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Eindrücklich treten uns auch zyklische Abläufe beim Übergang vom Frieden zum Krieg und vom Krieg zum Frieden entgegen. Die allmähliche Steigerung der Provokationen, die auf die Herausforderung folgende Antwort («challenge and response» nach Toynbee), das endliche Versagen der diplomatischen Bemühungen um die Erhaltung des Friedens und die Überzeugung, dass nur noch Gewalt den Knoten zerhauen könne: dieser Vorgang hat sich mit monotoner Gleichförmigkeit unzählige Male wiederholt.
Der auf den Krieg folgende Friedenszustand ist zunächst der politische Ausdruck des beim Ende der Feindseligkeiten herrschenden Kräfteverhältnisses. Die siegreiche Macht oder Mächtekoalition ist gewillt, die Vorteile zu verteidigen, die sie dank ihrer militärischen Überlegenheit errungen hat. Das ist leichter zu erreichen, wenn es sich um einen einzigen Siegerstaat handelt – zum Beispiel Preussen-Deutschland nach 1871 –, als wenn der Sieg von einer Koalition errungen wurde. Siegreiche Koalitionen haben die Tendenz, nach der Erreichung des gemeinsamen militärischen Ziels zu zerbröckeln, da jeder Partner sich auf seine besonderen Interessen besinnt, die in der Regel nicht identisch sind mit denjenigen seiner Kriegsverbündeten. Nach 1815, nach 1918, nach 1945 folgte auf die Einmütigkeit und Euphorie des gemeinsamen Sieges die neu erwachte Rivalität der Verbündeten (Beispiele aus früheren Epochen würden den gleichen Vorgang belegen). Immerhin bleibt ein gemeinsames Band bestehen: die Gewinner im Wettlauf um die Vorherrschaft wollen sich die Früchte ihres Sieges nicht entreissen lassen. Lenin hatte nicht unrecht mit seiner Bemerkung, der Sieger sei immer pazifistisch; er will die «Pax Romana», die «Pax Britannica», die «Pax Germanica», die «Pax Gallica», die «Pax Americana», die «Pax Russica» aufrechterhalten: einen Frieden zur Bewahrung der im Krieg errungenen Vorteile.
Die nächste Stufe des Ablaufs ist gekennzeichnet durch die Erholung und Wiedererstarkung des Besiegten, was den ehemaligen Sieger um die unbekümmerte Anwendung des Rechts des Stärkeren bringt; er muss fortan wieder mit dem ehemaligen Besiegten als einem aktiven politischen Faktor rechnen, zumal wenn dieser von neuem in der Lage ist, im Spiel der Aussenpolitik seine militärische Stärke in die Waagschale zu werfen. In der Regel braucht, wenn man unsere Beobachtungen auf Europa beschränkt, ein Besiegter fünfzehn Jahre, um sich zu erholen. Auf Waterloo folgten fünfzehn Jahre später die Pariser Juli-Revolution und die Vorgänge in Belgien von 1830, die das System des Wiener Kongresses ideologisch und aussenpolitisch in Frage stellten. Fünfzehn Jahre nach dem Frankfurter Frieden steht Frankreich mit General Boulanger und seiner neu aufgebauten Armee 1886 Bismarck gegenüber, der sich mit einem wiedererstarkten Frankreich abfinden muss. Auf den Sieg der Entente von 1918 folgt nach fünfzehn Jahren die Ernennung Hitlers zum deutschen Reichskanzler, womit die politische Ordnung des Versailler Vertrags und des Völkerbundes in Frage gestellt ist. Es ist bemerkenswert, dass Henry Kissinger, Professor in Harvard, in seinem Buch «The Troubled Partnership» die Feststellung macht, 1960 – also fünfzehn Jahre nach der deutschen Kapitulation von 1945 – sei die amerikanische Hegemonie zu Ende gegangen; nicht nur das vom ehemaligen Reich übriggebliegene Westdeutschland hatte sich erholt, auch die von Krieg und Besetzung erschöpft gewesenen europäischen Bundesgenossen der Vereinigten Staaten waren wieder in der Lage, sich auf ihre besonderen Interessen zu besinnen, was zur Folge hatte, dass Amerika innerhalb des Atlantischen Systems seinen Verbündeten ihre Politik nicht mehr vorschreiben konnte. Innerhalb der kommunistischen Welt haben ebenfalls fünfzehn Jahre vermocht, die stalinistische Disziplin zu lockern. Der Zyklus gelangt zu der Stufe, wo der Sieger nicht mehr befehlen kann, wo er verhandeln und sich verständigen muss.
