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Für die Mütter meiner Eltern gab es zwei Namen: Oma hiess die Kunigunde, die mit meiner Tante, deren Ehemann und sechs Enkelkindern in einem festgefügten Haus in (damals) D-7888 Rheinfelden-Baden lebte. Ihre Haare leuchteten so weiss wie kein Schnee über den fast beschämend gütigen Augen, und unsere Kindermünder öffneten sich schnell und weit für ihren Namen. Süssigkeiten hatte sie immer für uns, wenn wir werktags den Teller leer gegessen und sonntags den katholischen Gottesdienst besucht hatten. Sie (ein wenig demütig) zu lieben war keine Pflicht, es ergab sich von selbst. Grossmama sagten wir schwerfällig zu jener unheiligen Johanna aus Dresden, die 1910 einen Schweizer Offiziersstiefelfabrikanten geheiratet, acht Kinder, wovon drei tot, zur Welt gebracht und bis zur erlösenden Scheidung 1932 in der ehemännlichen Fabrik für die schweizerische Armee unzählige Schuhschäfte genäht hatte. Solange die Kinder noch zu Hause wohnten, brachte sie ihre Familie durch, indem sie baufällige Häuser kaufte, diese eigenhändig und notdürftig renovierte und mit überlebensnotwendigem Gewinn wieder verkaufte. So ist mein Vater als Kind und Jugendlicher fünfzehnmal umgezogen. Später lebte sie im basellandschaftlichen Städtchen Langenbruck für sich allein in einem dünnhäutigen hohen Haus, machte ihre Hüte selber und gab mir schon früh den Rat, nur ja nie zu heiraten und Kinder zu haben. In Langenbruck konnte man zwar in den siebziger Jahren im Winter noch skifahren, aber in Rheinfelden stand im Herzen des sogenannten Wohnzimmers in einem tagsüber verschlossenen Schrank genau jener riesige Fernseher, den wir zu Hause überhaupt nicht hatten. So bevorzugten wir Kinder die Ware Ordnung der Oma und das Sandmännchen des ZDF, doch nachts fühlte ich mich nur der Grossmama beängstigend verwandt.
Als Mann hätte Johanna Schaller 1889 zur Welt kommen mögen. Diesen Wunsch muss sie mir vererbt oder mit Nachdruck eingepflanzt haben, denn ich war, sobald ich die Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter kapiert hatte, quälend von ihm besessen bis weit Uber mein zwanzigstes Lebensjahr hinaus und trage ihn in der innersten Magengrube versteckt noch immer mit mir herum. Dieses Erbe ist unverdaulich, und zu erbrechen habe ich mir früh schon abgewöhnt. Johannas einzige und gleichnamige Tochter blieb ledig und kinderlos und hungerte sich als Fünfzigjährige in den Tod. Als Sechzehnjährige las ich Claire Golls autobiographische Aufzeichnungen «Ich verzeihe keinem» und fand dort den Selbst- und allgemeinen Frauenhass wohl mancher Schriftstellerin und Künstlerin jener Generation. Johannas Rat bezüglich der Heirat habe ich bislang befolgt, und meine Grossmama starb im Mai 1985, kurz bevor meine erste Schwangerschaft auch ihren alten Augen hätte sichtbar werden müssen. Ihren zweiten grossen Wunsch habe ich mir zu eigen gemacht: Schreiben hätte sie wollen.
Die Namen für die Väter meiner Eltern wurden analog gebildet: Opa für den Vater meiner Mutter und Grosspapa für den Schuhfabrikanten, mit dem Unterschied, dass diese Namen für zwei Tote standen. Lange vor meiner Geburt und der meiner Brüder waren die Grossväter gestorben und wurden darüber hinaus totgeschwiegen. Für Hegel bestehe, so lese ich in Helmut Bachmaiers Essay über das moderne abendländische Tabu Tod, die Familienpflicht darin, den Verstorbenen im Gedächtnis zu bewahren, und zwar deshalb, weil dieser im Tod alle Besonderheiten des Lebenden hinter sich gelassen habe und somit zum allgemeinen Menschen geworden sei. Die Familie sei deshalb weniger eine «natürliche Einrichtung zur Fortpflanzung » oder ähnlich, sondern vielmehr eine kulturelle Stätte des Gedächtnisses. In der Familie meines Vaters geht die Auslöschung des Gedächtnisses so weit, dass nicht einmal mein Vater mehr weiss oder wissen will, wann genau sein Vater gestorben und wo er begraben ist. Mein Grosspapa hatte sich ein zweites Mal in irgendeiner Ostschweiz verheiratet, als sein jüngstes Kind, eben mein Vater, fünf Jahre alt gewesen war. Meinem Cousin Kuno, der seit über zehn Jahren in der gleichen Kleinstadt lebt wie ich, bin ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon begegnet. Wir wohnen im selben Quartier, und unsere Kinder hatten dieselbe Kindergärtnerin.
E. ist von seinem noch lebenden Onkel als Generalerbe eingesetzt worden. Dessen ganzes Vermögen besteht aus alten, sorgfältig gepflegten Anzügen und weissen, ebenso sorgfältig gebügelten Hemden. Der Onkel weiss, dass kein einziges Kleidungsstück seinem Neffen E. passen wird, denn dieser ist mindestens zwanzig Zentimeter grösser als er selbst.
N., jüdisch geboren und christlich getauft, besuchte ihren nächsten leiblichen Verwandten, einen Onkel, erstmals, als er im Spital lag. Sie tritt ans Krankenbett und sieht sofort seine blossen Füsse, die in weitestmöglicher Entfernung voneinander unter der Decke hervorschauen. So liegt und schläft N., seit sie sich erinnern kann.
Als ich elf war, spielte ich noch immer Blockflöte, aber nicht mehr Klavier. Nun sollte ich, so beschloss meine Mutter, Cello spielen, weil sie dereinst das Cello ihres Vaters erben würde. Als die deutsche Armee das Eisass besetzt hatte, wurde mein Opa Karl Schneider von Unteralpfen, wo er Hauptlehrer gewesen war, ins elsässische Sennheim versetzt, abkommandiert, nennt es meine Mutter, trichterte dort den Kindern die deutsche Sprache ein und kaufte sich 1942 in der benachbarten (wunderschönen, sagt meine Mutter) Kleinstadt Thann ein Cello. Dies war sein langjähriger Wunsch gewesen; damit wollte er vielleicht den Krieg überspielen und seine Ohnmacht und später die Erinnerung an beides. Meine Mutter begleitete ihn dabei auf dem Klavier und arbeitete seit 1948 als Grenzgängerin und Zimmermädchen in einem Basler Hotel. Als Karl Schneider 1956 starb, erbte der Mann einer Nichte in Frankfurt das Instrument und vergass darüber manchmal seine schwere Zuckerkrankheit, die ihn nicht vergass und an deren Folgen er 1964 starb. Das Cello wanderte weiter nach Ulm und harmonisierte, so stelle ich es mir gerne vor, einem weitläufigen Verwandten namens Onkel Sepp das enge Zusammenleben in der Dreizimmerwohnung mit Frau, Tochter, Schwiegervater und Enkelin bis zu seinem Tod Anfang der achtziger Jahre. Seither liegt das Cello in seiner Hülle auf dem Wohnzimmerschrank meiner Eltern und wird zweimal jährlich abgestaubt. Ich bin inzwischen zehnmal umgezogen und habe längst aufgehört, Cello zu spielen, aber mein neunjähriger Sohn hat vor einigen Monaten auf einem gemieteten Instrument damit angefangen, aus freien Stücken, ohne einen mütterlichen oder grossmütterlichen Druck.
Wenn ich M. nach ihrem Erbe frage, antwortet sie mit der Kindheit im Waisenhaus. Ihre leiblichen Eltern kennt sie nicht. Ihr bestes Erbstück, sagt sie, sei die Freiheit, sich die Köpfe und Muttermale der Eltern und Halbgeschwister in Deutschland oder Südamerika oder anderswo vorzustellen, die besondere Art, wie sie morgens aufwachen oder Liebe machen. Sie kennenzulernen interessiere sie nicht. Als Überrest der Kindheit empfindet M. ihr unvermittelt hereinbrechendes Gefühl zu stören; nicht bloss Menschen bei einem Gespräch oder häuslichen Verrichtungen, das Störgefühl dehne sich aus auf Räume, Ortschaften, Landschaften und ziehe sich zusammen zu der winzigen Bodenfläche, auf der ihre Füsse gerade stehen. In den schlimmsten, seltenen Momenten scheint es ihr, sie verbrauche zuviel Sauerstoff, ihr Körper verdränge zuviel Lebensluft ihrer Mitmenschen. Das Gefühl, plötzlich gehen zu müssen und die silbernen Kaffeelöffel der Freundin nicht zu benutzen, die jene zweimal jährlich von der Gotte geschenkt bekam, zum Geburtstag und zu Weihnachten, ist eine Erinnerung an mehrere Versuche, für das Kind M. neue Eltern zu finden, die dann nach einer Probephase das Kind bei Nichtgefallen (wenn die Haarfarbe doch nicht zum Sofa passte, spottet M.) ins Waisenhaus zurückgeben konnten. Als sie acht war, versicherten ihre späteren Adoptiveltern, sie dürfe bei ihnen bleiben. Sie glaubte es erst, als sie schon beinahe erwachsen war und daran dachte auszuziehen. M. erzählte mir, was von ihrer Adoptivmutter übrigblieb. Der zuständige Beamte des Aarauer Krematoriums überreichte ihr eine noch warme Schachtel, und die war so unglaublich leicht, leichter als die hässlichen beigen Sommerschuhe, welche die Tochter als Erbstück der Mutter an jenem Wintertag trug. Nachdem die Tochter den Erhalt der mütterlichen Asche mit ihrer Unterschrift bestätigt hatte, verabschiedete sich der Beamte, indem er auf Wiedersehen sagte.
Dieser Text ist ursprünglich in der WOZ Nr. 51/52 vom 23. Dezember 1994 erschienen. Aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums der Wochenzeitung WOZ haben wir unser Archiv nach Perlen durchsucht, die wir erneut veröffentlichen, und das Tag für Tag bis hin zur Jubiläumsausgabe, die am 30. September 2021 erscheint.