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“Das Ziel ist, Forschung zu ermöglichen”
„Der Bau der weltweit grössten Teleskope bei ESO“ lautete der Titel des Vortrags von Tim de Zeeuw im Dezember an der Universität Bern. „Der Forschung helfen zu können und die Länder zusammenarbeiten zu lassen – das mache ich besonders gern“, sagt der Generaldirektor der ESO.
PlanetS: Was ist das schwierigste Problem beim Bau der weltweit grössten Teleskope?
Tim de Zeeuw: Ich würde dies nicht als Problem bezeichnen, sondern als sehr interessante Herausforderung. Betrachten wir ALMA, das Radioteleskop im Norden Chiles. Dieses ist um zwei Grössenordnungen leistungsfähiger als alles, was bisher existiert hat. Denn es besteht aus sehr vielen Teleskopen – es sind viel mehr, als zuvor -, für die Empfänger wurde die derzeit beste Technologie verwendet, und es befindet sich auf halbem Weg ins Weltall. Es steht auf 5000 Metern Höhe. Dort hat es so wenig Wasserdampf über Ihnen, dass Sie Radiowellen im Submillimeter-Bereich tatsächlich empfangen, während Sie von hier unten nur die Atmosphäre hören können.
Der Bau eines Teleskops auf 5000 Meter ist ausserordentlich schwierig, was die Technik und die Menschen anbelangt. Und es handelt sich um eine globale Partnerschaft, weil es teuer ist. Nordamerika, ESO und Ostasien, vor allem Japan, haben sich zur Zusammenarbeit entschlossen. Da gibt es sehr interessante kulturelle Unterschiede, zum Beispiel eine unterschiedliche Philosophie in Sachen Geld. Aber man kommt damit zurecht, weil man ein gemeinsames Ziel hat.
Worin besteht die interessante Herausforderung beim 39-Meter-E-ELT, dem europäischen „Extremely Large Telescope“, mit dessen Bau die ESO auf dem Berg Armazones, 20 Kilometer südlich von Paranal, begonnen hat?
Beim ELT hat der Hauptspiegel einen fünfmal grösseren Durchmesser als die grössten Spiegel, die ESO zurzeit besitzt. Das heisst, dass die Bilder fünfmal schärfer sein können. Aber dann muss man gewährleisten, dass das Teleskop den Objekten fünfmal präziser folgt, sonst verwischt man das Bild. Die Grösse der Struktur, welche diese Aufgabe übernehmen muss, steigt aber im Kubik. Das heisst, es braucht eine gewaltige Ingenieurleistung.
Der Bau des ELT wird etwas mehr als eine Milliarde Euro kosten. Dieses Geld zu beschaffen, brauchte auch Zeit. Aber trotz der Finanzkrise, die manches Mitgliedland getroffen hat, konnte das ESO-Budget vergrössert werden, um den Bau des ELT zu ermöglichen. Ich bin sehr glücklich, dass ich dabei meine Hand Spiel hatte. Wir sind jetzt im Zeitplan für „First Light“ im Jahr 2024.
Gibt es eine Limite bei der Grösse?
Es gab bei der ESO in den späten 90er-Jahren einen Vorläuferplan, das Overwhelmingly Large Telescope, kurz OWL mit einem 100-Meter-Durchmesser. Die Ingenieure stellten fest, dass der Bau im Prinzip technisch möglich ist. Aber die Risiken sind gross und die Schlussfolgerung war, dass die Finanzierung nicht machbar ist. Ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zukunft über den Bau eines 100-Meter-Teleskops nachdenken werden. Das ELT wird ziemlich lange das weltweit grösste Teleskop im optischen und nahen Infrarotbereich sein.
Welches werden die wichtigsten Entdeckungen des ELT sein?
Es ist möglich, dass das ELT die Zusammensetzung der Atmosphäre eines Planeten bei einem anderen Stern nachweisen und zeigen kann, dass es dort biologische Aktivität gibt. Ich spreche nicht von empfindungsfähigem Leben. Und ob das ELT als erstes Instrument diese Entdeckung macht, wissen wir nicht, aber dies ist eine der spannenden Möglichkeiten. Wenn es soweit ist, werden die Leute nicht überrascht sein, denn wir alle haben viel Science-Fiction gesehen.
