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Der beste Freund des berühmten Revolverhelden Wild Bill Hickok heisst Charley Utter. Er ist ein kleiner, eleganter Mann, ein Sinnsucher und Melancholiker. Er passt nicht in den wilden, stinkenden Westen, den Pete Dexter nach allen Massgaben literarischer Sinnlichkeit vor uns ausgebreitet hat. Dexters Roman «Deadwood» zeigt eine Welt, in der alte Frauen einen Atem haben wie «Sumpfgas» und grobschlächtige Männer nach «toten Tieren» riechen, wenn sie leichenschwer auf einer Prostituierten liegen. Es ist eine Welt, die selbst der schmuddeligste Italowestern nicht erreichen kann, weil sich Gerüche bis zu einem gewissen Grad zwar literarisch beschreiben, aber keinesfalls zeigen lassen.
Sämtliche Fäden laufen in Deadwood zusammen. Die legendäre Goldgräberstadt in den Black Hills von South Dakota, die der Autor in ihrem Gründungszustand von 1876 beschreibt, ist die heimliche Hauptfigur. Dexters Western erschien erstmals 1986, machte den ehemaligen Reporter berühmt und war die massgebliche Vorlage für die gleichnamige HBO-Fernsehserie.
Deadwood ist die gewalttätige, korrupte, rassistische Wiege dessen, was man später das «zivilisierte Amerika» nennen wird. Lakonische Brutalität erstreckt sich einem blutroten Band gleich über sämtliche Seiten. Gleichwohl kann man nicht sagen, dass «Deadwood» ein herzloser Roman sei. Dexter hat viel übrig für all die verlorenen, kaputten, beinahe durch die Bank alkoholkranken und Richtung Wahnsinn driftenden Figuren.
Am meisten Sympathien hegt Dexter für Charley, den es schliesslich nach Panama zieht. Dort bringt er einem «kleinen Mädchen, das sich immer an seinem Finger festhielt», das Lesen bei. Er erzählt ihm Geschichten von «den Amerikanern und den Orten, an denen sie lebten». Anfangs sind die Geschichten lang und bunt, doch Charley wird älter. Bald fasst er seine Erzählungen in Augenblicke, weil ihm nichts anderes geblieben ist. Auch Charley, der «unter all den Americanos ein Fremder gewesen war», stirbt einsam.
Michael Saager