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Die komplexe Wechselwirkung zwischen Ernährungsform und gebauter Struktur steht im Zentrum von «Urban Food». Die Art und Weise, wie sich Städte ernähren, war und ist bis heute von geografischen, klimatischen und politischen Faktoren abhängig und prägt die Identität des urbanisierten Raumes physisch, ökonomisch und kulturell. Mit der Entwicklung der globalen Lebensmittelindustrie hat sich das Nahrungssystem im letzten Jahrhundert jedoch drastisch verändert, wobei sich das klassische dichotome Verhältnis zwischen Stadt und Land weitgehend aufgelöst hat.
War die Produktion von pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln über lange Zeit Teil des historischen Strassenbildes, hat sie sich mit den veränderten Arbeitsprozessen, -verhältnissen und hygienischen Normen zusehends aus der Stadt zurückgezogen. Heute ist es die Verstrickung von globalen und lokalen Food-Systemen, die auf direkte und indirekte, sichtbare und unsichtbare Weise die Stadt strukturiert und ihre Identität formt. So sind innerstädtische öffentliche Räume heutzutage fast ausschliesslich auf den Konsum ausgerichtet, während die peri-urbanen Zonen als logistische Systeme fungieren.
Als kritische Antwort auf dieses vorherrschende Food-System und seine Auswirkung auf die Qualität der städtischen Räume entstehen seit einigen Jahren zahlreiche Urban Farming-Projekte. Diese neue Form der städtischen Landwirtschaft ist im Kontext der gesamten Produktionskette zwar quantitativ unbedeutend, besitzt jedoch auf lokaler Ebene für die Stadtquartiere durchaus Relevanz. Die kleinmassstäbliche Struktur dieser Urban-Farming-Netzwerke ermöglicht es, kurzfristig auf gesellschaftliche Anforderungen zu reagieren und individuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Darüber hinaus besitzen Projekte dieser Art einen hohen sozialen Stellenwert als Freiräume, Treffpunkte und Rückzugsorte.
Die Schweiz ist aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer kleinen Landfläche und ihrer ausgeprägten Topographie ein primäres Import- und Transitland, das stark vom globalen Mark abhängig ist. Trotz politisch geschützter Binnenmärkte und einer tief verankerten landwirtschaftlichen Tradition basiert die Schweizer Lebensmittelwirtschaft hauptsächlich auf dem Import und der Weiterverarbeitung von Lebensmitteln. Die für die Produktion, Verarbeitung, Verteilung und Entsorgung von Lebensmitteln notwendigen grossmassstäblichen Infrastrukturen (Strassen- und Schienennetzwerke, Flughäfen, Lagerplätze und -hallen, Verarbeitungs- und Logistikzentren, Entsorgungs- und Recyclinganlagen) haben dabei weitreichende raumgliedernde und formbildende Konsequenzen, die das heutige Territorium Schweiz massgeblich organisieren und charakterisieren.
Eine zusätzliche Ursache mit weitreichenden Konsequenzen für die Schweizer Landschaft ist der Verlust der landwirtschaftlichen Bedeutung des ehemaligen städtischen Hinterlands durch die globalen und liberalisierten Agrarmärkte. So droht den alpinen Territorien, die ihre produktive Bedeutung verloren haben, zunehmend die Verbrachung. Mit landwirtschaftlichen Fördermassnahmen (Direktzahlungen) versucht man auf Bundesebene Gegensteuer zu geben, doch stellt sich unweigerlich die Frage nach der Identität dieser Räume. In den Metropolitanregionen, wo die landschaftlichen Ressourcen durch die Zersiedelung bedroht werden, ist zum Beispiel die kulturelle Bedeutung der Landwirtschaftsflächen äusserst zentral geworden. So zielen auch politische Vorstösse wie die Kulturlandinitiative, die freie Kulturflächen vor Überbauung schützen will, mehr auf das kulturelle Erbe eines bestimmten Landschaftsbildes denn auf die nachhaltige Ernährungssicherung.
David Rademacher und Roland Shaw sind wissenschaftliche Assistenten an der Professur von Günther Vogt für Landschaftsarchitektur.