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Die «Natur» des Kindes erkennen. Psychiatrie, Geschlechterwissen und medizinische Behandlung von «Intersexualität», Zürich 1945 bis 1970
Mitte des 20. Jahrhunderts profilierte sich das Kinderspital Zürich als europäisches Behandlungszentrum für «Intersexualität». Hatten die Ärztinnen und Ärzte die «Natur» des Kindes bisher primär biologisch gefasst, änderte sich das mit dem Interesse der Psychiatrie für Intergeschlechtlichkeit. Sie stellte der Pädiatrie eine neue Diagnosekategorie zur Verfügung: die Psyche. Damit wandelte sich die pädiatrische Behandlung und verschoben sich die epistemischen Grundlagen der Geschlechtertheorien. Nicht mehr nur anatomische, hormonelle und genetische Kriterien waren ausschlaggebend bei der Bestimmung der «Natur» des Kindes, sondern ebenso psychische – also ob das Kind «männlich» oder «weiblich» fühle und in welcher Rolle es mit seiner Umwelt interagiere.
Die junge Kinderpsychiatrie war fortan zuständig, um das Geschlecht der Psyche zu bestimmen und der Pädiatrie Behandlungsempfehlungen zu geben. Im Zentrum meines Tagungsbeitrags stehen folgende Fragen: Wie fassten die – ausschliesslich männlichen – Psychiater das Geschlecht? Auf welchen Grundlagen nahmen sie ihre Klassifizierungen vor? Was galt als typisch «männliche», was als «weibliche» Eigenschaft? Und nicht zuletzt: Wie prägte die Vorstellung der «Natürlichkeit» der Geschlechter die psychiatrische Behandlungsempfehlung, welchen Einfluss hatte sie auf die pädiatrische Behandlung?
Mein Beitrag stützt sich auf fünfzig psychiatrische Gutachten zu Kindern, die am Kinderspital entweder stationär oder ambulant in Behandlung waren. Ich zeige, wie sich die wirkmächtige Metapher der «Natur» des Kindes durch dessen Psychiatrisierung verschob. Sie hatte weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen: Immer jüngere Kinder waren chirurgischen und medikamentösen Interventionen ausgesetzt. Es herrschte nun der wissenschaftliche Konsens, dass das Geschlecht entsprechend der psychischen Disposition willkürlich form- und gestaltbar sei.