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Mit Muhammad Ali verliert die Welt eine weitere Legende, die das 20. Jahrhundert entscheidend prägte: Aus diesem Anlass zitiert Zeitnah heute aus David Remnicks «King of the World: Muhammad Ali and the Rise of an American Hero», der wohl besten Biografie über den Boxer und Aktivisten.
Von Daniel Lüthi
Manchmal entscheiden Sekundenbruchteile über Erfolg und Niederlage. Häufig sind es kleine Nuancen oder Reaktionen, doch in dramatischen Fällen kann damit ein ganzes Leben entschieden werden. Im Fall von Cassius Clay alias Muhammad Ali ereignete sich dieser Moment am 25. Februar 1964. Ali hatte sich nach oben gekämpft, vom zwölfjährigen Hänfling zum 22-jährigen Schwergewichtsboxer entwickelt. Durch gekonnte Selbstinszenierung und spielerisch-provokantes Verhalten trat er rasch ans Licht der Öffentlichkeit, aber hinter der scheinbar arroganten Fassade stand ein aufmerksamer junger Mann und fähiger Boxer.
Dennoch liess es sich Ali nicht nehmen, vor dem Kampf um den Titel im Schwergewichtsboxen Sprüche gegen seinen Opponenten und Titelverteidiger Sonny Liston zu klopfen: Er bezeichnete den Weltmeister als übel riechenden Bären, aus dem er nach dem Kampf einen Bettvorleger machen würde – und erregte damit den Ärger der Presse. Liston hatte sich stets bemüht, sich mit der noch dominiert weissen Gesellschaft der 1960er-Jahre zu arrangieren; Ali forderte sie zielstrebig heraus, indem er kein Blatt vor den Mund nahm und die eigene Hautfarbe nicht zu verbergen versuchte.
Der kühle Kopf von Trainer Dundee
Der Abend des Kampfes in der Convention Hall von Miami Beach in Florida wurde zur Generalprobe des späteren Muhammad Ali. Der entscheidende Moment jedoch war nicht Alis Sieg durch technischen K.o. in der siebten Runde, sondern der kühle Kopf seines damaligen Trainers Angelo Dundee. Nach der vierten Runde beklagte sich Ali in der Pause, dass seine Augen stark brannten. Wie sich später herausstellte, war dies aufgrund einer medizinischen Substanz, die man Liston eingerieben hatte und welche durch Übertragung in Alis Augen gekommen sein musste – es bleibt unklar, ob absichtlich oder nicht.
Tatsache war, dass Ali nun praktisch nichts mehr sah und Schmerzen in den Augen hatte. Er geriet in Panik. «Schneid mir die Handschuhe auf, wir gehen!», sagte er zu seinem Trainer, der jedoch anders reagierte und Ali mit einem nassen Schwamm die Augen auswusch, bevor die nächste Runde startete. Und hier sieht Ali-Biograf David Remnick die entscheidende Minute in Alis Leben:
Without this one minute, without Dundee’s instinctive reactions, there might never have been a Muhammad Ali. Sonny Liston would not likely have given a rematch to someone who had humbled him, forced him to juice his gloves; nor would he have admitted of doing so.
Ohne diese eine Minute, ohne Dundees instinktive Reaktionen, hätte es vielleicht nie einen Muhammad Ali gegeben. Sonny Liston hätte kaum einem Rematch gegen jemanden zugestimmt, der ihn gedemütigt hatte, der ihn dazu gezwungen hatte, seine Boxhandschuhe zu präparieren; noch hätte er dies je zugegeben.
(Übersetzung von Daniel Lüthi)
Ob Liston seine Handschuhe tatsächlich präpariert hatte, bleibt wie gesagt unklar. Aber zweifelsohne war Dundees Entscheidung, für seinen Schützling nicht die Niederlage durch Kampfabbruch zu verkünden, sondern ihm stattdessen die Augen auszuwaschen und ihn mit dem Wort «Run!» wieder in den Ring zu schicken, die Geburtsstunde von Muhammad Ali. All seine späteren Kämpfe und Sensationen, von seiner Verweigerung, im Vietnamkrieg zu dienen über «Rumble in the Jungle» bis hin zu seinem sozialen Engagement, wären ohne diese eine Minute wohl kaum zustande gekommen.
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