Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03312.jsonl.gz/680

SDG 9
Industrie, Innovation und Infrastruktur
Das neunte Ziel der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung fordert den Aufbau widerstandsfähiger Infrastrukturen und die Förderung einer breitenwirksamen, nachhaltigen Industrialisierung sowie Innovationen, um die nachhaltige Entwicklung insbesondere in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen zu begünstigen. Die Tabakindustrie greift in ihrer Rhetorik diese Anliegen zwar auf, erweist sich jedoch hauptsächlich darin innovativ, neue Kunden zu gewinnen oder diejenigen zu halten, die sie bereits in die Abhängigkeit geführt hat.
So hat sie etwa in den letzten zwei Jahrzehnten stark in die Entwicklung von E-Zigaretten und neuen Produkten auf Basis von erhitztem Tabak investiert, in der Hoffnung, angesichts der sinkenden Attraktivität herkömmlicher Zigaretten, eine neue Generation zum Rauchen zu animieren. Eines der besten Beispiele für diese Innovation ist das Produkt IQOS von Philip Morris International (PMI), das 2016 auf den Markt kam.
Dieses Gerät erhitzt den Tabak nur auf über 350 Grad, anstatt ihn zu verbrennen, was laut den Studien von PMI die Konzentration der von der rauchenden Person inhalierten toxischen Substanzen verringern soll. Das Unternehmen, dessen Veröffentlichungen regelmässig wegen mangelnder Unabhängigkeit kritisiert werden,[1] behauptet, 18 nichtklinische Studien zu diesem Thema durchgeführt zu haben,[2] hütet sich aber, unabhängige Studien zu zitieren, die zu diametral entgegengesetzten Schlussfolgerungen über die Toxizität dieser Produkte gelangen.[3]
Eine neue Generation von IQOS-Geräten, die unter dem Namen ILUMA im November 2021 in der Schweiz eingeführt wurde, funktioniert nach dem Induktionsprinzip, wobei es keinen direkten Kontakt zwischen Elektronik- und Heizkomponenten geben soll.[4] Allerdings enthält jede ILUMA-Zigarette eine dünne Metallklinge, die das Risiko birgt, beim Erhitzen den Rauch mit Schwermetallen zu belasten.
Die verwendete Technologie an sich ist nicht sehr kompliziert; sie ähnelt der eines Toasters. Allerdings hat das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz sein IQOS-System mit einer Mobiltelefonanwendung ausgestattet, die über eine Bluetooth-Verbindung Daten zu den Konsumgewohnheiten der Rauchenden erfasst. Auf der Grundlage dieser ausführlichen Informationen – beispielsweise, wie oft oder wann das IQOS-Gerät verwendet wird – können jeweils massgeschneiderte Preisnachlässe gewährt oder Angebote unterbreitet werden. Diese unscheinbare Form der Verkaufsförderung entzieht sich den Regeln der Tabakwerbung. Anhand solcher Daten lernt PMI seine Kundschaft ausserdem besser kennen und kann seine Produkte kontinuierlich nach deren Wünschen optimieren.
Aber die Tabakindustrie ist nicht nur in geschäftlicher Hinsicht innovativ. Sie hat es auch verstanden, neue Online-Kommunikationsinstrumente und insbesondere deren partizipatorische Aspekte geschickt zu nutzen, um sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt zu machen, da ja in den meisten Ländern Zigarettenwerbung im öffentlichen Raum und in den konventionellen Medien untersagt ist. In Artikel 13 des von 181 Staaten ratifizierten WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs ist ferner festgelegt, dass seine Vertragsstaaten jedwede Form von verkaufsfördernden Massnahmen oder Sponsoring für Tabakerzeugnisse verbieten.[5]
Diese Verbote haben die Zigarettenhersteller motiviert, nach alternativen Wegen zu suchen, um ihre schädliche Botschaft an die Konsumenten zu bringen. Das Internet bietet in dieser Hinsicht eine ideale Plattform. Portale wie YouTube und soziale Netzwerke wie Facebook sind voll mit Videos und Posts, in denen neue Tabakprodukte bewertet, das Rauchen verherrlicht und von Zigarettenmarken gesponserte Events gezeigt werden. Man findet sogar Clips mit Zigaretten-Zaubertricks oder Vintage-Werbung der Tabakindustrie.[6]
Mitarbeiter von British American Tobacco scheuen sich nicht, die Produkte ihres Arbeitgebers auf Facebook zu bewerben.[7] Die Marke Camel wiederum ermunterte die Internetnutzer, ihr beim Entwurf einer neuen Zigarettenpackung zu helfen.[8] Und die Zigarettenpapiermarke Rizla lockt mit zahlreichen interaktiven Spielen auf ihrer Website. Daneben gibt es Apps, die – ohne direkt für eine Zigarettenmarke zu werben – ein positives Bild vom Rauchen vermitteln, beispielsweise iShisha, mit der man eine virtuelle Shisha vorbereiten und rauchen kann.
