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Die schmale Strasse nach Derborence gilt als eine der spektakulärsten der Schweiz. Sie führt durch mehrere in eine 600 Meter tiefe Felswand gehauene Tunnels mit Öffnungen alle paar Meter, sodass Tageslicht die Tunnels erhellen kann und Nutztiere sich hinein wagen, wenn sie im Frühling auf die Alp getrieben werden. Es sind Damien und Claire Jeanneret, die schon seit vier Tagen unterwegs sind, um ihre eigenen rund 300 Schafen von ihrem Wohnort in Mollens aus zu Fuss durch die Tunnels zu treiben, an deren Ende sie auf Spuren von zwei der gewaltigsten Bergstürze aller Zeiten stossen.
Die «Teufelsberge»
Der Legende nach sollen Kämpfe zwischen Berner und Walliser Teufeln für die verheerenden Bergstürze verantwortlich gewesen sein. Das Bergmassiv, von dem das Gestein abgebrochen sind, trägt den Namen «Les Diablerets» (wörtlich: Teufelsberge). Zwei Tage nach dem verheerenden Bergsturz vom 23. September 1714, bei dem 14 oder 15 Alphirten ums Leben gekommen sind und 55 Alphütten zerstört wurden, soll der Pfarrer von Ardon die Unglücksstelle aufgesucht haben um den Teufel auszutreiben. Trotzdem ereignete sich am 23. Juni 1749 ein weiterer Bergsturz, bei dem 50 Millionen Kubikmeter Geröll 40 weitere Alphütten zerstört haben. Bei diesem zweiten Felssturz sollen zwar keine Menschen ums Leben gekommen sein, weil die Hirten das Beben des Berges früh genug spürten und sich in Sicherheit bringen konnten. Trotzdem galt das Gebiet fortan als verflucht und wurde gemieden. «Noch heute fürchten sich manche vor dem Berg», erzählt Damien Jeanneret.
Weil die Menschen lange Zeit nicht mehr nach Derborence zurückkehrten, entwickelte sich auf dem Geröll ein Urwald, teils mit Bäumen, die den Bergsturz überstanden haben und über 600 Jahre alt sind. Das ganze Gebiet wurde 1961 unter Naturschutz gestellt und gehört Pro Natura.
Kühe, die trocken sind
Direkt am oberen Rand vom Lac de Derborence, der nach dem zweiten Bergsturz entstanden ist, weiden jetzt wieder 130 Kühe, Rinder und Kälber. Sebastien Moret, Landwirt in Daillon, der die Alp Dorbon seit sieben Jahren pachtet, nimmt allerdings nur Kühe, die bereits trockengestellt sind. «Die weitläufige Alp ist weder mit einer Strasse erschlossen, noch haben wir Infrastrukturen, um Kühe zu melken oder deren Milch zu verkäsen», sagt er. Das Sömmerungsgebiet erstreckt sich über das ganze Tal der Dorbonne hinauf bis zu dem auf 2450 Meter gelegenen Lac de la Forcle. Direkt am Derborence-See weiden die Tiere nur zu Beginn der Alpzeit.
Tagsüber daheim
Jeanneret dagegen hütet seine Schafe etwa 700 Höhenmeter oberhalb Derborence auf der Alp mit Namen Vérouet. Weil Ehefrau Claire mit den drei zwei- bis achtjährigen Kindern je nach Wetter nur an drei bis vier Tagen pro Woche bei ihm sein kann, und er trotzdem Zeit fürs Familienleben haben möchte, kehrt er tagsüber oft nach Hause zurück. Um zu verhindern, dass die Schafe ausserhalb der genau vorgeschriebenen Weiden fressen, muss er abends wieder auf die Alp, wobei er jeweils einen Fussweg von über einer Stunde in Kauf nimmt. Er darf zudem keine umgestürzten Bäume entfernen – weil der Wald als Urwald gilt – und die Schafe müssen mit Herdenschutzhunden geschützt sein, die Jeanneret selbst züchtet und die er auch verkauft.
Trotzdem zieht er es vor, seine Schafe da zu sömmern statt auf einer besser erschlossenen Alp oberhalb von Crans-Montana, wo er eigene Ziegen hinbringt. Diese kontrolliert Claire Jeanneret etwa jeden zweiten Tag. «Auf Vérouet ob Derborence ist es viel ruhiger, weil da kaum Wanderer oder Velofahrer herkommen, sodass die Schafe ungestörter fressen können», begründet Jeanneret, weshalb er diesen Aufwand auf sich nimmt.