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Brote im Museum – Zeugnisse sozialer Not?Veröffentlicht am 1.7.2020, zuletzt geändert am 3.10.2023 #Moderne und Neuzeit
In der Sammlung des Historischen Museums Basel haben sich zwei Brote erhalten. Das eine, ein Brötchen von 12 cm Länge, liegt in einem verglasten Kartonkistchen und ist beschriftet mit: “Ein Zweibatzen-Brödchen aus dem Theuerungsjahr 1817”. Ein weiteres, ähnlich winziges Brot aus dem Jahr 1847 trägt die Aufschrift: “Zu 27 Rappen das Hausbrot – gekauft bei Frau Thurneissen für 12 btz. den 10. Februar 1847”. Zeugen diese Brote von Hunger?
Krisenjahre
Die Jahre 1817 und 1847 sind als Krisenjahre des 19. Jahrhunderts bekannt. 1816 führte eine katastrophale Ernte zu einer Getreideknappheit und damit zu einer immensen Teuerung des Brotes – dem damaligen Hauptnahrungsmittel. Grund dafür war der gewaltige Ausbruch des Vulkans Tambora im heutigen Indonesien, dessen Asche das Erdklima massiv abkühlte. Das Gebiet nördlich der Alpen war von diesem “Jahr ohne Sommer” stark betroffen. Im Jahr 1847 fiel schliesslich eine kühl-feuchte Phase mit einer schlechten Ernte und der weit verbreiteten Kartoffelfäulnis zusammen.
Sogenannte Hungerbrote oder Hungerwecken haben sich als Erinnerungsstücke an Krisenzeiten in einigen Museen erhalten. Die armseligen Brote – von früherem Brotkäferbefall durchlöchert – wecken das Gefühl, dass es sich hierbei um aussergewöhnliche historische Zeugnisse handelt. Sie suggerieren eine Nähe zu Mangel und Not der Bevölkerung. Schliesslich hätte man sie essen können … Doch was sagt ein solches Brot tatsächlich aus? Was verschweigt es? Welche Deutungen lässt es zu?
Ein Brot als Zeugnis für Hunger?
Die Begriffe “Zweibatzen” und “Theuerungsjahr” in der Beschriftung legen nahe, dass die Not durch die Höhe der Lebensmittelpreise verursacht wurde. Tatsächlich kostete im Juni 1817 ein Brot 39 Rappen, wofür man zwei Jahre vorher 13 Rappen bezahlt hatte. Von dieser Situation legt das Erinnerungsstück Zeugnis ab: Auf dem Höhepunkt der Krise erhielt man für zwei Batzen (= 20 Rappen) nur noch ein erbärmliches kleines Brötchen. Die Teuerung war für die Bevölkerung das Hauptmerkmal der Krise. Hunger litten jene Bevölkerungsschichten, die sich das Brot nicht mehr leisten konnten.
Doch Einblick in ein konkretes soziales Umfeld ermöglicht das kleine Brot nicht. Es ist nicht bekannt, aus welchem Haushalt es stammt. Hat jemand das Brot aufbewahrt, der sich diese Entbehrung erlauben konnte? Immerhin liefen die Geschäfte der Basler Oberschicht trotz Krise gut. Doch auch die Dokumentation aus dem Jahr 1906, als das Objekt im Museum inventarisiert wurde, sagt nichts über den gesellschaftlichen und sozialen Hintergrund aus.
Objekte sprechen nicht
Um die stummen Objekte in einen Kontext einzubetten, müssen weitere Quellen herangezogen werden. Die Kantonsblätter der Jahre 1816/1817 geben etwa Aufschluss über die genaue Entwicklung der Getreidepreise oder über den behördlichen Umgang mit der Situation. Wöchentlich finden sich Verbote, Brandwein herzustellen, Weissmehl zu mahlen, Lebensmittel zu horten oder mit Gewinn weiterzuverkaufen. Es wird davor gewarnt, wegen der “nahrungslosen Zeitumstände” die Kartoffeln vorzeitig auszugraben. Die Behörden zeigen sich als fürsorgliche Obrigkeit, doch wird auch der disziplinierende Charakter dieser Fürsorge deutlich. Öffentliche Feste werden abgesagt, das Tanzen und Feiern verboten. Wer das Tanzverbot übertritt, wird von jeglicher wohltätigen Unterstützung ausgeschlossen.
Klimawandel und Globalgeschichte?
Dass sich das Zweibatzen-Brötchen von 1817 mit einem geografisch weit entfernten Ereignis verbinden lässt, gibt ihm einen aktuellen Touch. Es führt uns vor Augen, dass historische Prozesse oft in einem globalen Zusammenhang stehen und sich der berühmte “Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt” tatsächlich dramatisch auf Natur und Mensch auswirken kann.
Doch unabwendbare Naturkatastrophen sind selten die alleinige Ursache für Hunger und Armut. Die Massenarmut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hing auch mit einem starken Bevölkerungswachstum und einem strukturellen Wandel in der Landwirtschaft und Industrie zusammen. Das fortwährende Problem bestand darin, dass die ärmeren Bevölkerungsschichten ihr gesamtes Geld für das Allernötigste an Nahrung ausgeben mussten.
Ein nicht gegessenes Brot 2019? Das ist nicht erstaunlich und kein museumswürdiger Einzelfall. 56 Prozent an produziertem Brot gehen heute verloren; mehr als die Hälfte an Brot wird nicht verzehrt, sondern entsorgt.
Quellen
Abbildungen
Abb. 1: Zweibatzen-Brötchen (1817), Historisches Museum Basel, Alter Bestand, Inv. 1906.2952.
Gudrun Piller studierte Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit sowie Germanistik. Ihre Dissertation zur Körper- und Medizingeschichte des 18. Jahrhunderts erschien 2003. Sie leitete die Abteilung Bildung & Vermittlung am Historischen Museum Basel und – nach mehreren Jahren als Vizedirektorin – das Museum interimistisch als Direktorin von 2015-2017. Seit 2017 ist sie Kuratorin der Historischen Abteilung. Sie ist Mitglied des Vereins Basler Geschichte.