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Nicht jede bedeutende Kultur ist bedeutende Kunst. Und nicht jede bedeutende Kunst ist bedeutende Kultur.
(16.06.1996)
Warum das so ist, hat die Autorin Lisa Stadler – die vorübergehend im puncto Pressebüro arbeitet, in dem auch ich meinen Büroplatz habe – letzthin mit einem bedenkenswerten Wortspiel so gesagt: «Kunst ist, das Eigene zum Fremden – Kultur dagegen, das Fremde zum Eigenen zu machen.»
(26.04.2006)
Heute bezweifle ich, dass Lisa Stadler damit bestätigt haben könnte, was das Werkstück behauptet.
Das Werkstück sagt – so wie ich es heute verstehe – folgendes: Nicht jeder bedeutende kulturelle Prozess verfestigt sich danach zu bedeutenden Kunstwerken. Und nicht jedes bedeutende Kunstwerk verweist umgekehrt auf einen bedeutenden kulturellen Prozess. (Wobei sich dann fragt, ob unbedeutende kulturelle Prozesse bedeutende Kunstwerke möglich machen können – sieht man einmal von der artistischen Brillanz ab, über die selbstverständlich auch Kunstschaffende verfügen können, die sich aus Gründen der Marktgängigkeit bemühen, möglichst nichts zu sagen.)
Stadler dagegen sagt einerseits, Kunst sei die Überführung des Eigenen ins Fremde, wobei sie kaum die Rückführung des Eigenen ins kulturell Prozesshafte meint, sondern den Versuch anspricht, durch literarisierende Massnahmen Privates und Persönliches so weit zu verfremden (sich zu entfremden), dass es als Fiktives authentisch wirkt. Die Umkehrung, Kultur mache das Fremde zum Eigenen, könnte geheissen haben: Kulturelle Prozesse helfen mit, die beängstigende Fremdheit der Welt zu etwas so weit Vertrautem zu machen, dass ich mich damit identifizieren kann, wodurch es in einem gewissen Sinn eigen (oder doch «eigener») wird. Insofern fördern kulturelle Prozesse das soziale Zusammenleben von Menschen. Kunst spiegelt es bloss.
Kurzum: Stadlers Wortspiel ist anregend. Aber mit meinem Werkstück hat es vermutlich wenig zu tun.
(17.10.2017; 25.06.2018)