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Berühmte Komponisten aus England gibt es einige. Henry Purcell, das Genie aus dem Barockzeitalter. Edward Elgar, der Komponist des berühmten Cellokonzerts in E-Moll aus dem 19. Jahrhundert. Und dann natürlich Benjamin Britten, der Melodiker aus dem 20. Jahrhundert, der sich immer wieder selbst erfunden hat.
Und dann gibt es Harrison Birtwistle: Der aktuell berühmteste Komponist seines Landes. Er wird am 15. Juli 80 Jahre alt und ist ein Individualist – wie alle seine bekannten Vorgänger.
Vom Virus Musik angesteckt
Geboren als Kind einer Bauernfamilie, hat Harrison Birtwistle mit sieben Jahren angefangen, Klarinette zu spielen – das Musik-Erfinden kam dann bald dazu. «Was ist eine musikalische Idee?», fragte er später einmal. «Ein helles Licht. Und dann schwindet das Licht allmählich, und man ist mit der Realität konfrontiert, denn man kann ja nicht für immer inspiriert sein. Wenn ich mit Studenten arbeite, versuche ich ihnen beizubringen, was eine Idee ist, wie man sie erforscht, bis zum höchstmöglichen Grade, um sie bis zum Äussersten zu treiben, damit das Licht gleichsam weiterleuchtet.»
Benjamin Britten floh aus der Oper
Zwar ging die Karriere des jungen Komponisten im Steilflug voran, er gewann Preise und Aufträge. Und 1968 durfte er in Aldeburgh, der Heimat des legendären Kollegen Benjamin Britten, seine erste grosse Oper «Punch and Judy» vorstellen.
Britten allerdings, der im Publikum sass, floh. Nach der einen Version verliess er aus Protest das Theater, während einer anderen Version setzte er sich ganz nach hinten. Harrison Birtwistles Karriere hat das allerdings nicht geschadet, trotz des bösen Omens. Im Lauf der Jahre ist es ihm gelungen, mit seiner hochexpressiven Musik zu einem der führenden Vertretern der Neuen Musik seines Landes zu werden.
Klänge, die wie Lava explodieren
Nicht grundlos: Von Anfang an hielt sich Harrison Birtwistle aus den Modeströmungen der zeitgenössischen Musik heraus und arbeitete lieber an einem eigenen musikalischen Kosmos. Ein Kosmos, dessen klanglichen Symmetrien und Strukturen ihn viel mehr interessieren als pure Emotionen. Und dessen Zahlenreihen und rhythmischen Zufallsoperationen wichtiger sind als der schöne Effekt.
Ein grosser Teil von Harrison Birtwistles Meisterschaft liegt aber darin, dass er mit grösster Energie konstruiert, verschachtelt und kombiniert, dann die Emotionen aber doch wieder durch die Hintertür hereinlässt. Dann schlagen seine Strukturen und Symmetrien in etwas Rohes um, in etwas Unbehauenes, radikal Expressives: In Klänge, die sich unberechenbar wie Lava voranschieben, verdampfen, explodieren.
Beethoven als Vorbild
Harrison Birtwistle, zum «Sir» geadelt und seit fast 20 Jahren Träger des renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreises, formuliert es lapidarer: «Komponieren ist Zusehen, wie Dinge in dramatische Gegenüberstellung gebracht werden können, in einer Landschaft der Intuition.»
Er ist ein musikalischer Magier. «Ich bin Avantgarde, sicher. Das ist auch für mich eine Gratwanderung. Aber daran denke ich beim Komponieren nicht. Ich will nur so gut sein wie Beethoven – das ist mein Ehrgeiz.»