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Wer eine präzise Analyse der Ursachen der gegenwärtigen Krise(n) sowie persönliche und institutionelle Auswege sucht, greife zu diesem Buch. Seine grösste Stärke besteht darin, dass es nicht nur langfristige Alternativen zum kapitalistischen System und zu dem mit ihm verbundenen Menschenbild aufzeigt, sondern sehr konkrete wirtschaftliche und politische Vorschläge und auch persönliche Schritte zu deren Umsetzung anbietet. Vor allem aber zerstört er den Mythos, man könne durch die Regulierung der Finanzmärkte einfach zur klassischen «Sozialen Marktwirtschaft» zurückkehren – ein Mythos, den auch die Mehrheit der Kirchen in Europa verbreitet (vgl. die Unternehmerdenkschrift der EKD und deren Kritik in U. Duchrow u. F. Segbers (Hg.), Frieden mit dem Kapital?, 2008). Wenn der Kern des Kapitalismus – Gewinnorientierung der auf absolutem Privateigentum und Konkurrenz aufgebauten Wirtschaft – nicht angetastet wird, lassen sich die Finanzmärkte nicht mehr regulieren. «Wenn das Finanzvermögen die Realwirtschaft um ein Vielfaches übersteigt und die Geldvermittlung zu einem gewinnorientierten Geschäftszweig wird, ist es um die Demokratie geschehen. Wachsen sich die Banken, Vermögensverwalter, Versicherer und Börsen zu einer mächtigen Industrie aus, haben Regierungen keine Chance mehr, diese zu regulieren. Umgekehrt wird dann die gesamte Gesellschaft von der Finanzindustrie reguliert» (S. 24).
Deshalb verschlimmert die gegenwärtige Politik der Sozialisierung der Verluste der Banken die Lage, insofern die Eigentümer und ihre Manager davon ausgehen können, dass der Staat ihr spekulatives Verhalten auch bei der nächsten Krise wieder belohnen wird. Deshalb muss das gesamte Geldsystem als öffentliche Dienstleistung für die Realwirtschaft neu organisiert werden. Dabei lässt sich an die Vorschläge von Keynes in Bretton Woods 1944 anknüpfen: Weltzentralbank, unabhängiges Zentralbankgeld mit regulierten Währungskursen usw. Darüber hinaus geht es um die Abschaffung des Privilegs privater Banken, durch Kredite Geld schöpfen zu können, demokratische (statt private oder staatliche) Banken nach dem Modell etwa der Genossenschaftsbanken und Sparkassen, Verbot aller Finanzinstrumente, die nicht der realen Wirtschaft, sondern der Spekulation und der Steuerhinterziehung dienen, Kapitalverkehrskontrollen usw.
In seinem früheren Buch «Neue Werte für die Wirtschaft» (2008) hatte er bereits Vorschläge für die Neugestaltung des Unternehmensrechts vorgelegt – Gemeinwohlorientierung wird hier gesetzlich belohnt, nicht maximaler Gewinn. Durch solche und andere Massnahmen wird auch das Problem des ökologisch verheerenden Wachstumszwangs gelöst, da es die Geldvermögensvermehrung ist, die ihn erzeugt. Eine Wirtschaft, die den realen Bedürfnissen der Menschen unter Berücksichtigung der natürlichen Reproduktion dient, muss nicht wachsen – und wenn, dann nur qualitativ.
Da die repräsentative Demokratie von den Kapitaleigentümern gekapert wurde, muss sie durch direkte und partizipative Demokratie ergänzt werden (S. 121). Das wieder fordert zentral zur Stärkung der sozialen Bewegungen auf. Die 10 Schritte aus der Krise, die Felber anbietet, leiten deshalb von den Möglichkeiten individuellen Handelns für eine lebensdienliche Ökonomie zur Selbstorganisation in Gruppen, Netzwerken und sozialen Bewegungen über. Mit ihnen lässt sich dann von unten der Druck auf die politischen Institutionen aufbauen, rechtliche Rahmen zu schaffen, die eine dem Gemeinwohl verpflichtete Wirtschaft möglich machen. Das ist der dritte Weg jenseits des Privatkapitalismus und des zentralistischen Staatssozialismus. Eines der Beispiele, die zeigen, dass dies möglich ist, ist der Erfolg der sozialen Bewegungen in Uruguay, eine neue Regierung ans Ruder zu bringen, die als ersten Akt in die Verfassung schreiben liess: Wasser darf niemals privatisiert werden.
Eine weitere Stärke des Buches sehe ich darin, dass eigentlich alle, die sich trotz der Gehirnwäsche in unseren kapitalistischen Gesellschaften etwas gesunden Menschenverstand bewahrt haben, der Argumentation des Buches folgen müssten. Denn es ist ohne grossen wissenschaftlichen Ballast frisch und überzeugend geschrieben – sowohl, was die Dekonstruktion der kapitalistischen Mythen, wie auch, was die Darstellung der Alternativen betrifft. Viele Beispiele aus der täglichen Erfahrung machen die Argumentation plausibel. Das Buch lässt keine Ausreden mehr zu. Jede/r kann wissen und tun.
Ulrich Duchrow
|Kategorie||Buch|
|Titel||Kooperation statt Konkurrenz, 10 Schritte aus der Krise|
|Identifikation||ISBN 3-552-06111-8|
|Bild|
|Autor||Christian Felber|
|Verlag||Deuticke im Zsolnay Verlag|
|Art||Broschiert (144)|
|Preis||0.00|