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Oliver Schneider, Aargauer Zeitung (02.06.2008)
Mit «Medea» legt Luigi Cherubini einen Meilenstein der Operngeschichte vor. Im Berner Stadttheater ist das Werk auf dem Weg zur Romantik.
Nachdem die Zauberin Medea dem Argonautenführer Jason geholfen hat, das Goldene Vlies zu rauben, fliehen die beiden gemeinsam nach Korinth. Hier verstösst Jason Medea, um die Tochter des Königs Kreon, Glauke, zu heiraten. Eine der über dreihundert Varianten eines der ältesten Stoffe der griechischen Mythologie stammt von Luigi Cherubini.
«Medea» - so der italienische Titel der 1797 uraufgeführten französischen Tragédie lyrique - ist untrennbar mit Maria Callas verbunden, die das Werk in der italienischen, romantisierten Fassung mit nachkomponierten Rezitativen für die Bühne zurückeroberte.
Srboljub Dinic, musikalischer Direktor des Berner Stadttheaters, hat sich für die Aufführung einer eigenen Berner Fassung entschieden, in der er die Rezitative zum Teil durch gesprochene Dialoge ersetzt. Dinic lässt die Musiker des Berner Symphonie-Orchesters ein traditionelles, leidenschaftliches musikalisches Feuerwerk entzünden, lässt aber auch den solistischen Holzbläsern den ihnen gebührenden Raum. Seinen musikalischen Höhepunkt erreicht der Abend in der Introduktion zum eigentlichen dritten Akt, während der Medea die Morde an ihrer Widersacherin Glauke und ihren beiden Kindern im Traum bereits erlebt.
Jakob Peters-Messer zeigt Medea in seiner Inszenierung, die im elegan- ten, fensterlosen Fin-de-Siècle-Ambiente spielt, von Anfang als Aussenseiterin (Bühne: Markus Meyer). Hier die in blaue Seide gekleidete Gesellschaft um Creonte und das weiss gewandete Brautpaar Giasone und Glauke, dort in Schwarz Medea (Kostüme: Sven Bindseil). Durch einen Riss in der Rückwand betritt sie verkleidet die Bühne, um für Giasone zu kämpfen. Ihm wie seinem Schwiegervater Creonte (nicht immer intonationsrein Carlos Esquivel) geht es in der patriarchalischen Gesellschaft nur um Macht: Creonte verschachert seine Tochter, um an das Goldene Vlies zu gelangen. Giasone (stimmlich angestrengt wirkend Thomas Ruud) will die Königskrone von Korinth. Medea hat ihre Schuldigkeit getan. Doch sie unterwirft sich anders als die schwache Glauce (glockenhell ihr koloraturreicher Dialog mit der Flöte im ersten Teil) nicht dieser männlichen Ordnung. Vordergründig um Aufschub für ihre Verbannung bittend, plant sie ihre Morde, wobei sie immer wieder zwischen Liebe und Hass zu Giasone hin- und hergerissen ist.
Elzbieta Szmytka, die für Leandra Overmann einsprang, spielt diese Medea mit enormer darstellerischer Intensität, sodass auch ihr mitunter starkes Vibrato und die angeschärften Höhen nicht stören. Der Tatsache, dass ihre Mitspieler im Laufe des Abends immer mehr neben ihr verblassen, hätte die stärker eingreifende Hand von Peters-Messer allerdings entgegenwirken müssen, um das Regiekonzept wirklich plausibel werden zu lassen.
Trotz packender Umsetzung bleibt die Frage, warum sich Dinic und Peters-Messer mit der Aufführung einer Bearbeitung zufrieden geben, doch die kritische Neuausgabe der französischen Originalfassung zeigt, dass «Médée» kein veristischer Knaller ist, sondern stilistisch dem 18. Jahrhundert verpflichtet bleibt.