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Ich stille mein Kind, solange es will
Ein Gastbeitrag von C. M.*
Vor einigen Wochen habe ich mir neue BHs gekauft. Zum ersten Mal seit über sieben Jahren waren es keine Still-BHs. Denn nicht nur haben wir die Familienplanung abgeschlossen, sondern auch die Stillzeit. Unsere Tochter hat ziemlich pünktlich auf den vierten Geburtstag damit aufgehört, von der Brust zu trinken. Ganz von selbst.
Natürlich ernährte sie sich da längst nicht mehr nur von Muttermilch. Die Muttermilch war zusätzlich, «flüssige Liebe» nannte mein Mann es. Muttermilch – oder das Nuckeln an meiner Brust – war ihr Nuggiersatz. War sie müde, traurig oder verletzte sich – sie verlangte nach «Mimi» (von ihrem älteren Bruder geschaffenes Wort für Brust und Muttermilch). Für uns beide eine praktische Lösung, doch für unsere Gesellschaft ungewohnt. Ein Kind, das herumspringt, spricht und noch die Brust nimmt? Irgendwann wurden mir die Blicke und Bemerkungen zu viel und wir konnten uns nach vielen Diskussionen darauf einigen, dass es «Mimi» nur zu Hause auf dem Sofa gibt.
Aber da verlangte sie danach – kamen wir von der Krippe heim, führte sie mich zum Sofa und sagte: «Mami Sofa Mimi». Kam ich von einer mehrtägigen Reise zurück (während der sie sehr gut ohne sein konnte), hiess es: «Mimi». Und ich konnte gar eine ganze Woche weg sein ohne abzupumpen – die Milch war noch da, wenn sie nach meiner Heimkehr «Mimi» verlangte. Doch mit der Zeit verlangte sie weniger oft danach, sie kroch nur noch nachts in unser Bett, schob mein Pyjama hoch, bediente sich und alle schliefen weiter. Dann wurden auch die nächtlichen Besuche seltener und irgendwann rund um ihren vierten Geburtstag blieben sie dann ganz aus.
Wer es wissenschaftlich angeht, sieht, dass vierjährige Brustkinder etwas Natürliches sind. Intensiv mit dem Thema befasst hat sich die amerikanische Anthropologin Katherine Dettwyler: Sie schaute verschiedene Studien aus den 1940er- und 1950er-Jahren an, in denen die Abstillzeiten sogenannter «Naturvölker» untersucht wurden – bei diesen wurden Kinder gestillt, bis sie zwischen drei und fünf Jahre alt waren.
Daraufhin verglich sie wissenschaftliche Studien, in denen das Abstillalter von Primaten und anderen Säugetieren definiert wurde, weil sie davon ausging, dass bei Tieren keine gesellschaftlichen Normen den Abstill-Zeitpunkt beeinflussten. Sie fand Abstillalter zum Zeitpunkt der Verdrei- oder Vervierfachung des Geburtsgewichts, beim Erreichen von einem Drittel des Erwachsenengewichts, beim Durchbrechen des ersten bleibenden Backenzahnes oder bei der dreifachen Schwangerschaftsdauer. Dettwyler übertrug diese Abstillzeitpunkte auf die Menschen und errechnete ein natürliches Abstillalter, das je nach Messgrösse bei zwischen 2,5 und sieben Jahren liegt.
Diese Zahlen zeigen: Wissenschaftlich gesehen ist das Stillen eines vierjährigen Menschenkinds sehr natürlich. Dennoch müssen Mutter und Kind, die das machen, in unserer Gesellschaft missfallende und verletzende Blicke und Bemerkungen über sich ergehen lassen – bis es ihnen so peinlich wird, dass sie nur noch zu Hause stillen.
*Der Name ist der Redaktion bekannt. C. M. arbeitet als freischaffende Journalistin. Sie ist zweifache Mutter.
Lesen Sie dazu auch das frühere Posting «Ich stille mein Kind noch – bin ich pervers?». Die Sichtweise einer Stillberaterin zur «Time»-Titelstory.