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Es war kurz vor Mittag, ich war auf dem Weg, um eine Freundin in der Innerschweiz zu treffen. Als ich mich am Bahnhof beim Ticketautomat durch das Menu kämpfte, tippte mir ein Mann auf die Schulter: „Freie Fahrt für Sie!“, sagte er und winkte mit einer Tageskarte. Mein verwirrter Blick liess ihn lächeln: „Ich brauche die Karte nicht mehr, nehmen Sie sie und geniessen Sie die Reise.“ Er drückte sie mir in die Hand und ging. Ich schaute mir die Karte genau an, hatte den bösen Verdacht, sie sei bereits verfallen. Aber sie war gültig und somit hatte ich soeben fünfzig Franken gespart.
Natürlich war mir bewusst, dass die SBB und möglicherweise die Einwohnergemeinden, die die Karten ausgeben, das Verhalten dieses netten Menschen missbilligen könnten. Mich stimmte diese Geste – nicht in erster Linie des gesparten Geldes wegen – glücklich. Wer von Ihnen, frage ich Sie, hat seine Tageskarte je weitergegeben, obwohl seine Reise bereits am Mittag oder frühen Nachmittag zu Ende war? Wer hat überhaupt je daran gedacht, sie verschenken zu können (oder wollen)?
Am Zielbahnhof erklangen aus der Unterführung Gitarrenklänge begleitet von einer dunklen, klaren Stimme. Ich ging an dem musizierenden Mann vorbei und legte einen Zehner in den Hut. Beim Ausgang kaufte ich eine Ausgabe der Zeitschrift ‚Surprise‘ und drückte dem Verkäufer doppelt so viel in die Hand, als dass ich sonst zahle.
Mit meiner Freundin bummelte ich durch die Stadt, wir bestaunten Schaufenster, tranken auf einer sonnenbeschienen Terrasse Kaffee.
Später stellten wir uns in die beachtliche Schlange vor der – ich zitiere - besten Gelateria der Schweiz. Eine so leckere Glace, schwärmte meine Freundin, hast du nie zuvor gegessen. Langsam rückten wir vor, diskutierten die Wahl der Aromen, meine Freundin empfahl Schokolade und Melone. Es sei zwar, sagte sie, die teuerste Gelateria der Stadt, aber die Ausgabe lohne sich garantiert. „Ich bezahle“, beschied ich meine Freundin. „Nein“, entgegnete sie, „das Glace bezahle ich.“ Wir stritten hin und her, bis sich der Mann vor uns umdrehte: „Nein, nun hört auf mit der Streiterei, ich offeriere das Eis!“ Wir lachten. Er bestellte für sich und seine Partnerin Pistazie und Mocca, wandte sich zu um und fragte: „Nun, was nehmt ihr, habt ihr euch entschieden?“ Unsere Proteste wehrte er mit einer Handbewegung ab und bezahlte das Eis.
Auf der Heimfahrt erkundigte sich der Kondukteur freundlich, ob ich einen gelungenen Tag gehabt hätte und wünschte mir eine angenehme Fahrt und einen erholsamen Abend.
Mein Kopf fühlte sich leicht und ein klein wenig schwindlig an. Mir war so viel Gutes zuteilgeworden an einem gewöhnlichen Dienstag, es war kaum zu fassen.
Wenn ich diesen Tag Revue passieren liess, kristallisierte sich folgende Wahrheit heraus:
Freude schenken erzeugt Freude.
Egal, ob es ein Lächeln ist, ein spendiertes Eis, eine Münze im Hut des Musikers oder ein freundliches Wort des Schaffners, die Freundlichkeit, die mir widerfährt animiert mich, sie weiterzugeben, sie zu teilen.
In diesem Sinne spreche ich ein grosses Dankeschön an alle, die jemandem etwas zuliebe tun und ich plädiere dafür, dieses Wohlwollen weiterzutragen, weiterzugeben – und davon zu erzählen. Denn bereits Shakespeare erkannte: ‚Die gute Tat, die ungepriesen stirbt, würgt tausend andere, die sie zeugen könnte‘.