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1001 Nacht in London
Oft, wenn ich in London bin, gehe ich das Leighton House Museum besuchen. Es befindet sich mitten in wunderschönen Häuserreihen in einem sehr edlen Wohnquartier in London. Ich spaziere dann auf dem Heimweg durch die pittoresken Strassen des Holland Park nach Kensington. Das Museum ist ein sehr besonderer Ort und eine Zeitreise. Es war das Wohnhaus und Studio des viktorianischen Künstlers Frederic Leighton. (Bild über: JJMedia)
Die Londoner Quartiere Chelsea und Kensington waren schon immer ein beliebter Wohnort für Künstler. Ihnen folgten später die Fotografen und Models. So ähnlich wie ein hippes Fotostudio in den Sixties oder Eighties, waren in der viktorianischen Zeit gewisse Künstlerstudios. Das Haus vom viktorianischen Künstler Frederic Leighton (1830–1896) war ein solches. Er pflegte einen akademischen Stil und gehörte zu den viktorianischen Neoklassizisten. Gerne malte er Frauen in biblischen und antiken Szenen. Der beliebte Künstler war berühmt und wurde von der Königin Victoria in den Adelsstand erhoben. So pflegte er auch gerne und oft das Gesellschaftsleben.
Dafür baute er ein Haus beim Holland Park. Den Auftrag dafür gab er dem Architekten George Aitchison (1825–1910). Im Haus verband er Wohnen und Studio zu einem fantastischen, orientalisch inspirierten Gesamtkunstwerk.
Er liess dabei Kacheln einbauen, die er auf Reisen in den Nahen Osten gekauft hatte. Der Hauptraum des Hauses ist denn auch wie ein Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» mit farbiger Keramik, Springbrunnen, Holzschnitzwerken, Säulen, Pforten – ganz in der Anmutung eines orientalischen Palastes.
Die fantastischen Muster und Farben machen jede Keramikplatte zu einem Kunstwerk und Wände und Böden zu traumhaft schönen Mosaiken.
Im Leighton House sind natürlich auch andere Sammelstücke des Künstlers ausgestellt, die man bewundern kann. Dabei fühlt man sich in diese seltsame, so ganz eigene viktorianische Zeit zurückversetzt.
Leighton hat das Haus von Anfang an für gesellschaftliche Zwecke konzipiert. Das Zuhause und das Studio dienten sozusagen auch als Showroom. Was Leighton damals machte, wird heute als sehr gute PR bezeichnet. Leighton war auch der Präsident der Royal Academy of Arts. So lud er oft bedeutende Künstler aus der ganzen Welt ein. Einmal im Jahr gab es eine Einladung für alle 40 Royal-Akademiker in seinem Haus. Wenn er keine Gäste hatte oder nicht eingeladen war, dinierte er in einem seiner Clubs.
Man kann sich gut vorstellen, wie in diesem orientalisch üppigen Haus die schicke viktorianische Gesellschaft zusammenkam. Jeden Sonntagnachmittag gab es bei Frederic Leighton ein sogenanntes «At Homes». Zwischen drei und fünf Uhr nachmittags öffnete er sein Haus für Besucher. Diese konnten dann frei das Haus und seine Kunst bewundern. Da er sich auch philanthropisch einsetzte und bei vielen Organisationen mitmachte, gab es auch Führungen durch sein Haus für die «Armen». Diese machte er allerdings nicht selbst, und das Studio war bei diesen Anlässen nicht zugänglich.
An einem Sonntag im Jahr, im März oder April, kurz vor der Eingabe der Kunstwerke in die Königliche Akademie, hielt der Künstler in seinem orientalischen Palast Hof. Damals öffneten viele Künstler ihre Ateliers, doch offenbar gelang es Leighton, dabei alle zu übertrumpfen. Denn die Strassen in der Holland Park Road waren an diesem Tag jeweils blockiert mit Kutschen.
Im oberen Stockwerk des Leighton House tritt man in die private Welt des Künstlers. Schlafzimmer und Büro sind so eingerichtet, als würde hier noch jemand wohnen.
Auf dem grossen Arbeitstisch liegen Briefe und Rechnungen, die Wände sind mit Bildern behängt, und überall findet man edle Keramik und Bücher.
Ich liebe es immer, auch die Details anzuschauen. So finde ich die Idee sehr charmant, Regal-Enden mit dekorativen Papier-Kantenbändern zu schützen und zu schmücken.
Ein bisschen verliebt habe ich mich auch in die entzückenden viktorianischen Lampenschirme, die sich auf einfache Art üppig gerüscht zeigen.
Aber das Beeindruckendste an den Ideen, die sich auch im heutigen, einfachen Alltag umsetzen lassen, ist die Farbe der Holzböden. Diese sind nämlich unter den Orientteppichen in leuchtendem Rot und Blau lackiert. Sehr modern, wie ich finde – wenn man bedenkt, dass das vor über 130 Jahren umgesetzt wurde.