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Gamm-Kategorie7: Vorwort und Einleitung
Gamm-Kategorie41: Am Leitfaden der Prädikation - Bestimmtheitsdenken
Gamm-Kategorie114: Die Unbestimmtheit des Wissens Merleau-Ponty
Gamm-Kategorie129: Mythologie und Weltbild Wittgenstein
Gamm-Kategorie212: Hegel - Fichte - Schelling
Gamm Kategorie 235: Luhmann Systemtheorie
Gamm Kategorie 296: Identität und Ähnlichkeit - commonsense
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Gamm-Kategorie7: Vorwort und Einleitung
7 Vorwort: Unbestimmtheit
Kann man über das Unbestimmte überhaupt etwas sagen? Lässt sich anderes oder mehr darüber sagen, als dass es eben nicht bestimmt ist, mithin unübersichtlich, verworren, difus und chaotisch?
19 Seit dem Ende der großen Systeme der Metaphysik und dem Reflexivwerden des Wissens ist die Idee einer ontologisch-metaphysischen Weltauslegung problematisch geworden. Die Welt, lange Zeit hierarchisch nach höheren und niederen Vermögen gedacht, wird nicht mehr hinsichtlich ihrer wesentlichen Struktur befragt; vielmehr hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass dasjenige, was für uns Welt ist, das kontingente Resultat unserer gesellschaftlich-geschichtlichen Tätigkeit ist und sie nur in diesem Rahmen verstanden werden kann.
Gamm-Kategorie41: Am Leitfaden der Prädikation -
Parmenides - Anaximander - Aristoteles
41 Am Leitfaden der Prädikation
41 Castoriadis: Gesellschaft als imaginäre Institution
"Seit fünfundzwanzig Jahrhunderten beruft, bearbeitet, entfaltet und verfeinert sich das griechisch-abendländische Denken auf der Grundlagen dieser These: „sein“ heisst „etwas sein“ (einai-ti);
„sagen“ heisst „etwas Bestimmtes sagen“ (ti legein)
und, natürlich, „wahrsagen“ heißt, das Sagen und das Gesagte den Bestimmungen des Seins gemäß oder das Sein den Bestimmungen des Sagens gemäß zu bestimmen und am Ende festzustellen, dass die einen und die anderen Bestimmungen zusammenfallen."
Die folgenden Überlegungen lassen sich von eben dieser Intuition leiten, sie suchen exemplarisch zu zeigen, wie sich das Bestimmtheitsdenken am Leitfaden des einfachen Aussagesatzes entfaltet, aber auch, wie es in der Analyse des Satzes zuletzt seine zweitausendjährige Überzeugungskraft einbüßt.
67 Dies Radikal des Schellingschen Denkens entsteht infolge der Reflexion auf die dialektische Selbstthematisierung der Vernunft.
Es es sucht begreiflich zu machen, dass in der Selbstthematisierung des Logos ein unausdenkbares „etwas“ appräsentiert, das jede kategoriale Bedeutung übersteigt oder gleichsam selbstgenerativ jede Kategorie zersetzt sein lässt.
Diese permanente Sollbruchstelle im kategorialen Gefüge von Sein und Selbst ist keine von außen herangetragene Gegeninstanz, kein Anderes im Namen eines Irrationalismus mythischer oder intuitiver Wahrheit.
Es entsteigt der Tiefenstruktur des Logos selbst als ein unbestimmtes „X“, ein nicht Nichts, das sich gegen jede Form kategorialer Vergruftung sperrt. Der Titel Flucht aus der Kategorie zielt summarisch auf diese den philosophischen Diskursen der Moderne gemeinsame Tendenz, nach der die durch die Kategorie befestigte Synthesis von Sein und selbst endgültig zersprengt ist.
Gamm-Kategorie114: Die Unbestimmtheit des Wissens - Merleau-Ponty
Das Unsichtbare des Sichtbaren: Die Frage nach der Bedeutung des Unbestimmten in einer Welt (scheinbar) bestimmter Dinge hat Merleau-Ponty ein Leben lang begleitet. Nicht nur im Zusammenhang epistemologischer Überlegungen, sondern auch im Blick auf jenes dichte und verschlungene „Gewebe“ von Wahrnehmung, Leib und menschlicher Existenz. Es ist keineswegs übertrieben, zu behaupten, das Denken Merleau-Pontys bewege sich eng entlang dem semantischen Dispositiv unbestimmter Bestimmtheit.
