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Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiss Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.
Goethe: West-östlicher Divan
Die Geschichte des Wortes kanón ist lang und voller Bedeutungsverschiebungen. Im Buch Hesekiel steht es für eine Messrute, und im Griechischen bedeutete es «gerades Rohr»; in der Bedeutung «das richtige Mass» taucht es in antiken Lehrbüchern für Architektur und Skulptur auf. So nannte Polyklet sein Buch über die ideale Proportionierung des menschlichen Körpers in der Skulptur «Kanón». In Ethik und Rhetorik wurde es in einem Sinnzusammenhang mit parádeigma und kritérion gebraucht und bedeutete ein Modell, an das man sich halten sollte; auf Literatur angewendet, wurde kanón in Verbindung mit krísis «Scheidung, Entscheidung» benutzt und implizierte eine urteilende Unterscheidung. So stellten die alexandrinischen Grammatiker eine Liste der Musterautoren der Antike auf, die sie als Kanon bezeichneten. Und die mittelalterliche Kirche erliess ein Verzeichnis der anerkannten Schriften und der kirchenrechtlichen Normen, die als kanonisch, also als verbindlich galten. Im übertragenen Sinn war der Kanon eine Liste heiliger, eben kanonischer, Bücher; später, seit dem 17. Jahrhundert, war er auch wieder eine Liste kanonischer Schriftsteller. Von der Aufklärung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt ein Bildungskanon, der eine Folge der Säkularisierung war und der nicht mehr nur vom Adel und Klerus, sondern vor allem vom Bürgertum getragen wurde, für das er ein entscheidendes Element der Selbstdefinition und des Selbstverständnisses darstellte. Entsprechend wurde der Kanon durch bürgerliche Institutionen vermittelt: durch Schulen, Theater, Museen, durch den Konzert- und Vortragsbetrieb. Bis heute stellt der Kanon einen kulturgesellschaftlichen Konsens dar; indem er die wichtigsten Werke oder Schriftsteller zusammenfasst, ist er das richtige Mass aller Bildungsdinge in einer Kulturgemeinschaft.
Immer wieder war die Erstellung eines Kanons das Symptom einer Sinnkrise – sei es, dass der kulturelle Konsens bröckelte und neu fixiert werden musste, sei es, dass überhaupt ein kultureller Niedergang befürchtet wurde. So verweist der Kanon auf eine gesellschaftliche Beunruhigung und kulturelle Verunsicherung, und als in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Bildungsmassstäbe überall und besonders in Deutschland sich verschoben, haben Zeitschriften und Verlage immer wieder mit Listen der «100 wichtigsten Bücher» und mit «Jahrhundert-Editionen» versucht, eine hypothetische Ordnung in die kulturelle Unübersichtlichkeit zu bringen und die pluralistische Massengesellschaft auf einen neuen Bildungskanon einzuschwören. Dabei ging dieser immer wieder in den Wogen des Kulturbetriebs unter, wurde er in die Erlebnisgesellschaft integriert, dann wieder ganz ignoriert. Wenn Udo di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht und Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bonn, in seinem neuen Buch «Die Kultur der Freiheit» das Versiegen der kulturellen Sinnquellen und das Fehlen verbindender Werte beklagt, so beklagt er eigentlich, dass die deutsche Gesellschaft den Bildungskanon ausser Kraft gesetzt hat.
Überlegungen über Gültigkeit und Bedeutung der bildungsbürgerlichen Werte – anfänglich Teil einer eher akademischen Debatte – wurden als Reaktion auf die Pisa-Studie, die in Deutschland den bildungspolitischen Notstand ausrief, Teil eines pädagogischen Programms, das deutlicher als in Jahrzehnten Lernziele steckte und Richtlinien formulierte. Noch 1999 wurde das Buch von Manfred Fuhrmann über den «europäischen Bildungskanon» als Ausdruck einer konservativen kulturellen Gesinnung aufgenommen, während sein Essay über «Bildung» von 2002 schon als Mahnung an die identitätsstiftende Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses ernstgenommen wurde. Der Kanon, schrieb Fuhrmann da, «sucht zwischen der unüberschaubaren Vielfalt der Kultur und den einzelnen, die an ihr teilhaben, zu vermitteln: Er reduziert die Potentialität auf Aktualität, auf eine für das einzelne Subjekt überschaubare Auswahl. Er erlangt, da er auf anerkannten Normen beruht, über eine längere Zeit hinweg für eine ganze Gruppe oder Schicht von Subjekten Gültigkeit.» Kanon ist heute auch ein umfassendes kulturelles Narrativ, das nicht mehr nur die Massstäbe für Bildung festlegt, sondern die Bildungspolitik beeinflusst, denn ohne seine Überlieferung und Vermittlung durch die Schule kann kein Kanon bestehen.
