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„Ich war nicht mehr von meinen Phantasien besessen, ich besaß Phantasie“, sagt Trudi Schoop im Film. Claudia Wilkes Die Eroberung der Leere ist ein Porträt der fast 90jährigen Tanzpionierin, die sich wenig um bürgerliche Anpassung, gekümmert, sich dafür um so mehr der Demontage stereotyper Menschenbilder gewidmet hat: „Diese Bürger gehen alle im Grunde genommen rückwärts.“
Aufgewachsen am Zürichberg in einem schöngeistigen Milieu, verweigert sie sich schon früh den disziplinierenden Instanzen der Gesellschaft. Sie haßt die Schule, leidet unter Zwangsvorstellungen und Ängsten. Sie erzählt von ihren Erfahrungen, von Manie: alles dreimal, dann neunmal, dann 81 mal, „Gott gefällig“ zu machen. In ihren kindlichen Zeremonien entdeckt sie später den Beginn ihrer pantomimischen und tänzerischen Fähigkeiten. Sie entschließt sich, zuerst Schauspielerin, dann Tänzerin zu werden. Mit 27 Jahren leitet sie eine eigene Tanzgruppe, „Trudi Schoop and her Comic Ballett“, mit der sie quer durch Europa und die USA tourt. Die Eroberung der Leere zeigt Ausschnitte aus Archivaufnahmen ihrer Auftritte: eine Frau mit unglaublicher mimischer und gestischer Ausdrucksstärke. Burschikos und selbstsicher stehen ihre Bewegungen quer zu den üblichen, zeitgenössischen Frauenbildern. Immer wieder streckt sie ihre Arme weit ausgebreitet nach oben, mit den Beinen steht sie breit und fest auf dem Boden.
Nach Kriegsausbruch löst sich die Gruppe auf und Trudi Schoop gründet mit anderen das Zürcher Politkabarett „Cornichon“: „Wir haben toll gegen Hitler gekämpft.“ Nach dem Krieg zieht sie zu ihrer Schwester nach Los Angeles, wo sie sich entschließt weiterzutanzen, aber jetzt in psychiatrischen Kliniken. „Für mich war der Unterschied zwischen der Bühne und dem psychiatrischen Spital nie sehr groß - nur das Publikum hat sich verändert.“
Trudi Schoops Beschäftigung mit „sogenannt psychisch kranken Menschen“ ist getragen von ihrer Auffassung, daß es im Tanz Momente gibt, wo die Person „ganz“ ist. Sie will diesen Menschen die Möglichkeit geben, einen solchen Moment zu erfahren. „Ich sah, daß alle diese Menschen wütend waren, aber ihrer Wut keinen Ausdruck gaben. Ich weiß nur, daß ich diese Menschen gern habe, ihre Phantasien, ihre Stubbornheit.“
Claudia Wilke, die mit Komm tanz mit mir (1991) einen weiteren Film über Trudi Schoop realisiert hat, der sich ausschließlich ihren therapeutischen Arbeiten widmet, zeigt auch in der Eroberung der Leere einzelne Ausschnitte aus ihren Tanzstunden in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Die Kamera beobachtet Schoops bemerkenswert natürliche Umgangsweise mit den Klinikinsassen. Ihr Umgang kennt keine falsche Empathie: Sie nimmt die Menschen, wie sie sind. Sie erklärt Claudia Wilke, daß sie die Psychoanalyse als Umweg empfinde, den man nicht zwangsläufig machen müsse. Die Interviewsequenzen, Archivaufnahmen und beobachtenden Passagen hat Claudia Wilke geschickt verknüpft. Die Szene, in der sich Trudi Schoop dem Gehen der Filmemacherin widmet, zeugt von der vereinnahmenden Faszination, die von dieser Frau ausgeht. Immer wieder fällt sie aus der Cadrage, weil ihr Körper ebenso Kommunikation ist wie ihre Sprache.