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Eine Mischung aus Forschung und Klinik: die stärkste Waffe zur Behandlung des Prostatakarzinoms
Das Tessin hat sich zu einem Referenzzentrum für diese Tumorart entwickelt und verfügt über ein Team aus Fachärztinnen und Fachärzten auf europäischem Niveau am Onkologischen Institut der italienischen Schweiz und vier Forschungsgruppen am IOR in Bellinzonavon Paolo Rossi Castelli
Nachdem das Tessin seit Ende der 90er Jahre in der Erforschung und Behandlung von Lymphomen (Tumoren des lymphatischen Systems) ein Spitzenniveau erreicht und aufrechterhalten hat, hat es sich inzwischen auch zu einem Referenzzentrum für Prostatakrebs (die in der Schweiz bei Männern am häufigsten diagnostizierte Krebsart) entwickelt. Bei der Prostata handelt es sich um eine kastanienförmige Drüse, die sich unterhalb der Blase befindet und eine sehr wichtige Rolle bei der Spermaproduktion spielt (sie trägt etwa zu einem Viertel dazu bei, indem sie Prostataflüssigkeit produziert, die unter anderem zu einer erhöhten Beweglichkeit der Spermien beiträgt). Aus bislang ungeklärten Gründen liegt die Inzidenz von Prostatakrebs (etwa 6.700 neue Fälle pro Jahr) in der Schweiz höher als in Nachbarländern wie z. B. Italien. Zwar ist die Krankheit in den meisten Fällen heilbar oder zumindest gut kontrollierbar, aber es gibt eine Minderheit von Patienten, die nicht auf klassische pharmakologische Therapien anspricht. Hierzu zählen insbesondere jene Therapien, die auf der Hemmung von Testosteron basieren, dem Hormon, das die Spermienproduktion anregt, aber auch den meisten Prostatakrebszellen einen starken „Schub“ gibt.
Die Behandlung von Prostatakrebs erfordert einen ganzheitlichen Ansatz (Operation, falls angezeigt, Strahlentherapie und, wie gesagt, Medikamente). Diese Tumorart ist jedoch aufgrund der Komplexität der Formen, in denen sie auftreten kann, nicht immer einfach zu behandeln: Manche Formen werden als stumm bezeichnet, da sie dazu bestimmt sind, sich nicht weiterzuentwickeln und dem Patienten somit keinen allzu grossen Schaden zuzufügen; andere hingegen weisen einen mittleren bis hohen Schweregrad auf und können in bestimmten Fällen sogar sehr aggressiv werden. Die Diagnose und Vorhersage des Krankheitsverlaufs (und damit der Behandlungsansatz) erfordern ein hohes Mass an Spezialisierung und Erfahrung des onkologischen Teams.
DER SPRUNG NACH VORN – Der „Wendepunkt“ im Tessin hin zu fortschrittlichen Therapien ist unter anderem der Präsenz einer Reihe hervorragender Fachärztinnen und Fachärzten am Ente Ospedaliero Cantonale zu verdanken, angefangen bei Silke Gillessen Sommer, die vor zweieinhalb Jahren als medizinische und wissenschaftliche Leiterin an das IOSI (Onkologische Institut der italienischen Schweiz) kam, nachdem sie an der University of Manchester (Grossbritannien), am Kantonsspital St. Gallen und in anderen Einrichtungen gearbeitet hatte. Professorin Gillessen gilt als eine der wichtigsten europäischen Fachärztinnen für diese Pathologie (bzw. als „Key Opinion Leader“, wie es im Fachjargon heisst). Alle zwei Jahre organisiert sie den Kongress Advanced Prostate Cancer Consensus Conference (APCCC), der inzwischen zu einem internationalen Massstab geworden ist (die nächste Ausgabe wird 2024 in Lugano stattfinden). Doch auch die Ernennung in den letzten Monaten von Andrea Gallina vom Mailänder Krankenhaus San Raffaele zum neuen Chefarzt für Urologie am Regionalkrankenhaus Lugano brachte neuen Schwung in Klinik und Forschung. Darüber hinaus wurde das Team ab 1. September dieses Jahres durch die Präsenz von Thomas Zilli vom Universitätsspital Genf, dem neuen Chefarzt der Abteilung für Radioonkologie am IOSI, erheblich verstärkt (Zilli gilt als einer der qualifiziertesten Schweizer Experten für die Strahlentherapie von Prostatakarzinomen). Ausserdem setzt sich das gesamte Team des „Centro prostata della Svizzera italiana“ (am EOC) aus Fachleuten zusammen, die auf die verschiedenen Aspekte des für diese Krebserkrankung vorgesehenen Behandlungsansatzes, die heute alle Tumorbehandlungen begleiten, hochspezialisiert sind: Chirurgie, Strahlentherapie, medizinische Onkologie (Medikamente und andere Therapien), aber auch Radiologie, Nuklearmedizin und Fachpflege.
