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Erkannt
© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)
Mein Weg mit Saryglar

Mein Weg mit Grossvater Saryglar Borbak-Ool Duktug-Oolowitsch, Teil 1
Ich habe nicht viele Jahre in einem fremden Land verbracht. Ich habe dort nicht die kulturellen Gegebenheiten live miterlebt. Und ich habe mich auch nicht intensiv mit einer Kultur auseinandergesetzt.
Ich wurde lediglich von einem kleinen, alten Mann erkannt. Er ist 1996 mit anderen aus den Tiefen Zentralasiens in die Schweiz gereist, um uns Westlern seine schamanische Kultur näher zu bringen. Er hat mich erkannt und adoptiert, bevor er wieder nach Tuva zurückkehrte. Ich sah ihn nur zweimal wieder, bevor er 2003 aus dieser Welt schied.
Er lehrte mich nichts über tuvinischen Schamanismus. Er sagte:“ Wenn ihr erkennen würdet, dass ihr hier im Zentrum Europas kräftige Schamanen und Schamaninnen habt, müsstet ihr nicht nach Tuva reisen, um welche zu treffen“.
Er lehrte mich nicht tuvinischen Schamanismus. Er lehrte mich, Schamane in meiner Kultur und auf meine Art und Weise zu sein. Er lehrte mich, Schamane zu SEIN.
„Erzähle, was du erlebst. Ihr braucht eure Geschichten. Auch du. Dringend.“ Mir war weder klar, was er nun genau meinte noch ob unsere Übersetzerin richtig übersetzt hatte. Ich fragte nach. „Erzähl unsere Geschichte!“, wurde übersetzt, was meine Geduld nicht unbedingt förderte.
Meine Gedanken kehrten zurück zum Herbst im Jahr 2000, als er mit dem Schamanen-Professor Kenin Lopsan, dem Schamanen Nikolai Oorzhak Munzukovich und der Schamanin Nina Dowuu Wasiliewna in Deutschland weilte. An dem grossen Seminar der Foundation for Shamanic Studies in Proitze trafen wir uns seit 1996 das erste Mal wieder in der Alltäglichen Wirklichkeit. Die erste Begrüssung war etwas zögerlich, und ich fühlte mich in etwa so, wie sich wohl langjährige Brieffreunde bei der ersten Begegnung fühlen; ich fühlte mich ihm sehr nahe und vertraut, doch der mir gegenüber stehende Mann war mir trotzdem fremd. Nach dem Einquartieren traf ich ihn draussen auf dem Vorplatz und er deutete mir an, ich solle ihn doch auf einen kleinen Spaziergang begleiten. Er sprach ein Gemisch aus russisch und tuvinisch, ich blieb bei meinem Schweizer Dialekt. Wir sprachen verhalten, hörten dem Klang der Stimme des anderen zu, lachten gemeinsam und wir kamen uns auch in dieser Wirklichkeit näher. Schliesslich übergab ich ihm drei kleine Geschenke und als er das letzte erhielt, zog er mich zu sich herunter, umarmte und beschnupperte mich, packte mich an der Hand und strahlend gingen wir beide auf den Vorplatz zurück. Es gab nun viele Wartende dort und eine Frau sagte zu mir: “Ist das ein schönes Bild! Ihr solltet euch mal strahlen sehen!“
Im Verlauf des Seminars, in welchem die Seminarleitung die Teilnehmenden in drei Gruppen aufteilten, wurde ich in der Pause von Teilnehmenden einer anderen Gruppe angesprochen: “Er hat von dir gesprochen. Du bist doch Adrian, oder?“ Ich verstand nichts. „Na, der kleine Schamane, Saryglar, hat in unserer Gruppe von dir gesprochen. Er sagte, dass was er und du miteinander erlebt, das sei Verbundenheit“.
