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Blick-Kolumne Geschichte vom 11. November 2022
Als der Spanier Hernán Cortés mit seinen 550 Begleitern im Jahr 1519 die mexikanische Ostküste erreichte, brachte er den Azteken nicht nur Krankheit, Tod und Verderben, sondern auch die Unsitte des Stierkampfs. Im Lauf der Jahrzehnte fand in den meisten spanischsprechenden Ländern eine kulturelle Aneignung statt.
Der Brauch entwickelte sich in jedem Land etwas anders. Die Mexikaner ersetzten den Stierkämpfer durch einen Bären. In Texas, das bis 1845 zu Mexiko gehörte, wählte man Bullen mit langen Hörnern (Longhorns) und hetzte sie in einer Arena gegen angekettete Grizzlybären. Besonders beliebt waren diese blutigen Kämpfe bei den Goldgräbern in Kalifornien während des Goldrauschs (1848–1854).
Bulle und Bär hatten unterschiedliche Kampftechniken. Während der Bulle mit gesenktem Kopf angriff und versuchte, den Gegner aufzuspiessen, von unten nach oben, wehrte sich der Bär in Bud-Spencer-Manier und versetzte dem Angreifer einen wuchtigen Prankenschlag von oben nach unten.
Es war schliesslich der spanische Autor Don Joseph de la Vega (1650– 1692), der mit seinem 1688 erschienenen Standardwerk über die Amsterdamer Börse Bulle und Bär auf das Börsenparkett hievte. In seiner moralisierenden Streitschrift «Verwirrung der Verwirrungen» steht der Bulle wegen seiner Kampftechnik für steigende Kurse, der Bär für fallende Kurse.
Die Bezeichnung «bullish» für Optimisten und «bearish» für Pessimisten hat sich bis heute gehalten. Der Bildhauer Arturo Di Modica (1941–2021) glaubte an die Macht der Wall Street und setzte 1989 mit seiner drei Tonnen schweren Bronzeskulptur dem «Charging Bull» ein Denkmal nahe der New Yorker Börse.
Es waren jedoch weder der Bär noch diverse Vandalenakte, die dem Goldenen Kalb der «Raubtierkapitalisten» die Stirn boten, sondern ein kleines, furchtloses Mädchen («Fearless Girl») aus Bronze, erschaffen von der Künstlerin Kristen Visbal (59). Sie protestierte 2017 gegen den Mangel an weiblichen Führungskräften in amerikanischen Chefetagen. Doch der Bulle war stärker und vertrieb das selbstbewusste Kind von der New Yorker Stock Exchange.
Und der Bär? Für Pessimismus gibt es an der Wall Street keinen Standplatz. Denn: «Only the sky is the limit», nur der Himmel ist die Grenze.
Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im Blick. Soeben ist sein Thriller «Dirty Talking» erschienen.
Die Bronze-Skulptur des furchtlosen Mädchens bot dem Börsen-Bullen die Stirn.