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Seit Anfang 2020 erhalten die Themen Sklaverei und Kolonialismus eine bisher nie gekannte Aufmerksamkeit in der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Afrika, der drittgrößte Kontinent der Erde mit rund 55 Staaten und mehr als 2000 Sprachen, rückt dabei in seiner historischen Dimension, doch noch nicht in seiner Vielfalt, in den Blick. Aber was heißt Afrika überhaupt? Handelt es sich nicht um ein durch und durch koloniales Konzept?
Afrika zeichnet eine wenig bemerkte Besonderheit aus, so der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka in seinem Essayband Of Africa von 2012: „Unlike the Americas or Australasia, for instance, no one actually claims to have ‘discovered’ Africa” – niemand behauptet, Afrika „entdeckt“ zu haben. Das mag daran liegen, dass ein Teil Afrikas den Europäern schon immer, d.h. seit der Antike, wohlbekannt war. Ein Wissen, das allerdings im Zuge des Kolonialismus verschwunden oder verdrängt worden ist: Sklavenhandel und Kolonialismus haben das Bild Afrikas verdunkelt, weil sie Primitive, das heißt geschichtslose Völker, brauchten.
Wenn von Afrika die Rede ist, kann der gesamte Kontinent gemeint sein oder auch nur eine bestimmte Region oder ein konkretes Land. Ebenso ist „afrikanisch“ ein Attribut, das sowohl für das Ganze als auch für jeweils Konkretes stehen kann: pars pro toto; niemand würde behaupten, dass mit afrikanischer Politik, afrikanischer Musik oder afrikanischer Geschichte stets über den gesamten Kontinent hinweg einheitliche Phänomene beschrieben werden. Und doch erscheint „Afrika“, bei allem Wissen um historische, kulturelle und regionale Differenz, auch als eine Einheit. In gewisser Weise gilt das auch für Europa / europäisch, doch mit Europa sind entweder positive abstrakte Begriffe wie „europäische Werte“ oder „Aufklärung“ verbunden, oder eine, mitunter folkloristisch aber ebenso positiv gedachte Vielfalt der Nationen und Kulturen – von Sizilien bis zum Nordkap. Afrika hingegen wird auf das vermeintlich Typische reduziert und Differenz problematisiert.
Heart of Darkness
Das mag auch daran liegen, dass Afrika nur geografisch oder „rassisch“ definiert wird, nicht religiös, wie etwa das „christliche Abendland“. So gehören Ägypten und der gesamte Norden Afrikas nicht zum eigentlichen Afrika, zu „Schwarzafrika“, obwohl die Sahara eine Verbindung, ein Handels- und Kommunikationsraum war, und keine Grenze. Die westafrikanische Küste mit ihren Großreichen und Stadtstaaten wird dem islamischen Einflussbereich zugerechnet; für die ostafrikanische Küste und das Hinterland mit seiner alten Handelskultur, die bis nach Persien und China reichte, wird der arabische Einfluss hervorgehoben; das südliche Afrika gilt mit der langen Kolonisierung seit dem 17. Jahrhundert ohnehin als „Sonderfall“. Und so schrumpft das „echte“ Afrika auf ein immer kleineres geographisches und imaginäres Gebiet, das berüchtigte Heart of Darkness (1899) von Joseph Conrad.
Afrika gibt es nicht, sagt der Künstler Sammy Baloji in der Ausstellung Fiktion Kongo im Museum Rietberg in Zürich, und weist damit europäische Projektionen und Repräsentationen zurück. Afrotopia nennt Felwine Saar seinen wichtigen politischen Essay, der 2019 auch auf Deutsch erschienen ist, und spricht von einem gemeinsamen Schicksal, dem Projekt eines geeinten Afrikas, „das wieder über sich selbst herrschen, sein eigener Leitstern werden soll.“
Was aber eint Afrika als gesellschaftlicher und politischer – und vielleicht auch utopischer – Raum? Ist es die gemeinsame Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei, die allerdings auch nicht alle Regionen, und nicht alle Regionen gleichermaßen betroffen haben? Oder ist es die koloniale Phantasie der Entdeckung und Erforschung, die in einer Unterwerfung und versuchten Neugestaltung eines ganzen Kontinents gemündet hat? Oder gibt es doch eine einigende Dynamik afrikanischer Geschichte?
Einheit und Grenzen
Als höchst problematisches Erbe der Kolonialzeit wurden die kolonialen Grenzziehungen bereits von Befreiungsbewegungen und antikolonialen Akteur:innen des Pan-Afrikanismus gesehen, die unterschiedliche föderative Lösungen für das künftige Afrika anstrebten, da die Grenzen zusammengehörende Bevölkerungen entweder voneinander getrennt oder aber unterschiedliche Bevölkerungen in neuen politischen Gebilden zusammengezwungen hätten. Zudem sind alle afrikanischen Länder Produkt der kolonialen Grenzziehung und wurden von den verschiedenen kolonialen Imperien untereinander aufgeteilt. Allerdings beschloss die Organisation of African Unity, der 1963 gegründete Vorgänger der Afrikanischen Union, 1964 aus pragmatischen Gründen an den Grenzen festzuhalten.
Als schnelle Erklärung für Krisen und Konflikte reicht das Grenzargument jedoch nicht aus. Denn welche politischen Grenzen sind „natürlich“? Viel wichtiger ist es, in welcher Weise und mit welchem Ziel die Kolonialmächte Grenzen zogen, als sie den Kontinent unter sich aufteilten und dabei gegenseitig Interessengebiete festlegten und einen, wenn auch brüchigen Frieden untereinander vereinbarten. Nicht die Trennung von Gemeinschaften durch Grenzen, die häufig ohnehin nur auf dem Papier standen und nicht effektiv bewacht werden konnten, war entscheidend. Viel wichtiger war vielmehr, dass z.B. die Re-Organisation der Infrastruktur mit einer Ausrichtung der Straßen und Eisenbahnen zur Küste hin, die Gründung von (zumeist segregierten) Hauptstädten und die Einführung von landwirtschaftlichen Monokulturen gesellschaftliche Strukturen nachhaltig transformierten und zerstörten.
Keine „Stämme“, keine Clans
Dabei war es gerade die auffallende Anpassungsfähigkeit afrikanischer Gesellschaften und nicht ihre angeblich traditionalistische Beharrungskraft, die sie letztendlich gegenüber dem Kolonialismus schwächte. „Das Kennzeichen der afrikanischen Geschichte vor der Kolonialzeit“, schrieb vor einiger Zeit schon der Historiker Helmut Bley, „ist die Unabgeschlossenheit und Offenheit ihrer politischen und kulturellen Systeme“ – und eben nicht der auf archaischen Clan-Strukturen beruhende „Stamm“, wie es noch heute in der Afrikapolitik nachhallt. Die gesellschaftliche Organisation reichte von Stadtstaaten und zentralisierten Reichen über staatenlos organisierte Händler- und Agrargesellschaften bis hin zu großen Clan-Föderationen oder kleinen, hauptsächlich vom Sammeln und Jagen, Fischen und Anpflanzen lebenden Verbänden.
Die Sozialstrukturen beruhten nicht allein auf Abstammung und Verwandtschaft, also familiären und regionalen Loyalitäten, sondern wurden um Altersgruppen, Geheimgesellschaften, Zugehörigkeit zu Ämtern und Handwerken, tributäre und andere abhängige Beziehungen ergänzt. Und alle diese Systeme waren in Bewegung, sie unterlagen einem durch interne und externe Einflussfaktoren ausgelöstem Wandel, insbesondere in der Periode des kommerziellen Sklavenhandels und der gewaltsamen Kolonisierung. Dass die Kolonialzeit trotz ihrer tiefgreifenden Auswirkungen und gewaltsamen Machtergreifung nur eine relativ kurze Periode der afrikanischen Geschichte gewesen ist, die daher nicht überbewertet bzw. in den Kontext der gesamten afrikanischen Geschichte eingebettet werden sollte, ist ein Argument von Historikern wie Ade Ajayi:
Die Entwicklung Afrikas verlief in einer ununterbrochenen Linie von den entferntesten Ursprüngen bis in die Gegenwart. Die Afrikaner sind die Kinder ihrer eigenen Vergangenheit im gleichen Sinne wie alle anderen großen Gruppierungen der Menschheit, so dass selbst jene Einbrüche oder Unterbrechungen, die am traumatischsten und bedeutsamsten für den Wandel erschienen, wie die Kolonialzeit, in Wahrheit nicht mehr als Episoden oder Etappen in einer langen Kontinuität des Wachstums waren.
Heute, im Zuge des Nachdenkens über Verflechtungs- und besonders Globalgeschichte, setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Europa nicht unbedingt und in jeder Hinsicht Ausgangspunkt der weltgeschichtlichen Dynamik ist, nicht das einzige „Zentrum der historischen Einbildungskraft“, um es mit den Worten von Dipesh Chakrabarty auszudrücken. Europa ist selbst ein Produkt einer vielfältigen Auseinandersetzung mit der Welt und also auch mit Afrika.
Afrika: jenseits von Afrika
Unabhängig von der Rolle Afrikas in der Weltgeschichte – und für diese –, und auch unabhängig von der Rolle des Kolonialismus für die afrikanische Geschichte stellt sich Frage, ob „Afrika“ nicht überhaupt mehr ist als der Kontinent Afrika. Gehört nicht auch die Diaspora zu Afrika? Der Verlust von Millionen von Menschen hatte nicht nur Auswirkungen auf die afrikanischen Gesellschaften, sondern auch auf das Bild von Afrika, das in der Antike und im Mittelalter mit geistigem, materiellem und ökonomischen Reichtum verbunden war (man vergisst zum Beispiel leicht, dass die Universität von Timbuktu älter ist als die Universitäten von Heidelberg, Erfurt oder Basel) – in der Neuzeit und in der Moderne aber mit dem transatlantischen Sklavenhandel und der ethnographischen Suche nach „Völkern ohne Geschichte“. Und diese Diaspora kann schließlich auch insofern als ein Teil Afrikas betrachtet werden, weil es schwarze Intellektuelle wie Alexander Crummell, Martin Delany, Frederick Douglass, Edward W. Blyden waren, die, teilweise selbst noch als Sklaven geboren, über die Einheit Afrikas nachdachten und sich als Afrikaner verstanden.
Kurzum: Nicht der vereinheitlichende Begriff „Afrika“ ist an sich ein Problem, sondern Absicht und Kontext, mitschwingende Bilder und auch Sprecherpositionen: Wer redet wie über Afrika? In medialen und populärwissenschaftlichen Zusammenhängen sowie im Alltagsbewusstsein sind die negativen Bilder so stark, dass alle positiven Bilder immer wieder ausgelöscht werden. Selbst noch bei der löblichen Absicht, ein Gegenbild zu Hunger und Krieg „in Afrika“ zu entwerfen, lässt sich häufig der genau selbe Mechanismus beobachten: Dann verdichten sich Dorf und Gemeinschaft, Tiere und „Natur“, Hütten und Wasserkrüge auf dem Kopf von Frauen zu einem ebenso romantischen wie unrealistischen Afrika-Bild. Mit den Realitäten auf dem afrikanischen Kontinent und seiner komplexen Geschichte hat das nichts zu tun.