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Beschreibung der mir bekannten Bergpässe im Grauen Bund
Beschreibung der mir bekannten Bergpässe im Grauen Bund
Von Pater Placidus a Spescha,
Capitulai- des fürstlichen Stifts Disentis. * )
JRomein, im Longnizerllidl, den 13. des Augsten 1803.
Das Ort, wovon die namhaftesten Bergpässe ausgehen, ist Splügen. Von diesem Ort gehen vier, wo nicht fünf Bergpässe aus. Aussert Splügen, gegen Aufgang hin, zieht sich ein Berg- oder Alpthal Westnord zu, welches gemeiniglich in das Thal Safien und nach Belieben auch in die Neben- oder Alpthäler Walisch und Tomil von Vals hinführt. Diese Bergpässe, vorzüglich nach Vals, sind nur des Sommers wandelbar. Jener, welcher von Splügen in das Safierthal leitet, wird der Calendari- oder Safierberg und der
* ) Das Jahrbuch verdankt dieses bis dahin unbekannte Manuskript des Pater Placidus der Güte des Hrn. F. v. Salis, Ober-Ingenieur in Chur. Es wird für den S.A.C. nicht ohne Interesse sein, im Anschluss an die Uebersicht über das letztjährige Excursionsgebiet eine kurze Beschreibung der Pässe desselben, wie sie vor 70 Jahren aussahen, aus der Feder des ersten Erforschers des Bündner Oberlandes zu erbalten.Ahm. d, Bed.
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andere der Walischer- oder Löchliberg genannt. Hier bildet sich ein Mittelpunkt in einein Berggipfel, von den Valsera Safierstock genannt, wovon vier Alpthäler ausgehen. Sehr nahe an diesem Mittelpunkt war ich nielirmalen und, so viel mir bekannt ist, wird dort Gneuss und Gneussschiefer die Hauptgesteinsart sein. Hin und wieder zeigt sich auch der Granit, der Thon-, Kalk- und andere Schieferarten. Diese Gegend ist nur mittelmässig hoch.
Von Splügen Westnord zieht sich eine Bergseite hin und auf den sogenannten Valserberg, im rhätischen Quolm d'Val oder Quolm de Val. Man muss zwei Stunden Wegs steigen, bis man die Anhöhe erreicht hat. Er liegt hoch und wird von den Nord- und Südwinden sehr bewehet und desswegen ist er im Winter sehr selten und im Frühling nur bisweilen wandelbar. Die anstossenden Bewohner, vorzüglich die Valser, säumen und tragen über diesen Berg Getränke und allerlei Esswaaren. Man geht über eine mit Schnee bedeckte Bergseite herab und kommt zwischen zwei Alpthäler: Fanella und Walisch, zu stehen, wo das Thal und der Bach den Namen Beil annimmt, und in Zeit von zwei Stunden, von der Anhöhe des Berges an gerechnet, erreicht man das Hauptort des Valserthales, welches Plaz genannt wird. Die Reisbeschreibung, die von Disentis aus durch das Teniger-, Vriner-, Valserthal, über diesen Berg, den Rheinwaldglätscher auf die höchste Spitze dieser Gegend, das Lentahorn, mit drei Medikern: Rengger von Bern, einem von Mainz und einem Engländer von Hannover in den acliziger Jahren aufgezeichnet hatte, ist mir verloren gegangen; mithin konnte ich von der Steinart dieses Bergpasses mich nicht mehr erinnern;
vermuthlich aber wird Gneuss und Granit das Hauptwesen dabei sein.
Spltigen Mittag gegenüber zieht sich ein Alpthal gegen Mittag hinein, welches auf den Berg dieses Namens und in das St. Jakobsthal hinüberführt. Dieser Bergpass ist Jedermann so bekannt, dass es mir unnöthig scheint, denselben zu beschreiben. Ich habe ihn auch nicht bereist.
Rhein, das hinterste Dorf im Rheinwald, ist der Mittelpunkt von zwei Bergpässen. Südwest geht man über den St. Bernhardinsberg und gegen Mitternacht grad Berg an über eine sehr steile Bergseite auf den obgedachten Yalserberg.
Der St. Bernhardinsberg, den ich vom Valserberg übersah, schien mir sehr tief und gangbar zu sein. Er führt vom Rheinwald in das Misoxerthal. Auf seiner Anhöhe ist ein Hospital und dort soll auch ein Bergsee sein, welcher in zwei verschiedenen Gegenden das Wasser ausleeren soll; das eine in den Rhein und das andere in die Moäsa. Diesen Berg habe ich niemals bereist. Splügen und Rhein können auf dieser Seite und Isola und S. Giacomo auf der anderen Seite die Reisenden bewirthen. Zwischen diesen zwei Bergpässen liegt vornen daran ein sehr hoher Gipfel, welcher gegen Mitternacht mit einer sehr steilen Eisdecke belegt ist. Vielleicht ist dieser der sog. Curcanil.Hinter diesem gegen Mittag liegen mehrere sehr hohe und beeiste Gebirge, welche ihr Eis gegen das Misoxer-
* ) Anm. des Revisors: Tambohorn.
thal hinab strecken. Olivon im Palenzerthal ist ein Ort, woraus mehrere Bergpässe ihren Anfang nehmen. Gegen Westnord zieht sich das Lamper- oder Zuortlial empor, von Anfang ist es etwas bewohnt und fruchtbar, dann fangen die Wälder und Bergmatten und endlich die Alpen an und führen den Reisenden in vier Stunden auf den Lukmanierberg zum Hospital St. Maria.
Auf dem Wege dahin kann der Reisende einige Erholungen in den Hospitälern Campiero und Casaccia haben; er that aber besser, wenn er sich von Olivon aus mit Erfrischungen versieht. Hinter dem Hospital von Casaccia, links dem Wasser nach, kann der Reisende eine Brunnquelle besichtigen, die sehr wasserreich ist und unter einem kalkartigen, sehr grossen Stein herfür rauschet und dem Bach den Ursprung giebt. Sehr selten ist es, dass man in dieser Gegend keine Brunnquelle als diese findet, allein diese ist um desto wasserreich.
Auf dem Wege dahin trifft man undurchsichtige Granaten in Gneuss und Granit an; aber bei dem Hospital Casaccia verändert sich das Gestein in Kalk-und andere Spatharten und in Thon- und Glimmerschiefer.
Nicht weit vom gedachten Hospital gegen den Lukmanier hin trifft man auf dem Wege sehr guten Gyps an. Der Weg, worüber man geht, ist mit sehr feinem Gypsmehl belegt.
Wenn man vom Hospital Casaccia eine halbe Stunde bergan gestiegen ist, erreicht man die Anhöhe des Lukmanierberges; er bietet die schönste Ansicht dar und er heisst nicht umsonst in den alten Instrumenten lateinisch Locus magnus und in der italienischen Sprache Loco magno;
denn die Weite um sich und die Pläne ist sehr beträchtlich.
Hier an dem Grenzort vom Medelser- und Palenzer-t:hal ist ein hölzernes Kreuz aufgesteckt und nachdem man eine halbe Stunde über die Ebene des Lukmaniers zurückgelegt hat, erreicht man das Hospital St. Maria im Mittelpunkte der Alp Prausec. Von Olivon gegen Nordnordost hin zieht sich ein anderes Thal, welches Val de Girone, Gironerthal, genannt wird. Girone, eine kleine Dorfschaft, liegt zwei Stunden von Olivon und zwischen den Ufern zweier Thäler. Das westliche Thal besteht in Bergmatten und Alpen und heist Camadra, zu hinderst nennt sich die Ortlage Cent-val, Hundert-thäler, weil vom grossen Medelser Glätscher hunderterlei kleine wasserreiche Thälchen sich abwärts ziehen und den Hauptbach Tessin bilden und vergrössern.
Von da aus zieht sich das Thalgelände gegen Osten hin und dieses heisst Galignära. Der Bach, welcher das Thal durchfliesst, entspringt aus einem andern Theil des grossen Medelser Glätschers und macht am Ende desselben, bei der sogenannten Scalèta, einen Wasserfall. Die nördliche Seite dieses Thalgeländes, von Seiten des obgedachten Glätschers, besteht aus lauter Gneuss und Granitwacken, die südliche aber aus Thonschiefer, Kalk und Kalkspath oder aus einem Gemenge von sehr verschiedenen Steinarten.
Man muss sanft beinahe eine Stande bergan steigen, bis man die Höhe ansieht, welche dem Auge eine schöne und weitausgedehnte Aussicht giebt.
Das östliche Thal von Girone zieht sich Ost- ostnord hin und wird von den Rhätiern das Monte-rascher Thal genannt, wie aber die Italiener es nennen, fällt mir jetzt nicht bei.