Damit sind aber auch seine Grundsätze, Ideologien, Verträge und Bündnissysteme von neuem in Frage gestellt. Es ist fünfzehn Jahre nach dem Ende eines Krieges schwer, gegen neue Strömungen und Bedürfnisse an einem in Verträgen oder auch nur de facto festgelegten Zustand unveränderlich festzuhalten. Entweder erweisen sich dann vertragliche Vereinbarungen, militärische Vorkehrungen und internationale Strukturen als elastisch und anpassungsfähig genug, um in einem neuen Stadium der Aussenpolitik ihren Zweck erfüllen zu können, oder es kommt zum Bruch und zu einer neuen Konfliktsituation.
Wohl sind die grossen Kriege, die das gesamte Staatensystem und mit ihm die gewohnten Ordnungen schwer in Mitleidenschaft gezogen haben, wie der Dreissigjährige Krieg, die Kriege der Französischen Revolution und Napoleons, die deutschen Kriege gegen die Koalition von West und Ost zwischen 1914 und 1945, unmittelbar gefolgt von dem Wunsche, das politische und soziale Leben von neuem auf bewährten, «legitimen» Grundlagen aufzubauen. Was man im Westfälischen Frieden mühsam wiederhergestellt hatte und was man nach 1815 «Restauration» nannte, bezeichneten die Amerikaner nach 1918 mit dem Schlagwort «back to normalcy»; dieses Bedürfnis nach Normalisierung war nach 1945 im Lager sowohl der westlichen als auch der östlichen Sieger gekennzeichnet durch eine Rückkehr zu den altbewährten Grundsätzen und Gepflogenheiten. Sowohl die wiederhergestellte liberal-bürgerlich-kapitalistische Ordnung des Westens als auch die wiederhergestellte monolithisch-diktatorisch-kommunistische Ordnung des russischen Stalinismus waren solche «Restaurationen» des Früheren, als legitim Betrachteten.
Allein der politische Ablauf lässt derartige Schutzvorrichtungen, die nach einer Katastrophe ihren Zweck erfüllen mögen, nicht unverändert bestehen. Die heiligen (oder unheiligen) Allianzen ereilt das gleiche Schicksal: sie nützen sich ab, ihre Autorität wird angefochten, das Leben und mit ihm der Widerspruch treten in ihre Rechte, und es ist eine beinahe immer wiederkehrende Erscheinung, dass an einer oder mehreren Stellen des Systems ein Bruch erfolgt. Solche Brüche kann man datieren; sie erfolgten gegen die Heilige Allianz bereits mit der Abwendung Englands von 1823 und danach mit dem Aufstand Frankreichs und Belgiens 1830, gegen die Hegemonie des Dreibunds mit dem französisch-russischen Bündnis von 1892 und der Entente cordiale von 1904, gegen den Völkerbund und den Versailler Vertrag mit dem Abfall Japans, Deutschlands und Italiens, die in den 1930er Jahren kurz nacheinander erfolgt sind, gegen die sowjetrussische Hegemonie bereits mit dem Abfall Jugoslawiens von 1948, ehe China seine Wendung gegen Moskau vollzog und in Osteuropa Aufstände stattfanden, gegen die amerikanische Hegemonie mit der Emanzipation Frankreichs nach 1960, mit der Feindschaft Kubas, mit dem Aufstand in Vietnam, mit der Abwendung der arabischen Staatenwelt.
