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Hört man einem Gespräch unter Jugendlichen zu, dann stellt sich rasch die Frage, wie ein solcher Sprachgebrauch zu bewerten ist. Zeichnen sich hier Sprachveränderungen ab, die Anlass zur Sorge geben? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst fragen, worin die charakteristischen Merkmale dieses Sprachgebrauchs überhaupt bestehen.
In den Jugendsprach-Wörterbüchern findet man zwar einige Informationen, doch ist zu bedenken, dass es sich dabei meist um Vorschläge von Jugendlichen handelt, die gebeten wurden, möglichst originelle Beispiele einzureichen. So überrascht es nicht, dass sich Einträge wie Käpt’n Wasserstoff (für eine Person mit blondierten Haaren) oder Fleischmütze (für Glatzkopf) finden – also Beispiele, die vielleicht originell, aber sicher nicht im täglichen Gebrauch sind. Was aber nun ist typisch für den jugendlichen Sprachgebrauch, und wie sind diese Phänomene zu bewerten? Kommen wir zunächst zur ersten Frage:
Ein Merkmal jugendlichen Sprechens ist, dass Zitate, aber auch Werbesprüche in die eigene Rede eingebaut oder Äusserungen spielerisch verfremdet werden. Diese Stilbastelei (= Bricolage) erkennt man z.B. daran, dass Jugendliche formelhafte Wendungen verfremden (z.B. Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch) oder dass sie, auch wenn sie keinen Migrationshintergrund haben, in grammatisch fehlerhaftem Deutsch sprechen (z.B. Gömmer Migros?, Hesch mer Zigarett?). Eine solche Sprechweise wird in der Schweiz als „Jugodeutsch“ oder „Balkandeutsch“, in Deutschland als „Türkendeutsch“ oder „Kiezdeutsch“ bezeichnet. In der Linguistik gibt es dazu bereits einige Untersuchungen, von denen die meisten aber nur die Situation in Deutschland im Blick haben. So wird darauf hingewiesen, dass das ethnolektale Sprechen ein Spiel mit der Sprache, ein Sprechen „mit fremder Stimme“ sei und Grammatikfehler oft absichtlich gemacht würden. Viele Jugendliche würden diese Ausdrucksweise aus den Medien übernehmen, wo Kabarettisten wie der türkisch-stämmige Kaya Yanar, der perfekt Deutsch spricht, ein fehlerhaftes Deutsch inszenieren.
Dass die Medien an der Verbreitung solcher Ausdrucksweisen einen grossen Anteil haben, sieht man auch an dem Satz S beschte wos je hets gits. Dieser Satz wurde in der Schweiz ja nur deshalb so populär (und sogar zum Jugendwort des Jahres 2009), weil er an eine charakteristische Sprechweise von Jugendlichen anschliesst und weil er über das Internet so rasch verbreitet werden konnte. Der junge Mann, der diesen Satz erstmals äusserte, gibt übrigens auf Nachfrage an, er „habe ihn aus Witz und Lust am frechen Klang, aber nicht aus Unvermögen so formuliert“ (vgl. NZZ Online, 16.6.2009) – und tatsächlich, so liest man auf NZZ-Online, hat er im Gespräch mit dem Journalisten keinen sprachlichen Fehler gemacht.
Ein weiteres Merkmal zeigt sich in der Verwendung intensivierender Ausdrücke (z.B. mega, voll krass, fett), wobei hier anzumerken ist, dass diese einem schnellen Wandel unterliegen, weil sie oft von den Erwachsenen übernommen werden (vgl. cool, geil). Und auch das Code-Switching, wie es z.B. bei einer Verabschiedung auftritt (vgl. Tschau Simone, see you later), sowie das Verwenden englischer Bezeichnungen (z.B. aus dem Hip-Hop) sind typische Merkmale von Jugendsprache. Für Aussenstehende bleiben diese Wörter oft deshalb unverständlich, weil sie nicht über das spezifisch kulturelle Wissen verfügen, das hinter den Entlehnungen steht. Es ist hier also weniger das Englische, das die Distanz zur Sprachgebrauch der Erwachsenen herstellt, als vielmehr die Tatsache, dass es sich um szenesprachliche Wörter handelt (z.B. Flow, Battle).
Damit kommen wir zur zweiten Frage: Deuten die genannten Merkmale auf eine Sprachverluderung hin, oder ist im Gegenteil das jugendliche Sprechen kreativ und innovativ; besteht kein Anlass zur Sorge? Und welche Auswirkungen hat die Jugendsprache auf das Sprechen in normgebundenen Situationen, also z.B. in der Schule, am Arbeitsplatz oder in einem Bewerbungsgespräch? Solche Fragen betreffen auch die geschriebene Sprache: Führt das häufige Schreiben im Internet und von SMS möglicherweise dazu, dass die Fähigkeit, sich gut auszudrücken und orthographisch korrekt zu schreiben, nachlässt?
Auf diese Aspekte kann hier nicht im Detail eingegangen werden; es sei nur so viel gesagt, dass in einem Forschungsprojekt an der Universität Zürich, in dem über 1000 Texte von 14- bis 19-jährigen Schülern aller Schulformen ausgewertet wurden, keine Evidenz dafür gefunden werden konnte, dass es einen Einfluss des privaten Schreibens auf das schulische Schreiben gibt.
Nicht so einfach zu beantworten ist dagegen die Frage, ob der mündliche Sprachgebrauch in der Schule Einflüsse aus der Jugendsprache aufweist, da hier die Übergänge zwischen den verschiedenen Ausdrucksweisen (z.B. formell/informell) oft fliessend sind. Wichtig ist auf jeden Fall, dass den Jugendlichen immer bewusst ist, wer der Adressat ihrer Äusserung ist und in welcher Kommunikationssituation sie den einen oder anderen Sprachgebrauch anwenden können. Wenn sie diese verschiedenen sprachlichen Register beherrschen, dann gibt es keinen Grund zur Sorge. Und dass sie diese Register beherrschen, ist ein wichtiges Ziel des Deutschunterrichts, in dem die Reflexion über Sprache (und damit auch über das eigene Kommunikationsverhalten) einen ebensolchen Stellenwert wie die Lektüre von literarischen Texten haben sollte.