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2003 hatte Celine Charpentier genug. Nach 20 Jahren Kalaripayattu, in deren Verlauf sie nahezu jeden Schlag ausgeführt hatte, zu dem ein menschlicher Körper fähig ist, nach geistigen und körperlichen Exerzitien jeglicher Art, sollte etwas anderes in den Mittelpunkt ihres Lebens treten. Dass ausgerechnet Kreuzkümmel diesen Platz einnehmen würde, damit hatte sie allerdings nicht gerechnet.
Die Geschwister Celine und Senia Charpentier kamen in den 1970er Jahren als Kinder aus dem südlichen Indien nach Santa Lemusa und wuchsen bei einer Schwester ihrer Mutter auf, die mit einem Psychiater aus Gwosgout verheiratet war. Während Senia, die ältere Schwester, nach der Schule sehr bald in die Gastronomie einstig und bereits 1988 ihr eigenes Restaurant in Sentores eröffnete (das Café «Bramana»), liess sich die um einige Jahre jüngere Celine Charpentier zunächst als Turnlehrerin und später als Ayurveda-Ärztin ausbilden. Gleichzeitig begann sie sich für Kalaripayattu zu interessieren, eine in Kerala beheimatete Kampfkunst, die heute indes meist nur noch von Männern praltgiziert wird. Sie besuchte zahllose Kurse (auch in Indien) und gründete schliesslich 2001 ihre eigene Schule in Gwosgout – zusammen mit einem Kalaripayattu-Meister aus Trivandrum. Bereits 2002 zerstritt sie sich mit dem Meister und verkaufte 2003 ihre Anteile an der Schule. Erst wollte sie das Geld in ein Stadthaus in Port-Louis investieren – ihre Schwester aber überzeugte sie, ein altes Landgut im Norden von Sentores zu übernehmen, das damals für wenig Geld zum Verkauf stand: ein Gut mit dem Namen «Ferme Bourbon».
Die «Ferme Bourbon» war viele Jahre lang die grösste Kreuzkümmel-Farm der Insel gewesen. Lili Bourbon, welche das Landgut in der elften Generation bewirtschaftete, erlebte allerdings in der Nacht auf den 1. Januar 2000 so etwas wie einen spirituellen Schub, der es ihr in der Folge unmöglich machte, sich weiterhin um weltliche Dinge zu kümmern. Sie wurde Nonne in einem Kloster in Dharamsala, trennte sich von allen materiellen Dingen und überliess den Hof ihrem Bruder, einem Hochrad-Artisten, der die meiste Zeit des Jahres mit einem Zirkus in Europa unterwegs war – und natürlich keinerlei Lust hatte, sich von den Höhen seiner Kunst in die Niederungen des Ackerbaus zu begeben. Innert kürzester Zeit waren die Felder überwuchert und der Hof begann zu zerfallen.
Besonders schlimm traf es das alte Familienhaus der Bourbons, ein Schlösschen, das laut Familiengeschichte in den 1790er Jahren von einem Herzog aus der Normandie hier errichtet worden sein soll. Das kleine Bauwerk wurde ganz im Stil französischer Herrenhäuser aus der Zeit des Ancien Régime entworfen, mit Turm, aufwändiger Eingangstreppe, Schiessscharten, spitzen Dächern und sogar einer Sonnenuhr – allein das Schloss wurde so klein konzipiert, dass kaum Raum im Innern der dicken Mauern entstand. Deshalb wurde bereits im frühen 19. Jahrhundert ein zweites Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet – kein Schlösschen zwar, dafür aber ein Haus mit ausreichender Wohnfläche. Als Celine Charpentier 2003 das Gut der Bourbons übernahm, liess sie zunächst das neue Hofhaus renovieren und brachte mit Hilfe von zwei Angestellten die Kreuzkümmel-Felder wieder in Schwung. Für das kleine Schlösschen indes fehlen ihre derzeit noch die Mittel. Zwar benutzt sie einen Raum in ihrem Château als Schlafzimmer für «besonders heisse Tage, an denen man die Dicke der Mauern zu schätzen weiss» – der Rest des kleinen Schmuckstücks aber ist in einem miserablen Zustand.
Charpentier taufte ihr Gut auf den Namen «Château Vama» um. Zusammen mit ihren Angestellten produziert sie auf 17 Hektaren jährlich knapp 2 Tonnen Kreuzkümmel und ist damit die mit Abstand grösste Chera-Produzentin der Insel («Chera de Sentores»).
Mit der Übernahme von Schloss Vama hat Celine Charpentier auch die Freude am Kochen wiederentdeckt. Im Unterschied zu ihrer Schwester Senia, die seit vielen Jahren ein streng vegetarisches Leben führt, hat Celine derzeit gerade eine «ungemeine Freude am Fleisch», wie sie sagt. Sie hat uns ein Rezept zur Verfügung gestellt, in dem ihr «plezi nan vian» gut zum Ausdruck kommt. In ihrem Pain de viande «Vama» spielt natürlich auch der Kreuzkümmel eine besonders wichtige Rolle.
Kalaripayattu ist im Moment kein zentrales Thema im Leben von Celine Charpentier. Allerdings kommt ihr doch dann und wann der Gedanke, das kleine Schlösschen zu renovieren und in ein Trainings-Camp zu verwandeln. Ihrer Schule würde sie dann den namen «Unniyarcha» geben – nach einer Heldin aus dem 16. Jahrhundert, von der die Balladen aus dem nördlichen Malabar («Vadakkan Pattukal») berichten, dass sie sehr schön gewesen sei und besonders gut mit dem Urumi wedeln konnte, dem flexiblen Krummschwert der Kalaripayattu-Kämpfer. Genug ist eben nicht immer genug.
First Publication: 11-9-2012
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