Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03176.jsonl.gz/433

Wir erreichten die Route 66, sahen alte Tankstellen, Pfeile, Graffitis, Ruinen, machten Abstecher in ein schlechtes Land, zu Feuer und Eis und staunten ab einem Wald voll von versteinerten Bäumen. Zum Schluss suchten wir einen Wasserfall.
Wir schliefen für einmal aus und waren fast schon zu spät zum Frühstücken. Für eine schnelle Waffel sollte es aber noch reichen. Diese musste nach Augenmass gebacken werden, denn die Anzeige war kaputt. Beim Check-Out war die Besitzerin des Motels anwesend. Wie ihr Mann war auch sie auffallend herzlich. Sie fragte, ob es etwas zu verbessern gäbe und ich getraute mich nicht, Kritik anzubringen. Mir war bewusst, dass dies ein Fehler war, aber ich konnte nicht aus meiner Schweizer Haut.
Nun begann die Fahrt auf der Route 66, die schwieriger zu finden war, als erwartet. Nicht immer war es möglich, neben der I-40 auf der Mother Road zu fahren, weil sie entweder auf Privatgelände verlief oder gar nicht mehr existierte.
Die erste Sehenswürdigkeit, die wir uns genauer anschauten, war die Rio Puerco Bridge. Die historische Fachwerkbrücke war 1933 über den Rio Puerco gebaut worden. Normalerweise ist der Fluss trocken, trotzdem kann er überfluten und eine grosse Wassermenge transportieren. Aus diesem Grund hatten die State Highway-Ingenieure eine Parker-Fachwerkbrücke gewählt. Diese Art von Brücke braucht keinen Mittelpfeiler und somit wird die Gefahr minimiert, weggespült zu werden. 1999 wurde die Brücke ausser Betrieb genommen und ist seither nur noch für Fussgänger passierbar.
Weil die historische Route 66 nicht mehr existent war, folgte ein Stück auf der I-40. Beim Exit 126 verliessen wir sie, um wieder auf die Mother Road zu finden. Wir fuhren etwas auf der NM-6 und bogen rechts in die Sparrow Hawk Road ein, welche als die historische Route gekennzeichnet war.
Die Strasse war in einem schlechten Zustand. Wir mussten zahlreichen Schlaglöchern ausweichen und teilweise hatte sich der Teer komplett aufgelöst. Links und rechts war nur Badland, kein Haus, kein Auto, nichts. Doch! Da vorne stand ein Tier. War es eine Kuh oder ein Esel? Nein, es war ein Pronghorn und beim Näherkommen sahen wir eine ganze Herde dieser Gabelböcke. Damit hatten wir hier nicht gerechnet. Wir stellten uns ein paar Minuten hin, um die Tiere zu beobachten, dann fuhren wir weiter.
Mit jedem Kilometer wurde die Strasse noch ein bisschen schlechter und wir hofften, dass sie nicht auf einmal enden würde und wir die ganze Strecke zurückfahren mussten. Weitere Pronghorns überquerten die Strasse. Als wir nur noch ein paar Meter von der I-40 entfernt waren, trat unsere schlimmste Befürchtung ein. Ein Erdwall, so hoch wie ein Einfamilienhaus, war quer über die Strasse geschüttet worden. Es gab keine Chance, weiterzukommen. Frustriert drehten wir um, doch ich weigerte mich, den ganzen Weg zurückzufahren. Auf Google Maps schaute ich nach einem Ausweg. Feine weisse Linien durchquerten das Land zwischen der Route 66 und der I-40. Der erste Feldweg war nicht befahrbar, aber den zweiten nahmen wir und der war erstaunlich gut zu fahren. Es war zwar eine unbefestigte Strasse, aber besser gepflegt als die Sparrow Hawk Road.
Wir näherten uns immer mehr der I-40, fuhren unter ihr durch einen Tunnel und vorbei an ein paar Gebäuden von Natives. Bald waren wir wieder auf der Route 66, die hier ganz gut im Schuss war. Sie führte am Owl Rock entlang, einem Felsen, der wie eine Eule geformt war. Reiner fand den Felsen nicht spannend genug und hielt nicht an. Er stoppte erst nach Laguna am Strassenrand, um die Überreste der Budville Trading Post zu fotografieren. Vor uns stand ein Auto mit geöffnetem Kofferraum und zwei Männer waren dabei, die Ruine abzulichten. Wir warteten, bis sie ihr Equipment im Auto verstaut hatten, um ihnen durch unsere Anwesenheit nicht die Bilder zu versauen, denn sie sahen der Ausrüstung nach zu urteilen nach Berufsfotografen aus.
Eine bunt beschmierte Tankstellenruine in der Nähe von San Fidel erweckte noch unsere Aufmerksamkeit, bevor etwa dreizehn Kilometer vor Grants eine Strasse links zum El Malpais National Monument abbog. Mit dem Ziel, etwas zu essen, gingen wir in den Subway, der sich an der Kreuzung befand. Doch die Stühle standen auf den Tischen und uns blieb nichts anderes übrig, als die Sandwiches mitzunehmen. Wo essen? Beim Visitor Center gab es bestimmt Picknickplätze, also fuhren wir rund sieben Kilometer weiter zu dem modernen Gebäude inmitten des Nichts. Es windete so heftig, dass wir nicht hier picknicken wollten, obwohl es nette Aussensitzplätze gehabt hätte. Eine Frau, die uns entgegenkam, meinte lachend, dass sie die Frisur nicht hätte machen müssen.
Das Gebäude musste neu erstellt worden sein. Es war sehr grosszügig gestaltet mit einem riesigen Panoramafenster der gesamten Länge entlang. Wir setzten uns auf eine Bank und schauten die Landschaft an. Ich holte mir den Stempel ab und benutzte die Restrooms, bevor wir zum El Malpais National Monument fuhren.
Überraschend viele Wanderer kamen uns entgegen. Das sah schon fast nach einem Event aus. Ein paar Kilometer weiter setzte Reiner den Blinker rechts. Als er die Geschwindigkeit drosselte, um rechts in die Sandstone Bluffs Road abzubiegen, raste ein Auto lange hupend an uns vorbei. Hatte der den Blinker nicht gesehen? Egal, Spinner gibt es überall.
Am Ende der Strasse vertilgten wir bei herrlicher Aussicht beim Sandstone Bluff Overlook unsere Brote. Weil auch hier der Wind kräftig blies, erledigten wir das im Auto und stiegen danach aus, um ein paar Schritte zu gehen.
Weiter südlich befand sich der grösste natürliche Bogen New Mexicos, der Ventana Arch. Wind und Wasser hatten die weicheren Teile der Sandsteinklippe erodiert und einen spektakulären Bogen, der in einer kleinen Schlucht versteckt war, hinterlassen. La Ventana Natural Arch ist technisch gesehen kein Teil des El Malpais National Monument. Es wird vom Bureau of Land Management als Teil des El Malpais National Conservation Area rund um das El Malpais National Monument verwaltet.
Bereits vom Parkplatz aus konnte man den Felsbogen gut sehen, aber ich ging den Fussweg, um noch näher heranzukommen. Der Weg war erst betoniert und später bekiest. Zwei Frauen spazierten vor mir und versuchten, sich selbst zu fotografieren. Ich bot ihnen an, das für sie zu übernehmen und sie nahmen dankbar an. Als der Weg endete, drehte ich um.
«Malpais» heisst auf Spanisch «schlechtes Land» und das konnte man besonders gut beim Trailhead «Lava Falls» sehen. Schwarze, erkaltete Lava bedeckte den Boden, die Vegetation wuchs nur noch spärlich. Wir gingen den Wanderweg nicht, sondern machten uns auf den Rückweg. Da Reiner müde war, übernahm ich das Steuer. Auf einmal überquerte vor mir ein grosser Wapiti Hirsch die Strasse hüpfte elegant über den Zaun. Zum Glück war meine Reaktion gut und ich konnte rechtzeitig anhalten, sodass dem Tier und uns nichts passierte.
