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Nicht nur in Intellektuellenkreisen herrscht die Meinung vor, Fussballprofis und Bücher passten schlecht zusammen. Wer einen Fussballer nach seiner Lieblingslektüre fragt, trifft oft auf alle möglichen Ausflüchte. Lesen sei zu zeitaufwendig, sagen manche, andere geben an, sie würden höchstens die Spielanleitung der Playstation lesen, und wieder andere erklären, sie hätten auch schon ein Buch in der Hand gehabt, aber das sei ziemlich lange her.
Die Zurückhaltung vieler Profikicker dem geschriebenen Wort gegenüber ist an sich kein Problem. Im Stadion ist uns Fans die Ballbehandlung der einzelnen Spieler wichtiger als ihre Lesegewohnheiten. Dennoch führt das gespannte Verhältnis der meisten Fussballer zur Literatur dazu, dass die wenigen bekennenden Leser aus dem Fussballmilieu als Exoten gelten. Paul Breitner, Mitglied der Weltmeistermannschaft von 1974, wurde jahrzehntelang als Linksintellektueller betrachtet, nur weil er sich einmal unter einem Mao-Poster hatte ablichten lassen. Der argentinische Nationalspieler Juan Pablo Sorín machte weltweit Schlagzeilen, als er zu einem Zusammenzug seiner Nationalmannschaft mit dem öffentlichen Verkehr anreiste, weil er unbedingt ein Buch zu Ende lesen wollte. Seinem Landsmann Jorge Valdano, Weltmeister 1986, trugen schon ein paar gescheite Zeitungsartikel den Ehrennamen «el filósofo» ein.
Neben den erwähnten grossen Namen gibt es freilich einen relativ unbekannten Fussballtrainer, der nicht bloss leidenschaftlich gern liest, sondern dicke Romane verfasst. Pepe Mel kam 1963 in Madrid zur Welt. Von 1984 bis 1998 war er Profifussballer in Spanien und Frankreich. Mel war ein bulliger Stürmer mit Zug aufs Tor. Beim Traditionsklub Betis Sevilla erzielte er in 112 Spielen 50 Treffer, und in der Saison 1989/90 wurde er Torschützenkönig der zweitobersten Spielklasse Spaniens. 2001 startete er in Tenerifa seine Trainerlaufbahn, die ihn über verschiedene Stationen zu seinem Herzensklub Betis zurückführte.
Dort steht er nun seit 2010 an der Seitenlinie. In den letzten Jahren hat er sein Team in die spanische Primera División und in die Euro League geführt.
In Spanien ist Pepe Mel vor allem für seine kurzweiligen Interviews, sein temperamentvolles Auftreten und seine verbale Angriffslust bekannt. Gerade erst letzte Woche überraschte er die versammelten SportjournalistInnen, als er an einer Pressekonferenz zu einem wichtigen Spiel mit einem flammenden Appell zur Rettung der spanischen Traditionszeitung «El Correo» aufrief. Weniger bekannt ist der Umstand, dass Mel dieses Jahr seinen zweiten Roman («El camino al más allá» / Der Weg ins Jenseits) veröffentlicht hat. Es handelt sich bei diesem Buch, wie schon bei seinem Erstling von 2011 («El mentiroso» / Der Lügner) um einen Abenteuerroman mit historischem Hintergrund im Stil von Dan Brown. Beide Romane sind sprachlich einwandfrei und solide konstruiert.
Das ist keine Selbstverständlichkeit bei einem nebenberuflichen Autor, der einen Hauptberuf ausübt, der ihn psychisch und physisch voll auslastet. So war es kaum verwunderlich, dass der Trainer bei der Präsentation seines zweiten Romans gefragt wurde, wie sich das Verfassen solch aufwendiger Bücher mit seiner verantwortungsvollen Aufgabe im Fussball verbinden lasse. Er schreibe die Bücher in seiner knappen Freizeit, beschied Pepe Mel. «Andere sammeln Briefmarken oder gehen joggen. Ich verfasse Romane.»
Zurzeit läuft es seiner Mannschaft in der spanischen Meisterschaft nicht besonders gut. Betis Sevilla ist Tabellenletzter. Die sportliche Krise ist nun Wasser auf die Mühlen derer, die immer schon zu wissen glaubten, dass Fussball und Literatur sich schlecht vertragen. Noch bleibt dem schreibenden Fussballtrainer mehr als eine halbe Saison Zeit, um das Gegenteil zu beweisen.
Pedro Lenz (48) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er mag Bücher, Fussball und Bücher über Fussball. Ob er auch Bücher von Fussballtrainern mag, muss er noch herausfinden.