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Die letzten Fetzen der Nacht hängen noch über dem Formel-1-Circuit in Monza, ein Laserlicht zaubert eine grüne Linie auf den Asphalt. Applaus brandet auf, als sich ein Grüppchen von neun Männern in Bewegung setzt. Schon bald werden sie allein sein, den Blick immer wieder auf die Anzeigetafel geheftet, die auf einem Tesla vor ihnen hergekarrt wird.
Im Auto sitzen zwei Männer, der eine steuert, der andere achtet darauf, dass das Tempo immer konstant bleibt. 2:50 Minuten pro Kilometer, etwas über 21 km/h. Das ist lächerlich für einen Tesla, aber es ist angsteinflössend für einen Athleten, der diese Pace zwei Stunden lang halten soll. Drei Athleten versuchen es, alle aus Ostafrika, der Wiege der Menschheit und auch der Wunderläufer.
Marathon ist ein Geduldspiel. 50 Minuten lang passiert fast nichts. Die Sportler wetzen um das 2,4 Kilometer lange Oval, nach jeder Runde werden drei der sechs Tempomacher ausgewechselt, insgesamt sind 29 Läufer angereist, nur um den drei Protagonisten Windschatten zu spenden.
Regelmässig fahren E-Bikes heran, den Spitzenläufern werden Flakons mit Sportlergetränken gereicht, die für jeden individuell gemischt sind. Denn nicht alle vertragen die gleiche Art von Zucker, und die Analysen des Schweisses haben gezeigt, dass sich die ausgeschiedenen Salze von Sportler zu Sportler unterscheiden.
Und dann, nach nicht einmal der Hälfte der Strecke, bekommt Lelisa Desisa schwere Beine. Der zweifache Boston-Sieger aus Äthiopien fällt zurück. Noch bevor die erste Stunde um ist, muss auch Zersenay Tadese langsamer treten. Der Eritreer, Weltrekordhalter im Halbmarathon, kann die hohe Pace nicht halten.
Mit meditativer Ruhe
So bleibt für die zweite Streckenhälfte nur noch eine Hoffnung, Eliud Kipchoge, der Olympiasieger, der 2016 in London nur acht Sekunden über dem Weltrekord von 2:02:57 blieb. Der Kenyaner läuft wie ein Zenmeister, sein Schritt ist ökonomisch, sein Oberkörper ruhig, auf dem Gesicht liegt eine meditative Ruhe.
Grosse des Marathons
Dennis Kimetto ist der Inhaber des Weltrekords. Der Kenyaner lief die 2:02:57 im Herbst 2014 in Berlin. Er ist bis heute der einzige Athlet, der in einem regulären Marathon unter 2:03 Stunden blieb.
Kenenisa Bekele hält die Weltrekorde über 5000 und 10 000 Meter. Im Marathon ist er mit 2:03:03 die Nummer zwei hinter Kimetto. Bekele ist Teil des konkurrierenden Marathon-Projekts Sub2.
Er hat sich mental auf diesen Tag vorbereitet, störende Gedanken lässt er nicht zu, und dass kaum Leute am Strassenrand stehen, nimmt er nicht wahr. «Ich lief wie in einem Tunnel», wird er später sagen. Das Tempo ist so regelmässig, wie man es noch nie gesehen hat in einem Marathon. Doch Kipchoge läuft in einem Bereich, in dem er keine Erfahrungen hat. Was passiert nach 25, nach 30 Kilometern?
Der Kenyaner wird nicht einbrechen, aber er verliert ein paar Sekunden. Als er zwischen Kilometer 35 und 40 kämpfen muss, um die Pace wenigstens einigermassen zu halten, zeigt er keine Maske des Leidens, sondern ein Lächeln. «Ich war auch in diesen schweren Moment glücklich, Teil dieses Ereignisses zu sein», sagt er am Ziel.
Dort, nach 42,195 Kilometern, zeigt die Uhr 2:00:25. Das ist eine Zeit, die viele Experten selbst bei dem speziellen Setting dieses Angriffs auf die Zwei-Stunden-Marke nicht für möglich gehalten hätten. Sie wird nicht in die Rekordbücher aufgenommen werden, denn es widerspricht den Regeln der Leichtathletik, dass unterwegs Tempomacher eingewechselt werden.
Es ist schwer abzuschätzen, was diese Hasen und das ebenfalls als Windschutz dienende Auto ausgemacht haben, ob Kipchoge stark davon profitierte, dass er sehr viel häufiger trinken konnte als in einem Stadtmarathon und das ohne sich seine Flasche am Strassenrand holen zu müssen. Und man weiss auch nicht, was der von Nike mit diesem Event vermarktete Schuh gebracht hat.
Aber dass dem Kenyaner eine aussergewöhnliche Leistung gelungen ist, zeigt nur schon der Umstand, dass Desisa und Tadese im genau gleichen Setting nicht einmal eine Stunde mithalten konnten. Ausserdem fällt auf, dass Kipchoge trotz des hohen Tempos nicht wirklich einbrach, sondern bloss etwas langsamer wurde. Die letzten 2,195 Kilometer lief er mit 2:53 pro Kilometer. Das ist schneller als die Pace beim Weltrekord.
War die Luftfeuchtigkeit zu hoch?
Der Olympiasieger hat in Monza unzweifelhaft gezeigt, dass er im Marathon derzeit weit über allen anderen steht. Und die Marge zur Zwei-Stunden-Grenze ist so klein, dass man sich fragen kann, ob ein nicht ganz optimales Detail den Exploit verhindert hat.
Kipchoges Manager Jos Hermens ist überzeugt, es gefunden zu haben. Die Luftfeuchtigkeit wurde mit über 80 Prozent gemessen. Das sei viel zu hoch, sagt der Niederländer, ideal wären 60 Prozent. Der Athlet schwitzte stark, musste mehr trinken als geplant und brauchte deshalb Energie für die Verdauung, die ihm dann in den Beinen fehlte. «Ich bin überzeugt, dass er dadurch eine halbe Minute verloren hat», sagt Hermens.
Das ist Spekulation, wie so vieles im Zusammenhang mit diesem Rennen gegen die Uhr. Besonders viele davon drehten sich um den von Nike als revolutionär gepriesenen Schuh. An einem Pressebriefing in Monza wurde gesagt, das von Kipchoge getragene Modell sei nicht vom Leichtathletik-Weltverband IAAF begutachtet worden, aber das würde auch nur passieren, wenn es ein Konkurrent verlange. Das widerspricht allerdings einer Verlautbarung der IAAF, wonach der Nike-Schuh und auch Neuentwicklungen anderer Firmen untersucht werden sollen.
Breaking2 war zwar eine Art Laborversuch über die Grenzen des Menschen. Doch der Event von Monza wird nachhaltige Auswirkungen auf den Marathonlauf haben, denn Kipchoge hat gezeigt, dass das Undenkbare möglich werden kann. Diesen Gedanken nehmen die Athleten mit ins Training. Und im Herbst beginnt das grosse Halali auf den Weltrekord. Er dürfte nicht lange standhalten.
Irreguläre Meilensteine
Der Sprinter mit dem Bürstenschuh
John Carlos war 1968 der Erste, der die 200 m unter 20 Sekunden sprintete, doch seine 19,92 stehen in keinem Rekordbuch. Die Zeit wurde nicht homologiert, weil der US-Athlet einen sogenannten Bürstenschuh trug. Dieser wurde für die damals aufkommenden Kunststoffbahnen entwickelt und verfügte über 68 Nadeln unter dem Vorderfuss statt über die gängigen sechs Nocken.
Der Leichtathletikverband liess das nicht zu, noch heute sind maximal sechs Spikes erlaubt. Carlos war dabei, als wenig später sein Landsmann Tommie Smith an den Sommerspielen in Mexiko mit 19,83 Weltrekord lief. Die beiden standen gemeinsam auf dem Podest und wurden dann nach Hause geschickt, weil sie während der Nationalhymne mit gereckten Fäusten gegen Rassendiskriminierung protestiert hatten.
Der Läufer mit dem faulen Hasen
An den Olympischen Spielen 1952 hatte Roger Bannister versagt, nun wollte er mit schnellen Zeiten sein Selbstvertrauen aufbauen. Einen ersten Anlauf auf die Vier-Minuten-Meile unternahm er 1953. Er lief in 4:02 britischen Rekord, aber der Verband anerkannte die Zeit nicht.
Bannister hatte in dem Rennen einen Kumpel dabei, der gemächlich trabte, bis die Überrundung drohte. Dann drehte er auf und spielte bis ins Ziel den Hasen für den Rekordjäger. Bannister und sein Kumpel lernten aus dem Fehler, sie trainierten den ganzen Winter gemeinsam. Am 6.Mai 1954 traten sie zu einem Rennen an, das in die Geschichte eingehen sollte. Bannister hatte im Vorfeld jedes Detail optimiert, er setzte zwei Hasen ein, die von Anfang an voll liefen. Und brach in 3:59,4 die Vier-Minuten-Barriere.
Der Kenyaner mit dem Rückenwind
Die Welt rieb sich die Augen, als Geoffrey Mutai 2011 in Boston über die Ziellinie lief. Die Uhr zeigte 2:03:02 – satte 57 Sekunden schneller als der damals als fast unangreifbar geltende Weltrekord des Äthiopiers Haile Gebrselassie. Da war einer in eine neue Dimension gerannt.
Die Zeiten von Boston werden jedoch nicht in die Statistiken aufgenommen, weil das Ziel 140 Meter tiefer liegt als der Start. Ausserdem profitierte der Kenyaner davon, dass die Strecke ziemlich geradlinig verläuft und an jenem Apriltag ein kräftiger Rückenwind wehte. Mutai war aber zweifellos der stärkste Marathonläufer seiner Zeit, und er hatte mit seinem Rennen von Boston eine Tür aufgestossen. Noch im selben Jahr lief sein Landsmann Patrick Makau in Berlin mit 2:03:38 einen regulären Weltrekord.