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Als ihr Freund stirbt, ist Lidia Requena gerade bei der Arbeit. Drei Wochen lag Claudio Margas* auf der Intensivstation des Universitätsspitals Lausanne, wartend auf die lebensverlängernde Operation. An einem Freitag im September 2014 erlaubt seine Mutter den Ärzten, ihn sterben zu lassen. «Ich wäre während seiner letzten Minute gerne dabei gewesen», sagt Requena.
Der 24-Jährige stirbt einen qualvollen Tod, so viel weiss sie. Nach einer Notoperation platzt seine Lunge auf, die umliegenden Organe werden beschädigt. Das ätzende Gift, das in seiner Lunge liegt, breitet sich aus, frisst sich ins benachbarte Gewebe. Sie hegt keinen Groll auf die Ärzte, weil sie ihren Freund vor seinem Tod nicht mehr sehen konnte. «Die Ärzte wollten sein Leiden beenden.»
Die Patrouille der basellandschaftlichen Kantonspolizei trifft um 15.15 Uhr auf dem Fabrikgelände der Cabb ein. Alarmiert wird sie von der Sanität, die den schwer verletzten Claudio Margas gerade in die Ambulanz verfrachtet. Vor Ort sehen die Beamten den geborstenen Tank, sie sehen die Wirkung der Explosion und beginnen damit, die Spuren zu sichern, dann informieren sie die Staatsanwaltschaft.
Eine Spur werden sie nicht mehr finden. Die Krücken, die Margas brauchte, um zu gehen, sind verschwunden. Sie tauchen im Polizeijournal nicht auf. Hätten die Ermittler die Krücken entdeckt, hätte das eine für den Arbeitgeber unangenehme Frage nach sich gezogen: Was hatte ein Arbeiter, der an Krücken geht, an den gefährlichen Tanks verloren?
Die Krücken brauchte Margas, weil sein Knie ein paar Monate zuvor schwer beschädigt worden war. Der Unfall geschah in der Rekrutenschule, die er vorzeitig abbrechen musste. Einen Monat lang verbrachte er danach zu Hause, vielleicht sechs Wochen, vom Hausarzt krankgeschrieben, der ihm dringlich riet, in naher Zukunft auf körperliche Arbeit zu verzichten.
Margas war zu Hause am Gesunden, als die Firma anrief. Man bat ihn, wieder arbeiten zu kommen, das Personal sei knapp. Man vereinbarte, er würde leichte Computer-Arbeiten ausführen, erzählt Requena. Margas willigte ein, auch damit er wieder sein volles Gehalt erhält.
Explosive Reaktion im Kessel
Der Unfall, soweit er sich aufgrund von Gesprächen mit Requena und Mitarbeitern rekonstruieren lässt, geschieht, als Margas gemeinsam mit einem Arbeitskollegen einen Säuretank auffüllt. Als sie die Flüssigkeit in den Tank einlassen, geschieht die Katastrophe: Es kommt zu einer Reaktion mit chemischen Resten, die nicht entfernt worden waren. Das Gemisch im Inneren explodiert mit einer solchen Wucht, dass der Kessel das Gift nicht mehr halten kann.
Margas kriegt die volle Ladung ab. Weil er keinen Ganzkörperschutzanzug trägt, wie es eigentlich vorgeschrieben ist für eine derartige Tätigkeit, sondern bloss eine Schutzbrille, wird seine Haut grossflächig verätzt. Vor allem aber gelangen hochgiftige Gase über die Atemwege in seine Lunge, wo sie unaufhaltsam das Gewebe zerstören, bis die Atmung zum Erliegen kommt.
«Warum hat es nur ihn erwischt?», will Lidia Requena wissen. Margas‘ Mitarbeiter bleibt bei der Explosion unverletzt, er kann sich mit einem Satz zur Seite retten. «Konnte sich Claudio nicht retten, weil er an Krücken ging?» – «Weshalb war er nicht ordentlich geschützt?» – «Warum arbeitete er nicht wie abgemacht am PC?» – «Weshalb war der Tank nicht ordnungsgemäss gereinigt?» – sie hat viele Fragen und nie Antworten erhalten. Kein Verantwortlicher hat sich seit dem Unfall bei ihr gemeldet. Sich ihren Fragen gestellt, sich vielleicht entschuldigt, sich zumindest betroffen gezeigt.
