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Überflutungen – wie hier in der Region Assam in Indien – zwingen jährlich 20 Millionen Menschen, ihr Zuhause zu verlassen. Bild: istock.com
„Es ist ein Atlas des menschlichen Leids und eine vernichtende Anklage des Versagens der Klimapolitik“, sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, in seiner Ansprache anlässlich der Pressekonferenz zum sechsten Sachstandsberichts des IPCC. Dieser zusammenfassende Bericht ist das Ergebnis eines achtjährigen Projekts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC – auch Weltklimarat genannt). Der Weltklimarat IPCC ist eine UNO-Institution und damit das weltweit massgebliche wissenschaftliche Gremium, das sich mit dem Klimawandel befasst. Mehr als 750 Wissenschaftler:innen erarbeiteten in fünf Arbeitsgruppen die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse der wissenschaftlichen Bewertung des Klimawandels. Der Synthesebericht gibt somit einen umfassenden Überblick über den Stand des Wissens über den vom Menschen verursachten Klimawandel und seine Auswirkungen. Die wichtigsten Erkenntnisse und Forderungen sind nachfolgend aufgezählt.
1. Erwärmung steht bei 1,1 Grad Celsius – auf dem Pfad zu 2,2 – 3,5-Grad
Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen während mehr als hundert Jahren sowie die ungleiche und nicht nachhaltige Energie- und Flächennutzung haben zu einer globalen Erwärmung von 1,1°C über dem vorindustriellen Niveau geführt. Die Auswirkungen des Temperaturanstiegs führten bereits jetzt in allen Regionen der Welt zu Veränderungen im Klimasystem. Es wurden häufigere und intensivere Wetterereignisse verzeichnet, die zunehmend gefährliche Auswirkungen auf Natur und Menschen haben. Durch die fortschreitende Erderwärmung wird das Ausmass dieser Veränderungen, wie beispielsweise Hitzeextreme oder Starkregenereignisse, weiter verstärkt.
Der IPCC hat verschiedene Emissions- und Minderungspfade modelliert. Die Pfade zeigen, dass eine mehr als 50-prozentige Chance besteht, dass der globale Temperaturanstieg in den untersuchten Emissions-Szenarien zwischen 2021 und 2040 1,5°C erreicht beziehungsweise überschreitet. Und dies selbst bei niedrigen Emissionsraten. Bei einem Szenario mit hohen Emissionen könnte die Welt diesen Schwellenwert sogar noch früher erreichen.
«Eine starke, schnelle und nachhaltige Reduktion der Treibhausgase würde zu einer messbaren Verlangsamung der Erderwärmung innerhalb von etwa 20 Jahren führen», berichtet der IPCC. Doch das Ziel, die globale Erwärmung unter 1.5°C zu halten, liegt noch in weiter Ferne. Der Bericht hält fest, dass die weltweiten Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels nach wie vor gering sind. Mit den derzeit umgesetzten Klimaplänen der einzelnen Staaten rechnen die Klimaforschenden mit einer Erwärmung zwischen 2.2 und 3.5°C.
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Eine der grössen CO2-Schleudern weltweit: Kohlekraftwerke wie hier in Nordrhein-Westfalen. Bild: istock.com
2. Sofortiger Ausstieg aus fossilen Brennstoffen gefordert
Der IPCC stellt fest, dass die Begrenzung der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung Netto-Null-CO2-Emissionen erfordert. Die Reduktionen der CO2– sowie der Treibhausgasemissionen in diesem Jahrzehnt bestimmen weitgehend, ob die Erwärmung auf 1.5°C oder 2°C begrenzt werden kann. Die prognostizierten CO2-Emissionen aus der bestehenden Infrastruktur für fossile Brennstoffe würden ohne zusätzliche Massnahmen das verbleibende Kohlenstoffbudget übersteigen. Entsprechend fordert der IPCC, dass für die Eindämmung des Klimawandels sofort von der Verbrennung von fossilen Brennstoffen weggekommen werden muss. Er führt verschiedene Strategien aus, die dazu beitragen können, die Emissionen zu verringern. Dazu gehören beispielsweise die Stilllegung bestehender Infrastrukturen für fossile Brennstoffe. Aber auch die Stornierung neuer Projekte und den Ausbau erneuerbarer Energiequellen wie Solar- und Windenergie.
