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Schweiz tut sich schwer mit Eliten. Selbst jene, die dazugehören, diskutieren nur hinter vorgehaltener Hand über Sinn und Zweck ihrer eigenen Rolle. Von der Forderung nach Elitenförderung ganz zu schweigen. Der Grund für das gestörte Verhältnis liegt wohl in unserem republikanisch-direktdemokratischen Selbstverständnis: Eliten mögen zu Frankreichs royaler Vergangenheit oder zur britischen Klassengesellschaft passen, aber doch nicht zu uns, wo der vermeintlich helvetische Egalitarismus Romanshorn mit Genf und Basel mit Chiasso verbindet.
Eine solche Sichtweise beruht meines Erachtens auf einem doppelten Missverständnis: Zum einen hat es auch in der Schweiz immer schon Eliten gegeben, die das politische, wirtschaftliche und ökonomische Leben geprägt haben. Zum andern ist der Begriff der Elite nicht zu verwechseln mit den ererbten, selbstverständlichen Privilegien eines Ancien Régime. Unter den richtigen Bedingungen verträgt sich die Existenz von Eliten sehr wohl mit einem republikanischen Bürgerstaat – sie fördert gar das Allgemeinwohl. Doch welches sind diese Bedingungen? Welche Erwartungen stellen wir an jene, die wir als Teil der Elite akzeptieren? Welchen Pflichten sind sie unterworfen, welche Privilegien geniessen sie? Und unter welchen Voraussetzungen verspielen sie ihre Zugehörigkeit?
Die folgenden Überlegungen sollen dazu beitragen, den Elitebegriff aus der verschämten Ecke «nicht schweizerischer» Eigenschaften herauszuholen. Denn gerade jetzt, angesichts eines noch nie dagewesenen technologiegetriebenen Wandels, braucht die Schweiz eine engagierte, verantwortungsbewusste Elite.
Privilegien von Gottes Gnaden: aristokratische Elite
Wir können den Begriff der Elite entweder aristokratisch oder meritokratisch deuten. Die Eliten des mittelalterlichen Feudalismus waren im Besitz der geistigen, politischen und militärischen Macht. Wie Machiavellis Prinz verkörperten sie Herrschaft, welche die absolute Verfügungsgewalt über andere (Leibeigene) einschloss. Die Elite war eine Gruppe von Menschen, die mit besonderen Rechten und Renten ausgestattet war und deren Zugehörigkeit zu dieser Elite durch Abstammung, Ehe oder Kooptation definiert wurde. Die aufstrebende Bourgeoisie Frankreichs setzte Ende des 18. Jahrhunderts dieser Art von Privilegienherrschaft dann ein blutiges und abruptes Ende.
Vertreter dieser aristokratischen Elite bis hinauf zum König verloren nicht nur ihre Privilegien, sondern auf dem Schafott auch gleich ihren Kopf. Allerdings bedeutete dieser Furor der revolutionären Kräfte nicht das Ende der Elite per se; er besiegelte lediglich das Ende des Standesstaates und hievte gleichzeitig das Bürgertum ins Zentrum der politisch-wirtschaftlichen Macht. Analoge Vorgänge wiederholen sich bis in die Neuzeit. Etwa, wenn die tiefe Nummer im Parteibüchlein im chinesischen Staat die Basis für den Machttransfer über Generationen sichert oder wenn sich die führenden Revolutionäre des ANC nach der Überwindung der Apartheit zur neuen Aristokratie in Südafrika entwickeln. Es sind solch gewachsene, auf Machtausübung basierende Hierarchien, die manche Kritiker im Kopf haben, wenn sie die Existenz von Eliten an und für sich verteufeln. Doch Elite kann auch ganz anders verstanden werden.
Neue Horizonte: die meritokratische Elite
In seiner scharfsinnigen Gesellschaftsstudie «Rise of Meritocracy» prägte der britische Labour-Politiker Michael Young Ende der 1950er Jahre ein neues Verständnis von Elite. Auch wenn Young den Begriff der Meritokratie satirisch verwendete, so machte er doch bald eine steile Karriere. Bis in die Gegenwart berufen sich fast alle politischen Lager auf ihn, um für die soziale Mobilität westlicher Demokratien zu werben. Auch für mich hat der Begriff durchaus definitorischen Wert, indem er einen Gegenentwurf darstellt zur aristokratischen Elite, die sich über Abstammung oder Beziehungen definiert. Im Zentrum der meritokratischen Elitendefinition steht der Leistungsgedanke: In einer idealen Meritokratie entscheiden objektive, nachvollziehbare und transparent kommunizierte Kriterien über die Zugehörigkeit zur Elite. Ihre Grenzen sind durchlässig: Jeder kann in sie aufsteigen und jeder kann aus ihr absteigen. Die Zugehörigkeit muss immer wieder neu verdient werden. Und zwar über Leistungen – dies ist ein entscheidender Punkt –, die direkt oder indirekt anderen zugutekommen.
Zu den weitverbreiteten Vorurteilen gegenüber der Elite gehört der Irrglaube, dass man…