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Märchen von Blumen
Der Zauber der Blumen hat die Menschen seit jeher beschäftigt. Ob Rose oder Veilchen – unzählige Blumen spielen eine grosse Rolle in den Blumenmärchen dieser Welt. Es wird von Blumenfeen erzählt, von Königen, die die schönste Blume suchen und von in Blumen verzauberten Prinzessinnen. Lesen Sie einige Beispiele von kurzen Märchen und Geschichten von Blumen.
• Das Zauberveilchen
• Der Flachs
• Die Blumensamen
• Die Rose und der Musikant
Das Zauberveilchen
Ein Hirtenjunge fand einmal ein besonders schönes Veilchen, das war viel grösser als alle, die er je gesehen hatte. Er pflückte die Blume vorsichtig, trug sie nach Hause und zeigte sie seinem Vater. Der Vater wunderte sich und sprach: «Heute Nacht erschien mir diese Blume im Traum und eine Stimme sagte mir, ich solle dreimal daran riechen.» Er hob die Blume an seine Nase, roch dreimal daran und auf einmal erschien ein kleines graues Männlein, das sprach: «Komm und folge mir!» Der erschrockene Junge wollte den Vater zurückhalten, doch dieser sagte: «Bleib du hier, hüte Haus und Tiere und warte auf mich.» Dann ging er mit dem grauen Männlein fort. Bald kamen sie zu einem alten Gemäuer, wo früher einmal eine Burg gestanden hatte. Unter der alten Mauer war ein Saal, darin sassen an einem Tisch zwölf kleine Erdleute und liessen es sich schmecken. Oben an der Wand aber hing eine Uhr. Das graue Männlein zeigte auf die Uhr und sagte: «Du sollst uns die Wanduhr wieder in Gang bringen. Sie ist heute Nacht stehen geblieben.» Der Mann sah, dass keines der Männlein gross genug war, um bis zur Uhr zu gelangen. Er stellte die Zeiger und stiess das Pendel an, das sogleich hin und her schwang. Als der Mann nach Hause kam, hörte er schon lautes Blöken, Muhen und Wiehern und als er nachschaute, sah er viele Schafe, Kühe und Pferde im Stall stehen. Das war der Dank der Erdleute gewesen. Das Veilchen aber war ganz golden geworden, und der Hirtenjunge hörte seitdem ein feines Ticken, wenn er sein Ohr auf die Erde legte.
Märchen aus Deutschland © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt
Der Flachs
Weit oben im Norden liegt ein Land mit hohen Bergen, tiefen Schluchten und schattigen Tälern. Die Bergspitzen sind jahraus und jahrein mit Schnee und Eis bedeckt, die beim Sonnenaufgang und beim Untergang golden und purpurn glänzen. Vor langer, langer Zeit wohnte dort ein Hirte mit Frau und Kindern in einem einsamen Waldtal. Einmal, an einem schönen Sommertag, war er mit seiner Herde hinausgezogen und hütete sie oben in den Bergen. Tiefe Stille herrschte ringsumher, und wie der Hirte zu den Bergen hochschaute, da wünschte er sich, einmal zu den glänzenden Eisfeldern im ewigen Schnee hinaufzusteigen. Wie im Traum erhob er sich, wanderte immer weiter die Berge hoch, bis er auf einmal vor einer grossen Wand aus Eis stand. Kein Weg führte mehr weiter, und wie er da stand, entdeckte er auf einmal ein Tor, das kunstvoll verziert war. Als er näher trat, öffnete es sich und gab den Weg durch einen dunklen