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In der aktuellen Ausgabe
Auf der Suche nach ökologisch sinnvollen und handwerklichen Baustoffen hat sich eine neue Liebe zum Ziegelstein entwickelt, die auch Vertreter des britischen Minimalismus erfasst.
Ist dieser Anbau an ein klassisch-viktorianisches Londoner Stadthaus als minimalistisch einzustufen? Darüber lässt sich gewiss diskutieren. Doch wenn ja, dann vermittelt die Analyse seiner einzigartigen Qualitäten eine Vorstellung davon, was Minimalismus im besten Fall für die Architektur bedeuten kann.
In der bildenden Kunst erlangte die Bewegung Kultstatus mit Künstlern wie Sol LeWitt, Carl Andre, Donald Judd, Frank Stella und Richard Serra. Sie suchten nach einer Philosophie und einer Praxis, die dem entgegenwirken würden, was sie als unnötigen Lärm, Wirrwarr und Redundanz von eher expressionistischen, dekorativen und schwelgerischen Kunstformen betrachteten. Zusammen mit der Konzeptkunst gehört der Minimalismus zu den Bewegungen, die an einem entscheidenden Punkt in der Geschichte dazu beitrugen, unsere Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen oberflächlichen Reizen und grundlegenden Werten zu lenken – nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in Literatur, Musik, Theater und Film. Statt einer Verarmung der Formensprache Vorschub zu leisten, wozu der Modernismus in der Regel tendierte, trugen Minimalismus und Konzeptkunst dazu bei, unsere Wahrnehmung zu schärfen.
Viele Architekturhistoriker neigen dazu, die Ursprünge des Minimalismus allzu sehr zu vereinfachen, indem sie ihn im Wesentlichen auf zwei einflussreiche Vorbilder zurückführen: die Zen-Philosophie und die japanische Architektur, sowohl die klassische als auch die zeitgenössische, wie sie Tadao Ando oder Kazuyo Sejima vertreten. Doch es ist offensichtlich, dass die dialektische Gegenüberstellung von Komplexität und Einfachheit kein ausschliesslich östliches Phänomen darstellt, sondern allen Formen des künstlerischen Ausdrucks gemeinsam ist, seit jeher und in allen Kulturen.
Betrachtet man ein Gebäude wie das an der Harvey Road – ein Entwurf der jungen Architekten Demian Erbar und Holger Mattes –, so ist es wichtig zu verstehen, was mit Minimalismus wirklich gemeint ist. Zuweilen wird er als eine Art asketische Bemühung interpretiert, als ein puritanischer Versuch, die Sinne zu dämpfen und die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung, der symbolischen Erzählung und überhaupt aller materiellen Freuden herunterzuspielen. Hierzu werden der Einsatz der Farbe eingeschränkt und die Materialpalette verkleinert; verwendet werden vorzugsweise geradlinige und rechtwinklige Formen, der Gegenpol zu organischen Kurven und deren potenziell erotischem Beigeschmack.
Diese extreme Interpretation zeigt den minimalistischen Entwerfer als frustrierten Puritaner, der alle anderen Formen schöpferischer Arbeit als unästhetische Auswüchse des Hedonismus betrachtet, als polymorph-perverses Streben nach verbotenen Lüsten. Diese Karikatur sollte man im Hinterkopf haben, wenn man ein bedeutendes Werk minimalistischer Architektur analysiert. Denn bei aufmerksamer Betrachtung unterscheidet sich das tatsächliche Erleben des Objekts, des Raums ganz erheblich vom gängigen Klischee.
Das Haus an der Harvey Road zeugt tatsächlich von einem Streben nach Einfachheit und Klarheit, und die Form- und Materialpalette ist eingeschränkt. Doch paradoxerweise erzeugt genau das ein unmittelbares Gefühl von Wärme, Grosszügigkeit, Vielfalt und Überfluss. Was zunächst als eine Reduktion von Informationen erscheint, erweist sich als das genaue Gegenteil: eine Intensivierung der sinnlichen Wahrnehmung, eine akute Schärfung der Empfindungen, die die Freude an der Raumerfahrung auf eine ruhige und einnehmende Weise steigern. Es ist die gleiche Wirkung wie jene, die der Theaterregisseur Peter Brook mit seinen Inszenierungen und Aufführungen erreicht und in seinem berühmten Buch «Der leere Raum» beschrieben hat; in ähnlich paradoxer Weise hat uns der Musiker John Cage mit seinem «stillen» Stück 4’33” bewusst gemacht, welchen unendlichen Reichtum die uns umgebenden Klanglandschaften bergen. Wir Architekten neigen vielfach zu starken visuellen Effekten und grob vereinfachenden formalen Tricks – und sind oft blind für die Komplexität und Vielfalt von Reizen, die diskretere Quellen aussenden.
In diesem bahnbrechenden Haus ist ein ganzes Spektrum von scheinbar bescheidenen, im Grunde aber sehr kraftvollen Gestaltungsstrategien im Spiel. Ihre vielschichtige, sich gegenseitig verstärkende Wirkung ist sofort spürbar, wenn auch anfangs nur unbewusst.
Sechs Schlüsselmaterialien kommen zum Einsatz: Backstein, Holz, Beton, Glas, natürliches Licht und künstliches Licht. Die Subtilität des Entwurfs von Erbar Mattes Architects liegt einerseits darin, wie diese Komponenten zueinander in Beziehung stehen, und andererseits in den Variationen der einzelnen Materialien. In beiden Fällen zielt die Gestaltung darauf ab, gleichzeitig einen Effekt von Einheitlichkeit und Differenzierung, von Einfachheit und Komplexität zu erzeugen. Der Backstein, das für den Boden und einige vertikale Flächen verwendete Holz und auch der Beton haben einen sehr ähnlichen Ton und eine blasse, matte Oberfläche. Selbst die Verglasungen scheinen mit den anderen Oberflächen zu verschmelzen, weil die Details so ausgebildet sind, dass möglichst keine harten Schatten geworfen werden. Die diskret in die Holzelemente des Kochbereichs eingelassenen LED-Streifen leuchten in einem warmen weissen Licht und fügen sich ohne Misston zu den anderen Materialien. Dieser Sinn für Einheit und Verschmelzung ist so stark, dass man versucht ist, die Materialien zu berühren, um den Übergang zu spüren. Die Komponenten bedingen einander und behalten dennoch ihre spezifischen Eigenschaften und Unterschiede.
Diese inhärente kontrastierende Spannung setzt sich innerhalb der einzelnen Materialien fort. Der Backstein ist ein gewöhnlicher «Saint Ives Cream Rustica», der normalerweise etwas gelblich ist, mit roten und braun-schwarzen Flecken und einer unregelmässigen Oberfläche; hier wurde er mit einer dünnen Kalkmörtelschicht überzogen, die ihm seinen bodenständigen Charakter nimmt und eine flüchtigere, abstraktere Erscheinung verleiht. In der Folge erscheinen die gemauerten Flächen einheitlich und monolithisch; doch bei näherem Hinsehen werden doch wieder kleine Abweichungen erkennbar, die die Oberfläche beleben, ihr eine subtile Artikulation und Komplexität verleihen.
Dieser überraschende, geradezu magische Effekt zieht sich durch alle Ebenen des Entwurfs und bestimmt alle Elemente des Hauses. Die Eiche, die für die Fussböden, einen Teil der Wände und für Einbauten verwendet wurde, ist so behandelt, dass das Holz ähnlich hell und matt schimmert wie die anderen Oberflächen; doch extrem subtile Variationen in der Maserung an kaum wahrnehmbaren Stellen verhindern den Eindruck von Monotonie oder Sterilität. Der Beton wiederum ist in einem konstant hellen Ton gehalten, aber mit feinen Unterschieden in Körnung und Textur, je nachdem, ob er für tragende Elemente wie den schlanken Fenstersturz oder für Arbeitsflächen verwendet wurde. Die Öffnungen sind alle klar verglast, doch die Details sorgen für eine subtile Differenzierung zwischen Gartentüre, Festverglasung und Dachfenster. Sie sind verwandt, aber als unterschiedliche Typen erkennbar. Auch die LED-Beleuchtung, die im ganzen Haus verwendet wurde, kommt in drei verschiedenen Arten vor, je nachdem, ob sie im Holz, im Luftabzug an der Decke oder in Wandoberflächen integriert ist.
Was für die Auswahl der einzelnen Materialien und den ausgeklügelten Umgang mit ihren Beziehungen untereinander gilt, trifft im grösseren Massstab auch auf die Planung und Gestaltung des Hauses als Ganzes zu. Die Architekten wollten zweierlei erreichen. Zum einen strebten sie nach Klarheit und Einfachheit, um alle Teile des Hauses zu einer Einheit zu verschmelzen; zum anderen war es ihnen ein Anliegen, die spezifischen Eigenschaften und Besonderheiten eines jeden Teils zu betonen, die unterschiedlichen Arten, wie die Familie sie nutzt, und die möglichen Veränderungen im Lauf der Zeit. Eine aussergewöhnliche Mischung aus Homogenität und Heterogenität also, eine anspruchsvolle Symbiose von zwei scheinbar unvereinbaren Bestrebungen. Die Architekten haben diese Herausforderung mit klaren gestalterischen Entscheidungen gemeistert.
