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Joseph Wolfgang von Deschwanden, ab 1855 erster Direktor des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, reiste im Sommer 1851 dem Rhein entlang, um am Ärmelkanal nach England zu übersetzen. Die Weltstadt London mit ihrer erst im Frühling desselben Jahres eröffneten grossen Weltausstellung erwartete ihn. Bei rauer See schiffte Deschwanden an einem Abend in der Nähe von Ostende ein. Die Kajüten waren eng, das Schiff überfüllt. Dazu kam ein starker Wind, der bis zum Morgengrauen viele Passagiere seekrank werden liess:
«Das Dampfboot, das uns aufnehmen sollte, war nicht unmittelbar am Ufer. Die ganze Reisegesellschaft musste daher in zwei kleinen Booten hinausfahren. Waaren u Menschen wurden in dieselben ordentlich eingepfropft. Schon hier erkannte man die allgemeine Anziehungskraft der grossen Stadt mit ihrer Ausstellung, denn in diesem kleinen Raume hörte man bereits ein halbes Dutzend verschiedene Sprachen reden.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Die Londoner «Great Exhibition», in der deutschsprachigen Presse oft «Londoner Industrieausstellung» genannt, war die erste in einer Reihe vieler berühmten Weltausstellungen. Sie war von Mai bis Oktober 1851 im Hyde Park in der Londoner Innenstadt zu bewundern. Auf 10.5 Hektaren wurden die industriellen und technischen Maschinen und Erzeugnisse der gesamten damaligen (industrialisierten) Welt publikumswirksam ausgestellt. Das Wahrzeichen der Ausstellung war das Ausstellungsgelände selbst, der sogenannte Crystal Palace, einem gewächshausartigen Bau mit, dessen gewölbte Glasdächer sehr imposant gewirkt haben müssen.
«London 23. Juli. Gestern zum ersten Mal in der Ausstellung. Ich verweilte von 1 Uhr bis 7 Uhr u sah nicht einmal ¼ aller Räume. Es ist schwer, sich von dem ersten Eindrucke klare Rechenschaft zu geben. Schon das Äussere des Hauses weist auf eine ganz eigenthümliche, nie gesehene Erscheinung hin. Während bei anderen grossen Gebäuden das ästhetische sich zuerst aufdrängt, sticht hier das Zweckmässige am meisten hervor. Das Eisen bildet den kleineren aber festhaltenden Theil des Hauses; das Glas den grösseren, ausfüllenden Theil. Adern u Fleisch einen Baumblattes. Beim Eintritt in d. Innere blendet erst der Glanz des Krystalbrunnens mit den ihr umgebenden Marmorstatuen.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Die Industrieausstellung in London war ein Massenereignis. Nicht nur pilgerten Fachkundige und Abenteurer aus aller Welt nach London, sondern auch die Bevölkerung der Stadt kam in den Genuss des Kristallpalastes. An ausgewählten Tagen, sogenannten «Shilling Days», wurde der Eintritt in die Ausstellung von einem Pfund auf einen Schilling reduziert, was ein Besuch auch für die weniger vermögenden Bewohner Londons erschwinglich machte. Als Fachmann der Ingenieurskunst durchschaute Deschwanden schnell die Machenschaften der Aussteller. Viele Prozesse und technische Details seien in der Ausstellung unterschlagen worden, beklagte er. Die spärliche Preisgabe technischer Details und Abläufe sollte wahrscheinlich die weit verbreitete Industriespionage erschweren:
«Mit einer gründlichen Belehrung über die Bearbeitungsweise der verschiedenen Produkte des Gewerbefleisses war es alles Nichts. Den Ankündigungen u Beschreibungen zufolge musste ich hoffen, wenigstens einige Prospekte des technischen Verfahrens der mechanischen Industrie vollständig anschauen zu können. Allein nicht einmal die Verarbeitung der Baumwolle bis zum Tuche ist vollständig dargestellt; u haben sie doch gerade hierauf den meisten Fleiss verwendet. Die wirkliche Welt, das Leben selbst mit seinem Drängen u Treiben ist also doch noch viel grösser als diese kleine künstliche Welt; ja so gross, dass die reichen Engländer mit all ihrem Geld, u mit all ihrem moralischen Gewichte unter den Industriellen nicht einmal von jedem Theile derselben ein kleines Stükchen in ihre kleine Welt hineinzuloken oder zu treiben vermochten.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Mitte des 19. Jahrhunderts war England die führende Wirtschafts- und Industriemacht der Welt. Mit seiner weltumspannenden Flotte und einem riesigen Kolonialreich beherrschte das Inselkönigreich den Welthandel. Die Lohnarbeit in den schnell wachsenden Industriestädten zog viele Menschen aus dem Umland in die Stadt. Mit über 2 Millionen Einwohners war London um 1850 die mit Abstand grösste Stadt der Welt. Kein Wunder also, dass die Industriemetropole ein derartige Sogwirkung ausübte. Trotz allem Glanz und Pomp im Crystal Palace gab sich der junge Deschwanden nicht unkritisch dem modischen Fortschrittsglauben hin. Er bemerkte durchaus herablassend, dass die Ausstellung für Vertreter des Faches nicht den gleichen Nutzen hatte wie für das für die breiten Massen:
«Allein die Frage darf nicht umgangen werden: wer denn einen solchen Massstabe durch den Besuch der Ausstellung sich verschaffen wird, ob jeder Besuchende oder nur einige. Wer kein einzelnes Gewerbe näher kennt, wird auch den Werth ihrer Produkte durch das blosse Anschauen derselben nicht in aller Beziehungen zu würdigen wissen. […] Die Ausstellung zeigt also vorzüglich Fachleuten, was u wieviel in ihrem Fache produzirt wird. Das übrige Publikum wird eine augenblikliche Augenweide haben, höchstens, hin und wieder einige Belehrung empfangen, aber sonst ziemlich leer ausgehen.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Die Ausstellungsfläche der Great Exhibition war für die industriellen Erzeugnisse aus aller Welt reserviert. Viele Länder, darunter auch Kolonien, waren repräsentiert. England selbst nahm jedoch die Hälfte der Fläche für sich in Anspruch und brachte dadurch klar seinen Führungsanspruch zum Ausdruck. Auch wenn in der Berichterstattung rund um die Ausstellung die Zusammenarbeit der Nationen im Vordergrund stand, so ähnelte die Industrieausstellung eher einem Konkurrenzkampf, in welchem die Gastgeberin mit den weitaus besten Karten antrat:
«Die Ausstellung wird also ihre wesentliche Wirkung als Kampfplatz der Völker um die Oberherrschaft in den verschiedenen Gebieten der Industrie offenbaren, sowie ihre wesentlichsten Nachwirkungen theils in den Folgen der hier errungenen Siege, theils in den Anstrengungen der Nationen sich diesselben dauernd zu versichern oder neue zu erringen bestehen werden.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Deschwanden war von den Eindrücken der Ausstellung und der Stadt schnell erschöpft und suchte Erholung in nahegelegenen Pärken. Dort wurde ihm bewusst, dass die buchstäblichen Schattenseiten der ungebremsten Industrialisierung schwer auf London lasteten. Die verpestete Luft trübte die Sicht im Freien und umhüllte die Stadt mit einer stickige Rauchwolke, der man nicht einmal in den grünen Weiten eines Parkes entkommen konnte:
«Es fehlten in London Luft u Licht, die den Kontinentaler, u namenthlich den Schweizer, in so grossem Masse bedürfen; denn man mag in das sogenannte Freie in London gehen, sich die Fenster seiner Wohnung, wenn sie auch noch so günstig gelegen ist, öffnen; immer athmet man eine mit Kohlenrauch durchdrungene Luft ein. Mag man sich einen noch so erfahrenen, oder noch so freien u nur von grünem umgebenen Standpunkt wählen, so sind doch alle auch nur wenig entfernten Gegenständen nur in ihren äusseren Umrissen wie graue Nebelgestalten sichtbar wegen der grossen Undurchsichtigkeit der Luft. Es giebt keinen Punkt u keine Zeit welche auch nur einen Theil Londons im hellen Sonnenlichte sehen liesse.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 142a:147)
Das Leben in der Grossstadt überwältigte Deschwanden derart, dass er viele seiner Beobachtungen über die Stadt erst niederschrieb, als der Tage später in Paris weilte: Eine Stadt, die im Vergleich mit London beinahe ausgestorben und provinziell auf Deschwanden wirkte. Der Aufenthalt hinterliess bei ihm einen zwiespältigen Eindruck. Trotz der imposanten Inszenierung sah Deschwanden den Folgen der Ausstellung kritisch entgegen und ohnehin fühlte sich der naturliebende Deschwanden in der Weltstadt London unwohl. Während im Mittelalter noch der Satz «Stadtluft macht frei» galt, schien die Luft einer industriellen Metropole des mittleren 19. Jahrhunderts in erster Linie den Körper und Geist krank zu machen.
Weiterführende Lektüre:
Message, Kylie/Johnston, Ewan: the World within the City: The Great Exhibition, Race, Class, and Social Reform, in: Auerbach, Jeffrey A./Hoffenberg, Peter H.(Hg.): Britain, the Empire, and the World at the Great Exhibition of 1851, Padstow 2008, S. 27-46.
Purbrick, Louis (Hg.): The Great Exhibition of 1851. New interdisciplinary essays, Manchester 2001.
Prein, Philipp: Bürgerliches Reisen im 19. Jahrhundert: Freizeit, Kommunikation und soziale Grenzen, Münster 2005. (Kulturgeschichtliche Perspektiven 3)
Young, Paul: Mission Impossible: Globalization and the Great Exhibition, in: Auerbach, Jeffrey A./Hoffenberg, Peter H.(Hg.): Britain, the Empire, and the World at the Great Exhibition of 1851, Padstow 2008, S. 3-26.