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Der Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi beschrieb 1975 in seinem Buch «Flow» das Phänomen: «Um in den Zustand des Flows zu gelangen, muss man sich einer Tätigkeit voll hingeben, und ebenso muss die Anforderung unsere volle Konzentration beanspruchen.»
Ann ist Meisterin in dieser Selbstvergessenheit. Sie flowt, wenn sie singt und wenn sie malt, und ich würde sogar behaupten, sie tut es, wenn sie die Steuererklärung ausfüllt. Ich beneide sie um diese Fähigkeit, neige ich doch eher zum Multitasking, sprich, ich mache am liebsten sieben Dinge nebeneinander – die totale Konzentration auf nur eine Sache macht mich nervös.
Darum hatte ich keine besondere Freude, als mich Ann zu einem Yoga-Workshop einlud und schwärmte: «Hier wirst du den totalen Flow erleben!»
Das Wochenende fand in einem Wellness-Resort statt. Statt ausschlafen zu können, musste ich mich um sieben Uhr morgens in enge Gymnastikhosen zwängen. Statt das opulente Frühstücksbuffet zu geniessen, gabs einen grünen Smoothie, und statt meinen Mann zu busseln – ich bin immerhin frisch verheiratet –, sass ich in einem Kreis von durchtrainierten Frauen, die über Sonnengruss, Kobra, Krieger und Hund philosophierten.
Nach ein paar Lockerungsübungen sollte ich meinen Körper in verschiedenste Positionen verbiegen. Ich ächzte, ich stöhnte, und ich wusste nach zehn Minuten: Das mit Yoga und mir, das wird nichts. Ganz im Gegenteil zu meinen Mitstreiterinnen, die mich an Schlangenmenschen erinnerten. Ihr seliges Lächeln machte deutlich, dass sie in einem totalen Flow waren. Ich fühlte mich ein bisschen als Versagerin. Die Yoga-Lehrerin schien Mitleid mit mir zu haben, kam sie doch zu mir und flüsterte leise: «Leg dich doch einfach auf den Rücken und atme tief ein. Lass einfach das Leben durch dich fliessen.»
Das Leben durch mich fliessen lassen? Nun ja, vielleicht wollte sie mir sagen, dass ich einfach entspannen sollte. Das konnte ich gerne bieten. Ich machte es mir bequem, und während die anderen dem Flow hinterherjagten, spürte ich, wie meine Glieder immer schwerer wurden, und ich fiel in einen seligen Schlummer. Ich schlief noch, als die Stunde vorbei war und niemand mehr im Übungsraum war. Ausser Ann, die neben mir auf ihrer Matte hockte. «Du scheinst gut geschlafen zu haben», sagte sie etwas pikiert, «dein Schnarchen hat jedenfalls alle gut unterhalten.»
Ob ich mich geschämt hatte? Aber nein! Ich hatte den Flow gespürt, und wie!