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"Jingomirodji" – "Schützen wir uns!"
Partizipative Projektimplementierung über Freiwilligenarbeit mit einer Jugendgruppe im Süden des Tschad
Von Sebnem Jahn & Eva Schmid / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)
Eine Gruppe von Jugendlichen will der subjektiven Bedrohung durch Aids etwas entgegenzusetzen und Zugang zu Information erhalten. Neben dem eigenen Informationsbedarf formulieren die Jugendlichen auch den Wunsch, andere Teile der Bevölkerung zu informieren. Die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen zeigt, das Freiwillige einen wirkungsvollen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung leisten können, wenn entscheidende Voraussetzungen erfüllt sind.
Sarh ist eine Stadt mit rund 120 000 Einwohnern. Entlang der schattigen Alleen zeugen nur noch Ruinen von der einstigen Bedeutung und Lebendigkeit dieser Stadt. Sarh war einstmals "die Wiege der Funktionäre" und noch heute befinden sich mehrere Oberschulen und eine berufsbildende Schule am Ort, deren Absolventen heute jedoch kaum Aussicht auf weiterführende Ausbildung oder Beschäftigung haben.
Der Tschad gehört zu den "least developed" und "highly indebted poor countries". Innerhalb der Gesellschaft sind schwere Defizite im Bereich social capital festzustellen: Neben materieller Armut scheinen Perspektivlosigkeit, Misstrauen und Ohmachtsgefühle den sozialen Zusammenhalt zu beeinträchtigen. Demokratische Verhaltensweisen sind wenig eingeübt. Internationale Erfahrungen haben gezeigt, dass eine weitreichende Partizipation der Bevölkerung wesentlich zur Lösung dieser Probleme beitragen kann.
Seit 1998 unterstützt die Bundesrepublik Deutschland das Gesundheitsministerium der Republik Tschad im Rahmen der technischen Zusammenarbeit die Förderung der reproduktiven Gesundheit mit dem Projekt "PSR - Promotion de la Santé de Reproduction", das im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) von der GTZ, im Unterauftrag von der GFA-Medica, durchgeführt wird. Das Projekt PSR legt im Einklang mit den Grundsätzen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der Resolution on Health Promotion (WHO, 1998) besonderes Gewicht auf multisektorielle Zusammenarbeit und die Einbeziehung von Akteuren der zivilen Gesellschaft.
Die Zusammenarbeit mit der Jugendgruppe JNR (Jingomirodji, in der Lokalsprache "schützen wir uns") dient den Zielen des Projekts im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung, lokale ownership und empowerment in besonderer Weise und macht besonders viel Spass.
Die Jugendgruppe JNR
JNR, das sind zwanzig junge Frauen und Männer aus Sarh, die seit über zwei Jahren als Freiwillige mit zunehmender Kompetenz im Bereich Sexualaufklärung arbeiten. Die Mitglieder haben sich zusammengefunden, um sich selbst gegen die subjektiv als Bedrohung empfundene Aids-Pandemie zu schützen, aber auch aus sozialer Verantwortung. Letzterer Aspekt hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Alle Mitglieder haben im näheren Umkreis die Auswirkungen von Aids erlebt. Gleichzeitig steht jede Art von Sexualaufklärung in den Schulen noch in den allerersten Anfängen, und in den Familien findet sie ebenfalls kaum statt.
Im Rahmen von Schulfesten, Discoabenden und Massenanimationen führt JNR Sketche, Videos, Ratespiele und Diskussionsrunden zu Aids, anderen sexuell übertragbaren Infektionen und Schwangerschaftsverhütung durch. Jedes Mitglied hat Counselling-Funktion innerhalb seines eigenen sozialen Geflechts. In einem Nachbarort hat JNR den Anstoss zur Bildung einer ähnlichen Jugendgruppe gegeben. Im Gegensatz zu vielen professionellen und staatlich angestellten Gesundheits- und Sozialarbeitern beherrschen die Jugendlichen alle Lokalsprachen und bewegen sich vollkommen natürlich im Milieu.
Freiwilligen und Angestellte,
materielle und immaterielle Entschädigung
Angestellte des Gesundheits- und Erziehungswesens unterstützen die JNR durch Rat und fachliche Belehrungen, aber auch durch ihre Autorität, wenn sie die Gruppe zu Veranstaltungen begleiten. Die Jugendlichen sehen die Zusammenarbeit mit den Fachkräften, die im Gegensatz zu ihnen für den Einsatz bezahlt werden, als eindeutig positiv an. Die Staatsangestellten selbst erwarten jedoch eine zusätzliche finanzielle Motivation durch das Projekt für die Unterstützung der Freiwilligen.
Es ist hervorzuheben, dass die Gruppe sich nicht in dem Moment gebildet hat, als finanzielle Anreize bestanden, sondern quasi als Selbsthilfegruppe gegen Aids-Bedrohung, Informationsmangel und sicher auch gegen die Langeweile, denn ein "Freizeitangebot" besteht in Sarh kaum.
Vom PSR erhalten die Gruppenmitglieder ca. 30 DM pro Aktivität für die ganze Gruppe, wenn sie im ländlichen Raum arbeiten. Diese werden für die obligaten Gastgeschenke und für gemeinsame Essen verwendet. In den jeweiligen Dörfern gab es schon mehrfach im Anschluss an die Diskussionen ein Festessen für die Gruppe. Über den im sozioökonomischen Kontext durchaus relevanten materiellen Wert solcher Einladungen hinaus tragen diese Gesten der Dorfbevölkerung stark zur Motivation der Gruppe bei. Gruppenmitglieder geben an, dass die Beschäftigung mit einem Thema, das ihnen persönlich wichtig ist sowie das Gefühl, in der Gruppe stark zu sein, wichtige Gründe für das Engagement in der Freiwilligen Gruppe sind.
