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Die Wissenschaft kann den "Flagellenmotor" von Bakterien nicht erklären - also ist die wissenschaftliche Evolutionstheorie falsch und die biblische Schöpfungslehre wahr. Die Wissenschaft kann die Funktionsweise der Homöopathie nicht erklären - also ist die Wissenschaft unvollständig. Die Wissenschaft kann die kausale Verbindung von Gehirn und Geist nicht erklären, also ist Bewusstsein wissenschaftlich nicht erklärbar. Das Einstürzen der Twintowers am 11. September lässt sich nicht mit dem Einschlag der Flugzeuge erklären - also ist die amerikanische Regierung am Einsturz schuld.
Das Aufzeigen von Erklärungslücken ist eine oft verwendete Taktik, um "herrschende" Systeme wie Wissenschaft oder Regierungen in Frage zu stellen und im Umkehrschluss die eigene Theorie als wahr darzustellen. Es werden Fehler gesucht und wenn etwas (scheinbar) nicht sein kann, wird daraus der Schluss gezogen, dass die offizielle Version falsch sein muss. Zumeist handelt es sich bei diesen Fehlern aber nur um Fehlinterpretationen oder handelt es sich um Lücken, die problemlos gefüllt werden können - bloss fehlt vorderhand noch das Wissen dazu.
Es kann nicht so sein...
Viele vorgebrachte angebliche Erklärungslücken basieren darauf, dass die Person, die die Erklärungslücke propagiert sich nicht vorstellen kann, dass es für ein Phänomen oder Ereignis eine Erklärung geben kann. Es ist für diese Person subjektiv unvorstellbar, dass sich die "Wirkungen" der Homöopathie ohne "feinstoffliche Kräfte" erklären lassen. Es ist für die Person subjektiv unvorstellbar, dass sich die Entstehung von Bewusstsein rein evolutionär erklären lässt. Es ist für die Person subjektiv unvorstellbar, dass die Jungfrau vom Zauberer nicht entzweigesägt worden, respektive dass der Löffel nicht durch paranormale Kräfte verbogen worden ist. Es ist für die Person subjektiv unvorstellbar, dass die Türme am 11. September ausschliesslich durch die Flugzeugeinschläge kollabiert sind. Es kann einfach nicht so sein, weil. Subjektive Unvorstellbarkeit hat aber nichts zu tun mit der Unmöglichkeit, etwas zu erklären, mit der Existenz einer grundsätzlichen "Erklärungslücke.
So sind die (nicht übernatürlichen) Wirkprinzipen der Homöopathie längst bekannt (»Erklärungen für die Erfolge der Homöopathie), lässt sich die Entstehung von Bewusstsein zwar weiterhin noch nicht erklären, doch sind die evolutionären Grundprinzipien dahinter kein Rätsel mehr (»Löst der Materialismus das Körper-Geist Problem?), kennt zumindest der Magier die ganz normalen und oftmals banalen Tricks mit denen er Menschen eins ums andere Mal verblüffen kann. Ebenso lassen sich viele Einwände von Verschwörungstheoretikern in der Regel entkräften, erstaunlicherweise gerade dann, wenn diese sich auf angeblich wissenschaftliche Argumentationen berufen. Diese Argumente tönen oftmals sehr überzeugend - doch gibt es meist auch Gegenbeispiele, welche einfachere Erklärungen liefern (vgl. dazu diesen Artikel von Marcus Haas).
Besonders beliebt sind "es kann nicht so sein" Argumente auch bei Kreationisten, die immer wieder Phänomene finden, die sich auf den ersten Blick nicht mit der Evolutiontheorie erklären lassen. So gibt es sogenannte polystrate Fossilien - Fossilien, die in Gesteinsschichten eingebettet sind, deren Alter mehrere Millionen voneinander abweichen kann. Lebewesen werden aber nicht über Millionen von Jahren zu Fossilien, sondern dies ist ein relativ rascher Prozess. Wie Achim Reisdorf, Entdecker polystrater Fossilien, allerdings an einer Tagung in München eindrücklich gezeigt hat, lässt sich auch ein solches Phänomen leicht mit der Evolutionstheorie in Übereinstimmung bringen: Das Fossil ist zwar in normaler, kurzer Zeit entstanden, über Jahrmillionen wurde es aber von weichen Gesteinsschichten umgeben. Nicht das Fossil ist über mehrere Jahrmillionen "versteinert", sondern das Fossil ist ganz normal entstanden und die Gesteinsschichten haben sich allmählich drumherum gelegt. Es gibt Dutzende solcher Beispiele - deren natürliche Erklärung heute vielleicht noch schwer fällt, die aber kein Grund dafür sind an der Evolutionstheorie zu zweifeln. Es ist viel wahrscheinlicher, dass das Vorstellungsvermögen nicht genügt, um etwas zu erklären als dass ein Einzelbeispiel eine ganze Theorie widerlegt, die ansonsten äusserst gut belegt ist.
Ob Wunder, paranormale Fähigkeiten wie Telekinese oder Telepathie, ob "unmögliche" Prophezeiungen oder Mentalmagie, ob "unmögliche" Sachverhalte, die zu Verschwörungstheorien führen oder unfassbare Zaubertricks - auch wenn es uns schwerfällt für viele Phänomene eine Erklärung zu finden, bedeutet dies noch lange nicht, dass es eine ganz natürliche Erklärung nicht gibt.
Es darf nicht so sein
Der "es kann nicht so sein" Effekt kennt wohl jeder. Wir sind in der Regel aber auch gerne bereit unseren Fehler einzugestehen, wenn wird die Erklärung geliefert erhalten - und auch nachvollziehen können (»Warum persönliche Erlebnisse wenig Aussagekraft haben). Wird der Zaubertrick erklärt, ist es manchmal kaum fassbar, dass man nicht selbst dahinter gekommen ist. Werden angeblich paranormale "Wunder" wissenschaftlich untersucht, kommen oftmals banale Tricks zum Vorschein oder das Wunder lässt sich mit psychologischen oder statistischen Argumenten ganz natürlich und auch leicht nachvollziehbar erklären. Solche Erklärungen genügen aber vielen Menschen nicht. Und zwar vor allem aus ideologischen Gründen.
Aus dem "es kann nicht so sein" Effekt kann dann ein "es darf nicht so sein" Effekt werden. Selbst dann, wenn Erklärungen noch so überzeugend und nachvollziehbar sind, werden sie verworfen, da sie nicht mit dem eigenen Weltbild in Übereinstimmung gebracht werden können. So können noch so viele Widersprüche in der Bibel aufgezeigt werden, können noch so viele extrem brutale Stellen im alten Testament zitiert werden, um eine "christliche Ethik" in Frage zu stellen, können noch so viele Belege für die Evolutionstheorie aufgezeigt werden - an der Bibel als "göttlichem Wort" wird von vielen gleichwohl nicht gezweifelt. Denn was nicht sein darf, das kann auch nicht so sein.
Dies gilt für viele Bereiche von Religion und Esoterik, die nur dann funktionieren, wenn es auch "Übernatürliches" gibt, das aus wissenschaftlicher Perspektive ausgeschlossen werden kann. Ist das wissenschaftliche Weltbild korrekt, dann gibt es kein Leben nach dem Tod oder keine Willensfreiheit. Nun könnte natürlich das wissenschaftliche Weltbild falsch sein - doch handelt es sich beim Leben nach dem Tod, das einen »Leib-Seele Dualismus voraussetzt oder bei der »Willensfreiheit um Bereiche, die logisch ausgeschlossen werden können (»existiert Willensfreiheit?). Ernsthaft (nicht nur rhetorisch) auf die Logik zu verzichten sind aber die Wenigsten bereit.
Der "Nicht-dürfen" Effekt ist besonders in der Philosophie und Theologie stark ausgeprägt. So sind viele Philosophen der Überzeugung, dass ein Materialismus nicht wahr sein kann, da er nicht wahr sein darf: ohne Willensfreiheit und ohne wirklich autonomes "Ich" könne die Gesellschaft nicht funktionieren, ein Materialismus führe zu Nihilismus, zu Untergang und Katastrophe. Oder wie es Franz von Kutschera formuliert: "Der Materialismus ist keine Konzeption von bloß akademischem Interesse, er hat vielmehr gravierende praktische Konsequenzen. Er entzieht dem menschlichen Selbstverständnis, auf dem die europäische Kultur aufbaute, die Grundlage." (von Kutschera: Konsequenzen des Materialismus). Es spielt diesen Autoren weniger eine Rolle, ob es so ist, als vielmehr, dass es nicht so sein darf. Gewisse Grundannahmen müssen auch dann wahr sein, wenn sie logisch oder empirisch widerlegt sind, da ansonsten herkömmliche Weltbilder in Frage gestellt werden müssten.
Doch auch hier gilt, dass es andere Erklärungen, alternative Möglichkeiten gibt, um das Erwünschte zu begründen. So hat die spirituelle Erfahrung wohl nichts mit einem existierenden Gott zu tun, ist aber subjektiv genauso real und ergreifend, wenn es Gott nicht gibt. Recht und Moral lassen sich auch ohne Willensfreiheit begründen, der Glaube an ein Leben nach dem Tod kann auch ohne dessen Existenz Kraft geben.
Wissenschaft will aber wissen - und dazu ist es oftmals vonnöten, den Glauben aufzugeben. Auch wenn es nicht so sein darf, respektive nicht so sein soll, kann es eben doch so sein.
"Ist doch logisch"
Das Gegenstück zur Erklärungslücke ist das Propagieren von Tatsachen, gerne mit den Worten "ist doch logisch". Es ist doch logisch, dass der Mensch willensfrei ist, es ist doch logisch, dass Gleiches Gleiches heilt, es ist doch logisch, dass es ein Leben nach dem Tod geben muss. Hier wird oftmals insofern ein Fehlschluss begangen, als vom Wünschenswerten auf die Realität geschlossen wird. Hier wird von der subjektiven Überzeugung auf objektive Gültigkeit geschlossen, was natürlich kein notwendig wahrer Schluss ist, wie auch der folgende Witz illustriert: der Schulleiter zum Schüler: "Du hast exakt die gleichen Fehler in der Prüfung wie dein Tischnachbar. Kannst du mir das erklären?" Darauf der Schüler: "Ist doch logisch, wir haben denselben Lehrer". Während in diesem Beispiel die Logik nicht so ganz überzeugen mag, wird sie von vielen Menschen in anderen Fällen als absolut gültig angenommen.
