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Die arabische Scholastik existierte so gut wie die lateinisch-europäische, auch wenn sie hierzulande weniger bekannt ist. Und im Grunde genommen waren ihre Ziele dieselben: Zu beweisen, dass Gott rational erfassbar ist, bzw. zu beweisen, warum dem nicht so sein könnte. Beide gehen letzten Endes von Aristoteles aus. Und wie die lateinisch-europäische kämpfte auch die arabische den Kampf mit den orthodoxen Theologen, die auf den kleinsten Ausrutscher warteten, um dem Autor eines Traktats Häresie vorwerfen zu können. Der Unterschied ist: Die arabische Scholastik dauerte zwar in etwa gleich lang wie die lateinisch-europäische, aber sie starb ziemlich genau ab in dem Moment als die lateinisch-europäische zu blühen begann. So kam es, dass die Europäer zwar den Aristoteles von den Arabern und deren Aristoteles-Kommentaren übernahmen – aber eine Kommunikation zwischen den beiden Kulturen blieb de facto aus. (Ob es ein Zufall war, dass die arabische Scholastik zu dem Zeitpunkt ausstarb, als die Araber definitiv von der iberischen Halbinsel verjagt wurden?)
Ibn Tufail jedenfalls ist hierzulande praktisch unbekannt. Der Meiner-Verlag hat verdankenswerter Weise sein Werk „Der Philosoph als Autodidakt“ herausgebracht – es aber mittlerweile auch wieder im modernen Antiquariat verscherbeln müssen. Dabei hat sogar Bloch diesen Scholastiker des 12. Jahrhunderts mal rezipiert und als Links-Aristoteliker gelobt. Worum geht es in diesem Text? Ibn Tufail (ich verzichte übrigens auf die diakritischen Zeichen, mit denen die arabische Aussprache der lateinischen Buchstaben angedeutet werden sollte), Ibn Tufail also schildert das Leben eines auf einer im übrigen menschenleeren Insel aufgewachsenen Menschenkindes, das sich in seiner Einsamkeit – von der Sprache abgesehen – alle scholastischen Konzepte und Ansichten über Gott und die Welt nur mit seinem eigenen Verstand selber erarbeitet. Zwar kommt er gegen Ende zum Schluss, dass nur eine mystische Versenkung ihn ganz an Gott heranbringt, aber für den durchschnittlichen Menschenverstand ist die überkommene Religion (des Islam) immer noch gut genug. Denn: Gott existiert und der menschliche Verstand erweist dies einem jeden.
Fazit: Mit seiner Anlehnung an den Sufismus eine interessante Variante des scholastischen Gottes-Suchen, und auf jeden Fall eine witzige Alternative zu Albertus Magnus und Thomas von Aquin.