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2. Ursprünge: Die Wurzeln der Homininen
Von Feuchtnasen-, Altwelt- und Menschenaffen
Die Säugetiere entstanden etwa zur gleichen Zeit wie die Dinosaurier, also vor ungefähr 240 Millionen Jahren. Während die Evolution im 200 Millionen Jahre währenden «Zeitalter der Reptilien» 20 neue zoologische Ordnungen hervorbrachte, entstanden im sehr viel kürzeren «Zeitalter der Säugetiere» der letzten 66 Millionen Jahre immerhin 35 Säugetierordnungen. Dies mag auf die nach dem Aufbrechen und Auseinanderdriften der großen Landmassen stärkere Fragmentierung der Lebensräume und der Klimaunterschiede zurückzuführen sein. Eine der 18 lebenden Säugetierordnungen ist die Ordnung der Primaten. Sie wird untergliedert in die Strepsirhini (Feuchtnasenaffen) und die Haplorhini (Trockennasenaffen), je nach Vorhandensein oder Fehlen eines Rhinariums (Nasenspiegels). Zu den Strepsirhini gehören die frühen fossilen Primaten und die heute lebenden Lemuren, Loris und Galagos; zu den Haplorhini zählen Tarsier und eine Gruppe, in der sich im Verlauf der letzten 50 Millionen Jahre die menschenähnlichen Bauplanmerkmale herausbilden. Zu der großen Gruppe dieser anthropoiden Primaten zählen die Alt- und Neuweltaffen, die Menschenaffen und die Menschen.
Der Stamm der Primaten reicht zurück bis in die Kreidezeit vor über 80 Millionen Jahren. Enge verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zu ursprünglichen Säugetiergruppen wie den Scandentia (Spitzhörnchen) und den Dermoptera (Pelzflatterer).
Eine frühe Entwicklungsphase der Primaten fand im Paleozän (6656 Millionen Jahre) in Nordamerika, Europa und Asien statt, damals noch ein gemeinsamer Kontinent (Laurasia), der durch ein Meer von den südlichen Kontinenten (Gondwana) getrennt war. Weder aus Südamerika noch aus Afrika oder anderen Südkontinenten sind Funde bekannt. Die Fossilien der frühen primatenähnlichen Plesiadapiden zeigen noch kaum anatomische Merkmale, die heute zur Unterscheidung der Primaten von anderen Säugetieren benutzt werden. Die Plesiadapiden sind in der Gebisskonstruktion eher vergleichbar mit heutigen Nagetieren. Sie besaßen große Schneidezähne mit weitem Abstand zu den Backenzähnen, haben noch Krallen, und im Schädel ist die Augenöffnung von der Kaumuskulatur noch nicht mit einer Knochenspange abgetrennt.
Spätestens aus dem Eozän (5633,9 Millionen Jahre) sind echte Primaten bekannt, zum Beispiel aus dem ca. 48 Millionen Jahre alten Ölschiefer der Grube Messel bei Darmstadt. Gegenüber den früheren Formen lassen sich anhand von Fossilien eine zunehmende Ausrichtung der Augen nach vorn mit knöcherner Abgrenzung der Augenöffnung nach hinten, eine Verkürzung der Schnauze, eine Vergrößerung des Gehirns und die Ausbildung von Fingernägeln nachweisen. So reflektieren die eozänen Primaten im Wesentlichen die Unterschiede, die heute lebende Primaten von den übrigen Säugetieren trennen. Als Baumbewohner sind sie gute Kletterer, ihre Hände und Füße sind zum Greifen geeignet, der große Zeh ist opponierbar. Die sich ausbreitenden neuen Waldtypen mit blüten- und fruchttragenden Bäumen sorgten für ein reichhaltiges Nahrungsangebot, durch die damit verbundene starke Zunahme von Pollen auch an Insekten.
Die heutigen Strepsirhini (Loris, Galagos und Lemuren) geben einen Eindruck von der Vielfalt der frühen Primaten. Die meisten sind nachtaktive Tiere, oft leben sie einzelgängerisch und ernähren sich überwiegend von Insekten. Die Schneide- und Eckzähne sind zu einen Zahnkamm umgeformt, der u.a. zur Fellpflege dient, die Backenzähne sind mit ihren Spitzen gut dazu geeignet, Insektenchitin zu knacken Die frühen Primaten waren zwar flinke Insektenjäger, ernährten sich insgesamt aber als Allesfresser, besaßen zwar schon gute Augen, aber ebenso ein noch gut ausgebildetes Geruchssystem. Der Geruchssinn spielt eine große Rolle bei Nahrungssuche und Individualerkennung. Die Bildung stabiler sozialer Gruppen ist selten.
Die überwiegend tagaktiven Haplorhini (Trockennasenaffen) dagegen sind geselliger, Nahrungssuche und Schlafen geschehen oft in Gruppen. Neben den Tarsiern gehören hierzu vor allem die Anthropoidea, deren Wurzeln möglicherweise mehr als 60 Millionen Jahren zurückreichen. Sie besitzen keinen Zahnkamm mehr, die Eckzähne sind vergrößert und die Backenzähne bilophodont (mit zwei Schmelzgraten). Der Geruchssinn bildet sich weiter zurück, während der visuelle Kortex im Gehirn vergrößert ist. Im Gegensatz zu der schräg nach vorn außen gerichteten Stellung der Augen bei den Strepsirhini ist bei den Anthropoidea ein volles stereoskopisches Sehen möglich. Beide Augen sind