Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03339.jsonl.gz/1263

Harsche Kritik am Gesundheitswesen: Qualität und Patientensicherheit ungenügend
Ein vom BAG in Auftrag gegebener Bericht zur Qualität und Sicherheit der Schweizer Gesundheitsangebote listet eine Vielzahl von Problemen auf. Hauptkritik: Die mangelnde Transparenz bezüglich der Qualität., 11. November 2019 um 11:15
- Die Medikation von 22,5 Prozent der über 65-Jährigen in der Schweiz ist potenziell inadäquat.
- Zwischen 8 und 15 Prozent der Patientinnen und Patienten werden während ihres Spitalaufenthalts Opfer eines unerwünschten Arzneimittelereignisses.
- Eine Studie in einem Schweizer Spital ergab, dass 12,3 Prozent der Patientinnen und Patienten während ihres Aufenthalts zu Schaden kommen. Fast die Hälfte dieser Fälle ist vermeidbar.
- Bei hospitalisierten Erwachsenen beträgt die Dekubitusrate 4 Prozent und die Sturzrate 3,8 Prozent.
- Aus der Auswertung der letzten nationalen Handhygiene-Kampagne ging hervor, dass die Good Practices nur in 53 Prozent der Fälle befolgt wurden.
- Gemäss einer nationalen Studie in den Pflegeheimen litten 1,7 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner während ihres Aufenthalts an Dekubitus, 2 Prozent stürzten und verletzten sich dabei, 5,1 Prozent hatten sich in den vorangegangenen 30 Tagen Harnwegsinfektionen zugezogen.
- 2011 ergab eine Querschnittsbefragung in Schweizer Spitälern, dass 38 Prozent keine Strategie planten, um das Personal zur offenen Besprechung von Fehlern mit den Patientinnen und Patienten zu ermutigen.
«Wir sind enttäuscht»
Das sind die Empfehlungen der Studienautoren:
- Bessere Einbeziehung von Patientinnen, Patienten und Betreuenden als Partnerinnen und Partner - "Die Schweizerinnen und Schweizer wissen mangels verfügbarer Informationen sehr wenig über die Standards der erbrachten Versorgungsleistungen, und die Patientenorganisationen sind in der Steuerung des Gesundheitssystems nicht angemessen vertreten. Die Patientinnen und Patienten könnten eine viel grössere Rolle spielen, indem sie Rückmeldungen zu ihren Erfahrungen mit der Gesundheitsversorgung geben, die Krankenakten auf Korrektheit und Vollständigkeit prüfen, spezifische Anliegen vorbringen und sich zu Behandlungsqualität und Patientensicherheit äussern.
- Gleicher Zugang für alle - "Es gibt Hinweise, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen den Zugang zur Gesundheitsversorgung weniger leicht finden und ihre Versorgung nicht immer dem üblichen Standard entspricht."
- Motivation und Unterstützung der Gesundheitsfachkräfte stärken - "Mitarbeitende, die sich motiviert, unterstützt und befähigt fühlen, erbringen qualitativ hochwertigere Leistungen. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften in der Schweiz ist ein zusätzlicher Anreiz, das System so auszugestalten, dass die Fachkräfte ihre Arbeit als sinnvoll und erfüllend erleben. Eine starke Sicherheitskultur ist für die Verbesserung von Qualität und Patientensicherheit zentral und muss in der Schweiz höher gewichtet werden. Wir empfehlen zudem nachdrücklich, den konkreten Aufbau einer Gemeinschaft von Fachleuten aus allen relevanten Fachgebieten zu fördern, die auf die Verbesserung von Qualität und Patientensicherheit hinarbeiten."
- Stärkung von Qualitäts- und Sicherheitsinformationen - " In der Schweiz fehlen national anerkannte Qualitäts- und Sicherheitsindikatoren, insbesondere in der Langzeitpflege, der ambulanten Versorgung und der Pflege zu Hause. Ressourcenmässig gut ausgestattete Datenerfassungssysteme sind nötig, um das Volumen von Prozess- und rgebnismessungen massiv zu erhöhen. Nachdem dieses Thema jahrzehntelang nur am Rande angegangen wurde, hinkt die Schweiz vergleichbaren europäischen Systemen deutlich hinterher. Es bedarf nationaler Anstrengungen, um ein umfassendes System von Qualitäts- und Sicherheitsindikatoren für alle Bereiche der Gesundheitsversorgung zu entwickeln, das landesweit zu vertretbaren Kosten eingeführt werden kann."
