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Die Gartenkunst der Régence und des Rokoko
Komposition des Gartengrundrisses
Aus: Ingrid Dennerlein; Die Gartenkunst der Régence und des Rokoko in Frankreich
Betrachtet man - vom (Grundriss ausgehend - die Ordnung der Gebäude- und Gartenanlage im grossen, so fällt die strenge Gliederung durch ein orthogonales Allee- und Achsensystem auf, das, besonders in der Gebäudezone und auf den beiden Terrassen, dem ersten flüchtigen Blick wie ein Rastererscheint. Jedoch erweist die eingehendere Betrachtung eine bestimmte Differenzierung und Gruppierung der einzelnen Partien und Gevierte entsprechend ihrer unterschiedlichen Funktion innerhalb der von einem Schwerpunkt, dem Hauptgebäude, aus organisierten und auf dieses gerichteten Anlage.

Die Sagittal-Achse des Corps-de-Logis bestimmt die Hauptachse der gesamten Anlage, die in gewissem Grade auch Symmetrieachse ist. im Lustgarten ist diese als Mittelallee ausgebildet, die durch Breite und Dekoration besonders betont ist. Die Querallee am Ende der zweiten Terrasse ist durch Breite und Dreibahnigkeit ebenfalls hervorgehoben, so daß die beiden Hauptalleen des Gartens diesen kreuzförmig teilen. In der Gebäude- und Wirtschaftszone sowie auf den beiden ersten Terrassen vor dem Hauptgebäude sind begehbare oder nur optisch wahrnehmbare weitere orthogonale Längs- und Querverbindungen gezogen. Insgesamt drei Längs- und drei Queralleen des Gartens setzen sich außerhalb seiner (Grenzen fort und sind nur durch (Gitter, die den Durchblick ermöglichen, unterbrochen. (Anstelle der Gitter sind in anderen Plänen des Traktats Ahas eingezeichnet, in Gräben versenkte und also für den Fernblick unsichtbare Zäune oder Wasserkanäle, die Trennung der Binnen- und Aussenalleen, bzw. die Grenze zwischen Garten und freier Landschaft noch unauffälliger machen .j In der hinteren Boskettzone sind zwei neue Blick- und Bewegungsrichtungen eingeführt: die Diagonale als Bestandteil einer Patte d'oie, ein für Gestaltung besonders der Parkzone seit Beginn des 17. Jahrhunderts beliebtes Alleesystem, das die Verbindung des formal ruhigen, strenger geordneten » jardin« oder »petit parc« mit dem grosszügiger gestalteten und natürlicher belassenen »grand parc« oder der Landschaft herstellt und hier noch einmal wiederholt ist hinter dem Kanal ; und die halbrunde Allee, in die die Nebenlängsalleen münden und die - besonders im Grundrissbild - eine gewisse Abgeschlossenheit des Gartens bewirkt.
.Meines Wissens ist hier zum ersten Mal symmetrisch zur Hauptachse auch innerhalb des Boskettmassivs eine rund geführte Allee geplant worden. (Eine so geführte Allee widerspricht den an klassischen Gärten erkennbaren Bestrebungen und Verlängerung der Blickbahnen - diese ist nur mittels gerader Alleen erzielbar - und ist darum besonders häufig in Gärten des Rokoko.)
Dieser den Garten abrundenden Allee folgen in derselben, besonders vom Grundriss aus gedachten Absicht, nämlich formal abzuschliessen, die eckig gebrochenen) Wege, Teile eines imaginären unregelmäßigen Achtecks, die zur Bosketträumen führen, die wiederum orthogonal angeordnet sind.
Innerhalb des othogonalen Alleesystem sind die einzelnen rechteckigen oder quadratischen - häufig in sich schon symmetrisch - symmetrisch an die Mittelachse herangeordnet. Auf der ersten Terrasse sind es je drei Gevierte: Parterre, Boulingrin und Wasserspiegel, wobei das der Mittelachse am Nächsten liegende Geviert das kleinste, das ihr entferntest liegende das Geviert ist; auf der zweiten Terrasse je zwei lichte Bosketts; zuletzt je ein grosses, dichtes Boskett. Die Mittelachse ist typisch und im letzten Gartenabschnitt auch taktisch in die Tiefe verbreitert: Die breiten, straff durchgezogenen Platebandes der ersten Terrasse sind zuerst durch Reihen niedriger, isoliert stehender Eiben ersetzt, dann durch unstabile kleine Wasserkerzen, die die in den grossen) Querkanal mündenden Kaskade begleitet. Der letzte Alleeabschnitt ist breiter als der ;vorangegangenen. Das Bassin am Ende der ersten Terrasse ist kleiner als das der zu weiten Terrasse, dieses ist wiederum bedeutend kleiner als die formal ausgezeichnete Mittelpartie des Kanals, die - von der zweiten Terrasse aus gesehen - ja nur als grosses Bassin erscheint. )Auch die Höhe der Fontänen nimmt, wenn man von denen der Kaskade absieht, gegen Ende des Gartens zu.
Kompositionsprinzipien
Da die Hauptelemente der Komposition dieses Gartens denen der übrigen Pläne im Traktat entsprechen, ergehen sich ganz bestimmte Kompositionsprinzipien Die Ordnung des Gartens und seiner Teile erfolgt durch ein Hauptalleekreuz, eingepaßt in ein oblonges, ziemlich gleichmässiges, von Orthogonalachsen gebildetes »Raster«. Innerhalb dieses Rasters herrscht weitgehend eine strenge Symmetrie, ;von der die Verteilung und Verbindung gleichartiger Gartenstücke, ebener, vertiefter und durch Bosketts »erhöhter«, quadratischer und rechteckiger, um die Hauptachse in
Richtung auf das Hauptgebäude, den gemeinsamen Schwerpunkt, bestimmt ist. Das Hauptgebäude ist das eigentliche Zentrum, die »Mitte« des Gartens. Der im allgemeinen unterschiedlichen Gestaltung von Hoffassade und Gartenfassade entspricht die prinzipiell unterschiedliche Gestaltung des »Hofparterres« und des Gartenparterres, indem ersteres immer nur sehr einfach, d. h. mit einem ungemusterten Rasenparterre, ausgestattet ist'. Die einzelnen Gartenpartien sind durch Abstufungen rhytmisiert: flache sind gegen vertiefte oder erhöhte, kompliziertere gegen einfachere, kleinere gegen größere, abgesetzt, wobei - ausgehend vom Hauptgebäude - jeweils eine Steigerung von kleineren zu grösseren und eine Entwicklung von komplizierteren zu einfacheren zu beobachten ist. Die Gartenanlage, ihre Distribution « und ihre Hauptelemente sind überschaubar vom Corps-de-Logis aus: das Hauptgebäude ist durch Stufen erhöht, längsrechteckige Gartenstücke, vor allem für Parterres' sind bevorzugt verwendet, um der perspektivischen Verkürzung entgegenzuwirken, das auch durch die Verbreiterung der Mittelallee und die Vergrösserung der Wasserbecken gegen Ende des Gartens erreicht wird; Enfiladen sind häufig. Die Enfiladen sowie die Öffnung der Umfassungsmauern durch Gitter oder Ahas entsprechen der ausdrücklich zum Prinzip erklärten optischen Erweiterung des Gartens'. »Variété« und »surprise« sind in nicht gleich überschaubaren Partien zu beobachten, in den verschiedenen Boskettraumformen, Wegemustern und Dekorationen. Dabei wird im Traktat auf Variationen beispielsweise schon dann hingewiesen, wenn innerhalb von zwei fast gleichen Bosketträumen nur die Boulingrinkonturen verschieden sind, hier eckig, dort
gerundet". Für die Disposition vor allem der Nutzgärten, jedoch auch der Orangerien und Blumengärten gilt das Prinzip der Absonderung von dem eigentlichen Ziergarten.
