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Editorial
Leitartikel sind interessant, auch und gerade in sprachlicher Hinsicht. In der Wochenendausgabe der NZZ vom 12./13. August 2006 wird das neue Ausländergesetz, das infolge eines linken Referendums im September 2006 in der Schweiz zur Volksabstimmung gelangt, als »eine bessere Basis für die Ausländerpolitik« beworben. An der Sprache fällt weniger ihr Wagemut als ihr Rekurs auf das ›Sachliche‹ auf, das heisst in diesem Fall auf das Spannungsfeld, in dem sich Politik notwendigerweise bewege: »Zielkonflikte liegen dabei in der Natur der Sache. Interessen der Wirtschaft und der öffentlichen Dienste (man denke an Spitäler und Heime) sprechen für die Zuwanderung von Erwerbstätigen. Integrationsprobleme legen es nahe, die Zulassung zu beschränken. «
Das Interessante wie Beklemmende an dieser Passage ist nicht nur der Zynismus, ›sachlich‹ zu schreiben, wo es doch um Menschen geht. In der Sprache drückt sich vielmehr auch die Enge jenes Diskursfeldes aus, in dem sozioökonomische Fragen in der Regel überhaupt verhandelt werden können. Diese Enge entsteht dadurch, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Tat ständig ›Zielkonflikte‹ nahe legen. Die Vernunft gebietet dann, sich für das eine und gegen das andere zu entscheiden, abzuwägen oder zu vermitteln.
Nehmen wir ein Beispiel aus der arbeitsmarktpolitischen Diskussion: Angesichts der Schwierigkeit vieler Arbeitsloser, den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen, ist es üblich geworden, den weiteren Abbau von Kündigungsschutzrechten derjenigen, die ihn Lohnarbeit stehen, zu fordern. Getreu der Logik, wonach ich umso eher in ein Boot steigen kann, je weniger andere sich darin festhalten können. Diese Logik liegt gewissermassen in der Natur der Sache und erscheint als solche ideologiefrei.
Wenn es ein Kriterium für linkes Denken gibt, dann ist es die Skepsis gegen die allseitige Behauptung von ›in der Natur der Sache‹ liegenden Zielkonflikten. Linkes Denken reflektiert in praktisch-verändernder Absicht die Bedingungen, unter denen Sachzwänge und Zielkonflikte überhaupt möglich sind. Vor gut zwei Jahren wurde in der Schweiz das Denknetz gegründet, um das Feld des Verhandelbaren, das unter den aktuellen Kräfteverhältnissen so eng geworden ist, wieder zu öffnen. Das ist gewiss nicht immer einfach, und auch die Akteure des Denknetzes kennen die realpolitischen und persönlichen Widersprüche des Alltags. Doch das Denknetz ist gewachsen, nicht nur als Verein mit steigender Jahrbuch 2006 Denknetz Inhalt 2.10.2006 21:29 Uhr Seite 3 Mitgliederzahl, sondern als Netzwerk, das in Form von Veranstaltungen, Workshops, Jahrbüchern und Newslettern Denkimpulse liefert, die quer zu den ›naturgesetzlichen‹ Sachzwängen und Zielkonflikten liegen.
So hat beispielsweise das Jahrbuch von 2005 ›Der neue Glanz der Gleichheit‹ die meist verschwiegenen Voraussetzungen freigelegt, die es Wissenschaft und Politik heute ermöglichen, Werte wie Freiheit, Gleichheit und soziale Sicherheit als unvereinbar zu erklären. Das Jahrbuch 2006 nimmt diese Spur des Plädoyers für gesellschaftliche Gleichheit auf und versammelt Beiträge, die trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge, Sprachstile und Schlussfolgerungen eines eint: Die Weigerung, die Enge des Diskurses zu akzeptieren, die Vorstellungen wie jene vom vollen Boot prägt. Ein Boot kann nämlich ausgebaut, verbessert oder verlassen werden.
Das Denknetz bedankt sich ganz herzlich beim Verlag edition 8, der Lektorin und den AutorInnen, die uns ihre Texte unentgeltlich zur Verfügung stellen. Im Gegensatz zu 2005 enthält das vorliegende Jahrbuch leider keine Beiträge aus der Suisse Romande. Das wird nächstes Jahr wieder anders sein und entspricht unserem Ziel, in allen Landesteilen Resonanz zu finden. Deshalb bleibt der Titel zweisprachig, selbst wenn sich diesmal zwischen den Buchdeckeln ausschliesslich deutschsprachige Texte finden.
Die Jahrbuch-Redaktion
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Cover
AutorInnen
Josef Lang, Hans Baumann, Ruth Gurny, Andreas Rieger, Rolf Nef, Beat Ringger, Holger Schatz, Ingrid Kurz-Scherf, Denknetz AutorInnengruppe, Mag Wompel, Heidi Stutz, Walter Schöni, Bernard Schmid, Christine Goll, Andres Frick, Serge Gaillard, Rebecca Schreier, Oliver Peters, Hanspeter Guggenbühl, Sabine Reiner, Willi Eberle, Hans Schäppi, Adrian Zimmermann, Heiner Flassbeck, Friedrike Spiecker, Urs Mari.
ISBN
Hans Baumann, Beat Ringger, Holger Schatz, Walter Schöni und Bernhard Walpen (Hg): Denknetz Jahrbuch 2006: Gute Arbeit für alle: Illusion oder Programm?; ISBN (10) 3-85990-116-8, ISBN (12) 978-3-85990-116-2; Verlag: edition 8, Postfach 3522, 8021 Zürich
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