Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03378.jsonl.gz/2074

Nicht weit vom Loryplatz in Bern befindet sich mit “Boxen zur Bildung” ein besonderer Boxkeller. Hier trainiert Pascal Brawand nämlich einerseits Jugendliche, die eine Ausbildung machen, aber auch solche, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden. Dank der Zusammenarbeit mit der Berufsschule und dem Unisport können die Jugendlichen kostengünstig das Boxen erlernen.
Pascal hat soeben das Training beendet, das er an diesem Samstagmorgen geleitet hat. Mit gekreuzten Beinen sitzt er auf einem Plastikstuhl und nippt an seinem Kaffee. Brawand ist ein Mann mittleren Alters mit intensivem Blick, kleiner Statur und wachen Augen. Sein Dreitagebart und sein Pferdeschwanz sind immer in Bewegung.
Immer wieder lockert er das Gespräch mit einem heiteren Scherz auf. Er strahlt Selbstsicherheit aus. Jeder Boxer, der die Umkleidekabine frisch geduscht verlässt, verabschiedet sich per Händedruck von ihm. Nicht immer wurde ihm so viel Respekt entgegengebracht, erzählt er.
Entdeckung des Boxsports
Pascal wächst auf, ohne seinen leiblichen Vater zu kennen. Als er gerade in die Pubertät kommt, hat die Mutter einen Partner, der gerne eine Vaterrolle für ihn übernehmen würde. Weil der Junge ihn jedoch nur zögerlich anerkennt, fängt er an, Pascal verbal zu beleidigen, später schlägt er ihn sogar.
Als Pascals Selbstwertgefühl an einem Tiefpunkt angelangt ist, sieht er den Film Rocky und ist begeistert. “Boxen war damals die Antwort”, meint er heute. In der Boxschule Charly Bühler, eine der renommiertesten Boxschulen der Schweiz, trainiert er ab jetzt oft.
Auch später, als er eine Lehre zum Maurer absolviert, besucht er das Training regelmässig; es wird seine Leidenschaft. Er wird erst Jugendschweizermeister und 1989 sogar Elite-Schweizermeister.
Im Jahr 1997, nach über 40 Elite-Boxkämpfen, muss sich Pascal entscheiden, ob er eine Profikarriere beginnen will. Doch im gleichen Jahr lernt er seine zukünftige Frau kennen, mit der er bis heute glücklich zusammenlebt, die Prioritäten verschieben sich somit. Nach einem letzten Kampf verabschiedet sich Brawand vom Boxkeller. Zwei Jahre wird er ihn nicht mehr betreten.
Erste Trainererfahrungen
Nachdem er die Welt bereist hat, wird er von Max Hebeisen, einem ehemaligen erfolgreichen Berufsboxer angefragt, ob er ab und zu ein Training in der Boxschule Charly Bühler leiten wolle. Überrascht von diesem Angebot nimmt Brawand an und setzt so den Grundstein für seine Trainerkarriere. Nach zehn Jahren werden jedoch die Differenzen mit Max Hebeisen, der an schwerer Demenz erkrankt, zu gross, ihre Wege trennen sich.
Doch Brawand ist jetzt in der Lage, selbstständig Trainings zu leiten, insbesondere mit Jugendlichen. An der Güterstrasse wird ein grosser Raum frei, in dem er vorerst nur für Leute mit Aggressionsproblemen arbeitet.
Wegen seiner Jugendarbeit werden auch der Berufsschulsport und der Unisport auf ihn aufmerksam. “Ohne diese Institutionen gäbe es `Boxen zur Bildung´ heute nicht”, meint Brawand dazu.
Einige Jahre arbeitet Pascal sogar regelmässig im Thorberg, um mit den Insassen zu trainieren, ihre Emotionen in Schach zu halten. “Die Leute im Gefängnis müssen ein Ziel haben, sonst überleben sie nicht”, ist Pascal überzeugt.
Gewalt in der Gesellschaft
Für die zunehmende Jugendgewalt sieht Pascal verschiedene Gründe. So denkt er zum Beispiel, dass die Welt früher einfacher war: Klare Rollenverteilung, klare Strukturen. Die Gesellschaft könne leider auch nicht alles “was an Werten nicht oder falsch vermittelt wurde”, abfedern. Somit sind die Eltern seiner Meinung nach mitverantwortlich.
Doch ist es wirklich eine gute Idee, Menschen mit Gewaltproblemen auch noch eine Kampfsportart beizubringen?
“Ich trainiere keinen, der nichts lernen will. Die Person muss betroffen sein und erkennen, dass ihr Leben den Bach heruntergeht”, meint der Boxtrainer bestimmt. Jemand wie der “Fall Carlos” habe bei ihm keinen Platz, denn er erkenne offensichtlich seine Notlage nicht, also könne man ihm nichts beibringen.
Wie Pascal konkret mit den Jugendlichen arbeitet, erklärt er bildhaft an einem Beispiel: “Wenn ein Lehrling keine Kritik annehmen kann, dann heisst das Mittel nicht Angriff, sondern Verteidigung. Dann kann das Nervensystem nicht zwischen den Situationen unterscheiden”, erklärt Pascal.
Das heisst, er schickt den Jugendlichen in den Ring und dieser muss dann, statt immer sofort zurückzuschlagen, die Schläge in Ruhe parieren. “Auf diese Weise lernt das Nervensystem Schritt für Schritt, Druck auszuhalten”, begründet Pascal. Das Wichtigste sei, “die Jugendlichen zu akzeptieren, wie sie sind, so dass sie sich nicht verstellen müssen.”
Schlussendlich sei auch die Suche nach den wahren Problemen wichtig, diese könne man in Gesprächen meistens schnell herausfinden. Mit diesen Methoden hat der Trainer nach eigenen Angaben schon viele Erfolge erzielen können. Die Unterstützung dieser Menschen ist ihm hierbei wichtiger als das Boxen an sich.
Für die Zukunft wünscht sich Brawand trotzdem, dass “Boxen zur Bildung” in Bern eine gewichtigere Rolle spielen soll. Er möchte eng mit anderen Klubs zusammenarbeiten, um später als Manager Profiboxer betreuen zu können.