Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/1510

Am 15.1.99, mit ca. 6 Monaten, kam Eminée in die Schweiz zu mir auf den Katzenhof. Sie war 2 x Katzenseuche/Schnupfen geimpft. Trotzdem bekam sie noch einmal einen mittelschweren Schnupfen. Bei Umplatzierungen und dem damit verbundenem Stress kommt das relativ häufig vor. Weitere Stresssymptome bei einem Wechsel sind: Durchfall, evtl. Erbrechen, vorübergehende Unsauberkeit, weinen (miauen) in der ersten, manchmal in den ersten Nächten und eben Katzenschnupfen. Der allerdings bei geimpften Tieren, in der Regel, in eher abgeschwächter Form auftritt und entsprechend leicht heilbar ist. Oft sogar von selbst wieder verschwindet.
Am 12.4.99 konnte ich Eminée in eine nette Familie mit zwei Kindern vermitteln. Eminée kam, alles in allem, am neuen Ort gut zurecht.
Am 18.9.99 holte die Familie eine zweite etwa gleich alte Kätzin, Milena, vom Katzenhof dazu. Sie ist eine sehr liebe, eher ruhigere Kätzin. Leider wurden die beiden Tiere keine dicken Freunde. Was wohl eher an Eminée lag, aber sie tolerierten sich. Da sie Freilauf hatten konnten sie sich, wenn sie wollten, aus dem Weg gehen. Die Familie lebt in einer ländlichen Gemeinde, in einer Wohnung im ersten Stock. Der handwerklich begabte Familienvater baute und montierte eine stabile Katzentreppe über die die beiden Katzen ins Freie gelangen konnten. Eminée besitzt einen ziemlichen Dickschädel, den sie auch mit Erfolg einsetzte um zu erzwingen, dass sie nachts heraus durfte. Katzen sollten aus Sicherheitsgründen nachts prinzipiell zu Hause schlafen. So hatte es Eminée auch bei meiner italienischen Kollegin und bei mir auf dem Katzenhof gelernt und ohne Widerspruch akzeptiert.
Sieben Jahre ging alles seinen Gang. Eminée war verschmust und lieb, verschlief einen Teil des Tages und war nachts unterwegs. Milena ging am Tag spazieren und schlief, wie es sich für eine gut erzogene Katze gehört, nachts zu Hause. Beide Tiere blieben immer in der Nähe des Hauses, ein normales Verhalten von Kätzinnen. Sie sind, bis auf Ausnahmen, keine Herumtreiber, wie viele Kater. Vor drei Jahren hatte sich die Familie noch um einen Labrador (Hund) vergrössert. Mit ihm hatte Eminée keine Probleme, sie schliefen oft zusammen auf dem Sofa. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, setzte sie keine Pfote mehr auf die Katzenleiter um nach unten zu gelangen. Alles zureden blieb ohne Erfolg. Auch ein Teilumbau der Leiter änderte nichts an Eminées Weigerung. Dafür holte sie Nacht für Nacht ihre Leute aus dem Bett. Sie wurde durch den Hausflur heruntergebracht und abgesetzt. In der Annahme, dass sie sich bis zum nächsten Morgen draussen beschäftigen würde. Was machte sie, sie rannte schnurstracks die Katzentreppe hoch, zurück in die Wohnung. Nach einiger Zeit hatte die Familie die Nase voll und brachte sie zur Neuvermittlung am 5.4.06 zurück auf den Katzenhof. Bei Ihrer Ankunft zeigte sich Eminée kaum irritiert, ganz offensichtlich wusste sie genau wo sie war, erkannte den Katzenhof nach sieben Jahren wieder.
Eminée zeigte in den nächsten Wochen, dass sie andere Katzen nicht ausstehen kann. Ihr Gezetere, Geschrei und Gefauche zerrte grauenhaft an den Nerven. Zum Glück nahmen meine Katzen es viel gelassener als ich. Alle, ohne Ausnahme, ignorierten sie einfach. In der vierten Woche liess ich sie in den Garten. Draussen führte sie sich weniger schlimm auf. Sie blieb wie die meisten meiner Katzen in Sichtweite des Hauses. Deshalb ist es nicht ganz einfach nachzuvollziehen, warum sie sich draussen nicht in gleichem Mass gestört fühlte. Ich war froh, dass sie trotz ihrer Wut über die vielen Mitkatzen, mehrmals täglich ins Haus kam. Leider ging regelmässig spätestens nach ein, zwei Minuten das Geschrei und wütende Gejaule wieder los. Ich gewöhnte mir an, in dem Moment wo sie loslegte, sie mit einem lauten und scharfen: "Eminée raus", unterstützt durch das öffnen der Tür, rauszuschmeissen. Meine Hoffnung war, dass sie mit der Zeit auf das Theater verzichten würde, um im Haus bleiben zu können.
