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Am 8. Juni 2016 befragt die Kantonspolizei Zürich den mutmasslichen Täter über den Ort, wo er die Leiche abgelegt hat. Das zeigen die Befragungs-Protokolle, die SRF vorliegen:
Polizist: «Wo haben Sie die die Leiche ausgeladen?»
Luiz R.: «Ich machte den Kofferraum auf. Dabei fiel die Leiche aus dem Wagen. Ich holte den Gürtel vom Boden bei den Rücksitzen hervor und montierte ihn wieder am Handgelenk. In der Folge zog ich die Leiche etwa 8 Meter durch ca. 10 Zentimeter hohes Unterholz. Ich legte die Leiche dann hinter einem Baumstrunk ab. Zuerst legte ich Laub auf die Leiche. Danach brach ich Äste ab und legte sie ebenfalls darüber.»
Polizist: «legten Sie ihn auf den Bauch oder auf den Rücken?»
Luiz R.: «Ich habe ihn auf den Rücken gelegt.»
Polizist: «Wohin fuhren Sie dann?»
Luiz R.: «Das ist eine gute Frage.»
Die Tat
Gino Bornhauser gerät am 22. April 2016 um 19:00 Uhr bei einem Parkplatz in Rafz in einen Streit mit einem ihm unbekannten Mann. Es ist Luiz R. Kurz darauf will Gino Bornhauser mit seinem Auto den Parkplatz verlassen und trifft dabei nochmals auf Luiz R., der den Parkplatz überquert. Wieder kommt es zum Streit, der nun eskaliert. Luiz R. schlägt Gino Bornhauser zusammen, bis er bewusstlos ist, hievt anschliessend den bewusstlosen Rentner in dessen Auto und fährt weg. Mehrere Zeugen beobachten die Tat, eine Anwohnerin filmt sie sogar, doch niemand alarmiert die Polizei.
An einem nahegelegenen Waldrand zieht R. sein Opfer aus dem Wagen und überfährt es mehrmals. Luiz R. will sicher sein, dass Bornhauser tot ist. Die Leiche deponiert er anschliessend an einem unbekannten Ort im Wald und zündet das Auto später in der Nähe von seinem Wohnort in Rafz an.
Wo liegt die Leiche von Gino Bornhauser? Über 150 Polizistinnen und Polizisten der Kantonspolizei Zürich und Schaffhausen suchten vom 24. bis 26. April 2016 in der Nähe von Eglisau nach dem vermissten Rentner. Die Suche leitete Marcel Frei. Die Kantonspolizei Zürich filmte einen grossen Teil der Suchaktion und stellte einen Teil des Filmmaterials SRF zur Verfügung.
Mörder sah Polizeiauto mit Blaulicht
Polizist: «Ist Ihnen an der Stelle, wo sie die Leiche abgelegt haben, etwas Spezielles aufgefallen?»
Luiz. R. «Mir ist ein Auto mit Blaulicht und Sirene aufgefallen. Meiner Meinung nach war es ein Polizeiauto.»
Im Polizeiauto sass ein deutscher Polizist, er war mit Sirene und Blaulicht unterwegs. Nachts, in der Nähe von Wasterkingen, Deutschland. Dies ergaben die Ermittlungen der Polizei. «Wir recherchierten alle Polizeieinsätze der Nacht, in der Luiz R. die Leiche entsorgte, und fanden tatsächlich ein Einsatzfahrzeug, das mit Blaulicht und Sirene in der Region Wasterkingen unterwegs war», erklärt Peter Stumböck vom deutschen Kriminalkommissariat Waldshut-Tiengen gegenüber SRF. «Somit konnten wir den ungefähren Ort bestimmen, von wo aus Luiz R. das Auto gesehen haben muss.»
Verhaftung mit Verspätung
Nachdem Luiz R. sein Opfer am 22. April 2016 getötet hatte, fuhr er nach Hause. Dort beauftragte er seine Frau, die nichts von der Tat ihres Mannes wusste, mit der Bankkarte von Gino Bornhauser Geld abzuheben. Der Pin-Code, der Luiz R. bei seinem Opfer fand, war jedoch die Nummer für das Veloschloss von Bornhauser. Die Frau konnte kein Geld abheben, bezog dann aber Sekunden später mit der eigenen Karte Geld. Der Bancomat in Rafz registrierte sowohl den missglückten Versuch wie auch den erfolgreichen Geldbezug der Frau.
Nachdem Gino Bornhauser seit dem 24. April 2016 als vermisst galt und das ausgebrannte Auto des Renters in der Nähe von Rafz gefunden wurde, ging die Polizei von einem Gewaltverbrechen aus und nahm umfangreiche Ermittlungen auf, das zeigt der 41-seitige Abschlussbericht der Kantonspolizei Zürich, der SRF vorliegt.
Die Ermittler sichteten die Kontodaten des Vermissten und stellten fest, dass seit dem 22. April, seit Gino Bornhauser das letzte Mal gesehen wurde, keine Bezüge mehr getätigt wurden. Die Polizei überprüfte zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen Ende April aber nicht, ob auch versucht wurde, auf das Konto von Gino Bornhauser zuzugreifen.
Erst drei Wochen nach der Vermisstmeldung stellte die Polizei fest, dass sich die erhaltenen Bank-Auskünfte lediglich auf effektive Bezüge beschränkten. Bei der erneuten Überprüfung der Kontodaten stellte die Polizei dann fest, dass tatsächlich versucht wurde, Geld vom Konto des Vermissten abzuheben - eine «brisante Sachlage» vermerkt die Polizei dazu in ihrem Bericht. Diese Erkenntnis führt die Polizei zur Frau des Täters und verhaftet sie wie auch ihren Mann am 31. Mai 2016 um 8:25 Uhr in Rafz. Luiz R. gesteht in der Folge, Gino Bornhauser getötet zu haben und erklärt, dass seine Frau nichts mit der Tat zu tun hat. Sie wird nach zwei Tagen Haft entlassen.
