Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03611.jsonl.gz/369

Vor kurzem wurde im Fernsehen ein Dokumentarfilm über eine brasilianische Schauspielerin ausgestrahlt. Die Frau, kaum mehr als 20jährig, war im Land der Lebensfreude und des Sambas ein grosser Star. Sie spielte die Hauptrolle in einer Telenovela, einer jener Fernsehserien um Herz, Schmerz, Macht und Geld, die täglich mehrere Dutzend Millionen von Menschen in ihren Bann ziehen. Das alleine wäre im Zusammenhang mit der Reflektion über das Werk eines Künstlers kaum von Belang. Relevant wird die Biographie der Schauspielerin erst, so makaber dies auch scheinen mag, durch die Geschichte ihres Todes. Maria Sowieso wurde nämlich ermordet. Sie war allerdings nicht das Opfer eines gewöhnlichen Gewaltverbrechens. Nein, ihr Mörder war gleichzeitig ihr Film-Partner, dem sie in der tags zuvor ausgestrahlten Telenovela-Folge in aller Oeffentlichkeit den Laufpass gegeben hatte. Der Mörder und Schauspielkollege, kurz nach der Tat von der Polizei gefasst, gab zu Protokoll, er hätte die televisionäre Trennung nicht verkraftet. Mit der Bluttat habe er die vor dem Millionenpublikum erlittene Schmach tilgen wollen.
Man könnte diese Aussage nun als Äusserung eines Geisteskranken interpretieren. Davon soll an dieser Stelle jedoch nicht die Rede sein. Der Fall Maria Sowieso beschreibt, neben den pathologischen Implikationen, prototypisch das Verhältnis der aktuellen Gesellschaft im Umgang mit den Medien und mit der Realität. Unmittelbares Erleben wird im Zeitalter des Cocoonings immer mehr in die gute Stube verlagert. Die Grenze zwischen der taktilen und der mediatisierten Welt verwischen sich. Und das Medien-Publikum versteht sich als Teil dieser synthetischen Realitäten. Wie weit dieser Prozess schon fortgeschritten ist, belegt die Fortsetzung des Falles Maria Sowieso: Am Tag nach der Ermordung liess der Fernsehsender nicht die nächste Folge ausstrahlen, sondern schaltete als Fortsetzung eine Live-Berichterstattung über die Vorkommnisse der letzten Nacht ein. Die Leiche der jungen Frau war nocht nicht einmal richtig kalt.
»Never Enough of You«, so der Titel einer Installation, die Daniele Buett für den Ulmer Kunstverein konzipierte, diskutiert im wesentlichen das Verhältnis zwischen Medium und Publikum. Sie besteht aus einer Theaterbühne, welche sich in der Mitte des Raumes befindet, aus manifestartigen Transparente, die an die Wand geheftet wurden, aus acht Fernsehern, auf Klappstühle plaziert, aus schönen Frauen, die auf den Kartonschachteln geklebt wurden und aus säuselnd-melancholischer Musik. Das alles ist Medium. Doch im Gegensatz zu den üblichen Konstellationen, die sich zwischen den Medien und ihrem Publikum eingebürgert haben, ist hier offenkundig einiges in Unordnung geraten. Ich möche nun im einzelnen auf die Verschiebungsmomente dieser äusserst differenzierten und ineinanderverschachtelten Konstruktion zu sprechen kommen.
