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Zum Sinfoniker wurde Johannes Brahms bekanntlich nicht über Nacht, sondern nach einem jahrzehntelangen, von vielen Rückschlägen geprägten Entwicklungsprozess. Umso enthusiastischer begrüssten seine Anhänger jedes neue Werk, das sie nur zu gern in die Beethoven-Nachfolge stellten. Während Brahms' Erstling Vergleiche mit dessen «Schicksalsinfonie» provozierte, galt die Nr. 2 als seine «Pastorale» und die Dritte als «Eroica» – so zumindest sah es der Premierendirigent Hans Richter.
Tatsächlich schlägt die F-Dur-Sinfonie in ihren Aussensätzen einen kämpferischen Ton an, die künstlerischen Selbstzweifel des Komponisten scheinen endgültig überwunden. Immer wieder, schon in den allerersten Takten, schwankt die Musik zwischen Dur und Moll, und immer wieder setzt sich am Ende Dur triumphierend durch. Das Finale beginnt sogar in überraschender Moll-Düsternis, mit einer bedrohlich orgelnden Figur, deren Verwandlung in strahlendes Dur etwas ungemein Befreiendes hat: wie «ein prachtvolles Gewitter, das uns erhebt und erfrischt», hiess es nach der Uraufführung.
Was Brahms von Beethoven unterscheidet, ist zum einen die Leichtigkeit der Mittelsätze. Andante und Scherzo sind im Serenadenton angelegt, statt Konflikten dominieren hier schwärmerisches Aussingen, melodische Variation, der Wechsel der Klangfarben. Zum anderen arbeitet Brahms wie ein kluger Architekt mit begrenztem thematischem Material, aus dem er die unterschiedlichsten musikalischen Gebilde entwickelt. Nicht umsonst zitiert er am Ende des Finales noch einmal die Anfangstakte der Sinfonie.