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1898-1936
Federico García Lorca
Lorcas gewaltsamer Tod, geboren aus dem dumpfen Hass jener, die nur vernichten können, weil ihnen komplexere Zusammenhänge nicht vorstellbar sind, die Schüsse vom 19. August 1936 im Barranco de Viznar bei Granada, sie hallen bis heute nach.
Die Kreis-Dezember-Nummer 1956 erinnerte daran1:
"En marge d'un sombre anniversaire. La mort de Federico García Lorca" stand über einer langen Anklage des Kreis-Mitarbeiters Daniel Spahni / Scorpion. Sie war zugleich Nachruf und Würdigung des Dichters und Opfers der Franco-Faschisten."
Der Autor bezog sich auch u.a. auf einen Artikel im Figaro Littéraire vom 29. September 1956, wo erstmals deutlich Lorcas Homosexualität thematisiert werde, was zu empörten Reaktionen geführt habe. Spahni / Scorpion erklärte dazu, dass er bei kürzlichen Aufenthalten in Spanien enge Freunde Lorcas, Homosexuelle und andere, getroffen und mit ihnen diskutiert habe. Dabei seien etliche geleugnete und immer wieder vertuschte Tatsachen geklärt worden, nämlich: Dass der Dichter Freunde sowohl unter den Sozialisten wie unter den Faschisten hatte, dass er ein total unpolitischer Künstler von hoher Gesinnung gewesen sei, der nur den Menschen gesehen habe und jeden einzelnen mit seiner Musik, seinen Gedichten, Vorträgen und Zeichnungen beglücken konnte. Zu oft würde vieles davon, auch Lorcas homosexuelle Beziehungen, verschwiegen, ja verneint und Manuskripte lägen unveröffentlicht und geheim gehalten in privatem Besitz. "On assassine Lorca une deuxième fois", schrieb er, man ermorde Lorca ein zweites Mal und mache ihn erst recht zum Märtyrer.
"Eine Skizze, die Lorca im Juli 1936 zeigt, ergänzte den Beitrag; gemalt hatte sie Gregorio Prieto, der ein Freund Lorcas war. Im März 1957 veröffentlichte Daniel Spahni / Scorpion einen weiteren Artikel mit Lorca-Gedichten unter dem Titel "Toujours à propos de Federico García Lorca"2.
Darin besprach er das eben erschienene Buch jenes Autors, der 1956 im Figaro Littéraire bereits über Lorca geschrieben hatte, Jean-Louis Schonberg. Es seien in diesem Buch auch homoerotische Gedichte erwähnt und viele vollständig übersetzt, und er könne nicht anders, als hier einige davon wiederzugeben. Also streute er Strophen aus der "Ode à Walt Whitman" und aus dem Zyklus "Divan de Tamarit" in seinen Text, den er mit den Worten schloss:
"Enterré modestement sous un olivier séculaire il mérite bien l'épitaphe que lui-même, un jour, avait composé:
Cigale!
Heureuse, toi!
Qui sur un lit de terre
Meurs ivre de lumière!"3
Im September 1961 gab es einen ausführlichen Bericht zum noch unbehelligt lebenden Mörder Lorcas, dem Kommandanten "Luis" der Todesschwadron "Escuadra Negra" und über die Geschichte um die Erschiessung4. Dann folgte eine Würdigung des Dichters. Der ganze Beitrag stammte aus einer Reportage der italienischen Zeitschrift EPOCA5, erschienen zum 25. Todestag und übersetzt für den Kreis von "Primus Jacobi", vermutlich einem Abonnenten. Karl Meier / Rolf liess Lorcas Gedicht "Memento" und eine "Ode an Lorca" folgen. Letztere stammte von Peter Jokostra aus seinem Band "Hinab zu den Sternen".
19616 zitierte die Redaktion "Zum Gedächtnis des grossen spanischen Dichters" einen Abschnitt von Salomé Kestenholz aus Die Tat7:
"[...] In der Mitte seines Werkes erhebt sich die Klage um den Stierkämpfer Ignacio Sánchez Mejías, ein Grabmal, errichtet aus Klang und Farbe, edler als edelster Marmor [erschienen 1935, Mejías war ein Freund des Dichters]. Die Wunder und der Tod, das vergossene Blut, die Gegenwart des Körpers und die Abwesenheit der Seele, vier Zeichen des Todes, werden hier sinfonisch verwirklicht. Da ist die ewige Erfahrung vom Tode: Betrachtet in Ignacio, der Tod hat ihn mit fahlen schwefelgelben Blumen bedeckt und ihm das dunkle Haupt eines Minotaurus verliehen. Denn im Letzten, Unfassbaren, sind todbringende Wesen und Opfer eins - und es erfolgt die schönste aller Totenklagen: Niemand kennt ihn, den Toten, weder der Stier noch der Feigenbaum, nicht die Ameisen seines Hauses, ich aber, ich kenne ihn, ich will ihn singen!
Im Divan del Tamarit [1936] sind auch die Sonette der dunklen Liebe enthalten, der wunderbaren, verzweifelten. Die dunkle Liebe, die lange Geheimnis blieb, mit hineingenommen in das bewahrende Schweigen des Todes. Und die wohl eine Ursache des Hasses war, der schliesslich Lorca vernichtete. Doch überall in der Dichtung Lorcas ist sie gegenwärtig. Die gleichgeschlechtliche Liebe, sie ist hier brennend und von grausamer Ausschliesslichkeit, nichts mehr haftet ihr von dem Charakter des fragwürdig Verwerflichen an. [...]"
