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Am Donnerstag, 12. November 2020, fand die öffentliche, im Rahmen der Woche der Religionen Zürich organisierte, Jubiläumsfeier des ISKCON-Tempels in Zürich statt. 40 Jahre existiert der Tempel an der Bergstrasse bereits, was mit einem historischen Rückblick, einer Tempelzeremonie und einem Podiumsgespräch gefeiert wurde. Um die Sicherheitsmassnahmen einhalten zu können, konnte die Feier leider nicht im Tempel selbst sattfinden und musste ins Gemeinschaftszentrum Hottingen verlegt werden.
Unverkennbar Hare Krishna
Trotz der fehlenden Tempel-Atmosphäre war klar spürbar, welche Gemeinschaft an diesem Abend gefeiert wurde. Im vorderen rechten Bereich des Saals stand ein kleiner Altar mit einer Krishna-Statue, Blumen, Kerzen und Bildern darauf. Verschiedene Mönche, oder Devotees wie sie in der Krishna-Gemeinschaft genannt werden, stellten weitere Stühle im Saal auf. Die Besuchendenzahl war wohl grösser als erwartet. Das Publikum setzte sich vorwiegend aus westlichen Personen der älteren Generation zusammen, wobei auch einzelne südasiatisch-aussehende Menschen anwesend waren. Als sich die ca. 40 Besuchenden gesetzt hatten, wurde es von Krishna Premarupa Dasa, dem Präsidenten des Krishna-Tempels in Zürich, begrüsst. Er begann den Abend mit einer visuellen Reise durch die Geschichte des Krishna-Tempels.
Die Anfänge
Die Geschichte der ISKCON in der Schweiz nahm in der Westschweiz ihren Anfang. In den 1970er Jahren existierte ein Krishna-Tempel bereits in der Umgebung von Genf. Die Bewegung erreichte Zürich im Jahr 1979, als das grosse indische Wagenfest durch die Zürcher Strassen zog, was nach einem bunten, chaotischen Spektakel aussah. Krishna Premarupa Dasa erklärte mit viel Humor, dass dies das letzte und einzige Mal war, wo eine Bewilligung für das Fest in Zürich eingeholt werden konnte. Im Jahr 1980 wurde das Gebäude an der Bergstrasse von der Familie des Bankiers Julius Bär abgekauft. Bis heute dient es als Tempel für die Krishna-Gemeinschaft in Zürich. Ungefähr zeitgleich wurde eine Farmgemeinschaft der ISKCON im Tessin gegründet, welche später allerdings nach Frankreich umzog.
Expansion und Krise
Die 1990er Jahre waren geprägt von grossen Erfolgen und der Expansion. Die ISKCON trat mit ihren Buchverteilungen und ihrem Singen in der Öffentlichkeit auf, was von der Presse teilweise positiv, oft jedoch negativ aufgenommen wurde. Trotzdem wuchs die Mitgliederanzahl in diesen Jahren auf ungefähr 70 Mitglieder. Das Leben der Bewegung war zu dieser Zeit sehr monastisch ausgelegt, sodass die Grosszahl der Mitglieder im Tempel selbst lebte. Gleichzeitig erreichten viele Flüchtlinge aus Sri Lanka die Schweiz, welche im Tempel zunächst eine Anlaufstelle und ein spirituelles Zuhause fanden. Die enge Zusammenarbeit mit der tamilischen Bevölkerung Zürichs hält bis heute an. Auf die Expansion folgte allerdings eine schwierige Zeit: 1998 verliess der grosse Guru Harikesha Swami die Bewegung, woraufhin ihm viele Schüler folgten. Die Gemeinschaft schrumpfte in der Folge auf ca. 20 Mitglieder.
Neuorientierung und Weiterentwicklung
In den 2000er Jahren musste sich der Krishna-Tempel an der Bergstrasse neuorientieren. Viele Mitglieder lebten neu ausserhalb des Tempels mit ihren Familien und gingen ihrer normalen Arbeit nach. Man begann sich um den interreligiösen Dialog in Zürich zu bemühen. Als Zeichen dieser Neuorientierung wurde ein Feuerrad auf dem Dach des Tempels installiert. Die darauffolgenden 2010er Jahre waren geprägt von der Erhaltung der Bemühungen der vorherigen Jahre und der Weiterentwicklung. Besonders der interreligiöse Dialog nahm eine wichtige Rolle ein und die ISKCON war neu in den kantonalen Schulbüchern des Fachs Kultur und Religion vertreten. Die eindrückliche und lehrreiche Präsentation von Krishna Premarupa Dasa endete mit dem schönen gold-schwarzen Logo, das eigens für die 40-Jährige Jubiläumsfeier des Tempels entworfen worden war.
