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Die Regulation des Körpergewichts
Warum das Abnehmen schwierig ist und warum es trotzdem gelingen kann.
Eigentlich ist die längerfristige Regulation von Energieaufnahme und Energieverbrauch bemerkenswert. Eine Gewichtszunahme von 5 kg in 10 Jahren – was typisch für westliche Gesellschaften ist [1] – entspricht einer täglichen Differenz der Kalorienbilanz um nicht einmal 10 kcal, was einem Spaziergang von 150 Metern entspricht oder einem einzigen Kartoffelchip [2]. Dies wird oft so interpretiert, dass unser Körper ein bemerkenswertes System enthalten muss, das unsere Aufnahme und Ausgabe sehr genau steuert, um das Körpergewicht auf einem nahezu konstanten Niveau zu halten [2]. Doch wie funktioniert dieses Steuersystem und was bedeutet das für das Abnehmen?
Das Set-Point-Modell (Abbildung 1A)
Das Modell besagt, dass der Körper ein individuell vordefiniertes Gewicht anstrebt. Bei Abweichung dieses Sollgewichts werden Prozesse in Gang gesetzt, um dieses Gewicht wieder zu erreichen (orange Pfeile in Abbildung 1A).
Abbildung 1. Vier verschiedene Modelle für die Körpergewichtsregulation. Siehe Text für Details.
Ein Beweis dafür liefert etwa die Entdeckung des Hormons Leptin, das von den Fettzellen freigesetzt wird und für das Sättigungsgefühl mitverantwortlich ist [3]. Beim Abnehmen nimmt auch der Leptin-Spiegel ab [4], was zu einem erhöhten Hungergefühl führt und so einer Gewichtsabnahme entgegensteuert. Das Modell kann so erklären, warum Personen, die abnehmen, sich mit der Zeit oft wieder ihrem Anfangsgewicht annähern. Es kann aber nicht die Zunahme der Häufigkeit von Übergewicht in den letzten Jahrzehnten erklären. Denn wenn es einen Set-point gäbe, dann nähmen nicht so viele Menschen an Gewicht zu [2].
Das Settling-Point-Modell (Abbildung 1B)
Während das Set-Point-Modell sich auf genetische und molekularbiologische Erklärungen stützt, basiert das Settling-Point-Modell der Regulation des Körpergewichts hauptsächlich auf verhaltens- und sozioökonomischen Faktoren. Bei reduzierter Nahrungsaufnahme und/oder mehr Bewegung baut sich das Fett (und eventuell auch ein wenig Muskelmasse) ab, bis ein neuer Gleichgewichtszustand erreicht ist (Abbildung 1B). Trotz Erhalt der neuen Gewohnheiten stabilisiert sich aber das Gewicht, da biologische Adaptationen einem weiteren Gewichtsverlust entgegenwirken (z. B. verminderter Ruheumsatz als Folge des Fett- und/oder Muskelabbaus) [2]. Um weiter abzunehmen, muss die Nahrungsaufnahme weiter reduziert werden und/oder das Bewegungspensum weiter erhöht werden. Das Modell kann aber die grossen Schwankungen beim Ab- oder Zunehmen unter Personen mit ähnlichem Bewegungs- und Essverhalten nicht erklären [2].
Während also das erste Modell den Grund für Übergewicht hauptsächlich bei molekularbiologischen und genetischen Faktoren sucht, nimmt das zweite Modell eher das Verhalten in Verantwortung. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo in der Mitte, wobei genetische sowie Verhaltensfaktoren involviert sind. Zwei weitere Modelle, die hier kurz erwähnt werden, bieten einen solchen Erklärungsansatz.
Das Energieaufnahme-Modell (Abbildung 1C)
Das Modell bietet einen Versuch, die Regulation des Gewichts anhand der vielfältigen Steuerung der Nahrungsaufnahme zu erklären. So sollen physiologische, genetische, ökologische, soziale, psychologische sowie diätetische Faktoren involviert sein, wobei manche von ihnen beeinflussbar sind (z. B. Nahrungsmenge), andere wiederum weniger (z. B. Hungergefühl) [2]. Bei Änderung des Ernährungsverhaltens (z. B. reduzierte Kalorienaufnahme) sagt das Modell eine Gewichtsabnahme voraus, die anhand genetischer Faktoren von Person zu Person stark variieren kann (oranger Pfeil in Abbildung 1C) [2]. Das Modell berücksichtigt somit die komplexe Steuerung der Nahrungsaufnahme und erklärt, wieso das Ausmass an Gewichtsverlust so variabel ist. Ein Schwachpunkt ist, dass es nur die Energieaufnahme, aber nicht den Energieverbrauch berücksichtigt.
Das duale Modell (Abbildung 1D)
Das duale Modell ist ein Mix zwischen dem Set-Point- und dem Settling-Point-Modell. In einem gewissen Gewichtsbereich wird das Gewicht hauptsächlich vom Bewegungs- und Essverhalten gesteuert (oranger Bereich in Abbildung 1D). Wenn aber die obere oder untere Gewichtsgrenze erreicht wird, setzen biologische Feedbackmechanismen ein, die das Gewicht wieder in den vordefinierten Bereich steuern. Ein Kernpunkt des Modells ist, dass die obere und die untere Grenze individuell und genetisch vorbestimmt sind, wobei bei manchen die obere Grenze mit der Zeit weiter nach oben verschoben werden kann. Dies erklärt möglicherweise, warum einige in einer ähnlichen Umgebung leichter zu- oder abnehmen als andere.
Fazit
Die Regulation des Körpergewichts ist komplex und scheint von genetischen, biologischen, sozioökonomischen sowie Verhaltensfaktoren abhängig zu sein. Übergewicht einzig auf Bewegungsmangel, Fehlernährung oder Gene zu reduzieren ist deshalb meistens zu vereinfachend und kontraproduktiv. Mehr Bewegung und eine reduzierte Nahrungsaufnahme schaffen aber die Voraussetzungen, um abzunehmen. Das Ausmass des Gewichtverlusts wird aber von Person zu Person unterschiedlich sein.
Wie man mit Bewegung und Ernährung effektiv abnimmt, zusammen mit Tipps und Tricks, erfahren Sie im Artikel «Bewegung und Abnehmen».
Referenzen
Van Wye, G., J.A. Dubin, S.N. Blair, and L. Dipietro, Adult obesity does not predict 6-year weight gain in men: the Aerobics Center Longitudinal Study. Obesity (Silver Spring), 2007. 15(6): p. 1571-7.
Speakman, J.R., et al., Set points, settling points and some alternative models: theoretical options to understand how genes and environments combine to regulate body adiposity. Dis Model Mech, 2011. 4(6): p. 733-45.
Vaupel, P., H.-G. Schaible, and E. Mutschler, Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie des Menschen. 7. Auflage. 2015, Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
Ahima, R.S., Revisiting leptin's role in obesity and weight loss. J Clin Invest, 2008. 118(7): p. 2380-3.