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Brest
Die ganz im Südwesten des Landes liegende Stadt Brest gilt als belarussisches Fenster nach Westeuropa. Brest ist die Gebietshautstadt der gleichnamigen Oblast (russisch für Verwaltungsbezirk) und gehört mit 338.000 Einwohnern zu den größten Städten des Landes.
Dank seiner günstigen Lage am westlichen Bug und an den Grenzen zur Ukraine und Polen ist Brest ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Über Brest fahren Züge nach Moskau und Warschau, am Bahnhof werden die von Westen kommenden Züge auf die russische Spurweite umgespurt und umgekehrt. Am Nebenfluss des westlichen Bug und am Fluss Muchawez befinden sich wichtige Binnenhäfen.
Aus geographischer Sicht befindet sich Brest im westlichen Randgebiet des belarussischen Polesiens, auf versumpften, flachen Niederungen. Fährt man gen Norden, kommt man direkt in den Nationalpark Belaweschskaja Puschtscha.
Brest hat eine lange und ereignisreiche Geschichte hinter sich. Zum ersten Mal wurde die Stadt in der ersten Nowgoroder Chronik im Jahr 1019 erwähnt. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Stadt mehrmals zerstört und wiederaufgebaut und gehörte zu verschiedenen Ländern.
Der ursprüngliche Name der Stadt, Berestje, stammt höchstwahrscheinlich vom Wort „Berest“ (deutsch: Feldulme) oder vom Wort „Beresta“ (deutsch: Birkenrinde) ab. Laut Legende reisten ein reicher Kaufmann und seine Freunde von Südwesten in das Großfürstentum Litauen. Auf dem Weg dorthin gerieten sie in einen Sumpf, in dem viele Birken wuchsen. Die Wanderer holzten die Bäume ab und konnten sich mit Hilfe der Stämme, die sie durch den Sumpf legten, Weg bahnen. Sie kamen schließlich zu einer Insel, die sich zwischen zwei Flüssen befand. Aus Dankbarkeit überlebt zu haben errichtete der Kaufman auf der Insel eine Kultstätte zu Ehren des Gottes Veles, dem Hauptgott der slawischen Mythologie. Später, als der Kaufmann und seine Mitreisenden zurückkehrten, machten sie an der Kultstätte halt, errichteten Häuser und gründeten die Stadt namens Berestje.
In Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts ist ebenso der Name Berestij zu finden. Vom 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts hieß die Stadt Brest-Litowsk. Dies verwies auf ihre Zugehörigkeit zum Großfürstentum Litauen und sollte sich so von der polnischen Stadt Brest-Kujawski abgrenzen. Erst im September 1939 erhielt das belarussische Brest seinen heutigen Namen.
Im 19. Jahrhundert entdeckten Archäologen die Wallburg des alten Brest, dort wo jetzt die Brester Festung liegt. Die erste Siedlung entstand auf dem Territorium von Brest vermutlich in der Zeit der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert als dort die Dregowitschen lebten, ein ostslawischer Stammesverband. Zahlreiche archäologische Funde bezeugen die Entwicklung des Handwerks und der Handels- und Kulturbeziehungen sowohl mit den Städten der Kiewer Rus als auch mit denen der Nachbarländer. Auf dem Territorium der ehemaligen Wallburg wurde das archäologische Museum Berestje eröffnet, wo man sich eine Vorstellung davon gewinnen kann, wie eine mittelalterliche slawische Stadt damals aussah.
Im 11. Jahrhundert war Berestje ein altrussisches Handelszentrum und eine Festung an der Grenze zu den polnischen und litauischen Ländereien. Der Ort, wo das alte Berestje lag, befand sich an der Kreuzung zweier alter Handelswege. Ersterer führte aus dem Fürstentum Halytsch-Wolodymy kommend über den westlichen Bug nach Polen und Westeuropa. Der zweite erstreckte sich über die Flüsse Muchawez, Pripjat und Dnjepr und verband Berestje mit Kiew und dem Nahen Osten. Da Brest schon immer eine Grenzstadt war, stand sie oft im Mittelpunkt verschiedener Kriege und Kämpfe. Die Herrschaft über die Stadt wurde meist von Fürst zu Fürst beziehungsweise Fürstentum weitergegeben. Dabei kam es nicht selten zu Plünderungen und Zerstörungen. Trotz aller Bemühungen des lokalen Adels brachte es die Stadt nie zum Rang eines selbstständigen Fürstentums, und blieb daher ausschließlich ein Zentrum des Handels und des Handwerks ohne große politische Bedeutung.
Im 12. und 13. Jahrhundert stand Brest unter ständiger Bedrohung von der Goldenen Horde erobert zu werden. Die Stadtbewohner widerstanden den harten Belagerungen allerdings Mal um Mal. Der Großfürst Gediminas jedoch schloss Brest später ohne besonderen Widerstand dem Großfürstentum Litauen an. Der Schutz dieses mächtigen Verbündeten rettete die Stadt allerdings nicht vor den mongolischen Reitern, die Brest 1379 ausraubten und niederbrannten. Die Festung konnten trotz allem auch Sie nicht einnehmen.
Nach der Brandschatzung wurde die Stadt schnell wiederaufgebaut, im Jahr 1390 erhielt sie dann das Magdeburger Recht (Recht zur Selbstverwaltung). Die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt wurde vom großen Krieg zwischen dem Deutschritterorden und dem polnisch-litauischen Fürstentum (1409-1411) verhindert. Der Plan zur Hauptschlacht dieses Krieges (Schlacht bei Tannenberg, 1410) wurde in Brest ausgearbeitet. Für diese Schlacht schickte Brest sein Banner und seine Truppen, die sich während des Kampfs durch ihre Tapferkeit ausgezeichneten. In diesem Zusammenhang gehörte Brest zu den wichtigsten Städten des Großfürstentums Litauen.
Laut Quellen aus dem Jahr 1566 bestand die Stadt aus drei Hauptteilen: einer Burg, einem Stadtteil auf der Insel zwischen dem westlichen Bug und dem Muchawez und einem Stadtteil am rechten Ufer des Flusses Muchawez, dem so genannten „Samuchawetschje“. Zu dieser Zeit zählte die Stadt ca. 7.000 Einwohner.
In den 1550er Jahren gründete der Brester Beamte Nikolaus Radziwill, genannt der Schwarze, die erste Druckerei auf belarussischem Territorium. Dort wurde im Jahr 1563 die Brester Bibel herausgegeben, die als erste die vollständige Übersetzung der protestantischen Bibel ins Polnische gilt. Im 16. und 17. Jahrhundert spielten religiöse Ordensgemeinschaften im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine große Rolle. Sie strebten danach, die Volkskultur und die Sprache zu bewahren und eröffneten Druckereien und Schulen.
In der Religionsgeschichte des Landes spielt Brest eine wichtige Rolle. Im Jahr 1569 wurde hier die Kirchenunion von Brest festgeschrieben. Die Kirchenunion war eine Union zwischen der römisch-katholischen Kirche und den griechisch-orthodoxen Bischöfen des damaligen Ostpolens deren Ziel es war, sich von den Ansprüchen des Moskauer Patriarchats abzugrenzen und die tradierte Lithurgie byzantinischen Rituses beizubehalten.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verlagerte sich das Stadtzentrum von Brest auf die Insel zwischen westlichem Bug und Muchawez. Dies war allerdings nicht von langer Dauer, im Russisch-Schwedischen Krieges von 1656 bis 1658 bemächtigten sich die Schweden der Stadt und verwüsteten sie. Drei Jahre danach versetzten die moskowitischen Truppen unter Kommando des Fürsten Iwan Chowanski Brest den letzten Schlag und brannten die Stadt vollständig nieder. Am Leben blieben nur einige Dutzend Bewohner.
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte erneut ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Brest wurde zum größten Binnenhafen am westlichen Bug, über den vor allem Getreide und Holz gehandelt wurden. Zur gleichen Zeit eröffneten in der Stadt die ersten Manufakturen. Es wurden viele neue Wohnhäuser errichtet. Die waren allerdings zumeist aus Holz gebaut, so dass Brände der Stadt beständig Schaden zufügten.
Nach der dritten Teilung Polens im Jahr 1795 gehörte Brest zum Russischen Imperium und wurde zu einer Grenzstadt. Es entstand der Plan, in Brest eine Verteidigungsfestung zu errichten. Der Einfall Napoleons kam der Umsetzung des Plans allerdings zuvor. Erst achtzehn Jahre nach Kriegsende, Mitte der 1830er Jahre, wurde mit dem Festungsbau begonnen. Nach dem Entwurf sollte die Festung auf dem Territorium der Stadt gebaut werden. Aus diesem Grund wurde die bisherige Stadt fast vollständig abgerissen. Im Jahr 1835 wurde die Stadt zwei Kilometer weiter östlich komplett neu angelegt. Militärische Richtlinien und Interessen bestimmten dabei die Architektur. Wohnhäuser durften beispielsweise nur zwei Stockwerke hoch sein, um die Übersicht über das Gebiet nicht einzuschränken. Zwischen der Stadt und der Festung wurden Grenzzeichen wie große Steinsäulen errichtet. Eine von ihnen ist noch heute an der Kreuzung von Lenin- und Gogolstraße zu sehen. Am 26. April 1842 fand die feierliche Eröffnung der neuen Festung statt.
