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Herr Furler, Herr Girod, erzählen Sie von den Anfängen des Kinos.
M. Girod: Der Bau des Kinos im Jahr 1948 war seiner Zeit ziemlich voraus, seine Innenausstattung ist wahrscheinlich nicht nur in der Schweiz einzigartig. Gebaut wurde es von Roman Clemens, der vom Bauhaus kam. Das «Studio 4» ist der seltene Fall eines Kinos aus jener Zeit, das weitgehend erhalten ist.
A. Furler: 30 Jahre wurde es privatwirtschaftlich betrieben. Im Zuge des Kinosterbens der 70er und 80er Jahre hat dann auch das «Studio 4» seinen kommerziellen Betrieb aufgegeben. Damit wurde der Platz fürs «Filmpodium» frei. Die Begriffe «Studio 4» und «Filmpodium» wurden seither nebeneinander verwendet, was oft für Verwirrung sorgte; daher sollen das Kino und die Institution künftig nur noch unter dem Namen «Filmpodium» auftreten.
Girod: Das «Filmpodium» gab es schon vor dem Umzug, allerdings ohne feste Bleibe. 1970 hatte die Stadt damit angefangen, das privatwirtschaftliche Kino vor allem im filmhistorischen Bereich zu ergänzen. Dazu kamen etwa auch Filme aus den sozialistischen Staaten, für die man, im Zuge des staatlichen Kulturaustausches, nach Spielorten suchte.
Furler: In Deutschland entstanden zu dieser Zeit die kommunalen Kinos. Auch Zürich wollte jetzt selber ein Kino betreiben.
Hat das auch damit zu tun, dass die Stadt in den aufbruchbewegten 60er Jahren den Einfluss der autonomen Kinos nicht zu gross werden lassen wollte?
Girod: Das Filmpodium ist aus dem Zürcher Filmclub entstanden, dessen Vorstellungen – der Not und nicht dem eigenen Trieb gehorchend – nur für die Mitglieder zugänglich waren. Denn die sturen Verbandsstrukturen erlaubten in den 50er und 60er Jahren keine Öffentlichkeit. Daher war es ideal, dass die Stadt den Club übernommen hat. Aber die Entwicklung hatte auch mit der Stimmung zu tun, damit, dass auch andere, vorher scheel angeguckte Kunstbereiche, wie zum Beispiel der Jazz, plötzlich als förderungswürdig wahrgenommen wurden.
Furler: Zur Zürcher Kinokultur gehört auch die Geschichte des Kinos Xenix, das aus dem autonomen Jugendzentrum hervorgegangen ist. Es wird von der Stadt subventioniert.
Eine Konkurrenz für Sie?
Girod: Im Kulturbereich sind Monopole schädlich. Deswegen bin ich froh, dass es noch die anderen gibt. Immer wenn wir einen Film nicht bringen können, können wir uns sagen: das macht vielleicht das Xenix oder die Rote Fabrik. Ansonsten wäre der Entscheid viel schwieriger, einen Film ausfallen zu lassen.
Sie haben Filmreihen, die Werke eines Regisseurs vorstellen, einen thematischen Schwerpunkt herausgreifen oder die Filmproduktionen bestimmter Epochen oder Länder zeigen. Nach welchen Gesichtspunkten stellen Sie das Programm zusammen?
Furler: Wir interessieren uns für alles, was das kommerzielle Kinoangebot ergänzt, für Filme, die dort keine Chance haben und für Filme, die man nicht so leicht bekommt, etwa weil sie inzwischen historisch geworden sind. Und innerhalb dieses gewaltigen Feldes suchen wir nach einer Balance zwischen leichteren und schwereren Zyklen.
Girod: Selbst an einem so privilegierten Ort wie Zürich können die privatwirtschaftlichen Kinos die Weltproduktion nicht abdecken, und es gibt so manches, was durch die eingespielten Kanäle verloren geht. Durch den Tick mit den Dogmafilmen sieht man plötzlich überall Filme aus Dänemark. Aber Filme aus der Mongolei oder einen Schwerpunkt über Syrien sieht man nur im «Filmpodium». Dazu gibt es den weiten Bereich der Filmgeschichte, durch den wir immer wieder andere Fährten verfolgen.
Wie kommen Sie an Ihre Filme? Fahren Sie in die Mongolei oder nach Syrien?
Girod: Wir fahren an Festivals. Das hat auch den Vorteil, dass es dort etwa mongolische Filme mit Untertiteln gibt. Schon auf einem Festival wie in Berlin ist das Überangebot total. Im Zweifelsfall gehe ich zum Forum des jungen Films, wo man ein alternatives Angebot findet. Wichtig sind auch die Retrospektiven und neu restaurierte Klassiker, da wir weder ein eigenes Archiv haben, noch Filme restaurieren können.
