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Die Epicenter von OMA und Herzog & de Meuron
Mode und Architektur
Die zu Beginn des 21. Jahrhunderts entworfenen Projekte für Prada boten die Gelegenheit, die Beziehung zwischen Kultur und Kommerz durch architektonisch-experimentelles Forschen neu zu definieren.
Im Frühling 2001 präsentierte Prada in Mailand die von OMA und Herzog & de Meuron konzipierte Projektreihe für die neuen Läden, Büros und Ateliers der Modemarke in der Ausstellung Works in Progress. Stores, Offices, Factories. New York, Los Angeles, San Francisco, Tokyo, Terranuova, Arezzo.
Auf mehreren Tischen waren Architekturmodelle, realmassstäbliche Prototypen von Fassadenteilen und Möbeln, Materialmuster, Fotos und Visualisierungen ausgestellt. OMA und Herzog & de Meuron gehören zu den einflussreichsten Architekturbüros der letzten dreissig Jahre. Die beiden Pritzker-Preisträger (Koolhaas 2000; Herzog & de Meuron 2001) haben ein einziges Mal zusammengearbeitet: für ein Hotelprojekt am Astor Place in New York (2000–2001), das nie verwirklicht wurde.
Prada sollte vom regionalen Unternehmen zu einer internationalen Luxusmarke transformiert werden. Für das Konzept dieser Transformation zogen Miuccia Prada und Patrizio Bertelli Rem Koolhaas hinzu, der in seiner Studie Project on the City II: The Harvard Guide to Shopping die urbane Transformation des 21. Jahrhunderts als Ergebnis von Konsumprozessen beschrieben hatte. Diesen Ansatz verfolgte der niederländische Architekt auch in dem Programm, das er für die neuen Einkaufstempel von Prada, die sogenannten Epicenter, erarbeitet hat.
In einer Zeit, in der der Konsum den öffentlichen Raum und die kulturellen Einrichtungen vollständig durchdrungen hat, definiert OMA das Konzept der Exklusivität neu und integriert Typologien des öffentlichen Raums in die Shopping-Welt. Diese Absicht wird mit Bezeichnungen wie «Library», «Street», «Theater» oder «Stage» klar kommuniziert. Auch der Begriff «Epicenter» selbst beschreibt die Auswirkungen der Transformation auf den Raum und verweist damit auf die Umwelt. Wenn alles Konsum ist, besteht Luxus im Nicht-konsumieren-Müssen. Rem Koolhaas interpretiert den Verkaufsraum als hybride Umgebung, als Kommunikationsplattform zwischen den Benutzern, der Marke und der Stadt, als Zusammenspiel gebrauchsfertiger Elemente, über die sich die Macht der Bilder multimedial erfahren lässt.
Für das Epicenter in New York (2001), das in einer Halle aus dem 19. Jahrhundert entstanden ist, hat Koolhaas eine wellenförmige Verbindung zwischen Erdgeschoss und Untergeschoss entworfen. Die hölzerne Welle ist mit Stufen versehen, die als Präsentationsflächen für Schuhe und Accessoires dienen, aber auch als Zuschauerbänke mit Sicht auf die gegenüberliegende aufklappbare Bühne. Regale und Vitrinen lassen sich auf Schienen an der Decke verschieben, sodass Raum für Präsentationen und Events geschaffen werden kann.
In Los Angeles (2004) ersetzte OMA die klassische Schaufensterfassade zur Strasse hin durch einen Luftschleier, der die Boutique klimatisch vom Aussenraum trennt. Mithilfe verschiedener Technologien und Einrichtungen ermöglicht OMA multisensorische Erfahrungen sowie ein digitales Einkaufserlebnis und hebt gleichzeitig die Besonderheiten der Epicenter hervor. Dazu gehören etwa die berühmten Umkleidekabinen, in deren Spiegel Bildschirme integriert sind, auf denen die Kunden ihre von Kameras aufgezeichneten Bewegungen abrufen und sich von allen Seiten gleichzeitig betrachten können. Weitere Bildschirme, die über den Kleiderständern hängen, zeigen Bilder aus dem Prada-Universum und dienen als Kommunikationsmittel zwischen Kunden und Angestellten.
Während Rem Koolhaas für die Neudefinition des Einkaufserlebnisses hauptsächlich auf die digitale Interaktion zwischen Menschen, Objekten und Bildschirmen setzt, präsentieren Jacques Herzog und Pierre de Meuron im Epicenter in Tokio (2003) einen Raumkatalog, der die Forschung, auf der ihre Praxis beruht, getreu umsetzt. Die Verkaufsräume sind auf einen kleinen Turm konzentriert, der in einer Ecke des Grundstücks aus dem Boden wächst und somit den Rest der Fläche für einen öffentlichen Platz freigibt. Der Turm ist das erste Werk des Basler Architekturbüros, bei dem Tragwerk, Raum und Fassade eine Einheit bilden. Dieses neue Element unterschiedet sich von Herzog & de Meurons bisherigen Experimenten zur nicht dekorativen Rolle der Aussenhaut.
In Tokio ist jeder Teil des Ganzen unabhängig von den anderen und definiert den Raum mit: Die rautenförmige Gitterstruktur der Fassade trägt die Geschossdecken und gehört ebenso zum Tragwerk wie die vertikalen Kerne und die drei horizontalen Röhren mit rhombischem Querschnitt, die das Gebäude durchqueren und zu einem dreidimensionalen Gitter aussteifen. An den beiden Enden dieser Röhren sind die Umkleidekabinen als intime Räume untergebracht. In der Materialisierung der fliessendenInnenwelten treffen extreme Natürlichkeit und extreme Künstlichkeit aufeinander: perforierte Metallrasterdecken, elfenbeinfarbene Teppichböden, auf den Präsentationsflächen plastische Elemente aus transparentem Fiberglas, Leder und Tische aus Holz oder Silikon.
Von aussen betrachtet wirkt das Gebäude wie ein Kristall, dessen Durchlässigkeit durch die Kombination von konvexen, konkaven und ebenen Glasflächen noch verstärkt wird. So wie Prada anonyme Materialienin Luxusartikel verwandelt, ihnen dabei Sinn entzieht und einen neuen Wert verleiht, geht auch für Herzog & de Meuron die Schaffung einer Atmosphäre zwingend mit der Transformation und Kombination von Materialien zu einer konstruierten Ausdrucksform einher.
Die zu Beginn des 21. Jahrhunderts entworfenen Projekte für Prada boten die Gelegenheit, die Beziehung zwischen Kultur und Kommerz durch architektonisch-experimentelles Forschen neu zu definieren. Für Rem Koolhaas wirkte sich dies hauptsächlich in der Weiterentwicklung des Thinktanks AMO aus, der regelmässig am Entwurf von technischen Einrichtungen und Szenografien für Modeschauen sowie von multifunktionalen Ausstellungsstrukturen beteiligt ist. Herzog & de Meuron ihrerseits schufen in Tokio eines ihrer wichtigsten Werke und regten damit zum Nachdenken über den Erfahrungswert von Architektur an.
Mit «Prada Experience» lanciert espazium.ch seine neue Online-Themenreihe. In diesen Dossiers greifen wir aktuelle Themen zur Baukultur auf, die nach und nach um weitere Beiträge ergänzt werden.
In dieser Serie erschienen:
- Die Architektur ist nicht mehr in Mode
- Architektonische Vielfalt für private Stiftungen
- Mode, Architektur und Innenraum: Lehre an der HEAD Genf
- Die Epicenter von OMA und Herzog & de Meuron
- The Prada Vibe: urbane Kultur für die globale Stadt
- Monumentale Mode
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