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Gespräch mit Stefan Ribler in SozialAktuell - Ausgabe 05/2013
Stefan Ribler: Verantwortlich dafür war der ehemalige Regierungsrat Roland Eberle. Er war ein starker Verfechter des neuen Finanzausgleichs und wollte auch früh die sozialen Organisationen an Bord haben Er hat versprochen, wenn der NFA kommt, dann involviert er die Protagonisten von den sozialen Organisationen bei der Ausgestaltung der neuen Finanzierung. Der NFA wurde angenommen, er hat Wort gehalten und eine Arbeitsgruppe installiert, die von der Besetzung her sehr praxisorientiert war. Er stellte sich eine reine Subjektfinanzierung vor. Nach der ersten Analyse hat sich gezeigt, dass man keine reine Subjektfinanzierung machen kann. Dann gab es eine geteilte Version, einen Teil von der Objektfinanzierung und einen Teil der Subjektorientierung. Man kann jetzt sagen, dieser Teil der Subjektorientierung, das ist der IBB.
Der IBB muss die Arbeitsleistung spiegeln, welche die Sozialpädagoglnnen, BetreuerInnen und Agoglnnen im Alltag erbringen, und zwar in einer Form, die leicht zu handhaben ist. Es muss ohne Weiteres ersichtlich sein, welches die Indikatoren sind. Und diese Indikatoren müssen so aufgeschlüsselt werden, dass sie in bestimmte Segmente unterteilt werden können. Alltagsgestaltung, Förderung. Das Ganze muss in einer Sprache verfasst werden, die in den Handlungs- und Berufsfeldern verstanden wird.
Im Kanton Thurgau waren es ungefähr acht Evaluationen. Im Auftrag des Kantons wurde überprüft, wie die Prozesse gestaltet und welches die Indikatoren sind. Auch in anderen Kantonen wurde das gemacht. Die jetzige Fassung wird bis auf Weiteres, sagen wir in den nächsten sechs Jahren, nicht mehr verändert werden.
Der Einwand ist sehr früh gekommen. Tatsächlich beschrieben die Indikatoren der früheren Fassungen des IBB nicht die Leistung, sondern die Behinderung. Da wurden entlang der Behinderungen Punkte vergeben. Damals war der Vorwurf der Defizitorientierung berechtigt. Es hat dann eine Entwicklung gegeben; da wurde der Fokus nicht mehr auf die Behinderungsformen und Krankheitsbilder, sondern auf die Leistungen gelegt, welche die Professionellen erbringen.
Und jetzt kommt es sehr stark darauf an, aus welcher Perspektive es betrachtet wird. Ich kann natürlich auch heute noch auf die Defizitorientierung fokussieren, ich kann das Ganze aber auch entwicklungsspezifisch anschauen. Es hängt davon ab, in welcher Form eine Leistung definiert und wie sie nachher deklariert und transparent gemacht wird.
Das Bewusstsein, dass das IBB-Rating in der SODK Ost eingeführt wird, ist nicht überall gleich hoch, obwohl es am Beschluss der SODK Ost nichts mehr zu deuteln gibt. Es ist je nach Kanton unterschiedlich. Das ist vielleicht
auch berechtigt. Es gibt einzelne Kantone oder Organisationen, die sagen, wir sind gar nie an Bord geholt worden. Wir haben nur immer wieder einmal ein Rundschreiben bekommen.
Dort wurde es tatsächlich ein Stück weit verpasst, die sozialen Organisationen zu involvieren, in die Prozesse einzubinden, so wie wir es im Kanton Thurgau erlebt haben. Es war ein Privileg, im Rahmen der politischen Möglichkeiten mitzugestalten. Das hätte ich allen anderen Kantonen, die in der SODK Ost vertreten sind, auch gewünscht. Vor allem hätte ich mir gewünscht, dass die Organisationen über die Kantonsgrenze hinweg Anschluss gefunden hätten und sich eine Haltung und eine Position erarbeitet
hätten. Wieso das nicht funktioniert hat - ich weiss es nicht - aber das hätte ich mir sehr gewünscht.
Für mich geht es erstens darum, das Paradigma der Selbstbestimmtheit der Menschen, die in diesen Organisationen leben, genau anzuschauen: Was wollen sie, was brauchen sie, welches ist das Bedürfnis und der Bedarf - und das dann an die sozialpädagogische Handlungsebene zu adaptieren. Der zweite Punkt: Bin ich methodisch - sei es lösungsorientiert oder mittels WKS-Modell - gerüstet, um das umzusetzen? Drittens: Habe ich die notwendigen Strukturen, um die Leitbilder und die Konzepte umzusetzen? Sind genügend Zeit-, Personalressourcen, Infrastruktur etc. vorhanden, damit ich eine qualitativ gute Arbeit machen kann? Und der letzte Punkt: Sind unsere Prozesse, Abläufe so gestaltet, dass ich es richtig machen kann? Entsprechen unsere Unterlagen und Dokumente den Ansprüchen einer professionellen Arbeit?
