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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XLIV. (Nr. 98.) An Bonifatius
1.
Du stellst an mich die Frage, ob die Eltern ihren getauften Kindern Schaden zufügen, wenn sie sie durch Teufelsdienst zu heilen suchen; und wenn dies nicht der Fall ist, wie den Kindern bei der Taufe der Glaube der Eltern zugute kommen könne, da ihnen deren Gottlosigkeit nicht zu schaden vermöge. Darauf erwidere ich, daß die Kraft dieses Sakramentes, nämlich der gültigen Taufe, infolge der durch sie bewirkten heiligen Verbindung mit dem Leibe Christi so groß ist, daß, wer durch fleischliche Lust anderer geboren, aber auch durch den geistigen Willen anderer einmal wiedergeboren ist, hernach nicht mehr mit den Banden einer fremden Schuld umschlungen werden kann, wenn er ihr nicht mit eigenem Willen beistimmt. „Die Seele des Vaters ist mein“, spricht der Herr, „und die Seele des Sohnes ist mein. Die Seele, die gesündigt hat, soll selbst des Todes sein“1. Sie sündigt aber nicht selbst, wenn ohne ihr Wissen die Eltern oder sonst jemand sie mit Teufelsdienst in Berührung bringen. Die Sünde aber, die durch die Gnade dieses Sakramentes zu tilgen war, hat sie deshalb von Adam geerbt, weil sie noch keine für sich bestehende, keine zweite Seele war, von der man hätte sagen können: „Die Seele des Vaters ist mein, und die Seele des Sohnes ist mein.“ Ist sie also ein Mensch für sich, vom Erzeuger unterschieden, so hat sie ohne eigene Einwilligung an der Sünde eines anderen keinen Anteil. Die Schuld hat sie also geerbt, weil sie zur Zeit, da sie sie erbte, eins war mit dem und ein Ganzes bildete mit dem, von dem sie die Schuld erbte. Wenn aber bereits beide ihr eigenes Leben führen, so erbt keines mehr vom anderen, sondern es gilt das Wort: „Die Seele, die gesündigt hat, soll selbst des Todes sein.“
1: Ezech. 18, 4.