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Das Kulturtechnische Glossar unternimmt Gegenstandbeschreibungen aus der Perspektive der Kulturtechnikforschung. Seine Form ist nicht die eines Vokabulars, weil es nicht die Worte im Auge hat, derer sich die Kulturtechnikforschung zur Erklärung von Phänomenen oder zur Bestimmung ihres theoretischen Einsatzes bedient.1 Stattdessen beschreibt das Kulturtechnische Glossar Phänomene wie sie sich für Geistes- und Kulturwissenschaften darstellen, die nach Kulturtechniken fragen. Was der Blick auf Kulturtechniken freilegt, muss sich seiner Anwendung zeigen.2 The proof of the pudding is in the eating.
Dass die Texte auf dieser Website unter dem Titel eines Glossars versammelt werden, hat seinen Grund darin, dass Wissenschaften ihre Forschungsgegenstände nicht einfach vorfinden, sondern erst erzeugen müssen.3 Wenn eine Wissenschaft die Gegenstände, auf die sie zugreift, jedoch selbst erst konstituiert; wenn ihre Perspektive und die ihr zur Verfügung stehenden Darstellungsweisen an der Formation ihres Gegenstandes beteiligt sind; wenn die Fragen, die man an einen Gegenstand stellt, ihn selbst verändern, bedürfen die Gegenstände eines Forschungsfeldes der Erklärung. Solche Erklärungen liefert ein Glossar, vom Oxford English Dictionary als «a list with explanations of abstruse, antiquated, dialectial, or techniqual terms» und als «partial dictionary» beschrieben.4 Partial ist das Kulturtechnische Glossar im doppelten Sinne des Wortes: unvollständig, weil stetig wachsend; parteiisch oder einseitig, weil dezidiert aus kulturtechnikhistorischer Perspektive beschreibend.
Die Begriffs- oder vielmehr Problembestimmungen des Kulturtechnischen Glossars sind dabei nicht autoritativ, sondern explorativ und von der Frage angeleitet: Was ist oder wird ein Gegenstand, wenn man ihn als Kulturtechnik oder als Effekt von Kulturtechniken beschreibt? «Kulturtechnik» ist dabei kein Qualitätsprädikat, das einem Forschungsobjekt aus der Schmuddelecke die Weihen der Hochkultur verleiht, sondern die Art der Fragestellung: Ein Untersuchungsgegenstand wird nicht besser oder ernsthafter, indem man ihn zu einer Kulturtechnik erklärt. Aber er wird transparent und untersuchbar auf das Zusammenspiel von Materialitäten, Praktiken und Verfahren, Technologien und Instrumenten hin, aus denen er sich zusammensetzt.
Felix Lüttge
1 So etwa Jean Laplanche und Jean-Bertrand Pontalis für die Psychoanalyse in J. Laplanche und J.-B. Pontalis: Vokabular der Psychoanalyse, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1973.
2 Die theoretische Bestimmung und historische Herleitung ist für das Studium und die Erforschung von Kulturtechniken dennoch unerlässlich und lässt sich sich am besten nachlesen bei Bernard Dionysius Geoghegan: «After Kittler. On the Cultural Techniques of Recent German Media Theory», in: Theory, Culture & Society 30 (2013) 6, S. 66–82; Harun Maye: «Was ist eine Kulturtechnik?», in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 1 (2010) 1, S. 121–135 und Bernhard Siegert: «Kulturtechnik», in: Harun Maye, Leander Scholz (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaft, München 2011, S. 95–118.
3 Georges Canguilhem: «Der Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte», in: Ders.: Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie, Frankfurt a. M. 1979, S. 29; Joseph Vogl: «Für eine Poetologie des Wissens», in: Karl Richter, Jörg Schönert und Michael Titzmann (Hg.): Die Literatur und die Wissenschaften. Festschrift zum 75. Geburtstag von Walter Müller-Seidel, Stuttgart 1997, S. 107–127.