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Vor ein paar Jahren im Sprachaufenthalt in Frankreich lebte ein Japaner in der gleichen Gastfamilie wie ich. Als er mir erzählte, dass er pro Jahr nur eine Woche Ferien habe, fragte ich entsetzt: «Was? Und in dieser wertvollen Woche drückst du die Schulbank in Frankreich?!»
Seither steht für mich fest: Japaner sind Workaholics.
Dieses Klischee bestätigen auch zwei Japan-Experten, die für das Land der aufgehenden Sonne einen «Fettnäpfchenführer» geschrieben haben. Darin weisen die Autoren des Weiteren darauf hin, dass Japaner gerne alles durchstrukturiert haben und kurzfristige Planänderungen überhaupt nicht mögen:
Wenn ich an die japanischen Touristengruppen denke, die in einer Woche London, Paris, Rom und das Matterhorn besuchen, macht auch dieser Stereotyp Sinn für mich.
Doch ich habe die Rechnung ohne Keita, Maya, Keiko und Susumu gemacht. Sie haben mir diese Woche eindrücklich gezeigt, dass sich solche Klischees in der Praxis oft als Blödsinn erweisen.
Den Anfang machten Keita und Maya. Das junge Pärchen kommt gerade vom Einkaufen und spricht mich an, als ich in Osaka am Strassenrand stehe. Nur schon das ist aussergewöhnlich. Die meisten Japaner sind nämlich eher scheu, einige erschrecken gar, wenn man sie auf dem Trottoir nach dem Weg fragt. Doch nicht so Keita und Maya.
Sie wollen wissen, was ich mache, woher ich komme und wohin ich will. «Kyoto», sage ich und deute auf mein Schild. Sie sprechen sich kurz ab und dann sagt mir der 28-jährige Keita: «Okay, komm mit uns.»
Während der 40 Kilometer langen Fahrt frage ich die beiden mithilfe der Übersetzungsapp, ob sie in Kyoto wohnen. Maya, die im siebten Monat schwanger ist, schüttelt den Kopf. Die beiden leben in Osaka und müssen eigentlich gar nicht nach Kyoto. Sie reihen sich nur deshalb in den stockenden Verkehr ein, weil sie mir einen Gefallen machen wollen.
Noch einen Schritt weiter geht Keiko drei Tage später. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern chauffiert mich gar über 100 Kilometer weit. Bei jeder Kreuzung sage ich ihr: «Du kannst mich hier absetzen. Du hast mir schon sehr geholfen, vielen Dank!»
Doch immer wieder nimmt sie meine Strassenkarte zur Hand und studiert die beste Route zum Vulkan Ontake, meinem Tagesziel. «Ich habe gerade nichts zu tun. Mein Mann ist Arzt und arbeitet viel», erklärt sie mir ihre unglaubliche Hilfsbereitschaft.
Am Anfang ist mir das Ganze unangenehm. Keiko scheint der spontane Ausflug aber derart Spass zu machen, dass ich irgendwann nur noch zurücklehne und geniesse, dass ich mich für einmal nicht selbst um die Routenplanung kümmern muss. Als mir Keiko dann an einer Raststätte auch noch ein Glace kauft, fühle ich mich wie ein verwöhntes Kind – fantastisch!
Nach drei Stunden Fahrt durch wunderschöne, teilweise auch Keiko unbekannte Landschaften denkt meine Reiseführerin dann langsam ans Umkehren. Sie erklärt mir nochmals die beste Route, schreibt mir die nächste grössere Ortschaft auf mein Schild und fährt zurück nach Hause.
Jetzt kann es nicht mehr besser werden, denke ich. Doch wenige Minuten später wartet mit Susumu bereits der nächste Jackpot auf mich. Der 41-jährige Zimmermann, der nicht älter aussieht als ich (27), ist alleine auf einem Roadtrip in den Norden. Auch wenn wir nur spärlich miteinander kommunizieren können, stimmt die Chemie auf Anhieb.
So kommt es denn, dass auch Susumu einen riesigen Umweg macht für mich, um mich direkt zum Vulkan Ontake zu bringen.
Als ich am Abend am Fusse des Vulkans in meinem Zelt liege, lese ich die letzten Kapitel im «Fettnäpfchenführer Japan». Wieder erhalte ich spannende Informationen über diese einzigartige Kultur. Bei den Klischees denke ich jedoch immer: «Okay, da mag schon etwas Wahres dran sein, aber ...»