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Was für ein verrückter, egozentrischer Angeber, denkt man angesichts der Biografie des Erfinders von Wonder Woman, William Moulton Marston (1893–1947), die Jill Lepore für ihre Geheime Geschichte von Wonder Woman (2022) aufwändig recherchiert hat. Marston war Rechtsanwalt, experimenteller Psychologe, Erfinder des Lügendetektors, Comiczeichner – und Feminist. Er war überzeugt, dass Frauen die besseren Menschen sind und eines Tages die Weltherrschaft erringen würden. Diese Überzeugung bekundete er in den Wonder-Woman-Comics.
Er investierte aber auch viel in die wissenschaftliche Basis seiner Superheldinnenabenteuer. Wortreich und mit viel Verve und Fantasie verkündete er die frohe Botschaft in Vorträgen, in Büchern und Artikeln. Heute würde man vieles davon Mansplaining nennen. Er realisierte seine Idee von fortschrittlicher Liebe, indem er mit drei Frauen zusammenlebte, von denen zwei – Sadie Elizabeth Holloway und Olive Byrne – Kinder von ihm hatten. Eine verdiente das Geld, eine kümmerte sich um die Kinderschar, eine kam und ging, und alle ließen einen guten Teil ihrer Arbeitskraft in Marstons Projekte einfließen. Dabei ist Wonder Woman das erfolgreichste Gemeinschaftsprojekt.
Marstons Behauptung, er sei Feminist, haftet nicht nur etwas Paternalisierendes, sondern auch etwas Schlüpfriges an. „Das Geheimnis der Anziehungskraft der Frau” lag für ihn darin, dass „Frauen die Unterwerfung genießen – das Gebundensein.“ Er scheint, wie auch die notorischen Fesselszenen in den Wonder-Woman-Comics nahelegen, ein Bondage-Fetischist gewesen zu sein, der daran glaubte, dass die Kraft der Frau gerade in ihrer Fähigkeit zur Unterwerfung unter den Mann bestand.
Solche (ab)wertenden Bemerkungen und klaren Urteile, wie ich sie gerade formuliert habe, sucht man in Jill Lepores dickem Buch über die Geschichte hinter Wonder Woman vergebens; die Historikerin überlässt ihren Leser:innen, was sie von Marston halten sollen. Und genau diese Abstinenz macht das Buch zu einer abenteuerlichen und erhellenden Lektüre; zu einem Sachbuch, in dem die Fäden so geschickt zusammengeführt und verknüpft sind, dass es sich lohnt, es von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Wenn man einmal so weit gekommen ist, wird man es sich nicht nehmen lassen, auch den 120-seitigen Anhang zu studieren.
Es geht nämlich gar nicht um diesen Marston. Die geheime Geschichte von Wonder Woman, in den USA bereits 2016, in der deutschen Übersetzung dieses Frühjahr erschienen, erzählt anhand von Marston und seiner seltsamen Faszination für “die Frau” und für eine aus heutiger Sicht schauerlich anmutende Form des Differenzfeminismus eine andere Geschichte. Lepore faltet diese Geschichte langsam und geduldig auf, und fast bekommt man das Gefühl, ihr bei den „jahrelangen Recherchen in Dutzenden von Bibliotheken, Archiven und Sammlungen“ über die Schulter zu schauen.
Brückenbauerin mit Lasso
Wonder Woman war lange vor der Blockbuster-Verfilmung von 2017 mit Gal Gadot in der Hauptrolle die „beliebteste Superheldin aller Zeiten“. Die Tochter des Zeus und der Amazonen-Königin Hippolyta ist in einer utopischen Frauenwelt aufgewachsen. Sie kämpft für Frieden, Gerechtigkeit und Frauenrechte, und dies mit einem Minimum an Gewalt. Ihre goldenen Armbänder wehren Kugeln ab, und alle, die sie mit ihrem magischen Lasso einfängt, sind gezwungen, die Wahrheit zu sagen. Im Alltag versteckt sich die Superheldin hinter der Identität der Sekretärin Diana Prince. Gemäß Jill Lepore ist Wonder Woman aber viel mehr als eine Superheldin aus dem Reich der Amazonen, die dazu beitrug, den Feminismus zu popularisieren. Vielmehr muss sie als die populärkulturelle Denkfigur schlechthin gelesen werden, in der die Kontinuität zwischen der sogenannten ersten und zweiten Welle der Frauenbewegung sichtbar wird. In den Comics, die ab 1941 erschienen, verdichten sich die Ideen und Forderungen der Frauenwahlrechtsbewegung und des Birth Control Movement der 1900er und 1910er Jahre, die via Wonder Woman in die Programme der Feministinnen in den 1960ern und 1970ern einfloss. „Wonder Woman war Teil jener Revolution“, schreibt Lepore.
