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Der Begriff der «Poesie» spielt eine zentrale Rolle im Schaffen von Dino Rigoli. Es ist hier
nicht die Poesie als Gattung der Literatur gemeint, vielmehr ist es eher eine Wirkung, die
gerade nicht in Sprache zu fassen ist.
Man muss wohl Dino Rigolis Bilder sprechen lassen, um diesen Begriff deutlich zu machen:
Gerade seine Gemälde besitzen einen kontemplativen
Charakter, eine Stille, ebenso einen Kosmos, in dem Verschiedenes, vielleicht sogar
Entgegengesetztes sich symbiotisch verbindet und eine Einheit ergibt.
Zwei Grundelemente durchziehen das Schaffen von Dino Rigoli wie ein roter Faden:
pflanzliche Motive und geometrische Formen oder noch allgemeiner gesprochen: Figuration
und Abstraktion. Damit nimmt der Künstler zwei Tendenzen der Malerei des 20. Jahrhunderts
auf, die sich in seinem Schaffen eben auf diese symbiotische Art und Weise verbinden. Die
figurativen Motive, allen voran die Darstellungen von Pflanzen, zeugen noch von Dino Rigolis
früherer Tätigkeit als wissenschaftlicher Illustrator.
Auch in seinen Gemälden können die Pflanzen noch identifiziert werden.
Jedoch sind sie überlagert von geometrischen oder abstrakten Strukturen.
Eine häufige Form ist etwa der Kreis, der auch als Kugel oder Scheibe
erscheint. In seiner Geschlossenheit könnte man den Kreis wohl als poetisch bezeichnen, denn
auch von ihm geht eine gewisse Ruhe aus. Oftmals ordnet Dino Rigoli der Kreisform eine
Funktion zu, etwa als eine Art Durchblick (bis hin zum ausgeschnittenen Loch) oder aber als
Knoten und Verbindungspunkt. Andere Formen sind an der Grenze zwischen Organischem
und Abstraktem, wenn beispielsweise zellartige Gebilde auftauchen oder Formungen, die an
Blutplättchen oder Chromosomen erinnern. Die Gemälde im zweiten Raum sind als eine
Form von Skizzen entstanden. Meist in demselben Format bieten sie Dino Rigoli Raum für
Experimente, um Formen, Techniken, Farben und Kompositionen auszutesten. Dies weist
auch auf eine für Dino Rigoli bedeutende Haltung hin. Die skizzenartigen Gemälde machen
den Arbeitsprozess des Künstlers deutlich, bei dem alles in steter Veränderung ist. Hier ist
alles fliessend, in Transformation, und nimmt nur notgedrungen eine endgültige Form an.
Nicht zufällig arbeitet er regelmässig mit Wandgemälden, die nach einer be
stimmten Dauerwieder entfernt oder übermalt werden. Der Titel der Werkserie lautet «Planctus», ein
lateinischer Begriff, der «Wehklagen» bedeutet. Im Mittelalter wurden damit Klagelieder
bezeichnet.
Im letzten Raum der Ausstellung installierte Dino Rigoli einen blauen Raum eine Hommag an die Farbe Blau.
Einerseits bezieht sich der Künstler auf das «Blaue Bähnli» und eine Aktion,
bei der Tram, Casinoplatz und Worb Station teils in Blau gehüllt waren.
Andererseits ist die Farbe Blau sehr symbolgeladen: Maria, die in der christlichen Ikonografie in Blau gehüllt ist,
die «Blaue Blume» der Romantik, in der Moderne die Künstlergruppe «Der Blaue Reiter» oder
Yves Kleins monochrome Gemälde in «IKB» (International Klein Blue).
Im blauen Raum versammelt Dino Rigoli verschiedene Gemälde und Objekte.
Bei den Erdkugeln hat er den blauen Planeten nach Landpartien und Wasserflächen strikt getrennt,
oder die Wasserflächen vollkommen entfernt, so dass uns nun eine mit Orten und Menschen überfüllte Erde gegenübersteht.
Die kleinen Boote dagegen transportieren Löwenzahnsamen
und fungieren so als Gefährte der Transformation, als Verbindungsglied zwischen zwei
Ebenen.
Zwei kleine Arbeiten erhielten ihre bläuliche Tönung durch die hier verwendete
Technik der Cyanotypie, eine fotografische Technik des 19. Jahrhunderts, bei der die für die
Fotografie notwendige lichtempfindliche Schicht auf Eisenbasis beruht, daher die bläuliche
Färbung.
Schliesslich ist die Farbe Blau in flüssigem Zustand vorhanden und weist wieder auf
die bereits erwähnte Haltung des Künstlers hin, der Vorstellung, dass alles in Bewegung und
steter Veränderung ist.
Dominik Imhof