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Zum 5. Mal wurde am Wochenende vom 23. + 24. September 2023 in Steckborn am Bodensee das Memorial Bergrennen Steckborn ausgetragen. Das Rennen, das heute als reine Showveranstaltung ohne Zeitmessung stattfindet, hat aber einen geschichtlichen Hintergrund. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren Rennen verschiedenster Art auf normalen Strassen beliebt. Viele waren eher spontaner Natur, einige jedoch schon gut organisiert und mit behördlicher Bewilligung abgesegnet. Auch in Steckborn fanden nach dem Krieg einige „Rennen“ auf der noch wenig befahrenen Strasse hinauf zum Eichhölzli statt, die jedoch nicht organisiert waren. Ende April 1955 aber war es dann soweit, das erste offizielle Bergrennen in Steckborn konnte stattfinden.1962, ebenfalls im April, fand dann das zweite und letzte offizielle grosse Bergrennen in Steckborn statt. Es lockte 15’000 Zuschauer an. 195 Fahrer kämpften mit ihren Autos um die Siege in den verschiedenen Kategorien. Dann geriet das Rennen offenbar in Vergessenheit, bis sich 2005 einige Interessierte wieder daran erinnerten und die Idee, das Bergrennen Steckborn-Eichhölzli wieder durchzuführen, wurde Realität. Schon 2007 war es dann soweit, das erste Memorial-Bergrennen Steckborn wurde am letzten September-Wochenende des Jahres durchgeführt. Schon über dieses erste Memorial haben wir berichtet. Der grosse Erfolg motivierte die Veranstalter, das Memorial-Bergrennen Steckborn auch künftig durchzuführen, aber immer als ‚Showrennen‘ ohne Zeitmessung. Die weiteren Memorials folgten in den Jahren 2010, 2015 und 2018. Unvergessen bleibt sicher das Jahr 2018, an dem es eine telefonische Bombendrohung gab, die zu einem etwa zweistündigen Unterbruch des Events führte. Die Ermittlungen der Thurgauer Polizei führten schnell zu einem 50-jährigen Mann aus Deutschland, der im Raum Untersee wohnhaft war. Das aber ist Geschichte und das 5. Memorial-Bergrennen Steckborn wurde unter idealsten Bedingungen ausgetragen.
Was erwartete die rund 10’000 Besucher, die für diesen Event an den Bodensee reisten? Eine ganze Menge, denn die 345 Autos und Motorräder boten wirklich Rennsportfeeling vom Feinsten. Der deutsche Rennfahrer Michael ‚Jockel‘ Winkelhock gab dem Memorial-Bergrennen Steckborn im Jahr 2015 den tollen Namen ‚Monaco am Untersee‘. Das ist doch wie eine Auszeichnung – eine verdiente 🙂 Das OK Memorial-Bergrennen wird unterstützt durch die Sportkommission der Sektion ACS Thurgau und den Verein ‚Freunde des Bergrennens Steckborn‘. Vereinspräsident Claude Schönherr zeigte sich höchst zufrieden, er war auch Teilnehmer mit einem Porsche 911 Carrera RSR aus dem Bestand der autobau erlebniswelt in Romanshorn, die das Memorial-Bergrennen Steckborn ebenfalls supportet. Die Fahrzeuge waren in 4 Felder mit jeweils 3 Gruppen eingeteilt. Die Einteilung erfolgte nicht wie üblich in fahrzeugspezifische Gruppen, es gab Felder mit italienischen, deutschen oder britischen Fahrzeugen. Bei einer richtigen Rennveranstaltung wäre das sicher problematisch, denn da würden doch sehr unterschiedliche Fahrzeuge am Berg aufeinander treffen. Da aber keine Zeitmessung erfolgte und es ein Überholverbot gab, war diese Art der Einteilung nicht nachteilig, im Gegenteil, sie sorgte für Abwechslung. Gestartet wurden die Fahrzeuge mit einem Abstand von etwa 30 Sekunden, was auf der rund 3,2 Kilometer langen Strecke genügend Abstand gewährte. In der Gruppe Memorial Corso fuhren die einzelnen Fahrzeuge unmittelbar hintereinander los, da war das Tempo deutlich gemächlicher und die Insassen strahlten um die Wette und winkten den Zuschauern zu. Auch in dieser Gruppe mit rund 60 Fahrzeugen war die Vielfalt sehr gross, neben sportlichen Vertretern wie dem Maserati Bora, des Alfa Romeo Montreal oder des De Tomaso Pantera, waren auch komfortable Nobellimousinen dabei, wie der Bentley S3 aus dem Jahr 1963. Es gab aber auch richtig grosse Raritäten, auch wenn sie objektiv betrachtet eher klein waren. Dazu zählte der hellgrüne Spatz 200 von Heinz Forster. Dieser Spatz ist das zur Zeit einzige in der Schweiz zugelassene Fahrzeug. Ich hatte kürzlich das Vergnügen, als Beifahrer an einer Ausfahrt teilnehmen zu dürfen. Das macht wirklich Spass, auch wenn das kleine Motörchen mit 196ccm und 10 PS keine Geschwindigkeitsexzesse erlaubt und man am Berg jedes Kilo Gewicht spürt.
