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Was ist das: Europa? Ein Gebiet? Eine Geschichte? Eine von 28 Ländern in ebenso vielen Sprachen gemeinsam koordinierte Geopolitik? Wie kann ich von einer europäischen Literatur sprechen ohne eigene Erinnerung daran, wie es war, einen slowakischen oder einen zypriotischen Schriftsteller gelesen zu haben? Schweizerische oder portugiesische Autoren habe ich wohl gelesen, aber ich kann nicht behaupten, die Bandbreite der schweizerischen oder der portugiesischen Literatur zu kennen. Die Frage, welchen räumlich-kulturellen Spuren mein eigenes Schreiben folgt, ist hingegen genau das Thema meiner literarischen Recherchen – und im weiteren Sinne auch meiner Identitätssuche.
Ich bin 1992 in Frankreich geboren, der Heimat meines Vaters. Ein Jahr nach der Gründung der Europäischen Union. Ich besitze die französische Staatsbürgerschaft. Ich habe auch die der Schweiz, wo ich aufgewachsen bin, studiert habe. Ich bin ein Kind Europas. Aber genauso sehr bin ich in Europa eine Fremde – über die Wurzeln meiner Mutter, einer Südkoreanerin. Meine Familie ist über den Erdball verstreut. In Frankreich bin ich die Asiatin. In Korea die Westlerin. In der Schweiz fühle ich mich weder als das eine noch als das andere. Lange glich mein Blick auf Europa demjenigen auf meinen eigenen Körper: sehr intim, denn der Blick richtet sich darauf, was mich ausmacht, aber auch verschwommen durch den fehlenden Abstand. Mitten in Europa lebend, hatte ich kein «Bewusstsein» für Europa.
Irgendwann begann ich, nach Korea zu reisen, dann nach Japan, immer häufiger. Diese Reisen rufen mir jedes Mal in Erinnerung, wie komplex die Fragen sind, die durch die Kluft zwischen meiner jüdisch-christlichen und meiner konfuzianischen Erziehung aufgeworfen werden. Noch heute, da ich jedes Jahr mehrere Monate in Ostasien verbringe, spüre ich keine wirkliche Zugehörigkeit zum einen oder zum anderen Gebiet.
Dann, 2017, verbrachte ich sechs Monate in New York. Ich hatte ein Schreibstipendium des Kantons Jura erhalten, dank dem ich meinen zweiten Roman abschliessen konnte. Zum ersten Mal bei einem Aufenthalt ausserhalb Europas lösten sich die Identitätsfragen, die an mir nagten, von meiner eigenen Person; hier gehörten sie zur Stadt selbst. Zum ersten Mal war ich mit Millionen von Menschen konfrontiert, deren Lebenslauf und Wurzeln buntgescheckter waren als meine eigenen. Ich schrieb. Ich hatte keine andere Verpflichtung, als meinen Roman fertigzustellen. Im Herzen von New York lebte ich als einfache Beobachterin einer Welt, die ich in spürbarer Erinnerung behalten würde, um eines Tages, vielleicht, einen neuen literarischen Stoff daraus zu gewinnen.
Zurück in Europa, reichte ich mein Manuskript ein und fuhr sofort wieder los, diesmal in die andere Richtung. In der Schweiz stieg ich in den Zug, durchquerte Sibirien bis nach Wladiwostok, bevor ich übers Meer nach Korea und dann nach Japan gelangte, ein neues literarisches Projekt im Gepäck. Quer durch Eurasien reisend schrieb ich, wie in New York, auf Französisch. Ich realisierte, dass ich einmal mehr in meiner Sprache allein war. In den USA, auf einer Fläche grösser als Westeuropa, verständigt man sich in einer einzigen Sprache: Englisch. In Russland, auf noch ausgedehnterer Fläche, herrscht das Russische.
«Ein gewisses Unbehagen in meiner Beziehung zum Französischen
ist bis heute bestehen geblieben.»
