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Stillen BasiswissenInhaltsverzeichnis
- Theoretische Grundlagen
- Ziele
- Grundsatzinformationen
- Vorteile der Stillbeziehung
- Für das Baby
- Für die Mutter
- Die Frau kennt die Anatomie und Funktion der Brust in der Stillzeit und weiss, wie die Milch gebildet wird.
- Sie weiss, dass die Muttermilch in verschiedenen Stadien unterschiedlich zusammengesetzt und den jeweiligen Bedürfnissen des Kindes ideal angepasst ist.
Anatomie
Während der Schwangerschaft wird das Bindegewebe in der Brust abgebaut und das Drüsengewebe wird weiter ausgebildet. Die Brust wird in der Regel grösser und schwerer. Die Venenzeichnung wird deutlicher und die Areola dunkler. In der 2. Hälfte der Schwangerschaft ist die Brust auf ihre Aufgabe zum Stillen vorbereitet.
Quelle: Medela.com
Neues Fachwissen:
- Die Milchgänge verzweigen sich nahe der Mamille
- Die bisher beschriebenen Milchseen existieren nicht
- Das Drüsengewebe befindet sich nahe an der Mamille
- Unter der Mamille befindet sich nur wenig subkutanes Fettgewebe
- Das Verhältnis von Drüsen- zu Fettgewebe in der laktierenden Brust beträgt 2:1
- 65 % des Drüsengewebes befindet sich in einem 30 mm Radius um die Basis der Mamille
- Die Mamille weist durchschnittlich 4 - 18 Milchausführungsgänge auf
- Das Netz der Milchgänge ist komplex, die Milchgänge sind nicht immer symmetrisch oder radial angeordnet
Im Warzenhof (Areola) befinden sich sensible Nervenendungen, welche die Milchbildung steuern, d.h. je mehr der Warzenhof und die Brustwarze stimuliert wird, umso mehr Milch wird gebildet. Auf der Areola befinden sich viele kleine Drüsen,die sogenannten Montgomerydrüsen. Diese vergrössern sich bereits in der Schwangerschaft. Sie sondern ein Lubrikat ab, welches Brustwarze und Warzenhofgeschmeidig hält, antibakteriell wirkt und als charakteristischer Duftstoff (Pheromon) der Mutter dient.
Grösse, Form und Asymmetrie der Brüste, Farbe und Grösse des Brustwarzenhofes und Form der Brustwarzen sind von Frau zu Frau verschieden und geben in der Regel keine Auskunft über die Stillfähigkeit.
Physiologie / Milchspendereflex
Mit dem Ausstossen der Plazenta fallen die Hormone Östrogen, Progesteron und Plazenta - Laktogen stark ab. Die Brustdrüsen füllen sich mit Milch, die während ca. drei Tagen postpartal aus Kolostrum besteht. Das saugende Kind und/oder die Pumpe lösen auf dem Warzenhof Nervenreize aus, die in die Hirnanhangdrüse (Hypothalamus) gelangen. Dadurch kommt es zur Ausschüttung von Prolaktin aus dem Hypophysenvorderlappen und von Oxytocin aus dem Hypophysenhinterlappen. Das Prolaktin ist für die Milchbildung verantwortlich. Das Oxytocin kontrahiert die Alveolen und die Milchgänge. Die Milch beginnt zu fliessen. Der Milchspendereflex (Let-down-Reflex) setzt ein. Im Durchschnitt haben die Mütter 2,5 Milchspendereflexe pro Stillmahlzeit. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals pro Stillmahlzeit und setzt die fetthaltige Milch frei. Konkret bedeutet dies: eine Brust ist nie leer. Durch die Stimulation des Warzenhofes wird der Milchspendereflex während einer Stillmahlzeit immer wieder von neuem ausgelöst und somit Milch gebildet.
Die Mutter kann das Auslösen des Milchspendereflexes an folgenden Zeichen erkennen:
- Prickelndes warmes Gefühl oder Stechen in der Brust
- die andere Brust beginnt zu fliessen
- das Baby schluckt schnell und regelmässig
Mütterliche Emotionen wie Angst, Unsicherheit, mangelndes Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit, Leistungsdruck, Verkrampfung, unruhige Atmosphäre, Nikotin etc., können den Milchspendereflex verzögern oder blockieren. Die Milch fliesst nicht. Folgende Massnahmen können dann hilfreich sein:
- Ruhige Atmosphäre schaffen, evtl. Besucher bitten zu gehen
- Ängste aussprechen lassen.
- Bewusstsein in die Fähigkeit zu Stillen unterstützen.
- Rotlicht anwenden oder feuchtwarme Wickel machen.
- Brustmassage
- Während dem Massieren die Frau auffordern tief zu atmen und an etwas Schönes zu denken, bzw. das Gespräch auf etwas Angenehmes lenken.
- Oxytocinspray (Syntocinon-Spray)
- Die Mutter beim Pumpen ein Foto ihres Babys betrachten oder Musik hören lassen.
- Pumpen mit einem schnelleren Zyklus und kleinem Vakuum, nach dem Auslösen des Milchspendereflexes den Zyklus reduzieren und das Vakuum erhöhen, wie es dem Wohlbefinden der Mutter entspricht.
Je mehr der Warzenhof stimuliert wird, desto mehr Milch bildet sich. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage.
In den ersten zwei Tagen werden die Prolaktin- und Oxytocinrezeptoren in der Brust besetzt, deshalb ist ein frühes Anlegen oder Pumpen wichtig für eine genügende Milchbildung, besonders bei Frauen mit frühgeborenen oder kranken Kindern.
Zusammensetzung der Muttermilch
Die Zusammensetzung der Muttermilch ändert sich laufend. Die Muttermilch ist den Bedürfnissen des menschlichen Neugeborenen ideal angepasst. Charakteristisch für das Menschenbaby ist das rasche Gehirnwachstum. Es braucht für das grosse, komplexe Hirn vor allem Aufbau- und Reifestoffe. (Im Vergleich: Hasen haben wegen ihrem schnellen Wachstum sehr proteinreiche Milch. Sie müssen sofort fähig sein, zu rennen und zu flüchten. Robben brauchen einen Schutz vor Auskühlung und haben deshalb die fettreichste Milch, die wir kennen.)
Kolostrum
Schon ab der 20. Schwangerschaftswoche wird Kolostrum in unterschiedlichen Mengen gebildet. Es ist dickflüssig, gelb und leicht verdaulich. Es regt den Abgang des Mekoniums an und kann dadurch das Risiko eines Ikterus senken. Das Kolostrum hat hohe Anteile an Immunglobulinen, Laktoferrin, Lysozym und Makrophagen, welche das Kind vor Viren, Bakterien und verschiedenen Krankheiten schützten. Es enthält eine 3mal höhere Konzentration an Natrium als Muttermilch. Deshalb braucht das Neugeborene weniger Flüssigkeit und scheidet weniger aus. Es geht also haushälterisch mit seinem Wasserhaushalt um.
Übergangsmilch
Im Gegensatz zum Kolostrum ist die Übergangsmilch flüssiger und weisser. Die Zusammensetzung ändert sich weiter bis zur Bildung der reifen Muttermilch.
Reife Muttermilch
Ab der 3. Lebenswoche sprechen wir von reifer Muttermilch, welche in ihrer Zusammensetzung für die ganze Stillzeit relativ stabil bleibt. Die Vordermilch, welche zwischen den Stillmahlzeiten gebildet wird, sieht wässrig, teilweise bläulich aus und ist vor allem laktosehaltig. Setzt der Milchspendereflex ein, wird die fetthaltige Hintermilch freigesetzt und gebildet. Tageszeit und Dauer einer Stillmahlzeit beeinflussen den Kaloriengehalt der Muttermilch erheblich. Die Phasen der drei beschriebenen Milchstadien dauern von Frau zu Frau verschieden lang.
Muttermilch in der Entwöhnungsphase
Wenn mit dem Abstillen begonnen wird, verändert sich die Zusammensetzung der Muttermilch noch einmal. Der Anteil an Abwehrstoffen nimmt erneut zu. Der Anteil von Natrium und die Proteine steigen an.
Frühgeborenenmilch (Prätermmilch)
Die Milch der Mutter eines Frühgeborenen ist den Bedürfnissen ihres Kindes mit seinen hohen Nahrungsanforderungen speziell angepasst. Sie enthält mehr Immunglobuline, Eiweiss- und Mineralstoffe. Die Unterschiede zwischen Prätermmilch und Termmilch (Muttermilch für Termingeborene) sind nur im ersten Monat nach der Geburt vorhanden, danach gleicht die Milch der reifen Muttermilch. Die Muttermilch ist den jeweiligen Bedürfnissen des Kindes und seinem Alter entsprechend ideal angepasst. Sie ist die unübertroffene Ernährung für das Kind während den ersten sechs Monaten.
Verschiedene Farben der Muttermilch
Reife Muttermilch kann zu Beginn der Mahlzeit wässrig und bläulich sein. Das heisst nicht, dass die Muttermilch nun keinen Nährwert mehr hat. Bei der wässrigen Milch handelt es sich um die Muttermilch, welche zwischen den Mahlzeiten gebildet wird. Die fetthaltige weisse bzw. cremefarbige Milch wird erst dann produziert, wenn die Milch zu fliessen beginnt bzw. das Baby regelmässig schluckt. Abhängig von der Nahrungszufuhr oder Medikamenteneinnahme kann die Muttermilch auch grünlich, pinkrosa usw. aussehen.
Massnahmen
- Die Pflegende informiert die Mutter gemäss ihrer Aufnahmefähigkeit und angepasst an die Relevanz für den Alltag über die Anatomie und Physiologie der Brust sowie über die Zusammensetzung der Muttermilch.
- Sie kann der Mutter die Funktion des Milchspendereflexes erklären und die förderlichen Massnahmen zum Auslösen des Milchspendereflexes aufzeigen.
- Die Pflegende ist sich der Einzigartigkeit der Muttermilch bewusst und kann die Mutter entsprechend aufklären.
Schutz gegen Infektionen
Gestillte Kinder leiden seltener an Durchfall, Magen-Darm-Infektionen, Atemwegserkrankungen, Otitis Media, Harnwegsinfektionen, Diabetes, Morbus Crohn, nekrotisierende Enterocolitis, usw.
- 1 ml Muttermilch enthält 4'000 lebendige Zellen.
- Lymphozyten und Makrophagen nehmen als solche eine Abwehrfunktion gegen Krankheiten ein. IGA, Lactoferrin und Lysozym schützen speziell, die zu früh oder mit Immundefekt geborenen Kinder.
- Die Muttermilch enthält Antikörper für das Baby gegen Krankheiten, denen die Mutter ausgesetzt war und ist.
- Verdauungsenzyme, Laktase und Lipase helfen die Nährstoffe der Muttermilch zu verdauen (hohe Bioverfügbarkeit).
- Der in der Muttermilch / Kolostrum enthaltene Bifidusfaktor unterstützt die Besiedlung des Darms mit Laktobazillen in Anwesenheit von Laktose. Der dadurch tief gehaltene pH-Wert im Magen-Darm-Trakt hemmt das Bakterienwachstum.
1.2 Allergieprävention
- Durch Muttermilch entwickelt sich der Darmtrakt des Kindes schneller als mit künstlicher Säuglingsnahrung. Das Eindringen von Fremdeiweiss durch die Darmwand wird weitgehend verhindert, da das IGA die Darmwand auskleidet.
- Eine einmalige Gabe von künstlicher Babynahrung in den ersten Lebenstagen erhöht das spätere Allergierisiko.
- Es wurde eine bessere psychomotorische, psychische, soziale und geistige Entwicklung beobachtet.
- Es treten weniger Karies, kieferorthopädische und logopädische Probleme auf.
- Die Reaktion auf Impfungen ist besser, gestillte Babys weisen ein höheres Mass an Antikörpern auf.
- Die Gebärmutter bildet sich schneller zurück. Dadurch wird die Infektions- und Blutungsgefahr gesenkt.
- Das Risiko an Brust- und Eierstockkrebs in der Menopause sowie an Osteoporose zu erkranken ist bei Frauen, die gestillt haben, deutlich tiefer.
- Das Hormon Prolaktin hat eine beruhigende Wirkung auf das Allgemeinbefinden der Mutter und Oxytocin löst mütterliches Verhalten aus.
- Stillen steigert das Selbstvertrauen in die Fähigkeit der Mutter, ihr Kind sowohl zu pflegen, zu schützen, als auch zu ernähren.
- Durch die feste emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind, ist es für die Mutter einfacher feinfühlend und adäquat auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen.
- Das Risiko einer postnatalen Depression wird durch Stillen vermindert.
- Der alltägliche Arbeitsaufwand ist beim Stillen geringer als beim Verabreichen von Flaschennahrung.
- Das Stillen erleichtert die Babyernährung in der Nacht und auf Reisen.
- Die Muttermilch ist überall verfügbar, wohl temperiert immer frisch und sauber.
Im Weiteren spart die Familie täglich die hohen Kosten (über Fr. 150.- pro Monat) für die künstliche Babynahrung. Da gestillte Kinder weniger häufig krank werden, reduzieren sich die Arbeitsausfälle berufstätiger Mütter und im Gesundheitswesen kann gespart werden. Die künstliche Babynahrung stellt eine grosse Belastung für die Umwelt dar (Transport von Kuhmilch, Herstellung, Verpackung, usw.)
Autor: S. Gröger
Autorisiert: M. Hodel
Version: 04.01.2016
Gültig bis: 30.06.2021