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Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. wurde Hardenberg 1798 nach Berlin [* 2] berufen; es ward ihm neben dem Grafen Haugwitz ein Teil der Geschäfte des Kabinettsministeriums übertragen; außerdem erhielt er 1800 das magdeburgisch-halberstädtische Departement im Generaldirektorium, zeitweilig auch das westfäl. Departement. Als Haugwitz im April 1801 zurücktrat, übernahm Hardenberg allein das Ministerium des Auswärtigen. In der Zeit, da sich England, Rußland und Österreich [* 3] zu einem neuen gemeinsamen Kampfe gegen Napoleon rüsteten, hat sich Hardenberg keineswegs als ein großer weitblickender Staatsmann erwiesen. Er wollte sich keiner der beiden Parteien anschließen, sondern eine Neutralitätspolitik innehalten, aber doch auch zugleich für Preußen [* 4] Erwerbungen machen, ohne Kosten und Anstrengungen.
Das Ziel seiner Wünsche bildete Hannover. [* 5] Um dies zu gewinnen, näherte sich Hardenberg mehrfach dem franz. Kaiser und ließ im dritten Koalitionskriege die preuß. Armee gegen Rußland mobil machen, wenn auch der König selbst, durch Frankreich verletzt (s. Friedrich Wilhelm III., Bd. 7, S. 344 a), eine Zeitlang sich der Koalition anschließen wollte. Allein Hardenberg suchte ihn zu besänftigen und davon zurückzuhalten. Mit H.s Lauheit unzufrieden, berief der König im Herbst 1805 Haugwitz, der sich für die Allianz mit Rußland aussprach, in das auswärtige Ministerium zurück, das nun von Haugwitz und von Hardenberg gemeinsam geleitet werden sollte.
Als aber durch die Schlacht bei Austerlitz [* 6] die Lage gänzlich umgestaltet worden war, unterzeichnete Haugwitz 15. Dez. den franz.-preuß. Bündnisvertrag von Schönbrunn, den der König im ganzen anerkannte, nur daß er einige Abänderungen einfügen wollte: der Vertrag sollte bloß ein Verteidigungsbündnis bilden, und Hannover sollte bis zum Frieden in die Administration Preußens, [* 7] noch nicht in seinen Besitz übergehen. Doch Napoleon verwarf die Abänderungsvorschläge und nötigte Preußen zu dem noch drückendern Vertrage von Paris [* 8] auf den Haugwitz und der König eingehen mußten, da Hardenberg leichtsinnigerweise die Abrüstung der mobil gemachten preuß. Armee befürwortet hatte.
Sonderbarerweise hielt Napoleon Hardenberg für den Hauptgegner Frankreichs in Berlin, und der König verstand sich infolgedessen zur Entlassung des Ministers. Dadurch gewann Hardenberg bei den preuß. Patrioten den Ruhm eines Märtyrers, während Haugwitz dagegen als ein Werkzeug Napoleons ausgegeben wurde. Dieser Irrtum hatte sich lange Zeit erhalten, da auch Hardenberg selbst in den 1808 in Tilsit [* 9] verfaßten Memoiren seine Politik von 1804 bis 1806 als eine thatkräftige und antifranzösische darzustellen versucht hatte. In Wahrheit hat er erst seit dem Unglück von 1806 die furchtbare Gefahr der franz. Weltherrschaft ganz durchschaut; erst seit dieser Zeit ist er der große Vorkämpfer wider Napoleon geworden.
Während des ostpreuß. Feldzuges wurde Hardenberg im April 1807 von neuem zum leitenden Minister Preußens berufen. Mit Rußland schloß er jetzt (26. April) den Vertrag von Bartenstein, [* 10] in dem er die künftige Herstellung Europas bereits mit großen Zügen vorzeichnete. Nach dem Frieden von Tilsit mußte Hardenberg zum zweitenmal auf Napoleons Befehl aus dem Amte weichen. Von Altenstein unterstützt, arbeitete er in Riga [* 11] eine große Denkschrift aus über die Reorganisation des preuß. Staates. Nachdem das Ministerium Dohna-Altenstein sich unfähig erwiesen, die von Stein 1807 und 1808 begonnenen Reformen weiterzuführen und das zerrüttete Finanzwesen des Staates neu zu ordnen, wurde Hardenberg, mit Zustimmung Napoleons, im Juni 1810 zum preuß. Staatskanzler ernannt; er erhielt als solcher die obere Leitung sowohl der auswärtigen wie auch der gesamten innern Politik Preußens.
Vor allem galt es jetzt, die Finanznot zu beseitigen und durch Abzahlung der ungeheuern Kontributionen Napoleon von neuen Übergriffen abzuhalten. Hardenberg verwandelte die auf dem Lande bisher erhobene Kontribution in eine Grundsteuer, ohne daß allerdings seine Absicht, die Steuerprivilegien des Adels ganz zu beseitigen, durchgeführt werden konnte. Die in den Städten bestehende indirekte Steuer, die Accise, wurde in eine allgemeine, auch auf das Land und die Ritterschaft ausgedehnte Konsumtionsabgabe umgewandelt; ihr zur Seite trat eine Luxussteuer.
Weiter wurde eine allgemeine Gewerbesteuer eingeführt und durch Säkularisation der geistlichen Güter sowie durch Verkauf von Domänen neue Einnahmen für den Staat erzielt. So gelang es Hardenberg, den größten Teil der franz. Kontribution aufzubringen und die finanzielle Katastrophe, der Preußen schon nahe schien, glücklich abzuwenden. Bedeutender noch und durchgreifender als im Finanzwesen war H.s rastlose Thätigkeit auf wirtschaftlichem und socialem Gebiet.
Sein Verdienst ist die Beseitigung fast all der Schranken, die einer freiern wirtschaftlichen Entwicklung bisher entgegenstanden und die Durchführung der vollen bürgerlichen Rechtsgleichheit. Durchaus liberal gesinnt und den nationalökonomischen Ideen Adam Smiths zugethan, suchte er von den Ergebnissen der Französischen Revolution, was sich als lebensfähig und nutzbringend erwiesen, auch in Preußen durchzuführen. Der innere Handelsverkehr wurde neu belebt, indem die Handlungsaccise in Fortfall kam;
die Zünfte und die gewerblichen Privilegien wurden aufgehoben und in Preußen Gewerbefreiheit (1811) proklamiert;
durch die Septemberedikte von 1811 wurde die von Stein begonnene Bauernbefreiung weiter geführt, die Bauern erhielten freies Eigentum und das Recht der freien Veräußerung und Erbteilung ihrer Grundstücke;
eine neue Gesindeordnung wurde erlassen, auch die Juden durch das Emancipationsedikt vom März 1812 zu Staatsbürgern erklärt.
Teilweise aber ging Hardenberg in seinen freisinnigen Bestrebungen, die ihm oft scharfe Kämpfe mit der Ritterschaft verursachten, doch zu radikal und mit zu wenig Schonung des in den alten Einrichtungen noch Lebensfähigen vorwärts; er zog sich dadurch u. a. auch die Gegnerschaft Steins zu. Am wenigsten geschah unter Hardenberg für die Fortsetzung der Steinschen Verwaltungsreform.
In der auswärtigen Politik verstand es Hardenberg, den Staat durch alle Gefahren sicher hindurchzuführen und ihm Zeit zur Wiederherstellung, insbesondere zur Reorganisation des Heers, zu verschaffen. Während der Befreiungskriege führte er die äußerst schwierigen Unterhandlungen mit den Verbündeten, unterzeichnete den Pariser Frieden und vertrat dann zusammen mit Wilhelm von Humboldt Preußens Interessen auf dem Wiener Kongreß. Der Tadel, der gegen die preuß. Diplomatie, auch gegen Hardenberg oft laut geworden ist, daß sie verdorben hätte, was die preuß. Waffen [* 12] gewonnen, wird nach neuern Forschungen erheblich eingeschränkt werden müssen. (Vgl. Delbrück, Friedrich Wilhelm III. und Hardenberg auf ¶
Griechenland [* 14] ¶
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dem Wiener Kongreß, in der «Histor. Zeitschrift», 1889.) Eher dürfte der Vorwurf berechtigt sein, daß Hardenberg Metternich gegenüber allzu große Vertrauensseligkeit bewiesen hat. Ein besonderes Verdienst gebührt Hardenberg bei der Erwerbung von Schwedisch-Pommern für Preußen. Nach dem Frieden stand Hardenberg noch sieben Jahre an der Spitze des Staates; den großen Reformen, die jene Jahre erfüllen, gab er mehr seinen Namen, als daß er ihnen seine Arbeit widmete. Sein Lieblingsplan war die Einführung einer Nationalrepräsentation, für die Friedrich Wilhelm in dem von Hardenberg inspirierten Erlaß vom sein Wort gegeben hatte. Vergebens suchte Hardenberg durch Nachgiebigkeiten aller Art dies Versprechen durchzusetzen. Er wohnte den Kongressen zu Aachen, [* 16] Karlsbad und Wien [* 17] sowie zu Troppau, [* 18] Laibach [* 19] und Verona [* 20] bei. Von Verona aus bereiste er dann Norditalien, wurde aber in Pavia krank und starb zu Genua. [* 21]
H.s Memoiren über die Zeit von 1805 bis zum Frieden von Tilsit sind durch L. von Ranke (in den «Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg», 5 Bde., Lpz. 1877) herausgegeben und mit einer eingehenden Biographie H.s begleitet worden. – Über die Glaubwürdigkeit der Memoiren handeln M. Duncker in den «Preuß. Jahrbüchern» (1877 u. 1878) sowie in den «Abhandlungen aus der neuern Geschichte» (1887);
M. Lehmann in der «Histor. Zeitschrift» (1878);
Bailleu in der «Deutschen Rundschau» (1879);
vgl. ferner E. Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter Stein und Hardenberg (Lpz. 1881);
Chr. Meyer, und seine Verwaltung der Fürstentümer Ansbach [* 22] und Bayreuth [* 23] (Bresl. 1892), und für H.s Thätigkeit nach 1815: Hardenberg von Treitschke, Deutsche [* 24] Geschichte im 19. Jahrh., Tl. 2 (3. Aufl., Lpz. 1886).