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Sbriglio, Jacques
Le Corbusier:
L’Unité d’habitation de Marseille
The Unité d’Habitation in Marseilles
Birkhäuser 2004
Müsste ich dieses Buch beschlagworten, gehörte es zu den Architekturführern. Es zeigt – zweisprachig – die Geschichte der ersten Wohnsiedlung, die Le Corbusier nach dem zweiten Weltkrieg gebaut hat. Das Buch ist ausgezeichnet gemacht. Dank reichem Dokumentationsmaterial sowie Ergänzungen, Quellen, Bauchronologie und technische Daten im Anhang, ist es genau von der Qualität, die ich an Birkhäuser so schätze.
Aber da ist noch viel mehr drin als Architektur, nämlich Geschichte und Soziologie. Die „Unité“ (auch „Le Corbu“ genannt) wurde von 1945 bis 1952 erbaut, 1955 wurde die dazugehörige Schulanlage eröffnet.
Es ging damals einerseits um Wiederaufbau, andererseits waren in Kriegszeiten Projekte hängen geblieben, die so, wie ursprünglich geplant, gar nicht mehr umgesetzt werden konnten. Vieles hatte sich verändert, der Wohnungsbedarf war enorm, allein in Marseille waren 32’000 Familien auf Wohnungssuche. Der französische Staat war sich der Probleme bewusst und gründete 1945 ein Ministerium, das sich allein mit dem Städtebau beschäftigen sollte, das MRU (Ministère de la Reconstruction et de l’Urbanisme). Und de Gaulle waren klug genug, sich die Besten zu holen. Er übergab die Führung Raoul Dautry, der Le Corbusier für ein erstes Projekt gewinnen konnte, indem er ihm versprach, er hätte nichts mit dem Einholen von Bewilligungen zu tun.
Der Bau der „Unité“ wurde samt seiner durchdacht gestalteten Umgebung zu einem Vorbild, sowohl für weitere Bauten Le Corbusiers sowie für die ersten Elementbauten, wie ich in einem aufgewachsen bin und heute noch wohne. Nicht dass das ohne Pannen und Konflikte gegangen wäre. Das beste Beispiel dafür sind die schriftlichen Anweisungen des Architekten, wie sein Bau zu bewohnen und zu nutzen sei. Er verfasste sie, als das Ministerium 1952 gegen seinen Willen etnschied, die Wohnungen auf dem freien Markt zu verkaufen und mich erinnert der Akt an Luthers Thesenanschlag. Es war der Beginn eines neuen architektonischen Zeitalters.
Ich möchte nicht behaupten, wenn man sich an Le Corbusiers Thesen gehalten hätte, wäre alles gut. Aber ich bin sicher, die Entwicklung in den Vorstädten (ob Plattenbau oder Banlieu) wäre besser verlaufen. Le Corbusiers Spielplatz auf dem Dach der „Unité“ ist etwas vom Schönsten und Sorgfältigsten, das je für Kinder gebaut worden ist.