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Die Leiden der verkannten «Violette»
- Mittwoch, 11. Juni 2014, 15:39 Uhr
Mit «Séraphine» setzte der französische Filmemacher Martin Provost der unbeachteten Malerin Séraphine de Senlis ein Denkmal. Jetzt hat er eine weitere Künstlerin auf die Leinwand gehoben: Die radikale Schriftstellerin Violette Leduc.
«Hässlichkeit bei einer Frau ist eine Todsünde. Ist sie schön, bewundert man sie auf der Strasse für ihre Schönheit. Ist sie hässlich, starrt man sie an wegen ihrer Hässlichkeit.» Das sind die bitteren Worte von Violette Leduc, einer der eigenwilligsten Nachkriegsautorinnen Frankreichs. Ihr hat Filmemacher Martin Provost seinen jüngsten Kinofilm gewidmet: «Violette».
Unter den Fittichen von Simone de Beauvoir
Violette Leduc, unehelich geboren, hat viele unglückliche Beziehungen mit Frauen und Männern hinter sich, eine Scheidung, eine Abtreibung und ein entbehrungsreiches Leben in der französischen Provinz. 1945 nimmt sie ihren Mut zusammen und drängt Simone de Beauvoir ein Roman-Manuskript auf. Zu Leducs Überraschung erkennt de Beauvoir ihr Talent.
Sie sorgt dafür, dass Violette Leducs Manuskript unter dem Titel «L'asphixie» in einer von Albert Camus kuratierten Reihe publiziert wird. Trotz der Anerkennung ihrer schreibenden Zeitgenossen findet der Roman kaum Leser. Violette Leduc versinkt nach kurzer Euphorie über die Aufnahme in die Bohème-Zirkel in Depressionen. «Ich würde besser auf den Strich gehen», klagt sie Simone de Beauvoir. «Aber mit meinem Gesicht will mich auch da keiner. Ich bin eine alte, gescheiterte Verrückte, ich bin 40 Jahre alt, habe kein Leben, keine Liebe, kein Einkommen.»
Und dann eröffnet ihr Simone de Beauvoir, dass sie ihr ein Verlagseinkommen von Gallimard organisiert habe. Was Violette nicht weiss: Nicht der Verlag lässt Geld fliessen, sondern Simone de Beauvoir selber. Der späte Erfolg von Violette Leducs Autobiografie «La Bâtarde» («Die Bastardin») in den 60er-Jahren wird ihr Recht geben.
Weibliches Selbstverständnis und Sexualität
So, wie Martin Provost schon der unbekannten naiven Malerin Séraphine de Senlis ein Denkmal gesetzt hat, tut er es jetzt mit «Violette», gespielt von einer umwerfenden Emmanuelle Devos. Sein Film ist auch dieses Mal weit mehr als ein illustrierter Biografie-Ausschnitt. Provost lässt mit den Nachkriegsjahren eine kulturhistorisch intensive Zeit wieder aufleben. Und wirft Fragen auf, die auch die heutige Zeit betreffen: Etwa, wenn es um weibliches Selbstverständnis geht, um unsere Sexualität oder die radikale Ablösung vom Denken der Eltern.
Provost ist ein freundlicher Mittfünfziger, Schauspieler, Autor und Regisseur. Mit seiner Hornbrille und dem silbergrauen Bart erfüllt er auf den ersten Blick jedes Klischee des französischen Intellektuellen. Aber im Gespräch wird schnell klar, dass ihn die reinen Ideen zwar interessieren – aber stets im Zusammenhang mit den damit verbundenen Menschen. Natürlich sei es die Figur der Simone de Beauvoir, welche das Interesse an Violette Leduc wecke. Aber es gehe in erster Linie um Violette.
Literatur unter Schmerzen geboren
Ein guter Teil der Faszination von Martin Provosts Film besteht dennoch in der Begegnung mit bekannten Persönlichkeiten, etwa mit Jean Cocteau oder Jacques Guerlain. Sie funktionieren wie Anker in der Geschichte von Violette Leduc. Alle diese Figuren führen hin zu Violettes Hauptwerk, dem Roman «La Bâtarde», der definitiven Auslegeordnung ihres Lebens.
Auffällig an Martin Provost Inszenierung ist die Insistenz auf Violettes Leiden. Hält er das Leiden tatsächlich für eine unverzichtbare Bedingung für Kunst? Der schöpferische Akt sei jedenfalls etwas Schwieriges, meint er. Letztlich sei es die Zerbrechlichkeit, welche ihn interessiere, all diese Existenzen am Rande der Gesellschaft. Das Leiden von Violette Leduc am Leben und an ihrer Kunst vergleicht er mit Geburtswehen: Sie «gebäre» sozusagen unter Schmerzen ihre Literatur.
Zwischen Leiden und Leidenschaft
Der Film spielt mit diesem Gegensatz von Intellekt und Leidenschaft. Martin Provost beschreibt Violette als eine Dichterin. In ihren Texten spüre man die Schönheit ihrer Sprache und ihre Intelligenz. Sie schreibe ganz anders als Simone de Beauvoir, deren Texte biegsam und fliessend seien. Bei Violette Leduc sei es eher ein Hervorbrechen. Und entsprechend überwältige ihr Schreiben ganz unmittelbar.
Indem Martin Provost zeigt, woran Violette zu leiden hatte, was sie mit ihrer Kunst auslöste und erfasste, stellt er zugleich die Frage, wie ihre Texte heute wirken. Das funktioniert. Nach dem Kinobesuch stellt sich fast unmittelbar das Bedürfnis ein, eines der Bücher von Violette Leduc zu lesen – am ehesten wohl ihren grossen Triumph «La Bâtarde» von 1964.
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