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Conrad Gessner
Werke
- Die Beschreibung des Pilatus: Milchprodukte
- Brief über die Bewunderung für Berge
- Die Beschreibung des Pilatus: Luzern; die fünf Sinne
- Ein Artikel in der Bibliotheca universalis über den Autor selbst
- Paratexte zur gereinigten Martialausgabe
- Tiergeschichte (Historia animalium): der Esel
- Mithridates
- Brief an Johannes Fabricius Montanus: Theriak und Botanik
- Über theologische Dichter, Mytheninterpretation und Homer
- Ein Brief über Standhaftigkeit im Glauben an Jacques Daléchamps
- Über die Nützlichkeit und Exzellenz der griechischen Sprache (De utilitate et praestantia Graecae linguae)
- Physicarum meditationum liber V: Vorrede über die Träume
- Pandectae: über Indices
Autor(en): David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 03.07.2023.
Théodore de Bèze sagte über Gessner: «.... wenn er es vorgezogen hätte, seine eigenen Ideen zum Ausdruck zu bringen als einfach zu übermitteln, was er treu bei verschiedenen Autoren gesammelt hatte, und wenn der Tod ihn nicht so bald schon der Welt entrissen hätte, hätte unsere Zeit in dem einen Gessner den Plinius und den Varro wiederentdecken können, die gelehrtesten unter allen Männern des Altertums.» Und wirklich, wenn es einen gibt, der seine weitgespannten Kenntnisse in den Dienst des Humanismus stellte, ohne selbst glänzen zu wollen, dann ist das Conrad Gessner, dessen Verdienste um so verschiedenartige Gebiete wie die Naturwissenschaften (Zoologie, Botanik, Berge), Philosophie, Theologie, Philologie, Lexikographie, Bibliographie, die Edition griechischer und lateinischer Texte oder die Übersetzung griechischer Texte sich kaum bemessen lassen. Nur die Poesie scheint zu fehlen, und doch: Als grosser Liebhaber des Griechischen hat Gessner in dieser Sprache mehrere Gelegenheitsgedichte verfasst, und wir besitzen von ihm auch einige lateinische Gelegenheitsgedichte. Er war ein Gigant des schweizerischen und des europäischen Humanismus.
Gessners Leben
Conrad Gessner wurde am 16. März 1516 in Zürich geboren. Die ersten Jahre seiner Schulausbildung verbrachte er in Zürich. Nach dem Besuch der deutschen Schule besuchte er die Lateinschule des Grossmünsters. Unter seinen Lehrern und Mentoren, von denen einigen später zu seinen Freunden wurden, findet man z. B. Oswald Myconius (1488-1552), Petrus Dasypodius (ca. 1495-1559), Thomas Platter (1499-1582), Rudolf Collinus (1499-1578), Johann Jakob Amann (1500-1573) und Theodor Bibliander (1506-1564); er schloss auch Freundschaft mit Johannes Fries (1505-1565).
1531 verlor Gessner sowohl seinen Vater als auch seinen geistlichen Führer Ulrich Zwingli. Auf eine von Oswald Myconius an Wolfgang Capito (1478-1541) ausgesprochene Empfehlung hin begab er sich nach Strassburg, wo er sich von Juni bis November 1532 aufhielt. Nach seiner Rückkehr nach Zürich erhielt er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Bourges, hierauf in Paris (1533-1534), den er abbrechen musste; dies besonders aufgrund der Protestantenverfolgungen und unzweifelhaft auch aufgrund des extrem bescheidenen Umfangs seiner Einkünfte. Nach einem Abstecher nach Strassburg, wo er Martin Bucer (1491-1551) traf, und einem weiteren nach Basel kam er wieder nach Zürich; zuvor hatte er noch – plötzlich, unerwartet und zum grossen Missfallen seiner Mentoren – Barbara Singysen geheiratet.
In Zürich wirkte er ungefähr zwei Jahre als Schullehrer. 1536 findet man ihn in Basel wieder, wo er Medizin studierte. Hierauf unterrichtete er Griechisch an der Akademie von Lausanne (1537-1540). Nach einem kurzen Aufenthalt in Montpellier (dessen medizinische Fakultät berühmt war) kehrte er nach Basel zurück, wo er Anfang 1541 zum Doktor der Medizin promoviert wurde.
