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Was veranlasst einen kanadischen Neutestamentler, über eine zentrale Frage der systematischen Theologie zu schreiben? D. A. Carson ist als Disziplinen-übergreifender Vielleser und Langzeit-Autor – in den letzten 30 Jahren sind Dutzende von Publikationen erschienen – darauf erpicht, die Erkenntnisse von Exegese und biblischer Heilsgeschichte mit den Fragen der Gegenwartskultur in Dialog zu bringen. Er stellt vorab fest: Wir dürfen nicht in die Falle tappen uns einzubilden, dass wir die erste Generation seien, die sich über das Thema „Christus und Kultur“ Gedanken macht (4). Eben so wenig dürften wir uns der Illusion hingeben, dass es möglich sei, nicht mit der Kultur zu tun zu haben. Die Bestimmung der Beziehung zwischen Christen und der Kultur begleitete die gesamte Kirchengeschichte, wobei sich die Schwerpunkte immer wieder verschoben haben.
Das Buch setzt bei einer kurzen Begriffsbestimmung von „Kultur“ ein. Carson zitiert gängige Definitionen, so etwa – hier verkürzt wiedergegeben – Kultur als Vielzahl über die Zeit verfestigter expliziter oder impliziter Verhaltensweisen einer bestimmten Gruppe von Menschen. Daran schliesst sich die Auseinandersetzung mit den fünf Modellen H. Richard Niebuhrs (1894-1962) an, die im angelsächsischen Raum seit Jahrzehnten sehr einflussreich sind. Niebuhr unterscheidet zwischen Christus gegen die Kultur, Christus der Kultur, Christus über der Kultur, Christus und Kultur als Paradox und Christus als Transformator der Kultur.
Nach der Vorstellung der verschiedenen Ansätze Niebuhrs geht Carson zur Kritik über. Sein wesentlicher Einwand besteht darin, dass durch den Einbezug der liberalen Theologie die wesentlichen Konturen der biblischen Botschaft verwischt werden. Carson sieht darum den zweiten Ansatz „Christus der Kultur“ nicht als ernsthafte Alternative an. Die übrigen vier Modelle bezichtigt er eines unzulässigen Reduktionismus, d. h. der Überbetonung einzelner Teile der biblischen Botschaft. Zudem bemängelt er, dass die Modellierung nicht auf aktuelle Herausforderungen zugeschnitten sei. Die Agenda in der heutigen globalisierten Welt habe sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend geändert. Carson stellt denn sein Buch von Anfang an in den Kontext des beginnenden 21. Jahrhunderts: Wir haben es mit der Fragen wie Multikulturalismus, Wert und Verdiensten verschiedener Kulturen im gegenseitigen Vergleich, dem Verschwinden des konfessionellen Christentums im Westen sowie der Beziehung verschiedener Religionen wie z. B. dem Islam zum Staat zu tun. Eine Umgebung, in der Christen verfolgt werden, entwickelt eine andere Beziehung zu der sie umgebenden Kultur als Christen in den nach-christlichen Ländern des Westens.
Eine zentrale Frage lautet darum: Was sind die nicht verhandelbaren biblischen Eckpunkte, um eine Kulturtheorie zu entwickeln? Carson beginnt bei der Schöpfung und dem Sündenfall. „Sünde kann nicht nur als Götzendienst und als archetypische Hybris, sondern auch als Übertreten des Gesetzes gesehen werden. Sie spinnt ihr eigenes korruptes Netz mit all den Folgen, wenn Gott seine Geschöpfe ihren eigenen Begierden überlässt. Sünde ist sozial. Obwohl sie zuerst und hauptsächlich Ungehorsam gegen Gott darstellt, gibt es keine Sünde, die nicht das Leben von anderen beeinträchtigen würde.“ (48) Carson zählt weiter Gesetz und Gottesdienst zur Zeit des alttestamentlichen Israels sowie den neuen Bund, das angebrochene Königreich Gottes und sein weltweites Volk zu den wichtigsten Grundlagen, die das Verhältnis der Christen zu ihrer Umgebung bestimmen sollten. Entscheidend sei vor allem zu bedenken, dass die „aktuellen Beziehungen zwischen Christus und Kultur haben keinen endgültigen Status“ haben (58). Zudem kann Christus als Herrscher und darum Beeinflusser aller Kulturen nicht völlig von der Kultur abgegrenzt werden. Ebenso sind die Christen stets Teil der sie umgebenden Kultur.
Carson wendet sich im dritten Kapitel der Verfeinerung der Begriffe „Kultur“ und „Postmodernismus“ zu. Das Erleben von Kultur geschieht nie abstrakt, sondern trägt einen sehr spezifischen Zug. Gleichzeitig kann es nicht auf die individuelle Erfahrung reduziert werden (z. B. Pariser Kultur). Zudem stellt sich die Frage: Können wir die einzelnen Kulturen evaluieren, indem wir die einen den anderen vorziehen bzw. als überlegen betrachten? Kaum jemand würde zögern die niederländischen Bürger um 1940, welche Juden versteckten, ihren nationalsozialistischen Unterdrückern vorzuziehen (72). Wir kommen also nicht ohne Evaluation aus. Es gilt genau zu unterscheiden: Für Christen, die einen neuen Himmel und eine neue Erde erwarten, ist die Idee des Multikulturalismus („aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation“, Offb 5,9) vertraut. Sie deckt sich jedoch nicht mit dem verbreiteten ethischen Relativismus (76). Die Herausforderung besteht darin, einerseits die entscheidenden Wendepunkte der Heilsgeschichte, so wie sie in der Bibel dargestellt sind, zu berücksichtigen. Anderseits sind die lokalen Unterschiede wesentlich, wodurch sich unterschiedliche Betonungen der biblischen Gesamtbotschaft ergeben (85). Der „Postmodernismus“ richtet sich gegen alle Metaerzählungen, also explizit gegen die biblische Heilsgeschichte. Es wird postuliert, dass man von Objektivismus, der die Moderne geprägt hatte, Abschied nehmen müsse. Carson regt an, von „gemässigtem Postmodernismus“ in Sinne von endlichem menschlichem Wissen zu sprechen. Ausführlicher stellt er dies in seinem Buch „Emerging Church“ (CLV, Bielefeld 2008) dar. Dass Carson solchen differenzierten Überlegungen Raum gibt, stellt aus meiner Sicht die Stärke dieses Buches dar. Er vermeidet das Abgleiten in eine a priori kulturfeindliche Haltung, ohne es zu unterlassen, kritische Fragestellungen auf den Tisch zu bringen.
Er fährt im vierten Kapitel fort, Begriffe mit Konturen zu versehen: Säkularismus, Demokratie, Freiheit und Macht (power). Alle vier sind in sich keine wertfreien Kategorien. Gleichzeitig sind sie gegenwärtig positiv besetzt. Sie können, wenn sich ihr Verständnis innerhalb der normativen Struktur der Bibel bewegt, zum Guten gebraucht werden. Wenn wir sie jedoch aus diesem Zusammenhang herauslösen und ihnen unabhängigen Wert zugestehen, werden sie nur zu schnell missbraucht. Sie stellen dann aus biblischer Sicht Götzendienst dar. Einige Beispiele:
- Ein „authentischer“ Christ (Modewort des Säkularismus) ist in Gedanken, Wort und Tat durch die Gründungsdokumente des Christentums geprägt (121).
- Im Iran stossen Christen mit der sie umgebenden Kultur zusammen – obwohl die Regierung demokratisch gewählt worden war (126).
- Wenn sich eine Gesellschaft von der biblischen Moral löst, steht eine demokratische Mehrheit einer christlichen Minderheit gegenüber.
- Das grösste Paradox christlicher Freiheit besteht darin, dass wir Sklaven Christi sind (139).
Besonders anspruchsvoll ist die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. Darauf kommt Carson im fünften Kapitel zu sprechen. Die Begriffe sind schwammig, weil eine Vielzahl verschiedener Interpretationen existiert. Carson pocht auf eine Unterscheidung zwischen Aktivitäten von (Kirch-)Gemeinden und einzelnen Christen. Er verweist auf Erweckungszeiten in der Kirchengeschichte und den Umstand, dass gesellschaftlich aktive Christen gleichzeitig eifrige Leser der Bibel und treue Mitglieder ihrer Kirchgemeinde waren (154). Ebenso mehrdeutig ist der Gebrauch von „Staat“. Der Begriff „Nation“ stand lange Zeit synonym für Stammeszugehörigkeit. Die Entwicklung des Nationalstaates stammt aus jüngerer Zeit und hat die politische Landschaft nachhaltig verändert. „Mehr und mehr Macht wurde einer staatlichen Zentralgewalt delegiert.“ (157) Nochmals ganz anders präsentieren sich die Herausforderungen in anderen Erdteilen. Wer in China, Türkei, Saudiarabien oder Pakistan wohnt, für den löst schon das Christsein an sich einen Zusammenstoss mit den Behörden aus. Dabei gilt es zwischen nationalen Regierungen bzw. Gesetzen und lokalen Behörden zu unterscheiden. Besonders hilfreich ist auch in diesem Zusammenhang die Auflistung biblischer Belegstellen. Mit Verweis auf 1. Petrus 2,11 stellt Carson beispielsweise fest, dass die moralische Transformation eines Christen sich prinzipiell im Widerstand zur umgebenden Kultur vollzieht (170).
Das letzte Kapitel setzt sich nochmals mit verschiedenen Modellen auseinander. Die u. a. auf Luther zurückgehende Zwei-Reiche-Lehre wird ebenso kurz angeschnitten wie der Neocalvinismus in der Person Abraham Kuypers. Die Kritik im Vorbeigehen hinterliess bei mir ein unbefriedigendes Gefühl, ebenso die kurze Thematisierung des Pazifismus. Der Ertrag des Buches sehe ich auf drei Ebenen. Carson (a) stellt die richtigen Fragen, (b) klärt häufig gebrauchte Begriffe und gibt (3) einen überzeugenden Hintergrund der biblischen Heilsgeschichte.