Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03214.jsonl.gz/2672

Majestätisch thront die Grasburg über der Sense bei Schwarzenburg. Zwischen den grauen Burgmauern fühlt man sich sofort wie ins Mittelalter zurückversetzt. Doch wer hat die Burg erbaut und was war ihre Funktion? Diese Fragen sind von der Forschung über lange Zeit falsch beantwortet worden.
Armand Baeriswyl vom Archäologischen Dienst Bern weiss mehr: «Man hat lange angenommen, dass die Grasburg von den Zähringern erbaut wurde. Dies ist heute nicht mehr der Fall.» Um zu erfahren, wieso, muss man auf die lange Geschichte der Grasburg zurückblicken. Dank neueren Analysen des renommierten Deutschen Burgenforschers Thomas Biller lässt sich sagen, dass die Burg um 1220 oder 1230 erbaut wurde. Wie fast alle mittelalterlichen Burgen stammt sie also aus der Zeit zwischen 1150 und 1300. «Heute wissen wir, dass zu dieser Zeit die zähringischen Gebiete der heutigen Kantone Freiburg und Bern an die Staufer gelangten, eine deutsche Königsfamilie», erklärt Baeriswyl. Das belegt eine Schriftquelle, die Baeriswyl selbst entdeckt hat. Aus diesem Text geht hervor, dass die Kirche Köniz von den Staufern an den «Deutschen Orden», einen geistlichen Ritterorden vermacht wurde. Deren Anführer war zu dieser Zeit ein persönlicher Berater der Staufer. «Vermutlich war das Ziel der Schenkung, die staufische Machtposition in Bern und der Umgebung zu stärken», meint Baeriswyl. Sogenannte Statthalter waren eine beliebte Methode, sein Land unter Kontrolle zu halten, wenn der Besitzer selbst weit weg war.
Mit dieser Information lässt sich nun vermuten, dass auch andere mittelalterliche Bauten, wie etwa die Grasburg und das Schloss Laupen von den Staufern erbaut worden waren und nicht wie bisher angenommen von den Zähringern. All dies sei Teil einer staufischen Machtstrategie gewesen. «Es fällt auf, dass die Grasburg direkt auf dem Weg von Freiburg nach Thun liegt. Beides sind Städte, in denen die Staufer zu dieser Zeit ansässig waren», so Baeriswyl.
Wissen nie infrage gestellt
Es stellte sich heraus, dass die Theorie der Zähringer als Burgherren vom Freiburger Friedrich Burri stammte, der um 1931 ein Buch über die Grasburg geschrieben hat. Dieses wurde dann immer wieder als Quelle benutzt. Da die Städte Freiburg und Bern beide zähringische Gründungen sind, hinterfragte niemand diese Theorie. Es ist dem Burgenforscher Thomas Biller zu verdanken, dass nun fast 80 Jahre später, das Wissen über die Burg noch einmal revidiert werden konnte.
Als das Staufergeschlecht um etwa 1268 unterging, kam die Burg zuerst in kyburgische, dann in habsburgische und schliesslich in savoyische Hände. 1423 wurde sie den Städten Bern und Freiburg verkauft, die dort eine gemeinsame Landvogtei errichteten. Schwarzenburg blühte als wichtiger Marktort auf, woraufhin im 16. Jahrhundert das Schloss Schwarzenburg als neuer Landvogteisitz entstand.
Eine verlassene Ruine
Die Grasburg überliessen die Vögte dem Zerfall, nicht bevor sie selbst einen grossen Teil des Baumaterials für das Schloss Schwarzenburg aus der Grasburg entnahmen. «Früher war es genau umgekehrt als heute: Material war teuer, Arbeitskraft billig.» Baeriswyl vermutet zudem, dass sich auch Bauern aus der Umgebung grosszügig an der Ruine bedient haben und deswegen viel Gestein aus der Burg in alten Bauernhöfen gefunden werden könnte. Seit damals befindet sich die Burg in dem Zustand, in dem sie auch heute noch ist: Eine überwachsene Ruine, die immer wieder Besucher anzieht.
Seit 1803 gehört die Burgruine bei Schwarzenburg der Stadt Bern. Das Gebiet sollte damals zur Trinkwassergewinnung genutzt werden, aber schlussendlich fand die Stadt dafür andere Lösungen. «In den 1980er-Jahren wurde die Burg saniert und gesichert, um sie gefahrenlos zugänglich zu machen», erzählt Baeriswyl. Der Sandsteinfelsen, auf dem sich die Burg befindet, ist ziemlich instabil, was eine Gefahr für Besucher darstellte. Damals seien auch einige wenige Ausgrabungen gemacht worden, aber aufgrund der jahrelangen Plünderungen sei kaum etwas gefunden worden. «Wieso sie jetzt Grasburg heisst, ist auch heute noch nicht bekannt», schliesst Baeriswyl.
Pläne
Grasburg soll in den nächsten Jahren restauriert werden
Bereits seit einigen Jahren wird über eine erneute Restaurierung der Grasburg diskutiert. Für diese müsste die Stadt Bern bezahlen. «Es ist vor allem ein statisches Problem», erklärt Baeriswyl. In den 1980er-Jahren hat man einfach den Sandstein mit Beton abgedeckt und die Fugen mit Zement gefüllt. Deswegen könne aber das Wasser nicht mehr ablaufen, was die Mauern noch mehr beschädige. Die Verantwortlichen müssen zudem die Balance zwischen dem originalgetreuen Erhalt der Burg und dem Wiederaufbau oder der Gewährleistung des Komforts der Besucher finden. Die Planung ist bereits angelaufen, aber der Termin der Arbeiten sei noch nicht bestimmt. Deswegen sei eine Restauration frühestens in einigen Jahren zu erwarten.
Sommerserie
«Die FN hören das Gras wachsen»
Gras ist nicht gleich Gras: Wie lebt der Grashüpfer? Welche Gräser mag die Kuh am liebsten? Wer lebte einst in der Grasburg, weshalb gibt es Menschen mit einer Grasallergie, und wie viele Stunden widmet der Greenkeeper dem Golfrasen? – Diesen und anderen Fragen gehen die FN im Rahmen der Sommerserie «Wir hören das Gras wachsen» nach.