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Brand von Glarus: Wann hört die Brandstifter-Farce endlich auf?
Es ist höchste Zeit, dass die Farce rund um die neue Brandstifterthese zum Brand von Glarus endlich aufhört. Die «Neuentdeckungen» der letzten Zeit – Angaben zu Verwandtschaftsverhältnissen und Zeitungsartikeln von 1867 – sind nämlich reine Spiegelfechterei und bloss dazu da, um von der Nichtigkeit der Kernaussage des Buches «Stadt in Flammen» abzulenken.
Von August Berlinger*
Auf die Rache-Thesen bei den Verwandschaftsverhältnissen lasse ich mich nicht ein. Zu den als Beleg für die Brandstifterthese angeführten Artikeln aus der «Glarner Zeitung» von 1867 ist soviel zu sagen: Sie sind vom Historiker August Rohr (nicht etwa von Walter Hauser oder der Redaktion) gefunden worden. Sie wurden von ihm an Hauser übermittelt mit der Bitte, ihm darin behauptete Hinweise auf religiöse Spannungen in Glarus aufzuzeigen. Auch die Redaktion wusste vor Erscheinen ihres Berichtes vom 10. Juni durch mich von der Herkunft des Textes. Die Nichterwähnung der Quelle ist bezeichnend.
Der Rest ist reine Erfindung
Zu den Kernaussagen der Brandstiftungsthesen im Buch: Der in Rom inhaftierte Söldner Engler gibt den päpstlichen Untersuchungsbehörden an, mit seinem Kumpel Göldi den Brand von Glarus verursacht zu haben. Und weiter: «Diesem [Kanzler Heer] gesteht der junge Mann, er habe sechs Jahre zuvor den Kantonshauptort Glarus in Brand gesteckt. (Seite 63)», oder: «Die Aussage, dass er Glarus in Brand gesteckt habe, macht Engler gegenüber dem Schweizerischen Generalkonsul in Rom, Ludwig Schlatter, und dessen Stellvertreter ‘Kanzler Heer’.»
Beide besuchten den Häftling im Gefängnis. (Seite 68)», weiter: «Laut Heer waren sich die Söldner sicher, dass Engler die Wahrheit sage. (Seite 68)» und noch: «Er [Heer] befragte Engler und die Weggefährten der Angeschuldigten mehrmals. Dadurch gewannen Heer und sein Vorgesetzter Schlatter dieselbe Überzeugung: dass der Kaminfeger aus St. Gallen die Wahrheit sage. (Seite 79)».
Die Selbstbezichtigung als Brandstifter von Heinrich August Engler ist im Brief von Rom nach Bern vom 7. August 1867 belegt. Der Rest ist reine Erfindung von Walter Hauser. Denn mit Schreiben vom 15. Juli 1867 – worin auch die Herkunft Kaspar/Gaspard Heers aus Glarus genannt wird – meldet sich Konsul Schlatter beim Bundesrat aus Rom für eine Reise in die Schweiz ab, «für einen oder höchstens zwei Monate.»
Heer hat Engler nicht getroffen
Als am 7. August 1867 Kaspar Heer im Brief an den Bundesrat schreibt: «Wie ich eben von offizieller Stelle erfuhr, soll dieses Individuum [Engler] wiederholt gegenüber seinen Kameraden, und auch in den letzten Tagen, gesagt haben, dass er der Verursacher des schrecklichen Brandes von Glarus sei, …» und «… aber ich werde alle meine Umsicht einsetzen, um dazu präzisere Informationen zu erhalten», war Konsul Schlatter längst in der Schweiz! Er kann also Engler gar nicht besucht und gesehen haben und letztlich auch nicht überzeugt sein, dass dieser die Wahrheit sage.
Auch Heer hat Engler nicht gesehen. Denn eine Woche später schreibt er: «Seit meinem letzten Schreiben vom 7. laufenden Monats habe ich es nicht versäumt, mir weitere Informationen zu beschaffen, die alle im gleichen Sinne ausfallen, nämlich, dass er sich rühmt, diese unverzeihliche Tat begangen zu haben.» Also nichts von Besuch im Gefängnis oder gar Geständnis.
Im Gegenteil, Heer musste sich mit Aussagen von Waffenbrüdern begnügen: «Um mich vor jedem Nachteil zu schützen, liess ich zwei seiner Waffenkameraden eine Erklärung unterzeichnen, in der sie, in Gegenwart von Zeugen, die von Engler ausgestossenen Worte als echt bestätigen.»
Warum sich mit Zeugen herumschlagen und nur von diesen (!) schreiben, wenn man den Täter gesehen und ein originales Geständnis hätte? Weiter beachte man den kleinen, aber wichtigen Unterschied: Heer schreibt zu den Zeugen, dass sie «die Worte [der Aussage Englers] als echt bestätigen», bei Hauser hingegen, «… waren sich die Söldner sicher, dass Engler die Wahrheit sage».
Heer hatte seine Zweifel
Weiter war Kaspar Heer alles andere als überzeugt, dass Engler die Wahrheit sage. Im letzten Satz schreibt er: «Es versteht sich von selbst, dass in all diesen Behauptungen sein Kamerad Göldi eingeschlossen ist.» Also von «Behauptungen» ist die Rede, nicht von «Wahrheit sagen». Pikant ist weiter, dass Hauser dieses ihm querliegende Wort «Behauptungen» kurzerhand für unleserlich erklärt, obwohl das originale französische Wort «assertions» selbst auf der Abbildung im Buch so gut gelesen werden kann wie der Rest des Textes.
Und noch etwas weniges zu Göldi. Dieser hat in den Bundesdokumenten durchgehend keinen Vornamen und kann durch diese nicht identifiziert werden. Ein amtliches Personalblatt wie bei Engler liegt (bis jetzt) nicht vor. Ob der von den Glarner Polizeibehörden als von Anfang Juni 1861 an in Glarus arbeitend gemeldete Göldi mit dem 1867 in Rom inhaftierten identisch ist, lässt sich also nicht belegen. Sein Vorname im Buch ist ganz offensichtlich so gewählt worden, damit die Story «stimmig» wird.
Auch grosse Teile des restlichen, von Walter Hauser selber als Sachbuch bezeichneten Textes sind von gleicher Qualität und Aussagekraft wie das oben Aufgezeigte. Der Autor weiss das genau, die Redaktion und der Co-Verlag wollen es offenbar nicht wissen.
P. S.: Wer sich selber ein Bild dazu verschaffen will, kann die Kopien der Originaldokumente im Landesarchiv Glarus einsehen.
* August Berlinger ist Historiker und Stadtführer von Glarus. Er ist Kurator der historischen Ausstellung für die «Glarus brennt»-Gedenkfeiern.
In der Rubrik Tribüne äussern sich Persönlichkeiten, die nicht der Redaktion angehören, zu Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.