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Wie vor Felsblöcken aufgetürmte kleine Steinlawinen: ein Dutzend Häuser, darin Scharen von Kindern, kleine Ställe, gedrängt voll mit Kühen. Durch die Türen drang Stimmengewirr, Tellerklappern, Kuhgeläute.
An den Trögen rieben Frauen Wäsche, Männer spalteten Holz, Kinder kletterten wie Gemsen auf den Felsblöcken herum. Es roch nach Seife und Harz, nach Rauch, Gebratenem und vor sich hinköchelnder Polenta.
So sah Fontana aus, Feuer in den Kaminen zwischen den Steilwänden, die Umgebung ein kleinräumiges Mosaik aus Buckeln und Trockenmauern, im Mittelalter durch einen Bergsturz von der Basodino-Seite abgetrennt, im Rücken die hoch aufragende Wand Richtung Alpe Magnasca, der Weiler sanft und grau in den Farben der Jahreszeiten.
Rundherum war das Dickicht gerodet und gezähmt worden, mit Eichen und Kastanien bepflanzt oder terrassiert, um Heu ernten und Gemüsegärten anlegen zu können; man hatte Pfade in den Fels gehauen, um höher hinaufsteigen und auch die Weiden unter den Gipfeln nutzen zu können, und all die Mauern und Stufen zwischen dem Felsen und dem steilen Abgrund verhalfen doch nur zu einigen wenigen Metern Anbaufläche.
Es war der zweite Weiler des Bavonatals, zügigen Schrittes eine halbe Stunde von Cavergno entfernt, aber die Länge dieser zwei Kilometer wirklich zu erfassen war schwierig, weil sie von morgens noch verschlafenen und bei Sonnenuntergang wehleidigen Kindern, von jungen und alten Leuten und angesichts des satten Grüns ausser Rand und Band geratenen Ziegen, von Kühen, die nach Monaten im Stall noch ungelenk waren, von sich abplagenden und wegen jeder Lappalie in Panik geratenden Schweinen zurückgelegt wurden. Schwangere Frauen liefen talauf und unter Wehen talab, und aus welchem Grund auch immer sie den Weg unter die Füsse nahmen, immer nutzten sie die Gelegenheit und beluden sich mit Heu und Holz, Säuglinge wurden im Tragekorb festgebunden und geschlachtete Zicklein baumelten daran herunter.
«Vincenzo war ein geduldiger Mann, der es sich dreimal überlegte, bevor er eine Ohrfeige gab, ein Bauer mit grossen Händen und locker sitzenden Tränen, der Jüngste einer Schar Waisen, die ihm alles hatten zukommen lassen, woran es ihnen selbst gemangelt hatte.»
An diesem Morgen drang mit dem Kaffeeduft Vincenzos tiefe Stimme ins obere Geschoss.
«Emma, Leonardo, aufstehen!» Draussen war es dunkel. Die Kinder schielten unter ihren Decken hervor zu den eisbeschlagenen Fenstern und betrachteten den Dampf ihres Atems im Schummerlicht der Kerze. Als das Rufen ungeduldig wurde, standen sie auf, zogen sich an und liefen nach draussen, über das mit Reif überzogene Gras, um die Blase zu entleeren.
Vor dem Feuer, in der angenehm warmen Küche, füllten sie sich die Bäuche und tankten Wärme.
«Beeilt euch, Rossa hätte gestern schon gebären sollen», sagte Vincenzo, in Gedanken bei der Ziege, die am Vorabend noch keine deutlichen Geburtsanzeichen hatte erkennen lassen.
Vincenzo war ein geduldiger Mann, der es sich dreimal überlegte, bevor er eine Ohrfeige gab, ein Bauer mit grossen Händen und locker sitzenden Tränen, der Jüngste einer Schar Waisen, die ihm alles hatten zukommen lassen, woran es ihnen selbst gemangelt hatte.
Schon in der Frühe hatte ihn eine böse Vorahnung erfasst: Er hatte Schnee gerochen und sich beeilt, die Glut neu zu entfachen und den Ofen einzuheizen, hatte geseufzt, um die Angst vor den Frühlingslawinen zu vertreiben.
Nun musterte er durch das Fenster die dunklen Felsrinnen, als vermöchten sie vorauszusagen, ob die gefrorenen Massen und der zusätzlich erwartete Schnee da oben bleiben würden.
Die Kinder schauten, wie er schaute, starrten, als er sich rührte, auf die fast leeren Tassen, ein Löffel klimperte, Blicke wurden gewechselt.
