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Weltweit gibt es über 300 Gebärdensprachen. Gemäss dem Weltverband der Gehörlosen stellen sie die wichtigste Kommunikationsform für mehr als 70 Millionen gehörlose Menschen rund um den Globus dar. Es gibt sogar einen Internationalen Tag der Gebärdensprache: den 23. September. Doch wie unterscheiden sich Gebärdensprachen von Lautsprachen und wie haben sie sich entwickelt?
So alt wie die Sprache selbst
Das Konzept der Gebärdensprache geht sehr weit zurück. In seinem 360 v. Chr. verfassten Dialog Cratylus schreibt Platon: «Angenommen, wir hätten weder Stimme noch Lautsprache und wollten uns miteinander verständigen: Sollten wir dann nicht wie die Taubstummen mit den Händen, dem Kopf und dem übrigen Körper Zeichen machen?»
Die frühesten Aufzeichnungen zur Gebärdensprache als kodifiziertem System stammen aus dem 17. Jahrhundert. Im Jahr 1680 veröffentlichte George Dalgano das Fingeralphabet Didascalocophus, das die Handinnenfläche als «Karte» für die einzelnen Buchstaben nutzt.
Unterschiede zwischen den Regionen
Gebärdensprachen haben sich ähnlich wie Lautsprachen entwickelt, und zwar abhängig von der jeweiligen geografischen Region, in der die Menschen sie nutzten. Wie es verschiedene Variationen der englischen Lautsprache gibt (American English, British English, Australian English usw.), existieren auch unterschiedliche Formen der englischen Gebärdensprache. So haben die American Sign Language (ASL) und die British Sign Language (BSL) viel weniger gemeinsam als man vielleicht denken würde. Während man bei ASL nur eine Hand für die Zeichen verwendet, werden bei BSL beide benutzt. Zudem haben die beiden Sprachen nur etwa 30 % der Begriffe gemeinsam. Die Tatsache, dass bei BSL beide Hände zum Einsatz kommen, dürfte wohl auf die oben erwähnte Handkarte von George Dalgano zurückzuführen sein; die eine Hand zeigt die entsprechenden Stellen auf der anderen Hand an. ASL hingegen hat eigene Zeichen, die mit einer einzelnen Hand geformt werden.
Aus den Umständen entstanden
Einige Gebärdensprachen sind sogenannte Sprachisolate. Das bedeutete, dass sie nicht zu anderen, grösseren Sprachfamilien gehören. In Bengkala, einem Dorf auf Bali, liegt die Taubheitsrate deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Die Menschen dort haben über die letzten fünf Generationen ihre eigene Gebärdensprache entwickelt: Kata Kolok (wörtlich übersetzt: «Gehörlosensprache»). Kata Kolok wird sowohl Gehörlosen als auch Hörenden beigebracht; aktuell benutzen es etwa 40 gehörlose Gebärdende und 1’200 hörende Gebärdende. Somit sind die Gehörlosen voll in der Gemeinschaft integriert. Eine weitere solche Sprache ist die Al-Sayyid Bedouin Gebärdensprache (ABSL), die von etwa 150 gehörlosen und vielen der 3’500 hörenden Mitglieder es Beduinenstammes Al-Sayyid in der Negevwüste in Südisrael verwendet wird. ABSL hat die Besonderheit, sogar einfache Sachverhalte in einzelne Handlungsschritte der involvierten Personen zu unterteilen. Will man zum Beispiel ausdrücken, dass ein Mann einem Mädchen einen Ball zuwirft, gebärdet man wie folgt: «MÄDCHEN STEHEN; MANN BALL; MÄDCHEN FANGEN».
Nicht nur für Gehörlose
Nicht alle Gebärdensprachen dienen dazu, die Kommunikation mit gehörlosen oder schwerhörigen Menschen zu erleichtern. Eine Sprache, die seit der Verfügbarkeit der Audio- und Videotechnik immer mehr verschwindet, ist Tic-Tac. Dabei handelt es sich um Handzeichen-System, das bei Pferde- und Hunderennen im Vereinigten Königreich benutzt wird. Buchmacher kommunizieren damit mit ihren Teams über die Wettquoten, um zu verhindern, dass sich die Wettquoten zwischen den Buchmachern nicht zu sehr unterscheiden – damit das ein gerissener Spieler nicht ausnutzt. Tic-Tac-Nutzer tragen weisse Handschuhe; so sind ihre Zeichen auch aus der Entfernung noch gut zu lesen. Man nimmt an, dass die Sprache sich 1888 entwickelt hat. Allerdings arbeiteten 1999 nur gerade drei Personen auf britischen Rennbahnen professionell mit Tic-Tac.
Eine ganze Palette von Ausdrücken
Platon hatte es schon damals erkannt: Gebärdensprache geht über die Kommunikation mit den Händen hinaus. Bei ASL werden die Augenbrauen bei Wer-, Wann-, Was-, Wo- und Warum-Fragen zusammengezogen und bei Ja-/Nein-Fragen angehoben. In der russisch-kasachischen Zeichensprache hingegen hebt man die Augenbrauen entweder bei einer allgemeinen Frage oder wenn man überrascht ist, und man zieht sie zusammen, wenn man verärgert ist. Ein Forscherteam der norwegischen Universität Bergen unter der Leitung von Vadim Kimmelman entdeckte diese Unterschiede, als es im Jahr 2020 eine Studie zur Verwendung von Video-Mapping bei der Übersetzung von Gebärdensprache in gesprochene Sprache veröffentlichte.
Foto: Vadim Kimmelman
Das obige Bild wurde mit der Software OpenPose aufgenommen. Das Programm zeichnet Hand- und Körperbewegungen sowie Gesichtsausdrücke automatisch als 2D-Videos auf und wird üblicherweise bei Filmen zur Bewegungsaufzeichnung verwendet. Diese Technologie ist zwar noch nicht reif für die Simultan-Übersetzung von Gebärdensprache in gesprochene Sprache (und vice versa), doch sie bietet einige interessante Einblicke, wie Gebärdensprachen strukturiert sind.
Verstehen ist menschlich
Gebärdensprachen sind genauso vielfältig und ausdrucksstark wie Lautsprachen, und die Tatsache, dass sie in verschiedenen Ländern und Kulturen mehr oder weniger spontan entstanden sind, zeigt, dass Menschen immer einen Weg finden werden, um miteinander zu kommunizieren. Eine rein visuelle Sprache zu erschaffen, die mit lediglich dem menschlichen Körper vermittelt werden kann, erfordert unglaubliche Innovationskraft – und doch lernen sie vor allem junge Menschen leicht. Vielleicht ist dies ein weiteres Argument für Noam Chomskys Theorie der Universalgrammatik, die besagt, dass wir alle eine genetisch verankerte Fähigkeit haben, um die grundlegenden Konzepte von Sprache zu verstehen. Gebärdensprachen sind auf jeden Fall ein weiterer Beweis dafür, dass wir Menschen über ein anscheinend unerschöpfliches Talent dazu verfügen, uns unseren Umständen anzupassen.