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Du bist 13 Jahre alt, gehst ans Gymnasium und hast ein Hobby: Aktienhandel. Wann hast du die erste Aktie gekauft?
Richard Schäli: In der ersten Klasse, mit sieben Jahren.
Nicht fahrlässig?
Vielleicht, ich war noch ein Anfänger.
Immerhin hat sich Zurich toll entwickelt.
Ein Jahr später hatte ich einen Profit von 20 Prozent, inklusive Dividende betrug die Rendite sogar 30 Prozent. Das war der Zeitpunkt, zu dem mich ernsthaft für Aktien zu interessieren begann, mit acht Jahren.
Der Charme der Rendite, der dich reizte?
Nicht nur, mich reizte auch, dass man bei Firmen vielleicht sogar etwas bewegen kann. So begann ich im Internet über Firmen und Branchen zu lesen. Gelegentlich fragte ich meinen Vater, der im Asset Management tätig ist. Anschliessend habe ich mir meine eigene Meinung gebildet und erste Zukäufe getätigt.
Mit welcher Performance?
Nicht überwältigend, ich war ein Underperformer. Mir fehlte die Erfahrung. Schliesslich bin ich auf Small und Mid Caps gestossen, die mich packten. In dieser Klasse nahm ich an einem virtuellen Trading-Wettbewerb mit 2,7 Millionen Mitspielern teil.
Dein Schlussrang?
Ich schloss auf dem ersten Platz ab, mit einer virtuellen Performance von 5000 Prozent in einem einzigen Jahr. Damals begann ich, darüber nachzudenken, ob ich mein Glück und mein Talent einsetzen könnte, um auch für andere Leute das Vermögen zu mehren.
Wie?
Am 18. Februar 2019 lancierte ich den Richifinancial Trading Fund für Familie und Freunde. So kamen 25'000 Franken zusammen. Weil er sich gut entwickelte, bekam ich Lust auf mehr. Dann überlegte ich mir, den Fonds an die Börse zu bringen.
Eine gute Idee?
Der Anfang war eher holprig, da verlor der Fonds 5 Prozent. Bis zum Coronavirus waren wir im Plus, jetzt bei null.
Deine Strategie?
Ich setze auf Aktien und gliedere sie in fünf Klassen: Klimawandelprojekte, dieses Thema ist sehr gut unterwegs. Dann ausgewählte Aktien, dann habe ich eine Kryptoaktie drin, da werden die Gewinne grad wieder investiert. Weiter setze ich auf Swing Trades, also kurzfristige Investments, und auf Cash. Heute ist es relativ einfach, sich ein Bild über Opportunitäten zu machen, weil ganz viele Informationen im Netz verfügbar sind. Ich kann so viele unterschiedliche Meinungen lesen, mir ein eigenes Bild machen und meine Strategie entwickeln.
Du fokussierst auf Blue Chips?
Nein, auf Mid Caps oder allenfalls auf Small Caps. Bei kleinen Firmen kann ich etwas bewegen, das reizt mich. Wenn ich 100'000 Franken in einen Pennystock mit einer Marktkapitalisierung von 2 Millionen Dollar investiere, habe ich einen gewissen Einfluss. Bei Nestlé bin ich niemand. Der letzte Small Cap, der mir ins Auge stiess, war New Age Beverages. Die Firma aus Colorado produziert natürliche Fruchtsäfte und Tee.
Weshalb gerade diese Firma?
Mich interessieren Nachhaltigkeit und Gesundheit. Und Produkte, die meine Generation ansprechen. In den Winterferien nahm ich mir ab und zu ein paar Stunden Zeit und las SEC Filings und andere Daten, verglich mit Konkurrenten. Die Firma überzeugt mich.
New Age Beverages ist besser als Coke?
Würde ich nicht behaupten, aber ich könnte mir vorstellen, dass New Age Beverages ein Übernahmekandidat werden könnte. Das wäre interessant. Ich gehe mit dieser Strategie zwar ein gewisses Risiko ein, dafür winkt bei einer Übernahme ein stattlicher Profit.
Die Schweiz lässt du links liegen?
Ich finde, sie ist ein sicherer Ort fürs Geldanlegen. Ich suche aber nicht defensive Werte, sondern eine Growth-Strategie, bei der ich durch Stop-Loss-Orders versuche, die Verluste zu minimieren und den Profit zu maximieren.
Wie informierst du dich?
In den USA gibt es viele Plattformen, die über Small Caps berichten; da tauschen sich viele Daytrader aus. In der Schweiz ist es fast unmöglich, sich öffentliche Informationen über Small Caps zu beschaffen, ausser man kennt jemanden aus dem Board. Dieser Austausch ist mir wichtig. Ich investiere nur, wenn ich die Leute aus dem Verwaltungsrat kenne.
Und dann liest du stundenlang Börsenunterlagen auf Englisch?
Ja. Durch das Lesen habe ich mir einen breiten Wortschatz zugelegt. Mein Vater half mir anfänglich. Dann brachte ich mir laufend selber Fachwissen bei.
Leverage, Cost-Income-Ratio, Payout-Ratio?
Die meisten habe ich übers Internet gelernt. Hilfreich war besonders Investopedia. So kann ich nebenher mein Englisch verbessern. Bei vielen Fachbegriffen aus der Finanzwelt wusste ich zuerst den englischen Begriff, später habe ich die deutsche Bezeichnung rausgesucht.
Wie findest du deine Lieblingsaktien?
Ich lese jede Woche im Schnitt zwölf Stunden Unterlagen zu Firmen und Branchen. Zuerst habe ich mich für die Halbleiterbranche interessiert und einzelne Titel rausgepickt. Habe ich eine Firma im Visier, schaue ich mir primär acht Fundamentaldaten an und kalkuliere für mich einen Index. Wenn der Index der Firma in meiner Zielvorgabe ist, kaufe ich.
Welche Fundamentals sind dir wichtig?
Ich schaue auf das Earnings per Share, auf den Book Value per Share, das Price-to-Book-Ratio, den Return on Equity, den Debt-to-total-Assets, den Dividend Yield und so. Es kommt halt immer darauf an, ob ich eher auf die Dividende schaue oder auf den Aktienkurs.
SEC Filings, Daytrader-Plattformen – wo holst du dir sonst noch das Wissen?
Ich konsultiere Apps, etwa CNBC oder Bloomberg. Dann habe ich einen Stock Screener, um Fundamentaldaten zu vergleichen und auf grobe Ideen zu kommen. Dann schaue ich mir vielleicht eine Aktie, die mich interessiert, 30 Minuten genauer an. Und dann entscheide ich, ob daraus etwas werden könnte.
Du lernst im Gymnasium Sprachen, Geometrie und Algebra. Wie bringst du dein Flair für den Aktienhandel am Schulunterricht vorbei?
In den zehnminütigen Pausen zwischen den Lektionen schaue ich mir die Kurse an und checke Märkte. Wenn der Schulunterricht um fünf endet, bin ich um sechs zu Hause. Da bleibt mir oft noch eine Stunde fürs Lesen. Am Wochenende nehme ich mir einige Stunden.
Und die Schulaufgaben?
Die stehen im Vordergrund.
Wenn andere draussen Fussball spielen, gehst du die Firmenlisten durch und vergleichst die Performance?
Es ist ja nicht so, dass meine Kollegen nur draussen sind. Viele spielen zu Hause auf dem Computer. Das Game «Apex Legends» war unter ihnen ein grosses Thema. So bin ich auf den Publisher mit Namen Electronic Arts gestossen und habe mit dem Titel innert drei Monaten 20 Prozent zugelegt. Ansonsten spiele ich viel mit meinen zwei Brüdern, rund ums Haus, aber auch im Wald. Zudem fechte ich einmal pro Woche. Es ist also nicht so, dass ich zu Hause nur am Pult sitze und SEC-Dossiers lese.
Bist du ein Spekulant?
Sagen wir so: Ich habe es gerne ein bisschen spannend. Klar konnte man in den letzten zwei Jahren auch mit einem Titel wie Nestlé outperformen. Aber mich reizen Titel, die nicht auf der Hand liegen und die ich zuerst finden muss.
Wenn deine Titel an der Börse zulegen, gönnst du dir ein paar neue Sneakers?
Nein, definitiv nicht. Gucci oder andere Dinge waren letztes Jahr unter meinen Mitschülern ein Hype. Mir persönlich sagt das nichts. Ich bin dagegen beim Gucci-Besitzer Kering eingestiegen und habe vom Hype profitiert – und über 50 Prozent zugelegt. Es freut mich natürlich, wenn andere Geld ausgeben und ich im Gegenzug daran verdiene (lacht).
Wie reagieren Finanzprofis, wenn sie einen 13-Jährigen vor sich haben, mit dem sie über Krypto, über Initial Coin Offering oder Initial Exchange Offering reden sollen?
Zuerst sind sie erstaunt, dann testen sie mich mit ein paar Fachfragen. Wenn sich das erledigt hat, führen wir ein normales Gespräch.
