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Die «Linde»
Geburtshaus mit Gastrecht der Zunft zu Oberstrass
Der Ursprung des Gebäudes ist unklar. Immerhin wissen wir aus einem Kaufbrief von 1628, dass an dieser Stelle bereits ein landwirtschaftliches Heimwesen mit Hofstatt, Scheune und Trotte stand und im Zehntenplan von 1682 sind entsprechende Gebäudeteile eingezeichnet. Laut Escher-Chronik scheint die „Linde“ in den Revolutionsjahren, um die Wende des 18. Jahrhunderts, zu einem Gasthaus erhoben worden zu sein. Auf dem aus dem Jahre 1793 stammenden Müllerplan ist das Haus als „Bierhaus“, eine Wirtschaft mit Brauereibetrieb angegeben.
Ein gewitzter Handel bringt die Lösung
Der reiche Bäcker und Wirt Johann Conrad Ziegler aus Winterthur kaufte 1798 die alte Herberge samt Trotte. Er plante, die einfache Unterkunftsstätte zu einem Gasthaus auszubauen, und erhielt dafür das längst fällige Tavernenrecht zugesichert. Aber noch vor der Vollendung des Neubaus rückten die Franzosen in Zürich ein und zwangen die Zünfte, das Regiment niederzulegen. Nun waren sämtliche erteilten Privilegien nicht mehr gültig, so für Ziegler auch die jüngst erworbene Bewilligung, eine Taverne mit allen Rechten und Pflichten zu führen. Dieser Mann aber war klug und gab nicht auf. Er verfügte zum Glück über genügend Geld, um in der Stadt unten ein zusätzliches Haus mit unbestrittenem Tavernenrecht zu erwerben, das er so dringend für sein umgebautes Haus in Oberstrass benötigte. Das gekaufte Haus war die „Linde“ an der Stüssihofstatt gegenüber dem Zunfthaus „zur Schmiden“. Früher, von 1510 bis 1516 gehörte die städtische „Linde“ den Schneidern, Tuchscherern und Kürschnerhandwerkern. Nachdem die Zunft zur Schneidern, die unter den rohen Schmiede-Nachbarn arg litt, aus ihrem Zunfthaus „Linde“ in ein anderes Haus umgezogen war, wurde die „Linde“ offiziell zu einer Taverne erklärt und 1525 mit einem entsprechenden Schild bezeichnet.
Das Gasthaus bekommt einen Namen
Als die „Linde“ noch eine gemütliche Dorfwirtschaft war, um 1920. Der schlaue Ziegler kaufte mit dem Haus in der Stadt auch das wunderschöne Wirtshausschild, das er um 1801 nach Oberstrass holte und an seinem Neubau anbrachte. Er verlegte den Eingang an die neue Verkehrsstrasse und liess über der Wirtschaft einen Saal einbauen, der für das kleine Dorf von grosser Wichtigkeit wurde. Bald darauf erlaubte ihm die Obrigkeit offiziell das Wirten mit Alkoholausschank auf seinem umgebauten Haus mit dem Namen „Linde“. Seit jener Zeit gehört das rechtmässig erworbene Schild mit dem Lindenbaum zu diesem für die Zunft zu Oberstrass so bedeutsamen Haus.
Das Bierhaus an der Oberen Strass bey Zürich
Der alte Lindensaal um 1920-1930. Gar manches Fest fand hier statt, aber auch politische Veranstaltungen und Versammlungen aller Art wurden abgehalten. Dieser Ziegler hatte natürlich noch viel mehr im Sinn, als nur ein einfaches Wirtshaus zu führen. Nachdem ihm die vornehmen Winterthurer die Eröffnung der ersten Bierbrauerei im Kanton überhaupt verübelten, versuchte er es in Oberstrass. 1803 richtete der tüchtige Geschäftsmann neben der „Linde“, wo heute die Post steht, eine Brauerei und eine Brennerei für Branntwein ein. Unter der Adresse „Bierhaus an der Oberen Strass bei Zürich“ machte er fleissig Reklame bei den Wirten und Weinschenken zu Stadt und Land. Selbstverständlich blieb der Erfolg nicht aus. Bald wurde sein gutes Bier überall bekannt und verlangt.
Das Biertrinken, ein volkstümlicher Genuss
1823 gab er die Trotte und die Brennerei auf und konzentrierte sich ganz auf die Bierproduktion. Er musste sich dann selbst eingestehen, dass es ohne einen tüchtigen Nachfolger nicht weiterging. Den fand er im Thurgauer Küfer und Bierbrauer Kaspar Horber aus Aadorf. 1845 verkaufte er dem erstklassigen Fachmann den ganzen Braubetrieb samt Bierhaus. Dieser erwarb bald darauf das Bürgerrecht von Oberstrass und galt von da an als Einheimischer. Das ausgezeichnete Horber-Bier machte seinem Namen alle Ehre und war das beste Bier in der ganzen Umgebung überhaupt. Der Sohn, Kaspar Horber-Ottiker, übernahm den Betrieb nach dem Tod des Vaters und liess auf der Südseite der „Linde“ eine kleine Trinkhalle anbauen, denn mittlerweile war das Biertrinken zu einem volkstümlichen Genuss geworden. Leider starb Kaspar junior erst 45-jährig im Jahr 1897. Im folgenden Jahr verkauften seine Erben den blühenden Betrieb an die eben gegründete Aktien-Brauerei Zürich. Diese legte die Brauerei Horber sofort still, schloss die Trinkhalle und führte die Taverne als Gasthof und Brauerei „zur Linde“ weiter.
Der Enkel dieses Küfers aus dem Thurgau, Dr. Otto Horber, gehörte zu den ersten Zünftern in Oberstrass. Leider gab er nach ein paar Jahren, obschon stets ein treues Mitglied, aus persönlichen Gründen den Austritt, so dass heute keine Nachkommen mehr bei den Obersträsslern zünftig sind. Erwähnenswert ist wohl noch, dass sein Sohn Otto ein bekannter Schütze war und nebst vielen Ehren den Weltmeistertitel holte. Sicher ist, dass er das Schiessen bei den Obersträssler Schützen lernte. Einmal feierten diese den Knaben sogar als Schützenkönig am Knabenschiessen. Gar mancher „Kranz“ hing im Schützenkasten in der Gaststube der „Linde“.
Der Traum vom eigenen Zunfthaus
Es ist nicht so, dass von Seiten der Zünfter keine Anstrengungen für ein eigenes Zunfthaus gemacht wurden. Schon in einer Sitzung vom 12. März 1931 gab der Zunftmeister Dr. Johann Hofmann seinen Vorstehern bekannt, dass er ein Geschäft erledigen möchte, über das strengste Verschwiegenheit gewahrt werden sollte. Es sei für die Zunft ein grosser Nachteil, dass sie nicht über ein eigenes Lokal verfüge. Auch liesse die Bewirtung an den verschiedenen Anlässen sehr zu wünschen übrig. Nun hatte er vernommen, dass das Ehepaar Guth den „Alten Löwen“ verkaufen wollte. Die Vorsteher setzten sich mit den Zünftern J. Geiger und O. Gschwind in Verbindung, welche die Pläne für einen Umbau und dessen Finanzierung ausarbeiteten. Die Guth’s entschlossen sich dann, doch noch nicht zu verkaufen, und die enttäuschten Initianten liessen das Projekt vorerst fallen. Der Zunftmeister, zwar eher ein umsichtiger Mann, war der Ansicht, dass gerade in den wirtschaftsschwachen Jahren ein Bauplatz gesichert werden sollte. Aber wo? Er dachte an das Areal der alten Brauerei, doch zeigte es sich, dass der Bauplatz für ein solches Vorhaben nicht geeignet war.
Die Suche nach Grund und Boden geht weiter
Dr. Hofmann liebäugelte noch immer mit dem „Alten Löwen“ und kümmerte sich erneut um die Guths, die, wirtemüde, den Aufgabetermin nur verschoben hatten; er schlug ihnen ein Vorkaufsrecht der Zunft für ihr Gasthaus vor. Auf diesen Vorschlag ging das Ehepaar, trotz der guten Beziehungen zu den Zünftern, nicht ein. Darauf unternahm der Zunftmeister, der für seine Zunft zu gerne ein eigenes Haus gesehen hätte, einen Versuch in eine andere Richtung. Zusammen mit Zünfter und Architekt Otto Gschwind suchte er den Stadtpräsidenten Dr. Emil Klöti und dessen Finanzvorstand auf und erkundigte sich nach einem eventuellen Erwerb eines Stück Landes auf dem Gelände der alten Kirche und der städtischen Liegenschaft „zum alten Kreuzstock“. Obwohl sich die städtischen Organe einer Landabtretung nicht abgeneigt zeigten, kam auch dieses Vorhaben zu keinem befriedigenden Abschluss.
