Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03482.jsonl.gz/371

In diesem Winter fällt auf, wie sich immer wieder stabile Hochdrucklagen bilden. Die Zentren der Hochdruckgebiete liegen meistens über Dänemark oder Südschweden und steuern im Uhrzeigersinn aus Nordosten bis Osten sehr kalte Kontinentalluft aus sibirischen Gegenden zu den Alpen. Diese polaren oder sogar arktischen Luftmassen sind aber nicht nur kalt, sondern auch so trocken, dass sie kaum zu Schneefällen führen. Hingegen hört man immer wieder, wie in Kaltluftseen die Temperaturen eisig kalt bleiben und darum regelmässig Tiefstwerte registriert werden. Was versteht man denn eigentlich unter einem Kaltluftsee und welche Prozesse laufen da ab?
Mulden und Hochplateaus
Als sich die Alpen und der Jura vor 150 bis 200 Millionen Jahren durch Faltprozesse bildeten, entstanden viele Mulden und Hochplateaus. So etwa das Oberengadin, das Goms im Wallis, die Glattalp im Muotathal, der Sämtisersee im Alpsteingebiet, die Vallée de La Brévine im Jura und so weiter. Auch das Schweizer Mittelland ist zwischen Jura und Schwarzwald sowie zwischen den Alpen und Voralpen eine riesige Mulde. Man unterscheidet zwischen offenen und abgeschlossenen Mulden. Das Mittelland, das Oberengadin, das Goms und der Sämtisersee sind offene Mulden. In ihnen können die Luftmassen durch eine Öffnung am Rande der Mulde abfliessen. Die Glattalp und die Vallée de La Brévine sind abgeschlossene Mulden. Hier bleibt die Luftmasse gefangen.
Rekord seit 30 Jahren
Diese erwähnten Gebiete in der Schweiz sorgen denn auch regelmässig, in jedem Winter, für Kälterekorde. Solche Kälterekorde müssen aber nach Vorschrift der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ermittelt werden, sonst haben sie keine amtliche Bedeutung. Der offizielle Schweizer Kälterekord wird von La Brévine gehalten. Er beträgt minus 41,8 Grad Celsius und wurde am 12. Januar 1987 gemessen. La Brévine liegt auf 1048 Metern über Meer im Neuenburger Jura am südwestlichen Ende des Kantons Neuenburg, nahe an der Grenze zu Frankreich. Ein kleiner Bach, le Bied, fliesst durch das Dorf und an diesem Bach liegt auch die offizielle automatische Wetterstation der MeteoSchweiz.
Das Dorf am tiefsten Punkt im Vallée de La Brévine bekam den Titel «Sibirien der Schweiz». Es zählt zirka 650 Einwohner, von denen etwa die Hälfte in der Landwirtschaft, vor allem mit Milchwirtschaft und Käseherstellung beschäftigt ist. Von der anderen Hälfte arbeiten viele in der nahen Uhrenindustrie von Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Die gesamte Fläche der Mulde der Vallée de La Brévine beträgt 41,8 Quadratkilometer. An den Rändern der Mulde erheben sich Felskreten und Jurahochweiden 100 bis 200 Meter höher als La Brévine. Diese riesige Mulde wird bei winterlichen Kältehochs entsprechend mit trockener Kaltluft gefüllt. Diese ist eine Voraussetzung für möglichst tiefe Temperaturen. Es bildet sich so ein abgeschlossener Kaltluftsee.
Heuer «nur» minus 29,9 Grad
Der Kaltluftsee bleibt so lange bestehen, bis böige Winde ihn wieder ausräumen. Er wird zusätzlich unterstützt, wenn Windstille herrscht, wenn möglichst wenig oder keine Bewölkung vorhanden ist und idealerweise, wenn vorher noch frischer Schnee gefallen ist. Der frische und unverbrauchte Schnee bewirkt eine hohe Albedo, das heisst, die Sonnenstrahlen werden von der Schneedecke nahezu 100 Prozent zurückreflektiert, und der Boden kann sich tagsüber nicht nennenswert erwärmen.
Geht am späten Nachmittag die Sonne unter, dann kühlen sich erst die umstehenden Hänge der Mulde mit den höher gelegenen Felsen ab. Die kalte Luft, die physikalisch dichter und damit schwerer ist als die leicht wärmere Luft in der Mulde, fliesst in das Tal und sammelt sich am tiefsten Punkt. Man kann dieses Herunterfliessen manchmal als schwachen Hangabwind oder katabatischen Wind spüren. Die kalte Luft verdrängt im Tal die restliche, durch die Sonne tagsüber leicht erwärmte Luft, die aufsteigt. In den Morgenstunden des neuen Tages ist die Mulde mit der kältestmöglichen Luft gefüllt, und man misst am Boden des Kaltluftsees die tiefsten Temperaturen, bevor die Sonne aufgeht und wieder für eine leichte Erwärmung sorgt. Am 6. Januar 2017 wurden auf der Wetterstation von MeteoSchweiz in La Brévine mit minus 29,9 Grad die bisher tiefste Temperatur in diesem Winter gemessen. Am 12. Januar 2012 war der Kälterekord von minus 41,8 Grad Celsius in La Brévine 25 Jahre alt. Findige Bréviniers gründeten einen Verein «Sibirien der Schweiz», um diesem Ereignis zu gedenken und von nun an in jedem kommenden Jahr eine «Fête du Froid», ein «Fest der Kälte» zu feiern. Ein offizieller Festakt fand 2012 in der kleinen romanischen Kirche neben dem Dorfplatz statt, also nicht direkt in der Kälte!
In diesem Jahr ist das Ereignis vom 12. Januar 1987 schon 30 Jahre alt geworden, und das «Sechste Fest der Kälte» wird am kommenden 4. und 5. Februar gefeiert. Die Besucher und geladenen Gäste bekommen unter anderem Fondue oder Raclette, natürlich mit eigenem Käse, und einen feinen Neuenburger Weisswein serviert. Sie können so die Kälte als Spektakel mit noch anderen touristische Attraktionen geniessen. Hoffentlich bleibt es in La Brévine bis dann auch sibirisch kalt.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS- Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphäno- mene. Beiträge unter: www.freiburger- nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».