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Kunstwerke aus Riehen in Gstaad
Johannes Visscher-Galli
Im Jahrbuch «z'Rieche» vom Jahre 1966 finden wir einen Bericht über «Häuser, Höfe und Gärten im Sarasinschen Landgute» von Architekt Lucas Frey, in dem er das noch heute so benannte LeGrandHaus an der Rössligasse 67 eingehend beschreibt. Vorgängig erfahren wir aus der Feder des Historikers Fritz Lehmann die Baugeschichte und weitere Schicksale dieser schönen Liegenschaft. Für unsere heutige Betrachtung genügt es zu erinnern, dass dieses Herrschafts-Landhaus um 1688 von Abraham LeGrand, dem in Basel ansässigen Sohne eines um seines evangelischen Bekenntnisses willen aus Doornik (Tournai) in den damals spanischen Niederlanden emigrierten und in Basel eingebürgerten Herrn Daniel LeGrand erbaut wurde. Durch Erbgang gelangte das Gut an die Familie Sarasin. Im Jahre 1929 etwa veräusserten die beiden letzten Erbinnen (Frau Esther Refardt-Sarasin und Fräulein Hanna Sarasin1) das LeGrand-Haus an die Diakonissenanstalt, von der es in den letzten Jahren zu gleichen Teilen in den Besitz des Staates und der Gemeinde Riehen überging und unter Denkmalschutz gestellt wurde.2) Im grossen Südostzimmer des ersten Stockes dieser Liegenschaft, wohl dem hauptsächlichen Wohnräume, finden wir an der Holzdecke noch einen schmalen, rundumlaufenden Fries in Oelmalerei, Blätter, Blumen und Früchte im Geschmack des Barocks darstellend. Die heute jeden Schmuckes entbehrenden vier Wände des Zimmers trugen einst prachtvolle Panneaux. Diese Hessen die scheidenden Besitzerinnen vor dem Verkauf der Liegenschaft entfernen und nach ihrem neuerbauten Chalet in Gstaad verbringen, wo dafür ein eigener Raum gestaltet ward.
Die Panneaux sind insofern eine Besonderheit, als im Kanton Basel kein ähnliches Kunstwerk aus der Zeit des ausgehenden Barocks mehr vorhanden ist. Prof. D. Burckhardt-Werthemann schrieb in der «Berichterstattung über das Jahr 1911 des Basler Kunstvereins », früher hätten sich in einem Hause an der Hebelstrasse No. 15 ähnliche, heute verschwundene Panneaux befunden, gemalt «unter dem Einflüsse Rubens'» - «Alles atmet Ueppigkeit und fröhliche Laune». Nur «mit Hilfe eines anderen, einfacheren baslerischen Barockinterieurs» könnten diese verschwundenen Wandtafeln «rekonstruiert werden», vermittels «des 1695 vollendeten kleinen Saales im sog. Elbs-Birrschen Landhause zu Riehen». (Das LeGrand-Haus wird, wie öfter, auch hier mit seiner Nachbarliegenschaft verwechselt.) Er vermutet im Hause an der Hebelstrasse «grossaufgebaute Ideallandschaften im Geschmacke des Paul Bril». Dieser Vergleich trifft wohl kaum auf unsere Malereien zu, bei denen sich eher an den stärker gegenständlichen Stil eines David Teniers des Jüngeren denken lässt, nicht nur in der Landschaftsdarstellung, sondern auch im Kolorit. Burckhardt-Werthemann vermutet, der flämische Barock habe sich, wie in diesen beiden Häusern, «in Basel kaum wieder monumental geäussert».
