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Analena Lisa Hofer begründet ihren Rückzug vom Leistungssport mit der aus ihrer Sicht unsicheren sportlichen Zukunft: «Die unklaren Zukunfts-Perspektiven in der Rhythmischen Gymnastik haben mir gezeigt, dass ich andere sportliche Rahmenbedingungen brauche, um meine Bestleistungen abzurufen.» Zudem möchte sich die 15-Jährige Uetendorferin auf ihre akademische Zukunft konzentrieren. So wird die Gymnastin nach den Sommerferien in das Gymnasium Thun eintreten.
Aleksandra Petrovic macht persönliche Gründe für ihren Rücktritt geltend: «In den letzten Monaten ist es mir immer schwerer gefallen, mich von meiner Familie zu trennen. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass ich meine Motivation fürs Training und die Wettkämpfe zunehmend verloren habe – und aus mentaler Sicht konnte ich diese Lust und Motivation nicht mehr wiederfinden.»
Die Rücktritte der beiden Athletinnen verdeutlichen eine der zahlreichen Herausforderungen in der Rhythmischen Gymnastik: Der Schweizerische Turnverband STV hatte die Nationalkader-Gruppe nach der verpassten Olympia-Qualifikation im Jahre 2018 ein erstes Mal aufgelöst. Parallel dazu wurden zur Stärkung der Sportart weitreichende Investitionen im medizinischen und sozialen Bereich sowie bei der Infrastruktur getätigt. Diese Investitionen hatten jedoch nicht den gewünschten Effekt. Vielmehr stufte Swiss Olympic die Rhythmische Gymnastik im Februar dieses Jahres aufgrund der schlechteren sportlichen Resultate im vergangenen Olympia-Zyklus von Stufe 3 auf 4 zurück. Diese Massnahme hat eine Reduktion des Verbandsbeitrages in der Rhythmischen Gymnastik um 280'000 auf neu 85'000 Franken zur Folge.
Darüber hinaus musste der STV aufgrund von Verletzungen in der Nationalkader-Gruppe auf die Teilnahme an den diesjährigen Europa- und Weltmeisterschaften in Bulgarien und Japan verzichten.
Nun erschweren der sportliche Verlust von Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic die mittel- und langfristige Planung der Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik zusätzlich. Mit den Rücktritten zählt die Nationalkader-Gruppe in Zukunft nur noch fünf Gymnastinnen. Andererseits sind in der Schweiz auf Stufe Elite lediglich eine geringe Anzahl an Athletinnen anzutreffen, welche für die Nationalkader-Gruppe aus sportlicher Sicht in Frage kommen. In diesem Zusammenhang beenden eine Vielzahl der Gymnastinnen ihre Karriere bereits auf Stufe Nachwuchs oder Juniorinnen. Treten Gymnastinnen zurück oder erleiden Verletzungen, verteilt sich somit der sportliche Druck auf die im Kader verbleibenden Athletinnen – dies, um den Fortbestand der Gruppe zu sichern.
Diese fehlende Breite wird sich kurzfristig noch weiter akzentuieren. «Wir wollen die Athletinnen ins Zentrum stellen und ihnen die bestmöglichen Rahmenbedingungen bieten. Die jetzige Situation verunmöglicht einen seriösen und professionellen Formaufbau, eine nachhaltige Planung und ein normales Gruppentraining. Die verbliebenen Gymnastinnen würden unter sehr grossem Druck stehen und teilweise unnötige gesundheitliche Risiken eingehen,» sagt David Huser, Chef Spitzensport STV.
Daher hat der Zentralvorstand des STV auf Antrag der Geschäftsleitung entschieden, die Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik vorerst nicht weiterzuführen. Die Verträge mit den Gymnastinnen werden per Ende Juni dieses Jahres aufgelöst. Der Vertrag der amtierenden Nationaltrainerin Nadine Rickenbacher-Stucki läuft per Ende Juni 2021 regulär aus.
