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Wir begreifen Dinge. Wir begreifen aber auch Themen. Ein Wort, eine Bezeichnung, der Name eines bekannten Menschen – all das ist ein Begriff. Aber Anthropologen und Evolutionsbiologen haben erst in den letzten Jahrzehnten stichhaltig aufgezeigt: Die Entwicklung unseres Gehirns, unseres Denkens wurde vor allem auch durch die Hand gefördert.
Das menschliche Gehirn entwickelte sich erst weiter, nachdem die Hominoiden gelernt hatten, immer geschickter mit Werkzeugen umzugehen. Unsere Vorfahren vor Millionen Jahren begannen, die Hände nicht mehr bloss für die Fortbewegung zu verwenden. Sie konnten Steinhämmer ohne Stil einsetzen. Die Hände fingen die starken Belastungen auf und federten sie ab. Ausgangslage für diese Verwendungsmöglichkeiten war an sich ein Fehler: der Daumen war bei den Homoiden bereits länger als bei anderen Primaten. Dies ermöglichte ihnen drei Griffe, welche die Grundlage zur weiteren Entwicklung bildeten:
- Der seitliche Zangengriff: Die Spitze des Daumens drückt dabei gegen die Seite des Zeigefingers.
- Der 3-Punkte-Feingriff: Daumen, Zeige- und Mittelfinger umgreifen zum Beispiel einen Tennisball.
- Der 5-Punkte-Korbgriff: Alle fünf Finger halten den Gegenstand – und der Gegenstand kann gleichzeitig mit allen fünf Fingern bewegt werden.
Durch die Veränderung der Hand der Hominiden war es möglich, Steine, Wurfbeile und Wurfscheiben punktgenau zu werfen. Für die ersten Jäger hat sich der Präzisionswurf als Überlebensfaktor erwiesen: Wer besser werfen kann, bekommt mehr Beute und kann sich besser ernähren; dadurch bleibt er leistungs- und fortpflanzungsfähiger und wird nicht selbst gefressen.
Der Neurologe Calvin (1997) geht davon aus, dass die immer differenziertere Fähigkeit, präzise zu werfen, das Gehirn wachsen liess. Denn das genaue Werfen hat einen unersättlichen Bedarf an mehr und mehr synchronisierten Nervenzellen.
Einen Hammer in die Hand zu nehmen, genau zu zielen und dann zu werfen ist physiologisch eine riesengroße Herausforderung. Um präzise werfen zu können, muss die Fähigkeit entwickelt werden, ein Zielbild zu kreieren. Dann muss „errechnet“ werden, welche Bewegungen nötig sind, um dieses Ziel zu treffen. Als Nächstes muss die Bewegungs- koordination zwischen der Hand, dem Arm und der Schulter und der Bewegung des ganzen Körpers entwickelt werden. Der Arm wird zusammen mit dem ganzen Körper während des Ausholens gespannt. Wie bei einem Katapult muss der Körper in der Lage sein, die Spannung so zu gestalten, dass eine rasche Beschleunigung der Hand möglich wird. Gleichzeitig muss der Wurfgegenstand im richtigen Moment losgelassen werden.
Unsere Vorfahren haben also durch das Werfen auf der Jagd eine „vorausschauende“ Koordination zwischen Zeit, Raum und Anstrengung im Körper entwickelt, welche nach immer mehr neuronale Verknüpfungen verlangte. Die relativ schnelle Vergrösserung des Gehirnvolumens unserer Vorfahren könnte dadurch massgeblich beeinflusst worden sein.
Das Werfen und die damit verbundenen komplexeren Hirnstrukturen haben gemäss Calvin andere typisch menschliche Fähigkeiten überhaupt erst möglich gemacht. Insbesondere ist die menschliche Sprache auf die hochgenaue Sequenzierung der Bewegung angewiesen. Mit anderen Worten: es könnte gut sein, dass die Veränderungen, die durch das präzise Werfen ermöglicht wurden, letztlich als „Nebenprodukt“ die Basis für die menschliche Sprache gelegt haben.
Wir können unser Verhalten in der dreidimensionalen Welt nicht allein mit den Augen lernen. Erst wenn wir unsere Umgebung mit den Händen begreifen können, wird die Welt plastisch und differenziert. Die Hauptrolle spielt dabei unser Bewegungssinn. Eine Hauptaktivität von Kleinkindern in den ersten Lebensjahren besteht darin, die eigene Bewegung gegenüber der belebten und unbelebten Umwelt zu erforschen. Dabei spielt die menschliche Hand eine wesentliche Rolle. Die Stellung des Daumens ermöglicht uns, ein klares Bild über unsere Umgebung zu erhalten. Man kann die Bedeutung der hochdifferenzierten Greiffähigkeit der Hand und der damit verbundenen Rückmeldungen dann erfahren, wenn man vergleicht, wie sehr sie sich unterscheiden, wenn man einen kleinen Gegenstand zuerst mit den Füßen und dann mit den Händen erkundet.
Literatur
- Wilson, F.: Die Hand– Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluss auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen. Klett-Cotta, Stuttgart 2000.
- Calvin, W. H.: Der Strom, der bergauf fließt. Eine Reise durch die Evolution. dtv, München 1997.ISBN3-4461-7280-7.