Wenden wir uns zu den erhaltenen Panneaux und ihrem vermutlichen Schöpfer, so muss uns vorerst einmal die Annahme BurckhardtWerthemanns beschäftigen, die Malerei stamme von dem berühmten Portraitisten Joh. Rud. Huber dem Aelteren (1668-1748). Für diese Möglichkeit spricht die Tatsache, dass Huber in seiner Studienzeit 1687 in Mailand bei dem holländischen Meister Pieter Molyn gearbeitet hatte und zur Zeit der Entstehung der Tafeln in Basel weilte. Er war damals ein junger Mann, Mitte zwanzig, schon in den Niederlanden gewesen, und schuf neben seinen zahlreichen und offenbar sehr ähnlichen Porträts Miniaturen, Landschaften und was immer bei ihm bestellt wurde. So wäre es immerhin möglich, dass er den Auftrag Abraham LeGrands angenommen hätte, dessen Zimmer mit Landschaften im holländischen Geschmack, in barocker Weise umrahmt, auszumalen. Dass manches in den Panneaux für den weltmännischen Huber zu bäuerlich erscheint, ist kein unbedingter Gegenbeweis, da er seinerzeit in Rom «fleissig Antiken und Gemälde des Cinquecento kopierte», bevor er 1693 nach Basel zurückkehrte, wie wir dem Schweizer Künstlerlexikon entnehmen. Er vermochte sich also in allen Stilarten, die zu seiner Zeit erwünscht waren, auszudrücken. Jedenfalls war der Schöpfer unserer Wandfüllungen kein ungebildeter Mann, da ihm die Monats- und Jahreszeitenstiche Matthäus Merians des Aelteren bekannt waren und zu Vorbildern dienten, wie sich an zwei verwendeten Motiven feststellen liess: auf Tafel 5 sehen wir in der Mitte ein über den Fluss auf Pfählen erstelltes Holzhäuschen, dessen Zweck bei Merian drastisch genug illustriert ist, hier aber nur durch Analogie erraten wird. Auf Tafel 11 sitzt unter zwei hohen Bäumen ein Vogelsteller halb vom Betrachter abgekehrt und hat sein grosses, fast quadratisches Vogelnetz gegen den Hintergrund zu ausgeworfen. Leider ist auf unserer Tafel gerade dieses Detail stark nachgedunkelt, sodass man es nur noch mit Mühe erkennen kann. Beide Motive sind offenbar Merian entnommen. Dass unser Maler sicher und reizvoll - wenn auch mit gelegentlichen Anleihen - seine Veduten aufzubauen verstand und sich dabei mit den Regeln der Kunst souverän auseinandersetzte, lässt uns einen bäuerlichen Dekorateur rundweg ausschliessen. Auch hat er sich, dem dekorativen Zweck entsprechend, auf gegenüber Merian stark vereinfachten, einheitlichen und ruhigeren Bildaufbau beschränkt, worin er sich als überlegender Künstler erweist.
Dennoch muss nach Einsichtnahme einiger Arbeiten Joh. Rud. Hubers seine Autorschaft an den vorliegenden Panneaux angezweifelt werden. Frau Dr. Eva Maria Kraft, wohl die gründlichste Kennerin seiner vielfach schillernden Kunst, legte mir im Basler Kupferstichkabinett Blätter Hubers vor, die seine Arbeit an den Tafeln aus dem Bereiche der Wahrscheinlichkeit rücken. Leider fehlen mir die Möglichkeiten, der Sache gründlicher nachzugehen, da sich in Bern und Winterthur bedeutend mehr malerische Arbeiten Hubers befinden als in Basel. So müssen wir diese Frage vorläufig unbeantwortet lassen. Da dieser Künstler zeit seines langen Lebens den Barockstil beibehielt, allerdings mehr in seiner französischen Art, dürfen wir aber auch seine Urheberschaft nicht rundweg ablehnen.
Sollten unsere Panneaux etwa gar in den Niederlanden gemalt, dort von LeGrand erworben und in seinem Riehener Haus eingebaut worden sein? Das ist unwahrscheinlich, da sie dem Räume, in dem sie sich befanden, zu genau angepasst waren. Warum aber liess der Bauherr niederländische und nicht etwa schweizerische Landschaften malen? Das wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, dass die LeGrands aus den Niederlanden stammen und Abraham deshalb gerne Ansichten seiner Heimat um sich hatte. Idealisierte Veduten dieser Art finden wir übrigens auch auf Ofenkacheln und Porzellanen jener Epoche; die niederländische Kunst wurde in allen Landen hoch geschätzt.
