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Eine Million für ein Bürgerrecht
Auf Amden hat sich bekanntlich unter dem Namen Grappenhof eine Kolonie angesiedelt, die als religiöse Sekte mit Gütergemeinschaft und gemeinsamem Haushalte nach dem Vorbild der ersten Christengemeinde geschildert wird. Es wurden eine Anzahl Liegenschaften in schönster Lage zu sehr guten Preisen käuflich erworben und bar bezahlt; ebenso als Dependance die Villa Arbenz in Wiesen. Wiesen und Gärten werden mit Werken der Bildhauerkunst geschmückt. Die Bauernhäuser werden modernisiert und in heimelige Wohnstätten umgewandelt. Chef dieser Kolonie ist Herr Josua Klein, gebürtig aus Mainz. Geboren wurde er in Amerika, von wo aus der Vater auf das deutsche Bürgerrecht Verzicht geleistet haben soll, ohne das amerikanische Bürgerrecht zu erwerben. Demnach wäre Herr Klein heimatlos und ist nun bestrebt, das Schweizerbürgerrecht zu erwerben. Dieses setzt bekanntlich ein Kantons- und Gemeindebürgerrecht voraus. Der Bund erteilt das Schweizerbürgerrecht erst nach einem ausgewiesenen zweijährigen Aufenthalte in der Schweiz. Herr Klein wünschte nun für sich und seine Familie das Bürgerrecht von Amden und offerierte dafür eine blanke Million Franken. Die Bürger von Amden trauten zuerst ihren Augen und Ohren nicht. Ueberdies sind sie konservativ und haben noch niemals einem Fremden das Bürgerrecht gegeben. Aber eine Million ist eine Summe, die auch auf Amden zugänglich macht.
Am Sonntag war Gemeindeversammlung, um die freigebige Offerte anzunehmen oder abzulehnen. Dem Gesuch wurde in der Abstimmung sozusagen einmütig entsprochen.
Auf Grund freier Vereinbarung zwischen Herrn Klein und dem Gemeinderale wurde folgende Verteilung der Million stipuliert: 10,000 Fr, als eigentliche Eintaufstaxe für die Ortsgemeinde. 450,000 Fr. für die politische Gemeinde. 200,000 Fr. für die Armengemeinde. 95,000 Fr. für die Kirche. 95,000 Fr. für die Schule,
Die Freigebigkeit des Herrn Klein steht so einzig da und das Ganze hört sich so sehr wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht an, daß die volle Freude über den unerwarteten Goldregen sich bei den Bürgern von Ammons Höhen erst dann entwickelt, wenn das Bürgerrecht in Kraft erwächst bezw. wenn die Million wirklich bezahlt ist. Bis dahin wird eine gewisse Resignation unverkennbar sein. Für einstweilen werden auf dieses Erbe hin noch leine neuen Ausgaben dekretiert.
Intelligenzblatt (Bern), 24. Jahrg., 18. November 1903, Nr. 273, S. 2. Online