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Ukraine vom 13. - 21. Oktober 06
Route in der Ukraine:
Uzhorod – Sambir – Drohobyc – Stryl – Ternpil – Kozjatyn – Fastiv – Vasylkiv – Zolotonosa – Myrhorod – Poltava – Dnipropetrovs’k – Zaporizzja.
Da wir nun eine Landkarte in kyrillischer Schrift haben, verzichten wir an dieser Stelle auf die detaillierten Angaben der Ortsnamen.
Die Ukraine ist flächenmässig etwas grösser als Frankreich und hat 48 Millionen Einwohner. In Kiev, der Hauptstadt, leben über 3 Millionen Menschen. Die Ukraine ist nach Russland der zweitgrösste Staat Europas. Die Ukraine erlangte 1991 die Unabhängigkeit und seit dem Beitritt Polens zur EU am 1. Mai 2004 grenzt sie unmittelbar an die EU. Und doch scheint die Ukraine unendlich weit weg zu sein von Westeuropa. Zumindest für uns war dies bis vor kurzem so. Wir wussten wenig bis gar nichts über die Ukraine. Deshalb erzählen wir in diesem Bericht etwas ausführlicher über dieses „unbekannte“ Land.
Wen die Ausführungen nicht interessieren, überspringt die Abschnitte Geschichte, wirtschaftliche Situation und Umwelt am besten.
Geschichte
Ukraine bedeutet Grenzland. Über lange Perioden ihrer Geschichte war die Ukraine auf mehrere Herrschafts- und Kulturräume aufgeteilt. Die wichtigsten Staaten waren das Grossfürstentum Litauen, das Königreich Polen, das Russische Reich, das Habsburger Reich und im 20. Jahrhundert Polen und die Sowjetunion. Vor allem die Zugehörigkeit grosser Teile der Ukraine zu Polen und Russland, die Vermischung der kulturellen Einflüsse aus dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten, haben die Eigenart des Landes geprägt. Immer wieder übernahm die Ukraine durch ihre Grenzlage eine Vermittlerrolle zwischen Ost und West.
Der junge Nationalstaat steht vor dem Problem, auf keine ganzheitliche Nationalkultur zurückgreifen zu können.
Wirtschaftliche Situation
Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1991 hat die Ukraine im wirtschaftlichen Bereich ein zunächst eher zuversichtlich stimmendes Erbe angetreten. Die Ukraine galt lange Zeit als die Kornkammer der Sowjetunion. Sie besass ein solides Industriepotential mit leistungsstarken Unternehmen und das weltweit drittgrösste Nukleararsenal. Doch seit der Unabhängigkeitserklärung sind Agrar- und Industrieproduktion stark rückläufig. Die Ukraine steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise und eine grundlegende Änderung dieser Situation scheint nicht in Aussicht. Auch die Verschuldungslage der Ukraine ist äusserst angespannt. Immer wieder war das Land auf die Unterstützung durch den IWF und die Weltbank angewiesen. Mittlerweile ist die Ukraine so tief verschuldet, dass sie im ersten Halbjahr des Jahres 1998 etwa 90 Prozent ihrer Staatseinnahmen für die Abzahlung der Schulden und Zinsen verwenden musste. In den Jahren seit der Unabhängigkeitserklärung hat es die Ukraine versäumt, Reformen ernsthaft anzugehen. Der Privatisierungsprozess wurde mangelhaft und inkonsequent durchgeführt. Für ausländische Investoren sind die rechtlichen Rahmenbedingungen unübersichtlich, häufigen Schwankungen unterworfen und die Korruption ist weit verbreitet.
