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Das Glück in der Fremde gesucht
Unvergessen Der Vater kam 1960 als Saisonnier in die Schweiz, sein Sohn folgte ihm 1966. Vincenzo Cosentino verliess seine kalabrische Heimat mit 17 Jahren, um hier als Maler zu arbeiten. Seit 55 Jahren ist er in Olten zuhause.
Von: Achim Günter
Vincenzo Cosentino wurde Ende April 1949 in San Giorgio Morgeto geboren, einem mittelgrossen Dorf im Süden Kalabriens. Er wuchs mit einer fünf Jahre jüngeren Schwester auf. Sein Vater arbeitete als Schuhmacher. Da dieser nicht selten bloss mit Naturalien oder gar nicht für seine Dienste bezahlt wurde, emigrierte er 1960 in die Schweiz. In Olten fand er Arbeit in der Schuhfabrik Stöckli. Kurz vorher hatte er seinen Sohn Vincenzo im Heimatdorf einem Maler, Kunstmaler und Bildhauer vorgestellt und diesem damit eine Ausbildungsstelle verschafft. Mit elf Jahren trat Vincenzo Cosentino die Stelle an. Bereits früh zeigte er künstlerisches Talent, als Maler und als Musiker. Als Teenager spielte er Sopransaxophon im örtlichen Musikverein. 1965, als 16-Jähriger, besuchte er seinen Vater erstmals in der Schweiz; begleitet wurde er auf jener Reise von einem Cousin. Ein Jahr darauf, 1966, liess Vincenzo Cosentino seine Mutter und Schwester sowie die kalabrische Heimat hinter sich und folgte seinem Vater nach Olten.
«Italien ist ein wunderschönes Land, unheimlich reich in Sachen Kultur, Kunst, Musik, Esskultur. Aber die Politik dort ist eine Katastrophe. Zum Glück läuft die Industrie wenigstens – trotz der Politik. Aber in San Giorgio Morgeto hätte ich zu wenig Arbeit gehabt. Oder ich hätte einen Lohn bekommen, der nicht zum Leben gereicht hätte.
So bestieg ich im März 1966 in Kalabrien den Zug, alleine. Ich hatte nur einen Koffer mit einigen Kleidern dabei. In Mailand musste ich umsteigen. Nach einer fast 24-stündigen Zugreise holte mich mein Vater schliesslich am Bahnhof Olten ab. Er wohnte gleich hinter dem Bahnhof, in der Martin-Disteli-Strasse. Ein Zimmer, zwei Betten, Teppichboden. Aber schön, wirklich schön – für die damalige Zeit.
Mein Vater hatte für mich eine Firma in Gretzenbach gefunden, die mich als Maler anstellte. Ich musste mich anpassen, fand mich aber gut zurecht. Als ich eines Tages eine Raufasertapete anleimen sollte, fragte mich mein Chef, ob ich das könne. In Italien hatte ich zuvor immer nur richtige Tapeten mit Muster an die Wände angebracht. Der Chef erkannte, dass ich die Aufgabe verstand. Als er abends wiederkam, war das Zimmer fertig. Er schüttelte den Kopf und staunte – und war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Fortan bezahlte er mir pro Stunde zehn Rappen mehr als seinen beiden spanischen Mitarbeitern. Die beiden Spanier wurden wütend, öffneten mein Zahltagscouvert und beschwerten sich beim Chef. Der aber antwortete: ‹Er kann tapezieren, ihr nicht!› Damals verdiente ich 3.70 Franken pro Stunde.
Der Chef sprach ziemlich gut Italienisch. Aber wir unterhielten uns auch oft mit Händen und Füssen. Langsam habe ich dann Schweizerdeutsch gelernt –auch dank der Band, in der ich damals Saxophon spielte. Wir traten abends oft auf und spielten Tanzmusik. Die Band bestand aus drei Schweizern und drei Italienern. So verstand ich schon bald ein wenig Deutsch.
Aber die erste Zeit in der Schweiz war schwer. Erst recht, als James Schwarzenbach 1968 seine ausländerfeindliche Überfremdungs-Initiative lancierte. Wir Italiener – damals rund 800000 in der Schweiz – hatten Angst, wir würden alle des Landes verwiesen. Das Schweizer Volk lehnte die Initiative 1970 zum Glück ab. Aber wir jungen Italiener waren zu jener Zeit immer in kleinen Gruppen unterwegs. Wir fürchteten uns, angegriffen zu werden, wenn wir einer Gruppe betrunkener Schweizer begegnen würden. Wir waren einfach ‹Tschinggen›. Zu Beginn dachten wir, dass wir als ‹Zigeuner› beschimpft würden. Aber tatsächlich bezog sich ‹Tschingg› ja auf ein Spiel, das in Norditalien gespielt wurde. Jedenfalls wurden wir damals diskriminiert. Allerdings hatte ich immer gute Kollegen – auch Schweizer.
Das Heimweh gehörte für mich dazu, war normal. Doch unter der Woche arbeitete ich und hatte gar keine Zeit, an meine Familienangehörigen und an Kalabrien zu denken. Immer am Wochenende telefonierten wir nach Hause. Die Mutter weinte immer am Telefon. Der Vater beruhigte sie jeweils und erinnerte sie daran, dass wir uns ja bald wieder sehen würden.
Bereits im Juli 1966 fuhren wir für zwei Wochen nach Hause in die Ferien. Das haben wir auch in den folgenden Jahren immer getan. Und mit dem damaligen Saisonnierstatut musste ich die ersten sieben Jahre ohnehin immer für drei Monate ausreisen. Im Dezember reiste ich also jeweils nach Kalabrien und kehrte dann im März nach Olten zurück. Am Zoll in Chiasso mussten wir uns immer gesundheitlich untersuchen lassen. Nur wer als gesund galt, durfte wieder in die Schweiz einreisen. Vor allem der Rücken wurde immer gut kontrolliert.»
Bis 1973 wohnte Vincenzo Cosentino bei seinem Vater. Dann zog er mit seiner Freundin zusammen, die er später heiratete. 1975, 1980 und 1982 wurden dem Paar drei Kinder geschenkt. Eine dauerhafte Rückkehr nach Süditalien fasste Cosentino nie ins Auge. «Ich habe hier gute und schlechte Zeiten erlebt – und in Olten eine zweite Heimat gefunden.» Er schätze etwa das kulturelle Angebot der Stadt und deren gastronomische Qualität. 1988 wagte Cosentino den Gang in die Selbständigkeit als Maler. Daneben verdiente er sich immer auch ein Zubrot als Kunstmaler. Er malt leicht verfremdete Kopien grosser Meister wie Rembrandt oder Anker, kirchliche Motive, aber auch erotische Frauenakte. Noch heute arbeitet er gelegentlich – und will das bis 75 weiterhin tun. Ab dann, also 2024, will er die Sommermonate jeweils in San Giorgio Morgeto verbringen, die Wintermonate in Olten. Vincenzo Cosentino ist geschieden, hat drei Kinder und zwei Enkel.