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Basel anderswo: Ziegelherstellung der Basler Mission in SüdindienVeröffentlicht am 5.2.2020, zuletzt geändert am 3.10.2023 #Moderne und Neuzeit#Zeitgeschichte
Im 19. Jahrhundert war die Basler Mission in Südindien nicht nur eine mehrerer christlicher Kirchen, sondern auch ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Speziell von der protestantischen Mission gingen soziale und technologische Innovationen und Industrialisierungsimpulse aus. Um 1860 führte der Missionar Georg Plebst die Produktion von Falzziegeln ein, um den frisch Konvertierten ein Einkommen zu verschaffen. Die Baukeramik aus Mangalore wurde schnell extrem populär und fand breite Abnehmerkreise. Noch heute ist die Basel Mission Company (BMC) vielen Indern ein Begriff und hat zudem viele bauliche und andere Spuren in Südindien hinterlassen. Um 2000 wurde ein Schiffswrack mit einer Ladung von Basler Missions Keramikprodukten vor Goa entdeckt. Dies demonstriert, welches Potential in der archäologischen Erforschung der Geschichte der Basler Mission in Indiens Südwesten entlang der Malabar- und Konkan-Küste steckt.
Über Basel in die Welt
Missionare, die über Basel nach Afrika und Indien gesandt wurden, stammten aus dem ganzen süddeutschen Raum. Sie mussten nicht nur theologisch sattelfest sein, sondern auch ein praktisches Handwerk gelernt haben. Im Gegensatz zur Mission nach katholischem Vorbild, bei der ganze Dörfer oder Herrschaftsbezirke zusammen mit ihren politischen Führern konvertierten, mussten die protestantischen Missionare jede Person individuell bekehren. Das führte in Indien dazu, dass sie vor allem in den untersten Gesellschaftsschichten Zuspruch fanden.
Die frisch Konvertierten verloren aber mit ihrem Bekenntnis zum Christentum ihren Platz im hinduistischen Kastensystem und damit auch ihre wirtschaftliche Existenz. Das machte es notwendig, neue Einkommensquellen zu erschliessen. Es wurden zum Beispiel Webereien (Crain Merz 2020) oder Werkstätten zur Uhrenherstellung gegründet. Am erfolgreichsten war jedoch die industrielle Ziegelproduktion, mit der in Mangalore ab 1860 unter Georg Plebst begonnen wurde.
Falzziegel auf allen Dächern
Mangalore, eine Stadt an der Malabarküste im südindischen Karnataka war die Basis der Basler Mission in Indien. An der Mündung des Nethravathi Flusses südlich der Stadt liessen sich Vorkommen von schwarzem Ton abbauen und per Schiff ins Werk transportieren. Dort wurde der Ton mit rotem Lehm und Sand gemischt, die Produkte in Pressen geformt, getrocknet und vor Ort in industriellen Öfen gebrannt.
Bereits in der frühen Neuzeit wurden unter den Portugiesen Hohlziegel als Dachdeckung an der Westküste Indiens eingeführt. Wegen des starken Monsuns gibt es in Kerala, Karnataka und Goa traditionell geneigte Dächer. Mit den Falzziegeln der Basler Mission wurden nun aber nicht nur Kirchen, sondern zunehmend auch Privathäuser gedeckt. Jeder Ziegel trägt auf der Unterseite eine Aufschrift mit Hersteller, Ort und Jahr. So entwickelten sich die Produkte rasch zur Markenware. Noch heute sind die Altstädte Südwestindiens – besonders die von Mangalore und Goa – von Ziegeldächern geprägt, aber viele Häuser sind in einem schlechten Zustand und drohen zu zerfallen.
Die Ziegelfabrik in Mangalore heute
Noch heute produziert die CommonWealth Trust Ltd. als Nachfolger der “Basel Mission tile works” Backsteine in einem grossen Gebäude am Ufer des Nethravathi Flusses. Die Arbeiter sind jetzt Familien aus Uttar Pradesh, die – anders als die lokale Bevölkerung Karnatakas – bereit sind, für einen sehr geringen Lohn die schwere Arbeit in der Ziegelei zu verrichten. Sie leben gleich neben der Fabrik in einfachen Baracken aus Backsteinen der Ziegelei. Ein paar Schritte weiter ist das ehemalige Gelände der Basler Missions Ziegelei. Dort stehen noch ein hoher Kamin und viele Mauern der Ziegeleigebäude; die Dächer sind eingefallen und alles ist dicht überwachsen.
Gekentert vor Goa
In den Küstengewässern vor Goa, ca. 350 km nördlich von Mangalore, führten seit 1997 Unterwasserarchäologen des National Institute for Oceanography eine systematische Suche nach Schiffswracks durch. Dabei entdeckten sie um 2000 die Überreste eines Lastenseglers, der Baukeramik geladen hatte. Sila Tripati, der damals dabei war, erinnert sich, dass unter den Funden nicht nur Dachziegel, Backsteine und Bodenfliesen waren, sondern auch Dachbekrönungen, Säulen, Kapitelle und sogar ein Handwaschbecken (Tripati 2003). Viele der Funde trugen die Aufschrift “Basel Mission tile works Mangalore 1865”. Die Ladung stammte also mit Sicherheit aus Mangalore und war vermutlich für Goa bestimmt. Das Schiff muss irgendwann zwischen 1865 und noch bevor die Produktion der Basler Missions Ziegelei 1911 eingestellt wurde gesunken sein.
Mit der Flut den Fluss hinauf
Der Vertrieb schwerer Baumaterialien, so auch der Produkte der Ziegeleien in Mangalore, verlief im 19. Jahrhundert fast ausschliesslich über den Seeweg. Dazu dienten kleine Lastensegler, die auf Englisch “dhow’ und auf Konkani “patmar” heissen und aus Teakholz gefertigt waren. Sie segelten, wenn das Meer ausserhalb der Monsunzeit ruhig war, der Küste entlang und gelangten über die Flüsse ins Landesinnere. Im Fall von Goa gingen sie an der Mündung des Mandovi Flusses bei der Festung Aguada vor Anker, nahmen dort Frischwasser auf und liessen sich dann mit der Flut den Fluss hinauftreiben. Jacinto, der ein Baumaterialien-Geschäft in Panaji, der Haupstadt Goas betreibt, erinnert sich, wie in seiner Kindheit Boote am Mandovi-Südufer in Panaji anlegten und Ziegel entladen wurden. Heute werden Baumaterialien fast ausschliesslich mit Lastwagen auf den überlasteten Strassen transportiert.
Handelsverbindungen bis nach Afrika, Indonesien und Australien
Basler Missions Ziegelei-Produkte wurden von Mangalore aus nicht nur nach Goa, sondern entlang der gesamten indischen Küste verhandelt. Mit hochsee-tauglichen Schiffen gelangten sie bis nach Afrika, Borneo, Sumatra und sogar Australien. Die Ziegelfabrikation der Basler Mission fand schnell Nachahmer und so gab es um 1900 ca. 25 Betriebe in und um Mangalore und 1994 über 75 (Giriappa 1994, 61). Diese erschlossen weitere Märkte, darunter auch Golfstaaten wie Bahrain, Dubai und Kuwait. Heute sind viele dieser Betrieb in der Krise oder bereits geschlossen, da im Bausektor Keramik und Mörtel zunehmend durch Beton und Stahl ersetzt wird.
Quellen
Literatur
Binder, K. (2006) Die Basler Mission in Karnataka und Kerala. In: M. Mann (Hrsg.) Europäische Aufklärung und protestantische Mission in Indien. Heidelberg, 203-224.
Crain Merz, N. Auf frommer Mission in Indien. Blog Schweizerisches National Museum Zürich anlässlich der Ausstellung: Indiennes. Stoff für tausend Geschichten. 30.08.2019 – 19.01.2020.
Giriappa, S. (1994) Rural Industrialisation in Backward Areas. Delhi (bes. S. 61ff Tile Manufacturing).
Joseph, P. The Basel Mission and its Terracotta Products in Karnataka. Published online 18 November 2018.
Raghaviah, J. (2018) Faith and Industrial Reformation – Basel Mission in Malabar and South Canara. New Delhi.
Stenzl, C. (2010) The Basel Mission industries in India 1834-1884 – Improvisation or Policy? Unpublished MA Dissertation, University of London.
Tripati, S., Sundaresh, A. S. Gaur, P. Gudigar & S. N. Bandodker (2003) Exploration of Basel Mission Company shipwreck remains at St George’s Reef off Goa, West Coast of India: impact of the Basel Mission Co. on society and culture. The International Journal of Nautical Archaeology 32.1, 111–120.
Wikipedia “Mangalore tiles“.
Abbildungen
Abb. 1: Südindien mit der Lage von Mangalore, dem Zentrum der Basler Mission in Indien, und Goa, dem Ziel des gekenterten Schiffes (Karte: Google Maps mit Eintragungen von S. Hüglin).
Abb. 2: Dekorativer Dachabschluss auf einen Haus neben der Alten Post in Caranzalem, Goa, Indien. Dieser ähnelt stark einem Stück, das um 2000 aus dem Schiffwrack am St Goerges Reef vor Goa geborgen wurde (Foto: Sophie Hüglin 2020).
Abb. 3 (Slider): Unterseite eines zerbrochenen Falzziegels mit der Aufschrift «PATENT BASEL MISSION TILE WORKS MANGALORE 1865» in Mangalore, Karnataka, Indien, nahe der ehemaligen Ziegelei der Basler Mission (Foto: S. Hüglin 2019).
Abb. 4 (Slider): Gebäudereste und Kamin auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei der Basler Mission, Mangalore, Karnataka, Indien (Foto: S. Hüglin 2019).
Abb: 5 (Slider): Nachfolgewerk der Basel Mission tile works, heute CommonWealth Trust Ltd. in Mangalore, Karnataka, Indien (Foto: S. Hüglin 2019).
Abb. 6: Basel Mission Dachziegel mit neogotischem Masswerkdekor in der CSI Shanti Kirche in Mangalore, Karnataka, Indien (Foto: S. Hüglin 2019).
Autorin
Sophie Hüglin ist Archäologin und Mitglied der Konzeptgruppe von Band 1 und 2 der neuen Basler Stadtgeschichte. Sie verfasst auch archäologische Beiträge für spätere Epochen. Sie war von 2002 bis 2014 Mitarbeitende der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und hat zahlreiche Grabungen geleitet. Sie arbeitet an verschiedenen Forschungs- und Publikationsprojekten in Europa und Indien. Sie engagiert sich ehrenamtlich als Vizepräsidentin der European Association of Archaeologists.