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| Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

63. Zweck der Welt.
Betrachten wir nun die Bestimmung und Absicht, die dem Bau dieses großartigen und unermeßlichen Werkes zugrunde lag. Gott hat die Welt geschaffen1, wie Plato glaubte; aber aus welchem Grunde sie Gott geschaffen, hat Plato nicht erklärt. "Weil Gott gut ist", sagt er, "und gegen niemand mißgünstig, so hat er geschaffen, was gut ist." Nun sehen wir aber im All der Dinge Güter und Übel. Es könnte daher irgendein Verkehrter, wie jener Theodorus, der Gottesleugner (atheus)2, auftreten und dem Plato erwidern: "Nein, im Gegenteil, weil Gott böse ist, hat er geschaffen, was böse ist." Wie wird ihn Plato widerlegen? Wenn Gott geschaffen hat, was gut ist, aus welcher Quelle ist denn das viele Böse entsprungen, das meistens das Gute sogar überwiegt? "Im Stoffe", sagt Plato, "war das Böse enthalten." Wenn das Böse, dann auch das Gute, so daß Gott entweder nichts geschaffen hat, oder wenn er bloß das Gute geschaffen hat, dann ist das Böse, das nicht geschaffen ist, uranfänglicher als das Gute, das einen Anfang gehabt hat. Es muß also das, was einmal angefangen hat, auch ein Ende haben, und das fortdauern, was immer gewesen ist. Somit hat das Böse den Vorzug; wenn es aber nicht vorzüglicher sein kann, so kann es auch nicht ursprünglicher sein. Demnach ist entweder beides immer gewesen und ist Gott müßig, oder beides ist aus einer Quelle geflossen; denn es ist schicklicher für Gott, daß er lieber alles, als daß er nichts geschaffen hat. Es ist also nach Platos Anschauung derselbe Gott gut, weil er Gutes, und böse, weil er Böses geschaffen hat. Wenn nun dies nicht stattfinden kann, so ist es [S. 209] augenscheinlich, daß Gott nicht aus dem Grunde die Welt geschaffen hat, weil er gut ist; denn er hat alles in ihr eingeschlossen, die Güter und die Übel. Auch hat kein Ding den Grund seines Entstehens in sich selbst, sondern in etwas anderem. Man baut nicht ein Haus bloß zu dem Zweck, damit es ein Haus ist, sondern daß es den Bewohner aufnehme und schütze. Man zimmert nicht ein Schiff in der Absicht, daß lediglich ein Schiff zu sehen ist, sondern daß die Menschen auf ihm das Meer befahren. Ebenso stellt man Gefäße nicht her, damit sie bloß Gefäße sind, sondern damit sie das für den Gebrauch Notwendige aufnehmen. So muß Gott auch die Welt zu irgendeinem Gebrauche geschaffen haben; die Stoiker behaupten, daß die Welt um der Menschen willen geschaffen ist; und das mit Recht, denn die Menschen genießen all die Güter, welche die Welt in sich schließt. Weshalb aber die Menschen selbst geschaffen sind, oder welchen Nutzen an ihnen jene kunstreiche Schöpferin der Dinge, die Vorsehung, hat, das haben die Stoiker nicht erklärt. Daß die Seelen unsterblich sind, versichert uns der nämliche Plato; aber aus welchem Grunde und auf welche Weise, wann und durch wen sie die Unsterblichkeit erlangen, oder was das überhaupt für ein wunderbares Geheimnis ist, daß die, welche zur Unsterblichkeit bestimmt sind, zuerst als Sterbliche geboren werden, um dann nach Ablauf der irdischen Lebenszeit, und nachdem sie die Hülle des gebrechlichen Leibes abgelegt haben, in jene ewige Glückseligkeit versetzt zu werden, das hat Plato nicht erfaßt. So hat er sich auch über die Frage vom Gerichte Gottes und vom verschiedenen Lose der Gerechten und Ungerechten nicht ausgesprochen. Nur von den Seelen, die sich in den Schlamm der Laster versenkt hätten, glaubte er, daß sie zu wiederholter Geburt in den Leibern von Tieren verurteilt würden, um so ihre Sünden abzubüßen, bis sie wieder in die Gestalt der Menschen zurückkehren dürften; und das wiederhole sich immerfort, und es gebe kein Ende der Wanderung. Es ist, als ob uns Plato irgendein traumartiges Phantasiespiel vor Augen führen wollte, dem weder Vernunft noch göttliche Leitung noch irgendein Gedanke zugrunde liegt.
1: Unter facere = schaffen, hervorbringen ist hier das platonische demiourgein zu verstehen, d. h. bilden, gestalten aus einem vorhandenen Stoffe.
2: Theodorus atheus aus Cyrene, Zeitgenosse des Sokrates, Anhänger der cyrenäischen Schule.