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Christine Lavant
»Im Kehlkopf nisten sich Kuckucke ein»
Was der Mond nicht schon alles angestellt hat in der Literatur! Und was er nicht alles bedeutet, kaum zu glauben!
Auch in den Gedichten der Christine Lavant taucht er auf. Immer und immer wieder. Mond ist wahrscheinlich das häufigste Wort in ihren Gedichten.
Manchmal versteht man, was gemeint ist:
Die Nacht hängt mit dem Mondgeweih
am Hügel im Wachholderstrauch
Manchmal weniger:
So nah ging mir die Nacht noch nie,
im Halbtraum beuge ich das Knie,
helf ihr das Mondkreuz tragen.
Christine Lavant, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal, Kärnten, als neuntes Kind einer Bergarbeiterfamilie, lebt mit Ausnahme von zwei Jahren zurückgezogen im Geburtsort, verdient ihren Lebensunterhalt mit Strickarbeiten.
Christine Lavant, (Foto von E. Müller, ca.1955), in Ch.L. Bilder und Worte, Otto Müller Verlag, Salzburg.
Und wieviel Herzmetaphern sie erfunden hat! Herzspindel, Rippenuhr, Herzrad.
Die Strophe mit dem Herzrad heisst:
Wohl, du hast dich krummgemacht,
hast das Herzrad umgebracht,
niemand kommt aus Mitternacht
eigens dich gewanden.
Was die Strophe bedeutet? Ich weiss es nicht.
Ich bin nicht einmal sicher, wer mit dem du gemeint ist.
Die Pronomen sind überhaupt eine verwirrende Angelegenheit in ihren Gedichten. Ich und du und sie und er und mein und dein. Aber vor allem Ich und Du.
Zum Beispiel in der folgenden Strophe:
«Bald ist sie gänzlich ausser sich
und teilt sich selbst in Du und Ich
und liegt sich selbst am Herzen»
Mit «sie» ist die Nacht gemeint. Also: Sie, die Nacht, teilt sich in Du und Ich. Und wer wäre dann das Du? Und wer wäre das Ich? Und wie soll man erklären, was das heisst, wenn die Nacht sich selbst am Herzen liegt?
So ist es bei Lavant; man versteht und versteht doch nicht.
Wenn man die Klappentexten der Gedichtbände liest, tönt es immer so, als wäre für die Kommentatoren alles klar, als hätten sie die Gedichte ohne Rest verstanden. Bei mir bleibt immer viel Rest, den ich nicht verstehe.
Warum lese ich die Gedichte dann?
Weil da diese absolut verrückten Sätze, Strophen, Worte sind, die mich umhauen:
«Die Mondtulpe blühte aus meinem Verstand.»
«Diese Nacht war ein Wolf,
vielleicht wird die nächste ein Apfel?»
«Die Schläfen füllen sich mit Föhn.»
«Drüben vor der Scheunentüre
knüpft der Wind seine Regenschnüre.»
Und weil ich doch immer wieder hoffe, der Dichterin auf die Sprünge zu kommen, den Schlüssel zum Verständnis zu finden.
Da ist zum Beispiel das Wort Brunnen.
Seltsam oft kommt es vor, denkt man, da steckt doch was dahinter. Und dann stösst man irgendwann auf eine Strophe, in der steht das Wort Brunnen zusammen mit dem Wort Kehle. Aha, meint man, Brunnen steht für Kehle, Stimme, vielleicht sogar Bewusstsein, das muss ich mir merken. Und man merkt sich das, aber beim nächsten Gedicht, in dem der Brunnen auftaucht, ergibt es dann doch wieder keinen Sinn.
Nein, man kann die Gedichte nicht wirklich verstehen.
Natürlich versteht man, dass da eine bangt und leidet und sich verlassen fühlt in ihrem «winzigen Lazarusleben», eingesperrt im «Würgholz der einsamsten Leiden». Und wenn man Erfahrung hat mit Zuständen der Beklemmung und Schwermut – «schwerer Mut» wie sie das nennt –, dann versteht man Formulierungen wie: »Wenn der Traum herabfällt wie ein Stein».
Aber dass hier «eine Einsame spricht» über das «bittere eigene Los», ist ja nicht das Erstaunliche und Einmalige. Das absolut Erstaunliche ist, wie sie das macht! Woher nimmt sie ihre einzigartige Sprache?
Aus: Christine Lavant, 1964. Bilder und Worte. Otto Müller Verlag, Salzburg
Woher kommen die Worte. Die Bilder? Sie gebraucht ja dieselben Wörter wie wir: Mond, Herz, Sterne.
Und macht aus diesen Wörtern Worte. Vollkommen neue Bilder.
Wie macht sie das?
Ich glaube, die Worte werden ihr zugeflüstert!
Und zwar «hinter dem Rücken des Hirns».
Immer dann, wenn «an den Abenden das Licht jene ganz bestimmte Halbheit erreicht, die nötig ist, auf sich wie auf einen Zweiten zuzugehen.»
Am Anfang der Brief-Erzählung Die Schöne im Mohnkleid beschreibt sie den Vorgang genauer.
Sie liegt im Bett. Es ist Abend oder Nacht. Es geht ihr nicht gut, sie verkriecht sich unter die Decke.
Sie hat Furcht. Jene unbestimmte, abgrundtiefe Angst, die einen aus dem Nichts überfällt.
«Niemand hat es einen gelehrt, aber trotzdem weiss man es nun doch, dass man sich zu teilen hat. Zuerst verändert man ein weniges den Rhythmus des Atems. Verzeih, aber ich kann dir (damit ist ihre Freundin gemeint) das nicht beschreiben, da der Verstand hier so wenig beteiligt ist wie dann, wenn man den Rhythmus eines Gedichts in sich aufkommen fühlt.
Die eine bleibt dann liegen im Bett, die andere geht hinaus, unter die Dinge, ja eigentlich in die Dinge hinein.
Das Zurückkommen allerdings, die Begegnung mit sich selbst, ist schwierig.
«Ich darf nicht vergessen zu sagen, dass es mit jedem Schritt, mit dem man sich sich selbst nähert, schwerer und gefährlicher wird.»
Ja, einfach ist das alles nicht. Es ist eigentlich sehr verwirrend: Diejenige, die Gedichte schreibt, ist die Andere, das Du, das sich in ihr eingenistet hat und das zu Worte kommt, wenn sie sich teilt (siehe oben).
Verwirrend! Kaum zu verstehen, das Ganze!
Sie sagt es ja selber:
«Mein Mund ist sowieso verflucht
zu Zauberspruch und wirrem Plappern.»