Vom Fernen Osten bis zum äussersten Westen dachte ich an Europa und an seine Kultur der literarischen Übersetzung. An meine mehrsprachige Erziehung in einer Schweiz, der ich mich nahe fühlte – nahe in dem Sinne, dass sie vier Sprachen miteinander in Einklang bringt, selbst auf Dialekt wird veröffentlicht. Ich dachte an Europa und realisierte: Wenn man in den globalisierten Metropolen auch die gleiche Währung benutzt und die gleichen Kleider trägt, können die Länder Europas doch immerhin noch über die Sprachen eine eigene Identität ausdrücken. Ich spürte das Bedürfnis, mich an meiner Sprache festzuhalten. Meinem immateriellen Zufluchtsort. Dem Französischen.
Europäischer fühlte ich mich trotzdem nicht. Ein gewisses Unbehagen in meiner Beziehung zum Französischen ist bis heute bestehen geblieben. Nicht das Unbehagen einer Romande, die gegenüber der französischen Literatur und ihren hegemonialen Tendenzen zuweilen unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Diese Sprache steht in jedem Augenblick in Konfrontation mit meiner anderen Muttersprache, dem Koreanischen. Mit einer ural-altaischen, agglutinierenden Sprache, die ihre Stärken darin hat, Emotionen auszudrücken, während das Französische die Sprache der Debatte ist, des Wettstreits der Ideen. Eine lateinische Sprache, aus Subjekt, Verb und Objekt konstruiert, in der man ein Ich behauptet. Im Koreanischen sagt man nie «ich», das Individuum verschwindet im Wir. Den Begriff hanguk (Korea) benutzt man nur im Austausch mit ausländischen Gesprächspartnern, unter Koreanern spricht man immer von ouri nara, unserer Nation, selbst in den Fernsehnachrichten. Ich bin Koreanerin, aber mir gegenüber würde nie jemand von ouri nara sprechen. Ich schreibe auf Französisch, aber stets werden meine südkoreanischen Wurzeln hervorgehoben. Ich kann nicht auf Koreanisch schreiben, also schreibe ich auf Französisch.
Aber diese Sprache meines Schreibens ist nicht die, die ich spreche. Wenn ich Französisch spreche, stimme ich in den Chor all jener mit ein, die das Französische vor mir seit Jahrhunderten geprägt haben. Wenn ich Französisch schreibe, hege ich den Traum, mich von seinen räumlich-kulturellen Verbindungen zu lösen und daraus nichts als Brücken zu bauen, von einer Kultur in die andere, die eine – in gewissem Sinne – absolute Rezeption ermöglichen. Zeichen, losgelöst von den Denkparadigmen, die jeder Sprache innewohnen. Aber das ist unmöglich. Jedes Übertragen ist eine Interpretation. Diese fundamentale Nichtkommunizierbarkeit findet sich in meinen Texten wieder. In «Ein Winter in Sokcho» spricht die Erzählerin, deren Muttersprache Koreanisch ist, die französische Muttersprache der zweiten Hauptfigur perfekt, versteckt dies aber zugunsten des Englischen. In «Les Billes du Pachinko» lebt die Erzählerin in der französischen Schweiz, hat Japanisch gelernt, um mit ihren nach Japan geflüchteten Grosseltern kommunizieren zu können, die ihr wiederum vorhalten, ihre Muttersprache verlernt zu haben: das Koreanische. Und die Japanerin Henriette weigert sich, Französisch zu sprechen, unter dem Vorwand, sie lehre «Literatur, nicht Sprache». Für alle meine Charaktere scheint die Mehrsprachigkeit ebenso sehr eine Quelle des Leidens zu sein wie eine Bewusstseinserweiterung.
«Die Sprache meines Schreibens ist nicht die, die ich spreche.»
