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Der amerikanische Fotograf Phil Borges findet in Stammesgesellschaften Menschen, die psychische Krisen erleben. Durch ihr Anderssein werden sie zu Schamanen und Heilern. Aus diesen Begegnungen entstand der Dokumentarfilm «Crazywise».
Phil Borges
Regisseur und Fotograf
Als Fotograf beschäft sich der US-Amerikaner Borges stark mit indigenen Kulturen. Sein Dokumentarfilm «Crazywise» erzähl, wie verschiedene Kulturen mit Menschen in psychischen Krisen umgehen.
SRF: Wie kamen Sie dazu, einen Film über Menschen mit psychischen Krisen zu machen?
Phil Borges: Ich dokumentiere seit 30 Jahren als Fotograf indigene Kulturen und Stammesgesellschaften in Afrika, Asien und Amerika, unter anderem für Amnesty International und die UNO.
Dabei traf ich immer wieder auf Heilerinnen und Visionäre - zum ersten Mal bei tibetischen Mönchen in Dharamsala. Ich war eingeladen, das tibetische Staatsorakel mit einem «Kuten» zu beobachten.
In Afrika begegnete ich einer Frau, die mit 14 Jahren Visionen bekam. Sie hatte grosse Angst und dachte, sie müsse sterben.
Was ist ein «Kuten»?
Ein auserwählter Mönch, der während einer Zeremonie in Trance fällt und Vorhersagen für das tibetische Staatswesen und den Dalai Lama macht. Nach der Zeremonie konnte ich den Mönch befragen. Er hat als Jugendlicher unter starken Stimmungsschwankungen gelitten und Stimmen gehört.
Hier im Westen würden wir das eine Psychose nennen. Ein älterer Mönch sagte ihm, er habe die Sensibilität, ein «Kuten» zu werden. So wurde er später erwählt.
Was für Heiler haben Sie noch getroffen?
In Afrika begegnete ich einer Frau, die mit 14 Jahren Visionen bekam und begann, Stimmen zu hören. Sie hatte grosse Angst und dachte, sie müsse sterben.
Es war eine ähnliche Geschichte wie bei den Tibetern. Die Grossmutter erklärte ihr, sie habe eine spezielle Gabe. Sie brachte ihr bei, damit umzugehen, und später wurde die Frau zu einer Heilerin im Dorf.
Worin gleichen sich die Geschichten?
In allen Fällen war der Ausgangspunkt entweder eine physische Krankheit oder eine mentale oder emotionale Krise. Die Betroffenen bekamen zu hören, sie hätten eine spezielle Sensibilität, die schwierig zu kontrollieren und gefährlich sein könne.
Manche von ihnen mussten eine Initiation durchlaufen. Sie wurden alle begleitet von einem Mentor oder einer Mentorin, meist einer älteren Person, die ähnliches erlebt und gelernt hat, mit diesen Dingen umzugehen.
Diese Phase dauerte ein bis zwei Jahre. Danach wurden sie als Visionäre oder Heiler in ihren Gemeinschaften anerkannt. Man kann sie auch Priester nennen.
Sie begleiteten für den Film auch Menschen in psychischen Krisen im «Westen», in den USA. Was haben Sie dort erlebt?
Bei einer Recherche über Meditation traf ich Adam. Adam hatte als 20-Jähriger einen ersten psychotischen Zusammenbruch. Er wurde hospitalisiert und stand während vier Jahren unter Medikation.
Er litt unter starken Nebenwirkungen, ständig wurde die Medikation geändert. Eines Tages machte er einen radikalen Schnitt, nahm keine Medikamente mehr und besuchte strenge Meditations-Retreats.
Die Medikamente auf einen Schlag abzusetzen ist sehr gefährlich. Dennoch konnte er sich eine Zeitlang stabilisieren.
Bei indigenen Völkern erfahren Menschen mit psychischen Krisen, sie seien einzigartig, hätten spezielle Begabungen.
Was ist bei Adam anders als bei den Heilern?
Adam bekam von Ärzten zu hören: Du hast eine chemische Störung im Gehirn, dafür gibt es keine Heilung. Wir können nur mit Hilfe von Medikamenten die Symptome lindern.
Was ist das für ein Narrativ? Es löst Angst aus, und es stigmatisiert die Betroffenen. Es stempelt sie zu psychisch Kranken – wie sollen sie mit einer solchen Diagnose wieder einen Job, eine Wohnung finden?
Anders bei den indigenen Völkern, die ich besucht habe. Dort erfahren Menschen mit psychischen Krisen etwas anderes: Sie seien einzigartig, hätten spezielle Begabungen, die zwar gefährlich sein könnten. Aber man könne lernen, mit ihnen umzugehen. Und so mit der Zeit als Heilerin oder Heiler einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft leisten.
Welche Rolle spielt das Umfeld in psychischen Krisen?
Adam hat an einem bestimmten Punkt den Kontakt zu seiner Familie und zu all seinen sozialen Beziehungen verloren. Völlig auf sich selber gestellt, stürzte er komplett ab.
Phasenweise lebte er in einem alten Auto. Adams Geschichte zeigt, wie fatal es ist, isoliert zu werden. Wir alle brauchen Beziehungen, in Krisen erst recht.
Wie lassen sich solche Beziehungen im Westen bewerkstelligen? Besteht nicht die Gefahr, dass solche Menschen auch ausgenützt werden?
Es gibt mittlerweile eine weltweite «Peer»-Bewegung von Menschen, die psychischen Erkrankungen durchgemacht und damit im Alltag leben gelernt haben.
Sie engagieren sich als Coaches, Berater, eben «Peers». Es gibt spezielle Ausbildungen für sie. Solche «Peer»-Angebote gibt es mittlerweile vielerorts in den USA und Europa.
Man muss also nicht gleich einen Schamanen besuchen oder selber zu einem werden?
Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es geht nicht darum, dass die Leute nach dem Film «Crazywise» gleich einen schamanischen Heiler suchen, auch wenn Schamanismus derzeit in aller Mund ist.
Die Methoden sind nicht einfach von einer Kultur in eine andere übersetzbar. Ich benutze diese Beispiele aus indigenen Kulturen, um einen anderen Blick auf solche Vorgänge zu werfen.
Das Gespräch führte Christa Miranda.