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Ohne diese Welt
Regie: Nora Fingscheidt
Sie nennen Menschen, die nicht so leben wie sie, «Weltmenschen». Und sie wissen, dass die Welt seit 10’257 Jahren existiert – diese Zahl lässt sich aus der Bibel ableiten. Die Altkolonier-Mennoniten, eine christlich-fundamentalistische Gemeinschaft, leben als Bauern oder traditionelle Handwerker wie im 18. Jahrhundert und haben die Bibel als alleinige Lektüre und Richtschnur ihres Daseins. Als Transport- und Fortbewegungsmittel dienen ihnen nur Pferdekutschen, sie verfügen weder über Elektrizität, Telefon noch Radio. Ihre Lebenswege sind so genau vorgezeichnet wie ihre Kleidung: die Männer in Latzhosen und karierten Hemden, die Frauen in dunklen, hochgeschlossenen, bis zu den Waden reichenden Kleidern; untereinander sprechen sie ein altertümliches Plattdeutsch. Die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt (*1983), Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg, ging für ihren Abschlussfilm, der ihr erster Kinofilm ist, in den trocken-heissen Nordwesten Argentiniens, in die Provinz Santiago del Estero. Hier lebt in totaler Abgeschiedenheit seit 16 Jahren die 700-köpfige Mennonitengemeinde, die sie in «Ohne diese Welt» porträtiert. Möglich war dies dank der Kontakte, die Fingscheidt 2002 als Austauschschülerin zu den damals gerade neu in der entlegenen argentinischen Provinz angekommenen Mennoniten knüpfen konnte. So erhielt sie als erster «Weltmensch» überhaupt die Erlaubnis, während zwei Monaten bei der Gemeinschaft zu drehen. Herausgekommen ist ein leiser Dokumentarfilm, der, ganz ohne zu werten, ein entschleunigtes Dasein von Menschen zeigt, das in der Striktheit der Regeln befremdet, in der radikalen Ablehnung jeglicher Modernität aber auch fasziniert. Vor zehn Jahren hatte der Mexikaner Carlos Reygadas für «Stellet Licht» in einer Gemeinde von Altkolonier-Mennoniten im Norden seines Heimatlandes gedreht und es ebenfalls geschafft, Einlass in diese streng abgeschottete Welt zu finden. Doch während Reygadas eine Spielfilmhandlung in das Leben dieser Ultratraditionalisten einbaute, zeigt «Ohne diese Welt» das Leben der Mennoniten ungefiltert und in seiner ganzen scheinbaren Gleichförmigkeit und Bescheidenheit. 2017 am Max-Ophüls-Preis-Festival in Saarbrücken, dem wichtigsten deutschen Festival für Nachwuchsfilme, als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, ist «Ohne diese Welt» ein Film, in dem scheinbar nichts passiert und sich dennoch viele kleine Geschichten entwickeln. Und dessen scheue Protagonisten einem ans Herz wachsen.