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Infusionstierchen,
s. Infusorien. ¶
Titel
Infusorien
(Infusionstierchen, Aufgußtierchen, Infusoria), Klasse der Protozoen, im Wasser lebende, sehr kleine Tiere mit Wimpern als Bewegungswerkzeugen, mit Mund- und Afteröffnung, pulsierender Blase (Vakuole) und einem oder mehreren Kernen nebst Ersatzkern. Nach außen wird der Körper der Tierchen meist von einer glashellen, zarten Membran (Cuticula) begrenzt; manchmal jedoch ist er nackt und dann einer großen Formveränderung fähig oder auch mit einem förmlichen Panzer umgeben.
Man unterscheidet daher auch wohl formwechselnde, formbeständige und gepanzerte I.; letztere gehören vorwiegend zu den festsitzenden Arten. Die Wimpern, welche den Körper mehr oder weniger dicht bedecken, gruppieren sich um den Mund herum gewöhnlich zu einer Zone, welche einen Strudel im Wasser erzeugt und so die Nahrungsstoffe in die Mundöffnung leitet. Meist sind bei den frei lebenden Formen auch dickere Haare, [* 4] Borsten, Haken etc. vorhanden und dienen gleichsam als Gliedmaßen beim Kriechen oder als Taster etc. Die Nahrungsaufnahme erfolgt zuweilen, wie bei den schmarotzenden Opalinen, durch die ganze Haut [* 5] hindurch auf endosmotischem Weg oder mittels eigner Saugröhren, wie bei den Acineten; gewöhnlich jedoch ist ein Mund und auch ein besonderer After vorhanden.
Vom Mund führt eine zarte Speiseröhre in den halb flüssigen Körperinhalt, und in diesem werden die im Schlund zu Ballen vereinigten Nahrungsstoffe langsam umherbewegt und verdaut, endlich, soweit sie unverdaulich sind, durch den After wieder entleert. Magen [* 6] und Darm [* 7] fehlen, wie das bei den einzelligen Wesen nicht anders sein kann, gänzlich; übrigens geht die verdauende Innenschicht des Körpers allmählich und ohne Grenze in die äußere, härtere Wandung über; diese aber dient vorzugsweise der Empfindung und Bewegung. So treten in ihr auch muskelähnliche Fasern und stäbchenförmige Körperchen, welche wohl als Nessel- oder Angelorgane zu betrachten sind, auf.
Einzelne festsitzende Formen haben sogar in ihrem Stiel ein eignes muskelartiges Band, [* 8] mittels dessen sie den Stiel in eine Spirale aufrollen und sich selbst zurückziehen können. An bestimmten Stellen des Körpers befinden sich auch noch eine oder mehrere kontraktile Blasen (Vakuolen) ohne eigne Wandung; sie ziehen sich rhythmisch bis zum völligen Verschwinden zusammen und dehnen sich wieder aus. Die in ihnen enthaltene Flüssigkeit wird dann durch einen äußerst feinen Porus in das umgebende Wasser entleert.
Sehr merkwürdig sind die verschiedenen Weisen der Fortpflanzung. Bei der einen Art derselben, der Konjugation, legen sich zwei Individuen aneinander und verschmelzen dann in mehr oder minder hohem Grad, so daß sich unter Umständen die beiden Tiere gar nicht mehr voneinander lösen. Die Kerne aber beginnen sich zu teilen und werden darauf aus dem Körper des Infusionstierchens ausgestoßen; an ihre Stelle treten die Ersatzkerne, die man früher irrig für Hoden gehalten und den Kernen als Eierstöcken gegenübergestellt hat, so daß man die Konjugation als geschlechtliche Fortpflanzung deuten konnte.
Überhaupt wurde sie lange Zeit hindurch verkannt, da man wohl die Trennung der beiden Individuen, nicht aber die schon vorher erfolgte Verschmelzung beobachtet und so als Teilung gedeutet hatte. Ferner ist die Teilung ein bei den I. sehr gebräuchlicher Vorgang für ungeschlechtliche Vermehrung; wahrscheinlich findet sie während des Lebens des Individuums zu wiederholten Malen statt, bis dann die durch sie hervorgebrachten jungen I. so klein werden, daß sie einer Kopulation [* 9] bedürfen, um nach der Trennung zur vollen Größe heranzuwachsen und von neuem sich durch Teilung fortzupflanzen.
Bisweilen auch bleiben die Teilstücke miteinander in Zusammenhang und bilden so Kolonien. Die Teilung selbst geschieht meist der Quere, selten der Länge nach; häufig geht eine Einkapselung vorher, bei welcher das Tier die Wimpern etc. einzieht, den Körper zu einer kugeligen Masse kontrahiert und eine erhärtende Kapsel (Cyste) ausscheidet, in der es geschützt auch außer dem Wasser in feuchter Luft ausdauert. Gelangt es dann wieder in Wasser, so zerfällt es in eine Anzahl von Teilstückchen, welche beim Platzen der Cyste frei und zu ebenso vielen Sprößlingen werden.
Endlich erzeugen die I. auch wohl Schwärmsprößlinge, welche die Wandungen des Mutterkörpers durchbrechen und sich frei im Wasser weiter entwickeln. Sonach ist die Fortpflanzung der I. eine sehr mannigfaltige und erfolgt auch mit so großer Schnelligkeit, daß in kürzester Zeit eine ganz ungeheure Nachkommenschaft erzeugt werden würde, wenn nicht zwischen den einzelnen Akten immer größere Zwischenräume und endlich ein völliger Stillstand einträte. Immerhin ist beobachtet worden, daß eine Vorticelline in 24 Stunden 200 Nachkommen hervorbringt, und daß ein Pantoffeltierchen sich in ebenderselben Zeit verachtfacht, was in einer Woche nicht weniger denn 2 Mill. ergeben würde. So erklärt sich auch das oft massenhafte plötzliche Auftreten der I. in scheinbar abgeschlossenen Wassermengen; stets nämlich befinden sich die durch Einkapselung vor dem Austrocknen geschützten Keime in der Luft und gelangen mit ihr überallhin.
