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Stimmt es, dass Argentinien im 19. Jahrhundert ein bevorzugtes Auswanderungsland für Schweizer war und es kommerzielle Agenturen gab, die Auswanderungswillige in der Schweiz rekrutierten und nach Argentinien vermittelten?
Argentinien war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Auswanderungsland für Schweizer und Schweizerinnen, weil es grosse unerschlossene Landflächen und relativ günstige klimatische und politische Bedingungen besass. Noch heute lebt in Argentinien die grösste Schweizer Kolonie Lateinamerikas. Ende 2017 waren dort 15’373 Schweizer Staatsangehörige registriert.
Argentinien avancierte im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Getreideexporteur und war daher interessiert an der Einwanderung und Ansiedlung von landwirtschaftlichen Arbeitskräften in Kolonien, um so das dünnbesiedelte Land fruchtbar zu machen. Die Emigration wurde aber auch von den Gemeinden in der Schweiz unterstützt, die sich so der Fürsorge für verarmte Bevölkerungsschichten entledigten. Durch die rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt, die stetige Zunahme der Bevölkerung und damit zusammenhängenden Armutskrisen fiel ein Teil der Bevölkerung zwischen Stuhl und Bank. Schweizerinnen und Schweizer fanden weder in der sich formierenden schweizerischen Industrie noch in der sich stark wandelnden Landwirtschaft Arbeit und waren so zur Auswanderung gezwungen.
In der Folge entstanden kommerzielle Auswanderungsagenturen, die zwischen Angebot und Nachfrage vermittelten.
Als Werbemittel veröffentlichte die Agentur Beck & Herzog (1856) im Auftrag des argentinischen Konsulats in der Schweiz Auszüge aus Briefen von Ansiedlern der Kolonie Esperanza, die die Vorzüge des Landes lobten. (Auszug eines Briefes der Jungfrau Verena Bircher von Rüttigen) Colonie, 15. Heumonat 1856
«Am 9. Mai kamen wir in Santa Fe an, wir wurden gut aufgenommen, von dort wurden wir auf die Kolonie gebracht, in unsere Heimat. Auch da ist man nicht betrogen, der Hof und was versprochen ist, erhält man, von Sklaverei oder von Wilden überfallen zu werden, ist keine Rede. Es hat mich noch niemals gereut, ich kehre nicht mehr zurück.»
Gemäss der Webseite «Auswanderung Wallis» besassen 1885 elf Generalagenturen sowie 357 Unteragenten eine Bewilligung der Schweizer Bundesbehörden. Die Unteragenten rekrutierten Auswanderungswillige vor Ort, z.B. durch Anzeigen in der Presse. Die Generalagenturen organisierten die Schifffahrt und die Einwanderung.
Allerdings arbeiteten nicht alle Agenturen seriös, so dass der Bund 1880 ein Gesetz zum Schutz der Auswanderungswilligen erliess und 1888 ein eidgenössisches Auswanderungsamt einsetzte, um die Tätigkeit der Auswanderungsagenturen zu überwachen. Das Auswanderungsamt existierte bis 1953. Die Auswandererkartei des Amts für die Jahre 1910 bis 1953 mit Namen, Geburtsdaten, Heimatorten und den Abreise- und Zielhäfen der Auswanderer kann im Schweizerischen Bundesarchiv eingesehen werden.
Dernière modification 27.08.2018