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Franz Liszt, ein Opernkomponist? Hätten wir nicht gedacht. Er allerdings schon: Sein Leben als reisender Salonlöwe und bewunderter Klaviertitan war ihm Anfang der 1840er-Jahre etwas überdrüssig geworden, und er wollte dem Vorbild seines Freundes Richard Wagner nacheifern und ein erfolgreicher Opernkomponist werden, wie er in Briefen und gegenüber Freunden äusserte: «In drei Jahren werde ich definitiv mein Klavier zuschliessen … im Winter 1843 werde ich in Venedig eine Oper vorstellen, Le Corsaire nach Lord Byron», schrieb er 1841 an eine Freundin. Seine Ambitionen waren gross: Liszts Opernpläne umfassten die hehrsten Stoffe, wie «Faust», «Divina commedia», Schillers «Semele» oder Lord Byrons «Manfred». Von Byron stammt auch die Vorlage für «Sardanapalo», das Drama über den assyrischen König, der sich mit all seinem Reichtum, seinen Konkubinen und Dienern in seinem Palast verbrennen lässt – berühmt ist das Gemälde von Delacroix (aus dem die Figur des Covers geschnitten wurde), vielleicht kennt man die Kantate von Berlioz.
Dieser «Sardanapalo» ist der einzige Stoff, den Liszt (ausser dem Studentenwerk «Don Sanche» von 1825) tatsächlich ein Stück weit für die Opernform bearbeitete – viele andere endeten bekanntlich als sinfonische Dichtungen. Den ersten Akt hat er fast vollständig skizziert, warum er die Arbeit nicht weiterverfolgte, ist nicht überliefert. Ein bezeichnender Satz allerdings findet sich in einer Rezension über Berlioz in der «Neuen Zeitschrift für Musik» von 1855: «Wir sind überzeugt, dass nicht jedes Genie seinen Flug auf die engen Grenzen der Bühne zu beschränken vermag.»
Aber noch um 1851 muss Liszt trotz Verzögerungen mit dem Libretto an eine baldige Aufführung geglaubt haben. Der erste Akt zeigt Sardanapals Geliebte Mirra, die den König zwar immer noch liebt, aber unter Heimweh leidet, den König selbst, der sie auf Händen trägt und ein Wahrsager und Staatsmann, der Sardanapal zum Krieg gegen seine Widersacher drängt, einer Forderung, welcher der König schliesslich unwillig nachgibt. In Liszts Skizzen finden sich alle Gesangslinien, für die Begleitung und Orchestrierung allerdings nur unterschiedlich komplette Angaben. Der Musikwissenschaftler David Trippett hat diese Skizzen an wenigen Stellen ergänzt und zu einer aufführungsfähigen Partitur verarbeitet.
In Liszts Wirkungsstätte Weimar liess sich der heutige GMD Kirill Karabits von diesem Opernfragment begeistern und realisierte die Ersteinspielung zusammen mit einem hochkarätigen Sängertrio, angeführt von Joyce El-Khoury. Es ist faszinierend, zu hören, wie vielfältig Liszt das Unternehmen Oper anging. Wenn man denkt, er würde hauptsächlich im Stil Wagners schreiben, täuscht man sich. Zwar gibt es Anklänge vor allem in der Harmonik, aber anderes erinnert mehr an Berlioz oder gar Verdi und Bellini. Auf jeden Fall ist diese grandiose, 50-minütige Opernszene eine überaus lohnende Begegnung.
Liszt: «Sardanapalo», «Mazeppa». Joyce
El-Khoury (Sopran), Airam Hernández
(Tenor), Oleksandr Pushniak (Bassbariton),
Damenchor Theater Weimar, Staatskapelle
Weimar, Kirill Karabits.
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