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Der Begriff "Muscle Dysmorphia" beschreibt eine, vor allem bei Männern beobachtete, zunehmend problematische Körperwahrnehmung, hohe Körperunzufriedenheit und entsprechende Kompensationsstrategien. Der Körper wird als zu schmächtig gesehen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, zu viel Körperfett zu haben, so dass der Körper optisch nicht muskulös genug erscheint.
Vortrag von Roland Müller zum Thema "Körperkult und Fitnesssucht bei jugendlichen Männern" (Fachtagung Jugend unter Druck am 15.März 2016 in Linz)
Es ist schwierig, einen treffenden Begriff in deutscher Sprache für ein relativ neues, aber immer häufiger beobachtetes Phänomen in der westlichen Gesellschaft zu finden: Muskel- oder Fitnesssucht bei Männern. In der Englischen Sprache wird häufig der Begriff „Muscle Dysmorphia“ verwendet.
Der Begriff beschreibt eine, vor allem bei Männern beobachtete, zunehmend problematische Körperwahrnehmung, hohe Körperunzufriedenheit und entsprechende Kompensationsstrategien. Der Körper wird als zu schmächtig gesehen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, zu viel Körperfett zu haben, so dass der Körper optisch nicht muskulös genug erscheint. Um die Unzufriedenheit abzubauen, wird das (oft tägliche) Fitnesstraining im Fitnessstudio vor alles andere gestellt. Es werden strenge Ernährungspläne eingehalten und im Extremfall illegale Substanzen eingenommen, um das Erscheinungsbild des Körpers zu optimieren. Die Gedanken kreisen fast ausschliesslich nur noch um Training, Ernährung und Körperbild.
Es ist wichtig, Bodybuilding und Krafttraining nicht automatisch mit „Muscle Dysmorphia“ oder einer anderen psychischen Störung gleichzusetzen. In der heutigen, bewegungsarmen Gesellschaft erfüllen viele Menschen das wichtige und gesunde Bewegungspensum, indem sie regelmässig ein Fitnessstudio besuchen. Die Geräte und Trainingsmethoden erlauben ein effizientes und absolut gesundes Krafttraining. Wichtig in der Grenzziehung zwischen einer gesunden versus kranken Einstellung zu Training und Körper ist nebst der Einstellung zu Körper und Körperbild der Grad an Zwanghaftigkeit und der entstehende Stress, wenn Training und Ernährung nicht wie gewohnt eingehalten werden können. Es gilt also Hingabe (englisch: Devotion) von einem stark unter psychischen Leidensdruck motivierten Krafttraining/Fitnesslifestyle zu unterscheiden.
1. Fühlen Sie sich zu dünn obwohl andere Ihnen sagen, sie wären zu muskulös?
2. Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Kontrolle über Ihre Trainingsgewohnheiten verloren haben?
3. Dominieren körperliche Aktivitäten zur Optimierung des körperlichen Erscheinungsbildes Ihr Leben?
4. Verbringen Sie mehr als eine Stunde pro Tag damit, zu trainieren, um Ihre Körperform zu verbessern?
5. Verbringen Sie mehr als 30 Minuten pro Tag damit, Ihre körperliche Erscheinung zu prüfen?
6. Nehmen Sie aktuell Medikamente ein (Steroide, Diätpillen, Muskel-Aufbauende Mittel) um Ihre Körperform zu optimieren?
7. Setzen Sie regelmässig die Priorität auf Ihr körperliches Training, vor Karriere oder Studium/Schule?
8. Setzen Sie regelmässig die Priorität auf Ihr körperliches Training, vor Freunden, Familie oder der Beziehung?
9. Haben Sie Ihren Trainingsplan fortgesetzt, obwohl sie verletzt oder krank waren?
10. Vermeiden Sie Situationen, in denen Ihr Körper von anderen gesehen/beurteilt werden könnte?
Wenn 5 oder mehr Fragen mit Ja beantwortet wurden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, Symptome einer Muscle Dysmorphia entwickelt zu haben.
Nach:
John F. Morgan (2008) : The Invisible Man; Routledge, East Sussex.
Ja/Nein
Für die Schweiz fehlen bisher repräsentative Angaben weitgehend. Die meisten Daten stammen aus den USA, den nordischen Staaten Europas und Italien. Eine aktuelle Befragung im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz unter Schweizer Teenagern zeigt jedoch, dass rund 75% der männlichen Befragten mit ihrem Körper unzufrieden sind. Dabei wünschten sich die meisten Jungen mehr Muskelmasse und weniger Körperfett. In der Tendenz der bisher vorliegenden Zahlen aus den USA ist davon auszugehen, dass rund 20% bis 40% der männlichen Fitnessstudiobesucher die Kriterien einer „Muscle Dysmorphia“ teilweise oder ganz erfüllen. Bei den Frauen ist von einer Häufigkeit im einstelligen Prozent-Bereich auszugehen. Frauen neigen nach wie vor stärker zur Entwicklung einer sogenannten klassischen Essstörung. Gemeint sind Anorexie und Bulimie. Ess- und Körperdysmorphe Störungen sind aber in ihrer Ausprägung von Symptomen und ihrem Verlauf sehr schwankend und wechselhaft. Die Basis liegt in einer starken Unzufriedenheit mit dem Körper und dem Körperbild. Davon sind Frauen wie Männer immer stärker betroffen. Es gibt keine rein weiblichen oder männlichen Essstörungen.
