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Als Gunter Sachs vor drei Wochen seine Werkschau im Museum Frieder Burda in Baden-Baden eröffnete, hatte sich eine illustre Gesellschaft eingefunden. Sachs wurde als „SWR3 New Pop Art Künstler 2009“ geehrt. Mit dem Festival wird zugleich eine Gesamtschau des fotografischen Werks präsentiert.
Der Kontakt zwischen dem Gründer von PHOTOGRAPHIE Ernst „Lonny“ Meier und Gunter Sachs entstand über die Werbeagentur TWBA, für die Jost Wildbolz in Kampagnen mit dem Schuhersteller Bally involviert war. Für Bally produzierte Sachs 1977 einen Herbst-Prospekt, und es sprach sich herum, dass er gerne ein Fotobuch publizieren würde. Jost Wildbolz veröffentliche gleichzeitig mit dem Sonderdruck der Fotos zur Kampagne (heute mit Sammelwert) ein Portfolio in unserem Verlag.
Gunter Sachs und Ernst Meier dürften sich bereits bei einem ersten, durch Jost Wildbolz vermittelten Kontakt zusammengefunden haben. In einem jungen, unkonventionellen Verlag mit beachtlichem Leistungsausweis und zudem in der Schweiz publizieren zu können, begeisterte Sachs. Meier interessierte sich ernsthaft für die Bilder, kämpfte jedoch mit Selbstzweifeln, wie er in der Welt der Schönen und Reichen bestehen würde.
Als „Playboy“ in weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt, war Sachs Ende der siebziger Jahre weit davon entfernt, auch als Fotograf Anerkennung zu finden. Sein erstes, 1974 bei Heyne erschienenes Buch „Mädchen in meinen Augen“ provozierte Missverständnisse und wurde in die gleiche Kategorie wie die Softerotik eines David Hamilton eingereiht. Vermutlich hatte kaum jemand den sehr persönlichen Einführungstext von Sachs gelesen.
Gunter Sachs erklärte aus seiner Sicht, weshalb er zur Fotografie kam. In wilden Jahren an der französischen Riviera lernte er nahezu alle Grössen des Filmschaffens persönlich kennen und begann selbst Filme zu drehen. Der abendfüllende Winterfilm „Happening in Weiss“ gewann mehrere Preise und ist auch heute noch sehenswert. Doch Sachs fühlte sich eingeengt, einem Stab von Dutzenden von Spezialisten und Technikern ausgeliefert und kam sich „wie ein Cecil B. DeMille im Taschenformat“ vor.
Die Fotografie entdeckte er als kleineres Format, mit dem er seine eigenen Idee direkter visualisieren konnte. Doch wie sollte man Bilder und Portfolios kommunizieren?
Gunter Sachs hatte eine klare Vision von seinem neuen Fotobuch, und es blieben uns nur wenige Wochen, um unsere eigenen Vorstellungen miteinzubringen. Die erste Retraite fand auf einer Alm bei Bad Wiessee statt. Sachs hatte sich, von Schreinern aus Gstaad, das Dachgeschoss eines Alpgebäudes umbauen lassen. Unten grasten im Frühherbst noch einige Kälber, der Alm- und Gastwirt zählte die letzten Gäste, und im Bedroom unter dem Dach breitete der Grafiker Peter Wassermannn die ersten Abzüge der Lithos aus. Die Reise hatte uns durstig gemacht, doch Eduard Wolfbauer, dem Sachs das Buch später auch widmete, löste das Problem und unsere Zungen mit der Beschaffung von einigen Flaschen Weissbier.
Gunter Sachs war begeistert von der technischen Qualität und begann sogleich auf dem Parkett und über das Bett hinweg die Bilder aufzureihen, auszusortieren, und in wenigen Stunden gewann das Buch an Gestalt. Über Mittag traf man sich in Bad Wiessee mit Familie und Freunden zu Pfifferlingen mit Knödeln, aufmerksam beobachtet von anderen Gästen. Man musste sich daran gewöhnen, dass man als Begleitung der Familie Sachs gelegentlich im Scheinwerferlicht der Peoplefotografie stand.