Falsch gehofft. Eminée wäre nicht Eminée, wenn sie es einem leicht machen und nachgeben würde. Die vollen acht Monate die sie hier verbrachte, bis ein Platz für sie gefunden war, ging das täglich in unverminderter Lautstärke und Intensität weiter. Welch ein Glück, dass dieser Herbst (2006) so anhaltend sonnig und frühlingshaft warm war und jetzt, Ende November immer noch ist. Trotzdem ist klar, der Winter kommt bestimmt. Deshalb fing ich an, sie darauf zu trainieren abends um 17.00 Uhr herein zu kommen und über Nacht, wie alle anderen Katzen, im Haus zu bleiben. Sie hatte "ihr" Zimmer im ersten Stock, natürlich für sich alleine. Das neue Kommando hiess: "Eminée hoch!" Innerhalb von drei Tagen klappte das einwandfrei. Wenn ich sie morgens heraus liess, blieb die Tür "ihres" Zimmers einen Spalt offen, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich auch am Tag in "ihren" Raum zurückzuziehen. Das dritte Kommando hiess, wenn sie am Tag ins Haus kam und anfing zu stänkern: "Eminée hoch oder raus!" Erstaunlich war für mich, wie schnell sie auch das begriff und befolgte. Für Eminée hatte ich mir immer einen Platz, als Einzelkatze in einem Haus mit Garten erträumt, aber nie eine Anfrage in dieser Art bekommen.
Am 14.11.06 kam ein Anruf von einem Ehepaar
ohne Kinder, ohne andere Tiere, vor allem ohne Katzen. Sie wollten auf keinen
Fall mehr als eine Katze. In eine Wohnung, mit Balkon, ohne die Möglichkeit
sie heraus zu lassen. Sie waren aber bereit, auch ein älteres Tier zu nehmen.
Eminée war die einzige Katze die passte. Wie sich herausstellte, hatten sie
sie auf meiner Homepage gesehen und sich sehr angesprochen gefühlt.
Die Frage war nur, würde Eminée einverstanden sein, in Zukunft als Wohnungskatze zu leben. Drei Dinge sprachen dafür:
1. Sie wäre dort Königin ohne jede Konkurrenz.
2. Die Frau des Hauses arbeitet nur 50 %.
3. Mit 8 Jahren, ist sie in einem Alter in dem, in der Regel, Katzen sowieso ruhiger und häuslicher werden.
Das Ehepaar kam sie ansehen. Es war nicht zu übersehen, dass sie ihnen sehr gut gefiel. Am 18.11.06 zog Eminée zu ihnen nach Zürich. Da das Ganze ein Experiment mit ungekanntem Ausgang ist, habe ich darum gebeten mich schon am nächsten Tag über Eminées erste Schritte in der neuen Umgebung zu informieren. Verabredungsgemäss klingelte nachmittags das Telefon. Herr B. berichtete, dass sich Eminée offensichtlich schon zu Hause fühle. Um 17.30 Uhr hatten sie sie mitgenommen. Wenig später, am gleichen Abend, sass sie schon mit ihnen beim Fernsehen. Fröhlich erzählte mir Herr B. auch noch, dass sie am nächsten Morgen, genau in der Mitte des Sofas, einen gut geformten Kothaufen vorgefunden hätten. Ich konnte mir nicht verkneifen ihm zu sagen, dass ihm das recht geschehen sei. Wie ich das immer tue, hatte ich auch dem Ehepaar B. gesagt, sie sollen Eminée wenigstens in der ersten Nacht in einem Zimmer separieren. Am Anfang, wenn ein Tier an einem fremden Ort ängstlich und verunsichert ist, muss es erst einmal auf kleinem Raum zur Ruhe kommen können.
Eminée zeigt sich bis jetzt lieb, zutraulich
und verschmust, lässt sich sogar von Besuch, der ins Haus kommt, mit Begeisterung
streicheln und freut sich jedes mal sehr, wenn ihre Leute nach Hause kommen.
Ich bin schon jetzt überzeugt, dass das Experiment glückt und Eminée an ihrem
neuen Platz glücklich und zufrieden sein wird.
copyright Isabella R. Kern