Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/2398

Mit der Idee der Sowjetunion löste sich auch ihre Überlegenheit im Eishockey in nichts auf. Statt strenger Strukturen herrschte plötzlich Anarchie. Doch Wladimir Putin hat den Wert von Medaillen als Propagandainstrument neu entdeckt.
Der ehemalige Nationaltrainer und Lenin-Orden-Träger Wiktor Tichonow hat das sowjetische Eishockey geprägt und symbolisiert.
Es war ein bitterkalter Morgen im Februar 1985 in Davos. Die Sonne goss ihre Strahlen über die frisch verschneiten Hänge des Landwassertals. Nur das Kratzen von Schlittschuhen und der Aufprall von Pucks auf das Holz der Schläger und Banden durchbrach das Idyll. Auf den Tribünen der neuen Eissporthalle verloren sich eine Handvoll Zuschauer, die den Spielern auf dem Eis beim Training zusahen. Mitten unter ihnen sass hoch aufgerichtet, mit gefrorener Miene Wiktor Wassiljewitsch Tichonow, Oberst der Roten Armee, Träger des Lenin-Ordens und vor allem Trainer der sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft, der erfolgreichsten Dynastie im internationalen Eishockey, die Titel im Dutzend sammelte.
In den Februartagen des Jahres 1985 hatte der Nebenjob als Trainer von ZSKA Moskau Tichonow ins Landwassertal gebracht. Sein Klubteam traf im Europacup auf den HC Davos. Das Resultat der Begegnung, 1:10, ist im Prinzip nebensächlich – wie meistens, wenn ein von Tichonow betreutes Team antrat. Erwähnenswert waren die Resultate nur dann, wenn Tichonow nicht gewann. Doch das kam praktisch nie vor.
Die Kritik des «Professors»
Zu Hause in Moskau sass Konstantin Ustinowitsch Tschernenko die letzten Tage seiner nur 13-monatigen Amtszeit als Vorsitzender der KPdSU ab. Tschernenko, ein notorischer Raucher und Trinker, zahlte am 10. März den Preis für den ausufernden Lebensstil und verstarb an einem Lungenemphysem. Michail Sergejewitsch Gorbatschow übernahm und schrieb bald darauf Weltgeschichte. Kaum jemand erinnert sich heute noch daran, dass der eher blasse Tschernenko als Erster den konfrontativen sowjetischen Kurs in der Aussenpolitik aufzuweichen begann, damit das Ende des Kalten Krieges einleitete und indirekt auch dem Spitzensport in der Sowjetunion die Existenzgrundlage entzog. Der Spitzensport hatte als Instrument der staatlichen Propaganda ausgedient.
Tichonow ahnte in Davos noch nichts davon, dass seine auf Eis gebaute Dynastie zu schmelzen begonnen hatte. Die sowjetische Eishockey-Nationalmannschaft und das Klubteam von ZSKA Moskau, das ihr mehr oder weniger gleichzusetzen war, waren in sich geschlossene Systeme. Während elf Monaten pro Jahr kasernierte und drillte Tichonow seine Spieler in einem besseren Barackenlager vor den Toren Moskaus. Seine Philosophie kondensiert in einem der wenigen Sätze, die ihm zugeschrieben werden: «Ein Spieler, der nicht bereit ist, sich ständig zu verbessern, und nicht jedes Spiel, sei es noch so unwichtig, gewinnen will, der wird nie ein Grosser werden.»
Igor Larionow war damals ein Grosser. Er war als Center des legendären Superblocks der Kopf von Tichonows Mannschaft und wegen seines Intellekts neben dem Eis auch jener Spieler, an dem sich die meisten seiner Mannschaftskollegen orientierten. Innerhalb des Teams wurde er nur «der Professor» genannt.
Larionow war einer der Ersten, die sich gegen Tichonows Regime aufzulehnen begannen. 1999 erzählte er in einer kargen Eishalle in einer Vorstadt Detroits: «In der Sowjetunion gehörte ich nicht mehr mir selber. Ich war ständig im Umfeld des Teams. Wir durften alle zwei Wochen einmal unsere Familien besuchen, zu Hause übernachten und wurden am Morgen darauf im Lager zurückerwartet.» Da spielte Larionow schon beinahe zehn Jahre in der NHL. Er war mit den Detroit Red Wings zweimal in Folge Stanley-Cup-Sieger geworden und hatte einen einjährigen, erfolglosen Abstecher zum HC Lugano gemacht, dessen damaligen Trainer John Slettvoll er in einem Anwurf von Unmut mit Tichonow verglich.
Nur ein Versuchsballon
Larionow hatte 1989 unmittelbar nach der Weltmeisterschaft in Stockholm die Freigabe für einen Transfer in den Westen erhalten. Noch vor ihm war der spätere ZSC-Spieler Sergei Prijachin gegangen, der als Erster mit dem behördlichen Segen zu den Calgary Flames hatte wechseln dürfen, sich dort aber nicht durchsetzte. Prijachin war kaum mehr als ein Versuchsballon, mit dem das Regime sehen wollte, ob sich die Spieler auch in den ungewohnten Lebensumständen des Westens behaupten konnten. Der Grossteil von Prijachins für die damalige Zeit sensationellem Salär von 125 000 Dollar versickerte im System.
Gemeinsam mit Larionow gingen auch Sergei Makarow, Wladimir Krutow, Alexei Kasatonow und Wjatscheslaw Fetisow. Dass diese fünf Spieler, die fast ein Jahrzehnt lang das Herzstück von Tichonows Mannschaften gewesen waren, in den Westen wechseln durften, war das Fanal für das sowjetische Eishockey. Der Eishockeyverband hatte begonnen, sein Tafelsilber zu verscherbeln. Im Eisernen Vorhang hatten sich Risse aufgetan. Während der WM 1989 in Stockholm setzte sich der junge, hochtalentierte Alexander Mogilny ab und schloss sich den Buffalo Sabres an. Er setzte das Zeichen zum Aufbruch. Alle wollten weg. Tichonow und seine Funktionäre hielten einen Gartenschlauch in den Händen, der überall zu rinnen begann. Wann immer sie den Finger auf ein Loch legten, tat sich an einer anderen Stelle ein neues auf.
Die Sowjetunion hielt sich als Staatengemeinschaft noch knapp zwei Jahre. Im August 1991 scheiterte ein Putschversuch des selbsternannten Staatskomitees für den Ausnahmezustand gegen Gorbatschows Reformkurs schon nach zwei Tagen am Widerstand der Zivilbevölkerung, die vom späteren Präsidenten Boris Jelzin angeführt wurde. Jelzin wurde zum Helden. Er konnte aber nicht verhindern, dass Russland ausblutete und in Anarchie versank. Gegen 900 000 Einwohner verliessen die Staaten der ehemaligen Sowjetunion Richtung Westen. Viele von ihnen waren hochqualifiziert: Ärzte, Wissenschafter, Universitätsprofessoren. Und natürlich auch Sportler, vor allem Eishockeyspieler. Auf der Höhe der Auswanderungswelle spielten allein in der NHL 72 Russen.
Bier in die Kabine geschmuggelt
René Fasel verfolgte die für Russland verheerende Entwicklung aus nächster Nähe. Zuerst als Schweizer Verbandspräsident, ab 1994 als Kopf des internationalen Verbandes (IIHF) pflegte er stets enge Beziehungen zu den Russen. Schon als Verantwortlicher für die Schiedsrichter in der IIHF hatte er freundschaftliche Beziehungen zu den Spielern aufgebaut und ihnen unter anderem Schuhe für die Kinder besorgt oder hinter dem Rücken Tichonows Bier in die Kabine geschmuggelt.
Fasel brachte 1986 für 25 000 Franken Antrittsgage die russische Nationalmannschaft zu einem Testspiel in die Schweiz. Den entsprechenden Vertrag arbeitete er mit viel Wodka und per Handschlag aus. Die Russen reisten mit sämtlichen Stars an. Entsprechend chancenlos waren die von Simon Schenk betreuten Schweizer; sie verloren 2:10. Doch wirtschaftlich war der Besuch der Russen ein Coup. Das Berner Allmendstadion war mit über 16 000 Zuschauern gefüllt. Am Ende machte der Schweizer Verband rund 250 000 Franken Gewinn.
Dieser erste Besuch der Russen im damaligen Eishockey-Entwicklungsland Schweiz ebnete das Terrain für den Transfer von Slawa Bykow und Andrei Chomutow. Vier Jahre später, als Russland seinen Sportlern die Tür öffnete, zogen sie aus familiären Gründen ein Engagement im HC Fribourg-Gottéron einem solchen in der NHL bei den Quebec Nordiques vor. Die Freiburger mussten für ihre Juwelen eine Ablösesumme in sechsstelliger Höhe an den russischen Verband zahlen.
Im Visier der Russenmafia
Doch all dieses Geld aus Nordamerika und Westeuropa versickerte wirkungslos in der aufgeblähten Administration und der maroden Infrastruktur des ehemaligen russischen Staatssports. Kein anderer Klub symbolisierte den Zerfall des Systems besser als Tichonows ZSKA Moskau. Der Serienmeister früherer Tage versuchte sich unter anderem finanziell über Wasser zu halten, indem er in den Kellergeschossen seiner baufälligen Arena einen Nachtklub eröffnete. Verkäuferinnen mit Bauchladen verkauften während der Spiele Süssigkeiten und Getränke im Publikum. Kaum war der Match zu Ende, stiegen sie ein Stockwerk tiefer und arbeiteten dort als Animierdamen weiter.
