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Johann Rudolf Wettstein 1594-1666
Michael Raith
Das Leben des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein ist oft, gut und ganz dargestellt worden. Zuletzt erschien: «Johann Rudolf Wettstein 1594-1666. Seine Bedeutung für Riehen, Basel und die Schweiz», herausgegeben von der Gemeinde Riehen. Es besteht zwar kein Bedürfnis, hier ein neues Wettstein-Bild zu zeichnen, aber im Riehener Jahrbuch darf der Jubilar nicht fehlen. Vielleicht dient es auch der eiligen Leserin und dem eiligen Leser, kurz das Wichtigste aus der Biographie des grossen Staatsmannes wieder einmal zu hören.
Die Familie Wettstein stammt aus Russikon im Kanton Zürich. Von dort wanderte Hans Jacob Wettstein nach Basel aus, wo er 1579 Bürger wurde. Aus seiner Ehe mit Magdalena Betzier gingen sechs Söhne hervor, fünf von ihnen sind nur dem Namen nach bekannt. Hans Rudolf, der Jüngste, kam am 27. Oktober 1594 zur Welt und wurde am 3. November des gleichen Jahres zu St. Leonhard getauft. Der Vater, von Haus aus Weinbauer, versah das Amt eines Kellermeisters am Spital. Mit seinem Sohn Johann Rudolf trat er 1610 der Weinleutenzunft bei und rückte in den Rat vor, starb aber schon 1615, sechzig Jahre alt.
Trotz einfacher Verhältnisse liessen die Eltern dem Sohn eine gediegene Erziehung zuteil werden. Das Gymnasium verliess er zwar schon im 14. Altersjahr, doch erlernte er anschliessend auf den Kanzleien von Yverdon und Genf die französische Sprache. Kaum zurückgekehrt, schloss er 1611 noch als 16jähriger die Ehe mit der fünfeinhalb Jahre älteren Anna Maria Falkner. Die Ehe brachte finanzielle Vorteile und die definitive Integration in die Basler Oberschicht. Aber das hatte seinen Preis: Wettstein litt bitter unter seiner Ehe und schalt immer wieder seine Frau in harten Worten. Mit ihrem Mann, der sich damals am Westfälischen Friedenskongress aufhielt, unversöhnt, starb Anna Maria Wettstein geborene Falkner im Sommer des Jahres 1647. Vielleicht erklärt dieser Hintergrund die über hundert Gesandtschaftsreisen des Mannes, denn zuhause hielt er es nicht aus. So könnten die misslichen privaten Verhältnisse mitverantwortlich für die politische Karriere gewesen sein. Auffällig bleibt, dass Johann Rudolf und Anna Maria Wettstein trotz allem neun Kinder geschenkt wurden. Unter den vielen Nachkommen befanden sich auch bedeutende Geister, so etwa Johann Jakob Wettstein (1693-1754). Er gehört zu den Mitbegründern der neutestamentlichen Textkritik, verlor deswegen in Basel sein Amt und starb als Professor in Amsterdam. Die Familie Wettstein in Basel erlosch im Mannesstamm im Jahr 1855.
Brief Johann Rudolf Wettsteins an seine «Vielgeliebte Haussfrauw», geschrieben auf der Reise nach Baden zur Tagsatzung im Gasthaus zu Mumpfam 10. Januar 1633 mit genauen Anweisungen, wie der Wein zu Riehen besorgt werden solle. Der wiedergegebene Text enthält Briefende, Unterschrift und Nachsatz: «Bey Nechster gelegenheit erwartte Ich bericht, Ob Alles Recht Versorgt. Bei/m Brendlin khanst mir mein Schryb Tafely, so Uffen Büffet gelegen, In Papier Ingeniacht Und Verbittschiert zueschikhen. Gott erhalte Unnss ällerseyts In Gnaden. In Eyl Mumpffden 10 Jenner 633 Dein getrewer Eheman R Wettstein. Sag dem Ruedolph, Wann er Zue Riehen s eye solle er Alles Strauw In der Zehendt Scheuren Vlyssig Abzellen, und Zue Häuf schlagen lassen. Auch ernstlich befehlen, dass man Niemanden nichts darvon gebe, Ussgenommen, Wan die Im Wildenman ettivas begehrten».
