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Eventplanung & Eventdurchführung
Der Ride Against Hate ist ein Anlass, welcher jährlich in Zürich stattfindet und für queere Sichtbarkeit sorgt. Dieses Jahr wurde der Event zum ersten Mal als bewilligte Demonstration durchgeführt. Hierzu habe ich eine ausführliche Auflistung aller Schritte erstellt, welche es zu beachten gibt, falls du auch mal einen ähnlichen Event planst.
Bewilligung Stadt Zürich
Für jeden Anlass, welcher auf öffentlichem Grund stattfindet und bei welchem zugleich Lautsprecher im Freien eingesetzt werden, braucht es eine Bewilligung. Hat der Anlass einen politischen Hintergrund, handelt es sich um einen politischen Anlass. Da der Ride Against Hate als Demonstration eingestuft wird, gilt er als eine grössere politische Aktion (Personenzahl nach oben unbegrenzt), die mit einem Besammlungsort, einer Umzugsroute und einem Schlusskundgebungsort verbunden ist. Die Teilnehmenden müssen sich somit vom Besammlungs- zum Schlusskundgebungsort verschieben. Hier der Link zum Dokument für die Bewilligung.
Bevor eine Bewilligung eingereicht werden kann, müssen das Datum, die gewünschten Zeitfenster, die Route, die erwartete Personenanzahl und der Einsatz von Lautsprechern, Fahnen und Transparent definiert werden. Ich habe mich hierfür Ende Juli mit Raphi getroffen, denn Raphi hat schon öfters Bewilligungen für queer-feministische Events bei der Stadt eingeholt. Wir haben zusammen die Strecke und Zeitfenster definiert. Dabei war es mir enorm wichtig, eine Strecke zu wählen, die mit wenig Hindernissen und Höhenmetern auskommt, um einen möglichst zugänglichen Event zu veranstalten. Die Durchführung setzten wir für den Samstag, 24. Septemer 2022, von 15-19 Uhr mit ungefähr 500 Teilnehmenden an. Wir einigten uns für die knapp 10km lange Strecke: Ni-una-menos-Platz / Helvetiaplatz, Stauffacherstrasse, Langstrasse, Badenerstrasse, Herdernstrasse, Bullingerstrasse, Bullingerplatz, Stauffacherstrasse, Seebahnstrasse, Hohlstrasse, Feldstrasse, Stauffacherstrasse, Langstrasse, Limmatplatz, Limmatstrasse, Hafnerstrasse, Zollstrasse, Zollbrücke, Museumstrasse, Bahnhofquai, Rudolf-Brun-Brücke, Limmatquai, Quaibrücke, Bürkliplatz, Talstrasse, Sihlporte, Sihlstrasse, Sihlbrücke, Stauffacherquai, Werdstrasse, Stauffacherstrasse, Ni-una-menos-Platz / Helvetiaplatz. Zudem definierten wir folgende Zeitpunkte: Treffpunkt 15 Uhr, Start Demo: 15:30 Uhr, Ende Demo: 18 Uhr, Ende Kundgebung: 19 Uhr.
Es folgten verschiedene Mailwechsel mit dem Büro für Veranstaltungen der Stadt Zürich. Dabei ging es vor allem darum, Überschneidungen mit anderen Veranstaltungen wie z.B. dem Fussball-Derby GC – FCZ und der autofreien Rosengartenstrasse zu umgehen, sowie kleine Anpassungen der Route wegen Baustellen vorzunehmen. Schlussendlich entschieden wir uns für den Samstag, den 8. Oktober 2022, und dabei blieb es dann auch. Wir erhielten die Genehmigung und die Planung konnte in die nächste Etappe gehen.
Kosten
Eine Bewilligung der Stadt Zürich für eine politische Demonstration beläuft sich insgesamt auf CHF 174.10. Die Endsumme stellt sich aus den folgenden Gebühren zusammen: Bewilligungsgebühr (BFV) CHF 110.-, Schreibgebühr (BFV) CHF 60.-, Kopiergebühr (BFV) CHF 3.- und Zustellgebühr (BFV) CHF 1.10.
