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|HAUS ZUR WEISSEN LILIE, SPIEGELGASSE 1:

ARCHÄOLOGISCHE BAUUNTERSUCHUNGEN BEIM UMBAU 2002 - 2004
Vom Altstadt- zum Dada-Haus: eine baugeschichtliche Spurensuche
Auch ohne Dada ein Baudenkmal
Das Haus Spiegelgasse 1 bestand bis ins 16. Jahrhundert aus zwei Gebäuden, welche sich die schmale Parzelle teilten. Noch der Murerplan von 1576 zeigt zwei separate, unter einem Dach stehende Teilhäuser das nördliche Haus zum Damhirsch («Hind», mit diesem Hausnamen erstmals 1402) und das Haus zur Lilie (bereits 1335 so genannt). Ein tiefer Einschnitt in der Geschichte dieser Liegenschaft war die Zusammenlegung der Gebäude 1577. Damals wurden neben den alten Bodenkonstruktionen auch alle Brandmauern zwischen den kleinräumigen Häusern abgebrochen. Die neuen Bodenbalken wurden auf Konsolsteinen und Streifbalken aufgelegt und überspannen seither die ganze Hausbreite. Die dadurch entstandenen grosszügigen Räume konnten dann standesgemäss ausgeschmückt werden. Vielfältige Informationen aus der früheren Zeit haben sich in den Fassaden erhalten. Durch die Untersuchungen des Mauergefüges während des Umbaus 2002 konnten mehrere Bauphasen unterschieden werden, die zum Teil weiter zurückreichen als die schriftlichen Überlieferungen.
Von Tischlern und Sattlern zu Humanisten und Ratsherren
Die schriftlichen Quellen zu den beiden Häusern setzen 1333 und 1357 ein. Lange waren es einfache Handwerkerfamilien, welche diese Häuser besassen. Sattler, Schuhmacher, Tischler, Metzger werden genannt. Der erste bedeutende Bewohner der Liegenschaft war der aus dem Elsass stammende Humanist Konrad Pelikan (1478-1556), der 1526 von Zwingli auf den Lehrstuhl für Hebräisch und das Alte Testament berufen worden war. 1542 kaufte er das Haus zum Hind, um es als Alterssitz zu nutzen, und baute es stark um.
Zwischen 1550 und 1577 erwarb Sixt Vogel die beiden benachbarten Häuser.
1577, ein Jahr, nachdem er als Zunftmeister zur Weggen im Rat Einsitz genommen hatte, liess er sie zu einem repräsentativen Wohnsitz zusammenfügen. Nach dem Umbau veränderte sich die Sozialstruktur der Hausbewohner von Grund auf. Anstelle von Handwerkern lebten in der erweiterten Weissen Lilie nun Angehörige der städtischen Oberschicht. 1762 war sie im Besitz des Malers Heinrich Bullinger, der 1773 Professor an der neu gegründeten Zürcher Kunstschule wurde. Um 1785 erwarb sie der Krämer Johann Heinrich Lavater. Er war ein jüngerer Bruder des Theologen, Philosophen und Begründers der Lehre von der Physiognomie, Johann Caspar Lavater.
Die gegen die Münstergasse gerichteten Räume erhielten grosszügige Fensterreihen, welche durch reich verzierte Fenstersäulen unterteilt wurden. Und selbst gegen den südlichen Nachbarbau hatten ursprünglich sechsteilige Fensterwagen bestanden, obwohl hier die Gassenbreite nur knapp 3 Meter beträgt. Spionfensterchen in der Südwest-Ecke zeigen, dass neben dem Wunsch, viel Licht ins Haus herein zu lassen, offenbar auch das Bedürfnis bestand, unbemerkt beobachten zu können, was auf der Münstergasse geschah.
Der Mode folgend: von der bemalten Balken- zur Stuckdecke
In allen vier Stockwerken konnten in die Zeit der Fenstersäulen gehörende bemalte Sichtbalkendecken beobachtet werden. Von jüngeren Phasen zugedeckt, hatten sich die Motive an einigen Stellen recht gut erhalten, an anderen waren nur noch Spuren zu finden. Die grosszügigen Räume mit den vorwiegend in grau und schwarz gemalten manieristischen Beschlagwerkmotiven an den Decken waren durch Zwischenwände mit Riegelwerkmalereien begrenzt. Später kamen diese in starken Farben und bewegten Mustern gestalteten Decken aus der Mode. Stukkateure überdeckten sie mit Gips und passten sie dem veränderten Geschmack der Zeit an.
Fazit der älteren Baugeschichte
Im Haus zur Weissen Lilie waren hauptsächlich Spuren einer einst reichen Ausstattung aus der Frühneuzeit nachzuweisen. Angesichts seiner prominenten Besitzer und seiner Lage an der wichtigen Münstergasse, unweit des Grossmünsters, erstaunen diese Befunde kaum. Weniger selbstverständlich sind die massiven mittelalterlichen Steinbauten aus einer Zeit, als das Haus Handwerkern gehörte, welche nicht zur wohlhabenden Führungsschicht zählten. Es zeigt, wie der Steinbau im 14. Jh. bereits viel von seinem einst exklusiven Charakter verloren hatte. Insgesamt bot das Gebäude ein für die Altstadt durchaus übliches Bild. Es fanden sich Spuren aus über 600 Jahren. Jede Generation hat weitergebaut, verändert, aber auch vieles mehr oder weniger zufällig belassen. Das Konglomerat, das solche Altstadthäuser darstellen, entzieht sich im Grunde jeder architektonischen und kunsthistorischen Typologie und sie tragen damit Züge, die etwas an den Dadaismus erinnern.
Spuren des Cabaret Voltaire?
Es war nur eine kurze Episode, ein halbes Jahr «Cabaret Voltaire» zwischen Februar und Juli 1916, die sich in der Liegenschaft Spiegelgasse 1 abspielte. Bekannt ist, dass die Dadaisten den 1885 geschaffenen Saal auf der Hinterseite des Gebäudes nutzten und dass die Wände schwarz und die Decke blau gestrichen waren. Der Saal ist noch vorhanden, er wurde aber in den 1950er-Jahren kräftig umgebaut. Nicht einmal die heutigen Saalfenster mit ihrem auffälligen Stichbogensturz stammen aus die Zeit des Cabaret Voltaire. Man hat 1950 die ursprünglich noch viel grösseren Rechteckfenster historisierend verkleinert. Untersuchungen an den Wänden des Saals ergaben, dass alle vorgefundenen Farbschichten aus der Zeit von 1950 und später stammten. Unter diesen jungen Farbschichten kam eine Backsteinwand zum Vorschein, die ursprünglich mit einem Täfer verkleidet gewesen sein muss. Dieses ist 1950 entfernt worden. Auch die blaue Decke ist heute nicht mehr vorhanden. Somit finden sich zumindest an den untersuchten Stellen nicht einmal mehr Farbspuren des Zustandes von 1916. Aus der Zeit stammen der Grundriss und die Raumhöhe, sowie die Gusseisensäulen im Innern des Saales. Das Säulenpaar stützt seit 1885 die darüber stehende Hausfassade, die einfache hilft die Decke zu tragen und reicht bis in den mächtigen Gewölbekeller hinunter.
Faltblatt: Siegelgasse 1 (PDF)
Herausgeberin: Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Städtebau.
Inhalt/Redaktion: Dölf Wild, Jürg Hanser.
Bezugsquelle: Amt für Städtebau, Lindenhofstrasse 19, Postfach, 8021 Zürich.
Telefon: 044 216 26 83, <email-pii>.
Zürich 2004