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Das Märchen
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen (1845)¹
Es war einmal ein kleines Mädchen, das am Silvesterabend in einer Ecke zwischen zwei Häusern kauerte, mit einem Bund Streichhölzer an seiner Schürze. Barfuss, hungrig und frierend hatte es den ganzen Tag versucht, Streichhölzer zu verkaufen. Die mit Besorgungen für den Silvesterabend beschäftigten Bürger hatten es jedoch keines Blickes gewürdigt. Ohne auch nur ein einziges Streichholz verkauft oder ein Almosen bekommen zu haben, traute sich das kleine Mädchen nicht nach Hause. Es fürchtete, von seinen Eltern bestraft zu werden, und sagte sich, dass es auch dort kalt sei.
Um sich zu wärmen, zündete es ein erstes Streichholz an und träumte von einem warmen Ofen, der jedoch verschwand, als das Streichholz erlosch. Sodann zündete es weitere Streichhölzer an und träumte erst von einem mit Gänsebraten gedeckten Tisch, dann von einem grossen, geschmückten Weihnachtsbaum und schliesslich von seiner geliebten, bereits verstorbenen Grossmutter. Es zündete alle verbleibenden Streichhölzer an, damit der Traum der Grossmutter nicht mit dem erlöschenden Schwefelholz verschwand. Das kleine Mädchen bat seine Grossmutter, es mit sich zu nehmen.
Im Häusereck sass am nächsten Morgen ein kleines Mädchen mit einem Bund abgebrannter Streichhölzer und einem Lächeln auf den Lippen: Es war tot, erfroren am letzten Tag des alten Jahres.
Misserfolg als Bedrohung
Wenn wir Misserfolge erleben, bleiben wir bei einer Aufgabe hinter unseren eigenen Ansprüchen zurück, und dies bedroht unser Verständnis davon, wer wir sind und wie wir uns damit fühlen – unser Selbst. Doch wie gehen wir mit einer solchen Bedrohung um?
Nach dem transaktionalen Stressmodell² bewerten wir nach der Erfahrung eines potenziellen Stressfaktors unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, diesen zu bewältigen. Es sind dabei verschiedene Bewältigungsstrategien möglich, um diesem zu begegnen.
- Bei der problemorientierten Bewältigung wird das Stress auslösende Problem direkt in Angriff genommen und Verhalten gezeigt, um die Situation selbst zu verändern.
- Bei der emotionsorientierten Bewältigung wird versucht, die mit dem Stressor einhergehenden Emotionen zu regulieren: zum Beispiel durch Flucht, Ablenkung, Herunterspielen der Bedeutsamkeit des Stressors oder den Ausdruck von Emotionen.
Bedrohungen des Selbst führen nicht nur zu einem geringeren Wohlbefinden und negativen Emotionen, sondern können auch die physische Gesundheit beeinträchtigen. Am schlimmsten sind dabei Bedrohungen, die wir als unkontrollierbar empfinden. Bedrohungen, die als kontrollierbar empfunden werden, können wir als Herausforderungen wahrnehmen. Diejenigen, die als unkontrollierbar wahrgenommen werden, führen auf Dauer zu Angst, Frustration, Hilflosigkeit und Depression³.
Zugespitzt ausgedrückt, zieht es das kleine Mädchen vor, in der Kälte zu sterben, als in das wahrscheinlich sicherere Zuhause zu gehen. Auch seine Eltern tragen ihren Teil dazu bei, indem sie das Mädchen bei Misserfolgen bestrafen.
Höchstwahrscheinlich erlebt das kleine Mädchen regelmässig diesen Misserfolg und empfindet seine eigene Situation als unkontrollierbar. Es kann sich Tag für Tag in die Stadt stellen und versuchen, Schwefelhölzer zu verkaufen – vielleicht hat es einmal Glück und jemand kauft ihm eines ab – doch meist wird es wohl mit leeren Händen nach Hause zurückkehren und das Gefühl haben, daran auch am nächsten Tag nichts ändern zu können.
Ihm bleibt folglich nur die emotionsorientierte Bewältigung dieser Bedrohung, um Angst und Hilflosigkeit entgegenzuwirken. Es träumt sich im Schein der Schwefelhölzer hinfort aus seiner elenden Situation, flüchtet vor der Realität. Das kleine Mädchen reagiert auf seine eigene bedrohliche Situation mit Rückzug und gibt sein Leben auf.
Und die Moral ...
In der Deutschschweiz sind wir Fehlern gegenüber nicht besonders tolerant⁴. Kein Wunder also, dass Misserfolge und Fehler hierzulande eine besonders grosse Bedrohung für den Selbstwert darstellen. In fehlerintoleranten Unternehmen gibt es weniger Innovation, es wird weniger gelernt, und es gibt mehr Blaming, Schuldzuweisungen; andere werden für eigene Fehler als schuldig hingestellt⁴.
Der ehemalige US-amerikanische Präsident Theodore Roosevelt sagte einmal: «Der einzige Mensch, der keine Fehler macht, ist der Mensch, der niemals etwas tut.» Fehler und Misserfolge lassen sich nicht vermeiden und bieten obendrein die Chance, zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
Führungskräfte sollten eine Fehlerkultur vermitteln, die zeigt: Fehler und Misserfolge passieren und das ist in Ordnung – wichtig ist, wie man damit umgeht. Misserfolge zu dramatisieren, führt zu Selbstzweifeln, Angst und letztlich vielleicht sogar zum Verschweigen eines Fehlers, der ernste und weitreichende Folgen nach sich ziehen kann. Sind Misserfolge nicht tabu, können wir diese leichter preisgegeben und auch bewältigen. Hierbei können gerade Mitarbeiter von Vorgesetzten oder Kollegen unterstützt werden.
Es war einmal ...
Quellen:
- ¹Andersen, H. C. (2010). Andersens Märchen. Köln: Anaconda. Buchfunk Hörbuchverlag GbR (2016). Hans Christian Andersen. Biografie. http://hans-christian-andersen.de/biografie/. Zugegriffen: 02. November 2016.
- ²Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal and coping. New York: Springer.
- ³Smith, E. R., & Mackie, D. M. (2007). Social psychology (3rd ed.). New York: Psychology Press.
- ⁴https://www.beobachter.ch/arbeit-bildung/fehlerkultur-wie-man-lernt-fehl...
Buchtipp
Dieter Frey (Hrsg.): Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können.