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von Wladimir Tendrjakow
Tendrjakow (1923–1984) war ein wichtiger Autor in der Sowjetunion der 50–70iger Jahre während der «Chrustschow‘schen Tauwetterzeit» nach dem Tode Stalins. Politisch war er umstritten, einige seiner Werke konnten erst nach seinem Tod erscheinen. Er war der Ansicht, dass Künstler gezwungen seien, das zu sehen, was andere noch nicht sehen und schrieb der Literatur die Aufgabe zu, gesellschaftlich relevante Denkanstösse zu geben. Neben der Frage nach dem Umgang mit individueller Schuld und dem Spannungsfeld zwischen persönlicher Gewissensentscheidung und gesellschaftlicher Verantwortung geht es in seinen Werken auch oft um die Selbstfindungsprozesse Jugendlicher, wie in «Die Nacht nach der Abschlussfeier» (1975). In diesem Theaterstück kritisiert die Jahrgangsbeste in ihrer Abschlussrede mit sehr eindeutigen Worten das Schulsystem und erfüllt damit in keiner Weise die Erwartungshaltung der Zuhörer.
Eine Schülerin hält also eine Rede auf der Abschlussfeier, die ganz anders ist als erwartet. Sie spricht über ihre Angst vor der Zukunft. Sie spricht davon, dass sie viel gelernt hat, nur das Wichtigste nicht, nämlich sich zu trauen, dem nachzugehen, was sie wirklich interessiert, was sie lockt, was sie ergründen möchte und für was sie sich begeistern könnte. Sie stellt fest, dass sie immer das gemacht hat, was von ihr erwartet worden ist. Begeisterung für Themen oder Anliegen hat sie nicht entwickeln können. Sie weiss nicht, was sie liebt und wofür es sich lohnen würde, zu leben. Und darum weiss sie nicht, welchen Weg sie einschlagen soll.
Die Mitschüler hören zu, das Kollegium hört zu. Alle sind sprachlos. Betroffen.
Julias Rede stellt die Schule in Frage. Direkt und ohne Umwege zeigt eine Vorzeigeschülerin die Missstände des Bildungssystems auf, ohne Vorsatz und erschrocken über sich selbst.
Das wirft viele Fragen auf: Wie sollte eine gute Schule sein, was zeichnet eine gute Lehrperson aus, welche Bedingungen müssten erfüllt werden und kann Schule das überhaupt leisten? Das Kollegium und die Schulleitung diskutieren diese Fragen. Unmut kommt auf, Divergenzen werden sichtbar.
Die Mitschüler und Mitschülerinnen wollen, gemeinsam mit Julia, die sie durch ihren Mut eingenommen hat, feiern. Sie wollen auf ihre neu gewonnene Freiheit anstossen. Doch es kommt anders. Ausgelöst von Julias Mut, zuzugeben, dass sie nicht weiss, was sie jetzt mit dieser neu gewonnenen Freiheit machen soll, fragen auch sie sich, wie es in ihrem Leben weiter gehen kann? Was aus ihren Freundschaften wird? War das Freundschaft? Waren sie loyal? Auf der Suche nach ihrem Weg verhandeln sie Themen wie Selbst- und Fremd-wahrnehmung, die Frage nach Macht über sich selbst, über andere, Freiheit, Einsamkeit, Glück, Neid, Liebe, Anerkennung. Unterschwellige, ungelöste Konflikte werden spürbar. Ist es gut, dass die Streitgespräche nicht gelöste Themen aufdecken? Werden damit Beziehungen zerstört? Oder entstehen daraus neue Möglichkeiten?
Das Stück entstand 1975 und spielt ursprünglich in Russland. Wir befinden uns heute, hier und jetzt in der Schweiz. 2016 in einem Gymnasium, dem grössten Gymnasium der Innerschweiz. Wir suchen Gemeinsamkeiten, Übereinstimmungen, suchen nach dem Motiv welches eint: Jugendliche auf der Schwelle zwischen Gestern und Morgen, die ihre Schulzeit hinter sich lassen und in ihr Leben starten wollen auf dem Weg ins Erwachsenwerden. In der Schweiz ebenso, wie in Russland oder irgendwo in Europa, damals wie heute.
Der Theaterkurs bearbeitet die Themen des Stücks aus heutiger Sicht.
mit
Alma Herrmann Anais Dannecker Anna Rodriguez Benjamin Wymann Elia Brülhart Fatmagül Sustam Hannah Fritz Harriet Bucher Joel Burkhardt Jan Kirchner Hernandez Jasmin Stoffel Julia Wymann Jonathan Vogt Lea Bächlin Lena Wildhirt Madleina Cavelti Maline Zimmermann Mara Stutzer Marion Gmür Nina Alvarez Nina Staub Raphael Hauenschild Rubina De Paolis Selma Eberle Silja Bühlmann Simon Thoma Tina Muffler
als Gast Nadine Huang
Regie Aneke Wehberg Herrmann
Choreografie Claudine Ulrich
Dramaturgie Regula Mentha
outside eye Sohila Barfi
Bühne Viola Valsesia
Licht Mariella von Vequel-Westernach
Kostüme Paula Herrmann
Musikbearbeitung Jens Friis-Hansen
Regieassistenz Kim Rosko
Hospitanz und Training Stefanie Bürger
Koordination mit der Schule Andreas Zürcher