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Die zweifellos wichtigsten Werke der Mundart-Autorin Ruth Bietenhard sind die Bibelübersetzungen ins Berndeutsche, die sie zusammen mit ihrem Ehemann und mit ihrem Sohn Benedikt verfasste und herausgab.
Zuerst «Ds neue Teschtamänt Bärndütsch» (1984), dann «Ds Alte Teschtamänt bärndütsch» (1990) und dann auch noch Psalmen (1994). Übersetzungsvorlagen waren griechische, beziehungsweise hebräische Bibelfassungen. Deshalb kam es teilweise zu recht markanten Neuinterpretationen bekannter Bibelstellen.
Bietenhard korrigierte Luther
Bietenhard erinnerte sich an eine besonders schwierige Passage: «Im Johannes 2, beim berühmten Luther-Satz: ‹Weib, was habe ich mit dir zu schaffen› – da hat mein Mann herausgefunden, dass dieser Satz ganz friedlich gemeint ist. Man hätte ihn übersetzten können: ‹Was geit das di und mi a, dass de Wii usgange isch an dem Hochzyt›. Deshalb übersetzten wir es so: ‹Muetter das cha üs doch gliich sii›.»
Ruth Bietenhard achtete besonders darauf, dass Passagen über Frauen sorgfältig übersetzt wurden. Sie war nach eigener Einschätzung wohl auch eine der ersten Frauen, die an Bibelübersetzungen mitarbeitete.
Pionierleistung für die Mundartliteratur
Ruth Bietenhard hatte Wurzeln in einer Bernburger Familie. Zu Hause wurde genau auf die Wortwahl und auf die Aussprache geachtet: «Mein Vater achtete sogar noch mehr als meine Mutter darauf, dass wir stadtbernisch-burgerlich redeten.»
Ruth Bietenhards Grossonkel war Otto von Greyerz, der legendäre Sprachforscher und Mundartsammler. Von ihm erbte Ruth Bietenhard, die selber Romanistik studiert hatte, einen Zettelkasten mit rund 5000 berndeutschen Wörtern. Dieses Material bearbeitete und erweiterte sie und gab es 1976 als Berndeutsches Wörterbuch heraus – eines der ersten lokalen Mundartwörterbücher der Schweiz und insofern eine Pionierleistung für die moderne Mundartliteratur. Gemessen an den heutigen Ansprüchen an ein Mundartwörterbuch wirkt das Berndeutsche Wörterbuch jedoch etwas karg und methodisch veraltet.
Verliebt in die Sprache
Über 30 Jahre schrieb Ruth Bietenhard die Mundartkolumne «Im Stübli» im Kleinen Bund, die auch gesammelt als Buch herauskamen. Sprachen waren ihre Leidenschaft, mit Sprachen hat sie sich ein Leben lang beschäftigt. Aber Ruth Bietenhard war viel mehr als nur eine Dialektspezialistin: Sie war eine «femme de lettres», eine geistreiche, gebildete und belesene Frau. Aufmüpfig und humorvoll.
Nun verstarb Ruth Bietenhard am vergangenen Donnerstag im Alter von 95 Jahren in einem Pflegeheim in Thun. Ihr ältester Sohn Benedikt Bietenhard bestätigte am Dienstag einen Bericht der «Berner Zeitung».