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Äthiopien
Äthiopien ist seit 2001 ein Schwerpunktland von Biovision. Biovision unterstützt hier verschiedene Projekte in der Umsetzung von ökologischen Methoden zur Gesundheitsförderung und in der nachhaltigen Landwirtschaft sowie in der nachhaltigen Landnutzung. Biovision arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen und der Zweigstelle des icipe in Addis Abeba zusammen.
Bevölkerung
2015 zählte Äthiopien fast 100 Millionen Menschen und gehört damit hinter Nigeria zu den bevölkerungsreichsten Ländern des Kontinents. Beim gegenwärtigen Wachstum von 2,9 Prozent, das ungefähr dem afrikanischen Durchschnitt entspricht, kommen pro Jahr rund 3 Millionen Personen dazu. Insgesamt sind 64 Prozent der Leute jünger als 24 Jahre. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung lebt in Städten. Als Folge der verbreiteten Landflucht wächst diese Gruppe – bei einer jährlichen Zunahme von 4,9 Prozent – deutlich rascher als im Landesmittel (www.cia.gov).
Gemäss dem Human Development Index des UNO-Entwicklungsprogramms UNDP, das die Faktoren Gesundheit, Erziehung und Einkommen als umfassenden Massstab für den Wohlstand bewertet, rangiert Äthiopien auf Platz 174 von 187 (http://hdr.undp.org). Die mittlere Lebenserwartung liegt bei gut 64 Jahren, wobei die Kindersterblichkeitsrate der Lebendgeborenen 6.4 Prozent beträgt.
Trotz Fortschritten im Gesundheitswesen bleibt vor allem die Versorgung der ländlichen Bevölkerung mangelhaft. Viele Menschen leiden aufgrund der prekären hygienischen Bedingungen unter häufigen Durchfällen, die bei Kindern die wichtigste Todesursache sind (http://liportal.giz.de/). So haben auf dem Land nur gerade 42 Prozent der Leute Zugang zu sauberem Wasser und lediglich 23 Prozent verfügen über sanitäre Einrichtungen (http://hdr.undp.org). Weit verbreitet sind zudem Erkrankungen an Malaria, Hepatitis, Meningitis, Bilharziose und AIDS, wobei der Anteil der HIV-Infektionen in Äthiopien allerdings deutlich tiefer liegt als in anderen ostafrikanischen Ländern wie etwa Kenia, Tansania oder Uganda. Mit dem Projekt DPH-001 zur umweltfreundlichen Malariabekämpfung in Tolay kann Biovision einen Beitrag zur Verbesserung der Volksgesundheit auf dem Land leisten.
Der Anteil der über 15-Jährigen, die lesen und schreiben können, ist mit 49 Prozent zwar vergleichsweise tief, hat aber nach dem Ende der Militärdiktatur in den 1990er-Jahren stark zugenommen. Besuchten 1994 erst 3 Millionen Kinder die Grundschule, waren es 2008 bereits mehr als 15 Millionen.
Lebensraum
Mit 1‘104‘300 km2 ist Äthiopien fast 27 Mal so gross wie die Schweiz. Seit die Unabhängigkeit Eritreas das Land im Nordosten 1993 vollständig vom Roten Meer abgeschnitten hat, gilt Äthiopien als bevölkerungsreichster Binnenstaat der Welt. Ungefähr ein Zehntel seiner Fläche besteht aus Seen, Sumpfgebieten und ergiebigen Flüssen, die im Hochland entspringen. Dazu gehört auch der Blaue Nil als Hauptwasserlieferant für den längsten Fluss der Erde. Im Westen und mittleren Osten sind weite Teile der Landschaft durch ausgedehnte Hochebenen geprägt. Das grösste Hochplateau des Kontinents wird von der kenianischen Grenze im Südwesten bis zum Nordosten vom ostafrikanischen Grabenbruch zerschnitten. In Richtung Eritrea geht dessen trichterförmige Öffnung in eine Tiefebene über, deren tiefster Punkt 116 Meter unter dem Meeresspiegel liegt (http://liportal.giz.de).
Die Bruchzone entlang des äthiopischen Grabens ist eine vulkanisch aktive Region mit zahlreichen Seen. In ihrem Nordosten befindet sich mit der Danakil eine der lebensfeindlichsten Wüsten der Erde. Landschaftstypisch sind im Übrigen die an vielen Stellen des Hochplateaus steil abfallenden Ränder – so etwa im Westen an der Grenze zum Sudan oder im Bereich der Einschnitte grosser Flüsse. Neben den Wüsten und Halbwüsten im Osten und dem Gebirge mit über 4000 Meter hohen Gipfeln im Norden prägen vor allem die grossflächigen Feucht- und Trockensavannen das Landschaftsbild. Aufgrund der Höhenunterschiede weist das Klima je nach Gebiet starke Variationen auf. Während die durchschnittliche Jahrestemperatur in den Berggebieten des Hochlandes nur 16 Grad beträgt, erreicht sie in den tropisch-heissen Tiefebenen 27 Grad.