Unsere nächste Unterkunft war ein Best Western in Gallup. Ein alter Mann diskutierte mit der Rezeptionistin und weil es aussah, als ob das länger dauern würde, setzten wir uns auf die Sessel in der Lobby. Ein paar Minuten später kam eine junge Frau mit Koffer und tat es uns gleich. Der Alte hatte endlich seine Dinge erledigt und wir konnten einchecken. Als wir fertig waren, wollte die Frau mit dem Koffer zur Rezeption, doch eine resolute Dame drängelte sich vor. Resigniert lächelte die junge Frau uns schief zu und zuckte mit den Schultern.
Als wir 2016 in Denver beziehungsweise in Westminster logiert hatten, hatten wir in einem Dickey’s BBQ herrlich saftige und zarte Ribs gegessen. In Erinnerung daran gingen wir in Gallup zu dieser Kette, doch ich war enttäuscht, denn die Rippchen waren maximal okay, aber keinesfalls so lecker, wie ich sie im Gedächtnis hatte.
Das Frühstück war gut, besonders gefielen mir die grünen Chilis zum Rührei. Wir waren in New Mexico, dort waren grüne Chilis Grundnahrungsmittel.
Gestern hatten wir uns vorgenommen, den heutigen Tag im El Morro National Monument zu verbringen. Glücklicherweise konsultierte ich die offizielle Website, bevor wir losdüsten, denn so erfuhren wir, dass es ausnahmsweise geschlossen war, weil alle Ranger an einer Weiterbildung waren. Deshalb disponierten wir um. Das neue Ziel im Navi und ich am Steuer ging es auf der NM-602 Richtung Süden. Um nicht zu schnell zu fahren, stellte ich den Tempomat auf 55 Meilen pro Stunde. Ein Auto nach dem anderen überholte mich, sogar Lastwagen und Camper empfanden mich als zu langsam. Auch mir kam es vor, als würde ich kriechen, dabei waren das immerhin fast 90 Stundenkilometer. Kilometer pro Stunde? Huch, irgendjemand hatte den Tacho von Meilen auf Kilometer umgestellt. Beinahe wäre ich statt wegen übersetzter Geschwindigkeit wegen Behinderung des Strassenverkehrs aufgehalten worden, das konnte auch nur mir passieren.
Am Himmel hatten sich einige Wolken gebildet und es war mit knapp 20 Grad Celsius ziemlich kühl, als wir am Parkplatz zu Ice Cave and Bandera Volcano ankamen. In der Tradingpost fragte ich nach den Wanderwegen und erklärte mein Problem mit dem Knie. Die nette Frau erklärte, dass der Weg hoch zum Vulkan einfach sei, eine kurze steile Steigung beinhalte, aber sie mir den Rückweg auf derselben Strecke empfehlen würde. Es gäbe die Möglichkeit für einen Rundweg, aber der sei sehr uneben und könnte mir Schwierigkeiten bereiten. Die Strecke zur Eishöhle sei ebenfalls einfach, am Ende müssten einige Stufen überwunden werden. Sie riet, erst zum Vulkan hochzugehen und anschliessend zu den Ice Caves, liess es uns aber frei, wie wir vorgehen und was wir uns ansehen wollten.
Wir folgten ihrem Ratschlag und starteten mit der Wanderung zum Vulkan. Der Weg hoch führte an wundervollen Bäumen und herrlichen Aussichten vorbei. Als eidgenössisch geprüfte Bänklitester probierten wir fast jede Parkbank aus und liessen die Umgebung auf uns wirken. Beim steilen Stück kam ein Typ von unten hoch, der vom Berner Oberland hätte stammen können, wenn er uns nicht mit «howdy» begrüsst hätte. Im Schlepptau hatte er seine schwer atmende Frau, die vermutlich nur zu gerne ein Päuschen eingelegt hätte. Doch er marschierte strammen Schrittes voraus und achtete nicht darauf, dass sie mit den Kräften am Kämpfen war.
Nach einem Weilchen nahmen wir die letzte Etappe in Angriff, da kam uns «Howdy» mit seiner Frau entgegen, deren Gesichtsfarbe mir nun wesentlich besser gefiel. Es gehe bloss noch um die Ecke, raunte er uns zwinkernd zu. Und tatsächlich waren wir nach der nächsten Kurve am Ende des Weges angelangt, vor uns der Vulkan Bandera, der vor 10'000 Jahren ausgebrochen war. Der Blick auf den Schlackenkegel war spektakulär.
