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Die SUGUS-Studie (Eckstein et al., 2016), eine Untersuchung zu gestörtem Unterricht von der Universität Zürich, weist darauf hin, dass sich einige Lehrpersonen und Schüler/innen schnell ablenken lassen und sich stark ärgern über Unterrichtsstörungen, andere beschreiben sich als viel weniger empfindlich. Je empfindlicher die Befragten sind, desto mehr fühlen sie sich von einzelnen Kindern gestört – unabhängig vom Verhalten dieser Kinder. Was bedeutet dies für die Integration von verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern?
Der oben skizzierte „Befund“ aus der SUGUS-Studie ist insofern interessant, als er darauf hinweist, dass störendes Verhalten durch interpretierende Personen unterschiedlich wahrgenommen wird. Es ist davon auszugehen, dass Kinder und Lehrpersonen, die sich schneller durch störendes Verhalten ablenken und irritieren lassen, schneller verärgert sind und häufiger dazu neigen solches Verhalten zu unterbinden. Je häufiger dies geschieht, umso stärker ist ein gutes Lernklima gefährdet.
Die Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht ist sehr anspruchsvoll. Es sind diese Kinder, welche durch die Schule am schnellsten separiert werden (möchten). Lehrpersonen sind in der Regel gerne dazu bereit, Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterrichten. Wenn sie jedoch dabei immer wieder gestört werden, sind sie in der Ausübung ihres Berufsauftrags massgeblich beeinträchtigt.
Rogers (2013) empfiehlt in solchen Situationen jeweils minimal-invasiv zu reagieren. Damit wird vermieden, dass störende Schülerinnen und Schüler sich dazu veranlasst sehen, Folgeverhalten zu zeigen, das den Unterricht für längere Zeit beeinträchtigen könnte. Die Lehrperson ist gut beraten, wenn sie sich im unterrichtlichen Kontext nicht mit einzelnen Schülerinnen und Schülern oder Schülergruppen auf Diskussionen einlässt, die möglicherweise sogar in subtile Machtkämpfe münden.
Wie viel „Verhaltensauffälligkeit“ verkraftet unterrichtliches Geschehen? Wie die SUGUS-Studie zeigt, variiert dies je nach Lehrperson und Klassenzusammensetzung. Um im Zusammenhang mit dieser Thematik lösungsorientiert und handlungsfähig zu bleiben, sind insbesondere folgende Ebenen zu berücksichtigen und damit verbundene Fragen zu beantworten:
Ebene Kind: Es gilt nicht nur zu klären, welche Ursachen das Verhalten eines (den Unterricht) störenden Kindes hat, sondern zu welchem Zweck das Kind sich so verhält. Möchte es mit seinen Klassenkameraden oder/und der Lehrperson so in Beziehung treten? Möchte es willentlich den Unterricht stören? Beim zweiten „Fall“ handelt es sich möglicherweise um eine problematische Beziehung zwischen Lehrperson und Kind und diese müsste bearbeitet bzw. geklärt werden.
Ebene Mitschülerinnen und Mitschüler: Welche Wirkung(en) erzeugt das störende Verhalten auf die Mitschülerinnen und Mitschüler? Lassen sich diese hinreissen oder/und fühlen sie sich am Lernprozess gehindert? Sind Mitschülerinnen und Mitschüler als positive „Regulatoren“ miteinzubeziehen, damit das störende Verhalten sich minimiert?
Ebene Lehrperson: Was kann die Lehrperson an ihrem Verhalten ändern? Welche Muster werden bei ihr abgerufen? Welche Verhaltensweisen werden reflexartig gezeigt und was kann die Lehrperson dagegen unternehmen? Welche zusätzlichen internen und externen Ressourcen können beigezogen werden?
Ebene Schule: Gibt es an der Schule eine klare Haltung bzw. ein präventiv orientiertes Konzept zum Umgang mit Verhaltensschwierigkeiten? Sind sich die Lehrpersonen in den zentralen Haltungsfragen einig, wie sie auf störendes Verhalten reagieren wollen? Damit sind keine Strafsysteme angesprochen, sondern lösungsorientierte Denk- und Vorgehensweisen gefragt welche die betroffenen Kinder und Lehrpersonen in solchen anspruchsvollen Situationen zeitnah unterstützen.
Da Verhaltensauffälligkeiten relativ schnell und zuverlässig den „Reflex zur Separation“ auslösen, ist es umso wichtiger, dass die betroffenen Lehrpersonen und Schulen die oben skizzierten Ebenen durchleuchten und sich mit den damit verbunden Fragen aktiv auseinandersetzen.
Im Rahmen der Angebote des Weiterbildungsmasterstudiengangs für Integrative Förderung (MAS IF) wird die Thematik des Umgangs mit Verhaltensschwierigkeiten systemisch bearbeitet (insbesondere im zweiten Pflicht-CAS: Integrative Unterrichtsentwicklung). Dabei geht es nicht in erster Linie darum, ausschliesslich dem störenden Kind anderes Verhalten abzufordern oder beizubringen. Ebenso müssen die Haltungen, die das Umfeld dem störenden Verhalten gegenüber einnimmt reflektiert und die Reaktionen darauf bewusst und gezielt gesteuert werden. Die Beziehungsgestaltung ist soweit wie möglich aufrecht zu erhalten (ohne repressive und ausschliesslich disziplinierende Massnahmen) und so gut wie möglich zu optimieren.
Wenn die Beziehungsebene zwischen dem Kind und der Lehrperson nachhaltig gestört oder das Kind aufgrund seiner Disposition nicht in der Lage ist in konstruktivem Sinn Beziehungen zur Lehrperson und den Mitschülerinnen und Mitschülern aufzunehmen und zu gestalten, müssen externe Ressourcen beigezogen werden. Dann erst ist über ein zeitlich ausgedehnteres separatives Setting nachzudenken.
Dr. phil. Roger Dettling, Ressortleiter MAS Integrative Förderung
Quellenverzeichnis
Dienststelle Volksschulbildung Kanton Luzern (2014). Umsetzungshilfe Verhalten, DOK 5: Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten
Eckstein, B. et al. (2016). SUGUS-Studie zur Untersuchung gestörten Unterrichts. Institut für Erziehungswissenschaft. Universität Zürich.
Rogers, B. (2013). Classroom Management. Das Praxisbuch. Weinheim: Beltz.