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Den ganzen Sommer lang stand der Geigenspieler Abend für Abend an der Ecke hinter der Post. Sein Spiel gefiel mir, und weil ich nur selten in Eile war, wenn ich gegen sechs Uhr von der Arbeit kam, blieb ich einstweilen nur gelegentlich, später immer häufiger stehen, um ihm eine Weile zuzuhören.
Er war ein großer, schlanker Mann mit dunklen Augen und lockigen braunen Haaren, die er ziemlich lang trug. Seine Kleider waren zwar immer sehr schlicht, beinahe ärmlich, aber keineswegs schäbig. Und schließlich hätte er anziehen können, was immer er gerade wollte — seine vornehme Haltung, die Anmut seiner Bewegungen hätten aus jedem ausgedienten Arbeitsrock einen Smoking gemacht. Selbst unrasiert wirkte er gepflegt, und wie durch einen Zauber schien auch seine belangloseste Gebärde wohlüberlegt und gewichtig.
Außer seiner alten Geige und dem etwas verlotterten Geigenkasten hatte er eine große Reisetasche aus grauem Segeltuch bei sich, auf die er sich setzte, wenn er gerade nicht spielte; denn er spielte beileibe nicht immer. Manchmal saß er einfach da, schaute den vorbeigehenden Leuten zu oder las in einer Zeitung, die in keiner mir bekannten Sprache geschrieben war. Übrigens wusste niemand, woher er kam. Niemand hatte ihn je kommen noch gehen sehen: Er war einfach da oder war nicht da — spielte oder spielte nicht. Die Leute blieben stehen oder gingen vorbei. Einige wünschten sich, er möge nie aufhören zu spielen, anderen ging er sogar dann auf die Nerven, wenn er bloß in seiner Zeitung blätterte. Hin und wieder warf ihm jemand eine Münze in den Geigenkasten, andere wurden ausfällig und beschimpften ihn ebenso laut wie grundlos. Aber so ist es nun einmal mit den Straßenmusikanten.
Ich mochte es ganz besonders, mich auf der anderen Seite der Gasse auf den Hydranten zu setzen, um von dort aus seiner Kunst zu lauschen, um seinen flinken Bogen zu bestaunen, wie er bald zärtlich weiche Töne aus den Saiten streichelte, bald hart am Steg strenge Akkorde kratzte, um dann in schelmischem Spiccato über die Oktaven zu hüpfen und zu tanzen. Eine Viertelstunde saß ich da, ab und an eine halbe, selten länger.
Nach kaum zwei Wochen, seit ich zum ersten Mal bei ihm stehen geblieben war, war ich mir sicher, dass er mich inzwischen nicht nur erkannte, wenn ich des Weges kam, sondern dass er geradezu auf mich gewartet hatte und dass er sich über mein Zuhören so sehr freute wie ich mich über seine Musik. Wenn er mich nämlich kommen sah, spielte er, wie zur Begrüßung, immer die gleiche «Gavotte en Rondeau». Ja, mit der Zeit begann er diesen Brauch sogar so wichtig zu nehmen, dass er nicht einmal mehr das Stück zu Ende spielte, das er gerade vortrug, sondern — ohne abzusetzen — sich mit einigen kunstvollen Modulationen in meine Gavotte schwang, sobald er mich sah.
Fand ich ihn Zeitung lesend, und wollte ich also still an ihm vorbeigehen, um ihn nicht zu stören, so bemerkte er mich dennoch immer. Er legte dann schnell die Zeitung ab, griff nach der Geige, spannte den Bogen, zeigte mit diesem auf den Hydranten, lächelte, und schon strich behänd das Bogenhaar die Gavotte aus seinem Instrument. Er mochte mich.
Später, Mitte September, als der Herbst schon in der Luft lag, war er nur noch selten dort, und ich vermisste ihn sehr, wenn ich auf meinem Nachhauseweg ohne seine Musik durch die Gasse hinter der Post gehen musste. Im Oktober kam er nicht mehr.
Gegen Ende Oktober war es schon so kalt, dass ich den Wintermantel aus dem Kleiderschrank holte und das Haus nicht mehr ohne Schal und Handschuhe verließ. Ich dachte nur noch selten an den Geigenspieler, denn ich hatte mich damit abgefunden, dass ich ihn zumindest bis im Frühling nicht mehr sehen würde.
