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Klänge aus früher Zeit
Die älteste Glocke des Thurgaus stammt aus Herdern.
Glocken gehören zu abendländischen christlichen Kirchen wie das Amen zu einem Gebet. Sie rufen zum Gottesdienst und strukturieren die Tageszeiten. Sie erklingen zu Freuden- wie zu Traueranlässen. Früher alarmierten sie bei Feuer und warnten bei Unwettern. Irische Wandermönche wie Gallus brachten mit dem Christentum auch genietete Glocken in unsere Region. Später begann man diese zu giessen. Die «Glockenspeise» – eine Bronzelegierung – besteht noch heute aus etwa vier Fünfteln Kupfer und einem Fünftel Zinn. Älteste Formen gleichen einem umgestülpten Topf und werden auch «Bienenkorbglocken» genannt. Eine Verbesserung des Klangs erreichten die Giesser mit Formen, die einem «Zuckerhut» gleichen. Ab dem Ende des 13. Jahrhunderts führte die Weiterentwicklung dann allmählich zur heute üblichen Form.
Glockentöne schallen nicht nur weiter als andere Instrumente, Glocken sind auch solider und langlebiger. Im Kirchturm von Thundorf/Kirchberg erklingt noch immer eine Glocke aus dem 14. Jahrhundert, im Dachreiter der Kapelle Oetlishausen eine noch ältere. Die älteste datierte Thurgauer Glocke hängt in Wagenhausen und zeigt das Gussjahr 1291, das Jahr der Entstehung der Eidgenossenschaft.
Noch früher – Experten reden von 1150 bis 1200 – wurde jene Glocke gegossen, die jahrhundertelang in Herdern erklang und nur mit viel Glück bis heute erhalten blieb.
Die Pfarrei Herdern erhöhte 1907 ihren Kirchturm und bestellte auch drei neue Glocken bei der Aarauer Firma H. Rüetschi, Glocken- und Geschützgiesserei. Eine vierte – die grösste – übernahm Herdern von Frauenfeld St. Nikolaus. Die drei alten sollten eingeschmolzen werden.
Die kleinste fiel durch ihre besondere Form auf. Sie ist zwar nur 89 cm hoch, hat einen Durchmesser von 68 cm und wiegt 192 kg, ihr Alter machte sie aber erhaltenswert. Der damalige Pfarrer Karl Wick (1867–1927), der den historischen Wert der kleinsten Glocke erkannte, hatte schon 1905 mit dem Landesmuseum Kontakt aufgenommen, damals aber kein Gehör gefunden. Die Glocke wanderte daher 1907 mit den beiden andern nach Aarau.
Hermann Rüetschi brachte es nicht übers Herz, diese kleinste und älteste Glocke einzuschmelzen. Nach fünf Jahren gelangte er selber ans Landesmuseum und bot die vermutlich älteste Glocke aus dem Thurgau zum Kauf an. Direktor Lehmann reiste persönlich nach Aarau. Am 17. Januar 1911 wurde der Ankauf der Glocke mit 680 Franken verbucht. Seither ruht sie wohlbehütet, aber schweigend, obwohl solche «Zuckerhutglocken» nach dem Urteil des Fachexperten Hans Jürg Gnehm ein «lieblich schwebendes Singen verströmen». Die Herdermer Glocke verdient es, nach 110 Jahren ins Gedächtnis der Thurgauer zurückgerufen zu werden.
Angelus Hux
Angelus Hux