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Der erste Urlaub am Strand, der alte Austin des Grossvaters, das erste Mal vor einem Fernseher. Es gibt Ereignisse aus der Kindheit, die man längst vergessen hätte, wäre da nicht ein Bilderalbum oder eine lose Fotografie im Nachlass der Eltern gewesen.
Das bin ich auf meinem amerikanischen Fahrrad. Keiner in der Klasse, der ein solches Rad mit knallig gelben Rahmen und roten Schutzblechen gehabt hat. Ein schweres Rad mit breiten Reifen. Vorne unterhalb der Lenkstange eine Art Haken, um eine batteriebetriebene Leuchte zu befestigen, einen Dynamo hatte das Rad nicht und Fahrräder mit Übersetzungen kannten wir noch nicht. Auf der Rückseite der Fotografie keine Jahreszahl, keine Ortsangabe. Ich schätze, dass ich damals 9 oder 10 Jahre alt war. Die Aufnahme hatte vielleicht meine um acht Jahre ältere Schwester gemacht. Allerdings kann ich mich nicht an eine Kamera erinnern. Wenn man weiss, wie die Häuser in Tel Aviv in den 50er Jahren aussahen, sieht man, dass diese Aufnahme nicht in der Schweiz entstanden ist. Viele Gebäude aus den 40er Jahren in Tel Aviv wurden an das heiße Klima Israels angepasst. Sie stehen auf Pfeilerkonstruktionen, sogenannten Pilotis, um die Belüftung zu verbessern.
Die Fotografie, die ich in Dokumenten meiner verstorbenen Eltern gefunden habe, weckt Erinnerungen. Der Nachbar auf der anderen Strassenseite, der frühmorgens in kurzen Turnhosen auf dem Balkon seine Turnübungen zur Radio-Gymnastikstunde machte. Die Nachbarn in der kurzen Strasse, die alle aus Osteuropa oder Russland eingewandert sind. Meine Eltern, die sich strikt daran hielten, in der Öffentlichkeit kein Deutsch zu sprechen, weil Deutsch die Sprache der Mörder war. In meiner Erinnerung war unsere Strasse eine lange Strasse. Erst bei meinem ersten Besuch Jahrzehnte später sah ich, wie kurz sie doch war: je vier Häuser an jeder der beiden Strassenseiten, nicht mehr.
Während meine Eltern an der Arbeit waren, kurvte ich mit dem amerikanischen Rad durchs Quartier. Ein Schloss hatte das Rad zu Beginn nicht, auch keine Kette, um es an einer Säule festzumachen, was bedeutete, dass ich das Rad nicht irgendwo stehen lassen konnte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit dem Rad vor einem Wohnhaus unweit von unserer Strasse stehen blieb, weil Polizisten das Haus abgeriegelt hatten. Rudolf Kasztner hatte in dem Haus gewohnt und wurde an dem Tag ermordet. Dank Wikipedia weiss ich also, dass ich am 15. März 1957 mit dem Rad im alten Norden von Tel Aviv unterwegs war und neugierig mit vielen anderen Kindern und Erwachsenen den Polizisten zugeschaut habe, ohne wirklich zu wissen, wer Kasztner gewesen ist.
Grossvater hatte übrigens nicht nur mir ein auffälliges Amerikanerrad aus den USA mitgebracht, sondern auch einem Cousin von mir. Schriftsteller Meir Shalev beschreibt in seinem Roman «Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger» eine verwandte Situation, wie wir sie auch hatten. Grossvater hatte meinen Eltern keinen Staubsauger aus den USA liefern lassen, sondern einen grossen Kühlschrank, auf dem gross das Wort Frigidaire stand. Der Eisverkäufer, der jede Woche zweimal mit Eisblöcken für die nicht elektrischen Kühlschränke durch unser Wohnquartier fuhr, musste uns nicht mehr beliefern.
Eingeworfen am 15.1..2021