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Die Verkehrsinfrastruktur der Schweiz kommt an ihre Grenzen. Umfangreiche Projekte wollen Strassen- und Schienennetz fit machen für die Zukunft. Das Konzept des Güterverkehrs soll einen Beitrag zur Standortsicherung leisten.
(jh) Das schweizerische Verkehrsnetz beansprucht einen Drittel der Siedlungsfläche des Landes für sich. Mit rund 122 Quadratmetern pro Einwohner hat es in etwa den gleichen Flächenbedarf wie das Wohnen. Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik nehmen Strassen und Autobahnen den grössten Teil der Verkehrsflächen, nämlich total 88 Prozent, in Anspruch. (Der Kanton Graubünden ist in diesen Zahlen der von 2004 bis 2009 erhobenen Arealstatistik nicht enthalten.)
Das schweizerische Strassennetz umfasst 71 500 Kilometer, davon sind gut 1800 Kilometer National-, 18 000 Kilometer Kantons- und 51 600 Kilometer Gemeindestrassen. Das Schienennetz der Eisenbahnen ist 5100 Kilometer lang. Drei internationale Flughäfen in Zürich, Basel und Genf, die auf Export und Import fokussierten Basler Rheinhäfen und 110 Kilometer Ölpipelines sind weitere Eckpunkte der Schweizer Verkehrsinfrastruktur.
Teurer als das Gesundheitswesen
Die volkswirtschaftlichen Kosten des Verkehrs beliefen sich laut Angaben der Statistiker im Jahr 2005 auf rund 82 Milliarden Franken. 70,5 Milliarden entfielen auf den Strassen-, 11,4 Milliarden auf den Bahnverkehr. Somit erzeugte der Verkehr höhere Gesamtkosten als das Gesundheitswesen oder das öffentliche Bildungssystem. Immerhin konnte die öffentliche Hand 2010 aus dem privaten motorisierten Strassenverkehr Einnahmen von rund 8,4 Milliarden Franken erzielen. Davon stammten 61 Prozent von den Mineralölsteuern, 26 Prozent aus kantonalen Motorfahrzeugsteuern, der Rest aus LSVA, Autobahnvignetten und diversen Mehrwertsteuer- und Zollerträgen. Fast genauso viel, nämlich 8,3 Milliarden Franken, gab die öffentliche Hand auch für das schweizerische Strassennetz aus. Über alle Strassenarten hinweg betrachtet, wurde mit 4,7 Milliarden Franken am meisten für Neubau, Ausbau und Unterhalt der Infrastruktur ausgegeben.
Bei der Bahn ist die Rechnung weniger ausgeglichen. Berücksichtigt man die Beiträge der öffentlichen Hand an die Bahnunternehmen, dann erzielten sie 2011 einen Überschuss von 400 Millionen Franken. Sie gaben 10,0 Milliarden Franken aus und nahmen 10,4 Milliarden ein. Allerdings stammen von diesen Einnahmen nur 41 Prozent aus Verkehrserträgen. Stolze 32 Prozent sind Bundesbeiträge. Der Rest entfällt auf andere Einkünfte, etwa die Vermietung bahneigener Immobilien. Während zudem die Verkehrserträge im Personenbereich seit 1975 deutlich gestiegen sind, haben sie im Güterbereich abgenommen.
Bevölkerung und Waren sind munter unterwegs
Bevölkerung und Waren reisen gleich rege auf dem Verkehrsnetz. Herr und Frau Schweizer legen pro Jahr jeweils 20 500 Kilometer pro Person zurück, davon zwei Drittel im Inland und einen Drittel im Ausland. Mit 54 Prozent ist der Freizeitverkehr Hauptbestandteil, Arbeits- und Einkaufswege kommen nur auf 17 und 10 Prozent. Der Güterverkehr hat sich einstweilen noch nicht von der Finanzkrise 2008 erholt. Die Strasse hat bei der Transportleistung zudem in den vergangenen 30 Jahren den Löwenanteil des Wachstums getragen. Die Transportleistung auf der Strasse stieg zwischen 1980 und 2010 um 149 Prozent auf 17,1 Milliarden Tonnenkilometer.
Bei der Eisenbahn wuchs die Transportleistung im gleichen Zeitraum lediglich um 31 Prozent auf 10,2 Milliarden Tonnenkilometer an. Dementsprechend veränderte sich laut Bundesamt für Statistik der Modalsplit deutlich zugunsten der Strasse: Der Anteil der Schiene im Güterverkehr sank von 53 Prozent 1980 auf 37 Prozent im Jahr 2011.
Im Import und Export sind auch die Rheinhäfen und die Pipelines noch von einer gewissen Bedeutung. 2011 kamen 5,7 Millionen Tonnen Güter mit Rheinschiffen in die Schweiz, und 5,2 Millionen Tonnen flossen durch die Ölleitungen. Der Gewichtsanteil der Luftfracht ist zwar gering und erreicht nur 0,4 Millionen Tonnen, sie nimmt jedoch wertmässig eine herausragende Rolle ein.
Beim Strassengüterverkehr ist der Binnenverkehr am wichtigsten: 2011 entfielen auf ihn 60 Prozent der Transportleistungen. Der Transitverkehr und der Importverkehr erreichten jeweils 16 Prozent, der Exportverkehr kam auf acht Prozent. In den letzten Jahren entfiel auf den internationalen Verkehr ein deutlicheres Wachstum als auf den Binnenverkehr. Den grössten Ladungsanteil insgesamt hat die Warengruppe Steine und Erden mit 37 Prozent. Auf Platz zwei folgen mit 15 Prozent verarbeitete Baustoffe. Misst man jedoch statt der Tonnage die Tonnenkilometer, liegen Nahrungsmittel auf dem ersten Platz. Während Baustoffe nämlich im Schnitt nur 20 Kilometer weit reisen, werden Lebensmittel durchschnittlich über 63 Kilometer transportiert.
Eine gesonderte Betrachtung verdienen noch die Schweizer Alpenübergänge. Dank der zentralen Lage in Europa passiert hier ein grosser Teil des internationalen Nord-Süd-Güterverkehrs. Auf Strasse und Schiene wurden 2011 total 40,1 Millionen Nettotonnen über respektive durch die Schweizer Alpen befördert. Besonders stark hat dabei der Strassengüterverkehr zugenommen. Allerdings wird anders als in den Nachbarländern der grösste Teil der Güter via Schiene befördert, nämlich 64 Prozent. Der Anteil des kombinierten Verkehrs am Schienenverkehr ist zudem zwischen 1981 und 2011 von 17 auf fast 70 Prozent angestiegen.
Gezielte Suche nach einer nachhaltigen Zukunft
Angesichts des steten Wachstums nehmen Erforschung und Planung der zukünftigen Verkehrsinfrastruktur mittlerweile einen prominenten Platz ein. Zur Beseitigung von Engpässen auf dem Autobahnnetz werden in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Franken ausgegeben. 995 Millionen Franken sind für Erweiterungen zwischen Meyrin/Vernier und Le Vengeron, Luterbach und Härkingen sowie Andelfingen und Winterthur vorgesehen. Weitere 3,2 Milliarden Franken sollen in diverse Projekte in den Regionen Basel, Bern, Genf, St. Gallen, Winterthur und Zürich Flughafen investiert werden.
Mit der Planung für die Eisenbahnzukunft haben sich der Verband öffentlicher Verkehr (VöV), SBB Cargo und der Verband der Verladenden Wirtschaft (VAP) zusammen mit SBB Infrastruktur, BLS Cargo, den Schweizerischen Rheinhäfen sowie dem Bundesamt für Verkehr (BAV) engagiert. Die erstellte «Marktanalyse und Marktprognose Schienengüterverkehr 2030» sieht verschiedene Massnahmen zur Kapazitätssteigerung des Schienennetzes vor, wie etwa neue Netznutzungspläne zugunsten des Bahngüterverkehrs, schnellere und pünktlichere Güterzüge und längere Betriebszeiten für den Güterverkehr.
Ein weiteres Projekt ist Cargo sous terrain. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wollen die Initianten aus der Schweizer Handelsszene zeigen, dass eine Güterverteilung über ein unterirdisches Tunnelsystem machbar ist. Eine erste Etappe könnte zwischen Härkingen und Zürich entstehen, sie würde gegen 1,8 Milliarden Franken kosten und schon kurz nach 2020 in Betrieb gehen.
Im Rahmen des «Forschungspaketes Güterverkehr» schliesslich wird eine Gesamtschau der Warentransportströme erarbeitet. Der Schweizer Logistikmarkt und der Güterverkehr sollen einen Beitrag zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes Schweiz leisten. Die einzelnen Teilprojekte des Forschungspaketes untersuchen deshalb die Entwicklung des Logistik- und Güterverkehrsmarktes, der Güterverkehrsnachfrage, des Güterverkehrsangebots und der Regulierung sowie die daraus entstehende Belastung der Gesellschaft. Ziel ist die Erarbeitung konkreter Handlungsanleitungen zum Aufbau eines nachhaltigen Güterverkehrs.
Joachim Heldt