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“ReBelle Art” das sind viel mehr als die beiden Frauen Makhina Dhuraeva und Zarina Tadjibaeva, die bei diesem Stück auf der Bühne performen. Die Gruppe ist ein Kollektiv von Frauen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Sie stammen aus Tadschikistan, aus der Schweiz, Südafrika und China – und ergänzen sich gegenseitig sehr harmonisch. Die Performance “Metamorphose” wurde während des feministischen Festivals “OH BODY!” im Schlachthaus Theater in Bern gezeigt. Es war ein kleiner Ausschnitt, ein «work in progress» des Stückes , dessen Aufführung für den November geplant ist. Die Performance hatte das Format eines Road-Movies: Vom Beginn in Tadschikistan bis zum Treffen der zwei Frauen in der Schweiz, das mit einem inneren Erwachen endete.
Der Performance im Schlachthaus Theater war ein Vortrag der usbekischen Dichterin und Wissenschaftlerin Olima Nabieva vorausgegangen, die das Publikum über die Situation der Frauen in Zentralasien informierte. Olima erzählte, dass sie selbst erst mit der Reflexion über dieses Thema begann, als ihre Tochter in der Schule über die Rolle der Frauen in Usbekistan berichten wollte und sie dafür um Hilfe bat. Die “Metamorphose” veranschaulicht die Aussagen von Olima Nabieva, dass Genderstereotypen, häusliche Gewalt und mangelnde Gleichberechtigung in Zentralasien immer noch verbreitet sind. Allerdings ergänzt Olima, dass es immer mehr junge Menschen gibt, die den existierenden Status Quo in Frage stellen. Wie im unten gezeigten Interview zu lesen ist, sind auch die Künstlerinnen von “ReBelle Art” davon überzeugt, dass es nicht nur eine Hoffnung gibt, sondern auch einen Weg, den kulturellen Kokon zu durchbrechen und eines Tages sich in einen schönen und freien Schmetterling zu verwandeln.
Warum heisst eure Performance “Metamorphose”?
Zarina: Die Metamorphose ist ein schmerzhafter Prozess. Es ist notwendig, die alte Haut abzustreifen, die vielleicht bequem war, schön und farbenfroh und dich dennoch nicht atmen liess. Du musst das alles abziehen, denn du begreifst: “Ich möchte das nicht”. Wenn ich sie aber abstreife, diese alte Haut, wer bin ich dann? Wenn wir uns sogar einige echte Schmetterlinge anschauen: Raupen mit Punkten und Mustern verwandeln sich in Schmetterlinge, deren Flügel die gleichen Punkte und Muster tragen, einfach in einer anderen Form. Im übertragenen Sinn bleiben manche Muster, egal ob wir sie mögen oder nicht, auch auf unserer Haut.
Makhina: Diese Muster entstehen bereits im inneren des Kokons.
Zarina: Wir erzählen, dass dieser Prozess schwierig und schmerzhaft ist, aber dennoch lohnt es sich, ihn zu durchlaufen. Dieser Kampf kostete uns sehr viel Kraft, aber nun sind wir glücklich, dass wir diesen schwierigen Weg gegangen sind. Wir wollen dies mit allen Mädchen und Jungen teilen, die sich “anders” fühlen. Mit all jenen, denen erzählt wurde, dass sie irgendwie “speziell” in negativer Hinsicht sind. Die Stärke und Schönheit eines Menschen liegt aber gerade darin, so zu sein wie er oder sie wirklich ist.
Makhina: Als wir einander begegneten, war das eine sehr atemberaubende Begegnung, denn während meines gesamten Aufenthalts in Deutschland hatte ich keine einzige Frau aus Tadschikistan getroffen. Vor allem keine, die in der Kunst- und Theaterszene arbeitet und auch noch solche Themen angeht. Das war verrückt.
Zarina: Ich hatte vorher bereits Frauen aus Tadschikistan getroffen, die in der Kulturbranche arbeiteten, aber mehr mit klassischen Formen: Als Musikerinnen an einem Konservatorium oder als Regisseurinnen. Aber alles im Rahmen. Selbst wenn der Rahmen weit ist, ist er immer noch eine Begrenzung. Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die diese Rahmen verlassen hatte, so wie Makhina. Noch bevor wir uns näher kennenlernten, fühlten wir sofort: “Oh, du bewegst dich auch ausserhalb dieser Grenzen!”
Das Projekt “ReBelle Art” ist viel mehr, als nur zwei Performerinnen auf der Bühne.
Zarina: Ja, wir haben eine Art einen internationalen “Frauenclub” gegründet und alle unsere Frauen sind starke Persönlichkeiten.
Makhina: Wir haben Frauen aus der Schweiz, Frauen mit Wurzeln in China, Deutschland und Südafrika. Im Umgang miteinander, realisierten wir nach einer Weile, dass es kein Zufall war, dass wir in diesem Projekt zusammengekommen sind. Wir haben alle eine Geschichte, die beweist, dass wir Individuen mit einer rebellischen Einstellung dem Leben gegenüber sind.
Zarina: Obwohl wir Tadschikinnen sind und andere aus der Schweiz oder aus Südafrika kommen, spielt in diesem Projekt die Herkunft überhaupt keine Rolle. Eine ähnliche Erfahrung ist wichtig. Unsere eigene Situation ist extrem, aber alle Mädchen kennen eine Situation der Nicht-Anerkennung, wenn man die Flügel nicht ausbreiten kann.
Makhina:
Im Theaterstück sprechen wir viel über das Problem, von den Eltern nicht anerkannt zu werden. Im Leben einer Frau ist das ein sehr schmerzhaftes Thema, vor allem wenn sie in der kreativen Branche arbeitet.
Aus irgendeinem Grund wird der Beruf der Schauspielerin oftmals nicht als ein “echter” Beruf angesehen. Nur wenn du an jedem ersten Tag des Monats ein festes Gehalt bekommst, dann ist es ein anerkannter Beruf. Besonders in unserer Kultur wird eine junge Frau, die sich für die Gegenwartskunst entschieden hat, praktisch nicht mehr als Mensch wahrgenommen.
Zarina: Das gilt nicht bei klassischen Kunstformen, wenn die Frau z.B. ein Instrument spielt oder Volkslieder singt.
Makhina: Es ist nur akzeptabel, wenn sich die Frau innerhalb der gängigen Konventionen bewegt.
Ist es von Bedeutung für euch, dass die Regisseurin und Dramaturgin von “Metamorphose” gebürtige Schweizerin und keine Migrantin ist?
Zarina: Am Anfang suchten wir tatsächlich nach einer Person mit Migrationserfahrung und betrachteten das als eine der Hauptanforderungen. Wir dachten, es könnte auch eine Regisseurin sein, die in einer Kultur, wo die Religion eine grosse Rolle spielt, aufgewachsen ist. Dann aber traf ich mich mit einigen Regisseurinnen mit ausländischen Wurzeln und merkte, dass viele von ihnen ihre Herkunft nicht in Frage stellen wollen, weil sie sich auch so wohl fühlen.
Es war schwierig jemanden zu finden, der sich in das Thema, das wir zum Ausdruck bringen wollten, einfühlen konnte. Uns wurde Karin Arnold empfohlen, da sie bereits mit Menschen mit «Grenzerfahrung», Menschen mit einer schmerzhaften Vergangenheit oder Traumata gearbeitet hatte. Zusammen mit Jessica Huber vom Tanzhaus Zürich (produktionsbegleitende Dramaturgin vom Tanzhaus Zürich – Anm. der Redaktion) hatte sie mit “problematischen” Jugendlichen gearbeitet. Sehr schnell fühlten wir intuitiv, dass dies die beiden passenden Menschen waren, die uns ohne Worte verstehen konnten. Schon jetzt im Arbeitsprozess spüren wir es, dass es auch so sein musste.
