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Wie viel Zeit wenden Frauen und Männer für unbezahlte Arbeiten im so genannt Privaten, in politischen, gemeinnützigen und ehrenamtlichen Institutionen auf? Genauere Daten liegen in der Schweiz nun zum ersten Mal vor. Ende letzter Woche hat das Bundesamt für Statistik (BfS) zwei Studien über den Zeitaufwand beziehungsweise über den Wert der unbezahlten Arbeit veröffentlicht. Die erste Studie, die von MitarbeiterInnen des BfS verfasst wurde, präsentiert eine Fülle spannenden Materials. Die Studie kommt zum Schluss, dass im Durchschnitt Männer ab vierzehn Jahren wöchentlich 2,3 Stunden fürs Kochen verwenden und Frauen 7,6 Stunden; fürs Putzen und Aufräumen investieren Männer 1,4 Stunden, Frauen hingegen 5,7 Stunden.
In der zweiten Studie, welche drei Ökonomen vom Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen vorlegen, wird die unbezahlte Arbeit in Geldwert umgerechnet. Dabei kommen die Autoren zu zwei doch recht unterschiedlichen Resultaten: Nach der einen Berechnungsmethode ist im Jahr 1997 in der Schweiz unbezahlte Arbeit im Wert von 215 Milliarden Franken geleistet worden, nach der anderen lediglich im Wert von 139 Milliarden Franken. Trotz der beträchtlichen Differenz mögen die Autoren aber keiner der beiden Berechnungsweisen den Vorzug geben. Aber wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen?
Ein diskriminierender Ansatz
Den Betrag von 139 Milliarden Franken erhält man, indem man vom Opportunitätsansatz ausgeht. Dieser berechnet, welches Einkommen eine Person verliert, wenn sie unbezahlte statt entlohnter Arbeit verrichtet: So kommt ein ungelernter Arbeiter auf niedrigere Opportunitätskosten als beispielsweise ein Universitätsprofessor. Aus dieser Sicht hat die unbezahlte Arbeit von pensionierten oder erwerbslosen Personen keinen Wert, da sie ja auch keine Einkommensausfälle haben können. Auch sind für Frauen – wegen der geringeren Berufs- und Einkommenschancen – die Opportunitätskosten der Hausarbeit meist kleiner als für einen Mann mit vergleichbarer Ausbildung und Erfahrung. Nach der Logik dieses Ansatzes erscheint es am vernünftigsten, dass ein Mann erwerbstätig ist, wenig Geschirr abwäscht und sich selten um Kinder kümmert und dass sich seine Frau umso mehr diesen Tätigkeiten widmet. Der neoliberale Wirtschaftstheoretiker Gary S. Becker hat solche Überlegungen bereits in den sechziger Jahren formuliert. Bei diesem Ansatz bleiben Machtgefälle, Diskriminierung, Gewaltverhältnisse und strukturelle Ungleichheiten ausgeklammert.
ÖkonomInnen argumentieren heute vor allem mit Opportunitätskosten, um zu zeigen, wie absurd es sei, wenn gut ausgebildete Frauen vorwiegend Hausarbeit verrichten und Kinder betreuen, anstatt beispielsweise an der Börse zu spekulieren, als Krankenschwestern, Informatikerinnen oder Ingenieurinnen zu arbeiten und Kindermädchen und Putzpersonal anzustellen. Volkswirtschaftliche Kosten entstehen nach diesem Denkansatz, weil wirtschaftliche Ressourcen – sprich: ausgebildete Arbeitskräfte – nicht oder falsch genutzt werden. Diese Argumentation ist problematisch: Sie geht implizit von der Annahme aus, dass vor allem diejenigen Personen im Haushalt arbeiten sollen, die schlecht verdienen, weil sie wenig Berufserfahrung oder eine schlechte Ausbildung haben und weil sie als ImmigrantInnen oder Frauen diskriminiert sind.
Der Opportunitätsansatz birgt aber noch weitere Ungereimheiten. Was verliert ein Mann, der seine volle Erwerbsarbeitszeit um zwanzig Prozent reduzieren möchte, weil er sich mehr an Hausarbeit beteiligen will? Und eine Frau mit vier Kindern, die eine Zwanzig-Prozent-Stelle aufgibt, weil ihr die Arbeitslast zu gross ist?
