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Vera
Bern, 5. August 2000
Am 9. August 1997 heirateten mein Partner und ich. Bereits vor diesem grossen Tag war für uns beide der Kinderwunsch sehr intensiv. Allerdings musste Jürg sich noch einer Operation unterziehen, da er sich nach seiner 1. Ehe hatte sterilisieren lassen. Er machte sich grosse Gewissensbisse und wusste, es war damals ein grosser Fehler gewesen, welcher ihm die Natur hoffentlich verzeihen würde, indem er nach diesem Eingriff wieder zeugungsfähig ist.
Die Ärzte waren mit dem Ergebnis eigentlich ganz zufrieden und meinten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ich schwanger würde.
Nachdem ich über ein Jahr lang nicht schwanger wurde, entschieden wir uns, uns durch andere Ärzte auch noch untersuchen zu lassen, zumal ich ja auch nicht wusste, ob bei mir alles i.O. war. Tatsächlich kam dabei heraus, dass die Spermienqualität meines Partners sehr schlecht ist und die Chance auf eine Schwangerschaft wäre gleich Null.
Wir wussten bereits, dass es noch weitere Möglichkeiten wie "Insemination" und "IVF-Behandlung" (in Vitro Fertilisation = Befruchtung ausserhalb des Körpers) gibt und wir informierten uns darüber.
Meine Gynäkologin empfahl uns vorerst die "Insemination", da dies für die Frau einen weit geringeren Eingriff in ihren Hormonhaushalt sowie die Psyche bedeutet, als bei der IVF-Behandlung. Gesagt getan. Nach dem ambulanten Eingriff hiess es 15 Tage abwarten, um dann einen Schwangerschaftstest durchführen zu können.
Der Versuch blieb leider erfolglos.
Da wir wussten, wie schlecht die Chancen standen und nicht zuletzt auch die Kosten dieser Behandlungen in Betracht zu ziehen waren, entschieden wir uns wieder ein Jahr später, weitere "Inseminationen" wegzulassen und gleich die IVF-Behandlung durchzuführen.
Die Vorbehandlung bestand aus täglich 2 Spritzen, welche ich mir jeweils selber in den Bauch injizieren musste, sowie diversen Medikamenten. Die einen sollen den körpereigenen Hormonhaushalt still legen, die anderen diesen von "Aussen" steuern. Alle 2 – 3 Tage musste ich zur Ultraschalluntersuchung gehen, um sicher zu sein, dass ich nicht zu heftig auf die Medikamente reagierte, indem zuviele Eibläschen anwuchsen und anderseits mussten so 7 – 10 Stück angestrebt werden, welche dann – nach ca. 50 Einstichlöchern im Bauch von den Spritzen – im Operationssaal entfernt und gleich mit dem Sperma meines Partners vereint wurden.
48 Stunden später wurden mir 2 befruchtete Eizellen mit einem Katheter in die Gebärmutterhöhle gespritzt, die anderen 5 befruchteten Eizellen wurden für allfällige weitere Versuche tiefgefroren.
Wieder hiess es, 15 Tage warten bis zum Schwangerschaftstest. 15 lange Tage... was mache ich nur so lange? was darf ich tun und was lasse ich besser bleiben, damit auch ja alles gut geht? möglichst normal weiter leben, wie wenn nichts wäre, das sagen zumindest die Ärzte. Ha ha, und das nach dieser "Rosskur"!?!?
Die Ärzte machten uns Mut, wir seien noch so jung (ich damals 26, er 34) und die Chancen dadurch sehr hoch, zumal auch bei mir alles in Ordnung wäre.
Jeder Gang auf die Toilette war eine Qual, denn die Angst vor Blutungen liess mich nicht los. Tatsächlich, am 10. Tag der grosse Schock, Blut!! am nächsten Tag rief ich gleich meine Ärztin an und teilte ihr mit, dass ich wohl nicht zum Test zu erscheinen brauche. Trotzdem wollte sie sichergehen und mein Blut untersuchen. Meine Vorahnung bestätigte sich... nicht schwanger.
Nun hiess es wieder ein paar Monate verstreichen lassen, damit mein Körper sich wieder erholen konnte.
Wie oft hörten wir (noch heute) von Verwandten und Freunden: "das geit de scho, dir sit ja no so jung" oder "dir müesstnech nume nid eso uf dä Wunsch fixiere, de geits de plötzlech vo alleini".
Tja, soll mir mal einer sagen wie man nicht daran denken soll, wenn der Gang zum Arzt unumgänglich ist, da es ja auf natürlichem Weg bei uns keine Möglichkeit zur Schwangerschaft gibt. Und 20 solche Behandlungen können wir bestimmt auch finanziell nicht verkraften, zumal wir für diese 1. IVF-Behandlung bereits Fr. 7'000.—bezahlen mussten. Krankenkasse? diese erbringen keine Leistungen an solche Kosten, wir sind ja schliesslich nicht krank! aber solange wir können, werden wir alles daran setzen!