Aus seiner Ehe floh Johann Rudolf Wettstein in fremde Dienste und erwarb 1616 ein venezianisches Hauptmannsbrevet. Er kehrte zwar bald wieder nach Hause zurück, doch diente der Offiziersgrad dem Vorwärtskommen. Als erstes Amt erhielt er 1619 eine Richterstelle. Ein Jahr später wurde er Sechser zu Rebleuten, das heisst, er gelangte in den Zunftvorstand. Damit gehörte er auch dem Rat der Stadt Basel an. In diesem übernahm er bald wichtige Aufgaben, was schlecht bezahlt war und zur Amterkumulation zwang. Nebeneinnahmen verschafften Wettstein Bankgeschäfte und Weinbau. Anno 1626 wurde er Münzverwalter. Zwei Jahre später stieg er zum Landvogt des Amtes Farnsburg auf. Abermals zwei Jahre später (1626) vertauschte er die stolze Feste mit der Landvogtei Riehen. Das erlaubte ihm, in Basel zu wohnen und nur, wenn es die Geschäfte erforderten, den offiziellen Amtssitz in der Gemeinde - die Landvogtei, heute Kirchstrasse 13 - zu beziehen. Der 1618 ausgebrochene Dreissigjährige Krieg zwang die Basler Regierung, ihre besten Leute an der Grenze nördlich des Rheins einzusetzen. Schon 1627 ernannte man Wettstein, was seine Qualität erneut unterstreicht, zum Dreizehnerherrn, das heisst zum Mitglied eines die engere Regierung bildenden Ratsausschusses.
Obwohl Wettstein seine Aufgaben in Riehen nur bis 1635 versah, blieb er dem Dorf verbunden. Wahrscheinlich 1640 kaufte er das noch heute nach ihm benannte Haus mit der modernen Adresse Baselstrasse 34. Später arrondierte er seinen Liegenschaftsbesitz durch weitere Käufe und die Entgegennahme der von der Stadt zum Teil geschenkten sogenannten Wettinger Gefälle, die aus Reben in Riehen, Bettingen, Stetten und Weil bestanden (1661). Riehens Anhänglichkeit an seinen bedeutenden Bewohner ist ungebrochen und fand zuletzt am 27. Oktober 1994 mit dem solenn begangenen 400. Geburtstag des grossen Bürgermeisters lebhaften Ausdruck. Die Stelle als Landvogt verliess Wettstein, weil er, nachdem er schon 1634 Dreierherr, das heisst Mitglied des Finanzausschusses des Rates geworden war, 1635 zur zweithöchsten Stelle im Staate, nämlich der eines Oberstzunftmeisters, aufstieg. Bereits 1630 hatte er zum ersten Mal den Stand Basel an der Tagsatzung, die von ferne mit dem heutigen Ständerat verglichen werden kann, vertreten, was sich bis 1664 sechzigmal wiederholte. Anders als heute reiste man damals beschwerlich und zeitraubend. Wettstein wurde zusätzlich von der Gicht geplagt. Die äusseren Umstände waren alles andere als angenehm.
Endlich 1645 erklomm Johann Rudolf Wettstein mit der Wahl zum Bürgermeister die damals höchste Stufe der Basler ämterlaufbahn. Sein politisches Programm bestand darin, durch die überwindung der noch mächtig wirkenden konfessionellen Gegensätze die Einheit der Eidgenossenschaft zu fördern, was wegen der Bedrohung durch den Dreissigjährigen Krieg besonders nötig war. Die Verhältnisse geboten eine gemeinsame Aussenpolitik und eine koordinierte Verteidigung. Letztere wurde endlich 1647 im Defensional von Wil erreicht. Ebenfalls in der Schlussphase des entsetzlichen Völkerringens wäre es fast dazu gekommen, dass die Eidgenossen mit einer Stimme gegen aussen gesprochen hätten. Es beteiligten sich dann aber nur die evangelischen Stände an den in den westfälischen Städten Münster und Osnabrück geführten Friedensgesprächen. Als ihren Gesandten bezeichneten sie Wettstein. Es ging ihm darum, das staatsrechtliche Verhältnis zwischen dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft endgültig zu regeln. In Tat und Wahrheit hatte sich die Schweiz zwar schon 1499 vom Reich getrennt, aber auf dem Papier - und an dieses hielten sich vor allem die Gerichte - sah es noch anders aus, was Unannehmlichkeiten schuf.
