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Die Bürger der Metropole São Paulo wurden in diesem Jahr 2014 von der schlimmsten Trinkwasser-Krise aller Zeiten heimgesucht. Die gesamte Bevölkerung war gezwungen, ihre Gewohnheiten zu ändern und zu lernen, wie man Wasser spart. Die Menschen fingen an, die täglichen Wasserstands-Meldungen des bedeutendsten Reservoirs im Cantareira-Gebirge abzuhören und warteten sehnsüchtig auf den Beginn der Regenperiode.
Trotz aller Anstrengungen leerten sich, bedingt durch die lange Trockenheit im Lauf des Jahres, alle acht Wasseraufbereitungssysteme. Am 1. Januar 2014 enthielt das Cantareira-System 27,2% seiner Gesamtkapazität. Als der Wasserspiegel dann im Mai auf Null gesunken war, begann die “Wasserversorgung des Bundesstaates São Paulo“ (Sabesp) zum ersten Mal die Wasserreserve “Volume morto“ (totes Volumen) anzuzapfen – sie reichte bis November – dann zapfte man die zweite (und letzte) Reserve des “Volume morto“ an.
Während die Wasserreservoirs sich leerten, suchte die Regierung des Bundesstaates verzweifelt nach ergänzenden Alternativen aus anderen Systemen. Das Reservoir “Alto Tietê“ enthielt 46,3% seiner Kapazität am 1. Januar 2014, und durch die unterstützende Zuschaltung zum Cantareira, sowie die fortschreitende Trockenheit, war am 10. Dezember sein Wasserstand auf 4,4% gesunken. Trotzdem gab die paulistanische Regierung in dieser Woche bekannt, dass sie dieses System weiter nutzen will, indem sie jetzt die dort noch vorhandenen 40 Billionen Liter des “Volume morto“ anzapft.
Dieses Wasser des “Volume morto“ wurde bisher noch nie zur Versorgung der Bevölkerung benutzt, deshalb erhoben sich Zweifel an seiner Qualität. Eingeleitete Untersuchungen im Auftrag der Staatsanwaltschaft (MPF) in São Paulo ergaben, dass dieses Wasser eine grössere Konzentration an Schmutzpartikeln enthält – darunter Schwermetalle, organische, gesundheitsschädliche Stoffe, Bakterien, Pilze und Viren. Während die Sabesp ihrerseits behauptet, dass das Wasser des “Volume morto” für den Konsum geeignet sei.
Aber die Unsicherheit hinsichtlich der Wasserqualität ist gar nichts, im Vergleich zu dem Drama, welches die Bürger von Itu erlebten, einem Städtchen im paulistanischen Interior. Die Bevölkerung litt unter dem Wassermangel von Februar bis Dezember 2014 – dort erreichten die Unterbrechungen der Wasserversorgung bis zu 30 Tagen! Ohne Wasser in den Leitungen gingen die Bürger von Itu unzählige Male zu Protesten auf die Strasse.
Das Cantareira-System ist die bedeutendste Wasserversorgung von São Paulo – es liefert das Wasser für 6 Milionen Bürger in der metropolitanen Region der Stadt. Dasselbe System ist aber auch verantwortlich für die Versorgung von weiteren 5 Millionen Personen in den Becken der Flüsse Piracicaba, Capivari und Jundiaí.
In den Städten des Interiors waren fehlende Wasserspeicher das grosse Problem. Das Wasser zur Versorgung der Region wird direkt vom Rio Atibaia abgeleitet, der seinerseits Wasser aus dem Cantareirasystem erhält. Aus diesem Grund hat die Stadt Campinas keine Sparmassnahmen angeordnet, und die Bevölkerung hatte unter konstanten Versorgungsunterbrechungen zu leiden.
Ausserdem war Campinas das erste Munizip innerhalb des Bundesstaates São Paulo, das Ende Oktober ankündigte, dass ab sofort “wieder aufbereitetes Wasser“ (behandeltes Abwasser) für die Versorgung der Bevölkerung verwendet würde. Im November kündigte dann auch der Gouverneur Geraldo Alckmin an, dass die Stadt São Paulo sich ebenfalls diese Massnahme bedienen würde.
