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Was ich liebte
Siri Hustvedt, Rowohlt, Reinbeck, 2004, S. 9-10
25. Februar 2014
Gestern fand ich Violets Briefe an Bill. Sie fielen zwischen den Seiten eines seiner Bücher heraus und flatterten zu Boden. Ich wusste seit Jahren von diesen Briefen, doch weder Bill noch Violet hatten mir je erzählt, was darin stand. Sie hatten mir nur erzählt, Bill habe, unmittelbar nachdem er den fünften und letzten gelesen hatte, sich seine Ehe mit Lucille noch einmal durch den Kopf gehen lassen, die Haustür in der Greene Street hinter sich zugeschlagen und sei schnurstracks zu Violets Wohnung im East Village gegangen. Als ich die Briefe in der Hand hielt, spürte ich das nachhaltige Gewicht jener Dinge, die verzaubert sind, weil man immer wieder Geschichten darüber gehört hat. Meine Augen sind schlecht geworden, und ich brauchte eine ganze Weile, um die Briefe zu lesen, doch es gelang mir, jedes Wort zu entziffern. Als ich sie aus der Hand legte, wusste ich, dass ich heute anfangen würde, dieses Buch zu schreiben.
„Während ich im Atelier auf dem Fussboden lag“, schrieb Violet im vierten Brief „habe ich dich beobachtet, wie du mich maltest. Ich betrachtete deine Arme, deine Schultern und vor allem deine Hände, die die Leinwand bearbeiteten. Ich wollte, du hättest dich umgedreht, wärst zu mir gekommen und hättest meine Haut so gerieben, wie du das Gemälde riebst. Ich wollte, du hättest deinen Daumen so fest gegen mich gepresst wie gegen das Bild, und ich dachte, ich würde verrückt, wenn du es nicht tätest, aber wurde nicht verrückt, und du hast mich nicht berührt, kein einziges Mal. Du hast mir nicht einmal die Hand gegeben.“
Das Gemälde, von dem Violet sprach, sah ich zum ersten Mal vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren in einer Galerie in der Prince Street in SoHo. Damals kannte ich weder Bill noch Violet. Die meisten Bilder der Gruppenausstellung waren blutleere minimalistische Arbeiten, die mich nicht interessierten. Bills Gemälde hing allein an einer Wand. Ein grosses Format, eins achtzig mal zwei fünfzig. Mit einer auf dem Boden eines leeren Raums liegenden jungen Frau. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und schien etwas ausserhalb des Bildes zu betrachten. Von dort strömte helles Licht in den Raum und beleuchtete ihr Gesicht und ihre Brust. Ihre rechte Had lag auf dem Schambein, und als ich näher trat, sah ich, dass sie ein kleines Taxi in der Hand hielt – eine Miniaturausgabe des allgegenwärtigen Yellow Cab, das die Strassen von New York hinauf- und hinunterfährt.
Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass sich in Wirklichkeit drei Personen auf dem Bild befanden. Ganz weit rechts, wo die Leinwand dunkel war, bemerkte ich eine aus dem Gemälde heraustretende Frau. Innerhalb des Rahmens waren nur ihr Fuss und ihr Knöchel zu sehen, doch der Slipper, den sie trug, war mit ungeheurer Sorgfalt wiedergegeben, und als ich ihn erst entdeckt hatte, musste ich immer wieder hinsehen. Die unsichtbare Frau wurde genauso wichtig wie die, die das Bild beherrschte. Die dritte Person war nur ein Schatten. Einen Augenblick hielt ich diesen Schatten für meinen eigenen, doch dann begriff ich, dass der Künstler ihn gemalt hatte. Die schöne Frau, die nur ein Männer-T-Shirt trug, wurde von jemandem ausserhalb des Bildes angesehen, einem Betrachter, der genau dort zu stehen schien, wo ich stand, als ich das Dunkel bemerkte, das über ihren Bauch und ihre Schenkel fiel.
Rechts von dem Gemälde las ich auf dem kleinen gerippten Pappschild: Selbstportrait von William Wechsler ...