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"Wie wird man Regierungsrat?
Alois Günthard - der erste Adliswiler im Zürcher Regierungsrat"
Mit Dr. Thomas Heiniger, Stadtpräsident von Adliswil, kandidiert ein Mitglied des Geschichtsvereins Adliswil für den Regierungsrat. Aus aktuellem Anlass deshalb ein Blick zurück, auf Alois Günthard, der als erster Adliswiler von 1963 bis 1976 im Zürcher Regierungsrat sass.
Als "waschechten Zürihegel" bezeichnete der Tages-Anzeiger Günthard in einem Porträt vor der Wahl, als gleichzeitig "schollenverbunden und weltoffen, traditionsverhaftet und zukunftsorientiert". Nicht weniger betont wurde seine tiefe Verwurzelung in Adliswil, wo das Geschlecht der Günthard (und Günthardt) seit Jahrhunderten ansässig war (und bis heute ist). Am 10. Oktober 1913 in Adliswil geboren, wurde Günthard wie sein Vater Landwirt. Daneben liess ihn aber seit der Schulzeit die Liebe zur Literatur und zur französischen Kultur nie mehr ganz los. Er lernte nebenbei Latein und studierte 1936/37 in Besançon französische Literatur. Für die NZZ schrieb er Feuilleton-Beiträge, ausserdem gewann er zwei journalistische Preisausschreiben.
Die politische Karriere beginnt 1939 bei Kriegsausbruch als Leiter der Ortsgetreidestelle. Nach Kriegsende 1945 wird Günthard in den Gemeinderat gewählt, damals die Adliswiler Exekutive, wo er als Bauvorstand u.a. das Schwimmbad realisiert. 1953 folgt die Wahl zum Gemeindepräsidenten. In diesem Amt erlebt Günthard 1961, wie Adliswil durch die Geburt des 10'000sten Einwohners zur Stadt wird – und sich das ehemalige „Armetschwiil“ gleichzeitig zum blühenden Vorort von Zürich entwickelt. Auf überkommunaler Ebene amtet Günthard seit 1947 als Bezirksrichter, 1959 wird er auf der Liste der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), der heutigen SVP, in den Kantonsrat gewählt.
1963 ist der 49-jährige Günthard als BGB-Kandidat für den Regierungsrat bereit, als die Partei ihren 68-jährigen Gesundheitsdirektor Jakob Heusser nach 20 Amtsjahren nicht mehr für eine weitere Amtszeit nominiert. Im Mittelpunkt des Wahlkampfs steht allerdings die Kandidatur des (ersten) Christlichsozialen Urs Bürgi. Am 28. April 1963 wird Günthard an sechster Stelle hinter den fünf Bisherigen wie allgemein erwartet in den Regierungsrat gewählt. An siebter Stelle folgt Bürgi, während der bisherige Baudirektor Paul Meierhans mit einem Rückstand von nur 280 Stimmen überraschend als überzählig aus der Wahl fällt. Auch die angeordnete Nachzählung der Stimmen ändert nichts am Resultat.
Nach einem improvisierten Dorffest in Adliswil am Wahlabend findet eine Woche später im „Sunne“-Saal die offizielle Wahlfeier im Beisein zahlreicher Polit-Prominenz statt. Ein Schülerchor trägt "frisch und munter" Lieder vor, danach eröffnet Paul Gysel als Vizepräsident des Gemeinderats den Reigen von nicht weniger als 14 Tischreden, koordiniert von Gemeinderatsschreiber Emil Egli und unterbrochen durch die Darbietungen der Harmonie Adliswil.
Bei der Zuteilung der Direktionen erhält Alois Günthard die Militär- und Polizeidirektion. Erst nach vier Jahren kann er 1967 wunschgemäss in die Baudirektion wechseln. Hier ist er für zahllose Bauvorhaben verantwortlich und muss vor allem beim Strassenbau einen radikalen Wandel der öffentlichen Meinung, hin zu mehr Umweltschutz während seiner Amtszeit erleben. Auch andere, bis heute aktuelle Themen beschäftigen Günthard: 1970 wird das erste Fluglärmgesetz erlassen.
Hatte der Kanton Zürich im 19. Jahrhundert mit Gottfried Keller einen dichtenden Staatsschreiber, so hatte er im 20. Jahrhundert mit Alois Günthard einen dichtenden Regierungsrat. In Versform machte sich Günthard regelmässig Gedanken über den Tag hinaus – bescheiden und realistisch zugleich: "Gestern, durch die Pflichtenkette, / War mein Leben noch gehetzt. / Heute lieg’ ich still im Bette, / Morgen bin ich schon ersetzt."
1969 und 1976 wird Günthard jeweils turnusgemäss zum Regierungspräsidenten gewählt. In diesem Amt nimmt er am Abend des 10. November 1976 als Ehrengast am Martinimahl der Gesellschaft zur Constaffel im "Rüden" teil und hält eine gereimte Tischrede, als er plötzlich zusammenbricht. Im Kantonsspital kann wenig später nur noch sein Tod festgestellt werden. Am Tag der Abdankungsfeier im Zürcher Fraumünster ist vielerorts im Kanton die Zürcher Fahne auf halbmast gesetzt.
Christian Sieber