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Heute wird Glen Hanlon (57) offiziell als neuer Schweizer Eishockey-Nationaltrainer vorgestellt. Das Versteckspiel hat ein Ende und er muss nicht mehr um seine Sicherheit bangen.
Ein «Trio Grande» hat den Nachfolger von Sean Simpson ausgesucht: Verbandspräsident Marc Furrer, sein Vize Pius-David Kuonen und Sportdirektor Ueli Schwarz. Sie hatten klare Vorstellungen. Der neue Nationaltrainer muss aus praktischer Erfahrung wissen, was eine WM ist, die Eishockeysprache Englisch beherrschen, ein guter Kommunikator sein und sich den Strukturen eines Verbandes anpassen können.
So gesehen ist Glen Hanlon der perfekte neue Nationaltrainer. Er stand als Cheftrainer 2005, 2006, 2009 und 2014 für Weissrussland und 2010 und 2011 für die Slowakei bei der WM an der Bande. Als Kanadier spricht er Englisch. Er hat eine immense Eishockeyerfahrung als Spieler und Trainer. Mit John Fust, dem neuen hauptamtlichen U20-Nationaltrainer, bekommt er einen Assistenten, der ihm das Wesen und Wirken der Schweizer näher bringen wird.
Glen Hanlon hatte in seiner bisherigen Karriere noch nie mit einem Arbeitgeber oder mit den Medien oder den Spielern Probleme. Er ist ein Familienmensch und kein Rock'n'Roller. Er hat sich unter Kontrolle, rastet nicht aus und stellt sich stets vor seine Spieler. Er ist ein begabter Kommunikator.
Bei der WM in Minsk zeigte er in diesem Fach eine Meisterleistung: Die vorzeitig publik gewordene, angebliche Vertragsunterzeichnung in der Schweiz brachte ihn keine Sekunde aus der Fassung. Seine Standardantwort auf alle entsprechende Fragen: «Gibt es eine offizielle Bestätigung? Haben Sie je von mir eine entsprechende Aussage gehört? Na also.»
Hanlon sagte offenbar die Wahrheit. An seiner offiziellen Vorstellung kurz vor Donnerstagmittag hiess es, der Vertrag sei erst heute Morgen unterschrieben worden.
Seine Eishockeyleidenschaft, seine Professionalität und seine akribische Arbeitsweise sind nachgerade legendär. Er ist ein Mann ohne Feinde. Boshaft könnten wir Glen Hanlon als Opportunisten bezeichnen. Fairerweise nennen wir ihn einen klugen Hockey-Diplomaten.
Unser perfekter neuer Nationaltrainer hat nur einen einzigen, kleinen Schönheitsfehler, der allerdings im Sport schon eine gewisse Bedeutung hat: Eine schon fast notorische Erfolglosigkeit. Er hat lediglich mit Weissrussland dreimal die Minimal-Zielsetzung Viertelfinals erreicht (2006, 2009, 2014). Ein Exploit ist ihm nicht gelungen. Alle anderen wichtigen Trainerjobs endeten wegen Misserfolges mit einer Entlassung oder Nichtverlängerung des Vertrages.
Die Trennungen erfolgten stets im gegenseitigen Einvernehmen und ohne Eklat. Eishockeygeschichte hat der ehemalige NHL-Goalie auch geschrieben. Am 14. Oktober 1979 liess er mit Vancouver nach 18:51 Minuten im Powerplay das erste NHL-Tor von Wayne Gretzky zu. Das Spiel endete 4:4.
Diese Erfolglosigkeit hängt paradoxerweise mit seinen Qualitäten zusammen. Glen Hanlon passt sich an. Er ist keine kontroverse und im Vergleich zu seinen Vorgängern Ralph Krueger und Sean Simpson auch keine so charismatische Persönlichkeit. Boshaft könnten wir ihn einen Langeweiler nennen. Fairerweise bezeichnen wir ihn als höflich und hoch anständig, als einen Trainer mit Stil und Klasse.
Erfolgreiche Trainer ecken in der Regel immer irgendwo oder irgendwann an. Weil sie ihre eigene Philosophie durchsetzen. Ohne Konflikte und Polemik gibt es im Eishockey selten grosse Erfolge. Das gilt auch für den Schweizer Nationaltrainer. Ralph Krueger (1997 bis WM 2010) und Sean Simpson (WM 2010 bis WM 2014) sind starke, eigenwillige bis charismatische Persönlichkeiten. Beide haben ihre Philosophie gegen Widerstände durchgesetzt und waren auch deshalb erfolgreich.
Nun wird Ralph Kruegers und Sean Simpsons Erbe also Glen Hanlon anvertraut. Der Kanadier verdient eine Chance. Seine Mission mit der weissrussischen Nationalmannschaft ist beendet und er kann ab heute endlich mit dem Versteckspiel aufhören.
Durch eine Indiskretion war die angebliche Vertragsunterzeichnung mit unserem Verband schon während der WM publik geworden. Die NZZ berichtet genüsslich, Glen Hanlon soll in Minsk gegenüber Exponenten des Verbandes angedeutet haben, er fürchte um die eigene Sicherheit und jene seiner Familie, sollte die vorzeitige Vertragsunterzeichnung offiziell werden. Ein kurzfristig angesetzter Krisengipfel habe in Minsk im fahrenden Auto stattgefunden. Wie in einem Roman von John Le Carré. Die Werke des britischen Spionage-Thriller-Autors gelten als Weltliteratur. Die Literaturkritiker sagen, man werde ihn noch in hundert Jahren lesen.
Ob auch Glen Hanlons Taten an unserer nationalen Bande noch in hundert Jahren besungen werden, bleibt offen. Einige von John Le Carrés Romantitel passen aber schon jetzt recht gut zu unserem neuen Nationaltrainer. «Eine Art Held» oder «Der Trainer, der aus der Kälte kam.» Und dass Glen Hanlons Assistent John Fust einst kurze Zeit für den kanadischen Geheimdienst gearbeitet hat, passt auch gut zur ganzen Angelegenheit.