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Der Ring der Kraft
Der Ring der Kraft
Quelle: Der Ring der Kraft
S.18:
Träumen:
Jeder Krieger hat seine eigene Art zu träumen. Jede Art ist anders. Das einzige, was wir gemeinsam haben, ist die Tatsache, daß wir Tricks versuchen, um die Suche aufzugeben. Das Gegenmittel besteht darin, trotz aller Schranken und Enttäuschungen beharrlich weiterzumachen.« Dann fragte er mich, ob ich fähig sei, die Themen des »Träumens« auszuwählen. Ich meinte, ich hätte nicht die blasseste Ahnung, wie man das machte.
»Die Erklärung der Zauberer, wie man ein Thema zum Träumen auswählt«, sagte er, »besagt, daß ein Krieger das Thema wählt, indem er absichtlich vor seinem inneren Auge ein Bild festhält, während er seinen inneren Dialog abstellt. Mit anderen Worten, wenn er einen Augenblick aufhören kann, mit sich selbst zu sprechen, und wenn er dann, sei es nur für einen Moment, das Bild oder die Vorstellung von dem, was er beim Träumen sehen will, festhalten kann, dann wird ihm der gewünschte Gegenstand erscheinen. Ich bin sicher, daß du dies getan hast, auch wenn es dir nicht bewußt geworden ist.«
S.38:
Nach einer anfänglichen Phase der Ungeduld und Nervosität gelang es mir, mich zu beruhigen. Meine Gedanken wurden immer weniger, bis mein Geist völlig leer war. Die Geräusch des Wüstenchaparral schienen im gleichen Maß lauter zu werden, wie ich ruhiger wurde. Das seltsame Geräusch, das, wie Don Juan meinte, von einen Nachtfalter herrührte, war wieder da. Ich registrierte es als ein Gefühl im Körper, nicht als einen Gedanken in meinem Kopf, Ich stellte fest, daß es überhaupt nicht bedrohlich oder feindselig war. Es war lieblich und einfach. Wie der Ruf eines Kindes. Es rief die Erinnerung an einen kleinen Jungen wach, den ich einst gekannt hatte. Die langen Töne erinnerten mich an seinen runden, blonden Kopf, die kurzen Stakkato-Klänge an sein Lachen. Ein schmerzliches Gefuhl bedrückte mich, und doch war mein Geist leer von Gedanken; ich spürte den Schmerz körperlich. Ich konnte nicht mehr aufrecht sitzen und glitt nach der Seite zu Boden. Meine Trauer wurde so heftig, daß mein Denken wieder einsetze. Ich überlegte, was es mit meinem Schmerz und meinem Kummer auf sich haben mochte, und plötzlich fand ich mich mitten in einem Selbstgespräch über den kleinen Jungen. Das pochende Geräusch hatte aufgehört. Meine Augen waren geschlossen. Ich hörte, wie Don Juan aufstand, und dann spürte ich, wie er mir half, mich aufrecht zu setzen.
S.70:
Kraft ziehen:
Don Juan hieß mich, mit dem Gesicht nach Westen auf der, Stelle traben. Schon vorher hatte er mich bei verschiedenen Gelegenheiten dieselbe Bewegung ausführen lassen. Dabei ging es darum, aus der anbrechenden Dämmerung »Kraft« zu, ziehen, indem man die Arme mit fächerförmig gespreizten Fingern zum Himmel streckte und dann, wenn die Arme sich in der Mitte zwischen Horizont und Zenit befanden, die Hände kraftvoll zu Fäusten ballte.
Diese Übung tat ihre Wirkung, und fast augenblicklich wurde
ich ruhig und gefaßt. Ich konnte jedoch nicht umhin, mich zu fragen, was mit meinem alten Ich geschehen sein mochte, das sich durch das Ausführen so einfacher und törichter Bewegungen niemals so vollkommen hätte entspannen können.
Nun wollte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf das Verfahren konzentrieren, das Don Juan zweifellos befolgen würde, um Don Genaro zu rufen. Ich erwartete irgendwelche grotesken Vorkehrungen. Don Juan aber stand, nach Südosten gewandt, auf der Veranda, legte die Hände trichterförmig um den Mund und rief: »Genaro! Komm her!«
Im nächsten Augenblick tauchte Don Genaro aus dem Chaparral auf. Die beiden strahlten. Sie tanzten buchstäblich vor mir hin und her.
