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Anästhesieren,
die Anwendung von Mitteln, welche den Körper unempfindlich machen und deshalb anästhetische Mittel oder Anästhetika genannt werden. Schon in frühester Zeit bestrebten sich die Chirurgen, solche Mittel zu finden, welche Unempfindlichkeit bei Operationen herbeiführen. Doch alle Versuche, das Problem zu lösen, fielen ungenügend aus, bis endlich 1846 der Chemiker und Geolog Charles Jackson zu Boston [* 2] die Entdeckung machte, daß die Einatmung von Dämpfen des Schwefeläthers in einen Zustand der Empfindungslosigkeit versetzt.
Nachdem das Mittel eine Zeit lang von ihm und seinem Freunde, dem Zahnarzt Morton, unter Geheimhaltung beim Ausziehen der Zähne [* 3] benutzt worden, teilte Jackson die Entdeckung der Pariser Akademie der Wissenschaften mit. Man begann alsbald zu experimentieren, teils um das Wesen der Äthernarkose genauer kennen zu lernen, teils um das Verfahren zur Erzielung des Ätherismus zu verbessern. Bei der Anwendung sind gewisse Vorsichtsmaßregeln zu berücksichtigen.
Vor allem muß der Äther ganz rein sein und soll wenigstens im Anfang nur stark mit Luft verdünnt eingeatmet werden. Hat der Patient eine Zeit lang (6-8 Minuten) den Äther inhaliert, so tritt zunächst eine Periode der Aufregung (Excitationszustand) ein;
der Kranke atmet beschleunigter, sein Puls ist schneller, die Haut [* 4] wärmer;
es rötet sich das Gesicht, [* 5] die Pupillen verengern sich;
einzelne Patienten fangen an zu sprechen, andere gestikulieren lebhaft, andere singen;
bisweilen stellen sich Delirien ein.
Dieser Zustand geht jedoch gewöhnlich bald vorüber, das Atmen wird wieder regelmäßiger, die Pulsschläge sinken wieder auf ihre ¶
forlaufend
normale Zahl herab und der Kranke verfällt in einen tiefen, dem Scheintode ähnlichen Schlaf. In diesem Stadium der Narkose, in der der aufgehobene Arm willenlos niederfällt (Zustand der vollständigen Paralyse), können die schmerzhaftesten Operationen ausgeführt werden, ohne daß der Kranke etwas empfindet. Nachdem die Unempfindlichkeit einige Zeit (1/2-20 Minuten) angedauert, kehren allmählich die Sinnesthätigkeit, die Funktion der Muskeln [* 7] und das Bewußtsein zurück. Nur zuweilen bleibt etwas Eingenommenheit des Kopfes und Übelkeit zurück.
Bald darauf stellte man mehrfache Versuche an, ob nicht auch andere Stoffe, insbesondere die übrigen Ätherarten, eine gleiche Wirkung hätten. Der Chlorwasserstoff- oder Salzäther (auch Chloräthyl genannt) zeigte zwar dieselben Wirkungen, gelangte aber wegen seines weit höhern Preises nicht zu ausgebreiteterer Anwendung. Mit desto besserm Erfolge bediente man sich bald darauf des Chloroforms (s. d.), welches der Edinburgher Professor Simpson in die Praxis einführte, und das wegen seiner entschiedenen Vorzüge den Schwefeläther bald fast ganz verdrängte.
Das Chloroform läßt sich angenehmer einatmen, die Empfindungslosigkeit tritt schon nach 1/2-5 Minuten ein; ferner ist das Stadium der Aufregung milder und flüchtiger. Einige Todesfälle infolge Chloroformierung zeigten jedoch, daß das Chloroform in der Hand [* 8] des Ungeübten und Unvorsichtigen weit gefahrvoller ist als der Schwefeläther. Besonders ward darin gefehlt, daß man während der Einatmung der Chloroformdämpfe dem Patienten die atmosphärische Luft gänzlich entzog und hierdurch eine Art Erstickungstod, eine Übersättigung des Körpers mit Chloroform, herbeiführte.
Man muß vielmehr stets darauf bedacht sein, daß die Chloroformdämpfe gehörig mit Luft verdünnt werden. Auch während des Zustandes der Betäubung hat der Arzt fortwährend darauf zu achten, ob Atmung und Puls gleichmäßig bleiben; denn sollte der Atem röchelnd werden, Puls- und Herzschlag aussetzen und das Gesicht eine blaue Färbung bekommen, so droht Gefahr, und man muß sogleich den Patienten durch schnelles Zuführen von frischer Luft, nötigenfalls durch Einleitung der künstlichen Respiration zum Leben zurückführen.
Man ist seitdem bemüht gewesen, andere Stoffe, die meist der chem. Gruppe der Kohlenwasserstoffe angehören, zu
anästhesierenden
Einatmungen an die Stelle des Chloroforms zusetzen, wie Salpeteräther, Essigäther, Jodäther, Aldehyd, Benzin, Amylen, auch
Schwefelkohlenstoff, Bromoform, Jodoform u.s. w., doch haben sich dieselben, mit Ausnahme des Methylenbichlorids (s. d.), nicht
als genügend erwiesen. In neuerer Zeit wurden wieder zahlreiche Versuche mit der Einatmung absolut reinen
Stickstoffoxyduls (s. Lustgas) gemacht, nachdem seine Anwendung zum Zweck der
Anästhesierung seit der Entdeckung dieser Eigenschaft
(1799 durch Davy) bereits mehrmals wieder aufgegeben wurde. Die Narkose tritt bei der Einatmung des Stickstoffoxydulgases schon
nach ½ - 1 Minute ein, hält aber auch nur kurze Zeit an und ist deshalb nur für kleinere, insbesondere
zahnärztliche Operationen verwendbar. Bei lange andauernden Operationen verbindet man jetzt die Chloroformeinatmungen oft
mit gleichzeitigen Morphiumeinspritzungen.
Die Vorteile, welche aus dem
Anästhesieren insbesondere in der chirurg. Praxis erwachsen,
sind groß, obwohl eine jede Narkose mit gewissen
Unannehmlichkeiten und selbst mit Gefahren verbunden
ist. Namentlich ist dann große Vorsicht geraten, wenn der Kranke sehr vollblütig und fettleibig oder durch Krankheit erschöpft
ist, oder wenn er an einer großen Reizbarkeit des Nervensystems, an Gehirn- oder Herzkrankheiten leidet. Auch die
Anästhesierung
in der Geburtshilfe hat man allmählich auf sehr schmerzhafte und schwierige Operationen beschränkt. Der
praktische Arzt chloroformiert überdies bei heftigen Schmerzen, welche von verschiedenen innern Krankheiten herrühren, bei
Konvulsionen, Brustentzündung, Lungenemphysem, Krupp, Neuralgie u. s. w., überhaupt wo eine beruhigende Einwirkung auf das
sensible Nervensystem ausgeübt werden soll.
Gefühllosigkeit läßt sich indes auch noch auf andere Weise als durch Einatmung von Dämpfen der genannten Flüssigkeit erzielen. Dahin gehört vor allem die Methode des sog. Hypnotismus (s. d.). Zur Erzeugung einer lokalen Anästhesie hat man verschiedenartige Mittel vorgeschlagen. Die Benutzung der Elektricität zur Aufhebung oder Verringerung der Operationsschmerzen (z. B. beim Zahnausnehmen) hat sich nicht bewährt. Mit Sicherheit kann dagegen Aufhebung der Empfindung an einer begrenzten Stelle des Körpers durch die Kälte bewirkt werden. Es gelingt, kleinere Operationen schmerzlos zu vollziehen, nachdem man zuvor durch Aufschläge von Eis [* 9] den betreffenden Teil gefühllos gemacht hat.
Statt des Eises oder Schnees kann man sich auch der sog. Kältemischungen, z. B. 2 Teile Eis und 1 Teil
Salz
[* 10] bedienen, oder man wendet nach dem Vorgange von Richardson die Verdunstungskälte an, indem man durch einen besondern
Apparat (sog. Pulverisateur) leicht verdunstende Flüssigkeiten (in der Regel Äther) in Staubform auf die zu
anästhesierende
Stelle appliziert. Eine örtliche Anästhesie läßt sich durch die lokale Anwendung des Cocains (s. d.) erzielen.
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Vgl. Weber, über die Anwendung der schmerzstillenden Mittel im allgemeinen und des Chloroforms im besondern (Berl. 1867);
Claude Bernard, Lecons sur les Anestésiques (Par. 1875);
Kappeler, Anästhetika (Stuttg. 1880).