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Kryonik
Lapidar gesagt verbirgt sich hinter dem Begriff Kryonik das Einfrieren des Körpers. Nun kann man eine solche Kryostase, auch wenn sie viele Jahrhunderte währen sollte, nicht wirklich als Leben bezeichnen, schliesslich ist der Mensch in dieser Zeit nicht bei Bewusstsein. Die Kryokonservierung ist für diejenigen gedacht, die auf ein zweites Leben hoffen, wenn ihr erstes verbraucht ist.
Die Deutsche Gesellschaft für angewandte Biostase, in der sich die Kryoniker organisiert haben, bezeichnet Kryonik als «Krankentransport durch die Zeit». Wer heute an einer unheilbaren Krankheit stirbt oder bei einem Unfall ums Leben kommt, der soll bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff so lange konserviert werden, bis die medizinischen Fähigkeiten der Menschheit weit genug sind, um den Toten wiederzubeleben.
Mindestens 200 000 Dollar kostet er derzeit, ein Platz im Eis bei der US-amerikanischen Firma Alcor. Wer nur seinen Kopf einfrieren lassen möchte, zahlt 80 000 Dollar. Kryonikern geht es in erster Linie darum, das Gehirn schadlos in die Zukunft zu retten. Alle anderen Organe könnten, so glauben sie, ohnehin ersetzt werden, wenn die Technologie so weit ist, um die Toten aufzuwecken. Wer sich heute dazu entschliesst, braucht allerdings einen sehr festen Glauben an den Fortschritt: Das bisher grösste Organ, das Kryokonservierung und anschliessendes Wiederauftauen überstanden hatte, war die Niere eines Kaninchens.
Auch wenn es bereits früher Überlegungen zur Kryonik gab, beginnt die Geschichte dieser Technologie so richtig erst im Jahr 1962 mit dem Erscheinen zweier Bücher, von denen damals aber nur das Werk «Die Aussicht auf Unsterblichkeit» des Physiklehrers Robert Ettinger aus Michigan einigermassen berühmt wurde. Etwas früher erschien Evan Coopers Schrift «Unsterblichkeit: physikalisch, wissenschaftlich, jetzt», in der er als erster die Einfrieren-und-Warten-Theorie formuliert hatte. Es heisst, Cooper habe die Bewegung, die bald darauf in den USA entstand, wieder verlassen und sei irgendwann im Meer ertrunken. Seine Spuren verlieren sich jedenfalls. Ettingers Körper wurde nach seinem Tod 2011 eingefroren und liegt seither in einem Tank in dem von ihm 1976 gegründeten Cryonics Institute in Michigan.
Nach einigen Fehlversuchen war der Psychologieprofessor James Bedford 1967 der erste Mensch, der in eine kryogene Pause geschickt wurde, nachdem er an den Folgen eines Krebsleidens gestorben war. Seit 1994 liegt sein Körper in einem Alcor-Kühlhaus in Scottsdale, Arizona. Drei Jahre zuvor hatten die Kryoingenieure ihn noch einmal gründlich untersucht und gaben sich in einem Bericht äusserst zufrieden mit dem Zustand nach fast 25 Jahren im Eis.
In einer Übersicht listete der ehemalige Präsident des Cryonics Institute Ben Best vor einiger Zeit acht Unternehmen und Organisationen auf, die Kryonik-Dienstleistungen anbieten. Nach seiner Statistik befinden sich derzeit etwas mehr als 250 Menschen in Kryostase und etwa 150 Tiere. Zu den noch lebenden Interessenten sollen Britney Spears, Paris Hilton und Muhammad Ali gehören. Eine Garantie, dass sie wieder aufwachen, gibt keiner der Anbieter.
Gedächtnis-Upload
Es gibt zwei unterschiedliche Wege in die digitale Unsterblichkeit, die sich in den technischen Details unterscheiden. Der eine wird vor allem vom amerikanischen Autor, Unternehmer und Futuristen Ray Kurzweil propagiert. Kurzweil ist ein Tausendsassa der Technik. Musiker kennen seinen Namen vom Synthesizer, den er in den 1980er Jahren erfunden hatte, darüber hinaus hat er einen Flachbettscanner gebaut und eines der ersten Texterkennungsprogramme geschrieben. Heute arbeitet er als Director of Engineering für Google.
