Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03191.jsonl.gz/694

Während meiner Lehrzeit war Gertrude Stein insofern Mode, als dass Verlage ihre Werke publizierten. An reissenden Absatz kann ich mich nicht erinnern, aber ich hatte oft Bücher von ihr in der Hand.
Weil die Avantgardistin am 27. Juli vor sechzig Jahren in Paris gestorben ist und ich mich an ihrem Todestag in einer Internet-freien Zone aufhalten werde, zitiere ich sie lieber vorher noch.
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose
Auf diese Zeile wurde sie immer wieder angesprochen. Thornton Wilder hat sie geantwortet:
Also hören Sie! Ich bin doch kein Narr! Ich weiss, dass man im täglichen Leben nicht herumgeht und sagt: „ is a …. is a…. is a….“ Ja, ich bin kein Narr; aber ich denke, dass in dieser Zeile die Rose zum ersten Mal seit hundert Jahren in der englischen Dichtung rot ist.
(Seit ich das gelesen habe, muss ich mit der Frage leben, wen sie gemeint haben könnte, der im 19. Jahrhundert englisch und rot dichten konnte. Ich kenne Dichtung von roter Farbe nur in den Sonetten Shakespeares.)
Gertrude Stein ist nicht einfach zu lesen und deswegen werde ich mich hüten, sie jedem zur Lektüre zu empfehlen. Ich lese sie selber gerne, aber ich kann sie nicht im Gedächtnis behalten, sie ist eine Autorin für den Augenblick. Ihren vor siebzig Jahren publizierten Essay „Was sind Meisterwerke?“ lege ich allen nahe, die sich mit Identität und Kunst befassen. Der Essay ist nur kurz und sicher in den meisten Bibliotheken vorhanden.
Da ist noch etwas anderes zu sagen. Wenn man schreibt bevor man eine Leserschaft hat, ist alles Geschriebene ebenso wichtig wie alles andere und man schätzt alles und jedes was man geschrieben hat. Wenn man anfängt Leserschaft zu haben, schafft sie selbstverständlich etwas, das heisst sie schafft dich, und so ist nicht alles so wichtig, etwas ist wichtiger als das andere, was nicht wahr war wenn du du warst, das heisst wenn du nicht du warst wie dein kleiner Hund dich kennt.
Und da sind wir nun und da ist so viel zu sagen, aber immerhin sage ich nicht dass es keinen Zweifel gibt dass Meisterwerke auf jene Art Meisterwerke sind und es gibt sehr wenige.
– Gertrude Stein, 1936
Auf Seite 67 in:
Gertrude Stein
Was sind Meisterwerke
Essay
Arche 1985
Originaltitel:
What are Masterpieces and
Why are there so few of them?