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Schlussbericht des Missionschefs
[…] 2
1. Stand der Beziehungen mit Polen
Im wesentlichen setzen sich die Beziehungen mit einem kommunistisch regierten Staat aus drei – gewissermassen «klassisch» zu bezeichnenden – Komponenten zusammen: politische Beziehungen, kulturelle Beziehungen, Wirtschaftsbeziehungen. Dabei machen in marxistischer Sicht Kultur- und Wirtschaftsaustausch einen integrierenden Bestandteil der zwischenstaatlichen Politik aus. Mehr als es zwischen «freien Nationen» der Fall zu sein pflegt, sind für die Beurteilung des Standes die Gesamtheit der drei Komponenten ausschlaggebend.
Als ich Ende 1965 meine ersten offiziellen Kontakte in Polen aufnahm, erklärten sich meine Gesprächspartner von der Entwicklung der polnischschweizerischen Beziehungen befriedigt. Hierbei stellten sie vorab auf zwei Fakten ab:
1) Die von Pro Helvetia im Frühsommer gleichen Jahres veranstaltete schweizerische Kunstausstellung: «Von Hodler bis zur Gegenwart»3, die sowohl in Warschau wie in Krakau mit grossem Erfolg gezeigt worden war.
2) Der positive Abschluss4 (schon im Sommer 1964) einer mehrjährigen und schwierigen Verhandlungsphase, wobei mittels dreier Vereinbarungen der polnisch-schweizerische Handels- und Zahlungsverkehr neu geregelt und zugleich eine Einigung über die Abtragung der polnischen Nationalisie - rungs-Restschuld durch handelspolitische Konzessionen erzielt worden war.
Mit diesen Vereinbarungen war das letzte bedeutende «Contentieux», das die Beziehungen zwischen beiden Ländern belastet hatte, in zufriedenstellender Weise beigelegt worden.
Unter Hinweis auf diese Ergebnisse wurde mir indessen bedeutet, dass im Vergleich mit der Intensität der Beziehungen zu anderen europäischen Na tionen, darunter auch Kleinstaaten wie Österreich, Belgien und die skandinavischen Länder, die Schweiz noch sehr im Rückstand sei. Man erwarte deshalb, dass der aufsteigende Trend der letzten Zeit nicht nur andauern, sondern sich noch verstärken werde.
In den ersten zwei Jahren meiner Mission verlief die Entwicklung insofern positiv, als sich der Beginn einer gegenseitigen Besuchsdiplomatie abzeichnete. In chronologischer Reihenfolge seien festgehalten:
April 1967: Einladung von Aussenhandelsminister Trampczynski6 (nebst Gattin7 und Mitarbeiter8) in die Schweiz; Besuch schweizerischer Industriebetriebe, Empfang an der Basler Mustermesse, offizielle Kontakte in Bern.
November 1967: Polnische Einladung des schweizerischen Generalstabschefs, Oberstkorpskommandant Gygli10 (nebst zweier Generalstabsoffiziere11); Kontakte mit dem polnischen Verteidigungsminister12 und hohen polnischen Offizieren; Besichtigung militärischer und ziviler Anlagen; Erlass einer schweizerischen Gegeneinladung an den Generalstabschef13 der polnischen Armee.
Dezember 1967: Schweizer Reise Vizeministers Olechowskis vom Aussenhandelsministerium (nebst mehrerer Wirtschaftsspezialisten) zwecks Prospektierung polnischer Exportmöglichkeiten.
Ebenfalls für das Jahr 1968 wurde polnischerseits versucht, den Generalsekretär des EPD, Botschafter Micheli, zu einer Besuchsreise nach Polen zu bewegen. Diese Einladung, die mehr privaten Charakter haben sollte, war grundsätzlich angenommen worden17.
Auch der schweizerisch-polnische Kulturaustausch nahm in den Jahren 1966/67 einen befriedigenden Fortgang. Zwar konnte nach dem starken finanziellen Engagement, das die Kunstausstellungen in Warschau und Krakau von 1965 für Pro Helvetia bedeutet hatten, die Inangriffnahme grösserer schweizerischer Pläne nicht sogleich ins Auge gefasst werden. Nichtsdestoweniger gelang die Beteiligung des «Orchestre de Chambre de Lausanne» am musikalischen September-Festival 1967 in Warschau, wobei Werke der Schweizer Kom ponisten Constantin Regamey18 und Klaus Huber aufgeführt wurden. Es kamen ferner zahlreiche schweizerische Wissenschaftler oder Schriftsteller (MaxFrisch und Friedrich Dürrenmatt) nach Polen. Die Botschaft befasste sich auch mit dem Gedanken, einen Gastspielaustausch zwischen einer schweizerischen und einer polnischen Theatergruppe zu organisieren. Eine Einladung Pro Helvetias an den Generaldirektor19 des polnischen Verbandes der Künstler des Theaters und des Films (SPATIF) zu den Zürcher Festspielen 1967 sollte (im Nebenzweck) der Vorabklärung dieser Frage dienen. Angesichts der grossen Beliebtheit, der sich die schweizerischen Theaterautoren Dürrenmatt und Frisch in Polen erfreuen, wäre mit dem sicheren Erfolg eines solchen Planes zu rechnen gewesen.
Es kam das unglückselige Jahre 1968: Niederschlagung patriotisch gestimmter Studentenkundgebungen20 in Warschau und anderswo; Richtungskämpfe in der Parteiführung21 und als Ablenkungsmanöver dazu das Hochgehen einer antisemitischen Welle22; aktive Beteiligung Polens an der Invasion der Tschechoslowakei. Diese Ereignisse haben das Bild Polens im Ausland verfinstert und namentlich nach dem 21. August (CSSR) zu einer Depression der Beziehungen zu den Ländern der «freien Welt» geführt. In der Schweiz reagierten Öffentlichkeit und Regierung scharf und einhellig gegen die Urheberstaaten der Vergewaltigung des tschechoslowakischen Volkes23. Es folgte ein jäher Zusammenbruch unserer Beziehungen auf politischem und kulturellem Gebiet. Festgehalten seien: Absage des für Oktober 1968 vorgesehenen Besuchs des polnischen Generalstabschefs in der Schweiz (Gegenvisite zum Besuch Gygli); unbefristete Verschiebung der Polenreise von Generalsekretär Micheli (EPD); Verzicht der offiziellen Delegation des Schweizerischen Tonkünstlerverbandes auf Teilnahme am Warschauer Musikfestival 1968; Annullierung des Fussball-Länderspiels Schweiz–Polen; Nichtbeteiligung schweizerischer Professoren oder Wissenschaftler an Kongressen in Polen und dgl. mehr.
Als ich in jenen spannungsreichen Tagen bei einem Vizeminister24 im Aussenministerium vorsprach, sah ich mich zur Feststellung genötigt, dass man sich bezüglich der schweizerisch-polnischen Beziehungen vor einem «Scherbenhaufen» befinde. Im Anschluss daran beobachtete ich – um meine Haltung auf die des Bundesrats und des Schweizervolkes abzustimmen – gegenüber polnischen Veranstaltungen eine gewisse Distanz. Auch Einladungen polnischer Vertreter von Ministerien zu Diners auf der Botschaft wurden für mehrere Monate sistiert. Da es überdies keine konkreten Demarchen zu unternehmen gab, verzichtete ich darauf, bloss informations- oder kontaktshalber auf dem Aussenministerium vorzusprechen. Eine analoge Haltung hatten während der letzten Monate des Jahres die Mehrzahl meiner westlichen Kollegen eingenommen.
Polnischerseits erfolgte mir gegenüber keine spürbare Reaktion. Man stellte mich weder wegen der brüsken Absage von Veranstaltungen, noch wegen der Verlautbarungen25 des Bundesrates im Fall CSSR, noch wegen der heftigen Schreibweise der Schweizerpresse zur Rede. Auch die Demonstrationen vor der polnischen Botschaft in Bern blieben unerwähnt. Dagegen wurde meinem diplomatischen Mitarbeiter26, der in anderer Angelegenheit beim Sachbearbeiter Schweiz27 des Aussenministeriums vorsprach, das Befremden über den Ausschluss der polnischen Botschaft in Bern aus dem Patronat der Solothurner «Kosciuszko-Gesellschaft» ausgedrückt. Dies geschah aber mehr beiläufig und – obwohl es sich um eine für das polnische Prestige peinliche Massnahme handelte – erfolgte anschliessend weder beim Departement noch in Warschau ein formeller Protest. Erwähnt sei noch, dass Mitte September vor Antritt seines Heimaturlaubes der polnische Botschafter28 in Bern bei Generalsekretär Micheli vorsprach: Er wies auf die verschiedenen Polen- oder Warschau pakt-feindlichen Kundgebungen der schweizerischen Öffentlichkeit hin und wollte sich erkundigen, was er in seinem Aussenministerium über Berns Absichten für die künftige Gestaltung der beiderseitigen Beziehungen berichten könne. Die ihm erteilte Antwort konnte begreiflicherweise nur unverbindlich ausfallen.
In der Gesamtheit gesehen blieb somit die polnische Haltung gegenüber der Schweiz während der krisenhaften Monate abwartend und eher konziliant. Das verdient festgehalten zu werden, zumal hohe Beamte des hiesigen Aussen ministeriums gegenüber anderen westlichen Missionschefs (z. B. Grossbritanniens29, Belgiens30 und Schwedens31) den Unmut über die antipolnischen Reaktionen in jenen Ländern nicht verbargen. Mit der auf Anfang 1969 erfolgten Neubesetzung des Aussenministerpostens32 – nach vielmonatiger Vakanz seit dem selbstgewählten Ausstand Rapackis – zeichnete sich eine neue Linie ab. Sie bestand in einer vorerst vorsichtigen, aber zunehmend stärker betonten Wiederaufnahme einer «Offensive des Charmes» gegenüber einzelnen europäischen Staaten, namentlich Frankreich, Belgien, Österreich und den skandinavischen Ländern. Offensichtlich ist man bestrebt, die während 1968 im westlichen Ausland erlittene Prestigeeinbusse Polens wieder aufzurichten. Auch die Schweiz scheint in diese «Klimaverbesserung» einbezogen zu werden. Anzeichen hiefür kann man in Folgendem erblicken: Die Einladung an Generalsekretär Micheli zu einer Polenreise ist mit Nachdruck erneuert33 worden; der polnische Erste Vizeaussenminister Winiewicz hat den Anlass seiner Anwesenheit an der CEE-Konferenz in Genf wahrgenommen, um am 22. April d. J.34 in Bern bei Herrn Bundesrat Spühler vorzusprechen; die Einstellung, die von offizieller polnischer Seite gegenüber unserer Botschaft bekundet wird, ist nicht mehr bloss korrekt, sondern neuerdings ausgesprochen freundlich zu nennen.
