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Noch vor der Einweihung erschütterte die neue Zürcher Universität ein Kunstskandal. Auslöser waren die Wandgemälde junger Zürcher Künstler, die diese für verschiedene Universitätsräume, darunter auch Seminarzimmer, entworfen hatten. Am exponiertesten waren die Wandmalereien Paul Bodmers (1886–1983) im südlichen Gang des Erdgeschosses. Nach geharnischten Protesten verfügte der Regierungsrat im Oktober 1915 die Beseitigung von Bodmers Wandmalereien; sie wurden zuerst mit rotem Stoff überspannt und im Sommer 1916 übermalt – wie die meisten Wandmalereien der Seminarzimmer auch. Heute sind bei der Treppe vor dem Fakultätszimmer (dem jetzigen Dozentenzimmer KOL-E-11) zwei Flächen mit Akt- und Tierdarstellungen wieder freigelegt: an der Gangwand eine stehende Frau und in der Lünette über dem Durchgang zum Treppenhaus eine sitzende und eine kauernde Frau, zwischen ihnen eine liegende Katze sowie eine Katze in den Armen der Kauernden.
Emotionale Debatte
Am Anfang der bilderstürmerischen Akte standen die prämierten Entwürfe Hermann Hubers und Paul Bodmers für das Senatszimmer, das schliesslich zum Fakultätszimmer (KOL-E-11) wurde, und das westliche damalige Dozentenzimmer (KOL-E-14). Insbesondere Bodmers Entwurf Ausdruck für einen Fries im Dozentenzimmer stiess auf Unverständnis. Er gliederte sich durch stumpfwinklige rote Giebel, die oberhalb der rot bemalten Täfelung je über die ganze Breite der drei Wände gelegt worden wären. Die von diesen Giebeln ausgesparten beiden Dreiecke waren gelb gefasst und mit je einem dunkelblauen Medaillon versehen. Es hätte sich ein umlaufendes, rot-gelb abwechselndes Dreiecksband ergeben. Die drei Giebel enthielten eine Frau mit grünen Äpfeln, einen Reiter auf einem Rappen mit zwei Hunden sowie eine Frau, die über einem weissen, rehartigen Tier schwebt, darüber war jeweils ein feines Zweigeflecht gelegt. In die Medaillons waren weibliche Akte eingezeichnet.
Bodmers Entwurf provozierte doppelte Ablehnung: in Bezug auf Ausführung und Funktion. Schon im Dezember 1913 monierte der Kunstkritiker der «Neuen Zürcher Zeitung», Hans Trog, dass hier nur ein «farbig-dekorativer Schmuck» vorliege, wo doch für einen Raum, der «für das Zusammensein von Männern der Wissenschaft bestimmt» sei, «im künstlerischen Schmuck etwas von dieser ganz spezifischen geistigen Atmosphäre zum Ausdruck gelangen» sollte. Kunstkritiker Trog jedoch sah nur allgemeine Dekoration, keine Illustration des universitären Zwecks. Anstatt an Wissenschaftlichkeit fühlte er sich «an ungefüge Bauernkunst» erinnert.
Im Januar 1914 kam es an einer Dozentenversammlung zu einer knapp vierstündigen, emotional geführten Debatte. Professoren protestierten gegen die Umsetzung der prämierten Entwürfe Hubers und Bodmers. Der Archäologieprofessor Hugo Blümner sah zwar ein, dass Bodmer «absichtlich primitiv» male, sah dadurch aber «die Kunst um tausend Jahre» zurückgeworfen. Bodmers Entwurf sei «ein plumpes, dekoratives Manöver und seine Figuren ‹Fratzen›», doppelte Theologe Arnold Meyer nach. Im Februar 1914 wurde Bodmer zu einem zweiten Entwurf aufgefordert, der 1915 erneut auf Ablehnung stiess. Das Dozentenzimmer blieb ohne Wandmalereien.
Karl Moser verteidigte «seine» Maler Huber und Bodmer. Er verglich die Proteste gegen deren Kunst «mit dem Fanatismus der Masse bei der Kreuzigung Christi und den Hexenverbrennungen des Mittelalters». Dem hielt der Romanist Ernest Bovet entgegen, das sei «Terrorismus gegen alle, die keine Künstler sind». In dieser vergifteten Atmosphäre konnten auch Paul Bodmers Wandmalereien im südlichen Gang des Erdgeschosses nicht reüssieren.
