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Mein letzter Aufsatz über Kunst wird dem Begriff der “Idee” nicht gerecht, wenn ich schreibe, dass viele Kunstprodukte doch “nur” Ideen und deshalb Kopfsache seien. Deshalb möchte ich hier näher darauf eingehen.
Auf die Bemerkung Schillers, dass die “Methamorphosenlehre” doch nur eine Idee sei, antwortete Goethe: „Es soll mir recht sein, wenn ich Ideen habe und sie mit eigenen Augen sehe!“
„Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können, sonst gerät man in ihre Knechtschaft.“ (Rudolf Steiner, Philosophie der Freiheit). Sich der Idee erlebend gegenüberstellen, genau das tat Goethe und deshalb gerät er nicht in ihre Knechtschaft. In der Lehre von der „Metamorphose der Pflanze“, findet er sozusagen als Quintessenz seiner umfassenden Studien die „Urpflanze“. Diese Urpflanze kann Schiller natürlich nicht physisch sehen, niemand kann das, aber er kann sie auch nicht nacherleben. Und deshalb spricht er in geringschätziger Form von einer bloßen Idee. Wenn Goethe aber von der Urpflanze spricht, so hat er dem nicht nur eine „bloße Idee“ zugrunde gelegt, sondern ein Erlebnis! Denn diese Urpflanze ist sozusagen ein begrifflich „sichtbar“ gemachter Prozess. Es ist der Prozess des Wachstums, welcher sich in „andersartiger Gleichheit“ in jeder Pflanze wiederholt. So ist der Begriff der Urpflanze die Zusammenfassung des Wachstumsprozesses, der dem Pflanzenreich innewohnt!
Gleiches könnte auch im Mineralreich als Urmineral oder im Tierreich als Urtier gefunden werden. Die Ausnahme bildet die „Gattung Mensch“, weil jeder Mensch ein unvergleichliches Individuum ist. Was die „geistige Entwicklung“, als Spezifikum des Menschen, anbelangt, ist kein andersartiger Vergleich möglich, der zum Begriff einer Art „Urmensch“ führen könnte. Nur insofern der Mensch den anderen Naturreichen angehört, könnte das gattungsmäßige wirksam werden.
Dieser Gedanke ist nur mit dem Begriff der Viergliederung des Menschen nachvollziehbar, der sich ebenfalls auf Steiners Terminologie stützt. Auch diese Viergliederung ist zunächst eine „Idee“, der man aber erlebend folgen kann. Insofern der Mensch Mineralisches an sich hat, gehört er natürlich dem Stofflichen, Mineralreich an. Insofern er Lebendiges in sich hat (Wachstum/ Fortpflanzung), gehört er dem Pflanzenreich an, und insofern er Gefühle, Empfindungen, Triebe hat, dem Tierreich. So bleibt darüber hinaus das spezifisch Menschliche bestehen, das Denken und infolge dessen: die Idee. Sie erst vermag ja solche Gliederungen zu erschaffen. Das Bewusstsein erhebt sich somit im begriffsdurchdrungenen Wahrnehmen zunächst zum individuell menschlichen empor.
Durch das Nacherleben erst wird dieses Individuelle durchbrochen und in einer Vereinigung wieder zusammen gebracht. Das Nacherleben erst durchbricht also die Schranke der Abschottung. So gibt es zweierlei Ideen: die Abgeschotteten, die am Subjekt sozusagen haften bleiben, verhaftet bleiben. Sie kleben am Erfahrungsschatz seines Schöpfers und können nur durch zufällige Erfahrungsparallelen oder durch Erfahrungsüberschneidungen, wenigstens teilhaftig nachvollzogen werden. An ihnen bleibt aber immer ein Schatten des Unbewussten, quasi als Nebenwirkung, hängen. Dieser Schatten wird im Sozialen durch das gegenseitige Wohlwollen, genannt „Sozialkompetenz“, umspielt. Je mehr diese Fähigkeit verloren geht, umso mehr muss das gegenseitige Verständnis schwinden und in einem Kampf aller gegen alle enden. Das Menschentum versinkt im Abgrund eines subjektiven Schlamms von Egoisten. Anklänge davon sind durchaus erkennbar.
Die Nachvollziehbarkeit der Ideen hängt wesentlich davon ab, wie weit ich den Begriff, sowohl als dessen Bildner, wie als Empfänger, in das Nacherleben transponieren kann. Jeder Mensch kann die Urpflanze nacherleben! Selbst dann, wenn sie als solche unsichtbar bleibt. Ebenso kann jeder, der rechnen kann, den pythagoreischen Lehrsatz nacherleben. Was im ersten Fall auf der Stufe des Lebendigen vollzogen werden muss, wird im zweiten Fall den Naturgesetzen erlebend abgelauscht. In beiden Fällen wird dieses Verbindende geschaffen und die Trennung überwunden!
Wenn nun damit das Gebiet der Kunst betreten werden soll, so wird ein Drittes notwendig sein. Neben dem Erfassen der lebendigen Natur und dem erkennen der Naturreiche, muss ein schöpferischer Impuls dazwischen greifen. Dies geschieht bereits in der Begriffsbildung! Er äußert sich jetzt als (mehr oder weniger lebendige) Idee. Im besten Fall aber als nacherlebbare Idee. Sie erst kann sich jedem erschließen, der sich auf sie einlässt. Aber erst durch deren erneute Umsetzung und Rückwirkung in die sinnliche Welt, entsteht der eigentliche künstlerische Akt! Er ist die Krönung des schöpferischen Menschen, der sich so tätig der Welt zurückschenkt! Dies erfolgt erst auf seiner höchsten Stufe: einem „ethischen Individualismus“ und gebiert die Freiheit…