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Die Orell Füssli filiale am Stadelhofen öffnet ihre türen fünf minuten bevor die lesung von Alain Claude Sulzer im rahmen von «Zürich liest» zu seinem neuen buch «Doppelleben» beginnt. Im ersten stock stehen campingstühle in theateranordnung. Gut fünfzig personen, vorwieged frauen, fast alle im fortgeschrittenen alter, nehmen platz. Philipp Theisohn, der, wie die filialleiterin in ihrer begrüssung sagt, wohl in allen schweizerischen zeitungenn, vor allem aber in der NZZ, zu lesen sei, eröffnet den abend mit der frage an den schriftsteller, wie er denn zu diesem nicht gerade naheliegenden stoff gekommen sei. «Durch die NZZ», strahlt Sulzer. «Das ist jetzt aber nicht abgesprochen», lacht Theisohn. Im laufe des abends wird die geschichte klar:
Die brüder Goncourt, Jules und Edmond, leben im ausgehenden neunzehnten jahrhundert ein leben zu zweit, sind unzertrennlich wie eineiige zwillinge, führen sozusagen ein doppelleben. Heute kennen wir sie als frühe vertreter des naturalismus; sie sind genaue beobachter ihrer umwelt, der gesellschaft, der zeit, in der sie leben, und sie schreiben, führen tagebuch, verfassen romane. Jules, geboren 1830, stirbt 1870. Edmond (*1822) beobachtet und beschreibt präzise sein sterben, seinen tod. Die haushälterin der beiden brüder lebt ein doppelleben. Einerseits ist sie die untadelige (bis auf ihre mangelnden kochkünste) haushälterin, andererseits eine sehr unglücklich verliebte, bald alkoholsüchtige bettlerin und diebin. Und die beiden Goncourt ahnen und sehen nichts! Nach ihrem tod schreiben sie über ihre haushälterin einen roman: Germinie Lacerteux (1865). Edmond Goncourt lebt und arbeitet noch bis 1896. Er gründet eine stiftung, aus der schliesslich der Prix Goncourt hervorgeht, der noch heute wichtigste literarische preis in Frankreich.
Philipp Theisohn vom feuilleton der NZZ führt durch geschickte fragen das gespräch mit Alain Claude Sulzer, der drei interessante stellen aus seinem werk vorliest. Das buch ist übrigens zuerst in der französischen übersetzung in Frankreich mit grossem erfolg erschienen. Sulzer dazu, dessen muttersprache Französisch ist: „Ich könnte nie auf Französisch schreiben! Also, ich könnte natürlich schon, aber nein, … ich könnte nicht.“
Am ende offeriert Orell Füssli einen apéritif: prosecco (weshalb nicht champagner??) mit madeleines. Dieses gebäck erinnert lebhaft an einen anderen Franzosen, an Marcel Proust, der auch den Prix Goncourt gewonnen hat. Somit genossen wir einen runden, grossartigen literarischen abend dank «Zürich liest».
Alain Claude Sulzer. Doppelleben. Verlag Galiani Berlin. 2022