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Das 15. Jahrhundert war nicht nur aus gesellschaftlicher und kirchlicher Sicht ein eigentliches Krisenjahrhundert. Wetter, Witterung und Klima trugen ebenfalls massgeblich dazu bei, dass in diesem Jahrhundert drei schwerwiegende Subsistenzkrisen ausbrachen. Eine Subsistenzkrise tritt dann ein, wenn den Menschen die wichtigsten Existenzgrundlagen fehlen. Wetter und Witterung zum Beispiel beeinflussen in grossem Mass das Gedeihen oder Verderben der Nahrungsmittel. Wenn in der Bevölkerung Hungersnöte ausbrechen, gibt es sehr bald auch hygienische Probleme, die Krankheiten, Seuchen und den Tod nach sich ziehen. Heirats- und Geburtenregister bleiben leer, während die Sterberegister voll sind. Solche Krisen gab es in grossen Teilen Europas in den 1430er-Jahren, zu Beginn der 1480er-Jahren und im Übergang von den 1480er- zu den 1490er-Jahren. Von den extrem kalten Jahren 1430 bis 1440 wurde im ersten Teil berichtet (FN vom 29. März).
Von extremer Hitze …
Danach folgen Jahre, die offenbar keine extremen Temperaturschwankungen aufweisen und von denen man nur wenige Daten findet. Ausführliche, sogar alarmierende Berichte gibt es dann wieder über das Jahr 1473. Es war das heisseste und trockenste des 15. Jahrhunderts. Auf einen sehr milden, regnerischen und schneelosen Winter folgte ein heisser Frühling. Die Chronisten erwähnen, dass die Kirschbäume bereits im März blühten, fünf Wochen zu früh. Drei Wochen zu früh verblühten die Reben. Von Ende Juni bis Ende August regnete es keinen Tropfen. Die Sonne brannte gnadenlos auf das Land. Alles verdorrte, und Bäche und Brunnen versiegten. Mühlen standen still. Die Bäume warfen im Sommer die Blätter ab und standen, wie im Winter, ohne Laub da. Das war ein einzelnes Jahr, denn danach kamen wieder kalte und vor allem nasse Winter und Frühjahre.
… zu Überschwemmungen
In den Sommermonaten der 1480er-Jahre gab es in der Schweiz riesige Hochwasserprobleme. Schneeschmelzen nach schneereichen Frühlings- und Frühsommermonaten und tagelang anhaltende Regenfälle liessen die Pegelstände von Saane, Aare und Rhein so anschwellen, dass Brücken weggespült und grosse Gebiete überschwemmt wurden. In den Forschungsarbeiten von Professor Christian Pfister von der Universität Bern kann man lesen, dass in Freiburg im Üechtland die Saane die mittlere Brücke in der Unterstadt zum Einsturz brachte und die nahe Kapelle einfach wegschwemmte. In Solothurn wurde eine Aarebrücke rund einen Meter hoch überspült. In Basel war ganz Kleinbasel und in der Stadt das Gebiet bis zum Marktplatz unter Wasser. In diesen Jahren brachen erneut Hungersnöte aus, weil die ganze Ernte verfaulte.
Zwei mögliche Ursachen
Wie kann man diese Wetter- und Witterungskapriolen erklären? Heute wissen wir aus Forschungsergebnissen von Chantal Camenisch, Christian Pfister oder Christian Jörg, dass diese Witterungsanomalien im 15. Jahrhundert verschiedene Ursachen aufwiesen. Die äusserst kalten 1430er-Jahre könnten mit einer stark reduzierten Sonnenaktivität zusammenhängen (Spörer-Minimum). Reduzierte Sonnenaktivität bedeutet nur noch seltene Ausbrüche des extrem heissen Gases (Eruptionen) an der Sonnenoberfläche. Keine oder seltene Eruptionen auf der Sonne waren immer mit Kaltzeiten verbunden.
Noch eine Ursache für kurzfristige Kaltzeiten sind Vulkanausbrüche in tropischen Zonen. Es gab in der Zeit von 1452/53 tatsächlich einen unterseeischen Vulkanausbruch im Pazifik, nahe der Marshallinseln, der so heftig war, dass er die Insel Kuwae in zwei Teile spaltete. Es war also ein Ausbruch vergleichbar mit der Tambora-Explosion 1815.
Der Vulkan schleuderte so viel Magma und schwefelhaltige Asche in die Atmosphäre, dass die Sonnenstrahlen daran reflektiert wurden und dadurch die Erdoberfläche drastisch abkühlte. Kurzfristig führte das zu einer Klimaabkühlung rund um die Erde. Dieser Vulkanausbruch konnte aus dem Sulfatgehalt im arktischen und grönländischen Eis nachgewiesen werden. Die späteren Jahre 1481 und 1488 beschrieben die Chronisten als Jahre ohne Sommer.
Kirchensteuer verweigert
Sonnenaktivität und Vulkanausbrüche als Ursache für Klimaschwankungen kannte man natürlich im 15. Jahrhundert noch nicht. Die grosse Not und das Elend der Bevölkerung brachten Bruder Klaus als Richter dazu, dem Ortspfarrer den «Nassen Zehnten» zu verweigern. Der «Nasse Zehnte»war eine urkundlich beglaubigte Kirchensteuer, die die Menschen durch die turbulenten Wetterverhältnisse nicht mehr aufbringen konnten.
Weil die Auswirkungen dieser Klimaschwankungen für die Bevölkerung so drama-tisch verliefen, suchte man nach Sündenböcken. Man fand diese in den Juden, den Roma und in Hexen, die durch Inquisitionsurteile umgebracht wurden.
Bruder Klaus unter Verdacht
Bruder Klaus war ab 1457 als Eremit selber gefährdet, da er fastete und kein Essen mehr zu sich nahm. Das Verweigern von Brotessen war, gemäss Inquisitoren, ein Kennzeichen für Hexen oder Hexer. Allerdings haben ihn namhafte Persönlichkeiten aus seiner Umgebung und sogar Adrian von Bubenberg erfolgreich beschützt.
Bruder Klaus starb 1487, in einer wiederum sehr kalten und nassen Zeit, der dritten Subsistenzkrise in diesem Jahrhundert.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS-Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch». Dort ist auch der erste Teil dieser zweiteiligen Artikelserie über das Wetter zu Zeiten von Bruder Klaus nachzulesen.