Die höchst detaillierte, materialreiche Aufarbeitung der Biografie von Marston, Holloway und Byrne, der Einfluss der Frauenrechtlerin Margaret Sanger und nicht zuletzt die in den 1950ern tobende Debatte um den schädlichen Einfluss von Comics auf Kinder sind lauter Mosaiksteine, die ein differenziertes Gesamtbild ergeben. Der Backlash der 50er Jahre war deshalb so massiv, weil es ganz konkret um Arbeitsplätze, ökonomischen Einfluss und um die Verteilung der Care-Arbeit ging. Wonder Woman, die nicht im Traum daran dachte, Kinder aufzuziehen oder Geschirr zu spülen, geriet unter Beschuss. Lepore schreibt:
Wonder Woman folgte in den 1950er Jahren den Hunderttausenden amerikanischen Frauen, die während des Krieges einer Erwerbstätigkeit nachgegangen waren, nur um dann, als der Friede da war, erzählt zu bekommen, dass ihre Arbeitskraft jetzt nicht nur nicht mehr gebraucht werde, sondern die Stabilität der Nation gefährde, weil sie die gesellschaftliche Stellung der Männer schwäche.
Der Höhepunkt des Wonder-Woman-Revivals war, als die Redaktion des Ms. Magazine die Superheldin 1972 auf dem Cover platzierte, unter dem Titel: „Wonder Woman for president“ – just zu der Zeit, als Shirley Chisholm ins Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur stieg, als erste Frau und als erste Schwarze Frau. Das Ziel war, mit Hilfe von Wonder Woman die Distanz zwischen den unterschiedlichen Generationen von Feministinnen zu überbrücken. Gloria Steinem, die als Kind ein Fan der Comics war, kommentierte: „Wenn ich mir heute diese Wonder-Woman-Geschichten aus den 40ern anschaue, staune ich über die Aussagekraft ihrer feministischen Botschaft.“ So wurde Wonder Woman zum Symbol der feministischen Revolte – obwohl oder gerade weil sie in den 1950er Jahren von konservativen Pädagog:innen massiv angegriffen worden war. Obwohl Marston selbst nicht müde wurde zu betonen, dass Frauen grundsätzlich andere, aber eben bessere, intelligentere Wesen seien als Männer, machte sich Wonder Woman selbstständig und repräsentierte für ihre Leser:innen ein Frauenbild, das auf Gleichheit beruhte. Diese Deutung der Figur setzt sich übrigens bis in die Filme von Patty Jenkins fort. Wonder Womans Spaß an Mode und Styling hat etwas Lustvoll-Verspieltes; dass Kleider dazu dienen, in einer Rolle zu performen, könnte kaum deutlicher gemacht werden.
