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In Horgen am Zürichsee gründete Akkordeon-Lehrer Max Nägeli im Jahre 1945 eine kleine Blockflötenwerkstatt. Er nutzte damit eine Chance, die sich durch den beschränkten Import an Instrumenten aus Deutschland ergab. Altershalber suchte er in den Sechzigerjahren einen Nachfolger, da seine Söhne nicht in Vaters Fußstapfen treten wollten.
1967 wurde er auf den musikalisch begabten Konstrukteur Gerhard Huber aufmerksam und bot ihm seine Werkstatt mit zwei Arbeitsstellen zum Kauf an. Huber, ein talentierter Akkordeon-, Klarinette- und Saxophon-Spieler, musste sich diese Anfrage vorerst gut überlegen, galt es doch für ihn, eine aussichtsreiche Kaderstelle gegen eine ungewisse Zukunft einzutauschen. Seinen Entscheid bereute er allerdings nie, obwohl sich der Start nicht gerade viel versprechend gestaltete.
Anfangs Oktober 1967 – vier Tage vor der geplanten Geschäftsübergabe – erlitt Max Nägeli einen Hirnschlag und war dadurch nicht mehr in der Lage, seinen Nachfolger einzuarbeiten. Alle geplante Einführung fiel weg. Ein schwerer Schlag für Gerhard Huber – denn es bestanden keinerlei schriftliche Unterlagen zum Herstellungsprozess. Auch die zwei Angestellten konnten fachlich nur wenig weiterhelfen. Intensives Selbststudium und Experimentieren waren angesagt.
Was Gerhard Huber noch nicht wusste: Nägelis Blockflöten waren nicht mehr zeitgemäß und besaßen unbehebbare Stimmungsmängel! Erst nach und nach realisierte der Jungunternehmer, dass er mit dieser Qualität auf dem Markt keine dauerhaften Chancen hatte und ihm und seiner jungen Familie der Konkurs drohte.
Aufgeben und mit hohen Schulden die Werkstatt »verscherbeln«? Als Kämpfernatur kam das für ihn nicht in Frage! Als genialer Feinmechaniker, Konstrukteur und Musiker entwarf er mit viel Arbeitseinsatz, Hingabe und Erfindergeist neue Prototypen, Maschinen und Werkzeuge. Dank seinem Talent, Probleme analytisch anzugehen, konnte er den Konkurs abwenden und sicherte mit intensiven Forschungsarbeiten das Überleben. Nicht zuletzt auch durch eine enge Zusammenarbeit mit Blockflötisten konnte er neue Instrumente entwickeln – von der Sechstonflöte bis zum Bass. Und die verkaufte er ab Anfang der siebziger Jahre unter dem Markenzeichen »G.E. Huber«.
Experimentieren und Tüfteln war eine der großen Leidenschaften von Gerhard Huber. So baute er unter anderem anfangs der Siebzigerjahre einen justierbaren Block für seine Flöten. Dieses simple System mit einer Verstellschraube war zwar technisch anspruchslos, half aber, feuchtigkeitsbedingte Maßveränderungen bei der Blockhöhe zu korrigieren. Viele Jahre später meldete Arnfred Strathmann diese einfache Technik zum Patent an. Auch baute er eine im Maßstab 3:1 vergrößerte Blockflöte aus Plexiglas. Zusammen mit Ingenieuren der ETH Zürich nahm er damit Strömungsversuche in einem technischen Windkanal vor. Gefärbte Luft half, das Verhalten von Block, Mensur, Labium und Windkanal der Blockflöte bei sich verändernden Parametern zu studieren.
Jene Ergebnisse flossen 1992 in den Prototyp einer »High-Tech-Blockflöte«, die er mit Hilfe von CAD/CAM baute. Aus Kostengründen blieb sie zwar ein Einzelstück – aber Gerhard Huber war stolz auf diese Entwicklung und gerne hätte er irgendwann den Traum verwirklicht, sie serienmäßig zu bauen.
