Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/1244

Über die Forschungen von Herrn Ehrenberg zu den Infusorien
„Potsdam, den 16. Dezember 1844
Herr Ehrenberg hat sein Reich der kieselschaligen polygastrischen Infusorien und der kalkschaligen Bryozoen erheblich erweitert. Er hat eine Menge neuer Arten von polygastrischen Infusorien in den Gewässerproben entdeckt, die der Kapitän Ross in der Nähe des Südpols unter dem Eis genommen hat. In großer Fülle fand er sie auch im Meerwasser der Tropen, das in Zonen entnommen wurde, wo es vollkommen klar und durchsichtig war und keinerlei Spur einer Farbveränderung zeigte. Er fand sie ebenfalls in der Luft, in jenem von Darwin beschriebenem grauen Staub, der die Luft bis zu hundert Meilen weit westlich der Kapverdischen Inseln verdunkelt und eine Art Nebel bildet, der für die Seefahrer gefährlich ist. Das sind ganze oder zerbrochene Panzer von kieselschaligen Polygastern, die vermutlich durch Windhosen aufgewirbelt und aufs offene Meer getragen werden.
Herr Ehrenberg hat auch festgestellt, daß die kalkschaligen Bryozoen, aus denen 8/9 der Kreide bestehen, bis unterhalb der Jura-Formation hinabreichen, in den Vereinigten Staaten bis zum Bergkalk; aber die Arten dieser Formationen sind nicht die gleichen wie diejenigen der Kreide. Obwohl die Kreide so alt ist, lebt, wie Sie wissen, die Hälfte der kalkschaligen Bryozoen dieser Formation noch in der Ostsee oder im Ozean.
Der Bimsstein, eingeschlossen im Traß des Rheins (vulkanische schlammige Formation oder Auswurf), ist voller Kiesel-Infusorien. Man muß durchaus annehmen, daß die Tierchen in den Bimssteinstücken hausten, die in einen Süßwasserteich gefallen sind, und daß diese Bruchstücke später in einen Schlammauswurf gehüllt worden sind. Da der Bimsstein aus Obsidian gebildet wird und die Vulkane eine Reaktion des Innersten unseres Planeten gegen seine äußere Rinde sind, kann man nicht annehmen, daß schon vorher Kieselpolygaster in den Kratern existierten. Man muß zuerst die Tatsachen sammeln, dann folgen die Hypothesen…“
(Auszug aus einem Brief von Herrn von Humboldt an Herrn Valenciennes)