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Standhaft und mit erhobenem Haupt steht der nackte Jüngling da. Mit dem rechten Fuss auf einem riesigen, abgetrennten Kopf und mit einem Stein in der linken Hand blickt er nach rechts in die Ferne. Es ist David, eine Figur aus einer Geschichte des Alten Testaments. Darin besiegt der junge Hirte David den Riesen Goliath mit einer einfachen Steinschleuder. Karl Geiser träumt bereits als Jugendlicher von der Realisierung dieser Figur. 1944 bekommt er für die neue Kantonsschule in Solothurn den Auftrag, einen überlebensgrossen David zu erschaffen. Doch der Auftrag wird zur ungeheuren Last für den Bildhauer: Er entwirft zahlreiche Studien in unterschiedlichen Grössen. Der Drang, das Werk möglichst realistisch abzubilden und sein Perfektionismus treiben ihn fast zur totalen Erschöpfung. Er arbeitet ununterbrochen am David, entwickelt sogar noch eine bekleidete Fassung. Trotz Abnahme der Figur durch die Zuständigen von Solothurn arbeitet Geiser wie besessen weiter und erteilt schlussendlich noch eine schriftliche Erlaubnis für den Bronzeguss. Nach dem überraschenden Tod Geisers 1957 lautet der Vorschlag, einen weiteren David in Bronze zu giessen als Ersatz für den unvollendeten Wettbewerbsentwurf für die Bombenopfer in Schaffhausen. Heute stehen in Schaffhausen zwei Davidfiguren: Ein bekleideter David vor dem Münster und ein nackter im Garten des Klosters Allerheiligen.
Anja Seiler