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«Im Herbst 1960, als ich sechzehn war und mein Vater ein Zeit lang nicht arbeitete, lernte meine Mutter einen Mann namens Warren Miller kennen und verliebte sich in ihn.» Manche Sätze klingen, wiewohl auf Papier gedruckt, wie in Stein gemeisselt. So wie der erste Satz in Richard Fords Roman «Wildlife». Und auch wenn sich die Erzählung über mehr als zweihundert Seiten erstreckt, so steckt doch das Wesentliche bereits in diesen ersten Zeilen. Nicht die Tatsachen, nämlich dass der Vater keine Arbeit hatte, die Mutter sich in einen fremden Mann verliebte und dass es Herbst war (was eine entscheidende Rolle spielen wird). Sondern all das, was man in dieser Familiengeschichte, die sich in den Sechzigerjahren im Mittleren Westen der USA ereignet, zwischen den Worten zu lesen vermag: die unausgesprochene Frage nach dem Warum. Ford verbindet, weil er ein grossartiger Autor ist, diese Frage mit der Erkenntnis, dass er sie nicht beantworten können wird. Weil es auf manche Fragen keine Antwort gibt. Alles, was Ford nach diesem ersten Satz schildert, liest sich also wie eine gross angelegte Untersuchung, eine kühle und dennoch leidenschaftsvolle Bestandsaufnahme menschlicher Beziehungen – aber die entscheidende Antwort wird es nicht geben. Auch nicht in Paul Danos gleichnamiger Adaption.
Wildlife ist Danos Regiedebüt und eine hervorragende Umsetzung von Fords Vorlage. Nicht weil Dano sich, was oft fälschlicherweise von Adaptionen eingefordert wird, eine gut gemeinte Werktreue an die Fahnen heften könnte, sondern weil der 34-jährige Schauspieler verstanden und für das Kino umgesetzt hat, was Fords Bücher auszeichnet. Geschrieben gemeinsam mit der Autorin, Schauspielerin und seiner Lebensgefährtin Zoe Kazan, macht Danos Wildlife die sprachliche Nüchternheit Fords bis in einzelne Einstellungen hinein sichtbar und die Klarheit der Erzählung zum wesentlichen Charakteristikum seiner Verfilmung. Da gibt es Bilder wie jenes, in dem der sechzehnjährige Joe, gespielt vom Newcomer Ed Oxenbould, der zugleich als Erzähler auftritt, aus dem Fenster des Einfamilienhauses blickt und seinen Vater dabei beobachtet, wie dieser im Vorgarten gedankenverloren Golfbälle abschlägt. Joes Gesicht spiegelt sich dabei im Fensterglas wie in einer unsichtbaren Barriere. Man könnte das als Sinnbild von Einsamkeit verstehen, als Bild der Entfremdung zwischen Vater und Sohn. Man kann es aber auch, wie Dano, als einen Moment inszenieren, in dem Unverständnis und Vertrauen zusammenfallen: Unverständnis darüber, warum der Vater sich nach dem Verlust seines Jobs im städtischen Golfclub dermassen von der Aussenwelt, ja sogar von der eigenen Frau abschottet; und Vertrauen darin, dass er dennoch das Richtige tun wird. Einfach nur deshalb, weil er der Vater ist.
Er hat sich zu diesem Zeitpunkt noch keine Sorgen gemacht, weiss Joe zu berichten. «Und obwohl ich mich irrte, ist das keine schlechte Art, dem Unbekannten zu begegnen, wenn es einem plötzlich vor Augen steht», wie es bei Ford heisst. Doch Joe hätte sich durchaus Sorgen machen müssen – tatsächlich dauert es nicht mehr lange, bis der Vater verschwunden ist. Jake Gyllenhaal spielt diesen Jerry Brinson als einen Mann, dem es ins Gesicht geschrieben steht, dass er mit seinem Leben nicht zufrieden sein kann, weil er es mit sich selbst nicht ist. Jerry wurde des Diebstahls verdächtigt und entlastet, er könnte seinen Job wieder zurückhaben. Doch er will ihn nicht mehr. Ist es falscher Stolz oder echter? Für sich selbst das Richtige zu tun, heisst jedenfalls noch lange nicht, dass es auch für die anderen das Richtige ist. Und so kann seine Ehefrau Jeanette – von einer fulminanten Carey Mulligan gespielt, die auf selbstzerstörerische Figuren abonniert ist – nicht verstehen, warum ausgerechnet ihr Mann ins Feuer muss, wo er doch eine Familie zu ernähren hat.
Noch ist Great Falls, diese typische Kleinstadt in Montana, wo die Brinsons in ihrem schmucklosen Backsteinhaus leben, nicht bedroht. Doch der Dunst der Waldbrände, die seit dem Sommer toben, ist noch immer nicht gelöscht. «Ein Leuchten, breit und rot und flach über der Dunkelheit zwischen dem Feuer und uns allen.» Ein Dollar am Tag ist der Lohn für den Einsatz bei den Feuerbrigaden, als Jerry mit ein paar anderen Arbeitslosen und Indianern in einen der Busse Richtung Flammenmeer klettert.
Dano erzählt diese Geschichte vom Zerfall der Kleinfamilie sehr langsam, beinahe bedächtig, als gelte es, damit ihre andauernde Gültigkeit zu unterstreichen. Dass dieser Film fast dreissig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans entstanden ist, mag man kaum glauben. Das liegt daran, dass die Fragen, die Wildlife aufwirft, dieselben sind wie jene Anfang der Sechzigerjahre. Zum Beispiel: Macht man sich mit bestimmten Entscheidungen im Leben schuldig, weil auch andere von ihnen betroffen sind? Dano gibt nie vor zu wissen, was für Eltern und Sohn zu tun richtig gewesen wäre. Selbst der reiche Warren Miller, um einige Jahre älter als Jerry, blass und krank, lässt sich nichts zuschulden kommen. Von seiner Frau verlassen, ist er einfach nur da, als Jeanette nach Jerrys Verschwinden wieder arbeiten muss und verzweifelt einen Job sucht. Joe, der sich weder auf die Seite der Mutter noch der des Vaters schlagen will, bleibt bis zuletzt auf seinem Beobachterposten. Er fühlt sich, das bekannte Dilemma, beiden verpflichtet, ohne die Hintergründe derer verstehen zu können, die sie selbst nicht verstehen.
Es ist eine schöne Idee Danos, Joes Arbeit bei einem Fotografen, die er nachmittags nach der Schule gewissenhaft ausübt, im Film grösseren Raum zu widmen. Man kann sich gut vorstellen, dass aus Joe – sollte er nicht wie Ford ein Pulitzer-Preisträger werden, der auf seine Jugend zurückblickt – einmal ein ziemlich guter Fotograf werden könnte. Joe besitzt, wie das Ende des Films auf eindringliche Weise heraus-streicht, ein gutes Auge für Komposition – und dafür, wo er hingehört. Das ist mehr, als man von den meisten Leuten sagen kann.
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