Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03112.jsonl.gz/1718

Auf den 11. August sind Millionen Menschen aus aller Welt im süddeutschen Raum und Österreich unterwegs, um das Jahrhundert-Ereignis in unseren Breiten mit zu erleben: die totale Sonnenfinsternis. Seit dem letzten Ereignis in der Schweiz im Jahre 1724 ist dieses Naturschauspiel jetzt in «greifbarer» Nähe zu beobachten.
Was bei einer Sonnenfinsternis vor sich geht, beschreibtArnold Benz, ETH-Professor für Astrophysik und Leiter einer Forschungsgruppe für Koronaphysik am Institut für Astronomie:
«Der Mond, das heisst der Kernschatten des Mondes, ist dafür verantwortlich, dass es eine Sonnenfinsternis gibt. Der Mond schiebt sich vor die Sonne. Das Schauspiel beginnt im westlichen Atlantik, wo der Mondschatten die Erde zum ersten Mal tangiert.»
Der schwarze Fleck, den der Mondschatten in einer Breite von 100 Kilometern auf die Erde wirft, bewegt sich mit dreifacher Schallgeschwindigkeit innert drei Viertel Stunden Richtung Südengland, zieht zehn Minuten später nördlich von Paris vorbei und enteilt über Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, das Schwarze Meer, die Türkei, den Iran und Pakistan nach Indien.
Spreche man von einer Sonnenfinsternis, müsse unbedingt zwischen der partiellen und der totalen unterschieden werden, betont Benz. In der partiellen Phase dauere es vom ersten Kontakt ungefähr 80 Minuten, bis sich der Mond vollständig vor die Sonne geschoben hat und ebenso 80 Minuten, bis er sich wieder von ihr entfernt hat. Man kann zwischen Südengland und Indien die totale Sonnenfinsternis nur in einem ganz bestimmten Bereich beobachten: in Stuttgart und in Augsburg 2,17 Minuten, in Karlsruhe und in München 2,08 Minuten lang. Vollständig abgedeckt ist die Sonne auch in Strassburg (1,24 Minuten), Ulm (2,05) oder Salzburg (2,02).
Arnold Benz weist auf das Besondere, das Neue der totalen Sonnenfinsternis hin: «Die Korona - eine Million mal schwächer als die Sonne selbst - der Strahlenkranz der Sonne also, wirkt wie eine funkelnde, mit Brillanten besetzte Krone um das schwarze Rund. Und es ist so dunkel, dass man die Sterne sehen wird.» Sollte es bewölkt sein, wird es so dunkel, dass die Fahrzeuge die Scheinwerfer einschalten müssten. In Gebieten mit partieller Sonnenfinsternis spürt man in diesem Falle nichts, beziehungsweise fast nichts.
Als idealste Beobachtungsorte für das «totale, einmalige Erlebnis» empfiehlt Professor Benz bei schönem Wetter Stuttgart (wo er mit seiner Familie auch sein wird), Karlsruhe oder München auf freiem Feld oder auf einer Anhöhe. Er gibt aber auch zu bedenken, dass zum Jahrhundert-Spektakel Millionen von Menschen erwartet werden und man sich darauf einrichten sollte.
Will man die Sonnenfinsternis ohne Schaden für die Augen beobachten, sei es wichtig, bestimmte Vorsichtsmassnahmen einzuhalten. Arnold Benz: «Äusserst gefährlich ist es, die Sonnenfinsternis mit Feldstechern oder Fernrohren zu verfolgen. Schädlich kann aber auch langes Beobachten durch unfachmännisch selbst gebastelte Objekte wie geruste Gläser sein, durch Filmstreifen oder halbtransparente CDs.» Benz empfiehlt, in dieser Angelegenheit Amateurastronomie-Gruppen um Rat zu fragen. Für die rund zwei Minuten totale Finsternis brauche es keinen Schutz beim Blick in die Sonne, jedoch wieder genau ab dem Moment, wo sich der Mondschatten davon weg bewegt.
«Eine totale Sonnenfinsternis ist weltweit ein- bis zweimal pro Jahr, europaweit etwa alle 30 bis 50 Jahre und in der Schweiz ungefähr alle 400 Jahre zu sehen», beantwortet Arnold Benz die Frage nach der Häufigkeit eines solchen Naturereignisses. Eine partielle Sonnenfinsternis sei dagegen in der Schweiz nicht ungewöhnlich. Sie ist etwa alle fünf Jahre zu beobachten und wird häufig mit einer totalen verwechselt. Und eben zu einer partiellen Sonnenfinsternis kommt es in der Schweiz. Beim Blick aus Zürich wird die Sonne zu 97,3 Prozent bedeckt sein, aus St. Gallen zu 97,8, aus Basel 97,4 und Bern 95,6 Prozent. Weltweit gesehen wird die nächste totale Sonnenfinsternis im Frühjahr in Südamerika auftreten, jedoch begrenzt auf ein äusserst schwer zugängliches Gebiet. Die Schweizer haben die letzte «Totale» am 11. Mai 1724 erlebt und werden die nächste am 3. September 2081 im Kalender vermerken müssen.
