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Wer von Vaglio in der mittleren Capriasca aus in südliche Richtung die bewaldeten Anhöhen durchwandert, stösst auf Schritt und tritt auf Spuren einstiger menschlicher Tätigkeit. Zerfallende Terrassierungsmauern, Fundamente einzelner Gebäude und alte Wegspuren zeugen von früherer landwirtschaftlicher Nutzung und künden die Nähe einer untergegangenen Siedlung an. Am Rand einer kleinen Waldlichtung erhebt sich eine anspruchslose Barockkapelle, dem S. Clemente geweiht. Sie steht an der Stelle einer schon im 14. Jahrhundert urkundlich fassbaren Kirche, die zum Dorf Redde (oder Rede) gehörte. Dieses Dorf ist seit langem zerstört; seine Spuren finden sich im Wald westlich der Kapelle S. Clemente, wo ein alter Weg von Vaglio zum Höhenheiligtum S. Bernardo vorbeiführt. Spärliche Reste aus Trocken- und Mörtelmauerwerk kennzeichnen den einstigen Siedlungskern, den man sich aus einer lockeren Ansammlung einzelner Häuser, umgeben von einer Umfassungsmauer, vorzustellen hat. Einige Mauerzüge dürften von Viehpferchen stammen. Ohne systematische Grabungen lassen sich die Zusammenhänge nicht mehr feststellen.
Den sichtbaren Rest der untergegangenen Siedlung bildet ein gut erhaltener, in letzter Zeit freilich zunehmend vom Zerfall bedrohter Wohnturm aus dem Mittelalter. Sein ausgezeichnetes lagerhaftes Mauerwerk und sein sorgfältiger, aus Bossenquadern aufgeführter Eckverband weisen zusammen mit der schönen Rundbogentür an der Südseite auf eine Entstehungszeit um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert hin. Der Turm ist in seiner ursprünglichen Höhe von vier geschossen erhalten. Er trug einst ein flaches Zeltdach. Von dessen Steinplattenabdeckung sind noch Reste auf der Mauerkrone sichtbar. Die einzelnen Stockwerke waren teilweise durch hölzerne Aussentreppen und Laubengänge miteinander verbunden. An die einstige Bewohnbarkeit des Turms erinnern Wandnischen, ein Schüttsteinablauf und ein Rauchabzug. An die Nordfront lehnte sich ein nunmehr verschwundenes Gebäude, und unmittelbar vor der Südfront erhob sich ein Rechteckbau aus Mörtelmauerwerk, wohl ein nachträglich errichtetes Wohnhaus. Von einem urkundlich im 14. Jahrhundert erwähnten Graben haben sich keine Spuren mehr erhalten. Diese Nachricht belegt immerhin, dass der Turm einst einen wehrhaften Eindruck gemacht haben muss, als es heute den Anschein macht. Sein herrschaftlich-repräsentativer Charakter ist noch immer erkennbar.
Über die Geschichte des Turms und des Dorfes von Redde gibt es nur wenige und unvollständige Nachrichten. Die Siedlung ist urkundlich 1270 bezeugt, der Turm wird erst im 14. Jahrhundert erwähnt, und zwar erstmals 1310. Die Herrschaftsrechte gehörten dem Bischof von Como, der sie als Lehen an die Rusca vergab. Dieses Comasker Adelsgeschlecht war in zahlreiche Linien aufgeteilt und hatte im 14. Jahrhundert im ganzen Sottocenere umfangreiche Güter und Rechte inne, so auch in der Gegend der Capriasca, wo in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Leo Rusca als Grundherr und Inhaber von Redde auftrat.
Nahe Verwandte Leos sassen zu Bedano und auf der Burg von Bironico. Den Grundbesitz zu Redde und möglicherweise auch Ansprüche auf den Turm mussten die Rusca allerdings mit einem anderen Geschlecht aus Como teilen, mit den Canonica de Criviascha. Diese sind seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in der Capriasca nachweisbar. Möglicherweise waren sie die Erbauer des Turms von Redde. Als Sitz eines grundherrlichen Beamten dürfte die Torre di Redde bis ins ausgehende Mittelalter bewohnt gewesen sein. Im 16. Jahrhundert wurde das Dorf verlassen, offenbar infolge einer Pestepidemie, welche die meisten Bewohner dahingerafft hatte. Die Auflassung des Dorfes dürfte auch zur Preisgabe des Turms geführt haben.
Bibliographie