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Quer durchs Berner Oberland. Aus der Pionierzeit der Skihochtouren
Quer durchs Berner Oberland
Schon vor den ersten Skirennen in Glarus und auf dem Gurten bei Bern im Winter 1902 wagten sich Pioniere auf den langen Brettern ins Hochgebirge. Eine gut dokumentierte Unternehmung ist die Traversierung des Berner Oberlandes auf Ski vom Januar 1897. 1
Bereits im Januar 1832 verbrachte Franz Joseph Hugi ( 1791–1855 ), der Solothurner « Naturforscher in der Soutane », mit seinen Begleitern 13 Tage auf dem Eismeer oberhalb Grindelwald, um das Verhalten der Gletscher im Winter zu untersuchen. Am vierten Tag bestiegen die Solothurner die Strahlegg und führten damit wohl die erste hochalpine Wintertour durch! Im Januar 1862 erreichte T. S. Kennedy am Matterhorn etwa 3400 m. 1874 wurden die Jungfrau und etwas später der Mönch erstmals im Winter bestiegen. Aber noch galten die Skifahrer als Sonderlinge. Erst Fridtjof Nansens Buch über die Durchquerung Grönlands auf Ski 1891 machte den Skisport « salonfähig ».
1 Davon zeugt die Eintragung im Hüttenbuch der Oberaarjochhütte: 18./19. Januar 1897. Skifahrt von der Grimsel über das Oberaarjoch zur Oberaarhütte führten die Unterzeichneten unter ausgezeichneten Schneeverhältnissen ( tiefer weicher Schnee ) für Skiläufer und prächtigstem Wetter aus. Temperatur in der Hütte bei Ankunft –5 °R. Temperatur in der Hütte während der Nacht –1 °R. Trotzdem nur mit Spiritus gekocht und kein Holz verbraucht wurde stieg die Hüttentemperatur auf +8 °R, dank der guten Bauart der Hütte. Gepäck ohne Skier 35–40 Pfund. Schnee befand sich in der Hütte vor der Thüre und auf dem Dachboden, aber verhältnismässig wenig. Die Aussentemperatur verhielt sich constant und blieb auf –11 °R.. " " .M.esser und Gabeln waren etwas verrostet. Dieselben gedenken heute über die Grünhornlücke zur Concordiahütte mit Schneeschuhen zu fahren. » ( Es folgen die Unterschriften und weitere Angaben, z.T. leider schwer leserlich ).
Auf dem langen Weg vom Haslital nach Brig Die fünf Skihochtourpioniere, die sich 1897 ins winterliche Grimselgebiet wagten, stammten aus Strassburg und Freiburg i. B. 2 Am Montag, 18. Januar 1897, um 8 Uhr morgens, brachen sie mit zwei Trägern bei nebligem Wetter von Guttannen auf. Ski und die 40 Pfund schweren Rucksäcke wurden vorerst auf zwei Hornschlitten verladen. Auf Handegg wurden dann die Ski angeschnallt, die Einheimischen benützten Bretter als Schneeschuhe. Auf dem Grimselhospiz konnten die Herren der Versuchung
2 Aus Strassburg: Dr. Wilhelm Lohmüller ( Lt im Rgt. 138 ), P. Ehlert ( i/E D.a.O.V. OeAC v.c. S.C.V ) und Moennichs ( i/E D.a.O. V. OeACv.c. S.C.V .), aus Freiburg i. Br.: Wilhelm Paulcke ( SAC Davos, Doc AV. OeA.. " " .C., AAVM ) und cand. med. Victor de Beauclair ( SAC sect. genevoise, Oe.. " " .A.C. ); Angaben in Klammern aus der Hüttenbucheintragung. Am 2. Januar 1899 verloren Ehlert und Moennichs am Sustenpass in einem Schneebrett ihr Leben. Es waren die ersten Skitourenopfer in der Schweiz.
