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Schon seit einigen Jahren wird in den USA Schiefergas aus dem Erdinneren gewonnen. Im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania etwa gibt es vermutlich mehr als 1‘000 Bohrtürme, so der Autor des Dokumentarfilms „Gasfieber“ Lech Kowalski (Den Film gibt es hier kostenlos zu sehen). Er meint aber, dass die genaue Anzahl nicht bekannt ist, so wie es im Allgemeinen auffällig ist, dass sehr viele offene Fragen im Zusammenhang mit der Schiefergasgewinnung bestehen.
Die Methode mit dem die kostbaren Erdgasvorräte, welche tief im Erdinnern schlummern und in Gesteinsschichten gebunden sind, gewonnen werden, nennt sich Hydraulic Fracturing. Oft wird diese neuartige Technologie einfach Fracking genannt. Bei der Frakturierung wird zuerst ein Loch gebohrt und danach werden Wasser, Sand oder Keramikgranulat und Chemikalien in den Boden gepumpt, um das Gas aus den Gesteinsschichten herauszubrechen bzw. hochzupumpen. Durch die Neuheit dieser Methode erscheint eine kritische Überprüfung noch wichtiger.
Überall ist davon zu lesen, dass durch das Verfahren das Grundwasser bzw. Trinkwasser gefährdet ist. Dies und noch vieles mehr zeigt Kowalskis Film. Die Wasserqualität in Pennsylvania ist in vielen Gegenden erschütternd, was für Mensch und Tier schwere gesundheitsschädigende Folgen haben kann. Aus den Brunnen und Hähnen fliesst offensichtlich verschmutztes Wasser; auch die Milch ist stark kontaminiert. Die Probleme treten insbesondere durch die dem Boden durchs Fracking zugeführten Stoffe auf: was genau alles in die Tiefe fliesst, darüber wird nur sehr spärlich informiert. Klar ist, dass Unmengen von Wasser aus den Flüssen gepumpt und Tonnen von kontaminierten Quarzsand herbeigeschafft werden. Unklar ist aber, wie diese „Chemikalien“ genau sind. In Pennsylvania ist etwa die Zusammensetzung als Betriebsgeheimnis im sogenannten Act 13 geschützt. Diese gesetzgeberische Massnahme verbietet es absurderweise, Ärzten mit ihren Patienten über einen möglichen Zusammenhang derer Krankheit mit der Schiefergasförderung zu sprechen. Der Auswertung einer Wasserprobe ist zu entnehmen, dass nicht nur hohe Konzentration von Blei, Kupfer und sonstigen Metallen festgestellt wurden, sondern auch Uran und andere stark schädliche Stoffe auftreten.
Auch nach dem erfolgreichen Aufbrechen der Gesteinsschichten emittieren beim Heraufpumpen und der anschliessenden Reinigung nochmals gefährliche Schadstoffe. Es werden in der Nähe von Bohrstationen und Kompressorstationen Emissionen von Benzol, Propen usw. festgestellt. Die katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt, welche durch diese Technologie auftreten können, müssen bei der politischen Diskussion mitbetrachtet werden.
Seit 2012 postulieren nun Geologen, meist im Auftrag interessierter Energiekonzerne, dass auch in der Schweiz und Deutschland riesige Schiefergasvorräte vorhanden seien. In der Schweiz gab es bereits zwei Fälle, die landesweit für Schlagzeilen sorgen. Im Dezember wurde einerseits bekanntgegeben, dass zwei britische Energiekonzerne in einem ca. 1‘000 km2 grossen Gebiet in Süddeutschland, am Bodensee, Probebohrungen durchführen wollen (Vgl. etwa SRF-Beitrag vom 11.12.2012); andererseits wurde im Januar bekannt, dass die texanische eCorp im Schweizer Mittelland nach fossilen Brennstoffen bohren will (Vgl. Beitrag 20 Minuten vom 25.01.2013).
Im Fall der Bestrebungen im Bodenseegebiet reagierten Politik und Öffentlichkeit in Deutschland, aber auch in der Schweiz in verblüffender Geschwindigkeit. In der deutschen Länderkammer, dem Bundesrat, wurde das Thema noch Mitte Dezember behandelt (Vgl. Beitrag TaZ vom 14.12.2012): So gelten ab sofort, auf Bestreben von Nordrhein-Westfalen, strengere Vorschriften für das Gasbohren. Das heisst, Vorhaben, die Fracking vorsehen, müssen zwingend auf ihre Umweltverträglichkeit untersucht werden. Zudem muss die Bundesregierung zum Thema der Schiefergasgewinnung bis zu den nächsten Bundestagswahlen Stellung beziehen. Weitere sinnvolle Vorlagen wurden entweder, wie etwa ein zweijähriges Moratorium für Fracking-Projekte abgelehnt, oder wie ein vorläufiges Verbot für die dabei verwendeten Chemikalien verschoben.
