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Wie entstehen die Krisen des Kapitalismus? Und warum konnten sie immer wieder überwunden werden? Diese Fragen versuchte der trotzkistische belgische Ökonom Ernest Mandel ein Leben lang zu beantworten.
Sie kennen das Spiel: Wie viele Handschläge sind wir von einer historischen Berühmtheit entfernt? Bei Marx und Engels kann man mit vier oder gar drei auskommen, wenn man einen Grossvater hat, der August Bebel oder Karl Kautsky noch persönlich kannte. Doch für viele nach 1945 geborene Linke war Ernest Mandel, der vor vierzehn Jahren starb, eine letzte lebende Brücke zur Tradition des klassischen Marxismus und zur sozialistischen Arbeiterbewegung, die sie sonst nur aus Büchern kannten.
Demnächst erscheint vom holländischen Historiker Jan Willem Stutje eine 500-seitige Biografie Ernest Mandels auf Deutsch. Stutje zeichnet ein bewegtes Leben nach - für den Sozialismus, voll intellektueller Abenteuer, reich an politischen Krisen und Niederlagen. Stutje stützt sich dabei zum grossen Teil auf unveröffentlichtes Material, das im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt wird. Sein Buch ist gespickt mit Zitaten aus Mandels Briefwechseln und zahlreichen Interviews, zudem mit vielen Fotos schön und treffend illustriert.
Warten auf die Revolution
Es hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt erscheinen können. Zeitlebens hat sich Ernest Mandel mit den aktuellen Krisen des Kapitalismus befasst, er hat die Dollarkrisen der siebziger und achtziger Jahre ebenso untersucht und kommentiert wie die offiziell stets heruntergespielte Rivalität zwischen den USA und Europa. Was von ihm bleiben wird, sind seine Beiträge zur Analyse der jüngsten Strukturveränderungen des Kapitalismus: Was genau macht den «Spätkapitalismus» aus, wie können wir seine Entwicklung verstehen? Wie erzeugt das kapitalistische Weltsystem Krisen von unerhörtem Ausmass und wie konnte es diese Krisen bisher immer wieder überwinden? Diese Frage beschäftigte den Ökonomen und Sozialisten Mandel sein Leben lang.
Manche werden sich noch erinnern: Ernest Mandel, der als Professor an die Freie Universität Berlin berufen werden sollte, wurde 1972 die Einreise in die Bundesrepublik verwehrt, weil man ihn für die Unruhen im Mai 1968 in Frankreich verantwortlich machen wollte und die Theorie der permanenten Revolution für polizeiwidrig befand.
Mandel hatte Einreiseverbot auch in Frankreich, in Australien, in der Schweiz und in den USA. In den sozialistischen Ländern war er ebenfalls Persona non grata - überall wurde er als gefährlicher Trotzkist verschrien, obwohl man ihm keinerlei konkrete staatsgefährdende Handlungen vorwerfen konnte. Nur in Kuba (und in Jugoslawien) war der Ökonom willkommen; Che Guevara, der als Leiter der kubanischen Zentralbank für die Arbeiterselbstverwaltung stritt, schätzte ihn und seinen Rat hoch.
Ernest Mandel hatte sich 1938 als fünfzehnjähriger Gymnasiast der belgischen Sektion der gerade gegründeten Vierten Internationale angeschlossen - und blieb ihr treu. Seit 1963, seit der Wiedervereinigung der endlos zersplitterten trotzkistischen Bewegung, bis zu seinem Tod im Juli 1995 war er ihr herausragender Theoretiker. In seinem unverbesserlichen Optimismus ähnelte er Trotzki. Er sah die Keime der Rebellion, die er für Anfänge der lange erwarteten Revolution hielt - und einige Male glaubte er, es sei in der Tat schon so weit: beim belgischen Generalstreik 1960/61, im Pariser Mai 1968. Bei jeder Revolte in den sozialistischen Ländern hoffte er auf den Beginn der nächsten, der zweiten Revolution, die die Bürokratenherrschaft hinwegfegen und die sozialistische Rätedemokratie wiederherstellen würde. Dem Prozess der Bürokratisierung, dem Schlüsselproblem aller bisherigen sozialistischen Versuche, widmete er eines seiner letzten Bücher - «Power and Money» (1992).
International bekannt wurde Ernest Mandel 1962 mit einem Wälzer von 900 Seiten, «Traité d’Economie Marxiste» (deutsch «Marxistische Wirtschaftstheorie», 1968). Politische Ökonomie, auch noch marxistische - das war zu Beginn der sechziger Jahre so aus der Mode wie heute. Marx galt allenfalls noch als philosophisch interessant, seine Analyse des Kapitalismus dagegen wurde allgemein als völlig überholt, dogmatisch, obskur und nicht des Lesens wert betrachtet.
Mandel wagte es damals, die marxistische Theorie zu aktualisieren und zu popularisieren. Er wollte demonstrieren, dass sie historisch und empirisch, durch die Daten der offiziellen Universitätswissenschaft nicht widerlegt, sondern bestätigt worden war. «Traité d’Economie Marxiste» war das Buch eines Häretikers - gegen von oben verordneten Antimarxismus genauso wie gegen den konventionellen Parteimarxismus: ein Riesenerfolg. Es wurde dutzendfach neu aufgelegt und in mehr als vierzig Sprachen übersetzt.
Das Ende des Trotzkismus
Dass er die Geschichte zurück in die politische wie ökonomische Theorie geholt habe, so beschrieb er sein eigenes Verdienst. Die Gegenwart als Moment eines geschichtlichen Prozesses zu begreifen, sich vom Glanz des neuen «goldenen Zeitalters» des Kapitalismus nicht blenden zu lassen, das Ende des langen Booms der Nachkriegszeit aus den besonderen Bedingungen der angeblichen «Wirtschaftswunder» zu erklären, das war für ihn der Prüfstein, an dem sich entschied, ob die marxsche Theorie auf der Höhe der Zeit war. Dieses Projekt hat Mandel nicht mehr losgelassen.
Mandel arbeitete allein, er begründete keine Schule. Aber er liebte die Debatte. «Im Allgemeinen kann wirklich Gutes nie aus einem einzigen Kopf kommen; da müssen sich schon mehrere Dickschädel im Raume stossen, damit die Funken springen», schrieb er Anfang 1957 an seinen Freund Roman Rosdolsky. So verhielt er sich auch in der Praxis, neugierig auf gute wie schlechte Gründe und Gegengründe, undogmatisch und ungläubig. Nichts war wahr, nur weil es geschrieben stand.
Seine letzten Lebensjahre zeigen die Tragik des Trotzkismus, die auch seine persönliche Tragik war. In ungebrochenem Optimismus sah er den Anfang eines neuen revolutionären Zyklus überall. In Polen, in der Sowjetunion, sogar in der DDR. Die Möglichkeit einer raschen Restauration des Kapitalismus, der rasenden Transformation zu einer Form des Gangsterkapitalismus, konnte und wollte er damals nicht sehen. Mandel glaubte, dass die russische Revolution von 1917 im Kern richtig gewesen war. Dass ihre Fehlentwicklung korrigierbar, die «verratene» Revolution noch zu retten sei. In dem Moment, als mit der Sowjetunion auch die vermeintlichen oder wirklichen Restbestände sozialistischer Strukturen untergingen, verlor der Trotzkismus seine Existenzberechtigung. Denn damit war die Oktoberrevolution endgültig Geschichte.