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Peter Streckeisen
aus Debatte Nr. 18 – Herbst 2011
Dieser Beitrag führt die Diskussion über den Begriff der Avantgarde weiter, die wir mit dem Text von Alain Bihr (Debatte 16 und 17) eröffnet haben. Peter Streckeisen beleuchtet an einigen Beispielen typische Zusammenhänge zwischen Avantgardismus und marxistischer Wissenschaft und damit verbundene politische Probleme. (Red.)
Alain Bihr hat die ideale Avantgarde beschrieben: Im Dienste der Bewegung denkt sie kritisch über sich nach, erhebt nur einen begrenzten Wahrheitsanspruch, ist offen gegenüber anderen Avantgarden und macht sich überflüssig, indem sie die selbständige Aktion des Proletariats fördert. Wir können die politische Arbeit an diesem Idealbild ausrichten. Aber Bihr sagt uns nicht, warum die real existierenden Avantgarden ihm nicht entsprechen. Seine Avantgarden sind ein bisschen wie eine Schweiz ohne Berge, Arbeitsfrieden und Finanzplatz. Würden wir ein solches Gebilde überhaupt Schweiz nennen?
Die Frage ist nicht, ob wir einen Begriff (Avantgarde) gut oder schlecht finden, sondern wie wir uns zu einem Problem stellen, das bei jeder politischen Aktion auftaucht. Da gibt es stets Menschen, die Initiativen ergreifen und mehr wissen als andere. Es sind Intellektuelle dabei, die sich beruflich (oder aus Leidenschaft) mit Politik befassen. Avantgarden berufen sich in der Regel auf Wissenschaft, um ihren Führungsanspruch zu begründen. Dabei wird sie nicht als Quelle von Kritik oder Fragen genutzt, sondern als Lieferantin politischer Gewissheiten.
Marxistische Wissenschaft
In der marxistischen Tradition1 beruht der Einsatz von Wissenschaft als Machtinstrument und Glaubensquelle auf der Gegenüberstellung bürgerlicher und marxistischer Wissenschaft. Im Lehrbuch der marxistischen Soziologie von Bucharin heisst es zum Beispiel: «Die praktische Aufgabe der Umgestaltung der Gesellschaft kann nur richtig gelöst werden bei einer wissenschaftlichen Politik der Arbeiterklasse, d.h. bei einer Politik, die sich auf die Theorie stützt, die das Proletariat in Gestalt der von Marx begründeten Theorie besitzt.»2 Die marxistische sei der bürgerlichen Wissenschaft überlegen, weil deren Vertreter aus Sorge um die Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft nicht tief und weit blicken könnten.
Lenin schreibt: «Im grossen und ganzen sind die Professoren der politischen Ökonomie nichts anderes als die gelehrten Kommis der Kapitalistenklasse und die Philosophieprofessoren die gelehrten Kommis der Theologen.»3 Die philosophische Diskussion dient ihm als Vorwand, um unliebsame Genossen zu bekämpfen: So wurde Bogdanov nicht nur in Materialismus und Empiriokritizismus der idealistischen Abweichung überführt, sondern etwa zur selben Zeit auch aus der Partei ausgeschlossen. Lenins Philosophie ist ähnlich gestrickt wie die Weltsicht von G. W. Bush: «Entweder ihr seid mit oder gegen uns.» Man ist Materialist oder Idealist. Gefährlich sind Idealisten, die sich als Materialisten ausgeben. Nur Spott bleibt für Autoren übrig, die (wie Marx in den Thesen über Feuerbach, aber das ignoriert Lenin) die klassische Gegenüberstellung von Idealismus und Materialismus in Frage stellen.
Wundersames Proletariat
Für Lukacs ist die proletarische Klassenlage der Punkt, von dem «das Ganze der Gesellschaft sichtbar wird». Der Marxismus entsteht aus diesem Punkt: «Nur weil es für das Proletariat ein Lebensbedürfnis, eine Existenzfrage ist, die vollste Klarheit über seine Klassenlage zu erlangen; weil seine Klassenlage nur in der Erkenntnis der ganzen Gesellschaft greifbar wird; weil seine Handlungen diese Erkenntnis zur unumgänglichen Voraussetzung haben, ist im historischen Materialismus zugleich die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats und die Lehre von der Wirklichkeit des Gesamtprozesses der gesellschaftlichen Entwicklung entstanden.»4 Lukacs erfindet ein Proletariat mit der wundersamen Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu sehen, um die Überlegenheit marxistischer Theorie zu behaupten. Das Proletariat dient hier dem Marxismus vielleicht mehr als umgekehrt.
