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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.

Y. Implosion

Y.2. Kippfiguren des Medialen
Das Teilprojekt geht aus von einem Schnittpunkt zwischen systematischer und historischer Medienbetrachtung. In vielen der neueren nicht technologiebezogenen Medientheorien wird das Mediale in einer oppositionellen Gegenüberstellung begriffen: Unauffälligkeit vs. Auffälligkeit, Normalität vs. Abweichung, Funktionieren vs. Irritation. Das Verhältnis zwischen den Polen gilt als Kippfigur: Wo das eine in den Vordergrund tritt, tritt das andere zurück; wo man durch die Zeichen als Operatoren und Bedeutungsträger hindurchschaut, schaut man nicht auf sie als ikonische oder figürliche Formen. Die Idee der Kippfigur besitzt, auf Medien bezogen, den Vorteil, einerseits die Bindung von Medialität an Wahrnehmung ins Zentrum zu rücken, andererseits auf den konstitutiven wechselseitigen Bezug von Hervorhebung und Ausblendung aufmerksam zu machen, der Medien prägt. Sie stößt aber auch an Grenzen: Komplexe mediale Anordnungen kennen weniger ein Kippen zwischen zwei Zuständen oder Formen als vielmehr eine Verschränkung vielfältiger Momente, eine Durchdringung, Verschaltung und Einschachtelung verschiedener Dimensionen von Auffälligkeit und Unauffälligkeit.
Die Idee der Kippfigur ist dergestalt nicht einfach als gegeben zu nehmen, sondern historisch und systematisch zu entfalten, zum Beispiel, indem man nicht einfach Medien als solche in den Blick nimmt, sondern das Verhältnis zwischen dem, was einzelne Formen sind, und dem, was sie zur Darstellung bringen (etwa Kippfiguren). Das geschieht zum einen in einer übergreifenden Untersuchung des Changierens zwischen Vermittlung und Unmittelbarkeit, Immersion, Meditation und Reflexion, Präsenzsteigerung und -brechung. Zum andern nehmen zwei Unterprojekte zentrale Texte des hohen Mittelalters und der frühen Neuzeit in den Blick. Unterprojekt (a) untersucht Dynamiken der Heilsvermittlung im Lancelot-Gral-Zyklus, in dem Präsentisches durchbrochen wird durch Kommentare, Exkurse und theologische Erklärungen und die Wahrnehmung zwischen Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit, Präsenz und Reflexion, Materialität und Zeichenhaftigkeit oszilliert. Unterprojekt (b) untersucht am Beispiel des pikaresken Romans den Schelm als frühneuzeitliche Kippfigur und die Art und Weise, in der sich die Uneindeutigkeiten, Kipp- und Oszillationsbewegungen der erzählten Welten auf die Erzählsituationen und die medialen Formen übertragen.
Postdoc-Projekt Daniela Fuhrmann
Der Schelm als frühneuzeitliche Kipp-Figur
«[W]enn man’s genau betrachtet, hat der pikareske Roman den Schelm immer genau dorthin gestellt, wo wir heute den Begriff des Mediums einsetzen würden.» (Alexander Honold). An diese Feststellung anschließend setzt sich das Projekt zum Ziel, unter anderem am Beispiel der simplicianischen Schriften Grimmelshausens, der Romane Beers und des Schelmuffsky Christian Reuters den medialen Qualitäten der Schelmenfigur nachzuspüren, die im Gefolge der novela picaresca, seit dem Lazarillo de Tormes (1554), eine ganze Reihe deutschsprachiger Romane der frühen Neuzeit und des Barock prägt, und zwar dergestalt, dass eine ganz bestimmte Perspektive auf die Welt entworfen wird, die sich gleichzeitig durch Authentizität und durch Unzuverlässigkeit auszeichnet. Als produktiv kann es sich dabei erweisen, über die vorliegenden, eher romangeschichtlichen, narratologischen oder epistemologischen Beschreibungen der Schelmenfigur und der sie ins Zentrum stellenden Romane hinauszugehen und die Momente der Uneindeutigkeit, Wandelbarkeit und Intermediarität als Effekte einer Kippfigur zu begreifen, die nicht zuletzt mediale Implikationen hat.
Eine Kippfigur ist der Schelm schon insofern, als seine Existenz sich zwischen den Polen Norm/Abweichung oder auch Unauffälligkeit/Auffälligkeit aufspannt und er sich nicht nur der eindeutigen Verortung, sondern geradezu der kategorialen Festlegung zu entziehen scheint (abzulesen beispielsweise an der anfänglichen Namenslosigkeit). In der Regel geboren als outlaw ist er eine Randgestalt, die ausserhalb oder am unteren Rand der Gesellschaft steht und von dieser nicht wahrgenommen wird. Zwingt ihn sein Überlebensdrang zur Konfrontation mit der Gesellschaft, tritt er aus seiner Schattenexistenz heraus und zieht auf Grund seiner häufig mangelnden Sozialisation als Sonderling sofort Aufmerksamkeit auf sich. Er muss über seine mangelnde Gesellschaftsfähigkeit hinwegtäuschen, indem er sich seiner Umgebung immer genau soweit anpasst und in ihrem Sinne funktioniert, um seine Bedürfnisse zu decken, bis die Täuschung auffliegt und er ein irritierendes Moment bewirkt. Nicht zuletzt eröffnet das in der Regel scheiternde Aufeinandertreffen zwischen dem asozialen Schelm und der vermeintlich integren Gesellschaft eine Möglichkeit, diese kritisch zu beleuchten und weniger als Opfer des vom Schelm hervorgebrachten Scheins denn als Spielfläche des Oszillierens zwischen Schein und Sein zu erweisen.