Was die Homogenität betrifft, haben sie mit der bereits erwähnten konsequenten Formensprache eine starke Zusammengehörigkeit erzeugt – beim Umgang mit allen Materialien und bei der Art und Weise, wie diese Materialien miteinander in Beziehung gesetzt wurden. Das Haus liest sich durchgehend als kohärente Raumfolge, die vom Eingang auf der Strassenseite bis zum Hof auf der Rückseite eine harmonische Kontinuität zwischen innen und aussen schafft. Der Besucher spürt zuerst die fliessende Kontinuität dieser Bewegung und weniger den Charakter der einzelnen Bestandteile.
Insbesondere der Hof ist sofort als Teil dieses räumlichen Kontinuums fassbar. Man nimmt ihn primär als Raum wahr, weil er vorwiegend harte Oberflächen hat, bei denen eine ähnliche Qualität von Backstein und Beton verwendet wurde wie in den Innenräumen, und auch, weil der Boden des Wohnbereichs exakt auf das Niveau des Hofs abgesenkt wurde. Auf diese Weise entsteht das, was die Japaner poetisch den «Shakkei»-Effekt nennen: das «Ausleihen» eines Stücks Natur, das als Erweiterung in ein menschliches Artekfakt integriert wird. In dieser Hinsicht ist das Übergangselement zwischen drinnen und draussen – die niedrige Couch, die eine erfinderische Neuinterpretation des Bay Window verkörpert – ein hybrides Möbel, das gleichermassen ein Gegenstand des Innen- wie des Aussenbereichs ist und die beiden Reiche miteinander verbindet.
Im Sinne der Heterogenität beschlossen die Architekten schon recht früh im Planungsprozess, die Innenwände beim Umbau nicht abzureissen, was das Haus in einen grossen, undifferenzierten Raum verwandelt hätte. Stattdessen entschieden sie sich dafür, die Unterschiede zwischen den vier Bereichen im Erdgeschoss zu erhalten und zu überhöhen. So entstanden das gemütliche vordere Zimmer zur ruhigen Strasse hin, der dunkle Hauswirtschaftsraum, der grosszügigerweise einiges an Unordnung verträgt, der vielseitig nutzbare Wohnbereich und der helle Aussenhof. Innerhalb dieser Teile entstehen wie in der fraktalen Geometrie weitere Differenzierungen; der Wohnbereich zum Beispiel teilt sich auf in Kochbereich, Essbereich, Sitz-/Fernsehbereich und Spielbereich. Dazwischen gibt es keine Grenzen; die Nutzer definieren sie durch ihre Aktivitäten und ihr Verhalten. Vermutlich werden die verschiedenen Bereiche des Raums mit der Zeit, wenn sich das Licht im Lauf des Tages verändert, zum Leben erweckt und sorgen für eine a bwechslungsreiche Choreografie von Ereignissen. Die Gestaltung ermöglicht auf subtile Weise die Entstehung von unterschiedlichsten Nischen und Aktivitäten.
Ein kleines Haus, zumal am Anfang einer Architektenkarriere, ist ein Mikrokosmos, in dem sich der ganze Ehrgeiz der jungen Entwerfer entfalten und in konzentrierter Form manifestieren kann. Im Fall von Erbar Mattes lassen der Reichtum des Entwurfs und die raffinierte Realisierung aussergewöhnliche Talente erahnen.
(Übersetzung aus dem Englischen: TTN Translation Network, Genf)
Ort: Harvey Road, Haringey London
Architektur: Erbar Mattes, London
Bauherrschaft: privat
HLKS-Planung: Environmental engineering Partnership, West Wycombe (GB)
Tragwerksplanung: Thomas Hallam Consulting, Hitchin, Hertfordshire (GB)
Bauunternehmung: Ireneusz Maduzia, London
Betonfertigteile Fassade: CAP, Suffolk (GB)
Betonfertigteile Möbel: Designfinger, Essex (GB)
Parkett: Chauncey, Bristol (GB)
Lichtdesign: Luxologie Grays, Essex (GB)
Ziegelstein: Wienerberger, Cheadle, Cheshire (GB)
Holz Innenausbau: Eiche, Ireneusz Maduzia, London
Fenster: Sunflex, Norwich (GB)
Beleuchtung: Viabizzuno, London
Umfang: 150 m2
Fertigstellung: 2016