Lukacs sah sich als orthodoxer Marxist, wobei dies für ihn eine Methodenfrage war. «Denn angenommen – wenn auch nicht zugegeben –, die neuere Forschung hätte die sachliche Unrichtigkeit sämtlicher einzelner Aussagen von Marx einwandfrei nachgewiesen, so könnte jeder ernsthafte orthodoxe Marxist alle diese neuen Resultate bedingungslos anerkennen, sämtliche einzelnen Thesen von Marx verwerfen – ohne für eine Minute seine marxistische Orthodoxie aufgeben zu müssen.»5 Der Glaube an die Forschungsmethode des Marxismus bliebe selbst dann, wenn diese immer zu falschen Ergebnissen führte.
Klassenkollaboration
Ein unerschütterlicher Glaube an den Marxismus und an sich selbst zeichnet auch Mandel aus. Im Buch Marxistische Wirtschaftstheorie verarbeitet er die neusten wissenschaftlichen Ergebnisse im Lichte des Marxismus. Dafür braucht Mandel weder Marx noch marxistische Literatur zu zitieren, weil er sich selbst als Verkörperung der marxistischen Methode sieht. «Was wir zu zeigen versuchen, ist, dass man aus den empirischen Daten der heutigen Wissenschaft das gesamte ökonomische System von Karl Marx rekonstruieren kann. Mehr noch: wir werden uns um den Nachweis bemühen, dass allein die Marxsche Wirtschaftslehre diese Synthese aller menschlichen Wissenschaften erlaubt.»6 Die bürgerliche Wissenschaft liefert Ergebnisse, die sie nicht versteht, und der Marxismus bildet daraus ein System, in dem alles Sinn macht: Ein tolles Beispiel der Klassenkollaboration, erst noch unter proletarischer Hegemonie.
Marx als Arbeiter
Bucharin, Lenin, Lukacs und Mandel sind typische Beispiele marxistischen Avantgardismus, der seinen politischen Führungsanspruch auf Theorien begründet, die wissenschaftlich nicht über jeden Zweifel erhaben sind (ausser in den Augen der Gläubigen). In den Schriften von Marx selbst ist die Gegenüberstellung bürgerlicher und sozialistischer Wissenschaft nicht zu finden. Sie taucht erst bei Engels auf.7 Doch auch Marx unterlag scheinbar manchmal der Illusion, als Arbeiter für die Arbeiter zu schreiben. So steht im Nachwort zur 2. Auflage des ersten Kapital-Bandes: «Das Verständnis, welches Das Kapital rasch in weiten Kreisen der deutschen Arbeiterklasse fand, ist der beste Lohn meiner Arbeit.» Marx zitiert einen Fabrikanten, der Das Kapital als Zeichen dafür sieht, «dass der grosse theoretische Sinn, der als deutsches Erbgut galt, den sog. gebildeten Klassen Deutschlands durchaus abhanden gekommen ist, dagegen in seiner Arbeiterklasse neu auflebt.»8
Glaubensbekenntnisse
Die marxistische Theorie der bürgerlichen Wissenschaft vergisst, dass die intellektuelle Welt eine gewisse Unabhängigkeit geniesst und nach Regeln funktioniert, die sich nicht direkt aus dem Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ableiten lassen. Im Streit um Einfluss in dieser Welt ist die Erklärung, «Marxist» zu sein, ein Glaubensbekenntnis9, das nichts über die Qualität der intellektuellen Arbeit aussagt. Wenn Marxisten allerdings nur Marxisten lesen, verzichten sie auf Anregungen wichtiger Autoren wie Max Weber, Foucault oder Bourdieu, die sich nicht als Marxisten bezeichneten, aber wichtige Ideen von Marx aufgegriffen haben.
Foucault sagte dazu einmal Folgendes: «Ich beziehe mich oft auf Konzepte, Texte und Sätze von Marx, fühle mich aber nicht verpflichtet, die bestätigende Etikette einer Fussnote mit einem lobenden Satz als Begleitung des Zitats anzufügen. Tut man das, wird man als einer betrachtet, der Marx kennt und verehrt, und entsprechend wird man in den so genannten marxistischen Zeitschriften geehrt. Aber ich beziehe mich auf Marx ohne es zu sagen, ohne Anführungszeichen, und weil die Leute unfähig sind, die Texte von Marx zu erkennen, sehen sie mich als jemanden, der sich nicht auf Marx bezieht.»10
Im Dienst höherer Werte
Der Marxismus fühlt sich der bürgerlichen Vorstellung von reiner oder neutraler Wissenschaft überlegen. Doch bestärkt auch er den Glauben der Intellektuellen, im Dienst höherer Werte (nicht nur für die Wahrheit; auch noch für die Revolution) tätig zu sein statt Eigeninteressen (Karriere, Einfluss, Prestige) zu verfolgen. Paradoxerweise wird die intellektuelle Praxis auch im Marxismus kaum als besondere klassenspezifische und interessengebundene Tätigkeit reflektiert. Wie Bourdieu betont: «Die Intellektuellen [linke wie rechte, Anmerkung P.S.] sind sich immer darin einig, ihr eigenes Spiel und das, worum es ihnen dabei geht, aus dem Spiel zu lassen.»11
Wie jeder problematische Avantgardismus beruht das marxistische Wissenschaftsverständnis auf einem unreflektierten Verhältnis zwischen den Intellektuellen und der Masse. Es liegt durchaus im Interesse orthodoxer Marxisten, sich Illusionen über das Proletariat zu machen, um sich ihrer revolutionären Aufgabe wie ihrem Wahrheitsanspruch sicher zu sein. Doch auch marxistische Intellektuelle gehören weder zur Arbeiterklasse noch zur Bourgeoisie, sondern bilden mit ihren bürgerlichen Kollegen eine besondere Klasse (oder Klassenfraktion), die durch entsprechende Interessen, Werte und Illusionen (etwa der Glaube, eine höhere Tätigkeit im Dienste höherer Werte zu verrichten) geprägt ist. Sie blenden ihre eigene Klassenlage und ihre Klasseninteressen aus (sowie die Macht, die sie unter Umständen über Lohnabhängige ausüben), wenn sie die Kämpfe im Feld der Wissenschaft direkt als Ausdruck des Kampfs zwischen Arbeit und Kapital interpretieren.
