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Von Bagdad nach Bern: Die Journalistin und Drehbuchautorin Faten Al-Soud erzählt, wie sie im Irak Karriere machte, obwohl ihr Mann ihr verbot, das Haus zu verlassen. Und wie die Gassen und Brücken Berns zu ihrem Zuhause geworden sind.
WOZ: Faten Al-Soud, im Irak haben Sie als Journalistin gearbeitet und unter anderem Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Arbeiten Sie im Moment an einem Projekt?
Faten Al-Soud: Ich bin seit drei Jahren in der Schweiz. Seitdem sind mir viele Geschichten eingefallen, die mit dem Ort hier zu tun haben. Lauter Details, wie man mit den Menschen und ihrer Mentalität, mit der Kultur und der Sprache umgeht – es ist ja alles total neu für mich. Über diese Dinge würde ich gerne einen Roman schreiben, meine Perspektive auf die Schweiz.
Hilft Ihnen das Schreiben, um in der Schweiz anzukommen?
Ich glaube, es ist schwierig, in der Schweiz anzukommen. Es ist nicht einfach, Leute kennenzulernen, sie sind ziemlich verschlossen, gerade wenn du die Sprache nicht gut sprichst. Mir fällt es nicht allzu schwer, auf Menschen zuzugehen, aber für viele, die neu hier sind, ist es schwierig. Für mich geht es beim Schreiben auch darum, einen Ort der Kommunikation zu schaffen. Es ist wichtig, dass wir einander verstehen. Das Schreiben hilft mir dabei, ein Teil der Community zu sein. Ich möchte von der Mitte aus schreiben, sozusagen als Vermittlerin zwischen Schweizern und Migranten, etwas Verbindendes schaffen. Und damit beiden Seiten helfen, aufeinander zuzugehen.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Mit zehn Jahren habe ich angefangen, Bücher zu lesen, alles Mögliche, und habe meine eigenen Geschichten erfunden. Mit vierzehn wurde ich von meiner Familie verheiratet. Mein Ehemann verbot mir, aus dem Haus zu gehen, Leute zu treffen, meine Freunde zu sehen. Ich habe auch aufgehört zu lesen. Mit fünfzehn bekam ich meinen ersten Sohn. Für ihn habe ich begonnen, Geschichten aufzuschreiben. Mein Onkel ist Journalist, er hat meine Geschichten gelesen und fand, dass ich Talent hätte. Er hat mich gefördert, mir Bücher übers Schreiben gegeben. Aber veröffentlicht habe ich nie etwas. Nach mehreren Jahren hat mich mein Onkel dann ermutigt, Artikel an verschiedene Zeitungen zu senden. Ich habe meinen Mann gefragt, ob ich das darf. Er meinte, wenn ich Artikel veröffentliche, dann müssten sie unter seinem Namen erscheinen. Einer Frau sei es nicht erlaubt, selber zu publizieren.
Stimmt das?
Nein, aber es ist im Irak üblich, dass Männer ihren Frauen so etwas verbieten. Ich sagte zu ihm, dass ich meinen eigenen Namen benutzen wolle, es sei ja auch meine Meinung, die ich vertrete. Als er erfuhr, dass ich damit auch etwas Geld verdienen könnte, meinte er dann doch, ich solle es halt mal ausprobieren. Es hat gut funktioniert, ich konnte einige Artikel veröffentlichen. Ein Jahr später machte ich bei einem Wettbewerb des Fernsehsenders Al-Baghdadia mit für ein Drehbuch einer TV-Serie. Das konnte ich von zu Hause aus machen, das Skript habe ich per Mail eingereicht. Deshalb war es für meinen Mann in Ordnung.
Und, haben Sie gewonnen?
Ja! Das war der eigentliche Beginn meiner Karriere. Ich habe Geld verdient, und beim Fernsehen waren sie auch zufrieden, weil es sonst kaum Frauen im Irak gibt, die Drehbücher schreiben, viel weniger noch als Schriftstellerinnen oder Filmemacherinnen. Der ganze Erfolg führte aber auch dazu, dass ich mich scheiden liess. Mein Mann wollte nicht, dass ich ausserhalb des Hauses arbeitete, aber ich wollte diese Chance unbedingt nutzen. Ich bekam viele Angebote, arbeitete fürs Fernsehen, fürs Radio und für die Zeitung. Nach vier Jahren Hin und Her habe ich mich für die Scheidung entschieden. Das war schwer: Neunzehn Jahre waren wir zusammen, und auf einmal war ich draussen, in der echten Welt. Plötzlich bist du in der Stadt, in der du die ganze Zeit gelebt hast, doch du kennst sie überhaupt nicht. Und dann beginnst du, sie zu entdecken. Nach einiger Zeit bekam ich allerdings Probleme, weil ich viel über Frauenrechte und Menschenrechte im Allgemeinen geschrieben hatte, darüber, dass die Religion sich nicht in jeden Lebensbereich einmischen solle. Ich wurde bedroht. Deshalb bin ich aus dem Irak geflohen.
Und dann sind Sie in die Schweiz gekommen?
Ja, seitdem lebe ich in Bern. Ich möchte die nächsten Jahre gern hierbleiben, vielleicht als Journalistin arbeiten, sobald ich die Sprache gut genug kann. Aber ich habe immer noch einen N-Ausweis und keine Arbeitserlaubnis, und darunter leide ich. So lange hat mein Mann mir verboten, aus dem Haus zu gehen und zu arbeiten, und jetzt verbieten es mir die Schweizer Behörden.
Ist Bern für Sie trotzdem ein Zuhause geworden?
Ich hatte vorher nie das Gefühl, eine Heimatstadt zu haben. Ja, ich komme aus Bagdad, aber ich durfte nicht aus dem Haus, durfte keine Freunde haben, nie alleine sein: Ich hatte kein Gefühl für die Stadt. Bern ist eigentlich die erste Stadt in meinem Leben, ich weiss alles über sie. Ich kenne die Gassen, die Brücken, die Plätze, die Innenstadt, so viele verschiedene Orte. Ich kann alleine sein, wann immer ich will. Das ist meine Heimat: Bern, nicht Bagdad. Ich vermisse Bern ja schon, wenn ich in Zürich bin oder in Lausanne. Ich gehöre hierher.
Faten Al-Soud (40) ist Drehbuchautorin und Journalistin und ist vor drei Jahren aus dem Irak in die Schweiz gekommen.