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«Ich weiss, was Guten Tag auf Französisch und wohl in zehn anderen Sprachen heisst, aber ich bin absolut nicht in der Lage, ein Interview in Ihrer Sprache zu führen, tut mir leid», begrüsst sie uns in ihrer Suite im Four Seasons in Beverly Hills. Sie trägt ein Kleid von Schiaparelli. Mit bürgerlichem Namen Katherine Matilda Swinton, machte die Schauspielerin ihren Spitznamen zu ihrem Künstlernamen. Nach ihrem Theaterdebüt bei der Royal Shakespeare Company trat sie in englischen Miniserien und in europäischen Autoren- und Arthouse-Filmen auf. Im Jahr 2000 nahm sie erstmals eine Rolle in einem Blockbuster an – in «The Beach» von Danny Boyle, mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. Es folgten Auftritte in «Vanilla Sky» mit Tom Cruise oder «Constantine» mit Keanu Reeves.
Lange wurde sie von Produzenten wegen ihres eigenwilligen Looks übergangen. Heute ist sie gerade wegen ihrer Ausgefallenheit gefragt. Mit 58 Jahren ist Swinton auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie dreht seit über 15 Jahren durchschnittlich drei Filme pro Jahr.Am 24. April kommt sie in «Avengers:
Endgame» in die Schweizer Kinos. Unlängst stand sie zudem neben Bill Murray und Adam Driver für «The Dead Don’t Die» von Jim Jarmusch vor der Kamera. Der Zombiefilm feiert im Mai am Filmfestival von Cannes Premiere.
Sie gelten als einzigartig, und das ist auch das Thema unserer Ausgabe. Was bedeutet es für eine Künstlerin, Einzigartiges zu schaffen?
Wer einzigartig sein will, darf keine Kompromisse eingehen. In jedem Film komplett anders rüberzukommen, wäre für mich das Grösste. Am glücklichsten macht mich, wenn man mir sagt, man habe mich nicht erkannt. Deshalb wollte ich auch Männer spielen. Damit stifte ich Verwirrung. In «Suspiria» bin ich in zwei sehr unterschiedliche Rollen geschlüpft: in die einer Tanzschulleiterin und in eine andere (Anm. d. Red.: der Film ist Ende März auf DVD/ Blue Ray erschienen.)
Das heisst?
In «Suspiria» gibt es die Figur des Doktor Klemperer. Auf den Plakaten heisst es, der Schauspieler Lutz Ebersdorf spiele die Rolle. Da ich gerne Geheimnisse wahre und meine Einzigartigkeit pflege, verrate ich nur, dass Lutz und ich eine sehr, sehr enge Beziehung haben (lacht). Marc Coulier ist ein begnadeter Maskenbildner, er hat erheblich dazu beigetragen, Lutz Ebersdorf zum Leben zu erwecken. Bei der Premiere von «Suspiria» hat praktisch niemand gemerkt, wer hinter dem Doktor Klemperer steckt. Das Kompliment, dass ich unkonventionelle Entscheidungen treffe, macht mich überglücklich.
Wie ist Ihr Wunsch nach Einzigartigkeit entstanden?
Ich erinnere mich noch gut daran, dass sich mein erster Film anfühlte wie eine Niederlage. Eine Rolle zu spielen, bei der zwischen Figur und Darsteller keine störende Einmischung vorhanden ist, ist nur im ersten Film möglich. Ich wusste, dass der Zuschauer zwangsläufig mich und keine Figur sehen würde. Ich bin ein grosser Fan des französischen Regisseurs und Fotografen Robert Bresson (Anm. d. Red.: der 1999 Verstorbene war für seine experimentellen Filme bekannt). Er mochte den Begriff «Schauspieler» nicht, da sich dahinter die Idee verbirgt, man verstelle sich. Bresson bezeichnete die Darsteller lieber als Modelle. Er sah sie als echte Personen in einem Film. Und genau das ist mein grosser Traum. Ich versuche, in jedem Film anders und originell zu sein. Lutz Ebersdorf ist das beste Beispiel. Er hat das Glück, dass es sein erster Film ist. Das war mir seit über 30 Jahren nicht mehr vergönnt. Ich habe aus ihm einen Psychiater gemacht. Luca Guadagnino, der Regisseur von «Suspiria», hat mich gebeten, das Leben von Ebersdorf zu erfinden. So ist er zum Psychiater geworden, der erstmals in seinem Leben eine Filmrolle übernimmt und darin einen Arzt spielt. Dieser Aspekt meines Berufs oder besser meiner Kunst macht mir seit Jahrzehnten Spass.
Heute wird sowohl viel Wert auf Einzigartigkeit als auch auf Genderneutralität gelegt. Diese Dualität trifft auch auf Sie zu, ist aber doch paradox. Wie interpretieren Sie diese Epoche, und wo situieren Sie sich?
