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Hermann Staudinger (1881–1965)
Professor für allgemeine Chemie an der ETH Zürich
Hermann Staudinger kam am 23. März 1881 in Worms zur Welt, als Sohn von Auguste Staudinger-Wenck, einer Frauenrechtlerin, und Franz Staudinger, einem Gymnasiallehrer, Philosophen und Führungsmitglied der sozialistischen Konsumgenossenschafts-bewegung in Deutschland. Nach dem Abitur am Gymnasium in Worms 1899 begann er an der Universität Halle an der Saale Botanik und Chemie zu studieren.
Auslandaufenthalt
Im Herbst desselben Jahres setzte er das Studium der Chemie an der Technischen Hochschule Darmstadt fort, ging für zwei Semester nach München und kehrte 1901 nach Halle zurück, wo er 1903 promovierte. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Strassburg. Hier entdeckte er 1905 das erste Keten.
Heirat und Habilitation
Von 1906 bis 1925 war er mit Dorothea Förster verheiratet. Das Paar hatte drei Töchter und einen Sohn.
Im Frühling 1907 habilitierte Staudinger an der Universität Strassburg mit einer Arbeit über Ketene. Im Herbst desselben Jahres wurde er ausserordentlicher, Ende 1910 ordentlicher Professor für organische Chemie an der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Neben weiteren Forschungen zu Ketenen sowie aliphatischen Diazoverbindungen untersuchte er dort unter anderem die Zusammensetzung von Kautschuk und – gemeinsam mit seinem Assistenten und späteren ETH-Professor Leopold Ruzicka – Insektengift aus einer dalmatischen Chrysanthemenart.
Professur für allgemeine Chemie
Während eines Besuches in Basel erfuhr Staudinger, dass die ETH Zürich die Neubesetzung der Professur für allgemeine Chemie ausgeschrieben hatte, nachdem der bisherige Amtsinhaber Richard Willstätter zum Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem ernannt worden war. Am 3. März 1912, dem letzten Tag der Bewerbungsfrist, liess Staudinger dem ETH-Präsidenten durch einen Eilboten seine Bewerbungsunterlagen zukommen. Im Sommer wurde er auf die vakante Professur berufen.
Forschung und Protest
An der ETH Zürich führte er die in Karlsruhe begonnenen Untersuchungen fort. Weitere Forschungsfelder kamen dazu, darunter während des Ersten Weltkrieges Arbeiten zu synthetischem Pfeffer und Arzneimittelsynthesen sowie zusammen mit seinem Mitarbeiter Tadeusz Reichstein zu Kaffeearoma.
Nach dem Eintritt der USA ins Kriegsgeschehen 1917 berechnete Staudinger, dass Deutschlands menschliche und technische Reserven nicht mehr für einen Sieg ausreichen würden und riet zu sofortigen Friedensverhandlungen. Ab Anfang 1918 protestierte er in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz mittels Zeitschriftenartikeln und öffentlichen Auftritten gegen den Einsatz von Giftgas. Deswegen zerstritt er sich mit seinem Freund Fritz Haber, dem Erfinder und vehementen Verfechter chemischer Kampfmittel.
Konzept der makromolekularen Verbindung
Aufgrund seiner bisherigen Forschungen entwickelte Staudinger ab 1920 sein Konzept der makromolekularen Verbindungen, das in der Fachwelt lange umstritten blieb, aber die Grundlagen für die künftige Kunststoffchemie schuf. Er nahm an, dass sich gleiche Molekülabschnitte in mehrtausendfacher Wiederholung zu Ketten zusammenschliessen können. Für diese Gebilde prägte er 1922 den Begriff "Makromolekül".
1926 folgte Staudinger dem Ruf der Universität Freiburg im Breisgau, wo er sich fast ausschliesslich der makromolekularen Chemie widmete. Zwei Jahre später heiratete er die Botanikerin Magda Woit. In Zusammenarbeit mit ihr übertrug er seine Vorstellungen zur makromolekularen Chemie auch auf biologische Strukturen und regte damit die Molekularbiologie an.
Zweiter Weltkrieg
Mit einer Denunziation bei der Gestapo wegen undeutscher politischer Einstellung und angeblicher Weitergabe von chemischen Herstellungsverfahren ans feindliche Ausland versuchte der Philosoph Martin Heidegger als neuer Rektor der Freiburger Universität 1933 Staudinger aus dem Amt zu drängen, was allerdings misslang. Im Kampf um wissenschaftliche Anerkennung, finanzielle Unterstützung aus der Industrie sowie dem Bestreben, seinem Institut den Status einer kriegswichtigen Forschungseinrichtung und damit staatliche Förderung zu sichern, scheute Staudinger in den folgenden Jahren nicht vor antisemitischen Äusserungen gegen Studierende und konkurrierende Kollegen zurück. Ende 1944 wurde das Chemische Laboratorium der Universität Freiburg bei einem Bombenangriff zerstört.
Emeritierung und Nobelpreis
Nach einem teilweisen Wiederaufbau konnte Staudinger Lehre und Forschung ab 1947 fortsetzen. Im Frühjahr 1951 emeritierte er, leitete jedoch seine Forschungsabteilung, die zum Staatlichen Forschungsinstitut für makromolekulare Chemie des Landes Baden umgewandelt worden war, ehrenamtlich bis 1956 weiter.
1953 erhielt Staudinger den Nobelpreis für Chemie in Anerkennung seiner Entdeckungen auf dem Gebiet der makromolekularen Chemie. 1957 und 1958 unternahm er Vortragsreisen nach Japan und in die USA. Zudem betreute er zusammen mit seiner Frau die Zeitschrift "Die makromolekulare Chemie".
Am 8. September 1965 starb er in Freiburg.
Handschrift
Aus dem Bewerbungsschreiben um die Professur für Allgemeine Chemie von Hermann Staudinger an den ETH-Präsidenten, 3. März 1912. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, SR2: 1912, ad 442/22).
Bestand
Im Hochschularchiv der ETH Zürich wird das historische Schulratsarchiv aufbewahrt, das Unterlagen zur Professur von Hermann Staudinger von der Berufung bis zur Kündigung enthält. Überdies finden sich einige Briefe an Kollegen und weitere Persönlichkeiten nebst einigen Vorlesungsnotizen von Staudingers Studenten verstreut in verschiedenen wissenschaftlichen Privatbeständen, die ebenfalls vom Hochschularchiv betreut werden.