Die Lebensweise der I. ist sehr verschieden. Zum Teil schmarotzen sie im Darm oder der Harnblase höherer Tiere, zum Teil leben sie im Innern andrer I.; die meisten jedoch ernähren sich von den mikroskopischen Organismen, zwischen denen sie sich umhertreiben. Manche sind festgewachsen, andre heften sich mit einem Saugnapf an die Oberfläche andrer Tiere und rutschen auf ihr umher. Vorwiegend sind die I. Bewohner des süßen Wassers, doch finden sich auch viele Arten im Meer. Die letztern sind nicht in dem Grad Kosmopoliten wie die erstern, weil die Verbreitung ihrer Keime durch den Wind vergleichsweise selten stattfindet.
Die Einteilung der I. geschieht im allgemeinen nach ihrer Bewimperung. Man unterscheidet gegenwärtig fünf Ordnungen:
1) Holotricha, Körper gleichmäßig mit Wimpern bedeckt, welche in Längsreihen angeordnet und kürzer als der Körper sind; keine Wimperzone am Mund. Hierher unter andern Opalina ranarum aus dem Mastdarm des Frosches.
2) Heterotricha, Körper gleichmäßig mit feinen Wimpern bedeckt, welche in Längsreihen geordnet sind und um den Mund eine deutliche Wimperzone bilden. Hierher die Bursaridae aus den Eingeweiden höherer Tiere.
3) Hypotricha, Körper mit scharf geschiedener Rücken- und Bauchfläche, von denen meist nur die letztere bewimpert ist; Mund auf der Bauchseite. Hierher das Muscheltierchen (Stylonychia mytilus Ehrbg., s. Tafel »Protozoen«).
4) Peritricha, mit rundem oder glockenförmigem, nur teilweise bewimpertem Leib, die Wimpern bilden eine Spirale um den Mund und hinten häufig einen ringförmigen Gürtel. [* 10] Hierher das Glockentierchen (Epistylis nutans Ehrbg., s. Tafel »Protozoen«),
welches, erschreckt oder gestört, an der Übergangsstelle vom Körper zum Stiel umknickt; unter dem hervorstehenden Rande des Deckels liegt die Mundöffnung.
5) Suctoria oder Acineten, Körper meist ohne Wimpern, mit geknöpften, tentakelartigen Fortsätzen, welche als Saugröhren wirken. Leben parasitisch von andern Infusorien. Hierher Acineta (s. Tafel »Protozoen«).
Die I. wurden gegen Ende des 17. Jahrh. von Leeuwenhoek entdeckt; der Name Aufgußtierchen kam ¶
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aber erst im vorigen Jahrhundert in Gebrauch und soll andeuten, daß sich reichlich I. einfinden, wenn man die verschiedenartigsten organischen Substanzen mit Wasser übergießt (infundiert) und stehen läßt. Eine Zeitlang war es fast Modesache, mit solchen Aufgüssen zu arbeiten, und zahlreiche Bücher wußten die abenteuerlichsten Geschichten über die wunderbaren, nur mit dem Mikroskop [* 12] zu beobachtenden Organismen zu erzählen. Durch O. Fr. Müller (»Animalcula infusoria«, 1786) wurde die Kenntnis der I. wesentlich erweitert; aber erst mit Ehrenbergs umfassenden Untersuchungen (»Die I. als vollkommene Organismen«, 1838) beginnt für diesen Teil der Zoologie ein neuer Abschnitt.
Ehrenberg faßte, wie alle seine Vorgänger, das Gebiet in viel zu großer Ausdehnung [* 13] und rechnete nicht nur die niedrigsten Protozoen, wie Diatomeen, Volvocinen, Monaden, sondern auch die hoch entwickelten Rotiferen, die jetzt zu den Würmern gestellt werden, zu den I. Indem er nun die Organisation der Rotiferen zur Basis seiner Deutungen wählte, wurde er bei dem Streben, überall einen gleich komplizierten Bau nachzuweisen, zu zahlreichen Irrtümern verleitet. So schrieb er den I. Magen und Darm, Nieren, Geschlechtsorgane und ein Gefäßsystem zu und wurde hierbei zu den seltsamsten Auslegungen seiner Beobachtungen genötigt.
Erst Dujardin (»Histoire naturelle des infusoires«, 1841), welchem die Zoologie auch die richtige Auffassung der Rhizopoden
verdankt, sowie Siebold stellten die noch geltende Ansicht auf, der Körper der I. sei eine einfache, allerdings hoch organisierte
Zelle.
[* 14] Obwohl nun die Arbeiten von Stein (»Die
Infusionstiere, auf ihre Entwickelungsgeschichte
[* 15] untersucht«, Leipz. 1854; »Der
Organismus der I.«, das. 1859-64, 2 Tle.),
von Balbiani, Claparède und Lachmann (»Études sur les infusoires et les rhizopodes«, Genf [* 16] 1858-61), Engelmann, Cohn u. a. noch viele Einzelheiten zu Tage gefördert haben, so ist doch namentlich von Häckel (1873) gezeigt worden, daß sich diese alle auf Sonderungen im Organismus einer einzigen Zelle zurückführen lassen.