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Im Sommer spriessen die Baustellen aus der Erde, wie die Blüten an den Zweigen im Frühling. Einige fallen auf, andere weniger. Einige machen Lärm, andere weniger. Vor allem aber tun sie eins: Sie locken zu beobachten. Autorin Regina Dürig hielt inne beim Attisholz-Areal in Riedholz.
Riedholz — Die Aare, an der das Attisholz-Areal liegt, ist in grösserer Bewegung als die Kräne, Fahrzeuge, das Erdreich. Die zwei Bauarbeiter stehen in der Sonne, die Sonne steht auch, ich sitze. Wie viele Bauarbeiterinnen es wohl gibt in der Schweiz oder in Deutschland, gibt es das überhaupt? Ich kenne nur eine Frau, die für ein Bauunternehmen Lastwagen fährt, und genau genommen kenne ich nicht mal sie selbst, sondern ihre Mutter. Wahrscheinlich sind es die physischen Voraussetzungen, die zur Geschlechterdifferenz führen.
Die Bauarbeiter tragen kurze Hosen, der eine ein orangefarbenes Oberteil, der andere ein blaues. Die Helme sind weiss, die Haut nicht. Unter dem Kran, der reglos die Stromleitungen überragt, finden Gesten statt, wird nun eine Platte weggetragen, empört sich eine Ente. So, wie ich die angemessen präzisen Worte für das Baugerät nicht kenne (hydraulischer Kran? Teleskopkran? Schwerlastenkran?), nenne ich auch die Ente nicht beim richtigen Namen ihrer Art (Blesshuhn? Haubentaucher?), weil ich sie erstens nicht sehen kann und zweitens selbst dann die richtige Bezeichnung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wüsste. Ich denke, um mein Unwissen zu kumulieren, der Name der Ente könnte Kran sein, und komme mir originell vor.
Die beiden Männer hantieren mit Brettern, sind von der Erdaufschüttung am Ufer verborgen. Weiter hinten schlängelt sich eine Strasse aus meinem Blickfeld, darauf Gefährte mit orangefarbenen Signalleuchten, langanhaltendes Sägen ist zu hören. Dann denke ich: Kran, Kranich – diese Namensidee für einen Wasservogel ist wohl doch nicht von mir, ist wie alles schon einmal gedacht worden, in schwarz-weisser Vorzeit, lange bevor hier Häuser standen oder Cellulosefabriken gebaut, genutzt und wieder abgerissen wurden. Auf der Strasse zwei Männer, die herumzustehen scheinen, jetzt ist der eine Mann weg und ich habe nicht gesehen, wohin. Auf der Aare fährt ein rauchender Mann sehr langsam auf einem Boot vorbei und schaut unablässig auf die Baustelle, auf der ein Zollstock ausgeklappt und ein langes Brett vermessen wird, im Anschluss: Sägegeräusch, fallendes Holz, das nicht mehr ganz so lange Brett wird nach unten, zum zweiten Mann gebracht. Was gebaut wird, ist noch immer hinter dem Erdberg verborgen (haben Berge immer etwas zu verbergen?), Hammerschläge, satt und regelmässig, zweimal fünf, danach ungefähr zwölf.
Auf der anderen Seite vom Areal fortschreitender Rückbau, stockwerkhoher Schutt, Prasseln des Materials, es erscheint ein beladener Lastwagen, weiss, der sich mit den Überresten entfernt. Auch hier werden Bretter getragen, die Helme sind orange, die Bretter werden den Schutt hinaufgebracht. Ein Blauhelm. Plötzlich Ruhe, ein Ruf und Hammerschläge, dann nur Grillen und Vögel, der Frühsommer im Allgemeinen, dann wieder Hammerschläge. Ein Mann kommt auf mich zu, ohne Helm, ohne Orange, dafür am Telefon und mit Handschuhen in der Hand. Jetzt sitzt er auf einem Korbstuhl, zieht sich das T-Shirt aus, mit Zigarette im Mund, holt aus einer schwarzen Tasche einen Laptop, gleiche Marke wie meiner, Bildschirm scheint auch wie meiner verstaubt zu sein, er wischt mit seinem T-Shirt drüber, jetzt noch einmal, Blütenstaub oder Baustaub oder vielleicht ist beides ein und dasselbe: Mikroskopisch kleiner Reibungsverlust zwischen dem Istzustand und anberaumtem Wachstum.
Vorne jetzt ein Kran, der einen Stapel Bretter auf den Schutthaufen hebt, geräuschlos, langsam das Schwanken ausgleichend. Vielleicht sind’s auch keine Bretter, jedenfalls gelb. Vor meiner zweiten Wohnung in Biel war lange eine Baustelle: eine dieser seltsamen neuen Überbauungen, in denen nach der Fertigstellung im Parterre eine Apotheke und ein Optiker drin sind und nach wenigen Wochen nur noch halbdunkler Unmut. Jedenfalls konnte ich aus meinem Wohnzimmerfenster im vierten Stock alle Vorgänge genau beobachten, viel besser als die Passanten, zumeist Männer, die durch den Bauzaun lugten, und da habe ich mich zum ersten Mal gefragt – der weisse Laster kehrt leer wieder zurück, «rocks & rolls» steht drauf, ich nehme nicht an, dass tatsächlich Brötchen gemeint sind – was ein Kranführer eigentlich macht, wenn er auf die Toilette muss, weil er wirklich stundenlang da oben in seinem Kranhäuschen sass, ungefähr auf meiner Höhe. Ob man isotonische Getränke zu sich nimmt, wie ein Segelfliegerpilot, oder ob man einfach gar nichts trinkt oder irgendwo reinpinkelt, in die Getränkeflasche vielleicht, ob man Zeit hat, etwas zu lesen, wenn gerade nichts gekrant werden muss, und wenn ja: was?
Kaum ist der Laster wieder nach hinten gefahren, geht der Bagger los und das Prasseln; obwohl der Rhythmus offensichtlich ist, freue ich mich, ihn zu erkennen. Der Mann in der Sonne hat noch immer seine Zigarette im Mund, die noch immer nicht brennt. Ich kann nicht sehen, ob er Pläne anschaut oder Berechnungen durchführt oder irgendwas postet oder jemandem schreibt. Hammerschläge, aber ich weiss nicht, wo. Vielleicht müsste ich näher rangehen, um alles besser zu erkennen, aber dann käme ich mir noch seltsamer vor als ohnehin schon, weil ich hier in bequemer Kleidung sitze und tippe, während es augenscheinlich jede Menge Arbeit zu erledigen gibt.
Gegenüber von dem Haus in Austin, Texas, in dem ich letztes Jahr eine Weile gelebt habe, wurde ein schicker Bungalow errichtet. Es war selten unter dreissig Grad, so ein Klima erfordert keinen Stein, keinen Verteidigungswillen im Material generell, nur einen Grund, eine Vorstellung und ein bisschen Holz. Ich übertreibe nicht, es sah so aus, als habe über den Bauplänen gestanden: Alles, was du für dieses Haus brauchst, ist Lineal, Schere und ein bisschen Geduld! Die Konstruktion wirkte derart leicht, dass das Konzept Wohneigentum all seine Folgenschwere verlor und ich mich, sobald ein neues Zimmer zu erkennen war, hypothekfreudig hineindachte, barfuss auf dem Laminatboden, in den Händen ein überdimensioniertes Heissgetränk. Da kommt wieder ein voller Lastwagen, ich glaube, es ist nicht der gleiche, doch, «rocks & rolls», das Baggergeräusch geht weiter.
Als meine Eltern das Haus haben bauen lassen, in dem ich aufgewachsen bin, waren rundherum Felder und Wiesen, jedenfalls keine Einfamiliendomizile, Steingärten, Doppelcarports. Die kamen erst einige Zeit später, ich weiss noch, dass ich ein bisschen in den einen Maurer verliebt war, der das Haus gegenüber gebaut hat – jetzt hält ein Auto neben mir, es hupt, was dem Laptopmann in der Sonne zu gelten scheint. Der Bagger ist wieder still, im Auto ist ein Kindersitz. Der Fahrer geht mit einer Plastiktüte zum Laptopmann und öffnet den Deckel der Take-away-Box: Es wird gegessen, aber nicht geteilt. Der Bagger ist wieder verstummt, Grillen, Hammerschläge. Links neben dem Schutt wird eine Wand aus Schaltafeln gebaut – der Maurer hatte ein Tattoo, das ich – der Lastwagen kommt leer wieder zurück – gut erkennen konnte, wenn ich auf der Arbeitsplatte in der Küche sass und aus dem Fenster schaute. Ich meine, nicht das Motiv, sondern das Blau. Ich sehe noch heute seine Arme, seine Hand am Senkblei, das Grau des Mörtels, das Grau der zweiten Haut aus Staub. Er hat auch geraucht, im Mundwinkel, aber an alles andere kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. – Der Laptopmann hat nun auch eine Gabel in der Hand, sie spiegelt in der Sonne, er isst nicht damit, sondern gestikuliert, bespricht das provisorische Geländer, wie es scheint, die Treppe, den Strom.
