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Religion und Wissenschaft können in der Regel nicht so gut miteinander. Sie, beziehungsweise ihre Vertreter, stehen einander oft verständnislos gegenüber – zum Beispiel wenn Kreationisten zum Entsetzen von Biologen fordern, die Schöpfungsgeschichte müsse als gleichwertige Alternative zur Evolutionstheorie unterrichtet werden.
Nun zeigt eine neue Studie, dass der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft möglicherweise eine neuronale Grundlage hat. Forscher der Case Western Reserve University in Cleveland und des Babson College in Wellesley stiessen in ihren Experimenten auf Hinweise, dass die Arbeitsweise unseres Gehirns für den «Streit» zwischen Spiritualität und Rationalität verantwortlich sein könnte (siehe Infobox).
Die Wissenschaftler bauten bei ihrer Untersuchung auf frühere, allerdings umstrittene Befunde, wonach es in unserem Gehirn zwei einander entgegenwirkende neuronale Netzwerke gibt – ein analytisches, das uns zu kritischem Denken befähigt, und ein empathisches, das uns ermöglicht, uns in andere einzufühlen.
Je nach Aufgabe, mit der unser Gehirn konfrontiert ist, unterdrückt es das eine neuronale Netzwerk und aktiviert das andere. So kommt das analytische Netzwerk zum Zug, wenn wir eine Mathe-Aufgabe lösen müssen, während das empathische eher aktiviert wird, wenn es um Emotionen geht. Allerdings gibt es auch Themen, die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Bereich zuordnen lassen. In diesen Fällen, so vermuten die Forscher, entscheiden individuelle Eigenheiten darüber, welches Netzwerk aktiviert wird.
Aus der aktuellen Studie geht nun hervor, dass religiöse Menschen nicht nur das analytische neuronale Netzwerk unterdrücken, sondern zugleich auch den empathischen Hirnbereich aktivieren. Entsprechend war die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person gläubig war, umso grösser, je stärker sie sich in andere einfühlte.
Atheisten dagegen zeigten Ähnlichkeiten mit Psychopathen – nicht in dem Sinne, dass sie gewalttätig wären, sondern durch die weniger stark ausgeprägte Empathie. Ihre stärkere Fokussierung auf Rationalität lässt sie selbstbezogener und weniger von moralischen Prinzipien geleitet erscheinen.
«Eine Reihe von Untersuchungen in der Kognitionspsychologie hat gezeigt, dass Leute, die gläubig (d.h. religiös oder spirituell) sind, nicht so klug sind wie andere», sagt Professor Richard Boyatzis, der an er Studie mitarbeitete. «Unsere Studien bestätigten diese statistische Beziehung, zeigten aber zugleich, dass gläubige Leute hilfsbereiter und empathisch sind.»
Analytisches Denken vermindert laut der Studie die Akzeptanz von spirituellen oder religiösen Überzeugungen. Die Untersuchung zeigte aber auch, dass Empathie für eine religiöse Überzeugung wichtiger ist als umgekehrt analytisches Denken für Atheismus. Dieser Befund könnte als Erklärung für frühere Studienergebnisse dienen, wonach Frauen – die eine stärkere Tendenz zu empathischem Verhalten als Männer aufweisen – eher religiöse oder spirituelle Überzeugungen hegen als Männer.
Der Konflikt zwischen Spiritualität und Rationalität kann sich deshalb so stark zuspitzen, weil die beiden neuronalen Netzwerke in Konkurrenz zueinander stehen: «Weil die Netzwerke einander unterdrücken, können zwei Extreme entstehen», erklärt Boyatzis. «Wenn wir erkennen, dass dies nun einmal die Art und Weise ist, wie unser Hirn arbeitet, können wir vielleicht vernünftiger und ausgewogener über Wissenschaft und Religion debattieren.»
Studienautor Tony Jack, Leiter des «Brain, Mind & Consciousness Lab», plädiert dafür, die beiden Netzwerke im Gehirn miteinander zu versöhnen: «Man kann gleichzeitig religiös und ein guter Wissenschaftler sein.» (dhr)