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Schon als Mitherausgeber einer Schülerzeitung, die sich in jugendlich-selbstsicherer Manier «Lebenskunst» und «Kampfbegierde» auf die Fahne schreibt, beginnt Martin Gumpert Gedichte zu verfassen. 1917 bringt der Kurt Wolff-Verlag in der renommierten Reihe «Der jüngste Tag», in der einige Jahre zuvor Georg Trakl seinen ersten Gedichtband veröffentlicht hatte, unter dem Titel «Verkettung» ein Buch mit seinen Versen heraus. Zwischen 1914 und 1916 geschrieben, bestehen sie einerseits aus einer neuromantisch konventionellen Thematisierung von Natur, Liebe, Traum, Alter und Tod; anderseits spricht aus ihnen ein revolutionäres Pathos, das, wie beim frühexpressionistischen Vorläufer Ernst Stadler, die Absage an die Traumwelten und die Hinwendung zum tätigen Leben verkündet, daneben auch apokalyptische Töne anschlägt. Ein unbetiteltes, aus fünf Dreizeilern bestehendes Gedicht des Bandes «Verkettung» beginnt mit den beiden Strophen: «Ich liege wie ein Unheil auf der Stadt, / Ich liege ganz berauscht von Stadt, / Meine Worte sind Gift. // Jetzt kommen alle, wollen kosten, / Geschlagen sein, zu nichte sein, / Von mir das Sterben erfahren. //[…]»
Zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Gumpert zum Heeresdienst eingezogen, absolviert dort eine Sanitätsschule und wird kurze Zeit später als «Tropentauglicher» in die Türkei beordert. Die Auszeichnung mit dem «Eisernen Halbmond» hindert ihn nicht daran, in den dortigen Lazaretten die sinnlose Misere des Krieges zu erkennen. Seine vollständige Wandlung zum Kriegsgegner und Pazifisten, wie sie in den zuletzt entstandenen Gedichten im Band «Verkettung» bereits sichtbar wird, charakterisiert vor allem den zweiten in Buchform erschienenen und 1921 von Kiepenheuer herausgegebenen Zyklus «Heimkehr des Herzens». Ein deutliches Beispiel dafür ist etwa das Kriegslied, das die lügnerische Siegespropaganda anprangert: «[…]// Ich schreie gegen Lüge laut, / Die Mensch verrät, wenn Mensch vergeht, / Und Aufbruch jauchzt, der nicht besteht, / Und Morgen singt, der niemals graut. //[…]» Das Gedicht endet mit dem Ausdruck müder Resignation und dem Blick auf die Opfer, die Rache fordern werden. 1920 bis 1923 bildet sich Gumpert an der Universität Berlin zum Dermatologen aus, heiratet die Ärztin Charlotte Blaschko, die er bereits zehn Jahre später durch ihren Tod wieder verliert. Sein Kampf gilt dem sozialen Elend, dem er – seit 1927 am Städtischen Krankenhaus Berlin in leitender Funktion – tagtäglich begegnet und in dem er die Hauptursache der zu behandelnden Infektionskrankheiten sieht. Unter den physisch und psychisch verwahrlosten kranken Kindern und Jugendlichen Berlins, denen jede Perspektive verwehrt bleibt und die daher von nichts anderem wissen als von blindem Hass, ortet er in seiner 1939 in Stockholm erschienenen Autobiographie «Hölle im Paradies» rückblickend die späteren Überläufer zum Nationalsozialismus.
Als ihm 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung die Arbeitsmöglichkeit entzogen wird, widmet er sich ganz dem Schreiben. 1934 erscheint im S. Fischer-Verlag Berlin sein Buch über Hahnemann, den Begründer der Homöopathie. In den Forderungen, die dieser Arzt und Forscher des 18. Jahrhunderts zur Verbesserung der Heilungsaussichten stellt, spiegelt sich Gumperts eigener Kampf um soziale und medizinische Reformen. An die Stelle der sich oft dogmatisch und überheblich gebärdenden schulmedizinischen Spekulation soll der gesunde Menschenverstand treten; der behandelnde Arzt darf sein Augenmerk nicht nur auf ein bestimmtes Symptom richten, sondern muss den Ursachen einer Krankheit auf den Grund gehen. 1935 wird Gumpert aus dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller ausgeschlossen. Ein Jahr später erhält er die Erlaubnis, nach Amerika auszuwandern, wo er eine dermatologische Praxis in New York eröffnet. Über seine ersten Erfahrungen mit der «neuen Welt» berichtet die 1941 nur auf Englisch erschienene zweite Autobiographie «First Papers», in der er europäische und amerikanische Lebensart einander gegenüberstellt und mit farbigen Schilderungen von Land und Leuten der USA seine neue Bleibe in ein überwiegend positives Licht rückt.
In New York nimmt Gumpert mit dem sogenannten Bedford-Kreis Beziehungen auf, jener Gruppe exilierter Künstler und Literaten, die sich in der zweiten «Heimat» neu auszurichten suchten und zu denen namentlich Erika und Klaus Mann gehörten. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Gumperts Freundschaft mit der Familie Mann; nicht zufällig hat Thomas Mann in seinem Roman «Joseph der Ernährer» dem Arzt und Schriftsteller in der Gestalt des Gefängnisaufsehers Mai-Sachme ein Denkmal gesetzt. 1938
veröffentlicht Gumpert im Fischer-Bermann Verlag, Stockholm, das Buch «Dunant. Der Roman des Roten Kreuzes», das er mit dem für ihn bezeichnenden Satz beschliesst: «Das Werk und das Leben Henri Dunants werden an dem Tage eins sein, an dem es nur noch ein Rotes Kreuz des Friedens gibt!» In der Aussage des Pazifisten Gumpert zeichnet sich die mit Schuldgefühlen gepaarte Verbitterung des zeitweise in Vergessenheit geratenen und im Alter wieder berühmt gewordenen Genfers ab, der an seinem Lebensabend erkennen muss, dass er sein oberstes Ziel, eine Welt des Friedens zu schaffen, nicht erreicht hat. Auch wenn die Dunant-Forschung seit dem Erscheinen von Gumperts Beitrag weiter fortgeschritten ist, so bleibt dieser doch ein Markstein unter den Biographien, die Schicksal und Wirken des grossen Sohns der Rhonestadt beleuchten.
1948 erscheinen drei Bücher Gumperts: Im Querido Verlag, Amsterdam, der stark autobiographisch geprägte Roman «Der Geburtstag», 1985 in der Reihe «Verboten und verbrannt / Exil» des Fischer Taschenbuch Verlags neu aufgelegt. Dargestellt wird das amerikanischen Lebens aus der Warte eines Beobachters, der seine alte, europäische Herkunft nicht vergessen kann. Ausserdem legt der Schweizer Verlag Die Arche einen in sechs «Berichte» aufgeteilten Zyklus auf: Eindrücke aus der Kindheit und aus dem amerikanischen Leben werden thematisiert; ein «Bericht» ist Gumperts Tochter Nina, zwei weitere – freilich ohne Namensnennung – sind seiner Geliebten Erika Mann gewidmet. Erwartungsgemäss fehlt auch die Abrechnung mit Nazi-Deutschland nicht, wie schon «Bericht 1» zeigt: «[…]// 1933 begann man dort / Meine Freunde zu quälen, meine Sprache zu schinden. / Schmutz und Untat befielen das Land. / Ich habe versucht, es zu ertragen. // Briefe kamen aus Sta!=cheldrahtlagern, / Armselige, rührende Rufe des Elends. / Angst entfärbte das Blut, verlöschte das Lachen, / Auch die Lust war erstickt und verzerrt von Angst. //[…].» Im selben Jahr erscheint auch noch im Südverlag Konstanz der bereits 1937 in New York entstandene Gedichtzyklus «Berichte aus der Fremde». Mit dieser Publikation, die Gumpert zu seinem eigenen Erstaunen den Deutschen Lyrikpreis einträgt, wird er im Deutschland der Nachkriegszeit schlagartig zu einem vielbeachteten Autor.
1949 begleitet Gumpert Thomas Mann auf seiner Reise in die alte Heimat, was zum Bruch mit Erika Mann führt, die die Deutschlandreise ihres Vaters missbilligte. Literarisch schlägt sich der Besuch auf dem alten Kontinent im elegischen Lyrikzyklus «Die letzte Zeit» nieder, der sich von der Form her eng an die «Berichte aus der Fremde» anschliesst, jedoch nie als Buch gedruckt wurde. Der Verfasser wirft einen schwermütigen Blick auf den Erdteil seiner Herkunft, der ihm so sehr vertraut ist, wo er aber nach allen Greueln des Kriegsgeschehens doch niemals mehr zuhause sein kann. Gumpert ist denn auch in den USA geblieben. Dies im Gegensatz zu Thomas Mann, der 1952 die Koffer packte, weil eine antikommunistische Propaganda, die das geistige Leben Andersdenkender zunehmend vergiftete, auch für ihn unerträglich geworden war.
Obwohl viele deutsche Schriftsteller und Schauspieler des Exils zu Gumperts Patienten gehören, wird es um ihn – insbesondere nach dem Zerwürfnis mit Erika Mann und dem Freitod ihres Bruders Klaus im Jahre 1949 – zunehmend einsamer. Von den deutschen Freunden bleiben, auch nach ihrer Rückkehr nach Europa, Alfred Polgar und Hermann Kesten mit ihm in Verbindung. 1952 besucht er Thomas Mann in seinem neuen Heim in der Schweiz. Lose Kontakte pflegt er zeitweilig mit Max Frisch und Oskar Kokoschka. Die engste Beziehung verbindet ihn noch mit seiner Lebensgefährtin Maria Leiper, die nach dem Ableben des Autors an der Ordnung des Nachlasses beteiligt ist, der dann schliesslich ins Archiv der Berliner Akademie der Künste gelangt. Am 18. April 1955 erliegt Gumpert einem Herzinfarkt. Zahlreiche Nachrufe in deutschen und amerikanischen Zeitungen ehrten den Mann, der – unermüdlicher Kämpfer für ein menschenwürdigeres Dasein – der Mitwelt in Wort und Tat sein Bestes zu geben verstand.
Von den verschiedensten geistigen und literarischen Strömungen beeinflusst, von den Wechselfällen politischer Ereignisse, der grossen Katastrophen und des persönlichen Schicksals geprägt, wird Gumpert zum Seismographen seiner Zeit. Oder, wie es Jutta Ittner in «Augenzeuge im Dienst der Wahrheit. Leben und literarisches Werk Martin Gumperts» (1998) ausdrückt: «Mit der ihm eigenen ‹sachlich interessierten Aufmerksamkeit› hatte Gumpert versucht, ein zuverlässiger Augenzeuge zu sein, und mit Ehrlichkeit und Mut hatte er Stellung genommen und ein ‹durchschnittliches Dasein› zum Spiegel seiner Epoche werden lassen.»
Walter Gorgé, geboren 1942, promovierte in Germanistik mit einer Arbeit über Georg Trakl. Von 1983 bis 2002 war er Leiter der Dokumentationsstelle der Schweizerischen Nationalbank in Bern.