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Sexualität ist mehr als sexuelles Handeln, mehr als Lustbefriedigung und Spannungsabbau, mehr als die Kommunikation von Körpern und der Austausch von Säften. Sexualität ist eine anarchische Kraft, eine Energie, die den ganzen Menschen bewegt. Sie kann berühren, beglücken und beseelen, sie kann aber auch erschüttern, überfordern und verletzen.
Die Sehnsucht nach lustvollen und erfüllenden sexuellen Begegnungen, nach der leidenschaftlichen Verschmelzung mit einem geliebten Menschen, beinhaltet auch die Sehnsucht nach einer Wirklichkeit, die das sinnlich Wahrnehmbare übersteigt. Sexualität beinhaltet also auch einen spirituellen oder transzendenten Aspekt.
Sexuelle Störungen sind oft ein Spiegel für Störungen in Beziehungen. Dies kann die Beziehung zu sich selbst, also zum eigenen Körper, zur eigenen Identität und zum eigenen Sein betreffen, aber auch die Beziehung zu einem Partner | zu einer Partnerin oder die Beziehung zur Umwelt.
Begriffsdefinition
Der Begriff „Sexualität“ stammt etymologisch vom Wort „sexualis“ ab, das „zum Geschlecht gehörig“ bedeutet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwendete ihn zuerst Goethe und später auch August Henschel zur Unterscheidung von männlichen und weiblichen Pflanzen. Innerhalb weniger Jahrzehnte fand er Eingang in die Beschreibung menschlicher Zweigeschlechtlichkeit und ab 1880 wurde von der „Sexualität des Menschen“ gesprochen. Damit war aber nicht mehr nur die Zuordnung zu einem bestimmten Geschlecht gemeint, sondern auch das Sexualverhalten.
Im Zuge einer zunehmenden Schamhaftigkeit, verschwanden im Übergang zur Moderne viele, teilweise seit dem Mittelater existierende Begriffe zur Bezeichnung sexueller Handlungen oder von Erotik, Lust und Begehren. An ihre Stelle trat „Sexualität“ als allumfassender Begriff, der sowohl zur benennung von Geschlechstunterschiede als auch von Begehren und Wollust verwendet wurde. Erst später wurden die Begriffe “Erotik“ und „Liebe“ vom Sexualitätsbegriff getrennt. (In Anlehnung an Christin Sager)
In der Sexualität wird die Geschichte eines Menschen als geschlechtliches Wesen sichtbar. Wie jemand Sexualität (er-)lebt, ist abhängig von der Geschlechtsidentität. Also von allen Erfahrungen, die ein Mensch mit seiner Männlichkeit, Weiblichkeit oder Transgeschlechtlichkeit macht und schon gemacht hat. In der Sexualität werden die Beziehungsgeschichte und die damit verbundenen Bedürfniserfahrungen eines Menschen sichtbar. Real oder in der Phantasie, vollzieht sich Sexualität in Beziehungen – zu anderen Menschen und zu sich selbst. Darin kann Zurückweisung, Scheitern oder Beschädigung stattfinden. Alle diese Erfahrungsbereiche beeinflussen sowohl die sexuelle als auch die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen. Sie prägen seine Sexualität und seinen Charakter. (In Anlehnung an Gunter Schmidt)
«Sexualität nicht nur eine Mitgift unserer biologischen Natur, sondern weit mehr ein Produkt unserer Kultur und unserer persönlichen Bildung ist. Wir lernen im Laufe unseres gesamten Lebens, auf eine mehr oder weniger differenzierte Weise sexuell zu sein, und entwickeln dabei individuelle Formen des Empfindens und Verhaltens. Es gibt heute eine Viefalt von sexuellen Kulturen oder „Sexualitäten“, die nebeneinander bestehen und sich je nach sexueller Identität,sozialer und ethnischer Herkunft, Alter, sexueller Szene u.a. deutlich unterscheiden. Diese Vielfalt gilt es zu respektieren»
– Karl Heinz Valtl
«Sexualität ist sowohl sozial geformt als auch individuell kultiviert. Sie zeigt sich – je nach Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung und gesellschaftlichem Umfeld – in einer Vielfalt sexueller Lebens- und Ausdrucksformen, die neben- und nacheinander gelebt werden können. Jugendliche und Erwachsene werden dadurch im Verlauf ihres Lebens immer wieder erneut zu bewusster Entscheidung für eine sexuelle Lebensform herausgefordert»
– Institut für Sexualpädagogik isp, Dortmund
«Sexualität lässt sich nicht beliebig formen und instrumentalisieren – beispielsweise für unsere Vorstellungen von Liebe. Sexualität ist eine anarchische Kraft. Sie ist exzessiv und überfliessend, rücksichtslos und fordernd, anmassend und ja, aggressiv. Auch in theoretische Konstrukte lässt sich nicht zwängen, was ich sexuelle Präsenz nenne. (…) Sexualität kann man nicht haben. Sexualität ist eine Frage des Seins – anders gesagt: Ich kann nicht anders, als sexuell zu sein.
– Klaus Birnstiel