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Zum Tod des Künstlers, Schriftstellers und Soziologen Urs Jaeggi.
Von Ueli Mäder
Urs Jaeggi ist tot. Am 23. Juni 2021 wollte er seinen 90. Geburtstag feiern. Statt den Schweizer Soziologen, Schriftsteller und Künstler dann zu würdigen, müssen wir ihn jetzt traurig verabschieden. Mit grossem Respekt für eine eindrückliche Persönlichkeit, die bis zuletzt Haltung bewahrte, quer dachte und kreativ wirkte. Urs Jaeggi ist am 13. Februar 2021 im Beisein seiner Lebenspartnerin und seiner Tochter in Berlin gestorben.
Urs Jaeggi – Denker, Dichter, Macher. Foto: © ChristA Frontzeck, Berlin 2019
Urs Jaeggi kam 1931 in Solothurn zur Welt. Er machte eine Banklehre, holte die Matura nach, studierte Nationalökonomie und Soziologie in Genf, Bern und Berlin. Nach seiner Assistenz und Promotion in Bern wechselte er für zwei Jahre an die Universität Münster und die Sozialforschungsstelle in Dortmund. 1961 kehrte Urs Jaeggi an die Universität Bern zurück. Am Seminar für Soziologie, das er interimistisch leitete, untersuchte er, wie (einseitig) Schweizer Medien über den Vietnamkrieg berichteten. 1967 zog er über die neugegründete Ruhr-Universität Bochum nach Berlin, wo er nach einer Gastprofessur in New York von 1972 bis 1992 an der Freien Universität in Berlin lehrte. Sein Forschungsschwerpunkt waren Machteliten, die er auch in Romanen kritisch beleuchtete. In Berlin erhielt Urs Jaeggi bereits 1964 den städtischen Literaturpreis. Viele weitere Preise folgten für sein literarisches und künstlerisches Arbeiten, das er bislang in Berlin und Mexiko pflegte.
1968 erschienen von Urs Jaeggi sein Roman «Ein Mann geht vorbei» und sein wissenschaftliches Werk «Ordnung und Chaos», in dem er das analytische Denken und soziale Handeln miteinander verknüpfte. Einer spekulativen Soziologie stellte er ein theoretisches Konzept entgegen, das gesellschaftliche Widersprüche gründlich erhellt und so dazu beiträgt, diese zu überwinden. Viel Aufmerksamkeit erlangten bereits seine früheren «Berner Studien» über «Die gesellschaftliche Elite» (1960), «Angestellte im automatisierten Büro» (1963) und «Berggemeinden im Wandel» (1966). Skeptisch gegenüber grossen Theorien, interessierte ihn auch, wie sich soziale Veränderungen in individuellen Lebensentwürfen zeigen und was Menschen aus dem machen, was die Gesellschaft aus ihnen macht. 1978 bekam Jaeggi den Literaturpreis des Kantons Bern, 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, 1988 den Solothurner Kunstpreis.
Urs Jaeggi beim Aufbau der Ausstellung «De paraísos artificiales y de infiernos» 2013 in Mexiko. Foto: courtesy of universes-in-universe.de
2008 stellte Urs Jaeggi in der Aula der Universität Basel sein Buch über die «Durcheinandergesellschaft» vor. Er regte an, zu einer gewissen Ratlosigkeit zu stehen, die mehr Orientierung biete als vordergründige Klarheiten. Weiter führend sei zuweilen die einfache Frage, ob wir uns immer auf unseren inneren Kompass verlassen könnten. Sein eigener Kompass führte ihn von der Soziologie zur Kunst. Und umgekehrt: vom Malen und Bildhauen zum soziologischen Denken. Erkenntnis setzte für ihn sinnliche Erfahrung voraus. Urs Jaeggi vereinte diese Bereiche mit seinem eigenwilligen Zugang, Fakten basiert, assoziativ und symbolisch. Er schummelte uns keine Risikogarantie und sicheren Auswege aus der «Durcheinandergesellschaft» vor. «Sicher ist die Unsicherheit», sagte er. Und präzisierte: «Allerdings nicht für alle gleich.»
«Kunst ist überall»
Wer materiell gut abgesichert ist, gerät weniger in Bedrängnis. Deshalb plädierte Urs Jaeggi entschieden dafür, die soziale Sicherheit für alle zu stärken. Zum Beispiel mit einem garantierten Grundeinkommen, das ohne entmündigende Kontrollen zu gewähren sei: im Vertrauen auf eigene Kompetenzen und eine reflexive Aufklärung, die sich selbst immer wieder darüber verständigt, wie normal unsere Normalität ist. Urs Jaeggi betrachtete die Utopie als Teil der Realität und fragte schier subversiv, was wirklich wichtig ist im Leben.
Objekte und Zeichnungen in der Ausstellung «Ins Licht gebracht». Malzfabrik, Berlin 2016. Bis kurz vor seinem Tod war Urs Jaeggi mit Arbeiten für die Ausstellung befasst, die zu seinem 90. Geburtstag im Sommer 2021 geplant war. Foto: E. Caflisch
In seiner radikalen Besonnenheit verknüpfte er seine kritische Machtanalyse mit schöpferischen Ausdrucksformen. So war denn vor zehn Jahren zur Feier seines 80. Geburtstages auch seine Ausstellung «Kunst ist überall» in der Berliner Malzfabrik zu sehen. In diesem Industriedenkmal dokumentierten seine Installationen, Malereien, Zeichnungen und Videos sein kreatives Schaffen auf einer Fläche von tausend Quadratmetern.
«Unsere Gesellschaft braucht Anstösser wie dich.»
«Du warst für mich ein Bruder, mit dem ich vieles gemeinsam hatte», sagte Urs Jaeggi im Frühjahr 2019 an der Genfer Buchmesse zum Soziologen und Schriftsteller Jean Ziegler, dem wir zum 85. Geburtstag das Buch «citoyen et rebelle» überreichten. Die beiden kannten sich schon von ihrer Zeit am Berner Seminar für Soziologie. «Von der Vergangenheit zur Vergangenheit» betitelte Urs Jaeggi seinen Beitrag und bezeichnete beide als «moderne Nomaden». Unterwegs erlebten sie viel Vertrautes im Fremden, das gerade dann verbindet, wenn es Widersprüche zulässt, weiter ergründet und darauf verzichtet, Ordnung durch enge Normen herzustellen. «Unsere Gesellschaft braucht Anstösser wie Dich, die sich nicht auf eine Sparte beschränken», sagte Urs Jaeggi dann weiter zu Jean Ziegler. Und das gilt ebenso für ihn selbst. Hab Dank, lieber Urs – für alles.
Titelbild: Urs Jaeggi bei einer Lesung an den Solothurner Literaturtagen 2016. Foto: E. Caflisch. Hier der Beitrag zu Urs Jaeggi bei den Solothurner Literaturtagen
Autor Ueli Mäder, Soziologe und emeritierter Professor der Uni Basel, war ein Freund und Vertrauter von Urs Jaeggi.