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Statine – Medikamente, die mehr können, als sie müssen
Wenn wir von Medikamenten-Nebenwirkungen sprechen, denken wir meistens an etwas Negatives, etwas eher Unangenehmes wie Kopfschmerzen, Durchfall, Mundtrockenheit oder einen allergischen Hautausschlag. Wir befürchten, dass nach jahrelanger Einnahme eines Medikamentes innere Organe wie Leber oder Nieren Schaden nehmen könnten (was – nebenbei gesagt – bei den meisten Medikamenten nicht der Fall ist).
Kaum je nehmen wir zur Kenntnis, dass einige der Tabletten, die wir einnehmen, auch durchaus erwünschte Nebenwirkungen haben können. Weil das Wort Nebenwirkung aber derart negative Gefühle weckt, bezeichnen wir die gesundheitlich günstigen Nebenwirkungen in der Fachsprache als so genannt pleiotrope Wirkungen. Ein klassisches Beispiel einer pleiotropen Wirkung betrifft gewisse Medikamente, die gegen hohen Blutdruck eingesetzt werden (ACE-Hemmer und Angiotensin-2-Rezeptor-Antagonisten). Entdeckt und entwickelt zur Behandlung der Hypertonie, konnte diesen Medikamenten erst im späteren Verlauf eine zusätzliche «nierenschützende» Wirkung attestiert werden.
Wir möchten an dieser Stelle hinweisen auf die pleiotropen Wirkungen einer anderen weitverbreiteten Gruppe von Medikamenten, den Statinen. Diese werden eingesetzt zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen, insbesondere bei Typ-2-Diabetikern ein leider sehr häufiges Problem. Statine senken in erster Linie das «schlechte» LDL-Cholesterin. Das «gute» HDL-Cholesterin wird nur geringfügig positiv beeinflusst. Nach einem Herzinfarkt oder Hirnschlag werden Statine fast routinemässig eingesetzt, um weiteren Herz-Kreislauf-Problemen so gut wie möglich vorzubeugen. (Ein anderes Präparat, das in dieser Situation zum fast unabdingbaren «Medikamenten-Cocktail» dazugehört, ist übrigens das Aspirin-Cardio).
Zur Vermutung, Statine könnten pleiotrope Wirkungen haben, trugen zwei Beobachtungen bei:
1. Mit Statinen behandelte Patienten haben ein geringeres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden als mit Placebo (Scheinmedikamenten) behandelte mit vergleichbaren Cholesterinwerten.
2. Koronare Ereignisse werden sehr rasch nach Einnahme von Statinen reduziert, zu einem Zeitpunkt, wo die Senkung des LDL-Cholesterins noch kaum eingesetzt hat.
Zahlreiche Untersuchungen haben in der Folge gezeigt, dass Statine einen direkten Einfluss auf die Wände der Blutgefässe (Endothel) ausüben können. Dort finden die Vorgänge statt, die letztlich zur gefährlichen Verstopfung der Blutgefässe führen. Die pleiotropen Effekte der Statine auf das Gefäss-Endothel sind mannigfaltig.
- Entzündungsprozesse spielen sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle in der Verkalkung der Blutgefässe (Atherosklerose). Statine können die Konzentration zahlreicher schädlicher Stoffe, welche im Rahmen solcher Entzündungen gebildet werden, vermindern.
- Dass unser Blut, z. B. bei einer Verletzung überhaupt gerinnen kann, basiert auf einem komplizierten Zusammenspiel zahlreicher Faktoren. Sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig an die Blutgerinnung beeinflussenden Stoffen kann gefährliche Folgen haben. Das Gerinnungssystem ist bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen in der Regel überaktiv. Blutgerinnsel (Thromben) können die Blutgefässe verstopfen. Statine wirken dem zu aktiven Gerinnungssystem entgegen.
- Die Muskelzellen in den Wänden der Blutgefässe, welche mithelfen, den Druck zu regulieren, werden in ihrem Auf- und Abbau genau reguliert. Auch diese Regulation erfolgt bei «Herzpatienten» auf zu hohem Niveau. Statine bremsen die übermässige Neubildung dieser Muskelzellen. Gleichzeitig dämpfen sie unerwünschte lokale chemische Reaktionen.
- Schliesslich wissen wir, dass auch das Immunsystem bei der Entwicklung der Atherosklerose mitbeteiligt ist. Statine können helfen, Fehlreaktionen des Immunsystems zu glätten.
Gänzlich unabhängig vom Gesagten ist eine andere interessante Feststellung: Mit gewissen Statinen behandelte Patienten erlitten weniger durch eine Osteoporose bedingte Knochenbrüche. Dies hat damit zu tun, dass diese Statine Wachstumsfaktoren anregen können, welche für die Neubildung von Knochen verantwortlich sind.
Auch die allerneuste Erkenntnis in Bezug auf pleiotrope Effekte von Statinen ist unerwartet und bedarf noch einer genauen Erklärung. Chronische Erkrankungen der Lungen, z. B. verursacht durch Rauchen oder gehäufte Infektionen, haben leider die Tendenz, langsam aber stetig weiter zuzunehmen. Bei Patienten, welche mit Statinen behandelt werden, wird die Lungenfunktion erfreulicherweise etwas langsamer verschlechtert.
Statine haben also durchaus erwünschte Nebenwirkungen auf die Blutgefässe und verschiedene andere Organe. Nicht nur wegen ihres günstigen Effekts auf das Cholesterin, sondern auch direkt helfen sie mit, die Entwicklung der Atherosklerose zu bremsen. Die pleiotropen Effekte der Statine, insbesondere die immunmodulatorischen und entzündungshemmenden, werden zudem für ihre eher günstige Wirkung auf zahlreiche andere Krankheiten wie Multiple Sklerose, rheumatische Erkrankungen, Osteoporose und Alzheimer verantwortlich gemacht. Viele Fragen bleiben noch offen. Die wichtigste Erkenntnis für uns aber ist, dass Medikamente nicht nur unerwünschte, sondern durchaus auch sehr positive Nebenwirkungen, sogenannte pleiotrope Wirkungen haben können.
Dr. med. K. Scheidegger