Luiz R. verstarb im Oktober 2016, kurz vor Prozessbeginn, unter nicht restlos geklärten Umständen im Flughafengefängnis Zürich.
Klar ist auch: Luiz R. überquerte die Grenze in Wasterkingen am Samstag, 23. April 2016, um 03:14 Uhr Richtung Schweiz. Dies zeigen laut der Polizei Aufnahmen der Kamera beim Grenzübergang. Es ist wahrscheinlich, dass Luiz R. zu diesem Zeitpunkt die Leiche bereits entsorgt hatte, denn auf die Frage des Polizisten, wie lange die Fahrt von Wasterkingen nach Hause dauerte, sagte Luiz R. «etwa 15 Minuten.» Allerdings: Die Strecke zwischen Wasterkingen und Rafz, wo Luiz R. wohnte, beträgt nur 6,4 Kilometer.
Die Fahrt dauert normalerweise etwas über fünf Minuten, das zeigen Berechnungen von SRF mit digitalen Routenplanern. Somit ist klar, dass die Zeitangabe von Luiz R. nicht zutrifft. Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Luiz. R. die Leiche von Gino Bornhauser entsorgte, bevor er die Grenze Richtung Schweiz überquerte. «Wir gehen davon aus, dass die Leiche auf deutschem Gebiet deponiert wurde» sagt Peter Stumböck vom deutschen Kriminalkommissariat Waldshut-Tiengen.
Luiz R. erinnert sich plötzlich an weitere Details
Zürich, Einvernahme beschuldigte Person, 13. Oktober 2016, 11:32 Uhr:
Polizist: «Wollen Sie, dass man Gino Bornhauser findet?»
Luiz R. «Ja.»
Polizist: «Offenbar ist Ihnen noch etwas in den Sinn gekommen über den Ablageort von Gino Bornhauser, dort wo sie ihn hingelegt haben?»
Luiz R.: «Ich habe meinem Anwalt schon gesagt, dass dort nebenan ein abgeschnittener Baum lag. Nebendran habe ich ihn hingelegt. Und genau hinten dran sind so 50 Tannenbäume (eine Zucht von kleinen Tannenbäumen). Um die Tannenbäume hat es einen Zaun.»
Luiz R. erstellt Plan-Skizzen mit dem Anfahrtsweg und dem Ort, wo er die Leiche deponiert hat. Auf seiner Fahrt zum Ablageort fuhr er bei einem Bauernhaus und Feldern vorbei. Die Zeichnungen liegen SRF vor:
Aufgrund der umfangreichen Angaben von Luiz R. führte die Polizei sowohl auf Deutscher wie auch auf Schweizer Seite eine Suchfahrt durch. «Die schweizer Kollegen übergaben uns Luiz R. beim Grenzübergang Günzgen. Danach fuhren wir mit ihm zum Tatort, wo er Gino Bornhauser getötet und anschliessend in das Auto eingeladen hat», erklärt Peter Stumböck. «Wir wollten so den Weg rekonstruieren, der Luiz R. mit der Leiche im Auto zurücklegte.»
Bei der ersten Weggabelung war sich Luiz R. ganz sicher, dass er geradeaus fuhr. «Doch danach konnte er bei keiner Weggabelung mehr mit Sicherheit sagen, in welche Richtung er fuhr», sagt Peter Stumböck, der die Fahrt mit dem mutmasslichen Mörder durchführte, begleitet von einem zweiten Polizeiauto, neben ihm der an den Händen und Füssen gesicherte Luiz R. .
12 Stunden Suchfahrt nach einer Leiche im Wald
Insgesamt 12 Stunden dauerte die Suchfahrt mit Luiz R. 120 Kilometer Strassen und Waldwege wurden abgefahren, ohne Erfolg. «Die Wahrscheinlichkeit, dass Überreste von Gino Bornhauser noch gefunden werden, ist gering. Es ist wahrscheinlich, dass Wild diese Überreste weit verstreut hat und kaum mehr gefunden werden» sagt Peter Stumböck.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Angaben, die Luiz R. machte, nicht zutreffen. «Dies ist auch nachvollziehbar, denn er war emotional in einer Ausnahmesituation und er befand sich bei Dunkelheit in einem Gebiet, das er offensichtlich nicht kannte.»
Petra Bornhauser will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Leiche ihres Mannes doch noch gefunden wird. Denn nur so könnte sie Abschied nehmen, erklärt Bornhauser im Interview mit SRF. «Für mich wäre es sehr wichtig, dass der Leichnam gefunden wird, sei es auch nur ein Knochen von Gino. So könnte ich ihn beerdigen und diese schlimme Geschichte abschliessen.»
Auf eigene Faust suchte Petra Bornhauser nie. «Ich wüsste nicht, wo genau ich suchen sollte.» Gino Bornhauser wurde inzwischen für verschollen erklärt, das heisst, auch aus juristischer Sicht ist er tot. Doch diese Verschollenenerklärung ist für Petra Bornhauser nur ein Blatt Papier.
Sendungshinweis Reporter
Mehr zum Thema erfahren Sie in der Sendung «Reporter» am 28. Oktober, 21:40 Uhr, SRF 1, «Ein Mord, zwei Witwen. Der mysteriöse Fall Bornhauser».