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An diesem Donnerstag (11.12.) sind es 27 Jahre her, seit die Hauptstadt Brasília durch die UNESCO zum “Erbe der Menschheit“ erklärt wurde – das urbanistisch-architektonische Ensemble der Stadt, angelegt nach dem Pilot-Plan von Lucio Costa, wurde am 11. Dezember 1987 in die Liste “Erbe der Menschheit“ eingetragen.
Das Projekt des Städtebauers Lucio Costa hob sich von allen anderen ab durch seinen unverwechselbaren Monumentalcharakter, von dem die neue Hauptstadt geprägt wurde.
Die Ideen zur Gründung einer zentralen Stadt und der Verlegung der Hauptstadt Brasiliens, stammen bereits aus der Kolonialzeit. Im Jahr 1761 schlug der erste Minister von Portugal, der Marques de Pombal, vor, die Hauptstadt des portugiesischen Imperiums ins Inland der brasilianischen Kolonie zu verlegen. Später wurde diese Zentralisierung der Hauptstadt auch von den “Inconfidentes“ (Revolutionäre für die Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal) verteidigt.
1813 veröffentlichte der Journalist Hipólito José da Costa, Gründer der Zeitung “Correio Brasiliense“, Artikel, die eine Verlegung der Hauptstadt ins Interior befürworteten, und 1823 bezog sich José Bonifácio, der Patriarch der Unabhängigkeit, auf die zukünftige Stadt mit dem Namen Brasília. Der Diplomat Francisco Adolfo de Varnhagen machte ebenfalls einen analogen Vorschlag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Mission Cruls
Die erste Institutionalisierung der Idee kam mit der Republikanischen Verfassung von 1891, die sich auf ein Gebiet im Zentralplateau bezog, das “demarkiert werden sollte, um dort die zukünftige Regierungshauptstadt zu konstruieren“.
Diese Demarkation nahm ihren Anfang im Jahr 1892, mit der “Comissão Exploradora do Planalto Central do Brasil”, die als “Missão Cruls“ bekannt wurde – geleitet von dem Astronom Luís Cruls, damals Direktor des Astronomischen Observatoriums von Rio de Janeiro.
Indessen wurde die Verlegung der Hauptstadt Brasiliens erst wieder nach Ende des “Estado Novo“, im Jahr 1945, diskutiert. Mit der Ratifizierung der Ergebnisse aus der Cruls-Mission, legte die “Kommission zur Lokalisierung der neuen Hauptstadt“ – geschaffen von der Regierung des Präsidenten Dutra (1946-1951) – das Territorium des Regierungsdistrikts fest.
Während der Regierung von Getúlio Vargas (1951-1954) prüfte die Kommission die verschiedenen Alternativen für ein urbanes Fundament auf diesem Terrain, entschied sich für den definitiven Sitz der Stadt und schlug vor, sie “Vera-Cruz“ zu taufen – nach dem ersten Namen des Landes.
Der daraufhin präsentierte Bericht enthielt einen Plan von José de Oliveira Reis, Raul Pena Firme und Roberto Lacombe, Professoren für Städtebau an der Universität von Rio de Janeiro. 1950 wurde dann eine Fläche von zirka 5.800 Quadratkilometern, mittels Luftaufnahmen demarkiert, die der Grösse des heutigen Regierungsdistrikt entsprach.
Der Idealisator
Nachdem er zum Präsidenten gewählt worden war, legte Juscelino Kubitscheck de Oliveira den Bau der Hauptstadt Brasília als oberste Prämisse in seinem Arbeitsplan fest. 1956 wurde die “Companhia Urbanizadora da Nova Capital” (Novacap) (Kompanie zur Urbanisierung der neuen Hauptstadt) gegründet, und eine Bekanntmachung des “Concurso do Plano Piloto“ herausgegeben, welche bereits die Umrisse des künstlichen “Paranoá-Sees“ und die Anlage des zukünftigen Flughafens, sowie den “Palácio da Alvorada, als Residenz des Präsidenten, festlegte.
Oscar Niemeyer wurde zum Direktor der Abteilung Architektur und Urbanismus der Novacap ernannt, und der Ingenieur Israel Pinheiro wurde als Chef der Bauarbeiter eingesetzt.
Der Architekt und Städtebauer Lucio Costa, der die Errichtung der Stadt als “einen überlegten Akt der Inbesitznahme, eine Geste im Rahmen kolonialer Tradition“ bezeichnete, wurde Sieger des Wettbewerbs um das urbanistische Konzept. Damit war der erste Schritt für die Verwirklichung der “Hauptstadt der Hoffnung“ getan – ein Beiname, der ihr vom damaligen französischen Kulturminister André Malraux verliehen wurde.
