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Meier-Classen: Jacques Derrida, Sie sind der Begründer und Hauptvertreter
der Dekonstruktion, einer philosophischen Strömung, die grundsätzlich
davon ausgeht, dass die Thematisierung bestimmter Theorien, Sachverhalte,
Darstellungen usw. andere zugleich ausgrenzt. Der Dekonstruktivist achtet
darum nicht nur auf explizit mitgeteilte Informationen, sondern vor allem
darauf, was bei Informationen verschwiegen und ausgeklammert wird und
welche Strategien und Weltanschauungen dahinter stecken. Das erinnert
an das von Ihnen kreierte Wort "différance" das sich
nur geschrieben, aber nicht hörbar von dem Wort "différence"
unterscheidet. Man muss genau hinschauen, um zu wissen, welches der beiden
Wörter gemeint ist.
Derrida: Sie haben Recht, das a der différance ist
nicht vernehmbar, es bleibt stumm, verschwiegen und diskret, wie ein Grabmal.
Ein Grabmal, das sich nicht einmal zum Ertönen bringen lässt.
Denn ich kann Sie durch meine Rede, in dem Augenblick, in dem ich davon
spreche, nicht wissen lassen, von welcher différence ich rede.
Ich kann von diesem grafischen Unterschied der Schreibweise nur sprechen,
indem ich jedes Mal genau angebe, ob ich die différence mit e
oder die différance mit a meine.
Meier-Classen: Diesem Wort différence liegt das Verb différer
zugrunde. Différer heisst einerseits "aufschieben" und
anderseits "unterschiedlich sein".
Derrida: Die zwei anscheinend verschiedenen Bedeutungen verbinden
sich in der Freudschen Theorie: das différer als Aufschub und das
différer als Abweichung.
Meier-Classen: In Freuds Psychoanalyse sind das unbewusste Phänomene.
Sie hatten einmal auf Freud hingewiesen, der beschreibt, das Leben strebe
danach sich dadurch zu schützen, dass es die gefährliche Besetzung,
also bedrohliche Inhalte aufschiebt. Es geht bei der Différance
also nicht nur um die Unterschiede selbst, sondern um die Hintergründe
und Prinzipien der Entstehung dieser Unterschiede. Allgemein wird ja angenommen,
dass alles, was wir sagen, eine klare Bedeutung hat und fest in unserem
Bewusstsein verankert ist. Dem ist nicht mehr zu trauen
?
Derrida: C'est ça. Es ist historisch bezeichnend, dass die
Infragestellung des Primats von Gegenwart als Bewusstsein ebenfalls ein
Hauptmotiv von Freuds Denken ist. Differenzen, die sich dem Blick und
dem Gehör entziehen, legen nahe, dass man sich hier auf eine Ordnung
verweisen lassen muss, die weder der sinnlichen Wahrnehmung noch der Intelligibilität
angehört.
Meier-Classen: Eine solche Differenz ist also weder mit den Sinnen
wahrzunehmen noch mit dem Denken zu erfassen. Sie bildet gewissermassen
einen Gegensatz, ein Dazwischen? Es scheint kein Unterschied zu bestehen
und doch herrscht Zwietracht?
Derrida: Diese Zwietracht, eine aktive, in Bewegung begriffene
Zwietracht verschiedener Kräfte und Kräftedifferenzen, können
wir "différance" nennen. Auch wenn unsere Wahrnehmung
keinen Unterschied feststellen kann, ist das Gleiche eben doch nicht identisch.
Das Gleiche ist gerade diese différance als aufgeschobener und
doppeldeutiger Übergang von einem zum andern. Der eine erscheint
als différance des andern.
Meier-Classen: Was bedeutet dies für die Dekonstruktion?
Derrida: Es geht in der Dekonstruktion nicht um eine bereits konstituierte
Differenz, sondern um eine reine Bewegung, welche den Unterschied hervorbringt.
Man darf den Ausdruck "Dekonstruktion" nicht im Sinne von Auflösen
oder Zerstören verstehen. Gemeint ist das Analysieren der verfestigten
Strukturen, in denen wir denken. Dekonstruktion ist nicht einfach eine
Philosophie, auch keine Disziplin oder Methode. Allerdings gibt es eine
gewisse Übereinstimmung in der Art, wie bestimmte Fragen in dekonstruktivem
Stil gestellt werden.
