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Einen sauberen Anzug, ein paar Hemden und nur drei von vielen Schallplatten mit seinen Liedern – mehr hat Joseph Schmidt nicht in seinem Rucksack. Die letzten Überreste einer glanzvollen Karriere als Tenor. Es ist September 1942. Neun Jahre zuvor ist Schmidt, Sohn orthodoxer Juden aus Czernowitz (heute Ukraine), nach der Machtübernahme der Nazis aus Deutschland geflohen. Aus jenem Land, wo er als «deutscher Caruso» gefeiert und verehrt wurde, wo er Konzertsäle gefüllt hatte und durch den Rundfunk und Schallplattenaufnahmen gross geworden war.
Eine Karriere auf der Opernbühne war ihm zwar wegen seiner bescheidenen Körpergrösse von 1,54 Metern verwehrt geblieben, seine vielen Geliebten störten sich aber nicht daran, dass sie ihn um einen Kopf überragten. Die Flucht führt ihn über Wien und Brüssel in den unbesetzten Süden Frankreichs. Doch auch hier ist er nicht mehr sicher. Die letzte Rettung scheint die neutrale Schweiz zu sein; sie wird sich aber als «kaltes Paradies» entpuppen.
Hier setzt «Der Sänger» ein, das neuste Buch von Lukas Hartmann, der sich mit historischen Romanen einen Namen gemacht hat. Entlang der historisch verbürgten Eckdaten schildert der Berner Schriftsteller die letzten Lebenswochen Schmidts: Wie der Tenor, schwer krank, zuerst an der Schweizer Grenze abgewiesen wird und sich schliesslich bei Nacht und Nebel über die Grenze schleusen lässt. Wie er in erbärmlichem Zustand im Internierungslager Girenbad im Zürcher Oberland landet, einem militärisch geführten Arbeitslager, in dem die Kartoffeln in der dünnen Suppe faul und die eiskalten Schlafsäle ungeheizt sind.
Hartmann rückt dabei ganz nah an seinen Protagonisten heran und imaginiert sich die Gefühle des Geflüchteten, die von leiser Hoffnung auf einen Neuanfang als Sänger in tiefe Verzweiflung kippen. Denn Schmidt verliert wegen einer chronischen Kehlkopfentzündung seine Stimme – und mit ihr sein ganzes Selbstbewusstsein. Kraft- und mutlos wird Schmidt zum Spielball der helvetischen Bürokratie, die nicht nur Butter rationiert, sondern auch Menschlichkeit – trotz der Berichte über die Gräuel in den Konzentrationslagern. Zwar erlebt Schmidt in der Schweiz Momente der Menschlichkeit, aber auch den kaum verhüllten Antisemitismus eines Arztes, der eine Untersuchung seiner Herzbeschwerden verweigert. Im November 1942 stirbt der 38-jährige Schmidt in Girenbad an Herzversagen.
Geschichte aller Stimmlosen
Es ist eine triste Geschichte, die Hartmann in «Der Sänger» in nüchternem Ton konsequent auf ihr trauriges Ende hin erzählt. Keine leichte Lektüre – und auch keine bequeme. Denn Hartmanns einfühlsam geschildertes Schicksal eines Flüchtlings, dem die Stimme abhandenkommt, lässt sich auch als Geschichte der vielen Stimmlosen lesen, die in unserer Zeit auf der Flucht sind. Insofern ist «Der Sänger», obwohl ein historischer Roman, auch von bedrückender Aktualität und wirft die Frage auf, wie wir es heute halten mit der Menschlichkeit.
Lukas Hartmann: «Der Sänger», Diogenes Verlag, 2019, 288 Seiten.
Stephan Moser ist Journalist und freier Rezensent.
Zur Person
Ein bekannter Autor der Schweiz
Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmässig auf der Bestsellerliste. Sein letzter Roman «Ein Bild von Lydia» erhielt 2018 den Literaturpreis des Kantons Bern.
«Es ist keine leichte Lektüre – und auch keine bequeme.»