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Auf Instagram, dem Tummelfeld der Fotografien des Alltags, fallen seit geraumer Zeit Bilder von Stühlen, Sesseln, Sofas auf, die vor einer Hauswand oder an der Strassenecke stehen. Gebrauchte Möbel, manchmal mit einem handgeschrieben Blatt versehen, auf dem «GRATIS» steht oder «Zum Mitnehmen». Witzige Fotos entstehen da, manchmal von schönen Kürzestlegenden begleitet. «Last sit-in before the winter» lautet die Legende einer Fotografie, auf der eine alte Holzbank, ein Stuhl ohne Sitzfläche und ein Hochstuhl mit Lederimitatbezug zu sehen sind. Ein weiteres Bild von zwei weissen Kunststoff-Gartenstühlen, ein Stuhl neben einem Abfallhaufen liegend, ein anderer nebenan halb schräg stehend, hat den Titel «Today Biden knocks down Trump – hopefully». Witzige Bilder mit gekonnt schrägen Titeln.
Während die Fotografen der ausgesonderten Möbel mit ihren Smartphones auf Bildern festhalten, was sich ihnen im städtischen Alltag an Hausmauern, Strassenecken und in Innenhöfen begegnet, hat Stefano Trovatello, von Berufung ein «Materialschieber», in den letzten Jahren Objekte unterschiedlicher Art im städtischen Raum in Italien hingestellt, sie fotografiert und mit Titeln versehen. Manche Objekte könnte er auch vorgefunden, verschoben und angereichert haben. «Der Materialschieber» heisst die schöne Publikation bei der Edition HOWEG in Zürich, in der die Installationen Trovatellos fotografisch abgebildet sind und in einem Gespräch mit Antonio R. di Salvo näher beschrieben werden.
Da stehen zum Beispiel ein ganzes Dutzend Halteverbotstafeln vor einer Hausfassade, es ist eine Station der Carabinieri in Genua, wo das Anhalten so verboten ist, dass man angesichts der Anzahl der Verbotstafeln sagen könnte, das Parken sei verbotenverbotenverboten. Da wirbt auf einer anderen Fotografie eine Tafel an der Strasse gross für den nahen McDonald’s und nebenan hängt eine grosse Werbetafel für die Besichtigung eines römischen Landhauses mit Thermen aus der Antike. Ein Bürostuhl ist angekettet an die Werbetafel, damit es ja nicht gestohlen werde. «Il divano vomitante» oder ein «kotzendes Sofa» heisst eine Fotografie, in Vicenza aufgenommen, auf der ein ausgedientes Sofa, die Rückenpartie an eine Hausmauer lehnend, steht und nebenan Abfall, als hätte das Möbelstück gerade erbrochen. Eine andere doppelseitige Farbfotografie zeigt eine Ruine. Auf ihrem Vordach stehen zwei weisse Liegestühle, zwischen ihnen ein Tischfussball. Ein absurd schönes Bild mit dem Titel Il Fuori-Gioco, was übersetzt abseits heisst, eine <regel im Fussball.
«Ich bin ein Materialschieber, das ist eine meiner Arbeitsweisen», gibt Trovatello zu Protokoll.» Und er kommentiert ein anderes Bild folgendermassen: »Hier in Ragusa ist die illegale Entsorgung von ausgedienten Konsumgütern, Bauschutt bis zu kompletten Inneneinrichtungen regelrecht kultiviert». Trovatello: «Ich bin Sammler und verschiebe meine gesammelten Requisiten von A nach B. Belasse sie, wo sie sind, setze Neues dazu oder verschiebe sie wieder an andere Orte. So entstehen über die Zeit kleinere oder grössere ‘installative’ Entsorgungen, wie ich sie nenne. Einmal hingestellt, bringe ich ab und zu Farbakzentuierungen mit lasierender Lebensmittelfarbe an». Manchmal stellt sich Trovatello vor einer seiner Entsorgungen und bittet Passanten, ihm zu erklären, was sie da sehen. Der 1963 im sizilianischen Ragusa geborene Trovatello ist am 14. Januar 2020 in Palermo gestorben. Es soll nicht verschwiegen werden, dass sein realer Erfinder, der Gestalter Stefan Kauffungen aus Zürich, am selben Tag verstorben ist. Er dürfte auch die Stimme von Antonio R. di Salvo sein und ist der Fotograf, dessen Bilder nichts Zufälliges ausstrahlen. Seine wunderbaren Installationen und die so schönen Farbfotos der Installationen sind zu sehen in «Stefan Trovatello. Der Materialschieber», erschienen 2020 in der Edition HOWEG. Das letzte Bild im Buch heisst «Lettere d’Addio». Ein roter Citroen CX steht in einem Hof. Auf einer Fensterscheibe des Wagens hat jemand mit dem Zeigefinger in den Staub «Lettere d’Addio» geschrieben.
Die im Text erwähnten Fotos aus Instagram stammen von Stefan Stolle, der ihnen stets phantasievolle Namen gibt. Randomchairs und hoodchairs sind zwei weitere Quellen für Bilder liegengelassenen Mobiliars. Höchste Zeit für eine weitere Buchpublikation. Die beiden Fotos auf dieser Seite haben Stefano Trovatello und Stefan Kauffungen gemacht. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Eingeworfen am 26.11.2020