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Die 1997 in Afghanistan geborene Künstlerin Shahida Shaygan war Teilnehmerin der Gruppenausstellung «The Other Kabul. Remains of the Garden» im Herbst 2022 im Kunstmuseum Thun, es handelte sich um die erste Ausstellung in der Schweiz, die sich mit afghanischer Gegenwartskunst beschäftigte. Die junge Künstlerin wurde eingeladen, hier «The Doll Project» zu zeigen, eine Installation, die schliesslich 100 Puppen umfassen sollte. Nach der Machtübernahme durch die Taliban war Shahida Shaygan im August 2021 die Flucht gelungen, sie schaffte es unter schwierigsten Verhältnissen, mit dem letzten Flugzeug in die Schweiz auszufliegen. Als fast einziges Gepäck befanden sich in ihrem Rucksack 25 aus verschiedensten auf der Strasse gefundenen Materialien und Stoffresten geformte Puppen mit individuell äusserst sorgfältig bestickten Gesichtern. Nach einem ersten Aufenthalt in einem Flüchtlingslager arbeitete Shahida Shaygan weiter am Projekt, nun in einem Atelier in Zürich und mit hier gefundenen, zum Teil hochwertigeren, aber ebenso entsorgten und gefundenen Materialien. Einige der Puppen aus Afghanistan wurden auf der Flucht beschädigt, die Künstlerin liess deren Versehrungen sichtbar, so wie sich die ersten Puppen auch von den in der Schweiz hergestellten durch die Qualität der entsorgten Materialien unterscheiden lassen.
Shahida Shaygan nennt ihre raumgreifende Installation nun «The 100 Dolls». Die fragilen Puppen hängen frei in der Luft, es sind ausgeprägte Individuen, oft leidende, zum Teil starke und selbstbewusste, mehr oder weniger sympathische, selten oder nur auf den ersten Blick fröhliche Figuren, mit Ausnahme von ein, zwei männlichen ausschliesslich weibliche. Eine schutzbedürftige Gruppe, deren Mitglieder in der Begegnung eine breite Skala vielfältigster Emotionen auslösen. «Einige stellen meine Geschwister oder Freunde aus Kabul dar. Andere Figuren kamen mir bei der Arbeit in den Kopf, als ich mich an Menschen erinnerte, die ich hier in Zürich im Bus oder auf der Strasse gesehen hatte. Ob die Puppen schön oder hässlich wurden, das entschied sich bei der Formierung.»
Nach ihrer ersten und bis heute einzigen Präsentation 2022 im Kunstmuseum Thun, hat Shahida Shaygan die beeindruckende Installation für ein Buchprojekt in der aktuell wegen Ausstellungsumbau geschlossenen Galerie Mark Müller wieder aufgebaut. Die Installation kann von Mittwoch bis Freitag, 3. bis 5. April, jeweils von 14 bis 18 Uhr sowie am Samstag, 6. April, von 14 bis 16 Uhr, oder nach Vereinbarung, besichtigt werden.
Shahida Shaygan wurde 1997 in Ghazni in Afganistan geboren. Sie studierte zwei Jahre an der Beaconhouse National University in Lahore in Pakistan, wo sie sich in Miniaturmalerei ausbildete und einen Bachelor-Abschluss in Bildender Kunst erwarb. 2021 flüchtete sie von Kabul in die Schweiz. Heute lebt sie in Zürich. (Text: Beat Wismer, Foto: Beat Streuli)
Öffnungszeiten:
Mi – Fr 14 – 18 Uhr
Sa 14 – 16 Uhr
oder nach Vereinbarung