Während die Stadt zum Russischen Imperium gehörte, begann sie sich von den endlosen Kriegen und Einfällen zu erholen. Allerdings konnte die Stadt Mitte des 19. Jahrhunderts an ihren vorherigen Status als wichtiges Zentrum des Handels und des Handwerks nicht anknüpfen. Wirtschaft und Handel entwickelten sich nur schleppend, die Stadt war tatsächlich nur ein Anhängsel der strategisch wichtigen Festung. Das Leben der Stadt war ganz und gar vom Militär bestimmt.
Wachstum brachte erst wieder die umfangreiche Modernisierung der Festung und der Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts. Die in dieser Zeit errichteten Eisenbahnlinien verknüpften Brest mit Warschau, Moskau, Kiew und Gomel. In Brest errichtete man einen neuen Eisenbahnhof, der zur seiner Eröffnung im Jahr 1883 als fortschrittlichster im Russischen Imperium galt.
Nach Angaben der ersten Volkszählung im Russischen Imperiums von 1897 lebten zu dem Zeitpunkt 46.568 Menschen in Brest, circa 30.000 davon Juden. Spuren jüdischer Kultur wurden allerdings im 20. Jahrhundert fast gänzlich getilgt und sind heute in Brest leider kaum mehr zu finden.
Im Laufe des Ersten Weltkrieges wurde Brest von den sich zurückziehenden russischen Truppen in Brand gesetzt. Vom 9. Dezember 1917 bis zum 3. März 1918 fanden in Brest die Friedensverhandlungen zwischen Russland und dem deutschen Reich statt. Als Ergebnis wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet, laut dem Brest-Litowsk zur Ukraine gehören sollte.
Während des darauffolgenden sowjetisch-polnischen Krieges wurde Brest mal von polnischen, mal von sowjetischen Truppen besetzt. Nach dem Friedensvertrag von Riga (1921) gehörte die Stadt zu Polen. In der Zwischenkriegszeit war die Stadt als Brest-am-Bug bekannt.
Als der Zweite Weltkrieg begann, besetzten deutsche Soldaten sowohl Stadt als auch Festung. Am 22. September 1939 wurde die Stadt an die Rote Armee übergeben und gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt in die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik eingegliedert (BSSR). Getrennt waren die deutsche und die sowjetische Armee lediglich durch den westlichen Bug, der auf der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie lag.
Am 22. Juni 1941, als Deutschland den Nichtangriffspakt aufkündigte und in den Krieg gegen die Sowjetunion zog, waren die Militärfestung und die Stadt unter den ersten Zielen. Das deutsche Kommando plante vor allem die Einnahme der Festung sehr akribisch, die sowjetischen Soldaten aber konnten diese eine ganze Woche lang halten, einzelne Widerstandsherde existierten noch einen Monat lang weiter. Die Verteidigung der Brester Festung, wo sich zum Angriffszeitpunkt circa 9.000 sowjetische Soldaten und Kommandanten mit ihren Familienmitgliedern befanden, wurde in der Sowjetunion zum Heldenmythos stilisiert und galt als ein Symbol für Standhaftigkeit, Tapferkeit und soldatischen Heldenmut. Nach der endgültigen Einnahme der deutschen Truppen wurde Brest von den Besatzungsbehörden in das Reichskommissariat Ukraine angegliedert. Während der Besatzungsperiode kamen circa 40.000 Stadtbewohner ums Leben, die Wirtschaft der Stadt brach komplett zusammen. Alle jüdischen Bewohner der Stadt wurden in das Brester Ghetto zusammengetrieben und ermordet.
Am 28. Juli 1944 wurde die Stadt von den Truppen der Ersten Weissrussischen Front befreit. An diesem Datum feiert man seitdem jährlich ein großes Stadtfest in Brest. Als Ergebnis der Konferenz von Jalta verblieb Brest auf dem Territorium der BSSR.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann sich Brest als Industriezentrum schnell zu entwickeln, die Bevölkerungszahl stieg rasch an.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Brest zur Gebietshauptstadt. Der Touristenzustrom verringerte sich zwar, die Brester Festung aber blieb eine der bedeutendsten und meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Trotz aller Kriege, Brände und Zerstörungen ist Brest heute eine durchaus sehenswerte, sich beständig verändernde Stadt am Kreuzungspunkt zwischen Ost und West.
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