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Es beginnt mit Ansichten des nächtlichen Lausanne, gefilmt in kurzen, starren Einstellungen. Man sieht die vom Lac Léman her steil aufsteigende Stadt ohne jeglichen touristischen Glanz: Strassen, Verkehrskreisel, Warenhäuser, ein vorbeirasender Streifenwagen. Sparsam untermalt von metallischen Elektronikklängen, zeigt eine Sequenz schliesslich zwei spektakuläre gläserne Lifte, die in der Nähe des Bahnhofs einen Stadtteil mit dem darunter gelegenen Sévelin-Quartier verbinden.
Mit einer Liftfahrt ist der Dokumentarfilm «Impasse» (Sackgasse) nun dort angekommen, wo sich zwischen trostlosen Büro-, Gewerbe- und Schulhäusern ein Teil der Lausanner Strassenprostitution abspielt. «Das Sévelin-Quartier befindet sich an einer strategischen Lage urbaner Entwicklung», heisst es auf der Website der Lausanner Stadtverwaltung, und Wörter wie «Begrünung» und «Durchmischung» belegen dann, dass die Politik Veränderungsbedarf für diesen Unort konstatiert hat. Vom Herbst 2015 bis zum Winter 2016 haben Elise Shubs und ihr Kameramann Fabrice Aragno hier gedreht. Die 1980 im Lausanner Industrievorort Renens geborene Regisseurin will in ihrem ersten langen Kinodokumentarfilm «von der Prostitution sprechen, ohne sie zu zeigen». Dass sie dieses Ansinnen so überzeugend hat verwirklichen können, hat viel mit den brillanten Bildern von Aragno zu tun, der bei den letzten drei Filmen von Jean-Luc Godard als Directeur de la photographie gewirkt hat.
Wenn man weiter bei bekannten Namen bleiben will, so ist die Tatsache nicht ganz unwichtig, dass Elise Shubs, ursprünglich Anthropologin mit Schwerpunkt auf Asylfragen, über fünf Jahre im von Fernand Melgar gegründeten Kollektiv Climage Audiovisuel wichtige Funktionen innehatte. Sie war dort als Regieassistentin, Koregisseurin und schliesslich auch Produzentin an Melgars letzten drei Filmen «Vol spécial», «Le Monde est comme ça» und «L’Abri» beteiligt. Vom moralischen Rigorismus, der die Filme dieses wohl unbestechlichsten Chronisten sozialer Ungerechtigkeiten im aktuellen Schweizer Dokumentarfilm kennzeichnet, ist auch «Impasse» geprägt.
«Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht», schrieb Bertolt Brecht in der «Dreigroschenoper». Der Satz könnte geradezu als Leitspruch über diesem Film stehen, der in seiner stillen Wut über das Schicksal von vier Migrantinnen so etwas wie einen radikalen Gegenentwurf zu einschlägigen TV-Dokus über Prostitution darstellt. Man hört hier nur die Stimmen der vier Frauen – und Mütter – aus dem Off, die Freier existieren lediglich als schemenhafte Gestalten in den Autos, und was die Frauen über sie erzählen, ist bisweilen banal, oft aber abscheulich. Und wenn von den Frauen gelegentlich doch die Füsse oder die Schatten sichtbar werden, wird einem bewusst: Es sind Menschen, die mitten unter uns leben und die doch unendlich weit weg scheinen.
In: Solothurn, Konzertsaal, Sa, 21. Januar 2017, 18 Uhr, und Mi, 25. Januar 2017, 14 Uhr.