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Zur Erinnerung an Melchior Anderegg
1827—1914.
Von Dr. H. Dübi ( Ehrenmitglied ) und Paul Montandon ( Sektionen Bern, Blümlisalp und Altels ).
I.
( H. D. ) Die Ungunst der Zeiten und der knappe, mir in diesem überlasteten Jahrbuch zur Verfügung stehende Raum läßt es mir untunlich erscheinen, mein in der Alpina von 1915, pag. 112, gegebenes Versprechen einzulösen und hier ein ausführliches Lebensbild des am 28. März 1827 Auf Zaun oberhalb Meiringen geborenen, am B. Dezember 1914 in Husen bei Meiringen verstorbenen großen Führers zu entwerfen, welches auch dem Menschen und Bürger Melchior Anderegg gerecht werden sollte. Ich muß mich noch einmal damit begnügen, zu der in der Alpina entworfenen Skizze über das Lebenswerk des „ Führerkönigs " hier einige weitere Ausführungen und Ergänzungen zu liefern, zugleich auch die Verbesserungen und Nachträge einzuschalten, welche mir diese Publikation eingetragen hat. Ich werde dabei mehr als früher auf die technischen Leistungen Andereggs und den besondern Charakter seiner „ Führung " eingehen und betonen, was ihm die „ Erschließung des Hochgebirges " und die „ Förderung des Führerberufes " zu verdanken haben. Dann werde ich unserm Klubgenossen Herrn Paul Montandon das Wort geben zu seinen „ biographischen Notizen über Melchior Anderegg ", in welchen er auch eine interessante Parallele zwischen diesem und seinem ebenbürtigen Rivalen Christian Almer zieht, mit dem ich leider nie gegangen bin. In einem dritten Teil werde ich endlich, für künftige Biographen, eine Übersicht der Literatur über Melchior Anderegg und eine revidierte Liste seiner Bergtouren von 1853-1901 beibringen.
Wie wohl die Mehrzahl der Führer seiner Altersklasse — Almer vor allen — war Melchior in seinem Berufe ein Autodidakt. Es führt keine sichtbare Verbindung zu ihm von den bekannten Hasliführern der 30er und 40er Jahre, den Leuthold, Währen, Jaun, Bannholzer und Abplanalp. Ja, seine landwirtschaftlichen Beschäftigungen in der Jugendzeit schienen ihn nicht zum Führer vorzubereiten. Nur daß er sich durch körperliche Übungen — er war schon früh einer der besten Schwinger seiner engern Heimat — und durch die leidenschaftlich betriebene Gemsjagd die Fähigkeiten und Vorkenntnisse erwarb, die für einen angehenden Führer unentbehr- lieh, aber auch nur eine Vorbedingung sind. Von entscheidender Bedeutung wurde der an sich zufällige Umstand, daß Melchior in der ersten Hälfte der 50er Jahre seinem Vetter Johann Frutiger in der Führung des Grimselhospizes beistand, in deren zweiten Hälfte mit seinen Brüdern Andreas und Peter das Berghotel Schwarenbach betrieb und damit den Verkauf seiner Schnitzlerware verband, welchen Beruf er mit 18 Jahren selbständig erlernt hatte. An dem einen oder andern dieser Orte mag Anderegg die Bekanntschaft seines ersten „ Herrn ", des Engländers Robert Fowler, gemacht und mit ihm seine erste Gletschertour ausgeführt haben, aber wann und wo, ist nicht überliefert. Möglicherweise ist dies 1853 geschehen, wo Melchior, nach einer von ihm 1856 gemachten Äußerung zu schließen, wahrscheinlich den Col du Sex Mort oder Rätzlipaß überschritten hat.
Das Verdienst, diesen „ Gletschermann " in seinem Werte erkannt und in dem 1857 zu London erschienenen Buche: Summer months among the Alps auf ihn aufmerksam gemacht zu haben, gebührt Mr. Thomas W. Hinchliff. Mit einem ebenso jugendlichen Gefährten W. D und as am 21. August 18 55 auf die Grimsel gekommen, überschritten die beiden unter der Führung von Melchior, neben dem ein zweiter Grimselknecht Huggler die Rolle eines Trägers spielte, die Strahlegg nach Grindelwald. Es ist belehrend, aus Hinchliffs Buch ( pp. 35 — 56 ) in Einzelheiten zu erfahren, wie diese Expedition vor sich ging. Die aus fünf Mann, zwei Touristen, zwei Führern und einem jungen Träger, bestehende Partie ging nachmittags kurz nach 4 Uhr vom Grimselhospiz ab und langte abends gegen 7 Uhr im Pavillon Dollfus an. Vor dem Abmarsch von der Grimsel hatte Melchior eigenhändig die Schuhe seiner Reisenden mit frischen scharfen Nägeln versehen; er trug einen mit Lebensmitteln gefüllten Tornister, in dessen Riemen „ eine gute Rolle Seil " befestigt war. Au Stelle des gewöhnlichen bâton, wie ihn die übrigen führten, gebrauchte er „ jene vorzügliche Verbindung von Axt und Stange, welche in Chamonix so wohl bekannt ist ". Huggler, dessen Hut wie der Melchiors mit einem Schleier umwunden war, trug auf dem Rücken den „ Weinkeller ", ein mit Riemen wie ein Tornister hergerichtetes Blechgefäß von so beträchtlichem Umfang, daß es für eine Lagerwoche bestimmt schien. Der Träger, ein naiver, aber dienstwilliger Junge, war bepackt mit Decken, Provisionen, Holz, einigen Messern und ein wenig Küchengeschirr, alles in einem großen Tragkorb, für den Gebrauch am Abend und in der Nacht bestimmt. Ihre eigenen Tornister hatten die beiden Reisenden von der Grimsel durch einen Träger auf dem Talweg über Meiringen und die Große Scheidegg nach Grindelwald schaffen lassen, wo sie sie bei ihrer Ankunft im Hotel Adler auch richtig vorfanden. Der Marsch über den Aarboden und den Lauteraargletscher und der Aufstieg von diesem zur Hütte ging unter der ortskundigen Leitung der Führer leicht vonstatten. Kurz vor Erreichen der Hütte gewährte der zauberhafte Anblick der von dem Mond wie Silber erstrahlenden Berg- und Gletscherwelt Reisenden wie Führern gleiches Entzücken während einiger Minuten stummer Rast. Nachdem sie in der Hütte angelangt waren, besorgte der Junge das Anfeuern in der kleinen Küche, Melchior und Huggler das Zurüsten des Abendessens, welches aus kaltem Schaf fleisch, heißem Milchkaffee, Brot und Käse bestand. Ein Trunk aus dem „ Weinkeller " und die obligate Pfeife ließen den Abend angenehm verstreichen, und auch die Nachtruhe, die von 9 Uhr abends bis 3*^ Uhr morgens dauerte, war in dem mit Heu und Decken genügend versehenen Schlafraum eine ziemlich ungestörte.
Am folgenden Morgen um 5 Uhr traten die vier ihren Gang über die Strahlegg an, während der Träger mit einem deutschen Herrn, welcher sich ihnen am Vorabend auf dem Aarboden angeschlossen hatte, nun aber nicht mehr weiter mitwollte, zur Grimsel zurückkehrte. Der viertelstündige Abstieg auf den Lauteraargletscher, der Marsch quer über diesen und um den Abschwung herum in das Gletschertälchen zwischen dem Finsteraarhorn und der langen Kette der Schreck-oder Lauteraarhörner bot keine Schwierigkeiten; nur daß auf dem Finsteraargletscher verborgene Schrunde zu sorgfältigem Gehen und Sondieren mit dem Stock nötigten. Im Eingang des Strahleggfirns machten sie um 8 Uhr einen Frühstückshalt bei einem Gletschertisch; besonders „ fürstlich " war der Trunk aus der mit Schnee sorglich abgekühlten Blechflasche. Die steigende Sonne machte den Schnee weich, und sie sanken tief ein. Erst als sie sich dem Hintergrunde der sackartigen Schlucht näherten, wurde das Seil angelegt, und in einer Reihe, Melchior voran, wateten sie, gelegentlich bis zu den Hüften einsinkend, den Steilhang zum Bergschrund hinauf, den sie an seiner schmälsten Stelle überschritten. Dieses Manöver wird so beschrieben: „ Der Schneehang vor uns sprang hier etwas vor; so lehnte sich Melchior, mit dem Seil von hinten unterstützt, nach vorn über und begann ein paar große Löcher in den ganz durchweichten Hang zu schlagen, indem er mit den Fäusten den Schnee feststampfte. Dann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß für seine Füße ein fester Stand hergerichtet sei, gab er den hinter ihm Stehenden ein Zeichen, sich fest und ruhig zu halten, und schob sich vorwärts den Hang hinauf, indem er seine Füße in das untere, seine rechte Hand in das obere der von ihm gemachten Löcher setzte und seine Eisaxt in der linken Hand hielt. Es war ein kritischer Moment, aber der Schnee hielt. So stieg Melchior noch zwei oder drei Stufen weiter hinauf, drehte sich um, stampfte mit den Füßen einen „ Landungsplatz " aus und forderte Mr. Hinchliff auf, nachzukommen. Beim ersten Versuch versank dieser zwar bis zum Hals, aber vom Seil festgehalten, arbeitete er sich rasch mit den Knien zu einem zuverlässigen Standpunkt empor, stieg, vom Seil gehißt, in Melchiors Stufen über den Bergschrund und stand bald an dessen Seite. In gleicher Weise folgten Dundas und Huggler. " Einer hinter dem andern in gerader Linie weiter emporsteigend, kamen sie nach 10 Minuten zu einigen Felsen rechter Hand, wo sie im Gefühl errungener Sicherheit einige Minuten verschnauften. „ Bis zu dieser Stelle hatte Melchior kein Wort gesprochen seit der Überschreitung des Bergschrundes, und wir ahmten natürlich sein Beispiel nach. " Ein paar Minuten Kletterns über steilen, aber guten Fels, dann wieder Schneewaten in der frühern Richtung und Weise, und sie standen um 10 Uhr auf der Höhe des Strahleggpasses. Die letzte und steilste Strecke hatte sie in dem weichen, allerdings etwas verräterischen Schnee wenig mehr als 20 Minuten gekostet, während in hartem Eis oft zwei Stunden benötigt werden. Nach einem verfrühten Mittagessen, wobei wieder der „ frappierte " Wein köstlich schmeckte, und dem Genuß der schönen Aussicht stiegen sie rasch über lange Schneefelder, untermischt mit Felsstreifen, zum Obern Eismeer hinunter. Glissaden in sitzender Stellung, alle vier hintereinander, die Bergstöcke querüber gelegt, förderten sie rasch zur Tiefe, und es verschlug wenig, daß die Partie beim Passieren rauheren Terrains auseinandergesprengt wurde und in zwei Stücken unten anlangte, wobei ein Branntweinfläschchen verlorenging. Ernsthafter war, daß im weiteren Abstieg beim Queren einer steilen Schneelehne Mr. Hinchliff den Halt ver- lor und blitzschnell zur Tiefe schoß, wobei er indessen mit dem Stock etwas bremsen konnte und, von einer schmalen Spalte aufgehalten, zum Stillstand kam und vorsichtig zu der Stelle hinüberging, wo der in großer Aufregung abkletternde Melchior seiner wartete.Vom weitern Abstieg erfahren wir, daß die beiden Touristen, nunmehr am Seil, von den Führern, einer nach dem andern, über einige steile und schwierige Felsen auf schmale Bänder hinabgelassen wurden. So kamen sie auf den obern Teil des Grindelwaldgletschers und zu gehöriger Zeit an den Anfang „ des schmalen Weges, welcher sich längs der Seite des Gletschers nach Grindelwald hinunterschlängelt ". Um 4'/2 Uhr trafen sie im Hotel Adler ein. Die Führer erhielten jeder 30 Fr. und ein Trinkgeld. Der Träger hatte 6 Fr. erhalten.
Im großen und ganzen zeigt uns diese erste im einzelnen bekannte Tour Melchiors den künftigen großen Gletschermann schon in mice. Alle seine besondern Führereigenschaften treten hervor: stramme Leitung, geschickte Bewältigung ungewöhnlicher Hindernisse, Ruhe und Umsicht in der Gefahr und freundliche Fürsorge für die ihm Anvertrauten.
Im folgenden Jahrel ) 18 5 6 traf Hinchliff zufällig seinen „ Führer von der Strahlegg " wieder im Wirtshaus zu Schwarenbach, wo Melchior eben seine Schnitzlerware feilbot. Zugleich diente er als Lokalführer in dieser ihm ganz vertrauten Gegend und besaß ein Führerbuch2 ), aus welchem er Mr. llinchliff den Nachweis führte, daß er kurz vorher mit zwei jungen Engländern den Altels bestiegen habe. Da er die Fähigkeiten Hinchliffs kannte, trug Melchior keine Bedenken, ihn allein auf den Altels zu führen. Die Tour gelang aufs beste. Wiederum mußte Melchior zuvor den Flickschuster machen. Um 3Y2 Uhr weckte er, um 4}ji Uhr verließen die beiden das Haus. Melchior trug einen Tornister mit Brot, kaltem Fleisch und ein paar Flaschen Wein; dazu ein kurzes Seil und ein Handbeil im Ledergürtel. Über Weidhänge, Geröll und Schneefelder gelangten sie an den Rand des mächtigen Hängegletschers, von dessen wohl 200 Fuß hohem, sehr zerklüftetem Endwall unaufhörlich Eisstücke in eine wilde Schlucht hinunterfielen. Die Sache sah bedenklich genug'aus; aber Melchior versicherte, daß der Haupteissturz nur etwa alle 100 Jahre einmal sich ereigne, und daß das zuletzt vor etwa 60 Jahren geschehen sei3 ). Durch tiefen Schnee erst, dann bei dünner werdender Bedeckung Stufen in das Eis des Gipfelkegels schlagend, stiegen die beiden, mit Überstrümpfen versehen und in einer Distanz von etwa 3 m durch das Seil verbunden, aufwärts, in gerader Linie und ohne Zickzacks, wobei Hinchliff es sich zur Ehrensache machte, nicht mehr als zwei Stufen hinter dem Führer zurückzubleiben und das Seil nie zu straff werden zu lassen. Melchior war mit der Haltung seines Zöglings und dem Marschtempo sehr zufrieden und bezeugte dies durch wiederholtes „ gut, gut "! Als der Herr die Frage auf- warf, was geschehen möchte, wenn einer auf diesem Eishang ausglitte, zeigte Melchior, wie er im schlimmsten Falle durch Einhauen der Axt, deren Stiel er zur Sicherung mit einer Schnur an seinem Handgelenk befestigt hatte, Unheil verhüten könnte. Trotz eintretenden Wetterumschlags stiegen sie weiter und betraten um 8Y4 Uhr, also in nur 33/* Stunden von Schwarenbach, den nach Osten in einer mächtigen Schneewächte überhangenden Gipfel, welcher mit einer etwa 10 Fuß hohen, oben ein eisernes Kreuz tragenden Stange als solcher bezeichnet war. Hinehliff glaubte zu wissen, daß dieses Signal von Melchior selbst aufgestellt worden sei; wahrscheinlicher stammte es von der Triangulation von 1834. In ihrem Enthusiasmus kletterten erst Melchior, dann Hinchliff an der Signalstange empor. Melchior stieß oben den „ Oberländer Kriegsruf aus, als ob ihn irgend jemand in der Kunde hätte hören können ". Hinchliff wurde oben der Hut weggeweht, und der riskierte Versuch Melchiors, den nach dem Gasterntal entfliegenden zu erhaschen, wurde durch das Seil, welches die beiden noch verband, rasch gehemmt. Da seilte Melchior den Herrn los, knüpfte das Ende des Seils an den Signalpfahl und wollte sich auf die Wächte hinauswagen, um nach dem Hut zu spähen. Hinchliff wollte dies nicht zugeben, zog ihn am Seil zurück, lehnte auch das Anerbieten Melchiors, ihm seinen Hut zu leihen, ab und bedeckte sein Haupt mit einem Taschentuch. Um sich während ihres Mahles vor der Kälte zu schützen, gruben sie die Beine bis zum Knie in Schneehöhlen ein, eine Methode, die Melchior auf der Gemsjagd, sogar für die Nachtruhe, schon erprobt hatte. Nach 20 Minuten traten sie den Abstieg an, zuerst auf dem härtesten Eis vorsichtig, Melchior voran, Hinchliff dicht hinter ihm, in die im Aufstieg gehauenen Stufen tretend; dann, als der Schnee weicher wurde, hart nebeneinander und Hand in Hand, die Absätze der Schuhe fest einstoßend und, ohne je zu rennen, rasch absteigend, wobei Melchior von Zeit zu Zeit sein beliebtes „ gut, gut !" ausstieß. Glissaden in den Trümmerhalden und rasches Marschieren über Steine und Gras förderte sie so, daß sie schon um 11 Uhr, 2 Stunden 40 Minuten nach Verlassen des Gipfels, wieder im Wirtshaus anlangten. Sie hatten nur ß1/^ Stunden für die ganze Tour gebraucht, während man Hinchliff in Kandersteg nur für den Aufstieg deren 7 berechnet hatte. Nach kurzer Rast traten die beiden, Hinchliff nun richtig mit Melchiors Hut geschmückt, Arm in Arm unter einem Regenschirm den Weg nach dem Leukerbad an, wo Melchior, wie er „ gutmütig vorgab ", seinen Bruder zu besuchen hatte. Um 2 Uhr nachmittags dort angekommen, schieden sie mit dem Versprechen, sich womöglich ein anderes Jahr wieder zu treffen und zusammen „ den Wildstrubel und seine Gletscher zu durchstreifen ", was dann wirklich 1858 in Gesellschaft mit Leslie Stephen ausgeführt wurde. Das Zeugnis, das Hinchliff in Melchiors verlornes Führerbuch schrieb, mag ähnlich dem gelautet haben, was in seinem Buche steht: „ Mit Bedauern schied ich von Melchior, indem ich ihn für einen ganz ausgezeichneten und zuverlässigen Gefährten halte, eines von jenen treuen und mannhaften Herzen, mit denen es immer ein Vergnügen ist, verbunden zu sein. "
Ahnlich, wenn auch nicht so enthusiastisch, äußert sich über Melchiors Leistungen und Charakter in seinen Briefen der Rev. F. J. A. Hort, welcher mit einem andern jungen Geistlichen, Rev. J. B. Lightfoot, unter der Führung Andereggs und eines Nichtgenannten am 11. August 1856 das seit 1829 verschollene Lämmernjoch von Schwarenbach nach Siders überschritten hatte.
Wenn wir zu dem schon Gesagten noch in Betracht ziehen, daß Anderegg bis 1860 den Altels noch dreimal bestieg, so wird man zugeben müssen, daß er seine Sommeraufenthalte in Schwarenbach so gut ausnutzte, als es eben der für Gipfelbesteigungen dort noch spärliche Kundenkreis erlaubte, und daß er das Terrain, bevor er es definitiv verließ, um sich größern Aufgaben zuzuwenden, ziemlich abgegrast hatte. Es blieb ihm vorbehalten, später das Gewonnene durch die erste Besteigung des Balmhorns ( 1864, mit der Familie Walker ), den Übergang über das nach ihm benannte And er eggj och, zwischen dem Ostgipfel der Plattenhörner und dem Rinderhorn ( 1868, mit A. T. Malkin und F. Martineau ), und eine Winterbesteigung des westlichen Plattenhorns ( 12. Januar 1869, mit Moore, Horace Walker, Foster und T. S. Kennedy ) zu vervollständigen.
Die größern Aufgaben wurden Anderegg gestellt durch eine Reihe englischer Bergsteiger, deren Bekanntschaft er in den Jahren 18 58 und 185 9 machte. Das Buch von Hinchliff hatte so gewirkt, daß Partien, die auf die Grimsel kamen, sofort die große Blechflasche und Melchior requirierten und sehr enttäuscht waren, wenn sie nur die erstere fanden. Denn Melchior war „ weit weg und über die Berge ". In Gesellschaft von Rev. Charles Hudson, John Birkbeck, G. C. Joad, Frank Walker und dessen Kindern Horace und Lucy, Leslie Stephen und R. Liveing, Charles Edward Mathews zog er in den nächsten drei Jahren, von Meiringen oder Schwarenbach ausgehend, immer weitere Kreise, die ihn nach Grindelwald, Kandersteg, Eggishorn, Zinal, Evolena, Zermatt, Saas, Chamonix, Sixt und Courmayeur führten und bei welchen, um nur die Erstbesteigungen zu nennen, der Montblanc über den Bossesgrat, das Rimpfischhorn, das Blümlisalphorn, das Oberaarhorn und der Alphubel seiner Eisaxt zum Opfer fielen.
Es ist, neben den beiden Lauener von Lauterbrunnen, den beiden Michel, Peter Bohren und Christian Almer von Grindelwald, wesentlich das Verdienst Andereggs, wenn um das Jahr 18G0 der Bann gebrochen wurde, welcher die Schweizerführer auf ihre engste Heimat beschränkte und den durch eine alte Tradition gehobenen Chamoniarden erlaubte, in Zermatt und Grindelwald Lorbeeren zu pflücken auf Unkosten der einheimischen, erst seit kurzem organisierten Führergilde. Jetzt wendete sich das Blatt und die Oberländer, Melchior und ( bald nach ihm ) Almer voran, griffen kühn in die fremden Jagdgründe hinüber, ohne die eigenen zu vernachlässigen. Sie rissen auch die Kollegen im Wallis und Graubünden mit sich fort, und in wenig mehr als zwei Jahrzehnten war der europäische Ruf des Schweizerführers, als dessen Prototyp Melchior galt, so gefestigt, daß er jeder Konkurrenz trotzen konnte.
Zu den vorhin genannten „ Herren " kamen im Verlauf der 60er Jahre noch hinzu Francis Fox Tuckett, A. Adams Reilly, Reginald J. S. Macdonald, Edward Sh. Kennedy, A. W. Moore, F. Craufurd Grove, F. Morshead, G. Sp. Mathews, K. E. Digby, T. S. Kennedy. Mit Ausnahme von Ball, Whymper und Tyndall ist also die ganze Blüte des Englischen Alpenklub unter Melchiors Patronen vertreten. Manche unter diesen, wie C. E. Mathews, Leslie Stephen und Horace Walker, bekannten sich geradezu als seine Schüler im Bergsteigen. Und auch unter denen, die wie James Eccles, Sir Edward Davidson, Charles Pilkington erst später, nachdem sie ihre „ Rekrutenschule " mit andern Führern durchgemacht hatten und nur gelegentlich unter Melchiors Kommando gestanden haben, galt seine Autorität unbestritten; er war ihnen mindestens ein primus inter pares.
Als neue Errungenschaften, welche Melchior und seinen Herren die 60er und, um diese gleich anzuschließen, die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten, möchten wir hervorheben: im Mont Blanc-Gebiet die Ersteigung des Mont Blanc von St. Gervais über den Dôme du Goûter und den Bosses-Grat ( 1861, mit Stephen und Tuckett ), den Übergang über den Col du Tour Noir ( 1863, mit Macdonald und H. B. George ), die Ersteigung- des Mont Blanc über den Brenvagletscher ( 1865, mit F. und H. Walker, Moore und G. S. Mathews ), des Ostgipfels der Grandes Jorasses ( 1868, mit II. Walker ), des Mont Mallet ( 1871, mit Stephen, F. A. Wallrotli und G. Loppe ); in den Bündner Alpen die Ersteigung des Monte della Disgrazia ( 1862, mit Stephen und E. S. Kennedy ); in den Dolomiten die Ersteigungen des Monte Civetta, der Rotspitze und des doppelgipfligen Monte Cevedale ( 1867, mit Tuckett ); in den Grajischen Alpen die Ersteigung des Mont Pourri über den Nordgrat ( 1868, mit II. Walkerin den Penninischen Alpen die Ersteigungen der Dent d' Hérens ( 1863, mit Hall, Grove, Macdonald und Woodmass ), der Parrotspitze ( 1863, mit Grove, Macdonald und Woodmass ), des Zinal-Rothorns ( 1864, mit Stephen und Grove ), der Dufourspitze vom Grenzgletscher über den Sattel ( 1868, mit K. E. Digby und R. B. Heatheote ), die Ersteigung des Nordend über den Nordwestgrat und die Überschreitung des Unter Gabel jochs ( 1877, mit F. Morsheadin den Berner Alpen, aufier der schon erwähnten ersten Besteigung des Balmhorns und des Plattenhorns, die Überschreitung des Unter Studerjochs ( 1863, mit Grove, Macdonald, E. N. Buxton und Hall ), der Jungfrau vom Rottal zum Eggishorn über den Rottalsattel ( 1864, mit Stephen, Grove und Macdonald ), des Balmhorn-passes ( 1871, mit F.W. Gibbs ), die Ersteigung des Lauterbrunner Breithorns über den Westgrat ( 1881, mit Walker und Moore ).
Bei dieser letzten „ Erstbesteigung auf neuem Wege " Melchiors angelangt, können wir wohl einen Rückblick tun und uns an der Hand der Zeugnisse in seinem Führerbuch und in der alpinen Literatur ein Bild zu machen suchen von der Art, wie Melchior in seiner Glanzzeit „ arbeitete ". Mit ungeheuchelter Bewunderung erfüllte es Kenner, Herren wie Führer, Zeuge zu sein der selbstverständlich scheinenden Fähigkeit, mit einem schnellen Blick den besten Weg'durch ein Gewirr von Spalten und Seraks eines unbekannten Gletschers zu erspähen, ihn allen Hindernissen zum Trotz durchzuführen und aufwärts oder abwärts auf Eisflächen ohne sichtbaren Halt festen Fußes zu schreiten. Seine „ Stufenarbeit " war ein Modell für sich. Statt die technischen Einzelheiten, die in Lehrbüchern darüber stehen, auszuschreiben, will ich lieber wiederholen, welche Eindrücke ich von der Arbeit des Einundsiebzigjährigen einst empfing. „ Melchior hacken zu sehen, ist ein Kunstgenuß; er schwingt die Axt in einein nie fehlenden Rhythmus und schlägt für seine Stufenleiter nie einen Taktstreich zu viel. Das Ganze sieht wie ein Spiel aus, bei dem keine Kraft unnütz vergeudet wird und das mächtig fördert. Ich habe manchen berühmten „ Eismann " bei der Arbeit gesehen — ich nenne nur François Devouassoud und Christian Jossi —, aber in der Eleganz, im Stil sozusagen, schien mir Melchior noch als Einundsicbzigjähriger sie zu übertreffen. "
Zu dieser technischen Fertigkeit und Ausdauer kam eine Orientierungsgabe, die man mit dem Spürsinn des Indianers im Urwald und auf der endlosen Prairie verglichen hat. Und dieser Instinkt war bei Melchior schon früh ausgebildet. Die führerlose Partie der drei Brüder Charles Stuart, Alfred und Samuel Sandbach Parker, welche am 26. Juli 1860 vom Pavillon du Mont Fréty aus den Col du Géant nach Chamonix überschritt, war herzlich froh, bei hellem Wetter durch die Seraks des Glacier du Tacul den Zickzackspuren zu folgen, welche Melchior zwei Tage zuvor für die Familie Walker im Abstieg „ im dicksten Nebel " hergestellt hatte ' ). Und diese Fähigkeit ging ihm auch im Alter nicht verloren. Als im Sommer 1891 beim Abstieg vom Jägerhorn, das er von Macugnaga aus mit den Herren H. Walker, Godfrey A. Solly und Kllis Carr und dem Führer Gabriel Taugwalder überschritt, die Gesellschaft von einem Gewitter überfallen wurde, stellte sich Melchior sofort an die Spitze und „ löste das Problem der Schrunde und Spalten im vollkommensten Stile"2 ). Im Herbst 1899 führte er meine Frau und mich trotz Schneesturm und Nebel sicher und ohne einen Moment des Zögerns vom Wettersattel durch den Wetterkessel und über den Dossensattel zur schützenden Dossenhütte zurück.
Daß Melchior auch im F eis klettern seinesgleichen nur unter wenigen fand, ist bekannt. Besonders gerühmt wird die Easchheit und Eleganz seiner Bewegungen und die absolute Zuverlässigkeit seines „ Sicherns ", wenn er bei schwierigem Abstieg als letzter am Seil ging. Für diesen Teil seines Ruhmes sind die Zeugnisse in der Literatur spärlicher als für seine Eisarbeit, und ich möchte daher deren zwei, davon eines unveröffentlicht, hier beibringen. Sie stammen beide aus dem Jahre 1864.
L. Stephen beschreibt die Manöver seiner Partie bei der Überschreitung der Gendarmen am Zinalgrat des Rothorns folgendermaßen:
„ Melchior führte uns mit nie schwankender Geschicklichkeit; seine Lebensgeister stiegen, wie gewöhnlich, im Verhältnis zu der Schwierigkeit, nachdem der Würfel einmal gefallen war. " Es folgt dann eine sehr lebhafte Schilderung der Kletterei, die auch durch das Titelbild zu seinem Buche: „ The Playground of Europe " illustriert wird. Noch instruktiver sind seine Worte über die schwierigste Passage im Abstieg:
„ Ich will meine Leser nicht ermüden mit der Schilderung, wie an einer Stelle ich mich ausschließlich mit der Spitze einer Zehe auf einen mit Eis bekleideten und in einer fürchterlichen Klippenwand lose sitzenden Stein gestützt fand, während Melchior mich absurderweise versicherte, ich sei ganz fest, und mich aufmunterte, zu springen — und wie Melchior, in einer absurden Steigerung seiner Fröhlichkeit, an den schlimmsten Stellen Pirouetten und Kapriolen machte und Stellungen annahm, kurz sich zur teilweisen Befriedigung seines Enthusiasmus dem Auskramen eines bergsteigerischen Phantasiegebildes hingab. "
Ohne Augenzeuge dagegen verlief Melchiors denkwürdiger Versuch, das Matterhorn über den Zmuttgrat zu ersteigen. Im Jahrbuch S.A.C. I, pag. 572, heißt es in dem von Dr. Abraham Roth redigierten Artikel: Gletscherführer von Melchior Anderegg, der „ vielleicht der beste Führer des ganzen Oberlandes ist ", in der Aufzählung seines „ unerschöpflichen " Repertoires u.a. „ am Matterhorn am höchsten gestiegen ". Diese 18(14 erschienene Notiz hat mich lange um so mehr intrigiert, weil die so reiche Matterhornliteratur darüber nichts enthielt, bis mir endlich durchA.J.. XXX, 44.A.J.. XXIX, 66.
Dr. Ernst Jenny, den Biographen Dr. Andreas Fischers, die nötige Aufklärung zuteil wurde, leider erst, nachdem mein Artikel in der „ Alpina " von 1915 erschienen war. Dr. Jenny schrieb mir am 3. Juni 1915: „ Mein Freund Andreas Fischer hatte die Absicht, eine Biographie Melchiors zu schreiben — er war ja sein Pate — und erwähnte mir gegenüber ganz besonders einen Versuch desselben, 1864 über den Zmuttgrat auf das Matterhorn zu gelangen. Diesen Versuch machte Melchior allein als eine Rekognoszierungsfahrt für seine Herren und gelangte über die schwierigsten Stellen hinaus, natürlich auch über ebendieselben wieder hinunter und meldete, er halte diese Tour für sehr probierenswert. Fischer hatte auch im Sinne, für sein geplantes Bergbuch im Kapitel „ von den Führern " von Melchior Andereggs verwegenem Matterhornversuch im Sommer 1864 zu erzählen. " An der Tatsache ist also nicht zu zweifeln, aber die Einzelheiten entziehen sich unserer Kenntnis. Ich denke übrigens, daß diese Expedition in das Jahr 18 6 3 fällt; denn Jahrbuch I S.A.C. ist schon vor der Reisesaison 1864 erschienen, und es erwähnt sonst keine der bekannten Besteigungen Melchiors von 1864. Für welche „ Herren " Melchior 1863 den Zmuttgrat rekognoszierte, ist ebenfalls nicht klar; vielleicht waren es H. B. George und Moore, welche ihn, Christian Almer und Peter Perren im nämlichen Jahre vor ein anderes „ alpines Problem " gestellt haben, die Ersteigung des Mont Blanc über den Br envagl etscher. Die Führer haben es damals ohne langes Besinnen als eine „ miserable Dummheit " abgelehnt, auch nur einen Versuch zu machen. Im Jahre 18 6 5 gelang diese Riesentour, die schwierigste und gefährlichste, welche Anderegg bis dahin gemacht hatte, den Herren Moore, G. Sp. Mathews, Frank und Horace AValker im ersten Anlauf dank der Geschicklichkeit Melchiors und der Tollkühnheit seines Vetters Jakob Anderegg. Ich versage es mir, auf Einzelheiten hier einzugehen, die man weiter unten im Beitrag von Herrn P. Montandon lesen kann.
Die Autorität Melchiors war mittlerweile auch in Chamonix und Courmayeur so gestiegen, daß er es wagen konnte, auf die Mitnahme lokaler Hülfskräfte zu verzichten, oder sie aus dem Felde zu schlagen. Zwei gute Beispiele stehen in seinem Führerbuche.
Am 6. August 1861 bezeugt ihm L. Stephen auf der Grimsel, daß „ der alte und liebe Freund Melchior " ihn und F. F. Tuckett am 18. Juli, neben J. J. Bennen und Peter Perren, von St. Gervais über die Aiguille und den Dôme du Goûter und den Bossesgrat auf den Gipfel des Mont Blanc und auf dem Wege von 1859 über das Grand Plateau und die Grands Mulets nach Chamonix hinunter geführt habe. Damit war von „ Auswärtigen " ein Problem definitiv gelöst, welches 77 Jahre früher von dem Chamoniarden Dr. Paccard aufgeworfen worden war. Es verdient mit allem Nachdruck hervorgehoben zu werden, daß es Melchiors Eisaxt war, welche zuerst die Hindernisse dieses früher mit abergläubischer Furcht betrachteten Grates hinwegräumte und ihm den Zauber der Unbezwinglichkeit nahm.
Die gleiche Expedition führte Melchior im nämlichen Jahre noch einmal aus, diesmal mit A. Adams Reilly. Dieser berichtet im Führerbuch ( p. 45 ) unter dem Datum: Chamonix, 14. August 1861: „ Melchior begleitete mich heute auf den Gipfel des Mont Blanc über die Aiguille du Goûter und die Bosses. Wir brauchten S'/a Stunden von der Hütte an der erstgenannten bis zum Gipfel und kamen um 3 Ulu-lo Min. nachmittags in Chamonix an. Ein anderer Herr, begleitet von zwei erst- klassigen Chamonixführern, machte die Besteigung zur gleichen Zeit und die Art, wie Melchior sie bei jeder Schwierigkeit übertrumpfte, war direkt zum Lachen; besonders im Couloir an der Aiguille, welches wir überschritten hatten und eine Pfeife auf der andern Seite rauchten, bevor sie darüber einig geworden waren, wie dasselbe angreifen. Es ist wundervoll, wieviel man lernen kann, wenn man ihn im Eis arbeiten sieht. "
Bei dieser Berühmtheit und der Kunst, sich überall zurechtzufinden — glänzende Beispiele dafür werden von Kennedy bei Anlaß der Disgraziabestcigung bezeugt —, ist es eigentlich wunderlich, daß Melchior so wenig zum Keisen in entfernte Gebirgsgegenden gekommen ist. In den Ostalpen ist er selten, in den Grajischen Alpen nachweisbar zweimal, im Dauphiné einmal gewesen, ohne dort größere Taten zu vollbringen. Aber dies ist vielleicht weniger seine Schuld als die seiner „ Lieblingsherren ", bei denen der Wandertrieb nicht sehr ausgebildet war oder die ihn, wie Moore und Walker, mit andern weniger als Melchior an die Scholle gebundenen Führern zu befriedigen wußten. Eine Ausnahme macht nur Tuckett, und wir ergreifen die Gelegenheit, die Eintragungen im Fuhrerbuch — sie umfassen in seiner zierlichen Schrift drei Seiten — über die gemeinsame Reise im Jahre 1867 hier zu reproduzieren, um so lieber, als die beiden einander im Tode so rasch gefolgt sind — Tuckett starb in Frenchay bei Bristol am 20. Juni 1913 — und der Schauplatz ihrer friedlichen Eroberungen nun vom Waft'engetöse schauerlich erdröhnt. Tuckett schreibt, Zermatt, 23. Juni 1867:
„ Ich verließ Venedig mit Melchior am 16. Mai und bin seitdem mit ihm und seinem Vetter Jakob und meinen Freunden J. E. Blackstone und E. Howard beinahe 6 Wochen lang durch die Berge von Krain, Kärnten, Venezien und Südtirol gewandert. Da das Wetter sehr veränderlich war, so war es unmöglich, alle unsere beabsichtigten Exkursionen auszuführen, aber die folgenden, welche ich auf Melchiors Wunsch eintrage, werden zeigen, daß wir nicht allzu träge gewesen sind. Es ist natürlich überflüssig, obwohl angenehm, hinzuzufügen, daß Melchiors Gesellschaft ebensoviel zu meinem Vergnügen hinzugefügt hat, wie seine Geschicklichkeit zu den mir zugefallenen Erfolgen beigetragen hat, und ich scheide von ihm mit aufrichtigem Bedauern und mit erhöhten Gefühlen der Bewunderung und Achtung. Route: Von Triest nach Cilli und Sulzbach ( Steirer Alpen ), von da nach Bad Villach, Veldes, die Belpole Alp und über die Schulter des Tergion ( frischer Schnee verhinderte die Ersteigung dieses Gipfels ) nach Moistrane, Würzen und Pontafel. Von Pontafel erstiegen wir den Avernikkofel und querten einen Paß nach Tröpplach ( im Gail-tal ), Kötschach und Auf der Plecken, von wo wir via Valentiner Thörl und Colina Thörl nach Forni Avoltre, Sappada, Pieve di Cadore und Cortina d' Ampezzo weitergingen. Nachdem wir hierauf nach Forno di Zoldo und Pecol hinübergegangen waren, bewerkstelligten wir die Ersteigung der Ci vi ta ( oder Civettadie Aussicht von da ist prächtig — und passierten den Col Dai nach Alleghe und Forno di Canale, von wo wir weitergingen nach Primiero via Gares und den Passo delle Comelle und von da nach Fei tre über die Höhe des Colle di Luna, welcher eine prachtvolle Aussicht bietet. Hierauf wurde Molveno erreicht via Borgo, Trent und Stenico, und am folgenden Morgen erstiegen wir die Cima Tosa — den höchsten Punkt der Brenta Alta-Gruppe — und gelangten im Abstieg bis beinahe auf die Höhe der Bocca di Brenta, welche wir nach Pinzolo ( im Val Rendena ) und der Caret-Alp in Val di Genova kreuzten. Das Wetter erlaubte uns nicht, die Presanella anzugreifen, aber wir traversierten den Cer cen-Paß nach Vermiglio und Fusine, einen zweiten Col des gleichen Namens zu den Bädern von Rabbi und das Säent-Joch ins Martelltal, wobei wir unterwegs die Hintere Rot spitze mitnahmen, von der die Aussicht wundervoll ist. Vom Martelltal aus erstiegen wir die zwei höchsten Gipfel des Monte Ce vedale, Zeval- oder Furkele-Spitze ( die Zufall-Spitze der Karten ), und gingen weiter über den Ce v edale-Paß nach Sla Catarina und Val Zebru, von wo wir die Seh nee g locke erstiegen und das Trafoie rj och nach Trafoi querten. Indem wir über den Stelvio nach Bormio und Sondrio zurückkehrten, schliefen wir in der Val Sass Bisolo, erstiegen die Disgrazia und erreichten Varaina am Comersee am nämlichen Abend zu gehöriger Zeit. Von da traversierten wir die italienischen Seen nach Baveno und Omegna und erreichten Macugnaga via Val Strona, Campello und den Col di Rosena nach Ponte Grande, überschritten das Weiß tor nach Zermatt und beabsichtigten gestern, den Monte Rosa zu besteigen, wurden aber durch das Wetter daran gehindert. " Eine Eintragung Tucketts, St. Niclaus, den 24. Juni, bezeugt, daß „ der Monte Rosa diesen Morgen von ihnen erstiegen worden sei ". Man sieht, daß Melchior der Mann dazu war, den ^ubiquitous Tuckett " auf seinen blitzartigen Zickzackfahrten in gleichem Tempo zu begleiten.
Bemerkenswert ist die große Zahl von bergsteigenden Damen, denen Melchior als Führer gedient hat. In erster Linie kommt hier in Betracht Miss Lucy Walker, die Andereggs Bekanntschaft 1860 in Schwarenbaeh gemacht hat. Von da an soll sie ihn 20 Jahre lang jeden Sommer fest engagiert haben; tatsächlich ist sie mit ihm in Gesellschaft ihres Vaters oder Bruders, gelegentlich auch allein, 1860, 1862, 1864, 1865, 1867, 1870, 1871, 1873 auf die höchsten Berge gestiegen; 1885 und 1886 hat ihr Melchior bei Aufenthalten in Mürren Gesellschaft geleistet und ihr letzter gemeinsamer alpiner Spaziergang fällt ins Jahr 1901, ihr letzter Briefwechsel auf Neujahr 1914. Mrs. Elisabeth Mathews, die Gattin von Ch. Edward Mathews, hat Melchior 1860 auf ilirer Hochzeitsreise 14 Tage lang, u.a. über die Wengernalp, auf den Gornergrat und nach Eggishorn begleitet. Aus einer Brief-stelle vom Jahre 1909 schließe ich, daß Melchior mit ihr noch 1880 zusammengetroffen ist; ob aber damals Bergtouren gemacht wurden, wissen wir nicht. In der letzten Eintragung in Melchiors Führerbuch, datiert Chamonix, 10. September 1872, ist erwähnt, daß er mit Mme Albert Millot und deren Gemahl die Cols du Tour, de Saleina, du Chardonnet und du Géant überschritten habe; mit dem gleichen Paar ist er auch später noch gereist. Einer gefälligen Mitteilung von Prof. F. Vetter entnehme ich, daß Melchior ihn und seine Frau im Juli 1878 vom Ürbachtal über das Ewigschneehorn zur Grimse], von da über das Nägelisgrätli und den Rhone-gletseher auf den Gal en stock und über die Tr i f t li m mi ins Gadmental geführt habe. Dagegen scheinen die Engagementsversuche, die Miss Kate Richardson 1881 und 1882 versuchte, zu keinem Resultat geführt zu haben. Ich kenne sie nur aus Briefen. Mit den Schwestern Katharina und Frederica Plunkett hat Melchior 1885, eventuell schon früher, Bergtouren gemacht und eine Freundschaft geschlossen, die leider durch den am 23. Februar 1886 erfolgten Tod von Miss Frederica unterbrochen wurden. Im Sommer 1890 führte er Mrs. Charles Pit -king ton, deren Gatten und H. Walker von der Dossenhütte über das Wetterhorn nach Grindelwald. Die gleiche Gesellschaft, verstärkt durch Mrs. Ellis Carr und deren Gatten, habe ich 1898 in Fionnay angetroffen, wobei von ihnen die Cols des Otanes und de Chermontane überschritten wurden. Und endlich hatte sich meine Frau im Herbst 1898 und 1899 bei der Überschreitung des Ifühnertälipasses und dem obenerwähnten Versuch auf das Wetterhorn seiner unschätzbaren Dienste zu erfreuen. Daß Melchior auch als „ Damenführer " ein Modell war, ja daß er gerade hierin die schönste Gelegenheit fand, seinen ritterlichen Charakter, seine Herzensgute und wahre „ Bildung " zu offenbaren, bedarf keines Beweises und ist in den Herzen der Betreffenden unausrottbar eingegraben, aber auch in vielen Briefen und wenigen gedruckten Stellen bezeugt.
Für die Hebung des Führ er beruf es hat Anderegg Unvergängliches gewirkt, durch sein während 40 Jahren untadelig gegebenes Beispiel, durch die Nachzucht einer Reihe glänzender Zöglinge, teils in der eigenen Familie, teils in seiner Nachbarschaft — ich nenne nur Andreas Maurer, Hans Jaun und Hans v. Bergen, die ihn abgöttisch verehrten —, durch den mit Wohlwollen gepaarten Ernst, mit welchem er in jeder unter seinem Kommando stehenden Kolonne darauf hielt, daß alle ihre Pflicht tun und jeder sein Bestes hergebe, durch das hohe Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefühl, das er seinen Standesgenossen bei jeder Gelegenheit durch Wort und Tat predigte, und, nicht zuletzt, durch die gute Kameradschaft, die er mit den Würdigen unter diesen hielt.
Zum Beweis hierfür und als Überleitung zu dem Artikel von Herrn Montandon will ich noch die Touren zusammenstellen, bei denen Anderegg und Almer zusammenwirkten, und sie mit den nötigsten Erklärungen versehen. Wie mau sehen wird, ist dies durchaus nicht überflüssig oder allzu bekannt. Das Verdienst, diese beiden Rivalen um den höchsten Führerruhm 18 6 3 für die Dauer eines halben Monats in seinem Dienste vereinigt zu haben, gebührt A. W. Moore. Melchior scheint die Partie Moore und H. B. George, welche Almer schon seit Mitte Juni begleitete, Anfang Juni in Simpeln getroffen zu haben. Am 7. Juli versuchten die vier, das Laquinjoch nach Saas zu überschreiten, mußten aber in beträchtlicher Höhe wegen ernst-lichem Unwohlsein von Mr. George die Sache aufgeben und nach ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Hier trennten sie sich für einige Tage, wobei Anderegg bei Moore, Almer bei George blieb, fanden sich dann wieder in Randa und bestiegen gemeinsam den Dom. Nach einer erneuten Trennung trafen sie sich wieder in Courmayeur, um vereint den Col de Miage nach Chamonix zu überschreiten. Hier schied Moore aus und Anderegg trat in die Dienste von Macdonald. Das neue Quartett überschritt am 22. Juli den Col du Tour Noir vom Glacier des Améthystes zu dem von Saleina. Über diese denkwürdige Expedition — der Abstieg über die 800 m hohe Eiswand der Ostseite des Passes in 6y2 stündiger Hackarbeit streift an die Grenzen des Menschenmöglichen und ist nie wiederholt worden — will ich nur bemerken, daß Melchior, der sonst nicht leicht etwas auf Alraer kommen ließ, mir bestimmt erklärt hat, dieser habe Unrecht daran getan, den übrigen das Zeichen zum Nachrücken zu geben, als er rekognoszierend von der Westseite auf der Höhe des Passes angelangt war; was ihn selber betrifft, so bestritt Melchior, daß er beim Passieren des Bergschrundes einen „ Kunstfehler " begangen habe, indem er zu kleine Stufen machte. Nach dieser Tour schied auch George aus und das Trio Macdonald, Almer und Anderegg fand sich wieder zusammen bei der ( zweiten ) Besteigung des Mönch auf dem jetzt üblichen Wege vom Ober Mönchjoch aus.
Im folgenden Jahre, 1864, trafen Anderegg und Almer am Rimpfischhorn und am Eiger zusammen, der erstere im Dienste der Familie Walker, der letztere in dem von Morshead und Moore.
Eine seltsame Begegnung fand 1866 am Lyskamm statt, indem H. Walker und F. Morshead mit Melchior und Jakob Anderegg den Nordwestgipfel vom Felikjoch her erstiegen und zum Hauptgipfel hinübergingen, während gleichzeitig J. IL Kitson mit Almer die gleiche Traversierung in umgekehrter Richtung machte. Im gleichen Jahre, am 23./24. Dezember, arbeiteten Anderegg und Almer mit Walker, Moore und Peter Bohren wieder zusammen bei der bekannten Winterüberschreitung des Finsteraarjochs und der Strahlegg in einem 22stündigen Tag- und Nachtmarsch von Grindelwald nach Grindelwald.
Zum letzten Male, soviel ich weiß, haben die beiden zusammengewirkt im Juli 186 7 im Dienste einer fünfköpfigen, nin ganz schwierigen Besteigungen unerfahrenen " Reisegesellschaft, der Herren J. R. Thursfield, W. C. Sidgwick, William Esson, M. Creighton und H. S. Woods. Als von beiden Führern — die Gesellschaft teilte sich gelegentlich in Gruppen — geleitete Touren werden in den Ftthrer-büchern bezeugt: Strahlegg, Groß Nesthorn und Triftjoch.
II.
( P. M. ) In Cunningham & Abney's „ The Pioneers of the Alps " besitzen wir einen hervorragend illustrierten, modernen Plutarch für die bedeutendsten Schweizer-und Chamonixführer der ersten Bergsteigerperiode. Wir dürfen den Autoren für dieses schöne pietätvolle Werk, das unserer Führerschaft ein bleibendes Denkmal setzt, dankbar sein. Daß Melchior Anderegg darin den Ehrenplatz einnimmt, ist selbstverständlich und wurde auch nie zugunsten eines andern Führers angefochten. Wenige unter uns sind jemals mit ihm gewandert oder haben ihn näher gekannt. Aber die Engländer, welche in den guten Jahren Andereggs den größten Teil der alpinen Neuarbeit vollführten und alle besten Führer in ihrem Dienst hatten, sind in der Beurteilung der Männer, denen sie sich anvertrauen, sachkundig und feinfühlend. Wenn sie Melchior Anderegg, alles in allem genommen, als den besten Führer betrachten, der bis jetzt gelebt hat, so haben sie sehr gute Gründe dafür. Die sich seinem etwas autokratischen und doch sanften Szepter beugten, welches den Wahlspruch „ fortiter in re, suaviter in modo " trug, hatten das bestimmte Gefühl, einem Manne zu folgen, der nicht bloß außerordentliche Fähigkeiten als Führer besaß, sondern auch als Mensch ein Charakter und hoher Achtung würdig war.
Das Beispiel und der Einfluß eines tüchtigen und guten Menschen wirkt nach, auf lange Zeiten hinaus. Jenes intensive Pflichtgefühl, die Gewissenhaftigkeit, welche Andereggs hervorragende Charaktereigenschaften waren, wurden zum Vorbild für alle guten Führer, die bei ihm in die Schule gingen oder auch nur mit ihm in Berührung kamen. Er besaß eine bestimmte, hohe Auffassung des Berufs, den ihm das Schicksal zugewiesen hatte. Möchten alle seine Nachfolger es ebenso halten, dann wird die allgemeine Wertschätzung dieses Standes eine stets höhere werden.
Die Kenntnis der Berge, die Technik, besonders im Fels, und auch das Urteil, was in der Bergsteigern erlaubt ist und was nicht, hat sich, seitdem Melchior Anderegg den Pickel beiseite stellte, weiter entwickelt. Manch kühn angelegte Unternehmung, ausgedacht und geleitet von erstklassigen Männern — Führern oder Touristen — welche nun, ohne größeres Risiko, sicher gelingt, wäre von Anderegg mit dem für ihn bezeichnenden Ausruf „ Dummheit " als unverantwortlich abgelehnt worden. Tempora mutantur. Wenn er manche Besteigung, welche die Verhältnisse oder der Zufall ihm zuwiesen, gewiß lieber nicht durchgeführt hätte, so liegt der Grund dafür nicht in einem Clangei an Mut, sondern in den damaligen Anschauungen über Schwierigkeit und Gefahr, besonders aber in seiner eigenen starken Abneigung, das Leben seiner Schutzbefohlenen irgendwann aufs Spiel zu setzen. Der ernst angelegte Mann hatte die Überzeugung seiner Verantwortlichkeit. Er war vom Gefühl durchdrungen, daß das Bergsteigen eine Beschäftigung ist, welche den leichtfertigen Verlust von Menschenleben keineswegs rechtfertigt ( was gilt heute ein Menschenleben !), sondern vielmehr ein edles, Seele und Körper kräftigendes Spiel, das aber nicht über einen gewissen Punkt hinausgeführt werden soll.
Abenteuerliche Situationen bleiben aber keinem Bergsteiger erspart und bilden ja eine Würze unseres Sportes. Auch Melchior Anderegg ist ihnen nicht entgangen. Man lese z.B. im ersten Band des Alpine Journal von 1863 die mit Moore und George unter Mitwirkung von Christian Almer ausgeführte erste Überschreitung des Col du Tour Noir. Wie Anderegg, dieser sonst so bedächtige, damals in der Vollkraft seiner 36 Jahre stehende Mann, als letzter beim Abstieg über einen hohen Bergschrund in ungeduldiger Weise nur kleine Stufen machte und dann in schwerem Fall über die Wand hinunterflog. Es hätte ihn dies in gleicher Weise das Leben kosten können, wie in spätem Jahren Michel Innerkofler es am Gletscher des Monte Cristallo verlor. Und wie diese Partie, geführt von den zwei besten Führern des letzten Jahrhunderts, schließlich in den Seraks des Glacier de Saleina eine kalte Regennacht zubringen mußte. Es ist interessant, solche Erlebnisse zu hören. Uns, die wir alle schon in ähnlicher Weise sündigten oder Pech gehabt haben, bringen sie diese in ihrem Berufe großen Männer ein klein wenig näher, und dies ist ganz angenehm. Sie mindern nicht um ein Jota die Bewunderung, welche wir Epigonen für ihre unerreichbare Meisterschaft hegen. Daß auch ein Melchior Anderegg irren konnte, beweist sein Erlebnis am winterlichen Snowdon in Wales: Die Distanz bis zum Gipfel, von einem gewissen Punkte aus, schätzte er, mit Nachdruck, auf 5—6 Stunden — seine englischen Freunde sagten 1 Stunde und behielten Recht, denn in 65 Minuten war die Gesellschaft oben.
Welch interessante Streiflichter fallen auf den nun Vierundvierzigjährigen, und auch auf den andern erstklassigen Führer, wenn man ( im Alpine Journal, Bd.V, 1871, S. 259 ff. ), Mathews Besteigung des Matterhorns liest. Direkt von Breuil aus waren die Männer im Schneesturm ans oberste Felsenhaupt gekommen, und Melchior reklamierte, ging'aber gleichwohl vorwärts, hingerissen von der rücksichtslosen Energie Jean Antoine Carrels, der nicht nachließ, bis sie, atemlos, den Gipfel trotz allem Unwetter erreichten. Gesichter und Barte waren voll Eis und Schnee, und Carrel lachte, währenddem Anderegg sein unzufriedenes „ Dummheit " ausrief. Jeder nach seinem Naturell, und was Melchior nicht hinderte, beim sofortigen Rückweg nach der Cravatte, als letzter, über die frisch beschneiten und darunter vereisten Felsen mit unfehlbarer Sicherheit abzusteigen, seine Herren während allem Sichern stetsfort zu größerer Eile anspornend. Und damals nahm man nicht, wie heute, auf jeden kleinsten Berg Steigeisen mit! Glücklich gelangten sie, bei Einbruch der Nacht, Zur Erinnerung an Melchior Anderegg.
Phot, von C. G'ólz, Interlaken.
in die oberste kleine Hütte und andern Tags ins Tal. Über diese Tour mit Anderegg plaudernd, hatte ich das Gefühl, daß sie vielleicht diejenige war, welche ihm unter allen den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hatte, und alte Erinnerungen an einen ähnlichen, peinlich sorgfältigen Abstieg zum Col du Lion wurden dabei in mir wach. Es gibt nur ein Matterhorn, und bei Schnee und Sturm offenbart sich erst seine ganze furchtbare Größe.
Die Februarnummer des Alpine Journal von 1915 bringt mehrere wertvolle Artikel über Melchior Anderegg und, als Begleit, vier Lichtbilder aus verschiedenen Altersperioden1 ). Das interessanteste ist dasjenige von 1859, desZweiunddreißigjährigen. Die Züge sind willensstark und gemessen. Es ist am Platze, daß auch unser Jahrbuch das Äußere dieses hervorragenden Schweizermannes festhält. Wenn wir ihm ein Bild seines einzig ebenbürtigen Kollegen, Christian Almer, gegenüberstellen ( beide Bilder, in Visitformat, aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als sie 45—50 Jahre alt waren ), fällt das Urwüchsigere, Kraftvollere in der Gestalt und Haltung Almers sogleich auf. Es wurde die Vermutung geäußert, daß Anderegg in seiner Jugend etwas brustschwach gewesen sei und deswegen seinen Aufenthalt auf der Gemmi genommenAnmerkung der Bedaklion. Eine Absicht, das Portrait von 1859, welches mir die Redaktion des Alpine Journal mit Autorisation des Alpine Club freundlichst zur Verfügung stellen wollte, hier zu reproduzieren ( als Pendant zu dem in der Alpina erschienenen von 1908 ), scheiterte schließlich an der Unmöglichkeit, die betreffenden Druckstöcke ( Kupferklischees ) in nützlicher Frist nach Bern zu bekommen.
Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 50. Jahrg.
15 habe. ( Dem scheint entgegenzustehen, daß er als guter Schwinger bekannt war — machte er doch den Übergang über den Rottalsattel nach einem Schwingfest und mit etwas verletztem Arm. ) Jedenfalls hat er sich dann gut erholt; denn das längste Stufenhacken, bei welcher Arbeit er allerdings mehr Geschicklichkeit als Kraft anwandte, hat ihm nichts anhaben können. Den zwei Bildern aus der Höheperiode der beiden folgen zwei Photographien von 1896 und 1898 ( siehe das Vollbild zu pag. 224 ), also etwa 20 Jahre später aufgenommen, als sie am Ende ihrer Führerlaufbahn angelangt waren. Wie sind die beiden alten Recken noch voller Leben! Welche Charakterköpfe! Wie prägt sich in Almers Blick noch die alte wilde Lebenslust aus! Er hatte damals mit seinem Frauehen die goldene Hochzeit auf dem Wetterhorn gefeiert. Auch ihr, seiner treuen Gefährtin, der Mutter trefflicher Führer, soll in unserm Jahrbuch ein Platz vergönnt sein. Anderegg war Almer und den meisten andern Führern als Mensch und Charakter überlegen. Sie müssen dies gefühlt haben. Aus feinerem Material gezimmert, gingen seine Interessen über seinen Beruf hinaus und sein von Natur vorwärtsstrebender Charakter hat sich im Verkehr mit seinen Herren, den besten des englischen Alpenklubs, weiter entwickelt. Aber über dem Wissen des Mannes stand sein innerer Wert. Seine englischen Freunde sagen ihm cheerful graviti/, graciousness of nature, grave earnestness, gentlemanly feelings, unswerving courtesy, gentleness and kindness of heart, womans tenderness nach. Von welchem Führer hat man je eine solch wunderbare Liste aufgestellt V Und dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß dieser vornehme Ernst, diese Herzensgute einem gebornen Anführer, einer willens-starken, tatkräftigen Persönlichkeit eigen waren. Es haftete nichts Gemeines an ihm; von einer gewissen Schwäche, die eine Gefahr dieses Berufes bildet, war er frei und der Respekt, den er seinen „ Herren ", seinen Kollegen und Nachbarn einflößte, war ein begründeter.
Almer war aus härterem Stoff gemeißelt, körperlich und geistig. Seine Entwicklung hatte engere Grenzen. Er blieb bis zuletzt der starke, einfache Solin der Berge, für den sie allerdings keine Schrecken und keine Geheimnisse hatten. Aber auch dieser gänzlich verschiedene Mann konnte von gewinnender Gutherzigkeit sein. Ich hatte vor vielen Jahren das Glück, gleichzeitig mit ihm auf das Wetterhorn zu steigen, als er einen Engländer und seine Frau hinaufführte, und konnte nur bewundern, in welch lieber, väterlich zarter Weise er sich stetsfort um seine Schutzbefohlenen kümmerte und namentlich der jungen Frau jeden Schritt zu erleichtern suchte. Es wurde einem warm ums Herz, wenn man ihn führen sah. Und wie nett und freundlich war er mit uns zwei Führerlosen! Auch er nahm seine Berufspflichten und die Verantwortung nicht leicht. Erinnere ich mieli doch, als wir ihn nach gemeinschaftlicher Tour zu einem Glase Wein einluden, wie äußerst zurückhaltend er Bescheid tat: Er müsse nachmittags nochmals zu einer Tour ausrücken.
In der technischen Fertigkeit als Führer mögen sie sich, alles in allein genommen, ebenbürtig gewesen sein. Almer war in seiner Leistungsfähigkeit und Entschlossenheit eine Naturkraft, der, in ihrer besten Zeit, nichts Ebenbürtiges an die Seite gestellt werden konnte ( Alpine Journal 1915, pag. 73 ). Sein großer Rivale aber besaß, besonders in schwierigen Gletschergebieten, ein Erratungsvermögen, ein Gefühl für den besten oder einzig möglichen Weg und eine Kunst, diesen Weg durchzuführen, welche unübertroffen geblieben sind, und in der schwierigen Aufgabe des Stufen- Zur Erinnerung an Melchior Anderegg.
hauens eine kunstvolle Fertigkeit, die niemals ganz erreicht wurde. Er hatte, wer weiß, vielleicht infolge seiner weniger starken Konstitution, das Geheimnis sich zu eigen gemacht, mit dem kleinsten Kraftaufwand das beste Resultat zu erzielen. Die logische Folge war, daß auch die Form die allerbeste — von „ singular grace and casewar, und der Zeitaufwand der kleinstmögliche.Von spätem Führern mag ihm wohl Christian Jossi, Vater, am nächsten gekommen sein. Den Stufen beider war gemeinsam die deutlich ausgesprochene Neigung gegen innen, welche für sichern Stand so außerordentlich vorteilhaft ist, und die man bei Amateuren gewöhnlich vermißt. Der gewaltige Alexander Burgener klagte mir einst, er wisse nicht, wie Jossi es anstelle, aber er, Burgener, zerschlage seine Stufen so oft ( notabene, auch seine Pickel !). Bei ihm konnte man, im Gegensatz zu Anderegg, jedenfalls nicht von „ grace " sprechen. Weiteres über Andereggs Stufenhauen und über seinen Pickel weiter unten.
Almer hatte keine Ergänzung nötig, aber beide zusammen arbeitend, er und Anderegg, hätten ein wunderbares Führerpaar abgegeben. Der Zufall hat die zwei Feldherren nur ganz selten zusammengeführt. Eigentümlich bleibt es, daß das Matterhorn keinen von beiden anzog. Nur Almer — 20 Tage vor der ersten Besteigung — hat mit Whymper und Croz von der Ostseite aus einen einzigen Versuch unternommen, ohne sich dabei hervorzutun. Dies ist alles. „ Warum versuchen Sie nicht einen Berg, der besteigbar ist ?" sagte er zu Whymper. Niemand wäre besser imstande gewesen, als die beiden Oberländer, die wirklichen Schwierig- keiten dieses Berges zu überwinden; aber sie glaubten nicht an seine Ersteigbarkeit, und er interessierte sie also wohl nicht. Eine gewisse abergläubige Voreingenommenheit der Führer ist in der Geschichte der Erstbesteigungen sehr oft im Spiele gewesen ( unter andern auch bei der Meije ), und darin liegt eine Überlegenheit der „ Herren ", daß sie jene Voreingenommenheit nicht immer teilen, ihr innerlich entgegenwirken.
Christian Almer, Chr. Lauener ( beide ein Jahr älter ), sein Vetter Jakob Anderegg ( gleichaltrig ), Michel Croz ( drei Jahre jünger ) waren die ungefähren Altersgenossen Melchior Andereggs. Neben Almer wäre wohl einzig der Letztgenannte sein ebenbürtiger Rivale geworden, wenn er am Leben geblieben wäre. In der hohen Auffassung ihres Berufes und in geistiger Vornehmheit glichen sie einander. Man lese nur den bekannten, feinen Absagebrief von Croz an Whymper, der in der „ Besteigung des Matterhorns " wiedergegeben ist und den Mann kennzeichnet: „ Enfin, Monsieur, je regrette beaucoup d' être engagé avec votre compatriote et de ne pouvoir vous accompagner dans vos conquêtes, mais des qu' on a donné sa parole an doit la tenir et être homme "...
Daß Christian Almer ungleich mehr Erstbesteigungen, mehr als irgendein anderer Führer, gemacht hat, findet seine Erklärung darin, daß er jahrelang mit Herrn Coolidge und andern ebenso unternehmenden Männern ging. Miss Walker, die Anderegg 20 Sommer in ihrem Dienste hatte, schlug- dagegen selten neue Wege ein. Auch zog sich Anderegg, der gut haushielt, schon Ende 1893 zurück — etwa mit 6t ) Jahren. Er ist etwa 40 Jahre Führer gewesen. Almer überschritt noch mit 70 Jahren die Meije und gab den Beruf bis fast zu seinem Tode nicht auf. Unter Andereggs neuen Touren ragen besonders hervor: Montblanc-Brenvaroute, Dent d' Hérens, Zinal Rothorn, Jungfrau vom Rottal via Rottalsattel, Mont Mallet, Col du Tour Noir, von dem Dutzend anderer nicht zu sprechen. Die weitaus größte und schwierigste von allen ist die Brenva-Montblanctour. Noch jetzt ist sie eine der fünf oder sechs gewaltigsten Hochtouren einer besondern, der höchsten Klasse. Captain Farrar behandelt sie im Alpine Journal ( vol. XXVI, 1912, pag. 171, 203, 431, und vol. XXVIII, 1914, pag. 306 ) sehr ausführlich, und zwar sämtliche, zirka 15, bis heute ausgeführte Begehungen, wobei ein Abstieg. Sie wurde zweimal ohne Führer gemacht, nur von Engländern, und zwar 1894 von Mummery, Collie und Hastings, und 1904 von Wilson, Wicks und Bradby, letztere direkt von Courmayeur aus, die Péteretsroute auf den Montblanc dagegen nur von deutschen Führerlosen.
Kein Schweizer Tourist scheint diese beiden großen Routen bisher je eingeschlagen zu haben. Es ist bezeichnend für Andereggs Auffassung seines Berufes, daß er die Brenvatour zweifellos nicht durchgeführt hätte, wäre sein Vetter Jakob, damals zufällig an der Spitze, am bekannten Eisgrat nicht einfach weitergegangen, ohne die Frage des Vorrückens auch nur aufzuwerfen. Von Jakob, diesem machtvollen und kühnen Manne, für den Furcht und Schwierigkeit gänzlich unbekannte Begriffe waren und bei welchem „ Vorsicht durch Abwesenheit glänzte ", veröffentlicht das Alpine Journal vom Mai 1915 zwei interessante Bildnisse. Er begann den Führerberuf erst im Alter von 37 Jahren und übte ihn nur 14 Jahre, von 1864 bis 1878, aus. Er starb an Krankheit, bloß 52 Jahre alt, und wäre sonst ohne Zweifel bei den Anhängern der schärfsten Richtung zu hohen Ehren gekommen. Seine bedeutendsten neuen Touren sind, abgesehen von der erwähnten Brenva-Mont-blancroute: Zinal Rothorn ( mit Melchior ), Piz Roseg, Gabelhorn, Gspaltenhorn, Domjoch, Agassizjoch, Grand Paradis von Cogne aus usw. Auch er hatte die größte Verehrung für seinen berühmten, von ihm so verschiedenen Vetter. Daß jener Eisgrat ob dem Brenvagletscher, abgesehen von seiner großen Exponiertheit — ein Hang ist senkrecht, der andere beinahe — wirkliche objektive Gefahr bietet, muß man nach den Literaturberichten bezweifeln. Er ist so schmal, daß das Licht manchmal durchschimmert ( Alpine Journal, vol. XXVI, pag. 204 ), aber fast horizontal und erfordert 20 bis 60 Minuten Zeit, je nach den Umständen. Daß aber der Brenva-weg im obern Teil ein gefahrvoller ist, weil man lange Zeit stufenhauend dem Fall von Eisblöcken ausgesetzt bleibt, darüber scheint kein Zweifel zu bestellen. Es wurde dies auch von dem bekannten österreichischen Bergsteiger, Herrn Dr. Kugy, bestätigt, dem ich Anno 1900 beim Gipfel des Montblanc begegnete, als er mit Daniel und Aimé Maquignaz direkt vom Brenvagletscher kam. Die Gefährlichkeit dieses Weges, die er bedeutend über diejenige der Ostwand des Monterosa stellte, hatte damals, unter der unmittelbaren Wirkung der Tour, starken Eindruck auf ihn gemacht. Melchior Anderegg wäre also, von seinem Standpunkt aus, vollkommen im Recht gewesen, wenn er, der die Tour nur ungern unternahm, sie oberhalb des Eisgrats abgebrochen hätte. Aber dort, glaubte er, gebe es kein Zurück mehr.
Anderegg irrte. 1894 kehrte die führerlose Partie Muminery-Collie-Hastings nach einem ersten, abgeschlagenen Versuche über diesen Eisgrat zurück und biwakierte etwas unterhalb. Und 1912 fand die Partie Lloyd-Pollinger-Imboden bei ihrem, bisher einzigen, Abstieg über die ganze Brenvawand, seitwärts jenes Eisgrats, einen sehr steilen Abstieg zum Brenvagletscher, den sie, trotz erheblicher Verletzung des Imboden, der nur eine Hand gebrauchen konnte, doch glücklich zu Ende führte.
Captain Farrar ( Alpine Journal, vol. XXVIII, 1914, pag. 309 ) spricht sich betreffs der Gefährlichkeit der Brenvaroute wie folgt aus: „ Oberhalb des scharfen Eisgrats, „ nach Überwindung der großen Eishänge, bleibt jede Partie — besonders wenn durch „ langes Stufenhacken verzögert — stetsfort den Eisfällen der Seraks hoch oben zur „ Linken ausgesetzt. Glücklicherweise haben in den meisten Jahren diese Seraks „ die Form von senkrechten Eismauern mit flachem, viereckigem Gipfelplateau, so daß „ die Gefahr, obwohl stets gegenwärtig, von einer gründlich trainierten und gut „ geführten Gesellschaft eingegangen werden darf, indem sie ein vernünftiges Maß „ nicht übersteigt. " Man kann dies als eine endgültige Klassifizierung der Tour betrachten.
Auch bezüglich der Monte Rosa-Ostwand sind die Ansichten seit Andereggs Zeiten, infolge genauerer Kenntnis, andere geworden.
Hingegen wird die Besteigung der Jungfrau vom Rottal, direkt zum Rottalsattel, nicht gerade zu den gefahrlosen Touren gezählt, wenn die erste Partie, unter Andereggs Führung, das berüchtigte Couloir auch nur während einer kleinen Stunde benützte ( Alpine Journal II, 1865, pag. 1GG ).
So sehen wir, daß in den Bergen die Imponderabilien eine große Rolle spielen, daß auch dort die guten Grundsätze nicht immer eingehalten werden können und auch ein „ orthodoxer " Führer, wie Melchior Anderegg, der Romantik des Abenteuerlichen nicht immer entrinnt.
Betreffs seiner speziellen Eigenart in der Ausübung seines Berufes müssen wir uns an das halten, was jene veröffentlichten, welche wochenlang mit ihm reisten. Der Abstieg im Schneesturm vom Matterhorn beweist, daß er nicht nur im Eis, sondern auch in schwierigem Fels ganz ersten Ranges war. Aber worin er nie übertroffen wurde, war offenbar die heutzutage etwas in den Hintergrund gestellte Gletschertechnik. Die Art und Weise, wie er ohne sichtbare Adhäsionspunkte ( und notabene ohne Steigeisen ) über glattes Eis auf- und niederstieg, sei unglaublich gewesen. Hier könnte man allerdings sagen, daß im Winter in unsern Gebirgsdörfern es ganz wunderbar zu sehen ist, wie die ältesten Fraueli über vereiste Wege auf- und abgehen, so sicher wie wir auf der Landstraße, ohne daß sie bei Melchior Anderegg in die Schule gegangen wären. Sie waren gezwungen, solche Wege, schon als Schulkinder faglieli zu begehen, und Übung macht den Meister. Als Leiter einer Expedition war er Autokrat und rügte, bei Herren und Trägern, jede Nachlässigkeit, alle unter Augen behaltend. Wenn er ihnen sein „ Sacramento, nicht so schnell ", zurief, werden sie gewußt haben, was sie zu tun hatten. Auch für Tollkühnheit und andere Bergsteigersünden hatte er ein scharfes Urteil und hielt damit nicht hinterm Berg. Das: „ Es geht, aber ich gehe nichtnämlich ein leichtes Couloir hinab, durch welches eine halbe Stunde später eine große Eis- und Schneelawine herabfegte, ist sprichwörtlich geworden, und vielleicht hat es sich auch manch minderer Mann mißbräuchlich zu eigen gemacht. Im übrigen haben seine Schüler, die jungen Führer, denen er ein Vorbild war, eine unbeschränkte Bewunderung für ihn gehabt — auch in spätem Jahren — und dies spricht Bände.
Ich hatte stets gewünscht, mit Anderegg einmal eine möglichst schwierige Gletschertour zu machen und ihm einst das Wellhorn im Spätherbst vorgeschlagen. Aber seine Angehörigen fürchteten die zu große Anstrengung, und es wurde nichts daraus. So spazierten denn, es war am 27. Oktober 1901, meine Frau und ich von Meiringen nach Auf Zaun, den berühmten alten Führer in seinem Hause „ Im Spiheimzusuchen. In frühem Jahren hatte er mir seine Photographie gesandt und seitdem hatte ich ihn einmal auf Riffelalp angetroffen.
Das ziemlich große Haus ist etwa das fünfte, wenn man aus dem Wald tritt und Auf Zaun ankommt, und mag etwa 100 Schritte links vom Weg, in der Nähe des Punktes 960, stehen. Vielleicht bringt die Sektion Oberhasli dort einmal eine Gedenktafel mit seinem Bildnis an, den Verstorbenen zu ehren. Trotz seiner 74 Jahre war er bei unserm Besuche körperlich und geistig ganz frisch, ging noch auf die Pirsch auf Kleinwild und hatte ein gutes Gedächtnis. Er erinnerte sich genau an eine Jagdepisode aus seiner Jugendzeit, wobei er von Norden zwischen die beiden Gipfel des Axalphorns hinaufgeklettert sei. Eine mittelgroße, wenig gebeugte Gestalt, mit großen, dunklen, ausdrucksvollen Augen und buschigen Brauen. Ein schöner alter Mann mit einem starken Charakterkopf. Früher seien seine nun weißen Haare pechschwarz gewesen. Er bot sogleich an, uns auf einem Spaziergang zum Hinterburgsee zu begleiten. Vorher mußten wir uns aber von ihm und seiner freundlichen stillen Frau, die so gut aussah wie er, mit Wein, Brot und Käse bewirten lassen, „ sonst komme er nicht mit uns ".
In seinem Heim war Melchior Anderegg, in aller bescheidenen Würde, der Souverän, der willensstarke Herr und Meister, dem die ganze Familie gehorchte, der Patriarch, den alle liebten und verehrten und zu dem sie in rührender Weise Sorge trugen. Es herrschte in dem Hause ein ungemein nettes Verhältnis. Er hatte 8 Söhne und 4 Töchter, die alle wohl gerieten. Im „ Visitenzimmer " sahen wir eine sehr gute, große Photographie der ganzen Familie, im Feld vor dem Hause aufgenommen. Es waren dort ferner mehrere Bilder von ihm selber, ferner ein großes Bild von C. E. Mathews, I860—1897, „ with warm regards ", und solche von L. Stephen und Miss Walker. Vier seiner Söhne waren Führer. Einer, Andreas, verunglückte bekanntlich 1897 ( ohne eigene Schuld ) in einem Schneeschild an der Jungfrau, was noch jetzt dem Vater in ersichtlicher Weise naheging. Auch dieses Solines Porträt hing an der Wand. Seitdem verlor er auch eine Tochter durch einen Unfall auf der Brienz-Rothornbalm.
So machten wir uns denn gegen Mittag mit ihm und zweien seiner Söhne auf den Weg nach dem Hinterburgsee. Aus alter Gewohnheit, zu unserer Erheiterung, übernahm er — auf dem breiten Weg — sogleich die Führung. Auf diese Weise sind wir schließlich doch noch dazu gekommen, von ihm geführt zu werden. Der Pfad geht längs der gegen das Aaretal abfallenden Fluh in die Höhe. Nur an einer Stelle ( Kamin mit Block ) könne man über die Fluh zum Birch entai wald unter- halb absteigen und durch Gestrüpp ( Gemsen ) die Aare erreichen. Anderegg habe den Gang früher manchmal gemacht. An einer andern Stelle soll es zum Unterschied der erstem, wohl den Gemsen, aber nicht den Menschen möglich sein, heraufzukommen.
Unterwegs kamen wir bei einer Gruppe schöner Ahornbäume vorbei, die, obwohl nicht auf seinem Land, doch ihm gehörten. Vermutlich hatte er, der geschickte Schnitzler, sie als Schnitzlerholz erworben. Einer hat einen riesigen Stamm — 62 m Umfang in Brusthöhe — mit mächtigem, wagrechtem Seitenast. Die Männer zeigten uns hier Dachsspuren. Anderegg ging sehr sorgsam auf und ab mit kleinen Schritten. Wo der Weg sich einmal dem Rande der Fluh nach hinzog, erlaubte er meiner Frau nicht, nahezutreten. Gleich anfangs hatte er ihren kleinen Rucksack behändigt: „ Er wisse wohl, daß er ganz leicht sei, aber er könne es einmal nicht sehen, daß sie etwas trage. " Als ich ihm den Unglücksfall am Triftjoch erwähnte, wo durch Steinschlag einer englischen Dame das Rückgrat zerschmettert wurde, während der Führer, durch seinen Rucksack geschützt, mit dem Leben davonkam, gab er zu, daß das Tragen dieses Ausrüstungsstücks auch seinen Wert haben könne. Daß er temperamentvoll und autoritär ist, wie viele bedeutende Menschen — womit nicht gesagt ist, daß alle Autoritären bedeutend sind — merkt man sogleich. Von Emile Reys Unfall am Fuß der Aiguille du Géant, der diesen Führer ersten Ranges das Leben kostete, sprach er als „ liederlich ". Den Monte Rosa hatte er von Macugnaga aus genau betrachtet, dort keine außerordentlichen Schwierigkeiten, wohl aber in einer halben Stunde mehrere Lawinen niedergehen sehen. Als dann Ferdinand Imseng jene berühmte Tour gemacht hatte, fragte ihn Anderegg, „ warum er dies getan habeWorauf Imseng, sich entschuldigend, antwortete: „ Anderegg habe gut sagen —, er, Imseng, müsse eben etwas machen, damit er ins Greis'komme.Tu's nur wieder, dann wirst Du schon ins Greis'kommen ", war Andereggs Entgegnung. Imsengs trauriges Ende im Jahre 1881, eben auf diesem Weg, wenn auch zu gefährlicher Stunde, ist bekannt.
Das Urteil des anerkannt geschicktesten Eismannes über die Kunst des Stufenhackens interessierte mich sehr, und ich bedaure, ihn nie an dieser Arbeit gesehen zu haben. Anderegg hatte seit 35 Jahren den gleichen leichten Pickel, der in „ The Pioneers of the Alps " abgebildet ist. Er schenkte ihn noch bei Lebzeiten seinem jungen Enkel Melchior ( Alfred Anderegg-Andereggs im Spiß Auf Zaun ), welcher ihn vielleicht einmal als Andenken an seinen Großvater und als Werkzeug von historischem Interesse dem Alpinen Museum in Bern überweisen und jedenfalls in Ehren halten wird. Ein Bergsteiger sei einst, den Hut abziehend, verzückt davor ins Knie gesunken! Der Pickel hat keine besondern Merkmale, ist leicht ( Gewicht bloß 1250 Gramm, 98 cm lang ) und hat den Schwerpunkt bei 33 cm von ganz oben gemessen.
Anderegg scheint früher ( Whymper, Ascent of the Matterhorn, pag. 243 ) eine zirka 2 Kilo schwere Eisaxt besessen zu haben, war nun aber, wie er sagte, gegen die schweren Instrumente und gegen die wuchtigen Schläge, mit denen man zu große Stücke Eis wegsprenge, die Stufe verderbe, mehr Kraft und zuviel Zeit beanspruche. Er hätte den Jörgschen Damenpickel meiner Frau meinem Pilkington-Modell „ fast " vorgezogen zum Hacken. „ Sonst sei mein Pickel ja ganz gut für einen Herrn. " ( Auch Chr. Jossi bevorzugt mittelschwere Pickel. ) Mit seinem Hand- stock, einem Hang gegenüberstehend, demonstrierte er in der Luft das Stufenschlagen: kleine, leichte, schnelle Streiche, ohne großes Ausholen, zuerst wagrecht, von rechts nach links, und sodann senkrecht, von oben nach unten. Er brauche sehr wenig Kraft. Besonders beim Abwärtshacken, wenn man sich etwa noch mit einer Hand halten müsse, sei ein leichter Pickel vonnöten. Derselbe müsse allerdings etwas Zug haben und fürs Eis sollen Spitze und Haue scharf sein — er habe sich nie daran verletzt. Auf Eishängen habe ihm Herr Mathews stets den Sack abgenommen ( Almer zog beim Hacken oft auch den Rock aus ), und wenn es ihm zu langsam gegangen sei — Geduld war vielleicht nicht die stärkste Seite des sehr lebhaften Mannes — habe er die andern Führer abgelöst.
Am Ufer des stillen, versteckten Hinterburgsees, dem Ziel unserer Wanderung, unter einer großen Tanne, nahmen wir zusammen einen Imbiß, und nachdem ich eine photographische Aufnahme gemacht hatte — Anderegg war es gewohntdrückten wir dem lieben alten Manne die Hand und stiegen gegen Brienz hinunter, versehen mit sorgsamen Ratschlägen, während er und seine Söhne den Rückweg nach Zaun antraten. Ich sah ihn seitdem nicht mehr, habe aber oft an ihn gedacht und es als eine freundliche Gabe des Schicksals betrachtet, ihm begegnet zu sein und einige Stunden mit ihm zugebracht haben zu dürfen. Er hat in seinen letzten Jahren, körperlich und geistig, noch manches durchgemacht — auch er ist dann müde geworden. Seinen alten Freunden in England schrieb er, „ er sei bereit und willig zur letzten Fahrt ". „ Ein'feste Burg ist unser Gott ", war sein Lieblingslied, und bei manchem Biwak in seinen Bergen hat er es mit schöner, volltönender Stimme gesungen. Vergangene Zeiten! Das Schicksal machte ihm den Tod leicht. Es war der Abschluß eines in seiner Sphäre erfolgreichen, nützlichen und schönen Lebens, und solange es Männer gibt, die an unsern Bergen Freude und Interesse haben und sich um ihre Ersteigungsgeschichte kümmern, wird das Andenken an diesen Ehrenmann und besten aller Führer nicht verblassen.
