Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/63

Aktuelle Forschungsprojekte

Institutionelle Innovationen
Dies ist der eigentliche Kern unserer Forschungsarbeit. Untersucht werden sowohl ganz neue Konzepte von politischen Institutionen als auch die Auswirkung schon existierender, aber bisher wenig erforschter Institutionen. Beispiele sind:
Deregulierung und Globalisierung der Politik: Hier wird untersucht, wie sich die Übertragung der Ideen der wirtschaftlichen Deregulierung auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik auswirken, insbesondere die Zulassung von auswärtigen und ausländischen Kandidaten für politische Ämter sowie die Kandidatur von juristischen statt natürlichen Personen. Die Analyse stützt sich auf theoretische Überlegungen, die empirische Analyse heutiger offener Märkte für Politiker (z.B. Bürgermeister in Baden-Württemberg und Gemeindepräsidenten im Kanton St. Gallen), sowie die historische Analyse (z.B. dem Markt für Podesta im Italien des 12./13. Jh.).
Unabhängige Kontrollinstitutionen: Hier wird untersucht, wie sich die institutionelle Ausgestaltung der Rechnungsprüfungsbehörden als der wohl wichtigsten unabhängigen Kontrollinstitution auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik auswirkt. Mit ökonometrischen Methoden werden die Auswirkungen der Stärke der Kontrollinstitutionen (z.B. inwiefern sie schon bei der Politikformulierung mitwirken können, inwiefern sie auch die Wirtschaftlichkeit von Einzelprojekten evaluieren können) in der Schweiz und den USA auf die Politik geschätzt. Die Auswirkungen dieser unabhängigen Kontrollinstitutionen werden dabei mit denjenigen „traditioneller“ Institutionen wie direkter Demokratie und Föderalismus verglichen.
Funktionaler Föderalismus: Hier wird untersucht, inwiefern der heutige territoriale Föderalismus durch demokratische funktionale Einheiten mit eigener Steuerhoheit ergänzt oder gar ersetzt werden kann. Die theoretischen Überlegungen sollen mit Daten des Kanton Zürichs, der mit seinen vielen teils überlappenden unabhängigen Schulgemeinden mit Steuerhoheit eine weltweit einzigartige föderalistische Struktur aufweist, getestet werden.
Vernachlässigte Probleme des Föderalismus und innovative Lösungen: Hier werden die Probleme eines kleinräumigen Föderalismus analysiert und Lösungen vorgeschlagen. Beispiele sind etwa: (i) In der Schweiz werden auf nationaler Ebene alle volksgewählten Politiker in kantonalen Wahlkreisen gewählt. Aus theoretischer Sicht haben sie deshalb wenig Anreize, Lösungen für Probleme zu erarbeiten, die die Schweiz insgesamt betreffen. In dem Projekt wird versucht, den theoretischen Punkt empirisch zu testen und Lösungen zu entwickeln, z.B. nationale Wahlkreise für einen Teil der Nationalräte oder eine nationale Rechnungsprüfungskommission. (ii) In Staaten mit ausgeprägter lokaler Steuerautonomie zahlen die Bürger nur am Wohnort steuern. Die Arbeitsorte erhalten oft Finanzausgleichszahlungen und Unternehmenssteuern, die aber im internationalen Steuerwettbewerb abnehmen. Hier wird untersucht, inwiefern die Einkommenssteuer zwischen dem Wohn- und Arbeitsort zerlegt werden kann, und welche Vor- und Nachteile dies hat. Die Thesen zu (i) sollen auch mit Daten aus dem Projekt „Politikerentscheidungen vs. Bürgerpräferenzen“ getestet werden.
Politikerentscheidungen vs. Bürgerpräferenzen
Hier wird analysiert, inwiefern Parlamentarier anders als das Volk entscheiden und was die Unterschiede treibt. Als Grundlage dienen international einmalige Daten für die Schweiz. Wir vergleichen die Entscheidungen von National- und Ständeräten in den Schlussabstimmungen vor Volksentscheiden mit dem Wahlverhalten der Bürger im entsprechenden Kanton sowie der Schweiz insgesamt in den Volksabstimmungen. Diese direkte Gegenüberstellung von Parlamentarier- und Bürgerentscheiden ist auf nationaler Ebene und mit einer grösseren Zahl von Abstimmungen nur in der Schweiz möglich und wurde bisher weder von Ökonomen noch Politikwissenschaftlern vorgenommen. Während die Daten für den Nationalrat allgemein verfügbar sind, haben wir die Daten für den Ständerat aufgrund der im Internet verfügbaren Videoaufnahmen der Plenarsitzungen selbst erarbeitet. Im Rahmen des Projektes können die verschiedensten Theorien getestet werden (z.B. die Auswirkungen der verschiedenen verwendeten Wahlsysteme Proporz, relative Mehrheit, absolute Mehrheit; Einfluss von Eigeninteressen von Politikern wie Wiederwahldruck, Themen die sie persönlich oder die von ihnen vertretenen Interessengruppen speziell betreffen).
Staatsschulden: Keine Belastung für zukünftige Generationen?
Zumeist wird angenommen, Staatsschulden stellten eine Belastung für zukünftige Generationen von Steuerzahlern dar. Analysen von Ökonomen zeigen hingegen, dass unter sehr restriktiven Annahmen Schuldenfinanzierung und Steuerfinanzierung äquivalent sind (sog. Barro-Riccardo Äquivalenztheorem). In diesem Projekt untersuchen wir einen viel allgemeineren und allgegenwärtigeren Mechanismus, der zur Äquivalenz von Verschuldung und Besteuerung führen kann: Staatsschulden kapitalisieren im Bodenpreis – zusätzliche Schulden bedeuten also einfach entsprechend tiefere Bodenwerte. Die theoretische Idee wird mit Daten aus dem Kanton Zürich getestet, da sich Zürcher Daten besonders gut für die Art von Tests eignet (gute Bodenpreisdaten, Daten zu Nettoschulden, hohe lokale Finanzautonomie). Zudem wird analysiert, ob die Staatsschulden die Bodeneigentümer und Mieter unterschiedlich treffen, und wie dies die Schuldenpolitik beeinflusst.
Einwanderung und die „Zugisierung“ der Schweiz
Zum Einfluss der Einwanderung gibt es heute aufgrund der internationalen wissenschaftlichen Literatur und verschiedener Gutachten für die Schweiz ein recht klares Ergebnis: Weder grosse positive noch grosse negative Wirkungen auf das Prokopfeinkommen. Das hängt aber stark an den Bedingungen und Annahmen der Studien, insbesondere dass es aufgrund vom untersuchten Gebiet oder Zeitraum keine knappen Faktoren gibt. Uns interessiert, wie sich Auswirkungen in Kombination mit den für die Schweiz typischen Bedingungen – insbesondere Bodenknappheit, Steuerföderalismus und direkte Demokratie – auswirken. Kurz zusammengefasst sollte sich die Bedingungen so auswirken, dass die hochqualifizierte Zuwanderung zu einem fiskalischen Überschuss führt, der sich schneller als in anderen Ländern in Steuersenkungen und damit einer weiteren Attraktivitätssteigerung insbesondere für hochqualifizierte Zuwanderer auswirkt. Dadurch ergibt sich ein selbsttätiger Kreislauf hochqualifizierte Einwanderung - Bodenpreissteigerung und Steuersenkung - qualifizierte Einwanderung. Dieser Zusammenhang sollte auch von der im Vergleich mit dem europäischen Umland zu erwartenden hohen Attraktivität der Schweiz aufgrund tiefer expliziter und impliziter Staatsschulden und damit tiefer erwarteter Steuerlast verstärkt werden. In diesem Projekt sollen die verschiedenen Zusammenhänge theoretisch aufgearbeitet und wo möglich empirisch belegt werden. Verschiedene Mechanismen können anhand der im Projekt „Staatsschulden: Keine Belastung für zukünftige Generationen?“ gewonnenen Daten zur Kapitalisierung von Schulden, Steuern, etc. im Bodenpreis geschätzt werden.
Sozialstaat und Regulierungsqualität
In diesem Projekt werden die Auswirkungen des Wachstums der Staatsquote und des Sozialstaats auf die Regulierungsqualität untersucht. Im Zentrum des Interesses steht eine gegen die bisherige Theorie laufende These: Je grösser die Staatsquote wird, desto effizienter wird die Regulierung - weil mit der Zunahme der Staatsquote intuitiv gesprochen der Anteil der Politiker an der Gesamtwirtschaft und damit ihr Interesse am guten Funktionieren der Wirtschaft zunehmen. Für dieses Projekt müssen zuerst die Regulierungsdaten für die Schweiz aufgearbeitet werden. Die bisherigen Arbeiten zielen darauf ab, zuerst die Regulierungen der Kantone und des Bundes quantitativ zu erfassen (Anzahl produzierte Gesetzes- und Verordnungsseiten). Sodann sollen die Daten sowohl in traditionellen Panelanalysen quer über Kantone und längs über die Zeit ergründet werden. Zudem sollen sie mit den Daten zu den Parlamentariern- und Volksentscheiden des Projekts „Politikerentscheidungen vs. Bürgerpräferenzen“ kombiniert ausgewertet werden.
