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Oft bringen apologetische Stimmen Schwung in den breiten Diskurs: Die Reformation habe die Gewissensfreiheit gebracht, sagen die einen, sie habe die Grundlagen des Kapitalismus oder jene des Sozialismus gelegt, die anderen. Ja, sie habe gar die Menschenrechte ersonnen …
Diese Behauptungen sind, da verkürzt wiedergegeben, weit entfernt von der Wahrheit. Und doch ist es unmöglich, den Ursprung der Gewissensfreiheit, der Gewerbefreiheit, ja des freien Unternehmertums oder der sozialen Gerechtigkeit zu ergründen, ohne der Reformation im 16. Jahrhundert - in welcher Form auch immer - ihren Platz einzuräumen. Trat nicht Luther im April 1521 auf dem Reichstag in Worms überlegen und frei gegenüber den politischen und kirchlichen Instanzen auf?
Niemand würde heute behaupten, dass die Reformation als solche die Ursache für Glaubensfreiheit und Toleranz sei. Aber sie ist Teil ihrer Voraussetzungen. Weil die sich abzeichnenden konfessionellen Grenzen in Europa nicht mehr mit den territorialen übereinstimmten, konnte Sebastian Castellio von Basel aus für die Billigung beider Religionen in Frankreich plädieren («Conseil à la France désolée», 1562). Nach den Kappelerkriegen musste die dreizehnörtige Eidgenossenschaft den Umgang mit religiöser Verschiedenheit erst lernen. Vielleicht ahnten die Eidgenossen, dass die politischen Bande den konfessionellen Meinungsverschiedenheiten standhalten würden. So leistete die Schweiz, dank der Reformation, die von den einen angenommen und von den anderen abgelehnt wurde, ihren bescheidenen Beitrag zur Schaffung von Toleranz.
Michel Grandjean, Professor Universität Genf (Übersetzung Margrit Irniger)