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«Die früheste Erinnerung an meinen Grossvater führt mich an den Strand von Ostende – ein sechsundsechzigjähriger Mann im dunkelblauen Anzug macht es sich mit seiner Frau in einer flachen Mulde bequem, die er mit der blauen Strandschaufel seines Enkels ausgehoben hat.»
So beginnt der neuste Roman des niederländisch-sprachigen belgischen Schriftstellers Stefan Hertmans. Und dieser Anfang ist Programm: Hertmans erzählt die Geschichte seines Grossvaters. Er tut dies nicht chronologisch, sondern in Form einer Spurensuche, die an W. G. Sebald erinnert. Der Autor bringt sich als Ich-Erzähler ein, schildert und reflektiert, wie er sich darum bemüht, Schicht um Schicht das Mysterium freizulegen, das seinen Grossvater umgibt.
600 Seiten handschriftliche Memoiren
Der Grossvater mit Namen Urbain Martien wurde 1891 in der flämischen Stadt Gent geboren. Er verstarb ebenda 1981 im Alter von 90 Jahren. Kurz vor seinem Tod übergab er dem Enkel seine Memoiren – rund 600 Seiten «in gewissenhafter, zierlicher Handschrift» verfasste Aufzeichnungen.
Auf der Grundlage dieser Hefte entwickelt Hertmans in seinem Roman «Der Himmel meines Grossvaters» ein feinfühlig gestaltetes Lebensbild dieses Mannes. Ein Mann, der in Flandern in bitterer Armut aufwächst. Bereits als 13-Jähriger musste er in einer Eisengiesserei Schwerstarbeit leisten, fühlt sich jedoch zur bildenden Kunst hingezogen. Er möchte eigentlich Maler werden, wie sein Vater, findet sich dann jedoch als Frontsoldat im Grauen des Ersten Weltkriegs wieder und leidet Zeit seines Lebens an einer unerfüllt gebliebenen Liebe.
Zwischen Erhabenheit und Abgrund
Doch der Roman ist mehr als das Puzzle eines Lebensbildes, das aus Versatzstücken der grossväterlichen Memoiren, Eigenrecherchen und Interpretationen des Autors zusammengesetzt ist. Er ist auch eine psychologische Schilderung eines Menschen, der über Jahrzehnte nach dem Erhabenen der Kunst strebt, jedoch immer wieder von Tod und Verderben eingeholt wird.
Darüber hinaus eröffnet der Roman auch ein historisches Panorama einer Zeit, die Stefan Zweig trefflich als die «Welt von gestern» bezeichnet hat: die «Belle Époque». Eine Epoche, die – in Flandern wie anderswo – zutiefst widersprüchlich war, geprägt sowohl von überhöhtem Fortschrittsglauben als auch von tiefer Armut und Plackerei breiter Bevölkerungsschichten.
Typisch für diese Teile des Buchs ist ein an Balzac oder Dickens erinnernden Realismus. So liest man etwa über eine flämische Fabrik um 1900, in der Tierkadaver zu Gelatine und Kosmetika verarbeitet werden: «Tierschädel aller Art und Grösse – Schädel von Pferden, von Kühen, Schafen und Schweinen lagen glänzend in einer schleimig zerfliessenden Masse, eben vom Wagen entladen und umsummt von einem dichten Schwarm dicker Fliegen, einem flirrenden, blauglänzenden Nebel.»
Die Zäsur des grossen Kriegs
Den Dreh- und Angelpunkt des Romans bildet der Erste Weltkrieg, sowohl inhaltlich als auch sprachlich-formal. Hertmans wechselt in die Ich-Perspektive des Grossvaters, aus der er – nun als unmittelbarer Zeitzeuge – den Schrecken des Front-Alltags schildert: die Höllenqualen der jugendlichen Soldaten, das Gemetzel während der Schlacht bei der Yser im Oktober 1914, das allgegenwärtige Sterben, die grauenvollen Kriegsverbrechen.
Der Krieg scheint auch Hertmans Poetik zu verändern. Zwar bleibt sie realistisch präzise, vermeidet nun aber jede Ausschweifung. Die Schilderung bleibt rein dokumentarisch und ist von einem nüchtern-melancholischen Grundton getragen. Hertmans scheint sich hier weit enger als in den anderen Teilen des Romans an die Memoiren des Grossvaters anzulehnen.
Mit dem Ende des Kriegs wechselt die Erzählweise wieder. Der Erzähler schlüpft erneut in die Haut des Enkels und tastet sich subtil an den Grossvater heran. Dieser erscheint mehr und mehr als Wesen, das von einem rätselhaften Dunkel umgeben ist, voll von Geheimnissen. Der Ich-Erzähler versucht, sie zu enthüllen.
Die Auflösung des Mysteriums
Hertmans studiert auf «Google Maps» die Schlachtfelder, auf denen sein Grossvater gekämpft hat. Zu manchen fährt er hin und schaut sich die Felder an, die einst im Granatenhagel umgepflügt wurden. Er studiert die Gemälde, die sein Grossvater gemalt hat. Oft sind es Kopien von Werken grosser Meister. Und dabei legt er die Geschichte einer unerfüllten Liebe frei, die Urbain Martien ein Leben lang nicht losgelassen hat und letztlich den Schlüssel bildet zu dessen Seele.
Der Erzähler entdeckt noch etwas: Die Generation seines Grossvaters war es, die mit bisher nicht bekannter Heftigkeit erlebte, wie der innerbelgische Graben zwischen französisch-sprachigen Wallonen im Süden des Landes und niederländisch-sprachigen Flamen im Norden aufriss. In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs – so eine These des Romans – wurde der flämische Nationalismus geboren, der bis heute die belgische Innenpolitik beschäftigt.
Stefan Hertmans ist mit seinem Roman ein überaus vielschichtiges Werk gelungen. Es besticht durch seine Feinsinnigkeit und seine variantenreiche, aber stets kontrollierte Tonalität. Es lässt sich als historisches Zeitgemälde lesen oder als Kriegsroman, als Künstlerroman oder als psychologisches Porträt eines durch die Umstände geprüften Zeitgenossen. Oder als tragischen Liebesroman. Auf jeden Fall ist es aber die behutsame Suche des Enkels nach dem Grossvater – und damit nach sich selbst.
Stefan Hertmans
Stefan Hertmans wurde 1951 im belgischen Gent geboren. Für seine Werke erhielt er verschiedene europäische Ehrungen und Preise. Ferner arbeitet Hertmans als Dozent an der Universität Gent und hält weltweit Gastvorlesungen.
Buchhinweis
Stefan Hertmans: «Der Himmel meines Grossvaters.» Hanser, 2014.