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Am unteren Ende der sozialen Leiter
Die schulische Laufbahn der «Secondos» ist durch Ungleichheiten gekennzeichnet, die zu einer Eingliederung am unteren Ende der sozialen Leiter führen. Eine auf der Studie TREE «Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben» basierende Arbeit von Andrés Gomensoro und Claudio Bolzman sowie eine mit ex-jugoslawischen, albanischsprachigen «Secondos» in den Kantonen Genf und Waadt durchgeführte Untersuchung bestätigen dieses Bild. Die beiden Forscher formulieren Empfehlungen, die dazu beitragen könnten, einige dem Schweizer Bildungssystem innewohnende Herausforderungen zu bewältigen.
Die grosse Zahl der in der Schweiz lebenden Immigrantenkinder, ihre heterogenen Voraussetzungen (soziale Schicht, Sprache, Status (Aufenthaltsbewilligung, Migrationskategorie) und ihr Migrationshintergrund (Herkunftsland und Dauer des Aufenthalts) stellen das Schweizer Bildungssystem vor viele Herausforderungen. Während sich die schulischen Laufbahnen der Nachkommen italienischer und spanischer Einwanderer immer stärker denen der Einheimischen annähern (Bolzman, Fibbi, & Vial, 2003), bestehen bei den «Secondos» aus Ex-Jugoslawien, der Türkei und Portugal nach wie vor ausgeprägte Ungleichheiten (Hupka & Stalder, 2011). Diese Jugendlichen besuchen in der Sekundarstufe I vor allem Leistungszüge mit elementaren Anforderungen und erwerben mehrheitlich Lehrabschlüsse (EFZ oder weniger) mit geringen schulischen Anforderungen (seltener Abschlüsse der allgemeinbildenden Sekundar- oder Tertiärstufe); viele von ihnen erlangen auch keinerlei nachobligatorischen Abschluss.
Die amtlichen Statistiken und die Forschungsarbeiten stützen sich noch immer allzu häufig auf die Nationalität anstatt auf den Migrationshintergrund, oder sie fassen Jugendliche europäischer bzw. aussereuropäischer Herkunft zusammen. Das trägt dazu bei, bestimmte Gegebenheiten zu verschleiern. Wir konzentrieren uns hier daher auf die (ausländischen und eingebürgerten) «Secondos» aus dem so genannten «Ex-Jugoslawien». Welche weiterführenden Abschlüsse werden speziell von der zweiten ex-jugoslawischen Generation erworben? Welche Wege schlagen diese Jugendlichen nach der obligatorischen Schule ein, und führen diese zu einem Abschluss oder nicht? Und schliesslich: Wodurch ist ihre prekäre Situation im schweizerischen Bildungssystem zu erklären? Einige vorläufige Antworten auf diese Fragen geben unsere im Rahmen des NFS LIVES (Gomensoro & Bernardi, 2015; Gomensoro & Bolzman, 2015, 2016) durchgeführten Analysen der späteren Wege von Lernenden, die im Jahr 2000 ihre obligatorische Schulzeit abgeschlossen hatten (Studie «Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben» - TREE) sowie qualitative Interviews mit jungen ex-jugoslawischen, albanischsprachigen «Secondos»1 in den Kantonen Genf und Waadt.
Ein Drittel ohne Abschluss
Sechs von zehn ex-jugoslawischen «Secondos» besuchten einen Leistungszug mit allgemeinen Anforderungen, bei den Einheimischen waren dies nur zwei von zehn.
In erster Linie stellten wir fest, dass ein Drittel der ex-jugoslawischen «Secondos» sieben Jahre nach dem Ende der obligatorischen Schule (noch) über keinen Abschluss verfügte (während dies nur auf ein Zehntel der «Einheimischen»2 zutraf). Mehr als die Hälfte hatten ein EFZ oder EBA erworben, 9% hatten eine Berufsmaturität erlangt, was ungefähr dem Anteil bei den Einheimischen entspricht. Eine Minderheit (5%) verfügte über ein Diplom der allgemeinbildenden Sekundar- oder Tertiärstufe; bei den Einheimischen war dies ein Fünftel (Gomensoro & Bolzman, 2016).