An diesem Punkt, der das Verhältnis der Erscheinungen zu den dahinterliegenden Dingen berührt, tritt die mediale Qualität des Schelms in den Vordergrund, vermittelt er doch eine Perspektive auf die Welt durch Konfrontation mit ihr und agiert dergestalt als Medium der Welterfahrung, problematisiert jedoch gleichzeitig das Erzählen von ihr. Denn die in der Figur des Schelms angelegten Uneindeutigkeiten, Kipp- und Oszillationsbewegungen übertragen sich aufgrund der pseudo-autobiographischen Erzählsituation auch auf die Erzählebene und somit auf die Qualität der Vermittlung. Der Spiegel, den der Schelm der Welt vorhält, erweist sich in dem Maße, in dem sich das Medium als unzuverlässig erweist, als Zerrspiegel; die Rede führt ein nicht unbeträchtliches Rauschen mit sich und verweist statt auf die Welt vor allem auf sich selbst; und die mediale Konstellation zeigt sich als prekäre Basis für einen Entwurf von Individualität und Perspektivität, der zwischen Erscheinung und Ding zu differenzieren trachtet, diese aber zugleich mit dem Verweis auf ihre Unzuverlässigkeit hinterfragt und unterläuft.
Dissertationsprojekt Daniel Waldmeier
Dynamiken der Heilsvermittlung im Lancelot-Gral-Zyklus
Im monumentalen Lancelot-Gral-Zyklus überlagern sich prägnante mediale Konstellationen in einer für das 13. Jahrhundert einzigartigen Dichte. Gerade dort, wo das geistliche das weltliche Erzählen zurückdrängt, tritt das Mediale an die Oberfläche: Es werden zahlreiche enigmatische Übertragungsprozesse in Gang gesetzt, die hauptsächlich der Heilsvermittlung dienen. Als (Ver-)Mittler fungieren überdeterminierte Objekte, auratische Briefe, himmlische Stimmen, Boten oder Geistliche, die Präsenzeffekte erzeugen, Deutungen vornehmen sowie Polysemien erweitern oder bündeln. Die Forschung hat sich zwar wiederholt mit den Instanzen der Vermittlung beschäftigt und die rätselhaften Aventüren oder Träume, die von Einsiedlern oder himmlischen Stimmen ausgelegt werden, unter die Lupe genommen oder auch Rolle der Inschriften auf Gräbern untersucht. Im Zentrum stand aber oft die Frage nach dem geistlichen Sinn, der allegorisierenden Tendenz, der tieferen ‹bedutniß›. Weniger beachtet wurde, wie mit theologischen Versatzstücken und typologischen Konstruktionen Mehrdeutigkeit generiert wird, wie die Grenzen des Medialen und die Erfahrungsmöglichkeiten der Transzendenz ausgelotet werden und wie dadurch, dass die Auslegung der Aventüren im Verlauf des Erzählens oft aufgeschoben, manchmal ganz fallengelassen oder ihrerseits ins Rätselhafte verschoben wird, spezifische Dynamiken entstehen.
Um diese Dynamiken zu beschreiben, bietet sich ein Rückgriff auf mediale Kategorien an, insbesondere auf die Kategorie der medialen Metonymie. Diese wird, anknüpfend an die Ergebnisse aus dem Teilprojekt C.1. der zweiten Phase des NFS, als Phänomen verstanden, das es ermöglicht, Raum und Zeit zu überbrücken, einen abwesenden Ursprung anwesend zu machen und anhand von Teilen ein Ganzes zu repräsentieren – wobei zum Beispiel heilige Objekte immer wieder durch Schriftlichkeit, Rituale oder Authentiken autorisiert werden müssen. In diesem Sinne machen das David-Schwert, die Arma Christi oder der Heilige Gral im altfranzösischen und mittelhochdeutschen Prosa-Lancelot heilsgeschichtliche Zusammenhänge in der Erzählung präsent. Doch müssen sie beständig mit einer Geschichte versehen werden, damit sie ihre präsentische Funktion erfüllen können. Im Zentrum der Analyse steht deshalb zum einen die Funktion der Schrift (Inschriften, Epitaphe, Briefe, Bücher), die, über die Repräsentation hinausgehend, Text und Textträger, Körper und Schrift miteinander verflicht, so dass eine den Text geradezu heiligende Aura geschaffen wird. Zum andern die Rolle von Präsenzeffekten im Kontext des Sakralen, etwa bei der Darstellung der stillen Messe. Die Konsekration der Hostie ist ein wiederkehrendes Ereignis, eingerahmt von wundersamen Hostienmirakeln (einmal erscheint der trinitarische Gott, ein anderes Mal der Schmerzensmann), welche die narrativen und semiotischen Bedingungen sakramentaler Kommunikation zu reflektieren scheinen. In einem nächsten Schritt sollen die im Roman zu beobachtenden Mediationen qua Objekten, Zeichen und Figuren im Sinne eines metonymischen, eines präsentischen und eines allegorisierenden Erzählens weiter entfaltet werden. Denn es ist auffallend, dass Präsentisches immer wieder durchbrochen wird durch Kommentare, Exkurse und theologische Erklärungen. Solcherlei Verweise auf die Kommentarinstanzen stellen die mediale Dimension des Textes aus und lassen die Wahrnehmung zwischen Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit, Präsenz und Reflexion, Materialität und Zeichenhaftigkeit oszillieren – so dass sich hier eine Kippfigur andeutet, der es noch an scharfen Konturen fehlt, die aber charakteristisch für einen bestimmten Typus geistlich-weltlichen Erzählens sein könnte.