Dieses Thal theilt sich bei einer Stunde hineinwärts wieder in drei Alptliäler ab. Das nördliche wird Monterasch, das nordöstliche Garsura und das ostsüdliche Scaradra oder Scaradro genannt.. Nachdem man durch das Thal und die Alp Monterasch zwei Stunden Weges zurückgelegt hat, kommt man auf eine Anhöhe, welche nicht weit von derjenigen der Gaglianära entfernt ist. Man hat hier die Pracht des grossen Medelserglätschers im Angesicht und hier und dort auf der Anhöhe fängt das Teninger- oder Sum-vixerthal an. Dieses zum Theil bewohnte Thal fängt bei Surrhein an, zieht sich in eine Weite von ungefähr sechs bis sieben Stunden gegen Mittag, hieher, lenkt sich von da aus gegen Abend und empfängt seine Gewässer von Mitternacht aus dem Medelserglätscher her. Hier ist ein quer gezogenes, weitausgebreitetes Thal oder Alpgelände, welches den hintern Theil des Teninger-thals ausmacht und gemeinschaftlich von den Palenzern und Longnizern benutzt Avird.
Wenn man gegen Osten den Weg fortsetzt, so kann man entweder in das Teningerthal hinab oder etwas hinaufwärts auf die Furca von Diesrut steigen und von da durch die Alp Diesrut, die Dörfer Puzatsch, Caminada, Comps in Zeit von zwei oder dritthalb Stunden in die Longnizer Pfarre Vrin kommen.
Das andere Thal, welches hinter Girone gegen Ostsüd sich zieht und Scaradra genannt wird, gehet von Girone in Vais. Von dieser Seite hinauf ist dieser Berg sehr steil und hoch zu steigen und wenn man ihn endlich erstiegen hat, muss man über einen Gla`t scher gehen und kommt nach zurückgelegten drei bis vier Stunden in das Alpthal Lenta und von da in anderthalb Stunden in das Dorf Zawreila und in dritthalb Stunden in Vals auf den Platz.
Auf diesem Weg kommen die höchsten Gipfel dieser Gegend, gegen Mittag hin gelegen, zum Vorschein, vorzüglich steigen zu hinderst in der Lenta die grossen Glätscher und das Lentahorn empor, welches bis dahin, so viel man weiss, von einem einzigen Menschen hat vollkommen erstiegen werden können.
Der. Lukmanier ist beinahe zu allen Zeiten wandelbar; man säumet, trägt und fährt mit Schlitten darüber; diese Berge aber können nur im Sommer und Herbst bereist werden.
Der südliche Theil der Greina, das Thal Diesrut bis auf Vrin u. s. w., bestehen aus Thon, Thonschiefer und überhaupt aus Kalkarten. Hingegen Scaradra, Lenta, Alpertsthal aus Gneuss, Granit und Glimmerschiefer. Von dem Hospital zu St. Maria auf dem Lukmanierberg geht ein Bergpass über Val de Terms, italienisch Val di Termini, in das Alpthal Piora und in verschiedene Ortschaften des obern Theils des Livenerthals. Dieser Bergpass kann selten anders als Sommers- und Herbstzeit bereist werden. Diese Gegend ist sehr angenehm zu bereisen, sie bietet dem Auge sehr viele Seltenheiten dar. Eine halbe Stunde vom Hospital St. Maria Südwest sieht man auf der rechten Seite einen schönen Wasserfall, welcher die Froda, die aus dem Alpthal Curlim oder Cadlim herfliesst, dann die schönen Weideterrassen des Thales Terms, die weitausgebreitete und prachtvolle Alp Piora mit ihren grossen und kleinen Alpseen, dann die verschiedenen Steinarten des Schorles, der Granaten, des krystallisirten Glimmers, welche wohl angenehme und interessante Gegenstände des Naturkundigers sind!
Von Disentis aus kann man zwei Bergpässe erwählen, den Lukmanier und den Crispalten. Von Disentis bis an den Hauptort des Medelserthales, Plata, geht man Südwest in Zeit von zwei Stunden. Man muss, um sich zu laben, beim Herrn Pfarrer einkehren. In einer und einer halben Stunde kommt man an den Ausgang des Cristallinerthals, welches von Süd her zieht. Nachdem man über den Bach gleichen Namens gesetzt hat, erreicht man in einer geringen halben Stunde das Hospital St. Johann, welches den Medelsern zugehört. Bisweilen hat man hier, vorzüglich zur Herbstzeit, Wein und Brod, bisweilen nur Milch und Käse und wenig anderes. In einer geringen Stunde Weges jenseits der Froda steht das Hospital St. Gall. Es ist Eigenthum, des Gotteshauses zu Disentis. Seit dem Kriege* ) kann man ebensowenig den Reisenden aufwarten als im Hospital zu St. Johann.
