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Biasca und Val Pontirone
Eine Monographie aus den Tessinerbergen.
Von Gotthard End, Sektion Winterthur.
Illustrationen nach Aufnahmen von Stalder und Degen.
Einleitung.
In seinem Buche « Der Gotthard » widmet der Dichter Carl Spitteler der Gegend von Biasca folgende Worte:
« Länger, als man erwartet, dauert noch die Fahrt, denn unwillkürlich setzten wir in unserer Einbildung die Ebene als den Endpunkt; in Wirklichkeit jedoch haben wir noch einen ausgedehnten Korridor mit mehreren Dörfern, die sogenannte Riviera, zu durchlaufen, ehe wir die ersehnte Alpenpforte von Bellinzona erreichen. Während wir aber noch nicht erhalten, was wir wünschen, wird etwas, worauf wir nicht hoffen. Unmittelbar vor Biasca geschieht ohne jede Vorbereitung ein Ereignis grossen Stils: die erste Bresche des Alpengebirges, ein riesiger Durchbruch der Bergmauern von unten bis oben, aus welchem uns in mächtigem Strome Luft und Licht seitwärts entgegenflutet. Ein Bach bricht aus der Lücke hervor; im Hintergrunde zeigt eine vielstufige Perspektive allerlei nahe und ferne Berge, in Kulissen durcheinandergeschoben und mannigfach abgetönt. Das ist die Lukmanierlücke mit dem Bleniotal.
Ein ähnliches Motiv, nämlich eine zweite Bresche, wird ein Viertelstündchen später nach Biasca erscheinen, bei Castione, wo sich das Misoxertal, der Zugang zum Bernhardin, enthüllt. Es sind Variationen über dasselbe Thema, die sich nicht wiederholen, sondern ergänzen. Immerhin, wenn wir vergleichen wollen, zaudere ich nicht, der Lukmanierlücke den Vorrang einzuräumen. Die Alpentore des Bleniotales und des Misoxertales sind imposant und auffallend. Sie wurden auch niemals übersehen. Schon die alten Römer suchten und fanden hier den Weg über den Lukmanier und den Bernardin. Später zogen Könige hier durch; über den Lukmanier fränkische: Pipin der Kleine, der Vater Karls des Grossen, 754 und 755 und später König Karl der Dicke 875; über den Bernhardin deutsche: König Sigismund 1413. Wir gelangen also mit Biasca auf uralten, historischen Boden. An Biasca fahren wir vorüber, ohne einen Einblick in das Dorf zu gewinnen; einen erheblichen Verlust erleiden wir dadurch nicht. » Die Gegend ist damit, soweit sie sich vom Eisenbahnwagen aus beurteilen lässt, meisterlich geschildert. Für den Flecken Biasca selbst fallen zwar keine werbenden Worte ab. Es sei aber zugegeben, dass ein flüchtiger Gang durch seine Gassen nicht lohnend ist. Auch eignen sich die hochgelegenen, wilden Täler jener Gegend nicht zu Spaziergängen, wie sie Spitteler in seinem Buche beschreibt. Schon die Zugänge zu diesen Tälern sind zu mühsam. Und gar die Berge, wer vor ihren sich jäh auftürmenden Felsen steht, merkt sofort, dass hier das Spazierengehen aufhört und das Gebiet des Bergsteigers beginnt. Wenn man in dieser Gegend wandern will, genügt die Liebe zu den Bergen allein nicht mehr, sondern man muss dazu an rauhe und steile Wege gewöhnt, kurzum, man muss Bergsteiger sein. Aber Berg und Tal sind darum nicht minder interessant. Die Eigenart der Tessiner Berglandschaft entwickelt sich um Biasca am auffälligsten. Prof. L. Rütimeyer verweist in seinem Itinerar der Tessineralpen ( 1873 ) wiederholt auf diese Gegend, die er mit wenig Worten ausserordentlich treffend darzustellen verstanden hat.
Am Flecken Biasca ist die Vergangenheit das Interessante. Schon in ältesten Zeiten, als man die Alpenpässe noch nicht kannte und nicht benützte, bewegte sich hier menschlicher Verkehr. In vermehrtem Masse war das dann aber der Fall, als der Lukmanier und Gotthard die Verbindung zwischen Nord und Süd vermittelten. Wer über diese Pässe zog, der musste durch Biasca. Alles wanderte hier durch, vom Fürsten bis zum Bettelmann. Oft wurde um den Besitz dieser Gegend, als wichtigem Zugang zu den genannten Pässen, gekämpft; mancher Soldat ist hier schon vorbeigezogen.
Blättert man etwas in der Geschichte, das reichhaltige Bollettino storico und das interessante Buch « Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII. » von Dr. K. Meyer verlocken einem dazu, dann erscheint das bescheidene Biasca allmählich in einem andern Lichte, und diese für uns Deutschschweizer fast unbekannte und gleichgültige Gegend erweckt unsere Aufmerksamkeit immer mehr. Diesen Umstand mag man mir zugute halten, wenn hier gelegentlich geschichtliche Betrachtungen eingeflochten sind, und zwar vielleicht etwas mehr, als im allgemeinen in einer solchen Schrift üblich ist. Ich bin zwar nicht berufen dazu, und ein zünftiger Historiker würde das besser machen, aber man wird möglicherweise noch ziemlich lang warten müssen, bis ein solcher kommt und uns über Biasca eine kurz zusammengefasste geschichtlicheDarstellung oder gar eine Lokalgeschichte schenkt.
