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Schreibtisch
«So ergab sich ihr stets die Möglichkeit oder zumindest der Gedanke an die Möglichkeit, das Leben auch ganz anders und mit anderen Menschen einzurichten. Ob sie von diesem Möglichkeitsraum in den Wirklichkeitsraum wechseln wollte, blieb im Unklaren. Diese kecke Nonchalance versetzte sie in eine schon fast frivole Lage, gleichwohl vermochte sie sich letztlich nicht vorzustellen, dies wirklich auszunützen.»
Aus: Einstürzende Gewissheiten, S. 36, © Zeichnung: Tobias Gutmann
Aus den Schaffhauser Nachrichten vom 5. Dezember:
»Erst dieses Jahr erschienen ist der Erstling von Adrian Stokar: Einstürzende Gewissheiten heisst der Roman. Bei den Recherchen zu einem Porträt stösst ein Journalist auf Ungereimtheiten in Zusammenhang mit einem tödlichen Verkehrsunfall. Der einstige Verleger und Lektor schafft es in szenischen Beschreibungen einerseits, die Engadiner Bergwelt in die Köpfe der Zuhörer zu bringen. Andererseits liegt von Beginn weg Spannung in der Luft. Mit einem gestenreichen Vortrag hauchte Stokar seinen Worten zusätzlich Leben ein. Schon ein kurzer Ausschnitt bot interessante Beschreibungen der Milieus, in denen sich die Protagonisten bewegen.«
Die Gebrechlichkeitsskala
Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat einen neuen Leitfaden ausgearbeitet, der den Intensivärzten als Grundlage von sogenannten Triageentscheidungen dienen soll. Eine erste Fassung vom März 2020 wurde kritisiert, da das Papier empfahl, Menschen über 85 Jahre kein Intensivbett zur Aussicht zu stellen, wenn es darauf ankommt, auch wenn diese kerngesund sind. Diese Kritik wurde aufgenommen. Anhand einer Gebrechlichkeitsskala kann erhoben werden, in welchem Zustand ein (älterer) Patient ist. So bestünde auch für rüstige Alte die Chance, an ein Beatmungsgerät angedockt zu werden.
Die Dalhousie University in Kanada hat eine solche Skala entwickelt. Sie reicht von eins bis neun.
1: sehr fit (z.B. betreibt noch Sport);
2: gesund (ist beweglich und läuft gut);
3: angemessener Zustand (bewegt sich problemlos ohne Hilfe);
4: vulnerabel (z.B. braucht einen Gehstock);
5: leicht gebrechlich (z.B. mit Gehhilfe/Rollator);
6: mäßig gebrechlich (benötigt z.B. für den Haushalt eine Betreuungsperson, ist nicht mehr ganz selbständig);
7: stark gebrechlich (ist auf Rollstuhl und Betreuung angewiesen);
8: ernsthaft gefährdet (z.B. bettlägerig);
9: terminal krank (Sterbeprozess ist im Gange).
Diese Einteilung unterstützt die Ärzte beziehungsweise das Ärzteteam bei der Frage, wie gut die Chancen für einen Patienten einzuschätzen sind, auch nach längerer Behandlung die Intensivstation lebend verlassen zu können. Grundsätzlich geht es darum, mit nachprüfbaren und messbaren Kriterien Willkür und Gefühle, die bei einer solch bedeutsamen Entscheidung stets mitspielen, möglichst zu vermeiden, schreibt die NZZaS (am 8. November), die diese Skala vorstellt.
Solche Triageentscheidungen müssen gleichzeitig im ganzen Land gelten, damit überall nach den gleichen Kriterien verfahren wird und die Engpässe bei Intensivbetten möglichst früh erkannt werden können. Es gilt das Prinzip der gleichen Behandlung für alle. Bemerkenswert ist die zusätzliche Regelung, dass ein Patient in einem kritischem Zustand, der sich über lange Zeit nicht verbessert, bei dringendem Bedarf eines Beatmungsgeräts wieder abgehängt werden kann, um einem anderen Erkrankten mit besseren Heilungsaussichten Platz zu machen. Des weiteren gilt das Verfassungsprinzip, dass es keine Personen gibt, die bevorzugt behandelt werden, es sei denn, es handle sich um die gerade erwähnten, auf rein medizinischen und gesundheitlichen Kriterien bemessenen Überlebenschancen.
Die Triageregeln sind nicht mit einem Gesetz zu vergleichen. Die Rechtstauglichkeit dürfte bei einem Fall, in dem Angehörige klagen, noch geprüft werden. Letztlich sollten die Bestimmungen aber in ein Gesetz umgegossen werden, das dem Stimmvolk vorgelegt werden muss.
Hier geht's zum Dialog zwischen Steiner & Schmid über Eigenverantwortung und Ethik. Und hier geht's zurück zum Schreibtisch.
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Querverweise aus dem Quarantän VIII: Wie alles begann. Eine Kurzchronik bis zum 24. Februar 2020 (Quellen: SZ, FAZ, FT, SRF, WHO):
Die Suche nach Patient Null des neuen Virus erweist sich als schwierig. In nicht veröffentlichten Unterlagen der chinesischen Regierung wird der erste Infizierte am 17. November 2019 erwähnt. Epidemiologen schließen nicht aus, dass schon Anfang Oktober 2019 erste Fälle aufgetreten sind. Die erste ernsthafte Lungenerkrankung, die, so vermutet man, auf den neuen Erreger zurückzuführen ist, wird am 1. Dezember in der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei protokolliert. Ursprünglich wird die Ursache der Krankheit als »unbekannt« taxiert.
Am 27. Dezember ergeben Laborproben eines 65-jährigen Lieferboten, der am 18. Dezember mit Lungenproblemen hospitalisiert wurde, dass das neue, noch nicht bekannte Virus zu 87 Prozent mit dem SARS-Virus übereinstimmt. Die Entdeckung bleibt unter Verschluss. Gleichentags werden die Stadtregierung von Wuhan und das Zentrum für Seuchenbekämpfung von zwei Ärzten zweier Krankenhäuser darüber informiert, dass sie Patienten mit sehr kritischen Lungenentzündungen behandeln.
Die Leiterin der Notfallstation des Wuhan Central Hospitals Ai Fen meldet ebenfalls einen solchen Fall. Sie sagt, dass am 16. Dezember ein Patient, der im Huanan Seafood Market arbeitet, mit Lungenproblemen in ihrer Abteilung aufgenommen worden sei. Am 22. Dezember wird er in die Lungenstation transferiert. Die Symptome und erste, nicht laborgestützte Diagnosen (aufgrund einer Bronchoskopie) deuten auf eine SARS-ähnliche Krankheit hin. Ai Fens Kollege von der Lungenstation teilt ihr mündlich mit, dass es sich um ein Coronavirus handeln könnte. Ai Fen lässt Proben in ein Labor schicken.
Am 30. Dezember erhält ein Kollege der Lungenstation den Diagnose-Bericht. Er legt ihn Ai Fen vor. Der Rapport besagt, dass SARS der mögliche Auslöser der Lungenkrankheit sei. Zudem steht im Bericht: »Der Hauptübertragungsweg des Virus ist die Tröpfchenübertragung aus nächster Nähe oder der Kontakt mit Atemwegssekreten von Patienten, was eine ungewöhnliche Lungenentzündung verursachen kann, die hoch ansteckend ist und mehrere Organsysteme befallen kann«, schreibt Ai Fen in ihrer Erinnerung An unprecedented reprimand. Der Direktor der Abteilung für Atemwegserkrankungen, der zufällig an Ai Fens Büro vorbeikommt, bestätigt der Ärztin, dass dies eine beunruhigende Diagnose sei. Ai Fen orientiert die Spitalleitung. Sie umkreist das Wort SARS mit roter Farbe, fotografiert den Bericht und schickt ihn an ihren Vorgesetzten und an Berufskollegen weiter. Zudem sendet sie eine Gewebeprobe des Patienten in das Wuhan Institute of Virology (WIV).
Am gleichen Tag berichten auf sozialen Netzwerken (eine WeChat-Gruppe) mehrere Ärzte, darunter der Augenarzt Li Wenliang, von Fällen, die mit SARS in Verbindung sein könnten, sie haben Ai Fens Bericht bekommen. Die Ärzte werden von der Polizei verhört und müssen ein Schweigegelübde abgeben sowie ihre Aussagen zurückziehen. Ai Fen lieferte den »whistle«, den Li Wenliang »geblowt« hatte. Li Wenliang stirbt am 6.2. an Covid-19. Li Wenliang gilt als einer der ersten, der über die neue Krankheit informiert und versucht hatte, die Vertuschung chinesischer Behörden aufzudecken.Gleichzeitig wird ein Mitarbeiter eines Labors, das Untersuchungen von Proben von Lungenerkrankten durchgeführt hat, von der Gesundheitskommission der Provinz Hubei aufgefordert, weitere Tests zu unterlassen und die Proben zu vernichten. Gleichwohl beginnen die Gesundheitsbehörden ebenfalls am 30. Dezember in Wuhan, nach vergleichbaren Fällen zu suchen.
Die Wissenschaftlerin und SARS-Spezialistin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology (WIV) erhält am 30. Dezember um 19 Uhr einen Anruf ihres Direktors. Sie solle die Proben, die das WIV von Ai Fen zugeschickt bekommen hat, überprüfen. Shi, die an einer Sitzung in Shanghai weilt, macht sich sofort auf den Weg zurück in ihr Institut.
Am 31. Dezember berichten chinesische Behörden zum ersten Mal von einer neuen, mysteriösen Lungenkrankheit, 27 Fälle seien in Wuhan registriert worden. Ein Team des chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention reist in die Provinzhauptstadt Hubeis, die WHO wird über die Vorgänge unterrichtet.
Am gleichen Tag teilen taiwanesische Forscher der WHO mit, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sehr wahrscheinlich ist, es wird vermutet, dass sie die Informationen von Ai Fen zugespielt bekommen haben. Die WHO reagiert nicht.
Am Abend 30. Dezembers ist Ai Fen zudem aufgefordert worden, am Morgen des 31. Dezember vor der Disziplinarkommission der Klinik zu erscheinen. In dieser Anhörung wird ihr gesagt, sie gefährde die Stabilität in Wuhan und müsse fortan schweigen, da sie Unwahrheiten verbreite, sie erhält einen Verweis.
Am 5. Januar warnt die WHO vor einer »Pneumonia of unknown cause« in China.
Bis am 7. Januar hat Shi Zhengli im WIV die Proben untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass die zugesandten Viren die Erkrankung in der Notfallstation von Ai Fen ausgelöst haben, somit ist der Erreger identifiziert. Shi gleicht alle Virenstämme im Archiv des Labors ab, um herauszufinden, ob es Übereinstimmungen gibt. Das ist nicht der Fall. Am nächsten kommt das SARS-Virus, das sie 2013 als Auslöser der SARS-Epidemie von 2002/2003 bestimmen konnte. Sie schließt daraus, dass es eine neue Art des Corona-Virus sein muss.
Am 9. Januar vermeldet das chinesische Staatsfernsehen mit zwei Tagen Verzögerung, dass Untersuchungen gezeigt hätten, dass es sich beim Virus nicht um das bisher bekannte SARS-CoV-1, sondern um eine neuartige Variante aus der Corona-Familie handelt. Gleichentags stirbt der erste Mensch am neuen Coronavirus.
Am 12. Januar wird die Virussequenz veröffentlicht, der Fingerabdruck des neuen Erregers ist bekannt.
Der erste diagnostische Test für das Virus wird am 16. Januar vom Virologen Christian Drosten von der Charité in Berlin vorgestellt.
Ab dem 20. Januar werden erste Infektionen außerhalb von China von der WHO gemeldet: aus Thailand, Südkorea und Japan. Offiziell sind am gleichen Datum gemäß der gleichen Quelle insgesamt über 282 Menschen mit dem neuen Virus infiziert.
Eine erste Studie von Neil Ferguson vom Imperial College in London besagt anhand von mathematischen Modellierungen, dass es zu diesem Zeitpunkt in Wuhan bereits 4000 Fälle gegeben haben könnte.
Der erste Fall in den USA wird für den 21. Januar vermerkt. US-Präsident Trump sagt: »We have it totally under control. It’s one person from China, and we have it under control.«
Der WHO-Epidemiologe Michael Ryan sagt, dass eine Mensch-zu-Mensch-Ansteckung nachgewiesen werden konnte (was die taiwanesischen Forscher schon drei Wochen vorher gemeldet hatten).
Am 23. Januar entscheidet die chinesische Regierung, Wuhan abzuriegeln und eine Ausgangssperre zu verhängen, der sogenannte »Wuhan lockdown« wird Tatsache.
Die WHO berät, ob ein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen werden soll.
