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So viele nackte Männer! Aus Wachs, Seife, Porzellan, Glas, auch Metall – immerhin –, aber keiner aus Marmor. Sie sind auch nicht sehr gross, maximal hüfthoch. Manche, die Halblitermänner, passen exakt in einen Getränkekasten für Bier oder Mineralwasser. Als Fruchtbarkeitsgötter taugen sie sicher nicht, auch verkörpern sie keine ideale Nacktheit wie die Skulpturen der klassischen Antike, und von der heroischen Nacktheit, die bei den Bildhauerwerken so beliebt ist, die Diktatoren in Auftrag geben, ist auch dann nichts zu spüren, wenn sie nicht unter der Decke hängen oder auf die Stangen vom Tischfussball aufgespiesst sind.
Der Mann, der diese Männer schafft, ist der Spanier Adolfo Siurana, geboren 1970 in Valencia, zurzeit für ein Werkjahr in Halle. Gefragt, warum sein Werk vor allem um diesen männlichen Prototyp kreise, erzählt er vom spanischen Machismus, von der Maskulinität, von der Konkurrenz und all den anderen Eigenschaften, die seine Männer nicht ausdrücken. Sie haben die leeren Augen der Totenmasken und verharren in einer leicht nach vorne gebeugten Haltung, die in dem Moment eingefroren scheint, in dem der Entschluss zum Schritt in die Zukunft gefallen ist.
Als Kind entzückte Adolfo Siurana seine Umwelt durch das Modellieren von Krippenfiguren, ein Kunsthandwerk, mit dem sich schon ein Grossonkel seinen Lebensunterhalt verdient hatte. Nach der Schule studierte er Innenarchitektur in Valencia, liess sich als Modellierer ausbilden und verwendete seine «hohe Begabung der Finger», um für eine bekannte Porzellanmanufaktur reizende Figuren aus der Schäferidylle herzustellen, die dann in Geschäften für die gehobene Innenausstattung zum Verkauf angeboten wurden. Doch er wollte Bildhauer werden, begann ein Studium der Bildhauerei in seiner Heimatstadt, das er im deutschen Halle mit dem Diplom abschloss, und schuf Abstraktes aus Stein. Bald störte ihn, dass die Leute seine Werke nicht zu verstehen schienen, er wendete sich dem Figurativen zu und entwickelte die Idee zu seinen männlichen Figuren.
In Halle gibt es den «Roten Ochsen», den Gebäudeflügel eines Gefängnisses, der inzwischen als Museum verwendet wird. In einem Raum, in dem in den 40er Jahren noch Exekutionen stattgefunden haben, bevor er dann für einige Zeit die Wäscherei beherbergte, installierte Adolfo Siurana seine Serie von Seifenmännern. Ausstellungsbesucher bemerkten sie anfangs meist nicht; erst als sie sich über den Seifengeruch wunderten und nach oben schauten, entdeckten sie die Figuren, die mit ihren Scheiteln an der Decke aufgehängt waren.
Ein leerer Raum, eine leere Bodenfläche, eine leere Wand können schlicht als leer angesehen werden oder aber als Orte, an denen nichts ist – entweder nichts mehr, oder noch nichts. So betrachtet, sind leere Orte auch Orte der Abwesenheit. Adolfo Siurana hat die Vision, die Leere als Abwesenheit spürbar zu machen und formuliert daher den Widerspruch: «Alles, was abwesend ist, ist da». Nur bemerken wir es nicht. Die Decke in dem ehemaligen Gefängnisraum des «Roten Ochsen» wurde vielleicht von den Blicken der Gefangenen getroffen, wenn sie ein letztes Mal nach oben schauten, hier kondensierten die Dampfschwaden der Seifenlauge, und wenn überhaupt, dann ist auch am ehesten Richtung Decke die Stätte der Götter. Nur schauen wir nicht hin. Es sei denn, Adolfo Siurana habe dort oben seine Skulpturen aufgehängt.