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Das Urteil
Wir haben uns hier ja schon mit dem Fall Pistorius befasst, meine Damen und Herren, in all seinen Facetten, inklusive der problematischen Heroisierung von Spitzensportlern. Norbert Bolz schreibt dazu: «Der antiheroische Affekt der Moderne markiert nicht einfach den Abschied vom Helden, sondern eine Gefühlsambivalenz. … Das Heroische wird in die psychischen Naturschutzparks von Sport und Unterhaltung abgedrängt.»
Nun ist das Urteil gesprochen, und Richterin Thokozile Masipa steht nach diesem Urteil unter Polizeischutz. Grund sind Anfeindungen und Drohungen von südafrikanischen Landsleuten, die Masipas Entscheid als zu mild empfinden. Masipa hat Pistorius wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, aber vom Vorwurf des Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp freigesprochen. Das Strafmass soll Mitte Oktober festgelegt werden. Ich persönlich halte Pistorius für einen unsympathischen, selbstherrlichen und unreifen Charakter. Aber das macht ihn ja noch nicht zum Mörder.
Ruin der Popkultur
Der Fall des Oscar P. ist oft mit dem spektakulären Mordprozess um den einstigen Football-Helden O. J. Simpson verglichen worden. Simpsons Verhaftung liegt aktuell genau 20 Jahre zurück. Aus diesem Anlass erschien neulich ein überaus faszinierendes Stück in Vanity Fair, das darlegte, inwiefern ebendieser Simpson-Prozess als das Inauguralereignis zu betrachten ist, das die Grenzen zwischen Celebrity und Infamy aufhob. Und damit die amerikanische Popkultur ruinierte. An den kulturellen Folgen tragen wir noch heute. Der gesamte Kardashian-Hilton-Hills-Housewives-Komplex ist aus den qualmenden Trümmern des Wracks hervorgegangen, das der O.-J.-Prozess war. Vor dem Simpson-Prozess hatte Berühmtheit mit Bedeutung und Besonderheit zu tun, danach mit: Präsenz und Selbstzurschaustellung; jedenfalls in der Liga der sogenannten Reality Stars. Also jener Chargen, die dafür bekannt sind, dass sie Anführungsstriche unten sie selbst Anführungsstriche oben sind.
Auch wenn sie nicht so aussehen. Wie sie selbst, meine ich. Sondern wie: Seifenopernschauspieler. Wie Vanity Fair treffend feststellt, sehen die Darsteller in Seifenopern ganz anders aus als beispielsweise Filmschauspieler: die regelmässig chirurgisch perfektionierte Perfektion ihrer Körper und Symmetrie ihrer Gesichter lässt dem Auge nichts zum Hängenbleiben, dem Gemüt nichts zum Wundern und Bewundern – sodass sie letztendlich in Vollendung beliebig und austauschbar erscheinen. Oder, um Vanity Fair direkt zu zitieren: A Hollywood world, only not first-rate Hollywood. Not even second-rate Hollywood. Third-rate Hollywood, though, is what reality TV is all about.
Reality Shows sind ein Beitrag zur Verhunzung der Kultur, die Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa 2013 in seinem kulturkritischen Essay «Alles Boulevard» behandelte. Vargas Llosa spricht vom «Primat der Bilder über die Ideen». Es gibt übrigens – und das ist ein selten gewürdigtes Phänomen – auch Berühmtheiten, die von der einen Kategorie (Bedeutung; hat was mit Talent zu tun) in die andere (Selbstvermarktung und reine Zurschaustellung) abgewandert sind. Nicht abgerutscht oder abgedrängt: abgewandert. Weil es eben ziemlich lukrativ sein kann. Das sehen wir zum Beispiel bei Gwyneth Paltrow.
Wer war Ann Woodward?
Doch ich schweife ab. Vielmehr möchte ich angelegentlich des Falls Pistorius jenseits der O.-J.-Parallele gerne auf eine andere Parallele hinweisen: Ann Woodward. Das wird Ihnen vielleicht spontan nichts sagen, meine Damen und Herren – aber der Fall Woodward war einer der spektakulärsten Erschiessungsfälle in den USA im 20. Jahrhundert: Das ehemalige Showgirl Ann Woodward erschoss seinen Mann, den Millionenerben Billy Woodward, im Wochenendanwesen des Paares in Oyster Bay, Long Island, nachdem die Woodwards von einer Dinner Party für die Herzogin von Windsor zurückgekehrt waren.
Das war am 30. Oktober 1955, und Ann erklärte, sie habe Billy für einen Einbrecher gehalten. Klingt uns vertraut. Die Jury brauchte eine halbe Stunde, um sie unschuldig zu finden, doch es bewahrheitete sich für Ann Woodward das Diktum des Gesellschaftschronisten Dominick Dunne: Das Leben hat eine Tendenz, das auszugleichen, was Gerichte nicht erledigen. (Siehe O. J. Simpson. Allerdings ist bei Ann Woodward die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie tatsächlich unschuldig ist.) Ann Woodward wurde ihres Lebens nicht mehr froh. Die Gesellschaft wandte sich von ihr ab, ihre beiden Söhne brachten sich um; und Ann selbst schluckte in ihrem Fifth-Avenue-Apartment eine Zyankalikapsel, als sie hörte, dass Truman Capote die skandalöse Geschichte, die ihr überallhin folgte, in seinem Roman «Answered Prayers» verarbeitet hatte, der im Vorabdruck 1975 in Esquire erschien. Billys Mutter Elsie Woodward, damals in ihren Neunzigern, soll sechs Wochen nach dem Selbstmord ihrer Schwiegertochter folgenden Ausspruch getan haben: «Well, that’s that. She shot my son, and Truman just murdered her, and so now I suppose we don’t have to worry about that anymore.»
Bild oben: Ex-Football-Profi O. J. Simpson zelebriert 1995 im Mordprozess gegen ihn, dass ihm der angebliche Täterhandschuh viel zu klein sei. Foto: Reuters