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Am Sonntag ging in Kiew das dritte Internationale Dokumentarfilmfestival «Kontakt» zu Ende. Die Reaktorkatastrophe von 1986 wurde nur von ausländischen Filmschaffenden aufgegriffen.
Der zwanzigste Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bildete einen kleinen, dafür gewichtigen Schwerpunkt des jungen internationalen Dokumentarfilmfestivals «Kontakt» in Kiew. Zwei Filme setzten sich mit den Folgen des Unfalls auseinander - interessanterweise nicht ukrainische, sondern ausländische Produktionen. Gunnar Bergdahl, der Regisseur des schwedischen Beitrags «Ljudmila und Anatolij», erklärt sich die Abwesenheit der ukrainischen Filme zu diesem Thema damit, dass in den Köpfen der Menschen Tschernobyl nicht Teil der ukrainischen Nationalgeschichte sei, sondern unter den «alten Sowjetzeiten» abgelegt werde. Allerdings empfindet er diesen Umstand nicht als störend: «Tschernobyl betrifft die ganze Welt und nicht nur die Ukraine. Die Katastrophe muss uns allen die Augen öffnen.»
Der Film von Gunnar Bergdahl erzählt die Geschichte von Ljudmila Ignatenko. 1986 war sie dreiundzwanzig Jahre alt, frisch verheiratet und schwanger. Mit ihrem Ehemann Vasilij, einem Feuerwehrmann, lebte sie in Pripjat, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Tschernobyl. Er war einer der Ersten, die bei dem Brand vor Ort waren - und somit auch einer der Ersten, die kurz darauf an den Folgen der Strahlung starben. Die stillen Bilder und die Erzählstimme von Ljudmila aus dem Off schaffen eine Eindringlichkeit, die das Ausmass der Tragik und des Traumas jenseits der Fakten zum Vorschein bringt. Im zweiten Teil des Films widmet sich der Regisseur dem Sohn Ljudmilas, Anatolij. Damit holt er die Geschichte von 1986 in die Gegenwart. Mehr als acht Jahre lang hat Bergdahl an diesem Film gearbeitet: «Das Thema ist wichtiger denn je, gerade jetzt, da beispielsweise Schweden wieder neue Kernkraftwerke plant.»
Auch die kurze Videoarbeit «Chernobyl-2» der jungen Russin Olga Smakowa thematisiert die späten Folgen der Katastrophe. In einem Abstand von mehreren Jahren filmte sie das Paar Sergej und Tatjana. Er war Liquidator in Tschernobyl und wurde dafür als «Held der Sowjetunion» gefeiert - mit einer Abfindung von 800 Rubel. Er fand keine Anstellung mehr und betrachtete sein Leben mit damals 29 Jahren als abgeschlossen. Trotzdem ist der Film eine hoffnungsvolle Geschichte, da er die grosse Verbundenheit zwischen den beiden zeigt - die ihn, wie Sergej sagt, bis heute am Leben gehalten hat. Doch bei der gemeinsamen Betrachtung alter Videoaufnahmen wird offenbar, dass diese Liebesgeschichte bald zu Ende sein wird: Der Körper Sergejs ist gezeichnet von der Strahlenkrankheit, er wird nicht mehr lange leben. Dies ist sein zweites, privates Tschernobyl.
Eine Reihe anderer Filme behandelt akute Missstände in der heutigen Ukraine. Die Arbeitslosigkeit hat vor allem im Süden gewaltige Ausmasse angenommen und dominiert hauptsächlich den Alltag junger Menschen. Dem Drogenmissbrauch und der anschwellenden HIV-Rate widmet sich die Produktion «Pozytyvni ljudi» («Positive People»). Zaghafte Versuche zur Prävention scheitern an fehlenden Mitteln, doch lassen private Initiativen Hoffnung aufkommen: So wird im Film ein junger Mann porträtiert, der Tag für Tag aus eigenem Antrieb gebrauchte Spritzen einsammelt, 6000 Stück pro Jahr, diese mit akribischer Sorgfalt reinigt und anschliessend verteilt. Nach seiner eigenen Berechnung bewahrt er durch seine Aktion pro Jahr rund 150 Personen vor einer HIV-Infektion.
