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Pedro Lenz über die Arroganz der Ureinwohner
Jedes Land hat eine Nationalhymne. Die meisten Nationalhymnen haben einen mehr oder weniger erträglichen Text. Wer die Nationalhymne singen will, kann dies tun. Das wäre eigentlich schon alles, was es über Nationalhymnen zu sagen gäbe. Doch in den letzten Wochen und Monaten wurde in manchen europäischen Ländern eine neonationalistische Nationalhymnendebatte im Zusammenhang mit dem Fussball ausgelöst. «Alle sollen die Hymne singen.» – «Welche Nationalspieler singen die Hymne, welche schweigen?» – «Politiker fordern Mitsingpflicht bei Nationalhymne.» Das ist nur eine ganz kleine Auswahl der Schlagzeilen, die uns im ablaufenden Sommer zu diesem Thema erreicht haben.
In der Schweiz müssen sich Fussballnationalspieler neuerdings öffentlich rechtfertigen, wenn sie vor einem Spiel die Hymne nicht mitsingen. Dafür wird dann zum Beispiel Gökhan Inler, Captain der Schweizer Nationalmannschaft, vom Boulevard gerühmt, wenn er über die Presse verkündet: «Ich habe die Nationalhymne auswendig gelernt.» Das öffentliche Bekenntnis zum Schweizerpsalm scheint eine neue Voraussetzung zu sein, um als Sportler die volle Akzeptanz zu erhalten. Der «Blick» macht den sogenannten «Hymnen-Check» und verrät seiner LeserInnenschaft, welche Spieler die Hymne singen und welche nicht. In Deutschland fragt «Bild» ihre LeserInnen, ob die deutschen Fussballer die Hymne singen sollten, und informiert umgehend über den Stand der Umfrage: «Schon über 76 000 Abstimmer – 78 Prozent sagen: Poldi, Boateng & Co. sollen unsere National-Hymne mitsingen.» Noch weiter wird der neue Hymnenwahn in Serbien getrieben, wo Nationalspieler Adem Ljajic aus der Nationalmannschaft flog, weil er sich geweigert hatte, die Hymne zu singen.
Während Jahrzehnten war hierzulande die Frage, ob Fussballer vor einem Länderspiel die Nationalhymne singen, vollkommen irrelevant. Vor wichtigen Spielen wurde die Hymne auf dem Platz von einer Kappelle gespielt, und wenn keine Kappelle verfügbar war, lief die Musik ab Band. Sobald die Hymne ausgeklungen war, klatschten die Leute, und das Spiel konnte beginnen. Punkt. Rekordnationalspieler Heinz Herrmann hat 118 Länderspiele für die Schweiz bestritten. Er hat die Nationalhymne 118 Mal nicht gesungen. Wir können uns nicht daran erinnern, dass ihm jemand wegen seines Nichtsingens Vorwürfe gemacht hätte.
Wir dürfen vermuten, der neumodische Ruf nach der Hymne sei eine versteckte Form von Fremdenhass. Gerade in der Schweiz oder in Deutschland, wo viele Fussballstars Kinder von Eltern sind, die vor nicht allzu langer Zeit eingewandert sind, ertönt der Ruf nach der Hymne besonders laut. Es kommt einem vor, als verlangten die Ureinwohner von ihren neuen Landsleuten einen Beweis der Heimatliebe, den sie selbst nie erbracht haben. Die grenzenlose Arroganz derer, die glauben, ihre Nationalität sei mehr wert als die Nationalität der anderen, möchten von den Shaqiris und Xhakas und Inlers ein Lied hören, zu dem sie selbst nie eine Beziehung hatten.
Das Thema ist nicht rein fussballspezifisch. Auch in der Politik gibt es schon ExponentInnen, die unterscheiden möchten zwischen eingebürgerten und eingeborenen SchweizerInnen. Sie reden, als sei die Staatsbürgerschaft ein Gnadengeschenk, das auf Bewährung ausgestellt wird. So lange die Bewährung bloss darin besteht, vor Fussballspielen eine Hymne zu singen, liesse sich vielleicht noch damit leben. Aber was werden die nächsten Forderungen aus diesen Kreisen an unsere neuen MitbürgerInnen sein? Was folgt, wenn alle Eingebürgerten die Nationalhymne sauber vorsingen können? Müssen sie danach Schillers «Tell» auswendig lernen oder die Rütliwiese küssen oder sich Eiger, Mönch und Jungfrau auf den Bauch tätowieren? Wir wollen es lieber gar nicht wissen.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er singt keine Hymnen, dafür ist er noch immer auf «Goalie»-Lesetour: Donnerstag, 30. August 2012, in Buchrain (LU), Freitag, 31. August 2012, in Attiswil (BE) und Samstag, 1. September 2012, in Schwyz. Details unter: www.pedrolenz.ch