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Als ich mich aufrichte, rutscht mein linker Turnschuh die geneigte Granitplatte hinab; nur ganz wenig, höchstens ein paar Millimeter. Doch es genügt, dass sich meine Lunge verkrampft und das Adrenalin in meinen Fingerspitzen pulsiert. Nur nicht ausrutschen, nicht hier, auf keinen Fall. Ich verlagere langsam mein Gewicht auf das rechte Bein, suche für den linken Schuh einen besseren Tritt. Dann blicke ich nach unten. Mindestens zehn Meter sind es bis zum grasigen Wandfuss, die Granitplatte baut sich wie ein pockennarbiger Elefantenrücken unter und über mir auf.
Ich beschliesse, den Rückzug anzutreten, drehe mich vorsichtig um, gehe in die Hocke. Schnell wird mir klar: Keine Chance. Ich traue mich nicht abzuklettern. Mein Blick schweift über die Felswand neben und über mir. Als sich mein Atem beruhigt, erkenne ich feine Dellen im Fels. Es könnte gehen. Ich schlüpfe vorsichtig aus meinem linken Schuh und aus meiner Socke. Dann belaste ich meine nackte Fusssohle, warte, bis sie nicht mehr feucht ist. Als auch mein rechter Fuss nackt ist, stopfe ich meine Socken in die Turnschuhe und befestige sie an meinem kleinen Tagesrucksack, in dem sich neben einer Flasche Wasser, einer Käsesemmel und einer Daunenjacke mein Telefon befindet. Doch ich werde es nicht benutzen. Auf keinen Fall. Ich lache doch immer über all die Trottel, die sich beim Wandern versteigen und die Rettung alarmieren müssen.
Vorsichtig setzte ich meine Zehen auf eine Delle im Fels links von mir, verlagere mein Gewicht, spüre den rauen Fels unter meinem grossen Zeh. Dann greife ich nach einer winzigen, sonnenwarmen Schuppe und richte mich auf, setze meinen rechten Fuss. Schritt für Schritt geht es nach oben, ich atme und schaue, blicke nicht mehr nach unten. Am Ende der geneigten Platte folgt die Erlösung: Nach rechts verläuft ein schmaler Streifen Gras, der in flacheres Gelände führt. Ich gehe in die Hocke und stakse wie eine Spinne auf die Handflächen gestützt hinab. Bald stehe ich wieder in der Ebene, die ich keine zehn Minuten vorher verlassen habe. Ich setzte mich erschöpft ins Gras und trinke durstig. Den Gedanken, warum ich einfach drauflos geklettert bin, schiebe ich zur Seite. Ich bin mir selber doch keine Rechenschaft schuldig. Und zu Hause würde mich auch niemand vermissen. Ob sie überhaupt wissen, wo ich hingegangen bin?
Ich schlüpfe in Socken und Schuhe und gehe mit etwas wackeligen Knien weiter, meinem heutigen Ziel entgegen; eine unscheinbare Erhebung, dessen Haupt ein stolzer Steinmann ziert. Noch ein paar Kraxelmeter, dann bin ich oben. Ein Kinderspiel. Die Aussicht: Wie immer grandios. Nach dem obligaten Eintrag ins wasserwellige Gipfelbuch verschlinge ich meine Käsesemmel und bette meinen Kopf auf meinen Rucksack. Für einen langen Moment starre ich in die Wolken.
Ganz langsam nimmt die Welt wieder Konturen an, der Verkehrslärm der Passstrasse dringt zu mir herauf. Ich muss eingeschlafen sein, die Sonne steht nun schon nah über dem Horizont. Rasch packe ich meine Sachen, trinke den letzten Schluck Wasser und mache mich an den Abstieg, der noch einmal meine ganze Konzentration erfordert. Es dämmert bereits, als ich im Tal bei meinem Fahrrad ankomme. Ich schaue noch einmal zurück auf die Platte unterhalb des Gipfels, die im letzten Sonnenlicht leuchtet, als hätte jemand einen Scheinwerfer darauf gerichtet. Bin ich wirklich dort hinauf gestiegen? So ein Blödsinn, denke ich, während ich auf mein Rad steige. Das ist viel zu gefährlich, so ganz ohne Sicherung. Wahrscheinlich habe ich es nur geträumt. Ich bin doch ein vorsichtiger Mensch. Und vernünftig. Ich schüttle kurz den Kopf als wollte ich ein lästiges Insekt vertreiben. Dann schalte ich das blinkende Licht an meinem Fahrradhelm ein und radle los.