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Gilmar ist 42 Jahre alt, für meine Schwiegermutter erledigt er alle Arbeiten auf ihrem Grundstück. Ich mag diesen Mann, welcher seine 2 oberen Schneidezähne vor 12 Jahren verlor.
Nachdem er den ersten Lohn von meiner Schwiegermutter erhalten hatte, besuchte er damals eine Kneipe, in welcher er schlussendlich zusammengeschlagen und beraubt wurde.
Ich mag Gilmar. Er mag seine roçadeira gasolina, mit welcher er in einer Engelsgeduld riesige Grasflächen bearbeitet.
Seine Benzin-Motorsense ist laut, stinkt gewaltig, erzeugt viel Rauch und überschaubare Wirkung.
Sie mahnt mich an die hiesige Politik.
Im Oktober 2022 wird das neue Staatsoberhaupt gewählt, der Wahlkampf hat begonnen und wird mit Sicherheit hässliche Züge annehmen.
Im Vorfeld der letzten Wahl im Jahr 2018 wurde Jair Bolsonaro, der aktuelle Präsident, niedergestochen.
Zur Überraschung der westlichen Medienwelt gewann dieser Politiker, welcher gerne mit Donald Trump verglichen wird, die Stichwahl gegen seinen Widersacher der PT klar.
Die PT, Partido dos Trabalhadores, Arbeiterpartei, stellte zwischen 2003 bis 2016 das Staatsoberhaupt Brasiliens.
Ich erinnere mich sehr gut, wie viele Hoffnungen damals in den Präsidenten Lula gesetzt wurden.
O povo brasiliero erhoffte sich beispielsweise weniger Korruption, eine Verbesserung des Gesundheits- und Erziehungswesens, eine Stärkung des Öffentlichen Verkehrs, Fortschritte im Kampf gegen die Armut.
Dass 2018 die PT bei den Wahlen keine Chance hatte, resultierte aus den offen gelegten Skandalen und Korruptionsvorfällen während ihrer Regierungszeit.
Den Wahldurchgang im Jahr 2018 erlebte ich persönlich als Ventil der Wählenden, um tiefsten Frust und Enttäuschung auszudrücken und die PT abzustrafen.
Jair Bolsonaro profitierte vom Vertrauensverlust in die Partei von Lula, welcher wegen Geldwäsche und passiver Korruption mehr als ein Jahr im Gefängnis sass.
In diesem Oktober tritt Lula gegen Bolsonaro an und hofft zum dritten Mal Präsident Brasiliens zu werden.
Geht es nach meinem Bekanntenkreis no Brasil, wird Bolsonaro wieder gewählt.
Er wird dafür gelobt, dass er ein Regierungsteam gebildet hat, welches tatkräftig anpackt.
Lobend werden beispielsweise gigantische Bewässerungsprojekte im trockenen Nordosten Brasiliens erwähnt.
Immer wieder höre ich, dass Bolsonaro alles andere als perfekt ist, er aber als das kleinere Übel als Lula angesehen wird.
Der nationalen Politikkaste wird nachgesagt extrem abgehoben, auf sich bezogen zu agieren und anfällig auf Korruption zu sein.
Vertrauen in die Regierung sieht definitiv anders aus.
Soeben trat der vierte Minister des nationalen Erziehungsdepartements zurück, nachdem er wochenlang in den Medien seine Unschuld bei nachgewiesenen Korruptionsfällen beteuert hatte.
Nicht von Vorteil für ihn war die Tatsache, dass sein Ministerium Bibeln abgegeben hatte, welche sein Foto zusammen mit den 2 Hauptangeklagten enthielten.
Jair Bolsonaro wird das Regieren nicht leicht gemacht.
Einerseits trifft er im brasilianischen Parlament immer wieder auf Widerstand.
Andererseits annulliert o STF, das höchste Gericht des Landes, wiederholt Erlasse von ihm und erlässt selber Edikte, welche seiner Haltung widersprechen.
So blockierte ein Bundesrichter vor einigen Wochen gegen den Widerstand des Präsidenten für sehr kurze Zeit Telegram.
Im Gegenzug begnadigte gestern Morgen Bolsonaro einen Abgeordneten des Bundesparlaments, welche vom STF vorgestern Abend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Zusätzlich widersetzen sich Regierungschefs einzelner Bundesstaaten offen Anordnungen der Landesregierung.
Alle politischen Hahnenkämpfe werden live im Fernsehen übertragen.
AnhängerInnen von Lula informieren sich auf dem Fernsehkanal TV Globo.
Diesen verabscheuen die Fans von Bolsonaro, vertrauen vielmehr dem Kanal Record.
Seit wir bei meiner Schwiegermutter sind, gab a roçadeira gasolina zweimal den Geist auf, ähnlich wie die Politik en este país tropical.
Joaçaba, 22. April 2022