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The Day I Lost My Shadow
Der Verlust des eigenen Schattens ist vielleicht nicht die originellste Metapher, noch wird sie in The Day I Lost My Shadow visuell besonders wirkungsvoll eingesetzt. Trotzdem funktioniert sie als magisch-realistische Aufschmückung dieser sonst ziemlich gradlinig erzählten Odyssee einer Mutter, die zu Beginn des Syrienkrieges von ihrem Sohn getrennt wird, seltsam berührend. Gemäss einem Dialog im Film stammt die Inspiration dazu aus Hiroshima, wo die Bombe, umgekehrt zu hier, von den Opfern nichts anderes übrig liess als den Schatten. In Soudade Kaadans Film ist den Menschen mit ihrem Schatten nicht die Seele abhandengekommen, sondern in einer Art Tauschhandel auf dem existenziellen Schwarzmarkt gegen deren Bewahrung eingetauscht worden.
Der Rest ist Realismus, und zwar von einer Präzision in der Darstellung des Alltags zu Kriegsbeginn, wie ihn nur jemand darstellen kann, der ihn erlebt hat. Das Geräusch einer anhaltenden Waschmaschine nach erst halbem Waschgang, weil der Strom noch früher ausfällt als am Vortag; das kalte Abendessen unter einer Wolldecke bei Kerzenlicht, weil auch der letzte Gaskanister gerade leer geworden ist. Der Taxifahrer, der erst Augenblicke vor der Grenzkontrolle seine Passagiere informiert, dass ihre Chancen bei einer Verfolgungsjagd mit den schwerbewaffneten Grenzbeamten besser stehen.
Die Regisseurin erzählt in ihrem ersten Spielfilm keine runde Geschichte, die den Krieg und seine Schrecken erklärt, sie entwickelt auch nicht präzise Metaphern etwa für das Gefühl, den eigenen Bruder zu Tode gefoltert zu sehen oder plötzlich vom kleinen Sohn getrennt zu werden, ohne zu wissen, ob man je zu ihm zurückfinden wird. Das ist auch weder nötig noch möglich. Die Regisseurin war gleich nach dem Beginn des Krieges nach Frankreich geflüchtet und masst sich nicht an, von dessen noch drastischerem, immer noch stattfindenden Fortlauf zu erzählen. Nicht nur, weil sie diesen nicht erlebt hat, sondern auch weil sich dieser weder angemessen darstellen liesse, noch der Versuch überhaupt gemacht werden sollte.
Text: Dominic Schmid
First published: March 28, 2019