«Wer sich als Bank nicht mit Blockchain beschäftigt, läuft Gefahr, zerstört zu werden.»Richard Schäli, Jung-Aktionär
Gerade rund um Krypto gibts viel Risiko und Spekulation. Nicht abschreckend?
Man kann immer kritisch sein, aber man muss ein gewisses Mass an Risiko eingehen. Beim Aktienhandel setze ich auf eine Stop-Loss-Strategie, verkaufe also, wenn der Preis einen bestimmten Wert unterschreitet. Aber ich weiss natürlich auch, dass bei einem Sell Out ein Risiko besteht, dass der Verkauf nicht rechtzeitig ausgeführt wird und nicht zum erhofften Preis.
Der Aktienhandel ist komplex.
Die Abwicklungsprozesse bei einer Transaktion sind kompliziert, aber das muss mich nicht besonders interessieren. Die Analyse einer Firma hingegen finde ich nicht derart komplex. Wenn die Erträge einer Firma in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen sind, ist die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Bankrotts sehr klein.
Du hast boomende Aktienmärkte erlebt. Und wenn die Zinsen steigen und es kracht – wie mit Coronavirus?
Ich gehe davon aus, dass die Geldpolitik auch 2020 sehr locker sein wird, zudem wird es weiter ein Wirtschaftswachstum geben, auch wenn es bescheiden ausfällt. Einen Crash erwarte ich in den nächsten Monaten nicht. Allerdings habe ich in den letzten Monaten im Portfolio zunehmend auf stärkere und grössere Titel gesetzt.
Und Corona?
Als es die ersten Fälle in China gab, habe ich angefangen, Aktien zu verkaufen. Zwei Tage vor dem ersten Börseneinbruch hatte ich noch ein Net Exposure von 5 Prozent. Deshalb bin ich gut über die Runden gekommen. Im Einzelfall habe ich bereits wieder begonnen zuzukaufen, weil die tieferen Notierungen Chancen bieten. Im Auge hatte ich schon lange Delta Airlines. Die Aktie hat mich wegen des hohen Gewinns pro Aktie und der konstanten Erträge schon länger interessiert, aber sie war mir immer zu teuer. Jetzt, nach der Korrektur, sind sie attraktiv.
Und was ist mit Cash und Gold – gerade in Zeiten der Verunsicherung?
Momentan habe ich 33 Prozent Cash, das ist eher ungewöhnlich. Das liegt daran, dass ich bei einer Firma noch ein Preislimit drin habe; ich möchte bei dieser Firma einsteigen, sobald sie billiger zu haben ist. Anschliessend werde ich etwa bei 25 Prozent Cash liegen, das ist mein Zielwert.
Fremdwährungen?
Nein, Forex mache ich nicht. Da müsste man, um einen Gewinn zu erzielen, mit einem Leverage von 1000 agieren.
An eine Rezession, ausgelöst durch das Coronavirus, glaubst du nicht?
Nein, bis zu den US-Wahlen kann ich mir eine Rezession nicht recht vorstellen. Hingegen wird sich nach der Wahl entscheiden, wie sich der Markt weiterentwickelt. Wenn Bernie Sanders gewinnt, werde ich mein Net Exposure in den USA massiv runterfahren.
Wie läuft es dir eigentlich in der Schule?
Ich habe über alle Fächer einen Notenschnitt von 5,05. Der Klassenschnitt liegt bei 4,75. Ich bin also ein normaler Schüler, allerdings meint meine Mutter, es liege mehr drin.
Hat sie recht?
Klar macht es immer Sinn, sich reinzuknien und das Maximum rauszuholen. Aber manchmal ist es schwierig, diesem Anspruch gerecht zu werden.
Deine liebsten Fächer in der Schule?
Mathematik und Englisch.
Was halten Kollegen von deinem Hobby?
Es interessiert sie wenig.
Greta ist ein Thema in der Schule?
Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht Gesprächsstoff ist. Aber für mich redet sie zu viel und tut zu wenig.
Aus dem Klimawandel leitest du Investment ab?
Klar ist das ein Thema, allerdings muss ich aufpassen, dass ich nicht auf den Hype einsteige und auf eine Blase spekuliere, denn einige Firmen sind richtig teuer geworden. Ich bin beteiligt bei der norwegischen Recylingfirma Tomra Systems, der Berliner Softwarefirma Ivu Traffic und dem deutschen Äthanolhersteller Cropenergies und bei ein paar anderen.
Was meint deine Lehrerin, wenn du täglich Dow Jones und Nasdsaq checkst?
