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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§4 Die Tätigkeit der Seele überragt die der Sinne.
1.
Hierauf stellte ich die Frage: „Was ist also die Seele, wenn sich ihre Natur überhaupt mit Worten umschreiben läßt, damit wir durch diese Umschreibung einen noch besseren Begriff von der Sache gewinnen?“ Die Antwort der Lehrerin lautet also: „Die einen haben diesen, die anderen jenen Begriff von der Seele aufgestellt, je nach der Vorstellung, die sie sich von ihr gemacht hatten. Unsere Anschauung geht dahin: die Seele ist ein gewordenes Wesen, und zwar ein Wesen lebendig und denkfähig und das dem mit Organen und [S. 253] Sinneswerkzeugen ausgerüsteten Körper die Lebenskraft verleiht und jene Sinneswerkzeuge (aus Ber.: lies: „Sinneswerkzeuge“ statt „Sinneswerzeuge“) befähigt, sich zu betätigen, solange der Körper sich in einem entsprechenden Zustand befindet.“ Während sie das nun Folgende sprach, zeigte sie mit der Hand auf den Arzt, den sie zur Kur des Leibes beigezogen hatte und der neben ihr saß. „Nahe liegt (fuhr sie weiter) die Bestätigung meiner Worte! Denn wie vermag dieser Mann, indem er mit dem Finger den Puls befühlt, durch den Tastsinn gleichsam zu hören, was die Natur zu ihm spricht und was sie von ihrem Befinden berichtet, nämlich daß die Körperschwäche zunimmt, daß die Krankheit von diesen Eingeweiden ausging und das Fieber diesen Grad erreicht? Auch durch das Auge erfährt er noch einiges andere nach dieser Richtung, wenn er auf die Art des Liegens hinschaut oder auf die Abmagerung des Fleisches, und wie der innere Zustand sich kundgibt in dem Aussehen der Hautfarbe, wenn dieselbe gelblich und gallicht wird, ebenso durch den Blick der Augen, wenn derselbe bei Trauer und Schmerz sich unwillkürlich verzieht. In ähnlicher Weise unterrichtet auch das Gehör über dergleichen, indem es an dem häufigen und beklommenen Atmen und durch das Stöhnen, das mit dem Atmen verbunden ist, das Leiden erkennt. Man könnte aber sagen, nicht einmal der Geruch ist für den Kundigen hiezu ungeeignet, das Leiden zu bestimmen, vielmehr schließt er aus einer bestimmten Beschaffenheit der Ausatmung auf das im Innern sitzende Übel. Wie könnte all das stattfinden, wenn nicht eine geistige Kraft vorhanden wäre, welche jede Sinnestätigkeit begleitet?“