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Der Schriftsteller H. G. Wells (1866–1946) ist vor allem für seine furchteinflössenden Visionen von der Ungewissheit bekannt, welche die Zukunft für die Menschheit bergen könnte. Dies gilt insbesondere für seine bekanntesten Romane «Die Zeitmaschine» (1895) und «Krieg der Welten» (1898), die dem Optimismus von Industrialisierung und technologischen Durchbrüchen entschieden entgegenwirkten.
Nur etwas weniger Aufmerksamkeit hat sein 1896 veröffentlichter Roman «Die Insel des Doktor Moreau» erfahren, der ebenfalls dem Frühwerk des Autors zugehört, mehrfach verfilmt worden ist und nun in neuer Übersetzung von Felix Paul Greve vorliegt. Darin wird die Geschichte des Schiffbrüchigen Edward Prendick erzählt, der nach der vermeintlichen Rettung auf ein entlegenes Eiland im Südpazifik zunächst mit einer Reihe unheimlicher und unerklärlicher Begegnungen konfrontiert ist. Nach und nach wird er sich gewahr, dass er es mit einer Forschungsstation zu tun hat, die fernab etwaiger Zeugen für höchst unethische Experimente eingerichtet worden ist. Betrieben wird das heimliche Labor von dem aus England vertriebenen Doktor Moreau, der Prendick gesteht, dass er Dutzende Tierwesen kreiert habe, die jeweils aus mehreren Lebewesen zusammengesetzt seien und eine Art primitiver Gesellschaft hervorgebracht hätten, die frühen, kultähnlichen Formen der Menschheit ähnelt. Die Konfrontation mit einer Natur, die durch die mutwillige Zerstörung von Grenzen neu geordnet wird, sich daraufhin verselbständigt und sich rasch zur immensen Gefahr für ihre Schöpfer entwickelt, erweist sich für Prendick als verstörender Spiegel der eigenen Psyche.
Der Regisseur Guillermo del Toro, der für eine Neuverfilmung des Romans prädestiniert ist, hat in seinem Vorwort erklärt, dass Wells’ Erzählungen «immer weiter über den blossen Nervenkitzel hinauswachsen». Zwar ist der Schriftsteller nicht als Kritiker des Totalitarismus bekannt geworden, zumal auch dieser Roman lange vor den politischen Wahnsystemen des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Allerdings bargen seine Arbeiten stets weitaus mehr als moralische Gesellschaftskritik: Das, was hier im Kleinen als Machwerk eines enthemmten Individuums geschildert wird, mag der eigenen Überlegenheit zwar in geografischer Ferne verstörende Gestalt verleihen, eine staatliche Adaption dieser Technik liegt jedoch bereits im Bereich des Möglichen.
Während die offensichtliche Versuchung darin besteht, «Die Insel des Doktor Moreau» als Warnung vor dem Machbarkeitswahn der Gentechnik zu deuten, zeigt sich heute, im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert, dass sich die Fabrikation von «Fleischlego» – eine äusserst treffende Formulierung der englischen Feministin Mary Harrington – keineswegs auf die Verwischung der Gattungen beschränkt, sondern Neokreationen unter Menschen als eigentliche Gefahr kenntlich werden. Bill Sienkiewicz hat die Illustrationen zu dieser schönen Ausgabe beigesteuert, die nicht die beunruhigendsten Aspekte der Geschichte hervorheben, sondern das Drama, das der Begegnung des Menschen mit dem radikal Anderen innewohnt. Eine ungemütliche Lektüre angesichts der ungewissen technologischen Pfade, die die Zivilisation noch einschlagen dürfte.