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Ich bin für den Alltag nicht sonderlich begabt. Ich verabscheue Hausarbeit, ich meide Ärzte und einkaufen will ich bevorzugt nur online, weil aufm Sofa hängend. Gelegentlich muss ich mich überwinden. Einmal jährlich besuche eine Dentalhygienikerin, die meine Zähne säubert. Und einmal quartalsweise bin ich beim Coiffeur, der meine Mähne stutzt.
Ich habe keinen bestimmten Coiffeur ausgewählt. Mein Coiffeur muss nicht in einem ehemaligen Bordell residieren, muss kein Wortspiel mit Haar im Namen riskieren, muss nichts Besonderes sein. Mein Coiffeur ist funktional, schneidet meine Haare, will nicht mit mir Freundschaft und Vertrautheit simulieren. Er schweigt und macht seinen Job.
Als ich noch in Olten wohnte, hatte ich automatisch den Coiffeur meiner Grossmutter genutzt, damit ich Coiffeur mit Besuch der Grossmutter kombinieren konnte. Das war sehr praktisch, zwei Termine mit einem Termin zu erledigen. Seit ich in Basel wohne, bin ich noch leidenschaftsloser bei der Wahl meines Coiffeurs geworden.
Ich favorisiere einen Coiffeur in meiner Nähe. Ich will nicht die halbe Stadt durchqueren. Ich will spontan vorbeilaufen, Termin vereinbaren und wieder mich verabschieden. Ich will nicht anrufen, weil das vergesse ich. Also suchte ich einen Coiffeur in meinem Viertel. Mein Viertel hat zwei Restaurants, eine Bar, eine Bäckerei, eine Apotheke, einen Kiosk, eine Post.
Und ungefähr zehn Coiffeurs. Ich habe die Strasse gewählt mit den meisten Coiffeurs. Ich habe um einen spontanen Termin mich erkundigt. Der erste Coiffeur, der gerade frei war, sollte meinen Default werden. Das war Gino. Ein lebensfroher Italiener, der gerne schöne Frauen beschäftigt. 62 mittlerweile, aber wirkt jünger.
Ich war in den letzten zwei Jahren ungefähr fünfmal dort. Ich habe mich anfänglich gegen Ginos Regime gesträubt. Ich wolle keine Haare waschen, ich wolle nichts zu trinken, ich wolle keine Unterhaltung erzwingen. Mittlerweile habe ich gänzlich kapituliert. Ich mache, was Gino fordert. Ich kaufe sogar seine überteuerten Produkte.
Vermutlich erzielt er mit diesen Produkten mehr Gewinn als mit dem eigentlichen Haareschneiden. Denn Produkte skalieren immer, Haareschneiden hingegen nicht, weil ist an der Ressource Mensch gebunden, die man nicht beliebig vervielfältigen kann. Jede Mitarbeiterin in Ginos Laden erhöht die Komplexität desselben.
Ich leiste noch einen kleinen Widerstand: Ich spendiere kein Trinkgeld. Weil das mir unangenehm ist. Ich will nicht anerkennen, dass Gino seine Frauen nicht ordentlich bezahlt. Ich will auch nicht Scheinheiligkeit belohnen. Ich wüsste auch nicht, wie ich das Trinkgeld bemessen soll. Nach Nettigkeit? Nach Brustumfang?
Meine Miene ist immer erstarrt. Ich kann einfach nicht lächeln. Auch wenn Gino lächelt, pfeift, summt und immer wieder seine Damen kommandiert. Ich sitze auf dem Stuhl, ich hoffe, dass Gino sich beeilt. Ich will nicht, wie und dass meine Haare geschnitten werden. Ich bin unruhig, ungeduldig, bishin mürrisch. Ich mag nicht dort sein.
Ebenso unangenehm ist das Haarewaschen. Immer dieselben Fragen: Ist der Druck angemessen? Ist die Temperatur wohltuend? Will ich ein neues Shampoo auf Ginos Empfehlung hin ausprobieren? Will ich einmal oder zweimal waschen? Wann habe ich das letzte Mal gewaschen? Und so weiter.
Glücklicherweise dauert der Besuch beim Coiffeur maximal dreissig Minuten. Ich entscheide mich immer für dieselbe Frisur. An der Seite bitte auf zwölf Millimeter kürzen. Ein wenig rasieren. Augenbrauen bereinigen. Fertig. Keine grosse Herausforderung. Ich bin wohl ein dankbarer Kunde; ich bin bequem, murre nicht, korrigiere nicht.
Den Tipp eines Arbeitskollegen werde ich nicht folgen, beim Coiffeur während des Termins sofort einen nächsten zu vereinbaren, damit man im Takt bleibt. Ich will mich nicht nötigen, wieder an den Coiffeur zu denken. Deswegen sind meine Zyklen unregelmässig und bishin quartalsweise. Für mich ist das okay so.