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Teil 1
Zur Person
Annemarie Huber-Hotz (*1948) ist in Baar geboren und aufgewachsen. Nach der Matura an der Kantonsschule Zug studiert sie in Bern und Uppsala (Soziologie und Ethnografie), später in Genf (Internationale Beziehungen) und an der ETH Zürich (Raumplanung). 1978 tritt sie als Assistentin ins Generalsekretariat der Bundesversammlung ein. In ihrer Verwaltungskarriere leitet sie ab 1981 das Sekretariat des Ständerates und ab 1989 zusätzlich den wissenschaftlichen Parlamentsdienst. 1992 wird sie als Kandidatin der FDP zur Generalsekretärin der Bundesversammlung gewählt und ist verantwortlich für die Organisation des Parlamentsbetriebs. Von 2000 bis 2007 amtiert sie als Bundeskanzlerin. In dieser Funktion ist sie die Stabschefin des Bundesrates, oft als «achter Bundesrat» bezeichnet. Nach ihrem Rücktritt wirkt sie in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen, unter anderem seit 2011 als Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes. Annemarie Huber-Hotz ist Mutter von drei Kindern und lebt seit 2018 mit ihrem Mann wieder in Baar.
Inhalt Teil 1
Baar und Bern sind die beiden Pole im Leben von Annemarie Huber-Hotz. Der Bezug zur Bundeshauptstadt beginnt 1978 mit ihrem beruflichen Einstieg in die Parlamentsdienste. Als Assistentin des Generalsekretärs der vereinigten Bundesversammlung bekommt sie Einblick in die Organisation des Parlamentsbetriebs. Rasch steigt sie zur Sekretärin des Ständerates und zur Generalsekretärin der Bundesversammlung auf. Sie fühlt sich wohl in diesen Funktionen, weil es keine reine Verwaltungstätigkeit ist, sondern ein «Saisonbetrieb» mit intensiven Sessionsphasen.
Besonders fordernd sind die immer wieder notwendigen Parlamentsrevisionen. So ist sie verantwortlich für die Einführung einer modernen Informatikinfrastruktur und initiiert die Live-Übertragung der Debatten im Internet, was weltweite Beachtung findet.
Als «Dienerin des Parlaments» (5:36) behandelt sie grundsätzlich alle Ratsmitglieder gleich. Die Zuger Politiker und Verwaltungsangestellten pflegen jedoch ausserhalb des Ratsbetriebes eine kollegialere Beziehung. Seit der Amtszeit von Bundesrat Hans Hürlimann treffen sie sich einmal pro Session zu einem Zuger Stamm und besprechen anstehende Geschäfte, aber auch persönliche Themen.
Höhepunkte der Parlamentarbeit sind jeweils die Bundesratswahlen (10:17). Deren Organisation ist komplex und drehbuchmässig geplant, mit Unvorhergesehenem ist jedoch immer zu rechnen. So hat Annemarie Huber-Hotz die Eklat-Wahl von Otto Stich anstelle von Lilian Uchtenhagen an vorderster Front miterlebt, aber auch die umstrittene Wahl von Ruth Dreyfuss oder der dramatische Rücktritt von Elisabeth Kopp.
Ihre Position als Frau empfindet Annemarie Huber-Hotz in den Parlamentsdiensten als Privileg und als Vorteil. Im Gegensatz dazu müssen Parlamentarierinnen oft um politisches Ansehen kämpfen. Im Laufe der Zeit verstärken sich die Machtkämpfe und mit der Medialisierung verhärten sich die Fronten (13:31). Die Parlamentarier politisieren zunehmend individueller, die Zahl der Vorstösse wächst und führt zu einem aufgeblähten Apparat. Annemarie Huber-Hotz plädiert dafür, die Überaktivität des Parlamentes einzuschränken und stattdessen vermehrt zusammenzuarbeiten.
