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Albanische Moschee Wil/SG – 2023 (das Photo wird vom Islamischen Verein Will zur Verfügung gestellt) – © SZIG
Arlinda Amiti, Fachhochschule Nordwestschweiz, 2023
Die Forschung hat in den vergangenen Jahren vermehrt aufgezeigt, dass Imame in Europa mehr als nur Vorbeter und Prediger sind. Abhangig vom sozio-politischen Kontext übernehmen die Imame Aufgaben, die ihre theologischen Kompetenzen weit überschreiten. Dieser Umstand lässt sich auch bei den in der Schweiz tätigen albanisch-sprachigen Imamen erkennen. Als Vertreter der grössten muslimischen Gemeinschaft des Landes gehen im Kosovo, in Nordmazedonien sowie Serbien sozialisierte Imame einem äusserst dichten Pflichtenheft nach. Sie können Religionsunterricht anbieten, am interreligiösen Dialog teilnehmen, Beraterfunktionen einnehmen oder sich schriftstellerisch betätigen. Auch die Öffentlichkeit hat die wichtige Rolle dieser religiösen Protagonisten erkannt, sodass albanisch-sprachige Imame vermehrt als Kooperationspartner gefragt und zum Gegenstand öffentlicher Debatten geworden sind. Aufgrund der Forschungslücke zur Rolle der Imame in der Schweiz basiert der vorliegende Artikel hauptsächlich auf ein im Jahr 2022 abgeschlossenes Dissertationsprojekt, das sich eingehend mit einer Auswahl an albanisch-sprachigen Imamen in der Schweiz auseinandergesetzt hat (Amiti 2022).
Der Weg in die Schweiz
Unterschiedliche Wege haben die heutigen albanisch-sprachigen Imame dazu geführt, einer Anstellung in einer Schweizer Moschee nachzugehen. Die Beweggründe lassen sich dabei grob in drei Kategorien unterteilen. Der Werdegang einer Gruppe von Imamen wurde von der Gastarbeiterbewegung aus dem ehemaligen Jugoslawien bestimmt. Unter ihnen befanden sich zahlreiche junge albanisch-sprachige Männer aus dem Kosovo, aus Nordmazedonien sowie Serbien, die hierzulande als Saisoniers tätig waren. Als aber ab den 1980er Jahren die politischen Spannungen in den jugoslawischen Teilrepubliken zunahmen, machten die Gastarbeiter von ihrem Recht auf Familiennachzug gebrauch und liessen sich langfristig mit ihren Familien in der Schweiz nieder. Unter ihnen befanden sich Dutzende Imame, die heute in einer der zahlreichen albanisch-sprachigen Moscheen fest angestellt sind (Behloul 2007; Gianni et al. 2010).
Eine zweite Gruppe der Imame fand ihren Weg über den Rekrutierungsprozess der hiesigen Moscheen in die Schweiz. Aufgrund ihrer ethno-linguistischen Ausrichtung sind die jeweiligen Vorstände dieser Gebetsstätte darauf bedacht, Imame aus ihren eigenen Sprachgemeinschaften anzustellen. Aus diesem Grund suchten zahlreiche Moscheen in den Herkunftsländern nach potenziellen Kandidaten, um ihre Vakanzen zu besetzen. Die Imame wurden (abhängig von den Reisebestimmungen) probeweise in die Schweiz eingeladen, sodass sie und die Gemeinschaft einander kennenlernen und die gegenseitigen Anforderungen und Qualitäten einschätzen konnten. Nachdem die Gemeinschaften innerhalb eines festgelegten Zeitraums den Probeaufenthalt ihrer Anwärter evaluiert hatten, entschieden sie sich dann für einen Anwärter, den sie dann als permanenten Imam aus den Herkunftsländern rekrutieren.
Ein dritter Teil der Imame fand ihren Weg wiederum durch ihre persönlichen Netzwerke in die Schweiz. Familiäre oder professionelle Bekanntschaften ermöglichten es ihnen, sich über freie Posten zu erkundigen oder mit Vorstandsmitgliedern der Moscheen in Kontakt zu treten und sich über eine allfällige Zusammenarbeit auszutauschen. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass bis heute sowohl Imame aus der Schweiz als auch aus den Herkunftsländern von diesen Netzwerken profitieren.
