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Die Infektionsgeschichte, inspiriert von einer Erzählung von H. P. Lovecraft, setzt relativ harmlos ein und versprüht auf den ersten Metern sogar einen Hauch von Teeniefilm-Romantik. Lavinia (Madeleine Arthur), die Tochter der Gardners, hält am Flussufer ein okkultes Ritual ab. Flankiert von einem weissen Pferd und einem Steinkreis, beschwört sie die «Geister der Elemente» und bittet sie um Gesundheit für ihre Mutter, die offenbar eine schwere Krebserkrankung und Therapie hinter sich hat. Da kreuzt ein attraktiver Hydrologe (Elliot Knight) ihren Weg, der im Wald unterwegs ist, um Untersuchungen vorzunehmen. Natürlich knistert es zwischen ihnen.
Die Romantik ist auch der Einsamkeit des Waldes geschuldet, in die sich die Gardners aus der stressigen Grossstadt zurückgezogen haben. Hier führt die Familie auf ihrer Farm ein friedliches Leben. Lavinias gleichaltriger Bruder Benny (Brendan Meyer) vertreibt sich die Zeit mit Kiffen, ihr jüngerer Bruder Jack (Julian Hilliard) ist noch recht klein und verspielt. Die Mutter, Theresa (Joely Richardson), ist Brokerin im Home Office, der Vater, Nathan, gespielt von Nicholas Cage, kocht gerne (wenngleich nicht besonders gut), hat einen gut gefüllten Weinkeller und züchtet Alpakas. Vater und Mutter gehen betont liebevoll miteinander um, ebenso mit ihren Kindern.
Denn Theresa und Nathan wollen auf keinen Fall so werden wie ihre Eltern, also verbittert, chauvinistisch, abwertend – das schwören sie sich. Nathan flüstert seiner Frau ins Ohr: «You will always be my golden lady». Für ihn wird sie immer «die Eine» sein, auch wenn ihr Körper durch die furchtbare Krebstherapie entstellt ist. Es handelt sich um Bekundungen und Beschwichtigungen, um Schwüre. Ebenso wie Lavinias okkulte Zeichenrituale gehören sie einer symbolischen Ordnung an, die diese Parallelwelt stabilisiert. Das Reich der Gardners ist ein Reich aus sprachlichen Formeln, aus Symbolen.
Eines Nachts bricht jedoch ein seltsames Etwas in dieses Reich ein. Der gesamte Raum, das Drinnen wie das Draussen, wird erfüllt von einer violetten, leuchtenden Farbe. Am nächsten Tag entdecken die Gardners im Garten eine dunkle Masse, deren Herkunft man im extraterrestrischen Raum vermutet. Nach und nach ergreift nun eine ungreifbare Präsenz Besitz von der Welt der Gardners. Es kommt zu gespenstischen elektrischen Entladungen, zu spektralen Leuchterscheinungen; der Hydrologe vermutet eine Kontamination des Grundwassers. Dagegen kann auch Cage nichts ausrichten, der angesichts der widrigen Umstände eine typisch Cage-eske Form von Melancholie entwickelt, welche sich abwechselnd manisch, in tiefer Verzweiflung oder in schweren Ausrastern manifestiert. Etwas breitet sich aus, aber man weiss nicht, was es ist oder woher es kommt: etwas wie eine Farbe, die Menschen, Tiere, Insekten, Pflanzen, ja selbst die Luft zu ihren Medien macht. Die Psychen der Familienmitglieder kollabieren, die Körper der Menschen und jene der Alpakas werden zu unförmigen Fleischklumpen und mehrköpfigen Hydras verklebt.
Das Fluoreszieren erinnert an den Planeten Pandora in James Camerons Avatar, das generelle Setting an Stanley Kubricks The Shining, in dem eine an einem abgelegenen Ort isolierte Familie dem Wahnsinn verfällt. Aber während Camerons Film auch eine Parabel über die Ausbeutung der Natur durch die Menschen ist und Kubricks Berghotel über einem alten indianischen Friedhof errichtet wurde, gibt es bei Stanley keinen ökologischen oder historischen Subtext, keine Rückkehr einer unterdrückten Natur oder einer verdrängten Geschichte. Das Fabelhafte und die symbolische Welt der Gardners werden von der Farbe schlichtweg nach und nach «angemalt» und übermalt: zersetzt. Lavinia versucht, das Unheil, das über ihre Familie hereinbricht, durch ihre Wicca-Rituale zu bändigen, was nicht gelingt, und die Eltern mutieren, entgegen ihren früheren Versprechungen, immer mehr zu Abbildern ihrer eigenen Eltern.
Die Stärke von Color Out of Space besteht darin, dass tradierte mythische Symbole und wohlgemeinte Schwüre nichts bringen, wenn der Horror unbestimmt bleibt, diffus und konturlos. Und gerade deswegen durch und durch konkret und wirklich ist.
Der Film ist auf Amazon Prime Video verfügbar.
Regie: Richard Stanley; Vorlage: H. P. Lovecraft; Drehbuch: Richard Stanley; Musik: Colin Stetson; Kamera: Steve Annis; Schnitt:
Brett W. Bachman; Darsteller_in (Rolle): Nicholas Cage (Nathan Gardner), Joley Richardson (Theresa), Madeleine Arthur (Lavinia), Elliot Knight (Ward), Tommy Chong (Ezra); Dauer: 111 Min; Streaming CH/D: Amazon Prime Video.
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