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Herr Tenbrock, wie viele Kinder mit Rheumaerkrankungen gibt es in der Schweiz und warum sollten Kinder mit Rheuma von einem Spezialisten behandelt werden?
Wir kennen die Daten aus Deutschland sehr gut, weil wir da ein nationales Register haben. Wir gehen von etwa 20 000 Kindern in Deutschland aus, analog würde ich erwarten, dass es bei der Bevölkerungszahl in der Schweiz etwa 2 000 Kinder sind, die an rheumatischen Erkrankungen leiden.
Die Kinder sollten auf jeden Fall von einem Spezialisten behandelt werden, weil es sich um komplexe Erkrankungen handelt, die das Risiko dauerhafter Folgeschäden mit langfristigen Behinderungen haben, die man bei erfolgreicher Therapie vermeiden kann.
Wie gestaltet sich die Langzeitbetreuung von Kindern mit rheumatischen Erkrankungen?
In der Regel benötigen Kinder, bei denen eine rheumatische Erkrankung diagnostiziert wurde, eine jahrelange Betreuung. Die konkreten Untersuchungen sind am Anfang je nach Krankheitsbild oft kurzfristiger, manchmal sind auch kurze Krankenhausaufenthalte oder Interventionen notwendig. Zum Beispiel wenn man ein langwirksames Kortisonpräparat in ein Gelenk spritzt, um dort die Entzündung zu behandeln. Oft sind aber auch systemische Therapien notwendig (Tabletten oder Spritzen in 1 bis 2-wöchentlichem Abstand, die zu Hause gegeben werden können), um die Krankheit in den Griff zu bekommen. Dann müssen der Erfolg der Therapie und die Nebenwirkungen überprüft werden. Dies machen wir in der Regel in 2 bis 3-monatigen Abständen.
Können Kinder mit Rheuma geheilt werden?
Grundsätzlich ja. Man geht bei gutem Therapieerfolg davon aus, dass man seine systemische Therapie nach etwa zwölf Monaten beenden kann. Danach bleiben etwa 20 bis 30 Prozent der Kinder in Remission ohne Krankheitsaktivität, bei dem Rest kommt die Krankheit wieder und man muss erneut behandeln. Langfristig benötigen 60 bis 70 Prozent der Kinder auch im Erwachsenalter eine Therapie.
Welche neuen Therapieansätze oder Technologien haben das Potenzial, die Lebensqualität von Kindern mit Rheuma zu verbessern?
Wir gehen inzwischen davon aus, dass eine frühzeitige erfolgreiche Therapie die Chance erhöht, langfristig ohne Medikamente auszukommen. Man nennt dieses Konzept «Treat to Target». Dies bedeutet, dass man innerhalb eines Zeitraum ein Therapieziel erreichen möchte und bei Nichterreichen das Konzept wechselt. Darum profitieren Kinder mit Rheuma auf jeden Fall davon, frühzeitig von einem Kinderrheumatologen behandelt zu werden. Wir haben inzwischen ein ganzes Arsenal von Medikamenten (z.B. Antikörpertherapien – sog. Biologika, small Molecules wie JAK-Inhibitoren), welche helfen, die Erkrankungen in den Griff zu bekommen. Wichtig ist für uns als wissenschaftlich tätige Kinderrheumatologen dabei, dass Patientinnen und Patienten an Studien und Registern teilnehmen, um die Wirksamkeit auch an einer grösseren Anzahl von Betroffenen dokumentieren zu können und dabei die besten Behandlungsstrategien zu identifizieren. Dies führen wir gerade in Deutschland durch, wo ich eine multizentrische Studie an 23 Zentren leite, bei der es um die Frage des besten Therapiekonzeptes geht und es wäre prima, wenn wir das auch in der Schweiz umsetzen könnten.
Sie sind international tätig, bleibt da genügend Zeit für die Berner Patientinnen und Patienten?
Auf jeden Fall. Ich bin jede zweite Woche in Bern und habe da Sprechstunde und bin ansonsten immer erreichbar bei akuten Problemen.
Wir danken Dr. Tenbrock herzlich für die wertvolle Zeit und die Einblicke, die Sie mit uns geteilt haben. Wir wünschen Ihnen einen reibungslosen Übergang nach Bern, viel Erfolg in Ihrer neuen Umgebung und freuen uns darauf, von Ihren weiteren Errungenschaften zu hören. Alles Gute!