Der STV wird alles in seinen Kräften Mögliche tun, um für alle Athletinnen individuelle Lösungen für ihre weitere sportliche und schulische Zukunft sicherzustellen und wird sie dabei begleiten. «Dieser Entscheid ist uns sehr schwer gefallen. Es tut mir insbesondere leid für die betroffenen Athletinnen. Es ist uns jedoch wichtig, die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Gesundheit steht für uns an erster Stelle. Dieses Werteversprechen leben wir,» sagt Béatrice Wertli, STV-Direktorin zum Entscheid.
Derzeit arbeitet der Schweizerische Turnverband STV an zwei Zukunftsszenarien für die Rhythmische Gymnastik. Dieser Prozess dauert an. Daher wird bis auf Weiteres auf eine neue Nationalkader-Gruppe verzichtet. Liegt das zukünftige Szenario vor, wird der STV den Wiederaufbau einer Gruppe erneut prüfen. Die getroffenen Massnahmen haben keinen Einfluss auf die geplante Teilnahme im Einzel- und mit der Juniorinnen-Gruppe (JEM) an den kommenden Europameisterschaften vom 9.-13. Juni 2021 in Bulgarien.
Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic blicken derweil auf eine respektable Karriere zurück. Die 15-Jährige Analena Lisa Hofer wurde im Jahre 2017 Schweizer Meisterin mit dem RLZ Biel mit dem Handgerät Band und nahm vor zwei Jahren im serbischen Novi Sad am internationalen Juniorinnen-Mehrkampf teil. Bei diesem Wettbewerb belegte Analena Lisa Hofer mit dem RLZ Biel den 2. Platz.
Analena Lisa Hofer erinnert sich auch gerne an den 1. Platz in Nürnberg am internationalen Wettkampf im Jahr 2017 sowie den 3. Rang in Sofia 2016 zurück. «Die Teilnahmen an den internationalen Wettkämpfen waren für mich unvergessliche Momente mit der Mannschaft. Das wird mir fehlen. Darüber hinaus werde ich den Ballettunterricht, welchen ich während meiner Karriere erleben durfte, vermissen».
Aleksandra Petrovic erturnte sich an den Schweizer Meisterschaften im Jahre 2016 den 2. Rang im Gruppenmehrkampf und nahm vor zwei Jahren an den Juniorinnen-Europameisterschaften der Rhythmischen Gymnastik in Baku teil. Dort erreichte sie mit der Juniorinnen-Gruppe den 8. Rang mit dem Handgerät Band.
Die beiden Gymnastinnen sind sich bewusst, dass ihre Karriere ohne ihr Umfeld nicht möglich gewesen wäre. «Deshalb möchte ich mich bei allen herzlich bedanken, die mich seit der 1. Primarschul-Klasse in diesem Sport begleitet und unterstützt haben,» sagt Analena Hofer. Nun will sich Analena Lisa Hofer auf ihre schulischen Leistungen konzentrieren. Die 15-Jährige betont aber: «Sport in irgendeiner Form werde ich auch in Zukunft betreiben. Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, künftig als Trainerin in meinem Stammverein RG TV Thun tätig zu sein».
Aleksandra Petrovic wird ein Praktikumsjahr in der Sozialpflege oder eine Lehrstelle als Kauffrau absolvieren und dankt dem STV-Team für die Unterstützung: «Ein grosses Dankeschön geht an meine Cheftrainerin und Ballett-Trainerin.»
Der Schweizerische Turnverband STV bedauert die Rücktritte von Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic sowie die Nichtweiterführung des Nationalmannschaftskaders. «Wir danken den beiden Gymnastinnen und dem gesamten Team für Ihre Leistungen und Engagement. Und wir danken dem Trainerteam Nadine Rickenbacher, Chiara Torino, Cèline Chavanne und Elena Cornu für ihren ausserordentlichen Einsatz in dieser herausfordernden Zeit» sagt STV-Direktorin Béatrice Wertli.