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Autoverkehr und Zersiedelung als Hauptprobleme: Das gab es in der Schweiz schon vor fünfzig Jahren. Der Künstler und Urbanist Walter Jonas reagierte darauf mit dem originellen Konzept der sogenannten «Intrapolis».
Es ist ein grosser Trichter. Oder ein Trompetenpilz. Aber es ist ein Haus. Oder besser: ein kleines Dorf. 1961 stellte Walter Jonas das Konzept des Trichterhauses und der Intrapolis vor. Der Trichter sollte, 100 Meter hoch, 700 Wohnungen enthalten, in nach oben grösser werdenden Etagen angeordnet. Zusammen mit Infrastruktureinrichtungen, die im Schaft untergebracht waren, ergab sich eine autarke kleine Gemeinschaft von 2000 Personen.
Die Intrapolis war eine Vision, die in bestimmter Hinsicht mit dem Konzept lokaler Nachbarschaften eine Neuauflage erlebt.
Der 1910 geborene Walter Jonas begann als ausdrucksstarker Maler. 1958 erlebte er dann bei einer Brasilienreise die wild wuchernden Grossstädte Rio de Janeiro und São Paulo und reagierte darauf mit der Idee einer neuen Art von Wohnen in einer neuen Hochhausform. Mit seinem Interesse stand er in einer aktuellen Diskussion zur Krise des städtischen sozialen Wohnungsbaus. Die vor allem von Le Corbusier noch vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Vorstellungen grosser Überbauungen mit sozialem Anspruch waren zuerst abgeblockt und dann nach dem Weltkrieg verwässert oder zweckentfremdet worden. Riesige Wohneinheiten, die eigentlich das Wohnen demokratisieren sollten, führten in Frankreich zu Ghetto- und Slumbildungen.
«Gründen wir eine neue Stadt»
In der Schweiz begann die Diskussion von der anderen Seite her: Nicht der städtische Kosmos wurde als zu bewältigendes Problem begriffen, sondern die Stadt und der Autoverkehr wurden zuerst einmal als Übergriff auf die Landschaft wahrgenommen. Bislang hatte es kaum eine zeitgemässe Raum- und Städteplanung gegeben. In dieses Vakuum stiess Max Frisch, damals noch als Architekt tätig. 1955 erschien das Pamphlet «achtung: die Schweiz», das er mit dem Publizisten Markus Kutter und dem Soziologen Lucius Burckhardt verfasst hatte. Die Schrift wandte die Kritik an der Zersiedelung durch die Einfamilienhaussiedlungen, mit Le Corbusier, in eine modernistische Richtung und mündete in den durchaus ernsten Vorschlag: «Gründen wir eine neue Stadt.» Im 2008 entstandenen Film von Matthias von Gunten, «Max Frisch, Citoyen», berichtet Peter Bichsel von jener städtebaulichen Vision: «Wir wären damals bereit gewesen, die Stadt Solothurn abzureissen und Le Corbusier einen anständigen Auftrag zu erteilen», meint er nachträglich in einer Mischung aus Faszination und Grauen.
Walter Jonas seinerseits sah wenige Jahre nach Frisch die moderne Stadt mit drei Hauptproblemen konfrontiert: Labyrinthbildung, Vermassung und Wucherung. Auch er wollte eine neue Stadt gründen, in anderer Form freilich.
Um für die «Gesamtheit der Bevölkerung gute Wohnverhältnisse zu schaffen», den so belastend gewordenen Lärm und den Autoverkehr einzudämmen sowie den BewohnerInnen der Stadtwohnungen mehr Licht zu verschaffen, brauche es neue städtebauliche Vorstellungen. Eine Wohnung müsse zugleich als «Ort des Fürsichseins, der Ruhe, der Sicherheit» begriffen werden. Dazu sei eine Wende zur «Intraversion» nötig. 1961 lancierte Jonas deshalb die Idee des sogenannten Trichter- oder Intrahauses. In diesem richten sich alle Wohnungen nach innen, und auch das soziale Leben soll sich im Inneren des Trichters abspielen.
6000 Menschen in drei Intrahäusern
Von Beginn an war das Intrahaus nicht als Einzelhaus, sondern jeweils im Dreierverbund gedacht, um die infrastrukturellen Möglichkeiten der so entstehenden Überbauung zu verbessern. Bautechnisch wird der grössere oberirdische Trichter durch einen kleineren unterirdischen Gegenkegel ergänzt. Darin sollen Garagen und Lagerräume untergebracht werden. Der Schaft des oberirdischen Trichters, etwa ein Drittel der Gesamthöhe, bleibt Läden, Büros und nicht auf Tageslicht angewiesenen Vergnügungsstätten wie Kinos vorbehalten. Abgeschlossen wird der Sockel durch die runde, bepflanzte Scheibe des Patio. In den ersten zwei bis drei kreisförmigen Etagen sind Schulen und andere öffentliche Einrichtungen untergebracht, und in den oberen Ringen, rund fünfzehn, dann die Wohnungen. Der oberste Ring dient als kreisförmige Flaniermeile und ermöglicht via Verbindungswege den Zugang zu den beiden anderen Intrahäusern. Ein Vertikallift führt von den unterirdischen Anlagen bis zum Patio, und Schräglifte ermöglichen den Zugang zu den Wohnungen.