Im Februar 2000 konnten wir den 2. Versuch – diesmal mit 2 der tiefgefrorenen Embryonen – starten. Die Vorbehandlung war diesmal weit einfacher, keine Spritzen mehr. Nur Hormontabletten zur Unterstützung. Wieder die 15 langen Tage warten, warten, warten...
Der 10., 11., 12. Tag verstrich ohne Blutungen! ich wurde von Minute zu Minute nervöser und die Hoffnung wandelte sich allmählich um in das Gefühl "jetzt klappt es!!!"
Endlich der 15. Tag, der Tag der Wahrheit... die Blutprobe wurde von meiner Gynäkologin gleich express ins Labor geschickt (sie war selber ganz nervös), damit wir das Resultat so schnell wie möglich bekamen. 3 Stunden später klingelte das Telefon in meinem Büro. Auf der Anzeige konnte ich lesen, dass es die Nummer der Arztpraxis war. Mein Herz klopfte wie verrückt als ich den Hörer abnahm. Die Worte klangen durch mich hindurch wie das wunderbarste Lied, das ich je gehört habe und welches ich nie vergessen werde: "mir dörfe gratuliere"" juhuuuu....
Sofort machte ich mich auf den Weg, um Jürg die fröhliche Nachricht mitzuteilen.
Es folgte eine so unbeschreiblich glückliche Zeit. Endlich konnten wir unsere Träume, unser gemeinsames Lebensziel schmücken und mit Farben ausmalen, unsere Zukunftspläne vertiefen.
Der Zeitpunkt für die erste reguläre Ultraschallkontrolle war gekommen. Ein wunderschöner Anblick, zwar war es noch 1 – 2 Tage zu früh, um das Herzlein schlagen zu sehen, jedoch war die Fruchtblase und der Winzling darin klar zu erkennen. Voller Glück gingen wir mit den Ultraschallbildern in der Hand nach Hause.
Am Wochenende darauf erneut ein Schock!! wieder blutete ich. Sofort rief ich meine Ärztin an und sie verordnete mir eine Woche Bettruhe, falls es bis dahin nicht zu bluten aufhöre, müsse ich in der Praxis vorbeikommen. So sass ich dann am 24. März 2000 im Wartezimmer meiner Gynäkologin. Bei der Ultraschallkontrolle stellte sie fest, dass irgenwas nicht in Ordnung war. Das Herzlein schlug nicht. Ich müsse meine Medikamente absetzen, dann würde es höchstwahrscheinlich zur Fehlgeburt kommen, andernfalls müsste eine Auskratzung im Spital durchgeführt werden.
Dieser Moment war furchtbar, so leer nach Hause kehren zu müssen. Stunden, Tage der Tränen und der Verzweiflung folgten. All die schönen Träume, die Hoffnung, das Glück... zerplatzt von einer Minute auf die andere einfach so in der Luft und lässt uns so grausam einsam zurück.
Zwei Tage später, in der 7. Schwangerschaftswoche erlitt ich die Fehlgeburt beim Gang auf die Toilette. Jürg war zum Glück dabei und wir konnten uns gegenseitig stützen und halten.
Ich entschied mich daraufhin, bei einer Fachperson – einer Psychologin – zusätzliche Unterstützung zu suchen. Ich wusste einfach nicht wie ich mit dieser Ungewissheit, der Angst vor einer Wiederholung oder gar niemals Kinder haben zu können umgehen soll. Klar sollten wir diese Schwangerschaft als "Teilerfolg" ansehen, wie die Ärzte sagen. Zumindest weiss ich jetzt, dass ich überhaupt schwanger werden kann und eine Chance zur Erfüllung unseres innigsten Wunsches besteht. Und die Fehlgeburt hat auch nichts mit der vorgängigen IVF-Behandlung zu tun. Es war wahrscheinlich ein Fehler in der Entwicklung passiert, welchem die Natur vorbeugte. Aber der Verlust ist trotzdem riesig!!!
Ich versuchte mich immer mit möglichst intensiven Hobbys abzulenken, doch unser starker Wunsch nach Familie, nach Kindern wird immer im Vordergrund bleiben. Nichts, aber auch gar nichts wird diesen Herzenswunsch ersetzen können!
Nun sind gut 4 Monate seit diesem Erlebnis vergangen. Mein Körper hat sich soweit wieder eingependelt und zusammen mit meiner Psychologin habe ich mich auf den 3. IVF-Versuch - mit den 2 letzten tiefgefrorenen Embryonen - vorbereitet. Vor 17 Tagen habe ich mit der hormonellen Vorbehandlung begonnen und seit vorgestern, 3. August 2000, um 12.00 Uhr befinden sich die befruchteten Eizellen in meiner Gebärmutterhöhle auf der Suche nach einem warmen Plätzli, wo sie sich einnisten können. Wie gerne nehme ich sie in mir auf, hoffe, dass sie gedeihen und zu unserem so sehnlichst erwünschten Kind heranwachsen können.
Noch 13 Tage bis zum Schwangerschaftstest.....
Liebe Grüsse
Vera