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Zu den Journal B-Originalbeiträgen:
1. Jonas Fränkel taucht auf
Am 4. April 2019 wird in der Stadtkirche Liestal das Jubiläumsjahr für den Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler (1845-1924) mit einem Festakt eröffnet. Es sprechen unter anderen Bundesrat Alain Berset und Literaturprofessor Philipp Theisohn. Der Name von Jonas Fränkel wird nicht erwähnt. Am 14. September 2019 findet zu diesem Jubiläumsjahr im Hörsaal 1 der Universität Luzern ein weiterer Festakt statt. Es sprechen unter anderen die Staatssekretärin Pascale Baeriswyl und der Literaturprofessor Peter von Matt. Der Name von Jonas Fränkel wird nicht erwähnt – obschon es ohne ihn höchstwahrscheinlich keinen Nobelpreisträger Spitteler gäbe und deshalb keine Gelegenheit für solche Festakte.
Zu Beginn des Spitteler-Jahrs hat die NZZ darauf hingewiesen, «bereits 1912» habe der «Berner Privatdozent Jonas Fränkel» Spitteler als Nobelpreiskandidaten ins Spiel gebracht. Genaueres braucht in diesem Jahr nicht zu interessieren. Das würde höchstens die Festfreude schmälern über «unseren einzigen Literaturnobelpreisträger». Und überhaupt: Wer soll dieser Fränkel gewesen sein?
Deutsch als zweite Fremdsprache
Jonas Fränkel wird 1879 in Krakau in ein traditionsreiches Rabbiner-Geschlecht geboren. Seine Muttersprache ist polnisch, die erste Fremdsprache hebräisch, «denn ich war entschlossen, Rabbiner zu werden», wie er später in einer autobiografischen Notiz schreiben wird. Weiter: «Daneben zog es mich zur deutschen Literatur hin und ich kaufte mir, so oft das Geld reichte, ein Reclam-Bändchen. […] Ich las die Büchlein mit dem Wörterbuch in der Hand und erlernte auf diese Weise die deutsche Sprache, mühsam zwar, aber gründlich.»
Statt Rabbiner zu werden, geht Fränkel 1898 als Student in den Westen. Via Universität Wien kommt er 1899 nach Bern, wo er Philosophie, später Kunstgeschichte und deutsche Literatur studiert. 1902 promoviert er über Zacharia Werners Schauspiel «Die Weihe der Kraft». 1903 zieht er nach Zürich und arbeitet dort für die NZZ. Ab Herbst 1905 ist er in Berlin und profiliert sich als Herausgeber von Goethes Briefen an Bettina von Arnim und Charlotte von Stein, danach ediert er Heinrich Heines Gedichte für eine kritische Ausgabe.
Spitteler und Fränkel werden Freunde
Den Namen Spittelers kennt er zwar schon länger, zu interessieren beginnt er sich aber erst, als ihm Ende 1906 in Berlin Spittelers Dichtung «Prometheus und Epimetheus» in die Finger kommt. Er beginnt intensiv zu lesen – bald auch das Versepos «Olympischer Frühling» – und schreibt in seinem Buch «Spittelers Recht» 1946: «Es war die stärkste geistige Revolution, die mich in meinem Leben heimsuchte.»
Am 12. Januar 1908 schreibt er aus Berlin-Schmargendorf an Spitteler unter anderem: «Ich hoffe, Ihnen bald etwas Grösses senden zu können, aus dem Sie die grosse Verehrung und das innige Dankgefühl, das ich Ihnen gegenüber empfinde, deutlich werden herauslesen können.» Kurz darauf erscheint in der Berliner Zeitschrift «Die Zukunft» von Fränkel ein langer Essay über Spitteler. Postwendend erreicht ihn aus Luzern, wo Spitteler lebt, ein Dankesschreiben und eine Einladung – allerdings eine spezielle: Spitteler bittet den unbekannten, jungen Wissenschaftler in Berlin, «ihm seine Sorgen und Nöte bei der Umarbeitung des ‘Olympischen Frühlings’», die ihn zu jener Zeit beschäftigte, «zu schlichten». Im Sommer 1908 reist Fränkel erstmals nach Luzern und wird von Spitteler vorbehaltlos, «wie ein naher Freund», empfangen. Vom ersten Augenblick an, schreibt Fränkel, habe ihm der 34 Jahre Ältere «grenzenloses Vertrauen» entgegengebracht.
