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Der erste bekannte Übergang über den Allalinpal
Unter den Gletscherpässen des Saasgrats ist der Allalinpaß ( 3570 m ), früher auch Täschjoch genannt, der niedrigste und älteste. Als seine erste touristische Überschreitung galt bis dahin diejenige, die am 14. August 1847 von den Herren Prof. Melchior Ulrich, Jakob Siegfried und Pfarrer Heinrich Schoch, alle aus Zürich, mit dem bekannten Gletscherpfarrer Franz Joseph Imseng von Saas und den Führern Johann Madutz und Franz Joseph Andenmatten in der Richtung Mattmark-Täsch ausgeführt wurde, nachdem ein 1845 unternommener Versuch Mr. K. Shuttle-worths in umgekehrter Richtung durch schlechtes Wetter vereitelt worden war 1 ).
Den Taileuten von Saas und Zermatt war aber der Paß schon früher bekannt. Engelhardt traf 1838 zu Visperterbinen einen „ munteren Studenten des Jesuiten-Collegiums zu Brieg ", Zurbriggen aus Saas, der ihm versicherte, „ diesen Weg bestanden zu haben. Wer dürfte aber einem Ebenenbewohner einen solchen Weg zumuten 1Pfarrer Imseng hatte den Paß schon dreimal überschritten, zuletzt 1838, bevor er die Zürcher hinübergeleitete.
Von Zurbriggens Übergang wußte der Pfarrer nichts. „ So lange er hier und in Randah gewesen, zwanzig Jahre, habe er nie davon gehört, daß Jemand diesen Weg gemacht " 2 ). Er muß aber schlecht unterrichtet gewesen oder von seinem Gedächtnis im Stich gelassen worden sein, denn es waren damals noch keine zwanzig Jahre verflossen, seitdem eine Überschreitung des Allalinpasses stattgefunden hatte, und zwar durch einen unzweifelhaften „ Ebenenbewohner ".
Die meines Wissens einzige Notiz über diesen ersten sicheren Übergang mag deswegen unbeachtet geblieben sein, weil sie sich an einer Stelle findet, wo sie niemand sucht, nämlich unter den barometrischen Höhenbestimmungen E. H. Michaelis'8 ) in Fröbel und Heers Mitteilungen, auf welche ich auf der Suche nach Material zur älteren Topographie der Walliser Alpen gestoßen bin.
Ernst Heinrich Michaelis, geb. 1796 zu Schöneberg in Westpreußen, gest. 1873 zu Schöneberg bei Berlin, war ein tüchtiger Topograph. Um die schweizerische Kartographie hat er sich namentlich durch die Aufnahme des Aargaus 1838-1843 verdient gemacht, die der schönen, unter seiner Aufsicht 1845-1848 in Paris gestochenen „ Karte des eidgenössischen Kantons Aargau ", 1: 50,000 ( gedruckt in Zürich ), zu Grunde liegt. Die barometrischen Höhenbestimmungen, die er mit seinem Gehülfen Wagner, aus Stuttgart, im Elsaß, Rheinbayern, Baden, Württemberg und der Schweiz ausführte, fallen in die Jahre 1827 und 1828.
Im Jahre 1827 besuchte er in der Schweiz den Jura, die Umgebung des Vierwaldstättersees und das Berner Oberland; im Jahre 1828 den Jura, die Guggisberger- und die Greyerzerberge und kam am 25. August über den Pas de Cheville ins Wallis. Von den Höhenstationen seiner barometrischen Beobachtungen im Wallis mögen die Pierre à Voir, der Col du Crêt zwischen Bagne und Hérémence, der Pas du Bœuf zwischen Aimiviers und Turtmann und der Riffel genannt werden. Der höchste Punkt, den er erreichte, war der Allalinpaß zwischen dem Rimpfisch- und dem Allalinhorn, den er am 11. September überschritt.
Die barometrische Beobachtung, sechs Meter unter der höchsten Stelle, ergab eine Höhe über dem Meere von 3552,9 m ., die von der Quote des Siegfried-Atlas, 3570 m ., nicht allzusehr differiert. Einen Namen für seinen Paß, den er für den höchsten in Europa hielt, wußte er nicht. Er bezeichnet ihn ( pag. 270 ) unter Nr. 180 als „ Paß ( für GemsEngelhardt, Chr. Mor., Naturschilderungen... aus den höchsten Schweizer Alpen. Basel 1840, pag. 149 und 175 ( Anmerkung ).