Parterre
Wenn ich von verschiedenen im Text erwähnten und an Entwürfen zu beobachteten Neuerungen gesprochen habe, die eine stilistische Entwicklung verraten, und von Postulaten, die eine betonte Absetzung vom klassischen Gartenideal zeigen, so meinte ich damit nicht die Hauptkompositionsprinzipien und die »Distribution) sondern einzelne Gartenelemente und die Gattenausstattung. Vor allem in einigen Parterreentwürfen sind Ansätze zu neuen Lösungen nachweisbar.
Broderie
Anstelle der schweren, reichen und fast verwirrenden Broderieparterres klassischer Gärten, die von hoch reliefierten Platebandes und überlebensgrossen Eibenpyramiden begrenzt waren, enthält der Traktat (besonders deutlich an dem ersten Broderieparterreentwurf des vierten Traktatkapitels (Abb.2j zu beobachten) locker verteilte Ornamente - die Broderien aus niedrigem Buchs, das Bandwerk aus schmalen Rasenstreifen gebildet - von höchstens fünf Fuss hohen Eiben auf die
Platebandes gestimmt".
Parterrerelief
Das Abflachen des Parterrereliefs stand in einer schon im frühen 17. Jahrhundert in Frankreich angebahnten Entwicklung, alles Hohe im Parterre, wie Eck- oder Mittelbäume zu vermeiden"'. Diese Entwicklung führte schliesslich un die Mitte des 18._Jahrhunderts zu einheitlich flachen Blumenplatebandes und im frühen 19. Jahrhundert zu den sogenannten Teppichbeeten"'.
Rasen:
Zum Zweck s Kontrastes ist häufig feinliniges Broderiewerk mit grösseren Rasenstücken verbunden )wie das Orangerieparterre und Boulingrin des beschriebenen Gartenplanes; siehe Abb. l j. Aus diesem Grund gibt es auch das »Parterre á compartiment«, eine Mischung aus Broderie-, Rasen- und Platebandesornamenten in Traktatentwürfen (wie auch in ausgeführten (Gärten in der Régence besonders oft". Dagegen waren die >kontrastlosen« klassischen »Parterres de Piéces coupées« (für Blumen nicht mehr modern, obwohl)hl im Traktat dafür noch ein Beispiel zu finden ist.
Ornamentmotive:
Wie in der Ornamentik der Régence sind Bandwerk und vor)r allem Muscheln und Palettenmotive in den Parterres häufig, der Régencegärten und in einem besonders auffallenden »originalitätsstreben« offenbar, was zu ungemein unterschiedlichen neuen Gestaltungen führte, in den zwischen 1748 und 1750 entstandenen Eremitageanlagen Ludwigs XV. und der Madame de Pompadour verdichteten sich die Tendenzen in der Gartengestaltung des Rokoko so, dass diese Gärten in ihrer Gesamt-
gestalt als die für das französische Rokoko typischsten bezeichnet werden können. Die ganze Tragweite und Problematik des Rokoko)stils in der französischen Gartenkunst kann jedoch erst durch Einzeluntersuchungen der wichtigsten verschiedenen Anlagenkomplexe offenbar werden.
Schrifliche Quellen und Vorlagenwerke
in der französischen Theorie des Landschaftsgartens
Seit Beginn der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts verstärkte sich in Frankreich der Einfluß des Landschaftsgartens auf den französischen Gartenstil. Das 1771 unter dem Titel L’art de former les jardins ou l’art des jardins anglois in Frankreich erschienene Werk von Thomas Whately gibt den entscheidenden Impuls für die Entwicklung der Theorie des Landschaftsgartens in Frankreich Als einer der ersten französischen Autoren nimmt Blondel im cours d’architecture mehrmals Bezug auf Whately, ohne dabei jedoch von seiner Bevorzugung des geometrischen Stils abzugehen. Seine Vorschläge zu einer natürlicheren Gestaltung des französischen Gartens sind auf diesen Einfluß zurückzuführen. In der Mitte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine vielfältige Literatur zum Thema Landschaftsgarten. Keines dieser großen Lehrbücher verkündet mehr das Credo der Regelmäßigkeit wie noch wenige Jahre vorher Blondel. Aus allen jedoch spricht ein Hauptanliegen, das sich in Frankreich als dem Ursprungsland des regelmäßigen Gartens barocker Konzeption mehr als in anderen Ländern stellte: Wie lassen sich Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit im Garten Miteinander verbinden, wie die aus der französischen Gartenkunst bekannten Elemente natürlicher gestalten? Hier sollen nur die Traktate zur Sprache gebracht werden, die sich ausführlich mit dem französischen Garten befassen. Zu ihnen zählen allen voran Essai sur les jardins von claude-Henri Watelet (1774), Sur ia formation des jardins von Antoine-Nicolas Duchesne d. J. (1775) und Théorie des jardins von Jean-Marie Morel (1776).256 Auf einige andere Werke wird im folgenden noch Bezug genommen. Die eingehende Untersuchung der theoretischen Positionen zum französischen Garten, besonders in der Auseinandersetzung mit dem Landschaftsgarten, wird im vierten Teil dieser Arbeit erfolgen.
