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Am 16. Januar 2001 publizierte die Online-Zeitung «ETH-Life» einen kurzen Beitrag, der in kürzester Zeit eine steile Karriere zur ausgewachsenen Zeitungsente machen sollte. Der Autor des Beitrags, ein Chemie-Ingenieur, vermutete in diesem Artikel, dass die im laufenden Kosovo-Krieg eingesetzte Uranmunition möglicherweise kleinste Rückstände von krebserregendem Plutonium enthalten könnte, die weit gefährlicher wären als Uran. Eine Nachrichtenagentur griff die These auf, spitzte sie etwas zu, verbreitete sie über die gewohnten Kanäle - und schon konnten zahlreiche Medien von einem Skandal berichten: Die Nato gefährde mit hochgiftigem Plutonium Zivilbevölkerung und Soldaten im Kosovo! Die bisherige Informationsstrategie der Armeeverantwortlichen sei eine Irreführung der Öffentlichkeit! Innert Stunden war aus einer für Fachleute unspektakulären Medienmitteilung eine «brisante, im UNO-Auftrag verfasste Studie der ETH Zürich» (so die ARD-Tagesschau) geworden. Eine Vermutung war zur Tatsache gereift, und bereits waren auch schon die ersten Opfer gefunden: an Leukämie erkrankte deutsche Soldaten.
Studierende in der Rolle von Experten
So präsentiert sich die Ausgangslage für eine «Fallstudie zur Einführung in die Publizistikwissenschaft», wie sie seit dem Wintersemester 2002/03 im Rahmen des E-Learning-Projektes SYCOM am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) durchgeführt wird. «Stellen Sie sich vor», werden die Studierenden aufgefordert, «die Redaktion von 'ETH-Life' wende sich an Sie als Publizistikwissenschafter(-in) mit der Bitte, genau abzuklären, wo welche Fehler gemacht wurden und ob die Redaktion von 'ETH Life' allenfalls ein Mitverschulden beim Entstehen der verfälschenden Medienberichte treffe. Falls dies zutrifft, sollen Sie eine Empfehlung formulieren, was vorzukehren sei, damit ein entsprechender Fehler in Zukunft nicht mehr geschieht.»
Der Fall ist nach den Grundsätzen der Harvard- bzw. ETH-Fallstudienmethode aufgebaut: Die Studierenden erhalten die Beschreibung eines wissenschaftlichen Problems, dazu eine Reihe von Originaldokumenten, welche die Angelegenheit dokumentieren. Im vorliegenden Fall waren dies der ursprüngliche Beitrag von «ETH-Life», die Agenturmeldung und eine Auswahl der zahlreichen Zeitungsartikel und Radio- und Fernsehsendungen, die das Thema aufgegriffen hatten. Zusätzlich haben die Studierenden mit SYCOM ein multimediales und interaktives online-Lernprogramm zur Verfügung, das sie in das Forschungsgebiet - hier die Journalismusforschung - einführt und ihnen die wissenschaftliche Basis für die Analyse der Vorgänge liefert. Mit diesem Rüstzeug werden sie in Vierergruppen auf die Zeitungsentenjagd geschickt.
Wie löst man ein wissenschaftliches Problem?
Zu Beginn der Übung, die für Studierende im ersten Semester angeboten wird, findet eine Präsenzveranstaltung statt, an welcher der Dozent in das zu lösende Problem einführt und den Studierenden Hinweise gibt, wie sie eine Erfolg versprechende Fährte finden können. Nach zehn Tagen müssen die Studierenden die Lösungen von Teilaufgaben dem Dozenten in einem Online-Diskussionsforum präsentieren. Sie erhalten darauf ein Feedback, in dem sie auf allfällige Fehler oder Unterlassungen hingewiesen werden: Haben sie die richtigen Theorien beigezogen, um das Phänomen zu erklären und haben sie diese richtig interpretiert? Verstehen sie es, allgemeine wissenschaftliche Befunde auf den vorliegenden Fall anzuwenden? Gelingt es ihnen, die Vorgänge sachgerecht zu schildern und Meinungen zu begründen? Das Feedback soll den Studierenden helfen, die Aufgabe gut, vielleicht originell, aber nicht nach einem vorgegebenen Schema zu lösen.
«E-Learner» sind am fleissigsten
Nachdem die Lösungsvorschläge aller Arbeitsgruppen auf einer Lernplattform publiziert sind, findet eine abschliessende Präsenzveranstaltung statt, wo die Arbeiten diskutiert werden. Die Kombination von Präsenzunterricht mit Phasen von Gruppenarbeit und Online-Betreuung entspricht dem Bedürfnis von gut der Hälfte der Studierenden. Dies zeigte eine im Wintersemester 2002/03 durchgeführte Befragung. Vor allem jene, die neben dem Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen, schätzen es, wenn die Lehre nicht nur im wöchentlichen Turnus angeboten wird. Und ein weiteres, eher erstaunliches Resultat der Befragung: Das freiwillige E-Learning-Angebot wird nicht etwa von den als oberflächlich verrufenen Angehörigen der Netzgeneration wahrgenommen. Vielmehr sind die E-Learner auch jene, die mehr Zeit hinter Büchern verbringen, weniger häufig die Vorlesung schwänzen und ihren Lernerfolg höher einschätzen als ihre Studienkolleg(-inn)en).
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