Unsere zweite Beobachtung lautet, dass auch die zu einem nachobligatorischen Abschluss führenden Wege unterschiedlich waren. Angehörige der zweiten ex-jugoslawischen Generation wiesen im Vergleich zu den Einheimischen (ein Viertel gegenüber einem Fünftel) häufiger unterbrochene Berufsausbildungsverläufe (Brückenlösungen, Zusatzjahre, Vorlehren usw.). Nach der Berufsausbildung war ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt häufiger instabil als bei den Einheimischen (bei einem Viertel anstatt bei einem Zehntel). Zudem absolvierten sie seltener eine allgemeinbildende (Gymnasium oder Fachmittelschule) oder berufsbildende Schule (Berufsmatura) mit anschliessender tertiärer Ausbildung (Universität oder FH). Diese Unterschiede sind zum Teil dadurch zu erklären, dass die Eltern der Einheimischen im Allgemeinen einen höheren sozioökonomischen Status und ein höheres Bildungsniveau als die Eltern der Ex-Jugoslawen aufwiesen. Bei ähnlicher sozialer Herkunft waren keine Unterschiede zu den Einheimischen mehr zu beobachten, was den Zugang zu den allgemeinbildenden Zweigen betrifft. Beim Zugang zur Berufsbildung sind jedoch nach wie vor Unterschiede festzustellen (Gomensoro & Bolzman, 2015).
Die entscheidenden Faktoren
Die herkunftsspezifischen Unterschiede bei den Schullaufbahnen sind daher auch auf andere Faktoren zurückzuführen, wie z.B. auf die Wahl des Leistungszugs in der Sekundarstufe I. Diese Wahl institutionalisiert frühzeitig (und oft endgültig) die Unterschiede bei den schulischen Kompetenzen, hemmt die schulische Entwicklung von Migrantenkindern und Lernenden der zweiten Generation (Kastentext) und ist in hohem Mass entscheidend für die Chancen auf einen weiterführenden Abschluss. Sechs von zehn ex-jugoslawischen «Secondos» besuchten einen Leistungszug mit allgemeinen Anforderungen, bei den Einheimischen waren dies nur zwei von zehn (Gomensoro & Bolzman, 2016). Aufgrund der grossen Konkurrenz und der von ihnen erlebten Diskriminierung auf dem Lehrstellenmarkt haben die meisten Angehörigen der zweiten ex-jugoslawischen Generation daher keine andere Wahl, als eine duale Lehre mit häufig sehr niedrigen schulischen Anforderungen zu absolvieren (Imdorf, 2007; Meyer, 2015). Untersucht man nur die Laufbahnen von Schülerinnen und Schülern im Leistungszug mit allgemeinen oder erweiterten Anforderungen, so erreichen vier von zehn ex-jugoslawischen «Secondos» keinen nachobligatorischen Abschluss (sieben Jahre nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit). Bei den Einheimischen sind dies nur halb so viele. Bei gleichem Leistungszug in der Sekundarstufe I, gleicher sozialer Herkunft und gleichen schulischen Leistungen gelingt es Nachkommen von Immigranten aus ex-jugoslawischen Ländern jedoch häufiger als Einheimischen, eine allgemeinbildende Ausbildung abzuschliessen. Dies zeigt, dass sie häufiger die durch die Leistungszüge der Sekundarstufe I aufgebauten Barrieren beim Zugang zur nachobligatorischen Ausbildung überwinden. Ein grösserer Anteil als bei den Einheimischen schliesst jedoch keine nachobligatorische Ausbildung ab. Ihre Bildungsverläufe weisen somit eine viel stärkere Polarisierung als jene der Einheimischen auf (Gomensoro & Bolzman, 2016).
Analyse der qualitativen Interviews
Zugewanderte Eltern sollten verstärkt und besser über die verschiedenen Ausbildungsformen, die möglichen Berufe und die bei der Lehrstellensuche notwendigen Schritte informiert werden.
