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Brasilien
Die Verlegung der Regierung des portugiesischen Reiches von Lissabon nach Rio de Janeiro im Jahre 1808 infolge der napoleonischen Bedrohung brachte den König Johann VI in engere Berührung mit seiner grossen brasilianischen Kolonie. Es erwachte in ihm gar bald der lebhafte Wunsch, die ungeheuren Schätze und Einnahmequellen dieses Riesenlandes intensiver auszunützen. Dies schien ihm am besten möglich auf dem Wege der Erschliessung und Kolonisierung der weiten Gebiete durch europäische freie Menschen. Er wie seine Nachfolger Pedro I und Petro II gaben dem Handel mit Europa freie Bahn und förderten die Einwanderung vor allem von landwirtschafttreibenden Ansiedlern.
Die Landarbeiterfrage trat damals in Brasilien ohnedies in den Vordergrund des öffentlichen Interesses. Aus Hauptkontingent der Arbeitskräfte des Agrarstaates Brasilien stellten die Sklaven, die Schwarzen, die aus Afrika importiert wurden. Nun war aber die Zeit gekommen, wo die zivilisierte Welt, an ihrer Spitze der Papst, mit Energie die Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei forderte Auch die Schwarzen selbst hatten durch Aufstandsbewegungen ihre persönliche Freiheit wiederholt zu gewinnen gesucht. In Ihren Reihen gärte es landauf, landab. Portugal musste in 1823 zur Aufgabe des Sklavenhandels bequemen und dadurch begann auch die Quelle für die Beschaffung brasilianischer Arbeitskräfte schwächer zu fliessen. 1850 mussten auf europäischen Druck hin die Gesetze gegen den Sklavenhandel, der immer noch im Geheimen ausgeübt wurde, und gegen die “Negereinfuhr“ verschärft werden. Das Jahr 1871 brachte die Bestimmung, dass alle neugeborenen schwarzen Kinder frei sein sollten. 1885 wurden alle über 60 Jahre alten schwarzen Sklaven freigegeben. Am 13. Mai 1888 endlich schaffte die Princessin-Regentin D. Izabell unter dem Jubel der Bevölkerung die Sklaverei völlig ab, wodurch sich die Landarbeiterfrage aufs äusserste zuspitzte und zeitweilig eine Agrarkrise eintrat.
Die Sklavengesetzgebung, d.h. die Marksteine auf dem Wege zur Befreiung der Schwarzen warfen stets ihre Schatten; vor und nah ihrer Aufrichtung schwollen die Ziffern der Einwanderung mächtig an. Der Landbesitzer musste zeitig Vorsorge treffen.
Europa
Dem Verlangen nach Arbeitskräften, namentlich Kolonisten aus Europa, vor allem aus Deutschland, kamen stets auch dort Verhältnisse entgegen, die eine Auswanderung begünstigten und den Drang zum Verlassen des Vaterlandes förderten. Nach den Napoleonkriegen war die Not in deutschen Landen gross. Die revolutionären Ereignisse um 1848 liessen manchen politisch eingestellten Kopf an Auswanderung denken und der deutsch-dänische Streit um Schleswig-Holstein mit seinen Unruhen und den schliesslich abgedienten Soldaten wies viele Bewohner jener Provinzen auf die Auswanderung hin.
Die wirtschaftliche Depression der 80er und 90er Jahre in Mitteleuropa zwang ebenfalls viele Elemente zum Aufsuchen besserer Lebensbedingungen in Übersee. Dazu kam noch, dass von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Bevölkerung gerade in germanischen Ländern zu Ende des Jahrhunderts gewaltig zunahm und einen Ausweg oder Abfluss nach menschenarmen Gebieten anderer Kontinente suchen musste. Was Wunder, wenn der Ausgleich sich spontan vollzog und so das 19. Jahrhundert die grösste Wanderbewegung der neueren Geschichte erlebte.
