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Im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn ist es stockfinster. Auf den Strassen sind Sirenengeheule und quietschende Reifen zu hören. Aus einzelnen Gebäuden, die an den Mauern mit Graffiti vollgesprayt sind, erklingt Hip-Hop-Musik. Unzählige Männer überqueren die Strasse. An einer Stelle stehen ein Dutzend Männer in weit geschnittenen Kleidern und Goldschmuck im Kreis. Etwas scheinbar Gefährliches liegt in der Luft. Die einen Männer imitieren mit dem Mund, der Nase und dem Rachen einen Beat, andere ergreifen während des Rap-Battles die Initiative, um mit ihrem schlagfertigen Sprechgesang zu überzeugen. Die meisten von ihnen verarbeiten in ihren Texten nicht nur ihr eigenes Leben, sondern äussern Kritik an der Gesellschaft und erzählen von ihren politischen Ansichten.
Das hat Alessandro De Perota vor wenigen Jahren als er für eine Weile in New York gelebt hatte, erlebt. Heute ist er in der Rap-Szene als Al Denaro bekannt, denn er hat den ersten Schritt zum professionellen Rapper gewagt. 28 Jahre alt, italienischer Abstammung, in Wil geboren und aufgewachsen. «Mag sein, dass mich einige für verrückt halten», sagt der Musiker, «aber vor drei Monaten habe ich meine Festanstellung aufgegeben, um mich voll und ganz meiner Musik zu widmen.» Den Rap wolle er nicht mehr aufgeben, solange er lebe. «Ich habe mich 14 Jahre auf diesen Moment vorbereitet», erzählt er im Tonstudio, das in einem Kellerraum an der Zürcherstrasse in Wil aufgebaut wurde. Das Licht ist gedimmt. Alessandro De Perota sitzt locker, distanziert und in sich gekehrt auf dem Stuhl. Seine Augen sehen so aus, als wäre erst aufgestanden. Seine Kleidung ist weit geschnitten – schwarze Hosen, ein weisser Hoddie und darüber hat er ein weites schwarz-weiss kariertes Hemd angezogen. Die goldene Halskette und Armbanduhr trägt er auffällig. «Mein Leben in New York war einfach nur geil», sagt er. Die Hip-Hop- und Gehtto-Szene sei genauso wie es in den amerikanischen Filmen dargestellt werde. Er habe viele Rapper kennengelernt, ist in diese Szene eingetaucht und habe sich mit dem Amerikanischen Englisch auseinandergesetzt. «Die Sprache ist beim Rap das Wichtigste überhaupt», so Alessandro De Perota. Deshalb lerne er seit 14 Jahren Englisch. «Schon als Jugendlicher wollte ich den amerikanischen Slang beherrschen», führt der Rapper weiter aus. Und deshalb hat er so lange gewartet bis er seine selbstgeschriebenen Songs im Tonstudio aufgenommen und sein erstes Musikvideo gedreht hatte. «Das Schönste am Rap ist, dass er den Menschen vermittelt, dass alles im Leben möglich und greifbar ist», so Alessandro De Perota. In der Schweiz werde einem eingetrichtert, dass man einen anständigen Job haben und nicht träumen solle. In Amerika sei das ganz anders. «Dort ermutigen dich die Menschen, Musik zu machen und deinen Weg zu gehen», so der 28-Jährige.
Der Wiler Rapper mit italienischen Wurzeln
Es sind Sirnen von mehreren Polizeiautos zu hören. Ein junger Mann schliesst die Tür eines für Amerika typischen Grossstadt-Reihenhäusern, vor denen sich unzählige Müllsäcke stapeln. Er trägt eine blau-weisse Varsity-Jacke und richtet sich die Kapuze bevor eine Zigarette anzündet. Er spaziert gemütlich der dunklen Strasse entlang. Es erklingt ein stampfender Beat. Und dann beginnt der junge Mann zu rappen.