3. Auswirkungen extremer als erwartet
Eine der alarmierendsten Schlussfolgerungen des Berichtes ist, dass die negativen Auswirkungen des Klimas bereits jetzt weitreichender und extremer sind als erwartet. Die Resultate sind unter anderem Wasserknappheit bei über der Hälfte der Weltbevölkerung während mindestens einem Monat im Jahr, der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität in den mittleren und niedrigen Breiten. Extremwetterereignisse, wie extreme Überschwemmungen und Stürme, haben seit 2008 jedes Jahr über 20 Millionen Menschen ihr Zuhause gekostet.
Die Gletscher in der Schweiz haben alleine im vergangenen Jahr 6 Prozent ihres Volumens verloren. Bild: istock.com
4. einige Klimafolgen bereits unumkehrbar
Überall auf der Welt haben Menschen und Ökosysteme, die besonders gefährdet sind, bereits mit der Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen. Dabei sind die Klimaauswirkungen der globalen Erwärmung schon jetzt bei 1,1 Grad Celsius teilweise so schwerwiegend, dass keine der bisherigen Anpassungsstrategien die entstandenen Verluste und Schäden vollständig ausgleichen können. Zu denken ist dabei beispielsweise an Küstengemeinden in den Tropen, deren Korallenriffsysteme teilweise gänzlich abstarben. Dort verlor die Bevölkerung ihre Lebensgrundlage und Ernährungssicherheit. Als weiteres Beispiel wird der steigende Meeresspiegel angeführt, welcher niedrig gelegene Stadtteile dazu zwang, in höher gelegene Gebiete umzuziehen. Die Folgen für diese Bevölkerungsgruppen sind oft irreversibel und verheerend.
Auch in der Schweiz sind die Folgen des Klimawandels spürbar. Aufgrund der geringen Schneemengen in 2022 und den Hitzewellen desselben Jahres, verlor die Schweiz über 6 Prozent ihres gesamten Eisvolumens in nur einem Jahr.
5. Aktuelle Entscheidungen haben Auswirkungen auf kommende Jahrtausende
Der Bericht zeigt deutlich, dass der Klimawandel eine grosse Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten darstellt. Weiter wird festgehalten, dass uns die Zeit davonläuft, eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle Menschen zu ermöglichen. Der IPCC appelliert, dass jetzt nachhaltige Entwicklungen gefragt sind, die den Klimawandel abschwächen. Die in diesem Jahrzehnt getroffenen Entscheidungen und umgesetzten Massnahmen hätten Auswirkungen auf die Gegenwart und die kommenden Jahrtausende.
Im Bericht wurden zehn «key solutions» – Schlüssel-Lösungen – herausgearbeitet, um den Klimawandel nachhaltig abzuschwächen. So empfiehlt der IPCC beispielsweise, dass auf E-Mobilität umgestiegen wird oder dass eine pflanzliche Ernährung im Vordergrund stehen soll.
Zehn Schlüssel-Lösungen, um der Klimakrise zu begegnen. Grafik: World Resources Institute
6. Mehr Budget für Klimaschutz und Klimaschutzgesetze nötig
Positiv ist die Feststellung des IPCC, dass nachhaltigere landwirtschaftliche Praktiken wie die Integration von Bäumen in die Anbauflächen und die Erhöhung der Kulturpflanzenvielfalt bei ausreichender Unterstützung die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimarisiken erhöhen. Allerdings stellte der IPCC im Zusammenhang mit Anpassungsstrategien fest, dass diese Bemühungen meist noch in Kinderschuhen stecken. Dies sei gemäss dem IPCC auf die begrenzten finanziellen Mittel zurückzuführen. Die öffentlichen und privaten Ausgaben für fossile Brennstoffe überstiegen das vorgesehene Budget für den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel noch immer bei weitem. Weiter stellt der Weltklimarat fest, dass die Klimafinanzierung bis 2030 um das drei- bis sechsfache steigen muss, um allein die Klimaschutzziele zu erreichen.
Nicht nur auf globaler, sondern auch auf nationaler Ebene können wirksame Klimaschutzmassnahmen nur durch geeignete institutionelle Rahmenbedingungen, Gesetze und gezielte Strategien realisiert werden.
Es drohen drastische und irreversible Schäden für Natur und Mensch
Der Synthesebericht zeigt alles andere als eine rosige Zukunft. Vielmehr zeigt er, dass, wenn nicht bald weitreichende Massnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, drastische und irreversible Schäden für Natur und Menschen bevorstehen.