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Patrick Sercu der Kaiser
Rücktritt 1983 mit 88 Sechstagesiegen, als er noch im Vollbesitz seiner Kräfte stand. Begann seine Karriere als reiner Sprinter, ehe er, wahrscheinlich um ans grosse Geld zu kommen, ins 6-Tagefach wechselte. Um sich dazu die nötige Härte und Tempofestigkeit zu holen, fuhr er intensiv Strassenrennen. Er beendete zweimal die Tour de France, gewann sieben Etappen und brachte 1974 das grüne Punktetrikot bis nach Paris. Im Giro waren es sogar 13 Etappensiege. Mit seinem Eintritt in das 6-Tagegeschäft änderte sich die Hackordnung unter den Fahrern. Mit der Vorherrschaft der Herren Post, Altig, Pijnen etc. war es endgültig vorbei und Sercu war von da an alleiniger Chef bis zu seinem Ausstieg anlässlich des Mailänder 6-Tagerennens 1983.
Er wurde schlicht und einfach der Kaiser. Er fuhr mit wechselnden Partnern von Sieg zu Sieg. Die Veranstalter und sportlichen Leiter der Rennbahnen hatten, zu dem was auf der Bahn vorging, ohne Rücksprache mit Sercu nichts mehr zu bestimmen. Er wurde von ihnen hofiert wie eben ein Kaiser. Nur noch wenige Spitzenfahrer hatte er zu respektieren. Alle andern hatten seine Regeln einzuhalten. Neulinge, die fahrtechnisch nicht genügten oder Fahrer, die beim Versuch eine Runde zu gewinnen, sich ohne mitzuführen an ausgerissene Fahrer anhängten, wurden gemassregelt. Wer dann immer noch nicht spurte, hatte seine Koffer zu packen.
1982 in Bremen hatte ich die einmalige Gelegenheit, für Sercu, den Kaiser zu arbeiten. Für mich war das natürlich ein grosses Ding. Sein persönlicher Mechaniker, seit Jahren schon treu in seinen Diensten, hatte zur gleichen Zeit noch für andere Fahrer zu tun. Er gab mir zu Beginn ganz klare detaillierte Anweisungen, was genau an Sercu`s Velo und Laufrädern zu tun sei. Ich glaube, einen guten Job gemacht zu haben, Defekte gab es keine. Zusätzlich war es noch üblich, dass am Start zu den Dernyrennen der Mechaniker den Fahrer anzustossen und nach Rennende anzuhalten hatte. Das war damals neu für mich und aus Angst, ja keinen Fehler zu machen, war ich jedesmal mit klopfendem Herzen und feuchten Händen dabei.

Als Mensch und Chef war er unergründlich. Er begrüsste und bedankte sich nie bei mir. Ausser fachlichen Konversationen kam es zwischen uns zu keinem Gespräch. Ohne sich mit mir zu unterhalten, ass er schweigend jede Nacht an meinem Werkbank seine Spaghetti und trank als Belgier sein grosses Bier dazu. Nicht einmal am Ende der 6 Nächte fand er es für nötig, sich bei mir zu verabschieden. Menschlich schien er Defizite zu haben, dafür war er als Fahrer umso grossartiger.
Athletisch war er immer voll auf der Höhe. Er konnte, das Feld anführend, das Tempo so progressiv steigern, dass es keiner Mannschaft möglich war, zu einem Rundengewinn anzusetzen. Schwächere Fahrer konnten sogar das Tempo im Feld nicht mithalten und verloren dabei Runde um Runde. Er fuhr, das war Ehrensache, alle langen Jagden wie zum Beispiel in Zürich die 100 km-Americaine voll durch, ohne ausser bei Defekten natürlich, vom Velo zu steigen. Während dem andere Fahrer, bekannte und weniger bekannte, aus Schwäche oder Mangel an Härte unter irgendeinem Vorwand kurz zur Erholung abstiegen.
Einen 6-Tagefahrer wie Patrick Sercu wird es im guten wie im schlechten Sinne, nicht mehr geben. Er war nicht nur der Kaiser, er war eine Institution!