Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/1628

Gepackt von Abenteuerlust, reiste Thomas Hürlimann als Student durch den afrikanischen Kontinent. Unterwegs fasste er den Vorsatz, einen Roman zu schreiben. Thema: die Schweiz.
Von Irmgard M. Wirtz
In seinen bunten Kinderzeichnungen und später in den Geschichten unternahm Thomas Hürlimann Ende der 1950er-Jahre muntere Reisen zu Wasser und durch die Luft. Dabei imitierte er Märchen-Sammlungen und Fluglinien-Kataloge der Swissair, wie die von der Mutter aufbewahrten Konvolute im Archiv Hürlimann zeigen. Diese Bubenträume zeugen von Fernweh und Reiselust und davon, wie Hürlimann nach der Internatszeit im Kloster Einsiedeln nach vitalen Erlebnissen strebte – in anderer Motivation als vor ihm Friedrich Glauser und Annemarie Schwarzenbach: Er wollte durch die seit den 1960er-Jahren unabhängigen Staaten Afrikas reisen.
Der 22-jährige Student begab sich mit drei Kommilitonen – Claude Blum, Michael Neidhart und Anton Schärer – auf eine Grand Tour von Marokko nach Südafrika, mit Wasserkanistern auf dem Dach und mit dem Label «Africa and India Travel» auf den Türen ihrer beiden Renaults 4. Die Route wurde auf einer Strassenkarte des TCS eingezeichnet, etappiert und mit einer politischen Karte aus dem Schulatlas von 1960 dokumentiert.
Unter diesen Planungsvoraussetzungen mutet es abenteuerlich an, durch Algerien, Niger, Nigeria, Kamerun, die Republik Zentralafrika, Zaire, Rwanda, Burundi, Tansania, Kenia, Zambia, Malawi, Moçambique, Rhodesien, Südafrika und wieder zurück bis nach Kenia zu fahren, wo die Quadriga nach Karachi-Bombay übersetzte. Sie waren vorsorglich begleitet von einem Schutzbrief des Eidgenössischen aussenpolitischen Departements, der sich an Schweizer Vertretungen in 20 Staaten bis nach Iran und Pakistan richtete. Ausgefertigt war dieser im Auftrag des Ständerats Hans Hürlimann, der nicht als Parlamentarier, sondern als Vater über das Vorhaben informierte und überall 500 Franken als Soforthilfe für die «Globetrotter» in Not mit seinem Namen und Titel haftend hinterlegen liess.
Bar der Kenntnis über die aktuelle innenpolitische Lage der bereisten Länder fuhren die Studenten durch militärisch besetzte Gebiete. So geriet die Vorhut, Hürlimann und Blum, in der Provinz Tete, Moçambique, in einen Militärkonvoi auf der Strecke zwischen Malawi und Rhodesien, wie ein Tagebuchausschnitt und eine Fotoreportage belegen.
Journal führte Thomas Hürlimann auch für die heimische Presse, wie Abdrucke im Luzernischen «Vaterland» und die Wochenendbeilage der NZZ bezeugen. Nachdem das Reisetagebuch in Zaire in den Ruinen der Kolonialzeit und den ausgebrannten Panzern der Befreiungskriege der 60er-Jahre verloren gegangen war, notiert er unbekümmert auf der Überfahrt von Durban nach Bombay – wie wir aus den erhaltenen Heften erfahren –, dass er sich an einen Morgen in der Wüste erinnere: «Ich erwachte als Erster und beschloss, ich für mich, einen grossen Roman zu schreiben.»
Das blaue Tagebuch zeigt, wie er den Vorsatz gleich umsetzt und aus der Ferne über die Schweiz schreibt. Das erste Kapitel exponiert die Diskussion über die Todesstrafe mit einer Hinrichtungsszene in einem Schweizer Dorf: Die Honoratioren des Dorfs, Friedensrichter, Polizeipräsident, Lehrer, Arzt, Kantonsrat und Pfarrer, beraten im Wirtshaus über die Exekution. In der Liebesgeschichte der Odette Hörnli, in dieser in der Ferne evozierten Welt, bleibt die Reise von Afrika nach Indien vollkommen ausgeblendet. Das ermöglicht die Schweiz als Fiktion.
Thomas Hürlimann, geboren am 21. Dezember 1950 in Walchwil ZG, war 1981 mit Die Tessinerin Gründungsautor des Ammann-Verlags, bei dem seine Werke bis 2011 erschienen. In seinen Theaterstücken und Romanen war das Thema oft die eigene Familiengeschichte, die eng mit der Schweiz verbunden ist: Thomas Hürlimanns Vater war der Alt-Bundesrat Hans Hürlimann (1973–1981).
Mehr zu diesem Thema
Durch Afrika im Renault 4 (PDF, 626 kB, 04.10.2021)Der Bund, Freitag, 24. September 2021
Letzte Änderung 04.10.2021