Kurzweil sagt, in 30 Jahren würden wir über Hirn-Computer-Schnittstellen verfügen, die es ermöglichten, unseren gesamten Gedächtnisinhalt in einen digitalen Speicher zu kopieren. Wenn unsere biologische Hülle zerfällt oder durch Unfall oder Krankheit zerstört wird, leben wir in einem Maschinenkörper weiter. Damit der 67jährige Transhumanist durchhält, bis es so weit ist, hat er ein ausgeklügeltes Ernährungsprogramm entwickelt, zu dem täglich 150 Pillen gehören. Sollte es trotzdem nicht klappen, will er seinen Körper bei Alcor (siehe Kryonik) einfrieren lassen.
Wer die digitale Unsterblichkeit auf dem zweiten Weg erreichen will, muss erst einmal sterben. Bei diesem Verfahren wird das Gehirn nämlich in feine Scheibchen geschnitten, um das Muster der Neuronen anschliessend mit grosser Auflösung einzuscannen. Diesem Ansatz liegt die Theorie vom sogenannten Connectom zugrunde. Sie besagt, dass all unsere Erinnerungen im Muster der neuronalen Verschaltungen im Gehirn abgelegt sind. Wer das Muster aller Neuronen samt sämtlicher Verknüpfungspunkte auslesen und ein digitales Abbild davon in einem Computer erstellen kann, der erschafft eine digitale Kopie vom Bewusstsein – glaubt unter anderem der Neurowissenschafter und Präsident der Brain Preservation Foundation Kenneth Hayworth. In hundert Jahren, so hofft er, wird ein solcher Gehirn-Upload mit anschliessendem Weiterleben im Robot-Körper zum Alltag gehören.
Kurzweils Idee ist so futuristisch, dass sie noch nicht einmal vernünftig angezweifelt werden kann. Die Theorie des Connectoms wird aber konkret kritisiert. Viele Hirnforscher glauben zum Beispiel, dass es nicht ausreiche, nur die Neuronen im Gehirn zu digitalisieren. Auch die anderen Zelltypen müssten beachtet werden, selbst wenn ihre Funktion heute noch gar nicht wirklich verstanden werde. Andere sind überzeugt, dass sich Erinnerungen vor allem in der neuronalen Aktivität manifestieren, nicht nur in der plastischen Verschaltung. Auch sind die Scanverfahren noch nicht fein genug. Im Moment würden noch eine Menge Lücken im digitalen Gedächtnis entstehen.
Frischzellen
«Frischzellenkur» ist ein geflügeltes Wort geworden für: etwas Altem durch Zugabe von etwas Jungem neues Leben zu geben. Das mag bei Fussballteams funktionieren, wenn man altgediente Spieler mit jungen ergänzt oder in einem Unternehmen nach vierzig Jahren das Management austauscht. Im menschlichen Körper klappt es leider nicht. Eine Frischzellentherapie am Menschen ist nicht nur nutzlos, sie kann sogar gefährlich sein.
Der Schweizer Arzt Paul Niehans führte das Verfahren 1931 ein. Er injizierte einer Patientin, deren Nebenschilddrüse bei einer Operation verletzt worden war, die zerkleinerte Nebenschilddrüse eines Kalbs, das eigens dafür kurz zuvor geschlachtet worden war. Die Krämpfe der Frau liessen nach, und sie erholte sich bald: Die Zellulartherapie war geboren. Fortan spritzte er vor allem Zellen von Schafsföten und versprach, dass die fötalen Zellen kaputtes Gewebe ersetzen würden. Krankheit und Altersgebrechen seien damit passé.
Die Neuigkeit breitete sich aus wie ein Lauffeuer, und bald gehörten auch Prominente zu den Klienten von Niehans’ Privatklinik «La Prairie» in Clarens bei Montreux: der deutsche Fussballspieler und Bundestrainer Helmut Schön, der Kaiser von Abessinien Haile Selassie und Papst Pius XII., den er von einem hartnäckigen Schluckauf heilte.
