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Hohe Bäume, dichtes Blätterdach und Autos aus diversen Jahrzehnten säumen die breiten Strassen des Stadtviertels Condesa im Zentrum von Mexiko-Stadt. Versteckt hinter der üppigen Vegetation sind an der Strasse Juan de la Barrera vier hohe Betontürme auszumachen. Um einen Blick auf die Türme zu erhaschen, muss die Neugierige die Strassenseite wechseln, denn ein hoher Zaun versperrt die Sicht auf die zurückversetzten Gebäude. Wie schmale Skulpturen aneinandergereiht, mit markanten Eckfenstern zur Strasse hin, überragen sie die kleineren Wohnhäuser vor ihnen. Oben auf den Türmen ist es wieder grün: Tropische Pflanzen zieren die Dachterrassen.
Beim Erreichen der Kreuzung sticht ein weiterer Neubau ins Auge, der direkt an die Strasse Cuernavaca angrenzt. Die fünfgeschossige Strassenfront wirkt im Gegensatz zu den dahinter liegenden Betontürmen unerwartet tektonisch. Vor dem Erdgeschoss wurde die Umfassungsmauer des Vorgängerbaus, vermutlich aus der Kolonialzeit, stehen gelassen. Die neue Fassade darüber nimmt kaum Bezug zu dieser Erinnerungsmauer oder dem Quartier Condesa.
Zu den grössten Herausforderungen für Architekturschaffende in der Condesa gehört es, eine zeitgemässe Verflechtung zu finden mit dem, was viele als ein atemberaubendes historisches Erbe betrachten. Gleichzeitig ist die Colonia La Condesa seit ihrer Gründung Anfang der 1920er Jahre für ihre fortschrittliche Stadtplanung und Architektur in Mexiko bekannt.
Der Quartiersentwurf verfolgte das räumliche, nicht aber das soziale Konzept der Gartenstadt. Die europäisierten Ideale, die in die städtebaulichen Bemühungen einflossen, führten zu grossen baumgesäumten Alleen, Gartenanlagen und Häusern in eklektizistischer und Jugendstilarchitektur. Seit jeher war die Condesa bei der Mittel- und Oberschicht, aber auch bei vielen Ausländern beliebt.
Ein verheerendes Erdbeben im Jahr 1985 verwüstete die Innenstadt von Mexiko-Stadt. Viele Bewohner zogen daraufhin in die Aussenbezirke. Die Mieten fielen, viele Gebäude wurden aufgegeben und die Strassen wurden gefährlich. Der Einbruch des Immobilienmarktes lockte private Investoren in die Gegend, die seit den 1990er Jahren das Condesa-Viertel in die Höhe wachsen lassen und auch für dessen Revitalisierung sorgen. Mittlerweile ist das Viertel wieder eines der angesagtesten und teuersten in ganz Mexiko.
Der Immobilienentwickler und Architekt Javier Sánchez spielt eine zentrale Rolle im urbanen Wandel der Condesa. Aus einer einflussreichen Architektenfamilie stammend, baute er bereits mit Ende zwanzig seinen ersten Wohnkomplex mit 33 Wohnungen in der Strasse Veracruz. In den darauffolgenden fünfundzwanzig Jahren entwickelte sein Büro JSa acht weitere städtische Wohnprojekte im Umkreis von zehn Minuten Gehdistanz zu seinem Erstlingswerk.
Auf der Rückseite der Wohnanlage Veracruz gelang es Javier Sánchez mit viel Geduld, vier Grundstücke zu kaufen. Drei Häuser standen bereits auf dem gesamten Areal von 4040 m2. Das Kolonialhaus an der Cuernavaca Strasse und zwei denkmalgeschützte Wohnhäuser aus den 1930er Jahren. Diese wurden mit Bedacht renoviert und zu zwei Doppelhaushälften umstrukturiert. Im hinteren Teil der Anlage befinden sich sechs zwischen 2019 und 2021 fertiggestellten Neubauten in unterschiedlicher Höhe und Länge mit 89 Wohnungen. Davon grenzen zwei an die beiden Strassen und bilden die Eingangssituationen.
Das Herzstück des Ensembles bilden die beiden Jugendstilhäuser zusammen mit den vier langgestreckten Wohntürmen im Innern der Anlage, die durch eine Parklandschaft verbunden werden. Weite Auskragungen bilden einen fliessenden Übergang der Aussenräume im Parterre der Neubauten, dazwischen beleben aussenliegende Treppenhäuser die Aussenräume. Der kantige, schwebende Beton der Balkone und die Metalltreppen sowie die Geschossstapelung verleihen den Türmen einen unverwechselbaren Ausdruck. Ebenso prägend für den Ort ist das kokette Zusammentreffen des monumentalen Funktionalismus aus Sichtbeton und des charmanten, farbenfrohen Jugendstils.
Doch passen Betonriesen in die Condesa? Die Antwort ist ja. Das Viertel spiegelt seit seiner Gründung den sozialen Status seiner wohlhabenden Bewohner wider, wurde mit einer Pioniermentalität geplant und lehnt sich an Architektursprachen an, die nicht aus Mexiko stammen. Die Prinzipien der Moderne werden von JSa zeitgemäss umgesetzt: Querlüftung, Licht und Begrünung prägen das Ensemble. Der autonome Fassadenausdruck wird durch den Abstand zur Strasse gewährt. Dagegen wäre für die tektonische Strassenfassade mit Altbau-Kulisse mehr Sensibilität angebracht gewesen. In der Gesamtheit werden die Bauten kontrastierender Stilepochen und die Dualitäten von globaler Dynamik und kultureller Vielfalt zu einer Einheit verwoben.
Wie überall ist es auch hier wichtig – trotz fehlender Infrastruktur und Wasserkrise –, gelungene Beispiele für Verdichtung aufzuzeigen. Und doch wünscht man sich, dass diese Lebensqualität mehr Menschen zugänglich gemacht würde.
Unsere Autorin und Korrespondentin lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt und betreibt die Plattform «Learning from Mexico».