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Reihe von Epigrammen, welche unter dem Namen »Xenien« in Schillers »Musenalmanach« für 1797 erschienen und wie »mordbrennerische Füchse« in die Saatfelder der litterarischen Philister von rechts und links brachen. Die Anregung war von Goethe ausgegangen, die Ausführung des Plans eine durchaus gemeinsame, obschon S. den stärksten und treffendsten Ton anschlug, der Erfolg ein ungeheurer. Zahllose Entgegnungen mehr grober und erboster als witziger Art verrieten, wie tief die Pfeile ins Fleisch gedrungen waren. Es galt nun für die Freunde als nächste wohlverstandene Aufgabe, nach der heiter-derben kritischen Negation durch positive Leistungen der Nation zu zeigen, wie ernsthaft ihnen die echte Kunst am Herzen lag. Im Frühling 1797 hatte sich S. ein in freundlichem Garten [* 2] gelegenes Häuschen gekauft, in dessen Räumen der froh gestimmte Dichter neue Schaffenslust empfing und während der nächsten Zeit eine große Zahl seiner vorzüglichsten Balladen (»Taucher«, »Ring des Polykrates«, »Kraniche des Ibycus« etc.) und den »Wallenstein« schuf.
Letzterer, unter Schillers dramatischen Werken ohne Frage das größte und vollendetste, wurde im Frühling 1799 mit »Wallensteins Tod« abgeschlossen. Das »Lager« [* 3] ging im Oktober 1798, »Die Piccolomini« »Wallensteins Tod« 20. April zuerst zu Weimar [* 4] in Szene. Der Beifall war bei der völligen Neuheit der Erscheinung, der Breite [* 5] des gewaltigen, inhaltreichen Werkes anfänglich ein geteilter; aber mit »Wallensteins Tod« steigerte er sich zum Enthusiasmus, und einer jener in der Litteratur seltenen Momente, wo der ganze Wert einer großen Dichtung von den Massen der Durchschnittsbildung augenblicklich empfunden wird, trat ein.
Die ersten Auflagen der erschienenen Trilogie fanden, wie aus Cottas Briefen erhellt, reißenden Abgang. S. beschloß jetzt, sich ausschließlich der dramatischen Dichtung wieder zuzuwenden, und gab sogar seit 1800 die Herausgabe des »Musenalmanachs« auf. Schon im April 1799 hatte er die Bearbeitung eines neuen tragischen Stoffes begonnen. Die Geschichte der »Maria Stuart« hatte sich ihm schon früher als dankbare Aufgabe geboten; die Ausführung seines Gedichts wurde zwar durch die Entwürfe zu den »Maltesern« und dem »Warbek« zeitweilig unterbrochen, war aber gleichwohl im Juni 1800, während S. im Schloß zu Ettersburg Villeggiatur hielt, beendigt worden.
Das Stück gehört zu den bühnenwirksamsten Schillers, und sein künstlerisches Prinzip, die freibeweglich gewordene dramatische Dichtung wiederum einer strengern Stileinheit zu nähern, tritt in demselben entscheidend hervor. Inzwischen war S., hauptsächlich um dem realen Theater [* 6] näher zu sein, nachdem der Herzog ihm seinen Gehalt auf 400 Thlr. erhöht hatte, im Dezember 1799 nach Weimar übergesiedelt. Die letzte Zeit in Jena [* 7] war durch eine schwere Krankheit seiner Frau, die ihm 11. Okt. das dritte Kind, nach zwei Söhnen die erste Tochter, geboren hatte, sorgenvoll gewesen; das neue Leben am neuen Ort ließ sich dagegen heiter und freundlich an. In den ersten Monaten des Jahrs 1800 unternahm S. eine Bühnenbearbeitung des Shakespeareschen »Macbeth«, welche nach der Seite der theatralischen Brauchbarkeit nichts zu wünschen übrig ließ, wenn schon sie dem britischen Dramatiker durch das Schillersche Stilprinzip stellenweise Gewalt anthat. Im Juli entschied sich S. für die Dramatisierung der Geschichte der Jeanne d'Arc.
