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Die menschliche Sexualentwicklung – der Sexualisierungsprozess – dauert von der frühesten Kindheit bis ins Alter. Sie verläuft ähnlich wie die Entwicklung von Motorik, Affektivität, Intelligenz oder Sprache über eine Vielzahl von persönlichen Lernschritten. Die Hirnreifung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Auseinandersetzung mit der Umwelt.
Der Sexualisierungsprozess beginnt mit dem bereits vorgeburtlich angelegten Erregungsreflex, der sich im Verlauf der Entwicklung mit immer mehr motorischen, sensorischen, symbolischen, kognitiven und kommunikativen Funktionen verbindet. Das heisst, es finden genitale Aneignungen statt, die sich über Wiederholungen verfestigen und die Lustfunktion ermöglichen.
Ausgehend von der Exploration des eigenen Geschlechts sowie von genitalen Spielen unter Gleichen und mit dem andern Geschlecht, entwickelt sich die Wahrnehmung der eigenen Geschlechtszugehörigkeit und der Geschlechterdifferenz. Die gleichzeitig ablaufende Sozialisation vermittelt die Begriffe von «öffentlich» und «privat», das heisst von Sexualität als Intimität mit sich und mit andern. Über Rollenspiele, Regelspiele und Initiationsspiele verbinden Kinder sexuelle Erregung mit dem Sozialisationsprozess, kommunikativen Fähigkeiten und emotionalen Intensitäten.
Wie jede Entwicklung verläuft auch die Sexualentwicklung wellenförmig und lebenslang über neue Entdeckungen und über das Festigen von bereits Gelerntem durch Wiederholen oder Zurückgreifen auf frühere Entwicklungsstufen. Körperliche Veränderungen in den verschiedenen Lebensphasen – etwa der «hormonelle Sturm», der die Pubertät einleitet – sowie Krankheiten und Behinderungen erfordern neue sexuelle Lernprozesse mit sich und andern.
Keine menschliche Fähigkeit wird in ihrer Entwicklung von den Eltern und der Gesellschaft so wenig unterstützt, begleitet und verstanden wie die der Sexualität. Während die ersten Gehversuche intensiv gefördert und mit viel Emotionalität und Zuspruch begleitet werden, rufen die ersten Erkundungen auf genitaler Ebene nach wie vor eher zwiespältige Gefühle, Verunsicherung oder Ablehnung hervor. Eltern sind bei Entwicklungsverzögerungen in der motorischen oder sprachlichen Entwicklung rasch beunruhigt, da sie über diese Prozesse gut informiert sind. Hingegen fühlen sich die meisten eher erleichtert, wenn sich ihr Kind nicht allzu sehr mit seiner Genitalität befasst.