Gang frei. Vorsichtig trat der Hirte ein und ging den dunklen Gang weiter, bis er vor einem prächtigen Saal stand. Die Wände waren aus Kristall und Tausende von Lichtern leuchteten und gaben ihren Widerschein in den wunderbaren Raum. Mitten im Saal aber stand eine erhabene Frauengestalt in einem silberweissen Gewand und mit einer Krone aus Diamanten geschmückt. In der Hand trug sie einen Strauss himmelblauer Blumen. Liebliche Frauen, die mit den gleichen blauen Blumen geschmückt waren, umgaben die helle Frau und der Hirte sank ehrerbietig auf die Knie. Da wandte sich die Frau ihm zu und sprach: «Da du den Weg zu uns gefunden hast, ist es dir erlaubt, von allen Schätzen, die du hier schaust, das Schönste auszuwählen, sei es Gold oder Silber, Edelsteine oder Diamanten.» Der Hirte jedoch konnte seine Augen nicht von den blau leuchtenden Blumen abwenden und er sprach: «Erhabene Göttin, ich wünsche nichts anderes als die Blumen in deiner Hand.» Da zog ein Lächeln über das Gesicht der Göttin und sie sprach: «Du hast dir das Schönste und das Wertvollste erwählt. Nimm dir die Blumen, sie sollen ein Segen für die Menschen sein.» Mit diesen Worten gab sie ihm ein Säckchen, gefüllt mit tausenden kleinen Samen, um sie auf der Erde zu verstreuen. Kaum hielt der Hirte das wunderbare Geschenk in der Hand, als ein gewaltiger Donnerschlag erklang. Die Göttin und ihre Helferinnen, der Saal und alle Pracht waren verschwunden. Der Hirte stand wieder vor der mächtigen Eiswand und rieb sich die Augen, doch das Tor zum Palast der Göttin war verschwunden. Als hätte er geträumt, schaute er nun auf seine Hand. Doch das Geschenk war noch da und im Säckchen glänzten die Samen wie goldene Körnchen. Er stieg die Felsen hinab und als er endlich zur Weide kam, wo er seine Schafe gelassen hatte, fand er kein einziges Tier mehr. Er suchte lange Zeit vergeblich und machte sich schliesslich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, fand er seine Frau in Tränen, denn er war nicht einen Tag, sondern ein ganzes Jahr fort gewesen. Am nächsten Tag aber gingen sie hinter das Haus, um die Erde umzugraben. Gemeinsam streuten sie die Gabe der Göttin über der Erde aus. Und siehe da: Die Monde vergingen und nach und nach streckten sich die kleinen Sämlinge, wurden stark und gross und bald blühten Tausende von blauen Blumen. Der Hirte behütete die Pflanzen sorgsam, und als die Samenknospen reiften, erschien die Göttin in der Hütte des Hirten und lehrte sie den Nutzen des Leins. Sie zeigte ihnen auch das Spinnen und Weben und nicht lange darauf konnten sich der Hirte, seine Frau und die Kinder in wunderbares weisses Linnen kleiden. Die Frau des Hirten gab das Wissen weiter, und so kam der Flachs als eine göttliche Gabe zu den Menschen. Die Göttin Holle aber wacht darüber, dass ihr Geschenk geachtet und geehrt wird. In der Nacht besucht sie die Webstuben, und wo faule Mädchen gesponnen haben, verwirrt sie den Rocken, wo aber fleissig das Rädchen gedreht wurde, da spinnt sie selbst eine Spule voll und der Faden glänzt wie reines Gold.
