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Entspricht die biologische Natur des Menschen eigentlich dem westlich orientierten, individualistisch Menschenbild – jeder ist sich selbst der Nächste – und stützt damit das kapitalistische Konkurrenzprinzip? Oder ist der Mensch grundsätzlich kooperativ veranlagt und sein aggressives Gegeneinander eher eine Notfalllösung?
Der Biologe Frans de Waal (*1948) liefert mit seinen Beobachtungen von Schimpansen oder Bonobos, unseren nächsten Verwandten im Tierreich, mit denen wir 98,5% des Erbgutes teilen, wertvolle Hinweise. Er erforscht seit langem das Sozialverhalten von Primaten und stellt sogar Mutmassungen an, inwiefern dem Verhalten dieser Affen moralische Kriterien zugrunde liegen. Seine gut verständlichen und unterhaltsamen Bücher wie «Der Affe in uns», «Primaten und Philosophen» oder «Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote» sind Bestseller und in viele Sprachen übersetzt worden.
Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Klett-Cotta, 2015
Natürlich finden sich bei den Schimpansen viele Verhaltensweisen wie Macht, Ehrgeiz und Eifersucht, oder Rangkämpfe, Koalitionsbildungen, Korruption und Opportunismus; all diese politischen Spiele, die das Miteinander der Menschen so oft auszeichnen. Und sicher töten Schimpansen in Territorialkämpfen andere Schimpansen manchmal auch.
Genauso kann man bei den Schimpansen aber auch empathische Reaktionen wahrnehmen. De Waal schildert ein aufschlussreiches Experiment. Ein Schimpanse muss dem Versuchsleiter aus einem Becher rote oder grüne Chips aushändigen. Wenn er diesem einem grünen Chip gibt, wird der Affe im benachbarten Käfig ebenso belohnt. Händigt er ihm hingegen einen roten Chip aus, bekommt er selbst eine Belohnung, der Affe nebenan geht aber leer aus. Nach einigen Durchgängen wählte der Affe nur noch grüne Chips. Dieses Verhalten bestätigte sich auch in anderen Zusammensetzungen. Testete der Versuchsleiter dagegen nur einen Affen ohne Nachbarn, wurden die Farben überhaupt nicht beachtet. Interessant ist, dass sich Schimpansen mit dem höchsten Rang am grosszügigsten erwiesen. Angst konnte demzufolge als Motiv für das prosoziale Verhalten ausgeschlossen werden. In anderen Experimenten stellte de Waal fest, dass Affen auch ein Gerechtigkeitsempfinden besitzen und sofort intervenieren, wenn sich ein Mitglied ungerecht verhalten hat. Alphatiere zeichnen sich weiter dadurch aus, dass sie bei Unstimmigkeiten zwischen Mitgliedern schnell einschreiten und die Harmonie wieder herstellen oder in schwierigen Situationen verletzte Mitglieder empathisch trösten. Auch versöhnen sich männliche Schimpansen, wenn sie sich vehement bekämpft haben, manchmal wieder, indem sie sich umarmen und küssen.
In Wirklichkeit, meint de Waal, ist es nicht ein Entweder-Oder von Konkurrenz oder Kooperation, sondern immer eine Mischung aus beidem. Voraussetzung für kooperatives Verhalten ist eine Form von Moralität, die auf zwei Säulen beruht, einem Sinn für Fairness und Gerechtigkeit und der Fähigkeit sich einzufühlen. Damit das prosoziale Verhalten wirksam wird, muss eine Kreatur aber fähig sein, die Impulse von Gier und Aggression zu hemmen.
Der Biologe de Waal meint, er habe schon immer der Vorstellung widersprochen, dass beim Menschen von Natur aus Egoismus und Eigennutz dominieren würden. Wir Menschen seien wie die Affen soziale Säugetiere, die gegenüber den Emotionen der anderen sensibel seien und diese Wahrnehmung in unsere Verhaltenssteuerung einfliessen liessen. Konflikte würden nach Möglichkeit vermieden. Die moralischen Regeln seien immer schon vorhanden und würden nicht von aussen übergestülpt, durch Konditionierung gelernt oder aus irgendwelchen hehren Prinzipien abgeleitet. Er spricht beim Menschen von einer Bottom-up-Moral. Das Grundbedürfnis dazuzugehören und mit den anderen auszukommen scheint der zentrale Faktor zu sein. Deshalb tun wir vieles, um mit denjenigen, die wir brauchen, ein gutes Verhältnis zu haben.