Die Organisatoren wollten aber auch die Entwicklung der Mobilität zeigen, ein grosses und auch heikles Thema, das viel diskutiert wird. So ist es mehr als legitim, dass man so gegensätzliche Fahrzeuge sah wie den 1915 gebauten American La France und den Porsche 918 Spyder, der vom Le Mans-Sieger Marco Werner (auf dem Bild links) pilotiert wurde. Es wurden auch Elektrofahrzeuge gezeigt. Ob der elektrische Antrieb einmal den Verbrenner ersetzten wird ist ungewiss und fraglich, als Alternative in städtischen Gebieten sicher ja. Seit einigen Monaten sieht man an Bergrennen und ähnlichen Events mit Classic Cars immer öfters den Schriftzug ‚SYNFUEL‚. Das ist ein synthetischer Kraftstoff, der aus 100% fossilfreien Basisstoffen wie Abfällen aus Landwirtschaft und Kommunen, Speisefettresten usw. produziert wird. Das 98-Oktan Benzin wurde bei ILMOR Engineering in England mit Prüfstandläufen und durch Horag Racing in modernen und historischen Autos auf Rennstrecken getestet. Der Produktionsprozess erfolgt nach dem Prinzip Ethanol-to-Gasoline. Die CO2-Neutralität liegt derzeit bei 85% und funktioniert in allen Fahrzeugen, die 98 Oktan Benzin verarbeiten können, ohne Motormodifikationen. SYNFUEL lässt sich auch mit normalem Benzin mischen. Etliche Fahrzeuge werden mit diesem neuen Treibstoff, der im Moment noch rund CHF 6.50 pro Liter kostet, betrieben. Das zeigt, dass viele Oldtimerfreunde diese Mehrkosten auf sich nehmen und durchaus umweltbewusst sind. Kommen wir aber zurück zu den historischen Fahrzeugen und ihren Fahrern und Fahrerinnen. Alle Raritäten nennen zu wollen gäbe einen fast endlosen Bericht, aber auf zwei Fahrzeuge möchten wir speziell hinweisen. Es sind beides Jaguar XK 120. Die Startnummer 162, ein 1949 gebautes Exemplar mit seltener Alu-Karosserie, wurde vom bekannten Jaguar-Sammler Christian Jenny gefahren. Die Auslieferung dieses Jaguar XK 120 erfolgte an Albert «Bätsch» Scherrer aus Riehen. Der erste Renneinsatz endete mit einem Kupplungsschaden, dann aber folgten viele tolle Resultate und bald der erste Sieg. Schliesslich gewann Bätsch Scherrer 1955 das Bergrennen Steckborn–Eichhölzli in der grössten Hubraumklasse. Aber nur einer kann gewinnen. Der zweite Platz ging 1955 ebenfalls an einen Jaguar XK 120, und genau dieses Fahrzeug war ebenfalls am Memorial-Bergrennen Steckborn 2023 wieder am Start. Gefahren wurde das Auto mit Stahlkarosserie von Jaguar-Spezialist Georg Dönni aus Roggliswil.