Märchen aus Österreich © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt
Die Blumensamen
Es war einmal ein mächtiger König, der hatte drei Söhne, die waren ihm alle drei gleich lieb. Als der König immer älter wurde, plagte ihn die Frage seiner Nachfolge. Welcher der drei Söhne sollte einmal seinen Thron erben? Sie schienen ihm alle drei gleich stark und schlau. Bald konnte er nicht mehr ruhig schlafen, fand keine Antwort. So befragte er seine Wesire und Ratgeber. Doch kein Rat schien ihm richtig zu sein. Da hörte der König von einem Weisen. Er machte sich auf, diesen Mann zu besuchen und kehrte mit dessen Ratschlag heim. Der König rief nun seine drei Söhne zu sich und sprach: «Meine Söhne, ich werde eine Pilgerreise unternehmen und niemand weiss, wie lange es dauern wird, bis ich wieder zurückkehre. Ich gebe jedem von euch einen Beutel mit Blumensamen. Derjenige von euch, der die Samen am besten hütet, soll später mein Nachfolger sein.» Der König verliess das Schloss und der erste Sohn überlegte nicht lange, legte den Beutel mit Samen in eine eiserne Truhe, damit sie bis zur Rückkehr des Vaters gut verwahrt wären. Der zweite Sohn aber dachte: «Was kann ich mit Blumensamen anfangen? Wenn ich sie wegschliesse, werden die Samen absterben. Am besten ist, wenn ich auf den Markt gehe und sie verkaufe. Sobald der Vater zurückkehrt, werde ich neue Samen besorgen.» Der dritte Sohn nahm den Beutel, ging in den Garten und streute die Samen aus. Die Pilgerfahrt des Königs dauerte drei Jahre. Als er heimkehrte, führte der älteste Sohn ihn zu der eisernen Truhe, um ihm die Samen zurückzugeben. Doch in den Jahren waren die Samen verfault und der Vater sprach: «Dies sind nicht die Samen, die ich dir anvertraute. Aus diesen Samen wird niemals wieder etwas erblühen.» Der zweite Sohn eilte zum Markt und kaufte die gleiche Menge Samen, wie der Vater ihm gegeben hatte, kehrte ins Schloss zurück und überreichte sie dem Vater. Doch dieser sprach: «Du hast besser gehandelt als dein älterer Bruder, aber dies sind fremde Blumensamen und nicht die meinigen.» Nun suchte der König den dritten Sohn und fand ihn im Garten. Dort blühten Tausende von Blumen und der Jüngste war dabei, die reifen Samen einzusammeln und in den Beutel zu füllen und er rief: «Schaut, oh Vater, diese Blumen sind aus den Samen erblüht, die Ihr mir gegeben habt.» Da stieg ein Lächeln im Gesicht des Königs auf und er sprach: «Du wirst mein Erbe sein, denn mit deiner Hilfe wird das Königreich wachsen und gedeihen.»
Parabel aus Indien © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt
Die Rose und der Musikant
Es lebte einmal ein König mit seiner jungen Frau in Glück und Zufriedenheit. Lange Zeit blieb ihre Ehe kinderlos und das machte die Königin trübsinnig, den König missmutig. Da ging die Königin einmal zu einer alten Frau, die allerlei Zauberstücke verstand, und bat sie um Rat. Die alte Frau sagte: «Das ist eine sehr schwere Sache. Wenn du eine Tochter haben willst, so kann ich dir einen Rat geben, aber einen Sohn wirst du nie gebären. Am Karfreitag in der Nacht kurz vor der zwölften Stunde, gehe allein auf den Friedhof, grabe dir das Bein eines Gehenkten heraus und trag es nach Hause. Am ersten Ostertag verbrenne das Bein zu Pulver und nimm dann ein Haar eines Mädchens, das sieben Jahr, sieben Monate, sieben Wochen und sieben Tage alt ist. Lege das Haar zum Pulver und koche beides mit Stechapfelsamen in einem neuen Topf. Dann iss den Brei und du wirst eine Tochter gebären.» Die Königin tat alles so, wie die Alte es ihr vorgeschrieben hatte, und gebar eine wunderschöne Rose, die durchs offene Fenster ins Freie schwebte und dort an einem Rosenstrauch hängenblieb. Der König lief mit seinen Dienern in den Garten und wollte die Rose vom Strauch pflücken, doch kein Mensch war imstande dies zu tun; so sehr war die Rose an den Strauch gewachsen. Da eilte der König