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Von der privaten zur öffentlichen Wasserversorgung
Quelle: Wädenswil Zweiter Band von Peter Ziegler
Die Brunnen
Bis zum Ende der 1870er Jahre war man in Wädenswil für die Beschaffung des Trinkwassers ausschliesslich auf private oder öffentliche Brunnen angewiesen. Die Grundprotokolle zeigen, dass die meisten Häuser, auch im Dorfkern, über einen Sodbrunnen verfügten, der Grundwasser erschloss oder auch nur Regenwasser speicherte. 1867 zählte man im Dorf 160 Sodbrunnen. Nur 90 Brunnen enthielten aber trinkbares Wasser. 70 Brunnen, das heisst 42 Prozent, waren verunreinigt, vielfach wegen undichten Jauchegruben.1
Besseres Wasser führten die laufenden Brunnen. Sie waren aber nur zum kleinsten Teil öffentlich. Sie gehörten entweder einem privaten Besitzer oder dann mehreren Anwohnern, die sich zu Brunnengenossenschaften oder Brunnenkorporationen zusammengeschlossen hatten. Die Brunnen beim Rothaus, im Meierhof vor dem Morgenstern, am Plätzli, in der Eidmatt, bei der Krone und beim Hirschen, das Gnadenbrünneli unterhalb dem Schwanen, die Brunnen auf dem Büelen und am Sagenbach – sie alle waren Privateigentum und damit dem Allgemeingebrauch entzogen.2
Im 1932 abgebrochenen Kronengasse-Quartier stand seit Beginn des 19. Jahrhunderts der Kronenbrunnen3. 1877 ersetzt man seine Holztröge durch ein Bassin aus Sandstein. Aus den vier Eisenröhren des Brunnenstockes floss das Wasser auch in trockenen Jahreszeiten konstant; die Leistung sank nie unter zwanzig Minutenliter.
Der 1932 abgebrochene Kronenbrunnen im Bahnhofquartier. Im Hintergrund das Haus «Merkur».
Der Kronenbrunnen gehörte einer Genossenschaft, der das alleinige Nutzungsrecht zustand. Die Rechte und Pflichten der Brunnengenossenschaften waren im Brunnenbrief umschrieben. Das älteste Dokument datiert vom 16. Januar 1813. Damals bestand die Kronenbrunnengesellschaft aus 36 Mitgliedern. Jedes Mitglied war Inhaber einer Gerechtigkeit und damit berechtigt, hier das für eine Küche benötigte Wasser zu holen. Aus ihrer Mitte wählten die Brunnengenossen einen Verwalter, dem die Aufsicht über die Sauberkeit des Brunnens anvertraut war. Viel zu reden gab in den Sitzungen der Genossenschafter die oft schadhafte Leitung. Noch 1857 wurde das Wasser in hölzernen Teucheln zugeleitet. Bei der nächsten Reparatur – so beschloss man damals – sollten indessen die Holzröhren entfernt und durch eine irdene Leitung ersetzt werden. Mit der Gründung der Quellenwasserversorgungsgesellschaft und späteren Gemeindewasserversorgung verlor auch die Brunnengenossenschaft bei der Krone ihre frühere Bedeutung. Um den weiteren Unterhaltskosten zu entgehen, erörterten die Teilhaber bereits um 1900 die Abtretung des Brunnens an die Gemeinde. Noch 1913 wurde aber mit 23 gegen 2 Stimmen beschlossen, den Kronenbrunnen weiterhin auf genossenschaftlicher Basis zu unterhalten und zu nutzen. So blieb der Brunnen bis zu seiner Schleifung im Jahre 1932 Eigentum der Genossenschaft mit nunmehr 47 Gerechtigkeiten.
Wer keine eigene Quelle besass und sich nicht in eine Brunnengenossenschaft einkaufen konnte, war auf den Gemeindebrunnen – den heutigen Sonnenbrunnen – angewiesen.4 Der Name Sonnenbrunnen kam erst in den 1820er Jahren – nach dem Bau des Gasthofs zur Sonne – auf. Früher hiess der zwischen Kirche und Gesellenhaus gelegene Brunnen der 1555 erstmals erwähnt wird Kilchbrunnen.5 Zwischen 1765 und 1821 sprach man vor allem vom Gemeindebrunnen.6 Seit altersher galt dem Kirchenbrunnen rührende Sorgfalt. Ein vom Gemeinderat bestellter Aufseher sorgte für die Reinhaltung.7 Im Sommer 1812 beschloss die Gemeindeversammlung, von jedem Brunnenbenützer als jährliches Entgelt eine bis drei Gulden zu verlangen. Später wurden diese Beiträge indessen reduziert und schliesslich ganz fallengelassen.8
Sonnenbrunnen vor der Umgestaltung im Jahre 1909.
