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Station 8
Die beiden Aushängeschilder am Lyzeum
Um die Höhere Lehranstalt für die neue Zeit fit zu machen, setzte der Bildungsreformer Eduard Pfyffer 1819 eine Erneuerung des Lehrkörpers durch und liess drei von sieben Lehrstühlen mit Nicht-Theologen besetzen. Mit zwei von ihnen kam die Höhere Lehranstalt zu Gelehrten, die jeder Universität zur höheren Ehre gereicht hätten:
Joseph Eutych Kopp wurde auf die Professur für Philosophie berufen. Er wurde zum Pionier der quellenkritischen Erforschung der eidgenössischen Gründungsgeschichte.
Auf den Lehrstuhl für Philosophie und Universalgeschichte wurde der Arzt Paul Vital Troxler aus Beromünster berufen. Der charismatische Lehrer setzte sich ein für die Volkssouveränität, die Rechtsgleichheit und für liberale Freiheitsrechte, was jedoch beim katholischen Restaurationsregime nicht gut ankam.
Näheres dazu erfahren Sie im Audiobeitrag oder im vollständigen Text "Die beiden Aushängeschilder am Lyzeum".
Für kurze Zeit wirkten am reorganisierten Lyzeum zwei Gelehrte, die jeder Universität der damaligen Zeit zur Zierde gereicht hätten: der Philologe Joseph Eutych Kopp (1793-1866) und der Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780-1866). So sehr sie sich in Temperament und politischer Haltung auch unterschieden, zeigten sich in ihren Karrieren bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Beide wurden in keine privilegierte Luzerner Patrizierfamilie hineingeboren, sondern wuchsen in bescheidenen Verhältnissen im Marktflecken Beromünster auf. Beide zeichneten sich durch herausragende schulische Leistungen, bemerkenswerte Arbeitskraft und akademischen Ehrgeiz aus. Nachdem sie die Stiftsschule in Beromünster und das Lyzeum in Luzern absolviert hatten, gehörten sie zu den ersten Luzernern überhaupt, die an Universitäten in Deutschland studierten und akademische Abschlüsse erwarben. Beide hatten äusserst vielseitige Begabungen – Kopp machte sich als klassischer Philologe, Mittelalterforscher und Dramatiker einen Namen, Troxler als Arzt, Philosoph und Vordenker des 1848 gegründeten Bundesstaates. Daneben übernahmen beide auch politische Ämter – Kopp als moderater katholischer Konservativer und Troxler als Radikaldemokrat.
Joseph Eutych Kopp verbrachte seine ganze Berufskarriere am Lyzeum, wo er bis 1865 alte Sprachen unterrichtete. Nationale Bedeutung erlangte er als Bahnbrecher der kritischen, auf der minutiösen Analyse von Quellen beruhenden Geschichtswissenschaft. Mit dem von ihm herausgegebenen Werk "Urkunden zur Geschichte der eidgenössischen Bünde" (1835/51) und der von ihm verfassten "Geschichte der eidgenössischen Bünde" (1845ff.) entwarf er erstaunlich früh ein neues, mythenfreies Bild der eidgenössischen Entstehungsgeschichte. Die Gründungslegende von Wilhelm Tells Tat und die ganze Befreiungstradition entfielen darin als Grundsteine der frühen eidgenössischen Bünde. Diese Deutung trug ihm die Feindschaft vieler Tell-Begeisterter ein, konservativer und auch freisinniger Patrioten. Die kritische Forschung bestätigte mehr als ein Jahrhundert später seine Forschungsergebnisse weitgehend. Kopp stellte wissenschaftliche Wahrheitssuche über politische Opportunität – genau so, wie es unbestechliche Gelehrte tun sollten.
Ignaz Paul Vital Troxler lehrte – anders als sein zeitweiliger Kollege – nur kurz in Luzern, bevor der "Tägliche Rat" diesen freiheitsliebenden Querdenker als Professor wieder entliess. Troxler hatte sich in Wort und Schrift als Anwalt der Volkssouveränität, der Rechtsgleichheit und der liberalen Freiheitsrechte exponiert, was das konservative Restaurationsregime, das keine Mitsprache des Volkes, keine Gewaltenteilung und keine wirkliche parlamentarische Arbeit kannte, als direkten Angriff auf sich wertete. Im August 1821 spitzte sich der seit der Berufung Troxlers schwelende Konflikt zu. In eben jenen Tagen befand sich viel aristokratische Prominenz aus dem In- und Ausland in der Stadt, um mit prominenten lokalen Bürgern die Einweihung des Löwendenkmals zu begehen. Dieses wuchtige Monument erinnert an ein Ereignis des Jahres 1792: an die Verteidigung der Tuilerien durch Hunderte von eidgenössischen Söldnern und deren ehrenvollen oder je nach Sichtweise sinnlosen Tod im Dienst von König Ludwig XVI. Vor seinen Studenten soll Troxler das nach einem Entwurf des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen aus dem Felsen gehauenen Löwen als "Monument des Sklaventums" verächtlich gemacht haben. Als er zehn Tage später in "Fürst und Volk nach Buchanan’s und Milton’s Lehre" die Volkssouveränität als einzig rechtmässige Regierungsform verteidigte, entliess die Obrigkeit diesen leidenschaftlichen Vorkämpfer für die Demokratie fristlos.
Nachhaltig geschadet hat Troxler diese Entlassung nicht. Zunächst hielt er sich als Arzt im freiheitlich gesinnten Aargau über Wasser. Dann erhielt er an der altehrwürdigen Universität Basel 1830 die erste Professur für Philosophie. Weil er Sympathien für das Baselbiet zeigte, das sich gegen die Herrschaft der Stadt auflehnte, schickte ihn die Obrigkeit nach kurzem Gastspiel erneut in die Wüste. 1834 berief ihn die neu gegründete Universität Bern auf ihren Lehrstuhl für Philosophie. Von hier aus trat er in folgenden Jahren für eine radikale Bundesrevision und die Gründung eines schweizerischen Bundesstaates ein. Nach dem Sonderbundskrieg liessen sich die Verfassungsväter von einer Broschüre Troxlers inspirieren, in der er sich für ein parlamentarisches Zweikammersystem nach amerikanischem Vorbild aussprach. Dadurch sollten die Gegensätze zwischen Volkswillen und den Kantonsinteressen aufgelöst werden. Am 6. November 1848 traten National- und Ständerat erstmals zusammen. Seither bildet das Zweikammersystem einen der Pfeiler des schweizerischen Politsystems. Nur wenige wissen heute noch, dass sich dieses einem politisch engagierten Gelehrten verdankt, der in seinem Heimatkanton lange als radikaler Hitzkopf verschrien war.