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Drei große Dichter hat der slowenisch-italienische Karst hervorgebracht. Einer von ihnen, Boris Pahor, feierte kürzlich (am 26. August) seinen 106. Geburtstag. Die beiden anderen sind ganz jung gestorben und wurden zusammen nicht einmal halb so alt wie Pahor. Srečko Kosovel, 1904 in der Grenzstadt Sežana geboren, auf heute slowenischer Seite, war gerade mal 22 Jahre alt, als er an einer Hirnhautentzündung starb. Seine auf Slowenisch erschienenen Werke hat Ludwig Hartinger kongenial ins Deutsche übertragen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass Hartinger in dem Dorf lebt, in dem Kosovel aufwuchs: in Tomaj.
Kosovels italienisches Pendant heißt Scipio Slataper. Er kam 1888 im heute italienischen Triest zur Welt. Damals war die Stadt der einzige Überseehafen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Die Zerrissenheit des an Triest angrenzenden Karst zwischen zwei Nationen prägte auch das Leben Slatapers.
Sein bekanntestes Werk, 1912 erstmals veröffentlicht, heißt Il mio carso. Eine deutsche Übersetzung gibt es auch. Sie stammt von der Romanistin Ilse Pollack und erschien unter dem Titel Mein Karst. Auch diese Übersetzung ist vollauf gelungen - bis auf den Titel vielleicht: Der Wiener Schriftsteller und ausgewiesene Karstkenner Beppo Beyerl meint, das Buch hätte besser Der Karst in mir geheißen. Zu sehr, findet Beyerl, hatte Slataper die karge Landschaft in sich aufgenommen und sein Inneres für alles andere verschlossen.
Was blieb dem Autor auch anderes übrig, nachdem ihn seine Freundin auf tragische Weise verlassen hatte? In ihrem Abschiedsbrief schrieb Anna Pulitzer: "Scipio, ich liebe dich auf ewig. Das soll für dein Werk sein. Ich erwarte es." Dann brachte sie sich um. Eine neue Liebe fand der Alleingelassene nicht mehr.
Nur kurz vermochte sich sein erkaltetes Herz noch einmal zu erwärmen: für sein Heimatland Italien, das 1915 in den Ersten Weltkrieg eingetreten war und sich mit dem Erzfeind Österreich zwölf blutige Schlachten entlang des Gebirgsflusses Soča, italienisch: Isonzo, lieferte. Im Mai hatte sich Slataper freiwillig gemeldet, im Dezember seine letzten Illusionen hinsichtlich eines gerechten Krieges verloren.
Mehr als eine halbe Million Soldaten ließen in den kommenden drei Jahren an der Isonzofront ihr Leben. Slataper war einer von ihnen. Am 3. Dezember 1915 meldete sich der von glühendem Nationalismus gründlich Kurierte, des stumpfsinnigen gegenseitigen Abschlachtens müde, zu einem Himmelfahrtskommando. Dieses letzte Abenteuer sollte er nicht überstehen. "Bevor ich noch in den Karst hinaufgegangen bin", schrieb der Dichter einmal über seinen Geburtsort Triest, "langweilte ich mich sehr in der Stadt." Der Tod schien dem Verzweifelten, dem nur 27 Jahre auf dieser Welt beschieden waren, das erträglichere Schicksal zu sein.