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Warum träumen wir?
Die folgenden Ausführungen sind angeregt von den wissenschaftlichen Beiträgen im Sammelband Schlaf und Traum (Wiegand, von Spreti & Fröstl, 2006).
Für Sigmund Freud hatte der Traum eine wichtige Funktion: Er ist der Hüter des Schlafes. Er sorgt dafür, dass unbewusste Impulse nicht zum Erwachen führen. Es gibt aber auch Schlafforscher, die sich gegen die Annahme einer Funktionalität bzw. Sinnhaftigkeit von Träumen stellen. Einer Traumtheorie nach Allen Hobson und Mitarbeitern zufolge, erzeugen die an der Schlafregulation beteiligte Nervenzellen rein zufällige Stimulationsmuster. Die Grosshirnrinde versucht diese chaotischen Erregungsmuster zu interpretieren; es resultiert ein Traum. Träume sind nach dieser Sichtweise dementsprechend sinnlos.
Angesichts der Macht von Träumen– ich denke da zum Beispiel an Albträume –, kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass Träume lediglich phylogenetische Überbleibsel ohne Funktion sind.
Gehen wir einmal rein hypothetisch davon aus, dass das Träumen eine vom Schlaf unabhängige Funktion hat. Dann sind folgende methodische Überlegungen angebracht: Das Träumen wäre objektiv gar nicht messbar, sondern nur durch eine Befragung zugänglich.
Zuerst muss die träumende Person aufwachen und anschliessend sich zurückerinnern, was vor dem Erwachen gewesen ist. Eine von Michael Schredl zitierte Studie von Rosalind Cartwright streicht genau diese sprachliche Bedingtheit des Träumens heraus: Sie konnte zeigen, dass geschiedene Frauen besser mit dem Leben zurecht kamen, wenn sie nach der Scheidung von ihrem Exmann träumten. Dafür gibt es nach Cartwright folgende zwei Erklärungsmöglichkeiten: Der Effekt kann durch das Auftreten und die Verarbeitung im Traum zustande gekommen sein; alternativ mag auch das Erinnern und das Berichten des Traumes „heilsam“ gewirkt haben.
Da Träume wie angesprochen nicht unabhängig vom Wachzustand untersucht werden können, bleibt die Frage offen, warum wir träumen. Die Traumforschung bleibt also weiterhin spannend.
Martina Scherrer,lic.phil.
Psychologin FSP
Literatur:
Wiegand, M. H., von Spreti, F. & Fröstl, H. (Hrsg.) (2006). Schlaf und Traum: Neurobiologie, Psychologie, Therapie. Stuttgart: Schattauer.