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Die Schlacht am Morgarten - Hintergründe und Bedeutung
Am 15. November 1315 zog Herzog Leopold von Habsburg mit seinem teilweise berittenen Gefolge von Zug her kommend durch das Ägerital gegen Sattel. Beim südlichen Ende des Ägerisees – am Morgarten – wurden sie von zahlenmässig unterlegenen Schwyzern überfallen und in die Flucht geschlagen. Was später als erste «Freiheitsschlacht» der Waldstätte gegen die fremden Vögte dargestellt wurde, dürfte in der Zeit selber eine Auseinandersetzung um das Erbe der Grafen von Rapperswil, der ehemaligen Vögte des Klosters, gewesen sein.
Ursachen für die Schlacht am Morgarten
Die genauen Umstände, die zur Schlacht am Morgarten geführt haben, sind umstritten und stehen immer wieder im Fokus der historischen Forschung. Neben den bekannten Motiven «Marchenstreit» und «Thronstreit» weist die aktuelle historische Forschung zusätzlich auf einen «Adelsstreit» hin.
Marchenstreit
Der «Marchenstreit», der langjährige Grenz- und Nutzungskonflikt zwischen der Talschaft Schwyz und dem Kloster Einsiedeln, gilt als «klassischer» Grund für den Morgartenkonflikt.
Das Kloster Einsiedeln – in der Zeit um 1300 ein eigentliches Unternehmen mit sehr starker Position in der Region – stellte aus wirtschaftlichen Überlegungen von der den Eigenbedarf deckenden Subsistenzwirtschaft auf die sehr viel lukrativere Grossviehhaltung um. Grund dafür war der Handel mit den aufstrebenden Städten des Mittellandes und mit dem stark urbanisierten oberitalienischen Wirtschaftsraum. Das Kloster unternahm geradezu pionierhaft wirtschaftliche Strukturveränderungen, um seine Wirtschaftsorganisation anzukurbeln. Auf klösterlichem Eigenland oder auf Allmendgebiet wurden spezielle Höfe zur Grossviehwirtschaft, sog. «Schweighöfe», errichtet und klösterlichen Pächtern übergeben.
Diese klösterlichen Grosspächter kümmerten sich in der Folge wenig um die traditionellen Weideformen der «kleinen Bauern», also der übrigen Viehhalter im Einsiedler Einflussbereich, und der Schwyzer Bauern. Die Infragestellung von etablierten bäuerlichen Nutzungsformen sorgte auf beiden Seiten für einiges Konfliktpotential. Denn die Modernisierung bedeutete für «Kleinbauern» eine tief greifende Veränderung der bisherigen Wirtschaftsweise, die vor allem auf Kleinviehhaltung ausgerichtet war. Die Grossviehherden beanspruchten einst gemeinsame Nutzungszonen, während das Kleinvieh auf marginale Flächen verwiesen wurde. Die Verdrängung traditioneller kleinbäuerlicher Nutzungsformen im Allmendgebiet durch die intensivierte Viehhaltung grosser Weidepächter führte zu heftiger bäuerlicher Unruhe. Es entstanden dadurch eigentliche Nutzungskonflikte. Während das Kloster bei diesen Streitigkeiten die Interessen seiner Pächter vertrat, zogen die Schwyzer Bauern ihrerseits das Land Schwyz in den lokalen Zwist hinein. Die Auseinandersetzungen kulminierten am 6. Januar 1314 im Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln. Das Kloster wurde geplündert und einige Mönche gefangen genommen und nach Schwyz verschleppt. Diese Heimsuchung des Klosters war der spektakuläre Höhepunkt einer Entwicklung, die offenbar von zunächst alltäglichen Weidestreitigkeiten über organisierte Viehraubaktionen bis hin zu einem deutlich politisch zu verstehenden Gewaltausbruch gegen die Abtei geführt hatte.
Thronstreit
Eine mögliche, vermutlich jedoch nur unterschwellig mitwirkende Ursache war der «Thronstreit» von 1314/15, in dessen Kontext die Schlacht gestanden haben könnte. Die Kurfürsten konnten sich nach dem Hinschied von Heinrich VII. auf keinen gemeinsamen Kandidaten für die deutsche Krone einigen und so kam es 1314 zur «Doppelwahl» von Ludwig dem Bayern (Wittelsbacher) und von Friedrich dem Schönen (Habsburger), dem Bruder von Herzog Leopold.
Die Schwyzer, seit der Verleihung der Reichsunmittelbarkeit im Jahre 1240 durch Kaiser Friedrich II. stets um die Bestätigung dieses Privilegs durch neu gewählte Könige bemüht, unterstützten Ludwig den Bayern. Von ihm durften sie auf die Bestätigung respektive die Erneuerung der 1240 verliehenen «Freiheiten» hoffen, die ihnen weitgehende Selbstverwaltung ihrer inneren Verhältnisse brachte. Morgarten wurde vor diesem Hintergrund zum Schauplatz in einem Konflikt, der das gesamte Reich spaltete. Im Jahr nach der Morgartenschlacht bestätigte König Ludwig der Bayer den Freiheitsbrief von 1240 – womöglich als Belohnung für die Parteinahme der Schwyzer.
