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Eine schweizerisch-spanisch-französische Koproduktion, die es in sich hat!
Ana (Luna Pamiés) will nur eines – weg aus ihrem heimatlichen Kaff im Südosten Spaniens. Doch leichter gesagt als getan … Ana lebt mit ihrer Mutter (Bárbara Lennie) und ihrer Grossmutter (Nieve de Medina). Die anderen Dorfbewohner sehen diesen Frauenhaushalt kritisch, halten ihn gar für verflucht. Es gilt höchste Unwetterwarnung – Überschwemmung droht. In dieser aufgeladenen Atmosphäre lernt Ana José (Alberto Olmo) kennen. Eine örtliche Legende besagt zudem, dass der Fluss sich in eine Frau verlieben kann und diese dann in den Fluten verschwindet …
In einem Meisterwerk des spanischen Kinos, «El espíritu de la colmena», heisst die Hauptfigur ebenfalls Ana. Beide Filme sind im Arthaus-Bereich zu verordnen. In Erices Meisterwerk ist die Hauptfigur ein kleines Mädchen; durch ihren naiven Blick konnte Erice Sachen thematisieren, die in anderer Form im franquistischen Spanien sonst nicht denkbar gewesen wären. Elena López Rieras Film hingegen spielt unter jungen Erwachsenen und Erwachsenen; Angst vor Zensur spielt in Spanien heute keine Rolle mehr (zumindest solange die Monarchie oder die Einheit Spaniens nicht infrage gestellt wird …).
In beiden Fällen handelt es sich zudem nicht in erster Linie narratives Kino, man muss schon sehr genau aufpassen, um dem Plot zu folgen. Vielleicht ist Plot auch etwas zu viel gesagt … das verbindet López Rieras Kino auch mit dem von Milagros Mumenthaler; die argentinisch-schweizerische Familie Mumenthaler hat auch hier hinter den Kulissen gewirkt. Eugenia Mumenthaler ist Produzentin des Films; Milagros Mumenthaler hat beim Drehbuch mitgearbeitet.
«El agua» ist zwar weiblich, der Artikel ist aber trotzdem der männliche. Das Wasser ist also auf spanisch zwar weiblich, trotzdem ist «él» (er, der Mann) präsent. Ob dies bei der Legende vom für die Frauen zerstörerischen Wasser dies eine Rolle spielt? Oder ist dieses Wasser einfach zu wenig salzig, also zu männlich? (Im Plural hat «agua» natürlich den üblichen Artikel, wie auch «el alma – las almas» usw. «Aguas» kann notabene auch «Fruchtwasser» bedeuten, und «las aguas» u. a. «Gewässer; Urin; Quelle»; «agua» hat also im Plural [immer oder meist?/ noch] andere Bedeutungen als im Singular.) Der Fluss, «el río» ist allerdings ganz klar männlich; und es ist ja auch so, dass die Frauen in «El agua» unter den Männern leiden: die Grossmutter erzählt von häuslicher Gewalt; der Vater des Freundes will die Beziehung zwischen Ana und seinem Sohn unbedingt auslöschen. Auch das Meer, «el mar», ist allerdings männlich … am Schluss sagt Ana: «soy mi abuela … soy mi madre …» – dabei handelt es sich vielleicht ein (teilweise?) verdecktes Zitat aus Víctor Erices Klassiker.
Musikalisch spielt hier übrigens wie in «Alcarràs» die elektronische Musik eine wohl nicht ganz unwesentliche Rolle. Wie «Alcarràs» ist auch «El agua» ein Film, der ganz in seiner ureigenen heimatlichen Region zu verorten ist; es ist ein Kino der Überschwemmung, das aber eben nicht narrativ daherkommt und deshalb einen Teil des Publikums wohl konsterniert zurücklassen wird. Die Erbinnen Robert Altmans – sie leben in Spanien! Das ist eine Überschwemmung, die leise daherkommt, ganz anders als das Kino der Überwältigung, das von Christopher Nolan praktiziert wird.
«El agua». Schweiz/Spanien/Frankreich 2022. Regie: Elena López Riera. Mit Luna Pamiés, Alberto Olmo, Nieve de Medina, Bárbara Lennie u. a. Deutschschweizer Kinostart am 11. Mai 2023.
- Mounia Meddours «Houria»
- «Le film de mon père» und «Un petit frère»