Mitarbeiter und Koautoren: Mark Schelker (Universität St. Gallen), Simon Lüchinger (Universität Luzern).
Eine Dunkle Seite der direkten Demokratie
In diesem Projekt soll über die bisher gegenüber direkter Demokratie sehr positive neue ökonomische Forschung hinausgegangen werden. Während vielerlei positive Auswirkungen der direkten Demokratie heute wissenschaftlich recht gut erforscht sind, soll untersucht werden, inwiefern eine stärkere direkte Demokratie auf Verfassungs- und Gesetzesebene die Politiker dazu verleitet, die von ihnen gewünschten Regulierungen vermehrt auf Verordnungsebene durchzusetzen, auf die die direkte Demokratie bisher kaum wirkt. Für dieses Projekt werden die Daten aus dem Projekt „Politikerentscheidungen vs. Bürgerpräferenzen“ als Grundlage der Schätzungen der Substitutionsbeziehungen zwischen Verfassungs-, Gesetzes- und Verordnungsebene verwendet.
Neue Konzepte für die Sozialpolitik
In diesem Projekt wird analysiert, inwiefern das Konzept des bedingungslosen Grundkapitals eine Alternative zu den heutigen Elementen des Sozialsystems (Sozialhilfe, Arbeitslosenunterstützung, Taggeldversicherung, Altersvorsorge, staatliche Finanzierung der tertiären Ausbildung) sowie zu anderen Reformvorschlägen (insbesondere dem bedingungslosen Grundeinkommen) bildet.
Zukunft Steuersystem Schweiz
In diesem Projekt sollen unsere verschiedenen Steuerreformvorschläge (volle Internalisierung der Externalitäten im Privatverkehr, Streichung der Subventionen für den öffentlichen Verkehr, dafür Aufhebung der Mehrwertsteuer oder massive Senkung anderer Steuern; Steuer- und Mitbestimmungszerlegung zwischen Wohn- und Arbeitsort; keine Einführung der Erbschaftssteuer; Aufhebung der Doppelbesteuerung von ausgeschütteten Gewinnen) in ein grosses Ganzes zusammengefügt werden und besser als bisher mit Evidenz zu den damit zusammenhängenden Problemen und den entscheidenden Elastizitäten unterlegt werden.
Innovative Corporate Governance
In diesem Projekt wird untersucht, inwiefern Einsichten über das Funktionieren der Demokratie im Bereich der Politik auf das Funktionieren der Aktionärsdemokratie übertragen werden kann. Während in der Politik das Funktionieren der Demokratie stark mit Kampfwahlen gleichgesetzt wird, sind in Unternehmen die wichtigsten Wahlen oft keine Kampfwahlen, weil nur ein Kandidat pro Amt bereitsteht. Hier wird deshalb zum einen untersucht, wie und ob das Konzept von Kampfwahlen auf die Wahl von Verwaltungsräten und Rechnungsprüfungsinstitutionen in Betrieben übertragbar ist. Zweitens wird untersucht, wie sich der in der Politik zumeist verbotene, in der Wirtschaft aber erlaubte Stimmenhandel auf die Unternehmungsführung auswirkt. Drittens wird auf ein bisher völlig vernachlässigtes Problem der Aktionärsdemokratie eingegangen: Während normalerweise angenommen wird, dass Aktionäre ein klares Gewinninteresse vertreten, haben Aktionäre, die ihre Portefeuilles stark diversifiziert haben (also insbesondere institutionelle Investoren, aber auch Individuen, die passive, indexorientierte Anlagestrategien verfolgen), kein Interesse an einem möglichst hohen Gewinn einer einzelnen Firma, sondern an einer guten Performance ihres Gesamtportefeuilles, also eigentlich ganzer Volkswirtschaften oder gar der Weltwirtschaft. Oft aber stehen der Gewinne einer einzelnen Firma und die Performance der Weltwirtschaft in einem Spannungsverhältnis. Zudem haben breit diversifizierte Aktionäre nur noch sehr schwache Anreize, sich mit der Politik einer einzelnen Firma zu beschäftigen. Hier wird deshalb untersucht, wie Aktionäre mit diesem Widerspruch umgehen können und welche institutionellen Vorkehrungen nötig und möglich sind.
Wettbewerbspolitik und Preisbildung
In diesem Projekt werden verschiedene Fragen des Zusammenhangs zwischen Wettbewerbsintentisät, instituionellen Regelungen, Handelshemmnissen und Preisnieveau untersucht.