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Zu Eva Nerling, «Anmerkungen zu den Konsequenzen der Reform», widerdiedummheit.blogspot.com,
Nachweis unter presse und internet
1. Es gibt Schritte weg von internationalen Gebräuchlichkeiten. Es ist mehrfach eine Abkehr von längst im Deutschen gebräuchlichen Wörtern hin zu unnötigen Änderungen zu beobachten: Tip -- Tipp. Stop -- aber Stoppschild.
Tipp/stopp: Warum «international» sagen, wenn man englisch meint? Es gibt nicht so viele sprachen, in denen stop vorkommt. Die kritik an stopp kommt ausserdem 140 jahre zu spät; 1996 wurde nichts geändert. Wir sind im übrigen sehr dafür, andere sprachen für unsere rechtschreibung zum vorbild zu nehmen. Englisch gehört aber zuletzt dazu.
2. Vor allem mit erleichterter Getrenntschreibung wurde ein falscher Parameter gesetzt, der den Menschen suggerierte, jegliche Verbkombinationen dürften zerschlagen werden. Die Bedeutung einer Zusammenschreibung wurde bisher mit dem Hilfsmittel der Betonung gefunden.
Die zerschlagung jeglicher verbkombinationen fand Peter Schmachthagen in der Berliner Morgenpost nicht so schlecht: «Die Reformer bemühten sich, möglichst eine Systematik in den orthografischen Dschungel zu bringen. Zwischen 1996 und 2006 hieß es: Verb und Verb (Infinitiv) immer getrennt. Bis dahin galt die unsägliche Betonungsregel des Dudens. Wer jedoch die Schreibweise eines Wortes aus dem Satzzusammenhang entnehmen muss, braucht eigentlich keine unterschiedliche Schreibweise, um den Sinn eines Satzes zu präzisieren.»
3. Das ß ist in seiner Entwicklung vom Ursprung getrennt worden, sein Stellenwert wurde grundlegend verändert. Dieses Zeichen, das im Antiqua-Druck aus einer Doppel-S-Ligatur entstanden ist, hatte ursprünglich eine ästhetische Funktion und war auch Signal für das Wortende.
Ja, das ß ist in seiner entwicklung vom ursprung getrennt worden, sein stellenwert wurde grundlegend verändert. Aber sind Sie sicher, dass Sie den richtigen ursprung erwischt haben? Den sah die sogenannte historische schule anderswo: im mittelhochdeutschen ʒ, das sich aussprachemässig vom s unterschied. Historisch korrekt müsste man wißen statt wissen schreiben.
Keine andere Sprache als das Deutsche verwendet ein "großes ß". Es ist für jeden ausländischen Leser unverständlich und erklärungsbedürftig.
Dass keine andere sprache als das deutsche ein grosses ß verwendet, ist wohl wahr. Aber das gilt auch für das kleine ß! Warum soll das eine «für jeden ausländischen Leser unverständlich und erklärungsbedürftig» sein und das andere nicht?
4. Wo ist die Reform gut? In EINEM Fall! Man schreibt jetzt Albtraum und nicht mehr Alptraum. Denn diese Träume […] sind nicht vom europäischen Zentralgebirge, sondern von den Alben, Elben oder Elfen abgeleitet.
Die träume werden auch nicht vom deutschen mittelgebirge abgeleitet, ebenso wie sich Schiller in «Abfall der Niederlande» nicht mit dem entsorgungswesen beschäftigte. Früher gab es die beiden wörter «alp» (= gespenstisches wesen) und alb (= unterirdischer naturgeist). Es wird nun etwas kühn definiert, dass alb «auch» ein gespentisches wesen und alp eine alte schreibweise dafür sei. Das kann man so sehen, obwohl oder weil die differenzierung im 21. jahrhundert niemanden mehr interessiert. So oder so kann man lange darüber filosofieren, welchem man den traum zuordnet. Für komposita braucht man im deutschen keine amtliche genehmigung; man könnte einen bösen traum auch z. b. als deutschtraum bezeichnen. Im wörterbuch des reformgegners Ickler haben alb und alp die frühere bedeutung, aber er führt beide traum-komposita gleichberechtigt auf.
5. Wo ist die Reform unhistorisch? Die Reform leitet für mein Gefühl einige Schreibungen nicht richtig ab.
Die buchstabenschrift ist von ihrem wesen her eines nicht: historisch. Etymologie ist etwas schönes, aber nicht aufgabe der rechtschreibung. Es stört uns ja (leider) auch nicht, dass wir voll mit v, aber das verwandte füllen mit f schreiben.
Rolf Landolt