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Am Dorftisch mit den Stammesältesten
Meine ehemalige Nachbarin ist eine echte Influencerin und allem voran Organisatorin solcher Zusammenkünfte für ihre Generation. Sie weckte mein Interesse und ich konnte mich über längere Zeit hinweg durch meinen Charme langsam in diese Gruppe «infiltrieren». Ich durfte an einem Samstagmorgen mitlauschen und möchte euch hier etwas darüber erzählen.
An diesem Morgen sind vier Damen anwesend. Sie möchten alle anonym bleiben, daher verwende ich hier nur ihre Initialen. Als ich mich zu ihnen setze, sprechen sie gerade über meine Selbstständigkeit und was ich jetzt eigentlich genau mache. Dieses Mitlauschen meinerseits basiert aber auf persönlichem Interesse und nicht auf geschäftlichem, daher lenke ich langsam von meinem Geschäft ab und bald darauf geht es um die Bedeutung und Erhaltung der Zufriedenheit. Es ist eine sehr aufgestellte Runde und E.P. erzählt, dass sie so gut wie nie schlecht gelaunt ist. Falls es doch einmal so sein sollte, dann weiss sie sich zu helfen und hört entweder ihre Lieblingsmusik, geht spazieren oder macht einfach etwas ganz anderes, um sich selbst abzulenken oder um ihre Gedanken auf etwas Gutes umzulenken.
E.P. ist im ganzen Dorf bekannt für ihr frohes Gemüt und eines Morgens wird sie von S.W.s Ehemann gefragt, was sie mache, damit sie immer, sogar am morgen früh, ein Lachen auf ihrem Gesicht habe? Sie hat einige harte Schicksalsschläge erlebt und erklärt es einfach so, dass es ja irgendwie hätte weitergehen müssen und dass sie so irgendwie auch einen Weg gefunden hätte. Weitere Einflüsse werden in der Runde hervorgehoben wie das Gemüt, das man hat (also entweder froh oder weniger froh) oder auch die Umstände, unter denen man aufgewachsen ist. Ich frage ob jemand ein hilfreiches Verhalten für schwierige Situationen anwendet und A.T. erklärt ihr Vorgehen so: Wenn etwas geschieht, das es zu überwinden gilt, dann erinnert sie sich zurück und fragt sich, ob sie in so einer Situation schon einmal gewesen sei. Meistens findet sie so eine Situation oder eine ähnliche und versucht sich weiter zu erinnern, wie sie diese Situation damals überwinden konnte. So kann sie sich also selbst weiterhelfen und den grösstmöglichen Nutzen aus ihrer eigenen Erfahrung ziehen. (Anm.: Dieses Vorgehen nennt man Selbstreflektion und wird heutzutage immer wichtiger.)
«Wie älter man wird, umso mehr Kindheitserinnerungen werden wach.», erklärt E.W. und alle am Tisch bestätigen dies. Natürlich gehören gute wie schlechte Erinnerungen dazu, das ist bei allen so. Es wird von früher erzählt und wie die damalige Einfachheit seinen Vorteil hatte. Es war bestimmt keine leichte Kindheit und man wurde in seine Schranken gewiesen, doch man kannte ja nichts anderes und wenn man es mit der heutigen Zeit vergleicht, dann ist diese durch Einfachheit entstandene Bescheidenheit Gold wert. Im heutigen Wohlstand werden die Kinder schnell einmal verzogen, anstatt erzogen. Heute fehlt es vielen an genau jener Kreativität, die man früher brauchte, um sich an einfachen Sachen begnügen zu können. Ich deute das folgendermassen: Unser heutiges Umfeld bietet eine Masse an Kreativität an, wodurch die eigene Kreativität nicht einfach nur vernachlässigt, sondern regelrecht begraben wird. Im Sinne von: Materieller Wohlstand fördert geistige Armut!
