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«Der Bundesrat wird ersucht, die Tierschutzverordnung dahingehend anzupassen, dass bei Rindern das Verschliessen von Zitzen jeglicher Art zu Schau- und Präsentationszwecken verboten wird.» Das ist der Text der Motion, welche Nationalrätin Irène Kälin (Grüne, AG) eingereicht hat.
Kühe leiden
«Meine Motion möchte das Verschliessen der Zitzen der Kühe an Viehschauen verbieten, weil ein total überladenes Euter ein fragwürdiges Schönheitsideal ist, weil Kühe heute für dieses Schönheitsideal leiden, weil sie an Viehschauen absichtlich leiden gelassen werden, weil mit dem Leiden der Kühe die Tradition der Viehschauen zunehmend in Verruf gerät und weil es nicht angeht, dass mit Bundesgeldern Viehschauen finanziert werden und man beim Tierwohl einfach ein Auge zudrückt oder wegschaut», sagte Kälin am Mittwoch im Parlament.
Sie habe nichts gegen Viehschauen, versicherte sie. Sie seien eine wichtige Plattform für die hiesige Viehzucht. «Das wichtigste Kriterium an einer Milchviehschau ist das Euter. Ein grosses Euter, ein riesiges Euter. Deshalb werden die Tiere nicht mehr regelmässig gemolken, sondern die Zeiten zwischen dem Melken wird ausgedehnt», fuhr sie fort.
Gemäss dem Ausstellungsreglement der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter (ASR) ist Collodium weiterhin erlaubt: «Das äusserliche Versiegeln der Zitzen ist mit zugelassenen Produkten erlaubt, solange das Wohlbefinden der Kuh nicht negativ beeinflusst wird.» Laut Anhang ist dafür einzig «Collodium 8%» erlaubt.
Den Vorwurf, sie sei keine Bäuerin, konterte sie wie folgt: «Mit Verlaub, liebe Bauern hier im Saal: Jede Mutter, die je einen Milchstau oder eine Mastitis hat, kann sich sehr wohl vorstellen, was ein Euterödem ist. Fragen Sie Ihre Frauen.» Wenn der Bund die Viehschauen subventioniere, so soll er darum besorgt sein, dass diese ohne tierquälerische Praktiken über die Bühne gehen. «Genau das will meine Motion: Viehschauen Ja, Zitzen verschliessen Nein», sagte sie.
Aebi: Die Branche hat viel gemacht
Andreas Aebi, Präsident der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Rinderzüchter (ASR) hielt fest, dass die Branche bereits viel unternommen hat. Die Bauern wollten den Tieren nie und nimmer Leid zufügen, betonte er. «Frau Kälin, wissen Sie und ist Ihnen klar, dass wir mit den entsprechenden Reglementen in den letzten drei Jahren eine gewaltige Arbeit geleistet haben, gewaltige Kontrollen machen, und dass das im Tierschutzbereich in die richtige Richtung geht?», so Aebi.
«Nur weil Sie selber Bauer sind - ich werde Ihre Fachkenntnis da nie in Abrede stellen - und ich keine Bäuerin bin, heisst das noch lange nicht, dass sich nicht auch Menschen für Tiere einsetzen können, die selber nicht mit Tieren zu tun haben. Wenn es um Eutergesundheit geht, ist es die beste Qualifikation, selber Mutter zu sein und zu wissen, was es bedeutet, wenn die Brüste schmerzen», sagte sie zu Andreas Aebi (SVP/BE).
Die Branche habe längst Lösungen gefunden, um die Probleme zu lösen. Dazu gehörten zahlreiche Kontrollen, an denen auch der Bund beteiligt sei. Zudem sei der heute gelegentlich eingesetzte Klebstoff Kollodium unbedenklich, sagte Pierre-André Page (SVP/FR).
Kälin konnte die grosse Kammer nicht hinter sich bringen. Der Nationalrat lehnte die Motion mit deutlicher Mehrheit ab. 96 Personen drückten den Nein-Knopf, zugestimmt haben 76 Nationalrätinnen und Nationalräte. Dazu gab es 11 Enthaltungen. Damit ist der Vorstoss erledigt.
So stimmten die Bauernvertreter
Nein: Aebi Andreas (SVP/BE), Bourgeois Jacques (FDP/FR), Campell Duri (BDP/GR), Dettling Marcel (SVP/SZ), Glauser Alice (SVP/VD), Grin Jean Pierre (SVP/VD), Haab Martin (SVP/ZH), Müller Leo (CVP/LU), Müller Walter (FDP/SG), Nicolet Jaques (SVP/VD), Page Pierre-André (SVP/FR), Pezzatti Bruno (FDP/ZG), Pieren Naja (SVP/BE), Ritter Markus (CVP/SG), Rösti Albert (SVP/BE), Salzmann Werner (SVP/BE), von Siebenthal Erich (SVP/BE),
Ja: Graf Maya (Grüne/BL), Markus Hausammann (SVP/TG), Siegenthaler Heinz (BDP/BE)
Berset fordert starke Regulierung durch Branche
Bundesrat Alain Berset, der aus dem Viehzuchtkanton Freiburg stammt, fordert die Branche auf, Lösungen zu finden. «Ich wäre sehr froh, wenn wir eine Lösung mit der Branche finden könnten, damit erstens die Ultraschalllösung, die es erlaubt zu sehen, ob es Probleme gibt oder nicht, wirklich überall und ohne Ausnahme mit der Unterstützung der Branche umgesetzt wird und zweitens normal Kollodium benutzt wird», sagte Berset im Nationalrat.
Er hat jedoch Zweifel, ob das Branche selber macht. Er habe schon Fragezeichen, wenn er höre, dass an einigen Anlässen keine Kontrollen durchgeführt werden können. «Da können wir vielleicht gemeinsam etwas machen, um die Situation zu verbessern. Aber ohne eine starke Regulierung durch die Branche hat das keine Chance», betonte Berset.
ASR gegen Verbot
SVP-Nationalrat Andreas Aebi, Präsident der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Rinderzüchter (ASR), sagte auf Anfrage von Schweizer Bauer vor der Abstimmung: «Die ASR lehnt die Motion Kälin ab. Die ASR hat mit verschiedensten Massnahmen alles gemacht, damit wir in dieser Frage in eine gute Linie kommen.» An der Holstein-Europameisterschaft seien Kühe aufgrund der Euterfülle hinausgeschickt worden.
An der Expo Bulle seien fünf Tierärzte anwesend gewesen. Ein Totalverbot des Zitzenverschliessens sei nicht sinnvoll, da es für diese Massnahme auch hygienische und gesundheitliche Gründe gebe. Bauernverbandspräsident und CVP-Nationalrat Markus Ritter lehnt die Motion ebenfalls ab. Er wolle keine weiteren gesetzlichen Vorschriften für die Bauern. Das sei auch die Position des Bauernverbands. Ritter sagt, er sehe aber die Problematik des Themas für die Landwirtschaft. sal