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Reinkarnationstherapie
Joachim Finger, 1999
Spätestens seit Thorwald Detlevsen sein Buch «Das Leben nach dem Leben» schrieb, hat die sog. Rückführungstherapie oder Reinkarnationstherapie immer mehr Anhänger gefunden. Diese Therapieform geht ausgesprochen oder unausgesprochen davon aus, dass kurz gesagt die Wurzeln eines Problems, welches das gegenwärtige Leben belastet, in einem früheren Leben zu suchen sind. Und wenn der/die Ratsuchende die entsprechende traumatisierende (angst-, schockauslösende) Situation wieder erlebt, mithin die Ursache seines/ihres Problems erkennt, wird das Problem im gegenwärtigen Leben kleiner oder aufgelöst.
Unabhängig davon, ob die Reinkarnation an sich als Phänomen existiert, lassen sich im Zusammenhang mit dieser Therapieform einige weltanschauliche und methodische Voraussetzungen feststellen, die Anlass zu teilweise drängenden Fragen geben.
1. Die Reinkarnationstherapie geht im allgemeinen davon aus, dass der Mensch im Verlaufe mehrerer Leben geistig wächst, d.h. dass wir von Leben zu Leben etwas dazu lernen. Das bedeutet
a) man geht von einem evolutiven Modell der Reinkarnation aus;
b) man denkt sich einen Persönlichkeitskern, eine «Seele», welche Identität und Gelerntes von Leben zu Leben weiter transportieren kann;
c) man geht davon aus, dass die Erfahrungen eines Lebens dem geistigen Wachstum dienen, d.h. sie sind sinnvoll und zweckgerichtet.
2. Die Rückführungstherapie geht davon aus, dass der Mensch das bekommt, was gut für seine Entwicklung ist. Das heisst
a) wenn er sich auf eine Rückführung einlässt, ist er in seinem Leben wohl an einem Ort angelangt, an dem das richtig für ihn ist, er hat den Entscheid zur Therapie also im Einklang mit seinem Schicksal getroffen;
b) die Erfahrungen in der Reinkarnationstherapie dienen seinem Wachstum, er wird wie auch immer etwas daraus lernen, was notwendig ist;
c) alles, was geschieht, geschieht vom betreffenden Menschen aus, der Rückführungstherapeut ist nur Auslöser und Begleiter;
d) alle Bilder, Gefühle, Situationen die im betreffenden Menschen aufkommen, kommen aus ihm heraus und nicht etwa aus Suggestionen des Therapeuten oder aus Interaktionen zwischen Therapeut und Klient.
3. Die Reinkarnationstherapie geht davon aus, dass die auftretenden Bilder, Gefühle, Situationen mit vergangenen Leben zu tun haben. Das bedeutet
a) es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass eine Bewusstseinsreise in die Vergangenheit, über die Geburt und Zeugung zurück, überhaupt möglich ist;
b) was erlebt wird, ist historisch geschehen;
c) wenn Bilder, Gefühle, Situationen aus der Phantasie geschildert werden sollten, sind sie von historischen Erlebnissen klar unterscheidbar.
4. Die meisten Reinkarnationstherapeuten gehen davon aus, dass grundsätzlich alle problembeladenen Menschen eine Rückführung durchmachen und ihre Probleme damit lösen können.
a) Auftretende Probleme gehören zum Schicksal und zum Lernprozess. Der betreffende Klient ist selbst dafür verantwortlich.
b) Aufgrund von Punkt 2 ist eine gründliche vorherige Abklärung des Zustandes des Klienten und der Eignung dieser Therapieform für ihn nicht nötig.
c) Aufgrund von Punkt 2 ist eine gründliche Abklärung der Eignung eines Menschen für die Ausbildung zum Reinkarnationstherapeuten nicht nötig.
Wenn der Mensch geistig wächst, so ist z.B. nicht einzusehen, warum Menschen ihre Konflikte immer noch mit evolutionsgeschichtlich archaischen Methoden lösen. Sind nicht im Gegenteil in der Menschheitsgeschichte auch immer wieder Zeiten geistigen Rückschritts zu beobachten? Zumal technischer Fortschritt nicht geistigen Fortschritt bedeutet.
a) Das Wachstumsmodell ist nicht das einzige Modell des Reinkarnationsgeschehens. Insbesondere ist die im Westen verbreitete Vorstellung von Seelenwanderung/Wiedergeburt nicht mit den Vorstellungen des Hinduismus und des Buddhismus in eins zu setzen. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einem sehr eingeschränkten Horizont der Wahrnehmung des Reinkarnationsgedankens, ohne dies zu deklarieren.