Der Mann verliert ein Einkommen, zu dem fast ein Viertel Versicherungsbeiträge gehören. Bei der Frau ist das anders, weil sie bei einer solchen «atypischen» Anstellung keine Versicherungsbeiträge erhält. Bei der Bewertung der Opportunitätskosten haben die Autoren als Berechnungsgrundlage für die entgangenen Einkommen Nettolöhne gewählt, das heisst, dass Sozialbeiträge, Steuern und Ferienentschädigungen bereits abgezogen sind. Auch diese Annahme ist fragwürdig, weil sie davon ausgeht, dass Ehefrauen hauptsächlich Zuverdienerinnen sind und dass Haushalte vor allem aus verheirateten Paaren bestehen. Auf diese Art fällt die Bewertung der Opportunitätskosten unbezahlter Arbeit relativ niedrig aus.
Arbeit im Privaten
Auch der wesentlich überzeugendere Marktkostenansatz, der zu einem Wert der unbezahlten Arbeit von 215 Milliarden Franken führt, setzt die bestehenden, geschlechtshierarchischen Lohnstrukturen voraus. Er beruht jedoch auf der Auffassung, dass unbezahlte Arbeit eine Wert schöpfende Produktion ist und einen Beitrag zum Wohlstand und Reichtum eines Landes leistet. Wie bei der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (auf der das Bruttoinlandprodukt BIP basiert) wird von der Bewertung der Bruttoarbeitskosten ausgegangen. Um den Wert der unbezahlten Arbeit zu eruieren, berechnen die Autoren die anfallenden Lohnkosten, wenn die unbezahlte Arbeit durch vergleichbare Erwerbsarbeit ersetzt würde. Die Arbeitszeit im Privaten (Haus- und Betreuungsarbeit) ist, wie die erste Studie zeigt, in der Grössenordnung vergleichbar mit der gesamten Erwerbsarbeitszeit – mit dem also, was bisher als «Wirtschaft» bezeichnet wurde. Der Wert dieser unbezahlten Arbeit beläuft sich jährlich auf 196 Milliarden Franken; er beträgt über die Hälfte des BIP und entspricht rund vier Fünfteln der gesamten jährlichen Erwerbseinnahmen von Lohnabhängigen und selbständig Erwerbenden. Im Vergleich ist die Wertschöpfung des Bankensektors mit rund 39 Milliarden Franken klein.
Der Wert der so genannt informellen unbezahlten Arbeit (vorwiegend Nachbarschaftshilfe, Betreuung fremder Kinder, Hilfe für Verwandte) beträgt 9,3 Milliarden Franken pro Jahr. Monatlich werden in der Schweiz pro Person 14 Stunden (Frauen: 16; Männer: 9,2) für diese Arbeiten aufgewendet – das ist angesichts des Gejammers über mangelnde Solidarität ganz schön viel. Die Männer sind lediglich bei der unbezahlten Arbeit in Institutionen mit knapp zwei Dritteln stärker beteiligt als die Frauen. Dies gilt aber nur für den Sport, für politische Ämter und Tätigkeiten in Interessenvereinigungen; in kirchlichen und sozial-karitativen Vereinigungen sind wiederum Frauen aktiver. Der Wert in diesem ehrenamtlichen Bereich beläuft sich auf 10,1 Milliarden Franken und ist mit demjenigen von kleineren Wirtschaftsbranchen vergleichbar. Zum Beispiel betrug die Wertschöpfung in der Landwirtschaft 1997 5,8 Milliarden Franken.
