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«Das Amt für Schiffbrüchige (…) ist laut Gesetz berechtigt, jene Schiffbrüchigen zu retten, deren Rufe deutlich vernehmbar sind», sagt er mit strenger Beamtenstimme. Der gerettete Schiffbrüchigen darauf verschüchtert: «Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich anstatt Ihnen den Haifischen übergeben hätte».
Hatte Friedrich Dürrenmatt am Ende des Zweiten Weltkriegs geahnt, dass die Flüchtlinge dereinst übers Meer kommen würden? Und dass Menschen in sicheren Häfen (oder Büros) Sätze sagen werden wie «Die Wahrscheinlichkeit Ihrer Erzählung macht sie unwahrscheinlich …»?
«Gerettet» – ein Dürrenmatt-Text, verfasst für das Cabaret Cornichon – gehört nicht zu den bekanntesten Texten des gebürtigen Emmentalers, aber im Nachhinein klingt der Dialog erschreckend visionär. Wie auch der Text über eine Virusepidemie aus dem Jahr 1990. Die Reisegruppe, die im Centre Dürrenmatt in Neuenburg versammelt ist, hat auf ihrer «Reise zu Dürrenmatt» schon verschiedenste Kostproben aus Dürrenmatts Schaffen gehört. Reiseleiter Gusti Pollak, Kabarettist, Theatermann und erklärter Dürrenmatt-Fan, hat die Teilnehmenden im Zug empfangen und zwischen Bern und Neuenburg Fakten, Anekdoten und Zitate aus dem Leben von Dürrenmatt eingestreut. Der Literaturprofessor Peter Gasser von der Uni Neuenburg hat danach im Centre die Bilder und Zeichnungen mit seinem literarischen Texten verbunden. Pollak und Gasser sind sich einig: Dürrenmatt war zeitlebens nicht nur Visionär, er war vor allem auch ein Enzyklopädist.
Und: Dürrenmatt war Zugfahrer.
Das hat die BLS veranlasst im 100. Geburtsjahr von Dürrenmatt eine «Reise zu Dürrenmatt» anzubieten. Von Bern fährt der Zug über den Gümmenenviadukt Richtung Ins. Dem alten Bahnhof dort, der heute nicht mehr steht, hat Dürrenmatt ein literarisches Denkmal gesetzt. Güllen im Stück «Der Besuch der alten Dame» ist Ins. Dürrenmatts Regieanweisung für den 1. Akt macht es deutlich: «Glockenton eines Bahnhofs, bevor der Vorhang aufgeht. Dann die Inschrift: Güllen. Offenbar der Name der kleinen Stadt, die im Hintergrund angedeutet ist: ruiniert, zerfallen.»
Ins und sein alter Bahnhof kamen 1986 schweizweit zu Ehren. Auf dem Bahnhofplatz inszenierte der junge Regisseur Lukas Leuenberger sein erstes «Theater am Tatort». Die alte Dame fuhr mit dem BLS-Zug ein. Die Reisegruppe wirft noch einen raschen Blick auf das alte Hotel Bahnhof, das noch steht. Dann fährt der Zug weiter – westwärts.
Der Zug, ein wiederkehrendes Sujet in Dürrenmatts Texten. Vielleicht am eindrücklichsten verewigt in der apokalyptischen Erzählung «Der Tunnel» aus dem Jahr 1952. Dürrenmatt, der als Student regelmässig von Bern nach Zürich pendelte, macht darin einen ganz kurzen Tunnel bei Burgdorf auf der alten SBB-Strecke Bern-Zürich zum Höllentor. Ein Zug rast unabwendbar in die Tiefe, der Lokführer ist abgesprungen, die Passagiere – mit Ausnahme des Ich-Erzählers – merken nichts. Ein Katastrophentext à la D.
Dürrenmatt, der geografisch verortende Literat.
Wie wichtig Dürrenmatt die realen geografischen Bezüge waren, erläutert Peter Gasser anhand eines wandfüllend vergrösserten Notizblatts. Auf diesem «Mindmap» hat Dürrenmatt seine literarischen Motive, seine Biografie und seine wichtigsten Tatorte schematisch dargestellt. Literatur als Landkarte und Gedankensystem, ein spannender Einblick in den Kopf eines Genies.
Auf der Terrasse lernt das Publikum dann noch eine andere Seite des bekannten Heimatkritikers kennen. Hier, erklärt Pollak, habe er jeweils seinen Besucher*innen erklärt, dass man in den fernen Voralpen sogar seinen Heimatort Guggisberg erblicken könne.
Dürrenmatt war Vielleser…
Das Centre Dürrenmatt, in den Neunzigerjahren von Stararchitekt Mario Botta an das ehemalige Wohnhaus des Autors angebaut, ist ein Labyrinth mit Turm. Damit hat der Architekt zwei wiederkehrende Motive des Schriftstellers und Malers vereint. Im «Bauch» von Bottas Anbau erhalten die meist mehrdeutigen Bilder durch die indirekte Beleuchtung eine geheimnisvolle Tiefe.
Dass der Schriftsteller aus dem Emmental zu einem Wohnhaus in schönster Lage am Neuenburgersee kam, war ein Glücksfall. Ein Notar aus dem Bernbiet hielt es ihm zu. Der Vielleser Dürrenmatt war von Anfang an begeistert gewesen von der Liegenschaft mit der riesigen eingebauten Bibliothek. Die heute wieder original bestückten Bücherregale sind für die Besucher*innen eine Fundgrube: nebst der (erwartbaren) Weltliteratur finden sich hier Loriot, Tommy Ungerer und … Karl May.
… immer wieder: eine Überraschung
Fazit: der Ausflug zu Dürrenmatt bringt die schillernde Figur des Schweizer Literatur dem Publikum nahe. Seine Begabungen, Visionen und Interessen waren mindestens so weit wie die Sicht von seiner Villa aus zu den Alpen. Und von seinem Schalk zeugt nicht zuletzt das riesengrosse Teleskop in seinem Arbeitszimmer. Dürrenmatt soll damit nicht nur den Nachthimmel beobachtet haben, sondern regelmässig auch die Fussballspiele von Xamax Neuenburg im Fussballstadion unten in der Stadt.
Dieses Monstrum wollte Dürrenmatt übrigens Mario Botta schenken. Der Architekt hatte aber keine Verwendung dafür. Er gab das Geschenk zurück. Jetzt steht es im Schreibzimmer von Dürrenmatt. Zusammen mit einem ebenso monströsen Holztisch und einem wandfüllenden Bild von Varlin («Die Heilsarmee»), mit dem der Schriftsteller eine lebenslange Freundschaft verband. Als Dürrenmatt dem Freund aber einmal eines seiner Ölbilder zeigte, soll Varlin gesagt haben: «So etwas sollte ein erwachsener Mensch nicht malen.»
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