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Wie der Computer zum Psychiater kam. Psychoanalyse, Künstliche Intelligenz und Gesellschaftskritik bei Joseph Weizenbaum
Das Forschungsprojekt folgt erstmals dem Werk und Wirkungskreisen des deutsch-amerikanischen Informatikpioniers und Gesellschaftskritikers Joseph Weizenbaum (1923-2008). Bislang kondensieren anekdotische Rückschauen Weizenbaum Leben zumeist auf zwei Meilensteine: Erstens, 1966 Veröffentlichung des Programms ELIZA/DOCTOR, das als erster Chatbot der Computergeschichte gilt. Zweitens, 1976 Veröffentlichung des computer-, das heißt, gesellschaftskritischen Buches «Computer Power and Human Reason», das bis heute auch im deutschsprachigen Raum breit rezipiert wird.
Das Forschungsprojekt folgt den biografischen Spuren Weizenbaums und versucht die Denkkollektive und Milieus zu nachzuvollziehen, in denen er sich bewegte. Begonnen bei der meteorologischen Abteilung der US Army im Zweiten Weltkrieg und seiner Arbeit am automatisierten Cheques-System ERMA in den 50er Jahren; Anfang der 60er Jahre knüpft er in der kalifornischen Bay Area erste Kontakte mit lokalen Psychologen und Psychoanalytikerinnen, die das Forschungslayout seines späteren Chatprogramms ELIZA/DOCTOR maßgeblich beeinflussen. Als Informatik-Professor der Elite-Hochschule MIT tritt er ab den 70ern Jahren vermehrt als Technik- und Gesellschaftskritiker auf und erhält bis zu seinem Tod ein Label, das er sich zu eigenmachte: Ketzer der Informatik.
Das Projekt zeichnet Weizenbaums Wirken im intellektuellen Moiré seiner Zeit. Beeinflusst von Kybernetik und Rechnerentwicklung, von Shoah, Bürgerbewegung und Vietnam-Krieg, von einer humanistischen Tradition Europas und einem Technikutopismus im Forschungsfeld der Künstlichen Intelligenz. Dabei steht im Mittelpunkt die Rekonstruktion seiner Verquickungen mit Kollegen und Gegenspielern wie Marvin Minsky, Edward Feigenbaum oder Hans Moravec, als auch mit Gleichgesinnten wie Robert Jungk, Hubert Dreyfus, Herbert Marcuse oder Hannah Arendt. Ebenso werden Weizenbaums Positionen ins Verhältnis gesetzt zu den Sci-Fi-Lektüren und Zukunftsbildern der USA post bellum.
Im Fahrwasser von Weizenbaums Leben lassen sich so die Verwerfungen und Kontingenzen der jüngsten Informatikgeschichte verstehen, welche die Grundlage unseres aktuellen Informationszeitalter bilden. Weizenbaum folgen, heißt die Ursprünge von Digitalisierung, Machine Learning, Heimcomputermarkt und zeitgenössischer Internetkritik verstehen.