Ein Mann als feministisches Medium
Indem Lepore fast aufreizend langsam, detailreich und geduldig auffaltet, welche Fäden wo und wie zusammenlaufen, zeigt die Historikerin auf, dass Marston als Autor weniger ein ‘Schöpfer’ war als eine Art Medium, das die feministischen Diskurse, die um ihn herum zirkulierten, aufsog, verband, arrangierte und daraus Unterhaltung machte. Das Material dafür stammte nicht nur aus Texten, sondern aus dem gelebten Leben des Netzwerks, in dem sich Marston und seine Frauen bewegten. Diese Frauen waren radikale und intellektuelle Feministinnen. Sadie Elizabeth Holloway und Marston lernten sich in der Grundschule kennen. Schon als Kind sei sie wild und furchtlos gewesen; später besuchte sie das erste Frauen-College der USA, das Mount Holyoke College in South Hadley, Massachussetts, eine Hochburg der Suffragetten. Später würde Holloway sich nur deshalb auf das polygame Arrangement einlassen, weil es ihr erlaubte, voll berufstätig zu sein. Olive Byrne, die in der Marston-Familie die Mutterrolle für ihre und Holloways Kinder übernehmen würde, hatte hochprominente Verwandtschaft in der Frauenrechtsbewegung. Margaret Sanger, die prominenteste Exponentin des Birth Control Movement und jahrelang die weltweit berühmteste Feministin, war ihre Tante. Wie viel aus dem gemeinsamen Leben von Holloway, Byrne und Marston in die Comics einfloss, lässt sich an den sorgfältig ausgewählten Illustrationen nachverfolgen, die Lepores Text begleiten. Sadie Holloway, um nur ein Beispiel zu nennen, stammte von der Isle of Man, Wonder Woman von der Fraueninsel der Amazonen. Und Olive Byrne war es, die mit den breiten Armbändern daherkam, die zu Wonder Womans magischen Accessoires werden sollten.
Nach außen präsentierte sich die unkonventionelle Wohngemeinschaft aber als biedere Familie. Olive Byrne gab die Witwe, die sich um den Haushalt kümmerte, und alle miteinander arbeiteten an der gemeinsamen Secret Identity mit traditionell verteilten Rollen. Dazu gehörte, dass Marston – dessen ausgeprägtem Ego dieses Arrangement sicher entgegenkam – als Autor, Denker und Macher in Erscheinung trat, während die Frauen im Hintergrund blieben. Das ging so weit, dass jede Spur der engen Verbindung, die zwischen Olive Byrne und ihrer Tante Margaret Sanger bestand, für die Öffentlichkeit verwischt wurde. Wie sorgsam das Image gepflegt wurde, konnte Lepore bei der Sichtung der Familienarchive feststellen. Insbesondere Byrne überlegte sich ganz genau, was sie der Nachwelt überlassen wollte und was nicht. Lepore folgert: “Marston, Holloway und Byrne hatten ein geheimes, abgeschirmtes Privatleben geführt. Das hatte seinen Preis.“ Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Feminismus nach 68, nämlich, dass das Private immer politisch ist, hatte keinen Platz in Marstons kleiner Schreibfabrik – mit dem Resultat, dass Holloway und Byrnes Anteil an Wonder Woman ohne Lepores Recherchen unsichtbar geblieben wäre.
Eigentlich geht es Lepore darum, ein Stück unbekannte Geschichte der Frauenbewegung aufzuarbeiten und exemplarisch sichtbar zu machen, welche Konsequenzen es hat, wenn sich Frauen wegen ihres unkonventionellen Privatlebens und der Angst vor Sanktionen und Repressalien hinter einem Mann verstecken müssen. Im Fall von Olive Byrne betrifft das Schweigen nicht nur ihre Mitarbeit an Marstons Werk, sondern auch ihre Mutterschaft. Zwei der vier Kinder, die offiziell zu Holloway und Marston gehörten, hat sie geboren. Erfahren haben es die beiden aber erst, als sie längst erwachsene Männer waren.
Doch die Entdeckung des feministischen Netzwerks, aus dem heraus die Wonder-Woman-Comics entstanden sind, ist nicht der einzige Grund, warum sich die Lektüre des Buches lohnt. Ganz nebenbei und ohne sich selbst übermäßig dafür zu interessieren, leistet Lepore einen wichtigen Beitrag zur Analyse der Populärkultur im 20. Jahrhundert. Indem sie die Narrative der Comics herauspräpariert und deren Bezüge zu feministischen Positionen sichtbar macht, indem sie die Debatten nachzeichnet und einordnet, die durch die Abenteuer der Superheldin entfesselt wurden, lässt sie die Welt von Wonder Woman als Aushandlungsraum von zentralen gesellschaftlichen Fragen erscheinen. Wenn man bedenkt, wie emotional die Diskussion rund um das „Gendern“ gegenwärtig geführt wird, verwundert es nicht, dass Wonder Woman in den letzten Jahren erneut ein Revival hatte. Es wird nicht das letzte gewesen sein.