122 Auf welchem Weg auch immer man Merleau-Ponty folgt, er führt auf eine "Welt des Zwischen". Surreflexiom, Konstellationen, Selbstbewegung des Inhalts, Chiasmus, Hyperreflexion sind Namen für eine Denkbewegung zur Charakterisierung des paradoxen Orts, von dem aus die „indirekte Ontologie“spricht.
Die mit dem "Horizont" angesprochenen Zusammenhänge sind so etwas wie eine Parabel über das Niemandsland der Philosophie. Philosophie ist nämlich dort, wo der Begründungsdiskurs des Logos aufhört, wo der „Fortgang des Fragens ins Zentrum keine Bewegung vom Bedingten zur Bedingung, vom Begründeten zum Grund“mehr ist, sondern, Heidegger aufnehmend, der vorgebliche Grund ein Abgrund ist.
Gamm-Kategorie129: Mythologie und Weltbild
Wittgenstein Über Gewissheit: 94-99: „Mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide. Die Sätze, die dies Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregeln, und das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln, lernen. Man könnte sich vorstellen, dass gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären unseres Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und dass sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, in dem flüssige Sätze erstarrten und feste flüssig würden.
Die Mythologie kann wieder in Fluss geraten, das Flussbett der Gedanken sich verschieben. Aber ich unterscheide zwischen der Bewegung des Wassers im Flussbett und der Verschiebung dieses; obwohl es eine scharfe Trennung der beiden nicht gibt.
Wenn aber Einer sagte: also ist auch die Logik eine Erfahrungswissenschaft, so hätte er unrecht. Aber dies ist richtig, dass der gleiche Satz einmal als von der Erfahrung zu prüfen, einmal als Regel der Prüfung behandelt werden kann. Ja, das Ufer jenes Flusses besteht zum Teil aus hartem Gestein, das keine oder eine und merkbaren Änderung unterliegt, und teils aus Sand, der bald hier bald dort weg- und angeschwemmt wird. ÜG94-99
Weltbilder:
131 Wie die Mythologie besteht unser Weltbild aus einem System oder dichten Netz von Überzeugungen und Vorstellungen, die untereinander verklammert sind, ohne dass es möglich wäre, das System der Verklammerung in ein analytisch und sequenziell arbeitendes Programm aufzulösen, umso seine zentralen und peripheren Bestandteile zu isolieren.
Die "Grammatik" des Weltbildes ist daher nicht mit einem für strenge Theorien gültigen Ableitungszusammenhang von Aussagen zu vergleichen, deren Beziehungen an jeder Stelle wohldefiniert und transparent sind.
Das System der Überzeugungen beruht auf einer ganzen Reihe gleichsam unkorrigierbarer Aussagen; sie sind untereinander vernetzt und bilden innerhalb eines bestimmten, historisch begrenzten Epochenrahmens eine Art Apriori; sie gelten als geteilte, realitätsichernde Hintergrundannahmen eines Kollektivs.
Sie gründen in der Gewissheit, " dass wir zu einer Gemeinschaft gehören, die durch Wissenschaft und Erziehung verbunden ist" (Wittgenstein ÜG §298)
133 Das hintergrundsichernde Weltbildwissen difundiert gleichsam in die einzelnen Urteile und Erfahrungssätze, ohne dass es aus den einzelnen Urteilen oder deren Zusammenhang in einer Reihe wohlorganisierter Ideen rückübersetzt werden könnte.
Das Weltbild übernimmt auf diese Weise die gleiche Funktion wie der „Horizont“ bei Husserl… das Weltbildwissen ist den Erfahrungen und Evidenzen der Menschen immanent, aber es verbindet sie zugleich mit dem, was die Identifikation und Analyse einzelner Dinge übersteigt.
134 Das weltbildkonstitutive Wissen ist „Vor-Wissen“. Das Weltbild fungiert als überzeitlicher Rahmen, der aber, wie das Bild vom sich verschiebenden Flussbett zeigt, den Anspruch auf transzendentale Allgemeinheit und Notwendigkeit zugleich relativiert.
