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Letzte Woche habe ich geheiratet (Gratulationen bitte unten in die Kommentarspalte, danke).
Nun höre ich ständig die Frage: «Wie heisst du jetzt?» Was bitte soll das heissen, wie ich jetzt heissen soll?
Die Schweiz hat seit vier Jahren ein neues Namensrecht, im Zivilgesetzbuch steht: «Jeder Ehegatte behält seinen Namen.» Mit Ehegatte ist hier auch die Gattin gemeint. Im Normalfall behält also jeder und jede in der Ehe den bisherigen Nachnamen.
What?
So normal ist das aber gar nicht. Denn trotz neuem Namensrecht nehmen die meisten Frauen den Namen ihres Mannes an, sogar im fortschrittlichen Basel. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Amts. Im Jahr 2015 nahmen 516 Baslerinnen den Namen ihres Mannes an, das sind 61 Prozent aller neu verheirateten Frauen. Ein gutes Drittel, insgesamt 280 Frauen, behielt den eigenen.
Da muss ich die Rumpelwichte aus «Ronja Räubertochter» zitieren und fragen:
Die Antwort ist simpel: Weil die Männer sich weigern, den Namen der Frau anzunehmen, das ergab ein Blick in meinen Bekanntenkreis. Nein, mein Bekanntenkreis ist natürlich keine anständige Stichprobe, ich lebe in einer Bubble aus Journalisten, Grafikern, Ärzten, Historikern und Juristen. Mehrere davon sagten mir: «Ich könnte nie den Namen meiner Frau annehmen.» Wieso können sie nicht sagen: «Es wäre einfach komisch.»
Er will seinen Namen weitergeben
So geht es den meisten Männern in Basel. Nur 12 Männer nahmen im Jahr 2015 den Namen ihrer Frau an, 814 behielten ihren eigenen. In Prozentzahlen: 96 Prozent der Männer behielten ihren Namen und nur 1 Prozent nahm den Namen der Frau an. (3 Prozent haben entweder ausländisches Namensrecht befolgt oder ihre Entscheidung ist nicht bekannt.)
«Das ist doch nur liberal!», mögen Sie jetzt einwenden.
Und natürlich haben Sie recht, wie so oft, lieber Leser, liebe Leserin. Es ist kein Verbrechen, wenn Mann seinen Namen behalten will. Solange er dasselbe Recht seiner Frau zugesteht. Ich kenne gleich zwei Männer, die das nicht taten. Sie machten ihren Frauen Szenen, nächtelang, bis diese sich geschlagen gaben und zur Trennung vom eigenen Namen bereit zeigten.
Die Begründung der Männer: «Ich möchte meinen Namen weitergeben.» Und ihre Frauen sagten dazu: «Es ist ja eigentlich noch schön, wenn wir alle gleich heissen und nach aussen als Familie erkennbar sind. Und mein Name ist mir halt weniger wichtig als ihm seiner.»
Und ich muss wieder fragen:
Unter dem Strich ist es also wichtiger, dass alle gleich heissen, als dass alle Wünsche respektiert werden. Und der Wunsch des Mannes ist wichtiger als der Wunsch der Frau.
Ich weiss, ich weiss, es ist nicht bei allen Paaren so. Zwei gute Freundinnen haben schon immer und vollkommen freiwillig erklärt, sie würden ihren Namen wechseln. Sie definieren sich mehr über ihre Zugehörigkeit zur Gesamtfamilie als über ihre Individualität. «Weil es schön ist und romantisch.»
Auch das ist nur liberal!
Natürlich ist es das. Und es hat bestimmt auch etwas mit der Art und Weise zu tun, wie man Liebe definiert: mehr so als süsses Verschmelzen unter dem Sternenhimmel mit Hintergrundstreichern oder mehr als pragmatische Partnerschaft mit Fussmassage vor dem Fernseher. Oder ist eine der wichtigsten Fragen einer Beziehung nicht: Wie sehr bin ich ich und wie sehr sind wir wir?