«Ich hätte ihn vielleicht doch einmal ansprechen sollen», dachte ich manchmal, wenn ich an der Post vorbeiging: «In irgendeiner Sprache hätten wir uns bestimmt ein wenig unterhalten können. Ich wüsste jetzt wenigstens, wo er wohnt und könnte ihn besuchen.»
Eines Abends, als ich von der Arbeit kam, sah ich an der Ecke, wo der Geigenspieler immer gestanden hatte, seinen Geigenkasten und die graue Segeltuchtasche liegen. Er selbst war aber nicht da.
«Wenn er nicht da ist», sagte ich zu mir selbst, ohne recht zu wissen, was ich davon halten sollte, «wird er sicher bald kommen. Die Geige und die Tasche sollte er nicht so leichtsinnig aus den Augen lassen. Bei allen Dieben, die sich überall in der Stadt herumtreiben, hieße es, Küchenschaben mit Honig füttern. Ich werde so lange auf die Dinge aufpassen, damit sie niemand stiehlt, und wenn er kommt, mein noch namenloser Freund, dann werde ich ihn zu mir einladen; eine warme Suppe wird ihm bei dieser Kälte guttun.»
Ich setzte mich also auf den Hydranten, als es mir dann zu kalt wurde, auf ein etwas weiter entferntes Holzbänklein, schließlich ging ich, mit den Füßen auf das Pflaster stampfend, auf und ab, wartete und wartete mehrere Stunden lang; so lange, bis auch in den letzten Schlafzimmern die Lichter erloschen. Der Geigenspieler kam nicht.
Was hätte ich tun sollen? Konnte ich etwa, nachdem ich so lange vergeblich gewartet hatte, die Geige und die Tasche am Ende dort liegen lassen als allzu leichte Beute für die Diebe? Oder hätte ich alles mit nach Hause nehmen sollen? Selbst wenn der Geigenspieler aus irgendeinem Grund darauf gekommen wäre oder von vornherein vermutet hätte, dass ich sein Gepäck mitnehmen würde, hätte er es nicht wieder holen können. Er wusste ja gar nicht, wo ich wohne.
An der Ecke war es wenigstens etwas windgeschützt — nicht windstill, aber auszuhalten. Ich setzte mich auf die Tasche, schlug den Kragen meines Mantels hoch und harrte dort weiter aus. Wieder vergingen Stunden, und der Straßenmusikant ließ sich nicht blicken. Hunger und Kälte plagten mich nach und nach, bis ich erschöpft einnickte.
Wie spät es war, als mich ein Securitas-Wächter weckte und mich fragte, ob ich kein Zuhause hätte, vermag ich nicht zu sagen, und ich brachte denn auch die Kraft nicht auf, ihm eine Erklärung abzugeben.
«Nimm deine Sachen und geh irgendwohin, wo es warm ist», sagte der Mann, der mich wohl für einen Vagabunden hielt, «sonst stehst du morgen nicht mehr auf!»
Ich nickte, nahm Tasche und Geigenkasten und machte mich auf den Heimweg.
Zu Hause trank ich reichlich heißen Tee und wärmte mir auch eine kräftige Brühe auf, so war ich bald wieder imstande, meine Gedanken zu ordnen. Und als meine Glieder endlich nicht mehr ganz so klamm und steif waren, ging ich in die Stube und holte die Sachen, die ich dort abgestellt hatte: die graue Tasche und den Geigenkasten.
Ich kann nun meine Verwunderung nicht beschreiben, die mir schier den Atem verschlug, als ich mich anschickte, den Reißverschluss der Tasche zu öffnen: Auf einem Schildchen standen mein Name und die Anschrift meines Elternhauses! Und ich erkannte dabei klar meine eigene Handschrift!
Nur nach und nach wurde ich mir bewusst, dass es meine Tasche war. Ich erinnerte mich jetzt daran, dass ich sie vor zehn oder zwölf Jahren von meiner Tante zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte und dass ich darin meine Kleider — meine Klamotten, wie ich sie damals nannte — zu verstauen pflegte, als ich noch kaum zwanzigjährig durch Europa reiste. Die Flecken auf der Unterseite hatte sie in der Métro in Paris abbekommen — damals war sie noch fast neu gewesen. Und der Reißverschluss der Außentasche versagte den Dienst im folgenden Sommer — das war in Bilbao. Die Lasche war in Rom gerissen, und in Lugano hatte ich großes Glück gehabt, dass ich die Tasche auf dem Fundbüro zurückerhielt.
