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Cadillac Records
Vor kurzem (Ende 2008) erschien in den USA ein Musikfilm, der sich mit dem Blues auseinandersetzt: Cadillac Records. Der Film wird in Deutschland am 24. April in die Kinos kommen, wird er auch in der Schweiz um diese Zeit herum zu sehen sein. Der Film ist eine romantisierte Verarbeitung der Geschichte des Blueslabels «Chess», das in den 1950er und 60er Jahren praktisch sämtliche Grössen des Chicagoer Blues unter Vertrag hatte («Based on true events»).
Im Film spielen Beyoncé Knowles (Dreamgirls, Austin Powers in Goldmember) und Adrian Brody (The Pianist, King Kong, The Thin Red Line) die Hauptrollen Etta James und Leonard Chess, daneben ist Jeffrey Wright als Muddy Waters zu sehen. Wright spielte Colin Powell in Oliver Stones W. und Felix Leiter in den letzten beiden James Bond Filmen mit Daniel Craig). Regie und Drehbuch werden verantwortet durch die Schwarze Regisseurin Darnell Martin, die 1994 den Film I Like It Like That machte («Deutscher» Titel: Life Is Trouble). In weiteren Blues-relevanten Rollen sind zu sehen: Cedric the Entertainer als Willie Dixon, Eamonn Walker als The Howlin' Wolf und Hip-Hop-Star Mos Def als Chuck Berry.
Musikfilme verkaufen sich derzeit, gut, rechtzeitig zum angekündigten Tod der CD und der Plattenindustrie verarbeitet Hollywood die Gründungsmythen des Musikbusiness. Während das Documentary Standing in The Shadows of Mowton von 2002 noch die Mowtown-Houseband The Funk Brothers präsentierte, folgten mit Ray und Walk The Line zwei biographische Filme über Ray Charles und Johnny Cash. Die jüngste Entwicklung sind Filme wie Dreamgirls oder der bald erscheinende The Secret Life of Bees, die auf Erinnerungen oder Romanvorlagen fussen.
Leonard Chess (Adrian Brody) und sein grösster Star: Muddy Waters (Jeffrey Wright)
Da würde eine sorgfältige Aufarbeitung des wichtigsten Labels des Blues ein schönes Gegengewicht bilden zu allzu romantischen Vorstellungen der Musikindustrie, die den Traum aller Teilnehmerinnen «Music Star» verfilmen. Und die Geschichte des Labels Chess gibt einiges zu erzählen.
Geführt von den Brüdern Phil und Leonard Chess begann das Label als «Checkers» und nahm dann die wichtigsten Blueser unter Vertrag. Die Liste ihrer Künstler umfasst neben Muddy Waters, Etta James, The Howlin' Wolf und Willie Dixon auch Little Walter, Sonny Boy Williamson II, Lowell Fulson, Memphis Slim, Jimmy Rogers, John Lee Hooker, Willie Mabon, Buddy Guy, Little Milton, Chuck Berry, Bo Diddley, Koko Taylor, Fontella Bass und Johnny «Guitar» Watson. Hier ist ein Überblick über die Geschichte des Labels auf Englisch.
Willie Dixon hat in seinen Memoiren I Am The Blues viel über seine Arbeit als de facto Produzent des Labels geschrieben, und sein Fazit fällt nicht sehr wohlwollend aus. Die einzig positive Qualität der Chess-Brüder scheint ihre ruchlose Art der Geschäftsbesorgung gewesen zu sein, die Radiostationen bestochen hat und ihre Musiker ausgenutzt, also jeden Trick angewandt, um den American Dream auszuleben. Auch der grösste Star des Hauses und konstante Hit-Lieferant Muddy Waters hat das Chess-Management stets als «Boss» behandelt, also als Figur, der man nicht über den Weg traut. Tatsächlich wurden die Musiker mit Vergleich zu ihrem Erfolg lächerlichen Löhnen abgespeist. Schliesslich sagt die folgende berühmte Episode viel aus über das Verhältnis zwischen Musiker und Management: Als die Rolling Stones erstmals in das berühmte Studio an der 2120 South Michigan Avenue kamen, trafen sie Muddy Waters auf einer Leiter, und er strich auf Geheiss der Chefs das Studio neu.
