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Es begann im Garten des Grand Hotels am 23. August 1946. Einige Bäume waren gerodet worden, die Leinwand und die Sitzreihen standen, und bei Einbruch der Nacht sollte das erste internationale Filmfestival Locarno beginnen.
Während unsere Nachbarländer auf die Trümmer des Zweiten Weltkriegs blickten und die siebte Kunst in den Propagandaministerien die letzte Unschuld verloren hatte, wurde hier das erste Festival der Freiheit geboren.
Das Festival der Inhalte
Anti-ideologisch seit diesem Tag wurde Locarno sofort zu einem Epizentrum des mutigen italienischen Neorealismo, denken wir nur an die Auszeichnungen für «Germania anno zero» von Roberto Rosselini und «Ladri di biciclette» von Vittorio De Sica. Der erste künstlerische Leiter Vinicio Beretta machte keine politischen Kompromisse und brachte auch die sowjetischen Filme des genialen Sergei Eisenstein ins Programm.
Locarno wurde zum Festival der Inhalte. Aus dem sommerlichen Treffpunkt der Cinephilie entwickelte sich ein Seismograf des internationalen Kinos, ein A-Festival, das bis heute die talentiertesten, innovativsten und wagemutigsten Filmemacher der Gegenwart an den Lago Maggiore holt, jungen Autoren ein Sprungbrett bietet und sein Publikum Jahr für Jahr überrascht.
In den Namen Stanley Kubrick, Wim Wenders, Kathryn Bigelow, Abbas Kiarostami, Michelangelo Antonioni, Aki Kaurismäki oder Ken Loach schwingt die Geschichte des Festivals.
Locarno vertrat seit je einen avantgardistischen Anspruch und setzte auf die Jugend. Als die Nouvelle Vague anrollte, machte die Einführung der Jugendjury Schlagzeilen; die Schweizer Illustrierte widmete ihr 1964 eine Doppelseite. Das Bild zeigte den 19-jährigen Mechanikerlehrling Renato Berta aus Bellinzona, der schon bald die Filmsprache der «Groupe 5» prägen sollte, und den 19-jährigen Fotografenlehrling Yves Yersin, auch er nun ein Monument des Schweizer Films.
Das Youth Advisory Board zum Jubiläum
Sie zeichneten einen gewissen Jean-Luc Godard für «Bande à part» aus. Diese Episode ist mehr als eine Fussnote der Geschichte. Sie verweist nicht nur auf die zentrale Bedeutung Locarnos für den Schweizer Film, sie unterstreicht zudem den grundlegenden Willen, die kommenden Generationen, ob sie im Publikum sitzen oder auf der Bühne stehen, einzubinden.
Zum 70. Jubiläum lancieren wir denn auch das Youth Advisory Board und leihen damit acht Jugendlichen aus aller Welt unser Ohr für die Gestaltung der Zukunft. Die Jugendjury war es auch, die den allerersten goldenen Leoparden des Filmfestivals Locarno verlieh, im revolutionären 1968. Locarno, anti-ideologisch wie eh und je, blickte damals hinter den Eisernen Vorhang des Kalten Krieges.
Als der Prager Frühling durch die Truppen des Warschauer Pakts niedergeschlagen wurde, weigerte sich die Hauptjury, Wettbewerbsfilme aus der UdSSR, der DDR und Ungarn zu beurteilen. So kam es, dass die Jungen in die Bresche sprangen und die neue Trophäe, die vom Tessiner Künstler Remo Rossi gestaltet worden war und die Goldenen Segel ablöste, im besetzten Kursaal dem Film «I visionari» von Maurizio Ponzi zugesprochen wurde.
Der poetischste Kinosaal der Welt
Der Goldene Leopard gehört heute neben der Palme, dem Bären oder dem Löwen zu den wichtigsten Preisen der internationalen Festivalszene. Als Zeichen einer Zeit des kulturellen Aufbruchs, in der die Kunst jedoch erneut bespitzelt und verfolgt wurde, verkörpert er bis heute die Werte eines Festivals, das die künstlerische Freiheit, die offene Debatte und die Begegnung über alles stellt.
Drei Jahre später wurde dank dem Stararchitekten Livio Vacchini schliesslich diejenige Ikone aus der Taufe gehoben, die zum eigentlichen Markenzeichen des Festivals werden sollte. Zum 25. Geburtstag schenkte sich Locarno 1971 die Piazza Grande. Aus dem lombardischen Platz wurde der poetischste Kinosaal der Welt.
Gleichzeitig entstand ein gesellschaftlicher Treffpunkt, dessen Anziehungskraft weit über die Region und die Landesgrenzen hinauswirkt. Kultur, Politik und Wirtschaft finden in Locarno eine Plattform für den persönlichen Austausch. Zur Natur des Leoparden gehört die Pirsch und die Notwendigkeit, sich immer neu an die Umgebung anzupassen.
Eine künstleriche und moralische Verpflichtung
Seit Antritt meiner Präsidentschaft im Jahre 2000 halte ich es mit Pascal, der seine Zeitgenossen ermahnte, zu ergreifen, was im Entstehen ist. Dieser Moment ist im Grunde der einzige, der zählt. Das Filmfestival Locarno ist die künstlerische und moralische Verpflichtung eingegangen, die Wirklichkeiten der Kunst und der Welt ehrlich abzubilden.
Was als utopisches Projekt in einem Garten begann, steht 70 Jahre später als privilegierter Ort des Mutes und der kulturellen Freiheit immer noch allen offen.