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von Brigitte Elsner-Heller, 26.08.2020
Ein Mann erinnert sich. Er erinnert sich an seine Zeit in den 1920er Jahren als Trompeter auf dem Ozeandampfer Virginian, einem Mikrokosmos zwischen Alter und Neuer Welt. Seine Gedanken und Gefühle wenden sich dabei einem Menschen zu, der sein Freund wurde: dem Pianisten mit dem weit ausgreifenden Namen Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento – einfacher: Novecento. „Der beste Pianist, der je auf dem Ozean gespielt hat“, lässt der italienische Autor Alessandro Baricco, der Philosophie und Musikwissenschaft studierte, seinen Erzähler in der „Legende vom Ozeanpianisten“ formulieren. „Novecento“ heisst der aussergewöhnliche Pianist, weil er im Jahr 1900 als Baby auf dem Luxusliner gefunden wurde. Dieses Schiff, das all seine Erfahrungen intensiviert, wird er nie verlassen.
Ein anderer Mann erinnert sich heute daran, wie er vor 15 Jahren, nach seinem Bachelor an der Tessiner Dimitri-Schule, „Novecento“ in Angriff nahm: Giuseppe Spina, unter anderem Co-Leiter der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Gemeinsam mit dem Pianisten Benjamin Engeli brachte er 2005 den Monolog, den Baricco keiner eindeutigen Textgattung zuordnet, auf die Bühne. „Das war mein erster Monolog nach der Schule“, sagt Giuseppe Spina. Premiere war damals auf der MS Säntis im Hafen von Romanshorn, danach lief die Produktion noch bis 2008 als Gastspieltheater.
Damals begann auch Benjamin Engelis internationale Karriere, die ihn, solistisch oder kammermusikalisch aufgestellt, um den Globus geführt hat. Stilistisch ist der in Aarau lebende Künstler in Klassik und Jazz gleichermassen zu Hause. Im Herbst 2019 trafen Benjamin Engeli und Giuseppe Spina wieder aufeinander, und sie brachten die Idee auf, „Novecento“ noch einmal wiederzubeleben. Konkret wurde es während des Lockdowns im März dieses Jahres, als sich für beide Lücken im Terminkalender auftaten. Wegen der Regie wurde Jean-Martin Moncéro von der Scuola Teatro Dimitri angefragt – ein vertrautes Szenario.
Für Giuseppe Spina war es „Ausgrabungsarbeit“, wie er es nennt. Zunächst folgte er beim „Graben“ dem Aufruf von thurgaukultur.ch, mit Lesungen die Existenz von Kultur auch während der Pandemie aufrecht zu erhalten. Der Text wurde also eingelesen – konnte dann allerdings nicht online gestellt werden, da nicht zu klären war, wo die Rechte lagen. Dafür ist ein anderes Schmankerl noch online zu finden: der Clip zu Novecento aus dem Jahr 2005.
Am kommenden Samstag, 29. August, ist nun in der Theaterwerkstatt Premiere, und auch diesmal wird nahezu der gesamte Text auf die Bühne kommen. Dennoch haben sich Spina und Regisseur Jean-Martin Moncéro jetzt mehr Freiheiten genommen. Spina meint, dass er heute mehr Ruhe in die Erzählung bringe, dass er nicht mehr den Anspruch des Schülers habe, der alles richtig machen wolle. Seine Gedanken zum Stück mögen demnach meditativer sein als vor 15 Jahren: „Der Text hat eine Tiefe, die mich sehr berührt, die ich erkenne. Es ist die Suche nach dem Glück. Ich muss es nicht mehr draussen suchen, ich werde es in mir selbst klären. Novecento löst sich auf, wird zu einem Geist.“
Für die Bühne hat dies zur Folge, dass „nicht so viel Mensch“ von Novecento zu sehen sein soll. Benjamin Engeli am Flügel wird daher nur schemenhaft hinter einem blauen Flies-Vorhang zu erahnen sein, ein Blau, das auch für die Wellen des Ozeans stehen wird. Etwa zehn musikalische Einsätze wird es geben, wobei Komponisten aus der (erzählten) Zeit klanglich zu Wort kommen werden: aus dem klassischen Repertoire etwa Scrjabin, Ravel und – als Bravourstück eines unfreiwilligen Wettstreits – Rachmaninow. Dazu Ragtime, Gershwin, auch Kreisler.
Ansonsten wird es gerade nicht darum gehen, „Bravour“ zu dokumentieren. So, wie sich Novecento nicht in den Mittelpunkt rückt, wird auch Giuseppe Spina als erzählender Trompeter Tim Tooney nicht direkt zum Publikum sprechen und sich damit auch nicht in die Situation eines Schauspielers begeben, der es schafft, einen langen Monolog auswendig wiedergeben zu können. Tim Tooney spricht hingegen in ein Aufnahmegerät, ohne direkten Kontakt zum Publikum. „Das wird der Figur, die den Text spricht, gerechter“, sagt Giuseppe Spina. Nach Innen gerichtete Intensität tritt so an die Stelle von Bravour, die sich an ein Aussen wendet.
Giuseppe Spina
Mit Jean-Martin Moncéro hat Spina ohnehin einen Regisseur zur Seite, dessen Credo lautet: „Man darf den Worten nicht trauen.“ Wie die Arbeit am Text aussieht oder aussehen sollte, beschreibt er so: „Wir gehen oft in die Falle, den Text sofort zu verstehen. Dabei verlieren wir schnell die Möglichkeit, auf die Suche nach dessen Ursprung zu gehen. Welche Erfahrungen werden durch die Worte ausgedrückt? Welche innere Bewegung hat zu diesem Satz geführt? Es geht also nicht darum, 'verstanden' zu werden, sondern Bilder zu erwecken – im Zuschauer selbst.“
Ab kommenden Samstag sind diese Bilder im Angebot, jeweils etwa 90 Minuten lang. Novecento, der den Ozeandampfer nie verlassen hat, wird intensiv da sein, ohne tatsächlich anwesend zu sein. Wie seine Geschichte „endet“? Novecento ist nicht nur ein menschliches Wesen, er ist vor allem auch ein Experiment Alessandro Bariccos, des Philosophen und Musikwissenschaftlers. Ein schöner, poetischer Stoff für die Bühne. „Wir brauchen Geschichten, Geschichten der Befreiung, der Schönheit“, sagt Giuseppe Spina zum Abschluss noch.
Premiere Samstag, 29. August 2020. Weitere Aufführungen und Reservation unter www.theaterwerkstatt.ch
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Bühne
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