Äthiopiens Wälder, die noch vor 100 Jahren etwa 40 Prozent des Landes bedeckten, sind durch jahrzehntelange Rodungen für die Gewinnung von landwirtschaftlichen Nutzflächen und Brennholz auf kümmerliche Restbestände geschrumpft. Unter anderem als Folge dieser Entwaldung leidet insbesondere die ländliche Bevölkerung unter wiederkehrenden Dürren und Überschwemmungen, die im Zuge der fortschreitenden Erosion auch die Bodenfruchtbarkeit stark beeinträchtigen und die Verwüstung begünstigen.
Aufgrund der strukturellen Probleme reichen die Ernten vieler kleinbäuerlicher Betriebe nicht aus, um ihre Familien ganzjährig zu ernähren. Zur Überbrückung der Engpässe sind denn auch Millionen von Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen. So deckt die internationale Entwicklungshilfe in normalen Jahren etwa 10 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs ab, doch in Krisenzeiten steigt der Anteil auf 25 Prozent an. Im dürregefährdeten Siraro soll das von Biovision unterstützte Projekt DPP-008 insbesondere den Kleinbäuerinnen ermöglichen, die Ernährungssicherheit ihrer Familien durch eine nachhaltige Landnutzung zu verbessern.
Wirtschaft
Äthiopiens Bruttoinlandprodukt (BIP) hat sich seit 2005 mehr als vervierfacht (http://data.un.org). Gemessen an der Bevölkerung von 100 Millionen Menschen liegt die Wirtschaftskraft mit knapp 55 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 allerdings immer noch auf einem bescheidenen Niveau. Bei jährlichen Wachstumsraten von 10 Prozent und mehr, die zum Teil durch den forcierten Ausbau staatlicher Infrastrukturvorhaben angetrieben werden, hat in diesem Zeitraum auch das mittlere Durchschnittseinkommen von 160 auf 550 US-Dollar pro Person und Jahr zugenommen (http://data.worldbank.org). Damit gehört Äthiopien jedoch nach wie vor zu den ärmsten Ländern. Die Weltbank beziffert den Anteil der Menschen, die 2010 unter der allgemeinen Armutsgrenze lebten, auf 29,6 Prozent. 2004 betrug die entsprechende Quote noch fast 39 Prozent, was auf einige Erfolge bei der Armutsbekämpfung hindeutet.
Gut 80 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft, die 2014 fast 48 Prozent zum BIP beigetragen hat (https://www.cia.gov). Neben sesshaften Familien, die auf kleinräumigen Äckern oft nur Nahrungsmittel für den Eigenbedarf kultivieren, sind auch der Wanderfeldbau sowie die nomadisierende Viehwirtschaft verbreitet. Zu schaffen machen den bäuerlichen Haushalten vor allem die unregelmässigen Niederschläge und die zunehmende Bodendegradation. Weil alles Land dem Staat gehört, verfügen die Bewirtschafter in der Regel nicht über langfristig abgesicherte Nutzungsrechte. Angesichts des verbreiteten Mangels an Nahrungsmitteln verschärft dieser Umstand insbesondere während Dürreperioden Konflikte um die Bodennutzung. Um die Produktivität der teils ausgelaugten Böden in der Region Tolay zu erhöhen und Ernteeinbussen durch Insekten zu vermindern, fördert Biovision im Projekt DPP-006 den Maisanbau mit Hilfe der bewährten Push-Pull-Methode.
Mit einem Entwicklungsplan möchte auch die äthiopische Regierung die Einkommenssituation auf dem Land entscheidend verbessern. Dazu will sie die Produktepalette der kleinbäuerlichen Haushalte erweitern, ihren Marktzugang verbessern und den Anbau von Exportgütern fördern – nicht zuletzt auch durch ausländische Investoren (http://liportal.giz.de). Davon verspricht sie sich sowohl eine Reduktion der Armut in den ländlichen Regionen als auch eine Stärkung der einheimischen Industrie, die heute vorwiegend Agrarprodukte wie Lebensmittel oder Leder verarbeitet und nur gut 10 Prozent zum BIP beisteuert. Zudem soll die Wasserkraft ausgebaut werden.