Meier-Classen: Also beispielsweise das Aufdecken von Gegensätzlichkeiten
und ihren hierarchischen Verhältnissen, da meistens einer von gegensätzlichen
Begriffen verdeckt oder unterdrückt ist. Und vor allem auch das Aufdecken
von Mustern, die in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Kontext
als "wahr" gelten.
Derrida: Wenn ich eine knappe Beschreibung der Dekonstruktion
geben wollte, würde ich sagen, dass sie das Denken über den
Ursprung und die Grenzen der die gesamte Philosophie dominierenden Frage
ist, nämlich der Frage: "Was ist das?"
Meier-Classen: Monsieur Derrida, besten Dank für dieses Gespräch

Derridas
Geburtsort: El Biar, Algerien

Jacques Derrida (* 15.
Juli 1930 in El Biar, Algerien; 8. Oktober 2004 in Paris,
Frankreich) war ein französischer Philosoph, der als Begründer
und Hauptvertreter der Dekonstruktion gilt. Er lehrte als Professor
an der Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales in
Paris. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die Philosophie
und Literaturwissenschaft, zu seinen Hauptwerken zählen Grammatologie
1967, Die Schrift und die Differenz 1967 und Randgänge der
Philosophie 1972.
1942 wurde Derrida als Sohn einer jüdischen Familie entsprechend
einer Verordnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt (die
Quote für jüdische Schüler wurde von 14 auf 7 Prozent
gesenkt). Die antisemitischen Diskriminierungen und Repressionen
gruben sich tief in das Denken Derridas ein, und Spuren davon
sind in vielen seiner Schriften zu finden.
Seit 1949 in Frankreich lebend, besuchte er das Lycée Louis-le-Grand
in Paris und studierte von 1952 bis 1954 an der École Normale
Supérieure, wo er Vorlesungen bei Louis Althusser und Michel
Foucault besuchte und sich mit Pierre Bourdieu anfreundete. 1956
gewann er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt an der
Harvard University. Während seines Militärdienstes (von
1957 bis 1959) lehrte er Englisch und Französisch in Algerien;
von 1960 bis 1964 war er wissenschaftlicher Assistent an der Sorbonne.
Ab 1965 (bis 1984) bekleidete er eine Dozentur für Geschichte
der Philosophie an der École Normale Supérieure.
Den Durchbruch erlangte Derrida im Jahr 1967, als er nahezu zeitgleich
in drei bekannten Verlagen drei wichtige Schriften veröffentlichte:
De la grammatologie (Les Éditions de Minuit, dt. Grammatologie
1974), La Voix et le phénomène (Presses Universitaires
de France, dt. Die Stimme und das Phänomen 1979) sowie L'écriture
et la différence (Seuil, dt. Die Schrift und die Differenz
1972). Auf Vortragsreisen in den USA lernte er Paul de Man und
Jacques Lacan kennen, 1981 gründete er die Gesellschaft
Jan Hus (eine Hilfsorganisation für verfolgte tschechische
Intellektuelle).
Derridas Interesse an den institutionellen Aspekten der Philosophie,
von Anfang an ein wesentliches Moment der Dekonstruktion, das
ihn schon 1979 zu einem wichtigen Akteur der États généraux
de la philosophie[1] werden ließ, führte 1983 zu seiner
maßgeblichen Beteiligung als Gründungsdirektor des
Collège international de philosophie in Paris. Derrida
bekleidete Gastprofessuren an der University of California, Irvine,
an der Johns Hopkins University, der Yale University, der New
York University, der Stony Brook University, der The New School
for Social Research, und an der European Graduate School.
Zu Derridas intellektuellen und persönlichen Freunden zählten
Paul de Man, Jean-Luc Nancy, Sarah Kofman, Samuel Weber, Peter
Engelmann, Hélène Cixous, Geoffrey Bennington, Rodolphe
Gasché u.a.
1988 war er (zusammen mit Karl Popper und Carlo Sini) Preisträger
des 10. Premio Internazionale Federico Nietzsche der italienischen
Nietzsche-Gesellschaft. 2001 erhielt Jacques Derrida den Theodor-W.-Adorno-Preis.
Er starb im Oktober 2004 in einem Pariser Krankenhaus nach kurzer
schwerer Krankheit.
(Biographie: Wikipedia)