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Sie ist genauso faszinierend wie rätselhaft: Antonietta von Saint Leger, bekannt als "Baronin der Brissago-Inseln". Vor kurzem ist sie auf die Inseln zurückgekehrt. Besser gesagt: Ein legendäres Porträtbild von ihr – genau 130 Jahre nach seiner Entstehung und genau 90 Jahre, nachdem die Baronessa die Insel verlassen hat.
Lassen wir die Geschichte von vorne beginnen. Geboren am 20. Juni 1856 in St. Petersburg und angeblich ein uneheliches Kind des Zaren Alexander II., übersiedelt Antonietta im Alter von 16 Jahren nach Neapel – als Gast des US-amerikanischen Konsuls. Hochgebildet und exzentrisch, wird sie unter anderem Schülerin von Franz Liszt. Ihre Beziehungen zu Männern dauern in der Regel nicht sehr lange. Von sieben Ehemännern ist die Rede, verbürgt sind deren vier.
In dritter Ehe heiratet sie in Mailand den Irländer Richard Fleming Saint Leger von Kingstown. Sie erhält den Titel der Baronin, auch wenn ihr Mann zum Zeitpunkt der Heirat den Adelsstand eigentlich verloren hatte, wie historische Studien aufzeigen. Sicher ist: 1885 erwirbt das Paar die Brissago-Inselnexterner Link, auf denen zuvor Dynamit für den Bau der Gotthard-Bahn produziert worden war.
Auch die dritte Ehe der Russin zerbricht zwar bald, aber Antonietta richtet dort ihr eigenes Reich ein. Das felsige Eiland wird in einen Botanischen Gartenexterner Link verwandelt. Erdreich auf Booten herangeschafft. Es ist der Vorläufer des heutigen Botanischen Parks des Kantons Tessin. Bekannte Literaten und Künstler gehen bei ihr ein und aus, darunter auch James Joyce.
Daniele Ranzoni malt die "Principessa"
Für ihre reichhaltige Korrespondenz hatte die Baronessa sogar ein eigenes privates Postamt eingerichtet, mitsamt Briefmarken und Stempeln. Sie unterhielt ein intensives kulturelles Leben, fabrizierte Puppen und organisierte auch ausschweifende Feste. Im damaligen Tessin war so etwas nicht gerade an der Tagesordnung. Sie erhielt den Spitznamen "Die Sirene".
Gast der Baronin ist auch der aus Intra stammende Maler Daniele Ranzoni (1843-1889), der dem Mailänder Bohème-Zirkel Scapigliato angehörte. Auf der Insel malt er 1886 ein Porträt der Baronin, das später unter dem Namen "La Principessa di Saint Leger" bekannt wird. Aus der Baronin ist nun eine Prinzessin geworden – zumindest auf diesem Ölgemälde.
Es wird erzählt, es sei ihr Lieblingsbild gewesen. Im Wohnzimmer hing es über dem Kamin – zumindest so lange, bis die von Finanznöten und Betreibungen geplagte Saint Leger die Insel an den deutschen Kaufhauskönig Max Emden verkaufte, ihre Villa räumte und nach Ascona Moscia übersiedelte. Das war Ende 1927. Auch das Vermögen ihres vierten Lebenspartners, des 1906 verstorbenen Unternehmers Perikles Tzikos, war mittlerweile verbraten.
Vom Hof des Zaren ins Armenhaus
Saint Leger war nicht nur eine hoch gebildete Frau und lebenslustig, sondern auch etwas starrköpfig. So ist bekannt, dass sie sich mit der Gemeinde Ronco sopra Ascona anlegte, weil sie nicht wollte, dass zu nahe an den Inseln gefischt wird.
Der Anwalt und Notar Francesco "Nino" Borella aus Chiasso, der 30 Jahre lang als Freund und Berater an ihrer Seite stand und sich um ihre finanziellen Probleme kümmerte, konnte ein Lied davon singen.
Als er das Bild von Daniele Ranzoni als Pfand einlösen wollte, als Gegenleistung für geliehenes Geld, nahm sich die Baronin einen anderen Anwalt, um gegen ihren eigenen Hausanwalt Borella zu klagen.
Ihre Armut sah sie übrigens nur als vorübergehendes Phänomen. "Ich werde wieder Millionärin werden", wird sie kurz vor ihrem Tod in einem Artikel des "Corriere della Sera" zitiert, der den Titel trägt: "Vom Hof des Zaren ins Armenhaus". Tatsächlich starb die Baronin 1948 vollkommen verarmt im Pflegeheim San Donato von Intragna – im Zimmer Nr. 32.
Idee einer Mailänder Galerie
Gut 130 Jahre nach seiner Entstehung und genau 90 Jahre nach dem Ende der Baronessa-Epoche ist das Gemälde von Daniele Ranzoni in diesen Tagen an seine Ursprünge zurückgekehrt; es kann auf der grossen Brissago-Insel im Roten Saal der Villa Emden – inzwischen ein Hotel-Restaurant – bis Mitte Oktober bewundert werden.
Das Gemälde hat nach dem Tod der Baronin eine aufreibende Geschichte durchgemacht, wurde vom Konkursamt Locarno sogar versteigert. Nach diversen Handwechseln gelangte es über die Collezione Giacomo Jucker in den Besitz eines italienischen Privatsammlers.
Letztes Jahr war es in der Mailänder Galerie Maspes ausgestellt. "Dort entstand auch die Idee, das Bild vorübergehend an seinen Entstehungs- und langjährigen Aufenthaltsort zu bringen", sagt Elena Orsenigo von der Galerie Maspes. Und so lässt sich dort nun die faszinierende Geschichte der Baronin, ihres Malers und des Gemäldes entdecken.
swissinfo.ch