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Das Gold liegt in der Schweiz in Tresoren, wenn auch momentan einiges weniger als noch vor einem Jahr. In der Champagne dagegen muss man das Gold unter der Erde suchen: Werte von mehr als umgerechnet 30 Mrd Fr. lagern in Form von Champagnerflaschen in hunderten von Kilometer langen Kreidekellern. Die Lager sind gut dotiert, aber niemals randvoll, denn der Champagner verkaufte sich auch 2008 - zum Glück für die Winzer und die Produzenten - sehr gut.
Wozu auch die Schweiz ihren Teil beiträgt. Herr und Frau Schweizer geniessen pro Kopf 0,8 Flaschen Champagner pro Jahr. Das scheint zwar wenig, ist aber dennoch viel. Ausserhalb Frankreichs trinken nur die Belgier mit 0,95 Flaschen pro Kopf der Wohnbevölkerung noch mehr Champagner. Wobei in der Schweiz die Gastronomie eine wichtige Rolle spielt, in der Romandie noch stärker als in der Deutschschweiz.
Plus 11 Prozent in der Schweiz
Mit rund 6,1 Mio verkauften Flaschen im Jahr 2007 verzeichneten die Schweizer Champagnerimporteure gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von mehr als 11%. Damit festigten die Eidgenossen den siebtwichtigsten Rang im französischen Champagner-Exportmarkt, der weiterhin von den traditionell an der Spitze liegenden Briten mit 39 Mio Flaschen angeführt wird, gefolgt von den Amerikanern mit 21,7 Mio und den Deutschen mit 12,9 Mio Flaschen.
Welche Spuren die derzeitige Finanzkrise hinterlassen wird, ist schwer abzuschätzen. Der vom Detailhandel registrierte Umsatzrückgang der letzten Monate im Luxusbereich, nach der Erhebung der Verkaufszahlen von 2007, dämpft die Erwartungen. Das bevorstehende Weihnachtsgeschäft könnte die leichte Delle allerdings rasch korrigieren.
Das wäre nötig, denn Krisen sind für Champagner Gift. Ein Blick zurück bestätigt dies: Im Krisenjahr 1940 wurde keine einzige Flasche Champagner importiert, 1944 kamen nur 810 Flaschen in die Schweiz, 1945 - nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges - wurde der Frieden hingegen mit rund 133000 Flaschen gefeiert.
1989 erwies sich dann mit mehr als 9,3 Mio verkauften Flaschen in der Schweiz als das mit Abstand erfolgreichste helvetische Champagnerjahr.
Kein Silvester ohne Champagner
Champagner ist vor allem ein wichtiges Getränk in der Gastronomie. Und damit in der Hotellerie. In den Grand Hotels der Schweiz ist an Silvester Champagner Thema Nummer eins. Doch welche Marke jeweils das Rennen macht, wird auf den im Internet veröffentlichten Menukarten nicht verraten: Das «Dolder Grand» in Zürich empfängt seine Gäste zwar mit einem Glas Champagner, ohne aber den Markennamen zu nennen. Auch das vornehme Zürcher «Baur au Lac» stösst mit seinen betuchten Gästen mit einem Glas Champagner an, verrät aber nicht, was auf der Etikette steht. Das Gleiche im Interlakener Aushängeschild «Victoria Jungfrau»: Hier werden die Silvester-Gäste mit einer Champagner-Ouvertüre begrüsst, was in den Gläsern ist, wird hingegen noch nicht verraten.
Nur leicht mehr erfährt man vom Hotel Storchen in Zürichs Altstadt. Auf der Silvester-Menu-Karte liest man «Als Dessertüberraschung Varianten vom Champagner». Sogar im vorzugsweise von Russen in Beschlag genommenen Luxushotel Badrutts Palace in St. Moritz bleibt die Champagner-Marke unerwähnt. Doch das ist für die Stammgäste, die für eine Suite pro Nacht ein paar 1000 Fr. hinblättern, ohnehin nur ein Posten für die Portokasse. Das «Palace» stellt jeweils für die «Nacht der Nächte» zwischen 1500 und 2000 Flaschen Champagner kühl!
