Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03332.jsonl.gz/1976

Die Bischofswahl aus dogmatischer Sicht
Ein eigenes Wahlgremium
Das Zweite Vatikanische Konzil hat in manchen Aspekten ein zwiespältiges Erbe hinterlassen.
Auf der einen Seite entwarf das Konzil eine Vision der Kirche, die unter dem Leitbegriff «Volk Gottes» steht. Die Kirche ist keine päpstliche Monarchie und auch keine bischöfliche Aristokratie, sondern die Gemeinschaft aller Getauften, die an Christus glauben. Auf der anderen Seite kann man nicht verschweigen: So sehr das Konzil die Gemeinschaft der Getauften zu würdigen versuchte, so sehr hat es auch das Bischofsamt in zuvor ungeahnte Sphären emporgehievt. In der Kirchenkonstitution heisst es, die Bischöfe stehen den Gläubigen «an Gottes Stelle» vor und Christus sei «in den Bischöfen» gegenwärtig.
Wer die Entstehung der konziliaren Dokumente betrachtet, sieht, dass es nicht darum ging, die Bischöfe persönlich zu überhöhen. Hinter der Theologie des Bischofsamtes stand eine andere Frage, nämlich: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen der universalen katholischen Kirche und der regional bestimmten katholischen Kirche, die sich in den Bistümern darstellt? Dem Konzil war es wichtig zu betonen, dass die Bistümer keine Filialen Roms sind. Kein Bistum allein ist die ganze Kirche, da diese Kirche aus vielen Bistümern besteht, aber jedes Bistum ist ganz Kirche, weil Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität keine von Rom geliehenen Eigenschaften sind, sondern die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche in jedem Bistum anzutreffen ist. Theologisch abgesichert wurde diese Einsicht durch eine Stärkung des Bischofsamtes. Der Diözesanbischof ist kein Zweigstellenleiter eines durch den Papst geführten Weltkonzerns, sondern in der Bischofsweihe – nicht durch einen Rechtsakt des Papstes – wird dem Bischof die Aufgabe übertragen, für eine Ortskirche in der Verkündigung des Glaubens und der Feier der Sakramente leitend Verantwortung wahrzunehmen.
Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Frage, welche Instanzen bestimmen sollten, wer Bischof wird. In den meisten Ländern ist es üblich, dass der Papst ohne Mitwirkung örtlicher Räte allein (das heisst faktisch: der päpstliche Verwaltungsapparat) die Bischöfe auswählt. Diese Praxis mag in manchen Situationen berechtigt sein. Wenn etwa autoritäre Regime versuchen, die Kirche durch Einfluss auf ihre Personalpolitik gefügig zu machen, ist der Papst gefordert, sich diesem Druck entgegenzustellen. In Ländern hingegen, wo die Kirche sich ungehindert entfalten und die Gemeinschaft der Getauften in freier Abstimmung Gremien wählen kann, die ihre Interessen vertreten, wäre es angebracht, diese auch an der Bischofswahl zu beteiligen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn regionale Gesichtspunkte müssen in Einklang damit gebracht werden, dass der zu wählende Bischof Teil eines weltweiten Kollegiums sein wird, weshalb er nicht nur ortskirchlich, sondern auch vor diesem Kollegium als akzeptabel erscheinen muss.
Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lasse, schiene mir folgender Modus bedenkenswert und aus dogmatischer Sicht verantwortbar: Wenn eine Bischofswahl ansteht, wird ein Gremium gebildet, das die verschiedenen Gruppen des Gottesvolkes – Pfarreien und Räte, Verbände und Vereine, Priester und Ordensleute innerhalb des Bistums – möglichst breit repräsentiert. Dieses Gremium sollte nicht dauerhaft bestehen und nicht mit einem bereits vorhandenen identisch sein, sondern sich nur zu dem Zweck bilden, einen Bischof zu wählen. Auf diese Weise lassen sich die Parteiungen vermeiden, die sich in Dauergremien fast notwendigerweise ergeben. Ein Organ hingegen, das divers zusammengesetzt ist und dessen einzige Aufgabe in einem Wahlakt besteht, wäre freier, sich intellektuell wie spirituell auf sein Ziel, die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für das Bischofsamt, zu konzentrieren. Wird ein Kandidat gewählt, hat der Papst ein Prüfungsrecht. Er kann als Haupt des Bischofskollegiums mit Blick auf Glaubenslehre oder Lebensführung des Kandidaten ein Veto einlegen. Ein solches Veto würde eine Neuwahl erfordern. Legt der Papst kein Veto ein, wird der Gewählte Bischof.
Text: Michael Seewald
Angebot laufend
Michael Seewald (*1987) ist seit 2016 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte und seit 2013 Priester. Der Theologe, Politikwissenschaftler und Philosoph wurde mit dem Karl-Rahner-Preis für Theologische Forschung sowie mit dem Heinz-Maier-Leibnitz-Preis ausgezeichnet. Seewald ist Principal Investigator am Exzellenzcluster «Religion und Politik».
Angebot laufend
Übersicht aller Beiträge der Serie
«Bischof gesucht»