Bildungswege
Die in der Schweiz tätigen albanisch-sprachigen Imame weisen ein sehr heterogenes Bildungsprofil auf. Den gemeinsamen Nenner bildet dabei die Ausbildung in der islamischen Theologie, die das wissenschaftliche Fundament aller Imame bildet. Darauf aufbauend können sie eine Spezialisierung in den jeweiligen Teildisziplinen des Faches wie beispielsweise in den Hadithstudien, im islamischen Recht oder in der Koranexegese nachweisen. Diese Vielfalt spiegelt sich nicht zuletzt auch in den Standorten, die die Imame im Verlauf ihrer Ausbildung aufgesucht haben, wider. Abhängig von den Möglichkeiten haben die Imame ihre theologische Ausbildung entweder an einem einheimischen, regionalen oder ausländischen Institut absolviert. Das Bildungsangebot sowie die den Imamen zur Verfügung stehenden Ressourcen haben dabei massgeblich ihre Entscheidung, das Studium im Herkunftsland oder im Ausland aufzunehmen, beeinflusst. So gilt es im Falle der albanisch-sprachigen Imame zu beachten, dass es im ehemaligen Jugoslawien keine islamische Hochschuleinrichtungen mit Albanisch als Unterrichtssprache gab. Aus diesem Grund hielten zahlreiche Imame im Ausland nach möglichen Ausbildungsplätzen Ausschau. Die arabische Welt galt dabei als besonders attraktiver Standort, da die Studenten sich in einem arabischsprachigen Umfeld aufhalten konnten und prominente Hochschulen wie die Al Azhar Universität in Ägypten oder die islamische Universität Medina in Saudi-Arabien Stipendien zur Verfügung stellten (Schmid & Trucco 2019; Aslan et al. 2015).
Aufgabenfelder und Profil
Als Vorbeter verrichten die Imame ihre wichtigste Funktion in den Moscheen. Das heisst, dass sie fünf Mal täglich das Gebet in der Gemeinschaft leiten. Dabei nimmt das wöchentliche Freitagsgebet eine besondere Stellung in ihrer Arbeit als Vorbeter ein. Diese Gebetseinheit findet freitags anstelle des Mittagsgebets statt, allerdings ist ihr noch eine Predigt vorangestellt. Aufgrund seiner hohen Stellung im islamischen Recht zieht das Freitagsgebet im Vergleich zu den anderen Gebeten überdurchschnittlich viele Besucher:innen an. Die Imame üben daher in diesem Rahmen nicht nur die Rolle des Vorbeters, sondern auch die des Predigers aus. Diese Rolle ermöglicht es ihnen, wöchentlich ein breites Publikum von Moscheebesucher:innen zu adressieren, indem sie religiöse sowie gesellschaftliche Themen besprechen und auf die Anliegen der Anwesenden eingehen. Des Weiteren sind sie im Hinblick auf die Gemeinschaftsgebete dazu angehalten, an ausserordentlichen Ereignissen wie Begräbnissen und Feiertagen die vorgeschriebenen Gebete abzuhalten.
Während die Rolle des Vorbeters zum festen Aufgabenspektrum der albanisch-sprachigen Imame gehört, fallen abhängig von ihren Qualifikationen und Erfahrungen weitere Pflichten an. Die Erwartungen werden dabei massgeblich von den Gemeindemitgliedern und den Besucher:innen bestimmt. Für die Moscheen selbst bedeutet dieser Wandel im Rollenverständnis der Imame, dass die Gebetsstätte sich zu «multifunktionalen Zentren» (Ceylan 2012: 73) gewandelt hat, die sich ihrem Tätigkeitsfeld anpassen. Dieser Aspekt ist gerade im westeuropäischen Kontext von grosser Bedeutung, da Imame aufgrund der fehlenden Dienstleistungen, die die Bedürfnisse der muslimischen Gemeinschaften erfüllen sollten, eine Vielzahl von Zusatzfunktionen abdecken. So gehört der Religionsunterricht für Kinder und junge Erwachsene, die sich in den Grundlagen der islamischen Religion unterweisen lassen möchten, mittlerweile zum festen Bestandteil des erweiterten Pflichtenhefts albanisch-sprachiger Imame in der Schweiz. Daran knüpft auch der Koranunterricht an, der Interessent:innen das arabische Alphabet und die Koranrezitation vermitteln sollte. Von den Imamen wird daher erwartet, dass sie einen Teil, wenn nicht den ganzen Koran, auswendig gelernt haben und ihn gemäss der arabischen Aussprache- und Intonationsregeln (arab. taǧwīd) rezitieren können.
