Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03603.jsonl.gz/2814

Der O. ist eine landwirtschaftl. Sonderkultur, die in der Schweiz seit röm. Zeit betrieben wird. Bis zur Industrialisierung diente er in erster Linie der Selbstversorgung, in der Nähe städt. Siedlungen wurde jedoch schon im MA Obst für den Markt produziert. Das wegen seines hohen Wassergehalts leicht verderbl. Kern-, Stein- und Beerenobst spielte als herrschaftl. Abgabe eine untergeordnete Rolle, weshalb es in den Quellen wenig Spuren hinterliess. In prähist. Zeit war Wildobst ein wichtiger Bestandteil der menschl. Ernährung. Zahlreiche Funde in den Ufersiedlungen belegen, dass auch in unserer Gegend schon im 5. Jt. v.Chr. wilde Früchte gesammelt und gedörrt wurden (Sammelwirtschaft). Die Kultivierung der Fruchtbäume erfolgte im Nahen Osten im 4. Jt. v.Chr.
Im Gebiet der Schweiz wurde der O. erst in röm. Zeit eingeführt. Obstkulturen entstanden hauptsächlich bei den röm. Landgütern. In dieser Zeit waren versch. Obstsorten und Methoden der Bodenpflege, der Schädlingsbekämpfung und der Veredlung von Obstbäumen sowie der Obstweinbereitung bekannt. Plinius der Ältere hob im 1. Jh. n.Chr. insbesondere die Verbreitung von Edelkirschen nördlich der Alpen hervor. Mit dem Zerfall des weström. Reiches versiegt die schriftl. Überlieferung zum O. Archäolog. Funde belegen aber, dass der röm. Obst- und Gartenbau von den alemann. Bauern zumindest teilweise weitergeführt wurde. Kirsche, Pflaume, Kornellkirsche und Feige sind nachgewiesen worden. Im Tessin dürfte in der Übergangszeit zwischen Antike und MA die Kastanie eingeführt worden sein, die später zu einem unentbehrl. Nahrungsmittel für die Bevölkerung der Südschweiz wurde.
Im FrühMA betrieben und förderten die Klöster den O. Der Benediktinerorden verbreitete dank seines grossräumigen Beziehungsnetzes Wissen über die Baumpflege und Obstsorten. Erste schriftl. Hinweise auf den O. in der ma. Schweiz sind in der Abtei St. Gallen zu finden. Der um 820 entstandene Klosterplan enthält einen Gemüse-, einen Arzneipflanzen- und einen Obstgarten. Letzterer sollte auch als Begräbnisgarten dienen. Die Äbtissin Hildegard von Bingen beschrieb in ihren Aufzeichnungen um 1160 eine grosse Anzahl versch. Obstarten und -sorten. Auch der weltl. Adel erwies sich als Förderer des O.s. In der Landgüterverordnung von Karl dem Grossen (812) wurde der Anbau von Obstarten auf den königl. Gütern angeordnet. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Gesetze zum Schutz der Obstbäume und -gärten. Im Landfrieden von 1187 wurde festgelegt, dass die Beschädigung fremder Obstgärten mit dem Verlust der rechten Hand und der Ächtung zu bestrafen sei.
Die Ausbreitung der Dreizelgenwirtschaft im HochMA förderte die Konzentration des Baumbestandes in der Nähe der Hofstätten. Besonders für das Kernobst wurden Baumgärten angelegt, auf deren unbebauter Fläche man Gras wachsen liess. Als Frischobst verzehrte man im MA nur den Apfel, der auch als Bratapfel konsumiert oder zu Most und Essig verarbeitet wurde. Kirschen und Pflaumen empfahl man als Dörrobst, Birnen als Dörr- und Kochobst. Gedörrtes Obst diente als Brotersatz, Wegzehrung und Vorrat für die krit. Versorgungszeit im Frühjahr (Vorratshaltung). Baumnüsse nutzte man zur Herstellung von Speise- und Lampenöl. Einen Einblick in den Obstkonsum der städt. Bevölkerung gewähren Rechnungsbücher der Spitäler. Das Spital Basel kaufte im SpätMA auf dem Markt Kirschen, Äpfel, Birnen, Quitten und Deutsche Mispeln.