Anreize stellen ausserdem der Zugang zu Information und Arbeitsmaterialien über das Projekt, die Teilnahme an Fortbildungen (peer-group education) und Supervision sowie sporadische Reisemöglichkeiten im Lande dar. Von der Gruppe wurde auch die Teilnahme eines Repräsentanten am Planungsworkshop des Projekts sowie die Konsultationen zum Erstellen dieses Artikels als motivierend dargestellt.
Fruchtbare Zusammenarbeit
Von Seiten des tschadischen Gesundheitsministeriums gibt es noch keine einheitliche Linie zur Freiwilligenarbeit. Auf der Grundlage theoretischer Konzepte zu community participation und Nachhaltigkeit strebt PSR die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben als wesentlichen Bestandteil von reproduktiver Gesundheit an. Daneben spielt die fehlende Leistungsfähigkeit der staatlichen Dienste durchaus eine Rolle bei dem Vorhaben, bestimmte Inhalte und sogar Dienstleistungen durch Freiwillige zu vermitteln. Ein Beispiel hierfür ist die gemeindegestützte Verteilung von Verhütungsmitteln, die im Tschad seit einem halben Jahr als Pilotprojekt durchgeführt wird. Allerdings müssen ökonomische, politische und juristische Rahmenbedingungen noch verbessert werden, um derartige gemeindegetragene Aktivitäten langfristig zu sichern.
Bei Gruppen Freiwilliger erscheint es eher wahrscheinlich, dass Mitglieder, die ihre Zusammengehörigkeit selbst definiert haben, auch gemeinsame Interessen mit ähnlichen Mitteln verfolgen; aus diesem Grund sucht PSR die Zusammenarbeit mit Freiwilligen. Auswahlkriterien für Gruppen, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit versprechen, sind:
- Bereits als Interessengruppe organisiert
- Aktivitäten werden bereits aus eigener Kraft durchgeführt, weiterer Unterstützungsbedarf wird signalisiert
- Zunehmende Umsetzungskapazität durch Unterstützung wahrscheinlich
Das Projekt bemüht sich, Zusammenarbeitskonstellationen zu identifizieren und der jeweiligen Leistungsfähigkeit der Gruppen entsprechend flexibel zu fördern. Die Zahl von Gruppen, die oben genannte Kriterien erfüllen, ist vor Ort gering.
Gute Erfahrungen der Zusammenarbeit hat das Projekt auch mit dem lokalen Aktionskomitee gegen weibliche Genitalverstümmelung gemacht. Die Freiwilligen hatten bereits Workshops mit Meinungsführern durchgeführt, um alternative weibliche Initiationsriten ohne Genitalverstümmelung zu verbreiten. Danach beabsichtigten sie, einen Film in Lokalsprache zu drehen, um eine breitere Öffentlichkeit in die Diskussion einzubeziehen. Das Projekt konnte die Freiwilligen bei der Bewerbung um externe Fördermittel für ein konkretes Aktionsprogramm erfolgreich unterstützen.
Die Zusammenarbeit mit einem lokalen Verein zur Förderung der Familienplanung gestaltet sich dagegen schwierig, weil innerhalb der Gruppe kein konkretes inhaltliches Anliegen die Energien bündelt, sondern eher der diffuse Wunsch besteht, im Themengebiet Familienplanung aktiv zu werden. Der Verein hatte bereits relativ finanzintensive Unterstützung durch verschiedene internationale Geber erhalten und diese verbraucht, ohne entsprechende Ergebnisse zu zeigen.
Aus den bisherigen Erfahrungen bereits Erfolgskriterien ableiten zu wollen, wäre verfrüht. Es erscheint jedoch wesentlich, dass Gruppen, die sich aus eigenem Sachinteresse bottom-up zusammenschliessen, deutlich kontinuierlicher arbeiten als solche, die sich aufgrund äusserlicher - materieller und inhaltlicher- top-down Anreize bilden.
Die Unterstützung gemeindegetragener Aktivitäten erscheint daher sinnvoll in Form einer zunächst weitgestreuten Information und Förderung des gesamtgesellschaftlichen Dialogs über Massenmedien, Theatergruppen etc., die dann in eine gezielte Förderung der entstandenen Interessengruppen mündet durch
- Zugang zu Information, Logistik und Infrastruktur
- Organisationsförderung und Kompetenzbildung
Die Förderung sollte schliesslich die Vernetzung und Synergie der jeweiligen Gruppen untereinander und mit den staatlichen, privaten und internationalen Organisationen bewirken. Kommunale Partizipation entspricht einem langfristigen Entwicklungsansatz, und folglich sind langfristiger Mitteleinsatz und kontinuierliche Betreuung erforderlich. Daraus ergibt sich, dass Freiwilligenarbeit keine billige Alternative zu professionellen Dienstleistungen, aber ein wichtiger Beitrag zur Bildung von social capital und zur nachhaltigen Entwicklung ist.
*Eva Schmid ist Teamleiterin der GFA-Medica im GTZ-Projekt PSR - Promotion de la Sante de Reproduction; Sebnem Jahn ist Consultant der GFA-Medica, Hamburg. Kontakt: <email-pii>