Im Jahre 1814 wurde der Gemeindebrunnen, der gleichzeitig mit dem Kirchenbau von 1765 erneuert worden war, abermals ersetzt. Am alten Standort ob der Gemeindemetzg errichtete man in klassizistischem Stil einen Brunnen mit zwei Steintrögen und einer steinernen Brunnenstud mit drei Röhren. Eine Lithographie des 1821 abgebrochenen Gesellenhauses und Fotografien aus der Zeit um 1907 zeigen, wie der Sonnenbrunnen ausgesehen hat. Oberhalb der Gemeindemetzg, des späteren Spritzhauses, führten von der Schönenbergstrasse her einige Treppenstufen zum vertieft gelegenen Brunnenplatz hinunter, der auf drei Seiten ummauert war. In der Mitte des Platzes erhob sich die steinerne Brunnenstud mit den drei Röhren. Bergseits lag ein kleiner, seeseits ein grosser Steintrog. Anlässlich der Korrektion der Schönenbergstrasse 1909 wurde das Spritzenhaus abgerissen, die Brunnenanlage entfernt.9 Auf dem höher gelegten und neu gestalteten Platz fand der restaurierte und auf einen Trog verkleinerte Sonnenbrunnen einen neuen Standort. 1964, im Zuge der Neugestaltung der Kirchenumgebung wurde er abermals verschoben.
Sonnenbrunnen und Spritzenhaus im Herbst 1907.
1964 erhielt der Sonnenbrunnen den heutigen Standort.
Der klassizistische Sonnenbrunnen ist wohl der bekannteste und zugleich der schönste Brunnen in Wädenswil. Der einfache, querrechteckige Trog mit den abgeschrägten Kanten trägt an der Front das von einem Girlandenkranz eingefasste Gemeindewappen und die Jahrzahl 1814. Hinter dem Trog erhebt sich ein Sockel, an dem die beiden Röhren entspringen. Darauf steht ein vierkantiger toskanischer Pfeiler. Er ist mit Girlanden geschmückt von einer Vase bekrönt.10
Seit den 1880er Jahren ging in Wädenswil eine Reihe alter Brunnen ein. Nach 1883 gab es im Dorf nur noch wenige Sodbrunnen.11 Dafür entstanden da und dort neue Zierbrunnen, welche Plätze und Anlagen verschönern:
1884 der für die Spülung des Leitungsnetzes der privaten Quellwasserversorgung benötigte Springbrunnen in der Weinrebenanlage,
1936/37 die Brunnenanlage bei der Abdankungshalle auf dem Friedhof.
1937 erneuerte man den Plätzlibrunnen. Er erhob sich ursprünglich in der Platzmitte und musste dann aus Verkehrsgründen an den heutigen Standort bei der Einmündung der Friedbergstrasse verlegt werden.
Später schuf man die Brunnenanlage bei der Bank Wädenswil und eine Reihe von Brunnen bei öffentlichen Bauten:
1954 beim Sekundarschulhaus auf der Fuhr,
1959 beim neuen Primarschulhaus Au, 1966 beim Oberstufenschulhaus auf der Fuhr und
1969/70 in der Alterssiedlung «Bin Rääbe».
Brunnen am Seeplatz, erstellt 1916.
Springbrunnen in der Weinrebenanlage, erstellt 1884, Ende der 1960er Jahre bei Bauarbeiten zerstört.
Brunnenanlage im Gemeindepark Rosenmatt, erstellt um 1900.
