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Es wird immer lauter in den arktischen Meeresgebieten. Denn einerseits nimmt der Schiffsverkehr immer mehr zu aufgrund des steigenden Interesses der Menschen an der Arktis als Rohstofflieferant, Transportweg und Freizeitgestaltungsort. Andererseits überträgt das immer wärmer werdende Wasser wohl auch die Geräusche immer weiter und schneller. Zu diesem Schluss kommt eine Studie italienischer Forscherinnen und Forscher.
Das Forschungsteam des Nationalen Instituts für Ozeanographie und angewandte Geophysik in Trieste fand bei ihren Untersuchungen heraus, dass sich bei einem weiteren Anstieg der Meerestemperaturen der Schall in bestimmten Regionen des Nordatlantiks und der Arktis um bis zu 25 Meter pro Sekunde schneller ausbreiten wird als unter den gegenwärtig herrschenden Bedingungen. Dabei sind vor allem diejenigen Tiefen betroffen, so das Team, in denen der grösste Teil der biologischen Vielfalt vorkommt, das heisst zwischen 50 und 500 Metern.
Ausserdem zeigen die Resultate, dass es grosse regionale Unterschiede gibt und die kälteren Regionen stärker betroffen sind. Dies dürfte an den physikalischen Bedingungen in den Regionen liegen, denn das Team untersuchte, wie sich Temperatur, Tiefe und Salzgehalt in einem Hoch-Emissionsszenario entwickeln würden. «Die grössten Auswirkungen werden in der Arktis erwartet, wo wir bereits wissen, dass sich die Effekte des Klimawandels jetzt verstärken», erklärt Co-Autor Stefano Salon. «Nicht die ganze Arktis, aber ein spezifischer Teil, in dem alle Faktoren zusammenspielen, um ein Signal zu geben, das gemäß den Modellvorhersagen die Unsicherheit des Modells selbst überwindet.» Besonders die Grönlandsee, der Bereich zwischen Grönland und Svalbard, die Barentssee und der Beringmeerbereich gehören zu den arktischen Regionen, in denen der Schall schneller unterwegs sein wird. Auch im östlichen Teil des Südpolarmeeres, so zeigen es die Ergebnisse der Studie, dürfte sich die Schallausbreitung beschleunigen, zumindest in den oberen 50 Metern.
Viele Menschen kennen die Walgesänge der Buckelwale, die Klicklaute der Orcas oder die Pfeifgeräusche der Belugas. Zahlreiche arktische Meeressäuger nutzen die Tatsache, dass Schall im Wasser besser transportiert wird als in der Luft, um sich zu orientieren oder mit Artgenossen zu kommunizieren. Vor allem bei der Paarung spielt das eine wichtige Rolle, da sich so die Geschlechter überhaupt erst finden. Schall wandert in den Polargebieten in der Regel mit etwa 1’450 Metern pro Sekunde. Das schnellere Ausbreiten aufgrund der Erwärmung könnte einerseits dazu führen, dass sich damit die Rufe der Meeressäuger schneller und weiter ausbreiten als bisher. Am Beispiel der Nördlichen Glattwale, die in den von den Forscherinnen und Forschern identifizierten «Schall-Hotspots» vorkommen, wurde berechnet, dass der Übertragungsverlust in wärmer werdenden Gewässern tatsächlich zurückgehen würde und sich so Meeressäuger auch weiter entfernt hören könnten. Dies wäre für die bereits bedrohten Meeresssäugetiere von grosser Wichtigkeit, da ihre Zahl bereits derart tief liegt, dass es für Bullen und Kühe schwierig wird, sich zu finden, nicht zuletzt auch aufgrund der Lärmkulisse durch Schifffahrt und unterseeische Ressourcenförderung.
Genau das ist aber auch ein weiterer negativer Aspekt, den die Erwärmung der arktischen (und antarktischen) Gewässer mit sich bringen würde: Der Schall von Lärmquellen würde ebenfalls schneller und weiter wandern als bisher und es würde nicht nur die Meeressäugetiere beeinflussen. Dies sagen auch die italienischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: «Wir hatten beschlossen, eine der Megafauna-Arten zu untersuchen», sagt Alice Affatati, die Hauptautorin der Studie. «Doch zahlreiche Stufen des Nahrungsnetzes sind von der Geräuschlandschaft und der Nutzung von Geräuschen betroffen, nicht nur Wale.» Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass auch Fische mit Geräuschen kommunizieren und ihre Umgebung wahrnehmen und durch den zunehmenden Lärm unter Wasser negativ beeinflusst werden. Nimmt man die bereits bekannten direkten physiologischen und ökologischen Auswirkungen der Erwärmung mit dazu, dürfte sich der Stress für die arktischen Meeresbewohner vergrössern. Doch Daten dazu fehlen noch und das Autorenteam ruft dazu auf, die Kombination von Stressfaktoren stärker zu untersuchen und dabei auch unterschiedliche Ansätze zu verwenden. «Bei komplizierten Problemen wie dem Klimawandel ist die Kombination verschiedener Ansätze der richtige Weg», ist Chiara Scaini, die dritte Autorin, überzeugt. Sicher ist, dass es in der eigentlich als still wahrgenommenen polaren Unterwasserwelt in Zukunft noch heisser werden dürfte, nicht nur temperaturtechnisch.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Beitragsbild: Screenshot Unterwasserexplosion (C)Youtube Turtle Pictures
Link zur Studie: Affatati et al. (2022) Ocean sound propagation in a changing climate: Global sound speed changes and identification of acoustic hotspots; Earth’s Future, 10 (3): https://doi.org/10.1029/2021EF002099