Somit kann im Zeitpunkt, wo der neue Schweizer Botschafter35 seine Mission in Warschau antreten wird, der Stand der schweizerisch-polnischen Beziehungen stimmungsmässig als normalisiert betrachtet werden. Einen etwaigen Rückstand an politisch-rechtlichen Streitfragen gibt es – wie schon oben gesagt – nicht mehr zu diskutieren. Indessen ist man von der Wiederaufnahme eines intensiveren Austauschs politisch-kultureller Art noch ein gutes Stück entfernt. Die Möglichkeit hiezu dürfte auch davon abhängen, wie bald und wie weit in der schweizerischen Öffentlichkeit die Verstimmung gegenüber dem polnischen Regime und seinen jüngsten politischen Aktionen abklingen wird. Überdies kann man bei der engstirnig dogmatischen und völlig sowjethörigen Linie Gomułkas nicht voraussagen, ob es nicht abermals zu innen- oder aussenpolitischen Rückfällen in den «Neostalinismus à la Breschnew» kommen wird. Notwendigerweise werden das weitere Verhältnis Schweiz/Polen und die Natur der damit einhergehenden Beziehungen von dieser künftigen Entwicklung belichtet oder beschattet sein.
Ein kurzes Wort ist noch den Wirtschaftsbeziehungen36 zu widmen. Sie wurden bisher nicht erörtert, weil sie sich weitgehend unabhängig von den politischen Geschehnissen entwickelt haben. Gegenüber gefühlsmässig bedingten Schwankungen zeigten sie eine starke Immunität.
[…] 37
- 3
- Vgl. dazu Doss. E2003A#1978/29#770* (o.352.60).↩
- 5
- Vgl. dazu Doss. E2001E#1980/83#3714* (B.15.21).↩
- 6
- Zum Besuch von W. Trąmpczyński in der Schweiz vgl. Doss. E7110#1978/50#1078* (890.0).↩
- 7
- R. Trąmpczyńska.↩
- 8
- S. Długosz.↩
- 9
- Vgl. dazu den Bericht von A. Grübel Reise nach Polen vom 19. bis 23. Juni 1967 mit Besuch der Messe in Posen, Doss. wie Anm. 6.↩
- 14
- Vgl. dazu die Notiz von P. Micheli an W. Spühler vom 25. Juni 1968, E2001E#1980/83#3715* (B.15.50.4).↩
- 18
- Zur Weigerung der polnischen Behörden, C. Regamey ein Einreisevisum auszustellen, vgl. DDS, Bd. 23, Dok. 131, dodis.ch/31306.↩
- 20
- Vgl. dazu den Politischen Bericht Nr. 5 von G. Keel vom 20. März 1968, E2300-01#1973/ 156#254* (A.21.31).↩
- 22
- Für die antisemitischen Massnahmen in Polen und die Asylgesuche von jüdischen Polinnen und Polen in der Schweiz vgl. das Schreiben von E. Brunner an E. Mäder vom 11. Juni 1969, dodis.ch/32556; das Schreiben von B. Stämpfli und R. Prögler an G. Brunschvig vom 11. September 1969, dodis.ch/32602 und das Schreiben von G. Keel an E. Mäder vom 19. September 1969, dodis.ch/32144.↩
- 23
- Zum Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei vgl. DDS, Bd. 24, Dok. 100, dodis.ch/32192.↩
- 24
- A. Kruczkowski. Vgl. das Schreiben von G. Keel an W. Spühler vom 3. September 1968, dodis.ch/32146.↩
- 27
- 1968 und 1969 waren A. Willmann und E. Kucza als Sektionschefs für die Europa- bzw. Mitteleuropa-Abteilung verantwortlich. J. Czyrek war als Vizedirektor, St. Kaźmierczak als Sachbearbeiter für die Schweiz und Österreich zuständig.↩
- 33
- Zur Polenreise des Generalsekretärs des Politischen Departements vgl. die Notiz von P. Micheli Voyage en Pologne, Finlande et Suède du 8 au 23 septembre 1969 vom 25. September 1969, dodis.ch/32890.↩
- 36
- Zu den Handelsbeziehungen mit Polen vgl. z. B. das BR-Prot. Nr. 2019 vom 1. Dezember 1967, dodis.ch/32143.↩