Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/270

Weinanbau in Ungarn
Der Weinbau blickt in Ungarn auf eine lange Tradition zurück. Jahrhundertelang zählten ungarische Erzeugnisse zu den gefragtesten Europas. Heute werden über den bekannten Tokajer hinaus auch interessante rote und weisse Qualitätsweine erzeugt. Trotz ihres sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnisses sind sie international wenig bekannt. Eine Kostprobe lohnt sich allemal.
Geschichte des Weinanbaugebiets Ungarn
Auch in Ungarn wurde der Weinbau durch Griechen und Römer begründet. Als 1241 die Mongolen einfielen, zerstörten sie einen Grossteil der Rebflächen. Daraufhin ordnete König Béla IV. die Neubestockung der beschädigten Weingärten an, sodass es nicht lange dauerte, bis sich der Weinanbau Ungarns erholte. Auch in den folgenden Jahrhunderten wurde nach den Eroberungen durch Tataren, Hunnen und Vandalen in Ungarn der Weinbau aufrechterhalten. So duldeten die rund 150 Jahre herrschenden Osmanen trotz eines Alkoholverbots die Weinkelterung. Wie in vielen anderen europäischen Reichen waren es auch hier die Klöster, die die Kultivierung verschiedenster Rebsorten vorantrieben. Die in den Regionen Eger und Sopron gekelterten Weine erlangten bereits im 13. Jahrhundert Berühmtheit. Ab dem 16. Jahrhundert begann der Handel mit dem noch heute populärsten Getränk des Weinbaugebietes Ungarn, dem Tokaji Aszú. Auf den reich gedeckten Tafeln europäischer Königshäuser durfte es damals nicht fehlen.
Nachdem die Reblausplage im 19. Jahrhundert auch in Ungarn gewütet hatte, ebbte die Weinproduktion zunächst ab. Während des Sozialismus lag der Schwerpunkt auf Massenweinen. In grossen Mengen lieferten die staatlichen Betriebe die Massenware an die UdSSR. Wenig Raum war während dieser Zeit für die Kelterung der Spezialitäten, die dem Weinbau Ungarns einst hohes Ansehen bescherten.
Nach der politischen Wende im Jahr 1989 wurde aufgrund des Wegfalls staatlicher Subventionen ein Weinbauverband gegründet. Auch internationale Investoren erkannten das Potenzial und griffen den ungarischen Winzern unter die Arme. Man begann, sich wieder zur Qualitätsweinproduktion hin zu orientieren. Das Weinviertel Tokaj-Hegyalja ist seit Juni 2002 als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.
Geografie und Klima
In Ungarn herrscht ein ausgeprägtes Kontinentalklima mit heissen Sommern und kalten Wintern. Die Binnenlage und die das Land umschliessenden Gebirge sorgen für Trockenheit. Am wenigsten regnet es im Osten des Landes. Grosse Flüsse wie die Donau oder Seen wie der Plattensee und der Neusiedler See an der Grenze zu Österreich balancieren in ihrem Einflussbereich starke Temperaturunterschiede aus und regulieren die Feuchtigkeit.
Dank des Klimas entwickeln die Weissweine eine lebhafte Säure und reifen rote Beeren gut aus. Die Rebflächen des Weinbaugebiets Ungarn befinden sich entweder auf dem Flachland oder auf den Ausläufern der Gebirge. Während die Ebenen ideal für weisse Sorten sind, gedeihen in hügeligeren Landstrichen vornehmlich rote Reben.
Im Weinanbaugebiet Ungarn gibt es unterschiedliche Bodentypen wie Sand-, vulkanische Stein-, Lehm- und Lössböden.
Weinanbaugebiete in Ungarn
Ungarn ist in vier Hauptregionen eingeteilt. Innerhalb dieser Regionen gibt es 22 Weinbaugebiete.
Die Donau teilt das Land in zwei Hälften. Im westlichen Bereich liegt die Region Transdanubien, die sich durch geografische Vielseitigkeit auszeichnet. Hier befinden sich der Plattensee und Flachlandebenen ebenso wie Hügellandschaften. Das Gebiet ist ideal für trocken und halbtrocken ausgebaute weisse und perlende Weine. Dort, wo sanfte Hügel das Landschaftsbild prägen, wachsen hingegen rote Sorten wie Kékfrankos (Blaufränkisch) und Furmint. In Transdanubien liegen vier Anbaugebiete: Balaton, Észak, Pannon und Sopron. Diese werden wiederum in mehrere kleinere Zonen unterteilt.
Am Balaton halten die Wasserflächen Temperaturunterschiede gering und sorgen für einen ausgewogenen Wasserhaushalt. Die verschiedenen Bodentypen bringen frische Weissweine aus Olasz und halbtrockene Pinot-Gris-Kreszenzen mit komplexen Aromen hervor. Die grossen Kellereien in Balatonboglár beliefern traditionsreiche Sekthäuser aus Deutschland mit Stillwein zur Herstellung frischer Schaumweine.
Im Pannon liegt die berühmte Anbauzone Villány, die neben Eger im Weinanbau Ungarns für die Rotweinproduktion die Hauptrolle spielt. Aus den Trauben der auf den Ausläufern des Kalksteingebirges wachsenden internationalen Sorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc entstehen körperreiche Tropfen mit hohem Tanningehalt, die vor dem Verkauf mehrere Jahre im Fass reifen.
