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Walter Kurt Wiemken – Die Gespenster des Krieges
Das Schaffen des Basler Künstlers Walter Kurt Wiemken ist von Gegensätzen gezeichnet, «von Leben und Sterben, von Lieben und Töten, von Armut und Reichtum, von Frieden und Krieg. Das Erlebnis dieser Gegensätzlichkeiten ist förmlich zum Refrain seines ganzen Denkens und Schaffens geworden», wie es der Basler Kunsthistoriker und Museumsdirektor Georg Schmidt bereits 1941 formulierte.
Wiemken, der bereits in jungen Jahren bei einem Wanderunfall verstarb, liess sich in seiner künstlerischen Entwicklung von Bildstrategien verschiedener Strömungen beeinflussen. Dazu gehörten der Expressionismus ebenso wie der Surrealismus und auch experimentierte er mit abstrakten Malweisen. Ein weiteres Merkmal seiner Bildsprache ist zudem der Einsatz von Typen, symbolischen Figuren und Personifikationen, wie dem Clown, der stellvertretend für die Person des Künstlers steht.
Krieg und Gespenster zeigt drei sitzende Figuren zu Füssen eines Kruzifixes, den Tod, den Teufel und den Friedensengel. Von einem Hügel aus beobachten sie gemeinsam das zerstörerische Geschehen in der Ferne, wo eine Stadt unter dichten Rauchschwaden brennt und Menschenmassen, abstrahiert mit schwarzen Strichen angedeutet, davor flüchten. Hinter ihnen liegt eine entkräftete oder verstorbene Frau neben einem Kinderwagen, aus dem heraus ein Kleinkind auf die Zerstörung blickt. Am linken vorderen Bildrand bestimmt die halb-durchsichtige Figur des Clowns den Raum, das Alter Ego des Künstlers, welcher den ‹Tanz› der Gespenster mit seiner Fiedel bespielt. Ähnliche Konfigurationen lassen sich auch in anderen Gemälden, wie in Seiltänzer über dem Abgrund, ebenfalls von 1939, finden.
Eine besondere Rolle nimmt die abgemagerte Mähre im rechten Vordergrund beider Gemälde ein. Sie ist Rosinante, das Pferd Don Quichottes und symbolisiert Spanien bzw. den Spanischen Bürgerkrieg. Wiemken, dessen Kindheit vom Ersten Weltkrieg überschattet war, leidet in den 1930er-Jahren zunehmend an Kriegsängsten, die sich mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs bestätigen sollte. In früheren Werken platzierte er Rosinante entsprechend noch zentraler mit ihrem Reiter. 1939, nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges, ist sie nur noch alleine als geisterhafte Erscheinung zu erkennen.
Eine dem ausgestellten Gemälde verwandte Disposition finden sich in der zwei Jahre zuvor entstandenen Zeichnung Der Krieg, Schwarze Schatten: Von der rechter Seite her kommen Krieg und Tod apokalyptisch über einen Hügel, und abermals finden wir Rosinante, hier mit Don Quichotte, sowie ein Kruzifix und Kinderdarstellungen. Wiemken liess hier das Aufeinanderprallen und Zusammenkommen von Gegensätzen bereits im Titel aufscheinen und erzählt den Betrachtenden eine ähnliche Geschichte des unerwarteten, obschon in Vorzeichen zu erkennenden Ende des Friedens.
Wiemkens früher Tod hat zu einer gewissen Mythenbildung in seiner Rezeption geführt. So wurde sein Tod auch als Freitod interpretiert, ohne konkrete Anhaltspunkte. Gerne wird er als Aussenseiter verstanden, wobei besonders im Zusammenhang mit den Gemälden, die den Krieg thematisieren, stark auf psychologische Aspekte Bezug genommen wird. Eine vertiefte kunsthistorische Auseinandersetzung mit seinem Werk fehlt nach wie vor.
Festhalten lässt sich, dass das Gegenüber von symbolischen Gegensätzlichkeiten sich auch im Aufeinanderprallen von Malerischem und Zeichnerischem spiegelt, wodurch bildimmanente Vorgänge in den Vordergrund rücken. Das Malerische verschränkt sich auf diese Weise mit den Inhaltlichen und die Gespenster des Krieges werden gleichsam zu Gespenstern der Malerei.