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Flüchtlinge verlassen ihr Land wegen vielen Schwierigkeiten, Ungerechtigkeiten und Angst um ihr Leben. Auf dem Fluchtweg erleben sie mehr Angst und Not als in ihrem Land. Aber die ganze Zeit hoffen sie, bald einen sicheren Hafen zu finden, um ohne Angst und Qual zu leben. Meistens ist diese Hoffnung nur ein Trugbild, das nicht erreicht wird. Sobald sie das Zielland betreten, kommen sie in eine Atmosphäre voller Sorgen und müssen viel demütigendes und unmenschliches Verhalten ertragen und eine lange Zeit in der Hölle des Wartens verbringen. Aber die Hoffnung bleibt. Die Hoffnung auf ein bisschen Frieden und ein Leben mit weniger Sorgen. Aber irgendwann ist man müde von dieser unerreichbaren, imaginären Hoffnung. Nur ein Flüchtling, der diesen schwierigen Weg gegangen ist, kann das Leiden mit jeder Zelle seines Körpers verstehen und wieder leiden und Tränen vergießen und mit seinem ganzen Sein schreien. Ein Schrei, den niemand hört und Tränen, die niemand sieht.
]ch höre viele Geschichten von Flüchtlingen, die sich nirgendwo widerspiegeln. Und ich denke, all diese Erfahrungen sollten aufgezeichnet werden. Eine dieser Geschichten ist die Geschichte einer Frau, die ihre Erfahrungen mit uns teilt. Dieser Text ist bitter und traurig, aber es ist die Realität der Welt um uns herum.
«Ich flüchtete aus Afghanistan und war mehrere Jahre unterwegs. Vor kurzem erreichte ich die Schweiz. Ich ging zu einem Bundesasylcamp, um mich zu melden. Vor dem Camp warteten zwei Securitas-Personen. Drinnen im Büro sah ich zwei Frauen. Ich wartete ungefähr zehn Minuten draussen vor der Tür, bevor eine der beiden nach draussen kam und mich fragte, ob sie mir helfen könne. Ich sagte: „Ich bin neu hier. Ich möchte Asyl beantragen.“ Sie sagte: „Kommst du aus Afghanistan?“ Ich bejahte. Sie gab mir ein Formular zum Ausfüllen meiner Personalien und zeigte mir ein Zimmer, wo ich schlafen konnte. Nach ungefähr drei Stunden kam die Frau zurück und zeigte mir, wo ich etwas essen konnte. In dieser Nacht schlief ich in jenem Zimmer, welches sie mir zuvor gezeigt hatte. Als ich am Morgen aufwachte, schliefen vier weitere Personen im selben Zimmer wie ich.
Nach dem Frühstück gaben die Personen vom Büro uns Tickets sowie eine Karte, welche uns den Weg zu einem Bundesasylcamp in einem anderen Teil der Schweiz zeigen sollte. Als wir dort ankamen, sahen wir andere Personen mit Karten in der Hand, welche ebenfalls transferiert wurden: Wir, nach X. Sie, weg von X…
Im Camp wurden wir in einen Warteraum geschickt, wo bereits sechs andere Menschen ausharrten. Später wurden unsere Fingerabdrücke genommen und sie machten Fotos von uns. Von 14.00 Uhr nachmittags bis nachts um 23.00 Uhr warteten wir. Dann schickten sie mich in den ersten Stock, wo ein Raum mit „Quarantäne“ angeschrieben war. Die anderen schliefen im Warteraum.
Zwei Tage vergingen, bis sie mich in ein anderes Gebäude brachten, wo andere geflüchtete Menschen waren. Dort wurde mir gezeigt, wo ich was finden konnte: Toilette, Büro der Angestellten, Büro der Securitas, Ärzt*in, Bar, Raum mit Kleidern, Waschmaschine usw. Gemäss diesen Erklärungen wäre vieles vorhanden… Die Erfahrung zeigte etwas Anderes: Als ich die Waschmaschine ausprobierte, funktionierte diese nicht. Somit war es mir bis anhin nicht möglich, meine Kleider zu waschen. Wechselkleider habe ich keine erhalten, bis ich schliesslich gratis welche ausserhalb des Camps organisieren konnte. Auch anderes lässt mich hier wartend zurück: Ich hatte mein erstes Interview, an welchem ich nach persönlichen Informationen sowie meiner Fluchtroute gefragt wurde. Beim medizinischen Check fragte ich nach psychologischer Unterstützung. Ich erhielt einzig einen Termin bei einer Psychologin, seither keinen mehr. Sie gaben mir Medikamente, Psychopharmaka. Diese machten mich verwirrt und ich konnte nicht mehr klar denken. Ich habe die Medikamente deshalb nur einmal genommen. Viele Tage sind bereits vergangen, doch ich habe erst einmal eine*n Krankenpfleger*in gesehen bezüglich der Verletzungen an meinem Bein. Erst nachdem ich bei den ORS-Angestellten mehrmals insistiert habe und schliesslich mein Bein zeigte, welches sich immer stärker entzündet hatte und stark angeschwollen war, gaben sie mir einen Termin bei der Krankenpflegerin für die darauffolgende Woche. Das Organisieren von Hygieneartikeln wie Frotteetücher, Shampoo, Seife und Taschentücher hat mich vier Tage gebraucht. Ich musste dafür eine angestellte Person nach der anderen fragen, bis ich endlich alles beisammen hatte.
