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Gerron
Ein bekannter deutscher Regisseur wird 1944 in Theresienstadt aufgefordert, einen Propagandafilm zu drehen. Diese historisch verbriefte Tatsache bildet die Grundlage von Charles Lewinskys Roman.
Darf man das überhaupt? Die Schrecken des Ghettos Theresienstadt in einem Roman abbilden. Charles Lewinsky hat sich dafür entschieden und gibt mit dem vorliegenden Buch einem jüdischen Schauspieler und Regisseur eine Stimme, die sonst in Vergessenheit geraten wäre. Der A-Prominente XXIV/5-246 Kurt Gerron wird vom Obersturmführer Rahm freundlich in seinem Büro empfangen. Das macht ihm Angst. Und doch erbittet er sich Bedenkzeit auf die schockierende Aufforderung, über Theresienstadt einen Film zu drehen. Dass der Film nicht die Realität abbilden darf, ist klar. Seiner Frau sagt Kurt Gerron, dass er sich den Rest seines Lebens dafür schämen müsste, würde er diesen Film drehen. «Wie lang ist der Rest deines Lebens, wenn du dich weigerst?», erwidert sie. Diese Scham, von der viele Holocaust-Überlebende berichtet haben, nimmt er letztlich in Kauf, um sein Leben, das seiner Frau und das der mitwirkenden Schauspieler retten zu können. Was ihm nicht gelingen wird. Würde der Leser, die Leserin nur in Theresienstadt verweilen müssen, wäre diese harte Kost an der Grenze des Unerträglichen. Lewinsky aber breitet das ganze Leben Gerrons aus, indem er diesen in Rückblenden davon erzählen lässt. Es ist ein Leben voller Freuden, Enttäuschungen, Verletzungen, Ruhm und Ehre. Über allem steht die Frage: Was für ein Mensch bist du? Gerade Gerron, der als Schauspieler gewohnt ist, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, muss sich dieser Frage stellen. Kurt Gerron wird Schritt für Schritt in seinem Leben der Freiheit beraubt. Er flüchtet, nachdem ihm die Arbeit verboten worden ist, nach Paris, dann nach Amsterdam. Als er endlich mit einem Schiff nach Amerika reisen könnte, wird dieses zerstört. 1944 – von Befreiung wird bereits gemunkelt – möchte er vor allem Zeit gewinnen. Es hat nicht gereicht. Nach Beendigung des Films, zum Schneiden des Materials, wird er nicht mehr gebraucht, werden er und seine Frau und die gesamte Filmcrew nach Auschwitz gebracht. Drei Tage, bevor die letzten Vergasungen durchgeführt werden, wird Kurt Gerron ermordet. «Gerron» gibt einem Menschen ein Gesicht. Ein Mensch, der in seinem Leben viel erlebt hat, der Schicksalsschläge erlitten hat und Erfolg feiern durfte. Ein Mensch, der versucht, nach seinem moralischen Gewissen zu handeln, der genauso wenig vor Fehlern gefeit ist wie jeder andere. Ein Mensch, der sich einmal mutig verhält, ein andermal weniger. Ein Mensch, dessen Lebensumstände, weil er jüdisch ist, sich immer weiter verschlechtern, bis sie zu seinem Tod führen. Darf man dieses Leben in einem Roman erzählen? Man soll, wenn man wie Lewinsky den Mut dazu hat.