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Eine Reise zum Ursprung der Schweiz und zum Entstehungsort des «Fotobetons». In drei Akten.
Zweiter Aufzug: Eintritt
Eine laute Fräse weist den Weg – unaufgefordert, unaufhörlich und unaufhaltsam. Ein wohlig warmer Duft von verbranntem Holz beschlägt plötzlich die kalten Nasenschleimhäute. Der Raum ist voller Holzstaub. Holzspäne tanzen im Takt der Handfräse, um schliesslich auf den Boden zu fallen. Arnold sägt gerade die einzelnen Teile der Negative aus Schaltafeln zu – der erste von fünf Arbeitsschritten, wie man alsbald erfährt.
Mit seinen braunen, nach hinten gegeelten Haaren und dem wild bewachsenen, üppigen Bart, entspricht Arnold einer Mischung aus Hipster und Wilhelm Tell.
Arnold, das ist ein grossgewachsener Mittdreissiger. Die Familie ist seit eh und je so gross gewachsen, dass sie den Übernamen «Grossarnold» trägt. Hier, wo sie alle einen Übernamen tragen, ein guter Deal. Er, der einst eine Maturaarbeit über das Thema verfasste, erklärt später: «Allein in Bürglen, meinem Heimatort, gibt es 13 Personen, welche denselben Namen wie mein Vater haben. Um die einzelnen Personen dennoch unterscheiden zu können, wurden den Familien seit jeher Übernamen zugeteilt. Diese können sowohl positiv als auch negativ besetzt sein.» «Flohnigers» etwa, hätten früher ständig Flöhe gehabt. Die Flöhe seien verschwunden – der Name geblieben.
Arnold fräst weiter den eingezeichneten Linien entlang – präzise und hochkonzentriert. Die zum Schutz aufgesetzte Chemikerbrille aus Plexiglas unterstreicht dies. Mit seinen braunen, nach hinten gegeelten Haaren und dem wild bewachsenen, üppigen Bart, entspricht er einer Mischung aus Hipster und Wilhelm Tell. Sein grüner Overall, den er sich erst kürzlich für wenige Franken in einem Bauhaus besorgt hat, ist bereits an vielen Stellen mit einer dünnen, weissen Schicht aus Beton und Spachtelmasse beschmutzt. Lässige Turnschuhe runden sein Outfit ab. Erst nach mehrmaligen, immer lauter werdenden, Faustschlägen auf den Holztisch nahe der Eingangstüre, erwacht Arnold aus seinem Flow-Zustand. Die Begrüssung ist herzlich. Kaffeeduft löst alsbald den Duft nach Sägemehl ab.
Draussen schneit es noch immer. Der Kaffeedunst löst sich rasch auf, irgendwo zwischen Kälte und Eis. Wie kommt es, dass sich ein junger Typ wie er, für ein so einfaches Material wie Beton interessiert? Einem schlussendlich harten, unbändigen Material, das so ziemlich dem Gegenteil der heimelig eingerichteten Familienwohnung im Dachstock entspricht? «Zum einen ist es immer eine Frage der Masse. Beton wurde jahrelang überstrapaziert, immer und überall verwendet.
«Wird Beton dezent verwendet, bringt der Raum die Schönheit des Werkstoffes zur Geltung. Altes Holz im Raum etwa betont wortwörtlich die Eigenschaften von Beton. Beton erhält damit einen stärkeren Charakter.»
Insbesondere in den Siebziger Jahren wurden ganze Stadtteile mit Beton zugepflastert. Beton ist zu einem eigentlichen Synonym für Grossstadtdschungel geworden. Doch liegt dies nicht in der Natur eines so praktischen Werkstoffes?» Jetzt, zurück im Atelier, hält Arnold schützend seine Hand über einen der fertigen Betonwürfel. «Eine Komposition aus wenigen Würfeln reicht aus. Es geht um das Gesamtbild. Eben eine Frage der Masse, Ästhetik halt.» Er spricht von scharfkantigen Würfeln aus Beton, welche er in seinem Atelier selber herstellt und in einem speziellen Druckverfahren mit, meist alten, Sujets versieht. Sie sind die aktuelle Krönung eines jahrelangen Kreativprozesses. Begonnen in der Kindheit mit einfachen Arbeiten aus Holz, Ton oder Speckstein, hin zur Entdeckung des Werkstoffes Beton, während des Studiums in Luzern.
Arnold schlägt ein blaues Plastikgefäss mehrmals auf die Werkbank, um aus ihr harte Betonreste herauszulösen. Ein feuchter Schwamm hilft ihm dabei. Es ist Zeit die Betonmasse anzurühren. Wie ein geübter Koch fügt er die einzelnen Zutaten hinzu: Zement, Kies und Wasser. Rühren. Noch etwas Wasser. Rühren. In die zuvor gefertigte Form damit. Metallspachtel ersetzt Stabmixer. Eieruhr bleibt Eieruhr. Er stellt die Zeit auf zwölf Minuten.
«Wird Beton dezent verwendet, bringt der Raum die Schönheit des Werkstoffes zur Geltung. Altes Holz im Raum etwa betont wortwörtlich die Eigenschaften von Beton. Beton erhält damit einen stärkeren Charakter.» Der Künstler in ihm dringt durch. Arnold versucht entgegenzusteuern: «Zudem geht es auch um abstrakte und einfache Formen und den Prozess dahin.» Unleserliches Zahlengekritzel auf herumliegenden Notizblättern unterstreicht diese andere Seite Arnolds: Es ist die mathematisch-rationale Seite. Sie sorgt dafür, dass die Gewichte der einzelnen Produkte so optimiert sind, dass sie beim Paketversand die nächst höhere Preisstufe nicht erreichen. Eine Arbeit, die ihn Wochen kostet.
Die Türe zum Atelier öffnet sich einen kleinen Spalt weit. Die Augen suchen nach einem Grund dafür. Erst beim zweiten Absuchen bleiben sie weit unterhalb des Türgriffs stehen. Kleine Wollfäustlinge kündigen Besuch an. Es ist sein Sohn, im Schlepptau seine Mutter und Arnolds Ehefrau. Die junge Familie lässt für kurze Zeit den Tag spielerisch Revue passieren. Die beiden verlassen alsbald wieder das Atelier. Das Essen schreit.
|Erster Aufzug||Anreise|
|Zweiter Aufzug||Eintritt|
|Dritter Aufzug||Abschied|