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Serge Tisseron besitzt das angenehme Talent, seine Untersuchungen allgemein verständlich machen zu können, indem er bildhafte Beispiele aus unserem Alltagsleben gibt. Er unterstützt seine Rede mit Bildern, Metaphern und Vergleichen, um sie für jede und jeden leicht verständlich zu machen, denn das Ziel seines Vortrags war eindeutig, Eltern und Fachleute mit klaren und konkreten Informationen zu versorgen, damit sie wissen, wie man auf das allgemein verbreitete Nutzen der neuen Technologien durch junge Leute reagieren soll.
Der promovierte Psychologe begann seinen Vortrag, indem er zugab, dass Computer, Smartphones, Konsolen und andere Bildschirme zu wirklichen Veränderungen in unserer Beziehung zu anderen und in Bezug auf das Bewusstsein führen. „Wir haben erkannt, dass uns das Mobiltelefon heute komplett intolerant macht, was das Warten angeht“, veranschaulichte der Forscher der Universität Paris VII Denis Diderot. So legte er Wert darauf aufzuzeigen, dass „wir schliesslich immer eine Ideologie unserer Technologien haben“. Die Informationstechnologie ist nunmehr Teil der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, ob man will oder nicht. Man muss damit leben.
Ein Kind ins kalte Wasser werfen
Nach Ansicht des Psychiaters „ist es notwendig, dass wir diese Veränderungen integrieren“, anstatt zu versuchen, gegen sie anzukämpfen. Kinder haben ihre Konzentrationsfähigkeit verloren? Zweifellos. Serge Tisseron hat diese Entwicklung theoretisch dargestellt als einen Übergang von Deep attention zu Hyper attention, anders ausgedrückt: von einer Aufmerksamkeit von langer Dauer zu einer stärkeren Aufmerksamkeit, die jedoch von sehr kurzer Dauer ist. Ihm zufolge nützt es nichts, darüber zu jammern. Besser ist es, sich anzupassen, zum Beispiel, indem man sich schnelle Lernmethoden ausdenkt, die der geringen Konzentrationsfähigkeit entsprechen. Kinder sozialisieren sich eher über das Internet als in der Familie? Bestimmt.
Dem Psychiater zufolge ist es möglich, auf diese Feststellung auf zwei Arten zu reagieren: entweder, indem man den jungen Menschen dazu zwingt, sich für die Personen zu interessieren, die ihm nahestehen, oder indem man zugesteht, dass er seine eigene Welt hat und man sich dafür interessiert. „Selbstverständlich ist die zweite Lösung die bessere“, meint er. Vor allem appellierte der Wissenschaftler an das Publikum, einen Jugendlichen nicht zu verurteilen, der zu viel Zeit im Internet verbringen oder dem Internet eine zu grosse Bedeutung für sein Leben beimessen und an einer „Online-Niedergeschlagenheit“ leiden würde. Man sollte ihn vielmehr als Opfer eines „zu schnellen, zu massiven und zu frühen Eintauchens in die neuen Technologien sehen. Es ist, wie wenn man ein Kind in ein Schwimmbecken wirft, ohne ihm das Schwimmen beigebracht zu haben.“
Die Drei-A-Regel als Hilfe für Eltern
Um den Eltern dabei zu helfen, ihre Kinder im jugendlichen Alter darauf vorzubereiten, in die Online-Welt einzutauchen, rät ihnen Serge Tisseron, die „Drei-A-Regel“ zu befolgen, nämlich „Accompagner“ (Begleiten), „Alterner“ (Abwechseln), „Auto-réguler“ (Selbstregulieren). So bringt Tisseron die Eltern dazu, dass sie mit ihren Kindern darüber sprechen, was diese machen und sehen – nicht nur, weil das die familiären Bindungen fördert, sondern auch, weil dies den Erwachsenen ermöglicht, vom Lernen der Jüngeren zu profitieren. „Die Technologien entwickeln sich so schnell, dass man einen Jugendlichen bitten muss, sie uns zu erklären“, meint der Forscher.
Ihm zufolge sind junge Leute im Bereich der neuen Technologien besser aufgestellt, nicht etwa, weil sie „Digital Natives“ seien, sondern einfach, weil sie „Zeit haben, sich darum zu kümmern, da sie weder einkaufen noch den Haushalt machen müssen“. Indem ein Elternteil sein Kind in dessen Entdeckung der Technologien begleitet, geniesst in vorgerücktem Alter auch dieser eine Ausbildung. Um jedweden beträchtlichen Bruch mit der wirklichen Welt zu vermeiden, sollte der Elternteil ausserdem „alle Aktivitäten ohne Bildschirm und grundsätzlich manuelle Aktivitäten fördern“. Zusammenfassend gilt, zwischen der digitalen und der wirklichen Welt abzuwechseln. Die Technologien sind nicht problematisch, sofern sie von Offline-Aktivitäten begleitet werden.
