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Dem römischen Kaiser Titus Flavius Vespasianus (9 n.Chr. – 79), auf Deutsch Vespasian, wird zu Unrecht die Einrichtung öffentlicher Urinale (Pissoirs) in Rom und in den bedeutenderen Städten des Reiches zugeschrieben. Die französische Bezeichnung ‹vespasienne›, die spanische ‹vespasiano›, die italienische ‹vespasiano› oder ‹vespasiana› für ein öffentliches Urinal zeugen davon, obwohl sie glücklicherweise immer seltener verwendet werden, dass die falsche Annahme immer noch in Köpfen herumgeistert.
In Tat und Wahrheit gab es in Rom und in Etrurien bereits seit Jahrhunderten äußerst vornehme, hygienische, saubere, komfortable öffentliche Toiletten, wie man sie nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nirgendwo mehr sehen würde und wie es sie an den meisten Orten der Welt noch heute nicht gibt. — Diese Toiletten standen, wie die öffentlichen Bäder und fast alle öffentlichen Einrichtungen, den Einwohnerinnen und Einwohnern (auch Fremden und Sklaven) unentgeltlich zur Verfügung. Die Betreiber der Toiletten verdienten sich aber dennoch eine goldene Nase damit: In den Urinalen sammelten sie den Urin der Männer (ich nehme an, aus praktischen und anatomischen Gründen ausschließlich der Männer), den man zur Herstellung von Ammoniak verwendete. Zahlungsfreudige Abnehmer des begehrten Stoffes waren Gerbereien, Gießereien, Wäschereien, Hersteller von Heilmitteln und/oder Kosmetika und andere Betriebe.
Da erst kommt Vespasian ins Spiel. Er erhob auf den Verkauf von (verarbeitetem und unverarbeitetem) Urin an die Betriebe eine Steuer. — Senatoren, die über eine Steuer des Römischen Reiches auf menschliche Ausscheidungen die Nase rümpften, soll der Kaiser entgegnet haben:
‹PECUNIA NON OLET› (Geld stinkt nicht).
Historisch belegt ist das Bonmot allerdings nicht.