Der mit wenig Geldmitteln ausgestattete Wettstein erschien auf dem hochvornehmen Diplomatenkongress. Ergötzlich berichtete er etwa vom Besuch des Gesandten Schwedens in seinem Logis: «Daselbsten habe ich ihn vermahnet, auf einen Sessel niederzusitzen, so nebenzu nur eine Lehne (ich bin übereilt worden, hätten sonsten die andere zur Erhaltung der schweizerischen Reputation auch weggebrochen) ein blau, alt schmutzig Wullenweberkissi aufgehabt, dadurch die Flocken und etliche Federn herausgeschaut, welchen Apparat er ziemlich in's Gesicht gefasset, vor und ehe er sich recht bequemen wollen. Darüber ich auch meine Stell auf einem Sessel mit drei Beinen, so dieser Landen sehr gemein sein, unterher eingenommen. Es sind Ihro Exzellenz dick und schwer von Leib und haben sehr übel auf dem Holz gesessen; wie sie denn solchen etliche Mal gerutscht. Aber weil der Boden, so von Eichenbrettern belegt, so uneben und gebuckelt ist, dass einer kaum darauf gehen konnte, so hat es sich nirgend schicken wollen, sondern es sind nie mehr als zwei Fuss vom Sessel, der gleichwohl vier gehabt, zu Boden bringen gewesen; und hat er also halber sitzen und halber schweben oder gigampfen müssen.» Und Osnabrück schildert er folgendermassen: «Es ist dem Lande Kanaan nicht ungleich. Wie jenes von Milch und Honig geflossen, so dieses von saurem Bier und versalzener Butter und Speck. Es geht niemandem besser als meinen Stiefeln.»
Trotzdem erreichte Wettstein, was er wollte. Der Westfälische Friede von 1648 sicherte der Stadt Basel und den anderen Orten der Eidgenossenschaft völlige Freiheit und Exemtion (so viel wie: rechtliche Unabhängigkeit) vom Reich und seinen Gerichten zu. Dieses stolze Ergebnis wurde in Basel mit einem Fasttag «gefeiert». Zur Absicherung der Exemtion bedurfte es noch einer Reise zur Kaiserresidenz in Wien: Wettstein hielt sich, diesmal als Vertreter aller Stände der Schweiz, 1650/51 dort auf. Der Kaiser erhob ihn sogar in den Reichsadel. In seinem letzten Lebensabschnitt musste sich Wettstein vermehrt mit inneren Problemen beschäftigen. Als sich im Bauernkrieg von 1653 die Baselbieter gegen die Stadt erhoben, griff er hart durch und liess die Rädelsführer hinrichten. Nach der Niederlage der Evangelischen in der ersten Schlacht von Villmergen 1656 bemühte er sich erneut um einen dauerhaften Ausgleich zwischen den Konfessionsparteien. Die militärische Machtpolitik der Eidgenossen hatte 1515 ein Ende gefunden. Wettstein wusste, dass der Friede nicht mit Gewalt, sondern mit Gesprächen und Verträgen gesichert werden musste. Ein letztes Verdienst Wettsteins besteht in seinem Engagement für den Erwerb der Bilder- und Büchersammlung des bedeutenden Humanisten und Juristen Bonifacius Amerbach (1495-1562): Sie bildete seit 1661 den Grundstock der Basler Museen und Bibliotheken.
Johann Rudolf Wettstein starb in seinem 72. Lebensjahr an einem Gründonnerstag, dem 12. April 1666, und wurde am darauffolgenden Ostersonntag zu Barfüssern begraben. Antistes (Oberster Pfarrer) Lukas Gernler (16251675) anerkannte in seiner Abdankungsrede im Gefühl des Dankes, der Verstorbene sei ein «gesegnetes Instrument» gewesen. Noch heute hängt im Kreuzgang des Münsters das Epitaph des grossen Bürgermeisters. Die Inschrift teilt in lateinischer Sprache mit: «Johann Rudolf Wettstein ... gesegnet von Gott ... [hat] mit aussergewöhnlicher Vaterlandsliebe, Klugheit und Beredsamkeit und mit einzigartigem Scharfblick im Abwickeln der Geschäfte alle Stufen der ämterlaufbahn erklommen ... [er ist] als Retter des allgemeinen Friedens und Beschützer der Freiheit nach alter Väter Sitte mit dem Titel <Vater des Vaterlandes» bedacht worden...». Mehr noch hält die Erinnerung ein in Basel 1879 nach ihm benannter Platz - wenig später folgte eine Rheinbrücke - am Leben.
Wettstein, Zeitgenosse von Richelieu und Cromwell, sah im starken Staat sein Ziel. Dem Volk Ordnung und Frieden zu verschaffen, hielt er für einen göttlichen Auftrag. «Man soll auf Gottes Ehre und auf des Vaterlandes Ruhstand sehen.» Er half dem Bund der Eidgenossen über fast tödliche Krisen hinweg in Richtung konfessioneller Toleranz, Neutralität und staatsrechtlicher Unabhängigkeit. Diese Ideen haben die Schweizerische Eidgenossenschaft bis heute geformt und geprägt.