Die private Quellwasserversorgungsgesellschaft Wädenswil
Da beinahe die Hälfte aller Brunnen im Dorf verunreinigtes Trinkwasser lieferte, drängte sich seit den 1860er Jahren für die wachsende Siedlung eine umfassende Versorgung mit Quellwasser auf. Am 19. Januar 1872 beschloss die Sparkassagesellschaft Wädenswil, ein «Unternehmen für die Versorgung des Dorfes mit Trinkwasser» zu gründen und setzte für die Vorarbeiten einen Kredit von 2000 Franken aus. Der Zürcher Ingenieur Burkhard untersuchte im Frühsommer 1872 die Quellenverhältnisse in der Umgebung des Dorfes und riet schliesslich der aus zwei Mitgliedern der Sparkasse und aus zwei Wädenswiler Gemeinderäten zusammengesetzten Kommission, sie solle die im Gemeindegebiet von Richterswil gelegenen Mülenen-Quellen erwerben. Zwar musste man dann auf den Vorteil des natürlichen Drucks verzichten; dafür erhielt man eine auf lange Zeit genügende Menge vortreffliches Trinkwassers.12
Nun begannen langwierige, oft abgebrochene und wieder frisch angeknüpfte Unterhandlungen einerseits mit dem Mühlenbesitzer Arnold Widmer und dem Fabrikanten Stapfer-Kunz, denen das Mülenen-Quellwasser gehörte, andererseits mit Nationalrat Jakob Zinggeler in Richterswil. Dieser war Eigentümer des Sternenweihers, mit dessen Wasserkraft man das Quellwasser in höher gelegene Reservoire pumpen wollte.
Zu Beginn des Jahres 1876 waren die Verträge unterzeichnet; nun konnte die definitive Aktiengesellschaft gegründet werden. Das Baukapital wurde auf 220 000 Franken veranschlagt. Es sollte durch 600 Aktien zu je 200 Franken und durch 100 000 Franken in Obligationen gedeckt werden. Die Geldbeschaffung fiel in eine sehr ungünstige Zeit. Der Zinsfuss stand sehr hoch, und man musste froh sein, dass sich die Sparkasse und die Leihkasse Wädenswil bereiterklärten, zu 4 ¾ Prozent auf 10 Jahre fest zu übernehmen. Die Aktienzeichnung traf jedoch auf erhebliche Schwierigkeiten. Eben hatte die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn, für deren Bau viele Wädenswiler Aktien gezeichnet hatten, wieder einen Schlag erlitten, und nun stand man allen neuen technischen Plänen skeptisch gegenüber. Mit knapper Not konnten 146 Aktionäre gewonnen werden, welche das zur Einrichtung der Wasserversorgung nötige Kapital von 120 000 Franken zeichneten. In der Generalversammlung vom 30. Dezember 1876 übernahm die Aktiengesellschaft das Geschäft und wählte einen Verwaltungsrat von sechs Mitgliedern. Der Gemeinderat Wädenswil ernannte ein siebtes Mitglied.
Im Verlaufe des Jahres 1877 schritt das Werk rüstig voran. In Mülenen entstand eine Quellfassung und das Pumpenhaus, im Dorfgebiet wuchs das Leitungsnetz, und auf dem Bühl ob Wädenswil gingen die beiden Reservoire, die zusammen 328 Kubikmeter Überschusswasser speichern konnten, der Vollendung entgegen. Für das Feuerlöschwesen wurden 68 Hydranten an die Leitung angeschlossen und auf dem Weinrebeplatz, wo das Leitungsnetz ausgespült werden konnte, errichtete man einen provisorischen Springbrunnen, der den Einwohnern bald so gefiel, dass man ihn beibehielt und später mit privaten und öffentlichen Beiträgen ausbesserte.
Am 1. Februar 1878 nahm die als Privatunternehmen organisierte «Quellwasserversorgungs-Gesellschaft Wädenswil» die neue Druckwasserversorgung in Betrieb. Die beiden von der Lokomotivenfabrik Winterthur konstruierten Pumpen hoben das Quellwasser aus rund sechs bis sieben Metern Tiefe und beförderten es in Leitungsnetz und ins neu erstellte Reservoir Bühl. Für den Antrieb der Pumpen verwendete man eine Wasserturbine, die mit Wasser aus dem Sternenweiher gespeist wurde. Jede Pumpe beförderte per Hub im Mittel 7.77 Liter Quellwasser; als Antriebskraft genügten 4.34 Liter Triebwasser. Wenn dies ausfiel, setzte man eine Dampfturbine ein. Anfänglich wurde die Lokomobile von Fall zu Fall in Winterthur gemietet. Dies verursachte aber viel Umtriebe. Mehr als einmal kam es vor, dass die Maschine in Mülenen just zu der Zeit montiert war, da Regengüsse den Sternenweiher wieder aufzufüllen begannen. 1891 bestellte dann der Verwaltungsrat bei der Lokomotivenfabrik Winterthur eine eigene Compoundlokomobile mit einer Leistung von 20 PS13.
Laut Vertrag musste ein Drittel des Mülenen-Quellwassers an Richterswil abgegeben werden. Der Anschluss ans Richterswiller Pumpwerk wurde 1880 vollzogen. Damals entstand auch das 65 Kubikmeter fassende Reservoir Boden in Richterswil.
Der rasch zunehmende Wasserverbrauch in beiden Gemeinden bedingte im Hebst 1880 den Ankauf einer dritten Pumpe. 1892 schaffte man als Reserve eine vierte Pumpe an. Die Zahl der Wasserbezüger stieg ständig. Im Eröffnungsjahr 1878 zählte man 212 Abonnenten, worunter 202 Haushaltungen und 5 gewerbliche Betriebe. 1887 waren es bereits 325 und 1897 schon 432 Abonnenten. Dementsprechend stieg der Wasserverbrauch. Während er für Privathaushaltungen
zunahm, ging er für Triebkräfte zurück, da Gas oder Strom billiger waren. Für einzelne öffentliche Zwecke – etwa für den Spritzwagen oder für die Volière beim Talgarten – stellte die Gesellschaft das Wasser unentgeltlich zur Verfügung.14 Jahr für Jahr wurde das Leitungsnetz erweitert. Bald machte der steigende Wasserverbrauch auch den Bau eines dritten Reservoirs auf Bühl nötig.
Die 400 Kubikmeter fassende Anlage, die mit den beiden anderen Reservoiren in Verbindung stand, konnte am 14. November 1886 in Betrieb genommen werden.
Bis zum Jahre 1888 befand sich das Büro der Wasserversorgungsgesellschaft im Seidenhof, dem späteren Bankgebäude. Mit Neujahr 1889 bezog die Verwaltung ein Lokal in der Krone; gleichzeitig mietete sie eine Werkstätte in der Eidmatt. Als diese gekündigt wurde und sich das Büro in der Krone zu klein erwies, stellte der Präsident, Louis Diezinger in seinem Haus zur Reblaube, ob dem alten Engel, ein helles Büro und eine bequeme Werkstatt mit Magazin zur Verfügung.
Die Aktiengesellschaft, welche das Quellwasser zu Kubikmeterpreisen zwischen 9,65 und 15,86 Rappen verkaufte, schloss ihre Rechnung mit Überschüssen ab. Jahr für Jahr wurden einige Obligationen ausgelost und zurückbezahlt. 1899 betrug das Obligationenkapital noch 56 000 Franken. Neben 5 Prozent Dividende konnten 3000 Franken abgeschrieben und 5000 Franken in den Reservefonds eingelegt werden.
Die Politische Gemeinde erwirbt die private Wasserversorgung
Weil die Anforderungen an die Quellwassergenossenschaft im Laufe der Jahre mehr und mehr stiegen und weil das Privatunternehmen immer mehr öffentlichen Charakter erhielt, entschloss sich die Politische Gemeinde im Sommer 1900, die Rechte und Pflichten der Aktiengesellschaft zu übernehmen, um die Versorgung ab 1. Januar 1901 durch das gemeindeeigene Wasserwerk auf öffentlicher Grundlage zu betreiben.15
Die bauliche, bevölkerungsmässige und gewerblich-industrielle Entwicklung zwang das kommunale Unternehmen bald zur Anpassung und Erweiterung: 1903 schaffte man als Reserve eine fünfte Pumpe an. Im Oktober 1904 beschloss die Gemeindeversammlung den Bau eines vierten, nun 500 Kubikmeter fassenden Reservoirs auf Bühl. Büro und Werkstätte wurden aus der Reblaube in den Freihof verlegt. Im Jahre 1908 vereinigte man durch Entscheid der Gemeindeversammlung die beiden getrennt arbeitenden Gemeindewerke – das Gaswerk und die Wasserversorgung – zu Gas- und Wasserwerk. Man setzte eine Verwaltungskommission von fünf Mitgliedern ein und stellte einen Betriebsleiter an. Die Verwaltung des Gas und Wasserwerks war fortan im Gebäude des Gaswerks an der Eintrachtstrasse zentralisiert.
Im Jahre 1913 fasste die Gemeinde die Waisenhausquellen. Man erstellte das Reservoir Waisenhaus und legte von hier aus eine Leitung nach dem oberen Dorfteil. Zwei Jahre später, 1915, wurde das Pumpwerk Mülenen auf elektrischen Betrieb umgestellt.16 Mit der Zunahme der Bevölkerung, namentlich aber mit dem Einbau von sanitären Hausinstallationen, stieg der Bedarf an Trink- und Brauchwasser mächtig an. Während der Wasserverbrauch pro Kopf und Tag 115 Liter betragen hatte, stieg er zu Beginn der 1920er Jahre auf rund 340 Liter an.17 Die Gas- und Wasserkommission musste sich nach neuen Wasserbezugsmöglichkeiten umsehen. Bohrungen in der Au-Schönenberg und auf Untermosen-Wädenswil deckten zwar Wasservorkommen auf, die Fassung hätte sich aber nicht
gelohnt.18 Dagegen liessen sich 1925 beim Pumpwerk Mülenen und bei der alten Sennhütte zwei vortreffliche Grundwasserbrunnen fassen, so dass die Wasserversorgung des Dorfgebietes wieder für ein paar Jahre sichergestellt war.19
Die Gemeinde übernimmt die Quellwasserversorgung Au und die Bergwasserversorgung
Unbefriedigend war die Wasserversorgung in der Au. Seit Beginn der 1920er Jahre beklagten sich die Bewohner des Au-Gebietes, welche an die private Wasserversorgung von Gottlieb Haab im Steinacker angeschlossen waren, bei der Gesundheitskommission über die Qualität des gelieferten Quellwassers. Die Behörden waren bestrebt, Abhilfe zu schaffen. Durch Beschluss der Gemeindeversammlung vom 3. April 1927 erwarb die Politische Gemeinde Wädenswil das private Leitungsnetz samt Reservoir Langwies, und gleichzeitig bewilligte sie einen Kredit für den Bau eines Pumpwerks am Südfuss des Auhügels, welches für die Wasserversorgung der Au 300 Minutenliter Grundwasser liefern konnte.20 Dass sich unter dem Schottergebiet der Au ein Grundwasserbecken erstreckte, hatte man auf Anraten des Zürcher Geologen Jakob Hug schon im Sommer 1927 durch Sondierbohrungen festgestellt. Seit 1929 verfügte auch die Au über einwandfreies Trinkwasser. Noch waren aber nicht alle Höfe an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen. Der Weiler Unterort wird erst seit 1950 aus dem Gemeindenetz versorgt.21
Nachdem die Trinkwasserverhältnisse im Gebiet der Au saniert waren, drängte sich eine ähnliche Lösung für den Wädenswiler Berg auf. Im Jahre 1934 erwarb die Gemeinde die private, längst nicht mehr genügende Bergwasserversorgung und baute das Versorgungsnetz im Berg grosszügig aus. Im Müsli bei Spitzen-Hirzel wurden zwei kleine Grundwasserfassungen mit Pumperk erstellt, und auf der Schlieregg entstand ein erstes Reservoir mit 600 Kubikmeter Nutztraum.22
Die Grundwasserfassung in der Auhaabe
Als sich die Gemeinde Wädenswil in den Jahren 1927/28 genötigt sah, für die Trinkwasserversorgung des Dorfgebietes neue Möglichkeiten der Wassergewinnung zu suchen, kam man wieder auf das Grundwasserbecken der Halbinsel Au zu sprechen. Der Erfolg der Bohrung am Südfuss des Auhügels ermutigte nämlich dazu, die weitere Ausnützung des Au-Grundwassers zu prüfen. Mit Verfügung vom 7. September 1928 bewilligte die Baudirektion des Kantons Zürich das Gesuch des Gemeinderates Wädenswil, auf der Halbinsel Au weitere Sondierungen nach Grundwasser auszuführen.23 Die Bohrungen beschränkten sich auf das Gebiet der Oberen Au, wo eine grössere Tiefe der Schotterauffüllung und damit des Grundwasserbeckens erwartet werden konnte. Nachdem eine Bohrung in Ufernähe nicht befriedigt hatte, wurde die zweite Sondierung im See selbst angesetzt, und zwar ausserhalb der Auhaabe, rund 80 Meter vom Ufer entfernt. Die zweite Bohrung verlief erfolgreich. Sie reichte bis 28, 35 Meter unter den Seeboden. Beim Pumpversuch konnten 800
Minutenliter sehr gutes und hygienisch einwandfreies Grundwasser entnommen werden.24 In der Gemeindeabstimmung vom 12. Mai 1929 bewilligten die Stimmberechtigten der Gemeinde Wädenswil mit 1537 Ja gegen 317 Nein einen Kredit von 300 000 Franken für den Bau des neuen Grundwasser-Pumpwerkes in der Auhaabe und für die Erstellung von zwei Reservoiren von total 800 Kubikmetern Fassungsvermögen auf der Schönegg.25 Nach der Bauzeit von neun Monaten konnte das Pumpwerk am 10. Februar 1930 in Betrieb genommen werden.