Wollte jemand von ihnen ein Instrument spielen, so wurde es manchen von ihnen gewährt, aber nur unter gewissen Bedingungen. E.P. hätte das Handorgelspielen lernen dürfen, aber sie hätte für die Übungsstunden jeweils eigenständig ins nächste Dorf gehen müssen und das war ihr zu aufwändig. S.W. durfte Klavierstunden nehmen, aber hat als Gegenleistung die Kinder des Klavierlehrers gehütet.
Noch immer in früheren Zeiten schwelgend, fragte ich E.P. nach dem Altersunterschied zu ihrem damaligen Nachbarn namens Ernst Belz. (Dieser Bub war nicht nur damals auffallend wegen seiner Kleinwüchsigkeit (Mikrosomie), er wanderte später mit 30 Jahren sogar in die USA aus, baute sich sein Leben dort auf, schrieb eine vergleichsweise kurze Autobiografie und da er ein Cousin meines Grossvaters war, standen wir bis zu seinem Tod stets in regem Kontakt mit ihm.) Er war zehn Jahre älter als E.P. und sie erinnert sich, wie er ihr in jungen Jahren als Samichlaus verkleidet ihr erstes Paar Ski respektive Fassdauben schenkte. Geschichten wie diese machen dieses Stammtischgespräch zu einem meiner Favoriten! Ernst Belz war ein sehr beliebter Besucher bei uns zu Hause, weil er uns immer viel von diesem unglaublichen Amerika erzählte. Er prägte ebenfalls meine ersten Erfahrungen mit diesem Land und für mich übertrifft sein Legendenstatus seine Körpergrösse bei Weitem!
In solchen alten Geschichten grübeln diese Damen sehr gerne, wie es alle zugeben. Weiter dreht sich das Gespräch um Verwandtschaften, Stammbäume und wer sich bei uns im Dorf wie stark damit befasst. Unser Dorfbrand anno 1863 wird auch kurz erwähnt und wessen Verwandten dabei ihr Leben verloren. Und bevor man es bemerkt, befinden wir uns wieder in der Gegenwart und es wird ein sehr aktuelles Thema angesprochen: Die Vereinsamung.
Um der Vereinsamung entgegen zu wirken organisiert E.P. monatlich ein Mittagessen in der Dorfbeiz und versucht dabei, möglichst viele ältere Leute zusammen zu bringen.
Als abschliessende Frage wollte ich von ihnen wissen, welche Botschaft sie mit diesem Artikel gerne an die junge Generation weitergeben möchten? E.W. antwortet umgehend so: «Du hast jetzt natürlich Glück, dass du uns angetroffen hast! Ich meine, wir alle hier haben ein sehr gutes Gemüt und es gäbe viele andere in unserem Alter, die mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wir sind sehr extrovertiert und zeigen uns oft im Dorf, aber das liegt halt nicht allen so wie uns.»
S.W. macht die Erfahrung, dass sie von den Jungen her sehr viel Gutmütigkeit spürt. Sie seien immer unglaublich freundlich zu ihr. Sie fragt sich, ob es daran liegen könnte, dass sie früher Lehrerin war und dadurch immer noch einen gewissen Bezug zu vielen Einwohnern hat. Ich kann mir vorstellen, dass der Einfluss, den sie damals auf ihre vielen Schüler hatte, heute wieder von den nun erwachsenen, ehemaligen Schülern auf sie zurückwirkt.
Zuletzt stellt sich die grundlegende Frage, wie man eben genau diese Personen erreicht, die sich nicht im Dorf zeigen und die den sozialen Austausch am Nötigsten hätten. E.P. versucht genau das, sie ruft solche Personen an und lädt sie ein, aber es nützt meistens leider nichts. Diese Stammtischrunde zeigt also eine Idealsituation, wo sich ältere Leute austauschen und auf Trab halten. Doch die Schwierigkeit bei der Vereinsamung wie auch in der Beratung ist dieselbe: Wie kann man jenen Personen helfen oder integrieren, die sich nicht helfen lassen oder zeigen wollen? Die Antwort ist ebenfalls dieselbe: Gar nicht! Es lebe der freie Wille…