Auf 1909 zieht Fränkel aus Berlin als Mieter der Familie Benteli ins Schloss Bümpliz, weil er an der Universität Bern habilitieren will. Seither, so Fränkel, «wanderte alles, was Spitteler schrieb, sofort zu mir». Bis die Neufassung des «Olympischen Frühlings» im Spätherbst 1909 herauskommt, «verging kein Tag, an dem nicht ein Brief aus Luzern kam, oft zwei und drei Briefe an einem Tage, meistens express, alles in drängendster Eile, denn bald war dem Dichter meine Hilfe so unentbehrlich geworden, dass er keinen Mut hatte im Neudichten fortzufahren, ehe das Niedergeschriebene von mir gebilligt worden.»
Fränkel vollendet Spitteler
Klar, Jonas Fränkel hätte hier Grund zu übertreiben, weil er das Buch «Spittelers Recht», aus dem die Zitate stammen, 1946 als Parteimeinung im Gerichtshandel um Spittelers Nachlass veröffentlicht hat. Darum ist es unverfänglicher zu zitieren, was Spitteler selber über Fränkel als Mitarbeiter der Neufassung des «Olympischen Frühlings» sagt. An seinen Freund Joseph Victor Widmann, den Schriftsteller und damaligen Feuilleton-Redaktor des Berner «Bund», im November 1909 zum Beispiel folgendes: «Was mir Fränkel bei der Arbeit mit seinem Rath genützt hat, ist unsäglich; er ist ganz fabelhaft gescheidt. Und hat sich ordentlich aufgeopfert. Er hat alles nach meinem Manuscript corrigiert, unermüdlich; und scharf, gestrenge. Nichts durchgelassen, auch keinen beanstandbaren Vers, keinen fragwürdigen Ausdruck!»
Wenn man die Statements von Spitteler an Widmann, von denen es mehrere gibt, liest, kommt man nicht umhin festzustellen, dass Fränkel in diesen Monaten weit mehr als Spittelers Korrektor gewesen ist. Er war der formal und inhaltlich eingreifende und mitformulierende Abschlussredaktor, der dem Versepos «Olympischer Frühling» über die formale Korrektheit hinaus den letzten Schliff gab.
Wenn Spitteler 1919 – nota bene «in besonderer Anerkennung seines Epos ‘Olympischer Frühling’» – den Literaturnobelpreis erhalten hat, dann vor allem auch deshalb, weil sich Fränkel ab 1912 für die Verleihung dieses Preises an seinen väterlichen Freund zu engagieren beginnt.
Unter Verwendung von:
• Beilage 5 [Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Spitteler und Fränkel] im «Schiedsgerichtsverfahren Eidgenossenschaft/Prof. Jonas Fränkel 1944/45», in: Bundesarchiv 3001 (B) 1980/230 1315.
• Jonas Fränkel: Spittelers Recht. Dokumente eines Kampfes. Winterthur (Mondial-Verlag) 1946, S. 53ff.
• Jonas Fränkel: Autobiografische Notiz, Beilage zu seinem Brief an C. A. Loosli vom 7.9.1946.
• Werner Stauffacher: Carl Spitteler – Josef Viktor Widmann. Briefwechsel. Bern/Stuttgart/Wien (Verlag Paul Haupt) 1998, S. 546.