Lassen wir also die Frage nach dem Maler vorläufig auf sich beruhen und wenden wir uns den Arbeiten zu, wie sie uns heute noch erhalten sind.
Es entzieht sich leider der Rekonstruktion, in welcher Reihenfolge die Tafeln im LeGrand-Hause angeordnet waren und ob die in Gstaad getroffene die ursprüngliche ist. Vielleicht fände sich auf der Rückseite der Bilder eine Numerierung, die uns damit weiterhelfen könnte • doch ist das für ihren Wert nicht von Bedeutung. Ein ähnlicher Rundstab, wie er um die Bildtafeln gefügt ist, findet sich auch um den in Riehen verbliebenen Deckenfries, wobei mir scheint, dass er beiderorts viel späteren Datums ist und die Malerei stellenweise an den Rändern ein wenig überdeckt.
Die in Gstaad getroffene Anordnung muss glücklich genannt werden, da sie den Blick des Betrachters von Bild zu Bild führt. Im Folgenden seien die Sujets kurz geschildert, die sich dem Auge in vornehmlich braunen, im Mittelgrund grünbraun-gelblichen und in den Hintergründen bläulichen Tönungen darbieten, wie sie eben bei Teniers charakteristisch sind. Einzelne tiefrote, dunkelblaue sowie gelbe und weisse Akzente in Blumen und Tierköpfen sind mit sicherem dekorativem Sinn angebracht.
Wenn wir im grossen Zimmer des Gstaader Chalets an der Schmalwand gegen Westen, in deren Mitte sich eine Türe zum kleineren Salon öffnet, beginnen und die Panneaux der Einfachheit halber in Gedanken numerieren, so fallen uns in sehr unterschiedlich grossen und freihändig gezogenen Ovalen die Veduten ins Auge, die meist kaum ein Drittel der ganzen Bildfläche bedecken. Die übrigen zwei Drittel, über und unter den Ovalen, belebt grossformiges, geschwungenes Blätterwerk. Unten ist es mit grossen, farbigen Blumen bereichert, zwischen denen, auf einem schematisch überall wiederkehrenden, fast heraldisch anmutenden Dreiblatt, eine Tiergestalt erscheint. Ueber den Landschaften zwischen dem Laub aufgehängte Früchtebündel. Es ist nicht mit Sicherheit auszumachen, ob diese Rahmendekoration von der gleichen Hand stammt wie die Veduten. Sie ist merklich derber, und namentlich der in Riehen verbliebene Deckenfries scheint eher von einem geschickten Dekorationsmaler verfertigt. Ebenso eine im Riehener Diakonissen-Mutterhaus bewahrte Türfüllung, die in Komposition, Farbgebung und namentlich Perspektive Ungeschicklichkeiten aufweist, wie sie auf keinem der Panneaux, und namentlich auch nicht auf den sehr schönen Türfüllungen in Gstaad zu sehen sind. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum die Tafel in Riehen zurückgelassen wurde.
Die 12 Panneaux sind alle von gleicher Höhe (183 cm), doch von sehr unterschiedlicher Breite, die wir nachstehend nach der Zählung in Klammern setzen.
Tafel 1: (76 cm breit) Flüsschen mit niederem Wuhr in baumreicher Landschaft. Rechts Scheune, im Vordergrund Bauern, die einen Esel mit Säcken beladen, dabei steht ein gesattelter Esel. Ein langgeschwänztes, nicht genau bestimmbares Tier liegt davor am Boden. Vor hellen Wolken zwei fliegende Vögel.
Dekor: Im Blätterwerk oben Granatapfel, Trauben und andere Früchte; unten zwischen Phantasieblumen, ein Fuchskopf, der himmelwärts blickt. (Im weiteren beschreiben wir Früchte und Blumen nicht mehr, da sie offenbar aus freier Phantasie gestaltet sind.) Tafel 2: (57 cm breit) Schloss mit Storchennest auf einer Halbinsel, rechts aussen ein Ruderboot. Wieder fliegende Vögel vor bewegten Wolken. Unten im Dekor: Ein Kranich mit hochgewölbtem, dann abwärts gebogenem Hals.