b) Seriöse Therapie sollte sich Gedanken darüber machen, was denn das ist, was da in der Sitzung auftaucht. Ich kann nicht einfach voraussetzen, dass es sich um Erinnerungen aus einem vergangenen Leben handelt, wenn ich mir nicht Gedanken darüber mache, ob dies wirklich sein kann, d.h. ob es möglich ist, diese Erinnerungen von einem körperlichen Leben zum anderen zu transportieren. Gerade den weit verbreiteten hinduistischen und buddhistischen Modellen fehlt ein Vehikel, das regelmässig Persönlichkeit im westlichen Sinn von einem Leben zum anderen weiterträgt. Das Modell einer einheitlichen Seele als Personenkern ist nicht das einzige in der Welt, auch Vorstellungen von zusammengesetzten Seelen existieren. Wiederum zeigt sich, dass die Reinkarnationstherapie ihr Konzept auf einem eingeschränkten Horizont aufbaut und es nicht konsequent durchdenkt.
c) Die ausgesprochene oder unausgesprochene Annahme, letztlich diene alles dem Lernen, der Reinigung und dem Wachstum ist ethisch höchst fragwürdig. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass ein liebender Gott mir eine weitere Chance gebe, geistig zu wachsen. Aus christlicher Sicht wird damit das Kreuz überflüssig. Aus menschlicher Sicht ist es schlicht grausam, Behinderten, schwer Verunfallten, schwer Kranken, Hungernden, Gefolterten und Kriegsopfern zu sagen, ihr Leiden diene ihrem geistigen Wachstum und eventuell hätten sie es sich erst noch selbst ausgesucht oder es sei ihnen von einem wohlmeinenden Gott verordnet. «Jedem das Seine»? Mit dieser Annahme – und auf diese läuft das Wachstumsmodell der Reinkarnation konsequent durchgedacht hinaus – werden auch Bemühungen um Linderung untragbarer Zustände fragwürdig, ausser sie dienen mir selbst als gute Werke. Und sie lässt fragen, wozu denn die Reinkarnationstherapie dient – wenn Leiden, Probleme dem geistigen Wachstum dienen, warum soll man sie dann durch eine Therapie abkürzen? Sie müssten sich doch zu gegebener Zeit von selbst lösen!?
Diese Behauptungen resultieren aus der Beobachtung, dass viele Rückführungstherapeuten keine Verantwortung für das inhaltliche Geschehen in den Sitzungen übernehmen. Was immer geschieht, ist richtig. Nur der Klient produziert das Erlebte. Und was er produziert, ist das zur gegebenen Zeit Richtige. Wenn er abspringt, statt auftretende Probleme mit weiteren Rückführungssitzungen zu behandeln, ist das sein eigener Fehler.
Auf diese Art können Therapeuten die Verantwortung für sämtliche aufgrund der Therapie auftretenden Probleme von sich schieben.
Und wenn Therapeuten es kategorisch ablehnen, die hochsuggestive Situation in dieser Therapieform (Tiefenentspannung, leichte Trance) zuzugeben und zu berücksichtigen, wenn sie das situationsgegebene Machtgefälle nicht einbeziehen und thematisieren, wenn sie nicht in der Lage sind zu sehen, wie sehr gerade hier feinste und unbewusste Interaktionen sowie unausgesprochene vorgegebene Deutungsmuster und Abmachungen zwischen Therapeut und Klient eine Rolle spielen, so ist das als methodisch höchst fragwürdig, wenn nicht schon als therapeutischer Kunstfehler zu bezeichnen. Dies liegt wohl auch daran, dass diese Themen in der kurzen und sehr schmal angelegten «Ausbildung» zum Reinkarnationstherapeuten nicht berücksichtigt werden. Das reine «Handwerk» ist nämlich in wenigen Tagen zu lernen!
(Ich hoffe davon ausgehen zu können, das Reinkarnationstherapeuten mit einer klinischen oder anderen anerkannten mehrjährigen psychologischen Ausbildung diese Klippen zu vermeiden wissen und sie diese Kritik daher nicht betrifft.)
