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Geld und Geist
Im März unterhielt ich mich unter anderem auf der Bühne in Bern mit Peter Kurer, Jurist und Wirtschaftskapitän. Peter Kurer sagt: «Das globale Recht hat den Zustand der Entropie erreicht, in der oftmals nicht Rationalität, sondern der reine Zufall entscheidet, wie ein Sachverhalt rechtlich beurteilt wird. Juristen sprechen deshalb heute von einem postmodernen Rechtssystem und meinen damit, dass das internationale Recht eher einem dekonstruktiven Roman als einem klaren Narrativ gleicht.» Zusammen mit dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Joseph Vogl diskutierten wir über Geld und Moral. Vogls Literaturwissenschaftler-Kollege Jochen Hörisch hat unlängst auf Folgendes hingewiesen: «Geld ist Geist, denn es ist Abstraktion.»
Wenn man in diesem Sinne weiterdenkt, steckte der höchste Geist in den Finanzmarktprodukten mit der höchsten Abstraktion; also in exakt jenen schwer durchschaubaren Derivaten, welche die Krise 2008 mutmasslich massgeblich mitverursacht haben. Und wenn man noch weiterdenkt, erhebt sich die Frage: Handelt es sich bei diesen Produkten demnach, philosophisch-psychologisch gesprochen, um Sublimierung, also die kulturelle Überschreibung grundlegender (ich will nicht sagen: niederer) Instinkte? Dann wären sie vergleichbar mit Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle. Und hier kommen noch ein paar weitere Sachen, die man im März lernen konnte, meine Damen und Herren:
Apropos Michelangelo: Der Blick eines gemalten Portraits verfolgt den Betrachter nur, wenn eines der Augen auf der Linie liegt, die das Bild senkrecht in zwei Hälften teilt.
Apropos Portrait: Maler sterben früher als Bildhauer. Der Vergleich der Lebensläufe von 460 Künstlern des 14. bis 19. Jahrhunderts zeigte: Bildhauer lebten im Schnitt 67,4 Jahre, Maler lediglich 63,6 Jahre.
Apropos Tod: Jedes Jahr werden mehr Tiere von Teddybären umgebracht als von Grizzlybären.
Apropos Umbringen: 500 Meter Autofahrt mit einem Mittelklasse-Fahrzeug kosten langfristig ein Kilo Gletschereis. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universitäten Bremen und Innsbruck in einer gerade veröffentlichten Studie.
Apropos Mittelklasse: Schlechte Schriftsteller erkennt man unter anderem an folgendem Satz: «Das Schreiben war schon immer meine Leidenschaft.»