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Das diesjährige Open-Doors-Programm gibt Einblick in das unabhängige Filmschaffen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.
Das afrikanische Kino ist ein halbes Jahrhundert alt, doch bis heute sind kaum Regisseurinnen in die Filmgeschichte des Kontinents eingegangen. Wichtige Filmemacherinnen, die in der postkolonialen Ära in den siebziger und achtziger Jahren zu arbeiten begonnen haben wie Safi Faye aus Senegal, Anne Mungai aus Kenia und Sarah Maldoror aus Angola, haben nur wenige Filme gedreht. Maldoror, an der Moskauer Filmakademie ausgebildet, realisierte mit «Sambizanga» 1972 den ersten afrikanischen Spielfilm von einer Frau. Der Film über die Anfänge der angolanischen Befreiungsbewegung zählt zu den Klassikern des afrikanischen Kinos. Dennoch existiert nur noch eine Kopie in schlechtem Zustand, für eine Restaurierung sei kein Geld da, wie die Filmhistorikerin Lindiwe Dovey in der Zeitschrift «Feminist Africa» schreibt.
Seit zehn bis fünfzehn Jahren gibt es allerdings sowohl in West- wie vor allem in Ostafrika immer mehr jüngere und zum Teil gut ausgebildete Filmemacherinnen. Diese seien auch immer besser untereinander vernetzt, wie die afroamerikanische Filmwissenschaftlerin Beti Ellerson schreibt, die den Blog «African Women in Cinema» betreibt und am Aufbau einer Datenbank zum weiblichen Filmschaffen auf dem Kontinent und in der Diaspora mitarbeitet. So gibt es heute in Kenia unter den jüngeren Filmschaffenden mehr Frauen als Männer. Schon früher haben Kenianerinnen auch als Produzentinnen eine wichtige Rolle in der Entwicklung des ostafrikanischen Kinos gespielt.
Zwangsheirat oder Prostitution
Zur ersten Welle der kenianischen Autorinnen, deren Karriere bis in die achtziger Jahre zurückreicht, zählt Anne Mungai, die nach einigen Dokumentarfilmen mit ihrem ersten Spielfilm, «Saikati» (1992), eines der bedeutenden Werke der jüngeren kenianischen Filmgeschichte geschaffen hat, das sie nun persönlich in Locarno vorstellen wird. Mungai macht militantes Kino und problematisiert in «Saikati» die patriarchalische Massai-Kultur. Anhand ihrer Protagonistinnen kontrastiert sie das archaische ländliche Leben mit den Existenzbedingungen junger Frauen vom Land in der touristischen Metropole Nairobi: Was ist schlimmer, Zwangsheirat oder Prostitution?
Zu einer jüngeren Generation gehört die in Kalifornien ausgebildete Kenianerin Wanuri Kahiu. Die Welt, die sie in ihrem jüngsten Film erschafft, ist komplett artifiziell. 2008 hatte sie einen Spielfilm gedreht, der den Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Nairobi im Jahr 1993 aus der Sicht der betroffenen lokalen Bevölkerung schildert («From a Whisper»). In Locarno läuft nun ihr in Cannes preisgekrönter Kurzfilm «Pumzi» (2009), der in einem postapokalyptischen Afrika spielt, nach einem totalen Krieg um die Wasserressourcen: ein perfekt inszeniertes, dennoch verspieltes Science-Fiction-Märchen mit einer faszinierenden Protagonistin, deren Naturbilder nur noch Fantasien sind, weil die Natur in dieser fernen Zukunft nicht mehr existiert.
Der Halbmensch und der Vater
Zur Nouvelle Vague des afrikanischen Filmschaffens gehört auch der experimentelle Kurzfilm «Kwaku Ananse» (2013) von Akosua Adoma Owusu, die als Ghanaerin in den USA aufgewachsen ist. Kwaku Ananse ist ein Fabelwesen aus der Tradition der Aschanti: Halb Mensch, halb Spinne trägt es seine Weisheit in die Welt. Mit den Sklaven aus Westafrika landete es im Exil, wo es als «folkloristischer Held der schwarzen Diaspora» weiterlebt, wie die Regisseurin schreibt. Sie nutzt die mythische Figur für eine Auseinandersetzung mit ihrer ghanaischen Stieffamilie und vor allem mit ihrem polygamen Vater, den sie als Kind stark idealisierte. Nyan, die Protagonistin, reist aus der Stadt in den Urwald, wo sie den Geist ihres toten Vaters trifft und sich mit ihrem Schicksal versöhnt. Es ist ein in Ton und Bild traumhaft schöner Film, ausgezeichnet mit dem African Movie Academy Award, der von der afrikanischen Filmindustrie vergeben wird.
Im Open-Doors-Programm wird auch «Por aqui tudo bem» (2011) gezeigt, der Erstling der 1963 geborenen Angolanerin Pocas Pascoal, die als Filmemacherin und Fotografin in Frankreich lebt. Sie inszeniert darin einen traumatischen Abschnitt ihres Lebens: Ende der achtziger Jahre, mit kaum sechzehn Jahren, war sie mit ihrer ein Jahr älteren Schwester vor dem angolanischen Bürgerkrieg nach Portugal geflüchtet. «Por aqui tudo bem» ist ein Film über Flucht und weibliche Adoleszenz, angesiedelt im ImmigrantInnenmilieu von Lissabon und getragen von intensiver Farbdramaturgie. Auch Pascoal wird ihren eindrücklichen – schlicht und präzis inszenierten – Film persönlich in Locarno vorstellen.
Vollständiges Programm: www.opendoors.pardo.ch