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Seit zwanzig Jahren berichte ich an dieser Stelle jeweils über ein mehr oder weniger verrücktes wissenschaftliches Experiment. Heute will ich diese Routine verlassen und einen Rückblick wagen. In letzter Zeit häuften sich nämlich die Fälle, in denen die Ergebnisse wissenschaftlicher Versuche korrigiert oder sogar zurückgezogen werden mussten. Und davon sind auch einige «meiner» Studien betroffen.
Die Widerrufe fallen in verschiedene Kategorien: Bei einigen Studien wurde schamlos betrogen, bei anderen zeigten Recherchen, dass sie nie auf die beschriebene Weise durchgeführt worden waren. Den grössten Anteil hatten aber Experimente, deren Resultate sich bei ihrer Wiederholung nicht bestätigen liessen.
Dass es mit der Reproduzierbarkeit von Ergebnissen ein Problem gibt, fiel zuerst in der Psychologie auf. 2015 publizierte die Fachzeitschrift «Science» das Resultat des sogenannten Reproducibility Project: 270 Wissenschafter aus aller Welt wiederholten 100 Psychologiestudien, die im Jahr 2008 in angesehenen Fachzeitschriften erschienen waren. Das erschütternde Fazit: Bloss ein Drittel kam zum selben Resultat.
Die sogenannte Replikationskrise hat seither weitere Studien und Fachgebiete erfasst – und auch einige «Folio-Experimente».
Der Mensch ist das einzige Tier, das um seinen Tod weiss. Dieser Gedanke führte in den 1970er Jahren zur Idee, dass wir über einen speziellen Mechanismus verfügen, der uns erlaubt, Gedanken an den eigenen Tod zu verdrängen. Experimente haben das vermeintlich nachgewiesen: Versuchspersonen, die an ihre Sterblichkeit erinnert wurden, wandten sich etwas zu, was die eigene Vergänglichkeit weniger sinnlos erscheinen liess: ihrer Religion, ihrer Nation oder einer anderen Ordnung, die Sinn stiftete.
Vor einem Friedhof befragt, bevorzugten etwa mehr Leute deutsche Küche und deutsche Autos als in einer Ladenstrasse. Es gab Dutzende solcher Studien, die zur Theorie passten. Doch als vor drei Jahren 21 Labors eine der wichtigsten Arbeiten aus dem Jahr 1994 mit 2200 Leuten wiederholten, kamen sie mit leeren Händen zurück. Auch andere Versuche liessen sich nicht erfolgreich wiederholen.
Zu den Gründen gehören zu wenig und zu gleichartige Versuchspersonen in den Ursprungsstudien; zweifelhafte statistische Verfahren; die Unsitte, in den Daten erfolgloser Versuche nachträglich nach etwas Publizierbarem zu suchen – oder, wenn nichts zu finden ist, diese Experimente gar nicht erst zu veröffentlichen.
Der Marshmallow-Test ist eines jener Experimente, die sich jederzeit zu Hause mit einem Kind durchführen lassen. Der Psychologe Walter Mischel wollte ursprünglich herausfinden, welche Strategien Kinder anwenden, um ein Bedürfnis aufzuschieben. 1968 setzte er zwischen vier und sechs Jahre alte Versuchspersonen vor einen Teller mit einem Marshmallow und sagte zu ihnen: Du darfst das Marshmallow jederzeit essen, wenn du aber damit warten kannst, bis ich zurückkehre, kriegst du zwei Marshmallows. Dann verliess er den Raum und wartete 15 Minuten.
Jahre später entdeckte Mischel per Zufall, dass jene Kinder, die im Versuch viel Geduld zeigten, später gute Schüler mit wenig Verhaltensproblemen waren.
Obwohl Mischel selbst diese Resultate zurückhaltend interpretierte, wurde der Marshmallow-Test zum Allheilmittel gegen die amerikanische Bildungsmisere hochgejubelt. Weil die Fähigkeit, ein Bedürfnis aufzuschieben, später scheinbar eine derart positive Wirkung entfaltete, gab es an Schulen bald Trainingsprogramme in Bedürfnisaufschub. Selbst das Krümelmonster in der Kindersendung «Sesamstrasse» machte den Test.
Erst kürzlich machte sich jemand daran, Mischels ursprüngliche Ergebnisse mit Daten aus den 1990er Jahren von fast tausend Kindern zu überprüfen. Bei Mischel waren es zehnmal weniger. Das Resultat war ernüchternd. Nicht nur war der Zusammenhang zwischen der Geduld der Kinder und ihren späteren Schulleistungen viel schwächer als in Mischels Studie, er verschwand praktisch ganz, wenn man die Herkunft und Intelligenz der Kinder berücksichtigte. Anders gesagt: Die Fähigkeit, ein Bedürfnis aufzuschieben, und die guten Schulleistungen waren beide das Resultat bildungsnaher und geordneter Verhältnisse. Allein den Kindern Geduld beizubringen würde sie also nicht zu besseren Schülern machen.
