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Haben oder Sein (Erich Fromm)
Inhalt
- Erich Fromm
- Haben oder Sein
a. Einleitung
b. Allgemeines über Haben und Sein
c. Haben
d. Sein
e. Gesellschaftliche Situation
- Visualisierung
Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt / Main geboren und verstarb 1980 in Locarno in der Schweiz. Er war Psychoanalytiker und Sozialphilosoph und promovierte 1922 in Soziologie in Heidelberg. 1930 bis 1939 gehörte er mit anderen jungen Persönlichkeiten, wie Marcuse, Löwenthal, Benjamin und Pollock zur Frankfurter Schule. 1933 wanderte er in die USA aus, wo er an verschiedenen Instituten beschäftigt war. Von 1950 bis 1974 schließlich lebte er in Mexiko. Zu seinen berühmtesten Werken zählt neben „Haben oder Sein“ (1976) auch das Buch „Kunst des Liebens.“
Erich Fromm beschreibt in seinem Werk „Haben oder Sein“ die zwei Charakterstrukturen Haben und Sein. Das Buch ist eine empirische, psychologische und gesellschaftliche Analyse der beiden Existenzweisen Haben und Sein. Erich Fromm analysiert die beiden Charakterorientierungen Altruismus und Selbstsucht.
Die beiden Charakterstrukturen Haben und Sein sind für Erich Fromm nicht bloß Beschreibungen des Verhaltens, sondern stellen vielmehr eine tiefgründige Art und Weise des Wesens selbst dar. Hierbei ist Haben für Erich Fromm das Übel der gegenwärtigen Zivilisation, während im Sein die einzige Möglichkeit eines erfüllten, nicht entfremdeten Lebens besteht. Haben und Sein sind zwei grundlegend verschiedene Formen menschlichen Erlebens. Erich Fromm beschreibt sie als Antagonismus, als zwei entgegenstrebende Kräfte, deren Stärkeverhältnis zueinander bestimmend für den Charakter, sowohl eines einzelnen Individuums als auch einer ganzen Gesellschaft ist. Es gibt folglich verschiedene Arten der Charakterstruktur.
In der Existenzweise des Habens ist es das oberste Ziel zu haben. Diese Existenzweise resultiert teilweise schon aus dem in jedem Menschen vorhandenen Selbsterhaltungstrieb, dem biologisch bedingten Wunsch zu leben. Im Buddhismus wird diese ständige Aneignung und das Behalten des Erworbenen als Gier, im Juden- und Christentum als Habsucht bezeichnet. Das Ding ist dabei der Mittelpunkt einer toten Beziehung zur Welt, die ausschließlich im Besitzergreifen und Besitzen seinen Sinn findet. Das Einverleiben, das Konsumieren und Verbrauchen, sowohl materiell als auch geistig verursachen hierbei ein Triumphgefühl. Das Individuum definiert sich nur noch durch den eigenen Besitz: „ich bin, was ich habe.“ Diese Gier nach Geld, Ruhm und Macht ist charakteristisch für die Menschen der westlichen Industriegesellschaft. Wir leben in einer Überflussgesellschaft: „ich bin, was ich habe und konsumiere.“
Auch im Glaube kann diese Struktur verwurzelt sein. Erich Fromm beschreibt es hier als den Besitz von Antworten, für die man keinen rationalen Beweis hat. In der Liebe wird das Haben durch Einschränken und Kontrollieren deutlich. Dadurch kann die Liebe auch zu einer Lähmung statt zu einer Belebung führen.
Beim Haben besteht das einzige Glück darin Überlegenheit und Machtbewusstsein auch durch Erobern, Rauben und Töten zu haben. Gewaltanwendung, um den Widerstand eines Lebewesens zu brechen und es zu beherrschen, ist also durchaus eine mögliche Folge. Auch ist es nicht selten, dass durch ein Überkompensieren ein Leugnen der eigenen Situation stattfinden kann (Askese).
Haben vermittelt auf der einen Seite Sicherheit, auf der anderen Seite besteht aber die Gefahr des Verlustes. Außerdem verringert sich das Haben durch den Gebrauch.
Laut Erich Fromm hat Haben zwangsläufig Krieg zur Folge. Es führt zur Vereinsamung und zur Isolation des Menschen und beinhaltet einen angsterfüllten Wunsch nach Unsterblichkeit. Hierbei wäre der Verlust des Lebens ein Besitz. Man ist nur der Zeit unterworfen.
Die Ursache für diese Existenzweise ist die Verinnerlichung der autoritären Gesellschaftsstruktur.
Grundsätzlich gibt es bei der Existenzweise des Seins zwei Interpretationsmöglichkeiten. Einmal das Sein als Gegenteil vom Haben, wo man nichts hat und auch nichts begehrt zu haben und zum anderen das Sein als Gegenteil des Scheins, wo man die wahre Wirklichkeit im Gegensatz zum trügerischen Schein sieht.
Beim Sein als solches besteht Freude am produktiven Nutzen der eigenen Fähigkeiten. Der Mensch steht im Mittelpunkt und er hat das Bestreben eins mit der Welt zu sein.
Sein impliziert Veränderung, Lebendigkeit und Aktivität. Man empfindet Lust durch das freie und aktive Interesse an Dingen oder durch das Streben nach etwas. Sein schließt Passivität also aus und die Aktivität ist als produktives Tätigsein nicht als bloße Geschäftigkeit zu verstehen.
Ebenfalls wie beim Haben existiert ein angeborenes Verlangen zu sein. Im Gegensatz zum Haben nimmt das Sein jedoch durch die Praxis zu. Der Ethos des Seins ist das Teilen, die Solidarität.
Das Glück besteht durch dieses Teilen, durch Lieben und durch Geben. In der Liebe wird der Akt des Liebens als produktives Tätigsein verstanden. Das Sorgetragen und sich Erfreuen steht im Vordergrund.
Sein beinhaltet Freude, jedoch kein Vergnügen, was nur die Befriedigung eines Verlangens ist. Durch die Freude kann dann eine richtige Selbstverwirklichung erreicht werden. Beim Sein ist eine geteilte Freude möglich, es besteht keine Rivalität.
Narzissmus, Egozentrik und Selbstsucht müssen als Voraussetzung aufgegeben werden und das Erreichen von Freiheit (Ungebundenheit), Unabhängigkeit und das Vorhandensein kritischer Vernunft sind grundlegend.
Sein ist nicht Schein. Nicht das Verhalten selbst, sondern die innere Motivation ist bestimmend für die Charakterstruktur. Denn nur diese zeigt das wahre Sein. Im Gegensatz zum Haben beruht das Sein auf einer nicht-autoritären Struktur.
Der Trias unserer Fortschrittsreligion lautet: unbegrenzte Produktion, absolute Freiheit, uneingeschränktes Glück.
Unsere Gesellschaft hat die Illusion durch Technik allmächtig und durch Wissenschaft allwissend zu sein. Die Gesellschaft setzt sich mit Göttern gleich, was von Erich Fromm als sehr negativ bewertet wird. Er nennt hierfür ein Zitat von Albert Schweitzer: „(...) dass wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind. (...)“.
Fromm erkennt nicht wenige Mängel an der heutigen Industriegesellschaft. Radikaler Hedonismus ersetzt Eudaimonia. Die objektiv gültigen Bedürfnisse jedes einzelnen sind nicht mehr wichtig. Dadurch wird das menschliche Wachstum nachhaltig behindert. Als zweiten eklatanten Negativpunkt nennt Erich Fromm die Eigenschaften, die unserer Gesellschaft hauptsächlich zur Funktionstüchtigkeit verhelfen: Egoismus, Selbstsucht und Habgier. Egoismus bedeutet nicht zu teilen, mit Habgier verfährt man nach dem Prinzip, immer mehr haben zu wollen. Neid und Feindseligkeit sind ein fester Bestandteil der Habgier, die Unterwerfung anderer, das Betrügen und Ausbeuten ist ebenso ein Teil von ihr. Diese unsere Gesellschaft tragenden Eigenschaften schließen jedoch Frieden und Harmonie völlig aus. Selbstsucht ist die Regel, Solidarität die Ausnahme. Der Klassenkampf ist ein Resultat, was aus der ständigen Rivalität hervorgegangen ist. Selbst die Natur wurde schon Untertan gemacht. Fromm sagt hier eine Katastrophe voraus, die der Mensch nicht bereit ist einzusehen. Durch diese Ignoranz hat an dieser Stelle der Selbsterhaltungstrieb versagt.
Die drei Säulen der heutigen Gesellschaft sind Privateigentum, Profit und Macht. Das Streben nach Besitz und Profit macht unsere Gesellschaft aus und ist ein eindeutiges Charakteristikum der Existenzweise des Habens.
Die Gesellschaft tendiert auch insgesamt vom Sein zum Haben, was Erich Fromm an einigen Beispielen erklärt. Auf der sprachlichen Ebene nennt der den vermehrten Gebrauch von Substantiven statt von Verben: „ich habe ein Problem“ statt „ich bin besorgt“, „ich habe einen Körper“ statt „ich bin ein Körper“. Auch in der immer mehr verbreiteten Verschriftlichung von Daten sieht Erich Fromm diesen Trend: „Informationen haben“. Die Reproduktion von Dingen hat das kritische Hinterfragen, den produktiven Denkprozess verdrängt. Es geht darum mehr zu wissen anstatt Dinge tiefgründiger zu untersuchen.
Eine positive, wenn auch noch lange nicht ausgereifte Entwicklung sieht Fromm offensichtlich in der 68er Generation.
Als Lösungsmöglichkeiten für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft sieht Fromm nur die parallele Entwicklung eines neuen Menschen. Eine grundlegende Veränderung der Charakterstruktur ist dabei unvermeidbar.