Bildschirmzeit häppchenweise
Der wesentliche Ratschlag von Serge Tisseron an die Eltern besteht darin, die Computer-, Fernseh- und Konsolendosen in bestimmte Zeiten aufzuteilen. „Wenn man Schokoladencreme isst, serviert man dem Kind davon eine Portion auf einem Teller. Man lässt es nicht aus einer Schüssel, die in die Mitte des Tisches gestellt wird, so viel davon essen, wie es will. Auf die gleiche Weise muss man die Bildschirmzeit im Vorhinein mit einer begrenzten Dauer verknüpfen.“ So kann das Kind diese Einstellung verinnerlichen und in der Folge die virtuelle Welt weiterhin auf diese Weise konsumieren.
Eine angedachte Lösung besteht darin, das Kind darum zu bitten, ein Tagebuch über seinen Bildschirmkonsum zu führen. Serge Tisseron gibt zu, davon überzeugt zu sein, dass das Kind schummeln und lügen wird. Doch das ist nicht so wichtig; diese Methode „wird es anspornen, sich über seine Zeit, die es den Bildschirmen widmet, Gedanken zu machen, und es dazu bringen, an die Dauer zu denken“. Es ist also eine Art, es für das Thema zu sensibilisieren. Für den Psychiater bleibt das Wichtigste jedoch, dass die Eltern die Regeln, die sie ihrem Kind auferlegt haben, selbst auch einhalten – um glaubwürdig zu bleiben. „Sie können ihm nicht verbieten, am Tisch ans Telefon zu gehen und dann Ihr Smartphone abnehmen unter dem Vorwand, dass die Grossmutter anruft.“ Die Regeln, die festgelegt wurden, müssen also für alle gelten – oder gar nicht.
Immer das Positive sehen
Serge Tisseron gelingt es, überall dort Positives zu sehen, wo man normalerweise nur Negatives sieht. Wenn ein junger Mensch im Internet nach etwas sucht oder auf einen Link klickt, wird er regelmässig auf eine unerwartete, sogar unerwünschte Seite weitergeleitet. Vielmehr als darin eine Gefahr zu sehen, meint der Psychiater allerdings, dass „die Bildschirmkultur unsere Fähigkeit fördert, sich dem Unvorhersehbaren zu stellen, da es dem Internet inhärent ist, uns dahin zu führen, wo man nicht hingehen will“ – in Zeiten erheblicher klimatischer und geopolitischer Veränderungen in seinen Augen eine unabdingbare Fähigkeit. „Die Pflicht, sich dem Unvorhersehbaren zu stellen, wird die grösste Herausforderung des 21. Jahrhunderts darstellen.“
Positives erkennt der Forscher auch in Videospielen, die oft in Verruf gebracht werden, weil sie die Spieler in eine virtuelle Welt eintauchen lassen, die weit von der Realität entfernt ist. Ihr Aufbau in verschiedene Levels, was es erforderlich macht, die Strategie von Etappe zu Etappe zu ändern, „verpflichtet den Spieler, zu vergessen“, behauptet er. „Heute weiss man, dass unser Gedächtnis nicht unendlich ist. Videospiele ermöglichen es, dass man lernt zu verlernen.“ Im selben Gedankengang führt er die Anpassung an verschiedene Versionen von Betriebssystemen an. „Jemand, der Windows Vista gewohnt war, musste bei Windows 7, dann 8 und nun 10 alles neu lernen.“ Indem wir uns dazu zwingen, die vorherigen Methoden zu vergessen, würde uns die Informationstechnologie also daran gewöhnen, in unserem Gedächtnis Platz für das zu schaffen, was für uns nützlich ist.
Dynamische Rede
Es ist eine Untertreibung zu sagen, dass Serge Tisseron in seinem Vortrag zum Thema „Neue Technologien“ gegen den Strom schwimmt. Die Teilnehmer am Kongress, die dramatisierende Reden über die durch die Bildschirmkultur hervorgerufenen Veränderungen von Personen mit der Auffassung „Früher war alles besser“ gewohnt sind, wurden auf eine positive Weise eingeladen, ihren Standpunkt zu ändern. Videospiele bringen neue Fähigkeiten hervor, das Internet bietet Möglichkeiten, um der wirklichen Welt gegenübertreten zu können, und der Jugendliche kann seine Eltern in puncto neue Technologien schulen. Wenn Serge Tisseron auch keine Lösungen gegeben hat, um den Jugendlichen zu helfen, auf die sich die Auswüchse der digitalen Medien bereits ausgewirkt haben, so hat er dennoch Hilfsmittel geliefert, um diese zu vermeiden. Und wie sagt die Lebensweisheit: „Vorbeugen ist besser als heilen.“
Übersetzt aus dem Französischen von Alexander Fischer für Tink.ch