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Lebenslauf
Johanna «Hanny» Christen (3. August 1899 – 29. Juni 1976) Sammlerin und Volkskundlerin.
Hanny Christen kommt am 3. August 1899 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Trudy in Liestal zur Welt.
Zur Hannys Familie gehören die Eltern Oscar und Sophie Christen-Spinnler, die ältere Schwester Els (Elsa *1892), Bruder Walter (*1894) und die Zwillingsschwester Trudy (Getrud).
die vie Geschwister 1901
Die Familie zieht nach Basel um und bezieht bald am Sonnenweg 23 ein stattliches Wohnhaus. Hanny lebt ihr ganzes Leben in diesem Haus.
Nach der Primarschule besuchen Hanny und Trudy die «Töchterschule» in Basel.
Als die Mutter 1911 stirbt, übernimmt Els die Haushaltführung. 1914 stirbt «Köbi», der Grossvater Johann Jakob Christen, ein leidenschaftlicher Baselbieter. Hanny vermisst ihren Grossvater sehr, er war ihr grosses Vorbild. Obwohl Bürgerin von Basel-Stadt, bleibt sie aus Verehrung zu ihm bis zu ihrem Ableben «in ihrem Herzen eine Baselbieterin».
Im gleichen Jahr beginnen Hanny und Trudy in der Töchterschule die Kindergärtnerinnen-Ausbildung. Nach dem Abschluss 1916 verbringen beide zusammen ein «Welschlandjahr» in Neuenburg.
Hanny nimmt Klavier- und Cellounterricht.
Walter mit Trudy und Hanny 1917
Ab 1918 klafft in den Archivunterlagen von Hanny Christen eine grosse Lücke. Sie schreibt in dieser Zeit nichts über ihre Lebensweise oder eine berufliche Tätigkeit. Sie erhält von ihrem Vater eine Lebensrente. Dabei verpflichtet sie sich «ihrem Stande gemäss» keiner Erwerbstätigkeit nachzugehen.
1927 stirbt der Vater. Walter Christen, Diplom Architekt ETH, übernimmt die von seinem Grossvater Johann Jakob Christen gegründete «Cementwarenfabrik.» Er führt sie neben dem Betreiben des eigenen Architekturbüros weiter.
Die Besitzverhältnisse innerhalb der Familie werden neu geordnet. Anstelle vom Vater erhält Hanny nun von ihrem Bruder ihren monatlichen Geldbetrag. Sie wohnt weiterhin mit ihren Schwestern zusammen am Sonnenweg.
1928 besucht Hanny zum ersten Mal die Singwochen der schweizerischen Trachtenvereinigung, die ab 1932 jährlich stattfinden. Sie unternimmt Reisen ins Ausland, so auch 1933 mit der VHS (Volkshochschule) Basel eine Reise nach London. Zwei Jahre später macht sie sich Gedanken über eine selbständige Tätigkeit ausserhalb der Familie. Sie nennt dies den "Beginn meiner späteren Arbeit." Sie ist an volkskundlichen Überlieferungen, Historischem, Volkstanz und Volksmusik interessiert und besucht entsprechende Anlässe. Es dauert jedoch noch mehrere Jahre, bis sie ihre Pläne verwirklicht. Sie versucht sich langsam vom Familienverband zu lösen. Dabei wird sie von ihrem Bruder, aber auch von ihrer älteren Schwester Els argwöhnisch beobachtet.
1938, mit 39 Jahren, verwirklicht sie endlich ihre Pläne und beginnt mit ihrer Sammeltätigkeit, ihren «volkskundlichen Wanderungen». Sie ist vorerst im nahen Baselbiet, im Aargau und in Solothurn unterwegs und sammelt von Tür zu Tür alles, was sie an Volkskundlichem erzählt bekommt: Bräuche, Sagen, Lebensgeschichten usw. Danach schwärmt sie in die ganze Schweiz aus. Dies auch während dem 2. Weltkrieg.
Sie scheut dabei keine Mühen und wandert allein kilometerweit bei widrigsten Bedingungen. Nebst ihren volkskundlichen Beobachtungen interessieren sie jetzt vor allem der Volkstanz und die Volksmusik. Auf diese Weise sammelt sie über Jahre hinweg mehr als 10'000 Volkstänze, die sie nach Gehör notiert oder aus alten Heften abschreibt. Ist sie ausnahmsweise zu Hause, betätigt sie sich als Tanzleiterin.
1943 gibt Hanny Christen im Eigenverlag ihr Tanzbüchlein «Die schönste Tänz ussim Baselbiet» heraus. Im gleichen Jahr erscheint auch ihr Heimatbuch «Mys Baselbiet». Als Unterlage dazu dienen ihr die Notizen, die sie beim Durchwandern ihres Lieblingskantons, dem Baselbiet, vor Jahren erstellt hat.
Nebst einem Büchlein mit selbst verfassten Kinderversen beginnt sie mit dem Schreiben von Volkstheaterstücken.
Ab 1949/1950 beginnt ihre Mitarbeit bei Radio Bern. Sie hat die Möglichkeit zusammen mit Eugen Huber (Pianist, Dirigent und Komponist) Sendungen zu gestalten. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist das Liefern und Zusammenstellen von Melodien, die sie gesammelt hat. Dabei stellt sie sich vehement auf den Standpunkt, dass das Sammelgut in keiner Weise abgeändert werden darf. Sie stört es, dass das Radio die Volkstanzstücke von Studiomusikern spielen lässt, in der Art eines «Kammermusikensembles». Diese Aufnahmen sind weit weg von ihren authentischen Feldaufnahmen. Es kommt darüber immer wieder zu Auseinandersetzungen. Trotzdem scheint die Zusammenarbeit erfolgreich zu sein, denn 1951 erhalten die beiden den «Berner Radiopreis».
Die Zusammenarbeit endete 1960 unschön. Auf Grund der verschiedenen Ansichten über Interpretation und Tonqualität von Sendungen und nach Streitigkeiten unter den Musikanten an Grossanlässen, kündigt ihr Radio Bern die Zusammenarbeit.
Als 1961 Els Christen stirbt, bleiben Hanny und Trudy allein im Haus am Sonnenweg zurück. Hanny soll die Rolle als Haushälterin übernehmen. Sie ist mit dieser Aufgabe überfordert. 1962 erkrankt sie schwer, lässt sich aber nicht behandeln, dies mit der Begründung, dass ihre Schwester Trudy dann allein zu Hause wäre.
1963 übergibt Hanny Christen ihr ganzes Sammelgut der Universität Basel. Weil das umfangreiche Material ungeordnet in Kartonschachteln verpackt ist, schiebt es die Universität in die Universitätsbibliothek ab. Da sich niemand dafür interessiert, wird das gesamte Material in den Keller ausgelagert.
Nach dem Tod des Bruders Walter (1967), verbringen Hanny und Trudy weitere neun Jahre am Sonnenweg 23 in Basel.
Bei den Nachforschungen fiel auf, dass sich niemand mehr an diese Zeit (1967-1976) bis zum Todesjahr von Hanny und Trudy Christen erinnern kann. Ihr Hausarzt versorgte jedoch die beiden Schwestern mit homöopathischen Medikamenten.
Hanny Christen stirbt am 29. Juni 1976 völlig unbekannt im Kantonsspital in Basel. Ihre Schwester Trudy folgt ihr am 26. September im gleichen Jahr. Begraben liegen sie, zusammen mit ihrer älteren Schwester Elsa, auf dem «Wolfgottesacker» in Basel.