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Erst jetzt erscheint Paul Neuraths Studie über die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald aus dem Jahr 1943. Die Lektüre ist verstörend, in mehrfacher Hinsicht.
Die Bilder des nationalsozialistischen Terrors, die man aus Fernsehsendungen, Ausstellungen und Geschichtsbüchern kennt, dokumentieren ein Geschehen, das sich der gängigen Praxis der Kommentierung, Kontextuierung und Objektivierung radikal entzieht. Die Lektüre von KZ-Romanen vermag kaum eine Reaktion hervorzurufen als die des Verstummens. Was lässt sich da noch sagen? «Nie wieder!» vielleicht. Und dies auch nur deshalb, weil dem Vergessen ständig von Neuem Einhalt zu gebieten ist – und nicht, weil damit irgendetwas begriffen wäre.
Wer das 1942/43 verfasste und bis zu diesem Herbst unveröffentlicht gebliebene Buch «Die Gesellschaft des Terrors» von Paul Martin Neurath liest, entwickelt zuerst einmal heftige Widerstände. Der im Jahre 2001 verstorbene Neurath, zwischen 1938 und 1939 Häftling in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald, hat einen Text hinterlassen, der das Erfahrene – scheinbar frei heraus – inventarisiert, klassifiziert und in Begriffe fasst. Irritiert fragt man sich: Kann das denn sein? Ein ehemaliger KZ-Häftling, der bei der Aufarbeitung des Durchlittenen zur distanzierten und objektivierenden Sprache eines Sozialwissenschaftlers findet; der schreibt, wie wenn es sich bei seiner Internierung um eine zu Forschungszwecken arrangierte teilnehmende Beobachtung gehandelt hätte?
Der 1911 geborene Neurath verbrachte seine Jugendzeit im «Roten Wien» und promovierte 1937 zum Doktor der Rechtswissenschaften. Am 1. April 1938, drei Tage nach dem «Anschluss» Österreichs ans «Dritte Reich», wurde er von der SS verhaftet und als «politischer Jude» ins Konzentrationslager Dachau deportiert, im September ins Konzentrationslager Buchenwald überführt und am 27. Mai 1939 daraus entlassen. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Schweden gelangte Neurath 1941 in die USA. An der New Yorker Columbia University liess er sich in Statistik weiterbilden und wurde Mitarbeiter im Forscherteam des bereits 1933 aus Österreich emigrierten Soziologen Paul Lazarsfeld. Trotz erheblichen Widerständen seitens der Fakultät wurde Neuraths Text, in welchem er seine vierzehnmonatige Lagererfahrung ethnografisch aufarbeitet, 1943 als soziologische Dissertation angenommen. Mit dem an der Columbia University vorherrschenden Wissenschaftsverständnis, das in methodischer Hinsicht Soziologie mit Statistik gleichsetzte, war der Text nur schwer vereinbar.
Paul Neurath schildert in seinem Buch, wie sich trotz der alles beherrschenden Grausamkeit seitens der Wachen und SS-Leute unter den Gefangenen eine stabile Sozialordnung etablieren konnte: Gruppen, Hierarchien der Wertschätzung und der Macht sowie ein Ehrenkodex entstanden: «Unter der Oberfläche wächst eine Häftlingsgemeinschaft heran und entwickelt ein Eigenleben, ein Leben, dessen Rahmenbedingungen mit den natürlichen und administrativen Bedingungen des Lagers vorgegeben sind, dessen menschlicher und sozialer Gehalt jedoch in hohem Masse von dem sozialen, politischen und religiösen Hintergrund der Männer bestimmt wird, die dieses Leben leben.»
Besonders unter den politischen Häftlingen, die eine sozialistische oder kommunistische Ideologie teilten, sowie unter den Zeugen Jehovas macht Neurath starke Tendenzen der Solidarisierung und einer vernunftgeleiteten Kooperation aus. Diese bewirkten, dass der Terror von aussen nicht durch interne Querelen weiter verstärkt wurde und dass der Einzelne sich einen Rest von «Individualität» – und sei es auch nur die des Geächteten oder des Aussenseiters – bewahren konnte. Während die KZ-Erfahrung bei Primo Levi in der Frage «Ist das ein Mensch?» kulminiert, trägt das Schlusskapitel von Neuraths Buch die vergleichsweise undrastisch (und theoretisch) anmutende Überschrift: «Warum schlagen sie nicht zurück?»
Neurath findet zu Begriffsbildungen, die bei Levi, Jorge Semprun oder Imre Kertész schlicht undenkbar wären. Dies liegt freilich nicht primär an seiner versachlichenden Perspektive. Das von den Herausgebern verfasste Nachwort ruft in Erinnerung, dass die NS-Konzentrationslager erst ab den vierziger Jahren, also nach Neuraths Internierung, zu Vernichtungslagern umfunktioniert wurden. Zu den Umständen der Nichtveröffentlichung seiner Arbeit schreibt Neurath 1946: «Verlage wollten nichts mehr drucken über Konzentrationslager ohne Gaskammern. (...) Dass unsere Leute im Schneesturm an den Bäumen gehängt sind an ihren Handgelenken und dabei nach Vater und Mutter geschrien haben, wen lockt das noch im Zeitalter der Verbrennungsöfen und des Millionen-Mordes.»
Während Neuraths Internierung gab es in Dachau und Buchenwald Institutionen, die sich nur schwer in das heute (zu Recht) vorherrschende Bild der NS-Konzentrationslager einfügen: private Zeitungsabonnemente, Büchereien mit den Werken der deutschen Klassiker, eine Kantine, in der sich die Internierten mit zugeschicktem Geld Zahnpulver, Seife, Würfelzucker, Tabak, Marmelade, Kekse, Briefmarken oder Geldbörsen kaufen konnten; geregelter Briefverkehr nach aussen, klar festgelegte Arbeitszeiten. Neuraths sachliche Inventur dieser vordergründigen Normalität provoziert bei der Lektüre hin und wieder einen «revisionistischen» Reflex: Der Leser ertappt sich dabei, wie er – wohl aus dem tief sitzenden Wunsch nach der Normalisierung alles Unbegreiflichen heraus – die Ordnung des Terrors relativistisch auf eigene Vorstellungen von Ordnung und Normalität zu beziehen versucht. Dieser Effekt ist von Neurath zweifellos nicht beabsichtigt. Eindringlich schildert er, was hinter den Fassaden institutioneller Normalität den Lageralltag durchgängig beherrschte: permanent anhaltendes Gebrüll, ständige Hetze und Schinderei, bestialische Praktiken der Unterwerfung, Misshandlungen und Torturen von unsäglicher Grausamkeit.