Beim Rückweg kam uns eine junge Frau fast im Laufschritt entgegen. Es sah aus, als wäre sie beim Sport, nicht beim Geniessen der herrlichen Landschaft. Der Himmel zog sich immer mehr zu und ich fröstelte leicht, als wir beim Parkplatz ankamen. Wir holten eine Jacke für mich und Proviant für uns beide und setzten uns an einen der Picknicktische. Wer war bereits an einem der anderen Tische? Howdy mit seiner Frau.
Nach dem Essen machten wir uns auf den Weg zu der Eishöhle. Selbst auf diesem kurzen Weg von rund 400 Metern nutzten wir eine Parkbank für ein Päuschen. Die junge Frau, die beim Vulkan war, kam mit einer alten Frau von der Höhle her. Die Mutter oder eher Grossmutter war mit ihren Kräften am Ende. Wir machten ihr Platz, damit sie sich etwas erholen konnte und ich fürchtete mich schon vor der Anstrengung. Doch so schlimm war es nicht. Der Weg war sehr einfach und die 70 Holzstufen waren keine grosse Herausforderung.
Die Grotte mit dem ewigen Eis, die sich in einem Abschnitt der eingestürzten Lavaröhre von Bandera befindet, bildet sich seit über 3'400 Jahren. Durch eine Kombination physikalischer Faktoren war eine natürliche Eismasse von sechs Metern Dicke gebildet worden, die sich in einer gut isolierten Höhle aus poröser Lava angesammelt hatte und richtig geformt ist, um kalte Luft einzufangen und ständig neues Eis zu erzeugen. Uns fiel ein lustiges Phänomen auf: Es gab auf der Treppe eine Stelle, da wechselte die Temperatur schlagartig von warm zu kalt. Es fühlte sich an, als ob man durch eine Wand ginge.
Die Ice Cave war sehr faszinierend, das Eis schimmerte grün und die Lavawände violett. Nur doof, dass ein paar Deppen es nicht hatten sein lassen können, Steine auf die Oberfläche zu werfen und somit die Eisschicht an wenigen Stellen etwas beschädigt war. Ein Schild verbot genau dies, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Als wir die Stufen hochgegangen und wieder auf dem Weg waren, kam ein Vater mit vier Jungs an, die zögerten, die Treppe hinabzusteigen. In typischer Vater-Manier meinte er zu den Kleinen: «Los, ist nur eine Treppe». Ich wette, eine Mutter hätte die Kinder vor den Gefahren der Treppe gewarnt. Grinsend gingen wir wieder zurück und begegneten bei der Trading Post ein paar Kolibris.
Ich fuhr uns auf der Westseite des El Malpais National Monuments. Wieder waren viele Wandervögel unterwegs. Warum die auf der Strasse gingen, wo es doch viele Wanderwege im Park gab, erschloss sich mir nicht. Der Himmel wurde immer dunkler und der Wind blies rollende Strohballen über die Strasse. Es knackte, als ich über so einen Ballen fuhr, weil er mir überraschend vor die Räder geweht worden war. Gemäss Wetterbericht lag das Regenrisiko bei fast Null. Schon seltsam, bei uns hätte ich gesagt, dass es nach Regen aussah. Als ich dann auf der Route 66 kurz vor Gallup war, tröpfelte es leicht und dann begann es zu regnen.
Wir machten uns im Hotel kurz frisch und eine halbe Stunde später steuerten wir bei leichtem Regen den 505 Burgers an. Doch der war wegen Personalmangels geschlossen. Noch auf dem Parkplatz suchten wir eine Alternative. Auf dem Weg dahin schaute die Sonne aus den Wolken und in Begleitung eines wundervollen Regenbogens kamen wir beim Fratelli’s Bistro an. Meine Lobster Ravioli sahen nicht nur sehr schön aus, sie schmeckten auch wunderbar.
Als wir das italienische Restaurant verliessen, hatte es wieder aufgeklart und die Strassen waren trocken. Dafür war das Wetter in meinem Bauch nicht gut, die viele Butter, in der die Ravioli schwammen, war mir nicht bekommen. Am Morgen war die Übelkeit vorbei und wir konnten uns erneut der Route 66 widmen.
