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«Der Tod ist nicht mein Problem», hat Hans Mühlethaler am 2. Mai 2008 gesagt, als wir zusammen ein langes Gespräch geführt haben. «Wenn du dir das ganz tief überlegst», fuhr er fort, «dann siehst du: Der Tod ist nicht das Problem dessen, der stirbt. Vielleicht wenn du zuvor Schmerzen und einen schweren Tod hast, ja… Wenn du einen solchen Tod willst, musst du ins Spital gehen. Wenn du dagegen zuhause bleibst, hast du die Chance, einen Tod zu haben, wie man ihn früher gehabt hat.»
Genau so einen Tod ist Hans Mühlethaler nun gestorben. Nachdem er gegenüber seinem Kollegen Beat Sterchi in letzter Zeit mehrmals gesagt hat, «dass jetzt das Sterben ansteht», ist der 86-jährige am 17. September zuhause in der Berner Altstadt gestorben.
Mit 33 am Schauspielhaus Zürich
Der Schriftsteller Hans Mühlethaler hinterlässt ein breites Werk, das neben drei Romanen und drei Gedichtbänden auch Erzählungen, ein Theaterstück, zwei Essays in Buchumfang und das Sachbuch «Die Gruppe Olten. Das Erbe einer rebellierenden Schriftstellergeneration» (1989) umfasst. Die zehn Bände seines Gesamtwerks sind auf seiner Website als Books on Demand und als E-Books greifbar.
Die ersten Schreibversuche machte Mühlethaler als Lehrer im Schulhaus «An der Egg» ob Röthenbach. Was entstanden sei, erzählte er 2008, sei eine «absurd-surrealistische, dadaistische Literatur», ohne dass ihm das eigentlich bewusst gewesen sei, eine Art «Écriture automatique»: «Ich habe ziellos schreiben müssen. Nur wenn man ziellos schreibt und den Verstand ausschaltet, taucht etwas vom Unbewussten auf.» Weil man dieses «Unbewusste nicht korrigieren» dürfe, habe er sehr viel produziert und das meiste wieder weggeworfen. Entstanden seien in dieser Zeit neben Gedichten auch das Theaterstück «An der Grenze», das 1963 vom Schauspielhaus Zürich inszeniert wird und seinen Namen für eine Saison bekannt macht.
In den folgenden Jahren versucht er, mit einem zweiten Werk eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Er zieht mit seiner Familie als Lehrer nach Bern-Bümpliz und steigt, um vermehrt schriftstellerisch tätig sein zu können, bald einmal aus dem Schuldienst aus. Das wird möglich, weil seine Frau Magdalena, ebenfalls Lehrerin, den Unterricht übernimmt und er im Gegenzug für die fünf Kinder der Familie die Rolle des Hausmanns. In den freien Stunden schreibt er Erzählungen, ein Hörspiel und ein Fernsehspiel, das nicht realisiert wird und das er später in seinen ersten Roman umarbeitet («Die Fowlersche Lösung», Zytglogge 1978). Der Durchbruch gelingt nicht.
Der Weg ins Aussenseitertum
1970/71 entsteht als linke Abspaltung vom Schweizerischen Schriftsteller Verein (SSV) die «Gruppe Olten» (GO). Er habe, erzählte Mühlethaler 2008, ein persönliches und ein politisches Motiv gehabt, das Vereinsekretariat zu übernehmen. Das persönliche sei gewesen, dass er, um mitzuverdienen, tatsächlich wieder einen Job gesucht habe; das politische, dass er als überzeugter 68er, der 1967/68 ein halbes Jahr in Westberlin lebte, «Verbandspolitik als sehr sinnvoll» betrachtet habe. Von nun an prägt er die schweizerische Literaturpolitik mit und macht den bürgerlich-saturierten SSV zeitweise zum Anhängsel der aufmüpfigen GO. Dieses literaturpolitische Engagement prägt das Bild von Mühlethaler in der Öffentlichkeit bis heute – noch der Titel des «Bund»-Nachrufs, «Erfolgloser Autor und tatkräftiger Verbandsaktivist», zeugt davon.
Als Mühlethaler 1987 als GO-Sekretär zurücktritt, findet er als Schriftsteller den Anschluss an den Literaturbetrieb nicht mehr. Zwar gibt der Zytglogge Verlag 1991 noch seinen zweiten Roman, «Abschied von Burgund», heraus. Aber der Erfolg bleibt wieder aus, und für den nächsten Roman, «Der leere Sockel», findet er keinen Verlag mehr. In dieser Situation macht er einen radikalen Schnitt: Er wendet sich von der Büchermacherei ab und beginnt, unterstützt von seinen PC-gewandten Kindern, seine Texte als Books on Demand zu produzieren. Weil dieses Veröffentlichungsverfahren, das den Druck einzelner Bücher gemäss dem Bestellungseingang ermöglicht, gegenüber dem Druck fester Auflagen, wie ihn die Verlage betreiben, enorm günstig ist, war Mühlethaler 2008 überzeugt, mit seinem Schritt nicht nur zum Aussenseiter, sondern auch zum Pionier geworden zu sein: «Verlage können wegen der hohen Kosten das Risiko einer kleinen Auflage immer weniger eingehen. In Zukunft werden die interessanten Sachen deshalb immer öfter nicht mehr in den Verlagen, sondern als Books on Demand erscheinen.»
Die späte Essayistik
In Paris, wo das Ehepaar Mühlethaler seit Ende der 1990er Jahre (bis 2014) lebt, verfasst der Schriftsteller sein strenges Alterswerk. Zwar besteht es auch aus zwei Gedichtbänden, jedoch relativierte Mühlethaler 2008: «Die Gedichte, die ich heute schreibe, sind eine Art Abfall meiner philosophischen Tätigkeit.» Als Atheist und messerscharfer Rationalist verfasst er zwei 200seitige Essays, die in gestochen klarer Sprache und unter Berücksichtigung neuster neurobiologischer Forschungsergebnisse das Phänomen des Todes umkreisen. Der erste Essay ist dem «Bewusstsein» als «Ursache und Überwindung der Todesangst» gewidmet, der zweite trägt den Titel «Evolution und Sterblichkeit» und endet mit elf Thesen, von denen die ersten beiden feststellen: «1. Sterben bedeutet: Einschlafen und nicht mehr erwachen. 2. Es gibt kein Danach.» Die sechste These lautet: «Wir leben weiter in unserem Werk und im Gedächtnis derer, die uns gekannt haben.»
In meinem Gedächtnis lebt Hans Mühlethaler als Gesprächspartner weiter: Ich erinnere mich an seine verbindliche, aufmerksame und emphatische Art zuzuhören und an seine unprätentiöse, präzise Art zu antworten. Und es stimmt: In seinem Werk lebt er weiter. Dieser Nachruf ist auch eine Einladung, es zur Kenntnis zu nehmen.