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Gounods «Faust» stürzt sich heissblütig ins Elend
- Sonntag, 18. September 2016, 11:18 Uhr
Goethes Tragödie «Faust» liefert den Stoff für zahlreiche literarische und dramatische Werke. Auch Charles Gounod inszenierte in der gleichnamigen Oper das Irren und Wirren des tragischen Helden. Gounods «Faust» ist in Zeiten von sozialen Medien erstaunlich aktuell.
Faust gab es tatsächlich. Johann Georg Faust war ein geheimnisvoller Schwarzkünstler und Alchimist. Er lebte und wirkte um 1500 in Süddeutschland.
Erste Berichte über sein Tun verdichten sich damals bald zu Sagen, und nach verschiedenen Literarisierungen erreicht der Stoff in Johann Wolfgang von Goethes «Faust» den Höhepunkt.
Goethes Original wird nach wie vor häufig gespielt. Es wurde zur Referenz für diverse Remakes im Theater, in der Instrumentalmusik, in der Oper und auch im Musical.
Gegen den italienischen Mainstream
Anders als in Goethes Tragödie steht in Charles Gounods Oper von 1859 nicht der Grübler Faust im Zentrum, sondern Marguerite. Alles dreht sich um ihre unglückliche Liebe und ihr Verderben. In Deutschland wurde die Oper deshalb auch lange unter dem Titel „Margarethe“ gespielt.
Gounod setzt mit seiner Musik einen Kontrapunkt zur italienischen Oper. Er lässt seine Figuren nicht in verschnörkelter Belcanto-Manier singen, sondern mehrheitlich in weiten, lyrischen Linien.
Begleitet wird der Gesang von einem raffinierten Orchesterklang. Die Orchestrierung ist farbig und reich (inklusive kurzer Orgelpartie) und enthält glitzernde Schlagzeugeffekte.
Die ursprünglich gesprochenen Dialoge ersetzte Gounod später durch gesungene Rezitative. Zudem fügte er für die Walpurgisnacht im letzten Akt eine Ballettmusik ein. Damit entsprach er dem französischen Musikgeschmack der Zeit.
Mephisto hat die einfache Antwort
Dass der Fauststoff nach wie vor so beliebt ist, hängt mit seiner Zeitlosigkeit zusammen. Seine zentralen Themen bleiben aktuell. Die Unerklärbarkeit des Seins etwa.
Je mehr der gealterte Faust sucht, forscht und weiss, desto mehr wird ihm bewusst, wie viel er nicht weiss. Seine ernüchternde und resignierende Erkenntnis: Was die Welt im Innersten zusammenhält, wird er doch nie erfahren. Er verzweifelt und will sich umbringen.
Die dunkle Seite ist in solchen Situationen schnell zur Stelle. Nicht nur in Geschichten wie «Faust» oder «Star Wars», sondern auch im realen Leben.
Die dunkle Seite lindert den Schmerz mit simplen Antworten auf komplexe Fragen. Nachhaltig löst das das Problem nicht.Auch nicht bei Faust. Er wird zwar wieder jung und heissblütig, stürzt dabei aber sich, Marguerite und deren Umfeld ins Elend. Der lachende Sieger ist Mephisto, der Teufel in Person. Er hat das Ganze angezettelt.
Die Goldenen Kälber von heute
Mephisto behält Recht, wenn er im zweiten Akt von Charles Gounods Oper «Faust» singt, dass das Goldene Kalb die Menschen in seinen Bann zieht, sie ablenkt und sie so beherrscht. Das Goldene Kalb, ein Sinnbild für Götzen, Ruhm, Macht und andere Äusserlichkeiten.
Auch heute scheint das Goldene Kalb Konjunktur zu haben. Ein Blick in soziale Netzwerke genügt: Teure Autos, aufgeputschte Muskelberge, luxuriöse Hotelzimmer und spektakuläre Feriendestinationen hüben und drüben.
Der Tanz um das Goldene Kalb, den Mephisto choreographiert, oder mit anderen Worten die Fokussierung auf die Oberfläche ist ein alternativer Weg zur Auseinandersetzung mit tiefgründigeren Fragen.
Offenbar tendieren Jugendliche in der Schweiz momentan dazu, diesen Weg vorzuziehen. Das zeigt ein Forschungsbericht der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen. Zugespitzt gesagt: Narzissmus ist in, Idealismus ist out. Ihnen kann man nur raten: hört «Faust» oder schaut ihn euch an.
«Faust» von Charles Gounod kurz erklärt
Der Opernführer
Vorhang auf für Liebe, Sex und Crime. Es wird geliebt und gehasst, gefleht und verlassen, gemordet und gestorben. Das ist Oper – und das ist zeitlos. August Schram stellt Opern vor und zeigt, wie leicht man in diese magische Welt eintauchen kann.
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