Danach liess Gessner sich in Zürich nieder, wo er als Arzt tätig war und Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften und Ethik lehrte. Im Juli 1545 unternahm er eine Reise nach Augsburg, womit er einer Einladung von Anton Fugger (1493-1560), dem berühmten deutschen Kaufmann und Bankier, folgte, der ihn als Lehrer für die im Jugendalter stehenden Mitglieder seiner Familie engagieren wollte. Über seine Aktivitäten als Arzt und Professor hinaus widmete sich Gessner seinen Abhandlungen, Editionen und Übersetzungen, von denen im folgenden Kapitel die Rede ist. Sein Beziehungsnetzwerk hatte beträchtliche Ausmasse, sowohl innerhalb der Schweiz wie im Ausland.
Er verstarb am 13. Dezember 1565 in Zürich an der Pest.
Gessners Werk
Gessners poetisches Werk
In der 1562 veröffentlichten Bibliographie seiner Werke (De libris a se editis) erwähnt Gessner unter seinen Publikationsprojekten auch eine Sammlung von Latina quaedam et Graeca carmina, epigrammata, idyllia. Es sind von Gessner besonders einige Gelegenheitsgedichten erhalten, darunter ein an Johannes Fabricius Montanus adressiertes Einladungsbillet aus dem Juni 1565 und ein kurzes elegisches Distichon am Ende des Vorworts an den Leser in der Bibliotheca universalis.
Gessner hat sich auch griechischen Gedichten versucht. Er veröffentlichte mehrere kurze Gedichte, besonders als Einführung oder Motto für einige seiner Werke oder Werke anderer Autoren. So etwa das elegische Distichon Ad lectorem auf dem Frontispiz seines Libellus de lacte (1541) oder die Jamben am Anfang seiner Stobaios-Edition (1543). In einer Handschrift sind uns auch die griechischen Trauergedichte erhalten, die Gessner im Alter von sechzehn Jahren anlässlich von Zwinglis Tod verfasste.
Gessners Korrespondenz
Die von Leu erstellte Liste der Korrespondenten und Briefe Gessners zeigt deutlich die geographische Ausdehnung dieser Korrespondenz. Gessner schrieb an Théodore de Bèze, Heinrich Bullinger, Joachim Camerarius, Henri und Robert Estienne, Johannes Fabricius Montanus, Johann Jakob Fugger, Oswald Myconius, Felix Platter, Joachim Vadian und viele andere, und dies über ganz verschiedene Themen, unter denen die Naturwissenschaften, besonders Botanik und Medizin, einen wichtigen Platz einnehmen.
Unter Gessners Briefen kann man ein langes Schreiben vom 1. August 1562 an den Naturwissenschaftler Jacques Daléchamps (1513-1588) erwähnen; dieser war vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten, und Gessner rief ihn dazu auf, zum reformierten Bekenntnis zurückzukehren. Dieser Brief bietet uns eine grossartige Zusammenfassung von Gessners Glauben. Er scheint allerdings ohne Erfolg geblieben zu sein.
Wissenschaftliche Werke: Naturwissenschaften, Botanik, Gebirge, Philosophie…
Gessners naturwissenschaftliches Werk hat einen enormen Umfang, und es kann hier nicht darum gehen, alle seine Werke zu diesem Thema aufzuzählen. Wir geben hier einen Gesamtüberblick und präsentieren einige Werke genauer, die uns besonders wichtig erscheinen bzw. von denen wir Auszüge präsentieren.
Das bekannteste unter seinen naturkundlichen Werken, auf das wir beispielshalber ein wenig detaillierter eingehen, ist die Historia animalium, die 1551 bis 1558 in vier Bänden erschien; ein fünfter Band erschien posthum 1587. Dem Werk waren ein grosser Erfolg und viel Einfluss auf seine Nachfolger beschieden. Gessner gliedert die Welt der Natur gemäss den von Aristoteles in dessen Historia animalium etablierten Kategorien: Band I widmet sich den vierfüssigen Säugetieren; Band II den vierfüssigen Eierlegern; Band III den Vögeln; Band IV den Fischen. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von persönlichen Beobachtungen und Informationen, die aus Dutzenden von Autoren (besonders griechischen und lateinischen) geschöpft sind. Die Tiere werden alphabetisch geordnet. Für jedes Tier bietet Gessner eine zusammenfassende Darstellung, die alle Themen berührt; das Material wird der Reihe nach in acht Kapitel dargeboten (A-H): 1. Namen des Tiers (Latein, Griechisch, Hebräisch, Volkssprachen); 2. Geographische Verbreitung etc.; 3. Lebensraum, Lebensweise, Physiologie, Fortpflanzung etc.; 4. Verhalten, Instinkte etc.; 5. der Nutzen für den Menschen; 6. die Brauchbarkeit als Nahrungsmittel; 7. die medizinische Brauchbarkeit; 8. «philologische» Fragen (die mit diesem Tier im Altertum verknüpfte kulturelle Tradition, metaphorische Verwendungen, Geschichten und Mythen, Sprichwörter und symbolische Bedeutungen).
Gessner ist der Autor mehrerer anderer Werke (in denen sich allgemein antike Material und aus persönlicher Anschauung gewonnene Schlussfolgerungen vermischen) über Tiere, besonders über Fische und andere Meertiere (1556); über Pflanzen (1541, 1542, 1555, s. unten) und über Fossilien (1565); und mehrerer Werke über medizinische Fragen: über den Urin (1541), die wohltätigen Effekte von Thermalquellen (1533), die Chirurgie (1555), die Gesundheit (1556), die Heilmittel (1552), etc. Die meisten dieser Werke sind auf Latein verfasst; Gessner liess daneben auf Deutsch einige populärwissenschaftliche Werke über die Tierwelt erscheinen.
1541 verfasste Gessner eine Abhandlung über die Milch, den Libellus de lacte, in dem er auf Basis antiker griechischer und römischer Texte (Galen, Columella etc.) über Milchprodukte spricht (von denen auch in der Descriptio montis fracti die Rede sein würde), sowie über Muttermilch und tierische Milch, über den Nutzen und die Gefährlichkeit von Milch, über ihre Zusammensetzung etc.; diese Abhandlung verdankt einen Teil ihrer Bekanntheit ihrem berühmten Einleitungsbrief an Jakob Vogel, dem man manchmal den Titel De montium admiratione epistola verliehen hat, da Gessner (nachdem er seinen Entschluss bekanntgegeben hat, wenigstens einen Berg im Jahr zu besteigen) seiner Bewunderung für die Schönheit der Gebirgswelt Ausdruck verleiht, die zur kontemplativen Beschäftigung mit Gott führt.
1555 veröffentlichte Gessner bei den Gebrüdern Gessner in Zürich einen Band, in dem sich seine Interessen an der Botanik und der Bergwelt miteinander verbinden. Er enthält zum einen eine Abhandlung über die sogenannten Mondpflanzen (oder Mondblumen, deren Früchte die Form des Mondes haben); und zum anderen seine berühmte Descriptio Montis Fracti, «Die Besteigung des Fracmont», d. h. des Pilatus. Gessner schildert die Bergbesteigung, die er mit Freunden unternommen hatte, die verschiedenen Hindernisse, auf die sie gestossen waren, die auf Milchbasis hergestellten Nahrungsmittel, die sie gekostet hatten, die von ihnen gefundenen Pflanzen etc. Er verleiht hier seiner Bewunderung für das Gebirge Ausdruck, in dem die vier Sinne, der Tastsinn, der Sehsinn, das Gehör und der Geruchssinn stark in Anspruch genommen und vollständig zufriedengestellt werden. Dort wo es um den berühmten Pilatussee und die mit ihm verbundenen Legenden geht, integriert er in seine Beschreibung Scholien des Vadian zu Pomponius Mela (1522), in denen der St. Galler Humanist seine eigene Exkursion auf den Pilatus und seinen Besuch des Pilatussees schildert. Auf die Descriptio folgend liess Gessner die Beschreibung des Pilatus aus der Feder des Lyoner Naturforschers Jean Duchoul drucken, sowie das Gedicht des Johannes Rhellicanus über den Stockhorn (1537).
Ein posthum erschienener Band (Zürich, Froschauer, 1586), die Physicarum meditationum, annotationum et scholiorum libri V, quillt über von physikalischen, aber auch philosophischen und religiösen Fragen. Die «Meditationen» beschäftigen sich mit den Prinzipien und Ursachen der Natur, der Bewegung, der Notwendigkeit, dem Himmels, den Planeten, der Erzeugung und dem Vergehen, den vier Elementen, den Meteoren, den Winde, der Seele, der Seele, die sich vom Leibe trennt, um selig zu werden oder verdammt zu werden etc. Die «Scholien und Anmerkungen» enthalten Kommentare zu den aristotelischen Abhandlungen über die Meteorologie, die Seele, das Gedächtnis und das Erinnern, den Schlaf und das Wachzustand, die Träume, die Wahrsagung im Schlafe, die Bewegung der Seelen, die Kürze und Langwierigkeit des Lebens, die Jugend und das Alter und über das Atmen. Ganz am Ende des Bandes präsentiert Gessner eine «Meditation über die Dreifaltigkeit unserer Seele und die göttliche Dreifaltigkeit; wir fragen hier danach, wie der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen worden ist. 4. April 1565». Diese Art von geistlichem Testament zeigt schön, dass zu Gessners Lebenskonzeption Gott dazugehört und dass in seiner Sicht die Schöpfung den Menschen zu seinem Schöpfer hinführt.
1563 erschien Gessners ebenfalls philosophisch ausgerichtete Schrift De anima; Gessner erweist sich hier grundsätzlich als Aristoteliker, auch wenn er vom Neuplatonismus der Renaissance beeinflusst ist.
Editionen lateinischer und griechischer Texte, Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen
Wenn man sich allzu sehr auf die naturwissenschaftlichen Schriften Gessners konzentriert, riskiert man, seine Verdienste um die Philologie nicht genug zu beleuchten. Als wahrer Humanist edierte Gessner griechische und lateinische Texte und übersetzte griechische und lateinische Texte.
Was Editionen angeht, so verdankt man ihm besonders die editio princeps der Selbstbetrachtungen (Meditationes) des Mark Aurel (1559), die er mit einer Übersetzung aus der Feder des deutschen Humanisten Wilhelm Xylander (1532-1576) veröffentlichte. 1543 und 1544 gab er zwei Editionen heraus, auf die er besonders stolz war: 1543 die Ausgabe der Anthologie des Stobaios, die er auch als erster ins Lateinische übersetzte, und 1544 die gereinigte Ausgabe der Epigramme des Martial, gleichermassen nach Gemeinplätzen geordnet. In seiner Bibliotheca universalis (1545) verleiht Gessner im Übrigen der Meinung Ausdruck, dass die Martialausgabe und die Stobaiosübersetzung seine bisher nützlichsten Publikationen sind. 1546 publizierte Gessner die editio princeps eines berühmten Florilegiums geistlicher und profaner Sentenzen mit dem Titel Loci Communes, das man traditionell Maximus Confessor (8. Jahrhundert) zuschreibt, sowie auch die Melissa, die man dem Mönch Antonius zuweist, eine manipulierte und erweiterte Fassung des Textes des Pseudo-Maximus. Im selben Jahr erschien getrennt davon eine lateinische Übersetzung dieser Texte, die teilweise Gessner selbst zu verdanken ist. 1556 gab er die editio princeps der Werke des Älian heraus, zusammen mit lateinischen Übersetzungen, von denen die von De natura animalium (Περὶ Ζῴων ἰδιότητος) aus der Feder des französischen Naturforschers Pierre Gilles von Gessner selbst überarbeitet worden ist. Schliesslich erschien 1557 in Genf bei Henri Estienne die griechische Erstedition (mit lateinischer Übersetzung) der Apologia pro christianis und der Schrift De resurrectione mortuorum von Athenagoras von Athen (2. Jh. n. Chr.); Gessner beteiligte sich an der Editionsarbeit und verfasste die lateinische Übersetzung der Apologie; er hat auch einige Anmerkungen zu letzterer beigesteuert.
1544 besorgte Gessner eine gereinigte Ausgabe der Epigramme des Martial für die Schüler des protestantischen Zürich. Nachdem er etwa 250 Stücke eliminiert und etwas über 70 weitere gereinigt hatte, ordnete er die die Epigramme thematisch und versah sie mit einigen textkritischen Anmerkungen; auf den Text folgend liess er kurze Anmerkungen von Jacob Micyllus drucken. Im Widmungsbrief sowie in den drei vom Vorbild der Adelphen des Terenz inspirierten drei Dialogen am Ende des Bandes – einem veritablen Disput über die Frage, ob es moralisch tragbar ist, die schlüpfrigen Verse von Dichtern und besonders von Martial zu lesen – schildert Gessner seine Arbeit als Philologe und rechtfertigt seine Zensur. Der Erfolg dieser Ausgabe war wahrscheinlich begrenzt, denn sie kam nicht in den Genuss einer zweiten Auflage.
1542-1543 veröffentlichte Gessner eine Übersetzung von vier griechischen Texten zur Homerinterpretation. Die drei ersten Übersetzungen erschienen 1542 in einem Band bei Froschauer in Zürich. Der erste Text ist die Moralis interpretatio errorum Ulyssis Homerici («Moralische Interpretation der Irrfahrten des homerischen Odysseus»), ein anonymes griechisches Werk aus dem 14. Jahrhundert, das 1531 in Hagenau erschienen war; es handelt sich um eine Interpretation mit christlicher Tendenz, die aber auch von stoischen Elementen durchdrungen ist. Der zweite trägt den Titel Commentatio Porphyrii philosophi de Nympharum antro in XIII libro Odysseae Homericae («Kommentar des Philosophen Porphyrios über die Nymphenhöhle im 13. Buch der Odyssee des Homer»), eine neuplatonische Interpretation aus der Feder des Philosophen Porphyrios von Tyros (234-ca. 310 oder 233-305 n. Chr.), der als Schüler des Plotin und Herausgeber von dessen Werken bekannt ist. Der dritte heisst Ex commentariis Procli Lycii, philosophi Platonici in libros Platonis de Repub. Apologiae quaedam pro Homero et fabularum aliquot enarrationes («Apologien für Homer und Erklärungen einiger Mythen; entnommen den Kommentaren des Proklos von Lykien zum Staat des Platon»); diese Apologiae stammen aus der sechsten Erörterung der Kommentare des Neuplatonikers zum Staat, deren editio princeps 1534 in Basel bei Simon Grynaeus erschienen war.
Der letzte Text erschien 1544 in Basel bei Johannes Oporin. Er ist betitelt Heraclidis Pontici, qui Aristotelis aetate vixit, Allegoriae in Homeri fabulas de diis («Allegorien zu den Göttermythen Homers von Heraklides Pontikos, eines Zeitgenossen des Aristoteles»), ein Text, dessen editio princeps 1505 datiert (Aldus, Venedig); sein Autor ist nicht der platonische Philosoph Heraklides, wie Gessner dachte, sondern ein gleichnamiger Rhetor der augusteischen Epoche.
Bei der Lektüre der Paratexte zu diesen Werken über Homer stellt man fest, dass Gessner sich der generellen Ansicht der Humanisten anschliesst, die antiken Autoren hätten in ihren Werken philosophische Wahrheiten versteckt. Er identifiziert unterschiedliche Traditionen von homerischen Allegorien: die historische, die physikalische, die ethische, die theologische und die metaphysische, wobei seine Vorliebe den beiden letzteren gilt. Das Interesse Gessners an diesen Texten macht deutlich, wie sehr Homer in den Augen sehr vieler Humanisten den Status eines inspirierten Dichters besass; sie integrierten sein Denken in die christliche Tradition, und dies häufig mit Hilfe einer starken Dosis Neuplatonismus.