2. Lobbyist Jonas Fränkel
Nach dem Abschluss der gemeinsamen Arbeit am «Olympischen Frühling» 1909 bleibt der Austausch zwischen Spitteler und Fränkel intensiv. Fränkel konfrontiert den Dichter mit dessen eigener Biografie, weil er an der Universität Bern für 1910 ein Spitteler-Kolleg vorbereitet. Diese Erinnerungsarbeit weckt beim Dichter das Interesse für sein Frühwerk «Prometheus und Epimetheus» neu, und er entschliesst sich, dieses Prosawerk als Versepos ganz neu zu schreiben. Fränkel: «Und mich liess er daran teilnehmen während der vollen vierzehn Jahre, die ihm noch vergönnt waren.» Bei Fränkel in Bümpliz treffen weiterhin «fast Tag für Tag» Briefe aus Luzern ein, «mir alles anvertrauend, was ihm der Tag brachte und was ihm sein Genius Beglückendes schenkte. Ich hatte mich so sehr in seine dichterischen Pläne und Absichten hineingelebt, dass ich alle Phasen einer Arbeit mit ihm erlebte und fähig war, ihn auf seinen steilen Gratwanderungen zu begleiten.»
Spitteler bestätigt sein uneingeschränktes Vertrauen zu Fränkel von Fall zu Fall auch gegenüber Dritten schriftlich, etwa wenn er dem Präsidenten des damals prominenten Lesezirkels Hottingen schreibt: «Fränkel hat ein für allemal jede Vollmacht von mir erhalten, in meinen Angelegenheiten alles zu tun, was er für gut findet.» (Spitteler an Hans Bodmer, 16.6.1919)
Die allzu grosse Bescheidenheit
Wenn Fränkel in «Spittelers Recht» schreibt, er sei «nicht Spittelers Sekretär» gewesen, dann ist es wohl so: Er war nicht weniger, sondern mehr als das. Obschon ihm der Dichter seine Zugspesen nach Luzern vergüten wollte, nahm Fränkel kein Geld an: «Ich wollte, gerade weil ich Spitteler derart liebte, ihm gegenüber meine Freiheit bewahren.» Entsprechend entschloss Fränkel sich 1912 ohne Spittelers Wissen, sich für den Literaturnobelpreis an ihn einzusetzen.
Selber hat er später seine zentrale Rolle bei dieser «weitverzweigten Aktion um den Nobelpreis» nur im Notfall betont. In die Enge getrieben im «Schiedsgerichtsverfahren» gegen die Eidgenossenschaft um Spittelers Nachlass, hielt er 1945 in einer «Protestschrift» in einem Nebensatz kurz und bündig fest: «…nachdem ich ihm [Spitteler] im Jahre 1920 den Nobelpreis verschafft und ihn damit von seinen Geldsorgen befreit hatte». Gewöhnlich verleugnete Fränkel seine Rolle aber weitgehend. Im Text «Carl Spitteler in memoriam» von 1925 schreibt er zum Beispiel: «Der Nobelpreis für Literatur, der den Fünfundsiebzigjährigen erreichte, war endlich eine weithin sichtbare Anerkennung des dichterischen Werkes: doch man täusche sich nicht – die Ehrung war nicht getragen vom Urteil einer ganzen Nation […]. Sie war der Erfolg eines einzelnen hochgesinnten Mannes, der sich mit seiner ganzen gewichtigen Person in Stockholm für Spittelers Ehrung eingesetzt hatte; sie war der Erfolg und das Verdienst Romain Rollands.»
1933 hat der Schriftsteller C. A. Loosli – auch wegen dieser allzu grossen Bescheidenheit seines Freundes Fränkel – selber in den schliesslich über fast zwei Jahrzehnte andauernden Rechtsstreit um Spittelers Nachlass eingegriffen und in seinem Referat «Carl Spittelers Wille und Rechte» festgehalten: «Im Spätherbst 1912 überraschte mich Fränkel mit der Frage, was ich davon dächte, wenn Spitteler den Nobelpreis erhielte. Ich war von der Frage nicht wenig überrascht, fand aber, diese Ehrung wäre mehr als nur am Platze und des Schweisses eines Edlen wert. Fränkel erklärte, er werde es versuchen. Er tat’s. Von 1912 bis 1918 hat Fränkel keine Mühe gescheut, keinen Schritt unterlassen, bis endlich das vorgesteckte Ziel erreicht ward.»
