Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03410.jsonl.gz/1353

Proktologische Geschichte(n)
Proktologische Erkrankungen gibt es seit Menschengedenken. Berichte über Hämorrhoiden und Analfisteln finden sich schon im frühen Altertum. Einige Hämorrhoiden-Geschichten, die weit mehr als anekdotischen Charakter haben, sollen hier beleuchtet werden.
Geschichte(n) der Hämorrhoiden
In Altägypten und der biblischen Überlieferung
Erste Aufzeichnungen über Hämorrhoiden datieren aus dem Jahr 1550 v. Chr. In einer altägyptischen, 20 Meter langen Papyrusrolle, dem „Papyrus Ebers“, 1872 vom Ägyptologen Georg Moritz Ebers in Luxor gekauft, sind unter anderem Beschreibungen über Hämorrhoiden und deren Therapie verzeichnet.
Hämorrhoiden finden auch im Alten Testament bereits Erwähnung. Bei Samuel (Samuel I, 5-12) wird der Krieg zwischen Israel und den Philistern beschrieben. In diesem Krieg verloren 40‘000 Israeliten ihr Leben. Im Zuge der Schlacht wurde auch die Bundeslade (der heilige Schrein mit den 10 Geboten) von den Philistern gestohlen. Die Bundeslade wurde daraufhin in die Stadt Aschdod gebracht und in einem heidnischen Tempel aufbewahrt. Für diese Tat wurden die Philister von Gott bestraft. In einer ursprünglichen Fassung der Bibel, wie sie beispielsweise noch von den Zeugen Jehovas verwendet wird, steht:
„Und die Hand Jehovas legte sich schwer auf die Aschdoditer, und er begann eine Panik hervorzurufen und sie mit Hämorrhoiden zu schlagen, nämlich Ạschdod und seine Gebiete.“
In anderen, neueren Bibelübersetzungen wurde das Wort ‚Hämorrhoide‘ in dieser Textstelle ersetzt, zum Beispiel mit von ‚bösen Beulen‘; eine semantische Abschwächung, da das Wort ‚Hämorrhoide‘ von vielen Übersetzern als zu vulgär erachtet wurde.
Hippokrates von Kos (460-377 v. Chr.)
Hippokrates von Kos (460-377 v. Chr.) hat sich neben vielen anderen Krankheiten auch der Behandlung der Hämorrhoiden verschrieben und verschiedene Konzepte niedergeschrieben. Seinen Namen tragen mindestens 61 Schriften, die als „Corpus Hippocraticum“ bekannt sind. Das Entstehungsdatum dieser Schriftensammlung reicht vom 4. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr., wobei weitgehend unbekannt ist, welche Teile Hippokrates selbst verfasst hat. Im „Corpus Hippocraticum“ sind Techniken beschrieben, die Hämorrhoiden mit einem glühenden Eisen zu verbrennen oder sie - alternativ - mit dem Finger abzureissen:
„Eine andere Methode zu heilen. Es wächst nämlich an der aufgetriebenen Hämorrhoidalader gleichsam eine Maulbeere an, und wenn die aufgetriebene Ader stark heraus ist, so entsteht um diese eine Art Deckel von Fleisch. Man sieht dies, wenn man den Menschen auf zwei Gegenstände mit gebogenen Knien gesetzt hat. Man wird nämlich die Teile zwischen den Hinterbacken am Gesäss aufgetrieben finden, das Blut aber von innen herausfliessen sehen. Wenn also diese warzenartige Vorwölbung unter dem Deckel nachgibt, so soll man sie mit dem Finger wegnehmen. Denn es ist nicht schwerer, als einem Schafe, dem man die Haut abziehen will, den Finger zwischen Fell und Fleisch durchzubringen. Dies tut man, indem man noch spricht und ohne dass der Kranke das merkt.“
Gnadenlos aus heutiger Sicht ist, dass diese Therapien ohne Narkose durchgeführt wurden. Nach Hippokrates war eine Narkose bei dieser Therapie auch gar nicht erwünscht, denn er schilderte es weiter als Vorteil, wenn der Patient bei der Behandlung schreie, womit die Hämorrhoiden nach aussen gepresst würden, was die Behandlung erleichtere.
