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Lange mussten Filmliebhaber*innen auf den neuesten Wurf von Kult-Regisseur Christopher Nolan warten – jetzt ist er da: Der eindrucksvolle Thriller «Tenet» wartet mit herausragender Action auf, stolpert aber über sein eigenes ambitioniertes Konzept.
Warnung: Diese Kritik enthält keine Spoiler, geht aber auf die Prämisse und die Grundzüge der Handlung von «Tenet» ein.
Wer sich in den letzten Wochen ins Kino begeben hat, um die zehnjährige Jubiläumsausgabe von «Inception» (2010) auf der grossen Leinwand zu sehen, ist in den Genuss eines zehnminütigen Featurettes gekommen, in dem Christopher Nolan, der Regisseur von «The Dark Knight» (2008) und «Interstellar» (2014), über sein neues Werk, den Drehprozess und seine Inspirationen spricht. «Tenet», so Nolan, sei seine Hommage an die Spionagefilme, mit denen er in den Siebziger- und Achtzigerjahren aufgewachsen sei – die frühen James–Bond-Streifen mit ihren exotischen Schauplätzen, die John–le–Carré-Adaptionen mit ihren nebulösen Machtspielen hinter dem Eisernen Vorhang, die amerikanischen Paranoia-Thriller von Alan J. Pakula und Sydney Pollack.
«‹Tenet›, so Nolan, sei seine Hommage an die Spionagefilme, mit denen er in den Siebziger- und Achtzigerjahren aufgewachsen war – die frühen James-Bond-Streifen mit ihren exotischen Schauplätzen, die John-le-Carré-Adaptionen mit ihren nebulösen Machtspielen hinter dem Eisernen Vorhang, die amerikanischen Paranoia-Thriller von Alan J. Pakula und Sydney Pollack.»
Alle diese Einflüsse machen sich in «Tenet» eindeutig bemerkbar: Der Protagonist («BlacKkKlansman»-Star John David Washington) beginnt seine Reise als Geheimdienstagent in Kiew, bevor er unter mysteriösen Umständen von einer noch ominöseren Organisation angeheuert wird, um an Orten wie Oslo, Tallinn und Mumbai gegen einen geradezu gespenstisch unfassbaren Gegner zu ermitteln.
Doch natürlich flösst Nolan dem klassischen Spionagethriller seine eigenen thematischen und narrativen Vorlieben ein: Wie schon im rückwärts erzählten «Memento» (2000), dem sich hauptsächlich in Träumen abspielenden «Inception», im von Raumzeit-Verstrickungen geprägten «Interstellar» und in den drei chronologischen Ebenen von «Dunkirk» (2017) spielt er auch in «Tenet» mit der Zeit. Denn der Welt steht eine apokalyptische Katastrophe bevor: Es sind Objekte mit umgekehrter Entropie aufgetaucht – soll heissen, sie gehorchen nicht den geltenden Naturgesetzen und scheinen sich rückwärts durch die Zeit zu bewegen. «Don’t try to understand it», mahnt eine Wissenschaftlerin (Clémence Poésy) den Helden, nachdem er mit seiner Pistole Kugeln aus Einschusslöchern saugt. Vielmehr sei sein Instinkt gefragt – die Bereitschaft, sich mit der verwirrenden neuen Realität einfach abzufinden.
Damit scheint sich Nolan auch an sein Publikum zu richten: Hinterfragt nicht die surreale Mechanik von «Tenet» – lasst euch einfach mitreissen. Für ihn ist diese Beschwörung von «Suspension of Disbelief» kein Neuland: Schon «Inception» enthielt widersprüchliche Momente, fadenscheinige Erklärungen und überladene Sequenzen, die sich auch nach der fünften Visionierung nicht restlos auflösen lassen. Doch dem Film gelang es, mit einer dynamisch vorgetragenen Handlung, spannenden Figuren und herausragend inszenierter, zielgerichteter Action diesen potenziellen Fallgruben geschickt auszuweichen.
«Tenet» schafft das letztlich auch, wenngleich weniger elegant. Das Konzept der invertierten Zeit erweist sich als sperriger, seine Umsetzung weniger instinktiv einleuchtend und visuell als die verschachtelten Träume von «Inception». Entsprechend wirken Nolans sonst so wirksame Verschleierungstaktikten – «Don’t try to understand it», sondern gib dich der Vision hin – nicht mehr ganz so überzeugend und mehr wie aufwändige Ablenkungsmanöver: Die verschiedengleisigen Bewegungen in der Zeit sind ein kreativer Drehbuchkniff, der sich auf der Leinwand niemals vollständig entfalten kann. Überwältigend ist weniger das daraus abgeleitete Erlebnis als die Herausforderung, die Ereignisse in «Tenet» durch das Prisma seiner vagen internen Logik zu betrachten.