Das Festival versucht die ganze Bandbreite des lokalen Filmschaffens zu präsentieren. Viele Produktionen zeichnen sich durch gewichtige Inhalte und Themen aus, doch die formale Gestaltung ist wenig ausgereift, gerade bei den kürzeren Formaten. Dies sei mit ein Grund gewesen, das Festival vor zwei Jahren zu gründen, sagt Andrej Khalpachtschi, der Direktor von «Kontakt»: «Für den Dokumentarfilm soll ein Forum geschaffen werden, das ihn einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich macht. Dies soll für die Filmschaffenden ein Antrieb sein, auch mit wenig Mitteln gute Filme zu realisieren.»
Trotzdem feierte das ukrainische Filmschaffen in letzter Zeit international Erfolge, nicht zuletzt mit einer Goldenen Palme für «Wayfarers» von Igor Strembitskij (bester Kurzfilm in Cannes). Doch der Direktor will nichts wissen von einer Hochblüte: «Der ukrainische Film hat zwar seit Sowjetzeiten Tradition, und es gab immer grosse Regisseure wie Aleksandr Shapiro in unserem Land. Heute kämpft unser Film jedoch um seine Identität. Und das wird noch viele Jahre andauern.» Die Probleme liegen auf der Hand: In der einzigen Ausbildungsstätte des Landes, dem Filmdepartement der Universität Kiew, mangelt es an allem - die Gebäude sind baufällig, wichtige technische Ausrüstungen fehlen, und die überalterte Professorenschaft bedürfte dringend eines Generationenwechsels. Ausserdem wandern viele gut ausgebildete Leute ab - immer noch lockt vor allem Moskau die Filmschaffenden aus der Ukraine mit Aussichten auf eine Karriere an.
Den momentanen Erfolg des ukrainischen Films sieht Khalpachtschi deshalb weniger in dessen Qualität begründet als vielmehr in der grossen Aufmerksamkeit und Sympathie, welche das Land in den letzten zwei Jahren erfahren hat: Vor allem der - mittlerweile allerdings gescheiterten - orangen Revolution sei Dank.
Es sind keine einfachen Umstände, unter welchen der ukrainische Film zu bestehen hat. Trotzdem wird viel produziert. Am Festival sind einige Perlen auszumachen, Filme, die sich mit der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart des Landes auseinander setzen. Gleich mehrere Dokumentationen zeichnen die orange Revolution nach. Intensiv ist die umfassende Produktion «Den’ syomy» («Der siebte Tag»): Der Regisseur Oles Sanin forscht nach dem entscheidenden Moment während der Revolution, dem Wendepunkt im Konflikt zwischen Opposition und Regierung. Am siebten Tag, dem 28. November 2004, waren die Sicherheitskräfte bereit, den Platz der Unabhängigkeit zu stürmen. Doch sie taten es nicht, und das Regime fiel. Der Film folgt detailgenau den Entscheidungen und der Psychologie der beteiligten Parteien. Archivmaterial aus den heissen Tagen, als tausende in klirrender Kälte auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew ausharrten, rundet den Film ab. «Den’ syomy» ist sachlich gehalten und reisst einen trotzdem mit.
Die Geschichte der orangen Revolution wird noch lange nachhallen. In der ukrainisch-schweizerischen Koproduktion «Nevseremos’! Lyudy Maydanu» («Leute von Maydan») versucht der Regisseur Sergej Masloboichtschikow, die Hoffnungen und Illusionen der damals Demonstrierenden einzufangen. Der Film ist ein facettenreiches Panorama der Basis dies- und jenseits der Barrikaden. Er dokumentiert aber auch die nicht erfüllten Erwartungen jener Tage.
Die Schweizer Beteiligung am Festival war beachtlich. Einige Filme schafften es in den internationalen Wettbewerb, unter anderem «Hippie Masala. Für immer in Indien» des Berners Ueli Grossenbacher und der Bernerin Damaris Lüthi und «Chasseur» von Alexandre Charlet. «Hors Temps» von Jeanne Berthoud gewann eine Auszeichnung - der Film begleitet die beiden Schweizer Arbeitslosen Rolande und Jerôme während eines Arbeitsprogramms in Sankt Petersburg. Die Hauptpreise des Festivals gingen an «Blokada» des Exilukrainers Sergej Loznitsa und an «Deutschland einig Jammertal» des Kölners Konstantin Faigle.
Das Filmfestival kämpft noch mit organisatorischen Kinderkrankheiten, das - internationale wie lokale - Publikum kam nur spärlich. Doch die Ansprüche der MacherInnen sind gross: «Kontakt» soll sich neben dem Schwesterfestival Molodist als weiteres wichtiges Zentrum des Dokumentarfilms etablieren.
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