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Anorexie (Magersucht)
Einleitung
Die Magersucht, auch Anorexie genannt, verändert schleichend das ganze Leben der Betroffenen und ihrer Umwelt. Die Magerkeit des Körpers wird von anderen schnell, das dahinter liegende psychische und körperliche Leiden oft nur langsam bemerkt.
Häufigkeit
Die Magersucht (Anorexie) ist eine häufige Erkrankung vor allem bei Mädchen und Frauen. An einer Anorexie leiden in der westlichen Welt (Europa, Nordamerika) 1 % aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren, und ca. 0,1 % aller Männer desselben Alters. Anorexie-Erkrankungen haben in den letzten 20 Jahren leicht zugenommen.
Symptome
Anorektisches Gewicht (ab einem BMI von unter 17,5 spricht man von einem anorektischen Gewicht). Der BMI (Body-Mass-Index) wird berechnet aus dem Körpergewicht (gemessen in Kilogramm), geteilt durch die Körpergrösse im Quadrat (gemessen in Metern). Für Kinder und Jugendliche gelten altersabhängige Grenzwerte für das unterdurchschnittliche Gewicht und den BMI. Die Normalwerte können aus separaten BMI-Kurven für Mädchen und Knaben abgelesen werden.
Starke Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor dick zu werden, trotz bestehendem Untergewicht.
Störung der eigenen Körperwahrnehmung hinsichtlich Umfang, Grösse und Form. Die Betroffenen berichten, dass sie sich auch bei Untergewicht zu dick fühlen, oder sie sind überzeugt davon, dass Teile des Körpers (meist der Bauch, die Oberschenkel und das Gesäss) zu dick sind, obgleich ein offensichtliches Untergewicht besteht.
Das Ausbleiben von mindestens 3 aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe) bei Frauen, bei Männern Rückgang des Sexualtriebes mit zunehmendem Erlöschen sämtlicher sexueller Aktivitäten inkl. der Selbstbefriedigung.
Ess-/Brechanfälle bei der binge-purge-Form der Anorexie. Bei der restriktiven Form der Anorexie kommen keine Ess-/Brechanfälle vor.
Was erleben die Betroffenen
Die Härte und Kantigkeit des knochigen Körpers wird als Schutz gegen Auflösung erlebt.
Die Knochen werden als das Stabile, das Überdauernde, das Fleisch als das Unzuverlässige, Schwammige betrachtet.
Innere Gefühle sind bedrohlich und erzeugen panische, von aussen schwer nachvollziehbare Ängste.
Essen wird als Versagen, Schwäche des Körperlichen erlebt.
Die Körperwahrnehmungsstörung führt dazu, dass der Körper nach Verzehren von auch nur wenig Nahrung als monströs aufgeblasen erlebt wird.
Körperliche Beeinträchtigung als Folgen des Untergewichts
Müdigkeit
Muskelschwäche
Schwindel
Tiefer Blutdruck
Langsame Herzfrequenz (Bradykardie), Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Herztod
Niedrige Körpertemperatur
Bauchschmerzen
Verstopfung
Kalte Hände
Trockene Haut
Haarausfall
Lanugobehaarung (Wachsen ganz feiner Haare am Körper)
Verformung der Nägel
Blutarmut
Elektrolytstörungen
Nierenfunktionsstörungen
Wassereinlagerung im Gewebe
Hormonstörungen
Knochenstoffwechselstörungen (Osteoporose)
Nervenschädigungen
Hirnschwund
u. a.
Das Untergewicht verändert nicht nur das äussere Gleichgewicht des Körpers. Das Untergewicht verändert auch die wichtigsten inneren Lebensfunktionen und stört das innere Gleichgewicht, so dass die Betroffenen nicht nur auf Grund der psychischen Erkrankung als solcher in ihrem Funktionieren beeinträchtigt sind, sondern auch durch die Eigendynamik des Körpers mit Veränderung der Gefühle, der Wahrnehmung und der Konzentrationsfähigkeit, die durch das Untergewicht ausgelöst wird.
Auslösende Faktoren
Es ist wichtig, zwischen auslösenden Faktoren, Risikofaktoren und Hintergrundkonstellationen zu unterscheiden. Anorexie entwickelt sich beim Zusammenwirken verschiedener Faktoren.