Glockenthal bei Thun, im September 1915.
III. A.
( H. D. ) Liste der hauptsächlichsten Druckschriften, welche von Melchior Anderegg handeln, in chronologischer Reihenfolge.
Thomas W. Hinchliff: Summer Months in the Alps ( London 1857 ), pp. 30 — 54, 03 — 81 ( Strahlegg und Altels ). Charles Hudson: Narrative of the Accident on the Col de Miage in Peaks, Passes and Glaciers, 2 " Series, vol. I ( London 1802 ), pp. 208 — 224. Edward Shirley Kennedy: Ascent of Monte della Disgrazia in Alpine Journal, vol. I ( 1803 ), pp. 3—20.
Leslie Stephen: The Weißhorn in Alpine Journal, vol. I ( 1803 ), pp. 40 — 4. \V. E. Hall: Ascent of the Dent d'PIérens in Alpine Journal, vol. I ( 1804 ), pp. 209 bis 223.
H. B. George: The Col de la Tour Noire in Alpine Journal, vol. I ( 18(34 ), pp. 274 bis 88.
Leslie Stephen: The Blümlisalp in Alpine Journal, vol. I ( 1864 ), pp. .359 — 360. Reginald Somerled Macdonald: Ascent of the Mönch in Alpine Journal, vol. I ( 1864 ), pp. 423 — 429.
— Passage of the Roththal-Sattel and ascent of the Jungfrau in Alpine Journal II ( 1865 ), pp. 164— Hi7.
Leslie Stephen: Ascent of the Rothhorn in Alpine Journal 11 ( 1865 ), pp. 67.
The Playground of Europe ( London 1871 ), p. 1 ( Melchiors Ansicht über den ästhetischen Wert eines Blicks auf das Londoner Häusermeer im Vergleich mit der Mont-Blanc-Aussicht .), pp. 88—112 ( The Rothhorn ) und Titelbild.
Charles Edward Mathews: Ascent of the Matterhorn from the South Side in Alpine Journal V ( 1871 ), pp. 259.
The Annals of Mont-Blanc ( London 1898 ), passim.
— Personal Reminiscences of Great Climbs in The Yorkshire Ramblers'Club Journal, vol. I ( Leeds 1902 ), pp. 269 — 271 ( Weißhorn ); pag. 271 ( Mettelhorn 1901, als Melchior 74 Jahre alt war ); pp. 272—278 ( Matterhorn von Breuil ); pp. 279 — 282 ( Dent Blanche ); pp. 282—285 ( Dent d' Hérens; Unfall von Ulrich Almer ); pp. 285—287 ( Aiguille Verte; Unfall von Mathews ).
C. D. Cunningham and Captain W. de W. Abney: The Pioneers of the Alps ( London 1888 ), pp. 64 — 68 und Portrait. Dr. II. Dübi: Zwei Bergtouren mit Melchior Anderegg in Deutsche Alpenzeitung VIII ( 1908 ), pp. 1 — 5, 38 — 40 ( mit Portrait ); wiederabgedruckt in Fremdenblatt vom Haslital ( Meiringen 1913 ), N° 6 vom 28. Juni, mit Portrait, X° 7 vom 5. Juli und Nr. 8 vom 12. Juli. A. O. Prickard, Miss Walker, G. A. Solly, C. E. Mathews: In memoriam: Melchior Anderegg in Alpine Journal XXIX ( 1915 ), 56 — 74 ( mit 4 Portraits ). Dr. H. Dübi: Zur Erinnerung an Melchior Anderegg ( 1827 — 1914 ) in Alpina XXIII ( 1915 ), pp. 112 — 116, 126 — 131.
B.
( II. D. ) Statistische Zusammenstellung der nachgewiesenen Besteigungen und Übergänge von 1853—1901.
Col du Sex Mort oder Rätzlipaß 1853.
Strahlegg 1855, 1863, 1864, 1866, 1867.
Altels 1856 ( zweimal ), 1858, 1859, 1860 ( zweimal ), 1873.
Lämmernjoch 1856.
Mönchjoch 1858, 1866 ( zweimal ), 1872.
Wildstrubel 1858, 1865, 1872.
Monte Rosa 1859, 1862, 1864, 1865, 1867 ( zweimal ), 1868, 1874.
Mont Blanc über den Bosses-Grat 1859, 1861 ( zweimal ), 1862.
Col de Sagerou 1859.
Finsteraarhorn 1859 ( zweimal ), 1861, 1862, 1865, 1866, 1868, 1869, 1873, 1874.
Zermatter Breithorn 1859, 1865.
Dom 1859, 1863, 1864, 1866, 1870, 1871, 1874.
Rimpfischhorn 1859, 1864, 1870, 1874.
Weißhorn 1851 », 18G0, 1862, 18(13, 1869,1870.
Jungfrau 1860 ( zweimal ), 1862, 1S64, 1865.
Blümlisalphorn 1860 ( 1 Versuch und 1 Besteigung ), 1869.
Weißtor 1860, 1861, 1865, 1866 ( zweimal ), 18(57 ( zweimal ).
Adlerpaß 1860, 1864, 186(1, 1868, 1874.
Col d' Herens 1860, 1861, 1864, 1865, 1872, 1874.
Mont Vélan 1860.
Col du Géant 1860, 1861, 1862 ( zweimal ), 1868, 1872.
Alphubel 1860.
Oberaarhorn 1860, 1862.
Zumsteinspitze 1860.
Oberaarjoch 1860, 1861, 1862 ( zweimal ), 1863 ( zweimal ), 1866.
Dent Blanche 1860 ( Versuch ), 1872, 1876.
Alphubeljoch 1860, 1861, 1862 izweimal ), 1863, 1864 ( zweimal ), 1874.
Riedpaß 1861.
Lysjoch 1861, 1863, 1868, 1874.
Schwarztor 1861, 1868, 1873, 1874.
Petersgrat 1861, 187 ?.
Lötschenlücke 1861.
Col de Miage 1861, 1863 izweimal ).
Mont Blanc ( gewöhnliche Route.i 1862, 1863, 1864, 1871, 1879.
Triftjoch 1862, 1864, 1867, 1868, 1874.
Disgrazia 1862, 1867.
Laquinjoch 1863 ( Versuch ).
Sirwolten- und Simelipaß 1863.
Col de Valpelline 1863 ( zweimal ), 1864, 187?, 1883.
Col de la Reuse d' Arolla 1863, 1864.
Col de la Maison Blanche 1863.
Lyskamni 1863, 18(14, 18(16, 1808.
Mönch 1863, 1869, 1872.
Dent d' Hérens 1863, 1883.
Parrotspitze 1863.
Galenstock 1863 ( zweimal i, 1865, 1877 i im Winter ), 1878.
Col du Tour Noir 1863.
Matterhorn 1863 ( Versuch über den Zmuttgrat ), 1871 ( zweimal ), 1874.
Unter Studerjoch 1863.
Rotebrettgrat 1863.
Gaulipaß 1863, 1865, 1878.
Grand Combin 1864.
Aletschhorn 1864 ( zweimali, 1868, 1869.
Balmhorn 1864, 1866, 1869 i Versuch ).
Eiger 1864 f zweimal i, 1869.
Col de Sonadon 1864.
Scheerjoch 1864.
Zinal Rothorn 1864, 1873.
Diablons 1864.
Zur Erinnerung an Melchior Anderegg.
Col d' Argentière 1804.
Mont Blanc vom Brenvagletscher 1805.
Riffelhorn 1865.
Sustenhorn 1805.
Sustenlimmi 1805.
Grivola 1865.
Momingpaß 1805.
Finsteraarjoch 1806, 1873.
Biesjoch 1800.
Schreckhorn 1800, 1869, 1874.
Tschingelpaß 1800, 1872.
Strahlhorn 1800, 1868, 1809.
Wetterhorn 1800, 1872, 1878 ( Mitt, von H. Körber ), 1890, 1897, 1899 ( Versuch ).
Triglav 1807 ( Versuch ).
Gartnerkofel 1807.
Valentin Thörl 1807.
Wolayerpaß 1807.
Monte Civetta 1807.
Passo d' Alleghe 1807.
Passo delle Comelle 1807.
Colle di Luna 1867.
Cima Tosa 1807.
Bocca di Brenta 1807.
Passo Cercena 1807.
Passo di Cercen 1807.
Sällentjoch 1807.
Hintere Rotspitze 1807.
Monte Cevedale 1807.
Cevedalepaß 1867.
Schneeglocke 1807.
Trafoierjoch 1807.
Col di Rosena 1807.
Groß Nesthorn 1867, 1872.
Grandes Jorasses, Hauptgipfel 1868.
Mont Pourri 1808.
Andereggjoch 1808.
Pollux 1808.
Plattenhörner, Westgipfel ( im Winter ) 1809.
Engstligegrat ( im Winteri 1809.
Lauteraarsatte11870.
Jungfraujoch 1870.
Bietschhorn 1870'vVersuch ).
Baltschiederjoch 1870.
Aiguille Verte 1870, 1872, 1878 ( Versuch i.
Matterjoch 1871.
Ortler 1871.
Bernina 1871.
Ober Gabelhorn 1871.
Mont Mallet 1871.
Balmhornpaß 1871.
Ruchikehlenpaß 1872.
Oberalpstock 1872.
Tiefensattel 1872.
Studerhorn 1872.
Gredetschjoch 1872.
Fletschhorn 1872.
Mischabeljoch 1872.
Col de Meina 1872.
Sanetsch und Chrinnenpaß 1872.
Wildhorn ( Versuch ) 1872, 1893.
Rinderhorn 1872.
Tschingelpaß und Gamchilücke 1872.
Mettenberg 1872.
Rosenhorn u. W. Wetterlimmi 1872, 187V.
Col du Tour 1872.
Fenêtre de Saleina 1872.
Col de Chardonnet 1872.
Agassizjoch 187.5.
Col de Torrent und de Sorebois 1874.
Betta Forca 1874.
Unter Gabelhorn und -Joch 1877.
Nordend 1877.
Mittelhorn, Rosenegg, Tiefenmattenjoch. Aiguille du Moine zw. 1875 u. 1885.
Ewigschneehorn 1878.
Triftlimmi 1878.
Lauterb runner Breithorn 1881 "
Snowdon i Wales i 1888.
Piz Linard 1891.
Groß Litzner 1891.
Jägerjoch und Jägerhorn 1891.
Oldenhorn und Diablerets 1893.
Cime de l' Est 1898.
Col des Otanes 1898.
Col de Chermontane 1898.
Hühnertälipaß 1898.
Mettelhorn 1901.
Pitztaler Urkund 1901.
Dr. H. Dübi Diese Liste ist gewiß, sowohl was die Menge der erreichten Punkte als die Zahl der an ihnen vollzogenen Besteigungen betrifft, sehr unvollständig. Für Monte Rosa, Mont Blanc, Jungfrau, Wetterhorn und Galenstock, vielleicht auch für das Finsteraarhorn, gilt dies ohne weiteres. Auch hält es schwer, anzunehmen, daß es Melchior nie vergönnt gewesen sei, am Bietschhorn die Scharte von 1870 auszuwetzen, oder daß er so notwendige und so leichte Zugänge zu den wichtigsten Hoehgebirgszentren, wie Mönchjoch, Gaulipaß, Petersgrat, Lötschenlücke, nur je 1 — 3 mal überschritten haben oder in dem ihm vor der Türe liegenden Triftgebiet nur einmal als Führer tätig gewesen sein sollte. Ich wäre daher allen denen, welche etwa von einer von mir übersehenen Tour Melchiors wissen, dankbar, wenn sie mir das schriftlich mitteilen wollten, damit in einer künftigen abschließenden Publikation das Lebenswerk des ..Führerkönigs " tunlichst vollständig dargestellt werden kann.