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Der 17. März 1972 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte des Schweizer Sports und der Sportförderung in unserem Land. Auslöser dafür waren mitunter die bislang ersten und einzigen medaillenlosen Winterspiele aus Schweizer Sicht 1964 in Innsbruck. Das Olympia-Fiasko hatte zur Folge, dass die Sportförderung in der Schweiz überdacht wurde. Bis dato waren für den militärischen Vorunterricht nämlich nur jugendliche Männer ab 16 Jahren zugelassen. Dieser war auf die körperliche Ertüchtigung und auf den Militärdienst zugeschnitten.
Mit der Genehmigung des Verfassungsartikels durch das Schweizer Stimmvolk über Turnen und Sport im Jahr 1971 begann der Aufbau von «Jugend + Sport (J+S)» als Nachfolgeorganisation. Die Inkraftsetzung des Bundesgesetzes über die Förderung von Turnen und Sport vom 17. März 1972 gilt somit als eigentliche Geburtsstunde von J+S. Die neue Organisation setzte sich zudem zum Ziel, Kinder und Jugendliche schon früh für den Sport zu begeistern. So durften bei J+S Mädchen und Knaben bereits ab 14 Jahren teilnehmen. Gleichzeitig wurde mit dem Gesetz an den Schulen drei Lektionen Sportunterricht pro Woche sowohl für Jungen als auch für Mädchen eingeführt.
Im Laufe der Jahre wurde das J+S-Angebot auf immer jüngere Kinder angepasst und ausgeweitet. 1994 wurden Sportangebote für Kinder ab zehn Jahren unterstützt. Seit 2007 gar bereits ab fünf Jahren. In der ersten Phase stand bei J+S die reine Sportvermittlung im Zentrum. «Heute geht es in der Ausbildung um viel mehr», sagt Christoph Lauener, Leiter Kommunikation beim Bundesamt für Sport (BASPO). Die ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen und das Unterstützen der Persönlichkeitsentwicklung ist ein wichtiger Bestandteil.
J+S erlebte über die Jahrzehnte auch eine Ausweitung auf die Einbindung von immer mehr verschiedener Sportarten. Zu den Pionieren 1972 gehörte unter anderem das Geräte- und Kunstturnen, die Leichtathletik, Wandern, Fussball oder Fitnesstraining. Letzteres wurde 1991 in Turnen und Fitness umbenannt, ehe es 1994 aufgeteilt wurde und die Bezeichnungen Turnen und Polysport erhielt. Weitere STV-Sportarten wie Gymnastik (1976), Nationalturnen (1980), Trampolin (1998), Korbball, Faustball, Rhönrad (alle 2002) und Rhythmische Gymnastik (2005) folgten später.
Als jüngste STV-Sportarten wurden im vergangenen Jahr Parkour und Akrobatik bei J+S aufgenommen. War man im Gründungsjahr mit 18 Sportarten gestartet, sind es mittlerweile 85 Sportarten, die das Gesicht und die Vielfalt von «Jugend + Sport» prägen.
Auch in finanzieller Sicht hat J+S markant an Bedeutung gewonnen. Erhielt das Förderprogramm in den Anfängen rund 15 Millionen Franken Bundessubventionen, so sind es heute fast 115 Millionen Franken pro Jahr. «Jugend und Sport» prägt den Schweizer Sport auch hinsichtlich Ausbildung von Leiterinnen und Leitern. Pro Jahr werden rund 80'000 Personen aus- und weitergebildet. Diese geben wiederum ihr Wissen an Kinder und Jugendliche weiter. «Praktisch jeder und jede, die im Schweizer Sport eine Leitungsfunktion hat, hat eine J+S-Ausbildung durchlaufen», freut sich Christoph Lauener.
Insgesamt werden so jedes Jahr mehr als 600'000 Kinder und Jugendliche mit dem J+S-Sportangebot erreicht, rechnet Lauener vor: «J+S leistet damit ein flächendeckendes Wirken für eine gesunden Bevölkerung.» Im Schnitt sind es über die gesamte J+S-Altersspanne rund die Hälfte aller Schweizer Kinder, die von «Jugend und Sport» erreicht werden. «Bei den Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren sind es gar bis zu 80 Prozent», so Lauener.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor von J+S ist auch die grosse Akzeptanz im Land, nicht zuletzt auch in der Politik. Die enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Sport und Jugendverbänden habe sich bestens bewährt, sagt Lauener. Ein stabiles Netzwerk ist entstanden, das von der Arbeit zahlloser ehrenamtlichen Leitenden und Experten gestützt wird. «J+S ist ein klassisches Föderalismusprodukt», so Christoph Lauener.
