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Während meiner Australienreise lernte ich Ortsgemeinden in Sydney und Canberra kennen. Aus Belehrungen, Beobachtungen und vielen Gesprächen habe ich einige neue Erkenntnisse gewonnen über Gott, mich selber und auch über Beziehungen in der Gemeinde.
Alle Christen würden zustimmen, dass es in den Beziehungen in der Gemeinde besonders auf die Liebe ankommt. Was bedeutet aber Liebe im Alltag der Gemeinde? Liebe ist ein weiter Begriff mit vielen Facetten. Ein Aspekt ist mir während meiner Reise aufgefallen. Ich möchte es mit einem Beispiel aus dem Philipperbrief zum Ausdruck bringen.
Als er den Philipperbrief verfasste, war Paulus in Rom wegen des Glaubens gefangen. Er durfte aber eine Wohnung mieten (Apg. 28,30) und war dort unter Hausarrest, möglicherweise an einem Soldaten angekettet. Die Christen in Philippi sandten in dieser Zeit einen Bruder, Epaphroditus, nach Rom, um Paulus Geld zukommen zu lassen. Paulus bezog sich darauf im Philipperbrief: „10Ich habe mich aber im Herrn sehr gefreut, dass ihr endlich einmal wieder aufgeblüht seid, an mich zu denken, worauf ihr auch bedacht wart, aber ihr hattet keine Gelegenheit. 11Nicht, dass ich es des Mangels wegen sage, denn ich habe gelernt, mich zu begnügen, worin ich bin. 12Sowohl erniedrigt zu sein, weiss ich, als auch Überfluss zu haben, weiss ich; in jedes und in alles bin ich eingeweiht, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden. 13Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt. 14Doch habt ihr wohl daran getan, dass ihr an meiner Bedrängnis teilgenommen habt. 15Ihr wisst aber auch, ihr Philipper, dass im Anfang des Evangeliums, als ich aus Mazedonien wegging, keine Gemeinde mich am gegenseitigen Geben und Empfangen beteiligt hat als nur ihr allein. 16Denn sogar <schon, als ich> in Thessalonich <war,> habt ihr mir nicht nur einmal, sondern zweimal für meinen Bedarf gesandt. 17Nicht, dass ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die sich zugunsten eurer Rechnung mehrt. 18Ich habe aber alles erhalten und habe Überfluss, ich habe die Fülle, da ich von Epaphroditus das von euch empfangen habe, einen duftenden Wohlgeruch, ein angenehmes Opfer, Gott wohlgefällig. 19Mein Gott aber wird alles, wessen ihr bedürft, erfüllen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. 20Unserem Gott und Vater aber sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Phil. 4,10-20).
Aus diesem Text wird oft in Predigten und Bibelstunden auf die genügsame Haltung des Paulus hingewiesen. Ich möchte aber auf eine Kernaussage zu einem anderen Thema hinweisen: „Nicht, dass ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die sich zugunsten eurer Rechnung mehrt.“ (V. 17) Paulus erwähnt ausdrücklich, dass er geistliche Frucht sucht und besonders wertschätzt.
Paulus lobt die Spende der Christen in Philippi, weil er darin eine geistliche Frucht erkennt. Paulus verliert kein Wort über besondere Leistungen oder ausserordentliche Gaben. Er lobt diese Spende als „einen duftenden Wohlgeruch, ein angenehmes Opfer, Gott wohlgefällig.“ (V. 18) Der Heilige Geist hat diese Spende im Herzen der Christen in Philippi entstehen lassen. Die Kostbarkeit dieser Spende liegt darin, dass sie aus der Beziehung zu Gott entstanden ist.
Paulus bekennt sich dazu, dass er bei Mitchristen geistliche Frucht sucht. Diese Suche ist nicht egoistisch oder eigennützig, wie wenn Paulus daraus einen persönlichen Gewinn oder Ruhm ziehen würde. Nein. Er betont, dass es um eine Rechnung bzw. eine Logik geht (der Begriff auf Altgriechisch lautet hier „logos“), die denjenigen zukommt, die Frucht erbringen. Paulus rühmt sich nicht darüber, dass er Geschwister zu dieser Haltung verholfen hat. Er unterstreicht im Gegenteil die Eigeninitiative der Philipper. Es ist ihre Frucht im Geist.
Paulus bemüht sich zu zeigen, dass er an der Spende der Philipper nichts zu bemängeln hat. Sie kommt nicht zu spät, sie ist nicht zu klein oder zu gross. Sie ist wie eine reife buchstäbliche Frucht, die Paulus zugutekommt und die er mit grosser Freude geniessen darf. Paulus will in dieser Angelegenheit nur das Gute und das Positive sehen.
In 2. Kor. 13,10 schreibt Paulus, dass er eine Vollmacht zur Erbauung und nicht zur Zerstörung hat. Er will die Christen in Philippi mit seinen Worten über ihre Spende nur auferbauen. Er will auf keinen Fall, dass sie den Eindruck bekommen, dass sie noch mehr für ihn tun könnten oder sollten. Paulus freut sich ohne Hintergedanken über die edle Gesinnung seiner Geschwister im Glauben bezüglich ihrer Spende.
Aus den Worten des Apostels Paulus kann ich mich selber fragen: Sehen Geschwister an mir, dass ich geistliche Frucht bei ihnen besonders schätze? Oder lasse ich bei Geschwistern den Eindruck entstehen, dass ich vor allem von ihrer Briefmarkensammlung oder sonst etwas Weltlichem beeindruckt bin? Paulus ist uns ein Vorbild: Ganz oben in seiner Werteskala schätzt er bei Geschwistern eine lebendige Beziehung zu Gott.
Bei uns in der Gemeinde in Zürich schätze ich an vielen Geschwistern, dass sie geistliche Frucht bei anderen suchen und schätzen. Es ist eine Facette der Liebe, die andere zum Leuchten vor Gott anspornt. Ich wünsche mir, dass diese kostbare Haltung viele Menschen ansteckt und mehr und mehr zur Verherrlichung Gottes in seiner Gemeinde wirkt.
Olivier C.