Natürlich ist diese Moral zu gruppen- oder stammesinternen Zwecken entstanden. Die Biologie hat uns damit kaum auf die Situation eines Weltbürgers, in der wir uns heute befinden, vorbereitet. Um mit Fragen der Solidarität oder Gerechtigkeit in nationalen oder sogar globalen Dimensionen klar zu kommen, braucht es den Intellekt.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen also gegen die pessimistische Sicht des Menschenbildes eines “Homo homini lupus”, wonach die Moral einfach ein dünner kultureller Anstrich sei, der eine «animalische» Natur (wie sie zu Unrecht bezeichnet wird) notdürftig übertünche. Die Moral war biologisch gesehen zuerst da. Religion baut auf diesen biologischen Grundlagen auf.
Hierzu noch einen Ausschnitt aus einem Interview mit de Waal (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48495971.html im SPIEGEL 34/2006) zum Thema «Hippie oder Killeraffe”:
SPIEGEL: Familie und Sprache sind Eigenschaften, die Sie als für den Menschen einzigartig anerkennen. Es gibt noch einen anderen großen Unterschied: Wir haben Religion und Ethik. Affen können damit nicht aufwarten, oder?
De Waal: Zugegeben. Ich glaube dennoch, dass auch Religion und Ethik auf psychologischen Bausteinen basieren, die wir mit unseren Verwandten teilen. Wir haben ein System sozialen Drucks hinzugefügt, mit dem wir Regeln rechtfertigen und ihnen Nachdruck verleihen. ,Du sollst nicht töten’, lautet so eine Regel. Sie wird von Religionsführern oder Philosophen formuliert, benennt aber nur, was in seinen Grundzügen tief in uns verwurzelt ist.
SPIEGEL: Wenn der Papst zur Nächstenliebe aufruft, appelliert er an den Affen in uns?
De Waal: Im Grunde schon. Ich sage nicht, dass Schimpansen und Bonobos moralische Wesen sind …
SPIEGEL: … den kategorischen Imperativ kennen sie wohl kaum.
De Waal: Doch. Das Motto ,Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu’ kennen sie sehr wohl. Genau dieses Prinzip der Gegenseitigkeit halte ich, neben dem Einfühlungsvermögen, für das grundlegende Element der Psychologie aller Menschenaffen. In einem Experiment boten wir Schimpansen Wassermelonen an und protokollierten, wie sie diese Früchte untereinander teilten. In den Stunden zuvor hatten wir aufgezeichnet, wer bei wem wie lange das Fell pflegte. Das Ergebnis war eindeutig: Der Affe, der die Wassermelone teilte, gab jenen Artgenossen, die ihn zuvor gepflegt hatten, deutlich mehr ab als den anderen.
SPIEGEL: Die Tiere können sich auch in andere einfühlen, sagen Sie?
De Waal: O ja. Schimpansen sind zum Beispiel richtig gut im Trösten. Leidet ein Freund, umarmen sie ihn und kümmern sich. Nur unsere Arroganz lässt uns daran zweifeln, dass so etwas möglich ist. Wer einen anderen grausam tötet, den nennen wir ,animalisch’. Spenden wir dagegen für die Armen, finden wir uns ,menschlich’.
SPIEGEL: Andererseits sagt Thomas Hobbes: ,Homo homini lupus’, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf.
De Waal: Nun, der evolutionäre Überlebenskampf ist eigentlich ein selbstsüchtiges Hauen und Stechen, und dennoch kann er zu ausgesprochen sozialen Tieren wie Delfinen, Wölfen oder eben auch den Primaten führen. Uns nur als Killeraffen zu betrachten, bezeichne ich als den Beethoven-Fehler: Beethoven war unorganisiert und schlampig, seine Musik jedoch ist der Inbegriff von Ordnung.
Amüsant ist ebenso der TED-Talk von Frans de Waal zum moralischen Verhalten bei Tieren