Die Schweiz
Das Land, in dem die Lebensbedingungen infolge der gebirgigen Bodenbeschaffenheit am ungünstigsten sind, ist in Mitteleuropa ohne Zweifel die Schweiz. Das Land, in dem alle wirtschaftlichen Reflexe des alten Kontinentes sich sammeln und überkreuzen, ist der eidgenössische Staat, ist die Confoederatio Helvetica. Die Drehscheibe Europas, heute, mit dem Völkerbund auf seinem Territorium, die Drehscheibe unseres Planeten könnte man dieses im Vergleich mit Brasilien winzige Gebiet nennen. Natürlich ist auch die Schweiz nicht von der Emigrationswelle des 19. Jahrhunderts verschont geblieben. Gerade Brasilien ist der Schauplatz erster grösserer Siedlungsversuche gewesen.
Ein Freiburger Bürger, namens Sebastien Gachet, hatte von Paris aus Beziehungen zur portugiesischen Regierung angeknüpft. Im Benehmen mit den Behörden in Bern, Freiburg und Solothurn brachte er es fertig, an 300 Familien mit 1682 Personen aus diesen Kantonen auszuführen und in der Zeit vom November 1819 bis März 1820 über den Ozean zu schaffen, um sie auf den königlichen Gütern nördlich von Rio de Janeiro anzusiedeln. So kam es zur Entstehung von Neu-Freiburg (Nova Friburgo) in Brasilien.
Der Fortgang dieses Unternehmens entsprach allerdings nicht den gehegten Erwartungen. Durch die lange Seereise, das ungewohnte Klima, schlechte Unterkunftsverhältnisse und teilweise mangelnde Eignung zu landwirtschaftlicher Arbeit entstanden grosse Lücken in den Reihen der Ausgewanderten. Vielfach machte sich Mutlosigkeit, sogar Verzweiflung breit. In alle Winde zerstreuten sich die Siedler oder gingen mit den Jahrzehnten im Brasilianertum spurlos auf, sodass heute kaum noch drei Familien in jener Gegend ihre Abstammung auf jene Einwanderer von 1819/20 zurückführen können.
Bis zur Mitte des Jahrhunderts hat es noch mehrere Siedlungsversuche in Brasilien gegeben, denen der Erfolg versagt geblieben ist. So in Mucury und Leopoldina im Süden des Staates Bahia, in Cachoeira de Santa Leopoldina und in Rio Novo im Staate São Paulo. Besser erging es einem Dutzend Valiser Familien aus der Gemeinde Vouvray im Staate Rio Grande do Sul, wo sie 1877 die Kolonien Santa Luisa und Santa Clara bei São João de Monte Negro gründeten. Auch das halbe Dutzend aargauischer und schwyzer Familien im Tal des Rio 25 de Julho im Staate Espirito Santo verstand es, sich in bessere Verhältnisse emporzuarbeiten. Bei den einen wie bei den anderen zeigten die Fünfzigjahrfeiern ein grosses Anwachsen der Zahl der Familien und Abkömmlinge.
Jüngere Versuche von Schweizer Kolonisation wie in Terezopolis in der Nähe von Rio de Janeiro i.J. 1890, bei Funil nahe Campinas im Staate São Paulo 1897, in Affonso Penna bei Curityba im Staate Parana und zu Itajuba in Minas Gerais haben alle mehr oder weniger fehlgeschlagen, weil gewisse Voraussetzungen nicht erfüllt waren, die zum Erfolg notwendig sind.
An der Spitze jener Kolonien jedoch, die durch das Zusammenwirken günstiger Umstände und durch das Vorhandensein persönlicher Eignung, starker Willenskräfte und Sinn für Zusammenarbeit von Erfolg gekrönt worden sind, steht heute in Brasilien jene Siedlung im Staate São Paulo, welche von ihren Gründern den Namen erhielt: Colonia Helvetia.
Auszug aus dem Buch: “Colônia Helvetia, von Dr. Weizinger“