Die meisten Lehrbücher lassen ihren Äußerungen zum Landschaftsgarten eine Geschichte der Gartenkunst zumindest als Abriß vorangehen. Dabei erfolgt im allgemeinen eine Beurteilung des geometrischen Gartens, die von ganz unterschiedlichen Argumenten bestimmt werden kann. Watelet und mit ihm der anonyme Autor der Lettre sur les jardins anglois (1775) führt die Entwicklung zweier Richtungen in der Gartenkunst, einer künstlichen und einer natürlichen, auf den Stadt-Land-Gegensatz zurück, einen spätestens seit Horaz gängigen Topos. Auf der einen Seite steht die Künstlichkeit, die »vanité ostensive«258 des Stadtlebens, auf der anderen Seite die Natürlichkeit des Lebens auf dem Lande. René-Louis de Girardin begründet in De ia composition des paysages (1777) seine Ablehnung des französischen Gartens mit ästhetischen Argumenten Jedoch wirft auch er dem symmetrischen Garten vor, Ausdruck einer moralisch verwerflichen Gesellschaft zu sein: »La Symmetrie est née sans doute de la paresse et de la vanité.«26° Mit der Ablehnung des regelmäßigen Gartens geht also die Kritik an den gesellschaftlichen Kreisen einher, die ihn geschaffen haben. Wie für William Chambers beruhen für Charles-Joseph de Ligne in seinem coup d’oeil sur Beloeii (1781) die unterschiedlichen Gartenstile auf den verschiedenen Nationalcharakteren, die jeweils nationalspezifische Gartentypen hervorbringen Nicht immer lassen sich die Kriterien, nach denen der französische Garten beurteilt wird, klar voneinander abgrenzen. Meist liegt ein ganzes Bündel von Vorwürfen vor. Trotzdem ist allenthalben das Bemühen festzustellen, den französischen und den Englischen Gartenstil miteinander zu verbinden: Gestehen die Anhänger des französischen Gartens den vom Schloß weit entfernten Flächen Unregelmäßigkeit und der Anlage insgesamt größere Natürlichkeit zu so sind ihrerseits die Verfechter des englischen Gartens unter Umständen zur Aufnahme geometrischer Gartenpartien bereit. Die Position der Lehrbücher für oder wider den französischen Stil läßt sich dabei nicht immer eindeutig festlegen. Auch wenn z. B. die von dem Prince de Ligne geäußerten Ideen in den Zusammenhang einer sehr persönlich gefärbten Theorie des Landschaftsgartens gehören, weiß der Autor dem regelmäßigen Garten auch positive seiten abzugewinnen und ihn den Anhängern der »Anglomanie« gegenüber zu vertreten: »Remerciez-moi, possesseurs, ou faiseurs de jardins français. Je vous apprends à braver l’Anglomanie. Mais vous vous défendez si mal que vous méritez d’être battus.«263 Die Feststellung, die Position des französischen Stils werde nicht genügend verteidigt, mag stimmen, vergleicht man die Anzahl an Äußerungen für und gegen den Landschaftsgarten bzw. den französischen Garten in dieser Zeit.
Ganz gaben sich die Vertreter des symmetrischen Gartenstils jedoch noch nicht geschlagen. sie können sich sogar in ihrer Kritik am anglo-chinesischen Garten mit Theoretikern des Landschaftsgartens treffen. so tadelt Blondel im cours d’architecture die »confusion« und die Überzahl an bizarren Fabriques in den anglo-chinesischen Gärten; auch Morel, der hauptsächlich von Whately und Watelet beeinflußt ist,264 richtet sich 1776 heftig gegen diese Richtung des Landschaftsgartens, die etwa gleichzeitig von Louis carrogis gen. carmontelle im Parc Monceau (ab 1773 angelegt) (Abb. 69) vertreten wird: »comment prétendre réunir, sans révolter le sens commun, les quatre parties du monde dans un petit espace, et tous les siècles dans le même instant?«265 Eine solche Komposition sei nur als »un composé monstrueux, une production barbare zu bezeichnen. Auch Duchesne mißbilligt an einem unregelmäßigen Garten auf zu kleinem Terrain: »cette prétendue liberté de la Nature, n’est qu’un ouvrage humain; une copie servile et défigurée; ou pis encore, l’effet du caprice.«267 Michel-Paul-Gui de chabanon greift in seiner Epître sur ia manie des jardins anglois (1775) zu noch gewichtigeren Formulierungen: »Tout ce grotesque amas de modernes ruines,/ simulacres hideux dont votre art s’applaudit; / qu’est-ce? qu’un monstre informe, un enfant décrépit?«268 Genau die Ausdrücke, die in den fünfziger und sechziger Jahren zur Kritik am Rokokogarten verwendet worden waren, können hier nun wieder erscheinen, diesmal allerdings bezogen auf den anglo-chinesischen Garten: »caprice«, »confusion«, »amas confus«. Wie um 1750/60 als Reaktion auf den Rokokostil werden zwei Alternativlösungen zum anglo-chinesischen Garten vorgeschlagen: Hier sind es eine vom Grand style der Klassik bzw. Régence abgeleitete natürlichere Form des geometrischen Gartens oder eine weniger künstliche, weniger exaltierte Version des Landschaftsgartens. In seiner ironisch gefärbten Epître formuliert Chabanon einen Vorwurf an den englischen Garten, der schon von Blondel ausgesprochen wurde. Auch wenn der englische Garten sich > natürlich < gebe, sei er letztendlich genauso künstlich wie der französische, ohne dies jedoch eingestehen zu wollen: »Quoil cet art vous séduit et tout autre vous blesse?«269 Die Schlußfolgerung lautet für Chabanon: »sans art, créer un art, est sottise ou délire.«27° Die Gartenkunst sei eine Kunst und solle dies auch zeigen. Die verschiedenen Auffassungen von nature und imitation de la nature, die zu verschiedenen Gartenkonzeptionen und zu einer solchen Kritik am Landschaftsgarten führen konnten, werden im vierten Teil dieses Buches ausführlich zur Sprache kommen. Chabanon gibt sich unmißverständlich als Anhänger, als »partisan suranné«271, wie er es nennt, der geometrischen Gartenkunst zu erkennen. Eine offensichtlich ironisch gemeinte Kritik am englischen Garten trägt der anonyme Autor der Lettre sur les jardins anglois (1775 ) vor. Einige Damen der Gesellschaft hegen Zweifel an der praktischen Benutzbarkeit, Begehbarkeit englischer Gärten: Tagsüber schützen keine Laubengänge die Haut vor gefährlicher Sonnenstrahlen, abends verdirbt die Taunässe des Rasens die Kleidung. Wann also kann man > ungefährdet < im Park promenieren? Versuche man eine Lösung zu finden, die diese Nachteile umgehe, indem sie teilweise Elemente des französischen Gartens wie zum Beispiel die Laubengänge wiederaufnehme, so habe man schon wieder keinen >echten< englischen Garten vor sich:
»adieu le jardin Anglois, nous revoilà François.