Den Dienstleistungssektor mit seinem Anteil von nahezu 42 Prozent am BIP dominieren der Einzelhandel, die öffentliche Verwaltung sowie das Banken- und Versicherungswesen, welche nur äthiopischen Investoren zugänglich sind.
Seit Jahren hohe Handelsbilanzdefizite – bei gleichzeitig niedrigen Devisenreserven – machen die Wirtschaft des Landes anfällig gegenüber äusseren Störungen (http://www.auswaertiges-amt.de). Den Ausfuhren von Kaffee, Ölsaaten, Gold, Lederwaren und Nutztieren im Umfang von 3,3 Milliarden US-Dollar standen 2014 Importe mit einem Gesamtwert von 13,6 Milliarden US-Dollar gegenüber. Die wichtigen Handelspartner China, Saudi Arabien, Indien und USA liefern Äthiopien vor allem Chemikalien, Erdölprodukte, Maschinen, Motorfahrzeuge und Getreide.
Nach dem Machtwechsel in den frühen 1990er-Jahren hat die äthiopische Regierung erste Schritte für eine Öffnung der vormals sozialistischen Planwirtschaft hin zu einer freieren Wirtschaftsform eingeleitet. Das Konzept einer staatlich gelenkten Ökonomie ist im Alltag jedoch immer noch prägend. So untersagt die Verfassung privaten Landbesitz, die Regierung kontrolliert staatliche Monopolfirmen sowie parteinahe Unternehmensgruppen und übt mit ihren Regulierungen einen beherrschenden Einfluss auf die übrige Wirtschaft aus.
Politik
Äthiopien ist der älteste noch bestehende Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Trotz jahrhundertelanger Auseinandersetzungen mit europäischen Mächten konnte das alte Kaiserreich – mit Ausnahme einer kurzen Besetzung durch das faschistische Italien – nie kolonialisiert werden (http://liportal.giz.de). Die bewahrte Unabhängigkeit bildet bis heute eine identitätsstiftende Gemeinsamkeit der zahlreichen Volksgruppen und Religionen, welche hier relativ friedlich zusammenleben.
Nach dem Sturz der Militärdiktatur unter Major Mengistu ist Äthiopien – gemäss der Verfassung von 1995 – als demokratischer Bundesstaat organisiert worden. Die Aufteilung der Regionalstaaten orientiert sich weitgehend an den ethnischen und sprachlichen Siedlungsgrenzen (http://liportal.giz.de). Dabei wird das Selbstbewusstsein der früher zentralistisch befehligten Volksgruppen durch den föderalen Staatsaufbau und die Einführung regionaler Sprachen in Verwaltung und Schulen gestärkt. Das Recht der verschiedenen Ethnien auf Selbstbestimmung ist ebenso in der Verfassung verankert wie die Trennung von Staat und Religion. Orthodoxe Christen und überwiegend sunnitische Muslime bilden mit einem Anteil von mehr als drei Viertel die grössten Glaubensgemeinschaften. Ihre vergleichsweise friedliche Koexistenz wird jedoch zunehmend durch die starke Missionierung christlicher Pfingstkirchen aus den USA und den wachsenden Einfluss muslimischer Gruppen aus dem Ausland gefährdet.
Die politische Macht im Staat steht seit dem Ende des Militärregimes 1991 unter Kontrolle der EPRDF. Diese Koalition umfasst vier formal gleichberechtigte Parteien. Sie wird aber sehr stark von der in Tigre beheimateten TPLF dominiert. Diese Dominanz führt immer wieder zu stärkeren Spannungen mit anderen Volksgruppen. Zwar hat sich die Menschenrechtssituation im Vergleich zum Mengistu-Regime erheblich verbessert, doch folgt die Regierung einem sehr autokratischen Regierungsmodell und die Lage in Bezug auf die demokratischen Rechte und die Freiheit der Presse bleibt kritisch. Korruption ist sowohl in Regierungskreisen als auch im Justizwesen verbreitet.
Eine grosse Belastung für die Stabilität Äthiopiens sind die Konflikte und Kriegswirren in den Nachbarländern sowie die dadurch ausgelösten Fluchtbewegungen. So hat das Land – vor allem aus dem Südsudan und aus Somali – hunderttausende von Flüchtlingen aufgenommen, wobei kein anderer afrikanischer Staat so viele Vertriebene beherbergt (http://liportal.giz.de).
Als aussenpolitisches Spannungsfeld gelten zudem die Beziehungen zum östlichen Nachbarland Eritrea, mit dem Äthiopien zwischen 1998 und 2000 einen verlustreichen Grenzkrieg führte, der auf beiden Seiten zehntausende von Toten forderte.