Der Vorschlag von Lucio Costa – er war der einzige, der berücksichtigt hatte, dass diese Stadt in nur drei Jahren funktionsfähig sein sollte – präsentierte in sachlicher Form Positionen, Dimensionen und die allgemeinen Formen der Gebäude, welche dort, wo bis dato nichts gewesen war, relativ schnell errichtet werden konnten.
Nach der genaueren Kennzeichnung der Gebäude, ihren Proportionen und Relationen, erlaubte Costas Vorschlag der Novacap eine sofortige Übernahme und Einleitung der Implantierung – ohne die geringste Veränderung am projektierten Grundriss der Stadt.
Nach Meinung ihres Schöpfers sollte Brasília nicht nur “urbs“ sein – also in der Lage, die vitalen Funktionen irgendeiner modernen Stadt erfüllen können, sondern auch “civitas“ – das heisst: die unverzichtbaren Atribute einer Hauptstadt besitzen. In dieser Bedingung, gleichzeitig “urbs und civitas“ zu repräsentieren, sind einige der prinzipiellen und einzigartigen Charakteristika Brasilias enthalten, die von der internationalen Juri des Wettbewerbs anerkannt wurden.
Das Projekt von Lucio Costa wurde ausgewählt wegen seiner Simplizität und Klarheit, und weil es “den Geist des 20. Jahrhunderts präsentierte: neu, frei, offen und diszipliniert zu sein, ohne Strenge“!
Ausser den Wohn-, Arbeits- und Freizeitbereichen – Funktionen, die von der “Carta von Athen (1933) festgelegt und in den Arbeiten der anderen Konkurrenten präsent waren – stach das Projekt von Lucio Costa hervor durch seine unverwechselbare Prägung eines monumentalen Charakters, nach dem die neue Hauptstadt Brasiliens verlangte. Mit seiner Horizontalität und lediglich einem durch höhere Gebäude geprägten Zentrum, passte sich sein Brasília perfekt der weichen Topografie des Zentralplateaus und dem weiten blauen Himmel an – den Lucio Costa als sein Meer bezeichnete.
Aus dem Epos ihrer ungewöhnlichen Konstruktion, die Brasilianer aus allen Winkeln des Landes zu sich rief, erhob sich die Stadt, die heute, im Alter von 54 Jahren, ganz unterschiedliche Momente menschlichen Zusammenlebens erfahren hat.
Obgleich sie den Prinzipien der “Carta von Athen“ (1933) entspricht, welche auf dem IV. Internationalen Kongress für Moderne Architektur (ICMA) festgelegt wurden, hat sie sich damit nicht abgefunden. Ausser den von Lucio Costa im Plano Piloto vorgegebenen Einflüssen, haben auch solche aus der “Cidade Linear“, von Arturo Soria y Mata und aus der “Cidade Jardim”, von Ebenezer Howard, als Komponenten der “urbanistischen Synthese“, die Konfiguration dieser Stadt deutlich beeinflusst.
Bereiche, die den Charakter der Stadt prägen
Das urbane Konzept mit den vier verschiedenen Bereichen – dem monumentalen, dem residenziellen, dem sozialen und dem rustikalen Bereich – verleihen Brasília einen Charakter “sui generis“ und machen die Stadt zu einer der grössten kulturellen Schöpfungen des 20. Jahrhunderts.
Der monumentale Bereich – er erstreckt sich entlang des “Eixo Monumental“, und dort konzentrieren sich die bedeutendsten administrativen und lokalen Aktivitäten – hier demonstriert Brasília seinen Hauptstadtcharakter. Auf dieser Achse, von der die Stadt von der Quelle bis zur Mündung durchquert wird, erheben sich die beiden Hauptkomponenten des architektonischen und des urbanen Symbolismus Brasilias als “Civitas“: die “Esplanada dos Ministérios“ (Esplanade der Ministerien) und die “Praça dos Três Poderes“ (Platz der drei Gewalten).
Der residenzielle Bereich – sein Rückgrat ist der “Eixo Rodoviário“, entlang seines Verlaufs befinden sich die “Unidades de Vizinhança“ (Einheiten der Nachbarschaft), die in ihrer Gruppierung und Sequenz eine neue Art zu wohnen begründet haben.
Der soziale Bereich – er befindet sich an der Kreuzung der beiden Achsen, man betrachtet ihn auch als Stadtzentrum – hier befinden sich die Sektoren der Banken, der Hotels, des Kommerzes und der Unterhaltung.
