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Während meinem Onkel auf der Beerdigung seiner Frau alle die Hand gaben und, wie man das halt so macht, ihr tief empfundenes Beileid aussprachen, fiel seine Nachbarin Annemarie1 irgendwie aus der Rolle. Sie klopfte ihm jovial auf die Schulter und rief zu gut gelaunt: «Wird schon wieder!» Im Nachhinein kann ich sagen: Nein, es wurde nicht wieder. Das Chaos ging jetzt erst richtig los.
Wenige Wochen zuvor war bei der Frau meines Onkels, Tante Dorothea, ein Tumor diagnostiziert worden. Es ging dem Ende entgegen. Das hatten ihr die Ärzte im Krankenhaus offen gesagt. Auch mein Onkel baute rapide ab. Er war im Krankenhaus ebenfalls untersucht worden, bei ihm wurde allerdings nichts gefunden. Ich hatte die Vorsorgevollmacht für ihn und für meine Tante, da sie selbst keine Kinder hatten. Nun musste ich praktisch über Nacht für die beiden einen 24-Stunden-Pflegedienst organisieren. Bis dahin hatten es die beiden trotz ihres hohen Alters erstaunlicherweise weitgehend ohne Hilfe geschafft. Aber nun war sie 88, er 91, und es war klar: Sobald sie aus dem Krankenhaus zurückkehren würden, müssen sie zu Hause gepflegt werden. Noch im Krankenhaus gaben sie mir ihren Haustürschlüssel und baten mich, zu Hause alles für eine Pflegerin vorzubereiten.
Vor Ort in Oberbergendorf gab es keinen 24-Stunden-Pflegedienst. Und wenn es einen gegeben hätte, wäre er sehr teuer gewesen. Genauer gesagt, nicht teuer, sondern unbezahlbar. Über drei Ecken wurde mir ein tschechischer Pflegedienst empfohlen. Iva, die Chefin des Pflegediensts, und ich trafen uns. Ich erklärte, dass ich selber nicht helfen könne, da ich 60 Kilometer von meinem Onkel und meiner Tante entfernt wohne, voll berufstätig sei und zwei kleine Kinder habe. Iva stellte die Bedingung, dass die Pflegerin ein eigenes Zimmer haben müsse. Das war kein Problem. Mein Onkel hatte ein grosses Doppelhaus. In der einen Hälfte wohnten er und Tante Dorothea, die andere hatte er vermietet. Mit den Mieteinnahmen konnten die Pflegekosten bezahlt werden.
Kurz bevor mein Onkel und Tante Dorothea aus dem Krankenhaus entlassen wurden, schickte die Agentur die erste Pflegerin. Sie hiess Gabriela, war Mitte dreissig und sprach recht gut Deutsch. Aber ich war irritiert: Gabriela war hochschwanger. Es war klar, dass sie einen schweren 91jährigen Mann und eine 88jährige Frau würde heben müssen. Wie sollte das gehen? Ich rief bei der Agentur an und verlangte, dass sie jemand anderes schicken. Mir wurde gesagt: Okay, das dauert allerdings zwei Wochen.
Nach zwei Wochen kam Ringo, 25 Jahre alt, laut Agentur gelernter Koch. Ringo wurde er genannt, weil die Agentur von vornherein davon ausgegangen war, dass hier in Oberbergendorf niemand seinen tschechischen Namen korrekt aussprechen könne. Ringo sprach kein Wort Deutsch und zockte ununterbrochen auf seinem Handy. Aber das noch grössere Problem war, dass mein Onkel Diabetiker war und Ringo schon deswegen gemäss den Instruktionen ein wenig auf die Ernährung hätte achten müssen. Dass er Koch war, entpuppte sich als Märchen. Mein Onkel rief mich an und beschwerte sich: «Ringo kann überhaupt nur eine einzige Sache zubereiten: Suppenwürfel in der Pfanne erhitzen und eine Handvoll Nudeln hineinwerfen. Das ist jeden Tag unser Mittagessen!»
Ich bekam Panik. Würde ich in Kürze erzählen müssen, dass mein Onkel und Tante Dorothea an falsch gekochter Nudelsuppe gestorben waren? Das passierte zum Glück nicht. Nach weiteren zwei Wochen kam eine 65jährige Pflegerin. Iva senior, die Mutter der Agenturchefin, war erfahren, resolut, vorwitzig. Und dreimal geschieden. Mit meiner Tante ging es da bereits zu Ende. Kurz nach ihrer Beerdigung rief mich der ambulante Pflegedienst an. Er übernahm alle medizinisch notwendigen Schritte für meinen Onkel, die Iva senior nicht selber erledigen durfte. Denn Iva senior war keine ausgebildete Krankenschwester.
Der ambulante Pflegedienst hatte…