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In der englischen Barclays Premier League hat Leicester City drei Spieltage vor Saisonschluss beste Chancen, Meister zu werden. Sportlich wäre dies eine absolute Sensation – im Vorjahr schaffte der damalige Aufsteiger erst mit einer Siegesserie zum Saisonende den Klassenerhalt, in der Sommerpause flogen drei Spieler nach einem Sex-Video-Skandal aus dem Club. Seit Ende Januar ist das Team um den den früheren deutschen Nationalspieler Robert Huth, den Österreicher Christian Fuchs und den Schweizer Gökhan Inler nun souveräner Tabellenführer. Liegt dem Erfolg vielleicht nicht zuletzt zu Grunde, dass das Team bestmöglich zusammengestellt worden ist – also eine optimale Mischung aus Homogenität und Heterogenität aufweist?
Von Jan Rauch und Aline Werren
Teamleistung resultiert grundsätzlich aus dem Zusammenspiel der individuellen Fähigkeiten der Teammitglieder. Wie diese optimal in Einklang zu bringen sind, beruht unter anderem auf dynamischen Koordinations- und Kommunikationsprozessen und wird neben den Fähigkeiten stark von weiteren individuellen Merkmalen der Teammitglieder wie Geschlecht, Persönlichkeit oder Wissen beeinflusst. Weshalb ein Team manchmal „über sich hinauswachsen“ und ein anderes „die Leistung nicht abrufen“ kann, hat meist vielfältige Gründe und kann nicht pauschal beantwortet werden. Aber egal ob bei der Nationalmannschaft, internationalen Konzernen oder im Kirchenchor: Immer wieder wird die Frage gestellt, ob Teams, die sich hinsichtlich solcher Merkmale unterscheiden, also heterogene Teams, bessere Leistungen erbringen als Teams mit ‘ähnlichen‘ Mitgliedern (homogene Teams).
Homogene Teams
Es ist bekannt, dass Teams mit homogenen demographischen Merkmalen eher eine gemeinsame Sprache und somit eine erweiterte Kommunikation entwickeln können, was die Integration einzelner Teammitglieder erleichtert. Unter anderem deshalb wird davon ausgegangen, dass sich Menschen mit hoher Ähnlichkeit in den oben genannten Parametern eher „verbunden“ fühlen. Homogene Teams scheinen denn auch bei klar definierten Aufgaben, welche aus verhältnismässig unkomplizierten Teilaufgaben bestehen und einfache Antworten erfordern, im Vorteil zu sein. Auch erbringen homogene Teams in stark leistungsbezogenen Aufgaben signifikant bessere Leistungen als heterogene Teams. Auf der anderen Seite herrscht bei homogenen Teams oft ein Mangel an Offenheit für neue Informationsquellen. Aus diesem Grund werden homogene Teams bei Aufgaben als weniger leistungsstark eingeschätzt, bei denen für eine optimale Lösung viele verschiedene Informationen benötigt und integriert werden müssen.
Heterogene Teams
Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in einem Team zu haben, kann viele Vorteile, aber auch Nachteile mit sich bringen. Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass multikulturell zusammengesetzte Teams produktiver, effektiver und kreativer sind als Teams mit nur einem kulturellen Hintergrund. Jedes Teammitglied kann seine ganz eigenen Sichtweisen, Erfahrungen und Fähigkeiten ins Team einbringen. Durch die kulturelle Verschiedenheit der Teammitglieder ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in diesen Punkten unterscheiden, grösser. Daher haben multikulturelle Teams häufig eine grössere Vielfalt an Ressourcen zur Verfügung. Das führt dazu, dass heterogene Teams flexibler mit ihrer Umwelt umgehen und interagieren können und dank kreativerer Lösungen bessere Leistungen in spezifisch komplexen, vielseitigen Aufgaben erbringen.
Heterogenität führt in Teams aber auch häufiger zu Missverständnissen, was die Wahrscheinlichkeit von Teamkonflikten erhöht. Im schlimmsten Fall wird der Erfolg des Teams sogar geschmälert, weil die vorhandenen Ressourcen nicht für die erforderte Leistung, sondern zum Lösen von Konflikten eingesetzt werden müssen. Mehr zur Bedeutung der Fähigkeit zu Konfliktmanagement könnt ihr auch in meinem Beitrag Teamgeist und Erfolg: Ein wirksames Paar lesen. Durch die gehäuften Konflikte und die Unterschiedlichkeit kann es in heterogenen Teams zusätzlich schwieriger sein, ein starkes Gruppengefühl zu erzeugen. Eine speziell mit Fussballmannschaften durchgeführte Studie strich eine besonders hohe Gefahr dieser negativen Effekte heraus. Daher scheint ein adäquater Umgang mit Phänomenen der Heterogenität in diesem Umfeld besonders essentiell. Gut integrierte Teammitglieder sind in der Regel zufriedener, was sich wiederum positiv auf die Teamkohäsion auswirkt.
Von Sport-Teams lernen
Gerade in der Welt des professionellen Sports sind heterogene, multikulturell zusammengesetzte Teams wohl eher die Regel als die Ausnahme. Integration ist auch hier ein wesentlicher Faktor für ein gutes Zusammenspiel. Für umfassende Integration ist zunächst einmal der sensible Umgang mit dem Thema Heterogenität bzw. Kulturdiversität grundlegend. In einem weiteren Schritt sollte der offene Umgang und die Akzeptanz mit voneinander abweichenden individuellen Ansichten und Einstellungen erlernt werden. Eine solche Offenheit kann zur Bildung einer neuen, gemeinsamen Basis beitragen, auf der die von den Mitgliedern eingebrachten Ressourcen optimal genutzt werden können. Um diese Fähigkeit zu üben, sollte man mit dem Team über das Thema sprechen, sich gemeinsam über Ansichten und Werte austauschen und beispielsweise interkulturelle Trainings durchführen. Neben der Herstellung eines offenen Teamklimas sollte das Team gemeinsame und für alle Mitglieder gültige Grundregeln schaffen, an deren Erstellung sich optimalerweise alle Teammitglieder beteiligen. Für eine nachhaltige Wirkung ist es zudem wichtig, einem Team regelmässig Zeit für gemeinsame Diskussionen über die Zusammenarbeit einzuräumen und die gemeinsam gesetzten Regeln allenfalls anzupassen. Die Unterstützung durch einen entsprechend geschulten Sportpsychologen kann dabei sehr hilfreich sein.
Und der Erfolg von Leicester City?
Für die Kicker von Leicester City ist der Erfolg zum Greifen nah. Aber auch aus anderen Ligen machen Teams auf sich aufmerksam, bei denen das Zusammenspiel aus Homogenität und Heterogenität einen gewissen Einfluss auf die Teamleistung zu haben scheint. Welche Erfahrungen habt ihr persönlich gemacht? Welche Beispiele fallen euch ein? Und möchtet ihr diese diskutieren? Dann schreibt uns eure Kommentare.
Zu den Autoren:
Dr. Jan Rauch ist Sportpsychologe und am IAP Institut für Angewandte Psychologie als Dozent und Berater tätig. Nach dem Studium der Psychologie, Soziologie und Kriminologie an der Universität Zürich absolvierte er ein Nachdiplomstudium der Sportpsychologie an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen EHSM und schrieb seine Dissertation an der Universität Zürich zum Thema «Intuitive Physik im Sport». Er ist Vorstandsmitglied der Swiss Association of Sport Psychology (SASP). Jan Rauch ist Studienleiter des Zertifikatlehrgangs CAS Teams erfolgreich steuern & begleiten. Darin erwerben die Teilnehmenden, basierend auf ihrer bisherigen beruflichen Erfahrung, vielseitige Kompetenzen in der Steuerung von Teamprozessen.
Aline Werren hat im Sommer 2015 den Bachelor of Science in Psychology abgeschlossen und studiert im Master Arbeits- und Organisationspsychologie und Sozialpsychologie an der Universität Bern. Sie arbeitet am IAP Institut für Angewandte Psychologie als Praktikantin und an der Universität Bern als Hilfsassistentin in der Abteilung Kognitive Psychologie, Wahrnehmung und Methodenlehre (KWM).
Literaturhinweise:
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