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Das Heinrichsmünster im Königreich Burgund?
Basel hat als Grenzort eine lange Tradition. Das zeigt auch die stetig wechselnde Zugehörigkeit der Stadt am Rhein. Ab dem frühen 10. Jahrhundert gehörte Basel nicht mehr zum karolingischen Reich, sondern zum Königreich Burgund. Dieser Übergang wirkte sich möglicherweise auch auf einen 1019 geweihten neuen und mächtigen Kathedralbau aus: Das Heinrichsmünster.
Vom Haito-Münster zum Heinrichsmünster
Lag Basel im 9. Jahrhundert noch im karolingischen Reich, gehörte es seit dem frühen 10. Jahrhundert zum Königreich Burgund. Der Einfluss der deutschen Könige wurde gegen Ende des 10. Jahrhunderts in der Region spürbar. Nach einem von 1006 bis 1032 dauernden Übergang kam Basel als Pfand und Erbmasse an das Heilige Römische Reich. Wirkte sich dieser Wechsel auch auf den Kathedralbau aus, der 1019 in Anwesenheit von Kaiser Heinrich II. geweiht wurde? Wie kam es überhaupt zu diesem Neubau, dem «Heinrichsmünster», der das vorgängige «Haito-Münster» ablöste?
Die bisher älteste archäologisch nachgewiesene Kathedrale in Basel stammt aus dem 9. Jahrhundert, aus der Amtszeit von Bischof Haito. Das Haito-Münster hatte eine einfache Architektur – ein Saal mit Nebenschiffen – und eine innovative Westfassade mit zwei Rundtürmen. Die massiven, bis zwei Meter breiten Fundamente dienten als Baulinien für alle nachfolgenden Bauten. Leider weiss man zur weiteren Geschichte des Haito-Münsters kaum etwas. Ein lediglich in einer schriftlichen Quelle überlieferter Angriff ungarischer Reiterheere, der 917 Basel heimgesucht haben soll, ist archäologisch bisher nicht nachgewiesen. Woher der Sarkophag eines Bischofs namens Rudolf stammt, der von ebendiesen Heiden erschlagen worden sein soll und heute im Umgang der Krypta steht, wissen wir ebenfalls nicht. Einen Bischof Rudolf finden wir in keiner Bischofsliste. So bleibt die Geschichte des Münsters im 10. Jahrhundert vorerst im Dunkeln.
Eine Stadt entsteht
Wir wissen aber dank Ausgrabungen am Petersberg, dass zur gleichen Zeit eine Talstadt entstanden ist. Darunter hat man sich noch keine in Stein gebaute Stadt vorzustellen, sondern eine Ansammlung von Holz- und Fachwerkbauten, in denen Handwerksbetriebe und Gewerbe untergebracht waren. Weitere Siedlungskerne gab es womöglich um St. Leonhard, um St. Martin, am Andreasplatz und vielleicht auch am Barfüsserplatz. Eine Stadtmauer gab es zu dieser Zeit hingegen nicht; sie folgte erst gegen Ende des 11. Jahrhunderts, als die Siedlungskerne allmählich zusammenwuchsen. Womöglich waren diese Schritte hin zu einer «eigentlichen Stadt» eine zentrale Voraussetzung für den Neubau der Kathedrale.
Warum eine neue Kathedrale?
Die Gründe für einen neuen Kathedralbau können vielfältig sein: Vielleicht war das Haito-Münster schlicht und ergreifend baufällig. Oder man erachtete es als nicht mehr zeitgemäss. Dass das Jahr 1000 – die Jahrtausendwende – eine besondere Rolle gespielt haben könnte, ist dagegen unwahrscheinlich. Neben der Unsicherheit der kalendarischen Festlegung des Jahres 1000 ist auch keine besondere apokalyptische Endzeiterwartung auszumachen.
Stattdessen lässt sich feststellen, dass vielerorts grosse Bauprojekte angestossen wurden. So in unmittelbarer Nachbarschaft: In Strassburg, Konstanz, Lausanne und Besançon wurde an Kathedralen gebaut. Ein Bauboom, der vielleicht auch einen «Baudruck» auslöste: Jeder Bischof wollte – sofern er denn konnte – eine neue schöne Bischofskirche errichten. Der burgundische Mönch Rudolfus Glaber (980-1050) vermerkte: «Man begann in fast der ganzen Welt, insbesondere in Italien und Gallien, Kirchenbauten zu erneuern, und zwar auch dort, wo sie nicht notwendig waren, denn jede christliche Gemeinschaft setzte ihren Ehrgeiz darein, gegenüber einer anderen an einem stattlicheren [Kirchenbau] Befriedigung zu finden».
Eine burgundische Planung?
Der Grundriss des Heinrichsmünsters, den wir dank der Ausgrabungen der 1960er und 1970er Jahre kennen, erlaubt eine Rekonstruktion der Kathedrale: Auf den Mauern des Vorgängerbaus führt ein Langhaus mit Nebenschiffen nach Osten in eine grosse Choranlage. Eine erhöhte Vierung – der Raum, der beim Zusammentreffen von Hauptschiff und Querschiff entsteht – leitet in den Hochchor über. Darunter liegt eine grosse zweiteilige Krypta. Diese besteht aus einer mit vier Stützen versehenen hallenförmigen Ostkrypta mit einem nach oben offenem Umgang. Unter der Vierung liegt eine weitere, rund 100 Quadratmeter grosse Hallenkrypta mit zwölf Stützen. Der Chor und die Zugänge zur Krypta werden von Türmen flankiert. Bis ins späte 11. Jahrhundert bleibt das Münster ohne die heute so charakteristischen Westtürme.
Verwandte im Süden und Südwesten
Sucht man nach vergleichbaren Bauten, findet man enge Verwandte im Süden und Südwesten: Nahegelegen mit der Erzbistumskirche Besançon, dem auch Basel angehörte, weiter südlich in Lausanne und schliesslich in Norditalien, mit dem Dom von Ivrea. Gemeinsam ist diesen Kathedralen, dass sie relativ schlichte Anlagen ohne Querhaus und ohne Westtürme sind. Man darf also vermuten, dass das Heinrichsmünster noch in Basels burgundischer Zeit geplant und in einer Zeit des Übergangs ausgeführt wurde.
Info-Stelle zur Krypta
Zum 1000-jährigen Jubiläum des Heinrichsmünsters hat die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt in der bisher unzugänglichen Krypta unter der Vierung eine multimediale Informationsstelle eingerichtet. Diese ist während der Öffnungszeiten des Basler Münsters frei zugänglich (jeweils von Mitte Mai bis Mitte Oktober).
Autor
Marco Bernasconi studierte Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte des Mittelalters in Zürich. Er ist seit 2009 Mitarbeiter der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und leitet seit 2019 die Abteilung Ausgrabung. Seine Forschungstätigkeit fokussiert auf Stadtarchäologie und Sakralbauten. Als Gründer und Inhaber von archaeolab entwickelt und begleitet er Rekonstruktionen von historischen und archäologischen Objekten und Szenen.
Der Beitrag zum Heinrichsmünster erschien in Zusammenarbeit mit dem Projekt Stadt Geschichte Basel.
Literatur
Hans-Rudolf Meier, Dorothea Schwinn Schürmann et al.: Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band X, «Das Basler Münster». Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2019.
Marco Bernasconi, Hans-Rudolf Meier: Das Heinrichsmünster: Baugeschichte, Bestand, Rekonstruktion, in: Marc Fehlmann et al. (Hg.): Gold und Ruhm. Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II., München 2019.