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Mit «A Separation» gewann der iranische Regisseur Asghar Farhadi 2012 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Auch sein neues Werk erzählt in meisterhafter Dramaturgie ein Familiendrama.
Eine Glasscheibe trennt Mann und Frau. Sie versuchen, sich mit Gesten und Lippenbewegungen zu verständigen. Was Trennung und Isolation zu suggerieren scheint, schafft überraschend eine besondere Intimität, denn Marie und Ahmad sind einander vertraut, sie kennen sich nur zu gut und sind in der Lage, Zeichen des anderen zu deuten und instinktiv zu verstehen.
Doch während der Autofahrt vom Flughafen Richtung Paris machen sich erste Brüche bemerkbar. Man beginnt, sich zu fragen, ob das junge Paar wirklich aus Liebenden besteht oder bloss aus Bruder und Schwester. Handelt es sich bei dem Mann, der soeben aus Teheran angekommen ist, um einen Cousin? Oder sind die beiden nur Freunde? Fragen nach den Kindern wechseln sich ab mit Kommentaren zum Fahrstil Maries (Bérénice Bejo), und als Ahmad (Ali Mosaffa) bemerkt, dass Marie eine Verletzung an der rechten Hand hat, übernimmt er die Schaltung des Autos, und auch den Weg zur Schule der Tochter kennt er ganz genau. Sind es nur Maries Kinder, oder sind es auch die seinen? Man erfährt es noch nicht, und als Ahmad einen Ausweis unter der Sonnenblende findet, in dem das Foto eines ihm fremden Manns zu sehen ist, wird klar, dass in dieser Erzählung dieses schwindlig machende Gefühl die Menschen beherrscht, der Ungewissheit ausgeliefert zu sein.
Wer ist nun wer, und wie steht man zueinander? Das sind die beunruhigenden Fragen, die sich durch den Film «Le Passé» von Asghar Farhadi ziehen, und die vergeblichen Versuche, eine Antwort zu finden, bilden die Struktur einer unberechenbaren, jedoch meisterhaft gebauten Dramaturgie.
Eine endlose Scheidungsgeschichte
Asghar Farhadi, 1972 im iranischen Isfahan geboren, schaffte 2009 mit seinem Spielfilm «About Elly» den internationalen Durchbruch. Mit «A Separation» gewann er im Jahr 2011 den Goldenen Bären der internationalen Filmfestspiele von Berlin, später auch den Oscar und den Golden Globe Award. Das Kammerspiel, das in einer Familie aus der Mittelschicht in Teheran angesiedelt ist, erzählt die Geschichte einer Scheidung, die sich wegen der unlösbaren Frage, wohin das Kind kommen soll, endlos in die Länge zieht. Und so, wie sich Nader und Simin in «A Separation» in schuldhafte Handlungen verstrickt sehen, ergeht es auch Ahmad und Marie. Und in viel grösserem Ausmass ihrem neuen Geliebten Samir (Tahar Rahim), der mit seinem kleinen Sohn Fouad (Elyes Aguis) soeben bei Marie und ihren zwei Töchtern (Pauline Burlet und Jeanne Jestin) in ein Haus in der Pariser Vorstadt eingezogen ist. Es sind die Krisen, die Farhadi interessieren, Situationen, in denen Menschen sich mit einem scheinbar unlösbaren Dilemma konfrontiert sehen. Und die Kunst des Regisseurs besteht darin, dass er durch höchste Präzision genau dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an das Chaos erzeugt: Jede Geste, jeder Blick, jede Bewegung seiner Schauspielerinnen und Schauspieler unterliegt seiner strengen Choreografie.
Der scheinbar lästige Gast
Parallel stattfindende Geschichten, die durch ihre Einfachheit berühren, werden kunstvoll miteinander verknüpft: Ahmad reist nach Paris, um sich endlich von Marie im Guten scheiden zu lassen; Marie ist schwanger und will Samir heiraten; Samir muss sich um seine Ehefrau kümmern, die nach einem missglückten Suizidversuch im Koma liegt; Fouad, Samirs Sohn, will wieder ein neues Zuhause, egal wo, und Maries Töchter wollen, dass Ahmad bleibt und Samir geht. Und Ahmad, der scheinbar lästige Gast aus der Vergangenheit, sieht sich in die Rolle gedrängt, mit den Kindern zu verhandeln, Marie zum Reden zu bringen und endlich wieder mal ein warmes Essen auf den Tisch zu stellen.
«Le Passé» ist Asghar Farhadis erster Spielfilm, der nicht im Iran produziert wurde. Dass seine Wahl auf Paris fiel, sei jedoch kein Zufall gewesen. Denn wenn man eine Geschichte erzählen wolle, in der die Vergangenheit eine Rolle spielt, dann müsse man sie in einer Stadt wie Paris ansiedeln, die Vergangenheit ausstrahle: «Diese Geschichte hätte nicht einfach irgendwo spielen können», sagte Farhadi in einem Interview.
Doch genau das tut sie. Maries Haus liegt an einer dicht befahrenen Eisenbahnlinie, die Züge kommen aus dem Nirgendwo, wohin sie auch wieder verschwinden, das Quartier wirkt austauschbar. Die Art, wie jede der beteiligten Personen Schuld am missglückten Suizid von Samirs Ehefrau empfindet und wie sie sich für jeden und jede als schlichte Projektion erweisen muss, ist im wahrsten Sinn des Wortes allgemein menschlich. Und dass Marie Französin ist, Ahmad aus dem Iran und Samir aus Algerien stammt, ist dem Regisseur offensichtlich gleichgültig. Nicht das Interkulturelle ist es, was das Zusammenleben in die Krise stürzt, eher die Frage nach dem existenziellen Zerrissensein zwischen Selbstbestimmung und Verantwortung: Was bedeutet es, sich von geliebten Menschen zu trennen? Wie weit sind wir schuld am Schmerz und am Unglück der anderen?
Und so muss sich Samir im Krankenhaus vergewissern, ob seine Frau nicht doch noch lebt. Und es ist das Parfüm an seinem Hals, der Geruch aus der Vergangenheit, der die scheinbar Tote zum Weinen bringt.