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Als S. wird das südlich des Monte Ceneri gelegene, voralpine Gebiet des Tessins bezeichnet, dessen Erhebungen mit Ausnahme des Camoghé und des Gazzirola nicht über 2000 m ragen. Die Namen S. und Sopraceneri kamen erst im 19. Jh. als geogr. Begriffe in Gebrauch. Verwaltungspolitisch gehören Isone und Medeglia, die zu Beginn des 16. Jh. Bellinzona unterstellt worden waren, nicht zum S. Das aus den heutigen Bezirken Lugano und Mendrisio bestehende Gebiet umfasst mit ca. 432 km2 rund 15% der Kantonsfläche, während 2008 die 189'123 Einwohner 57% der Kantonsbevölkerung entsprachen. Bereits 1808 lag die Bevölkerungsdichte des S. bei über 100 Einwohnern pro km2.
In der frühen Neuzeit war das wirtschaftlich stets mehr nach Süden orientierte S. eine gemeine Herrschaft der zwölf Orte und in die zwei Landvogteien Lugano und Mendrisio unterteilt. Erst nach den polit. Umwälzungen von 1798, die zur Gründung des Kt. Lugano - bestehend aus dem S. und den ehem. Landvogteien Locarno und Vallemaggia - führten, verstärkten sich die Beziehungen zum Sopraceneri. 1803 löste die Erhebung Bellinzonas zur Hauptstadt des neu geschaffenen Kt. Tessin heftige Reaktionen bei den Bürgern von Lugano aus. Diese hatten bereits 1802 gedroht, sich von der Schweiz zu trennen, falls Lugano nicht zur Kantonshauptstadt erhoben würde. Nachdem schon 1798 eine Delegation der ehem. Landvogtei Mendrisio deren Angliederung an die Cisalpin. Republik verlangt hatte, stimmte 1811 der mehrheitlich aus Mitgliedern aus dem Sopraceneri zusammengesetzte Tessiner Gr. Rat für eine Zurückversetzung der Kantonsgrenze an den Luganersee. Mit dem Verzicht auf das Mendrisiotto sollte der Rest des Kantons vor den Expansionsgelüsten des Königreichs Italien gerettet werden. Dank der Niederlagen der napoleon. Armeen kam es zwar nie zur Abtrennung, doch der Beschluss des Gr. Rats wurde im S. als Verrat angesehen. Die Beziehungen zwischen dem S. und dem Sopraceneri verschlechterten sich nachhaltig und blieben fast das ganze 19. Jh. hindurch gespannt. Dazu trugen die Reformen von 1814-15 bei. Die regionalen Gegensätze erreichten 1870-71 ihren Höhepunkt, als sich die Vertreter der beiden Kantonsteile um den Sitz der Kantonshauptstadt stritten, der im Sechsjahresrhythmus zwischen Lugano, Bellinzona und Locarno wechselte. Wie 70 Jahre zuvor fühlte sich das S. benachteiligt und verlangte die Trennung des Kt. Tessin in zwei Halbkantone. Diesen Vorschlag wies Bern zurück. 1878 wurde Bellinzona zur einzigen und dauerhaften Kantonshauptstadt.
Vom Ende des 20. Jh. an vertieften die Wirtschaftskrise und der Aufschwung der Stadt Lugano die Gegensätze zwischen dem ökonomisch dynam. S., dessen 3. Sektor (Handel, Finanzen, Dienstleistungen) sich stark entwickelte, und dem Sopraceneri, der nach neuen Entwicklungsstrategien sucht. Die Unterschiede der beiden Regionen beeinflussten z.T. die Organisation des öffentl. Lebens und der Verwaltung. So besassen das S. und das Sopraceneri ab dem 19. Jh. bis 1992 je eine eigene Staatsanwaltschaft.
Quellen
– La quistione della separazione nel Cantone Ticino, 1870
Literatur
– Ceschi, Ticino
Autorin/Autor: Marco Schnyder / CHM