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Es gibt Zitat-Fürsten. Besitzer von Weisheits-Pfründen. Man kommt nicht um sie herum, wenn es gilt, erborgte Weisheit zu versprühen. In der Literatur etwa Goethe, Lichtenberg, Nietzsche, Mark Twain, Karl Kraus; in der Wissenschaft etwa Freud, Russell, Feynman, Hawking und natürlich – Einstein.
2017 wurde in Jerusalem eine Notiz Einsteins aus dem Jahr 1922 versteigert. Das war das Jahr seiner Nobelpreisverleihung, und er machte damals auch eine überaus populäre Vortragstour durch Japan. Einigermassen irritiert durch die frenetische Aufmerksamkeit, sah sich Einstein offenbar dazu bemüssigt, einige allgemeine Bemerkungen zum Leben ausserhalb der Physik aufzuschreiben. Der Anekdote gemäss soll er im Hotel einem Lieferboten in Ermangelung eines Trinkgeldes eine kleine niedergeschriebene Sentenz ausgehändigt haben, mit der Bemerkung, dass sie womöglich mehr Wert sein würde als ein gewöhnliches Trinkgeld. Der Satz lautet: „Ein ruhiges und bescheidenes Leben bringt mehr Glück als das Streben nach Erfolg, verbunden mit ständiger Rastlosigkeit.“ Die Lebensklüglerei eines chinesischen Glückskeks. Sie wurde auf der Auktion in Jerusalem schliesslich zu einem Wert von unglaublichen 1.56 Millionen Dollar verkauft.
Zitaten-Faker
Einstein hätte, würde er noch leben, diese Groteske sicher mit einem weiteren Aphorismus quittiert. Tatsächlich war er ein eher bescheidener Mensch, nicht ohne Koketterie, und ein begnadeter Sentenzendrechsler. Aber laut dem Einstein-Biograph Andrew Robinson sind viele der heute kursierenden Zitate Verballhornungen, oft simpler Unsinn. Bullshitter jeglicher Observanz bedienen sich aus dem scheinbar unversiegbaren Reservoir von Einstein-Zitaten zu jeglichem Zweck. Sogar die Tochter des Ober-Bullshitters der USA vergriff sich an Einstein in einem Tweet, indem sie ihn zum Ur-Faktenverdreher erhob mit dem Zitat: „Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen, ändere die Fakten.“ Das Zitat ist falsch. Einstein hätte wahrscheinlich sogar mit der Idee sympathisiert, nur muss man den Kontext der Aussage berücksichtigen. Ein Student fragte Einstein 1919, also im Jahr der spektakulären Bestätigung der Allgemeinen Relativitätstheorie: Was, wenn die astronomischen Fakten der Theorie widersprochen hätten? Einsteins berühmte Antwort: „In diesem Fall hätte mir Gott leidgetan, denn die Theorie ist wahr.“ Der Satz ist in dieser kategorischen Form nicht verbürgt. Wer jedoch ein wenig Ahnung von theoretischer Physik hat, weiss, dass man Theorien nicht einfach über Bord wirft, wenn sie auf Anomalien stossen. Aber Leute, die ihr dünnes intellektuelles Wassersüppchen kochen, nutzen Zitate gern als Suppengrün.
Der Matthäus-Effekt
Wir kennen den Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Dieses Phänomen lässt sich auch bei Zitaten beobachten. Es verhält sich nicht nur so, dass Bekanntheit die Zitierwahrscheinlichkeit erhöht, sondern auch, dass Bekanntheit als Attraktor für Falschzitate wirkt. Hier ein Beispiel. Vor einigen Jahren tauchte vermehrt ein Astrid-Lindgren-Zitat in Todesanzeigen auf: „Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von unten schon so schön aussieht.“ Der Oetinger Verlag, der Lindgrens Bücher herausgibt, war alarmiert, denn man fand das Zitat nirgends in ihrem Werk. Er stammt auch tatsächlich nicht von der Autorin, sondern aus der Theateradaptation eines ihrer Bücher. Weil aber der Satz so schön nach Lindgren klingt, und weil die Lindgren ohnehin schon eine ergiebige Zitatenquelle darstellt – heute sagt man: einen dicken Knotenpunkt oder „hub“ im Netz –, erschien die Zuordnung nur zu plausibel: Auch nach Lindgren klingen ist Lindgren.
