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Ich halte mich nicht für einen besonders suchtgefährdeten Menschen. Die Zahl der Zigis, die ich in meinem Leben geraucht habe, kann ich an zwei Händen abzählen – inklusive Joints. Etwas anderes an Drogen hab ich nie versucht. Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis. Wein oder Champagner sehe ich als Genussmittel, und nicht als Zweck, sich in andere Zustände zu versetzen. Anderen Alkohol trinke ich kaum, weil ich den wenigsten mag. Ich geniesse ein Stück Schoggi, brauche aber nicht die ganze Tafel.
«Das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet.» – So definiert Wikipedia den Term Sucht, beziehungsweise Abhängigkeit. Es gibt genau eine Substanz, die sowas bei mir auslöst: Koffein. Wobei das so nicht stimmt. Ich lechze ausschliesslich nach Kaffee. Auf Energy Drinks, Tee oder Cola kann ich bestens verzichten. Zwar hat sich mein Körper wohl mittlerweile an die regelmässige Zufuhr von Koffein gewöhnt. Entzugserscheinungen, wie man das vom kalten Entzug von Drogen oder Alkohol kennt (also dem totalen Verzicht. Konsumiert man Ersatz-Substanzen spricht man von warmem Entzug) – Kreislaufprobleme, Schwitzen, Seh- und Empfindungsstörungen bis hin zu Krampfanfällen oder Delirium – kommen beim Koffein-Entzug nicht vor.
Trotzdem können auch hier Symptome wie Müdigkeit, Übelkeit oder Erschöpfung auftreten. Im Vordergrund stehen aber die psychischen Entzugserscheinungen: Reizbarkeit, Unruhe oder Konzentrationsstörungen.
Zuerst stellt sich die Frage, warum man überhaupt auf Kaffee verzichten sollte. Nun, tatsächlich kann Koffein zu Vergiftungen führen – allerdings erst ab etwa einem Gramm pro Tag. Das entspräche über dreissig Tassen Espresso täglich. Davon bin ich weit entfernt.
Aber ich muss gestehen, dass ich die empfohlenen vier Tassen pro Tag immer überschreite. Oft sind es nur schon bis am Mittag so viele. Wirklich schädlich ist Koffein nur bei Herzproblemen oder in der Schwangerschaft. Er dringt nämlich ungehindert durch die Plazenta und kann dann das Wachstum des Fötus beeinflussen, da dieses noch keine Enzyme hat, um das Koffein abzubauen. (Lustigerweise hatte ich während der Schwangerschaften jeweils null Verlangen nach Kaffee. Der Körper scheint also irgendwie schon zu wissen, was gut ist für ihn und was nicht.)
Koffein regt die Ausschüttung von Kortisol und Adrenalin an, Blutdruck und Puls steigen, das Herz wird schneller – kurz: wir fühlen uns nach dem Konsum nicht nur wacher, wir sind es auch. Allerdings sagen Studien, dass es nicht so sehr auf die Menge ankommt: drei Tassen Kaffee haben keinen stärkeren Einfluss als zwei. Und: eine aktuelle Studie der Uni Basel sagt, dass täglicher Kaffeekonsum die Hirnstruktur ändert. Zwar sei der Effekt temporär, nach gut zehn Tagen kehre alles zurück zum Normalzustand. Trotzdem kann der Verzicht über eine gewisse Zeit wohl nicht schaden.
Ich mache also «No-coffee-anuary». Für mein Gehirn, und um mir zu beweisen, dass ich weit entfernt von irgendwelchem Suchtverhalten bin.
Ich verfluche mich schon am ersten Morgen. Warum konnte ich mich nicht für einen Verzicht entscheiden, der mich erst später am Tag tangiert, und nicht schon in diesen fragilen ersten Stunden, die zu einem grossen Teil für den Verlauf des Rests des Tages verantwortlich sind?
Denn auch wenn ich sonst kein grosser Fan von Routine bin – morgens um halb sieben geht nichts über die achtzehn Schritte von meinem Bett zur Kaffeemaschine, das Drücken auf den Knopf, das Blinken, das Startgeräusch, den unvergleichlichen Geruch und den ersten Schluck.
Wie soll ich ohne all das funktionieren? Wie soll ich das morgendliche Schweigen der Pubertiere ertragen? Wie den ersten Blick in den Spiegel, vor allem dann, wenn ich mich am Vorabend mal wieder nicht abgeschminkt habe? Wie das erste Meeting, ohne mich an einer Kaffeetasse festhalten zu können? Ich bin, ganz ehrlich, den Tränen nahe. Tee? Darf ich das? Verzichte ich auf Kaffee oder auf Koffein? Kalter oder warmer Entzug? Ich entscheide mich für kalt – wennschon, dennschon. (Zumal der Gedanke an Tee mich auch nicht wirklich froh macht.)
Ich kämpfe mich durch den Vormittag. Nach dem Mittagessen drücke ich automatisch auf den Knopf der Kaffeemaschine. Jetzt helfen nur noch drastische Massnahmen. Ich packe die Kaffeemaschine in eine Schachtel und bring sie in den Keller. Dem Nachmittagstief trotze ich mit einer Banane. Wisst ihr eigentlich, wie gut Banane zu einem Espresso passt? Ich bin müde, kann mich nicht konzentrieren. Das geht so nicht. Ich brauch jetzt was. Ich schwenke um – warmer Entzug. Ich schleiche ins Zimmer meines Sohnes, klaue ihm eine Flasche Cola und komme mir tatsächlich vor wie eine Drogensüchtige auf der Suche nach Stoff.
Am nächsten Morgen stehe ich auf, gehe achtzehn Schritte und starre auf den leeren Platz meiner Kaffeemaschine.
Ich mache Tee. Blöde Idee. Der erste Schluck erinnert mich dran, was ich nicht darf. Meine Laune sinkt in den Keller. Wenigstens ist da grad auch egal, dass der einzige, der mit mir spricht heute Morgen, ein Teenie ist, der mich doof anmacht, weil ich seine Cola geklaut habe.
In mein Nachmittagstief, in dem ich eh schon mit einem Bein im Keller stehe, schneit eine Freundin rein. «Ich brauch dringend einen Kaffee, hast du kurz Zeit?» Das ist der Moment, in dem mein Mund spricht, bevor meine veränderte Hirnstruktur denkt: «Ja klar, ich muss nur schnell die Maschine aus dem Keller holen.» – «Was? Was macht deine Kaffeemaschine im Keller?» – «Lange Geschichte, erzähl ich dir ein andermal.»
Ich habe also ganze eineinhalb Tage durchgehalten. Immerhin. Ich meine, wenn ich das jedes Jahr so mache, habe ich in ziemlich genau zwanzig Jahren auch einen ganzen «Non-coffee-anuary» zusammen. Muss ja nicht immer alles aufsmal sein, oder?
Was ist mit euch? Habt ihr im Januar verzichtet? Worauf? Wie und wie lange habt ihr durchgehalten? Erzählt uns davon in den Kommentarspalten.
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