Furler: Hier liegt auch der Grund, weshalb ein Kino wie unseres nur mit öffentlicher Unterstützung betrieben werden kann. Es liegt nicht etwa an geringen Zuschauerzahlen. Diese sind mit circa 60 000 Besuchern pro Jahr konstant. Unser Aufwand ist viel grösser als bei kommerziellen Kinos. Es ist oft sehr kostspielig, die Filme für eine Serie aufzutreiben.
Wie sieht es mit der Kontrolle aus? Gibt es ein Komitee, das auf Ausgewogenheit achtet?
Girod: Wir sind in der Programmwahl frei. Vor über 10 Jahren kam ich mit einer gewissen Skepsis hierher, weil ich eigentlich dachte: Kultur macht man am Besten so staatsfern wir möglich. Doch in den vergangenen10 Jahren ist es nie passiert, dass es eine politische Einmischung gegeben hätte. Die einzige Grenze ist die, dass wir nicht mit öffentlichen Mitteln Wahlpropaganda treiben dürfen.
Gewalt, Blasphemie oder Rassismus im Film – wo setzen Sie da die Grenze? Haben Sie sich da auch die Aufgabe gesetzt, einen Ein- oder Überblick zu geben?
Girod: Wer etwas sehen will, der muss es sehen können. Den antisemitischen Propagandafilm «Jud Süss» etwa haben wir gezeigt, mit Einführung und Diskussion. Tabuisierung wäre schädlicher. Doch nicht alles, was gezeigt wird, muss ein städtisches Kino zeigen.
Wie füllen Sie Ihren Kinosaal?
Furler: Wir müssen versuchen, für jede Reihe ein spezifisches Publikum zu finden, über das rein filminteressierte Publikum hinaus. Dafür haben wir auch unsere Pogrammzeitung, die über 40 Filme pro Monat dokumentiert.
Girod: Dabei haben wir mit unserem Programm nicht den Anspruch, nur Meisterwerke zu zeigen. Zu einer bestimmten Filmreihe gehören auch die schlechteren Filme. Bei der Vorstellung eines Regisseurs muss man auch sehen, wir er sich hochgearbeitet hat.
Ihr Stammpublikum macht das mit, aber wie können Sie damit die Leute vom Fernseher weglocken?
Girod: Das Fernsehen kommt bei einem Publikum an, das wir kaum mehr erreichen. Doch im Fernsehen kommt die ästhetische Komponente und das gemeinsame Erlebnis zu kurz. Filme büssen Emotionalität ein, wenn sie nicht im Kino gezeigt werden. Fernsehen ist eine Ergänzung, aber keine Konkurrenz.
Und wie überzeugen Sie die, für die das Kino bisher keine ernstzunehmende Alternative zum bildungsbürgerlichen Theater- und Opernbesuch ist?
Girod: Kino wird häufig nicht als Kultur wahrgenommen. Das sieht man auch an der in den Feuilletons verbreiteten Auffassung, Filmkritiken könne jeder schreiben. Kommt ein neuer Praktikant, dann wird er ins Kino geschickt. Niemandem würde es einfallen, jemand so leichtsinnig in eine Theateraufführung zu setzen. Auch ein Programmkino wie das «Filmpodium» hat also Imageprobleme?
Girod: So ist es. Niemand, der an Literatur denkt, denkt dabei zuerst an die quantitativ dominierende Kioskliteratur, und niemand, der an Musik denkt, denkt zuerst an die Schallberieselung in den Kaufhäusern. Aber beim Kino ist es umgekehrt: Man denkt immer zuerst an das quantitativ dominierende Angebot der Mainstream-Kinos. Und da gibt es eine Menge Schrott.
Kommen wir auf den etwas verlotterten Charme des Kinos vor der Renovierung zu sprechen. Ich hoffe, er ist nicht verloren gegangen.
Furler: Wir haben vor allem versucht, das denkmalgeschützte Kino architektonisch in den Zustand seiner Entstehungszeit zurückzuversetzen. Die Wirkung des grandios gestalteten Foyers etwa war durch eine falsche Beleuchtung zerstört worden. Wir haben ausserdem für eine bessere Klimatisierung gesorgt, eine neue Ton-anlage und eine bequemere Bestuhlung eingebaut.
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Girod: Wir möchten unsere Filme mehr als früher in einen Strauss von Veranstaltungen einbetten. Es muss immer wieder, mit unterschiedlichen Leuten und unterschiedlichen Formen, Leben ins Kino gebracht werden. Eine Filmeinführung muss nicht trocken akademisch sein. Dass wir eine filmkulturelle und filmhistorische Institution sind, schliesst ja nicht aus, dass wir auch zum Showbusiness gehören und das Kino mit einer gewissen Lust betreiben.