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Die einzige Kritik einer Philosophie, die möglich ist und die auch etwas beweist, nämlich zu versuchen, ob man nach ihr leben könnte, ist nie auf Universitäten gelehrt worden: sondern immer die Kritik der Worte über Worte. [...] – welche Wüsterei, welche Verwilderung, welcher Hohn auf eine Erziehung zur Philosophie!
- Friedrich Nietzsche1
Vorwort
Was hat der denn Grosses aufzuweisen, da er so lange Philosophie treibt und noch Niemanden betrübt hat? Ja so sollte es auf der Grabschrift der Universitätsphilosophie heissen: "sie hat Niemanden betrübt" (S.a.E 427).
Die Hoffnung, mit der ich vor drei Jahren der philosophischen Fakultät beigetreten bin, bestand darin, durch die Philosophie eine Tätigkeit in mein Leben einzuschliessen, die mein Dasein mit Sinn und Bedeutung bereichert. Ich hoffte also durch das Studium der Philosophie eine Fähigkeit zu kultivieren, die mich zum produktiven Umgang mit den Bedingungen anleitet, die mir als Mensch und als Bürger – als Individuum und als Mitglied einer Gesellschaft – gegeben sind. Der Ausgangspunkt, von dem aus ich zu schreiben beginne, setzt sich nun jedoch aus der Diskrepanz zusammen, die sich zwischen dieser Hoffnung und der tatsächlichen Praxis des 'Philosophierens' ergeben hat, wie ich sie aus meiner Erfahrung an der Universität ableite.
So ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich diese drei Jahre Studium durch das Verfassen einer 'wissenschaftlichen Abhandlung' abschliessen muss.2 Wenn ich mich dabei nach meinen Kommilitonen umblicke, so kann ich festhalten, dass anerkannte Themen und Fragestellungen, die im Rahmen einer solchen Arbeit unter dem Namen der Philosophie verhandelt werden, Fragen sind wie: Gibt es eine vom Menschen unabhängige Aussenwelt? Haben wir einen freien Willen? Wie können wir sagen, dass Lord Voldemort nicht existiert? Usw.
Während sich Studierende aus anderen Fachrichtungen also beispielsweise mit dem Krieg auseinandersetzen, der gerade über Europa eingebrochen ist, mit dem Kometen befassen, dessen Laufbahn die Erde zerstören könnte, oder sich an die Erforschung der Krankheit machen, die in den letzten zwei Jahren verantwortlich war für Tausende von Toten, so befassen wir uns mit Descartes Trennung zwischen Geist und Körper, mit Kants unerreichbarem 'Ding an sich' oder Russells Analyse von negativen Existenzaussagen. Während draussen in der Welt die Bomben fallen, lesen wir:
„Weil nun aber diese Seinsstruktur ontologisch unzugänglich bleibt, aber doch ontisch erfahren ist als Beziehung zwischen Seiendem (Welt) und Seiendem (Seele) und weil Sein zunächst verstanden wird im ontologischen Anhalt am Seienden als innerweltlichem Seienden, wird versucht, diese Beziehung zwischen den genannten Seienden auf dem Grunde dieser Seienden und im Sinne ihres Seins, d.h. als Vorhandensein zu begreifen." (Heidegger 1967: 59)
Angesichts dieser Situation muss ich zu dieser Arbeit also mit einem Mollakkord anheben. Ich muss ihr ein grundsätzliches Unbehagen an der (Un)Tätigkeit der Philosophie voranstellen, welches ich im Folgenden nun zu verarbeiten gedenke.
1. Einleitung
Aus meiner bisherigen Erfahrung als Student der Philosophie muss ich also feststellen, dass die Tätigkeit des 'Philosophierens' in gewissen Bereichen der (akademischen) Philosophie durch einen Riss zur Lebenspraxis gekennzeichnet ist. Mit der Einteilung der Welt in Körper und Geist – in Leib und Seele3 – wird meine Aufgabe 'als Philosoph' im Gegensatz zu den Naturwissenschaften im Bereich des 'Geistes' angesiedelt, wo ich unabhängig von jeglicher Praxis4 Dinge behandle, die keinen ersichtlichen Bezug zur tatsächlichen 'Wirklichkeit' – zur alltäglichen Lebensführung – mehr aufweisen.