S.97:
Drei Techniken die beim Träumen helfen können:
»Nachdem der Lehrling seine Zauber Aufgabe erhalten hat, ist er bereit, für eine andere Form der Unterweisung«, fuhr er fort. »Er ist nun ein Krieger. In deinem Fall, damals, als du nicht mehr Lehrling warst, lehrte ich dich die drei Techniken, die beim Träumen helfen: das Unterbrechen der Lebensroutinen, die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun. Du warst sehr konsequent, schwer von Begriff als Lehrling und schwer von Begriff als Krieger. Pflichteifrig schriebst du alles auf, was ich sagte und was dir widerfuhr, aber du handeltest nicht genauso, wie ich es dir aufgetragen hatte. Darum mußte ich dich trotzdem mit Hilfe der Kraftpflanzen erschüttern.«
Nun zeichnete Don Juan Schritt um Schritt nach, wie er meine Aufmerksamkeit vom »Träumen« abgelenkt und mich glauben gemacht hatte, das eigentlich wichtige Problem sei eine sehr schwierige Aktivität, die er als Nicht-Tun bezeichnete und die aus einem Wahrnehmungsspiel bestand, bei dem ich meine Aufmerksamkeit auf Merkmale der Welt richten mußte, die für gewöhnlich übersehen werden, so etwa die Schatten der Dinge. Don Juan sagte, es sei seine Strategie gewesen, das Nicht-Tun hervorzuheben, indem er es mit dem striktesten Geheimnis umhüllte.
»Wie alles andere auch, ist das Nicht-Tun eine sehr wichtige Technik, aber es war nicht das Eigentliche«, sagte er. »Du bist auf die Geheimnistuerei hereingefallen. Du — ein Schwatzmaul - mußtest ein Geheimnis für dich behalten!«
Lachend meinte er, er könne sich gut vorstellen, welche Qualen es mir bereitet haben mußte, meinen Mund zu halten. Das Unterbrechen der Routine, die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun, sagte er, seien Mittel, um neue Wahrnehmungsweisen der Welt zu lernen, und sie gäben dem Krieger eine Ahnung von ungeahnten Möglichkeiten des Handelns. Durch die Anwendung dieser drei Techniken, so Don Juans Vorstelung werde das Wissen um eine separate und pragmatische
Welt des »Träumens« ermöglicht. wartet auf dich, gerade wie der Tod auf dich wartet, Überall und nirgends «
»Warum wartet der Verbündete auf mich?«
»Aus dem gleichen Grund, warum der Tod auf dich wartet«, sagte er, »weil du geboren worden bist. Im Augenblick gibt es keine Möglichkeit zu erklären, was damit gemeint ist, Zuerst mußt du den Verbündeten erfahren. Du mußt ihn in all seiner Macht wahrnehmen, dann kann die Erklärung der Zauberer ihn vielleicht begreiflich machen. Bislang hattest du nicht genügend Kraft, dir auch nur eines zu erklären, daß nämlich der Verbündete ein Nachtfalter ist.
S.100:
Doppeln:
Ich lag auf der Strohmatte. Don Juan befand sich ein paar Meter entfernt. Mein Traum war so wundervoll gewesen, daß ich ihm davon erzählen wollte. Er gebot mir Schweigen. Mit einem langen Zweig wies er auf zwei lange Schatten, die die Äste des Wüstenchaparral auf die Erde warfen. Die Spitze seines Zweiges folgte den Umrissen des einen Schattens, als wollte sie ihn nachzeichnen, dann sprang sie zum anderen hinüber und tat dort dasselbe. Die Schatten waren etwa einen halben Meter lang und fast fünf Zentimeter breit; sie lagen zwanzig bis dreißig Zentimeter von einander entfernt. Meine Augen, die den Bewegungen des Zweiges folgten, gerieten dadurch außer Kontrolle, und schließlich sah ich mit schielenden Augen vier Schatten; auf einmal verschmolzen die zwei mittleren Schatten zu einem einzigen und riefen eine außerordentlich tiefenscharfe Wahrnehmung hervor. Der so gebildete Schatten wies eine unerklärliche Fülle und Räumlichkeit auf; er war beinah wie ein durchsichtiges Rohr, eine runde Stange aus irgendeiner unbekannten Substanz. Ich wußte, daß meine Augen schielten, und doch schienen sie auf eine Stelle zentriert zu sein; was ich dort sah, war glasklar. Ich konnte die Augen bewegen, ohne daß das Bild sich auflöste.
Ich schaute dauernd hin, ohne jedoch meine Wachsamkeit abzulegen. Ich verspürte einen komischen Zwang, mich zu entspannen und mich ganz in die Szene zu vertiefen. Irgendwie schien das, was ich beobachtete,mich anzuziehen; aber etwas anderes in mir drängte sich in den Vordergrund, und ich fing ein halbbewußtes Selbstgespräch an. Fast augenblicklich kam mir die Umgebung meiner alltäglichen Welt zu Bewußtsein,
Don Juan beobachtete mich. Er schien beunruhigt. Ich fragte ihn, was denn los sei. Er antwortete nicht. Er war mir behilflich, mich aufzusetzen. Erst dann erkannte ich, daß ich auf dem Rücken gelegen und in den Himmel geschaut hatte, während Don Juan sich über mein Gesicht beugte. Mein erster Impuls war, ihm zu sagen, daß ich tatsächlich die Schatten am Boden gesehen hatte, während ich in den Him‘ mel schaute, aber er legte mir die Hand auf den Mund. Einige Zeit saßen wir schweigend da. Ich hatte keinerlei Gedanken.
S.109
Der Sprung und das Diagram
Schließlich fragte ich: »Hat Don Genaro mich auf den Felsvorsprung hinaufspringen lassen?«
»Betrachte diesen Sprung nicht als dasselbe, was du normalerweise unter einem Sprung verstehst«, sagt er. »Dies ist wiederum nur eine bildliche Redeweise. Solange du glaubst, du seist ein fester Körper, wirst du nicht begreifen, wovon ich spreche.«
Dann streute er neben der Laterne etwas Asche auf den Boden, auf eine Fläche von etwa fünfzig mal fünfzig Zentimeter, und zeichnete mit dem Finger ein Diagramm - ein Diagramm, das acht miteinander durch Linien verbundene Punkte aufwies. Es war eine geometrische Figur.
Schon vor Jahren hatte er einmal ein ähnliches gezeichnet, als er mir zu erklären versuchte, daß es keine Illusion gewesen sei, als ich das gleiche Blatt viermal vom gleichen Baum herabfallen sah.
Das in die Asche gezeichnete Diagramm hatte zwei Epizentren; das eine nannte er »Vernunft«, das andere »Wille«. »Vernunft« war direkt mit einem Punkt verbunden, den er »Sprechen« nannte; durch »Sprechen« war »Vernunft« indirekt mit drei anderen Punkten verbunden, nämlich »Fühlen«, »Träumen« und »Sehen«. Das andere Epizentrum, »Wille«, war direkt mit »Fühlen«, »Träumen« und »Sehen« verbunden; aber auch indirekt mit »Vernunft« und »Sprechen«.
Ich wandte ein, daß das Diagramm sich von demjenigen unterschied, das er vor Jahren aufgezeichnet hatte.
»Die äußere Form ist bedeutungslos«, sagte er. »Diese Punkte stellen einen Menschen dar und können gezeichnet werden, wie es einem beliebt.«
»Stellen sie den Körper eines Menschen dar?« fragte ich. »Nenne es nicht den Körper«, sagte er. »Dies sind acht Punkte auf den Fasern eines leuchtenden Wesens. Der Zauberer sagt nun, daß ein Mensch, wie du aus dem Diagramm ersiehst, vor allem Wille ist, denn Wille ist direkt mit den drei Punkten Fühlen, Träumen und Sehen verbunden; sodann ist der Mensch Vernunft. Die ist, genaugenommen, ein kleineres Zentrum als Wille; es ist nur mit Sprechen verbunden.«
»Was sind die zwei anderen Punkte, Don Juan?«
Er sah mich an und lächelte.
S.137:
Das Tonal
Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man — wie die Zauberer — behauptet, daß alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts vor alledem verstehen, was ich sage.
Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, daß es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Lebens sind, ist es kein Wunder, daß es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.«
Er hielt inne und fragte mich, ob verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene.
»Ein Wächter ist großzügıg undverstäntnissvoll «‚erklärte er. »Ein Wärter dagegen ist eın Sicherheitsorgan , engherzig und
meistens despotisch. Ich behaupte daß das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzugiger Wächter sein sollte.« Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach.
»Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen«, sagte ich.
»Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten«, sagte er scharf. Diese Bemerkung veranlaßte mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung.
Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, daß er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte. »Das Tonal, das ist alles, was wir sind«, fuhr er fort. »Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muß folglich alles in seine Sphäre fallen.«
S.150:
Gehe nicht sorglos mit dem Tonal um !
»Diese Frauen sind gar nicht so alt, und ihre Körper sind nicht so schwach, und doch sind sie hinfällig. Alles an ihnen ist trostlos, ihre Kleidung, ihr Geruch, ihr Verhalten. Warum, glaubst du, sind sie so?«
»Vielleicht wurden sie so geboren«, meinte ich.
»Niemand wird so geboren. Wir machen uns selbst dazu. Das Tonal dieser Frauen ist schwach und verzagt.
Ich sagte dir ja, heute ist der Tag des Tonal. Ich meinte damit, daß ich mich heute ausschließlich mit diesem befassen will. Ich sagte dir auch, daß ich zu diesem besonderen Zweck meinen Anzug angezogen habe. Damit wollte ich dir zeigen, daß ein Krieger mit seinem Tonal auf ganz bestimmte, sorgsame Weise umgeht. Ich habe dich auch darauf aufmerksam gemacht, daß mein Anzug tadellos gearbeitet ist und daß alles, was ich heute trage, mich perfekt kleidet. Nicht meine Eitelkeit wollte ich dir damit beweisen, sondern meinen Krieger Geist, mein KriegerTonal.
Diese beiden Frauen haben dir heute deinen ersten Eindruck vom Tonal gegeben. Das Leben kann mit dir ebenso erbarmungslos sein wie mit ihnen, wenn du sorglos mit deinem Tonal umgehst. Mich selbst möchte ich einmal als Gegenbeispiel anführen. Falls du mich recht verstehts, brauche ich dies nicht näher zu erläutern.«
Plötzlich wurde ich unsicher und bat ihn, mir genauer zu sagen, was ich verstanden haben sollte.
Wahrscheinlich klang meine Stimme hoffnungslos. Er lachte laut heraus.
S.153:
Schwache Tonale
Er trug einen Einreiher und hatte eine Aktentasche in der Hand. Sein Hemdkragen war aufgeknöpft, und der Schlips hing locker herab. Er schwitzte übermäßig. Seine Haut war sehr hell, was die Schweißperlen noch sichtbarer machte. »Beobachte ihn!« befahl mir Don Juan. Der Mann ging mit kurzen, schweren Schritten. Sein Gang hatte etwas Plumpsendes an sich. Er ging nicht zur Kirche hinauf; er ging außen herum und verschwand hinter ihr. »Es ist doch nicht nötig, den Körper so schrecklich zu mißhandeln«, sagte Don Juan mit einem Anflug von Verachtung. »Aber es ist eine traurige Tatsache, daß wir alle es bis zur Perfektion gelernt haben, unser Tonal zu schwächen. Dies nenne ich Sichgehenlassen.« Er legte die Hand auf mein Notizbuch und ließ mich nicht weiterschreiben. Seine Begründung lautete, ich könne mich nicht konzentrieren, solange ich mir dauernd Notizen machte. Er empfahl mir, mich zu entspannen, den inneren Dialog abzustellen und mich frei fließen zu lassen, um mit der beobachteten Person zu verschmelzen. Ich bat ihn zu erklären, was er mit »Verschmelzen« meinte. Er sagte, dies könne man nicht erklären, es sei vielmehr etwas, das der Körper fühlt oder tut, wenn er in beobachtenden Kontakt mit anderen Körpern tritt. Dann verdeutlichte er das Gesagte, indem er feststellte, er habe diesen Vorgang sonst als »Sehen« bezeichnet und es handle sich dabei um eine Pause echten Schweigens im Innern, gefolgt von einer äußeren Verlängerung irgendeines Teils des Selbst — eine Verlängerung, die auf den anderen Körper treffe und mit ihm verschmelze oder mit allem, was sich in unserem Wahrnehmungsfeld finde. An diesem Punkt wollte ich mein Schreibzeug wieder aufnehmen, aber er gebot mir Einhalt und fing an, verschiedene Menschen aus der vorüberziehenden Menge herauszugreifen. So machte er mich auf Dutzende von Personen aufmerksam, die den verschiedensten Typen von Männern, Frauen und Kindern aller Altersgruppen angehörten. Don Juan sagte, er habe absichtlich Menschen ausgewählt, deren schwaches »Tonal« sich in ein Kategorienschema einordnen lasse, um mir dadurch die verschiedenen vorstellbaren Spielarten des Sichgehenlassens vorzuführen.
S.184 / 185
Atemtechnik:
Es handelte sich dabei um eine Technik, die er mich vor Jahren gelehrt hatte und die in Augenblicken großer Gefahr, Angst oder Belastung einzusetzen ist. Sie besteht darin, daß man das Zwerchfell hinabdrückt, während man vier rasche Atemzüge durch den Mund tut, gefolgt von viermaligem tiefem Ein und Ausatmen durch die Nase, Er hatte mir erklärt, man müsse die raschen Atemzüge wie Schläge in die Körpermitte empfinden und dabei die Hände, fest zu Fäusten geballt, gegen den Nabel drücken, was die Körpermitte stärken und mithelfen würde, die Atemzüge und das tiefe Luftholen zu kontrollieren, wobei man bei hinuntergepreßtem - Zwerchfell die Luft anhalten und bis acht zählen müsse. Das Ausatmen hatte zweimal durch die Nase und zweimal durch den Mund zu geschehen, und zwar schnell oder langsam, je nach Belieben.
Ich gehorchte ganz automatisch. Ich wagte es aber nicht, den Blick von Don Genaro abzuwenden. Während ich weiter atmete, entspannte sich mein Körper, und ich bemerkte, daß Don Juan sich an meinen Beinen zu schaffen machte. Als er mich vorhin umgedreht hatte, war mein rechter Fuß anscheinend an einem Erdklumpen hängengeblieben, und mein Bein war in unbequemer Haltung abgewinkelt. Nachdem er es gerade gestellt hatte, wurde mir klar, daß der Schock, Don Genaro in dieser Haltung am Baumstamm zu sehen, mich unempfindlich gegen meine unbequeme Lage gemacht hatte. Don Juan flüsterte mir ins Ohr, ich solle nicht starr auf Don Genaro blicken. Ich hörte ihn sagen: »Blinzle, blinzle!«
S.190
Niemals nach Links drehen wenn man das nagual sieht:
Er lächelte wissend und flüsterte mir zu, man dürfe sich nie nach links umdrehen, wenn man das »Nagual« sehen wolle, Das »Nagual« sei tödlich, und es sei nicht notwendig, die Risiken noch größer zu machen, als sie ohnehin schon seien, Dann drehte er mich behutsam um und lenkte meinen Blick auf einen riesigen Eukalyptus. Er war wohl der älteste Baum hier in der Gegend. Sein Stamm war fast zweimal so dick wie die aller anderen. Mit den Augen wies er zum Wipfel des Baumes hinauf. Don Genaro hockte auf einem Ast! Er schaute zu mir herab. Ich sah seine Augen wie zwei riesige, das Licht reflektierende Spiegel. Ich wollte nicht hinsehen, aber Don Juan bestand darauf, ich dürfe den Blick nicht abwenden. Eindringlich flüsternd, befahl er mir, mit den Augen zu blinzeln und nicht der Angst nachzugeben oder mich gehenzulassen.
Ich bemerkte, daß Don Genaros Augen, wenn ich regelmäßig blinzelte, nicht so furchterregend waren. Nur wenn ich starr hinschaute, wurde das Leuchten seıner Augen entsetzlich. Lange blieb er auf dem Ast hocken. Dann - ohne eine Körperbewegung - sprang er herab und landete in der gleichen hockenden Stellung ein paar Meter von meinem Standort entfernt. Ich konnte den ganzen Ablauf seines Sprungs verfolgen, und ich wußte, daß ich mehr gesehen hatte, als meine Augen aufnehmen konnten. Don Genaro war nicht eigentlich gesprungen. Irgend etwas hatte ihn sozusagen von hinten geschoben und ihn eine Parabel durch die Luft beschreiben lassen. Der Ast, auf dem er gesessen hatte, war an die dreißig Meter hoch, und der Baum war ungefähr fünfzig Meter von mir entfernt; folglich mußte sein Körper eine gekrümmte Kurve beschreiben, um dort zu landen, wo er es tat. Aber die Kraft, die es brauchte, um eine solche Entfernung zu überwinden, war nicht das Produkt von Don Genaros Muskeln; sein Körper wurde vom Ast auf den Boden »geblasen«, Während sein Körper diese Parabel beschrieb, konnte ich einen Augenblick seine Schuhsohlen und sein Gesäß sehen.
S.191
Die einzige Möglichkeit das Nagual zu sehen:
„Wenn man es mit dem Nagual zu tun hat, soll man es nie direkt anschauen, sagte er. »Heute morgen hast du es angestart, und deshalb verließen dich die Kräfte. Die einzig mögliche Art, das Nagual anzusehen, ist, so zu tun, als ob es etwas ganz Alltägliches sei. Und man muß blinzeln, um die Fixierung zu lösen. Unsere Augen sind die Augen des Tonal oder genauer gesagt, unsere Augen sind durch das Tonal geschult, daher erhebt das Tonal Anspruch auf sie. Eine der Ursachen für deine Verwirrung und deinen Verdruß ist, daß dein Tonal deine Augen nicht loslassen will. An dem Tag, da es dies tut, wird dein Nagual eine große Schlacht gewonnen haben, Du bist oder besser: wir alle sind zwanghaft besessen von der Idee, die Welt nach den Gesetzen des Tonal zu arrangieren. Jedesmal, wenn wir dem Nagual gegenüberstehen strengen wir uns daher ungeheuer an, unsere Augen starr und unnachgiebig zu machen.
Und noch etwas sollte man tun, sobald man dem Nagual gegenübertritt, nämlich von Zeit zu Zeit die Blickrichtung wechseln, um den Bann des Nagual zu brechen. Eine Veränderung der Augenstellung mildert stets den Ansturm auf das Tonal, Heute morgen stellte ich fest, daß du extrem verletzlich warst, und ich veränderte deine Kopfhaltung. Wenn du wieder einmal in einer solchen Lage bist, dann solltest du selbst deine Kopfhaltung wechseln können. Dieser Wechsel sollte aber nur als Hilfsmittel dienen, nicht als eine weitere Möglichkeit, sich , zu verbarrikadieren, um die Ordnung des Tonal zu wahren. Ich wette, du würdest versuchen, diese Technik einzusetzen, um dahinter die Rationalität deines Tonal zu verstecken, und dich dadurch im Glauben wiegen, du bewahrtest es vor der Vernichtung.
S.193
Insel leerfegen: (Rekapitulation)
Wenn es zu viele unnötige Dinge auf deiner Insel gibt, dann wirst du die Begegnung mit dem Nagual nicht aushalten.« »Was könnte mir passieren?«
»Du könntest sterben. Niemand kann eine vorsätzliche Begegnung mit dem Nagual ohne langes Training überleben. Es braucht Jahre, um das Tonal auf eine solche Begegnung vorzubereiten. Wenn ein normaler Mensch dem Nagual von Angesicht zu Angesicht entgegenträte, dann wäre der Schock so stark, daß er sterben könnte. Das Training eines Kriegers verfolgt also nicht das Ziel, ihn das Zaubern oder Hexen zu lehren, sondern sein Tonal vorzubereiten, damit es nicht
stirbt. Ein sehr schwieriges Unterfangen! Der Krieger muß lernen, unfehlbar und vollkommen leer zu sein, bevor er auch nur daran denken kann, dem Nagual zu begegnen.
In einem Fall zum Beispiel mußt du aufhören zu kalkulieren. Was du heute morgen gemacht hast, war absurd. Du nennst es Erklären. Ich nenne es ein steriles, stumpfsinniges Beharren des Tonal, alles unter Kontrolle zu behalten. Immer wenn ihm dies nicht gelingt, gibt es einen Augenblick der Verwirrung,
und dann öffnet das Tonal sich dem Tod. Was für ein Blöd
sinn! Es würde sich lieber umbringen, als die Herrschaft abzutreten. Und doch können wir nur wenig tun, um diesen Zustand zu ändern.«
»Wie hast du ihn denn bei dir geändert, Don Juan?«
»Man muß die Insel des Tonal leerfegen und leerhalten, das ist das einzige, was dem Krieger übrigbleibt. Eine leere Insel bietet keinen Widerstand. Und es ist, als ob es dort nichts gäbe.«
S.216
Makellos
»Es ist nicht so kompliziert, wie du es darstellst. Der Schlüssel zu all diesen Fragen nach der Makellosigkeit ist das Gefühl, Zeit zu haben oder keine Zeit zu haben. Als Faustregel mag gelten: Wenn du dich wie ein unsterbliches Wesen fühlst, das alle Zeit auf Erden hat und dementsprechend handelt, dann bist du nicht makellos. In solchen Momenten solltest du dich umdrehen, in die Runde schauen, und dann wirst du erkennen, daß dein Gefühl, Zeit zu haben, töricht ist. Auf dieser Erde gibt es keine Überlebenden!«
S. 244
Doppeln wie bei Floco Tausin:
Wie ich sie so anstarrte, gerieten meine Augen unwillkürlich außer Kontrolle. Ich wußte genau, daß ich schielte, denn ich sah vier Gestalten. Dann schob sich das Bild Don Juans in meinem linken Auge über das Bild Don Genaros in meinem rechten Auge; das Ergebnis dieser Fusion war, daß ich ein schillerndes Wesen zwischen Don Juan und Don Genaro stehen sah. Es war kein Mensch, jedenfall anders, als ich normalerweise Menschen sehe. Eher war es ein weißer Feuerball; es war von einer Art Lichtfasern umgeben, Ich schüttelte den Kopf; das Doppelbild löste sich auf, und doch blieb der Anblick von Don Juan und Don Genaro als leuchtende Wesen bestehen. Ich sah zwei seltsame längliche, leuchtende Objekte. Sie sahen aus wie weiße schillernde Fußbälle mit langen Fasern — Fasern, die ein eigenes Licht ausstrahlten.
Die beiden leuchtenden Wesen erbebten. Ich sah sogar, wie ihre Fasern zitterten, und dann schwirrten sie davon. Sie wurden von einem langen Faden emporgezogen, einem Spinnweben, das von der Spitze der Klippe herabzuschießen schien. Mein Eindruck war, daß ein langer Lichtblitz oder ein leuchtender Faden vom Felsen herabgeschossen war und sie aufgehoben hatte. Diesen Ablauf nahm ich nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Körper wahr.
S.258 / 259
Das richtige Gehen:
Die Zauberer nennen es »den inneren Dialog anhalten«, und sie sind davon überzeugt, daß dies die allerwichtigste Technik ist, die der Lehrling lernen kann.
Um einer Weltansicht ein Ende zu setzen, der wir von der Wiege an gehorchen, genügt es nicht, dies nur zu wollen. Wir brauchen dazu eine praktische Aufgabe. Diese Aufgabe ist das Richtige Gehen«. Das erscheint harmlos und unsinnig. Wie alles, was Kraft in sich trägt oder selbst Kraft ist, entgeht das »Richtige Gehen unserer Aufmerksamkeit. Du hast es, zumindest viele Jahre lang, als eine komische Verhaltensweise verstanden und aufgefaßt. Erst letzthin dämmerte dir, daß es das wirksamste Mittel ist, deinen inneren Dialog anzuhalten.« »Wie kann das »Richtige Gehen: den inneren Dialog anhalten?« fragte ich.
»Diese besondere Art zu gehen überflutet das Tonal«, sagte er.
„Es durchströmt es. Siehst du, die Aufmerksamkeit des Tonal muß auf seine Schöpfungen gelenkt werden. Eigentlich schafft überhaupt erst diese Aufmerksamkeit die Ordnung der welt. Das Tonal muß also aufmerksam auf die Elemente seiner Welt achten, um diese zu stützen, und muß vor allem die Ansicht der Welt als innerer Dialog aufrechterhalten.« Das »Richtige Gehen, sagte er, sei eine List. Dabei lenkt der Krieger, durch das Einkrümmen der Finger, seine Aufmerksamkeit zuerst auf seine Arme. Und dann, indem er — ohne seinen Blick zu zentrieren — auf irgendeinen Punkt geradeaus vor ihm auf einem an seinen Fußspitzen beginnenden und über dem Horizont endenden Bogen schaut, überflutet er buchstäblich sein »Tonal« mit Informationen. Das »Tonale, sagt er, könne dann, ohne unmittelbaren Kontakt mit den Elementen seiner Beschreibung, nicht mehr mit sich selbst sprechen, und so entstehe das innere Schweigen.
Es komme dabei gar nicht auf eine bestimmte Stellung der Finger an, erklärte Don Juan. Es gehe lediglich darum, durch das Anspannen der Finger in verschiedenen ungewohnten Haltungen die Aufmerksamkeit auf die Arme zu lenken; das einzig Wichtige sei, daß die unkonzentriert blickenden Augen eine Unmenge Bilder von der Welt auffangen, ohne sie klar zu sehen. In diesem Zustand, fügte er hinzu, könnten die Augen Details aufnehmen, die zu flüchtig für die normale Beobachtung seien. »Zusammen mit dem »Richtigen Gehen««, fuhr Don Juan fort, »muß der Lehrer eine andere, noch schwierigere Fähigkeit lehren, nämlich die Fähigkeit, zu handeln, ohne zu glauben, ohne Belohnung zu erwarten - einfach drauflos zu handeln. . Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich dir sage, daß der Erfolg eines Lehrers davon abhängt, wie gut und wie harmonisch er seinen Lehrling in dieser Hinsicht leitet.«
Ich sagte Don Juan, ich könne mich nicht daran erinnern, daß er je das »Draufloshandeln« als besondere Technik behandelt hätte; höchstens seien mir seine häufigen, aber unzusammenhängenden Bemerkungen darüber präsent.
Er lachte und meinte, dies sei ein so unauffälliger Kunstgriff gewesen, daß er bis heute meiner Aufmerksamkeit entgangen sei.
S. 263 / 273
Drei weitere Techniken:
Um dem Schüler zu helfen, seine persönliche Geschichte auszulöschen, so erläuterte er, werde dieser in drei weiteren Techniken unterwiesen. Diese bezeichnete er wie folgt: das Gefühl eigener Wichtigkeit verlieren, Verantwortung übernehmen und den Tod als Ratgeber benutzen. Ohne die förderliche Wirkung dieser drei Techniken würde das Auslöschen der persönlichen Geschichte den Schüler nämlich unstet und wankelmütig machen und ihn in unnötige Zweifel an sich selbst und seinen Handlungen stürzen.
Don Juan fragte mich, was denn meine natürlichste Reaktion in Augenblicken der Belastung, Frustration und Enttäuschung gewesen sei, bevor ich sein Schüler wurde. Seine eigene Reaktion, sagte er, sei heftige Wut gewesen. Die meinige sei Selbstmitleid gewesen, sagte ich ihm.
»Nachdem der Lehrling seine Zauber Aufgabe erhalten hat, ist er bereit, für eine andere Form der Unterweisung«, fuhr er fort. »Er ist nun ein Krieger. In deinem Fall, damals, als du nicht mehr Lehrling warst, lehrte ich dich die drei Techniken, die beim Träumen helfen: das Unterbrechen der Lebensroutinen, die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun. Du warst sehr konsequent, schwer von Begriff als Lehrling und schwer von Begriff als Krieger. Pflichteifrig schriebst du alles auf, was ich sagte und was dir widerfuhr, aber du handeltest nicht genauso, wie ich es dir aufgetragen hatte. Darum mußte ich dich trotzdem mit Hilfe der Kraftpflanzen erschüttern.«
Nun zeichnete Don Juan Schritt um Schritt nach, wie er meine Aufmerksamkeit vom »Träumen« abgelenkt und mich glauben gemacht hatte, das eigentlich wichtige Problem sei eine sehr schwierige Aktivität, die er als Nicht-Tun bezeichnete und die aus einem Wahrnehmungsspiel bestand, bei dem ich meine Aufmerksamkeit auf Merkmale der Welt richten mußte, die für gewöhnlich übersehen werden, so etwa die Schatten der Dinge. Don Juan sagte, es sei seine Strategie gewesen, das Nicht-Tun hervorzuheben, indem er es mit dem striktesten Geheimnis umhüllte.
»Wie alles andere auch, ist das Nicht-Tun eine sehr wichtige Technik, aber es war nicht das Eigentliche«, sagte er. »Du bist auf die Geheimnistuerei hereingefallen. Du — ein Schwatzmaul - mußtest ein Geheimnis für dich behalten!«
Lachend meinte er, er könne sich gut vorstellen, welche Qualen es mir bereitet haben mußte, meinen Mund zu halten. Das Unterbrechen der Routine, die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun, sagte er, seien Mittel, um neue Wahrnehmungsweisen der Welt zu lernen, und sie gäben dem Krieger eine Ahnung von ungeahnten Möglichkeiten des Handelns. Durch die Anwendung dieser drei Techniken, so Don Juans Vorstelung werde das Wissen um eine separate und pragmatische
Welt des »Träumens« ermöglicht.