Georg Dönni kleidete sich im Stil der Fünfzigerjahre, um optisch Robert Jenny möglichst nahe zu kommen. Wir haben das Bild auf ‚alt getrimmt‘ und meinen, dass Georg das ganz gut hinbekommen hat 🙂
Porsche kann dieses Jahr seinen 75. Geburtstag feiern, das wurde in Steckborn mit einem eigenen Feld gefeiert. Auch hier gab es viele ganz feinen Raritäten zu bewundern, angefangen vom 550 Spyder, einem 904 Carrera, zwei 356er, eine grössere Anzahl 911er in unterschiedlichen Ausführungen, 924er, 944er und der schon erwähnte 918 Spyder aus dem Jahr 2014. Auch einige in der Schweiz gebauten Rennwagen waren in Steckborn auf der Strecke, der Sauber C1, der erste von Peter Sauber gebaute Rennwagen, der Schai Spezial, den Toni Schai 1964 selber baute, der Sbarro Spyer von 1970 und der Amweg-BMW Formel 2, mit dem Fredy Amweg startete. Und wer sich nicht primär für den automobilen Motorsport interessiert wurde auch nicht enttäuscht, denn rund 40 Motorräder und Gespanne gingen am Memorial-Bergrennen Steckborn an den Start. Alle Fahrzeuge konnten von den Besuchern im Fahrerlager aus nächster Nähe betrachtet werden. Ein zentrales Fahrerlager gibt es in Steckborn leider nicht, es fehlt der Platz für die vielen Fahrzeuge. Deshalb gab es an verschiedenen Orten Fahrerlager. An sich kein Problem, nur trifft man so viele Teilnehmer nicht. An dieser Stelle sorry an alle, die wir nicht persönlich begrüssen konnten. Einen grossen Teil der Zeit verbringen wir sowieso an der Strecke und in Steckborn sind die Wege für uns Fotografen doch etwas länger und mühsamer als andernorts. Da geht schnell einmal eine Stunde Zeit verloren, die dann halt fehlt. An dieser Stelle nochmals einen Gruss an den ‚freundlichsten‘ Streckenposten in Steckborn. Freundlichkeit ist nicht für alle selbstverständlich, aber kostenlos. Aber das sind Kleinigkeiten, die weder die Teilnehmer noch die Zuschauer interessieren. Sonst aber klappte alles perfekt, auch wenn am Sonntagnachmittag wegen kleineren Zwischenfällen ein längerer Unterbruch entstand. Das kann immer vorkommen, aber dennoch konnten an beiden Tagen jeweils 2 Läufe gefahren werden. Das spricht für die tadellose Organisation. Unterhalten wurden die Zuschauer und Besucher entlang der Strecke vom Speaker Gieri Maissen, der von Felix Müller-Helbert und Köbi Kuster unterstützt wurde. Dann gab es am Memorial-Bergrennen Steckborn noch eine Besonderheit, nämlich eine Siegerehrung am Samstagabend im Festzelt. Wer aber kann ein Rennen ohne Zeitmessung gewinnen? Ganz einfach, es wurde nicht ein Fahrer, Fahrzeug oder eine Zeit gewertet sondern die Teilnehmer mit den stilvollsten Bekleidungen. 6 Teams bekamen einen Preis – herzliche Gratulation.
Zu schnell war es Sonntagabend und das 5. Memorial-Bergrennen Steckborn ist Geschichte. Was bleibt sind die vielen tollen Erinnerungen an einen super Event mit coolen Leuten. Der Anlass ist wirklich toll gemacht, sympathisch und familiär. Das spürte man auch an den zahlreichen Verpflegungsmöglichkeiten in den Fahrerlagern und entlang der Strecke. Man sah überall freundliche Gesichter. Was uns noch bleibt ist, nochmals allen Beteiligten für das fantastische Wochenende zu danken. Schade, dass es wieder 3 Jahre dauert, bis das nächste Memorial-Bergrennen Steckborn durchgeführt wird. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Veranstalters.
Fredi Vollenweider, Ela Lehmann, 26. September 2023
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