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«Der Stadtrat war ein Rauchwürschtli»
Unvergessen 25 Jahre hat Silvia Forster die Oltner Politik mitgestaltet. Anno 1993 wurde sie zusammen mit zwei anderen Frauen als erste Vertretung des weiblichen Geschlechts in den Stadtrat gewählt. Heute wohnt sie in Zofingen.
Von: Caspar Reimer
Silvia Forster stammt, wie sie sagt, aus einem «sozialdemokratischen Haus», so hatte schon ihr Vater in Trimbach als Stadthalter, was heute dem Vizepräsidium entspricht, politisiert, und ihre Mutter war in der Frauengruppe der SP aktiv. «Wir waren als kleine Knöpfe an den 1.- Mai-Kundgebungen dabei. Das war für uns das Grösste», erinnert sich die jetzt 70-Jährige. Für sie war es somit als junge Frau klar, sich für die SP, in die sie im Alter von 20 Jahren eingetreten ist, zu engagieren. Noch im Jugendalter zogen ihre Eltern mit ihr nach Olten, wo sie fortan politisierte und zugleich eine kaufmännische Lehre und eine Weiterbildung im Bereich Direktionssekretariat absolvierte – erst später sollte sie Berufs- und Laufbahnberaterin werden. Ihr wurde im Elternhaus beigebracht, sich «zu wehren, sich für eine Sache einzusetzen». Im Jahr 1980 begann sie, im Wahlbüro zu arbeiten und mit weiteren Engagements in der damaligen Ausländerkommission oder der Sozialhilfekommission nahm ihre politische Karriere Fahrt auf. Auch gewerkschaftlich, namentlich im Verband des Personals Öffentlicher Dienste VPOD, war sie aktiv: «Die Linke war damals noch stärker gewerkschaftlich geprägt als heute», sagt sie. 1983 «rutschte» Forster ins Oltner Parlament nach, mischte dort zehn Jahre mit, sass in verschiedenen Kommissionen. Anno 1993, als im Stadtrat von Vollzeit- auf Nebenamt gewechselt wurde, stellte sie sich zusammen mit Gabriele Plüss (FDP) und Madeleine Schüpfer (CVP) zur Wahl. Sie waren die ersten Frauen in der Oltner Regierung. Forster erinnert sich an die Wahl und die ersten Jahre ihrer Amtszeit.
«Der Wahlkampf im Jahr 1993 war nicht gehässig, wie man sich das vielleicht heute vorstellt. Nur der Wechsel im Stadtrat vom Vollzeitamt zum Nebenamt wurde heftig diskutiert. Philipp Schumacher sollte als Stadtpräsident im Vollzeitamt bleiben, während die sechs Stadträte ihre Aufgabe im Nebenamt ausführen sollten, wobei nicht ein festes zeitliches Pensum festgelegt wurde. Es gab einfach einen fixen, anständigen Betrag für die Aufgabe, die auszuführen war.
Als ich gewählt wurde, freute ich mich natürlich sehr, aber ich hatte auch Respekt vor dem Amt. Wir waren schliesslich die ersten, die diese Aufgabe im Nebenamt ausführen sollten, und Philipp Schuhmacher war eine verdiente, aber auch sehr starke Persönlichkeit. Da hatte ich schon Respekt, meinen Platz zu finden.
Am 1. August 1993 trat ich mein Amt an. Der Stadtrat traf sich jeweils am Montagmorgen zu seiner Sitzung, die rund vier Stunden dauerte, manchmal konnte es auch länger gehen, wenn es etwa um das Budget ging. In der ersten Sitzung war die Direktionsverteilung Thema, wobei das eigentlich nur eine Formsache war, weil zuvor schon abgemacht worden war, wer was macht. Ich arbeitete als Berufs- und Laufbahnberaterin, deshalb war es für mich klar, dass ich nicht die Schuldirektion übernehmen konnte. Weil ich zuvor schon Baukommissionspräsidentin war, ergab es sich für mich, die Baudirektion zu übernehmen. Ich fand es spannend, politisch etwas ganz anderes als im Beruf zu machen. Es ging damals an der ersten Sitzung auch um die Frage der Räumlichkeiten, weil einige fanden, dass nebenamtliche Politiker kein eigenes Büro bräuchten.
Was man sich heute fast nicht mehr vorstellen kann: Der Stadtrat war damals ein Rauchwürschtli. Von den Männern, also vier Personen, haben alle geraucht, und zwar teilweise viel, es schwebten Nebelschwaden im Raum. Als ich am Montagmittag die Sitzung verliess, musste ich jeweils nach Hause zurück, um mich umzuziehen, so stark haben meine Kleider gestunken. Daran erinnere ich mich häufig.
Bald nahm das Tagesgeschäft seinen Lauf, damals etwa der Neubau einer Heilpädagogischen Sonderschule oder der Bau einer Umfahrungsstrasse für Olten. Auch die Parkplatzproblematik war ein Dauerthema, was mich sehr absorbiert hat, weil es hier sehr unterschiedliche Erwartungen gab. Bald kam es auch zu Sparübungen, und in diesem Zusammenhang musste ich eines meiner schlimmsten Geschäfte durchziehen: Es ging um schöne Häuser und Wohnungen, die der Stadt Olten gehörten und die teilweise von gut verdienenden Mitarbeitern der Stadt Olten bewohnt wurden, wobei die Mietzinse viel zu tief waren, also nicht dem Markt entsprachen. Wir mussten dort marktübliche Zinsen einführen, was sehr böses Blut gab: «Ausgerechnet eine Sozialdemokratin, welche die Preise erhöht», warf man mir vor. Der Vorteil damals war, dass es noch keine E-Mail gab und Handys nicht verbreitet waren, die bösen Reaktionen kamen also teilweise als gar nicht bis zu mir, aber das Sekretariat musste einiges an Beschimpfungen einstecken. Das war ein schlimmes Geschäft.
Was man aber aus heutiger Sicht positiv bewerten kann, ist, dass ich als Frau nie negative Erfahrungen gemacht habe, es war auch zuvor im Wahlkampf kaum ein Thema. Dazu muss ich aber auch sagen, dass es für mich immer selbstverständlich war, als Frau gleichwertig zu sein. Das haben mir meine Eltern immer vermittelt. Der gewerkschaftliche Aspekt war für mich immer im Vordergrund, weshalb ich auch während meiner Zeit als Stadträtin immer in einer Gewerkschaft war.»
2009, im Alter von 59 Jahren, endete Silvia Forsters Zeit als Stadträtin, sie trat nicht mehr zur Wahl an. Noch vier Jahre über das Ende ihrer Amtszeit hinaus präsidierte sie den Zweckverband Abwasserregion Olten. Beruflich hatte es sie nach Bern verschlagen, wo sie im Bereich der Sozialversicherungen arbeitete. Ende 2014 liess sie sich pensionieren: «Mein Vater lebte damals noch, es bot sich eine gute Gelegenheit, etwas früher mit der Arbeit aufzuhören und noch Zeit mit ihm zu verbringen.» Aktiv blieb sie weiterhin, engagierte sich da und dort. Auf die Frage, was sie heute mache, sagt sie mit grosser Überzeugung: «Gar nichts! Mir gefällt das sehr gut so. Die Politik liegt hinter mir.» Weil ihr die Wohnung in Olten zu gross wurde, wohnt Silvia Forster übrigens seit zwei Monaten in Zofingen in einer brandneuen Überbauung. «Zofingen ist ja nicht weit. Da bin ich rasch in Olten.»