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Es wird kaum jemanden überraschen, dass ein Film mit dem Titel Happy End keines hat. Schon gar nicht, wenn es sich um einen Film von Michael Haneke handelt, der uns in den ersten Minuten brutal mit einer emotional aus dem Lot geratenen Welt konfrontiert. In nur vier Fragmenten entfaltet er eine ultrakurze Chronologie einer Tragödie. Auf der Leinwand erscheint ein schmaler vertikaler Streifen im Format eines Mobiltelefons. Es gehört, wie wir später erfahren werden, der zwölfjährigen Ève, die ihre Mutter aus «sicherer» Distanz filmt. Als Erstes beim Abendritual im Badezimmer. Èves trockene, sarkastische Kommentare erscheinen als Textblasen über dem Gefilmten, das sie live streamt. Die Beziehung scheint zerrüttet zu sein. Man könnte dies aber noch als die Distanzierung eines Teenagers von seiner Mutter verstehen. Dann aber folgt eine Einstellung, in der Ève ihr Meerschweinchen filmt, dem sie Schlaftabletten ins Fressen getan hat und das stirbt. Es ist ein Testlauf mit dem Ziel, die depressive Mutter loszuwerden. Und so versetzt uns die letzte Einstellung der Exposition, in der die Mutter bewegungslos auf dem Sofa liegt, einen Schock, den wir bis ans Ende des Films mittragen, wenn Ève wieder ihr Phone in der Hand hält.
Ève landet in der Familie ihres Vaters, Thomas Laurent, der sie und ihre Mutter vor langem verlassen hat. Er lebt mit seiner neuen Frau Anaïs und dem gemeinsamen Baby, seiner Schwester Anne und deren erwachsenem Sohn Pierre sowie dem Patriarchen Georges in einem Anwesen der Familie in Calais. Mit raschen Strichen zeichnet Haneke ein Bild einer dysfunktionalen Familie, in der Anne die Führung übernommen hat und in der emotionale Kälte herrscht. Mathieu Kassovitz als Thomas, Isabelle Huppert als Anne und Jean-Louis Trintignant als deren Vater Georges benötigen nicht mehr als ein, zwei Szenen, um die Beziehungsunfähigkeit ihrer Figuren offenzulegen. Bloss Anaïs wirkt naiv genug, um Ève bei ihrer Ankunft herzlich zu umarmen und ihr zu versprechen, dass alles gut werde.
Wohin die unterkühlte, auf Macht und Aussenwirkung bedachte Erziehung von Kindern führen kann, hat Haneke in Das weisse Band meisterhaft analysiert. In Happy End ist das Mädchen Ève bereits «verdorben». Was den Grossvater, der einen feinen Draht zur Enkelin zu haben scheint, dazu veranlasst, sie lakonisch mit «bienvenue au club» in der Familie willkommen zu heissen. Sie ist aufgrund ihres eigenen emotionalen Defekts fähig, in dieser Familie zu funktionieren und ihren liebesunfähigen Vater zu durchschauen. Dennoch leidet sie und versucht, sich selbst ebenfalls mit Tabletten zu töten. Das bringt sie dem Grossvater näher, denn auch Georges ist des Lebens überdrüssig und versucht wiederholt, es zu beenden. In diesen Momenten der grössten Verzweiflung mischt Haneke schwarzen Humor in die Tragödie.
In Happy End fliessen die Themen von Hanekes früheren Filmen zusammen. Vielleicht wirkt der Film deshalb weniger überraschend als seine früheren Arbeiten, erscheint beinahe als eine Sammlung von Selbstzitaten. Dennoch knüpft er meisterhaft und mit unheimlicher Präzision Einstellung für Einstellung zu einem grauenvollen Bild unserer westlichen Gesellschaft, in der Mitgefühl beinah komplett zu fehlen scheint. Zwischen die Menschen schieben sich technische Geräte. Angebliche Kommunikationshilfen, die uns aber eigentlich auseinanderbringen. Am Anfang hält Ève eine Smartphone-Kamera zwischen sich und die Mutter, schafft so emotionalen Abstand. Anne telefoniert ständig – weniger mit dem Ziel, Distanz zu überwinden, als vielmehr sie aufrechtzuerhalten. Das Telefongespräch ist Ersatz für körperliche Nähe, die sie nicht braucht. Und Thomas betrügt seine junge Frau. Alles, was wir allerdings von dieser amourösen Beziehung sehen, ist ein Live-Chat, in dem Sexualität und Gefühle nur behauptet statt gelebt werden.
