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Das rund 20 Hektaren grosse Hardholz ganz im Westen Winterthurs liegt auf einer Höhe von etwa 400 bis 420 Metern über Meer und ist damit das am tiefsten gelegene Waldgebiet der Stadt. Es ist vom grossen Waldgebiet auf dem Beerenberg nur durch die Bahnlinie Winterthur–Pfungen getrennt und gehört zum Stadtwald, ist also im Eigentum der Stadt Winterthur. Lediglich eine kleine Fläche von rund einer Viertel Hektare ist Privatwald.
Eigentumsverhältnisse
Das heutige Waldgebiet Hardholz zwischen der Hardgutstrasse im Nordosten und der Bahnlinie im Südwesten sowie zwischen der Kläranlage im Nordwesten und dem Gebiet Niderfeld im Südosten gehörte ursprünglich zum Gemeindewald Wülflingen und kam mit der Eingemeindung der Vororte 1922 in den Besitz der Stadt Winterthur. Es war damals annähernd doppelt so gross wie heute und erstreckte sich über weite Teile des Niderfelds. Auf der Wild-Karte von 1850 ist das ursprüngliche Waldgebiet noch zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg fiel indes ein grösseres Waldstück der Anbauschlacht zum Opfer.
Waldgesellschaften
Das Hardholz ist ein typischer Buchenwald-Standort. Die vorherrschenden Waldgesellschaften auf den ehemaligen Schotterböden der Töss sind die Lungenkraut- und die Waldmeister-Buchenwälder. Auf den eher basischen Flächen finden sich auch anspruchsvollere Gesellschaften wie Aronstab- und Orchideen-Buchenwälder.
Bewirtschaftung
Die Bewirtschaftung des Hardholzes gehört zu den Aufgaben des Forstbetriebs der Stadt Winterthur. Dieser revidierte im Jahr 2009 den Betriebsplan 2005 bis 2015 so, dass das Waldgebiet Hardholz bis im Jahr 2033 in einen Mittelwaldbetrieb überführt werden kann. Sowohl die städtische Naturschutzkommission als auch der Kanton unterstützten diese Revision. Mit ihr sollen folgende Ziele erreicht werden:
- Den Lebensraum für eine vielfältige Flora und Fauna fördern, insbesondere für seltene und gefährdete Arten.
- Den mittelfristigen Mehrbedarf der Stadt Winterthur an Energieholz decken.
- Im Hardholz einen attraktiven Naherholungsraum für Winterthur schaffen.
- Die Kulturlandschaft im Umfeld der Stadt durch die Wiedereinführung dieser traditionellen Bewirtschaftungsweise aufwerten.
Mittelwaldbetrieb
Der Mittelwaldbetrieb ist die traditionelle mittelalterliche Betriebsform in stadtnahen Gebieten zur Gewinnung von Bau- und Brennholz. Im Mittelwald – deshalb sein Name – werden zwei Bewirtschaftungsformen kombiniert: Der Niederwald mit seiner gleichaltrigen Unterschicht, die aus Stockausschlägen gebildet und alle 25 bis 30 Jahre als Brennholz geerntet wird, und der Hochwald mit einer verschiedenaltrigen Oberschicht aus bauholzliefernden Lichtbaumarten wie etwa der Eiche, die frühestens nach 100 bis 150 Jahren gefällt werden. Mittelwälder sind vor allem dank ihrer lichten Struktur und dem hohen Eichenanteil für den Artenschutz von grosser Bedeutung. Zwar ist der Eichenanteil im Hardholz heute noch nicht so gross, aber der Standort eignet sich sehr gut für die Eiche.
In Winterthur wurde der historische Mittelwaldbetrieb vor mehr als hundert Jahren aufgegeben. Zwar gibt es am Beerenberg und am Chomberg Reste ehemaliger Mittelwälder, sie verändern sich aber sukzessive in Hochwälder und die typischen Vorteile des Mittelwaldes verschwanden nach und nach. Im Hardholz erlebt der Mittelwald nun eine Renaissance. Bis ins Jahr 2033 wird das gesamte Hardholz schrittweise von einem Hochwald in einen Mittelwald überführt. Seit 2009 werden Jahr für Jahr Flächen von jeweils knapp einer Hektare stark gelichtet, so dass die stehen gebliebenen Bäume kein geschlossenes Kronendach mehr bilden. Damit fällt nun wieder viel Licht auf den Boden.