Mit der Ausführung dieser wunderbar farbenreichen, vom höchsten Schwung des Schillerschen Pathos getragenen Tragödie, welche die Darstellung des Glaubens und des Wunders in die moderne Poesie wieder hereinzog, näherte sich S. der Welt der Romantiker, mit denen er persönlich verfeindet war. Gleichwohl wirkten auch hier die rein menschlichen Seiten der Charakteristik, die Freiheitsstimmung, welche tendenzlos, aber aus tiefster Seele und unbewußter Vorahnung des Dichters quoll, am stärksten.
Dazu stand S. in der »Jungfrau« auf jener Höhe theatralischer Kunst, wo der Künstler seines Effekts und Erfolgs in jeder einzelnen Szene gewiß wird. Im April 1801 war die »Jungfrau von Orléans« vollendet: die Aufführung in Weimar unterblieb jedoch zunächst, weil der Herzog Bedenken trug. Erst im September sah der Dichter zu Leipzig, [* 8] wohin ihn die Rückreise von einem längern Besuch bei Körner in Dresden [* 9] geführt hatte, sein Stück auf den Brettern. Dem Bedürfnis des weimarischen Theaters zuliebe bearbeitete S. im Spätherbst 1801 Gozzis Märchenkomödie »Turandot«.
Daneben gab das gesellige Leben der Ilmstadt mannigfache Anregung zur Produktion. In einer von Goethe zusammengebrachten Wochengesellschaft, dem sogen. Mittwochskränzchen, ertönten zuerst Schillers Lieder: »Die vier Weltalter«, »Die Gunst des Augenblicks« und »An die Freunde«. Eine von Kotzebue angesponnene Intrige, welche die beiden großen Freunde entzweien sollte, scheiterte gänzlich. Im Februar 1802 hatte sich S. in Weimar ein Heimwesen erstanden. In das von dem Engländer Mellish erkaufte bürgerliche, an der Esplanade gelegene Haus kam im November, ohne Schillers Zuthun, ein Adelsbrief.
Der Herzog hatte dem Dichter eine Freude machen und zugleich, ohne andre zu verletzen, S. und seiner Gattin den freiesten Verkehr mit dem weimarischen Hof [* 10] ermöglichen wollen. In den Jahresübergang von 1802 zu 1803 fällt die Beendigung der »Braut von Messina«. [* 11] Der Versuch, den S. in dieser Dichtung, welche in sprachlicher Hinsicht wohl als seine vollendetste und prächtigste bezeichnet werden darf, gemacht hat, um den antiken Chor unserm Drama zu restituieren, blieb ein vereinzeltes Experiment und bezeichnete den Höhepunkt der antikisierenden Sinnes- und Kunstrichtung, der sich S. und Goethe eine Zeitlang gemeinsam hingegeben hatten.
Trotzdem hatte die Aufführung in Weimar glänzende Wirkung. Zur Erholung von der strengen Arbeit des tragischen Schaffens bearbeitete S. unmittelbar nach Beendigung der »Braut von Messina« zwei französische Lustspiele: »Der Parasit« und »Der Neffe als Onkel«;
dann aber wendete er sich wieder »zu dem großen Problem, von welchem all sein Denken und Dichten ausgegangen war, - zu dem Problem sittlicher Menschenwürde und staatsbürgerlicher Freiheit«.
Schon im September 1802 hatte er die Geschichte von »Wilhelm Tell« als dramatischen Stoff ins Auge [* 12] gefaßt und Tschudis »Schweizerchronik« zu studieren angefangen. Im Februar 1804 war das Gedicht beendet, an naturalistischer Wahrheit, nationaler Schwungkraft [* 13] in Gedanken und Handlung Schillers meisterlichstes Werk, wie große Ausstellungen auch in Bezug auf die dramatische Charakteristik, besonders des Helden, von der Kritik dagegen erhoben worden sind. Die Wirkung des »Tell« auf den Bühnen übertraf daher auch die aller vorangegangenen dramatischen Dichtungen Schillers. Kaum hatte S. die neue dichterische Großthat vollbracht, als er sich schon zu einer andern wendete. Im März 1804 wurde der Plan zu »Demetrius« entworfen. Doch entführte bereits im April eine mit der Frau und den beiden ältesten Kindern unternommene Reise nach Berlin, [* 14] wohin Iffland dringend eingeladen hatte, den Dichter der neu begonnenen Arbeit. In Berlin ¶
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kamen ihm »allgemeine Bewunderung, begeisterte Anerkennung und herzliche Teilnahme« entgegen. Ifflands Bemühungen dankte er den theatralischen Genuß szenisch vollendeter Darstellungen des »Wallenstein«, der »Jungfrau« und der »Braut von Messina«. Aus den Kreisen seiner Gönner, an deren Spitze die edle Königin Luise stand, kamen ihm günstige Anträge, nach Berlin überzusiedeln. S., der ohnehin Weimar ungern verlassen hätte, sah von ernstlichen Verhandlungen ab, nachdem Herzog Karl August ihm auf die freimütige Darlegung der Angelegenheit seinen Gehalt auf 800 Thlr. erhöht hatte.
