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Der italienischen Filmemacher Federico Fellini zeichnete Szenen und Charaktere als Vorbereitung für seine Filme, aber auch für sich persönlich. In «Federico Fellini – Von der Zeichnung zum Film» präsentiert das Kunsthaus Zürich rund 500 Exponate, die seit 40 Jahren nicht mehr zu sehen waren.
Federico Fellini (1920-1993) zählt zu den bedeutendsten Regisseuren der Filmgeschichte. Produktionen wie «La strada» (1954), «La dolce vita» (1960) oder «Amarcord» (1973) sind Filmklassiker. Doch, dass Fellini auch ein unermüdlicher und pointierter Zeichner war, ist weniger bekannt. Schon in der Schule karikierte er seine Lehrer, später arbeitete er als Karikaturist, Journalist und Drehbuchautor. Sein Weg führte ihn über das Zeichnen Anfang der 1950er Jahre zum Film.
Abfahrt der Marktfrauen, «Amarcord» 1972-1973. © 2022, ProLitteris, Zürich
Der grösste Teil der im Chipperfield-Bau ausgestellten Zeichnungen stammt aus der Zürcher Sammlung von Jakob und Philipp Keel, ergänzt von zahlreichen schwarz-weissen Setfotografien, Kostümen und Filmrequisiten sowie Filmtrailern, die im Zusammenspiel mit den Zeichnungen die Arbeitsweise Fellinis veranschaulichen.
Blick in die Ausstellung. Foto: rv
Die Zeichnungen halfen Fellini, sich selbst visuell etwas klarzumachen, eine vage Idee in eine konkrete Form zu überführen. Bei der Konzeption und der Besetzung eines Films nutzte er seine Skizzen, noch bevor er wusste, wer für die Darstellung in Frage kam. Das Casting nach einer Annonce in der Zeitung lockte unzählige Personen an, Typen, von denen er sich inspirieren liess. Es war ein aufwendiger Prozess. Doch seine bevorzugten Schauspieler waren Giulietta Masina, mit der er von 1943 bis zu seinem Tod verheiratet war, und Marcello Mastroianni, das künstlerische Alter Ego von Fellini.
Make-Up für Ettore Manni (1927-1979), «Stadt der Frauen / La città delle donne» 1980. Manni spielte «Dr. Xavier Katzone», einen Helden und Waffennarr. Tragischerweise starb der Schauspieler während der Dreharbeiten durch einen Schuss in die Leistengegend. Foto: rv
Mithilfe der Zeichnungen konnte der Regisseur dem Team seine Ideen und Vorstellungen einfacher vermitteln. Da seine mündlichen Anweisungen eher verschwommen waren, wie sich eine Tänzerin erinnerte, waren seine Zeichnungen eine grosse Verständigungshilfe. Auf einfache Art wussten so die Darstellenden, wie sie ihre Rollen zu spielen hatten. Auch in den Mal- und Bildhauerateliers, in den Kostümschneidereien, in den Studios der Maskenbildner hingen seine Skizzen als Vorgaben an den Wänden.
Anita vestita da prete / Anita verkleidet als Priester, «La dolce vita» 1959-1960. © 2022, ProLitteris, Zürich
Für Fellini waren die Zeichnungen keine Kunstwerke, sondern Mittel zum Zweck, nach Gebrauch interessierten sie ihn nicht mehr. Wenn er sie horten würde, schrieb er in seinen Notizen, «käme mir das so sinnlos vor, wie wenn eine Schneiderin bei einem fixfertigen Kleid immer noch Nähte heften würde.» Doch Mitwirkende nahmen «ihre Zeichnungen» nach den Dreharbeiten gerne mit, Fellini forderte sie nicht zurück. Dass sie öffentlich bekannt wurden, ist vor allem seinem persönlichen Umfeld zu verdanken. Als in Italien 1970 der erste Band zu Satyricon erschien, war er sehr überrascht.
Im deutschsprachigen Raum waren es vor allem der Schweizer Verleger und Gründer des Diogenes Verlags, Daniel Keel und seine Frau die Künstlerin Anna Keel, die seit den frühen 1970er Jahren mit Fellini eng befreundet waren.
La passeggiata in carrozza con lo zio matto, «Amarcord», 1972-1973. © 2022, ProLitteris, Zürich
Keel erwarb die Weltrechte am Schrifttum Fellinis und veröffentlichte sämtliche Drehbücher zu seinen Filmen als Taschenbuch. 1976 publizierte er einen grossformatigen Band zu den Zeichnungen. Fellini meinte nach einer Ausstellung seiner Bilder in einem Interview: «Was für ein Horror, diese Sachen an der Wand hängen zu sehen, angestrahlt von Spots, wie kostbare Schmetterlinge.» Er bewunderte die Maler zu sehr, um zu behaupten, selbst ein Künstler zu sein, sagte Gérald Morin, ein enger Mitarbeiter von Fellini im Gespräch mit den Kuratoren der Ausstellung Cathérine Hug und Tobias Burg.
Fellini zeichnete immer, schon frühmorgens, wenn er seine Träume aufschrieb und den Texten Zeichnungen hinzufügte. Aber er zeichnete auch, um sich die Zeit zu vertreiben auf Servietten, Speisekarten oder irgendeinem Blatt Papier, auf seinen Telefonzeichnungen sind auch Telefonnummern notiert. Er benutzte Filzstifte, Buntstifte, Kugelschreiber. Manchmal schenke er die Zeichnung einer Person, die er gerade karikiert hatte.
Il libro dei sogni, 2020. Fellinis Traumtagebücher wurden anlässlich seines 100sten Geburtstags in Buchform reproduziert. Die Originale werden im Archiv in Rimini aufbewahrt und nicht ausgeliehen. Foto: rv
Das Zeichnen als Gespräch mit sich selbst war für Fellini ausserhalb der Filmproduktion essentiell. Auf Anregung seines Psychoanalytikers, des Jungianers Ernst Bernhard, hielt Fellini zwischen 1960 und 1990 seine Träume in zwei grossen Heften, die ursprünglich der Buchhaltung hätten dienen sollen, mit kommentierten Zeichnungen fest.
Deutsches Filmplakat zu «Amarcord» (mi ricordo – ich erinnere mich), 1975. Der Film hat keine stringente Handlung, sondern ist eine Abfolge phantasievoller Szenen mit Sequenzen zwischen 1933 und 1934 während des Faschismus in Rimini.
Der Beginn der Traumtagebücher führt Fellini zu einer entscheidenden Wende in seinem Filmschaffen. Er löst sich von der Ästhetik des Neorealismus und wagt sich in labilere und flüchtigere Dimensionen vor, beeinflusst von C.G. Jung, den er bewundert, weil dieser «einen Berührungspunkt von Wissenschaft und Magie, Rationalismus und Phantasie entdeckt hat». Fellinis Filmsprache öffnet sich, verführt durch Geheimnisse und bleibt doch im Einklang mit der Vernunft. Das war ihm ein grosses Anliegen.
Titelbild: Deutsches Filmplakat zu «Der Schwindler / Il bidone» 1955 (Ausschnitt), © 2022, ProLitteris, Zürich.
Bis 4. September 2022
«Federico Fellini – Von der Zeichnung zum Film», Kunsthaus Zürich im Chipperfield-Bau, Informationen und Begleitprogramm siehe hier
Ausstellungskatalog CHF 42.00