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Hier ist das Hauptwerk des Schlosses: die Bibliothek. Diese Bibliothek wurde im alten Rittersaal eingerichtet, die Kistendecke trägt das Datum des 15. Jahrhunderts. Die Mauerdicke von mehr als drei Metern erinnert uns daran, dass das Schloss einst eine alte Festung gewesen ist.
Warum gab es eine solche Bibliothek in einem mittelalterlichen Schloss in einer abgelegenen ländlichen Umgebung? Die Geschichte beginnt so: eine junge Polin, Hélène Masalska, die Nichte des Erzbischofs von Vilna, erhielt ihre französische Erziehung in 1750 in Paris an der Abtei in Bois. Am 29. Juli 1779 heirate sie in Versailles Charles Antoine von Ligne, Sohn von Charles Joseph von Ligne, einer der beträchtlichsten Prinzen aus Europa. Hélène Masalska lernte im Laufe ihrer Studien Bücher zu lieben, und kaufte immer mehr davon. Prinz von Ligne reiste viel, und Hélène begleitete ihn. In Wien begegnete sie einem polnischen Prinzen, Vincent Potocky. Es war Liebe auf dem ersten Blick. Sie verliess ihren Ehemann. Sie hatte jedoch soeben eine Tochter in die Welt gebracht, Sidonie, die sie von seinen Grosseltern erziehen liess. Hélène folgte den Prinzen Potocky nach Polen, sie konnten nicht heiraten, denn sie war immer noch mit dem Prinzen von Ligne verheiratet; Vincent Potocky war ebenfalls verheiratet. Sie versuchten, ihre Ehe zu annullieren. Es waren Kriegszeiten. Am 14. September 1792 wurde der Prinz von Ligne von einer französische Kugel im Laufe der Kampagne von Argonne tödlich getroffen. Hélène wurde frei. Vincent Potocky erreichte die Annullierung seiner Ehe, nachdem er alle Familienoppositionen besiegt hatte.
Hélène von Ligne wird somit Hélène Potocka, und sie führten eine prunkvolle Existenz. Nach und nach ging der Prinz weg, und Hélène fand sich oft in Paris Mitten in ihren Bücher wieder. 1815 starb sie und im Inventar ihres Appartements fand man 20'000 Romane und 20'000 wertvolle Werke.
Vor ihrem Tod suchte sie eine Annäherung mit der Familie von Ligne und versöhnte sich mit dieser Familie und ihrer Tochter Sidonie. Es gelang ihr, Sidonie mit François zu verheiraten, den Sohn ihres Ehemannes, Vincent Potocky. Diese Kinder erbten das Familien-Vermögen. Die Bücher des Schlosses tragen fast alle die ex-libris Vermerke von François Potocky.
Genaueres weiss man nicht, aber gegen 1825 mussten die Potocky Paris ziemlich überstürzt verlassen. Sie trafen sich erneut in eines ihrer Schlösser in Polen wieder, das Schloss Brody, heute in der Ukraine, mit der ganzen Bibliothek.
Gegen 1860 - 1880 verkauft die Familie Potocky eine ihrer Bibliotheken. Hier beginnt der Auftritt des letzten Schlossherren von Oron, M.Gaiffe. M.Gaiffe interessierte sich hauptsächlich für die Jagdbücher, und wusste, dass es in der Bibliothek Potocky mehrere davon hatte. Die Bibliothek wurde verkauft, und M.Gaiffe begab sich zu Brody mit dem Prinzen von Sagan, um dort einige Bücher zu ersteigern.
Jeder kehrt heim, M.Gaiffe zu Oron und M.Sagan nach Paris zurück. Gegen 1883, das heisst 3 Jahre nach dem Verkauf, klopfte der Bahnhofsvorsteher der Station von Oron an die Tür des Schlosses und kündigte M.Gaiffe an, dass seine Bücher da wären. M.Gaiffe sagte zu ihm " danke, bitte bringen Sie sie ins Vorzimmer". Der Bahnhofsvorsteher antwortete dann "ich würde ganz gerne, aber er ist ein ganzer Waggon voll ". Es scheint, dass der Prinz von Sagan und M.Gaiffe die gesamte Bibliothek gekauft hatten, ohne dies zu wissen.
Auch die Familie Gaiffe hatte finanzielle Schwierigkeiten, und M.Gaiffe begann, die wertvollen Bücher zu verkaufen: Originalsammlungen usw.... man nimmt an, dass er 10'000 wertvolle Bücher verkauft hat.
Im Jahre 1936 hat die Bibliothek niemand interessiert. Dann im Laufe der Jahre, aufgrund der vollständigen Bestandesaufnahme, gab sie ihre Reichtümer Preis. Man entdeckte dort eine sehr grosse Menge von Romanen aus dem 18. Jahrhunderts, einmalige Romane und ausserdem sehr seltene Exemplare. Neben diesen Romanen findet man auch Wissenschaftsbücher, Erzählungen von Reisen, von Medizin, Enzyklopädien (zum Beispiel: die Enzyklopädie von Diderot), Wörterbücher usw....
Diese Bibliothek wurde komplett nach Thema und Autor klassifiziert. Sie ist offen für die Forscher, die sich hauptsächlich den Romanen des 18. Jahrhunderts widmen. Diese Bibliothek ist die wichtigste private Bibliothek der Welt im Bezug auf Romane des 18. Jahrhunderts (Artikel lesen).
Der Katalog der Bibliothek kann hier angeschaut werden