DAS FORSCHUNGSZENTRUM – Hervorzuheben ist selbstverständlich auch die 19-jährige Präsenz des Onkologischen Forschungsinstituts (IOR) in Bellinzona, das der Università della Svizzera italiana angegliedert ist. Dieses Institut verfügt über nicht weniger als vier dem Prostatakarzinom gewidmete Studiengruppen und unterhält insbesondere im Bereich der Immuntherapie eine Reihe von Kooperationen mit dem ebenfalls in Bellinzona ansässigen Forschungsinstitut für Biomedizin (IRB). «Es ist schwierig, auf dem Gebiet der Prostatakrebsforschung in der Schweiz ein stärkeres Team zu finden», so Andrea Alimonti, Leiter des Labors für molekulare Onkologie am IOR und Professor an der USI und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, der einen hervorragenden internationalen Ruf geniesst. «Das gesamte Team ist bestens integriert, verfügt über Fachwissen auf europäischem Niveau und verfolgt einen innovativen Ansatz, bei dem Forschung und Klinik ständig miteinander vernetzt sind».
Auf dem ESMO-Kongress (der European Society of Medical Oncology) in Paris, der Mitte September endete, präsentierte die von Alimonti geleitete Forschungsgruppe eine Studie zu einem neuen Medikament (dem sogenannten CXCR2-Inhibitor) gegen Prostatakrebs, die am IOR entwickelt und in Zusammenarbeit mit dem Londoner Royal Marsden Hospital durchgeführt wurde.
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ – Auch Silke Gillessen Sommer nahm an diesem Kongress teil, und zwar als Protagonistin eines der „Presidential Symposiums“ bzw. jener Treffen, in deren Rahmen ein renommierter Experte die von anderen Forschungsgruppen präsentierten Ergebnisse kommentiert. Im Fall von Professorin Gillessen ging es um eine britische Studie an 3.000 Patientinnen und Patienten, deren Ziel es war, herauszufinden, ob und wann es sinnvoll ist, nach einer operativen Entfernung der Prostata zusätzlich eine Hormontherapie (bei der das Testosteron gehemmt wird) und eine sogenannte Salvage-Strahlentherapie durchzuführen. «Solche Situationen erleben wir auch im Tessin sehr häufig», – erklärt Gillessen Sommer. «Um angemessen darauf reagieren und den Patienten eine möglichst wirksame Therapie bieten zu können, ohne sie einer unnötigen Toxizität auszusetzen, ist neben einer jahrelangen Erfahrung auch die Bewertung zahlreicher Elemente erforderlich. Im Vergleich zu früher stehen uns heute viel mehr Möglichkeiten zur Charakterisierung von Krebszellen zur Verfügung (die Mutationsfähigkeit dieser Zellen kann selbst bei ein und demselben Patienten äusserst hoch sein und somit die Wahl der Therapien erschweren). Zahlreiche Forschungsteams aus aller Welt arbeiten unter anderem mithilfe von Systemen der künstlichen Intelligenz an der Verbesserung und Beschleunigung der „Tumortypisierung“. In Bellinzona arbeiten wir insbesondere mit Professor Felix Feng von der University of California in San Francisco zusammen. Professor Feng hat ein im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren (genauer gesagt, zu umfassenden genetischen und anderen molekularbiologischen Tests, Anm. d. Red.) sehr effizientes und innovatives (und zugleich kostengünstigeres) System entwickelt, das es ermöglicht, das „Profil“ der einzelnen Tumoren zu identifizieren und deren Reaktion auf bestimmte Therapien vorherzusagen. Diese Methode wird zurzeit noch geprüft, doch die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, weshalb wir in Erwägung ziehen, sie auch im Tessin anzuwenden, wenn sie bestätigt wird».
MANCHMAL IST ES BESSER, ABZUWARTEN – Im Falle von Prostatakrebserkrankungen erweist es sich, wie bereits erwähnt, als besonders schwierig, die Eigenschaften der Krebszellen sowie ihre Gefährlichkeit einzuschätzen. Aber das ist noch nicht alles. «Bei anderen Krebsarten wie z. B. Lungenkrebs – fährt Gillessen fort – stellt sich nicht die Frage, welche Patienten behandelt werden sollten und welche nicht, da es fast immer notwendig ist, einzugreifen. Beim Prostatakarzinom hingegen besteht manchmal die Notwendigkeit/Möglichkeit der sogenannten Deeskalation (Reduzierung) des therapeutischen Ansatzes. Mit anderen Worten: Nach einer besonders sorgfältigen Bewertung der Eigenschaften des Tumors eines bestimmten Patienten kann in wenigen ausgewählten Fällen sogar beschlossen werden, die Therapie zu reduzieren oder gar nichts zu unternehmen und stattdessen abzuwarten, da sich der Tumor möglicherweise auch über Jahre hinweg nicht weiterentwickelt».
