Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03300.jsonl.gz/263

Ganassi und die Gambe - Anmerkungen zu Konstruktionselementen erhaltener Instrumente / Kathrin Menzel
Aus dem Vortrag "Ganassi and the Viol – Remarks on the Constructional Elements of Surviving Instruments and Iconographical Sources" gehalten anlässlich der Galpin/CIMCIM Konferenz "Musical Instruments - History, Science and Culture" in Oxford, UK, Faculty of Music, 25–29. Juli 2013
Im Anschluss an Martin Kirnbauers Kontextualisierung unseres Forschungsprojektes und Martina Papiros Arbeit zur Ikonographie, möchte ich Ihnen einige unserer Befunde der Untersuchungen erhaltener Instrumente mit besonderem Hinblick auf Konstruktionsmerkmale vorstellen und aufzeigen, welche Fragen wir uns gestellt haben.
Im Gebiet der Organologie haben wir Informationen aus Inventaren, bisherigen Einzelstudien und aus Arbeiten zur Lokalisierung der erhaltenen Instrumente ausgewertet. Die überlieferten Instrumente selbst wurden vor Ort erneut untersucht und wenn nötig neu vermessen. Ein zweiter wichtiger Schritt war die von Martin Kirnbauer bereits beschriebene Aufarbeitung der bisher erfolgten Forschungen, denn die Methoden und Ansätze haben sich durch die Jahre hindurch gewandelt. Unsere zentrale Forschungsfrage war dabei, ob sich besondere Konstruktionsmerkmale der Viola da gamba zu Ganassis Lebzeiten anhand von erhaltenen Instrumenten herausarbeiten lassen. Im Folgenden werde ich dies mittels ausgewählter Beispiele demonstrieren.
Peter Tourins Katalog von 1979 führt für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts mehr als zwei Dutzend als "italienisch" klassifizierte Violen da gamba auf. Diese zunächst ermunternde Anzahl von Instrumenten schmilzt, wie Martin Kirnbauer bereits festgestellt hat, aus heutiger Sicht beträchtlich zusammen. Weiter eingeschränkt wird die Gruppe der erhaltenen venezianischen Gamben um 1550 durch Stefano Pios Arbeit "Viol and Lute makers of Venice 1490–1630".[2] Nach seinen Forschungen lässt sich eine Geigenbauerfamilie "Ciciliano" in Venedig nicht nachweisen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die der Familie Linarolo zugeschriebenen Instrumente bei der Erforschung des Ganassi-Kontextes. Die Familie Linarolo kam aus Bergamo nach Venedig und prägte in der Stadt eine Tradition von Streichinstrumentenbauern und Musikern aus, die über 3 Generationen hinweg tätig waren und teilweise parallel zu Ganassi agierten.
Ein Beispiel für ein Viola da gamba-Instrument, das der ersten Generation – Francesco Linarolo (1502–1567) – zugeordnet wird, ist im Wiener Kunsthistorischen Museum überliefert (Abb. SAM 66).
(Abb. SAM 73, MI 404, MfM 780) Als zeitlich später, aber auch einem in Venedig lebenden Instrumentenbauer zugeschrieben, könnte man die Instrumente der zweiten Linarolo-Generation betrachten. Ventura Linarolo (1540–ca. 1604) werden insgesamt 5 Gambeninstrumente, eine Viola und eine Lira zugeordnet, wie Klaus Martius bereits 2002 ausgeführt hat.[3] Wir konzentrieren uns auf die Instrumente aus den Sammlungen in Wien, Leipzig und Nürnberg. Exemplarisch werden im Folgenden die Konstruktionen der Zargen, die Beschaffenheit der Decke, die Verbindung von Korpus und Hals, sowie die Korpusausformungen kritisch betrachtet. Dabei werden Elemente herausgearbeitet, die für unsere Rekonstruktion relevant sind.
Zargen.
Die aus Ahorn gefertigten Zargen (Abb. SAM 66) bei dem Francesco zugeschriebenen Instrument zeigen bündige Kanten sowohl zur Decke, also auch zum Boden hin. Die Ecken sind auf Gehrung gearbeitet. Bei den Gambeninstrumenten von Ventura hingegen finden sich teils Randüberstände der Decke, teils keine. Bei der Konstruktion der Zargen handelt es sich bei allen Violen um eine Bauweise, die ein im zeitgenössischen Geigenbau immer noch gebräuchliches Verfahren verwendet. Bei diesem wird ein dünnes Holzstück unter Wärmeeinfluss in Form gebogen. Wir haben es also nicht mehr mit massiven, aus Holz herausgearbeiteten Zargen zu tun. Bei der dem späteren Ventura zugeschriebenen Lira im Leipziger Museum ist diese vermeintlich archaische Konstruktionsform erstaunlicherweise noch verwendet worden. (Abb. MfM 780)
Decke.
Betrachtet man die Decke von SAM 66, einem Francesco Linarolo zugeschriebenen Instrument, so zeigt sich, dass diese aus zwei gebogenen Fichtenholzhälften besteht. Sie fallen in einer durchgehenden Wölbung zum Rand hin ab. Die Ventura Linarolo zugeschriebenen Instrumente, sowohl die Violen, als auch die Lira, haben ebenfalls gewölbte zweiteilige Decken, besitzen aber am Rand eine umlaufende, kunstvoll gearbeitete Hohlkehle. (Abb. SAM 73). Durch das Vorhandensein dieser Hohlkehlen gehen sie von der instrumentenbautechnischen Entwicklung her gesehen einen Schritt weiter als SAM 66. Mit genau welcher handwerklichen Methode die Decken geformt wurden, kann jedoch nicht präzise nachvollzogen werden. Es ist aber eine kombinierte Technik aus Biegen und Hobeln denkbar. Bei einer unserer Nachbauten wurde dieses kombinierte Verfahren durch Stephan Schürch erprobt.
