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Wir nutzen es jeden Tag mit einer grossen Selbstverständlichkeit und einige können sogar überhaupt nicht mehr ohne Leben – unser Mobiltelefon. Doch wie gefährlich sind Mobiltelefone wirklich?
Sachverhalt: Ein 57-jähriger Mann, nennen wir ihn Giuseppe Spatola, telefonierte fünfzehn Jahre lang täglich drei bis vier Stunden mit seinem Mobiltelefon und zwar aus beruflichen Gründen. Schliesslich hatte er den Eindruck, sein rechtes Ohr sei verstopft.
Anlässlich der ärztlichen Untersuchung wurde ein gutartiger Tumor festgestellt. Bei der darauffolgenden Operation, musste der Hörnerv entfernt werden, was einen Hörschaden herbeiführte.
Giuseppe Spatola klagte daraufhin gegen seinen Arbeitgeber bzw. dessen Versicherung und machte geltend, dass der Gehirntumor als Folge des häufigen beruflichen Telefonierens mit dem Mobiltelefon entstanden sei, was letztlich durch den operativen Eingriff zum Hörschaden geführt hat.
Das Gericht in Italien anerkannte am 11.4. 2017 – als weltweit erstes Gericht – den Gehirntumor als Folge des Viel-Telefonierens an und sprach dem Arbeitnehmenden Giuseppe Spatola wegen des dauerhaften Hörschadens eine monatliche Rente von der Unfallversicherung des Arbeitgebenden zu.
Rechtliches: Rechtlich gesehen ist der Fall einfach: der Arbeitgeber trägt die Gesamtverantwortung für die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz. Die entsprechenden Pflichten leiten sich aus den folgenden Grundsatzbestimmungen ab:
Art. 328 Abs. 2 OR1 «[Der Arbeitgeber] hat zum Schutz von Leben, Gesundheit und persönlicher Integrität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Massnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den Verhältnissen des Betriebes oder Haushaltes angemessen sind […]».
Art. 82 Abs. 1 UVG2 «Der Arbeitgeber ist verpflichtet, zur Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten alle Massnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den gegebenen Verhältnissen angemessen sind.»
Art. 6 Abs. 1 ArG3 «Der Arbeitgeber ist verpflichtet, zum Schutze der Gesundheit der Arbeitnehmer alle Massnahmen zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den Verhältnissen des Betriebes angemessen sind. Er hat im weiteren die erforderlichen Massnahmen zum Schutze der persönlichen Integrität der Arbeitnehmer vorzusehen.»
Aus rechtlicher Sicht bestehen somit durchaus Bestimmungen, welche Arbeitgebende in die Pflicht nehmen, ihre Arbeitnehmenden entsprechend zu schützen und aufzuklären.
Fazit: Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob hochfrequente elektromagnetische Mobilfunkstrahlen das Krebsrisiko erhöhen. Im Fokus stehen dabei bösartige Hirntumore. Mittlerweile ist nun allgemein bekannt und jetzt sogar auch von einem Gericht entschieden, dass solche Strahlungen ab einer gewissen Intensität und Dauer das Krebsrisiko erhöhen können, wie der eingangs erwähnte Fall exemplarisch aufzeigt.
Wenn also bekannt ist, dass die häufige Benutzung des Mobiltelefons als Arbeitsmittel «krank» machen kann, so hat der Arbeitgeber entsprechende (Schutz-)Massnahmen zu treffen.
Wie hat ein Arbeitgeber dabei vorzugehen, um einerseits seine Arbeitnehmenden vor der schädlichen Strahlung und andererseits sich selbst vor allfälligen Haftungsforderungen schützen zu können?
Folgende Tipps4 des Bundesamtes für Gesundheit BAG sollen helfen, wenn Sie die persönliche Strahlenbelastung von Mobiltelefonen bzw. Smartphones verkleinern möchten:
l Schränken Sie z.B. in einem Anhang zum Arbeitsvertrag bzw. einem Betriebsreglement die Nutzung der Mobiltelefone ein und weisen Sie die Arbeitnehmenden auf allfällige Gefahren bei häufigem Gebrauch des Mobiltelefons hin.
l Empfehlen Sie die Verwendung von Kopfhörern oder einer drahtlosen Freisprecheinrichtung (Head-Set) mit einem schwachen Bluetooth-Sender (Leistungsklasse 2 oder 3), um die Strahlung am Kopf zu reduzieren.
l Nutzen Sie bevorzugt moderne Mobilfunknetze wie LTE (4G) oder UMTS (3G), die strahlungsärmer als die ältere Technologie GSM arbeiten. Überprüfen Sie diesbezüglich die Einstellungen Ihres Mobiltelefons oder wenden Sie sich an Ihre Verkaufsstelle.
l Verwenden Sie im Innern von Gebäuden oder im Zug wenn möglich WLAN zum Telefonieren und zur Datenübertragung. Überprüfen Sie die Einstellungen ihres Mobiltelefons.
l Vorsicht bei Schutz- und Abschirmprodukten, welche die Strahlenbelastung reduzieren sollen. Wenn die Verbindungsqualität verschlechtert wird, ist das Mobiltelefon gezwungen, stärker zu strahlen. Lassen Sie sich hier am besten von einer Fachperson beraten, wenn Sie solche Produkte einsetzen möchten.
l Personen, die ein elektronisches medizinisches Implantat tragen, sollten einen Abstand von 30 cm zwischen dem Mobiltelefon und dem Implantat einhalten.
Im besagten Faktenblatt des BAG finden Sie noch zahlreiche weitere untersuchte gesundheitliche Auswirkungen im Zusammenhang mit Mobiltelefonen, wie z.B. Auswirkungen auf die Aktivität des Gehirns, Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, Auswirkungen auf das Wohlbefinden, Auswirkungen auf den Schlaf usw.
Rechtlich gesehen müssen Mobiltelefone in der Schweiz dem europäischen Produktestandard EN SN 50360 genügen. Der gemäss EN 50361 gemessene SAR-Wert darf den ICNIRP-Grenzwert von 2 W/kg nicht überschreiten. Bei Geräten mit mehreren Diensten (also z.B. UMTS und WLAN) muss der SAR-Wert für jede Frequenz einzeln bestimmt werden.
Wem dies nun zu technisch ist, dem sei an dieser Stelle geraten, das Mobiltelefon mit Bedacht zu nutzen und für längere Gespräche einen Kopfhörer oder das strahlungsärmere WLAN zu nutzen.
1 Bundesgesetz betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Fünfter Teil: Obligationenrecht) vom 30. März 1911 (Stand am 1. April 2017), SR 220.
2 Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 (Stand am 1. Januar 2017), SR 832.20.
3 Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel (Arbeitsgesetz, ArG) vom 13. März 1964 (Stand am 1. Dezember 2013), SR 822.11.
4 Faktenblatt «Mobiltelefon & Smartphone» vom 11.10.2016 des Bundesamtes für Gesundheit BAG.
Lic. iur. Michel Rohrer, Rechtskonsulent
der AEQUITAS AG, leitete u.a. während
mehreren Jahren eine Kontrollstelle im
Baugewerbe, welche auch Kontrollen im
Bereich der Arbeitssicherheit und des
Gesundheitsschutzes durchführte.