Methodisch fragwürdig ist auch die oft gehörte Behauptung, zwischen Phantasiebildern und historischen Erlebnissen klar unterscheiden zu können. Hier wird wiederum erkennbar, dass die Funktionsweise der Übertragung von Erinnerungen von einem Leben zum anderen schlicht nicht durchdacht ist. Solchen Aussagen liegt letztlich immer noch das Tonbandmodell des Gedächtnisses zugrunde, das von der neurologischen Forschung längst überholt ist. Neue Erkenntnisse über die Entstehung von «Déjà-vue»-Eindrücken und über die Art und Weise, wie unser Hirn während der Kommunikation mit anderen Menschen, aber auch beim eigenen Suchen nach Erinnerungen Gedächtnislücken schliesst (Extrapolieren, Konfabulieren), sind offensichtlich nicht berücksichtigt. Unser Gedächtnis produziert nachweislich schon in diesem Leben nicht nur objektive Wahrheit, nicht nur im historischen Sinn «richtige» Erinnerungen! Und zwar auch nicht und gerade auch nicht unter Hypnose oder in hypnoseähnlichen Zuständen.
Die Behauptung, als Therapeut zwischen Phantasie und «echter» Erinnerung unterscheiden zu können, werte ich vor diesem Hintergrund als Allmachtsphantasie. Sie zeigt, wie sehr unter solchen Vor-Urteilen der Therapeut an der Entstehung von «Geschichte» beteiligt ist, ja sie zusammen mit dem Klient erst macht. Dabei ist immer auch zusätzlich das Machtgefälle zwischen Therapeut und Klient zu berücksichtigen!
Zu den Allmachtsphantasien gehört m.E. auch der Anspruch, alle möglichen Probleme aller möglicher Menschen bearbeiten zu können – und dies erst noch ganz anders als die auf klassischer Psychologie beruhenden Therapien. Es zeigt sich in solchen Behauptungen, wie wenig selbstbeobachtend manche Reinkarnationstherapeuten ihre Sitzungen wahrnehmen. Und wie unsorgfältig sie ihre Klienten beraten.
Es kann nicht genug betont werden, dass nicht jede therapeutische Methode für jedes Problem und jeden Klienten geeignet ist.
Reinkarnationstherapie arbeitet nicht mit autonomen Klienten. Diese begeben sich durch die Tiefenentspannung in Abhängigkeit. Entgegen aller Behauptungen sind sie nicht frei, ihre Gefühle und Bilder fliessen zu lassen. Eine eingespielte Filmszene in der Sendung «Quer» von 12.2.1999 zeigt deutlich, wie selbst ein «Sterbeerlebnis» vom Therapeuten mit suggestiven Impulsen gesteuert (und nicht etwa nur begleitet) wird. Der Therapeut «weiss» von vornherein die richtige Interpretation des gerade aktuellen Erlebens, er überlässt die Interpretation nicht – nicht einmal zunächst – dem Klienten um hernach gemeinsam im Wachbewusstsein daran zu arbeiten.
Angesichts solcher Ansprüche bezüglich des eigenen Wissens und der eigenen Erkenntnisse verwundert es nicht, dass auch die Einladung zur Ausbildung recht frei gehandhabt wird. Vorkenntnisse wie z.B. ein Psychologiestudium oder eine gleichwertige Ausbildung werden nicht gefordert. Damit ähneln Reinkarnationstherapeuten für mich Tramführern, die lernen, ein Tram vorwärts zu bewegen – die aber keine Ahnung haben, was zu tun ist, wenn es Probleme mit dem Antrieb gibt, wenn die Weichen anders gestellt sind als sie erwarten und erst recht wenn das Tram entgleist.
Wenn während einer sogenannten Ausbildung von 6 (!) Tagen schon am zweiten Tag die Lehrlinge ohne direkte Aufsicht einander «rückführen» sollen (wie in einem Erfahrungsbericht im Zusammenhang mit der Sendung «Quer» vom 12.2.1999 zu hören war) und diese Lehrlinge keine Kompetenz zum therapeutischen Umgang mit den jederzeit möglichen kritischen Situationen mitbringen müssen, und wenn dann auch der «Ausbildungsleiter» sich unfähig zeigt, die Tragweite der Situation wahrzunehmen, so ist m.E. schon von Fahrlässigkeit im Umgang mit der menschlichen Psyche zu sprechen. Die Tatsache, dass glücklicherweise häufig nichts (bzw. nichts Schwerwiegendes) geschieht und dass Rückführungen durchaus auch positive Wirkungen zeitigen, ändert daran nichts. Zum Vergleich: Ein Chirurg muss nicht für seine gelungenen Operationen geradestehen, sondern für mögliche Fehlerquellen in seiner Methode und für seinen Umgang mit Fehlern und Kunstfehlern.
Jan Badewien, Reinkarnation – Treppe zum Göttlichen? Konstanz 1994
Werner Thiede, Die mit dem Tod spielen. Gütersloh 1994