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Frage von Ralph O.: «Meine Grosseltern sind in einer christlichen Gemeinschaft, und meine Mutter geht regelmässig zu einem spirituellen Lehrer. Mich ärgert diese Frömmigkeit. Wie können die Leute blind an etwas Übernatürliches glauben, was sich nicht beweisen lässt?»
Am besten stellen Sie Ihren Verwandten höflich und interessiert genau diese Frage. Wahrscheinlich werden diese mit der Schilderung einer Erfahrung antworten. Sie hätten ein religiöses Erlebnis gehabt, Gott oder Jesus gespürt. Oder würden das in spirituellen Ritualen oder Gottesdiensten immer wieder erfahren.
Natürlich würden sich auch viele Leute, die keine solchen persönlichen Glaubenserfahrungen gemacht haben, als gläubig bezeichnen oder zumindest sagen, sie seien von der Existenz einer höheren Macht überzeugt. Eine Studie der Universität Lausanne von 2011 zeigt, dass nur 17 Prozent der Schweizer sehr engagierte Christen sind – aktive Katholiken oder Protestanten und vor allem Angehörige von Freikirchen. 64 Prozent dagegen sind sogenannte «Distanzierte», die Kirchensteuern zahlen und oft glauben, dass es «etwas Höheres» gibt, für die die Religion aber keine lebenspraktische Bedeutung hat. 9 Prozent praktizieren moderne Spiritualität, und 10 Prozent haben keine religiöse Praxis und Glaubensüberzeugung.
Für viele Leute ist Gott lebendig
Sie sind also mit Ihrer kritischen Haltung nicht allein. Einerseits passt es grundsätzlich zu Ihrem jugendlichen Alter, dass Sie den Lebensstil der Eltern und Grosseltern hinterfragen. Das ist nötig, um den eigenen Weg zu finden. Anderseits hat die Zahl der Zweifler an der Existenz Gottes seit der Zeit der Aufklärung stetig zugenommen. In der Soziologie wird diese Entwicklung mit der «Modernisierungsthese» erklärt. Je moderner ein Land ist, das heisst, je wohlhabender und gebildeter die Bevölkerung ist, desto kleiner wird die Zahl der gläubigen Menschen. Allerdings stimmt das vor allem für Europa. In den USA etwa geben über 60 Prozent der Bevölkerung an, die Liebe Gottes «oft» zu spüren. Und der Präsident leistet auch heute noch seinen Amtseid auf die Bibel und nicht auf die Verfassung.
Weltweit gibt es ausserdem Abermillionen von gläubigen Muslimen, in Südamerika Millionen gläubiger Katholiken. Es sieht nicht so aus, als wäre Gott tot, wie der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche vor 130 Jahren schrieb. Für viele Menschen ist Gott lebendig, und sie richten ihr Leben nach ihm aus.
Die Existenz Gottes lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Ohne Zweifel aber ist der Mensch ursprünglich ein religiöses Wesen. Es gibt weltweit und auch in der Vergangenheit keine Kultur, kein Volk, das nicht eine Religion praktiziert hätte. Aus der Mythologie kennen wir die Götter der Griechen, haben vielleicht vom Sonnengott Ra der Ägypter gehört, vom Manitu der Indianer.
Der Schweizer Psychiater Thomas Knecht hat sich eingehend mit der Psychologie des Glaubens befasst. Für ihn ist die Fähigkeit zum religiösen Glauben ein Kennzeichen des Menschseins wie der Daumen zum Greifen oder die Sprache für die Verständigung.
Jeder soll nach seiner Façon leben dürfen
Andere Forscher haben die Stelle im Hirn geortet, wo Glaube «stattfindet», und ein Genetiker hat entdeckt, dass tiefreligiöse Menschen häufig eine bestimmte Variante eines Gens auf ihrem Chromosom Nummer 10 aufweisen.
Wieso sich also über etwas ärgern, was offenbar im Menschen angelegt ist und von vielen Leuten, nicht nur Ihren Verwandten, gelebt wird? Jeder soll «nach seiner Façon selig werden», hat im 18. Jahrhundert der König von Preussen deklariert. Er dachte dabei an Katholiken und Protestanten.
Heute sollte man diesen Toleranzgedanken ausweiten. Sei es eine traditionelle Kirche, eine freie Glaubensgemeinschaft, ein spiritueller oder esoterischer Weg, Islam oder Judentum oder ein Leben ohne Gott: Jeder soll das leben dürfen, was ihm wichtig ist, und selbstredend den Andersgläubigen das gleiche Recht zugestehen.
Ein Glaube kann dem Leben Sinn geben, kann einen ermutigen, Gutes zu tun, kann helfen, Krankheiten, Schicksalsschläge und Todesfälle zu bewältigen. Wer eine höhere Macht spürt, wer überzeugt ist, dass sein Leben von einem gütigen Wesen gelenkt wird, kann dem Leben angstfreier begegnen. Wäre es möglich, dass in Ihrem Ärger auch ein Quäntchen Neid auf ein solches Gottvertrauen verborgen ist?