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Zwingli beim CERN
Als Doktor Mark Stewart, Professor für Quantenphysik und Projektleiter beim CERN, versehentlich ein bisschen Kaffee auf dem Teilchenbeschleuniger goss, war ihm noch nicht bewusst, dass er eine Lücke im Zeitraum-Kontinuum öffnen und ihm Uldrych Zwingli in Person erscheinen würde.
Es machte „POP!“ und nur der Kopf von Uldrych begrüsste ihn mit „Guete Tag, gnädyger Herr!“, worauf Doktor Stewart auf der Stelle ohnmächtig wurde. Dann materialisierte sich glücklicherweise auch der restliche Körper des Reformators. Der pragmatische Uldrych schüttelte den Professor gut durch. Dieser machte aber keinen Wank und erwachte leider nicht aus seinem Schwächeanfall. Aus diesem Grund beschloss der forsche Prediger, die nähere Umgebung doch alleine zu erkunden. Als er durch die Korridore des Komplexes federnden Schrittes lief, wurde er von Mark Siegenthaler, Security-Verantwortlicher, mit Argusaugen beobachtet. Der Security-Mann kontrollierte die Bewegungen der düsteren Figur und die entsprechende auffällige Kleidung auf seinem Bildschirm und murmelte dann müde: „Wahrscheinlich der Neue aus der Facility-Abteilung“ und schenkte dann dem Reformator keine Beachtung mehr. Herr Zwingli betrat die Zentrale und sah, wie Herr Martullo auf seinem Arbeitsplatz genüsslich eine Wurst verzehrte:
„Wo ist Herr Christoph Froschauer? Ich suche ihn seyt einer Weyle und noch mehr.“
Worauf Herr Martullo antwortete: „Herr Froschauer? Mmmh, ich könnte im Outlook nachschauen. Mal gucken, ob er überhaupt bei uns arbeitet…Ach ja, im 4. Untergeschoss, Flügel H und Raum 14 C. Sie müssen dort lang.“
Herr Zwingli machte eine ernste Miene und sagte dann: „Sie möchten bytten? Hat hier eine Disputation zu beginnen oder möchten Sie mich doch freundlycherweise begleyten?“
„Ich verstehe: ich bringe Sie persönlich hin“, lenkte Herr Martullo beschwichtigend ein.
Sie liefen durch die Gänge und Uldrych Zwingli war sichtlich überrascht, als er Herrn Froschauer anders gekleidet als üblicherweise vorfand. Der Christoph wirkte zudem ein bisschen bleicher. Sonst sah er genau gleich aus: die gleiche Nase, dieselben Augen und die gleiche Statur des Buchdruckers.
„Christoph! Wie komisch du gekleidet byst. Was sollen diese Stoffen hier und was ist das für ein Krempel im Raume?“
Herr Froschauer schaute verdutzt um sich und sagte dann: „Wer sind Sie überhaupt?“
„Mache keynen Spass mit mir. Ich bin es, Huldreych!“
„Wie bitte?“
„Huldereych, Huldrich, Huldrych, Huldrich, Huldrjch, Ulrich. Wie du möchtest!“
Herr Froschauer wollte sprechen aber der Reformator stoppte ihn aber unsanft und fragte: „Wieso habt ihr mit dem Wurstessen bereits angefangen?“
„Was für ein Essen?“
„Spyele nicht mit mir! Dieser Martullo, der stopft sich bereits seit Ewigkeiten eine Wurst in seynem Maule rein.“
Herr Martullo schluckte den Rest seiner Wurst und entfernte sich sicherheitshalber ein paar Meter vom protestierenden Reformator.
„Ich dachte, ich wär‘ auch eingeladen, Christoph. Aber was sehe ich? Dass ich’s verpasst habe! Und das nach alledem, was ich dir gesagt und gepredygt habe.“
Herr Froschauer schaute verdutzt und sprachlos rein.
„Und wo ist die Bibel, die ich dir zu drucken beauftragt habe?“, fragte Zwingli harsch.
„Bibel?“, antwortete Herr Froschauer.
„Ich will sie sehen, hier und jetzt! Und in meyner Sprache, fürwahr!“
Herr Froschauer hatte eine spontane Idee, tippte ein paar Zeilen auf seiner Tastatur ein und sagte dann: „Kommen Sie Herr Huldereich und schauen Sie zu.“
Der Reformator näherte sich vorsichtig dem Bildschirm: „Was sehe ich da? Was ist das für eine Zauberei?“
„Das ist die Online-Bibel. Das alte und das neue Testament für jedermann zugänglich.“
„Sie blasphemieren! Das ist nicht möglich! Hier drin in diesem Kasten soll die gesamte Bibel sein?“
„Ja, und vieles Mehr! Wie heissen Sie wieder? Wahrscheinlich haben Sie sogar ein Wikipedia-Eintrag.“
„Huldrych Zwingli habe ich gesagt, mehrmals! Aus Wildhaus.“
„Geboren als Sohn des Bauers und Ammanns Johann Ulrich Zwingli und der Maria Bruggmann?“
„Ja genau!“
„Da steht, dass Sie als Kirchherr zum leitenden Pfarrer in Glarus gewählt wurden.“
„Das steht in diesem Kasten? Teuflisch!“
„Jaja, und Vieles mehr. Ich zitiere: ‚Zwingli gab sein Glaubensbekenntnis von der wahren und falschen Religion heraus, das er dem französischen König Franz I. schickte. Mit Luther und den anderen deutschen Reformatoren in vielen Punkten einig, verfuhr Zwingli doch in liturgischer Beziehung radikaler und verwarf die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl. Bilder, Messen und Zölibat waren abgeschafft, und es gab eine geregelte Armenfürsorge‘.“
Der Prediger nickte nachdenklich und meinte dann: „Das habe ich nie gesagt. Aber eine gute Idee ist dies fürwahr.“ Er kramte dann ein schwarzes Büchlein aus der Innentasche seiner Kutte hervor und machte sich eifrig Notizen.
Dann sagte Herr Froschauer: „Aber etwas scheint mir doch komisch zu sein…Hier steht, dass Sie im Jahr 1484 geboren wurden und seit fast 500 Jahren gestorben sind! Da muss etwas falsch publ…“.
Im selben Augenblick dematerialisierte sich der Reformator: zuerst waren die Füsse dran, dann die Beine und anschliessend den Oberkörper. Das Letzte was von ihm zu hören gewesen sei, bevor auch sein Kopf verschwand, war: „Den Leib können sie töten, nicht aber meine Seele.“