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Val Müstair – Symbol der Einheit
12 October 2022
Der Bundesrat tagt seit 2010 ein- bis zweimal pro Jahr an einem anderen Ort, extra muros des Bundeshauses in Bern. Am 12. Oktober war er in Müstair (im Val Müstair im Kanton Graubünden).
Bei dieser Gelegenheit traf sich die Regierung mit der Regenza (Kantonsregierung) intra muros des Klosters St. Johann. Dann stellte sie sich den Bewohnern und Bewohnerinnen des Tals vor.
Sie tut dies in den verschiedenen Regionen des Landes an ihrem üblichen Sitzungstag in Bern, dem Mittwoch. Das Treffen in Müstair ist das 17. extra muros Treffen. Damit betont die Regierung nicht nur die Vielfalt des Landes, sondern will auch die Beziehungen zu den Kantonen und der Bevölkerung stärken.
Müstair ist nicht einfach irgendein Ort. Hier gründete Karl der Grosse um 775 das Kloster St. Johann (Claustra Son Jon) und in der Nähe fand am 22. Mai 1499 die Schlacht von Calven (Chalavaina in Romanisch) statt.
Kaiser Maximilian (1469-1519) fiel 1499 in das Engadin ein, um das Münstertal und den Umbrailpass zu erobern. Dieser Krieg der Eidgenossen gegen Habsburg wird aus diesem Grund auch Engadinerkrieg (oder Schwabenkrieg) genannt.
Die Truppen der drei Bünde (Gotteshausbund, Zehngerichtenbund und Oberer oder Grauer Bund) gingen jedoch als Sieger hervor. Dies führte zur Gründung des Freistaats der Drei Bünde im Jahr 1524.
Dieser bestand bis 1798 (französische Invasion) und wurde 1803 zum neuen Kanton Graubünden, benannt nach dem Grauen Bund. Mit dem Frieden von Basel im Jahr 1499 verschwanden die Habsburger als weltliche Macht endgültig aus dem Schweizer Territorium, abgesehen vom Engadin und Val Müstair.
Die letzten Kämpfe zwischen Habsburg und dem Freistaat der Drei Bünde fanden während der Bündner Wirren (1619-1639) statt. Es war ein Nebenschlachtfeld des Dreissigjährigen Krieges zwischen den österreichischen und spanischen Habsburgern und ihren (Unterengadiner) Verbündeten auf der einen Seite und Frankreich und seinen (Unterengadiner) Verbündeten auf der anderen Seite, wobei die protestantischen und katholischen Religionen meist miteinander über Kreuz lagen. Es entstand dadurch auch ein Bürgerkrieg.
Bis 1652 regierte Habsburg formell das Unterengadin. In diesem Jahr kauften sich die Dörfer in dieser Region frei. Diese waren jedoch schon seit langem mit dem Gotteshausbund verbunden und gehörten faktisch schon zum Freistaat der Drei Bünde. Val Müstair gehörte bis 1728 zum Bistum Chur. In diesem Jahr verkaufte der Bischof seine Rechte an Habsburg. Die Dörfer im Val kauften sich jedoch 1762 auch endgültig frei.
Die romanische Sprache
Die romanische Sprache war zu dieser Zeit noch die Hauptsprache in Graubünden, obwohl die Alemannen ab dem siebten Jahrhundert und die Walser ab dem zwölften Jahrhundert viele Gebiete deutschsprachig machten. Dreihundertfünfzig Jahre nach 1653 spricht nur noch eine Minderheit von 55 000 Einwohnern des Kantons Romanisch. Das ist jedoch noch immer mehr als die Bevölkerung des neuen Kantons von 1803!
Graubünden ist nach wie vor dreisprachig (Romanisch, Italienisch und Deutsch). Romanisch hat fünf Idiome. Im Val Müstair wird die Sprache Jauer gesprochen. Diese Sprache ist dem Vallader sehr ähnlich, hat aber ihre eigene Identität und Geschichte. Graubünden symbolisiert die Vielfalt der Schweiz schlechthin. Die physische Form des Kantons hat sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit derjenigen des ganzen Landes.
Val Müstair und die Schweiz
Das Zusammentreffen von Regierung und Regenza ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit der Landsgemeinde, die es damals auch in Graubünden gab. Markus Caduff, Präsident der Regenza, und Gabriella Binkert Becchetti, Gemeindepräsidentin von der Gemeinde Müstair, begrüssten die Regierung.
Der Plaz Grond in Müstair
Bundespräsident Ignazio Cassis verwies in seiner Rede auf die Mehrsprachigkeit und Vielfalt der Schweiz. Der symbolische Teilnehmer eines Vallader-Kurses in Scuol im Jahr 2021 und einer der Initiatoren der föderalen Unterstützung für die romanische Sprache und Kultur begann seine Rede auf Romanisch.
Markus Caduff und Bundespräsident Ignazio Cassis
In diesem Zusammenhang bestätigte der Bundespräsident auch das Existenzrecht der Schweiz: zentral steht der Wille der 26 Kantone und ihrer Bürgerinnen und Bürger, in der Confoederatio Helvetica zu leben, die sie selbst 1848 gegründet haben.
Donna Leon, Einwohnerin von Sta. Maria, und Bundespräsident Ignazio Cassis.
Daran ändert auch die (Reise-)Entfernung zwischen Genf und Müstair oder Lugano und Basel nichts. Die Schweiz ist eine Willensnation. Die Bürger und Kantone hatten und haben immer das letzte Wort. So war es 1815, 1848 und auch noch 2022.
Die Landsgemeinde gibt es im Kanton nicht mehr, aber die massvolle, ruhige und doch feierliche Stimmung und die direkten Kontakte zwischen den Einwohnerinnen und Einwohnern und den Gemeinde-, Kantons- und Bundesverwaltungen erinnern immer noch an diese Urform der Demokratie. Es war ein Treffen „nach Schweizer Art“. Davon profitieren das Land und seine Bewohner schon Jahrhunderte.
Korrektorin: Petra Ehrismann