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Zum 25-jährigen Jubiläum wurde «Schindlers Liste» letzten Sonntag, am internationalen Holocaust-Gedenktag, in einer restaurierten Fassung im Kino Kosmos in Zürich gezeigt. Der Historiker und Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG Jonathan Kreutner, Jahrgang 1978, leitete den Film mit sehr persönlichen Erinnerungen ein.
Meine Grosseltern väterlicherseits gelangten fast auf den Tag genau vierzig Jahre vor meiner Geburt, am 29. November 1938, über den Rhein bei Diepoldsau in die Schweiz und retteten sich und meinen Vater vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Nur dank des beherzten Eingreifens eines regionalen Zollbeamten und der Anordnung von Polizeihauptmann Paul Grüninger konnten sie dem sicheren Tod entkommen. Meinen Urgrossvater mussten sie in Wien zurücklassen. Er überlebte nicht. Achtzig Jahre ist das nun her.
Meine Grosseltern mütterlicherseits hatten noch grösseres Glück. Sie überlebten den Holocaust versteckt, mit falscher Identität. Dank einer nichtjüdischen Freundin meiner Grossmutter, die von der falschen Identität wusste und sie gut kaschieren konnte, blieben sie lange unentdeckt. Die falsche Identität meines Grossvaters flog irgendwann auf, er wurde nach Auschwitz deportiert und wie durch ein Wunder während des Bahntransportes wieder ausgesondert. Er entkam der Vernichtungsmaschinerie. Nicht meine Urgrossmütter. Sie wurden im KZ ermordet. Meine Grosseltern mütterlicherseits überstanden den Holocaust, immer in der Angst, entdeckt zu werden, und wanderten 1949 nach Israel aus.
Meine Grosseltern leben heute alle nicht mehr. Geblieben sind nur noch Fotos, Geschichten und Erinnerungen.
Damals, vor 25 Jahren, als im Frühling des Jahres 1994 der Film «Schindlers Liste» in den Schweizer Kinos anlief, war das noch anders. Damals lebten meine Grosseltern noch und waren Zeitzeugen, die mir von den Schrecken des Holocaust erzählen konnten. Heute gibt es fast keine Zeitzeugen mehr.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Grosseltern als über Achtzigjährige ins Kino gingen, um sich «Schindlers Liste» anzusehen. Allen vier fiel es nicht leicht, sich den Film anzuschauen. Zu nahe war er an ihren eigenen Erlebnissen, auch wenn Jahrzehnte vergangen waren. Meine Grosseltern meinten danach schon vorwurfsvoll, der Film zeichne ein zu heiteres Bild von den Geschehnissen. Die Realität sei schrecklicher gewesen, nicht auf Leinwand zu fassen, niemandem zumutbar.
Aber die Geschichte von Oskar Schindler erinnerte sie andererseits auch an ihre eigene Geschichte, an die Menschen, die sie gerettet hatten, so wie Oskar Schindler. Dieser steht dabei stellvertretend für all die vergessenen Helden, all jene, welche Eltern und Grosseltern von ganz vielen gerettet haben. Ohne diese Helden gäbe es viele von uns heute nicht.
Damals, im Jahr 1994, zog es auch mich ins Kino. Ich schaute mir den Film mit nichtjüdischen Schulkollegen an. Ihr ernstgemeintes Interesse für dieses dunkle Kapitel der jüdischen Geschichte, das ich früher so nie verspürte und das mich aufgrund meiner Familiengeschichte selber stark betraf, berührte mich sehr.
Der Film erschien zu einem günstigen Zeitpunkt. In den 1990er Jahren, in den Zeiten des Umbruchs nach dem Ende des Kalten Krieges, wurde der Holocaust immer mehr als Symbol des Bösen schlechthin verstanden, als symbolträchtigste aller Mahnungen davor, was passieren kann, wenn man nicht aus der Geschichte lernt. Dabei hatte schon Jahrzehnte zuvor die US-amerikanische Unterhaltungsindustrie eine zentrale Rolle gespielt: Angefangen mit der Verfilmung der Anne-Frank-Tagebücher, dann vor allem mit der Serie «Holocaust» Ende der 1970er Jahre und eben schliesslich mit dem Film «Schindlers Liste» von Steven Spielberg wurde erheblich dazu beigetragen, dass der Holocaust global verstanden werden konnte.
Auch in der Schweiz klärte der Film über den Holocaust auf. Ein Thema, über das bis zu diesem Zeitpunkt leider zu wenig diskutiert wurde. Der Film hatte damals sicher auch seinen Anteil daran, dass das Thema hierzulande die nötige Aufmerksamkeit fand und man sich auch der Verantwortung der Schweiz bewusster wurde.
Doch nicht nur global, sondern auch für mich persönlich änderte sich mit dem Film «Schindlers Liste» einiges. Ich begann mich vermehrt und vertieft für das Schicksal meiner Grosseltern zu interessieren, widmete einen Aufsatz in meiner Schulzeit dem Buch «Weiter leben» der Autorin Ruth Klüger. Dabei wurde mir die Vernichtung des europäischen Judentums einmal mehr bewusst, aber auch die Mahnung, dass man diejenigen, die überlebt haben, nie vergessen darf. Wir, die Nachkommen jener, die dem Schrecken entkommen sind, bezeugen durch unser Weiterleben, dass die Vernichtung nicht vollendet werden konnte. Besagten Aufsatz schloss ich damals mit dem Satz: «Der Holocaust hat das Leben meiner Urgrosseltern beendet, das meiner Grosseltern verändert, das meiner Eltern geprägt und bei mir Fragezeichen hinterlassen.» Diese Fragen gibt es bei mir heute noch. Sie lassen mich nicht mehr los.
Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, dass ich mich im Jahr 2004 als Student darum bemühte, die Rezension schreiben zu dürfen, als der Film «Schindlers Liste» auf DVD erschien. So schrieb ich damals:
«Ein jüdisches Sprichwort lautet, ‹Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt›. Dies trifft auf den deutschen Industriellen Oskar Schindler zu, der während des Zweiten Weltkrieges über 1000 Juden vor der Vernichtung rettete. Das siebenfach ‹Oscar›-prämierte Meisterwerk von Steven Spielberg über den Holocaust schildert das Grauen des Völkermordes tiefgründig und ist dennoch eine Ode an die Menschlichkeit.»