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A. ist ein Begriff, der auf ein soziales und kulturelles Problem verweist, bezeichnet er doch die phys. und psych. Abhängigkeit von Alkohol (präziser: von Äthanol). Der fortgesetzte, starke Konsum dieses psychoaktiven Stoffes bringt Menschen auf Kollision zu Normalitätsvorstellungen und sozialen Rollenanforderungen und kann ihre Beziehungsnetze, ihre Persönlichkeit und ihre Gesundheit ruinieren. Die krit. Schwelle zwischen Alkoholgenuss (als einem sozial akzeptierten, frei gewählten Verhalten) und A. (als einer Krankheit) ist nach heutiger medizin. Definition dann überschritten, wenn tägl. 80 g (Männer) bzw. 50 g (Frauen) reiner Alkohol konsumiert werden. Dabei nahm und nimmt A. verschiedenste Ausprägungen an: Von einer tabuierten, unsichtbaren, versteckten, jedoch zwanghaften Konsumpraxis über gruppenintegriertes, demonstratives "starkes Trinken" bis hin zu exzessivem "Saufen" mit errat. Rauscherfahrungen und vollst. Kontrollverlusten können die unterschiedlichsten Trinkmuster und Abhängigkeitsformen unter diesem Begriff subsumiert werden.
A. ist ein spezif. modernes Problem, das in der komplex differenzierten, arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaft entstand und dessen Deutung sich im Gefolge des beschleunigten sozialen Wandels immer wieder änderte. Die hist. Quellen zeigen zwar, dass auch in der alten Eidgenossenschaft gegorene Getränke wie Wein, Obstwein und Bier sowie gebrannte Wasser (v.a. Obstschnaps, Branntwein) beliebt waren. Obrigkeitsstaatl. Sittenmandate und Branntweinverbote stellten bis zum ausgehenden 18. Jh. einen Aspekt der Zwangsregulierung des Untertanenverhaltens durch "Gnädige Herren" dar; eine "Alkoholfrage" im Sinne des 19. und 20. Jh. existierte jedoch nicht. Der Übergang zu einer breiteren Problematisierung des A. war die Folge des Zusammenwirkens eines neuen Trinkverhaltens, eines verwissenschaftlichten Alkoholwissens und einer neuen Wahrnehmung sozialer Probleme. Mit der Einführung der Kartoffel in die Volksernährung von den 1770er Jahren an wurde eine markante Steigerung der Schnapsproduktion möglich. Versch. Faktoren (Agrarreform, gute Erntejahre mit Produktionsüberschüssen, Ausbreitung einer einfachen Brenntechnologie) legten nach 1815 die Grundlage für eine Ausdehnung des Konsums des sog. Härdöpfelers in vielen Regionen der Schweiz -- in ländl.-bäuerl. Gebieten ebenso wie in den aufstrebenden urbanen Zentren. Längerfristig förderten v.a. die industriellen Lebens- und Arbeitsbedingungen das Trinken von Schnaps, der als leicht verfügbares, billiges und in verschiedenste Alltagsrituale eingebundenes "stärkendes Fluidum" (Fridolin Schuler) zu einem beliebten Nahrungs-Surrogat aufstieg. Der durchschnittl. Pro-Kopf-Konsum an (reinem) Alkohol war dabei in der Schweiz vergleichsweise hoch: Im Jahrfünft 1880-84 (d.h. in der ersten Phase, für die Zahlen vorliegen) betrug er 14,3 l pro Jahr. Während der folgenden sechs Jahrzehnte entwickelte er sich rückläufig, um im Intervall 1939-44 mit 7,8 l pro Jahr einen hist. Tiefstand zu erreichen. Nach dem 2. Weltkrieg nahm das Alkoholtrinken mit der Entfaltung der Konsumgesellschaft wiederum zu. 1970-75 war der jährl. Durchschnittskonsum -- unter völlig veränderten gesellschaftl. Bedingungen -- auf 11 l gestiegen. Für die Beurteilung der A.-Problematik ist es wichtig zu sehen, dass dieser Konsum keineswegs ausgeglichen war: Ungefähr 10% der Trinkenden konsumierten um die Hälfte der Gesamtmenge, wobei diese Disparitäten in der welschen und der ital. Schweiz, wo andere Trinkkulturen beobachtet werden können, weniger ausgeprägt waren als in der Deutschschweiz.
Der Begriff A. wurde -- gleichzeitig mit jenem des delirium tremens (Säuferwahnsinn) -- um die Mitte des 19. Jh. geprägt und verdrängte ältere Bezeichnungen wie "Saufteufel" oder "Trunksucht". In engem Zusammenhang mit diesem medikalisierten und säkularisierten Konzept setzte sich auch ein neues Verständnis von Norm und Normalität durch, das es ermöglichte, im A. eine Abweichung und damit ein durch geeignete Therapien korrigierbares bzw. durch Präventionsgrundsätze vermeidbares Verhalten zu sehen. Bis heute konkurriert allerdings die medizin. Krankheitsdefinition des A. mit älteren moral. Deutungsmustern (Sünde bzw. Willensschwäche). A. war nie nur eine nüchterne Diagnose, sondern immer auch ein Schlüsselbegriff in einem Diskurs, mit dem die grossen sozialen Fragen der Industriegesellschaft thematisiert wurden. Weit mehr als von der Lebensweise und den Existenzproblemen von Menschen, die von Alkohol abhängig waren, handelt die Gesch. des A. von Feindbildern, Geschlechtsstereotypen und Normalitätsvorstellungen. In der marginalen Rolle, welche die Frauen in der Alkoholismusdebatte spielten, drückten sich nicht nur unterschiedl. Trinkgewohnheiten, sondern auch die männerdominierte Sichtweise der ganzen Problematik aus. Im Reden über den Alkohol finden sich überall die Spuren einer fundamentalen Verunsicherung in den polit. und wirtschaftl. Eliten hinsichtl. der Zukunftsperspektiven der fortschrittsgetrimmten Industriegesellschaft. Degenerationstheorien und Zivilisationskritik lieferten den düsteren Hintergrund, vor dem sich die Wahrnehmung des übermässigen Alkoholgenusses mit kollektiven Bedrohungsgefühlen und Abstiegsängsten verband. Die breite Thematisierung von "Schnapswellen" und "Branntweinepidemien" sind Ausdruck einer Problemdramatisierung und dürfen nicht mit der empir. objektivierbaren Entwicklung des Trinkens verwechselt werden.
A. war von Anfang an ein relationaler Begriff, der auf sein Gegenteil, den "Antialkoholismus" und die "Alkoholfreiheit" verwies. Die Formierung einer von den Mittel- und Oberschichten getragenen, aber auch in der Arbeiterbewegung verankerten Antialkoholbewegung versuchte, das neue Alkoholwissen zu popularisieren und mit gesellschaftspolit. Zielsetzungen zu verbinden. Der "symbol. Kreuzzug" (Joseph Gusfield) gegen den Alkohol als ein "Erbübel des Proletariats" enthielt wichtige Komponenten einer Sozialreform und stellte zugleich auch eine Disziplinierungstechnik dar. Ab den 1880er Jahren wurde die ein halbes Jahrhundert vorher entstandene Mässigungs- bzw. Temperenzbewegung zunehmend durch einen rigorosen Abstinenzgedanken verdrängt. Die Beiträge schweiz. bzw. in der Schweiz lehrender Wissenschaftler -- insbes. jene von Auguste Forel und Gustav von Bunge -- fanden dabei internat. Anerkennung. Auch der schweiz. Kampf gegen den Alkohol entfaltete sich im europaweit vorherrschenden eugenischen und rassenhygien. Diskussionskontext: Es ging v.a. um den Schutz des sog. gesunden Volkskörpers vor "minderwertigen Elementen". Organisator. getragen wurde die Abstinenzbewegung durch das Blaue Kreuz (ab 1877), die Guttempler (ab 1892), die Schweiz. Kath. Abstinenten-Liga (ab 1895) und den Sozialist. Abstinentenbund (ab 1900), die primär sozialreformer. ausgerichtet waren. Ebenso pragmat. ging auch die von bürgerl. Frauen initiierte Bewegung für alkoholfreie Gaststätten vor, die internat. beachtete Erfolge erzielte. 1902 wurde der Schweiz. Bund abstinenter Frauen gegründet.
Angeregt durch die Schweiz. Gemeinnützige Ges. wurden ab Mitte der 1880er Jahre die Bemühungen der Antialkoholbewegung durch legislator. Massnahmen unterstützt. Nach Volksabstimmungen konnte 1885 der Alkoholzehntel, 1887 das Eidg. Alkoholmonopol eingeführt werden. Das Alkoholgesetz von 1887 bezog sich allerdings nur auf den Kartoffel- und Getreideschnaps. 1908 wurde nach einem heftigen Abstimmungskampf die Volksinitiative für ein Verbot des Absinths angenommen. 1929 scheiterte demgegenüber ein dem Prohibitionsgedanken verpflichtetes Volksbegehren an der Urne. Mit den neuen, nun auch den Obstschnaps integrierenden Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen (1930 bzw. 1932) wurden die bis heute gültigen, in der Zwischenzeit jedoch mehrmals revidierten rechtl. Rahmenbedingungen für die fiskal. und kommerzielle Regulierung gebrannter Alkoholika geschaffen. Ihre urspr. Zielsetzung, den Alkoholkonsum zu senken, vermochte diese Gesetzgebung auf die Länge nicht zu erfüllen. Die konsumgesellschaftl. Entwicklung der Nachkriegszeit hat deutl. gemacht, dass Motive und Deutungen für das Trinken alkohol. Getränke einem starken Wandel unterliegen und mit gesetzl. Instrumenten nicht gesteuert werden können. Die traditionellen Abstinenzorganisationen gerieten in eine Krise. Gleichzeitig zeigten sich im Bereich der Erklärungs-, Präventions- und Therapieansätze Spezialisierungs- und Professionalisierungstendenzen. Stichworte wie Anonyme Alkoholiker, Co-Alkoholismus, Psychotherapie, Beratung im Kontext von Fam. und Unternehmen verweisen auf Ansätze, mit denen angemessen auf jenes komplexe Nebeneinander von Wohlstands- und Problemtrinken eingegangen werden kann, das in den letzten vier Jahrzehnten entstanden ist.
Autorin/Autor: Jakob Tanner