Gamm-Kategorie212: Hegel - Fichte - Schelling
212 Es scheint aus verschiedenen Gründen aufschlussreich zu sein, das Schicksal der Unbestimmtheitssemantik ein Stück weit in die Geschichte der Philosophie, insbesondere in die des Deutschen Idealismus, zurückzuverfolgen, wiederholt sie doch an den unendlich zerstreuten und vervielfachten Begriffen wie Perspektive, Horizont, Weltbild usf. die gleiche Logik, wie die neuzeitliche Metaphysik in immer neuen Anläufen im Entwurf einer sich selbst übergreifenden Subjektivität zu durchdenken versucht hatte.
230 Vor dem Hintergrund der Semantik unbestimmter Bestimmtheit und der ihr eingeschriebenen Logik doppelter Referenz lässt sich Schellings Kritik der Prädikation ohne Verständnisschwierigkeiten entfalten. Denn Schellings Diskussion der Identitätslogik des Urteils zieht die Konsequenz aus eben der Struktur, die das Denken nötigt, bestimmtes und unbestimmtes Wissensmoment auszupendeln. Der Gedanke scheint nirgends folgerichtiger entwickelt als in dem späten Text einer „Darstellung des philosophischen Empirismus“. Mit einer Klarheit und Deutlichkeit, die eindrucksvoller nicht sein könnte, erklärt Schelling:
Auch hier ist wieder ein Standpunkt, auf dem wir erkennen, wie nothwendig die Anerkenntnis auch des nicht Seyenden ist, indem ohne dieses auch das Seyende nicht erkennbar seyn könnte. Oder vielmehr hier ist der höchste Standpunkt dieser von Platon mit Recht so gerühmten Einsicht.
Denn eben jenes bloß wesentliche Seyende ist nicht das positiv Seyende, sondern nur das nicht nicht seyn Könnende, dass wir nicht eigentlich setzen, sondern nur nicht setzen können, oder dass wir nicht als Gegenstand unseres Wollens oder wissend, sondern nur gleichsam nicht= wollend und nicht=wissend setzen. Nämlich wissend setzen wir nur den Herrn des Seyns;…
Da dieses Seyn nicht nichts, sondern die Wurzel des Seyns ist, so können wir es bestimmen als lauteres Seynkönnen. Das Seynkönnen aber ist seiner Natur nach zweideutig oder amphibolisch. Es ist Seynkönnen, wenn es in sich selbst bleibt, nicht in das Seyn übergeht; wenn es aber in das Seyn übergeht, ist es nicht mehr Seynkönnen und nicht mehr Wesen; es ist jetzt das, was seyn konnte und nicht seyn konnte.
Es liegt in jenem bloßen Wesen die Möglichkeit eines nur noch nicht hervorgetretenen Andersseyns.
Gamm Kategorie 235: Systemtheorie
235 Mit Luhmanns „Theorie sozialer Systeme“ gelangt die Unbestimmtheitssemantik gleichsam in den genetischen Code der modernen Gesellschaft bzw. Gesellschaftstheorie. Die (funktional differenzierte) Gesellschaft selbst wird zum Urheber einer wachsenden Menge von Unbestimmtheitsrelationen, über deren Kontingenz und kommunikative Bearbeitung sie sich ständig reproduziert.
Über der systemtheoretischen „Grammatik“ wiederum wird einer (je funktionsspezifische) Begriffsarchitektur errichtet, die sich (und die Gesellschaft) als eine freischwebende und sich selbst tragende Konstruktion versteht. Ihr Ziel ist es zuletzt, die begrifflichen Mittel zur Beschreibung moderner Gesellschaften zu perfektionieren.
249 Stärker noch als in den Sozialen Systemen drängt sich in den Veröffentlichungen der letzten Jahre die Unbestimmtheitssemantik in den Vordergrund. Unter der Bezeichnung einer Beobachtung zweiter Ordnung bereitet sie den Boden für die allgemeine Grundlagenreflexion der Systemtheorie. Sie verschiebt damit auch den Startpunkt für die Darstellung des Kontingenzproblems. Die Beobachtungen der Moderne sind in dieser Hinsicht einschlägig. Sie enthalten in der Unterscheidung theoretisch reformulierten Semantik die Behauptung, dass sich die moderne Gesellschaft in der Gesamtheit ihrer Funktionsbereiche auf Formen der Beobachtung zweiter Ordnung umgestellt habe oder dass sich funktionale Differenzierungen über je systemverschiedene Formen höhererstufigen Beobachtens realisiere.
Gamm Kategorie 296: Identität und Ähnlichkeit - commonsense