1559 übersetzte Gessner den ῞Αννωνος περίπλους (Hannonis navigatio), den «Periplus des Hanno» ins Lateinische; die Schrift entstand 400 v. Chr. und ihre editio princeps war 1533 in Basel erschienen. Das sehr kurze Werk (fünf Seiten in Gessners Übersetzung) berichtete von der Seereise des Karthagers Hanno entlang der Westküste Afrikas. Schliesslich hat Gessner die ersten dreizehn Idyllen des Theokrit übersetzt; diese Übersetzung verblieb in Manuskriptform.
Andere philologische und bibliographische Arbeiten
Der Mithridates
In diesem Werk (Froschauer, 1555), das den Beginn der vergleichenden Grammatik darstellt, untersuchte Gessner die Verwandtschaft zwischen den Sprachen und gliederte sie in verschiedene Familien. Der vollständige Titel lautet: Mithridates. De differentiis linguarum tum veterum tum quae hodie apud diversas nationes in toto orbe terrarum in usu sunt («Mithridates. Über die Unterschiede sowohl zwischen den alten Sprachen als auch zwischen denen, die heute auf dem ganzen Erdkreis in Gebrauch sind»). Gessner bietet ein «Inventar der verschiedenen auf der Welt gesprochenen Sprachen, die alphabetisch nach den Völkern geordnet sind, die sie sprechen, und beispielhaft vorgeführt werden sie vom Autor – soweit möglich – durch den Text des Vaterunsers oder – in den exotischeren und weniger gut dokumentierten Fällen – durch eine andere Auflistung von Worten.»
Lexikographie
Seit 1537 beteiligte sich Gessner an der Herausgabe eines Lexicon Graecolatinum, einer revidierten Version eines berühmten griechisch-lateinischen Wörterbuchs, das verschiedene Autoren auf Basis des Dictionarium des Guarino de Favera kompiliert hatten. Eine zweite Auflage erschien 1541. Im Vorwort zur dritten, 1543 in Basel bei Hieronymus Curio erschienenen Auflage des Lexicon Graecolatinum macht Gessner deutlich, welche Bedeutung das Griechische in seinen Augen besitzt. In diesem Text bietet der Humanist auf zwölf Seiten eine Reflexion De utilitate et praestantia Graecae linguae («Über die Nützlichkeit und die Vortrefflichkeit der griechische Sprache»), in der er die Qualitäten des Griechischen (der Sonne) und seine Vorteile gegenüber dem Lateinischen (dem Mond) aufzählt. Er wendet sich gleichzeitig an die, die die Kenntnis des Griechischen für unnütz halten, und an die, die es studieren, und unterstreicht dabei die unerlässliche Rolle, die es für alle Wissensgebiete spielt; er lobt seine Geschmeidigkeit und seine Süsse, und geht so weit, zu behaupten, dass es auch ganz verhärteten Geister mehr humanitas einzuflössen vermag. Gessner streift auch die Frage der Übersetzung und zeigt, dass – auch wenn es nützlich ist, griechische und lateinische Texte zu übersetzen – nichts den Rückgriff auf das Original ersetzen kann. 1545 widmete er die vierte Auflage seines Lexicon dem Diego Hurtado de Mendoza und versah sie mit einem auf den August datierten Widmungsbrief; diese Auflage enthält das Vorwort De utilitate nicht, das auch in der Folgezeit kein weiteres worden zu sein scheint.
Gessner interessierte sich auch für die lateinische Lexikographie und veröffentlichte 1544 eine erweiterte Fassung des Dictionarium Latinum des Ambrogio Calepino, in dem er bei jedem Eintrag die Quantitäten der Vokale angibt.
In seinem Onomasticon (1559) stellte er auf Basis verschiedener Wörterbücher Eigennamen zusammen und erklärte sie; die grosse Anzahl von Auflagen spricht für den Erfolg dieses Werkes.
