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Mit der routinemässigen DNA Analyse menschlichen Erbguts wurden zahlreiche Türen aufgestossen, die von der Forensik über die Diagnose von Erbkrankheiten bis zur Stammbaumanalyse von Familien reichen. Insbesondere die Geschichte des Homo Sapiens, seiner entwicklungsgeschichtlichen Vorläufer, der Vettern und Cousinen, und ihre Ausbreitung von Afrika über den gesamten Globus können heute dank DNA-Analysen viel besser verstanden werden als zuvor.
Was aber, wenn aus kulturellen oder religiösen Gründen DNA-Proben nicht zur Verfügung stehen? Heimlich Hautschuppen und Haare einsammeln, unerlaubt alte Knochen beproben? Das ist für ethisch handelnde Forscher keine Option. Aber es gibt eine sehr einfache, eigentlich naheliegende und trotzdem vielleicht überraschende Alternative: man untersucht die DNA von Haustieren, die ihr Schicksal, ihre Geschichte und ihre Wanderungen mit den Menschen teilten. Zum Beispiel Truthühner (auch als Pute und in der Schweiz Trute bezeichnet).
TL;DNR: Im 13. Jahrhundert verschwanden die Anasazi aus der Gegend um Mesa Verde und Four Corners (Nevada, Utah, Arizona, New Mexico), die sie vorher viele Jahrhunderte lang geprägt hatten, und in der sie grosse Siedlungen aus Steinhäusern („Pueblos“, cliff wellings) errichtetet hatten. Angebliche Nachfahren behaupten, eine lange Dürreperiode habe die Anasazi zum Umzug an den südwestlich gelegenen Rio Grande gezwungen. Aus religiösen Motiven lehnen viele dieser potentiellen Nachfahren aber DNA-Untersuchungen ab und betrachten die Entnahme von Proben aus Knochenfunden um Four Coners als Entweihung ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Vorfahren. Allerdings führt die Mitochondrien-DNA-Analyse von Truthühner weiter: historische Haustierknochen aus der Four Corners Region zeigen grosse genetische Verwandschaft mit heutigen Puten am Northern Rio Grande.
Die Region um Mesa Verde und Four Corners (siehe Karte) war bis ins 13. Jahrhundert die Heimat der Anasazi (einem Indianerstamm), die zum Beispiel in Mesa Verde riesige, beeindruckende Siedlungen in die Canyons bauten. Die ab etwa 600 AD nachgewiesene Besiedlung kulminierte mit dem Bau der cliff dwellings: grosser Stein- und Lehmhäuser, die sich teilweise überhängende Canyonwände zu Nutze machten. Ende des 13. Jahrhunderts verschwinden die Bewohner in relativ kurzer Zeit; ab 1300 AD ist die Gegend nicht mehr besiedelt. Der Grund für das Verschwinden der Anasazi aus dieser Gegend ist nicht abschliessend geklärt, kann aber mit einer anhaltenden Dürre zusammen hängen, die ab 1275 bis 1300 dem Land zusetzte.
Die heute am oberen Rio Grande lebenden Indianer (siehe Karte) glauben, dass ihre Vorfahren eben aus der Gegend um Mesa Verde und Four Corners hierher, an den nördlichen Rio Grande (NRG), gezogen sind. Allerdings verweigern sie aus kulturellen Gründen umfassende DNA-Analysen insbesondere der Knochenfunde aus dem Mesa Verde Gebiet. Somit ist der direkte Vergleich menschlicher DNA, der eine Abstammung heutiger Bewohner des NRG von den Mesa Verde Anasazi bestätigen oder widerlegen könnte, ethisch nicht möglich. Kulturell zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den verschwundenen Anasazi und den heutigen angeblichen Nachfolgern vom Rio Grande. Andererseits begann eine intensive Besiedlung der NRG Region erst ab 1300 AD – das also passt gut. Was also tun?
Die Anasazi hielten sich nachweislich Truthühner (Meleagris gallopavo), und auch die angeblichen Nachfolger vom NRG reichern ihren Speiseplan mit dem Fleisch dieser Vögel an. Ein Forscherteam um Brian M. Kemp machte sich das zu Nutze und berichtet im renommierten Online-Journal PLoS ONE über vergleichende Untersuchungen der Mitochondrien-DNA (mtDNA) von lebenden Truthühnern vom NRG und Proben aus Skeletten der Truthühner aus dem Mesa Verde/Four Corners Gebiet. Zusätzlich schauten sie sich auch die mtDNA von Truthühnern an, die vor 1280, also vor dem vermuteten Zuzug der Anasazi aus dem Norden, in der Region des NRG lebten. Dabei achteten sie vor allem auf die Variabilität sogenannter Haplotypen, also von charakteristischen Nukleotid-Sequenzen auf bestimmten Chromosomen.
Die Ergebnisse der Untersuchungen sind recht eindeutig: einerseits sind die heute am NRG lebenden Truthühner genetisch recht verschieden von denen, die in dieser Region vor 1300 AD lebten. Andererseits ähnelt ihre mtDNA sehr auffällig der in Skeletten in Mesa Verde/Four Corners gefundenen Proben. Insgesamt ist die genetische Variabilität dieser Truthühner sehr klein, was auf eine relativ geschlossene Abstammungslinie hinweist.
Wenn man annimmt, dass die Truthühner aus Mesa Verde nicht allein in die NRG Region eingewandert sind, die dort ursprünglich lebenden Vögel ausgemerzt haben, und sich seit dem wenig mit anderen Populationen gemischt haben, dann sind die heute am NRG vorkommenden Puten wohl zusammen mit den Anasazi hier eingewandert. Die Anasazi haben durch kontrollierte Zucht den Genpool klein gehalten, und vorher dort lebende Truthähne wohl verspeist, aber nicht eingekreuzt.
Und jetzt noch ein Truthahnrezept zu Thanksgiving.
Quellen:
Artikel in PLoS ONE: Kemp BM, Judd K, Monroe C, Eerkens JW, Hilldorfer L, Cordray C, et al. (2017) Prehistoric mitochondrial DNA of domesticate animals supports a 13th century exodus from the northern US southwest. PLoS ONE 12(7): e0178882. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0178882Truthahn-Photo: Creative Commons, Allie_Caulfield alias Wilfried Mählmann via Flickr, https://flic.kr/p/djVg7C
Mesa Verde Photo: Creative Commons, Ken Lund via Flickr, https://www.flickr.com/photos/kenlund/4848092987/
Mesa Verde National Park: hier