Ausgehend von dieser Problematik werde ich mich mit der folgenden Arbeit nun auf die Suche nach alternativen Formen des Philosophierens begeben, die diese Trennung von Philosophie und Leben zu überwinden vermögen. Ich suche also nach einer philosophischen Tätigkeit, die mir über 'rein theoretisch gültige' Argumente und 'aussagenlogisch richtige Schlüsse' hinweg Wege eröffnet, die von den in der Philosophie verhandelten Gegenstände zurück zu den Dingen führen, welche mir in meiner alltäglichen Lebensführung auch tatsächlich begegnen – welche auch das Potential aufweisen, 'zu betrüben'.5
Ich werde im Folgenden also einen zusammenhängenden Gedankengang verfolgen, den ich zur Orientierung an ausgewählten Stellen immer wieder durch ein Zwischenfazit kommentieren werde. Die Arbeit wird dementsprechend eine etwas aussergewöhnliche Form annehmen, welche beim Lesen berücksichtigt werden muss; ich werde im Folgenden weder eine Serie von zwingenden Argumenten vorlegen, die beispielsweise für eine bestimmte Art von Philosophie plädieren, noch werde ich überhaupt für etwas im herkömmlichen Sinne 'argumentieren'. Die vorliegende Arbeit ist vielmehr als eine Art spekulative Wanderung zu verstehen, zu welcher ich vom beschriebenen Gedanken angetrieben aufbreche, und auf die ich die Leser nun einlade mich zu begleiten.6
1.1. Die Wanderung
Zur Übersicht und Orientierung vor und während dem Lesen habe ich anbei eine Karte der Landschaft skizziert, welche sich dem Leser auf den folgenden Seiten nun eröffnen wird.
Kapitel 2.
Ich beginne den Anstieg mit Schopenhauer. Nach ein paar Tagen des Gehens stelle ich jedoch fest, dass mich der eingeschlagene Pfad nicht in die Richtung führt, die ich mir wünsche. Die Sicht ist verdeckt von Nebel, sodass ich kaum noch die Steine sehe, die direkt vor meinen Füssen den Weg kennzeichnen. Deshalb konsultiere ich noch einmal die Beschreibung von demjenigen, der behauptet hat, diesen Weg erfolgreich gegangen zu sein [Nietzsche in "Schopenhauer als Erzieher"]. Ich frage mich, was seine Art und Weise zu gehen von der meinen unterscheidet und was ich daraus für meine zukünftigen Wanderungen lernen kann. Diese Auseinandersetzung führt mich nun auf einen neuen Pfad, der schliesslich zu einem ersten Aussichtspunkt führt [Zwischenfazit I]. Dort angelangt, kann ich in Ruhe rasten und mir noch einmal einen Überblick vom Weg verschaffen, der mich bis hierherführte.
Kapitel 3.
Mit erholten Kräften und gestärktem Willen wandere ich weiter. Ich habe mir vorgenommen, die Erkenntnis, die ich aus dem bisher zurückgelegten Abschnitt gewonnen habe, sogleich zu verwerten und sie im Weitergehen am schwierigen Anstieg zu überprüfen, welcher sich daraus ergibt, dass ich versuche der Stimme zu folgen, die mich bereits im vorherigen Abschnitt aus dem Nebel geführt hat [Zwischenfazit II].
Das wilde Terrain und die zweideutige Stimme meines Führers bringen mich dazu, den Pfad, den ich eingeschlagen habe, noch einmal grundlegend zu überdenken. Je weiter ich gehe, desto stärker wird die Verunsicherung, und ich fühle mich zum Zeitpunkt von [Kap. 3.5] gezwungen mir die Frage zu stellen, inwiefern sich der Weg durch die steile Felswand, den Nietzsche verzeichnet hat, auch tatsächlich gehen lässt – eine Frage, die verstärkt wird durch die vielen Stimmen, die von der Un-Begehbarkeit dieses Weges warnen. Trotz dieser Schwierigkeiten gelange ich jedoch schliesslich zu einem weiteren Aussichtspunkt [Zwischenfazit III] von dem aus ich erneut auf die Strecke zurückblicken kann, die mich zu dem Punkt führte, an dem ich nun stehe.
Kapitel 5.
Der vom Nebel bedeckte Weg und die steile Felswand liegen nun hinter mir, und ich entschliesse mich für den letzten Abschnitt der Wanderung noch einen etwas ruhigeren Pfad einzuschlagen, der mir die Möglichkeit bietet, das, was ich bisher erlebte, zu verarbeiten und in klare Gedanken zu fassen. Dabei treffe ich auf John Dewey, der mich als zuverlässiger und erfahrener Bergführer noch einmal gedanklich durch die ganze Wanderung führt.
1S.a.E 417.
2Ich muss mir also die gesellschaftliche Anerkennung meiner 'philosophischen Tätigkeit' dadurch verdienen, dass ich eine 'Qualifikationsschrift' verfasse, die ein dafür bestimmter 'Experte' im Hinblick auf die 'objektive Qualität' der sich darin entfaltenden Argumente, mit einer Note bewertet – welche den Wert meiner philosophischen Tätigkeit zur Orientierung für zukünftige Dozenten oder Arbeitgeber bestimmen soll. Vgl. Universität Luzern, Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät (2019): "Leitfaden Wissenschaftliches Schreiben."
3Vgl. Beckermann, Ansgar (2008): Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. Berlin, New York: De Gruyter.
4D.h. unabhängig von meinem tatsächlichen Handeln ausserhalb von 'philosophischen Abhandlungen'.
5Vgl. S.5.
6Dementsprechend werde ich mein Vorhaben hier auch noch relativ offen stehenlassen und nicht – wie es in einer klassischen 'Einleitung' üblich wäre – die inhaltliche Struktur der Arbeit bereits in der Einleitung vorwegnehmen.