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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Achte Homilie.
IV.
Siehst du, wie er den ganzen Gegenstand aus allgemeinen Begriffen bekräftigt? Er will damit sagen: Ich habe euch Christum verkündet, habe euch das Fundament gelegt: sehet nun zu, wie ihr darauf fortbauet, ob aus eitler Ruhmsucht, ob aus Begierde, euch Anhänger vor den Menschen zu gewinnen. Schließen wir uns also keiner Sekte an: „Denn einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist.“ — Auf diesem Fundamente nun laßt uns fortbauen, an diesem uns festhalten, wie der Rebzweig am Weinstocke; Nichts soll uns von Christo trennen; denn sobald etwas Trennendes dazwischen kommt, sind wir bald verloren. Der Rebzweig saugt die Nahrung dadurch ein, daß er (am Weinstocke) haftet, und das Gebäude steht fest durch die Verbindung mit dem Fundamente; ohne dieses stürzt es zusammen, weil es keine Stütze mehr hat. Laßt uns also nicht nur Christo anhangen, sondern die innigste Vereinigung mit ihm anstreben; Κολληθῶμεν αὐτῷ — conglutinemur ipsi. denn sind wir von ihm getrennt, so sind wir verloren: „Die sich von dir entfernen, gehen zu Grunde,“ heißt es.1 Darum wollen wir uns mit ihm innig vereinen, und zwar durch die Werke; denn „wer meine Gebote hält, der bleibt in mir,“ spricht er.2 Durch vielerlei Beispiele stellt [S. 141] er uns diese Vereinigung vor Augen. Gib einmal Acht: Er ist das Haupt, wir aber sind der Leib; kann es aber zwischen dem Haupte und dem Körper einen leeren Raum geben? Er ist das Fundament, wir sind das Gebäude; er ist der Weinstock, wir sind die Rebzweige; er ist der Bräutigam, wir sind die Braut; er ist der Hirt, wir sind die Schafe; er ist der Weg, wir sind die Wanderer; wir sind der Tempel, und er ist es, der darin wohnt; er ist der Erstgeborene, und wir sind seine Brüder; er ist der Erbe, und wir sind die Miterben; er ist das Leben, und wir sind die Lebenden; er ist die Auferstehung, und wir sind die Auferstehenden; er ist das Licht, und wir sind die Erleuchteten. Dieß alles deutet auf Einheit hin und duldet auch nicht die mindeste Trennung; denn wer sich auch nur ein wenig trennt, der wird sich selbst wenn er vorwärts schreitet, bald sehr weit entfernen. Wird der Leib durch das Schwert nur ein wenig vom Haupte getrennt, so geht er zu Grunde; zeigt das Gebäude nur eine kleine Spalte, so stürzt es zusammen; und der Rebzweig, nur ein wenig vom Stocke getrennt, bringt, keine Frucht mehr. Also ist dieses Wenige nicht wenig, sondern es ist daran fast Alles gelegen. Haben wir uns also eines geringen Fehlers, einer kleinen Nachlässigkeit schuldig gemacht, so wollen wir Das nicht als eine Geringfügigkeit übersehen; denn schnell wird das Unbeachtete groß. So wird der kleine Riß im Kleide, wenn man nicht darauf achtet, sich bald über das ganze Kleid ausdehnen, und das Dach, von dem nur einige Ziegel herabfielen, die man nicht beachtete, wird das ganze Haus verderben. Das wollen wir also bedenken und die kleinen Fehler nie gering achten, damit wir nicht in große verfallen. Sollten wir sie aber vernachlässigt haben und in den Abgrund der Übel gerathen sein, so wollen wir doch den Muth nicht verlieren, damit wir nicht in Betäubung versinken. Denn es ist dann, wenn man nicht sehr auf der Hut ist, gar schwer, wieder herauszukommen, nicht nur wegen der Tiefe, sondern auch wegen der Lage selbst. Die Sünde ist ein Abgrund und drängt (den Menschen) häupt- [S. 142] lings hinab; und gleichwie, wer in einen Brunnen gefallen, nicht leicht mehr herauskommt, sondern Anderer bedarf, die ihn herausziehen, so auch Derjenige, welcher in die Tiefe des Lasters versunken ist. Denjenigen also, die so gesunken sind, wollen wir Stricke zuwerfen und sie herausziehen; allein nicht bloß Andere bedürfen derselben, sondern auch wir, um uns daran fest zu halten und heraufzusteigen, nicht nur soweit, als wir hinabgesunken sind, sondern weit höher, wenn wir nur wollen; denn Gott steht uns bei: „Denn er will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre.“3 Niemand verzweifle also. Niemand verfalle in die Krankheit der Gottlosen, deren Sünde die Verzweiflung ist: „Denn der Gottlose achtet Nichts mehr, wenn er in die Tiefe des Lasters geräth.“4 Nicht die Menge der Sünden verursacht die Verzweiflung, sondern des Gottlosen Gesinnung. Wenn du also auch jegliches Laster verübt hättest, so sprich bei dir selber: Gott ist barmherzig und verlangt nach unserem Heile: „Wenn euere Sünden roth sind, wie Scharlach,“ spricht er, „so will ich sie weiß machen wie Schnee“ und ihnen eine ganz andere Gestalt geben. Wir wollen daher nicht muthlos werden; denn fallen ist nicht so schlimm, als nach dem Falle liegen bleiben; verwundet sein ist nicht so arg, als nach der Verwundung kein Heilmittel annehmen wollen. „Wer darf sich wohl rühmen, daß er ein reines Herz habe? Oder wer darf sagen, daß er frei von Sünde sei?“5 Das sage ich nicht, daß ihr lässiger werden sollt, sondern um euch vor der Verzweiflung zu bewahren.
1: Ps. 72, 27.
2: Joh. 14, 21.
3: Ezech. 18, 23.
4: Sprüchw. 18, 3.
5: Ebd. 20, 9.