Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03652.jsonl.gz/990

Er ist der Präsident, der mächtigste Mann der Welt, der Commander-in-Chief, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte – doch der «Boss» ist sie. Mit diesem Macho-Kosenamen neckt Barack Obama Amerikas neue First Lady: «Yes, Michelle is the Boss!»
Doch damit bemüht der 44. Präsident der USA nicht etwa das abgewetzte Uraltklischee «Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau», nein – das Phänomen Obama, die unglaubliche Erfolgsgeschichte des smarten Afroamerikaners, ist ohne die 45-jährige Michelle gar nicht denkbar. Oder wie ihr Mann es formuliert: «Eigentlich hätte meine Frau fürs Präsidentenamt kandidieren sollen. Sie ist klüger, sieht besser aus und teilt härter aus als ich. Nur leider ist sie zu intelligent, um sich das anzutun.»
Und Michelles Bruder Craigh sagts mit einem Wortspiel: «Michelle ist eine Frau, die keinen Mann braucht, der eine Frau braucht.» Doch wer hat Michelle Obama so stark gemacht? Was hat die First Lady – im wahrsten Sinne des Wortes – zur «Ersten Frau» im Lande geformt?«Bestgekleideter Mann? Schaut genau hin: Barack hat Löcher in seiner Hose»
Michelle LaVaughn Robinson wird am 17. Januar 1964 geboren, in einem streng nach Rassen getrennten Armenviertel Chicagos. Ihr Vater Fraser, dessen Vorfahren Sklaven in Georgia waren, verdient als Schichtarbeiter bei den städtischen Wasserwerken 479 Dollar im Monat. Mutter Marian ist Hausfrau.
In der winzigen Wohnung kümmert sich die kleine Michelle um ihre afroamerikanische Barbiepuppe oder spielt mit ihrem älteren Bruder Craigh «Büro». «Ich war zwar der Chef unseres Büros», erzählt dieser, «und sie nur die Sekretärin, doch Michelle bestand darauf, immer alles selber zu erledigen.» Die Robinsons besassen damals nur vier silberne Löffel, «dann bekam mein Vater eine Gehaltserhöhung, wir zogen in eine bessere Gegend – und kauften einen fünften Löffel», erinnert sich Michelle.
**WERBUNG**
In diesem Umfeld von bescheidenem Wohlstand und Sicherheit blüht die kleine Michelle auf. Mit vier kann sie bereits lesen, mit elf wird sie in ein Begabtenprogramm für schwarze Kinder aufgenommen. Sie ist hochintelligent. Sie ist zäh. Und sie ist enorm ehrgeizig, «was sie permanent unzufrieden wirken liess», wie sich Mitschüler noch heute erinnern.
An der Elite-Uni Princeton studiert Michelle Jura – und erfährt, wir ungerecht Amerika noch immer sein kann. Eine weisse Mitstudentin, mit der sie das Zimmer teilt, muss auf Geheiss ihrer Mutter ausziehen. Den Schwarzen könne man schliesslich nicht trauen!
Es sind Erlebnisse wie dieses, die in der Studentin eine Kraft wachsen lassen – den Zorn. Den «heiligen» Zorn vieler gedemütigter, schwarzer Generationen. Genau dieser Zorn ist es auch, der die Juristin Jahrzehnte später im 21 Monate dauernden Rennen um die US-Präsidentschaft zur schlagkräftigsten Wahlkämpferin ihres Mannes Barack macht.
Unvergessen, wie sie vor die Menschen tritt, diese 1,82 Meter grosse, elegante Schönheit. Wie sie klug wirkt, aber nie hochnäsig. Wie sie mit anmutigen Bewegungen und stolzem Blick die Massen fesselt und dann ihr rhetorisches Feuerwerk, geschürt von ehrlichem Zorn, zündet und den Menschen sagt, was Sache ist in diesem Land, was schiefläuft in diesem Land und was er, Barack Obama, ändern wird. Yes we can! Und immer wieder: Change! Ein zorniges Change!
Michelles Worte hören sich nicht immer sehr diplomatisch an. «Ich trage mein Herz auf der Zunge», gibt sie zu, «ich sage frei heraus, was ich denke.» Das tönt mitunter ziemlich schräg, wenn sie beispielsweise sagt: «Mit Barack bin ich seit 16 Jahren verheiratet. Er ist ein wunderbarer Mann und ein begnadeter Mann – aber letztlich ist er auch nur ein Mann!» Doch genau wegen dieser offenherzigen, frisch-frechen und flapsigen Art lieben die Menschen ihre First Lady. Deswegen – und wegen ihrer Rolle als Mom, als Mutter von Malia, 10, und Sasha, 7.
«Meine Töchter kommen zuerst», hat Michelle immer betont. Und: «Weisses Haus hin oder her: Wir bleiben eine normale Familie.» Barack und sie würden bei den Hausaufgaben helfen und Elternabende besuchen, «Selbst wenn mein Mann jetzt der Führer der freien Welt ist – er muss für seine Töchter da sein! Und er muss sich neue Hosen kaufen. Da heisse es immer, Barack sei einer der bestgekleideten Männer», grinst Michelle.
«Da muss ich einfach lachen. Schaut doch genau hin! In einigen seiner Hosen sind Löcher! Um Mode hat er sich noch nie geschert.» Sie schon. Egal, ob ungeschminkt im 34.95-Dollar-Kleid von H & M oder präsidial im körperbetonten Maria-Pinto-Kostüm – Michelle ist die neue Stil-Ikone.
Doch sie will mehr als nur die Mode einer Generation prägen. Für Alleinerziehende macht sie sich stark, für die Soldatenfamilien – «und für die Gleichberechtigung von Frauen». In einem Land, wo ein Mann für eine Arbeit einen Dollar, eine Frau aber nur 77 Cent kriege, «da gibt es viel zu tun!».
Michelle Obama war Wirtschaftsanwältin, dann Sozialarbeiterin, später Managerin der Uni-Klinik Chicago, schliesslich Wahlkämpferin – und nun also First Lady. Zudem, so veräppelt sie sich selber, sei sie neuerdings auch «Mom-in-Chief». Wie auch immer. Für ihren Mann Barack Obama hat sie nur einen Titel: «Michelle the Boss!»