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Wer heute nach Bayern reist, tut dies aus guter, bewährter Gewohnheit, aus Liebe zu Natur und barocker Farbenpracht, von Freude erfüllt über den weißblauen Himmel und die landschaftliche Schönheit. Das Allgäu gehört zum Herzen dieses Landes und hat eine bewegte, wechselvolle Geschichte, von der Stefan Fischer lebendig, anschaulich und anregend zu erzählen weiß.
Das Allgäu, so schreibt er, sei "vornehmlich eine geografische Bezeichnung" und kein "geschlossener Herrschaftsraum". Fischer benennt die Landkreise, auch die "Eigenheiten der gefühlten landsmannschaftlichen Zugehörigkeit". Zugleich weist der Autor darauf hin, dass etwa die Bewohner von Ravensburg und Lindau "sich um keinen Preis zum Allgäu zählen wollen". Doch auch in Niedersachsen etwa mögen viele Ammerländer nicht als Ostfriesen gelten – und umgekehrt. Erstmals erwähnt wird der Vorläufer des Namens Allgäu im Jahr 817, in einer Urkunde des Klosters St. Gallen. Aus "albigauge" wird schließlich erst "albgau" und dann Allgäu. Der Begriff stehe für den "südlichen, an die Alpen grenzenden alemannischen Gau" – doch es gibt auch weitere Klärungsversuche, die als Hypothesen gelten dürfen, etwa, dass das Allgäu mehrere Auen umfasst, "nasse, wasserreiche Wiesen-, Busch- und Augebiete".
Historisch hatten die Römer das nördliche Alpenvorland erobert und besetzt. Kaiser Augustus konsolidierte und festigte seinen Machtbereich. Die römischen Legionen unter Drusus und Tiberius marschierten 15 nach Christus bis zum Bodensee und unterwarfen dort Keltenstämme: "Grundsätzlich war das römische Leben im Allgäu vom Militär bestimmt, was auch zur Verbreitung der lateinischen Sprache beitrug, denn die einheimischen Auxiliarsoldaten und -milizen mussten für ihren Waffendienst Latein lernen. Die nach über 20-jährigen Dienst ehrenvoll aus der Legion entlassenen Soldaten erhielten in der Regel Bauerngüter und Gutshöfe an den römischen Straßen, nicht selten mit der Bedingung, an einem bestimmten Straßenabschnitt für Sicherheit zu sorgen." Die Einheimischen passten sich relativ zügig der "Zivilisation der neuen Herren" an, nutzten etwa "neuartige Pflüge" und eine "systematische Bodenbebauung", die zu höheren Ernteerträgen führte.
Immer wieder etablierten sich neue Herren und Herrschaftssysteme im Allgäu, dazu gehörten auch die Staufer. In dieser Zeit entwickelten sich Memmingen, Kaufbeuren, Kempen und andere präurbane Siedlungen zu Städten: "Am Beispiel der staufischen Stadterweiterung Kaufbeurens, die auch heute noch in der Altstadt gut sichtbar ist, wird der überlegene staufische Form- und Planungswille deutlich, der mit seiner durchdachten Umsetzung des goldenen Schnitts einen menschlich-urbanen Raum schuf, der in dieser Vollkommenheit dort bis heute nie mehr erreicht wurde."
In den Städten war ein gewisser "sozialer Aufstieg" möglich: "Stadtluft macht frei! Auch wenn es in den Städten in Wirklichkeit gottserbärmlich stank …" Die Allgäuer Städte bauten im 14. und 15. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit weiter aus: "Satzungsrecht, Finanzhoheit und militärische Gewalt unterstellten sich die Städte, sicherten ihre Bürger vor dem Zugriff fremder Gerichtsbarkeit und schützten besonders deren Grunderwerb innerhalb der Stadt. Wer in den Städten das Bürgerrecht besaß, erfreute sich in der Regel der persönlichen Freiheit, wovon alle ländlichen Leibeigenen und Hörigen nur träumen konnten!"
Anschaulich schildert Fischer die Etappen der allgäuischen Geschichte, die oft nach einem wiederkehrenden Grundmuster verliefen, so etwa entstanden Kontroversen zwischen dem Adel und der Ritterschaft mit Städten und Klöstern, ob um Vogteirechte, Herrschaftsrechte oder das "Lösegeld von Raubritterzügen". Er berichtet vom Schwäbischen Städtebund, der 1389 auf Druck von König Wenzel aufgelöst wurde, dann aber nach dessen Absetzung als "Bund der Städte am Bodensee" neu gegründet wurde. Memmingen und Kempten etwa gehörten dazu, aber Kaufbeuren nicht, denn "die Kaufbeurer wussten damals nicht, wo der Bodensee war, und wollten nicht mitmachen".
Die Abtei Irsee, der Abt Peter Fend vorstand, "in seiner Unfähigkeit ein typischer Vertreter der katholischen bornierten Geistlichkeit" jener Zeit, verhängte drakonische Strafen und wurde mehrfach geplündert und angezündet. Die Zeit der Reformation und Gegenreformation folgte, einige Bischöfe bemühten sich, den Klerus zu bessern, aber exponierte Geistliche, die den weltlichen Genüssen zusprachen, blieben unbelehrbar, so etwa der Pfarrherr von Thalhofen, "der selbst sein tägliches Quantum von 10 Maß Wein benötigte und dann im Ort herumpöbelte".
Auch der Dreißigjährige Krieg wütete im Allgäu und führte zu "Drangsalen in der Bevölkerung", die "zwischen Kaiserlichen und Protestanten" nicht mehr zu unterscheiden wussten, "eine Wahl zwischen Pest und Cholera", und die "Verelendungen" nahmen zu.
Bekannt ist das Allgäu auch – im 18. Jahrhundert – für die Kaufbeurer Schriftstellerin Sophie de La Roche, mit Goethe und Schiller bekannt, die Romane verfasste, emanzipatorisch gesinnt war. Ihre Enkel waren Bettina von Arnim und Clemens Brentano. Ihr jüngerer Cousin war Christoph Martin Wieland. Im 20. Jahrhundert, in der NS-Zeit, stellten sich nur einzelne Pfarrer und Ordensleute gegen das Regime. In der Kaufbeurer Heil- und Pflegeanstalt wurde von 1939 bis 1945 Euthanasie im großen Stil betrieben. Sogar nach Kriegsende dauerte das Morden noch an, und "erst Anfang Juli 1945 drangen Soldaten in die Anstalt ein und setzten dem furchtbaren Treiben ein Ende". Fischer schreibt: "Insgesamt sind in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee zwischen 1200 und 1600 Menschen, darunter mindestens 210 Kinder, ermordet worden."
Wer sich mit der wechselvollen Geschichte des Allgäus näher befassen möchte, hat in diesem hervorragend und kenntnisreich verfassten Band von Stefan Fischer einen exzellenten Begleiter – bestens für die Zeit der "Sommerfrische in den Allgäuer Alpen", aber auch für die Lektüre zu Hause geeignet.