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Gestern Nacht hat die Queen einen Teil ihres Königreichs verloren
Bye bye, Barbados: Der Karibikstaat hat sich Montagnacht endgültig vom Vereinigten Königreich losgesagt. Nun ist Elisabeth II. nicht mehr Oberhaupt der Republik. Das gab es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr.
Elisabeth II. ist das Staatsoberhaupt von Kanada, dem zweitgrössten Land der Erde, und sie ist das Oberhaupt von Tuvalu, einem nur 26 Quadratkilometer kleinen Inselstaat im Pazifik. Über insgesamt 16 sogenannten «Commonwealth Realms» herrscht die 95-Jährige, von Grossbritannien bis Australien. Ab Montagnacht aber wird der Einflussbereich der Queen kleiner: Dann sagt sich der Karibikstaat Barbados von der Krone los und wird zur Republik.
Barbados liegt im Atlantik, nordöstlich von Venezuela. Knapp 290'000 Menschen leben in dem Land, das von der Hauptstadt Bridgetown aus regiert wird. Politischen Einfluss hatte die Krone hier schon lange nicht mehr, die Regierungsgeschäfte liegen in den Händen einer Generalgouverneurin und einer Premierministerin. Es ist also vor allem ein symbolischer Akt, den Barbados gestern vollzogen hat – einer, dem andere Staaten nachfolgen könnten, wie manche fürchten.
Mit Barbados hat erstmals seit fast 30 Jahren ein Land die Queen als Staatsoberhaupt abgesetzt; zuletzt ging Mauritius im Jahr 1992 diesen Schritt. Sandra Mason, als Generalgouverneurin noch die Stellvertreterin der Queen, wird in der Nacht zu Dienstag zur Präsidentin von Barbados. «Die Zeit ist gekommen, unsere koloniale Vergangenheit voll und ganz hinter uns zu lassen», sagt die 72-jährige ehemalige Juristin laut CNN.
«Barbados war ein Höllenloch»
Den Schritt, die konstitutionelle Monarchie Barbados in eine Republik umzuwandeln, hatte das Parlament des Landes im vergangenen Jahr beschlossen. Auf Barbados leben vor allem Nachfahren afrikanischer Sklaven. Mitte des 17. Jahrhunderts legten die englischen Kolonialherren, die die Insel zuvor von Portugal übernommen hatten, auf Barbados grosse Zuckerrohrplantagen an. Um billige Arbeitskräfte für die harte Arbeit zur Verfügung zu haben, siedelten die Engländer Tausende Sklaven an.
«In Barbados wurde das Produktionsmodell der Sklavenplantagen erfunden», zitiert der «Guardian» David Comissiong, den Botschafter des Landes bei der Caricom, einem regionalen Integrationsgremium der Karibik. «Barbados war ein Höllenloch», so Comissiong. «Für Schwarze war Barbados eine brutale, brutale, höllische Gesellschaft.» Die Lebenserwartung der Sklaven betrug nur 18 Jahre, ergab die Untersuchung der sterblichen Überreste einer Beerdigungsstätte auf der Insel.
Barbados, die älteste der britischen Kolonien, wurde 1966 vom Vereinigten Königreich unabhängig. Die düstere Vergangenheit des Landes wird dort seit längerem diskutiert, seit mehr als 20 Jahren gibt es Bestrebungen, die Queen abzusetzen.
Im vergangenen Jahr wurden die Rufe nach der Ausrufung einer Republik dann lauter: Die Black-Lives-Matter-Bewegung hatte die Insel erreicht, es kam zu Protesten und schliesslich zur Entfernung einer Statue von Admiral Nelson, einem Verteidiger der Sklaverei. Am selben Tag, als Nelson von seinem Sockel gestürzt wurde, erklärte die Regierung von Premierministerin Mia Amor Mottley, die Republik ausrufen zu wollen.
Prinz Charles reiste an
An der Zeremonie nahm auch Prinz Charles als Vertreter der Krone teil. Der Thronfolger kam bereits am Sonntag am Flughafen der Hauptstadt Bridgetown an; die Queen selbst ist nicht nach Barbados gereist.
«Da sich Ihr verfassungsrechtlicher Status ändert, war es mir wichtig, gemeinsam mit Ihnen die Dinge zu bekräftigen, die sich nicht ändern», zitierte CNN vorab aus der Rede, die Charles gehalten hat. «Zum Beispiel die enge und vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Barbados und dem Vereinigten Königreich als unverzichtbare Mitglieder des Commonwealth.» Denn auch wenn Barbados sich von der Queen abgewendet hat, verbleibt das Land im Commonwealth – allerdings nicht wie bislang als «Realm», also als Königreich, sondern als einfaches Mitglied.
Zwar unterstützen viele Bürgerinnen und Bürger von Barbados den Schritt, sich von Grossbritannien ein Stück weit abzuwenden; es wurde aber auch Kritik laut. So wurde der Regierung vorgeworfen, den Prozess der Republikwerdung schlecht zu managen; ausserdem bemängeln Kritiker, dass es keinen Volksentscheid über die Zukunft des Landes gegeben habe. Stattdessen entschied lediglich eine Parlamentsmehrheit über den künftigen Status von Barbados.
Richard Drayton, Geschichtsprofessor am Londoner Kings College, glaubt dennoch, dass Barbados Schule machen könnte. Andere Karibik-Staaten wie Jamaika könnten dem Beispiel folgen, so der Historiker zu CNN. Die Entscheidung des Landes, der Queen den Rücken zu kehren, «spiegelt das Gefühl der Menschen in Barbados wider, dass es ein wenig absurd ist, dass das Staatsoberhaupt durch die Umstände der Geburt in einer Familie bestimmt wird, die 4'000 Meilen entfernt wohnt.»