Niehans konnte nicht wissen, dass sich das Immunsystem augenblicklich auf das körperfremde Material stürzte und es vernichtete. Heutige Anbieter der Frischzellentherapie werben damit, dass Inhaltsstoffe der fötalen Tierzellen dem Immunsystem entgehen und das menschliche Gewebe verjüngen, vor Allergien schützen und sogar Krebs bekämpfen. Es gibt allerdings keine einzige verlässliche Studie, die eine solche Wirkung bestätigt.
Lebende Zellen werden heute nur noch selten eingesetzt, häufiger sind es gefrorene oder getrocknete Zellen oder Zellextrakte. Nebenwirkungen können dennoch auftreten. Sie reichen von recht harmlosen Entzündungen der Injektionsstellen über schwere allergische Reaktionen bis hin zum Tod.
Obwohl die Präparate vor dem Einsatz in der Schweiz zugelassen werden müssten, gibt es einen vermutlich grossen Markt «ausserhalb des rechtlichen Rahmens», wie das Bundesamt für Gesundheit schreibt. Jedes Jahr reisen zum Beispiel Hunderte von Chinesen in die Schweiz, um sich in Privatkliniken am Genfersee der obskuren Therapieform zu unterziehen.
Vitamine/Antioxidantien
Über die biologischen Mechanismen des Alterns gibt es viele Theorien. Eine davon macht ausgerechnet den lebenswichtigen Sauerstoff verantwortlich für den Verfall. Das klingt erst einmal bizarr, ergibt auf den zweiten Blick aber durchaus Sinn.
Sauerstoff ist notwendig, um Nährstoffe aus der Nahrung in chemische Energieträger zu verwandeln, die die Zellen des Körpers nutzen können. Doch bei dieser Umwandlung entstehen auch in kleinen Mengen sogenannte freie Sauerstoffradikale, Moleküle, die extrem reaktionsfreudig sind, sich mit andern Molekülen in ihrer Nähe verbinden und sie dabei beschädigen.
Als der amerikanische Gerontologe Denham Harman 1956 zum ersten Mal postulierte, dass diese freien Radikale dem Erbgut und anderen Teilen der molekularen Zellmaschinerie schaden, wurde er von seinen Fachkollegen nicht ernst genommen. Erst nachdem Laborversuche gezeigt hatten, wie schädlich die reaktiven Verbindungen tatsächlich wirken und über wie viele Mechanismen die Zelle verfügt, um sich vor ihnen zu schützen, gewann Harmans Theorie Anhänger. Als man daraufhin erkannte, dass einige Vitamine diese Radikale neutralisieren, war eine neue Anti-Aging-Medizin geboren. Die Vitamine C und E oder auch der Pflanzenfarbstoff Beta-Carotin wurden als Radikalfänger bekannt und fortan nahezu beliebig Lebensmitteln zugemischt.
Solche Antioxidantien haben bis heute einen sehr guten Ruf. Dabei mehren sich die Hinweise, dass sie als Lebensmittelzusatz wenig bringen, wahrscheinlich sogar gefährlich sind. Bereits Mitte der 1990er Jahre zeigten Studien, dass Beta-Carotin-Einnahmen das Krebsrisiko nicht senken, sondern leicht erhöhen. In den letzten Jahren gab es immer mehr Befunde dieser Art, und vor ein paar Jahren lieferte der deutsche Internist Michael Ristow, der an der ETH arbeitet, auch eine mögliche Erklärung: Die Zellen brauchen die freien Radikale, um die eigenen Abwehrmechanismen in Gang zu setzen. Fangen hingegen Antioxidantien alle Sauerstoffradikale ab, bleibt die Abwehr inaktiv. Das würde zerstörerische Prozesse in den Zellen auslösen, Krankheiten könnten die Folge sein. Man kann sich das so vorstellen, dass die Sauerstoffradikale für den Organismus wie Trainingspartner wirken. Bleiben sie weg, wird die Abwehr der Zellen schwächer.
Dass wir alle daran glauben, Vitamin C wirke gegen Erkältungen und viele andere Leiden, liegt übrigens am zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling. Ende der 1960er Jahre hatte er die ebenso fixe wie unbewiesene Vorstellung, hochdosiertes Vitamin C sei ein Allheilmittel.