Um die Kosten nicht allein zu tragen und auch Druckkosten und sonstige Auslagen decken zu können, habe ich mich dazu entschieden, eine Soli-Kasse und eine Soli-Merch-Kampagne zu kreieren. Mehr dazu im Teil III.
Spread the word: 8. Oktober 2022
Das Datum war gesetzt und die nächsten Schritte konnten eingeleitet werden. Um möglichst viele Menschen zu erreichen – offline wie online – ging es nun an das Erstellen der Plakate, Flyer, Sticker, Anfragen und des Instagram-Accounts.
Obwohl der Ride bereits zwei Mal zuvor stattfand, musste das Logo überarbeitet werden. Dem widmete ich mich zuerst. Ich wollte ein sauberes Logo, welches die Progress Pride Flag beinhaltet. Im Anschluss setzte ich dann das Plakat, die Flyer und die Sticker um, welche ich alle von A bis Z selbst gestaltete, druckte und ausschnitt.
Über den neu kreierten Instagram-Account schrieb ich etliche Menschen aus der Community sowie Organisationen an, informierte über den Event und lud dazu ein. Zu den angeschriebenen gehörten beispielsweise LOS (Lesbenorganisation Schweiz), Pink Cross, Pride, Critical Mass, Anna Rosenwasser, Annina Mutter, Checkpoint, Glitbaq*, FINTA-Party, They Shall Howl, Marco Fritsche, Tamara Funiciello.
Zudem schrieb ich diverse Online-Magazine, wie z.B. RonOrp und Tsüri, an. Das ermöglichte mir einen Platz in deren Eventlisten, wodurch nochmals viele Leser*innen erreicht werden konnten.
Genaueres zum CD / CI des Rides und Social Media folgt im Teil II.
Support
Damit am Tag des Geschehens eine möglichst reibungslose Durchführung gewährleistet werden konnte und sich die Teilnehmenden sicher(er) fühlen, war ich auf Unterstützung angewiesen. Dazu habe ich verschiedene Kleingruppen zusammengestellt: Antirepression, Redner*innen, Care-Team, Musikwagen und ein Cork-Team. Ausserdem habe ich ein Awareness-Konzept konzipiert, um allen Teilnehmenden aufzeigen zu können, welche Werte der Ride vertritt und um das Care-Team auch entsprechend briefen zu können.
Care-Team & Awareness-Konzept
Die Care-Team-Members wurden von mir selbst ausgewählt und gebrieft, weil ich hierfür Freund*innen wollte, welchen ich vertrauen kann und welche nicht zum ersten Mal von einem Awareness-Konzept hörten. Das Awareness-Konzept beinhaltete folgende Punkte: kein Rassismus, kein Sexismus, kein Ableismus, keine Transphobie, keine Queerphobie. Wir respektieren Pronomen und schliessen von Äusserlichkeiten weder auf Geschlecht noch auf Pronomen. Jegliche Art von Ungerechtigkeit oder ein eigenes Unwohlsein kann jederzeit einem Member des Care-Teams gemeldet werden.
Das Care-Team wurde am Event selbst mit pinken Bändern gekennzeichnet. Bei Beginn der Demo wurde nochmals auf das Awareness-Konzept und die Anwesenheit und Kennzeichnung des Care-Teams hingewiesen.
Cork-Team
Analog zur Critical Mass (CM), bei welcher die kritischen Einzelteile selbst den Verkehr stoppen, wollten wir auch beim Ride selbst für die Verkehrsordnung sorgen. Hierfür habe ich via Instagram und dem Telegram-Chat der CM einen Aufruf gestartet, um eine Gruppe von kritischen Einzelteilen zu haben, die korken (sich mit ihren Fahrrädern als Blockade bei Strassenüberquerungen hinstellen). Diese erhielten kurz vor Event nochmals ein Briefing von mir und wurden am Tag selbst auch nochmals von mir instruiert und die Gruppe hat sich untereinander vorgestellt.
