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Im «Burggartechäller» hört man eine Welt-Exklusivität
Hermann Hesse, geboren am 2. Juli 1877 in Calw (De), gestorben am 9. August 1962 in Montagnola (TI), war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Dichter und Maler. Und in Basel und Bern heimatberechtigt. Und erhielt 1946 den Nobelpreis für Literatur.
Als Sohn eines deutsch-baltischen Missionars war Hesse durch Geburt Staatsbürger des russischen Kaiserreichs. Von 1883 bis 1890, und dann erneut ab 1924, erhielt er das Bürgerrecht der Schweiz. Und 1954 wurde ihm der Orden «Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste» verliehen. Hermann Hesse stammte aus einer evangelischen Missionarsfamilie und wuchs in einer behüteten und intellektuellen Familienatmosphäre auf. Beide Eltern waren im Auftrag der Basler Mission in Indien tätig.
Was die allerwenigsten Menschen wissen: Sibylle Siegenthaler, die Enkelin von Hermann Hesse, lebt seit vielen Jahren in Bottmingen. Ihr Mann (Hanspeter Siegenthaler) wird mit Sohn Martin den Briefwechsel Hesses mit dem Vater von Sibylle Siegenthaler vortragen. Grund genug für uns, mit dem Ehepaar Siegenthaler ein Gespräch zu führen.
BiBo: Dürfen wir ein paar Angaben über Ihre Person haben?
Hanspeter Siegenthaler: Ich wurde am 22. März 1949 in Basel geboren und wuchs in Birsfelden auf. Ich machte die Ausbildung als Chemiker und MBA, und bin seit über 40 Jahren in Bottmingen wohnhaft und habe mit meiner Gattin zwei gemeinsame Söhne.
Sibylle Siegenthaler: Ich wurde am 30. August 1945 geboren, bin in der Stadt Bern aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung als Kindergärtnerin in Basel – und ebenso lange in Bottmingen wohnhaft wie mein Ehemann.
Ist einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass Sie eine Enkelin von Hermann Hesse sind?
Sibylle Siegenthaler: Hier in der Gegend respektive Region, wohl nicht. Gut, meine ehemaligen Klassenkameradinnen vom Kindergartenseminar in Basel wissen Bescheid und eine Handvoll weiterer Personen. Dann vor allem Hesse-Leser aus Deutschland, aber auch zum Beispiel aus Japan, wissen, dass ich die Enkelin von Hermann Hesse bin. Mein Vater war ja Fotograf und fotografierte Hermann Hesse ab dem Jahre 1933 bis zu seinem Tod im Jahre 1962 regelmässig. Darunter gibt es auch ganz wunderschöne Aufnahmen von meinem Grossvater mit mir. Die sind um die ganze Welt gegangen. Und auch im BiBo dürfen sie erscheinen.
Wann war Ihnen bewusst, dass Ihr Grossvater ein berühmter Dichter und Maler war?
Sibylle Siegenthaler: Schon als Kind war mir das sehr bewusst. Wenn mein Vater, er war der jüngste Sohn von Hermann Hesse, jeweils einen Brief von seinem Vater bekam, hat er ihn meiner Mutter und mir jeweils nach dem Mittagessen vorgelesen. Das war immer ein kleines Fest. Ich habe natürlich schon in meiner Jugendzeit Bücher und Gedichte meines Grossvaters gelesen, «Siddhartha» und «Narziss und Goldmund» hab ich verschlungen. Und ich habe ihm hie und da auch geschrieben und ich erhielt jeweils innert drei Tagen eine liebevolle Antwort von meinem Grossvater.
Was dürfen wir von dieser Lese-Matinée im Burggartenkeller erwarten? Sind die Briefe, welche Sie mit Ihrem Sohn vortragen werden, eine Exklusivität?
Hanspeter Siegenthaler: Ja, das sind sie wirklich, eine Exklusivität. Wir haben den gesamten Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und seinem jüngsten Sohn Martin, er ist bis heute unveröffentlicht, in mühsamer Arbeit transkribiert und digitalisiert. Aber es hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt: Dieser Briefwechsel, er beinhaltet rund 1500 Briefe, ist ein Zeugnis einer wundervollen Vater-Sohn-Beziehung. Aber auch in biografischer Hinsicht ist er sehr interessant und ein wertvolles Zeitdokument. Martin Hesse war eben auch ein sehr guter Briefeschreiber. Hesse schreibt dazu unter anderem: «Ich freue mich, dass in Deinen Briefen immer was Richtiges drinsteht, das genau beschrieben ist und was man vor seinen Augen sieht, so in Deinem letzten Brief die Beschreibung der Aarefahrt mit der verfluchten Betonböschung bei den Elektrizitätswerken (Anmerkung der Redaktion: Martin ist da mit seinem Faltboot auf der Aare gekentert)».
Dieser Briefwechsel ist auch ein Zeugnis dafür, wie Hermann Hesse sich sein Leben lang liebevoll um alle seine drei Söhne und seine erste Frau, Mia Hesse-Bernoulli, gekümmert hat. Übrigens, im Januar und Mitte März dieses Jahres haben wir als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung «Zwischen den Fronten. Der Glasperlenspieler Hermann Hesse» im Literaturhaus Berlin zwei Lesungen gehalten. Jene, die wir im Burggartenkeller vortragen werden und dann auch noch die Fortsetzung. Diese Ausstellung in Berlin, die auch noch in anderen Ländern gezeigt werden wird, und vielleicht auch in Basel, basiert zu einem grossen Teil auf unserem Briefwechsel.
Hatte Hermann Hesse auch einen Bezug zu unserer Region?
Sibylle Siegenthaler: Oh ja! Der Vater von Hermann Hesse, Johannes Hesse, war von Beruf Missionar und hat in dieser Eigenschaft für die Basler Mission gearbeitet. Im Jahre 1881 wurde Johannes Hesse mit einem Lehrauftrag in Missionsgeschichte von Calw, im Nordschwarzwald, nach Basel berufen. Hermann war damals vier Jahre alt. Die Familie Hesse hatte eine schöne Zeit in Basel, viel Austausch mit anderen Missionaren, ein viel angeregteres kulturelles Leben als in Calw und sie verkehrten in den besten Basler Kreisen. Nach zwei Jahren erhielten Johannes Hesse und seine Familie, also auch der kleine «Hermännle», das Basler Bürgerrecht. Vorher war Johannes Hesse russischer Staatsangehöriger, denn er stammte ursprünglich aus dem Baltenland.
1886 musste die Familie leider wieder zurück nach Calw, um Hermann Gundert, den Schwiegervater von Johannes Hesse, bei der Leitung des Calwer Verlagsvereins zu unterstützen. 1899, nach Beendigung seiner Lehre als Buchhändler in Tübingen, kommt Hermann Hesse wieder nach Basel – er tritt eine Stelle bei der Reich‘schen Buchhandlung in der Freien Strasse in Basel an. Bald erneuert er die Beziehungen zur Pfarrersfamilie La Roche und zur Familie des Staatsarchivars Rudolf Wackernagel, die sein Vater in den Jahren 1881 bis 1886 aufgebaut hatte; und ist dort ein gern gesehener Gast.
Im Jahre 1902 lernt er Mia Bernoulli kennen, die zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Tuccia an der Bäumleingasse 14 ein Atelier für Kunstfotografie betreibt. Mia und Hermann Hesse verlieben sich ineinander. Nach einer gemeinsamen Italien-Reise im Jahre 1903 heiraten beide im Jahre 1904. Sie haben dann zusammen drei Söhne, Bruno, Heiner und Martin Hesse.
Wir danken Frau und Herrn Siegenthaler für das Interview. Und sind sicher, dass am übernächsten Sonntag, den 25. März, der Burggartenkeller anlässlich dieser Matinée (Beginn ist um 10.30 Uhr) bis auf den allerletzten Platz besetzt sein wird.
Georges Küng