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Ein einfaches Beispiel hierzu: ein auf der Strasse vorbeifahrendes Auto wird von den meisten Menschen i.d.R. kaum beachtet werden und dürfte in der Relevanzbewertung vermutlich in den meisten Fällen als irrelevant eingestuft werden. Spielen jedoch kleine Kinder mit einem Ball in unmittelbarer Nähe zur Fahrbahn, erhält die Situation "vorbeifahrendes Auto" plötzlich eine vollkommen andere (nämlich potenziell gefährliche) Bedeutung, vor allem aus Sicht eines Elternteils.
Ein anderes Beispiel: ein und dieselbe Prüfung kann für den einen Prüfling, der sich gut vorbereitet hat und im Prüfungsthema einigermassen sicher fühlt, als eine Herausforderung angesehen werden, während sie für den nächsten Prüfling, der zwar ebenfalls stundenlang gepaukt hat, aber sich im Thema sehr unsicher fühlt, eine Bedrohung darstellt.
Im Rahmen der sekundären Bewertung schätzt der Mensch seine Bewältigungsmöglichkeiten für die Situation ein, und zwar auf der Basis seiner Wahrnehmung über die ihm zur Verfügung stehenden "Ressourcen". Was als Ressource in Frage kommt (z.B. die eigene Kompetenz in einem Bereich, bestimmte Fähigkeiten zur Bewältigung einer Aufgabe, ein hohes Mass an Selbstvertrauen, der Glaube an Gott, materielle Ressourcen wie z.B. Geld oder soziale Ressourcen wie Macht über oder Unterstützung durch andere) kann sehr unterschiedlich ausfallen und hängt von der jeweiligen Situation und ihrer Wahrnehmung durch den jeweiligen Menschen ab.
Je ungünstiger diese subjektive Ressourcenbewertung ausfällt, je weniger die wahrgenommenen Ressourcen für eine erfolgreiche Situationsbewältigung ausreichen oder je mehr Unsicherheit darüber besteht, umso stärker ist die Stressreaktion, die hierdurch ausgelöst wird. Die Stressreaktion äussert sich sowohl im subjektiven Empfinden (z.B. Angst, Anspannung, Ärger etc.), in körperlichen Veränderungen (im Hormonsystem und im muskulären System), als auch im Handeln der Person (z.B. Aggression gegen andere, Rückzug, Konsum suchtförderlicher Substanzen).
Zur Bewältigung von Stresssituationen greift der Mensch auf subjektive Bewältigungsstrategien zurück, sog. "Coping"-Strategien (vom englischen Verb to cope = etw. bewältigen, zurechtkommen, mit etw. fertigwerden). Sowohl die Ressourceneinschätzung als auch die Wahl der Bewältigungsstrategien hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, u.a. von persönlichen "Soll-Werten", von den kognitiven Strukturen der Person, von ihren bislang gemachten Erfahrungen mit bestimmten Situationen bzw. dem Erfolg bestimmter Coping-Strategien, sowie von der wahrgenommenen Unterstützung durch andere.
Die jeweils gewählten Bewältigungsstrategien können funktional sein, d.h. zu einer nachhaltigen Lösung eines Problems beitragen. Sie können aber auch "dysfunktional" sein, d.h. erfolglos in Bezug auf eine Problemlösung, oder vom eigentlichen Problem lediglich ablenkend. Je nach Rückmeldung über den Erfolg einer verwendeten Lösungsstrategie oder durch das Hinzukommen von weiteren Ressourcen kann eine Neubewertung der Situation erfolgen, z.B. ein Wechsel von der Wahrnehmung einer Situation als "Bedrohung" hin zu einer "Herausforderung".
10.11.2012 - cmz