Der alte Patriarch Georges ist die Ausnahme. Er hat wie die gleichnamige Hauptfigur in Amour, die ebenfalls Trintignant spielte, seine todkranke Frau aus Liebe und Erbarmen mit einem Kissen erstickt. Mit Isabelle Huppert wiederum als Tochter, scheint Happy End eine Art Fortsetzung zu sein. Eine Fortsetzung allerdings, in der eben diese tiefe Liebe fehlt.
Die wirklich tragische Figur ist Pierre, der für seine Mutter Anne eine Enttäuschung ist. Sie entmachtet ihn kurzerhand und ohne Vorwarnung nach einem tragischen Unfall auf der Baustelle des Familienunternehmens. «Ich bin nichts wert», muss er konstatieren und rächt sich, indem er zu ihrer Verlobungsfeier eine Gruppe von Flüchtlingen einlädt. Anne allerdings lässt ihm nicht einmal dieses Erfolgserlebnis und bricht ihm kurzerhand den Finger, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Sowohl Pierre als auch sein Grossvater Georges sind je in einer Szene zu sehen, in der die Kamera zusammen mit dem Mikrofon beobachtend auf Distanz bleibt. Wir dürfen nur zuschauen, hören aber nicht, was geschieht. Pierre sucht den Sohn des verunfallten Arbeiters auf. Nach einem kurzen Gespräch vor der Haustür wird er verprügelt. Auch Georges’ Gespräch mit einer Gruppe von Flüchtlingen bleibt unhörbar. Der alte Mann fährt allein mit seinem Rollstuhl auf einer befahrenen Strasse von Calais, bis er die Männer sieht und sie zu sich ruft, um nach einem kurzen Gespräch einem seine Uhr hinzuhalten. Wollte er so den Flüchtlingen helfen oder von ihnen eine Waffe kaufen? Wollte sich Pierre entschuldigen oder drohend eine Klage verhindern? Die Entscheidung bleibt uns überlassen.
Es sind ohnehin Erlebnisse, die Pierre und Georges mit niemandem teilen können. Unfähig zu kommunizieren und Liebe zu empfinden, bleiben die Menschen einsam. Haneke lässt diese Einsamkeit immer wieder am Ende einer Szene sich ausbreiten. Dann, wenn jemand den Raum verlässt oder ein Telefonat endet, bleiben die Menschen allein mit sich selbst, mit dem, was sie nicht gesagt haben. «Lass uns das Thema wechseln», sagt Anne zu ihrem Verlobten, wenn sich das Gespräch kurz um unangenehme Vorfälle dreht. Es sind diese unauffälligen, handlungsentleerten Momente nach einem Gespräch, in denen sich das Verlorensein manifestiert.
Um Welten subtiler als in Bennys Video oder Funny Games spielt Haneke mit unseren Gefühlen, hält uns den Spiegel vor, lässt uns die Kälte und Einsamkeit mitten in einem «normalen» Leben spüren und gönnt uns kein Happy End. Wenn man sich die Anekdote vergegenwärtigt, die Georges seiner Enkelin erzählt, so sollte man wohl gewarnt sein. Georges schildert eine Szene, die er vom Fenster aus beobachtete: Ein Raubvogel zerfetzt einen kleinen Vogel. Auf einem Bildschirm sehe das irgendwie normal aus, aber das echte Leben, das mache schon etwas mit einem.