Im 16. Jh. verlieh die Erneuerung der Botanik dem O. wichtige Impulse. In Basel wurde 1589 der erste Botanische Garten der Universität gegründet. Im Garten des Luzerner Stadtschreibers und Apothekers Renward Cysat wuchsen Fruchtbäume aus Frankreich und dem Piemont. Cysat unterhielt auch Kontakte zu Obst züchtenden Bauern der Landschaft. In dieser Zeit begannen die Patrizier ihre Landsitze mit ansehnl. Gärten auszustatten, wobei -- im Unterschied zu den ausländ. Vorbildern -- Zier- und Nutzgarten noch vereint blieben. Im 17. Jh. wurde Frankreich führend im O. Heimkehrende Söldner brachten neue Sorten und Pflegekenntnisse in die Schweiz. Der O. nahm auch bei uns stark an Bedeutung zu. Der Berner Daniel Ragor verfasste 1639 das Werk "Pflantz-Gart", das erste deutschsprachige Buch zu diesem Thema. Darin gab er Anleitungen zum Pflanzen, Düngen und Pfropfen der Obstbäume, erwähnte Schädlinge sowie deren Bekämpfung und führte die dt. Obstsortennamen ein. Erst jetzt setzten sich die Kultursorten auch im bäuerl. Anbau durch. Im 18. Jh. förderte die Naturforschende Gesellschaft Zürich den O., indem sie prakt. Empfehlungen veröffentlichte. Dank guter Absatzmöglichkeiten wurde frisches und gedörrtes Obst innerhalb des Landes gehandelt und sogar ins Ausland exportiert.
In der Ostschweiz wurden im 17. und 18. Jh. viele Äcker, Gräben und Strassenränder mit Obstbäumen bepflanzt (Agrarzonen). Im bern. Mittelland, in der West- und Zentralschweiz dagegen entstanden geschlossene Pflanzungen. Nicht nur die Bauernhöfe, sondern auch die Kleinstellen der dörfl. Unterschicht waren mit einem eigenen Baumgarten ausgestattet. In den Höhenlagen und in den meisten Weinbaugebieten blieb der O. auf die Hausgärten beschränkt. In den Gem. gab es Bestimmungen zur Förderung des O.s. In Zollikon beispielsweise war es Pflicht jedes Brautpaares, einen Baum zu pflanzen. An milden und fruchtbaren Lagen wurden eigentl. Obstgärten angelegt. Als weiteres Landschaftselement entstanden im 18. Jh. arten- und sortenreiche Patriziergärten.
Autorin/Autor: Robert Schumacher
Die Industrialisierung bewirkte im 19. Jh. einen Rückgang der Obstkulturen in der Umgebung der industriellen Zentren. In den ländl. Gebieten dagegen nahm die Obstproduktion zu, um den Bedarf der städt. Bevölkerung zu decken. In der 2. Hälfte des 19. Jh. war die Schweiz, bezogen auf die Bevölkerungszahl, das obstbaumreichste Land Europas. Grosse Mengen an Obst konnten exportiert werden. Die Ausdehnung des O.s erfolgte nicht nur aufgrund der guten Absatzmöglichkeiten, sondern auch wegen des Rückgangs des von neuen Schädlingen und Krankheiten geplagten Rebbaus und der durch Importe konkurrenzierten Getreideproduktion. Der auf Kosten des Ackerlands expandierende Futterbau liess sich optimal mit dem O. kombinieren. Dank der Eisenbahn wurde der Marktobstbau seit der Jahrhundertmitte immer unabhängiger vom Standort der Verbrauchsgebiete und konzentrierte sich auf die für den Anbau geeigneten Lagen.
