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Um Prozesse der Aneignung und der Abgrenzung in und zwischen den verschiedenen Sprach- und Kulturräumen in Asien und Europa beschreiben zu können, bedarf man einer Begrifflichkeit, die eine präzise Erfassung der Phänomene ermöglicht oder die diese erst konstituiert. Es gehört deshalb zu den vorrangigen Zielen des UFSP Asien und Europa, die Verständigung darüber zu fördern, wie kulturtheoretische Grundbegriffe bzw. ihre möglichen Entsprechungen in verschiedenen Sprachen Asiens und Europas verstanden wurden und wie sie als heuristische Instrumente sinnvoll eingesetzt werden können. Zugleich soll erfasst und reflektiert werden, wie diese Begriffe historisch in Taxonomien des Wissens normativ und institutionell wirksam wurden und wie diese wiederum auf ihre Bedeutung zurückwirkten.
Im Rahmen von koordinierten Forschungen widmen wir uns den Begriffsfeldern Philosophie, Religion und Recht – Gesetz – Ordnung . Dabei sollen sowohl die Begriffsfelder definierende Termini wie „Philosophie“ oder „Religion“, als auch thematisch zugehörige, aber taxonomisch anders gelagerte Terminisowie mögliche Definienda der untersuchten Begriffe, wie etwa der Begriff des Überzeugens systematisch erforscht werden. Schliesslich darf dabei die begleitende methodologische und theoretische Reflektion nicht fehlen, sodass auch etwa nach dem Begriff des „Begriffs“ oder dem Begriff der „Taxonomie“ zwischen Asien und Europa gefragt werden muss. Dies erfolgt in Form von fokussierten Forschungsarbeiten zu einzelnen Aspekten, sowie im Rahmen einer Serie von Gastvorträgen, Workshops und Konferenzen, deren Ergebnisse in mehrere Publikationen münden.
Seiteninhalt
1.1. Philosophie
Hier soll die Frage „Was ist Philosophie?“, die bislang meist im Rahmen der europäischen Tradition und im Hinblick auf Gegenstände und Methode verhandelt wurde, auf die islamische Welt, Indien, China und Japan ausgedehnt und mit Untersuchungen zur taxonomischen Funktion der verschiedenen Terme für Philosophie verbunden werden. Dabei werden diverse Denktraditionen in den Blick kommen, deren Selbstverständnis, sprachliche Bezeichnung (aus eigener wie aus fremder Perspektive), historische Entwicklung und Verortung in kulturellen, sozialen und institutionellen Kontexten jeweils zu untersuchen sind. Der Zusammenhang zum ebenfalls untersuchten Begriff der „Religion“ wird stets mit reflektiert.
Ziel der Analyse ist einerseits, philosophierende Traditionen zu identifizieren und in ihrem Verhältnis zueinander und zu einem präsupponierten Philosophiebegriff und dessen normativen Implikationen zu bestimmen. Andererseits soll dieser Begriff neu diskutiert und die Bedingungen erörtert werden, unter denen er bei weiteren Untersuchungen fruchtbar sein kann.
1.2. Religion
Der Begriff „Religion“, schon in der römischen Antike hinsichtlich Etymologie und Semantik kontrovers verhandelt, hat im Laufe der Geschichte vielfältige Karrieren durchlaufen, wobei für die europäische Diskussion bis heute die Spannung zwischen positiver Selbstreferenz (vera religio vs. idolatria) und neutraler Klassifikation (Religion, Religionen) charakteristisch ist. Hängt die progressive Ausweitung des Begriffs eng mit der europäischen Kolonialgeschichte zusammen, so hat seine Universalisierung und Neutralisierung im Zuge der Aufklärung auch direkt zur Ausbildung einer eigenen Disziplin „Religionswissenschaft“ beigetragen. Ob die begriffliche Aussonderung eines spezifischen Bereichs gesellschaftlicher Kommunikation als „Religion“ ein exklusives Merkmal der europäischen Geistesgeschichte ist, oder ob nicht gerade in asiatischen Gesellschaften vergleichbare terminologische Ausdifferenzierungen beobachtet werden können, ist umstritten und bedarf ebenso der Klärung wie die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen begrifflichen Taxonomien einerseits, soziokulturellen und institutionellen Differenzierungen andererseits.