nicht widerstehen, ihr Können an den pulverschneebedeckten Hängen zu beweisen. Träger Johann Ruﬁbach, Hüttenwart der Oberaarjochhütte, der sich mit seinen Schneeschuhen abgequält hatte, war vom scheinbar mühelosen Gleiten auf Ski derart beeindruckt, dass er sich anstelle des Trägerlohns ein Paar Ski wünschte. 3
Am nächsten Tag war um 1.30 Uhr Tagwache, zwei Stunden später nach dem Frühstück und dem Packen der Rucksäcke gings los. Nach 1 1 / 2 Stunden erreichten die Skitourengänger die Zunge des Unteraargletschers. Der Aufstieg
3 Paulcke notiert, dass er damit bedeutend besser wegkam, als wenn er mit der verabredeten Taxe plus Trinkgeld abgefertigt worden wäre. ( Vier Jahre später kehrte Lohmüller mit Freunden nach Guttannen zurück und stellte erfreut fest, dass sich Ruﬁbach « zu einem tüchtigen Skiläufer ausgebildet hatte ». ) Steigeisen für Skier ( 4-zackiges Modell ). B = Breite der Ski vor dem Fuss K = Kupfer L = Leder Sandalen waren eine Art Steigeisen, die unter den Skischuhen getragen wurden, um nicht in der Kälte Schuhe wechseln zu müssen.
Sandalen VK = Vorderkappe HK = Hinterkappe ZB = Zehenbügel Ö = Öse R = Schnürriemen E = Eisenring Steigeisen nach Paulcke noch vor der Wende ins 2O. Jahrhundert Querschnitt durch den Ski vor dem Zehenbügel mit angeschnallten Steigeisen S = Ski C = Charnier B = Berghang Ski zz en :A us « Ö st err ei chi sc he Alpen- Zei tu ng » ,XI X Jg.
W ien 13 .0 5.189 7 DIE ALPEN 12/2002
zum Oberaargletscher erfolgte auf der steilen Flanke des Zinkenstocks, die Eisenspitzen mussten unter die Ski geschnallt werden. Erst um 1O.35 Uhr erreichte die Gruppe den Oberaargletscher bei –18° Reaumur 4, um dann weiter in Richtung Oberaarjoch zu ziehen. Als man endlich die Hütte erreichte, war diese vollständig eingeschneit, und die Ersten mussten sich vom Dach zur Tür abseilen. Nachtruhe gabs erst gegen Mitternacht.
4 Reaumur: alte Temperaturskala, nach der der Schmelzpunkt bei 0° und der Siedepunkt bei 80° liegen.
Die abweisende Jungfrau Am nächsten Morgen hüllte dichter Nebel die Hütte ein, sodass auf die Besteigung des Finsteraarhorns verzichtet wurde. Man beschloss, zur Concordiahütte zu queren, wo man um 18 Uhr eintraf.. " " .Als die Skifahrer die festgefrorene Tür endlich aufgebracht hatten, bot sich ihnen im Innern ein wenig einladendes Bild: Schnee auf Schlafstellen, Tisch und Boden, der zudem mit Flaschenscherben übersät war. Stühle konnten keine gefunden werden. Wenigstens habe man den Schnee zum Kochen in der kalten Nacht nicht vor der Hütte holen müssen, schrieb später einer der Teilnehmer. Um der Kälte zu entﬂiehen, standen die Herren am vierten Tag um 2 Uhr auf und beschlossen, trotz der wenig verheissungsvollen Wetteraussichten, den Aufstieg zur Jungfrau zu wagen. Im tiefen Neuschnee wechselten die Führer im Viertelstundentakt ab. Am Fuss des Rottalsattels wurden die Ski deponiert. Der Aufstieg zum Sattel war so steil und ausgesetzt, dass ein Wechsel beim Spuren erst nach 1 1 / 4 Stunden möglich wurde. Auf etwa 3750 Metern Höhe, unterhalb des Rottalsattels, beschlossen sie umzukehren. Die sausende Abfahrt tröstete ein wenig über den Misserfolg hinweg. Um 16 Uhr waren alle fünf wieder bei der Hütte, eine zweite ungemütliche Nacht erwartete sie. Beim Zubereiten des Frühstücks am andern Morgen explo-
Die Teilnehmer der ersten Durchquerung der Berner Alpen mit Ski 1897: ( v. l. ) Paulcke, de Beauclair, Lohmüller ( stehend ), Moenichs und Ehlert ( sitzend ) Fo to :A us « A lpen VI I » 19 31 Mitglieder der Sektion Biel auf dem Oberaargletscher, auf dem Weg zur Oberaarjochhütte zu Beginn des 2O. Jh.
Foto: Sammlung Sektion Biel, SAMB Erste Oberaarjochhütte, im Hintergrund Finsteraarrothorn und Gross Wannenhorn. Nach einer bewegten Geschichte steht diese Hütte heute unter der Finsteraarhornhütte und wird noch immer genutzt.
Foto: zvg DIE ALPEN 12/2002
dierte eine Konservenbüchse, die glücklicherweise niemanden verletzte.
Ein fest verriegeltes Hotel Man beschloss, auf Ski den Aletschgletscher hinunterzufahren. Gletscherspalten zwangen zu grösster Vorsicht und immer Zeit raubenderen Umwegen, sodass es bereits zu dunkeln begann, als die ersten Hütten auf Oberaletsch erreicht wurden. Im verlassenen Weiler bot ein Ziegenstall eine Unterkunftsmöglichkeit, die aber doch als zu ungemütlich empfunden wurde. Das Hotel Belalp, 400 Meter höher, lockte als Alternative – nur standen die Herren dort vor verriegelten Türen und Fenstern. Alle Skrupel überwindend brachen sie ein Fenster auf und drangen in das leere Haus ein. In der Küche fanden sie einzig ein Fass Wein, allerdings von der sauren Sorte. Eine leere Holzkiste wurde in Ofenwärme umgewandelt und der letzte mitgebrachte Proviant mit dem sauren Wein heruntergespült. Am nächsten Tag kehrten die Skitouristen dann in die Zivilisation zurück und suchten in Naters als Erstes die Hotelbesitzer auf, um ihren Einbruch zu beichten. Fazit dieses Besuchs waren eine selten bescheidene Hotelrechnung und der Bescheid, dass es sich beim sauren Wein um Essig gehandelt habe. 5
Outdoor-Ausrüstung von 1897 In der Pionierzeit der Skihochtouren-gänger kannte man weder Skiwachs, Doppelstöcke noch Steigfelle. Die Ski – ein norwegisches Telemarkmodell – waren
5 Paulcke W.: « Eine Winterfahrt auf Schneeschuhen quer durch das Berner Oberland ( 18. bis 23. Jänner 1897 ) ». Österreichische Alpen-Zeitung, XIX. Jg., 1897, Nr. 478, 479, 480.
Die im Jahr 2000 umgebaute Oberaarjochhütte SAC Beim Rotloch, im Aufstieg auf dem Fieschergletscher zur Oberaarjochhütte Im Aufstieg zum Galmihorn. Blick zurück Richtung Wannenhorn DIE ALPEN 12/2002
für heutige Begriffe sehr lang, wurden doch damals 1,8 m lange Ski als Kurzski bezeichnet. Empfohlen wurden Stöcke aus Eschenholz – einen oder zwei – bis zur Achsel reichend und ohne Teller, nicht etwa zum Abfahren und Bremsen, da dies unschön sei. Eisenspitzen – heute als Harscheisen bezeichnet – bestanden aus 4 Stahlspitzen auf einem mit Kupferblech verstärkten Lederriemen, die man unter die Schuhe band. Letztere waren aus Kalb- oder Hundefellen mit biegsamen Sohlen und gross genug für zwei Paar Wollsocken aus nicht entfettetem Ziegenhaar. Bekannt waren schon Injec-tionsschuhe, bei denen bei der Zunge Öl eingespritzt werden konnte. Wenn das Gelände zu steil wurde oder der Weg in Felsen führte, wurden Sandalen angeschnallt, eine Art Steigeisen unter den Skischuhen getragen, um nicht die Schuhe in der Kälte wechseln zu müssen. Mit dabei war auch ein Reparaturset für abgebrochene Skispitzen. Und natürlich durfte der Proviant nicht fehlen, der zum Gewicht der Rucksäcke von 40 Pfund einen ansehnlichen Beitrag leistete! a
Paul Hertig, Biel
Quellen:
Hugi Franz Joseph: Über das Wesen der Gletscher und Winterreise in das Eismeer. Stuttgart, 1842.
Paulcke W.: « Eine Winterfahrt auf Schneeschuhen quer durch das Berner Oberland ( 18. bis 23. Jänner 1897 ) ». Österreichische Alpen-Zeitung, XIX. Jg., 1897, Nr. 478, 479, 480.
Lohmüller Wilhelm: « Die Eroberung des Berner Oberlandes durch den Ski ». Die ALPEN, VII. Jg., 1931.
Segner Max Dr.: Wie die Schweizer Alpen erobert wurden. Zürich, 1945.
Hertig Paul: Wie die Berge zu ihren Namen kamen. Wer waren die Männer, die mit Gipfelnamen geehrt wurden? Guttannen, 1999.
Hertig Paul: Von der Wolfshöhle zum Feenpalast. Die Geschichte der Oberaarjochhütten. Grindelwald, 2000.
Im Aufstieg von der Oberaarjochhütte zum Galmihorn Blick aufs Finsteraarhorn, das die Pioniere 1897 wegen schlechter Wetterbedingungen nicht besteigen konnten.
Fo to s:
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