Der Heilige Fiakrius
Eine wichtige Persönlichkeit in der Proktologie ist der aus Irland stammende Heilige Fiakrius, Schutzpatron der Proktologen, Gärtner und Taxifahrer. Fiakrius wurde um das Jahr 600 als einer von drei Söhnen von Eoin IV., dem König der Skoten, einem irisch-keltischen Volksstamm, geboren. Er genoss eine gute Erziehung und Ausbildung. Er fühlte sich jedoch, wie viele junge Adlige dieser Zeit, mehr von der Mystik der Religion als von weltlicher Macht angezogen und verliess seine Familie und sein Land. In Frankreich, in der Diözese Meaux (40 km östlich von Paris), liess er sich nieder. Er bat den Bischof, das Leben eines Einsiedlers führen zu dürfen. Der Bischof schenkte ihm ein Waldstück, wo er seine kleine Einsiedelei aufbaute.
Als die Einsiedelei die vielen Hilfesuchenden nicht mehr fassen konnte, bat Fiakrius den Bischof, ihm mehr Land zur Verfügung zu stellen. Nach der Legende versprach ihm der Bischof so viel Land, wie er an einem Tag mit einem Pflug einzufassen vermochte. Fiakrius begab sich sofort an die Arbeit: Mithilfe eines Stockes gelang es ihm, einen tiefen Graben anzulegen. Das so umfasste Landstück verwandelte sich - allein durch die Berührung mit seinem Stock - in einen wunderschönen Garten. Eine neidische Frau sah dies und bezichtigte Fiakrius öffentlich der Zauberei. Der Bischof bestellte ihn daraufhin zu einer Unterredung.
Der Stein, der Hämorrhoiden heilt
Vorher liess er ihn jedoch mehrere Tage vor dem geschlossenen Kirchentor warten, wo er geduldig auf einem grossen Stein sass. Schliesslich empfing ihn der Bischof, befragte ihn, befand ihn für unschuldig war und entliess ihn wieder in seine Einsiedelei.
Der Stein aber, auf dem Fiakrius tagelang wartend gesessen hatte, zeigte schliesslich den Abdruck des Gesässes des Heiligen. Diesem Stein wurde bald eine geheimnisvolle Kraft zugeschrieben, Beschwerden der analen Gegend, insbesondere Hämorrhoiden, zu lindern. Der Kranke musste lediglich auf diesen Stein sitzen und daran glauben, und er war von seinem Leiden befreit.
Hämorrhoiden heissen seither auch „Erkrankung des Heiligen Fiakrius“. Nach dem Tod des Heiligen am 30. August 670 wurden seine Gebeine in der Kathedrale von Meaux (Frankreich) beigesetzt.
Doch noch ein Thronfolger
Dem heiligen Fiakrius werden, nebst der Heilung von Beschwerden in der analen Gegend, verschiedene Wunder nachgesagt, auch im Zusammenhang mit dem Nachwuchs im französischen Königshaus.
Die französische Königin, Anna von Österreich (1601-1666) galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Im Alter von vierzehn Jahren wurde sie 1615 mit dem jungen französischen König Ludwig XIII. vermählt. Anna und Ludwig XIII. waren ein Paar, das unterschiedlicher nicht sein konnte: Er bevorzugte die Jagd, sie war der Kunst und der Muse zugetan. Am Anfang ihrer Ehe kam es bereits zu drei Fehlgeburten, welche die Hoffnung auf einen Thronfolger zunichte machten. Anna wurde deshalb von Ludwig mit Nichtachtung gestraft. Als gläubige Katholikin betete Anna deshalb immer wieder zum heiligen Fiakrius, er möge ihr doch einen Thronfolger schenken. Nach zweiundzwanzig Jahren kinderloser Ehe in wachsender Verbitterung hatte Anna am 5. Dezember 1637 eine schicksalshafte Begegnung mit ihrem Mann. Dieser, der eigentlich auf dem Weg in sein Jagdschloss bei Versailles war, musste wegen eines Unwetters seine Fahrt unterbrechen und übernachtete im Pariser Louvre, wo sich die Königin für den Winter eingerichtet hatte.