Wie sehr und auf welche Art sich der Film sich der offenen Fragen annimmt, steht etwas in Frage, denn wenn man dem Trailer Glauben schenken darf, bahnt sich zwischen Adrian Brody und Beyoncé Knowles eine heisse Liebschaft auf. Im Film geht es um Rassenfragen, um Sex und Untreue und all dies zum harten Rhythmus des Chicagoer Blues-Sounds der 50er Jahre. Die Songs waren der Soundtrack einer sich industrialisierenden Subgesellschaft, und der Film bringt hoffentlich genau diese aufrührerische Natur des Blues zum Ausdruck.
Sämtliche Titel scheinen Cover-Versionen zu sein, auf der Homepage der Produktionsfirma kann man sich viele der Titel anhören. Wright gibt sich als Muddy alle Mühe und bringt auch eine gute Ähnlichkeit raus. Dass er nicht an das Original herankommt, versteht sich wohl von selbst. Da ist die stets bezaubernde Beyoncé schon eine grössere Gefahr für Etta James. Beyoncé kann bekanntlich singen, und hier lässt sie es voll raus. Auch Mos Def als Chuck Berry scheint Spass gehabt zu haben, seine Version von No Particular Place to Go klingt auf jeden Fall nach mehr.
Leider spielt offenbar keiner der lebenden Chess-Helden von damals mit, weder Hubert Sumlin noch Buddy Guy sind in kleinen Rollen zu sehen, aber das kann natürlich auch aus Respekt gegenüber solch verdienten Musikern sein. Immerhing gibt es einen Film über die Helden des Chicagoer Blues und das ist doch für sich schon eine leckere Aussicht.
Der Film läuft zwar erst im April an, aber schon jetzt gibt es den Soundtrack dazu in Form eines Doppelalbums. Darauf überrascht der Titel My Babe von niemand geringerem als Elvis Presley. Der hat allerdings garantiert nie bei Chess unterschrieben.
Wie immer zugleich eine Augen- und Ohrenweide: Beyoncé Knowles als Etta James
Trailer
Auf der Seite der Produktionsfirma
oder auf Facebook
Tracklist des Soundtrack:
Disc 1
1. Jeffrey Wright - I'm A Man
2. Beyonce -At Last
3. Mos Def-No Particular Place To Go
4. Jeffrey Wright-I'm Your Hoochie Coochie Man
5. Beyonce - Once In A Lifetime
6. Raphael Saadiq - Let's Take A Walk
7. Solange -6 O'Clock Blues
8. Mos Def -Nadine
9. Mary Mary -The Sound
10. Little Walter -Last Night
11. Beyonce-I'd Rather Go Blind
12. Columbus Short-My Babe
13. Nas featuring Olu Dara -Bridging The Gap
Disc 2
1. Mos Def - Maybellene
2. Forty Buddy Guy- Days and Forty Nights
3. Beyonce - Trust In Me
4. Kim Wilson - Juke Soul Seven
5. Eamon Walker - Smokestack Lightnin'
6. Mos Def- Promised Land
7. Beyonce - All I Could Do Was Cry
8. Elvis Presley - My Babe
9. Jeffrey Wright - I Can't Be Satisfied
10. Mos Def - Come On
11. Jeffrey Wright;Bill Sims, Jr.- Country Blues
12. Q-Tip;Al Kapone - Evolution of A Man
13. Terence Blanchard - Radio Station
Die Erben von Chess haben sogleich eine CD mit den entsprechenden Originaltitel herausgebracht, die Kompilation Best Of Chess: Original Versions Of Songs in Cadillac Records. Darauf sind die folgenden Songs zu finden:
1. No Particular Place To Go - Chuck Berry
2. At Last - Etta James
3. My Babe - Little Walter
4. (I'm Your) Hoochie Coochie Man - Muddy Waters
5. I'd Rather Go Blind - Etta James
6. I'm A Man - Bo Diddley
7. Smokestack Lightnin' - Howlin' Wolf
8. Juke - Little Walter
9. Forty Days And Forty Nights - Muddy Waters
10. All I Could Do Is Cry - Etta James
11. Maybellene - Chuck Berry
12. I Can't Be Satisfied - Muddy Waters
13. Last Night - Little Walter
14. Nadine - Chuck Berry
15. Trust In Me - Etta James
16. Promised Land - Chuck Berry