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Buchrezensionen
Von autobiografischen Notizen italienischer Partisanen über literarische Arbeiten zur Arbeiterbewegung bis hin zu Gedichten aus dem Klassenkampf: In der Reihe "Klassiker und solche, die es werden sollten" werden in unregelmässigen Abständen Bücher vorgestellt, die in keiner Bibliothek fehlen sollten - aber auch solche, die bereits in vielen stehen und besser anderen Platz machen sollten.
Bild: Theodor Bergmann hält die Hauptansprache bei der Gedekfeier für den Hitler-Attentäter Georg Elser am 19. April 2009 in Heidenheim-Schnaitheim. / Veit Feger (PD)
Am 7. März 1916 wurde Theodor Bergmann geboren, bereits 1927 trat er dem Jungspartakusbund bei, 1929 dem Jugendverband der neu gegründeten KPD-O. 1933 floh er vor den Nazis und emigrierte in Palästina, studierte 1935 in der Tschechoslowakei Agrarwissenschaften, floh dann nach Schweden wo er als Landarbeiter tätig war. 1947 promovierte er in Hohenheim. Es folgen Forschungsreisen nach China, Indien, Äthiopien, Tunesien, Israel, Mexico, Japan, Pakistan, Türkei, Südkorea, USA, Australien, Neuseeland, Sowjetunion und andere Ländern. Oft ist Bergmann mehrere Wochen unterwegs, manchmal – wie in der Türkei und Australien – ein ganzes Jahr.
Gründung und Zerschlagung der KPD, Einrichtung des Nationalsozialismus, Auschwitz, 2. Weltkrieg, Beginn des zweiten Weltkriegs, Ausrufung des Kalten Krieges, Maos Siegeszug in China, Sechstagekrieg, Prager Frühling, Nelkenrevolution, Fall der Mauer, Wiedervereinigung: Theodor Bergmann ist Zeitzeuge eines Jahrhunderts der Katastrophen und legt Zeugnis davon ab, wie ein Kommunist jenseits des Ostblocks all diese verschiedenen Ereignisse einsortiert. Dabei sind seine politischen Urteile oft mit Vorsicht zu geniessen: „Nach 14 Studienreisen, intensiven Diskussionen mit dortigen Kommunisten, nach der Lektüre der mir zugänglichen chinesischen Literatur […] bin ich fest überzeugt, dass die KPCh den Sozialismus aufbaut“ (287).
Zum lesenswerten Klassiker wird die Autobiografie aber auch nicht durch die politischen Urteile Theodor Bergmanns über die Welt: Gesammelt vor allem auf den letzten Seiten lesen sich diese mehr als eine Darstellung seiner Positionen, mit nur kurzen Argumentation für sie. Wer sich also für diese Interessiert, muss Bergmanns andere Publikationen im VSA Verlag lesen, so z.B. sein Buch: Der 100-jährige Krieg um Israel. Wer hingegen einen Bericht eines „nichtjüdischen Juden“ interessant findet, der seit nunmehr 89 Jahren politisch aktiv ist, wird viele spannende, witzige und abenteuerliche Stellen findet. Wer also keine politische Abhandlung erwartet, sondern über ein langes Leben lesen will, der wird nicht wenige solcher Perlen entdecken:
"Manche unserer Gespräche zeigten auch die geistige Enge und die ideologischen Direktiven der KP [China]. Einmal fragte sie, [die Übersetzerin und Führerin] ob ich mehr Jude oder mehr Deutscher sei. An vielen Beispielen zeigte ich ihr, was für Kommunisten der vorstalinschen Zeit Internationalismus bedeutete: Niemand hätte früher den vielen jüdischen Kommunisten diese merkwürdige Frage gestellt. Marx, Luxemburg, Trotzki und Deutscher gehörten der gesamten, internationalistischen Arbeiterbewegung an. Und ich sah mich als kritischen Kommunisten, weder besonders jüdisch noch besonders deutsch, aber aktiv in der deutschen Arbeiterbewegung, die meine Heimat sei." (173)
Theodor Bergmann: Im Jahrhundert der Katastrophen. Autobiografie eines kritischen Kommunisten. Hamburg: VSA Verlag, 2016. 298 Seiten, 27 SFr, ISBN 9783899656886