Europäische und asiatische Taxonomien und Semantiken werden in vergleichender und diachron historischer Perspektive erforscht; dabei wird besonders die Frage der gegenseitigen Verflechtung verschiedener religiös-kultureller Traditionen und ihrer Begriffssystematiken erörtert. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage untersucht, inwieweit die in europäischen Diskursen massgebliche Unterscheidung zwischen „Religion“ und „Philosophie“ für asiatische Traditionen relevant ist.
1.3. Vergleichende Begriffsforschung
Die Erforschung von Begriffen im Spannungsfeld zwischen Asien und Europa bringt eine Reihe von Fragen in philosophischer wie forschungspragmatischer Hinsicht mit sich, derer sich diese Forschungsgruppe annimmt. So gilt es etwa nach dem Begriff des Begriffs zu fragen, um Vorverständnisse bezüglich der vergleichenden Erforschung von Begriffen als solche überhaupt zu erkennen und um die Möglichkeiten einer Erweiterung oder Schärfung des angesetzten Begriffs anhand der Beschäftigung mit asiatischen Sprachen und Texten kritisch zu verfolgen. Daraus sollen besonders Erkenntnisse zum Verhältnis von Begriff zu Sprache und zu Historizität von Begriffen gewonnen werden. Angestrebt wird demnach eine fruchtbare Verbindung philosophischer Begriffsanalyse (conceptual analysis) mit den verschiedenen Philologien Asiens. In forschungspragmatischer Hinsicht lässt sich etwa fragen, welche Begriffe sich für komparative Untersuchungen besonders eignen. Wäre es beispielsweise vielversprechend, Untersuchungen zu Begriffen wie Religion, Natur, Selbst, etc. vermehrt mit solchen zu taxonomisch auf anderer Ebene verorteten Begriffen wie Waschen, Geschenk, Text, etc. zu ergänzen? Was würde man sich von einer solchen taxonomischen Verschiebung des Blicks versprechen? Desweiteren gilt es ebenso, den Begriff des Vergleichs zu thematisieren, aber auch die Tätigkeit und Möglichkeiten des Vergleichens aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren. Wie sind dem Vergleich verwandte Begriffe wie Analogie und Ähnlichkeit philosophisch zu fassen? Was lässt sich zum Beispiel aus den Texten der Nyāya-Schule in Indien in komparatistischer Hinsicht gewinnen? Ist etwa der Vergleich zwischen menschlicher Natur und einem Wasserwirbel im Mengzi (Mencius 6A:2) als Beispiel oder Analogie in rhetorisch-pragmatischer Absicht oder als Ausdruck eines insgesamt korrelativen Denkens zu verstehen?
Die Forschungsgruppe zur vergleichenden Begriffsforschung ist mit den anderen Forschungsgruppen im Forschungsfeld „Begriffe und Taxonomien“ eng verzahnt. Bei ihr steht jedoch nicht ein Begriff oder ein Begriffsfeld besonders im Vordergrund, sondern die übergelagerte Fragestellung nach den Methoden, dem Nutzen, aber auch nach den Grenzen vergleichender Begriffsforschung.
1.4. Recht – Gesetz – Ordnung
Recht und Gesetz sind als gesellschaftliche Regulative in der einen oder anderen Form in nahezu allen Kulturen Asiens und Europas präsent. Historisch gesehen betreffen sie, anders als neuzeitliche Verstehensbedingungen dies vielleicht nahelegen könnten, keineswegs nur gesellschaftspolitische Ausschnitte des jeweiligen Wirklichkeitsverständnisses dieser Kulturen. Vielmehr sind Recht und Gesetz, der Vorstellung und dem Begriff bzw. den jeweiligen Begriffsentsprechungen nach, mitunter sehr viel umfassender gedacht und können auch auf Phänomene des Kosmos, der Natur usw. angewandt werden, was nicht zuletzt in der Vorstellung von "Naturgesetzen" eine Resonanz bis in die Neuzeit hat.