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Herr Stamm, Sie haben einmal gesagt, Literaturpreise seien eine reine Glücksfrage. Nun sind Sie für den Man Booker International Prize nominiert. Alles nur Glück?
Peter Stamm: Es gibt Zehntausende von Autoren auf dieser Welt, und es gehört schon etwas Glück dazu, auf einer Zehner-Liste zu landen. Es ist natürlich eine grosse Anerkennung, aber es gibt noch Hunderte von Autoren, die auf dieser Liste sein könnten.
Worin bestand denn Ihr Glück?
Ein Jury-Mitglied, Tim Parks, hat im Sommer 2011 für die «New York Review of Books» einen grossen Artikel über mich geschrieben. Sonst hätte er wohl gar nicht gewusst, dass es mich gibt. Im selben Jahr war ich mit «Sieben Jahre» auf der Liste der 100 bemerkenswerten Bücher der «New York Times» – neben nur vier weiteren fremdsprachigen Titeln. Denn grundsätzlich wird nur sehr wenig fremdsprachige Literatur auf Englisch übersetzt. Die Engländer und Amerikaner sind wohl die Weltmeister im Nichtübersetzen.
Wieso werden denn ausgerechnet Ihre Bücher übersetzt?
Ich hoffe, es hat etwas mit Qualität zu tun. Und natürlich mit der Sprache. Bücher müssen übersetzbar sein. Das ist bei vielen deutschsprachigen Büchern nicht der Fall. Die deutsche Literatur hat im Ausland zum Teil einen schlechten Ruf. Sie gilt als zu philosophisch, zu sprachverliebt. Es gibt sicher heute so etwas wie eine internationale Literatur, die für einen internationalen Markt geschrieben wird. Aber meine Bücher sind das bestimmt nicht.
Als Autor sollte man immer Risiken eingehen, haben Sie vor einigen Jahren einmal gesagt. Nur so entstehe Aussergewöhnliches.
Das Scheitern ist wichtig. Nur mit Scheitern kommt man weiter. Picasso war ein derart guter Techniker, dass er ein Meisterwerk nach dem anderen gemalt hat. Aber seine Bilder sind irgendwie leblos. Cézanne, der sein Leben lang mit seiner Kunst gerungen hat, ist vermutlich der grössere Künstler.
Welche Risiken nehmen Sie denn?
Das Erforschen eines Themas, bei dem ich letztlich nicht weiss, wohin es mich führt. Ich fange irgendwo an und schaue dann, wohin es mich führt. Das geht oft schief – und landet in meinem Ordner «aufgegebene Projekte». Und dort bleibt es dann.
Was machen Sie mit den 90 000 Franken, sollten Sie den Man Booker International Prize tatsächlich gewinnen?
Ich kaufe mir bestimmt keinen Porsche! Das Geld würde mir einfach etwas mehr Sicherheit geben. Ich könnte ein paar Monate ohne Einkommen überleben. Schriftsteller haben keine Vorsorge, kein Auffangnetz. Wenn ich krank werde, dann bin ich ruiniert.
Sie haben es aber im Vergleich zu anderen doch sehr gut und gehören zu dem einen Prozent der Schriftsteller, die vom Schreiben leben können.
Das stimmt. Mir geht es gut, ich arbeite auch viel. Den meisten Schriftstellern geht es ganz mies. Ich habe einen erfolgreichen Kollegen, der seine Zahnarztrechnung nicht bezahlen kann. Das ist erbärmlich.
Was wollen Sie denn: Mehr Geld vom Bund?
Ja. Es braucht eine Art soziale Absicherung und anständige Altersvorsorge für Künstler. Die Landwirtschaft erhält jährlich über drei Milliarden Franken an Subventionen. Wenn man ihr ein Promille wegnehmen würde für die Künstler, dann würde sie es wohl nicht einmal merken.
Wie viel fliesst denn an die Autoren?
Ich habe mal ausgerechnet, dass es ungefähr eine Million ist. Für Hunderte von Autoren. Genaue Zahlen gibt es leider nicht. Ich habe sogar beim Bundesamt für Kultur angerufen, um zu fragen, wie viel vom Kulturgeld tatsächlich an die Künstler geht. Doch dort hat man nur gelacht. Der grösste Teil der Kultursubventionen geht an Theater, an Bibliotheken – und letztlich an die Bauindustrie. Die baut tolle Häuser und die Künstler werden dann gebeten, fast gratis aufzutreten. Wir haben keine Lobby.
Das müssten Sie vielleicht übernehmen?
Ich habe keine Zeit – und, ehrlich gesagt, auch keine Lust – dazu. Wenn wir aber so tapfere Politiker hätten wie die Bauern, sähe es bestimmt anders aus. Produzieren die Bauern zu viel Wein, dann schenkt ihnen das Parlament ohne grosse Diskussionen zehn Millionen Franken zum Abbau der Überproduktion. Das entspricht dem Betrag für zehn Jahre Literaturförderung!
Schreiben kann man doch auch ohne Subventionen. Es gäbe auch Autoren, wenn der Staat nichts verteilen würde.
