Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03608.jsonl.gz/1441

Die Geschichte eines Projektes aus der Diözese Ibba im jüngsten Staat der Welt, dem Südsudan, in dem trotz Friedensverträgen immer noch Bürgerkrieg herrscht und wo trotz Gewalt und Hunger Menschen friedlich leben können und ihre Chancen nutzen. Das Projekt wird von «Partner sein» finanziell unterstützt. Ein persönlicher Augenschein.
Leichtfertig reist niemand in den Südsudan. Zu zahlreich und dominierend sind die negativen Schlagzeilen und Informationen. Entsprechend vorbereitet reisten mein Mann und ich im April 2018 für sechs Tage in den Südsudan und wir haben es nicht bereut. Via Uganda flogen wir in die südsudanesische Hauptstadt Juba am Nil. Der erste Eindruck von Juba: ein Flugplatz ohne Empfangsgebäude mit minimalster Infrastruktur in Zelten und Containern, aber es funktioniert. Auffallend sind die riesigen Transportmaschinen der internationalen Hilfsorganisationen, mit denen die vielen Flüchtlingslager im Süden und Norden des Landes mit Nahrung versorgt werden. Daneben stehen zahllose Kleinflugzeuge, denn die Strassenverbindungen sind extrem schlecht, Überfälle häufig und so fliegt, wer kann. Eine Reisemöglichkeit bietet «Mission Aviation Fellowship (MAF)», eine Missionsfluggesellschaft, die weltweit überall dort fliegt, wo Strassen zu schlecht oder zu gefährlich sind. Auch wir reisten mit MAF in das rund 300 km westlich von Juba gelegene Ibba. Zwar nicht wie geplant mit einem der zwei wöchentlichen MAF-Flüge, den wir wegen eines Flugausfalls verpasst hatten, sondern mit einem Charterflug in einer zweiplätzigen Cessna nach vorgängigem Gebet des Piloten für einen guten Flug.
Bischof als Initiant
Die Kleinstadt Ibba in der gleichnamigen Diözese mit rund 45’000 Menschen liegt im Bundesstaat Central Equatoria im Süden des Landes, unweit der Grenze zu Uganda und zur DR Kongo. Ibba bietet ein idyllisches Bild mit strohgedeckten kleinen Häuschen und Hütten, die jeweils einen Bauernhof bilden, einem Markt und einer üppigen Vegetation. Die Menschen leben von der Landwirtschaft und produzieren dank einer meist eintreffenden Regenzeit genug für ihren Lebensunterhalt. Sie könnten sogar Produkte verkaufen, die auch dringend benötigt würden in den Flüchtlingslagern, aber wegen der schlechten Strassen gibt es keine Transportmöglichkeiten.
Das Engagement von «Partner sein» im Südsudan geht zurück auf einen Besuch des heutigen Bischofs Wilson Kamani in der Schweiz im Jahre 2006. Im Auftrag der anglikanischen Kirche des Sudan warb er in Europa um Unterstützung für Projekte in seiner Heimat. 2011 wurde die Zusammenarbeit konkret mit dem 2014 abgeschlossenen Bau eines Bildungszentrums für sogenannte «Dropped Out Girls», Mädchen, die wegen frühen Schwangerschaften die Schule nicht abschliessen konnten. In einer mehrjährigen Ausbildung lernen sie Englisch, Informatik, Buchhaltung und Geschäftsführung. Dies soll ihnen ermöglichen, selbstständig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Schule begann mit 35 jungen Frauen, von denen 11 nach Abschluss der Schule einen Job fanden. Den angestrebten Diplomabschluss gibt es noch nicht mangels staatlicher Zulassungsbehörde. «Partner sein» unterstützte den Bau der Schule und seither deren Betrieb durch die Finanzierung der Lehrerlöhne und der Infrastruktur (Mobiliar, Computer) sowie der Ausbildung von Lehrern. Im Südsudan gibt es kaum ausgebildete Lehrer, weshalb diese vorerst aus Uganda kommen, solange, bis
eigene Leute in Kenia und Uganda die Ausbildung abgeschlossen haben. Ein Lehrer hat sein Studium im Frühjahr abgeschlossen und unterrichtet nun an der Schule.
