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Schwerpunkt
Jüdisches Leben in Solothurn
von Karin Huser
Das Warenhaus Nordmann und die Kleidermodegeschäfte Adler und Levy-Picard sind Adressen, die den älteren Jahrgängen in Solothurn noch ein Begriff sind. Von diesen Geschäften hat einzig Nordmann unter dem heutigen Namen Manor überlebt. Doch die vergangenen Namen weisen auf ein einst reges jüdisches Leben in der Aarestadt hin. Ein Zeugnis davon legt die Israelitische Kultusgemeinde Solothurn ab, die zu Beginn der 1860er-Jahre gegründet wurde. Sie setzte den Anfangspunkt zu einer über 140-jährigen Gemeindegeschichte.
Vieh- und Pferdehandel in der Vorstadt
Seit den 1860er-Jahren liessen sich in Solothurn Menschen jüdischen Glaubens nieder. Ihre hauptsächlichen Erwerbszweige waren damals der Vieh- und Pferdehandel sowie das Tuch- und Textilgeschäft. In der Kantonshauptstadt war der Handel mit Pferden und Rindvieh bis zur Jahrhundertwende schon bald fast ausschliesslich in jüdischer Hand. Zwischen 1860 und 1870 stieg die Zahl der in Solothurn als «israelitisch» registrierten Menschen auf 50. Die meisten von ihnen liessen sich in der Vorstadt jenseits der Aare nieder.
Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde Solothurn 1862
Die Gründung der ersten jüdischen Gemeinde in Solothurn geht auf das Jahr 1862 zurück, die danach viele Jahrzehnte unter dem Namen «Israelitische Kultusgemeinde Solothurn» IKS existierte. Das Haus Vorstadt Nr. 112 (heute Oberer Winkel 3) kam 1893 in den Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde Solothurn. Ab diesem Zeitpunkt befand sich dort im ersten Stock der Betsaal der Gemeinde. Die Wohnung im zweiten Stock bewohnte die Pferdehändler-Familie Braunschweig. Die Anwesenheit der jüdischen Vieh- und Textilhändler in Solothurn war nicht nur für das Wirtschaftsleben der Stadt von Bedeutung, sie trug auch dazu bei, dass in der Aarestadt während einiger Jahrzehnte wieder jüdisches Leben erblühte, nachdem es im Hochmittelalter durch lokale Judenverfolgungen abrupt ausgelöscht worden war.
Tuchhandel, Textil- und Modebranche
Neben den Grossviehhändlern gelang es auch zahlreichen Juden, die im Tuchhandel tätig waren, sich in der um 1900 aufkommenden Textilbranche sowie im Aufbau von modernen Warenhäusern im 20. Jahrhundert zu etablieren. Während Warenhäuser wie dasjenige von Heinrich Pilz oder Jakob Karfiol heute vergessen sind, gehört das Warenhaus Nordmann – heute Manor – seit über achtzig Jahren zu den bekanntesten Adressen in der Solothurner Innenstadt. Im Konfektionsbereich dürften die Namen des ehemaligen Hut- und Modegeschäfts Adler und des bis heute in Derendingen unter dem Namen Levy-Picard existierenden Herrenmodegeschäfts zumindest den älteren Solothurnerinnen und Solothurnern ein Begriff sein.
Juden in Solothurn seit dem Mittelalter
Bezüglich der rechtlichen Anerkennung war die Geschichte der Juden im Kanton Solothurn ebenso wechselhaft und über weite Strecken leidvoll wie andernorts in der Schweiz. Auch hier handelte es sich primär um vorübergehende Duldung, Ausgrenzung und Verfolgung. So hat unter anderem auch die Solothurner Bevölkerung im stummen Einverständnis mit der Regierung die jüdischen Glaubensangehörigen nach dem Ausbruch der Beulenpest im 14. Jahrhundert verjagt, verfolgt und öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es dauerte allerdings in der Regel nicht allzu lange, bis die Anwesenheit von Juden wieder opportun wurde, zumal sie wegen der immer wieder aufkommenden Liquiditätsprobleme der Mittel- und Oberschicht als Geldverleiher unentbehrlich waren. Ebenso profitierte die christliche Bevölkerung unter anderem gern von den Diensten der jüdischen Heilkünstler, da lange Zeit keine Alternative bestand. Doch selbst in Zeiten, in denen die Juden auf solothurnischem Hoheitsgebiet geduldet waren, wurde die Obrigkeit nicht müde, diese kleine Minderheit mit Sonderregelungen und Ausnahmegesetzen, zusätzlichen Steuern und Zöllen in ihrem Aktionsradius einzuschränken und zu schikanieren.