Dass das nicht schon Mischel erkannt hatte, ist wohl auf die relativ kleine Anzahl Kinder in seinen Versuchen zurückzuführen, die zudem alle aus Familien gebildeter Universitätsangestellter stammten.
Was geschieht, wenn ein Gesunder sich in eine Nervenklinik einweisen lässt? Der amerikanische Psychologe David Rosenhan hat es 1968 ausprobiert. Sein Fachartikel «Being Sane in Insane Places» erregte weit über die Psychiatrie hinaus Aufsehen. Rosenhan beschrieb darin, wie er und sieben Teilnehmer seines Seminars sich in psychiatrische Anstalten einliefern liessen. Beim Aufnahmegespräch beschrieben sie die vereinbarten Symptome: Sie würden Stimmen hören, die «leer», «dumpf» und «hohl» gesagt hätten. Nach der Aufnahme verhielten sie sich aber völlig normal und warteten darauf, wieder entlassen zu werden. Nach durchschnittlich drei Wochen konnten sie heimgehen – nicht etwa als geheilt, sondern mit der Diagnose «Schizophrenie in Remission». Rosenhan warf der Psychiatrie vor, Gesunde nicht von Kranken unterscheiden zu können und Leuten Etiketten umzuhängen, die sie nie mehr los würden.
Als die Schriftstellerin Susannah Cahalan nach dem Tod von Rosenhan im Jahr 2012 ein Buch über das Experiment schreiben wollte, wunderte sie sich darüber, dass sie keinen einzigen der sieben Scheinpatienten finden konnte, obwohl sie sogar einen Privatdetektiv engagiert hatte. Die einzige Versuchsperson, die sie fand, war ein Mann, dessen Erfahrung in der Klinik durchaus positiv war. Doch der tauchte in der Studie gar nicht auf. Rosenhan hatte auch einen lukrativen Buchvertrag unterzeichnet, aber das Buch nie zu Ende geschrieben.
Calahan kann zwar nicht beweisen, dass Rosenhan mindestens einige seiner Scheinpatienten erfunden hatte, aber die Indizien legen es nahe.
Nach diesem Experiment hat sich eine Rockgruppe benannt, und es wurde mehrmals verfilmt. Auf der Liste der berühmtesten Experimente rangiert es auf einem Spitzenplatz. Der Psychologe Philip Zimbardo wollte in dieser Studie zeigen, dass das Verhalten von Menschen viel stärker von äusseren Umständen abhing als von ihrem Charakter.
Im Frühling 1971 suchte er Freiwillige für eine Gefängnisstudie. Nachdem er die Versuchspersonen per Münzwurf in Wachen und Gefangene aufgeteilt hatte, liess er die Gefangenen mit grossem Brimborium auf dem Campus festnehmen und in einen Keller bringen, wo die Wachen sie in die eigens vorbereiteten Zellen steckten.
Das Verhalten der Wachen veränderte sich bald darauf. Aus pazifistischen Studenten wurden sadistische Beamte, die die Gefangenen erniedrigten. Zimbardo betonte, dass das ganz von selbst durch die Zuteilung der Rolle als Wache und die Uniform geschehen sei. Nach einigen Tagen lief der Versuch derart aus dem Ruder, dass Zimbardo ihn vorzeitig abbrechen musste. Das Experiment hatte aus seiner Sicht die zentrale These bestätigt: Unter den falschen Umständen kann jeder zum Folterknecht werden.
Mehr als vierzig Jahre nach dem Experiment sichtete der französische Forscher Thibault Le Texier erstmals die Originalfilmaufnahmen der Studie. Darin entdeckte er Stellen, wo Zimbardo die Wachen detailliert über verschiedene Möglichkeiten instruierte, auf welche Weise sie die Gefangenen schlecht behandeln könnten. Zudem hatte er im voraus alle Versuchsteilnehmer über das Ziel der Studie aufgeklärt, was bei den Teilnehmern den Druck aufbaute, die Erwartungen des Wissenschafters erfüllen zu müssen.
Auch wenn Zimbardos Studie den Begriff Experiment im Namen führt, war es nicht mehr als eine Demonstration, die von Anfang an darauf angelegt war, seine Meinung zu untermauern.
Welchen Anteil die Persönlichkeit und die Situation am Verhalten von Menschen haben, ist bis heute umstritten. Anders formuliert: Wird klar, welche Sprengkraft in diesem Thema liegt, geht es doch plakativ gesagt um die grundlegende Frage, ob jemand böse ist oder böse wird.
Wenn ich in zwanzig Jahren das nächste Mal Rückschau halte, wissen wir vielleicht mehr.