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John Williams La-La Land Records LLLCD 1353 CD 1: 65:50 / 22 Tracks CD 2: 58:08 / 11 Tracks CD 3: 56:30 / 14 Tracks Limitiert auf 3000 Stk.
Bei ihrer 17. Zusammenarbeit taten sich Steven Spielberg und John Williams für einen auf Brian Aldiss‘ Kurzgeschichte Super Toys last all Summer longbasierenden Film zusammen, den eigentlich Stanley Kubrick drehen wollte (der Film ist denn auch ihm gewidmet); der britische Ausnahme-Regisseur verstarb aber noch während der Vorbereitungsphase.
Das Science-Fiction-Märchen Artificial Intelligence erzählt vom Mecha-Jungen David, der als Ersatz für deren schwer erkrankten Sohn Martin zum Ehepaar Swinton kommt, wo er allmählich Gefühle vor allem für seine «Mutter» Monica entwickelt. Als jedoch Martin überraschend wieder gesund wird, treten unüberwindbare Schwierigkeiten zwischen den beiden Jungen auf, worauf Monica David im Wald aussetzt. Dieser macht sich nun auf die Suche nach der Blauen Fee, die ihn ‒ wie einst Pinocchio ‒ in einen echten Menschen aus Fleisch und Blut verwandeln soll, damit er zu seiner Familie zurückkehren kann.
Das Originalalbum zu A.I. wird dem Score trotz seiner generösen Laufzeit von 70 Minuten nur bedingt gerecht, da John Williams wie so oft auf eine chronologische Präsentation verzichtete, zum Teil Konzertarrangements verwendete und das Vokal-Stück For Always gleich zweimal ins Programm aufnahm. Auch eine erweiterte Oscar-Promo und das ein oder andere Bootleg waren nicht gerade das Gelbe vom Ei, sodass nun das von La-La Land Records veröffentlichte Triple-Album mit Fug und Recht als definitive Edition dieses wundervollen Williams-Werks bezeichnet werden kann.
Der erste Akt des Films ‒ der vom Originalalbum am wenigsten abgedeckt wird ‒ spielt sich zu grossen Teilen im Heim der Swinstons ab und handelt primär von der vorsichtigen Annäherung von Monica und David. Der requiem-artige Opener Cybertronics führt hinüber ins Swinston-Haus, wo nicht nur dessen Inneneinrichtung kühle Atmosphäre ausströmt. Die Musik ‒ Orchester und sanfte Elektronik ‒ passt sich dem zunächst an, gibt sich zögerlich und verhalten, lässt aber auch verspielte Momente zu. Diese äussern sich vor allem durch Klavier und Synzesizer in Davids Robot Motif, erstmals zu hören in David’s Arrival, im selben Track ist indes auch sein «menschliches» Thema, hier ebenfalls vom Klavier vorgetragen, zu vernehmen.
Im Kontrast von kühler Elektronik und warmer Streicher und Holzbläser werden weitere Haupt- und Nebenthemen etabliert, sei es das Erziehungs-Thema in Hide and Seek, das Lost-Thema in David studies Monica, das Thema für Teddy ‒ Davids weiser Begleiter in Gestalt eines mechanischen Plüschbären ‒ in Wearing Perfume und natürlich Monicas liebevolles Thema in Reading the Words und Canoeing with Pinocchio. All diese Themen sind perfekt eingearbeitet in den ruhig, manchmal fast meditativ dahinfliessenden ersten Teil des Scores; eine Idylle (oder Illusion?), die durch die Rückkehr Martins erste Risse erhält. Die Musik wird kühler, dunkler und elegischer, mit Monica’s Plan und Abandoned in the Woods steuert sie auf den apokalyptischen zweiten Akt zu.
In diesem trifft David auf den Mecha-Gigolo Joe, gemeinsam gelingt ihnen die Flucht vor skrupellosen Jägern, die herrenlose und defekte Roboter einsammeln, um sie dann zur allgemeinen Volksbelustigung spektakulär zu verschrotten. Die beiden setzen sich in den neongrellen Sündenpfuhl Rouge City ab, wo ihnen der allwissende Dr. Know (eine animierte, Albert Einstein nachempfundene Figur) verrät, wo die Blaue Fee zu finden ist.