Nur einen Tag später werden zum ersten Mal Coronainfizierungen in Europa diagnostiziert, und zwar in Paris und Bordeaux. Nur wenige Tage später folgen weitere Ansteckungen in Europa, zum Beispiel in Deutschland (27. Januar), in Finnland (29. Januar) und in Italien (30. Januar).
Die WHO stuft am 29. Januar die Ausbreitung des Virus als problematisch ein und spricht von einer »gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite«. Es gibt unterdessen bereits fast 10'000 Infizierte, die Zahlen steigen auch außerhalb von China schnell an.
Am 30. Januar zählt die USA sechs Infizierte und US-Präsident Trump sagt: »We think we have it very well under control.«
Am 31. Januar verfügt die USA einen Einreisestopp für Ausländer, die sich in den letzten zwei Wochen in China aufgehalten haben. Dies betrifft aber nicht Leute, die etwa aus Hong Kong einreisen. Anthony Fauci vom Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) und Berater von Trump sagt: »Es ist leicht übertragbar, und mit ziemlicher Sicherheit wird es eine Pandemie werden. Aber wird sie katastrophal sein? Das weiß ich nicht.«
Das Virus breitet sich in der Folge weiter aus. Die WHO bezeichnet am 11. Februar die durch das neue Virus verursachte Krankheit als Covid-19 und schlägt vor, das Virus SARS-CoV-2 zu nennen. Am 17. Februar sagt Michael Ryan von der WHO: »Alle Vorhersagen sind wichtig. Die meisten Vorhersagen sind falsch. Und ich denke, wir müssen damit vorsichtig sein.«
Aus dem Iran werden am 20. Februar die ersten beiden Todesopfer aufgrund des Coronavirus gemeldet, die ersten Infizierten wurden nur gerade einen Tag vorher gemeldet. Anhand von Mortalitätsberechnungen mussten zu diesem Zeitpunkt schon etwa 200 Menschen angesteckt gewesen sein – und niemand hat davon gewusst. Das heißt, dass schon etwa drei Wochen vorher der Erreger ins Land geschleppt worden war.
Ein 78-jähriger Italiener überlebt als erster Europäer die Krankheit nicht, er stirbt am 22. Februar. Zu diesem Zeitpunkt sind gerade einmal neun Fälle in Italien registriert. Das Virus musste also auch in Europa vor einiger Zeit angekommen sein. Es ist zu vermuten, dass viele Patienten, die sich im Laufe des Januars oder Februars mit Grippesymptomen bei Ärzten gemeldet haben und nach Hause geschickt wurden, um die Krankheit auszukurieren, das Coronavirus in sich trugen.
Am 23. Februar und mit 35 Ansteckungen sagt US-Präsident Trump: »We have it very much under control in this country.«
Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Zoonosen
Fledermäuse, so schrieb Susan Boos in der WOZ vom 2. April, halten sich gerne in Palmölplantagen auf. Solche Plantagen werden oft in Regionen aufgezogen, die vorher nicht extensiv oder gar nicht von Menschen genutzt wurden.
Das Bild einer flatternden Fledermaus in einer Palmölplantage erinnert uns an das unscharfe Foto eines fliegenden Flugzeugs, rechts davon sind zwei Türme sichtbar. Diese Erinnerung ist trügerisch und führt in die Irre, der Vergleich ist unstatthaft, führt uns aber vor Augen, worin dieses Unstatthafte liegt. Im Cockpit des Flugzeugs saß Mohammed Atta und steuerte absichtlich, willentlich und in vollem Bewusstsein, dass eine Katastrophe geschehen wird, in den Nordturm des World Trade Centers von New York. Man schrieb den 11. September 2001. Atta vollzog einen Teil eines gewaltigen Terroraktes, der innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre von Chalid Scheich Mohammed und Mohammed Atef im Auftrag von Osama bin Laden minutiös geplant worden war. Eine in einer Palmölplantage herumflatternde Fledermaus ist vielleicht Träger eines tödlichen Virus. Die als »Batwoman« bekannt gewordene Virologin des Wuhan Institute of Virology sagte jüngst im chinesischen Fernsehen, das Coronavirus sei die Strafe der Natur für die unzivilisierte Lebensweise des Menschen. Hinter diesem tödlichen Virus steht aber keine Absicht, kein Willen zum Morden, keine politische oder religiöse Botschaft und kein Bewusstsein; oder wie Paul Jandl in der NZZ am 9. April schreibt, das Virus ist eine »biochemische Entität«; oder wie Max Frischs Protagonsit Geiser in Der Mensch erscheint im Holozän sagte, dass die Gesteine sein Gedächtnis nicht brauchten.
Alles, was wir über Fledermäuse und ihre Viren wissen, sind Ansichten und Erkenntnisse, die wir aufgrund von Beobachtungen, Beschreibungen, Interpretationen, Geschichten, Untersuchungen und Forschungen gewonnen haben. Die Fledermaus kümmert sich aber einen Dreck darum und fliegt weiter.
Das Virus legt also keinen Wert darauf, dass wir Bescheid wissen über es, wir jedoch schon. 2002/2003 erkrankten in Südchina zahlreiche Menschen an einer Lungenkrankheit, die durch ein SARS-Virus ausgelöst wurde, mehr als 700 starben daran. Die chinesische Forscherin Shi Zhengli vom WIV machte sich in der Folge auf die Suche der Herkunft dieses Virus. Sie und ihr Team überprüften dabei die These, ob es in einer Fledermausart in Südchina vorkommt. Sie packten die Koffer und reisten in die Provinz Yunnan. Nach ersten ergebnislosen Fängen fand sie schließlich in der Shitou-Höhle bei Kunming in drei Proben von Chinesischen Hufeisennasen Antikörper. Sie intensivierte ihre Suche und entdeckte in den Fledermäusen Coronaviren, die sie SL-CoV nannte (SL für SARS-Like). In Science veröffentlichte sie ihre Ergebnisse im Oktober 2005. Im Jahre 2013 konnte sie unter anderem mit dem britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak nachweisen, dass die Genome von Viren in einer Chinesischen Hufeisennase zu 97 Prozent mit dem Erreger übereinstimmten, die bei Zibetkatzen in Guangdong identifiziert worden waren und die den Ausbruch in Südchina auslösten (nature, Oktober 2013). Die USA finanzierten daraufhin ein Forschungsprojekt von Peter Daszak und Shi Zhengli, welches im Schwesterlabor des National Biosafety Laboratorys in Wuhan durchgeführt wurde. Die Übertragung von Fledermausviren auf Menschen sollen noch genauer untersucht werden. Das Projekt kostete bis 2019 mehr als 3 Millionen USD. Es war erfolgreich und wurde um fünf weitere Jahre verlängert. Aufgrund von Daszaks und Shis Ergebnissen wurde zum Beispiel das Medikament Remdevisir entwickelt, das jetzt zur Bekämpfung des SARS-CoV-2 eingesetzt wird. Unterdessen wurden die Gelder auf Anweisung des US-amerikanischen NIH wieder gestrichen. Querelen zwischen China und den USA und der geäußerte Verdacht der US-amerikanischen Regierung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, haben zu diesem Schritt geführt.
Shi selber bekam am 30. Dezember 2019 Proben von Patienten aus dem Wuhan Central Hospital zugeschickt, die aufgrund der neuen Krankheit hospitalisiert wurden. Bis am 7. Januar fand Shis Team heraus, dass das neue Virus für die Krankheit verantwortlich war. Gleichzeitig durchforschte sie sämtliche Virenstämme, die sie bis anhin gesammelt hatte und fand keine Gensequenzen, die mit dem neuen Virus übereinstimmten. Also auch nicht mit den Hybriden, die sie selbst hergestellt und mit denen sie Versuche durchgeführt hatte. Die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruchs ist minim, groß aber, dass eine Zoonose die Übertragung ermöglichte.
Kehren wir zurück zur Bedeutung von Zoonosen.
Szenenwechsel mit einem kurzen Abstecher nach Uganda. Die Medizinerin Laura Bloomfield von der Stanford University sammelt im Gebiet des Kibale Nationalpark Daten und Geschichten von Begegnungen zwischen Menschen und Affen, schreibt Die Zeit in einem Text zur Zoonose. Am Rande dieses Parks ist zurzeit ein rasantes Bevölkerungswachstum im Gange. Das hat zur Folge, dass die Leute vermehrt in den Park ausweichen, um Bau- oder Brennholz zu schlagen oder Tiere für die Nahrung zu jagen und Pflanzen zu suchen. Zwangsläufig kommt es zu Aufeinandertreffen von Mensch und Affe. Jeder direkte oder indirekte Kontakt bietet eine Gelegenheit für die Übertragung von Affenviren, wie anno dazumal beim HI-Virus. Gerade Affenviren sind für Menschen gefährlich. Die Analyse, an welchen Viren Menschenaffen erkranken, lässt Schlüsse auf den Verlauf von Krankheiten bei Menschen zu. Bloomfield folgert aus ihren Beobachtungen, dass »je stärker ein Wald zerstört wird, desto größer (ist) das Risiko, dass Menschen sich mit Zoonosen anstecken.«
Etwa 3000 Viren wurden bisher beschrieben, Forscher schätzen, dass es mindestens eine Million gibt. Zoonotische Epidemien gibt es vermutlich seit der Mensch sesshaft geworden ist, sich also vor etwa 12'000 Jahren quasi selbst aus dem Kreislauf der nomadischen Lebensform des Jagens und Sammelns genommen hatte, und sich der Nutztierhaltung und dem Ackerbau verschrieb. Eine erste nachweisbare Influenza-Epidemie gab es vor 3200 Jahren in Zentral- und Südasien, seither gehören Seuchenzüge zur menschlichen Geschichte. Und seither gibt es auch Zoonosen. Der oben erwähnte SARS-Nachweis auf Zibetkatzen in Guangdong ist einer der bekanntesten Fälle aus der jüngsten Vergangenheit.
Drei Wege von Zoonosen sind zu unterscheiden: erstens schlecht unterhaltene Nutztierbestände (im März 2020 wurden SARS-CoV-2 in einer Nerzpelzfarm in den Niederlanden gefunden, im Oktober 2020 auch in Däbemark), zweitens Lebendtiermärkte (hier tummeln sich vor allem die Zwischenwirte wie Schuppentiere, Schleichkatzen, Dachse, Schlangen) und drittens das Vordringen des Menschen in unkultivierte Regionen und die Zerstörung natürlicher Lebensräume. Ob das neue SARS-CoV-2-Virus wirklich, wie vermutet wird, über ein Schuppentier auf den Menschen übertragen wurde, ist noch zu klären.
Es lohnt sich, die Ursachen von Pandemien zu erforschen. Sie dient als Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten. Aber dass Viren existieren, die Krankheiten auslösen, hat an sich nichts Sinnhaftes und es verbirgt sich kein Plan dahinter. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman sagt es so: »Mutter Natur ist nur Chemie, Biologie und Physik, und der Motor, der sie antreibt, unterliegt einer Regel: jener der natürlichen Auslese. Das ist das Streben aller Organismen, zu überleben und in irgendeiner ökologischen Nische zu gedeihen. Sie kämpfen darum, ihre DNA an ihre nächste Generation weiterzugeben und nicht unter denen zu landen, die an den Hersteller zurückgesandt und stillgelegt werden. Insofern erweist ein Virus sich selbst keinen Dienst, wenn der Wirt, in dem er sitzt, stirbt. Der Zürcher Professor für Nachhaltigkeit Kai Niebert sagt, »in der Natur hat alles, was passiert eine Ursache, aber dahinter steckt kein Wille«.
Und so kehren wir nochmals zu Paul Jandls biochemischer Entität und Max Frischs Gesteine, die sein Gedächtnis nicht brauchen, zurück. Erst wenn wir Ursachen von Pandemien erforschen, wenn wir also Zusammenhänge zwischen dieser biochemischen Entität und deren Auswirkung auf die Gesundheit des Menschen suchen, erst dann also beginnen wir eine Erzählung. Es gibt also unverrückbare Fakten und Gesetze, die wir mit unserem Denken nicht ändern können, die wirklich sind, ohne dass wir sie erfinden müssen, geschweige denn erfinden können. Diese Erzählung kann, wie bei Bloomfield, Shi und Daszak physikalisch, biologisch, mathematisch oder wissenschaftlich, wie bei Jandl feuilletonistisch oder wie bei Frisch belletristisch sein. Friedrich Dürrenmatt bemerkte hinsichtlich der Fiktion, dass Schriftsteller mit »bewusst erfundenen Vorstellungen die Wirklichkeit zu beschreiben vermögen.« Er unterscheidet eine physikalische und mathematische Fiktion, die eine physikalische Antwort erfordert, von einer künstlerischen Fiktion, die eine »künstliche Gegenwirklichkeit« herstellt.