Fränkel als Lobbyist
Loosli hat in seiner Rede auch erwähnt, alles, was er sage, wisse er deshalb so genau, weil er das «dicke Aktenbündel» gesehen habe, das bei Fränkel aufliege und aus «unzähligen Briefwechseln […] samt den dazu gehörigen Postquittungen» bestehe.
In Fränkels umfangreichem Nachlass findet sich heute ein Mäppchen mit dem handschriftlichen Titel «Eingabe an die Nobel-Stiftung». Es beinhaltet 49 Dokumente, eines der frühesten ist der Empfangsschein der Eingabe vom 25. Januar 1912 an das «Svenska akademiens Nobelkommitté». Der grosse Teil der Dokumente betrifft Fränkels Korrespondenz mit literaturwissenschaftlichen Grössen seiner Zeit im ganzen deutschsprachigen Raum, die er um Unterstützung seiner Eingabe bat.
Insbesondere spannend aber ist ein siebenseitiges, von Fränkel handschriftlich korrigiertes Typoskript an das Nobelpreiskomitee mit seiner Begründung für die Eingabe. Datiert ist es mit Schreibmaschine «Bern, im Januar 1913», die Jahreszahl ist handschriftlich auf 1914 korrigiert. Darin schreibt Fränkel unter anderem: «Die Dichtungen Spittelers zeichnet ein hoher, erhebender Idealismus aus, der auch über seiner ganzen literarischen Laufbahn leuchtet. Unbekümmert um die literarischen Moden, unbeirrt durch den wechselnden Geschmack des Publikums, ging dieser Dichter immer seine eigenen Wege, heroisch das Schicksal eines Grossen ertragend, der sich bewusst ist, höchste geistige Güter seinem Volke dargebracht zu haben und dafür alle Entbehrungen und Demütigungen eines Einsamen erdulden zu müssen. Nie hat er sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Konzession bequemt, auf keiner Seite seiner immerhin mehr als ein Dutzend Werke reichen literarischen Ernte wird sich auch nur die Spur eines Abirrens von dem gleich mit einem Erstling beschrittenen Wege nach der höchsten Kunst nachweisen lassen. Und alle seine grossen Dichtungen gipfeln in der Mahnung zur Treue gegen den Genius im Innern des Menschen. Ob der Treue gegen sich, gegen seine ‘Seele’, duldet Prometheus, der Stimme seines Genius opfert der Held in ‘Imago’ sein Glück, und die Verherrlichung des allem Unheil und aller Bosheit zum Trotz den vorgezeichneten Weg nach der Erde wandelnden Herakles krönt den neuen Schluss des ‘Olympischen Frühlings’. Dieses Vorbildliche an Spittelers Dichtung ist es – neben ihrem ausserordentlichen künstlerischen Werte –, das ihren Schöpfer einer Auszeichnung durch den literarischen Nobelpreis vor allen andern würdig erscheinen lässt.»
1914 wird aber schliesslich kein Literaturnobelpreis verliehen. Stattdessen bricht Anfang August der Erste Weltkrieg aus.
Unter Verwendung von:
• Jonas Fränkel: Spittelers Recht. Dokumente eines Kampfes. Winterthur (Mondial-Verlag) 1946, S. 42, 60f., 70f. und 249.
• C. A. Loosli: Carl Spittelers Wille und Rechte. Eine Zeugenaussage, in: ders.: Gotthelfhandel. Werke Band 4. Zürich (Rotpunktverlag) 2007, S. 389ff., insb. 393 und 400.
3. Jonas Fränkels Durchbruch
Nachdem das Komitee in Stockholm 1914 keinen Literaturnobelpreis verliehen hat, spricht es ihn für 1915 dem französischen Autor Romain Rolland zu, für 1916 dessen schwedischem Kollegen Verner von Heidenstam. Beide Preisträger werden 1916 geehrt. Gut möglich, dass sie sich bei dieser Gelegenheit persönlich kennengelernt haben.
Jonas Fränkel verfolgt die Ereignisse in der Zeitung und schreibt am 10. November 1916 aus Bümpliz an Rolland, der seit dem Ausbruch des Krieges am Genfersee lebt: «Hochgeehrter Herr, empfangen Sie meine herzlichsten Glückwünsche zum Nobelpreise! Ich selber habe, da ich in meiner Eigenschaft als Universitätsdozent für Litteratur das Vorschlagsrecht besitze, seit 1912 lebhaft für die Erteilung des Nobelpreises an Spitteler agitiert, – im Jahre 1914 mit Unterstützung mehrerer Kollegen an deutschen und Schweizer Universitäten […]. Letztes Jahr habe ich dann meinen Vorschlag noch einmal wiederholt, doch die Herren in Stockholm wollen nichts von Spitteler wissen… Da nun doch einmal Spitteler der Preis nicht erteilt werden sollte, freue ich mich herzlich, dass er wenigstens diesmal einem Würdigen zugefallen ist, für den auch ich, wenn ich hierzu Gelegenheit gehabt hätte, mich aus voller Überzeugung auch eingesetzt hätte. / Empfangen Sie die Versicherung meiner Hochschätzung u. Verehrung! / Ihr ergebener Jonas Fränkel».
Diese Briefkopie liegt in Fränkels Nachlassmappe mit der Rolland-Korrespondenz. Rollands Antwort fehlt. Jedoch hat Fränkel am 29. Januar 1926 in einem Artikel für den «Bund» einen Rolland-Brief aus dem Jahr 1916 zitiert, der dieses Antwortschreiben sein könnte. Das Zitat zeigt, dass er bei Rolland in Sachen Spitteler auf einen Gleichgesinnten stiess: «Euer grosser Spitteler! Ich kann nicht genug sagen, wie sehr er mir am Herzen liegt. Seine Entdeckung erhellte mir die dunkelsten Monate dieser tragischen Jahre. […] Der grösste deutsche Dichter und zweifellos der höchste seit Goethe.»
Rollands Brief an das Nobelpreis-Komitee
In seinem Buch «Spitteler. Huldigungen und Begegnungen» von 1945 dokumentiert Fränkel, wie Rolland in Sachen Spitteler vorgegangen ist. Er hat am 13. Februar 1918 einen Brief an Verner von Heidenstam geschrieben, der nicht nur Literaturnobelpreisträger war, sondern von 1912 bis zu seinem Tod 1940 selber der preisverleihenden Schwedischen Akademie angehörte und 1918 – in Fränkels Worten – als «Sekretär der Nobelstiftung für den Literaturpreis» wirkte. Rolland schrieb an ihn unter anderem:
«Verehrter Herr,
Schweizer Universitätsprofessoren, die Carl Spittelers Kandidatur für den Nobel-Preis der Literatur aufstellen, haben sich an mich um Unterstützung ihres Gesuches gewendet. […]
Die Lektüre der grossen Dichtungen Spittelers war für mich während des Krieges eine Entdeckung, und ich darf sagen, dass sie mir diese dunklen Jahre erleuchtet hat. Ich hatte das Gefühl, einer jener gewaltigen Gestalten aus der Geschichte der Kunst begegnet zu sein, von denen man seufzend zu sagen pflegt, man finde sie nur höchst selten, da und dort, in vergangenen Jahrhunderten. Maler, Dichter und Denker, ist er einer der letzten grossen Schöpfer von Mythen, epischen Legenden und philosophischen Parabeln. Sicher der weitaus grösste Dichter, den die Schweiz je hervorgebracht. […] Ich beuge mich vor ihm in tiefer Ehrfurcht als vor einem Meister der Kunst und des Lebens.
Ich hoffe, die Schwedische Akademie werde diese Zeilen entschuldigen, um die sie mich nicht gebeten hat. Doch wenn mir ein Werk so viel Stärkung und so viel Freude gespendet hat wie das Spittelers, drängt es mich, ihm meine Schuld abzuzahlen, indem ich versuche, ihm die Liebe anderer Menschen zuzuführen.