«Die verschiedengleisigen Bewegungen in der Zeit sind ein kreativer Drehbuchkniff, der sich auf der Leinwand niemals vollständig entfalten kann. Überwältigend ist weniger das daraus abgeleitete Erlebnis als die Herausforderung, die Ereignisse in ‹Tenet› durch das Prisma seiner vagen internen Logik zu betrachten.»
Dieses Missverhältnis zwischen Konzept und Ausführung macht sich auch bei den Figuren bemerkbar. Zwar ist John David Washington ein charismatischer Hauptdarsteller – und Robert Pattinson glänzt als sein aalglatter Mitstreiter –, doch sie dienen letztlich eben doch nur als Mittel zum Zweck, als austauschbare Konstrukte, deren Aufgabe darin besteht, das Publikum zur nächsten Enthüllung zu führen. Neben Washington und Pattinson treten vorab Kenneth Branagh und Elizabeth Debicki in Erscheinung – er als machtbesessener russischer Oligarch mit geradezu lachhaftem Akzent, sie als seine entfremdete Ehefrau, beide als grob umrissene Stereotypen.
Aber Nolan ist immer noch Nolan: Obwohl er seinen eigenen Hang zum eigentümlichen Erzählstil überreizt, lohnt sich der Blick auf das Resultat allemal. «Tenet» bietet trotz seines allzu theoretischen Rahmens zweieinhalb Stunden grosse Unterhaltung – nicht zuletzt dank seiner grossartig inszenierten Actionsequenzen, die einmal mehr die Vorzüge von Nolans Philosophie illustrieren, so oft wie möglich zugunsten von Stunts und praktischen Effekten auf CGI zu verzichten.
«‹Tenet› bietet trotz seines allzu theoretischen Rahmens zweieinhalb Stunden der Unterhaltung – nicht zuletzt dank seiner grossartig inszenierten Actionsequenzen, die einmal mehr die Vorzüge von Nolans Philosophie illustrieren, so oft wie möglich zugunsten von Stunts und praktischen Effekten auf CGI zu verzichten.»
Tatsächlich begeistert der Film vor allem dann, wenn er die Feinheiten seines Plots für einen Moment links liegen lässt und sich ganz dem audiovisuellen Spektakel hingibt: Unterstützt von der schnörkellosen Kameraarbeit von Hoyte van Hoytema und den dröhnenden Bässen von Ludwig Göranssons Musikscore, zieht Nolan hier in regelmässigen Abständen alle Genre-Register – vom Faustkampf in der Edelrestaurantküche und der zeitlich verdrehten Schlägerei auf Leben und Tod über die mit Sattelschleppern und Löschfahrzeugen geführte Verfolgungsjagd auf einer estnischen Autobahn bis hin zum Frachtflugzeug, das zum explosiven Tresorknacker-Utensil umfunktioniert wird.
In seinen besten Filmen schafft es Nolan, sein einzigartiges Inszenierungstalent mit einem originellen, aber nicht alles überschattenden Konzept sowie einer emotional oder thematisch ansprechenden Handlung zu kombinieren. Doch «Tenet» ist kein «Inception», kein «Dunkirk». Es ist eine virtuose Demonstration von Nolans filmhandwerklichen Qualitäten, die sich laufend damit abmüht, seine knifflige Prämisse greifbar zu machen. Da bleibt nur wenig Platz für weiterführende Gedanken, obwohl die allzu überhastet eingeführte Moral von der Geschichte vor dem Hintergrund von halbherzigen COVID-Massnahmen und dem drohenden Klimakollaps durchaus von Bewandtnis wäre: Die grösste Heldentat ist jene, welche die Notwendigkeit von weiteren Heldentaten verhindert.
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Kinostart Deutschschweiz: 26.8.2020
Filmfakten: «Tenet» / Regie: Christopher Nolan / Mit: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh, Dimple Kapadia, Aaron Taylor-Johnson, Himesh Patel, Clémence Poésy, Michael Caine / Grossbritannien, USA / 150 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.
Konzept und Action haben bei Christopher Nolan auch schon besser harmoniert. Dennoch glänzt «Tenet» mit atemberaubendem Filmhandwerk und durchgehend hohem Unterhaltungswert.