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Belugas oder Weisswale sind praktisch in der gesamten Arktis zu finden. Dabei bilden sie unterschiedlichste Gruppengrössen, von Zweierteams bis zu tausenden von Tieren. Bisher ist man davon ausgegangen, dass diese sehr sozialen Tiere in einem Matriarchat leben, wo ein weibliches Tier die Gruppe anführt. Nun hat ein internationales Team erstmals in einer grossangelegten Studie in verschiedenen Teilen der Arktis herausgefunden, dass die Tiere viel komplexere Gesellschaften bilden, die über die mütterliche Verwandtschaftslinie hinausgeht. Die Forscher vergleichen sie mit menschlichen Gesellschaftsgruppen und einer ähnlichen Komplexität.
Unter der Leitung der Florida Atlantic Universität (FAU) untersuchte die Forschungsgruppe Belugas aus Alaska, Kanada, Tschukotka und Svalbard sowohl im Feld wie auch mithilfe genetischer Methoden. Greg O’Corry-Crowe von der FAU, Hauptautor der Studie, erklärt: «Beluga-Wale weisen eine breite Palette von Gruppierungsmustern auf, von kleinen Gruppen von zwei bis zehn Individuen bis zu großen Herden von 2.000 oder mehr, von anscheinend gleichgeschlechtlichen und Altersklassengruppen bis zu gemischten Alters- und Geschlechtsgruppen und von kurzen bis zu mehrjährigen Verbindungen. Die Rolle, die Verwandtschaft in diesen Gruppierungen spielt, war weitgehend unbekannt.»
«Es kann sein, dass ihre hochentwickelte Stimmkommunikation es ihnen ermöglicht, in regelmässigem akustischen Kontakt mit nahen Verwandten zu bleiben.»Greg O’Corry-Crowe, Florida Atlantic University
Nun hat sich gezeigt, dass Belugawalgruppen nicht nur um die engsten Verwandten mütterlicherseits organisiert sind, sondern, je nach Gruppengrösse, aus verschiedenen Mütterlinien besteht, die teilweise noch nicht einmal miteinander verwandt sind und wo sogar die Vaterschaftslinie eine wichtigere Rolle spielt als bisher gedacht. Ausserdem konnte die Studie zeigen, dass bestimmte Verhalten der Belugas abhängig von der Gruppengrösse und der Zusammensetzung ist und diese auch wechseln kann. O’Corry-Crowe und sein Team vermuten, dass dabei die Fähigkeit, mit Tönen zu kommunizieren, eine wichtige Rolle spielt. «Es kann sein, dass ihre hochentwickelte Stimmkommunikation es ihnen ermöglicht, in regelmässigem akustischen Kontakt mit nahen Verwandten zu bleiben, auch wenn sie nicht miteinander verbunden sind,» meint O’Corry-Crowe.
Um die Frage zu beantworten, welche Rolle der Verwandtschaftsgrad innerhalb der Belugagesellschaft spielt und wie die teilweise bis zu tausenden Tieren umfassenden Ansammlungen sich organisieren und aus welchen Tieren sie bestehen, sammelten die Forscher Daten im Feld über Belugaansammlungen und nahmen auch Hautproben, um die mütterliche DNA zu untersuchen und so die Verwandtschaftsgrade zu bestimmen. Dabei zeigte sich, dass auch in Gruppen, in denen zwar die Tiere mütterlicherseits verwandt waren, dieser Verwandtschaftsgrad doch nicht so nahe war und die väterliche Seite stärker ausgeprägt war. Damit widerlegte die Studie die Idee, dass Belugas ähnlich organisiert sind wie beispielsweise Orcas oder Grindwale. «Im Gegensatz zu Killer- und Grindwalen und wie einige menschliche Gesellschaften interagieren Beluga-Wale nicht nur oder in erster Linie mit engen Verwandten,» sagt O’Corry-Crowe dazu. Sowohl bei Orcas wie auch bei Grind- und anderen Zahnwalen, die in grösseren sozialen Gruppen leben, führt ein Muttertier die Gruppe und die Clans bleiben lange zusammen, wobei frisches genetisches Material durch die Männchen in die Gruppe gelangt.
Die Ergebnisse, die mit dieser Studie gewonnen wurden, gehen aber gemäss den Wissenschaftlern weiter als nur in das Verhalten einer arktischen Walart. Denn die Komplexität der Belugagesellschaft scheint viel höher zu sein und mehr den Grad menschlicher Gesellschaftsgruppen zu erreichen. Denn Menschen organisieren sich seit jeher in sozialen Netzwerken, Hilfsstrukturen und Kooperationen jenseits des Verwandtschaftsgrades, um das Alltagsleben und auch die Fortpflanzung zu meistern. Das hat dazu geführt, dass sich auch interne Körperabläufe entsprechend entwickelt und angepasst haben. «Es hat auch Auswirkungen auf traditionelle Erklärungen, die auf der matrilinearen Pflege eines sehr seltenen lebensgeschichtlichen Merkmals in der Natur, der Menopause, beruhen, das nur bei einer Handvoll Säugetieren, einschließlich Belugawalen und Menschen, dokumentiert wurde», fügt O’Corry-Crowe an.
«Diese Arbeit wird unser Verständnis darüber verbessern, warum einige Arten sozial sind»Greg O’Corry-Crowe, Florida Atlantic University
Bedenkt man, dass Belugas auch bis zu 70 Jahre alt werden können, zeigt es sich, dass solche Gruppenbildungen und Netzwerkformierung über eine einfache Fitnessargumente hinaus gehen und Mechanismen wie Erfahrung, Lernen und Kultur miteinbeziehen in einer sich verändernden Umwelt. «Diese Arbeit wird unser Verständnis darüber verbessern, warum einige Arten sozial sind, wie Individuen von Gruppenmitgliedern lernen und wie Tierkulturen entstehen,» schliesst O’Corry-Crowe
Dr. Michael Wenger, PolarJournal