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Weit ragt der Grenzzaun ins Meer hinaus. Das Geschrei der Möwen übertönt knapp das Rauschen der ans Ufer schlagenden Wellen. Eine Frau mit einem kleinen Buben spricht mit jemandem auf der anderen Seite des Zauns, ein Mann sitzt wenige Meter vor ihr im Sand und starrt auf das offene Meer hinaus. Ob Frau und Kind tatsächlich existieren oder bloss in der Erinnerung des Mannes, wird man nie erfahren. Was jedoch sofort klar ist: Wo in diesem Film die Freiheit unmittelbar greifbar scheint, ist das Gefühl des Eingesperrtseins am stärksten. Bilder von der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten.
Vieles in diesem Film ist von Erinnerungen geprägt, und jedes Detail aus der Vergangenheit erhält eine gegenwärtige Bedeutung. Wenn man etwa erfährt, dass der Mann am Strand vor dreissig Jahren seinen damals knapp dreijährigen Sohn verloren hat und die Liebe seiner Frau diesem Verlust nicht standhielt, bekommen seine bedächtigen Bewegungen eine andere, fragile Bedeutung. Rafael ist die Korrektheit in Person, arbeitet seit vielen Jahren als Putzmann in einer Glühbirnenfabrik. Das karierte Hemd steckt in der braunen Hose, für seinen letzten Arbeitstag kauft er sich ein neues Paar Schuhe. Dann geht er zum Friseur, beobachtet Jugendliche im Park, ein Liebespaar auf der Wiese und setzt sich auf den Rasen vor eine Tafel mit der Aufschrift «No pisar el pasto». Der fleissige Arbeiter Rafael kann nämlich nicht lesen und schreiben.
Der Titel legt indes eine falsche Fährte: Workers interessiert sich weder für die Arbeit Rafaels noch ernsthaft für die ökonomischen Verhältnisse, mit denen er als illegaler Einwanderer aus El Salvador am unteren Ende der mexikanischen Hierarchie zurande kommen muss – zu diesem Zweck genügen ein paar Einstellungen vom heruntergekommenen Wohnmobil, das er sein Heim nennt. Wofür sich der ebenfalls aus El Salvador stammende und in Mexiko lebende Filmemacher José Luis Valle in seinem ersten langen Spielfilm jedoch interessiert, ist die absurde und zugleich poetische Seite dieses Aussenseiterlebens. In langen Einstellungen und starren Kadrierungen beobachten wir wiederholt Rafael, wie er seinerseits das Geschehen beobachtet; wenn er einer Prostituierten in einen Hauseingang folgt, bleibt die Kamera auf der gegenüberliegenden Strassenseite und verfolgt minutenlang das Treiben der Händler und Messerschleifer. Und weil jede der präzise komponierten Einstellungen einer dualistischen Grundidee – Freiheit und Gefängnis, Vergangenheit und Gegenwart, Arm und Reich, Mann und Frau – dient, findet auch Rafael sein Pendant: Lidia arbeitet seit dreissig Jahren als Angestellte in der Villa einer reichen alten Dame, deren einzige Sorge ihrem Zuchthund gilt. Ohne die beiden Erzählungen kunstvoll zu überlagern, macht sie José Luis Valle zu zwei unterschiedlichen und dennoch ähnlichen Lebensgeschichten oder gar Schicksalen: Hier der von der Vergangenheit gezeichnete Analphabet, dort die treue Dienerin, die nach dem Ableben der Herrin in der Erbfolge einem Hund den Vortritt lassen muss.
«Chingar Tijuana.» Es ist eine hässliche Stadt, wie die reiche Villenbesitzerin kurz vor ihrem Tod befindet, und deshalb muss innerhalb der Nobelfestung bis zur marmornen Hundestatue alles umso perfekter aussehen. Auch Workers möchte ein ästhetisch perfekter Film sein, möchte der Absurdität seiner Erzählung mit einer entsprechend eigenwilligen Bildsprache zum Ausdruck verhelfen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Empathie mit den Figuren. Mit Rafael und Lidia vertraut zu werden, dazu braucht es kein soziales Mitleid, sondern entsprechende Aufmerksamkeit. Ansonsten ergeht es einem als Zuschauer wie Rafaels Chef, der ihn zu sich bestellt, aber dann nicht weiter beachtet.