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Titel
Forstwirtschaft,
die auf die Erzeugung von Waldprodukten gerichtete menschliche Thätigkeit. Dieselbe
hat es mit einem
Wirtschaftsobjekt zu thun, welches sich von andern durch besondere Merkmale unterscheidet. Bei der
forstwirtschaftlichen
Produktion steht die Naturkraft mehr im
Vordergrund als bei allen übrigen
Zweigen der Sachgütererzeugung,
und die menschliche
Arbeit tritt sehr zurück.
Gering sind auch der relative
Bodenwert und das Wirtschaftsinventar, mit welchem
die
Forstwirtschaft arbeitet; aber sehr bedeutend ist der
Wert der in einem wirtschaftlich behandelten und eingerichteten
Forst
[* 2] ausstehenden
Holzbestände.
Die
Forstwirtschaft ist also in Bezug auf die aufzuwendende
Arbeit immer extensiver als die
Landwirtschaft derselben
Zeit und Gegend;
aber sie ist oft intensiver, wenn das zum Wirtschaftsbetrieb erforderliche gesamte Kapital ins Auge [* 3] gefaßt wird;
Bestellung und Ernte [* 4] sind oft durch lange Zeiträume getrennt;
wenig beweglich und rascher Umformung unfähig, ist das Holzkapital in Bezug auf seine Entstehung und Vergrößerung weit weniger von dem freien Willen des Menschen abhängig als jedes andre Kapital. Es erfolgt vielmehr die zur Bildung des Holzkapitals erforderliche Zinsenansammlung im Wald fast ganz unabhängig vom Menschen, sowohl was die Art und Höhe der Verzinsung als auch die Zeit, für welche die Zinsenansammlung erfolgt, anbelangt.
Das
Material des Holzkapitals ist vergänglich, eine willkürliche Zinsenanhäufung
in Form von Materialzinsen (Holzzuwachs) ist daher unmöglich. Auch in Bezug auf die
Fläche und
Teilbarkeit derselben unterliegt
die
Forstwirtschaft gewissen Beschränkungen, welche dem zunächst verwandten landwirtschaftlichen Produktionsgebiet
fremd sind. Je länger der
Umtrieb, desto größer muß die Betriebsfläche sein. Auch zahlreichen
Gefahren
(Sturm,
Feuer,
Schnee-,
Duft- und Eisbruch, Insektenschäden etc.) sind die Holzbestände, mit denen die
Forstwirtschaft arbeitet,
ausgesetzt, und wirtschaftliche Fehler wirken auf dem
forstwirtschaftlichen Gebiet weit nachhaltiger und darum intensiver,
weil der ganze Betrieb auf längere Zeiträume sich erstreckt und nur nach oft langen
Pausen wieder auf dieselbe
Stelle zurückkehrt.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die allgemeinen
Sätze der
Volkswirtschaftslehre nicht ohne weiteres
auf die
Forstwirtschaft angewendet werden können. So einfach der Forstwirtschaftsbetrieb erscheint, so liegt doch
in dem oft langen Zeitraum zwischen
Bestellung und
Ernte eine große Schwierigkeit für die
Darstellung des Wirtschaftseffekts,
indem erstere, die Begründung der Holzbestände, unter der Einwirkung von gesamtwirtschaftlichen
Faktoren
erfolgt, welche vielleicht längst aufgehört haben, wirksam zu sein, wenn die Benutzung der Holzbestände statthaft ist.
Die Wirtschaftlichkeit der Waldbegründung, die Bestimmung des
Umtriebs, der zu erziehenden Holzarten, ist also stets aus
Verhältnissen der Zukunft herzuleiten, welche sich unsrer Beurteilung entziehen, auf
Preise und Marktverhältnisse zu
gründen, welche wir nicht kennen, auf eine
Nachfrage, welche wir nicht vorauszusehen vermögen. Unmöglich ist es, daß sich
Angebot und
Nachfrage auf dem
forstwirtschaftlichen Gebiet überhaupt rasch ausgleichen, da zur Erzeugung fehlender begehrter
Sortimente oft ein
Jahrhundert gehört und die
Nachfrage vielleicht längst nicht mehr besteht, wenn ihr genügt werden
könnte.
Der Wald wird, wie Acker und Wiese, durch den Boden und die Atmosphäre ernährt; allein er muß durch Selbstdüngung die Kraft [* 5] des Bodens erhalten, ein von außen zugeführter Ersatz für die im Holz [* 6] und in den Forstnebennutzungen entzogenen Nährstoffe ¶
mehr
ist unmöglich. Er ist bei rationellem Betrieb auch nicht erforderlich; ja, in wohlgepflegten Forsten verbessern sich die obern Bodenschichten durch die Waldabfälle bedeutend, und die tief in den Boden eindringenden, einen weiten Boden- (Wurzel-) Raum erschließenden Baumwurzeln öffnen tief liegende Schichten den Atmosphärilien, der chemischen und physikalischen Verwitterung. Die Thatsache der langsamen Bodenbereicherung in gut bewirtschafteten Forsten erklärt sich leicht.