Wir passierten Manuelito, ein kleines Dorf in einem engen Tal, das von roten Sandsteinfelsen umgeben ist und verliessen New Mexico kurz darauf in Lupton bei einer Rest Area. Nun waren wir wieder in Arizona und ich dachte wehmütig an New Mexico mit den Adobe Bauten und den Green Chilis zurück.
In Houck besuchten wir das Fort Courage, das aussah, wie eine echte Wild-West-Festung. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Nachbildung von Fort Courage, ist aber keine historische Stätte. Das seltsam geformte Pancake-House stammte aus dem Jahr 1967, als es als Van de Kamp-Restaurant erbaut worden war. Die Windmühle, die als Markenzeichen benutzt worden war, gab es nicht mehr.
Nicht weit von unserer nächsten Unterkunft in Holbrook entfernt, befindet sich das Wigwam Village Motel #6. Fünfzehn freistehende Tipis aus Beton und Stahl sind in einem Halbkreis um das Hauptbüro angeordnet. Das Motelbüro und die umliegenden kleinen Gebäude repräsentieren die Quartiere des Häuptlings und seiner Familie. Die Tipis sind weiss gestrichen mit einem roten Zickzack über der Tür. Oldtimer, darunter ein Studebaker, sind auf dem gesamten Grundstück dauerhaft parkiert.
Nur vier Blocks weiter fanden wir Kester’s Volkswagenwerks. In dem Moment, als wir einbogen, um uns das ehemalige Werk mit den zwei davorstehenden VWs anzuschauen, parkierte ein bunter VW-Bus direkt zwischen die beiden Oltdimer. Zwei Hippies, die zu dem Bus passten, stiegen aus und grinsten uns an. Wir fotografierten ein bisschen und machten uns wieder auf den Rückweg.
Zum Einchecken war es noch viel zu früh, deshalb fuhren wir nach einem kurzen, nicht erwähnenswerten Mittagessen zur North Entrance des Petrified Forest National Park. Die erste Anlaufstation war das Painted Desert Visitor Center, das sich im Umbau befand. Dixie Klos standen aufgereiht, doch die waren vermutlich für die Bauarbeiter, denn ein Schild führte zu Toiletten beim Restaurant. Im dazugehörigen Shop konnten Teile von versteinerten Bäumen erstanden werden, die mir zu teuer waren und ich nicht wusste, was damit anstellen. Das Visitor Center selbst war etwas versteckt in einem Provisorium untergebracht und wegen der Baustelle nicht gut besucht.
Auf der Petrified Forest Road hielten wir an jedem View Point, um die herrlichen Hügellandschaften der Painted Desert zu bestaunen. Verrückt, was die Natur alles konnte. Kurz bevor die Strasse die I-40 überquerte, gab es einen Aussichtspunkt mit einem verrosteten Oldtimer, der an die Route 66, den «Highway of Dreams» erinnerte. Dort war der Punkt, an dem wir umkehrten und nach Holbrook ins Motel fuhren, um einzuchecken.
Die Tür zur Miniatur-Rezeption war verschlossen, aber eine Frau kam um die Ecke und fragte, ob wir einchecken wollten. Wir bekamen das erste Zimmer direkt an der Strasse – dort wo wir zufälligerweise unseren Jeep abgestellt hatten. Ich fragte nach dem Ort fürs Frühstück, doch es gab keins. Das war ein Irrtum meinerseits – bei den vielen Unterkünften konnte man schon mal durcheinanderkommen. Wir erhielten Kaffee, Früchte und Müesliriegel. Die Oropax wegen des Zuglärms lehnten wir ab. Ich war gegen Reiners Schnarchgeräusche bereits gut ausgerüstet und er kann selbst im Stehen schlafen, Lärm hin oder her. Das Zimmer war mit Route-66-Elementen dekoriert. Sehr einfach, aber ausreichend für zwei Nächte.
Zum Abendessen gingen wir ins Bienvenidos Restaurant. Im Vorgarten standen versteinerte Baumstämme. In weiser Voraussicht, dass die Portionen gross genug für zwei waren, teilten wir uns eine Platte mit Ribs und Brisket. Vorneweg gab es für jeden eine Rinder-Gemüsebrühe, die hervorragend schmeckte. Sowohl die Bedienung wie auch die Besitzerin erkundigten sich mehrmals nach unserem Wohlbefinden. Sehr nett und gut war es auch.
Seit Las Vegas hatten wir ausser uns niemanden mehr deutsch sprechen hören. Ich fragte Reiner beim Frühstück, wann er denke, dass wir auf die ersten deutschsprachigen Touristen treffen würden - ob heute oder erst morgen. Er tippte gar, dass dies erst in knapp einer Woche der Fall sein würde. Im Denny’s, wo wir frühstückten, waren sie gnadenlos unterbesetzt. Eine Bedienung, die so dünn war, dass ich mir Sorgen machte und eine etwas stämmigere, tätowierte Frau mit Piercings und bunten Haaren mussten den gesamten Laden allein schmeissen. Einzig ein Koch war noch anwesend, aber der hatte in der Küche mehr als genug zu tun. So warteten wir, bis das Essen kam und nochmals, um die Rechnung zu bezahlen.
Beim Safeway deckten wir uns noch mit Salaten ein, bevor wir zum Südeingang des Petrified Forest National Park fuhren. Vor dem Parkeingang standen unzählige versteinerte Bäume vor dem Crystal Forest Museum & Gifts und dem gegenüberliegenden Petrified Forest Gift Shop. Kaum zu glauben, dass die Bäume in dieser riesigen Anzahl vorkamen, dass sie sogar verkauft werden konnten. Wir fuhren mangels Interesses an einem Baumstamm daran vorbei und stellten uns auf den Parkplatz beim Rainbow Forest Museum. Die grosse Amerikafahne wehte auf Halbmast. Später erfuhren wir, dass gestern im ein paar hundert Kilometer von hier entfernten Texas ein 18-Jähriger 19 Kinder und zwei Erwachsene in einer Primarschule erschossen hatte.
Hinter dem Museum bot der Giant Logs Trail ein Wegesystem an einigen der grössten und farbenfrohsten Baumstämme des Parks an. Die Stellen waren nummeriert und auf der dazugehörigen Broschüre konnten wir nachlesen, was die einzelnen Punkte bedeuteten. Das war schon mal ein schöner Einstieg in die Welt des Petrified Forest.
Weitere versteinerte Baumstämme fanden wir auf dem Crystal Forest Trail. Der Wanderweg war gut besucht, aber die meisten drehten die Runde gegen den Uhrzeigersinn und kamen uns entgegen. Auf einer Anhöhe wurden wir wieder mit einer herrlichen Aussicht auf die Badlands belohnt.
Wir fuhren zum Jasper Forest, wo uns ein weiterer Aussichtspunkt einen Blick in die Tiefe und Weite erlaubte. Anschliessend gingen wir zur Agate Bridge, die ursprünglich Natural Bridge genannt worden war. Es handelt sich um einen teilweise freigelegten versteinerten Baumstamm, der eine Schlucht bei Agate Mesa überspannt und eine Brücke bildet. Aus Angst vor dem Einsturz dieses Wahrzeichen durch die Erschütterung der Eisenbahn, waren 1903 Pfeiler darunter gemauert worden, die später durch Beton ersetzt worden waren. Das Betreten des Baumstammes war verboten.
Nun war es Zeit für das Mittagessen. Es ging an den Tepees vorbei, unter der I-40 hindurch und hoch zur Chinde Point Picnic Area, wo wir unsere Salate auspackten. Fünf überdachte Picknickplätze mit je vier bis sechs Tischen waren in einem Halbkreis angeordnet. Unter dem ersten Dach war ein älteres Paar beim Essen, wir nahmen das mittlere in Beschlag. Nach und nach füllte sich ein Platz nach dem anderen. Kinder waren fasziniert von den bärensicheren Mülleimern, in denen sie den Abfall entsorgten. Als ich Richtung Toilettenhäuschen ging, rief mir ein Mann zu, dass die Toiletten geschlossen wären. Ich vertraute ihm, kehrte wieder um und benutzte die Toilette beim Painted Desert Visitor Center am Nordeingang des Parks.
