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Herr Kaczala, wie häufig ist der plötzliche Kindstod in der Schweiz?
Das ist ein äusserst seltenes Phänomen. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik sprechen von 5 bis 10 Fällen pro Jahr in der Schweiz. Dies bei über 80'000 Geburten. Das Risiko ist also verschwindend klein – sogar wenn es eventuell eine geringfügige Dunkelziffer gäbe, sind die Zahlen sehr tief.
Ist das weltweit so?
Es gibt enorme Unterschiede. Gemäss den Zahlen aus den USA werden dort bis zu zehnmal mehr Fälle des plötzlichen Kindstods verzeichnet. Wobei dort, anders als in der Schweiz, differenzierte Statistiken zugänglich sind und sich feststellen lässt, dass je nach Bundesstaat und Ethnie die Häufigkeit bis um das Zehnfache variiert. In Kalifornien oder Alaska kommt das Sudden Infant Death Syndrome, wie der plötzliche Kindstod auf Englisch heisst, häufiger vor als in anderen Staaten. Unter den amerikanischen Ureinwohnern ist das Risiko ebenfalls höher als zum Beispiel bei der hawaiianischen Bevölkerung.
Warum?
Das weiss man bis heute nicht mit Sicherheit. Genauso wenig, wie man weiss, was den plötzlichen Kindstod auslöst. Es gibt gewisse Faktoren, die das Risiko wohl erhöhen, aber noch immer ist nicht abschliessend geklärt, wieso Babys in sehr seltenen Fällen im ersten Lebensjahr ohne sichtliche Ursache sterben.
Eine wirklich sichere Vorbeugung ist also nicht möglich?
Es gibt Punkte, bei denen man davon ausgeht, dass sie den plötzlichen Kindstod begünstigen könnten. Etwa, wenn die Eltern des Babys Raucher sind. Oder wenn ein Baby Plüschtiere und Decken mit im Bettchen hat. Beim Stillen wiederum konnte man feststellen, dass es einen gewissen Schutz bietet. Das Pucken, also das feste Einwickeln von Neugeborenen in ein Tuch, soll jedoch das Risiko erhöhen. Aus diesen Erkenntnissen resultieren standardisierten Empfehlungen für Eltern von Neugeborenen, die in den vergangenen 20 Jahren zu einem markanten Rückgang der Fälle von plötzlichem Kindstod führten. Diese Empfehlungen scheinen also zu wirken.
Welche Empfehlungen sind das konkret?
Man sollte die Kinder im ersten Lebensjahr in Rückenlage schlafen lassen und einen Schlafsack statt einer Decke verwenden, denn der verrutscht nicht ausversehen über sein Köpfchen. Aus demselben Grund sollte ein Baby auch keine Plüschtiere mit im Bett haben. Das Schlafzimmer sollte man nicht wärmer als auf 18 Grad heizen. Nicht Rauchen! Und das Kind im eigenen Bettchen oder Beistellbettchen schlafen lassen. So lässt sich der plötzliche Kindstod zwar nicht vollständig ausschliessen, aber er konnte immerhin auf das aktuell sehr tiefe Niveau gesenkt werden. Frühgeburtlichkeit, Fehlbildungen und Unfälle stellen statistisch gesehen ein viel grösseres Todesrisiko für Kinder im ersten Lebensjahr dar.
Ist die Gefahr nach dem ersten Lebensjahr gebannt?
Sobald sich die Kinder in der Nacht in ihren Bettchen selber herumwälzen, schwindet das Risiko, weil sie nicht mehr Gefahr laufen, stundenlang in der falschen Position eventuell noch mit einer Decke im Gesicht dazuliegen.
Was halten Sie von Schlafüberwachung?
In den USA, wo zum Thema intensiver geforscht wird, empfiehlt man auch ängstlichen Eltern ausdrücklich, keine Hilfsmittel zum Schlafmonitoring zu verwenden.
Warum denn nicht?
Ich gehe davon aus, dass sich Eltern dadurch in einer falschen Sicherheit wiegen könnten. Ausserdem scheint der Aufwand den Nutzen kaum zu rechtfertigen. Stellen Sie sich vor, wie viele Geräte verkauft werden müssten, um vielleicht einen Fall zu verhindern. Obwohl natürlich jeder dieser seltenen Fälle extrem traurig ist für die betroffene Familie, scheint es mir sinnvoller, die aktuellen Empfehlungen zu befolgen als zur Überwachung zu greifen.
Dr. med. Gregor Kaczala ist Neonatologe bei der Hirslanden Gruppe und Mitglied des Verbands Kinderärzte Schweiz.