2 ) Berg- und Gletscherfahrten II, pag. 98.
s ) Mitteilungen aus dem Gebiete der theoretischen Erdkunde. Herausgegeben von Julius Fröbel und Oswald Heer. I, Zürich 1836, pag. 231 ff.
jäger ) über Gletscher hinweg von Täsch nach Allmagell nördlich am Mellichhomvorbei " und beschreibt ihn in einer langen Anmerkung ( pag. 270—273 ) wie folgt:
„ Der Weg von Täsch ( im St. Nicolai- oder Zermatterthal ) zu unserer Paßhöhe hinauf, führt auf der rechten ( oder Nord)seite des Täscherbachs bis Hetstadel gegen Osten, von da gegen Südost durch die Täschalpen ( mit kleiner Kapelle ) über den Steg eines aus Nordost von den Mischabelhörnern abfließenden Nebenbaches hinüber. Eine starke Viertelstunde später überschreitet der Pfad, ohne Steg, einen andern Nebenbach, der sich ebenfalls aus dem Nordosten, von dem sogenannten Telli ( Thäli ) herabgestürzt hat, steigt demnach, den aus Gletschern hervorrinnenden Hauptbach verlassend, gegen Osten schräge am rechten Thalgehänge hinauf, unter dem Wasserfalle eines dritten ebenfalls aus dem Thäli herkommenden Nebenbaches vorbei, zwischen einer sehr hohen Felsmauer — die Wand, mit einem Echo versehen — auf der Nordseite und einem Gletscher an der Südseite des Weges, auf einem allmälig immer dürftiger werdenden Grasboden und über Felstrümmer spurlos empor, bis man beim Aufhören der Wand den Gletscher selbst betritt, der sich hier in ein unter 10° ansteigendes und zur Paßhöhe gefahrlos eine starke halbe Stunde immerfort in östlicher Richtung hinaufführendes Schneefeld umgestaltet hat.
„ Das Hinabsteigen gegen Ostnordost über ein ähnliches Schneefeld,, welches anfangs über 15°, später nur 5° Neigung hat, ist oben auf eine gute halbe Stunde weit bei einiger Vorsicht gefahrlos; danach bricht aber unter dem Schneefeld ein Gletscher hervor, der anfangs gegen Nordost, dann gegen Osten mit zunehmender Wildheit zur Tiefe taumelt, endlich als ein gewaltiger Eisdamm quer über die Sohle des Saaßthales sich hinüberlagert und auf diese Weise den Thalbach ( die Vispe ) hemmend, den Saaßer- oder Mattmargersee bildet. Bevor dieser Gletscher sich in seiner mittleren Höhe ganz zerklüftet und nach und nach völlig unbetretbar wird, muß man vorher über gefahrvolle Gletscherspalten hinweg zu seinem südöstlichen Rande abwärts hinüberklettern, um wieder Felsboden und Spuren von Vegetation zu gewinnen. Diese Vegetationsspuren werden gegen Südosten schräge hinab üppiger und führen über einen kleinen Bach hin, der unterhalb vor seiner Mündung in den Mattmargersee einige Wasserfälle macht, immer weiter hinab an das südliche Ufer dieses Sees, woselbst endlich eine kleine Brücke über die Vispe auf den Saumweg hinleitet, der von Süden her aus dem piemontesischen Macugnaga über den Monte Moro herkommend, an dem erwähnten Eisdamm rechts vorbei sich in das Walliser Saaßthal hinabsenkt. "
So weit Michaelis; den Rest der Anmerkung, der den Allalinpaß nicht mehr direkt angeht, lasse ich weg.
Die sehr anschauliche Wegbeschreibung, die man auf der Siegfriedkarte Punkt für Punkt verfolgen kann, macht es unzweifelhaft, daß der ]J Rimpfischhorn.
überschrittene Paß von Täsch nach Almagell nördlich vom Mellichhorn der Allalinpaß ist. Auch die Wörlsche Karte der Schweiz, Blatt Biella ( 1835 ), verzeichnet in dieser Gegend ein Mellichhorn, das man allerdings bei der sehr ungenauen Gebirgszeichnung der Karte auch als das Allalinhorn ansprechen könnte. Wäre aber Michaelis nördlich vom Allalinhorn durchgegangen, so wäre er nicht nach Mattmark, sondern über das Alp-hubel- oder das Feejoch nach Fee gelangt. Daß Michaelis das Rimpfischhorn meint, geht auch daraus hervor, daß er weiter unten das Strahlhorn als nächsten östlichen Nachbarn seines Mellichhorns nennt.
Wer seine Führer und Träger gewesen sind, ersieht man aus seiner knappen, rein sachlichen Notiz ebensowenig, wie man etwas über seine Eindrücke und Erlebnisse erfährt. Nur das wird an anderer Stelle ( a. a. O., pag. 242 ) beiläufig erwähnt, daß die Tour bei nicht ganz hellem Wetter stattfand, indem ihn „ in den oberen Gebirgstheilen vor-überstreifende Wolkennebel " umhüllten.
Eine ältere Nachricht über den Allalinpaß habe ich in der Literatur nicht finden können. Den Talleuten mag allerdings, wie sich aus der Fassung der Notiz ergibt, der Weg bekannt gewesen sein, wenn auch nur als „ Paß für Gemsjäger ". Da aber diese bekanntlich in der Geschichte der ersten Besteigungen und Übergänge nicht mitzählen, so kommt dem preußischen Topographen höchst wahrscheinlich die Ehre zu, als der erste „ Ebenenbewohner " den Allalinpaß überschritten und beschrieben zu haben.A. Wäber.