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Von Late Talkern und Late Bloomern: Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind!
Schon zwei Jahre alt, aber immer noch sehr sparsam mit den Worten? Ob Eltern von Late Talkern und Late Bloomern sich Sorgen machen müssen, weiss Sylvia Bieri, Vizepräsidentin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandes (DLV). Im Interview erklärt sie zudem, wie Eltern die Sprachentwicklung des Kindes fördern können.
Kinder, die erst mit zwei Jahren erste Worte sprechen, werden in zwei Gruppen eingeteilt: Late Bloomer und Late Talker. Bild: AaronAmat iStock, Getty Images
Frau Bieri, was sollten Zweijährige schon sprechen können?
Die Sprachentwicklung verläuft bei allen Kindern unterschiedlich schnell. In der Regel bilden sie um den zweiten Geburtstag herum Zweiwortsätze wie zum Beispiel «Ball weg», was «Der Ball ist weggerollt» bedeutet, oder «Kuh essen», also «Die Kuh frisst». Sie drücken sich zu Beginn der Sprachentwicklung vor allem mit Wörtern aus, die für die Kommunikation wichtig sind. Kleine Wörter, wie zum Beispiel «der», «die» und «das» werden weggelassen. Kleine Kinder gebrauchen auch noch die Grundform der Verben und sie vereinfachen Wörter, sagen zum Beispiel «Fant» für «Elefant». Dass ein Kind in diesem Alter noch nicht alles verständlich spricht, ist normal.
Müssen sich Eltern Sorgen machen, wenn das Kind zwei oder mehr Jahre alt ist, aber fast nicht spricht?
Wichtig ist, dass das Kind einen guten Blickkontakt hat zu demjenigen, der jeweils mit ihm spricht. Dieser Blickkontakt wird als triangulär, also dreieckig, bezeichnet, weil er das Ich des Kindes, die sprechende Person und den Gegenstand miteinander verbindet. Der Blickkontakt bildet die Grundlage dafür, Sprache zu verstehen. Ein Beispiel: Ein Kind hört von der Mutter einen Begriff oder eine Aufforderung wie «Hol die Gabel!». Es schaut die Gabel an, dann wandert der Blick zur Mutter, um nachzuprüfen, wie sie das gesagt hat und ob sie es allenfalls sogar nochmal genau gleich sagt. Blickkontakt und Sprachverstehen sind somit wichtige Kriterien für eine erfolgreiche Sprachentwicklung.
Können Kinder Sprache aufholen?
Es gibt Kinder, die erste Wörter erst im Alter von zwei oder zweieinhalb Jahren sprechen. Diese Kinder werden in zwei Gruppen eingeteilt: Late Bloomer und Late Talker. Die Late Bloomer holen den Rückstand selbstständig auf und entwickeln sich danach normal. Die Late Talker holen die Sprache dagegen nicht selber auf. Sie brauchen eine logopädische Therapie, um die Sprachentwicklungsstörung zu überwinden. Sind Eltern unsicher, in welche der beiden Gruppen ihr Kind gehört, sollten sie sich an eine Logopädin oder einen Logopäden wenden.
Wie kann eine logopädische Therapie helfen?
Nach einer logopädischen Abklärung wird zunächst gemeinsam mit den Eltern über eine Therapie entschieden. Bei Vorschulkindern ist es in vielen Fällen sinnvoll, die Therapie zweimal wöchentlich durchzuführen. Die Logopädin oder der Logopäde setzt mit der Therapie am Entwicklungsstand des Kindes an. Hat ein Kind zum Beispiel noch keinen Blickkontakt, wird die Logopädin im Spiel den Blickkontakt anbahnen. Außerdem berät sie die Eltern, wie sie ihr Kind im Alltag beim Sprechenlernen ebenfalls unterstützen können.
Lernen Mädchen schneller sprechen als Jungen?
Es sind mehr Jungen von Sprach- und Kommunikationsstörungen betroffen. Ob Mädchen aber schneller als Jungen sprechen lernen, dazu ist uns keine Forschung bekannt.
Sollten Eltern das Sprechenlernen fördern?
Ja, und zwar indem sie im Alltag viel mit dem Kind sprechen! Eltern können über Dinge reden, die gerade geschehen oder bereits vorbei sind. Dabei hilft es, die Kinder in Alltagstätigkeiten und -geschehnisse miteinzubeziehen. Wichtig ist, dass Eltern schon sehr früh mit den Kindern Bilderbücher anschauen oder Bilderbücher erzählen.
Warum sind Bilderbücher hilfreich?
Beim Erzählen von Bilderbüchern bieten Eltern Sprache an und verbinden sie mit Bildern. Die Eltern sind hier ein gutes Sprachmodell. Dabei sollten Eltern nicht nur «Was ist das?» fragen, sondern auch besprechen, was gerade im Buch geschieht. «Wo ist der Bär?» «Findest du den roten Ball?», «Oh schau, da fliegt gerade der Ballon weg. Oje! Meinst du, sie finden ihn später wieder?» So kann das Kind eigene Ideen entwickeln und versuchen, sie sprachlich auszudrücken. Auch Versli und Singen unterstützen die Sprachentwicklung.
In welchen Fällen sollten sich Eltern an den Kinderarzt wenden?
Wenn Kinder mit ungefähr zwei Jahren noch keine Zweiwortsätze sprechen, nur sehr wenige Wörter zur Verfügung haben oder Sprache schlecht verstehen, ist auf jeden Fall eine logopädische Abklärung nötig. Der Kinderarzt kann Adressen vermitteln. Eltern können in vielen Kantonen auch direkt mit einem Logopäden Kontakt aufnehmen. Auf der Website www.logopaedie.ch gibt es Adressen und Kontaktdaten.
Sylvia Bieri ist seit 2013 im Vorstand und seit 2018 Vizepräsidentin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandes (DLV). Sie arbeitet im Kanton Schwyz als Logopädin. Dort sind die Logopädinnen und Logopäden für Kinder von 0 bis 19 Jahren zuständig.
Weitere Informationen sowie einen Flyer finden Sie hier: www.logopaedie.ch/kleinkinder