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«Schwarzenbach hat allein mit ihrer Existenz Widerstand geleistet»
Anna Rosenwasser ist Polit-Influencerin, Autorin, Journalistin – und neuerdings Nationalrätin. In der Serie Literatur und Musik führt die queere Aktivistin in Annemarie Schwarzenbachs Literatur ein.
Anna Rosenwasser, woran denken Sie, wenn Sie den Namen Annemarie Schwarzenbach hören?
Daran, wie sie den Geschlechternormen ihrer Zeit trotzte. Meine Freund*innen und ich würden sie aus der heutigen Sicht Tomboy nennen. Ich denke als Erstes daran, dass sie die Zwanzigerjahre-Version eines Tomboys war.
Was bedeuten Ihnen ihre Texte persönlich?
«Eine Frau zu sehen» hat mich zu einem Zeitpunkt erwischt, in dem ich in meinem eigenen inneren Coming-Out war. Der Text war für mich kein «Aha!»-Erlebnis, sondern sanfter: ein «…ah.»-Erlebnis.
Ist «Eine Frau zu sehen» aus Ihrer Sicht zeitlos?
Ich glaube nicht, dass literarische Texte zeitlos sein können oder sollen; ich finde es wahlweise nötig oder schön, sie in ihren Kontext zu setzen. Es würde Schwarzenbach nicht gerecht, ihre Texte zeitlos zu lesen; ich will anerkennen, dass sie als Frau, als Lesbe, als Journalistin und als Autorin zu ihrer Zeit allein schon mit ihrer Existenz eine Form von Widerstand geleistet hat.
Annemarie Schwarzenbach war journalistisch wie literarisch tätig und engagierte sich politisch, sie wird heute als Ikone gefeiert. Ein bisschen wie Sie?
Oh. Ich habe mich bisher nicht getraut, mich mit ihr zu vergleichen. Eine Gemeinsamkeit ist vielleicht, dass wir beide Privilegien haben: Schwarzenbach wurde in Status und Wohlhaben hineingeboren, das war ihr Privileg. Meines ist, in der Öffentlichkeit als akzeptable queere Frau durchzugehen, weil ich – anders als Schwarzenbach – unter anderem den optischen Ansprüchen an eine Frau entspreche.
Haben Sie Vorbilder?
Ja, ich habe Vorbilder, und ich glaube keiner Person, die behauptet, sie brauche keine. An Lesungen von Carolin Emcke und Margarete Stokowski habe ich realisiert, dass ich ein eigenes Buch schreiben will, kann und darf. Und in Gesprächen mit meinen Freund*innen und Verbündeten darf ich jeden Tag sehen und spüren, was alles möglich ist.
Interessiert Sie Annemarie Schwarzenbachs Biografie oder sind es ihre literarischen Arbeiten? Trennen Sie Leben und Werk?
Ehrlich gesagt: Nein, ich trenne das nicht. Ein Hype vermischt das gern. Das ist wohl auch das Heikle daran, eine Person aus der historischen Distanz abzufeiern: Es birgt die Gefahr, undifferenziert zu werden. Manchmal habe ich Angst, dass ich kritische Aspekte an Schwarzenbach verpasse, ignoriere, um sie weiterhin feiern zu können.
In ihren 34 Lebensjahren hat Schwarzenbach neben einer Doktorarbeit einen Roman geschrieben, 300 Texte sind zu Lebzeiten erschienen, sie hinterlässt imposante Reportage-Fotografien. Was hätten Sie gerne von einer älteren Annemarie Schwarzenbach als Nachlass entdeckt?
Schundliteratur.