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Als sie noch kinderlos waren, habe ich sie einmal von nahem gesehen. Sie fuhr mit dem Fahrrad und er neben ihr auf Rollerskates.
Oder war es umgekehrt? Ich weiß noch, dass es gegen acht Uhr abends war. Sie kamen mir aus einer schmalen Straße entgegen,
die ich gerade überquerte. Sie stößt auf eine Allee, wo sich auch ein Gartenrestaurant befindet. Ich weiß auch noch, dass
sie mich, obwohl ich einige Schritte von ihnen entfernt war, mit einem merkwürdigen Blick ansahen. Als ob sie alles, weit über die
Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr hinaus, kontrollierten, als ob jedes, in diesem Fall ein Passant, eine zu
überprüfende Größe darstellte. Erst Monate später fiel mir ein, dass es das Paar von gegenüber war, die Frau
mit den langen roten und der Mann mit den sehr kurzen Haaren. Sie wohnen in der obersten Etage. Ich sehe sie durch das Fenster in der Küche
hantieren, etwas abwischen, spülen, den Tisch decken. Ihre Küche befindet sich jetzt auf der rechten Seite des Hauses, denn sie bauten
vor ein paar Jahren nicht nur das Dachgeschoss aus, sondern erweiterten ihre Räume um die der Nachbarwohnung, die frei wurde, als die
Mieterin starb, vermutlich starb. Die kleine runde Frau saß an jedem Tag des Jahres am sperrangelweit geöffneten Küchenfenster
und sah hinaus. Von acht Uhr morgens bis in die frühen Abendstunden hinein. Eines Tages blieb das Fenster geschlossen, nach einer Pause
des Leerstandes, die einige Wochen dauerte, wurde sehr lange renoviert, und danach sah ich das Ehepaar hinter diesem Fenster. Gerade ist in
dem Haus die Frau aus dem Erdgeschoss links gestorben. Zurzeit wird die Wohnung geräumt, und irgendwann wird wieder jemand einziehen.
Zwei neue Mieter sind in den letzten Jahren dazugekommen, eine Türkin, unzweifelhaft eine Türkin, und ein Paar um die fünfzig,
das mit einem Kontrabass einzog. Die Frau geht manchmal abends mit dem Instrumentenkasten fort. So wohnen unten rechts eine ältere Frau,
in der ersten Etage die Türkin und die Fünfzigjährigen, die kurz nach dem Einzug die Gardinen am Küchenfenster gegen
eine weiße Jalousie tauschten, und ganz oben das Paar mit den Kindern.
Bestimmt haben alle Wohnungen zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Nur die des Paares wird fünf bis sechs Zimmer haben: die eigenen zwei, die hinzugekommenen zwei der Nachbarwohnung und das Dachgeschoss, das nach der Geburt des ersten Kindes ausgebaut worden war, und wahrscheinlich auch zwei Zimmer ergab. Ihre Küche muss ein fast leerer Raum sein. Man sieht nur die Lampe mit einem roten Schirm und einer hellen Glühbirne, die in der Mitte den Esstisch beleuchtet. Gegen halbsieben bereitet einer der Eltern das Abendbrot in der Küche vor. Sie tun etwas auf einer Ablage direkt am Fenster oder in der Spüle, die sich links davon befindet. Nach dem Essen räumt einer die Küche auf. Sie wechseln sich ab bei diesen Arbeiten. Zuletzt schalten sie das Licht aus, und danach ist durch das Dachfenster eine schwache Beleuchtung zu sehen. Kein Fernsehflimmern, sie lesen eventuell oder unterhalten sich.
