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Ein Stück Stoff sorgte in den 90er-Jahren in der Schweiz dafür, dass Menschen, die an Aids verstarben, unvergessen blieben und weiterhin sichtbar waren. PWA (People with Aids) Schweiz verbreitete die aus San Francisco stammende Idee der Erinnerungstücher in der Deutsch- und in der Westschweiz, später auch im Tessin.
Als in den 1980er-Jahren die ersten Meldungen über jung verstorbene Männer und eine unheimliche Krankheit, die das Immunsystem aushebelt, um die Welt gingen, war sich niemand bewusst, dass dies der Anfang einer verheerenden Pandemie war. Rasch fand die Wissenschaft heraus, dass es sich um eine sexuell übertragbare Infektion handelte, die nicht heilbar war. 1985 war das HI-Virus identifiziert und Aids als Schreckgespenst in aller Munde. Wöchentlich schnellten die Zahlen in die Höhe, und zwar weltweit. Während man in den Anfängen der Pandemie fälschlicherweise davon ausging, dass in erster Linie schwule Männer und Drogenkonsument:innen an Aids erkrankten, fand das Virus seinen Eingang in die Allgemeinbevölkerung. Auch Frauen und Kinder starben an Aids.
In San Francisco reifte die Idee des Names Project, das sich an die Tradition der amerikanischen Quilts anlehnte. An Aids verstorbene Menschen sollten nicht in der Anonymität verschwinden, sondern mit individuell gestalteten Erinnerungstüchern im Gedächtnis bleiben. Das Projekt nahm rasch Fahrt auf, und bald wurden aus den zusammengenähten Tüchern wunderschöne Quilts, die weiterherum gezeigt und aufgehängt wurden. Am 11. Oktober 1987 lag ein riesiger Quilt vor dem Kapitol in Washington, D. C.
Die Selbsthilfeorganisation PWA (People with Aids) Schweiz griff das Projekt auf und organisierte Ateliers in der ganzen Schweiz. Die damalige Projektleiterin Susanna Lüthi erzählt: «Vorgegeben war einzig die Panelgrösse von 180 mal 90 Zentimeter – die Grösse eines Grabfeldes. Ansonsten konnten die Hinterbliebenen frei entscheiden, wann und wie sie das Erinnerungstuch gestalten wollten. Es nahmen auch nicht alle an den Ateliers teil, immer wieder wurden uns auch Tücher vorbeigebracht. Einige Trauernde brauchten Jahre, bis sie so weit waren. Eine Mutter brachte ein weisses Gedenktuch mit, sie konnte kein Motiv darauf sticken. Es waren traurig-schöne, emotionale Momente.»
Auch die Schweizer Quilts wurden ausgestellt, immer zum 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, aber auch unter dem Jahr in Kirchen, in Ausstellungen, an Gebäuden. Mit ihnen wird erinnert an Claude-Eric, Eliam, Joli Monica, Martin, Christian, Eva, Roberto, Rita, Fredi, Marc, Jacqueline, Daniela, Remy, Charly, HJN, Oliver, Sylvano, Martine, Ueli, Dänu, Mary Betty, Billy, Terseca, Hedy, Giuseppe, André … und an viele mehr. Und sie alle bleiben unvergessen.
Zeitzeugen einer Pandemie
Die kunstvoll gestalteten Quilts lagern seit diesem Sommer im Landesmuseum Zürich und repräsentieren nun ein Stück prägende Schweizer Geschichte. Dr. Joya Indermühle, Kuratorin zeitgenössischer Textilien und Mode, und Dr. Luca Tori, stv. Chefkurator und Leiter der Abteilung Kulturgeschichte des Landesmuseums Zürich, geben Auskunft über die Quilts und wo diese in Zukunft zu sehen sind.
INTERVIEW: Brigitta javurek
Neu lagern zwei Quilts aus den 80er- und 90er-Jahren im Landesmuseum. Sie erinnern an Menschen, die an Aids gestorben ist. Warum hat das Landesmuseum ein Interesse an dieser Art von Erinnerungskultur?
Das Schweizerische Nationalmuseum sammelt, konserviert und vermittelt Objekte zur Schweizer Geschichte von den Anfängen bis heute. Die Verbreitung von HIV ist seit den 80er-Jahren zu einer Pandemie angewachsen und hat weltweit fast 40 Millionen Leben gefordert. Die zwei Quilts sind Zeitzeugnisse dieser auch für die Schweiz prägenden Geschichte.
Wie ist es zu der Schenkung gekommen?
Auslöser war die Sonderausstellung «Problem gelöst? Geschichte(n) eines Virus» in der Roten Fabrik in Zürich (2019), wo mehrere in der Schweiz hergestellte Quilts ausgestellt waren. Nach den ersten Gesprächen mit den Kurator:innen der Ausstellung sowie der Community erfolgten Besuche bei der HIV/Aids-Seelesorge der katholischen Kirche des Kantons Zürich, wo sich der grösste Bestand dieser Stücke in der Schweiz befindet. Zudem folgten Abklärungen mit der Aids-Hilfe Schweiz, die rechtliche Eigentümerin der Quilts war.
Was ist ein Quilt und woher stammt die Technik?