Hier noch ein Beispiel einer künstlerischen Fiktion:
Der Schweizer Künstler Julian Charrière war auf einer seiner Reisen in einer Palmölplantage in Indonesien. Plamenhaine sind beliebte Jagdgebiete von Fledermäusen, auch von solchen, die mit Viren herumfliegen. Charrière drehte ein Video mit dem Titel An Invitation to Disappear. In einer kaum enden wollenden, linearen Kamerafahrt durch die weitläufigen Baumreihen einer Palmölplantage blicken wir auf die zahllosen Bäume, die links und rechts gemächlich an uns vorbeiziehen. Es dämmert. Auf dem Boden liegen zerstreut Palmwedel herum, die Farben sind dumpf, das Grün ist matt. Kaum zu glauben, dass hier etwas so Wertvolles und Nützliches wächst, das in der Körpermilch, in Kosmetika, im Rasierschaum, im Waschmittel, in unzähligen Nahrungsmitteln oder wo auch immer verarbeitet wird. Es ist also die Nachfrage nach dem so praktischen Palmöl, die in der Landschaft eine zivilisatorische Spur fräst und sie dabei veröden lässt und die die natürlichen Lebenswelten einheimischer Tier- und Pflanzenarten zurückdrängt. Die Monotonie der Monokultur prägt sich durch die Langsamkeit der Kamerafahrt und das dumpfe Rascheln natürlicher Geräusche umso mehr ein. Wir denken, das geht endlos so weiter. Aber. Bald werden erst ganz schwach, dann immer dominanter Techno-Beats hörbar. Irgendwo in diesem fruchtbaren Nichts wird offenbar gefeiert und getanzt. Bald sehen wir Lichter, farbige Scheinwerfer, aufsteigende Trockennebel. Die Musik wird lauter. Schließlich dringt die Kamera in ihrer unbeirrbaren Fahrt durch die Palmen zu einem Plantagen-Rave vor. Obwohl keine Menschenseele auszumachen ist, sind wir nun definitiv in einer menschengemachten, technifizierten und lauten Glamour-Umgebung angekommen. Die Partyzone mit ihren Stroboskopen, Nebel und Klängen in der Leere wirkt verstörend, die Stimmung verdüstert sich. Wir stutzen kurz. Ist das, was wir sehen, eine Vorsehung? Werden in Zeiten zunehmender physischer Distanzierung Partys ohne Menschen gefeiert? Am Ende fühlt man sich unbehaglich ob der Fremdheit des seelenlosen Fröhlichkeitssettings in dieser entrückten Welt.
Wir denken zurück und sehnen uns in dieser Kamerafahrt nach etwas Lebendigem: War da nicht eine Hufeisennase durchs Bild geflattert? Oder haben wir nicht wenigstens ihr typisches Chirpen gehört?
Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Plastiglomerate und eine Reise nach Eniwetok
Seit ein paar Jahren erscheinen in den Medien regelmäßig Berichte über Plastikmüll in den Ozeanen. Durch Meeresströmungen, die aufgrund langanhaltender Winde an der Oberfläche entstehen, wird dieser schwimmende Schutt zu Teppichen verdichtet. 1997 wurde der durch den Nordpazifikwirbel entstandene sogenannte »Great Pacific Garbage Patch« erstmals vom Ozeanographen Charles Moore beschrieben. Die Plastikfläche, die Moore auf der Rückkehr von einer Segelregatta zwischen Hawaii und Nordamerika entdeckte, soll viermal so groß wie Deutschland gewesen sein. Vor lauter Müll sah er den Horizont nicht mehr. So dicht, dass man auf dieser Plastikinsel stehen könnte, ist diese synthetische Schicht aber nicht. »Es ist eine Suppe aus Plastic, die im Zentrum dicker und am Rand dünner ist. Wo sie beginnt und wo sie aufhört, ist eine Frage der Definition«, zitiert ihn das NZZ Folio (7/2009). Durch das Sonnenlicht und Reibungen, die aufgrund von Wellenbewegungen entstehen, wird ein Teil des Plastiks zu Pulver oder Mikroplastik zermalmt und sinkt bis auf zehn Meter unter die Meeresoberfläche. Dort wird dieses Pulver zur Nahrung von Plankton und anderen Tieren. Dadurch gelangt der Kunststoff in die natürliche Nahrungskette. Moore begann sich für dieses Thema zu interessieren und machte dabei noch weitere Entdeckungen.
Meeresströmungen und starke Winde ließen den Strand von Kamilo an der Südostspitze von Hawaii zu einem beliebten Ziel werden, aber nicht etwa für Surfer, sondern für Müll, der zum Teil aus Japan, also von sehr weit her angeschwemmt kommt. Lebensmittelpackungen, Getränkeflaschen, Schirmgriffe, Glacéstengel, Fischernetze, Zahnbürsten, Feuerzeuge, aber auch kleinere, nicht identifizierbare Scherben, Einmachgläser, Dosen in verschiedenen Farben etc. Dieser Müll verschmilzt zum Teil mit heißer Lava oder verklumpt mit Steinen oder Sand zu dichten Plastik-Gestein-Konglomeraten. So findet man etwa eine dunkle Lavamasse, aus der feinste, gelbe Kabelstücke wie Fangarme herausfransen; einen Stein, um den sich Reste eines Netzes gezurrt haben und zu einem merkwürdigen Gemisch mit harter und weicher Oberfläche verwoben wurde; kleine, weiße, runde Kopfhörer, die sich in ein Stück Feldspat eingefressen haben oder ein rundlicher steiniger Brocken, der aussieht, als wäre er aus zwei Plastilinmassen, die eine türkisblau, die andere dunkelgrau, geknetet worden. Merkwürdige Mischobjekte unterschiedlicher Herkunft, Farben und Materialität.
Die Geologin Patricia Corocan, der bereits erwähnte Ozeanograph Charles Moore und die Künstlerin Kelly Jazvac haben solche Beispiele gesammelt und in der Ausstellung Broken Nature der Triennale von Mailand im Jahre 2019 ausgestellt. Die drei bezeichnen die Gebilde als Plastiglomerate. Bei diesen Formationen handelt es sich um Ad-hoc-Gebilde zufällig »zusammengewachsener« Elemente, wobei mindestens eines davon von Menschenhand geschaffen wurde. Die schwereren Stein-Plastik-Fragmente können möglicherweise in den Sedimentaufzeichnungen erhalten bleiben und einen dauerhaften, vom Menschen geschaffenen Abdruck in der Stratigraphie der Erde hinterlassen. Plastiglomerate als Fossilien der Zukunft sind anthropogenetische Objekte, die zeigen, dass das Anthropozän als neues geologisches Zeitalter verstanden werden kann.