Adelsstreit
Die Schlacht am Morgarten fand beinahe zwei Jahre nach dem Überfall der Schwyzer auf das Kloster statt. Während die ältere Geschichtsschreibung von einem versuchten habsburgischen Vergeltungs- oder Disziplinierungszug nach Schwyz ausgegangen war, führt die neuere Forschung die Demonstration von Herrschaft als hauptsächliches Motiv für Leopolds Unternehmung an. Als Inhaber der Schirmvogtei über das Kloster Einsiedeln war er durch den Überfall auf das Kloster herausgefordert und seine Reputation gefährdet.
Allerdings besass auch der seit 1309 amtierende Reichsvogt in den Waldstätten, Werner von Homberg, Erbansprüche auf die Vogteirechte über das Kloster Einsiedeln. Als wichtigster politischer Akteur in der Region unternahm er seit 1313 gezielte Anstrengungen, seine Position in der Innerschweiz zu festigen und arbeitete deswegen auch eng mit den lokalen Führungsgruppen der Region zusammen. Graf Werner kam in dieser Zeit in der Region Innerschweiz offensichtlich eine wichtige politische Gestaltungsrolle zu und die angesprochenen Vogteirechte waren eine wesentliche Herrschaftsgrundlage. Konkret ging es am «Morgarten» somit um eine Adelsfehde, also eine Auseinandersetzung zwischen dem Reichsvogt Werner von Homberg und dem Habsburger Landesherrn und um deren Ansprüche auf Vogteirechte über Besitz des Klosters Einsiedeln. Mittelalterliche Herrschaftsausübung verlangte nach persönlicher Präsenz. Gerade in umstrittenen Gebieten war dies besonders wichtig. Nach dem Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln im Januar 1314 sah sich Habsburg deshalb genötigt, seinen Anspruch auf die Vogteirechte über die Einsiedler Güter und Leute an Ort und Stelle, in Einsiedeln, durch Präsenz zu unterstreichen. Das Ägerital, damals im Besitz des Klosters Einsiedeln, bot sich als Marschroute an. Habsburg wollte mit dieser Aktion seine Herrschaft demonstrieren und zwar sowohl gegenüber den Schwyzern und deren Reichsvogt Werner von Homberg, als auch gegenüber dem Abt von Einsiedeln. Ihm musste gezeigt werden, dass auf die Schutzversprechungen von Habsburg Verlass war.
Aus dieser Perspektive wird klar, dass der Widerstand am Morgarten von Leuten aus der Umgebung des Hombergers ausging, welche die Herrschaftspräsenz in Einsiedeln von Herzog Leopold zu verhindern suchten. Schliesslich mag auch die Hoffnung auf Beute ein zusätzliches Angriffsmotiv der Schwyzer gewesen sein.
Morgartenschlacht und Schlachtverlauf
Bis heute fehlen genaue Angaben über den Schlachtverlauf, auch Ausgrabungen haben keine konkreten Hinweise gebracht. Historisch gesichert ist, dass am 15. November 1315 Herzog Leopold von Habsburg am Morgarten in einen Hinterhalt geriet. Die Anzahl der Kämpfenden und der Gefallenen muss offen bleiben; die mittelalterlichen Angaben zur habsburgischen Truppenstärke und zur Zahl der Gefallenen sind wohl stark übertrieben. Das habsburgische Heer dürfte aus (vorneweg reitenden) adligen Rittern und Fusssoldaten aus dem habsburgischen Herrschaftsgebiet (u.a. Aargauer, Zürcher, Luzerner, Zuger, Klettgauer und Sundgauer) bestanden haben. Ihnen gegenüber standen die Waldstätter, zur Hauptsache Schwyzer.
Folgen der Schlacht: Der Morgartenbrief
Der Morgartenbrief oder der «Bund von Brunnen» ist ein Bündnis zwischen den «lantlüte von Ure, von Szwits und Underwalden», das nach der Schlacht am Morgarten aufgesetzt wurde und das auf den 9. Dezember 1315 datiert. Es ist in Deutsch gehalten und zum ersten Mal taucht hier das Wort «Eidgenosse» auf.
