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Der Spucker, erster Teil
von Cedric Weidmann
Till fror.
Seine Freundin rückte auf der Bank näher und schmiegte sich schlotternd an ihn. Durch den Bahnhof zog ein harscher Luftzug und Dunkelheit bedeckte die beiden in trügerischer Absicht.
„Ich freue mich darauf, zu Hause zu sein“, sagte Miriam durch ihre klappernden Zähne.
„Ja, ich mich auch. Und ich freue mich auch darauf, auszuschlafen“, antwortete Till.
Miriam bejahte stumm und plötzlich erklangen Schritte auf dem Bahnhof.
„Ach, da kommt jemand. Nachts, um diese Zeit? Ich dachte, wir wäre die Einzigen, die auf so dumme Ideen kommen.“
Till schwieg aufmerksam und spuckte auf den Boden.
Ein Mann, der vom anderen Bahnhofsende kam, trat aus dem Dunkeln in den Schein einer grellen Lampe, aus deren Licht er auch schon wieder verschwunden war, bevor die beiden ihn richtig hatten erkennen können. Wie es die näherkommenden Schritte versprachen, tauchte er jedoch bereits bei der nächsten Lampe auf und sein Auftritt dauerte schon ein wenig länger.
Der Mann war mittleren Alters, trug einen blauen Mantel und einen dazu passenden, altmodischen Hut und in seiner rechten Hand hielt er einen Aktenkoffer, den er beim Gehen energisch mitschwang. Die Sohlen seiner Schuhe klangen, da es sehr kalt war, besonders laut über den Bahnhof.
Suchend blickte er umher und entdeckte, als er endlich nahe genug herangekommen war, das Pärchen mit einem Gesichtsausdruck, der seine Freude darüber verriet, eine Sitzgelegenheit gefunden zu haben, aber gleichzeitig nicht den Ausdruck von Enttäuschung über die Tatsache verbergen konnte, dass er seine Bank mit jemandem, sogar mit zweien, würde teilen müssen.
„Guten Abend“, sagte er knapp und setzte sich mit einer Bewegung neben Till hin, die dafür sorgen sollte, dass sein Mantel beim Hinsetzen nicht zerknittert würde.
„Hallo“, antwortete Miriam kühl, während Till nur nickte.
Die beiden Jugendlichen hatten ihre Gespräche eingestellt und schwiegen erwartungsvoll, als hätte sich etwa der Mann plötzlich zu Wort melden und sie unterhalten müssen. Immerhin – so schien es ihnen, je länger sie schwiegen – wäre es an der weitaus erfahrensten Person, ein Gespräch aufzubauen. Auch wenn sie eigentlich auf keinen Fall ein Gespräch führen wollten: Es lag eines bedrückend in der Luft.
„Wann kommt nochmal der Zug?“, richtete sich Miriam an ihren Freund.
„Er sollte gleich kommen, glaube ich.“
Der Mann schwieg und legte seine Aktenkoffer sorgfältig neben sich hin. Er bewegte sich vornehm und bewies seine Bewegungen als sehr elegant. Aufmerksam sah er die beiden an, ohne jedoch aufdringlich hinzustarren.
Till spuckte vor sich auf den Boden.
Alle regten sich nicht, so dass sie umso erstaunter waren, als plötzlich der Mann im Anzug gurgelte und weit über Tills Speichelfleck hinausspuckte. Miriam lachte erstaunt auf und auch Till liess ein Lachen vermerken, während er den Mann im Anzug anblickte. Dieser wich seinem Blick scheu aus und versuchte stattdessen, aus dem Sitzen seine Schuhe zu binden.
Till richtete sich auf und spuckte, unter wilden Gesten Miriams, die ihm raten sollten, diese Peinlichkeit nicht zu begehen, über die Plattform bis zu den Geleisen.
Der Mann im Anzug sah kurz hin und dann weg, als würde es ihn ekeln. Stattdessen prüfte er die Zeit auf der glitzernden Armbanduhr, die unter seinem Ärmel zum Vorschein kam.
Als es Till bereits wieder aufgegeben hatte und sich peinlich berührt von ihm abwandte, hörte man den Mann wieder über den Bahnhof gurgeln und er spuckte erneut, diesmal sogar noch weiter, über das erste Gleis, bis zum Rande des zweiten.
Miriam konnte sich nicht mehr halten vor Lachen.
Till jedoch richtete sich auf, sammelte Wasser in seinem Mund und schleuderte mit einer kräftigen Vorwärtsbewegung seines Oberkörpers Spucke über den Bahnhof, so dass er die Distanz des Mannes überwinden konnte, auch wenn nur sehr knapp, denn der Mann hatte Erstaunliches geleistet.
Der Mann öffnete seinen Aktenkoffer, nahm eine Zeitung heraus und fingerte an ihr herum, als wolle er mitten in der Nacht darin lesen, doch bevor er auch nur auf einer Seite zur Ruhe kam, hatte er schon auf die Plattform auf der anderen Seite gespuckt.
Till traute seinen Augen kaum, auch Miriam stellte ihr Glucksen ein. Beeindruckt sah Till den Mann an, doch der Mann hatte den Hut tief in sein Gesicht gezogen und stand auf. Wenige Sekunden später stieg er in den Zug, das überrumpelte Pärchen hinterher. Sie gingen ihm nach in den oberen Stock, doch er setzte sich nirgends. Er hastete durch die Türe in den nächsten Wagon und immer noch verfolgten ihn die Jugendlichen, um mit ihm wenigstens ins selbe Abteil sitzen zu können, so fasziniert waren sie von ihm.
Doch der Mann liess nicht locker. Als er am Ende des Zuges angekommen war, wechselte er einfach die Richtung und durchschritt nun den unteren, statt den oberen Stock. Irgendwann gaben es Till und Miriam auf und es war das letzte Mal, dass sie den Spucker gesehen hatten.