Mein Gott! Wie viele Dörfer und Städte hatte ich bereist, wie viele Menschen hatte ich kennen und lieben gelernt… und wieder vergessen!
Da waren sie ja auch: meine Kleider, die alten Lumpen, die ausgelatschten Turnschuhe und der schmuddelige Schlafsack. Wie hatte ich alles bloß vergessen können!
Aber damit nicht genug: In der Tasche fand ich auch einen Brief, der an mich adressiert war. «Gavotte en Rondeau» stand da statt einer Unterschrift. Der Geigenspieler tat sich zwar schwer mit unserer Sprache, aber soviel verstand ich: er dankte mir dafür, dass er meine Sachen hatte benützen dürfen. Nun, da hätte ich sie ja wieder. Auch meine Geige habe er unversehrt zurückgebracht, und er hoffe, ich hätte sie nicht allzu sehr vermisst.
Vermisst? Was denn? — meine Geige? Sollte dies etwa die Geige sein, auf der ich lustlos meine Etüden kratzte, als ich noch zur Schule ging? «Die ist doch zu Hause bei meiner Mutter auf dem Dachboden», dachte ich, «unter der elektrischen Eisenbahn, vom Holzwurm sicher schon ganz durchlöchert.»
Nein! Nein! Es war sie wirklich. Ich erkannte sie wieder — da gab es keine Zweifel.
Aber wie war denn der Geigenspieler zu den Sachen gekommen? Ich war mir jedenfalls nicht bewusst, je eine Geige ausgeliehen zu haben, noch hielt ich es für möglich, dass ich irgendjemandem Kleider zugemutet hätte, die ich jetzt lieber der Müllabfuhr übergeben wollte.
Ich fand keine Antwort, und ich suchte auch nicht mehr lange danach, denn trotz der tiefen Dunkelheit jenes rauen Novembermorgens begann nun das Leben in der Stadt schon zu erwachen. Ich hörte noch die Mitbewohner, die als erste zur Arbeit gingen, das Haus verlassen, ich hörte den Elektrowagen des Milchmanns surren, dann legte ich mich auf das Sofa, streckte meinen Arm nach der Geige aus und zupfte an den Saiten: G, D, A, E. Etwas zu tief das E, aber sonst gar nicht übel. G, D, A, E.
«Morgen werde ich sie stimmen», nahm ich mir vor und schlief ein.
An jenem Tag ging ich nicht zur Arbeit. Ich schlief bis in die frühen Nachmittagsstunden hinein, stand dann auf, kochte Kaffee und stimmte die Geige.
Na ja! Ich versuchte es wenigstens. Es war nämlich gar nicht mehr so leicht, mit dem Ding umzugehen. Einmal war das A zu tief, einmal das D zu hoch, bald stimmte das E nicht mehr, und bald war die Geige verstimmter, als ich sie vorgefunden hatte. Von meinem Gekratze will ich gar nicht erst lange reden: es war scheußlich! So legte ich nach kurzer Zeit das Instrument entmutigt beiseite und trank meinen Kaffee.
Dabei blieb es aber nicht. Es verging keine Viertelstunde, bis die Lust mich wieder packte, es noch einmal zu versuchen. Jetzt setzte ich mir sogar vor, ganz ernst und seriös zu verfahren. Als erstes galt es, die richtige Haltung einzunehmen, die Geige nicht mit der linken Hand zu stützen, das Bogenhaar mit Kolophonium zu bestreichen, den Bogen richtig zu halten und zu führen, auf einen geraden Rücken zu achten und mich überhaupt aller Anweisungen und Ratschläge zu erinnern, die mir vor vielen Jahren meine alte Geigenlehrerin immer und immer wieder geduldig und unermüdlich wiederholt hatte.
Sie war ja wirklich stets sehr lieb zu mir gewesen, die gute Frau Panzini, obwohl ich ihre Liebenswürdigkeit nie mit dem gebührenden Dank vergolten hatte, weil sie vielleicht allzu deutlich, aber durchaus verständlicherweise, hatte durchblicken lassen, wie viel sie von meinem Talent hielt.
