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«Poppa» Guttmann, der Urvater unserer Rehabilitation
1944 gründete Guttmann in England das weltweit erste Zentrum für Rückenmarksverletzte.
Am 9. November 1938 – der Reichskristallnacht – wies er seine Mitarbeiter an, alle aufzunehmen, die medizinische Hilfe brauchten, auch Nichtjuden. 64 suchten Zuflucht. Am folgenden Tag kam die Gestapo, die «Geheime Staatspolizei». Bis auf drei konnte er alle in seinem jüdischen Krankenhaus behalten, sie retten.
Fünf Jahre später, im Herbst 1943, erteilte die britische Regierung dem inzwischen aus Nazi-Deutschland geflohenen jüdischen Arzt den Auftrag, im Stoke Mandeville Hospital ein erstes Zentrum für rückenmarksverletzte Soldaten aufzubauen. Er sagte zu, allerdings unter der Bedingung, dass ihm niemand dreinrede. Der Neurologe und Rehabilitationsarzt Ludwig Guttmann wusste genau, was zu tun war. Ratschläge brauchte er keine.
Krieg bedeutet Rückenmarksverletzungen
Am 1. Februar 1944 eröffnete der unerschrockene Mediziner sein Zentrum, das National Spinal Injuries Centre (NSIC), mit 24 Betten und einem Patienten. Sechs Monate später waren es bereits 50, denn seit dem 6. Juni kämpften die Briten in Frankreich gegen die deutsche Wehrmacht. Im Hinblick auf die kriegsversehrten Soldaten hatte die britische Regierung das NSIC einrichten lassen.
Schätzungen zufolge starben vier von fünf rückenmarksverletzten Soldaten auf dem Schlachtfeld. Von den Überlebenden gelangten nur wenige bis ins Stoke Mandeville Hospital in Aylesbury. Das Städtchen liegt 60 km nordwestlich von London. 1969 hatte es 190 Patienten, heute 115, wobei es inzwischen weitere Zentren gibt.
Der strenge, aber gütige «Poppa»
Wer es schaffte, kam meistens in erbärmlichem Zustand zu Guttmann: Mit Druckstellen, Blasenentzündungen, Nierensteinen und Organschädigungen. Mit seiner Energie und seinem Wissen vermochte der Mediziner sie aber zu stabilisieren. Die Patienten hatten rund drei Monate zu liegen, bis die verletzten Wirbelkörper zusammengewachsen waren.
Nach der Liegezeit erklärte er ihnen forsch: «Your lazy time is over», also jetzt ist Schluss mit Faulenzen, und das Rehabilitationsprogramm begann. In den europäischen Paraplegikerzentren läuft es noch heute genauso ab, wie Guttmann es vorgezeichnet hatte. Er war streng, aber gütig. Damit erwarb er sich den Beinamen «Poppa», Väterchen. Der Poppa Guttmann Trust erinnert an ihn.
Zurück in die Gesellschaft
Seiner Vision, dass sich auch Menschen mit einer Querschnittlähmung wieder in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt einbringen sollen, lebte er unbeirrt nach. Für ihn war klar, dass die Patienten im Alltag selbständig werden und einer Aktivität nachgehen sollten.
Der Weg, denn Guttmann ihnen zur Rückkehr in die Normalität erstmals eröffnete, war der Sport: Er ertüchtigt, eröffnet jedem die Möglichkeit, sich zu verbessern, und er schweisst die Menschen auf wundersame Weise zusammen. Guttmann erkannte dies und schuf Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer, sich im sportlichen Wettkampf zu messen und zu zeigen.
Die Paralympics entstehen
Am 29. Juli 1948 begannen in London die Olympischen Sommerspiele, in Aylesbury zeitgleich die «International Stoke Mandeville Games» mit 16 Rollstuhlfahrern. Sie waren bereits so gut trainiert, dass sie sich öffentlich messen lassen konnten.
Aus diesen Spielen entstanden die Paralympics, die 1960 erstmals in Rom stattfanden. Sie sind heute untrennbar mit dem olympischen Gedanken verbunden. Hier eine kurze Geschichte der paralympischen Bewegung, an deren Anfang Guttmann stand:
Für seine Verdienste schlug ihn die Königin 1966 zum Ritter, also Sir. Guido A. Zäch, der Initiant des SPZ Nottwil, orientierte sich stark am Rehabilitationsansatz von Guttmann. Er war ihm Vorbild. Auf Zächs Vorschlag hin verlieh die Universität Basel 1976 Guttmann den Titel des Ehrendoktors.