Auch sie in Aufregung versetzt vom Geruch, der in der Luft lag, fragten sie den Vater, als sie fertig waren, ob sie zur Schule hinuntermüssten.
«Was für eine Frage!», antwortete er.
Die drei traten in die Dunkelheit hinaus und stiegen den vereisten Pfad hoch. Das Dorf war in der eisigen Ruhe wie erstarrt. Die Ziegen meckerten, vom Getrappel ihrer Schritte geweckt, «wir kommen ja schon, wir kommen ja schon».
Im Stall fanden sie Rossa in ihrem Fruchtwasser liegend vor, der Bauch noch prall und unförmig, hinten hing ihr ein Schleimfaden herab.
Sie meckerte schwach, von den wirkungslosen Wehen erschöpft. Eine Laterne in der Hand, biss sich Vincenzo unter seinem Schnurrbart auf die Lippen und murmelte düster «elender Nichtsnutz», weil er sich abends von Kälte und Müdigkeit davon hatte abhalten lassen, noch einmal nachzusehen. Er war vor dem Schlafengehen nicht mehr raufgegangen, und nun hatte er die Bescherung. Wie oft schon war er zu spät gekommen, das Muttertier tot und bereits erstarrt, der Kopf des im Gebärmutterhals erstickten Zickleins aufgedunsen, und immer waren es die grössten Zicklein und besten Ziegen, die er den Füchsen zum Frass zwischen die Felsblöcke werfen musste.
Eine andere Ziege meckerte ihr Neugeborenes an, ein weisses Zicklein, das sie gründlich abgeleckt hatte und das nun schon auf schwankenden Beinen das Euter suchte.
«Kümmere dich um Tamberla und ihr Kleines, Emma», überschrie er die hungrige Herde, «und du dich um das Heu.»
Leonardo trat in das düstere Morgenlicht hinaus, sog den Nebel ein, presste Heu in den Tragekorb und schluckte dabei leer, weil Rossa sterben würde. Zurück im Stall, füllte er die Futterkrippen auf, die Ziegen vergruben ihre Mäuler darin und verstummten. «Ich nehme die Laterne, Papa», sagte er zum Vater, der bleich war und wie angewurzelt dastand: Die Mutter würde durchdrehen, wenn die Ablammsaison damit anfing, dass man Rossa entsorgen musste.
«Die Ziege atmete kaum noch, sie war zusammengezuckt, als der Bauer die Hand aus ihrem Bauch zog, hatte aber die zitternden kleinen Hände, die an deren Stelle getreten waren, gar nicht bemerkt.»
Mit zusammengekniffenen Lippen und angsterfülltem Blick betastete Vincenzo ihren Bauch. Als er sich seiner Diagnose sicher glaubte, begann er die Ziege zu ermutigen: «Wir holen es jetzt raus.» Er schob die Finger in die Gebärmutter, fühlte, dass es lebte, und drang weiter vor, tastete, versuchte sich vorwärtszuarbeiten, hielt inne, wenn die Ziege stöhnte, bis er, vom nutzlosen Stöbern, Schwitzen und Fluchen entmutigt, seinem Sohn das Feld überliess: «Versuch du mal, ich habe Angst, alles zu verderben.» Er wischte sich die Hände an der Hose ab und nahm die Laterne wieder an sich. Emma sagte keinen Mucks.
Leonardo fühlte einen Kloss im Hals, als er seine schmalen Hände in Rossas Körper schob, um das Zicklein zu finden, das sein Vater nicht aus seiner Lage hatte befreien können. Der Geruch nach Eisen und Salz, der Schleim und die fiebrige, flüssige Wärme widerten ihn so an, dass er fast erbrechen musste. Die Ziege atmete kaum noch, sie war zusammengezuckt, als der Bauer die Hand aus ihrem Bauch zog, hatte aber die zitternden kleinen Hände, die an deren Stelle getreten waren, gar nicht bemerkt.
«Und jetzt?»
«Es liegt verkehrt rum, such vorne die Beine und dreh es dann, du wirst sehen, dass es kommt.»
Leonardo dachte an Giovanna, die ebenso geschickt darin war, Zicklein auf die Welt zu helfen, wie darin, Verrenkungen, Schwellungen und Entzündungen von Sehnen, Bändern und Muskeln zu behandeln; sie war eine wundersame Heilerin aller Gebrechen. Ein Vorfahre hatte ihr diese Gabe weitergegeben, ein Geheimwissen, das wie manche Verkrüppelungen und Hässlichkeiten seit Urzeiten immer im Strom weitergeschwemmt wurde und das später auch sie der Nachwelt anvertrauen würde. Jedes Mal, wenn er sie hinkend oder mit einem in Tränen aufgelösten Geschwister aufgesucht hatte, war er voller Bewunderung dafür gewesen, wie sie einen Knöchel anfasste und zurechtschob, als wüsste sie, was sich unter der Haut befand. «Auch du wirst sehende Finger haben», hatte sie gesagt, «wenn es das Schicksal will.»
