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Die allgegenwärtige Kirche
Im frühen Mittelalter setzt sich in der nachmaligen Schweiz das Christentum als Religion durch. Im Zuge der Missionstätigkeit werden zahlreiche Klöster gegründet. Das Kloster St. Gallen fasst dank einer Schenkung der alamannischen Beata-Landolt-Sippe in Gossau Fuss und baut hier auf dem Berg die Marienkirche, die 777/780 erstmals in einer Urkunde erwähnt wird. Als das Kloster Rüti 1414 das Kirchengut übernimmt, baut es anstelle der ersten Kirche eine neue im gotischen Stil. Von der alten Kirche erhalten geblieben ist heute nur noch der Unterbau des Kirchturms, der aus dem 12. Jahrhundert stammt.
Auch weitere Klöster sind in der Region präsent. Das Kloster Einsiedeln ist bis ins Spätmittelalter Besitzer des Weilers Leerüti. Grüt, Brüschweid und Hellberg sind Lehen des Ritterhauses Bubikon, das noch heute dem Johanniterorden gehört. Die frühen Kirchen sind der Mittelpunkt von Pfarreien, ein Treffpunkt für Märkte, Spiele, Feste und Versammlungen. Auf dem Friedhof finden Gerichtstage, Eheschliessungen und rituelle Handlungen statt. Vor allem aber wacht die Kirche auf dem Berg als mächtigste örtliche Institution über Recht und Unrecht, über Zucht und Ordnung in der Bevölkerung. Als oberster Sittenwächter wird der Pfarrer vom Stillstand unterstützt, dem in Gossau 14 Mitglieder angehören. Sünderinnen und Sündern werden vom Stillstand vor den Eingängen der Kirche öffentlich bloss gestellt.
Die wichtigste Einnahmequelle der Kirche ist der Zehnten, den der Pfarrer im Namen des Klosters bei den Bürgern der Kirchgemeinde einzieht. In Gossau liefern die Bauern diesen zehnten Anteil ihrer Erträge im Pfrund-Lehenhaus neben der Kirche ab, dem heutigen Restaurant Alpenblick. Einen Teil davon darf der Pfarrer behalten, den grössten Teil aber muss er dem Kloster abliefern.
Die Herrschaft der Kirchen und Klöster beginnt erst im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu bröckeln, als der Stadtstaat Zürich seine Macht auf der Zürcher Landschaft verfestigt.
Die Allmacht der Grundherren
Das Gebiet um Gossau wird im frühen Mittelalter von einem komplexen Geflecht aus weltlichen oder kirchlichen Grundherren beherrscht. Die Machthaber, Geschlechter aus dem Hochadel, Klöster oder Kirchen, haben das Land von Königen oder Fürsten zum Lehen erhalten. Als Verwalter solcher Grundbesitze fungieren Angehörige des niederen Adels oder wiederum Klöster und Kirchen, die oft von Adligen für genau diesen Zweck gestiftet worden sind. Der Hochadel ist im Zürcher Oberland mit den Lenzburgern, den Kyburgern und den Habsburgern vertreten.
Die Grundherrschaft bleibt bis in die frühe Neuzeit die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Machtstruktur im ländlichen Raum. Der Grundherr bestimmt nicht nur über die Nutzung und Vergabe der landwirtschaftlichen Flächen, sondern verfügt als Schutzherr, Polizist und Richter auch über umfassende Vollmachten. Die Bauern, die in einer Grundherrschaft leben, sind zumeist Leibeigene, die ihr Stück Land ebenfalls als Lehen erhalten haben.
Neben diesen Hörigen gibt es aber auch freie Bauern. Sie müssen dem Kloster oder dem adligen Grundherrn zwar ebenfalls Abgaben zahlen, bewirtschaften aber ihren eigenen, meist kleinen Grundbesitz. Im Raum des heutigen Gossaus ist ein grosser Teil der Bauern frei.
Ab 1408 tritt im Raum Gossau der Stadtstaat Zürich als neuer Machthaber auf das Parkett. In diesem Jahr erwirbt er von den Herren von Landenberg-Greifensee die Vogtei Grüningen, der Gossau damals untersteht. Schon seit 1350 hat die Stadt Zürich mit einer gezielten, zumeist friedlichen Territorialpolitik auf der Landschaft Gebiete angeeignet, die sich bis 1439 zu einem Umfang auswachsen, der etwa dem heutigen Kanton Zürich entspricht.
Der Stadtstaat übt über seine Vogteien ein Regime aus, das dem städtischen Handwerk und Gewerbe während Jahrhunderten zahlreiche Privilegien auf dem Buckel der Landgemeinden sichert. Seine Macht wird erst 1798 gebrochen, als die vormarschierenden Truppen Napoleons das Ancien Regime stürzen.
Die Höfe und Weiler werden zu Dörfern
Im 15. und 16. Jahrhundert beginnen sich Siedlungen zu Dörfern zu wandeln, denen es nach und nach gelingt, sich Freiheiten zu erkämpfen und von den Grundherren als relativ eigenständige Körperschaften abzugrenzen. Der Grund für diese Entwicklung liegt unter anderem in einem markanten Bevölkerungs-wachstum in dieser Zeit, das bis in die Neuzeit anhält. Um den Zuzug neuer Einwohner einzuschränken und die Übernutzung der Ressourcen zu verhindern, greifen viele Dörfer zu harten Massnahmen. Zum einen verbieten sie kurzerhand Neubauten. So ist zum Beispiel in Ottikon die Zahl der Höfe während Jahrhunderten auf 64 begrenzt. Zum anderen verlangen sie von Neuzuzügern Einkaufsgebühren, deren Höhe von der Herkunft der Einwanderer abhängt. Damit verhindern die Dörfer, dass arme Leute zu Bürgern des Dorfes werden. Nur wer es vermag, wird vollberechtigter Stimmbürger und erhält zusätzlich das Recht, das Gemeindegut – Weideland, Holz, Torf, Kies und Sand – zu nutzen. Alle anderen zählen zur rechtlosen Unterschicht oder bauen sich sogar illegale Häuser ausserhalb des Dorfetters.
Als weitere Reaktion auf das Bevölkerungswachstum beginnen die Dorfgemeinschaften, ihre Grenzen präzise zu ziehen und sich dabei ein möglichst grosses Gebiet anzueignen. Dabei kommt es nicht selten zu Streitigkeiten. Gleichzeitig treten erste Dorfgesetze in Kraft. Für Gossau-Dorf und Bertschikon sind so genannte Offnungen zum Beispiel aus dem Jahr 1619 bekannt. Sie regeln unter anderem die gemeinsame Nutzung der Allmend und des Waldes oder die Bewirtschaftung des Ackerlandes und der Weiden.
Die Reformation und die Wiedertäufer in Gossau
Die in Zürich von Huldrych Zwingli angeführte Reformation bedeutet eine weitreichende Zäsur in der Geschichte der Kirche. In der Stadt und auf dem Land werden die Klöster aufgehoben, die katholischen Geistlichen vertrieben, die Bischöfe entmachtet, Prozessionen, Bilder und Messen abgeschafft. Im Zuge der Reformation bildet sich die radikale Bewegung der Wiedertäufer, denen Zwinglis Bild der neuen Kirche zu wenig weit geht. Sie gibt der unzufriedenen ländlichen Bevölkerung Auftrieb, die sich gegen das drakonische Regime des Stadtstaates zu wehren beginnt. Im Frühling 1525 bricht im Zürcher Oberland ein Aufstand aus. Gossau und seine Umgebung werden zu einer Hochburg der Rebellen, die unter anderem vom Gossauer Jakob Falk angeführt werden. 1527 gelingt es der Zürcher Regierung, die Bewegung der Wiedertäufer niederzuschlagen. Die Anführer werden alle in der Limmat ertränkt.
Schule: Vom Privileg zum Allgemeingut
Schulbildung wird im Mittelalter klein geschrieben und ist Sache der Kirche. Als Lehrer amtet oft der Pfarrer, der sich in der Regel darauf beschränkt, die Kinder auf den sonntäglichen Gottesdienst vorzubereiten. In Gossau wird die erste Schule 1530 neben der Kirche eingerichtet und vorerst von Kindern aus der ganzen Pfarrei besucht. 1583 trennen sich die Schulen von Gossau und Grüningen. 1639 wird an der Kirchgasse eine neue Schulstube und in einem Bauernhaus im Mitteldorf eine zweite eröffnet. 1661 nimmt Ottikon seine erste Schule in Betrieb, und in den anderen Wachten entstehen zwischen 1670 und 1719 nach und nach Nebenschulen. Die Klassen zählen nicht selten bis zu 70 Kinder.
Die Lehrer, die später den Pfarrer ablösen, sind nicht sehr angesehen, meist schlecht ausgebildet und auch schlecht bezahlt. Die ersten beiden Gossauer Lehrer erhalten vom Klosteramt Rüti zusammen 115 Kilogramm Kernen als Lohn und zusätzlich einen von den Eltern bezahlten Betrag von 8 Schilling pro Schulkind und Jahr.
Die Landwirtschaft wird leistungsfähiger
Infolge des rasanten Bevölkerungswachstums im 15. und 16. Jahrhundert wird in vielen Dörfern des Zürcher Oberlands die Nahrung knapp. Die Dorfgemeinschaften reagieren unter anderem mit der Einführung einer neuen, leistungsfähigen Anbaumethode in der Landwirtschaft, der Dreizelgenwirtschaft. Dabei legen die Bauern ihre Grundstücke zusammen und bewirtschaften sie gemeinsam. Das Land wird in drei ungefähr gleich grosse Zelgen (Flurstücke) unterteilt, die rotierend genutzt werden. Älter als diese Anbaumethode ist die weniger ertragreiche Egartenwirtschaft, bei der die Bauern ihr eigenes kleines Ackerstück während zwei Jahren bebauen und dann während fünf bis sieben Jahren ungenutzt stehen lassen. Die Dreizelgenwirtschaft ist im den unteren Wachten Gossaus weit verbreitet, während in den oberen, topografisch bedingt, die Egartenwirtschaft dominiert.
Handwerker und Gewerbler – die mittelalterliche Dorfelite
Das Mittelalter kennt keine Handels- und Gewerbefreiheit. Das ländliche Gewerbe und Handwerk muss sich an den Regeln der städtischen Zünfte orientieren und darf deren Mitgliedern keine Konkurrenz machen. Einige Gewerbe müssen eine vom Stadtstaat erteilte, so genannte Ehafte besitzen. Wer eine solche “Konzession” beansprucht, muss über genügend Kapital verfügen, kann aber auch mit einem stattlichen Einkommen rechnen, da sein Betrieb zumeist eine Monopolstellung innehat.
Tavernen haben als ehaftes Gewerbe das Recht, Gäste zu beherbergen. Der Wirt zahlt für das Tavernenrecht eine einmalige Gebühr, einen jährlichen Zins und eine Steuer auf alkoholische Getränke. In Gossau haben ursprünglich nur zwei Wirte – je einer in Gossau und in Bertschikon – das Recht, Wein auszuschenken. Daneben gibt es aber immer auch illegale Weinschenken, so genannte Winkelwirtschaften, die vom Stillstand, der ehemaligen Kirchenpflege, mit Feuereifer bekämpft werden.