Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/1635

mehr
von der Unfähigkeit und Unpopularität der Braunschweiger zu überzeugen, ließ sie sich von ihrem Leibarzt Lestocq und dem französischen Gesandten, Marquis de la Chetardie, bewegen, eine Verschwörung gutzuheißen, in deren Folge die Regentin und der junge Kaiser gefangen genommen und ihre Anhänger nach Sibirien verbannt wurden. Noch am nämlichen Tag huldigten die Truppen der Elisabeth als ihrer Kaiserin. Elisabeth war nicht ohne Talente, aber eitel und unbeständig, ohne Kraft [* 1] und Lust zu den Regierungsgeschäften und meist von Günstlingen geleitet, welche sich zu den Werkzeugen ihrer maßlosen Sinnlichkeit hergaben.
Gleich nach ihrer Thronbesteigung ernannte sie ihren Neffen, den Prinzen Peter von Holstein-Gottorp, zu ihrem Nachfolger. Lestocq wurde bald gestürzt; an seine Stelle traten andre Ratgeber, wie z. B. Woronzow und besonders Bestushew, der die Kaiserin zu ihrer antipreußischen Politik bestimmte. Ein andrer Günstling war Rasumowsky, der aus einem Hirtenknaben in der Ukraine Feldmarschall und zuletzt der heimlich angetraute Gemahl Elisabeths ward; ob diesem Verhältnis Kinder entstammten, ist ungewiß.
Der Krieg mit Schweden, [* 2] welcher bereits während der Regentschaft Anna Leopoldownas begonnen hatte, wurde unter ihrer Regierung durch Feldmarschall Lacy mit vielem Glück fortgeführt und 1743 durch den Friedensschluß zu Abo beendigt. Es gab während ihrer Regierung mancherlei Unruhen, doch kam es nicht zu eigentlichen Rebellionen. Im österreichischen Erbfolgekriég ließ Elisabeth trotz Frankreichs Gegenbemühungen 37,000 Mann zu gunsten Maria Theresias vorrücken, wodurch der Abschluß des Aachener Friedens 1748 beschleunigt ward, und verband sich später zu Anfang des Siebenjährigen Kriegs mit Österreich [* 3] und Frankreich gegen Friedrich II., der sie durch eine beißende Bemerkung persönlich aufs tiefste verletzt haben soll. Noch vor dem Ende des Kriegs starb Elisabeth Selbst bis in ihr Alter maßlos der sinnlichen Liebe frönend, duldete sie Sittenlosigkeit, Intrigen- und Ränkespiel an ihrem Hof, [* 4] beobachtete aber äußerst streng die kirchlichen Gebräuche. Moskau [* 5] verdankt ihr seine Universität und Petersburg [* 6] die Akademie der Künste.
[Spanien.]
12) Königin von Spanien, Tochter König Heinrichs II. von Frankreich und der Katharina von Medicis, geb. zu Fontainebleau, war in ihrer Jugend mit dem Infanten von Spanien, [* 7] Don Karlos, verlobt, wurde aber mit dessen Vater, dem verwitweten König Philipp II., vermählt, welchem sie zwei Töchter gebar. Infolge der ungeschickten Behandlung der spanischen Ärzte starb sie im Wochenbett
13) Elisabeth Farnese, Königin von Spanien, geb. Tochter des Herzogs Odoardo II. von Parma, [* 8] wurde nach dem Tode der ersten Gemahlin König Philipps V. von Spanien 1714 von Alberoni der Prinzessin Orsini als gefügige Gemahlin des Königs empfohlen und in demselben Jahr vermählt, verjagte aber sofort die Prinzessin aus Spanien und beherrschte im Verein mit Alberoni ihren Gemahl vollständig. Ehrgeizig und herrschsüchtig, trieb sie ihn an, um ihren eignen Söhnen Throne zu verschaffen, durch diplomatische Verhandlungen und durch kriegerische Unternehmungen die ehemals spanischen Besitzungen in Italien [* 9] zu erlangen, und erreichte es auch, daß ihre Söhne Karl 1731 Parma, 1738 Neapel [* 10] und Philipp 1748 Parma bekamen. Seit 1746 Witwe, starb sie
[Thüringen.]
14) Elisabeth die Heilige, Landgräfin von Thüringen, geb. 1207, Tochter des Königs Andreas von Ungarn [* 11] und seiner Gemahlin Gertrud von Meran, [* 12] wurde schon vierjährig 1211 mit Ludwig, dem Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen, verlobt und auf der Wartburg erzogen, wo sie, inmitten einer durchaus weltlich gesinnten Umgebung, von Anfang an eine streng kirchliche, fast asketische Frömmigkeit bethätigte und alle geistlichen Übungen mit größtem Eifer ausführte; ihr schwebte hierbei die Schwester ihrer Mutter, die heil. Hedwig, als Vorbild vor. 1221 wurde sie mit dem 20jährigen Ludwig IV., der seit 1216 Landgraf war, vermählt.
Die Ehe war eine glückliche, weil sich die Gatten zärtlich liebten. Ludwig ließ seine Gemahlin in ihren Bußübungen und Werken der Barmherzigkeit gewähren, wenn sie auch so weit ging, daß sie sich nachts zum Gebet wecken, in der Fastenzeit von ihren Dienerinnen geißeln ließ und die Vorräte des Hofs für Arme und Kranke verbrauchte. Über den Tod ihres Gemahls, der 1227 auf einem Kreuzzug in Otranto starb, empfand sie den bittersten Schmerz und suchte um so eifriger in der Religion Trost.
Ihr Schwager, Landgraf Heinrich Raspe, vertrieb sie mit ihren Kindern anfangs von der Wartburg, so daß sie bei ihrem Oheim, dem Bischof Eckbert von Bamberg, [* 13] Zuflucht suchen mußte. Auf die Vorstellungen Eckberts und der Ritter Ludwigs IV. gewährte ihr der Landgraf wieder Zutritt auf der Wartburg und wies ihr Marburg [* 14] nebst 500 Mk. Silber jährlichen Einkünften als Witwensitz an. Unter dem Einfluß des ihr vom Papst Gregor IX. empfohlenen Beichtvaters, des Ketzerrichters Konrad, widmete sich Elisabeth nun ganz der Askese, ließ sich von Konrad geißeln, wohnte in einem kleinen Haus am Fuß des Schlosses, legte Nonnengewand an und entließ ihre Dienerinnen.
Sie gelobte Ehelosigkeit und Gehorsam und verwandte alle ihre Einkünfte auf die Pflege der Armen und Kranken, für die sie in Marburg ein Hospital stiftete; was sie selbst brauchte, erwarb sie sich durch ihrer Hände Arbeit. Sie starb Wie die Legende schon von Wundern bei ihren Lebzeiten erzählte (so sollen einst, als ihr Gemahl den Korb, in dem sie den Eisenacher Armen Lebensmittel zutrug, öffnete, diese sich in Rosen verwandelt haben) wirkten ihre Gebeine nach dem Tod wunderbare Heilungen, weswegen sie der Papst Gregor heilig sprach.
Über ihrem Grab zu Marburg legte ihr Schwager, Landgraf Konrad, 1236 den Grund zu der in den reinsten und schönsten Formen der Frühgotik erbauten Elisabethkirche, die das Standbild der Heiligen enthielt. Durch ihre Tochter Sophie ist Elisabeth die Stammmutter des hessischen Fürstenhauses. Der reiche Kranz von Sagen und Dichtungen, der die Geschichte der Heiligen schmückt, ist dargestellt von Montalembert (»Vie de Ste-Elisabeth de Hongrie, duchesse de Thuringe«, 17. Aufl., Par. 1880; deutsch von Städtler, Einsiedeln 1880). Den geschichtlichen Kern hat Wegele festgestellt (»Die heil. Elisabeth von Thüringen«, in Sybels »Historischer Zeitschrift« 1861).