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Im April 2013 beanspruchte bei YouTube eine nicht näher spezifizierte Entität namens «AdShare MG» das Urheberrecht an einem Video, das ich selbst gefilmt und mit einer nicht urheberrechtlich geschützten Musikaufnahme aus der Public Domain unterlegt hatte. Es handelte sich um einen missbräuchlichen Urheberrechtsanspruch, das heisst um Copyfraud.
Bei solchen «Content ID»-Ansprüchen könnte bei YouTube zwangsweise Werbung eingeblendet werden, deren Einnahmen für mein Video an «AdShare MG» beziehungsweise die nicht genannten Dritten hinter «Adshare MG» sowie Google geflossen wären. Immerhin bestand die Möglichkeit, gegen den missbräuchlichen Urheberrechtsanspruch einen begründeten Einspruch (Dispute) zu erheben und tatsächlich verzichtete «AdShare MG» auf den urheberrechtlichen Anspruch.
Neue urheberrechtliche Ansprüche von EMI und IODA
Mit dem Verzicht von «AdShare MG» («Claim released») war der Copyfraud bei YouTube in Bezug auf mein Video allerdings noch nicht vorbei. Nun teilte mir YouTube mit, EMI und IODA würden das Urheberrecht an der Musikaufnahme in meinem Video beanspruchen – und aus diesem Grund sei mein Video in einigen Ländern nicht verfügbar («Your video is blocked in some countries») … ob EMI und IODA die Dritten waren, für die schon «AdShare MG» urheberrechtliche Ansprüche angemeldet hatte?
EMI beziehungsweise die EMI Group war bis vor kurzer Zeit noch eines der grössten Unternehmen in der globalen Musikindustrie, wurde 2011 aber durch die Universal Music Group übernommen und weitgehend zerschlagen. IODA steht für Independent Online Distribution Alliance und zählt heute als Teil von The Orchard zu Sony Music Entertainment. Zwei der drei globalen Major Label beanspruchten somit das Urheberrecht an der verwendeten Musikaufnahme aus der Public Domain.
In der Folge legte ich erneut begründeten Einspruch ein und genauso wie «AdShare MG» zogen auch EMI und IODA ihre urheberrechtlichen Ansprüche zurück – allerdings nicht sogleich am nächsten Tag wie «Adshare MG», sondern erst nach einigen Wochen.
YouTube: Copyfraud mit «Content ID» als Geschäftsmodell?
Ärgerlich an diesem Verfahren ist das Fehlen jeglicher negativer Folgen für missbräuchlich angemeldete urheberrechtliche Ansprüche – für Entitäten wie «AdShare MG» besteht damit ein Anreiz, möglichst viele «Copyright Notices» weitgehend automatisiert versenden zu lassen … Mit jedem missbräuchlichen Anspruch, gegen den sich der betreffende Nutzer nicht wehrt – das dürfte der Normalfall sein –, lassen sich Einnahmen durch Werbung erzielen.
Netzpolitik.org bezeichnet diesen Copyfraud als «Piraterie einmal anders» und wagt die Prognose, «dass wir schon bald mehr Beschwerden über Copyfraud als Klagen über unerlaubterweise hochgeladene Inhalte auf YouTube zu hören bekommen werden.»
In Zahlen ist «Content ID» jedenfalls eindrücklich:
Nach Angaben von YouTube werden jeden Tag über 100 Jahre Dauer an Videos geprüft, mehr als 3’000 «Partner» melden urheberrechtliche Ansprüche an und über ein Drittel der Werbeeinnahmen bei YouTube aus über 200 Millionen einzelnen Videos gehen auf «Content ID» zurück. Diese Zahlen lassen vermuten, dass Copyfraud bei YouTube mittlerweile sowohl für Google als auch die erwähnten «Partner» ein wichtiges Geschäftsmodell darstellt.
Der oben beschriebene Ablauf liess sich unabhängig vom bildlichen Videoinhalt mehrfach reproduzieren. Gleichzeitig ergab sich, dass bei der Erwähnung von «public domain» in der Videobeschreibung keine urheberrechtlichen Ansprüche angemeldet wurden. Man könnte darin eine Optimierung des Geschäftsmodells sehen, denn Nutzer, die ihre YouTube-Videos ausdrücklich mit einem Public Domain-Hinweis versehen, dürften häufiger mit Einsprachen auf Copyfraud reagieren als andere Nutzer …
EMI Music Switzerland hat bislang nicht auf meine Anfrage in dieser Angelegenheit reagiert.
6 comments
Ich hoffe das die Copyfraud Piraterie bei YouTube in Zukunft von YouTube besser kontrolliert wird.