So ist auch das grossangelegte Vorhaben des Insel-Verlags, einen Kanon der deutschsprachigen Literatur herauszubringen, nicht zuletzt ein pädagogisches Ansinnen. Die von dem früheren Leiter der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffene Auswahl bedeutender Texte der deutschsprachigen Literatur aller Gattungen und Epochen soll eine Bildungsgrundlage bieten und den kulturellen Konsens wiederherstellen. Über 18’000 Seiten sind bereits erschienen: eine Kassette mit zwanzig Romanen, von Goethe und Fontane über Thomas Mann und Hermann Hesse bis zu Kafka und schliesslich Günter Grass und Thomas Bernhard; eine andere mit über 180 Erzählungen, von Goethe, Schiller und Jean Paul über E.T.A. Hoffmann, Stifter und Storm bis zu Canetti, Christa Wolf und Christoph Ransmayr; und eine dritte mit mehr als vierzig Dramen, von Lessing, Goethe und Schiller über Büchner, Schnitzler und Brecht bis zu Heiner Müller und Botho Strauss. In diesen Tagen wird eine Kassette mit etwa 1400 Gedichten – vom Hildebrandslied und Hartmann von Aue, über Goethe, Schiller und Hölderlin, Heinrich Heine und Stefan George bis zu Paul Celan, Erich Fried und Durs Grünbein – ausgeliefert, und eine weitere Kassette mit Essays soll in Vorbereitung sein.
Die Auswahl, die Reich-Ranicki getroffen hat, ist ebenso objektiv wie subjektiv. Objektiv ist sie, weil sie die längst kanonisierten Klassiker – auch diejenigen der Moderne – berücksichtigt, und subjektiv ist sie, weil sie den aus zahlreichen Artikeln und Interviews wohlbekannten Geschmack des Herausgebers wiedergibt. Gerade in der Mischung aus Übernahme und Neuerung ist Reich-Ranickis Auswahl ein Kanon: eine Liste der wichtigen Werke deutschsprachiger Literatur, die alle Traditionen aller Epochen einschliesst und der Literaturgeschichte ebenso wie dem Zeitgeschmack Rechnung trägt. Indem er aber vorgibt, «nichts anderes als freundliche Hinweise, Vorschläge und Empfehlungen» zu bieten, kokettiert Reich-Ranicki mit seinem eigenen Vorhaben; denn die Idee des Kanons ist Verbindlichkeit, und auch «Der Kanon» will für Lehrer und Schüler verbindlich sein. So war denn auch nicht nur die «literarische Qualität», sondern auch die «Lesbarkeit der Texte» ein Auswahlkriterium. Reich-Ranickis «Kanon» hat in Deutschland eine Debatte über Literatur ausgelöst und auch dazu beigetragen, dass die Bedeutung der literarischen Bildung – und also ihrer Vermittlung in den Schulen – öffentlich beschworen wurde. «Der Kanon» ist zwar nur ein Kanon, aber er deutet auf das allgemeine Bedürfnis nach einer überschaubaren, kritisch sanktionierten Auswahl hin.
«Der Kanon. Die deutsche Literatur». Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt: Insel Taschenbuch Verlag, 2002–2005.
Romane. 20 Bände im Schuber, 2002.
Erzählungen. 10 Bände und ein Begleitband im Schuber, 2003.
Dramen. 8 Bände und ein Begleitband im Schuber, 2004.
Gedichte. 7 Bände und ein Begleitband im Schuber, 2005.
Stefana Sabin, geboren 1955, schreibt als freie Kulturkritikerin insbesondere für die NZZ und die FAZ.