DIE ROLLE DER STRAHLENTHERAPIE – Bei der Behandlung von Prostatakarzinomen kommt auch der Strahlentherapie, die sich im Vergleich zu früher stark weiterentwickelt hat, oft eine entscheidende Rolle zu. «In den letzten Jahren – so Thomas Zilli – hat man hinsichtlich der Behandlungsverfahren nach und nach eine millimetergenaue Präzision erzielt. Auch das System zur Steuerung der Position des Patienten wurde verbessert, sodass die Strahlen genau auf die richtige Stelle treffen und somit das umliegende gesunde Gewebe so wenig wie möglich beschädigen. Am IOSI verfügen wir über ein bildgebendes System (einen Magnetresonanztomografen mit einer Reihe spezieller Kontrollsysteme), das in das Strahlentherapiegerät (den Linearbeschleuniger) integriert ist, um eine möglichst präzise Bestrahlung zu gewährleisten, die verabreichte Dosis zu kontrollieren und zu überprüfen, ob unser Plan tatsächlich umgesetzt wurde. Genauer gesagt, hilft dieses System, die Toxizität zu reduzieren. Nicht alle Krankenhäuser sind mit solchen Systemen ausgestattet. Eine grössere Präzision ermöglicht es ausserdem, die Anzahl der Sitzungen zu reduzieren (z. B. von den klassischen 8 auf 4 Wochen) und dabei Ergebnisse zu erzielen, die mit denen der klassischen Behandlungsschemata vergleichbar sind». Warum wird dieses System in anderen Krankenhäusern nicht angewendet? «Weil es neben einer höheren finanziellen Investition auch spezielle technische Fähigkeiten erfordert, deren Voraussetzung eine entsprechende Vorbereitung des gesamten Teams (aus Ärzten, Technikern und Physikern) ist», antwortet Zilli.
EIN RÜCKSTAND, DEN ES AUFZUHOLEN GILT – War die Entscheidung der beiden Institute IOSI und IOR, sich unter Dutzenden von Krebsarten auf die Erforschung und Behandlung von Prostatakrebs zu konzentrieren, eigentlich von Anfang an geplant, oder hat sie sich aus der Notwendigkeit heraus entwickelt, die inzwischen bei Männern am häufigsten diagnostizierte Krebsart zu bekämpfen? «Es war eine präzise Entscheidung», so Franco Cavalli, Präsident der Stiftung IOR. «Der Prostatakrebs schien nämlich unter anderem infolge der steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung auf dem Vormarsch zu sein. Die einschlägige internationale Forschung war jedoch im Vergleich zur Forschung zu anderen Krebsarten wie z. B. Brustkrebs stark im Rückstand (30-40 Jahre). Schnelles Handeln war angesagt, und so widmeten wir uns diesem Bereich. Allerdings fehlte uns jahrelang ein klinischer Partner für die Grundlagenstudien über die Prostata. Die Präsenz von Silke Gillessen brachte neuen Schwung in die Zusammenarbeit mit dem IOSI, und ich muss sagen, dass auch die Zusammenarbeit mit dem Departement für Chirurgie des EOC, sowie mit dem klinischen und technischen Personal, kurz gesagt mit dem gesamten Team, hervorragend ist. Die Forschung ist das verbindende Element zwischen den verschiedenen Spezialisten, die sich in unserem Kanton mit dem Prostatakarzinom befassen. Ich kann bestätigen, dass es weder im Bereich der Prostatakrebsforschung noch in dem der Lymphomforschung in der Schweiz ein so gut aufeinander eingespieltes Team wie das der Tessiner Forschungsgruppe gibt».
Carlo Catapano, Direktor des IOR, fügt hinzu: «In der Prostatakrebsforschung gibt es zwar noch viel zu tun, doch es wurden bereits wichtige Fortschritte erzielt: Mittlerweile hat sich beispielsweise die Überlebenszeit selbst für die am stärksten beeinträchtigten Patienten mit ausgedehnter Metastasierung erheblich verlängert. Allerdings gilt es, die Gründe für Misserfolge zu verstehen: Warum schlagen die Therapien bei einer Minderheit von Patienten nicht an? Und warum verwandeln sich manche Prostatakrebszellen zum Beispiel in neuroendokrine Zellen, die natürlich nicht mehr auf „klassische“ Behandlungen ansprechen? Möglicherweise hängt dies alles einerseits von der Mikroumgebung, in der sich der Tumor entwickelt, und andererseits von den Reaktionen des Immunsystems ab. Wir haben uns der Herausforderung gestellt und arbeiten mit unseren vier Forschungsgruppen und all unserem Engagement daran.»
(Dieser Artikel wurde für die in der Bellinzoneser Tageszeitung LaRegione veröffentlichten Rubrik Ticino Scienza verfasst)