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In unserer „Info-Ecke“ geht es wieder ums Thema Wahrsagen, genauer gesagt um Orakel. Lesen Sie beispielsweise, was es mit dem chinesischen Orakelbuch I Ging auf sich hat. Zum Einstieg stellen wir Ihnen allerdings erst einmal das berühmteste Orakel der Welt vor.
Im antiken Griechenland waren über 200 verschiedene Methoden des Wahrsagens bekannt. Das Orakel nahm dabei eine Sonderstellung ein. Das bekannteste Orakel von allen, benannt nach der nahe gelegenen Stadt Delphi, war die bedeutendste Kultstätte der hellenistischen Welt. Der Stein Omphalos im Tempel bei Delphi markierte für die alten Griechen den Nabel der Welt.
Zunächst konnte das Orakel nur einmal jährlich am Geburtstag des Sonnengottes Apollon befragt werden, später allerdings jeweils am siebten Tag eines jeden Monats. Schließlich war der Tempel bei Delphi Apollon geweiht, der unter anderem als Gott der Weissagung galt. Im Winter pausierte das Orakel für drei Monate. Vor der Befragung musste eine junge Ziege mit eiskaltem Wasser besprenkelt werden. Nur wenn diese zusammenzuckte und anschließend geopfert wurde, durfte das Orakel sprechen. Die berühmte Priesterin Pythia fungierte dabei als Medium des Orakels. Den Titel Pythia trugen im Laufe der Jahrhunderte jedoch viele verschiedene Frauen.
Zur Vorbereitung badete die jeweilige Amtsinhaberin in einer heiligen Quelle und trank von einer weiteren, um kultisch rein zu werden. Anschließend setzte sie sich auf einen Dreifuß über einer Erdspalte und ließ sich von den daraus emporströmenden Dämpfen in eine Art Trance versetzen. Dadurch konnte Apollon sie als Medium benutzen. Jetzt erst wurden die Ratsuchenden vorgelassen und durften ihre Fragen stellen.
Armen Pilgern waren nur solche gestattet, die mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten. Reiche Menschen, die zu großzügigen Spenden bereit waren, durften umfangreichere, individuellere Fragen stellen. Die Pythia antwortete ihnen in Form von rätselhaften Versen, die erst noch zu deuten waren. Beispielsweise erhielt König Krösus folgenden Orakelspruch: „Wenn Krösus den Halys
überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören.“ Krösus bezog diese Aussage auf das feindliche Perserreich, durch den Krieg zerstörte er jedoch sein eigenes.
Schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. benutzten die Menschen Orakelknochen zur Befragung des damals noch mündlich überlieferten I Ging. Später verwendeten sie Schafgarbenstängel oder auch Münzen. Die frühesten Schriftzeugnisse des chinesischen Orakelbuchs stammen aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr., doch der heute vorliegende Text entstand erst im siebten Jahrhundert n. Chr.
Das I Ging besteht aus einer Sammlung von Strichzeichen und dazugehörigen Sprüchen. Es enthält 64 verschiedene Grundzeichen, die sogenannten Hexagramme. Ein Hexagramm umfasst sechs waagerechte Linien, die jeweils entweder durchgehend (hart) oder unterbrochen (weich) sind. Diese Bilder können in verschiedene Themenfelder unterteilt werden. Beispielsweise
beschreiben die ersten beiden der 64 Hexagramme Kräfte, andere wiederum Situationen oder Aufgaben, persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten. Meist enthalten sie abstrakte Begriffe
mit verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten.
Die Hexagramme setzen sich jeweils aus zweimal drei Linien, zwei Trigrammen, zusammen. Insgesamt gibt es acht verschiedene Trigramme, denen die folgenden Bedeutungen zugeschrieben werden: Himmel steht für Trockenheit, Sumpf für Wechsel, Feuer für Trennung, Donner für Erregung, Wind für Sanftheit, Wasser für Gefahr, Berg für Aufrichtigkeit und Erde für Weiblichkeit.
Im Hexagramm stehen die beiden Trigramme in Wechselwirkung zueinander. Das untere Trigramm (die unteren drei Linien) steht hierbei für den inneren Aspekt (Person) des Hexagramms, das obere für seinen äußeren Aspekt (Situation). Der vom Hexagramm beschriebene Wechsel verbindet also die Person mit der äußeren Situation. Das dritte der 64 Zeichen, genannt Anfangsschwierigkeit, besteht zum Beispiel aus den beiden Trigrammen „Gefahr“ (außen) und „Erregung“ (innen).
Nach dem I Ging wird die Welt durch die Wandlung der beiden gegensätzlichen Urkräfte geformt. Diese Grundprinzipien sind das Schöpferische (erstes Zeichen = Himmel, yang) und das Empfangende (zweites Zeichen = Erde, yin). Alle Weltsituationen bestehen aus je einer spezifischen Yin-Yang-Mischung, die den jeweiligen Wandel verursacht. Die 64 Bilder sollen alle erdenklichen Zustände auf Erden darstellen. Kennt man das I Ging, kennt man demnach auch die Gesetzmäßigkeiten des Wandels und ist in der Lage, diesen zu beeinflussen. Die
Befragung des Buchs der Wandlungen dient also der Einsicht in bevorstehende Veränderungen, durch die der Mensch dem Ideal des „Edlen“ näher kommen soll. Seine Aufgabe besteht darin, sich an den Veränderungen zu orientieren, ohne sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Dabei sollte er stets maßhalten. Um sich auf den Wandel vorzubereiten, muss er sich der Gefahr, die in diesem liegen kann, bewusst sein. Außerdem wird von ihm Selbstkritik verlangt, denn schließlich birgt jede Veränderung die Gefahr des Scheiterns in sich.