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Müssen wir die Arterien der Erde abklemmen, um die Lunge der Erde zu retten? Diese Frage stellt sich, wenn wir Chinas Pläne für die Nutzung der Wasserkraft betrachten. Denn im neuen Fünfjahresplan hat China das grösste Dammbauprogramm aller Zeiten beschlossen.
China ist seit 2007 das Land mit dem grössten Ausstoss an Treibhaus-Gasen. Seither haben nicht nur die USA und die EU sondern auch Entwicklungsländer wie die Allianz der kleinen Inselstaaten die Regierung in Beijing unter Druck gesetzt, verbindliche Emissions-Grenzen zu beschliessen.
Beim Klimagipfel 2009 hat China angekündigt, es würde bis 2020 seine Kohlenstoff-Intensität um mindestens 40 Prozent reduzieren – das ist die Menge an Treibhausgasen, die pro Wirtschaftseinheit ausgestossen werden. Dieses ehrgeizige Ziel wurde für die chinesische Regierung zu einer alles beherrschenden wirtschaftlichen Priorität. Der neue Fünfjahresplan für die Periode von 2011 bis 2015, den der Volkskongress Mitte März beschlossen hat, schliesst eine Umweltsteuer ein und andere Massnahmen zur Kohlenstoff-Reduktion.
Epochales Programm für Ausbau der Wasserkraft
Der Fünfjahresplan enthält auch das ehrgeizigste Programm für die Nutzung der Wasserkraft ein, die je eine Nation in der Geschichte aufgestellt hat. Wenn die Regierung diese Dammbau-Pläne durchsetzt, wird sie sich längerfristig den Teppich unter den Füssen wegziehen. Der Plan würde Chinas grosse Flüsse und Regionen von grösster Bedeutung für die globale Biodiversität unwiederbringlich zerstören.
In China gibt es bereits mehr Dämme als in jedem anderen Land. Es hat für diese Entwicklung einen hohen Preis bezahlt. Schätzungsweise 23 Millionen Menschen wurden wegen der Dämme umgesiedelt. Dammbrüche im Land mit der schlechtesten Sicherheitsbilanz der Erde haben etwa 300’000 Menschen getötet. Wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass die Zipingpu-Talsperre das verheerende Erdbeben von 2008 ausgelöst haben könnte, das mehr als 80’000 Menschen getötet hat.
Gefahr für die Artenvielfalt
Staudämme haben auch von Chinas Artenvielfalt einen grossen Tribut gefordert, die Fischerei in manchen Gegenden zusammenbrechen lassen und zum Aussterben von einmaligen Arten wie den Yangtse Fluss-Delphinen beigetragen.
Als Teil seiner Kohlenstoff-Diät plant die chinesische Regierung, in den nächsten fünf Jahren neue Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von 140 Gigawatt zu genehmigen. Das ist zehnmal mehr als die gegenwärtige Wasserkraft-Kapazität der Schweiz und mehr, als jedes andere Land in seiner ganze Geschichte gebaut hat. Um die neuen Planziele zu erreichen, muss China ganze Kaskaden von Dämmen in Chinas Südwesetn und auf dem Plateau von Tibet bauen. Das sind Gebiete, in denen ethnische Minderheiten wohnen, die ökologisch wertvoll und reich an Biodiveristät sind – und ausserdem aktive Erdbebenregionen.
Als Vorbote für den neuen Trend hat die chinesische Regierung kürzlich angekündigt, sie werde eine Kaskade von Dämmen am Nu River (auch: Salween) erlauben – einem unberührten Fluss im Herzen eines Weltnaturerbes. Chinas Regierungschef hatte das Projekt 2004 gestoppt, als bedeutende Konzession an den Umweltschutz. Nun hat die Regierung auch zugestimmt, dass das wichtigste Fischreservat am Yangtse so geschrumpft würde, dass ein neues Wasserkraft-System vorankommen kann.
Beispiellose Dammbau-Orgie
Die beispiellose Dammbau-Orgie wird von Provinzregierungen und staatlichen Energieunternehmen vorangetrieben, die oft ihre eigenen verdeckten Interessen verfolgen. In der Vergangenheit wurden diese Akteure in Schranken gehalten von einer Koalition von Umweltaktivisten, Journalist_innen und Beamten, denen es oft gelang, bei Chinas oberster Führung Gehör zu finden. Das hat sich seit Kopenhagen geändert. Internationaler Druck, die Treibhausgas-Emissionen zu begrenzen, ist die wichtigste Triebkraft hinter der gewaltigen Förderung der Wasserkraft in China.
Der Klimawandel ist die grösste Bedrohung der Umwelt für unsere Generation. Aber die internationale Gemeinschaft sollte diese Bedrohung auf ganzheitliche Weise angehen, ohne andere Herausforderungen für die Zukunft des Planeten aus dem Blick zu verlieren. Die Welt verliert Artenvielfalt in dramatischem Tempo. Flüsse, Seen und Feuchtgebiete haben so dramatische Veränderungen erfahren wie kein anderes bedeutendes Ökosystem. Wegen Dammbauten und anderen Faktoren haben in Süsswasser lebende Arten zwischen 1970 und 2000 die Hälfte ihrer Population verloren und mehr als ein Drittel der Süsswasser-Fische sind vom Aussterben bedroht.
Umweltzerstörung im Kampf gegen Klimawandel
Der Leiter des UNO-Umweltprogramms hat letztes Jahr gewarnt, es wäre arrogant zu glauben, dass die Menschheit ohne Biodiversität überleben kann. Wir können nicht die Lebensadern des Planeten opfern, um seine Lungen zu retten. China hat nicht nur eine moralische Verpflichtung, am Kampf gegen den Klimawandel teilzunehmen. Das Land hat sich auch verpflichtet, seine Ökosysteme gemäss der Konvention über die Biodiversität zu schützen. China verdient Respekt für seine Anstrengungen, den proKopf-Ausstoss von Treibhausgasen zu begrenzen, der ohnehin viel niedriger ist als das, was industrialisierte Länder ausstossen. Die Führer dieser Welt sollten China wissen lassen, dass sie die ehrgeizigen Ziele zum Kohlendioxid-Abbau unterstützen, dass sie aber nicht wollen, dass China dafür seine Flüsse und seine reiche Artenvielfalt opfert.
(Das ist eine übersetzte und leicht aktualisierte Version eines Artikels, der zuerst im britischen «Guardian» erschienen ist.)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Poilicy Director der NGO "International Rivers - People, Water, Life; Berkeley CA, USA