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Der siebente Weg zum Wildhorn
Von Pfarrer Hörner ( Präs. der Section " Wildhorn ).
Im Itinerarium des S.A.C. pro 1880/81 beschreibt Herr Prof. Renevier sechs Wege zur Erklimmung der edlen Gletscherkuppe, deren Namen die Section Wildhorn führt. Dem Leser des Itinerars erscheint neben den sechs angeführten Clubistenwegen ein neuer nicht leicht denkbar. Und doch kann, wer schon zu wiederholten Malen vom Wildhorngipfel aus dessen nähere Umgebung genauer gemustert hat, die Frage nicht wohl unterdrücken: wäre es denn nicht möglich, direct und mitten über die oberen Terrassen des Geltengletschers, den die Passagen a und b Herrn Renevier'snur streifen, das Wildhorn zu erreichen?
Schon bei einem früheren Wildhornbesuch gegen Ende October 1877 hatte sich der Verfasser dieser Zeilen die Erforschung eines solchen Weges als clubistisches Problem gestellt, aber erst Ende Juli 1880 konnte er sich an die Lösung desselben machen.
* ) Vergi, pag. 60 und 61 dieses Jahrbuches.
12 Wer der unter Ziffer a der Wildhornwege des Itinerars von den Herren Eenevier und Dr. Bugnion angezeigten Route vom Sanetsch her über den Arpelistock nach dem Wildhorn folgt, gelangt zu Punkt 3034 der Excursionskarte.Von diesem Punkt ab, etwas unterhalb, sticht ein sehr scharfer und rauher Grat, den ich Mittelgrat nennen will, nach unten zu an Höhe und Wildheit wachsend, aus dem Gletscher auf. Er theilt das Gletschermassiv, das im Allgemeinen mit dem Namen des Geltengletschers bezeichnet wird, in einen westlichen und einen größeren östlichen Theil. Wir nennen den westlichen, vom Arbelhorn gekrönten Theil den „ Arbelgletscher ", den östlich vom Theilgrat gelegenen, vom Geltenhorn überragten, den eigentlichen Geltengletscher. Ueber den Brozetsattel hängt er mit dem südlich abfallenden Brozetgletscher zusammen. In von West nach Nord sich schwingender sanfter Curve bricht er über der senkrecht in die Thalsohle des Roththalbodens abstürzenden Roththal-Geltenwand, über die er bei zwanzig kleinere und größere Wasserfaden zu Thal entsendet, jäh ab. Nirgends erreicht der Geltengletscher die Thalsohle. Der Arbelgletscher dagegen schiebt, der Westflanke des Mittelgrates entlang stufenförmig abfallend, seine Schuttmassen unablässig der Roththalsohle zu, die ohne Zweifel im Lauf der Zeiten durch seinen Materialtransport aus einem einst ansehnlichen Gletschersee in eine ebene Steinwüste mit wenigen spärlichen Weideplätzen verwandelt wurde. Der obere Rand der Geltenwand trägt durchweg die deutlichsten Spuren des um ein Merkliches zurückgetretenen Gletschers, an dessen früheres Ueber- hängen über die Wand herunter sich mancher noch nicht hochbejahrte Aelpler der Umgegend noch wohl zu erinnern weiß. Mit dem früher ohne Zweifel zu einem Ganzen mit ihm vereinten Geltengletscher hängt der Arbelgletscher jetzt nur noch nördlich vom Mittelgrat durch einige schmale und äußerst steile, arg verschrundete Schneekehlen und Eiscouloirs zusammen. Durch eines dieser Couloirs den Geltengletscher zu erklimmen, über dessen Mittelterrasse die Westflanke und endlich durch eine der obersten Kehlen die Firnkuppe des Wildhorns zu erreichen, das war der Plan, mit welchem am 22. Juli 1880, Morgens nach 8 Uhr, drei Wildhornclubisten mit ihrem Führer aus dem gastlichen Pfarrhaus von Lauenen thatendurstig in 's Feld rückten. Die Gesellschaft, welche den siebenten, nach eingezogenen Erkundigungen noch von Niemanden, zuverlässig von keinem Mitglied des S.A.C. gemachten Wildhornweg aufsuchen wollte, bestand aus Pfarrer Hubler in Lauenen, dem Verfasser und seinem Sohne, A. Hörner. Führer war Jakob Schwizgebel, Lehrer in Lauenen, welcher auf dieser Wildhornfahrt seine Sporen als neu patentirter Führer und sein erstes Zeugniß in 's rothe Buch verdienen sollte. Schon am Nachmittag des 18. Juli waren wir, Vater und Sohn, noch ganz ohne bestimmten Plan aus dem unteren nach dem oberen Simmenthal gekommen, um irgend eine Bergfahrt auszuführen, und hatten in Zweisimmen, in einer fröhlichen improvisirten Zusammenkunft einiger Sectionsmitglieder, das Mandat erhalten, zu Ehren der Section das Problem des siebenten Wildhornweges zu lösen. Als Vorübung zu dieser Tour gedachten wir am 19. den Diablerets einen Besuch abzustatten und stiegen von Gsteig zum Sanetsch hinauf, um über den Zanfleurongletscher unser Ziel zu erreichen. Wir gelangten auch, von dem Kuhhirten von Fleuron geführt, glücklich auf den Gletscher und über denselben zum Fuß der Tour St-Martin, und nach Verabscheidung unseres Führers, dem der Gletscher nicht ganz „ heimelig " war, allein zum Punkt 3036; da aber die Tageszeit schon weit vorgerückt, die Rundsicht getrübt und ein Gewitter von Westen her im Anzüge war, mußten wir auf die Besteigung des Hauptgipfels verzichten und danach trachten, so bald als möglich unser Nachtquartier Gsteig wieder zu erreichen.
Und da war für Leute ohne Führer nicht mehr viel Zeit zu verlieren. In eiligem Tempo ging 's glücklich und rasch unter dem Oldenhorn durch die Porte d' Audon, dann theils per Rutschpartie, theils durch die Felsen des Gletscherufers der bereits ganz verlassenen Oldenalp zu, die in schon tiefer Dämmerung erreicht wurde, und Alpstufe um Stufe hinunter nach dem Reuschboden. Allein je tiefer wir hinabkamen, desto tiefer ward das Dunkel, das uns umgab. Der Weg wurde verfehlt, schließlich absolut verloren. Immer neue Versuche, die Brücke über den hier durch eine tiefe und schroff abstürzende Felsklamm dahintobenden Reuschbach zu finden, mißlangen auch immer neu, und das Ende des Tages war ein Bivouac im Schutz eines mächtigen Blockes unter den Tannen am Ufer des Reuschbaches, mit äußerst frugaler Abendmahlzeit, Wetterleuchten ringsum und in der angenehmen Er- Wartung, gehörig eingeweicht und abgekühlt in den anderen Tag zu gehen. Diese Reize unseres Bivouacs hinderten indeß doch nicht den Genuß einiger kurzer Stunden gesunden Schlafes, der glücklicherweise von keinem Regen gestört wurde. In der Frühdämmerung brachen wir auf. Das ziemlich verdächtige Colorit des Morgenhimmels mahnte zur Eile. Die in der Nacht unfindbare Reuschbachbrücke war natürlich am Morgen dann in neckischer Nähe sogleich gefunden, und mit Losbruch des Gewitters rückten wir halb 5 Uhr Morgens in eine der Reuschbodenhütten ein. Während es blitzte, donnerte und der Regen in Strömen goß, that ein warmes Frühstück gute Dienste; doch sobald das Gewitter vorübergezogen, wurde nach Gsteig aufgebrochen. Denn am 20. Juli sollte noch zu guter Zeit über den Krinnen unser Hauptquartier Lauenen erreicht werden, wo die Wildhorncolonne durch Hrn. Pfarrer Hubler und den vielbewährten Führer J. Schwizgebel sich vervollständigen sollte. Wie sich Zeitverlust straft, hatte uns der Vortag gelehrt. Unter Abwechslung von fast vernichtender Schwüle und kürzeren Gewitterentladungen wurde dann Dienstag etwas nach 1 Uhr der Schirm des gastlichen Pfarrhausdaches von Lauenen von den Krinnen her eben in dem Augenblicke erreicht, als wieder ein gewaltiges Gewitter mit voller Macht der entfesselten Elemente losbrach. Der Nachmittag blieb gewitterhaft und regnerisch und bot zwar unfreiwillige, aber deshalb doch nicht unwillkommene Gelegenheit, die kurze Nachtruhe unseres Bivouacs durch eine ausgiebige Siesta zu ergänzen. Leider brachte aber auch der folgende Tag, der 21. Juli, als Gewittertag weit und breit zu trauriger Berühmtheit gelangt, keine Besserung, und trotz aller Ungeduld mußte der Aufbruch wieder verschoben werden. Am 22. endlich stellte das Barometer leidliches Wetter in Aussicht, und um 8 Uhr Morgens brach denn auch unsere Colonne auf. Erst um diese Zeit nämlich consolidirten sich die Witterungsaussichten so weit, daß man wenigstens für den Besuch des Roth-thales einen ordentlichen Tag prognosticiren durfte. Dieser durfte nicht verloren gehen; fiel uns dann noch mehr zu: tant mieux! Rasch ging es nun, immer in der Höhe über dem rechten Ufer des Geltenbaches, ziemlich hoch über dem Lauenensee, hart unter dem prachtvollen Dungelschuß durch, Thalstufe um Thalstufe hinan, der Alp Feißenberg zu, wo ein erster kurzer Halt gemacht wurde. Es ist ein prächtiges Wandern über die immer jäher sich terrassirenden alten Gletscherböden; immer neue und größere Reize der großartigen Gebirgswelt entfalten sich und stets neue Versuchungen zum Anhalten bieten sich für Zeichner, Botaniker und Geologen. Von der Alphütte Feißenberg aus bietet sich ein durch die mächtigen, rapiden Abstürze von Voll- und Spitzhorn zwar eng eingerahmtes, aber im höchsten Grade fesselndes, großartiges Gebirgslandschaftsbild dar. Ueber einen felsigen Thalriegel stürzt wohl wenigstens 60 m hoch der damals sehr wasserreiche Geltenfall ( in Lauenen auch „ Geltenschuß " ), an den Schmadribach hinter Lauterbrunnen erinnernd, in majestätischem Falle herunter. Hinter ihm ragen die Eisfelder des Geltengletschers, über ihnen der Geltengrat mit dem eisumpanzerten Geltenhore in den blauen Himmel. Dieser prächtige Punkt wäre für sich allein schon einen Gang werth. Bald war die Alp Feißenberg durchschritten und ein steiler, über Trümmerhalden sich bergan ziehender Pfad führte uns auf den Bergriegel, über den hinunter der Geltenbach seinen prächtigen unteren „ Schuß " macht und in den hinein er sich in nie rastender Arbeit eine tiefe Rinne eingesägt hat. Von diesem Punkte an nimmt die Landschaft immer ausgesprochener hochalpinen Character an. Hart an tief in 's Eingeweide des Berges eingefressenen Klammen, in deren dunkeln Tiefen der Geltenbach eng eingezwängt schäumende und donnernde Katarakte bildet, vorbei, über Felsenstufen und Grasflecke hinan, geht 's bald in scharfer Biegung um ein ziemlich steil abfallendes rauhes Felseneck und dann über eine Guferhalde hinunter auf den Boden der Alp, wo bei Punkt 2158 m des Blattes Lenk im Schütze mächtiger Felsablösungen die höchst primitive Geltenalphütte steht. So armselig aber die Hütte, so herrlich ist ihre Lage. Wer das Gebirg nicht blos als Bergbummler bereist, der sich einen himmelanstrebenden Gipfel zum einzig des Strebens werthen Clubistenziel erwählt „ pour y avoir été ", so und so viel Meter hoch, über so und so viel gehackte Stufen hinan, der muß es wahrhaft bedauern, wenn er hier nicht sattsam weilen kann, um all' die Herrlichkeit recht zu genießen, die sich hier bietet. Keiner wird es bereuen, diesem wunderherrlichen Punkt einen Besuch abgestattet zu haben. Oestlich der Geltenalp-* hütte gegenüber, welche selbst am Zusammenfluß zweier krystallheller kleiner Bäche steht, stürzt über den oben erwähnten felsigen Höhenzug in zwei hartv neben einander fallenden herrlichen Cascaden, aus dem eigentlichen Koththal* ) hervorbrechend, der auf Blatt Lenk „ Geltenschuß " genannte Wasserfall. Den Höhenzug tiberragen die Felszinnen der Gelten- und Roththalwand, bekrönt von dem weißblauen klüftigen Absturz des Geltengletschers, an den sich nordöstlich die entsetzlich wilden, scharf gezackten Felsen des noch nicht erstiegenen Hahnenschritthornes anschließen. Majestätisch groß und hoch winkt im südöstlichen Winkel des Landschaftsbildes das Wildhorn herunter, mit den zur Besteigung einladenden Couloirs seiner Westflanke. Ueber den Terrassen des Geltengletschers erhebt sich, das Bild im Süden einrahmend, der rauhe, bis an seine jähen obersten Abstürze vergletscherte Geltengrat mit dem zierlichen Geltenhorn ( 3074 m ). Die Situation der Geltenalphütte würde sich in manigfacher Beziehung ganz vortrefflich zu einem Aufenthalts- und Ausgangspunkte für Excursionen in dieser höchst interessanten Gegend des Excursionsgebietes pro 1880/81 eignen. Nur dürfte dann, ohne daß eben sybaritische Verweichlichung den würdigen Mitgliedern des S.A.C. deswegen drohen würde, die, wie gesagt, gegenwärtig in äußerst primitivem baulichem Zustande befindliche Hütte etwas besser eingerichtet sein, was ohne große Mühe und viel Kosten in einer bescheidenen clubistischen Ansprüchen genügenden Weise geschehen könnte. Nach dem Wildhorn via Geltentritt, über die Südflanke des Hahnen-schritthornes, nach dem im Westen gelegenen Spitzhorn, Arbelgletscher und Arpelistock, Geltengletscher und Geltenhorn, und für das Wildhorn auf dem „ siebenten Wildhornweg " wäre eine Clubhütte am Gelten ein sehr geeigneter Ausgangspunkt, von Lauenen aus auf höchst genußreichem Nachmittagsspaziergange erreichbar.
Etwa um 1 Uhr Mittags des 22. Juli hatten wir die Geltenalphütte erreicht. Das Wetter schien ziemlich consolidirt zu sein. Während einer Stärkungs-rast faßte der Rath der Vier den Beschluß, da für heute das Wildhorn wegen zu vorgerückter Zeit nicht mehr zu unternehmen sei, und die Witterungsverhältnisse in günstiger Weise sich anzulassen scheinen, so sei der Nachmittag des heutigen Tages behufs einer Recognoscirung für die Hauptaction des folgenden Tages zur Besichtigung des Roththals und Besteigung des vom Hühnerhorn 2739 m* ) nordöstlich zwischen dem eigentlichen Roththal und demjenigen der Karte bis zum Geltenschuß sich hinziehenden Grates zu verwenden und Abends in der Geltenalphütte Quartier zu beziehen.
Dem Geltenschuß entlang ging 's nun aufwärts auf die Schneide des Grates, wo sich mit einem Mal der Blick in das Roththal öffnet und die ganze Roththal-Gelten -Wand in ihrer Breite und Höhe, mit ihren zahlreichen größeren und kleineren Wasserfällen, sich dem 18(5Hürner.
Blicke darbietet. Erst über Grashänge, dann mehr und mehr über Guferhalden und Platten, brüchige Felsränder hinan wurde gegen 3 Uhr der zur Kecognoscirung ausersehene Punkt, etwa bei 2515 der Karte, erreicht. Alles wäre soweit ganz in Ordnung gewesen, wenn nicht mit der bekannten Eile, in welcher in den Hochregionen solches zu geschehen pflegt, erst Avantgarden, dann bald dichte Heerhaufen grauen Nebels von scharfem Winde feindselig zwischen den Recognos-cirungspunkt und das zu recognoscirende Object vorgeschoben worden wären. Hie und da nur gab 's einen Riß, ein momentanes Guckloch. Nach längerem vergeblichem Harren auf freieren Ausblick erfolgte rascher Abstieg zur Geltenhütte vor neuem Gewitterausbruch. In wenig mehr als einer Stunde war die Hütte erreicht. Mittlerweile aber war das bei der Abreise sonnig trauliche Plätzchen so wenig einladend geworden, daß ein rasch gefaßter Entschluß, mit Zurücklassung der Tornister über Dungeltritt und Dungelleiterweg die etwa fünf Viertelstunden entfernte Dungelalp zum Nachtquartier zu gewinnen, im Eilmarsch ausgeführt wurde. Die grellen Lichter der Abendbeleuchtung ließen schlechtes Wetter befürchten, das denn auch nicht ausblieb. Wir hatten uns in der Dungelhütte kaum zur Ruhe gelegt, da fing 's auf den Schindeln an zu tippen, erst tropfenweise, dann immer zusammenhängender zu „ bretschen ", zu gießen. „ He! hörst du0 heilloses PechAde Wildhorn für dieses MalWären nur die Tornister nicht da hinten in der Geltenhütte, im Regenloch !" Nach vollbrachten Thaten ist so eine Regennacht unter den Hüttendachschindeln, im warmen Heunest, etwas eigenthümlich Angenehmes. Anders nimmt sich die Sache aus am Vorabend eines letzten verfügbaren Tages eben vor beabsichtigter Hauptaction. Trüb waren die Betrachtungen, zu denen das Geprassel des Regens die Instrumentation lieferte. Nicht alle damals gehaltenen Monologe und Chorsätze athmeten ruhige Ergebung in 's Unvermeidliche. Nicht ahnungs-, wohl aber regen- und nebelgrauend brach der Morgen des 23. Juli an. Wären die Tornister zur Hand gewesen, ohne Zweifel würde bei erster Lichtung der von Hahnenschritt- und Vollhorn dicht und schwer herabhängenden Nebel nach Lauenen aufgebrochen worden sein, um auf der Thalstraße möglichst rasch die stille Heimat zu erreichen. So aber mußte der Umweg über Geltenalp jedenfalls wieder gemacht sein. Nur einer von uns drei Clubisten hatte das Spiel noch nicht verloren gegeben. Während der älteste, an Resignation gewohnt und einer etwas pessimistischen Lebensanschauung zugeneigt, den Glauben an ein glückliches Gelingen des Wildhornprojectes so ziemlich verloren und in der zwar sehr glaubwürdigen Aeusserung eines Sennen: das Wetter „ könne " auch wieder besser werden, einen ganz ausreichend sicheren Grund für bessere Hoffnung zu finden nicht vermocht hatte, wollten Schwizgebel und der jüngste, welche alle Falten der grauen Wolkendecke unablässig auf schadhafte Stellen durchmusterten, da und dort einige Risse in derselben erspäht, auch Andeutungen eines Wind-umschlages bemerkt haben, auf den ihr unverwüstlicher Optimismus unbedenklich sofort ein neues Hoffnungs- gebäude gründete. Und wirklich! gegen 9 Uhr Morgens rissen, verschoben und hoben sich die finsteren Vorhänge und vergoldete sich die Landschaft in den Strahlen der durchbrechenden Sonne. Immer mehr gewann der blaue Himmel an Umfang. Immer weiter und dünner ward der von einem frischen Nordost gejagte NebeMng. Auf, nach den Tornistern und vielleicht — hoffentlich — vermuthlich — noch etwas weiter! Lebt wohl, ihr Sennen! Fast im Sturmlauf ging 's wieder dem schroff aufsteigenden Eckthurm des Dungeltrittes zu, dessen Leiter hinan, über den schmalen Pfad, der den jähen Abstürzen des Vollhornes entlang führt, der Geltenalpliütte zu, welche etwa um halb 11 Uhr erreicht und mit den rasch aufgepackten Tornistern unverweilt wieder in Richtung nach dem Hühnerhorngrat verlassen wurde. Immer besser gestalteten sich die Auspicien des Tages; völlig klar, groß und zu Thaten begeisternd präsentirte sich das Operationsgebiet mit seiner winkenden Aufgabe vor unseren Blicken. In möglichst geradlinigem Anstieg, ohne Aufenthalt, ging 's über die bald ziemlich rauh werdenden Gehänge des Grates, bald dann über mächtige Moränenzüge, welche an ihren Schattenseiten alte Lawinenreste hegten, nach dem heute alle wünschbare Klarheit über die Situation bietenden Recognoscirungspunkte hin. Die Sonne stand in ihrer Mittagshöhe, als wir ihn erklommen hatten. Während etwa einer halben Stunde der Rast und Erfrischung wurde der Anstieg von unserem Standpunkt nach der mittleren Terrasse des Geltengletschers, nach unserem Voranschlag die wichtigste Leistung für den heutigen Tag, studirt. Zuerst war vom Hühnerhorngrat aus der unter diesem nach dem Roththal hin ziehende Arbelgletscher, dann durch eine der Eiskehlen des Mittelgrates der Geltengletscher zu gewinnen. Der Kehlen gab es mehrere, aber welche führte am sichersten zum Ziele? Nach längerer stillschweigender Prüfung und Vergleichung wies Schwiz-gebel's Hand endlich auf eine derselben. „ Dort geht 's und sonst nirgends. Punctum !" Rasch ward aufgeprotzt. Es war circa 1 Uhr, also wenig Zeit mehr zu verlieren. Schnell ging es hinab, dem Arbelgletscher zu. Das bekannte Wirrsal von Moräne, kleineren Schrunden, gletschergeschliffenen und zum Theil schon fein glacirten Platten und Rundhöckern ward bald überwunden. Gegen 2 Uhr standen wir auf der sanfteren Fläche des Gletschers unterhalb der Kehle, auf die unsere Hoffnung gestellt war. Während einer kurzen Pause lehrte der dem Ziel zugewendete Blick, daß auch diese Kehle noch ihre „ Muggen " haben könnte, sowohl wegen der Steilheit ihrer oberen Partie, als auch besonders wegen des ziemlich lockeren Zusammenhanges zwischen dem Eise und seiner Schneedecke.
Es galt nun, ihre Gangbarkeit zu erproben. Zwei Ansätze schienen kein erfreuliches Ergebniß zu pro- Das hier beigegebene Bild ist nach einer Skizze ausgeführt, die mit Hülfe der Excursionskarte aus der Erinnerung entworfen wurde. Auf Genauigkeit macht es daher nicht Anspruch; immerhin dürfte dasselbe genügen, um eine Vorstellung der Situation und unseres Weges zu geben. Der Felskopf im Vordergrunde gehört dem Hühnerhorngrat an; vom Arbelgletscher an bis zum Col-de-Brozet ist Weg durch eine punctirte Linie bezeichnet.
gnosticiren. War's wohl die combinirte Wirkung des Blickes nach unten über die steil links abschießende Fläche in einen aufgähnenden Schrund, des Blickes nach oben auf die rasch zunehmende Steilheit des Terrains und des sehr unbehaglichen Gefühls von der Unsicherheit des Fußes auf dem glatten Eise unter der losen Schneedecke? Kurz, der Referent steht nicht an, zu bekennen, daß er seines Theils damals zum Aufgeben dieser Route rieth, ohne sich dabei zu verhehlen, daß freilich mit Befolgung dieses Rathes die ganze Unternehmung auf 's Höchste gefährdet sei. So viel war aber auch den Andern und besonders unserm wackern Führer klar. Und eben deshalb fand der Vorschlag entschiedenen und verdienten Widerspruch, vorab bei Schwizgebel. „ Henu so de ", brummte endlich der alte Skeptiker in den Bart, „ will 's denk auch dieses Mal noch mit den Jungen halten. " Schwizgebel hackte aus Leibeskräften Stufe um Stufe aufwärts. Jetzt war er an den Felsen angelangt, die sich dem Weiterkommen über Erwarten günstig zeigten, verließ die trügerische Kehle und schwang sich auf einen vorspringenden Höcker. Ein lauter Jodler ging in die Lüfte. Es geht doch! Und bald krabbelten Alle, des gelungenen Handstreiches froh, die leidlich festen Stand gewährenden Felsstufen hinan. Um die 3 Uhr mochte es sein, als wir die mittlere Terrasse des Geltengletschers betraten. Freilich nicht mehr gar viel zu früh in billigem Anbetracht, daß noch der Weg über den Gletscher, dann der Anstieg durch die Runse zur Wildhonikuppe und der Abstieg zum Nachtquartier in der Iffigen-Clubhütte auf dem Programm des Tages stand! Etwa sechs volle Stunden maßen wir uns ohne Besinnnen zur Beendigung unseres Marsches noch vor. Mit noch etwas Zulage für Irr- und Mißrechnung dachten wir spätestens um 10 Uhr Abends bei der Clubhütte anlangen zu können. Für das vorher verglommene Licht des Tages ward guter Ersatz durch das Licht des Mondes in Berechnung genommen. Die Hauptaction, neben welcher das Andere, was unser noch wartete, als bloses Accidens erschien, lag hinter uns: das Problem, Auffindung der Durchfahrt vom Ende des Arbelgletschers den Mittelgrat hinan auf den Geltengletscher, war ja gelöst. Drum: „ Mag noch kommen, was da will, eine kleine Rast, ein mäßig Schlücklein aus der Flasche und ein kurzes Rauchopfer wollen wir uns fröhlich gönnen. " Derweil solches geschah, machte ein munter und sorglos den untersten Felsbändern des Geltengrates entlang schlenderndes Rudel von acht Gemsen den Repräsentanten des S.A.C. auf ihrem Gebiet freundliche Aufwartung, immerhin noch aus gewisser Distanz. Auch unter den Felsen des Wildhornes gewahrten wir unter uns, am Nordende des Geltengletschers, noch gleichen Abends ein Gemsrudel von sechs Stücken.
Wohl war nun zwar die siebente Wildhornroute eröffnet, aber bis zu deren Beendigung mit Eintritt in die Clubhütte „ änet dem Wildhorn " gab 's noch mancherlei Vorgesehenes und noch mehr nicht Vorgesehenes zu erleben. Die Gletscherterrasse ward der Vorsicht wegen am Seil begangen. Wo sie sich an den Mittelgrat lehnt, geboten einige Schrundver-schlingungen sorgsame Achtung. Nach Ueberwindung einiger solcher Stellen war das Wandern über den Gletscher fast ein Ausruhen auf die Lungen, Arme und Beine ziemlich hart erprobenden Uebungen am Mittelgrateck. Fast zu sorglos schlenderten wir in heller Gemüthlichkeit dahin, ziemlich genau die Linie einhaltend, auf welcher der Fuß der Buchstaben ( Gei ) ten GI. im Blatt Lenk steht. Zwischen... n-Gl. ist auf der Karte eine Schrundpartie angegeben. Diese war bei unserer Passage der Stelle mit Schnee zugedeckt. Ziemlich achtlos waren wir in dieselbe gerathen, ohne gewissen, einem irgendwie argwöhnischen Clubistenauge sonst gleich als verdächtig auffallenden Versenkungen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Auf einmal steht Schwizgebel still: „ So, da donnert 's wieder — höret ihr 's nicht? Wo geht 's wohl wieder los ?" Das donnerartige Getöse wurde wohl auch von uns Anderen wahrgenommen. Kein Auge aber konnte am hier doch schon sehr weiten Horizont Gewitterspuren entdecken. Die Seilcolonne setzte sich wieder in Bewegung. Wenig Schritte nur, und — Brrr! kracht 's und kollert 's in eine durch unsere Schritte geöffnete Tiefe, und mit ihrer Schneedecke sinkt auch Schwizgebel in sie ein. Doch das Seil hält straff und gut, der Eingebrochene weiß sich dazu selbst mit Armen und Brust so auf den Rand der Spalte zu werfen, daß er bald wieder dem menschenhungrigen Schrund entstiegen ist. Ein rascher Blick in die geöffnete Tiefe, oder vielmehr das nun durch die Oeffnung noch viel deutlicher, als vorher, aus der Tiefe vernehmbare Donnern eines subglacialen Gletscherbachfalles gab nun völlig ersättigende Belehrung darüber, wo es donnere. Möglichst respectvoll und rasch wurde die Stelle nun passirt. Bald darauf waren wir daran, die steilen Gehänge der Wildhorn-westflanke über kleinere Felsbänder und lange Schutt-und Schneefelder hinan, den Wildhornkronfelsen zuzusteuern, durch welche hinauf wir vermittelst der für gut gangbar gehaltenen Runse, die man auch vom Geltentritt her kommend zu begehen pflegt, den Gipfel zu erklimmen rechneten. Ein Fehler hatte sich aber in die Rechnung geschlichen, welcher nach Art der Rechnungsfehler überhaupt bei der Probe dann doch zum Vorschein kam und das Gesammtfacit um ein Merkliches veränderte. Die Flanke des Wildhorns hinan waren wir vom Seil losgebunden gegangen, Jeder so ungefähr in dem Marschtempo, für welches seine Lungenbewegung das Maaß gab. So gewann das jüngste Lungenflügel-paar vor den andern einen Vorsprung. Herzlich neidlos hätten wir alle seinem Träger die Freude gegönnt, der glückliche Pfadfinder und dann vielleicht auch sogar der Erste auf dem Gipfel zu sein. Allein die ihm allgemach Nachrückenden bemerkten nicht ganz zu ihrem Behagen, wie er da und dort in den Felsen an- und wieder absetzte, bald mehr rechts, bald mehr links speculirte, den Augen verschwand und, statt erwarteter Weise oben in der Höhe, unerwarteter Weise wieder unter den Felsen in Sicht kam. Der e,i2xa-Jodler wollte die lauschenden Ohren nicht erfreuen. Das Suchen nach der ersehnten Fährte war offenbar nicht mit dem erwünschten Erfolge gekrönt worden. Meister Schwizgebel beschleunigte seine Schritte. Noch bestand Hoffnung, sein scharfes Auge 13 werde sicher den Ariadnefaden durch das Klippen-labyrinth bald entdeckt haben. Aber Gesichter wie Regenwetter erwarteten die Nachrückenden. Und die Frage: „ Nun, wo geht 's ?" wurde lakonisch trocken und trüb dahin beantwortet: „ Es geht eben hier gar nicht !" Wirklich, es ging nicht. Wohl setzten zwei Couloirs in nicht großer Entfernung von einander steil anführend in den obersten Kegel, über ihnen leuchtete die weiße Firnkuppe anscheinend neckisch nah herunter. Unser Führer hätte unter etwas günstigeren Verhältnissen für sich und seine Gefährten um so sicherer besonders das eine dieser Couloirs gewählt, als er dasselbe schon mehrmals begangen hatte. Auch Pfarrer Hubler hatte es mit ihm schon zum Abstieg vom Wildhorn nach dem Geltentritt benutzt. Daß aber heute unzweifelhaft jede der zwei Runsen ungangbar sei, lehrte nur zu evident genaue Examination derselben durch einen scharfen „ Feldspiegel ". Die Sohlen und zum Theil auch die Seitenwände namentlich der bekannten Aufstiegrinne erglänzten in der Abendsonne von unten bis oben zu deutlich in hellem, hartem Eise, als daß, zumal bei schon stark dem Westrand des Horizontes zugehender Abendsonne, der zweifellos auch im allerglücklichsten Falle sehr viel Zeit erfordernde Versuch, hier den Aufstieg zu erzwingen, erlaubt gewesen wäre. Das war die Probe, bei welcher der angedeutete Rechnungsfehler sich zeigte und rächte. Was nun? Die nicht ganz ohne Grund etwas gespannte und gedrückte Situation dicht unter den Kronfelsen des Wildhornes, Abends zwischen 6 und 7, forderte kategorisch rasche Entscheidung. „ Hinunter nach dem Gletscher und seinem Nordrand entlang durch die Felsen des Hahnenschritts dem Geltentritte zu. " So rieth bestimmt eine gewichtige Stimme im Wildhorn-rath. Schier war sie dran, die Oberhand zu erlangen. „ Allerdings, ja, hier fort; aber nicht nach dem Geltengletscher, sondern nach dem Col-de-Brozet, dem Gletscher dieses Namens zu. Geht's nicht von West mit der Sonne, so probiren wir 's von Süden her mit dem Mond ^ Diese Stimme schlug durch. Laufschritt! Vorwärts! Marsch! Bald standen wir am Col-de-Brozet und überschritten, wieder am Seil, ungefähr in der Richtung von Punkt 2826 nach Punkt 3036, den Brozetgletscher. Mit Abbiegung von dieser Richtung nach Nord ging 's nun am Fuß des Felskopfes 3036 um denselben herum durch eine Art Thor zwischen 3186 und 3036 hindurch — nennen wir dieses Thor „ Porte des Audannesin die nur langsames Vorrücken gestattenden Felsgehänge und Trümmer wüsten, welche den Südostabhang von Punkt 3186 bilden, und unter dem vorspringenden Osteck dieses Felsen-thurmes traten wir wieder vom Fels über auf den Gletscher des Audannes, der dort einen sehr rapiden Abfall nach einem tiefen und arg verschrundeten Gletschertobel bildet. Möglichst nahe an die zu unserer Linken anstehenden Felswände uns haltend, stiegen wir durch 's Seil verbunden behutsam Tritt um Tritt die beeiste, sehr steil ansteigende, scharfe Kante hinan, welche sich dem hier glücklicherweise schmalen und auch wenig tiefen Bergschrund entlang aufwärts zieht und uns die damals wirklich einzige Möglichkeit des Weiterkommens vermittelst fortgesetzten Stufen- schlagens bot. Jeder Blick, der seitwärts rechts über die jäh in den bedenklichen Schrundkessel sinkende Fläche hinunterglitt, mahnte zu höchster Vorsicht. So wenig für die Lunge, als für Hand und Fuß gab es auf dieser heikein Wegstrecke ein Ausruhen. Die Losung mußte sein: ohne Rast vorwärts, aufwärts! Denn der Zeiger der Uhr würde die Zeit wohl schon zwischen 8 und 9 gewiesen haben, wenn man nach ihm hätte schauen können. Und wie schade war 's, daß da ein Halt mit ruhiger Umschau nicht erlaubt war! Eben als wir nämlich durch die „ Porte des Audannes " in das wilde Felslabyrinth, welches, eine entsetzliche Gratzertrümme-rung, zwischen den hohen Seitenrändern des Brozet- und Audannesgletschers liegt, ging uns für heute die Sonne unter. Es war ein Sonnenuntergang an in dieser Höhe sehr weitem und durchweg wolkenfreiem Horizont, wie man ihn strahlender, reiner, majestätischer sich nicht denken kann. Aber für unsere Situation hatte er zunächst nur die Bedeutung einer drängenden Mahnung zur Eile. Als wollte er uns sagen: „ Jetzt ist für euch verspätete Streifer in meinen Revieren nicht Zeit zum Genießen eines Sonnenunterganges ", schob sich der dunkle Coloß 3186 zwischen unsere Augen und das Meer glühender Farben des Westens. Und wir durften froh sein, daß der dunkle Felsthurm uns ein demüthig Krabbeln in beschriebener Weise seiner nach Nordost gekehrten Seite entlang in höchst mäßig und vornehm gespendeter Huld noch überhaupt erlaubte. Kamen wir noch mit der gelinden Strafe davon, die Pracht des Sonnenunterganges diesen Abend nicht genießen zu dürfen, so hatten wir Alle Ursache zu demüthigem Dank. Denn, gewiß klein, ganz klein kommt sich die „ Krone der Schöpfung " auf solchen Punkten vor, auf denen jede Bewegung dahin ab-zwecken muß, die prosaische Frage glücklich lösen zu helfen: wie bringe ich mein armes kleines Ich von hier weg in Sicherheit? Dunkelt's dann dazu immer mächtiger aus den Tiefen nach den noch in der letzten Abendhelle scheinenden weißen Gipfeln und Schneiden hinauf und fängt ein scharfer Nachtwind sein Bein und Mark durchdringendes Nachtlied durch Kluft und Fluh zu singen an, so fühlst du dich wirklich zwischen zwei Leben, zwischen zwei Welten, einer höheren und einer tieferen, in einer Weise schwebend, welche wohl geeignet ist, auch den letzten harten Rest von Größenwahn und Hochmuth, der dir im Herzen sitzt, zum Schmelzen zu bringen.
Ueber die dunkeln Felszinken von Luys-de-Marche, les Bleches, Sex-rouge, les Audannes und wie sie sonst noch heißen, hinaus schweiften aber doch die Blicke in 's Unbegrenzte, Weite und versenkten sich, bewundernd, Unvergeßliches der ergriffenen Seele unaustilgbar verinnerlichend, in das abendliche Meer der Herrlichkeit des Schöpfers und Herrn der Welt. Ueber die genannten Felsenkämme hinaus lag tief zu unseren Füßen, bis auf eine Strecke seiner Sohle geöffnet, das Thal der Rhone. In seinem Süden erheben sich zwischen tief eingeschnittenen Querthälern die majestätischen Gruppen der von Nord nach Süd sich immer höher, in immer kühneren Formen aufbauenden Walliser Alpen. Zu Uebungen in Nomenclatur ist jetzt aber weder Ort noch Zeit. Rothgolden leuchten noch die höheren und höchsten Gipfel und Firngebiete in den dunkelnden Abendhimmel. Dunkler stehen schon die weniger hohen Gebirgsstufen. Immer tiefer wird das Dunkel den Thalsohlen zu. Rasch dringt von der Tiefe nach den Höhen das jetzt im siegenden Vormarsch begriffene Dunkel, dem Hauptheer voran fliegen die Avantgarden der in vielen Nüaneen schattirenden Dämmerung. Wie das Licht von unten nach oben zusammengedrängt wird von der es überall angreifenden feindlichen Macht, so leuchtet 's um so intensiver auf den höchsten Punkten, an denen es sich noch festhält. Wie ein leuchtender Kranz strahlen sie noch eine kurze Weile über der von Nacht umfangenen tieferen Welt. Doch auch in diesem Lichterkranz löscht Gipfel um Gipfel seine Leuchte aus. Wie zerpflückt ist die Reihe und endlich ist auf den höchsten dieser Lichtaltäre das glimmende Feuer erloschen. Will es dir zu Herzen gehen, wenn du zusehen mußt, wie durch die dunkle Macht von unten die freundliche Macht des Lichtes bis in ihre obersten Zufluchtsstätten gedrängt, verfolgt, auch da endlich erstickt wird auf unserem Weltentheil, so richte getrost noch höher, hoch über alle Berggipfel hinaus, den Blick. Dort, im Raum des Unbeschränkten, sagt dir 's erst der goldige, strahlende Abendstern, dann dort ein anderes und wieder dort ein neues aufstrah-lendes Himmelslichtlein, wo des ungestörten Lichtes wahre Heimat sei.
Ein derber Ruck am Seil mahnte: „ Vergiß nicht, wo du stehst, du, jetzt noch Bürger dieser Welt !" Unser Abendspaziergang ging nun zu einiger Abwechslung wieder in die Felsen und hier von Gesimse zu kurzer Kehle, von Kehle zu Gesimse rauh bergan. Der trauliche Gefährte nachtfahrender Gesellen, der liebe Mond, hatte sich nun auch im Osten unseres Horizontes, zwischen Sex-des-Eaux-froides und Rawilhorn erhoben, um uns auf unserem nächtlichen Steiger-wege sein mildes Licht zu spenden. Auf der Höhe der Felsen einmal angelangt, dachten wir uns freude-voll schon unter dem obersten Gipfel angelangt. Allein, wieder einmal fehlgerechnet! Wir befanden uns nur ein klein Weniges über Punkt 3166 der Excursionskarte. Ob hier die Karte ganz genau ist? Sicher ist, daß die Zeichnung derselben und der von uns gemachte Weg mir eine Strecke weit nicht zu klappen scheinen. Die eben besprochenen Felsen gehören dem Grat an, der vom Wildhorn sich bis Punkt 3186 erstreckt. In der Gegend von Punkt 3166 taucht derselbe unter das Eis. Nach der Lage der Curven der Excursionskarte wäre dort die Steigung des Gletschers eine sehr mäßige und ein Begehen der Felsen bis auf den Gipfel des Wildhornes nicht mehr indicirt. Auf dem Punkte angelangt, von welchem wir hofften, er lasse uns den Wildhorngipfel in nächster Nähe über uns erblicken, stellte sich uns aber wieder ein jäh ansteigendes Eisfeld, vom Winde theilweise von Schnee reingefegt, in nächste Sicht, das sich mit wenigstens zwei steilen, fast ganz blanken Eiscouloirs in eine dasselbe krönende, ziemlich mächtige Felspartie hineinzog. Dieses Felsband mit der starken Gletschersteigung bis zu seinen Fuße und durch die Couloirs hinauf scheint uns auf der Karte zu fehlen. Möglich wäre indeß, daß das über Punkt 3172 angegebene Felsband das letzte war, welches wir hart unter dem Gipfel zu überwinden hatten und daß wir mit allmäliger und unmerklicher Schwenkung nach rechts von Punkt 3166 gegen Punkt 3172 die dort schon stärkere Ansteigung nach dem obersten Band genommen hätten* ).
Machen wir, daß wir endlich „ obenuf " und „ ännen-abe " kommen. Es ist nicht mehr zu frühe hiezu. Aber noch einmal hieß es: „ Eile mit Weile !" Vor uns nämlich stieg beträchtlich steil nach den Felsen, welche doch endlich wirklich die Gipfelfelsen waren, seitwärts rechts jäh in die nächtlich dunkle Tiefe abschießend, das eben besagte Eisfeld. Also noch eine Etage! Wir hatten heute schon genug Klimm-übungen gemacht, um dem Wunsche einen Augenblick das Wort zu gönnen, wir möchten das Eisfeld umgehen können und eine doch etwas mildere Aufstiegbahn finden. Einige recognoscirende Umschau aber sagte uns bündig: Seitwärts lauert überall Verderben, an rückwärts ist kein Gedanke möglich, also gradaus, da ist kein Zaudern und Zweifeln mehr erlaubt.
Schwizgebel streifte das Seil ab und schlug mit nervigen Schlägen Stufe um Stufe in 's Eis. Bei 90 Stufen waren geschlagen und begangen, als wir in den Felsen anlangten. Wie nun noch diese hinan? Die Uhr ging auf die Eilf. Von der schmalen Eisrinne hart neben uns kann nicht die Rede sein. Also wieder an 's Klettern. Ein gut Stück auch dieser Partie war glücklich überwunden, als der voransteigende Schwizgebel seinen Nachzüglern zurief: „ Da habe ich eine Ruhebank entdeckt. Hier schöpfen wir ein wenig Athem. " Und „ gern " tönte es wieder: „ Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen, dem Wanderer zur kurzen Ruh'bereitet. " Von solidester Construction war freilich diese Ruhebank nicht, bestand sie doch nur aus einer flach liegenden Tafel auf sehr zweifelhafter Unterlage, in einer Art von Felsennische über der gemiedenen Eisrunse. Einige lose Steine, sehr unzuverlässige Trag-füße der Bank, wurden zur Bloßlegung sicherer Unterlage in die Tiefe befördert und wiesen, die Runse und den eben überwundenen Gletscherhang hinunter -springend, so weit der Blick ihnen folgen konnte, den Weg, den Jeder zu machen hätte, der unfreiwillig in ihre Bahn gerathen sollte. Weder die sehr spärliche Deckung durch eine vorspringende Felskante, noch der Umstand, daß wir eng in einander gekauert, uns unter einander umschlingend, da saßen, vermochte die sehr empfindlich fühlbare Wirkung des ohne Pause gehenden scharfen Nachtwindes von uns abzuhalten. Bald fühlte Jeder in Händen oder Füßen eine eigenthümlich schmerzende Kälte. Die Ermüdung hatte den Gedanken angeregt, hier zu bivouakiren, abtheilungs- weise zu wachen und etwas Schlaf zu suchen. Aber davon konnte bei dieser Kälte keine Rede sein. Die Abendmahlzeit war in dieser Herberge bald besorgt. Denn, wäre auch wirklich noch Namhaftes an Proviant vorhanden gewesen, so hätten mangelnder Raum und die Gefahr fast jeder Bewegung den Versuch, in den Tornistern nach leiblicher Stärkung zu wühlen, hier verboten. Einige Grandsons, wegen des Windes nur mit Mühe zum Glimmen gebracht, dienten verschiedenen Bedürfnissen mit einem Mal.
Eine halbe Stunde mochte die Rast gedauert haben. Schwizgebel richtete sich behutsam auf die Füße, um, über seine Schutzbefohlenen hinkriechend, Ausweg zu suchen aus dieser Herberge, in der doch unseres Bleibens nicht sein konnte. Nicht lange ging 's und ein freudiger Jauchzer kündigte Erwünschtes an. „ S'geit gut! Mir sin obne. Chömet ramme !" Und wirklich: es ging vortrefflich. Gehobenen Muthes und mit erfrischter Kraft ging 's rasch ein letztes Kamin hinauf, und endlich, wahrhaftig, da standen wir auf dem letzten Gletscherplateau, unmittelbar unter der obersten Firnkuppe des Wildhornes. Ein warm empfundenes Gottlob und Dank! aus vollem Herzen entstieg dem Mund. Ja, da stand sie, die heute so heiß Erworbene, jetzt in geisterhaftes Mondlichtweiß gekleidet, um ein ganz Kleines nur unsern Standort noch überragend. Wie edles Metall funkelten im Glänze des Mondlichtes blanke Eisflächen auf ihrem Firngewande und hoben sich auf dem tiefdunkeln Hintergrunde des Nachthimmels mit zauberhaft wirkendem Lichteffecte ab von den im Dunkeln liegenden Partien des Bildes.
In weitem Umkreis um das Wildhorn gelagert schauten die Grroßwürdenträger seines Hofstaates aus der Tiefe zu ihm auf. Als alte Bekannte grüßten von der Lauenenseite, von Iffigen, vom Rawyl herauf die scharfen dunkeln Gipfel der Rawyl-, Pfaffen-, Wetz-stein-, Schneide-, Niesenhörner und des finsteren Kirchlistockes. Wortlos unter dem überwältigenden Eindruck solch hoher Majestät standen wir eine gute Weile, versunken in das Schauen dieser ernsten nächtlichen Bergwelt. Solcher Hochgenuß, sagen wir: ein solcher Augenblick der unvergeßlichen Erbauung, gewiß, einer herzhaften Steigerei ist er wohl werth — quand même! Was frisches Wagen um solche Freuden erringt, das welkt und verduftet nicht so bald. Auf lange bleibt und erhält es sich frisch im Herzen.
Das Wildhorn hatte uns in der mitternächtlichen Stunde, welche sonst seine gewöhnliche Empfangszeit allerdings nicht ist, ebenso huldvoll als feierlich ernst begrüßt. Längeren Weilens durfte aber hier nicht sein. Selten eignet ja dem Weilen auf glücklichen Höhepunkten des Lebens längere Dauer. Zur Clubhütte, zur Nachtherberge zog es mächtig nieder nach nun nahebei zwölfstündigem Klimmen ohne Rast. Abwärts ging 's lange Strecken in munterem Laufschritt. Wie auf gebahnter Landstraße kamen wir uns vor, als wir nach wenigen Augenblicken in die Bahn mündeten, welche vom Kirchli her durch Wildhorn-Pilgerer in den Firn getreten war. Völlig sorglos trabten wir dem Kirchli auf wohlbekanntem Wege über den Wildhorngletscher hinunter zu. Bald standen wir am Kirchlitritt. Sein Häklein hat er auch am hellen Tag. Um 1 Uhr Morgens des 24. Juli aber war das Heikelste an ihm die totale Nacht, in welche der vom Mond abgewendete gehüllt stand. Nur in ihrer obersten Partie noch beleuchtet, schwang sich die wild zerklüftete Ifflgengletscherzunge kühn über den Tritt, um alsobald in dunkler Tiefe dem Blicke ganz undeutlich zu werden. „ Hier geht 's heute nicht zur Clubhütte hinunter ", das war auch sogleich Schwiz-gebel's Wahrspruch. Halbe Wendung links! Und mit einer eigentlich bewundernswerthen Sicherheit für jeden Tritt lootste unser wackrer Führer uns im Eilschritt quer über die Südflanke des Kirchlistockes, um deren Westecke in scharfem Winkel herum, immer hart dem Bergschrunde und dem Westfuß des Kirchlistockes entlang, den Dungelgletscher hinunter, um endlich die zum Iffigenthal sich senkende Zunge desselben zu erreichen. An der vorspringenden Nordwestecke des Kirchli, da wo ein Felsband rechtwinklig in den Gletscher vorspringt und westlich etwa zwischen G und 1 des Wortes Dungel-Gl. umgangen werden muß, gab 's noch eine kleine Geduldprobe. Der jäh abschießende Gletscher war hier aber und arg verschrundet, so daß wir es nicht wagten, ihn im Finstern zu überschreiten und uns gedulden mußten, bis der Mond über das Kirchli herüberguckte und uns zur sicheren Leuchte wurde. Sehr lang brauchten wir hierauf nicht mehr zu warten. Und bald war dann die letzte Hackarbeit, der letzte schwierigere Tritt dieser Excursion glücklich gethan. Nunmehr galt es noch eine kleine Rutschpartie, dann über Schneezungen, Moränenzüge und Geröllhalden ein etwa halb- stündiges Stolpern und Tasten. Um 2 Uhr Morgens des 24. Juli standen wir endlich am vorläufigen Ende des Weges, an der erwünschten Porte des „ Hôtel Wildhorn an den Krummen Wassern ". Und da sind die vom S.A.C. ja sozusagen daheim! Den weiteren Weg hinab nach der Lenk zu schildern, wird man dem Verfasser gerne erlassen, ist er ja doch schon im Jahrbuch XII, pag. 443-47, eingehend beschrieben. Wir schließen mit einigen Bemerkungen für Solche, welche unseren Weg ebenfalls zu machen beabsichtigen.
1. Vorerst möchten wir diesen Weg nach dem Wildhorn allen Clubisten bestens empfehlen, weil er von Lauenen bis an sein Ende äußerst interessant ist und immer neue Reize bietet: vorerst den Besuch eines der schönsten Thäler nicht allein des Excursionsgebietes, sondern der West-Berner Alpen überhaupt, besonders ausgezeichnet durch seinen Reichthum an prächtigen Wasserfällen; dann so ziemlich alle Vorkommenheiten der edlen Bergsteigerei in reicher, spannender Abwechslung, endlich reiche Ausbeute für Zeichner, Botaniker und Geologen.
2. Wem etwa die Länge des Weges bedenklich scheint, dem bemerken wir: a. daß wir eben den Weg zu suchen hatten, b. daß allerlei Unvorhergesehenes, das höchst launische Gewitterwetter, die Schwierigkeiten am Mittelgrat, die damalige Ungangbarkeit jener Runse am Wildhorn, die uns zu jenen nächtlichen Gletscher-Kreuz- und Querzügen nöthigte, endlich der Abstieg nach Iffigen über den Dungelgletscher, statt über den Kirchlitritt, einen weit größeren Zeitverbrauch, als sonst nöthig wäre, mit sich brachten.
Wer bei günstiger Beschaffenheit der Wildhorn-couloirs den geradesten Anstieg vom Geltengletscher nach dem Wildhorn macht, bedarf nicht mehr als 7-8 Stunden Marsch von der Geltenalphütte nach der Wildhorn-Clubhütte und kann bei frühem Aufbruch am gleichen Abend noch die Lenk erreichen.
Wenn irgend möglich, nehme man Nachtquartier auf Geltenalp oder, wenn man die wenig comfortable Herberge scheuen sollte, auf Küh-Dungel, wo freundlicher Empfang und gutes Heubett zu finden ist bei nahen Verwandten unseres wackeren Führers, Lehrer Jakob Schwizgebel von Lauenen, den wir allen Clubgenossen hiemit bestens und wärmstens empfehlen.
3. Approximative Distanzen ( Maximalannahmen ):
Directe Route.
Stunden.
1. Lauenen-Geltenalphütte über Feißenberg 3 — 3 Va 2. Geltenalphütte-Hühnerhorngrat... l1/«— 2 3. Hühnerhorngrat-Mittelgrat-Geltengletscher 1 — 1*/« 4. Geltengletscher - Fuß des Wildhorns. 1 —l'/a 5. Fuß-Gipfel desWildhorns durch die Runse IV2—2 6. Wildhorn-Clubhütte über Kirchlitritt. Vla—2 Varianten.
Zu 1. Statt über Feißenberg über Küh-Dungel x/ü St. mehr. 2. Mit Abstecher in das eigentl. Roththal 1k n „.. 5. Ueber Brozet und Audannes.. 2 ,,6. Ueber Dungelgletscher1.,.,
IL Freie Fahrten.