Der Junge spürte in der glitschigen Masse Fleisch, Knorpel, Knochen und Angst. Er war ausser Atem und fühlte die Verantwortung für den Unmut auf sich lasten, der drohte, falls Rossa und ihr Zicklein sterben würden, und ausserdem mochte er diese starrköpfige Ziege, auch wenn seine Freunde spotteten, mit zwölf sei es an der Zeit, sich für Mädchen statt für Ziegen zu interessieren.
Lange suchte er herum, ohne Klauen, Knie oder Schultern voneinander unterscheiden zu können, bis seine Hände auf einmal, vom Instinkt geleitet, das Zicklein sanft in der Gebärmutter zu drehen begannen.
Konzentration erfüllte den ganzen Stall, die Ziegen schielten angespannt zu Rossa hinüber, fühlten die Anstrengung, die sie umgab. Die Zicklein hingegen, die Emma eines nach dem anderen zu ihren Müttern gebracht hatte, schliefen satt in ihrem Verschlag. Vincenzo und Emma standen reglos da, die Stille wurde nur vom Geschmatze der Wiederkäuer und dem Knacken der Balken durchbrochen.
Leonardo war sich nur halb bewusst, was er tat, er drückte von unten und zog langsam von oben, kniete selbstvergessen in Fruchtwasser und Blut, eins geworden mit Rossas Eingeweiden und ihrem kleinen Totengräber, bis er das Zicklein schliesslich mehr tot als lebendig aus dem hilflosen Körper der Mutter zerren konnte.
«Da ist es!», sagte er und liess sich abgekämpft und stolz rücklings in die Streu fallen.
Der Vater massierte das Zicklein, bis es tief einatmete, dann warf er es in das Laub, schon fast trocken, weil es zu lange im Bauch geblieben war. «Hol die Grappa.»
Emma lief zum Haus hinunter, glücklich darüber, eiskalte Luft einatmen und die steif gewordenen Glieder lockern zu können. Leonardo und Rossa nahmen einen Schluck, zuerst er, dann sie, und auch der Vater genehmigte sich ein paar Tropfen.
«Bravo!», sagte er. Die Geschwister blickten zu Boden.
Für die Schule war es nun zu spät.
Zu Femminis’ ausgezeichnetem Roman «Fuori per sempre» (Marcos y Marcos, 2019):
«Heute im Kittel, morgen im Patientenhemd», philosophiert Psychiatrieschwester Marisa im Pausenraum. Auch im Privatleben des Pflegeteams gibt es Abgründe, im Mittelpunkt des Geschehens steht aber eine Patientin: die 23jährige Giulia, die eben einen Suizidversuch unternommen hat. Episode um Episode fügt sich die Geschichte einer Familie aus einem Tessiner Bergdorf zusammen, es geht um aufeinanderprallende Welten, Geheimnisse und Krankheiten, experimentierfreudige Jugendliche und Identitätssuche. Giulias Leben steht in der Klinik nicht still, immer wieder überraschen unerwartete Wendungen, und der Roman, der Einblicke aus erster Hand hinter die Kulissen einer psychiatrischen Klinik gibt, wandelt sich stellenweise sogar zum Road Movie. Doris Femminis, geboren 1972 und zuhinterst im Maggiatal aufgewachsen, arbeitete mehrere Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie und hielt daneben 50 Ziegen, später zog sie ohne Herde in die Romandie und lebt heute mit ihrer Familie am Lac de Joux. Der preisgekrönte Roman «Fuori per sempre» ist ihr zweites Werk. (Barbara Sauser)
Ein Zitat aus dem Werk:
«Quando Giulia aprì gli occhi, a una spanna dal suo naso si trovò la faccia di una donna bizzarra, dagli occhi esorbitanti, enormi per la testa affilata in cui erano immersi. Ambedue sussultarono. Giulia schizzò a sedere, la signora si ritrasse verso il muro e prese a bibigliare fissandola.
Merda, pensò Giulia, intuendo il peggio.
«Cos’è qui?» chiese alla donna, che aumentò il volume dei bisbigli, scivolò verso la porta e uscì lasciando aperto.»