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Wir sitzen alle im selben Boot: Landwirte und Verbraucher, von der Heugabel bis zur Gabel.
Wir trafen Blaise Hofmann1, einen in Morges geborenen Schriftsteller und Winzer, der uns seine Vision von der Landwirtschaft und ihrer Zukunft mitteilt.
Respekt, AneRkennung, TReffen, VeRgütung & VeRantwortung, wieder 5 R
Als ich kürzlich meine Eltern fragte, was die schönste Erinnerung an ihr Leben als Bäuerin, als Bauer gewesen sei, antworteten mir beide spontan:
Unsere fünfundzwanzig Jahre Direktvermarktung mit dem Hofmarkt.
Sie hatten ihn in den 1990er Jahren widerwillig eröffnet, als Reaktion auf eine unerwartete Entscheidung ihrer Obstgenossenschaft: Ein Angestellter verweigerte die Annahme der Tabletts mit Tafelkirschen, die mein Vater lieferte, mit der Begründung, dass die Früchte im Regen gepflückt worden waren. Er schloss einfach den Kofferraum seines Kombis und fuhr davon.
Zurück zu Hause, haben meine Eltern mit ein paar Telefonaten den Vorrat an Bekannte verkauft und festgestellt, dass sich die Preise verdoppelten und die Verbindung zum Verbraucher wieder hergestellt war; sie fühlten sich dadurch aufgewertet. Dieses Geschäft war von Anfang bis Ende ihr eigenes, sie steuerten alle Glieder der Kette, von der Anpflanzung der Bäume bis zum Verkaufspreis der Früchte. So entstand die Idee, die restlichen Kirschen an einem improvisierten Stand am Straßenrand zu verkaufen.
Einige Jahre später beschloss dieselbe Genossenschaft, auch ihre Äpfel nicht mehr anzunehmen, weil sie zu kleine Produzenten waren: zu wenig Fläche, zu wenig Rentabilität, zu wenig Gewinn, zu viel logistische Komplexität. Von diesem Tag an setzten sie keinen Fuß mehr in die Genossenschaft. Sie eröffneten jeden Samstag ihren Hofmarkt, lange bevor der Trend zu regionalen Produkten einsetzte. Es war eine Win-Win-Kompetenzaufteilung zwischen dem hypersozialen Temperament meiner Mutter, die als Verkäuferin fungierte, und dem hyperaktiven Temperament meines Vaters, der je nach Nachfrage pflückte, was es brauchte. So fanden sie fast zufällig das Produktionsmodell, das zu ihnen passte, das ihnen ähnelte und das ihnen Würde und Stolz verlieh.
Ohne es zu wissen, begannen meine Eltern so, die Regeln der Geografin Sylvie Brunel im Alltag anzuwenden:
RESPEKT vor den Menschen, die arbeiten, um uns zu ernähren,
ANERKENNUNG ihrer Anstrengungen,
TREFFEN zwischen der ländlichen und der städtischen Welt,
Angemessene VERGÜTUNG für die geleisteten Dienste,
VERANTWORTUNG des Verbrauchers.
Was diesen letzten Punkt betrifft, so wird oft gesagt, dass der Kunde König ist; in Wahrheit wird alles getan, um seine Wahl zu lenken und seine Gewohnheiten nach den Wünschen der Akteure des Agrar- und Lebensmittelmarktes zu gestalten.
Wenn wir uns zum Beispiel angewöhnen, saubere Kartoffeln zu kaufen, zwingen wir die Erzeuger unwissentlich dazu, sie chemisch zu behandeln, um ihre Schale zu stärken, damit sie gewaschen, sortiert und unbeschadet transportiert werden können; wir sind es auch, die den Einsatz von Keimhemmungsmitteln vorschreiben, weil wir niemals Knollen kaufen würden, die von Pflanzen bedeckt sind.
Wir sind es auch, die, getrieben von einer außergewöhnlichen Werbeaktion, mitten im Winter Tomaten essen möchten und so die Erzeuger zwingen, widerstandsfähige Pflanzen zu erwerben, sie in beheizten Gewächshäusern und in Hors-sol-erde aus sri-lankischen Kokosfasern anzubauen und diese Pflanzen tröpfchenweise mit Wasser, Phosphor, Phosphat und Spurenelementen zu versorgen. Wir sind es, die Tomaten ohne Geschmack und Nährwerte konsumieren
Schließlich sind wir es, die durch den Kauf von perfekten, mittelgroßen, schorf- und fehlerfreien Äpfeln indirekt drei Viertel der Ernte des Landwirts deklassieren; wir, die den Einsatz von etwa 30 chemischen Molekülen erzwingen, um ebenso ästhetische wie widerstandsfähige Früchte zu erhalten; wir, die die Erzeuger zwingen, vor dem Pflücken zu spritzen, um die Früchte zu härten, zu früh zu pflücken und die Ernte in Kühlräumen aufzubewahren, um die Reifung zu verhindern…
Wir sitzen alle im selben Boot: Landwirte und Verbraucher, von der Heugabel bis zur Gabel. Eine Entscheidung, die den einen betrifft, wirkt sich zwangsläufig auch auf den anderen aus; wir sollten besser gemeinsam in die Zukunft blicken.