- Besser Unterstützung für Patientinnen, Patienten, Betreuende und Personal nach schädigenden Ereignissen
- Besser Ausbildung, Schulung und Forschung in den Bereichen Qualität und Patientensicherheit - "Um die Herausforderungen zu bewältigen, denen das Schweizer Gesundheitssystem heute und morgen gegenübersteht, sind auch Schulungen in Bereichen wie Qualitätsmanagement, Human Factors und Implementation Science notwendig. Alle Akteure des Systems, wie politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, CEOs, operative und klinische Führungskräfte und Mitarbeitende, müssen Zugang zu diesen Schulungsprogrammen haben."
- Aufbau der notwendigen Voraussetzungen und Fähigkeiten für eine sichere, hochwertige Versorgung - "Um organisationsweit nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, ist eine Qualitätsinfrastruktur nötig. Dazu gehören ein Netzwerk von führenden Verbesserungsfachleuten, die Unterstützung der Führung, Datensysteme, Indikatoren und Dashboards sowie Unterstützungsstrukturen für die Verbesserung von Behandlungsqualität und Patientensicherheit."
- Nationale Programme zur Verbesserung der Patientenversorgung - "Wenn Probleme landesweit bekannt und evidenzbasierte Best Practices verfügbar sind, sollten nationale Programme zur Verbesserung von Behandlungsqualität und Patientensicherheit umgesetzt werden. Für die verschiedenen Themen und Bereiche der Gesundheitsversorgung sollten jeweils mehrere nationale Programme parallel laufen."
Artikel teilen
Loading
Comment
2 x pro Woche
So will das Kantonsspital Graubünden Gewaltopfern helfen
Das Kantonsspital Graubünden in Chur betreibt neu die Sprechstunde «Forensic Nursing». Das Angebot ist das erste dieser Art in der Deutschschweiz.
Kantonsspital Winterthur lässt Gender-Leitfaden nun doch fallen
Das Kantonsspital Winterthur zieht die gendergerechte Sprachempfehlung zurück. Der Druck ist wohl zu gross geworden.
Christian Britschgi wechselt als Chefarzt nach Winterthur
Christian Britschgi leitet künftig die medizinische Onkologie und Hämatologie im Kantonsspital Winterthur.
Zwei der grössten Psychiatrie-Kliniken wollen fusionieren
In Bern bahnt sich eine Elefantenhochzeit an: Die zwei eh schon grössten Kliniken wollen sich zu einer vereinigen.
Mobbing-Streit in Solothurn droht zu eskalieren
Seit Monaten schwelt bei den Solothurner Spitälern ein Konflikt. Nun erhebt auch der Berufsverband schwere Vorwürfe und droht sogar mit Klage.
Mitten in Luzern entsteht ein neues Ärztezentrum
In der Stadt Luzern eröffnet bald eine neue Gruppenpraxis, wo künftig mehrere Ärzte in einer Ärztegemeinschaft arbeiten werden.
Vom gleichen Autor
Covid-19 ist auch für das DRG-System eine Herausforderung
Die Fallpauschalen wurden für die Vergütung von Covid-19-Behandlungen adaptiert. Dieses Fazit zieht der Direktor eines Unispitals.
Ein Vogel verzögert Unispital-Neubau
Ein vom Aussterben bedrohter Wanderfalke nistet im künftigen Zürcher Kispi. Auch sonst sieht sich das Spital als Bauherrin mit speziellen Herausforderungen konfrontiert.
Preisdeckel für lukrative Spitalbehandlungen?
Das DRG-Modell setzt Fehlanreize, die zu Mengenausweitungen führen. Der Bund will deshalb eine gedeckelte Grundpauschale - für den Direktor des Unispitals Basel ist das der völlig falsche Weg.