Im Südosten des Landes liegt zwischen den Flüssen Donau und Theiss die Region Duna. Dieses steppenartige Tiefland mit seinen sandigen Untergründen eignet sich nur für Rebsorten, die grosse Trockenheit und Frost vertragen. Dennoch erbringt die Region in etwa die Hälfte des Gesamtertrags des Weinanbaus in Ungarn. Bekannt ist sie für trockene ebenso wie süsse Weissweine und einfache Rotweine.
Von grösster Bedeutung für Ungarns Weinbau ist der Norden des Landes unweit des Mátra-Gebirges und der slowakischen Grenze. Dieses Gebiet umfasst die Anbaugebiete Eger und Tokaj-Hegyalja. In Eger entsteht ein Rotwein von Weltruhm: der Egri Bikavér (Erlauer Stierblut). In diesem sehr kräftigen Cuvée dominiert Kékfrankos, der mit den Sorten Cabernet Sauvignon, Kékoportó (Blauer Portugieser) und Merlot verschnitten wird. Auch sortenrein ausgebaut ergeben diese Trauben im Eger hochwertige Rotweine. Die Hügel des nordöstlichen Teiles sind hingegen hauptsächlich mit weissen Muskatellersorten bestockt.
Im bekanntesten Gebiet des Weinbaus Ungarn, dem am Fuss des Tokaj-Gebirges gelegenen Tokaj-Hegyalja, dominieren neben der Muskattraubenfamilie die einheimischen Sorten Furmint und Hárslevelü. Die klimatischen Bedingungen in Flussnähe sorgen für eine gute Zuckerkonzentration zur Herstellung von Süssweinen. Sie begünstigen im Herbst die Bildung von Edelfäule und trocknen noch am Rebstock hängende Beeren ein. Vulkanische Böden verstärken das Aroma. Die süssen Tropfen des Tokaj-Hegyalja sind mit den edelsüssen Sauternes des gleichnamigen Weinanbaugebiets Bordeaux vergleichbar.
Weltberühmt ist der traditionsreiche Süsswein Tokaji Aszú, den die Ungarn sogar in ihrer Nationalhymne würdigen. Die gefragteste Spezialität des Weinanbaus Ungarn betört bereits seit Jahrhunderten Weinliebhaber durch ihr breites Aromenspektrum. Die edelfaulen und rosinierten Trauben geben dem Tropfen eine angenehme Süsse. Für die zweite Gärung verweilt der Tokaji Aszú mindestens drei Jahre im Eichenfass, sodass die an Honig, Sultaninen und Pflaumen erinnernden Aromen besonders gut zur Geltung kommen.
Weine aus dem Weinbaugebiet Ungarn
Von allen Weinnationen der ehemals sozialistischen mittel- und osteuropäischen Länder zeigt Ungarn am wenigsten Interesse, den französischen Weinen nachzueifern. Stattdessen schützen die Winzer den einheimischen Weincharakter. Die ungarische Produktion bringt vorwiegend kräftige und starke, süsse oder halbtrockene Weine hervor. Weisse Kreszenzen dominieren mit circa 70 Prozent das Sortiment des Weinanbaugebietes Ungarn. Am bekanntesten sind die Tokajer, die aus edelfaulen Furmint-Trauben gekeltert werden. Ein Rotwein, der Eger in aller Welt berühmt gemacht hat, ist der Erlauer Stierblut. Seinen Namen erhielt die tanninhaltige Cuvée im 17. Jahrhundert während der türkischen Besatzung, als gläubigen Moslems der Alkoholgenuss verboten war.
Ungarische Rebsorten
Die häufigsten Rebsorten des Weinbaus Ungarn sind die einheimischen Trauben Kékfrankos, Olasz (Variante des Rieslings) und Furmint. Eine weitere wichtige Sorte ist Szürkebarát, das ungarische Pendant zu Pinot Gris. Im grössten Weinbezirk, der Duna, wird vorwiegend Olasz angebaut. Aus der lokalen Sorte Leányka wird im Rotweinbezirk Erlau ein trockener Weisswein gekeltert. Weitere Sorten sind Hárslevelü, Kadarka, Kékoporto (Blauer Portugieser), Nagyburgundi (Pinot noir), Médoc Noir (Merlot) und Cabernet Sauvignon.
Ungarische Weingesetze
Die Qualitätsstufen sind in Ungarn für den Weinbau genau festgelegt: Különleges minöségi bor bezeichnet die höchste Stufe und wird durch das staatliche Kontrollzeichen „Állami Ellenörzöjegy“ gekennzeichnet. Der Prädikatswein muss aus vollreifen oder edelfaulen Trauben hergestellt werden. Der Mindestalkoholgehalt liegt bei 13 Prozent. Minöségi bor ist ebenfalls ein Qualitätswein, er hat einen Mindestalkoholgehalt von 10 Prozent. Muzeális bor (Museumswein) sind besonders hochklassige Weine, die mindestens fünf Jahre ausgebaut werden müssen. Asztali bor ist der Tafelwein.
Rebfläche und Produktionsmenge
83'000 ha, etwa 3,5 Mio. hl/Jahr.