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Giorgio Vasaris Vite de’ più eccellenti pittori, scultori et architettori (1550/1568) haben die Kunstgeschichtsschreibung der nachfolgenden Generationen maßgeblich geprägt. Dieses grundlegende Werk der Frühen Neuzeit, das die Leser durch evokative Bildbeschreibungen, humorvolle Künstleranekdoten sowie historische und politische Hintergründe fesselt, erfordert eine umfassende Lektüre. Anhand der Lebensbeschreibungen von Michelangelo, Raffael, Leonardo, Tizian und Giulio Romano – um nur einige wenige zu nennen – werden die von Vasari verfolgten, aber häufig nur subtil angedeuteten Absichten besonders greifbar und können mit seinem Modell der Entwicklung der Künste systematisch in Verbindung gebracht werden. Die Vite bestechen aber auch durch die programmatische Verwendung kunsttheoretischer Begriffe und spezifischer Topoi, deren komplizierte Verweisstrukturen und vielfältigen Subtexte für den unerfahrenen Leser manchmal nur schwer zu erkennen sind. Begriffe wie disegno, colore (Farbe), grazia (Anmut), giudizio (Urteilskraft) oder fantasia (Phantasie, Einbildungskraft), aber auch Topoi wie die Melancholie müssen innerhalb der Gesamtstruktur der Vite situiert und mit der Kunstliteratur beziehungsweise poetologischen oder philosophischen Schriften der Antike sowie der Frühen Neuzeit verglichen werden (Aristoteles, Pseudo-Longin, Quintilian, Robortello, Ficino, Pomponazzi, Alberti, Dolce, Pino u.a.). Nur so ist es möglich zu untersuchen, inwiefern Vasari Begriffe und Topoi in einem bereits kodierten Sinne verwendet oder ob sich Sinnverschiebungen feststellen lassen. Neben der Einbettung der Vite in zeitgenössische Diskurse kann durch eine genaue Analyse von Vasaris Begrifflichkeit zudem näher bestimmt werden, ob und inwieweit sich spätere Kunstliteraten (Bellori, Sandrart, Félibien) auf Vasaris Vite bezogen.
Anhand einzelner Viten und parallel dazu ausgewählter Textpassagen – zum Beispiel aus Albertis De pictura – sollen die Studierenden lernen, die vasarianischen Viten und insbesondere kunsttheoretische Begriffe und Topoi differenziert zu analysieren und gezielt in einen breiteren kunsttheoretischen und philosophieästhetischen Kontext zu setzen.
Die Studierenden werden gebeten, sich vor dem Einschreiben mit mir in Verbindung zu setzen. Bei hoher Nachfrage wäre es bei einigen Begriffen möglich, zwei Kurzreferate zu halten (z.B.: invenzione).
Raum: RAK-E-8
5. März 2010
Einheit 1
a) Einführung in die Vite Giorgio Vasaris. Zielsetzung des Seminars.
b) Referat 1: Das Leben des Leonardo da Vinci. (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus der Introduzione alle tre arti del disegno und aus Leonardos Schriften) Zu analysierender Begriff: disegno
Referat 2: Das Leben des Tizian. (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Lodovico Dolces Dialogo della pittura). Zu analysierender Begriff: colore.
19. März 2010
Einheit 2
a) Referat 3: Das Leben des Michelangelo 1. - (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Albertis De Pictura). Zu analysierender Begriff: giudizio
b) Referat 4: Das Leben des Raffael 1. – (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Albertis De Pictura). Zu analysierender Begriff: invenzione
23. April 2010
Einheit 3
a) Referat 5: Das Leben des Giorgione und Das Leben des Morto da Feltre (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Gianfrancesco Pico della Mirandolas De imaginatione) Zu analysierender Begriff: fantasia
b) Referat 6: Das Leben des Pontormo. (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Albertis bürgerhumanistischen Schriften). Zu analysierender Topos: malinconia
7. Mai 2010
Einheit 4
a) Referat 7: Das Leben des Michelangelo II und Das Leben des Giulio Romano (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Pseudo-Longins Peri Hipsous). Zu analysierender Begriff: terribilità/terrore
b) Referat 8: Das Leben des Raffael II und Das Leben des Parmigianino (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Benedetto Varchis Libro della beltà e della grazia). Zu analysierende Begriffe: grazia/bellezza
21. Mai 2010
Einheit 5
a) Referat 9: Das Leben des Cristofano Gherardi und Das Leben des Leonardo II (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Bellori sowie aus Quintilians De institutio oratoria). Zu analysierende Begriffsfelder: pratica und ingenio
b) Referat 10: Das Leben des Baccio Bandinelli und Das Leben des Tizian II (Sowie Lektüre ausgewählter Passagen aus Aristoteles Poetik). Zu analysierende Begriffsfelder: imitatio/mimesis und superatio
4. Juni 2010
Einheit 6
Abschlußdiskussion