Als mein Kanal nach 5 Jahren Aufbauzeit plötzlich 86000 Aufrufe Täglich erhielt und ich 2,3 Millionen Kanal aufrufe erreicht hatte, löschte YouTube am 12. März 2013 meinen Kanal mit der Anschuldigung gegen das Urheberrecht verstossen zu haben. Das stimmt aber nicht. 1600 von mir erstellte Videos und 360 Abonnenten habe ich so verloren. Mein Kanal habe ich Werbe frei laufen lassen. YouTube hat meine Beschwerde zurückgesandt und mich darauf aufmerksam gemacht, ob ich wirklich in den USA Prozessieren möchte. Ein Anwalt hat mir abgeraten auf mein Recht zu pochen, da in den USA der Prozessausgang unüberschaubar sei. Ich weis nicht mehr weiter. In meinen Kanal habe ich 4000 Stunden Investiert. YouTube lässt jetzt andere mit meinen Videos Geld verdienen und hat selbst einen Videokünstler der mit vielen anderen YouTube zu dem gemacht hat was es heute ist so auf dem Gewissen.
Vergangenen Sonntag habe ich einen Song auf meinem Synthesizer komponiert und aufgenommen. Am Montag habe ich diesen Song auf Youtube hochgeladen. Am Dienstag meldete mir mein Youtube-Konto «One or more music publishing rights collecting societies» erheben Copyright-Ansprüche und monetarisieren meinen Song. Ich habe Einspruch eingelegt. Damit riskiere ich die Löschung meines gesamten Youtube-Channels. Falls meinem Einspruch stattgegeben wird, drohen «One or more music publishing rights collecting societies» genau: keine Konsequenzen. Lassen wir jetzt Google bestimmen, was Recht ist?
Hallo!
Kannst Du mir ein Update geben, wie Dein Fall ausgegangen ist?
Ich habe aktuell genau das gleiche Problem und stehe vor der Entscheidung Einspruch zu erheben.
Ich habe eine Lizenz und eine Rechnung über den Kauf des Musikstücks und der Rechte vorliegen. Hatte ich bei https://www.proudmusiclibrary.com/de/home gekauft.
Bei mir geht es auch um eine Kanal mit 4 Jahre Arbeit und inzwischen 40000 Follower. Ein Löschen des Kanals wäre eine Katastrophe!
Ein Feedback wäre sehr sehr nett! Danke!
@Max:
Der Widerstand war erfolgreich. (Wer keinen Widerstand leistet, riskiert, bei einer tatsächlichen Urheberrechtsverletzung eine Löschung.)
Das Geschäftsmodell von Ad Shere (Publishing) scheint u.a. darin zu bestehen, Copy-Right-Ansprüche auf Kompositionen geltend zu machen, die eigentlich Public Domain sind, obwohl sie bestenfalls Ansprüche auf eine ganz konkrete und veröffentlichte Interpretation und durch sie geschützte Interpretation dieser Komposition geltend machen könnte. Diese Ansprüche beruhen auf den Suchergebnissen eines Software-Robots, der ihre Musikaufnahmen auf physikalischer Grundlage mit anderen veröffentlichten Interpretationen vergleicht, was ganz gut funktioniert, will man lediglich in Erfahrung bringen, ob es sich um die gleiche Komposition handelt. Unterschiedliche Interpretationen der gleichen Komposition voneinander zu unterscheiden ist mit physikalischen Mitteln eines Rechnerprogramms (Robots) so gut wie unmöglich. Ein solcher, fälschlicher Anspruch ist leicht dadurch zu Fall zu bringen, wenn man die eigene Interpretation einer Public-Domain-Komposition z.B. mit leicht veränderter Geschwindigkeit einspielt und dann erneut veröffentlicht, da der völlig unmusikalische, dumme Robot diesen Trick nicht erkennen kann.
Solche Firmen wie Ad Share (Publishing) bauen darauf, dass man nicht unwiderlegbar beweisen kann, dass man diese Komposition selber eingespielt hat und man folglich, um einen Rechtsstreit mit fraglichem Ausgang zu vermeiden, auf einen Einspruch verzichtet. Und so verdient sich Ad Share (Publishing) mit der schöpferischen Leistung anderer eine goldene Nase.
Nachtrag:
Den größten Teil der Einnahmen bezieht Adshare (Publishing) aber wohl aus der Tatsache, dass naiven Leuten, die z.B. mit ihrer Einspielung des «Für-Elise»-Ohrwurms von Beethoven hoffen den großen Hit gestartet zu haben und durch die Veröffentlichung dieser Einspielung erwarten, ein Riesengeschäft zu starten. Um das abzusichern lassen sie sich also von solchen Firmen wie z.B. Adshare (Publishing) ihre Rechte an ihrer Einspielung sichern. Nur vergessen sie in ihrer Schaffenseuphorie dabei, dass die Gebühren, die an diese windigen Firmen für die Absicherung ihrer Rechte gezahlt werden müssen, meist bei weitem die möglichen Einnahmen aus einer Veröffentlichung bei YouTube oder den Verkauf von MP3’s überschreiten.
Die technisch und rechtlich meist völlig unhaltbaren Copyright-Ansprüche von solchen Firmen wie Adshare (Publishing) dienen unter anderem auch dazu, solche Naivlinge dazu zu verleiten ihre Rechte bei Firmen abzusichern, die mit ihren Gebühren deutlich unter denen der GEMA bleiben und längst nicht so hohe Anforderungen wie die GEMA an die abzusichernden Musikproduktionen stellen.