Auf die besondere Verteilung der Deckenstärken wurde in der Forschung bereits hingewiesen.[4] Unsere direkten Nachmessungen der Deckenstärkenverteilung an den Instrumenten Ventura Linarolos führten zu ungewöhnlichen Ergebnissen, die weiter ausführt.
Hals-Korpus.
Eine der Hauptfragen unseres Projekts zielte auf die Verbindung von Hals und Korpus ab. Welche Konstruktionen gibt es? Veränderungen an den Instrumenten betreffen zu einem überproportional grossen Anteil die Korpus-Hals-Verbindung. (Abb. Computertomographie MI 404) Eindrücklich hat dies Klaus Martius am Instrument MI 404 aufgeschlüsselt. Diese Viola da gamba weist heute eine Überbauung des alten Griffbrettes auf (s.a. hier). Dazu verfügt es über einen Halsfuss, der weitaus später zu datieren ist. Bemerkenswerterweise ist hier auch ein Oberklotz mit liegenden Jahresringen erhalten. Martius folgend könnte dieser sogar original sein. Ein ebenso beschaffener Oberklotz findet sich im Schwesterinstrument in der Vermillion-Sammlung. Alleine diese wertvolle Aufschlüsselung einer oder mehrerer komplizierter Umbau-, Erweiterungs- oder Reparaturarbeiten zeigt sehr anschaulich, mit welchen Situationen wir uns an anderen Viola da gamba-Instrumenten konfrontiert sahen – wenngleich auch nicht immer in so drastischem Ausmass. (Abb. MfM 780 - Hals) Die Lira da braccio fächert diese reichen Varianten weiter auf. Dieses Instrument hat gegenwärtig eine Hals-Korpus-Verbindung, die zwischen Geigenbautradition und Lautenbau zu changieren scheint. Durch ihre massiven Zargen ist eine Konstruktion mit Schlitzen zum seitlichen Einschieben der Zargen in den Oberklotz nicht möglich. Und so lassen sich heute Reste eines vormals durchgesetzten Halses finden, in den die Zargen speziell eingepasst, aber nicht eingeschoben sind. Von aussen ist leider nur ein zu einem späteren Zeitpunkt stumpf angesetzter Hals mit verschiedenen Schichten zu erkennen.
Ich fasse zusammen: Es zeigt sich bezüglich der Konstruktionsmerkmale und der Korpusformen im Venezianischen Gambenbau um 1550 eine grosse Variantenvielfalt. An den Instrumenten der Linarolo-Familie haben wir gebogene und herausgearbeitete Zargen vorgefunden. Die intendierte Art der Kantenverbindungen von Decke und Zarge blieb jedoch unklar. Die Decken sind gewölbt, jedoch gibt es unterschiedliche Ausformung der Deckenwölbung, die vermutlich mit einer Kombination von unterschiedlichen handwerklichen Techniken erreicht wurde. Die Hals-Korpus-Verbindung bildet offenbar das Zentrum von Umbauten und Veränderungen. Die Frage nach einer singulären Lösung der "Hals-Korpus-Verbindung in Venedig um 1550" muss deshalb unbeantwortet bleiben.
So haben wir uns für die Rekonstruktion einer Viola da gamba der Ganassi-Zeit bezüglich der Zargen- und Deckenkonstruktion an unseren Untersuchungsbefunden orientiert. Das heisst: gebogene Zargen, grösstenteils keine Randüberstände und asymmetrisch verteilte Deckenstärken. Für die Hals-Korpus-Verbindung sind wir jedoch mit Verwendung des durchgesetzten Halses mit eingeschobenen Zargen nach der Vihuela (ca. 1500-1550) im Pariser Musée Jacquemart einer anderen Spur gefolgt.
Kehren wir zu unserer eingangs gestellten Forschungsfrage nach besonderen Konstruktionsmerkmalen der Viola da gamba zu Ganassis Lebzeiten in Venedig zurück, zeigen sich fast durchgängig Antworten ex negativo. Im Gegensatz zum Bereich der Ikonographie, bei der auf naturwissenschaftliche Analysemethoden der Restaurierung zurückgegriffen werden kann und somit zumindest verschiedene Stadien von Gemälden sowie deren Übermalungen und Veränderungen wieder sichtbar zu machen vermag, ist die Situation der erhaltenen Instrumente eine andere. Wir können heute keinen originalen Hals, keine ursprüngliche Deckenstärke oder den ersten Satz Monturteile wieder sichtbar machen. Selbst das professionelle Auge eines sehr erfahrenen Geigenbauers oder Organologen kann oft nur die Arbeit einer bestimmten Hand zuordnen, aber nicht mit Sicherheit einem bestimmten mit Namen belegten Instrumentenbauer. Jedoch können wir erhaltene Instrumente als das nehmen, was sie sind: wichtige Zeitzeugen durch mehrere Jahrhunderte – und dabei alle Fragen, Kritik und Zweifel gelten lassen.
______________________________
[3] Martius, Klaus : Der Gambenbau der Venezianischen Familie Linarol - Technologische Beobachtungen an einer Viola da gamba des Ventura Linarol von 1604 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, in: Viola da gamba und Viola da braccio : Symposium im Rahmen der 27. Tage Alter Musik in Herne 2002 / Veranstalter und Hrsg.: Stadt Herne ; Konzeption und Red. Christian Ahrens ... [et al.]. - München : Musikverlag Katzbichler, 2006, S. 83-100