Ich habe von meiner Beziehung zu Europa gesprochen, wie ich von der Beziehung zu meinem Körper sprechen würde. Ich glaube, mit dem Schreiben ist es dasselbe. Mit sechsundzwanzig Jahren habe ich zwei Romane geschrieben, die einen Weg vorzeichnen; wohin er mich führt, weiss ich nicht. Ich stelle mich nicht als Schweizer Autorin dar, aber auch nicht als französische oder koreanische. Allenfalls könnte ich mich als französischsprachige Autorin bezeichnen. Meine einzige Gewissheit bleibt die, dass ich das Glück habe, über mehrere Kulturen hinweg zu leben. Ihr ständiges Aufeinanderprallen lehrt mir immer wieder aufs neue, dass es ohne geschärftes Bewusstsein für den anderen und seine Verschiedenheit zwischen den Völkern keine Verständigung geben kann. Das erfordert Demut, oft auch Anstrengung. Ich glaube, dass viele Menschen in Europa diese Offenheit besitzen. In ihren individuellen und kollektiven Biografien sind sie immer wieder aufeinandergetroffen. Ihre Sprachen, die so nahe beieinanderliegen, sind schon durch ihre blosse Existenz zu Vermittlerinnen geworden. In guten wie in schlechten Zeiten. Gibt es eine europäische Literatur? Ich kann es nicht sagen. Aber sollte es sie geben und sollte man mich dazuzählen, dann wäre ich stolz. Denn in einer Zeit, in der Europa seine Grenzen wieder schliesst, bin ich der Ansicht, dass die Literatur die Kraft – und die Aufgabe – hat, ihm seine Werte in Erinnerung zu rufen: Austausch und Toleranz.
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Zu Dusapins ausgezeichnetem Roman «Les billes du Pachinko» (Edition Zoé, 2018):
Die junge Genferin Claire verbringt einen Sommer bei ihren koreanischen Grosseltern. Sie leben in Tokio, der Grossvater führt dort ein Lokal mit Pachinko-Automaten – einer Art Kreuzung aus Flipperkasten und einarmigem Banditen. Claire ist auf einer unbestimmten Suche nach ihren Ursprüngen; Höhepunkt soll eine gemeinsame Reise nach Korea werden. Doch die Beziehung ist schwierig, nervt, tut weh: Claire ist lost in translation in einer Kultur, die doch auch die ihre ist (und in der japanischen dazu).
Elisa Shua Dusapin, Jahrgang 1992, schafft in ihrem zweiten Roman mit spärlich gesetzten Worten eine Atmosphäre des «Unbehagens zwischen den Kulturen». Ihr feines Sensorium für diese kleinen Schieflagen, Fragezeichen und Missverständnisse ist kein Zufall: Als Tochter eines Franzosen und einer Südkoreanerin zwischen Paris, Seoul und der Ajoie aufgewachsen, war sie solchen Fragen und Spannungen immer auch selbst ausgesetzt. Übrigens: Dusapins ebenso empfehlenswerter Erstling «Ein Winter in Sokcho» ist bereits auf Deutsch erhältlich. (Stephan Bader)
Ein Zitat aus dem Werk:
«Mon grand-père amène la cuillère à sa bouche dans un mouvement lent, vacillant. Enfin, il aspire d’un coup, comme si le contenu laborieusement amené jusqu’à ses lèvres pouvait s’évaporer. De temps en temps, il repose la cuillère, remplit un verre de soju. Il le fait avec application, sa main tremble mais rien ne déborde. Ma grand-mère, penchée sur son bol, lape vigoureusement, relève parfois la tête et me demande:
– Is good? Is good?
Je réponds tout bas:
– Ye, mashissoyo, c’est bon, oui.
En face d’eux, je m’efforce de manger aussi lentement que mon grand-père. Retarder le moment où nous aurons tous terminé, que le silence se fera plus lourd entre nous. Depuis mon arrivée, ils n’ont pas évoqué une fois notre voyage en Corée.»
Fotos: Maurice Haas.