Lorcas letzter Geliebter
Die Entdeckung des letzten Geliebten des Dichters ist einem Zufall zuzuschreiben. Sie geschah 2012 und wirft ein Licht auf die lange verschwiegene und verdrängte Homosexualität Lorcas. Er selbst lebte recht offen, doch niemand sprach darüber, weder er noch seine Nächsten. Das war allgemein üblich damals. Doch die offizielle systematische Unterdrückung von Leben und Werk García Lorcas - von den Faschisten schon während des Bürgerkrieges (1936-1939) begonnen und Jahrzehnte lang danach weitergeführt - brachte es mit sich, dass viele Details über ihn und von ihm, besonders Briefe, verborgen blieben, vergessen gingen oder zerstört wurden. Denn wer Briefe, Gedichte, Zeichnungen oder gar Homoerotisches aufbewahrte, gefährdete sich und seine Nächsten massiv, zumindest solange die Franco-Diktatur andauerte, also bis 1975.
Deshalb können noch heute Dinge auftauchen, von denen niemand etwas wusste, wie Brigitte Kramer schreibt8:
"Der kürzlich entdeckte Nachlass Federico García Lorcas, darunter viele Briefe an den letzten Geliebten des Dichters, bringt Klarheit über sein Liebesleben und Kritik an Spaniens Umgang mit Homosexualität. 'Geliebter Juan, es ist notwendig, dass du wieder lachst': So wollte der spanische Dichter [...] seinem neunzehn Jahre jüngeren Geliebten Juan Ramírez de Lucas Mut machen. Lorca hatte den Satz kurz vor seinem gewaltsamen Tod verfasst. [...] Unter Lorca-Experten waren Freude und Überraschung gross, denn bisher war über die letzte Liebe des Poeten nur spekuliert worden. Ihr gilt die berühmte Sammlung von elf Liebesgedichten, 'Sonetos del amor oscuro' [...]. Dazu ist nun das Liebesgedicht 'Romance' gekommen, in dem der Dichter seinen Freund 'jenen Blondschopf der Weizen, Sohn der grünen Morgenröte' nennt. Der handschriftlich verfasste Zwanzigzeiler ist auf der Rückseite einer vergilbten Rechnung erhalten, ein Graphologe hat jüngst die Authentizität bestätigt."
Brigitte Kramer schildert auch die Entdeckung dieses Nachlasses. Der letzte Geliebte des Dichters - er war bei Lorcas Tod 19 - wurde später ein bekannter Kunst- und Architekturkritiker, verschwieg aber seine besondere Beziehung zeitlebens. Freunde wussten, dass er Lorca für den besten Dichter der Welt hielt und ein hervorragender Kenner des ganzen Werkes war. Das war alles. Selbst gegenüber seinem späteren langjährigen Lebenspartner sprach er nie von dieser Jugendliebe, die nur zwei Jahre gedauert hatte. Nach seinem Tod fand sich eine Holzkiste, gefüllt mit etlichen Briefen und Zeichnungen Lorcas und darunter auch das Gedicht 'Romance', das nun wohl den "Sonetten der dunklen Liebe" anzufügen sei. Über siebzig Jahre lang lag alles in dieser Kiste verwahrt.
In einem weiteren Beitrag schreibt Brigitte Kramer erneut über Lorca9, diesmal zum Centro Federico García Lorca in der Altstadt von Granada, das 2015 fertig gestellt worden war. Eine Eröffnungsausstellung bot Gelegenheit,
"etwa 70 Prozent von Lorcas Nachlass kennenzulernen, darunter Manuskripte der Gedichtsammlung 'Zigeunerromanzen' oder der Theaterstücke 'Bernarda Albas Haus' und 'Sobald fünf Jahre vergehen'."
Betrieben wird das Centro durch Stadt und Provinz Granada, die Region Andalusien und die Stiftung der Erben Lorcas. Es ist öffentlich zugänglich und für Studien nutzbar. Damit haben Granada und Andalusien rechtzeitig zum achtzigsten Todestag seines Dichters einen Ort der Einsicht, des Gedenkens, der Begegnung und Vertiefung geschaffen, einen Ort, der Besucher aus aller Welt anziehen wird.
Ernst Ostertag, April 2005, März 2016
Weiterführende Links extern
Quellenverweise
- 1
Der Kreis, Nr. 12/1956, Seite 43
- 2
Der Kreis, Nr. 3/1957, Seite 21
- 3
Bei uraltem Olivenbaum kärglich verscharrt verdient er sehr wohl den Grabspruch, den er selbst, eines Tages, verfasst hatte:
Zikade!
Glückliche, du!
Die auf Erdschollen dicht
Stirbt, trunken von Licht!
- 4
Der Kreis, Nr. 9/1961, Seiten 1 bis 5
- 5
Epoca: 2. Juli 1961
- 6
Der Kreis, Nr. 11/1961, Seite 1
- 7
Salomé Kestenholz: Die Tat, 19. August 1961
- 8
"Sohn der grünen Morgenröte", NZZ, 22.5.2012
- 9
NZZ, 17.2.2016