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(Montag, 3. November 2014)
Vor acht Uhr wurde ich für das Frühstück geweckt. Ich traute meinem Magen gar nicht und hielt mich an Biskuits und viel Wasser. Man musste mir meine Müdigkeit wohl angesehen haben, denn ich wurde danach wieder schlafen geschickt und sie versprachen, mich in zwei Stunden wieder zu wecken.
Nach vier Stunden erwarte ich etwas erschrocken, sie hatten so Erbarmen mit mir und wollten mich noch länger schlafen lassen. Ich trat auf den vorderen Teil der Terrasse unseres Gastgeberhauses und sah mich das erste Mal richtig um. Es waren vier Häuser in unmittelbarer Nähe, wir waren in dem hinteren rechts des Weges untergebracht. Das Haus des Bräutigams war gleich davor. Die Überreste der gestrigen Feierlichkeiten zwischen den Häusern waren bereits aufgeräumt worden, es wurden noch die letzten Abfälle eingesammelt. Der Weg zwischen den Häusern gegenüber war etwas breiter als ein Auto, mit Pflastersteinen besetzt. Die Terrasse hatte mehrere Zimmer, alle am hinteren Rand angelegt. Sogar ein Badezimmer war vorhanden. In der Mitte der Terrasse sah man ins Erdgeschoss hinunter, der grosse offene Eingangsbereich hatte kein Dach.
Ich duschte mit eher kaltem Wasser mitten im Badezimmer, das Wasser floss auf zwei Seiten des Raumes in einer Rinne ab. Kaum angezogen klopfte es an der Türe, ein Mädchen kam mich abholen für Mehendi. Wegen unserer späten Ankunft gestern hatte ich den offiziellen Termin für das Hennamalen verpasst, aber sie wollten mir das nicht vorenthalten. Im Haus nebenan wurde ich in ein Zimmer geführt und setzte mich da auf die Matratze, während ein ca. 14jähriges Mädchen anfing, meine Hände zu bemalen. Zum Glück waren die Jungs von EY noch dabei, denn die ortsansässigen Frauen sprachen kein Englisch. Als die Jungs jedoch für einen Moment das Zimmer verliessen, kamen viele Frauen ins Zimmer und sprachen und lächelten mich an. Meine Hindikenntnisse waren jedoch sehr beschränkt, ich verstand so gut wie nichts. Sie sprachen über die Kleidung (Rajistani Dress) und ich versuchte ihnen zu sagen, dass ich bereits einen Sari mit Bluse habe. Ein junges Mädchen sprach englisch, sie lernte dies an einer Privatschule in der Nähe. Die Jungs kamen zurück und übersetzten dann das Notwendige, aber die Gespräche gingen immer weiter. Ich sagte einfach mal zu allem ja und hatte dann nach eineinhalb Stunden meine Hände bis zu den Ellbogen und beide Füsse bemalt. Es sah absolut herrlich aus und beeindruckend, ich konnte mich kaum satt sehen.
Etwas erstaunt war ich jedoch, als es hiess, ich werde nun von den Frauen gefüttert, da ich ja meine Hände nicht benutzen durfte, da das Henna noch einwirken musste. Wie sollte ich ihnen sagen, dass es für mich zu scharf sei, wenn ich ausser „Theeka nahin, firengi“ (nicht scharf, Ausländer) kaum etwas sagen konnte, geschweige denn die Antworten verstand? Sie machten eine Ausnahme und ich durfte mit den Jungs essen. Der Koch hatte extra ein leichtes Curry für mich vorbereitet, jedoch war mir bereits das zu scharf. Navin versteckte süsses Gebäck in der Chapathi (Brotfladen) und tunkte dann diesen ins Curry, so konnte ich doch etwas essen, erntete aber viel unverständliches Lächeln über meine Essgewohnheiten.
Die Gesellschaft hatte sich wieder versammelt für eine Zeremonie, bei dem einige Ausgewählte dem Bräutigam Joghurt auf den Kopf massierten und dabei bestimmte Worte sagten. Als ich den Raum betrat, hörten die Frauen auf zu singen und schauten mich an, ich lächelte scheu zurück. Kaum hatte ich mich auf den Boden gesetzt, fingen sie an mit mir zu sprechen, erst mit Hilfe der Jungs fand ich heraus, dass sie mich auf einen Stuhl setzen wollten. Ich war jedoch auf dem Boden auch glücklich und wollte eigentlich gar nicht auffallen. Wir schauten einige Zeit zu, bis Pravin’s Hemd deutliche Spuren der Zeremonie zeigte und die Joghurtschüssel sich geleert hatte.
Nach einiger Zeit musste ich dann das Henna abwischen, schliesslich war noch ein grosses Programm geplant für heute. Unter der dunklen Paste kamen nun orange Linien auf meiner Haut zum Vorschein, es sah beeindruckend aus! Das Mädchen hatte hervorragende Arbeit geleistet!
