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Die Rezension der neuen Ausgabe der Hüther-DVD „Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“ auf socialnet.de ist erschienen. Ein paar Kernpunkte der Kritik hier:
„Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“ baut auf dem plakativen Gegensatz von funktionalem Kindsein und funktionalisierter Kindheit auf. Der bedenkliche Reiz von Prof. Hüthers Rede für eine vermeintlich neue Pädagogik, die das „Geheimnis des Gelingens“ ausmachen soll, ist die Wiederkehr eines romantischen Idealismus, der das natürlich Gute im Kind beschwört und in einen Gegensatz zur „bösen“ Welt der Erwachsenen bringt, in der das Kindliche quasi im Vorlauf zum gesellschaftlichen Funktionieren des erwachsenen Menschen pädagogisch gebrochen und funktionalisiert wird. Reizvoll ist dieser falsche Dualismus, weil er mehr oder weniger fixe Bilder zu konnotieren vermag, die von eindrucksvollen literarischen Geschichten wie Hermann Hesses „Unterm Rad“ oder Robert Musils „Zögling Törleß“ bis hin zur Reformpädagogik, zur demokratischen Schule und zu Projekten wie der „Boys Town“ des Priesters Edward Flanagan reichen, der Norman Taurog mit dem gleichnamigen Kinofilm von 1938 ein filmisches Denkmal setzte.
All diese Geschichten und Projekte transportieren die gefällige Idee des genuin guten Menschen, zumal des unschuldigen Kindes, das erst durch die Bedingungen seines Lebens korrumpiert werde. Prof. Hüther unterfüttert die Rousseau’sche Idee und Pädagogik mit der Vorstellung eines makellosen Nervensystems, das vom Beginn des menschlichen Lebens an optimal auf Erfahrungen vorbereitet sei. Allerdings stören im Hüther’schen Konstrukt einer romantisch verbrämten Neurobiologie sowohl Schule als auch Ritalin die natürlich angelegte, perfekte Entwicklung von Gehirn und Verhalten: Die Schule durch das Lernen aus der Lehre, das Prof. Hüther in einen fragwürdigen Gegensatz zum Lernen aus Erfahrung bringt; das ADHS-Medikament durch die Eindämmung der Auslenkbarkeit des Nervensystems. Auf einfachen, jedoch kaum explizit formulierten Grundannahmen (das Gehirn ist natürlich vollkommen; das Kind sucht unbedingt die Gemeinschaft mit anderen) schließt Prof. Hüther auf die Ausrichtung von Prozessen (ohne Tabletten funktioniert das Gehirn am besten; das Kind sucht in der Gesellschaft stets die Gemeinschaft, nicht den eigenen Vorteil) sowie auf dezidierte Effekte (gute Erfahrungen verankern sich langfristig im Gehirn; Kinder lernen und machen von sich aus das Richtige).
Warum sollte das so sein? Zeigt die Natur nicht in Krankheiten (auch des Geistes) und dem Exitus von Arten eine Vielzahl evolutionär-natürlicher Fehlentwicklungen? Hat die Zivilisationsgeschichte nicht gezeigt, dass der Mensch durch Wissenschaft und Schule die größten – auch humanistischen – Fortschritte gemacht hat? Auch wenn Medizin und Pharmakologie zweifellos nicht nur Heil über die Menschheit brachten, so haben sie uns im Mittel doch gesünder, schmerzfreier, zufriedener mit dem Körper, älter werden lassen. Die Entwicklung der Antikonvulsiva hat die Besessenheit der „Fallsucht“ in das therapierbare neurologische Leiden der Epilepsie verwandelt, die Entdeckung der Neuroleptika den psychotischen Wahn in eine durch den Hirnstoffwechsel verursachte Denkstörung, welche ohne medikamentöse Behandlung die Persönlichkeit des Menschen überlagert. Auch wenn sie einst anders gedeutet wurden: Die Epilepsie, bisweilen auch „Morbus sacer“ genannt, war zu keiner Zeit ein Ausdruck von dämonischer Besessenheit oder wahrer Gottesnähe; gleichermaßen offenbarte das Denken in der Psychose niemals einen Genius, sondern nur seine Krankheit und seinen Niedergang. Was macht Prof. Hüther so sicher, dass im Fall der Impulskontrollstörung der ADHS alles anders ist?