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Reich werden mit Nancy Pelosi
Eine Woche bevor Corona im Jahre 2020 zur globalen Pandemie mutierte, beschwichtigte US-Senator Richard Burr die Bevölkerung mit der Aussage, die Angst sei übertrieben. Burr war nicht irgendwer. Als Vorsitzender des Geheimdienstausschusses im US-Senat erhielt er von den Geheimdiensten täglich die aktuellsten Briefings zur Entwicklung von Covid-19. Er wusste früher als alle andern: Das kommt nicht gut.
Er und seine Ehefrau verkauften deshalb umgehend Aktien im Wert von 1,7 Millionen Dollar, Aktien, die von einer weltweiten Pandemie betroffen sein würden. Dann schlug die WHO Alarm. Die Aktienkurse sackten um 30 Prozent, Billionen an Börsenwerten wurden vernichtet, die Welt stürzte ins Elend. Nicht aber das Ehepaar Burr. Andere Senatorinnen und Senatoren hatten es ihnen gleichgetan. Es waren allesamt Republikaner und Demokraten, die in Ausschüssen sassen und deshalb einen Informationsvorsprung hatten.
Als Nancy Pelosi vor 37 Jahren ihre Politkarriere startete, wies sie noch ein Vermögen von rund 2 Millionen Dollar aus, mittlerweile sind es über 100 Millionen. Allein im Jahre 2023 erzielte die einstige Sprecherin des Repräsentantenhauses eine Performance von unglaublichen 65,5 Prozent. Damit schlug die «Queen of Investing» nicht nur Warren Buffett (20 Prozent), sondern auch alle relevanten Aktienindizes.
Als Pelosi letztes Jahr erfuhr, dass die US-Regierung dem Chipentwickler Nvidia die Bewilligung erteilen würde, nach China zu exportieren, wettete sie umgehend mit einem Call auf steigende Kurse. Das taten andere später auch, sie tat es früher. Die Aktie stieg innert Wochen um 28 Prozent. Allein mit diesem Trade realisierte die linke Demokratin in wenigen Wochen eine halbe Million Dollar, also rund das Doppelte ihrer Vergütungen als Abgeordnete.
Kollege Michael Guest ist der Vorsitzende der Ethikkommission. Er kaufte Aktien des Online-Casinos Evolution. Kurz darauf schoss der Kurs um 38 Prozent in die Höhe.
Senatorin Tina Smith ist Mitglied des Gesundheitsausschusses. Im November kaufte sie für 250 000 Dollar Aktien des Medizintechnikunternehmens Tactile Systems Technology. Danach stieg die Aktie um 50 Prozent. Die Liste liesse sich schier endlos weiterführen.
Welche Aktien die Volksvertreter kaufen, ist kein Geheimnis. Es gibt eine staatliche Meldepflicht und Aktivisten, die mit kostenpflichtigen Newslettern informieren. Sie nennen den Trader, seine Funktion in den Ausschüssen, listen den Aktienkurs vor und nach dem Kauf und nennen auch die Insider-Info, die mutmasslich zum Trade geführt hat. Auf dem Papier habe ich siebzehn Trades nachgespielt. Vierzehn waren erfolgreich. Ich bin weder US-Senator, noch arbeite ich im staatlichen Beschaffungswesen. Dort sind Insider-Trades besonders problematisch, weil man über die Berücksichtigung von Unternehmen entscheidet, deren Aktien man möglicherweise im Depot hat.
Ist Insiderhandel strafbar? Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Es gab in der Vergangenheit Anklagen wie die gegen Buff oder Kelly Loeffler, aber sie wurden eingestellt. Während in den USA Insiderhandel eine «Veruntreuung von Informationen» darstellt, dient das europäische Verbot dem Kapitalmarktschutz. In der Schweiz ist Insiderhandel seit 1988 verboten.
In der Praxis sind diese Insider-Gesetze jedoch genauso nutzlos wie damals die Prohibition in den USA (1920–1933). Wer Insider-Infos hat, kann sie einem Familienmitglied oder Freund weitergeben, der in seinem Auftrag tradet. Gibt es neue Obergrenzen für die Meldepflicht, kauft man gestaffelt oder verteilt den Börsenauftrag auf mehrere Personen.
Es wird auch in Zukunft unvermeidlich sein, dass Insider einen Informationsvorsprung monetarisieren. Die Verlockung ist zu gross, die Abschreckung zu klein.
Da die meisten Leute nur gerade die Jahre überblicken, die sie bisher erlebt haben, glauben sie, dass heutige Volksvertreter besonders unethisch handeln. Aber würden sie selbst der Versuchung widerstehen, aus einer Insider-Info Kapital zu schlagen? «Der Nutzen», sagte nicht erst der niederländische Philosoph Spinoza (1632–1677), «ist das Mark und der Nerv aller menschlichen Handlungen.» Das wird immer so sein und das Vertrauen in Politik, Medien und Institutionen mindern. Die Wutbürger in den Strassen spüren, dass die Mehrheit der «Volksvertreter» kaum an ihren Problemen interessiert ist.
Wer nebenbei ein Vermögen im Schlaf verdient, hat längst Gefallen an diesem Spiel gefunden und den Draht zur Bevölkerung verloren. Man interessiert sich nicht mehr für die Menschen links und rechts der texanisch-mexikanischen Grenze, sondern eher für die Auswirkungen der schwindenden Kaufkraft auf seine consumer- Aktien.
Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. Ein Kapitel in seinem Lebensratgeber «Hotel California» (Nagel & Kimche) ist dem Aktienhandel gewidmet.