Zum ersten Mal kommt die Baggerschaufel in mein Blickfeld, sie entleert sich unmissverständlich und zur Seite gewandt, schon drei Schaufeln, jetzt die vierte, ich schreibe langsamer als ein Bagger baggert, die fünfte, ich hätte gedacht, mein Kopf sei weniger träge, die sechste, sei im Vorteil, weil aus, die siebte, Zellmaterial und nicht aus Metall, aber offenbar ist die Langsamkeit des, die achte, Metalls ein Irrtum meinerseits, der hiermit widerlegt worden ist. Die neunte, jetzt streicht die Schaufel den eingefüllten Schutt glatt und schon fährt der Lastwagen wieder. Die Baggerschaufel kratzt über den Teer, vielleicht um danebengefallene Steine zusammenzuraffen, jetzt ist sie wieder verschwunden. Viele Hammerschläge an der Seitenwand des Schutthaufens, wieder kommt ein Auto aufs Gelände, ein jämmerlicher Camper, versehentlich habe ich Augenkontakt mit dem Fahrer hergestellt, der sieht nicht aus wie einer, der baut, hat Hemd an und Brille, die beiden in der Sonne (der mit dem Essen hat jetzt auch sein Hemd ausgezogen) begrüssen ihn mit Worten und Händen. Er zieht sich einen Stuhl ran, Hand am obersten Hemdknopf, macht ihn aber nicht auf. Jetzt ist zwölf Uhr, Mittagspause, doch, er knöpft es auf, trägt aber ein T-Shirt drunter.
Bleiben wir bei Klischees: Sara, eine Freundin, hat eine Weile lang im Baumarkt gearbeitet (ich war sehr oft in diesem Baumarkt in jener Zeit, denn niemand konnte so gut wie Sara nicht nur ernst bleiben, sondern passende Produkte empfehlen bei Fragen wie: Ich möchte mein Disco-Zimmer im Estrich mit Rettungsdecken tapezieren, welcher Kleber ist dafür am besten geeignet? In der Decke meines neuen Wohnzimmers sind so grosse Risse, dass es nichts gibt, an dem der Gips zum Zuspachteln halten könnte, was tun?) und die beste Geschichte, die sie mir über diesen Job erzählt hat, ist diese: Der Kollege aus der Gartenabteilung hatte mitbekommen, dass Sara mit einer Frau zusammen ist. So einfühlsam, wie es eben ging, fragte er sie dann eines Tages, wie das sei, als Frau mit einer Frau. Und Sara sagte: Gut. Und der Kollege nickte verständnisvoll und sagte, dass er sich das trotzdem ein bisschen anstrengend vorstelle, weil man als lesbisches Paar ja die ganze Zeit auf Schaumparties gehen müsse miteinander.
Von dort, wo bis eben noch der Bagger zu hören war, kommen jetzt zwei weitere Männer, die sich in Überschriften zu unterhalten scheinen, in meine Richtung gelaufen. Wenn alle Arbeiter hier zu Mittag essen, werden sich die Verhältnisse in Kürze umgekehrt haben. Von den Korbstühlen aus werden die Männer beobachten, wie ich dasitze und die Tastatur bediene, wie ich Zeile für Zeile Material heraufhole, Satzschutt abtransportiere und Werkzeuge verwende, deren Bezeichnungen ihnen möglicherweise entfallen sind: Alliterationen, Ellipsen, Futur II. Sie werden in losen Grüppchen in der Sonne sitzen und wissen, dass nicht nur die vollendete Zukunft des Areals in ihren Händen liegt, sondern auch das unweigerliche Schwinden der stillgelegten Vorvergangenheit: Adieu Zellen, adieu Zucker, adieu Zeit.
