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Der Auftakt überzeugt, zieht mich sofort rein in die Geschichte: Im Garten der Wrights auf der Blackberry Hill Farm südöstlich von Melbourne hat sich eine Schlange eingenistet. Eingefangen wird sie von zwei herbeigerufenen Schlangenfängern, die dabei auch auf ein Skelett stossen – ein Fall für Sergeant Alan Auhl, der aus der Pensionierung in den Dienst zurückkehrt. Als Leser ist man zuversichtlich, dass der alte Hase diesen Cold Case lösen wird, denn bekanntlich werden fast alle Fälle (und insbesondere die kalten) immer nur von Polizisten gelöst, die entweder aus dem Dienst entlassen oder pensioniert worden sind.
Alan Auhl war "fünfzig, ausgebrannt und traurig" gewesen, als er in Pension gegangen war, mit der er dann aber nichts wirklich anzufangen wusste. Als er eines Tages von der Polizei gebeten wurde, sich ihr wieder anzuschliessen, sagte er zu. i> "Damit gingen fünf Jahre zu Ende, in denen er nur die Zeit totgeschlagen hatte. Urlaubsfahrten ab und an, Lesen, Erwachsenenfortbildung, hoffnungslose und/oder katastrophale romantische Verwicklungen, gelegentlich freiwillige Mitarbeit bei verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen." Mein Münchner Freund Junior, der 2006 im Alter von 97 starb, geht mir dabei durch den Kopf: 'Alt werden ist schon Scheisse, andrerseits, jung sterben bringt's irgendwie a net'
"Kaltes Licht" ist mein zweiter Garry Disher; der erste, "Leiser Tod" hat mich begeistert. Dazu beigetragen hat auch, dass er – wie auch "Leiser Tod" – in Australien spielt und bei mir Gefühle an meine Zeit dort, besonders in Melbourne und Darwin, hervorruft.
Schon früh in Auhls Eheleben (seine Frau hat ihn verlassen, doch die beiden verkehren nach wie vor wie ein Ehepaar, ein getrennt lebendes, miteinander) begann er Leute aufzunehmen. Heimatlose und Streuner. Und auch Frauen und Kinder, die vor gewalttätigen Partnern flohen. Als er einmal die zehnjährige Tochter einer dieser Frauen von der Schule abholt, spielen die beiden Gegenverkehr und das meint: sie "nahmen zwei Drittel des Bürgersteigs ein, während drei Personen mit gesenkten Köpfen auf sie zukamen und mit den Daumen auf ihren Handys rumtippten ... Einer prallte mit ihnen zusammen." Wunderbar, solch kreativer Widerstand, man lernt nie aus!
Polizeiarbeit beginnt, wie jeder (und jede) weiss mit dem Befragen der Nachbarn und führt häufig zum Pathologen. So auch der Fall des Arztes, dessen jüngere Ehefrauen plötzlich sterben, und gegen den Auhl eine heftige Abneigung hat. Wie realitätsnah und witzig Garry Disher die Befragung dieses Mannes schildert, erklärt zu einem wesentlichen Teil meine Vorliebe für gute Krimis (zu denen der vorliegende zweifellos gehört), da man hier mehr über menschliches Verhalten erfährt als in der sogenannt guten Literatur ("... las einen ausnehmend schön geschriebenen Roman, in dem nichts passierte").
Zudem: Wie der Autor die Voreingenommenheit eines blasierten Gutachters vor Gericht auseinandernimmt, sagt mehr über das unzulängliche und am Leben vorbeigehende Justizsystem aus als wir gemeinhin wahrnehmen. "Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen", erinnere ich mich, einmal in einer juristischen Vorlesung gehört zu haben. "Gründe können wir dann immer noch finden." Nicht nur die Justiz funktioniert so, auch die Psychiatrie, die Psychologie, die ... ja, so recht eigentlich alles.
"Kaltes Licht" erzählt nicht nur die Geschichte der Leiche unter den Betonplatten, sondern noch ganz viele andere. Dabei geht es so recht eigentlich immer um den Versuch, sich von bösartigen und niederträchtigen Kreaturen, den Schneid nicht abkaufen zu lassen und anständig zu bleiben. Sergeant Alan Auhl zeigt wie das geht – nicht indem man dem System zudient, sondern indem man die Dinge immer mal wieder in die eigenen Hände nimmt.