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Abhilash John stammt ursprünglich aus Kerala im Süden Indiens, wuchs aber in Ahmedabad in Gujarat auf.
Als Jugendlicher fühlte er sich eingesperrt in einen Käfig gesellschaftlicher Zwänge und Erwartungen. Wie Andere seines alters war es ihm nicht möglich eigene Ideen zu entwickeln und seinen individuellen Lebensweg zu verfolgen.
Es war ein Straßenkind, das ihm half, seine Ängste zu überwinden und seine Stärken und Leidenschaften zu entdecken. Mit seiner organisation “Khoj”, bietet er indischen Jugendlichen “The great Indian Treasure Hunt” an. Es handelt sich um eine 8-monatige Abenteurtour durch Indien. Diese Tour soll den jungen Menschen Türen öffnen und sie in die Lage versetzen, aus den vorgezeichneten Träumen ihrer Eltern auszubrechen.
Es war an einem schwülen Sommernachmittag in Ahmedabad. Ich kam gerade aus meinem auf 16 grad runtergekühlten Büro, stand eine Weile auf der Straße herum und versuchte, mich an die “Realität” zu gewöhnen. Da beobachtete ich einen 12-jährigen Jungen, der barfuß über die geteerte Straße lief und Bücher verkaufte. Ich hatte Mitleid und bot ihm etwas Geld an. Aber er sagte: “Ich bettle nicht. Du kannst ein Märchenbuch kaufen.”Das beeindruckte mich. Wie alle anderen hatte auch ich angenommen, dass alle Straßenkinder selbstverständlich betteln würden. Aber dieser Junge, der Irfan hieß, bewies mir das Gegenteil. Der kleine Kerl sah glücklich aus, und bei einem weiteren Gespräch konnte ich nachvollziehen, dass er, anders als ich, die Freiheit hatte, für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Während ich mich leer und ausgelaugt fühlte, konnte ich die Neugierde in seinen Augen leuchten sehen.
Mir wurde klar, dass ich in einer Komfortzone dahinvegetierte. Und das brachte mich langsam um.
Ich beschloss, die Kontrolle über mein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.
Nun, es war keine leichte Entscheidung, meinen gut bezahlten Job aufzugeben.
Dies ist die Geschichte eines durchschnittlichen indischen Jugendlichen, der in seinen Ängsten gefangen ist, belastet von den Erwartungen der Eltern. Und ich kann klar behaupten, ich bin nicht allein.
Laut der UN-World Population-Prospects, 2019, hat Indien die höchste Anzahl von Jugendlichen in der Welt. Oh ja! Indien ist eine junge Nation, voller Energie und bereit für das Leben mit all seinen Hindernissen. Aber stimmt das wirklich? Wir sind lediglich gut genug, um zwei einzelne Goldmedaillen in der gesamten Geschichte der Olympischen Spiele zu sichern, aber wir können weder weltberückende Erfindungen, weder berühmte Rockbands noch einflussreiche Philosophen für uns verbuchen. Der Mangel an Innovationen steht im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass unser Bildungssystem jedes Jahr 1,5 Millionen Absolventen technischer Schulen hervorbringt!
Was immer die Welt über Indien weiß und schätzt, sind unsere alten Erfindungen. Werfen wir doch mal einen Blick auf eine der vielleicht einflussreichsten: die Null!
Aber leider ist die Null bereits 1600 Jahre alt! Kein Grund, sich noch immer daran zu begeistern.
Nun, wir sind auch dafür bekannt, dass wir den weltweit gepriesenen, illustrierten Text über die verrücktesten sexuellen Praktiken geschaffen haben. Es handelt sich dabei um den 2000 Jahre alten Kamasutra!
Und natürlich nicht zu vergessen: Yoga! Auch wenn die Welt glaubt, es sei eine amerikanische Erfindung, nein, das ist es nicht. Aber es ist genauso alt wie alles andere, wofür wir berühmt sind.
Ja, Indien ist dafür bekannt, eine der ältesten Zivilisationen der Welt zu sein. Und das alte Indien galt als eines der Epizentren der Künste, der Philosophie, der Musik, der Astronomie, der alternativen Medizin und der spirituellen Erleuchtung.
Selbst in der nahen Vergangenheit gab es große Freidenker und Philosophen wie Swami Vivekananda, den Nobelpreisträger Rabindranath Tagore und Rani Laxmi Bai, eine führende Figur des Widerstands und ein Symbol des Mutes, die gegen die britische Herrschaft in Indien kämpfte. In der postkolonialen Zeit ist es Indien jedoch nicht gelungen, eine inspirierende Ikone zu “produzieren”, an der sich die jüngeren Generationen orientieren könnten.
Jedes Jahr machen durchschnittlich 1,5 Millionen Studenten einen Universitätsabschluss, was im Vergleich zu westlichen Ländern sehr viel höher ist. Dennoch hinken wir bezüglich der neuen Ideen, besonders in den Naturwissenschaften, Technologien, in der Kunst und in der Philosophie kräftig hinterher.
Wir müssen uns die Frage stellen: Warum?!
Die indische Kultur ist als konservativ bekannt. Das bedeutet, dass sie sich im Allgemeinen an traditionelle Werte klammert und Veränderungen eher scheut.
Unsere Erziehung spielt in Verbindung mit dem Bildungssystem dabei eine große Rolle. Wir sind einfach nicht darauf vorbereitet, über unseren Tellerrand hinauszublicken.
Wir alle sind von Geburt an neugierig. Aber das System, mit dem unsere Kinder erzogen werden, tötet diese Neugier ab. Unsere “Träume” werden mit den gesellschaftlichen Normen in Einklang gebracht.
In Indien werden Kinder überbehütet und so daran gehindert, eine freie und abenteuerliche Kindheit zu erleben. Junge Menschen werden sowohl in der Schule als auch zu Hause nicht ermutigt, Fragen zu stellen, eine Meinung zu haben oder über die Zäune der angeblichen Gewissheit hinauszuklettern. Jeder, der ausbricht, wird als “Rebell” gebrandmarkt.
Viele Traditionen unserer Gesellschaft sind für diejenigen, die aus offeneren Kulturen kommen, sehr überraschend: So staunt man nicht schlecht, wenn man erklärt, das Die Familie entscheidet, mit wem ihre Kinder spielen, was sie studieren, wen sie heiraten, wann sie Kinder bekommen, wie viele, und wenn möglich, zuerst einen Jungen, und so weiter.
Da die meisten Söhne ihr ganzes Leben lang bei ihren Eltern wohnen, bleibt diese Abhängigkeit von Entscheidungen der Eltern bis ins hohe Alter bestehen. Dies führt dazu, dass wir schnell gelernt haben, unsere Leidenschaften und Berufsträume an den Nagel zu hängen. Erwartungen der Eltern führen auch dazu, dass die Jugendlichen Angst vor dem Scheitern haben und sich nicht trauen, Risiken einzugehen oder etwas Unkonventionelles zu versuchen.
Der immense Erwartungsdruck ist für viele junge Menschen in Indien der Hauptgrund, einen Selbstmord zu begehen. Nach den neuesten Daten des National Crime Records Bureau begingen im Jahr 2019 mehr als 139.000 Inder Selbstmord, 67 Prozent davon waren junge Erwachsene.
Unser Bildungssystem ist vollkommen veraltet und folgt immer noch den alten theoretischen Unterrichtsmethoden, bei denen die Schüler für die Beantwortung von Fragen aus dem Lehrbuch belohnt werden. Kreatives oder erfahrungsorientiertes Lernen wird nicht gefördert. Stattdessen werden Lehrer wie auch Schüler gezwungen, sich an einen bestimmten Lehrplan zu halten. Das Leben eines Heranwachsenden wird darauf reduziert, von einem Lebensabschnitt zum nächsten zu eilen und die von den Eltern gesetzten Erwartungen zu erfüllen: einen Schulabschluss mit guten Noten, gefolgt von einem sicheren staatlichen Arbeitsplatz und der Gründung einer eigenen Familie – alles Indikatoren für ‘Erfolg’.
Es gibt Millionen von Jugendlichen, die in beengten Wohnblocks leben, die aus ihren Dörfern in Städte wie Delhi, Kota, Jaipur, Bangalore, Lucknow und viele andere gezogen sind und sich auf staatliche und andere Prüfungen vorbereiten, um die Träume ihrer Eltern zu erfüllen. Auf den Schultern der Jugendlichen lastet ein enormes Gewicht von Erwartungen, und wenn sie diese nicht erfüllen können, schämen sie sich. Im schlimmsten Fall bringen sich manche durch Selbstmord um.
Ich bin einer dieser indischen Jugendlichen, die vergessen haben, dass sie träumen können, und es hat mich viel Mut gekostet, mir einzugestehen, dass ich aus meinem Erwartungskäfig ausbrechen musste.
Aber schauen wir uns doch einmal die Situation der indischen Kinder und Jugendlichen an, die außerhalb der Konventionen aufwachsen, die nicht Teil des kulturellen Mainstreams sind – Kinder und Jugendliche, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und deshalb von allen Konventionen befreit sind. Sie werden oft belächelt, sind aber frei von familiären Erwartungen und können daher wichtige Entscheidungen selbst treffen. Von klein auf lernen sie, in einem sich ständig verändernden Umfeld zu überleben, sich an neue Herausforderungen anzupassen und Lösungen für ihre Probleme zu finden. So erwerben sie durch ihre Erfahrungen Lebenskompetenzen, die vielen von uns aus privilegierteren Verhältnissen fehlen. Die Frage ist: Was können wir von diesen Überlebenden lernen?
Um das herauszufinden, biete ich “die große indische Schatzsuche” an, ein achtmonatiges Programm für indische Jugendliche, um mehr über sich selbst und ihre Interessen zu lernen, zu verlernen und neu zu lernen. Es ist eine Begegnung mit der Welt des sozialen Wandels, mit Umweltlösungen und mit Teamerfahrungen.
Teams mit unterschiedlichem Hintergrund werden ihr Indien und damit sich selbst erkunden. Ich werde sie mit Menschen zusammenbringen, die den sozialen Wandel vorantreiben, mit Nomaden, Künstlern, mit Menschen, die ihre Träume leben und nicht versuchen, die zerbrochenen Träume ihrer Eltern zu reparieren.
Abhilash wird seine Geschichte und seine Projektidee für einen sozialen Wandel in Indien während der kanthari TALKS öffentlich machen. Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/