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Die gesellschaftspolitischen Veränderungen nach 1968 schlugen sich auch in einer Kritik an der Konsumgesellschaft nieder. Infolgedessen geriet die Werbung für Konsumgüter, für die die Plakate im «Internationalen Stil» typischerweise stehen, unter Beschuss. Deren kalte, formelle, dogmatische Ästhetik wurde in Frage gestellt.
Wolfgang Weingart
In der Schweiz führte insbesondere Wolfgang Weingart (*1941), der in Basel neben Armin Hofmann lehrte, die sogenannte Palastrevolution, die Abkehr vom «Internationalen Stil» an. Weingart begann Ende der 1960er Jahre die herrschenden Regeln anzuzweifeln. Da der Einsatz von Computer und Lichtsatz die Arbeitsweise völlig umgekrempelt hatte, hatte auch die Arbeit des Grafikers grundsätzlich neuen Methoden zu folgen. Dies brachte mehr Freiheit, schnellere Abläufe und tiefere Kosten mit sich.
Weingart verstand die Tragweite dieser Entwicklung sehr rasch. Er gestaltete mit viel Spontaneität, Dynamik und Humor Plakate, die komplex und chaotisch wirken und die Zeitstimmung perfekt wiedergeben.
Die Anhänger einer revidierten Tradition
Die Gestalter einer revidierten Tradition wie die Zürcher Grafiker Siegfried Odermatt (1926–2017) und Rosmarie Tissi (*1937) waren noch vom Internationalen Stil beeinflusst und passten ihn den neuen Verfahren an. Diese beiden Vertreter der revidierten Tradition waren
- weniger revolutionär als Weingart und schafften leichter interpretierbare Plakate,
- entwickelten typografische und räumliche Lösungen, die weniger streng waren als diejenigen ihrer Vorgänger,
- bereicherten das Vokabular des Internationalen Stils durch ihre beweglicheren und schelmischeren Kompositionen,
- gelten als Vorreiter der als Postmodernismus bekannten Strömung.
Diese Richtung wird bis heute weiterverfolgt, beispielsweise durch Ralph Schraivogel (*1960).
Die Grafik und mit ihr das Plakat sind einer laufenden Entwicklung unterworfen. Neue technische Möglichkeiten und neue Produkte verlangen nach neuen Werbemethoden und Strategien. Um seine Informations- und Werbefunktion zu erfüllen, muss das Plakat nicht nur den ästhetischen Zeit-Geschmack treffen, sondern diesen besser schon vorausnehmen, ihn neu formulieren oder den Geschmack von morgen als Trend setzen.
Letzte Änderung 29.10.2018