Die andere Möglichkeit – der „Alte Löwen“
Nachdem die ganze Umgebung im Quartier Oberstrass nach einem geeigneten Ersatz für die schlecht geführte „Linde“ abgesucht worden ist und diese zu jenem Zeitpunkt auch nicht käuflich war, kamen die Vorsteher wieder auf den „Alten Löwen“ zurück. Es war bekannt, dass die Guth’s in absehbarer Zeit das Wirten aufgeben wollten. Nur wusste niemand wann. Sicher ist nur, dass die Zunft zu Oberstrass das Gebäude mit all seinen Tücken schlussendlich doch nicht kaufte und sehr wahrscheinlich gut daran getan hat. Zurück zur „Linde“, des Zünfters liebstes Gasthaus! Durch die Initiative von Ernst Egli, Hans Zollinger und Heinrich Gisler wurde im Bürgerstübli der „Linde“ die Stammtischecke heimelig gestaltet. 22 Zünfter samt dem neuen Gastwirt Schnetzer spendeten einen währschaften Zunftleuchter und ein paar edle Stiche von Zürich. In der Weihnachtswoche des Jahres 1937 weihten die stolzen Zünfter ihre Nische ein. Etwas später kam noch eine Pendule dazu, welche die jeweils Letzten unter ihnen zur Heimkehr mahnen sollte.
Kauf der „Linde“ – ja oder nein?
Durch einen Umbau in den Vierzigerjahren war die Küche instand gesetzt worden, damit auch die Essen für den Saal zubereitet werden konnten. Der alte Lindensaal konnte durch den Anbau der Kegelbahn um die Hälfte vergrössert werden. Nach Schnetzers Tod überlegten sich die Zünfter einmal mehr, ob eine Übernahme sinnvoll wäre. Entweder überlegten sie zu lange oder es fehlte schlicht und einfach das Geld nach den harten Kriegsjahren. Jedenfalls ging die „Linde“ in den Besitz des unternehmungslustigen Geschäftsmannes und Wirtes Sepp Füchslin über. Als dieser dann auch noch zünftig wurde, war das Haus für die Zünfter von Oberstrass wieder einmal mehr für ein paar Jahre gesichert und die Frage eines Kaufes gelöst. Die Wände des Saals wurden mit den 25 Wappen der Gesellschaft der Constaffel und den Zünften geschmückt. Im grambachschen Fahnen-Schrank wurden nebst den seidenen Fahnen die Silber- und Zinnkannen, Becher und die Tischglocke ausgestellt und das noch kleine Archiv aufbewahrt. Als das Archiv mehr Platz beanspruchte, wurde 1965 ein Zürcher Wellenschrank angeschafft, der viele Jahre prunkvoll den Saal zierte. Keiner dachte mehr an einen Auszug. Man hatte auch nicht im Sinn, dem Wunsch des ZZZ nachzukommen, wenigstens am Sechseläuten ein Stadtlokal zu belegen. Wer die Obersträssler besuchen wollte, hatte sich gefälligst hinauf zur „Linde“ zu begeben und war dort herzlich willkommen. Einmal kam es vor, dass keine einzige Zunft dieses freundliche Angebot annahm. Ob es sich dabei um einen kleinen Boykott handelte? Die erstaunten Obersträssler verzagten nicht, meldeten dem ZZZ ihren Unmut darüber unverzüglich, und schon im folgenden Jahr warteten sie nicht mehr vergebens auf Besuche. Diese Unterlassungssünde der anderen Zünfte brachte den listigen Dr. Johann Hofmann auf die Idee, selbst einmal als Redner – von Meister zu Meister – in die Stadt hinunterzugehen. Er überliess dem verdutzten Statthalter das Zepter und freute sich im Stillen über seinen Scherz. Zunftmeister Hofmann hatte sehr viel Sinn für Humor.
