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Jedes Jahr versprühen die Schweizer Bauern 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel, sogenannte Pestizide. Die Strategie des Bundes allerdings ist, dass die Bauern so weit wie möglich auf Pestizide verzichten. Für Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl), ist klar: «Mit der Biostrategie kann man das Pestizidproblem zu einem grossen Teil lösen. Und man löst auch andere Probleme.»
Mehr Insekten auf Biofeldern
Zum Beispiel bremst man den Verlust der Artenvielfalt, denn auf Biofeldern leben deutlich mehr Insekten. Der Vorteil der biologischen Landwirtschaft ist also, dass sie keine synthetischen Pestizide einsetzt. Doch verwenden auch die Biobauern Pflanzenschutzmittel, und zwar natürliche, keine chemischen.
Trinkwasserinitiative und Pestizidinitiative
In der Sommersession 2019 behandelte der Nationalrat zwei Initiativen, die das Ausbringen von Pestiziden verbieten oder einschränken wollen. Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass nur noch solche Bauernbetriebe Direktzahlungen erhalten, die keine Pestizide einsetzen. Die Pestizidinitiative will den Einsatz von synthetischen Pestiziden in der Landwirtschaft verbieten und Importe, die die synthetische Pestizide enthalten oder damit besprüht wurden, verbieten. Der Bauernverband, der Bundesrat und der Nationalrat lehnen beide Initiativen ab. Der Ständerat hat sich noch nicht dazu geäussert.
Als studierter Agraringenieur ist Niggli ein differenzierter Wissenschaftler. Er unterschlägt den zweiten Teil seiner Aussage nicht. Zwar löse die Biolandwirtschaft das Pestizidproblem, aber: «Man handelt sich auch ein paar Nachteile ein.»
- Nachteil Nummer 1: Die biologische Landwirtschaft ist weniger effizient als die konventionelle. Ein Biobauer produziert auf der gleichen Fläche weniger als sein konventioneller Kollege. Wenn also alle Schweizer Bäuerinnen und Bauern auf Bio umstellen würden, ginge die landwirtschaftliche Produktion gemäss Niggli um 20 Prozent zurück. Dieser Rückgang müsste wohl mit mehr Importen gedeckt werden.
- Nachteil Nummer 2: Der Verzicht auf chemische Mittel führt dazu, dass die Bioäpfel und Biosalate nicht gleich perfekt aussehen wie chemisch gespritzte. Die Konsumenten müssten also auch bereit sein, solche Produkte zu kaufen, wie Niggli sagt. «Da muss der Konsument umdenken.»
Mehr biologischer Anbau wäre möglich
Für den Direktoren des Fibl ist klar, dass der Biolandbau die Zukunft ist. Noch ist es aber so, dass nur rund einer von zehn Bauernbetrieben ein Biobetrieb ist. Niggli sieht hier ein grosses Potenzial. Es wären 30 oder sogar 50 Prozent Biobetriebe möglich.
Wir möchten die Schweizer Landwirtschaft nicht zwanghaft auf Biolandbau umstellen, solange der Markt nicht da ist.
Auch der Schweizer Bauernverband steht hinter dieser Stossrichtung, dass mehr Bio-Anbau gut wäre. Denn mehr Bio bedeutet wie erwähnt weniger Pestizide. Aber Sandra Helfenstein, die Sprecherin des Bauernverbands, sieht Grenzen. Momentan liegt der Marktanteil der Bioprodukte bei rund 10 Prozent: «Obwohl die Bevölkerung offenbar Pflanzenschutzmittel nicht schätzt, ist sie nicht bereit, das beim Einkaufen entsprechend umzusetzen.»
Am Ende entscheiden die Konsumenten
Helfenstein sieht einen Widerspruch bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten. «Wir möchten die Schweizer Landwirtschaft nicht zwanghaft auf Biolandbau umstellen, solange der Markt nicht da ist.»
Dann würden einfach die Preise zurückgehen und die Bauern würden weniger verdienen. Das gelte es zu verhindern. Dank Pestiziden sei für die Bauern das Risiko von Ernteausfällen kleiner. Aber in den vergangenen Jahren sei die Menge der Pestizide kontinuierlich zurückgegangen, so Helfenstein.
In diesem Punkt sind sich das Fibl und der Bauernverband einig. Eine Umstellung auf Biolandwirtschaft sei von heute auf morgen nicht möglich. Nur wenn die Bioprodukte im Laden auch gekauft werden, lohnt sich der Ausbau der Bioproduktion. Am Ende sind es die Konsumenten, die über die zukünftige Ausrichtung der Landwirtschaft bestimmen.