Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03342.jsonl.gz/3105

In den 1980er Jahren erstmals nachgewiesen, entwickelte sich die Krankheit AIDS und die ihr zu Grunde liegende HIV-Infektion zu einer Pandemie, der bis heute schätzungsweise 39 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Seit 1996, als dank der Pharmaforschung Kombinationsmedikamente auf den Markt gebracht werden konnten, lässt sich die Infektion für viele Patientinnen und Patienten von einer tödlichen in eine chronische Erkrankung umwandeln, was ihnen ein weitgehend normales Leben ermöglicht.
Bis vor 100 Jahren zurückverfolgt
Das Immundefizit-Virus ist vermutlich bereits vor 100 Jahren das erste Mal aufgetreten, als es von einem toten Tier über eine Schnittwunde auf einen Jäger übersprang und sich so zum humanen Immundefizit-Virus «HIV» entwickelte. Es wird angenommen, dass sich das Virus in den 1960er-Jahren von Afrika über Haiti in die westliche Welt ausbreitete. Die schnelle Verbreitung des Virus in der Homosexuellen-Szene führte in den 1970er-Jahren schliesslich zur Entdeckung der Krankheit, die deshalb anfangs als «Gay-related immune deficiency» (GRID) bezeichnet wurde. Das HI-Virus mutiert so schnell, dass im Körper eines HIV-positiven Menschen jeden Tag mehr unterschiedliche Virus-Varianten entstehen als Grippevarianten weltweit. Daher blieb die Forschung nach einem Impfstoff, die seit den 1980er-Jahren betrieben wird, bisher erfolglos. Die Krankheit gilt daher bis heute als unheilbar – aber durch die Fortschritte in der Therapie ist HIV kein Todesurteil mehr.
Die Entwicklung der HIV-Therapie: diverse Durchbrüche in kürzester Zeit
1981 wurde HIV in den USA erstmals klinisch beobachtet. Seit 1984 gibt es die Möglichkeit, mithilfe eines Antikörpertests herauszufinden, ob eine Person das HI-Virus in sich trägt und seit 1986 besteht die Pflicht, Blutprodukte auf HIV-Antikörper zu testen. Im Jahr 1985 wies der japanische Virologe Hiroaki Mitsuya die Wirksamkeit der ursprünglich als Krebsmedikament entwickelten Substanz Azidothymidin (AZT) nach, welche schliesslich zwei Jahre später als erstes HIV-Medikament in den USA zugelassen wurde. Durch diesen Meilenstein in der Behandlung der HIV-Infektion konnte erstmals der Vermehrung von HIV im Körper entgegengewirkt und die Lebenserwartung von Patienten erhöht werden. Ende der 1980er-Jahren durften zwei weitere Medikamente (Didanosine und Zalcitabine) noch vor deren offiziellen Zulassung verschrieben werden. Im Jahre 1995 wurde in den USA dann der erste Protease-Hemmer als neuartiger Therapieansatz zugelassen. Mitte der 1990er-Jahren zeigten Studien schliesslich, dass eine kombinierte Behandlung mit zwei Wirkstoffen besser funktioniert als eine Monotherapie.1
Der grosse Durchbruch in der HIV-Behandlung erfolgte mit der antiretroviralen Kombinationstherapie, bei der mehrere Medikamente kombiniert werden. Diese Therapieform hat zum Ziel, das HI-Virus dauerhaft in seiner Vermehrung zu hemmen. Kombinations-Therapien bleiben auch langfristig wirksam, da es den Viren so gut wie nie gelingt, gegen mehrere Medikamente gleichzeitig Resistenzmutationen zu entwickeln.
Die medikamentöse Behandlung von Menschen mit einer HIV-Infektion verringert die Viruslast und erhält die Funktion des Immunsystems aufrecht. Wenn die Virenlast einer HIV-positiven Person nicht mehr nachweisbar ist, ist die Behandlung so erfolgreich, dass die Patienten auch nicht mehr ansteckend sind.2
Bedeutete vor 1996 ein positiver HIV-Test noch ein sicheres Todesurteil, ist eine Infektion mit HIV mittlerweile in den meisten Fällen in eine chronische Krankheit umgewandelt worden.3 Der Behandlungsdurchbruch wird auch durch Zahlen eindrücklich untermauert:
Während 1995 in der Schweiz noch über 500 HIV-bedingte Todesfälle verzeichnet wurden, lag die Anzahl der Verstorbenen in den letzten Jahren jeweils nur noch bei ungefähr 30. Die Betroffenen können ein langes Leben führen, was aber auch bedeutet, ein Leben lang auf Medikamente angewiesen zu sein, da das Virus nach der Infektion nicht mehr aus dem Körper eliminiert werden kann. Da die vorschriftsgemässe Einnahme der Medikamente eine hohe Disziplin der betroffenen Personen erfordert, hat die Forschung auch hier grosse Fortschritte erreicht, um die Präparat-Einnahme für Patienten zu erleichtern. Musste man in den 1990er-Jahren noch eine Handvoll Medikamente zu bestimmten, genau definierten Zeiten einnehmen, genügt heute oft die Einnahme von nur einer Tablette täglich. Moderne Medikamente rufen bei vielen Patienten zudem weniger Nebenwirkungen hervor als ältere, was zusätzlich zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen beiträgt.
Infektionsvermeidung, Wirkstoffe als Prophylaxe und Blick in die Zukunft
Heutzutage kann nach einer Exposition mit dem Virus mittels Postexpositionsprophylaxe (PEP) die «Einnistung» des Virus verhindert werden, sodass die exponierte Person HIV-negativ bleibt. Dazu muss am besten innerhalb von 24 Stunden und nicht später als 72 Stunden nach dem Kontakt eine PEP durch einen Arzt verschrieben werden. Die Therapie ist über eine Dauer von vier Wochen weiterzuführen; es werden dabei reguläre HIV-Medikamente eingenommen.
Seit 2016 ist in Europa zudem eine Kombinationstherapie in Tablettenform zur HIV-Prävention zugelassen. Seitdem dürfen Ärzte gesunden Erwachsenen mit erhöhtem Infektionsrisiko die Präparate als Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) verordnen. Die Verschreibung von Arzneimittel als PrEP gilt als Teil einer Gesamtstrategie zur Prävention einer HIV-Infektion, welche zudem regelmässige Arztbesuche und Kontrolluntersuchungen in Verbindung mit Safer-Sex-Praktiken beinhaltet.
Gegenwärtig stehen über 30 Arzneimittel in acht verschiedenen Klassen von Medikamenten zur Bekämpfung von HIV zur Verfügung. Auch wenn wir heute noch über kein Medikament zur vollständigen Heilung von HIV-Infektionen verfügen, hat das Beispiel HIV exemplarisch gezeigt, wie sich Therapien durch wissenschaftliche Forschung entwickeln und ständig verbessern lassen. Es besteht die Hoffnung, dass auch in den nächsten Jahren weiter rasante Fortschritte erzielt und HIV somit bald geheilt werden kann.
1 Magazin HIV (2011): 30 Jahre HIV – Chronik. https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/30-jahre-hiv-chronik-1981-1986/
2 Deutsche Aidshilfe (2022): HIV-Behandlung. https://www.aidshilfe.de/hiv-behandlung#:~:text=Bei%20einer%20HIV%2DBehandlung%20werden,die%20Bildung%20von%20Resistenzen%20verhindert
3 Universitätsspital Zürich (2022): HIV-Infektion Behandlung. https://www.usz.ch/fachbereich/infektiologie/angebot/hiv-infektion-behandlung/
HIV
Bei HIV (Abkürzung von: Humanes Immundefizienz-Virus) handelt es sich um zwei Spezies behüllter Viren aus der Familie der Retroviren. Eine unbehandelte Infektion führt zu einer fortschreitenden Schwächung des Immunsystems. Das letzte Stadium der Krankheit ist als Immunschwächekrankheit AIDS bekannt (Acquired Immune Deficiency Syndrome).
Die Infektion mit dem Virus erfolgt in den meisten Fällen durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, das Virus kann aber auch durch kontaminierte Nadeln im Zusammenhang mit intravenösem Drogenkonsum übertragen werden. Ist das Virus ins Blut gelangt, infiziert es vor allem bestimmte weisse Blutkörperchen, welche die körpereigenen Abwehrreaktionen steuern.
In der Schweiz leben nach aktuellen Schätzungen etwa 17’000 HIV-infizierte Personen. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt seit 1997 stetig und betrug im Jahr 2014 noch 2 Millionen Ansteckungen weltweit.