Zur damaligen Zeit wurden in Schlössern nur diejenigen herrschaftlichen Räume beheizt, die auch wirklich bewohnt wurden. Der König sah sich also gezwungen, das einzige warme Schlafzimmer aufzusuchen: das Schlafzimmer der Königin. Neun Monate später brachte Anna am 5. September im Alter von knapp 37 Jahren ihr erstes gesundes Kind zur Welt, den späteren König Ludwig XIV., den Sonnenkönig. Anna führte die Geburt ihres Sohnes auf das Wirken des Heiligen Fiakrius zurück, was sie ihm mit einer Wallfahrt dankte.
Mietdroschken, von Paris bis Wien
Ein weiteres Vermächtnis des Heiligen Fiakrius ist die Namensgebung der zweispännigen Mietdroschken, wie man sie heute vor allem in Österreich kennt.
Ihren Ursprung haben die Fiaker jedoch in Paris. Das kam so: Um 1650 bot ein findiger Geschäftsmann, Nicolas Souvage, den Pariser Bürgern die ersten Mietkutschen an, um dem Staub und Dreck der Strasse zu entfliehen. Und diese Mietkutschen standen in der Rue du Saint Fiacre vor einem Wirtshaus dieses Namens. Die Bezeichnung „Fiaker“ für die zweispännigen Mietkutschen setzte sich bald auch in anderen Ländern durch. In Österreich tragen sie ihn bis heute.
Eine Vergeltung des Heiligen Fiakrius?
Der Heiligen Fiakrius beeinflusste möglicherweise auch den Hundertjährigen Krieg, womit die englisch-französischen Konflikte im 14. und 15. Jahrhundert zusammengefasst werden.
Ausgangspunkt und Kernstreitpunkt des Hundertjährigen Krieges, zu dessen Kriegshandlungen die Schlacht von Azincourt zählt, war der englische Anspruch auf den französischen Thron. Die Schlacht von Azincourt fand am 25. Oktober 1415, im heutigen Arras (Frankreich) statt. Die Truppen von Heinrich V. von England kämpften gegen das Heer von König Karl VI. von Frankreich. Etwa 25'000 Franzosen standen ca. 6000 Engländern gegenüber. Von diesen 6000 Engländern waren rund 5000 Bogenschützen.
Diesen Bogenschützen wird schlussendlich der militärische Sieg der Engländer zugeschrieben, denn der Angriff der schweren französischen Reiterei blieb nicht zuletzt wegen des massiven Einsatzes dieser Langbogenschützen ineffektiv. Die militärische Niederlage Frankreichs war so nachhaltig, dass Heinrich V. 1420 Frankreich den Vertrag von Troyes aufzwingen konnte. Durch die Heirat der französischen Königstochter Katharina von Valois sicherte sich Heinrich V. den Anspruch auf den französischen Thron.
Nach diesem Sieg, so wird berichtet, kam es zu schändlichen Gräueltaten, die von Heinrich V. befohlen oder zumindest gebilligt wurden. Einerseits liess Heinrich V. alle französischen Gefangenen töten. Man schätzt auf französischer Seite etwa 8000 Gefallene, auf Seite der Engländer jedoch nur rund 400. Die englischen Soldaten schliesslich plünderten, brandschatzten und vergewaltigten. Unter anderem plünderten sie Kirchen und entwendeten mitunter Reliquien des Heiligen Fiakrius.
Sechs Jahre später, 1421, kehrte Heinrich V. erneut mit 4000 Mann nach Frankreich zurück, mit dem Ziel, die Stadt Orleans einzunehmen. Er musste jedoch lange auf Versorgungsgüter warten, weshalb es nicht zum Sturm auf Orleans kam.
Er belagerte die Stadt Meaux, die Stadt, in der die Gebeine des Heiligen Fiakrius aufbewahrt sind, damals wie heute. Heinrich V. wurde aber in dieser Zeit sehr krank. Er litt unter sehr starken Schmerzen und Blutungen, die seinen Hämorrhoiden zugeschrieben wurden. Sein Lebenswandel mit schlechter Ernährung, wenig Bewegung und exzessivem Alkoholkonsum mochte deren Entstehung gefördert haben. Heinrich V. starb schliesslich während der Belagerung von Meaux.
Geschichtliche Quellen lassen vermuten, dass der König an der Ruhr verstorben ist. Doch andere Quellen sehen in den königlichen Hämorrhoiden die Todesursache und vermuten eine späte Rache des Heiligen Fiakrius für des Königs Plünderungen. Diese Theorie wird durch den Todestag von Heinrich V. genährt. Der englische König verstarb nämlich genau am 30. August 1422, dem Todes- und Namenstag des Heiligen Fiakrius.
Napoleon und die Schlacht von Waterloo
Hämorrhoidenbeschwerden hatten wohl in der Weltgeschichte nie eine grössere historische Tragweite wie an jenem Tag im Jahr 1815. Zu diesem Zeitpunkt war Napoleon Bonaparte infolge seines gescheiterten Russlandfeldzuges 1812 von den anderen europäischen Grossmächten bereits einmal zur Abdankung gezwungen und auf die Insel Elba verbannt worden. Anfangs 1815 war er jedoch mit rund 1000 ihm ergebenen Soldaten aus der Verbannung entkommen und Richtung Paris marschiert. Dabei gelang es ihm, die gegen ihn entsandten Truppen dazu zu bewegen, ihn erneut als Kaiser anzuerkennen und sich ihm anzuschliessen. Es begann die sogenannte Herrschaft der 100 Tage. Die anderen europäischen Grossmächte waren sofort alarmiert, befürchteten eine erneute französische Vorherrschaft auf dem Kontinent und schickten unter Führung des englischen Herzogs von Wellington sowie des preussischen Generalfeldmarschalls Blücher starke Truppen gegen Frankreich. Auf dem Gebiet des heutigen Belgiens kam es zu zwei Schlachten, zunächst bei Ligny, wo Napoleon die Preussen schlagen, aber nicht entscheidend schwächen konnte, und am 18. Juni 1815 bei Waterloo, wo Napoleon zunächst nur auf Wellingtons Armee traf.
Am Tag der Schlacht war Napoleon gesundheitlich und durch Hämorrhoidenbeschwerden so angeschlagen, dass er die Schlacht nicht wie gewohnt vom Sattel eines Pferdes verfolgen konnte. Um 10 Uhr morgens legte er sich noch einmal für eine Stunde zu Bett, bevor er gegen 11:30 Uhr den Angriffsbefehl gab. Eine ähnliche Zögerlichkeit hatte er auch bei Ligny am Tag zuvor gezeigt, als er nach dem Sieg darauf verzichtete, die preussischen Truppen zu verfolgen und weiter zu schwächen.
Beide Verzögerungen erwiesen sich als verhängnisvoll für Napoleon. Nachdem er zunächst erfolgreich gegen Wellingtons Armee vorgegangen war, erreichten am Nachmittag die kurz zuvor noch besiegten preussischen Truppen das Schlachtfeld. Sie stellten eine so starke Übermacht gegenüber den Franzosen her, dass die Schlacht entschieden war. Napoleon flüchtete nach Paris, hatte aber beinahe allen Rückhalt für seine Herrschaft verloren. Am 22. Juni 1815 trat er zurück. Er wurde auf die Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er am 5. Mai 1821, vermutlich an Magenkrebs, verstarb.
Ägypten betete für Jimmy Carter
Eine historisch einmalige Zuwendung wurde dem 39. US-Präsidenten Jimmy Carter aufgrund seiner Hämorrhoiden zuteil. An Weihnachten 1978 litt er an sehr starken Hämorrhoiden-Schmerzen. Für einen Tag sagte er alle Amtstermine ab und floh aus Washington in die Präsidenten Residenz nach Camp David, um Ruhe vor der Öffentlichkeit zu haben. Ein einmaliger Vorgang während Carters Präsidentschaft. Die gewonnene Zeit nutze Carter, um mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat zu telefonieren. Auf Carters Betreiben war es im gleichen Jahr zu einer Annäherung zwischen Israel und Ägypten gekommen, was schliesslich zu einem Friedensvertrag führte, dem ersten zwischen Israel und einem arabischen Land.