Um vermeintlich langsam entstandene geologische Formationen handelt es sich auch bei den Objekten, die Julian Charrière für sein fiktives futuristisch-naturhistorisches Museum gefunden zu haben scheint. Hier vermengen sich metallische Stoffe mit verschiedenen natürlichen Gesteinsformen. Oxidierte Kupferrückstände haben sich auf einem porösen Stein abgelagert und dringen in die Löcher ein; in einem Ammonitenfossil aus der Kreidezeit finden sich Reste eines technischen Apparats; in Lava haben sich Harddisks eingefressen. Charrière ist kein Ozeanograph, seine Objekte sind nicht gefunden, sondern künstlich hergestellt. Er schmolz die Innereien technischer Geräte ein und kehrte gewissermaßen den Prozess der Herstellung um, indem er das Material wieder in seinem ursprünglichen geologischen Zustand verwandelte und in die herkömmliche Umgebung zurückführte. Charrière fragt sich, was dereinst vom Zeitalter der menschlichen Zivilisation übrigbleiben wird. »Wahrscheinlich nicht unsere kulturellen Errungenschaften, Architektur und Kunst. Die einzige Spur unserer Existenz wird eine unglaubliche Menge von Materialien sein, die an Orten gefunden werden, wo sie von Natur aus nie existiert hätten.« Diese Skulpturen der Rückführungen nennt er Metamorphismen.
In diesem fiktiven naturhistorischen Museum vereinigt Charrière noch andere Formen zukünftiger kultureller Erinnerungen. In der Reihe Tropisme entnimmt der Künstler Farne, Orchideen und verschiedene Sukkulenten, die seit der Kreidezeit existieren, aus ihrer ursprünglichen Umgebung und friert sie ein. Die Installation besteht aus gekühlten Vitrinen, in denen die Pflanzen im Eis eingeschlossen sind und nebeneinander gestellt werden. Die vereisten Pflanzen sehen aus, als würden sie schweben. In diesem Zustand zwischen Leben und Tod erinnern sie an Fossilien, die aber nur überleben können, solange sie tiefgekühlt werden.
Und dann gibt es noch die Kokosnüsse, die Charrière in den Palmenhainen des Bikiniatolls gesammelt hat. Nach den Atomwaffentests der 1950er-Jahre wurden sämtliche Palmen auf dem Atoll gefällt, da sie radioaktiv verseucht waren. Einem plantagenartigen Muster folgend wurden neue Kokospalmen gepflanzt. Man wollte den Ureinwohnern des Atolls, die man vor Beginn der Tests auf eine andere Insel zwangsverfrachtet und nun wieder zurückgesiedelt hatte, ermöglichen, die für sie traditionellen und mythenbehafteten Kokosnüsse zu ernten. Allerdings waren auch diese kontaminiert – wie überhaupt das ganze Riff. Die Wiederansiedlung wurde abgebrochen, nachdem man festgestellt hatte, dass die Menschen erhöhte Cäsiumwerte aufwiesen. Die Kokosnüsse, die Charrière hergestellt hat, sind in die Länge gedehnt, genetische Mutationen haben sie lang und schmal verformt. Diese Kokosnussserie trägt den Titel Unnatural history.
In der dystopischen Erzählung The Terminal Beach von James Graham Ballard aus dem Jahre 1964 besteigt die Hauptfigur Traven ein Boot, um nach Eniwetok abzulegen. Eniwetok war in den 1950er-Jahren Schauplatz von 43 Atomwaffentests, die das US-amerikanische Militär durchführte. Die Inselgruppe ist gezeichnet von der zerstörerischen Kraft der Explosionen und die atomare Verstrahlung dringt bis in die kleinsten Poren der Natur. Traven, der bei einem Autounfall seine Frau und Tochter verloren hat, streift durch die versehrte Landschaft und versinkt immer mehr in dieser endzeitlichen Welt. Die gruseligsten Bewohner der Insel sind die Plastik-Testpuppen, deren Schatten in die Betonstifte und Bunker eingebrannt sind, die beim ersten Aufblitzen der Detonationen im Innern des Atolls entstanden sind. Wir sehen Travens körperlichen und geistigen Zerfall hautnah: Er beginnt zu halluzinieren und sieht Luftspiegelungen seiner toten Familie als Folge von Dehydrierung, Hunger und Isolation, aber auch, so scheint Ballard zu suggerieren, als direkte Folge der trostlosen, ahnungslosen Umgebung, in die er eingetaucht ist.
In der gleichen verwilderten, verseuchten Landschaft wie Traven streift Charrière umher und auch er wird sich der von Menschen gemachten Natur bewusst. Wie Traven stechen auch Charrière die Betonbunker ins Auge. Auf Eniwetok und auf dem benachbarten Bikiniatoll fotografiert der Künstler diese, wie Ballard geschrieben hatte, an »Betonautobahnen« erinnernde Betonmonster und setzt sie zu einer Serie zusammen, die er Terminal Beach nennt. Die Festungen sind in die Jahre gekommen, sie sind verwittert, verfärbt und verfallen. Wie man dies von Tempelanlagen in Kambodscha oder Mittelamerika kennt, erobern sich die Pflanzen ihr Revier zurück und überwuchern und umranken die steinernen Monumente. Einzelne Bunker sehen aus, als seien zwei, drei Quader willkürlich aufeinandergestapelt worden, andere erinnern an pyramidenförmige Anlagen, die aber oben abgeschnitten wurden und nur auf zwei Seiten schräg ansteigen. Meist gibt es gegen das Land hin einen Eingang, gegen die Rundung des Atolls mit Blick auf die Explosion ist jeweils ein großes Fenster eingelassen. Das ist ihrer Funktion geschuldet. Die Bunker sind viel zu grob für die Landschaft und wirken wie Fremdkörper. Einer dieser Betongebilde etwa liegt im Wasser und ist stark zerfallen, regelrecht in sich zusammengestürzt. Man kann kaum erkennen, was dieser Steinhaufen einst gewesen sein mag. Ist es wirklich eine Bunkerruine oder schon eine renaturierte Felsenlandschaft? Schaukelte davor eine Barke mit einer weißen Figur und einem weißen Sarg, man dächte an Arnold Böcklins Toteninsel.
