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Seit Anfang der 2000er gibt es in den USA einen beinahe unsichtbaren Killer: Fentanyl.
Das künstlich hergestellte Opioid ist eines der stärksten Schmerzmittel überhaupt. Es wirkt bis zu 50-mal stärker als Heroin und bis zu 100-mal stärker als Morphin – und wird deshalb oft als Droge missbraucht.
Zwei Milligramm reichen für eine Überdosis. In den USA stirbt alle sieben Minuten eine Person an einer Fentanyl-Vergiftung. Jährlich verschärft sich die Krise. Im letzten Jahr hat die US-Anti-Drogen-Polizei (DEA) «genug Fentanyl sichergestellt, um alle Amerikaner zu töten».
Warum Fentanyl auch versehentlich eingenommen werden kann – und wie die Droge Heroin und andere Substanzen verdrängt:
Um die Krise zu verstehen, müssen wir erst auf ein anderes Schmerzmittel, das zum Suchtmittel wurde, zurückblicken: Oxycontin.
Opioid-Krise oder auch Opioid-Epidemie nennt man in den USA den starken Anstieg an Drogentoten in Zusammenhang mit Opioid-Schmerzmitteln. Hauptauslöser der Krise war das Schmerzmittel Oxycontin aus der Gruppe der Opioide, das 1996 auf den amerikanischen Markt kam – und als harmloses Wundermittel gefeiert wurde.
Der Arzneimittelhersteller Purdue Pharma sprach damals von einem Durchbruch sondergleichen: Schon eine Dosis lindere Schmerzen für 12 Stunden – mehr als doppelt so lange wie vergleichbare Produkte, die bislang auf dem Markt waren. So müssten die Patienten nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen, um ihre Medikamente einzunehmen.
Mit dem Versprechen, dass das Schmerzmittel nur geringes Suchtpotenzial aufweise, wurde Oxycontin innert weniger Jahre zu einem der meistverkauften Schmerzmittel Amerikas. Das Mittel wurde selbst bei alltäglichen Schmerzen verschrieben.
Bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund, dass der Hauptbestandteil des Medikaments aus Oxycodon besteht, ein 1916 in Frankfurt am Main entwickeltes Schmerzmittel, welches bereits in den 1920er-Jahren als Droge missbraucht wurde.
Oxycontin wurde 1999 unter dem Slogan «The One to Start With and the One to Stay With» beworben – und bewahrheitete sich für die Behandelten auf tragische Weise. Viele Menschen stürzten in eine starke Abhängigkeit. Denn Opioide greifen massiv in die Hirnchemie ein und können schnell zu einer Abhängigkeit führen.
Das Medikament gilt als Treiber der Opioid-Krise in den USA – und Ursprung der heutigen Fentanyl-Krise. Denn auf der Suche nach einer günstigen Variante tauchte das Schmerzmittel Fentanyl auf. Das Medikament war bereits Jahre zuvor in der Medizin zum Einsatz gekommen. Jetzt folgte sein Aufstieg zur Killerdroge. Denn: Das Opioid ist günstiger.
Die Geschichte von Fentanyl reicht in die 60er zurück. Zu Beginn verabreichte man das Opioid als Schmerzmittel in der Anästhesie sowie zur Therapie chronischer Schmerzen. Bereits damals machten Kritiker auf die Substanz als möglichen Kandidaten für Drogenmissbrauch aufmerksam.
Die Befürchtungen waren nicht unbegründet. Denn schon das Schmerzmittel Morphium machte zuvor als Heil- und Rauschmittel Karriere. Doch Fentanyl ist weitaus wirksamer – man benötigt nur rund ein Hundertstel, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
Die Gefährlichkeit des Pulvers kann kaum überschätzt werden. Bereits zwei Milligram des Pulvers können bei einer Erwachsenen Person zu einer Überdosis führen.
Beim geruchslosen Pulver handelt es sich um synthetisches Opioid – es kann also künstlich im Labor hergestellt werden und benötigt kein Rohopium (Milchsaft der Schlafmohnpflanze), das bei der Produktion anderer Opioide, beispielsweise für Morphium, benötigt wird. Das wiederum verschafft Fentanyl den «Vorteil», dass es nicht auf Ernten oder Krisenländer wie Afghanistan, wo Mohn angebaut wird, angewiesen ist.
Da das weisse Pulver leichter erhältlich und entsprechend erschwinglicher ist als andere Opioide, wird Fentanyl oft als Streckmittel illegaler Drogen wie Heroin, Kokain, Amphetamin oder auch in Form von gepressten Tabletten verwendet.
Zudem lässt sich das Pulver einfacher schmuggeln. Das synthetische Opioid ist so stark, dass ein Jahresvorrat an reinem Fentanyl-Pulver für den US-Markt auf die Ladefläche von zwei Pickups passen würde, schreibt die «Washington Post».
Im Jahr 2013 nahm der Missbrauch von Fentanyl in den USA stark zu. Mittlerweile ist die Substanz der «Marktführer» unter den Opioiden, die als Drogen missbraucht werden. Dem National Library of Medicine zufolge leiden in den USA drei Millionen Menschen unter einer Opioid-Abhängigkeit – weltweit sind es 16 Millionen Menschen.
Die Pandemie habe die Opioid-Epidemie noch verschärft, heisst es in einem Bericht der Centers for Disease Control and Prevention. Da die Menschen isoliert waren und viele ihre Arbeit verloren haben, sei die Droge zu einer Ablenkung und zu einem Trost geworden.
Die Hauptquellen für illegales Fentanyl in den USA sind der Drogenvollzugsbehörde zufolge die mexikanischen Drogenkartelle Sinaloa und Jalisco. Die notwendigen Chemikalien organisieren die Kartelle wiederum hauptsächlich in China und Indien. Durch LKWs und PKWs schleusen sie die Pillen über offizielle Übergange der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. Unter die Leute gebracht werden die Pillen über Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook, TikTok und Co.
Die Mortalitätsrate durch eine Überdosierung von Drogen hat in den Pandemiejahren bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 von 253 im Jahr 2019 auf 680 im Jahr 2022 zugenommen. Vergangenes Jahr ist die Zahl auf 884 gestiegen. Fast 80 Prozent der Todesfälle standen im Zusammenhang mit Fentanyl.
Da Fentanyl häufig andere Substanzen beigemischt wird, kann das weisse Pulver auch unbeabsichtigt konsumiert werden, was versehentlich zum Tod führen kann. Gemäss Drogenvollzugsbehörde standen 25 Prozent der Todesfälle im Zusammenhang mit gestreckten Medikamente.
So starb auch die 15-jährige Melanie Ramos. Im September 2022 wurde die Schülerin auf der Schultoilette in Los Angeles tot aufgefunden. Die junge Frau habe ein Medikament eingenommen, das sie für ein Schmerzmittel hielt und auf dem Campus kaufte. Als Todesursache wurde eine Fentanyl-Überdosis festgestellt. Das Medikament war verunreinigt.
Die Frage, ob die verstorbenen Jugendlichen die Medikamente unbeabsichtigt einnahmen oder wussten, dass die Pillen gefälscht waren, bleibt in vielen Fällen ungeklärt.
Fest steht: Allein in den USA beschlagnahmte die Polizei im letzten Jahr 4530 Kilogramm Fentanyl als Pulver. Dies sei genug, «um jeden Amerikaner zu töten». Zudem ergaben Labortests, dass sechs von zehn gefälschten Medikamenten eine «potenzielle tödliche Dosis» Fentanyl enthielten. Die Drogenvollzugsbehörde teilte mit: