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Der Grönländische Eisschild verzeichnete einen neuen Rekord-Eisverlust im Jahr 2019. Zu diesem Ergebnis kam ein Team aus internationalen Forschenden durch die Auswertungen von Satellitenbeobachtungen und Modelldaten. Die Gesamtverluste fielen mit 532 Milliarden Tonnen höher aus als im bisherigen Rekordjahr 2012 mit 464 Milliarden Tonnen Eisverlust. Dies entspricht einem global mittleren Anstieg des Meeresspiegels von 1,5 Millimeter.
Nach zwei Jahren mit geringeren Verlusten im 2017 und 2018 befindet sich der Eisschild nun wieder auf dem Weg eines zunehmenden Massenverlustes. Die fünf größten Verlustjahre haben sich in den letzten zehn Jahren ereignet. Der Eisverlust überstieg im Jahr 2019 den Zuwachs durch Schneefall um über 80%. Die Studie ist am 21. August 2020 im Fachjournal Communications Earth & Environment erschienen.
Für die Bestimmung der Eisverluste werteten die Forschenden vom AWI gemeinsam mit internationalen Partnern Satellitendaten der Mission GRACE und ihrer Nachfolgemission GRACE Follow-On (GRACE-FO) aus. Die Satelliten liefern hochgenaue Messungen, aus denen monatliche Karten der Erdanziehungskraft berechnet werden. Durch die Umverteilung von Massen verändert sich die Erdanziehungskraft zeitlich und räumlich, in Grönland zum Beispiel durch Eisverluste in den Ozeanen. Verglichen haben die Forscher die Satellitendaten mit Simulationen von regionalen Klimamodellen, die darauf spezialisiert sind, Schneefall und Schmelzen des Eisschilds abzubilden.
„Nach zwei Jahren ‚Atempause‘, sind im 2019 die Massenverluste wieder stark angestiegen und übertreffen alle Jahresverluste seit 1948, wahrscheinlich sogar seit über 100 Jahren“, sagt Ingo Sasgen, Glaziologe am AWI in Bremerhaven und Leitautor der Studie. „Immer häufiger haben wir stabile Hochdruckgebiete über dem Eisschild, welche die Einströmung von wärmerer Luft aus den mittleren Breiten begünstigt und damit das Schmelzen fördert. Ein ähnliches Muster haben wir im bisherigen Rekordjahr 2012 gesehen.“
Die Massenbilanz eines Jahres ergibt sich aus der Differenz zwischen Eiszunahme durch Schneefall und Eisverlusten durch Schmelzen und Eisaustoß am Rande des Eisschilds. „2019 war der Schneefall geringer als im langjährigen Mittel; auch das hat zu dem Rekordwert beigetragen“, erläutert Marco Tedesco, Professor an der Columbia University und Mitautor der Studie. „Durch den Vergleich von Satellitendaten mit regionalen Klimamodellen konnten wir genau sehen, welcher Prozess wie stark beteiligt und welche Großwetterlagen bestimmend waren“, ergänzt er.
Entscheidend für die kontinuierliche Beobachtung der grönländischen Eismassen sind die beiden Satellitenmissionen GRACE und GRACE-FO zur Beobachtung des Erdschwerefeldes. Deren Messungen ermöglichen es, Massenänderungen des Eisschilds in monatlicher Auflösung zu quantifizieren. „Die Satellitenmission GRACE, die im Sommer 2017 endete, lieferte uns über 15 Jahre hinweg essentielle Beobachtungen zu den Eisverlusten in Polargebieten“, sagt Christoph Dahle, verantwortlich für die Berechnung der Schwerefelder aus den Rohdaten beider Missionen am Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ. „Nach einer Lücke von etwa einem Jahr konnten wir im Sommer 2018 mit der Folgemission GRACE-FO das Monitoring erfolgreich fortsetzen.“
Die Arktis erwärmt sich im Sommer etwa eineinhalbmal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Hinzu kommen verschiedene Rückkopplungseffekte, die die Eisverluste verstärken. „In den Jahren 2017 und 2018 hatten wir sehr kalte und schneereiche Jahre in Grönland“, sagt Sasgen. Die GRACE/GRACE-FO Daten zeigen aber, dass auch in diesen Jahren die Massenbilanz durch den starken Ausstoß im Meer endender Gletscher negativ war.
Heiner Kubny, PolarJournal