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Helmut Zander
1. Europäische Religionsgeschichte
Im Rahmen einer Globalisierung religiöser Entwicklungen ist die Position einer „europäischen“ Religionsgeschichte aus zwei Gründen neu zu bestimmen: Zum einen gibt es Hybridisierungs- und Austauschprozesse auf globaler Ebene, zum anderen existieren weiterhin Religionskulturen, die von regionalen Faktoren oder von einzelnen Religionen geprägt sind. In dieser Perspektive sind die Spezifika einer europäischen Religionsgeschichte zu beschreiben (so wie man analog die Spezifika von religiösen Entwicklungen in anderen Regionen beschreiben könnte). Eine Monographie zu strukturellen Eigenheiten einer so verstandenen europäischen Religionsgeschichte ist gerade erschienen ("Europäische" Religionsgeschichte. Religiöse Zughörigkeit durch Entscheidung - Konsequenzen im interkulturellen Vergleich, 2016)
2. Katholische Esoterik
Ein Sammelband, herausgegeben von H. Zander / V. Vitanova-Kerber ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich 2023 bei DeGruyter erscheinen.
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Viktoria Vitanova-Kerber
Der "neue Mensch" zwischen Esoterik und Sozialismus in Bulgarien
Ausgangspunkt dieses Dissertationsprojektes ist Ljudmila Zhivkova (1942–1981) – die Tochter vom Vorsitzenden der Bulgarischen Sozialistischen Partei Todor Zhivkov (1911–1998) und die einflussreichste Politikerin des Spätsozialismus in Bulgarien. Gleichzeitig folgte sie verschiedenen esoterischen Lehren – dem „Angi Yoga“ von Nicholas und Helena Roerich, Helena Blavatskys Theosophie, Peter Deunov’s “Weiße Bruderschaft“ sowie Sri Aurobindos reformpädagogischen Ideen. Was dies religionswissenschaftlich relevant macht, ist die Verschmelzung dieser beiden Aspekte in ihrer Person: Sie hat aus der Position einer einflussreichen Politikerin esoterische Ideen auf nationaler Ebene in einem sozialistischen atheistischen Land umgesetzt. Durch ihre Fürsprache wurden wissenschaftliche Einrichtungen für Parapsychologie geschaffen. Nicht nur hat Zhivkova sie zu Zentren der Wissenschaft und des Schulbildungswesens gemacht, sondern auch eine Reihe von Veranstaltungen zur Popularisierung von Roerichs Ideen durchgeführt und esoterische Symbolik an Schlüsselgebäuden der sozialistischen Gesellschaft integriert. Zudem pflegte sie gute Beziehungen zu der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche und organisierte, neben den mehreren Roerich-Ausstellungen, auch solche von orthodoxen Ikonen. Diese Elemente ihrer Kulturpolitik, die in Widerspruch zur gesamtsowjetischen antireligiösen Agenda standen, sorgten für innen- und außenpolitische Spannungen. Wie war ihr dies in einem atheistischen sozialistischen Land möglich? Welche rhetorischen, materiellen und personalen Ressourcen hat sie dafür mobilisieren können? Auf einem höheren Analyseniveau fungiert der Fall Zhivkova als eine spezifische Konstellation von Religion und Politik, die auch für das postsowjetische östliche Europa Erklärungspotentiale aufweist.
Das Promotionsprojekt reiht sich in den religionswissenschaftlichen Fachdiskursen zu Esoterikforschung sowie Religion und Politik ein. Herauszufinden, mit welchen Mechanismen das Spannungsverhältnis zwischen Esoterik und Sozialismus im sozialistischen Bulgarien verhandelt wurde, wird die Beziehung zwischen Religion und Politik auf dem Balkan verstehen helfen. Dadurch wird der Fall Bulgariens für den internationalen Vergleich erschlossen. Außerdem ist das Promotionsprojekt ein Beitrag zu einer globalen Religionsgeschichte, abseits von Zentrum-Peripherie- oder Kolonialismus-Postkolonialismus-Debatten.
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Maren Sziede
Der Spiritismus und die modernen Medien (1770-1930)
Die Geschichte der (technischen) Medien des 20. Jahrhunderts ist ohne den Spiritismus nicht zu verstehen, weil dessen ‚Geisterkommunikation‘ Strukturmerkmale besaß, die auch die technischen Medien denkmöglich machten: etwa die Konzeption von Fernwirkungen oder die Entmaterialisierung der Kommunikation. Diese Geschichte ist nicht, wie bislang zumeist, vor allem als Ergebnis des 19. Jahrhunderts zu lesen, sondern steht im Rahmen eines seit der Frühen Neuzeit laufenden und im Konzept einer historischen longue durée zu deutenden Prozesses.
In einem ersten Schritt soll die ‚Genese‘ des Spiritismus zwischen 1770 und 1930 rekonstruiert werden, unter besonderer Berücksichtigung der kaum erforschten Phase um 1800. Untersucht werden die anthropologischen Debatten über erweiterte Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen (‚höhere Erkenntnis‘) und deren Transformation, durch die der Spiritismus zu einer Art religiöser ‚Naturwissenschaft‘ wird, in dem etwa Fernwirkungen diskutiert und experimentell untersucht wurden – an menschlichen wie an technischen Medien.
Ziel der Untersuchung ist es, (1.) die Verdrängung des Spiritismus aus der Mediengeschichte zu revidieren und (2.) den Spiritismus wiederum aus dem Getto ‚esoterischer‘ Forschung zu befreien und ihn in die allgemeine Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert zu integrieren. Damit werden (3.) Quellen und Kontexte der Mediengeschichte sichtbar, die diese weniger als eine Geschichte der Erfindung technischer Medien, sondern vielmehr als Produkt polysemer kultureller Prozesse ausweist.
Diese Forschung ist Teil des Verbundprojektes "Gesellschaftliche Innovation durch 'nichthegemoniale' Wissensproduktion".