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Kultur
Die Macht der Verwalter des Mangels
Der Titel dieses interessanten Buches verspricht im Grunde zu wenig: Nicht allein von den einfühlsamen und teilweise entlarvenden Fotos von Siegfried Wittenburg lebt dieses Buch; die Texte Stefan Wolles stehen dahinter in keiner Weise zurück.
"Durch die Hintertür der künstlerischen Fotografie betrat in den Achtzigerjahren eine kritische, teilweise sogar subversive Bildkunst die Öffentlichkeit." (S. 6) Eines dieser Fotos, die "wirklich den Menschen in den Mittelpunkt" stellen, ist das einer hageren alten Frau mit Hut, Handtasche und Blumenstrauß vor einem Zug von Rostock nach Köln. Sie lächelt verschmitzt in die Kamera, als wolle sie sagen: "Ich darf hier weg und du bleibst." Ein ähnliches Motiv findet sich ein paar Seiten weiter: Auf einer Ostseemole stehen sieben Personen, die man nur von hinten erkennt. Zwei Männer angeln. Zwei Paare und eine Frau sehen versonnen in die Ferne, gen Nord-Westen. Die Träume in ihren Köpfen zu entschlüsseln, bleibt dem Betrachter überlassen.
Wer immer mit Nostalgie an die DDR denkt, dem sei dieses Buch empfohlen. Hier wird er mit der Wirklichkeit konfrontiert, ohne aber Pauschalisierungen oder Verurteilungen zu begegnen. Die DDR wird als eine eingeschlossene Gesellschaft gekennzeichnet, in der der Mangel regierte und seine eigenen Machtverhältnisse schuf. Aufgrund ihrer "Verteilungsmacht" rangierten Kellner oder Handwerker in der Gesellschaftspyramide evtl. über mittleren Vertretern des SED-Apparats. "Die Macht der Verwalter des Mangels hatte vielfältige Auswirkungen" (S. 114), z.B. die "Negativwerbung". Schilder an den Eingängen von Gaststätten oder Handwerksbetrieben schreckten potentielle Kunden ab, anstatt sie anzuziehen. "Die soziale Gleichheit der DDR bestand vor allem darin, dass in den Schlangen vor den Geschäften, auf den Wartelisten für Autos oder Baumaterial sowie gegenüber arroganten Kellnern und unverschämten Handwerkern alle gleich waren." (S. 115) Die Geldwirtschaft wurde teilweise durch den Tauschhandel ersetzt. Akademiker hatten da wenig zu bieten. Interessant ist, dass Wolle die "viel gerühmte Mitmenschlichkeit" in der DDR teilweise auf diese Mangel-Tausch-Wirtschaft zurückführt. Es bestand einfach eine ökonomische Notwendigkeit, Beziehungen zu einem möglichst großen Kreis an Verwandten und Bekannten zu pflegen, um sich ansonsten unerreichbare Güter zu organisieren.
Den Schwerpunkt des Bandes bildet der Mensch und sein Alltag, "kollektive Mentalitäten" (S. 36). Viele Bilder zeigen das Leben der Menschen in der "Platte". Aber auch verfallene, historische Altstädte, die letztlich nicht der 2. Weltkrieg, sondern 40 Jahre DDR vernichtete, werden schonungslos gezeigt.
Neben der Rolle der Stasi vollzieht das Buch diejenige der Kirchen und Oppositionsgruppen sowie den Ablauf der "Wende" nach.
Alles in allem eine gelungene Symbiose aus Bild und Text, die sowohl Verständnis für die betroffenen Menschen im Osten des vereinten Deutschlands zu wecken in der Lage ist als auch der DDR-Nostalgie entgegenwirken kann.