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von Peter Kurzmann
Schloss Reichenau, am Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein gelegen, besitzt eine Besonderheit: In einem Seitenflügel hat sich ein chemisches Laboratorium aus der Mitte des 19. Jh. in originaler Ausstattung erhalten. Von alten Laboratorien sind sonst meist nur Gefässe und Geräte, vielleicht Abbildungen überliefert, während die originalen baulichen Einrichtungen infolge von Modernisierungen, Umbauten oder sogar Abrissen für immer verloren sind. In Schloss Reichenau hingegen sind die Räumlichkeiten mit den technischen Einrichtungen weitgehend unversehrt erhalten blieben und darüber hinaus auch viele Gefässe, Geräte und Dokumente. Hier kreuzten sich die Wege zweier bedeutender Chemiker des 19. Jh., des Praktikers Dr. Adolf von Planta (1820–1895) und des Theoretikers Dr. August Kekulé (1829–1896) und verliefen eine Zeit lang parallel.
Das Laboratorium in Reichenau geht auf Dr. Adolf von Planta zurück. Er wurde auf dem Schloss geboren, studierte Naturwissenschaften in Berlin, Heidelberg und bei Justus Liebig in Giessen und promovierte 1845 in Heidelberg. 1852 richtete er sich zur Fortsetzung seiner Arbeiten ein Laboratorium auf seinem Schloss ein und engagierte den ihm von Liebig empfohlenen August Kekulé als Assistenten.
Von Planta interessierte sich für die chemisch-analytische Untersuchung von Naturstoffen
1853 beendete Kekulé seine Tätigkeit auf Schloss Reichenau. Er blieb jedoch mit Adolf von Planta freundschaftlich verbunden.
Kekulés weiterer wissenschaftlicher Werdegang führte ihn zunächst nach London, dann nach der Habilitation in Heidelberg 1858 als Professor nach Gent und schliesslich 1867 nach Bonn, wo er hochgeehrt 1896 starb. Kekulé war besonders wegen seiner Erkenntnisse zur Strukturchemie (er erkannte z. B. die Vierwertigkeit des Kohlenstoffs und hatte die geniale Idee der ringförmigen Struktur des Benzolmoleküls) einer der bedeutendsten Chemiker des 19. Jh. Von Planta arbeitete nach Kekulés Weggang allein weiter auf seinen für Graubünden z. T. wirtschaftlich sehr wichtigen Arbeitsgebieten. 1895 starb er in Zürich, wo er auch begraben ist.
Die Familie von Tscharner, der Schloss Reichenau heute gehört, will das Laboratorium, in dem die Zeit ihre Spuren hinterliess, bewahren. Die Familie verfolgt dieses Ziel mit grossem zeitlichen und finanziellen Aufwand. Es ist zu wünschen, dass die vorliegende Publikation die Aufmerksamkeit eines grösseren Kreises von Interessierten auf diese Stätte der Chemie- und Heimatgeschichte Graubündens lenkt.
, Peter : Das vergessene Laboratorium in Schloss Reichenau
Mittelalter – Moyen Age – Medioevo – Temp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 16. Jahrgang 2011, Heft 3, 88 - 99.