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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Die Entwicklung der städtischen Kultur in Böhmen, von welcher sich die Städtebildung in Mähren und Schlesien geschichtlich nicht trennen läßt, stellt ein recht kompliziertes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte dar.
Städte im verfassungsrechtlichen Sinne gibt es in den Sudetenländern erst seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Vor dieser Zeit kann — vielleicht mit einziger Ausnahme der deutschen Kaufmannsgemeinde zu Prag — von einem städtischen Gemeinwesen nicht gesprochen werden.
Es ist bemerkenswert, daß die erhaltenen Werke der romanischen Baukunst (ungefähr bis 1230) sich nicht in den Städten, sondern nur an Burgen, Klöstern und Dorfkirchen finden; auch diesbezüglich bildet Prag fast die einzige Ausnahme. Der planmäßige Städtebau beginnt mit dem Auftreten der Gotik.
Nach Lippert1) sind alle Städte in Böhmen „das Produkt einer planmäßigen Veranstaltung“; dies kann jedoch allgemein nur für den verfassungsrechtlichen Begriff „Stadt“, keineswegs aber auch für alle Stadtgrundrisse gelten.
Es muß hier auf den grundlegenden Unterschied zwischen der Stadt als Rechtsbegrifi und der Stadt als Siedlungsform hingewiesen werden. Die historische Forschung hat klargestellt, daß in dem Jahre 1200 keine Ansiedlung Böhmens über jene Privilegien verfügte, welche das Wesen des Stadtrechtes ausmachen: die genossenschaftliche Autonomie zur Ordnung der inneren Angelegenheiten, das Marktiecht und die eigene Gerichtsbarkeit. Da aber Baugeschichte nicht mit Rechtsgeschichte, sondern mit Siedlungsgeschichte Hand in Hand gehen muß, haben wir die Wurzel für so manchen Stadtgrundriß in viel früheren Zeiten zu suchen2).
Die Begriffsverwirrung, welche hier Platz gegriffen hat, wurde noch erhöht durch die Berücksichtigung kriegstechnischer Einflüsse; wenngleich die Befestigung mit Wall und Graben zu den charakteristischen Merkmalen einer mittelalterlichen. Stadtanlage gehörte, so kennen wir anderseits doch auch Städte, die keinen Mauerschutz, aber auch Marktorte, welche noch kein Stadtrecht, wohi aber Befestigungen besitzen.
1) Sozialgeschichte Böhmens, II. Bd., S. 276.
2) Bretholz, Geschichte Böhmens und Mährens, 1912, steht wohl hauptsächlich deswegen im Widerspruch mit der allgemein geltenden Auffassung, weil er die Entstehung des Städtewesens unter dem Gesichtswinkel der Siedlungsgeschichte, weniger der Rechtsgeschichte betrachtet.
Wie anderwärts, so lassen sich auch in Böhmen die Städte in die zwei Gruppen der „gewordenen“ und der „gegründeten“ unterscheiden. Wenn wir berücksichtigen, daß Böhmen, Mähren und Schlesien ebenso wie die deutschen Gebiete östlich der Elbe und Saale ihre städtische Besiedelung dem großen ostdeutschen Kolonisationswerke verdanken, so ist es leicht einzusehen, daß in diesen Ländern die überwiegende Mehrzahl der Städte durch planmäßige Gründung entstanden ist, während nur ein verhältnismäßig kleiner Teil aus den gegebenen Bedingungen von selbst herausgewachsen ist. Früher galt die Altstadt von Prag als die einzige Stadt allmählicher Entstehung; Zycha1), welcher neben den urkundlichen Geschichtsquellen auch die Stadtpläne in den Kreis seiner Betrachtungen zog, hat noch fünf weitere Städte in diese Kategorie eingereiht. Im folgenden soll gezeigt werden, daß die Klarstellung dieser Frage infolge der mannigfaltigen Einflüsse, welche teils fördernd, teils störend auf den Städtebau eingewirkt haben, außerordentlich erschwert wird.
Die Cechoslawen, welche seit der Völkerwanderung ihre heutigen Wohnsitze innehaben, haben bereits vor dem Einsetzen der planmäßigen deutschen Besiedelung ihre eigenen, bodenständigen Siedlungsformen entwickelt.
1. Das slawische Stammdorf, die volkstümliche Siedelung, hervorgegangen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb auf der Grundlage des familiären Kommunismus, ist das Runddorf (der Rundling). Seine charakteristische Anlage und Flurteilung, welche im Grundriß die ursprüngliche Wirtschaftseinheit des Ganzen klar erkennen läßt, ist genugsam bekannt2).
2. Eine jüngere, gleichfalls volkstümliche, d. h. „gewordene“ Form ist das Haufendorf, das seine Gehöfte ohne erkennbaren Mittelpunkt regellos aneinanderreiht. Diese Form, welche überall auftritt, wo disziplinlose Verbauung des Geländes stattfindet, kann man daher nicht als spezifisch slawisch bezeichnen. Sie ist als ein Ausdruck der Unordnung und mangelnder Organisation Gemeingut aller Völker und aller Zeiten.
1) Über den Ursprung der Städte in Böhmen, Prag 1914, S. 31 ff.
2) Grueber, Die Kunst des Mittelalters in Böhmen. IL, S. 16.
3. Das altslawische Gründungsdorf (Lhota) ist ein Produkt der inneren Kolonisation des 12. und 13. Jahrhunderts; in ihm boten Adel und Geistlichkeit dem unfreien Bauernstand ein vertragsmäßig befristetes Freigut zum Zwecke der Rodung des Markwaldes und der Urbarmachung des Bodens1). Die großen Hofreuten sind um einen länglichen, mehr oder weniger rechteckigen Dorfanger gruppiert. Die ganze Anlage sowie die Flurteilung läßt die planmäßige Gründung nicht verkennen2).
Lippert und Zycha haben gezeigt, daß schon vor dem Einsetzen des groß angelegten deutschen Kolonisationswerkes der Unternehmungsgeist deutscher Kaufleute in der Siedlungsgeschichte des Landes eine Rolle spielte. So entwickelten sich neben den rein agrarischen Siedelungen der unfreien slawischen Landbevölkerung frühzeitig, nachweislich schon im 10. Jahrhundert, Marktplätze, welche in rechtlicher Hinsicht zu dem Ausbau eines umfangreichen Privilegiensystems Anlaß boten. Cosmas, der um das Jahr 1100 seine Zeitgeschichte schrieb, verzeichnet 15 solcher Marktorte, deren einige später in mehr oder weniger veränderter Form als Städte wiederkehren: Bilin, Saaz, Königgrätz, Leitomischl u. a.1). Solche alte, aus dem praktischen Bedürfnis allmählich entstandene Marktformen sind von Wichtigkeit, weil sie sehr häufig als Kerne für spätere Stadtgründungen dienten und dabei nicht selten unverändert dem Stadtplan einverleibt wnrrden. Als „forum“ oder „villa forensis“ bezeichnen die Urkunden diese Siedelungen, wo wir in der Regel unter dem Schutze einer benachbarten Burg, an einem Flußübergang oder im Bereiche eines Klosters neben der Landwirtschaft frühzeitig eine handel- und gewerbetreibende Bevölkerung vorfinden.
In welcher Weise die natürlich verlaufende Handelsstraße durch Erweiterung ohne vorgefaßten Plan zur Marktstätte umgestaltet wurde, soll in einem späteren Abschnitt ausführlicher besprochen werden.
So lagen die Verhältnisse bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts; Grund und Boden befanden sich im Besitze des Landesfürsten, der Kirche und des Landadels; die Bevölkerung war den Grundherren untertan; unfreie, zinspflichtige, geradezu rechtlose Nutznießer des herrschaftlichen Bodens. Keine der bestehenden Siedelungen konnte die Bezeichnung „Stadt“ in unserem Sinne in Anspruch nehmen.