Meine Einzigartigkeit ist meine Stärke. Mein ganzes Leben hat man mir gesagt, ich sehe seltsam aus. In meiner Familie sehen aber alle so aus. Das Positive am Altern und Reifen ist, dass es mich nicht mehr stört, wenn mich einige seltsam finden. Ich vertrete alle Monster mit unkonventionellem Look. Trotzdem versuche ich nie, mich mit einer Bewegung oder einer Gruppe zu identifizieren. Man muss Individualität fördern, wir alle müssen Entscheidungen treffen. Ich zweifle ständig. Selbstherrliche und rechthaberische Menschen machen mir Angst. In den letzten Jahren hat die Zahl der Prominenten, die glauben, dass sie stets im Recht sind, deutlich zugenommen. Und alle, die eine andere Meinung vertreten, haben gezwungenermassen unrecht. Das ist erschreckend!
Hat Ihre aristokratische Herkunft – Sie haben dieselbe Schule besucht wie Lady Di – und das damit verbundene soziale Umfeld Sie belastet oder Ihnen eher geholfen?
Wenn es etwas gibt, was mir in meiner Kindheit geholfen hat, dann die Tatsache, dass ich die Tochter eines Soldaten bin. Ich habe schon sehr früh gelernt, wie wichtig eine Truppe oder eine Wahlfamilie ist. Jetzt gerade sitze ich Ihnen allein gegenüber, habe aber das Gefühl, dass ich stellvertretend für eine ganze Künstlerfamilie spreche, mit der ich in meinen Filmen zusammenarbeite. Sobald ich mich als Teil einer Gruppe fühle, werde ich forsch und mutig. Mein Vater ist vor ein paar Wochen gestorben, er war 93. In letzter Zeit denke ich oft daran, wie schnell die Jahre vergehen. Ich bin fest entschlossen, mindestens 90 zu werden.
Welches Verhältnis haben Sie zu Geld?
Geld ist eine Notwendigkeit, kein Ziel. Mein Vater und ich haben uns jahrelang über die Politik in Grossbritannien gestritten. Bis zu dem Tag, an dem
Margaret Thatcher an die Macht kam. Sie hat mir einen grossen Dienst erwiesen, als sie erklärte, Gesellschaft gebe es nicht. Papa gehörte zur alten Schule der konservativen Feudalherren, denen Adelstitel verliehen wurden (Anm. d. Red.: ihr Vater war ein schottischer Grossgrundbesitzer und war mit dem Royal Victorian Order und dem Order of the British Empire ausgezeichnet worden). Er fühlte sich von Thatchers Aussage beleidigt. Und wie Sie sich denken können, habe ich Thatchers Vorstellung von Wirtschaft nicht geteilt. Mein Vater und ich waren uns einig, dass sie die soziale Verantwortung abschaffen wollte.
Vertreten Sie noch immer eine so klare politische Meinung wie damals als Kommunistin?
Ich habe mich immer als echte Sozialistin, nicht als Kommunistin gefühlt, auch wenn ich deren Umgang pflegte. Meine Überzeugungen haben sich nicht verändert. Ich habe gegen Ungerechtigkeiten gekämpft und tue das auch heute noch, egal, ob in der Bildung, der Wirtschaft oder im Sozialbereich.
Sie sind auch Lyrikerin. Wie wirkt sich das auf Ihre Weltanschauung aus?
Ein Künstler muss wandelbar sein und sich für Kunst im weiteren Sinn interessieren, für Filme genauso wie für Theater oder Lyrik. Ich mag es, möglichst unterschiedliche Projekte anzupacken. In der Poesie gab es in meiner Familie aber viel talentiertere Leute als mich.
Reizt Sie die Produktion?
Ich betätige mich nur als Produzentin, wenn ich keine andere Wahl habe, das heisst mir ein Projekt am Herzen liegt und eine klassische Finanzierung schwierig ist. Wenn mein Name im Abspann einem Dokumentarfilm oder einem anderen Film dazu verhelfen kann, dass er umgesetzt wird, dann stelle ich mich gerne als Produzentin zur Verfügung. Ein Ziel als solches war das aber nie.
Was, glauben Sie, bringen Sie den Luxusmarken, für die Sie als Botschafterin arbeiten?
Mir war es schon immer ein Anliegen, eng mit Künstlern als allen möglichen Sparten zusammenzuarbeiten. Mode ist eine Kunst, genauso wie Filme. Wenn ich mich bereiterkläre, einen Designer zu vertreten, möchte ich seinen schöpferischen Prozess kennen und seine Ideen teilen.
Glauben Sie, dass Ihre Werbefilme oder -kampagnen Ihren Kinofilmen schaden?
Überhaupt nicht! Man hat mich noch nie gefragt: «Sind Sie die Frau aus derPrada-Werbung?», wenn ich nach einer Vorstellung Interviews gegeben habe. Ich glaube, dass meine Karriereentscheidungen und meine Art, mich mit jeder Figur auseinanderzusetzen, verhindert haben, dass man mich in eine Schublade steckt.