Bald nach der im Mai 1804 erfolgten Rückkehr gebar Lotte dem Dichter die zweite Tochter. Aber S. sollte die neue Vaterfreude nur kurze Zeit genießen. Im September meldete er an Körner, daß er sich so unwohl fühle wie nie nach seinen schwersten Krankheiten. Zwar gelang ihm das zwischen 4. und 8. Nov. zur Begrüßung der weimarischen Erbprinzessin auf Goethes Zureden gedichtete Festspiel »Die Huldigung der Künste« überaus glücklich, aber der folgende Winter brachte ihm fast keinen schmerzlosen Tag mehr.
Peinliche Krämpfe, die ihn schon seit Jahren oft heimgesucht hatten, stellten sich immer häufiger ein. Dennoch beschäftigte ihn eifrig der »Demetrius«, den wir leider nur als Torso, doch als einen, welcher höchste Vollendung des Ganzen ahnen läßt, besitzen sollten. Als ihm sein Leiden [* 16] selbständiges Schaffen ganz verwehrte, begann er, »um doch nicht ganz müßig zu sein«, eine metrische Übersetzung von Racines »Phädra«. Im März 1805 konnte er an Goethe schreiben, daß er wieder mit dem »Demetrius« im vollen Zug sei. Der Frühling brachte neues Hoffen auf Genesung mit sich, eine ungewöhnliche Reisesehnsucht bemächtigte sich des Dichters. Der Wunsch, die Schweiz [* 17] zu sehen, war in nie vorher gefühlter Stärke [* 18] über ihn gekommen. Aber das Verlangen sollte nicht befriedigt werden. Am in der sechsten Abendstunde endete ein sanfter Tod das Leben des Dichters.
In S. schied der einzige große Dichter unsrer klassischen Litteraturepoche aus dem Leben, dessen Poesie alle Kreise [* 19] der Nation zugleich ergriffen und durchdrungen hatte. Man darf sagen, daß seine Erscheinung geradezu eine einzige war, und selbst Goethe, der sich am tiefsten mit S. zusammengelebt hatte und ihm mehr als ebenbürtig war, fand, als er an die Vollendung des »Demetrius« dachte, daß es (nach den Worten eines neuern Dichters) »ebenso leicht sei, für S. zu atmen, als für ihn zu dichten«, und mußte sich auf seinen wunderbar schönen feiernden Epilog zu Schillers »Glocke« beschränken. In S. war von Haus aus neben einem starken realistischen Menschendarstellungstalent, einer wahrhaften poetischen Unmittelbarkeit, welche den nachhaltigen Wert der »Räuber« und des »Fiesco« verbürgt, längst nachdem deren ethisches Pathos unwirksam geworden ist, ein Element subjektiver Reflexion, [* 20] ein Zug zur abstrakten Ideenverkündigung lebendig, welcher durch seine frühste Vertiefung und Läuterung nur noch verstärkt wurde.
Lag ihm auch die gemeine Utilitätstendenz, welche die Dichtung nur als Vehikel für moralische Beispiele und Ermahnungen betrachtet, tief unter den Füßen, so waren sein an Rousseau genährtes Freiheitspathos und sein idealer Traum von der allgemeinen Menschenbeglückung stärker als seine poetische Freude an der Fülle der Einzelerscheinungen. So wuchsen denn allerdings Schillers Dichtungen oft und leicht über die Grenzen [* 21] des rein Ästhetischen hinaus, der Dichter ward zum Philosophen.
Aber freilich trat eben hier wieder die ganze Stärke und Weihe seiner Subjektivität zu Tage. Was bei tausend andern leidige Abstraktion und bloße Didaktik blieb, ward unter Schillers Hand [* 22] zur Poesie. Seine großen allgemeinen Ideen lebten in ihm mit einer Stärke und Wärme, [* 23] daß sie sich in Gefühl und Leidenschaft und damit wiederum in Poesie verwandelten. Die Hoheit und der sittliche Adel seiner Natur, hinter der nach Goethes herrlichem Worte »das Gemeine in wesenlosem Scheine lag«, war mit dem eigentümlichen Zauber verbunden, der die Idealität auf andre überträgt. S. ruft gleichsam in jedem Augenblick die höchsten Fähigkeiten, die idealste Stimmung seiner Hörer und Leser empor und legt ihnen sein eignes erhabenes Pathos in die Seele. Es hat einen tiefen Sinn, daß S. vorzugsweise der Dichter der Jugend ist, und daß das Alter, von den Erfahrungen des Lebens gesättigt und nach den Jugendträumen zurückverlangend, gern zu seiner Welt zurückkehrt. S. selbst war sich der Eigenart seiner Dichtung und des in ihm vorwaltenden philosophischen Zugs sehr wohl bewußt.
Was bei der Schöpfung seiner Jugenddramen noch ganz naiv und instinktiv in ihm obgewaltet hatte, ward, während er am »Don Karlos« dichtete, ohne alle Frage zur Absicht. In voller Deutlichkeit bezeichnete das die Laufbahn des Dichterphilosophen eröffnende Gedicht »Die Künstler« die Gesamttendenz Schillers in Leben und Dichten. In das Land der Erkenntnis, der befreienden, dringt der Mensch nur »durch das Morgenrot des Schönen«. »Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen, die alternde Vernunft erfand, lag im Symbol des Schönen und des Großen voraus geoffenbart dem kindischen Verstand.« Die Schönheit ist dem Dichter damals noch propädeutisches Symbol der Wahrheit, »die uns frei macht«.
In den »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts« findet sich in naturgemäßer, Schillers reifender Erkenntnis entsprechender Steigerung der Gedanke ausgeführt, daß der Weg zu aller Freiheit, auch zur politischen, durch das Ästhetische, durch die Kunst gehen müsse. Dann wirkte Goethes naiv-schöpferische Natur in unendlicher Förderung auf die Schillers, sie allmählich immer entschiedener aus den abstrakten Denkregionen in die Wirklichkeit des Lebens ziehend. S. rühmte es wiederholt und ausdrücklich dankend von dem Freunde, daß er ihm die Tendenz, vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen, abgewöhne und ihn umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fortführe.
Und Goethe faßte die beiderseitig anziehend und korrektiv aufeinander wirkenden Stellungen, die S. und er selbst innehatten, dahin zusammen: »Er predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen«. In dem Aufsatz »Über naive und sentimentalische Dichtung« konnte S. schon mit klarer Erkenntnis im allgemeinen und mit tiefer Selbsterkenntnis im besondern die beiden verschiedenen Hauptrichtungen aller Poesie darlegen, und er mußte sich demnach jetzt der Notwendigkeit, die Einseitigkeit jeder dieser Richtungen aufzuheben, bewußt sein.
Das Streben zu solcher Selbsterziehung bezeichnen die spätern Dichtungen Schillers aufs deutlichste. Natürlich blieb S. auch jetzt sich selbst getreu und der Dichter der Ideen. Auch jetzt noch läßt sich seine Lyrik nur selten als der unmittelbar naturwüchsige Ausdruck der reinen Stimmung betrachten, noch bleibt sie wesentlich eine Gedankenlyrik. Die Freiheit ist ihm die goldene Frucht in der silbernen Schale der Kunst geblieben, wie sie es war von Jugend auf; Erziehung zur Freiheit galt ihm als Aufgabe der Poesie wie alles geistigen Menschentums. Eine Lehrmeisterin war die Schönheit ¶