Unabhängigkeit und Revolution
Der erste ernsthafte marxistische Versuch, auf Glaubensbekenntnisse zu verzichten und das real existierende Proletariat wirklich zu untersuchen, wurde ab 1929 am Frankfurter Institut für Sozialforschung unternommen.12 Deshalb gebührt das letzte Wort dem Institutsleiter: «Der Intellektuelle, der bloss in aufblickender Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündet und seine Genugtuung darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, übersieht, dass jedes Ausweichen vor theoretischer Anstrengung, die er in der passiven Einstellung seines Denkens sich erspart, sowie vor einem zeitweiligen Gegensatz zu den Massen, in den eigenes Denken ihn bringen könnte, diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müssen. Sein eigenes Denken gehört als kritisches, vorwärtstreibendes Element zu ihrer Entwicklung mit hinzu. Dass sie sich völlig unter die jeweilige psychologische Verfassung der Klassen unterordnen, die an sich die Kraft zur Veränderung darstellt, führt jene Intellektuellen zum beglückenden Gefühl, mit einer ungeheuren Macht verbunden zu sein, und in einen professionellen Optimismus. Wird dieser in Perioden schwerster Niederlagen erschüttert, so gerät mancher Intellektuelle in Gefahr, in ebenso bodenlosen sozialen Pessimismus und Nihilismus zu verfallen, wie sein Optimismus übertrieben war. Sie ertragen es nicht, dass gerade das aktuellste, die geschichtliche Situation am tiefsten erfassende, zukunftreichste Denken in bestimmten Perioden es mit sich bringt, seine Träger zu isolieren und auf sich selbst zu stellen. Sie haben die Beziehung von Unabhängigkeit und Revolution verlernt.»13
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1 Ich beziehe mich auf typische, im 20. Jahrhundert vorherrschende Formen des Marxismus. Natürlich gibt es eine Vielfalt marxistischer Theorien, der ich in diesem kurzen Text nicht Rechnung tragen kann.
2 Nikolaj Bucharin (1922): Theorie des historischen Materialismus. Gemeinverständliches Lehrbuch der marxistischen Soziologie (S. 2)
3 Wladimir I. Lenin (1909): Materialismus und Empiriokritizismus. Berlin, Dietz Verlag 1962, S. 347. «Kommis» ist ein älterer Ausdruck für Handelsgehilfen oder einfache Angestellte.
4 Georg Lukacs (1923): Geschichte und Klassenbewusstsein. Darmstadt/Neuwied, Luchterhand 1983 (S. 87)
5 Ibidem S. 58
6 Ernest Mandel (1968): Marxistische Wirtschaftstheorie. Suhrkamp Verlag (S. 16)
7 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (1878) & Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1880)
8 Karl Marx (1873): Das Kapital (Band I). MEW 23 (S. 19)
9 Pierre Bourdieu (1993): Soziologische Fragen. Suhrkamp Verlag (S. 25)
10 Michel Foucault (1980): Power/Knowledge. Selected Interviews and other Writings 1972-1977 (S. 52) (Übersetzung des Zitats durch Peter Streckeisen)
11 Pierre Bourdieu (1993): Soziologische Fragen. Suhrkamp Verlag (S. 61)
12 Die Studien über das (politische) Bewusstsein der Arbeiter und Angestellten konnten aufgrund des Triumphs der Nazis nicht abgeschlossen werden; vgl. Erich Fromm (1980): Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reichs. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt
13 Max Horkheimer (1937): Traditionelle und kritische Theorie. Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 6 (S. 268)