Nun stehen wir vor der Türe zum Salon mit zwei Füllungen übereinander, die beide 59,9x52,5 cm messen (s. Abbildung 1).
Obere Füllung: Dunkler Hohlweg, im Vordergrund herausschreitender Lastträger; heller Ausblick auf eine Häusergruppe mit Turm an spiegelndem Fluss. Diese Tafel ist in ihrer schlichten Geschlossenheit und Tiefe eine der schönsten.
Untere Füllung: Bäuerliches Gebäude unter Bäumen mit Fernblick auf Häuser und Wald; im Vordergrund Reiter, Jagdhund und ein Knabe, der einen angewurzelten Zweig über sich biegt. Sonniger Himmel mit leichten Wolkenstreifen.
Tafel 3: (54,5 cm breit) Antikisierendes Gebäude mit Torbogen, den eine schlanke Männergestalt, an geschultertem Stabe ein Bündel tragend, durchschreitet. Dahinter zwei Häuschen vor Baumkulisse; rechts Flussmündung ins ferne Meer mit drei Segelschiffen. Unten im Dekor: ein Eber im Profil.
Tafel 4: (78 cm breit) Grosses Oval. In der Mitte vom Hintergrund her gewundenes Flüsschen mit gewölbtem Brücklein. Im Wasser Schwäne. Links strohgedecktes Bauernhaus mit Storchennest auf dem Kamin, in dem drei junge Vögel die Hälse nach der herzufliegenden Störchin recken. Rechts ein Baum mit Lattenzaun, dahinter ein Gebäude, davor Bauer mit Stock und einer Kuh. Vor dem strohgedeckten Hause links schreitet eine ähnliche Gestalt wie auf Tafel 3. Auffällig zart sind die Bäume um zwei Häuser im Hintergrunde gestaltet. Im Himmel wiederum fliegende Vögel. Ob das kauernde Tier im Vordergrunde wohl eine Katze vorstellt? Unten im Dekor: freundlicher Hundekopf.
Hiermit treten wir zur breiten Wand neben der Ausgangstüre des Raumes gegen Norden.
Tafel 5: (93,5cm breit) Weiträumige Dorflandschaft mit breiterem Fluss, über den am linken Ufer das vorerwähnte Holzhäuschen auf Pfählen gebaut ist. Daneben ein grosses Bauernhaus mit Laube. Davor treibt ein Mädchen zwei Kühe zur Tränke. Im Wasser schwimmen Schwäne drei weisse und ein schwarzer - und rechts von ihnen stehen Tiere, die beinahe wie Rehe aussehen. Das rechte Ufer trägt zwei Heuer unter einem grossen Baum; vor dem hellen Himmel fliegt ein Storch. Unter dem Oval guckt uns ein fröhlicher Affe an.
Tafel 6: (81,5 cm breit) (s. Abbildung 2) Weg zwischen Bäumen, der nach hinten zu einem Flüsschen führt. Auf dem Strässchen im Vordergrund sitzt eine Frau mit Korb, die einem lanzenbewehrten Jäger einen Apfel reicht.
Im Dekor unten: ein besinnlich blickendes Pferd, das sich mit dem Ellbogen (!) auf besagtes grosses Dreiblatt stützt.
Tafel 7: (88,5 cm breit) (s. Abbildung 3) Breiter Dorfbach mit gewölbter Brücke, über die ein Mann mit springendem Hund wandert. Darunter ein Ruderboot, vorne die üblichen Schwäne. Rechts am Ufer ein Schimmelreiter. Zu beiden Seiten Bauernhäuser, im Hintergrund eine Dorfkirche. Im hellen Himmel Wolkenstreifen, vor denen sich Vögel tummeln. Unter der Vedute ein bellender Hund im Profil.
Am Ende dieser Breitwand eine unbemalte Tür. Nun kommen wir vor die schmale Ostwand.
