Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/584

«Das Vertrauen wird in der Führung immer wichtiger»
33 Fragen an Flavio Pellegrini, VR-Präsident Uhrenmanufaktur Ebel SA, Biel
Interview: met.
Hatten Sie als Kind einen Traumberuf?
Ja, Fussballprofi.
Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten?
Ich würde mehr Sprachen lernen, vor allem Deutsch.
Wie wurden Sie von Ihren Lehrern eingeschätzt?
Als einer, der über Kapazitäten verfüge, die aber ungenutzt blieben.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute stolz?
Auf die Tatsache, dass ich bereits in der Jugend regelmässig arbeitete und stets einen Weg fand, um ein Geschäft zu machen. Ich reparierte alte Velos und verkaufte sie meinen Freunden im Quartier.
Ist die Management-Ausbildung auf der Höhe der Zeit? Und aufgrund welcher Erfahrungen glauben Sie, das beurteilen zu können?
Die Theorie ist sicher nötig und sorgfältig zu pflegen. Aber ich denke auch, dass die ganze technische und digitale Bandbreite der Management-Ausbildung hinzugefügt werden müsste. Die Manager von morgen müssen die Gesetze des Marktes kennen, aber gleichermassen die neuesten Trends - vor allem in Sachen Digitalisierung.
Wo würden Sie in der Führungsschulung andere Akzente setzen?
Mehr «ins Feld» gehen, die Praxis mittels Praktika erwerben. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die internationale Dimension. Man sollte gereist sein, um zu verstehen, wie die Welt funktioniert.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Zuallererst meine Eltern, die es mir ermöglicht haben, zu studieren, obwohl die finanziellen Mittel äusserst begrenzt waren. Heute ist es meine Frau, die mich zu 200 Prozent unterstützt. Man sagt ja, hinter einem grossen Mann stehe eine grosse Frau. Lassen wir in meinem Fall das mit dem grossen Mann - aber meine Frau ist sehr gross!
Wer ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Rick Coté, unser ehemaliger Präsident der Movado-Gruppe, der unterdessen pensioniert ist. Er hat mich viel gelehrt und ist heute noch mein Mentor.
Welches sind für Sie die wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Mit gutem Beispiel vorangehen («lead by example»).
Welche Eigenschaften Ihrer Mitarbeitenden halten Sie für besonders wertvoll?
Ihre Leidenschaft für unser Unternehmen und unsere Produkte.
Was bringen Frauenquoten?
Es geht nicht um Quoten, sondern um die Wirklichkeit. Äusserst wertvoll ist der oft emotionale, mitunter beinahe spirituelle Ansatz von Frauen im Umgang mit zu lösenden Problemen, der im Gegensatz zum männlichen Rationalen steht. Diese weibliche Seite ist massgebend für ein Unternehmen wie das unsere. Ich erinnere daran, dass Ebel ein Akronym aus Eugène Blum et Lévy ist. Alice Lévy ist die Gründerin und Gattin von Eugène, und sie war für die Ästhetik der Produkte zuständig. Noch heute ist dies ein integrativer Bestandteil der Ebel-«DNA». Ich behaupte, Ebel sei schlichtweg die feminine Uhrenmarke.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Ja, Vertrauen wird immer wichtiger. Wo man früher das Gefühl hatte, alles selber machen oder überall involviert sein zu müssen, stellt man heute fest, dass dies weder möglich noch effizient ist - und entsprechend demotivierend für die Teams.
Die Berufswelt sei hektischer, belastender geworden, geht die Klage. Ihre Einschätzung?
Absolut! Der «Workload» wird ständig grösser, die Zyklen immer kürzer. Das sind die Auswirkungen des technischen Fortschritts und der Globalisierung. Letzte Woche habe ich in fünf Tagen sechs Länder des Mittleren Ostens besucht. Dies wäre vor zehn Jahren nicht machbar gewesen.
Das Thema Nachhaltigkeit bewegt. Ihr Beitrag, heute und in Zukunft?
Ich bin der Meinung, dass eines der entscheidenden Qualitätsmerkmale der Uhrenindustrie die Dauerhaftigkeit der Produkte, eben die Nachhaltigkeit, ist. Eine mechanische Uhr kann Jahrzehnte klaglos funktionieren und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das ist die geradezu magische Seite der Uhrenindustrie; sie findet sich sonst in wenigen Gegenständen.
Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?
In unserem Unternehmen nennen wir diese Situation «Vuca» - ein Ausdruck aus der militärischen Führungslehre. Er bedeutet «Volatility, Uncertainty, Complexity and Ambiguity». Oder anders ausgedrückt: Es ist zurzeit nicht einfach . . .
Worüber haben Sie zuletzt gestritten?
