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Aber vorhin, als ich der Dämmerung zuschaute habe ich plötzlich wieder an diesen Satz gedacht, ich glaube sogar, ich sagte ihn vor mich hin: „Du weißt doch, was das heisst; Ewigkeit!“ Ich lag auf meinem Floss, ein Kissen im Nacken und schaute dem Herannahen der Dämmerung zu. Die Sonne war schon auf Waldhöhe und verlieh den Wolken diesen pfirsichroten Ton, gelblich zerlaufend an den Rändern, während der Himmel allmählich hellblau ausbleichte. In jedem meiner länglichen Fenster, die mich in diesem Moment an die ovalen Augen einer Krypta erinnerten, verschoben sich die Details ununterbrochen. Der Wind war nie still, also war da ununterbrochen dieser Tanz von Fangarmen. Handgelenke, die aus den Mitten der Kronen ausfuhren, wie mit unzähligen Rasseln behängt. Einmal wirkten die Bäume aufgelöst und zerzaust, dann wieder wie ein geschlossenes sanftes Wiegen. Das Sommergrün changierte von Hell zu Dunkel, von Grell zu Matt. Aber all diese Veränderungen stammten doch von den Verhältnissen des Lichts, der Wolken und des Himmels. Ich dachte, dass das, was ich jetzt sehe, dasselbe ist, wie das, was ich morgen sehe, dasselbe ist wie, was ich gestern sah, dasselbe ist, wie was ich in einer Woche sehe, falls ich noch da bin, ja, wahrscheinlich, werde ich nie wieder ein anderes Bild vor Augen haben, als gerade diese Baumreihe auf dem Hintergrund gerade dieser Wiese mit gerade diesen Schafen, auf dem Hintergrund gerade diese Stückehimmels
Und ich habe mich gefragt, ob es einmal einen Tag gibt, wo diese Kulisse nicht mehr existiert, der Stein und die Hügel, der Fluss und die Vegetation. Ich meine, wenn man bedenkt, dass das alles doch schon bei den Kelten und Römern genauso da stand: was für ein reichhaltiger Zeitzeuge könnte dann die Natur sein? Ich meine, verglichen mit dem, was ein einzelner Mensch speichern kann, während seiner kurzen Zeit auf Erden. Sowohl der Römer als auch Jeanne haben vielleicht den Reichenbachwald begangen, sie haben dieselbe Natur gesehen, obschon dazwischen Tausend Jahre liegen. Aber haben sie bei diesem Anblick etwa dasselbe gefühlt!? Kaum! So unglaublich vergängliche und melancholische Zeugen hat dieser Wald in den menschlichen Winzlingen, die mit einem zutiefst subjektiven Blick, dem Stein, dem Baum, dem Blatt das Wort Ewigkeit andichten, zum Beispiel, ich, weil ich schwerkrank im Bett liege, oder zum Beispiel Dolly, die an einer nicht erwiderten Liebe krepiert in einem so läppisch kurzen Leben, so ewig lange schon.
(8.6.22)