Rechtliche Gleichstellung
Erst die Teilrevision der Bundesverfassung von 1864 bzw. 1866 hob einen Teil der Beschränkungen auf. Die vollständige Rechtsgleichheit, welche die freie Niederlassung und die Religionsfreiheit einschloss, erfolgte jedoch erst 1874 über den eidgenössischen Weg. Selbst die in der Verfassung verankerte Gleichheit konnte allerdings nicht verhindern, dass die Juden weiterhin diskriminiert wurden. Unter dem Vorwand des Tierschutzes erreichten die Initianten der «Schächtinitiative», dass den Juden in der Schweiz ab 1893 das Schächten von Tieren verboten war und sie ihr Fleisch künftig aus dem Ausland beziehen mussten. Im Kanton Solothurn wurde die Initiative mit grossem Mehr angenommen.
Beiträge in Kultur und Psychiatrie
Auch auf kultureller Ebene wirkte sich die jüdische Präsenz im Kanton Solothurn positiv aus. Die Gründungs- und Erfolgsgeschichte des Städtebundtheaters Solothurn-Biel geht auf zwei Männer jüdischer Herkunft zurück. Leo Delsen und Markus Breitner prägten als Direktoren des Städtebundtheaters während vier Jahrzehnten das Solothurner Theaterleben, wobei Delsen zahlreichen jüdischen Schauspielerinnen und Schauspielern zur Zeit des Nationalsozialismus im Schutze seiner Theaterbühnen einen sicheren Hafen vor der Verfolgung bot.
Ein anderer Bereich, in dem sich ein Mann jüdischer Herkunft besonders verdient machte, ist der medizinisch-psychiatrische. Moritz Tramer, der aus Schlesien stammte, trug als Direktor der Psychiatrischen Heilanstalt Rosegg und des Kantonalen Pflegeheims Fridau während mehr als vierzig Jahren viel zur Weiterentwicklung in der Psychiatrie, allem voran in der Kinderpsychiatrie bei. Die Gründung des «Gotthelf-Hauses» in Biberist, eine Beobachtungsstation für nervenkranke Kinder, ist der Initiative Tramers zu verdanken.
Antisemitismus
Der Faschismus und der Nationalsozialismus hinterliessen auch in Solothurn ihre Spuren und wirkten sich auf das Leben der ansässigen Jüdinnen und Juden aus. Obwohl faschistoide und nazifreundliche Bewegungen im Kanton Solothurn erfreulicherweise zu keiner Zeit einen starken Zulauf erfuhren, so waren Ausläufer dieser Bewegungen doch auch vorhanden. Im Gegensatz zu anderen Orten in der Schweiz beschränkten sich die antisemitischen Auswüchse dieser Bewegungen auf die verbale Ebene, tätlicher Antisemitismus blieb die grosse Ausnahme. Administrativer und gemässigt gesellschaftlicher Antisemitismus war hingegen in der Solothurner Bevölkerung durchaus auch auszumachen, wobei sich ersterer unter anderem bei den Einbürgerungen, letzterer bei wissenschaftlichen Publikationen äusserte.
Zwar leben in Solothurn auch heute noch alteingesessene Bewohner und Bewohnerinnen mit jüdischem Hintergrund, eine eigene Gemeindestruktur gibt es aber aufgrund der geringen Mitgliederzahl schon lange nicht mehr.
Karin Huser ist promovierte Historikerin mit Schwerpunkt russische und jüdische Geschichte sowie Geschichte der Arbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Sie ist Abteilungsleiterin des Bereichs Kundendienst am Staatsarchiv des Kantons Zürich. Unter dem Titel «Vieh- und Textilhändler an der Aare. Geschichte der Juden im Kanton Solothurn vom Mittelalter bis heute» publizierte sie 2007 im Chronosverlag Zürich den 12. Band in der Reihe «Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz».
Mit Salomon Nordmann-Braunschweig (1827–1887) hatte die Solothurner Gemeinde einen eigenen Vorbeter im Gottesdienst. Ein Teil der Grabinschrift auf dem jüdischen Friedhof in Niederhagenthal im oberen Elsass lautet: «(...) Mit der Fertigkeit seines Mundes und mit Gesang diente er einige Jahre und bis zum Tag seines Todes vor der Versammlung seiner Gemeinde. Sein Name ist bekannt zu Lob und Preis. Es ist Schlomo, Sohn des Eljakim Nordmann, Vorbeter der heiligen Gemeinde Solothurn.»
Foto: Karin Huser