«Schreiende Mängel»
Bodmer hatte diese – als Direktauftrag Karl Mosers – Mitte März 1914 aus dem Stegreif auf die rot grundierte Wand zu malen begonnen: Eine erste Version zeigte von filigranen Pflanzen überlagerte Vorderansichten weiblicher und männlicher Akte sowie eine vereinzelte Katze, in schwarzen Medaillons der Lünetten Laubrankenwerk vor Figuren, unter anderem einem Kopf. In einer zweiten Version entstanden Rückenansichten der Akte, die gegenüber der ersten Fassung plastischer gemalt waren. Bis zur Universitätseinweihung vom 18. April 1914 lag der Grossteil einer dritten Version vor: zwischen den Türeingängen stehende Akte und Pferde, darunter ein berittener Rappe, in den Lünetten liegende und kauernde Akte mit Katzen. Diese Version überdauerte zwei Jahre.
Bodmers letzte Fassung entstand in mehreren Stufen, wie die in der Lünette sichtbaren Übermalungen zeigen. Doch keine Korrekturen konnten die Kritiker überzeugen. Sie sprachen weiter von «schreienden Mängeln» und «seelenlosen nackten Menschen zu Ross und zu Fuss». Als die Wandmalereien schon überspannt worden waren, publizierte Ferdinand Vetter, Germanist an der Universität Bern, eine weitere Philippika. Er kolportierte, dass die Malereien von Studierenden «mit Stöcken und Regenschirmen eine handgreifliche Würdigung» erfahren hätten. Selber sah er in ihnen «ein wirres Chaos von verzeichneten Pferdekruppen und von weiblichen Gestalten in Form von zweischwänzigen Rüben». Vetter wähnte «eine politische Gefahr: die Gefahr der Entfremdung zwischen der Kunst und Wissenschaft unsrer hohen Lehranstalten und dem Volke». Er hoffte, dass das «reinigende Kriegsgewitter diese Kunst […] hinwegfegen werde». Der Ansicht Karl Mosers, dass die junge Zürcher Kunst nach dem «reinen unverfälschten Ausdruck der Seele» strebe, stand die Ablehnung einer «Kunst des blossen Ausdrucks» gegenüber. Modernismus und Antimodernismus bekämpften sich.
Freilegung
Zum einhundertjährigen Bestehen des UZH-Hauptgebäudes erfolgte die partielle Freilegung der Wandmalereien von Paul Bodmer. Sie wurde möglich dank der grosszügigen Spende des Zürcher Universitätsvereins (ZUNIV). Die Sondierungs- und Freilegearbeiten erfolgten durch Fontana & Fontana AG und wurden von der Kantonalen Denkmalpflege begleitet.
Da Paul Bodmer bei seinen zahlreichen Änderungen jeweils den Hintergrund soweit als möglich beliess und nur die Figuren umarbeitete, ist es nicht möglich, die einzelnen Schichten und damit die verschiedenen Fassungen eindeutig auseinanderzuhalten. Dies erklärt die bei der aktuellen Freilegung entstandenen «Doppelbilder». Im Bogenfeld zeichnet sich etwa hinter dem uns den Rücken zukehrenden weiblichen Akt schemenhaft ein halb sitzender, halb liegender männlicher Frontal-Akt einer früheren Fassung ab. Bei der unter der Putzschicht hervorgeholten weiblichen Figur links unterhalb des Bogenfeldes entspricht der Körper zwar weitgehend jenem der ersten Fassung, jedoch können weder Gesicht noch Haare der ersten oder zweiten Fassungen zugeordnet werden. Legt man allerdings die Fotografien der ersten und zweiten Fassung übereinander, dann stimmen die Überarbeitungsspuren mit der zuerst gemalten Szene überein.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur und Links
Paul Bodmer: http://www.sikart.ch/kuenstlerinnen.aspx?id=4002094
Hermann Huber: http://www.sikart.ch/kuenstlerinnen.aspx?id=4022749
Vogel, Matthias: Idylliker als Skandalkünstler. Die Wandbilder von Paul Bodmer und Hermann Huber für das Kollegiengebäude der Universität Zürich. In: Kunst Bau Zeit. Das Zürcher Universitätsgebäude von Karl Moser, hrsg. von Stanislaus von Moos und Sonja Hildebrand, Zürich 2014, S. 270-293.