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Freie Hansestadt Hamburg
In der Freien Hansestadt bestand seit dem 12. Jahrhundert eine republikanische Tradition. Die Stadt wurde mit einem mehrstufigen System von Selbstverwaltungsgremien regiert.
Hamburg erhielt 1215 den Zuspruch zur Freien Reichsstadt und war wie der Kanton Uri mit seinem Freiheitsbrief von 1231 reichsunmittelbar direkt dem römisch-deutschen Kaiser unterstellt. Am 18. Februar 1529 folgte Hamburg der Reformation. Am Wiener Kongress 8. Juni 1815 erhielt Hamburg die Bundesakte und trat als souveräner Staat dem Deutschen Bund bei.
In Hamburg verzichteten die Sozialdemokraten 1919 trotz absoluter Mehrheit darauf, den Senat allein zu bilden.
Erste Deutsche Republik
Am 9. November 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Mit der „Weimarer Republik“ bestand erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland. In Hamburg verzichteten die Sozialdemokraten 1919 trotz absoluter Mehrheit darauf, den Senat allein zu bilden. Sie teilten die Verantwortung mit Angehörigen der Vorgängerregierung und boten sogar dem parteilosen Ersten Bürgermeister Werner von Melle die Fortsetzung seiner Tätigkeit an. So sicherten sie in den unruhigen Zeiten des politischen Umbruchs Erfahrung und Sachverstand für die Hansestadt und darüber hinaus die traditionellen Verbindungen zum Hamburger Grossbürgertum.
Die neue Verfassung festigte am 9. Januar 1921 die politische Bedeutung des Parlaments. Die Bürgerschaft war seitdem alleiniger Gesetzgeber, bestimmte das Budget, wählte den Ersten Bürgermeister und kontrollierte den Senat. Die Nationalsozialisten lösten 1933 das Parlament gewaltsam auf. Seit 1946 kann die Bürgerschaft wieder frei wählen.
Zeitgeist um die Jahrhundertwende
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts folgten den angestrebten Veränderungen der französischen Revolution verschärfte Klassenkämpfe, dem gewonnenen deutsch-französischen Krieg von 1871 der Militarismus, dem industriellen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Zivilisationsschub mit Maschinengeist und preussischem Drill. Das Proletariat sollte sein Selbst in der produktiven Tätigkeit als „Werkmensch“ verwirklichen. Die Identifikation mit Macht und Maschine wurde auch zum Erziehungsziel.
Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte man mit der sozialistischen Bewegung lebensreformerische und sozialutopische Ideen umzusetzen. Die Bücher von CHARLES DARWIN (1809 – 1882), ERNST HAECKEL (1834 – 1919) und KARL MARX (1818 – 1883) wurden allgemein gelesen. Einerseits wurden immer grössere politische, wirtschaftliche und soziale Einheiten angestrebt, andererseits zerfiel das zuvor gelebte Wertesystem und somit der innere Zusammenhalt.
Gegen diese Einseitigkeiten nahm die Hamburger Lehrerschaft Stellung.
In jedem sechsten, siebten Arbeiterwohnhaus war ein Lehrer, der alles gab.
Volksschullehrerschaft und Reformbewegung in Hamburg
Die Hamburger Lehrer stammten zu vier Fünftel und die Lehrerinnen zur Hälfte aus der Hamburger Umgebung, einerseits wegen der besseren Bezahlung, besonders aber auch wegen des liberalen Schulwesens. Ein beachtlicher Teil kam aus der Arbeiterschaft, der sich ausserhalb der Standesprivilegien eine höhere Bildung erworben hatte. Zudem liess die in den 1870er Jahren neu gegründete „Lehrerbildungsanstalt den jungen Leute Gewissens- und Lernfreiheit ohne Beaufsichtigung. Lehrerorganisationen ersetzten die fehlenden sozialen Bindungen und boten die Möglichkeit zur Mitarbeit in allen Bürgervereinen. 1896 erwarben viele das Bürgerrecht. Sie verstanden sich als Träger einer Volkskultur für alle Schichten mit dem an sich selbst gestellten Auftrag, an der Volksbildung unmittelbar teilzunehmen und auf die politischen Verhältnisse einzuwirken.