TIPPS
Am Boulevard
Auf dem Attisholz-Areal sind nicht nur Bauarbeiter an der Arbeit, auch Künstler und Barbetreiber von La Chiquita. Sie sprayen an Wände, mixen kühle Getränke oder servieren feine Tapas. So finden Baustellen-Beobachter gleich auf dem Areal ein Plätzchen, um den Sommer zu geniessen und eine Pause zwischen den Beobachtungen einzulegen.
An der Aare
Die alte Badi an der Aare in Solothurn hat schon hundert Jahre auf dem Buckel, anmerken tut man ihr das aber nicht. Die Kabinenhäuschen mit ihren türkisfarbenen Türen, die das 25 Meter lange Bassin umrahmen, erstrahlen frisch, als wären sie erst gerade gestrichen worden. Und wer lieber in natürlichen Gewässern seine Runden zieht, springt vom Steg in die aktuell 16° Celsius kalte Aare.
Am Meer
Die Hafebar Solothurn entstand aus der Idee «Solothurn liegt am Meer», dem Buch von Franco Supino. So wurde ein gemütlicher Ort gestaltet, wo in warmen Sommernächten in ungezwungener Atmosphäre getrunken, gesessen, geplaudert und gelauscht wird. Denn fast jeden Abend nimmt eine Band die Hafebar ein und sorgt erst recht für Ferienstimmung.
Geniessen: Nur bei schönem Wetter geöffnet, Mo – Fr ab 14 h, Sa & So ab 11 h bis spät. hafebar.ch
Im Schlaraffenland
Das kleinste Restaurant von Solothurn heisst Mediterrane Leckereien. Auf 32 Quadratmetern bekocht Sonja Guzzanti ihre Gäste, die an einem der sechs Tischchen Platz nehmen, mit viel Liebe und Leidenschaft. Wer sich für einen Abend hier entscheidet, dem wird es bestimmt nicht langweilig, denn auf solch kleinem Raum kommt man sich automatisch näher. Vor allem aber geht man weder hungrig noch durstig nach Hause.
Essen: Landhausquai 21. Reservation nötig: T. 079 251 15 11.
Im Palast
Nach einem langen Tag will keiner mehr nach Hause fahren, erst recht nicht, wenn er stattdessen im Hotel La Couronne im Herzen der Altstadt von Solothurn nächtigen kann. Als Herberge wird der Ort 1418 unter dem Namen «St. Ursenpinte» erstmals erwähnt. Das heutige Hotel liess der Schützenhauptmann Franz Josef Schmid 1772 in seiner barocken Form errichten. Zur Geschichte des Hauses gehören auch illustre Gäste. Von 1804 bis 1856 sind weit über 100 Kaiser, kaiserliche Hoheiten, Königinnen, Fürsten und andere Adelige mit Gefolge wie Napoleon, Kaiserin Josephine oder Casanova in der damaligen Krone abgestiegen. Nach fast zweijährigem Umbau hat das ehemalige Stadthaus letztes Jahr als 4-Sterne-Boutiquehotel wieder geöffnet.
Schlafen: Im Swiss Historic Hotel, Hauptgasse 64. lacouronne-solothurn.ch
Im Loch
Am nächsten Tag geht es in die Höhe Richtung Weissenstein ins Nidlenloch. Das Loch ist eine Karsthöhle mit einer Gesamtlänge von über sieben Kilometern, die bis zu 407 Meter in die Tiefe führt. Der Eingang ist mit einem Gitter verschlossen, wer den Schlüssel dazu möchte, muss beim Gasthof Hinter Weissenstein anklopfen, ein Depot hinterlassen und eine kleine Eintrittsgebühr bezahlen.
Abenteuer: Auf eigene Faust, Mi – Sa 8 – 22 h, So 8 – 18 h. Es werden auch Führungen angeboten. nidlenloch.ch
Im Computer
Technikliebhaber können im Enter-Museum in Solothurn wohl einen ganzen Tag verweilen, wenn sie in die verschiedenen Röhren schauen. Es ist das einzige Museum in der Schweiz, das sich der gesamten Breite der Computer, Computerperipherie und Technik widmet. Apple-Fans finden hier gar alle Produkte, welche in den vierzig Jahren Firmengeschichte entwickelt wurden. Und wer gerne auf der Tour durchs Museum unterhalten wird, der geht mit dem Gschichtenwyb auf eine theatralische Reise.
Museum: Zuchwilerstrasse 33, Mi – Sa 13 – 17 h, So 10 – 17 h. enter-online.ch