Auf die Berge und Täler Biascas zurückkommend, sei bemerkt, dass sich die vorliegende Beschreibung auf ein engbegrenztes Gebiet, nämlich auf die Gemeinde Biasca, beschränkt. Diese ist aber von ansehnlicher Grosse, denn ausser dem Besitz in der Talebene des Ticino und Brenno gehört noch die ganze Val Pontirone zu ihr. Biasca ist also tatsächlich « una terra grossa ed antica », wie es von Franscini in der Beschreibung seines Heimatkantons benennt ist.
Die Val Pontirone ist eines der grössten und ganz sicher das merkwürdigste Seitental in der Südkette des Adulamassives. Auf engstem Räume sind hier alle Vegetationsstufen unseres Landes zusammengeschoben, von der Region des Weinstockes bis hinauf zur Region des ewigen Schnees. Gross sind die Höhenunterschiede. Der höchste Berg des Tales, der Torrente, reicht nahe an die 3000 m Meereshöhe heran, während diese unten, wo die Leggiuna aus ihrer Klamm in die Talebene des Brenno hinaustritt, kaum mehr 400 m beträgt. ( Der genaue Höhenunterschied ist 2564 m auf 8,2 km Horizontaldistanz. ) Die Zugehörigkeit der Val Pontirone zu Biasca erscheint auf den ersten Blick unnatürlich, gehört doch das Tal orographisch zur Val Blenio, während der Flecken Biasca heute im Tessintal draussen liegt. Aber die Verbindung zwischen Biasca und Pontirone hat, solange man weiss, bestanden und ist eine so innige, dass ich meine ursprüngliche Absicht, nur die Val Pontirone für sich allein zu beschreiben, fallen lassen musste.
In den beiden letzten Jahrzehnten ist viel über den Tessin geschrieben worden; besonders als derselbe anlässlich der Grenzbesetzung 1914/18 das Interesse grosser Kreise auf sich zog. Darunter sind Publikationen von grossem, wissenschaftlichem Werte und solche, die durch ihre gefällige Darstellungsweise weite Verbreitung fanden. Vergeblich wartete ich aber, und mit mir wohl noch mancher Klubkamerad, auf eine Monographie, wie sie uns Prof. Stebler für verschiedene Gegenden des Wallis geschenkt hat. Denn ein tiefer Einblick in das Leben des Tessiner Bergvolkes der Gegenwart und der Vergangenheit fehlt uns in der Form einer knappen Darstellung. Vor mehr als hundert Jahren hat zwar der Pfarrer H. R. Schinz aus Zürich ein ungefähr in diesem Sinne verfasstes Buch geschrieben. Er hat aber wohl nicht gedacht, dass man später einst seine Arbeit noch einschätzen werde, als er zu deren Einleitung schrieb: « Er habe gar vieles aufgezeichnet, das man meist als unwichtig ansehen werde. » Selbstverständlich stimmt vieles, das Schinz über den Tessin schrieb, nicht mehr mit der Gegenwart überein und sind mancherlei Ergänzungen auch für seine Zeit nötig.
In vorliegender Schrift habe ich versucht, nach Art der Steblerschen Publikationen ein eng umgrenztes Gebiet des mittlern Tessintales zu beschreiben, wobei ich allerdings meist eigene Wege eingeschlagen habe.
Allein hätte ich die Monographie nicht in vorliegende Form zu bringen vermocht. Es wurde mir von mancher Seite Unterstützung zuteil, für die ich noch besonders danke. So vor allem geziemt Dank meinem getreuen Leibphotographen, Herrn Stalder in Meggen, und Herrn Degen, der dessen Bilder später noch wertvoll ergänzte. Mit Rat und Tat standen mir bei die Herren Hochw. Probst Bornaghi, Käppeli, Kronenberg, Marconi, Rossi Guglielmo, Rossetti Isidoro und Schell, Kreisforstinspektor, alle in Biasca, die Herren Eiselin, kantonaler Forstinspektor, und Knoblauch in Bellinzona, Negretti in Luzern, Forstinspektor Merz, Schulinspektor Mariani in Locamo und Dr. Wymann, Staatsarchivar in Altdorf.
Die Herren Prof. K. Meyer in Zürich und Dr. Eligio Pometta in Luzern hatten die Freundlichkeit, meine Arbeit in bezug auf den geschichtlichen Inhalt zu prüfen.
Ich will aber auch noch der freundlichen « Puntirun » gedenken und der Leute am Monte di Biasca, die mir so oft ihre gastlichen Hütten geöffnet haben. Und nicht vergessen seien meine beiden Träger Giuseppe Ré und Luigi Rossetti, deren genauen Ortskenntnis ich vieles verdanke und die so vielmal meinen Kreuz- und Querfragen standhalten mussten.
Ich kenne das beschriebene Gebiet, hauptsächlich die Val Pontirone, aus meinen Jugendjahren, wo ich sie oft mutterseelenallein durchwanderte, und auch später fand ich selten Begleitung. Wahrscheinlich hat die Gegend darum in mir so tiefe, unauslöschliche Eindrücke hinterlassen. Die letzten sechs Jahre war ich wiederholt in der Gegend und durchstreifte sie kreuz und quer, doch nie konnte ich viel Zeit aufwenden dazu. Zeitmangel störte mich auch bei der Niederschrift, so dass man es der Arbeit leicht ansieht, dass sie nicht in einem Zuge entstanden ist. Da ich aber ursprünglich nicht an eine Publikation gedacht habe, so erblickte ich darin keinen Nachteil.
Möge nun diese kleine Schrift auch in dieser Form das Interesse und Verständnis für eines unserer südlichen Alpentäler erwecken und damit zur Liebe unseres gemeinsamen Vaterlandes beitragen.