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Kultur

Albanische Volksmusik

Wenn drei oder vier Männer zusammensitzen, fangen sie an zu singen. Ein Artikel über die lebendige Volksmusiktradition in Albanien und zum albanischen Volksmusikwettbewerb in Gjirokaster vom 20.-23. November 1994
Draussen, im Dunkel der Nacht, erklang ein Lied. Zuerst verhalten, leise getragen von tiefen, kräftigen Stimmen, dann stärker und stärker, und das Lied schwoll so machtvoll an, dass es gegen die Zeltwände prallte wie Regen und Sturm in den Herbstnächten, und das Zelt schien zu erbeben und sich zu ducken.
»Die Arbeiter singen«, sagte der General und blickte von der Karte auf.
Sie lauschten eine Weile.
»Das ist bei den Albanern in einigen Gegenden so Brauch«, sagte der Priester. »Wenn drei oder vier Männer zusammensitzen, fangen sie an zu singen. Ein alter Brauch.«
»Die Arbeiter singen«, sagte der General und blickte von der Karte auf.
Sie lauschten eine Weile.
»Das ist bei den Albanern in einigen Gegenden so Brauch«, sagte der Priester. »Wenn drei oder vier Männer zusammensitzen, fangen sie an zu singen. Ein alter Brauch.«Nicht nur die Männer singen, wie es hier Ismail Kadaré in seinem Buch Der General der toten Armee darstellt - auch die Frauen haben eigene Gruppen oder treten in gemischten Formationen auf. Nicht nur dem General dringt die Kälte bis ins innerste Mark, sondern die meisten Zuhörer werden gepackt von den faszinierenden polyphonen Gesängen, die im Süden von Albanien Tradition haben.
Ein wichtiges und bemerkenswert eigenständiges albanisches Kulturgut ist die Volksmusik. Die Unterscheidung zwischen Volksmusik und komponierter Musik war in Albanien nie sehr wichtig. Die komponierten Melodien beziehen stets auch Elemente der Volksmusik mit ein. Albanien lässt sich musikalisch in zwei Regionen aufteilen: den Norden (Gegen) und den Süden (Tosken und Laben). Die Trennlinie, die sich auch im Dialekt und in der Musik niederschlägt, ist der Fluss Shkumbin. Der Norden ist musikalisch eher schroff und rhythmisch, der Süden weich und lyrisch. Die einstimmigen Gesänge sind im Norden beheimatet, eine auf der ganzen Welt wohl einzigartige Polyphonie im Süden.
Die zwei, drei und vierstimmigen Gesänge der Tosken und Laben erzählen alte und neue Geschichten. Sie entstehen spontan an Hochzeiten, Begräbnissen und an anderen wichtigen Anlässen. Ein oder zwei Solisten singen eine Geschichte. Sie werden unterstützt von einer Gruppe, die einen bordunartigen Bass singt. Diese Bassstimme ist ein tiefer liegender Ton, den die Albaner Iso nennen. Er lässt sich mit dem Klang eines Dudelsacks vergleichen. Die Texte der Lieder können ernst, heroisch, historisch, aber auch durchaus lustig sein. Oft reagieren die Solisten spontan auf gewisse Situationen und vertonen sie direkt. Auf diese Art sind die meisten Gesänge entstanden.
Enver Hoxha förderte die traditionelle albanische Volksmusik stark. Gleichzeitig verbot er aber auch sämtliche westliche Musik. Alle fünf Jahre fanden in Gjirokaster, seiner Heimatstadt, Treffen und Wettbewerbe der besten albanischen Musiker statt. In zahlreichen regionalen Vorausscheidungen wurden die besten Sänger und Instrumentalisten ermittelt. Das Finale in Gjirokaster dauerte mehrere Tage und wurde direkt im Fernsehen übertragen. Mit der Änderung der Regierungsform konnte diese Tradition nicht mehr aufrechterhalten bleiben. Auf der Burg über Gjirokaster, wo das Festival jeweils stattfand, zeugen noch heute ein paar rostige Bühnenelemente von diesem Anlass.
Gezim Radani, von Beruf Choreograph für Volkstanzgruppen, arbeitet daran, dass diese Tradition weiter lebt. Mit privaten und staatlichen Geldern hat er bereits drei erfolgreiche Festivals im vergangenen Jahr durchgeführt: im Mai in Lozha für den Norden des Landes, im Juni in Korça für die Tosken und vom 20.-23. November 1994 in Gjirokaster für die Laben. Den Gruppen, die eingeladen waren, konnten die Spesen vergütet werden, es winkten auch Preise für die Gewinner. In diesem Jahr ist ein Festival in Vlora mit Musik von ganz Albanien vorgesehen.
Zwei der polyphonen Gesangsgruppen sind in Gjirokaster besonders aufgefallen: Eine Gesangsgruppe aus Vlora zeichnete sich durch ihr vielschichtiges Vibrato aus. Sie setzte es als eigenständiges Gestaltungsmittel ein. Die Schwebungen überlagerten sich rhythmisch, was sehr raffinierte Klangfarben ergab. Zartes Gleiten von Dissonanz zu Konsonanz schien der Gruppe keine Mühe zu bereiten. Am besten klang sie, wenn die Gruppenmitglieder bei einem Glase Wein gemütlich an einem Tisch sassen. Nie wurde ausgemacht, welches Lied als nächstes gesungen würde. Einer der Solisten begann, die anderen fielen dann mit Gegenstimme oder Gegenvibrato und Iso ein.
Eine zweite Gruppe stammte aus Tepelene, der Heimat von Ali Pascha. Sie sang zusammen mit Geige und Klarinette, den Instrumenten der dortigen Zigeuner. Akkordeon und Laute begleiteten das Ensemble. Auffallend hier war der instrumentale Solist Arqile Cunaj. Sein wendiges Klarinettenspiel, das er autodidaktisch erlernt hat, ist direkt vom Gesang abgeleitet. Dasselbe Schleifen, Rubato und Vibrato findet sich auch bei Cunajs Klarinette. Die Geige übernahm die Gegenstimmen und Dissonanzen, die andern den Iso. Die Sänger und Sängerinnen sangen zwar weniger feine und raffinierte Arrangements als die Gruppe aus Vlora, dafür aber kraftvoller und erdiger. Die geographische Lage Tepelenes, das von über 2000 Meter hohen Bergen umgeben ist, mag dabei eine Rolle spielen.
Worte können leider nur einen Eindruck von der Musik vermitteln. Als Einstieg in die albanische Volksmusik sind die drei in der Schweiz erhältlichen CD sehr zu empfehlen:
Mathias Gubler

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