Als Sadat von Carters Beschwerden hörte, forderte er in einer Pressemitteilung am nächsten Tag alle Ägypter auf, ob Muslime oder Christen, für den amerikanischen Präsidenten zu beten. Tatsächlich ging es Carter einen Tag nach Weihnachten so deutlich besser, dass er überlegte, sich öffentlich für die Gebete zu bedanken. Laut Angaben in seiner Autobiographie kam er jedoch von diesem Gedanken wieder ab, weil er seiner Krankheit nicht noch mehr Aufmerksamkeit zuteil lassen wollte. Dennoch, so schreibt er, seien die Gebete, denen er die Besserung seiner Schmerzen zuschrieb, das schönste und wohltuendste Weihnachtsgeschenk gewesen, das er jemals erhalten habe.
Geschichte(n) der analen Fisteln
Von Sir John Arderne zu Felix de Tassy
Wer von der Geschichte der Analfisteln spricht, kommt an Sir John Arderne, dem englischen Chirurgen und Vater der Proktologie, nicht vorbei. Er ist 1307 in Newark-on-Trent geboren und 1392 in Nottingham gestorben. Er hat sich eingehend der Therapie der Analfisteln gewidmet, einer Krankheit, die bei Rittern damals sehr verbreitet war. John Arderne galt damals als sehr erfolgreich, was statistisch ausgedrückt bedeutete, dass "lediglich" etwa die Hälfte der Patienten nach dem Eingriff verstarb.
Arderne hat eine detailgetreue, bebilderte Anleitung zur chirurgischen Behandlung der Analfisteln verfasst – und diese Anleitung ist heute in der Glasgow Special Collections Library zu sehen. Sein Buch "Practica in Fistula in Ano" befasste sich jedoch nicht nur mit der Behandlung der Analfistel, sondern er gab auch Ratschläge, wie Ärzte sich im Allgemeinen verhalten und welche Preise sie verlangen sollten. Er war der Meinung, dass ein Arzt nie weniger als 5 Pfund vom Patienten verlangen sollte – mehr, als die meisten Leute jener Zeit in einem Jahr verdient haben.
Louis XIV., seine Leibärzte und die Chirurgie
Der berühmteste proktologische Patient ist wohl Ludwig XIV., der Sonnenkönig. Schon als Vierjähriger wurde Ludwig am 14. Mai 1643 als König inthronisiert. Seine Leibärzte waren um den König stets sehr besorgt.
Zu jener Zeit war man der Auffassung, dass viele Krankheiten im Darm ihren Ursprung nehmen und nur ein leerer Darm ein gesunder Darm sei. Deshalb verschrieben die Ärzte des 17. Jahrhunderts gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele am laufenden Band Abführmittel. Für die Gesundheit seiner Majestät - darüber waren sich die Leibärzte einig - waren nur die besten und stärksten Abführmittel gut genug, und zwar täglich eingenommen. Täglich musste Louis also seine „Bouillon purgatif“ schlürfen, ein Sud aus Schlangenpulver, Weihrauch und Pferdemist. Erstaunlicherweise tat das schreckliche Getränk durchaus seine schreckliche Wirkung. Zu alledem wurden dem König während seiner Amtszeit rund 2000 Einläufe verabreicht. Und da es zu den vornehmsten Pflichten der Leibärzte gehörte, täglich zu notieren, wie oft seine Majestät seinen Darm entleeren muss, so wissen wir, dass Ludwig täglich zwischen 14 und 18mal an jenem Örtchen sitzt, wo auch der der König zu Fuss, allerdings in Würde schreitend, hingeht - es wäre in Versailles undenkbar gewesen, dass seine Majestät rennt. Diesen verlangsamenden Umständen ist wohl die berüchtigte Duftnote des Königs zuzuschreiben, war Erreichen des Örtchens doch häufig nicht mehr gewährleistet.
