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Ovartaci war wohl eine Transfrau «avant la lettre». Geboren als Louis Marcussen (1894–1985) in eine wohlhabende Färberfamilie in der kleinen Markstadt Ebeltoft in Dänemark, absolvierte er eine Maler- und Dekorateurausbildung. In seiner Tätigkeit erwies er sich als äusserst begabt, doch als er ein defektes Gewehr auf seinen blinden Bruder Knud richtete, sah sich seine Familie gezwungen, ihn in die psychiatrische Klinik Risskov in Århus einweisen zu lassen. Hier blieb er 56 Jahre lang bis zu seinem Tod. In dieser Umgebung konnte er sich dank dem Psychiater Erik Strömgren der Kunst und seinen esoterischen Interessen widmen, und er genoss als eine Art Oberpatientin — im jütländischen Dialekt «Overtossi» oder «Overfool» — viele persönliche Freiheiten und eine bevorzugte Behandlung als ‹Prima Donna› der Klinik. In diesem geschützten Rahmen lebt Ovartaci in Transidentitäten und gestaltet sich den Lebensraum zu einem einzigartigen Universum. Es entstanden unzählige Werke, die von einer wunderlichen Welt, grenzenlosem Ideenreichtum, unzähligen Einflüssen, Stilen und einer unbändigen Fabulierlust sprechen. Malereien, Puppen, Rauch-Phantome, Wörterbücher und Flugobjekte: Erschaffen aus allem, was sie* gerade fand: Stoff, Papiermaché, Karton, Sardinenbüchsen, Zahnpastatuben. Zeitlebens beschäftigt Ovartaci das Thema der Verwandlung, das ihn zu Fabelmischwesen wie katzenhafte, vogel -, schmetterlings- und froschähnliche Geschöpfe mit nah- und fernöstlichen, oft auch mystischen Einflüssen inspirierte. Von Transformation sprechen auch die zahlreichen puppenhaften Frauenfiguren in allen erdenklichen Grössen. Sie* gestaltete sie nach einem zu seiner Zeit gängigen Frauenbild, das einer einseitigen Vorstellung von Weiblichkeit entsprach. Sie verweisen auf ihre* Sehnsucht, das andere Geschlecht zu verkörpern, dem sie* mit einer brachialen Selbstkastration weitgehend nahekam. Ovartaci hatte es vermutlich besser als andere Transfrauen zu ihrer* Zeit. Im Katalog wird darauf hingewiesen, dass der Psychiatrieaufenthalt für ihre* Entfaltung wie ein Segen war, da sie* dort endlich die Rahmenbedingungen für ihr* persönliches und Künstlerinnenleben vorfand, die sie* zuvor lange gesucht hatte.
Das Museum im Lagerhaus zeigt das aussergewöhnliche Gesamtkunstwerk erstmals in der Schweiz. Es ist Teil der internationalen Trilogie <Das Andere in der Kunst> und widmet sich den Themen Gender, sexuelle Identität und Transgeschlechtlichkeit.
Crazy, Queer and Lovable: Ovartaci und Parallelausstellung Ich Du Er Sie Xier: Transidentität, Museum im Lagerhaus, St. Gallen, bis 1.3.2020 www.museumimlagerhaus.ch