„In jedem sechsten, siebten Arbeiterwohnhaus war ein Lehrer, der alles gab. Der Volksschullehrer musste alles können, denn Lehrer sein, hiess Beistand sein. … ‚ Wir wollten nicht die Schule ändern, sondern durch die Schule die menschliche Gesellschaft. Die Volksschullehrer wollten dafür sorgen, dass bei der breiten Masse die Gehirne zu arbeiten beginnen. Wir wollten in der Volksschule erreichen, dass die Schulkinder nicht auf Pauken und Drill reagieren, sondern die Kräfte in sich spüren und etwas aus sich machen, nicht nur in der Arbeit, sondern auch in der Freizeit‘“. (RÖDLER S. 58)
Die künstlerische Erziehung wurde zum Hebel, der die damalige pädagogische Welt aus den Angeln heben sollte. Der ehemalige Lehrer ALFRED LICHTWARK, machte als Direktor der Hamburger Kunsthalle, 1886 im „Schulwissenschaftlichen Bildungsverein“ öffentlich klar, dass Zeichenunterricht über gewerbliche Zwecke hinaus „in den Dienst der gesamten geistigen Entwicklung“ gehöre. Ab 1888 führte er Lehrer und Schulkinder in die Kunsthalle mit der Überzeugung, „dass kein Wissen so fest in uns hafte, so lebendig in uns wirke und sich so leicht in Können umsetze, wie das erlebte Wissen“.
Der Kern der Reformbewegung bildete eine zehnköpfige Lehrerschaft (Reformer William Lottig, Heinrich Wolgast, Carl Götze) die nach einer andern Form der Schulbildung suchte und die den bisherigen methodischen Rahmen sprengen sollte. In Hamburg war auch die Zentrale des “Bundes für Schulreform“ (Allgemeiner deutscher Verband für Erziehungs- und Unterrichtswesen), der reformorientierte Lehrer aller Schularten, Vertreter der Schulverwaltungen, Universitätsdozenten und interessierte Laien vereinte und von 1908 bis 1933 existierte.
Alfred Lichtwark: Zeichenunterricht gehört in den Dienst der gesamten geistigen Entwicklung.
Gegen die Einführung von Hauptlehrern
Als erstes wehrten sie sich gegen die 1872 eingeführte Herrschaft des Hauptlehrers, der alles bestimmte ohne Einbezug der Lehrerschaft. Als ihre pädagogische Aufgabe strebten sie an, „die Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder heranwachsen können zu selbständigen, urteilsfähigen, verantwortungsvoll handelnden, also freien Menschen, die als solche ihr Verhältnis zur Welt, als Weltanschauung, auch ihr Verhältnis zum Klassenkampf selbst bestimmen.“ (RÖDLER S. 267) Für sie war klar, dass sich Schulreform aus der Arbeit mit den Kindern entwickeln müsste und dass sie die Unterrichtsarbeit entsprechend den „inneren Notwendigkeiten“ zu gestalten hätten. Sie lehnten es ab, sich „irgendwie von den Anforderungen eines Berufs, des Wirtschaftslebens, des Daseinskampfes“ im geforderten Schulunterricht leiten zu lassen. 1905 wurde vom „ pädagogischen Ausschuss“ der Lehrerschaft die Einführung einer Versuchsschule gefordert und ein entsprechender Lehrplan eingereicht, was die Oberschulbehörde als untauglich zurückwies.
Novemberrevolution 1918 und Einführung von Schulreformen
Die radikalen Veränderungen des Hamburger Schulwesens waren bestens vorbereitet, als am 6. November 1918 in Hamburg die Revolution ausbrach, nachdem am 3. November die Kieler Matrosen mit ihrem Meutern der Fortsetzung des 1. Weltkrieges ein Ende setzen. Die Ereignisse überstürzten sich. Arbeiter – und Soldatenrat entmachteten am 12. November Bürgerschaft und Senat. Der Senat wurde am 18. November bereits wieder eingesetzt, da die Kreditfähigkeit der Stadt in Gefahr geriet.
Junglehrer als treibende Kraft
Während dieser kurzen Zeit der entmachteten Regierung wurden die Entscheide getroffen, mit denen die Lehrer der Hamburger Reformbewegung die Rahmenbedingungen für ihre spätere Arbeit sicherten. Der treibende Anstoss kam von der Junglehrerschaft. Diese war in der Erlebniswelt von Jugendbewegung, „Wandervogel“ und „freideutsche Jugend“ gross geworden und nun von den Grauen des Kriegs gezeichnet. Einen Tag nach Revolutionsausbruch, am 7. November 1918, forderten sie den Arbeiter- und Soldatenrat auf, für den nächsten Tag eine allgemeine Lehrerversammlung einzuberufen.
