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Heinrich Zschokkes Klus im Jura
«Nach einigen Stunden erreichte man Chaux-de-Joux, wo sich die Berge und Felsen zum Engpasse von La Cluse zusammenziehen. Hier stöhnte der Gefangene heftiger und schien nicht mehr Kraft genug zu haben, um sich zwischen den Wächtern aufrecht halten zu können. Er schlang seine Arme um ihre Achseln, um sich auf diese Weise zu halten. Aber plötzlich fuhr er den erschrockenen Soldaten wie mit Riesenkrallen in den Nacken, drehte gewaltsam ihre Köpfe gegeneinander und schmetterte deren Gesichter zu wiederholten Malen mit so fürchterlicher Kraft zusammen, dass ihnen das Blut stromweise von Stirn und Nase rann und beide betäubt und besinnungslos vor sich niederstürzten.»
Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura (1824)
Filmreife Action in den Jurahügeln, zur Zeit des Franzoseneinfalls 1798: Ein Schweizer Kriegsgefangener soll auf französisches Staatsgebiet übergeführt werden, doch auf einer einsamen Landstrasse gelingt ihm die Befreiung (Zitat). Der Gefangene flieht, indem er erst auf der Landstrasse, «dann plötzlich seitwärts bergan davon eilte und wie eine Gemse über Fels und Klippen setzte. Als hätte er Flügel, so ging es mit ihm die steilsten Felsen hinauf, wo vor ihm gewiß nie der Fuß eines Menschen gestanden hatte. Dann verschwand er im Gebüsch zwischen den Steinblöcken.»
Heinrich Zschokke (1771-1848) war einer der meist gelesenen Autoren seiner Zeit und ein erfolgreicher Einwanderer in die Schweiz: Zunächst arbeitete er als Korrektor, Privatlehrer, Theaterautor, Hochschuldozent in Deutschland, ehe er in der Schweiz Fuss fasste, die für ihn von Jugend an ein Sehnsuchtsland war. Zu einem ersten Kontakt kam es 1795, im Rahmen einer Bildungsreise von Deutschland über die Schweiz nach Paris. Erfindungsreich wie Zschokke war, finanzierte er diese Reise mit einer Schilderung derselben, nachzulesen unter «Die Wallfahrt nach Paris». Später eröffneten sich Zschokke berufliche Perspektiven in Graubünden, als Lehrer, dann als Leiter eines Erziehungsinstituts in Reichenau. Auch dort griff er sofort nach lokalen Stoffen. Eine «Historische Skizze der drei Bünde» war dazu gedacht, den Kindern die Geschichte ihrer (und seiner neuen) Heimat zu vermitteln. Als 1798 die alte Schweiz zusammenbrach, bekleidete Zschokke mehrere hohe Posten im Dienste der Helvetischen Repubik. Als Redaktor der liberalen Wochenzeitung «Der Schweizerbote» war Zschokke einer der Vordenker des modernen Schweizer Bundesstaates. Mit seiner Frau Nanny, elf Söhnen und einer Tochter lebte er in der Nähe von Aarau. Er unterrichtete alle seine Kinder selbst. Und seine Einkünfte besserte er mit flott erzählten, spannungsreichen Geschichten auf – seine Honorare als Schriftsteller übertrafen sein Beamtengehalt oft um das Zehnfache. (BP)
Zschokke benennt den Schauplatz etwas verfremdend («die Kluse von Chaux-de-Joux»), aber es ist sehr naheliegend, dass die berühmte Klus von Moutier Vorbild für die Schilderung war. Sie liegt im Jura, dem langgezogenen und markanten Hügelzug nördlich des Alpenhauptkamms. Durch diesen Taleinschnitt fliesst die Birs, die sich hier über Jahrtausende einen Durchgang quer zu den aufgefalteten Längstälern des Faltenjuras gegraben hat. Die Schlucht im Berner Jura führt von Court (666 m ü. M.) im Süden nach Moutier (529 m ü. M.) am nördlichen Ausgang. Einen ersten Eindruck bekommt man bereits bei einer Bahnfahrt, denn durch die enge Schlucht schlängeln sich die Züge der SBB (Schweizerische Bundesbahnen) von nach Delémont nach Biel.