Beginnen wir mit den transparentartigen Tüchern. In ihrer improvisierten Aufmachung, nonchalante und schnell an die Wand geheftet, erinnern sie an die Textilien, die bei politischen Demonstrationen mitgetragen werden. Tatsächlich handelt es sich bei den verwendeten Textilmaterialien um Vorhangstoff, den der Künstler in Brockenhäusern, Second-hand-Läden oder beim Trödler kollektioniert hat. Genauso wie als Träger politischer Parolen wird die vom Künstler apropriierte Textilie ihrem häuslichen Kontext entrissen und einem neuen Zweck zugeführt. Der Stoff als Träger ist also hier wie dort identisch, ganz gleich ob es sich um systemkritische Äusserungen und Protestbotschaften oder um Buettis Sinnsprüche handelt, wie auch die Machart der darauf applizierten Botschaften einem Vergleich standhält Protestanten und Künstler bedienen sich gleichermassen der Spraydose, um ihre Message plakativ zu verbalisieren. Nimmt man jedoch Buettis Mitteilungen unter die Lupe, dann geht es darin nie um wirkliche Anklagen. Des Künstlers Message erzählt vorab die Geschichte von Liebe und Zuneigung, von emotionellen und visuellen Abhängigkeiten im Zeitalter der totalen Entäusserung und der Marketing-Biographien. »JUST YOU AND ME«, »I LOVE YOU REAL«, »I WANT TO BE LIKE YOU, SUPERSTAR«, »PLEASE KISS ME HERE SUPERSTAR« das sind Slogans, die Buetti der synthetischen und mediatisierten Welt des Showbussines entliehen hat, Slogans, welche die heutige Gesellschaft bis ins Letzte verinnerlicht hat, ganz gleich, ob wir Popmusikfans, Fashion addicts, Fussballanhänger oder Soap-Opera-Liebhaber sind. Doch im Gegnsatz zur bekannten und verführerischen Hochglanzästhetik der Werbewirtschaft, die sonst als Agentin für diese Botschaften fungiert, kommen Buettis Adaptionen der verbalen Gunstbezeugungen pober daher. Und gerade durch diese armselige Präsentation geraten sie trotz inhaltlicher Kongruenz zu emotionellen Psychogrammen der grassierenden Vereinsamung, zu quasi-sentimentalen Zeugnissen zwischenmenschlicher Verarmung. Von Friede, Freude und Eierkuchen findet sich hier keine Spur.
Superstars brauchen eine Bühne. Erst die mediale Inszenierung macht sie zu dem, was sie darstellen, zu Menschen, zu denen man aufblickt, denen man nacheifert. Die Bühne, im übertragenen wie im eigentlichen Sinn, ist der Ort. wo die medialen Mythen kreiert werden. Also hat Daniele Buetti hier in Ulm eine Bühne gebaut. Und wie bei den Tüchern mit den Parolen, so ist auch hier die normale Verhältnismässigkeit gezielt aus dem Lot gebracht. Anstatt die Protagonisten, die sonst auf diesen Brettern im Scheinwerferlicht als menschliche Prototypen agieren, zu überhöhen, zu inszenieren und ihnen zu identifizierbaren Konturen zu verhelfen. generiert diese spezielle Plattform zuerst einmal ein diffuses, ja geradezu hermetisches Klima. Wo üblicherweise der Blick für das Geschehen auf den Brettern geschärft wird, erhebt sich eine optische Barriere. Das glitzernde Lametta, das der Künstler wie einen Vorhang um das Bühnengeviert gespannt hat, akzentuiert nicht nur die Trennung zwischen der erhöhten, künstlerischen Spielwiese und der realen Wirklichkeit, sondern stellt grundsätzliche Fragen nach unserer Wahrnehmung von mediatisierten Welten. Nähert sich der Betrachter nämlich dem Ort der Handlung, versucht er mit seinen Augen hinter die glitzernde Fassade zu schauen, so sieht er zunächst einmal nur eines, sein eigenes Antlitz!
Die Blicke laufen also vorerst ins Leere, werden zurückgeworfen, oder verfangen sich in der Bewegung anderer Besucher, die von passiven Betrachtern zu Akteuren werden, wenn sie sich im Innern des Bühnenraums befinden. Doch die Ohren lassen sich nicht täuschen. Denn aus dem optisch verschlossenen Innenraum dringen unzweifelhaft Geräusche, eine süsslich säuselnde Musik. Verführerisch und suggestiv, ist der Sound dazu angetan, uns ins Innere des Raumes zu locken. Und wenn man weiss, dass der Chris-Isaak-Song aus David Lynchs Film »Wild at Heart« stammt, wird die Musik in die Nähe der Sirenengesänge gerückt wer sich der Geräuschquelle nähert, riskiert das Verderben wie die griechischen Seefahrer.
Haben wir beim Umrunden des magischen Raumes dann endlich den Eingang zur Bühne entdeckt, die Treppe erklommen, werden wir zuerst einmal enttäuscht. Die Verheissungen, evoziert durch die Bilder in unserem eigenen Kopf, werden nicht eingelöst: Wir stossen auf keine Superstars, sondern auf eine kärgliche Ansammlung von bricolageartigen Objekten. Genau genommen handelt es sich dabei um acht Fernsehmonitore, die Buetti auf simplen Klappstühlen plaziert hat. Diese Anordnung alleine ist nichts aussergewöhnliches, wir kennen sie vom Campingplatz. Auffällig ist hingegen, dass die Geräte nicht ihre übliche rechteckige Form aufweisen, sondern von einem Kranz aus Tüten und Kartonschachteln umfasst werden. Damit bricht der Künstler wiederum analog zu den Parolen auf den Tüchern und analog zur Beschaffenheit der Bühne die herkömmlichen Rezeptionsmuster des Mediums. Der Fernseher erhält Konkurrenz. Und zwar von niemand Geringerem als von Claudia Schiffer, Naomi Campell, Linda Evangelista und Co. Aufgeklebt auf Pizzaschachteln, Waschmittelverpackungen oder Kaffeetüten, umfassen die allgegenwärtigen Schönheitsideale die Monitore wie eine Krone und erheben das technische Gerät quasi zum Altar. Die Protagonistinnen des aktuellen Schönheitskults, herausgelöst aus dem glamourösen Kontext der Modezeitschriften, werden schliesslich zur Staffage zu dem was sie im Grunde genommen tatsächlich sind. Auf den zweiten Blick bemerkt man aber, dass diese Lesart nicht die einzig Mögliche ist. Denn erst die Schönheit der Frauen, die sich trotz der brüsken Collagetechnik noch erhalten hat, verleiht den antiquierten Fernsehgeräten eine auratische Wirkung. Anstatt den Bildschirm zu bevölkern, lasziv über die Laufstege in der Bildschirmmitte zu schreiten, avancieren die Supermodels zu den eigentlichen Wächterinnen des Mediums.
Nun kommen wir allmählich zum Kern der Sache. Wir öffnen die letzte Babuschka dieser Medienschnitzeljagd, welche uns Daniele Buetti im Ulmer Kunstverein vorsetzt. Im Zentrum seines Werkes befinden sich acht Videos, die gleichzeitig abgespielt werden. Darin sehen wir, wie könnte es anders sein in unserem exhibitionistischen Zeitalter, den Künstler. Allerdings berichtet er nicht von Familien- oder Beziehungsproblemen. Und wer eine Homestory erwartet, sieht sich ebenfalls getäuscht. Im Gegenteil: Buetti hat sich eine Gummimaske über den Kopf gezogen, er praktiziert ein Katz-und-Maus-Spiel mit der eigenen Identität und zeigt sich als multiple Persönlichkeit. Der Künstler als Clown, als Hofnarr, als ewig Leidender, der hilflos verschnürt von der Decke baumelt, der sich als kümmerlicher Marionettenkönig blossstellt, der sich zum willfährigen Instrument der Massenmedien machen lässt man sieht, der Rollen sind viele und Buetti lässt in diesem selbstironischen Spiel kaum eine aus. Doch, und auch davon berichten die Videobilder, der Künstler ist Mensch und er ist, zumindest im Fall von Buetti, ein Mann: schmachtend, liebesbedürftig, allein mit den eigenen Bildern im Kopf der Sehnsucht, den Träumen und Wünschen ausgeliefert wie wir alle auch.
Diese ungemein präzise und differenzierte Benennung von aktuellem Zeitgefühl ist für mich eine herausragende Qualität von Daniele Buettis Werk. Seine Analysen und Diagnosen, in athmosphärischen Installationen materialisiert, mit kalkulierter Nonchalance inszeniert und mit tragisch-komischer Metaphorik vorgetragen, legen die Fallstricke unserer Wahrnehmung offen, die immer mehr von mediatisierten statt von unmittelbaren Realitäten geprägt wird. Ohne zu moralisieren oder zu banalisieren gelingt ihm jene Gratwanderung zwischen Unterhaltung, Ironie, Nachdenklichkeit und Schönheit, die ich an guter Kunst schätze. Ich hoffe, Ihnen geht es ebenso und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim medialen Zwiebelschälen.
Text erschienen in:
Daniele Buetti, Never Enough of You, Katalog Kunstverein Ulm, Ulm 1998