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Eine bewegte Biografie zwischen Zürich, Bogotà und Morcote
Vor einiger Zeit erhielt das Sozialarchiv ein Paket mit Filmen von Karl Greull (1909-1984). Seine Tochter hatte die Rollen beim Aufräumen entdeckt. Ihr Vater war ganz offensichtlich ein leidenschaftlicher Filmer, der bei jeder Gelegenheit seine Kamera dabei hatte. Die Aufnahmen geben Einblicke in ein bewegtes Leben, auch wenn von Greulls eigener Biografie nur wenige Details bekannt sind. Zum Glück verfasste seine erste Ehefrau, Elsi Isenschmid (1916-1998), wenige Jahre vor ihrem Tod einen Lebensbericht, den sie, als langjähriges Mitglied der Wandervogel-Bewegung, an einem Veteranentreffen vortrug. Die Filme von Karl Greull sind im Jahrzehnt nach 1938 entstanden und zeigen das junge Paar in Zürich, auf der Atlantiküberfahrt in ihre neue Heimat und als Emigrierte in Bogotà.
Im Sommer 1938 reist der Sudetendeutsche Karl Greull aus Prag nach Zürich, um an einem musikpädagogischen Kongress teilzunehmen. Während der Kongress tagt, wird klar, dass Greull, der Sekretär der sozialistischen Partei in Prag ist, nicht zurückkehren kann. Die Sudentenkrise und der drohende militärische Einmarsch Deutschlands in seine Heimat veranlassen Greull, vorerst in Zürich zu bleiben. Hier lernt er schon bald Elsi Isenschmid kennen. Die Lehrerin hat soeben ihre Ausbildung abgeschlossen und verliebt sich in den gutaussehenden Karl. Das gemeinsame Leben erfährt anfangs 1940 einen jähen Unterbruch: Greull wird ins Flüchtlingslager in Gordola eingewiesen. Dort erledigen die Insassen unter anderem Meliorationsarbeiten in der Magadino-Ebene. Die zivile Massenunterkunft ist ein Sonderlager für Kommunisten, die man hier abseits städtischer Zentren bei harter körperlicher Arbeit von politischer Agitation abhalten will. Die Kontakte zwischen Elsi und Karl beschränken sich auf sporadische Besuche im Tessin. Die beiden beschliessen auszuwandern, weil sie für sich im kriegsumtosten Europa keine Zukunft sehen und sich Elsi mit ihrer Mutter (der Vater ist kurz zuvor gestorben) wegen der Liaison mit dem Flüchtling überwirft.
Endlich, Ende 1941, können sie die Ausreise in Angriff nehmen. Beim kolumbianischen Konsul in Genf erhalten sie das Visum für Bogotà, trotz der fehlenden Heiratsurkunde. Zudem ist die kolumbianische Hauptstadt nicht ihre Wunschdestination. Elsi Zulauf schreibt in ihren Lebenserinnerungen, dass sie das Land zuerst auf der Karte suchen mussten. Die Reise beginnt im November 1941 und führt die beiden mit dem Zug bis nach Barcelona. Wegen permanenter Schikanen des franquistischen Militärs reisen sie per Schiff bis nach Cadiz weiter. Dort wartet die „Cabo de Buena Esperanza“, ein abgewracktes Schiff, auf Flüchtlinge aus ganz Europa. Offenbar galten schon damals die rücksichtlosen Gesetze des Schleppertums, das Notsituationen schamlos ausnützt: „Die spanische Reederei hatte gemerkt, dass die Flüchtlinge aus den vom Nazismus beherrschten Ländern fast jeden Preis für einen Schiffsplatz nach Südamerika bezahlten. Damit konnte noch ein nettes Geschäft gemacht werden.“ Schliesslich befinden sich anstelle der üblichen 600 fast 2’000 Passagiere an Bord. Die Laderäume werden zu Massenlagern umfunktioniert, in denen je 70 Leute auf engstem Raum zusammengepfercht die Überfahrt in Angriff nehmen.
Nach einem Zwischenhalt in Trinidad (unmittelbar nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA) erreicht das Schiff am 8. Dezember 1941 den venezolanischen Hafen La Guayra. Von dort setzt das Paar zusammen mit anderen Flüchtlingen die Reise auf dem Landweg fort: eine abenteuerliche Busfahrt über mehr als 2’000 km. Am 1. Weihnachtstag 1941 erreichen sie Bogotà. Damit beginnt der Neuaufbau einer Existenz. Nach anfänglicher bitterer Armut gelingt ihnen jedoch schon bald der Aufstieg in den Mittelstand. Beide machen sich in kurzer Zeit mit der spanischen Sprache vertraut und verdienen ihr Auskommen unter anderem mit Unterrichten. 1943 kommt ihre Tochter Gerda zur Welt, drei Jahre später folgt Sohn Carlos. Zu diesem Zeitpunkt wohnt die Familie bereits in einem eigenen Haus und hat die Integration geschafft: „Man gehörte zur guten Bogotanergesellschaft, ganz einfach, weil man weiss war und lesen und schreiben konnte.“ Dies zu akzeptieren und damit umzugehen fiel der „Tochter des Sozialisten Adolf Isenschmid“ nicht leicht.
1952 kehrt Elsi für einen Urlaub mit ihren Kindern in die Schweiz zurück. Sofort akklimatisiert sie sich in den heimischen Gefilden: „Fast wäre ich nicht wieder zu Ehemann und Hauswesen zurückgekehrt. Denn auch in der Ehe kriselte es mächtig. Unsere Ehe war eine Ehe für den gemeinsamen Kampf und Aufbau gewesen; Wohlstand und Gleichförmigkeit vertrug sie nicht.“ Auch Karl versucht, wieder in Europa Fuss zu fassen, er scheitert aber und kehrt mit einer neuen Partnerin nach Südamerika zurück. Die Ehe wird geschieden, und Elsi baut sich mit den Kindern in Zürich abermals eine neue Existenz auf. Sie kann sich wieder einbürgern lassen, versöhnt sich mit ihrer Familie und verdient als Lehrerin den Unterhalt.
Nachdem die Kinder ausgezogen waren, begann auch für Elsi eine neue Lebensphase. Mit ihrem neuen Partner, dem Maler Hans Rudolf Zulauf (1905-1976), zieht sie ins Tessin. Dort betreiben sie eine Galerie, Elsi baut einen regionalen Informationsdienst für Touristen auf. Sie wird zudem Begründerin des ersten Tessiner Frauenturnvereins. „Jahrelang leitete ich ihn dann auch und erlebte dabei ein Stück Tessiner Frauen-Emanzipation. Turnen war ja dort eine absolute Novität.“ Nach dem Tod von Hans Rudolf Zulauf verkauft sie das Haus und zieht nach Zürich zurück. Sie arbeitet noch während Jahren als Deutschlehrerin für Ausländer.
Die Highlights aus dem Filmbestand von Karl Greull:
Eine kleine Sensation sind Greulls Aufnahmen aus dem Internierungslager in Gordola (SozArch F 9052-003). Er filmt dort die Unterkünfte und Baracken in der Nähe der Geleise, die Flüchtlinge bei Arbeiten im Garten und wie sich die Internierten mit Schubkarren und Schaufeln auf den Weg zu ihrem Arbeitseinsatz machen. Grundsätzlich war es verboten, in den Lagern zu filmen. Gordola galt aber als eines der Lager mit liberalem Regime: Elsi Zulauf erinnert sich, dass ihr Mann vom Lagerleiter jeweils die Erlaubnis erhielt, in der nahegelegenen Kirche Orgel zu üben.
Der Film Unsere Reise 1941, 12. Nov. bis 22. Dez. 1941 (SozArch F 9052-001) zeigt die Überfahrt von Cadiz nach Südamerika im Winter 1941. Elsi Zulauf ist die blonde junge Frau mit runder Nickelbrille. Der Film dokumentiert die Anreise bis Cadiz (mit einem Abstecher nach Lissabon), die Schiffüberfahrt und den Transfer nach Bogotà.
Die Filmfragmente aus Bogotà (SozArch F 9052-002) widmen sich vor allem dem gesellschaftlichen Leben im Exil. Interessant sind dabei die Aufnahmen, die dem Zwischentitel „Arendt“ folgen: Haben sich die Greulls tatsächlich mit Hannah Arendt getroffen? Die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend.
Ursprünglich müssen wesentlich mehr als die zwei Originalfilmrollen vorhanden gewesen sein, die nun den Weg ins Sozialarchiv gefunden haben. Die Tochter von Karl Greull und Elsi Isenschmid-Zulauf liess die Filme in einem unbekannten Labor digitalisieren – leider gingen bei diesem Vorgang auch mehrere Rollen verloren.