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Episode 6
Märchenstunde
Lilly liegt darnieder, Marina geht in die Luft, und Estelle geht ein Licht auf.
«Okay, wer von euch beiden war’s?» Lilly lag schlaff in ihrem Bett. Eine kleine, müde Person. Die Augen rot vom Weinen. Rot wie Blut. Weiss wie Schnee klebten ihr Haarsträhnen im Gesicht. Und die Ränder ihrer Fingernägel waren schwarz wie Ebenholz. Ein verwelktes Schneewittchen. Komplett erschöpft. Als fehlten ihm hundert Jahre Schlaf. «Ich will es wissen.» Sie sog die Luft zum Atmen direkt durch den offenen Mund ein und streckte die Zunge dabei ein wenig über die Unterlippe heraus, als könne sie so mehr Sauerstoff aufnehmen. Marina und Estelle schauten sich an. «Wer von euch hat mir das Leben gerettet?» Marina räusperte sich. «Ich habe gestern Nacht den Alarm gedrückt, wenn sie das meinen.» «Bravo», entfuhr es Estelle, die seit langem wieder einmal durchgeschlafen und nichts mitgekriegt hatte, «da kannst du stolz …» Aber Lilly hob den knochigen Arm (der Armreif rutschte ihr bis zum Ellenbogen) und bedeutete Estelle, ruhig zu sein. Dann winkte sie Marina mit dem Zeigefinger herbei. «Komm näher. Noch näher. Noch etwas näher.» Als Marina vor Lillys Bett stand, warf die Alte ihre Decke zurück. «Schau genau hin.» Lilly drückte sich mit der Fingerspitze fest gegen das rechte Schienbein. In der Haut blieb eine tiefe Delle zurück. Ein richtiges Loch. Dann streckte sie den Fuss, entspannte ihn wieder, streckte ihn abermals, entspannte ihn wieder, als würde sie ein Gaspedal durchdrücken.
«Ich liebe Autos», sagte Lilly und gab noch etwas mehr Gas. «Weisst du warum?» Die Delle in ihrem Schienbein war immer noch da. Unverändert. «Weil ich Autos im Griff habe.» Lilly bekam einen verklärten Blick. «Mein Ford Mustang gehorcht mir. Ich bestimme die Richtung. Ich bestimme das Tempo. Heute wie vor zehn Jahren – als ich ihn beim Schmuck-Röbi an der Bahnhofstrasse gezielt rückwärts und voll Karacho in sein langweiliges Schaufenster lenkte.» Nun musste Lilly lachen. Die Erinnerung verjüngte sie auf der Stelle. Marina kam es vor, als hätte sich einer ihrer Instagram-Filter über Lillys Gesicht gelegt. Was für eine schöne Frau das einmal war! Diese Augen! Und letzte Nacht hätten sie sich beinahe für immer geschlossen. Marina schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen. Nun begann sich die Delle in Lillys Gewebe langsam wieder aufzufüllen. Die Alte drückte gleich nochmals drauf, als würde es ihr Spass machen. «Diese Maschine aber», fuhr sie fort, «macht überhaupt nicht mehr, was ich will. Sie ist jetzt neunzig Jahre gelaufen, auf Hochtouren, es ruckelt hier und es leckt da, es pufft und quietscht und rostet, und alle Anzeigen blinken rot. Ich bin verschlissen. Und selbst wenn man bei mir eine Gesamtüberholung macht und meine Maschine wieder für eine Weile laufen würde, wird sie doch über kurz oder lang für immer stillstehen. Ich sterbe. Und zwar an Altersschwäche. Auch wenn das kein Arzt so im Totenschein vermerken wird. Da steht dann Herzversagen oder Hirnschlag, oder vielleicht kriege ich ja noch eine Lungenentzündung, weiss der Geier, aber im Grunde sterbe ich, weil ich verschlissen bin. Meine Lebensflamme erlischt. So einfach ist das. Und je früher, desto besser.»
Marina wusste gar nicht, wohin schauen. Also zog sie ihr Handy hervor. Estelle, die Motivationstrainerin, richtete sich jedoch abrupt in ihrem Bett auf. «Hat das nicht Thomas Jefferson gesagt? Das mit der Körpermaschine und dem Stillstehen?» Das blasse Schneewittchen bekam umgehend Farbe im Gesicht. Nervös schüttelte sie sich eine Strähne aus den Augen, als wäre sie beim Märchenerzählen aufgeflogen. «Wohl doch nicht komplett auf den Kopf gefallen, so wie es scheint», murmelte Lilly. «Nicht komplett», erwiderte Estelle, «nur mit Absicht.» Marina hatte unterdessen schon Thomas Jefferson gegoogelt und las nun mit immer grösser werdenden Augen einen «Blick»-Artikel über Schmuck-Röbi. «Du hast mir also das Leben gerettet», fuhr Lilly fort. «Das ist höchst unerfreulich, aber trotzdem irgendwie lieb.» Sie kämpfte sich mit klapprigen Beinen in ihrem Bett auf und streckte sich nach den Ballonen an der Zimmerdecke. Als sie drei Ballonschnüre zu fassen kriegte, liess sie sich wieder aufs Bett plumpsen, sichtlich erschöpft. «Und nun werde ich dir das Leben retten.» Lilly zupfte Marina das Handy aus der Hand, zurrte die Ballonschnüre drum herum und liess das Handy zur Decke schweben. «Jetzt ist mal Schluss mit diesem Mist!» Marina hüpfte hoch und versuchte, ihr Handy zu greifen. Da ging die Tür auf. Es brach die zugleich schönste und schlimmste Zeit des Tages an. Die Besuchszeit. Herein kamen Estelles Verlobter und Hitz und Frunz von der Kantonspolizei.