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„Kannst du jetzt endlich mal still sitzen?! Du machst mich ganz nervös! So macht man keine Mathe-Aufgaben.“
ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche (vom hyperaktiv-impulsiven Typus oder Mischtypus) sind andauernd in Bewegung. Beim Lernen rutschen sie unruhig auf ihrem Stuhl herum, zucken wie eine Nähmaschine mit den Beinen, klopfen mit den Fingern einen Takt auf dem Tisch oder greifen ständig nach herumliegenden Materialien.
Als Elternteil kann der gesteigerte Bewegungsdrang eines Kindes einen selbst ganz unruhig machen- besonders am Esstisch, bei den Hausaufgaben oder dem Lernen. Oftmals fragen sich Eltern in diesem Zusammenhang:
„Muss ich meinem Kind beibringen, still zu sitzen oder soll ich es einfach zappeln lassen?“
Auf diese Frage gibt uns die wissenschaftliche Forschung eine recht deutliche Antwort:
Zappeln ist hilfreich!
Interessanterweise ist der Bewegungsdrang sowohl bei Kindern mit und ohne ADHS automatisch höher, wenn Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis gestellt werden (Rapport und Kollegen, 2009). Kinder zappeln insbesondere bei geistig anstrengenden Aufgaben, bei denen eine Verbindung zwischen dem Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis hergestellt werden muss und bei denen man die Aufmerksamkeit bewusst fokussieren und immer wieder auf neue wichtige Informationen ausrichten muss (ebd). Verschiedene Forscher gehen davon aus, dass der enorm gesteigerte Bewegungsdrang ADHS-Betroffener in Leistungssituationen eine hilfreiche Kompensationsstrategie sein könnte: Demnach stimulieren sich ADHS-Betroffene durch die exzessive Bewegung, um der Unteraktivierung im präfrontalen Kortex entgegenzuwirken und dadurch ein optimales Erregungsniveau für die Aufgabenbearbeitung zu erreichen (z.B. Dickstein und Kollegen, 2006; El-Sayed und Kollegen, 2002; Mann und Kollegen, 1992; Rapport und Kollegen, 2001, 2008; 2009; Zentall, 2005).
Stark vereinfacht könnte die Bewegung Kindern und Jugendlichen mit ADHS also dabei helfen, ihre Leistungsfähigkeit bei langweiligen oder anstrengenden Aufgaben besser auszuschöpfen.
Diese Vermutung wird mittlerweile von weiteren aktuellen Studien bestätigt. So erbringen ADHS-betroffene Kinder die besten Leistungen in einem Kurzzeitgedächtnis-Test, wenn sie währenddessen exzessiv auf ihrem Stuhl herumwippen, die Beine bewegen und ab und zu von ihrem Platz aufstehen. Eine geringe körperliche Aktivität in der Leistungssituation ging hingegen mit schlechteren Testleistungen einher (Sarver und Kollegen, 2015). Eine andere Studie (Hartanto und Kollegen, 2015) zeigt zudem, dass ADHS-betroffene Kinder vorschnelle Antworten und damit verbundene Flüchtigkeitsfehler besser kontrollieren können, wenn sie sich bei der Aufgabenbearbeitung stärker bewegen.
Die Erfahrung mit ADHS-Betroffenen bestätigt ausserdem, dass ihr Bewegungsdrang nicht abnimmt, wenn man versucht, diesen zu unterbinden. Es baut sich bei den Betroffenen vielmehr ein inneres Gefühl der Unruhe auf und das Lernen wird als noch anstrengender und unangenehmer erlebt.
Wir raten deshalb, die Bewegung bewusst in das Lernen und die Hausaufgaben einzustreuen:
- Manche Schüler/innen arbeiten lieber und besser an einem Stehpult als im Sitzen am Schreibtisch.
- ADHS-betroffene Kinder sind oft motivierter, wenn sie die Leseaufgaben im Liegen auf dem Boden erledigen dürfen.
- Wieder andere gehen beim Auswendiglernen eines Gedichts in der Wohnung umher oder setzen sich dabei auf ein Hometrainer-Fahrrad.
- Mündliche Abfragen von Vokabeln oder dem Einmaleins lassen sich bei Kindern mit hohem Bewegungsdrang sehr gut auf dem Trampolin durchführen.
- Kurze Bewegungspausen während der Hausaufgaben oder dem Unterricht erhöhen die Ausdauer und Konzentration.
Wie könnte das bewegte Lernen bei Ihnen zu Hause aussehen? Wie könnten Sie Ihr Kind durch den Einsatz von körperlicher Aktivität dabei unterstützen, seine Aufgaben konzentrierter zu erledigen?
Es braucht etwas Mut und eine gute Portion Gelassenheit, um das Zappeln beim Lernen und den Hausaufgaben zuzulassen. Wenn Sie sich selbst durch den Bewegungsdrang Ihres Kindes stark gestört fühlen, können Sie überlegen, wie sich die körperliche Aktivität umlenken lässt. Vielleicht kaufen Sie für Ihr Kind ein mit Luft gefülltes Sitzkissen, das die sichtbaren Zeichen der Hyperaktivität abmildert? Vielleicht leiten Sie Ihr Kind dazu an, seinen Arbeitsplatz „abzuspecken“ und nur Materialien auszupacken, die für die jeweilige Aufgabe notwendig sind? Werden weitere Materialien ausser Sicht- und Reichweite verstaut und das Kind stattdessen mit einem Anti-Stressball versorgt, den es während des Lernens kneten kann, wird es seltener an Mäppchen & Co „herumspielen“.
Vielleicht verhilft Ihnen auch das Wissen zu etwas mehr innerer Gelassenheit im Umgang mit Ihrem Wirbelwind, dass seine körperliche Unruhe mit zunehmendem Alter von selbst abnimmt (DSM 5, 2015).
Mehr Konzentration, bitte!
Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie Sie Kinder mit ADHS zu mehr Konzentration und Motivation verhelfen können und dem leidigen Hausaufgabenzoff ein Ende setzen? Dann melden Sie sich noch heute zum Elternseminar „Erfolgreich lernen mit AD(H)S“ an!
Falls Sie als Fachpersonen weitere wissenschaftlich fundierte und dennoch praktische Hilfestellungen für die Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Eltern kennenlernen möchten, empfehlen wir Ihnen unsere Weiterbildung in Lerncoaching.
Weitere praktische Tipps rund um das Lernen mit AD(H)S-Betroffenen finden Sie in unserem Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS":
Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler
Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.
Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen.