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Bergsteigen in der Antarktis
Oswald Oelz, Ebmatingen
Alpinistische Erschliessung Die Geschichte des Bergsteigens in der Antarktis begann 1908, als Mitglieder der Shackleton-Expedition im März den 3795 Meter hohen Mount Erebrus, einen aktiven Vulkan, erstiegen. Dabei musste einem der Teilnehmer noch in der Antarktis eine grosse Zehe wegen Erfrierungen amputiert werden. Die Besteigung dieses Berges wurde von Mitgliedern der unglückseligen Expedition von Scott Die Gebirgsmassive der Antarktis Obschon 98 Prozent des antarktischen Kontinents von einer durchschnittlich 3 Kilometer dicken Eisschicht bedeckt sind, finden sich dort in vielfach auch heute nur oberflächlich bekannten Gebirgsgruppen unzählige unbenannte und unbestiegene Gipfel. Diese Tatsache wäre allein schon faszinierend genug. Es gibt aber weitere Anziehungspunkte für Liebhaber wilder, urtümlicher Regionen: Die Einsamkeit ist fast überall absolut, die Temperaturen steigen selten über minus 20 Grad und die Kaltluftmassen, die von der Eiskappe zu den Meeren herabströmen, können sich zu Sturmwinden steigern, die Geschwindigkeiten bis zu 300 Stundenkilometern erreichen.
Die eindrücklichsten Ketten und Massive ziehen sich entweder den Küsten entlang ( vor allem auf der der Südspitze Südamerikas zugewandten antarktischen Halbinsel und am McMurdo Sound ), oder sie gehören zum grossen Gebirgszug der Transantarctic Mountains, der auf einer Strecke von 3200 Kilometern den ganzen Kontinent durchquert. Die höchsten Erhebungen befinden sich in den Ellsworth Mountains mit den kulminierenden Punkten Vinson Massif ( 4895 m ), Mount Tyree ( 4845 m ), Mount Shinn ( 4801 m ), Mount Gardener ( 4886 m ), Mount Naomi Uemura ( 4650 m ) und Mount Epperly ( 4602 m ). Obwohl die Ausläufer dieses Gebirges schon 1935 von Lincoln M. Ellsworth vom Flugzeug aus entdeckt wurden, identifizierte man diese beachtlichen Gipfel erst 1957 bei der sorgfältigen wissenschaftlichen Erforschung der Antarktis anlässlich des Internationalen Geophysikalischen Jahres.
im Dezember 1911 wiederholt, als sich Scott schon auf dem Weg zum Südpol befand. Darauf ruhten - während einer längeren Periode -die Aktivitäten im sechsten Erdteil. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erkundeten Argentinier, Chilenen und Neuseeländer einige der Küstengebirge der Antarktis. Im Dezember 1966 transportierte die us Navy schliesslich zehn prominente US-Bergsteiger in die Ellsworth Mountains. Dies mit der erklärten Absicht, danach sämtliche künftigen Anfragen von Bergsteigern nach Transportmöglichkeiten mit dem Hinweis ablehnen zu können, diese Berge seien jetzt bestiegen. Die vier höchsten Gipfel wurden dann auch von Mitgliedern dieser Expedition erreicht. Weitere bekannte Alpinisten, die im Rahmen eines wissenschaftlichen Unternehmens'in den folgenden Jahren den einen oder anderen An-tarktis-Berg bezwingen durften, waren Ed Hillary und Walter Bonatti. Private Versuche oder Träume, in der Antarktis bergsteigen zu können, scheiterten schon an der Schwierigkeit, überhaupt dorthin zu gelangen. Die Nationen, die in der Antarctic Treaty die Antarktis in Ein-flusssphären aufgeteilt haben, wünschen nämlich keinen Privattourismus - unter anderem deswegen, weil allfällige Rettungsaktionen äusserst problematisch und teuer wären. Auch wird mit einer gewissen Eifersucht über die Einflusssphäre gewacht, da man strategische Optionen offenhalten will und auf Bodenschätze und künftigen Fischfang hofft. Bislang wurden allerdings noch nie abbauwür-dige Kohle-, Öl- oder Mineralienvorkommen gefunden.
