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Aus der Sicht der Nachwelt ist es nicht zu fassen, wie sich Kantonsregierung und Parlament nach dem Zweiten Weltkrieg über die Proteste von Historikern und Bevölkerung hinwegsetzten und den Freienhof abrissen. Gewiss war der gotische Gebäudekomplex an der Reuss zwischen Stadttheater und Jesuitenkirche in einem schlechten Zustand. Doch ausgerechnet in einer Zeit, da Europa um den Verlust eines grossen Teils seiner Baudenkmäler trauerte, machte sich Luzern daran, ein Kulturgut zu zerstören – freiwillig. 1949 wurde die Schandtat ausgeführt.
Dabei war der Freienhof nicht nur ein markanter Teil des historischen Stadtbildes auf der linken Reussseite. Er war nicht nur ein seltener Zeuge der gotischen Profanbaukunst. Er war vor allem ein unverwechselbarer Teil der frühen Stadtgeschichte, sogar der Stadtwerdung.
Wahrscheinlich war der Freienhof ein eigener Rechtsbezirk, bevor sich die Stadt bildete. Darauf lassen schon Name und Lage schliessen. Gegenüber dem Kloster war er von Abgaben befreit. Bestimmt war er mehr als nur ein festungsartiger Sitz an einer prominenten Stelle der Stadt. Vielleicht diente er als Amtssitz der Vögte von Rothenburg. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde er als Abschluss der Stadtmauer in die Stadtbefestigung integriert; seine Sonderstellung verlor er aber erst 1365 mit dem Bau der Kapellbrücke. Wer auf die Brücke wollte, musste durch den Freienhof gehen.
Er befand sich immer in Besitz von Herrschaftsgeschlechtern. Diebold Schilling zeigt das Wappen der Familie von Iberg, der auch der Freihof in Mellingen gehörte. Später, bis 1843, war er Eigentum von Patrizierfamilien. Hier stiegen die päpstlichen Nuntien ab, 1599 auch Erzherzog Albrecht von Österreich mit seiner Frau, der Schwester des spanischen Königs.
1803, nach dem Ende der alten Herrschaft, wurde eine Brauerei, später eine Kunsthandlung und Druckerei. Durch den Bau der Bahnhofstrasse wurde er 1838 von der Kapellbrücke abgeschnitten. 1943 verkauften ihn die Erben des letzten Besitzers an den Kanton – ohne Auflagen.
Abgerissen wurde der historische Gebäudekomplex schliesslich, weil die Kantonsregierung dort die neue Zentralbibliothek plante und die Erhaltungswürdigkeit des Freienhofes – trotz Gutachten, die sich widersprachen – verneinte.
Gegen diese Einschätzung erhob sich ein Sturm der Entrüstung. 1945 wurden eine «Mahnschrift» und eine Petition gegen die Zerstörung verfasst. Auch das Jugendparlament setzte sich für die Erhaltung ein. Ausserhalb der Zentralschweiz mokierte man sich über die Urteilsfähigkeit der Beamten und Politiker in Luzern.
Es nützte nichts. 1947 beriet das Kantonsparlament während eines ganzen Tages über das Geschäft. Keine einzige Stimme erhob sich für die Erhaltung des Freienhofs. Diskussionspunkt war vielmehr das Aussehen der neuen Bibliothek.
Die neue Zentralbibliothek wurde aber nicht an der Reuss gebaut. Noch während der Aushubarbeiten erhob sich eine zweite Volksbewegung: 10‘000 Luzerner unterschrieben eine Petition gegen die Verbauung der freistehenden Jesuitenkirche. Unter dem öffentlichen Druck einigten sich Stadt und Kanton auf einen Landabtausch und den Neubau an der Sempacherstrasse.
Immerhin, aber zu spät für den Freienhof: Heute zeugt die grüne Wiese neben der Jesuitenkirche wie ein ungewolltes Mahnmal von der Ignoranz der seinerzeitigen Politiker.
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