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Die Bibel ist ein gewachsenes Buch. Das habe ich an dieser Stelle, vor ziemlich genau zwei Jahren, schon einmal erklärt, als es um den Urtext ging.
Die Heilige Schrift wurde überarbeitet, übersetzt und gekürzt. Ihre heutige, klar definierte Form nahm die Büchersammlung, die die Bibel eigentlich ist, erst im 16. Jahrhundert an. Und das kam so: Die Heiligen Schriften des Judentums bildeten schon zur Zeit Jesu den Kernbestand dessen, was wir heute als Altes Testament kennen – im jüdischen Glauben Tanach genannt.
Jesus bezog sein ganzes Wirken auf diese drei Bücher: die Tora, die Propheten (Nevi’im) und die Schriften (Ketuvim). Diese Texte wurden auch von den ersten Christ*innen so übernommen – allerdings wurden schon dort einige Texte hinzugefügt oder verändert. In der christlichen Tradition entstand eine zweite Schriftensammlung – das Neue Testament. Es beginnt mit den Evangelien aus der Feder verschiedener Verfasser, die voneinander abschrieben.
Spätere Bearbeiter veränderten diese Texte. Dazu kamen verschiedene Briefe, über deren Ursprung gestritten wurde: Zahlreiche Fälschungen waren im Umlauf, und über die theologischen Aussagen herrschte Uneinigkeit. So entstand eine Schriftensammlung, die bis ins Mittelalter alles andere als verbindlich war und diverse Schriften, darunter Evangelien, einschloss, die heute fast vergessen sind – nachdem die römisch-katholische Kirche den biblischen Kanon im 16. Jahrhundert auf dem Konzil von Trient endgültig festschrieb.
Die Auswahl der Schriften, die in den neutestamentlichen Kanon sollten, war niemals nur eine Frage der Authentizität, sondern immer auch ein politisch-theologischer Entscheid. Gerade die Evangelien zeichnen Jesus zum Teil sehr unterschiedlich, man vergleiche etwa den «emotional-menschlichen» Jesus des Markus mit dem Jesus anderer Evangelisten. Die Meinung, es gebe eine «richtige» Bibel, die während jahrhundertelangen Diskussionen aus dem Textberg der zu Verfügung stehenden Schriften geschält worden sei, ist, gelinde gesagt, verklärt.
Sebastian Schafer