Die Tempelzeremonie im Gemeindezentrum
Besonders die darauffolgende Tempel-Zeremonie hätte wohl in der Atmosphäre des eigentlichen Tempels mehr Eindruck gemacht. Die Devotees machten aber das Beste aus der Situation, sodass die Zeremonie nach den ersten Problemen mit dem Mikrofon, dass zwischendurch laut quietschte, das Publikum in den Bann zog. Die gesungenen Mantras wurden von verschiedenen Instrumenten begleitet. Die Worte «Hare Krishna» waren dabei für viele im Publikum die einzigen verständlichen Worte. Zur Musik räucherte eine Frau in einem blauen Sari den Altar vorne ein. Zwischendurch blies sie in ein Muschelhorn. Zunächst klatschten bloss Vereinzelte aus dem Publikum zur Musik, als diese schneller wurde, kamen immer mehr dazu. Eine kurze Zeit lang fühlte man sich an einen anderen Ort versetzt. Das Gefühl wurde dann abrupt beendet, als nach dem Ende der Zeremonie aufgrund der Corona-Massnahmen der gesamte Raum gelüftet werden musste.
Perspektivenwechsel im Podiumsgespräch
Auf die Lüftungspause folgte das Podiumsgespräch zu den Herausforderungen der Vergangenheit, den Entwicklungen der Gegenwart und den Perspektiven der Zukunft. Moderiert wurde das Gespräch durch die römisch-katholische Theologin Veronika Jehle. Zu Gast waren Georg Otto Schmid von Relinfo, Frank Neubert vom Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern, Martin Frischknecht vom Magazin Spuren und Guido von Arx als Vertreter von ISKCON. Die kenntnisreiche und religionswissenschaftliche Aussenperspektive von Schmid und Neubert wurde durch die erfahrenen Innenstimmen von Frischknecht und von Arx ergänzt, was ein äusserst spannendes Gespräch ermöglichte.
Spagat zwischen Tradition und Veränderung
Im Gespräch wurden vor allem die Veränderungen, die der Krishna-Tempel in Zürich durchgemacht hat, ersichtlich. Dabei spielte die grosse Lernbereitschaft von ISKCON eine wichtige Rolle, um sich von der Kritik aus den 80er und 90er-Jahren loszulösen, wie Schmid erläuterte. Die kritischen Punkte wurden besonders vom Religionswissenschaftler Neubert angesprochen und umfassen beispielsweise die aggressiven Buchverteilungen aus den 90er Jahren oder der damalige katastrophale Umgang mit Kindern und Frauen in der Gemeinschaft. Bei den darauffolgenden Reformen wurden die Betroffenen miteinbezogen, was von Arx aus eigener Erfahrung bestätigen konnte. Die Reformen wurden aber auch von ISKCON-Mitgliedern angekurbelt, die akademisch gebildet waren, beispielsweise in der Religionswissenschaft oder Indologie. Von allen Teilnehmenden wurde die Krishna-Gemeinschaft dafür gelobt, dass ihr der Spagat zwischen Tradition und Veränderung gelang: Trotz den vielen Reformen ist sie trotzdem sich selbst geblieben. Nur ein klein wenig mehr Wildheit aus den Anfangszeiten wünscht sich Frischknecht wieder.
Zukunftsperspektiven
Gelobt wurde zudem die Dauerhaftigkeit des Tempels. Ein 40-Jähriger Tempel sei etwas sehr Besonderes und eher etwas Atypisches für einen Krishna-Tempel, wie Neubert erklärte. Auch die Dialogbereitschaft, die Offenheit des Tempels und ihr Engagement im interreligiösen Dialog wurden als sehr positiv beurteilt. Im Hinblick auf die Zukunft äusserten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Wünschen und Erwartungen. Schmid erwähnte hier vor allem die Stärkung der Rolle der Frau, die auch in der Leitung einen Platz finden sollte. Zudem wünschte er sich, dass die ISKCON ihren Beitrag an die bedrohte Religionsfreiheit in Indien leisten könnte. Von Arx sah in seiner Zukunftsperspektive des Krishna-Tempels eine grosse Interreligiosität. Die Rückkehr zu einer «Religion der Ekstase» wünschte sich Frischknecht. Die Ekstase werde in der Gesellschaft heute nämlich vernachlässigt. Neubert wollte sich nicht als Prophet darstellen, attestierte dem Tempel aber durchaus ein Wachstumspotential, dass vor allem jüngere Menschen und Familien miteinbeziehen sollte.
Beweis der Gastfreundschaft
Das Gespräch war sehr informativ und interessant. Die kritischen Aussagen wurden auch von der Innenperspektive aufgenommen und diskutiert, sodass selbstkritische Gedanken zur Vergangenheit geäussert wurden. Das Gespräch hinterliess aber in erster Linie ein sehr positives Bild der heutigen ISKCON, die von ihrer Offenheit geprägt ist und durchaus als hinduistische Vertretung Zürichs gilt. Im Anschluss an das Gespräch teilten einzelne Personen aus dem Publikum ihre Erfahrungen mit dem Krishna-Tempel an der Bergstrasse. Auch diese Berichte zeichneten ein sehr positives Bild von Gastfreundschaft und Gemeinschaftsgefühl im Tempel. Die Gastfreundschaft wurde auch im Abschluss des Abends ersichtlich, als sich Krishna Premarupa Dasa bedankte und verabschiedete und das Publikum zum Verzehr von Köstlichkeiten aus der Tempelküche einlud (natürlich draussen oder sitzend).
Louisa Bernet, November 2020