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Film über HIV in Russland geht viral
Am 11. Februar 2020 veröffentlichte der berühmte russische Blogger und Journalist Yury Dud auf seinem Youtube-Kanal einen zweistündigen Film „HIV in Russland – eine Epidemie, über die nicht gesprochen wird“.
In nur wenigen Tagen verzeichnete das Video Hunderttausende von Likes und Millionen Aufrufe. Bis Ende März ist diese Zahl nochmals erheblich gestiegen – über 17 Millionen Aufrufe mit 1 Million Likes. Der Film wurde und wird weiterhin von Patienten und Aktivistinnen, Journalistinnen und Politikern, Ärzten und Wissenschaftlerinnen, Menschen mit Erfahrung auf dem HIV-Gebiet und „Neuankömmlingen“ diskutiert.
Das Hauptziel des Filmes war es, die häufigsten Fragen kurz und grundsätzlich zu beantworten: Wie wird eine HIV-Infektion übertragen? Können Menschen mit HIV gesunde Babys zur Welt bringen? Ist es möglich, ein langes, erfülltes Leben mit HIV zu führen?
Der Blogger diskutierte das Thema mit Spezialisten/-innen und Vertretern von NGOs und stellte sich einer weiteren, nicht weniger wichtigen Aufgabe: Menschen – insbesondere jungen Menschen – zu erzählen, wie viele Personen in Russland mit HIV leben und wie mit ihnen umgegangen wird.
„Als wir anfingen, uns mit dem Thema zu beschäftigen“, berichtet Yury Dud, „wurde eine wichtige Sache klar: Menschen, die in Russland mit HIV leben, werden ständig diskriminiert: Sie sind eingeschüchtert, sie werden gemieden, sie werden verachtet […] All dies aus Unwissenheit […] Wir haben diesen Film gemacht, damit die Unwissenheit etwas geringer wird.“
Das Problem der Unwissenheit und der Missverständnisse über HIV kann als zentrales Thema des Films bezeichnet werden. So erklärt sich auch, warum sein Format einem Lehrbuch ähnelt.
„Mehr als 1 Million Menschen mit HIV leben in Russland […]“
„Im Jahr 2018 starben im Land 37.000 Menschen an Aids, das sind 100 Menschen pro Tag […]“
„In Bezug auf die Anzahl neuer Infektionen […] ist Russland mit einigen afrikanischen Ländern vergleichbar.“
„In der Russischen Föderation gibt es jetzt eine generalisierte Epidemie [HIV], d.h. 1% der Gesamtbevölkerung lebt mit dem Virus […]“
Der Film löste einen starken öffentlichen Aufschrei aus und auch die Regierung der Russischen Föderation konnte ihn nicht ignorieren. Die Behörden organisierten verschiedene Treffen, bei denen sie sich einig waren, dass es im Land trotz der optimistischen Prognosen des Ministeriums sehr reale und brennende Probleme gibt, die die Behörden praktisch ignorieren.
Analysten bemerkten fast unmittelbar nach der Veröffentlichung des Films ein ungewöhnliches Interesse am Thema HIV im russischsprachigen Teil des Internets. Die Anzahl der Anfragen in Suchmaschinen, die direkt oder indirekt mit den im Film diskutierten Problemen zusammenhängen, stieg stark an. Die Anzahl der Suchanfragen nach den Begriffen „HIV“ stieg in den folgenden Tagen um 455%, bei „HIV-Test“ um 2‘500%, bei „AIDS“ um 111% und bei „HIV-Test-Kauf“ um 1‘000%. Aids-Zentren in Kliniken meldeten einen Zustrom von Personen, die getestet werden wollten, und Apotheken meldeten einen 10-fachen Anstieg der Nachfrage nach Diagnose-Kits.
Der Film „HIV in Russland ist eine Epidemie, über die nicht gesprochen wird“ hat vielleicht zum ersten Mal deutlich gezeigt, dass in Russland eine sehr klare soziale Nachfrage nach qualitativ hochwertigen und einfach zugänglichen Informationen zur HIV-Infektion besteht. Dies gilt vor allem für die Jugend, die nach Ansicht der meisten Experten einem besonderen Risiko ausgesetzt ist.
Die Popularität des Dokumentarfilms weist auch auf Mängel seitens der Behörden hin, die für Entscheidungen im Bereich der HIV-Behandlung und -Vorbeugung im Land verantwortlich sind.Bereits eine oberflächliche Analyse der Benutzeranfragen zeigt, dass die Menschen nicht immer eine klare Vorstellung davon haben, wie sich HIV und Aids unterscheiden; nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn das HI-Virus bei Ihnen diagnostiziert wird und wo sie sich überhaupt testen lassen können.
So drückte der Film von Yury Dud, ohne zunächst einen „klinischen“ Effekt zu beanspruchen, sehr deutlich aus, auf welches Format sich eine moderne Informationskampagne zur HIV-Prävention konzentrieren sollte.
Die vom Blogger verwendete Mischung aus Interviews mit Experten und HIV-Betroffenen, Journalisten und Aktivisten, ständigen Wiederholungen und Zusammenfassungen, Beteiligung am Prozess usw. schaffte ein kohärentes Informationssystem, das die Aufmerksamkeit von Millionen von Menschen auf sich zog und viele von ihnen zu konkretem Handeln veranlasste.
Alex Schneider / März 2020