Weitere Aufgaben und Funktionen, die die Imame übernehmen, hängen von den an sie herangetragenen Erwartungen und dem sozio-politischen Kontext, in dem sich ihre Moschee befindet, ab. Albanisch-sprachige Imame können daher zusätzlich als Berater, Seelsorger und Vermittler tätig sein. Sie sind aber insbesondere in Fragen des interreligiösen Dialogs sehr gefragte Partner. Denn sie weisen ein grosses Potenzial und Verständnis hinsichtlich der Koexistenz mit nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften auf. Ein Blick auf die Geschichte und demografische Konstellation der albanisch-sprachigen Bevölkerung erklärt den Grund dafür. Nebst den Muslim:innen bilden Christ:innen, vertreten durch die katholische und orthodoxre Kirche, gefolgt von kleineren religiösen Gruppierungen wie Protestant:innen und Jüd:innen die grössten Religionsgemeinschaften. Vordenker:innen «einer albanischen Nation» stellten aus diesem Grund religiöse Affiliationen zugunsten einer sprachlichen Einheitsgemeinschaft stets in den Hintergrund. Dieser Gedanke prägt bis heute zahlreiche albanisch-Sprecher:innen, die sich primär über die Sprache identifizieren und dadurch weitgehend den religiösen Frieden wahren. Dieser Aspekt wird zusätzlich vom Umstand, dass alle drei Herkunftsländer der albanisch-sprachigen Imame im 20. Jahrhundert ein Teil Jugoslawiens waren, bestärkt. Sie lebten über Jahrzehnte als ethnische sowie sprachliche Minderheit in einem von mehrheitlich von Südslawen regierten sozialistischen Staat. Entsprechend verleiht diese Art von Sozialisation den in der Schweiz tätigen albanisch-sprachigen Imame ein reichhaltiges Repertoire an intellektuellen sowie sozialen Kompetenzen, die ihnen in den unterschiedlichsten Formaten des Dialogs grosse Vorteile verschafft.
Schlusswort
Betrachtet man das breite Aufgabenfeld der Imame, ist es nicht überraschend, dass sie den an sie herangetragenen Erwartungen oftmals nicht gerecht werden können. Ihr Bildungshintergrund und ihre beruflichen Erfahrungen sind vor allem auf ihre Rolle als Imame und Theologen abgestimmt. Die nötigen Fähigkeiten für die neuen Aufgaben eignen sie sich in der Regel durch die praktischen Erfahrungen an. Zahlreiche albanisch-sprachige Imame berichten immer wieder, dass sie zu Beginn ihrer Laufbahn in der Schweiz nicht allen Pflichten gerecht werden konnten und sich in den einzelnen Gebieten noch fortbilden mussten. Sie betonen, dass die Aufgabenfelder zu breit angelegt seien und die Kompetenzen einer Person mit theologischem Hintergrund für diese vielseitige Rolle nicht ausreiche. Sie plädieren daher für die Schaffung zusätzlicher Weiterbildungsmöglichkeiten spezifisch für Imame und einer Umverteilung der Aufgaben auf mehrere Personen.
Bibliografie
Literatur
Amiti, A. (2022). Albanisch-sprachige in der Schweiz: Eine theologische Untersuchung der Islamverständnisse im Rahmen der Diaspora. Fribourg (unveröffentlichte Dissertation).
Aslan, E., Evrim E. A. und Kolb, J (2015). Imame und Integration. Wiesbaden: Springer VS.
Behloul, S. (2007). «Viele Gesichter einer Weltreligion: Islam und Muslime in der Schweiz» (in Kooperation mit Stephan Lathion). In Eine Schweiz viele Religionen, hrsg. Baumann, M. und Stolz, J. 193-208. Bielefeld: transcript.
Ceylan, R. (2012). «Migration, Religion, Transformation – Rollenwandel und Rollenkonflikte der Imame im Migrationskontext». In Religion und Gemeinschaft: Die Frage der Integration aus christlicher und muslimischer Perspektive, hrsg. von Torhgangel, M., Aslan, E. und Jäggle, M., 69-82. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Gianni, M. unter Mitwirkung von Schneuwly Purdie, M., Lathion, S. und Magali, J. (2010). Muslime in der Schweiz Identitätsprofile, Erwartungen und Einstellungen: Eine Studie der Forschungsgruppe «Islam in der Schweiz»(GRIS). Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM.
Schmid, H. & Trucco, N. (2019). SZIG-Papers 7: Bildungswege von Imamen aus der Schweiz. Freiburg: Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG).
Zur Vertiefung
Literatur
Ceylan, R. (2021). Imame in Deutschland. Freiburg, Basel und Wien: Herder.
Farquhar, M. (2017). Circuits of Faith: Migration, Education and the Wahhabi Mission. Stanford: Stanford University Press.
Goitein, S.D. (2010). «The Muslim Friday Worship». In Studies in Islamic History and Institutions, hrsg. von S.D. Goitein, 111-125. Leiden: Brill.
Hashas, M. (2018). «The European Imam: A nationalized religious authority». In Imams in Western Europe: Developments, Transformations, and Institutional Challenges, hrsg. von Hashas, M., de Ruiter. J. J. und Valdemar Vinding, N., 79-100. Amsterdam: Amsterdam University Press.
Schmid, H. (2020). «’I’m just an Imam, not Superman.’ Imams in Switzerland: Between Stakeholder Objects and Self-Interpretation». Journal of Muslims in Europe 9, 64-95.
Stöckli, L. (2020). Moschee-Neubauten: Institutionalisierung, Bedeutung und Sichtbarkeit in England und der Schweiz. Bielefeld: transcript Verlag.