Der Spezialist für hydrische Ressourcen der Staatlichen Universität von Campinas klärt auf, dass wieder aufbereitetes Abwasser, welches in die Flüsse geleitet wird, mehr Qualität besitze als das Wasser aus Quellgebieten. Wie er sagt, benutzen bereits viele Städte der Welt dieses Wasser, wie zum Beispiel solche in Kalifornien, in den Vereinigten Staaten.
“Der Mythos in dieser Geschichte ist der, dass die Allgemeinheit glaubt, dass man Abwasser nicht mehr verwenden kann. Die Anlage zur Wasseraufbereitung kann die Wasserqualität nicht zu 100% wiederherstellen – es wird also nicht trinkbar – aber es wird besser als die Qualität des Flusswassers, in dem oft Abwässer in verdünnter Form enthalten sind. Wieder aufbereitetes Wasser taugt in jedem Fall zur Körperhygiene und für alle Arbeiten im Haushalt, wozu wir normalerweise unnötig Trinkwasser zu verschwenden pflegen“!
“Wir müssen einerseits die Einstellung der Gesellschaft hinsichtlich des aufbereiteten Wassers verändern, und zweitens ist es dringend nötig, den Menschen klarzumachen, dass das Wasser kein unendliches Gut ist“, ergänzt der Präsident des “Conselho Mundial da Água“ (Weltwasser-Rat).
“Der klimatische Gesichtspunkt ist stärker, bedeutender, und de facto konfrontiert er uns mit einer Situation, die nie vorher in den Aufzeichnungen der Niederschläge in dieser Region beobachtet wurden. Gleichzeitig bringt die Bevölkerung in ihrer traditionellen Kultur noch die Idee mit, das Wasser unerschöpflich ist. Die Summe aus geringer Verfügbarkeit, durch eine klimatische Anomalie, und einer Kultur des Überflusses, hat zu diesem Ergebnis geführt“, erklärte der Präsident.
Nach 252 Tagen Absinken fängt das Cantareira-System wieder an zu steigen
Das Niveau des Cantareira-Systems stieg von 6,7% (23.12.) auf 7% gestern (24.12.), wegen eines Niederschlags, der 52,4 Millimeter erreichte. Es ist 252 Tage her, seit das System nur ein Absinken des Wasserstandes zu verzeichnen hatte – die letzte Aufzeichnung eines Anstiegs stammt von April dieses Jahres.
Nach den Daten der „Companhia de Saneamento do Estado de São Paulo” (Sabesp), betrug der pluviometrische Index im Dezember 140 mm, während der historische Durchschnitt bei 220,9 mm liegt. Das Cantareira-System arbeitet bereits mit dem zweiten Reservoir des “Volume morto“.
Mit dem wenigen Regen hat sich das Level von weiteren fünf Reservoirs, von denen die Hauptstadt versorgt wird, ebenfalls leicht erhöht. Das System “Alto Tietê“ stieg von 10,5% auf 11,1% an. In dieser Region regnete es 14,2 mm – für den Monat Dezember ergibt sich ein Gesamtniederschlag von 153 mm, während der historische Mittewert bei 192,8 mm registriert ist.
Im System Guarapiranga stieg das Level von 36,6% auf 38,3%, bei 22,2 mm Niederschlag. Der pluviometrische Index des Monats im Reservoir lag bei 220,6 mm – der historische Mittelwert, so die Sabesp, liegt bei 175,2 mm. Im System “Alto Cotia“ stieg das Level von 30,2% auf 31,5% an – der pluviometrische Index des Tages lag bei 6,4 mm und wird für den Monat Dezember mit 75,1 mm angegeben. Der historische Durchschnitt liegt in diesem Fall bei 172,2 mm.
Wie die Sabesp angibt, stieg im “System Rio Grande“ der Wasserspiegel des Reservoirs von 66,7% auf 69,0% – die Niederschläge erreichten 26,2 mm und für den Monat 195 mm. Der historische Durchschnitt für Dezember liegt bei 194,8 mm. Im Reservoir von “Rio Claro“ liegt das Level heute bei 32%, während es noch gestern 25,8% anzeigte. Von gestern auf heute regnete es 89,2 mm im Stausee, so dass für Dezember eine Niederschlagsmenge von 275,2 mm gemessen wurde, während der historische Mittelwert für Dezember bei 263,2 mm liegt.