Tag eins nach dem Unfall ist sie wieder im Spital. Margas atmet nun nicht mehr selbstständig, die Ärzte haben ihn an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Die Ärzte sind besorgt, seine Lunge, sagen sie, sieht nicht gut aus.
Das Gift kommt nicht raus
Margas ist fortan konstant im künstlichen Koma. Zwei, drei Mal lassen sie ihn aufwachen, rare Zeitfenster für Requena, um mit ihm zu kommunizieren. Er kann weder sprechen noch sich bewegen, mit einem feinen Nicken zeigt er an, dass er versteht. Einmal erhält Requena einen Anruf aus dem Spital, sie solle sofort kommen. Als sie sein Zimmer betritt, sieht sie den geschundenen Körper heftig zucken. Sie sieht, dass er Angst hat. Die Ärzte bitten sie, ihm die Angst zu nehmen. Sie hätten ihm ein Mittel verabreicht, das seinen Körper dazu bringen soll, das ganze Gift auszuscheiden. Es wird alles gut werden, sagt sie ihm. Er nickt.
Es wird alles gut werden, Requena wiederholt es, wann immer sie ihn besucht. Sie wiederholt es auch, wenn sie abends im Bett liegt. Sie lässt keinen Zweifel zu.
Doch das Gift bleibt in seiner Lunge. Sein Zustand verschlechtert sich mit jedem Tag, bis die Ärzte die Lunge für nicht mehr zu retten halten und ihn auf die Warteliste für eine neue setzen. Er steht an erster Stelle, seine Zeit läuft ab. Um bereit zu sein, sobald ein Organ vorliegt, wird er ins spezialisierte Unispital nach Lausanne verlegt. Doch eine Lunge für einen Mann von Claudios Grösse sei schwierig zu finden, warnen die Ärzte.
Eine Woche vor seinem Tod registrieren die Ärzte eine rapide Verschlechterung seines Zustands. Er spuckt Blut und muss notoperiert werden. Und die Lunge, sie kommt nicht. Dann wird sein Todeskampf beendet, die Ärzte raten aufgrund der aussichtslosen Lage, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten. Die Mutter ist einverstanden.
Cabb schweigt
Die Firma Cabb will sich zum Unfall mit Verweis auf die laufende Untersuchung nicht äussern. Man würde mit den Behörden vollumfänglich kooperieren, habe volle Transparenz hergestellt und eine eigene Untersuchung des Unfalls angestellt, heisst es auf Anfrage. Als Reaktion auf zwei schwerwiegende Unfälle 2014 sei man der Sicherheitscharta der Suva beigetreten, habe zusätzliche Schulungen abgehalten. Man wolle das Bewusstsein für die Sicherheit vertiefen, heisst es auch: «Dazu wurde ein neues Logo kreiert, um die Allgegenwärtigkeit der Sicherheit zu erhöhen.»
«Für unsere Sicherheit mache Ich alles», steht auf dem Logo geschrieben. Doch die Frage müsste vielleicht besser lauten: Tut das Unternehmen genug für die Sicherheit seiner Angestellten?
Die bewegte Unternehmensgeschichte weckt daran Zweifel. 2003 bündelt der Basler Chemiekonzern Clariant sein Acetylgeschäft in der neuen Unternehmung Cabb («Clariant Acetyl Building Blocks»). 2007 kauft Cabb den Chemiehersteller SF Chem mitsamt dem Prattler Werk dazu. SF Chem produzierte seit 1917 Basisstoffe für die Basler Chemie.
Spielball der Finanzjongleure
Als SF Chem an Cabb verkauft wird, gehört sie der Beteiligungsgesellschaft Capvis. Auch Cabb wird bald zum Renditeobjekt von Finanzinvestoren. 2005 erwirbt der niederländische Private-Equity-Fonds Gilde das Unternehmen. Nur ein Jahr später veräussert Gilde den Säurefabrikanten an die Private-Equity-Sparte des Versicherungskonzerns AXA. 2011 beginnt das Besitzerkarussell wieder zu drehen: AXA reicht die Firma mit ordentlichem Profit an den britischen Finanzinvestor Bridgepoint weiter.
Cabb ist begehrte Spekulationsmasse: Kaufen, restrukturieren, Kosten runterfahren, Firmen auf Pump dazuholen, dann nach ein paar Jahren der Weiterverkauf mit satter Marge – und das ganze Spiel von vorne.
Bridgepoint finanziert den Kauf mit einem Kredit über 235 Millionen Euro, der Cabb aufgebürdet wird. Doch die Profitjäger wollen mehr aus ihrem Asset herausholen: 2013 lässt sich der Investor eine Sonderdividende ausschütten – finanziert mit einen Kredit über 100 Millionen Franken, den Cabb aufnehmen muss.
Futter für die Heuschrecken
Cabb bleibt attraktiv: 2014 verkauft Bridgepoint das Unternehmen für 800 Millionen Euro an den britischen Private-Equity-Giganten Permira. Permira verfügt wie Bridgepoint über einen einschlägigen Ruf als rücksichtsloser Investor. Vor ein paar Jahren stand der Fonds im Zentrum der deutschen «Heuschrecken»-Debatte, als der damals von Permira kontrollierte Modekonzern Hugo Boss gezwungen wurde, eine kreditfinanzierte Sonderdividende über 450 Millionen Euro auszuschütten.
Was Permira mit dem Chemiekonzern und dem traditionsreichen Prattler Werk vorhat, werden die nächsten Jahre zeigen. Einige Schlüsselstellen im Unternehmen hat der Finanzinvestor in den letzten Monaten mit Vertrauensleuten besetzt. Jetzt wird durchgerechnet, was rentiert und was nicht. In Schweizerhalle soll es weitergehen, teilt das Unternehmen mit: Die veraltete, energieintensive und umweltschädliche Quecksilber-Elektrolyse soll nächstes Jahr ersetzt, die Mitarbeiter sollen plus minus gehalten werden.
Kritische Stimmen verstummen
Doch die Verunsicherung im Betrieb ist gross. Jeder habe Angst um seinen Job, es herrsche ein ungesunder Druck, erzählt ein Angestellter unter dem Versprechen der Anonymität. Die Empörung über die Umstände des Todes von Claudio Margas ist bald der Sorge um die eigene Zukunft gewichen: Kritische Stimmen verstummen nach und nach.
An seine Beerdigung kommen Dutzende Cabb-Mitarbeiter, der Betrieb in der Abteilung ruht einen Tag lang. Auch die Bosse sind da und verfolgen schweigend die Abdankung in der Friedhofskapelle Hörnli. Später bezahlen sie ein paar Tausend Franken an die Beerdigungskosten. Ob darüber hinaus eine Entschädigung an die Opferfamilie entrichtet wird, will die Firma nicht sagen.
«Ich spüre ihn jeden Tag, er ist nicht tot, er ist noch da.»
Lidia Requena verliert ein paar Monate nach dem Tod Claudios ihre Stelle in der Küche der Hirslandenklinik. Man entlässt sie, weil sie ihre Leistung nicht mehr erbringe. Requena sagt, sie habe ein bisschen die Lust am Leben verloren. Schliesslich sucht sie einen Therapeuten auf, weil sie glaubt, ohne nicht mehr hochzukommen.
Vielleicht muss sie dazu erst Claudio verabschieden. Manchmal, wenn man sich schlafen legt, die Decke hochzieht, spürt man, dass irgendwo in der Wohnung noch Licht brennt. Eine Lampe, die noch an ist. Requena fühlt das Licht: «Ich spüre ihn jeden Tag, er ist nicht tot, er ist noch da.»
* Name geändert