Auch im Berner Bundeshaus lösten die deutschen Pläne eine schnelle Reaktion aus. Der SVP-Nationalrat Lukas Reimann reichte, eine von 52 Nationalrätinnen und Nationalräten (fraktionsübergreifend, aber mit nur einer Stimme aus der FDP) mitunterzeichnete Motion zuhanden des Bundesrates ein (Vgl. Motionstext). Unter dem Titel “Kein Fracking. Zum Schutz des Bodensee-Trinkwassers sowie von Flora und Fauna“ wird der Bundesrat aufgefordert „sich auf internationaler Ebene gegen die Fracking-Pläne am Bodensee einzusetzen und sich persönlich für die Interessen stark zu machen.“
Der Bundesrat ist dem Fracking, ob in der Schweiz oder weltweit, gegenüber kritisch eingestellt.
Doris Leuthard, Schweizer Umweltministerin.
Doris Leuthard, aber auch die Bodensee-Anrainerkantone, machen klar, dass das britische Vorhaben aufgrund der Gefährdung des Wassers und der Umwelt eher abzulehnen sei. Leuthard meinte dazu (Vgl. SRF-Beitrag vom 11.12.2012): „Der Bundesrat ist dem Fracking, ob in der Schweiz oder weltweit, gegenüber kritisch eingestellt.“ Viele Fragen seien noch offen und die Umweltaspekte noch nicht geklärt. Da das Fracking in der Schweiz aufgrund der vielen unabschätzbaren Folgen politisch einen schweren Stand hat, versuchen verschiedene Geologen und Gas-Lobbyisten die Debatte in eine andere Richtung zu bringen. Dabei gilt es aber gleich den prominentesten und oft zitierten Fürsprecher, Peter Burri, seines Zeichens Präsident der Schweizerischen Vereinigung von Energie-Geowissenschaftlern, etwas genauer ins Visier zu nehmen: Burri arbeitete nicht nur während 28 Jahren für Shell, sondern ist auch Vorstandsmitglied der SEAG (Aktiengesellschaft für Schweizerisches Erdöl.) (Vgl. Homepage SEAG).
Im Tagesanzeiger war kürzlich zu lesen, dass Experten, wie Buri, vor einem Glaubenskrieg bei der Erdgassuche warnen und sich dabei für eine „Verwissenschaftlichung“ und gegen eine Emotionalisierung der Debatte aussprechen (Vgl. Tagesanzeiger vom 31.12.2012). Es ist unbestritten, dass für die Diskussion über Fracking wissenschaftliche Aspekte eingebracht werden sollen. Doch dabei müssen auch die unzähligen Gefahren und unabschätzbaren Folgen berücksichtig werden. Die postulierte Demokratiefeindlichkeit der Gas-Lobbyisten scheint aber in der Schweiz unangebracht: So meint etwa Georg Stucky, der Verwaltungsratspräsident der SEAG, dass es sich bei der Schiefergasgewinnung, um technische Fragen handeln, die nicht verpolitisiert werden dürfen.
Das Gegenteil trifft aber zu: Sobald langfristige Folgen für Mensch, Natur und Umwelt zu befürchten sind, ist nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft gefordert, sich zu fragen, ob sie dieses grosse Risiko wirklich auf sich nehmen möchte. Ist es wirklich sinnvoll, auf diese, mit vielen Gefahren behaftete Technologie zu setzen und immer noch fossile Brennstoffe zu fördern? Wäre es nicht an der Zeit, die Energiewende ernsthaft anzugehen und erneuerbare Technologien endlich konsequent einzusetzen und weiterzuentwickeln?
Weitere Informationen:
20 Minuten Online: "Schiefergas-Hype spaltet die Gemüter," 25.01.2013.
ARTE: Lech Kowalski, Dokumentarfilm "Gasfieber", 29.01.2013.
Motion 12.4262. Lukas Reimann: "Kein Fracking. Zum Schutz des Bodensee-Trinkwassers sowie von Flora und Fauna".
SRF 10vor10: "«Fracking» – Eine Technik spaltet die Gesellschaft", 11.12.2012.
Tagesanzeiger: "Experten warnen vor Glaubenskrieg bei Erdgassuche," 31.12.2012.
Die Tageszeitung: "Bundesratsbeschluss. Länder wollen Fracking erschweren," 14.12.2012.
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