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Leseprobe aus "Die Spur der verlorenen Kinder" von Victoria M. Data
Sturzflug
Edwin und Elwira schwebten an der Strickleiter in der Dunkelheit. „Edwin, kannst du deine Taschenlampe in deinen Mund nehmen und trotzdem noch klettern? Mir macht diese Dunkelheit etwas Angst.‟
„Kein Problem, kann ich…‟, sagte Edwin beruhigend. Ein lauter Schrei von Elwira durchdrang die Stille, und beinahe hätte Edwin seine Taschenlampe fallengelassen, die er gerade aus seiner Hosentasche genommen hatte.
„Elwira, was ist los?‟ Er schaute die Leiter hinunter. „Du bist ja gar nicht mehr unter mir! Wo bist du?‟, schrie Edwin in panischer Angst. Was war mit Elwira geschehen? So schnell er konnte, kletterte er die Leiter hinunter. „Autsch!‟, schrie Edwin auf, als Fasern von der Strickleiter seine Hände zerschnitten, und er sich, trotz der Schmerzen, geistesgegenwärtig an den Seilen gerade noch festhalten konnte. Unter ihm war kein Holz mehr, worauf er seine Füsse hätte stellen können. Er angelte sich nach oben, bis er wieder eine Holzstange unter seinen Fü̈ssen hatte. Er schwitzte, fror, zitterte und atmete so rasch, dass sein Puls raste. Da, wo er beinahe abgestü̈rzt war, musste Elwira den Halt verloren und geschrien haben.
Als Edwin endlich wieder etwas sicherer stand, ruhiger atmen und wieder einigermassen denken konnte, richtete er den Lichtstrahl seiner Taschenlampe nach unten. Da, auf dem Grund des Schachtes, lag Elwira. Sie bewegte sich nicht. Edwin überkam ein Grauen wie noch nie. Was, wenn… Elwira musste noch leben! Und er musste irgendwie bis zum Grund hinunterkommen, der sich schwarz-braun glitzernd im Lichtstrahl brach. Da unten musste es nass sein.
Edwin dachte sich, als seine Gedanken wieder klar funktionierten, die Strickleiter mit Hilfe der Kreiden wieder ganz, und stieg bis zu Elwira hinunter. Er kniete sich neben sie. Sie lag reglos da. Er fühlte ihren Puls und fand keinen. Aber das konnte auch nur an seiner Aufregung liegen. Er hob Elwira hoch, bis sie stand und umarmte sie. Die Wärme, die sie bei ihren Umarmungen gespürt hatten, musste doch auch jetzt wirken!
„Edwin?‟, kam ein leises Flüstern endlich aus Elwiras Mund.
„Gott sei Dank, du lebst!‟ Edwin hielt Elwira weiterhin umarmt.
Langsam kehrte immer mehr Leben in Elwira zurück. Edwin spürte, wie ihr Körper kräftiger wurde, wie sie von alleine stehen konnte, und er sie wieder loslassen konnte. „Wie geht’s dir?‟, fragte er.
„Gut! Bestens! Danke, Edwin! Ohne dich hätte ich bis ans Lebensende in diesem Körper liegenbleiben müssen.‟ Beide spürten zwar noch das Grauen des eben Durchgestandenen in sich, aber schon würde Edwins und Elwiras Leben wieder so sein, wie sie es kannten, wie es sein sollte und wie es bisher immer war, voller Fröhlichkeit, Lebenslust, Lebendigkeit und Humor.
„Schaun wir uns hier unten mal um, wenn wir schon hier sind.‟
„Und wenn hier unten das Monster ist?‟, fragte Elwira zögerlich.
„Ach, das glaub ich nicht. Das wäre doch sonst längst rausgekommen und hätte uns verspeist‟, beruhigte sie Edwin.
„Du hast wohl Recht. Auf ins Abenteuer!‟, rief Elwira, die wieder ganz die alte war. Von der Leiter weg führte nur ein Weg durch eine höhlenartige Öffnung, und Edwin spürte, dass dort nichts Gutes sein konnte. „Elwira, was hältst du von diesem schwarzen Loch? Mir kommt’s vor, als sollten wir hier nicht hinein. Ich hab so ein eigenartiges Gefühl. Kein gutes. Eher so, als wollte das schwarze Loch uns verschlingen. Komm, Elwira, gehen wir wieder die Stickleiter hoch. Oben gibt es noch jede Menge zu erkunden!… Elwira!‟