Lückenfüller
Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Argumentationen mit Erklärungslücken nicht nur das Ziel haben, "feindliche", meist "herrschende" Positionen in Frage zu stellen, sondern auch Lücken finden wollen, die sie dann selbst füllen können. Enthält die Evolutionstheorie Lücken, bedeutet dies für Kreationisten, dass damit ihre "Theorie" bewiesen ist - denn mit Gott lassen sich alle Lücken "schliessen" (»Ist der Kreationismus wissenschaftlich?). Homöopathie scheint ein Einfallstor für Esoterik zu sein, da sie ja angeblich beweist, dass die Wissenschaft die esoterischen "feinstofflichen" Kräfte nur noch nicht begreifen kann und Esoterik damit möglich ist (»Gibt es Übersinnliches; »Erklärungen für die Erfolge der Homöopathie). Der Einsturz der Türme am 11. September widerspricht gemäss mancher Verschwörungstheoretikern den Gesetzen der Physik, was als "Beweis" dient, dass entweder übernatürliche Einflüsse dafür verantwortlich waren (z.B. der Teufel) - oder die Türme durch die US-Regierung oder "die Juden" gesprengt worden seien. Eine Lücke dient als Einfallstor, um die eigene, oftmals völlig abstruse Theorie mit wissenschaftlichen Theorien in "Einklang" zu bringen. Ein Spezialfall ist hingegen das Bewusstsein.
Spezialfall Bewusstsein
Eines der wichtigsten noch ungelösten Rätsel der Wissenschaft ist die Frage danach, was Bewusstsein ist und wie es entsteht. Es lässt sich inzwischen zwar gut zeigen, dass es eine enge Beziehung gibt zwischen Bewusstsein und Gehirn, doch wie das Gehirn Bewusstsein kausal hervorbringt ist bis heute eine ungeklärte Frage. Es existiert eine grundsätzliche Erklärungslücke. Daraus wird besonders in der Philosophie gerne der Schluss gezogen, dass das Gehirn Bewusstsein gar nicht kausal hervorbringe, dass es sich hierbei nicht nur um eine Erklärungslücke handle, sondern um eine grundsätzliche Lücke der wissenschaftlichen Welterklärung. Auch hier scheinen aber zumindest teilweise die eben dargestellten Effekte mit hineinzuspielen.
Als Beispiel dafür eignet sich die von Frau Prof. Dr. Dr. Falkenburg vertretene These, dass zwischen Gehirn und Geist/Bewusstsein eine grundsätzliche "Kausalitätslücke" klaffe. Hintergrund dafür ist die Tatsache, dass wenn Bewusstsein ausschliesslich kausal durch das Gehirn hervorgebracht wird kein Platz mehr bleibt für Willensfreiheit oder ein mögliches Leben nach dem Tod. Frau Falkenburg postuliert also eine Lücke, um sie dann mit weltanschaulichen Motiven zu füllen. Es lässt sich allerdings leicht zeigen, dass Frau Falkenburgs Kausalitätslücke nicht sinnvoll gedacht werden kann, unter anderem deshalb, da dazu ein faktisch widerlegter »Leib-Seele Dualismus angenommen werden müsste oder eine Form von "nichtnatürlicher Kausalität". Beides führt zu irreduziblen Problemen - was Frau Falkenburg in Bezug auf den Leib-Seele Dualismus sogar selbst eingesteht. Eine ausführliche Auseinandersetzung zu diesem Thema finden Sie in der Buchrezension zum Buch »Mythos Determinismus von Frau Falkenburg.
Im Gegensatz zu den anderen Beispielen scheinen allerdings beim Problem des Bewusstseins tatsächlich noch grundsätzlichere Erklärungslücken zu bestehen. Es ist durchaus denkbar, dass sich nicht alle Aspekte von Bewusstsein rein physikalisch erklären lassen - wie Joseph Levine in einem wichtigen Beitrag zur Philosophie des Geistes gezeigt hat (Levine). So lässt sich zwar die Entstehung von Gefühlen physikalisch erklären - die Qualität des Erlebens eines Gefühls aber kaum. Liebe mag ein biochemisch zustande gekommener Prozess sein, das Gefühl von Liebe ist damit aber noch nicht erklärt. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder Emil Heinrich Du Bois-Reymond zitiert, der die Unlösbarkeit des Bewusstseinsproblems schon im 19. Jahrhundert behauptet hat (Ignorabimus). Allerdings sind inzwischen viele Probleme rund um Bewusstsein gelöst (»Löst der Materialismus das Körper-Geist Problem?).