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Falstaff
Commedia lirica in drei Akten von Giuseppe Verdi (1813-1901)
Libretto von Arrigo Boito nach dem Drama
«Sir John Falstaff and the Merry Wives of Windsor» sowie
Auszügen aus «King Henry IV» von William Shakespeare
In italienischer Sprache mit deutscher und englischer Übertitelung. Dauer 2 Std. 40 Min. inkl. Pause nach dem 2. Akt nach ca. 1 Std. 20 Min. Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.
Official Timepiece Opernhaus Zürich
Auf der Couch
Im Jahr 1428 liess der Bischof von London die Gebeine des Oxford-Theologen John Wycliff (1330-1394) ausgraben, verbrennen und die Asche in die Themse schütten. 13 Jahre vorher waren auf dem Konzil von Konstanz bereits die theologischen Werke des Reformators verbrannt worden, der viel von Luthers Gedanken vorwegnahm und anders als dieser die politischen Folgen seiner Lehren nicht mehr selbst erlebte: Aufstände von Anhängern, die gegen ihre Bischöfe rebellierten. Die Bischöfe schlugen zurück und machten aus dem frommen Denker einen Verbrecher.
Einer der Saufkumpane des Prinzen in Shakespeares Königsdrama Heinrich IV trug in der ersten Fassung den Namen Oldcastle und ist als historische Figur belegt. Er war einer der Anführer des Aufstands der Wycliff-Anhänger und weigerte sich, seinem Glauben abzuschwören. Schliesslich wurde er hingerichtet. In den Pamphleten der Kirche gegen die Ketzerei hiess es später, er sei ein Raubritter gewesen, ein Fettwanst und Grossmaul. Shakespeare fand die Figur des Oldcastle in anonymen Quellen. Als er sein Drama verfasste, hatte sich das britische Königshaus von der katholischen Kirche getrennt. Oldcastle war jetzt ein Märtyrer und Freiheitskämpfer. Angeblich war es keine Geringere als Königin Elisabeth, die Shakespeare dazu bewegte, dem dicken Ritter ein eigenes Lustspiel zu widmen: den grossspurigen, gewissenlosen Schwerenöter, der in Die lustigen Weiber von Windsor von den Frauen gefoppt wird, die er ausnützen will.
Hinter dem Gemütlichen lauert bekanntlich das Ungemütliche. Dieses Thema hat von Shakespeare bis Stevenson und Tolkien die englische Literatur umgetrieben. Im Menschen steckt das Tier, und je mehr er sich über seine Tugenden belügt, desto mehr Macht wird es entfalten. Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten, das vorbildhaft Erhabene und das abscheulich Animalische zu versöhnen: die Kunst und den Humor. Shakespeare muss das nicht einmal gewusst haben, aber er hat Falstaff auf die Bühne gestellt und Komponisten wie Salieri und vor allem Verdi inspiriert.
Dieser Held ist wahrhaftig keiner. Da er dem Ideal des Ritters so gar nicht entspricht, ist es leicht, neben ihm tugendhaft zu erscheinen.
In der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde hat Robert L. Stevenson die Verwandlung des frommen Ritters Oldcastle in den unfrommen Falstaff neu erzählt. Der Menschenfreund, Arzt und Naturforscher Dr. Jekyll will der Natur des Bösen auf die Spur kommen, um es definitiv zu besiegen. Er braut einen Trank, der die unterdrückte Wut des Tugendboldes in eine eigene Persönlichkeit formt, eben den Mr. Hyde. Während es anfangs noch gelingt, den Bösewicht rechtzeitig in den angesehenen Bürger zurückzuverwandeln, wird der Zaubertrank jedoch immer schwächer und Mr. Hyde stärker.
Gäbe es nicht Wein, gutes Essen und die Fähigkeit, sich selbst zu überschätzen, Falstaff wäre nicht komisch, sondern gefährlich wie Mr. Hyde. Aber da er nun ein mal so ist, wie ihn Shakespeare geschaffen hat, ein fetter Mann, der nachts gut schläft, dürfen auch wir über ihn lachen, wie das Gefolge des Bacchus über den fetten, trunkenen Silen.
Text: Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker und Buchautor
Illustration: Anita Allemann