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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch I.
20.
Sein Schüler Aristoteles brachte die Philosophie in ein System und — schärferer Denker, der er war — nahm er als Grundlagen des Alls Substanz und Akzidens an. Die Substanz, die jedem Ding zugrunde liege, sei eine, Akzidenzien gebe es neun: Größe, Beschaffenheit, Beziehung, Ort, Zeit, Haben, Lage, Tun, Leiden. Substanz sei z. B. Gott, Mensch und alles, was unter einen und denselben Begriff fallen kann. Was die Akzidenzien anlangt, so kommt in Betracht die Beschaffenheit, z. B. weiß, schwarz; die Größe, z. B. zwei, drei Ellen lang; die Beziehung, z. B. Vater, Sohn, der Ort, z. B. in Athen, in Megara; die Zeit, z. B. in der zehnten Olympiade; das Haben, z. B. Besitzen; das Tun, z. B. Schreiben und überhaupt jede andere Tätigkeit; die Lage, z. B. auf dem Boden liegen; das Leiden, z. B. Geschlagenwerden. Auch er nimmt an, daß einige Dinge einen Mittelbegriff haben, andere nicht, wie wir es schon von Plato sagten. Er stimmt mit Plato meistens überein, die Seelenlehre ausgenommen. Plato hält die Seele für unsterblich, nach Aristoteles besteht sie eine Zeitlang nach dem Tode fort und verflüchtigt sich hiernach zum fünften Körper, den er neben den anderen vier annimmt; dieser Körper ist dünner als Feuer, Erde, Wasser und Luft, etwa wie ein Hauch. Während Plato als eigentliche, für die Glückseligkeit ausreichende Güter nur die seelischen anerkennt, spricht Aristoteles von drei Gattungen des Guten und behauptet, wer nicht auch die [S. 36] leiblichen und die äußeren Güter habe, sei kein vollkommener Weiser. Die leiblichen Güter seien Schönheit, Stärke, gesunde Sinne, gerade Glieder; die äußeren Reichtum, Adel, Ruhm, Macht, Friede, Freundschaft. Die inneren, seelischen Güter seien, wie auch Plato annahm, Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Starkmut. Auch er sagt, daß die Übel aus dem Gegensatz zum Guten entstünden. Übel gebe es nur im Raume unterhalb des Mondes, über dem Monde gebe es keine. Die Weltseele sei unsterblich und die Welt selbst ewig; die einzelne Seele aber verflüchtige sich, wie schon gesagt. Er hielt seinen philosophischen Unterricht im Lyzeum, Zeno in der bunten Halle. Von dieser Örtlichkeit erhielten Zenos Schüler ihren Namen, d. h. nach der Stoa (Halle) wurden sie Stoiker genannt; die Schüler des Aristoteles erhielten ihren Namen von ihrem Gehaben; da sie im Umhergehen1 im Lyzeum Wissenschaft trieben, wurden sie Peripatetiker genannt. Soviel von Aristoteles.
1: [peripatein] περιπατεῖν