Nach 18 Jahren als Generalsekretärin der Bundesversammlung wird Annemarie Huber-Hotz in einer Kampfwahl zur Bundeskanzlerin gewählt (21:01). Der Auftakt ihrer Amtszeit fällt in die Aufbruchstimmung zu Beginn des Jahres 2000. Der Wechsel vom Parlament zum Bundersat mit dem wöchentlichen Sitzungsrhythmus macht die Arbeit intensiver. Mit Adolf Ogi als Bundespräsident verläuft der Einstieg problemlos (26:26).
Ein spezielles Erlebnis sind die Bundesratssitzungen (27:58). Das Verfahren ist sehr formell und minutiös geregelt. Das ist notwendig, weil jeweils bis zu 100 Geschäfte abgearbeitet werden müssen. Die Bundeskanzlerin bereitet die Sitzungen mit dem Bundespräsidenten vor. Sie darf im Bundesrat auch das Wort ergreifen und Anträge stellen. Annemarie Huber-Hotz macht von diesem Recht allerding zurückhaltend Gebrauch, meist für verfahrenstechnische Fragen.
Inhalt Teil 2
2001 ist eines der intensivsten und ereignisreichsten Jahre für die Bundeskanzlerin. Zuerst erforderte die Krise der Swissair Sondersitzungen und dringliche Massnahmen des Bundesrates. Das Grounding kann nicht verhindert werden, aber der Bundesrat macht mit einer Art Rettungsschirm nach Ansicht von Annemarie Huber-Hotz das Richtige. Grosse Betroffenheit löst das Attentat im Kantonsrat Zug aus (3:22). Einerseits, weil Bekannte betroffen sind, andererseits weil der Attentäter früher auf Bundesebene ebenfalls Drohungen ausgesprochen hat. Annemarie Huber-Hotz arbeitet eng mit den Zuger Behörden zusammen für die Bewältigung des Ereignisses. Mit den Bundesräten Villiger und Leuenberger nimmt sie an der Trauerfeier teil. Parallel muss die Regierung Entscheide zum Swissairdossier besprechen.
Aufgrund der Ereignisse im Jahr 2001 werden die Sicherheitsmassnahmen im Bundeshaus zwangsläufig ausgeweitet (7:31). Im Arbeitsalltag muss Annemarie Huber-Hotz jedoch rasch wieder funktionieren. Persönlich kann sie erschütternde Ereignisse am besten mit Aktivität bewältigen.
Positive Highlights sind die persönlichen Beziehungen zu den Bundesräten (09:14) und die Mitwirkung bei Gesetzen betreffend die politischen Rechte. Vor allem im Ausland muss Annemarie Huber-Hotz ihre Funktion und das schweizerische Regierungssystem erklären, manchmal sorgt der Titel Bundeskanzlerin für Verwirrung. Eine Erhöhung der Anzahl Bundesratssitze erachtet sie als sinnvoll, ansonsten würde sie an der Regierungsform wenig ändern.
Die Bundesratswahlen erlebt Annemarie Huber-Hotz von einer anderen Seite als im Parlament. Bei der Einführung der Neugewählten übernimmt die Bundeskanzlei wichtige Aufgaben. Die Nichtwiederwahlen von Ruth Metzler und Christoph Blocher fordern die Bundeskanzlerin menschlich und organisatorisch stark (13:34). Das Verhältnis zu den Bundesrätin ist generell kollegial, aber mit einer sachlichen Distanz. Lustige Situationen ergeben sich manchmal im Rahmen der Bundesratsreisen und -essen (18:03).
Eines der Hauptdossiers der Bundeskanzlei ist das Bundesgesetz über die politischen Rechte. Sie erarbeitet beispielsweise das Bundesbüchlein für die Abstimmungen und organisiert in Zusammenarbeit mit den Kantonen die eidgenössischen Wahlen (20:57).
Selber politisch in Regierung oder Parlament tätig zu sein, hat Annemarie Huber-Hotz nie gereizt (23:05). Nach ihrer 30-jährigen Karriere in der Verwaltung ist es jedoch für sie an der Zeit, etwas Neues anzufangen. Fasziniert vom Einsatz für die Zivilgesellschaft, engagiert sie sich für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) und andere gemeinnützige Organisationen. Der Wechsel ist ihr leichtgefallen, sie empfindet diesen fast als Befreiung. Als besonderen Höhepunkt erlebt Annemarie Huber-Hotz die Wahl zur SRK-Präsidentin (26:17).
Die Energie für ihre Aktivitäten schöpft Annemarie Huber-Hotz aus der Familie und aus dem Kontakt mit Menschen (28:59). In den Ruhestand zu treten, kann sie sich fast nicht vorstellen.
Inhalt Teil 3
Ihre Jugendzeit verbringt Annemarie Huber-Hotz in einer Grossfamilie mit fünf Geschwistern in der Obermühle. Der KMU-Betrieb, zu der neben der Mühle auch ein Bauernhof und eine Sägerei gehört, liegt noch ausserhalb des ländlichen Dorfes – mit damals 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern – inmitten grüner Wiesen. Der Vater leitet die Produktion und den Vertrieb des Mehls, die Kinder sind in das lebhafte Arbeitsumfeld integriert und helfen mit. Besonders prägend ist die Mutter, die neben der Familie im Geschäft die Administration führt.
In der Primarschule werden Mädchen und Knaben noch getrennt unterrichtet (6:37). Danach besucht Annemarie Huber-Hotz zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Rosmarie zuerst ein Internat, darf dann aber ins Gymnasium Ingenbohl wechseln, später an die Kantonsschule Zug. Ein Teil ihres universitären Studiums absolviert sie im Ausland mit dem Ziel, in den Diplomatischen Dienst einzutreten. Verheiratete Frauen werden jedoch dafür noch nicht zugelassen.
Die 68er-Bewegung erlebt Annemarie Huber-Hotz in Uppsala nur aus der Ferne (10:42). Sie kommt aber in Kontakt mit vielen Flüchtlingen aus dem Osten und Amerikanern, die den Dienst im Vietnamkrieg verweigern. Während in der Schweiz über die Einführung des Frauenstimmrechts diskutiert wird, sind im sozialdemokratisch geprägten Schweden die Frauen schon gleichgestellt. Auch dank ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester hat sie sich nie diskriminiert gefühlt.
Berufliche Erfahrungen macht Annemarie Huber-Hotz unter anderem im Amt für Raumplanung des Kantons Zug (14:01). Mit ihrem politikwissenschaftlichen Interesse und dem Bedürfnis, sich für die Zivilgesellschaft zu engagieren, erweist sich eine Stelle in der Bundesverwaltung als ideal. Dabei kommen ihr nicht zuletzt ihre Erfahrungen aus dem elterlichen Betrieb und das Vorbild ihrer Mutter zugute.
Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung muss ihr Bruder die Obermühle in den neunziger Jahren mit anderen Betrieben fusionieren und schliesslich stilllegen (17:34). Die Liegenschaften werden in eine Familien-Immobiliengesellschaft übergeführt, für verschiedene Nutzungen saniert und denkmalpflegerisch wertvolle Substanz erhalten.
2018 hat sich Annemarie Huber-Hotz wieder in Baar niedergelassen (20:30). Damit erfüllt sich der Wunsch, wieder mit der Familie und ihren Geschwistern zusammenzukommen und sich gegenseitig unterstützen zu können. Das ehemaligen Büro der Mühle dient jetzt als Wohnzimmer.
Gemeinsam realisiert die Familie immer wieder neue Projekte. So hat sie der Gemeinde Land angeboten, um vorübergehend eine Asylunterkunft zu erstellen. Das hat Widerstände und politische Diskussionen ausgelöst. Aus ihrer Tätigkeit in Bern oder beim Roten Kreuz ist sich Annemarie Huber-Hotz solche Kontroversen gewohnt. Sie nimmt Baar als ihre Heimat trotzdem positiv wahr und freut sich, hier den Lebensabend zu verbringen.
Aufnahmedatum: 13. Juni 2018
Aufnahmeort: Baar, Obermühle
Redaktion und Interview: Beat Holdener
Kamera, Ton und Postproduktion: Remo Hegglin