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Anregungen auf der Forschungsreise auf der HMS Beagle
Für die Entwicklung der Evolutionstheorie spielte Darwins Besuch auf den Galapagos-Inseln eine bedeutende Rolle. Zum Zeitpunkt des Besuches der Beagle war nur eine einzige der Inseln bewohnt. Die Bevölkerung bestand fast ausschliesslich aus Strafgefangenen und lag bei ungefähr 200 Personen.
Abgesehen davon waren die Inseln jedoch völlig sich selbst überlassen, was sie zum idealen Forschungsobjekt für Charles Darwin machte. Für die Entwicklung der Evolutionstheorie war zudem von Bedeutung, dass die Inseln vom Festland weit entlegene Vulkaninseln darstellen, die im Laufe der Geschichte nur von relativ wenigen Arten erreicht worden sind. Diese wenigen Arten differenzierten sich jedoch auf den einzelnen Inseln des Archipels und auch innerhalb dieser Inseln stark heraus.
So gibt es auf den Galapagos Inseln für jede Insel eine andere Rasse der Riesenschildkröte Testudo elephantopus, die jeweils eine eigene Form des Rückenpanzers entwickelt hat.
Galapagos-Finken
Aus den wenigen Finken, die aus Südamerika auf die Galapagosinseln verschlagen wurden, haben sich 13 verschiedene Arten entwickelt. Diese heute nach Charles Darwin benannten “Darwin-Finken” hatten sich im Laufe der Zeit verschiedenen Lebensweisen und -räumen optimal angepasst. Die Farben der Finken unterscheiden sich ebenso, wie die Formen ihrer Schnäbel, die dem Verzehr von Insekten, Beeren oder dem Stochern in Baumrinden angepasst sind.
Füchse auf den Falklandinseln
Eine ähnliche Entdeckung hatte Darwin zuvor bereits auf den Falklandinseln vor der Ostküste Patagoniens gemacht, die er im März 1833 und im März 1834 mit der Beagle besucht hatte. Hier fand er Füchse, welche von Insel zu Insel deutlich unterschiedlich waren.
Seine Theorie entwickelte Darwin allmählich
Die später vielfach überlieferte romantische Vorstellung, Darwin hätte auf den Galapagosinseln die Evolutionstheorie “erfunden”, entspricht sicher nicht der Realität. Es dauerte nach seiner Rückkehr nach England noch über zwanzig Jahre, bis er seine Theorie im Werk “The Origin of Species by Means of Natural Selection” 1859 der Öffentlichkeit vorstellte. Auf den Galapagosinseln war Darwin noch nicht reif für eine Theorie, aber er hatte einige Ideen.
Alfred Wallace und das Erscheinen von The Origin
Die Publikation “On the Origin” entstand unter Druck. Der Brite Alfred R. Wallace, ein Biologe der in Asien arbeitete, schickte ihm nämlich sein Manuskript zur Publikation in England zu. Dieses enthielt die fast identischen Ideen, wie sie Darwin in seinem Manuskript im Schreibtisch hatte. Mit grossem Respekt überliess Wallace Darwin den Vortritt.
In Eile brachte Darwin sein Werk in eine publizierbare Form und veröffentlichte es. Am Tag des Erscheinens war das Werk ausverkauft.
Während der nächsten zwanzig Jahre entwickelte Darwin mit Hilfe der Aufzeichnungen die “Evolutionstheorie”, deren Kurzzusammenfassung wohl folgende Punkte beinhalten muss:
Darwin behauptet, dass “die Arten während einer langen Deszendenzreihe (Abstammungsreihe) modifiziert worden sind. Dies ist hauptsächlich durch die natürliche Zuchtwahl zahlreicher nacheinander auftretender, unbedeutender günstiger Abänderungen bewirkt worden, in bedeutungsvoller Weise unterstützt durch die vererbten Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Theilen, und, in einer vergleichsweise bedeutungslosen Art, nämlich in Bezug auf Adaptibildungen, gleichviel ob jetzige oder frühere, durch die direkte Wirkung äusserer Bedingungen und das unserer Unwissenheit als spontan erscheinende Auftreten von Abänderungen.” (DARWIN, 1899, 15. Kapitel)
Darwin, insbesondere aber seine Anhänger, sahen die ständige Konkurrenz, den ständigen Kampf aller Individuen innerhalb einer Art um die bestmögliche ökologische Anpassung und den Kampf zwischen den Arten für den eigentlichen Motor der Evolution.
Darwin geht davon aus, dass “die Struktur eines jeden organischen Gebildes auf die wesentlichste, aber oft verborgene Weise zu der aller anderen organischen Wesen in Beziehung steht, mit welchen es in Concurrenz um Nahrung oder Wohnung kommt, oder vor welchen es zu fliehen hat, oder von welchen es lebt.” (DARWIN, 1859) Und diese Konkurrenz ist nun eben für Darwin der Hauptmotor für die Evolution.
Wie sich nach Darwin Arten bilden können
Aus den drei nachfolgend aufgeführten natürlichen Gegebenheiten können sich nach Darwin in einem kontinuierlichen Prozess neue Arten bilden.
- Variabilität der Individuen einer Population, die genetisch festgelegt sind
- Nachkommenüberschuss und Begrenzung der Ressourcen
- Natürliche Selektion der Bestangepassten (the fittest)
Darwin ging davon aus, dass sich eine kontinuierliche Veränderung der Arten abspielte und sie nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt (von Gott) geschaffen wurden. Die Ähnlichkeiten zwischen gewissen Organismen deutete er als Beleg für eine gemeinsame Abstammung (Deszendenz).
Darwin ging davon aus, dass die Evolution in kleinen Schritten ablief und dass keine Sprünge auftraten und somit auch keine Lücken in den Formenreihen existieren dürfen. Er versuchte zu zeigen, dass im Lauf der Zeit Wesen entstanden, die es vorher noch nicht gab.
Für Darwin war die Selektion der Hauptmechanismus, der die Veränderung der Lebewesen herbeiführte.
Das poetische Ende vom “Origin”
In seinem Hauptwerk (On the Origin of Species) fasst er seine Ideen auf der letzten Seite erstaunlich poetisch so zusammen:
Wie anziehend ist es, ein mit verschiedenen Pflanzen bedecktes Stückchen Land zu betrachten, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit zahlreichen Insekten, die durch die Luft schwirren, mit Würmern, die über den feuchten Erdboden kriechen, und sich dabei zu überlegen, dass alle diese so kunstvoll gebauten, so sehr verschiedenen und doch in so verzwickter Weise voneinander abhängigen Geschöpfe durch Gesetze erzeugt worden sind, die noch rings um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, heissen: Wachstum mit Fortpflanzung; Vererbung (die eigentlich schon in der Fortpflanzung enthalten ist); Veränderlichkeit infolge indirekter und direkter Einflüsse der Lebensbedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs; so rasche Vermehrung, dass sie zum Kampf ums Dasein führt und infolgedessen auch zur natürlichen Zuchtwahl, die ihrerseits wieder die Divergenz der Charaktere und das Aussterben der minder verbesserten Formen veranlasst. Aus dem Kampf der Natur, aus Hunger und Tod geht also unmittelbar das Höchste hervor, das wir uns vorstellen können: die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen. Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.
Mit seinem späteren, zweiten Hauptwerk “Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl” übertrug Darwin selbst diese Thesen bereits teilweise auf den Menschen.
Kritik am Darwinismus
Darwin erntete für seine Thesen nicht nur grosses Interesse, sondern auch scharfe Kritik. Es sollte Jahrzehnte dauern ehe seine Evolutionstheorie zur dominanten Strömung innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses werden sollte.
Die ersten Jahrzehnte erntete Darwin vor allem Kritik aus den Reihen christlicher Wissenschafter und Theologen, die weiterhin an der Schöpfungslehre festhalten wollten, also die in der Bibel dargestellte Schöpfung der Arten und insbesondere des Menschen durch Gott als wissenschaftliche Wahrheit betrachteten.
Wenn diese Kritik an Darwin durch die fortschreitende Säkularisierung Europas hierzulande mittlerweile auch völlig unbedeutend geworden ist, so heisst das nicht, dass sie völlig verschwunden wäre. Insbesondere in den USA – mit ihren starken fundamentalistischen Strömungen in den evangelikalen Kirchen und eigenen “christlichen Universitäten” – ist die Evolutionstheorie Darwins noch keineswegs gesellschaftlich anerkannter wissenschaftlicher Standard. Duane T. Gish, der auf der Universität von Kalifornien in Berkeley Biochemie studiert hatte und heute einer der Direktoren des “Institute for Creation Research” und Professor am Christian Heritage College in San Diego ist, konnte etwa in einem auch auf Deutsch erschienen Buch nach langen Abhandlungen über Fossilienfunde und das “sprunghafte Auftreten neuer Arten schliessen: “Im Anfang schuf Gott… ist immer noch die modernste Aussage, die über unsere Herkunft gemacht werden kann!” (GISH, 1982)
Wesentlich ernster zu nehmende Einwände stammen von Theoretikerinnen und Wissenschafterinnen, die zwar nicht die allgemeine Evolutionstheorie in Frage stellen, sprich die Entwicklung allen Lebens aus einem gemeinsamen Ursprung bejahen, aber die Mechanismen der Veränderung, wie sie Darwin annahm, ablehnen.
So gibt es heute etwa Einwände, dass sich bei komplizierten Organen, wie den menschlichen Augen, nicht nur ein einzelnes Organ zweckmässig ändern kann, sondern zahlreiche Merkmale gleichzeitig und gleichsinnig ändern müssen. Auch ist es umstritten, ob sich die Entstehung neuer Arten durch kleine, schrittweise Mutationen ergeben oder durch sprunghafte Makromutationen.
Die Motivationen und Antriebe für die Evolution, wie sie Darwin, bzw. die DarwinistInnen annehmen, stellt auch der russische Anarchist und Universalgelehrte Peter Kropotkin in Frage. In seinem erstmals 1902 erschienenen Buch “Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt” berichtet Kropotkin von seinen Reisen in Sibirien, auf denen er, obwohl er “emsig darauf achtete, nicht jenen erbitterten Kampf um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken [konnte]. Und es war dieser Kampf, der seitens der meisten Darwinisten – keinesfalls aber ständig von Darwin selbst – als das typische Kennzeichen des Kampfes um das Dasein und als Hauptfaktor der Entwicklung betrachtet wurde.” (KROPOTKIN, 1902)
Kropotkin sieht in dieser Kampfschrift gegen den Sozialdarwinismus nicht den “suvival of the fittest” als Motor der Evolution, sondern stellt fest, dass die “gegenseitige Hilfe ein wichtiges progressives Element der Evolution darstellt” (KROPOTKIN, 1902).
Unabhängig davon, ob nun aber die Thesen Darwins für die Tier- und Pflanzenwelt Gültigkeit beanspruchen können oder nicht, erscheint es mir wichtig, dass sie keinesfalls den Anspruch erheben dürfen, auch im Bereich menschlicher Gesellschaften gültig zu sein. Der Mensch ist eben nicht nur ein von seiner Biologie determiniertes Wesen, sondern ein Wesen mit Kultur, Bewusstsein, Reflexionsfähigkeit und Gesellschaft. Als solches kann er seine Geschichte in die Hand nehmen und seine Gesellschaft so formen, wie er sie nun einmal haben will.
Wer also eine Gesellschaft des “Survival of the Fittest” als natürlich betrachtet, macht damit in Wirklichkeit keine Aussage über die Beschaffenheit der Welt, sondern über jene Gesellschaft, die er/sie haben möchte.
1970 hat die Biologin Lynn Margulis, Chicago, ihr Buch veröffentlicht: ” Origin auf Eucayotic Cells”. (“Ursprung der Zellen mit umhüllten Zellkern”). Damit bezeichnete sie die Symbiose als wichtigen Baustein der Natur. Symbiose ist gegenseitige Hilfe verschiedener Arten.
Darwin online lesen
On the Origin of Species 1859 Volltext (Kap. 1 – 3)
On the Origin of Species 1859 Volltext (Kap. 4 – 6)
On the Origin of Species 1859 Volltext (Kap. 7 – 10)
On the Origin of Species 1859 Volltext (Kap. 11 – 15)
Bemerkenswerte Literatur über Darwin und Darwinismus
Carl Zimmer
Die Quelle des Lebens
Von Darwin, Dinos und Delphinen
Verlag: Deuticke (1998)
Dieses Buch handelt von der Suche nach dem ersten Fisch, der sich an Land wagte – er kann als Vorläufer aller Säugetiere und damit auch als Urahn des Menschen betrachtet werden.
Ausserdem spielen jene Säugetiere eine wichtige Rolle, die wieder ins Wasser zurückgekehrt sind – zu ihnen gehören unter anderen die Delphine.
Ernst Peter Fischer
Das grosse Buch der Evolution
Verlag: Fackelträger-Verlag, 2008.
Nichts ergibt in der Biologie einen Sinn, ausser man betrachtet es im Lichte der Evolution. Dieses Zitat von Theodozius Dobzhansky prägt den herrlich bebilderten Band von Ernst Peter Fischer. Ein Buch, das Lust macht sich mit Evolution, der Biologie und dem Menschen intensiv auseinander zu setzen.
Stephen Jay Gould:
Illusion Fortschritt
Die vielfältigen Wege der Evolution Zwar haben sich einige wenige Lebewesen, insbesondere die Säugetiere, zu größerer Komplexität hin entwickelt, die große Mehrheit der Organismen aber, z. B. die Bakterien, zeigen keine solche kontinuierliche Tendenz, obwohl sie von ihrer Anzahl, Vielfalt und Entwicklungsgeschichte her die erfolgreichsten Organismen der Erde sind. Gould zufolge gilt demnach ein Prinzip der Variation, das außer der Entwicklung zu immer komplexeren auch die zu einfacheren Strukturen vorsieht…
Stephen Jay Gould
Der Daumen des Panda –
Betrachtungen zur Naturgeschichte
Waren die Dinosaurier wirklich dümmer als Eidechsen? Warum werden eigentlich immer ungefähr gleich viele Männer wie Frauen geboren? Wie kam der berühmte Dr. Down zu seiner »Mongolismus«-Theorie und ihren rassistischen Implikationen? Inwiefern spiegelt die Entwicklung der Mickey Mouse unsere eigene Entwicklung wider? Was erzählen uns der magische »Daumen« des Pandas und die endlose Wanderung der Seeschildkröte über die Unvollkommenheiten, die die Evolution beweisen? Diese und andere Fragen erörtert Gould in geistreicher Art und Weise.