Auch Gartenautoren des späteren 18. Jahrhunderts stehen nicht immer eindeutig auf der Seite des Landschaftsgartens. Wohlwollend erwähnt der Abbé Delille in den Anmerkungen zu Les jardins (1782) die »epître fort agréable, écrite en faveur des jardins du genre régulier«273 von Chabanon. Zwar mißbilligt Delille die Einförmigkeit und starre symmetrie der meisten geometrischen Gärten, aber er hält sich auch mit Kritik an den ungeordneten, kleinteiligen anglo-chinesischen Anlagen nicht zurück. Auf ein endgültiges Urteil zwischen französischem und englischem Garten will er daher verzichten: »Deux genres, dès longtemps ambitieux rivaux,/ se disputent nos voeux../ Chacun d’eux a ses droits; n’excluons l’un ni l’autre,/ Je ne décide point entre Kent et Le Nôtre.«274 Noch 1788 bricht Louis-Jean-Pierre de Fontanes in seinem mit ausführlichen Anmerkungen versehenen Gedicht Le verger eine Lanze für die geometrische Gartenkunst. Er setzt sich eingehend mit Chambers, Whately, Morel, Delille und sogar Hirschfeld auseinander und argumentiert ähnlich wie Jahre vor ihm Blondel in seinem cours d’architecture. Die »partisans de l’ancien genre« und die Anhänger des
Landschaftsgartens sind sich in ihrer Kritik am »mauvais goût« - gemeint ist die Gartenkunst des Rokoko - einig: »On condamne avec Whately et M. Morel les formes (Biron, Jardin Boutin) Der Wunsch, sich in den entsprechenden Anlagen und Bauten (Laiterie, Menagerie, Potager) >bäuerlichen< Tätigkeiten hinzugeben und so dem höfischen, offiziellen Tagesablauf zeitweise zu entrinnen, war schon im Rokoko für die Aufnahme nutzgärtnerischer Elemente in den Ziergarten ausschlaggebend Diese Tendenz hielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter an, verlagerte sich aber zum großen Teil in den Landschaftsgarten. In geometrischen Anlagen dieser Zeit manifestierte sich der Einfluß des Nutzgartens vor allem in bestimmten Parterre-Formen, die auf die Beetgestaltung des Potager zurückzuführen sind.
Mit »une simplicité noble« formuliert Blondel das ästhetische Prinzip, das der geometrischen Gartengestaltung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugrundeliegt, und bekundet damit seine Ablehnung des »petit goût« des Rokoko. Nach den kleinteiligen, oft unübersichtlich und labyrinthisch angelegten Gärten der Rokokozeit, in denen mehrere Alleesysteme miteinander kombiniert werden konnten, erhält das Orthogonalraster zur Gestaltung des Grundrisses wieder Verbindlichkeit. Das Terrain wird in gleichmäßige Gevierte gegliedert, die ihrerseits übersichtlich unterteilt sind. Einfache geometrische Grundformen liegen der Parterre- und Boskettgestaltung zugrunde. Meist herrscht Symmetrie bezüglich der Mittelachse. Mit der Ablehnung des Rokoko und der Annahme des Leitprinzips der »simplicité noble« ist also ein Rückgriff auf die Dispositionen der Régence verbunden. Außerdem lassen sich besonders in Blondels Entwürfen Reminiszenzen an den Garten von Versailles feststellen.
Die schon in der Régence verbreitete Forderung nach der Öffnung des Gartens zu seiner Umgebung erlangte um 1760 wieder Bedeutung, wobei die Ausrichtung vieler stadtgärten zur >stadtlandschaft< besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Öffnung zur Landschaft wird mit verschiedenen MitteIn erreicht: Die Mittelachse kann, nur durch ein großes Gitter oder ein Ha-Ha unterbrochen, > unendlich < in die Landschaft fortgesetzt werden. Oft wird sie durch eine Allee noch weit über die Gartengrenze hinaus fortgeführt. Eine vom Gartenende ausstrahlende Patte d’oie kann ungewohntes Ausmaß erreichen und durch spiegeInde Bassins ähnlich wie in Rambouillet hervorgehoben werden. Auch in schloßnähe kann die Patte d’oie Verwendung finden. Im 17. Jahrhundert nur für den Park und für Zufahrtsalleen benutzt, wurde das diagonale Gliederungssystem in französischen Gartenanlagen der Régence mit Rambouillet (ab 1705/06) und La Muette (um 1716) für den schloßnahen Bereich eingeführt.518 Damit wurde die für die Gartenkunst des Rokoko so wichtige Verbindung des orthogonalen und des diagonalen Grundrißsystems vorbereitet. Als alleiniges Gliederungssystem im schloßnahen Bereich verwendete man die Patte d’oie im Rokoko jedoch nur wenig, da die ihr innewohnende Tendenz zur Öffnung des Gartens den Prinzipien der Gartenkunst dieser Zeit widerspricht. Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte fand die schloßnahe Patte d’oie erneut Verwendung. In Villarceaux (1755-1759) bilden innerhalb der Gartengrenzen die Zufahrtsfläche und die Boskettwege ein auf das schloß bezogenes, sogar fünfarmiges System von Achsen, die mit wirkungsvoll als silhouetten erscheinenden statuen betont sind. Generell ist diese Anordnung in französischen Entwürfen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aber seltener anzutreffen als in der gleichzeitigen deutschen Gartenkunst. Im stichwerk der beiden Cuvilliés beispielsweise erscheint die schloßnahe Patte d’oie beson-ders häufig. 52° 1783 veröffentlichte Le Rouge (VIII, 2) den Plan der von Cuvilliés entworfenen Anlage von Tattenbach in Bayern (Abb. 96), die eine besonders ausgeprägte Patte d’oie zeigt. Es ist nicht auszuschließen, daß dieser stich Wirkung auf zeitgenössische französische Gartenarchitekten ausübte, denn nur wenige Jahre später, 1788, publizierte Panseron, der oft auf Pläne aus dem Werk von Le Rouge zurückgriff, riesige sternanlagen (s. besonders Abb. 60, 61). sie erscheinen im Grundrißbild wie eine symmetrische Verdoppelung des Cuvilliés-Entwurfs; auf diese Weise ergibt sich die Form des vollständigen Sterns. Eine sol-che Beeinflussung durch einen bei Le Rouge abgebildeten Plan von Cuvilliés ist nicht unwahrscheinlich, da Panserons Entwürfe generell eklektische Züge tragen.
Wir haben hier im wesentlichen ein Wasserschloss aus dem 14. Jh. vor uns. Im 12. Jh. besitzt die Familie Bouteiller de Senlis hier ein befestigtes Haus und einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie bleibt bis in die Mitte des 14.Jh. Eigentümer von Chantilly. Es wird Opfer von Plünderung und Zerstörungen. 1386 wurde es von der Familie d’Orgemont erworben und neu aufgebaut. Der Park wird eingefriedet, Teiche und Gärten entstehen. Kriege im 15.Jh. vernichten die Neubauten, zusätzlich wird diee Gegend überflutet, um die Herrschaft besser zu schützen. das 1524 - 1538 umgebaut wurde. Mit Anne de Montmorency beginnt die grosse Zeit. Unter dem Architekten Pierre Chambiges entstehen ab 1552 grosse Umbauten. Das Schloss wird neu aufgebaut, die Hirschgallerie, sieben Kapellen und die grosse Terrasse entsteht. Die weiten Weiher, die das Schloss umgaben, liessen der Anlage von Gärten neben dem Haus nur einen winzigen Raum. Grössere Gärten wurden östlich des Schlosses zusammen mit einem Ballspielhaus, das in keinem Garten des 16. Jh. fehlen durfte, angelegt. Es handelte sich dabei um mehrere regelmässige Beete, daneben eine Grotte, während auf der anderen Seite eine erhöhte Galerie dieses Parterre abschloss. Der grösste Teil der Anlage ist aber in grosse, unregelmässige Vierecke eingeteilt, in denen Baumgärten, Wiesen und Kornfelder vorkamen. Abgegrenzt wurden sie durch Kanäle.
Heinrich II. von M. lässt sich in einen Aufstand gegen Richelieu hinreissen, wonach der König Louis XIII. die Besitzung einzieht und gelegentlich hier jagt. Grosser Verdienste wegen wird der Sitz 1643 der Familie wieder zurückgegeben. Louis II. de Bourbon, der Grand Condé gerät zwar in Streit mit Louis XIV, der in zu Tode verurteilt, sich mit ihm 1659 aber wieder aussöhnt. In der Folge widmet sich der Grand Condé Schloss und Garten. Eine Statue im Park ist ihm gewidmet. Er stirbt 1686. 1662 begann Le Nôtre mit umfassenden Umgestaltungen. Eine Hauptachse in der Verlängerung der alten Auffahrt wurde ausgebildet, an die sich das Schloss anlehnt. Sie erweitert sich zum grossen Parterre d’eau und wird durch eine halbrunde Ausbildung des Kanals abgeschlossen. Im ehemaligen Parterre entstand eine Orangerie mit entsprechendem Garten. Heute befindet sich hier auf der sog. Ile d’Amour ein Jardin anglais, 1819 angelegt. Zweimal wir der König hier empfangen, was jeweilen ungeheuren baulichen Aufwand bedetutete (1671, 1684). Der Westgarten, eine Boskettzone mit zwei Kaskaden, verschiedenen Bassins und vielen Brunnen machten den Garten endgültig zu einem eigentlichen Wassergarten. Für die Hydraulik war J. de Manse verantwortlich.
Westlich vom Schloss befand sich ein brunnenloses Parkareal mit dem neu aufgebauten Maison de Sylvie mit Garten, das noch heute zu sehen ist.
Und wie es sich gehört wurde auch eine Menagerie angelegt, allerdings auf der anderen Seite des grossen Kanals. Der Garten verpflichtet sich voll und ganz der grossen französischen Klassik, wenn auch, wie in vielen Fällen, das Schloss aus den 14. und 15. Jh. stammt und sich nicht in die so wichtige Achse einfügt.
Ab 1792 leidet die Domäne schwer unter den Revolutionswirren. Es wird geplündert und weitgehend zerstört. Es gelangt 1830 in den Besitz vom Herzog von Aumale, kann mit den
Wiederaufbauarbeiten aber erst 1870 beginnen. Mit den Arbeiten wird der Architekt F. Duban beauftragt, welcher das Schloss in den ursprünglichen Stilen wieder aufbaut. Gemäss seinem Testament gelangt Chantilly nach seinem Tode an das Institut de France.
Die Kapellen:
Noch zwei der sieben bestehen heute: Die neugotische Saint-Paul Kapelle auf dem Weg zum Sylvie-Haus und die Saint-Jean Kapelle auf dem Weg zum grossen Rundbecken und der Kaskade.
Das Sylvie-Haus:
Vom zweiten Konnetable de M. 1604 begonnen und vom Grand Condé instand gestellt. Der Herzog von Aumale fügt einen polygonalen Raum mit Holztäferung an.
Die Pavillons des Ehengitters und der ‘Grand Degré’
Die eeinzigen Gebäude aus der Zeit des Grand Condé; von Mansart und Guittar entworfen. Die Flussallegorin mit den vier Statuen 1682 nach Entwürfen von Le Nôtre; Acis und Galatea, Alpheos und Arethusa.
Das Jeu de Paume:
1756 von Louis-Joseph de Condé.
Das Schloss Enghien:
Es beherrscht die Terrasse östlich des Schlosses mit der Giebelgestaltung: Poesie, Jagd, Musik, Geographie. Vom Architekten Leroy 1769 für Louis-Joseph de Condé resp. seine erwarteten Erben bebaut.
Der Weiler (Hameau)
1774-1775. Heute nur noch fünf der sieben Gebäude. Das grösste Haus = Salon, die Scheune = Esszimmer. Hinter dem ländlichen Äusseren verbergen sich hier stattliche Gemächer.
Die Wasseranlagen:
Hauptspeisung durch den Fluss Nonette, daneben bringen zahlreiche Quellen das Wasser. Die Maschine von Jacques de Manse schöpft aus einem 112m tiefen, 1875 gebohrten Brunnen Wasser, das von dort in die Wiesenbecken, dann zurück in den Schlosspark geleitet wird, wo es für den Wasserstrahl der Gartenanlagen, die Beauvais- Wasserfälle in der Nähe des Jeu de Paume, den Wasserstrahl auf der Liebesinsel und den bei der Brücke der Grossen Männer im Englischen Garten verwendet wird.
Chantilly ist aber auch ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Anlage in der zweiten Hälfte des 18. Jh. im ‘anglo-chinesischen Stil von J.F. Leroy umgebaut wurde. Es entstand ein romantischer Weiler mit entsprechendem Park, das Chƒteau d’Enghien und etliche andere Teile, die sich im wesentlichen bis heute erhalten haben. 1819 wird der Englische Garten gebaut und wohl auch die Ile d’amour mit den Venusstatuen. Nicht zu vergessen ist auch die Pferderennbahn, 1834 gebaut. Das Schloss wurde in den Revolutionswirren 1799 zerstört, 1876- 1882 von Honoré Daumet wieder aufgebaut.
Die Hitze des Tages ist vergangen, der König trat in einen Garten, in welchem die Kunst Schöne alles anwendete. Seine Majestät machte seinen Spaziergang durch eine Allee, die einem Kanal entlang führte, in welcheem das Wasser leise floss und ein angenehmes Murmeeln der 200 Springbrunnen das Herz erfreute und wo man in den verschiedenen Broderieparterren 50 Brunnen sieht, die verschiedeene Figuren hervorsprudeln lassen. Hier ist alles Schöne vereinigt, wovon sich Tivoli und Fraskati und ganz Italien rühmen. Es gibt nichts vergleicchbares wie in Vaux. Ich will diesen Ort nicht verlassen, ohne Ihnen zu sagen, dass man hier die schönste Perspektive der Welt sieht, mit all diesen hervorsprudelnden Brunnen, all diesen Kanälen, den Parterres, den Kaskaden, den mit Damen bevölkerten Alleen, die Kurtisanen mit den Armbändern und Federn, welche Verwirrungen mit so vielen schönen Dingen stiften.
Im Jahre 1661 werden die Arbeiten am Lustschloss und -garten des Finanzministers Nicolas Fouquet in Vaux mit einem glanzvollen Fest abgeschlossen.
Nicht zuletzt die sehr kurze Bauzeit von 6 - 7 Jahren hat dazu geführt, dass wir hier nicht nur das erste reife, sondern auch das geschlossenste Beispiel eines klassischen französischen Gartens vor uns haben.
Stärker als andere Schlösser der Zeit ist Vaux in den Garten integriert. Innen und Aussen, Hof und Garten, sind auf glückliche Weise miteinander verzahnt, die vom Eingang kommende Hauptachse wird durch das Schloss nicht unterbrochen, dessen Enfilade auf der Gartenseite vielmehr in gewissem Sinne als erste Querachse bezeichnet werden kann. Nach einer Querallee, deren Endpunkte durch kleine quadratische Bassins markiert sind, wird südlich des Schlossgrabens der Garten durch Terrassierung in mehrere abfallende Stufen gegliedert. Die Hauptachse zieht sich als kräftiges Band durch die ganze Anlage hindurch.
Die erste Stufe ist dreiteilig und nimmt Bezug auf die Schlosszone mit ihren zwei seitlichen Parterres. Rechts liegt ein schmales Blumenparterre, das seitlich von einem Bénitier (Brunnen in einer Heckennische) abgeschlossen wird. Links liegt ein geteiltes, quergelagertes Rasenparterre, das zusammen mit dem Bassin de la Couronne eine sehr hübsche Konfiguration ergibt. Es bildet eine Art Leitmotiv der Gartengestaltung von Le Nôtre, dem Erschaffer dieses prachtvollen Gartens. In der Mitte liegt ein Broderieparterre, das genau auf die Masse des Schlosses ausgerichtet ist. Die folgende Querachse führt auf der anderen Seite in den Obst- und Gemüsegarten. An der Peripherie rahmen Baummassen den Garten. Nach der Querachse rücken diese nun näher zusammen, was die perspektivische Länge verstärkt. Der Freiraum wird gefüllt von einem Rasenparterre, Baumreihen an den Flanken und in der Mitte Wasserstrahlen einer Allée d’eau verstärken den perspektivischen Eindruck.
Eine zweite Querachse wird links abgeschlossen von einer kleinen Aussichtsterrasse, in deren Futtermauer eine kleine Grotte eingelassen ist. Der Kreuzungspunkt wird durch ein quadratisches Wasserbecken gebildet.
Erst wenn man bei der letzten Querachse angelangt ist, erkennt man den langen Kanal, der vorher nur als Becken erscheint. Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich eine grandiose Abschlussarchitektur, deren mächtige Rampen- Treppen-Konstruktion erst jetzt im Detail erkennbar ist. Eingelassen darin befinden sich prächtige Grotten mit diversen Flussgottplastiken.
Von der oberhalb gelegenen Terrasse hat man einen phantastischen Ausblick auf das Schloss und den Garten. Es ist verblüffend, mit welchen Raffinessen der optischen Gestaltung Le Nôtre arbeitete und mit welcher Präzision die Anlagen auch realisiert wurden. Den Abschluss des Gartens bildet eine monumentale Herkulesstatue. Die Achsen bilden das Gerüst der gesamten Komposition, die Brunnen ihre Gelenke.
Die Bedeutung von Vaux-le-Vicomte für die Schloss- und Gartenarchitektur ist enorm. Zum ersten Mal wurde hier eines der wichtigsten Prinzipien der klassischen französischen Gartenkunst realisiert: der Garten ist auf einen Blick und von einem Punkt aus in allen seinen wesentlichen Teilen überschaubar; und dieser eine Punkt ist das Zentrum des Schlosses, der Salon.
1670 erwarb Colbert das aus dem späten 16.Jh. stammende Schloss in Sceaux, liess es von le Brun ausbauen und beauftragte Le Nôtre mit der Gartengestaltung.
Der Besitz hatte die Form eines in Nord-Südrichtung liegenden, relativ schmalen Rechtecks, das durch zusätzlichen Grunderwerb im Norden weiter ausgedehnt wurde, so dass das Grundstück etwa dreimal so lang wie breit war. Vom Schloss aus gesehen, steigt das Terrain nach Norden leicht an und fällt nach Westen und Süden relativ stark ab.
Ein erster Entwurf sieht das Hauptparterre im Westen, direkt vor dem Schloss vor. Allerdings steht hier sehr wenig Tiefe zur Verfügung. Diesem Mangel wird durch eine Erweiterung zu Beginn des 18. Jh. abgeholfen, so dass sich heute vor dem Schloss ein prachtvolles Parterre erstreckt.