Antirep
Obschon der Event bewilligt und von der Polizei begleitet wurde, konnten Repressionen leider nicht per se ausgeschlossen werden. Um im Falle einer Repression gegenüber Teilnehmenden reagieren zu können, habe ich die Antirep-Verantwortliche der Critical Mass angeschrieben und gefragt, ob sie diese Aufgabe auch für den Ride übernehmen kann und will. Sie willigte ein und ich konnte die Antirep-Mailadresse und den Antirep-Threema- und -Telegramkanal teilen. Zudem verwies ich auch auf die öffentliche Webseite der Stadt Zürich für rechtliche Fragen die den Strassenverkehr betreffen.
Redner*innen
Am Ende der Demo habe ich bewusst eine Stunde eingeplant, um den Ride mit Reden, Poetry Slams, o.ä. abzuschliessen. Da ich diese Plattform nicht für mich selbst nutzen, sondern einer Person zur Verfügung stellen wollte, die nicht tagtäglich solche Plattformen erhält, startete ich einen Aufruf und schrieb gleichzeitig verschiedene Personen an, von denen ich wusste, dass sie gerne Reden/Slams halten. Leider blieben sehr viele Antworten aus. Ray hat aber glücklicherweise als Redner*in zugesagt. Wir hatten eine kurze Unterhaltung im Voraus und besprachen die nötigen Rahmenbedinungen. Am Ride selber begrüsste ich Ray und checkte auch während dem Ride immer mal wieder, ob alles in Ordnung ist und Ray sich wohlfühlt. Nach dem Ride bereitete ich das Mikrophon und Stativ für Ray vor und Ray hielt eine sehr emotionale und schöne Rede. In meinen Augen ein perfekter Abschluss des Rides.
Fotograf*in
Was gibt es Schöneres als solch einen Event fotografisch festzuhalten und all die wunderbaren Momente immer wieder anschauen zu können? Darum ging die Suche nach einem Menschen, welcher den Ride fotografisch festhält, auch dieses Jahr wieder los. Dieser Schritt gestaltete sich trotz früher Planung als harzig. Etliche Absagen führten dazu, dass ich auch hier im Endeffekt einen Aufruf startete und mir kurzzeitig sogar überlegte, selbst zu fotografieren. Glücklicherweise hat sich dann aber noch eine Person gemeldet, die am Tag des Rides Zeit und Lust hatte und sich auch über Fotos für das eigene Portfolio freute. Ich kommunizierte, was ich mir an Anzahl und Art und Weise der Fotos vorstellte, wie ich diese im Anschluss verwenden werde (Social Media, Print) und was als Soli-Beitrag rausspringen wird.
Musikwagen
Um den Ride nicht komplett lautlos geniessen zu müssen, habe ich alle mir bekannten Musikwagen der Critical Mass angeschrieben, damit ich abschätzen konnte, mit wie vielen Wagen ich rechnen kann. Zudem musste ich über den Daumen abschätzen, wie viele Wagen für die ungefähre Anzahl Teilnehmenden überhaupt Sinn ergeben. Mindestens ein Wagen musste mit XLR-Anschluss ausgestattet sein, damit die Rede am Schluss dann über diese Boxen laufen konnte. Schlussendlich kamen drei Musikwagen, was sich für die Anzahl Teilnehmenden des diesjährigen Rides als optimal herausstellte.
Polizei
Zu Beginn der Demo suchte die Einsatzleitung die verantwortliche Person, welche ursprünglich Raphi war. Raphi konnte dann aber selbst nicht am Event teilnehmen. Wenn die verantwortliche Person, welche bei der Einreichung der Anfrage angegeben wurde, geändert werden muss, müsste nochmals ein komplett neues Formular eingereicht werden. Deshalb liessen wir alles beim Alten und ich teilte der Einsatzleitung mit, dass ich die verantwortliche Person für den Anlass sei. Das führte zu keinen Umständen. Die Einsatzleitung ging mit mir nochmals alle Pflichten und Eckpunkte der Bewilligung durch und nahm meinen Namen und die Mobilnummer für allfällige Zwischenfälle auf.
Der Ride verlief reibungslos. Beim Eintreffen auf dem Ni-una-menos-Platz hielten wir ein kurzes Debriefing zusammen, woraufhin die Polizei dann davonzog.
