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Der Überlebende vom Zugersee
Schlimm traf die Eutrophierung die Felchen im Zugersee, der im 20. Jahrhundert wie andere Mittellandseen wesentlich stärker und während einer längeren Zeit überdüngt war als Gewässer, die näher am Ursprung der Flüsse liegen. Da nur noch die obersten Wasserschichten des 200 Meter tiefen Sees genug Sauerstoff für Fische aufwiesen, sind zwei Felchenarten, die in grösseren Tiefen des Sees laichten, ausgestorben: Das (Zuger) Albeli (C.zugensis) und der Zugeralbock (Coregonus obliterus). Der Zugeralbock wäre sogar völlig vergessen worden, hätten die Eawag-Forscher Oliver Selz und Ole Seehausen sie nicht in der historischen Steinmann-Eawag-Sammlung gefunden. Seine Merkmale und alte Berichte deuten darauf hin, dass der Zugeralbock auf das Leben in grosser Tiefe spezialisiert war – eine Spezialisierung, die man in diesem Mass nur vom ebenfalls ausgestorbenen Kilch (C. gutturosus) im Bodensee und vom noch existierenden Kropfer (C. profundus) im Thunersee kennt.
Übrig geblieben ist der eher ufernah laichende Zugerbalchen. Der Fisch verkündet denn auch mit seinem neuen wissenschaftlichen Namen Coregonus supersum: „Ich habe überlebt“.
Jeder See hat eigene Arten
Neu sind auch die wissenschaftlichen Namen des Bodenbalchen (C. litoralis) und des Albeli (C. muelleri) im Vierwaldstättersee. Denn als Oliver Selz und Ole Seehausen die Innerschweizer Felchen für die Aktualisierung der Taxonomie morphologisch und genetisch untersuchten, zeigte sich, dass fast jeder See seine eigene Albeli- und „Bodenbalchen“-Art hat.
Vorher waren die Albeli des Zuger- und Vierwaldstättersees als derselben Art („Coregonus zugensis“) zugehörig beschrieben worden, die ufernah laichenden Balchen der verschiedenen Innerschweizer Seen als „Coregonus suidteri“. Die Namen dieser „Sammelarten“ haben nun die ausgestorbenen Albeli des Zugersees (C. zugensis) und die Balchen des Sempachersees (C. suidteri) geerbt.
Die Albeli des Vierwaldstättersees erhielten ihre neue Bezeichnung C. muelleri zu Ehren des Gewässerbiologen und Felchenspezialisten Dr. Rudolf Müller (1944-2023).
Ein Abbild der Schweiz
Die Seen im Einzugsgebiet der Reuss sind ein Abbild der Schweiz. In den Alpenrandseen sind seit der letzten Eiszeit mindestens 35 Felchenarten entstanden, meist zwei oder mehr im gleichen See. Einen Drittel davon hat die Schweiz während der Seeneutrophierung nach der Mitte des 20. Jahrhunderts verloren. Viele der verlorenen Arten kennen die Forscher nur dank historischer Sammlungen wie derjenigen, die der Naturforscher Paul Steinmann noch vor der Seenüberdüngung anlegte und die heute vom Naturhistorischen Museum Bern kuratiert wird.