Die Analyse der qualitativen Interviews mit ex-jugoslawischen «Secondos» in den Kantonen Genf und Waadt zeigt, dass bestimmte individuelle, familiäre und institutionelle Faktoren dazu führen, dass viele Lernende Berufsausbildungsverläufe aufweisen, die von häufigen Unterbrechungen gekennzeichnet sind und nicht immer zu einem Abschluss führen. In erster Linie sind die Kompetenzen dieser Jugendlichen eher gering und ihre Ziele nicht sehr hoch gesteckt. Ihre Noten sind mittelmässig. Die Betroffenen investieren jedoch nicht mehr, da sie häufig der Meinung sind, das Gymnasium oder ein Studium «sei nichts» für sie.
Die Wahl der weiterführenden Ausbildung und die Suche nach einer Lehrstelle werden in hohem Mass davon beeinflusst, welchen Weg die Klassenkameraden (im gleichen Leistungszug) oder Familienmitglieder (Geschwister, Cousins und Cousinen) gehen. Zweitens konnte festgestellt werden, dass die Eltern oft hoch gesteckte Ziele (Gymnasium und Universität) für ihre Kinder haben, die jedoch häufig nicht mit den reellen Chancen der Kinder in Einklang zu bringen sind. Aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus, ihrer eingeschränkten Sprachkenntnisse und ihres begrenzten Wissens über das Schweizer Bildungssystem können sie ihre Kinder nur selten konkret beim Lernen, bei der Wahl einer Lehre oder bei der Suche nach einer Lehrstelle unterstützen. Schliesslich werden die unterschiedlichen Kompetenzniveaus und die Bildungschancen durch die Einteilung in Leistungszüge in der Sekundarstufe I institutionalisiert, was zu einer Art vorgegebenem, «natürlichem» schulischem Schicksal führt, das grossen Einfluss auf die Ziele hat und von den Lernenden nicht hinterfragt wird.
Lehrkräfte und Berufsberatende ermuntern die Lernenden häufig dazu, eine leicht zugängliche Berufausbildung zu wählen und raten gewöhnlich ab, sich allzu weit vom vorgegebenen Weg zu entfernen (zum Beispiel Passserellenangebote in Anspruch zu nehmen, um Zugang zu einer allgemeinbildenden Ausbildung zu erhalten), da die Gefahr des Scheiterns hier grösser ist. Letztlich findet sich ein Grossteil der Nachkommen von ex-jugoslawischen Immigranten auf einem stark umkämpften betrieblichen Lehrstellenmarkt wieder, auf dem ihnen entscheidende Ressourcen fehlen, und zwar in schulischer Hinsicht (Abschluss im Leistungszug mit allgemeinen Anforderungen, geringe schulische Leistungen und mangelnde Kompetenzen bei der Lehrstellensuche), in sozialer Hinsicht (Kontakte mit Arbeitgebern oder Personalverantwortlichen in Ausbildungsbetrieben) und im Hinblick auf die notwendige elterliche Unterstützung (soziales Netz und konkrete Hilfe z.B. beim Verfassen der Bewerbung), und auf dem sie aufgrund ihrer nationalen/ethnischen Herkunft und ihres Aufenthaltsstatus und ihrer Nationalität diskriminiert werden (Gomensoro & Bernardi, 2015; Gomensoro & Bolzman, 2015; Imdorf, 2007).
Zweizügiges Schulsystem produziert Ungleichheit
Eine auf den Daten von PISA 2009 beruhende Studie von Felouzis ea. (2016) zeigt, dass Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Generation geringere schulische Kenntnisse als Einheimische haben – bei gleichen individuellen, sozialen und schulischen Merkmalen. Diese Differenz ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass sie in der Sekundarstufe häufiger Leistungszüge mit geringeren Anforderungen besuchen. Die Kantone, in denen es am häufigsten zu einer niedrigen Einstufung von Lernenden der zweiten Generation kommt, sind somit auch jene, in denen die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass die Lernenden das minimale Kompetenzniveau nicht erreichen. Die in manchen Kantonen beobachtete häufige Einstufung von Migrantenkindern in Leistungszüge mit elementaren Anforderungen ist daher ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Bildungsungleichheit.
Empfehlungen
Basierend auf den Ergebnissen dieser Studie können zusammenfassend einige Empfehlungen ausgesprochen werden. Einige davon sind in manchen Kantonen bereits umgesetzt worden. Die Frage ist, wie viel die Kantone und der Bund zu investieren bereit sind, um mehr schulische Gleichheit zu schaffen und möglichst vielen Lernenden möglichst grosse Bildungschancen zu bieten.
- Zugewanderte Eltern sollten verstärkt und besser über die verschiedenen Ausbildungsformen, die möglichen Berufe und die bei der Lehrstellensuche notwendigen Schritte informiert werden (wenn nötig in ihrer Herkunftssprache), damit sie die bestehenden Ausbildungsmöglichkeiten kennenlernen und sich aktiv bei der Berufswahl oder der Lehrstellensuche einbringen können.
- Die manchmal bestehenden Diskrepanzen zwischen den Plänen der Jugendlichen, Eltern und Lehrkräfte einerseits und den nach der obligatorischen Schule offenstehenden Ausbildungsmöglichkeiten andererseits sollten bei dem durch Lehrkräfte und Berufsberatende vorgenommenen Orientierungsprozess berücksichtigt werden, um spätere Neuorientierungen zu vermeiden.
- Die kantonalen Schulsysteme müssen mehr Ressourcen für die obligatorische Schule bereitstellen, um die Entstehung von Lernrückständen zu verhindern (insbesondere bei Kindern, deren Eltern sie nicht unterstützen können), die anschliessend durch die Trennung in die Leistungszüge der Sekundarstufe I institutionalisiert werden und sich zu einer Chancenungleichheit nach der obligatorischen Schule auswachsen.
- Eine grössere Flexibilität des Systems durch eine weniger starke und weniger endgültige Selektion durch die Leistungszüge der Sekundarstufe I, eine weniger starke Festlegung der Bildungschancen und eine Demokratisierung der nachobligatorischen Passerellenangebote würden den Einzelnen einen grösseren Handlungsspielraum verschaffen und nicht den Grossteil der Immigrantenkinder auf den stark umkämpften Lehrstellenmarkt drängen.
- Es sind Grundsatzarbeiten und -debatten notwendig, um die Diskriminierung bestimmter Gruppen von Jugendlichen auf einem Lehrstellenmarkt, auf den sie gelenkt werden, zu verhindern.
1 Damit bezeichnen wir Jugendliche, die in der Schweiz geboren sind oder bei ihrer Ankunft in der Schweiz jünger als 10 Jahre waren und deren Eltern in Ex-Jugoslawien geboren sind.
2 Damit bezeichnen wir Jugendliche, die in der Schweiz geboren sind und deren beide Elternteile in der Schweiz geboren sind.
Literatur (in der Originalsprache des vorliegenden Textes)
Bolzman, C., Fibbi, R., & Vial, M. (2003). Secondas - Secondos. Le procesus d’intégration des jeunes adultes issus de la migration espagnole et italienne en Suisse. Zurich: Seismo.
Felouzis, G., Charmillot, S., & Fouquet-Chauprade, B. (2016). Les élèves de deuxième génération en Suisse: modes d’intégration scolaire et compétences acquises dans 13 systèmes éducatifs cantonaux. Swiss Journal of Sociology, 42(2), 218–244.
Gomensoro, A., & Bolzman, C. (2015). The effect of the socioeconomic status of ethnic groups on educational inequalities in Switzerland: which « hidden » mechanisms? Italian Journal of Sociology of Education, 7(2), 70‑98.
Gomensoro, A., & Bolzman, C. (2016). Les trajectoires éducatives de la seconde génération. Quel déterminisme des filières du secondaire I et comment certains jeunes le surmontent? Swiss Journal of Sociology, 42(2), 289‑308.
Hupka, S., & Stalder, B. (2011). Jeunes migrantes et migrants à la charnière du secondaire I et du secondaire II. In M. M. Bergman, S. Hupka-Brunner, A. Keller, T. Meyer, & B. Stalder, Transitions juvéniles en Suisse. Résultats de l’étude longitudinale TREE. Bâle: TREE.
Imdorf, C. (2007). The Hiring of Trainees: Institutional Discrimination Based on Nationality in Swiss Enterprises. Document de travail LEST.
Meyer, T. (2015). Inégalités dans le(s) système(s) d’éducation suisse(s): facteurs systémiques et devenir individuel. In G. Felouzis & G. Goastellec, Les inégalités scolaires en Suisse (p. 161‑178). Berne: Peter Lang.