solche Systeme müssen zu einem Modus der Verlautbarung fähig sein, die gerade nicht das ›Innere‹ laut werden läßt. Sie müssen ferner in der Lage sein, dabei Verlautbarungsformate zu wählen, die kommunikativ anschlußfähig sind, und ebendeshalb kann es sich nur um Systeme handeln, die das Spiel der différance, die Zeit der Autopoiesis beherrschen.
Da soziale Systeme selbst nicht wahrnehmen und erleben, projizieren sie, wie wir sagten, wahrnehmende (erlebende) Systeme als gleichsam punktuelle Mitweltkonstituenten, die vor allem über erlebende Sinnverarbeitung347 verfügen, die daher anders ›sinnmächtig‹ sind als soziale Systeme, deren Autopoiesis Sinnmöglichkeiten nur ausstreut, verteilt, offeriert, disseminiert, proliferiert, ramifiziert. Und insoweit vorausgesetzt werden kann,
daß Operieren auf Sinnbasis immer Selektion bedeutet, bleibt keine Wahl: als jene Um- oder Mitweltpunktualitäten als zur Volition begabte Einheiten zu begreifen, die – post festum beobachtet – immer anders hätten agieren können, als sie agiert haben, Einheiten, die man auch arbitraritätsbefähigt, kontingenzstark, dämonisch oder
kurzum: frei nennen könnte.
Als ausgesprochen schwierig erwies es sich dann, die Projektion ›Geist‹ zu verstehen, die nahezu immer in Verbindung mit der Thematisierung des Menschen auftaucht und die die Projektion eines ›Undinglichkeitsregisters‹ ist, in das die Zeit der Autopoiesis, die Imaginarität des Beobachters, die Paradoxie der singulären Allgemeinheit, die Nicht-Berechenbarkeit und – absolut: meta ta physica – konditionierte Koproduktion eingehängt sind.
Die Geistmetaphern des Volatilen, des Pneumatischen, des Un-Faßbaren erwiesen sich in gewisser Weise als ›präzise‹ Metaphern, die jenes Undinglichkeitsregister bezeichnen, durch das dem Menschen unterstellt wird, er sei als bloßer Körper (plus in ihm residierenden und ihn regierenden, computerhaften Gehirn) unterbestimmt. Er sei immer: mehr als nur das, mehr als nur eine intelligente (anpassungsfähige) somatische Maschinerie.
Peter Fuchs
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