Das Internet dient der Tabakindustrie auch als Plattform, auf der sie ihre Produkte in einem weniger stark reglementierten Rahmen verkaufen kann als in der physischen Welt. Viele E-Commerce-Portale bieten Zigaretten an – oft zu steuerfreien Preisen und ohne die gesundheitsbezogenen Warnhinweise, die in den meisten Ländern mittlerweile obligatorisch sind.[9]
Innovativ zeigt sich die Tabakindustrie auch mit der Finanzierung von Forschungsprojekten, deren Ergebnisse häufig ihren eigenen Interessen dienen. Bereits in den 1950er Jahren gründeten mehrere Zigarettenhersteller das Tobacco Industry Research Committee (TIRC), um Studien zu veröffentlichen, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs in Frage stellten.[10]
In den nachfolgenden Jahrzehnten unterstützte die Tabakindustrie Forschungskreise, deren wissenschaftliche Veröffentlichungen die schädlichen Auswirkungen des Passivrauchens oder den Zusammenhang zwischen Rauchen und plötzlichem Kindstod minimierten.[11] Erst vor Kurzem, zu Beginn der Coronavirus-Epidemie, veröffentlichten Forschende mit Verbindungen zur Tabakindustrie Artikel, wonach Nikotin eine Schutzwirkung gegen Covid-19 haben soll.[12] Diese Hypothese liess sich allerdings in keiner unabhängigen Studie bestätigen; stattdessen häufen sich mittlerweile die wissenschaftlichen Belege für einen ungünstigen Zusammenhang zwischen Rauchen und Covid-19.[13]
Das Leitbild der Zigarettenhersteller kollidiert auch in Bezug auf einen anderen Punkt – die breitenwirksame Industrialisierung – mit dem neunten Ziel der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung. Die tief kolonialistisch geprägte Tabakindustrie gründet auf der Ausbeutung des Rohstoff Tabak, der in armen Ländern angebaut wird, während der Grossteil der Verarbeitung und Wertschöpfung in einer kleinen Gruppe von Industrieländern erfolgt, allen voran in der Schweiz.
Das Beispiel Malawi ist in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich.[14] In diesem Land kommt dem Tabak tatsächlich ein einzigartiger Stellenwert zu: Er dominiert dort den Agrarsektor, trägt mit 13 % zum Bruttoinlandsprodukt bei und erwirtschaftet 70 % der exportbezogenen Einkünfte Malawis. Die Abhängigkeit vom nikotinhaltigen Kraut hat das Land nicht nur um eine nachhaltige Entwicklung gebracht, sondern stellt es auch vor eine Reihe sozialer und ökologischer Herausforderungen. In der Länder-Rangliste nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf belegt Malawi Platz 222, während die Schweiz auf Platz 10 rangiert.[15]
Die Landwirte in Malawi sind abhängig von den ständig nach unten revidierten Preisen der Tabakindustrie sowie von den Preisschwankungen dieses Rohstoffs auf den internationalen Märkten. Gezwungen, grosse Summen für Setzlinge und Düngemittel auszugeben, tun sie sich schwer, mit ihren Betrieben ein Auskommen zu erwirtschaften, und geraten oftmals in Armut. Im Übrigen sind auf den Tabakplantagen in Malawi viele unterbezahlte Arbeiter und Kinder beschäftigt.
Der Tabakanbau trägt ferner zur Entwaldung und Bodenerosion bei und erhöht das Risiko von Erdrutschen. Die von den Tabakbauern verwendeten Düngemittel und Pestizide werden in die Flüsse und in den Malawisee eingetragen, wo sie zur Gefahr werden für dessen einzigartiges Biotop und die seentypische Fauna, die eine wichtige Proteinquelle für die dort angesiedelten Menschen darstellt. Über den Tabak wird sich in diesem kleinen afrikanischen Land keine nachhaltige Entwicklung erzielen lassen.
[3] Auer, Reto; Concha-Lozano, Nicolas; Jacot-Sadowski, Isabelle; Cornuz, Jacques; Berthet, Aurélie (2017): Heat-Not-Burn Tobacco Cigarettes: Smoke by Any Other Name. In JAMA internal medicine 177 (7), pp. 1050–1052. DOI: 10.1001/jamainternmed.2017.1419.
[6] Freeman B, New media and tobacco control, Tobacco Control 2012;21:139-144. https://tobaccocontrol.bmj.com/content/tobaccocontrol/21/2/139.full.pdf
[7] Freeman B, Chapman S, British American Tobacco on Facebook: undermining article 13 of the global World Health Organization Framework Convention on Tobacco Control. Tobacco Control 2010;19:e1-e9. https://tobaccocontrol.bmj.com/content/19/3/e1?ijkey=c61bcb406e187d237f9411bda0c3bbc452e1e967&keytype2=tf_ipsecsha
[8] Freeman B, Chapman S, Open source marketing: Camel cigarette brand marketing in the “Web 2.0” world
Tobacco Control 2009;18:212-217. https://tobaccocontrol.bmj.com/content/18/3/212?ijkey=c4e4ec79fc91a8ba690848495f9f41aa2a10b7a8&keytype2=tf_ipsecsha
[9] Freeman B, New media and tobacco control, Tobacco Control 2012;21:139-144. https://tobaccocontrol.bmj.com/content/tobaccocontrol/21/2/139.full.pdf
[12] Miyara M, Tubach F, Pourcher V, et al. Low rate of daily active tobacco smoking in patients with symptomatic COVID-19. Qeios. 9. Mai 2020. https://www.qeios.com/read/WPP19W.4. et Changeux JP, Amoura Z, Rey FA, et al. A nicotinic hypothesis for Covid-19 with preventive and therapeutic implications. Qeios. 22. April 2020. https://www.qeios.com/read/FXGQSB.2.