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Der Roman stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, geschrieben hat ihn der Aufklärer und Kirchenskeptiker Denis Diderot. Wie man annehmen darf, aufgrund eigener Erfahrungen: Schliesslich hat ihn sein Vater vorübergehend in einem Kloster einsperren lassen, um eine nicht standesgemässe Liaison mit einer Frau zu unterbinden.
Und verfilmt wurde das auch schon, zum Beispiel 1966 von Jacques Rivette, mit Anna Karina in der Titelrolle und Liselotte Pulver in der Rolle einer der Äbtissinnen. In dieser aktuellen französischen Verfilmung von Guillaume Nicloux hat Isabelle Huppert die Rolle dieser Madame de Chelles inne, und sie spielt sie hart an der Grenze zur Karikatur, als schmerzlich getriebene Lesbe, die sich immer wieder neue Favoritinnen unter ihren Nonnen aussucht.
Das mag angelegt sein als Gegenpol zu den anderen gezeichneten Äbtissinnen. Die erste, welche die siebzehnjährige Novizin Suzanne Simonin unter ihre Fittiche nimmt, hat ein grosses Herz und eine grosse Berufung. Sie ist es, welche der von ihrer Familie unter den Schleier gezwungenen jungen Frau die Vorstellung vom Nonnengelübde zumindest erträglich macht. Nach ihrem unter ungeklärten Umständen erfolgten Ableben übernimmt allerdings eine sadistische Fanatikerin das Klosterszepter und für Suzanne beginnt eine eigentliche Gefängnishölle.
So wie Isabelle Huppert ihre Mutter Superior spielt, ist sie durchaus als Gegenentwurf zur bürgerlichen Ehefrau zu verstehen, als eine Frau, die sich dahin zurückgezogen hat, wo sie ihre Natur und ihre Gefühle zumindest heimlich ausleben kann. Damit erinnert Huppert an den schwulen Priester in diesem anderen Film der diesjährigen Berlinale, den von einer Frau inszenierten W imie. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob Diderot ihr im Roman die gleiche Mehrdimensionalität zugestanden hat. Und darum wirkt Hupperts Spiel im Rahmen von Nicloux‘ Film ein wenig komisch, erinnert an Klosterklamotten der 70er Jahre.
Nicloux inszeniert in historischem Dekor im französischen Stil zwischen Rivette und Historienschinken. Gerade realistisch genug, um im Zeitkolorit zu bleiben. Und doch abstrahierend, um die Brücke in unsere Zeit zu schlagen. Dabei hilft ihm auch seine junge Hauptdarstellerin Pauline Etienne, welche Suzanne als moderne, aufgeklärte und sehr selbstbewusste Frau zu spielen weiss, ohne anachronistisch zu wirken. Martina Gedeck ist ihre Mutter, die ihr zur Erklärung ihrer Abschiebung ins Kloster auch einen Teil des Geheimnisses ihrer Herkunft aufdeckt.
Alles in allem ist La religieuse ein beeindruckendes und stark nachklingendes Drama. Der Film wird Diderots Absichten wahrscheinlich gerechter als der doch ein wenig zwischen Gothic Novel und Jane Austen schwankende Plot seines Briefromans es eigentlich zulassen würde. Das ist keine kleine Leistung der Regie – aber auch der Hauptdarstellerin. Denn sie schlägt die Brücke in die Realität.