Damit hatten wir die komplette Petrified Forest Road von Süden bis Norden einmal unter den Rädern gehabt, allerdings hatten wir Sehenswürdigkeiten ausgelassen, die wir uns für den Nachmittag aufgespart hatten. Bei den meisten View Points, die wir bereits gestern besucht hatten, hielten wir erneut kurz an, um die Aussicht zu bewundern. Nach dem verrosteten Auto der Route 66 kam lange Zeit nichts, bis wir beim Puerco Pueblo parkierten. Reiner hatte keine Lust auf Steinruinen bei der Hitze, also ging ich den Weg allein und filmte Puerco Pueblo sowie die Petroglyphen am Südende des Rundwegs mit meiner GoPro.
Den Newspaper Rock wollte Reiner sich erst auch nicht anschauen, hätte es aber bereut, wenn er nicht mitgekommen wäre. Die archäologische Stätte verfügt über mehr als 650 Petroglyphen, die eine Gruppe von Felswänden bedecken. Als wir ankamen, waren wir die einzigen. Ich schaute durch jedes der drei Ferngläser und war so voller Euphorie. Ich schwärmte Reiner von den Felszeichnungen vor, wie cool die seien, da hörte ich hinter mir eine Frauenstimme «Grüezi» sagen. Huch, Schweizer hier? Ich war völlig überrumpelt. Es war ein älteres Paar aus der Ostschweiz, das wir danach bei jedem View Point auf der Blue Mesa Scenic Road erneut trafen. Sie kamen von Las Vegas und waren auf dem Weg nach Tucson. Somit hatte sich die Frage vom Morgen auch geklärt: Heute war also der Tag, an dem wir nach Wochen wieder deutschsprechende Menschen angetroffen hatten.
Am Abend assen wir im Mesa Italian Restaurant. Für mich gab es Kalbsschnitzeli mit einer Zitronen-Kapern-Sauce und für Reiner Lachs. Beides schmeckte uns nach ein bisschen Nachsalzen sehr, sehr gut.
Zum Auschecken brauchten wir bloss den Schlüssel in den Briefkasten werfen und schon waren wir weg. Wir frühstückten wie gestern im Denny’s. Diesmal wurden wir von Anastasia bedient, das war die burschikose, tätowierte Frau. Sie war trotz der Hektik sehr gut gelaunt. Da aber das Personal nach wie vor nicht aufgestockt worden war, warteten wir auch heute ziemlich lange auf unsere Speisen und es dauerte, bis wir endlich wieder auf der Route 66 waren.
Wir schauten uns Winslow an und fuhren in der Geisterstadt Two Guns an der Schlucht des Canyon Diablo zu einer verlassenen Tankstellenruine, die über und über voll mit Graffitis war. Ein anderes Auto kam von Süden her. Ein junges Paar stieg aus. Er erzählte, dass sie aus Las Vegas seien, und gab uns den Tipp, dem Weg zu folgen, um einen verfallenen Swimmingpool zu sehen. Den Ratschlag nahmen wir dankbar an. Viel war nicht mehr übrig von dem ehemaligen Campingplatz, deshalb waren wir auch schnell wieder weg. Die Old U.S. 66 Richtung Westen führte zu den Ruinen von Two Guns. Dort trafen wir wieder auf die beiden aus Las Vegas, die uns fröhlich grüssten.
Viel mehr als ein Durchgang, über dem «Mountain Lions» angeschrieben war, war nicht mehr davon übrig. Hinter der Ruine konnten wir die verlassene Canyon Diablo Bridge ausmachen. Es handelt sich dabei um eine Stahlbeton-Luten-Bogenbrücke mit freitragender Fahrbahn, die elf Jahre älter war als die Route 66. Sie war als National Old Trails-Highway gebaut worden, um den bis dahin genutzten Flussbettübergang zu vermeiden. Später hatte die Route 66 den Verlauf der National Old Trails Road übernommen.