Makhina: Es sind alles sehr sensible Menschen, was wesentlich ist. Zarina und ich sind es so gewohnt stark zu sein, dass wir unsere Sensibilität verstecken. Wir brauchten jemanden , der alles sehr tief empfinden und uns helfen konnte, auch unsere Schwäche und unsere Verletzlichkeit zu zeigen. Viel zu lange mussten wir unseren Schmerz unter dem Panzer einer “starken Frau” verstecken. Doch in der Schwäche liegt genauso Stärke.
Zarina: Wesentlich ist auch, dass es in der östlichen bzw. orientalischen Kultur nicht üblich ist, direkt zu sein. Alles ist sehr gewunden und blumig. Karin und Jessica halfen uns, ehrlich direkt zu sein.
Makhina: Obwohl es manchmal sehr beängstigend ist, etwas direkt zu sagen.
Zarina: “Tausendundeine Nacht” ist ein gutes Beispiel: Alles wird lange und mit vielen Worten erzählt. Aber die Mischung unserer unterschiedlichen Mentalitäten half uns dabei, uns auf die Hauptaussage zu fokussieren: Alles Wichtige in einer Blume zu zeigen, anstatt dem Zuschauer einen ganzen Blumenstrauss mit vielen verschiedenen Blättern anzubieten. Wir “malten” mit grossen Pinselstrichen, nicht so fein.
Makhina: Wenn wir das Stück nur für uns gemacht hätten, wäre es auch eine gute Performance geworden, aber eine komplett andere. Vielleicht wäre das Stück weniger freimütig, dafür aber schicksalsschwer.
Zarina: Wir hatten keine Ahnung, wie der Entwicklungsprozess des Stückes sein wird. Es ist hart, schmerzhaft bis zu Tränen und nicht immer einfach. Der Prozess half uns aber unsere Schwäche und den Schmerz zu enthüllen. Und genau darin liegt unsere Stärke.
Was würdet ihr Frauen sagen, die durch denselben Schmerz der Missachtung, Gewalt und den Abschied von alten Normen gegangen sind?
Zarina: Alles hängt davon ab, wie das Ergebnis ist. Wenn sie durch diesen Schmerz hindurchgegangen sind, ihre Energie transformiert haben und stärker geworden sind, wünschen wir diesen Frauen Glück und Freude. Wenn eine Frau jedoch immer noch leidet, wünschen wir ihr Geduld. Es ist alles nicht leicht, doch ist es nicht vergeblich!
Makhina: Wir empfehlen, unsere Performance anzuschauen! Es war auch nicht einfach für Zarina und mich, aber zu verstehen, dass du nicht alleine bist, das da noch eine andere, gleichermassen verrückte Person in dieser Welt ist, hilft. Es ist wichtig, dass Frauen mit schwierigen Erfahrungen durch unsere Geschichte realisieren, dass sie nicht allein damit sind. Jede von uns verdient Freiheit und noch einiges mehr in diesem Leben.
Zarina: Wir wünschen uns, dass sie über ihren Weg nachdenken. Es lohnt sich weiterzugehen, habt keine Angst: Früher oder später werden sich andere Türen öffnen!
Unsere Performance ist über Solidarität, die so häufig fehlt. Viele Frauen, die durch den Schmerz hindurchgegangen sind, geben diesen Schmerz weiter , anstatt für einen Moment innezuhalten und nachzudenken: «Warum durchbreche ich nicht diesen Kreislauf und höre auch damit auf, andere zu verletzen? Ich war auch ein Opfer! Warum aber diesen Schmerz an eigene Tochter weitergeben?» Wir müssen diesen Kreislauf durchbrechen und zu Solidarität finden. Durch Solidarität passiert Heilung.
Makhina: Um das Nirwana zu erreichen musst du aufhören, dich im Rad des Samsara zu drehen.
Anna speaks French, German, English and Russian. She obtained a Master Degree at the University of Bern (Cultural Studies) and a Bachelor at the Lomonosov Moscow State University (Philology). Anna has big interest in such themes as: identity, cultural hybridity, music, and raising children in multicultural context. She is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.