Die Bibliotheca universalis, die Pandectae und die Partitiones theologicae
1545 veröffentlichte Gessner seine berühmte Bibliotheca universalis, eine Bibliographie aller bis zu diesem Zeitpunkt bekannten hebräischen, griechischen und lateinischen Werke (Handschriften und Druckausgaben). Das Werk enthält 5031 Einträge zu Autoren, die in alphabetischer Reihenfolge geordnet sind.
1548 erschien in Zürich bei Froschauer der zweite Band der Bibliotheca, les Pandectarum sive partitionum universalium libri XXI, der alle im ersten Band genannten Werke thematisch klassifiziert (loci), wozu noch 2000 Autoren und ihre Werke hinzukommen. Gessners Klassifizierungssystem besteht aus 21 Themengebieten: Grammatik, Dialektik, Rhetorik (ein erweitertes Trivium); Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie/Astrologie (Quadrivium); Geschichte, Geographie, Wahrsagekunst und Magie, Handwerke (artes illiterati); Physik, Metaphysik und Theologie der Heiden, Ethik, Ökonomie, Politik; Recht, Medizin, christliche Theologie. Die Pandekten beschäftigen sich nicht mit den beiden letztgenannten Gebieten; die Theologie ist stattdessen das Thema der Partitiones theologicae, die 1549 bei Froschauer in Zürich erschienen; was die Medizin angeht, so kam Gessner nie dazu, die Bibliographie zu erstellen.
Bibliographie
Cochetti, M., «Gesner (Conrad)», in: C. Nativel (Hg.), Centuriae Latinae: cent une figures humanistes de la Renaissance aux Lumières offertes à Jacques Chomarat, Genf, Droz, 1997, 391-397.
Freudenberg, M., «Gessner, Conrad», Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 15 (1999), 635-650.
Fueter, E. K., «Gesner, Konrad», Neue Deutsche Biographie 6 (1964), 342-345, Onlineversion, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118694413.html#ndbcontent
Leu, U. B., Conrad Gessner (1516-1565). Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance, Zürich, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016.
Leu, U., «Konrad Gessner», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 08.05.2020, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/014376/2020-05-08/.
Leu, U./Ruoss, M. (Hgg.), Facetten eines Universums. Conrad Gessner 1516-2016, Zürich, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016.
Serrai, A., Conrad Gesner, hg. von M. Cochetti, Rom, Bulzoni, 1990.
Wellisch, H. H., Conrad Gessner - A Bio-Bibliography, Zug, IDC, 1984.
S. besonders Leu (2016); für einen kurzen zu Leben und Werk s. Leu (2020) sowie Cochetti (1997).
Zwei griechische Gedichte Gessners sind ediert, übersetzt und kommentiert von J. Päll/M. Steinrück, in: F. Pontani/S. Weise (Hgg.), The Hellenizing Muse: A European Anthology of Poetry in Ancient Greek from the Renaissance to the Present, Berlin/Boston, De Gruyter, 2021, 321-326. M. Steinrück ediert ausserdem in einem noch unveröffentlichten Manuskript fünf griechische Gedichte Gessners und bietet eine lateinische Übersetzung.
Sie ist unter dem Titel Epistola de constantia in fide adversus apostasiam abgedruckt in: Museum Helveticum ad iuvandas in publicos usus apertum, Particula I, Zürich, Litteris Conradi Orelli et Soc., 1746, 133-150.
Zu der gigantischen philologischen Arbeit, die Gessner geleistet hat, s. D. Amherdt, «Conrad Gessner philologue»; erscheinen wird dieser Beitrag in dem Tagungsband «Princeps Philologorum. L’autorité du philologue dans les éditions de textes anciens à la Renaissance», Grenoble, 3-4 décembre 2021.
Ph. Ford, «Conrad Gesner et le fabuleux manteau», Bibliothèque d’Humanisme et Renaissance 47 (1985), 305-320, hier: 308.
Lexicon Graecolatinum novissime ab innumeris mendis recognitum et insigni accessione auctum per Conradum Gessnerum Tigurinum. Cum praefatione ad Illustrissimum virum D. Diegum Hurtadum a Mendozza Caesaris oratorem apud Venetos, in qua locupletationis ratio redditur, Basel, Hieronymus Curio, 1545.