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Kultur und Neurosen
Auszug aus "Der neurotische Mensch unserer Zeit", welches eines der bedeutendsten Werke der hervorragenden Psychotherapeutin ist
Karen Horney**, New York
Nachdem wir erkannt haben, daß ein neurotischer Mensch in unserem Kulturgebiet von den gleichen Grundkonflikten bewegt wird und daß ein normaler Mensch Ihnen ebenfalls, wenn auch in geringerem Maß, unterworfen ist, stehen wir wieder vor derselben Frage, die wir am Anfang stellten: Welches sind die kulturellen Bedingungen, die an dem Umstand schuld sind, daß Neurosen sich gerade an diesen besonderen Konflikten ansetzen, von denen ich sprach und nicht an anderen?
Freud hat sich um dieses Problem nicht viel gekümmert; die Kehrseite seiner biologischen Orientierung ist ein Mangel an soziologischer Orientierung und daher neigt er dazu, soziale Phänomene vorwiegend auf psychische Faktoren zu schieben und diese wieder auf hauptsächlich biologische (siehe die Libido-Theorie).
Diese Tendenz veranlaßte psychoanalytische Schriftsteller, um einige Beispiele anzuführen, zu dem Glauben, Kriege seien von dem Todestrieb bedingt, unser derzeitiges ökonomisches System wurzle in analerotischen Trieben, der Grund dafür, daß das Maschinenalter nicht schon vor 2000 Jahren begann, sei in dem Narzißmus jener Periode zu finden.
Freuds Glaube an eine biologisch bedingte Natur des Menschen
Freud sieht eine Kultur nicht als das Ergebnis eines vielseitigen sozialen Prozesses, sondern vor allem als das Produkt biologischer Triebe, die unterdrückt oder sublimiert werden, was zu dem Ergebnis führt, daß Reaktionsbildungen gegen sie errichtet werden. Je vollkommener die Unterdrückung dieser Triebe gelang, desto höher ist die kulturelle Entwicklung. Da die Fähigkeit zur Sublimierung begrenzt ist und da die intensive Unterdrückung primitiver Triebe ohne Sublimierung zu Neurosen führen kann, muß eine wachsende Zivilisation unvermeidlicherweise das Wachstum von Neurosen nach sich ziehen. Neurosen sind der Preis, den die Menschheit für ihre kulturelle Entwicklung zu zahlen hat.
Die in dieser Theorie enthaltene Annahme, die diesem Gedankengang zugrunde liegt, ist der Glaube an das Vorhandensein einer biologisch bedingten menschlichen Natur oder genauer gesagt, der Glaube daran, daß orale, anale, genitale und aggressive Triebe in allen Menschen verhältnismässig stark vorhanden seien. Variationen in der Charakterbildung von einem Individuum zum andern wie von einer Kultur zur anderen verdanken dann ihre Existenz der wechselnden Intensität der erforderlichen Unterdrückung, wozu noch die Unterscheidung kommt, daß diese Unterdrückung die verschiedenen Triebarten in verschiedenem Maße beeinflußt.
Historische und anthropologische Befunde bestätigen eine derart direkte Beziehung zwischen der Höhe einer Kultur und der Unterdrückung sexueller oder aggressiver Triebe nicht. Der Irrtum liegt hauptsächlich in der Annahme einer quantitativen statt einer qualitativen Beziehung. Die Beziehung besteht nicht zwischen einer quantitativen Unterdrückung und einem quantitativen Kulturniveau, sondern zwischen der Qualität individueller Konflikte und der Qualität kultureller Schwierigkeiten.
Der Quantitätsfaktor kann nicht außer Acht gelassen werden, doch kann er nur im Zusammenhang mit der Gesamtstruktur richtig bewertet werden. Gewisse typische Schwierigkeiten, die zu unserer Kultur gehören und sich als Konflikte im Leben jedes Menschen widerspiegeln, können, wenn sie sich ansammeln, zu einer Neurose führen.
Das Prinzip des individuellen Wettbewerbs
Da ich kein Soziologe bin, will ich nur kurz die wichtigsten Züge aufzählen, die einen Einfluß auf das Problem der Beziehung zwischen Neurosen und Kultur haben.
Unsere moderne Zivilisation beruht ökonomisch auf dem Prinzip des individuellen Wettbewerbs. Das isolierte Individuum muß sich mit anderen Individuen der gleichen Gruppe in einen Kampf einlassen, muß sie überragen und häufig beiseiteschieben. Der Vorteil des einen ist oft der Nachteil des anderen. Das seelische Resultat dieser Situation besteht in einer allgemeinen feindlichen Spannung zwischen den einzelnen. Jeder ist der wirkliche oder potentielle Konkurrent jedes anderen.