Die negative Seite des Matthäus-Effekts
Der Matthäus-Effekt lässt sich natürlich leicht missbrauchen. Die Formel dafür: Versieh eine beliebige Aussage X mit der Signatur des berühmten Autors A. „No Sports“ ist ziemlich sicher nicht von Churchill, aber man widersteht kaum der Versuchung, diesen Satz dem übergewichtigen Kettenraucher und Alkoholiker anzuhängen, der erst noch einundneunzig wurde. Oft genügt schon die modale Wendung „Ich glaube, es war Nietzsche, der gesagt hat, dass ...“, und schon haben wir ein originales Nietzsche-Zitat. In den sozialen Netzwerken online wird dieser Effekt immens verstärkt. Erstens dadurch, dass Äusserungen sich ungeheuer schnell viral verbreiten. Und zweitens dadurch, dass der Unterschied zwischen Fakt und Fake verschwindet – also zwischen dem, was jemand tatsächlich gesagt hat, und dem, was jemand gesagt haben könnte oder soll. Der Matthäus-Effekt kann sozusagen aber auch nach hinten ausschlagen. Eine Äusserung, so oft sie im Verlauf ihrer viralen Zitierung geändert worden ist, wird nach wie vor mit dem Original identifiziert. Handelt es sich um eine kontroverse, skandalöse oder inkriminierende Aussage, kann dies zum bekannten Phänomen des Shitstorms führen: Wer schon Prügel bezogen hat, erhält noch mehr. Hier lautet die träfere Version des Matthäus-Effekts: Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen.
Appell an die Autorität
Es gibt die Denkfaulheit im Tarnanzug des Zitats. Zitate sind oft eine Form des alten Argumentum verecundiam, des Appells an die Autorität. Wo man selber kein Argument hat, borgt man sich eines aus. „Wie der weltbekannte Psychologe X sagt, wird das Ernährungsproblem in der dritten Welt von linken Kreisen hochgeschaukelt“; oder: „Hunderte von Wissenschaftlern lehnen die Evolutionstheorie ab.“ Wie man sofort bemerkt, ist auch hier die Verlockung zum Missbrauch gross. Man zitiert eine Berühmtheit, obwohl diese Berühmtheit überhaupt keine Kompetenz im fraglichen Gebiet besitzt. Der Psychologe X ist kein Ernährungsfachmann; unter den Hunderten von Wissenschaftlern, die die Evolutionstheorie ablehnen, finden sich gerade zwei Biologen. Gerade in politisch aufgeladenen Themenbereichen wie Klimawandel, Krankheitsvorbeugung, Erziehung tummeln sich die „Experten“ nur so wie im Karpfenteich, und man kann zur abstrusesten Behauptung einen Karpfen an die Angel kriegen, der die Behauptung auch bestätigt.
