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Noch um etwa 1970 herum lag die durchschnittliche Spielstärke der Nationalliga A, der Schweizerischen Top-Liga, um die 2000 Elo. Im Ernst, kein Witz. In den 50-er Jahren war es selbstredend noch schlimmer. Zur Illustration eine Fernpartie (!) aus dieser Zeit.
Crisovan-Châtelain
Schweizer Fernschachmeisterschaft 1954
1.d4 Sf6 2.f3 d5 3.e4 dxe4 4.Sc3 exf3 5.Sxf3 Lf5 6.Lc4 e6 7.O-O Le7 8.Lg5 Sbd7 9.d5 Sxd5 10.Lxd5 Lxg5 11.Lxb7 Tb8 12.Sxg5 Txb7 13.Sxf7 Kxf7 14.Txf5+ Sf6 15.Txf6+ gxf6 16.Dh5+ Ke7 17.Td1 Dg8 18.Dc5+ Kf7 19.Td7+ Kg6 20.Se2 e5 21.De3 Tb4 22.Dg3+1-0
1.d4 Sf6 2.f3 d5 3.e4 dxe4 4.Sc3 exf3 5.Sxf3 Lf5 6.Lc4 e6 7.O-O Le7 8.Lg5 Sbd7
Diese unterhaltsame Parte habe ich aus der Rubrik „Können Sie kombinieren?“ der Schweizer Schachzeitung von 1955. Alex Crisovan schreibt freimütig, dass er den nächsten Zug gemacht habe, weil er die Stellung falsch aufgebaut hatte, mit dem Läufer auf f8 statt auf e7. Nun, auch so ist 9.d5 der beste Zug. Weiss hat immerhin etwas Kompensation für den Bauern.
9.d5 Sxd5?
Nach 9…e5 10.Te1 h6 11.Lh4 e4 bekäme Weiss den Bauern nicht mehr zurück.
9…exd5 10.Sxd5 O-O war vertretbar, mit weniger ausgeprägtem Vorteil als in der vorigen Variante. Anstelle von 10…O-O gewann 10…Sxd5 keine Figur, weil 11.Dxd5 ein Zwischenmatt droht. 11…Le6 führt zu etwas in der Art von 12.Dxb7 Lxc4 13.Lxe7 Tb8 14.De4 Dxe7 15.Dxc4 O-O, wonach Weiss leicht besser steht.
10.Lxd5?
10.Sxd5 war korrekt.
10…Lxg5 11.Sxg5, und er kann keine der beiden Figuren nehmen, 11…exd5 geht nicht wegen 12.Dxd5, 11…Dxg5 nicht wegen 12.Sxc7+ Ke7 13.Sxa8.
Somit 10…exd5 11.Dxd5 Le6 12.Dxb7.
12…Lxg5 scheitert an 13.Sxg5 Lxc4 14.Tae1+ Kf8 15.Db4+,
12…Lxc4 13.Lxe7 Tb8 14.De4 Dxe7 15.Dxc4 führt zur oben besprochenen Variante.
10…Lxg5 11.Lxb7 Tb8 12.Sxg5 Txb7?
Die falsche Wahl. 12…Dxg5 13.Lc6 De3+ 14.Kh1 (oder 14.Tf2) Td8 behält den Bauern, weil Weiss dem Sd7 nichts anhaben kann.
Jetzt haben wir die Kombinationsaufgabe vor uns. Ich bin deswegen auf die Partie gestossen, weil ich mich nicht zwischen Txf5 und Sxf7 entscheiden konnte. Als Lösung wird der Partiezug angegeben, aber auch 13.Txf5 exf5 14.Dd5 O-O 15.Sxf7 Txf7 16.Dxb7 war einen Versuch wert.
13.Sxf7 Kxf7 14.Txf5+ Sf6?
14…exf5 15.Dd5+ Kg6 16.Dxb7 Db8 und es ist nichts los. Man verbindet Kombinationsaufgaben schon mit einer Gewinnforderung… Immerhin waren die zwei Kandidaten Txf5 und Sxf7 die einzigen Züge, die Nachteil vermieden.
15.Txf6+?
15.Dh5+ Ke7 16.Txf6 gxf6 und weiter wie im Text. Alternativ dazu war 16.Dg5 Kf7 17.Tf4 nahe an einem Gewinn.
15…gxf6 16.Dh5+ Ke7?
Nimmt der Dame ihr schönstes Feld weg. 16…Kg7 17.Dg4+ Kf8 18.Td1 De7, und hier kann sich Weiss mit 19.Sd5! retten. Sehr hübsch.
17.Td1 Dg8??
Crisovans Vorschlag 17…Dc8 war der einzige Zug, der Schwarz im Spiel hielt, etwa 18.Se4 Tb6 19.Dh6 Tf8 20.Dxh7+ Tf7.
Der Rest ist trivial.
18.Dc5+ Kf7 19.Td7+ Kg6 20.Se2 e5 21.De3 Tb4 22.Dg3+ 1-0
Das ist das Kreuz mit vielen alten Kombintionsaufgaben; Sie funktionieren nicht. Was die Fehlerorgie der beiden Fernschächler betrifft, entsprach sie in etwa dem damaligen Fernschach-Niveau.
Über Alex Crisovan gibt es einen Wikipedia-Eintrag. Er war von Beruf Fotograf und arbeitete unter anderen für die renommierte NZZ. Die Fotos in den Turnierbüchern von Zürich 1959 und 1961 sind von ihm. Ausserdem hat er das Turnierbuch vom Interzonenturnier Biel 1976 redigiert. Nebst vielen anderen Veröffentlichungen, wie im Wikipedia-Artikel nachzulesen ist.
Seine Schachbuch-Sammlung ist legendär. Er hatte in Pfäffikon ZH zwei Wohnungen auf dem selben Stockwerk gemietet, eine für sich und eine für die Sammlung. Er war ungeheuer leutselig und plauderte neben dem Schach am liebsten übers Essen und Trinken, natürlich bei dieser seiner Lieblingsbeschäftigung.