Ein altes feministisches Postulat
Arbeits- und Einkommensmodelle, welche in einem Aufwisch die Frage der ehrenamtlichen und gemeinnützigen Arbeit und jene der Arbeit im privaten Haushalt andererseits angehen wollen, tendieren dazu, Letztere wieder zum Verschwinden zu bringen. Die Arbeit im Privaten ist allein wegen ihrer Grössenordnung eine ganz andere ökonomische Kategorie, und sie erfordert eine eigenständige wirtschaftspolitische Debatte und wirtschaftstheoretische Analyse. Das ist eine wesentliche, aber ungern gehörte Kernaussage der feministischen Ökonomie. Die neuen statistischen Erhebungen und Berechnungen bestätigen diese Position. Während die Arbeitsteilung in den privaten Haushalten nach mehrheitlich sexistischen Mustern funktioniert, sind auf dem Erwerbsarbeitsmarkt neben dem Geschlecht auch die Kriterien Nationalität und Bildung wichtig. Diese zwei unterschiedlichen Hierarchisierungsmuster und -logiken komplizieren die ökonomische Analyse der Geschlechterverhältnisse. Laut der nun vorliegenden Berechnung leisteten Frauen 1997 in der Schweiz für rund 70 Milliarden Franken mehr unbezahlte Arbeit als Männer – die durch Lohndiskriminierung und Chancenungleichheit entstandene Lohnlücke dürfte sie im gleichen Jahr zwischen 20 und 25 Milliarden Franken gekostet haben. Es hat sehr lange gedauert, bis sich die statistischen Ämter von Staaten und von internationalen Organisationen wie der Uno, der OECD und der EU dazu bequemt haben, die notwendigen Daten zu erheben, obwohl in den USA namhafte Ökonominnen wie Hazel Kyrk oder Margaret G. Reid diese Fragen schon in den dreissiger Jahren aufgeworfen haben. So richtig vorwärts gegangen ist es mit der Systematisierung der Berechnungen erst im Umfeld der Frauenkonferenz in Beijing 1995. Selbst da haben sich die Regierungen noch gegen den Einbezug dieser Werte in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung gewehrt. Bemerkenswert ist auch, dass die Resultate der genaueren Berechnungen im Vergleich zu früheren Schätzungen wesentlich grösser ausfallen. Allerdings haben sich diese beeindruckenden Dimensionen noch nicht in den Konzepten der Wirtschaftstheorien und -politik niedergeschlagen. Haushalte werden in der gängigen Wirtschaftstheorie als Konsummaschinen aufgefasst. Die Annahme ist nach wie vor, in privaten Haushalten werde nur konsumiert, nicht aber produziert, obwohl beinahe so viel geleistet wird wie in der Erwerbsarbeit.
Inzwischen versuchen Ökonominnen, den makroökonomischen Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit zu verstehen. US-Amerikanerinnen haben beispielsweise die neusten Entwicklungen in den USA untersucht und die These aufgestellt, dass eine vermehrte Erwerbstätigkeit von Frauen die Investitionsquote (Investitionen im Vergleich zum BIP) tendenziell vergrössert, die Hausarbeit von Frauen auf der anderen Seite die Sparquote (private Ersparnisse im Vergleich zum BIP) positiv beeinflusst. Wenn dies stimmt, müssen die bisherigen Annahmen über Zusammenhänge zwischen diesen makroökonomischen Grössen, welche die Wirtschaftspolitik von Zentralbankern, Wirtschafts- und Finanzministern prägen, gründlich revidiert werden. Die beiden neuen Studien aus der Schweiz stellen trotz Mängeln einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar. Was die unterschiedlichen Bewertungen anbelangt, so habe ich den Eindruck, dass die Autoren mit der Verwendung des Nettolohnprinzips einfach eine Variante berechnen wollten, bei welcher der Wert der unbezahlten Arbeit nicht allzu hoch ausfällt. Die grosse Spannweite der präsentierten Resultate erweckt so den Eindruck einer Denkspielerei und vermindert die Brisanz der Grössenordnung. Inzwischen versuchen EU und Uno, auf internationaler Ebene die Erhebungen und Berechnungsweisen zu standardisieren, um länderübergreifende Vergleiche zu ermöglichen. Aus wohlfahrts- und wachstumstheoretischer wie auch aus entwicklungspolitischer Sicht verspricht dies sehr interessant zu werden – oder droht es, je nach Standpunkt.
Jacqueline Bühlmann, Beat Schmid: «Unbezahlt – aber trotzdem Arbeit. Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit, Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe». Herausgegeben vom Bundesamt für Statistik, Reihe Statistik der Schweiz, Sozialberichterstattung Schweiz. Neuchâtel 1999. Bestellnummer 302-9900. 9 Franken.
Hans Schmid, Alfonso Sousa-Posa, Rolf Widmer: «Monetäre Bewertung der unbezahlten Arbeit. Eine empirische Analyse für die Schweiz anhand der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung». Herausgegeben vom Bundesamt für Statistik, Reihe Statistik der Schweiz. Neuchâtel 1999. Bestellnummer 306-9900. 10 Franken.