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| Syrische Dichter - Ausgewählte Gedichte des Baläus

3. Gebete und Hymnen
Einleitung
Da uns die folgenden Gedichte des Baläus nur durch ihren Gebrauch im Gottesdienst der syrischen Kirche erhalten sind und sogar schon vom Dichter für die liturgische Verwendung bestimmt scheinen, sind zum Verständnis derselben einige Bemerkungen über den bei den Jakobiten und Maroniten üblichen westsyrischen Ritus unerlässlich.
Die kanonischen Tagzeiten sind bei den westlichen Syrern, abgesehen von kürzeren Orationen, von Lektionen aus dem Evangelium, dem, Martyrologium und patristischen Homilien, von Proklamationen oder Litaneien des Diakons und von den am Schluss der Horen erteilten Benediktionen, aus folgenden Hauptbestandteilen zusammengesetzt:
1. Psalmen, welche mit jedem Wochentag sowie an höheren Festtagen wechseln, so dass durch dieselben eine periodisch wiederkehrende Rezitation des ganzen Psalteriums hergestellt wird.
2. Ständige Psalmen, welche einer Hore für alle Tage angewiesen sind. Diese werden aber gewöhnlich mit einem wechselnden Hymnus in der Weise verflochten, dass nach je zwei Psalmversen sowie nach der Schlussdoxologie jedesmal eine Strophe eingeschaltet wird. In der Matutin werden derartige Hymnen unter dem Namen Kanones auch mit sämtlichen alttestamentlichen Canticis verbunden. Auch das Magniftkat, die Seligpreisungen, ja sogar ein dem hl. Ephräm zugeschriebenes Morgenlied werden in dieser Weise zur ständigen Grundlage wechselnder Hymnen gemacht.
3. Längere Gebete, welche ebenfalls wechseln, aber nach einem ganz bestimmten Plane geordnet sind. Nach einer zur Andacht ermahnenden Aufforderung des Diakons beginnt der Priester, während er Inzens einlegt, mit dem Proömion, worin er ankündigt, dass Weihrauch, Gebet und Gesang zur Verherrlichung Gottes bestimmt sei, und bereits den Charakter des Gebetes andeutet, welches sich entweder auf die Buße oder auf die hl. Jungfrau, die hl. Märtyrer, die verstorbenen Gläubigen oder den Gegenstand der Festfeier bezieht. An das Proömium schließt sich die Sedra an, ein langes Gebet, welches den Gegenstand der Feier ausführlich erwähnt, Gott mit Bezug auf denselben preist und mit Bitten schließt. Alsdann wird das sogenannte Kala gesungen, ein kürzerer Hymnus, welcher ebenso auf einen Psalmvers gebaut ist, wie das Eniana auf einen ganzen Psalm. Auf die erste Hälfte des Psalmverses folgt nämlich die erste Strophe, auf die andere Hälfte die zweite; den beiden folgenden Strophen wird die in zwei Hälften geteilte Doxologie vorausgeschickt. Das Kala schließt dann gewöhnlich mit einer Strophe für die Verstorbenen, der zuweilen noch andere, auf die hl. Jungfrau, die hl. Märtyrer u.s.w. bezogenen, vorhergehen. Während eines Gebetes nimmt dann der Priester die Inzensation vor. Endlich wird noch ein Lied gesungen, welches gewöhnlich in dem siebensilbigen ephrämischen oder dem zwölfsilbigen jakobitischen oder dem fünfsilbigen baläischen Metrum abgefasst ist und in diesen Fällen als „Bitte“ bezeichnet wird.
Das jakobitische Brevier hat nun solche nach Baläus benannte metrische Bitten am Schluss der dritten Sedra der Nokturn, sowie in der Sext und Non, das maronitische nur am Schluss der letzten Sedra der Nokturn, und zwar für jeden Wochentag eine eigene, während die Jakobiten nur für den Sonntag der Nokturn ein anderes baläisches Lied wählen1 . Auch geben die Maroniten den Baläus nicht als Verfasser an, sondern überschreiben sie: „Nach der Melodie: Der Du Dich der Sünder erbarmst“; die Jakobiten aber haben die Überschrift: „Bitte von Mar Balai“. Freilich haben wir schon gesehen, dass bereits in sehr alter Zeit die Worte von „Mar Balai“ als bloße Bezeichnung des Versmaßes gebraucht werden konnten, wie sich denn auch sonst die Überschrift: „Nach der Weise des Mar Balai“ findet2 .
Wir entnehmen die folgende Auswahl teils den bei Overbeck a.a.O. abgedruckten Texten, teils den von Zetterstéen zusammengestellten und erstmals veröffentlichten Gebeten. Für die Echtheit des hier Gebotenen kann allerdings keine absolute Sicherheit gewährleistet werden. Die von Overbeck aufgenommenen Gebete weisen gegenüber der für liturgische Zwecke mehr oder minder adaptierten Textgestalt in den maronitischen und jakobitischen Brevieren jedenfalls die ursprünglichere Form auf; auch ist die Diktion nach dem Urteile Bickells ganz und gar baläisch. Der Sammlung Zetterstéens, die sich hauptsächlich auf verschiedene liturgische Handschriften in London, Oxford, Paris und Berlin stützt, haben wir nur solche Gebete entnommen, welche ausdrücklich dem Baläus zugeschrieben werden; nur die Nummern 2, 4, 5 und 10 sind solche Gedichte, welche die Überschrift: „Nach dem Versmaß: Der Du Dich der Sünder erbarmst“ tragen.
Inhaltlich sind diese Gebete und Lieder sehr mannigfaltig: da sie meist vom Dichter selbst schon für den liturgischen Gebrauch bestimmt waren, bewegen sie sich fast ausschließlich innerhalb des Kirchenjahres, indem sie bald Festgeheimnisse feiern, bald besondere Pflichten einschärfen, welche gewisse Zeiten mit sich bringen, dann wieder an die Erzählung des Evangeliums anknüpfen und diese zu einem Loblied oder einer Bitte verarbeiten, kurz alle Saiten anschlagen, welche der geordnete tägliche Gottesdienst im Lauf eines Jahres in den Herzen der Gläubigen erklingen lässt. Die meisten der uns erhaltenen Gebete scheinen dem Osterfestkreis anzugehören und davon wieder der weitaus größere Teil der ersten Hälfte derselben, also der hl. Fastenzeit. Das Fasten ist darum auch jenes Thema, welches am meisten behandelt wird. Weiter sind es die allerseligste Jungfrau, einzelne Apostel, speziell der hl. Petrus als Primas, die hl. Märtyrer überhaupt, dann der Einzug Jesu in Jerusalem, die Geheimnisse des Kreuzes, die Auferstehung des Herrn, einzelne seiner Wundertaten u.s.w., welche unsern Dichter begeistert haben.
1: Den Festen und den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres werden die baläischen wie auch die ephrämischen und jakobitischen „Bitten“ durch hinzugefügte Strophen angepasst, Vergl. Officium feriale iuxta ritum ecclesiae Syrorum. Romae 1851, S.548.
2: J.A. Assemanus, Codex liturgicus ecclesiae universae, II, S.237. - Eine Zusammenstellung sämtlicher hier in Betracht kommenden Gebete gibt Zetterstéen a.a.O., S.5ff.