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Die wirtschaftliche Kraft hinter den vier Buchstaben ist gewaltig: Die FIAL, die Föderation der schweizerischen Nahrungsmittelindustrien, umfasst über 200 teils multinationale Firmen, die gesamthaft einen Umsatz von fast 30 Milliarden Franken erwirtschaften. Steht ein Konsument im Laden vor dem Lebensmittelregal, blickt er fast ausschliesslich auf Produkte, deren Hersteller sich in der FIAL verbinden. Schweizer Konsumenten kommen an der Organisation nicht vorbei.
Diese Macht kaschiert die FIAL mit höflichen Worten und charmanten Auftritten. Als der Co-Geschäftsführer Franz U. Schmid an einem runden Tisch des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zum Thema Übergewicht und Fettleibigkeit zum Referat ansetzte, hiess es auf der Folie: «Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie als Teil der Lösung». Neben schönen Absichtserklärungen präsentierte Schmid im Frühling 2006 ein neues, einheitliches und freiwilliges System für die Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen. Weil inzwischen mehr als jeder dritte Schweizer übergewichtig oder fettleibig ist, steht die Branche vor der entscheidenden Frage: Wie sagt man einem Konsumenten, dass er mit einem Lebensmittel zu viel Zucker oder ungesunde Fettsäuren zu sich nimmt, das Produkt aber trotzdem kaufen soll?
Dass sich die Industrie in den letzten Jahren zum Thema Übergewicht Gedanken gemacht hat, hat seinen Grund: Die britische Gesundheitsbehörde beschloss 2005 ein einfaches und verständliches Deklarationssystem und führte es 2006 auch gleich ein - auf freiwilliger Basis. Mit einem sogenannten Ampelsystem wird der jeweilige Gehalt von Fett, Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren farblich plakativ markiert. Rot steht für «nur in kleinen Mengen hin und wieder verzehren», Orange heisst, «es ist okay, es häufiger zu essen», und Grün bedeutet «eine gesunde Wahl». Die britische Art, Ernährungshinweise darzustellen, ist bei Konsumenten auf breite Akzeptanz gestossen, wie Studien zeigen. Anfang 2008 waren bereits 10'000 Einzelprodukte mit den Ernährungshinweisen nach dem Ampelsystem gekennzeichnet.
Start durch die Hintertür
Im übrigen Europa aber lehnen Lebensmittelgiganten wie Nestlé, Coca-Cola, Kraft Foods, Kellogg’s, Unilever und andere das Ampelsystem strikt ab. Sie hatten im September 2005 eiligst eine eigene Art der Nährwertangaben kreiert. Genau dieses System adaptierte die Industrie auch für die Schweiz. Auch wenn die FIAL im April 2006 dem BAG, den Gesundheitsorganisationen und Konsumentenverbänden dieses System erst in unverbindlichen Worten vorstellte, die Einführung hatte bereits begonnen. Kellogg’s Schweiz beschriftete bereits Ende 2005 die ersten Produkte nach der neuen Art: Kalorien, Zucker, Fett und Salz werden neu mit eigenen kleinen Symbolen dargestellt. Noch wichtiger aber ist die neue Berechnungsart. Die Angaben auf der Verpackung setzen die Werte in ein Verhältnis zum täglichen Bedarf. Neu werden Kalorien, Zucker, Fett und Salz zudem nicht mehr pro 100 Gramm angegeben, sondern in «Portionen» umgerechnet. So klingen die Zucker- oder Fettgehalte selbst bei Dickmachern auf einmal harmlos.
Auf einer Halbliterflasche Coca-Cola oder Sprite etwa prangt nun der Zucker-Hinweis: 25 Gramm, dazu die Bemerkung, dies entspreche 28 Prozent des täglichen Verbrauchs. Tatsächlich ist aber der Zuckergehalt einer Flasche doppelt so hoch. Denn als eine «Portion», auf die sich die Angaben beziehen, gilt eine halbe Flasche. Kommt dazu, dass die Prozentangabe verharmlosend wirkt: Als Basis für den Tagesbedarf werden 90 Gramm Zucker angenommen, die Weltgesundheitsorganisation WHO ihrerseits empfiehlt für Erwachsene lediglich 50 bis 60 Gramm. Das heisst umgerechnet: Wer eine 0,5-Liter-Flasche dieses Süssgetränks zu sich nimmt, deckt damit den Zuckerbedarf eines ganzen Tages.
Ähnlich bei Mayonnaise: Weil Nestlé die Portion mit bescheidenen 15 Gramm definiert, steht auf der Tube in der Rubrik «Fett»: 17 Prozent des täglichen Bedarfs. Doch tatsächlich besteht Mayonnaise zu 80 Prozent aus purem Fett. Wer schon jemals ein Ei mit Mayonnaise gegessen hat, weiss, dass es bei einem einzigen Druck auf die Tube nicht bleibt.
Kinder in der Zuckerfalle
Noch krasser sind die Nährwertangaben beziehungsweise die Portionendefinition bei Pommes Chips. Bei Pringles bilden 14 einzelne Chips eine «Portion». Nur dank dieser Kleinmenge geht die Rechnung auf. Gemäss Packungshinweis verzehrt man nur 9 Gramm Fett. Gemessen an der täglichen Dosis von 70 Gramm klingt das nach wenig. Realistischer ist jedoch, dass jemand eine halbe Packung Pringles isst - und damit bereits fast die Hälfte des gesamten Tagesbedarfs an Fett zu sich nimmt.
Besonders trügerisch sind die Angaben bei Cornflakes: Die Kellogg’s Smacks etwa, die sich mit Verpackung und beigelegtem Spielzeug gezielt an Kinder richten, bemessen ihre Angaben am Kalorienbedarf einer erwachsenen Person. Dank der klein gewählten Portion und der hoch angesetzten Zuckertagesmenge von 90 Gramm heisst es in der Nährwertangabe, man nehme nur 14 Prozent des täglichen Bedarfs zu sich. Berücksichtigt man aber, dass Kinder weniger Zucker benötigen (laut WHO 38 Gramm) und am Frühstückstisch ihre Schale randvoll füllen, ist der Tagesbedarf an Zucker bereits um 8 Uhr morgens mehr als zur Hälfte gedeckt.
Gegenüber dem Beobachter stellen sich die Nahrungsmittelproduzenten und die Grossverteiler auf den Standpunkt, beim Wert von 90 Gramm Zucker pro Tag seien eben Fruchtzucker und Milchzucker eingerechnet. Die Kritik an den teils absurd kleinen Portionen weisen Industrie und Grossverteiler ebenfalls zurück. Coop - inzwischen sind dort bereits über 1000 Produkte mit den neuen Nährwertangaben versehen - hält fest: «Die Portionen entsprechen den üblich verzehrten Mengen.» Im Übrigen seien sie «zusammen mit dem Verband der Ernährungsberaterinnen definiert worden», was der Verband aber heftig dementiert. Man sei lediglich «angehört und informiert» worden. Coca-Cola behauptet, die Portionengrösse sei aufgrund einer Konsumentenbefragung in sieben Ländern bestimmt worden.
Dass die neuen Ernährungshinweise nicht halten, was sie versprechen, realisiert man inzwischen auch bei den Konsumentenverbänden und Gesundheitsorganisationen. Am runden Tisch des BAG sei man vor vollendete Tatsachen gestellt worden, sagen mehrere Beteiligte. Zwar hätten Ernährungsfachleute den hohen Tagesbedarf an Zucker kritisiert. Ihre Einwände wurden von der FIAL aber ignoriert. Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz spricht im Zusammenhang mit der neuen Kennzeichnung von einem «irreführenden Potential». Für die Ernährungswissenschaftlerin Angelika Wiesner, Mitglied der Geschäftsleitung des Konsumentenforums, grenzen die Angaben über die Nährwerte sogar an eine «Täuschung der Konsumenten». Wiesner: «Viele Leute sind mit den Angaben auf den Lebensmitteln total überfordert, das kann nicht der Weg sein.» Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung sagt Marion Wäfler: «Die verwendete Datenbasis ist wissenschaftlich kritisch zu betrachten und weicht teilweise stark von den Referenzwerten mehrerer nationaler Gesellschaften für Ernährung ab.» Sie attestiert aber der Industrie immerhin, dass sie sich auf ein gemeinsames System geeinigt habe.
«Ausgezeichnet informiert»
Zwiespältig ist die Haltung des Bundesamts für Gesundheit. An der besagten Sitzung vor zwei Jahren lobte es die Initiative der Industrie: «Die vorgestellten freiwilligen Massnahmen sind interessante Ansatzpunkte, um die Verhältnisse nachhaltig positiv beeinflussen zu können.» Heute tönt alles ganz anders. «Das neue System hat nach unserer Ansicht Mängel und ist eher verwirrlich», sagt Elisabeth Nellen-Regli, Leiterin der Gruppe Lebensmittel im Direktionsbereich Verbraucherschutz. Pointiert hält sie fest: «Ein Produkt darf nicht besser dargestellt werden, als es ist.»
Die Werbeoffensive der Industrie rollt derweil weiter. In Deutschland propagieren Lebensmittelgiganten wie Coca-Cola, Kellogg’s, Kraft Foods, Mars, Nestlé, Pepsi, Unilever und andere ihr System unter dem schönfärberischen Titel «Ausgezeichnet informiert - die Initiative für bewusste Ernährung». Die Migros treibt die neue Nährwertkennzeichnung auf die Spitze: Sie hat die Kennzeichnung lediglich auf den sogenannt «gesunden» Produktelinien «Actilife» und «Léger» geführt. Auf den ohnehin kalorienarmen Produkten tönen die Informationen noch viel positiver.