Erst als in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, durch die Politik der letzten Przemysliden gefördert, die deutsche Kolonisation mächtig einsetzte, kamen mit den deutschen Ansiedlern auch deutsche Rechtsformen und deutsche Siedlungsformen ins Land. Im Laufe von kaum 1oo Jahren vollzog sich jener Prozeß, welcher die nationalen Gegensätze im Lande schuf und damit Probleme aufrollte, deren Lösung seit einem halben Jahrtausend vergeblich gesucht wird.
1) Lippert, Sozialgeschiclte, I., S. 277. — s) Grueber, 1. c„ S. 17. — 3) Lippeit, I. c , L, S. 92.
Dem Beispiel der Könige, unter denen namentlich Ottokar II. als Städtegründer hervortritt, folgten alsbald weltliche und geistliche Landherren; denn eine Stadt- (Markt- oder Dorf-) Gründung war für den Grundherrn stets ein gutes Geschäft. Der bisher brachliegende Boden wurde an die Kolonisten verkauft, und zwar in einer Form, welche der Kasse des Grundherrn dauernde Einkünfte sicherte. Der Ansiedler tritt zu seinem Grundherrn in ein Verhältnis, welches Lippert mit folgenden Worten definiert: „Er hat nur einen Teil des Kauf Schillings bar zu erlegen, den Rest aber vom Grundherren als unkündbares Darlehen auf den so erkauften Grund zu nehmen und diese Hypothek nun mit einem Erbzinse oder Erbpachte an den Herrn zu verzinsen. Der Grundherr kann wohl den Zins, nicht aber den Grund weiterbegeben oder verkaufen, der Erbpächter aber kann den Grund samt der Zinspflicht beliebig vererben, verkaufen oder verschenken, doch immer nur unter solchen Voraussetzungen, welche den Vertrag mit dem Grundherrn aufrechterhalten“1). Bei der städtischen Verfassung tritt nun zwischen den Grundherrn und den Grundnehmer die Bürgergemeinde als Mittelsperson, wodurch das Grundsteuersystem zentralisiert wird, so daß man das Besitzverhältnis des Stadtbürgers als Erbeigen bezeichnen kann, während bei der ländlichen Besiedelung die Bezeichnung „Erbpacht“ zutreffender ist.
Ein Beispiel für die Höhe des Zinses und zugleich für die Bewertung der Baustellen bietet eine Urkunde der Stadt Neu-Byd-schow: dort zinste die Hofstätte eines Eckhauses 6 M., die der übrigen Häuser am Ringplatz 4 M. Die Baustellen in den beiden langen Gassen von einem Tor zum andern zinsen 3 M., andere Gassen 2 M., jeder Gartengrund vor der Stadt eine halbe Mark2). (Vgl. Plan 40.)
Die Einführung des deutschen Bodenrechtes bildete eine völlig neue Gesellschaftsschicht im Lande, und eine ebenso neue Erscheinung stellen die Grundformen des deutschen Kolonistendorfes und der Kolonistenstadt vor. Während die ländliche Kolonisation den fränkischen Typus des Waldhufendorfes bevorzugte, zeigen die Stadtgründungen eine auffallende Übereinstimmung mit der Formenreihe, welche gleichzeitig in deutschen Landen für den Städtebau maßgebend war, und welche in Pommern, Posen, Sachsen, wie in Böhmen, Ungarn und Polen in der Zentralanlage der ostdeutschen Kolonistenstadt den vollendetsten Ausdruck des städtebaulichen Wollens des deutschen Mittelalters gefunden hat.
1) Lippert, 1. c., II., S. 160. — 2) Lippert, 1. c., II., S. 310.