Wenn sie mich jetzt hätte hören können! Oh weh! Das hätte ihr strenges Urteil nur bestätigt. Eine einzige Sekunde ihres mitleidigen Blickes hätte genügt, mich völlig zu entmutigen, zu verkrampfen und zugleich hoffnungslos zu lähmen. Ich hätte ohne jeden Zweifel das Instrument ein letztes Mal weggelegt und endgültig dem Holzwurm überantwortet. Es hatte keinen Sinn, mir jetzt irgendetwas Tröstliches einreden zu wollen — es klang alles arg und schräg, sogar die leeren Saiten.
Aber ich konnte in diesem Augenblick trotzdem nicht aufgeben. Ich musste weitermachen! Es war ein inneres Diktat, etwas Unerklärbares, etwas, was mich über meinen Entschluss gar nicht erst nachdenken ließ.
«Ich werde die Geige nicht ablegen, Signora Panzini!», murmelte ich trotzig vor mich hin, «nicht bevor ich einen sauberen Ton hingekriegt haben werde.» Einen einzigen schönen Ton! Das war, was ich mir vorgenommen hatte, das wollte ich erreichen, und das würde mir denn früher oder später auch gelingen — davon war ich überzeugt.
Und es gelang mir! Nach unzähligen hartnäckigen Versuchen gelang es mir, nicht bloß einen, sondern vier, fünf oder sogar zehn ganz passable Töne zu spielen! Und es begann mir Spaß zu machen! Es war ein Riesenspaß! Ich spielte und spielte weiter, als ich das vorgesetzte Ziel längst erreicht hatte. Ich übte, bis es an den Wänden klopfte, bis die Türglocke und das Telefon läuteten, die Nachbarn über und unter mir auf den Fußboden stampften, beziehungsweise an die Decke schlugen.
Ich bin seither nicht mehr gern gesehen im Haus; wohl vor allen Dingen deshalb, weil es nicht bei diesem einen Mal blieb. Ich fing jetzt an, sehr fleißig und regelmäßig zu üben. Jeden Abend und fast das ganze Wochenende verbrachte ich jeweils damit, meine Technik zu verbessern. Allmählich wagte ich mich auch an schwierigere Etüden, und es dauerte nicht lange, bis ich weit besser spielte als damals, lebendiger und bewegender als in den Tagen, bevor ich die Geige abgelegt und vergessen hatte. Ich musizierte jetzt mit mehr Lust, mit mehr Freude und Herz.
Ich war ganz stolz und hatte das Bedürfnis, meine Geschichte dem mysteriösen Geigenspieler zu erzählen. Ich brannte darauf, ihm zu zeigen, wie ich es inzwischen verstand, mit dem Instrument umzugehen, war ungeduldig, ihn zu fragen, wie er zu meinen Sachen gekommen war, ob er jetzt eine andere Geige besaß, ob er überhaupt noch musizierte und, falls er es tat, wo er nun zu spielen pflegte…
Aber ich weiß ja nicht, wo er wohnt. Also gehe ich seit dem Frühjahr am Abend zur Post und warte dort an der Ecke, wo mein rätselhafter Freund im letzten Sommer immer gestanden hat. Vielleicht kommt er eines Tages wieder. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf.
Damit das Warten nicht ganz so langweilig ist, nehme ich die Geige mit. So kann ich mir mit der Musik die Zeit etwas vertreiben. Aber ich spiele beileibe nicht immer. Manchmal sitze ich einfach da und schaue den vorbeigehenden Leuten zu oder lese in einer Zeitung. Ich gehe auch nicht jeden Abend hin. Ich bin einfach da oder bin nicht da — ich spiele oder spiele nicht. Die Leute bleiben stehen oder gehen vorbei. Die einen wünschten sich, ich möge nie aufhören zu spielen, anderen gehe ich sogar dann auf die Nerven, wenn ich bloß in meiner Zeitung blättere. Hin und wieder wirft mir jemand eine Münze in den Geigenkasten, andere werden ausfällig und beschimpfen mich ebenso laut wie grundlos; wie es eben so ist mit den Straßenmusikanten. Aber ich warte. Ich warte auf meinen Freund, ich warte auf den Geigenspieler.
Wenn du einmal an der Post vorbeigehen solltest, an der Ecke, wo ich oft sitze oder stehe, wo ich spiele oder Zeitung lese, wenn du mich siehst und wenn du mich magst, setz dich doch auf der andern Seite der Gasse auf den Hydranten! Ich mag dich bestimmt, und ich spiele dir dann die «Gavotte en Rondeau».