Die Tests wollten bildlich dokumentiert werden, denn auch die Fotografien (wie auch Filmaufnahmen) gehörten zur Abschreckungsstrategie der USA. Diese Bilder vermitteln noch heute eindrücklich, welche Wucht diese Bomben entwickeln können. Die architektonische Infrastruktur, die diese Aufnahmen ermöglichen sollten, mussten dem Druck und der Zerstörungskraft der Detonationen widerstehen. Also zog man regelrechte Befestigungsanlagen hoch, in die man spezielle, körpergroße Kameras platzierte. Diese Bunker sind also nichts anderes als Atombomben-feste Kamera-Schutzhüllen. Insofern sind sie nicht nur Zeugen einer speziellen Architektur, sondern auch ein Hinweis auf die Geschichte der Fotografie.
Hätte die, wie Traven sagte, »prädritte« Weltkriegsphase in den 1950er-Jahren tatsächlich in einen Atomkrieg gemündet, der Mensch wäre im gerade beginnenden Anthropozän durch Bomben und Verstrahlung ausgelöscht worden.
Steiner & Schmid: Eigenverantwortung? Eigenverantwortung!
Steiner: Der Schwede sagt, dass die Bürger ein großes Vertrauen gegenüber dem Staat entgegenbringen.
Schmid: Ja, das mag sein. Aber er sagt auch solche Sachen wie Selbstverantwortung. Und das sagt unser Gesundheitsminister auch.
Steiner: Er spricht aber auch von Solidarität – und er muss Selbstverantwortung sagen, wenn er nur von Solidarität sprechen würde, nähmen ihm die Rechten die Botschaft nicht ab und wenn er nur von Selbstverantwortung reden würde, nähmen es ihm die Linken nicht ab. Prost übrigens.
Schmid: Prost. Klingt doof mit diesen Büchsen.
Steiner: Immer noch besser als Skype.
Schmid: Stimmt. Du glaubst, er muss Selbstverantwortung sagen, meint aber Solidarität und umgekehrt.
Steiner: So ungefähr. Eigentlich hat er’s nicht korrekt gesagt, die Rechten sprechen lieber von Eigenverantwortung.
Schmid: Was sie mit Eigenverantwortung meinen, kennen wir. Eigentlich meinen sie Eigennutz. Der Minister müsste also an den Egoismus appellieren.
Steiner: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Johannes, glaub ich.
Schmid: Kapitel 8. Respekt. Deine Bibelkenntnisse sind beeindruckend. Aber jetzt mal ehrlich, mein lieber Steiner: Glaubst Du den Unsinn, den die Regierung zum Besten gegeben hat?
Steiner: Unsinn? Ich glaube, ich glaube ihr so, wie sie es gemeint hat. Medienkonferenzen sind Werbeveranstaltungen.
Schmid: Ein bisschen viel Glaube in Deinen Worten. Wissen wäre besser.
Steiner: Dürrenmatt sagte einmal sinngemäß, es gebe Leute des Glaubens und Leute des Wissens. Ich gestehe, diese Unterscheidung ist in dieser Situation etwas durcheinandergeraten.
Schmid: Wieso?
Steiner: Die Lage des Wissens ist prekär. Zudem kann die Regierung nicht detailliert darlegen, wie die Situation wirklich ist. Sie wussten fast nichts über das Virus und die Logik der Verbreitung. Sie konnten Mitte März nicht sagen, dass der Staat zu wenig medizinisches Schutzmaterial auf Lager hatte, dass die Medizin nicht ausreichte, dass im schlechtesten Fall zu wenig Spitalbetten bereitstanden, dass wir Schutzmasken tragen müssten. Aber sie mussten uns davon überzeugen, dass wir glauben, dass sie die Kontrolle haben und dass sie mit Hochdruck daran arbeiten, um die Defizite zu beheben und die Probleme zu lösen. Medienkonferenzen müssen Vertrauen schaffen und nicht Wahrheit verkünden.
Schmid: Amen. Aber Vertrauen durch Werbung? Ich weiß nicht, mein Lieber. Ich vertraue meiner Ärztin.
Steiner: Wie weißt Du, dass sie alles sagt, was sie weiß, oder sagt sie eben doch nicht nur das, was Du wissen musst?
Schmid: Natürlich deckt sie mich nicht mit all den Fachwörtern ein. Aber...
Steiner: Man nennt das dann vielleicht »Diagnose in leichter Sprache«.
Schmid: Blödmann.
Steiner: Ist doch so.
Schmid: Auf alle Fälle begründet sie ihre Entscheidungen.
Steiner: Wenn Du es noch mitbekommst.
Schmid: Wie meinst Du das?
Steiner: Nehmen wir Bergamo. Triage. Der Intensivarzt muss entscheiden, wem er welche Behandlung zukommen lässt. Wir konnten es überall lesen und sehen.
Schmid: Kriegsmedizin. In der Verfassung steht, glaub’ ich, dass grundsätzlich jedes Leben gleich viel gilt. Der Staat, also auch das Spitalpersonal, darf ein Leben weder bewerten noch abwerten, es gilt das Prinzip der égalité.
Steiner: Klingt schön. Das Bewerten und Berechnen ist das Feld der Gesundheitsökonomen.
Schmid: Ein merkwürdiges Feld.
Steiner: Erlaubt aber einen anderen Blick auf die Sache.
Schmid. Na ja. Bleiben wir in der Praxis. Der Arzt muss demnach berücksichtigen, dass es keine staatlichen Vorgaben zur Zuteilung von Überlebenschancen und Sterbensrisiken gibt außer dem Gleichheitsprinzip. Alle genießen das gleiche Recht und den gleichen Schutz. Einverstanden?
Steiner: Ja, theoretisch. Aber nehmen wir jetzt den Intensivarzt in Bergamo...
Schmid: Warte, mein Lieber. Stellen wir uns vor, was ein Arzt grundsätzlich tun muss: er hat die Überlebenschancen eines Patienten in einer akuten Krisensituation einzuschätzen. Er beurteilt den Gesundheitszustand, die Schwere der Krankheit, die Heilungsschancen. Er muss aber auch verinnerlicht haben, dass es keine Vorzugsbehandlungen geben darf. Und dann hat er zu entscheiden, welche sinnvollen Maßnahmen zu treffen sind. Ich nehme an, hierfür kann er auf konkrete Regeln und Handlungsanleitungen seines Berufsverbandes zurückgreifen.
