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16. Juni 2013
Prinzipiell ist der Konj. I die Form der Wahl der indirekten Rede. Konj. II nur dort, wo ersterer mit dem Indikativ zusammenfiele. Kann der Konj. II darüber hinaus auch dort verwendet werden, wo eine Ferne zum Ausdruck gebracht werden soll? Sowohl in Fällen, wo sich Aussagen später als falsch herausgestellt haben sollten, als auch dort, wo ein früherer Stand wiedergegeben wird? Konj. I, der ja in Nachrichtensendungen selbstverständlich ist, suggeriert, dass etwas aktuell so wäre/sei.
E. E.
Sehr geehrter Herr E.,
was den Unterschied in den Zeiten betrifft, ist Richard Schrodt sehr klar (in: Grammatik der Gegenwartssprache, wo er Ernest Götze/Hess-Lüttich zitiert): „Konjunktiv I und Konjunktiv II unterscheiden sich nicht in zeitlicher Hinsicht: man komme und man käme sind im Hinblick auf die Zeitstufe identisch.” Gut belegt ist hingegen Ihre zweite mögliche Begründung für den Konjunktiv II: dass mit diesem eine Distanz zur Aussage ausgedrückt werden könne, z. B. wenn sich „Aussagen später als falsch herausgestellt haben”. Dies ist in der Tat eine der „Schulen” des Konjunktivs in der indirekten Rede. Es lassen sich, soweit ich sehe, drei unterscheiden:
- Konjunktiv I und II sind (auch hochsprachlich, umgangssprachlich oder mundartlich sowieso) austauschbar
- der Konjunktiv II in indirekter Rede (wo eine eindeutige Form des Konjunktivs I zur Verfügung steht) drückt eine „Distanz” aus
- der Konjunktiv II in indirekter Rede ist (wo eine eindeutige Form des Konjunktivs I zur Verfügung steht) hochsprachlich „falsch”
Vertreter der Schule 1 waren z. B. noch Gustav Wustmann und Hermann Paul. Sie gilt als überholt.
Vertreter der Schule 2 ist z. B. Richard Schrodt (Grammatik der Gegenwartssprache, s. o.): „In den anderen Personalformen wird Konjunktiv II anstelle von Konjunktiv I (der ja formal anders ist als der Indikativ Präsens) benutzt, um die Distanz/Skepsis des Sprechers/Schreibers gegenüber dem Inhalt der Aussage zu verdeutlichen (Klaus sagte, du wärest gesund).” (Ähnlich auch Gerhard Schoebe in Wikipedia, sodann Gerhard Helbig/Joachim Buscha.) Diese Ansicht ist jedoch umstritten. Es funktioniert schon deshalb nicht, weil die Verwechslung von Konjunktiv I und II einer der häufigsten Fehler bei der indirekten Rede ist und weil in den Fällen, in denen keine eindeutige Form des Konjunktivs I zur Verfügung steht, auch bei Nichtdistanzierung ja auf den Konjunktiv II ausgewichen werden muss. Die Anwendung des Konjunktivs im Deutschen ist viel zu unstabil, als dass er eine solche Funktion wirklich übernehmen könnte. Der Leser versteht damit eben gerade nicht, was gemeint ist. Wer sich vom Inhalt der Aussage distanzieren will, muss eine andere Formulierung wählen, der Konjunktiv II hilft ihm dafür nicht. Dass Duden, Bd. 9, den entsprechenden, noch in der 5. Auflage (2001) stehenden Passus unter „Konjunktiv”
Der Konjunktiv II kann gebraucht werden […] 3. als Ausdruck des Zweifels, der Skepsis gegenüber einer berichteten Aussage […]
für die 6. (2007) und späteren Auflagen entfernt hat, ist ein Hinweis darauf, dass auch diese Schule überholt ist. Ab 6. Auflage steht dort nur noch:
Der Konjunktiv II kann gebraucht werden […] 3. abweichend von der Grundregel anstelle eindeutiger Konjunktiv-I-Formen
mit Hinweis auf den Abschnitt indirekte Rede und dort:
Die wenigen eindeutigen Formen des Konjunktivs II werden dagegen sehr häufig gebraucht. Außerhalb von Nachrichten und wissenschaftlichen Texten geschieht das auch dort, wo nach der Grundregel eindeutige Formen des Konjunktivs I zu erwarten gewesen wären: Sie hat gesagt, sie hätte (besser: habe) keine Zeit, weil sie zu beschäftigt wäre (besser: sei), und sie könnte (besser: könne) deshalb morgen nicht mitfahren.
Zum Beispiel wird gäbe gerne fälschlicherweise anstelle von gebe benutzt; Duden, Bd. 9:
Bei starken Verben, die im Konjunktiv I ein e (gebe) und im Konjunktiv II ein ä (gäbe) haben, wird wegen dieser Lautähnlichkeit oft der deutlicher erkennbare Konjunktiv II mit offenem [e] gewählt. Zur Kennzeichnung der indirekten Rede wird jedoch auch hier der Konjunktiv I verwendet, sofern er eindeutig ist: Sie hat beteuert, dass sie nicht nachgebe (nicht: nachgäbe).
Damit bleibt nur noch Schule 3, die im Duden, Bd. 9, ab der 6. Auflage abgebildet ist.
Kurz: Die Meinung, mit dem Konjunktiv II (gäbe/wäre) lasse sich in der indirekten Rede eine Distanz zur Aussage ausdrücken, wenn eine eindeutige Form des Konjunktivs I zur Verfügung steht (gebe/sei), ist überholt. Heute gilt: In der indirekten Rede wird der Konjunktiv I verwendet, wenn dessen Formen eindeutig sind.
Peter Müller, SOK