Entgegen früherer Annahmen liefert das Pumpwerk in der Oberen Au nicht ausschliesslich Grundwasser. Chemische Analysen ergaben einen infiltrierten Seewasseranteil von rund 50 Prozent, der bei Grossverbrauch im Sommer bis auf 70 Prozent ansteigen konnte.26 Diese Tatsache gibt jedoch zu keinem Bedenken Anlass. Das Seewasser wird durch dicke Kiesschichten filtriert und gesäubert so dass die Qualität des in der Au geförderten Trinkwassers auch heute noch einwandfrei ist.
Der Ausbau der Wasserversorgung seit 1953
Das zunehmende Ausscheiden der privaten Wasserfassungen, für die das Gemeindewerk in die Lücke treten musste, der gesteigerte Wasserbedarf und die bauliche Entwicklung der Gemeinde führten zu einer Verknappung der verfügbaren Wasservorräte. Zu Beginn der 1950er Jahre mussten sich daher die Behörden erneut mit dem Ausbau der Trink-, Brauch und Löschwasserversorgung befassen. Gründliche Untersuchungen zeigten, dass das mehr und mehr fehlende Wasser nur von einem einzigen Lieferant in genügendem Ausmass gespendet werden konnte, nämlich vom Zürichsee.
Im Sommer 1953 vereinigten sich daher die Gemeinden Horgen, Wädenswil und Oberrieden zu einem Zweckverband für den Bau und Betrieb eines gemeinsamen Seewasserwerks im Hirsacker Horgen.27 Die einzelnen Gemeinden bewilligten die anteilmässigen Kredite für die gesamten Baukosten, die nach der Bauabrechnung brutto 1 871 331 Franken betrugen, wovon Wädenswil laut Vertrag 36,07 Prozent zu übernehmen hatte. Die erste Etappe des von Ingenieurbüro Grombach in Zürich projektierten gemeinsamen Wasserwerks konnte am 24. März 1956 dem Betrieb übergeben werden. 1963 bis 1965 erfolgte in einer zweiten Etappe der Endausbau, wodurch das Seewasser-Filtrierwerk Hirsacker auf eine Tagesleistung von runde 28 800 Kubikmetern gebracht wurde.28 Gemäss Zweckverbandvertrag bezieht Wädenswil 47 Prozent der Gesamtmenge oder 13 630 Kubikmeter pro Tag.
Das Seewasser wird dem Zürichsee in etwa 35 Metern Tiefe entnommen und in der Filteranlage von allen schwebenden Bestandteilen gereinigt. Das unter den Filterbetten gesammelte Wasser gelangt ins Zwischenreservoir unter dem Pumpenhaus und wird dort mit Chlor oder Ozon entkeimt. Das nun verwendungsfähige Trinkwasser fliesst hierauf ins Hauptreservoir. Von hier aus kann es mit vertikalaxigen Pumpen den beiden Hauptleitungen Horgen-Oberrieden und Wädenswil-Richterswil zugeführt werden.
Im Juni 1953 schlossen die Politischen Gemeinden Wädenswil und Richterswil einen Wasserlieferungsvertrag ab.29 Er regelte die zwischengemeindliche Koordination des Wasserhaushaltes und ermöglichte eine optimale Ausnützung der Wasservorräte beider Gemeinden. Die Rossberg-Quellen, das Grundwasser und die Quellen Mülenen werden von beiden Gemeinden gemeinsam genutzt. Das Wasser der Felsen-Quellen sowie das Grundwasser Müsli, Au I und Au II wird restlos in Wädenswil verwertet.30 Reichen die Vorräte nicht aus, kann an Wädenswil und Richterswil jederzeit Zusatzwasser aus dem Seewasserwerk Horgen abgegeben werden.
Im Zusammenhang mit dem Bau des Seewasserwerks Hirsacker und dem Abschluss des Wasserliefervertrages mit Richterswil musste das Versorgungsnetz Wädenswil erweitert und verbessert werden. In einer ersten Etappe entstanden in den Jahren 1954/55 die Seewasserförderleitung vom Seewasserwerk bis zum neuen Reservoir Appital, das Reservoir Appital mit Stufenpumpwerk für die Wasserförderung nach dem Reservoir Schönegg, die Wasserleitung zwischen den Reservoiren Appital und Bühl sowie das Stufenpumpwerk im Reservoir Schönegg für die Wasserförderung nach dem Reservoir Schlieregg.31 In einer zweiten Etappe, die 1960 begann, wurden die Wasserverhältnisse im südöstlichen Gemeindegebiet Waisenhaus – Eichhof - Eichmühle – Neugut verbessert.32 In einer dritten Bauetappe verlegte man in den Jahren 1961/62 unter anderem eine Förderleistung zwischen Schönegg und Stocken, damit auch der Wädenswiler Berg vermehrt mit aufbereitetem Seewasser versorgt werden kann.33
Im Jahre 1965 ersuchten Hirzel und Schönenberg, die oft unter Wassermangel litten, die Gemeinde Wädenswil um eine Wasserbelieferung ab Reservoir Schlieregg. Dem Begehren wurde entsprochen: seit 1965 ist auch zwischen Wädenswil und den beiden Berggemeinden ein Wasserliefervertrag in Kraft. 34 Bereits im Jahre 1935 hatten Wädenswil anlässlich des Baus der Grundwasserfassung im Müsli bei Spitzen die dortige private Wasserversorgung der Sennereigenossenschaft übernommen. Mit dem neuen Vertrag kam jenes Versorgungsgebiet, das die Siedlungen Nussbäumen, Müsli, Bächenmoos und Vordere Spitzen umfasste, samt dem Leitungsnetz an die Gemeinden Hirzel und Schönenberg. Anderseits regelte der Vertrag die gemeinsame Aufbereitung des im Pumpwerk Müsli sowie im Pumpwerk Spitzen gefassten Grundwassers, die Wasserlieferung an die beiden Gemeinden und die Beteiligung am Bau eines neuen Reservoirs Schlieregg von 1800 Kubikmetern Inhalt. Das durch die Gemeinde Hirzel in Spitzen gefasste Grundwasser und jenes der Gemeinde Wädenswil aus dem Müsli wird nun gemeinsam dem Reservoir Schlieregg zugeleitet. Dort wird es in einer Desinfektionsanlage mit Ozon aufbebreitet. Benötigen die beiden Berggemeinden noch mehr Trinkwasser, kann das aus dem neuen Reservoir Schlieregg Seewasser nach Hirzel und Schönenberg gepumpt werden.35 Nachdem in den Jahren 1967/68 das Pumpwerk Mülenen modernisiert worden war36, konnte man in den Jahren 1970/71 die Wasserversorgungsanlagen im nordwestlichen Gemeindegebiet weiter ausbauen. Nebst verschiedenen Transportleitungen entstanden drei neue Reservoire, die je mit einem Stufenpumpwerk ausgerüstet wurden: ein zusätzliches Reservoir Appital mit 2000 Kubikmeter Inhalt zur Versorgung der unteren Dorfzone und der Au, ein zusätzliches Reservoir Schönegg mit 5000 Kubikmeter Inhalt zur Versorgung der oberen Dorfzone sowie das Reservoir Oedischwnd, das in zwei Kammern je 1000 Kubikmeter Brauchwasserreserve speichern kann.37 In der gleichen Bauetappe wurde für die untere Bergzone das Reservoir Waisenhaus mit einer Ozonanlage ausgerüstet, welche das Wasser der Felsen-Quellen desinfiziert, und im Pumpwerk Auhaabe ersetzte man die überalterten Pumpen durch zwei neue, die mit besserem Wirkungsgrad arbeiten.38
Dank weitsichtiger Planung und grosszügiger Investitionen verfügt Wädenswil im nordwestlichen Gemeindeteil über ein leistungsfähiges Wasserversorgungsnetz.
