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Paterson
Paterson, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause
Paterson ist Busfahrer in einer Kleinstadt in New Jersey, die genau so heisst wie er. Laura, seine liebenswürdige, sympathische Frau, malt, bäckt und versucht sich im Gitarre-Spielen. Der stille, selbstlose Paterson ermutigt sie bei ihrem Tun, sie spendet ihm begeistertes Lob für seine feinfühligen Gedichte, die er in den Arbeitspausen erfindet und in seinem Notizbuch festhält. Als Laura ihn drängt, die poetischen Kleinode wenigstens zu kopieren, er dies jedoch versäumt, kommt alles anders als erwartet. Die kleine Bulldogge Marvin, eine Mitbewohnerin des Paares, spielt dabei eine nicht zu übersehende Rolle.
Der Film «Paterson» erzählt eine ruhige, für Jim Jarmusch typische, fürs Kino allgemein untypische Geschichte. Seine Figuren werden durch keine dramatische Konflikte vorangetrieben, sondern durch ruhiges Beobachten aus der Nähe am Leben erhalten. Die Struktur des in gedämpften Farben gehaltenen Filmgedichtes umfasst lediglich sieben, ähnlich verlaufende Tagen des Paares. Der Film, wohl einer der handlungsärmsten seines gesamten Oeuvres, lebt von der Poesie der Beobachtungen, deren Details, Wiederholungen und Variationen. «Paterson» stellt eine Art Gegenentwurf zum hochdramatischen und an Action orientierten Mainstream-Kino dar. Es ist ein Film, dem man es gerne erlaubt, einfach an einem vorbeizuziehen, wie die Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt.
Laura und Paterson: das junge Paar
Das Kino im Urzustand
Vorbild und Idol des Busfahrers Paterson ist eine Figur des amerikanischen Kinderarztes und Lyrikers William Carlos Williams (1883 – 1963), der mit seinem bekanntesten Buch «Paterson» die gleichnamige Industriestadt in New Jersey zu einem der literarisch denkwürdigsten Orte Amerikas erhoben hat.
Die vom Busfahrer Paterson verfassten Gedichte stammen aus der Feder von Ron Padgett, einem 1942 in Tulsa, Oklahoma, geborenen Schriftsteller. Gegen Schluss des Films verlinkt Jarmusch seine Hauptgeschichte vielleicht etwas sehr intensiv mit weiteren Vertretern der modernen amerikanischen Literatur, das Thema damit ausweitend, doch gleichzeitig die Ruhe verdrängend.
Paterson, der zuverlässige, brave Busfahrer
Filmen im Escape-Modus
Die verinnerlichte Alltäglichkeit von «Paterson» wurde schon als «amerikanischer Zen» beschrieben, seine skurrile Poesie mit japanischen Haikus verglichen. Was der Franzose, Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes von den Haikus sagt, gilt auch für die Paterson-Gedichte, vielleicht für den ganzen Film: «Sie haben das Recht, belanglos, knapp und gewöhnlich zu sein». Die Diskretion, mit der Jim Jarmusch hier und anderswo filmt, gehört denn auch zu den wunderbaren Geheimnissen, die das Kino auch noch heute bereithält, im Zeitalter der permanenten Blockbuster-Übersteigerung. Seine Filme sind eine überzeugende Illustration der vor allem von Paul Virilio geforderten «Entschleunigung». Jarmusch hat in seinen 19 Filmen nie aufgehört, nach der Escape-Taste zu suchen. Wie kommt man raus? Aus der Kulturindustrie, der Warenökonomie, der formierten Gesellschaft? Als er in den frühen Achtzigerjahren mit Filmen begann, war das Independent-Kino noch jung, frisch und hat in diesem Sinne gewirkt. Heute aber ist der Sumpf der Gegenkultur ausgetrocknet. Google weiss immer, wo wir sind und was wir wollen. Facebook verbindet alles, ob sinnvoll oder unsinnig, miteinander. Die damaligen Aussteiger sind in der Feelgood-Komödien sesshaft geworden, was die eben in Hollywood gefeierten Globe- und Oscar-Zelebrationen bestätigen. Jim Jarmusch hat seine eigene Wertungsskala: eine tiefe Akzeptanz dessen, was ist, und eine zarte, doch glaubhafte Hinwendung zum Miteinander, einen berührenden Humanismus, jenseits aller Dogmen und Glaubensbekenntnisse – quer zur heute weltweit grassierenden Entsolidarisierung. «Paterson» ist ein leises Meisterwerk, vor dem die laute Kinokonkurrenz vor Neid verstummen müsste.
Gemeinsam in einen Film gehen
Von Montag bis Sonntag, mit Gedichten kommentiert
Wie die Obertöne in einem musikalischen Werk, Akkord für Akkord, so begleiten die sieben Gedichte, Zeile für Zeile, welche vor und nach der Arbeit entstanden und in die Handlungen eingeflossen sind, die visuellen Beobachtungen, sie vertiefend und überhöhend.
«Here is the most beautiful match in the world,
so sober and furious
and stubbornly ready to burst into flame,
lighting, perhaps, the cigarette of the woman you love,
for the first time, and it was never really the same after that.
All this will we give you.
That is what you gave me, I
become the cigarette and you the match, or I
the match and you the cigarette, blazing
with kisses that smoulder toward leaven.»
«Leuchten.
Wenn ich vor dir aufwache
und dein Gesicht mir zugewandt ist,
das Gesicht auf dem Kissen,
die Haare ringsherum ausgebreitet,
riskiere ich es, dich anzustarren,
von Liebe verzückt und voller Angst,
dass du die Augen öffnest
und vor Schreck das Augenlicht verlierst.
Doch ohne dein Augenlicht würdest du vielleicht sehen,
wie meine Brust und mein Kopf für dich implodieren.
Darin sind Stimmen gefangen
wie ungeborene Kinder,
die fürchten, niemals das Tageslicht zu erblicken.
Die Öffnungen in der Wand leuchten nun schwach.
Es ist regnerisch blau und grau.
Ich binde meine Schuhe und gehe nach unten,
um Kaffee zu machen.»
«The Run
I go through
trillions of molecules
that move aside
to make way for me
while on both sides
trillions more
stay where they are.
The windshield wiper blade
starts to squeak.
The rain has stopped.
I stop.»
«Die Zeile
Es gibt ein altes Lied,
das mein Grossvater immer sang,
und das die Frage stellt:
Oder wärst du lieber ein Fisch?
In demselben Lied
gibt es die gleiche Frage,
jedoch mit einem Maultier und einem Schwein.
Doch die, die ich manchmal in meinem Kopf höre,
ist die mit dem Fisch.
Nur diese eine Zeile.
Wärst du lieber ein Fisch?
Als müsste es den Rest des Liedes
gar nicht geben.»
Youtube: uvuprUNoHbE
Regie: Jim Jarmusch, Produktion: 2016, Länge: 117, Verleih: Filmcoopi