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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

38.
Wenn also im Weltall nicht Regellosigkeit, sondern Regelmäßigkeit, nicht Mangel an Ebenmaß, sondern Symmetrie, nicht ein Chaos, sondern Ordnung herrscht und durchgängige Harmonie im Weltganzen, so müssen wir vernünftigerweise auf den Gedanken kommen, daß ein Herr existiert, von dem diese Verbindung und dieses Gefüge herrührt und der ihre Harmonie zuwege bringt. Denn wenn er auch für das Auge unsichtbar bleibt, so kann doch aus der Ordnung und dem Einklang der Gegensätze ihr Herr, Ordner und König erschlossen werden. Denn wenn wir z. B. ein Staatsgebilde aus vielen und verschiedentlichen Menschen, aus Kleinen und Großen, Reichen und Armen, aus Greisen und Jünglingen, aus Männern und Frauen trefflich regiert und in ihm die verschiedenen Elemente einmütig zusammenleben sähen, also die Reichen nicht im Kampf gegen die Armen, die Großen nicht im Gegensatz zu den Kleinen, die Jünglinge nicht im Widerspruch mit den Greisen, sondern alle in gleich friedlicher Eintracht, wenn wir, sage ich, dies sähen, so kämen wir sicher auf den Gedanken, daß hier ein Regent da ist, der für die Eintracht sorgt, auch wenn wir ihn nicht sähen. Die Unordnung verrät die Anarchie, die Ordnung weist auf einen Herrscher. Und wenn wir die Glieder am Leibe in harmonischer Zusammenarbeit sehen, das Auge also nicht in Opposition zum Gehör und die Hand nicht im Streit mit dem Fuß, sondern jedes Glied in widerspruchsloser Erfüllung seiner Aufgabe, so schließen wir daraus mit Sicherheit, daß dem Leibe eine Seele innewohnt, welche die Glieder meistert, auch wenn wir sie nicht sehen. Gerade so muß man in der Regelmäßigkeit und Harmonie des Weltalls den Lenker der Welt, Gott, [S. 587] erkennen, und zwar in der Einzahl, nicht in der Mehrzahl. Schon die Ordnung im Weltgebilde, wie auch die volle Harmonie aller Teile weist nicht auf viele hin, sondern auf einen, der sie beherrscht und lenkt, den Logos. Hätte nämlich die Schöpfung viele Regenten, so ließe sich eine solche Ordnung im Weltall nicht aufrechterhalten, vielmehr würde bei der Vielheit alles wieder in Unordnung geraten, da ein jeder nach seinem Willen alles lenken wollte und mit dem dritten kämpfen würde. Denn wie wir den Polytheismus als Atheismus erklärten, so muß Vielherrschaft Anarchie bedeuten. Jeder würde ja die Herrschaft des anderen aufheben, und schließlich wäre keiner mehr Regent, sondern es herrschte allenthalben die Anarchie. Wo kein Herrscher mehr ist, muß die Unordnung eintreten. Anderseits weist die Ordnung und Eintracht unter den vielen und verschiedenartigen Teilen auf einen Herrscher. Wenn z. B. einer eine viel- und verschiedensaitige Leier von ferne hört und sich wundert ob des harmonischen Zusammenklangs der Saiten, weil nicht die tiefe oder hohe oder mittlere Saite allein den Ton gibt, sondern alle miteinander zu einem gemeinsamen Akkord ertönen, so schließt er daraus jedenfalls nicht, daß die Leier sich selbst in Schwingung bringt oder etwa von vielen geschlagen werde, vielmehr, daß nur ein Musiker den Ton einer jeden Saite zu einem harmonischen Akkord virtuos verbinde, vermag er auch diesen nicht zu sehen. Gerade so folgt auch aus der allharmonischen Ordnung im Weltganzen, aus der Tatsache, daß das Obere nicht gegen das Untere, noch das Untere gegen das Obere sich kehrt, vielmehr alles auf eine Ordnung abzielt, daß man sich nur einen und nicht viele als Regenten und König der gesamten Schöpfung denken darf, der mit seinem Lichte alles erleuchtet und bewegt.