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Die Tuberkulose vor 100 Jahren
Die Volksseuche
Es war eine schreckliche Krankheit, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auch als Folge schlechter Wohnverhältnisse in der beginnenden Industriegesellschaft um sich griff. Zudem war sie auch Folge anderer Missstände. Junge Mütter starben an Blutsturz, Söhne und Töchter vor ihren Eltern an Schwindsucht. Die Tuberkulose war eine Erkrankung, die familiär und meistens in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter auftrat und oft zum Tod führte. Auf 10000 Solothurner starben vor hundert Jahren jährlich 35 bis 45 Einwohner. (Da im Folgenden viel von der Tuberkulose die Rede sein wird, wird sie mit «TB» abgekürzt.)
Der Krankheitserreger
Zwar hatte Robert Koch 1882 den bazillären Erreger der Erkrankung entdeckt und damit die Natur der Erkrankung als Infektion erkannt. Damit ergaben sich Bekämpfungsmöglichkeiten, die nicht immer nur im Handumdrehen einzuführen waren. Der Zusammenhang zwischen Husten und Ansteckung war z.B. bekannt, alltägliche und heute jedermann geläufige hygienische Massnahmen (Hand vor den Mund, diskretes «Versorgen» des Auswurfes) waren damals aber nicht üblich. Daneben wurde schon früh erkannt, dass die engen Wohnverhältnisse und eine schlechte Ernährung im Krankheitsgeschehen eine Rolle spielten. Kuranstalten, die Sanatorien und Heilstätten, standen am Ende des 19. Jahrhunderts nur beschränkt zur Verfügung. Der Bedarf an Aufklärung und sozialer Unterstützung war immens. Das Wissen musste schrittweise und in verständlicher Form ins Bewusstsein der Bevölkerung und auch der Politiker getragen werden.
Erste Anstrengungen zur Bekämpfung
Im Kanton Solothurn trat vor allem der Oltner Arzt Dr. A. Christen entschieden für das Angehen der zu lösenden Probleme auf. Bereits im Juni 1889 verwendete er sich in einem flammenden Aufruf im «Oltner Wochenblatt» für den Bau von «Heilstätten für unbemittelte Lungenkranke»: «Die Errichtung von Sanatorien, von Heilstätten, für arme Lungenkranke ist eine der wichtigsten und dringlichsten Forderungen, die an den so oft bewährten gemeinnützigen Sinn des Schweizervolkes gestellt werden muss.» Nach Schilderung der in der ganzen Schweiz entstehenden neuen Spitäler, die für alle möglichen Erkrankungen gebaut werden, fährt er fort: «Und doch fehlen für diejenige Krankheit, welche in unserem Land weitaus die meisten Opfer fordert, für die Lungenschwindsucht, für unbemittelte Kranke alle und jede derartige Einrichtungen und Anstalten. Der arme Lungenschwindsüchtige, der zu Hause keine ausreichende Pflege findet, kann allenfalls eine solche in einem Spitale suchen, einen anderen Ausweg hat er nicht vor sich, da der Besuch von Kurorten für Lungenschwindsüchtige (...) ihm unerschwingliche Kosten auferlegen würde. Und doch weist die neuere Forschung den Lungenkranken ins Freie und nicht in den Spital. Früher, da man in ärztlichen und Laienkreisen die Lungenschwindsucht für unheilbar hielt, mochte es erklärlich erscheinen, dass man keine Heilstätten für solche Leidende errichtete. Jetzt liegen die Verhältnisse ganz anders. Die Lungenschwindsucht ist heilbar, d.h. bei rechtzeitigem Einschreiten können Tausende dieser Kranken gerettet, der Gesundheit, der Arbeit, dem Leben wieder gegeben werden.»
Wie im Schlusswort dieses Aufrufes vermerkt, übernahm die Gemeinnützige Gesellschaft vorerst die Federführung bei Planung und Errichtung einer solothurnischen Volksheilstätte. Sie gründete eine Stiftung «in der Absicht, Kranken, die an Tuberkulose leiden, die Wohltaten eines Aufenthalts in einem Sanatorium zu ermöglichen». Die Stiftungsurkunde vom 12. Dezember 1897 wurde von Dr. A. Christen und E. Meier, Pfarrer in Olten, unterzeichnet und vom Regierungsrat genehmigt. Bis zur Gründung einer Liga zur Bekämpfung der Tuberkulose übernahm diese Stiftung die Aufgabe, in bestehenden Heilstätten – insbesondere in Heiligenschwendi (Bern) und Langenbruck (Baselland) – Solothurner TB-Patienten einen Kuraufenthalt zu ermöglichen.