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Gedächtnis
Von der Morsetaste zum Hörer
von Thomas Fuchs
«Connecting – Today and Beyond» lautet das Leitmotiv der Huber+Suhner AG, des grössten Unternehmens in Appenzell Ausserrhoden. es ist mit seinen Innovationen für die Datenübermittlung gegenwärtig weltweit erfolgreich. der Aufbau des ersten elektrischen Kommunikationsnetzes verlief in Appenzell Ausserrhoden jedoch eher zaghaft.
Aus reiner Neugier liess der in der Appretur Meyer tätige Stoffdrucker Kunz am 20. März 1853 in Zofingen anfragen, «ob dort auch Schnee, viel Schnee gefallen sei». Neben ihm stand sein Patron und wartete ebenso gespannt, ob die neue Technik funktionieren würde. Bereits nach der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp fünfzehn Minuten traf die Antwort aus Zofingen ein: «Ja, ein Fuss hoher Schnee.» Mit der Eröffnung eines «Telegraphen-Bureau» in Herisau begann an diesem Tag eine neue Ära im Bereich der Datenübermittlung. Der Appenzeller Zeitung war dies jedoch nur eine Kurzmeldung wert.
Von der Telegrafie ...
Der kabelgebundene Telegraf, die erste elektrische Technik überhaupt, stand am Anfang der modernen Telekommunikation und der weltweiten technischen Vernetzung. Er ermöglichte die Übermittlung von Nachrichten über eine geografische Distanz, ohne dass Objekte zwischen Sende- und Empfangsort bewegt werden mussten. Den entscheidenden Anstoss zum Aufbau eines nationalen Netzes in der Schweiz gab eine Petition des Kaufmännischen Direktoriums St. Gallen, die am 21. April 1851 beim Bundesrat eingereicht wurde. Privatleute in Herisau spendeten noch im selben Jahr 7200 Franken für die Einrichtung einer lokalen Telegrafenstation. Die Gemeinde sagte einen jährlichen Beitrag von 260 Franken zu. Die Eröffnung der ersten Telegrafenlinie in der Schweiz erfolgte am 15. Juli 1852 zwischen Zürich und St. Gallen. Wie gegenwärtig beim Ausbau des G5-Mobilfunkstandards gab es auch damals Widerstand gegen die neue Technologie: Ausführlich tat die Appenzeller Zeitung ihre Empörung über die Zerstörung einiger Masten durch Telegrafengegner kund. Am 20. März 1853 war die Leitung von St. Gallen nach Herisau einsatzbereit. Nachdem sich das Misstrauen gegenüber der neuen Technologie gelegt hatte, nahm zwischen 1867 und 1869 die Zahl der in Herisau aufgegebenen Telegramme stark zu: von 3277 auf 9526 Kurzmitteilungen. Mit dazu bei trug die Halbierung der Tarife in diesem Zeitraum. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1885 gingen in Herisau 10'582 Depeschen ab und 12'189 ein.
... zum Telefon
Einen nächsten Quantensprung bei der Informationsübermittlung brachte am 1. Januar 1885 die Telefonzentrale in Herisau. Eingerichtet wurde sie im Postamt, das sich damals im Südflügel des Gemeindehauses befand. 26 Abonnenten und Abonnentinnen konnten gewonnen werden. Jetzt war ein direktes Gespräch möglich. Die Kommunikation war nicht mehr auf anhand von Morsezeichen übermittelte Kurzmeldungen beschränkt. Die Verbindung zum nationalen Netz erfolgte über zwei Leitungen nach St. Gallen. 1893 lag Herisau mit 114 Telefonanschlüssen auf dem letzten Rang der zwanzig Schweizer Ortschaften mit mehr als hundert Telefonapparaten. Der Herisauer Gemeinderat engagierte sich von Beginn weg für eine flächendeckende Versorgung seiner Gemeinde. Mit öffentlichen Geldern finanzierte er Sprechstationen in den Landbezirken Saum, Ifang, Moos und Ramsen. Ausschlag dazu gab vor allem die Alarmmöglichkeit von Polizei und Feuerwehr. Als zweite Gemeinde im Appenzellerland erhielt 1887 der Kurort Heiden eine «Central-Station». Es folgten 1892 Gais und 1894 Rehetobel und Appenzell. Während der Zeit des Ersten Weltkriegs kamen elf weitere Ausserrhoder Gemeinden hinzu. Zur Entlastung der Zentrale St. Gallen erhielt Herisau 1908 eine direkte Linie nach Zürich. Fünf Jahre später meldete die Appenzeller Zeitung stolz, dass nun direkt nach Italien telefoniert werden könne. Ein dreiminütiges Gespräch von Herisau nach Rom kostete drei Franken, was rund zwei Dritteln des Tageslohns eines Fabrikarbeiters entsprach. Heute gehören Telefongebühren zum Grundbedarf des Lebensunterhaltes und werden bei mittellosen Personen durch die Sozialhilfe abgedeckt.
Telefonistinnen und Telegrafisten
In der Herisauer Telefonzentrale entstanden 1885 drei neue Arbeitsplätze für Frauen. Bis 1935 stieg ihre Zahl auf zehn an. Die Telefonistinnen stellten an den Vermittlungspulten die Verbindungen zwischen den Gesprächsteilnehmenden her. Dazu mussten sie eine einjährige Ausbildung absolvieren. Der mit Morsezeichen abgewickelte Telegrafenverkehr dagegen blieb vorerst ein Männerberuf. Bis zur automatischen Telefonvermittlung, die in den 1920er Jahren einsetzte, mussten die telefonischen Verbindungen manuell hergestellt werden. Die Anrufenden wählten die Nummer der nächsten Telefonzentrale, wo die Telefonistinnen die gewünschte Verbindung herstellten. Dazu steckten sie die Leitung des Anrufers, an deren Ende ein Stöpsel befestigt war, in die entsprechende Vertiefung. Erst danach konnte das eigentliche Telefongespräch geführt werden. Anhand von aufleuchtenden Lämpchen sah die Telefonistin, wann das Gespräch beendet war und sie die Verbindung wieder trennen konnte. Die Leitung war daraufhin für ein neues Gespräch frei. Die Tatsache, dass die Frauen in den Telefonzentralen in Kontakt mit einem zunächst vor allem männlichen Publikum standen, von diesem aber nur gehört, jedoch nicht gesehen werden konnten, verlieh ihnen eine geheimnisvolle Aura. Vermittelten die Herisauer Telefonistinnen 1886 noch 56 917 Gespräche, waren es 1928 bereits 871 723. Die Zahl der Telefonabonnenten und -abonnentinnen war von 26 auf 591 angestiegen. Nach der Automatisierung im Jahr 1936 waren die Telefonistinnen noch eine Zeit lang für Auslandsgespräche nötig. Da die Kapazität der neuen Zentrale auf 1500 Anschlüsse begrenzt war, konnten ab 1944 keine Neukunden und Neukundinnen mehr angenommen werden. 1951 standen 140 Personen auf der Warteliste. In diesem Jahr erfolgte der Ausbau auf 2500, 1975 dann auf 6000 Anschlüsse. 2020 gab es laut Bundesamt für Statistik noch 35,5 feste Telefonhauptleitungen pro Hundert Einwohnende, was auf Herisau gerechnet rund 5500 ergibt.