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Zwinglis Leben im Dialog über den Kappeler Krieg
Einführung: David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Entstehungszeitraum: um 1535.
Handschriften: ZB Zürich, ms A 119, fol. 41ro-54ro, hier: fol. 50ro-vo (Autograph); Ms Bodmer 36.44, fol. 11vo-12vo (Kopie).
Ausgabe: O. Myconius, Narratio verissima civilis Helvetiorum belli Capellani per modum dialogi, in: Historische und critische Beyträge zu der Historie des Eidsgenossen, Teil I, hg. von J. Lauffer, Zürich, Orell, 1739, 199-201.
Einige Monate nach dem Tod Ulrich Zwinglis am 11 Oktober 1531 verfasste Oswald Myconius die allererste Biographie des Reformators überhaupt, die wir im Folgenden als Vita bezeichnen werden. Einige Zeit später, wahrscheinlich um 1535 herum, schrieb Myconius an einem lateinischen Dialog mit dem Titel Dialogus de bello Cappelano oder Narratio verissima civilis Helvetiorum belli per modum dialogi ab Osvaldo Myconio Lucernano congesta, den er nicht vollendete und der bis zu seiner Veröffentlichung im Jahr 1739 bei Orell in Zürich nur als Manuskript vorlag. Die beiden ersten Drittel des Werkes enthalten einen detaillierten Bericht über die Schlacht von Kappel, das letzte Drittel widmet sich vollständig einer Lebensbeschreibung Zwinglis, der in dieser Schlacht den Tod gefunden hatte; diese Partie soll uns hier interessieren. Dieses Werk des Myconius ist nur sehr wenig bekannt; immerhin findet sich dazu eine Seite in der Einführung von Rüsch zur Vita Zwinglis; Irena Backus, die diese Vita genau untersucht, erwähnt die dem Leben des Reformators gewidmete Partie des Dialogs dagegen nicht.
Der Dialogus de bello Cappelano ist ein Dialog in der Tradition der Colloquia familiaria des Erasmus, deren Erfolg im Humanistenmilieu bekannt ist. Die Hauptperson heisst Eusebius (von εὐσεβής, fromm), wohinter sich Myconius verbirgt; mehrere Personen mit diesem Namen erscheinen übrigens in den Kolloquien des Erasmus. Neben Eusebius tritt Agathius auf (von ἀγαθός, gut), dessen Aufgabe darin besteht, durch seine Fragen den Bericht in Bewegung zu halten. Der dritte Dialogpartner ist Diacoptes, dessen Rolle sich auf einige eingeworfene Zwischenbemerkungen beschränkt (Diacoptes kommt von διακόπτω, was unterbrechen bedeutet).
Es handelt sich um einen lebendigen Dialog nach dem Beispiel der Colloquia des Erasmus, dem Myconius unverkennbar nachgeeifert hat. Die drei Gesprächspartner unterhalten sich über die politische und religiöse Situation in Zürich, beklagen die schlechten Entscheidungen der protestantischen Führer im Kappeler Krieg, schimpfen über die Katholiken und lobpreisen Zwingli. Die Beschreibung des Kriegs ist detailliert und mit einer grossen Anzahl von Anekdoten angereichert; und selbst wenn er manchmal kompliziert und ein wenig schwerfällig ist, ist er dennoch interessant für Historiker, die sich mit diesem Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken beschäftigen.
Der letzte Teil ist dem Leben Zwinglis gewidmet, beginnend mit seiner Geburt in Wildhaus in Toggenburg bis zum Beginn der 1520er Jahre, also bis kurz vor seinem «offiziellen» Übertritt zur Reformation und seinem definitiven Bruch mit Rom. Daher geht es um seine Studien in Basel, Wien und Bern, um seine Priesterweihe, um seinen Dienst in Glarus und in Einsiedeln, um seine Ernennung zum Pfarrer von Zürich (1519) und die Anfänge seiner reformatorischen Tätigkeit in der Stadt am Ufer der Limmat. Nach der Beschreibung eines typischen Tages des Reformators bricht der Dialog brutal ab. Es ist unbekannt, warum Myconius dieses Projekt nicht fortgesetzt hat. Jedenfalls finden daher in dem Text weder die Heirat Zwinglis (1524) noch die Abschaffung der Messe (1525) Erwähnung, und auch nicht die Disputation von Baden, auf der er exkommuniziert wurde (1526), oder sein Tod.
Myconius folgt recht eng der Vita Zwinglis, deren Struktur und wesentlichen Inhalt er übernimmt; er nimmt sogar sehr lange Passagen daraus in seinen Text auf, die er nur geringfügig verändert, um sie an die Dialogform anzupassen. Immerhin fügt er einige in der Vita nicht enthaltene Informationen hinzu, um ein präziseres Porträt des Reformators zu zeichnen.
Die in dem biographischen Teil des Dialogs eingenommene Perspektive ist die gleiche wie in der Vita: es geht vor allem darum, Zwingli als einen modellhaften Humanisten zu präsentieren. Das wird besonders in dem von uns ausgewählten Auszug deutlich. Es geht darin vor allem um Zwinglis Interesse an der Musik, das ihm häufig zum Vorwurf gemacht wurde; hier aber wird es als eine Art des otium beschrieben, die dem Geist Ruhe und Erholung gestattet, bevor er sich wieder seinen negotia zuwendet. Die Musik erscheint hier als eine typische humanistische Disziplin, denn sie «macht den Menschen mehr zum Menschen» (hominem magis hominem reddit), und das ist eine exzellente Definition des Humanismus, die ganz auf der Linie des Erasmus liegt, der in seinem Buch über die Kindererziehung die folgende berühmte Formel geprägt hatte: «Die Menschen werden nicht als Menschen geboren, sie werden dazu geformt» (Homines non nascuntur, sed effinguntur).
Im Folgenden greift Myconius das Universitätssystem der Scholastik und seine bedeutungslosen Titel an. Dabei legt er Wert auf die Feststellung, dass Zwingli zwar den Grad eines magister artium erlangt habe (1506), doch dies nicht zu seiner persönlichen Ehre getan habe, sondern, weil er sich den Dienst seiner Mitmenschen habe stellen wollen; und dies habe ihn gezwungen, ein System zu akzeptieren, das man in jener Zeit noch nicht ignorieren konnte. Dann erwähnt er Zwinglis theologische Studien in der Zeit nach seiner Priesterweihe (denen dieser in Wirklichkeit als Autodidakt nachgegangen war); Myconius unterstreicht derart die Bedeutung einer soliden Ausbildung für jeden, der in der Verantwortung steht, Seelen zu Gott zu führen.
In der letzten Partie seines Texts stimmt Myconius ein bemerkenswertes Loblied auf die Beredsamkeit an. Er berichtet, dass Zwingli vollkommen verstanden habe, wie wichtig es ist, die Hilfsmittel der Rede zu beherrschen; er präzisiert dabei, dass Zwingli den antiken Vorbildern nicht sklavisch gefolgt sei, sondern ihre Regeln an die Mentalität seiner Epoche angepasst habe: Myconius fasst hier in einem Satz die ganze humanistische Debatte über die gute Nachahmung zusammen! Er fügt hinzu, dass Zwingli selbst das Projekt verfolgt habe, ein Buch zu schreiben, um damit seinen Landsleuten zu helfen, sich (besonders bei Versammlungen wie der Landsgemeinde etc.) wechselseitig besser zu verstehen, sich korrekt auszudrücken und rhetorischen Fallstricken auszuweichen. Myconius geht so weit, zu sagen, dass die Tatsache, dass Zwingli diesen Traktat nicht mehr schreiben konnte, einer der Gründe sei, die seinen Tod besonders schlimm machten! Während Myconius sich im Allgemeinen sehr eng an die Zwingli-Vita hält, die er einige Jahre zuvor verfasst hatte (und dies auch für den Beginn des Textes zutrifft, den wir hier untersuchen), so ist der Abschnitt über die Beredsamkeit etwas ganz Neues: diese Hinzufügung ist symptomatisch für die Bedeutung, die Myconius der Redekunst im Rahmen des humanistischen Projekts zumass.
Bibliographie
Rüsch, E. G., Vom Leben und Sterben Huldrych Zwinglis, St. Gallen, Fehr’sche Buchhandlung, 1979.
Es war ein Konflikt besonders zwischen Zürich und Bern auf der einen und den fünf altgläubigen zentralschweizerischen Kantonen (Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug) auf der anderen Seite. Zu den Kappeler Kriegen s. H. Meyer, «Kappelerkrieg», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 12.11.2009, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008903/2009-11-12/.
De pueris statim ac liberaliter instituendis, hg. von J.-C. Margolin, ASD 1.2 (1971), 31.
Diese Reflexion über die Musik folgt der Vita sehr eng; s. die Ausgabe von Rüsch (1979), 38; dagegen ist die Reflexion über die Musik als etwas, das den Menschen mehr zum Menschen macht, neu.