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Historiker Jean-François Bergier gestorben
Der Schweizer Sozial- und Wirtschaftshistoriker Jean-François Bergier machte sich einen Namen als Präsident der Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg.
Seit einigen Tagen gibt die Dissertation der Historikerin Ruth Fivaz zu reden, in der die Zahl der während des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze abgewiesenen Flüchtlinge massiv nach unten korrigiert wird: Von 24'500 Flüchtlingen, von denen der Bergier-Bericht ausgeht, auf 4000 Juden. Der Historiker Hans Ulrich Jost war in der Experten-Kommission für die Arbeit, die an der Universität Genf angenommen wurde.
Wie kommt Frau Fivaz zu diesem Ergebnis?
Frau Fivaz hat für ihre Erhebung eine eigene Methode, die nicht die Gesamtheit der verfügbaren Quellen miteinbezieht. Die Bergier-Kommission hat einen anderen Ansatz und andere Quellen verwendet. Deshalb kommt sie zu einem anderen Ergebnis. Die Methode von Frau Fivaz hat ihren Wert, ist aber auch diskutierbar.
Können Sie die methodischen Unterschiede etwas genauer beschreiben?
Im Rahmen eines Interviews ist das im Detail nicht möglich. Stark vereinfacht könnte man aber sagen, dass Frau Fivaz sich auf die Schweizer Grenze im Westen konzentriert, die Quellen zu einzelnen Zollstationen zu Frankreich sowie die Angaben aus den Dokumenten der jeweiligen Amtsstellen zusammengestellt und addiert hat. Die Bergier-Kommission hat von der Eidgenössischen Fremdenpolizei erarbeitete Zusammenstellungen zu den abgewiesenen Flüchtlingen verwendet. Unabhängig davon, welche Methode man für die Erhebung der Zahlen nutzt, bleibt es aber ein Fakt, dass es mehrere Tausend jüdische Flüchtlinge waren, die an der Schweizer Grenze abgewiesen wurden. Ich finde es daher auch penibel, dass man aus der Differenz der Zahlen, die mit Sicherheit zu bereinigen ist, falls man Quellen findet, nun eine grosse Polemik macht.
Die Forschungen von Frau Fivaz geben schon seit einigen Jahren zu reden, weil sie unter anderem von der Westschweiz auf die Situation im Tessin hochrechnet.
Das ist Frau Fivaz' Strategie, seit sie sich mit dem Thema beschäftigt: dass sie sehr rasch – und ich würde sagen, nicht ganz überlegt – von der Situation an der Grenze zu Frankreich auf die Situation im Süden schliesst. Ich finde das alles andere als gut. Aber grundsätzlich hat jeder Historiker das Recht, mit einer eigenen Methode einen Vorschlag zu machen. Dieser soll dann aber auch kritisch diskutiert werden dürfen.
Es ist nun vor allem die politische Rechte, die Frau Fivaz' Ergebnisse instrumentalisieren will. Dabei erhöht die Studie die Zahl der Visa-Anträge, die den Juden von der Schweiz verweigert wurden auf 16'000. Der Bergier-Bericht ging noch von 14'500 aus.
Es war und ist doch klar, dass man nie die genauen Zahlen erfahren wird. Wichtig bei der Analyse der Zahlen ist es, die Verantwortung der Schweiz anzuerkennen: Es handelt sich offensichtlich nicht um einige Dutzend, sondern um mehrere Tausend Rückweisungen. Und diese beruhen auf einer restriktiven Politik, die glücklicherweise nicht immer konsequent zur Anwendung kam. Aber für welche die Schweiz und die Staatsführung in der Verantwortung stehen.
Diese Verantwortung ist unabhängig von den Zahlen zu diskutieren?
Ja, oder wollen Sie die Verantwortung an der Anzahl der Rückweisungen bemessen – wie mit einem Fiebermesser? Das ist eine Biertischrechnung. Da mache ich nicht mit. Es ist unbestreitbar, dass es eine harte Politik gegenüber den Flüchtlingen gab, die durchgesetzt wurde. Und dass gewisse Personen für diese Politik verantwortlich sind. Die Fokussierung auf die Zahlen finde ich nicht zuletzt problematisch für die Dissertation von Frau Fivaz, die tausend Seiten umfasst, von denen aber nur rund fünfzig sich mit der Frage nach den erwähnten Zahlen beschäftigen. Diese werden nun aber herausgegriffen, weil sie sich politisch instrumentalisieren lassen gegen vermeintlich linke Historiker. Das ist etwas, was wir nun seit zwanzig Jahren kennen und für mich nichts mehr Neues ist.
