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Herr Professor Campi, Heinrich Bullinger (1504-1575) steht im Schatten der grossen Reformatoren Zwingli, Luther und Calvin. Wer war Bullinger?
Emidio Campi: So in Vergessenheit geraten ist er auch nicht. Das zeigen das Programm des laufenden Gedenkjahres und die vielen Publikationen, die in den letzten Monaten erschienen sind. Doches ist wahr, es war ihm nicht vergönnt, so berühmt wie Luther oder sein Vorgänger Zwingli zu werden. Bullinger war 44 Jahre lang Prediger, Seelsorger und Vorsteher der Zürcher Kirche. Er war in einem gewissen Sinn ein ganz normaler Mann: Vater von elf Kindern und ein äusserst sesshafter Gelehrter, der in seiner Amtszeit nie über Basel hinauskam. Ein Spielfilm über Bullinger zu drehen, wie dies kürzlich über Luther getan wurde, ist kaum vorstellbar. Und doch überstieg sein Einfluss die Grenzen der Stadt Zürich. Nicht nur vermochte er das ins Stocken geratene Zwinglische Reformationswerk aus seiner Isolierung zu befreien, sondern er verlieh ihm, durch die Verbindung mit Calvin, eine europäische Dimension. Seine Bücher wurden überall gelesen und sofort in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt. Schiffe der ostindischen Kompagnie waren von der niederländischen Regierung aus vepflichtet, neben der Bibel Bullingers berühmteste Predigtsammlung, die so genannten «Dekaden», mitzuführen. Bullinger hat einen riesigen Briefwechsel hinterlassen, der 12000 Schriftstücke umfasst. Namhafte Zeitgenossen in halb Europa – Könige, Fürste, Heerführer, Ratsherren und Gelehrte – fragten bei ihm um Rat nach. Er war vermutlich der am besten informierte Schweizer des 16. Jahrhunderts.
Was hat Bullinger für Zürich getan?
Campi: Nach der schweren Niederlage im Zweiten Kappeler Krieg von 1531 sorgte er dafür, dass der Zürcher Kirche vorerst das Schicksal einer Staatskirche erspart und die freie Verkündigung des Evangeliums gewahrt blieb. Umgekehrt wurde aus dem Zürcher Staat keine Theokratie, da die Pfarrer sich nicht mehr in die Staatsgeschäfte einmischen durften wie zu Zwinglis Zeiten. Er hat die Zürcher Theologenschule, die Vorläuferin unserer Universität, zu einem – heute würde man sagen – Exzellenzzentrum mit internationaler Ausstrahlung ausgebaut. Er hat auch im Bereich der Sozialfürsorge und der Erziehung Verdienstvolles geleistet. Man kann mit Recht sagen, dass er 44 Jahre lang der Schulpolitiker und das Sozialgewissen Zürichs war.
Als grösste Leistung Bullingers gilt das so genannte «Zweite Helvetische Bekenntnis». Was muss man sich darunter vorstellen?
Campi: Das «Zweite Helvetische Bekenntnis» ist sicher die bekannteste Schrift Bullingers. Ursprünglich als persönliches Glaubensbekenntnis bestimmt, löste es gleich nach seinem Erscheinen 1566 spontane Begeisterung aus und wurde bald neben dem Heidelberger Katechismus zu jener Bekenntnisschrift, die faktisch alle reformierten Kirchen verband.
Welche Bedeutung hat Bullinger als Theologe für die Gegenwart?
Campi: Bullingers theologisches Denken ist im Grundsatz nicht originell. Er war in erster Linie Schrifttheologe und Interpret der Kirchenväter; zudem sind gewisse Elemente seiner Theologie zeitbedingt und für die heutigen Fragestellungen und Bedürfnisse nur noch von historischem Interesse. Es scheint aber, dass wir ihn als Theologen heute neu entdecken. So sind bisher missachtete Aspekte seiner Abendmahlstheologie für den ökumenischen Dialog relevant geworden. Ähnlich verhält es sich mit dem biblisch-theologischen Begriff des Bundes Gottes, der im Zentrum seiner Theologie stand. Bullinger ist eigentlich der Schöpfer der so genannten «Foederaltheologie», die in der reformierten Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts (Coccejus) sowie im weltlichen Staatsrechtsdenken zu grosser Bedeutung gelangte (beispielsweise bei Grotius und Hobbes). Ich glaube, hier liegt auch für uns Zündstoff. Man denke an die heftigen Diskussionen bei der Vollversammlung des reformierten Weltbundes in Accra über die Frage des «Covenant (= Bund) for justice» angesichts der Globalisierung. Schliesslich ist Bullingers Rechtfertigungslehre zu erwähnen, die der reformierten Konfession ein klares Profil verliehen hat und vielleicht aktueller als uns lieb ist.
Sie sind ein renommierter Bullinger-Forscher. Was interessiert Sie in Ihrer Arbeit am Zürcher Reformator?
Campi: Das Spannende und Faszinierende an Zwingli sowie an Bullinger ist die enge Verbindung von Humanismus und reformatorischem Gedankengut, zwei Traditionen, denen ich aus rein biographischen Gründen stark verpflichtet bin. Zudem interessiere ich mich quasi von Amts wegen für den Reformator: Unserem Institut obliegt die Erforschung der schweizerischen Reformation und insbesondere die Herausgabe der Werke von Bullinger und Zwingli.
Am kommenden Mittwoch wird nun im Kulturhaus Helferei der von Ihnen organisierte internationale Bullinger-Kongress eröffnet. Welche Bedeutung hat die Veranstaltung für Sie? Welche Erwartungen weckt sie?
Campi: In 500 Jahren gab es bislang zwei Bullinger-Kongresse. Das ist ein bisschen wenig für einen Mann, dem wir so viel zu verdanken haben. Der erste Kongress fand 1975 statt – eine Art Familientreffen der Bullingerforscher. Mittlerweile hat sich die Bullingerforschung internationalisiert. Heute, 2004, sieht die Sache anders aus: Wir konnten den ersten, grossen internationalen Kongress mit rund 160 teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt organisieren. Von der Veranstaltungerhoffe ich mir eine angemessene Würdigung Bullingers und die weitere Vernetzung von internationalen Forschungsinteressen.
Der Pardigmenwechsel in der Forschung - dass man sich wieder für Bullinger interessiert - ist im Übrigen kein Zufall: Bis in die 1960-er Jahre galt nämlich die von Aufklärung, Romantik und nationaler Erneuerung begünstigte Maxime, Bullinger sei geradezu der klassische Epigone, er habe nichts Originelles zu bieten. Mit der Gründung des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte 1964 hat sich dieses Bild allmählich zu wandeln begonnen. Was übrigens vielen Schweizerinnen und Schweizern nicht klar ist: Die Zwinglische und bullingersche Reformation ist wohl das erfolgreichste Schweizer Exportprodukt schlechthin – erfolgreicher als das Schweizermesser oder der Käse.