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Zürich mit seinem Kulturbetrieb war vor 125 Jahren weit weg, für den Normalbürger praktisch unerreichbar. Das Publikum war unkritisch, da es nicht vergleichen konnte, und dankbar, wenn es nur irgendwie tönte. Die Programme des neu gegründeten Ensembles «Orchester-Verein Meilen» (OVM) umfasste vor allem «Salonmusik» der damaligen Zeit, also Märsche, Charakterstücke und Potpourris, aufgelockert durch Soloeinlagen mit Gesang und Klavier.
Fehlende Stimmen, vor allem diejenigen der Bläser, wurden durch Klavier oder durch das OVM-eigene Harmonium ersetzt. Neben gelegentlichen Kirchenkonzerten zusammen mit dem Organisten, wo man sich an zugeschnittener «klassischer Literatur» versuchte, waren die Orchesterkränzchen im Saal des Gasthofs Löwen sehr beliebt. Hier wurden Unterhaltung, Theater und Tanz geboten. Jährliche Orchesterausflüge waren ein wichtiger Bestandteil des Vereinslebens.
Poetische Formulierungen
Das frühe Orchesterleben wurde fast wöchentlich in ausführlichen handschriftlichen Dokumenten – nota bene in Kalligraphie! – festgehalten. Beeindruckend ist die phantasievolle und blumige Ausdrucksweise. Das waren nicht einfach trockene Protokolle, sondern schon eher poetische Werke. Hier ein kurzer Auszug aus einem Protokoll: «Wenn jemand im Sternen wartet, wartet der Dinge die da kommen sollen, könnte man da nicht sagen er befinde sich in einer Sternwarte, in einem Gebäude, von dem aus er der Zeit der Dämmerung ruhig an sich vorübergehend lassend mit Spannung der Mitternacht entgegensieht, der Geisterstunde in der die Himmelskörper am hellsten sich abheben vom dunklen Firmament + in der auf Grund feiner Berechnungen & Beobachtungen verbunden mit etwas Prophetenphantasie das Urteil über Werden und Vergehen dieser lichten Erscheinungen gesprochen wird.»
Über die Vorbereitungen für einen Vereinsausflug steht geschrieben: «…auch der lustige Mutz in Lachen & die liebenswürdige Wirtin auf der Johannisburg haben immer noch Anhänger. Diejenigen Mitglieder die im Besitze eines Langgewehres sind haben genannte Waffe mitzubringen. Auch wird beschlossen, die Instrumente mitzunehmen, wie es einer wandernden Musikgesellschaft wohl ansteht.»
Damals nahm man sich offensichtlich die Zeit, sich in schöner Handschrift zu üben und in blumiger Sprache auszudrücken – ohne zeitsparende Computer! Heutige Leser könnten sich fast schon fragen, was wir im Jahr 2019 falsch machen…
Auch an Problemen mangelte es nicht
Den blumigen Protokollen zum Trotz hat der OVM (heute SOM) eine bewegte Geschichte hinter sich. Probleme, heute nennt man diese politisch korrekt «Herausforderungen», waren vorprogrammiert. So war zum Beispiel grundsätzlich allen klar, dass gemeinsames Musizieren zur Freude des Publikums regelmässiges Proben voraussetzt. Doch im Leben muss man, wie wir alle wissen, manchmal Prioritäten setzen. Und da kam es dann halt schon mal vor, dass die Probe beim einen oder der anderen eine hintere Nummer zugeteilt erhielt.
Auch stellte sich immer wieder die Grundsatzfrage bei einem Amateurorchester: Legt man den Schwerpunkt auf das Zusammensein mit lockerem Musizieren ohne Rücksicht auf Verluste, oder setzt man sich zum Ziel, eine einwandfreie Leistung zur eigenen Zufriedenheit und zum Wohle des Publikums zu erbringen? – Diese Frage wurde über Jahrzehnte intensiv diskutiert. Wer sich dafür interessiert, ob sie immer noch im Raum steht, der besuche das nächste Konzert des SOM. Er wird eine glasklare Antwort erhalten!
Meinungsverschiedenheiten und Versöhnung
Ein Orchester ist ein quirliger Organismus, bestehend aus einer Vielzahl musikbegeisterter Individuen, die ihre Leidenschaft gerne nach ihrem Gusto ausleben wollen. Da kommt es auch einmal zu Meinungsverschiedenheiten. Doch männiglich freut sich schon im Voraus auf die Versöhnung, wie dieses «Memo» zeigt, das der damalige Dirigent 1974 der Präsidentin schrieb: «Liebe Frau Präsidentin, ich wüsste für die Chronik unseres Vereins eine hübsche, kleine Geschichte in der Art eines Märchens, etwa so: ‘Es waren einmal ein Dirigent und eine Geigerin. Die waren sich über eine bestimmte Sache sehr uneinig, so dass sie sich kränkte und er sich ärgerte. Weil sich die Beiden aber im Grunde recht gerne mochten, liess ihnen dieser Zustand keine Ruhe. Sie griffen sofort zu Feder und Schreibmaschine und wechselten miteinander in 3 Tagen 4 lange Briefe. Darauf waren sie wieder glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch... Das Beste daran ist, dass dieses kleine Märchen wahr wurde, anfangs Februar 1974 im Orchesterverein Meilen!»
Drei Programme pro Jahr
Das Sinfonieorchester Meilen gibt heute jedes Jahr drei Konzerte. Im Frühjahr haben junge Talente die Möglichkeit, am «Preisträgerkonzert» zusammen mit dem SOM ihr Können unter Beweis zu stellen. Im Sommer lockt das Serenadenkonzert, bei schönem Wetter im idyllischen Park der Familie Wille im «Mariafeld» Feldmeilen und im Hof der Wäckerlingstiftung in Uetikon (bei schlechtem Wetter in der Kirche Meilen). Das Hauptkonzert im November, mit namhaften Solisten, wird gleich dreimal zelebriert: am Freitag in der Kirche Meilen, am Samstag in einer Kirche in Zürich, und das Abschlusskonzert findet dann in der Kirche in Egg statt.
Lustige, interessante und überraschende Dokumente
Die Chronisten des Orchesters haben zum Anlass dieses 125. Geburtstags des Sinfonie Orchesterns Meilen (ehemals OVM) in den Annalen des Vereins nach lustigen, interessanten und überraschenden Zeitdokumenten geforscht. Der Meilener Anzeiger veröffentlicht ab kommendem Freitag in lockerer Folge einiger dieser Perlen!