Ähnlich wie das russische Eishockey litten auch andere Sportverbände unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ausfall der Unterstützung durch den Staat. Die Stars der Branche flohen ins Ausland und suchten sich dort eine neue wirtschaftliche Basis. Doch niemand war so gefragt wie die Eishockeyspieler. Der damals prominenteste sowjetische Fussballer, Oleg Blochin, war bereits 36 Jahre alt, als er die Freigabe erhielt. Statt einem europäischen Topklub schloss er sich dem österreichischen Provinzklub Vorwärts Steyr an. Nur sieben Spieler aus dem sowjetischen Fussball-WM-Kader von 1990 spielten im Ausland. Der prominenteste von ihnen war Alexander Sawarow, der zwei Jahre zuvor zu Juventus Turin gewechselt hatte.
Andere hatten weniger Glück. Vielen der gut gehaltenen Athleten wurde die Lebensbasis entzogen. Der junge russische Staat versuchte den Sport zu unterstützen, indem er den Verbänden die Möglichkeit gab, zollfreie Waren zu importieren und mit ihrem Verkauf die Ausfälle zu kompensieren. Damit aber gerieten Klubs und Verbände ins Visier der russischen Mafia, die im Zuge der ungezügelten Privatisierung zum Staat im Staat geworden war. Die Gewalt griff auf den Sport über: Larissa Netschajewa, die Finanzchefin des Fussballklubs Spartak Moskau, wurde in ihrer Datscha erschossen. Alexander Bragin, der Präsident des ukrainischen Fussballverbands, wurde im Stadion von Schachtjor Donezk mit einer Bombe in die Luft gesprengt. Walentin Sytsch, der russische Eishockey-Verbandspräsident, kam im Kugelhagel einer Kalaschnikow um.
Slawa Bykow führte Russland nach langer Erfolglosigkeit 2008 wieder zum Weltmeistertitel.
Das russische Eishockey zahlte die Folgen von Finanzkrise und Massenexodus auf dem Eis. Zwischen 1994 und 2001 blieben die erfolgsverwöhnten Russen ohne WM-Medaille. Das einst so hochgelobte Kollektiv scheiterte meist nicht am individuellen Talent, sondern am Egoismus, der den Erfolg verhindert. Befreit von den einstigen Fesseln, spielte jeder für sich. Den Tiefpunkt erreichten die Russen an der Heim-WM 2000 in Sankt Petersburg, als sie das Turnier unter anderem nach einer 2:3-Niederlage gegen die Schweiz auf dem 11. Platz beendeten.
Staatsdoping zur Propaganda
Erst 2008 und mit Slawa Bykow als Coach wurde Russland erstmals wieder Weltmeister. Bykow wird in Russland geschätzt wie kein Trainer mehr seit dem Lenin-Orden-Träger Tichonow. Er geniesst den Respekt und das Vertrauen des Präsidenten Wladimir Putin, für den der Sport und insbesondere das Eishockey nicht nur eine Leidenschaft sind, sondern ein Mittel zur Förderung des Selbstwertgefühls und des Nationalismus. Unter Putin feierte der Sport eine Renaissance als Propagandainstrument. Sein Hunger nach sportlichen Erfolgen gipfelte im Skandal um das russische Staatsdoping, das die Gerichte bis heute beschäftigt.
Gerade weil die Russen auch dreissig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch unter der zur Teil schwierigen wirtschaftlichen Situation leiden, braucht Putin Medaillen, um den Nationalstolz zu stärken. Und keine Medaillen zählen für die Russen mehr als die im Eishockey, jener Sportart, um die herum einst bereits die Sowjetunion ihre Propaganda aufbaute. Hier gewannen die Russen gleich bei ihrer ersten Olympiateilnahme Gold, hier waren sie allen anderen überlegen, hier fand das in viele verschiedene Ethnien aufgesplitterte Volk eine gemeinsame Leidenschaft.
Putin engagierte sich 2009 persönlich bei der Lancierung der Kontinental Hockey League (KHL), mit der er ein Gegengewicht zur nordamerikanischen NHL formen und die abgewanderten Russen zurückholen wollte. Er verpflichtete Vertraute aus dem engsten Machtzirkel wie Boris Rotenberg, Gennadi Timtschenko oder Roman Abramowitsch, sich persönlich im Sport zu engagieren. Staatliche Unternehmen wie Gazprom oder Rosneft sind Grosssponsoren russischer Sportklubs. Die Strategie hat zumindest teilweise Erfolg. Die Zahl der russischen Spieler in der NHL hat sich nahezu halbiert. Doch Putins zweites Vorhaben, mit der KHL in den Westen Europas zu expandieren, ist bisher gescheitert. Der Einfluss der russischen Propaganda stoppte jeweils an den Grenzen der alten Sowjetunion.
Dieser Text markiert den Start der neuen NZZ-Serie «Wendepunkte der Sportgeschichte». Die Serie erscheint in loser Folge.