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Mehr als 300 Akademiker, Friedenspreisträger und Politiker aus aller Welt waren nach Genf gereist - und eine Despotengattin. Suzanne Mubarak eröffnete zusammen mit Aussenministerin Micheline Calmy-Rey am Hauptsitz der Internationalen Arbeitsorganisation die erste internationale Konferenz ihrer Suzanne Mubarak Womens International Peace Movement Association. Diskutiert wurde über Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Das war vor sieben Jahren.
Heute tobt in Ägypten eine Revolution, in der von den Demonstranten der Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak gefordert wird. Seit 30 Jahren hält sich der Diktator an der Macht. Er regiert mit eiserner Hand. Folterungen und Misshandlungen seien weit verbreitet und würden systematisch angewendet, beklagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.
Auch Korruption ist in Mubaraks Ägypten alltäglich. Bestechung sei in Ägypten heute ein integraler Bestandteil des politischen und wirtschaftlichen Lebens, kritisiert die Oppositionsbewegung Kifaja in einem 249-seitigen Bericht. Darin werden schwere Verstösse aufgelistet und unter anderem auch Suzanne Mubaraks wohltätige Stiftungen kritisiert. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International belegt Ägypten Rang 98 - und befindet sich damit in der Gesellschaft von Ländern wie Swaziland und Mexiko.
Beste Beziehungen nach Kairo
Trotz der eklatanten Missstände sitzt ein Vertreter der grossen Genfer Vermögensverwaltungsbank Union Bancaire Privée seit Jahren in Suzanne Mubaraks Schweizer Stiftung. Walid Shash ist eines von vier Mitgliedern, die im Handelsregister eingetragen sind. Wie der frühere ägyptische UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali und die renommierte Professorin Aleya El Bindari Hammad.
Shash leitet als Mitglied der Generaldirektion der Union Bancaire Privée (UBP) die Marktregion Naher Osten und Afrika. Zudem ist er Verwaltungsrat der Commercial Bank International PSC, des grössten Finanzinstituts Ägyptens. Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass derÄgypter beste Kontakte zum Mubarak-Clan hat. Er habe sogar, so heisst es in den einschlägigen Kreisen, ein sehr enges Verhältnis zu einzelnen Beratern des Präsidenten. Inzwischen taucht Shashs Name auch in verschiedenen Internetforen auf, wo behauptet wird, er sei dem Mubarak-Clan bei der Verlagerung von Vermögenswerten ins Ausland behilflich - ohne allerdings dafür Belege zu bringen.
Riskante Kundenkontakte
Auf Anfrage erklärt die UBP, dass es sich bei Shashs Mitgliedschaft in der Organisation von Suzanne Mubarak um ein privates Engagement handelt. «In seiner Freizeit ist Shash ein nichtexekutives Vorstandsmitglied der Organisation, neben anderen Persönlichkeiten wie dem britischen Unternehmer Richard Branson oder Nobelpreis-Gewinner Wangari Maathai», präzisiert Sprecher Jérôme Koechlin. Weitere Verbindungen Shashs zum Herrscher-Clan weist die Bank von sich. «Walid Shash hat keine anderen Beziehungen zur Familie Mubarak», sagt Koechlin.
Für die Schweizerische Bankiervereinigung ist es grundsätzlich nicht problematisch, wenn ein Bankangestellter in der Organisation einer politisch exponierten Person Einsitz hat. «Solche privaten Aktivitäten verletzten keine Standesregeln», sagt Sprecher Thomas Sutter. Vielmehr gehe es darum, bei der Annahme und Verwaltung von Geldern eine erhöhte Sorgfalt walten zu lassen.
Die Mitglieder der ägyptischen Präsidentenfamilie und ihre Entourage zählen zu den politisch exponierten Personen. Sie sind für die Banken Hochrisikokunden, sobald Skandale die Integrität dieser Personen in Zweifel ziehen. Wie ein ehemaliger Mitarbeiter der UBP erklärt, machen die Politiker bei der Genfer Privatbank zwischen drei und fünf Prozent der Kunden aus. Dies sei branchenüblich, ergänzt der frühere Kadermitarbeiter. Offizielle Statistiken gibt es jedoch nicht.
Also alles kein Problem? «Falls die politisch exponierte Person tatsächlich Kunde der Bank ist, gibt es einen Interessenkonflikt», bestätigt Daniel Thelesklaf, Geldwäschereiexperte bei Transparency International und Leiter des Basel Institute on Governance. Der betroffene Mitarbeiter müsste daher in allen Fragen, die diese Geschäftsbeziehung betrifft, in den Ausstand treten, folgert Thelesklaf. «Für Banken wird es dann kritisch, wenn sie einen begründeten Verdacht auf Korruption oder eine anderweitig unrechtmässige Herkunft der Gelder hegen, so Thelesklaf weiter. Dann müssen sie dies der Meldestelle für Geldwäscherei mitteilen. Hinweise auf eine Kundenbeziehung Mubaraks mit UBP gibt es indes bislang keine.
