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Auf der Position der Diagonalspielerin – im modernen Spitzenvolleyball die Hauptangreiferin eines Teams – hatte Düdingen zuletzt seine Probleme gehabt. Letzte Saison war das Experiment mit der Bulgarin Ralina Doshkova gehörig misslungen, und im Jahr davor war Danielle Harbin in den Playoffs verletzungsbedingt ausgefallen, was die Power Cats auf dem Weg zu ihrem ersten Meistertitel aus der Spur warf. Dass diese schlechten Erinnerungen inzwischen vergessen sind, dafür hat Trine Kjelstrup gesorgt. Die Dänin trägt seit dem dritten Spiel das Best-Skorer-Shirt der Power Cats und hat grossen Anteil daran, dass ihr Team in der NLA-Meisterschaft auf dem zweiten Tabellenplatz liegt.
Übers Reiten zum Volleyball
Dass die 25-Jährige in Düdingen gross auftrumpft, überrascht nicht. Ihre Lehrjahre hat Kjelstrup beim dänischen Spitzenteam und Serienmeister Brondby VK absolviert, wo sie mit 16 Jahren ins Fanionteam geholt wurde. Fünf Jahre später wurde sie als wertvollste Spielerin Dänemarks ausgezeichnet.
Das Volleyball war allerdings nicht ihre erste Liebe. Aufgewachsen in Koege, einem kleinen Ort dreissig Fahrminuten von Kopenhagen entfernt, begann Kjelstrup ihre sportliche Karriere mit Reiten. «Meine Eltern fanden das nicht so toll. Sie fanden, ich sei ein sehr sozialer Mensch und solle besser eine Teamsportart betreiben», erinnert sich die Dänin. Mit 10 fand sie dank dem Vater einer Kollegin ihrer Schwester zum Volleyball. «Er baute das Volleyball in Koege auf und suchte Spielerinnen.» Bis sie 14 war, ging sie sowohl zum Reiten als auch ins Volleyball, danach konzentrierte sie sich auf Letzteres. «Mir gefiel die Siegerkultur. Reiten konnte jeder, der das Geld dafür hatte, ich wollte im Volleyball etwas erreichen.»
Flucht aus Budapest
2018 absolvierte die Dänin nach dem Abschluss des Bachelors in Sportwissenschaften ihr erstes Profijahr in Finnland, letzte Saison wechselte sie nach Budapest zu Vasas Obuda. Mit dem ungarischen Spitzenteam spielte Kjelstrup in der Qualifikation für die Champions League und erlebte als unumstrittene Stammspielerin des Teams ihre sportlich erfolgreichsten Jahre. Einige Male wurde sie in Partien der europäischen Königsklasse zur MVP gewählt. «Der Match gegen das italienische Topteam Imoco, als wir den grossen Favoritinnen einen fünften Satz abgerungen haben, wird immer einer der Höhepunkte meiner Karriere sein», meint Kjelstrup. «Eine WM oder Olympische Spiele werde ich mit Dänemark nie erleben, dafür sind wir zu wenig gut.»
Dennoch hat Kjelstrup im Sommer das grosse Vasas Obuda verlassen und ist in den beschaulichen Sensebezirk übergesiedelt. Was hat sie dazu bewogen? «Die ungarische Trainingskultur hat mir nicht gefallen. Die Spielerinnen hatten bei jedem Training etwas zu jammern, versuchten sich immer irgendwie zu drücken. Zusammen mit dem polnischen Trainer, der ständig rumgebrüllt hat, ergab das eine ganz schlechte Stimmung.» Überhaupt habe sie das familiäre Umfeld von Finnland vermisst. «In Budapest zählte einzig die Leistung, zeitweise kam ich mir vor wie eine Maschine. Ich wollte Volleyball auf einem hohen Niveau spielen, aber in einem Club, in dem ich mich wohlfühle. Das war in Ungarn nicht der Fall.»
Glücklich in Düdingen
Düdingen war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und machte der Dänin ein Angebot. Die Power Cats waren bereits 2019 an der Verpflichtung von Kjelstrup interessiert gewesen. «Nach einem Telefongespräch mit dem Trainer konnte ich auch mit Thays (Deprati) und Elena (Steinemann) reden. Die Gespräche haben mich überzeugt, dass ich in Düdingen das finden würde, was ich suchte», so die 185 cm grosse Athletin.
Auch zwei Monate nach ihrer Ankunft bereut Trine Kjelstrup ihren Wechsel nicht. «Hier habe ich alles: Die Schweiz ist ein wunderbares Land, und das Volleyballniveau ist ähnlich hoch wie in Finnland. Für mich müssen beide Aspekte stimmen, Sport und Lebensqualität. In Düdingen kann ich eine Leaderrolle einnehmen und werde als Mensch respektiert. Champions League ist cool, aber das ist nicht alles, was im Leben zählt.»
Durchschlagskräftig und variabel
Mit ihrer Erfahrung bringt die Dänin Ruhe und Stabilität ins Team, sie verfügt über einen starken Service und ist im Angriff sehr durchschlagskräftig und variabel. Egal ob hart der Linie entlang, halbdiagonal mit Handgelenkeinsatz oder diagonal als Drehschlag – Kjelstrup kann in alle Richtungen schlagen, beherrscht Angriffsfinten und kann mit dem Anschlagen des gegnerischen Blocks punkten. In der Verteidigung und im Block habe sie durchaus noch Entwicklungspotenzial, sagt sie von sich selbst. «Ich spiele am besten, wenn ich aggressiv auftrete und laut bin. Wenn ich auf dem Platz nicht ständig rede, dann läuft etwas falsch.»
Mit ihren 25 Jahren ist die Diagonalspielerin die drittälteste Spielerin der Power Cats. Trotz ihres bereits grossen Erfahrungsschatzes will sich die Dänin weiter verbessern. «Das macht die Arbeit mit ihr sehr interessant», sagt Trainer Dario Bettello. «Trine bringt nicht nur regelmässig ihre Leistung aufs Feld, sie bringt auch immer wieder Ideen und Anregungen ein, wie man das Team weiterbringen könnte. Wir pflegen einen regen Austausch. Ich habe gerne Spielerinnen, die selber mitdenken und sich einbringen.»
Viele Gedanken
Ihre Stärken will Kjelstrup auch heute gegen Franches Montagnes (20 Uhr, Leimacker) in die Waagschale werfen. Nicht nur weil diese Partie wegen eines Covid-19-Falls beim Gegner verschoben werden musste, macht sich die Dänin momentan viele Gedanken zu Corona. «Alles ist so unsicher geworden. Kann die Saison überhaupt zu Ende gespielt werden? Gibt es eine Saison nächstes Jahr? Nicht zu wissen, was nächste Woche sein wird, ist frustrierend.» Angesichts dieser Ungewissheit schmiede sie keine Pläne für ihre sportliche Zukunft. «Ich geniesse die Zeit in Düdingen und freue mich, dass ich Volleyball spielen kann. Die beste Medizin in der jetzigen Zeit ist es zu spielen. So hat man keine Zeit, sich zu viele Gedanken zu machen.»
NLA-Meisterschaft
Erstes Geisterspiel für die Power Cats
Da sich mehrere Spielerinnen von Volley Franches-Montagnes in Quarantäne befanden, wurde das NLA-Meisterschaftsspiel zwischen Düdingen und den Neuenburgerinnen am letzten Samstag verschoben. Heute nehmen die beiden Teams einen neuen Anlauf (20 Uhr, Leimacker), um die Partie durchzuführen.
Für die Power Cats, die zuvor auch schon das Duell gegen Cheseaux nicht hatten austragen können, wird es der erste Ernstkampf seit knapp zwei Wochen sein. «Mitten in der Saison eine so lange Pause zu haben, war ungewöhnlich. Unsere gute Form zu konservieren, war eine Herausforderung», fand Trainer Dario Bettello. Dennoch erwartet er von seinem Team gegen den Tabellensechsten einen klaren Sieg. «Franches-Montagnes ist gut in die Saison gestartet und hat mit einem Sieg gegen Lugano auf sich aufmerksam gemacht. Das Team hat zwei, drei sehr gute Spielerinnen, von denen sehr viel abhängt. Der Rest ist etwas weniger stark.» Wenn die besten Spielerinnen nicht in Form seien, habe Franches- Montagnes Mühe, seine Konstanz zu halten. «Wir haben diesbezüglich mehr Möglichkeiten und können jederzeit von der Bank aus für neue Impulse sorgen.»
Ohne Zuschauer
Das heutige Heimsppiel müssen die Power Cats indes ohne Zuschauer austragen. In der NLA ist vorerst kein Publikum mehr zugelassen. «Das ist sehr traurig», findet Trine Kjelstrup. «Zuschauer geben dir immer einen Schub Gratisenergie. Insbesondere in Matchs wie gegen Franches-Montagnes, die eher weniger spannend sind und in denen du möglichst rasch gewinnen musst, ist es manchmal schwierig, konstant auf einem hohen Niveau zu spielen.» Da seien Anfeuerungsrufe durch die Zuschauer sehr nützlich. «Nun müssen wir halt ohne die Unterstützung unserer Zuschauer auskommen.»ms