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„Servir et disparaître„! Dies habe ich mir vor 14 Jahren vorgenommen. Der Bericht vom 15. Januar 2012 in der NZZ hat mich dazu gebracht, von diesem Vorsatz für einmal abzuweichen.
von Alfred Ramseyer, Br a D, ehem. Stabschef der Luftwaffe
Alles was in diesem Bericht vom Inspektorat VBS (Original Prüfbericht des Inspektorates VBS) und Andreas Schmid „aufgedeckt“ wurde, hätte man im Bundesarchiv oder in den Archiven der Luftwaffe seit vielen Jahren als Warnungen vor den zu erwartenden Konsequenzen der damaligen Reorganisationseuphorie nachlesen und auch billiger haben können.
Wir haben rund zwei Jahrzehnte lang dafür gekämpft, um auf unseren Kriegsflugplätzen einen verantwortlichen Flugplatz-Kommandanten einzusetzen, wie dies in allen übrigen Luftwaffen dieser Welt üblich ist. Dieses Ziel wurde schliesslich erreicht, aber man hat diesem Kommandanten zwischenzeitlich und in der Folge die Mittel entzogen, um Luftoperationen effizient und zeitgerecht sicherzustellen. Heute verfügt er noch über einige Flugzeuge und Piloten sowie über das Flugzeugbereitstellungs-Personal. Der Flugplatz, alle Anlagen, die Flugsicherung, die lokale Luftraumüberwachung, der Flugzeug-Unterhalt (Reparaturen und Revisionen) sowie die allgemeine Logistik gehören heute zu anderen, nicht dem Flugplatz-Kommandanten unterstellten Organisationseinheiten.
Der Flugplatz-Kommandant ist zu einem Koordinator/Administrator verkommen, welcher sehr zeitaufwändig alle seine zugewiesenen Stellen unter einen Hut zu bringen versuchen muss und gemäss heutiger Organisation im Ernstfall meistens zu spät kommen wird.
Für Luftverteidigungseinsätze in unserem kleinen Land mit wenig räumlicher Tiefe entscheiden jedoch Minuten und Sekunden über Erfolg oder Misserfolg. Wenn ein F/A-18 oder vielleicht einmal ein Gripen 4–5 Minuten zu spät starten kann, weil nach helvetischem und verwaltungskonformen Muster am Boden viel Zeit verloren ging, kann ein Pilot auch mit bester Jägerleitung allenfalls sein Ziel nicht mehr rechtzeitig identifizieren oder bekämpfen.
Wie konnte es soweit kommen?
Anfangs der 90er Jahre, als die „Armee 95“ geplant wurde, gab es noch eine KML (Kommission für militärische Landesverteidigung), welche unter der Leitung des CEMD (Chef des eidgenössischen Militärdepartements) Entscheide fällte. In dieser Kommission besass eine einzige Person tatsächliche Fachkompetenz im Bereich Luftkriegführung. Dies war der Kommandant der Luftwaffe. Dieser verteidigte vehement, bis zum „Geht nicht mehr,“ seine damals gut funktionierende Organisation. In den meisten Fällen wurde er durch seine Kollegen unterstützt, EMD/GRD wollten damals aber nach rein wirtschaftlichen Kriterien reorganisieren.
In dieser Zeit wurden für einige Millionen Franken ausländische „Experten“ eingesetzt, welche vor allem wirtschaftliche Aspekte einbrachten und Sparpotential suchten. Operationelle Bedürfnisse schienen damals keine Priorität zu geniessen.
Unter dem politischen Spar-, Reorganisations- und Abbaudruck wurde die Luftwaffe Stück um Stück zerlegt.
- Zuerst der Bereich Flugzeugunterhalt, Reparaturen und Revisionen zur heutigen RUAG
- Später die Flugsicherung zu „Skyguide“
- Es folgten Infrastruktur zur „armasuisse“
- Logistikbelange der Luftwaffe zur Logistikbasis der Armee
- Und zuletzt musste die Luftraumüberwachung (FLORAKO), die elektronische Aufklärung der Luftwaffe sowie der Fliegerübermittlungsdienst an die Führungsunterstützungsbasis der Armee (FUB) abgegeben werden.
- nebenbei: auch die Fallschirmaufklärer wurden von der Luftwaffe wegmutiert.
Dieses „Gesundschrumpfen“ und der stetige Personalabbau gingen bei der Planung der „Armee XXI“ weiter.
Es kann übrigens nachgewiesen werden, dass diese „Sparübungen“ in der täglichen Praxis heute wesentlich mehr kosten als in der alten und bewährten Organisation.
Was bleibt, ist eine Organisation auf unseren Flugplätzen, welche in ruhigen Friedenszeiten knapp genügt, bei grösseren Operationen, zum Beispiel „WEF Davos“ (4-6 Tage) bereits an Grenzen stösst und im Ernstfall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Beginn versagen wird.
Der bewährte und weltweit akzeptierte militärische Grundsatz „Ein Raum – ein Auftrag – ein Chef mit den entsprechenden Mitteln“ wird hier seit Jahren sträflich ignoriert.
Dies geschah nicht etwa weil die Luftwaffe dies so wollte! Sondern weil auf Stufe Parlament und Armee Entscheidungen im Bereich Sicherheitspolitik getroffen wurden, welche diese Entwicklung begünstigte. Es gab nie und gibt nicht viele Parlamentarier, die in diesem Bereich über tatsächlich fundiertes, aus eigener Erfahrung gewonnenes Fachwissen verfügen. Die jüngere Generation unserer „Volksvertreter“ ist im Wohlstand aufgewachsen und die Vorstellungskraft fehlt offensichtlich, dass der ewige Frieden mit überbordendem Lebensstandard einmal zu Ende gehen könnte.
Aus meiner bescheidenen Sicht gab und gibt es in der obersten Armeeführung zuwenig tatsächliche und aus eigener langjähriger Erfahrung erworbene Fachkompetenz, welche den Entscheidungsträgern überzeugend die Zusammenhänge der Luftkriegführung und die organisatorischen Bedürfnisse unserer Luftwaffe darlegen kann. Die zurzeit in Bearbeitung stehende neue „Kopfstruktur der Armee“ beweist, dass sich in diesem Bereich offenbar nichts geändert hat.
Die Organisationen und Parteien, welche offiziell unsere Armee abschaffen und auch keine neuen Kampfflugzeuge wollen – weil überflüssig! –, werden dereinst zu den ersten gehören, die bei der Armee um Hilfe schreien. Aber auch unsere heute Verantwortung tragenden Parlamentarier dürften zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Amt und Würde stehen und leider ungeschoren davon kommen.
Mir bleibt zu hoffen, dass der Bericht von Andreas Schmid und die Erkenntnisse des Inspektorats VBS endlich etwas bewirken und die Luftwaffe diejenigen Mittel samt Personal zurückerhält, welche diese braucht um ihren komplexen Auftrag zeitgerecht und mit angemessener Durchhaltefähigkeit zu erfüllen.
Alfred Ramseyer, Br aD
ehem. Stabschef der Luftwaffe
Corcelles-près-Payerne