Auch diese Beispiele sollen lediglich dazu dienen, auf Möglichkeiten einer Kasuistik hinzuweisen, die es unternehmen würde, vergleichbare, typische, konstante Erscheinungen im Ablauf der zwischenstaatlichen Beziehungen herauszuarbeiten. Dass diese Beziehungen zyklisch verlaufen und durch typische Stadien gekennzeichnet sind, geht aus einem Vergleich des politisch-historischen Materials hervor.
Dem möglichen Einwand, dass wir unsere Beispiele in der vorliegenden Studie zum grössten Teil der europäischen Staatenwelt und dem um Europa zentrierten Weltstaatensystem entnommen haben, während doch in unserem Jahrhundert in allen andern Kontinenten eine selbständige und rührige Staatenwelt entstanden ist, möchten wir mit der Bemerkung begegnen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und daraus abgeleitete Gesetzmässigkeiten sich immer auf einen Komplex beziehen, der auf gemeinsamen Voraussetzungen beruht. Universalformeln gibt es nicht, weder für die Natur noch für die soziale Welt. Hegels Wort: «Das Ganze ist das Wahre» verrät den Metaphysiker, dem es um die Sinngebung der Universalgeschichte zu tun ist. Unser Vorhaben ist bescheidener, es kann mit seiner Empirie nur Teilwahrheiten erfassen. •
aus: J. R. von Salis. Geschichte und Politik. Betrachtungen zur Geschichte und Politik. Beiträge zur Zeitgeschichte. Zürich 1971. Orell Füssli Verlag. Teil 4, Seiten 143–146.
«Leise Stunde»
Was willst du mir denn sagen,
Du grüner, lachender Frühlingstag?
Die muntern Drosseln schlagen
Wie trunken nah im dunkeln Hag.
Mein Acker scheint zu träumen,
Ganz still ist’s unter den Bäumen,
Ich hör’ der leisen Stunde Schlag.
Sie kommt mit jedem Lenze,
Steigt auf wie ein versunken Gut,
Fern an der Kindheit Grenze
Wandl’ ich in treuer Augen Hut.
Ein Duft liegt über den Weiten,
Die heimlichen Glocken läuten:
Du hast es gut, du hast es gut!
Ich seh’ der Mutter Hände,
Verwerkt und hart — und doch so weich!
Sie müht sich ohne Ende
Und gibt und gibt und bleibt doch reich.
In Ackers Grund geborgen
Schläft ihr Segnen und Sorgen
Und macht ihn mir zum Märchenreich.
«Auf eine Stalltüre zu schreiben»
Mensch, du bist zum Gott gekürt
Über Wesen, die dir glauben.
Sieh, dass keins den Trost verliert,
Lass dir nie die Krone rauben!
Hilflos ist die Kreatur
Deiner Gnade heimgegeben,
In das Joch der Unnatur
Fügt sich das geduld’ge Leben.
Aber Augen sehn dich an —
Such’ in ihrem Grund zu lesen!
Wer Vertrau’n ertöten kann,
Den wird kein Gebet erlösen.
Wie Alfred Huggenberger seinem Leben die Grenzen gegeben hat, wie es der überlegene Bauer tut, der die Grösse seines Landes nach seiner Kraft berechnet, so setzt Alfred Huggenberger auch sein Werk unter diese Beschränkung, ihm wohl die schillernde Vielfalt anderer Gesichte und Landschaften verweigernd; aber durch dieses Masshalten, durch diese Besinnung auf sich selbst, gibt er ihm jenen unverlierbaren Goldwert der Seele, der nicht verflattert und sich verflüchtigt.
