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Biedermann und der Freigeist: Die Dichterin Ingeborg Bachmann (Vicky Krieps) verliebt sich in den Schriftsteller Max Frisch (Ronald Zehrfeld). (Filmcoopi)
Flucht und Fluch einer Beziehung
Das Wort hat sich inflationär im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert und wird oft ziemlich wahllos angewandt: toxisch. Für einmal trifft es dieser Begriff auf eine Beziehung zu, die sich als vergiftet erwies. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch und die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann verliebten sich, stritten und trennten sich. Die vier Jahre einer Leidenschaft (1958 – 1963), die an Gegensätzlichkeiten und unterschiedlichen Lebensauffassungen zerbrach, hat Margarethe von Trotta ins Zentrum ihrer Fallstudie gestellt: «Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste».
Sie trafen sich in Paris, fühlten sich voneinander angezogen. Die Lyrikerin Ingeborg Bachmann, dazumal 32 Jahre alt, verliebte sich in den 15 Jahre älteren Schriftsteller Max Fisch. Er ahnte, warnte wohl scherzhaft vor ihrer Beziehung, die nicht gut enden würde …
Bachmann folgte ihm nach Zürich, und bald bekam die Romanze Risse. Sie fühlte sich in der Limmatstadt eingeengt. Er zeigte sich eifersüchtig, entwickelte Besitzansprüche. Die offene Beziehung, die vor allem Ingeborg Bachmann beanspruchte und lebte, passte gar nicht in die Welt des bürgerlichen Frisch. Sie nahm sich sexuelle Freiheiten, pflegte andere Männerbekanntschaften, etwa mit Hans Magnus Enzensberger oder Paolo Chiarini. Auch als ihr Frisch nach Rom, ihrer Lieblingsstadt, folgte, wurden die Gegensätze immer deutlicher, die Diskrepanzen krasser. Einen schweren Vertrauensbuch sah sie darin, dass Frisch sie zum Objekt seiner schriftstellerischen Arbeit machte. Dann verliebte sich der Schweizer in eine andere Frau (Marianne Oellers) und trennte sich von der Geliebten aus Klagenfurt. Ingeborg Bachmann litt, suchte sich mit Medikamenten und Alkohol zu betäuben, aber das ist eine Geschichte jenseits dieses filmischen Biopics.
Margarethe von Trotta konzentrierte sich in ihrem Film auf die Liebesbeziehung Bachmann – Frisch und wie die Dichterin versucht davon Abstand zu gewinnen, um wieder zu sich zu kommen. Auf einer Wüstenreise in Marokko (gedreht wurde in Jordanien) wird sie vom jungen Autor Adolf Opel (Tobias Resch) begleitet, der sie unter anderem zu einem flotten Dreier animiert. So spielt der Film auf zwei Ebenen, der Beziehungsebene Bachmann – Frisch, in Rückblenden von Paris, Zürich, Wien und Rom aufgeschlüsselt, sowie Bachmanns Reise nach der Trennung. Die fragile, empfindliche Dichterin, erotischen Abenteuern nicht abgeneigt, erlebt ihr persönliches Waterloo, sehr überzeugend von Vicky Krieps verkörpert. Ihr Gegenpart Frisch indessen, ein spiessiges, unsympathisches Mannsbild mit Macho-Ansprüchen, wird von Ronald Zehrfeld gespielt, wenig inspirierend, ohne Ausstrahlung und hölzern. Da fragt man sich als Zuschauer, wie konnte sich eine Frau wie Ingeborg Bachmann, die ihrer Zeit in Fragen der Lebenseinstellung und Unabhängigkeit voraus war, in einen biederen Kerl wie Frisch verlieben?
Die Sympathien liegen im Film eindeutig auf Seite der Dichterin Bachmann. Vieles bleibt offen, etwa was Schaffenskrise, das Schreiben, die Geschlechterrollen betrifft. Zitate, Gedichtzeilen werden eingestreut und bleiben vage wie das Liebesverhältnis. Die Szenen wirken fade, lust- und leblos. Erwähnt sei, dass der Regisseurin Einblick in den Briefwechsel der beiden Protagonisten verweigert worden war. Der Suhrkamp Verlag veröffentlichte diese Dokumente «Wir haben es nicht gut gemacht» im November 2022, ein paar Monate vor der Kinopremiere in Berlin (Filmfestspiele). Sie waren 20 Jahre unter Verschluss. Es ist müssig, darüber zu schwadronieren, ob von Trotta bei Kenntnis dieses Briefwechsels andere Filmakzente gesetzt hätte. Man sollte sich vor Augen halten, dass dies ein Spiel- und kein Dokumentarfilm ist. Der Filmautorin steht es frei, eine eigene Interpretation zu entwickeln und zu inszenieren. «Die Reise in die Wüste» hat durchaus reizvolle Seiten, überzeugt aber nur phasenweise als Fallstudie, als Liebes- und Trennungsdrama, in dem auch die Schweizerin Luna Wedler als Frischs Geliebte Marianne Oellers einen kurzen Auftritt hat.
Deutschland/Schweiz 2023
110 Minuten
Buch und Regie: Margarethe von Trotta
Kamera: Martin Gschlacht
Besetzung: Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch, Basil Eidenbenz, Luna Wedler
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