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Wettfieber

Ein typisches australisches Dorf, sei es auch noch so klein und abgelegen, besteht aus den folgenden, lebenswichtigen Institutionen: einem Pub, einer Benzinstation, einem Golfplatz und einem TAB. Ein TAB ist ein Wettbüro, wo man ausserhalb der Rennbahnen legal Wetten abschliessen kann. Dort herrscht jeweils Anfangs November Hochbetrieb, denn am ersten Dienstag dieses Monats wird der Melbourne Cup, das wichtigste Pferderennen des Jahres, ausgetragen. In ganz Australien findet sich kaum jemand, der nicht ein paar Dollar in dieses Rennen investiert. Genauso wie man an Weihnachten Geschenke kauft, so setzt man am Melbourne Cup etwas Geld auf ein Pferd. Und genauso wie Weihnachten ein Feiertag ist, so bleiben auch am Melbourne Cup Tag die Geschäfte geschlossen. Schliesslich gilt es den Anlass gebührend zu feiern. Es gibt Parties, Modeschauen, Wettbewerbe für die Damen mit Hut und natürlich Picknicks im Grünen. Nur während den gut drei Minuten, welche die Pferde brauchen um die dreitausendzweihundert Meter auf der Flemington Rennbahn hinter sich zu bringen, läuft ausser den Fernsehern und Radios in ganz Australien Nichts mehr. Erst nachher wird dann wieder auf den Sieg angestossen oder der Verlust mit einem kühlen 'Stubbie' weggespühlt. So sind am nächsten Tag Sieger und Verlierer gleichermassen verkatert.
Doch die Wettfreudigkeit der Australier beschränkt sich nicht nur auf den Melbourne Cup. Die TABs sind selten leer, gibt es doch immer irgendwo ein Rennen irgendeiner Art, ein Cricket Spiel oder einen Boxkampf. Etwas ausgefallener sind die regionalen Spezialitäten. So werden im Norden von Queensland, der Hochburg des Zuckerrohranbaus, in den Pubs Froschrennen durchgeführt. Für drei Dollar kann man sich dort für einen Abend lang einen 'Rennfrosch' erstehen, und diesen dann gegen andere Artgenossen antreten lassen. In Alice Springs ist der Höhepunkt des Jahres die Henley-on-Todd Regatta. Da der Todd die meiste Zeit kein Wasser führt, haben sämtliche Bootskategorien eines gemeinsam: alle Boote haben keinen Boden, so dass die Beine der Besatzung das Boot ins Ziel tragen können. Leider musste die Henley-on-Todd Regatta auch schon abgesagt werden, da der Todd nach einem Regenbruch tatsächlich durch sein sonst trockenes Flussbett floss.
In Darwin, wo es immer genug Wasser hat, und wo angesichts der Krokodile die Boote an der 'Beer Can Regatta' auch alle mit einen Boden versehen sind, müssen diese jedoch aus Bierbüchsen konstruiert sein. Aus leergetrunkenen Bierbüchsen versteht sich. Als nämlich vor ein paar Jahren eine Mannschaft mit einem Boot antrat, welches aus von einer Brauerei zur Verfügung gestellten, ungeöffneten, aber bereits leeren Bierdosen bestand, wurde das Gefährt postwendend disqualifiziert.
Die Wettlust seiner Bewohner macht sich auch die Regierung zu Nutze. Das bewährte Mittel hier sind die Lotterien. Nachdem zum Beispiel die Kosten beim Bau des Opernhauses von Sydney plötzlich explodiert waren, wurden die fehlenden Beträge in gut australischer Manier durch eine Reihe von Lotterien aufgetrieben. In jedem Staat Australiens gibt es ohnehin jede Woche mehrere Ziehungen, wo man raten darf, welche Zahlen gezogen werden. Doch noch viel beliebter als die Zahlenlottos sind die verschiedenen 'Scratchie', die Rubbelkarten. Dort wird nämlich sofort nach Abrubbeln der ominösen silbrigen Felder klar, ob man das grosse Geld gewonnen hat, oder ob man am nächsten Tag halt doch wieder wie gewöhnlich zur Arbeit antreten muss.
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