Einmal sah ich sie sonntags Bananenkisten mit Holz aus ihrem Auto laden. Der größere Sohn half auch und trug immer ein Scheit, während seine Mutter mit verzögerten Schritten die Last bis zur Schwelle der Haustür schleppte. Hinter der Haustür rechts befindet sich die Kellertür, auf der linken Seite beginnt die Treppe. Und wenn der Mann morgens, kurz vor acht zur Arbeit geht, öffnet er zuerst die Kellertür bis zum Anschlag, das kann man durch die Scheiben der Haustür schemenhaft sehen, und macht dann diese auf. Die Türen lehnen ohne Arretierung an der Wand. Er geht in den Keller, trägt sein Fahrrad herauf, stellt es, sich dabei nach beiden Seiten umblickend, auf dem Fußweg ab, und geht wieder zurück. Er lässt die Haustür ins Schloss fallen, schließt dann die Kellertür, kommt heraus, setzt sich auf den Sattel, blickt sich wieder um und fährt los. Er fährt bei jedem Wetter mit dem Rad, an jedem Tag des Jahres. Er trägt eine gelbe Regenjacke. Seine Frau arbeitet vermutlich wieder ein paar Stunden. Auch die Söhne sind nun tagsüber außer Haus. Die Frau kehrt gegen halbdrei allein mit dem Auto, einem silberfarbenen Sharan, heim und holt danach die Kinder ab. Sie und ihr Mann scheinen ruhige Menschen zu sein. Beider Bewegungen sind nie hektisch, fahrig, plötzlich. Das hat sich auf die Kinder übertragen. Sie rennen nicht weg, sie umarmen sich, sie warten geduldig an der Tür, wenn die Eltern sich mit jemand anderem unterhalten, mit der Mieterin im Erdgeschoss zum Beispiel oder mit den Großeltern. Es sind, glaube ich, die Eltern der Frau, nicht die des Mannes. Früher traf sich das Paar mit Gleichaltrigen, zumeist Paaren, aber auch mit einzelnen Personen. Ein Paar fuhr einen alten Volvo, dessen Chromarmaturen glänzten und sich von dem Dunkelblau des Wagens abhoben. Aber seit der Geburt der Kinder ist der Kontakt zu den Großeltern eng geworden. Sie holen manchmal einen Enkel ab, meist den älteren, das macht der Großvater, der stets sehr aufgeregt scheint. Er wirkt gehetzt, auch pflichteifrig. Wenn es regnet, rennt er an die Fahrerseite seines Autos, steigt ein und öffnet von innen die Verriegelung der Beifahrertür. Seine Frau wartet unter dem schmalen Vorsprung des Hauseingangs und eilt dann mit über den Kopf gehaltener Tasche zum Wagen. Die Großeltern sind oft da, aber es gibt keine Regelmäßigkeit.
Vorige Woche sah ich eine junge Frau mit langen blonden Haaren auf einem Fahrrad vor der Haustür warten. Ich dachte mir, dass sie eine Freundin des Paares aus der zweiten Etage ist. Sie kann kaum mit der Türkin bekannt sein, kaum mit dem ungefähr fünfzigjährigen Ehepaar mit dem Kontrabass, und wird nicht auf die Ältere von unten rechts warten, die manchmal die Fenstervorsprünge mit einem Handbesen von der Straße aus kehrt. Nach ein paar Minuten kam die Rothaarige mit ihrem Fahrrad aus dem Haus, Tür auf, Tür zu, in der Reihenfolge wie ihr Mann das morgens bewerkstelligt. Die Frauen sprachen ein paar Worte miteinander und fuhren dann los. Das war kurz bevor die Abendnachrichten beginnen. Ich habe sie nicht zurückkehren sehen. Und ihr Mann kam vor ein paar Tagen in kurzen Hosen und mit einer dünnen Jacke bekleidet gegen achtzehn Uhr aus dem Haus. Er joggt. Er trat auf den Fußweg, sah auf seine Armbanduhr und lief los. Er bog bald rechts ab, in die kleine Straße, von der aus man zum Park gelangt. Auch ihn habe ich nicht zurückkehren sehen. Die Kinder sind jetzt ungefähr vier und zwei Jahre alt. Ihre Haarfarbe scheint von hier, von meinem Fenster aus, blond. Einmal noch habe ich die Frau von nahem gesehen, im Park. Ich dachte, eine beleibte Mutter schiebt einen Kinderwagen, geht spazieren, aber sie war nicht dick, sondern zum zweiten Mal schwanger. Ich habe sie auch da nicht erkannt. Erst als ich mich zu Hause daran erinnerte, eine Frau mit langen roten Haaren im Park gesehen zu haben. Und dabei fiel mir nochmals ihr Blick ein, es war ein Sehen, das taxierte, nicht wahrnehmen wollte, wer da sei, wer ich sei, wie zwei miteinander liefen. Sie schoss einen Blick ab und dann war sie vorüber.
© 2007, Roswitha Haring
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