Dass «Jugend und Sport» bereits über fünf Jahrzehnte erfolgreich ist, hat auch mit der stetigen Weiterentwicklung zu tun. Neben der bereits erwähnten Ausweitung der Altersgrenze und dem Einbinden von neuen Sportarten ist ein weiterer Meilenstein auf das Projekt «J+S 2000» zurückzuführen. «In den Anfängen stand die Leiterperson im Zentrum. Mit dem Projekt 2000 wurde die Organisation ins Zentrum gestellt und subventioniert», erzählt Lauener und ergänzt, «Steuergelder gehen seither direkt dorthin, wo der Sport stattfindet, nämlich in die Sportvereine, Jugendorganisationen und Schulen.» Zudem übernahmen die nationalen Sport- und Jugendverbände als Dachorganisationen der Vereine mehr Verantwortung im J+S-Netzwerk. So werden beispielsweise Turn-Sportarten gemäss den Vorgaben über den Schweizerischen Turnverband (STV) weiterentwickelt (mehr dazu auf Seite 16/17).
Im Rahmen des «Projekt 2000» wurde auch die erste nationale Datenbank für Sport als administratives Rückgrat von J+S aufgebaut. Diese Datenbank wird Ende dieses Jahres durch eine neue, modernere abgelöst.
Damit das Sportförderprogramm auch über sein Jubiläum hinaus attraktiv bleibt, strebe man für die nähere Zukunft zwei Hauptziele an, so Lauener: «Erstens möchten wir noch mehr Kinder und Jugendliche mit J+S erreichen. Zweitens wollen wir das System sowohl administrativ als auch organisatorisch vereinfachen.» Damit soll vor allem das Ehrenamt, welches nach wie vor einen sehr grossen Anteil von «Jugend und Sport» ausmacht, gestützt werden. «J+S wird sich weiter entlang der gesellschaftlichen Entwicklung bewegen», sagt Lauener. Dazu gehört auch die Umsetzung der geplanten Agenda «J+S 2025».
Weltweit einzigartig
Dass der Staat Steuergelder für die Allgemeinheit, im Beispiel von «Jugend und Sport» insbesondere für die Kinder und Jugendlichen im Breitensport, investiert ist weltweit einzigartig. Hier liegt der grosse Unterschied – der breiten Basis. Den Kindern wird damit ermöglicht, überhaupt Sport zu betreiben – egal in welcher Ausrichtung. In anderen Ländern fliessen, wenn überhaupt, nur Gelder in die Nachwuchsförderung im Leistungssport/Spitzensport. Der Rest muss privat berappt werden. Da die Gelder in der Schweiz in die Gesamtheit fliessen, haben Kinder und Jugendliche Chancengleichheit, dass sie in Sportarten reinkommen, die Minderbemittelte in anderen Ländern gar nicht ausüben können.
Interview Jean-Louis Borella
Mehr Einfachheit
Jean-Louis Borella (83, Sion) ist der älteste noch aktive J+S-Experte im Turnsport.
Jean-Louis Borella, wie wichtig ist J+S?
Jean-Louis Borella: J+S bietet regelmässig viele Kurse an. Einige Sportarten haben ihr Kursangebot im Laufe der Jahre weiterentwickelt, aber im Turnen war das nicht der Fall, da es bereits genügend Kurse gab. Wichtig ist auch der finanzielle Aspekt, denn J+S bringt Geld.
Was sind die Stärken von J+S?
Das Förderprogramm des Bundes garantiert das langfristige Überleben des Sports. Der Zugang zur Infrastruktur von Magglingen und den verschiedenen Zentren ist ebenfalls ein grosses Plus.
Wie sehen Sie die Zukunft von J+S?
Ich hoffe, dass J+S in Zukunft praxisorientierter wird, insbesondere bei den Grundkursen. Das Ganze sollte vereinfacht werden. Den Fachleuten ist nicht richtig bewusst, dass es für die meisten Kursteilnehmenden schwierig ist, ihre Theorien zu verstehen, die alle drei bis vier Jahre ändern. Es gibt Grundlagen, die mehrfach erklärt werden müssen. Meiner Meinung ist es nicht nötig, jedes Mal das gesamte Konzept zu ändern, wenn eine neue Person die Leitung übernimmt.
Interview: Emilie Lambiel