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1878, 1879 und 1880 prüfte der Kanton Bern die Primarschülerinnen und -schüler am Ende der Schulzeit in den Fächern Lesen, Aufsatz, Rechnen und Realien. Er wollte mit diesen Abschlussprüfungen herausfinden, ob die Stellungspflichtigen an den eidgenössischen Rekrutenprüfungen so schlecht abschnitten, weil sie in der Schule nichts gelernt oder weil sie das in der Schule Gelernte bis zur Aushebung schon wieder vergessen hatten. Es zeigte sich, dass erstere Vermutung richtig war.23
Die Leistungen der Primarschülerinnen und -schüler wurden nach Amtsbezirken zusammengefasst und die 31 Amtsbezirke vom besten zum schlechtesten aufgelistet. 1878 landete der Amtsbezirk Thun an 20. Stelle, 1879 hatte er sich auf den 15. Platz verbessert. Den ersten Rang unter den Primarschulen des Prüfungskreises Thun belegte 1878 die Primarschule der Stadt Thun, 1879 die Primarschule Allmendingen. Die Schule Schwendibach bildete 1878 das Schlusslicht, jene von Schoren 1879, wobei aus Schwendibach 1878 nur ein und 1879 nur zwei Schüler zur Prüfung antraten.24
Das 1912 in Goldiwil erbaute Kinderheim Freudenberg auf einer Postkarte aus der Zwischenkriegszeit. Bis in die 1930er- Jahre führte Schwester B. Hug das Kinderheim für erholungsbedürftige Mädchen und Knaben.
Besonders im Sommer war es gut belegt. Einige der länger anwesenden Kinder gingen sogar in Goldiwil zur Schule. Ab 1946 hiess das Heim Montana.
Für die unterschiedlichen Leistungen mag das kürzere Schuljahr in den Schulen Schoren, Goldiwil, Hofstetten, Allmendingen und Schwendibach mit ein Grund gewesen sein. Deren Sommersemester war vier bis sechs Wochen kürzer als dasjenige der Primarschule der Stadt und umfasste ungefähr halb so viele Schulhalbtage. Einen negativen Einfluss auf die schulische Leistung hatten lange Zeit auch die Absenzen. Zum Teil fehlten Kinder in der Schule, weil sie wie in Goldiwil besonders im Winter einen beschwerlichen Schulweg hatten. Hauptursache des Absentismus war aber die Armut. Arme Eltern hielten ihre Kinder von der Schule fern, weil sie sie nur unzureichend ernähren oder kleiden konnten. Ausserdem waren sie auf die Mithilfe ihrer Kinder zu Hause angewiesen. Aus ihrer Sicht machte die Schule ihnen die als Arbeitskräfte dringend nötigen Kinder streitig. Oft massen sie der Schulbildung eine geringere Bedeutung bei als bessergestellte Familien, weil sie selbst keine solche genossen hatten. In Goldiwil, wo der grösste Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war und die Kinder zu Hause auf dem Hof helfen mussten, waren deshalb selbst in den 1920er-Jahren noch viele Absenzen zu verzeichnen. Aber auch in der Stadt arbeitete manches Kind im elterlichen Gewerbebetrieb mit. Als die Primarschulkommission 1878 beschloss, am Samstagmorgen Schule zu halten, um die Zahl der Lektionen pro Tag zu senken, lehnten sich Hausväter und Lehrer dagegen auf. Der Handwerkerverein unterstützte sie mit einer Petition an den Gemeinderat. Schliesslich trat die Schulkommission zurück. Die neu gewählten Kommissionsmitglieder kamen den Bittstellern entgegen: Zumindest die oberen Primarschülerinnen und Primarschüler hatten wie bisher am Samstag schulfrei, damit sie ihren Eltern im Gewerbe helfen oder etwas verdienen konnten.25
Wie diese Buben beim Schwäbistor wurden Kinder aus städtischen Handwerker- oder Arbeiterfamilien gerne für Botengänge, den Transport von Waren oder für das Einsammeln von Wiederverwertbarem eingesetzt.
Auf dem Land gehörte die Mithilfe im Stall und auf dem Feld zu den typischen Aufgaben der Knaben. Mädchen halfen sowohl im städtischen wie im ländlichen Milieu der Mutter im Haushalt und bei der Heimarbeit oder sie hüteten die kleineren Geschwister. Fotografie, um 1900.
Die Schulkommission kämpfte seit der Einführung des Schulobligatori- ums gegen Absenzen, vor allem gegen unentschuldigte. Sie zitierte säumige Eltern herbei, mahnte oder büsste sie. Den Hintersässen drohte sie mit Wegweisung oder Gefängnis. Besserung brachten die Einsetzung von Schulinspektoren 1856, das Gesetz über die öffentlichen Primarschulen von 1860, das die Zahl der Schulwochen von 44 auf 36 verringerte und eine strengere Anwesenheitskontrolle vorschrieb, sowie die Verankerung des Schulobligatoriums in der Bundesverfassung 1874. Absentismus blieb aber bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Problem.26
Für die Armen bildete die Schülerfürsorge einen gewissen Anreiz, ihre Kinder in die Schule zu schicken. In vielen bernischen Gemeinden wurde während der Rezession 1878–1885, in der sich die Armut wieder verschärfte, Essen an die Schülerinnen und Schüler ausgegeben. Auch in Thun erhielten die Schulkinder erstmals in den 1880er-Jahren während der Wintermonate gratis Brot und Milch, diejenigen, die einen langen Schulweg hatten, assen am Mittag in der Schule eine Suppe. Armen Kindern wurden Kleider und Schuhe ausgeteilt. Genährt und gekleidet konnten sie sich besser auf den Unterricht konzentrieren. In den 1970er- Jahren stellte man die Schülerspeisung ein, weil es kaum noch Kinder gab, die diese benötigten.27
Nur gesunde Kinder erbrachten gute Leistungen. Daher untersuchten laut Reglement von 1919 zwei Schulärzte sämtliche Schulkinder alljährlich auf Krankheiten. Verbreitet waren vor allem Kropf, Tuberkulose und Pocken. 1926 führte die Gemeinde die Schulzahnpflege an allen Schulen ein. Damit sich rekonvaleszente und arme Kinder erholen konnten, eröffnete die Stadt 1908 auf dem Bühl bei Walkringen ein Ferienheim. Den Bau hatte Baronin Marie Elise von Zedtwitz (1851–1910), die Besitzerin des Schlosses Chartreuse in Hilterfingen, durch eine Schenkung über 85000 Franken finanziert. 1943 übernahm die Stadt das ehemalige Hotel Mittaghorn in Wengen als zweites Erholungs- und Ferienheim.28
Die Abschlussprüfungen offenbarten auch den integrativen Charakter der Primarschulen. Schlechtere Resultate wurden nämlich zum Teil mit dem Vermerk versehen, dass sie von Kindern mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung stammten. Die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern mit einem Handicap begann in Thun 1899 mit der Eröffnung einer «Spezialklasse für schwachbegabte Kinder», der 1912 eine zweite Klasse folgte. Schwerhörige lernten im Absehunterricht das Lippenlesen.29