Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03173.jsonl.gz/1048

In Brasilien hat das Arbeitsministerium am 6. Oktober 2023 gegen die dortige Zulassung von Atrazin Klage eingereicht. Das Arbeitsministerium überwacht die Gesundheit an den Arbeitsplätzen. Fünf Prozent der im Land verkauften Pestizide würden Atrazin enthalten. Die Schweizer Konzern Syngenta sei der führende Hersteller. Das berichtete die Schweizerische Depeschenagentur.
In den USA ist Atrazin weiterhin zugelassen und kommt besonders häufig in Maisfeldern zum Einsatz. Doch es soll zunehmend Krebs- und Hormonerkrankungen verursachen und im mittleren Westen der USA 90 Prozent des Wassers verseucht haben.
Anders in Europa: Deutschland hat den Einsatz von Atrazin bereits 1991, die EU im Jahr 2003 und die Schweiz schliesslich 2012 verboten.
Das Ministerium in Brasilia hält fest, dass zahlreiche Studien darauf hinweisen würden, dass das Herbizid schwerwiegende und irreversible Krankheiten verursachen kann. Laut den Staatsanwälten, welche die Klage einreichten, würden die angegebenen Sicherheitswerte keinen wirklichen Schutz für Betroffen bieten. Zudem entsprächen die klimatischen Bedingungen in den ländlichen Gebieten Brasiliens nicht den Voraussetzungen, die der Hersteller für die «sichere Anwendung» angibt.
Infosperber hat schon mehrfach dazu berichtet
Am 10. Januar 2012 hatte Infosperber unter dem Titel «Die Sünden von Weltkonzernen am Pranger» über das Geschäftsgebaren von Syngenta und den Vorschlag von Greenpeace und der Erklärung von Bern (heute Public Eye) informiert, den Basler Chemiekonzern zum «übelsten Unternehmen des Jahres» zu wählen.
2017 kaufte der chinesischen Staatskonzern ChemChina Syngenta und gliederte es 2022 in das ebenfalls staatliche Chemieunternehmen Sinochem ein. Die immer noch in Basel domizilierte Firma tritt weiterhin eigenständig unter dem Namen Syngenta Group auf. Schon seit längerem bemüht sie sich um den Börsengang an der Shanghaier Börse.
Das Pesticide Action Network North America hatte Syngenta unverantwortliches Konzernverhalten vorgeworfen. So exportiere der Konzern nicht nur Unmengen von Pestiziden und Herbiziden, die in der EU und der Schweiz verboten sind, sondern nehme aktiv und unverfroren Einfluss auf die jeweilige nationale Behörde, die Verbote plant. Als beispielsweise die US-Umweltbehörde das in Europa verbotene Herbizid Atrazin auch in den USA verbieten wollte, habe der Konzern 50 Sitzungen mit Behördenmitgliedern hinter verschlossenen Türen arrangiert und so ein Verbot verhindert.
Atrazin verseucht das Wasser und wird mit steigenden Krebs- und Hormon-Erkrankungen im Zusammenhang gebracht. Am stärksten von den Folgen betroffen sind die Schwellen- und Entwicklungsländer, weil deren Gesetzgebung lückenhaft, die Anwendung kaum überwacht wird und die Regierungen oft korrupt sind.
Acht Jahre später: Syngenta ist Exportkönig von bei uns verbotenen Pestiziden
Am 12. September 2020 berichtete Infosperber erneut unter dem Titel «EU-Exportschlager Gift: Syngenta ist Nummer Eins»: Trotz des Verbots vieler Pestizide und Herbizide in der Schweiz (2012) hat deren Ausfuhr in Schwellen- und Entwicklungsländer nicht etwa abgenommen, im Gegenteil.
Zwischen 2012 und 2019 exportierte die Schweiz insgesamt mehr als 180 Tonnen Pestizide, die in der Schweiz aufgrund ihrer Gefährlichkeit verboten sind, vor allem in Länder wie Indien, Brasilien oder Südafrika. Sowohl in der Schweiz als auch in der EU war der Basler Agrochemiekonzern Syngenta schon damals Exportkönig dieser gefährlichen Produkte. So führte er gemäss Angaben des Bundesamts für Umwelt (BAFU) im Jahr 2018 rund 37 Tonnen Profenofos aus der Schweiz nach Brasilien aus, wo das Insektizid zu den am häufigsten im Trinkwasser nachgewiesenen Substanzen zählte. Profenofos ist seit 1975 auf dem Markt. Es ist mit dem Giftgas Sarin verwandt und kann bei chronischer Exposition bereits in niedrigen Dosen die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen.
Bis und mit 2016 haben fast alle Exporte verbotener Pestizide aus der Schweiz nur zwei Stoffe betroffen: Atrazin, einen hormonaktiven Stoff, der Trinkwasserquellen verunreinigt, und Paraquat, eines der akut giftigsten Pestizide der Welt. 2017 wurde die Liste verbotener Stoffe um 87 Pestizide erweitert, die in der Schweizer Landwirtschaft verboten sind. Das führte statistisch zu einer dramatischen Zunahme von Exporten von in der Schweiz verbotenen Substanzen. Eine Motion im Nationalrat für einen Ausfuhrstopp der in der Schweiz verbotener Pestizide wurde vom Bundesrat 2019 mit der Begründung abgelehnt, eine solche sei «unverhältnismässig».
Ein griffiges Ausfuhrverbot lässt weiterhin auf sich warten
2021 setzte der Bundesrat dann doch ein Exportverbot für Pestizide in Kraft, die in der Schweiz verboten sind. Das Exportverbot galt explizit nur für fünf Substanzen: Paraquat, Atrazin, Diafenthiuron, Profenofos und Methidathion.
Am 12. Dezember 2022 informierte Infosperber darüber: Die Liste gefährlicher und in der Schweiz verbotener Stoffe in der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung von 2020 wurde nicht aktualisiert und der Realität nicht angepasst. Nachweislich sind rund 90 gefährliche Stoffe auf dieser Liste nicht aufgeführt und unterliegen somit nicht einmal einer Meldepflicht. Deshalb tauchen fast 100 Tonnen Pestizid-Exporte von Syngenta in den offiziellen Schweizer Daten nicht auf.
Doch sogar bei Pestiziden, die bewilligungspflichtig sind, zeigten sich die Behörden gegenüber Exporteuren nachsichtig. Laut Dokumenten, die Public Eye vom BAFU erhielt, hat das BAFU dem Basler Agrochemiekonzern Syngenta 2021 und 2022 erlaubt, jeweils mehr als 10 Tonnen Pflanzenschutzmittel auf Basis von Triasulfuron zu exportieren. Diese Substanz ist wegen ihrer Giftigkeit für Wasserorganismen und ihres erbgutschädigenden Potenzials bei uns verboten.
Brasilien wehrt sich
Dass jetzt in Brasilien gegen die Zulassung von Atrazin Klage einreicht, hat sicherlich mit dem Regierungswechsel von Jair Bolsonaro zu Luiz Inácio Lula da Silva zu tun. Lula möchte mit solchen Altlasten seines Vorgängers aufräumen und legt sich dabei auch mit grossen transnationalen Unternehmen an. Ob es dabei sogar zu einer Klage gegen die Schweizer Regierung kommt, die den Export von Pestiziden zulässt, die im eigenen Land verboten sind, ist nicht zu erwarten. Aber die Klage von Brasilien, eines der wichtigsten Agrarproduzenten der Welt, betrifft nicht nur den Ruf von Syngenta, sondern wirft auch ein unvorteilhaftes Licht auf die hiesige Politik hinsichtlich von Exporten verbotener Stoffe in Schwellen- und Entwicklungsländer.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.