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Lässt sich Ihr Pferd nur schwer lösen, ist es empfindlich im Rücken, oder hat es Narbenverklebungen? Fühlen Sie sich steif, und haben Sie Schmerzen? Die Ursache liegt vielleicht im Bindegewebe, den Faszien!
Die Faszien sind eine hochinteressante Struktur des Körpers: Sie beeinflussen ganz entscheidend die Gesundheit und das Wohlbefinden, sie unterstützen, füllen, verbinden, trennen und stabilisieren jede Struktur im Körper - beim Menschen genauso wie beim Pferd.
Um das Fasziensystem zu verstehen, seine Komplexität und Funktionen zu erfassen, muss man sich gedanklich von der klassischen Lehrmeinung lösen und seinen Horizont erweitern. Man muss die vereinfachte und unvollständige Sichtweise, wonach der Körper linear und in isolierten Einheiten arbeitet, hinter sich lassen. Wir müssen vielmehr ganzheitlich und dreidimensional denken. Sind diese Vorbedingungen geschaffen, können wir in die faszinierende Welt der Faszien eintauchen.
Faszien, was ist das?
Die Faszien durchdringen den gesamten Organismus des Menschen und des Pferdes wie ein dreidimensionales Spinnennetz. Man spricht von einer fibroelastischen Membran, die je nach Verortung und Aufgabe mal fester (Sehne), mal nachgiebiger (Magenwand) ist.
Das Fasziensystem ist im gesamten Körper omnipräsent und ja, es handelt sich um ein durchgehendes, verbundenes Gewebe. Es verläuft vom Kopf bis zu den Füssen, von der Oberfläche bis in die Tiefe, ja sogar bis zur Hülle der Zelle. Es bildet ein dreidimensionales Netz, das alle Strukturen des Körpers durchdringt und miteinander verbindet. Man findet Faszien in unseren und um unsere Muskeln, unsere Bänder, unsere Organe, unser Gehirn usw. Sie unterstützen unsere Knochen und unsere Organe - kurzum: Sie sind überall!
Faszien gleichen der weissen Haut einer Orange, die die gesamte Frucht umgibt und durchdringt: 1) Haut, 2) oberflächliche Faszie und Fettgewebe, 3) tiefe Faszie, die Muskeln und Muskelfasern umgibt, 4) Faszien, die Nerven, Arterien, Venen, Lymphgefässe und Organe bedecken, 5) Rückenmark und zentrales Nervensystem | © Shutterstock
Wozu dienen Faszien, welche Aufgaben haben sie?
Um die Bedeutung der Faszien besser verstehen zu können, brauchen wir etwas Vorstellungskraft oder Erinnerungsvermögen: Denken Sie sich einen Reiter auf dem Sandplatz in perfekter Harmonie mit seinem Pferd. Eine fliessende, kontinuierliche Kommunikation zwischen zwei Athleten. Der Reiter korrigiert genau im richtigen Moment millimetergenau seine Haltung, indem er gewisse Muskeln anspannt und andere entspannt. Er spürt die Energie und Kraft seines Pferdes unter dem Sattel und passt ständig seine Hilfen an. Gleichzeitig spürt er die Wärme der Sonne auf seiner Haut. Das Pferd seinerseits weiss haargenau, wohin es jeden Huf setzt, wie es die Bewegung anhand der Hilfengebung seines Reiters koordinieren und ausführen muss. Es spürt den Druck des Stiefels an seinen Flanken, die Einwirkung der Zügel in seinem Maul und den Einfluss der Gleichgewichtsveränderung seines Reiters.
Wie ist das alles möglich? Dank den Faszien! Sie tragen zur Sinneswahrnehmung bei - der Wahrnehmung von Körperhaltung, Schmerzen, Vorgängen im Körperinnern usw. Sie helfen uns dabei, unseren Körper im Raum wahrzunehmen, um Bewegungen auszulösen, zu koordinieren und zu steuern (Propriozeption). Ohne Faszien wären Pferd und Reiter zwei verrenkte Marionetten, die nicht einmal wüssten, wo sich ihre Beine befinden. Die Faszien spielen also eine wichtige Rolle bei der Kraftübertragung und Bewegungskoordination.
Das ist aber längst nicht alles! Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass die Faszien überall sind. Man muss sich die Faszien vorstellen wie Leim, der alle Körperteile zusammenhält und zu einer einzigen und ununterbrochenen Einheit verbindet. Ohne die Faszien wäre der Körper eine Pfütze am Boden. Ihre zweite Aufgabe besteht also darin, die «Elemente» des Körpers zusammenzuhalten.
Und damit nicht genug! Faszien haben weitere spannende und unersetzliche Aufgaben. So kommunizieren sie ständig mit unserem Nervensystem. Das Fasziensystem ist das wichtigste Sinnesorgan unseres Körpers. Faszien nehmen (körperlichen und emotionalen) Stress auf. Oder anders gesagt: Sie federn Stösse ab und schützen die Strukturen des Körpers, denn sie sind dynamisch und passen sich laufend an die Anforderungen an. Sie ermöglichen also ein subtiles Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung, die dem Körper Stabilität verleihen und gleichzeitig Bewegung ermöglichen. Man spricht in diesem Zusammenhang von Tensegrität. Anhand dieses Tensegrität-Modells lässt sich auch nachvollziehen, wie es bei einer Verletzung zu Kompensationsketten kommt: die Stabilität, die Spannung, das Festmachen und Loslassen und schliesslich auch die kompensatorische Reaktion darauf werden entlang der Faszien verteilt - sie sind der Ursprung von gestörten Reizketten.
Ein körpereigenes Kommunikationsorgan
Das Fasziensystem gilt aufgrund seiner Eigenschaften und Interaktionen als eigenständiges mechanosensorisches und biologisches Organ. Das heisst, dass es über ganz spezifische Funktionalitäten und Fähigkeiten verfügt.
Vereinfacht dargestellt bedeutet dies:
- Mechanisch: Faszien können sich zusammenziehen, und zwar unabhängig von den Muskeln oder Organen, die sie umgeben.
- Sensorisch: Faszien verfügen über Sensoren und Nervenendigungen, anhand derer sie mit dem Nervensystem kommunizieren und Wärme, Schmerz, Bewegung usw. wahrnehmen können.
- Biologisch: Faszien beeinflussen über die sogenannte Mechanotransduktion direkt die zellulären Reaktionen. Das bedeutet, dass wenn auf die Faszie Druck oder Spannung ausgeübt wird, die Zelle dieses Signal auf ihrer Membran in eine biochemische Information (Hormon, Enzym usw.) umwandelt. Die Biochemie des Körpers verändert sich also in Abhängigkeit des Zustands der Faszien.
Wodurch können die Faszien Schaden nehmen?
Eine zu hohe Trainingsintensität, zu kurze Erholungsphasen, unpassendes Equipment, eine zwanghaft herbeigeführte Fehlhaltung, ein Trauma (Schock, Stoss, Narbenbildung usw.) oder auch ein schlechter Lebensstil können die Faszien beschädigen.
Die Faszien nutzen sich ab und können Schmerzen hervorrufen, auch beispielsweise während einer Stehzeit aufgrund einer Verletzung oder bei Bewegungsmangel.
Ausserdem reagieren Faszien stark auf Stress. Das Gewebe zieht sich zusammen und verhärtet sich bei längeren Stressphasen. Es gibt also eine Verbindung zwischen dem Körper und der Gefühlsebene.
Mithilfe der Faszientherapie können Traumata gelöst, Stress reduziert, Schmerzen gemildert werden. Ausserdem wird die Mobilität gesteigert, um die Regeneration des Patienten - ob Mensch oder Pferd - zu optimieren. Es gibt verschiedene Therapieformen, welche die Faszien ansprechen, beispielsweise Akupunktur, Rolfing oder Osteopathie. Wie auch Sie Ihrem Pferd mit Faszientechniken helfen können, erfahren Sie im Folgeartikel, der im nächsten «Bulletin» Mitte Dezember 2022 erscheinen wird.
Suzanne Maibach