Es ist da, es bleibt. Es baut sich auf, indem es das Leben der «kleinen Leute» und der «Dorfgenossen» erzählt, es blüht durch den Zartsinn und die Lauterkeit der «lieben Frauen», es trägt die Träume, «hinterm Pflug» geträumt, wie Honigwaben in sich, es rauscht mit den Wassern der Tiefe und der Stimme des Blutes, wie die «Brunnen der Heimat» rauschen, und in ihm webt der «Segen der Scholle» und die «heimliche Macht»; es hat die Spannungen, die der «Kampf mit dem Leben» mit sich bringt; und alles ist noch in ihm: der frohe Mut, das Jasagen zum Alltag, der Humor und der Schalk, die Märchen der Waldfrau, das Amsellied und die Stille der Felder, die Blumen des Sommergartens, unzählig viele Gestalten, knorrige, schrullige, wunderliche und aufrechte, kämpfende Männer, duftendes Bauernbrot, Märzwind und Wolkenzug, und über allem das Gebet, das Frommsein, die Andacht, der Erntedank, der Bauerndank.
Alfred Huggenberger hat uns die Augen wieder aufgetan für die Schönheit und den Reichtum unserer Erde; durch ihn ist sichtbar und singend geworden, was thurgauische Seele ist, ihre Sehnsucht und ihre Träume, ihre Wirklichkeit, ihr Kummer und Alltag. Er ist für den Thurgau zum guten Hausfreund geworden, wie für das Land bei Basel Johann Peter Hebel. Und so tritt uns seine Gestalt mit dem Geheimnis des grossen Zauberers, der die Landschaft aufrollt mit weiter Gebärde, entgegen; aber es liegt nicht in seinem schlichten Äussern, nicht in der Haltung und der Kleidung, auch nicht im humorvoll aufklingenden Wort, das in uns nachklingt, was unsere Begegnungen mit Alfred Huggenberger zu den denkwürdigsten Ereignissen werden liess: Es ist sein Antlitz, das in uns lebt und immer wieder, wenn wir an ihn denken oder in seinen Büchern blättern, klar und nah hervorschaut; das Gesicht eines Bauern, der sich um die Erde mühte. Aber in diesem Antlitz ist das Geistige sichtbar geworden und hat ihm die Härte und Eckigkeit genommen, es hat es von innen her durchglüht und beseelt, es lebt in dieser hohen Stirn, in diesen warmen Augen, die so klug schauen und wieder so schalkhaft-gütig lächeln können, im Lauschenkönnen, als horche er zuweilen selbstvergessen in sich hinein; es liegt auch im Mienenspiel, wenn er eine kleine Geschichte oder in seinen Versen vom Glück und von der Lust seiner Arbeit erzählt …
Wir standen noch jüngst oben vor seinem Hause in Gerlikon im Kanton Thurgau, und es war mir, als stehe ein heimlicher König neben mir, mit einer unsichtbaren Krone, der mit weiter Gebärde über das Land hinwies: «Dies alles, es lebt durch mich. Ich habe dieses Land geformt, das Mäuerlein dort, das Weglein ins Tal hinunter, die Apfelbäume; ich bin in die murmelnden Schächte hinuntergestiegen und habe auf das Fluten seines Wesens gelauscht. Tief innen in mir lebt das Land. Ich halte die krümelige Erde in meinen Händen, meine Erde, die ich bebaut und kennengelernt habe. Ich wachse wie der Baum aus diesem Grunde. Oh, und den Menschen bin ich nachgegangen und habe sie in meine Augen und mein Herz gelockt und habe ihnen wieder den Reichtum und die Schönheit ihrer Heimat gegeben.»
Spricht er wirklich so? Oh nein, er ist der schlichte, einfache Bauer mit dem gescheiten Kopf und den junggebliebenen Augen, der in unserer heimischen Mundart plaudert.
Aber ich vergesse nicht mehr sein hingegebenes, gleichsam betendes Antlitz, als er in einem Kirchenraum sein Gedicht vom Dank für Ernte und Brot vortrug. Mir schien es damals, durch die Magie des Wortes gepackt, als bete er nicht allein, sondern die ganze Gemeinde. Das Geistige durchwirkt die Dichtung Huggenbergers und hebt sie in das Licht der Menschlichkeit.
Quelle: Alfred Huggenberger erzählt sein Leben.
theaterverlag elgg, Belp 2000. S. 19–22
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