Hier war die Route 66 zu Ende und wir mussten zurück auf die I-40 bis Twin Arrows. Auch dabei handelt es sich um eine Geisterstadt. Ursprünglich hatte der Handelsposten Canyon Padre Trading Post nach dem Canyon westlich davon geheissen. 1954 war er in Twin Arrows Trading Post umbenannt worden und hatte Benzin verkauft. Es hatte auch einen Valentine Diner sowie das klassische «Twin Arrows»-Schild aus zwei Telefonmasten gehabt. Der Laden war 1990 geschlossen, 1995 wiedereröffnet und später endgültig geschlossen worden. Die Anhänger des Hopi-Stammes und der Route 66 hatten die heruntergekommenen Pfeile restauriert und das Gebäude renoviert, aber es ist noch immer geschlossen.
Bei unserem Besuch stand nur noch einer der beiden Pfeile, der andere lag auf dem Boden. Im Februar 2022 war er vermutlich Opfer starker Winde geworden. Ein Auto kam und ich grüsste die zwei Insassen grinsend in der Meinung, schon wieder auf das Las Vegas-Pärchen getroffen zu sein. Auch sie wedelte mit ihrer Hand, da bemerkte ich, dass es ein anderes Paar war als vorhin in Two Guns. Scheinbar war sie jedoch von meinem Gruss angetan, denn beim Davonfahren winkte sie uns noch enthusiastischer zu.
24 Kilometer vor Flagstaff nahmen wir in Winona die Ausfahrt 211. Wir fuhren 3.7 Kilometer nordwestlich, bogen rechts in die Leupp Road und nach knapp 24 Kilometern links in die Indian Route 70 ab, die mit «Grand Falls Bible Church» beschriftet war. Das dahinterfahrende Auto folgte uns. Nach knapp 14 Kilometern auf einer holprigen, unbefestigten Strasse fuhren wir links auf die Indian Route 7038, das Auto hinter uns fuhr geradeaus weiter. Nach weiteren 700 Metern waren wir am Ziel. Ausser uns war keine Menschenseele hier. Wir packten unsere Vorräte auf den Tisch eines hübschen, überdachten Picknickplatzes, doch bevor wir assen, wollte ich die Wasserfälle sehen, die auf Bildern so fantastisch aussahen.
In dem Moment traf ein roter Jeep Grand Cherokee beim Parkplatz ein. Es war das Auto, das uns gefolgt war. Der Fahrer stieg aus, grüsste und meinte lachend, was für ein Zufall das sei, dass ausgerechnet zwei Jeeps zur selben Zeit in diese einsame Gegend gefahren seien. Wir vertrauten darauf, dass er und seine Partnerin unser Essen nicht verputzten und gingen zu den Wasserfällen.
Die Grand Falls sind ein natürliches Wasserfallsystem in der Painted Desert der Navajo Nation. Mit 56 Metern sind sie höher als die Niagarafälle. Sie sind bekannt für ihren extrem schlammigen Fluss, weshalb sie auch «Chocolate Falls» genannt werden. Starke Regenfälle oder Schneeschmelze ergiessen sich in spektakulärer Weise in den Little Colorado River. Während der Wasserknappheit wird hingegen nur ein Rinnsal oder gar kein Fluss erzeugt.
Was uns erwartete, war nicht einmal ein Rinnsal. Komplett trockene Felsformationen lagen vor uns. Die Aussicht auf die Schlucht, durch die der Little Colorado River floss, war sehr hübsch anzusehen, aber von Wasserfall war keine Spur. Die Enttäuschung war allerdings nicht besonders gross, denn nach der langen Trockenheit hatte ich damit gerechnet.
Auf der Rückfahrt stoppten wir kurz bei der Walnut Canyon Bridge. Das war das grösste Bauwerk, das im Rahmen des 1922 durchgeführten Strassenbauprojekts entlang des Winslow Highway durchgeführt worden war. Die Brücke überspannt den Walnut Creek eine Meile nordwestlich von Winona. Bald nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1924 waren die Strasse und die Brücke Teil der Route 66 geworden. Mit dieser Brücke beendeten wir die erste Etappe der Route 66 für einen mehrtätigen Abstecher abseits der Mother Road.
Weitere Fotos: Klick