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Ein Raum, gross wie eine Tiefgarage, kein Tageslicht, hinten öffnen sich Türen zu weiteren Räumen, kein Ende absehbar. Vielleicht ist ja ganz Basel, die ganze Schweiz mit einem weitverzweigten System von Gängen und Räumen unterkellert, das Abertausende von Bildern enthält, akribisch eines neben das andere gehängt, auf den Betonwänden kaum Lücken lassend. Die kleineren sind an den Wänden in langen Reihen befestigt, jedes in einem schmalen Rahmen, schwarz, golden, rot, türkis oder aus hellem Holz, die Passepartouts beige, grau, schwarz, hellgelb, weiss. Grosse Bilder lehnen an den Wänden, eines vor dem anderen, in fünf Lagen, nein, mindestens zehn; manche sind schmal und hoch, wie ein dünner Mensch, der die Arme eng an den Körper presst; andere sind so gross wie die Matratze eines Betts. Auf dem Boden drängen sich Plastiken – menschliche Figuren, einzeln oder zu mehreren nebeneinander in einem Unterstand stehend –, zusammengesetzt aus so ziemlich allem, was sich in der Welt findet. Viele der Bilder und Plastiken sind bunt, knallbunt, keine Farbe vorstellbar, die nicht verwendet worden wäre. Andere sind schwarz, einfarbig, düster. Manchmal ist der Pinselstrich grosszügig, doch meist ist die Ausführung der Motive so fein, dass das Auge den Ziselierungen kaum folgen kann.
Vor der breiten Einfahrt zum Atelier Walter Wegmüllers steht eine Art Wegweiser, vermutlich eine ausrangierte Zeitmaschine. Ein verrostetes, hässliches und schmutziges Gebilde aus Metallplatten, Gitterblech und Röhren. Es hat einen massiven Fuss, aus dem eine Metallröhre senkrecht nach oben sticht. Daran ist ein Kasten von den Ausmassen eines Schuhkartons für Winterstiefel befestigt, der mit einem Vorhängeschloss gesichert ist. Er weist wie ein Wimpel in die Richtung der Ateliertür. «Walter Wegmüller. Kunstmaler», steht dort auf einem Schildchen.
Alle Bilder sind übermalt. Immer wieder übermalt. Oder besser: weitererzählt, redigiert, gestrichen, umgeschrieben, umgestellt, ergänzt, neu erzählt. Denn Walter Wegmüller ist eigentlich ein Schriftsteller, der malend schreibt. So sagt er von sich, während er vor seiner Staffelei sitzt und mit einem dicken Pinsel eine Lasur über ein Sammelsurium von Gegenständen legt, die vor einer Landschaft zu schweben scheinen, nein, falsch, mehreren Schichten von Landschaften.
Eine Glocke, ein Fahrrad, ein Stück Käse, eine Kuh, ein Schirm, eine Leiter, ein Buch, ein Auge, ein Zigeunerwagen, eine Milchkanne, ein Fliegenpilz, ein Fisch, ein Stuhl, ein Messer, ein Hahn verschwinden unter der Lasur. Einer deckenden Lasur. Doch sie ist kaum getrocknet, da zeichnet er auf sie schon neue kleine Gegenstände – oder ein Fabelwesen, das sich krakend über die gesamte Bildfläche ausbreitet. Ein Alb legt sich über das Paradies, der Kitsch über die Kunst, Konkretes über Abstraktes, Knallbuntes über Düsteres. Ginge es nach Walter Wegmüller, würde er, über sein ganzes Leben hin, nur ein Bild gemalt haben und noch heute in seinem ansonst leeren Atelier vor nur diesem einen sitzen. So lange, bis er alles erzählt, bis er alles gemalt hätte. Dann würde er das Bild mit einer letzten, mit einer weissen Lasur überziehen, dem jungfräulichen Weiss einer unberührten Leinwand.
Da auf diese Weise ein Künstler kein Geld verdienen kann, hat er es gelassen. Und als er Windeln für seine Kinder, eine Tüte voller Semmeln zum Frühstück, eine Pfanne oder einen Staubsauger brauchte, zahlte er jeweils mit einem seiner vielen Bilder, die er statt dem einen einzigen gemalt hatte. So begann seine Kunst, ihn und seine Familie zu ernähren. Und sollte er einmal nicht mehr genug Bilder haben, dann kann er immer noch das letzte nehmen, das ihm geblieben ist, und jede der Schichten einzeln ablösen und auf eine eigene Leinwand betten. Schon hat er wieder einen erklecklichen Vorrat.
Einst fragte ihn ein Sammler, der ein Bild kaufen wollte, ob er nicht die Geschichte zu diesem Bild auf die Rückseite…