Tafel 8: (79,5 cm breit) Kastell auf Felsen am Ausfluss eines Gewässers ins Meer. Ganz vorne steht ein Mann in Rückenansicht am Wasser, dem ein Hund zuspringt. Das rechte Ufer zieht sich mit Buchten (in der ersten lugt der Bug eines Bootes hervor) weit in die Ferne. Getürmte Wolken überschatten das ganze, im Gegenlicht gemalte Bild. Auf dem ovalen Rahmen finden wir die einzige Schrift dieser Malereien: RESTAVRIRT IM JAHRE 1902 V. H. Me .. . (Das übrige ist wegen des erblindeten Lackes nicht mehr leserlich.) Jedenfalls ist dieser Restaurator behutsam genug vorgegangen, denn es scheint nichts ungeschickt und auffällig übermalt zu sein.
Auf dem Dreiblatt unten glotzt uns eine schwarze Ohreule an.
Tafel 9: (85 cm breit) (s. Abbildung 4) Auf dörflicher Strasse sind im Vordergrund zwei Frauen mit einer Arbeit beschäftigt, die nur schwer zu erklären ist. Die vordere holt mit einer Art Schlagbrett gegen einen vor ihr liegenden hellen Gegenstand aus. Ob es Wäsche ist, die sie «ausprätscht»? Oder eine Garbe, die sie drischt? An einem nahen Tischchen macht sich die andere zu schaffen, womit ist nicht zu erkennen. Hinter beiden steht offenbar eine volle Garbe, was auf eine Beschäftigung mit Korn schliessen liesse. Auch hier ist der Himmel über Häusern und Bäumen schön bewölkt und mit Vögeln belebt. Unten erscheint wieder der Eber, diesmal zur entgegengesetzten Seite gewendet und behaart.
Zwischen dieser und der nächsten Tafel öffnet sich ein Fenster. Tafel 10: (79 cm breit) Vorne zwei Wäscherinnen am Fluss, deren eine dem breitbeinig in einem Kahne stehenden Ruderer zuwinkt. Im Mittelgrund links und rechts des Flusses Bäume und Häuser, ein hoher Staketenzaun dem Ufer entlang und übers Wasser gewölbt eine Brücke, die einzige in der ganzen Bilderfolge, die mit einem Geländer versehen ist. Der Hügel in der Ferne trägt eine Kirche mit Anbau. Leichtgeballte Wolken und helle Streifen beleben das Firmament.
Inmitten des unteren Dekors blickt ein sanftes Tier, das wohl einen Rehbock vorstellt, zur Höhe.
Die beiden letzten Panneaux befinden sich zwischen den drei Fenstern der Breitwand gegen Süden. Sie sind nur schmal und haben beide eine Bildbreite von 65,5 cm.
Tafel 11: Hügelige Landschaft mit offener Wiese gegen ein Wäldchen im Hintergrund; dahinter sanfte Hügelkette. Ganz vorne zieht ein Jäger mit springendem Hund vorüber. Rechts unter zwei schlanken Bäumen sitzt der obenerwähnte Vogelsteller. Hinter ihm das einzige, schlichte Gebäude. Unten auf der Tafel ein hübscher Storch, mit dem Dreiblatt zwischen seinen langen roten Beinen.
Tafel 12: Dorfstrassen-Gabelung, auf der ein Mann mit Pferdegefährt steht, das Pferd in starker Verkürzung, von hinten geschickt gemalt.
Zwischen den Häusern gehen einige Gestalten herum. Ein flacher Hügel begrenzt den Hintergrund gegen helle Wolken.
Auf dem Dreiblatt am Fusse des Panneaux hockt diesmal nicht ein Tier, sondern eine gnomenhafte bräunliche Gestalt, die mit Heisshunger irgend etwas, vielleicht ein Hühnerbein, benagt.
Wie immer man diese eher rustikalen Malereien bewerten mag, jedenfalls zeugen sie von Gemüt, Phantasie und dekorativem Können. Die Tiere am Fusse der Tafeln tragen beinahe menschlichen Ausdruck zur Schau, was wiederum von einer Gestaltung durch Johann Rudolf Huber hinwegweist. Huber zeichnete Tiere, auch in heraldischen Kompositionen, virtuos und eher mit zugespitzt bestialischem Ausdruck. Ehe ich diese Betrachtungen schliesse, möchte ich in erster Linie Frau Marietta Leupold-Linder danken, der gegenwärtigen Besitzerin des Chalets in Gstaad, die uns die Erlaubnis erteilte, die Tafeln an Ort und Stelle zu betrachten und zu photographieren, sowie dem Verfasser freundlicherweise Einblick gewährte in aufschlussreiche Briefe des Restaurators an den Auftraggeber. Sodann darf ich Frau Dr. Eva Maria Kraft vom Kupferstichkabinett des Kunstmuseums und Herrn Dr. Hans Lanz im Historischen Museum meinen herzlichen Dank aussprechen für die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der sie mich berieten und mir zahlreiche Arbeiten von Merian und Huber vorlegten. Mein Dank gebührt auch dem Graphiker und Maler Ernst Giese-Klauser in Riehen, der seinerzeit als Gast im Gstaader Hause die erste Anregung zur vorliegenden Arbeit gab, ganz besonders aber Herrn Professor Albert Bruckner und Herrn Fritz Lehmann, die durch ihr lebendiges Interesse und wertvolle Hinweise meine Vorarbeiten förderten.
Nachtrag Die vorliegende Arbeit war bereits abgeschlossen, als eine glückliche Fügung noch Briefe des Restaurators der Panneaux zu Tage förderte, in denen er dem Auftraggeber den Gang seiner Arbeit von Tafel zu Tafel schildert. Damit sind wir in die Lage versetzt, den nicht mehr ganz leserlichen Namen, mit dem er Tafel 8 signierte, zu ergänzen. Der Künstler hiess Hermann Meyer und gehört zu den bekanntesten Basler Malern aus dem Kreise der beiden Burckhardt und der Brüder Altherr. Das Kunstmuseum und die Sammlung des Basler Kunstvereins besitzen Werke von ihm, ebenso Private. Geboren wurde er in Basel am 4. Januar 1878. Als Vierundzwanzigj ähriger restaurierte er unsere Panneaux für Herrn Sarasin-Bischoff, den Besitzer des Riehener Hauses. Im Künstlerlexikon der Schweiz, Band II, XX. Jahrhundert finden wir eine Würdigung, in der seine «französisch orientierte Feinfühligkeit» hervorgehoben ist. Im 84. Lebensjahre starb er am 13. Juni 1961.
Seinen Briefen lässt sich entnehmen, dass die ursprüngliche Reihenfolge der Wandtafeln nicht der jetzigen (in Gstaad) entsprach. Der neue Wohnraum forderte wohl einige Umstellungen. Das berührt jedoch die Wertung keineswegs; schade ist nur, dass offenbar eine Türfüllung verloren ist, denn Hermann Meyer schildert deren vier. Zwei sind an einer Türe in Gstaad angebracht, eine dritte, offenbar weniger bedeutende, befindet sich noch in Riehen (s. o.) und die vierte ist bis heute unauffindbar.
Literatur Die Sarasinschen Güter in Riehen. Von Fritz Lehmann und Lucas Frey. Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 1966 S. 157 ff.
Das Bürgerhaus des Kantons Basel-Stadt, 2. Teil. Von Dr. Hans Reinhardt (unter Benützung von Vorarbeiten von Dr. Karl Stehelin) Das Bürgerhaus in der Schweiz, XXII. Band, 1930 S. XLII Tafel 59, 2 Das Baslerische Landgut vergangener Zeit. Von Daniel Burckhardt-Werthe mann. Basler Kunstverein, Berichterstattung über das Jahr 1911, Basel 1912, Beilage Wie der Barockstil in Basel seinen Einzug gehalten hat. Von Daniel Burckhardt-Werthemann. Basler Kunstverein, Berichterstattung über das Jahr 1913, Basel 1913, Beilage Johann Rudolf Huber der ältere. Schweizerisches Künstlerlexikon 1 ') Ein Jugendbildnis der beiden Schwestern Sarasin findet sich auf dem Titelbild dieses Jahrbuches.