Artenvielfalt
Um die Auswirkungen der Mittelwaldbewirtschaftung auf die Biodiversität festzustellen, lässt der städtische Forstbetrieb die behandelten Flächen im Hardholz systematisch beobachten. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten bereits nachweisen, dass die Artenvielfalt der Fauna und Flora auf den neuen Mittelwaldflächen nach dem Eingriff deutlich zugenommen hat. So wurden von Mai 2010 bis August 2011 mehr als 230 verschiedene Arten von Nachtfaltern und von April bis Mai 2011 26 Brutvogelarten bestimmt.
Die Anzahl Pflanzenarten hat sich nach dem Eingriff innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Aus dem bisherigen schattigen und artenarmen Hochwald im Hardholz entsteht also in nächsten Jahren sukzessive ein lichter, sonnendurchflutete und artenreicher Mischwald mit üppiger Kraut- und Strauchschicht.
Recht häufig trifft man im Hardholz auf die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium) mit ihren zart bewimperten, violetten Blüten. Sie wird von verschiedenen Insekten, insbesondere von Bienen und Hummeln bestäubt. Ebenfalls recht häufig sind hier das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum), das bereits in der Antike als Heilpflanze verwendet wurde, die Gewöhnliche Kratzdistel (Cirsium vulgare), eine typische Lichtpflanze, und natürlich die in lichten Wäldern häufig vorkommende Brombeere (Rubus). Schliesslich finden sich im Hardholz auch die Wald-Wittwenblume (Knautia sylvatica), das eingewanderte Kleine Springkraut (Impatiens parviflora) und der ursprünglich als Zierpflanze eingeführte Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii).
Auffallend sind die zahlreichen Schmetterlinge auf den lichten Flächen und an den Wegrändern. Besonders augenfällig sind der Kaisermantel (Argynnis paphia) und der Kleine Kohlweissling (Pieris rapae). Im Jahr 2011 hat eine wissenschaftliche Untersuchung der neuen Mittelwaldflächen im Hardholz gezeigt, dass hier 26 verschiedene Arten von Holzkäfern vorkommen. Darunter auch der Rothalsbockkäfer (Corymbia rubra). Diese Käferarten sind wie viele andere Insektenarten auf Totholz (s. unten) angewiesen dienen ihrerseits wiederum einigen Brutvögeln als Nahrung. Deshalb will der städtische Forstbetrieb künftig darauf achten, dass im neuen Mittelwald Hardholz immer ausreichend totes Holz vorhanden ist.
Alt- und Totholz
Totholz dient einer Vielzahl von zum Teil sehr seltenen Pilzen, Käfern und Wirbeltieren als Nahrung und Lebensraum. Das Spektrum von Totholz reicht von einzelnen toten Ästen an einem alten Baum bis zu abgestorbenen, stehenden oder umgefallenen Bäumen oder Teilen davon (z.B. Strünke).
Totholz
Im Stadtwald werden bewusst alte und tote Bäume als Teil eines ökologisch vernetzten Angebots stehen gelassen. Auch Totholz auf dem Boden, das aus umgestürzten Bäumen, Ästen und Zweigen besteht, wird liegen gelassen, um das Überleben einer Vielzahl von Organismen und Tierarten zu sichern.
Altholzinseln
Über den gesamten Stadtwald verteilt finden sich Altholzinseln zwischen einer halben und zwei Hektaren Grösse, in denen die Bäume bis über ihren natürlichen Tod hinaus stehen gelassen werden. Auch in bewirtschafteten Waldteilen bleiben abgestorbene Bäume stehen, sofern sie keine Gefahr für Waldbesucherinnen und Waldbesucher darstellen.
Quellen
- Forstbetrieb Winterthur: Projekte zur Aufwertung von Natur- und Erholungsräumen
- Waldwissen.net: Mittelwald, archaische Bewirtschaftungsform und Geburtsstätte nachhaltiger Forstwirtschaft
- Wikipedia: Mittelwald
- Gemeinde Riehen: Mittelwald: Alte Kulturform neu entdeckt
- Forst-Revier Allschwil/Vorderes Leimental: Zurück zum Mittelwald «Struttallme» in Allschwil
Weitere Informationen
- Mittelwald, archaische Bewirtschaftungsform und Geburtsstätte nachhaltiger Forstwirtschaft
Informationen für die Forstpraxis
- Mittelwald (Wikipedia)
Kurze Beschreibung der Bewirtschaftungsform und der Geschichte des Mittelwaldes in der freien Enzyklopädie.
- Totholz
Gemeinsame Informationsplattform der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und des Bundesamtes für Umwelt BAFU zum Thema alte Bäume und totes Holz als wichtige Bestandteile des Ökosystems Wald.
- Dossier Totholz
Informationen für die Forstpraxis: Allgemeines, Totholzkonzepte, Totholz und Forstwirtschaft, Totholz und Artenschutz