Einmal entziehen die Holzgewächse dem Boden relativ wenig Nährstoffe (namentlich Kali, Phosphorsäure kaum 0,01, wenn der Bodenentzug durch landwirtschaftliche Benutzung = 1 ist); sodann durchgraben die Wurzeln der Bäume Tiefen, in welche die landwirtschaftlichen Kulturgewächse meist nicht gelangen. Der in großen Mengen zur Bildung der Holzfaser erforderliche Kohlenstoff wird aus der Luft entnommen; der Humus, die in Zersetzung begriffenen Waldabfälle besitzen ein bedeutendes Absorptionsvermögen für Gase [* 8] (Ammoniak etc.); die aus den Tiefen des Wurzelraums emporgesogenen Nährstoffe kommen in den vermodernden Blättern und Holzteilen der obersten Bodenschicht zu gute.
[Geschichtliches.]
Die heutige
Forstwirtschaft ist ein Kind der Not. Jahrhundertelang erhob sich die Waldbenutzung nicht
über eine bloße Okkupation der von der Natur dargebotenen Produkte, als die Landwirtschaft schon längst eine höhere Entwickelungsstufe
erreicht hatte. Holz, Weide,
[* 9] Mast waren im Überfluß vorhanden; als eine Pertinenz der Landwirtschaft fand die Waldbenutzung
wenig Beachtung. Als endlich unter dem Zwang der Verhältnisse, bei rasch anwachsender Bevölkerung
[* 10] und
ebenso rasch wachsenden Ansprüchen an den Wald dieser selbst eine verständigere Benutzung und Pflege forderte, als die Furcht
vor dem Holzmangel an alle Thüren klopfte (im 15. und 16. Jahrh.), da waren es mehrere Gründe, welche einen raschen
Fortschritt auf dem Gebiet der
Forstwirtschaft hinderten, vor allen die besondere Lage des Waldeigentums und die persönliche Sonderstellung
der Forstwirte.
Die freie Agrar- und Gemeindeverfassung der germanischen Stämme war der veränderten Rechtsanschauung (dem Eindringen des römischen Rechts) und den feudalen Institutionen des Mittelalters zum Opfer gefallen; ein großer Teil der Waldungen befand sich im Besitz der Landesherren, geistlicher Herren und Stiftungen und wurde wesentlich im Interesse der Jagd benutzt; in den alten Mark- oder Wirtschaftsgenossenschaften der bäuerlichen Kolonen war mit der Autonomie der Gemeinsinn erstorben und ein roher Eigennutz in volle Wirkung getreten.
Was von den alten Institutionen geblieben war, bestand in einer Art von gemeinsamer Waldbenutzung, jetzt aber meist in der Form drückender, oft waldzerstörender Servituten. Um den gänzlichen Ruin der Privatforsten zu verhindern, kannten die Territorialherren kein andres Mittel als die äußerste Bevormundung des Privatforstbetriebs (auf Grund des Forsthoheitsrechts, s. Forsthoheit), welche die Lust an produktiver wirtschaftlicher Arbeit und an sorgsamer Pflege der Waldungen vollends ertötete.
Zur Führung der Wirtschaft in den landesherrlichen Forsten wurden Männer berufen, welche in erster Linie Jäger waren, der Wissenschaft fern standen und, von weidmännischen Interessen geleitet, oft nach ganz falschen Zielen hinarbeiteten. Aber aus diesem Jägertum entwickelte sich doch mit der Zeit eine Schule der forstlichen Empirie, welche die Grundsteine zu einer geregelten (wenn auch handwerksmäßigen) Wirtschaft im Wald legte. Um das Jahr 1700 war die Furcht vor Holzmangel im mittlern, westlichen und südlichen Deutschland [* 11] allgemein.
Weite Flächen in den Wäldern waren durch unverständige Holzhiebe, durch Weide, Streunutzung, Plaggenhieb etc. verödet und produktionslos geworden. Der regellose Plenterbetrieb, d. h. die ungeordnete Entnahme des Holzes, wo man es fand, und wie man es eben brauchte, gestattete weder eine nachhaltige, d. h. in periodisch oder jährlich gleichen Massen erfolgende, Holznutzung noch eine geregelte Wiederkultur. Gegen diese Regellosigkeit wendeten sich die fortgeschrittenen Jäger Beckmann, Döbel, Büchting u. a. Sie empfahlen Kahlhieb in regelmäßig aneinander gereihten Jahresschlägen mit darauf folgender Saat oder einen schlagweisen Mittelwaldbetrieb.
