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Von wilden Auen zur Reinacher Heide
Vor den Begradigungen und Verbauungen bestand der Gewässerraum der Birs aus einer wilden Auenlandschaft von etwa 500 Metern Breite. Der Flusslauf war nicht genau festgelegt. Eine Vielzahl an Flussarmen wurde regelmässig oder sporadisch von Wasser durchströmt. Wie für Auen in verzweigten Flussabschnitten typisch, wurden regelmässig grosse Bereich der Landschaft überflutet.
Die Unberechenbarkeit des Flusslaufs mit häufigen Überschwemmungen und der Wunsch, das Land nutzen zu können, waren der Anlass für Birskorrektionen im 19. Jh. Auf dem Gebiet der heutigen Reinacher Heide fanden diese Eingriffe von 1847 bis 1855 statt. Durch die Kanalisierung des Wasserlaufes veränderte sich das bisherige Erosions- und Sedimentationsregime komplett. Die Auswirkungen waren einschneidend: Der eingeengte Flusslauf tiefte sich um drei bis fünf Meter ein, was wiederum zur Folge hatte, dass der Grundwasserspiegel in der Umgebung sank. Auf den früheren Schotterablagerungen der Birs entstanden die ausgeprägte Trockenlandschaft («Heide»), die heute für die Reinacher Heide charakteristisch ist.
Der Weg zu einer einzigartigen Landschaft
Die Herausbildung der Trockenlandschaft wurde durch weitere Umstände gefördert. Dazu gehört die Beschaffenheit des Untergrundes aus Birskies, der das Wasser sehr schnell durchsickern lässt. Weil das Niederschlagswasser nur kurze Zeit im Boden verweilt, kann es nur beschränkt von der Vegetation aufgenommen werden. Von grosser Bedeutung war auch die Nutzungen der Fläche: Nachdem die Gemeinde Reinach Kies und Sand abgebaut hatte, wurde die Fläche von Schafen beweidet. Durch das Abgrasen wurde das Aufkommen von Gebüschen verhindert, was erheblich zur Entwicklung der Trockenvegetation beitrug.
Bedrohliche Nutzungen
Dennoch haben gewisse Nutzungen die Trockenrasen auch beeinträchtigt. Obwohl dank des Wasserwerks «Reinach und Umgebung» Teile der Reinacher Heide ab 1932 in die Gewässerschutzzone fielen und mit einem Bauverbot sowie ab 1935 mit einem Düngeverbot belegt wurden, gab es Schäden an der Vegetation. Die Reinacher Heide wurde als Erholungsgebiet und Campingplatz genutzt, und «wilde» Feuerstellen wurden errichtet. Ferner wurde eine Baumschule angelegt und Bauschutt abgelagert. Ein 1959 gestellter Antrag auf Schutz der Heide blieb aufgrund von Einsprachen zunächst lange Zeit hängig. Erst der Rückerwerb des Gebiets im Enteignungsverfahren durch die Gemeinde Reinach verhalf dem Projekt im Jahre 1969 zur Realisierung. Im Jahr 1974 wurde die Unterschutzstellung beschlossen. 1994 wurde die Reinacher Heide sogar als Biotop von nationaler Bedeutung eingestuft.
Vegetation der Reinacher Heide
Im Ost-West-Querschnitt lässt sich der Lebensraum Reinacher Heide in drei grosse Bereiche unterteilen. Im eingetieften Flusstal bildete sich, insbesondere nach den Renaturierungsmassnahmen der späten 1990er-Jahre, eine klassische Auenlandschaft. In den häufig überschwemmten Bereichen in unmittelbarer Flussnähe entstand eine Weichholzaue
(Weiden, Pappeln) und in den seltener überschwemmten Bereichen eine Hartholzaue
(Eichen, Eschen, Ulmen).
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die höher gelegenen Kies- und Schotterbänke des ehemaligen Flussbettes, welche die charakteristischen Trockenrasenflächen, Pionierflächen sowie den Trockenwald beherbergen. Trockenrasen bilden sich in nährstoff- und wasserarmen Gebieten und sind besonders gut an ihrem lückigen Bewuchs zu erkennen; meist kann man durch die sehr schüttere Vegetation hindurch gar den kiesige Boden erkennen. Botanische Perlen der Reinacher Trockenwiesen sind verschiedene Orchideenarten wie Helm-Orchis (Orchis militaris) oder Hummel-Ragwurz (Ophrys holosericea), Rauer Klee (Trifolium scabrum), Feld-Mannstreu (Eryngium campestre), Feinblättriger Lein (Linum tenuifolium) oder der Gekielte Lauch (Allium carinatum).
Ständige Pflege hilft den Arten
Während man früher davon ausging, dass Wärme und Trockenheit der Reinacher Heide das Wachstum von Gehölzen auf den Trockenwiesen verunmöglicht, hat die Entwicklung das Gegenteil gezeigt. Auch Trockenrasen müssen gezielt gepflegt werden, denn bei ungehinderter Entwicklung würde sich ein eichenreicher Laubmischwald entwickeln. Als Massnahme gegen die Verbuschung werden von Zeit zu Zeit Pionierflächen geschaffen. Diese Aufgabe wurde früher zum Teil auch von Wildkaninchen übernommen, die inzwischen aufgrund der Kaninchenpest (Myxomatose) ausgestorben sind. Daraus resultiert eine Oberfläche, die einem Schotterfeld gleicht und Lebensraum schafft für die Pioniervegetation.
Inmitten der Magerrasen der Reinacher Heide findet sich auch ein Trockenwald, der auf eine Pflanzung zurückgeht. Der Baumbestand besteht zur Hauptsache aus Waldföhren – eine typische Pionierart, die meist später durch Laubbaumarten verdrängt wird. Durch den trockenen Boden einerseits und Naturschutzeingriffe andererseits wird diese Entwicklung unterbunden und der Trockenwald erhalten.
Ranger als Naturvermittler
Das botanisch reiche Gebiet der Reinacher Heide ist auch Lebensraum für eine grosse Zahl seltener Vögel, Schmetterlinge und weiterer wirbelloser Tierarten. Der vielseitige Lebensraum lockt auch verschiedene erholungsuchende Menschen an. Damit die kleine Naturperle nicht von einer grossen Schar Erholungssuchender überschwemmt wird, wurde ein Besucherkonzept erarbeitet. Seit 2003 ist zudem der Naturschutzdienst Baselland mit einer Gruppe von Rangern im Gebiet tätig. Die Naturschutzwarte und -wartinnen sind als Naturvermittler und Auskunftspersonen vor Ort und kontrollieren zudem, ob die Schutzbestimmungen eingehalten werden.
DK / MS