Wenig essen
Eine Zeitlang sah es wirklich danach aus, als wäre wenig essen der Schlüssel zu einem langen Leben. Fadenwürmer leben bei schmaler Kost länger, Fruchtfliegen und Mäuse auch, und von Ratten weiss man bereits seit über hundert Jahren, dass sie länger leben, wenn sie weniger fressen; zudem bekommen sie seltener Krebs.
Dem kalifornischen Gerontologen Roy Walford gelang es in den 1980er Jahren durch systematischen Kalorienentzug, die Lebenserwartung von Labormäusen um 30 Prozent zu steigern. Er war einer der Mitbegründer der Caloric Restriction Society, die nachweisen möchte, dass dieses Konzept auch bei Menschen funktioniert.
Bekommt der Körper zwar alle Nährstoffe, die er benötigt, aber weniger Kalorien, als er im Normalbetrieb brauchte, verfällt er in eine Art Energiesparmodus. Das ist ein offenbar durch die Evolution entstandenes Überlebensprogramm, das bei vielen Tieren anspringt. Zunächst wurde vermutet, dass die Theorie von den freien Radikalen als Altersbeschleuniger (siehe Antioxidantien) dieses Phänomen gut erklären könnte: Wird weniger Nahrung umgesetzt, so die Überlegung, entstehen auch weniger zellschädigende Radikale.
Inzwischen scheint die Radikalhypothese als Erklärung für die molekularen Mechanismen des Alterns überholt. Hingegen haben Wissenschafter entdeckt, dass einige Gene unter knapper Kost aktiviert werden, die zur Lebensverlängerung beitragen könnten – zumindest in der Theorie. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Befunde aus den Tierversuchen nicht so eindeutig sind, wie anfangs angenommen. Der Effekt scheint dann besonders gross zu sein, wenn der Organismus normalerweise eine kurze Lebensspanne hat; für den Menschen keine besonders gute Nachricht, gehört sein Durchschnittsalter doch zu den höchsten im Tierreich. Auch leben nicht alle Mäuse und Ratten länger, wenn man ihre Kalorienzufuhr reduziert. Bei Affen zeigte sich ein ähnlich durchzogenes Bild. Einige Tiere leben länger, andere nicht. In einer 2013 veröffentlichten Studie an Rhesusaffen, deren Kalorienzunahme 25 Jahre lang um 30 Prozent reduziert wurde, konnte kein Überlebensvorteil nachgewiesen werden. Die Forscher kamen zum Schluss, dass Gene und gesunde Ernährung das Leben länger machen können, nicht aber Hungern. Ein Jahr später folgte eine Studie, die doch einen lebensverlängernden Effekt bei Rhesusaffen gefunden haben will. Was sich in den meisten Experimenten deutlich zeigt: Die typischen Alterserscheinungen bei Tieren mit reduzierter Kost setzen später ein und fallen schwächer aus.
Die unklare Datenlage hält einige Menschen nicht davon ab, es dennoch zu versuchen. In Internetforen tauschen sie ihre Erfahrungen aus. Da ist zu lesen, dass die dauerhafte knappe Kost bei vielen auf die Stimmung drückt, manche werden reizbar, und die Libido lässt nach. Die Hardliner unter den Kalorienreduzierern versuchen ihre Stimmung mit Psychopharmaka aufzuhellen.
Telomerase
1961 stand der junge Biologe Leonard Hayflick in einem Labor in Philadelphia und bereitete ein Experiment vor. Er wollte normale Körperzellen mit Krebszellen mischen und beobachten, was dabei passiert. Dazu zog er zunächst die normalen Zellen in einem Laborgefäss heran, doch sie starben ab. Er suchte den Fehler bei sich, wahrscheinlich hatte er etwas falsch gemacht. Denn normale Zellen, so lautete damals die Lehrbuchmeinung, sterben nie, sondern vermehren sich immer weiter.
Es dauerte eine Weile, bis ihm dämmerte, dass er etwas Unerhörtes entdeckt hatte: Zellen teilen sich nur begrenzt, nämlich zwischen 40 und 60 Mal, dann sterben sie. Damit schien das Geheimnis des Alterns gelüftet zu sein: Weil die Zellen nicht ewig leben, kann auch der Körper nicht unsterblich sein, so lautete damals die Schlussfolgerung. In Wirklichkeit ist es allerdings etwas komplizierter.
Es dauerte noch einmal anderthalb Jahrzehnte, bis die Molekularbiologin Elizabeth Blackburn die Ursache für diesen zellulären Verfallsprozess entdeckte. An den Enden der Erbgutfäden in jedem einzelnen Chromosom gibt es Abschnitte, die keine sinnvolle Information enthalten. Sie dienen als molekulare Schutzkappen für die lebenswichtigen Erbanlagen. Bei jeder Zellteilung geht ein kleines Stück von diesen Telomere genannten Schutzkappen verloren, bis nichts mehr übrigbleibt und die echte Erbinformation angeknabbert wird. Dann sterben die Zellen. Diese Erkenntnis führte natürlich schnell zur Idee: Wer das Schmelzen der Schutzkappen verhindert, hält das Altern an. Und tatsächlich entdeckte Blackburn zusammen mit ihrer damaligen Mitarbeiterin Carolin Greider 1984 ein Telomerase genanntes Enzym, das die erodierten Telomere wieder repariert. Es ist allerdings nur in Stammzellen aktiv, die in unserem Körper neues Gewebe produzieren – und in Krebszellen, die sich unbeschränkt teilen.
Bevor der Zusammenhang mit dem Krebs erkannt wurde, galt die Telomerase als der molekulare Jungbrunnen schlechthin. Strategien wurden entwickelt, um das Enzym in normalen Körperzellen zu aktivieren, doch die Versuche scheiterten.
In den Zellen eines Embryos ist die Telomerase noch aktiv, so dass die Länge der Telomere trotz fortgesetzter Zellteilung halbwegs konstant bleibt. Doch bereits bei der Geburt ist die Hälfte der Telomere verbraucht. Jeder Mensch wird übrigens mit unterschiedlich langen Telomeren geboren. Blackburn hat bereits solche vermessen, die theoretisch für ein 150 Jahre langes Leben reichen würden.
Inzwischen ist auch klar, dass die Telomere bei jedem Menschen unterschiedlich schnell dahinschmelzen. Das brachte Blackburn auf die Idee, nicht mehr zu versuchen, die Schutzkappen zu reparieren, sondern ihren Verfall zu bremsen. Dabei scheint ein gesunder Lebensstil mit wenig Stress und viel Bewegung zu helfen. Das zeigten verschiedene Studien an Freiwilligen. Rauchen verzehrt die Telomere hingegen sehr schnell. Blackburn glaubt, dass es einen Zusammenhang zwischen verkürzten Telomeren und einigen Krankheiten gebe, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Leiden. Sie hat meditieren gelernt, nachdem einige kleineren Studien gezeigt hatten, dass Meditation die Telomerschrumpfung bremsen kann.
Noch kann niemand erklären, welche Rolle die Telomere beim Altern des Menschen wirklich spielen. Es gebe im strengen wissenschaftlichen Sinn keinen Beweis dafür, dass die kurzen Telomere daran schuld seien, dass Menschen mit kurzen Telomeren im Schnitt früher sterben und häufiger Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten bekommen und auch häufiger daran sterben, erklärt Blackburn. Doch gebe es sehr starke Korrelationen.
Zellen reparieren
Aubrey de Grey will die Menschheit vom Tod befreien. Er betrachtet Altern und Sterben als heilbare Krankheit oder als Programmierfehler der Evolution, den er, der studierte Informatiker und Autodidakt der molekularen Gerontologie, beheben will. Weil de Grey weiss, dass er das nicht alleine schaffen kann, hat er die Sens-Stiftung gegründet und mit vier Millionen Dollar Spendengeldern 2003 den Methusalem-Maus-Preis gestiftet.
Der Preis ist für Forscher gedacht, die es schaffen, das Leben einer Maus zu verlängern. Ein Teil des Geldes wurde bereits ausgeschüttet, etwa an eine Arbeitsgruppe, die es durch einen gentechnischen Eingriff in den Hormonhaushalt einer Maus geschafft hatte, ihre Lebensspanne von normalerweise etwa drei auf knapp fünf Jahre zu vergrössern. Die Forscher vermuten, dass durch den Eingriff im Körper der Mäuse etwas Ähnliches passiert, wie wenn man die Tiere auf kalorienreduzierte Spezialdiät setzt (siehe «Wenig essen»).
