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Schachthälse, die aus den Feldern herausragen, Feldwege, die höher als die Felder liegen und Entwässerungsleitungen, die beim Pflügen zum Vorschein kommen: An solche Bilder müssen sich Bauern im Grossen Moos gewöhnen. Weil sich der Torfboden unter den Feldern zunehmend zersetzt, senken sich die Felder ab, wie das «Bieler Tagblatt» unlängst geschrieben hat. Das führt zu zahlreichen Problemen: Auf den unebenen Flächen sammelt sich das Wasser in Mulden und kann nicht mehr abfliessen.
Zudem stossen Maschinen bei der Bearbeitung der Böden auf Entwässerungsleitungen oder Schachtbauwerke, die wegen der Torfsackung aus dem Boden hervorkommen. Und zum Dritten werden die Übergänge zwischen Feldwegen und Feldern durch die Absenkung des Bodens teilweise so steil, dass die Bauern mit ihren Maschinen kaum mehr auf die Felder fahren können.
Ein natürlicher Prozess
Bis zur Korrektion der Juragewässer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Grosse Moos eine Sumpflandschaft. In solchen Gebieten war der Siedlungsdruck wegen des schlechten Baugrunds gering. «Unter anderem aus diesem Grund wurde die Landwirtschaft in Gebieten wie dem Grossen Moos umso mehr intensiviert», erklärt MatthiasStettler, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Agrartechnik an der an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen. Durch die Gewässerkorrektion wurde die Sumpflandschaft entwässert, so dass dort Gemüse überhaupt erst wachsen konnte.
Hier beginnt der grundlegende Widerspruch der Landwirtschaft in Sumpfgebieten: Wird Torfboden für die Landwirtschaft bearbeitet, gelangt Sauerstoff in den Boden. Dadurch beginnen Bakterien, das eingelagerte Pflanzenmaterial zu zersetzen. Aus dem Torf werden bei diesem Prozess Kohlendioxid und Wasser. Ersteres entweicht in die Atmosphäre, letzteres verdampft oder versickert im Boden. «Nutzt man Torfböden landwirtschaftlich, ist der Torfabbau ein natürlicher Prozess, der sich nur verlangsamen, aber kaum aufhalten lässt», stellt Adrian von Niederhäusern vom Landwirtschaftlichen Institut Grangeneuve des Kantons fest.
Laut Stettler gibt es bereits heute Betriebe im Grossen Moos, die mit grossen Problemen kämpfen. Das werde sich in den kommenden Jahrzehnten noch verschärfen. Von Niederhäusern erzählt, einige Bauern hätten bereits heute nur noch 30 bis 50 Zentimeter Torfboden auf ihrem Grund.
Auch Fredy Moser, Gemüsebauer und Gemeinderat von Kerzers, sagt, wenn er auf einigen seiner Parzellen etwas zu tief pflüge, stosse er bereits auf felsigen Grund. Er habe aber im Gegensatz zu anderen Bauern in der Region noch keine Ertragseinbussen.
Für Ueli Minder, Gemeindepräsident von Jeuss und Vorstandsmitglied von Pro Agricultura, der selber Landwirt ist, sind sich die Bauern des Problems zum Teil noch zu wenig bewusst. Sie wollten die Probleme auch nicht sehen, die auf sie zukommen würden. Bauer Fredy Moser sieht das aber eher als Folge einer Ohnmacht: «Man ist sich des Problems zwar seit Jahren bewusst, man kann aber nicht wahnsinnig viel dagegen unternehmen.»
Der Klimawandel hat auf den Abbau des Torfs kaum Einfluss. Hingegen, so Bodenexperte Stettler, belaste die Zersetzung des Torfs durch die Freisetzung grosser Mengen Kohlendioxid das Klima.
Fruchtbarkeit nimmt ab
Neben den konkreten Problemen bei der Bewirtschaftung stellt sich durch den Torfabbau ein grundlegendes Problem: Ist der nährstoffreiche Torfboden einmal verschwunden, kommen darunter Bodenschichten zum Vorschein, die weniger fruchtbar sind. So taucht unter dem Torf zum Teil felsige Seekreide auf. Das stellt Bauern langfristig vor existenzielle Probleme. «Ein Teil der Parzellen wird in spätestens 50 Jahren für den Gemüsebau nicht mehr zu gebrauchen sein», ist Grangeneuve-Mitarbeiter Adrian von Niederhäusern überzeugt.
Fredy Moser, Gemüsebauer und Gemeinderat von Kerzers, sieht die Lage weniger dramatisch: «Zum Glück bauen die meisten Bauern ihr Gemüse nicht nur auf Torfböden an.»
Intensive Nutzung
Landwirtschaft auf Torfböden ist somit fast notwendigerweise mit Torfabbau verbunden. Und eine intensive Nutzung kann das Problem noch zusätzlich verschärfen. «Je intensiver das Land genutzt wird, desto mehr Sauerstoff kommt in den Boden und desto schneller wird der Boden abgebaut», sagt von Niederhäusern.
Enger Spielraum
Laut Matthias Stettler müsste die Form der Landwirtschaft im Grossen Moos grundsätzlich überdacht werden. «Die Bauern sind heute darauf ausgerichtet, den Grossverteilern grosse Mengen an Gemüse zu liefern.» Bis zu drei Kulturen im Jahr erforderten grosse, schwere Maschinen, ergänzt von Niederhäusern. Gemäss Stettler sollte der Erholung des Bodens mehr Beachtung geschenkt werden. «So müssten die Fruchtfolgen überdacht werden und zwischendurch zum Beispiel Gras gepflanzt werden.»
Für Ueli Minder von Pro Agricultura ist der Vorschlag Wunschdenken: «Das wäre zweifelsohne die ideale Landwirtschaft.» Aber viele Bauern könnten gar nicht anders, als ihre Parzellen möglichst intensiv zu nutzen: «Sie haben sehr viel investiert und müssen die Investitionen amortisieren.» Dazu komme der enge Spielraum, den die Grossverteiler den Bauern setzten. Letzteres kennt Fredy Moser aus eigener Erfahrung. «Ich kann meinen Abnehmern nicht sagen, ich liefere euch zwei Jahre keine Karotten mehr, weil ich die Fruchtfolge einhalten muss», so Moser. Dann verliere er möglicherweise Kunden. Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma sieht Moser im Zusammenschluss mehrerer Bauern: «Wenn zum Beispiel ein Gemüsebauer und ein Bauer mit Tierhaltung zusammenspannen, können die Gemüseäcker zwischendurch mit Gras bepflanzt werden, das dann durch den Tierhalter genutzt wird. Und der Gemüsebauer könne so gleichzeitig das Land des Tierhalters für Ackerbau nutzen.» So könnte man den Boden schonen, ohne Ertrag zu verlieren. Dieses Modell werde in der Landwirtschaft zunehmend praktiziert. Aber auch innovative Betriebsmodelle lösen das grundsätzliche Problem des Torfabbaus nicht, sind die Experten überzeugt.
Innovationen: Massnahmen gegen Terrainverlust
M it verschiedenen tech nischen Massnahmen kann der Abbau von Torf verlangsamt und die Auswirkungen für die Bauern gedämpft werden. Matthias Stettler, wissenschaftlicher Mit arbeiter für Agrartechnik an der an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaf ten (HAFL) in Zollikofen, unterscheidet drei Ansätze: Erstens können Unebenheiten in den Feldern mit Maschinen ausgeglättet werden. Die Felder werden dazu vorgängig per GPS oder Laser vermessen. Mit dieser Massnahme versickert das Wasser wieder gleichmässig und fliesst ab. Zweitens können verschiedene Bodenschichten miteinander vermischt werden. So wird Torfboden zum Beispiel stabi- ler und wasserdurchlässiger, wenn er mit darunterliegendem Sand vermischt wird. Drittens können grössere Niveauunterschiede in Feldern mittels Zuführung von externem Bodenmaterial ausgeglichen werden. Das Gesetz lässt dafür aber keinen unbeschränkten Spielraum. Gemäss Matthias Stettler muss für grössere Aufschüttungen eine Bewilligung eingeholt werden. «Damit soll verhindert werden, dass schadstoffbelastetes oder unfruchtbares Material aus Industriebrachen auf die Felder ausgebracht wird», sagt Bodenexperte Stettler. Soll der Ertrag von Feldern langfristig gesteigert werden, müsse die Aufschüttung mit Aushubmaterial zudem gut geplant werden und nicht konzeptlos erfolgen, so Stettler. Die Bauern auf der anderen Seite beklagen eine starre Regulierung. Ueli Minder wünscht sich die Möglichkeit, solche Arbeiten auf zwei Jahre hinaus quasi «auf Vorrat» bewilligen zu lassen: «Wenn das Material anfällt, muss es schnell gehen, damit es nicht auf einer Deponie entsorgt wird.» Da bleibe keine Zeit für ein langwieriges Bewilligungsverfahren.
Als begleitende Massnahme wollen die Kantone Freiburg und Bern sowie der Bund den Untergrund des Grossen Mooses neu vermessen. Die Karte soll zeigen, wie weit der Torfabbau fortgeschritten ist und wo sich die erwähnten Massnahmen anbieten würden (die FN berichteten). Von den Gesamtkosten von 920 000 Franken müssten der Kanton und die Freiburger Gemeinden einen Anteil von 80 000 Franken bezahlen. Gemäss Peter Thomet, Präsident Pro Agricultura, wünschen die Gemeinden, dass der Fonds für Bodenverbesserung für die Kosten aufkommt. Der Fonds wird durch Landverkäufe im Kanton gespeist. Während der Kanton Bern und der Bund ihre Beiträge bereits zugesagt haben, ist die Finanzierung auf Freiburger Seite noch nicht geregelt. sos