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«Das Schwierigste war der erste Absatz»
Autor: Isabelle Vonlanthen
Im Jahr 2007 ist im Verlag Waldgut der Roman «Venusschuh» von Corinna Bille herausgekommen. Das Ehepaar Hilde und Rolf Fieguth hat das Buch, das 1952 unter dem Titel «Le Sabot de Vénus» erschienen ist, aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Im Laufe der Übersetzungsarbeiten haben die beiden mehrmals das Walliser Dorf Chandolin besucht, das Corinna Bille als Vorlage für den Roman diente.
Wie sind Sie auf dieses Buch gestossen, und weshalb hat es Sie so fasziniert, dass Sie sich zu einer Übersetzung entschlossen haben?
Hilde Fieguth (HF): Am Anfang meiner Zeit in der Schweiz konnte ich nur wenig Französisch. Ich bekam eine welsche Bekannte vermittelt, mit der ich mich einmal pro Woche zu Konversationsstunden getroffen habe. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, und von ihr habe ich das erste Mal von Corinna Bille gehört. «Venusschuh» hat mir damals schon gut gefallen. Vor drei oder vier Jahren habe ich das Buch wieder gelesen und mir gedacht: Das ist so ein toller Roman, den sollte man übersetzen!
Wie ging die gemeinsame Übersetzungsarbeit vor sich?
HF: Ich habe den Roman einmal ganz übersetzt. Dann haben wir die Übersetzung gemeinsam überarbeitet. Rolf hatte den französischen Text vor sich, ich las Satz für Satz meine Übersetzung vor. Alles, was holperte oder bei dem ich mir nicht sicher war, haben wir besprochen. Das war sehr schön, wie eine Art Gesellschaftsspiel. Mein Mann war damals noch unter Zeitdruck, war noch voll im Semester, aber immer am Abend haben wir uns dann so entspannt. Insgesamt sind wir etwa zwei Jahre daran gesessen.
Corinna Billes Sprache ist sehr reich an poetischen Bildern und an spezifischen Ausdrücken, auch stilistisch komplex. Was waren für Sie die grössten Herausforderungen beim Übersetzen?
HF: Das Allerschwierigste war der erste Absatz. Schon die Satzkonstruktion ist im Französischen völlig anders als im Deutschen. Und beim Vokabular gab es einige Sachen, die wir wirklich nicht verstanden haben. Bei vielen Wörtern mussten wir herumfragen, und auch Muttersprachler waren ratlos. So war es zum Beispiel mit «prunelle double», gleich im ersten Absatz, eine poetische Wendung, für die es keine eigentliche deutsche Entsprechung gibt. Wir haben es schliesslich mit «doppelter Blick» übersetzt. Oder Spezialausdrücke, zum Beispiel die «bisses», diese Wasserleitungen im Wallis. Es gäbe einen Deutschschweizer Ausdruck dafür, «Suonen», aber der ist auch nicht so bekannt. Also habe ich einmal Wasserleite geschrieben oder manchmal auch «bisses» gelassen.
Rolf Fieguth (RF): Generell gibt es viele kleine Schwierigkeiten beim Übersetzen und kein Generalrezept – man muss jedes Detail sehr sorgfältig zu lösen versuchen. Natürlich muss man bei «Venusschuh» auch bedenken, dass Corinna Bille niemals die Tatsache thematisiert, dass die Leute im Wallis ja Patois gesprochen haben, ganz besonders in Chandolin. Sie lässt sie Französisch sprechen. So versteht Martin, der von aussen kommende Fremde im Buch, die Dorfbewohner ohne Probleme, was in Wirklichkeit kaum der Fall gewesen wäre.
Die Familiengeschichte von Corinna Bille ist sehr spannend, diese Mischung aus Bodenständigkeit und Bohème. Fliesst das in ihre Romane ein?
RF: Die Mischung der Familie ist tatsächlich sehr interessant – einerseits der weltläufige Vater, ein hochgebildeter Schriftsteller und Maler, andererseits die Mutter als Tochter von Walliser Bergbauern. Sie ist als junges Kindermädchen in die Familie von Corinnas Vater gekommen, den sie später geheiratet hat, und hat sich da gebildet und alles aktiv miterlebt. Die Romane sind oft in der bäuerlichen Welt des Wallis angesiedelt, so «Théoda» (der erste Roman und ihr Meisterwerk) und «Venusschuh», aber bei beiden sieht man den Aussenstandpunkt: Das ist eine Volkstümlichkeit, die durch eine Brille gesehen wird, nicht von innen heraus.
HF: In vielen Romanen stammt das Beschriebene – das Historische, das Bergbauernleben, die oft authentischen Geschichten – von ihrer Mutter, die ihr das alles erzählt hat. Corinna Bille sieht es zwar schon von aussen, aber es ist ihr doch auch alles sehr nahe. Sie hat vieles gekannt, wenn auch nicht selbst erlebt. Sie hat viel Zeit in Chandolin verbracht, war dort gut integriert, kannte die Leute aus dem Dorf, und die haben ihr all diese Geschichten erzählt, zum grossen Teil hat sie die betroffenen Leute gekannt. Auch einige Handlungsstränge aus «Venusschuh» wurden ihr erzählt. Vor allem auch die Topografie dieses Romans ist echt.
«Venusschuh» spielt in einer wilden Walliser Berglandschaft. Das Dorf Maldouraz aus dem Roman ist unverkennbar Chandolin im Val d’Anniviers, wo der Vater von Corinna Bille 1899 ein Chalet gekauft hatte, in dem sie später viel Zeit mit ihrer Familie verbrachte. Gemeinsam sind Sie in dieses Dorf gefahren – haben Sie es anhand des Romans wiedererkannt?
HF: Wir sind während des Übersetzens einige Male hingefahren. Die Wege, die in «Venusschuh» und in anderen Erzählungen vorkommen, bin ich nachgewandert. Die Landschaft ist faszinierend, und ganz vieles ist noch so, wie sie es beschreibt.
Ich habe aber nicht herausgekriegt, wer heute in Chandolin wohnt. Es müssen immer noch ein paar Bauern dort sein. Früher gab es ja die Einrichtung der Maiensässe, als die Bauern ein Nomadenleben geführt haben und je nach Jahreszeit an verschiedenen Orten gewohnt haben. Diese Maiensässe im Val d’Anniviers sind jetzt alles Ferienwohnungen. Aber es gibt immerhin in Chandolin eine grosse Scheune, die der Staat nach dem Krieg gebaut hat, um den Bauern dieses Nomadenleben zu ersparen: Davor hatten sie die Tiere zum Heu statt das Heu zu den Tieren gebracht; das Heu blieb, wo es geerntet wurde.
Wenn man durch das Dorf geht, hat man schon das Gefühl, zum grössten Teil sind es Fremde, die da wohnen. Aber teilweise ist es auch noch sehr archaisch: Erhalten blieb der Kern des alten Dorfs, der für Autos gesperrt ist, mit authentischen alten Holzhäusern. Auch der Weg zur Kirche und der Innenraum der Kirche sind noch so wie in «Venusschuh» beschrieben. Man kann den Roman also ohne Weiteres als Wanderführer benutzen.