Diese Situation wird deutlich zwischen Mitgliedern der gleichen Berufsgruppe sichtbar, trotz aller gegenseitigen Bemühungen, sich fair zu benehmen oder Versuchen, seine Gefühle hinter höflicher Rücksichtnahme zu verbergen.
Jedoch muß betont werden, daß der Wettbewerb und die potentielle Feindseligkeit, die er im Gefolge hat, sämtliche menschlichen Beziehungen durchdringt. Der Wettbewerb ist einer der allerwesentlichsten Faktoren in sozialen Beziehungen. Er durchdringt die Beziehungen von Mann zu Mann, von Frau zu Frau und ob der Anlaß des Wettbewerbes Popularität, Kompetenz, Anziehungskraft oder irgendein anderer sozialer Wert ist, er erschwert die Möglichkeit einer verläßlichen Freundschaft beträchtlich.
Wie bereits angedeutet, stört er auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, nicht nur in bezug auf die Wahl des Partners, sondern auch in dem gegenseitigen Kampf um die Vorherrschaft. Er durchdringt das Leben in der Schule. Und was vielleicht am allerwichtigsten ist, er durchdringt die gesamte Familiensituation, sodas in der Regel ein Kind von Anfang an mit diesem Keim geimpft wird.
Die Rivalität zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, zwischen einem Kind und einem anderen, ist kein allgemein menschliches Phänomen, sondern die Reaktion auf kulturbedingte Anreize. Es bleibt eine von Freuds großen Leistungen, die Rolle des Rivalentums in der Familie erkannt zu haben, wie er dies in seiner Theorie des Odipuskomplexes und in anderen Hypothesen ausdrückte. Jedoch muß hinzugefügt werden, daß dieses Rivalentum an sich nicht biologisch bedingt ist, sondern daß es das Resultat gegebener kultureller Bedingungen ist und außerdem, daß die Familiensituation nicht die einzige ist, die ein Rivalentum anspornt, sondern daß der Anreiz zum Wettbewerb von der Wiege bis zum Grabe dauernd aktiv vorhanden ist.
Die potentiell feindselige Spannung zwischen Individuen führt zu einer steten Erregung von Furcht - Furcht vor der potentiellen Feindseligkeit anderer, verstärkt durch eine Vergeltungsfurcht für die eigenen Feindseligkeiten.
Eine andere wichtige Quelle der Furcht in einem normalen Individuum ist die Aussicht auf Mißerfolg. Die Furcht vor Mißerfolg ist sehr realistisch, weil im allgemeinen die Möglichkeiten eines Mißlingens viel größer sind, als die eines Gelingens und weil ein Mißerfolg in einer konkurrierenden Gesellschaft eine realistische Vereitelung von Bedürfnissen mit sich bringt. Dies bedeutet nicht nur ökonomische Unsicherheit, sondern auch einen Prestigeverlust und alle möglichen gefühlsmässigen Enttäuschungen.
Ein anderer Grund dafür, daß Erfolg ein solch faszinierendes Phantom ist, besteht in seiner Wirkung auf unser Selbstbewußtsein. Es sind nicht nur die anderen, die uns entsprechend dem Grad unseres Erfolges einschätzen; ohne es zu wollen, folgt unsere Selbstbewertung dem gleichen Maßstab.
Den existierenden Ideologien entsprechend, verdanken wir unseren Erfolg unseren eigenen Verdiensten; jedoch kann er auch - in puritanischer Denkweise - für ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes gehalten werden; in Wirklichkeit hängt er aber unter anderem auch von einer Reihe von Faktoren ab, die außerhalb einer Kontrolle liegen: als da sind zufällige Umstände oder Skrupellosigkeit und dergleichen mehr.
Nichtsdestoweniger fühlt sich auch der normalste Mensch unter dem Druck der bestehenden Ideologie zu dem Gefühl veranlaßt, er sei jemand, wenn er Erfolg hat, und er sei nichts, wenn er unterliegt. Es erübrigt sich zu sagen, daß dies eine unsichere Grundlage für das Selbstbewußtsein ist.
