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Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) ist eines der meistbeachteten statistischen Produkte: Der LIK ist in der breiten Öffentlichkeit ebenso gefragt wie in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Seit 1922 erstellt und auf 1914 zurückgerechnet, zeichnet der LIK die Preisentwicklung im Zeitverlauf nach und liefert damit eine wirtschaftspolitische Schlüsselinformation. Nicht nur die Preise sind veränderlich, sondern auch die Grundbausteine des LIK, was die Aufgabe der Preisstatistikerinnen und -statistiker erschwert. Aus diesem Grund wird der Indikator regelmässig revidiert. Im Zentrum steht aber nach wie vor die Messung der Kaufkraftveränderung aus der Optik der Konsumentinnen und Konsumenten.
In der Preisentwicklung widerspiegeln sich wirtschaftliche, politische und soziale Ereignisse. So bewirkte zum Beispiel die Mangelsituation im Ersten Weltkrieg einen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Nachkriegsrezession (1918–1922) führte zu einem allgemeinen Preisrückgang, wobei sich insbesondere die landwirtschaftlichen Produkte verbilligten. Der Börsencrash von 1929 läutete eine Weltwirtschaftskrise ein. Während der Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs zogen die Preise wieder an und stabilisierten sich zwischenzeitlich in der Nachkriegszeit. Danach kamen die Preise nicht mehr vom Wachstumspfad ab. Die Entwicklung der Gewichtung des Warenkorbs, der sämtliche von den Haushalten konsumierten Waren und Dienstleistungen abbildet, liefert ebenfalls interessante Informationen über die Entwicklung der Konsumgewohnheiten (siehe Grafik 2): 1939 entfielen 40% der gesamten Konsumausgaben auf Nahrungsmittel; heute sind es nur noch 11%. Das bei den Nahrungsmitteln eingesparte Geld wird hauptsächlich für Produkte rund um das Wohlbefinden ausgegeben, denn der Anteil der Ausgaben für Freizeit und Gesundheitspflege ist seit 1939 stark angestiegen. Der LIK ist seit seiner Einführung im Jahr 1922 achtmal angepasst worden. Da Ungenauigkeiten bei der Indexerarbeitung gravierende makro- und mikroökonomische Konsequenzen haben, wird der Indikator periodisch aktualisiert. Wie bereits geschildert, verändern sich die Konsumgewohnheiten. Gleichzeitig bieten technologische und wissenschaftliche Weiterentwicklungen vielversprechende Möglichkeiten, um die Preiserhebung und die Indexberechnung weiter zu verbessern. Vor der Schilderung der laufenden Revision wird im Folgenden zunächst die Berechnung des LIK erläutert.
Was braucht es für die Erstellung des LIK?
Dazu braucht es drei Hauptkomponenten: Erstens den Warenkorb, der praktisch alle Waren und Dienstleistungen abdeckt, von den Nahrungsmitteln und Getränken über Bekleidung, Wohnen, Energie, Hausrat, Gesundheitspflege, Verkehr, Nachrichtenübermittlung, Unterricht bis hin zu Freizeit und Kultur, Restaurants und Hotels, Körperpflege oder Privatversicherungen. Diese Gruppen werden entsprechend den Konsumausgaben der Haushalte gewichtet:
Die dabei verwendeten Daten stammen aus der jährlichen Haushaltsbudgeterhebung (Habe) des BFS. Siehe http://www.bfs.admin.ch, «Themen», «20 – Wirtschaftliche und soziale Situation der Bevölkerung», «Einkommen, Verbrauch und Vermögen», «Daten, Indikatoren», «Haushaltseinkommen und -ausgaben 2007». Je grösser die Ausgaben für eine Gruppe, desto bedeutender ist deren Gewicht. So machen beispielsweise die Ausgaben für Wohnen und Energie mit mehr als 25% den grössten Anteil aus (siehe Grafik 3). Zweitens braucht es die Preise. Damit deren Entwicklung berechnet werden kann, müssen sie für bestimmte Produkte im Warenkorb erfasst und im Zeitverlauf beobachtet werden. Durchschnittlich werden zirka 60 000 Preise in rund 2200 Verkaufsstellen monatlich erhoben und überprüft. Die Qualität der Preiserhebungen ist entscheidend, denn sie bilden das Fundament des LIK. Die Produkte, deren Preise erhoben werden, müssen repräsentativ für die Konsumgewohnheiten der Haushalte sein und im Zeitverlauf so stabil wie möglich bleiben. In gewissen Fällen schliessen sich Repräsentativität und Stabilität jedoch aus. Ein bestimmtes Computermodell bleibt nie sehr lange auf dem Markt; auch Kleider unterliegen den Modeströmungen und wechseln von Jahreszeit zu Jahreszeit. Es gilt somit, Techniken zu entwickeln, mit denen zwei unterschiedliche Produkte verglichen sowie Preis- von Qualitätseffekten getrennt werden können. Die dritte Hauptkomponente ist die Berechnungsformel, anhand derer sich die Preisveränderungen der ca. 60 000 Preise im Warenkorb aggregieren lassen. Zurzeit kommen ein geometrisches und auf aggregiertem Niveau ein gewichtetes arithmetisches Mittel zum Einsatz (nach dem Konzept von Laspeyres). Diese beiden Berechnungsmethoden sind in der Preisstatistik verbreitet, auch im benachbarten Ausland. Die Preisstatistikerinnen und -statistiker forschen intensiv nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Genauigkeit des LIK. Anlässlich der Revision 2000 wurde ein Grossteil der Preiserhebung professionalisiert und an ein privates Erhebungsinstitut ausgelagert. Warenkorb-Nomenklatur und Berechnungsformeln wurden mit den Nachbarländern harmonisiert, und neue Produkte fanden Aufnahme im Warenkorb, wie zum Beispiel Gebühren, Finanzdienstleistungen, Gebrauchtwagen und Privatversicherungen. Im Jahr 2005 wurde die Erhebungsperiode für Erdölprodukte (Heizöl und Treibstoffe) verlängert, neue Erhebungstechniken wurden in Betracht gezogen, und die Beobachtung der Preisentwicklung für mehrere Waren und Dienstleistungen wurde deutlich verbessert (Medikamente, medizinische Leistungen, Telekommunikation und öffentliche Dienstleistungen). 2008 wurde für einen Grossteil der Produkte im Warenkorb ein monatlicher Erhebungsrhythmus eingeführt, und die Produkte eines Grossverteilers wurden erstmals via Scannerdaten erhoben (siehe Kasten 1). Mitte desselben Jahres startete die 9. LIK-Revision, die wiederum bedeutende Verbesserungen bringen wird.
Schwerpunkte der laufenden Revision
Die Revision 2010 des LIK beschäftigt sich mit heiklen und komplexen Themen. Dazu zählen: – Mietpreisindex: Verbesserung der Stichprobengrundlage und Logistik, wahrscheinlich Verdoppelung der Stichprobengrösse (von 5000 auf 10 000 Wohnungen), Entwicklung eines hedonischen Modells zur besseren Unterscheidung von Qualitätsdifferenzen zwischen Wohnungen;– Qualitätsanpassungen: Einführung einer neuen Qualitätsanpassungsmethode für Bekleidung und technologische Produkte, Entwicklung eines hedonischen Modells zur Angleichung der Qualität von Computern;– Erhebungstechniken: Wahrscheinlich Verzicht auf Papierformulare zugunsten von Handhelds für die Preiserhebung und dadurch verbesserte Möglichkeiten zur Datenqualitätskontrolle;– Privatversicherungen: Prüfung der Möglichkeit, Netto- anstatt Bruttoprämien zu erheben und neben den Prämien der neuen Verträge zusätzlich auch jene der bestehenden Verträge zu integrieren, Aktualisierung der Leistungspakete. Angesichts seiner Komplexität lässt sich der LIK im Rahmen dieses Artikels nicht eingehend erklären. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass die internationalen Organisationen ihre Kräfte vereint und ein über 500-seitiges Handbuch erstellt haben, das eine Übersicht über die bestehenden Methoden und Techniken zur Erstellung von Verbraucherpreisindizes bietet.
Vgl. http://www.oit.org/public/english/bureau/stat/download/cpi/order.pdf. Auch das BFS baut sein diesbezügliches Internetangebot seit mehreren Jahren deutlich aus, so dass Interessierte dort eine Vielzahl von Informationen zu diesem Indikator finden.
Vgl. http://www.LIK.bfs.admin.ch. Die Revision 2010 des LIK ist zurzeit im Gang; das Detailkonzept dazu ist auf Anfrage erhältlich.
E-Mail: lik2010@http://bfs.admin.ch.
Grafik 1: «Landesindex der Konsumentenpreise, 1914–2009»
Grafik 2: «Entwicklung des Warenkorbs, 1939–2000»
Grafik 3: «Grobstruktur Warenkorb und Gewichtung, 2010»
Kasten 1: Verwendung von Scannerdaten für die PreiserhebungScannerdaten werden beim Einlesen der Produkt-Strichcodes an den Kassen der Grossverteiler erzeugt. Sie werden seit Juli 2008 für den LIK verwendet. Solche Daten bringen viel präzisere Ergebnisse als eine Preiserhebung «vor Ort». Der Grund dafür ist die grosse zeitliche und geografische Abdeckung der so erfassten Preise. Die damit einhergehenden Umsatzinformationen erlauben darüber hinaus die Auswahl der für die Preiserhebung repräsentativsten Artikel. Und nicht zuletzt werden die Datenlieferanten von statistischen Aufgaben rund um die Lieferung von Verbraucherpreisen entlastet. Das Bundesamt für Statistik (BFS) gehört zu den Pionieren unter den statistischen Ämtern bei der Verwendung von Scannerdaten zur Berechnung des Verbraucherpreisindexes (LIK). Diese Modernisierung der Preiserhebung ist nicht zuletzt dank der engen Zusammenarbeit mit den Grossverteilern möglich. Die Verwendung von Scannerdaten zur Berechnung des LIK erfolgt in Etappen. Sie begann im Juli 2008 mit der Integration der Daten eines ersten Grossverteilers für die Warengruppen Nahrungsmittel, Wasch- und Putzmittel sowie Kosmetika. In den nächsten Jahren soll die Verwendung von Scannerdaten schrittweise auf andere Grossverteiler und Warengruppen ausgedehnt werden.
Vgl. Bösch, R., Müller, R., Paolino, M.: Preiserhebungen mit Scannerdaten für den Landesindex der Konsumentenpreise: Erste Teileinsätze. In: Die Volkswirtschaft 1/2-2009, S 47 ff.