Es ist ein Ausschnitt aus dem Musikvideo zu «Salaparuta», der Song ist auf der EP «Straight Like 9:15» von Rapper Al Denaro, das vergangenes Jahr in New York gedreht wurde. Am 31. Januar ist sein neustes Musikvideo, das zu «Paper Crimes» und ebenfalls am Big Apple gedreht wurde, erschienen. Hierfür hat der 28-Jährige mit dem New Yorker Rapper Torae zusammengearbeitet. «Ob ich stolz bin?», wiederholt Alessandro De Perota die Frage. «Klar!» Als er einem Bekannten seine EP in die Hand drücke, damit dieser die fünf Rap-Songs dem bekannten Rapper überreiche, habe er sich nicht viel dabei gedacht. «Dass Torae mit mir zusammenarbeiten wollte, zeigte mir, dass ich Chancen in diesem Musikbusiness habe», ist der Newcomer mit italienischen Wurzeln überzeugt. Schliesslich arbeite der aus Brooklyn stammende Musiker nicht mit jedem zusammen. Alessandro De Perota möchte mit seiner Musik hoch hinaus und ist auf dem besten Weg dort hin. In der amerikanischen Hip-Hop-Szene hat er nun schon einmal die ersten Schritte gewagt. «Ich möchte meinem Rap-Stil treu bleiben», sagt Alessandro De Perota. Das sei Underground-Hip-Hop. Der moderne Rap mit elektronischer Clubmusik unterlegt – das sei nicht sein Ding. Seine Karriere habe er zwar in Amerika in Angriff genommen. Aber: «Meine Heimat Wil und meine italienischen Wurzeln möchte ich nicht vergessen», erklärt er. Und das solle sich auch in seiner Musik wiederspiegeln. Und deshalb möchte er seine Musik und Message auch dem Schweizer Publikum näherbringen. «Die Menschen sollen nicht aufgeben, sondern an sich glauben», sagt er.
Ein Business und seine Schattenseiten
Das Wiler Tonstudio – das mit Mischpulten, Computer, Mikrofone und verschiedenen Instrumenten wie Keyboard, Schlagzeug und Gitarre ausgestattet ist – gehört nicht Alessandro De Perota alleine. Hier arbeitet er zusammen mit seinem älteren Bruder Davide De Perota, der neben ihm auf einer schwarzen Lautsprecherbox sitzt. Hinter Rapper Al Denaro steht der 35-Jährige als Manager und Musikproduzent. Er ist davon überzeugt, dass sein Bruder ein Talent habe. Seine selbstgeschriebenen Texte seien authentisch, seine Sprache überzeugend. Auch für Davide De Perota ist die Rap-Musik ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Auch Donnie Serano – so sein Künstlername – trägt eine goldene Kette um den Hals, weite Hosen und weiseMarken-Sneakers.
«Wegen mir ist Alessandro überhaupt in die Hip-Hop-Szene gerutscht», erzählt Davide De Perota. Der Musikproduzent, der auch als Klavierlehrer und Leiter der Soundkeller-Workshops der Wiler Jugendarbeit tätig ist, ist seit seiner Jugendzeit dem Hip Hop treu. Der Lebensstil. Der Style. Die Rap-Legenden. Das Ghetto. Die Texte und deren Inhalt. Der Beat. Das alle habe ihn als Teenager fasziniert. «Die Neunzigerjahre waren ohne Diskussion die goldene Ära der Rapmusik», erinnert sich der 35-Jährige, noch heute. Tupac, Dr. Der, Notorious B.I.G – das seien die Helden seiner Jugendszene gewesen. «Klar, die Hip-Hop-Szene hat nicht gerade den besten Ruf», sagt er. Beleidigende Texte, Gewaltausbrüche, Todesopfer, Rivalität und Konflikte zwischen einzelnen Produzenten sowie Stars – das seien die Schattenseiten dieses Business. «Aber das ist nur ein Bruchteil davon», ist Davide De Perota überzeugt, der eine Weile einmal in Los Angeles gelebt hat und mittlerweile den Künstlernamen Donnie Serano trägt. Die Szene sei aber nicht nur gefährlich. «Auch wenn Rapper böse rüberkommen, sind die meisten von ihnen herzensgute Menschen.» Aber wieso ist die Aussendarstellung bei Rap ebenso wichtig wie die Musik? Wieso reicht die Musik allein nicht aus? «Sobald ein Rapper einen gewissen Status erreicht hat, will er diesen auch nach aussen kommunizieren», führt Alessandro De Perota aus. Das habe auch damit zu tun, dass viele dieser Künstler aus dem Ghetto kommen und in Armut gelebt haben.