Was ist denn überhaupt die Dissertation als Ganzes?
Neunzig Prozent der Arbeit bestehen aus einer sehr reichen und detaillierten Dokumentation, in der es um die Herkunft der Flüchtlinge, ihre Wege und Aufenthalte geht. Auch von Reaktionen der Behörden in Frankreich sowie den Schleppern und was diese gekostet haben, erfährt man sehr viel aus der Arbeit. In dieser Hinsicht kommen ihr wirklich grosse Verdienste zu. Problematisch ist aus meiner Sicht der Aufbau der Arbeit: Sie ist fragmentiert und klärt wenige analytische Fragen. Es gibt in der Dissertation auch viele Hypothesen, die nicht gut belegt sind. So sagt Frau Fivaz unter anderem, dass die Handlungen der Schweiz bezüglich der Flüchtlinge «Kriegsverbrechen» waren. Wenn man ein solches Statement wagt, dann muss man das als Historiker belegen können.
Ein strittiger Punkt ist auch die Rolle von Heinrich Rothmund, von dem Frau Fivaz in einem Interview mit der «Weltwoche» sagt, er habe jedes einzelne Gesuch von einem jüdischen Flüchtling, das auf seinem Tisch landete, positiv beurteilt.
Ich kenne die Biografie von Heinrich Rothmund sehr gut. Richtig ist sicher, dass man nicht alle Schuld auf ihn schieben darf. Aus Rothmund nun aber einen Rettungsengel für die Flüchtlinge zu machen, ist vollkommen absurd. In ihrer Arbeit ist Frau Fivaz nicht so überzeugt, wie sie es nun gemäss der «Weltwoche» sein soll. Gerade bei Rothmund schreibt sie sehr oft im Konjunktiv. Wie die Arbeit ja auch sonst sehr viele Vermutungen enthält, die nicht gut belegt sind.
Dennoch wurde die Dissertation von Frau Fivaz angenommen.
Selbstverständlich. Bei aller Kritik habe ich in der Sitzung der Kommission auch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es sich bei der Arbeit von Frau Fivaz um eine riesige, langjährige Arbeit handelt, die viele Dokumente und Einsichten in die einzelnen Flüchtlingsschicksale ermöglicht, und zwar nicht nur an der Schweizer Grenze, sondern auch in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, sei es in Belgien oder Holland. Es handelt sich um eine Arbeit, die auf Archivstudien und Lektüren basiert, und deshalb als historische Forschung bezeichnet werden kann, auch wenn sie besser strukturiert und analytischer hätte sein können.
Was aber bedeutet denn nun die Arbeit von Frau Fivaz? Gibt es Handlungsbedarf für die Forschung?
Ein Paradigmenwechsel für die Forschung stellt die Dissertation von Frau Fivaz in keiner Art und Weise dar. Im Gegenteil: Die Arbeit enthält viel Material, das der Perspektive entspricht, in der seit Jahrzehnten die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet wird. Geschichte hat aber immer Handlungsbedarf: Es tauchen ständig neue Dokumente auf, die Differenzierungen erfordern. Wenn man etwas aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs etwas genauer erforschen sollte, dann wäre es die Frage, wie gross die Zustimmung für die Flüchtlingspolitik war. Da gäbe es sicher noch einiges aufzuarbeiten, wenn man die Frage nach der Akzeptanz stellt. Und zugleich herausarbeitet, wie stark die Gegner waren: Nicht alle sind damals mitmarschiert. Viele haben an der Grenze die Augen zugedrückt, wenn Flüchtlinge in die Schweiz gelangen wollten. Auch in den privaten Hilfsorganisationen gab es eine grosse Solidarität mit den Flüchtlingen – obwohl viele sich selbst damit in Gefahr brachten. In diesem Zusammenhang gibt es sicher noch zahlreiche Details aufzuarbeiten. Und dafür hat Frau Fivaz mit ihrer Arbeit nun viel neues Material geliefert.
Hans Ulrich Jost (*1940) war bis 2005 Professor für Zeit- und Schweizer Geschichte an der Universität Lausanne. Jost beschäftigt sich seit Jahrzehnten kritisch mit den Geschichtsmythen der Schweiz des Zweiten Weltkriegs.