Als auslösende Faktoren gelten beispielsweise neue Anforderungen (schulisch und beruflich), Verlusterlebnisse, Trennungsereignisse, Krankheiten oder Beschäftigung mit der in der Pubertät wichtig werdenden Sexualität. Bei Kindern und Jugendlichen können aber auch scheinbar harmlose Faktoren krankheitsauslösend wirken, zum Beispiel das gehänselt werden wegen Übergewicht oder Diäthalten, allein oder auch häufig in einer Gruppe mit Wettbewerbscharakter.
Häufig sind scheinbar unauffällige, von den Betroffenen jedoch als ihnen durch Umstände aufgezwungene Trennungssituationen die Auslöser des Krankheitsgeschehens, so beispielsweise der Weggang von zu Hause zu Ausbildungszwecken für einen Auslandaufenthalt. Bei Kindern und Jugendlichen können die drohende oder vollzogene Trennung der Eltern, der Wegzug in eine andere Gemeinde oder ein Schulwechsel als auslösende Trennungssituationen wirken.
Vermehrte Beschäftigung mit Sexualität gehört zur Entwicklung. In der Zeit der Vorpubertät und der Pubertät, also im Alter von ca. 11-14 Jahren, fangen junge Menschen an, über neue Themen nachzudenken und zu fantasieren. Zu diesen Gedanken und Fantasien gehören Bilder und Überlegungen, die sich mit dem anderen Geschlecht beschäftigen und Erotik und Sexualität zum Thema haben. Dieser natürliche Vorgang scheint viele, später an Anorexie erkrankende Menschen massiv zu verunsichern und zu ängstigen. Vorzeitige Erotisierung und Sexualisierung junger Menschen durch die Umwelt können die Situation erschweren.
Risikofaktoren
- Persönlichkeit
Als Risikofaktoren der Persönlichkeit, d. h. im Hintergrund vorhandene persönliche Konstellationen, die das Zustandekommen einer Anorexie begünstigen, gelten:
Perfektionismus
Sensibilität
Mitgefühl
Ausgeprägte Leistungsorientierung
Starkes Harmoniebedürfnis
Mangelnde Abgrenzung
Soziales Umfeld
Als Risikofaktoren des sozialen Umfeldes, d. h. im Milieu vorhandene soziale Konstellationen, die das Zustandekommen einer Anorexie begünstigen, gelten:
Äusserlich intakte, harmonische Familie ohne eine bewährte Streit- und Konfliktkultur
Starker Zusammenhalt der Familie oder von Teilen der Familie, mit wenig Raum für Individualität einzelner Mitglieder mit der Erlaubnis anders zu sein
Starke Betonung der Leistung als Grund für Wertschätzung anderer Menschen
Rivalität zwischen Geschwistern
Die Erkrankung eines Familienmitglieds an einer Anorexia nervosa ist ein bedeutender Stress für die ganze Familie und führt zu Problemen im Zusammenleben. So ist es häufig schwer abschätzbar, ob spezielle Beziehungsmuster in der Familie eher mitursächlich für die Erkrankung oder eher deren Folge sind.
Behandlung
Fachliche Behandlung
Die fachlich gut fundierte Behandlung der Anorexie ist sehr wichtig. Die Mortalitätsrate (Todesrate) unbehandelter Anorexie beträgt nach heutigem Stand des Wissens im Langzeitverlauf 5 - 20 %. D. h. dass 5 - 20 % der an Anorexie erkrankten Personen innerhalb von 20 Jahren nach Erkrankungsbeginn sterben. Je schneller eine qualifizierte Behandlung einsetzt, umso kleiner ist die Gefahr einer Chronifizierung.
Wahl der Behandlung
Die Behandlung der Wahl ist hierbei eine auf die Behandlung von Essstörungen spezialisierte Psychotherapie. Bei Kindern und Jugendlichen ist dabei eine die ganze Familie erfassende Therapie unverzichtbar. Im Unterschied zu erwachsenen PatientInnen tragen dabei die Eltern eine erhebliche Verantwortung und spielen deshalb in der Therapie eine wichtige Rolle.
Eine körperliche Abklärung sowie je nach Schweregrad engmaschige körperliche Kontrollen sind notwendig, wenn möglich bei Ärzten mit speziellen Kenntnissen über Essstörungen. In der Phase des Nahrungsaufbaus sind auch regelmässige Laborkontrollen nötig, da es zu Störungen des Salzstoffwechsels (unter anderem Phosphatmangel) kommen kann. Bei starker Untergewichtigkeit ist eine Gewichtszunahme Voraussetzung dafür, dass eine Psychotherapie überhaupt wirksam werden kann.
Anorexie als solche kann mit Medikamenten alleine nicht behandelt werden. Meist ist auch eine Ernährungsberatung alleine von begrenztem Nutzen.
Die Schwierigkeiten einer psychotherapeutischen Behandlung ergeben sich jedoch dadurch, dass die Betroffenen selber - und oft auch ihre Umwelt - lange Zeit das Vorliegen einer Erkrankung negieren. Oft wird lange fälschlicherweise angenommen, dass die Betroffene jederzeit mit dem "komischen" Essverhalten aufhören und dazu übergehen könnten, "normal" zu essen. Erst mit der Zeit wird deutlich, dass sich die Problematik dem reinen Willenseinsatz entzieht und dass andere Ansätze zur Veränderung der Situation gesucht werden müssen.
Was zeichnet eine gute Behandlung aus
Eine gute Behandlung zielt immer auf drei Bereiche: auf die Normalisierung des Essverhaltens, auf die Normalisierung des Körpergewichts und auf die Klärung der seelischen Zusammenhänge, die das Entstehen der Erkrankung begünstigt haben, sie aufrecht erhalten und allenfalls einen Rückfall in die Erkrankung begünstigen würden, wenn sie nach Entlassung resp. nach Abschluss der Behandlung unverändert weiterbestehen würden.
Normalisieren des Essverhaltens
Mindestens drei Hauptmahlzeiten und bis zu drei Zwischenmahlzeiten täglich sind notwendig, um den anorektischen Teufelskreis zu durchbrechen. Essgewohnheiten, bei denen das Frühstück immer oder fast immer ausgelassen, das Mittagessen häufig übersprungen und die Hauptmahlzeit auf den Abend "gespart" wird, sind schädlich.
Normalisieren des Körpergewichts
Das Untergewicht führt nicht nur zu körperlichen Veränderungen (Abmagern, Veränderung der Haut, der Haare, der Nägel, der Knochendichte usw.), sondern auch zu Veränderungen in Erleben, Fühlen und Denken. Die Konzentrationsfähigkeit, die vorübergehend gesteigert scheinen kann, lässt bei stärkerem Untergewicht nach, die Stimmung wird schlecht und die Gedanken kreisen während einem grossen Teil des Tages um Nahrung und um den Wunsch nach weiterer Gewichtsabnahme.
Das Untergewicht vermindert Gefühle, Bedürfnisse, Interessen, mit der Zeit auch den Antrieb.
Auf dem Weg zur Besserung
Bei einer Gewichtszunahme kommen bald die Gefühle wieder zurück. Dies wird von einigen Betroffenen als angenehm, von anderen aber vorübergehend als äusserst beunruhigend und destabilisierend erlebt. Auch befürchten die Betroffenen oft, die umsorgende und stützende Umwelt würde sich bei einer Gewichtszunahme abwenden in der Überzeugung, die Betroffene sei wieder gesund. Dem ist in Realität meist nicht so. Gerade wenn das Gewicht steigt und die Gefühle wieder zurückkommen, brauchen die Betroffenen jedoch aufgrund dieser Befürchtung besonders viel Unterstützung durch die Behandler, aber auch durch die Eltern, Geschwister und Freunde.
Ein sicherer Hinweis darauf, dass das Gewicht (wieder) im gesunden Bereich liegt, ist das (Wieder-) Einsetzen von regelmässigen Menstruationsblutungen. Wenn eine Hormonsubstitution (Pille) im Vorfeld stattfand, sollte sie spätestens in diesem Zeitpunkt abgesetzt werden. Nur so können die Signale des eigenen Körpers richtig verstanden werden.
Langzeitverlauf
Von den an Anorexie erkrankten Patientinnen werden 50 - 60 % geheilt, 20 - 30 % leiden über viele Jahre an dieser Erkrankung (chronischer Verlauf), 5 - 20 % sterben innerhalb 20 Jahre nach Erkrankungsbeginn.
Begleiterkrankungen
Begleiterkrankungen sind Erkrankungen, die häufig zusammen mit einer bestimmten anderen Erkrankung auftreten. Die häufigsten Begleiterkrankungen (Komorbidität) der restriktiven Form der Anorexie sind Zwangserkrankungen und soziale Phobien.
Die häufigsten Begleiterkrankungen (Komorbidität) der Anorexie mit Ess-/Brechanfällen sind ebenfalls Zwangserkrankungen und soziale Phobien, aber auch Suchterkrankungen (insbesondere Alkoholabhängigkeit) und Depressionen.
Die Begleiterkrankungen müssen behandelt werden.