Einige Restaurants, darunter jenes von Horst Petermann in Küsnacht oder die «Fischerzunft» von André Jaeger in Schaffhausen, sind schon vor einiger Zeit dazu übergegangen, ganze Menuabfolgen von ausgewählten Champagnern begleiten zu lassen.
Offen ist, wer in der Schweiz die Markenrangliste anführt. Auf den Podestplätzen dürften sich - in dieser geschätzten Reihenfolge - Moët & Chandon, Veuve Clicquot und Laurent-Perrier bewegen, gefolgt von Nicolas-Feuillatte, Mumm und Piper-Heidsieck. Im Detailhandel spielen Coop und Denner neben dem Fachhandel als Verkäufer die entscheidenden Rollen.
Der Osten in Champagnerlaune
Auch wenn aktuell weltweit der Umsatz mit Champagner derzeit noch keinen Grund zum Jubeln liefert, werden die stärksten Steigerungen in den Ländern verbucht, die zuletzt der EU beigetreten sind. So hat Rumänien seinen Umsatz um 129% gesteigert. Zypern, Polen und Bulgarien haben ihren Konsum seit dem EU-Eintritt verdoppelt. Länder wie Estland, Ungarn, Lettland, Tschechien oder Slowenien haben ihn verdreifacht, die Litauer trinken sogar das Siebenfache, und die Slowakei hat den Genuss sogar um das Elffache gesteigert. Die Russen setzen ihren Höhenflug mit einem Anstieg von 41% fort, was rund 1 Mio Flaschen entspricht.
Der Siegeszug des Champagners reicht bis in den Fernen Osten. So verzeichnet der asiatische Kontinent, der vor 30 Jahren nur 2% der Exporte abnahm, heute einen Anteil von 9%, allen voran liegt Japan mit 9,2 Mio Flaschen auf Platz 1. Und dies, obwohl der Markt im Vergleich zu Singapur (1,1 Mio Flaschen) und Hongkong (fast 911000 Flaschen), die seit langem zu den 20 führenden Ländern zählen, relativ neu ist. Die Chinesen erscheinen in der Statistik mit ungefähr 656000 Flaschen als eher bescheidene Abnehmer, doch haben sie innerhalb von fünf Jahren ihren Konsum um das Neunfache erhöht.
Am erstaunlichsten ist allerdings der Aufschwung des Champagnermarktes der Vereinigten Arabischen Emirate. Traditionell trinken die Scheichs wenig bis keinen Alkohol - angeblich. Das Scheichtum am Persischen Golf importierte im letzten Jahr aber 983690 Flaschen, 18% mehr als 2006. Der Grund dafür liegt in den Ansprüchen der gutbetuchten Gäste in den internationalen Luxushotels.
KOMMENTAR
NACHGEFRAGT davide comoli, Ambassadeur du Champagne 2008
Übermut gehört in die Flasche, nicht ins Geschäft
«Champagner ist Lebensfreude pur»
Spritzig sind sie, die Champagner, ihr Perlenspiel ist Sinnbild für uneingeschränkte Lebensfreude. Vielleicht signalisieren sie sogar Übermut. Die Champagne jedenfalls, die Herkunftsregion der erlesenen Exklusivität, versprüht Optimismus zuhauf. Es mangelt - trotz dunklen Wolken am Himmel der Weltkonjunktur - nicht an Hoffnungen und Erwartungen. Grenzenloser Optimismus verleitet zudem zu euphorischen Schritten. Bis ins Jahr 2012 sollen weitere 38 Gemeinden in den Genuss jener Lizenz des französischen Weinamtes INAO kommen, die das Eintrittsbillet fürs grosse Geschäft und gleichzeitig Unterschutzstellung bedeutet. Sukzessive werden zusätzliche Parzellen mit Reben bestockt und wird die Anbaufläche von heute 33500 ha massiv ausgeweitet. Die Zahl der Kommunen, die den Schutz der Herkunftsbezeichnung, der Appellation, tragen, wird damit von 319 auf gegen 360 steigen.
Grund sei die gestiegene Nachfrage, heisst es beim Champagner-Gesamtverband Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne, dem CIVC. Neue Märkte müssten abgedeckt werden, allen voran in Asien, dann aber auch in Russland, in Indien usw. Dass mit dieser Ausweitung des Angebots mehr und mehr Exklusivität verloren geht, kümmert die Champagne offenbar wenig. Anders ihre Winzerkollegen im Bordelais: Diese denken nicht an eine Vergrösserung der Anbauflächen. Was bei einer steigenden Nachfrage das Angebot verknappt - und die diskussionslose Begründung für ständige Preiserhöhungen liefert.
Grosszügig sind die Franzosen nur vor der eigenen Türe. Geht es etwa um die kleine Waadtländer Gemeinde Champagne mit ihren 700 Einwohnern und deren «Vin de Champagne», so machen sie, gestützt auf EU-Recht, den Namensstreit zur Gerichtssache. Hier fehlt der Champagne eine gewisse, allerdings andere Grösse.
Davide Comoli (60) ist in der Schweiz neuer Ambassadeur du Champagne 2008. Comolli ist Dozent und Berater für Weinkellereien sowie Co-Autor zahlreicher Bücher rund um den Wein. Er lebt im Tessin und ist Mitglied der Sommelier-Union Schweiz (ASSP). Ihre Leidenschaft sind Champagner und - so liest man in Ihren persönlichen Angaben - Frauen?
Davide Comoli: Wer Frauen erobern möchte, sollte sie auf jeden Fall zu einem Glas Champagner einladen.
Sie kamen im Piemont zur Welt. Ist dies der Grund, dass Sie sich intensiv mit Wein beschäftigten?
Comoli: Ich bin während einer Weinernte im Weinberg zur Welt gekommen. Das war wohl schicksalhaft ... So eine Verbindung hält ewig; wie auch die zu den Menschen, die hart in der Weinproduktion arbeiten müssen. Mit sieben Jahren habe ich angefangen, selbst im Weinberg zu arbeiten und so Achtung bekommen vor den Menschen, der Erde und dem Piemont. Das war der Anfang meiner Liebe zum Wein.
Was bedeutet Ihnen Champagner?
Comoli: Champagner ist für mich der ganz grosse Wein, den ich noch mehr liebe, weil er spricht. Er bedeutet Lebensfreude, Bewegung, die Erinnerung an schöne Augenblicke. Die goldenen Bläschen lassen uns träumen, sie sind das Feuerwerk, das uns inspiriert. Obwohl der Champagner über 300 Jahre alt ist, ist er immer jung geblieben.
Das Thema des Wettbewerbs 2008 hiess «Die Perlen». Welche Bedeutung haben sie?
Comoli: Perlen sind intensiv, anhaltend, zart und fein. Die Perle berührt die Identität des Champagners. Sie entfaltet sich mit Eleganz und macht daher schon optisch Vergnügen. Sie spiegelt den Reifeprozess im Keller. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Bewohner der Champagne gelernt, sie zu beobachten, zu verstehen und zu beherrschen, um daraus die beste Qualität zu entwickeln.
Gibt es Ratschläge, welcher Champagner zu welchem Essen passt?
Comoli: Champagner als Begleiter zu asiatischen oder anderen exotischen Menus nach Jahrgang oder Lage zu beurteilen und auszuwählen, ist zwar modern, muss aber nicht sein. Ich würde mich viel mehr auf meinen persönlichen Geschmack verlassen und je nach Menu zu süssliche Champagner meiden.