Die Durchführung einer Ortsgründung vollzog sich nach einer ganz bestimmten Methode. Die Grundherrschaft, bei königlichen Städten die königliche Kammer, sonst ein Landadeliger, ein Bischof oder eine Klostergemeinde, trat nicht mit den einzelnen Ansiedlern in direkte Verhandlung, sondern übertrug das ganze Geschäft einem Generalagenten, welcher in dem Latein der Urkunden als Lokator bezeichnet wird. Dessen Aufgabe war es, das für die Ansiedlung bestimmte Gelände zu übernehmen, die Ansiedler herbeizurufen, den Grund aufzuteilen, die Parzellen zu verkaufen und die vereinbarte Kaufsumme an den Grundherrn abzuführen. Dafür genoß er selbst gewisse Vorteile, welche in einer größeren Grundzuteilung und dem erblichen Richteramt bestanden. Als solche Lokatoren lernen wir durchwegs welterfahrene und geschäftskundige Männer kennen, deren deutsche Herkunft in den meisten Fällen verbürgt ist. Wir werden in der Annahme kaum fehlgehen, daß die Person des Lokators zugleich auch die Baubehörde der neuen Stadt darstellte; er war es offenbar, welcher den Stadtgrundriß angab. Der Grundherr hatte, wie zahlreiche erhaltene Stiftungsurkunden beweisen, am Stadtplan nur hinsichtlich der Ummauerung ein Interesse; alles übrige, die Planung des Marktplatzes und der Gassen, die Aufteilung des Bodens in Baublöcke und Parzellen blieb offenbar dem Lokator überlassen. Ihm war es anheimgestellt, die aus der deutschen Heimat herübergenommenen städtebaulichen Überlieferungen den jeweilig gegebenen Verhältnissen anzupassen.
Nun konnten aber die örtlichen Einflüsse sehr verschiedener Art sein. Je nachdem die Neugründung in weniger oder mehr innige Beziehung zu einer älteren Markt- oder Dorfsiedelung trat, werden wir zwischen Neukolonisation und Umkolonisation zu unterscheiden haben. Die planmäßige Durchdringung nicht nur der unbewohnten oder nur schwach besiedelten Randgebiete, sondern auch des slawischen Binnenlandes mit deutschen Kolonisten schuf Siedelungsformen, welche eine kontinuierliche Reihe von Übergangserscheinungen bilden, als deren Gegenpole einerseits die Stadtgründungen aus wilder Wurzel, anderseits die Städte allmählicher Entstehung anzuschen sind. Um eine Analyse und Klassifikation der Stadtgrundrisse vornehmen zu können, muß auf die verwickelten Besiedelungsverhältnisse näher eingegangen werden.
1. Neukolonisation.
a) Gründungen aus wilder Wurzel. Die neue Siedelung, einerlei ob Stadt, Markt oder Dorf, wurde vollkommen unabhängig von älteren Ortschaften auf jungfräulichem Boden angelegt und sozusagen aus nichts hervorgebracht; rein und unbeeinflußt konnte bei solchen Städten das Planideal des deutschen Mittelalters verwirklicht werden.
b) Gründungen auf Neuland in angemessener Entfernung von älteren slawischen Siedelungen. Der Stadtplan konnte sich, durch vorhandene Verkehrslinien und Besitzgrenzen unbeeinflußt, noch frei entfalten; von der benachbarten älteren Ortschaft wurde in der Regel der Name für die neue Stadt übernommen; im übrigen aber wurde bei der Planung reinliche Scheidung von der älteren Siedelung konsequent durchgeführt, so daß letztere nicht in den Ring der Stadtmauer einbezogen wurde. Beispiele: Pilsen, Kolin, Chrudim, Neu-Bydschow u. a.
2. Umkolonisation.
c) Lokation (= Gründung) im unmittelbaren Anschluß an eine ältere Siedelung. In den zahlreichen Fällen, wo eine deutsche Kolonie räumlich neben ein bestehendes slawisches Dorf angeschlossen wurde, entstanden vielfach zwitterhafte Erscheinungen, welche sich im Grundriß der Siedelungsanlage durch ungeordnete Linienführung kennzeichnen. Eine solche Verquickung ließe sich als planmäßige Ortserweiterung unter gleichzeitiger Erhebung zur Stadt charakterisieren; auf diese Weise wurden im 13. und 14. Jahrhundert viele Siedelungen, welche die Geschichte bereits im II. und 12. Jahrhundert als Dörfer oder Märkte kannte, mit Hilfe eines Lokators nach deutschem Recht in eine Stadt umgewandelt; die ältere Siedelung wurde entweder ganz oder zum Teil in den Mauerring einbezogen. Hierher gehören die vielen Städte, welche in Anlehnung an eine ältere Burg gegründet wurden und dabei das suburbium, das Burgdorf, aufsaugm mußten.
d) Lokation auf dem Boden einer älteren Siedelung. Dabei war es nichts Seltenes, namentlich bei ,den älteren Gründungen, daß die unfreie, bodenständige Bevölkerung einfach von ihren Wohnsitzen vertrieben wurde, um neuen Ansiedlern Platz zu machen. Wir wissen, daß es in diesem Falle in der Regel zur Kommassation und Neuaufteilung des Grundes kam. Wenn aber, was im 14. Jahrhundert zur Regel geworden zu sein scheint, die bodenständige Bevölkerung in die neue Stadtgemeinde mitübernommen wurde, ist eine durchgreifende Umlegung des Bodens nicht anzunehmen; wenn auch die Urkunden in solchen Fällen von einer Gründung, d. h. Neubesiedelung unter gleichzeitiger Verleihung des Stadtrechtes, sprechen, so läßt doch der Stadtplan klar die ursprüngliche Siedelung erkennen.
Eine solche gewaltsame Umkolonisierung nach vorhergegangener Evakuierung der einheimischen Bevölkerung fand wohl nur dort statt, wo Raummangel ein örtliches Nebeneinander unmöglich machte. Beispiel: die Prager Kleinseite. (Vgl. S.86.)
In diesem Falle ist das Rechtsprivileg als eine Erhebung des Ortes zur Stadt aufzufassen, unter gleichzeitiger Überweisung der Siedelung an neue Bewohner. Je nachdem sich der Lokator bei der Aufteilung des Grundes mehr an vorhandene Linien hielt, oder die Umlegung radikal durchführte, haben wir es mit unregelmäßigen oder mit regelmäßigen Grundrissen zu tun. Hierin liegt die Ursache, warum der Stadtgrundriß allein noch nicht entscheidend ist für das Kriterium, ob die Stadtanlage als „geworden“ oder „gewollt“ zu bezeichnen ist1). Daß die Lokation durchaus nicht alle älteren Spuren verwischen mußte, das beweisen die vielen unregelmäßigen Stadtteile in Gründungsstädten. Beispiele: Deutschbrod, Neuhaus, Pribram.
In vielen Fällen dürfte wohl auch das Organisationstalent des Lokators die entscheidende Rolle gespielt haben. In Böhmen kommt die ganz regelmäßige Planformel der Kolonistenstadt nicht allgemein zur Geltung, sondern es überwiegen Stadtformen, deren Grundrisse sich zwischen dem gestörten Rechteckschema und dem unregelmäßigen Blocksystem bewegen. Wir dürfen daraus wohl den Schluß ziehen, däß hier die Umkolonisation gegenüber der Kolonisation aus wilder Wurzel vorherrschte.
Zwischen diesen beiden Hauptgruppen städtischer Siedelungen, an welche sich als dritte noch jene geringe Zahl von Städten (Marktorten) anschließt, die aus allmählichem Wachstum ohne Lokation entstanden sind, vermitteln Ubergangsformen ein allmähliches Ineinanderfließen, so daß man die etwa ioo mittelalterlichen Städte Böhmens viel leichter in eine stetige Reihe als in die zwei üblichen Kategorien der „gewordenen“ und „gegründeten“ Städte ordnen könnte.
