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Die jüngsten Erdbeben in Chile, Peru und den USA liegen am sogenannten «Ring of Fire». An diesem Feuerring im pazifischen Ozean schieben sich die ozeanischen Platten unter die Kontinentalplatten. Dabei bauen sich Spannungen auf, die dann in Form von Erdbeben abgebaut werden.
SRF 4 News hat sich mit Rainer Kind, Seismologe am Geoforschungszentrum in Potsdam, über den «Ring of Fire» unterhalten – und darüber, wann «The Big One» (Das grosse Beben) kommen wird.
SRF: Hängen die drei Erdbeben vom Wochenende zusammen?
Rainer Kind: Die Frage nach dem Zusammenhang der Erdbeben ist berechtigt. Doch sind die ozeanischen Platten nicht sehr homogen, sondern unterteilt in viele Einzelplatten. Zudem sind die Entfernungen (zwischen den Beben in Süd- und Nordamerika Anmerk. d. Red.) sehr gross. Deshalb darf man auf keinen Fall auf einen direkten Zusammenhang zwischen den Beben schliessen. Selbst innerhalb von Südamerika, Zentral-Chile bis Zentral-Peru, ist die Distanz mit ungefähr 1500 Kilometern sehr gross. Zudem befinden sich die beiden Regionen auf verschiedenen tektonischen Einheiten. Man kann also auch bei den beiden Beben in Südamerika nicht auf einen unmittelbaren Zusammenhang schliessen.
Die Vorstellung, dass das eine Beben das andere auslöst, ist also falsch?
Ich würde nicht von falsch sprechen. Es lässt sich natürlich vermuten, dass es so sein könnte. Bisher ist es aber nicht gelungen, dies über so grosse Entfernungen hinweg nachzuweisen.
Könnte diese jüngste Häufung also reiner Zufall sein?
Ja. Ich würde auf einen Zufall tippen. Wegen dieser komplizierten tektonischen Situation.
Wie funktioniert der pazifische Feuerring, der den ganzen Pazifikraum umspannt?
In der Mitte des pazifischen Ozeans gibt es den sogenannten mittelozeanischen Rücken. Aus diesem quillt heisses magmatisches Material aus dem tiefen Erdinneren nach oben. Dieses schiebt die ozeanischen Platten nach Osten und nach Westen, Richtung Japan und die Philippinen und Richtung Südamerika. Dort schiebt sich der ozeanische Boden unter die Kontinentalplatten. Das ist die wesentliche Ursache für die Erdbeben.
In Kalifornien ist die Situation aber sehr viel komplizierter. Dort gibt es seitliche Verschiebungen. Die pazifische und die nordamerikanische Platte verschieben sich dort seitlich aneinander vorbei. In dieser Bruchzone, wo sich die San-Andreas-Verwerfung befindet, die in verschiedene einzelne Verwerfungen aufgesplittert ist, können die Platten unterschiedlich brechen.
Kleinere Beben reichen nicht aus, um das grosse Beben zu verhindern.
In San Francisco spricht man viel über «The Big One» – das ganz grosse Erdbeben. Wird es dieses grosse Beben geben?
Auf alle Fälle. Das ist eine sehr realistische Annahme. Im Jahr 1906 gab es in der Region San Francisco ein Beben mit einer geschätzten Magnitude von 8.0. Die Bruchzone war mehrere hundert Kilometer lang. Das heisst, die Platten haben sich damals um mehrere hundert Meter über eine Region von mehreren hundert Kilometern gegeneinander verschoben.
Die Spannung, die sich in Kalifornien seit 1906 aufgebaut hat, ist durch das Beben am Sonntag nicht abgebaut worden (Magnitude 6.0). Diese Spannungen werden sich leider irgendwann wieder lösen müssen – in einem grossen Erdbeben. Wir wissen allerdings nicht, was die Wiederholungsraten solcher starker Beben sind. Sicher nicht weniger als hundert Jahre. Es könnten zweihundert Jahre sein.
Lassen sich aus diesen jüngsten Erdstössen Prognosen ablesen, wie es am pazifischen Feuerring weitergeht?
Bisher ist das leider noch nicht möglich. Wir kennen nur den Ort, aber wir können weder die Stärke noch den genauen Zeitpunkt vorhersagen. Was wir wissen ist: Kleinere Beben, die in solchen Regionen auftreten, reichen nicht aus, um genügend Spannungen abzubauen, um so grosse Beben zu verhindern.
Steckt die Erdbeben-Prognose noch in der Kinderschuhen?
Mehr als das. Wenn man das mit der Wettervorhersage von beispielsweise Tornados vergleicht, hat man dort sehr viel mehr Informationen. Mittels Satelliten kann in die Atmosphäre reingeschaut werden. In die Erde reinzuschauen, ist sehr viel schwieriger. Wir liegen hier also sehr hinter der Wettervorhersage zurück. Es wird auch noch sehr lange dauern, bis wir da grosse Fortschritte machen.
Das Gespräch führte Andrea Christen.
Rainer Kind
Professor Dr. Rainer Kind ist Seismologe am Deutschen Geo-Forschungs-Zentrum (GFZ) in Potsdam. Im März 2014 erhielt er die Emil Wiechert-Medaille für herausragende wissenschaftliche Leistungen. Kind war von 1992 bis 2010 Leiter der Sektion Seismologie am GFZ. Seitdem ist er dort als Senior Scientist tätig.