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Nach über 20 Jahren klopft Ajax Amsterdam wieder an die Türe eines europäischen Finals. Mit dabei haben die Holländer ihre bekannten Tugenden. Aber nicht nur ...
Ajax Amsterdam schickt sich mit dem grandiosen 4:1 im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon an, den Europa-League-Final zu erreichen. Es wäre das erste internationale Endspiel seit 21 Jahren für die Holländer.
Damals erlebten die «Ajacieden» ihre zweite Hochzeit, nachdem das Team mit Johann Cruyff 1971, 1972 und 1973 den Europapokal der Landesmeister (CL-Vorgänger) für sich entschied. 1995 sicherte sich Ajax die Champions League, 1996 scheiterten sie im Penaltyschiessen des Finals an Juventus Turin, 1997 bedeuteten die Bianconeri im Halbfinal abermals Endstation. Mit dabei waren damals die blutjungen Edwin van der Sar, Frank und Ronald de Boer, Clarence Seedorf, Edgar Davids, Patrick Kluivert oder Marc Overmars.
Ajax war das Mass aller Dinge in einer Zeit, in welcher sich noch keine Scheichs Fussballklubs als Spielzeuge leisteten. Die berühmte Ajax-Schule mit dem auf «Totaalvoetbal» ausgerichteten 4-3-3 war legendär. Für junge Talente gab es ein grosses Ziel: die Ajax-Akademie. Besser konnte man kaum ausgebildet werden.
Die Konkurrenz schlief aber nicht. Überall schossen Jugendakademien nach dem Ajax-Vorbild aus dem Boden. Aber: Als der Fussball immer mehr mit Geld überschwemmt wurde, verlor Ajax an Strahlkraft. Denn in Holland blieb man sich treu, horrende Saläre wollte und konnte man nicht bezahlen. Das Ajax-System überlebte trotzdem, es mussten aber kleinere Brötchen gebacken werden. Nach 1997 stand der Verein nur noch dreimal im EL-Achtelfinal, einmal im CL-Achtelfinal (2006), einmal im EL-Viertelfinal (1998) und einmal im CL-Viertelfinal. Das war 2003. Damals als vielversprechende Jungstars im Kader: Zlatan Ibrahimovic, Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart. Sie konnten alle bald nicht mehr gehalten werden.
Jetzt schickt sich die nächste Generation von jungen Wilden an, die Welt zu erobern. Sieben Spieler der Startelf gegen Lyon waren 21 oder jünger. Das Durchschnittsalter: 22 Jahre und 137 Tage. Sechs eingesetzte Spieler waren jahrelang in der Ajax-Jugendakademie ausgebildet worden, mit Stürmer Kasper Dolberg schaffte ein weiterer über einen kurzen Abstecher im eigenen Nachwuchs den Sprung ins Fanionteam.
Dolberg kann als Entdeckung der Saison bezeichnet werden. Der 19-jährige Däne dürfte im Sommer auf dem Transfermarkt einer der meistgejagten Angreifer im Teenager-Alter werden. Grossklubs strecken die Fühler längst nach dem 19-fachen Saisontorschützen in Liga (27 Spiele/14Tore) und Europa League (11/5) aus. Der Blondschopf jedoch erklärte kürzlich noch: «Der Schritt zu Manchester United oder Manchester City wäre zu gross. Ich möchte hier reifen.»
Sein Aufstieg kam selbst für ihn überraschend. «Mein Ziel war in dieser Saison in der zweiten Mannschaft von Ajax der Beste zu sein und vielleicht einige Spiele mit der ersten Mannschaft zu absolvieren.» Dann wurde Arkadiusz Milik zu Napoli abgegeben (27 Mio. Euro, ein Jahr zuvor für 2 Mio. Euro geholt). Dolberg erhielt die Chance und schlug ein.