Professor Benz erwähnt schliesslich noch ein Beispiel aus der Geschichte: «Um 8.45 Uhr am Morgen des 15. April 136 vor Christus verdunkelte sich laut einer Keilschrift auf einer Tontafel die Sonne über Babylon. Es wurde so dunkel, dass die Sterne sichtbar wurden.» Nach Berechnungen mit den heutigen Werten habe in der Tat an diesem Tage eine Sonnenfinsternis stattgefunden, doch hätte diese über Spanien total sein sollen, nicht 49 Grad weiter östlich. Die Diskrepanz und ähnliche andere Notizen könnten nur durch die Annahme erklärt werden, dass sich die Erdrotation um durchschnittlich 30 Tausendstelsekunden pro Tag verlangsamt habe. «Historische Berichte wie jene von Babylon geben hochpräzise Stützwerte für die Entwicklung des Systems von Erde, Mond und Sonne über die vergangenen 2000 Jahre», sagt Arnold Benz.
Spüren Tiere die Sonnenfinsternis? Diese Frage hat ETH-intern Markus Stauffacher, Zoologe und Verhaltensforscher am Institut fürNutztierwissenschaften, Abteilung Physiologie und Tierhaltung, gestellt. Er äussert dazu: «Das Ereignis einer totalen oder fast vollständigen Sonnenfinsternis ist derart selten (und jeweils an einem Ort auch nur während kurzer Zeit beobachtbar), dass zur Reaktion von Tieren auf solche Ereignisse nur anekdotische Berichte vorliegen. Im Unterschied etwa zu Gewittern/Tornados oder auch Erdbeben treten meines Wissens vor einer Sonnenfinsternis auch keine raschen Luftdruckveränderungen auf, die von vielen Tieren wahrgenommen werden und zu Furchtreaktionen führen können.» Es sei zu erwarten, dass vor allem solche Tierarten auf dieses Phänomen reagieren würden, deren Aktivitäten stark an den Tagesgang gebunden sind, oder anders gesagt, mit der Morgen- oder Abenddämmerung grundlegend ändern. «Darum dürften auch Unterschiede in einer allfälligen Reaktion bestehen, abhängig davon, wann nach dem Sonnenaufgang die Sonnenfinsternis und damit der verfrühte Nachteinbruch eintritt», vermutet Stauffacher. Die auffälligsten Unterschiede dürften bei einer Sonnenfinsternis um die Mittagszeit, wie im Falle vom 11. August, auftreten, da es dann neben den beiden normalen Dämmerungen eine, beziehungsweise zwei kurz aufeinanderfolgende weitere Dämmerungen gibt.
Markus Stauffacher erzählt, ihm sei aus Alabama berichtet worden, dass ein gefangen gehaltenes, tagaktives Streifenhörnchen (ähnlich einem Eichhörnchen) kurz vor Eintritt der totalen Sonnenfinsternis seine Schlafbox aufgesucht, dort zwei Stunden geschlafen hat und im weiteren Tagesverlauf etwas verstört gewirkt habe. Eine Katze aus dem gleichen Haushalt habe hingegen keine sichtbare Reaktion auf das Ereignis gezeigt.
Aus dem australischen Perth, aus den USA, England und Italien sei berichtet worden, dass Vögel in der freien Natur kurz vor dem Eintritt der Sonnenfinsternis mit dem Singen aufhören, ihre Schlafbäume aufsuchen und nach dem Naturereignis wieder losfliegen. «Das Phänomen des Verstummens des Vogelgesangs ist bei uns auch kurz vor heftigen Gewittern bekannt», bemerkt Stauffacher und erzählt weiter: «Weidekühe, deren Fresszeiten einem Tagesrhythmus folgen, haben laut Beobachtungen im Jahre 1978 im kanadischen Saskatoon keine Reaktion auf eine totale Sonnenfinsternis gezeigt. Da diese damals kurz nach der Morgendämmerung zur normalen Fresszeit auftrat, haben die Kühe einfach weiter gefressen. Interessant wäre zu wissen, wie Kühe um die Mittagszeit - während einer Ruhephase - reagieren. Beginnen sie dann plötzlich zu fressen?» Eine Forschergruppe in Bristol wolle sich am 11. August darum kümmern.
