Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/712

Drei Schweizer Atomkraftwerke verlieren vermutlich insgesamt über siebzig Millionen Franken, weil der US-amerikanische Uranhändler Oren Lee Benton, mit dem sie jahrelang geschäftet haben, vor dem Bankrott steht. Benton hat seit längerem einen guten Draht in die Schweiz, gründete er doch in Olten zwei Uranhandelsfirmen. Die eine wird heute von Niko-lai Egorov präsidiert, dem Atom-Vizeminister Russlands.
Der grösste Uranhändler der Vereinigten Staaten, Oren Lee Benton, steht vor dem Bankrott. Benton hat seit 1982 einen Konzern mit dreissig Firmen aufgebaut, die vor allem im Nukleargeschäft tätig waren. Er beschäftigte weltweit 1500 Angestellte und galt bis vor kurzem in Denver (Colorado, USA) als einer der reichsten Männer, konstatierte die «Financial Times» im Februar: «Aber sein Uran-Handelsimperium geriet in einen finanziellen ‘meltdown’ (Kernschmelze) mit Schulden zwischen vierhundert und fünfhundert Millionen US-Dollar, die Gläubiger sind hauptsächlich Firmen in Russland, China und Grossbritannien.» Benton musste um Nachlassstundung bitten, die zur Zeit immer noch läuft.
Auf der Liste der Gläubiger finden sich auch Schweizer Unternehmen: Das Kernkraftwerk Gösgen, das Kernkraftwerk Leibstadt und die Nordostschweizerische Kraftwerke AG (NOK), die Beznau betreibt. Die NOK habe bei Benton ein Guthaben von 12 Millionen Dollar ausstehend, doch verfüge man über Sicherheiten in Form von Liegenschaften, wobei man aber noch nicht wisse, wieviel diese Sicherheiten wert seien, sagte der NOK-Pressesprecher Christoph Tromp gegenüber der WoZ. Bei Gösgen handelt es sich um 18 Millionen Dollar. Leibstadt hat gar 40,7 Millionen Dollar investiert, die allenfalls verloren sein könnten, wie Jürg Marti, Geschäftsleitungsmitglied der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg, die Leibstadt betreibt, gegenüber der WoZ sagte. Doch betont man beim AKW Leibstadt, man müsse diesen möglichen Verlust «in Relation zum Aufwand für den gesamten Brennstoffkreislauf sehen, welcher im Falle des Kernkraftwerkes Leibstadt 150 Millionen Franken pro Jahr beträgt».
Worin die drei AKW-Betreiberinnen ihr Geld investiert haben, ist bislang unklar. Man weiss indes, dass das Kernkraftwerk Gösgen und die NOK in den USA an Bentons Uranminen beteiligt sind. Unter anderem auch am Projekt des Hankville-Blanding-Konsortiums, das am Red-Butte-Berg im Grand Canyon Uran abbauen will. Seit Jahren wehren sich die Havasupai-Indianer - die vor der Wellenbergabstimmung Nidwalden besucht haben - gegen den geplanten Uranabbau, der ihr Stammesgebiet verseuchen würde. Wichtigster Partner im Hankville-Blanding-Konsortium ist die Energy Fuels Nuclear Inc. (EFN), eine Benton-Firma, die aber nicht von der Nachlassstundung betroffen ist. Die restlichen je zwanzig Prozent des Konsortiums halten Gösgen und die NOK.
Billiges Uran aus GUS-Staaten
Zur Zeit dürfte jedoch am Red-Butte-Berg kaum mit dem Abbau von Uran begonnen werden. Ein Überangebot auf dem Weltmarkt liess die Uran-preise absacken. Während der Ölkrise 1978 erhielt man für ein Pfund Uran 45 Dollar. Heute liegt der Preis zwischen 7 und 10 Dollar. Die US-Minen können zu diesem Preis nicht kostendeckend fördern, verschiedene Minen wurden deshalb in den letzten Jahren stillgelegt.
Oren Lee Benton sah diese Entwicklung kommen und wollte frühzeitig mit den GUS-Ländern, die in der Lage waren, billiges Uran auf den Markt zu bringen, ins Geschäft kommen. Er suchte sich Freunde in Moskau, verschiffte zum Beispiel hundert Stück Vieh nach Russland und schenkte sie der Regierung, er half eine Zahnpastafabrik und eine Fabrik zur Herstellung von gefriergetrockneten Tomaten bauen.
So kam er zu seinem Uran. Nur machten ihm plötzlich die US-Behörden Probleme, weil die Regierung unter anderem die Einfuhr von Rohstoffen sehr restriktiv handhabt. Inzwischen werden sehr hohe Zölle auf GUS-Uran erhoben. Im Juli vergangenen Jahres durchsuchten zudem die US-Zollbehörden eine von Bentons Firmen, die Nuexco Trading Corp. in Denver, und leiteten eine Untersuchung ein. Die Behörden vermuteten, Benton habe Umgehungsgeschäfte getätigt und kanadisches Uran mit GUS-Uran getauscht, um dieses in die USA einführen zu können. Das Geschäft mit Russland warf in der Folge nicht die erwarteten Gewinne ab - und Benton war im Februar «out of cash».
«Wir haben eine lange und stabile Beziehung mit Mister Bentons Firma», kommentierte - laut der Nachrichtenagentur AP - Nikolai Egorov, russischer Vizeminister für Atomenergie, dessen finanzielle Probleme: Benton schulde Russland mehrere Millionen Dollar, meinte Egorov, man erwarte aber, dass das Geld durch zukünftige Geschäfte wieder reinkomme. Egorov sagte ferner, im letzten Jahr habe Russland Uran im Wert von 700 Millionen Dollar exportiert, und fügte an: «Es wird noch mehr werden.» Womit er deutlich machte, dass Russland gewillt ist, den Weltmarkt mit spottbilligem Uran zu überschwemmen, was die Minen in Australien oder Kanada ziemlich in Bedrängnis bringen dürfte, da sie bei den heutigen Preisen schon Mühe haben, ihr Uran kostendeckend zu fördern.
Uran-Drehscheibe Olten
Via Benton und Egorov schliesst sich der Kreis - und zwar in der Schweiz, konkreter in Olten. Dort sind in einem unscheinbaren Geschäftshaus an der Leberngasse 15 gleich mehrere Firmen ansässig, die laut Handelsregisterauszug mit nuklearem Material handeln: Die Nuexco Exchange AG, die Global Nuclear Services and Supply GNSS Ltd. sowie die Nutex AG.
Die Nuexco Exchange AG in Olten zählt, laut der US-amerikanischen Fachzeitschrift «Nuclear Fuel», zu den zwanzig grössten Gläubigern von Benton. 225 Millionen Dollar soll der Konzern der Nuexco in Olten schulden. Die Nuexco wurde am 23. Februar 1988 als Ableger von Bentons Nuexco Trading Corp. (Denver, USA) in Olten gegründet. Als Verwaltungsratspräsident der Nuexco Olten amtet Oren Lee Benton höchstpersönlich. Die Firma dient sozusagen als Bindeglied zwischen Moskau und Olten, laut Handelsregister betreibt sie «Handelsgeschäfte, insbesondere mit Kernbrennstoffen». Geführt wird das Oltener Büro von Hans W. Vogt, dem ehemaligen Technischen Direktor des Kernkraftwerkes Gösgen.
Die zweite Firma, die GNSS, ist ebenfalls im Büro von Vogt domiziliert. Oren L. Benton hat die GNSS 1991 zusammen mit Albert Shishkin gegründet. Shishkin ist Generaldirektor der Techsnabexport in Moskau. Die Techsnab besitzt in Russland das Handelsmonopol für Uranprodukte und untersteht dem russischen Ministerium für Atomenergie. Im Verwaltungsrat der GNSS sass ursprünglich auch der Solothurner FDP-Nationalrat Rudolf Steiner, der jedoch im August 1994 zusammen mit Benton und Shishkin demissionierte. Steiner, der noch vierundzwanzig andere Verwaltungsratsmandate innehat, meinte auf die Frage, weshalb er demissioniert habe: «Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, warum ich wo gewählt wurde und warum ich nicht mehr dabei bin.» Über die Geschäftstätigkeit der GNSS wollte er sich nicht äussern. Allerdings ist es auffällig, dass Benton, Shishkin und Rudolf Steiner kurz nachdem die Nuexco in Denver wegen der angeblichen Umgehungsgeschäfte mit den US-Zollbehörden in Schwierigkeiten geriet, aus dem Verwaltungsrat ausschieden.
Pikant ist die Benton-Nachfolge in der GNSS: Seit August präsidiert kein geringerer als der russische Atom-Vizeminister Egorov den Verwaltungsrat. Gemäss Handelsregister betreibt die GNSS «Kauf und Verkauf von U308, natürlichem und angereichertem Uranhexafluorid, Trennarbeitseinheiten zur Urananreicherung und anderen in der Sowjetunion erzeugten Produkten». Es scheint relativ merkwürdig, dass ein russischer Atomminister als Privatmann von Olten aus Uranhandelsgeschäfte betreibt.
Zu den Kunden der GNSS und der Nuexco Exchange gehören Betreiber von nuklearen Anlagen auf der ganzen Welt, unter anderem auch die Kernkraftwerke Gösgen und Beznau. Vogt, der sowohl für die Nuexco wie für die GNSS als Verwaltungsratsdelegierter auftritt, unterhält daneben noch die Nutex AG, die laut Handelsregister ebenfalls auf «Handelsgeschäfte, insbesondere mit Kernbrennstoffen» spezialisiert ist, sowie die BeMi AG, die mit «Beryllium und seltenen Metallen sowie seltenen Erden» handelt; Beryllium kann im Flugzeugbau, aber auch für die Herstellung von Atombomben verwendet werden, ist sehr teuer und kommt deshalb nur selten im zivilen Bereich zum Einsatz. In beiden Firmen ist Vogt als einziges Verwaltungsratsmitglied aufgeführt. Vogt war für die WoZ bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.
Export der Gefahren
Das Urangeschäft dürfte auf jeden Fall rentieren: denn europäische AKW-BetreiberInnen beziehen lieber Uran aus den GUS-Ländern als aus den USA - und zwar nicht nur wegen des Preises. Die Vereinigten Staaten beharrten stets auf ihrer «Ursprungsbestimmung». Will zum Beispiel die Schweiz abgebrannte Brennelemente, die in den USA fabriziert worden sind, zur Wiederaufarbeitung nach Sellafield (GB) schicken, kann sie das nur tun, wenn die USA die Transporte bewilligen. Die US-Behörden zögerten öfters monatelang, bis sie eine derartige Bewilligung erteilten. Den USA ging es mit ihrer «Ursprungsbestimmung» darum, kontrollieren zu können, welche Staaten wieviel Plutionium besitzen. Die US-Praxis erlaubte es den KritikerInnen der Wiederaufarbeitung, die umwelt- und gesundheitsschädigende Plutonium-Mox-Wirtschaft zu thematisieren (in der Schweiz arbeitet zur Zeit Beznau mit wiederaufgearbeiteten Plutonium-Mischoxid-Brennelementen, Gösgen plant, 1997 ebenfalls derartige Elemente einzusetzen (vgl. WoZ Nr. 21/95). Kernbrennstoff aus anderen Herkunftsländern können die AKW-Betreiberinnen jedoch ohne Bewilligung - und somit ohne öffentlich Aufmerksamkeit zu erregen - zur Wiederaufarbeitung schicken.
Doch nicht nur die Wiederaufarbeitung, sondern schon der Uranabbau belastet Umwelt und Bevölkerung enorm. Riesige Abraumhalden, die noch während Jahrtausenden strahlen werden, bleiben zurück. Die Abraumberge sind praktisch nicht entsorgbar, der radioaktive Staub verseucht die umliegenden Böden und Häuser. Natürlich ist das sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Südafrika oder Russland der Fall. Dennoch macht es einen Unterschied, woher das Uran stammt, wie Dima Litvinov - einst Greenpeace-Atom-Kampagner in Moskau, heute Greenpeace-Mitarbeiter in Schweden - gegenüber der WoZ meinte: «Es geht um einen Export von Gefahren. Und es ist ganz klar, dass zum Beispiel Russland, das mit enormen ökonomischen Problemen kämpft, nicht einmal die minimalsten Sicherheitsbestimmungen und Grenzwerte für die Uranarbeiter einhält, die in den USA oder in Kanada noch gelten.»