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«Ich erinnere mich noch genau an den Moment, der alles auslöste», blickt sie zurück. Tamara ist mit ein paar Freundinnen in den Ferien und holt voller Vorfreude ihr Pick-Nick aus dem Rucksack. Mit dabei: Ein paar Schokokekse. Völlig entgeistert blickten ihre Freundinnen sie an und meinen: «Tamara, das isst du? Davon wird man dick und wenn man dick ist, dann wird man nicht mehr gemocht.» Diese Aussage erschüttert das junge Mädchen derart, dass sie nach diesen Ferien zu hungern beginnt.
Heute weiss sie: Dieser Moment war zwar der Auslöser, der das Fass zum Überlaufen brachte, aber nicht die Ursache. «Ich war von klein auf anders als die anderen», räumt Tamara ein. «Ich fühlte mich selten akzeptiert und geliebt.» Das junge Mädchen beginnt laufend, Mahlzeiten zu kürzen. Zu Beginn lässt sie das Abendessen weg, dann das Frühstück und schliesslich liegt ihre tägliche Nahrungszufuhr bei einem einzigen Apfel. Gleichzeitig trinkt sie Unmengen an Wasser, um das quälende Hungergefühl zu unterdrücken. Innert weniger Monate nimmt Tamara 20 Kilogramm ab. Um ihr Essverhalten vor ihrem Umfeld zu vertuschen, wendet sie verschiedenste Methoden an. «Ich manipulierte, log und setzte eine Maske auf, die gleichzeitig eine Wand vor der Realität darstellte», beschreibt die heute 40-Jährige.
Die Essstörung als einzige Zuflucht
«Die Magersucht war meine beste Freundin, sie war ein Teil von mir und ich wusste nicht mehr, wer ich ohne sie war.» Tamara lebte in einer anderen Welt, in einer Welt, wo es nur eine Frage gab: «Wie kann ich noch mehr an Gewicht verlieren?» Ihr soziales Umfeld ist mit der Situation so überfordert, dass alle wegschauen. «Ich glaube, zu dieser Zeit wäre ich gar nicht in der Lage gewesen, Hilfe anzunehmen», gibt die gebürtige Churerin zu. «Tief in meiner Seele, hätte ich mich aber nach einer starken Hand gesehnt. Nach jemandem der mir sagt, dass er für mich da ist, wann immer ich bereit wäre, zu reden und mich nie verurteilen würde.»
Stattdessen geht Tamaras innerer Kampf gegen die Essstörung alleine weiter. Solang bis sie an einen Punkt kommt, an dem sie merkt, dass ihr Körper langsam aufgibt. «Es war ein kalter Wintertag in Chur, als ich wie ferngesteuert in eine Telefonkabine lief und eine Beratungshotline anrief», erinnert sie sich. «An diesem Telefon gab man meiner Krankheit zum ersten Mal einen Namen: Magersucht.»
Man sagte mir, wenn ich so weiter mache, würde ich sterben
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In wenigen Wochen nimmt sie 30 Kilogramm zu
Nach diesem Anruf kippt bei Tamara ein Schalter um. Sie deckt sich mit Büchern ein und beginnt sich über ihre Krankheit zu informieren. Gleichzeitig möchte ihr Körper all die Hungerjahre aufholen: Tamara überkommt ein unstillbares Hungergefühl. «Ich begann regelrecht zu ‹fressen›», erinnert sie sich. Sie beginnt, kiloweise Kuchen, Kekse und fettiges Essen in sich hineinzustopfen. «Ich konnte einfach nicht mehr damit aufhören. Zum ersten Mal merkte ich, wie verhungert mein Körper war.» Innerhalb von wenigen Wochen, nimmt sie über 30 Kilogramm zu. Obwohl Tamara nun nicht mehr lebensbedrohliches Untergewicht aufweist, liegt immer noch ein jahrelanger Kampf zwischen unkontrolliertem Binge-Eating und kompletter Nahrungsrestriktion vor ihr.
«Ich kann heute nicht in Worte fassen, was es war, aber irgendein tiefer Überlebenskampf trieb mich an», beschreibt Tamara. Langsam beginnt sie, sich selbst zu therapieren, indem sie sich auf den Weg der Selbstreflexion begibt. Zum ersten Mal lernt Tamara sich selbst und ihre Bedürfnisse kennen.
Ich musste lernen, die Kontrolle über mich loszulassen und mich und meinen Körper zu akzeptieren und zu lieben.
S.O.S. – Sick of Silence
Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.
Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.
Nach 20 Jahren überwindet sie ihre Essstörungen. Sie hat mit sich selbst und ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen und möchte als sogenannte Genesungsbegleiterin anderen Betroffenen helfen. «Wenn man einmal erkennt, dass man nicht alleine ist und Hilfe annehmen darf und soll, ist das Leben unheimlich wertvoll», schliesst Tamara ab.