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Beschreibung
Armand Baeriswyl: Verbrannt – verwüstet – verlassen. Die archäologische und historische Erforschung von so genannten Stadtwüstungen in der Schweiz
Cédric Cramatte: Der mittelalterliche Weiler Fang/Tiébagette (Val d’Anniviers, Valais)
Verbrannt – verwüstet – verlassen. Die archäologische und historische Erforschung von so genannten Stadtwüstungen in der Schweiz
Es gibt offenbar klare Kriterien, welche mittelalterlichen Städten davon bedroht waren, wüst zu fallen und so entweder zu Dörfern abzusinken oder gar verlassen zu werden.
Diese Städte waren meist spät, erst im 14. Jh. zu Städten geworden. Sie waren im Konkurrenzkampf um die Territorialisierung zwischen konkurrierenden Adelsgeschlechtern entstanden. Ihre Gründer waren zum einen Adelsgeschlechter, deren machtpolitische und wirtschaftliche Potenz eher gering waren. Gerade sie strebten danach, nach dem Vorbild des Hochadels Städte zu gründen und so herrschaftliche Präsenz zu markieren, obwohl das damals bereits langsam wieder aus der Mode kam.
Die Städte umfassten nur kleine Areale von 0,6–2,5 ha. Sie waren sehr oft in Konkurrenz zu bestehenden, meist viel grösseren Städten gegründet worden. Dementsprechend klein war das Umland dieser Städte und limitierte so deren Wachstum, da mittelalterliche Städte wirtschaftlich wie bevölkerungsmässig stark vom Umland abhingen. Trotzdem waren sie alle Verwaltungsmittelpunkt eines Amtes oder einer Vogtei. Die Burg – sei sie älter oder erst zusammen mit der Stadt entstanden – diente als Sitz des entsprechenden Beamten (Vogt, Landvogt, Kastellan).
Alle diese Grundvoraussetzungen führten dazu, dass solche Städte sich kaum richtig entwickeln konnten und bereits nach kurzem stagnierten oder gar im Niedergang begriffen waren. Fast immer war es ein oder mehrere äussere Anlässe, die die Wüstung einleiteten: eine Kriegszerstörung, ein Stadtbrand oder eine Epidemie.
Und nun kommt das Entscheidende: Da die meisten dieser Städtchen zu klein und wirtschaftlich zu schwach waren, um den Wiederaufbau aus eigenen Kräften zu bewältigen, benötigten sie die Hilfe ihres Stadtherrn. Alle diese Städtchen hatten aber das Pech, zu diesem Zeitpunkt einen Stadtherrn zu haben, der ihnen nicht helfen konnte – oder meistens nicht helfen wollte.
Archäologische Ausgrabungen zeigen immer wieder deutlich, dass aussagekräftige Strukturen im Boden verborgen sind, die wichtige Erkenntnisse zur Geschichte der einzelnen Städte, aber auch zum Verständnis der mittelalterlichen Städtewesens im abendländischen Europa generell liefern können.
Der mittelalterliche Weiler Fang/Tiébagette (Val d’Anniviers, Valais)
Das mittelalterliche Dorf liegt in einer bewaldeten Zone, nordöstlich des aktuellen Dorfes Fang. Das Gelände des ehemaligen Dorfes wurde bisher nicht durch jüngere Bautätigkeit gestört, was sehr selten im Alpenraum zu finden ist. Seit 2000 befreien die aktuellen Besitzer des Bodens eine Fläche von ca. 1000m2 von Gestrüpp und Unterholz und entdeckten dabei diese ehemalige Dorfsiedlung.
Erste provisorische Geländeaufnahmen durch die ETH Zürich ergaben eine Gruppe von etwa 15 Häusern und einige Pferche oder eingefriedete Flächen. Die Lage der Siedlung auf einer Höhe von rund 900 m, wie auch deren Struktur deuten auf eine Dauersiedlung hin. Von den Gebäuden stehen teilweise noch Mauern bis zu einer Höhe von 1,80 m. Der sehr gute Erhaltungszustand der Mauern lässt auch noch Nischen in den Wänden erkennen. In die Mauern eingebunden waren manchmal auch grosse unbearbeitete Felsblöcke.
Die Bauart wie auch der viereckige Grundriss deuten auf eine Besiedlung zwischen dem Hochmittelalter und dem 13. Jh. hin. Die meisten dieser Bauten enthalten im Erdgeschoss, halb in den Boden eingelassen, einen Raum ohne jegliche Unterteilung. Ob es sich dabei um Scheunen, Ställe oder Wohnbauten handelt, lässt sich nicht erkennen. Beim Gebäudegrundriss mitten im Weiler könnte es sich aufgrund der Grösse um eine Kapelle handeln.
Ein viereckiger Bau von rund 7 x 7 m weist ein besonderes Merkmal auf: gemörteltes und verputztes Mauerwerk. Vermutlich war dies einst ein Wohnturm.
Nur eine archäologische Grabung wird eine genauere Datierung von Siedlungsbeginn und Ende erbringen können. Die ersten archäologischen Beobachtungen stimmen jedoch mit der mündlichen Überlieferung überein, dass diese Siedlung durch einen Bergsturz verwüstet wurde, möglicherweise ausgelöst durch ein Erdbeben. Verstärkt wird dieser Eindruck durch grosse Granitblöcke, die die Mauer durchschlagen haben. Diese Siedlung weist gewisse Merkmale mit denjenigen von Wiler-Giätrich (Lötschental) auf, die zwischen dem 10. und 13. Jh. bewohnt war.
Solange sich die Mittelalterforschung zur Hauptsache auf Kirchen, Burgen und Städte konzentriert, bleibt die Erforschung der ländlichen Siedlung im Hintergrund. Umso interessanter und berechtigter sind solche Forschungen, weil sie in die Bergwelt führen – in eines der Seitentäler des Rhonetales – die im Rahmen der Mittelalterforschung eher unbekannt ist. Eine solche Untersuchung könnte zu einem besseren Verständnis der Besiedlung des Val d’Anniviers führen und die Entwicklung der ländlichen Bauten des Mittelalters aufzeigen, wie auch die Alltagskultur eines Dauersiedlung in den Bergen kennen zu lernen.