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Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden, dass die Welt unter dem Bevölkerungswachstum zusammenbreche und dass für viele Menschen in vielen Ländern die Entwicklung ihre Grenzen erreicht habe, wird allerorten als gegeben angesehen. Besonders in Afrika zeige sich, so ein Chor aus Wachstums- und Fortschrittskritikern, dass bisher noch jeder Versuch, den Kontinent zu entwickeln, gescheitert sei. Und in der Tat wird, so Kenny, eine oberflächliche Bestandsaufnahme über Medienberichte diesen Pessimismus bestätigen. Kenny jedoch sammelt zunächst einmal Daten: angesichts der quantitativen Kriterien von Wachstum und BIP pro Kopf sei, so der Ökonom, zunächst wenig Überschwang angebracht. 1993 verfügten die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung in Indien beispielsweise über ein jährliches Durchschnittseinkommen von 733 Dollar – was nur 18 Prozent mehr ist als das geschätzte Einkommen der ländlichen Bevölkerung Englands um 1400. Auch findet die erhoffte Konvergenz zwischen reichen und armen Ländern in Sachen Wachstum kaum statt – wobei China und Indien bemerkenswerte Ausnahmen sind.
Aber diese Nichtkonvergenz bedeutet nicht, dass es der Welt heute insgesamt schlechter ginge als früher! Insgesamt, so Kenny, habe das globale Wachstum rapide zugenommen. 1960 lebten noch 44 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag. 1990 war es rund ein Drittel. 2007 stand der Anteil bloss noch bei 17 Prozent. Die Welt hat die Armut zwar noch nicht besiegt, sie aber rapide zurückgedrängt.
Zurück zu den 40 Prozent der Ärmsten in Indien: 10 Prozent von ihnen besitzen ein Radio, 14 Prozent verfügen über Elektrizität und 16 Prozent haben eine Uhr. Das sind nur einige Dinge, die die Lebensqualität jenseits des blossen Durchschnittseinkommens deutlich über jenen Standard heben, den der englische Dörfler des Mittelalters kannte. Und genau das ist Kennys Punkt: unabhängig von den Einkommens- und Wachstumszahlen hat sich die Lebenssituation der Menschheit dramatisch verbessert. Insbesondere die Katastrophenprediger von Thomas Malthus bis zum Club of Rome, die angesichts der «Grenzen des Wachstums» und mannigfacher «Bevölkerungsexplosionen» die Verelendung der Menschheit vorhersagten (das dicke Ende hätten wir demnach in den 1980er Jahren bereits miterleben sollen), haben sich als falsche Propheten erwiesen.
Die Lebenserwartung ist gestiegen, und dies ist ein zentraler Indikator für Wohlstand: 1900 betrug sie im Weltdurchschnitt 31, 2000 schon 66 Jahre. Auch die Alphabetisierung hat zugenommen. Weltweit findet unter unseren Augen ebenso ein Rückgang der Gewalttaten statt: im mittelalterlichen England fielen im Durchschnitt 23 von 100 000 Menschen einem Gewaltakt zum Opfer, heute beträgt der globale Durchschnitt nur noch ein Drittel davon.
Kurz: Während die Konvergenz zwischen arm und reich bei Wachstum und Einkommen eher gering ist, hat sie bei fast allen anderen wesentlichen Indikatoren der Lebensqualität deutlich zugenommen. Die Gründe dafür, so Kenny, seien technischer Fortschritt, aber auch die Zunahme von Bildung, neue Kenntnisse im Umgang mit Hygiene und Lebensmitteln – und vieles mehr. Und trotzdem könne selbstverständlich noch mehr getan werden. Durch einen forcierten Schutz geistigen Eigentums (im Interesse der Industrieländer) etwa würde der technologische Wettbewerb zulasten der Lebenschancen von Menschen in den Entwicklungsländern gehemmt. Politische Patentrezepte liefert Kenny als keinesfalls zur geistigen Hybris neigender Statistiker aber nicht – Mut macht dieses Buch trotzdem. Wir lernen: eine bessere Welt ist nicht nur möglich, sie existiert bereits.