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Wanderalbatrosse haben eine grosse Fangemeinde, besonders unter den Besuchern von subantarktischen Inseln. Denn die grössten Seevögel der Welt sind nicht nur majestätisch in der Luft, sondern begeistern die Menschen auch mit ihrer Lebensweise. Grundsätzlich gelten nämlich die Seevögel als ausgesprochen monogam und bleiben bei ihren Partnern während des ganzen langen Lebens. Davon will aber wohl eine Population der Wanderalbatrosse nichts wissen, wie ein internationales Forschungsteam herausgefunden hat.
Auf Possession Island, einer der Inseln des subantarktischen Crozet-Archipels, dominieren diejenigen männlichen Wanderalbatrosse, die mutig und entschlossen sich einem Weibchen nähern, über ihre Geschlechtsgenossen und sie haben mehr Glück auch bei Weibchen, die bereits in einer Beziehung sind. Ausserdem laufen sie weniger in Gefahr, ihre Beziehung zu ihrer Partnerin zu verlieren als die scheuen Männchen, die Konfrontationen aus dem Weg gehen. Das ist das Resultat einer Studie von Ruijiao Sun, Studentin am Massachusetts Institute of Technology MIT, die unter der Leitung von Stephanie Jenouvrier vom Woods Hole Oceanographic Institute WHOI, die Wanderalbatrosse auf der Insel untersucht hatte. «Eine Scheidung geschieht zwar nicht oft», erklärt Stephanie Jenouvrier, «aber wir fanden heraus, je scheuer ein Vogel ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er geschieden wird.»
Frühere Langzeit-Studien an den Wanderalbatrossen auf der Insel hatten gezeigt, dass die Tiere ganz individuelle Persönlichkeiten haben mit ganz unterschiedlichen Merkmalen. Deshalb stellte sich für Sun und Jenouvrier die Frage, ob sich die schon früher beobachtete höhere Scheidungsrate (im Vergleich zu anderen subantarktischen Inseln) auf die Persönlichkeiten der Vögel zurückzuführen liess. «Wir wissen, dass die Persönlichkeit die Scheidung beim Menschen vorhersagt, und es wäre intuitiv, die Verbindung zwischen Persönlichkeit und Scheidung bei Wildtieren herzustellen», erklärt Ruijiao Sun. In einer früheren Arbeit hatte Sun entdeckt, dass nicht nur die Scheidungsrate höher liegt, sondern dass die Tiere, die sich scheiden liessen dies immer wieder tun, ähnlich wie es bei Menschen bekannt ist, fügt Stephanie Jenouvrier an.
Deswegen verglich man die Persönlichkeitsmerkmale, die seit 2008 von der Co-Autorin der Studie, Dr. Samantha Patrick von der Universität Liverpool, untersucht wird. Das Ergebnis der Studie war ziemlich eindeutig: Während bei Weibchen die Persönlichkeit keinen Einfluss auf das Scheidungsverhalten hat, waren bei den Männchen diejenigen, die mutig und selbstsicher auftraten, weniger von Scheidung betroffen, als diejenigen Männchen, die beim Auftauchen und Bedrängen eines zweiten Männchens den Rückzug antraten.
Für die Gründe dieses Verhalten fand das Forschungsteam ebenfalls eine Erklärung. Die Ile de la Possession ist ein zum französischen Crozet-Archipel gehörende Insel, die auf halbem Weg zwischen Madagaskar und Antarktika liegt. Die hier lebenden Wanderalbatrosse sind viel stärker der Gefahr des Fischerei-Beifangs ausgesetzt als anderen Orten, da in den Gewässern rund um den Archipel sowohl legaler wie auch illegaler Fischfang auf Schwarzen Seehecht und andere Fische betrieben wird. Da dieser Fang in den Gebieten stattfindet, in denen auch die Wanderalbatrosweibchen unterwegs sind, sterben diese überproportional häufig an den Langleinen der Fischereischiffe. Dadurch entsteht auf der Insel ein Ungleichgewicht zwischen Männchen und Weibchen. Diejenigen Männchen, die ihre Partnerin verlieren, geraten dadurch in eine Art Paarungsverzweiflung, wenn die Partnerin nicht mehr auftaucht und er drängt sich zu den nächsten Paaren. Dort versucht er das Weibchen auf seine Vorzüge umzuschwenken und kann dabei auch aggressiv vorgehen. Wenn ein scheues Männchen sich dieser Situation gegenübersieht, wird die Partnerin nicht verteidigt und diese wendet sich dann dem neuen zu.
Da dies spezielle Verhalten in der Regel vor der eigentlichen Paarung stattfindet, sind die Jungvögel wohl kaum betroffen. Doch welche Auswirkungen dieses Verhalten auf die Population insgesamt hat, wollen Sun und Jenouvrier als nächstes erforschen. Für die vertriebenen Männchen bleibt nur die Hoffnung, eine neue Partnerin, die noch nicht umworben wurde, zu finden. Doch die Zeit dafür wird immer knapper, denn global sinkt die Zahl der Wanderalbatrosse, trotz Schutzbemühungen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal