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Ausdrücklich keine Biografie, auch keine Doppelbiografie, will der englische Historiker und Publizist Andrew Roberts geschrieben haben. Es handelt sich beim vorliegenden Buch denn auch tatsächlich nicht um eine Biografie, wenigstens nicht um eine im klassischen Sinn. Dafür fehlen zu viele elementare Fakten. Schon eher könnte man das Buch als ‚Psychogramm‘ der Beziehung der beiden Feldherren bezeichnen. Offenbar werden vor allem in Grossbritannien und in Frankreich die Beiden immer wieder mit einander verglichen, einander parallel gesetzt. Dagegen wehrt sich Roberts.
Denn viele Paralleln gibt es Roberts‘ Meinung nach nicht. Wohl sind beide im selben Jahr (1769) geboren; Wellington war um 4 Monate älter. Wohl haben beide verschiedene grosse Schlachten siegreich geschlagen und beider diesbezüglicher Kulminationspunkt war, was man heute die Schlacht von Waterloo nennt. Aber damit haben sich die Parallelen dann schon ziemlich. Während Arthur Wellesley (später: 1st Duke of Wellington) aus (zwar verarmten) Adel stammte, im katholischen Irland geboren, aber aus anglikanischer Familie, waren die Buonapartes in Korsika bestenfalls, was der Engländer „upper middle class“ nennt. Und auch ihre Karrieren verliefen keineswegs parallel. Als Buonaparte 1796 bereits Oberbefehlshaber der revolutionär-französischen Armee in Italien war, dümpelte Wellingtons Karriere noch in indischen Subaltern-Chargen vor sich hin. Und während Napoléon später als Kaiser uneingeschränkter (Gewalt-)Herrscher war und weder ein Parlament noch die Presse zu fürchten hatte, wurde Wellington immer wieder von beiden behindert: Das Parlament war in Napoléon-feindliche Tories (zu denen auch Wellington zählte) und in Napoléon-freundliche Whigs gespalten – Wellington musste immer wieder befürchten, für seine Taten und seine Taktiken vor einen Parlamentsausschuss zitiert zu werden (einmal geschah das tatsächlich); die Presse veröffentlichte immer wieder Daten zu Wellingtons Stellungen und der Grösse seiner Armeen. (Was für den selber konservativen Roberts an Landesverrat grenzt, wie er des öfteren betont.)
Dennoch haben sich die Gedanken der beiden immer wieder um einander gedreht – die Napoléons um Wellington spätestens, seit dieser in Portugal und Spanien langsam aber sicher das französische Heer zurückdrängte. Roberts will dabei eine Art doppelter dialektischer Bewegung bei beiden festgestellt haben, eine Änderung der Einschätzung des jeweils anderen nach Waterloo. Während Napoléon zunächst öffentlich (also gegenüber seinen Marschällen und Generälen) immer wieder vor dem Talent Wellesleys (er nannte ihn so, auch nachdem aus Wellesley ein Wellington geworden war) warnte, schätzte er ihn im privaten Gespräch eher gering ein. Wellington andererseits machte Buonaparte (er beharrte auf seiner Seite auf dem ‚u‘, das Napoléons italienische Herkunft stigmatisierte) öffenlich immer wieder klein, hatte aber privat grossen Respekt vor dessen Fähigkeiten. Es ist interessant zu sehen, dass Napoléon zwar immer wieder davon sprach, selber in Spanien nach dem Rechten sehen zu wollen, es aber dann nie tat, sodass die Beiden wirklich erst bei Waterloo aufeinander trafen. Nach Waterloo war es dann bei Beiden umgekehrt: Wellington hob die grosse Feldherrenkunst Bonapartes (den er jetzt auch so nennen konnte!) in allen öffentlichen Äusserungen hervor, hielt privat aber nicht mit seiner schlechten Meinung über des Ex-Kaisers Charakter hinter dem Berg. Napoléon hingegen schmähte Wellington nun in der Öffentlichkeit, wo er nur konnte. (Verständlich: Hielt er ihn doch – fälschlich – dafür verantwortlich, dass er nun auf den kleinen Felsen im Meer, St. Helena, verbannt worden war.) Wie überhaupt Napoléon ein schlechter Verlierer war: Nicht er hatte vor Waterloo taktische Fehler begangen – seine Marschälle hatten ihn im Stich gelassen, das Wetter war schlecht gewesen, ja, er entblödete sich nicht, Wellington zu beschuldigen, eine falsche Taktik angewendet zu haben, die so in keinem Lehrbuch stand. (Roberts weist darauf hin, dass Wellington die bei Waterloo angewendete Taktik bereis verschiedene Male in den spanischen Schlachten angewendet hatte, Napoléon sie also hätte kennen müssen.)
Ein interessantes Psychogramm also, das zu lesen ich eigentlich gar nicht die Absicht hatte (ich habe das Buch als Werbegeschenk gekriegt von der Folio Society, wo es 2015 erschienen ist), dessen Lektüre ich aber nicht bereut habe. Und auch wenn Roberts tendenziell eher auf der Seite Wellingtons steht, verbirgt er doch weder dessen dunkle Seiten (so, wenn Wellington auf dem Rückzug vor der überlegenen französischen Armee hinter sich im wahrsten Sinn des Wortes alles Land verbrennt – was nicht nur den Nachschub der Franzosen behinderte, sondern auch zu einer Hungersnot unter den eigentlich nicht beteiligten spanischen Zivilisten in den so verwüsteten Gebieten führte), noch die positiven Seiten an Napoléon (so, wenn er in den annektierten Gebieten den französischen Code civil einführte und damit die Grundlagen legte zu einer einheitlichen Rechtsauslegung in Europa, die heute auch die Europäische Union stützt – auch wenn Juristen in den Annexionsgebieten wie Beneke den Code civil gar nicht mochten). Das Buch wurde zuerst 2001 veröffentlicht; was Roberts heute dazu sagt, dass ausgerechnet Grossbritannien den Europäischen Raum wieder verlässt, weiss ich nicht…