Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/2454

Wer einmal erlebt hat, mit welcher Begeisterung Martin Scorsese bei Festivals restaurierte Filme vorstellt, mal persönlich, mal in Videobotschaften, oder auf DVDs den Audiokommentar spricht beziehungsweise sich im Bonusmaterial kenntnisreich über die Werke befragen lässt, weiss, was für ein grosser Cinephiler er ist. Mit seiner Liebe und Leidenschaft, der Neugier und dem Interesse für das Kino und die Filmgeschichte kommt ihm allenfalls noch Bertrand Tavernier gleich, der sich ebenso engagiert für das Alte einsetzt, ohne sich dem Neuen zu verweigern. Und so ahnt man ein wenig, was Scorsese an Brian Selznicks «The Invention of Hugo Cabret», einem «Roman in Worten und Bildern», gefallen haben muss. So wie hier ein kleiner Junge die Magie des Kinos entdeckt, hat auch Scorsese als asthmakranker Bub, der das Haus nicht verlassen durfte, mit seinen Eltern im Fernsehen alte Filme geschaut, wieder und immer wieder. Dass er sich seit Jahren schon für den Erhalt und die Restaurierung des Filmerbes einsetzt (spektakulärstes Beispiel: die Erhaltung und Wiederveröffentlichung von Lawrence of Arabia), passt da nur ins Bild. Irgendwann musste Scorsese einfach, nach seinen Dokumentationen über das amerikanische und italienische Kino, einen Spielfilm machen über das, was ihm am liebsten ist: Spielfilme.
hugo entführt uns in das Paris der dreissiger Jahre, in den verschlungenen Bahnhof von Montparnasse. Der Titelheld ist ein zwölfjähriger Bub, der in den Eingeweiden dieses Bahnhofes lebt, in Hinterräumen und versteckten Plätzen, in Übergängen und Passagen. Von seinem Vater hat er das Handwerk des Uhrmachers erlernt, und weil sich nach dessen Tod irgendjemand um die Uhren im Bahnhof kümmern muss, repariert Hugo sie. Mit kleinen Diebstählen, hier ein Croissant, dort ein Apfel, hält er sich über Wasser – sehr zum Unwillen eines Ladenbesitzers, den Ben Kingsley mit einer Mischung aus Strenge und Traurigkeit interpretiert. Und noch einer macht Hugo dass Leben schwer: der Bahnhofsvorsteher. Mehrmals versucht er, den Jungen einzufangen, um ihn in ein Waisenhaus zu verfrachten. Wenn Hugo genügend Zeit findet, arbeitet er mit geschickten Händen an dem unvollendeten Automatenmenschen, den ihm sein Vater hinterlassen hat. Um den Roboter zum Leben zu erwecken, braucht er einen herzförmigen Schlüssel, und genauso einen trägt die kleine Isabelle, Patentochter des Ladenbesitzers, an einer Kette um ihren Hals. Und nun lüftet sich auch das Geheimnis des alten Mannes: Es ist niemand anderer als Georges Méliès, jener französische Filmpionier, der zwischen 1896 und 1914 über 500 Filme drehte und – als Antipode zu den dokumentarischen Arbeiten der Lumières – das fantastische Kino erfand. Doch seine Filme blieben ohne Erfolg, Méliès ging pleite, das Zelluloid diente als Rohstoff für die Absätze von Frauenschuhen. Wie Hugo und Isabelle den verbitterten alten Mann ins Leben zurückholen und ihm späte Anerkennung zuteil wird – davon erzählt der Film.
Hugo ist eine wahre Wundertüte an Einfällen, und Scorseses Vision von Paris hat etwas traumhaft Magisches, wie es sonst nur Regisseure wie Terry Gilliam oder Jean-Pierre Jeunet ersinnen können. Dass ein Film über den Erfinder der Spezialeffekte selbst mit zahlreichen, vor allem im Computer generierten Effekten arbeitet, darüber hinaus noch in 3D gedreht, ist nur folgerichtig. Vor allem die Art und Weise, mit der Scorsese die dritte Dimension handhabt, sie geschickt einsetzt und immer in den Dienst der Handlung stellt, ist schlichtweg atemberaubend. hugo ist nach Avatar der bislang gelungenste 3D-Film. Das beginnt schon mit dem rasanten establishing shot, bei dem die Kamera über die Stadtlandschaft von Paris zu fliegen scheint, in den Bahnhof von Montparnasse “einbiegt” und dann auf dem Gesicht von Hugo haften bleibt, der, hoch über den Bahnsteigen, durch eine Öffnung in der grossen Hauptuhr lugt. Ein Meisterstück. Dabei ist Scorsese immer auch ein wenig verliebt in die Mechanik und das Getriebe, in Hebel und Räder, in Treppen und Gänge, in Stangen und Stufen. Wenn die Kamera Hugo mit schwebender Leichtigkeit durch das Innere der Uhr verfolgt, entsteht ein beeindruckendes Gefühl für räumliche Tiefe. Nicht minder imposant die Verfolgungsjagden, die sich Hugo und der Bahnhofsvorsteher, von Sacha Baron Cohen fast schon als Karikatur angelegt, durch Geschäftszeilen und Menschenmengen liefern. Ein Gewusel, dem durch die Öffnung in die Tiefe noch mehr Lebendigkeit zuteil wird.
Natürlich ist Hugo, nach der turbulenten ersten Hälfte, auch ein Film für Cineasten. Scorsese zeigt nicht nur L’arrivée d’un train en gare der Lumières, er stellt auch, quasi in einer dreidimensionalen, urkomischen Neuinszenierung, Méliès’ Produktion Le voyage dans la lune nach, rekonstruiert seine Arbeitsweise (zum Beispiel die Handcolorierung), zeigt die Kameratricks und berichtet in raschen Szenenfolgen über Aufstieg und Fall des Filmpioniers. Einmal hängt Hugo wie weiland Harold Lloyd in Safety Last in luftiger Höhe an den Zeigern der Bahnhofsuhr. Scorsese hat eine unterhaltsame, visuell packende Hommage an die Geburt des Kinos, aber auch an die Stummfilmzeit inszeniert. Wie der Zufall es will, kommt in diesen Wochen mit The Artist ein ähnlicher und doch ganz anderer Film in die Kinos. Die Duplizität der Ereignisse ist ein schöner Beweis, dass die Filmgeschichte – abseits von Retrospektiven oder privaten DVD-Sammlungen – von einigen Regisseuren noch ernst genommen und lebendig gehalten wird. Scorsese mag zwar, mit einem Kind als Titelhelden, seinen untypischsten Film gedreht haben. Doch er ist seinem Herzensanliegen, der Bewahrung des Filmerbes, treu geblieben.