Nach letzterm System wurden Bäume aller Altersklassen in lichtem Stand über einem stangenholz- oder buschholzartigen Unterholz erzogen. Allmählich versuchte man es, aus dem abfallenden oder abfliegenden Samen [* 12] der alten Stämme und unter ihrem Schirm die Bestandsverjüngung zu bewirken und dann aus den Jungwüchsen das Altholz stufenweise herauszuplentern, indem man auch bei diesem Betrieb sich an eine Flächeneinteilung in Jahres- oder Periodenschläge anschloß. So entstand der Femelschlagbetrieb, um dessen Ausbildung sich Sarauw, G. L. Hartig und Cotta gegen Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahrh. große Verdienste erworben haben. Eine Reihe von Forsteinrichtungsmethoden entstand, unter denen die sogen. Fachwerksmethoden (s. Forsteinrichtung) Hartigs und Cottas die allgemeinste Verbreitung gefunden haben.
Unter den verschiedenen Betriebsarten erlangte der Femelschlagbetrieb seit 1800 allmählich mehr und mehr die Herrschaft; allein die Nachteile desselben, besonders für die lichtbedürftigen Holzarten, traten so sehr hervor, daß nach 1830 für die Kiefern- und Fichtenwaldungen sowie für die Eichenforsten vielfach (namentlich im nördlichen und westlichen Deutschland) der Kahlschlagbetrieb an seine Stelle trat, jetzt aber unter gleichzeitiger Anwendung der Pflanzung zum Zweck der Begründung des Jungbestandes.
Die Zeit Hartigs und Cottas (bis 1830) ist als diejenige der Herrschaft der Schulregel in der
Forstwirtschaft zu
betrachten. Man hatte das empirisch Gefundene in eine Anzahl von Generalregeln zusammengefaßt und eine
Forstwirtschaftslehre
zusammengestellt, welche keinen Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit machen konnte und der wissenschaftlichen
Begründung entbehrte, aber ausreichend war, um den Praktikern als Richtschnur bei der handwerksmäßigen
Wirtschaftsübung zu dienen, solange es sich nur darum handelte, die Wirtschaft im Wald aus der frühern Regellosigkeit zu
geordneter Waldbenutzung überzuführen.
Sobald dagegen die Erzielung des höchsten Wirtschaftseffekts, der höchsten Intensität der Wirtschaft, die strenge Herleitung
der Wirtschaftsgrundsätze aus den maßgebenden örtlichen Verhältnissen, die tiefere wissenschaftliche Begründung derselben
von dem Forstmann gefordert wurden, war die Zeit der Schulregeln vorüber (s.
Forstwissenschaft). Gegen die Geltung der Generalregeln trat besonders Pfeil seit 1820 mit der ihm eignen Energie in die Schranken.
Hundeshagen und Karl Heyer strebten gleichzeitig danach, die
Forstwirtschaft auf dem festen Grund wissenschaftlicher Arbeit neu aufzubauen.
Gottl. König bildete besonders die Lehre
[* 13] von der Waldpflege, d. h. der Pflege des Bodens, der Bestände
und einzelner Stämme, aus. Gegen die Kahlschlagwirtschaft wendeten sich Männer der Wirtschaft und Wissenschaft, indem sie auf
die
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mehr
Verödung der großen Kahlschläge, die schlechte Beschaffenheit der uniformen jüngern Bestände, die rasch sich mehrenden
Insektenschäden, welche als Folgen der großen Kahlhiebe angesehen werden, hinwiesen. Die
Forstwirtschaft der neuesten Zeit kehrt um zum
Vorverjüngungsbetrieb, zum gemischten Bestand mit möglichst reich entwickeltem Blattvermögen und möglichst großer Bestrahlungs-
(Atmungs-) Fläche; sie strebt nach dem intensiven, streng lokalisierten Betrieb der kleinsten Fläche und
hat sich von der Herrschaft der schablonisierenden Generalregeln losgerungen.
Mehr und mehr gewinnt sie den wahren volkswirtschaftlichen Boden und damit ihre wahrhaft rationelle Gestaltung. Daß die ein
Gewerbe sei und insofern teilnehme an dem Streben nach der höchsten Rente (höchsten Unternehmergewinn,
höchsten Bodenrente), haben die Forstwirte der neuesten Zeit erkannt, ohne jedoch den finanziellen Gesichtspunkten eine ausschließliche
Herrschaft einzuräumen. Über Hauptbetriebsarten der
Forstwirtschaft s. Betriebsarten.