erzürnt zu seiner Frau und rief: «Ein ordentliches Weib bringt Kinder auf die Welt, nicht aber Rosen! Du bist eine Hexe und mit einer solchen will ich nicht in einem Land wohnen. Entferne dich sogleich aus meinem Reich, sonst lasse ich dich töten.» Die kranke Königin musste aus dem Bett aufstehen und sich aus dem Land entfernen. Als sie im Garten zur Rose kam, weinte sie bitterlich und küsste ihr Rosenkind. Da glänzte ein Tautropfen im Kelch der Rose und eine Stimme sprach: «Mutter weine nicht! Trink diesen Tropfen, der in meinem Kelch glänzt und du wirst überall Speise und Trank finden, wie du es eben benötigst.» Die Königin erfüllte den Wunsch ihrer Rosentochter und verliess das Land. Sie kam nach langer Wanderschaft in einen Wald, wo sie eine geräumige Höhle fand. Da dachte sie sich: «Hier will ich wohnen. Ich will keinen Menschen mehr sehen und hier einsam und allein leben!» Sie sammelte nun Moos und Gräser und richtete sich die Höhle wohnlich ein. Jedesmal in der Frühe, wenn sie aufwachte, fand sie für den Tag die feinsten Speisen und Getränke vor. Die Vöglein sangen die schönsten Lieder und die schönsten Blumen wuchsen um ihre Höhle herum. So lebte die unglückliche Königin lange Zeit im Wald, ohne dass sie wusste, was der König und ihre Rosentochter daheim machten. Jahre kamen und vergingen, und die Rose blühte jahraus jahrein im Garten des Königs; im Winter und Herbst ebenso wie im Sommer und Frühling. Der König trat oft an die Rose heran und wollte sich an ihrer Schönheit erfreuen, doch so oft er sich ihr näherte schloss sie ihren Kelch und hing welk an ihrem Stängel. Das bekümmerte den König sehr und einmal, als er wieder traurig vor der Rose stand, murmelte er leise vor sich hin: «Wenn ich nur wüsste, warum die Rose so welk wird, wenn ich mich ihr nähere!» Darauf hörte er eine Stimme sagen: «Meine Mutter hast du aus dem Land vertrieben und lässt sie an der Grenze in einer Höhle wohnen. Wenn du meine Mutter zu dir ins Haus zurücknimmst, so werde ich nicht mehr welk, wenn ich dich sehe.» Der König schickte nun seine Leute nach allen Richtungen aus, um die Königin zu suchen und nach Hause zu bringen. Einige Diener fanden die Königin in der Höhle und führten sie zum König. Da begann wieder das lustige Leben im Haus des Königs. Auch die Rose blühte jetzt noch schöner und wurde nicht mehr welk, wenn sich der König ihr näherte. Mit der Zeit verbreitete sich die Kunde von des Königs Tochter, der Rose, durch alle Lande und viele Leute kamen, um diese Wunderblume zu sehen. Es kamen Herren und Könige und brachten der Rose kostbare Geschenke. Sie dachten, dass sie ihr vielleicht dadurch die menschliche Gestalt zurückgeben könnten. Doch die Rose blieb am Strauch und verwandelte sich nicht in ein Mädchen. Zauberer, böse und gute, fragte der König um Rat und versprach ihnen kostbare Geschenke, wenn sie der Rose eine menschliche Gestalt geben könnten; doch niemand konnte das zustande bringen. Da kam einmal ein junger Musikant in den Garten des Königs. Der König und die Königin blickten gerade zum Fenster hinaus und hörten ihn sprechen: «Oh, das ist eine wundervolle Rose, die muss ich wenigstens küssen, denn abpflücken darf ich sie ohnehin nicht.» Er küsste die Rose, setzte sich dann nieder und begann auf seiner Geige ein so trauriges Lied zu spielen, dass der König und die Königin laut weinten, und aus den Rosenblüten fielen glänzende Perlen auf die Erde. Da sprang auf einmal ein wunderschönes Mädchen aus der Rose hervor, umarmte den Musikanten, küsste ihn und sprach: «Hätte jemand früher gespielt, so hätte ich meine menschliche Gestalt auch früher erlangt.» Der König und die Königin und alle Leute im Lande waren ausser sich vor Freude. Der Musikant blieb beim König und heiratete später die Königstochter, die er stets seine goldene Rose nannte.
Märchen der Roma aus Siebenbürgen © Mutabor Verlag, Blumenmärchen aus aller Welt