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'Katzenauge', einer der erfolgreichsten Romane von Margaret Atwood, erzählt von der schillernden Gefühlswelt kleiner Mädchen. Die erwachsene Elaine erinnert sich an ihre Freundschaft mit Cordelia, die, grausam und schlagfertig, der Quälgeist ihrer jungen Jahre war. Ein großer Roman über die Kindheit und die von Hassliebe geprägte Beziehung zweier Frauen.
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr 'Report der Magd' wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Vorwort
»Am Ende werden wir alle zu Geschichten.« Margaret Atwood
Autorentext
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Leseprobe
EISERNE LUNGE
1
Die Zeit ist keine Linie, sondern eine Dimension, wie die Dimensionen des Raums. Lässt sich der Raum krümmen, so lässt sich auch die Zeit krümmen, und wenn man genügend Wissen besäße und sich schneller als Licht bewegen könnte, dann könnte man auch zurückreisen in der Zeit und an zwei Orten zugleich sein.
Das sagte mir mein Bruder Stephen, wenn er beim Lernen seinen ausgefransten kastanienbraunen Pulli anhatte und dabei die meiste Zeit auf dem Kopf stand, damit Blut in sein Gehirn rann und es mit Nahrung versorgte. Ich wusste nicht, was er meinte, aber vielleicht hat er es mir auch nicht besonders gut erklärt. Er fing schon damals an, die Ungenauigkeit von Wörtern hinter sich zu lassen.
Aber seither habe ich die Zeit als etwas angesehen, das eine Form besitzt, als etwas, das man sehen kann, wie flüssige Dias, die übereinanderliegen. Man blickt nicht an der Zeit entlang zurück, sondern in sie hinein und hinunter wie durch Wasser. Manchmal kommt dieses an die Oberfläche, manchmal jenes, manchmal gar nichts. Nichts geht weg.2
»Stephen sagt, die Zeit ist keine Linie«, sage ich. Cordelia verdreht die Augen, wie ich es nicht anders erwartet habe.
»Ach ja?«, sagt sie. Diese Antwort stellt uns beide zufrieden. Sie rückt die Zeit an ihren Platz und Stephen auch, der uns »Teenager« nennt, als wäre er nicht selber einer.
Cordelia und ich fahren mit der Straßenbahn in die Stadt, wie immer an den Samstagen im Winter. Die Luft in der Straßenbahn ist muffig, sie riecht verbraucht und nach Wolle. Cordelia gibt sich lässig und stößt mich ab und zu mit dem Ellbogen an, während ihre graugrünen Augen, undurchdringlich und glitzernd wie Metall, völlig ausdruckslos die anderen Leute anstarren. Sie kann jeden niederstarren, und ich bin fast genauso gut. Wir sind unzugänglich, wir funkeln, wir sind dreizehn.
Wir haben lange Wollmäntel an, mit einem Gürtel zum Binden und hochgeschlagenem Kragen, genauso wie die Filmstars, und heruntergeklappte Gummistiefel mit dicken Männersocken. Die Kopftücher, die unsere Mütter uns geben, damit wir sie umbinden, die wir aber abnehmen, sobald wir ihren Blicken entschwunden sind, stecken in unseren Taschen. Wir verabscheuen Kopfbedeckungen. Unsere Münder sind hart, pastellrot, glänzend wie Nägel. Wir halten uns für Freundinnen.
In der Straßenbahn sind immer alte Damen, jedenfalls kommen sie uns alt vor. Ganz verschiedene. Manche in ordentlicher Kleidung - gut geschnittene Harris-Tweedmäntel, mit dazu passenden Handschuhen und adretten Hüten mit einer kleinen steifen Feder an der Seite. Andere sind ärmer und sehen fremdartig aus, um ihre Köpfe und Schultern sind dunkle Schals geschlungen. Andere haben eine rundliche Figur und ein mürrisches Gesicht und selbstgerecht zusammengekniffene Lippen, und an ihren Armen hängen Einkaufsbeutel; diese Frauen bringen wir mit Billigangeboten in Kaufhäusern und Ramschkäufen in Zusammenhang. Cordelia erkennt billige Kleider auf den ersten Blick. »Kunststoff«, sagt sie. »Billig.«
Und dann gibt es die Frauen, die noch nicht aufgegeben haben, die sich noch immer gern herausputzen. Viele sind es nicht, aber sie fallen auf. Sie tragen scharlachrote Kleider, oder auch purpurrote, und wild baumelnde Ohrringe und Hüte, die an Bühnenrequisiten erinnern. Unter ihren Röcken sehen ihre Unterröcke hervor, Unterröcke in ungewöhnlichen, anzüglichen Farben. Alles, was nicht weiß ist, ist anzüglich. Ihr Haar ist strohblond oder babyblau gefärbt oder, was neben ihrer zerknitterten Haut noch verblüffender wirkt, glänzend schwarz wie alte Pelzmäntel. Ihre Lippenstiftmünder sind viel zu groß und die roten Farben fleckig, Augen zittrig rund um die richtigen Augen gezogen. Diese Frauen reden meistens mit sich selbst. Eine von ihnen summt andauernd »Lamm - Lamm« vor sich hin, wie ein Lied; und eine andere sticht mit ihrem Schirm gegen unsere Beine und sagt »nackich«.
Da