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| Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

21. Cap. Dass Christus bloss durch Maria hindurchgegangen sei und nichts von ihr empfangen habe, verträgt sich weder mit der Natur der Sache noch mit der Ausdrucksweise der hl. Schrift.
Wenn sie folglich behaupten, es würde den neuen Verhältnissen entsprochen haben, dass das Wort Gottes ebensowenig aus dem Fleische der Jungfrau Fleisch annahm als aus dem Samen eines Mannes, so frage ich, warum sollte es denn nicht schon etwas vollständig Neues sein, dass aus einem Leibe ein Leib hervorging, ohne aus dem Samen des Mannes erzeugt zu sein?
Ich will mich noch tiefer in den Kampf einlassen. ― „Siehe“, heisst es, „die Jungfrau wird in ihrem Mutterleibe empfangen.“1 Was wird sie denn empfangen? Doch sicher das Wort Gottes, nicht den Samen eines Mannes, und jedenfalls, um einen Sohn zu gebären. Denn, so heisst es: „Sie wird einen Sohn gebären.'“ Mithin, wie es ihre Sache war, zu empfangen, so gehörte ihr, was sie gebar, auch an, obschon ihr das nicht zugehörte, was sie empfing.2 Wenn dagegen das Wort aus sich selbst Fleisch geworden ist, dann hat es sich selbst empfangen und geboren und die Prophezie wird ihres Sinnes beraubt; denn wenn das, was die Jungfrau nach Empfängnis des Wortes gebar, nicht von ihrem Fleische war, dann hat sie nicht empfangen und geboren.
Aber wird vielleicht dieser prophetische Ausspruch allein zerstört oder geht es nicht mit dem des Engels, der die Empfängnis und Geburt der Jungfrau verheisst, auch so? Und mit jeder Schriftstelle, welche eine Mutter Christi verkündigt, auch? Denn wie könnte sie Mutter sein, wenn er sich nicht in ihrem Mutterleibe befunden hätte? ― Aber er empfing aus ihrem Mutterleibe nichts, was ihn zum Sohn derjenigen machen würde, in deren Mutterleibe er sich befand. ― Die Bezeichnung Mutterschooss darf ein ihm fremder Leib nicht anwenden. Nur der Leib, welcher dem Mutterschoosse sein Dasein verdankt, kann von einem Mutterschoosse reden. Was aber von sich selbst geboren ist, das verdankt sein Dasein keinem Mutterschoosse.
Es wird also auch Elisabeth verstummen müssen, obwohl sie mit einem Kinde, das seines Herrn Gegenwart schon erkannte, mit einem Propheten, schwanger ging und dazu selbst mit dem hl. Geiste erfüllt war. Denn es ist ganz ohne Halt, wenn sie sagt: „Woher kommt mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt!“3 Wenn Maria nicht einen Sohn, sondern einen bloss durchgehenden Gast in ihrem Schoosse trug, wie konnte Elisabeth sagen: „Gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes?“ Was sollte das für eine Frucht des Leibes sein, die nicht aus dem Mutterleibe aufgesprosst ist, die nicht im Mutterleibe ihre Wurzel hat, welche nicht der gehört, deren Mutterleib es ist?
[S. 412] Und wie ist denn Christus eine Frucht des Mutterleibes? Ist er es nicht deshalb, weil er die Blume des Reises ist, das aus der Wurzel Jesse hervorgegangen? Die Wurzel Jesse aber ist das Geschlecht Davids, das Reis aus der Wurzel ist Maria, die Tochter aus David, die Blume aus dem Reis ist der Sohn Marias, der Jesus Christus genannt wird. Derselbe wird dann auch eine Frucht sein.4 Denn die Blume ist Frucht, weil sich jede Frucht durch die Blume und aus der Blume zur Frucht heranbildet. Was folgt daraus? Sie sprechen der Frucht ihre Blüte ab, der Blüte ihr Reis und dem Reis seine Wurzel, damit nicht die Wurzel durch Vermittlung des Reises das Eigentum dessen beanspruchen könne, was aus dem Reise entstanden ist, nämlich der Blüte und der Frucht. Denn alle Stufen der Abstammung werden von der letzten zur ersten hinaufgezählt, so dass man nun schon wissen sollte, das Fleisch Christi stehe nicht bloss mit Maria, sondern durch Maria auch mit David und durch David auch mit Jesse in Verbindung. Darum schwört Gott dieser Frucht aus den Lenden Davids, d. h. aus der Nachkommenschaft seines Leibes, ihr seinen Thron einräumen zu wollen.5 Wenn er aus den Lenden Davids ist, um wie viel mehr aus den Lenden Mariens, vermittelst welcher er in den Lenden Davids war!
1: Matth. 1, 23. Is. 7, 14.
2: Nämlich das Wort Gottes.
3: Luk. 1, 43.
4: Die Interpunktion und Satzteilung bei Öhler scheint mir dem Sinne der Stelle nicht zu entsprechen.
5: Ps. 131, 11. Apostelg. 2, 30.