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Nach über 50 choreografischen Kreationen und einer 30-jährigen Karriere geht Philippe Saire neue Wege. Der 1957 in Algier geborene Waadtländer, eine prägende Figur des zeitgenössischen Tanzgeschehens in der Schweiz, erfindet sich mit «Angels in America» komplett neu. Seine Ende November im Arsenic in Lausanne erstmals gezeigte Theaterinszenierung stiess in der Westschweiz und im Ausland auf grosse Resonanz.
Mit dem Chorstück von Tony Kushner (Pulitzerpreis 1993) nimmt der Künstler es mit einem Monument des modernen amerikanischen Theaters und der globalen Gay-Kultur auf. Philippe Saire hat das ursprünglich siebenstündige, grosse politische und soziale Fresko über die Verheerungen in den Anfängen von Aids in der Reagan-Ära zu einer Aufführung von zweieinhalb Stunden mit brillantem Timing verdichtet. Durch subtile Kürzungen konzentriert er die Handlung auf die Hauptfiguren und rückt die humanistische Kernaussage in den Mittelpunkt – die Politik spielt eine Nebenrolle. Im Wesentlichen geht es um die Privatsphäre von zwei Paaren, die sich trennen und wieder zusammenkommen: Louis Ironson und sein Liebhaber Prior Walter, der Mormonen-Anwalt Joe Pitt und seine Frau Harper sowie Roy Cohn, der real existiert und als früherer Anwalt von Trump und abgefeimter Berater von Reagan bekannt wurde.
Über 30 Jahre nach dem Ausbruch der Epidemie setzen sich mehrere Theaterstücke und Filme vertieft mit HIV auseinander: mit den menschlichen Verwerfungen der Epidemie und damit, wie die Homosexuellenbewegung durch Aids dringend aktuell wurde. Philippe Saire inszeniert eine tragikomische Schwulenphantasie, die den Lebensdurst der verlorenen Aids-Generation förmlich aus sich herausschreit. Seine Kreation ist eine Ode an das Vergeben und an das Mitgefühl. Die Figuren sind von vielerlei Ängsten und Zweifeln geplagt. Ihre Geschichte prangert auch die (modernen) Missstände an, die sich aus den Entgleisungen des ungezügelten Liberalismus der 1980er-Jahre herausschälen: Rassismus, Konservatismus, soziale Ungleichheit, Machtmissbrauch durch Eliten, Umweltverschmutzung...
Der dichte Text besticht durch einprägsame Dialoge und kurze Szenen. Dank dem genialen Bühnenbild aus abnehmbaren Blättern und dem gezielten Einsatz von Beleuchtung und Nebelmaschinen wischt die Fantasie den Realismus beiseite, errichtet die sozialen Schranken jener Ära wieder und bildet den Bewusstseinsraum der Figuren nach. Neben der fein gestalteten Ästhetik kommt der Choreograph in Philippe Saire bei den Tanzgesten und Bewegungen, die er der Theaterkomposition einhaucht, zum Vorschein. Das emotionale gestische Repertoire verkörpert als physischer und poetischer Kontrapunkt in subtiler Weise Wünsche und Gefühle – und verwandelt den Totentanz in ein Ballett aus Sex und Sinnlichkeit.
Gérald Cordonier