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Das Freiburger Rathaus und die Wunden der Zeit
Schon immer diente die Architektur dazu, Macht auszudrücken. Doch nun wird das Freiburger Rathaus – zum ersten Mal seit seiner Fertigstellung vor 500 Jahren vollständig restauriert – zum Sinnbild politischer Offenheit und zur Inszenierung der vergehenden Zeit.
«Selbstvertrauen, überlegenes Urteilsvermögen, das Talent, Disziplin durchzusetzen, und die Macht, Furcht zu erregen» – so definiert der Soziologe Richard Sennett 1981 1 die Eigenschaften von Autorität. Er bemerkte seinerzeit den Zusammenbruch der bis dahin anerkannten, teils paternalistisch, teils technokratisch ausgerichteten Autoritätsmodelle, und fragte sich, wie sie sich wohl weiterentwickeln würden.
Die Architektur hat politische und soziale Veränderungen stets begleitet, manchmal sogar vorausgeahnt. Sie verleiht der Macht buchstäblich Gestalt – sei es in den weitläufigen Vorzimmern der königlichen Paläste, wo der Respekt vor der Autorität umso grösser wird, je länger die Enfilade ist, oder in den titanischen Proportionen der Gerichtssäle, die jene beeindrucken sollen, die vor Gericht gestellt werden. Doch wenn sich Autorität auf Offenheit reimt, was passiert dann mit ihrer Architektur?
Die Entwicklung eines Machtorts
Das Freiburger Rathaus wurde ursprünglich als Getreidespeicher konzipiert, ehe der Rat 1504 beschloss, es zu einem Gebäude der Macht zu machen.Es befindet sich auf einem Felsvorsprung in der Altstadt. Nach Süden hin wirkt die Fassade aus sandfarbener Molasse wie ein Auswuchs des Felsens mit langen, schmalen Fenstern, aber auch mit opulenteren, die in den 1930er-Jahren eingefügt wurden.
Im Norden besteht das Gebäude aus zwei Volumen: Das Hauptgebäude des Kantonsparlaments (1522) und das Wachhaus (1782) umschliessen den gepflasterten Platz mit seinem Brunnen. Die monumentale Treppe ist ein Symbol für diesen Ort der Macht, der lange Zeit militärische und repressive Funktionen hatte – als Zeughaus, Waffen- und Munitionslager, Kantonsarchiv, Kantonsgericht, Gefängnis und Gendarmerie. Der Bau war verschlossen, von der Stadt abgeschottet und lange Zeit sogar gefürchtet. Zudem haben die verschiedenen Nutzungen, denen das Gebäude im Lauf der Zeit diente, aber auch einige ungeschickte Eingriffe die Bausubstanz erheblich verletzt.
2016 erhielt ein multidisziplinäres Team – bestehend aus Aeby Aumann Emery Architects (AAE), Lateltin Monnerat Architects, dem Bauingenieurbüro Ingeni, Tecnoservice Engineering und Josef Piller – den Zuschlag für die parallelen Studienaufträge zur Renovierung des Gebäudes. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend wurde das Rathaus in seiner Gesamtheit überdacht; nur noch der Grosse Rat kam weiterhin hier zusammen. Zwei Ansätze sind bei diesem Vorgehen besonders hervorzuheben:
• Die Befreiung des ursprünglich als Getreidespeicher vorgesehenen Raums und die Umwidmung des Erdgeschosses – wie in vielen anderen Städten – in einen für die Öffentlichkeit zugänglichen Ort, der den Austausch und die Begegnung fördert
• Die Neugestaltung der Lesart eines zerstückelten und teilweise beschädigten Gebäudes, wobei das neu Hinzugefügte deutlich vom Bestand unterschieden wird
Ein öffentlich zugängliches Plateau
Indem man das Erdgeschoss des Rathauses öffnete, um es zum Haupteingang für die Öffentlichkeit zu machen und mit der Strasse zu verbinden, wurde es möglich, dem sozialen und politischen Wunsch nach Austausch und Transparenz architektonischen Ausdruck zu verleihen. Die Umsetzung dieses Wunschs bleibt allerdings zaghaft – immerhin muss man ein Gitter und eine schwere Tür überwinden, um in den ehemaligen Getreidespeicher zu gelangen.
Diese Massnahmen im Zugangsbereich zum ersten Stock und zu den Räumen der politischen Debatten sind Sicherheitserfordernissen geschuldet – seit dem Anschlag auf den Zuger Kantonsrat im Jahr 2001 kommt man um das Thema leider nicht herum.
Beim Wettbewerb um die künstlerische Belebung des Gebäudes stand diese öffentlich zugängliche Halle im Mittelpunkt. Der siegreiche Entwurf «Eclipse» von Isabelle Krieg und Ralph Alan Müller greift das Motiv des mineralischen Bodens auf. Zwischen den Säulen der Halle bildet er einen grossen dunklen Kreis, dessen unregelmäßige Krone durch einen helleren Lichtkranz gebrochen wird.
Dieses Motiv lädt zur Begegnung und zum Austausch auf dieser rohen, einfachen und kontinuierlichen Oberfläche ein, zugleich jedoch erinnert das Kronenmuster an das Virus, das während der Umbauarbeiten grassierte. Mit diesem Werk fordern die Kunst- und Architekturschaffenden die Politiker auf, «einen Moment nachzudenken, bevor sie handeln, mit ihrem Urteil innezuhalten und es zu schärfen».
Aus baulicher Sicht wurde die gesamte Fläche des Erdgeschosses durch einen mächtigen Eingriff befreit, der zugleich die Frage der Zugänglichkeit löste, insbesondere für Personen mit eingeschränkter Mobilität: Durch den Aushub des Nordteils auf eine Ebene unter den bestehenden Strukturen und Fundamenten wurde es möglich, die vertikale Verbindung (Aufzug und Treppe) zu verlängern und die sanitären Anlagen des Empfangsbereichs im ersten Untergeschoss unterzubringen.
Die Brüchigkeit inszenieren
Die Intervention im ehemaligen Getreidespeicher war weniger ein Bauen als vielmehr ein Rückbauen. Denn im 20. Jahrhundert waren auf ungeschickte Weise Büros ins Erdgeschoss eingebaut worden, wofür man die Molassesäulen verstärken, Fensteröffnungen integrieren und in der Mitte des Raums eine Treppe einbauen musste. Die aktuellen Massnahmen zielten darauf ab, den Raum wieder zu befreien, indem man all diese wenig kohärenten Eingriffe des 20. Jahrhunderts verschwinden liess.
Mag die Veränderung von aussen betrachtet relativ einfach erscheinen – tatsächlich war sie Gegenstand einer minutiösen Arbeit und eines geduldigen Hin und Hers zwischen Bestand und Umgestaltung. Wir fragten Stéphane Emery von AAE, nach welchem Prinzip das Projekt durchgeführt wurde, und er erläuterte, bei einem solchen Projekt sei es notwendig, einen nichtlinearen Prozess zu verfolgen, dabei eine Logik zu finden – und alle Ausnahmen zu akzeptieren.
«Zunächst mussten wir die bestehende Struktur reparieren und stützen», erklärt der Architekt. «Im Lauf der Zeit hatte sich das mehrfach umgebaute gotische Gebäude gesenkt, wie man an den Verformungen des Dachstuhls sehen kann – er besteht aus Balken, von denen einige aus Bäumen stammen, die 1478 gefällt wurden! Um die Struktur zu stärken und Verformungen zu blockieren, wurde überall dort, wo es nötig war, mit Metallelementen nachgedoppelt, die sich deutlich von der bestehenden Struktur abheben und den Eingriff reversibel machen.»
Diese sekundären Träger verweisen auf ebenso viele Stützen, die dort angebracht wurden, um diese fast organische Architektur abzusichern. Jede Stütze wurde nach Mass entworfen und aus Brandschutzgründen verschraubt und nicht verschweisst. Einige Pfetten mussten um wenige Millimeter angehoben werden, um beschädigte Teile freizulegen, damit sie nicht die gesamte Struktur schwächten. Um die Eingriffe so unaufdringlich wie möglich zu machen, entwickelten Architekten und Ingenieure kreuzförmige Pfeiler für die vertikalen Träger, deren Auflager sich so nah wie möglich an den ursprünglichen Pfeilern befinden. Um den Eingriff nicht zu überfrachten und das ehrwürdige Gebäude nicht zu gefährden, kam eine Brandschutzfarbe zum Einsatz.
Der Eingriff verfeinert jede Narbe, die die Zeit auf dem Gebäude hinterlassen hat. Die Stigmata des Getreidespeichers werden zu Dekorationen, die im Kontrast zu den Holzverkleidungen und Fresken der Ratssäle stehen.
Die Joche der Macht
Stéphane Emery erinnert daran, dass ein Parlament zum Reden da ist: Neben einer präzisen und sorgfältigen Arbeit an der historischen Substanz des Gebäudes konzentriert sich die Intervention auch darauf, überall Orte für Gespräche einzurichten.
Im Obergeschoss erstrecken sich – parallel zur Wandelhalle, die sich zur Freitreppe hin öffnet – die Räume, in denen die politische Macht zur Ausübung kommt: der Saal des Grossen Rats, der Saal der Gerichtsdiener und der Susanna-Saal. Die Holzvertäfelung in Letzterem wurde mit einem zarten blaugrünen Farbton aus dem Jahr 1770 übermalt, der bei einer kolorimetrischen Untersuchung ermittelt worden war.
Doch der Susanna-Saal lieferte noch eine weitere aussergewöhnliche Entdeckung: «Bei den Arbeiten entdeckten wir ein Fresko aus dem 18. Jahrhundert, das die Geschichte von Susanna im Bade erzählt – eine biblische Erzählung, die im 21. Jahrhundert in der #MeToo-Bewegung ihren Widerhall findet», berichtet Stéphane Emery. Die Wandmalerei wird heute durch einen einfallsreichen Mechanismus geschützt: Motorbetriebene Holzpaneele verdecken sie, lassen sich jedoch auf Wunsch bewegen, sodass das Fresko zum Vorschein kommt.
Die neuen, allzu glatten Holzverkleidungen im Saal der Gerichtsdiener, die den Verputz aus den 1960er-Jahren ersetzen, überzeugen hingegen weniger – auch wenn man den Wunsch versteht, die Abdeckungen von den alten Wänden zu lösen, um deren Ziegelstruktur und die alten Balken zu enthüllen. Den Saal des Grossen Rats mit seinen prächtigen Gemälden und Holzvertäfelungen aus dem 18. Jahrhundert hatte man erst 1999 restauriert, nun wurde lediglich die Gebäudetechnik behutsam aktualisiert, beispielsweise die Belüftung.
Tatsächlich wirkt der – nach der Anzahl der Personen, die während des Ancien Régime dort sassen – als «Saal der 200» bezeichnete Raum erstaunlich klein. «Würde man ihn heute neu bauen, würde man ihn doppelt so gross machen», erklärt Stéphane Emery. «Aber genau das macht den Charme aus. Die Politikerinnen und Politiker erzählen, dass sie hier viel persönlichere Debatten führen als anderswo.»
Im ersten Untergeschoss befinden sich die Räume der Delegierten. Die vier aneinandergereihten Räume sind durch restaurierte Gewölbegänge miteinander verbunden und öffnen sich durch Fenster, die in den 1930er-Jahren eingebaut wurden, auf die mäandernde Saane. Der Boden besteht aus grossen alten Holzplanken, die aus dem Dachgeschoss stammen. Zwischen den Bruchsteinmauern herrscht eine Atmosphäre wie in einem Keller, die durch das große Garderobenmöbel aus schwarzem MDF In Form eines Fasses noch verstärkt wird – man kann sich vorstellen, dass sich die Politikerinnen und Politiker dagegenlehnen, um vertrauliche Angelegenheiten des Kantons auszutauschen.2
Schwächen einräumen, um an Stärke zu gewinnen
Der Grosse Rat, der sich im alten Rathaus niedergelassen hat, unterscheidet sich deutlich von jenem des Ancien Régime, der Furcht erweckte, um seine Autorität durchzusetzen. Der Grosse Rat des 21. Jahrhunderts legt Wert auf Offenheit, Transparenz und Dialog. Die Architektur ist mehr als nur Trägerin dieser Macht: Sie ist die Macht. Wie bei den Balken des Getreidespeichers, die von der Zeit geschwärzt und durch ungeschickte Eingriffe verletzt wurden, könnte sich hier eine Autorität herausbilden, die in der Lage ist, ihre Schwächen zu zeigen, um an Stärke zu gewinnen; eine Autorität, die die Bevölkerung in ihre Mitte holt, um zu regieren.
Umbau und Renovierung des Freiburger Rathauses (FR)
Bauherrschaft
Staat Freiburg, Direktion für Raumentwicklung, Infrastrukturen, Mobilität und Umwelt (DIME), Hochbauamt (HBA)
Architektur
Aeby Aumann Emery Architekten
Bauleitung
Lateltin Monnerat Architekten
Bauingenieurwesen
Ingeni
Elektrotechnik
Josef Piller
Ingenieurwesen CVS
Tecnoservice
Energiekonzept
Effin'Art
Ingenieurwesen Sicherheit
CR Beratung
Akustik
EcoAkustik
Wettbewerbsverfahren
Parallele Studienaufträge, 2016
Realisierung
2020–2022
Bruttogeschossfläche
3850 m2
Kosten BKP 1–9
24.03 Mio. Franken inkl. MwSt.
Anmerkungen
1 Richard Sennett, Autorité. Paris 1981, S. 29.
2 Einige technische Informationen in diesem Artikel stammen aus dem Text von Stéphane Emery und Nathalie Pochon, «Réhabiliter un lieu de pouvoir et cinq siècles de mémoire», 2022.