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Interview mit Silvia Strub, Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS, Bern
Lohnunterschiede bestehen bereits beim Berufseinstieg. Wieso ist das so?
Silvia Strub: Lohndifferenzen von 10 bis 20 Prozent können schon beim Berufseinstieg trotz gleicher Qualifikation vorkommen. Ein Blick in den Stellenanzeiger zeigt: KV-Stellen, die sich direkt ("Mitarbeiterin Kundenempfang") oder indirekt dank Teilzeitpensum eher an Frauen richten, sind oft administrative (Hilfs-)Tätigkeiten oder Allrounderjobs. Diese werden als wenig anspruchsvoll gewertet, bieten geringe Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten und werden entsprechend schlecht entlöhnt.
In Ihrer Studie "Vergleichende Analyse der Löhne von Frauen und Männern anhand der Lohnstrukturerhebungen 1998 bis 2006" haben Sie und die Co-Autoren festgestellt, dass rund 60 Prozent des Lohnunterschiedes in der Privatwirtschaft erklärbar sind. Was sind die Hauptgründe für die erklärbare Lohndifferenz?
Frauen verdienen weniger, weil sie in anforderungsreicheren Positionen und Kaderstellen untervertreten sind und weil sie eher in Niedriglohnbranchen arbeiten. Sie verdienen weniger, weil sie immer noch weniger ausgebildet sind, schlechter entlöhnte Tätigkeiten ausüben, weniger betriebsspezifische Erfahrung aufweisen und sich bezüglich Arbeitspensum von den Männern unterscheiden.
40 Prozent des Lohnunterschiedes sind diskriminierend. Wieso diese Diskriminierung?
Ein grosser Teil des unerklärbaren, diskriminierenden Lohnunterschieds ist im "Basislohn" für Beschäftigte ohne Erfahrung, Qualifikationen etc., also unabhängig von weiteren Merkmalen, festzustellen. Dieser Teil betrifft alle Frauen. Weiter finden sich unerklärbare Lohnunterschiede vor allem bei älteren und bei verheirateten Frauen.
Welche Lohnfaktoren kann eine Frau selber beeinflussen - ausser der Mutterschaft, die sich ja nicht delegieren lässt?
Mutterschaft lässt sich nicht delegieren, aber das Aufziehen und Sorgen für Kinder und pflegebedürftige Angehörige lässt sich teilen. Dass dies nicht unbedingt freiwillig geschieht, zeigen die Beispiele Schweden und Deutschland: Elternurlaubsregelungen, die vorsehen, dass ein Teil des Urlaubs verfällt, wenn er nicht von beiden Elternteilen wahrgenommen wird, funktionieren nach dem Anreiz- Prinzip und haben den Nebeneffekt, dass Männer und Arbeitgeber sensibilisiert werden, wenn sie die entsprechenden Einschränkungen am eigenen Leibe erlebt haben.
Frauen arbeiten oft in Branchen/Berufen, in denen tendenziell niedrigere Löhne bezahlt werden. Was war zuerst: die tiefe Bezahlung oder die Tatsache, dass vor allem Frauen in diesen Bereichen tätig sind?
Beides! Auch hier haben wir es mit Wechselwirkungen, die einander bedingen, zu tun. Unter der Oberfläche schlummern noch immer die traditionellen Vorstellungen vom Mann als Haupternährer und der Frau als Nicht- oder Zuverdienerin. Teilzeitstellen werden vor allem in frauengeprägten Niedriglohn-Branchen und ?Berufen angeboten. Umgekehrt waren viele gut bezahlte Berufe und Spitzenpositionen bis vor wenigen Jahren explizit den Männern vorbehalten - oder sind es (implizit) auch heute noch.