Steiner: Nochmals Bergamo. Es gibt drei mögliche Szenarien. Erster Fall: In der Intensivstation sind noch zwei Plätze zu vergeben, der Notfallarzt sagt dem Intensivarzt, er habe fünf Patienten, die an die Geräte müssen. Was macht der Intensivarzt?
Schmid: Wenn ich mich recht erinnere, schreibt der Deutsche Ethikrat, die Auswahl müsse nach wohlüberlegten, begründeten, transparenten und einheitlich angewandten Maßstäben erfolgen. Alter, Status, Herkunft etc. haben also nichts zu suchen. Wie schon vorher gesagt. Ob dort Maurer, Berset, Keller-Suter, Federer, Rigozzi, Steiner oder Schmid liegen, spielt keine Rolle.
Steiner: Also rein medizinische Kriterien.
Schmid: Genau. Theoretisch.
Steiner: In der Praxis wären es aber Steiner und Schmid.
Schmid: Genau. Ich habe kürzlich in einem Interview mit einem Ethiker gelesen, dass die Ärzte eine Intensivbehandlung ablehnen sollen, wenn der Sterbeprozess bereits begonnen hat, keine Besserung in Aussicht steht oder der Aufenthalt in der Intensivstation von zu langer Dauer sein wird. Es entscheiden rein medizinische Kriterien, bei denen die klinische Erfolgsaussicht im Mittelpunkt steht.
Steiner: Interessant. Wie weiß er, wie lange eine Behandlung dauert?
Schmid: Mit Prognose, was denn sonst. Mehr hat er nicht. Wir leben im Prognosezeitalter.
Steiner: Zurück zum Fall. Wem wird geholfen: Wer die höheren Überlebenschancen hat oder wer die Maßnahmen dringender benötigt?
Schmid: Die Erfolgsaussicht kommt zuerst. Das sind schwierige Entscheidungen. Wer sagt ihm, ob beim »leichteren« Fall nicht auch Komplikationen auftreten können? Verhält sich das SARS-CoV-2 so, wie man es erwartet? Auch hier stehen wir vor der Situation, dass der Arzt nicht weiß, was geschehen wird. Er muss aber einschätzen, wie er Todesfälle verhindern kann. Natürlich immer auf Grundlage der verfügbaren Ressourcen und des Wissens. Und, mein Lieber, ganz wichtig ist, es dürfte das Mehraugenprinzip gelten. Es sollen immer noch andere Kollegen den Fall beurteilen.
Steiner: Okay. Zweiter Fall: Alle Intensivplätze sind besetzt. Bei einem der Behandelten stehen die Chancen nicht so gut. Und jetzt wird Federer herangerollt.
Schmid: Es ist unzulässig, einen Patienten, auch wenn seine Überlebenschancen klein sind, von den Geräten abzuhängen, man ging ja davon aus, dass er überleben könnte. Und solange er das noch kann, darf er nicht abgehängt werden. Außer natürlich der Sterbeprozess hat begonnen oder falls eine entsprechende Patientenverfügung vorliegt. Auch wenn Federer in mancherlei Hinsicht, wie soll ich sagen, wichtiger sein mag, gibt’s keine Ausnahme.
Steiner: Ich wusste schon immer, dass Du kein Tennisfan bist.
Schmid: Fürwahr nicht, du Idiot. Tennis ist ein überschätzter Bonzensport. Federer soll doch mit seinem Privatjet in ein Privatspital in Dubai fliegen.
Steiner: Und wenn die Patientin schwanger ist.
Schmid: Ändert nichts. Sie muss warten. Es gibt keine Berechnungen von Lebensjahren und keine Bewertungen von Leben. Auch nicht von ungeborenen Leben. Ich glaube nicht, dass das aktive Beenden einer laufenden, weiterhin notwendigen Behandlung, bei der es Aussicht auf Erfolg gibt, zur Rettung eines Dritten zulässig ist.
Steiner: Dritter Fall: Die problematischen Erkrankungen nehmen langsam ab. In der Intensivstation gibt es ein freies Bett. Jetzt kommt ein schwieriger Fall. Der Patient hat geringe Überlebenschancen. Darf der Arzt sagen, wir behalten das Bett frei, weil vielleicht am selben Tag noch ein anderer Patient kommt, der gute Chancen hat?
Schmid: Eigentlich müsste die Antwort nach dem bisher Gesagten klar sein: Nein. Aber ich gebe zu, das ist eine heikle Entscheidung. Was ist, wenn kein anderer Patient eingewiesen wird?
Steiner: Gut. Es stehen zwei Fälle gleichzeitig vor der Tür: eine junge, schwangere Frau und ein Mann in mittleren Jahren. Was sagt der Intensivarzt?
Schmid: Eine knifflige Ausgangslage. Der Arzt muss nach medizinischen Kriterien beurteilen, wer dringender eine Behandlung braucht und bei wem die Erfolgsaussichten besser stehen. Wenn die medizinische Lage wirklich genau gleich ist, tendiere ich für die junge Frau.
Steiner: Also doch.
Schmid: Was soll das wieder heißen?
Steiner: Es findet eine Bewertung statt.
Schmid: Meinetwegen.
Steiner: Glaubst Du wirklich, in England hätten die Verantwortlichen Boris Johnson darben lassen, wenn kein Beatmungsgerät zur Verfügung gestanden hätte?
Schmid: Es gibt immer eine Differenz zwischen Theorie und Praxis. Im schlimmsten Fall müsste am Schluss Johnson damit klarkommen, dass er nur überlebt hat, weil jemand anderer gestorben ist. Die Sterbezahlen in den USA wären nicht so hoch, wenn alle jene Behandlung bekommen hätten, die Trump erhalten hat.
Steiner: Aber weißt Du was?
Schmid: Nein.
Steiner: Irgendwie haben wir doch auch die Frage der Eigenverantwortung und Solidarität gestreift?
Schmid: Hä?
Steiner: Das ist doch ein schönes Beispiel. Der ideale Modellintensivmediziner, von dem wir es gerade hatten, muss beides gleichzeitig tun, er muss individuell und gesellschaftlich handeln. Irgendwie dialektisch eben.
Schmid: Solidarische Eigenverantwortung oder eigenverantwortliche Solidarität?
Steiner: Irgendwie.
Schmid: Mein Lieber, ich weiß nicht, ob Du das in dieser Art und Weise aufdröseln kannst. Vielleicht trägt er eine kollektive Verantwortung.