Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03465.jsonl.gz/1028

Die Wissenschaft oder zumindest die Herstellung von akademischen Veröffentlichungen hat sich in einen industriellen Prozess entwickelt und die Universitäten gleichen weniger und weniger Institutionen eines Ausbildungssystems oder Orten, an denen der freie Austausch der Ideen stattfindet, sondern eher „Denkfabriken“. Statt als Gegengewicht gegen die problematischen gesellschaftlichen Tendenzen zu dienen, haben sie sich in seine Werkzeuge verwandelt. Diese Entwicklung wurde schon auf verschiedene Arten und Weisen von Max Horkheimer und Theodor Adorno vorgesehen, auch wenn beide dieses Problem eher in dem Bereich der Kulturindustrie thematisiert haben. Diese Tendenz wird durch die Rankings von Universitäten (Shanghai ARWU, Times, QS), von akademischen Verlagen (SENSE, APSA), von Zeitschriften (SJR) und sogar von individuellen Forschern und Lehrkörpern (Rate my Professors) verstärkt. Es ist im Prinzip nicht so wichtig, was man schreibt – eher zählt, wo man veröffentlicht. Es ist möglich, die Forschung einer Wissenschaftlerin mit Hilfe des Rankings der jeweiligen Universität, Zeitschrift oder des Verlags zu „bewerten“, ohne sich jemals inhaltlich mit ihr auseinander gesetzt haben zu müssen; ein Beispiel der mechanisierten Standardisierung (vgl. Adorno 1991, 168). In dieser Hinsicht wird der Begriff von Branding aus der Wirtschaft übertragen und ist für akademische Zeitschriften jetzt bedeutsamer als der Wahrheitsgrad ihres Inhalts. Die Universitäten selbst bleiben von dieser Bedeutsamkeit ihrer eigenen Markenwahrnehmung nicht verschont.
Diese – zugegebenermaßen zugespitzte Beschreibung – greift auf Konzepte und Ideen von Horkheimer und Adorno zurück, die am prägnantesten in einem Kapitel („Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug“) des 1944 Werkes Dialektik der Aufklärung mit einer späteren Ergänzung von Adorno dargestellt werden. Er warnte gegen die Ersetzung der Vorstellungskraft durch einen mechanistisch-unerbittlichen Mechanismus der Kontrolle (Adorno: 1991, 64). Durch seine Besessenheit mit den Verlag- und Zeitschriften-Rankings hat das akademische Denken diesen Punkt schon erreicht. Natürlich kann man die historischen Kontexte schwer vergleichen: Horkheimer und Adorno haben im Schatten von Faschismus geschrieben (obwohl es auch schwerfällt, in der Epoche von Donald Trump und Boris Johnson von einer „vernünftigen“ Politik zu sprechen). Der industrielle Prozess zerstört die Kreativität des Handwerkers, wie Horkheimer warnte, während die industrialisierte Herstellung von Kulturprodukte das kreative Genie des Künstlers unterdrückt. Genauso führt die Einführung der Industrialisierung des Forschungsprozess zur Verdrängung der individuellen Einsichten, die so oft den wissenschaftlichen Fortschritt verursachen.
Hiermit befindet man sich in einer Situation, in der die Universitäten die „Magd“ der Industrie sein sollten, eine „Aufgabe“, die sowohl auf Ebene der Forschung als auch auf Ebene der Lehre stattfinden sollte. Die Universitäten sollten Studierende nur für ihre zukünftige Rolle innerhalb der industrialisierten Gesellschaft (und nicht einfach innerhalb der Gesellschaft) ausbilden und Forschung sollte ökonomischen Zwecken dienen. Diese kurzsichtige Haltung wurde von dem irischen Präsidenten, Michael D. Higgins, heftig kritisiert und mit einem Fehlglauben in die „Zauberei des Markts“ verbunden:1 Selbstverständlich wird man dieses Fehlglauben von wissenschaftlich fundierten Strategien unterscheiden, die technische Fortschritte im Dienst der Gesellschaft zu verwenden versuchen. Das Forschungsrahmenprogamm der Europäischen Union z.B. unterstützt Grundlagenforschung und die Suche nach Lösungen zu gesellschaftlichen Herausforderungen, als auch technische Weiterentwicklungen. Solche Programme folgen starken ethischen Richtlinien, die ihre Pflichten der Gesellschaft gegenüber informieren, und sind keine Versuche, eine ganze Generation in eine stehende Reserve für die Industrie umzuwandeln.