Romain Rolland»
Heidenstams Antwort an Rolland
In Fränkels Nachlass findet sich ein Brief von Rolland vom 7. Juni 1918, dem in einer Abschrift die Antwort von Heidenstams an Rolland vom 18. März 1918 beiliegt. Von Heidenstam schrieb demnach:
«Geehrter Herr
Ich war sehr erfreut über Ihr Schreiben, denn ich stimme Ihrer Meinung in der Angelegenheit Spitteler voll und ganz zu. Letztes Jahr habe ich ihn als meinen Kandidaten für den Nobelpreis vorgestellt.
Ich habe mich oft zu seinen Verdiensten geäussert, und ich werde mir erlauben, Passagen aus Ihrem Schreiben zu zitieren, wenn es der Sache dient; ich hoffe, Sie betrachten es nicht als Indiskretion. Meine Kollegen werden sich dafür interessieren. Ich höre mehr, als ich weiss, dass viele ihn für einen der Grossen halten. Und auch ich werde das so sagen, aber es ist offensichtlich, dass viele Bewerbungen eingereicht werden und dass die Standpunkte unterschiedlich sind, vor allem während dieses blutigen Krieges, der Europa heimsucht.
Bitte akzeptieren Sie, sehr geehrter Herr, die Zusicherung meiner freundlichen Grüsse
Verner von Heidenstam»
Es war ein junger polnischer Intellektueller
Sehr wahrscheinlich bedeutete diese Korrespondenz zwischen Rolland und von Heidenstam den Durchbruch für Carl Spitteler als Literaturnobelpreis-Kandidat. Und sehr wahrscheinlich war die entscheidende Vorarbeit, dass es überhaupt zu diesem Briefwechsel kam, Jonas Fränkels Kontaktaufnahme mit Rolland im fünften Jahr seiner Bemühungen für Spitteler. Der Literaturnobelpreis wurde Spitteler für 1919 zuerkannt, verliehen wurde er ihm 1920.
So feiert die offizielle Schweiz nun «unseren einzigen Literaturnobelpreisträger» (für jene Schweiz war Hermann Hesse, der den Literaturnobelpreis 1946 bekam, bloss ein 1924 eingebürgerter Ausländer). Diese Schweiz möchte auch lieber nicht zur Kenntnis nehmen, dass es das Engagement eines jungen österreichischen, seit 1918 polnischen Intellektuellen war, der Spitteler via einen prominenten französischen und einen prominenten schwedischen Literaten zum Nobelpreis verhalf.
Denn es ist so: Während seiner Lobbyarbeit für Spitteler war Fränkel ein Ausländer, ein «Ostjude», wie man damals sagte. Erst 1919 wurde er in die Schweiz eingebürgert. Eine ordentliche Professur erhielt er in der Schweiz zeitlebens nicht – auch wegen seiner Herkunft. So blieb er der ausserordentlichste Professor von Bern.
*
Nach Spittelers Tod 1924 kämpfte Jonas Fränkel vergeblich bis vor Bundesgericht um sein Recht, Zugang zu Spittelers Nachlass zu bekommen, um seine vorbereitete Spitteler-Biografie abschliessen und die mit Spitteler vorbesprochene Gesamtausgabe zusammenstellen zu können. Alles blieb ihm verwehrt: Die Werkausgabe wurde zwischen 1945 und 1958 von Wilhelm Altwegg, Gottfried Bohnenblust und Robert Faesi herausgegeben, die Biografie 1973 von Werner Stauffacher.
Alle vier gebürtige Schweizer, versteht sich.
Unter Verwendung von:
Jonas Fränkel: Spitteler. Huldigungen und Begegnungen. St. Gallen (Tschudy-Verlag) 1945, S. 82ff. und 85f.
Julian Schütt: Germanistik und Politik. Schweizer Literaturwissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Zürich (Chronos Velag) 1997, S. 180.