Traditionell ist ein Quilt ein mehrlagiger Stoff mit einer Füllung, bei dem die Lagen mit Steppstichen zusammengenäht sind. Die Steppstiche sind als dekoratives Element auf der Vorderseite sichtbar, gern
werden für die obere Seite auch mehrere Stoffstücke zusammengenäht («Patchwork»). Insbesondere bei den Amischen wurde das Quilten eine wichtige Kunstform und das gemeinsame Arbeiten ein wichtiges soziales und gemeinschaftliches Erlebnis. Dieses Handwerk wurde später aufgegriffen, um Quilts im Gedenken an an Aids Verstorbene zu fertigen. Die Idee basierte auf der US-amerikanischen Tradition der «memory quilts», Patchwork-Decken aus Stoffen von Familienangehörigen. 1987 wurde in San Francisco das sogenannte Names Project ins Leben gerufen, bei dem Hinterbliebene Quilts aus diversen Stoffen fertigten, auf die sie die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen nähten oder stickten. Bei öffentlichen Zeremonien wurden mehrere Quilts zusammengenäht und dabei die Namen der Toten vorgelesen. Anknüpfend an dieses Projekt wurde in vielen Städten Europas und auch in der Schweiz die Idee der «Aids Memorial Quilts» aufgenommen.
Stammen die Quilts aus der ganzen Schweiz?
Stellvertretend für die über 40 Quilts aus der Schweiz haben wir einen aus dem Kanton Bern und einen aus dem Kanton Tessin in unsere Sammlung aufgenommen. Der Quilt aus Bern ist aus acht Stoffteilen zusammengesetzt, die zwischen Mitte und Ende der 80er-Jahre produziert wurden. Die einzelnen Stücke sind gleich gross, während die Gestaltung individuell ist und von den persönlichen Erinnerungen der Hinterbliebenen zeugt. Unterschiedliche Materialien, Motive, Sprüche und Bilder verweisen auf die Interessen und Vorlieben der Verstorbenen. Anders beim Quilt aus dem Tessin: Hier sind die acht Panels aus denselben Stoffen im Regenbogenspektrum gefertigt, was auf eine gemeinschaftliche Produktion an einem Herstellungsort schliessen lässt.
Wie werden die Quilts aufbewahrt?
Die zwei Quilts werden im Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums in Affoltern am Albis unter idealen Bedingungen aufbewahrt, sodass ihr langfristiger Erhalt für die zukünftigen Genera-
tionen gesichert ist. Passt es thematisch, werden die Quilts auch in kommenden Ausstellungen in den Museen des Schweizerischen Nationalmuseums oder als Leihgaben zu sehen sein.
«1985 erfuhr André Ratti, dass er an Aids erkrankt war.
Kurz darauf wurde er zum ersten Präsidenten der Aids-Hilfe Schweiz gewählt. Bei deren erster Pressekonferenz am 2. Juli 1985 gab er bekannt: ‹Ich heisse André Ratti,
ich bin 50, homosexuell, und ich habe Aids.›»
An wen erinnern die Quilts?
An die Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Herkunft, sozialer Schichten, Ausbildung oder Lebensstils, die alle an den Folgen der Aids-Erkrankung gestorben sind. Bei einzelnen Opfern handelt es sich um bekannte Grössen, wie zum Beispiel André Ratti (1935 –1986). Ein Leben lang als Journalist und Redaktor beim Schweizer Fernsehen tätig, wird er 1985 zum ersten Präsidenten der Aids-Hilfe Schweiz ernannt. Im gleichen Jahr teilt er in den Nachrichten mit: «Ich heisse André Ratti, ich bin homosexuell, und ich habe Aids». Mit diesen Worten, die wir noch heute auf seinem Stoff lesen, erreichte die Diskussion über die damals noch wesentlich stärker stigmatisierte Krankheit die Schweizer Bevölkerung. Das Leben anderer Verstorbener hingegen kennen wir kaum. Durch Archivrecherchen sowie durch Gespräche und Treffen mit den Hinterbliebenen wollen wir ihre Schicksale kennenlernen, die Erfahrungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sammeln und dem breiten Publikum zugänglich machen.
Was für Geschichten stecken in den Quilts?
Die Quilts vermitteln individuelle Geschichten von Menschen sowie das Ausmass einer
Pandemie und den Verlust von Angehörigen
und Freundinnen und Freunden. Sie erzählen, wie Betroffene sich zusammenschlossen und mit grossem Mut gegen Aids kämpften – gegen eine damals unbekannte Krankheit, die ein Todesurteil war und Diskriminierung und Stigmatisierung beinhaltete. Sie zeugen aber auch vom Beginn einer Solidarität, die die Öffentlichkeit sensibilisierte und Druck auf die Politik ausübte. Ein schmerzhafter, aber erfolgreicherKampf, der in 40 Jahren zu medizinischen Fortschritten führte, Vorurteile aus dem Weg räumte und unterschiedliche sexuellen Orientierungen enttabuisierte.
Werden die Quilts der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
Zuerst werden die Quilts auf unserer Online-Sammlung veröffentlicht. Parallel dazu sind weitere Beiträge auf unseren Kanälen vorgesehen. Wann die Objekte genau in einer Ausstellung zu sehen sein werden, steht noch nicht fest. Dazu braucht es weitere Recherchen rund um die Objekte.