Nachdem man eine starke Stunde zurückgelegt hat, ersteigt man den Lukmanierberg von der Mede^serseite her und kommt zum Hospital St. Maria. Hier wird man wenig besser bewirthet als in den erstgedachten Hospitälern, obschon es ein Eigenthum des Klosters Disentis ist.
Der östliche Berg dieses Hospitals, welcher auch der höchste in dieser Gegend ist, steht an- und
) 1799.Anm, ä, Red. zugedeckt mit einer rauhen Art von Thonschiefer.
Ueberhaupt besteht das ganze Thal theils aus Gneuss, Granit, Glimmer- und Gneussschiefer. Beim Eingange des Thales findet man vielen Quarz, Kalk, Thon- und andere Schiefer. Bei Curegla befinden sich auch einige Kalkarten; bei Soliva und Mutsch- nengia sind Talk- und Thonschiefer zu finden. Das Thal ist sehr reich an grossen und schönen Kry- stallen; auch an Blei, etwas Kupfer und Antimoni zeichnet es sich aus. Zwei Stunden von Disentis gegen Westen hin liegt das Hauptort des Tavetscherthals, Sadrun. Von da aus gegen Mitternacht zieht sich das Strimserthal hinauf, und nachdem man zwei Stunden zurückgelegt hat, kehrt man sich gegen Abend, ersteigt den Crüzliberg und kommt in ein Nebenthal vom Kä.rschelethal* ). Von der Anhöhe dieses Thals an steigt man in drei Stunden bis zum Stäg im Kanton Uri. Dieses Thal ist ziemlich bewohnt und hat sehr ergiebige Alpen. Diesen Bergpass habe ich nicht bereist.
Eine Stunde hinter Sadrun ist das Dorf Ruäras. Hier theilt sich der Bergpass über den Crispalten. Rechts geht man über die Bergmatten von Crispaiisa in das Kämerthal, von da gegen die Alphütte Terms oder Tiarms an die Grenzen von Ursern, von wo man die Aussicht über den Ursernalpsee hat. Man steigt an den See hinab und geht neben ihm gen Ursern hinab.
Der andere Weg von Ruäras aus führt auf Selva und Tschamot in zwei Stunden hin, dann wiederum in zwei Stunden über die Alp Surpalix und Mushanäras erreicht man die wahre Anhöhe des Bergpasses und
* ) Maderan.Anm. d. Bed. den Ursereralpsee.
Tavätscli ist ein schönes und fruchtbares Thal, hat frische und schöne Leute und milch-reiche Alpen. Man muss bei den Geistlichen die Einkehr nehmen, wenn man am besten bewirthet sein will.
Die Berge in diesem Thal sind an den grössten, glänzendsten und reinsten Krystallen sehr reich. Zugleich findet man hier verschieden gefärbte Schorle und Granaten. Die Hauptgesteinart dieses Thales ist Granit, Gneuss, Glimmer- und Gneussschiefer.
Die angenehmste Aussicht, die ich jemals auf einem Berggipfel genoss, war von La Cima d' il Badus aus. Der Badus, den man falsch Badux geschrieben hatte, liegt zwischen dem Tavätscher- und Ursernthai. Gegen Niedergang ist er sehr steil und felsig, gegen Aufgang aber sanfter und ist mit einer ziemlichen Eis- und Schneedecke angedeckt. Er ist von der südlichen Seite her leichter zu ersteigen.
An Schönheit der Aussichten muss der Calanda den Badus noch übersteigen. Von diesem Berg aus übersieht man das obere und das untere Land, das Tomläsk-und Longnizerthal und viele andere Gegenstände, die merkwürdig sind.
Wenn einer die Krone der höchsten Alpgebirge auf einmal ansehen will, das ist vom Montblanc bis zur Wildenspitze in Tirol und vom Piz Rusein ( ein Nachbar vom Tödiberg im Glarnerland ) bis zum Lenta-honi, dem rate ich den Berggipfel Scopi auf dem Lukmanierberg zu besteigen.