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Vom Kaiser zum Bruder
Die Ein-Kind-Politik wurde 1980 zu Beginn der vom grossen Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping entworfenen Wirtschaftsreform landesweit eingeführt. Ein weiterer ungebremster Anstieg der damaligen Bevölkerungszahl von 1 Milliarde Menschen – so die Ueberlegung – würde Chinas sozioökonomische Entwicklung schwer beeinträchtigen. Ein Amt für Bevölkerungskontrolle wurde eingeführt, das über die bestehenden Nachbarschaftskomitees und die Arbeitsplätze der Ein-Kind-Politik Nachachtung verschaffen sollte. Das Heiratsmindestalter wurde heraufgesetzt auf 20 für Frauen und 22 für Männer. Eine Heirats- und Geburtserlaubnis war erforderlich.
«Soziale Kompensationsgebühr»
Das staatlich festgesetzte demographische Ziel waren 1,2 Milliarden Einwohner als Obergrenze. Das Ziel wurde verfehlt. Dennoch sind bis zur Aufhebung dieser Politik am 1. Januar 2016 in China – je nach Schätzung – zwischen 300 und 400 Millionen weniger Menschen geboren worden. Mit andern Zahlen: Anstatt derzeit rund 1,4 Milliarden Einwohner zählte das Reich der Mitte heute mindestens 1,7 Milliarden.
Obwohl sozioökonomisch vernünftig, hatte die harte Durchsetzung der chinesischen Familienplanungspolitik persönliche und volkswirtschaftliche Nachteile. Zwar gab es Ausnahmen, zumal auf dem Land und für die ethnischen Minderheiten, wo zwei oder gar mehrere Kinder erlaubt waren. In den Städten jedoch wurde die Ein-Kind-Politik mit Härte durchgesetzt. Ehepaare, die ein zweites Kind zur Welt brachten, wurden mit einer Busse, einer «sozialen Kompensationsgebühr» belegt. Der Druck von Nachbarschaftskomitees war gross. Erzwungene Schwangerschaftsabbrüche und Zwangssterilisationen waren die Folge.
Xiao Huangdi
Eine ganze Generation von verwöhnten, aber auch von vier Grosseltern und Vater und Mutter extrem geforderten Einzelkindern wuchs nach 1980 heran, die im Volksmund als Xiao Huangdi – als kleine Kaiser bekannt sind. Das Ungleichgewicht der Geschlechter nahm zu, denn nach konfuzianischer Tradition mit männlicher Erbfolge ist ein Sohn Garantie für die Fortführung des Familiennamens. Die Folge: 1980 kamen auf 100 Frauen 108 Männer, im Jahre 2004 betrug das Verhältnis 121 Männer zu 100 Frauen. Vor zwei Jahren verbesserte sich das Verhältnis auf 113,5 Männer zu 100 Frauen, doch das weltweite Durchschnittsverhältnis von 104–107 Männern zu 100 Frauen ist noch längst nicht erreicht. Derzeit leben in China nach Angaben der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) 708 Millionen Männer und 675 Millionen Frauen. Der Handel mit Frauen innerhalb Chinas aber auch über die Grenzen nach Vietnam, Laos oder Myanmar wurde zum einträglichen Geschäft.
«Die Hälfte des Himmels»
Hatte Mao Dsedong einst die Chinesinnen noch als die «Hälfte des Himmels» apostrophiert und dabei hemmungslos grenzenloses Bevölkerungswachstum propagiert, war der Frauenanteil nach dem Census von 2011 gerade einmal 48,73 Prozent. Die Regierung verbot zwar die Bestimmung des Geschlechtes mit Ultraschall, doch wie Politiker sind auch Ärzte für «kleine Gaben» empfänglich und umgehen das Verbot. Weitere soziale Folge des Frauenüberschusses: Nach einem Bericht des Parteiblattes Renmin Ribao (Volkstageszeitung) wird es in China im Jahre 2020 15 Millionen unverheiratete Männer geben und zur Jahrhundertmitte 30 Millionen.
Überalterung
Die Ein-Kind-Politik hat auch zu einer schnellen Überalterung der Bevölkerung geführt. Bereits jetzt stehen 13 Prozent der Bevölkerung im Rentenalter. Nach Prognosen der Regierung werden es zur Jahrhundertmitte dann ein ganzes Viertel oder rund 350 Millionen sein. China wird mithin alt, bevor es reich wird. In den Industriestaaten war es genau umgekehrt, wie wir AHV-Schweizer wissen. Deshalb ist auch die konfuzianische Pietät so wichtig, welche die Kinder – neuerdings per Gesetz – zur Pflege und Liebe der Eltern verpflichtet.
Schon vor über zwanzig Jahren wurde parteiintern über Vor- und Nachteile der Ein-Kind-Politik diskutiert. Doch erst im Oktober 2015 beschloss das Zentralkomitee, die Ein-Kind-Politik aufzugeben. Innerhalb der Partei sprachen sich einige Demographen gar für völlige Freigabe aus, doch schliesslich entschied sich das ZK für die von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften vorgeschlagene Zwei-Kind-Politik.
Ernüchterung
Der Stellvertretende Leiter der Nationalen Gesundheits- und Familienplanungskommission, Wang Pei‘an, lobte damals die Lösung mit folgenden Worten: «Die Zwei-Kind-Politik wird die demographische Struktur rekonstruieren, die Zahl der Arbeitenden erhöhen, die alternde Bevölkerung unterstützen und die ökonomische und soziale Entwicklung unterstützen.» Doch Mitte 2016 trat angesichts erster statistischer Daten Ernüchterung ein. Viele Ehepaare, so hiess es, verzichteten auf ein zweites Kind aus finanziellen Gründen, denn Kinder in China grosszuziehen ist kostspielig. Auch Wohnraum für eine grössere Familie sei mittlerweile in Chinas grossen und mittleren Städten unerschwinglich. Dazu kommen Probleme bei der Karriereplanung sowie bei arbeitenden Ehepaaren ein Mangel an Kinderbetreuung.
Eigene Lösungen suchen
Professorin Zhang Zhenzhen von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften formulierte das Problem so: «Viele Frauen arbeiten in Branchen, die sich durch einen hohen Wettbewerb auszeichnen, und es ist deshalb unwahrscheinlich, dass sie sich für ein zweites Kind entscheiden.» Zhang warnte auch vor einem Mangel an Arbeitskräften: «Die vorhandenen Belegschaften werden immer älter werden. Die Industrienationen reagieren darauf mit einer lockereren Immigrationspolitik. Aber in China mit einer so riesigen Bevölkerungszahl wird kein Land der Welt das Loch füllen können, das durch die fehlenden Arbeitskräfte entsteht. Deshalb müssen wir nach eigenen Lösungen suchen.»
Mutterschutz und Vaterurlaub
Peking sowie Provinz- und Lokalregierungen reagierten rasch. So versprach etwa Finanzminister Xiao Jie Steuervergünstigungen für Familien mit zwei Kindern in Form von Abzügen bei den Ausgaben für Erziehung, Ausbildung und Kinderbetreuung. Nach Massgabe der Zentralregierung soll «der Mutterschutz landesweit verbessert und der Vaterschaftsurlaub weiter verbreitet werden». So wurde Mutterschaftsurlaub auf 128 Tage verlängert, und Väter dürfen immerhin jetzt 15 Tage Vaterschaftsurlaub einziehen. Am weitesten gingen die Behörden der Südprovinz Guangdong. Sie gewähren Müttern 208 Tage Urlaub. Die Zahl der Kindertagesstätten wurde überall drastisch erhöht. Schliesslich wurden an einigen Orten wie zum Beispiel in der Stadt Yichang (Provinz Hubei) Angestellte des Oeffentlichen Dienstes via Website der lokalen Gesundheits- und Familienplanungskommission aufgefordert, ein zweites Kind zur Welt zu bringen.
Sofortmassnahmen
Die Sofortmassnahmen zeitigten Folgen. Mitte Juli liess sich Wang Pei‘an, Stellvertretender Leiter der Gesundheits- und Familienplanungskommission, in den Medien mit folgenden Worten zitieren: «Die jetzige Situation kann man mit zwei Sätzen zusammenfassen. Erstens hat die neue Politik beträchtliche Erfolge erzielt. Zweitens entspricht die bisherige Änderung und Entwicklung der Familienpolitik unseren Erwartungen.» Zahlen belegen das. Im vergangenen Jahr, dem ersten der Zwei-Kind-Politik, sind 18,46 Millionen Kinder geboren worden, was einer Zunahme von 11,5 Prozent entspricht. Im ersten Halbjahr 2017 wurden 7,4 Millionen Babys geboren (+ 7,8 Prozent). Bei fast der Hälfte der Neugeborenen handelt es sich um das zweite Kind. Der Trend wird sich nach Ansicht von Professor Yuan Xin von der Nankai-Universität fortsetzen. 18 bis 20 Millionen Frauen, so Yuan, werden in den nächsten fünf bis acht Jahren ein zweites Kind zur Welt bringen.
Geburtenrate
Auch die Geburtenrate hat sich wieder leicht auf 1,7 Kinder pro Frau erhöht. Dem weltweiten Trend folgend wird sich aber nach Prognosen der Demographen und einigen Schwellenländern nämlich ist die Geburtenrate unter 2,1 Kinder pro Frau gesunken, jenen Wert also, der für die Erhaltung der Bevölkerung auf dem jetzigen Stand nötig wäre. Mit 1,45 Milliarden wird im Jahre 2030 die Einwohnerzahl Chinas den Höhepunkt erreichen und dann kontinuierlich sinken auf 1,4 Milliarden zur Jahrhundertmitte und auf eine Milliarde im Jahre 2100.
Die Global Times jedenfalls, herausgegeben vom Parteiblatt Renmin Ribao (Volkstageszeitung), ist in einem Kommentar Ende 2015 zur Einführung der Zwei-Kind-Politik des Lobes voll. Der Kommentar war in Anspielung auf die Ein-Kind-Generation der «Kleinen Kaiser» mit der hoffnungsvollen Schlagzeile «Vom Kaiser zum Bruder» überschrieben.
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