Umwelt
Noch vor einem halben Jahrhundert war die ökologische Situation der Ukraine mehr als zufrieden stellend. Die reichen Vorkommen an Bodenschätzen und die grossen Wasser-Reservoirs, vor allem aber die überaus fruchtbaren Böden waren günstige Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung. Doch die jahrzehntelange rücksichtslose und willkürliche Ausbeutung dieser Ressourcen und die damit verbundene Misswirtschaft haben die Ukraine mittlerweile an den Rand einer ökologischen Krise gebracht. Zur Zeit hält die Ukraine unter den GUS-Staaten den traurigen Rekord an ausgelaugten Bodenflächen. Über die Hälfte der Gesamtbodenfläche sind ohne den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden überhaupt nicht mehr nutzbar, in der Westukraine sind bis zu 40 Prozent der Gesamtfläche damit überlastet. Auch Flüsse und Seen sind zum grossen Teil verseucht. Im November 1988 wurden Hunderte von Kindern unterschiedlicher Altersgruppen im Raum Cernivci von einer unbekannten Krankheit befallen. Offiziell hiess es, dies seien Auswirkungen der Autoabgase, womit geschickt der Schwarze Peter der gesamten Bevölkerung zugeschoben wurde. Dieser Erklärung schenkten aber nur wenige Glauben. Die meisten sahen die Ursache der Krankheit in der Luft- und Wasserverschmutzung durch die mangelhafte Entsorgung der Industrieabfälle.
Der Weg ist unser Ziel
Nach diesem Motto sind wir in der Ukraine unterwegs. Einerseits ist die Ukraine rein flächenmässig recht gross, andererseits, ist sie kein typisches Reiseland und schon gar kein Urlaubsland in unserem Sinne. Für uns ist es eine Reise in eine unbekannte Fremde, in der anscheinend niemand war, von der keine Vorstellungen herrschen. Mit offenen Augen und viel Verständnis erleben wir reizvolle und weniger ansehnliche Seiten der Ukraine. Das Land erlebt eine entbehrungsreiche Zeit auf der Suche nach neuer Identität.
Grenzübertritt in die Ukraine
Die Grenzformalitäten dauern hier etwas länger als wir es bisher von den osteuropäischen Ländern und dem Baltikum gewohnt sind. Vor dem Zoll steht morgens um 9.00 Uhr bereits eine Auto- und Lastwagenkolonne. Bis wir das erste Zollhäuschen erreicht haben, warten wir schon mal eineinhalb Stunden. Nun beginnt ein umständlicher Papierkrieg: Ausfüllen von irgendwelchen Personalien für das Einreisedokument, Kontrolle der Pässe, Kontrolle des Fahrzeuges und zwischendurch immer wieder Schlangestehen. Wir werden jedoch stets freundlich behandelt. Die neugierigen Blicke der Zollbeamten auf unser, für sie wohl sehr ausgefallenes Reisemobil, sind nicht zu übersehen. Die Zöllner wollen natürlich einen Blick in den Aufbau werfen und fragen dann ganz erstaunt, ob wir den hier drinnen leben würden?! Ich erkläre ihnen, dass wir während unserem Urlaub tatsächlich in diesem Aufbau wohnen. Ungläubig kopfschüttelnd und mit verschmitztem Lachen auf den Stockzähnen lassen sie uns danach die Grenze passieren.
…über Land …
Die ersten Tage verbringen wir am Rande der ukrainischen Karpaten. Auf den mehr oder weniger bewaldeten Hügel auf 1’000 bis 1'500 m unternehmen wir bei schon recht frischem Herbstwetter kleine Wanderungen. Die Häuser in den Bergdörfern sind sehr einfach und bescheiden. Fast jeder Hof hat seinen eigenen Ziehbrunnen vor dem Haus. Rund herum sieht es meist chaotisch aus. Alte Maschinen stehen im Dreck, unordentlich liegen Holz und Abfall herum und im „Garten“ grasen Schweine und Rinder. Doch dies scheint hier niemanden zu stören.
Verlassen die hügelige Landschaft Richtung Nordosten. Wir fahren durch ebenes Agrarland, wo fast ausschliesslich Ackerbau betrieben wird. Kilometerlange Mais-, Zuckerrüben- und Sonnenblumenfelder
säumen die löchrigen Strassen. Wenn möglich meiden wir die Hauptverkehrsachsen, weil es schlicht zu gefährlich ist. Die Ukrainer sind als ungeduldige untolerante und unberechenbare Autofahrer
berüchtigt und genau so erleben wir sie auch! Auf den Strassen gilt hier das Gesetz des Stärkeren. Die Verkehrsschilder sind eigentlich überflüssig, denn keiner beachtet sie. Von Hühnern, Hunden
über Kühe, Pferdefuhrwerken, Traktoren mit übermässig breiten Landmaschinen, uralten klapprigen Seitenwagen, stinkenden PW’s und beissend schwarz rauchenden Lastwagen ist einfach alles auf den
Strassen anzutreffen. Es ist nicht verwunderlich, dass überall Gedenkkreuze mit Blumen der Verunfallten am Strassenrand stehen. Wir wählen also die weniger befahrenen Nebenstrassen, obwohl sie
oftmals in einem desolaten Zustand sind!
Ein kleiner Hinweis betr. Ölwechsel. Im letzten Bericht haben wir unseren zeitaufwendigen Ölwechsel in der Slowakei beschrieben. Hier in der Ukraine wird dies wesentlich unkomplizierter gehandhabt. Jeder fährt mit seinem Fahrzeug auf eine der Rampen
, welche meist direkt an der Strasse auf einem Ausstellplatz sind, lässt das alte Öl direkt auf den Boden raus fliessen, füllt neues ein und fertig. Unglaublich diese Umweltverschmutzung!
In den Dörfern ist oft viel Federvieh am Strassenrand am Körner picken. Als wir durch eines der vielen Dörfer fahren, erkennen wir im Rückspiegel des Toyotas etwas flaches Weisses auf der Strasse und ein paar Federn wirbeln durch die Luft…war das ein Huhn, welches der Nachhauseweg nicht mehr geschafft hat?! Oje oje …
Die Häuser und Gartenzäune in der Ukraine sind oft blau-weiss oder grün-weiss gestrichen und mit einfachen Mustern bemalt. Vorne ist der Wohnteil, anschliessend der Ökonomieteil und dahinter die Heu- und Strohhaufen.
Kyrillische Schrift
Damit wir uns an den wenigen Ortstafeln einigermassen orientieren können, kaufen wir bald eine Strassenkarte der Ukraine, worauf die Ortschaften in kyrillscher Schrift geschrieben sind. Ansonsten ist man hier im wahrsten Sinn des Wortes mit dem Latein am Ende! Die Versuche, Einheimische nach dem Weg zu fragen, haben wir bald aufgegeben, denn es spricht kaum jemand englisch, deutsch oder sonst eine Sprache ausser ukrainisch resp. russisch. Zum Glück haben wir noch unser „OhneWörterBuch“ von Langenscheidt dabei. So können wir uns wenn nötig wenigstens mit Hilfe der Zeichnungen verständigen.
Storchenbrunnnen
In der Nähe von Myrhorod steht der Storchenbrunnen. Mit diesem Brunnen verbinden frisch vermählte Ukrainer einen alten Brauch. Dem Bräutigam werden rote und blaue Bänder in die Hosentasche gesteckt. Danach muss er ohne hinzusehen ein Band herausnehmen und an den Storch binden. Die Farbe des Bandes verspricht das Geschlecht des ersten Nachkommens.
Fahren ca. 50 km südlich von Kiev über den Dnepr weiter ostwärts. Ein paar Mal haben wir nachts bereits Minustemperaturen und tagsüber kaum noch über 5 Grad, dazu frischen Wind. Deshalb beschliessen wir Richtung Süden zu fahren. Es wird spürbar wärmer und auf der Halbinsel Krim erreicht das Thermometer milde 18 Grad.