Aus technischer Sicht war Gerhard Huber ein vielseitiger Pionier; er entwarf ausgeklügelte Maschinen und setzte bereits 1978 auf computergesteuerte Dreh- und Fräsmaschinen. Damit war er der Branche um Jahrzehnte voraus und erzielte eine zuvor unerreichte Genauigkeit in der Serienfertigung, die den Löwenanteil an aufwändiger Handarbeit ideal ergänzte. 1979 gelang ihm der Durchbruch auf dem Blockflöten-Markt. Seine präzisen Instrumente mit kräftigem Klangcharakter wurden immer häufiger verlangt, gespielt und international geschätzt. Er pflegte zu seiner Kundschaft ein herzliches Verhältnis und mit einigen bekannten Solisten entstanden langjährige Freundschaften. Ab 1993 unterstützte ihn sein Sohn Markus bei vielen anspruchsvollen Aufgaben.
Als Arbeitgeber verhielten sich Gerhard und Markus Huber weitaus sozialer als die meisten Unternehmer. Sie gaben immer wieder behinderten, randständigen und sozial schwach gestellten Menschen Arbeit. Obwohl sie auch herbe Enttäuschungen einstecken mussten, blieben sie dieser Linie treu. Gerhard Huber fand Beruf und Berufung zugleich und bereute seinen damals gewagten Entscheid nie. Nach langer Krankheit spielte er auf dem Sterbebett mit letzter Kraft, aber strahlenden Augen ein letztes Mal auf einem von ihm selbst intonierten Instrument; eines, auf das er besonders stolz war – die Mooreichenflöte. Am 12. Juli 2015 verließ er diese Welt, doch sein Lebenswerk endete damit nicht.
2001 übernahm Markus Huber den väterlichen Instrumentenbau, um ihn in der zweiten Generation weiterzuführen. Mit seinen beruflichen Ausbildungen als Flugzeugmechaniker, Flight Attendant und Pilot, brachte er weiteres Präzisions- und Qualitätsdenken ein. Bei der Herstellung seiner Flöten ist er von folgendem Grundsatz überzeugt: «Holzblasinstrumente entfalten eine eigene Wesensart und Klangschönheit, wenn ihnen genügend Aufmerksamkeit und Geduld – durch eine geschickte Hand, ein geübtes Auge und ein sensibles Musikgehör – geschenkt werden». Sorgfältige Handwerkskunst und liebevolles Engagement lassen die «Seele» seiner Flöten spürbar werden, was sich in vielen positiven Rückmeldungen spiegelt und Markus Huber in seiner Ausrichtung als Einzelbauer bestärkt.
Ab 2005 konnten Heinz Ammann und Christoph Trescher für eine intensive Zusammenarbeit gewonnen werden; beides Flötenbauer und -entwickler mit jahrzehntelanger Erfahrung. Mit ihrem Know-how konnte die Qualität erneut markant angehoben werden.
2008 entstand durch einen dieser wunderbaren «Zufälle» des Lebens die inspirierende Zusammenarbeit mit Pascal Miller. Als erfahrener Lehrer brachte er wertvolle Impulse für den pädagogischen Bereich und als kreativer Musiker und Erfinder entwickelte er neue Instrumente im Bereich Einsteiger- und Schulflöten.
Im Jahre 2009 zog Markus Huber in die Nachbargemeinde Oberrieden um. Die komplizierte Produktion umzusiedeln war keine einfache Aufgabe, doch die gute Lage (nur eine Gehminute zum Bahnhof) und die Nähe zur Stadt Zürich verbesserten nicht zuletzt die Besuchsmöglichkeiten deutlich. Selbst mit dem öffentlichen Kursschiff ist der Handwerksbetrieb und Flötenshop leicht erreichbar.
Klein aber fein – seit 2017 im Einzelbau und Kleinstserien fertigt der Zürcher in seinem Flötenbau-Atelier Spitzenmodelle für MusikerInnen und Musikbegeisterte.
Mit dieser Weisheit und der bewährten Philosophie versuchen Markus Huber und seine Ehefrau, Delia Ender, aktuelle und kommende Herausforderungen zu bewältigen. Wie einst Gerhard Huber in seiner schwierigen Anfangszeit lösungsorientiert handelte, bleiben auch sie «am Ball», um Schweizer Handwerk anbieten zu können.