Dazu müsste die Landwirtschaft wieder eine Stimme, ein Gesicht und einen Körper bekommen, sie müsste sich die Zeit nehmen und die Mittel finden, um von sich zu erzählen, sie müsste lernen, wie man das tut. Es nützt heute nichts mehr, alarmierende Zahlen (in der Schweiz verschwinden jeden Tag drei Betriebe) und defätistische Prozentsätze (die Landwirtschaft betrifft nur noch 1,7 % der Bevölkerung) aneinanderzureihen. Man muss wieder Emotionen, Dialog und Begegnung in die Debatte einbringen.
Umgekehrt sollte die städtische Bevölkerung weniger Youtube-Anleitungen über Agrarökologie anschauen, die ländlichen Gebiete erkunden, ihre Komfortzone verlassen und die Peripherie nicht nur als Erholungsgebiet und Ruhezone betrachten. Sie würde diejenigen, die die Landschaft gestalten und sie noch lesen können (etymologisch kommt “Bauer” von “Mitbürger”, “Nachbar”), ansprechen und sie fragen:
– Bitte erzählen Sie mir von Ihrem Beruf.
Leider ist die Ernährung kein wichtiges und alltägliches Thema mehr; man macht sich mehr Gedanken über Schlankheitsdiäten als über die Ernährungssicherheit. Die letzten Hungersnöte in der Schweiz liegen zwei Jahrhunderte zurück – im “Jahr ohne Sommer” 1816, als das Weltklima durch den Ausbruch eines indonesischen Vulkans aus dem Gleichgewicht geriet -, die Überlebenden sind längst tot und ihre Albträume können uns nicht mehr erreichen.
Lebensmittel zu finden, sie aufzubewahren und zu kochen, nimmt nur wenige Minuten unseres Alltags in Anspruch; man bestellt online Lebensmittel, die vor die Tür gestellt werden. Einmal alle zwei Wochen parkt man in einer Tiefgarage und füllt einen Einkaufswagen, einen Kühlschrank: Der Vorgang dauert weniger als zwei Stunden.
Das Budget für Lebensmittel hat sich ähnlich entwickelt und macht nur noch 7 % der Ausgaben eines Haushalts aus (in der Schweiz im Jahr 2023). Ein Klacks im Vergleich zu den Summen, die für Hobbys, Urlaub und Ausgehen ausgegeben werden. Dieser geringe Prozentsatz erklärt, warum so viele Gemüsegärten aus der Umgebung von Bauernhöfen verschwunden sind: Die günstigen Preise in den Supermärkten machen diese Aktivitäten hinfällig. Auf den Balkonen der Stadtbewohner finden sich hingegen immer mehr davon, die weniger auf Autonomie abzielen als auf einen ersten Schritt zurück zur Erde, eine Art Hobbyfarming.
Um die Ernährung wieder in den Mittelpunkt zu rücken, müsste zunächst der Geschmack des Verbrauchers, sein Wissen über die Produkte und seine Fähigkeiten, sie zu kochen, umerzogen werden.
Wenn er sich entschließen würde, nur lokale und saisonale Produkte zu kaufen, wenn er sich entschließen würde, alle Teile eines Tieres zu essen, wenn er zugesetzten Zucker, Emulgatoren und andere Zusatzstoffe verurteilen würde, wenn er damit einverstanden wäre, ein bisschen mehr zu bezahlen, würde das Angebot in den Geschäften sofort auf den Kopf gestellt werden, ohne dass der Staat, die großen Einzelhandelsunternehmen oder die multinationalen Agrarkonzerne ein Mitspracherecht hätten.
Innerhalb weniger Jahre würde sich die Produktion wie durch ein Wunder an die Wünsche eines aufmerksamen Verbrauchers anpassen.
Der Staat könnte diesen Prozess beschleunigen, indem er sich von einer ausschließlich marktwirtschaftlichen Agrarverwaltung verabschiedet, seine “Agrarpolitik” durch eine “Ernährungspolitik” ersetzt und so die Nahrungsmittelproduktion wieder in den Mittelpunkt stellt, indem er versucht, einerseits den Verbrauchern gute Produkte und andererseits den Bauern ein gerechtes Einkommen zu sichern.
Während der Coronavirus-Pandemie war es so erschütternd, dass der Bundesrat alle Freiluftmärkte schloss und den Zugang zu großen Supermärkten erlaubte. Das war der Beweis einer starken politischen Unterstützung für ein konsumorientiertes System, der Höhepunkt eines halben Jahrhunderts agroindustrieller Hegemonie über die Lebensmittelversorgung.
Die Erde, die Pflanzen und die Tiere sind keine Industrie wie jede andere. Die Produktion von Lebensmitteln sollte nicht denselben Kriterien gehorchen wie die Herstellung von Gadgets. Es handelt sich nicht um einen Beruf für Finanzfachleute, Kommunikatoren oder Ingenieure
Die Landwirtschaft ist der letzte Sektor, der sich in die Industriegesellschaft integriert hat; hoffentlich wird sie vielleicht der erste sein, der sich davon befreit.