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Heinz Helle ist ein sprachlicher Schwerstarbeiter. Der Schriftsteller, Philosoph und Werbetexter veröffentlicht bald seinen ersten Roman. Im Neuen Museum Biel liest er heute zusammen mit Paul Nizon.
«Alles beginnt mit einem schönen Satz.» Gemeint ist das Schreiben. Für Heinz Helle bedeutet das, eine Melodie in Gang zu bringen. Eine Tonfolge, eine Klangfolge, die mit dem ersten Satz beginnt und im Kopf bleibt, einen antreibt, Wort für Wort, Satz für Satz. Eine literarische Stimme hat der 34-jährige Deutsche seit jeher, doch erst in Biel habe er gelernt, sich ihrer richtig zu bedienen.
Vielfältige Einflüsse
«Ich will Dichter werden», habe er schon früh zu seiner Mutter gesagt. Sie, selber Schriftstellerin, bringt ihm Thomas Mann näher, auf Empfehlung seiner Schwester, die mittlerweile als Germanistin arbeitet, liest er Goethes Faust und die Werke Franz Kafkas. Helle sucht einen Weg, sich mit der Sprache zu beschäftigen und beginnt ein Philosophiestudium.
«Was wir schreiben, wird von dem beeinflusst, was wir lesen.» Er bewundert den österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein, dessen streng formale und mitunter kryptische Sprache für Helle von grosser Schönheit ist. Er schätzt die Ironie eines Oscar Wilde, den nüchternen Stil von Michel Houellebecq und die Erzählstimme von Franz Kafka, der das Ungeuheuerlichste in grösster Emotionslosigkeit schildern kann. Auch die Lektüre von Dostojewski, natürlich, Imre Kertesz und Wojciech Kuczok prägt sein eigenes Schreiben. «Ich will etwas schreiben, was ich schön finde.»
Werbung als Schreibschule
Zum Treffen im Odéon kommt Heinz Helle direkt von der Arbeit aus Zürich. Noch ist sein Schriftstellerleben von einem zusätzlichen Broterwerb abhängig. Als freier Texter schreibt er für eine Werbeagentur. Für die Werbung ist er seit seinem Philosophiestudium in München tätig. Per Zufall wurde er aufmerksam auf eine freie Praktikumsstelle bei einer grossen deutschen Agentur. Helle bewarb sich mit einem selbsterdichteten Sonett und wurde prompt eingestellt. Die Vorgabe, sich kurz, prägnant und dennoch fesselnd ausdrücken zu müssen, sei seinem literarischen Schreiben sehr zugute gekommen. Das gilt auch für den Kontrast zwischen Werbung und Philosophie: «Der ständige Wechsel, hier ein Slogan für Kartoffelchips, da eine hochkomplexe Abhandlung über das Bewusstsein, auch das hat mir geholfen, meine eigene Sprache zu finden.»
Doch erst in Biel hat er diesbezüglich ein Schlüsselerlebnis. Hansjörg Schertenleib, Dozent am Schweizerischen Literaturinstitut macht ihn mit dem Werk des amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo bekannt. Helle liest ihn im englischen Original und ist begeistert von der treibenden Sprache, die rein über ihren Klang eine unaufhörliche Sogwirkung erzeugt.
In Biel geblieben
Biel war für ihn ein Wagnis. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Als er 2009 in der Stadt eintrifft, um literarisches Schreiben zu studieren, hatte ihn das deutsche Literaturinstitut in Leipzig bereits zum zweiten Mal abgelehnt. Helle gibt sein bisheriges Leben in München auf und zieht in die Schweiz. Die Atmosphäre am Institut beschreibt er als unvergleichlich und fruchtbar. «Zum ersten Mal hatte ich die Legitimation, mich ausschliesslich mit dem Schreiben zu befassen. Es war nicht mehr einfach eine blosse Nebenbeschäftigung. Das hat mir sehr geholfen.»
An Biel schätzt er die ruhige und gleichzeitig weltoffene Art. Das liege wohl an der Zweisprachigkeit. Ausserdem habe die Stadt auch kulturell sehr viel zu bieten. Geblieben ist Helle aber vor allem aus einem anderen Grund. Denn in seiner Kommilitonin Julia Weber hat er seine grosse Liebe gefunden. Das Schriftstellerpaar hat mittlerweile eine einjährige Tochter.
Philosophischer Roman
Auch die Philosophie spielt weiterhin eine bedeutende Rolle in seinem Leben. 2010 reist er nach New York, um an der New York University an seiner Dissertation zu arbeiten. Thema ist die Bewusstseinstheorie des Metarepräsentationalismus. Das klingt kompliziert, und ist es auch. Das Werk, das mittlerweile zu 80 Prozent abgeschlossen ist, wird wohl sein einziges in dieser Richtung bleiben. «Ich betrachte mich nicht als Philosoph. Dafür bin ich nicht genau genug. Die Philosophie arbeitet nur noch daran, sich überflüssig zu machen.» An der Philosophie und am eigenen Ich scheitert auch der Protagonist in Helles erstem, im Februar erscheinenden Roman «Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin». Dieses Ich reist ebenfalls Nach New York, um dort eine Theorie des Erlebens zu entwerfen, verliert sich jedoch im Gedankenlabyrinth des eigenen Bewusstseins. «Vielleicht werden sie eines Tages herausfinden, was es bedeutet, hier zu sein und das zu sehen und das dabei zu empfinden. Was es bedeutet, ich zu sein. Sie werden ein bestimmtes Neuronenmuster entdecken, dessen Komplexität und Frequenz so einzigartig sind, so göttlich, so wunderschön, dass die Erklärung seiner Struktur gleichzeitig seinen Gehalt erklären wird. Dann werden sie sagen: Wir wissen, was Bewusstsein ist. […] Sie werden endlich Kontrolle bekommen über das Ich.»
Der Protagonist empfindet das Bewusstsein als grosse Last. Er ist ein Ich, das verschwinden will. Ein schreibendes Ich, ein Autor-Ich, das sich im Schreiben selbst zu fassen versucht, sich aber ständig entgleitet. Ist das ein autobiografischer Text? Helle gibt zu bedenken, dass er hier nicht eins zu eins eine Episode seines Lebens niedergeschrieben habe, «aber es hilft, wenn man die Probleme und Orte kennt, über die man schreibt.»
(03.12.2013)