Sektenfachmann Hugo Stamm weiss zur Sonnenfinsternis: «Nostradamus hat für den 7. Mond 1999 das Erscheinen eines Schreckenskönigs vorausgesagt. Da er mit dem julianischen Kalender rechnete, könnte der 11. August passen. Nostradamus gilt in Esoterik-Kreisen als der wichtigste und treffsicherste Prophet.» Die meisten Anhänger und Gruppen aus dem Bereich New Age, Esoterik und Theosophie würden an ihn glauben und eben auch daran, dass die Sonnenfinsternis mit dem Übergang ins neue Zeitalter (Wassermann) zu tun hat. Dies soll mit einem Polsprung, Klimaveränderungen, Naturkatastrophen und politischen Krisen (Krieg) zu tun haben. Ausserdem sei Mitte August eine seltene Planetenkonstellation zu beobachten, welche die Endzeitängste verstärken würde. Und es gäbe bereits viele Horrorvisionen. Hugo Stamm nennt als Beispiel: «Die bekannte Astrologin Elizabeth Teissier behauptet, die atomar betriebene Saturn Raumsonde Cassini werde zu diesem Zeitpunkt auf die Erde stürzen.» Ausserdem weckt die Verdunkelung des Himmels allein schon Endzeitgedanken bei vielen Menschen, gibt Stamm zu bedenken. (res)
In Christopher Marlows «Tragical History of Doctor Faustus» aus dem Jahr 1616 fragt Faustus den Mephistophilis: «Resolve me, then, in this one question; why are not conjunctions, oppositions, aspects, eclipses, all at one time, but in some years we have more, in some less?» und erhält die korrekte Antwort, dass dies mit der ungleichen Bewegung der Gestirne zusammenhänge. Die Wissenschaft wusste es längst und sie weiss es heute noch genauer. Und trotzdem: Wenn am 11. August die Sonnenfinsternis mit astrologisch angeblich besonders sensiblen Konstellationen zusammentrifft, so regen sich die Ängste und die Gegenwelt zur Wissenschaft, die Mythologie, zerbricht mit ungebrochener Kraft die dünne Schale der Aufklärung: Wenn es schon nicht gerade zum Weltuntergang komme, so doch zu einem Börsencrash, und im übrigen sei es vielleicht doch vorsichtiger, Reisen auf ein anderes Datum zu verschieben.
Heidnische Vorstellungen von einem durch Mond- und Sonnenfinsternisse eingeleiteten Weltende vermischen sich mit der Prophezeiung der christlichen Apokalypse: «Die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack und der Mond ward wie Blut.» Der Mensch fühlte sich nicht mehr eingebettet im Kosmos, sondern durch dessen Eskapaden bedroht. Dabei hätte es durchaus andere Möglichkeiten gegeben, kosmisches Geschehen auf menschliche Erfahrungen zu projizieren. In einer Sage aus der Oberpfalz zeigt sich noch die sonst verdrängte Vorstellung, dass während der Sonnenfinsternis der kalte Mond und die feurige Sonne Hochzeit feiern. Weil die Temperamente aber allzu verschieden sind, gibt es bald Streit. Die Zeit der Versöhnung verstreicht, und die wiederum enttäuschte Sonne zieht blutrot vor Zorn weiter...
Wie Wissenschaft und Mythologie - oder wie wir nun besser sagen wollen, Religion - nebeneinander bestehen können, wird nirgendwo deutlicher als in Adalbert Stifters grossartiger Beschreibung der Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842. Der ausgebildete Naturwissenschafter, der, wie er mit Stolz erklärt, auch die nötigen Berechnungen selbst vorgenommen hatte, erlebte beim Blick durch seine «Sehröhre» etwas, was er rechnend und zeichnend nicht vorausahnen konnte: «Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert (...) wie in diesen zwei Minuten - es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden.» Das äussere, physikalische Erlebnis löst ein inneres aus, weil - und das ist nun die Position des religiösen Menschen - Kosmos und Mensch in der Schöpfung von Anfang an aufeinander bezogen sind: «(...) ein solcher Komplex von Erscheinungen ist mit diesem einfachen Dinge verbunden, eine solche moralische Gewalt ist in diesen physischen Hergang gelegt, dass er sich unserem Herzen zum unbegreiflichen Wunder emportürmt.» Dies gerade dort zuzulassen, wo wir alles erklären können, macht uns frei gegenüber den Allmachtsanspruch der Wissenschaft wie gegenüber Einschränkungen durch eine überholte Mythologie.
(Roland Ris, Professor für deutsche Sprache und Literatur)