Dieser Akt enthält nicht besonders viel Williams, sondern mehrheitlich Rockmusik und alte Broadway-Songs ‒ wie Fred Astaires Cheek to Cheek ‒ als Source-Musik, aber doch auch ein paar Score-Glanzpunkte. The Moon Rising / The Biker Hounds(wo Williams ein wenig Unterstützung von seinem Sohn Joseph erhielt), nimmt nicht nur optisch im Film, sondern auch musikalisch schon ein wenig War of the Worlds vorweg und in Journey to Rouge City wird Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier zitiert; eine Idee, die noch von Kubrick stammte und ihm zu Ehren beibehalten wurde. Eine humorvolle Reminiszenz an den Videospiel-Sound der 1980er-Jahre ist Inside Dr. Know’s (in den Extras auf CD 3 zu finden). In Immaculate Heart schliesslich erklingt erstmals kurz das lyrische, sehnsuchtsvolle Thema für die Blaue Fee.
Der dritte Akt führt David und Joe in die Ruinen des überfluteten Manhattan, wo sich die Blaue Fee befinden soll. Nach einer kurzen Begegnung mit seinem Schöpfer Professor Hobby findet David zusammen mit Teddy schliesslich im mittlerweile unter dem Meeresspiegel liegenden Coney Island die Gesuchte in Form einer hölzernen Märchenfigur. Ein umstürzendes Riesenrad verkeilt sich mit seinem U-Boot, eine Rückkehr an die Oberfläche ist nicht mehr möglich.
Die Musik wird mit dem mechanisch-pulsierenden The Mecha World und dem düsteren, mit sphärischem Chor unterlegten Replicas abstrakter und atonaler. Das Spektrum von Finding the Blue Fairy reicht von Unterwasserklängen über via Verfremdung angedeutete Karussellmusik (besonders effektvoll sind hier die Blockflöten) bis zum Feen-Thema samt sirenenhafter Vokalistin, was dies zu einem der reichhaltigsten Tracks des Scores macht.
Zwischen dem dritten und dem letzten Akt vergehen 2000 Jahre. Die Menschheit ist nicht mehr, eine neue Eiszeit angebrochen. Aus den Robotern sind selbständig denkende und handelnde SuperMechas geworden, sie finden in David den letzten übrig gebliebenen Link zu den Menschen, seine gespeicherten Erinnerungen liefern wertvolle Hinweise auf ihre eigene Evolution. Dank einer Haarsträhne können sie Monica zurückholen, jedoch nur für einen Tag. Es soll der perfekte Tag für David und Monica werden.
Im zweiteiligen Journey Through the Ice sind die schwebenden Chöre eine weitere Hommage an Kubrick; hier orientiert sich Williams an Gyorgi Ligeti, einem der klassischen Komponisten, die im Soundtrack zu 2001: A Space Odyssey zu hören sind. Ab Stored Memories kommt nach langer Abwesenheit wieder Monicas Thema zum Einsatz, dessen emotionaler Höhepunkt in The Reunion erreicht wird. Die dort erweckten Gefühle werden mitgenommen in den Abspann, wo in Where Dreams are born das Monica-Thema ‒ ein wenig nach Art von Ennio Morricone ‒ von einer Sopranistin mitgestaltet wird.
CD 1 und 2 dieser gediegen gestalteten Edition enthalten den kompletten Score (plus jeweils am Schluss jeder Scheibe etwas fragwürdig, weil eine Platzierung auf CD 3 idealer gewesen wäre, eine instrumentale bzw. eine vokale Version des A.I.- bzw. Blue Fairy-Themas), während CD 3 weitere zusätzliche Musik bereithält. Dazu gehören zahlreiche Alternates, das oben erwähnte Inside Dr. Know’s sowie die von Lara Fabia solo sowie im Duett mit Josh Groban eingesungenen Song-Versionen des Monica-Themas unter dem Titel For Always.
A.I. ist ein sehr gut aufgebauter, tiefgreifender und mit viel Einfühlungsvermögen stets auf die Story fokussierter Score, der nicht nur John Williams sehr am Herzen liegt. Auch aus meiner Sicht ist dies ‒ sowohl was die Musik als auch den Film betrifft ‒ die bisher beste Spielberg-/Williams-Produktion des neuen Millenniums. Eine Ansicht, die ich nicht erst seit dieser Veröffentlichung habe, von der ich aber jetzt umso überzeugter bin. Deshalb erachte ich diese Edition als absolut essenziell für jede Williams-Sammlung.
Andi, 16.9.2015