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von Jürg Hochweber
Es braucht keine speziellen Begabungen oder grosses kompositorisches Talent, um eine Melodie zu verzieren. Mit wenigen Tricks und ein bisschen Übung kannst du lernen, eine gegebene Melodie verziert zu spielen. Das gilt sowohl für das spontane Spiel ab Blatt oder Gehör, als auch für ausgefeiltere Versionen, die du aufschreiben willst. Diese Fähigkeit ist für GitarristInnen auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil bekannte (und unbekannte) Melodien, die ja meistens für Gesang konzipiert sind, auf der Gitarre allein eher dünn tönen, jedenfalls die Möglichkeiten der Gitarre schlecht ausnützen. Mit einigen Verzierungen lassen sie sich um einiges aufpeppen.
Zunächst folgende Betrachtung: Ohne wissenschaftliche Genauigkeit habe ich bei einer Reihe von Liedern einmal die Häufigkeit der Melodieintervalle ausgezählt. Dabei bin ich auf die folgende Verteilung unten auf der Grafik gekommen. Wir sehen da: das weitaus häufigste Intervall ist die Sekunde. Deshalb wollen wir unser Augenmerk vor allem auf die Ausschmückung der Sekunde widmen, auch weil grössere Intervallschritte oft charakteristisch für eine Melodie sind. Eine Veränderung würde diese unkenntlich machen.
(Die Prim ist oft kein melodietragendes Element, sondern Silbenfüller, Tremolo etc., womit deren Anteil effektiv tiefer als 18 Prozent liegt).
Im folgenden Beispiel siehst du, wie ein Sekundschritt, wo die erste Note betont ist und die zweite unbetont, verziert wird. Beim Aufwärtsschritt wird also der erste Ton (c) mit dem unteren Skalenton (h) umspielt, beim Abwärtsschritt mit dem oberen (d).
blau: Töne der Melodie rot: Verzierung-Töne
Beispiel: "Alle meine Entchen":
Beispiel: "Merrily We Roll Along":
Dieses Vorgehen lässt sich fast mechanisch bei den meisten Melodien irgendwo anwenden. Probiert es aus, es funktioniert! Wichtig ist, dass von einem betonten Ton ausgegangen wird. Bei folgendem Versuch, in «alle meine Entchen» die Verzierung zwischen den zweiten und den dritten Ton zu setzen, hört man sofort, dass es irgendwie klemmt (es mag in andern Fällen nicht schlecht tönen, aber die Grundmelodie geht verloren).
Es muss aber nur der erste Ton relativ zum zweiten betont sein, wie das linksstehende Beispiel (Anfang von «Blowing in the Wind») zeigt:
Grundsätzlich sollte bei einer Verzierung von einer solchen Zweiergruppe immer der erste und letzte Ton erhalten bleiben (in der Tonhöhe, nicht Tondauer), dazwischen kann auf viele Arten ausgefüllt werden. Das merkt man gut bei folgendem Beispiel von «alle meine Entchen». Wenn am Schluss des ersten Taktes kein f steht, werden wir Schiffbruch erleiden. Die Melodie geht dann auch hier verloren:
am Schluss des ersten Taktes muss ein f stehen.
Beim Sekundschritt aufwärts kann der untere Verzierungston (Wechselnote) oft auch chromatisch erhöht werden (dies gilt aber nicht analog für die obere Wechselnote!):
Steht die Melodie in Moll, können die Verzierungsnoten oft sowohl von der melodischen, reinen oder harmonischen Skala entnommen werden. Wenn die Melodie auf einer andern als der Dur-oder Mollskala beruht, nehmen wir die Verzierungstöne vorzugsweise auch aus dieser speziellen Skala:
Pentatonisch aufwärts a c d e g:
Pentatonisch abwärts:
bluesig: a c d es e g:
Manchmal kann für die Verziehrungsnoten auch ein anderes Intervall als der nächste Skalenton verwendet werden. Es handelt sich dann meist um Töne der zugrundeliegenden Akkorde.
Die grünmarkierten Töne werden mit einem Quart- bezw. Terzsprung erreicht. Sie gehören zum zugrundeliegenden C-Dur-Akkord:
Bei der pentatonischen (und Blues-)Skala können auch recht grosse Intervalle eingefügt werden.
Bsp: "Smoke on the Water":
Wenn die zu verzierende Zweiergruppe punktiert ist wie im folgenden Beispiel (Alouette), könnte zwar im ersten Takt auch mit Achtelnoten und im zweiten Takt mit. Sechzehnteln verziert werden wie bis anhin. Die Punktierung geht dann verloren.
Interessanter tönt es aber, wenn die Punktierung irgendwo in verkleinerter Form wieder erscheint, punktierte Viertel werden zu punktierten Achteln, punktierte Achtel zu punktierten Sechzehnteln. Es gibt dabei oft mehrere Möglichkeiten.
Bsp. "Alouette..." :
Achtel und
Sechzehntel
ohne Punktierung in Zeile 2.
«verkleinerte» Punktierung in Zeile 3.
Es könnte auch die jeweils erste Gruppe punktiert werden oder beide.
Im Dreivierteltakt haben wir bekanntlich einen betonten Schlag und zwei unbetonte. Bei einer steigenden oder fallenden Linie von Vierteln in Sekundschritten wie in nebenstehendem Beispiel haben wir sehr viele Freiheiten, diese in Achtel aufzulösen. Auch hier gilt: der erste und letzte Ton muss erhalten bleiben, um die Melodie nicht zu zerstören. Im Inneren eines Taktes lässt sich nicht immer immer sagen, welches nun die originalen Melodienoten sind:
Die angewandten Prinzipien lassen sich fortsetzen. Kehren wir zurück zu den «Entchen». Im folgenden Beispiel haben wir die Viertelnoten e und g ersetzt durch die Achtel e d e f . Jetzt können wir die entstandene Melodie als neuen Ausgangspunkt betrachten und zum Beispiel die letzten beiden Achtel, von denen die erste relativ betont ist, nach den gleichen Regeln in Sechzehntel zerlegen. (Prinzip der Diminution). Theoretisch könnte man weiter machen mit 32steln etc. und recht komplizierte Gebilde erhalten:
Hier folgt noch eine Zerlegung, die mehrere der bisherigen Verfahren kombiniert:
Andere Intervallschritte als die Sekunde lassen sich oft auf die gleiche Art verzieren, wie die folgenden Beispielen zeigen:
Bsp. "Ramseyers wei go grahahahase...":
Bsp. Häns'chen klein:
Häns'chen klein, verziert:
Merke noch: es sind oft nicht die ganz langen Töne, die ausgeschmückt werden, die braucht es zum «Atmen», auch nicht die ganz Schnellen, die wären sonst nicht mehr spielbar, also sind es die Mittleren.
Ihr seht, es ist keine Hexerei, eine Melodie zu verzieren. Ich hoffe, ich habe euch die Sache mit meinen Tipps etwas schmackhaft gemacht. Es gibt natürlich noch Tausende von andern Möglichkeiten, die sich aber kaum in strenge Regel fassen lassen. Jedenfalls lohnt sich der Aufwand, er ist wirklich klein im Vergleich zum Ertrag und der Freude, die er bringt.
Jürg Hochweber, Januar 2010, revidiert und erweitert 2018