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Wenn Fragen vor den Kopf stossen
Wohl so um die Mitte dreissig ist Barduni (auf der Foto rechts) heute, genau weiss er es nicht. Bei seiner Geburt konnten die Eltern weder lesen noch schreiben, und im Übrigen fand man es nicht nötig zu wissen, zu welchem Zeitpunkt jemand zur Welt kam. Geboren wurde Barduni in einem äthiopischen Dorf im Kari-Tal nahe der Grenze zum Südsudan, wo er mit seinen Geschwistern aufwuchs.
In einer auf Selbstversorgung beruhenden Gesellschaft müssen auch die Kinder schon früh kräftig mitanpacken. Auch Barduni bekam bald Aufgaben. Ihm wurde das Hüten der Ziegen anvertraut. Vor der Maisernte im Sommer galt es zudem, mit anderen Kindern zusammen auf den Feldern zu übernachten, um die Affen zu verscheuchen, die den Mais zu stehlen versuchten. Männliche Teenager sind zunehmend auf sich allein gestellt. So verliess Barduni in diesem Alter das Kari-Tal und zog westwärts.
Im grösseren Dorf Boma im Südsudan angekommen, kundschaftete er eine katholische Missionsschule aus. Dort setzte er sich in den Kopf, auch zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. Schliesslich wurde Barduni in diese Schule aufgenommen, was ihn anspornte, sich mit grösstem Eifer am Unterricht zu beteiligen – er war einer der ersten Suri aus seiner Sprachgemeinschaft, die in den Genuss einer schulischen Bildung kamen.
Ab und zu hielten sich auch Evangelisten und Missionare in Boma auf. Einer von ihnen wollte das Volk der Suri erreichen und kam dabei in Kontakt mit Barduni, der damals schwer an Tuberkulose erkrankt war. Sogleich veranlasste der Missionar, dass ein Missionspilot den Patienten über die Grenze nach Kenia brachte. Dort nahmen Missionare Barduni auf und sorgten dafür, dass seine Tuberkulose bestens bekämpft wurde. Bald hatten sie ihn ins Herz geschlossen und ermöglichten ihm, in Kenia eine weiterführende Schule zu besuchen. Schritt für Schritt lernte er Gott als liebenden Vater kennen.
In dieser Zeit verlor Barduni seine Mutter und kaum ein Jahr später auch seinen Vater. Eines Tages ereilte ihn eine entsetzliche Nachricht: Im Verlauf eines Raubüberfalls, den Feinde des Suri-Volks verübt hatten, waren seine Geschwister und ein Onkel umgebracht worden. Infolge wiederkehrender Überfälle vonseiten anderer Völker ist das Kari-Tal heute nahezu unbewohnt, da es kaum Schutz bietet. Während andere Suri daher in die umliegenden Hügel flohen, zogen Bardunis Verwandte in die Umgebung von Mewun im Südsudan. Für den jungen Mann war der Verlust seiner Familie ein schwerer Schlag. In seiner Trauer fand er jedoch Trost beim Guten Hirten, von dem er in der Missionsschule gehört hatte.
Seine Semesterferien verbrachte Barduni stets bei den Suri in seiner alten Heimat und bei seinen Verwandten in Mewun. Da es sein Wunsch war, dass alle Leute seines Volks die Güte Gottes kennenlernen, begann er, die frohe Botschaft weiterzusagen. Wenn er aber dazu seine englische Bibelübersetzung verwendete, bekam er öfters den Einwand zu hören, warum es Gottes frohe Botschaft nicht auf Suriye gäbe. Seitdem möchte Barduni auch dazu beitragen, dass die Bibel in seine Muttersprache übersetzt wird.
Im Jahr 2003 beschloss er, in Uganda ein zweijähriges Bibelstudium zu absolvieren. Danach begann er in der Kirche, die sich in der Zwischenzeit in Mewun gebildet hatte, als Pastor zu dienen. Eine Bibelübersetzung in seine Muttersprache blieb indes über all die Jahre hin sein Herzensanliegen. Dabei war ihm zutiefst bewusst, dass er auf sich allein gestellt ein solches Werk niemals zuwege brächte. Wer könnte ihm dabei helfen?
«Es war vor Jahren, als ich zum ersten Mal von Barduni hörte, und auch davon, dass er eine Bibelschule besucht hat», erinnert sich Matthias. «Wie gerne hätt’ ich ihn kennengelernt!» Doch aufgrund der mangelhaften Infrastruktur im Südsudan war jede erfolgreiche Kontaktaufnahme ein Glücksfall – zu einem persönlichen Treffen kam es nie.
Dann kam die Wende. «Als Wycliffe Äthiopien unverhofft ein grösserer Geldbetrag zugesprochen wurde, wagten wir den Start der Bibelübersetzung ins Suri.» Endlich standen die Mittel bereit, die Bardunis Reise nach Addis Abeba möglich machten. «Ende März 2018 traf ich Barduni zum ersten Mal persönlich.» Matthias strahlt auf. «Wir verstanden uns sofort. Für uns beide war dieses Treffen eine Gebetserhörung.»
Im Monat darauf planten Barduni, Bartagi und Matthias weitere Schritte. Sie kamen überein, Barduni in seine Heimat zurück zu senden, von wo er drei weitere Suri mit sich nach Addis Abeba bringen sollte, geschulte Männer, die auch Englisch können. Im Anschluss daran würde eine gemeinsame Ausbildung den definitiven Start der Bibelübersetzung ins Suri einläuten.