Mit dem Übergang vom Selbstversorger- zum Marktobstbau begann man in den Kantonen Obstbaukurse für Landschullehrer und Baumwärterkurse anzubieten. 1844 fand die erste Früchte- und Blumenausstellung statt, organisiert durch die Zürcher Landwirtschaftl. Gesellschaft. Versch. Obst- und Sortenausstellungen folgten in den nächsten Jahren. Man war bestrebt, das grosse Sortenangebot zu reduzieren und nur gute Sorten zu empfehlen. Ein Sortenreichtum war für den Selbstversorger von Vorteil, da das nicht gleichzeitige Reifen der versch. Sorten einen Risikoausgleich darstellte. Der Handel wünschte aber einheitl. Handelsgut. Die Komm. für Obstbaumzucht des Kt. Bern gab 1865 ein Stammregister der besten Kernobstsorten heraus. Der Schweiz. Obst- und Weinbauverein beeinflusste das Sortiment durch die Abgabe von Pfropfreisern empfehlenswerter Sorten.
Dank des aufkommenden Wohlstandes in den Industrieorten nahm der Konsum von Kartoffeln und Getreideprodukten auf Kosten von Dörrobst zu. Bis Anfang des 20. Jh. waren in der Nordostschweiz die Birnbaumbestände grösser als die Apfelbaumbestände. Mit dem Marktobstbau nahm die Zahl der Apfelbäume auf Kosten der Birnbäume zu, weil die städt. Bevölkerung Apfelsaft bevorzugte und Birnen weniger haltbar waren. Gegen Ende des 19. Jh. erhöhten Konservenindustrie und Mostereien die Nachfrage nach Obst. Um 1900 nahmen die Kernobstbestände nochmals zu, während das Steinobst infolge der Schrotschusskrankheit einen Rückschlag erlebte. Lediglich im Wallis gewann der Aprikosenanbau, der nach der Korrektion der Rhone in der Talebene betrieben werden konnte, grosse Bedeutung. Bis nach dem 1. Weltkrieg bestanden für den schweiz. O. allgemein gute Exportmöglichkeiten.
Dank privaten und staatl. Massnahmen wurde der O. gezielt gefördert, die Obstbauern erhielten eine Beratung und der Handel wurde koordiniert. Regelmässige Leistungen von Bund und Kantonen zugunsten des O.s waren aber erst nach der Annahme des Bundesbeschlusses (1884) und des Bundesgesetzes (1893) über die Förderung der Landwirtschaft möglich. Ende des 19. Jh. wurden die landwirtschaftl. Forschungsanstalten Wädenswil und Changins gegründet. 1911 entstanden der Schweiz. Obstverband (aus dem Schweiz. Obst- und Weinbauverein) und Ende der 1920er Jahre die ersten kant. Zentralstellen für O. Der Zusammenbruch des Marktes nach einer Rekordernte 1922 und der drast. Rückgang der Obstexporte aufgrund der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren führten zur Förderung des Qualitätsobstbaus und zum neuen Alkoholgesetz von 1932, das -- anstelle der Produktion von Branntwein -- eine sinnvolle Verwertung der Ernteüberschüsse zum Ziel hatte. Die umfassende Umstellung des O.s wurde von der 1934 gegr. Schweiz. Zentrale für O. gefördert, die Ausbildung von Obstfachleuten sowie die Beratung und Aufklärung der Produzenten intensiviert.
Analog zur techn. Obstverwertung verbesserte sich auch die Obstbautechnik. Zur Qualitätssteigerung der Sortimente unterstützte die Alkoholverwaltung Umpfropfaktionen und Überschuss mindernde Fällaktionen. So entstanden vermehrt geschlossene, gut gepflegte Obstanlagen und somit ein leistungsfähiger Marktobstbau. Während des 2. Weltkrieges gab es keine Absatzprobleme. Apfelsaft und Obstsaftkonzentrate waren willkommener Zuckerersatz. Erste Kühlhäuser wurden gebaut. Unmittelbar nach dem Krieg konnten grosse Mengen an Tafel- und Wirtschaftsobst exportiert werden. In den Nachbarländern entstanden moderne Niederstammanlagen, die für den schweiz. O. eine grosse Konkurrenz bedeuteten. Höhere Produktionskosten in der Schweiz und die europ. Integration führten zu weiteren Erschwernissen des Obstexportes. Ab 1951 trat, basierend auf dem Landwirtschaftsgesetz, das Dreiphasensystem in Kraft, welches das inländ. Obst durch Importbeschränkung bzw. -sperre schützte, wenn dieses auf den Markt gelangte. 1995 wurden Einfuhrkontingente und Importverbote als Folge des WTO-Abkommens über Landwirtschaft durch Schutzzölle ersetzt (sog. Zweiphasensystem, in welchem auf eine meist lange Periode des Importschutzes eine kurze Periode der freien Einfuhr folgt). Trotz Schutzmassnahmen blieben aber Verwertungsprobleme bestehen. Arbeitstechn. und wirtschaftl. Gründe erforderten eine rationellere Tafelobstproduktion in geschlossenen Niederstammanlagen mit höheren Hektarerträgen. Im Genferseegebiet und im Wallis wurden diese rasch eingeführt, in den übrigen Gebieten der Schweiz anfänglich zögernd. Die Gesamtfläche der modernen Obstkulturen betrug 2008 6'542 ha. Die bedeutendsten Obstbaugebiete waren die Westschweiz (48%), die Ostschweiz (28,9%) und die Nordwestschweiz (8,2%), gefolgt von der Zentralschweiz (5,5%) und vom Mittelland (5,3%). Da der Feldobstbau alter Prägung oft Obst von geringerer Qualität hervorbrachte und eine massive Überproduktion beim Mostobst verursachte, organisierte die Alkoholverwaltung Fällaktionen. Zudem standen Streuobstbäume der Intensivierung des Acker- und Futterbaus im Wege. Mit der Rationalisierung der Pflegemassnahmen begann der Übergang zu industriemässiger Produktion und Spezialisierung. Die Obstproduktion blieb jedoch bis heute vorwiegend bei den landwirtschaftl. Familienbetrieben. Versch. Anbausysteme wurden ausprobiert, die Pflanzabstände verkleinert, die Baumzahl pro Fläche erhöht, auf Grasnutzung verzichtet und die Bodenpflege auf den O. abgestimmt. Mit der Integrierten Produktion erfolgte eine starke Erneuerung bei den Pflegemassnahmen. Eine naturnahe und nützlingsschonende Produktion gewann an Bedeutung. Dieser Trend wird heute noch fortgesetzt, um einer zunehmend gesundheits- und umweltbewussten Bevölkerung gerecht zu werden. Auch Bioprodukte werden immer beliebter.
Mit der Einführung des Intensivobstbaus und den Fällaktionen der Feldobstbäume erfolgte eine Veränderung des Landschaftsbildes. Ende der 1980er Jahre waren mehrheitlich überalterte Bestände an Hochstammobstbäumen vorhanden, von denen aufgrund ihres Gesundheitszustandes nur etwa die Hälfte eine längerfristige Zukunft hatte. Als wichtiger Teil unserer Kulturlandschaft und als Lebensraum für viele Vogel- und andere Tierarten begann man aber in den 1980er Jahren den Hochstammobstbau wieder zu fördern. Kantons- und Bundesbeiträge sollen einen Anreiz zum Neupflanzen und Pflegen der Hochstämme geben, um den Feldobstbau längerfristig zu erhalten.
Autorin/Autor: Robert Schumacher
Autorin/Autor: Robert Schumacher