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Performancekunst hat mehr noch als andere Kunstformen den Nachteil, dass sie sich ohne die Auseinandersetzung mit Artefakten nicht tradieren lässt und folglich nicht in die Geschichte einschreibt. Unsere Untersuchung beschäftigt sich mit dokumentarischen Artefakten und mit deren Tradierungs- und Repräsentationspotenzialen sowie Methoden und Strategien der Weiterschreibung durch wissenschaftliche und künstlerische Praxis.
Hierzu ist eine Begriffsklärung erforderlich: Tradierung lehnt sich nicht an den Begriff der ‹Tradition› an, unter dem fälschlicherweise oft eine Art statisches Gedächtnis verstanden wird. Sigrid Schade und Silke Wenk konzeptualisieren den Begriff der Tradierung derart, dass die kulturellen Prozesse der Gedächtnisbildung über performative Praktiken und die damit verbundenen Akteur/innen thematisiert werden können. Mit Judith Butler argumentieren sie, dass die performativen Praktiken der Tradierung immer auf Praktiken der Wiederholung basieren, und Wiederholung bedeutet, dass eine Verschiebung oder Abweichung vom Vorbild stattfindet, sei sie beabsichtigt oder unbeabsichtigt.(1) Die Begriffe der Tradierung und der Weiterschreibung verwenden wir synonym in der Annahme, dass Tradierung immer eine Art der Weiterschreibung (intentional oder zufällig) darstellt. Unter Weiterschreibung verstehen wir neben der Herstellung von Artefakten verschiedene Methoden wie Re-enactments, Re-Performances und andere Aneignungsstrategien in künstlerischen Formaten, die sich unter dem Oberbegriff Tradierung zusammenfassen lassen. Diese Methoden erzeugen graduell unterschiedliche Überlieferungsintensitäten und Leistungen: von historischer Treue zum ‹Original› im Re-enactment zur interpretativen Übersetzung in einer Re-Performance bis zur Neu- oder Andersschreibung in einem künstlerischen Werk. Der Begriff der Weiterschreibung wird in der Auswertung dort angewendet, wo der Anteil der Verschiebung oder Abweichung erkennbar ist, also auch auf Artefakte. Unter dem Begriff der Überschreibung im Sinn eines Palimpsests(2) hingegen ist eine deutliche Überlagerung des Intentionalen oder Spezifischen einer Arbeit gemeint. Was spezifisch für eine Performance konstituierend war – zum Beispiel eine radikale Idee in einem spezifischen historischen Kontext – scheint in einem Artefakt oder in einer Weiterschreibung nicht mehr durch, sondern evoziert einen komplett anderen Inhalt.
1 Vgl. Schade, Sigrid / Wenk, Silke, Studien zur visuellen Kultur. Einführung in eine transdisziplinäres Forschungsfeld, transcript Verlag, Bielefeld 2011, S. 121–124.
2 Palimpsest palin «wieder» psaein «reiben, (ab-)schaben») ist eine antike oder mittelalterliche Manuskriptseite oder Rolle, die beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wird.