Durch die Terrassenform des Trichters im Inneren besitzt jede Wohnung auf dem Dach der darunter gelegenen einen Vorgarten, wie bei heutigen Terrassenwohnungen. Bei einem Maximaldurchmesser des Trichters von 200 Metern und einer Höhe von 100 Metern werden rund 600 Wohnungen pro Haus berechnet – 2000 BewohnerInnen pro Haus, also 6000 pro Grundeinheit aus drei Intrahäusern. «Jede aus drei Elementen gebildete Grundeinheit ist soziologisch ein Ganzes, sie entspricht ungefähr einer mittleren Stadt mit allen Einrichtungen: Schulen, Spitälern, Einkaufszentren und Verwaltungen», erklärte Jonas.
Hinter dieser Vorstellung steckt ein gesellschaftspolitischer, sozialer Ansatz: Wie lebt man vernünftig und angenehm? Für den Maler Jonas spielten aber auch ästhetische Fragen eine Rolle: Wie lebt man schön? Die Form des Trichterhauses hat ja etwas Organisches, verkörpert eine Abkehr vom rechten Winkel. Besonderen Wert legte Jonas zugleich auf die Farbgestaltung der Häuser, die sowohl Orientierungsfunktion haben wie ästhetisch erfreuen soll.
Die Konzentration nach innen ist aber Stärke wie Schwäche zugleich. Der Zusammenhang mit dem Aussen ist kaum mehr gegeben. Der Landschaftsarchitekt Ernst Cramer entwarf zwar, wie Intrahäuser in die Umgebung eingebettet werden könnten. Dabei blieb die Intrapolis allerdings für eine ländliche, nicht eine urbane Landschaft gedacht.
Die Stadt in drei Dimensionen
Zeitgleich mit diesen Vorstellungen von Jonas entstand die sogenannte spatiale oder Raumarchitektur in Frankreich, Japan, auch Deutschland. Nach ihr sollte die spatiale Stadt in drei Dimensionen gebaut werden. Das hiess, nicht einfach durch Hochhäuser die vertikale Dimension auszunützen, sondern die horizontalen Verbindungen auf den verschiedenen Ebenen zu gebrauchen. Dazu zählten naiv-futuristische Vorstellungen einer aufgetürmten Stadt, wie wir sie aus Science-Fiction-Filmen kennen, in denen Raumgleiter auf Hochbahnen schweben und die Stadt in mehreren Schichten angelegt ist. Es gab aber auch abstrakte, zugleich hoch technokratische Vorstellungen von öffentlichen Räumen, die sich auf verschiedenen Ebenen beliebig ineinander verschieben und verschachteln lassen.
1965 gründeten sieben Urbanisten, darunter Walter Jonas, die Groupe international de l’architecture prospective (GIAP), die solche postmodernistischen Ideen propagieren sollte. GIAP-Mitglieder wie Paul Maymont oder Yona Friedman erprobten in der Folge zahlreiche Formen: schwimmende Städte, Gitterstrukturen, Kubenanlagen, urbanistische Geflechte.
Weil er sich auf eine überschaubare Form konzentrierte, wirkt der Vorschlag von Walter Jonas dagegen geradezu realistisch und realisierbar. Tatsächlich glaubte Jonas fest an die Verwirklichung seiner Idee. Zusammen mit Ingenieuren entwarf und stellte er neue Projekte vor, variierte diese, rechnete sie neu durch und präsentierte sie aufs Neue. Doch es fehlten die richtigen Beziehungen innerhalb der Architektur- und Baulobby, zu staatlichen Verwaltungen und privaten Bauherren. Einmal, 1970, schien eine Verwirklichung von drei Trichterhäusern in Deutschland möglich. Schliesslich blieben nur Modelle und Gedankenspiele übrig.
Die grössere Perspektive
Für diese gibt es durchaus aktuelle Anknüpfungspunkte. Zuerst einmal in der kritischen Potenz. Zersiedelung, Agglomerationsbildung, Trennung von Verkehr und Wohnen, soziale Kohärenz durch architektonische Formen – solche Fragen tönen zeitgemäss. Die konkreten Ideen haben sich seither in zweierlei Richtung getrennt. Die spektakuläre horizontale Form, auch die organische, fantastische Form des Trichterhauses wird heute, jeglicher sozialen Bedeutung entleert, mit Prunkbauten in der Golfregion verwirklicht. Die Idee autarker Gemeinschaften, die sich architektonisch wie sozial als Einheit verstehen, taucht in Vorstellungen von multifunktionalen Nachbarschaften wieder auf, wie sie zum Beispiel im Zürcher Kraftwerk1 verwirklicht worden sind.
Allerdings: Die Intrapolis von Walter Jonas kann nicht unmittelbar aktualisiert und für heute in Anspruch genommen werden. Vielmehr sollte sie als Anstoss dienen, um sich Fragen des Städtebaus in einem grösseren Zusammenhang und in einer grösseren Perspektive zu stellen. Dieser Anstoss bleibt bestehen.
Stefan Howald, WOZ-Redaktor, ist Verfasser der im vergangenen November erschienenen Biografie über Walter Jonas: «Walter Jonas – Künstler. Denker. Urbanist». Verlag Scheidegger & Spiess. Zürich 2011. 352 Seiten. 59 Franken.