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Poetik der Genesis-Rezeption
Das Zentrum meiner aktuellen Forschung ist die literarische Verarbeitung der biblischen Schöpfungsnarrative in mittelhochdeutschen Texten. Wie wird das In-die-Welt-Kommen der Welt vorgestellt? Was heißt für die Autoren ‘Kreativität’?
In dem Projekt folge ich zunächst der literarischen Bewältigung der Paradoxien, die jede Erzählung vom In-die-Welt-Kommen der Welt mit sich bringt: dass die Erzählzeit hinter den Anfang jeder Zeit zurückgreift; dass ein Beobachter behauptet werden muss, der die Erschaffung der Welt beobachten kann, bevor der erste Mensch erschaffen ist usw.
In diesem Zusammenhang stellen sich auch Fragen der menschlichen, literarischen Kreativität: Wie können diese Paradoxien literarisch fruchtbar gemacht werden? Wer kann dies leisten und unter welchen intellektuellen, religiösen und praktischen Bedingungen? Dafür entwickeln die mittelhochdeutschen Texte Modelle des Erzeugens, die das göttliche Welt-Machen und das menschliche Text-Machen miteinander vermitteln.
Diese autopoetischen Reflexionen analysiere ich ausgehend von der narrativen und semantischen Verfasstheit der Texte im Rückgriff auf die zeitgenössischen Theologie und Rhetorik, aber auch auf die Gebrauchssituation der Texte. Im Ergebnis eröffnet dieser Teil der Literaturgeschichte eine Möglichkeit, die Alterität vormoderner Konzepte von Erzählakt, Erzählzeit und literarischer Kreativität über den aktuellen Forschungsstand hinaus neu zu formulieren.