Das ist kein Argument gegen Literaturförderung. Sonst müssten wir dieses Argument auf alles anwenden. Es gibt auch viele Bauern, die weiterarbeiten würden, auch wenn sie keine Subventionen erhalten würden.
Sie ziehen eine Parallele zwischen der Bewirtschaftung der Naturlandschaft und der geistigen Landschaft.
Ja. Wie in der Landwirtschaft liefern auch die Künstler einen Gemeinnutzen für das Land ab. Das Land brüstet sich auch mit seinen Künstlern. Jedes Mal wenn ich im Ausland bin, organisiert der Botschafter einen Empfang und stellt stolz seinen Schweizer Autor vor. Künstler verteidigen im Ausland auch ständig die Schweiz, erklären, dass diese nicht nur aus Bankern besteht. Ich komme mir dann vor wie ein Kulturbotschafter. Zudem: Die Literatur leistet auch einen Beitrag zur Geschichtsschreibung. Was wüssten wir vom 19. Jahrhundert, wenn wir nicht die Bücher der damaligen Autoren hätten.
Was zeichnet Schweizer Autoren denn aus?
Es ist schon auffällig, dass Schweizer Autoren in der deutschen Literatur immer gut dagestanden sind. Vielleicht hat es damit zu tun, dass unsere Schriftsprache nicht unsere gesprochene Sprache ist. Geschriebene Sprache hat für uns immer eine gewisse Künstlichkeit. Wir kämpfen ein bisschen damit, und die automatische Geläufigkeit fehlt. Beim Kunstmachen, ist es gut, wenn es einen Widerstand gibt.
Ist die Schweiz ein guter Humus für Literatur?
Ich finde das Leben hier sehr interessant. Andererseits sind drei von vier Schweizer Buchpreisen an Werke gegangen, die so etwas wie Ostfolklore beschreiben, also eine ganz andere Art Leben mit buntem Treiben und skurrilen Figuren. Das scheint den Lesern zu gefallen, und rein wirtschaftlich ist das wohl der bessere Boden für Literatur.
Wieso haben Sie den Schweizer Buchpreis noch nie erhalten?
Ich weiss es auch nicht. Aber ein Juror eines anderen Preises hat mir gesagt, dass meine Bücher in Jurys schwer zu verkaufen seien. Sie kommen zwar meistens gut an, aber die Juroren wissen nicht genau, wieso. Und oft neigen Jurys dazu, das auszuzeichnen, was glänzt. Es ist einfacher, wenn man sagen kann: Der hat wahnsinnig originelle Figuren, jener hat wunderbare Metaphern oder herrlich barocke Sätze. Das habe ich alles nicht. Meine Sätze sind nicht wunderbar, sondern ganz normal – die kann jeder schreiben. Das führt wohl zu einer Art Misstrauen.
Vielleicht gingen Sie auch leer aus, weil Ihre Figuren nicht uneingeschränkte Sympathieträger sind?
Bei mir müssen die Leser ein wenig mitarbeiten, müssen sich ihr eigenes Urteil bilden. Es ist vielleicht einfacher, wenn das Urteil vom Autor schon mitgeliefert wird, wenn man seine Leser an der Hand nimmt und sagt: Das ist gut und das ist nicht gut. Nur hat mich diese Art zu schreiben nie interessiert.
Warum mischen sich heute die Schweizer Schriftsteller nur noch selten in aktuelle politische Debatten ein?
Heute geht es doch in der Politik häufig um Sachfragen: Bei der Frage nach einer zweiten Röhre am Gotthard oder nach dem Atomausstieg bin ich als Autor doch nicht kompetenter als ein Wissenschaftler. Als Staatsbürger habe ich die Verpflichtung, mich in die Politik einzumischen, aber nicht als Autor. Nach dem Krieg waren die Autoren vielleicht die Richtigen, ein politisches Bewusstsein in der Gesellschaft aufzubauen. Obwohl auch damals viel Quatsch geredet wurde .
Aber wir stecken doch auch heute in einer Umbruchphase: Der Finanzmarkt ist fast kollabiert und damit doch auch unser Wirtschaftssystem.
Ich glaube nicht, dass da die Autoren die Richtigen sind, solche grundsätzlichen Fragen zu beantworten. Es gibt auch peinliche Beispiele von Autoren, die sich unreflektiert äussern.
An wen denken Sie?
Eine Zeit lang hat man Adolf Muschg vorgeworfen, dass er sich zu allem und jedem äussert. Seine Motive waren sicher gut, aber die Substanz hat zum Teil gefehlt. Oder als Thomas Hürlimann eine Typologie der Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen verfasste, fand ich das auch nicht überzeugend. Bei Autoren, die sich einmischen, ist auch viel Eitelkeit dabei. Ein gutes Beispiel war die Ausschaffungsinitiative der SVP: Damals gab es im Zürcher Neumarkt-Theater einen Anlass von Autoren gegen die Initiative. Auch ich war dabei. Wir haben auf der Bühne etwas geboten – und im Publikum sassen lauter Leute, die unserer Meinung waren. Es war auch ein bisschen wohlfeil.
