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Was passiert, wenn ein in Indien gegründeter Kult eine neue Stadt in den USA – umgeben von erzkatholischen Amerikanern – aufbaut? Genau mit dieser Kernfrage beschäftigt sich die sechs Episoden starke Doku-Serie «Wild Wild Country», die es auf Netflix zu sehen gibt. Sie beleuchtet die Geschichte rund um den Kult der Neo-Sannyasins anfang der 80er-Jahre.
Die Ausgangslage
Anfang der 70er-Jahre gründet der indische Guru Bhagwan Shree Rajneesh die Neo-Sannyas-Bewegung, die bis 1980 zahlreiche Anhänger findet. Darunter nicht nur Inderinnen und Indern, sondern auch zig Menschen aus Australien, Deutschland, den USA usw. Viele seiner Anhänger leben mit ihm in Poona (heute Pune), Indien, in einer Kommune. Freie Liebe, Sex und Meditation gehören zur Tagesordnung, konservative Wertvorstellungen werden abgelehnt.
Als die Kommune Ende der 70er-Jahre aus allen Nähten platzt und der Guru aufgrund seiner sehr freizügigen Praktiken der indischen Regierung ein Dorn im Auge wird, möchte sich Bhagwan neu orientieren.
Nachdem seine Sekretärin (aka seine rechte Hand und einflussreichste Person) Laxmi es nicht schafft, neuen Boden für die Kommune zu finden, engagiert er Sheela als seine neue Sekretärin. Ihre Vision: weg aus Indien!
«Land of Dreams»? Nicht wirklich!
Sheela hat Grosses vor: Sie möchte für Bhagwan – den sie regelrecht anhimmelt – und seine Anhänger einen neuen Standort in den USA errichten. Und zwar nicht nur eine neue Kommune, sondern eine ganze Stadt. Fündig wird sie gleich neben dem kleinen, unscheinbaren Dorf Antelope im Bundesstaat Oregon: Sie kauft die «Big Muddy Ranch», eine riesige landwirtschaftliche Fläche. In einer Nacht- und Nebelaktion fliegt sie Bhagwan in die USA ein und gründet auf der Ranch die Stadt «Rajneeshpuram».
Viele der in Indien zurückgelassenen Anhänger folgen ihrem Guru und helfen Sheela dabei, eine Stadt zu bauen, die für 10'000 Menschen Platz bietet. Neben Wohnhäusern bauen die Neo-Sannyasins die ganze Infrastruktur, inklusive Flughafen. Zudem wird auf der Ranch auf nachhaltige Landwirtschaft gesetzt, damit man nicht zu sehr von der Aussenwelt abhängig ist. Finanziert wird das Ganze mit Darlehen der – zum Teil sehr wohlhabenden – Anhänger.
Klingt nach «Land of Dreams» und danach, dass man in den USA wirklich alles erreichen kann, wenn man will – oder? Dem war aber überhaupt nicht so. Die Bewohner der kleinen Gemeinde Antelope sind alles andere als erfreut an den neuen Nachbarn. Diese kleiden sich alle so komisch und leben freie Liebe – Sex ist zentraler Bestandteil des Kults und man lebt ihn aus mit wem man möchte, wann man möchte und wo man möchte.
Das schürt Ängste und Fremdenhass in den erzkatholischen Bewohnern von Antelope – und diese setzen sich zur Wehr. Es geht soweit bis Kritik von allen möglichen Seiten an dem Kult ausgeübt wird. Und zwar zu einem grossen Teil völlig verständlich.
Warum soll ich das schauen?
In «Wild Wild Country» wird die Geschichte rund um die Entstehung und den Niedergang der Kommunenstadt «Rajneeshpuram» aus verschiedensten Blickwinkeln erzählt: Wir sehen Dorfbewohner, die mit dem unzüchtigen Verhalten der Anhänger Bhagwans nichts anfangen können, sich in ihrer Existenz bedroht fühlen und moralisch an ihre Grenzen stossen. Wir sehen damalige Weggefährten des Gurus, Politiker die involviert waren und vor allem auch Sheela, die Sekretärin Bhagwans.
Die langjährige rechte Hand des Gurus hat einen Schweizer Kult-Anhänger geheiratet, lebt heute im aargauischen Spreitenbach und therapiert Menschen mit Alzheimer. Ihre Figur alleine ist so stark, dass es sich lohnt «Wild Wild Country» zu schauen. Bis heute ist sie der Überzeugung, damals alles richtig gemacht zu haben und ihre Faszination und Liebe für den Guru ist bis heute nicht erlöscht.
Es fasziniert durchs Band, dass man nie genau weiss, wer nun «Recht hat»: die konservativen Dorfbewohner oder die doch etwas seltsam wirkenden Kultanhänger. Man kann für beide Seiten Sympathien empfinden, ohne sich dabei mit einer davon identifizieren zu können.
Die Kommune wirkt auf den ersten Blick harmlos und vertritt Werte, die für unsere Generation selbstverständlich sind. Bei genauerem Betrachten wird aber schnell klar, dass da mehr dahinter steckt.
Und ganz ehrlich: Wer würde schon nicht ein bisschen schräg aus der Wäsche schauen, wenn plötzlich eine Horde (10'000!!) meditierender, rotangezogener, seltsam wirkender Menschen direkt nebenan eine Stadt gründen würden. Eine Vorstellung, die hier Realität wurde und die Doku-Serie umso sehenswerter macht.