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Ich kann mich an den Fall von Giuseppe in den 1980er Jahren erinnern. Er war 25, kam aus Kalabrien und hatte dort eine Frau und ein kleines Kind. Er arbeitete an einem Steinbrecher, einer Maschine, die Steine aus dem Steinbruch zu Schotter verarbeitete.
Dazu musste man Steinbrocken auf eine Art Sieb schaufeln. Von dort fielen die Brocken dann in den Brecher. Ab und zu flog ein Steinsplitter über den Rand der Maschine. Eben so ein Splitter flog Giuseppe genau ins Auge. Er wurde operiert, verlor aber das eine Auge und hatte chronische Kopfschmerzen. Für einen sehbehinderten Arbeiter gab es in der Baufirma keine Verwendung. Giuseppe ging zurück nach Süditalien. Dort war die Arbeitslosigkeit hoch, er hatte keine Chance, einen Job zu finden.
ABGESCHOBEN. Schicksale wie das von Giuseppe waren vor 2002 in der Schweiz fast alltäglich. Bis zur Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 regelte nämlich das brutale Saisonnierstatut die Einwanderung. Die Saisonarbeitenden erhielten für maximal 9 Monate eine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung – und nur, wenn sie einen Arbeitsvertrag vorweisen konnten. Wurden sie arbeitslos, mussten sie zurück in ihre Heimat. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld gab es nicht. Der Familiennachzug war ihnen verboten, und die Arbeitsstelle durften sie nicht wechseln. Saisonniers waren ihren Arbeitgebern, den Bauunternehmern oder Bauern, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Besonders den Baufirmen brachte das menschenfeindliche Statut einen grossen Vorteil: Sie verfügten jederzeit über ein Kontingent von jungen, kräftigen und gesunden Arbeitern. Wurde ein Saisonnier nämlich krank oder hatte er einen Unfall, wurde er nach Hause geschickt und durch einen gesunden Arbeiter ersetzt.
Die ungelernten Saisonarbeiter waren denn auch die Hauptbetroffenen von Unfällen und Berufskrankheiten auf Schweizer Baustellen. Jährlich verunfallten rund ein Drittel aller Bauarbeiter. Heute sind es noch etwa 19 Prozent. Manche Unfälle endeten noch tragischer als der von Giuseppe. Über 120 Arbeiter starben damals jährlich auf Schweizer Baustellen. Für die Unternehmen gab es kaum Anreize, die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit zu verbessern. In Südeuropa wartete ja eine riesige Reservearmee von arbeitslosen, ‹billigen› Arbeitskräften, die gern in die Schweiz kamen, um hier zu bescheidenen Löhnen zu arbeiten.»
(1) Als Sekretär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) betreute Hans Baumann auch viele Saisonniers.
work, 19.06.2014
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