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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (24.04.2007)
Gioachino Rossinis «Italiana in Algeri» im Opernhaus Zürich
Nur drei Jahrzehnte liegen zwischen Mozarts «Entführung aus dem Serail» und Gioachino Rossinis Jugendwerk «L'Italiana in Algeri». Doch das Orientbild, das die zwei Opern vermitteln, könnte unterschiedlicher nicht sein. Im Serail des Bassa Selim geraten die europäischen Eindringlinge in Todesgefahr, im Harem zu Algier dagegen verliert der Bey Mustafà zwar nicht sein Leben, aber beinahe den Verstand.
Don Juan sucht Domina
Seiner treuliebenden Gattin Elvira und sämtlicher Haremsdamen überdrüssig geworden, sehnt er sich nach etwas «Exotischem», einer temperamentvollen Italienerin. Eine solche ist bald zur Stelle. Doch Mustafàs Plan, Elvira mit dem Sklaven Lindoro zu verheiraten und die schöne Italienerin Isabella zur Frau zu nehmen, stösst auf Widerstand. Erstens weiss Isabella, wie Männer zu zähmen sind, zweitens findet sie in Lindoro ihren Geliebten wieder, und drittens erweist sich Isabellas Begleiter und Verehrer Taddeo, der kurzerhand als ihr Onkel ausgegeben wird, als Störfaktor. Nachdem Mustafà den Onkel zum «Kaimakan» befördert hat, ist es an den Italienern, Gegenrecht zu halten. In einer pompösen Zeremonie wird Mustafà zum «Pappataci» ernannt. Der Ehrentitel - es ist der eines Hahnreis - verpflichtet ihn, zu essen, zu schlafen, nichts zu sehen und nichts zu hören. So können denn die Italiener vor seinen Augen ungehindert entfliehen, während Mustafà reumütig zu seiner Elvira zurückkehrt.
Mit Logik ist dieser Handlungsvorlage nicht beizukommen, auch wenn Mustafàs Verhältnis zu Isabella psychologischen beziehungsweise erotischen Gesetzmässigkeiten unterliegt (übersättigter Don Juan verlangt nach einer Domina). Der Regisseur Cesare Lievi und der Bühnenbildner Luigi Perego haben für die Zürcher Neuinszenierung ein Konzept entworfen, das dem Unsinn theatralischen Sinn zu verleihen versucht. Es verfällt nicht den üblichen Orientklischees, setzt vielmehr entschieden auf den Unterhaltungswert des Dramma giocoso. Bei Lievi ist Mustafà der Besitzer einer mondänen Strandbar im Art-déco-Stil, die Italiener, die nach dem Korsarenanschlag russgeschwärzt einem Luxusdampfer entsteigen, gehören einer Variété-Truppe an, Isabella ist deren Star. (Damit fängt der Regisseur auch die in der «Italiana» nachlebenden Commedia- dell'Arte-Elemente ein.) Das - mitunter geräuschvolle - Rotieren der Drehbühne, auf welcher das Bar-Rondell steht, passt zum charakteristischen Drehmoment von Rossinis Musik. Mancherlei Pointen - nicht wenige gehen auf das Konto der Kostümbildnerin Marina Luxardo - geben dem Geschehen Würze, und obwohl das Regiekonzept über Ansätze nicht hinauskommt, können sich die Figuren szenisch und sängerisch entfalten.
Vesselina Kasarova als Isabella ist nicht nur der glamouröse Star der Variété-Truppe, sie ist auch der Star der Aufführung, doch auf die ihr eigene, künstlerisch sublimierte Art, mit einer unvergleichlichen Fülle an Farben, an dynamischen Nuancen zwischen einem kraftvoll leuchtenden Forte und einem hauchzarten, immer noch klangsatten Pianissimo und mit einem hinreissenden Feuerwerk an Koloraturen in raffiniertesten Variationen. Mag Isabellas Spiel mit Mustafà und Taddeo noch so hinterlistig und grausam sein, das samtene Timbre von Vesselina Kasarovas Mezzosopran bürgt dafür, dass die Antriebskraft ihres Handelns die Liebe zu Lindoro ist. Glaubhafter noch als vor dreizehn Jahren bei ihrer ersten Zürcher Isabella (in Michael Hampes Inszenierung) wirkt jetzt ihr souveräner Umgang mit der vertrackten Situation.
Vielversprechendes Début
Ein zweiter Star ist an der Premiere ausgefallen. Ruggero Raimondi wird erst ab der zweiten Vorstellung als Mustafà zu sehen sein, angeblich, weil er wegen eines Filmengagements verspätet zu den Proben kam. Welche Probleme diese durchaus traditionelle Inszenierung einem erfahrenen Rolleninterpreten stellen mag, bleibt allerdings rätselhaft. Carlo Lepore ist zumindest stimmlich ein vollwertiger Ersatz, sein Bass meistert alle Lagen der expansiven Partie mühelos und mit viel klanglicher Resonanz. Etwas blass bleibt jedoch sein darstellerisches Profil.
Wer über die Absage Raimondis enttäuscht war, konnte sich damit trösten, dass an diesem Abend das Début eines jungen Sängers zu erleben war, der das Zeug zu einem künftigen Star hat. Der im Zürcher Opernstudio entdeckte Mexikaner Javier Camarena verfügt über einen Tenor von phänomenaler Leichtigkeit und Fülle in den Spitzentönen. Zugleich ist seine Stimme in allen Registern ebenmässig durchgebildet, und sie verfügt bereits über eine erstaunliche Geläufigkeit. Zudem offenbart Camarena als Lindoro auch ein ausgeprägtes darstellerisches Talent, welches Sentiment und Komödiantik im Gleichgewicht hält. Der dritte im ungleichen Männerbund ist Carlos Chausson als Taddeo. Einmal mehr verkörpert er den Typus des dümmlichen Alten, und wiederum in brillanter Weise. In kleineren Rollen ergänzen Christiane Kohl als allzu kühle Elvira, Martina Welschenbach als deren Dienerin Zulma und Valeriy Murga als Korsarenhauptmann das Ensemble, während sich der Chor seinerseits immer wieder animiert ins Geschehen einmischt.
Feinarbeit leistet das Orchester. Der Dirigent Paolo Carignani lässt das Räderwerk von Rossinis Partitur nicht schematisch abschnurren, sondern modifiziert dessen Tempo und Klang feinhörig, er verschafft den Einwürfen der Bläser gebührend Raum und gibt dem Ganzen bei aller Leichtigkeit Halt und Kontur. Subtil auch die Cembalo-Begleitung der Rezitative durch Kelly Thomas. - Ein unbeschwert heiterer Abend, wie es zu diesem sommerlichen Frühling passt.