Die „Linde“ kommt wieder nicht in den Besitz der Zunft
Als Josef Füchslin im Jahr 1951 das Wirten aufgab und der Zunft die „Linde“ zum Kauf anbot, wurden die Zünfter untereinander wieder nicht einig. Wohl hätten sie das Geld auf diese oder jene Art zusammengebracht, aber nicht, ohne dabei einige zünftige Freundschaften für immer zu zerstören. Das wiederum war die alte „Linde“ denn doch nicht wert. Es siegten die Vernünftigen unter ihnen, und die „Linde“ wurde an Widderzünfter und Metzgermeister Albert Niedermann verkauft, welcher der Zunft nur zu gerne das Gastrecht zusicherte. Was wollten sie mehr als ein dauerhaftes, gutes Einvernehmen mit den jeweiligen Besitzern, solange es sich ohne eigene Zugeständnisse einrichten liess. Zwar liessen ab und zu die jeweiligen Wirte zu wünschen übrig, aber im Grossen und Ganzen kamen sie gut zurecht und mussten sich nicht mit grossen Lasten herumplagen. Als der Sohn, Urs Niedermann, die Pacht übernahm, liess sein Vater das Haus und den Saal restaurieren. Das bedeutete, dass die Zunft zum ersten Mal ihr Sechseläutenfest auswärts feiern musste. So zogen die Obersträssler mit gemischten Gefühlen in das eben durch die Stadtzunft frei gewordene Bahnhofbuffet ein und nahmen notgedrungen den Hauswechsel auf sich. Trotz der Nähe zu den anderen Zünften hätten sie nie und nimmer die gute alte „Linde“ mit dem für sie unbedeutenden Bahnhofbuffet getauscht. Nicht einmal am Sechseläuten! Tradition bleibt Tradition!
Der restaurierte Lindensaal, der Stolz der Zünfter
Der Lindensaal, wie er sich heute präsentiert. Im Hintergrund die Fenster mit den Familienwappen der Zünfter. Im Vordergrund die vom Zeugwart auf Hochglanz polierten Becher, Kannen und Kerzenleuchter. Es begann eine sehr glückliche Zeit für die Obersträssler und zusammen mit dem jungen Wirte-Ehepaar durften sie gar manches lustige Fest feiern. Die Sechseläuten und die Martinimahle bekamen einen neuen Glanz. 1975 investierten die Zünfter viel Eigeninitiative. In die Fenster liessen sie ihre Familienwappen einsetzen. Zünfter und Malermeister Arthur Anderegg erhielt den Auftrag, an die Decke die Wappen der Gesellschaft zur Constaffel und der Zünfte zu malen. Er machte das mit grosser Freude und schickte der Zunft für diese schöne Arbeit nie eine Rechnung. Die beiden Wappen der später gegründeten Zünfte Schwamendingen und Witikon wurden nach seinem Tod von Zünfter und Schwiegersohn Heinz Buchser liebevoll ergänzt. Der Saal war nun ein kleines Prachtstück mit der kupfernen Eingangstür der zünftigen Handwerksmeister, den beiden seitlich angebrachten Laternen, den wertvollen Stichen – alles Geschenke dankbarer, treuer Zünfter. Im grambachschen Schrank wurde der inzwischen angesammelte Silberschatz ausgestellt. Urs Niedermann, Widder-Zünfter und in Oberstrass aufgewachsen, war der ideale Wirt und hatte stets ein waches Ohr für die Anliegen der Zünfter. Aus echter Freude an „ihrem“ gepflegten Zunftsaal ernannten sie Albert Niedermann senior zu ihrem ständigen Ehrengast und liessen sein Familienwappen an eines der Fenster anbringen. Die freundschaftliche Beziehung hielt bis 1978, als Metzgermeister Niedermann die „Linde“ zu verkaufen beabsichtigte.
Aus der Traum vom eigenen Zunfthaus!
Erneut standen die Zünfter vor der Frage: Hauskauf oder nicht? Die Zunftvorsteherschaft liess durch die Treuhand AG des Schweizer Hotelier- Vereins eine genaue Ertrags- und Verkehrswett-Schätzung ausarbeiten. In der Zwischenzeit wurde ein derart hoher Preis genannt, bei dem die Vorsteherschaft trotz guten Willens nicht mehr mitbieten wollte und den sie schon gar nicht verantworten konnte. Zusätzlich zu bedenken waren die Kosten für den dringend nötigen Umbau, ein zunfteigenes Management und vieles mehr. Sie berieten hin und her und gaben schliesslich den Kauf der „Linde“ wohl zum allerletzten Mal auf, überzeugt, das Richtige getan zu haben. Wie leicht hätte der Wunschtraum für die Zünfter ein Albtraum werden können!
Noch einmal kam in den Neunzigerjahren als einzige Alternative der jetzt in erbärmlichem Zustand befindliche „Alte Löwen“ ins Gespräch, den die Stadt als Abbruchobjekt übernommen hatte. Zunftmeister Gubler setzte sich auf Anraten der Vorsteherschaft mit dem zuständigen Architekten Oeschger in Verbindung und liess sich die Pläne für den vorgeschlagenen Quartierbau zeigen. Der geplante Saal hätte auf keinen Fall für 150 Zünfter und Gäste an den Sechseläuten Platz bieten können. Noch einige andere wichtige Punkte stimmten mit den Vorstellungen der Zunft nicht überein. Die Vorsteherschaft ging aus diesen Gründen nicht mehr näher auf das geplante Bauvorhaben ein. Der „Alte Löwen“ verlotterte in der Folge mehr und mehr und wurde nach fast endlosen Diskussionen erst 2005 von der Stadt Zürich privaten Investoren im Baurecht abgegeben, welche das traditionelle Gasthaus einer umfassenden Sanierung zuführten.
O alte Burschenherrlichkeit!
1979 wurde die „Linde“ von der sehr vermögenden Genossenschaft „Kyburgerhaus“, einer akademischen Altherrengemeinschaft, übernommen, die bald einmal mit einem imposanten Umbau begann. Diesmal musste die Zunft für das Martinimahl und das darauf folgende Sechseläuten im Jahr 1994 in die nahe „Krone“ in Unterstrass ausweichen. Das wurde von den meisten Zünftern mit dem geheimen Wunsch akzeptiert, bald wieder in ihr angestammtes Lokal zurückkehren zu dürfen. Die „Krone“ ist halt doch nicht die „Linde“! Unterstrass ist nicht Oberstrass! Mit einem völlig neuen Konzept wurde, das muss zugegeben werden, das alte Gasthaus endlich zu einem gewinnbringenden Etablissement gebracht. Wahrscheinlich wäre das den eher konservativ denkenden Zünftern, die in unverbrüchlicher Treue am Alten hängen, nicht so schnell gelungen. Sie hatten doch eher an einen Restaurationsbetrieb in traditionellem Sinne gedacht – verständlich, aber nicht unbedingt zum Erfolg führend, wie die Vergangenheit immer wieder zeigte. Jetzt ist die gute alt-neue „Linde“ von neuem ein Bierhaus wie zu Zieglers Zeiten.
Ende gut – hoffentlich alles gut
Die alte „Linde“ bedeutet für jeden Zünfter ein Stück Heimat, einen Ort, wo man sich in Freundschaft findet und das Althergebrachte noch pflegt. Ein Auszug aus der „Linde“ käme einer Entwurzelung gleich, sind doch alle Versuche, ein ähnlich geschichtsträchtiges Gebäude auf Obersträssler Boden zu erwerben, fehlgeschlagen. Eine Umfrage bei den aufgewühlten, manchmal uneinigen Zünftern hatte zu jedem Zeitpunkt immer nur Ratlosigkeit, Unbehagen und Trauer hervorgerufen, so tief sass die Verbundenheit mit dem Haus, wo ihre zünftige Geschichte begann. Eines ist sicher: Es wäre traurig, gehörte die Zunft nur noch dem Namen nach zum Quartier Oberstrass. Die Jüngeren mögen das nicht immer verstehen, denn längst sind nicht mehr alle an diesem sonnigen Hang aufgewachsen. Gerade deshalb sollte die Zunft zu Oberstrass in ihrem Gründungshaus bleiben dürfen – für die Gründer von damals, für die Zünfter von gestern und heute und ganz besonders für die Zünfter von morgen!
Lasst uns am Alten,Gottfried Keller
so es gut ist, halten.
Doch auf altem Grund
Neues wirken jede Stund.