Eine ähnliche Leistungsexplosion erlebte auch Matthijs de Ligt, seines Zeichens Stamm-Innenverteidiger. Mit 17 Jahren. Im März wurde er der jüngste holländische Nationalspieler seit 1931. Er verteidigt bei Ajax neben den Eigengewächsen Jairo Riedewald (20) und Kenny Tete (21). Ebenfalls bei den ganz Jungen: Justin Kluivert. Der 17-jährige Sohn von Patrick Kluivert wird in dieser Saison an die erste Mannschaft herangeführt.
Mit Trainer Peter Bosz setzt Ajax wieder auf einen Mann, der bedingungslos auf die Jugend zurückgreift. Mit Abdelhak Nouri (20), Pelle Clement (20) und Frenkie de Jong (19) schnupperten in dieser Saison schon die nächsten Talente Profiluft. Bosz kam im letzten Sommer von Maccabi Tel Aviv. Zuvor arbeitete er bei kleineren Klubs in Holland. Als Spieler schaffte es Bosz immerhin zum Nationalspieler Hollands, ausserdem trug er einst fünf Jahre das Shirt von Feyenoord. Nun leistet er offensichtlich hervorragende Arbeit.
Zu den eigenen Jungen gesellen sich geschickt geholte Spieler aus aller Welt. Einer davon ist Verteidiger Davinson Sanchez. Der Kolumbianer steht für diese Öffnung des Klubs. Sanchez kam im Sommer für fünf Millionen Euro. Im Januar schnappte sich Ajax David Neres für zwölf Millionen Euro. Der Brasilianer ist damit Rekordtransfer des Traditionsklubs. Auch bei Ajax geht längst nicht mehr alles über die eigene Jugend. In bisher sechs Einsätzen für die Profis traf Neres dreimal und buchte zwei Assists. Ein wichtiges Puzzlestück bildet zudem Torhüter André Onana. Der Kameruner konnte von Barcelona nach Holland gelotst werden und strahlt Sicherheit aus.
Auch der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler Amin Younes und der marokkanische Internationale Hakim Ziyech gehören in diese Kategorie von guten Transfers. Und natürlich Bertrand Traoré, der gegen Lyon mit zwei Treffern den Weg ebnete. Der Nationalspieler Burkina Fasos ist von Chelsea ausgeliehen.
Verantwortlich für die Transferpolitik ist Marc Overmars. Seit 2012 amtet er als Sportlicher Direktor. Bisher machte er vieles richtig. Doch im Sommer wird er sich mal wieder beweisen müssen, wenn die Grossklubs mit den Geldscheinen wedeln, um die hoffnungsvollen Talente abzuwerben. Etwas, das Ajax in den letzten Jahren zur Genüge kennengelernt hat. Alleine seit 2008 mussten diese 14 (!) Stars verkauft werden: Wesley Sneijder, Ryan Babel, Klaas-Jan Huntelaar, Johnny Heitinga, Thomas Vermaelen, Luis Suarez, Maarten Stekelenburg, Jan Vertonghen, Gregory van der Wiel, Christian Eriksen, Toby Alderweireld, Daley Blind, Jasper Cillessen und Arkadiusz Milik.
Overmars wird mit Trainer Peter Bosz alles daran setzen, dass es nicht zum grossen Ausverkauf kommt. Helfen können den beiden dabei die früheren Helden Edwin van der Sar als CEO und Assistenz- und Stürmertrainer Dennis Bergkamp. Allerdings hat auch Overmars Interesse geweckt. Sein ehemaliger Klub Arsenal soll sich überlegen, ihn zu engagieren.
Vorerst aber gilt das Augenmerk Ajax und da insbesondere Davy Klaassen, den man halten möchte. Der 24-Jährige ist Captain, Spielmacher, Torschütze, Nationalspieler und Leithammel der jungen Truppe. Seit er neun Jahre alt ist, spielt der in Amsterdam aufgewachsene Blondschopf für Ajax. Würde er am 24. Mai die Europa-League-Trophäe in Stockholm in die Höhe stemmen, die Wiederauferstehung von Ajax wäre komplett.