Der rustikale Bereich – er durchquert die anderen drei und wird dann deutlicher am Ufer des Paranoá-Sees, wo er freie, begrünte Flächen mit blühenden Bäumen präsentiert und Brasilia den Charakter einer Stadt im Park verleiht. Die grossen offenen Flächen, mit einem fast immer blau leuchtendem Himmel, verstärken die Kontraste zwischen den konstruierten modernen Gebäuden, der Kultur und dem umgebenden, naturgeschaffenen “Cerrado“.
Örtlichkeiten
Der “Praça dos Três Poderes” (Platz der Drei Gewalten) in Form eines gleichseitigen Dreiecks, präsentiert an jedem seiner Scheitelpunkte, die fundamentalen Gewalten der Republik: den “Palácio do Planalto, Sitz der Exekutive – das “Supremo Tribunal Federal“, Sitz de Obersten Gerichtshofes – und der “Congresso Nacional“, Sitz der Legislative. Alle Gebäude sind Werke des Architekten Oscar Niemeyer.
Niemeyer ist auch der Autor anderer Bauten in der “Esplanade der Ministerien“, darunter der “Itamaraty-Palast“, die Kathedrale, das National-Theater und das Nationalmuseum der Republik. Weitere architektonische Werke besonderer Prägung sind die beiden einzigen Gebäude, die von Lucio Costa in Brasília erschaffen wurden: der Fernsehturm und die Rodoviária-Plattform, die sich an der Kreuzung der beiden Hauptachsen befindet und den von der Bevölkerung meist frequentierten Mittelpunkt der Stadt darstellt.
Zwischen den “Unidades de Vizinhança“ (Einheiten der Nachbarschaft), mit ihren vier “Superquadras“ (Superblöcken), eingerahmt von Grünanlagen mit einem dichten Baumbestand, gibt es eine “Via local“ (lokale Einkaufsstrasse) an der Geschäfte aller Genres und Dienstleistungsunternehmen für die Bewohner eingerichtet sind.
Jede “Superquadra“ besteht aus elf Appartement-Gebäuden auf Säulen, mit einer Kapazität zwischen drei bis sechs Stockwerken. Die “Unidades de Vizinhança“ werden von Arealen für Schulen, Clubs, Bibliotheken, Kirchen und andere urbane Inhalte ergänzt.
Wie Lucio Costa in seinem Bericht des “Plano Piloto“ erklärt, hat er die technischen Prinzipien der freien Strassen mit der urbanistischen Technik verknüpft, indem er die traditionellen Strassen und Ecken durch Pisten oder Achsen ersetzt hat, an denen es keine Kreuzungen mehr gibt – sie werden durch Unter- oder Überführungen ersetzt. Ausserdem trennt sein Verkehrssystem die Zirkulation der Fussgänger vom Autoverkehr.
Komplimentäre Integration
Die Integration von Urbanismus, Architektur und der Kunst ist eine besondere Charakteristik der Stadt Brasília. Zum “Meteor“ des Künstlers Bruno Giorgi, der den Wasserspiegel des “Palácio Itamaraty“ markiert, gesellen sich die “Evangelisten“ von Alfredo Ceschiatti, die vor dem Eingang zur “Catedral Metropolitana“ stehen, und die “Sólidos geomêtricos“ von Athos Bulcão, auf den Giebeln des “Teatro Nacional“.
Werke von Marianne Perretti, Alfredo Volpi, Cândido Portinari, Emanuel Araújo, Franz Weissman, Manabu Mabe, Maria Martins, Mary Vieira, Pedro Américo, Rubem Valentim, Sérgio Camargo, Victor Brecheret und andere schmücken Gebäude in Brasília und bestätigen die Modernität dieser Stadt.
Diese Integration verbindet sich mit der Absicht von Lucio Costa, dem Schöpfer der Hauptstadt. Für ihn sollte die Architektur “höhere Ausdrucksformen erreichen, und dazu auf die Mitwirkung von Malerei und Skulptur zählen können“.
Nicht zu vergessen die Mitarbeit des Ingenieurs Joaquim Cardozo, dem Autor der strukturellen Berechnungen aller bedeutenden Gebäude, die von Oscar Niemeyer geschaffen wurden, und Roberto Burle Marx, der verantwortlich war für die Landschaftsgestaltung diverser Gebäude und öffentlicher Anlagen der Stadt.
Die Registrierung des “Plano Piloto“ von Brasília in der Liste “Erbe der Menschheit“, ist vor allem seiner Einzigartigkeit, der Erhaltung seiner Gründungsprinzipien und dem universalen Charakter seiner Konzeption zu verdanken.