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Das Licht geht an im bernischen Herrenschwanden, und aus dem Dunkel tritt das 20. Jahrhundert mit all seiner Pracht und seinem Schrecken.
Gleich rechts das Plakat, mit dem Frankreich am 2. August 1914 seine Männer zu den Waffen rief, um sie in den Ersten Weltkrieg zu schicken; das Datum der Mobilmachung von Hand eingetragen, mit Tinte und Schnörkelschrift. Etwas weiter hinten die Bekanntmachung der deutschen Wehrmacht, die in den von den Nazis besetzten Gebieten das «Zusammenstehen von mehr als drei Personen auf Strassen und Plätzen» verbietet.
Ein paar Schritte weiter schmachtende Gesichter auf riesigen Plakaten, die für längst vergessene Filme werben, für Revuen, die seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt werden. Dann weitet sich der Raum: noch mehr Plakate, noch mehr Bilder, Drucke, Postkarten, die Zeitschrift «Le Miroir» aus der Belle Epoque gleich stapelweise. Ein Brief, abgestempelt 1923 in Stuttgart, frankiert mit Briefmarken im Wert von 33 Milliarden und 5 Millionen Mark. Die Titelseite der Morgenausgabe des «Corriere d’Informazione» vermeldet in grossen Lettern den ersten russischen Kosmonauten im All.
Mittendrin Leonello Righetti, 82. Er wieselt zwischen seinen Schätzen umher, Haare und Schnurrbart schlohweiss, die Brauen dunkel, aus den Augen leuchtet die Begeisterung eines kleinen Jungen. Er unterbricht seinen Redefluss, sagt nach einer kurzen Pause: «Die Leute, die das hier schon gesehen haben, riefen alle aus: Wow!»
Darum nennt Righetti sein Werk auch «Atelier Wow». Aber reingelassen hat er bisher nur wenige.
Das «Atelier Wow» wurde im Stillen angelegt, und ebenso still ist es gewachsen, über Jahrzehnte. Zuerst in Righettis Wohnung, dann im Keller, schliesslich mit Ablegern in der Garage. Vor fünf Jahren kaufte der frühere Pädagoge und Sekundarlehrer Atelierräume im Berner Vorort Herrenschwanden – 300 Quadratmeter gross.
«Ich habe mir nie gesagt: So, jetzt sammle ich alte Dinge. Es ist umgekehrt passiert. All die Objekte aus der Vergangenheit haben mich gefunden.»
Leonello Righetti, Rentner
Das ist riesig im Vergleich zum Keller früher, aber bereits jetzt sind die Räume wieder randvoll mit Zeugnissen vergangener Zeiten. Righetti, ein Energiebündel und fast unablässig in Bewegung, häuft stetig Neues an. Und doch besteht er darauf: «Ich sammle nicht. Ich bin kein Sammler.»
Er spricht das Wort fast verächtlich aus, als sei es ihm zu profan, als werde es nicht im Entferntesten dem gerecht, was er seit bald 60 Jahren tut. Manche Leute beschlössen, Kaffeerahmdeckeli zu sammeln, sagt er; ihm solle das recht sein, aber mit so etwas habe er nichts zu tun. «Ich habe mir nie gesagt: So, jetzt sammle ich alte Dinge. Es ist umgekehrt passiert. All die Objekte aus der Vergangenheit haben mich gefunden. Sie strahlen etwas aus, erzählen eine Geschichte, und ich bin davon fasziniert. Es ist eine Art Kommunikation, die da stattfindet.»
Es ist ein begehbares Gedächtnis
Angefangen hat es vor über 50 Jahren, mit alten Postkarten. Mit Righettis Interesse, wie die Welt früher aussah, welche Kleider die Leute trugen, was für Gesichter sie machten. Der Rest hat sich ergeben.
Im Lauf seines Lebens muss dann der Ehrgeiz erwacht sein, so eine Art Wikipedia zum Anfassen zu schaffen. Ein begehbares Gedächtnis, das Wissen aufgepinnt an Wänden, abgelegt in Ordnern. Oder ein riesiger Schaukasten, der den Lauf der Welt dokumentiert. Wie die Schaukästen, die Righetti schon als Buben fesselten, als die Familie im Zürcher Seefeld lebte und ihn sein Vater regelmässig mitnahm an die Falkenstrasse, wo hinter Glas die «Neue Zürcher Zeitung» ausgehängt war. Mit Fotografien, die dem Knaben von den Ereignissen der Welt erzählten, noch bevor er lesen konnte.
«Wie viele Postkarten, wie viele Filmplakate, wie viele Fotos? Spielt doch keine Rolle. Wichtig ist, dass sie alle hier sind.»
Leonello Righetti, Rentner
Righetti will daran erinnern, was die Welt einst bewegt hat, und er will es vollständig tun. «Alles ist interessant», sagt er. Daher sammelt er auch alles – oder zumindest möglichst viel von dem, was sich zwischen 1850 und dem Ende des 20. Jahrhunderts auf der Welt abgespielt hat. Die Schränke und Schubladen quellen über von Dossiers, in denen Postkarten und Fotografien schlummern, säuberlich beschriftet, aufgeteilt nach Ländern und nach Themen: «Alte Stadtansichten Berns», «Befreiung von Paris», «Erdbeben von San Francisco», «Auschwitz», «Besuch Kaiser Wilhelms in der Schweiz». Die Mäppchen «Erste Autokollisionen» oder «Zeppelin-Crash» verraten ein Interesse für Havarien, Dossiers wie «Crime» und «Krawalle» decken die dunklen Seiten der Gesellschaft ab.
Neben Stars aus der Zeit, in der Hollywood noch schwarzweiss drehte, liegen Jazzmusiker und Staatenlenker – etwa «Evita Perón bei 1.-Mai-Rede 1948» oder «David Ben-Gurion, rekonvaleszent mit Gipsfuss». Die Bilder sind Originale, Pressebilder, auf den Rückseiten prangen die Stempel von Bildagenturen, kleben oft noch die maschinengeschriebenen Zettel mit den detaillierten Bildangaben.
Die Sammlung soll öffentlich werden
Righetti hat sie sich zusammengekauft auf Märkten im In- und Ausland. Wie auch die alten Karikaturen und die handgeschriebenen Speisekarten aus französischen Restaurants um 1900. Die Frauenporträts mit Echthaar. Die Anatomiezeichnungen, die Medizinstudenten vor 100 Jahren die Handgriffe während Operationen erklärten. Die Notgeldscheine in Billionenhöhe, die deutsche Städte während der Hyperinflation der 1920er Jahre ausgaben. Wie viel dabei genau zusammengekommen ist, ist schwer abzuschätzen. Righetti interessiert es nicht sonderlich. «Wie viele Postkarten, wie viele Filmplakate, wie viele Fotos? Spielt doch keine Rolle. Wichtig ist, dass sie alle hier sind.»
Etwas anders sieht das Johannes Horn, 57. Der Künstler, seit 2012 Righettis Mitstreiter, versucht, einen Überblick über dessen Sammlung zu gewinnen. Er ist der ruhende Pol im Atelier. Während der frühere Sekundarlehrer unentwegt neue Objekte anschafft, ist Horn in seiner Freizeit dabei, eine Systematik in das Archiv zu bringen. Bis heute entdeckt er dabei immer wieder Neues. «Das ist ein riesiger Fundus an Dingen, die den Alltag in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben», sagt er. «Ich versuche nun herauszufinden: Was steckt alles in dieser Sammlung?»
Denn eines ist klar: Wenn es nach Righetti und Horn geht, soll das «Atelier Wow» nicht so geheim bleiben, wie es das heute ist. Sie möchten die Sammlung öffentlich zugänglich machen. Gruppen durch die Räume führen, Interessierte in den Beständen stöbern lassen, thematische Ausstellungen durchführen. Noch stehen sie ganz am Anfang. Um das Vorhaben aufzugleisen und die Arbeit sinnvoll zu koordinieren, ist die Gründung eines Vereins in Vorbereitung.
Ist ein Überblick überhaupt möglich?
«Wenn das Atelier für Besucher attraktiv sein soll, müssen wir uns überlegen, welche Schwerpunkte wir setzen, wie wir die Objekte präsentieren», sagt Horn. Er hat begonnen, Fotos und Dokumente zu digitalisieren, damit sie im Internet oder in Multimediashows gezeigt werden können. Doch noch immer ist er dabei, sich weiter vorzutasten in die Tiefen der Sammlung. Ob es überhaupt möglich ist, irgendwann einen Überblick zu bekommen? «Gute Frage», sagt er.
Leonello Righetti hält derweil weiter Ausschau nach neuen Objekten. Nur selten streift er durch das «Atelier Wow» und geniesst die stummen Zeugen vergangener Zeiten, verliert sich in ihren Geschichten.
Doch manchmal passiert es. Dann greift er zu einem Bild und versinkt darin. In jenem Foto etwa, das Kinder zeigt, die auf einem zerschossenen Panzer im zerstörten Berlin nichts anderes zu spielen wissen als Krieg. Oder im Brief eines italienischen Kriegsgefangenen, der seiner Familie freudig die baldige Rückkehr ankündigt. Doch der Mann war wenige Tage darauf gestorben, die Familie hatte den Brief zusammen mit der Todesnachricht und der Erkennungsmarke des Soldaten erhalten. Righetti greift sich an die Stirn und sagt mit weit aufgerissenen Augen: «Da läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken hinunter.»
Er legt den Brief behutsam zurück, und vielleicht hat er recht: Er sammelt nicht – Objekte wie dieser Brief haben in ihm einfach einen Menschen gefunden, der für ihre Geschichten empfänglich ist.