Kaum bereit, kam Manu’s Mutter in mein Zimmer und liess sich meinen Sari zeigen. Das Team in Chennai hatte zusammengelegt und dann waren vier mit meinen Massen für mich einkaufen gegangen, ich war überwältigt von ihrer Auswahl! Manu’s Mutter war jedoch nicht ganz happy, liess noch Schmuck und einen dunkleren Unterrock (meine Unterhose war zu dunkel und daher sichtbar) holen und machte sich dann fröhlich plaudernd ans Werk. Mit viel Geduld brachte sie mir bei, was ich sagen musste, wenn ich die Jungs wieder sehe (Mien kaisi lag rahe hoon – Wie sehe ich aus?) und brachte mir auch gleich die erhoffte Antwort bei (Khubsurat – wunderschön). Sie freute sich, wie schnell ich lernte und wiederholte den Satz mit mir unzählige Male. Nachdem sie mich auch noch geschminkt und mir eine grosse, schwere Halskette sowie ein Kopfschmuck umgelegt hatte, war sie zufrieden und ich durfte mich im Spiegel anschauen. Ich war überwältigt!
Unsicher folgte ich den anderen ins Haus des Bräutigams, wo ein weiterer Teil der Zeremonie stattfand. Diesmal zwangen mich die Frauen auf einen Stuhl, während alle anderen weiterhin auf dem Boden sassen. Als die Jungs mal wieder draussen waren, waren die Frauen der Meinung, dass ich auch an der Zeremonie teilnehmen sollte und erklärten mir mit Hand und Füssen, was ich machen musste. Glücklicherweise kam Navin im gleichen Moment zurück und gab mir etwas Geld in die Hand. Dann zeigte ich, was ich gelernt hatte: Ich ging zum Bräutigam, brach etwas Gebäck vom Teller vor ihm ab, steckte es ihm in den Mund und drückte ihm den Geldschein in die Hand. Alle rundherum lächelten mich an, anscheinend hatte ich keine grossen Fehler gemacht.
Draussen hatte eine Band begonnen zu spielen, es kam mir vor wie Fasnacht. Der Bräutigam wurde auf ein Pferd gesetzt (die letzte Chance zu entkommen, heisst es), alle anderen standen und tanzten rund herum. Die Frauen holten mich in ihre Mitte um mit ihnen zur Musik zu tanzen und zeigten mir, wie ich mich bewegen musste. Immer dabei war ein Kameramann mit grosser Videokamera mit grellem Licht und ein Fotograf. Nach einer Weile setzte sich der ganze Zug in Bewegung durch die Strassen von Sardarsahar. Dass durch diesen Festzug die ganze Strasse blockiert wurde, schien hier niemanden ernsthaft zu stören, das Hupen blieb etwa auf gleichem Niveau wie immer. Nur dass mich viele anschauten, das war wohl etwas Spezielles. In diese Ortschaft verirrten sich kaum Europäer. Alle paar Meter wurde wieder gehalten, die Menschen tanzten und die Frauen holten mich immer wieder zu ihnen in die Mitte. Ich war überwältigt!
Nach etwa zwei Stunden und drei Kilometern erreichten wir den Platz der Feier. Davor auf der Strasse kreuzten wir einen Zug eines anderen Bräutigams. Pravin musste ein Ritual mit dem Bruder der Braut durchführen, bevor er auch ins Hochzeitszelt gelassen wurde.
Auf der Suche nach einer Toilette wurde ich von Pravin’s Vater unterstützt, er sah sich erst um und sagte mir dann, in welche Kabine ich sollte, während er draussen vor der Aussentüre auf mich wartete. Es war mir schon fast unangenehm, dass sie sich so um mich sorgten.
Als ich mit Navin das Essenszelt betrat, fühlte ich mich, als drehe sich jede und jeder zu mir um. Wir holten uns etwas zu Essen (nur Süsses für mich) und setzten uns an den Rand. Während ich ass, kamen zweimal Mädels, um mit mir Fotos zu machen. Ich war immer noch völlig überwältigt und wusste kaum was sagen und wohin sehen. Der wenige Schlaf in den letzten Tagen, die lange Reise und das viele Unbekannte hier hinterliessen mich sprachlos und völlig erschöpft. Ich wollte noch für das Foto bleiben und setzte mich zu Manu’s Mutter, auch wenn wir zwei nicht miteinander sprechen konnten. Die Frauen um sie herum freuten sich trotzdem sehr und wir machten noch ein paar Fotos. Dann stellte ich mich mit einigen EY Mitarbeitern zum Brautpaar (beides EY Mitarbeiter) für das offizielle Foto. Als ich danach wieder in der Masse verschwinden wollte, hielt uns Pravin’s Vater zurück und so blieben Navin und ich für ein Familienfoto mit Pravin’s Vater und Onkel. Wow, diese Ehre!
Dann sorgten die drei Männer dafür, dass ich mit Navin sicher in einem Taxi zurück zum Haus sass, erst dann kehrten Vater und Onkel wieder zum Fest zurück. Auf dem Weg zurück kamen wir an vier weiteren Hochzeitsmärschen vorbei, die Stadt schien voll von Festen zu sein. Angeblich wurde der Tag der Hochzeit aufgrund von Sternen oder so berechnet, daher heirateten so viele an diesem Montag. Unter viel Feuerwerk, Musik und Menschen erreichten wir das zu Hause, wo ich mich erst mal auf die Terrasse setzte und das ganze Erlebte setzen liess. Ich war immer noch völlig überwältigt und wusste kaum was machen, so etwas hatte ich noch nie erlebt! Obwohl ich todmüde war, konnte ich nicht schlafen, so viel ging mir durch den Kopf. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet gewesen, so viel Gastfreundschaft und Freundlichkeit und Offenheit!