«Die Schweizer Banken dürften ihre Konten auf Mubarak-Gelder hin bereits überprüft haben», ist der Geldwäscherei-Experte Peter Cosandey von der gleichnamigen Beratungsfirma überzeugt. Ohnehin sei es nun zu spät, die Gelder loswerden zu wollen. Denn wie im Fall Tunesien könnte der Bundesrat die ägyptischen Potentatengelder sperren. «Dann müssen alle Banken Meldung erstatten und die Gefahr ist gross, dass der Fall ans Licht kommt», erklärt Cosandey.
Je nach Fall kann die Schweizerische Finanzmarktaufsicht Finma bei den Banken vorstellig werden. «Sie schaltet sich ein, wenn es Hinweise gibt, bei einem Institut seien Geldwäschereibestimmungen nicht eingehalten wurden», sagt Sprecher Tobias Lux. Dann gehe die Finma diesen Fällen nach. Laut Experte Thelesklaf ist die Meldepflicht in der Schweiz bislang aber eher ein «toter Buchstabe» geblieben. «Bis heute sind kaum Bankmitarbeiter wegen Geldwäscherei verurteilt worden», berichtet der Jurist. Ob Kunde oder nicht - die Verbindung Walid Shashs zur Familie Mubarak stellt nicht erst im aktuellen Umfeld ein enormes Risiko dar. Die Verstrickungen könnten dem hiesigen Finanzplatz, der in den letzten Jahren sehr bestrebt war, seinen guten Ruf zu verbessern, zusetzen. Kommt hinzu, dass die UBP in der Vergangenheit bereits mehrmals mit Politiker-Skandalen von sich reden machte.
Tag und Nacht im Licht
Das Genfer Geldhaus blickt auf eine sehr wechselvolle sowie pointenreiche Geschichte zurück. Gründer ist der heute 81-jährige Edgar de Picciotto. Als Sohn einer jüdischen Familie in Libanon aufgewachsen, ist er in den späten 60er-Jahren in die Rhonestadt gelangt. Dort gründete er 1969 mit der Unterstützung von Nicolas Bär aus der gleichnamigen Zürcher Bankiersfamilie die Compagnie de Banque et d´Investissements (CBI). Der Legende nach soll de Picciotto, um seine Bank bekannt zu machen, ein prunkvolles Gebäude gemietet haben. Das Licht habe er Tag und Nacht brennen lassen, um damit den Eindruck von Grösse und Geschäftigkeit zu erwecken. Den Durchbruch schaffte der Selfmademan indes mit seinem feinen Gespür für Hedgefonds, eine Anlageklasse, die in den 70er-Jahren noch wenig verbreitet war. Vielleicht liess sich gerade deshalb so viel Geld verdienen damit. Aus jener Zeit stammt auch de Picciottos enge Beziehung zum Genfer Privatbankier Pierre Mirabaud sowie zum ungarisch-amerikanischen Grossinvestor George Soros, die beide ebenfalls früh die Attraktivität von Hedgefonds erkannten.
Der grosse Sprung nach vorn
Den Quantensprung schaffte de Picciotto 1990, als er die zehnmal grössere TDB-American Express Bank für 1,2 Milliarden Franken erstand und zum aktuellen Namen Union Bancaire Privée wechselte. Fünf Jahre später brachte sich das Institut mit dem Kauf der Zürcher Nordfinanzbank für 550 Millionen auch auf den Radar der deutschsprachigen Klientel. Neben ihrem Erfolg, der nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die UBP nie an die Börse ging, geriet die Bank wiederholt in die Schlagzeilen. Sie war in viele der grösseren Geldwäschereiskandale in der Schweiz verwickelt (siehe Kasten). Doch dem guten Ruf hat selbst die Verstrickung in den Abacha-Fall von 1997 nicht geschadet, als der nigerianische Diktator Milliarden auf Konten in der Schweiz und London deponiert hatte. Das Geld wurde blockiert und später dem nigerianischen Staat retourniert.
Die UBP gehörte Ende 2008 auch zu jenen Schweizer Geldhäusern, die am stärksten in das Schneeballsystem des amerikanischen Betrügers Bernard Madoff verwickelt waren. In der Folge musste sie riesige Abschreibungen vornehmen; zeitweilig kehrte Gründer Edgar de Picciotto ins Tagesgeschäft zurück, um seine Bank vor dem Ärgsten zu bewahren. Um einen Strich unter die Affäre zu ziehen, überwies die Union Bancaire Privée dem amerikanischen Madoff-Konkursverwalter Irving Picard eine Abgeltung von 500 Millionen Dollar. Damit entging das Institut weiteren Abklärungen.
Droht mit dem Umsturz in Ägypten dem Schweizer Finanzplatz ein neuer Skandal? Bereits mehren sich die Hinweise, dass weitere Vertreter des Mubarak-Clans Millionen auf hiesigen Bankkonten haben sollen. Die UBP wäre damit zumindest in bester Gesellschaft.