Verbundenheit. Das meinte er also. Ich schaute hoch und Grossvater lachte mich an. Er nickte dazu. Wieso brauchen wir eigentlich eine Übersetzerin? Er weiss eh, was ich denke. Doch ich war froh um sie. „Erzähle von dem, was du für mich getan hast“. Ich schaute wohl sehr zweifelnd, doch er fuhr weiter: „Ich habe in Europa viele begabte Schamanen und Schamaninnen getroffen. Wenn ihr Europäer das wüsstet, dann müsstet ihr nicht nach Tuva kommen, um euch behandeln zu lassen.“ Ich traute meinen Ohren nicht! Das war eine hoch politische Aussage in einem Land, dass als eine der wenigen Einkünfte den Schamanismus-Tourismus vorzuweisen hatte. Ich wollte es nun doch genau wissen: „Was meinst du mit ‚was ich für dich getan habe’?“. „Erzähle von deiner Behandlung für mich. Öffentlich.“ Mir wurde mulmig, doch andererseits fühlte sich das in diesem Moment richtig für mich an. Er zündete eine Zigarette an, offensichtlich hinderte ihn die eben überstandene Lungenentzündung nicht daran. Wir sassen noch eine Weile schweigend am Eingang zur Pflege-Intensivstation in Kha-Khem. Als ich mich schon verabschieden wollte, sagte er: „Charascho! Gut!“; Ich hatte mich eben innerlich entschlossen, die Heilreise für Grossvater aufzuschreiben und sie auf meine Homepage zu stellen, sobald ich wieder in der Schweiz weilte. Ich nickte:“ Da, da. Charascho! Ja, ja. Gut!“
Um die 50 Menschen hatten sich für die Teilnahme an das Seminar „Tuvinischer Schamanismus“ der Foundation for Shamanic Studies (FSS) angemeldet, welches im Juli 1996 am Schwendisee im Toggenburg stattfand. Die Schamanen Saryglar Borbak-Ool, Kyrgys Pavlovich Khuurak, Kanchyyr-Ool Sailyk-Ool und Oleg Pavlovich Toiduk sowie der Schamanismus-Professor Mongush Kenin-Lopsan und die Übersetzerin Rollanda Kongar vom Research Center for Shamanic Studies in Tuva waren auf Einladung von Dr. Carlo Zumstein angereist. Für einmal empfand ich die Grösse der Teilnehmerzahl als entlastend. Normalerweise fühle ich mich nicht gut in Menschenansammlungen, doch dieses Mal erschien mir die Grösse als Schild, hinter dem ich mich frei bewegen konnte. Ich ging davon aus, dass ich wohl kaum wahrgenommen werden würde in der Geschäftigkeit eines solchen Seminars. Das war gut so, weil ich einfach hingehen, zuschauen und lernen wollte. Ich dachte für mich, dass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen sollte, einmal in meinem Leben Schamanen aus Sibirien zu sehen. Ich war neugierig und distanziert. Sibirien. Das war für mich der Ort, wo man in der Schweiz meiner Kindheit von bestimmten Politikern hingeschickt werden sollte, wenn man sich in ihren Augen abfällig über die Schweiz äusserte. Sibirien einfach. Da weißt du denn, was du hast. Sibirien war für mich der Ort, wo man ganz bestimmt nie hingehen will. Ein Un-Ort. Ewige Kälte, politische Verbannung. Niemandsland.
Die Teilnehmenden wurden von der Seminarleitung darüber informiert, dass eine Crew des Schweizer Fernsehens dabei sein werde. Einzelne, ausgewählte Personen sollten interviewt werden, die Dreharbeiten zum Dokumentar-Film „Eine Reise hinter die Wolken“ von Helen Stehli Pfister über Carlo Zumstein, dem damaligen FFS-Zuständigen für die Schweiz, fanden hier ihren Anfang.
Bevor das Seminar offiziell begann, ging ich zum Feuerplatz im Wald zwischen den beiden Seen, um dort innerlich innezuhalten, den Alltag abzustreifen und im Seminar an diesem Ort in den Schweizer Voralpen anzukommen. Ich nahm Räucherzeug und Haselnüsse mit mir, welche ich als Gabe an die Ortsgeister hinterlassen wollte. Eigenartigerweise war niemand auf dem Platz und auch sonst war im Wald niemand anzutreffen. Der beliebte Ausflugsort war an diesem sonnigen Tag mitten in den Schulferien wie leergefegt und selbst von den 50 Gästen im nahe gelegenen Seminarhaus „Seegüetli“ kam niemand hierhin. So zog ich meine Rassel, rasselte, verbrannte Räucherware auf der kalten Asche der Feuerstelle, legte meine Haselnüsse als Geschenk hin und befand mich schnell im schamanischen Bewusstseinszustand, einer leichten Trance. Das Feuer brannte, ich sah einen langhaarigen Mann mit weissen Haaren, welcher eine weisse Flüssigkeit mit einem Löffel verspritzte und ich sah Schamanen, die Trommelten. Die angereisten Schamanen aus Tuva befanden sich mit mir auf dem Feuerplatz. Ich wurde unsicher, denn ich wollte auf gar keinen Fall die Aufmerksamkeit dieser Männer erwecken. Nach kurzem Zögern rasselte ich weiter, die Bilder wurden wieder klarer und ich getraute mich zu fragen. Ich wollte wissen, bei wem ich mich behandeln lassen und bei wem ich zusehen und lernen sollte. Die Antwort kam schnell und klar: zum Lernen sollte ich mich an den kleinen, alten Schamanen halten, behandeln lassen sollte ich mich von dem jüngeren, stattlichen, rot gekleideten Schamanen. Er nannte sich selbst Kyrgys.
Das Seminar begann in einem grossen Rundzelt, welches hinter dem Seegüetli aufgestellt war. Ich sass rechts von der Bank, welche für die Gäste aus Sibirien hingestellt worden war und lauschte den Worten der Übersetzerin. Professor Kenin-Lopsan sprach über den Tuvinischen Schamanismus, während eines meiner Krafttiere, junger Wolf, eine Rund lief und alle Menschen beschnupperte. Ich sass so, dass ich die Schamanenbank nicht einsehen konnte, was mich aber nicht weiter beschäftigte. Ich war so ausserhalb des Blickfelds von ihnen. Auf Höhe der Bank zog junger Wolf plötzlich den Schwanz ein und sprang zur Seite. Ich grinste vor mich und rief ihn zu mir. Ich beugte mich vor, um zur Bank zu spähen. Da traf mich der Blick vom kleinen Schamanen, welcher sich ebenfalls nach vorne gebeugt hatte und mich musterte. Das Blut schoss mir in den Kopf.
Im weiteren Verlauf des Seminars sollten nun 4 Teilnehmenden-Gruppen entstehen, welche sich auf die einzelnen Schamanen aufteilten. Diese würden ganz nach ihrem Willen unterrichten und behandeln, wir wurden gebeten, nach den jeweiligen Seminareinheiten den Schamanen zu wechseln. Ich vernahm nun auch, dass der kleine Schamane Saryglar Borbak-Ool hiess, doch der Name Kyrgys passte nicht zu dem Schamanen, bei welchem ich mich behandeln lassen sollte. Kyrgys Pavlovich Khuurak war der Grosse Alte und der jünger, stattliche hiess Kanchyyr-Ool Sailyk-Ool. Ich schrieb es meiner Unerfahrenheit zu und entschied mich, nicht dem Namen sondern dem Bild zu folgen.
Kanchyyr-Ool Sailyk-Ool behandelte mich im Rundzelt, nachdem ich ihn über meine Rücken- und Magenschmerzen informiert hatte. Er ging um mich herum, blies auf mich und schlug überraschend mit seinem Trommelschlegel auf meinen Hinterkopf. Er musterte mich, umrundete mich weiter und schlug mich erneut mit seinem Schlegel, dieses Mal auf meine Stirn. Während er mich weiter umkreiste, traf mich sein dritter Schlag, wieder auf den Hinterkopf. Es verging noch einige Zeit, bevor er sich vor mich hinstellte und seinen Trommelschlegel rückwärts über seine Schulter warf. Der Schlegel traf das in der Mitte des Zeltes liegende Hirschgeweih, welches die Tuviner Carlo Zumstein als Geschenk mit gebracht hatten. Der Schamane schaute mich kurz und eindringlich an, bevor er den Schlegel zurückholte. Wieder stellte er sich vor mich hin und warf seinen Schlegel rückwärts über seine Schulter. Ein zweites Mal wurde das Hirschgeweih getroffen und ein Raunen ging durch die Zuschauer. Jemand wollte das Hirschgeweih entfernen, doch Sailyk-Ool verhinderte das mit einer kurzen Handgeste. Er kam zu mir zurück und sagte mir: „Du bist weiss wie frische Milch. Du kannst Menschen heilen. Du bist ein Schamane. Doch gebe nicht deine Kraft, sondern nimm sie von der Sonne, dem Mond, den Sternen und vom Feuer. Die Geister kommen zu dir und sie werden noch mehr zu dir kommen. Du hast Zeit, alles kommt zur richtigen Zeit! Glaube nicht, dass du krank bist. Du bist nicht krank, du kannst heilen. Tue es. Die schlimmste Zeit liegt nun hinter dir. Das Jahr 1996 ist ein gutes Jahr für dein Wachstum. Du verwurzelst nun tief und wirst bis in den Himmel hinein reichen.“ Er wartete, bis fertig übersetzt war. Dabei schaute er mich unablässig an. Er nickte zur Bestätigung und zeigte mir, wie ich mit Spucken heilen könne. „Tue es!“, meinte er. „Tue es genau so!“ Dann lächelte er: „Es war nicht einfach für mich, mit deinem Geist zu arbeiten. Es ist mir erst beim dritten Anlauf gelungen.“ Dabei klopfte er mir auf die Schulter und deutete mir an, dass er nun fertig sei.
Ich verbrachte die restlichen Seminareinheiten bei Saryglar Borbak-Ool, schaute auf beiden Bewusstseins-Ebenen seinen Behandlungen anderer Teilnehmenden zu und lernte. Einmal stand ich ihm wohl physisch zu nahe, denn plötzlich drehte er sich um und ging mit gesenktem Kopf wie ein Stier auf mich zu. Prompt wich ich einige Schritte zurück und er lachte mich an. Danach wandte er sich wieder der Ratsuchenden zu. Am letzten Tag liess er durch die Übersetzerin Rollanda Kongar fragen, ob noch jemand da sei, der sich behandeln lassen wolle. Dabei schaute er mich direkt an. Doch da ich mich entschieden hatte, mich nur von Sailyk-Ool behandeln zu lassen, senkte ich den Blick. An meiner Stelle meldete sich eine etwa 50 jährige Frau, welche er bereits zweimal behandelt hatte. Er sagte: „Meine Tochter, zuviel ist nicht gut. Ich möchte dich nicht noch einmal behandeln. Ist sonst wirklich niemand mehr da, der sich behandeln lassen möchte?“ Wieder traf mich sein unverwandter Blick und wieder senkte ich den meinen. Da seufzte er und liess ausrichten, dass er etwas erschöpft sei und eine Pause brauche. Er drehte sich ab, entfernte sich einige Schritte von der Gruppe und steckte sich eine Zigarette an. Ich sass plötzlich wie auf glühender Kohle und fühlte mich, als ob ich gleich platzen würde. Mein Herz klopft schnell und heftig. Ich wusste, dass nun etwas ganz wichtiges geschah, doch mein Handeln entglitt meiner bewussten Gestaltung ein Stück weit. Ich stand plötzlich neben Rollanda Kongar und teilte ihr mit, dass ich dem Schamanen Saryglar Borbak-Ool mein Sackmesser schenken möchte dafür, dass ich die letzten drei Tage bei ihm lernen durfte. Ich entschuldigte mich für das wenig wertvolle Geschenk und hörte mich zu ihr sagen, dass dieses Messer mich die letzten 5 Jahre tagtäglich begleitet habe. Rollanda zögerte einen Moment, rief dann etwas Saryglar Borbak-Ool zu, worauf dieser uns zu sich winkte.
Rollanda erklärte ihm mein Anliegen, worauf er mit einem überraschten Ausruf seine rechte Hand vor seinen Mund schlug. Sofort nahm er das Messer entgegen, zog mich zu sich herunter und beschnupperte mich. Erst später sollte ich erfahren, dass dies eine intime Geste in Tuva ist. Er hielt mich, während er zu mir sprach und Rollanda übersetzte: „Ich danke dir sehr für dein Geschenk. Ich werde dieses Messer auf meinen Altar legen. Du bist ein Teil meiner Familie und du wirst immer ein Bett und eine Familie in Tuva haben, wenn du nach Tuva kommst.“ Ich war verwirrt, das ging mir nun alles zu schnell. Während mein träger Verstand noch arbeitete, realisierte ich, dass neben mir Rollanda vor Rührung weinte. Es dämmerte mir, dass das hier tiefer ging, als ich im ersten Moment vermutet hatte. Saryglar Borbak-Ool setzte nach: „Sohn, wenn du nach Tuva kommst, wirst du stets einen Platz in unserer Familie haben. Ich bitte dich, nenn mich ab heute Vater.“ Zwiespältige Gefühle tobten in mir und mein kühler Verstand gewann die Oberhand, während Saryglar mich erneut zu sich herunter zog und beschnupperte.