Und wenn sie nicht gestorben sind…
Schauen wir mal in die Literatur. Dort wissen grandiose Dramen wie Vampirschnulzen gleichermassen: Wenn die ganz grosse Liebe kommt, brauchts Verschmelzung – und die ist nur im Jenseits möglich. In «Romeo und Julia» finden die Liebenden Erfüllung im Tod, in der Vampirschnulze «Twilight» in der Unsterblichkeit.
Drücken Frauen im Namenswechsel vielleicht eine Sehnsucht nach der Art von Liebe aus, in der man verschmilzt – oder verschwindet?
Weil verschwinden, das tun sie. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte:
«Die Existenz eines Gegenstands geht daraus hervor, dass sein Name in der Sprache gebraucht wird.»
Wenn wir das nun auf den Menschen umlegen: Wo bleibt denn die Frau, wenn ihr Name nicht mehr gebraucht wird? Existiert sie überhaupt?
Klar, sie lebt noch. Aber so richtig als eigenständige Person? Wenn Frau Burckhardt nämlich plötzlich Frau Sarasin heisst, dann ist sie jetzt eigentlich: die Frau von Herrn Sarasin. Frau Burckhardt, die Frau, die sie vor der Ehe war, gibt es nicht mehr. Zumindest auf Papier gibt es sie nicht mehr, in der ID nicht, auf dem Türschild nicht, auf den Visitenkarten ihres Betriebes nicht.
Ein Denkmal für Herrn Sarasin
Herr Sarasin dagegen gibt nichts auf, er bleibt, was er war, er gewinnt sogar etwas dazu: Indem er Frau und Kindern seinen Namen gibt, baut er sich lebendige Denkmäler. Jedesmal, wenn man «Frau Sarasin» sagt, denkt man ihren Mann implizit mit, erweist man ihm Reverenz. Bei seinen Kindern ebenso. Den Frauen dagegen erweist niemand Reverenz, dafür gibts den Muttertag. Wieder so ein romantischer Anlass mit Blumen und Streichern, über dem glatt vergessen geht, dass es nicht nur um Liebe geht, sondern auch um Macht.
Ja, um Macht. Sonst würde der Namenswechsel nicht immer nur in eine Richtung – in die der Frauen – passieren. Oder? Sonst hätten die Männer auch nicht so grosse Widerstände, den Namen der Frau anzunehmen. Klar, das zu vergessen ist leicht, weil es schon immer so war, weil Herr Sarasin schon immer Herr Sarasin war.
Es ist übrigens – und das ist auch ein deutliches Indiz – noch niemand auf die Idee gekommen, meinen Mann zu fragen, ob er jetzt Fopp heisst.
Alle happy, trallala
Das mag jetzt etwas übertrieben klingen. Deshalb noch ein Beispiel, dass Macht und Namen zusammenhängen. Vorsicht, es ist ein drastisches: In der amerikanischen Sklaverei haben Sklavenbesitzer erworbenen Sklaven jeweils einen neuen Namen gegeben, um zu zeigen: Du gehörst mir.
Nein, ich will hier auf keinen Fall Ehe und Slaverei vergleichen. Frau Sarasin kann mit neuem Namen weiterhin Regierungsrätin werden oder Verwaltungsratspräsidentin, sie kann abstimmen und Herr Sarasin hat keine Peitsche. Die Frau gehört sich selber, dafür sorgt das Eherecht seit den 80er-Jahren.
Und vielleicht ist die Frau als Frau Sarasin sogar glücklicher, weil sie sich als Teil eines Ganzen sieht. Das hat ja auch was, das ist etwas wert in unserer individualistischen, egoistischen Gesellschaft. Deshalb: Tut, was euch glücklich macht.
Denkt auch mal an mich!
Wobei, nein, eigentlich nicht: Es geht mir auf den Keks, dass ich ständig nach meinem vermeintlich neuen Namen gefragt werde. Wenn andere Frauen ein Stück Macht abgeben, erwartet die Gesellschaft von mir dasselbe. Deshalb: Frauen, behaltet eure Namen. Ihr seid doch nicht nur die Frau von! Und Männer, entspannt euch mal ein bisschen und verstreut euren Namen nicht wie Journalistinnen ihre Weisheiten.
So, und weil Romantik so schön ist, hier eine Zusammenstellung aller «Twilight-Trailer», kitschgeladen und machttriefend, bittescheen: