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Autorenwettbewerb zur Sinnfrage
Anlässlich der Basler Psi-Tage 2005 fand ein Autorenwettbewerb zum Kongressthema „Sinn finden“ statt. In möglichst nicht mehr als hundert Zeilen sollte zu einem der drei Schwerpunktthemen der “Psi-Tage” Stellung genommen werden:
- Glück und Leid, Krankheit und Tod - Wozu?
- Dieses Leben - Wozu?
- Die Schöpfung - Wozu?
Die literarische Form blieb freigestellt. Eingereicht werden konnten “ein philosophischer Essay, oder auch ein Schicksalsbericht, die Schilderung einer wegweisenden Erfahrung, ein Gleichnis, Aphorismen, ein Gedicht, ein Kommentar zu Ereignissen und Zuständen, die Sinnfragen aufwerfen”, wie es in der Ausschreibung hiess.
Die Resonanz auf diesen Wettbewerb übertraf bei weitem die Erwartungen der Veranstalter: Bis Einsendeschluss, dem 1. Oktober 2005, gingen 277 Texte von 190 Autoren ein. (Darunter waren 92 aus der Schweiz, 88 aus Deutschland, sieben aus Österreich, je einer aus Dänemark, Spanien und Chile.) Und ein Grossteil dieser Beiträge hat uns so gut gefallen, dass wir sie in ein Buch aufgenommen haben, das zur Erinnerung an diese „Psi-Tage“ gestern erschienen ist; es trägt denselben Titel wie unser Kongress: Sinn finden – Spirituelle Antworten auf letzte Fragen.
Einigkeit bestand über die Vergabekriterien: Ein preiswürdiger Beitrag sollte
1. grammatikalisch und semantisch einigermaßen einwandfrei sein;
2. Er sollte stilistisch ein Lesevergnügen bereiten, d.h. verständlich, anschaulich, lebendig sein;
3. Er sollte klar strukturiert sein, mit einer logischen, stringenten Gedankenführung,
die sich konsequent auf ihr Ziel hin entfaltet;
4. Er sollte originell sein, beim Leser also nicht den Verdacht wecken, er imitiere allzu offensichtlich literarische Vorbilder.
Den Verfassern der sechs besten Arbeiten wurde eine Einladung nach Basel und Freikarten in Aussicht gestellt, den drei allerbesten winkte darüber hinaus ein Preisgeld. Mit der Auswahl tat sich die Jury äußerst schwer; erst nach längeren Diskussionen kam sie zu folgenden Entscheidungen:
Plätze 4 bis 6 (und das ist keine Rangfolge):
- ein Beitrag von Frau Dr. Edith Zeile mit dem Titel „Brief aus dem Jenseits“ – der Inhalt einer medialen Botschaft, mit der eine verzweifelte Mutter von ihrer verstorbenen Tochter auf bewegende Weise getröstet wird;
- ein köstliches Gedicht von Frau Sabine Weber, an dem Wilhelm Busch seine Freude gehabt hätte – hier geht es um Gras, das es kaltlässt, was ein Rasenmäher ihm antut;
- eine Parabel von Frau Ulrike Brackmeyer, mit dem Titel „Ein sonderbarer Auftritt“: Hier verwandeln sich Glück und Leid, Krankheit und Tod in vier Besucher der Basler Psi-Tage, die miteinander geistreich über Sinnfragen diskutieren.
Der dritte Preis geht an
Frau Denise Maurer („Sophias Sofasophien“). Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, deren Lieblingsmöbel ein uraltes Sofa ist. Auf diesem Sofa sitzt sie nun, versucht ihren Beitrag zum Autorenwettbewerb zu Papier zu bringen, nagt an ihrem Bleistift und sinniert über die Sinnfrage.
Der zweite Preis geht an Herrn Reinhard Koch: Er erzählt von einer Frau namens Anna, ihrem Werden, Leben und Sterben – und all den Sinnfragen, die ihr das Leben stellt. Am Ende ist es das Leben selbst, das ihr antwortet.
Der erste Preis wurde für die Geschichte einer jungen Ärztin verliehen, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere als Schulmedizinerin steht – bis eine schwere Krankheit sie berufsunfähig macht. Aber in eben dieser Katastrophe findet sie ihre Berufung – zur Heilerin. Die Verfasserin beschreibt dabei ihr eigenes Schicksal: Dr. med. Elisabeth Petrow.
Ob unsere Jury mit ihren Entscheidungen richtig lag, werden Sie mit einem kritischen Blick in unseren „Erinnerungsband“ selber überprüfen können.
«Sinn finden»: Unter diesem Titel erschien ein Erinnerungsband mit Texten von prominenten Referenten der diesjährigen Psi-Tage – u.a. von Rüdiger Dahlke, Reinhard Eichelbeck, Bert Hellinger, Henry Marshall, Werner Meinhold, Rickie Moore, Safi Nidiaye, Rudolf Passian, Harald Wessbecher, Thomas Young - sowie mit den besten Beiträgen zum Autorenwettbewerb.
Preis: 24,80 EUR / 39,80 CHF, zzgl. Versandkosten
Bestellungen an <email-pii>
Hier finden Sie die prämierten Beiträge
1. PREIS
Dr. med. Elisabeth Petrow
Heilende Krankheit - Ein Erfahrungsbericht
Eine heilende Krankheit? Noch vor wenigen Jahren, als ich selbst Medizin studierte und später als Ärztin arbeitete, hätte ich dies schlicht als Unsinn abgetan. Die Arbeit auf einer Intensivstation und in neurophysiologischen Forschungsgruppen prägte meine Sicht auf Krankheit und Therapie. Da gab es den Patienten, den man untersuchen und im besten Fall wieder zum Funktionieren bringen konnte, da gab es Medikamente, Gespräche und vielleicht Krankengymnastik, aber es stellte sich für mich nie die Frage, was Leiden, auch was Heilen tatsächlich sei, es gab keinen Platz für alternative Heilverfahren und schon gar nicht für die Frage nach dem Sinn einer Erkrankung. Ich war gefangen im Leistungsdenken und in der Routine eines effizienten Medizinapparates, der anstelle kranker Menschen meist nur deren Diagnosen behandelt. Wenige Wochen, nachdem ich meine Arbeit auf einer psychiatrischen Akutstation begonnen hatte, wurde ich selbst schwer krank.
Krankheit ist Trennung, Trennung vom Wohlbefinden, von der gewohnten Tätigkeit. Aber sie ist auch oder vielleicht sogar in erster Linie Trennung von meinen verschiedenen Rollen als Frau in unserer Gesellschaft, als Ärztin, als Partnerin. In der Krankheit bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, kann mich nicht im Außen ablenken, sondern bin oft mit mir allein. Besonders wenn Krankheiten wie in meinem Falle sehr lange dauern, wenn die lang angestrebten Ziele und Träume aufgrund bleibender Behinderungen zerplatzen wie Seifenblasen, wenn man nichts mehr tun kann, sondern nur noch ist - ja, was dann?
Ich wollte die Diagnose anfangs nicht glauben. Von klein auf leistungsorientiert und belastbar, ehrgeizig und von Erfolgen verwöhnt, wollte ich einfach nicht wahrhaben, dass ausgerechnet mein Kopf nicht mehr so funktionierte, wie ich es wollte und gewohnt war. Ich habe es bagatellisiert, weggedrückt, ich wollte so tun, als sei alles in Ordnung. Aber das war es nicht. Nach fast zwei Jahren intensiver Therapie wurde mir allmählich bewusst, dass ich vielleicht nie mehr als Ärztin arbeiten könnte und dass ich noch sehr lange auf Hilfe angewiesen sein würde - da brach ich zusammen. Die Verzweiflung zu beschreiben ist kaum möglich. Dieser Schmerz war grenzenlos, er entblößte mich vollkommen, er riss alle Masken herunter, die ich viele Jahre meine eigenen nannte, und zwang mich, mich mit mir, mit meinen Werten und Plänen, mit meiner Erkrankung und allem, was damit verbunden war, auseinanderzusetzen. Als ich mich auf diese Auseinandersetzung einließ, ahnte ich nicht, wie schwer dieser Weg sein würde, wie schmerzhaft die Konfrontationen waren, wie weh es tat, von langjährigen Zielen und Ansichten Abschied zu nehmen. Und wieviel Geduld und Kraft es braucht, bis neue Werte, neue Ziele heranwachsen. Es war ein Kampf gegen den Schmerz, gegen die Scham, gegen das Gefühl, versagt zu haben, und lange wusste ich nicht, was nach dieser Verzweiflung kommen würde. Da, wo inneres Selbstbild und äußeres Auftreten auseinanderklafften und eine Spannung erzeugten, die mich fast zerriss, da wollte ich mich vor mir selbst verstecken, weil ich meine Unzulänglichkeit, mein Behindertsein oft einfach nicht ausgehalten habe. Mich selbst als Fragment anzuschauen und anzunehmen fiel mir unsagbar schwer.
Die Auseinandersetzung mit mir selbst und nun auch mit der Frage, was Leiden, ja was Heilung sei, führte mich zu verschiedensten Philosophien und Religionen, zu alten Heiltraditionen, zu Esoterik und spiritueller Psychologie. Diese Zeit wurde für mich zu einer Art Zweitstudium - nur dass ich diesmal auf der anderen, auf der Patientenseite war. Ich suchte nach dem Sinn meiner Erkrankung, suchte nach Möglichkeiten und Wegen, den intensiven Schmerz in Kraft für die innere Entwicklung zu wandeln. Schließlich wurde Ostern mit seinem Leiden - Sterben - Auferstehen zu meinem zentralen Bild.
Neben dieser intellektuellen Auseinandersetzung und Innenarbeit durfte ich bald - für mich vollkommen unerwartet und zunächst unfassbar - ganz unmittelbar erfahren, was Heilung ist. Heilung geschieht, "wenn Arzt und Patient gemeinsam Gott begegnen", soll Paracelsus gesagt haben. Vor meiner Erkrankung war ich gewiss kein gläubiger Mensch. Klingt es seltsam, wenn ich jetzt sagen kann: Ich durfte Gott erfahren, Gott hat mir ganz unabhängig von einer konkreten Religion geholfen? In Momenten größter Angst und innerer Not habe ich mehrfach einen so kraftvollen, bergenden und tröstenden Energiestrom - von außen zwischen meine Schulterblätter tief in mein Innerstes hinein - gespürt, dass ich ganz gewiss war: Egal, was dir passieren mag, du bist angenommen, du bist aufgehoben, du wirst von innen her heilen. Die Gewissheit, von innen her zu heilen und mit dem Göttlichen untrennbar verbunden zu sein, hat mich seither nie wieder verlassen; ich spüre, dass in meinem Innersten eine wirkliche und umfassende Heilung stattfindet, und dies auf Ebenen, die von den Methoden der Schulmedizin nicht einmal ansatzweise berührt werden. Das unmittelbare Erfahren dieser heilenden Energie, die größer und stärker ist als alles andere, was ich bis dahin kannte, hat mich eine tiefe Demut vor dem Göttlichen gelehrt oder wie auch immer man es nennen mag.
Nach den Erfahrungen der letzten Jahre bedeutet Heilung für mich "religio", ein Sich-Rückverbinden mit Gott, mit den eigenen Selbstheilungskräften, mit den Kräften des Universums. Heilung ist das unmittelbare Erfahren eines inneren Geborgenseins, Heilung ist nicht Glaube, sondern Gewissheit. Diese Gottesbegegnungen, dieses unmittelbare In-Verbindung-stehen mit dieser heilenden göttlichen Kraft sind so gnadenvolle Momente, dass ich auch in der Erinnerung lieber schweigen als sie beschreiben möchte. Durch diese Momente wurde meine Erkrankung für mich zu einer heilenden Krankheit; ohne sie, ohne die mit ihr verbundene Verzweiflung hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht. In den Zeiten des größten Schmerzes habe ich resigniert - resigniert im ursprünglichen Sinne dieses Wortes als ein Re-signieren, ein Wiederaufbrechen des Siegels, eine Rücknahme des Willens. Durch das Aufbrechen meiner inneren Strukturen, durch das Loslassen früherer Werte und Ziele wurde ich frei für die nicht in Worte zu fassende Erfahrung, im innersten Kern eins zu sein mit allem, was existiert. Das Erfahren dieser Einheit, des Geborgenseins, des unbedingten Angenommenseins gab mir die Kraft, mich selbst mit meinen Einschränkungen und Behinderungen anzunehmen, die Balance zu finden zwischen Tun und Sein, loslassen zu können von meinem eigenen Wollen - und Gott zu lassen.
Und so, wie ich selbst Heilung erfahren habe und erfahre, habe ich begonnen, diese heilenden Energien über meine Hände weiterzugeben. Eher durch Zufall entdeckte ich diese Gabe vor etwa zwei Jahren und war zunächst sehr skeptisch. Inzwischen konnte ich bei Nervenschmerzen und Muskelblockaden, bei Gelenkentzündungen und Panikattacken gut helfen, auch ein Knoten in der Brust verschwand nach mehrmaliger Behandlung. Durch die innere Verbindung mit dieser großen, heilenden Kraft und in der Überzeugung, dass jeder Mensch über starke Selbstheilungskräfte verfügt, versuche ich, diese im Patienten zu wecken, so dass er von innen her heilen kann. Ohne meine eigene Erkrankung hätte ich diese Gabe vielleicht nie entdeckt, sie ist ein großes Geschenk für mich. Ich kann nun wieder mit Patienten arbeiten, nur eben anders, unmittelbarer und auf eine Art und Weise, die auch für mich selbst heilsam war und ist.
Es ist mir gelungen, der Krankheit, meiner Krankheit einen Sinn zu geben, dem Schmerz nicht auszuweichen, die Krankheit trotz meiner Verzweiflung zu fragen, was sie mich lehren kann. So wurde sie für mich zu einem Weg tiefer innerer Wandlung. Sie heilte mich von meinem inneren Zerrissensein, lehrte mich Fähigkeiten wie Geduld, Gelassenheit und Demut, ließ mich weicher und menschlicher werden. Heute habe ich aus schulmedizinischer Sicht noch immer deutliche Defizite, aber in meinem innersten Kern fühle ich mich so heil, so ganz, dass diese Einschränkungen für mich kaum mehr eine Rolle spielen. Die unmittelbare Erfahrung des Geborgenseins in Gott, des Verbundenseins mit dieser großen, heilenden Kraft ist das Tiefste und das Kostbarste, was ich bislang erlebt habe.
Das, was ich noch vor wenigen Jahren in meiner Schulmedizinerarroganz als Unsinn abgetan hätte, beschreibt heute meine innerste Überzeugung und meine ureigensten Erfahrungen. Eine Erkrankung kann sich als heilende Krankheit erweisen - dann ist sie ein Weg zur "religio", ein Weg zu tiefer innerer Wandlung, ein Weg zur inneren Heilung. Ich bin dankbar für das, was ich in den letzten Jahren lernen durfte.
2. PREIS
Reinhard Koch
Annas Angst
Wenn es möglich wäre, mit einem ungeborenen Kind zu sprechen, und vorausgesetzt, es könnte die Gedankengänge verstehen, so mag sich folgende Geschichte zugetragen haben.
Im Mutterleib, mittlerweile weit im neunten Monat, liegt die kleine Anna. Ihre Sinne sind schon gut entwickelt; sie hört das Herz der Mutter schlagen, das Blut strömen, und allerlei Geräusche, die irgendwo von Außen hineindringen in diese kleine Welt. Sie kann schmecken und fühlen, nimmt die Wärme und Bewegung des Fruchtwassers wahr, in dem sie nun 265 Tage verbracht hat. Sie spürt, ob sich ihre Mutter wohl fühlt, oder leichte Anzeichen von Angst, Niedergeschlagenheit oder desgleichen zeigt. Anna hat dann ein Gefühl, das sie nicht mag - tun kann sie nichts dagegen.
Es ist ihre kleine Welt, sie fühlt sich wohl, keine Sorge um Nahrung, kein Schutz vor Kälte oder Hitze ist notwendig, Zeit hat keine Gültigkeit, es ist ein Sein im reinsten Zustand, nur sein und sich entwickeln aus zwei Zellen, die sich über alle Schwierigkeiten hinweg gefunden hatten, zu einem nun fast fertigen Menschenkind.
An einem kühlen Abend Mitte Oktober saß ihre Mutter Lea in einem bequemen Schaukelstuhl, auf dem ihre Großmutter schon gesessen hatte, vor dem Kaminfeuer, blickte in die wärmenden, lustig flackernden Flammen und hing ihren Gedanken nach. Sie dachte an Anna und die bevorstehende Geburt: “Ich bin froh, wenn endlich alles vorbei, Anna gesund und heil auf der Welt ist.” Die Schwangerschaft, die ohne größere Probleme verlaufen war, wurde nun zunehmend anstrengender; auch mochte sie endlich ihre kleine Tochter in den Armen halten, mit ihr spielen, sie wachsen und sich freuen sehen.
“Kleine Anna”, sagte sie leise vor sich hin und blickte dabei verträumt und etwas müde in die Flammen des Kamins, “in wenigen Tagen wirst du das Licht der Welt erblicken, dann kommt ein neues Leben auf dich zu. Du wirst deine kleine Welt in meinem Bauch verlassen und geboren werden, du wirst die Frühlingssonne sehen, deine Eltern, Geschwister und Großeltern, wirst zum ersten Mal über die weiten Ebenen schauen können, wo sich das Gras im Wind wiegt und der Blick keine Grenzen kennt. Das ganze lange Leben liegt dann vor dir, du kannst wachsen, spielen, lernen, dich freuen, dass du lebst, und glücklich bist.”
Als Lea das leise gesagt hatte, bekam Anna ein Gefühl, das sie bisher noch nie gespürt hatte, Angst, eine schlimme Angst, denn sie hatte verstanden, was ihre Mutter soeben dachte und aussprach, doch aus ihrer Sicht war dies alles sehr bedrohlich. Was bedeutet dieses "auf die Welt kommen", "geboren werden", dieses "das Licht erblicken", welche Welt, welches Licht?
“Ich kenne das alles nicht. Ich weiß nur, das hier ist meine Welt, welche ich, seit ich denken kann, sehr mag. Und in wenigen Tagen muss ich diesen Ort, wo meine Heimat ist, verlassen.” Annas Gedanken kreisten nun immer öfter um das Geborenwerden; sie kam zur Überzeugung, dass dieser Vorgang etwas ganz Schreckliches sein muss und es letztlich ihr absolutes Ende sein wird.
Wenige Tage später flogen schwarze Regenwolken, vom Sturmwind gepeitscht, durch die schon frühwinterliche Nacht. Da erblickte Anna das Licht der Welt. Das erste Licht jedoch war der Schein einer Petroleumlampe und von Kerzen, da der elektrische Strom schon seit Stunden ausgefallen war. Es war eine schnelle, unkomplizierte Geburt. Und Anna hatte in einigen Stunden alles vergessen: die lange Zeit im Mutterleib mit den ängstlichen Gedanken an die Geburt, der Augenblick, als in ihrer Welt alles drunter und drüber ging und sie schließlich blutverschmiert, müde und voller Angst in den Händen von Kamala, einer alten, erfahrenen Hebamme lag, die schon Lea und ihre anderen zwei Kinder sicher ans Licht der Welt gebracht hatte.
Lea nahm Anna liebevoll in die Arme, drückte sie an sich, hörte, wie ihr kleines Herz schlug, hörte den Atem, der sich schon ein wenig beruhigt hatte, aber immer noch etwas hastig die kleine Brust auf und ab bewegte. Anna hatte nun ein gutes Gefühl, so eng an Lea angeschmiegt durchströmten Wärme und Geborgenheit den kleinen Körper. Alles war neu, unbekannt, aber alles schien gut zu sein.
Anna wuchs wohlbehütet in der ländlichen Umgebung auf. Sie fühlte sich wohl in der Familie mit Lea und Jacob, ihren Eltern, Tim und Sahra, ihren etwas älteren Geschwistern. Aus Jahren wurden Jahrzehnte und aus den Jahrzehnten wurde ein ganzes langes Leben voller guter und auch schlechter Tage. Die Jahreszeiten wechselten beständig, und in ihrem Rhythmus wurden die Feste gefeiert, in der Familie und in dem kleinen Dorf. Anna heiratete einen jungen Mann, wurde selbst Mutter von zwei Kindern, die sie mit Freude aufwachsen sah. Die Kinder verließen das Haus, eines Tages starb ihre Mutter Lea über achtzigjährig und bald darauf auch Jacob, ihr Vater. Beide hatten ein zwar beschau-liches, aber erfülltes Leben hinter sich gelassen. Weitere Jahre zogen ins Land, Anna war eine alte Frau von 86 Jahren, vor vier Jahren starb ihr Mann David, nun lebte sie alleine in dem Haus.
An einem kühlen Abend Mitte Oktober saß Anna in einem bequemen Schaukelstuhl, auf dem ihre Urgroßmutter schon gesessen hatte. Eine braune, flauschigen Decke hing über ihre hageren Schultern. Kathy, eine kleine getigerte Katze, die nach dem Tod ihres Mannes zugelaufen war, schnurrte leise in ihrem Arm.
Eine wohlige Müdigkeit legte sich über Anna. Langsam nickte sie ein, und noch langsamer folgte ihr ein Traum, in ihm eine merkwürdige Gestalt, von farbigem Licht umgeben, mit unscharfem Körper und Gesicht. Mild und freundlich war der Blick. Das Gesicht erinnerte Anna an eine alte indianische Frau, die eines Tages auf der Farm vor ihrer Tür stand und um etwas zu essen fragte. Anna gab ihr zu essen, unterhielt sich noch etwas mit ihr, und mit einem Segen für sie und ihre Familie zog die Frau weiter.
“Du wirst bald nicht mehr sein, Anna”, sagte das etwas unscharfe, aber freundliche Gesicht, “nicht mehr leben wie ein Mensch auf und von der Mutter Erde. Du wirst deine alt gewordene Hülle verlassen, und deine Seele wird in eine andere Welt geboren werden. Du wirst deine verstorbenen Verwandten wieder sehen, deinen Mann, du wirst frei über die weiten Lichtebenen des Universums blicken können, und vollkommene Klarheit wird deinen nun reinen Geist durchdringen. Das alles liegt nun vor dir, du kannst spielen, lernen und dich freuen, dass du bist, und glücklich sein.”
Als das Wesen dies gesagt hatte, bekam Anna ein Gefühl der Angst, eine schlimme Angst, denn sie hatte verstanden, gut verstanden, sie sollte nun bald sterben müssen. Aber die Lichtgestalt beruhigte Anna. “Schau an, versuche dich zu erinnern an den Tag deiner Geburt und auch die Zeit vor deiner Geburt. Diese Momente hast du vergessen, aber versuche dich zu erinnern, wie du die gleiche Angst vorm Leben hattest, als deine Mutter Lea dir das zukünftige Leben beschrieb. Du hast dann dein damaliges Leben verlassen, bist geboren worden und hast ein glückliches und erfülltes Leben gelebt. Anna, habe keine Angst, denn auch jetzt liegt ein neues Leben, ein anderes Leben vor dir.”
Anna erinnerte sich, sah, wie sie im Mutterleib schwebte, fühlte die Wärme, sah alles klar, alles hatte nun einen tieferen Sinn und war gut so. Und mit einem Gesichtsausdruck des tiefen Friedens neigte sich ihr Kopf sachte nach hinten, und ihr letzter Atemzug entwich in den schon kühlen Oktoberabend.
3. PREIS
Denise Maurer
Sophias Sofasophien
“Guten Tag, ich möchte Ihnen erzählen, wieso ich bei diesem Kurzgeschichten-Wettbewerb mitmache. Ich habe Ihre Ausschreibung im Möbelgeschäft in unserem Dorf gefunden, und der Titel der Geschichte ist mir grad ins Auge gesprungen: "Mein Lieblingsmöbel". Da musste ich nicht lange überlegen, denn wenn auch mein Lieblingsmöbel nicht mir, sondern meinem Freund gehört, so ist es dennoch mein Lieblingsmöbel. Ein uraltes Sofa. Wissen Sie, und weil ich dazu noch Sofia heiße, passt das besonders gut zu mir. Findet jedenfalls mein Freund Leo. Aber ich will Ihnen nun verraten, weshalb ich dieses Sofa so mag. (Vielleicht wird's ja gar keine Geschichte?) Also, ich erzähle Ihnen einfach mal von diesem Sofa. Und wieso es dort steht, wo es steht, nämlich auf Leos großer Terrasse. Er hat es vom Sperrmüll. Nein, das heißt, er sah es am Abend vor dem Sperrmülltag am Straßenrand im Unterdorf stehen. Weil noch keine Abfuhrmarke drauf klebte, dachte er, dass es doch eine gute Idee, eine Glanzidee sogar sei, wenn er es mitnähme und auf seiner Terrasse installiere. Die alten Besitzer hätten bestimmt nichts dagegen, denn sonst hätten sie die Marke sicher schon aufgeklebt. Nicht wahr, das darf man doch?"
Sofia hielt inne und nagte an ihrem Bleistift. Nein, so konnte sie die Geschichte unmöglich erzählen. Sie konnte doch nicht einfach so drauflos schreiben wie bei einem Schulaufsatz. Tatsache war, dass sie gerne schrieb, aber keine Übung darin hatte, eine Geschichte zu schreiben. Briefe, ja, das ging. Darum hatte sie sich gedacht, die Geschichte wie einen Brief zu schreiben. Aber jetzt, wo sie es las, tönte es doch ziemlich banal und kindlich. Und das mit dem Sperrmüll musste sie streichen, es tönte so moralisch. Und weil der Wettbewerb von einem Möbelgeschäft ausgeschrieben war, konnte sie doch auch nicht schreiben, dass das Sofa aus dem Sperrmüll stammte? Na ja, es war ja immerhin auch mal neu gewesen und hatte früher wohl einer Familie als gemütlichen Wohnmittelpunkt gedient.
Nein, sie musste es anders anpacken, und vor allem musste sie erzählen, wieso sie das Sofa so mochte. Denn das war ja nicht nur wegen ihrem Namen. Obwohl ... Leo nannte ihre gemeinsamen Feierabendstunden, die sie im Frühling, im Sommer und bis in den Herbst hinein, oft in dicke Wolldecken gehüllt, auf dem Sofa verbrachten, "Sofasophierereien". Denn auf dem Sofa hatten sie schon so viele Stunden im Gespräch verbracht. Zu zweit, mit den Kindern, mit Gästen ... Hatten auf ihm Probleme gewälzt, hatten sich ihre Sorgen und Nöte erzählt, hatten gespielt, geraucht, gelacht und geweint. Ja, darüber musste sie schreiben.
Sie dachte an den Abend zuvor. Leo und sie waren erschöpft vom Tag, doch noch zuwenig bettschwer, auf dem Sofa gehockt und hatten sich über Sams Besuch unterhalten. Sam, ein alter Freund, war wie schon so oft nach Feierabend auf einen Kaffee vorbeigekommen. Er hatte schon bald mal, wie fast immer, seine Hanftüte und den Tabak hervorgeholt und sich einen Joint gedreht. Je kürzer der Joint geworden war, desto länger waren seine Sätze geworden. Sofia hatte längst nicht mehr genau zugehört. Oftmals wiederholte sich Sam, so dass sie ihren Gedanken erlaubte, selber auf Reisen zu gehen. Plötzlich stand sie wie daneben, sah die drei Menschen auf dem Sofa sitzen. Sah die Verbundenheit der drei so verschiedenen Seelen. Erkannte die Kostbarkeit und zugleich die Nichtigkeit eines Lebens, jeden Lebens, die Verbundenheit. Und begriff, dass Freundschaften die Essenz des Lebens sind Und dass die Zeit, die sie mit Freunden und Freundinnen verbrachte, eigentlich das kostbarste Gut ihres Daseins waren. Die bestinvestierte Zeit sozusagen. Kaum wahrgenommen, war dieser Impuls auch schon wieder vorbei, und sie sass wieder ganz bei den anderen beiden und lauschte ihren Gesprächen. Leo sprach gerade davon, dass alle Gedanken schon mal da gewesen seien, früher oder auch gleichzeitig, und dass es nichts, aber auch gar nichts Neues mehr zum Denken gäbe. Sam dementierte grinsend: "Du willst also sagen, dass ich lauter Recyclingzeugs oder gar Sperrmüll im Kopf habe?"
Sofia stellte sich dies vielleicht ein bisschen allzu bildlich vor, doch der Gedanke gefiel ihr. "Ja, das glaube ich schon irgendwie ... aber nicht nur du, wir alle .... Hey, es haben doch zu allen Zeiten Menschen, wie wir drei hier, zusammen gesessen und sich über den Sinn und Unsinn dieses Erdendaseins Gedanken gemacht. Und? Wisst ihr, was ich glaube? Dass es trotz allem Geleier und allen Thesen und Theorien doch nur um eines geht: um Liebe, um Freundschaft und darum, echt und authentisch zu sein. Sogar wenn wir wütend sind, oder wenn wir mies drauf sind: einfach echt zu sein! Nur so können wir wirklich gesund leben! Und wenn es denn eine göttliche Kraft gibt - ja, daran glaube ich eigentlich -, dann ist sie so umfassend, dass sie uns nicht verurteilt! Sondern dass wir einfach dadurch, wie wir gelebt haben, in die Ewigkeit oder ins nächste Leben gleiten ... einfach immer weiter. ... der vollkommenen Liebe entgegen. Und bestimmt haben alle Menschen diese Art Grundwissen in sich. Aber sicher ganz verschieden ... weil wir ja alle so verschieden sind." Sam runzelte die Stirn. "Ja, das könnte schon sein... dass wir alle im Grunde, so ganz in der Tiefe drin, den gleichen innern Wissenskern haben?!" Leo klopfte sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. "Das ist ja wie in der Anatomie: Jede Zelle im Körper hat die gleichen Kerninformationen! Aber alle Zellen haben verschiedene Jobs! Und genau so friedlich wie die Zellen in meinem Körper könnten doch wir Menschen leben? Tja ... und wenn ich krank bin? Dann gab's im Körper wohl vorher eine Art Krisensitzung, und die da drin haben beschlossen, etwas zu finden, um mich zum Umdenken oder Ruhigwerden zu bringen? Na ja, so einfach kann's vielleicht bei uns Menschen doch nicht sein?"
Nachdem Sam gegangen war, klangen die Gedanken nach. Leo meinte: "Weißt du, ich glaube, ich kann nicht wirklich leben, ohne mir auf die eine oder andere dieser Sinnfragen Antworten gegeben zu haben ... aber ..." Er hielt inne, wie um sich innerlich zu überprüfen, ob sein Gedanke seiner Wahrheit entsprach. "Aber weißt du, ich habe schon so oft meine Antworten revidiert, und wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht vorstellen, dass es nur eine Antwort auf alle diese Fragen gibt. Und ich glaube, ich habe wohl doch auch gelernt, ohne letzte Antworten zu leben." Sofia nickte: "Ja, ich auch. Aber für mich gibt's wohl doch einen Maßstab. Ich will einfach immer mehr in der Liebe sein. Mich, dich lieben. Dann bin ich nämlich ganz fest in mir drin mit dieser göttlichen Mitte verbunden. Die Liebe ist wie diese Birke da drüben. Mal ist sie dem Wind, mal der heißen Sonne, mal den Schneestürmen ausgesetzt. Aber sie ist einfach da, beständig. So will ich leben ... und lieben! Vielleicht besteht ja der Sinn des Lebens darin, dass wir am Abend zufrieden mit unserem Tag zu Bett gehen, bereit für schöne Träume und für einen neuen Tag?" Daran knüpft Leo an: "Ja, einfach Schönheit zu sehen, ohne sie ist alles nix. Wahrzunehmen, was ist. Sichtbares und Unsichtbares. Dankbarkeit! Für den Atem, das Wasser, die Wärme! Und die Nahrung! Aber was ist, wenn dir was davon fehlt? Oooops, ist denn Fülle, ist Mangel, ist Schmerz, ist Glück nur Illusion? Und? Was nährt uns denn wirklich, ich meine, innen drin?" "Tja, das kann ich nur für mich sagen: In meiner Mitte zu sein, ganz bei mir, wie jetzt, spüren, was mir gut tut. Und drum, mein Schatz, geh ich schlafen!"
Noch immer sitzt sie da, nagt am Bleistift und sucht nach einem Weg, das Sofa, worauf sie sitzt - ihr kleines Lebenszentrum - mit Worten zu beschreiben. Ihr Schiff in andere Gedankenwelten. Und warum es sie glücklich macht, dieses alte Sofa zu besitzen. Ob sie diese Geschichte wohl je schreiben wird?
4. – 6. PREIS
Ulrike Brackmeyer
Ein sonderbarer Auftritt
Es war eine imposante Veranstaltung.
Eingeladen hatte das Schicksal. Es wollte mit seinen Verwandten die bevorstehenden 23. Basler Psi-Tage feiern und vorbereiten. Erschienen waren auch Glück und Leid, Krankheit und Tod. Die Vier standen etwas abseits in einer Gruppe zusammen.
Das Glück hatte sich strahlend weiß gekleidet. Es leuchtete und funkelte freudig.
Das Leid war in verblichenem Dunkelgrau erschienen. Die Krankheit war schmutzig braun, mit dunklen Pusteln gewandet. Der Tod kam in Schwarz.
Kein Wunder, dass das Glück unbekümmert die Unterhaltung begann.
"Hallo Leid, warum kommst du so farblos daher?"
"Was für eine dumme Frage! Die Menschen mögen mich nicht. Wenn ich so begehrt wäre wie du, könnte ich mir auch mehr Farbe leisten."
"Aber wir sind doch unter uns - oder siehst du hier irgendwo einen Menschen? Und wir wissen doch, wie wichtig du bist. Es kommt doch nicht darauf an, dass du bei den Menschen begehrt bist. Wenn sie deine Bedeutung erkennen könnten, würden sie viel besser über dich denken."
Jetzt mischte sich der Tod ein. "Ja, das sieht man doch deutlich an meiner Einschätzung durch die Menschen. Viele fürchten mich. Dabei vergessen sie, dass der Tod zum Leben gehört. Sie sollen durch mich daran erinnert werden, dass sie ihre Zeit auf der Erde nutzen. Für Zeitverschwendung ist keine Zeit."
Es trat die Liebe hinzu. Sie war dunkelrot gekleidet. Sie kam in Begleitung der Güte. Beide traten sehr harmonisch auf. Die Liebe lächelte jetzt das Glück an. "Es gibt Menschen, die wissen, dass ich der Schlüssel zum Glück bin."
"Ja, ja", entgegnete die Krankheit, "das Problem dabei ist, dass die Menschen oftmals die Liebe suchen, anstatt sie zu geben."
"Aber ihr wisst doch, dass die Menschen so vieles nicht verstehen. Deshalb sind viele von ihnen unglücklich." Die Güte war, wie so oft, nachsichtig.
Plötzlich trat das Schicksal auf die Gruppe zu. "Liebe Verbündete, ich brauche euch. Bitte geht mach vorne auf die Bühne und stellt euch knapp in eurer Bedeutung vor - so als müsstet ihr euch den Menschen erklären."
Sie neigten ihre Köpfe und schauten das Schicksal kurz irritiert an. Dann fiel ihnen ein, dass sie sich schon oft über seine Unberechenbarkeit gewundert hatten. Und in den meisten Fällen war ihnen der Sinn der Ideen des Schicksals spätestens im nachhinein klar geworden.
Also begannen sie ihren Auftritt.
Zuerst trat die Liebe vor. "Ich sollte von Anfang bis Ende eines menschlichen Lebens die Hauptrolle spielen. Wie ihr alle wisst, ist das nur sehr selten so. Auf jeden Fall sollte ich so bald wie möglich die Hauptrolle spielen. Das führt wie von selbst zum Glück."
Das Glück meldete sich zu Wort. "Ich werde oft erst über viele Umwege erreicht."
Das Leid gesellte sich hinzu. "Ihr solltet wissen, dass ich zum Glück gehöre. Diese Einsicht ist in menschlichen Kreisen nicht sehr verbreitet. Viele finden erst durch mich zum Glück. Manche erst dann, wenn mein häufiger Begleiter Krankheit auch Einzug gehalten hat."
Die Krankheit verneigte sich. "Ich diene der Kurskorrektur. Mancher Mensch, der vor meinem Erscheinen gedankenlos die falsche Richtung eingeschlagen hatte, lernt durch mich, seinen Weg zu finden."
Das war das Stichwort für den Zweifel, um auf die Bühne zu hüpfen. Er schaute seine Vorredner herausfordernd an. "Und woher, bitteschön, weiß der Mensch, was für ihn richtig und was falsch ist?"
Die Antwort gab ihm der Sinn, der sich durch diesen Auftritt genötigt fühlte, auf der Bühne zu erscheinen. "Je mehr der Mensch mit sich ins Reine kommt, also je mittiger er ist, desto mehr weiß er, was richtig für ihn ist."
Der Zweifel fühlte sich provoziert. "Das klingt so, als wäre ich überflüssig."
"Stimmt. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, sondern nur den Weg. Wer das weiß, braucht nicht zu zweifeln." Der Sinn war bestechend in seiner Argumentation und schon lange der Feind des Zweifels.
Jetzt meldete sich der Tod zu Wort. "Und wenn der Mensch außerdem versteht, dass ich nicht das Ende, sondern der Beginn von etwas Neuem bin, dann kann er sich seiner Bestimmung in diesem Leben widmen, ohne von der Angst vor mir abgelenkt zu werden."
Das war das Stichwort für die Angst. Sie stellte sich auf der Bühne in die erste Reihe und lachte und lachte. Als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, schaute sie hochmütig auf die anderen Darsteller. "Wie ihr wisst, wird meine Bedeutung zunehmend größer, weil immer mehr Menschen in meiner Begleitung leben."
"Begleitung nennst du das." Die Liebe war empört. "Du machst doch vielen Menschen das Leben fast unerträglich."
"Ich weiß gar nicht, was du willst," empörte sich die Angst. "Ich bin ein notwendiger Urinstinkt."
"Das bestreitet keiner. Aber im Übermaß bist du lähmend und rufst Leid und Krankheit auf den Plan."
"Wunderbar. Also mache ich in letzter Konsequenz glücklich." Die Angst schaute triumphierend in die Runde.
Das war Grund genug für das Schicksal, sich einzuschalten. Es antwortete der Angst. "Ja und nein. Für diejenigen unter den Menschen, die dein Erscheinen als Zeichen einer notwendigen Kurskorrektur annehmen und sich mit ganzer Kraft dieser Aufgabe widmen, bedeutest du in der Tat in letzter Konsequenz Glück. Für diejenigen aber, die sich dieser Aufgabe verweigern, vergrößert sich ihr Leid zusehends."
Nun sprachen alle auf der Bühne im Chor. "Liebe Menschen, ihr seid auf dieser Erde, um eure Lebensaufgaben zu erfüllen. Je mehr ihr euch ihnen verweigert, um so steiniger wird euer Lebensweg sein. Nehmt ihr euren Weg aber an, so werdet ihr ein gesegnetes Leben führen. Wir sind eure Lehrer und Prüfer. Wir wünschen euch das Allerbeste."
Sabine Weber
Das Gras und der Rasenmäher
Es grünt das Gras im Sonnenschein,
kaum könnte etwas schöner sein,
trinkt glücklich Sommerregen
und freut sich über's Leben.
So wächst es breit und lang
gar fröhlich ohne Zwang
und imponiert in Grün
ganz ohne jedes Blühn.
Da naht mit lautem Brummen
ein widerliches Summen,
ein Messer hungrig schwirrt
und Luft und Gras verwirrt.
Und kaum, dass man's gesehen,
da ist es schon geschehen:
Ein äußerst kurzer Stoppelschnitt
verbleibt dem Gras. Der Rest ging mit.
Es weht die Abendbrise
ganz stumpf über die Wiese.
Kein Halm tanzt heut im Wind,
weil Rasenmäher sind,
und Wolken regnen nass
auf kurz geschor´nes Gras.
Doch dieses denkt erfreut:
Dann wachs' ich halt erneut.
Dr. Edith Zeile
Brief aus dem Jenseits
“Dieser ‘Brief’, so erläutert die Autorin, “wurde mir von meiner Tochter ein halbes Jahr nach ihrem Tod telepathisch übermittelt. (Ich arbeite seit dreißig Jahren als Medium.) Die verschiedenen Phasen des Übergangs werden darin anschaulich geschildert.”
“In der Nacht zum Samstag, dem 14. September, wachte ich auf. Es war ganz hell um mich herum. Es standen mehrere helle Gestalten im Zimmer, ich war ganz verwirrt. Sie sagten, sie wollten mich nun abholen, aber ich wehrte mich dagegen. Ich wollte bei dir bleiben, Mama. So schnell hatte ich mir den Tod nicht herbeigewünscht, das steht fest.
Ich raufte mir die Haare, und du dachtest, ich hätte Schmerzen, und nahmst meine kleinen, knochigen, ausgezehrten Hände in deine warmen, weichen Hände, aus denen die Energie floss wie Lebenswasser. Wenn deine Hände mich hielten, war alles gut. Da konnte ich alles ertragen, den glühend heißen Schlund, die ausgedörrten Lippen, die Schmerzen im Bauch, am Rücken. Ich konnte kaum noch auf irgendeiner Seite liegen, ohne Schmerzen zu haben. Du hattest mir Opium gegeben, eine übel riechende Flüssigkeit, die mich in ein Zwischenreich beförderte, wo es dunkle Gestalten um mich herum gab. Ich kam immer gerne aus diesen Zwischenbereichen ins Leben zurück, obwohl die Schmerzen mich peinigten.
Als der Morgen heraufdämmerte, fingst du an, mich zu waschen. Du zogst mein Hemdchen aus und wuschest meinen Körper mit lauwarmem Wasser und das Haar mit duftendem Haarwasser. Es war eine solche Wohltat. Ich lag ganz ruhig und beobachtete dich. Ich hatte dich so lieb, Mama, wie dein vom Leid gezeichnetes Gesicht sich über mich beugte und deine Liebe mich immer wieder einhüllte wie einen Schleier. Das war die letzte Liebestat, die du mir erwiesest, obwohl du ja nicht wusstest, dass ich bald hinübergehen würde.
Sie waren alle gekommen, deine Mutter und dein Vater, mein Bruder, der nie auf die Welt kommen durfte, und ein sehr majestätisch aussehendes männliches Wesen mit einem Schwert und eine liebliche, sehr zarte Nonne. In der Ecke weiter weg - in der Haltung eines Beobachters - stand ein kleiner Chinese.
Sie kamen näher und beschrieben mit ihrem Armen Kreise über mir, und meine Lebensströme wurden schwächer und schwächer. Ich spürte, dass du nicht da warst, und meine Sinne verwirrten sich. Dann aber wachte ich noch einmal kurz auf, als ich spürte, dass du in die Wohnung zurückgekehrt warst. Du hattest noch ein Medikament holen wollen, aber es war zu spät. Du kamst und wolltest mir Tee geben. Ich habe deinen Blick ganz tief in mein Herz aufgenommen, als du mich an den Armen zu dir emporziehen wolltest, aber da riss etwas in mir, und ich schwebte plötzlich über meinem Körper und sah, wie du dich ganz erschrocken über meinen kleinen, armseligen Körper beugtest. Ich dachte, du würdest nun weinen und glauben, ich sei tot. Aber du hast mir einen kleinen Engel zwischen die Hände gesteckt und Blumen und Kerzen um mich herum entzündet. Ich habe dies alles noch wahrgenommen, und dann bin ich sanft von den Wesen in ihre Mitte genommen und mehr getragen als geschwebt aus dem Zimmer der Wohnung gebracht worden.
Später bin ich an einem ganz anderen Ort aufgewacht und zwar in einem Rundhaus mit einem gläsernen Kuppeldach. Es war ein schummriges Licht im Raum, gedämpft, es war wie eine Art Hospital, überall standen runde Sofas, und jemand lag darauf, und helle Wesen standen neben ihm, betupften seine Stirn oder benetzten die Lippen. Ich wollte gar nicht aufwachen.
Große Mattigkeit erfüllte mich und das Gefühl, etwas verloren zu haben, etwas Unersetzliches. Bilder tauchten auf, Fetzen, verschwommene und klare, und oft auch Bilder von dir und Papa, den Menschen, die ich am meisten liebte. Es war schön, nur dazuliegen und zu träumen.
Eine feine, zarte Stimme weckte mich auf. Du hattest mich gerufen. Du standest an meinem Grab auf dem Friedhof und weintest. Ich hörte meinen Namen und konnte nicht verstehen, warum du an dem Stück Erde in dem Garten standest und weintest. Du wusstest doch, dass es keinen Tod gab. Du wusstest doch, dass wir uns wiedersehen werden. Du wusstest, dass ich mit dir würde reden können, endlich reden! Warum, Mama, hast du nicht schon auf diese Weise mit mir "geredet", als ich noch lebte? Warum, Mama, zweifelst du an allem, was du doch einmal als wahr erkannt hast? Warum liegst du mit dir selber im Streit? Warum rivalisiert deine rationale Seite mit deiner intuitiven? Warum vermisst du mich, obwohl ich ständig bei dir bin?
Ich war noch ganz benommen zu diesem Zeitpunkt, als du meinen Namen aussprachst, und ich sagte dir das. Du wolltest geduldig sein. Und so vergingen etwa sechs Wochen. Dann konnte ich mein Lager verlassen, hatte keine Schmerzen, konnte in einem wunderschönen Garten spazieren gehen und vieles kennen lernen. Ich war im Sommerland angekommen, einem Zwischenreich zwischen den grauen Ebenen der Büßer und den paradiesischen Ebenen der Engelwesen. Das Sommerland ist eine der höheren astralen Regionen, würdet ihr sagen. Es erinnert an eine üppige subtropische Landschaft mit sanften Hügeln, einer vielfältigen Vegetation und einigen Tierarten, vor allem wunderschönen bunten Vögeln. Hier erinnert vieles an das Leben der Menschen in den warmen Zonen des irdischen Planeten.
Dort verbrachte ich eine gewisse Zeit. Man trifft sich täglich mit Menschen, die man liebt, und man wird zu anderen Zeiten darüber aufgeklärt, was in der Folgezeit mit einem geschehen soll. Man hat viele unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte mit hinübergebracht.
Auch gibt es vieles zu erklären, und ich habe erfahren, warum mein Leben so schwer, so überschattet war. Ich hatte mir vorher einen Plan gemacht. Es hatte sich in früheren Leben herausgestellt, dass ich eines nach dem anderen angefangen, bis zu einem gewissen Grad Meisterschaft erworben hatte, aber kurz vor dem Ziel immer abgefallen war. Ich hatte keine Geduld und keine Ausdauer. Und nun war ich in eine Situation hineingeboren worden, wo ich soz. an allem gehindert worden bin. Ich war in einer Weise abhängig von anderen, dass ich einfach Geduld lernen musste. Am Anfang konnte ich es schier nicht aushalten, ich zerbiss die Möbel, ich streute mir Sand auf den Kopf und kaute auf Zeitungen herum, ich konnte die Welt mit ihren Geräuschen, Gerüchen, lärmenden Farben nicht vertragen. Ich hatte einen Riss in meiner Aura - von allem Anfang an. Man hatte mich beim Herausholen aus dem Uterus am Dritten Auge verletzt. Nun konnten an dieser Stelle ungefilterte Eindrücke in mich hineinfließen. Ich wurde von der Flut überwältigt. Ich befand mich in einem Tohuwabohu von Reizen, die mich nicht zur Ruhe kommen ließen. So war mein Sterben eher eine Erlösung.
Man sagt mir jetzt, wenn ich dich vermisse, dass ich in meinem nächsten Leben mit dir zusammen sein werde, du als Tempeltänzerin und ich als Musikerin. Ich werde mir die Instrumente aussuchen können.
Ich freue mich darauf. Musik ist die höchste aller Künste, sie hat die zartesten Schwingungen, sie heilt, sie belebt, sie gibt Freude, sie ist Gottes Atem. Wir werden tanzen und spielen zum Lobe Gottes, Mama, ist das nicht ein Anlass zu tiefer, ständig wachsender Freude?
Ich grüße dich, meine liebe Mutter, meine Schwester im nächsten Leben, mein Glück. In meiner Erinnerung bleiben die Abendstunden in deinen Armen mit Mozart oder Bach - ein Hauch von Seligkeit in der Finsternis und Einsamkeit meines Kerkerlebens. Hier ist Licht, Mama, hier ist Gott noch näher, und ich bin bei dir jetzt und in alle Ewigkeit.
Deine Tochter Mirjam und Papas Schatzele.