Die eigentliche Hauptachse führte tangential vor der Hauptfassade vorbei, führt über die heutige Wasserkaskaden zum Kanal hinunter, der sich zum oktogonalen Becken erweitert. Der grosse Hauptkanal erstreckt sich parallel dazu über tausend Meter lang. Das Rasenparterre mit Zentralbassin wurde zum Schnittpunkt dieser neuen Achse. Das umgebende Wald- und Wiesenareal ist durch ein System orthogonaler und diagonaler Wege und Alleen ziemlich regelmässig gegliedert. Im Park wurden verschiedene antike und auch zeitgenössische Statuen aufgestellt. Girardon, Marsy, Tuby, Raon und andere haben mitgewirkt. Die Diana-Statue aus Bronce von Gaignat, wurde von der Königin von Schweden, Christine, dem Finanzminister Abel Servien geschenkt. Sie wurde später in Colberts Sammlung aufgenommen. Letzterer hat seinen Rat verschiedentlich in Sceau versammelt und hat 1677 auch den König empfangen. Die Herzogin von Maine, die Schwägerin des Kronprinzen, war Besitzerin der Liegenschaft zu Beginn des 18. Jh. Sie liebte es, hier Feste durchzuführen, wozu sie vornehmlich den Aurora-Pavillon benutzte. Gaignant beschreibt zu dieser Zeit den Garten:
äMan befindet sich vor der Fassade des grossen Schlosses auf der Seite des Parterres, wo man in der Mitte und über dem grossen Balkon die Büste vom König Louis XIV erblickt. An allen vier Ecken des Parterres befinden sich vier Marmorstatuen, welche die vier Jahreszeiten darstellen. Es gibt hier auch drei Bassins, jedes mit einem Springbrunnen; in der Mitte befindet sich eine Allee, an deren Ende sich eine Broncestatue befindet, welche einen Gladiator darstellt. Sie steht auf einer Terrasse, wo rechtwinklig der grosse Kanal beginnt. Diese Parterres sind ausgeschmückt mit verschiedenen Blumen je nach Saison und stellen ein Amphitheater dar. Am Fusse desselben befindet sich ein grosses, rundes Bassin mit einem Springbrunnen. welcher einen Strahl von 25 Fuss bildet.
Um die Promenade weiter zu führen, quert man das Parterre seitlich vom Schloss: links sieht man einen Laubengang, welcher zur Orangerie führt, rechts er Saal der Kastanienbäumme. Am Ende des Parterres und nachdem man einen weiteren, mit wildem Wein bedeckten Laubengang durchschritten hat, erblickt man links die Orangerie (sehr schönes Gebäude, aus der Zeit der Herzogin von Maine, das im Sommer als Gallerie dient; nach den Plänen von Jules Haroudin-Mansard erstellt).
Rechts der Orangerie sieht man:
I. ein grosses Bassin mit Giesswasser
2. Man betrachtet einen grossen, halbrunden Platz, wo in der
Mitte im Hintergrund ein Herkules steht
3. Links undd rechts des Halbrunds sind zwei Musen platziert.
Geht man entlang der Böschungsmauer, bewundert man mehr als 300 Orangen in einem Hof seitlich vom Bassin, welche vom Herzog von Penthievre aus Rambouillet hergebracht wurden. Anschliessend dreht man sich halbrechts und man biegt in eine lange Allee ein, genannt Allee des Labyrinths, welches man links erblickt.
Folgt man immer der Böschungsmauer, begleitet von geschnittenen Hecken, befinden sich rechts wunderbare Hainbuchen-Allen, die sehr sauber geschnitten sind. Weitermarschierend befindet man sich beinahe am Ende des Parks, wo man nun das grosse Bassin mit der hohen Fontäne und die Kaskaden entdeckt. Um den Rundgang um den Park zu machen, geht man eine Allee hinunter, an deren Ende man vor dem langen Becken steht, dem Grossen Kanal. Man folgt ihm immer an der linken Seite und man befindet sich unvermittelt vor einer grossen Eisentür, der Antony-Pforte, von welcher aus man, auf der anderen Seite des Kanals, die längste Allee sieht, die sich bis zum kleine Garten ausdehnt. Diese Allee ist mit Kastanien geschmückt, streng geschnitten und überquert von einer kleinen Holzbrücke”.
Auf dem Grossen Kanal spielten ‘Les Pintaderies’ Musik von Lully und Jean-Joseph Mouret, um den Gästen der Herzogin zu gefallen. 1786 wurde der ‘Grosse Park’ in einen englischen Park umgewandelt. Westlich des Grossen Kanals wurde 1930 die Fassade des ‘Hannover-Pavillos’ aufgestellt, der aus dem 18. Jh. stammt. äBeim Zugang zum Schloss befinden sich zwei Weiher mit 10 Springbrunnen. Wenn man daran vorbeigeht, entdeckt man ein schönes Parterre, an dessen Seite man Laubengänge mit Geissblatt und Jasmin angelegt hat.
Von hier aus gelangt man in einen kleinen Wald, wo man eine Muschelgrotte mit Wassertheater entdeckt. Letzteres ist mit Büsten geschmückt, welche Philosophen gewidmet sind. Zwischen diesen befinden sich kleine Springbrunnen. An den vier Ecken dieser Gallerie sind grosse Muscheln eingelassen und in der Mitte befindet sich ein Saal, an dessen Ecken sich vier Pilze befinden, die auch wieder Wasserspiele entfalten. Nachdem man dieses Stück betrachtet hat, geht man am Laubengang vorbei, an dessen Seite sich zwei Statuen befinden: Ceres undd eine antike Figur. Und davor stehen Bacchus, Mercur und Sokrates. Anschliessend wendet man sich der grossen Kaskade zu, durch eeine steile und schwierige Allee. Man folgt der Promenade und steigt rechts der Kaskade ab. Indem man hinunter geht, bewundert man die grossen Springbrunnen, wobei das hervorsprudelnde Wasser die Weelt zu entfernen scheint, vorallem wenn der Wind weht.
Man steigt wieder hinauf, betrachtet die Figuren, die sich um das Bassin befinden, links der Raub der Prosertinerin durch Pluto und recht der Raub einer Sabinerin.
Kommt man oben an, hat man einen charmanten Ausblick auf die Springbrunnen, auf die speienden Köpfe und die quellenden Vasen. Man erreicht eine Terrasse, von wo aus man den Kaskadeenvorhang sieht, der jeder Terrasse entspringt, die Kinder, die mit den Delphinen spielen, welche Wasser speien. Es gilt zu bemerken, dass alle Vaseen, Tiere, Delphine, Speiher, die sich auf der Kaskade befinden, aus Blei, Bronce oder Gusseisen sind und dass alle Figuren, die sich im Park befinden, aus Marmor sind”.
Diese Bosketts und Alleen wirken heute majestätisch und imposant. Die grossartigen Brunnen- und Kaskadenanlagen kommen dadurch sehr wirkungsvoll zur Geltung. Allerdings wurden in den Revolutionswirren Schloss und Garten zerstört. Das heutige Schloss ist ein Neubau von Lesoufaché aus der Mitte des 19. Jh. Auch die Kaskade ist eine Neukonstruktion, die sich allerdings recht streng an die alten, sehr gut dokumentierten Grundlagen hält. Die Masken stammen von Rodin. Der Garten ist heute weitgehend wieder in seinem ursprünglichen Charakter hergestellt, wenn auch die meisten Figuren fehlen.
Wie kaum ein anderer Garten unterlag dieser ständiger Umgestaltung. Durch seine spezielle Lage am recht steilen Seine-Ufer konnte sich nie eine Anlage nach genau klassischem Vorbild entwickeln.
Ursprünglich können mit der Südachse, der Westachse und dem Ostgarten drei voneinander deutlich verschiedene Gartenteile ausgemacht werden. Zentrale Mitte bildete das Schloss. Dominierend und heute noch vorhanden ist die grosse, von Le Pautre geschaffene Kaskade. Sie stellt ein bedeutendes Beispiel der zur Zeit Le Nôtre’s hochstehenden Kunst des künstlerischen Wasserbaues dar. Ebenfalls noch vorhanden sind das hufeisenförmige Wasserbecken und der grosse Springbrunnen. Die ganze Anlage lässt heute noch die Grundzüge des Entwurfes von Le Nôtre erahnen, sind doch grosse Anstrengungen unternommen werden, die grossen Linien und die vorhandenen Versatzstücke wieder auferstehen zu lassen.
Ab 1700 wurden hier die Anlagen vom reichen Financier Jean-Baptiste Fleuriau d’Armenonville neu gestaltet. Früher befand sich hier eine typische Anlage der französischen Renaissance mit ihren quadratischen Teppichbeeten und den erhöhten Laubenumgängen.
Auf der Ostseite des Dreieckbaues wurde ein schmaler Garten mit Parterre angelegt, das heute gerade wieder neu aufgebaut wird. Er ist von einem Wasserstück umgeben, ein ‘miroir d’eau’ schliesst es ab.
Im Westen des Schlosses befanden sich ebenfalls Parterres, die aber von Quinkunxanlagen (Baumgevierte) ersetzt wurden. Teile davon wurden später in eine romantische Gartenanlage umgestaltet. Anschliessend an das Südparterre entstand ein monumentales Patte d’ oie aus Wasseralleen, die zusammen mit dem Querkanal annähernd einen halben Wasseralleestern bilden. Diese Komposition ist vermutlich einmalig in der Gartenbaukunst Der anschliessende Park mit Wasser, Wiesen, Baumbosquetts und Wald, ursprünglich sehr regelmässig angelegt, erfuhr im zweiten Teil des 18. Jh. ziemlich umfassende Umgestaltung hin zu einem englischen Park. Von überragender architektonischer aber auch zeittypischer Bedeutung ist die Laiterie de la Reine, eine grottenähnlich ausgestaltete Baute mit vielfältigem Ikonogramm, hier mit einer sehr schönen Amaltheia mit Ziege, die nach der griechischen Mythologie den jungen Zeus nährte. Die Grotte diente der Königin und ihrem Gefolge dazu, frisch gekühlte Milch zu kosten. Nicht weniger fein gearbeitet ist der sehr schön restaurierte Pavillon de Coquillage.
Heute ist die Schlossanlage Sommersitz des französischen Präsidenten, welcher allerdings wenig davon Gebrauch macht.
Courances - schon allein der Name, der die Vorstellung von fliessendem Wasser hervorruft, könnte nicht treffender gewählt sein, denn erst durch das Murmeln und Plätschern der Kaskaden, durch das Rauschen der Wasserfälle und der Spiegelung des Lichts in ornamentalen Bassins erwacht der sonst eher streng formale Garten zu sprühendem Leben.
Elf Quellen speisen die unzähligen Wasserfälle, Springbrunnen und Kanäle, die durch ein unterirdisches Leitungssystem miteinander verbunden sind.
Ausgedehnte Wasserflächen, oft mit eindrucksvollen Ausblicken verbunden, sind ein immer wiederkehrendes Thema. Wasserbecken, in denen sich die Fassade spiegelt, langgezogene Kanäle, welche die Achse ausbilden, ‘le Fer … Cheval’, an dem die wasserspeienden Delphine angeordnet sind, in der Mitte die Nymphe Arethusa aus Marmor: das sind die prägenden Elemente. Die Anlage, Le Nôtre zugeschrieben, durch die klare achsiale Ausrichtung konsequent gegliedert, besticht durch ihre Ruhe. Unmittelbar vor dem Schloss befindet sich noch innerhalb des umfassenden Wassergrabens ein schmuckes Broderieparterre. Daran schliesst sich ein umwaldetes grosses Rasenparterre an, mit einem grossen Wasserbecken in der Mitte. Die beherrschenden Farben des Parks rund um das grau-rosa-weisse Schloss sind grau, blau und grün: das Grau des Sandsteins, das Blau des Wassers und das Grün der Bäume.
Achille Duchêne hat den Garten im Auftrage der Marquise de Ganay um die Jahrhundertwende restauriert, wobei er sich genau an die Vorlagen gehalten hat.
Zwei Grundprinzipien formaler Gartenkunst - Gleichgewicht und Symmetrie treten hier in vollendeter Kunst in Erscheinung.
Eingegliedert ins Hügelgelände dominiert das Lustschloss mit seinem Garten den sanften Hang, der sich zu den Sümpfen des Tals der Chevreuse hinabneigt. Nach der Auffahrtsallee gelangt man zum französischen Garten, der vom berühmten H. Duchˆne und seinem Sohn Achille rund ums Schloss angelegt wurde. Leider sind die kunstvollen Broderien im Laufe der Zeit vernachlässigt und schlussendlich entfernt worden. Es bestehen aber Pläne, sie wieder anzupflanzen.
Auf der Südseite erstreckt sich ein grosses, médaillonartiges Piece d’eau, das von einfachen Rabatten, geschnittenen Zypressen und Figuren eingefasst ist. Die Mittelachse erstreckt sich weit ins Tal hinunter, wo die Spiegelung der Weiher den Blick anzieht. Teile der umlaufenden, allerdings hangabwärts orientierten Böschungen sind mit kunstvollen, flachgeschnittenen Buchsornamenten verziert.
Die heutigen Besitzer versuchen geschickt mit der Restaurierung und auch Neuschaffung von Orangerie und Potager ein neues Ensemble zu schaffen.