Die Entstehung eines übersteigerten Liebesbedürfnisses als Kompensation eines geschwächten Selbstwertgefühls
Alle diese Faktoren gemeinsam - der Wettbewerb und die damit verbundene potentielle Feindseligkeit zwischen den Mitmenschen, die Befürchtungen und das verringerte Selbstbewußtsein - führen psychologisch zu dem Ergebnis, dass der einzelne Mensch sich isoliert fühlt. Auch wenn er viele Kontakte mit anderen hat, sogar wenn er glücklich verheiratet ist, ist er gefühlsmäßig isoliert. Gefühlsmässige Isolierung ist für jeden schwer erträglich; sie wird jedoch zu einer Kalamität, wenn sie mit Besorgnis und Unsicherheit über die eigene Person zusammenfällt.
Diese Situation veranlaßt in dem normalen Individuum unserer Zeit ein gesteigertes Liebesbedürfnis, das als ein Heilmittel dient. Wenn er Liebe erfährt, fühlt sich ein Mensch weniger isoliert, weniger bedroht durch Feindseligkeit und weniger unsicher über sich selbst.
Weil sie einem so vitalen Bedürfnis entspricht, wird die Liebe in unserer Kultur überschätzt. Sie wird - wie der Erfolg - zu einem Phantom, das in sich die Illusion birgt, die Lösung aller Probleme zu sein. Liebe an sich ist keine Illusion - auch wenn sie in unserer Kultur oft genug ein Schild ist für die Befriedigung von Wünschen, die nichts mit ihr zu tun haben - jedoch wird sie zur Illusion dadurch, daß wir viel mehr von ihr erwarten, als sie tatsächlich erfüllen kann.
Und der ideologische Nachdruck, den wir auf Liebe legen, dient dazu, die Faktoren zu verstehen, die unser übertriebenes Bedürfnis nach ihr erzeugt hat. Daher befindet sich das Individuum - und ich spreche noch immer von einem normalen Individuum - in dem Dilemma, zwar ein beträchtliches Liebesbedürfnis zu besitzen, doch Schwierigkeiten darin zu finden, es erfüllt zu sehen.
Die bisher geschilderte Situation stellt einen fruchtbaren Boden zur Entwicklung von Neurosen dar. Die gleichen kulturellen Faktoren, die den normalen Menschen beeinflussen, ihm ein schwankendes Selbstbewußtsein, potentiell feindliche Spannungen und Befürchtungen geben, ihn zum Wettbewerb mit nachfolgender Furcht und Feindseligkeit veranlassen und ein verstärktes Bedürfnis nach befriedigenden persönlichen Beziehungen in ihm erregen‚ diese gleichen Faktoren beeinflussen den Neurotiker in verstärktem Maße. Die gleichen Resultate äußern sich in ihm lediglich intensiver - ein vernichtetes Selbstbewußtsein, Zerstörungssucht, Angst, verstärktes Konkurrenzbedürfnis, das Angst und destruktive Triebe nach sich zieht und ein übermäßiges Liebesbedürfnis.
Kulturelle Widersprüche als Auslöser neurotischer Konflikte im Individuum
Wenn wir uns daran erinnern, daß in jeder Neurose widersprechende Tendenzen vorhanden sind, die der Neurotiker nicht miteinander in Einklang bringen kann, dann erhebt sich die Frage, ob nicht auch in unserer Kultur gewisse definitive Widersprüche bestehen, wie sie dem typischen neurotischen Konflikt zugrunde liegen.
Es wäre die Aufgabe eines Soziologen, diese kulturellen Widersprüche zu studieren und zu beschreiben. Hier muss es genügen, kurz schematisch einige der wichtigsten sich widersprechenden Tendenzen zu zeigen.
Der erste zu erwähnende Widerspruch ist der zwischen Wettbewerb und Erfolg einerseits und brüderlicher Liebe und Demut andererseits. Auf der einen Seite wird alles getan, uns auf den Weg des Erfolges zu jagen, was heißt, daß wir uns nicht nur durchsetzen, sondern auch aggressiv und imstande sein müssen, andere aus unserem Weg zu drängen. Andererseits sind wir voll von christlichen Idealen, die erklären, es sei selbstsüchtig, etwas für uns selbst zu wollen, wir müßten demütig sein und «die andere Backe darbieten« und nachgeben.
Für diesen Widerspruch gibt es nur zwei Lösungen innerhalb einer normalen Spannweite, nämlich entweder eine dieser Bestrebungen ernst zu nehmen und die andere beiseite zu lassen oder beide ernst zu nehmen, was zur Folge hat, daß das Individuum nach beiden Richtungen hin ernstlich gehemmt wird.
Der zweite Widerspruch besteht in der Stimulierung unserer Bedürfnisse und der tatsächlichen Vereitelung ihrer Befriedigung. Aus ökonomischen Gründen werden Bedürfnisse in unserem Kulturkreis dauernd künstlich hervorgerufen durch Reklamen, durch herausfordernden Konsum und durch das Ideal, es den anderen gleichzutun. Jedoch ist für die große Mehrzahl die tatsächliche Erfüllung dieser scheinbaren Bedürfnisse eng begrenzt. Die seelischen Folgen für den einzelnen bestehen in einer steten Diskrepanz zwischen Wünschen und ihrer Erfüllung.
Ein weiterer Widerspruch besteht zwischen der angemaßten Freiheit des einzelnen und all seinen tatsächlichen Grenzen. Dem einzelnen wird von der Gesellschaft suggeriert, er sei frei und unabhängig und könne über sein Leben nach seinem eigenen freien Willen entscheiden; die Arena des Lebens stehe ihm offen und er könne erreichen, was er wolle, wenn er tüchtig und energisch sei. Doch sind in Wirklichkeit alle diese Möglichkeiten für die Mehrzahl der Menschen beschränkt.
Was im Scherz über die Unmöglichkeit, sich seine eigenen Eltern auszusuchen, gesagt worden ist, kann ebenso gut auf das Leben im allgemeinen ausgedehnt werden - in bezug auf die Wahl und den Erfolg in einem Beruf, auf die Wahl einer Erholungsmöglichkeit und auf die Wahl eines Gefährten.
Das Resultat für den einzelnen ist ein Schwanken zwischen dem Gefühl grenzenloser Macht in bezug auf die Bestimmung des eigenen Schicksals und dem Gefühl völliger Hilflosigkeit.
Diese in unsere Kultur eingebetteten Widersprüche sind genau die Konflikte, die zu vereinen der Neurotiker sich abquält: Seine aggressiven Tendenzen mit seinen nachgiebigen Tendenzen; seine übertriebenen Anforderungen mit seiner Furcht, es zu nichts zu bringen; sein Wunsch zur Sebstverherrlichung mit seinem Gefühl persönlicher Hilflosigkeit. Die Unterscheidung von einem normalen Menschen ist lediglich quantitativ.
Während ein normaler Mensch mit diesen Schwierigkeiten fertig werden kann, ohne dabei Schaden an seiner Person zu nehmen, sind in dem Neurotiker alle Konflikte in einem solchen Mass intensiviert, daß jede befriedigende Lösung unmöglich werden kann. Es scheint, als ob der Mensch, der in Gefahr ist neurotisch zu werden, die kulturbedingten 'Schwierigkeiten in besonders starker Form, hauptsächlich durch das Medium seiner Kindheitserfahrung erlebt habe und daß er infolgedessen nicht imstande war, mit ihnen fertig zu werden 0der doch nur unter großer Beeinträchtigung seiner Persönlichkeit. Wir könnten ihn ein Stiefkind unserer Kultur nennen.
**Karen Horney (1885 – 1952) war eine deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin und Vertreterin der Neopsychoanalyse
Auszug aus dem tiefenpsychologischen Monatsheft “Psychologische Menschenkenntnis” Nr. 1 – 1964, S. 112 – 115
* Mit gütiger Erlaubnis der Cottaschen Buchhandlung Stuttgart, aus dem Kindler-Taschenbuch «Der neurotische Mensch unserer Zeit»
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Im gleichen Heft findet sich dieser interessante Hinweis auf die damalige vorbildliche Öffentlichkeitsarbeit der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle, Leitung Friedrich Liebling, im Hinblick auf eine allgemeinverständliche psychohygienische Aufklärung der Bevölkerung, die auch für die heutige Zeit wünschbar wäre:
Im Oktober hält Dr. Josef Rattner im Rahmen von Filmmatinéen im Kino URBAN in Zürich an Sonntagvormittagen Vorträge über Probleme der Erziehung, Charakterbildung und Neurosenprophylaxe. Anhand von eindringlich gestalteten Filmen («Frühes Leid» von René Spitz, «Seelische Abhängigkeit» usw.) wird eine Einführung in die tiefenpsychologischen Gesichtspunkte der Psychohygiene geboten, vornehmlich im Hinblick auf die pädagogischen Fragen des Alltagslebens, die für Eltern, Erzieher, Fürsorger, Ärzte usw. besonders aufschlußreich sind. Für die genaueren Daten verweisen wir auf die Inserate der Tageszeitungen (oder Anfragen bei der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich).