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Der 50-jährige Walter (Name geändert) schreibt: «Ich bin Bi-Sexuell und verheiratet. Jahrelang unterdrückte ich mein Bedürfnis nach einer intensiven, auch sexuell gelebten Beziehung zu einem Mann, und trotzdem, oder gerade deshalb wurde es immer stärker, und meine allgemeine Unzufriedenheit, auch gegenüber meiner Frau wurde zunehmend grösser. Vor etwa vier Jahren war der Leidensdruck so stark, dass ich meiner Frau meine Bedürfnisse und Wünsche eröffnete. Etwas heimliches wollte ich nicht, da ich ein Mensch bin, der Lügen zu tiefst verabscheut. Klar war ihre erste Reaktion ein kleiner Schock. Sie akzeptierte meine Veranlagung jedoch, ohne gleich unsere Beziehung in Frage zu stellen. Seit dieser Zeit lebe ich gelegentlich auch meine mir von der Natur gegebene zweite Seite aus. Folge davon war, dass sich unsere Ehebeziehung auf allen Ebenen massiv besserte. Meine Liebe zu meiner Frau nahm ich wieder viel stärker wahr, und spürte auch, dass es für mich sehr wohl möglich ist, meine Frau zu lieben und parallel dazu eine Beziehung zu einem Mann zu haben. Ich bin sehr froh, dass ich diese beiden Schritte gewagt habe: Den der Offenheit meiner Frau gegenüber, und den des Auslebens meiner Bi-Sexualität. Ich bin überzeugt, dass viele Frauen, wenn sie sorgfältig über die Gefühle ihres Ehemannes aufgeklärt würden, die neue Situation verstehen lernen und auch akzeptieren könnten.»
Mut zur Ehrlichkeit
Ich möchte auf den wenigen Zeilen, die mir hier noch bleiben, nicht auf das Thema Bi-Sexualität eingehen, sondern den Brief als Beispiel dafür stehen lassen, dass Paare lernen können, die Form ihrer Beziehung ihren Bedürfnissen entsprechend selber zu wählen und zu gestalten. Für viele Menschen mag die herkömmliche Form von Ehe durchaus stimmen. Aber für andere kann sie, wie es Walter schildert, zu Leidensdruck, und letztlich zur Gefährdung der Beziehung führen. Statt stillschweigend davon aus zugehen, dass beide wissen, was Beziehung heisst, und wie sie gelebt wird, braucht es Mut zur Ehrlichkeit. Am besten werden schon von Anfang an auch Themen besprochen, wie: Was für eine Art von Beziehung will ich überhaupt? Was hat darin Platz? Was sind meine sexuellen Bedürfnisse oder Vorlieben? Was heisst für mich Treue?, usw. Dazu gehört, dass ein Paar im Gespräch bleibt, und im Laufe der Jahre auch immer wieder überprüft, ob die einmal gewählte Form noch stimmt.