1983 organisierten die amerikanischen Millionäre Dick Bass und Franc Wells die erste private Bergsteigerreise in die Antarktis. Sie charterten eine umgebaute DC3, geflogen vom Briten Giles Kershaw, dem erfahrensten Antarktis-Piloten, worauf ihnen die dritte Besteigung des Vinson Massif gelang ( die zweite war 1979 durch Wissenschaftler durchgeführt worden ). Seither ist ein kärglicher Privattourismus zu den Ellsworth Mountains in der Antarktis in Gang gekommen, der allerdings von einem Flugzeug und einem ( seinem ) Piloten, Kershaw, abhängt. Da die argentinischen Militärs diesen Piloten 1984 für einige Zeit in Gewahrsam genommen hatten, konnte die Besteigung des Vinson Massif erst 1985 wiederholt werden. Die Exklusivität alpinistischer Unternehmungen in der Antarktis wird aber auch weiterhin gewahrt bleiben. Dafür sorgen - neben den harschen Witterungsbedingungen -allein schon die Reisekosten: Ab Punta Arenas an der Südspitze Chiles muss für einen Flug in die Ellsworth Mountains und zurück ein Preis von rund 20000 Dollar pro Person entrichtet werden. Dieser hohe Betrag wird unter anderem durch den Benzinpreis diktiert: Pro Gal-lone Benzin ( 4,55 Liter ), welches die chilenischen Streitkräfte in der Antarktis zur Verfügung stellen, hat Kershaw 50 Dollar zu bezahlen.
Reinhold Messner und ich hatten spätestens seit 1978 alles mögliche unternommen, um zum höchsten Berg der Antarktis zu gelangen. Alle Versuche, die US National Science Foundation, die argentinische oder chilenische Armee, neuseeländische Forschungsunternehmungen und private Piloten zu überreden, uns mitzunehmen, scheiterten jedoch. Nach der Besteigung aller 14 Achttausender im Herbst 1986 änderte sich aber die Lage zu unseren Gunsten. Zudem ermöglichte ein Filmauftrag des italienischen Fernsehens die Schaffung des notwendigen finanziellen ( Polsters ).
Zum Gipfel des Vinson Massif Die eigentliche Reise in die Antarktis beginnt für uns in Punta Arenas, der windzerzausten südlichsten Stadt Chiles, in der sich Ant-arktis-Freaks, Bergsteiger, Segler, Ruderer und Wissenschaftler treffen. Giles Kershaw, ein ehemaliger Hippie, der erfahrenste der Antarktis-Piloten mit über 5000 Flugstunden über dem eisigen Kontinent, wartet auf uns und vermittelt souveräne britische Gelassenheit. In seinem regulären Beruf fliegt er eine Boeing 747, in den Ferien die erwähnte, umgebaute DC3. Deren Erstklasseabteil wird von einem 1000-Liter-Benzintank ausgefüllt, im übrigen Flugzeug ist für unsere Fracht sowie für sechs Bergsteiger und zwei Wissenschaftler Platz. Nach dem Flug über Feuerland und die Drakes Passage wird das Flugzeug auf einem chilenischen Stützpunkt aufgetankt. Hier und bei der nächsten Landung beeindruckt uns die Gastfreundschaft der Chilenen. Die weitere Reise über Inseln, Packeis und die Antarctic Peninsula zeigt schroffe Berggestalten. Manche ähneln Formationen in den Alpen - bei einer glauben wir beinahe, die Mischabelgruppe vor uns zu sehen. Nur in der Nähe grosser Stützpunkte tragen ein paar wenige einzelne Gipfel einen Namen. Im übrigen hat man sich mit Gebirgsbezeichnungen mittels klangvoller Sammelbegriffe wie Scarlatti Mountains und Staccato Peaks begnügt. Nach Stunden solchen Flugs wird mir die Isolation und totale Abhängigkeit vom Flugzeug bewusst. Um zwei Uhr morgens tauchen die Ellsworth Mountains aus dem Nebel auf, hohe kahle Ketten, eine Mondlandschaft, in der das Flugzeug auf 2000 Meter Höhe landet. Der Temperatursturz beim Verlassen des warmen Flugzeugs wirkt fast erschreckend: Da die Sonne hinter den Bergen steht, ist das Thermometer hier bereits auf minus 35 Grad oder tiefer gesunken.
Den Aufstieg vom Landeplatz zum Gipfel des Vinson Massif hatten die bisherigen Bergsteiger jeweils im Expeditionsstil mit drei Camps und einem Zeitaufwand von 10 bis 14 Tagen hinter sich gebracht, wobei die Verzögerungen durch die langandauernden Stürme verursacht wurden. Eine solche Strategie des langsamen, schrittweisen Vorgehens widerspricht jedoch gänzlich dem Temperament von Reinhold Messner, und so beladen wir drei - Wolfi Thomaseth ist unser Kameramann - uns nach kurzem Schlaf mit allem, was für einige Tage Überleben in der Antarktis nötig scheint.
Der Aufstieg entspricht im Charakter der West Butress, also dem Normalweg am Mount McKinley, und ist demzufolge technisch nicht anspruchsvoll. Wenn der Wind einschläft, herrscht absolute Stille, nichts lebt hier, der permanente Frost hält selbst das lockere Gestein in den brüchigen Flanken mit eisiger Faust zusammen. Der Anstieg bietet kaum ernsthafte Schwierigkeiten. Einzig ein langes, vereistes Felscouloir und einige Spalten erfordern erhöhte Aufmerksamkeit. In Anbetracht der relativ leichten Route - und um Gewicht zu sparen - haben wir deshalb auch auf die Mitnahme eines Seils verzichtet. An jenem Ort, an dem üblicherweise das zweite Lager bezogen wird, stellen wir unser Zelt auf und schlafen einige Stunden. Unsere Nahrung besteht aus Schüttelbrot ( Südtiroler Fladenbrot ), Speck und Parmesan und dazu reichlich warme Getränke. Als wir später durch einen Eisbruch weitersteigen, hat sich der Wind zum Sturm entwickelt. Dabei stecken wir im Nebel, und es ist noch kälter geworden. Am Ende des Eisfalles stossen wir auf zwei geräumige, von hohen Schneemauern geschützte Zelte. Hier kommt uns Stefan Wörner, der 14 Tage vor uns aus der Schweiz abgereist ist, entgegen. Tags zuvor hat er nach längerem, vom Sturm diktierten Warten mit seinem Gast und einer amerikanischen Gruppe als erster Schweizer den Gipfel des Vinson Massif erreicht. Das Camp bietet eine willkommene Gelegenheit, uns etwas aufzuwärmen, einen Tee zu trinken und mitten in der Antarktis mit anderen Menschen zu sprechen. Der Aufenthalt ist jedoch nur von kurzer Dauer. Wir müssen weiter. Schon nach wenigen hundert Metern durchstossen wir die Nebeldecke und steigen in gleissendes kristallklares Licht. Die höchsten Gipfel der Ellsworth Mountains sind Inseln in einem Meer von wattigem Nebel. Die sichtbaren Elemente unserer Umgebung beschränken sich auf Sonne, Himmel, Eis und einige wenige Felsen - eine Landschaft von strenger Ruhe und einzigartiger Entrücktheit. Diese Stille wird nur von unserem beschleunigten Vinson Massif: Ausblick vom Gipfel Pfiolo Oswald Oelz Atem gestört, entspricht doch hier in der Antarktis die Sauerstoffkonzentration auf fast 5000 Metern derjenigen auf einem 6000 Meter hohen Berg in der Nähe des Äquators. Dies, weil die Erdatmosphäre durch die Erdumdrehung an den Polen abgeplattet ist. Die letzten 10 Meter am Gipfelgrat sind steil und lassen mir bewusst werden, dass ich mit diesen Schritten zum Kulminationspunkt der Antarktis einen schon viele Jahre alten Traum verwirklichen kann. Das Vinson Massif ist von hier in seiner ganzen Grosse zu überblicken. Es handelt sich praktisch um eine 20 Kilometer lange und 14 Kilometer breite Hochebene mit fünf Gipfeln, auf dessen höchstem wir nun stehen -26 Stunden nachdem unser Flugzeug gelandet ist. Solche Momente sind unbeschreibbar und lohnen jedes Warten und jede Anstrengung.
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