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Vom Abbild zum künstlerischen Ausdruck
Martina Mettner rührt an ein Tabu: Das Wort „Knipsen“ wird unter Fotografen und in der Fotoliteratur sorgsam gemieden. Entweiht es doch das Tun aller, die mit der Fotografie einen höheren Anspruch verbinden. Mettner bringt nun das Kunststück fertig, dieses Un-Wort als Schlüssel für ein vertieftes Verständnis der fotografischen Praxis zu nutzen.
„Godfather of Modern Photography“
Dazu geht sie einen Weg, der zunächst nicht besonders attraktiv anmutet. Denn sie beschreibt Leben und Werke grosser Fotografinnen und Fotografen, die einige der bis heute prägenden Bilder geschaffen haben. Aber weil Mettner unbefangen und unter dem Blickwinkel heutiger engagierter Fotografen an sie herantritt, werden sie wieder zu faszinierenden Zeitgenossen.
Da ist der mondäne Walker Evans, „Godfather of Modern Photography“, der zunächst Literatur studiert und dabei ein Jahr in Paris verbracht hat. 1928 beschloss er, Fotograf zu werden, und 1933 stellte das Museum of Modern Art (MoMA) einige seiner Bilder von viktorianischen Häusern in der Region von Boston aus. Im Auftrag der Farm Security Administration (FSA), die im Rahmen des New Deal von Präsident Roosevelt das Leben der Farmer und Landarbeiter verbessern sollte, schuf er Bilder, die bis heute als Ikonen gelten. In gleichem Atemzug muss Dorothea Lange genannt werden, die ebenfalls für die FSA arbeitete, aber ihre Bilder ganz anders gestaltete. Mettner stellt die beiden wunderbar einprägsam gegenüber.
Die Suche nach dem Essentiellen
Und sie versetzt sich in die Fotografen hinein. Sie schildert, wie sie zu ihren Bildern kamen. Und da ist es wieder, das „Knipsen“. Walker Evans „knipst“, Henry Cartier-Bresson „knipst“, Nane Goldin „knipst“. Was aber hat das zu bedeuten? Nach seinen Anfangserfolgen mit seinen streng komponierten Bildern wandte sich Evans der Street Photography zu. Er versuchte also, das Alltägliche, Zufällige einzufangen. Daraus entstand 1938 die erste Einzelausstellung, die das MoMA einem Fotografen widmete: "American Photographs". Der Katalog wurde ebenso berühmt wie später Robert Franks Buch: „The Americans“ (1959 mit einer Einführung von Jack Kerouac).
Das „Knipsen“ bei Henry Cartier-Bresson bedeutet noch etwas anderes. Denn Cartier-Bresson war ursprünglich Maler, der eine Ausbildung bei André Lhote in Paris genossen hatte. Von früh bis spät versuchte er, mit seiner Leica etwas von der Wirklichkeit abzubilden, das wie ein gutes Gemälde eine formale und inhaltliche Verdichtung, etwas Essentielles darstellt. Bei Nan Goldin wiederum geht es darum, ihr ganz alltägliches Leben mit ihren Freundinnen und Freunden, das zum Teil im Drogenmilieu stattfindet, zu dokumentieren.
Der Einfluss der Kamera
Souverän stellt Mettner Fotografinnen und Fotografen aus Vergangenheit und Gegenwart thematisch nebeneinander. Da gibt es zum Beispiel „die grossen Porträtisten“ wie Nadar, August Sander und Richard Avedon. Deren Arbeitsweise ist genau das Gengenteil des „Knipsens“. Da wird alles sorgfältig arrangiert und inszeniert, und das Fotografieren ist nur das – technisch perfekte – letzte Glied in der Kette. Die Arrangements finden ihre Fortsetzung in den sorgfältigen Bildkompositionen von Andreas Gursky.
Anregend sind die Bildanalysen, die Martina Mettner in die einzelnen Kapitel stellt. Hier bevorzugt sie Bilder zeitgenössischer Fotografen. Und sie widmet sich einem Thema, das lange Zeit übersehen wurde: der Einfluss der Kamera auf den Fotografen. Speziell in der Landschaftsfotografie werden von manchen Fotografen auch heute noch Mittel- oder Grossformatkameras bevorzugt. Diese Geräte erzwingen Langsamkeit und ein hohes Mass an Sorgfalt. Und da die Bilder auf der Mattscheibe auf dem Kopf stehen und zudem seitenverkehrt sind, verändert sich die Wahrnehmung ganz unmittelbar.
