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Sie habe alles auswendig gelernt und das sei doch eine grosse Leistung, sagte eine Schülerin einem Kollegen, der an einer anderen Schule Englisch unterrichtet. Und inhaltlich sei der Text, den sie im Internet gefunden habe, schliesslich sehr gut, fuhr die Schülerin fort.
In der Tat hatte sie in einer stündigen Prüfung über einen Roman eine perfekte Arbeit abgeliefert. Alle Fragen wurden umfassend beantwortet. Sprachlich waren die Formulierungen allerdings so geschliffen, dass mein Kollege nur kurz recherchieren musste, um herauszufinden, dass die Sätze nicht von ihr selbst stammten, sondern von einer (guten) Website.
Man kann das Plagiat nennen: Jemand verwendet wörtlich Aussagen einer anderen Person, ohne die Quelle zu benennen. Aus meiner Sicht erfasst diese Diagnose den vorliegenden Fall aber nicht richtig. Das Problem liegt vielmehr darin, dass die besagte Schülerin meinte, man müsse in Prüfungen einfach «Inhalte» wiedergeben, so wie man bei Quiz-Shows «1939 – 1945» ausspucken muss, wenn nach der Dauer des 2. Weltkriegs gefragt wird.
Dahinter steckt die Vorstellung, das Internet sei ein grosser Informationsspeicher, aus dem man das ganze (Schul-)Wissen abschöpfen kann. In der Konsequenz würde dies bedeuten, dass auch die Schule gar nicht mehr nötig wäre: «Fakten» holt man sich über eine Suchmaschine, für die sprachliche Umsetzung genügt ein gutes Übersetzungsprogramm (z.B. DeepL). Wer in der Digitalisierung ein solches Potenzial sieht, irrt fundamental.
Die Bildung, wie wir sie am Gymnasium verstehen, umfasst viel mehr, als Informationen zu sammeln und wiederzugeben. Es geht darum, Texte, in denen Informationen enthalten sind, auszuwerten, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen und damit zu einem Wissen zu formen, das in einer Gruppe verhandelt und vermittelt werden kann.
Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nicht papageienhaft wiederholen, was sie irgendwo gehört oder gelesen haben. Wenn schon ein Tiervergleich hilfreich sein soll, würde ich eher an die Kühe und ihr Wiederkäuen denken. Es geht darum, Informationen mehrmals durchzudenken, sie auf ihre Verwertbarkeit hin zu prüfen, Wertvolles von Abfall zu trennen. Man nimmt lediglich auf, was nützlich sein kann, und baut letztlich daraus sich selbst, das heisst seine eigene Identität.
Auswendig lernen ist nichts Schlechtes – es lohnt sich zum Beispiel, die wichtigsten historischen Daten zu kennen –, aber wirkliches Wissen muss man sich aneignen, und das braucht Zeit, Anleitung, Austausch, Widerspruch, Verständigung, Geduld.
Martin Zimmermann, Rektor
Wochenbrief 19_16