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Tom Hanks, in «Saving Mr. Banks» verkörpern Sie den legendären Walt Disney. Was bedeutet dieser Name für Sie?
Als Kind war er so allgegenwärtig für mich wie Elvis Presley oder Smokey, der Bär. Jeden Sonntag um 19 Uhr setzten wir uns vor das Fernsehgerät und schauten «Walt Disneys wundervolle Welt in Farbe». Wer keinen Farbfernseher hatte, ging zu jemandem, der einen hatte. Die besten Episoden waren die, in denen Disney hinter die Kulissen von Disneyland führte. Er war wie ein cooler Onkel, den man sich in seiner Nachbarschaft wünschte.
Wann waren Sie zum ersten Mal im Disneyland, und wie war das damals?
Mit 12 oder 13, also 1966 oder 1967. Aber schon vorher war Disneyland die grosse Attraktion. Wenn jemand aus der Bekanntschaft hinfuhr, brachten sie ihre Schätze zurück, zum Beispiel Tickets für den Parks, die sie nicht eingelöst hatten. Wir Daheimgebliebenen studierten die Souvenirs und wollten alle Details wissen – sogar, was es zu essen gab.
Walt Disney starb 1966, praktisch zur gleichen Zeit wie Ihr erster Ausflug dorthin.
Ja, aber es war noch nicht das Grossfirmen-Disneyland von heute, sondern noch immer das von Walt Disney. Zuerst sahen wir «Grosse Momente mit Mr. Lincoln», dann gings die Main Street hinunter. Ich bestand natürlich auf einem Besuch im Tomorrowland. Hätte man da einen Job für mich gehabt, ich hätte sofort angeheuert. Reden Sie mal mit Schauspielkollege Steve Martin, der hatte dort einen Job als Programmverkäufer.
Welchen Zugang hatten Sie zur Disney-Familie für die Vorbereitung auf die Rolle?
Walts Tochter Diane Disney Miller, die vor Kurzem verstorben ist, gab mir freien Zugang zum Familienmuseum. Ich habe mir alle Videos angeschaut und las, was es zu lesen gab. Wegweisend für Walt war wohl, dass er sich als Versager fühlte, als er die Rechte an seinem Hasen Oswald verlor. Als Ersatz zeichnete er dann Mortimer Maus, den seine Frau dann schnell auf Mickey Maus umtaufte. Die Maus gehörte quasi zur Familie, und er sorgte dafür, dass er sie nicht wie Oswald verlieren würde.
Was haben Sie über seine Beziehung zur «Mary Poppins»-Autorin P. L. Travers erfahren?
Für diese Informationen stand mir Richard Sherman zur Verfügung, einer der beiden Komponisten des Musicals. Er hat immer wieder betont, wie man sich gegenseitig nicht ausstehen konnte, wie furchtbar die zwei Wochen mit ihr waren und wie perplex Disney war, dass jemand zum ersten Mal seit Jahren etwas an dem auszusetzen hatte, was er repräsentierte.
Nämlich die heile Welt?
Genau. Ich glaube, er hat diese heile Welt geschaffen für all die verlorenen Achtjährigen, wie er selbst einer gewesen war. Quasi, um ihnen zu sagen: Irgendwann muss man darüber hinwegkommen und sich des Lebens freuen. Walt Disney musste ja als Kind schon Zeitungen austragen und mitverdienen, weil die Familie so arm war und die halbgaren Geschäftsideen des Vaters immer wieder scheiterten. Dann kam die Wirtschaftskrise. Sein Vater schlug ihn regelmässig mit einem Gürtel, aber wirklich bestraft fühlte er sich, wenn man ihm seine Malstifte wegnahm.
Meine Eltern waren nicht schlecht, sie waren etwas verwirrt.
Sie sind bei Ihrem Vater aufgewachsen. Wie war Ihre Welt als Kind?
Mein Vater war hauptsächlich mit seinen furchtbaren Restaurantjobs, mit Ausrasten und Weiterziehen beschäftigt – gemeinsam mit meiner Mutter war er wohl auch ein Pionier der Eheauflösungsgesetze in Kalifornien (lacht): Meine Mutter war viermal verheiratet, mein Vater fand die Liebe seines Lebens erst nach der dritten Hochzeit. Da war ich 14. Ich hatte zum Glück einen älteren Bruder und eine ältere Schwester und auch sonst gut meinende Leute um mich herum. Meine Eltern waren nicht schlecht, sie waren einfach etwas verwirrt.
Wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?
Ein Problemkind war ich deswegen nicht. Ich hatte viele Freiheiten und war leicht zu begeistern und abzulenken. Aber vielleicht hätten mir psychotropische Arzneimittel gutgetan, wer weiss! (lacht) Mein Vater arbeitete viel und konnte sich nicht entspannen und zur Ruhe kommen. Er stammte aus der Wirtschaftskrisegeneration. Kaum war er aus der Schule, steckte er in einer Navy-Uniform. Er war Schiffsmechaniker im Südpazifik während des Zweiten Weltkriegs, und als er aus dem Bombenfeuer zurückkam, hatte er bald drei Kinder mit einer Frau, mit der er nicht auskam.
Im Gegensatz zu Ihnen: Ihre zweite Ehe hält jetzt schon 25 Jahre. Ihr Geheimnis?
Also zuerst muss man mal die richtige Partnerin erwischen und dann schlau genug sein, sie nicht wieder gehen zu lassen. Aber ich glaube nicht, dass es ein Geheimnis gibt. Ich hatte einfach Glück. Die Kinder sind jetzt aus dem Haus, und das lockere Leben fängt nun wieder an. Wir gehen wieder aus – manchmal zwei Abende hintereinander! Am wohlsten ist mir aber eigentlich, wenn ich kurz nach 22 Uhr mit meiner Braut in die Heia gehe. Wir plaudern noch über den vergangenen und den bevorstehenden Tag, eventuell löse ich noch ein Kreuzworträtsel. Dann stecke ich mir ein Kissen unter die Knie und bin im Nu im Land der Träume.
Walt Disney brauchte 20 Jahre, um «Mary Poppins» zu verfilmen und damit ein Versprechen an seine Kinder einzulösen. Haben Sie als Vater auch schon Versprechen gemacht, die schwierig einzulösen waren?
Da war mal die Sache mit Colin – und ich erzähle die Geschichte nur, weil Colin selber Schauspieler ist. Er war etwa sieben Jahre alt, als ich ihm morgens sagte, wir könnten doch am Abend diesen neuen Mickey-Maus-Film sehen gehen. Das ist kein Witz, es war tatsächlich ein Mickey-Film. Der Tag verstrich, es gab Abendessen, dann Bad und Bett. Und Colin begann zu heulen, schliesslich rückte er damit heraus, wir wollten doch den Film sehen gehen. Das hatte ich total vergessen. Wir zogen ihn sofort wieder an und eilten ins Kino. Es wurde spät an diesem Abend. Aber das war so ein Vater-Sohn-Moment – wenn man da nicht Wort hält, wird man das ein ganzes Leben lang bereuen.
Klingt sehr emotional …
Wir haben doch alle solche Erinnerungen, die uns sehr nahe gehen und uns in ein heulendes Baby verwandeln können. Ich bin überhaupt nahe am Wasser gebaut. Für alles, was das Herz berührt, bin ich ein dankbares Publikum: Wenn meine Enkel lachen, kommen mir die Tränen. Und vor Kurzem habe ich den sowjetischen Film «The Cranes Are Flying» von 1957 gesehen. Da kommen die Soldaten mit dem Zug nach Hause und schwenken ihre Hammer-und Sichel-Fahnen. Sogar das schüttelte mich durch.
Sie haben sich kürzlich als Diabetiker geoutet und machen unter anderem filmbedingte Jo-jo-Diäten dafür verantwortlich. Würden Sie heute also einen Film wie «Cast Away», der radikales Zu- und Abnehmen erfordert hat, nicht mehr machen?
Ich würde sicher nicht mehr zunehmen wollen für einen Film. Das sollen die Jüngeren machen. Meine Knie würden das vermutlich nicht mehr aushalten, und meine Leber und Nieren schon gar nicht.
Wie lange wissen Sie schon, dass Sie ein Zuckerproblem haben?
Ich weiss schon seit 15 Jahren, dass mein Blutzucker hoch ist. Irgendwann hat man potenziell Vordiabetes, dann offiziell Vordiabetes, und vor zwei Jahren hat der Doktor gesagt: Und jetzt sind Sie Typ-2-Diabetiker. Und dann muss man es halt ernst nehmen. Ich habe nun so einiges geändert, was Essen und Sport betrifft, und ich bin gesund. Aber mir muss keiner mehr sagen, ich müsse 25 Kilo für eine Rolle zunehmen. Ich habe nämlich Enkelkinder, die ich aufwachsen sehen will.
Tom Hanks wichtigste Filme
Splash (1984) Romantische Komödie, in der sich ein junger Mann in eine Meerjungfrau verliebt.
Big (1988) Komödie, in der ein Junge sich wünscht, endlich erwachsen zu sein – was prompt funktioniert.
The Bonfire of the Vanities (1990) Drama über die Eitelkeiten und Probleme der Superreichen.
Philadelphia (1993) Drama über einen schwulen Anwalt, der an Aids erkrankt und um seine Rechte kämpft.
Sleepless in Seattle (1993) Romantische Komödie über einen jungen, verwitweten Vater auf der Suche nach der neuen Liebe.
Forrest Gump (1994) Die berührende Lebensgeschichte eines einfältigen Manns, der dennoch sein Leben meistert.
Toy Story (1995) Tom Hanks leiht in diesem Pixar-Animationsfilm der Spielzeugfigur Woody seine Stimme.
Apollo 13 (1995) Die wahre Geschichte einer Mission zum Mond, die beinahe schiefgeht.
Saving Private Ryan (1998) Eine Rettungsaktion hinter den feindlichen Linien im Zweiten Weltkrieg.
«Saving Mr. Banks» (1998)
Zwei Doppel-Oscar-Preisträger bieten sich hier die Stirn: Emma Thompson spielt die «Mary Poppins»-Autorin P. L. Travers, die alles daran setzt, dass ihr Roman um eine fliegende Gouvernante nicht verniedlicht und verdisneyisiert wird. Walt Disney (Tom Hanks) seinerseits versucht mit allen Mitteln, sie vom Unterhaltungswert von Songs wie «Supercalifragilisticexpialidocious» zu überzeugen. Laut Kritikern erlaubt sich der Film recht viele Freiheiten gegenüber der realen Geschichte, Thompson und Hanks überzeugen jedoch in ihren Rollen. Und am Schluss dürften zu «Spoonful of Sugar» alle fröhlich mitwippen.
Terminal (2004) Ein osteuropäischer Immigrant bleibt im Transitbereich des New Yorker Flughafens hängen und muss sich dort häuslich einrichten.
Cast Away (2000)
Ein Überlebender eines Flugzeugabsturzes kann sich auf eine einsame Insel retten und versucht, dort zu überleben.
Road to Perdition (2002) Thriller, in dem ein Auftragskiller plötzlich selbst zur Zielscheibe eines Gangsterbosses wird.
Terminal (2004) Ein osteuropäischer Immigrant bleibt im Transitbereich des New Yorker Flughafens hängen und muss sich dort häuslich einrichten.
The Da Vinci Code (2006) Ein Kunsthistoriker versucht, einen bizarren Mordfall zu lösen, und kommt dabei einem religiösen Mysterium auf die Spur.
Charlie Wilson’s War (2007)Ein US-Senator hilft halblegal den afghanischen Rebellen in ihrem Aufstand gegen die Sowjets.
Cloud Atlas (2012)
Episches Drama durch mehrere Jahrhunderte hindurch, in denen Tom Hanks diverse Rollen verkörpert.
Captain Phillips (2013) Der Kapitän eines Frachters wird vor Somalia von Piraten gekidnappt und versucht zu überleben.
Saving Mr. Banks (2013) Tom Hanks verkörpert Walt Disney. Siehe Box oben in der rechten Spalte.
Autor: Marlène von Arx