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Das Jahr ohne Sommer und der Kampf gegen die Teuerung
«Tambora» heisst der Vulkan auf der östlich von Java gelegenen Insel Sumbawa in Indonesien. Im April 1815 brach er aus und bescherte Mitteleuropa im Jahr 1816 kühles und nasses Wetter. Das «Jahr ohne Sommer» hatte gravierende Folgen für die Ernten in vielen europäischen Ländern und führte teilweise zu Hungersnöten. Solothurn kam mit einem blauen Auge davon.
Wer heute nach ein paar Regentagen im Juli jammert, tut dies auf hohem Niveau – zumindest im Vergleich zum Sommerhalbjahr 1816. Da wurden nämlich sage und schreibe 137 Regentage verzeichnet. Und auf dem Weissenstein fiel mindestens einmal pro Monat Schnee. Was den damaligen Naturwissenschaftern ein Rätsel war, ist heute ziemlich gut erforscht: Schuld ist der indonesische Vulkan «Tambora», dessen Ausbruch ein Jahr vorher einen Schleier aus Staub und Asche um den gesamten Erdball legte und in Teilen Europas für niedrige Temperaturen und anhaltende Regenfälle sorgte. Die Folge: Katastrophale Missernten und Hungersnöte. Besonders betroffen war die Zentral- und Ostschweiz.
Dramatischer Preisanstieg
Solothurn war zu dieser Zeit ein reiner Agrarkanton. Der Ernteausfall betrug in etwa jenes Mass an Kartoffeln und Dinkel, das in andere Kantone exportiert wurde. Somit war der Bedarf innerhalb der Kantonsgrenzen gedeckt. Einzig der Exportanteil fiel weg. Es musste niemand hungern. Solothurn hatte dafür mit einem anderen Problem zu kämpfen: Die Preise für die wichtigsten Grundnahrungsmittel stiegen bis zur nächsten Ernte im August 1817 dramatisch an. Diese Preisexplosion traf besonders den Mittelstand: Die Gewerbler, Wirte und andere Mittelständler mussten sich auf dem freien und plötzlich viel teureren Markt mit Lebensmitteln eindecken. Gleichzeitig brach ihnen das Einkommen weg, weil sie und ihr meist produktives Gewerbe keine Kunden mehr hatten. Die Einkommen der Kundschaft wurden nämlich fast vollständig für die Lebenshaltung verwendet.
Wirtschaftliche Probleme für die Wirte
Die hohen Preise führten automatisch zu einer Einschränkung im Freizeitverhalten. In den Zunfthäusern – den Versammlungsorten des Mittelstands – wurden weniger Feste gefeiert. Die Beizen hingegen, wie zum Beispiel der Rote Turm oder die Krone, bewirteten damals nicht primär Stadtleute, sondern lebten von Auswärtigen. Viele dieser Nicht-Städter waren Bauern, die mit ihren Ernteüberschüssen in die Stadt auf den Markt kamen. Denn die Beizen waren nicht nur Gaststätten, sondern auch «Tankstellen» für die Pferde. Den Bauern blieb nichts anderes übrig, als in die Beizen zu gehen, um das Fuhrwerk zu parkieren und
die Bedürfnisse der Pferde nach Erholung, Futter und Wasser zu befriedigen. Und wenn man als Bauer schon mal da war, gleichzeitig nach erfolgreichen Geschäften auf dem Markt noch die Taschen voller Geld hatte, wurde auch ordentlich gebechert.
Mit der Krise kamen nun weniger Bauern in die Beizen, weil sie weniger (oder gar nichts mehr) zu verkaufen hatten. Die dadurch ausgelöste wirtschaftliche Not der Wirte wurde durch das spezielle Personalwesen im Gastgewerbe noch verschärft: Damals befanden sich die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Gesellen) nicht in einem modernen Angestelltenverhältnis, sondern gehörten quasi zur Familie und wurden auch in dieser Krise durchgefüttert. Die Personalkosten stiegen plötzlich auf das Fünffache. Und das bei wesentlich weniger Einnahmen. Hilfe vom Staat erhielten die Wirte keine. Zumindest gibt es darüber keine Hinweise. Als Vertreter des oberen Mittelstandes mussten auch sie nicht hungern, waren aber mit massiven wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Als sich die Situation im folgenden Jahr allmählich zu bessern begann, konnten die Beizen auch eines ihrer wichtigsten Güter wieder an Lager bringen: Getreide für die Pferde.