Sie klammern Politik auch aus Ihren Texten aus, wieso?
Literatur ist einfach nicht der richtige Ort für Politik. Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser – diese Grossautoren, die zu allem eine Meinung hatten und haben, sterben langsam aus. Und wer folgt? Ich glaube, niemand. Diese Rolle wird nicht mehr besetzt, solche Grossautoren braucht es nicht mehr. Und ich bin froh darüber.
Sind Schweizer Autoren eigentlich freier, da sie keine Geschichte bewältigen müssen?
Die Deutschen müssten das eigentlich auch nicht mehr, tun es aber trotzdem. Natürlich ist der Krieg ein grosses Thema. Aber es ist auch etwas billig, wenn Autoren, die den Krieg gar nicht erlebt haben, darüber schreiben. Es ist viel schwieriger, eine so komplizierte Zeit zu beschreiben, wie diese, in der wir leben, als eine Zeit, in der klar ist, wer die Guten und wer die Bösen waren.
Trotz Ihrer Skepsis gegen politisierende Autoren: Sie sind Mitglied einer Partei.
Ich bin als 20-Jähriger über ein lokalpolitisches Anliegen zu den Grünen gekommen – und geblieben. Ich finde es eine gute Partei.
Sie hätten ja sogar einmal für die Grünen in den Thurgauer Kantonsrat nachrutschen können.
Das ist allerdings lange her. Aber ich kandidiere immer wieder.
Würden Sie das Mandat wieder ablehnen?
Ja. Von den 30 Personen auf der Liste der Grünen werden nicht mehr als vier oder fünf gewählt. Ich kandidiere nicht, um gewählt zu werden, sondern um die Partei zu unterstützen.
Ist es nicht feige, eine allfällige Wahl nicht anzunehmen?
Es wäre für mich zeitlich nicht machbar. Ich müsste das Schreiben aufgeben und hätte nichts mehr, um zu leben. Das ist das Problem. Allerdings, wenn ich in den Bundesrat gewählt würde, dann könnte ich mir das schon leisten.
Als erster grüner Bundesrat?
(Lacht) Dafür ist mein Leistungsausweis natürlich zu klein. Und zum Glück wird in der Schweiz niemand gewählt, nur weil er einen prominenten Namen hat. Die Schweizer sind in dieser Hinsicht vernünftige Wähler – und das soll ja auch so sein.
Sie haben den Politikern auch mal vorgeworfen, die Sprache gewissermassen zu missbrauchen.
Missbrauchen ist böse gesagt, aber Politiker brauchen Sprache zielgerichtet, polemisieren – mit allen möglichen Stilmitteln. Das ist ein völlig anderer Gebrauch der Sprache als beim literarischen Schreiben. Oft lässt man sich dabei von der Sprache berauschen und schreibt Dinge, die gut klingen, aber nicht der Wahrheit entsprechen. Darum schreibe ich auch keine Satiren mehr.
Von der Realität zurück zur Fiktion: Welche Autoren lesen Sie selbst gerne?
Den grössten Einfluss auf mich hatten jene Autoren, die ich gelesen habe, als ich anfing zu schreiben. Etwa die Amerikaner der 1920er-Jahre, dann Camus oder Henry de Montherlant. Ein sehr ehrlicher Autor, der später als frauenfeindlich abgestempelt wurde – was er überhaupt nicht ist. Das ist ein grosses Missverständnis. Wie bei Ernest Hemingway. Alle Welt sieht ihn vor sich mit Gewehr oder Fischerrute in der Hand – der Macho schlechthin. Aber seine Literatur ist völlig anders. Seine Figuren sind zu neunzig Prozent impotente Versager.
Apropos «völlig anders». Sie leben ein bürgerliches Leben mit Lebenspartnerin und zwei Kindern, Einfamilienhaus samt Komposthaufen. In Ihren Büchern ist hingegen oft ein Abgrund spürbar. Leben Sie diese Seite in der Literatur aus?
Die Abgründe sind im normalen Leben grösser als im Extremen. Eine bürgerliche Ehe ist psychologisch viel tiefgründiger und spannender als das Leben eines Clochards. Was da alles passiert in Beziehungen! Das ist hochkomplex.
Sie sind soeben 50 geworden. Ein Wendepunkt?
Nein. Ich hoffe einfach, dass man nun aufhört, mich als «jungen Autor» zu bezeichnen! Aber sonst hat es keine grosse Bedeutung. Weil ich einfach weiterarbeite.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ein Roman. Sein Erscheinen ist eigentlich schon auf diesen September geplant. Aber ich stecke noch mittendrin.
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Peter Stamm ist als erster Schweizer für den renommierten Man Booker International Prize nominiert. Im Interview erklärt der Schriftsteller, wieso es dazu eine Portion Glück braucht, er sich trotz Mitgliedschaft bei den Grünen aus der Politik raushält und die Bauern beneidet.
Herr Stamm, Sie haben einmal gesagt, Literaturpreise seien eine reine Glücksfrage. Nun sind Sie für den Man Booker International Prize nominiert. Alles nur Glück?