Über die Arbeit einer Firma, die zu Hause meine Terrasse renovieren sollte. Das Ergebnis war absolut unzureichend, und als Angestellter der Uhrenindustrie verlange ich nun einmal anständige Qualität.
Was bedeutet Ihnen Geld?
Die gerechte Entlöhnung für eine gute Arbeit. Bedrohlich wird es, wenn die Leute diesen Grundsatz nicht mehr anerkennen und Entschädigung, für welche Leistung auch immer, zur Selbstverständlichkeit wird.
Welches ist der Stellenwert sozialer Netzwerke für Sie, beruflich wie privat?
Beruflich gesehen sind diese Kanäle ausserordentlich wichtig - vermutlich eine der grössten Veränderungen für unsere Industrie, aber auch für die gesamte Wirtschaft. Persönlich halte ich da eher Abstand. Direkten menschlichen Kontakt ziehe ich dem virtuellen vor.
Serviceklubs?
Sie haben sicher eine gewisse Berechtigung. Aber mittelfristig könnten eher Netzwerke wie LinkedIn die Oberhand gewinnen.
Hören Sie auf Ratschläge aus Ihrem privaten Umfeld?
Natürlich. Das private Umfeld, das unsere Werte in unseren Entscheidungen widerspiegelt, ist zu nutzen.
Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl?
Ja.
Wo waren Sie jüngst in den Ferien?
Mit meiner Frau und meinen zwei Töchtern einige Tage in Zermatt. Eine Wohltat für die Lungen, aber auch für den Kopf.
Wie gut kochen Sie?
Ich liebe es, zu kochen, da ich ein Genussmensch bin. Und ein gutes Essen gehört definitiv dazu.
Olympische Spiele, grosse Fussballturniere - sind das besondere Tage für Sie?
Grosse Fussballturniere - insbesondere die Weltmeisterschaft - sind für mich eine Zeit, die ich liebe. Ich bin Italiener, und natürlich fiebere ich mit «La Nazionale».
Was bringt Ihnen wirklich Erholung?
Zweierlei: erstens ein Ort, in welchem es keine Netzverbindung gibt, und zweitens das Zusammensein mit meiner Familie.
Worüber können Sie sich ärgern?
Über falsche Leute und Lügen.
Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?
Rund elf Stunden unter der Woche und einige Stunden am Wochenende.
Aus welchem Misserfolg haben Sie besonders viel gelernt?
Aus einem Fall, in dem ich leider Entscheide aufgrund einer Excel-Tabelle fällte, ohne mit den von der Sache betroffenen Leuten gesprochen und die Sachlage mit eigenen Augen beurteilt zu haben.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Ich absolvierte einen Kurs «Leading at the Speed of Trust». Eine sehr interessante Schulung, welche die Grundlagen vermittelte, Vertrauen zu bilden und aufzubauen. Vertrauen ist nun einmal ein fundamentales Element in allen Beziehungen, beruflich wie privat.
Was missfällt Ihnen als Staatsbürger?
Die Art und Weise, wie im Kanton Neuenburg - wo ich lebe - die öffentlichen Gelder ausgegeben werden.
Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?
Absolut. Ich bin italienischer Nationalität, jedoch in der Schweiz geboren. Und ich bereise beruflich jedes Jahr die ganze Welt. Für mich steht fest, dass wir auf die Schweiz und ihre Innovationsfähigkeit, auf ihr «Savoir-vivre» und ihr politisches System stolz sein dürfen.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Am selben Platz - auch um die zukünftigen Talente unserer Firma zu coachen.
Zur Person
Flavio Pellegrini, 39, ist Verwaltungsratspräsident der Uhrenmanufaktur Ebel SA (Biel) mit rund 210 Mitarbeitenden. Ausserdem leitet er unter anderem die Region Mittlerer Osten der Movado-Gruppe. Die Begeisterung für exzellentes Uhrendesign stand stets im Zentrum der Marke Ebel. Sie wurde im Jahr 1911 von den Eheleuten Eugène Blum und Alice Lévy in La Chaux-de-Fonds gegründet. Die ersten Uhren wurden 1912 vorgestellt. An der Schweizer Landesausstellung 1914 in Bern gewann die Manufaktur mit den von Alice Lévy gestalten Zeitmessern erstmals eine Goldmedaille. Seit seiner Gründung blieb das Unternehmen dem Anspruch treu, erstklassige Schweizer Uhren herzustellen. Ein Design-Merkmal ist das charakteristische gewellte Armband. Die Marke Eben wurde 1999 vom französischen Luxusgüterkonzern LVMH und 2004 vom US-Konzern Movado übernommen. Flavio Pellegrini hat einen Master in Betriebswirtschaft, ist verheiratet und Vater zweier Töchter.