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Vor bald einem Jahr schaffte er, was ihm wohl niemand zugetraut hätte: Boris Johnson wurde am 23. Juli 2019 zum neuen Vorsitzenden der «Conservative Party», der konservativen Partei Grossbritanniens gewählt. Und damit zum Nachfolger von Theresa May als britischer Premierminister.
Bojo, wie er gerufen wird, gilt als witzig, exzentrisch – und von brillantem Verstand. Fans lieben den 55-jährigen Sprücheklopfer, Feinde hassen den Wendehals. Der Blonde mit der Wuschelmähne und dem schiefen Blick kommt wie eine Mischung aus Fozzie Bär von den Muppets und verrücktem Professor aus «Zurück in die Zukunft» daher.
Boris Johnson wollte «König der Welt» werden
Geboren als Alexander Boris de Pfeffel Johnson 1964 in New York City, wächst Bojo zunächst in den USA auf. Seine Mutter Charlotte, heute 78, ist Malerin, Vater Stanley arbeitet als Umwelt- und Bevölkerungswissenschaftler für die Weltbank und die Europäische Kommission.
Johnson ist fünf, als die Familie (er hat drei Geschwister) nach London zieht. 1973 trennen sich die Eltern. Boris besucht nach einem Nervenzusammenbruch der Mutter die Europäische Schule in Brüssel, wechselt später ans Elite-Internat Eton. Sein Latein- und Griechischlehrer attestiert dem rhetorisch flinken, selbstironischen Boris ein ausserordentliches Gedächtnis, dazu ein ausgeprägtes Talent, andere in seinen Bann zu ziehen. Auf die Frage, was er später werden will, antwortet Boris: «König der Welt.» Er spricht Französisch und Italienisch, twittert gern mal auf Latein.
Als Schmelztiegel in einer Person bezeichnet er sich selbst, hat türkische, deutsche, französische, englische und schweizerische Wurzeln: Seine Urgrossmutter Winifred Emma Brun stammt aus Luzern, eine 1975 in Basel gefundene Mumie wird 2018 gar als seine Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Oma Anna Catharina Bischoff-Gernler identifiziert. Urgrossvater Ali Kemal ging in die Annalen der Geschichte als letzter Innenminister des Osmanischen Reiches ein, er veranlasste die Verhaftung Atatürks, wurde später gelyncht.
Befreundet mit Dianas jüngerem Bruder Charles Spencer
Boris Johnson ist ein Kind der Oberschicht, auch wenn seine Familie nicht sehr vermögend ist. Er gewinnt ein Stipendium fürs Altphilologiestudium in Oxford, findet dort reiche, mächtige Freunde wie Charles Spencer, jüngerer Bruder von Prinzessin Diana, und Ex-Premier David Cameron. Einen erstklassigen Uni-Abschluss bringt Bojo zwar nicht zustande, dafür schafft er es im zweiten Anlauf zum Präsidenten des Debattierzirkels Oxford Union – wenn auch mit einer kleinen Flunkerei: Johnson gibt sich als Sozialdemokrat aus, dabei ist er ein Konservativer. Auch ist er Mitglied des exklusiven, für ausufernde Partys bekannten Bullingdon Club.
In Oxford entdeckt Johnson im «Tatler», einem Pflichtmagazin des europäischen Hochadels, ein Foto von Allegra Mostyn-Owen. Er heiratet die attraktive Mitstudentin, sie hilft ihm beim Einstieg in den Journalismus. Bojo wird noch als Volontär bei der «Times» gefeuert – wegen eines erfundenen Zitats. Für den «Daily Telegraph» berichtet er als Korrespondent aus Brüssel, schreibt über angebliche Normen für Gurkenkrümmungen, Kondomgrössen oder Erdbeerformen, lässt dabei keine Gelegenheit aus, die EU als unkontrollierbare, regelwütige Quasidiktatur anzuprangern.
Journalistenkollegen halten ihn bis heute für Halunken und Schwindler
Zündler Johnson räumt Jahre später in einem BBC-Interview ein: «Alles, was ich aus Brüssel schrieb, hatte diese tolle, explosive Wirkung auf die Tory-Partei – das hat mir ein unheimliches Gefühl für Macht gegeben.» Journalistenkollegen von damals halten ihn bis heute für einen Halunken und Schwindler.
Seine Politkarriere startet er 2001 als Abgeordneter des britischen Unterhauses, verdient sich nebenbei ein Zubrot als Testfahrer der Kult-Auto-Sendung «Top Gear». Bunt ist seine Zeit als Bürgermeister von London. Unvergessen das Bild von den Olympischen Spielen, als Johnson mit Helm auf dem Kopf und britischen Fähnlein in den Händen an der Seilrutsche hängen bleibt. Als Aussenminister stösst er auf geteiltes Echo. Genüsslich graben die Medien einen alten Beitrag Johnsons für den «Telegraph» von 2007 aus, in dem er über die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schreibt, sie habe «blond gefärbtes Haar, einen Schmollmund und einen stahlblauen, stechenden Blick wie eine sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik».
Boris Johnson der Schürzenjäger
Zu Johnsons Hobbys zählen Radfahren, Joggen und Tennis. Er kann minutenlang und frei aus Homers «Ilias» zitieren, malt gerne, bastelt Busse aus leeren Weinkisten, liebt die Rolling Stones, leckeres Brot, herzhafte Pasta und knusprige Bratkartoffeln.
Privat zu reden aber gibt er seit je als Schürzenjäger. Die erste Ehe hält fünf Jahre, Gattin Nummer 2, Marina Wheeler, 55, mit der er vier Kinder hat (Lara Lettice, 27, Milo Arthur, 25, Cassia Peaches, 23, und Theodore Apollo, 21), trennt sich 2018 nach 25 Jahren und unzähligen Affären von Bojo. Er hat noch eine uneheliche Tochter, Stephanie, 11. Und ist aktuell liiert mit der fast 24 Jahre jüngeren PR-Lady Carrie Symonds – inklusive Negativschlagzeilen über einen nächtlichen Polizeieinsatz wegen eines lautstarken Streits und fliegender Untertassen.
Er wird im Frühsommer zum sechsten Mal Vater
Anfang März dann die überraschende Nachricht der Verlobung und Schwangerschaft von Carrie Symonds: Im Frühsommer 2020 soll Boris Johnson zum sechsten Mal Vater werden. Umso grösser die Sorgen, auch um die schwangere Carrie Symonds, als Boris Johnson am 27. März via Twitter bekanntgibt, dass er am Coronavirus erkrankt sei.
Nach zehn Tage Selbstisolation musste er vergangenen Sonntag ins Krankenhaus gebracht werden, wo er am Montag auf die Intensivstation verlegt wurde. Am Mittwochabend gab eine Regierungssprecherin bekannt, dass der Premierminister kontinuierlich Fortschritte mache, aber noch auf der Intensivstation bleibe. Johnson sei aber in einem «stabilen Zustand».
Hinweis der Redaktion: Der Grossteil dieses Textes erschien bereits am 19. Juli 2019 in der «Schweizer Illustrierten».