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250 Jahre elektronische Musik, Teil 4: Schnittstelle zur Computersteuerung elektronischer Klänge – MIDI
Geschätzte Lesezeit: 16 Minuten
In der elektronischen Klangerzeugung war ab 1980 zumindest theoretisch schon alles möglich, was heute auch möglich ist. Das Problem war nur, neue Synthesizer zu bezahlen, richtig zu programmieren und zu bedienen.
Die Einführung des MIDI-Standards ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der elektronischen Musik. Über die Schnittstelle lernten die Klangerzeuger, miteinander zu sprechen – und die Anbieter von Geräten und Software profitierten von besseren Vermarktungsmöglichkeiten.
Teil 1: Elektrische Instrumente des 18. Jahrhunderts
Teil 2: Elektrische Klangerzeugung im 19. Jahrhundert
Teil 3: Zu ganz neuen Klangwelten gelangte man im 20. Jahrhundert
Teil 4: Schnittstelle zur Computersteuerung elektronischer Klänge – MIDI
Ein Kampf mit langen Leitungen und dünnen Klängen
Nachdem die ersten Synthesizer auf dem Markt waren, hatten ihre Nutzer mit verschiedenen Problemen mit der neuen Technik zu kämpfen. So klangen zumindest die halbwegs bezahlbaren Geräte oft ziemlich dünn, so dass die Musiker sich verschiedene Tricks ausdachten, um den Sound ein wenig anzufetten. Dazu gehörte auch die Methode, zwei Geräte bzw. Instrumente gleichzeitig unisono zu spielen – aber nicht mit exakt gleicher Tonhöhe, sondern ein wenig gegeneinander verstimmt.
Um beide bzw. mehrere Synthesizer von einer Tastatur aus bedienen zu können, mussten sie elektronisch miteinander gekoppelt werden. Man brauchte also eine elektronische Schnittstelle, am besten eine serielle und digitale, die schnell arbeitet und die Verkabelung nicht unnötig verkompliziert. Die Synthesizer sollten lernen, miteinander zu kommunizieren und aufeinander zu reagieren.
Die 1981 entwickelte Schnittstelle USI (Universal Synthesizer Interface) gilt als direkter Vorläufer von MIDI, einem Interface oder auch Protokoll zum Koordinieren elektronischer Instrumente bzw. Klangerzeuger, das bis heute viel Verwendung findet. MIDI ist die Abkürzung für Musical Instrument Digital Interface und funktioniert nach wie vor sehr gut und zuverlässig – aus dem einfachen Grund, dass es so simpel ist.
Der MIDI-Standard wurde im Jahr 1983 von Sequential Circuits und Roland, zwei auf dem elektronischen Musikmarkt konkurrierenden Herstellern, durch Einigung ins Leben gerufen. Später kamen, ebenfalls durch aufstrebende Gerätehersteller, Substandards hinzu, etwa GM (General MIDI von Roland), XG (Extended General MIDI von Yamaha) und GS (General Standards, ebenfalls von Roland).
Wie man sich beim Lesen dieser Namen bereits denken kann, ging es dabei nicht nur um schönere Klänge, günstigere Geräte oder weniger technische Scherereien für die Musiker. Es ging um das Schaffen von Herstellerstandards zur besseren Vermarktung von elektronischer Musik und den zu ihrer Produktion notwendigen oder angesagten Werkzeugen – also um viel Geld und handfeste wirtschaftliche Interessen.
Die Technik muss funktionieren, wenn Musik populär werden soll
Populäre Musik, ob elektronisch, elektroakustisch oder akustisch, muss bestimmte Qualitäten aufweisen, um einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu sein. Dazu zählen etwa die Eingängigkeit und Leichtigkeit von Melodiebögen, Harmoniefolgen und Rhythmen. Die Kunst ist, solche und ähnliche Parameter virtuos anzuwenden, aber dabei nicht zu übertreiben: Was zu vertrackt, zu verzäunigt oder wirr klingt, findet meist nur eine Nischenzielgruppe.
Ausserdem muss die zur Ausführung angewendete Technik sauber funktionieren – das gilt sowohl beim Geigenspiel als auch beim Programmieren und Bedienen eines Synthesizers. Im Jahr der Markteinführung von MIDI kamen auch die ersten MIDI-kompatiblen Synthesizer auf den Markt: der Roland Jupiter 6, der Sequential Circuits (SC) Prophet 600 und der Yamaha DX7, der erfolgreichste Synthesizer aller Zeiten.
MIDI-Boom durch Yamaha DX7 begründet
Der DX7 arbeitete nach einem FM-Synthese genannten Prinzip, entwickelt von John Chowning, der an der Stanford University Komposition unterrichtete. Chowning hatte seit 1967 über Frequenzmodulation (FM) geforscht, und der DX7-Sound sollte jahrzehntelang den Klang von E-Pianos prägen. Die Lizenzen wurden für 10 Jahre an Yamaha verkauft, und von den Geldern, die daraufhin hereinkamen, profitiert die Uni Stanford bis heute.
Der durch das Gerät ausgelöste MIDI-Boom brachte auch eine riesige Nachfrage an Software mit sich, denn das Selberprogrammieren von Klängen über das Eingeben abstrakter Zahlen auf einem winzigen Display war äusserst kompliziert und glich eher einem Glücksspiel. Doch Musiker sind von Natur aus eher programmierfaul: Sie möchten etwas schaffen, das man hören und idealerweise auch verkaufen kann – aber nicht vorher tief in die Technik der elektronischen Klangerzeugung einsteigen und dann lange auf ein ungewisses Rechenergebnis warten müssen.
Viele Anwender zogen darum die Voreinstellungen (Presets) oder optional erhältlichen Fertigsounds der Hersteller vor. Diese teils legal angebotenen, teils über einen florierenden Schwarzmarkt erhältlichen Kaufsounds liessen sich mit Hilfe von Hardware- oder Software-Sequenzern zu Songs bzw. Musikstücken zusammenbasteln, die man dann auf Kompaktkassetten überspielen und verschiedenen Produktionsfirmen zuschicken konnte – immer in der Hoffnung, diesmal einen Hit geschrieben zu haben, dessen Qualitäten auch die Vermarkter erkennen würden.
Der Computermarkt zog gerne mit
Schon immer war die Verwaltung von MIDI stark von Typ und Qualität des dafür verwendeten Rechners abhängig. Für viele finanziell schwach aufgestellte Musiker sind Computer und Musiksoftware als Hauptmusikinstrumente besonders attraktiv, da sie billiger sind als teure Synthesizer und spezielle Hardware (z. B. Emulatoren oder Hallgeräte) zur elektronischen Klangerzeugung und ‑veränderung.
Macintosh-Computer waren die ersten, auf denen der Softwaresequenzerbetrieb möglich war – allerdings weder besonders bedienfreundlich noch betriebssicher. Eine grössere Zielgruppe erschloss die Entwicklung von Musiksoftware für den Volksrechner Commodore C64, etwa des MIDI-Sequencing-Programms Pro-16 von Steinberg, dem heutigen Anbieter der sehr populären Musikanwendersoftware Cubase.
Beim frühen Homecomputer Atari ST war bereits ein MIDI-Interface eingebaut, ausserdem konnten sich die Nutzer über eine Desktop-Oberfläche freuen. Später entwickelte MIDI-Sequencer, darunter Twenty-four und das bereits erwähnte Cubase von Steinberg und Notator Logic (später nur noch Logic oder Logic Audio) von C-Lab (später umbenannt in Emagic) wurden nicht nur in Europa überaus populär: Sie läuteten das Zeitalter des erschwinglichen Home Recordings für jedermann ein.
Ein kleiner Saurier
Erwähnenswert ist, dass der 1987 erschienene und bereits 1990 als veraltet geltende Atari ST bis heute einer der beliebtesten Musikanwendungscomputer in Europa ist. Viele Studios, vor allem die kleineren und ganz kleinen, halten sich immer noch einen davon als reine MIDI-Station. Gelobt wird nicht nur sein geringer Preis und die überschaubare Schlichtheit seiner Technik, sondern auch das Gefühl, das der tägliche Umgang mit einem viel belächelten Oldtimer vermittelt.
Der Atari ST ist mittlerweile ein Inbegriff der produktiven Technikverweigerung und des subtilen, gelebten Protests gegen einen Elektronikmarkt, der morgen für überholt erklärt, was er gestern als brandneu bejubelt hat. Tatsächlich sind die Klangerzeugung und Soundbastelei auf einem uralten Rechner in den richtigen Händen immer noch effektiver und schneller als die Arbeit eines planlosen Laien auf einem hochmodernen Gerät, dessen Funktionen nur halb oder gar nicht verstanden werden.
Fazit: MIDI ist als Standard nicht neu, aber trotzdem immer noch aktuell – sowohl für Laien beim Homerecording als auch in professionellen Musikstudios. Denn oft funktioniert die einfachste Lösung am besten und daher auch am längsten.
Oberstes Bild: © Albert Veress – shutterstock.com