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Tatsachen und Lügen über ein fast unbekanntes Säugetier dem Baum- und Greifstachler. Der Fang von “Marias“ Mutter war eigentlich ein Unfall. Sie ging in eine Falle, die ein Zoologe für Beuteltiere aufgestellt hatte. Und weil sie einer Spezies angehörte, die man nur selten für Studienzwecke zur Verfügung hat und ihre Lebensgewohnheiten fast unbekannt waren, entschlossen er sich, sie mit ins Labor zu nehmen. Kurz darauf, zur Überraschung aller Mitarbeiter, wurde “Maria“ geboren. Ihre eingefangene, trächtige Mutter überlebte nicht lange, aber ihr winziges Baby begann sein Leben im Laboratorium. Es war das Jahr 1986, und der Zoologe, damals noch Student an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro (UFRJ), begleitete “Marias“ Entwicklung. Es war eine ungewöhnliche Gelegenheit, das Leben eines “Ouriço-cacheiro“ (Baumstachler) in Gefangenschaft zu verfolgen.
Im Verlauf von fünf Jahren, die er dem Tier widmete, fand der Zoologe nur sehr wenig Literatur über das Tier. Und er ging dazu über, Details des Verhaltens aufzuzeichnen. “Maria“ gab Töne von sich, die dem Weinen von Kindern glichen – was in indianischen Legenden bestätigt wird. Das Tier schien sich auch am Kommen und Gehen der Mitarbeiter im Labor zu stören, denn sein Lebensraum sind die Bäume, und seine Genetik verlangte danach, den Tag zu verschlafen. Sein starker Geruch beherrschte den Raum – schliesslich war “Maria“ von ihrer Natur her dazu ausersehen, fast unbemerkt im Schatten zu existieren und eine chemische Kommunikation zu praktizieren, um ihr Territorium zu definieren oder Geschlechtspartner anzulocken.
Die Beobachtungen, obgleich unter prekären Bedingungen, warfen ein wenig Licht auf die Lebensgewohnheiten eines “Ouriço-cacheiro“, wie man in Brasilien mindestens acht bekannte Arten dieser nachtaktiven Tiere nennt – aus drei unterschiedlichen Gattungen: Coendu (Stachelschwein) – Sphiggurus (Südamerikanische Baumstachler) und Chaetomys (Borstenbaumstachler).
“Ein Tier, das schwierig zu erforschen ist. Das fängt schon mal mit ihrem Lebensraum an“, sagt ein Ökologie-Experte der Staatlichen Universität São Paulo (UNESP-Rio Claro). Diese “Ouriços“ (Igel) sind auf Bäumen lebende Einzelgänger, halten sich vorwiegend in Baumkronen auf, versteckt in einem Gewirr von Lianen und dichtem Blattwerk. Sie ruhen während des grössten Teils des Tages und werden erst mit der Dämmerung aktiv. Es sind kleine, stille Tiere – ihre Mehrheit wird weniger als einen halben Meter lang und bis 2 Kilogramm schwer – und sie bewegen sich nur sehr langsam. Es ist also nicht leicht, sie in der freien Natur zu beobachten.
Nun, wenn Informationen fehlen, dann bedienen sich die Menschen in der Regel Legenden und absurden Phantastereien. Viele Leute bezeichnen dieses Tier als Stachelschwein, obwohl der Baumstachler rein gar nichts mit einem Schwein gemeinsam hat. Dieser volkstümliche Name wird in Wahrheit jenen Nagern der Gattung Hystrix (Stachelschweine) zugeordnet, repräsentiert durch acht Arten in Europa, Afrika und Asien. Leute aus der Landwirtschaft schwören Stein und Bein, dass der “Ouriço“ seine Stacheln auf Hunde “abschiesst“, die nach Hause zurückkehren mit ihren Schnauzen gespickt voller Stacheln. Aber das ist Quatsch!
Diese Stacheln sind modifizierte Haare: Sie können bis zu 10 Zentimetern lang werden und fast den gesamten Körper bedecken. Obwohl hart und stark, lösen sie sich leicht, wenn man sie berührt. Wird das Tier angegriffen, stellt es seine Haare auf und dreht sich mit seinem Rücken gegen den Angreifer, um seine verletzliche Schnauze und den Bauch zu schützen. Wenn also der Hund mit seiner Schnauze voller Spiesse heimkehrt, dann ist dies ein Zeichen, dass er den Baumstachler packen wollte. Einige Arten, wie der “Ouriço-preto“ (Chaetomys subspinosus) – der Borstenbaumstachler – attackieren auch den Feind und können ihm beträchtliche Bisswunden zufügen.
Der Zweitname “Cacheiro“ unserer “Igel“ macht Sinn. Im Wörterbuch bedeutet “cachar“ das Gleiche wie “sich verstecken“. “Cacha“ nennt man ausserdem den Handgriff eines Säbels, in dem die Klinge befestigt ist. Mit seinem unbehaarten Greifschwanz von 15 Zentimetern durchschnittlicher Länge klammert sich der Baumstachler sicher an Lianen und Zweigen von Bäumen fest – in Höhen von bis zu 15 Metern, verborgen, und mit angelegten Stacheln. Eine lebenswichtige Strategie für ein Tier mit nur mangelhafter Sicht, dessen Fleisch als Leckerbissen gilt, trotz seiner Stacheln. “Für den Puma ist der Baumstachler wie für uns ein Stück Schokolade“, sagt der Ökologe schmunzelnd, und erklärt, dass die grossen Raubkatzen seine gefährlichsten Beutejäger sind.
Ausserhalb seiner Verstecke gibt es für den Baumstachler noch eine ganze Reihe weiterer Feinde. Viele Siedler auf dem Land jagen ihn als Delikatesse für den Grill, so auch die Indios verschiedener Ethnien. Wenn der Hunger sie treibt, riskieren es einige Baumstachler, sich aus den Pflanzungen der Menschen mit Nahrung zu versorgen, wo ihnen nicht selten von Hunden der Garaus gemacht wird. “Und weil es Tiere sind, die bisher kaum erforscht wurden, können wir nicht einmal sagen, ob sie vom Aussterben bedroht sind oder nicht“, fährt der Ökologe fort.
Dem “Ouriço-preto“ (Chaetomys subspinosus) – Borstenbaumstachler, zum Beispiel, drohen besondere Gefahren. Erstens, weil er ein Bewohner der “Restinga“ (Küstenvegetation) ist, einem der meist gefährdeten Ökosysteme durch Immobilien-Geschäfte – wertvolle, ebene, bewohnbare Flächen direkt am Meer und deshalb von Menschen und ihren Wochenend-Domizilen leicht zu besetzen. Die Population dieser Spezies leidet besonders unter der Waldzerstörung und damit der zunehmenden Fragmentierung ihres Lebensraumes. Die zweite Gefahr betrifft die Nahrung der Tiere: Der Greifstachler ist ein reiner Vegetarier, er frisst Blätter, und zwar nur von einigen wenigen typischen Bäumen der “Restinga“. Zum einen büsst er seinen Lebensraum zugunsten von Wochenendhäusern ein, zum andern werden seine Nahrung liefernden Bäume durch Aufforstung mit Eukalyptus ersetzt.
Innerhalb seines Lebensraumes spielt der “Ouriço“ eine wichtige Rolle als involontärer Kontrolleur der vegetativen Diversifikation. “Er ernährt sich von Samenkernen und kontrolliert die Populationen bestimmter Spezies, wodurch er zu einem Gleichgewicht unter diesen Pflanzen und der Flora im Allgemeinen beiträgt“, erklärt der Ökologe. Und sie sind auf das ganze Land verteilt. Sie existieren im Atlantischen Regenwald, trotz seiner Fragmentierung – in sekundären Waldgebieten – in Galeriewäldern und im Amazonas-Regenwald.
“Maria“, das im Laboratorium aufgewachsenen Jungtier, lebt schon nicht mehr. Aber es hat dem Zoologen – der heute Professor an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro ist – einige Erkenntnisse hinterlassen. Wie er erklärt, verstehen einige Menschen nicht, wie die Beobachtung eines Tieres in Gefangenschaft dazu beitragen kann, sie zu retten. Das Zusammenleben mit “Maria“ hat ihn, zum Beispiel, gelehrt, ein Ernährungsprogramm für “Ouriços“ in Gefangenschaft zusammenzustellen, für den Fall, dass es einmal notwendig werden sollte, Gebiete neu zu bevölkern, aus denen die Spezies verschwunden ist.
Nach “Marias“ Tod hat der Forscher Muster ihrer Gewebestruktur, die Haut und den Schädel präpariert – sie befinden sich im Nationalmuseum von Rio de Janeiro und stehen jedwedem Forscher zur Verfügung, der sich eines Tages entschliessen sollte, das Mysterium dieses gutartigen, einsamen Wesens zu enthüllen, das nur seine bevorzugten Bäume braucht, um zufrieden zu überleben.
Die Ausländer
Brasilien hat den Namen “Ouriço” (Igel) von den Portugiesen geerbt. Er wird in Europa ebenfalls für “stachelige“ Tiere verwendet, aber die gehören einer anderen Gattung an als die brasilianischen stacheligen Nagetiere. Die “portugiesischen Igel“ gehören zur Ordnung Erinaceomorpha, der antiken Insectivora (Insektenfresser), zu der auch die Spitzmäuse (Soricidae) und die Maulwürfe (Talpidae) gehörten, heute gruppiert in der Ordnung Soricomorpha (Spitzmausartige).
Der in Europa häufigste “Ouriço“ ist der Erinaceus europaeus (der auch Deutschen und Schweizern bestens bekannte – und allgemein beliebte – Braunbrustigel auch Westeuropäischer Igel), ein Tier, das 30 Zentimeter Länge erreichen kann und ein wenig mehr als 1 Kilogramm Gewicht. Wie seine brasilianischen Verwandten ist er nachtaktiv, ernährt sich jedoch vorzugsweise von Regenwürmern, Insektenlarven, kleinen Wirbeltieren und Früchten.
Weitere Unterschiede bestehen darin, dass diese Spezies den Winter verschläft und sich zu seiner Verteidigung einrollt, sodass er einer stacheligen Kugel gleicht, die viele Beutejäger abschreckt. Das Igelweibchen bringt 2 bis 10 Junge zur Welt, deren Stacheln sich in diesem neugeborenen Stadium noch unter der Haut befinden. Europäische Igel leben im Durchschnitt drei Jahre oder höchstens 6 bis 7 Jahre. Die Gattung Erinaceus (Kleinohrigel), zu der sie gehören, besteht aus fünf bekannten Spezies, die in Europa, Asien und einem Teil Afrikas verbreitet sind.
Die am meisten bedrohte Spezies
Unter den acht in Brasilien identifizierten “Ouriços” steht lediglich der “Ouriço-preto“ (Chaetomys subspinosus) – der Greifstachler – auf der brasilianischen Liste bedrohter Tierarten. Er unterscheidet sich von den anderen “Ouriços“ durch verschiedene Eigenschaften. Seine Stacheln, zum Beispiel, sie sind weich, was ihn gegenüber Beutejägern natürlich stärker gefährdet.
Die Bedrohung der Ausrottung allerdings, entsteht durch das Zusammentreffen verschiedener Faktoren. Zum ersten ist er ein endemischer Bewohner des Atlantischen Regenwaldes, der in einem begrenzten Gebiet zwischen dem Bundesstaat Sergipe und dem Norden des Bundesstaates Rio de Janeiro verbreitet ist, inklusive Bahia, Espirito Santo und dem Nordosten von Minas Gerais. Zum zweiten ist er ein strikter Baumbewohner. Zum dritten ist er kaum bekannt: Selbst innerhalb seines Habitats kann man ihn nur selten beobachten und deshalb weiss man auch kaum etwas über ihn.
Diese Spezies kennenzulernen, um sie besser schützen zu können, hat ein Forschungsprojekt im staatlichen Naturschutzpark “Parque Estadual Paulo Cesar Vinha“ ins Leben gerufen, in einem Baum bestandenen Restinga-Gebiet im Umfeld von “Guarapari“, im Bundesstaat Espirito Santo. Mit Hilfe von “Toninho“, einem Bienenzüchter und profunden Kenner der Wälder und der Tiere dieser Region, konnte man drei ausgewachsene Weibchen des “Ouriço-preto“ einfangen und mit einem Sender-Halsband ausrüsten.
Zwei Beobachter verfolgten die Tiere während eines Jahres und sammelten systematische Daten betreffs Habitat, Wanderungen, Nahrung und Verstecke. Dies war die erste tiefer gehende Studie dieser Spezies in freier Wildbahn.
Dadurch konnte zum Beispiel die Annahme bestätigt werden, dass sie Blätterfresser sind – mit anderen Worten, Blätter von Bäumen bilden die absolute Mehrheit ihrer Nahrung – und ihr Speiseplan beschränkt sich auf nur wenige Pflanzenarten, die endemisch in der Restinga wachsen. Und weil eine solche Ernährung nur einen niedrigen Energiewert besitzt, bewegt sich das Tier wenig und verschläft den Tag und ruht auch den grössten Teil der Nacht. Selten bewegt er sich weiter als zirka 300 Meter – während des Tages versteckt er sich in der dichten Vegetation der Baumkronen.
Die gesammelten Daten beweisen, dass die Küstenvegetation (Restinga) die Grundlage für den Fortbestand des “Ouriço-preto“ (Greifstachler) ist. Jedoch werden just diese Areale zunehmend degradiert und von Wochenendhäusern besetzt. Deshalb wurde die Studie in ein grösseres Projekt eingebracht, das den Schutz und die Erhaltung des Greifstachlers zum Ziel hat, sie wird koordiniert von einer Professorin von der Staatlichen Universität “Santa Cruz“, in Ilhéus, Bahia. Es ist zu hoffen, dass diese Arbeit zur Erhaltung der Spezies beitragen möge.