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| Gregor v. Nyssa (†394) - Lebensbeschreibung seiner Schwester Makrina (Vita Macrinae)

Unseres heiligen Vaters Gregor, Bischofs von Nyssa, Lebensbeschreibung der seligen Makrina, seiner Schwester, an den Mönch Olympius
11.
Als nun für die Mutter die Sorge der Kinderernährung und die Mühewaltung mit der Erziehung und Unterbringung der Kinder ein Ende hatte und die meisten Gelegenheiten zum mehr erdenhaften Leben auf die Kinder verteilt waren, da veranlaßte, wie schon erzählt, das Leben der Tochter die Mutter zu solcher beschaulichen und dem Irdischen abgewandten Lebensführung. Und nachdem sie dieselbe bewogen hatte, allen gewohnten Umgang aufzugeben, leitete sie dieselbe zum eigenen Streben nach der Demut an, indem sie dieselbe dahin brachte, selber der Gesamtheit der Jungfrauen gleichförmig zu werden, so daß sie den Tisch, das Lager und alles, was zum Leben gehörte, in gleicher Weise mit ihnen allen teilte, wobei aller Rangunterschied in ihrem Leben aufgehoben war. Und so vortrefflich war ihre Lebensordnung und so hoch ging ihre Lebensweisheit und die ernste Lebensführung bei Tag und Nacht, daß man es mit Worten nicht beschreiben kann. Denn wie die durch den Tod vom Leibe befreiten Seelen damit auch von den Sorgen dieses Lebens miterlöst sind, so war ihr Leben von aller irdischen Eitelkeit getrennt und geschieden und ward zur Nachahmung des Lebens der Engel hingeleitet. Denn wo man keinen Zorn, keinen Neid, keinen Haß, keine Überhebung noch sonstiges dieser Art bemerkte und wo kein Streben nach Eitlem, weil Ehre und Ruhm, Stolz und Überhebung und alles Derartige verbrannt war, wo Enthaltsamkeit als Selbstverständlichkeit und Unbekanntheit als Ruhm, Besitzlosigkeit als Reichtum galt und man allen irdischen Überfluß wie Staub [S. 346] vom Leibe abstreifte, wo weiter die Beschäftigung mit dem, was man in diesem Leben mit Eifer besorgt, bloß als Nebenarbeit angesehen wurde und man sich vielmehr nur mit dem Göttlichen abgab, wo unaufhörlich das Gebet gepflegt wurde und der Psalmengesang nicht aufhörte, der gleichmäßig auf die ganze Zeit bei Nacht und bei Tag verteilt war, so daß darin ihre Arbeit wie ihre Erholung von der Arbeit bestand, wer vermöchte solchen Lebenswandel mit menschlicher Rede veranschaulichen, da ihr Leben sich auf der Grenze zwischen der menschlichen und der körperlosen Natur bewegte? Denn daß ihre Natur von den menschlichen Leidenschaften frei war, das ging über Menschenkraft hinaus. Daß sie aber im Leibe erschienen und vom Körper umgeben waren und ihre Sinneswerkzeuge gebrauchten, darin standen sie der Natur der Engel und des Unkörperlichen nach. Vielleicht möchte aber einer die Behauptung wagen, daß der Unterschied keinen großen Abstand bedeutete. Denn da sie im Körper nach Art der unkörperlichen Mächte lebten, so wurden sie durch die Last des Körpers nicht beschwert, sondern ihr Leben ging nach oben, dem Himmel zu, indem es zugleich mit den himmlischen Mächten in der Höhe wandelte. Und die Zeit eines solchen Wandels dauerte nicht bloß kurz. Und mit der Zeit nahm der Gewinn entsprechend zu, indem ihre Weisheitsliebe durch den Zuwachs der neugewonnenen Güter zu immer größerer Reinheit fortschritt.