Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03312.jsonl.gz/2201

Bild
Titel:
Weinkelter oder Webkeller?
Thema: Land
Datum: --.--.1607
Masse: 10,5 x 16,5 cm
Standort: Tobel, Lutzenberg
Urheber/-in:
Beschreibung:
Weinbauern-Heimarbeiterhaus von 1607 in Tobel. Das Fensterband im Gebäudesockel erinnert an die textile Heimarbeit, der Torkel im Hausanbau (links) an den Rebbau. Diese arbeitsintensiven und teils landunabhängigen Wirtschaftszweige brachten den im Appenzellerland einzigartigen Weiler Tobel mit seiner dichten, haufenförmigen Siedlungsstruktur hervor.
Geschichte:
Der Webkeller im Ausserrhoder Bauernhaus ist als Zeugnis der Heimindustrie allgemein bekannt. Die Weinkelter (Torkel) hingegen, welche noch heute im Vorderland anzutreffen ist, erinnert an einen weitgehend vergessenen Wirtschaftszweig. Im 1607 erbauten Bauernhaus in Tobel ist sowohl die textile Heimarbeit als auch der Rebbau in der Gebäudestruktur bezeugt. Diese frühe ökonomische Spezialisierung war nur dank einer übergreifenden Verflechtung im Wirtschaftsraum der Bodenseeregion möglich.
Wer denkt schon an das Appenzellerland, wenn von Wein die Rede ist? Obwohl der Anbau von Reben am Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde, kann heute wieder ein guter hiesiger Tropfen genossen werden. Die ehemals bedeutende Stellung des Weinbaus, die in schriftlichen Quellen wiederholt überliefert ist, lässt sich am heutigen Landschaftsbild nur noch schwer ablesen. In den tiefer gelegenen, von mildem Klima begünstigten Gegenden des Vorderlandes trifft man jedoch im einen oder andern Bauernhaus noch auf einen ehemaligen Torkel oder auf einen Weinkeller.
Der Lutzenberger Weiler Tobel verdankt sein einzigartiges Erscheinungsbild dem Weinbau. Dieser arbeitsintensive Wirtschaftszweig ermöglichte ein Auskommen auch bei nur kleinem Landbesitz. So entstand im 17. Jahrhundert auf der schmalen Geländeterrasse inmitten eines Steilhanges eine grössere Ansammlung von Bauernhäusern. Rund zwei Dutzend Bauten stehen eng gedrängt und bilden einen geschlossenen Weiler. Der in den 1970er-Jahren neu gepflanzte Rebberg oberhalb von Tobel belebt die malerische Weinbauern-Siedlung und rückt uns das Bild von einst vor Augen.
Das von der Umfahrungsstrasse her gut sichtbare Bauernhaus am Südrand des Weilers datiert gemäss dendrochronologischer Untersuchung von 1607. Die dunkle, sonnenverbrannte Giebelfassade öffnet sich durch zahlreiche in Reihen zusammenge- fasste Fenster gegen Südosten. Fein gekerbte Rillenfriese zieren die Strickwand des Obergeschosses und des Giebelfeldes. Das Fensterband im Gebäudesockel, welches bei Ausserrhoder Bauernhäusern durchwegs anzutreffen ist, weist auf den ehemaligen Webkeller und somit auf textile Heimarbeit hin. Ein weiterer Hinweis auf die Beschäftigung der früheren Hausbewohner findet sich im südwestlichen Quergiebelanbau: Im Torkel, in einem über zwei Geschosse greifenden Raum, wurde einst die Traubenernte gepresst.
Weinkelter und Webkeller stehen für die wichtigsten Existenzgrundlagen der stark anwachsenden Bevölkerung von Tobel. Die Volkszählung von 1842 nennt Johann Ulrich Tobler (1801–1849) als Hauseigentümer des Bauernhauses von 1607. Er war Bauer und betrieb vor allem Rebbau. Weitere Räume im Haus vermietete er an die Familien eines Webers sowie eines Steinhauers. Solche und ähnliche Bewohnerstrukturen waren verbreitet in den meist zweigeteilten Häusern von Tobel; im einen Hausteil bildete der Rebbau, im andern die Heimarbeit die Grundlage des Auskommens. In der Gemeinde Lutzenberg, zu welcher der Weiler Tobel gehört, waren um 1830 annähernd drei Viertel der Besitzer von bäuerlichen Heimwesen Weinbauern, und mehr als ein Drittel der Liegenschaften war mit einer Weinkelter ausgestattet.
Autorin: Isabell Hermann, St. Gallen
Literatur:
Hermann, Isabell: Die Bauernhäuser beider Appenzell. Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden. Herisau 2004 (Die Bauernhäuser der Schweiz, Bd. 31), S. 39, 62, 311, 390-394.
StAAR, Cb.D5-31 Volkszählung 1842.
StAAR, Mq.04 Appenzeller Bauernhausforschung.
Tags:
Ähnliche Themen: