Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03311.jsonl.gz/1907

Liebe Frau Dr. Liamlahi, was genau versteht man unter dem Nachtschreck?
Ein Nachtschreck ist eine sogenannte Parasomie. Dabei handelt es sich um ein auffälliges Verhalten im Schlaf oder an der Schwelle vom Schlaf zum Wachsein. Obwohl das Kind nicht bei Bewusstsein ist, hat es die Augen offen und bewegt sich. Zum Nachtschreck kommt es rund ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen. Das Kind befindet sich in der Tiefschlafphase. Vereinfacht gesagt kann man sagen, dass ein Nachtschreck eine Art Aufwachstörung ist. Dem Kind gelingt es nicht vollständig aus dem Tiefschlaf aufzuwachen. Es wirkt wach, ist aber noch am Schlafen.
Wie sieht ein Nachtschreck konkret aus?
Das Kind schreckt plötzlich aus dem Schlaf auf. Es wirkt wach. Es hat die Augen offen und scheint verängstigt. Oft hat es einen schnellen Herzschlag, schwitzt und schreit. Manche Kinder schlagen regelrecht um sich. Ein Nachtschreck dauert in der Regel etwa fünf Minuten. Es kann sein, dass der Zustand sogar einmal zehn, 15 Minuten andauert, bis der Spuk oft so schnell vorbei ist, wie er gekommen ist. Die Kinder wachen dann entweder auf, trinken zum Beispiel etwas und schlafen weiter oder sie schlafen direkt weiter.
Was ist der Unterschied vom Schlafwandeln zum Nachtschreck?
Beim Schlafwandeln sind die Kinder emotional nicht aufgebracht. Sie laufen umher und können komplexe Abläufe tätigen, während sie aber eigentlich noch schlafen. Beim Nachtschreck sind die Kinder emotional aufgebracht, gestresst und verängstigt. Wenn man sie berühren oder trösten will, können sie um sich hauen.
Wie verhält man sich als Eltern richtig?
Als erstes ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und in der Nähe des Kindes zu bleiben. Man soll aufpassen, dass sich das Kind nicht selber verletzt oder in Gefahr bringt. Wichtig ist, das Kind nicht zu wecken. Während des Nachtschrecks sind Kinder, ganz im Gegensatz zu zum Beispiel nach Albträumen, meist nicht empfänglich für körperliche Berührungen und Trost.
Kann man vorbeugend etwas tun?
In der Praxis rate ich betroffenen Familien zur Routine. Am besten ist es, wenn das Kind abends immer zur gleichen Zeit ins Bett geht und morgens zur gleichen Zeit aufsteht. Ganz allgemein ist es wichtig, dass die Kinder genügend schlafen. Powernaps am Nachmittag können auch hilfreich sein. Es geht darum, dass Kinder in kein Schlafdefizit kommen. Weil je grösser das Schlafdefizit, desto tiefer und länger die Tiefschlafphase, und so wahrscheinlicher das Auftretendes Nachtschrecks.
Wächst sich der Nachtschreck aus?
In den meisten Fällen ist das tatsächlich so. Im Schulalter irgendwann wächst sich der Nachtschreck raus. In Einzelfällen bleibt der Nachtschreck, wird aber mit zunehmendem Alter oft ruhiger und es kann sein, dass die Kinder später Schlafwandeln.
In welchem Alter tritt der Nachtschreck vorwiegend auf?
Wir beobachten den Nachtschreck oft bei Kinder im Kindergartenalter oder rund um den Schulbeginn. Aber auch Kleinkinder können schon Nachtschreck haben.
Haben Sie Tipps für Eltern, die abends schon Angst vor der Nacht und dem nächsten Nachtschreck haben?
In erster Linie ist es wichtig und beruhigend zu wissen, dass der Nachtschreck absolut ungefährlich ist. Er deutet nicht auf andere Krankheiten hin und auch für die Kinder selber ist er keine Belastung. Da die Kinder schlafen, können sie sich gar nicht an den Nachtschreck erinnern.
Soll man als Eltern dennoch mit ihnen darüber reden oder das Thema besser vermeiden, um sie nicht zusätzlich zu verunsichern oder zu verängstigen?
Das kommt etwas aufs Alter an. Bei kleinen Kindern halte ich es nicht für notwendig, den Nachtschreck zu thematisieren. Anders wird es, wenn sie grösser werden und zum Beispiel ins Klassenlager fahren oder sonst mal auswärts schlafen wollen. Da ist es wichtig, dass man mit den Kindern und vor allem auch mit den Betreuungspersonen spricht, die auswärts für das Kind verantwortlich sind.
Wann ist es ein Nachtschreck und wann «nur» ein Albtraum?
Der Nachtschreck tritt in den ersten Stunden nach dem Einschlafen auf. Die Kinder sind emotional völlig gestresst und antworten, wenn überhaupt, nur diffus auf Fragen. Kinder, die einen Albtraum hatten, haben den meist in der zweiten Nachthälfte. Wenn sie davon aufwachen, sind sie anwesend, ansprechbar und können sich oft sehr gut an den Traum erinnern. Ausserdem reagieren sie im Gegensatz zu Kindern mit Nachtschreck, sehr wohlwollend auf körperliches getröstet werden.