It’s happening: Samstag, 8. Oktober 2022
Mein Tag startete gemütlich bei einer Tasse Kaffee. Es war alles gut organisiert und ich habe mich kurz nach Mittag mit Freund*innen im Streikhaus getroffen, um noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehörte beispielsweise das Schmücken des Cargo-Bikes, in welchem sich dann die Fotografin chauffieren lassen konnte.
Um 14:45 Uhr radelten wir gemeinsam zum Ni-una-menos-Platz, auf welchem sich bereits einige Menschen besammelten. Ich begrüsste und instruierte alle Cork-Menschen, Menschen mit einem Muiskwagen, Freund*innen, Redner*in und die Mitglieder des Care-Teams persönlich, verteilte Signalwesten für die korkenden Menschen und hielt im Anschluss eine kurze Ansprache über das Mikrofon, welches zuvor am einten Musikwagen installiert wurde. In der kurzen Begrüssungsrede wiederholte ich nochmals die Spielregeln, welche es zu befolgen galt: nur auf unserer Fahrbahn, nicht auf der Gegenfahrbahn fahren, zwei Menschen vom Ride an der Front und am Ende der Demo und Kork-Menschen sind mit Signalwesten ausgestattet. Ich wies erneut auf das Awareness-Konzept, das Care-Team und die Antirepstelle hinund gab nochmals den Zeitplan durch.
Dann konnte es endlich losgehen.
Gemütlich radelte die Menge los. Ich versuchte immer mal wieder bei Teilnehmenden einzuchecken, ob sie sich wohl fühlen und alles in Ordnung ist. Nach etwa einer Stunde trafen wir wieder auf dem Ni-una-menos-Platz ein und ich musste nochmals ans Mikrofon, um die kommende Rede von Ray anzusagen. Ray hat ein Kinderlied in ein Slam/Lied umgewandelt und alle Anwesenden wurden aufgefordert, lautstark mitzusingen. Den Songtext haben wir am Morgen via Instagram geteilt mit der Bitte, diesen zu screenshotten, damit ihn auch die meisten Teilnehmenden dann aufrufen konnten.
Das war’s. Es galt, mich bei allen zu bedanken, alles aufzuräumen, alle markierten Stories zu reposten und irgendwie musste ich auch versuchen, all die Emotionen und die ganze Verantwortung zu verarbeiten.
(dbo)
Learnings
Bei der Planung und Durchführung eines Events empfiehlt es sich, möglichst früh mit der Planung loszulegen. Dazu gehört erst einmal ein Datum zu setzen, ein kleines Team aufzustellen und Themenbereiche aufzuteilen. Falls Reden oder Support-Gruppen geplant sind, sollten diese früh genug angeschrieben werden, um am Tag X mit genügend Menschen aufgestellt zu sein.
Die An- und Abmoderation werde ich zukünftig einer Person überlassen, die gerne vor so vielen Menschen steht und spricht. Für mich war es eine enorme Überwindung mich ans Mikrofon zu stellen.
Ich bin sehr perfektionistisch veranlagt und es fällt mir schwer, Aufgaben abzugeben oder generell Hilfe anzunehmen. Für die zukünftigen Rides werde ich mir dies aber sicherlich zu Herzen nehmen müssen und versuchen, Aufgaben abzugeben und weniger eine One-Woman-Show zu sein und mehr ein Team.
Fazit
Alles in Allem bin ich sehr zufrieden mit dem Event und vielleicht sogar ein klein wenig stolz auf mich selbst.
Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass meine Nerven und meine Energie mit dieser Durchführung als Einzelperson jedes Mal sehr strapaziert werden. Deshalb versuche ich in Zukunft mehr Support anzufragen und diesen auch zuzulassen. Dadurch erhoffe ich mir nicht nur weniger Stress, sondern auch weniger Druck, da ich die Verantwortung nicht allein tragen muss.
Durch die Organisation und Durchführung des Ride Against Hate durfte ich enorm viele neue und wertvolle Kontakte knüpfen und musste mehrfach über meinen Schatten springen, für beides bin ich sehr dankbar.