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Die zwei bevölkerungsreichsten Staaten der Welt, China und Indien, haben vor 20 Jahren mit einem Wettlauf um Wasser begonnen. Diese Entwicklung droht in einen Wasserkrieg zu geraten, der sich heute bereits in Grenzkonflikten zeigt. China plant jetzt einen enormen Staudamm am Brahmaputra, der bedeutendste Fluss für Indien und Bangladesch.
von Axel Amweg
Brahmaputra ist Sanskrit und bedeutet Sohn des Brahma. Dieser Name steht für den wasserreichsten Strom Asiens, der nach dem Zusammenfluss mit dem Ganges in den Indischen Ozean mündet. Mit 3100 Kilometern ist er einer der längsten Flüsse der Erde, von dem die Menschen in China, Indien und Bangladesch leben. Weil er auf einer Höhe von 3000 Metern beim Angsi-Gletscher in Tibet entspringt und in geringer Entfernung bereits auf 300 Meter über Meer abfällt, ist sein hydroelektrisches Potenzial enorm. China will jetzt am nordöstlichsten Punkt einen 160 Meter hohen Staudamm mit 26 Turbinen bauen.
Mit 40 000 Megawatt würde dort das grösste Wasserkraftwerk der Welt entstehen. Damit nicht genug. China plant auch Wasserableitungen im trockenen Nordosten des Landes. Indien hat derweil ähnliche Ambitionen. Seit 2016 wurden sieben Wasserkraftwerke am Brahmaputra realisiert. Indien will zudem Wasser aus dem Süden in den Norden umleiten, indem Flüsse aus dem Himalaya mit indischen Flüssen verbunden werden. Mit insgesamt 140 geplanten Wasserkraftwerken sollen in Zukunft 34 000 Megawatt Strom produziert werden. Neben diesen Plänen wird auch daran gearbeitet, die Tiefenabschnitte für die kommerzielle Flussschiffahrt besser nutzbar zu machen.
Wegen des Megaprojektes von China in Tibet fürchten Indien und Bangladesch jetzt aber um ihr Wasser. Indien und Bangladesch betonten bei einem virtuellen Treffen ihrer Regierungschefs im vergangenen Dezember, dass der Brahmaputra die Lebensader für mehrere hundert Millionen Menschen sei. Sie seien darauf angewiesen, dass der Fluss nicht am Oberlauf gestaut werde. Derweil will China den CO2-Ausstoss reduzieren und setzt deshalb auf erneuerbare Energien. China möchte bis 2030 die CO2-Emissionen um 65 Prozent gegenüber dem Niveau von 2005 senken. Für Indien und Bangladesch geht es nicht nur um die Wassermengen, die durch ihre Länder fliessen, sondern auch um das veränderte Leben im Wasser. Ein Staudamm dieser Grösse beeinträchtige die Wasserqualität und den Nährstoffgehalt des Brahmaputra, machen sie geltend.
Konflikte wegen Tibet
China hat auch Pläne für eine Wasserumleitung am Galwan-Fluss, wo es vor einigen Monaten zu Grenzstreitigkeiten zwischen China und Indien mit Schusswechsel kam, was auf beiden Seiten zu Opfern geführt haben soll. Zur Erinnerung: China und Indien sind Atommächte, die seit Jahren schon in Rivalität leben. Da die beiden grössten Nationen des Planeten das Rennen um die Erschliessung des Wasserkraftpotenzials des Flusses beschleunigen, scheint ein Wasserkrieg zwischen den asiatischen Grossmächten aufzukommen. Der Brahmaputra durchquert auch die McMahon-Linie: Sie ist eine der umstrittenen Grenzen zwischen China und Indien, die den Bundesstaat Arunachal Pradesh von Tibet trennt, und stand im Mittelpunkt des letzten Krieges zwischen den beiden Nationen im Jahr 1962.
Daher befürchten viele, dass sich die uralte Rivalität zwischen China und Indien um Tibet zusätzlich zu den neueren geopolitischen Spannungen, die durch die Ausweitung des chinesischen Einflusses in der Region entstanden sind, verschärfen könnten. Die Wahl von Narendra Modi, Indiens 14. Premierminister seit Mai 2014, schien zunächst eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu Peking anzukündigen. Stattdessen haben die Beziehungen seither Höhen und Tiefen erlebt, und eine Lösung der Grenzstreitigkeiten ist nicht in Sicht. Chinesische und indische Truppen haben sich in Bhutan beim Bau einer Strasse auf dem Doklam-Plateau gegenübergestanden und damit Ängste vor einer militärischen Eskalation in der Region geschürt.
Fragiler Dialog zum Wohl der Bewohner
Grenzkonflikte entlang der McMahon-Linie bleiben das Haupthindernis für eine bilaterale Verständigung oder ein Abkommen über den Brahmaputra, da China und Indien den Fluss zu einer nationalen Verteidigungs- und Sicherheitsfrage gemacht haben. Trotz alledem gibt es zwischen China und Indien eine fragile Zusammenarbeit bei der Hochwasservorhersage entlang des Flusseinzugsgebiets. Dank des 2002 unterzeichneten und 2013 aktualisierten Memorandum of Understanding erhält die indische Central Water Commission zweimal im Monat, vom 15. Mai bis zum 1. Oktober, hydrologische Daten von den chinesischen Behörden.
Diese Informationen werden an verschiedene Stellen im Nordosten Indiens weitergeleitet, um Überschwemmungen in der Monsunzeit zu verhindern. Während es keine internationalen Verträge gibt, die eine konzertierte Bewirtschaftung der Wasserressourcen erzwingen, ist der 2013 ins Leben gerufene Brahmaputra-Dialog ein Versuch, die transnationale Wasserdiplomatie zu fördern. Es begann als bilaterales Forum zwischen Indien und Bangladesch, mit Unterstützung der Weltbank, und entwickelte sich dann weiter, um China und Bhutan einzubeziehen. Der Brahmaputra-Dialog hat aber nicht die Macht, Streitigkeiten zu lösen und Konflikte zwischen Nationen über Flussressourcen zu schlichten.
Klimawandel zwingt zur Kooperation
Die Zusammenarbeit zwischen Neu-Delhi und Peking im Brahmaputra-Dialog wird durch die Auswirkungen des Klimawandels in der Region noch wichtiger. Der Rückzug der Himalaya-Gletscher wird zusammen mit einer Zunahme extremer Regenfälle während der Monsunzeit die Überschwemmungen verschlimmern, von denen die Bevölkerung entlang des Flusseinzugsgebiets betroffen ist, insbesondere in Nordostindien und Bangladesch. Chinesische und indische Dammbauten könnten, wenn sie koordiniert werden, den Verlauf des Flusses und der Nebenflüsse regulieren, um die Gewalt der Überschwemmungen und ihre Auswirkungen auf Millionen von Menschen zu reduzieren. Der Verlauf des Brahmaputra ist jedoch untrennbar mit den geopolitischen Konflikten zwischen den beiden Nationen verbunden, insbesondere mit der Frage der tibetischen Unabhängigkeit.