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Krythionismus (seltener auch Kryothinie)
Rainer Wedler
Lassen Sie uns, der Einfachheit halber, zunächst die offensichtlichen Fehldeutungen ausschließen.
An erster Stelle wäre zu nennen der Chrystionismus, ein wahrer Kretinismus, selbst kretinin, weil scheinbar hyperkorrekt für Christionismus. Frauenverächter unter den spätmittelalterlichen Mönchen (nicht: Männchen!) in den überheizten Schreibstuben oder Scriptorien (nicht: Script-Arien!) haben das A herausgebrochen und ihr masculines O hineingeschmuggelt. Nach dieser Lesart wäre Krythionismus gleichbedeutend mit Christianismus, einer Christlichkeit also, die ihre Vollendung in den französischen Königen erreichen sollte, weshalb der Vater in Rom sie zu Reges Christianissimi ernannte. Davon haben sie sich bis zur Guillotine nicht mehr erholt.
Völlig widersinnig, darauf hat Krypto Graf von Aussiedeln schon 1879 in den „Miscellen zum Wortwandel“, Heft II, S. 67ff. aufmerksam gemacht, ist der Versuch, den Krythionismus als späthumanistische Gräcisierung zu betrachten.
Hotz von Blitz hält dagegen den Krythionismus für die reine Lehre, manche sprechen sogar von verblendeter Ideologie, der Krythionismus also sei die unverfälschte Lehre von der sach- und volksgerechten Herstellung von Grütze, jenem Brei aus grob gemahlenem Getreide, je nach Landschaft kann es sich dabei um Hafer oder Gerste oder auch Hirse handeln. (—> das Märchen vom Hirsebrei). Eigentlich müsse man deshalb von Grützionismus sprechen. Auf solche Abseitigkeiten vermag nur ein ausgemachter Grützkopf zu kommen, und dort sollten wir den Philosophaster seiner grützekrummen Wege gehen lassen.
Der Vollständigkeit, insbesondere aber der Kuriosität halber, sei eine Schweizer Meinung kurz gestreift.
Aus den glazialen Bergen ist in die Niederungen gerutscht das ius grutiae oder auch grutiae ius, woraus durch häufigen Gebrauch in Schweizer Sprechwerkzeugen über die Zwischenstufen gruzjus – gruezzius – gryzios das heute gebräuchliche krythios sich ergeben haben soll. Darunter verstehen Wilhelm von der Flüe und Oswald auf dem Thann die Lehre vom Floßrecht auf Gebirgsflüssen, insbesondere das Recht, unverbundenes Holz zu flößen, inbegriffen die Erlaubnis, die für genügendes Triftwasser notwendigen Schwallungen zu errichten.
Der Verfasser dieses vermag es nicht, die Sottise zu unterdrücken, die ihm auf der Zunge brennt: Von der Flüe und auf dem Thann lindern offensichtlich ihr Leiden einer lymphatischen Schwellung des Gehirns durch Abschwallen der drängenden Flüssigkeit.
Der Verfasser dieses kommt nicht umhin zu bekennen, dass Ausscheidungen immer (jedenfalls meistens) einfacher vonstattengehen (persistente Obstipation einmal ausgeschlossen) als die klare Entscheidung für eine hieb- und stichfeste These.
Es hilft alles nichts, der geneigte Leser erwartet es und hat ein Recht darauf zu erfahren, was sich denn tatsächlich hinter dem kryptischen Krythionismus verbirgt. Das Nachfolgende ist, und dies kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden, eine Hypothese, die allerdings auf einigermaßen gesicherten Fundamenten ruht.
Der Verfasser dieses, und es sei nicht ohne Stolz vermerkt, dass die überwältigende Mehrheit der Fachgelehrten ihm darin folgt, ich sage, dem Verfasser dieses scheint es unzweifelhaft, dass der Krythionismus für die Herrschenden eine der gefährlichsten Strömungen von Anbeginn gewesen ist und auch in Zukunft bleiben wird. Krythionismus ist ein über die Jahrhunderte verschliffener Kryptodionysmus, ein im Verborgenen trotz blutiger Unterdrückung durch die Vertreter des Christianismus (s.o.) nie erlahmender Kult des chthonischen Dionysmus, in Nebenformen auch Transvestismus. Der Kult des Fließenden, ja, Überschäumenden, des Flüssigen in jeder Form, der Kult des alle Ufer Überspülenden.
Auch der Marxismus-Leninismus als würdiger Nachfolger des Christianismus hat es nicht vermocht, das chaotische Potential des Krythionismus zu zerstören. Gefahr droht heute allerdings von ganz anderer Seite, nämlich von der una sancta consumatio, deren subkutanen wie offensichtlichen Botschaften urbi et orbi täglich und ohne Gnade und bei schwindenden Refugien in die Köpfe gebracht werden.
Dem Verfasser dieses und seinen Genossen bleibt die tätige Hoffnung, der Krythionismus möge auch diesen Angriff überdauern, möge mit ihm sein die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen. ♦
Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen
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