Sie unterstützt mein Interesse, solange die Schule nicht darunter leidet. Sie liess mich für drei Tage an die Crypto Finance Conference. Dort durfte ich an einem Fireside Chat mit Investor Daniel Gutenberg sitzen. Aber wenn ich in einer Woche drei, vier Tests in der Schule habe, kümmere ich mich sicher nicht um Krypto oder Aktien.
Learning vom Kryptogipfel in St. Moritz?
Für mich war spannend, zu sehen, wie sich das Banking wegen Crypto verändert. Es wird viel diskutiert, wie stark die Banken leiden werden. Nun konnte ich mir eine finale Meinung bilden.
Nämlich?
Wenn eine Bank in Blockchain und Bitcoin einsteigt und sich ernsthaft damit auseinandersetzt, hat sie einen Vorteil. Wer das nicht tut, läuft wohl Gefahr, zerstört zu werden. An der Konferenz zeigte sich auch, dass die Asiaten in der Kryptowelt stärker vertreten sein wollen. Und dann war es spannend, weil nicht nur Kryptofans anwesend waren, sondern auch Kritiker und Regulatoren.
Die Kryptowährung Bitcoin war mal auf 18'000 Dollar, ist jetzt bei 8300. Da ist viel Volatilität drin.
Wenn ich zukaufe, tue ich das nur mit meinem eigenen Geld. Da kann ich Risiken eingehen, die ich mit dem Geld von anderen nicht eingehe. Kürzlich bin ich bei spekulativen Alternative Coins eingestiegen und habe bereits 15 Prozent zugelegt. Krypto ist meine Spielwiese, aber keine Alternative für traditionelle Investoren. Der Grossteil meines Geldes streckt in meinem Fonds.
«Mit dem Abschuss einer Universität fällt es vermutlich leichter, Geld einzusammeln.»Richard Schäli, Jung-Aktionär
Wie gehts weiter mit Kryptowährungen?
Ich glaube, dass man short term ein paar Prozente rausholen kann. Aber ich glaube nicht, dass Bitcoin eine echte Währung wird. Nur: Ich war ja nicht primär wegen Investments an der Konferenz, es war auch ein guter Anlass fürs Networking, weil auch Venture Capitalists dabei waren. Und ich habe meinen Mentor Jorge Lemann getroffen.
Jorge Lemann, der Milliardär aus Brasilien und Bier-Grossinvestor?
Ich hielt vor Jahren in der Schule einen Vortrag über erfolgreiche Menschen und konzentrierte mich auf Herrn Lemann, der mich sehr beeindruckt. Als ich später einmal mit meiner Familie in der Schweiz unterwegs war, habe ich ihn zufällig gesehen und ihn angesprochen. Ich erzählte ihm von meinem Vortrag – und dass ich nebenbei mit Aktien handle. Daraus ist ein Kontakt entstanden. Ich glaube, Herr Lemann freut sich, wenn junge Leute etwas bewegen wollen.
Zahlst du dir einen Lohn aus?
Nein, brauche ich nicht. Und wenn ich etwas verdiene, wird es vielleicht jenes Geld, mit dem ich mit 25 Jahren Startups finanziere. Ich brauche sicher nicht die neusten Schuhe.
Immerhin trägst du trendige On-Sneakers.
Die habe ich geschenkt bekommen.
Welche Pläne hast du für die Zukunft?
Ich möchte die Matura machen, dann vermutlich an die Uni gehen und etwas mit Finanzen studieren. Mit einem Abschluss fällt es vermutlich leichter, Gelder einzusammeln. Später möchte ich in der Finanzbranche arbeiten, vielleicht als Venture Capitalist oder im Private Equity, in der Startup-Finanzierung oder im Asset Management. Eine eigene Firma wie bei euch hier, das wäre mein Traum.
Wir sind 600 Leute im Haus.
Gut, das ist etwas viel. Aber wenn irgendwann aus meinem Fonds ein 500-Millionen-Fonds wird, würde ich schon ein paar Leute einstellen.
Den Index schlagen
Small Caps: Die Firma Richifinancial Trading Group bewirtschaftet einen Fonds; dieser ist in Form eines Zertifikats an der Stuttgarter Börse und an der BX-Börse in Bern gelistet. Er fokussiert auf Small und Mid Caps. Seine Erfolgsbeteiligung ist mit 25 Prozent über dem Branchendurchschnitt.
Black Friday: Das Portfolio bestand Ende Januar aus Cash und Beteiligungen am Getränkehersteller New Age Beverages, Bitcoin Group, Swiss Re und British American Tobacco. Ende 2019 war der Fonds unter anderem investiert in Amazon (wegen Black Friday, Cyber Monday), 3M (steigende Dividende), Etsy (Black Friday, Cyber Monday, steigende Gewinne).