Wie der Kunstmarkt tickt
Mettner gelingt es, geradezu spielerisch Linien von der frühen Fotografie bis in die Gegenwart zu ziehen. Sie muss über einen hervorragend aufgeräumten Kopf verfügen. Im zweiten Teil des Buches geht es um die Frage, wie sich Fotografinnen und Fotografen heute positionieren können. Amüsant sind dabei ihre Beobachtungen zum Kunstmarkt. Die Agenten dieses Marktes wählen aus der Unzahl der Anbieter – Mettner macht immer wieder auf die grosse Zahl der Fotografen aufmerksam – ganz bewusst nur ganz wenige aus, die dann wieder und wieder ausgestellt werden. Sehr viel Glück gehört dazu, die richtige Ausstrahlung, das richtige fotogene Aussehen und möglichst ein ungewöhnlicher Lebenslauf.
Mettner beschreibt, wie der Kunstmarkt tickt. Bilder müssten möglichst von jungen Fotografen stammen, die eine „noch nie dagewesene Sichtweise“ zur Geltung bringen. Nur wer sich gut vermarktet und die richtigen Stichworte liefert, hat eine Chance. Mit der Vorstellung, dass der Kunstmarkt etwas mit Kunst zu tun hat oder der Erfolg etwas mit künstlerischer Qualität zu tun haben könnte, räumt Mettner gründlich auf.
Der eigenen Sicht vertrauen
Dennoch gibt es künstlerischen Ausdruck, Authentizität, eigenen Stil oder eigene Handschrift. Wie kommt es dazu? Im Grunde dadurch, dass die Fotografen es schaffen, ihre Sichtweisen den Bildern aufzuprägen. Worin diese Sichtweisen bestehen, müssen die Fotografen in zum Teil mühseliger, langjähriger Arbeit erst herausfinden. Das kann durch „Knipsen“ geschehen, indem viel fotografiert wird, aber dann eine sehr sorgfältige Analyse der Ergebnisse erfolgt. Oder es geschieht in sorgfältigen Arrangements oder Aufnahmen von Gebäuden und Landschaften.
Als Beispiel für das „Knipsen“ ohne Sichtung und damit ohne künstlerische Vernunft gilt ihr Garry Winogrand, der bei seinem Tod 1984 rund 2.500 unentwickelte Filmrollen hinterliess und 6.500 Rollen, die zwar entwickelt waren, von denen es aber nicht einmal Kontaktbögen gab. Ein anderer Knipser ist der berühmte William Eggleston, der mit seinem „demokratischen Blick“ die Gleichwertigkeit aller Motive und Perspektiven zur Geltung bringen wollte. Mettner: „Zu Egglestons Fotos kann man nichts sagen, weil es nichts zu sagen gibt.“ Aber dann bemerkt sie, man könne an Eggleston lernen, „seiner eigenen Sicht der Dinge zu vertrauen und sich nicht von Klischees leiten zu lassen.“
Fotofeinkost
Worin bestehen die Klischees? Es handele sich dabei um „Microstockfotografie: Lauter kalendertaugliche Landschaften sowie faltenfreie Menschen in Umgebungen, in denen kürzlich frisch gewischt wurde.“ Àpropos Falten: An anderer Stelle bemerkt Mettner, dass ein faltenreicher Charakterkopf, irgendwo herausgepickt mit einem Teleobjektiv, noch lange kein Porträt ist. Zu einem Porträt gehört die direkte persönliche Beziehung des Fotografen zum Porträtierten, so kurz sie vielleicht auch ist.
Es sind die Persönlichkeiten, die den Bildern die unverwechselbare Form geben. Ein Vergleich mit der Literatur liegt nahe: Reden und schreiben kann fast jeder, aber es erfordert eine besondere Begabung und beharrlicher Arbeit, um zum individuellen Ausdruck zu kommen.
Martina Mettner hat Soziologie studiert und eine Doktorarbeit zum Thema, „Die Autonomisierung der Fotografie“, verfasst. Sie berät Fotografinnen und Fotografen in Einzelgesprächen und Seminaren. Ihr Buch hat sie unter der von ihr geschaffenen Marke „Fotofeinkost“ verlegt. Mit seiner schönen Gestaltung macht das Buch dem Anspruch der Marke alle Ehre.
Dr. Martina Mettner, Fotografie mit Leidenschaft. Vom Abbilden zum künstlerischen Gestalten, Fotofeinkost Verlag, 2012
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