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Nach fünfzehn langen Schuljahren erscheint die Zukunft nach der Matura wie ein unbeschriebenes Blatt. Das Planen fällt vielen schwer, aber die Aufregung, ganz den eigenen Interessen und Fähigkeiten nachzugehen, überwiegt. Darauf müssen Männer jedoch länger warten als Frauen. Die Monate nach der Matura müssen sie in einer Kaserne – oder im Zivildienst – verbringen. Was hat es mit dieser willkürlich wirkenden Ungerechtigkeit auf sich, und was denken Betroffene?
Einerseits warten Maturandinnen und Maturanden ungeduldig darauf, mit der Schule abschliessen zu können, andererseits beginnen sie zu realisieren, dass diese ihnen vieles bietet, das sie später vermissen werden. Diese antizipierte Nostalgie wird überdeckt von einer Vorfreude auf das, was sie nach der Matura erwartet: Die Zukunft, so wie sie sie jetzt gestalten, indem sie sich über Studiengänge informieren, Stellen suchen oder eine Weltkarte aufschlagen. Diese Freiheit, was ihre unmittelbare Zukunft betrifft, ist ein Privileg, doch ist sie nur relativ und nicht absolut. Das wird dann deutlich, wenn man Maturandinnen und Maturanden nach ihren Plänen für das nächste Jahr befragt. Während Erstere von Hochschulstudien, Praktika und Reisen erzählen, antworten Letztere meist nur mit «Militär halt».
Die meisten der befragten Gymnasiasten stören sich nicht daran, ein Zwischenjahr zu machen, doch sie empfinden es als ungerecht, dass Frauen dabei eine Wahl gelassen wird, während sie zum Militärdienst und damit zu einem Zwischenjahr genötigt sind. Einer spricht von Geschlechterdiskriminierung, ein anderer von Sexismus. Das Argument des Bundesgerichts, Frauen seien aufgrund physiologischer Unterschiede durchschnittlich weniger gut für das Militär geeignet, überzeugt keinen. Im Militär gebe es genügend Aufgaben, die körperlich wenig anspruchsvoll sind, vom Zivildienst ganz zu schweigen. Ausserdem trägt ein Mann, der wegen körperlicher oder seelischer Veranlagungen als untauglich erklärt wurde, dafür genauso wenig Verantwortung wie eine Frau für ihr Frausein, trotzdem wird von jenem, nicht aber von dieser Geld verlangt.
Ein Gymnasiast gesteht, sich am Militär darum zu stossen (und auch deswegen seine Dienstpflicht nicht an einem Stück zu absolvieren), weil er glaube, es könne über längere Zeit einen negativen Einfluss auf die Persönlichkeit der Männer haben. Sein Leben lang, vor allem am Gymnasium, sei er dazu ermutigt worden, eigenständig und kritisch zu denken. Nun soll er einer Institution beitreten, in der Befehlen ohne jegliches Hinterfragen Folge zu leisten sei.
Es bleibt zu hoffen, dass die Struktur des Militärs die Männer nicht ihrer Mündigkeit beraubt und sich in Zukunft den heutigen Werten von selbstbestimmter Lebensplanung sowie Geschlechtergleichbehandlung anpasst.
Plädoyer
Das Recht auf Orientierungs- losigkeit
Nach der Entscheidung, welchem Bereich des Lebens man sich zuwenden und welcher Berufung man folgen möchte, findet man sich schnell in überfüllten Lesesälen, umgeben von Mitstudenten, die ebenso fleissig dem gegebenen Weg folgen mit dem Ziel, erfolgreich zu werden.
Früh hat man sich zu entscheiden, was man in seinem Leben tun möchte und den ausgewählten Weg geradlinig zu beschreiten. Das löst bei der Jugend einen Druck aus und gibt vielen das Gefühl, erfolgreich sein zu müssen. Drängt unser Orientierungssystem in die Desorientierung? Heute haben die Jugendlichen viele Möglichkeiten, doch was vielen nicht bewusst ist: Die erste Wahl muss in keiner Weise determinierend sein.
Weshalb erscheint die Studienwahl als etwas Definitives, gar Absolutes? Die Leistungsgesellschaft verlangt von uns, möglichst schnell eine geklärte Richtung einzuschlagen, dieser zu folgen, um in der Gesellschaft, ohne Misserfolge, ihren Teil zu leisten. Woher kommt dieses Denken, sich effizient sich in die Gesellschaft eingliedern zu müssen? Es wird ein einseitiges Bild geliefert, das sogleich zerbricht, wenn man sich an einer Universität oder Hochschule befindet. Dort trifft man auf Menschen, die zuvor Musiker waren, Mütter sind, oder ganz einfach einige, die ein paar Jahre mehr gebraucht haben. Und darunter mischen sich junge Menschen, die sich orientierungslos ihren Weg bahnen wollen oder müssen.
Erwachsene! Zeigt der Jugend, dass auch Ihr keinen direkten Weg gegangen seid, dass es normal ist, verloren, überrascht oder enttäuscht zu sein, um ihnen schlussendlich die Kraft zu geben, etwas fallen zu lassen, sich Freiräume zu schaffen, um anderswo neu erblühen zu können.
Interview
Ehemaliger Berufssoldat missbilligt Wiederholungskurse
Ein Student*, der seine Ausbildung zum Berufsmilitär nach drei Jahren abgebrochen hat, spricht über das schweizerische Militärsystem. Er kritisiert die Wiederholungskurse (WK) und stellt den obligatorischen Militärdienst infrage. Die WK seien gerade für Studenten «unzumutbar». Zwar könnten sie den Termin selbst bestimmen, doch für ETH-Studenten wie ihn biete sich eigentlich kein Moment im Jahr fürs Militär an. «Studenten sind damit beschäftigt, zu lernen, Arbeiten zu schreiben und Projekte vorzubereiten. In einer Kaserne können wir das nicht effizient tun.» Aus dem Kopf verdrängen gehe jedoch ebenso wenig, da Prüfungen und Abgabetermine trotz Wehrpflicht näher rücken. Schliesslich nutzten die Studenten die Zeit weder, um zu lernen, noch könnten sie sich auf ihre militärischen Pflichten konzentrieren. Selber Offizier und Kompagniekommandant, ist der ehemalige Berufsmilitär nicht grundsätzlich gegen die Armee: «In Katastrophenfällen kann das Militär zivilen Kräften wertvolle Unterstützung bieten.» Doch wenn junge Männer zum Dienst gezwungen würden und nur deswegen in der Armee seien, weil das kürzer und besser bezahlt als der Zivildienst sei, «wirkt sich das negativ auf die Moral der Truppe aus».
* Name der Redaktion bekannt