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Die bronzene Zierscheibe stammt aus einem Frauengrab, von welchem nur der untere Grabbereich freigelegt wurde. Sie war Bestandteil eines weiblichen Trachtelementes, des Gehänges, das als Band vom Gürtel abging. Daran hing allerlei Nützliches und Unnützliches: In Löhningen waren Schere, Kamm, Tigermuschel, Zierscheibe mit Elfenbeinring sowie ein Messer daran befestigt. Unschwer lassen sich die «Anhängsel» in die Kategorien «Gerät» und «Amulette» einteilen.
Die Archäologen sind sich einig darüber, dass die aus dem Indischen Ozean stammende Tigermuschel als Fruchtbarkeitsamulett anzusprechen ist. Dagegen war die Deutung der Darstellung auf der Zierscheibe lange Zeit umstritten.
Im Zentrum, im Innern eines Kreises, ist die bärtige Gestalt eines Mannes mit erhobenen Armen zu erkennen. Unlängst konnte M. O. Speidel in einer Studie zur germanischen Ikonographie und Mythologie darlegen, dass es sich dabei um die sehr seltene südgermanische Darstellung des Gottes Wodan, im Norden später Odin genannt, handelt. Wodan war der germanische Göttervater, gleichzeitig auch Kriegs- und Totengott.
Die Attribute Wodans sind im äusseren Bildring der Zierscheibe dargestellt, in Form stilisierter Adler- und Schlangenköpfe. Die vierfache Abfolge von Adler und Schlange entspricht gleichsam einer vierfachen Umschrift im Sinne von "Wodan, Wodan, Wodan, Wodan". Das innere Bild zeigt den Götterfürsten selber, sitzend mit gespreizten Beinen, übergrossem männlichem Glied und sechs Hoden als Symbole seiner Zeugungskraft, mit wallendem Haar, das er mit seinen Händen umfasst. Ikonographisch lässt sich Wodan als "Spreizsitzer-Haarfasser" mehrfach auf nordischen Zierteilen nachweisen, häufig ebenfalls in Verbindung mit Adler und Schlange.
Im gleichen Grab fanden sich auch zwei bronzene Beschläge ehemaliger Riemenzungen. Sie zeigen "menschliche Fratzen". Auch für sie lassen sich Parallelen im nordischen Kulturkreis finden, welche die Deutung als Wodan auf einer monumentalen Säule (Irmensäule) nahelegen.
Vor der Christianisierung waren Heilsbilder für die religiöse Verehrung noch sehr selten. Schriftquellen berichten über die Verehrung von Naturmalen wie Schluchten, Quellen, Bäumen etc. Die Zierscheibe ist dagegen eine der seltenen Darstellungen einer heidnischen Gottheit.
Objekt:
Bronzene Zierscheibe
Datierung:
Frühmittelalter (7. Jh. n.Chr.)
Fundort:
Löhningen-Hirschen
Weitere Informationen:
Markus O. Speidel, Wodans wiederkehrende Welt. Die Zierscheibe von Löhningen in der Kunst des germanischen Götterglaubens. In: Helvetia archaeologica 42/2011 – 168, 106–146.
Markus O. Speidel, Wodan auf Irmensäulen der Alamannia. Frühmittelalterliche Funde des 7. Jh. In: Helvetia archaeologica 178/179, 2014.