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A. W. Schlegel hat zu Lebzeiten sehr wenig von sich preis gegeben. Das erschwerte nicht nur sein literarisches Überleben, es erschwert auch die Aufgabe eines jeden Biografen. Der Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Marburg, Jochen Stroben, hat sich dennoch an einer Schlegel-Biografie versucht.
Ich halte den Versuch nur für halb gelungen. Auch wenn Schlegel wenig Persönliches preis gab: einige Eckdaten hätten wohl erwähnt werden müssen. Wann und wie kamen er und sein Bruder mit Novalis in Kontakt? Wann und wie mit Tieck? Wann und wie (und vielleicht sogar weshalb) kamen A. W. Schlegel und Ludwig Tieck überein, eine Shakespeare-Übersetzung auf den Markt zu werfen? (Es gab ja schon welche – über die sich August Wilhelm zwar lustig machte, bei denen er sich aber durchaus bediente für die eigene Version.) Wann und wie (und vielleicht sogar weshalb) delegierten Schlegel und Tieck die Übersetzungsarbeit schlussendlich an Tiecks Tochter und Schwiegersohn? Die übrigen Übersetzungen Schlegels, u.a. Werke von Dante und Calderón, werden sowieso nur am Rande erwähnt. Dass es Kontakte zu zwei andern grossen Übersetzern der Zeit gab, zu Bürger und zu Voss, wird erwähnt – aber auch da erfährt man kaum mehr. Dass später der Professor der Indologie in Bonn kultur- und bildungspolitisch an einem Strang zog mit Wilhelm von Humboldt in Berlin, wird erwähnt – aber über die preussische Bildungspolitik der Zeit erfährt man wenig, man kann nur aus ein paar Sätzen schliessen, dass sie sehr expansiv gewesen sein muss. Dass Schlegel als Indologe immer noch aus der alten philologischen Schule stammte und deshalb den Berliner Kollegen Bopp verachtete, der zur modernen linguistischen Auffassung drängte, wird erwähnt. Dass Schlegel der europaweit bekannteste aus der Gruppe der Jenaer Romantik war, ebenfalls – was er vor allem seinem an Lessing geschulten Talent als Literaturkritiker verdankte.
Am meisten ‘ausgeschlachtet’ wird Schlegels Verhältnis zu Mme de Staël. War es Liebe? War er ihr Geliebter? Strobel bejaht die erste Frage (jedenfalls für Schlegel, auf ihrer Seite, so Strobel, wohl eher nicht) und verneint die zweite. Schlegels Frau, die er später an Schelling weitergab (weitergeben musste, da sie auf eine Scheidung drängte), bleibt hingegen wieder weitestgehend im Dunkeln für den Leser.
Nennenswert finde ich Hinweise, dass die frühe Romantik durchaus spätaufklärerische Züge trug – genauso, wie die Weimarer Klassik; dass der ideologische Kampf zwischen Klassik und Romantik in hohem Masse Selbststilisierung der Romantiker war, die sich – ähnlich wie Goethe – schon früh selber historisch wurden und ihre eigene Geschichte schrieben. Das sollte zwar bekannt sein, hält man sich aber viel zu wenig vor Augen. (Immerhin publizierte August Wilhelm fleissig in Schillers Zeitschriften, den Horen und dem Musenalmanach.) Mir nicht bekannt, da nicht vom Fach, war, dass Schlegel sogar eine eigene Type entworfen hat für den Druck von Sanskrit-Literatur.
Fazit: Vielleicht hätte man dem Autor erlauben sollen, ein Buch zu schreiben von etwas grösserem Umfang als die nicht ganz 200 (keineswegs riesigen!) Seiten, die es nun umfasst?
Jochen Strobel: August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit. O.O.: Theiss (ein WBG-Imprint), 2017. Mit zeitgenössischen Abbildung, in schwarz-weiss.