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Kapitel 28: Späte Gäste
Sie erreichte das B&B außer Atem und mit Schweißperlen auf der Stirn. Mit zittrigen Fingern tippte sie den Code ein, der Hauptschloss entriegelte, damit die Gäste auch zu jeder Tag- und Nachtzeit eintreten konnten. Oder einchecken, wenn sie außerhalb der offiziellen Anreisezeit eintrafen.
Wie der eine Gast, der am Sonntag spät angereist war und den sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Sie trat ein und stapfte direkt die Treppe in ihre Wohnung hoch.
William Judge. Das war mit Sicherheit nicht der Name von Janets Ex-Mann, aber das musste nicht wirklich etwas heißen.
Sie öffnete die Wohnungstür und den Schlüsselkasten direkt dahinter mit den Ersatzschlüsseln der Gästezimmer.
›Moment Bonnie. Was hast du vor?‹
Sie nahm den Schlüssel für Zimmer 3 vom Haken und trat zurück ins Treppenhaus.
»Ich will nur nachsehen, ob er hier ist.«
›So viel zur Privatsphäre deiner Gäste.‹
»Das ist ein Notfall«, schnappte sie, auch wenn sie ihm recht geben musste.
Sie unterließ es normalerweise, in die Zimmer zu gehen außer die Leute blieben für eine längere Zeit und sie musste die Handtücher waschen. Aber auch dann wäre er ihr bisher nicht im Traum in den Sinn gekommen, in der Nacht einfach ihre Zimmer zu betreten.
Als sie vor der Tür stand mit der goldenen Nummer 3, schnaufte sie noch einmal tief durch, dann legte sie das Ohr an die Tür.
Von drinnen war kein Laut zu hören.
›Bonnie, pass auf, ja?‹
»Still«, herrschte sie ihn an und lauschte weiter, aber es war unmöglich, auszumachen, ob sich jemand im Innern befand oder nicht.
Sie zwang ihre Hand zur Ruhe und steckte den Schlüssel ins Schloss. Zum Glück hatten sie vor ein paar Jahren die Schlösser ersetzt und diese modernen Schließsysteme machten bei weitem nicht gleich viel Lärm wie früher.
Sie löschte das Licht im Gang, bevor sie den Türknauf drehte. Sie schob die Tür vorsichtig auf und horchte erneut, als sie nur ein Spalt geöffnet war. Stille.
Sie hielt den Atem an und schob die Tür weiter auf. Sie wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, als sie erkannte, dass die Fensterläden geöffnet waren und der Schein der Straßenlaternen ins Zimmer fiel.
Es war dunkel draußen. Samhain war vorüber.
Sie schob sich weiter in den kleinen Raum, bis sie praktisch am Bettrand stand. Von hier aus konnte sie erkennen, dass das Bett wie frisch gemacht aussah. Wenn überhaupt jemand darin geschlafen hatte, seit sie es Mal vorbereitet hatte, dann zumindest sicher nicht kürzlich.
Glenna verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab, bevor sie das Licht im Gang wieder anzündete.
›Was jetzt?‹, fragte Jamie.
Sie konnte auf die Straße gehen oder auf das Festgelände und ihn suchen, das versprach aber nicht sonderlich fruchtbar zu sein.
Sie war hin und hergerissen. In ihrem Kopf malte sie sich die schlimmsten Bilder aus. Ein Mann, der des Nachts in Janets Haus eindrang. Bewaffnet mit einem Messer oder sogar einer Schusswaffe.
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Vorstellungskraft ging mit ihr durch.
Sie Frage, die sich ihr aber wirklich stellte, war, was sie denn zu tun gedachte, wenn sie ihn finden würde. Ihn zur Rede stellen? Und dann?
Sie seufzte. Ihr Körper entsprach vielleicht nicht den 117 Jahre, die er auf dem Buckel hatte, aber sie war weit davon entfernt, es mit einem weitaus jüngeren Mann aufzunehmen, wenn es handgreiflich werden sollte.
Noch als sie den Gedanken zu ende führte, ging im Erdgeschoss die Haustür.
Glenna spitzte die Ohren, aber keine Stimmen erklangen. Sie eilte zur Treppe und ging hinunter. Ein Mann drehte ihr den Rücken zu, während er die Schuhe auszog. Er trug einen weiten Mantel und einen Hut.
Es waren nicht dieselben Kleidungsstücke, wie Aidans Vater am Vortag getragen hatte, aber auch das musste nichts heißen.
»Herr Judge?«, fragte sie und der Mann zuckte zusammen.
Er drehte sich ihr zu, aber nur ganz kurz, dann bückte er sich, um seine Schuhe aufzuheben.
»Oh«, nuschelte er. »Guten Abend.«
Glennas Herz schlug schneller.
»Guten Abend« sagte sie und nahm die letzten paar Stufen. »Ich hatte noch gar nicht die Möglichkeit, Sie persönlich zu begrüßen.«
»Das ist sehr nett«, sagte er.
Sie erkannte den leichten Akzent des Telefonats, aber sie konnte nicht ihn nach wie vor nicht einordnen. Janets Ex-Mann war kein Einheimischer von Southbank gewesen, aber Glenna erinnerte sich nicht daran, woher er wirklich stammte, ob aus Irland oder nicht.
Sie trat an ihn heran und streckte die Hand aus.
Er hatte ihr immer noch den Rücken zugedreht, als er die Schuhe auf dem Schuhregal platzierte.
Als er ihre Geste bemerkte, erfasste er sie etwas umständlich mit seiner Linken und ließ sie dann sofort wieder los. Er musste sich ihr dazu ein wenig zudrehen, auch wenn er offensichtlich darauf achtgab, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Seine Hand wies jedoch einen dunklen Teint auf, den er ganz bestimmt nicht in Irland aufgelesen hatte.
»Normalerweise begrüße ich meine Gäste mit einem Whisky aufs Haus«, sagte sie freundlich. »Würden Sie einer alten Dame noch ein paar Minuten Gesellschaft leisten, Herr Judge?«
Sie erhaschte einen kurzen Blick auf sein Gesicht, als er sich ihr überrascht zuwandte. Das Licht war spärlich, aber irgendwie wirkte der Mann jünger, als sie es erwartet hatte. Gleichzeitig wucherte aber ein unordentlicher Vollbart in seinem Gesicht, so dass sie seine Züge nicht wirklich ausmachen konnte. Und sie war die Erste, die wusste, dass man dem äußeren Schein nicht trauen durfte.
Ihre Blicke trafen sich nur einen Moment, aber es reichte, dass Glenna sich sicher war, dass sie diese Augen schon einmal gesehen hatte.
»William Judge, aber natürlich«, dachte sie sarkastisch.
»Tut mir leid, ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Ich werde gleich zu Bett gehen.«
Glenna reckte das Kinn. »Das ist sehr schade.«
Sie tat ihm nicht den Gefallen, zur Seite zu treten, sondern ließ leicht amüsiert zu, dass er sich um sie herum drängen musste, um zur Treppe in den oberen Stock zu gelangen.
Sie blickte ihm nach und wartete, bis sie die Tür zu seinem Zimmer zufallen hörte.
»Kein Willkommenswhisky also. Wie unhöflich«, sagte sie zu sich selber.
›Ist er es?‹
»Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Und so wie er Wert darauf legt, dass ich es nicht sehe, wird er wohl wissen, dass ich ihn wiedererkennen könnte.«
Auch wenn sie zugegebenermaßen kein Bild von ihm vor Augen hatte.
›Und nun? Ich glaube kaum, dass er sich morgen früh zu einem Whisky überreden lassen wird.‹
Sie rümpfte die Nase, während sie nachdachte.
»Es ist nicht das erste Mal, dass ich jemanden zu seinem Glück zwingen muss«, sagte sie. »Meine Magie wirkt auch in nicht flüssiger Form.«
Sie ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.
»Egal ob der Herr sich wohl fühlt oder nicht. Tante Glennas Hauskeksen hat noch niemand widerstanden.«
Vorschau auf das Kapitel „Gequälte Schreie“ von nächster Woche: