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Liebe Vre
Nie werde ich den 22. Februar 2002 vergessen. An diesem Tag erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass du in Somalia getötet wurdest, brutal erschossen von Einheimischen. Wer die Mörder waren und in wessen Auftrag sie gehandelt hatten, haben wir nie erfahren.
Du hattest etwas geahnt, fühltest dich dieses Mal nicht richtig wohl in Merka, sagtest zum Beispiel am Telefon, wenn dir etwas passieren sollte, würden wir von den Ältesten informiert. Weil ich in die Ferien fahren wollte, hatten wir uns am Telefon verabschiedet. Ein wenig später riefst du nochmals an, um mir schöne Ferien zu wünschen; ich war etwas ungeduldig, verstand nicht, warum du nochmals Adieu sagen wolltest. - Das war unser letztes Gespräch, wohl eine Woche vor deinem Tod.
Seither sind zehn Jahre vergangen.
Was du begonnen hast in Merka, geht weiter. Noch immer besteht das Ambulatorium im Armenviertel, die Berti-Wicke-Primarschule erfüllt ihre Aufgabe, der Besuch der Mittelschule, die nach dir benannt wurde, ist begehrt bei den jungen Somalierinnen und Somaliern. Deine ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten zum Teil immer noch in "New Ways". Das Bauerndorf Ambe Banaan gehört auch immer noch dazu. Seit drei Jahren gibt es in Ambe Banaan einen Gesundheitsposten mit einem Sanitäter, der leichte Fälle behandelt und Medikamente abgibt.
Auch die finanziellen Mittel, die es braucht, um diese Aufgaben weiter wahrnehmen zu können, konnten immer wieder aufgebracht werden.
Wie war dieses Wunder möglich?
Es sind verschiedene Menschen, die daran teilhaben:
Zunächst die Mitarbeiter in Somalia, die es von Anfang an gewohnt waren, ihre Arbeit auch zu tun, wenn du in der Schweiz weiltest, das war dir ein Anliegen, du wolltest nicht sog. Entwicklungshilfe geben, sondern Hilfe zur Selbsthilfe.
Dann hat sich der Vorstand des Fördervereins "Neue Wege in Somalia" seit dem ersten Tag nach deinem Tod dafür eingesetzt, dass die Arbeit weitergeführt werden konnte.
Die Präsidentin, die du bestimmt hattest, Jenny Heeb, hat seit zehn Jahren ihre ganze Kraft und Zeit für das Werk eingesetzt!
Unterstützt wurde und wird sie von wechselnden Vorstandsmitgliedern, zuerst von deiner Tochter Maya und deinem Sohn Urs, vom inzwischen verstorbenen Bruno Rais, von meinem Mann und mir, später von Vreni Gertsch, Heiri Frei, Bigna Rambert, Urs Etter, Bashir Gobdon und einigen anderen.
Die Berti Wicke-Stiftung unter Ruedi Strahm, verschiedene andere Stiftungen, zahlreiche Kirchgemeinden, religiöse Sozialistinnen und Sozialisten, Mitglieder der Vereinigung unserer Zeitschrift "Neue Wege" sowie Freundinnen und Freunde von dir, sie alle haben den Förderverein finanziell treu unterstützt.
Die italienische Organisation COSV und vor allem Magda Nur und ihr Mann haben oft vor Ort geholfen, wenn es zu gefährlich war für den Vorstand, nach Somalia zu reisen. Leider sind solche Reisen wegen der politischen Lage schon seit einigen Jahren nicht mehr möglich. Dafür ist die Kommunikation einfacher als zu deiner Zeit, als manchmal nur per Fax auf dem kleinen Postbüro eine Nachricht geschickt werden konnte.
Deine Briefe sind als Buch herausgekommen mit dem poetischen Titel: "Und grüsse euch mit dem Ruf des Regenvogels". Schön wäre es gewesen, wenn du weiter hättest in den "Neuen Wegen" von "New Ways" berichten können…
Über den Zustand des Landes wärest du traurig: Die Islamisten haben zu viel Macht, sie haben sogar das Ambulatorium eine Zeit lang geschlossen, und noch immer entbehrt Somalia eine handlungsfähige Regierung. Die Dürre hat Tausende von Opfern gefordert, viele Flüchtlinge sind auch nach Merka gekommen und haben zum Teil von "New Ways" Hilfe erhalten mit Unterstützung der Caritas Schweiz! Das hätte dich gefreut.
Wenn du noch lebtest, hättest du dich auch sicher gefreut über deine Enkelinnen und Enkel, hättest sie gerne aufwachsen sehen. Du wärest dieses Jahr 80 Jahre alt geworden. Du hättest vielleicht eine Alters-Wohngemeinschaft gegründet, das war ja auch eines deiner Projekte. Du hättest immer noch überall angepackt, wo du Not gesehen hättest. Du besassest die Fähigkeit zu begeistern, zu motivieren, zu ermutigen. Solche Menschen sind rar, und doch wären sie so hilfreich, gerade in unserer Zeit. Überall macht sich ein Fatalismus breit, wie du ihn seinerzeit in Somalia bekämpft hast. Das Gelddenken ist verbreiteter denn je, es täte dir weh, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden zu sehen. Wahrscheinlich würdest du bei der Occupy-Bewegung mitmachen, du würdest gegen die Zweiklassenmedizin demonstrieren, dich für eine menschliche Behandlung der Asylanten einsetzen, dich gegen neue Kampfflugzeuge engagieren und dich freuen, dass der Atomausstieg möglich werden könnte.
Gewiss hättest du noch viele Pläne.
Vre, du fehlst uns, mir, immer noch!
Verena Büchli
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