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Märchen als Quasi-Religion
Es war einmal : Mit diesen Worten öffnet sich die Welt der Märchen, etwa von Rotkäppchen und dem bösen Wolf, von Rapunzel mit den langen Haaren, vom armen Aschenputtel und vielen mehr. Gesammelt und gebündelt haben diese Märchen für den deutschen Sprachraum die Gebrüder Grimm, genauer gesagt: Wilhelm und Jakob Grimm. 1812 erschien erstmals ihr Buch «Kinder- und Hausmärchen». Anfänglich wenig nachgefragt, wurde es zum Weltbestseller.
Prüderie schrieb mit
1829 veröffentlichte Wilhelm Grimm die «Deutschen Heldensagen», 1838 begannen sie die Arbeit am «Deutschen Wörterbuch». Und sie sammelten Erinnerungen, bevor sie, so ihre Sorge, verloren gingen, auch Märchen. Sie liessen sich von einfachen Frauen aus dem Volk, wo die echten Märchenschätze noch vorhanden waren, diese Märchen erzählen und schrieben sie nur auf so jedenfalls war ihre Idee.
In Wirklichkeit griffen sie auch auf Erzählungen von gebildeten hugenottischen Frauen zurück, übernahmen allgemeine Märchentraditionen und gaben ihnen literarische Gestalt. Dabei veränderten sie auch vieles. Dazu gehört die Tendenz zu entsexualisieren. Wo etwa der Froschkönig von der Prinzessin an die Wand geworfen stirbt und als Königssohn sogleich in ihr Bett kommt, wird daraus eine Szene von Verlobung und Verehelichung die Prüderie des Bürgertums schrieb hier schon mit.
Dazu gehörte auch, dass die Brüder Grimm im Sinne der Romantik die Märchen aus der Zeit heraus verlagerten in ein fernes, vergangenes und zeitloses Märchenland: «Es war einmal » Sie erfanden für ihre Zeit die Märchen neu und machten die Märchen zu einer Art Ur-Grund des Menschlichen, zu einer Ur-Quelle des deutschen Geistes. Die Märchen wurden damit zu Erinnerungen an die vergessene Kindheit der deutschen Seele und Nation, das Märchenbuch wurde zum Bilderbuch der deutschen Kindererziehung so geschehen bereits mit der zweiten Auflage 1815. Und damit erst begann der Siegeszug der Märchen der Gebrüder Grimm.
Die Märchen sind heute allbekannt: Man findet sie wegen ihrer Brutalität auch immer wieder umstritten in Kinderstuben und in gelehrten Diskussionen. Gerade in und durch die Psychoanalyse hat ihre Interpretation eine neue Dimension erhalten: Märchen als Sinnbilder seelischer Prozesse. In Märchen geht es wie in der eigenen Seelengeschichte um Veränderungen, um Verlust von Geborgenheit, um neuen Mut zum Selbst, um die Kraft des Guten, die zum Guten führt.
Der böse Wolf, die böse Fee, das sind animalische und unheimliche Mächte, die Leben fressen und verfluchen, aber umgekehrt und ungewollt neue Kraft zum Leben freisetzen. Schneewittchen wird bedroht von Eifersucht und Lebensangst der bösen Mutter, sie fällt in den Schlaf und erwacht durch die Liebe des Prinzen wieder, als erwachsene Frau. Die Retter sind allesamt keine Superhelden, vielmehr geht es um die verändernde, rettende Kraft der Liebe.
Der Nerv des Religiösen
Wenn es um Liebe geht, kommt auch ein wesentliches Motiv des Religiösen, vielleicht sogar mit dem Apostel Paulus gesprochen, der Nerv des Religiösen ins Spiel. Sind Märchen damit Quasi-Religion? In gewisser Weise, ja. Die Romantik hat die Liebe zur Religion gemacht. Und ist damit Gefahr gelaufen, dass die romantische Liebe es alleine, ohne Gott und Religion mit einer Welt voller Versuchungen aufnehmen muss.
In den Märchen Gottes Gegenwart wieder zu entdecken, dazu leitet der Kirchenkritiker und Therapeut Eugen Drewermann mit seinem Buch ein: «Geschichten gelebter Menschlichkeit Wie Gott durch Grimmsche Märchen geht». Gott als jene Kraft, die verhindert, mit der Liebe zynisch umzugehen.
Ob Grimms Märchen heute noch gebraucht werden? Längst, so könnte man meinen, wurden sie abgelöst, man liest nicht mehr vor, sondern sieht fern, man braucht keine Märchen, sondern Daily Soaps und Krimis. Gerade Krimis wie etwa der Dauer-Tatort am Sonntagabend, das Kasperletheater für Erwachsene, vermitteln modern Märchenhaftes: Das Böse ist vielgestaltig, doch das Gute siegt am Ende, und die Welt ist wieder in Ordnung. Doch gibt es einen Unterschied zu den Märchen: Im Krimi siegt das Gute durch die Kraft der Logik, im Zuge der Aufklärung und mit polizeilicher Macht, durch die die alte Ordnung wiederhergestellt wird. Ende. Danach kann der Fernsehbürger beruhigt schlafen gehen. Im Märchen siegt das Gute, weil Menschen sich verändern und Leben neu entdecken. Das Ende ist immer ein neuer Anfang.
Deswegen enden Märchen auch mit dem Satz: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Dass die Märchenfiguren längst gestorben sind, das wissen Lesende und Hörende. Aber sie wissen am Ende noch mehr. Dass die Geschichten weitergehen, mit ihnen als Figuren von Geschichten, die fremd und doch die eigenen sind. Manchmal glückts dem Hans, und er kommt nach Hause, auch ohne Gold. Nur ein Märchen?
Hans Jürgen Luibl ist Theologe, Mitarbeiter am Institut für Hermeneutik Zürich und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Erwachsenenbildung in Bayern. Der Beitrag erschien in der Reformierten Presse
Hans Jürgen Luibl