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Da wurde zum einen die authentische Sprache gelobt: Trifunovic wächst in einem Vorort Wiens auf (er hat serbisch-bosnische Wurzeln) und bedient sich eines Dialekts, den man immer dann im deutschen Fernsehen hört, wenn ein Kabarettist einen Österreicher darzustellen versucht. Dem Kabarettisten sei kein Vorwurf gemacht, er bedient sich eines Klischees, um eine bestimmte Personengruppe zu charakterisieren, zu überzeichnen – was auch immer. Von einem Schriftsteller ist aber mehr gefordert, er sollte das Spezifische dieser Ausdrucksweise einfangen (wie es etwa ein Qualtinger getan hat) und nicht Vorstellungen oder Vorurteile bedienen, die der unkundige Leser mit einem Dialekt verbindet. Schachinger ist in Wien (und Nicaragua) als Sohn eines Diplomaten aufgewachsen – und genau so hört sich seine Version des Wiener Dialekts auch an: Er trifft nämlich mit schlafwandlerischer Sicherheit daneben, nur ein kleines Stück (kennen wird er die Sprache von Fußball spielenden Gassenjungen aus Wien), aber in genau dem Maße, dass der tatsächlich in einer Vorstadt aufgewachsene Jugendliche weiß: Das ist eine Kopie, da will jemand so sprechen wie wir, schafft es aber nicht ganz. Möglicherweise ist das auch der Verlagspolitik geschuldet, als Österreicher ist man gezwungen, auf den deutschen Markt zu schielen und dort weiß man entweder ohnehin nicht, ob sich hier jemand einer plagiierten Sprache bedient oder aber ist froh, wenn der Text jenseits des Weißwurstäquators verständlich bleibt. Für mich war diese dialektale Anbiederung kein Zeichen für Authentizität, sondern eine fortgesetzte Qual (ähnlich wie in modernen Heimatfilmen, in denen Tirolerisch auf ein rollendes r reduziert wird).
Dabei ist die Figur des Trifunovic eigentlich recht gut gelungen: Denn es ist allemal leichter, einen Intellektuellen (oder – us-amerikanisch – den unvermeidlichen Literaturprofessor, der eine Affäre mit seiner Studentin hat) darzustellen, als einen mehr-weniger simpel gestrickten Proleten, der mit seinem Fußballtalent zu Unsummen gekommen ist, dessen eigentliche Lebensprobleme (und Sinnfragen) sich aber nicht gelöst haben. Trifunovic hat eine Affäre mit einer Jugendliebe (die Politikwissenschaft studiert hat) und spürt einen für ihn kaum benennbaren, nicht greifbaren Unterschied zu den üblichen Erfahrungen mit Frauen. Er ist fasziniert, verliebt (auf eine Weise, die mit der Lust auf und mit den hübschen Damen in seiner Umgebung nichts gemein hat), aber er ist auch verheiratet und liebt seine Kinder, seine Familie (wobei dabei ein wenig das Klischee des Balkan-Clans bedient wird). Diese Affäre wird Anlass für allgemeine Betrachtungen, Betrachtungen über seine Ziele, den Spitzensport, die Verlogenheit desselben, die Oberflächlichkeit von Freundschaften, den Ressentiments gegenüber Ausländern, Zugewanderten. Um seine Ehe zu retten bricht er mit Mirna, doch als diese das einfach ad notam nimmt, sich wenig erschüttert zeigt, fühlt sich Ivo in seiner Männlichkeit verletzt, verlässt wütend deren Wohnung, ist verstört und noch viel weniger mit sich im Reinen als zuvor. Erst als seine Frau und die Tochter nur knapp einem tödlichen Unfall entgehen, vermag er die tatsächliche Wichtigkeit dieser Beziehung wieder zu schätzen, findet zu seiner Frau zurück.
Trotz einiger gelungener Szenen oder witzigen Dialogen ist das für einen gehaltvollen Roman einfach zu wenig: Zurück bleibt eine Allerweltsgeschichte von der man nicht weiß, was und warum dem Leser etwas im Gedächtnis bleiben sollte. Das ist ein Geschichten-Erzählen mit vermeintlichem Anspruch (der nicht eingelöst werden kann), dessen Aussagen weder pointiert sind noch von besonderer Originalität zeugen, sondern eher trivial und banal wirken. Kann man lesen, muss man aber nicht. Vor allem aber ist der Versuch, diese Wiener Vorstadtwelt sprachlich einzufangen, gründlich daneben gegangen.
Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Wien: Kremayr & Scheriau 2019.

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