Abschaffung des Religiosunterrichts
Diese erfolgte dann am 12. November 1918 in einer beispiellosen Aufbruchstimmung mit 2300 Beteiligten in zwei Sälen. Auch die Vertreter der höheren Schulen und der Professorenkonvent des Hamburger Vorlesungswesens waren anwesend, aber die Jungen ergriffen das Wort. Nahezu einstimmig wurden die vier von der Reformbewegung vorgelegten Forderungen angenommen:
- Schaffung eines Reichsschulgesetzes
- Schaffung einer Einheitsschule
- Selbstverwaltung der Schule
- Glaubens- und Gewissensfreiheit
Sofort wurde ein Lehrerrat gewählt mit 14 Volksschullehrern, 8 Volksschullehrerinnen,
6 Oberlehrern, 2 Oberlehrerinnen und 2 Mitgliedern aus dem Professorenkonvent. An vier Tagen der Woche kam der Lehrerrat zusammen und erarbeitete das möglich Scheinende:
– Lehrmittel- und Schulgeldfreiheit an Staatsschulen
– Aufhebung der staatlichen Vorschulen
– Vierjähriger gemeinsamer Unterbau
– Revision der Lehrpläne
– Einrichtung der schulischen Selbstverwaltung unter Beteiligung der Eltern und Schülerschaft
– Abschaffung des Religionsunterrichts an Staatsschulen
Versuchsschulen
Es wurde festgelegt, dass vier Versuchsschulen an Ostern 1919 mit ihrer Arbeit beginnen sollten. Diese vier Versuchsschulen wurden ausdrücklich von der Lehrplan- und Lehrzielbildung und von der Bindung an einen bestimmten Schulkreis befreit. Zwei führende Reformer gehörten zur Schulsynode und leiteten eine der zukünftigen Versuchsschulen.
Es geht nicht um den Glanz herrlicher Ideen, wie sie seit tausend Jahren die Menschen narren.
Es ging den Reformern um die „nüchterne Schulentwicklung“, nicht um „ den Glanz herrlicher Ideen, wie sie seit tausend Jahren die Menschen narren“ (RÖDLER S. 74) Regelungen wurden jedoch nicht stur gehandhabt, sondern „durch das reflektierende sich Einlassen auf eine sich entwickelnde Dynamik des Schullebens“ waren immer auch Abweichungen möglich.
Lernen wurde als ureigenste, im Menschen angelegte Aktivität erkannt, dies vom ersten Lebenstag an, das sich durch Interesse zeigt und dies sollte auf allen Stufen berücksichtigt werden. Die Gesetze des Lernens und der Entwicklung sollten entdeckt und mit einem entsprechenden Unterricht erprobt und bestätigt werden können.
Die Versuchschule wurde 1924 so definiert: „Versuchsschule heisst nicht, wir machen methodische Versuche, sondern der Staat macht den Versuch, die Schule auf pädagogische Selbstverwaltung zu stellen“.
Quellen:
– Grunder Hans-Ulrich (2014): Kämpfen gegen Windmühlen und reale Mächte. William Lottigs Tagebuch (1919- 1921) als Ausdruck der politischen, pädagogischen und schulinternen Machverhältnisse in einer Hamburger Gemeinschaftsschule zu Beginn der 1920er Jahre Vol. 50, No. 5, 580-598, http://dx.d0i.0rg/l0.1080/00309230.2014.927511 |
– Rödler Klaus (1987): Vergessene Alternativschulen. Geschichte u. Praxis der Hamburger Gemeinschaftsschulen 1919 – 1933, Weinheim/München/Juventa
– Gläss Theodor(1952: Pädagogik vom Kinde aus. Aufsätze Hamburger Lehrer. Kleine pädagogische Texte.
Heft 26, hrsg. Von Nohl/Weniger/Geissler, Weinheim/Belz
– Müller Gächter Barbara (1998): Zweiter Teil der Lizentiatsarbeit: Aus der Praxis einer der Hamburger Gemeinschaftsschulen. Unveröffentlicht
– Hamburg Geschichtsbuch: Schule in der Weimarer Republik https://geschichtsbuch.hamburg.de/epochen/weimarer-republik/schule-in-der-weimarer-republik/