In einem anderen Projekt, das intellektuell sehr spannend ist, könnte es möglich sein, die Ausdehnung des Universums direkt zu messen. Vereinfachend gesagt: Man schaut Quasare an, die im Universum weit entfernt sind. Man misst deren Spektrallinien heute und erneut in zehn Jahren. Dann haben sich die Linien verschoben, weil sich das Universum in der Zwischenzeit ausgedehnt hat. Diese Messung ist sehr schwierig, das Instrument muss ausserodentlich stabil sein.
Als ESO-Generaldirektor haben sie viele Management-Aufgaben. Können Sie dabei noch als Astrophysiker arbeiten?
Ich habe immer noch ein wenig Zeit für Forschung. Ich betreue zwei Doktoranden, einer ist in München, der andere in Holland, wo ich immer noch ab und zu hingehe. Und ich bin Mitglied bei einigen Teams, die mit ESO-Teleskopen forschen. Ich helfe den jungen Leuten, indem ich sie berate und ihre Manuskripte kommentiere.
Vermissen Sie die Forschung?
Weniger als ich gedacht habe. Ich liebe die andere Seite meines Jobs. Das Ziel ist, Forschung zu ermöglichen und das beinhaltet ziemlich viele Dinge. Es gibt technische, finanzielle, politische und staatliche Aspekte. Der Forschung helfen zu können und die Länder zusammenarbeiten zu lassen – das mache ich besonders gern. Und man trifft die interessantesten Leute, von denen man nie gedacht hatte, dass man sie kennenlernt – ich habe James Bond getroffen.
War das, als der Film „Quantum of Solace“ auf dem Paranal gedreht wurde, wo das VLT, das Very Large Telescope, der ESO steht?
Ja, James Bond hat das Hotel auf dem Paranal in die Luft gejagt. Er brauchte dazu nur acht Minuten. Aber natürlich haben wir die Residenz wieder aufgebaut. In Wahrheit wurden die Innenszenen in London gedreht, die Aussenaufnahmen aber auf dem Paranal. Daniel Craig war sehr freundlich, ein bisschen schüchtern, aber beeindruckt, als wir ihm die Teleskope zeigten. Am Schluss bat er die für die Logistik zuständige Dame um einige Souvenirs vom Paranal. Sie gab ihm diese natürlich sehr gern.
Sie haben schon viele berühmte Leute auf dem Paranal empfangen? Gibt es ein besonders nettes Erlebnis?
Der ehemalige Präsident von Chile, Sebastian Piñera, kündigte an, “wir kommen auf euren Berg und bringen Kollegen mit, um ein Abkommen zwischen vier Ländern zu unterzeichnen”. So standen dann die Präsidenten von Mexico, Kolumbien und Peru auf der VLT-Plattform, als Piñera in seiner Rede sagte: “Die vier Teleskope hinter mir sind unabhängig, aber zusammen sind sie viel stärker; dies ist auch das Ziel unserer Pazifische Allianz.” Etwas später kam der König von Spanien. Er wünschte eine Tasse Kaffee und wollte mit den Herren sprechen. Und als wir eine Wissenschaftskonferenz hatten, machte der Präsident von Mexiko Notizen, weil es sich herausstellte, dass er ein Amateurastronom war. Auf dem Paranal passieren immer spannende Dinge.
Bei Ihrem Besuch in Bern wurde Ihnen der Nationale Forschungsschwerpunkt PlanetS präsentiert. Was ist Ihr Eindruck?
Solche Initiativen, bei der mehrere Institutionen mit Instrumenten und Theorie zusammenspannen, um die wissenschaftlichen Ziele zu maximieren, ist das Modell, das auch von anderen ESO-Mitgliedstaaten verwendet wurde. Es bringt die Forschung weiter und garantiert, dass die Schweiz das Beste aus ihrer ESO-Mitgliedschaft herausholt.
Ich war sehr beeindruckt in Bern. Ich hatte nicht realisiert, wie gross die technische Infrastruktur in diesem Institut ist. Ich kannte die theoretischen Studien, aber auch viele der Beobachtungen wurden ursprünglich mit Instrumenten gemacht, die hier gebaut wurden und nun im Weltall sind. Ich denke, dass dies eine grossartige Initiative ist.
Mehr Informationen über ESO und den Generaldirektor Tim de Zeeuw: www.eso.org