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Kann man den Charakter am Gesicht ablesen?
Ja. Oder doch nicht? Wie schlicht
sind wir eigentlich gestrickt?
Ende letzter Woche, meine Damen und Herren, hat uns der Friedensnobelpreisträger Lech Walesa gezeigt, dass man Freiheitskämpfer sein und trotzdem geistig schlicht daherkommen kann. Falls es dafür noch eines Beweises bedurft hätte. Der homophobe Unrat, den Walesa von sich gegeben hat, ist natürlich vor dem Hintergrund der polnischen Gesellschaft zu sehen, die zu den rückständigeren in Europa gehört: frömmelnde, halbaufgeklärte, chauvinistische, nationalistische, antisemitische und homofeindliche Tendenzen sind dort leider noch virulent. Walesa mag einerseits nicht der Hellste sein, andererseits ist er ein Produkt dieses Milieus. Was keine Entschuldigung ist. Und jetzt zu Brad Pitt. Der gefällt mir besser als Walesa, und ich nehme an, Ihnen auch. Und wissen Sie, woran das liegt? Nun, betrachten Sie einmal obiges Bild von Pitt aus seinem bekannten Werbespot für die bekannteste Nummer von Chanel. Brad Pitt erscheint uns – Frauen wie Männern – deswegen attraktiv, weil sein Gesicht eine Mischung männlicher und weiblicher Attribute ausstellt: testosterongeprägte markante Kieferknochen, zum Beispiel, und östrogengeprägte üppige Lippen. Das bedeutet: Pitts Antlitz signalisiert sowohl dominante wie kooperative Eigenschaften. Dies alles habe ich im Flugzeug gelesen, in einer Zeitschrift namens «Psychologie Heute», einem populärwissenschaftlichen Magazin, das genau das beinhaltet, was sein Titel verspricht, und über welches meine neben mir sitzende Tante Kitty, Neurologin und Psychiaterin, ein wenig die Stirn runzelte.
«Kitty», sagte ich, «hier steht, dass Sexualhormone eine biologische Brücke zwischen Aussehen und Persönlichkeit bilden. Und dass ein hoher Testosteronspiegel sich in stark ausgeprägten Kieferknochen zeige, sowie in einer dunkleren Hauttönung, prominenter Augenbrauenpartie und markanten Wangenknochen … also, eigentlich steht hier: Backenknochen; aber ich nehme an, die meinen Wangenknochen. Jedenfalls werden stark testosterongeprägte Gesichter bei Männern vor allem von geschlechtsreifen und kurz vor dem Eisprung stehenden Frauen für besonders attraktiv gehalten.»
«Naja», machte Tante Kitty.
«Ein hoher Östrogenspiegel hingegen führt zu glatterer Haut, üppigen Lippen, einem kleinen Kinn, wenig Gesichtsbehaarung», las ich weiter.
«Na hoffentlich!», warf Tante Kitty ein.
«Wir schreiben Menschen, deren Gesicht stark durch Sexualhormone geprägt ist, auch stark ausgeprägte Eigenschaften zu, die mit den jeweiligen Geschlechternormen korrespondieren. Hoch östrogengeprägte Frauengesichter werden übrigens von beiden Geschlechtern als attraktiv bewertet, und gleichzeitig wird ihren Trägerinnen starke Dominanz und ein hoher Status zugeschrieben – genauso übrigens wie den männlichen Inhabern hoch testosterongeprägter Männergesichtern.»
«Könnten wir uns jetzt vielleicht auf die Cartoons konzentrieren?», fragte Kitty.
Selbstverständlich wies «Psychologie Heute» auch darauf hin, dass die Blitzurteile über die Gesichter der anderen, die wir andauernd vornehmen, in einer archaischen Gehirnregion entstünden, die vor allem auf Gefahrenabwehr und Selbstschutz programmiert ist. Was übrigens nichts daran ändere, dass diese Urteile erwiesenermassen mit überzufälliger Genauigkeit korrekt seien. Doch nur wenn wir den langsameren, komplexer arbeitenden präfrontalen Kortex mitbenutzten und unsere Sekundenbruchteilkategorisierungen überprüften, wären Fairness, Mitgefühl und rationales Entscheiden möglich. Soweit fand ich das alles eigentlich ganz abwägend. Und dann las ich Folgendes: «Schwule Männer sind emotional lebhafter und ausdrucksstärker als heterosexuelle, und die ‘repetitiven Muster der Gesichtsmuskeln’ prägen allmählich das Gesicht, Schwule ähneln in Mimik und Gestik eher Frauen. Somit kommt der Dorian-Gray-Effekt zum Tragen: Das Aussehen reflektiert nach einiger Zeit das Verhalten.»
Nee, danke. Das klingt ja fast so schlimm wie Lech Walesa.