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Annette Hug lernt ungewollt ein Gedicht auswendig
Eugen Gomringer ist nicht verboten worden. Das hat sich vor zwei Wochen an den Brugger Literaturtagen gezeigt. Der 93-jährige Dichter las vor vollem Saal, brachte das Publikum zum Lachen und zum Nachdenken. Wunderbar. Die Moderatorin liess während der ganzen Lesung «avenidas» einblenden, jenes Gedicht, das diesen September in Berlin übermalt worden ist. Vor der Alice-Salomon-Hochschule soll es nur noch auf einer Tafel zu sehen sein. In kleinen Lettern folgt das Wort «admirador» (Bewunderer) auf unterschiedlich angeordnete «mujeres» (Frauen), «avenidas» und «flores» (Blumen). An der Fassade selbst wird ein Gedicht von Barbara Köhler stehen, das mit deutlicher Referenz an Eugen Gomringer den Sinn des Wortes «sie» aushebelt.
Studentinnen hatten sich einen Wechsel gewünscht. Sie waren der männlichen Betrachter von Frauen überdrüssig und löstendamit einen Sturm der Entrüstung aus. Die Vorwürfe reichten von «Kulturbarbarei» bis zum Nazivergleich.
In Brugg wurde deutlich, dass der Protest Eugen Gomringer zu neuer Popularität verholfen hat. Ich würde wetten, dass in den vergangenen acht Monaten kein anderes Gedicht so oft gelesen, abgedruckt und zitiert worden ist. Und ich will mir gar nicht vorstellen, wie Studentinnen an die Kasse kämen, die heute eine Aktion wiederholten, die circa 1990 in Zürich stattfand.
Soweit ich mich erinnere, liess sich eine kleine Gruppe nachts ins Hauptgebäude der Universität einschliessen, um die Nike von Samothrake neu zu gestalten. Das Original dieser Statue steht im Louvre, im Lichthof der Uni Zürich ist eine Kopie zu sehen: eine überlebensgrosse, vollbusige Frau mit Flügeln, aber ohne Kopf und Arme. Als wir weniger Eingeweihten am frühen Morgen zur Aktion erschienen, hatte die Nike ein neues Haupt, einen bunt gefiederten Vogelkopf. Beim Gerangel, das folgte, geriet ein Hauswart ausser Atem vor Angst, die Statue könnte Schaden nehmen. Von Pressereaktionen habe ich nichts mitbekommen. Die Forderung, denkende Frauen statt kopflose Sinnbilder ins Zentrum zu rücken, drang vielleicht nicht über den Lichthof hinaus. Und es stand keine Armada bereit, um gegen Political Correctness ins Feld zu ziehen.
Die Universitätsleitung dachte zuerst nicht daran, auf unsere Forderung einzugehen. Die Nike hebt noch immer ihre Flügel. Aber heute steht ganz in der Nähe die «Chaiselongue» von Pipilotti Rist, ein riesiges blaues Sofa. Aufgestickt ist der Name von Emilie Kempin-Spyri, die als erste Schweizerin in Rechtswissenschaften promovierte, aber als Frau nicht für den Anwaltsberuf zugelassen wurde. Sie musste auswandern.
Zwischen Nike und Sofa sass ich kürzlich mit einer chinesischen Studentin, die sich für Frauengeschichte interessiert. Es kann sein, dass ich etwas schwärmerisch vom Vogelkopf erzählte. Sie hörte ruhig zu. Aber als ich auch die Installation von Pipilotti Rist als Grosstat rühmte, verzog sie das Gesicht. Auf diesem Sofa seien oft Studentinnen zu sehen, die sich ausruhten. Das könne doch nicht der Sinn des Denkmals sein. «‹Nehmen Sie Platz, Madame!› war einmal ein politischer Slogan», schob ich nach. Aber auch das überzeugte die Studentin nicht: «Frauen kommen an die Uni, damit es endlich vorwärtsgeht, wir müssen jetzt ganz viel arbeiten, nicht rumliegen.»
Annette Hug ist freie Autorin, sie arbeitet meistens zu Hause. Manchmal verirrt sie sich auf Pipilotti Rists «Chaiselongue».