In einer holländischen Karikatur aus dem Jahr 1689 wird die Thematik aufgenommen. Sie zeigt Ludwig XIV., wie er gerade einen Einlauf verabreicht erhält. Im Jahre 1686 endlich bäumt sich das königliche Gedärm gegen die jahrzehntelange ärztliche Misshandlung auf. Zuerst mehren sich in den ärztlichen Tagebüchern Sätze wie „seine Majestät hat heute wieder Blut gestuhlt“. Dann bildet sich am After ein faustgrosses Geschwür.
Es ergeht nun der Befehl an alle Beamten des Reiches, all jene Untertanen ausfindig zu machen, die ein ähnliches Geschwür an ihrem Gesäss aufweisen wie der König, und sie unverzüglich nach Paris zu bringen, zur Verfügung von Professor Felix de Tassy.
Zu seiner Zeit war der Sorbonne-Professor eine chirurgische Kapazität. Den bedauernswerten Menschen aus dem Königreich durfte er reihenweise das Gesäss aufschneiden und wieder zunähen, so dass sie auch reihenweise auf den Friedhof gebracht werden mussten. Ludwigs Schmerzen aber waren inzwischen so unerträglich geworden, dass er am 17. November selber den Befehl erteilte, ihn am folgenden Morgen - koste es, was es wolle - zu operieren. Anwesend war auch seine Mätresse Madame de Maintenon. Sie rezitierte laut das benediktinische Nachtgebet: „In manus tuas domine, commendos spiritum meum“, (Oh Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist). Die Operation wird von Professor Felix mit einem eigens für diese Operation gemachten Skalpell durchgeführt, dem ‚königlich gekrümmten Skalpell‘.
Felix führt mit diesem Skalpell zehn Schnitte im königlichen Analbereich aus. Es ist wohl eher den Gebeten von Madame de Maintenon als der Kunst von Professor Felix zuzuschreiben, dass die Operation wider Erwarten gelingt. Alle medizinischen Verrichtungen am Hof von Versailles sind peinlichst genau notiert worden. Deshalb ist auch bekannt, dass sich in den Tagen nach der Operation mehr als dreissig Höflinge bei Professor Felix de Tassy gemeldet haben - mit dem dringenden Ersuchen, sie doch bitte an der gleichen Stelle zu operieren wie seine Majestät. „Ich habe“, schreibt Professor Felix, „jeden der Herren eingehend am betreffenden Körperteile untersucht, habe aber nichts gefunden, was einen chirurgischen Eingriff rechtfertigen würde. Als ich ihnen diese Diagnose mitteilte, war keiner unter ihnen, der nicht tief enttäuscht, ja beleidigt gewesen wäre.“
Der König litt nach der Operation an grossen Schmerzen (die Operation wurde ohne Narkose durchgeführt). Gleich nach dem Eingriff liess man seine Majestät auch noch zur Ader. Niedergedrückt auf einen Beichtschemel galt es anschliessend eine grosse Danksagungsmesse in der Hofkirche zu absolvieren. Um seine Genesung zu demonstrieren, musste der König sein Mittagessen vor dreissig Personen einnehmen und am Nachmittag zwei Stunden lang dem grossen Rat des Königreichs vorsitzen. Selbst wenn der König vom Operationstisch kam, war es unmöglich, irgendetwas am pompösen Tageslauf in Versailles zu ändern.
Durch das Gelingen dieser Operation wurde der chirurgischen Tätigkeit eine ganz neue Aufmerksamkeit zuteil. Chirurgische Eingriffe zu jener Zeit wurden meist von den damaligen Coiffeuren und Barbieren ausgeführt. Ludwig XIV. jedoch förderte seit der gelungenen Operation seiner Analfistel fortan die Chirurgie, sodass sie sich entwickeln konnte.
So gesehen ist es Felix de Tassy, Ludwig XIV., Anna von Österreich und auch dem Heiligen Fiakrius zu verdanken, dass die Chirurgie heute eine eigenständige, medizinische Disziplin darstellt. Dies aufgrund einer einzigen königlich-proktologischen Operation.