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Kamala Harris, die 55-jährige Senatorin aus Kalifornien, erntet mit ihrer taffen Art sogar bei Republikanern Bewunderung. Die multikulturelle Ex-Staatsanwältin stellt für Biden aber auch ein Risiko dar.
«Taff. Prinzipientreu. Furchtlos.» Mit diesen drei Attributen beschreibt sich Kamala Harris selbst. Und kaum jemand würde diese Charakterisierung anzweifeln. Doch die 55-jährige Kalifornierin ist viel mehr als das. Diese sieben Dinge musst du über Joe Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin wissen.
Harris' Mutter Shyamala Gopalan wanderte mit 19 aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu in die USA aus und lernte dort den Austauschstudenten Donald Harris aus Jamaika kennen. Sie wurde Brustkrebsspezialistin, er Wirtschaftsprofessor. Die Eltern versuchten, den beiden Töchtern Kamala (Sanskrit für «Lotusblüte») und Maya (die heute als Fernsehkommentatorin für MSNBC arbeitet) ihre jeweiligen Kulturen näherzubringen. Kamala und Maya sangen in der christlichen Kirche ihres Vaters im Kirchenchor und besuchten nebenher mit ihrer Mutter regelmässig einen Hindu-Tempel. Kamala Harris ist erst die zweite schwarze Senatorin in der US-Geschichte - und die erste mit indischen Wurzeln.
Bis im vergangenen Dezember war Harris selbst Präsidentschaftskandidatin. Bei der allerersten TV-Debatte der demokratischen Anwärter auf das höchste Amt Amerikas ging sie scharf mit Biden ins Gericht. Sie unterstellte ihm, einst mit Politikern zusammengearbeitet zu haben, die die Rassentrennung unterstützen.
Zudem warf sie ihm vor, sich gegen Gesetze ausgesprochen zu haben, die rassengemischte Schulen in den USA begünstigt hätten. Nachdem sie sich im Dezember aus dem Rennen nahm, zögerte sie anfänglich, Bidens Kandidatur zu unterstützen. Erst im März - sechs Tage nach den Vorwahlen in ihrem Heimatstaat Kalifornien - stellte sie sich hinter den 77-Jährigen.
Biden handkehrum unterstützte Kamala Harris bereits 2016 tatkräftig, als sie für den US-Senat kandidierte - vielleicht auch deshalb, weil sein 2015 verstorbener Sohn Beau (ebenfalls ein Staatsanwalt) gut mit Kamala Harris befreundet war.
Harris, die an der Howard University in Washington D.C. Politikwissenschaft und Wirtschaft und danach in San Francisco auch noch Rechtswissenschaften studiert hat, wurde 2004 zur Staatsanwältin von San Francisco gewählt und 2011 zur Staatsanwältin Kaliforniens befördert. Sie machte sich landesweit einen Namen als taffe Strafverfolgerin, nicht zuletzt wegen ihrem harten Durchgreifen gegen Kindsmissbrauch, umstrittene Tätigkeiten von Grossbanken und intransparente Tech-Giganten.
Harris führte zudem harsche Strafen für Eltern ein, deren Kinder die Schule schwänzten. Ohne Bildung hätte niemand eine Chance im Leben, sagte Harris. Sie setzte sich gegen die Todesstrafe ein, griff hart durch gegen mexikanische Strassengangs in Südkalifornien und lancierte eine Kampagne gegen Gewalt an Homosexuellen. Das «Time Magazin» nahm Harris bereits 2013 auf die Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Die taffe Staatsanwältin wurde einstweilen auch als Obamas Generalstaatsanwältin oder gar als zukünftige Richterin am Supreme Court gehandelt, machte jedoch deutlich, dass sie sich nicht für diese Stellen interessierte.
Als Senatorin nutzte sie ihre Erfahrung als Strafverfolgerin wiederholt für verhörartige Befragungen von Kandidaten für hohe Staatsämter: etwa in der Anhörung von Brett Kavanaugh, der ins höchste Gericht der USA nachrücken sollte und der sich mit Vergewaltigungsvorwürfen aus seiner College-Zeit konfrontiert sah.
Kamala Harris sagt über sich selbst: «Ich kann nicht längere Zeit ruhig sitzen.» Statt sich in ihrer Freizeit zurückzulehnen, steigt die 55-Jährige täglich aufs Velo oder schwitzt auf dem Laufband. Trainieren sei nicht nur wichtig für den Körper, sondern vor allem für den Verstand, sagte Harris einst. Daneben liest sie gelegentlich in Rezeptbüchern und versucht sich als Autorin. Nebst zwei autobiographischen Wälzern hat Harris kürzlich ihr erstes Kinderbuch auf den Markt gebracht: «Superhelden gibt's überall» heisst das Werk, aus dem die Autorin auch gerne selber vorliest.
Als Schulmädchen in Kalifornien gehörte Kamala Harris in den 1970er Jahren zu den ersten schwarzen Kindern, die mit Bussen aus den Schwarzenvierteln in zuvor vorwiegend von Weissen besuchte Schulen chauffiert wurden. Mit dem sogenannten «Busing» wollte die US-Regierung ein Ende der rassengetrennten Schulen herbeiführen.
Zuhause aber spürte Kamala Harris tagtäglich, dass sie als schwarzes Mädchen anders war. Die weissen Nachbarn liessen ihre Kinder nicht mit Kamala und ihrer Schwester spielen. Als Studentin hat Harris später Protestmärsche gegen das südafrikanische Apartheid-Regime organisiert. Als Staatsanwältin setzte sich für Rassismus-Sensibilisierungsprogramme für Polizisten ein.
Bei den jüngsten Black-Lives-Matter-Protesten hat sie sich in Washington D.C. unter die Demonstranten gemischt - just einen Tag, bevor Donald Trump Bundespolizisten auf die Protestmasse hetzte, um ungestört mit einer Bibel vor einer Kapelle posieren zu können.
Kamala Harris ist im kalifornischen Berkeley aufgewachsen und hat als Schülerin nach der Trennung ihrer Eltern ein paar Jahre lang bei ihrer Mutter im kanadischen Montréal gelebt. Heute wohnt sie mit ihrem Mann Douglas Emhoff und den beiden Stiefkindern in einer Fünf-Millionen-Villa im Nobelviertel Brentwood in Los Angeles. Im Garten hinter dem Haus gibt's einen pilzförmigen Pool.
Joe Biden wäre bei seiner Amtseinsetzung am 20. Januar 2021 78 Jahre alt, so alt wie kein anderer amtierender Präsident in der US-Geschichte je war. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Biden 2024 nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren würde. Das gäbe seiner Vizepräsidentin die Chance, als aussichtsreiche Kandidatin selber für das höchste Amt Amerikas zu kandidieren. Kamala Harris wäre automatisch in der Pole Position.
Kritiker glauben, dass Harris sich vom ersten Tag ihrer Amtszeit an auf die Wahlen 2024 vorbereiten und ihre Verantwortung als Vizepräsidentin darob vernachlässigen würde. Ein potentielles Risiko für Biden, der Harris eine zentrale Rolle in seiner Administration geben dürfte. Denn: Dass Biden, der in der Regierung von Barack Obama eine wichtige Rolle gespielt hat, seiner Vizepräsidentin ebenfalls viel Macht und Verantwortung zuschanzen würde, ist zudem fast sicher. So viel Macht wie Harris hatte kein Vizepräsident vor ihr. Jetzt muss nur noch das mit den Wahlen klappen. (aargauerzeitung.ch)
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