Ja genau, so einfach wie möglich. Das inklusive Denken ist angezeigt. Und das können nur die SozialpädagogInnen. Das kann nicht ein Verwaltungsakt sein, denn nur die Sozialpädagogen wissen, welches ihre Abläufe sind und was sie brauchen.
Zuallererst muss sie Schnittstellen schliessen. Sie erhalten ja Anforderungen, Rundschreiben und Weisungen von den Kantonen. Es geht darum, diese Bestimmungen so gut als möglich im Betriebsalltag umzusetzen, sie zu adaptieren und transparent zu machen. Was bedeutet das für die Verwaltung? Was bedeutet das für die Finanzierung und was für den Kernauftrag?
Eine weitere Aufgabe ist es, Struktur zu ermöglichen. Das bedeutet, ich hole Leute heran und schule sie. Ich schaue, dass sie über den nötigen Support verfügen und die Rahmenbedingungen gegeben sind, damit sie ihre Aufgabe entsprechend ausführen können. Zudem ist es wichtig, alles immer wieder auf eine fachliche Ebene zu spiegeln. Was für einen Einfluss hat die Anwendung des IBB, was braucht der Sozialpädagoge, damit er seinen Auftrag fachlich optimal erfüllen kann? Da gilt
es etwa, dass der Leiter sagt, du hast keine Schuld, wenn eine Person weniger Punkte hat, sondern du hast einen guten Job gemacht. Weil er sich entwickelt hat und weniger Punkte braucht. Das zu legitimieren, ist eine Leitungsaufgabe. Ich erwarte von einer Organisationsleitung, dass sie es legitimiert, Fortschritte zu machen.
Das muss nicht sein, da bin ich überzeugt. Wir können sagen, wir haben Instrumente, die gut funktionieren. Das ist bei uns traditionell und aus dem Arbeitsalltag heraus gewachsen. Jetzt kommt ein System dazu, das wir einbinden müssen. Da gilt es zu schauen, wie können wir die beiden
verknüpfen, wie können wir Synergien schaffen, wo optimieren - ohne abzuschaffen. Das Abschaffen von Funktionierendem ist kaum nachvollziehbar und führt zu Widerstand.
Ich möchte es kurz differenzieren: Die Fachpersonen müssen dokumentieren, informieren und mitteilen, was im Alltag oder etwa bei der Ablösung wichtig ist. Und zwar in einer Form, die für sie stimmt. Etwa: Klient X ist heute früh aufgestanden, weil ich ihn früh geweckt habe. Das interessiert mich, ich weiss, was für einen Tag er bisher hatte. Das ist aber noch nicht IBB-relevant. Dann gibt es den Moment des Entscheids: Diese Schriftlichkeit geht weiter, im IBB oder im Verdichtungsraster. Das geschieht nicht automatisch, sondern ist ein bewusster Entscheid. IBB-relevant ist es erst dann, wenn ich sage, wir haben vier Wochen regelmässig den Tagesrhythmus eingeübt, das hat diese Ressourcen gebraucht, es steht im Zusammenhang mit der Förderplanung, er will gerne diese Lehrstelle behalten. Dann ist alles verbunden und beinhaltet einen Entwicklungsauftrag, einen Förderaspekt und einen Aspekt von Selbstbestimmung. Dann kann das Überprüfungsgremium kommen und feststellen, ob etwas plausibel und nachvollziehbar ist in einem grösseren Kontext.
Die Verbände müssten das Thema jetzt an die Hand nehmen, nicht im Sinne von Opposition und Widerstand, sondern im Sinn von Entwicklung und der Suche nach Antworten auf die Fragen: Wie gehen wir mit dem System um? Existieren erfolgreiche Beispiele? Meines Erachtens ist noch viel Entwicklung möglich.
Stefan Ribler ist Co-Leiter Institution Betula. Er ist Dozent am Institut für Soziale Arbeit IFSA-FHS St. Gallen.
Das Gespräch führte Robert Löpfe, Sozialpädagoge. Er arbeitet in der zum Verein Chupferhammer
gehörenden WG Schlatt. Er ist Mitglied der Redaktionsgruppe von SozialAktuell.