1) Kretzschmar, Der Stadtplan als Geschichtsquelle. Deutsche Geschichtsblätter, IX., 1908, S. 133 fr.
An welcher Stelle zwischen den Gründungen aus wilder Wurzel und den aufgepfropften Gründungen die Grenze zwischen planmäßiger Anlage und gewordenem Grundriß zu ziehen ist, ist schwer anzugeben; „glatt laßt sich die Unterscheidung keineswegs durchführen“1).
Welche eminent wichtige Bedeutung die deutsche Kolonisation für den Städtebau in Böhmen erlangt hat, beweist die verschwindend geringe Zahl jener Städte, welche ohne Lokation, lediglich aus sich selbst heraus allmählich entstanden sind. Bestimmt wissen wir dies nur von der Prager Altstadt und von Kuttenberg, den beiden größten und reichsten Städten des Mittelalters in Böhmen. Wie Prag seinem Fürstensitz und dem daselbst frühzeitig aufblühenden Handel, so verdankte Kuttenberg seine überragende Entwicklung dem Silberbergbau.
Die Städte Königgrätz (Plan 14), Leitmeritz (Plan 34), Saaz und Deutsch-Brod (Plan 13), welche Zycha2) auf Grund des vorhandenen bzw. des nicht vorhandenen urkundlichen Materials gleichfalls für „gewordene“ Städte hält, lassen in ihren Grundrissen nicht verkennen, daß wenigstens zum Teil eine planmäßige Regulierung des städtischen Grundbesitzes stattgefunden haben muß. Das Fehlen urkundlicher Nachweise ist kein Beweis dafür, daß hier tatsächlich niemals eine Lokation oder ein ähnlicher Vorgang stattgefunden hat. Im besten Fall sind diese Städte als Erzeugnisse einer nicht besonders tief greifenden Umkolonisation anzusehen; dagegen spricht allerdings die Tatsache, daß alle vier Orte schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als fertige Stadtgemeinden erscheinen; nun wurde aber zu Beginn der Kolonisationszeit bei Nachgründungen in der Regel nicht oberflächlich, sondern mit radikaler Umlegung verfahren.
Die genannten vier Städte lassen in ihren Grundrissen wenigstens den Willen zum Rechteck-Blocksystem erkennen. Sie unterscheiden sich ganz wesentlich von den charakteristischen Stadtbildungen, welche, wie Nürnberg, Halberstadt, Soest und Prag-Altstadt, sich nur durch das Vorhandensein eines Marktplatzes vom Typus des Haufendorfes unterscheiden. Erst das vollständige Fehlen jeder geraden und rechtwinkeligen Linienführung be-
1) Zycha, Ursprung, S. 31. — 2) Ursprung, S. 31 ft.
rechtigt zu der Annahme, daß eine obrigkeitliche Beeinflussung des Stadtplanes niemals stattgefunden habe. In diesem Sinne weisen vor allem die unregelmäßig gestalteten Marktplätze auf allmähliche Entstehung hin. Beispiele: Elbogen (Plan 3), Rosenberg (Plan 4), Wittingau (Plan 5) u. a. Wenn in diesen genannten Orten eine Lokation jemals stattgefunden hat, so hat sie jedenfalls den Stadtplan nicht beeinflußt, sondern sich auf die Neuregelung des Bodenrechtes beschränkt. Solche Städte sind „städtebaulich“ als „geworden“ zu betrachten; dabei ist eine Stadtgrün-dung im verfassungsrechtlichen Sinne ganz gut möglich.
Ausgesprochene Gründungsstädte mit unregelmäßiger Anlage gibt es unter den Städten der Kolonisationszeit nicht. Es ist interessant, festzustellen, daß die einzige cechische Stadtgründung in Böhmen, Tabor, auch hinsichtlich seiner Grundrißform ein Unikum im Lande vorstellt.
Siehe auch:
Deutscher Städtebau in Böhmen – Einleitung
aus dem Kunstmuseum Hamburg
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