De Grey nutzte seinen Programmiererverstand, um sieben Angriffspunkte in der menschlichen Biologie zu identifizieren, an denen sich durch gezielte Eingriffe der Alterungsprozess bremsen lassen sollte. Er betrachtet dabei vor allem molekulare Mechanismen, die im Inneren der Zellen ablaufen. Wo es theoretisch möglich ist, will er per Gentechnik reparieren, was seiner Meinung nach von der Evolution verpfuscht wurde.
Damit kein Krebs entstehen kann, möchte er zum Beispiel jenes Enzym, das zu wucherartigem Zellwuchs führt (siehe «Telomerase»), aus dem Körper verbannen. De Grey nennt sein Konzept «Sens», die Abkürzung steht für «Strategies for Engineered Negligible Senescence», was sich etwa mit «Technologische Strategien, die den Alterungsprozess vernachlässigbar machen» übersetzen lässt.
Zentral in de Greys Überlegungen sind die Mitochondrien, die Energie für den Organismus produzieren. Diese zellulären Kraftwerke haben ein eigenes Erbgut, das durch die biochemische Schwerstarbeit in diesen Zellorganen immer wieder Schäden abbekommt. Mutationen sammeln sich an, die Mitochondrien werden unbrauchbar, die Zelle stirbt. Die de Greysche Lösung: die Gene der Mitochondrien-DNA einfach in den Zellkern kopieren, wo sie besonders geschützt wären.
Was nicht per Gentechnik behoben werden muss – oder kann –, will de Grey mit Medikamenten reparieren. So möchte er zum Beispiel Versteifungen im Gewebe, die Blutgefässe weniger elastisch machen, durch Arzneimittel aufweichen und so dem Verschleiss vorbeugen. Impfungen sollen den Körper dazu bringen, biologische Abfallstoffe effektiver zu entsorgen, die de Grey für das Altern mitverantwortlich macht. Stammzellen sollen defektes Gewebe ersetzen.
De Grey hält es für die einfachste Lösung, diese sieben Konstruktionsfehler der Evolution technologisch zu reparieren. In den nächsten 25 Jahren solle es möglich sein, die Lebensspanne der Menschen um wenigstens 30 Prozent zu verlängern. Viele Altersforscher halten die Ideen zwar für interessant, weisen aber darauf hin, dass es ungewiss sei, ob sie zur Lebensverlängerung beitrügen. Zudem benötigten sie Technologien, die es heute noch gar nicht gibt, deshalb sei es müssig, ernsthaft darüber zu diskutieren. Als Quereinsteiger in die Altersforschung hat es de Grey in sehr kurzer Zeit auch gleich zum Enfant terrible geschafft, und das nicht nur wegen seines auffälligen Aussehens. Der lange Bart und die Haare sind zu so etwas wie seinem Markenzeichen geworden, genauso wie der oft ziemlich schlabberig sitzende Wollpullover.
Geadelt wurden seine Hypothesen durch einen Wettbewerb, den das amerikanische Magazin «Technology Review» im Jahr 2005 auslobte: Die Redaktion bot 20 000 Dollar für denjenigen, der nachweist, dass das Sens-Konzept «so falsch sei, dass es einer wissenschaftlichen Debatte unwürdig sei». Bis heute hat die fünfköpfige Jury erst die Hälfte des Preisgeldes vergeben. Allerdings nicht, weil die Beweisführung der belohnten Wissenschafter sie überzeugte, sondern, weil der Beitrag so eloquent formuliert war.
Kältestress
Es widerspricht zwar aller Erwartung, aber Kälte kann lebensverlängernd wirken – zumindest wenn man ein Fadenwurm oder ein Fisch, eine Maus oder eine Ratte ist. Die Intuition sagt, das könne nicht sein. Bei niedrigeren Temperaturen müsste man mehr Energie umsetzen, das reibt den Körper auf, ein frühes Ende droht. Tatsächlich aber, und das kam erst durch ein Experiment im Jahr 1985 heraus, kann Kälte die Lebenserwartung erhöhen. Zwei Forscher sperrten dazu Ratten für vier Stunden pro Tag in ein Fussbad mit kaltem Wasser, fünf Tage die Woche, für 23 Monate. Die Ratten frassen mehr als Tiere an der Wärme, waren aber trotzdem viel dünner. Sie lebten im Durchschnitt anderthalb Monate länger als die Kontrolltiere. Damit war zum ersten Mal gezeigt, dass auch für warmblütige Tiere gilt, was seit 1916 bereits von Kaltblütern wie der Fruchtfliege bekannt war.
Noch bis vor etwa zwei Jahren glaubte man, dass dieser Effekt mit dem Temperaturhaushalt der Organismen zusammenhänge. Im Februar 2013 berichtete dann jedoch ein amerikanisch-chinesisches Forscherteam, dass in den Fadenwürmern eine biomolekulare Kaskade in Gang gesetzt wird, wenn sie bei 20 Grad Celsius aufwachsen anstatt bei 25 Grad. Am Ende dieser Kaskade wird ein Gen aktiviert, von dem bereits seit längerem bekannt ist, dass es die Lebensspanne von Fadenwürmern verlängert. Es wird zum Beispiel auch durch Kalorienrestriktion eingeschaltet. Diesen biomolekularen Schaltweg gibt es so ähnlich zwar auch in menschlichen Zellen, für den Homo sapiens wurde eine Lebensverlängerung durch Kälte allerdings noch nie nachgewiesen.
Für Mäuse – Säugetiere wie wir – allerdings schon. Und bei Mäusen lässt sich die Körpertemperatur auch durch einen gentechnischen Kniff absenken, dann leben sie länger. Kein Mensch würde einen solchen Eingriff über sich ergehen lassen, nur um ein paar Jahre mehr zu haben. Immerhin gibt es auch weniger radikale Wege, um den Körper abzukühlen, die man zunächst versuchen kann. Es ist zwar noch nicht erwiesen, dass es auch lebensverlängernd wirkt, wenn man nur die Körperoberfläche durch kalte Duschen oder Kneippkuren kühlt, aber man wird zumindest morgens davon sehr wach.
Ehe
Zu den wenigen Massnahmen, deren lebensverlängernde Wirkung nachgewiesen ist, gehört die Ehe. Dazu bedarf es nicht unbedingt des kirchlichen Segens oder eines Zertifikats vom Staat – eine langjährige stabile Partnerschaft hat denselben Effekt. Allerdings profitieren bei einer gemischtgeschlechtlichen Bindung nicht beide Partner gleichermassen. Männer sind klar im Vorteil, das hatte erstmals eine Analyse amerikanischer Zensusdaten im Jahr 1913 gezeigt. Diese Beobachtung wurde seither wieder und wieder für die verschiedenen Länder bestätigt. Das Sterberisiko verheirateter Männer sinkt überall stärker als das ihrer Partnerinnen. Damit auch das Sterberisiko der verheirateten Frau sinkt, muss die Ehe glücklich verlaufen. Herrscht ständig Streit, verzehrt das die Lebensspanne der Frauen stärker als die der Männer.
Wie viele Lebensjahre eine solide Partnerschaft konkret ausmacht, lässt sich nicht einfach beziffern. Die Forscher ermitteln in ihren Untersuchungen keine Zeitspannen, sie kalkulieren Sterbewahrscheinlichkeiten. Jeder Mensch hat in jedem Alter ein gewisses Risiko zu sterben, das mit jedem Lebensjahr ein bisschen ansteigt. Eine feste Partnerschaft senkt dieses Risiko unter Umständen. Starkes Rauchen, um ein anderes Beispiel zu nennen, steigert das Sterberisiko in jeder Altersgruppe hingegen deutlich.
Der positive Effekt einer Beziehung fällt für die Männer besonders gross aus, wenn ihre Frau deutlich jünger ist als sie. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Demographie in Rostock an der Ostsee konnte diesen Zusammenhang vor ein paar Jahren erstmals zeigen. Dabei gilt sogar: Je grösser der Altersunterschied, desto länger lebt der Mann. Eine ältere Partnerin hat keine lebensverlängernde Wirkung auf Männer, im Vergleich zu ledigen Geschlechtsgenossen. Ist die Partnerin zwischen sieben und siebzehn Jahre älter, steigt das Sterberisiko des Mannes sogar um 30 Prozent.
Für Frauen scheint ein jüngerer Mann hingegen ein Risiko darzustellen. Je grösser der Altersunterschied in dieser Konstellation ausfällt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu ledigen Frauen, früher zu sterben. Ist die Frau zwischen 15 und 17 Jahre älter als ihr Partner, steigt ihr Sterberisiko um 40 Prozent im Vergleich zu einer Frau, die einen Partner in ihrem Alter hat.
Nicht nur eine jüngere Partnerin scheint lebensverlängernd auf Männer zu wirken, sondern auch der Bildungsstand der Frau. Das hat eine schwedische Untersuchung im Jahr 2009 herausbekommen. Für die Lebenserwartung von Frauen wiederum ist es günstig, wenn der Gatte über ein hohes Einkommen verfügt. Es gibt nur Erklärungsversuche für diese kleinen, aber deutlichen Unterschiede in der Lebenserwartung. Bei Männern scheint eine jüngere Partnerin für bessere soziale Kontakte und insgesamt für eine bessere Stimmung zu sorgen, ausserdem werden die Männer im Alter, falls sie krank werden sollten, besser gepflegt. Auch achten höher gebildete Frauen offenbar eher auf die Gesundheit ihrer Männer; vor allem deren Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden geht zurück. Die Frau mit einem jüngeren Partner könnte hingegen darunter leiden, dass sie mit den etablierten gesellschaftlichen Normen bricht. Das könnte Stress auslösen und zu einer höheren Anfälligkeit für Krankheiten führen.
Partner in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften haben im Durchschnitt generell eine etwas niedrigere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung – egal, ob gebunden oder alleinstehend.
Gentechnik
1958 stiess der israelische Endokrinologe Zvi Laron auf ein merkwürdiges Phänomen. Er entdeckte eine Gruppe von kleinwüchsigen Kindern, in deren Blut er eine auffallend hohe Menge Wachstumshormon fand. Dieser widersprüchliche Befund machte ihn neugierig, und er versuchte die Ursache zu verstehen. Acht Jahre später veröffentlichte er die Lösung: Was den kleinwüchsigen Kindern fehlte, waren nicht die Wachstumshormone, sondern funktionstüchtige Rezeptoren auf den Zellen, an die sich das Hormon binden kann. So wurde Laron zum Namenspaten für das Syndrom.
Seit mehr als zwanzig Jahren verfolgen Ärzte eine Gruppe von Menschen mit dem Laron-Syndrom, die in einem entlegenen Dorf in Ecuador leben. Dabei zeigte sich, dass sie, obwohl sie zu Übergewicht neigen, keinen Diabetes entwickeln. Sie bekommen auch kaum Krebs, und sie scheinen langsamer zu altern. Inzwischen weiss man, dass durch den defekten Rezeptor ein weiteres Wachstumshormon mit dem Namen IGF-1 nur in sehr geringen Mengen gebildet wird. Das führt zwar zu Kleinwuchs, hat aber die genannten Gesundheitsvorteile. Wenn man bei Mäusen das entsprechende Gen ausschaltet, bleiben die Nachkommen klein, sie leben aber im Durchschnitt 50 Prozent länger als normale Versuchstiere. Manche Tiere werden sogar doppelt so alt wie Mäuse mit einem funktionierenden Rezeptor. Sie entwickeln auch weniger Altersgebrechen. Schaltet man bei Fadenwürmern das entsprechende Gen ab, leben sie ebenfalls doppelt so lange. Einen solchen genchirurgischen Eingriff bei Menschen vorzunehmen ist in der Theorie bereits heute möglich, in der Praxis aber wohl noch Jahrzehnte entfernt. Es ist ausserdem unwahrscheinlich, dass ein einzelnes Gen beim Menschen einen so gewaltigen Unterschied macht wie beim Wurm, der nur aus etwa 1000 Zellen besteht. Wahrscheinlicher ist, dass ein Gen beim Menschen viele Aufgaben gleichzeitig erfüllt, was einen gentechnischen Eingriff zumindest zurzeit noch unkalkulierbar macht.