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«Ich habe mein halbes Leben verschwendet», schrieb einst ein Mann in seinem zerfallenden Haus nordwestlich vom heutigen Beijing. Viele Jahre schrieb er weiter – und wäre ein paar Mal fast verhungert. Als er starb, hatte er achtzig Kapitel, gut drei Viertel seines Buches, geschrieben. Veröffentlicht wurden sie von anderen – anonym. Über hundert Jahre sollte es dauern, bis herausgefunden wurde, wer der wahre Autor des Buches gewesen war.
Cao Xueqin hiess der Mann. Er lebte ungefähr von 1720 bis 1760. Sein Buch «Die Geschichte des Steins», auch bekannt unter «Der Traum der roten Kammer», gilt als Chinas wichtigster Roman. Für manche ist es der älteste feministische Roman der Welt, für andere geht es vor allem um die Probleme der Jugend. Wegen der Beschreibungen des aristokratischen Lebens mag es für Gärtnerinnen um Gartenarchitektur oder für Köche um die chinesische Küche gehen. Nur eins ist sicher: Dass ChinesInnen spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts der Meinung sind, dass ein guter Schriftsteller so richtig arm sein muss.
«Verlorene» Sprache
«Geldverdienen war für chinesische Schriftsteller immer nur Nebensache – unter dem Konfuzianismus wie unter dem Maoismus», sagt Wolfgang Kubin, Sinologie-Professor an der Universität Bonn. «Aber um die Chinesen nach 1989 von der Politik abzulenken, hiess es 1992: ‹Ihr könnt nun Geld verdienen – so viel ihr wollt.› Viele SchriftstellerInnen gingen dann lieber in die Hafenstädte oder an die Börsen. Die anderen schauten, was der Markt wollte, und setzten auf Sex and Crime.» Für Kubin das Schlimmste: «Die Schriftsteller werden nach Zeichen bezahlt – Qualität ist kein Kriterium mehr.»
Das war nicht immer so. 1919 wandten sich chinesische SchriftstellerInnen von der klassischen Schriftsprache ab. Wichtigster Vertreter dieser Generation war der 1881 geborene Lu Xun. Er war nicht nur daran beteiligt, eine neue Sprache zu «erfinden», sondern schrieb auch sehr politische Texte und fasste sich dabei kurz. Bis zum Ende der Republik 1949 blühte diese moderne Literatur. Nach der Kulturrevolution, ab 1979, wurde versucht, wieder an diese Periode anzuknüpfen.
Das ist vergleichbar mit der Situation in Deutschland nach 1945, als Heinrich Böll erklärte, die deutsche Sprache sei zerstört und müsse neu erfunden werden. Eine ähnliche Funktion hätte in China Gao Xingjian einnehmen können, der 28 Jahre nach Böll im Jahre 2000 den Literaturnobelpreis verliehen bekam. In seinem Roman «Der Berg der Seele» schildert er den Verlust an Geschichte und Geschichten. Vielleicht wäre diese Rolle auch Bei Dao zugefallen: Als einer der wenigen knüpft er an die berühmte Lyrik der Tang-Zeit an, in der Landschaften und Gefühle untrennbar miteinander verwoben sind.
So werden Sie reich!
Alle diese Hoffnungen endeten im Juni 1989 – Gao Xingjian ist inzwischen Franzose; Bei Dao lebt in Hongkong und hat Einreiseverbot für die Volksrepublik.
Was für SchriftstellerInnen gilt, betrifft auch Verlage – und den Buchhandel. Der ist fest in staatlicher Hand. Neben den 14 000 Filialen der einzigen landesweiten Kette Neues China ist oft kein Platz mehr für andere Läden: In den meisten Städten gibt es sonst nur noch kleine Geschäfte, die Lernmaterial, Mängelexemplare und Kung-Fu-Serien verkaufen. Noch bis vor zehn Jahren existierten in den Grossstädten und in der Nähe der Universitäten gut sortierte private Buchläden. Inzwischen sind diese verschwunden oder in schicke Buchcafés umgebaut worden. Dort arbeiten auch keine StudentInnen mehr, sondern unbedarfte Zwanzigjährige, die im Computer arglos nach Titeln wie dem Tagebuch von Zhao Ziyang, dem 1989 gestürzten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, oder gar nach «Meine Westgebiete, Dein Ost-Turkestan» von Wang Lixiong suchen – Bücher, die in der Volksrepublik verboten sind.
«Wie viele Bücher verkauft werden, ist schwer zu sagen», schreibt der 27-jährige Schriftsteller Han Han in einem Essay: «Nicht nur dass die Journalisten das nicht wissen, der Schriftsteller selbst weiss es nicht. Am schlimmsten ist aber, wenn auch der Verlag keine Ahnung hat und nur die Druckerei Bescheid weiss.»
Han Han weiss, wie man reich werden kann: «Suchen Sie sich eine Druckerei als Partner. Kopieren Sie einige der Romane aus dem Internet, wählen Sie einen Schriftsteller, dessen Bücher sich gut verkaufen, denken Sie sich einen Titel aus. Und dann veröffentlichen Sie. Wenn Sie faul sind, reicht ein Internetroman – veröffentlichen Sie den unter dem Namen mehrerer Schriftsteller, das ist effizienter. Vorsichtig geschätzt können so 15 Bücher im Monat veröffentlicht werden, jedes verkauft sich gut 50 000-mal, pro Buch zwei RMB Yuan Gewinn, pro Monat 1,5 Millionen ... An alle, die jetzt in das Geschäft einsteigen: Denkt dran, dass es meine Idee war, und lasst mich selbst in Frieden.»
Seiner Bitte wurde nicht entsprochen. Jedes Jahr kommen etwa 15 neue Bücher von ihm auf den Markt. Sein erster Roman, «Die drei Türen», ist auch zu lesen unter Titeln wie «Innerhalb der drei Türen», «Ausserhalb der drei Türen», «Hinter den drei Türen», «Vor den drei Türen», «In den drei Türen», «Drei Türen Sonderausgabe», «Eintreten durch die drei Türen», «Das Geheimnis der drei Türen». Ähnliche Sammlungen finden sich zu allen seinen Büchern. Und dann gibt es auch noch die, zu denen den Fälschern keine Variation mehr eingefallen ist: «Das ist Han Han», «Neuste Beiträge Han Hans». Und so fort. Keins dieser Bücher hat er selbst geschrieben – und keins ist so richtig gut.
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