Mit einfachen Mitteln
Ein unvergessliches Bild bot sich uns früh am ersten Morgen unseres Aufenthaltes: Der Bischof sass mit einem Mitarbeiter auf der Veranda und sie putzten seelenruhig ihre Zähne. Ein Blick in die Umgebung zeigte überall das gleiche Bild: die Bewohnerinnen und Bewohner von Ibba beim Zähneputzen. Gesundheit ist nur eines der Themen, die den Bischof umtreiben. Bildung ist das andere. Alle sollen lernen, Junge und Alte. Mindestens Lesen und Schreiben und möglichst auch noch Englisch sollen sie können und dafür gibt es jede Menge Kurse, welche auch in verlassenen, halb verfallenen Gebäuden stattfinden mangels anderer Lokalitäten. Auf Wandtafeln wird der Lehrstoff aufgeschrieben. Bücher und Hefte gibt es nur für die Schüler. Die Diözese betreibt neben dem Bildungszentrum fünf Primarschulen mit Kindergarten.
Gesamtheitliche Entwicklung
Bischof Wilson Kamani ist ein beeindruckender Mann mit einer Vision für die Diözese Ibba und ihre Menschen, die er mit seinen Leuten auch tatkräftig umsetzt. Sein Ziel ist eine gesamtheitliche Entwicklung der Diözese mit mehr Gesundheit und Bildung, genügender Nahrungsproduktion mit einem Überschuss für den Markt und das mit gottesfürchtigen Menschen, die ihre Rechte kennen. Die Chance von Ibba ist, dass es dort nichts Wichtiges gibt: keine Bodenschätze, keine Industrie, kaum Infrastruktur. Deshalb leben die Menschen in dieser Gegend seit einigen Jahren trotz anhaltendem Bürgerkrieg relativ sicher und ruhig und eine Entwicklung ist möglich. Aktuell herrscht im Südsudan wegen der langen Kriegsjahre in allen Bereichen Mangel an ausgebildeten Leuten. Überall arbeiten deshalb Leute aus den Nachbarländern. Mit einer Berufsausbildung sind die jungen Leute in Ibba gerüstet für bestehende und künftige Jobs, wenn die Wirtschaft und Verwaltung einmal wieder funktionieren und mehr Jobs anbieten sollte. Die Nachfrage nach einer Berufsausbildung ist gross, weshalb eine Erweiterung des Angebots um eine Ausbildung in Bau und Schreinerei geplant ist. Dafür muss das Bildungszentrum mit drei zusätzlichen Schulräumen, einer Latrine und einer Wasserpumpe erweitert werden. «Partner sein» unterstützt das Erweiterungsprojekt in den nächsten zwei Jahren mit Hilfe der ökumenischen Suppentage Allschwil-Schönenbuch. Die Menschen in Ibba haben sich gefreut, dass wir sie besucht haben und ein positives Bild ihrer Heimat mitnehmen. Die Begegnung mit ihnen war herzlich, beeindruckend und sie macht Hoffnung darauf, dass sich mit einer klaren Vorstellung über die künftige Entwicklung und mit der nötigen Begeisterung und Beharrlichkeit etwas bewegen lässt. Das beweisen der Bischof und seine Mitarbeitenden nachdrücklich. «Partner sein» wird sie dabei weiterhin unterstützen und wir alle können einen Beitrag dazu leisten, dass auch in einem kriegszerstörten Land mit einer humanitären Krise ein Projekt funktionieren und sich positiv für die Menschen entwickeln kann.
Beatrice Reusser Rüthy, Projektleiterin Afrika englischsprachig und Philippinen
Die Republik Südsudan mit heute rund 13 Mio. Einwohnern ist seit dem 9. Juli 2011 unabhängig vom Sudan und damit der jüngste Staat der Welt. Die Unabhängigkeit war das vorläufige Ende jahrzehntelanger, blutiger Konflikte mit 2,6 Mio. Opfern und 4 Mio. Vertriebenen. Seit 2013 kommt es immer wieder zu kriegerischen Zwischenfällen zwischen Einheiten von Präsident Salva Kiir und Soldaten des ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar. Schwer bewaffnete Gruppen terrorisieren die Bevölkerung im Streit um Land und Vieh. Streitigkeiten zwischen Angehörigen der beiden wichtigsten Stämme sind häufig. Millionen von Menschen sind geflohen, meist in die südlichen Nachbarländer Kenia und Uganda, wo sie in gigantischen Flüchtlingslagern leben oder aber in den Süden des Landes.
Wirtschaftlich ist der Südsudan ruiniert, trotz Ölvorkommen. Das Land hat das tiefste Bruttoinlandprodukt der Welt mit 228 $ pro Kopf.
Religion: Rund 70 % der Bevölkerung sind katholisch oder anglikanisch.
Das Bildungsniveau im Südsudan ist wegen des langjährigen Krieges sehr tief. Es gibt wenig Schulgebäude, Schulunterricht findet im Freien unter Bäumen statt. Rund 70 % der über 15-Jährigen sind Analphabeten, weil sie in den Kriegsjahren kaum die Schule besuchen konnten.