Wie um alles in der Welt sollte ich je nach Tuva gelangen? Weder hatte ich das Geld noch die Zeit dazu, ein solches Vorhaben umzusetzen.
Grossvater schaute mich an und sagte: „Wenn du nicht nach Tuva kommst, dann kommt mein Sohn, dein Bruder, irgendwann einmal nach Europa. Dann kannst du ihm einen Platz in deinem Haus bieten.“ Ihm blieb nichts verborgen. Trotzdem durchfuhr mich ein abschätziger Gedanke: so war das also. Der Mann hier vor mir hegte irgendeine zweifelhafte Absicht, die ich noch nicht durchschaute. Skepsis wallte heftig in mir auf. Erst viel später wurde mir klar, dass es für Tuviner generell schwieriger ist, zu uns zu kommen, als umgekehrt wir zu ihnen. Seine Aussage unterstrich sein Angebot des familiären Vertrauens. Er dachte in keiner Weise daran, sich oder seine Familie zu bereichern.
Er liess sich jedoch durch meinen Gefühlssturm nicht beirren. Unsere schon bestehende Verbundenheit sowie sein Bekenntnis zu mir unterstrich er mit der nächsten Bemerkung: „Solltest du je in Schwierigkeiten geraten, dann weißt du ja, wie du mich erreichen kannst“. Mir war sofort klar, dass er die Gedankenübertragung meinte, welche zwischen uns lief. Ich war mir allerdings unsicher, ob ich dazu so viel beitrug, dass ich ihn aus eigenen Stücken erreichen könnte. Er hingegen schien darüber keine Zweifel zu haben. Er versuchte, mein Sackmesser zu öffnen, doch ich erklärte ihm, dass es klemmte. Zum aufklappen musste man das Messer zuerst gegen einen harten Gegenstand schlagen, damit es sich löste. Ich dachte bei mir, wie das Messer, so der Besitzer. Grossvater lachte und beschnupperte mich noch einmal.
In einer der Seminar-Pausen sprach ich mit einem Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies über mein Erlebnis beim Feuerplatz. Die Frau erzählte mir, dass die Schamanen am Vortag des Seminars an genau diesem Platz ein tuvinisches Feuerritual gemacht hatten. Professor Kenin-Lopsan habe dabei Milch mit dem 12-Löchrigen Schamanenlöffel verspritzt. Es sei auf der Reise in die Schweiz zwischen den anwesenden Schamanen zu Streitereien und Rivalitäten gekommen. Sie könne sich gut vorstellen, dass die von mir erlebte „Namensverwechslung“ auf dieser Rivalität basiere. Ich erfuhr, dass sich zwei der Schamanen – vermutlich wegen Geld – geprügelt hatten. Beim einen konnte man das dadurch entstandene blau-verfärbte Auge noch gut sehen. Ich empfand das als sehr tröstlich. Ganz so weltfern waren also auch die Schamanen aus Tuva nicht.
Mich beschäftigte nun vor allem, wie ich die gemachten Erfahrungen in mein Leben einbauen konnte. Meine Frau Madeleine würde wohl kaum Freude an einem durchgeknallten Typen haben, welcher einmal mehr bestätigt zu haben meinte, er sei irgend so ein Heiler. Eine Reise nach Tuva käme wohl gar nie in Frage, dafür war unser Familienbudget viel zu gering. Abgesehen davon war Fabio eben erst geboren worden und Madeleine litt seit seiner Geburt an einem schlimmen rheumatischen Schub. Dieser war so heftig, dass es ihr zeitweise unmöglich war, den Kleinen zu wickeln oder aufzunehmen. Das Hantieren mit den Kochtöpfen beim Kochen war für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war regelrecht handlungsunfähig. „Professor Skeps“ meldete sich erneut. Ich war ja noch nicht einmal fähig, ihre Beschwerden erträglicher zu machen. Gerade ich sollte heilen können? Gerade ich sollte von diesem mir sehr sympathischen alten Schamanen „adoptiert“ worden sein? Ich ein Adoptivsohn eines Schamanen aus dem fernen, unbekannten Sibirien, dem Un-Ort? Gleichzeitig fand ich das wiederum überhaupt nicht erstaunlich, von Schamanen als Schamane erkannt zu werden. Im Gewahrsein der nichtalltäglichen Wirklichkeit war ich ihnen nahe, im alltäglichen Bewusstseinszustand waren sie mir fremd.