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Bericht über einen umstrittenen Zwischenfall:
Der zweitgeborene Sohn von Wilhelm dem Eroberer wurde nach dem Tod seines Vaters 1087 als Wilhelm II. „Rufus“ König von England gekrönt. Seinen Beinamen erhielt er wegen seines roten Gesichts. Wilhelm Rufus war ein guter Soldat und leidenschaftlicher Jäger, jedoch ein unbeliebter, um nicht zu sagen verhasster Herrscher. Seine Unbeliebtheit hatte die Ursache vor allem in seiner schier unersättlichen Gier nach Reichtum, die sich in extremen Steuerforderungen an seine Lehensmänner zeigte. Zudem hatte Rufus auch ein völlig gestörtes Verhältnis zur Kirche; er war überhaupt nicht religiös und besteuerte auch seine kirchlichen Untertanen auf unverschämte Art, während Wilhelm der Eroberer die Kirche gefördert und unterstützt hatte. Ferner lebten am Hof von Wilhelm Rufus „viele weibische junge Männer“, wie Wilhelm von Malmesbury vermerkt, d.h. „Rufus“ war vermutlich homosexuell, was seine Beliebtheit als mittelalterlicher König nicht vergrösserte. Im Jahr 1096 wurde Wilhelm II. Rufus faktisch auch noch Herzog der Normandie, da sein Bruder Robert, der dieses Amt von Wilhelm dem Eroberer geerbt hatte, am ersten Kreuzzug teilnahm.
Es versteht sich fast schon von selbst, dass auch der Tod von Wilhelm II. Rufus sehr speziell war und heute noch Stoff für Dispute unter den Geschichtsgelehrten liefert. Wilhelm II. lud auf den 2. August 1100 zur königlichen Jagd in den New Forest. Es war eine grosse Jagdgesellschaft mit vielen Noblen des normannischen England inkl. seinem Bruder Henry. Eingeladen war auch Sir Walter Tyrrell, Sohn eines Begleiters am Conquest von Wilhelm I. Während Wilhelm Rufus allein einen Hirsch verfolgte, wurde er unter unklaren Umständen von einem Pfeil in die Brust getroffen, welcher von Walter Tyrrell abgeschossen worden war. Als Walter Tyrrell sah, was sein Pfeil angerichtet hatte, wendete er sein Pferd, flüchtete auf die Güter seiner Familie nach Frankreich und betrat Englands Boden nie mehr. Nach dem tödlichen Pfeilschuss auf den König kümmerte sich vorerst niemand von der Jagdgesellschaft um den Sterbenden. Wilhelm Rufus hauchte sein Leben einsam und allein im New Forest aus. Die Herzöge und Bischöfe und vor allem auch sein lieber Bruder Henry hatten Dringenderes zu tun: Sie reisten sofort nach Hause, um ihren Besitz zu sichern. Bruder Henry ritt sofort nach Winchester, behändigte den Thronschatz und rief sich selber zum neuen König aus. Erst einen Tag später wurde die Leiche des Königs von Dorfbewohnern geborgen und auf einem Karren nach Winchester gebracht.
Es scheint unbestritten, dass Walter Tyrrell den Pfeil abgeschossen hatte, es wird aber bis heute darüber diskutiert und gestritten, ob es wirklich ein Jagdunfall oder doch ein Mord oder eventuell ein Auftragsmord war. Die Trauer um den Tod des Königs hielt sich bei allen Beteiligten, inkl. Bruder Henry ja doch eher in Grenzen.
Über diesen Tod ranken sich so viele Geschichten und Legenden aus vielen Jahrhunderten, dass man Dichtung und Tatsachen nicht mehr auseinanderhalten kann. Die Wahrheit wird deshalb nie mehr ans Licht kommen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Familie Tyrrell ihr Vermögen in England uneingeschränkt behalten konnte. Der neue König hat Tyrrell offensichtlich umgehend verziehen – oder ihn gar belohnt!?
Photo: Marlies Pape
An den tödlichen Zwischenfall erinnert heute der Rufus Stone im New Forest, etwas östlich des Dorfes Stoney Cross an der A31. Das kleine Denkmal steht angeblich an der Stelle, wo einmal die Eiche stand, bei der der tödliche Pfeilschuss abgegeben worden war. Eigentlich ist es ein Stein, der an das ursprüngliche Denkmal – eben diese Eiche – erinnert. Sozusagen ein Denkmal für das Denkmal!
Hauptinschrift auf dem Rufus Stone:
„Here stood the oak tree, on which an arrow shot by Sir Walter Tyrrell at a stag, glanced and struck King William the second, surnamed Rufus, on the breast, of which he instantly died, on the second day of August anno 1100.“