Peter Ziegler
Anmerkungen
1 Ich danke Herrn Robert Hässig, Wädenswil, Betriebsleiter der Gas- und Wasserversorgung Wädenswil, für die Durchsicht dieses Kapitels. – GAW, VI 58.6, Jahres- und Geschäftsberichte der Quellwasserversorgung Wädenswil, 1878-1907. – GAW, III B 12.2 Rechnungen der Quellwasserversorgung 1901 bis 1907, - Eduard Schoch, Die Wasserversorgung unserer Gemeinde, Anzeiger 1909, Nr. 36, - Albert Hauser, Wirtschaftsgeschichte von Wädenswil, Njb LGW 1956, S. 263 – Spätmittelalterlicher Sodbrunnen beim Hallenbad Wädenswil: Anzeiger 1971, Nr. 101.
2 Anzeiger 1949, Nr. 185.
3 Anzeiger 1933, Nr. 76.
4 Eduard Kuhn, Der Sodbrunnen in Wädenswil, Anzeiger 1949, Nr. 185.
5 StAZ, F II c 86.
6 GAW, I A 4, I A 8 und I B 3: Brunnenkunden, abgedruckt im Anzeiger 1909, Nr. 66/67. – GAW, II A 1 Akten Brunnenwesen. 7 GAW, IV B 1.4. – Albert Hauser Wädenswil, S. 262.
8 GAW, IV B 1.3., S. 15, 159: IV B 1.4., S. 139. 9 Anzeiger 1909, Nr. 66/67: Jakob Höhn, Der Sonnenbrunnen in Wädenswil.
10 Bruno Carl, Klassizismus 1770-1860, Zürich 1963, S. 20.
11 Nachrichten vom Zürichsee 1883, Nr. 1.
12 GAW, VI 58.6, Jahres- und Geschäftsberichte der Quellwasserversorgung Wädenswil.
13 GAW, VI 58.6, Jahres- und Geschäftsberichte 1890 und 1891.
14 GAW, VI 58.6, Jahresbericht 1894.
15 GAW, VI 58.6, Jahresbericht 1900. – GAW, II B 12.6.1.
16 GAW, II B <ip-pii>. – Anzeiger 1970, Nr. 267.
17 Weisung für GV vom 27. September 1925.
18 Weisung für GV vom 27. September 1925, S. 11.
19 Anzeiger 1970, Nr. 267 – Walter Höhn, Das Werden unseres Heimatbodens, Njb LGW 1934, S. 69 ff.
20 GAW, II B 12.6.3. und GAW, II B <ip-pii>. – Weisung für GV vom 3. April 1927. 21 Jakob Hug und A. Beilick, Die Grundwasserverhältnisse des Kantons Zürich, Bern 1934, S. 72/73.
22 Weisung für GV vom 9. Juli 1953, S. 6. – GAW, II B 12.6.2.
23 GAW, II B <ip-pii>., Akten von 1928-1930.
24 GAW, II B <ip-pii>., Bericht des Kantonsingenieurs und Protokoll der Baudirektion des Kantons Zürich von 1. Februar 1929.
25 Weisung für UA vom 12. Mai 1929. – Anzeiger 1929, Nr. 75; 1930, Nr. 23; 1931, Nr. 108.
26 Walter Höhn, Das Werden unseres Heimatbodens, S. 68 ff. – Mitteilungen von Herrn Robert Hässig, Wädenswil.
27 Weisung für GV vom 9. Juli 1953. – GAW, II B 12.6.8.
28 Weisung für UA vom 26. Mai 1963.
29 Anhang I zur Weisung für GV vom 9. Juli 1953.
30 Weisung für GV vom 9. Juli 1953, S. 26/27.
31 Weisung für UA vom 9. Mai 1954. S. 17.
32 Weisung für UA vom 23. April 1960. 33 Weisung für UA vom 25. Juni 1961.
34 Weisung für GV vom 22. September 1965.
35 Weisung für GV vom 22. September 1965. – Neue Zürcher Zeitung 1965, Nr. 3516.
36 Anzeiger 1970, Nr. 267.
37 Anzeiger 1970, Nr. 219, 284. 38 Weisung für UA vom 14. September 1969.