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Für die Fête des Vignerons 2019 unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs Daniele Finzi Pasca wurde der in der Romandie und französischsprachigen Bühnenwelt beheimatete Schauspieler Michel Voïta, 62, für die Rolle des Grossvaters ausgewählt. Die Show erzählt die Geschichte des Mädchens Julie und ihres Grossvaters; der Dialog zwischen den beiden zieht sich durch jedes Bühnenbild. Michel Voïta, der in Cully geboren wurde, mittlerweile selbst in Vevey wohnt und Grossvater von fünf Enkeln ist, freut sich sehr über das Angebot dieser Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist.
Der Wein hat mein Leben geprägt. Zunächst einmal bin ich in Cully aufgewachsen, mitten im Weinbaugebiet und in einer echten Weinkultur. Gegenüber von uns wohnte der Komponist der Fête von 1955, und ich weiss noch, wie ich ihn das Haus verlassen sah. Ich war damals ein unglücklicher Jugendlicher. Es ging mir oft nicht gut, und ich war sehr rebellisch. Ich hatte eine schwierige Kindheit mit einem Vater (Apotheker), der lange Zeit sehr krank war. Bevor ich mit der Schauspielausbildung begann, habe ich in Cully den Beruf des Winzers erlernt. Von meinen drei Ausbildern habe ich extrem viel gelernt, sowohl über mich als auch über das Leben. Sie haben mir sehr wohlwollend beigebracht, die Zähne zusammenzubeissen. Sie zeigten mir, wie man gewissenhaft eine Aufgabe zu Ende bringt und wie befriedigend es ist, eine Sache gut zu machen. Einmal wurde ich regelrecht angemotzt, weil ich mich in der Pause auf ein Mäuerchen mit dem Rücken zum See gesetzt habe. «Schau gefälligst auf den See!», wies mein Winzer mich zurecht. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Diese Welt berührt mich einfach sehr, und meine Fähigkeiten, die ich als Schauspieler unter Beweis stellen kann, verdanke ich diesen Jahren auf den Weinbergen. Als ich eine schwierige Zeit am Theater hatte, wusste ich, dass ich durchhalten und das Ganze zu Ende bringen würde. Ich wollte eigentlich nie in Paris leben, obwohl ich dort sogar eine Wohnung hatte. Es gehörte einfach zum guten Ton. Aber ich brauche den Genfersee wie die Luft zum Atmen; diesen See, der das Lavaux massgeblich prägt. Der See war schon immer mein Vertrauter. Schon als Kind habe ich mit dem See gesprochen, egal, ob ich fröhlich oder traurig war. Meine heimliche Heimat, «der heimliche Freund», wie Camus sagte, reichte von Lutry über Vevey bis nach Forel. Wenn ich in dieser Gegend bin, dann bin ich ganz und gar zu Hause. Diese Region ist das Holz, aus dem ich gemacht bin.
Ich habe die Jahre während meiner Winzerausbildung sehr gemocht, aber sie haben mich auch gelehrt, dass ich für dieses Metier auf lange Sicht nicht gemacht bin. Was mich wirklich gereizt hat, war das Theater, das ich bereits als Hobby mit viel Spass und Erfolg gespielt habe. Da habe ich verstanden, dass ich es zum meinem Beruf machen will. Kurz vor der Fête 1977 habe ich meine Eignungsprüfung an der Schauspielhochschule in Strassbourg bestanden. Damals fand ich die Fête viel zu gewöhnlich. So kam es, dass ich den ganzen Sommer über kein Engagement hatte. Und dann hat mich Charles Apothéloz doch noch als Assistent engagiert, und ich habe die gesamte Fête über den nördlichen Eingang bewacht. Als dann der erste Ranz des Vaches angestimmt wurde, stand ich direkt unter der Tribüne: Die Zuschauer standen plötzlich alle auf und die Tribüne wackelte so sehr, dass alles zusammenzubrechen drohte! Die Fête war ein grossartiges Erlebnis! Während der gesamten Fête bin ich nicht einmal nach Hause nach Cully gefahren. In jenem Sommer habe ich eine Frau kennengelernt; da wusste ich schon, dass ich nach Strassbourg gehen würde. Drei Jahre später hatte ich meinen Abschluss als Schauspieler in der Tasche und die Frau, die inzwischen meine Ehefrau geworden war, war mit unserem ersten Sohn schwanger.
Der damalige Regisseur François Rochaix hat mir damals diese Rolle anvertraut. Das war etwas Besonderes, denn jeden Tag bin ich in die Arena gegangen, habe die Ehrenloge bestiegen und mir die Show angeschaut. Anschließend habe ich Texte von Rousseau von der Etage über dem Café de la Clef aus vorgetragen, wo der Philosoph früher Quartier bezogen hat. In jenem Jahr habe ich in Vevey Laurence geheiratet, die ich auf der Fête 1977 kennengelernt habe! Als Trauzeugen habe ich mir unsere zwei Kinder gewünscht, was dann auch möglich war, weil sie zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig waren.
Ja, ich habe fünf Enkel, der Älteste ist 17 und der Kleinste knapp zwei Monate alt. Dann gibt es noch 17-jährige Zwillinge und einen siebenjährigen Jungen. Ich liebe Babys, und ich liebe es, Grossvater zu sein. Das hätte ich nie gedacht, denn ich hatte eine grauenvolle Jugend. Damals habe ich nicht damit gerechnet, lange zu leben, geschweige denn, jemals eine Familie und Nachkommen zu haben, die mich erden werden! Das ist für mich ein Geschenk des Lebens. Regelmässig sind wir ein Dutzend Leute beim Essen zu Hause, ich sehe meine Enkelkinder oft, sie übernachten oft bei uns. Ich glaube, dass es mehr als zwei Menschen braucht, um ein Kind grosszuziehen, und die Grosseltern spielen in der Erziehung der Kinder eine sehr wichtige Rolle.
Die Fête des Vignerons ist eine aussergewöhnliche Zeitmarke. Es gibt einen Ort auf der Welt, der eine Zeitmarke bietet, und dieser Ort ist hier. Ich denke, an diesem Punkt meines Lebens kann ich eine Arena mit 20’000 Menschen betreten, ohne davon überwältigt zu sein. Und wenn es einen Grossvater gibt, muss es ja auch einen Enkel oder eine Enkelin geben. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit den Mädchen, die die kleine Julie spielen werden. Ich habe einen guten Draht zu Kindern, auch durch meine regelmässige Zusammenarbeit mit dem Petit Théâtre in Lausanne. Ich werde mit der kleinen Julie aufmerksam und respektvoll umgehen, sie begleiten, es ihr auf der Bühne so angenehm wie möglich machen und alles tun, damit sie eine schöne Fête erlebt!
Interview mit Isabelle Falconnier – Bild header: Jean-Claude Durgniat | oZimages – Porträts : © Nuno Acacio