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Ich bin zurück bei den 1,4 Milliarden Chinesen. Oder sind es weniger? Oder mehr? Wer weiss das schon so genau. Auf jeden Fall sind es verdammt viele.
Doch was sind überhaupt Chinesen? Sind damit nur die Han-Chinesen gemeint, die rund 90 Prozent der Bevölkerung stellen? Oder alle Menschen, die in der Volksrepublik China leben? Also auch Tibeter und muslimische Uiguren? Und was ist mit den 53 anderen offiziell anerkannten Minderheiten?
In Europa wissen die meisten wenig bis gar nichts über das Reich der Mitte. Hier ist China einfach dieses Land mit den (zu) vielen Einwohnern, in dem die Regierung nicht kritisiert werden darf und Facebook, Google sowie Twitter gesperrt sind.
Egal, die sehen doch sowieso alle gleich aus – und bestimmt ticken sie auch alle gleich, sonst wären sie nicht immer im Rudel unterwegs.
Ich sitze im Auto von einem dieser scheinbar so verwechselbaren Chinesen. Sein Name passt perfekt ins Klischee: Li. Auf dem Rücksitz sitzen seine Frau sowie der 22 Monate alte Sohn. Die junge Familie hat mich gerade von drei langen Stunden am Strassenrand erlöst.
Li spricht perfekt Englisch. Das ist in China eine Seltenheit und beim 32-Jährigen besonders beeindruckend, weil er nie im Ausland studiert hat. Li arbeitet für eine chinesische Firma, die in Entwicklungsländern Stromkraftwerke baut. Als er mir gerade mehr von seiner Arbeit erzählen will, klingelt sein Telefon. «Sorry», sagt er und spricht dann auf Chinesisch in die Freisprechanlage.
Ich meine zumindest, er redet Chinesisch beziehungsweise Mandarin. Doch nach dem Telefonat erklärt er mir: «Das war meine Schwester. Wir sprechen miteinander Zhuang. Meine Frau ist Han-Chinesin und hat beim Telefonat deshalb etwa gleich viel verstanden wie du.»
Die Schwester wollte wissen, wo Li und seine Familie bleiben. Die drei werden in Lis Heimatstadt zu einem Fest erwartet. Lis Familie hat einen neuen Bus gekauft, mit dem sie Personentransporte durchführt.
Um das zu feiern, gibt's Feuerwerk, gutes Essen, Bier und Reiswein. Wieso ich das so genau weiss? Li lädt mich kurzerhand zu den Feierlichkeiten ein.
Die Stadt bietet wenig fürs Auge und ist für chinesische Verhältnisse winzig, Li schätzt rund 50'000 Einwohner.
Hier in China sind die Menschen zurückhaltender. Ich ernte zwar viele neugierige Blicke und freundliche «Ni Hao» («Hallo»), das Herumgezerre und übertriebene Hofieren fällt aber weg – was sehr angenehm ist.
Am Fest sind neben Familienangehörigen auch ehemalige Schulkollegen von Li. Während er mittlerweile in der 80 Kilometer entfernten Grossstadt Nanning lebt, sind sie hier geblieben. Englisch spricht niemand. Als sie mich zum Anstossen an ihren Tisch holen, fungiert Li als Übersetzer.
Li trinkt keinen Schluck. Das liegt nicht nur daran, dass er am späten Abend wieder nach Hause fahren muss: «Mir wurde vor einigen Jahren der Ausweis entzogen und ich musste ein paar Tage ins Gefängnis, weil ich im angetrunkenen Zustand gefahren bin.» Seither rührt er Alkohol nicht mehr an.
Als Li seine ehemaligen Schulkollegen bei einer chinesischen, komplizierteren Version von «Schere, Stein, Papier» beobachtet, bei welcher der Verlierer jeweils trinken muss, meint er: «Die können sich gehen lassen, sie haben ein einfaches Leben hier in der Kleinstadt. Die meisten haben ihr eigenes kleines Geschäft und können morgen so lange schlafen, wie sie Lust haben.»
Li sagt das aber nicht so, als würde er die anderen um ihre Situation beneiden. Im Gegenteil, ich interpretiere seine Aussage eher so: «Ich habe hart gearbeitet, Karriere gemacht und reise nun um die Welt – sie sind hier hängengeblieben.»
Seine ehemaligen Weggefährten wirken jedoch nicht weniger glücklich als Li. Sie haben ihre Prioritäten einfach anders gesetzt als er. Sie ticken offensichtlich anders als er. So wie jeder einzelne der 1,4 Milliarden Menschen in China etwas anders tickt.
Jeder ist einzigartig. Das habe ich mittlerweile gelernt – auch wenn ich sonst nach wie vor wenig bis gar nichts weiss über China. Und auch wenn die Chinesen für mich nach wie vor alle sehr ähnlich aussehen. Aber das tun wir für sie ja auch.