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Dorothea Rust:
Caution Wet Paint
Dorothea Rust schreibt im Auftrag von Füsun Ipek über ihre Performance «Caution Wet Paint», gezeigt am Samstag 23.4.2016 anlässlich von ACT (Performance Festival der Schweizer Kunsthochschulen) Basel, auf dem Gelände Campus der Künste. Dabei nimmt sie Bezug auf zwei Vorgängerinnen-Performances von Füsun Ipek mit dem gleichen Titel, gezeigt am Samstag 16.4.2016 anlässlich von ACT Zürich der ZHdK im Toni-Areal und am Samstag 27.02.2016 anlässlich von LEGS im Corner College Zürich.
Mit einem dicken Pinsel und roter Acryl-Farbe malt Füsun ein rotes Quadrat direkt auf die Wand. Wie ich ihr zuschaue, habe ich das Gefühl, das Quadrat sei auf der grossen Wand zu klein geraten. Deswegen sieht es vielleicht auch eher wie ein Rechteck aus. Füsun malt vom Rand her, also von aussen nach innen. Durch zwei Aussparungen entstehen nicht ‚ein’ Halbmond und ‚ein’ Stern, sondern ‚der’ Halbmond und ‚der’ Stern der türkischen Fahne. Diese Zeichenbotschaft kommt bei uns, die wir in einem Halbkreis ziemlich nahe um sie herumstehen, sofort an. Jetzt nimmt Füsun weisse Farbe und übermalt alles. ‚Achtung – Frisch gestrichen!’ gilt hier nicht, denn Füsun pinselt sofort über die weisse Farbe im oberen Drittel des Rechtecks einen roten Balken und im unteren Drittel einen grünen Balken. Ergo bleibt im mittleren Drittel ein weisser Balken. Sie muss die Farbe dick auftragen, denn Rot, Weiss und Grün verschmieren, es entstehen unscharfe, unklare Farbbalken. Wie durch Nebelschwaden hindurch erkenne ich allmählich Form und Farben der ungarischen Flagge. Es könnte sein, dass ich sie als ‚ungarisch’ lese, weil ich Füsun schon einmal in einer Performance mit Flaggen-Material, konkret mit einer ungarischen Stofffahne, habe hantieren sehen; aber mehr davon später. Die Nässe des Farbmaterials drängt sich mir in der Zuschauerrunde unangenehm auf; sie unterstreicht die Widersprüchlichkeit des dilettantischen Fahnenmalens, das eigentlich konkrete Zeichen auf der Wand hervorbringen sollte, und der entschlossenen und selbstverständlichen Pinselführung von Füsun. Denn jetzt übermalt sie wieder alles von den Rändern des Rechtecks, das in der Erinnerung auch ein Quadrat ist, mit roter Farbe. Grün, Weiss, Rot verwischen und vermischen sich abermals. Auf das unklare, unsaubere, verschmierte und verschmutzte nun dunkelbraun-rote Farbgemenge malt sie in der Mitte ein weisses Kreuz, das partout nicht weiss werden will. Das ist jetzt die Schweizerfahne! Sie hat dunkle Schatten. Ein verlorenes Icon (ist das zeitgenössische Ikonenmalerei?) oder ein (Flash-)Cookie auf der grossen weissen Wand?
So gesehen und geschehen am ACT Zürich, im April 2016, in einem Raum im Toni-Areal der ZHdK in Zürich.
Am ACT Basel, eine Woche später, hat sie nicht direkt auf die Wand gemalt, weil die Organisator_innen nicht gewollt haben, dass die immer noch relativ neue Wand, des immer noch relativ neuen Campus der FNHW am Freilagerplatz 1, vermalt wird und dann wieder weiss übermalt werden muss. Sie hat, wie sie mir später erzählt, ein Material ‚zwischen Papier und Textil’ verwendet: Auf der Strasse, beim Bahnhof, habe sie es gefunden, es sei sozusagen zu ihr gekommen. Sie arbeite immer wieder mit gefundenem Material. Sie hätte die Malerei dieses Mal in Basel als Objekt ausprobieren wollen und deshalb diesen Träger gewählt. Und was sie auch erwähnt, dass osteuropäische Künstler direkt auf die Wand gemalt hätten, weil sie nicht im Kunstmarkt vertreten waren. Es sei für sie, Füsun, immer selbstverständlich gewesen, direkt auf die Wand zu malen, sie sei auch Street-Artist. Wenn auf einen Träger gemalt würde, müsse herausgefunden werden, warum. Vielleicht hat ihre Aktion in Basel deswegen organisierter, aufgeräumter, bestimmter, ja fast präziser gewirkt als in Zürich, als sie direkt auf die Wand malte. Die Aktion in Zürich war zwar ungelenker, aber sie wirkte sehr frisch, eben wie zum ersten Mal.
Jetzt im Hinterher, beim Schreiben: Obwohl ich die Aktion im Basel zum zweiten Mal gesehen hatte, obwohl die Farben in Basel auch geschmiert und geschliert hatten und auch diese Flaggen-Malerei eine unsaubere Sache war, überraschte sie mich wieder: ich schaute ‚frisch’ zu, wie Füsun mit Farbe und Pinsel sinnlich entspannt hantierte, wie wenn’s ein Spiel wäre, wie die Farben sich verhielten, wie sie verschwommene Zeichen, wie durch Wasser hindurch, hervorbrachten. Zu sehen war am Schluss in Basel ein nasses papieriges Augustfähnchen, das widerborstig, comic-haft der Wand widerstand.
Ist Füsun’s Ansatz maximalistisch, will sie alles auf einmal, ohne abzuwarten, bis die Farbe trocken ist? Welche Macht übernimmt das Ruder bei diesem erfrischenden Farbgemenge, bei dem sich die (Flaggen-)Grenzen verwischen? Heute, wo an den Grenzen in Europa wieder Zäune aufgezogen werden und die nationalistischen Flaggen wehen, ist dieses Fähnchen in Basel nicht so harmlos. Es spricht: Grenzen sind keine klaren Linien. Sie sind Transit- und Übergangsräume, die sich nicht nur ständig verschieben sondern auch verflüssigen. Die Ge-Schichten einer Flagge sind klebrig, vielfach übermalt. Eine Flagge ist Zeichen-Materie aus Farben und ein Stück Stoff. Eben, in ihrer 9-minütiger Performance bei LEGS Zürich, im Corner College im Februar 2016, die ich oben erwähnt habe, ging Füsun direkt zur Sache: Sie stellte ein Bügelbrett auf, hängte eine ungarische Flagge aus synthetischem Tuch darüber, entnahm ihrem Handtäschchen ein Bügeleisen und begann, ohne das Bügeleisen an den Strom anzuschliessen, kalt zu bügeln. Kam, sah und tat, wie wenn sie eine Pause von ihrem Kellnerinnen-Job gemacht hätte, um eine ungarische Flagge zu bügeln, wie wenn sie schon immer im Corner College kalt-gebügelt hätte. Indes, die Flagge wurde nicht glätter, makelloser und wäre es auch nicht geworden, wenn die Plackerei stundenlang gedauert hätte. Trotzdem geschah etwas mit der Flagge und mit uns, gerade weil Füsun immer wieder lachend in die Runde schaute, verhaltender Schalk sich in Gesicht und Bewegungen zeigten. Als ob sie mit ihrer adretten, formalen Bekleidung (schwarzer Rock, weisse Bluse, Perlenkette, Perlenohrringe), dieses unsinnige Bügeln, diese Sisyphusarbeit wettmachen wollte.
Sie meinte, als ich sie getroffen habe, um über ihre Performances zu sprechen, sie hätte keinen Prozess zeigen wollen, sondern einen Auftritt machen.
Dorothea Rust, Zürich, im Oktober 2016