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Dass „Die Moldau“, „La primavera“ oder die „Nachtmusik“ der Erholung dienen, ist heute Allgemeinwissen. Eine Selbstverständlichkeit beim Zahnarzt und in der telefonischen Warteschlange. Dass ich Stress mit Klassikern der Literatur bekämpfe, stösst jedoch eher auf Unverständnis. Wenn ich mit einem vergilbten dtv im Park des Schulhauses sitze, denken die Schüler, ich müsse das lesen und gucken mitleidig. Wenn ich in der Mensa oder beim Warten auf den PC-Raum ein zerfleddertes Suhrkamptaschenbuch, ein speckiges diogenes oder ein mausgraues DDR-Reclam lese, meinen die Kolleginnen automatisch, es handle sich um Zwangslektüre. Dabei erhole ich mich nirgends besser als in den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Wenn Frau Moll Kästners Fabian bedrängt („Sie heissen Moll?“ „Irene Moll sogar, damit die Leute mit Gymnasialbildung etwas zu lachen haben“), wenn Dürrenmatts Bärlach registriert, dass die Welt aus Nachlässigkeit zum Teufel geht („Diese Gefahr sei noch grösser als der ganze Stalin und alle übrigen Josephe zusammengenommen“), wenn die Achmatowa sich dank intensiver Beobachtung und detaillierten Beschreibung der russischen Garderobe gekonnt an der Zensur vorbeidichtet, wenn Bernhard vom Ohrensessel aus Gräber schaufelt und das ganze Kulturerbe von Wien bis München drin versenkt, wenn das Grammophon läuft und Reisszwecken gebraucht werden – dann kann ich entspannen. Ich glaube, das ist, weil die Wörter bei den Klassikern des 20. Jahrhunderts in den Sätzen Platz hatten. Und weil der Buchtitel von Piatti, Fleckhaus und Staudt oder sonst jemandem gestaltet wurde, der bedachte, dass es nicht sein einziger Auftrag ist, eine Kundengruppe anzuschreien. Sondern den Leser immer wieder auf das Werk anzusprechen, selbst wenn er es schon längst gekauft hat.