Allgemein ist das Leben im Camp hart. Die Angestellten interessieren sich nicht für die Menschen hier, nicht einmal für Kinder oder für die kranken Menschen. Sie sind auch selten in den Büros zu finden. Wir müssen sie ständig suchen und wenn wir Fragen stellen, antworten sie kurz angebunden. Meistens lautet die Antwort auf eine Frage: „Ich weiss es nicht.“ Obwohl die meisten von ihnen Englisch sprechen können, antworten sie auf Französisch. Auch dann, wenn sie wissen, dass beispielsweise ich diese Sprache nicht verstehe.
Trotz der Situation mit Covid-19 ist die Küche morgens nur 30 Minuten geöffnet, die Menschen müssen eng beisammen Schlange stehen und auf das Essen warten. Die Qualität des Essens ist sehr schlecht; die Quantität der Nahrung für Menschen, die sich vegetarisch ernähren, gering. Eigene Nahrungsmittel von draussen ins Camp zu nehmen ist verboten. In der Küche arbeiten geflüchtete Personen, die im Camp wohnen. Die Geflüchteten arbeiten dort unter der Aufsicht einer oder zwei ORS-Angestellten, welche selbst nicht mithelfen, nur kontrollieren. Nach vier oder manchmal fünf Tagen erhalten die Geflüchteten für ihre Arbeit einen kleinen Geldbetrag von 30 Franken.
Ich fühle mich hier wie ein Gefangener. Wir müssen unverständliche, irrationale Regeln einhalten und einem System folgen, das keinen Sinn ergibt. Nach 23 Uhr abends dürfen wir nicht mehr im Gemeinschaftsraum sein. Es herrscht die strikte Anweisung in unseren Zimmern zu bleiben. Während den Essenszeiten morgens, mittags und abends sind die Tore zum Camp geschlossen, niemensch kann rein oder raus. Der einzige Weg, um aus dem Camp zu kommen, ist über das Eingangs- und Ausgangstor. Diese sind immer abgeschlossen. Man kommt nur mit einer Erlaubnis der ORS raus. Dafür wird das „weisse Papier“, welches wir bei uns tragen müssen, durch ein „rotes Papier“ ersetzt. Mit diesem dürfen wir nach draussen. Wenn wir eine Zigarette rauchen möchten, müssen wir ebenfalls um Erlaubnis fragen, damit sie uns ein Tor öffnen. Auch dafür müssen wir ihnen unser „weisses Papier“ abgeben, bis wir wieder drinnen sind. Manchmal verweigern sie uns das Rauchen, dann müssen wir stundenlang warten. Nach 23 Uhr abends dürfen wir nicht mehr rauchen gehen, und auch das Camp sonst nicht verlassen. Wir haben keinen Balkon und der Innenhof ist gesperrt.
Im Moment sind ungefähr 200 Menschen im Camp. Jeden Tag kommen neue und andere werden von hier wegtransferiert. In meinem Zimmer sind wir aktuell 15 Personen. Im Zimmer wird geraucht. Streitigkeiten gehören zur Tagesordnung, jede Nacht hat es bis jetzt Schlägereien gegeben. Alkohol und Drogen sind eigentlich verboten im Camp, trotzdem wird konsumiert. Mehrmals habe ich das den Securitas gemeldet. Diese interessiert es nicht. Andere Male habe ich die Securitas gebeten, in der Nacht für Ruhe zu sorgen, damit ich schlafen kann. Mein Anliegen wurde ignoriert. Ich bleibe nun jeweils im Gemeinschaftsraum bis die Securitas dort abends das Licht ausschalten. Eingesperrtsein und Warten lässt die Menschen unzufrieden.»
DenText ist ein Erfahrungsbericht aus einem Bundesasylzentrum. Für migrantische Menschen, die ebenfalls gerne ihre Erfahrungen und/oder Analysen öffentlich teilen möchten, meldet euch jederzeit bei www.migrant-solidarity-network.ch.
Migrantische Stimmen stark machen!
Mahtab stammt aus Iran und hat in Teheran persische Literatur studiert. Während ihres beruflichen Werdeganges hat sie als Sendeleiterin und Produzentin bei Radio Teheran und dem iranischen Nationalradio sowie als Reporterin und Autorin bei mehreren Zeitungen gearbeitet. Ausserdem war sie mehrere Jahre an der Kunst Akademie und Kulturerbe-Organisation in der Forschung tätig. 2015 hat sie ihr Land infolge der politischen Situation verlassen und ist mit ihrem Sohn in die Schweiz geflüchtet. Hier engagiert sie sich in verschiedenen Projekten. Zurzeit führt Mahtab einen Stadtrundgang bei StattLand, ist Moderatorin der Sendung vox mundi bei Radio Rabe und seit Juli 2019 Sendeleiterin der Sendung Torfehaye Javidan.