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Shiatsu und der Start ins Leben
Ein neues Leben entsteht: noch nicht sichtbar, aber zunehmend spürbar. Das Kind entwickelt sich im Mutterleib von einer befruchteten Eizelle erst zum Embryo und dann zum Fötus. Es nimmt die Aussenwelt zunehmend wahr und steht in einem intensiven Kontakt mit der Mutter. Shiatsu kann viele unerwünschte Begleiterscheinungen während der Schwangerschaft lindern und fördert die Intensivierung der Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Antoinette Campeglia hat sich als Shiatsu-Therapeutin in der Unterstützung von Frauen während der Schwangerschaft und rund um die Geburt spezialisiert.
Antoinette, wenn man schwangere Frauen behandelt, behandelt man ja auch den Fötus. Wie nehmen du oder die Mutter das Kind wahr, wie reagiert es auf Shiatsu?
Ich frage die Mütter immer, wie sie die Verbindung zu ihrem Baby empfinden. Sie können während der Shiatsu-Behandlung oft besser wahrnehmen, was vor sich geht. Besonders wenn Frauen Schmerzen haben oder gestresst sind, kann ihnen die Konzentration auf diese Verbindung helfen. Die Reaktionen der Babys sind unterschiedlich: Sie spüren, dass wir an ihrer Energie arbeiten, und die Reaktionen äussern sich auf unterschiedliche Weise. Manchmal reagiert das Baby mit viel Bewegung, mit Strampeln, manchmal beruhigt es sich jedoch auch.
Was sind typische Beschwerden in den frühen Phasen einer Schwangerschaft?
Morgenübelkeit ist beispielsweise relativ häufig. Aus Sicht der TCM ist dafür der Chong Mai (Meer des Blutes) verantwortlich, welcher mehr Blutenergie in die Gebärmutter schickt, um die Plazenta und die Fruchtblase aufzubauen, damit der Fötus ernährt werden kann. Da die Plazenta noch nicht eingepflanzt ist, kann all diese Energie dort noch nicht gehalten werden, und so neigt sie dazu, nach oben zu fliessen. Wenn die Energie des Magens schwach ist, kann sie diesen Energiefluss nicht wieder nach unten lenken, was Übelkeit verursacht. Es ist daher notwendig, den Magenmeridian zu stärken, damit seine Energie in die natürliche Richtung nach unten fliesst. Eine Disharmonie im Funktionskreis Leber (zuständig unter anderem für die Speicherung des Blutes) kann auch Erbrechen verursachen.
Shiatsu kann bei Übelkeit, aber auch bei anderen Schwangerschaftsbeschwerden wie Rückenschmerzen, Ischias oder Karpaltunnelsyndrom Linderung bringen.
Was sind häufig auftretende Beschwerden oder Anliegen in der letzten Phase einer Schwangerschaft?
Das Gewicht des Babys führt beispielsweise häufig zu Ischias-Beschwerden. Ich hatte eine Klientin, die nicht mehr gehen konnte, weil die Schmerzen so stark waren. Sie glaubte, die Position ihres Babys sei die Ursache für die Schmerzen. Nach der Behandlung schickte sie mir eine SMS mit den Worten: “Hallo, keine Schmerzen mehr seit unserer Sitzung, das ist toll, danke”.
Häufig ist auch Stress da; die Gründe dafür sind individuell. Langanhaltender Stress wirkt sich unweigerlich auch auf das Baby aus.[1] In der Shiatsu-Therapie können gestresste Frauen zur Ruhe kommen. Sie werden oft gelassener im Hinblick auf die Geburt, weil sie dank Shiatsu eine verbesserte Selbstwahrnehmung haben und besser im Einklang mit ihren Bedürfnissen sind.
In dieser letzten Phase geht es aber auch um die ideale Vorbereitung auf die Geburt.
Wie kann Shiatsu Frauen konkret bei der Vorbereitung auf die Geburt unterstützen?
Nach der 30. Schwangerschaftswoche kommt auch der Partner mit in die Praxis zur individuellen Geburtsvorbereitung. Zunächst erkläre ich den beiden die verschiedenen Stadien der Geburt aus der Sicht der TCM mit den entsprechenden Meridianen und Elementen.
Die Väter lernen, durch gezielte Berührungen die Verbindung von Mutter und Kind zu unterstützen. Mit der Stimme können auch Schwingungen erzeugt werden, was eine vorgeburtliche Kommunikation mit dem Baby erlaubt. Das Baby spürt die Schwingungen und die Harmonie und beruhigt sich. Diese Verbindung von Vater, Mutter und Kind ist sowohl für die Eltern als auch für das Baby von Vorteil.
Mit Atemübungen, Bewegungen, Positionen und Kenntnis der wichtigsten Punkte, die bei den verschiedenen Phasen der Entbindung helfen, lernen die Partner, wie sie die Frauen körperlich vor und während des Geburtsprozesses unterstützen können. Indem sie beispielsweise auf die Kreuzbeinlöcher drücken oder den Bauch halten, können Spannungen abgebaut werden. Besonders während der Geburt wirkt sich diese Beruhigung der Mutter auf das Baby aus. Die Väter lernen auch, wie sie die Schultern massieren (die oft sehr verspannt sind) und die Entspannung durch ihre Atmung fördern können. Die Frauen leiten ihre Partner an, wo sie welchen Druck benötigen.
Während der Wehen erlaubt Shiatsu, auf die Angst vor dem Unbekannten einzuwirken. Unbehandelte Emotionen neigen dazu, den Prozess der Dilatation zu blockieren. Shiatsu hilft der Mutter, mit ihren Gefühlen besser in Einklang zu kommen. Die verschiedenen Techniken der Berührung, des Drucks, der Körperhaltung und der Atmung sind eine wirksame Unterstützung bei Schmerzen, Wehen und der Absenkung des Babys.
Die Beteiligung und Mithilfe des Partners sind wunderbar. Der Partner fühlt sich weniger verloren, er fühlt sich als Unterstützung für die werdende Mutter. Nach den Geburten höre ich oft von Vätern, die erstaunt und glücklich darüber sind, dass sie aktiv an der Geburt ihres Kindes teilnehmen konnten.
Interview: Andrea Pfisterer
[1] Zuviel Stress der Mutter wirkt über das Fruchtwasser aufs Baby. Medienmitteilung der Universität Zürich (2017): https://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Stresshormone-im-Fruchtwasser.html)