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Vom 18. Jh. an wurden in der Gem. Nyon sporadisch Funde gemacht, die von der ehemaligen röm. Kolonie Iulia Equestris stammen. Dank der Forschungen lokaler Gelehrter, insbesondere Théophile Wellauers, wurden die Entdeckungen gegen Ende des 19. Jh. häufiger und regelmässiger. Zur Aufbewahrung der Fundobjekte wurde mit Hilfe der Gem. Nyon, die ab 1841 für diese Idee gewonnen werden konnte, ein Museum eingerichtet. 1875 veröffentlichte Johann Jakob Müller in Zürich eine erste Gesamtsicht der Kolonie. Ab 1930 verdichteten sich die Beobachtungen und Ausgrabungen; die antike Stadtanlage wurde nach und nach erkennbar. 1974 gab die spektakuläre Entdeckung der Basilika im Forum - dort wurde 1979 ein neues röm. Museum eingeweiht - der Forschung neue Impulse. Seit diesem Zeitpunkt werden systematische archäolog. Ausgrabungen durchgeführt.
Das Territorium der C. erstreckte sich zwischen Jura, Rhone und Genfersee. Die Grenze zum Gebiet der Helvetier bildete vielleicht die Aubonne, die spätere Trennungslinie zwischen den Diözesen Lausanne und Genf, oder - sofern man sich auf die Ausdehnung der Limitationsnetze und die Meilensteine abstützt - die Venoge bzw. die Morge (morga = gall. für Grenze). Das Zentrum der röm. Stadt lag auf einem erhöhten Plateau zwischen den Bächen Asse und Cossy, an derselben Stelle wie später das ma. Schloss und die Altstadt von Nyon. Die leicht zu verteidigende Anhöhe beherrschte das Seeufer, an dem die Spuren menschl. Besiedlung bis ins Neolithikum zurückreichen. Auf dem Hügel selber fanden sich bis heute keine Siedlungsreste, die aus der Zeit vor der Koloniegründung datieren. Obwohl der ursprüngl. Name der Stadt, Noviodunum (neue Festung), sicher gall. Ursprungs ist, erscheint er erst gegen 400 n.Chr. in schriftl. Quellen. Julius Caesar gründete die C. wahrscheinlich zwischen 46 und 44 v.Chr., um den südl. Ausgang des schweiz. Mittellands, in dem die Helvetier nach ihrer Niederlage bei Bibracte im Jahr 58 v.Chr. gegen ihren Willen angesiedelt wurden, zu kontrollieren und das Rhonetal und die Verkehrswege nach Italien zu sichern. Die ersten Kolonisten waren Armeeveteranen, v.a. Kavalleristen. Sie erhielten Landlose, die von den Helvetiern beschlagnahmt und in gleichmässige Einheiten, sog. Zenturien, aufgeteilt worden waren. Spuren solcher Vermessungssysteme sind mit neueren Untersuchungen belegt worden. Unter Ks. Augustus erlebte die Kolonie einen Aufschwung: Ein rechtwinkliges Rasterschema gliederte das Gebiet der mauerlosen Stadt; ein monumentales Zentrum, unabdingbar für das polit., religiöse, wirtschaftl. und soziale Leben der Kolonie, wurde errichtet. Dieses erste Forum kennt man nur teilweise. An dessen Ostende stand eine zweistöckige Basilika, deren Erdgeschoss durch eine mittig angeordnete Reihe von Holzsäulen in zwei Schiffe gegliedert war, sowie wahrscheinlich Thermen. Unter Ks. Tiberius wurde das Forum erweitert und nach einem in den Provinzen geläufigen Schema umgestaltet: Die area sacra wurde auf drei Seiten von Säulenhallen umgeben, die über halb eingetieften Kryptoportiken errichtet waren; in der Mittel lag der bis heute noch nicht entdeckte Haupttempel. Auch eine neue Basilika wurde gebaut. Sie bestand nun aus einem Hauptschiff mit zwei Apsiden; das Hauptschiff war von einer Säulenstellung eingefasst, die eine umlaufende Galerie trug. Zwei Nebengebäude, darunter höchstwahrscheinlich eine Curia (Sitz des Dekurionenrats), flankierten den Bau. Ein Marktgebäude (macellum) mit zentralem Innenhof, um den herum die Verkaufsräume lagen, und die Thermen (Tepidarium mit geometrisch gestaltetem Mosaik) wurden renoviert. Das Forum erlebte noch weitere Umgestaltungen, insbesondere die Errichtung eines grossen Gebäudes. Auf dieselbe Bauphase geht wohl das Mosaik, auf dem der aus den Fluten auftauchende Sonnenwagen dargestellt ist, im davorliegenden zentralen Teil des nördl. Portikus zurück. Das Amphitheater, das 1996 entdeckt wurde, stammt vermutlich aus dem frühen 2. Jh. n.Chr. Seine Arena, die von zwei Kerkern flankiert und mit Abwasserkanälen versehen war, mass ca. 50 auf 36 m. Ein szenisches Theater wurde bis heute nicht gefunden.
