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Übersetzt, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Christina Neth. Norderstedt: Books on Demand, 2014.1)
Von Elizabeth Gaskell weiss man im Allgemeinen, dass sie Pfarrerstochter und -gattin war, mit Charlotte Brontë befreundet und deren Biografie verfasst hat. Dass sie eigene Romane geschrieben hat, die meisten davon ‚unter Obhut‘ von Charles Dickens, weiss man nur selten.
Dabei gehörte sie durchaus in den Kreis der grossen Viktorianer. Weniger melodramatisch als der mittlere Dickens, war sie aufgrund ihrer Herkunft und ihres Standes zwar stark im christlichen Glauben verankert, was ihr ihre wohl melodramatischsten Szenen abrang. Weniger ironisch als Jane Austen, verfügte sie dennoch über eine gehörige Portion an Ironie, auch wenn ihre Schilderung v.a. dessen, was man seit Marx und Engels ‚Proletariat‘ zu nennen pflegt (Gaskell kannte den Ausdruck noch nicht), dann wieder sehr an den Naturalismus französischer Ausprägung (Zola) erinnert.
Norden und Süden ist eine Liebesgeschichte und zugleich die Schilderung eines Arbeiteraufstandes in der fiktiven (aber dem Gaskell wohl bekannten Manchester nachempfundenen) Baumwollindustriestadt Milton-Northern. Der Titel bezieht seine Legitimation daher, dass Margaret Hale, die Heldin, mit Vater und Mutter aus einem südenglischen Dörfchen in den Norden gezogen ist, weil der Vater, ein anglikanischer Priester, eine Glaubenskrise durchgemacht und seine Stelle aufgegeben hat. Doch im Grunde genommen spielt Norden und Süden in vier verschiedenen Milieus. Da sind nämlich noch London zu nennen, wo die reichen Verwandten der Hales residieren, und Oxford, wo Margarets Pate das glückliche Leben eines akademischen Nichts-Tuers lebt. (Wenn man die brieflichen Mitteilungen von Edith, Margarets Cousine, mit einbezieht, sind es gar deren fünf, da Ediths Mann Offizier ist und über weite Teile des Romans im Mittelmeer stationiert.)
Gaskells Figuren sind präzise und liebevoll gezeichnet. Niemand ist als schwarzer Bösewicht markiert – etwas, das ja Dickens‘ Romane so schwer verdaulich macht. Selbst den Arbeitern, auf deren Seite Gaskell ganz offensichtlich nicht steht, wird Gerechtigkeit getan. Andererseits ist auch Margaret nicht ohne Fehler. Allerdings sind diese Fehler eher klein – aus heutiger Sicht oft kaum nachvollziehbar. Ihre riesigen Gewissensbisse, als sie, um ihren Bruder zu schützen, die Polizei anlügt, kann wohl nur viktorianische Frömmigkeit verstehen. Auch dieser vorsichtige Tanz des einen um die andere, der einen um den anderen, birgt für den heutigen Leser groteske Züge – obwohl gerade dies keineswegs grotesk gemeint war.
In der Mitte hängt der Roman ein wenig durch. Man spürt, wie Gaskell, gezwungen durch die Serialisierung in einer Zeitschrift (die Dickens redigierte, das nur nebenbei), verschiedene Handlungsstränge aufbaut und nebeneinander her führt, diese von Kapitel zu Kapitel jeweils einzeln vornimmt, um sie weiter zu führen. Jedes Kapitel birgt zum Ende einen mehr oder weniger grossen Cliff Hanger. Obwohl Elizabeth Gaskell bei der definitiven Veröffentlichung als Roman vieles ausgeebnet und ergänzt hat, bleiben dem Roman diese Eierschalen seines Ursprungs haften.
Aber all dies soll uns nicht daran hindern, anzuerkennen, dass hier eine grosse Romancière einen grossen Roman geschrieben hat. Wohl keiner Frau jener Zeit (und mit den drei Brontë-Schwestern und Jane Austen sind da keine geringen Namen zu nennen!) ist es so gut gelungen, einen männlichen Charakter zu schildern, der nicht ein Zerrbild von Männlichkeit darstellt. Und damit meine ich nicht nur Thornton, den Industriebaron, wie es – gemäss Wikipedia – Richard Armitage anlasslich einer BBC-Serialisierung ausgedrückt haben soll2); damit meine ich auch z.B. den Arbeiter und Gewerkschaftsführer Higgins. Selbst Margarets Vater ist in seiner Charakterschwäche sehr gut getroffen. Der heimliche Star allerdings unter den Figuren des Romans ist Dixon. Dienstmädchen in der Familie seit niemand-weiss-wieviel Jahren, eigentliche Chefin des Haushalts, schon zu Lebzeiten von Margarets Mutter, schon im Süden. Eifersüchtig auf die Liebe der Tochter zur Mutter, der Mutter zur Tochter, gelangt sie doch dahin, nach der Mutter Tod ihre eigene Liebe auf die Tochter zu übertragen. Ohne dass Gaskell sie zur Karikatur macht, haben wir hier das einfache, alte Mädchen vom Land, das seine Werte und seine Weltanschauung auch in der Grossstadt nicht ändert. Sie ist schrullig, oft unfreiwillig komisch – aber eben nie eine Witzfigur.
Überhaupt zeichnet sich der Roman durch eine gesunde Portion Realismus aus, und erhebt sich so weit über das, was Dickens bis heute so berühmt macht. Man sollte mehr Gaskell und weniger Dickens lesen, finde ich.
1) Ich verweise ebenfalls auf das ‚Nicht-Interview‘, das ich damals an der Leipziger Buchmesse mit Christina Neth geführt habe.
2) Wer die Geschichte ausführlich zusammengefasst haben will, kann den gleichnamigen Wikipedia-Artikel lesen, dort auch der Hinweis auf Armitage‘ Aussage. Leider führt der Link zum Original-Artikel mittlerweile ins Internet-Nirwana.