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Der Haldenhof an der Alten Freiburgstrasse beim Bahnhof Murten fällt auf: Das alte Haus mit Parkanlage hat etwas Imposantes und Majestätisches. «Der Mittelbau wurde 1738 von einem Arzt gebaut», erzählt Jean-Paul Marchand. Der 80-Jährige kennt das Haus wie kein anderer: Er hat darin seine Kindheit verbracht und lebt heute wieder dort. In seinem Buch «Autobiographische Skizzen» blickt er zurück auf seine Kindheit im Haldenhof und lässt die Leser in eine ganz spezielle Atmosphäre im Murten der Dreissiger- und Vierzigerjahre eintauchen.
Grosse Wohngemeinschaft
Damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, lebten im Haldenhof bis zu zwanzig Leute, schreibt Marchand im Buch. Im Ostflügel wohnte der damalige Besitzer mit seiner Familie, im Westflügel eine weitere Familie und ein altes Ehepaar. Marchands Eltern, sein jüngerer Bruder, eine Köchin und er bewohnten als Mieter den Mittelbau. «Ich betrachtete den Haldenhof als Paradies. Er war mein Ein und Alles», so Marchand. Er und sein Bruder hätten viel Zeit mit dem Sohn des Besitzers verbracht, der sieben Jahre in Marokko gelebt hatte und viel zu erzählen wusste. «Er hatte fast immer Zeit für uns.» Während die meisten Gleichaltrigen damals in einer Kleinfamilie aufgewachsen seien, habe er mit dem Haldenhof ein völlig anderes Umfeld gehabt. «Wenn ich zurückblicke, wird mir bewusst, wie stark mich das noch heute prägt.»
Faszination für Zahlen
Sein Nachbar war es auch, der Marchands Faszination für Zahlen förderte. Bereits im Alter von vier Jahren sei er von ihm in die grossen Zahlen bis zu den Sextillionen mit 36 Nullen eingeführt worden. Fast schon zu einer Obsession sei seine Zahlenliebe geworden, als er entdeckt habe, dass die Differenzen der Quadratzahlen 1, 4, 9, 16, 25 und so weiter stets um zwei Einheiten wachsen. «Diese Gesetzmässigkeit schien mir ein tiefes Geheimnis zu bergen, und ich konnte einige Nächte nicht mehr schlafen», sagt er und lacht.
Um ihn abzulenken, schickte die Mutter Jean-Paul in den Klavierunterricht. Die Klavierlehrerin aus Deutschland fasste jedoch im Jahr 1940 den fatalen Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren und verschwand. Der Ablenkungsversuch der Mutter scheiterte: Ihr Sohn wurde Mathematiker.
Der Krieg war ein Thema im Alltag des jungen Jean-Paul: Er spielte ihn mit seinem Bruder in ihren Fantasieländern nach. Und in seiner 1944 gegründeten «Haldenhofzeitung» berichtete er nach dem Vorbild der «NZZ» über die alliierte Offensive in Nordfrankreich. «Daneben habe ich über das Lokalgeschehen im Haldenhof berichtet und einen Feuilleton-Teil verfasst», so Marchand. Als Beweis zeigt er Original-Ausgaben der Haldenhofzeitung, die auch im Buch abgebildet sind. «In den besten Zeiten hatte ich neunzig Abonnenten.» Das Ende der Zeitung kam 1948, als er Murten verliess.
Jean-Paul Marchand: «Autobiographische Skizzen», Kulturbuchverlag. Bern. ISBN: 128 Seiten, ISBN 978-3-905939-19-4. Erhältlich beim Kulturbuchverlag: www.herausgeber.ch
Zur Person
Kindheit und Ruhestand in Murten
Jean-Paul Marchand kam am 25. März 1933 in Murten zur Welt. Seine Kindheit verbrachte er in Murten, wo sein Vater Charles als Arzt tätig war. Nach der Schulzeit besuchte er in Biel das Literaturgymnasium und studierte anschliessend in Bern Mathematik, Physik und Astronomie. Danach war er in Bern und Genf Assistent in Theoretischer Physik und machte 1964 seine Dissertation. Im Jahr 1967 nahm er eine Professur an der Universität von Denver in den USA an. Dort blieb er bis zu seiner Pension im Jahr 1996, ehe er nach Murten zurückkehrte. Seither lebt er wieder im Haldenhof, wo er aufgewachsen ist. Neben seinem neusten Werk hat Marchand mit «Erinnerungen», «Golzen» und «Weltanschauung» drei weitere Büchlein veröffentlicht.luk