Das Wohnquartier umfasste neben bescheideneren Häusern auch einige schöne domus mit Gärten und Wasserbecken. Die Bauten waren ursprünglich aus Holz und Lehm; erst seit der Mitte des 1. Jh. n.Chr. wurden sie in Mauerwerk ausgeführt. Einige mit Mosaiken ausgestattete villae suburbanae standen im Westen der Ortschaft, während sich das Handwerker- und Händlerquartier vermutl. im Südwesten entwickelte. Ein 10 km langer Aquädukt, der aus der Gegend von Divonne in die Kolonie führte, sicherte die Wasserversorgung; Abwässerkanäle, die den Strassenachsen folgten, leiteten das Schmutzwasser in den See ab. Auch wenn eine Stadtmauer fehlt, so erlaubt die Lage der nur ungenügend erforschten Gräberfelder doch den Schluss, dass sich das Stadtgebiet nicht weit ausdehnte. Brandgräber wurden v.a. im Norden des Platzes Perdtemps und in Clémenty entdeckt.
Iulia Equestris war eine Kolonie röm. Rechts und hatte enge Verbindungen zu Vienne, der Hauptstadt der Allobroger. Die Stadt wurde durch zwei duumviri verwaltet, welche den Dekurionenrat (decuriones) präsidierten; die duumviri konnten auch durch einen praefectus pro duumviri ersetzt werden. Die Beamtenliste wurde durch die aediles und einen praefectus arcendis latrociniis vervollständigt, der mit der Bekämpfung des Räuberunwesens beauftragt war. Dem flamen Augusti und der flaminica Augustae oblag zusammen mit einem sechsköpfigen Priesterkollegium (seviri Augustales) der Kaiserkult.
Die Kolonie, die durch Strassen mit Lyon, der Haupstadt der Gallier, mit Avenches, Augst, dem Wallis und Italien sowie durch Wasserwege mit dem Mittelmeer und dem Rhein verbunden war, profitierte von der wirtschaftl. Blüte der frühen Kaiserzeit. Im zu vermutenden Hafen, der im Gebiet des heutigen Quartiers Rive gelegen haben dürfte, besorgten die Genferseeschiffer den Warenumschlag. Importiert wurden z.B. Luxusgeschirr oder Produkte aus dem Mittelmeerraum wie Amphoren mit Wein, Öl oder Fischsauce. Über allfällige Exporte wissen wir bis heute nichts mit Ausnahme eines Bronzetäfelchens, das in der Nähe von Regensburg gefunden wurde. Es trug den Namen des Bronzehandwerkers L. Cusseius Ocellio, der in Nyon arbeitete. Die landwirtschaftl. Anwesen im Umland der Kolonie dürften von Anfang an rentabel gewesen seien, aber mangels archäolog. Befunde tappt man über die Art der Bewirtschaftung, die Grösse und die Dichte der Bauern- und Gutshöfe aus der Frühzeit der Kolonie bis heute im Dunkeln. In der Kaiserzeit brachten die Villen - die grossen Gutsanlagen verfügten oft über luxuriöse Herrenhäuser - sozusagen städt. Komfort und Lebenstil auf das Land; ein Beispiel für diese Form der Romanisierung ist die Villa von Commugny mit ihrem Peristyl, ihren Bädern, ihren Mosaiken und ihren qualitativ hochstehenden Wandmalereien, die in die Jahre zwischen 35 und 45 n.Chr. datiert werden. Nach einer langen Periode des Friedens und Wohlstands mehrten sich im frühen 3. Jh. die Anzeichen einer Krise und allg. Unsicherheit. Als Folge der alemann. Einfälle von 259 oder 260 n.Chr. wurden das Forum und die öffentl. Gebäude der Stadt geschleift; die verstreuten Steinblöcke wurden in der ganzen Genferseeregion als Baumaterial wiederverwendet, insbesondere auch in Genf, wo sie um 300 für den Bau der Ringmauer gebraucht wurden. Aber die Siedlung in Nyon war keineswegs verlassen. Die grosse Nekropole von Clémenty mit Gräbern vom 5. bis zum 8. Jh., die Steinkistengräber in der Grand-Rue, die unweit eines frühmittelalterl. Gebäudes mit Apsiden ausgegraben wurden, und die Erwähnung einer Civitas Equestrium in der Notitia Galliarum um 400 n.Chr. belegen die Kontinuität der Besiedlung ausreichend. Nyon-Noviodunum, das schon viel an Prestige und Ansehen verloren hatte, wurde als regionale Hauptstadt nun von Genf abgelöst. Genf wurde auch Zentrum und Sitz der Diözese, deren Verwaltung anfangs noch um die Autorität im Territorium der caesarischen Kolonie kämpfen musste.
Literatur
– P. Bonnard, La ville romaine de Nyon, 1988
– F. Rossi, «Nyon», in JbSGUF 75, 1992, 221 f.; 80, 1997, 252; 81, 1998, 301 f.; 85, 2002, 322-325
– F. Rossi, L'area sacra du forum de Nyon et ses abords, 1995
– R. Frei-Stolba, «Recherches sur les institutions de Nyon, Augst et Avenches», in Cités, municipes, colonies, hg. von M. Dondin-Payre, M.-T. Raepsaet-Charlier, 1999, 29-95
– V. Rey-Vodoz et al., Nyon: C., 2003
Autorin/Autor: Daniel Paunier / EJ