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Wer sich heute an tropischen Sommertagen ins kühlende Nass des Rheins oder eines der gut besuchten Gartenbäder flüchtet, hat kaum eine Ahnung davon, dass das Freiluftbaden einst gänzlich verboten war. Der Berner Humanist Nikolaus Wynmann konnte im 16. Jahrhundert allerdings berichten, dass in der Schweiz ein ganz respektabler Schwimmbetrieb geherrscht habe. Besonders die Buben und Mädchen in Zürich badeten schon damals im See beim Ausfluss der Limmat, und die Buben demonstrierten kühnes Wasserspringen, indem sie sich vom Rathausdach oder vom Helmhaus ins Wasser stürzten. In Basel wurde den Studenten im Sommer das Baden und im Winter das Schlitteln und Schneeballwerfen verboten. Ebenfalls gegen das "natare in aquis" wandte sich der Humanist Erasmus von Rotterdam. Und noch vor zweihundert Jahren konnte Turnvater Jahn beobachten, wie freibadende Buben durch ihre Erzieher deswegen durchgeprügelt wurden.
Auch die Basler Obrigkeit trat oft gegen das Schwimmen und Freiluftbaden auf, während das Warmbaden in einem der etwa zwölf Badstuben gang und gäbe war. Es mutet seltsam an, dass man sich gegen das Baden im Freien so sehr wehrte, aber den nicht immer gerade seriösen Betrieb in Badestuben tolerierte. Damals, im 16. Jahrhundert, waren sich die Gelehrten noch gar nicht einig, ob Freibaden gesund sei oder ob man es verdammen müsse. Die einen empfahlen es, während andere beispielsweise meinten: "Wir brauchen nicht häufig Bäder, wir waschen nicht täglich, wie es die Alten taten" oder sogar: "Eine Schande ist es, Gesicht und Hände zu waschen."
Die allzeit sportfreudigen jungen Basler aber liessen sich durch solche Ratschläge oder amtliche Verbote nicht hindern, dem natürlichen Bewegungstrieb nachzugehen. Es wird immer wieder von Leuten berichtet, die, des Schwimmens nicht ganz kundig, sich in den offenen Rhein wagten und ertranken. Und als z.B. am 5. August 1555 am Kleinbasler Ufer viele junge Leute badeten, sahen ihnen so viele Neugierige dabei zu, dass abends zwischen acht und neun Uhr drei Geländer der Brücke brachen und an die vierzig Personen ins Wasser fielen und davon fünf ertranken.
Badegelegenheiten vor den Toren der Stadt fand die Jugend an der Wiese, der Birs und den verschiedenen Teichen. 1597 kam eine Anzeige, dass Studenten im St. Albanteich gebadet hätten, sie wurden aber nicht deswegen gerügt, sondern weil sie dies an einem Sonntag getan hatten. Aus den Ratsprotokollen von 1633, 1634 und 1655 geht hervor, dass die Buben vielfach an heissen Sommertagen auch die zahlreichen Brunnentröge als willkommene Gelegenheit zur Abkühlung benützten.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahm das Baden im Rhein sehr zu, was beispielsweise aus einer Chronik ersichtlich wird, die berichtet, dass am 10. August 1719 "an die hundert junge und alte Mannspersonen, so kein Mensch denken kann, den Rhein hinunterschwammen". Später und bis tief ins 19. Jahrhundert hinein pilgerten an heissen Sommertagen ganze Gesellschaften von 20 bis 50 Personen zum Hörnli hinaus, schleppten Bottiche mit, in die sie dann ihre Kleider legten und damit der Rhein hinunterschwammen, ungefähr bis zur heutigen Johanniterbrücke. Diese Zunahme der Badefreuden veranlasste die von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen gebildete "Turnkommission", sich 1826 mit der Frage der Errichtung einer Rheinbadeanstalt zu befassen, deren Bau am Fuss der Pfalz dann 1831 begonnen werden konnte. Besonders nützlich erwies sich diese geschützte Bademöglichkeit für die in der Nähe gelegenen Schulen und deren Schüler, die hier in die "Schwimmkunst" eingeführt wurden.
Für einen einmaligen Betrag von 20 Franken konnten sich damals ganze Familien ein lebenslängliches Eintrittsrecht erkaufen. Während kurzer Sommer- und Herbstwochen war die Schwimmschule ein geselliges Zentrum. Hier trafen sich ehemalige Schulfreunde, während die Lehrbuben, Studenten und Schuljungen in der Badeanstalt ihre Väter, Oheime, Vettern sahen. Alle lernten beim selben alten Aufseher schwimmen, und man war hier ganz unter sich und erfuhr das Wissenswerteste an Stadtneuigkeiten. Ebenso beliebt waren die Aufseherinnen in der Frauenbadanstalt, die jedes Kind, aber auch jede Frau mit Namen zu nennen wussten und mit milder Beharrlichkeit die wasserscheuen Neulinge dazu brachten, frei zu schwimmen. Auch hier traf man sich zum Bad und dann zum Sonnen oder gar zum Mittagspicknick.
Die Baslerinnen waren recht zurückhaltend, was das gemeinsame Baden mit dem männlichen Geschlecht anging. Erst 1847 wurde, ebenfalls unter Beihilfe der Gemeinnützigen Gesellschaft, das "Frauenbadhüsli" erbaut. Es gab ein Bassin für Frauen und eins für Mädchen sowie sechs Einzelkabinen mit einem offen gelassenen Viereck, in dem also auch Frauen und junge Mädchen im Rhein zu baden lernten.
Im Wesentlichen muss man sich die Konstruktion eines Rheinbads so vorstellen: Die ganze Anlage war von einer hohen Bretterwand umgeben, die stellenweise kleinere Lücken aufwies, durch die man raus- und reinschwimmen und durch die auch der Strom hindurchfliessen konnte. Ein Gitter schützte eine grössere Öffnung und diente als Auffangrechen von Schwemmholz und teilweise im Rhein treibenden toten Hunden und Ratten. Im Obergeschoss umgab eine Galerie das ganze Bad; von dort aus konnten die Schwimmlehrer und -lehrerinnen ihre Schüler und Schülerinnen beaufsichtigen. Hinzu kamen Ankleideräume, Kabinen sowie Räume zum Trocknen und Aufbewahren. Alles war überdacht, um das Bad vor neugierigen Blicken von der Pfalz aus zu schützen. Erst 1924 wurde in der Männeranstalt eine Sonnenterrasse eingerichtet.
Schon früh wurden Verordnungen erlassen, um einen konfliktfreien Betrieb zu gewährleisten. So durfte man nicht ohne Badehose baden, auf den Boden oder ins Wasser durfte man nicht spucken, persönliche Wäsche sowie der Nagel, an dem sie aufzuhängen war, musste man anschreiben, es durfte keine Seife verwendet werden, und der Aufenthalt in der Badanstalt war auf eine Dreiviertelstunde beschränkt.
Das Frauenbadhüsli wurde schon fünf Jahre nach seiner Erbauung, also 1852, von einem Hochwasser beschädigt, und als am 14. Juni 1876 die Wasser des Rheins wieder bedrohlich angestiegen waren, da riss die Gewalt des schmutziggelben, pfeilschnell Stroms die Frauenbadanstalt mit ihrem Balkemwerk und den eisernen Pontons von ihrer Stelle und liess die Überreste an den steinernen Pfeilern der alten Brücke zerschellen. In der gleichen Nacht wurde auch die Männerbadanstalt schwer mitgenommen.
1878 erstand die Frauenbadanstalt in soliderer Konstruktion und seither lernte hier "tout Bâle" sich im nassen Element zu bewegen. Ja, "der echte Basler und die echte Baslerin gehen nur ganz gelegentlich in die neuen üppigen Badeanlagen hinter dem Badischen Bahnhof. Sie verachten das stille Wasser in den künstlichen Bassins des Eglisees und lieben allein den starken, kalten mitreissenden Strom, der unter der Pfalz seinen stürmischen Weg sucht. Sie lieben die altmodische Schwimmschule und die nicht weniger ehrwürdige Frauenbadanstalt zu Füssen des Münsters", schrieb Johanna Von der Mühll.
Bereits um 1880 herum und dann wieder in den neunziger Jahren befasste man sich mit dem Projekt einer Schwimmanstalt, welche das ganze Jahr hindurch benutzt werden könnte, und zwar wollte man diese am Theodorsgraben erstellen. Da die Finanzierung nicht gelang, begrub man den schönen Plan, und erst einige Jahrzehnte später erhielt Basel dort sein Hallenbad.
Quellen:
- Von der Mühll 1969: 92f.
- Mathys 1954: 41ff.
- Sittsam voneinander getrennt