Was den Inhalt des Briefes betrifft, so geht es darin in erster Linie um gegenseitige Hilfe und Friedenswahrung, ausserdem um den Gehorsam gegenüber den rechten Herren (bei Fehden mit ihnen ist diese Pflicht allerdings nicht einzuhalten). Es finden sich zudem Regeln für das gemeinsame Handeln, was wohl nicht zuletzt auf eine gegenseitige Kontrolle der Bündnispartner abzielt. Weiter enthält der Bund Bestimmungen zur Schlichtung von Streitigkeiten und Fehden. Es darf keine Richter geben, die ihr Amt gekauft haben oder nicht «lantman» sind. Weiter sind strafrechtliche Massnahmen verankert, betreffend Totschlag, Raub, Brandstiftung, Pfändung und Ungehorsam. Trotz der inhaltlich frappanten Nähe zum Bundesbrief von 1291 findet dieser keine Erwähnung.
Der Brief von Morgarten hatte also die Funktion eines Landfriedensbündnisses. Die Waldstätte wollten ihre Fähigkeit, Frieden zu wahren, beweisen sowie die Rolle als Verhandlungspartner gegenüber «ihrem» König Ludwig dem Bayern rechtfertigen.
Der Morgartenbrief von 1315 liegt im Bundesbriefmuseum in Schwyz.
Der Morgartenbrief und seine Wirkung
Das Bündnis von 1315 hatte im Gegensatz zu demjenigen von 1291 eine nachhaltige Wirkung. Der Morgartenbrief wurde häufig abgeschrieben oder nachträglich «aktualisiert».
Beispielsweise stammt das im Bundesbriefmuseum ausgestellte «Original» nicht aus dem Jahr 1315, sondern ist eine sogenannte Nachherstellung, also eine Abschrift, die den Inhalt auf den neuesten Stand brachte. Hergestellt wurde sie wohl erst nach 1390.
Durch solche Aktualisierungen behielt der Morgartenbrief eine gewisse inhaltliche Relevanz, bald sprach man dem Brief vor allem eine symbolische Bedeutung zu: Vertreter der eidgenössischen Orte beschworen ihn gerade bei kontrovers ablaufenden Zusammenkünften immer wieder. Ziel dabei war es, das Bild der freien, frommen, tugendhaften, tapferen und einträchtigen Vorfahren als Ideal und Anleitung für gegenwärtiges Verhalten zu empfehlen.
Seit dem 15. Jahrhundert hatte der Morgartenbrief grossen Einfluss auf eine langsam entstehende Bundestradition. Es überrascht deshalb nicht, dass man dieses Dokument lange für die Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft hielt. Erst im Umfeld der Bundesfeierlichkeiten 1891 wurde er vom 1291er-Bund abgelöst und auch hinsichtlich der symbolischen Wirkung von diesem überboten.
Die Bedeutung der Schlacht am Morgarten für das Geschichtsverständnis
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Schlacht am Morgarten eine vorab schwyzerische Angelegenheit: seit dem 14. Jahrhundert wurde in einem religiösen Schlachtgedenken regelmässig der Schwyzer Gefallenen bei Morgarten gedacht. Zwar hatte der Glarner Geschichtsschreiber Ägidius Tschudi bereits Mitte des 16. Jahrhunderts die eidgenössische «Befreiungsgeschichte» beschrieben. Neben Wilhelm Tell, dem Rütli und dem Burgenbruch berichtete er dabei auch von den Ereignissen am Morgarten. Aber erst ab 1891 entwickelte sich die Geschichte von der Schlacht am Morgarten zu einem gesamtschweizerischen Bild der heldenhaften Ur-Schweizer, die sich gegen Unterdrücker in Form der bösen Herren auflehnten. Rezeptionsgeschichtlich wurde und wird „Morgarten“ – entsprechend der jeweiligen Weltlage (I. und II. Weltkrieg, Kalter Krieg und Blockbildung, EU und Osterweiterung) – emotional unterschiedlich, aber in einheitlicher Motivlinie besetzt als Symbol für Wehrwille und Tapferkeit, Freiheitsliebe, Unabhängigkeit und Widerstand gegen fremdes Diktat.
Wie stark die Bedeutung der Schlacht am Morgarten noch im 20. Jahrhundert war, zeigt beispielsweise die Diskussion um den genauen Ort des Geschehens. Die Frage, wo genau die Schlacht stattgefunden und wo darum das Schlachtdenkmal errichtet werden soll, führte anfangs des Jahrhundert zu einer veritablen Verstimmung zwischen Schwyz und Zug. An der Einweihung des Denkmals, das 1908 auf Zuger Boden errichtet worden war, nahm die Schwyzer Regierung demonstrativ nicht teil.
Die Bedeutung der Schlacht lässt sich mit den heroischen Vorstellungen der späteren Jahrhunderte nicht vereinbaren. Die Schlacht am Morgarten wurde aber zu einem Teil des schweizerischen Selbstverständnisses und erfüllte insofern sehr wohl eine wichtige politische Funktion.
Verfasser: Amt für Kultur SZ, Staatsarchiv ZG