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| Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)

Erste Homilie
7.
Es werden von den Künsten die einen poetische (schaffende), die andern praktische, wieder andere theoretische genannt1. Der theoretischen Künste Zweck ist die Betätigung des Geistes, der praktischen die Bewegung des Körpers, bei deren Aufhören nichts mehr da ist, und es nichts mehr zum Leben gibt; das Ende des Tanzes und Flötenspieles ist nichts weiter als das Aufhören der Tätigkeit an sich. Hört aber bei den schaffenden Künsten die Tätigkeit auch auf, so ist doch das Werk da, so bei der Baukunst, Holzschneidekunst, Schmiedekunst und Webekunst und andern derartigen Künsten, die, auch wenn der Künstler nicht da ist, in sich schon die künstlerischen Gedanken genügend bekunden; du kannst den Baumeister, Metallarbeiter und Weber im Werke bewundern. Um nun die Welt, so wie sie allen sichtbar ist, als eine kunstvolle Schöpfung zu erweisen, die an sich die Weisheit ihres Schöpfers zu erkennen gibt, hat der weise Moses mit Bezug auf sie keine andere Wendung gebraucht als den Ausdruck: „Im Anfange schuf”, nicht „bewerkstelligte” oder „stellte her”, sondern „schuf”. Und weil viele in ihrem Wahne, die Welt existiere mit Gott von Ewigkeit her, nicht zugaben, daß sie von ihm erschaffen worden, vielmehr behaupteten, sie sei gleichsam als ein Schatten seiner Macht durch und von ihm selbst entstanden, und weil sie Gott wohl als ihren Urheber bekennen, aber als einen Urheber ohne Willen, so wie der Körper die Ursache des Schattens oder der leuchtende Gegenstand die des [S. 18] Scheines ist, um also diesen Irrtum zu berichtigen, bediente sich der Prophet der unzweideutigen Wendung: „Im Anfange schuf Gott.” Nicht irgendetwas2 war die Ursache für die Existenz der Welt, sondern Gott schuf in seiner Güte das Nützliche, in seiner Weisheit das Schönste, in seiner Macht das Größte3. Und so offenbarte er sich dir als Künstler, der nicht nur in das Wesen aller Dinge eindrang, sondern auch die einzelnen Teile untereinander harmonisch verband und so das Ganze ihm entsprechend in Harmonie und Übereinstimmung brachte.
„Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde.” Mit diesen zwei Enden bezeichnete er den Bestand des Ganzen, räumt aber dem Himmel die Priorität der Entstehung ein und läßt die Erde erst an zweiter Stelle erschaffen sein. Wenn aber zwischen diesen beiden etwas in der Mitte steht, so ist es sicher zugleich mit seinen Grenzen geschaffen worden. Wenn er also auch nichts von den Elementen, von Feuer, Wasser und Luft sagte, so wirst du doch bei einigem Nachdenken von selbst finden, daß anfänglich alles in allem vermengt war. In der Erde wirst du Wasser sowohl wie Luft und Feuer finden; aus Steinen springt ja Feuer hervor, und aus dem Stahl, selbst der Erde entstammt, pflegt bei Reibung Feuer in Menge hervorzusprühen. Auffallend ist auch, wie das Feuer in den Körpern steckt, ohne zu schaden, sobald es aber nach außen kommt, die Körper verzehrt, die es bislang verwahrten. Daß aber die Natur des Wassers in der Erde geborgen liegt, weisen die nach, die Brunnen graben, und daß Luft in ihr ist, verraten die Dünste, die aus der feuchten und von der Sonne erwärmten Erde aufsteigen4. Weil sodann der Himmel von Natur den oberen Raum einnimmt, die Erde aber zuunterst liegt - das Leichte schwebt ja zum Himmel empor, indes das Schwere naturgemäß zur Erde niedersinkt -, und das Obere und Untere einander ganz entgegengesetzt sind, so hat der, welcher die naturgemäß [S. 19] im weitesten Abstand voneinander stehenden Welten erwähnt hat, damit auch den dazwischen liegenden Bereich miteinschließend genannt. Verlange daher nicht eine in die Teile gehende Aufzählung, sondern laß dir das Übergangene offenbaren aus dem, was mitgeteilt ist!
1: vgl. Aristoteles, Met. V,1
2: nichts Blindes und Willenloses
3: vgl. Plato, Tim. c. 10
4: vgl. Arist., Meteor. 1,3