Die Produktion antiker Weisheiten
Viele Autoren hegen auch eine Liebe zu antiken Weisen; zu einem Denken, das uns ursprünglich, unverfälscht, tief und gerade in seiner zeitlichen Abgerücktheit zeitlos erscheint: Aristoteles, Platon, Sokrates und dann erst recht die Vorsokratiker: Thales, Demokrit, Heraklit. Welch ein Born ungetrübter intellektueller Tranksame! So stellte der Nobelpreisträger Jacques Monod seinem Bestseller „Zufall und Notwendigkeit“ ein Zitat von Demokrit voran: „Alles, was im Weltall existiert, ist die Frucht von Zufall und Notwendigkeit.“ Das Zitat trifft genau den Grundgedanken von Monods Buch, und es scheint, als gratulierte der alte Grieche dem Molekularbiologen aus zweieinhalb Jahrtausenden Entfernung zu seiner bahnbrechenden Einsicht. Das Zitat stammt allerdings nicht von Demokrit, sondern – von Monod. Fast alles, was man von den Vorsokratikern weiss, weiss man aus Niederschriften anderer, im Grunde also bereits aus Zitaten und aus Deutungen von Zitaten. Für Altphilologen gilt daher das methodische Misstrauen gegenüber vorsokratischen Texten schon fast als Ethos. Nicht so für einen Nobelpreisträger vom Kaliber eines Monods. Der kann sich seine eigenen antiken Zitate zusammenklittern. Bemerkt wurde das Fake gemeinhin nicht, immerhin entlarvte es der Basler Philologe Roland Müller in einem Verriss in der Basler Zeitung (15.12.1971) unter dem launigen Titel „Ein Nobelpreis für Demokrit!“
Fiktion, Fakt, Fake
Es gibt eine Produktion von Zitaten, die bösartiger ist, weil sie gar keinen Wert mehr legt auf den Unterschied zwischen echten und falschen Zitaten. Notorisch geworden ist der „Fall“ Daniel Kehlmann, der in seinem Buch „Die Vermessung der Welt“ den grossen Naturforscher Alexander von Humboldt neu erfand. Im Besonderen unterschiebt Kehlmann Humboldt das folgende Zitat: „Das zweitgrösste Übel ist die Sklaverei, das grösste aber die Behauptung, der Mensch stamme vom Affen ab“ (der Satz steht in Kehlmanns Buch in indirekter Rede). Humboldt war bekanntermassen ein vehementer Gegner jeglicher Diskriminierung, und es gibt verbürgte Sätze etwa in seinem „Politischen Versuch über Cuba“. Aber die Kombination der beiden Behauptungen über Sklaverei und Evolutionstheorie ist von hahnebüchener Absurdität. Humboldt konnte noch gar nichts wissen von Darwins „Entstehung der Arten“, da er zum Zeitpunkt der Publikation bereits tot war. Die beiden grossen Naturforscher haben sich auch nur ein einziges Mal getroffen, und ihr Gespräch soll sich als kaum ergiebig erwiesen haben.
Der „alternative“ Historiker
Aber, so wird man einwenden, hier wirkt doch die Freiheit der Fiktion, also auch der Erfindung von Fake-Zitaten. Und Kehlmann beruft sich auch ausdrücklich auf das Recht des Autors, Geschichte anders schreiben zu können. Das hat ohne Zweifel seinen aufmüpfigen „postmodernen“ Chic, und gerade Kehlmanns Roman zeugt davon. Mehr noch: Kehlmann stilisiert sich zu einer Art von alternativem Historiker, der die Fakten neu mischt und ordnet, mit dem ambitiösen erkenntnistheoretischen Anspruch, neue Wahrheiten ans Licht zu bringen. „Die grosse Möglichkeit historischen Erzählens besteht eben darin, Geschichte, vorbei an den festgeschriebenen Versionen, auf solche Art neu zu fassen, dass dabei gemeinhin verschwiegene oder übersehene Wahrheiten sichtbar werden.“
Das ist präpotent, denn im Kern steckt da der Wurm drin. Wie Humboldt-Forscher feststellen, sind bislang keine neuen Wahrheiten an den Tag getreten, vielmehr hat sich eine allgemeine Verwirrung ausgebreitet. [2] Und diese Verwirrung nimmt einen geradezu musterhaften postfaktischen epidemiologischen Verlauf. Kehlmann tritt nun auf mit dem Gewicht des Humboldt-„Experten“, und hier beobachten wir ein aufschlussreiches Zeitphänomen: Du musst für deinen Quark nur die richtigen Medien im Rücken haben. Gottschalk gab im „Literatur im Foyer“ (01.09.2012) von sich, Humboldt nun endlich durch Kehlmann verstanden zu haben. Wenn das nicht ein wissenschaftlicher Ausweis ist! Da können sich die zünftigen Humboldt-Forscher in ihre akademischen Höhlen verkriechen.
Experten des Tun-als-ob
Ich halte Kehlmann für einen exemplarischen Fall des heutigen Intellektuellen, der vor allem in einem brilliert: im Tun-als-ob. Sein Exploit besteht, so könnte man sagen, darin, dass er das Tun-als-ob vom Bereich des Fiktiven in den Bereich des Faktischen ausweitet. Man kann das daran konstatieren, dass Kehlmann nun auch tel quel in die wissenschaftliche Literatur aufgenommen wird. Zur Herausgabe der Tagebücher Darwins von der Reise der „Beagle“ schreibt er ein Vorwort. Und darin liest man wieder den Satz über Sklaverei und Evolutionstheorie: „Darwin nahm seine Kusine und Kindheitsfreundin Emma Wedgewood zur Frau und zog sich zurück. In der Abgeschlossenheit des Landlebens (...) entstand seine Theorie von der Entstehung der Arten, der Unvererbbarkeit des Erworbenen, der Gewordenheit des Menschen durchs Spiel des Zufalls. Die zweitgrösste Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei, hatte Humboldt ausgerufen, die grösste aber die Behauptung, er stamme vom Affen ab. Eine Verständigung zwischen beiden kam nicht zustande.“ Nun steht dieser Schmonzes nicht mehr in einem Roman, sondern in einem wissenschaftlichen Werk.
Die Korruption des Zitierens
Zitate sind eine delikate Sache. Die Ursprungsidee ist die Erweiterung des Gesprächs in die Schrift. Durch das Zitat setzt man sich mit anderen Autoren direkt in Beziehung. Das Wundersame dabei ist, dass diese Autoren verstorben, Angehörige anderer Epochen oder Kulturen sein können. Man schafft durch das Zitat eine Situation zeitenthobener Gegenwart, eine virtuelle Gegenwärtigkeit des Geistigen.
Nur wird diese Idee gerade in letzter Zeit korrumpiert durch die Möglichkeiten der neuen Medien. Zu denken gibt eine Haltung des intellektuellen Leichtsinns, die sich als eigentlichen Denkmodus für die heutigen Umwelten empfiehlt. Dass sich ein wissenschaftlicher Pipifaxer wie Kehlmann in diesen neuen Umwelten wie die Made im Speck fühlt, liegt weniger an ihm als an den neuen Umwelten. Humboldt gilt vielen als Symbolfigur des Bildungsbürgertums. Kehlmanns Roman ist ein literarischer Saprophyt, der vom Zerfall dieses Bürgertums lebt.
Einstein auf dem Sterbebett
Die letzten Worte, die Einstein nachweislich von sich gab, sind uns nicht erhalten geblieben. Er hauchte sein Leben mit gemurmelten Sätzen am 18. April 1955 im Princeton Hospital aus. Die anwesende Nachtschwester verstand kein Deutsch, konnte also nicht vom Einsteinzitat profitieren wie der japanische Hotelbote. Und so verrauschte womöglich eine weitere Weisheit im expandierenden Äther des Ungehörten.
[1] Inspirationsquelle dieses Texts ist das amüsante und lehrreiche Buch von Martin Rasper: „No Sports“ hat Churchill nie gesagt. Das Buch der falschen Zitate. Ecowin, Salzburg/München 2017.
[2] Ich verweise hier auf die totale Demontage von Kehlmanns Buch durch Frank Holl: „Die zweitgrösste Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei ...“ – Daniel Kehlmanns neu erfundener Alexander von Humboldt. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien, XIII, 25, 2012.