Fertiggestellt wurde das zukünftige Buch zwei Wochen später Seite für Seite im Chalet in Gstaad. Den Arbeitsprozess kann man heute kaum mehr nachvollziehen, – wir hatten ja weder Kopierer noch Laptop noch Netzwerke zur Verfügung. Handnotizen, Klebestifte, Tippex waren unsere Werkzeuge. Mirja Sachs verwöhnte uns am Küchentisch mit Unterstützung der Haushälterin kulinarisch. Für das Schwimmen im Indoorpool mit der legendären Grotte blieb uns keine Zeit. Sachs erwies sich als unermüdlicher Arbeiter und als Perfektionist. Für die intensive Arbeit war er ein Kollege unter vielen, stets neugierig, lernfähig, streitbar und dann auch kompromissbereit.
Es fehlte nicht an Diskussionen zwischen Zeilen und Bildern. Als Noch-Waage und Fast-Skorpion betrachtete mich der Skorpion Sachs als ideale Besetzung. Peter Wassermann, geboren im Zeichen des Wassermanns wurde als Objekt für seine astrologische Studien besonders geschätzt.
Das zusammengeklebte Original brachte Peter Wassermann nach Schaffhausen, mein Text folgte einige Tage später. Die Vernissage von LICHT’BILDER fand am 28. November 1981 im Kulturzentrum Salzburger Kunsthof-Weiergut statt. Den Titel hatte ich persönlich vorgeschlagen und auch durchgesetzt. Um die Bilder zu verstehen, sollte man eine Pause zwischen „Licht“ und „Bilder“ einlegen können. Gunter Sachs war vermutlich damals nicht restlos überzeugen, doch er fand die Idee interessant und nahm sie auf.
Die Vernissage in Salzburg wurde ein grosser Erfolg. Die People-Presse lobte das Buch. Helmut Maria Glogger rezensierte es mit mehreren Bildseiten in der Bunten, dann folgt ein Beitrag in der Quick. Keine andere Edition im Verlag PHOTOGRAPHIE war publizistisch derart erfolgreich, auch wenn die Auflage bewusst beschränkt blieb.
Ernst Meier konnte als Verleger auf diesem Erfolg nicht weiter aufbauen. Im Sommer 1981 verunfallte er als Teilnehmer eines regionalen Autorennens tödlich. Die Familie Sachs, zur Zeit der Trauerfeier in den USA, erwies ihm mit einem wunderschönen Blumenkranz und einem Schreiben ihre Referenz. Gunter und Mirja Sachs schätzten Ernst Meier als jungen, kreativen und mutigen Verleger, dessen Wagemut ihm auch zum Verhängnis wurde. Zu einem Folgeband kam es nicht, was Sachs bedauerte.
Wie ist LICHT’BILDER aus heutiger Sicht zu beurteilen? Sachs hatte, basierend auf seinen Erfahrungen mit dem Medium Film die damalige Studiotechnik in Shootings unter natürlich Himmel auf Ibiza übertragen. Die bereits in „Happening in Weiss“ verwendete Technik der harten Shots mit grossen Kontrasten führte er im kleinen Format der Fotografie weiter. Der Einsatz von Mischlicht war innovativ und durchaus auf dem Niveau der gleichzeitigen Serien von Helmut Newton. Auch Sachs arbeitete mit Objektiven von Nikon und Diapositivfilmen von Kodak, während andere Fotografen auf das Mittelformat setzten . Peter Wassermann übertrug diesen Trend in die Buchgestaltung.
Die Ausstellung im Museum Frieder Burda zeigt weitere Entwicklungsschritte auf. Gunter Sachs versteht sich immer noch als Fotograf, doch er ist auch Mathematiker, Buchautor, liebevoller Grossvater und ein verlässlicher Freund für alle, die mit ihm in seinem reichen Leben zusammenarbeiten durften. Mein persönliches Exemplar von LICHT’BILDER widmete er „Seinem Bruder Grimm“. Ich hatte damals nur ganz wenige Zeilen, doch eine offensichtlich brauchbare Geschichte rund um den Korpus an Bildern geschrieben. Was Sachs damit andeutete, wurde mir erst dreissig Jahre später im Kino bewusst, bei „Brothers Grimm von Terry Gilliam, einer meiner Lieblingsfilme.
Werkschau Gunter Sachs im Museum Frieder Burda, Banden-Baden, bis 8. November 2009
Website Gunter Sachs (sehenswert)
Bildnachweis: Medienstelle Museum Frieder Burda, Baden-Baden