Adorno warnte gegen die Einbindung der industrialisierten Arten von Organisation, in denen nichts hergestellt wird, wie beispielsweise in der Rationalisierung der Büroarbeit (Adorno 1991, 110). Gerade im Bereich der Geisteswissenschaften, die ihre Werte und Bedeutsamkeit nicht aus der Herstellung eines physischen Produktes ableiten, klingt die Übernahme technokratischen Vokabulars besonders befremdlich. Natürlich spielen Universitäten in anderen Fachbereichen eine besondere Rolle beim Technologietransfer. Die Geisteswissenschaften leiden aber unter diesem industrialisierten Modell, das die Gedanken wie übliche Produkte zu standardisieren versucht. Adorno hat diese Tendenz schon im „kreativen Bereich“ durch die Verwendung des Förderbandsystems für die Herstellung von kulturellen Artefakten gesehen, wie es in Hollywood, Bollywood oder in der Musikindustrie üblich ist. Im Prinzip ist, wie Adorno bemerkte, fast jeder Film derselbe und weist nur oberflächliche Unterschiede auf. Genauso wurde die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse jetzt standardisiert. Ein akademischer Aufsatz sollte einem bestimmten Muster folgen. Nur die Veröffentlichung in einer begrenzten Auswahl von Zeitschriften „zählt“ für die akademische Karriere und diese Zeitschriften bevorzugen in der Regel eine bestimmte Tradition. Wie bei der Filmindustrie kontrolliert ein solches System gleichzeitig die Herstellung von Gedankenprodukten als auch den Geschmack des Endverbrauchers.
Die Frankfurter Schule hat die Kunst als eine Hochburg der persönlichen Autonomie im Anbetracht der Zwänge der gesellschaftlichen Realität betrachtet, während die Kulturindustrie diesen Bereich vernichtet. Man genießt solche Kulturprodukte (Filme, Fernsehen, Radio) um zu entspannen – in letzter Konsequenz aber, um Kraft für die Arbeit zu schöpfen. Insofern dienen solche Kulturprodukte dem Produktionsprozess. Genau wie die Frankfurter Schule vorgesehen hat, beschäftigt sich die Ausbildung heute weniger mit der immerwährenden kulturellen Erbschaft der Menschheit (die Werke von Platon, Dante oder Goethe z.B.) und eher mit der Indoktrinierung in der populären Kultur selbst: Es ist nicht besonders selten, dass Titel wie „David Beckham und Fußballkultur“ oder „The Simpsons“ auf Vorlesungsverzeichnisse an der Universitäten zu beobachten sind. Adorno machte sich Sorgen, inwiefern die Kulturindustrie die „freie Zeit“ in einem Nachbild der Arbeit gewandelt hat – nicht nur weil sie die Arbeitsfähigkeiten verstärken sollte – aber auch, weil sie eine Art Konformität und Standardisierung des Geschmacks von oben erzwingen sollte, die turnusmäßig die Fügsamkeit der Arbeiter umsetzt. Die Umwandlung der Universitäten in „Denkfabriken“ führt zu einem ähnlichen Prozess. Statt die Werte der zeitgenössischen politischen und ökonomischen Elite in Frage zu stellen – Werte, die in Form von Donald Trumps wiederholte Angriffe gegen Mexikaner, gegen Muslime und gegen Afrikanisch-Amerikaner moralisch verwerflich sind, – sollte man sich eher um die Konformität und die Biegsamkeit der zukünftigen Arbeiter sorgen. Die COVID-Pandemie zeigt, dass Wissen, statt Geld, wesentlich ist – die Ärztin oder die Krankenpflegerin ist für die Gesellschaft viel wertvoller als der Kapitän der Industrie. In der Erholung nach der Pandemie könnten und sollten die Universitäten eine wichtige Rolle spielen, wenn sie als öffentliche Dienste und Ausbildungsinstitutionen behandelt werden wollen, statt als Geschäfte.
Ich lasse aber die Frankfurt Schule das letzte Wort nicht sprechen, sondern eher meinen Landsmann, den irischen Philosophen Edmund Burke: „Rage and frenzy will pull down more in half an hour than prudence, deliberation and foresight can build up in a hundred years“. Es ist nicht die Pflicht der Universitäten, entweder als „Denkfabriken“ oder als Magd der Industrie zu funktionieren, sondern den zukünftigen Generationen diese Klugheit, Überlegung und Voraussicht zu vermitteln, die als Schutz gegen die Wut und die Raserei der Feinde der offenen Gesellschaft dienen sollten.
Literatur
Adorno, T. W. (1991) Culture Industry, Routledge.
Horkheimer, M. & T. W. Adorno (1988) „Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug“, Dialektik der Aufklärung, Fischer, 128-176.