„Muscle Dysmorphia“ ist vor allem mit einer Körperwahrnehmungsstörung verbunden. Damit einher gehen meist intensive Trainingsroutinen und strenge Ernährungspläne. Oft ist dabei die Grenze zu Essstörungen fliessend. Die Studienlage aus der Forschung ergibt ein gemischtes Bild. Studien aus den USA und Europa weisen darauf hin, dass Untersuchte mit einer „Muscle Dysmorphia“ eher Essstörungen (vor allem Bulimie) in der Vorgeschichte aufwiesen. Gerade bei der Bulimie ist die Sorge um das Körperbild eines der wichtigsten Kriterien. Die kraftsportdienliche Ernährungsweise mit vielen Geboten und Verboten ist ein wichtiger Auslöser für Essanfälle, wie sie bei der Binge Eating Disorder vorkommen. Die Lust auf die verbotenen Lebensmittel steigert sich dabei extrem. Gibt man nach, verliert man oft die Kontrolle und isst dann bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Das Essen geschieht dabei heimlich und ist von einer starken Scham und Schuldgefühlen begleitet. Es erstaunt nicht, dass Binge Eating bei Männern mit „Muscle Dysmorphia“ aber auch extremen Kraftsportlern gehäuft vorkommt . Eine Vielzahl von Einzelfallberichten steht mittlerweile in der Literatur zur Verfügung. Bezüglich der Überschneidung von Bodybuilding und „Muscle Dysmorphia“ zeigt sich ebenfalls ein gemischtes Bild. Der Begriff Bodybuilding wir hier für Personen verwendet, die an Bodybuilding-Wettkämpfen teilnehmen und/oder eine Körperzusammensetzung aufweisen, die einen überdurchschnittlich hohen Muskelmasseanteil bei einer sehr tiefen Körperfettanteil beinhaltet. Es scheint so zu sein, dass wettkampforientierte Bodybuilder eher keine oder nur wenige Symptome einer „Muscle Dysmorphia“ aufweisen, während nicht-wettkampforientierte Kraftsportler mit Bodybuilding-orientiertem Lebensstil und entsprechenden Körpermassen dafür vermehrter Kriterien einer „Muscle Dysmorphia“ erfüllen.
Auch beim Einsatz von verschreibungspflichtigen, illegalen Medikamenten zur Veränderung des körperlichen Erscheinungsbilds zeigt sich eine gemischte Datenlage. Es ist davon auszugehen, dass eine hohe Dunkelziffer besteht. Der Missbrauch von Medikamenten, seien dies nun Wachstumsfördernde Substanzen oder aber auch Mittel, die den Stoffwechsel steigern und so bei der Reduktion von Körperfett helfen, ist sicherlich Klassen- und Leistungsniveau-übergreifend. So verwenden Fitness- und Gesundheitsorientierte Trainierende eher Medikamente der zweitgenannten Sorte, während Leistungs- und Profibodybuilder eher zu Substanzen der ersten Kategorie greifen. Nahrungsmittelergänzungen (Proteinpulver, Vitaminsupplemente, Spurenelemente und Aminosäuren) erhalten dabei eine sogenannte „Gateway Funktion“. Das heisst, über die Veränderung der Ernährung und das Zuführen zusätzlicher, externen Mittel, wird versucht, der Trainingsreiz, die Ernährung und letztlich die Körperoptik zu optimieren. Dadurch entsteht ein Glaube an ein bestimmtes Wirkungsprinzip einer Handlung. Auf dieser Basis kann es zunächst zur Einnahme noch legaler Mittel zur Steigerung des Hormonspiegels oder des Stoffwechsels kommen und später zum Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Auf dem Höhepunkt des Medikamentenmissbrauchs steht die Einnahme von günstigeren Tierarzneien sowie Strassendrogen (z.B. Kokain, Crack, Heroin, etc.). Diese werden oft eingesetzt, um die strengen Trainingsroutinen motivational überhaupt noch bewerkstelligen zu können. Die Medikamenten-User sind zum grössten Teil netzwerkartig organisiert. Dealer oder Ärzte sind in diesen Netzwerken mit integriert. Nebst dem Aussetzen an einer Vielzahl an körperlich-gesundheitlichen Risiken gibt es immer mehr Belege dafür, dass der Missbrauch von Medikamenten zu schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigungen führen kann. Nebst erhöhtem Risiko für Depressionen und Angststörungen wird die Reizbarkeit und Aggressivität erhöht. So kann es zu gesteigerter Gewaltbereitschaft gegenüber Mitmenschen (insbesondere häusliche Gewalt) und in Einzelfällen zu impulsiv verübten Gewaltverbrechen oder impulsivem Suizid kommen. An dieser Stelle muss auch die Gesellschaft für den Medikamentenmissbrauch Verantwortung übernehmen und nicht beteiligte Mitmenschen vor den Folgen des Medikamentenmissbrauchs schützen.
|Organ||Nebenwirkungen|
|Herz-Kreislaufsystem||Höhere Blutfettwerte, vor allem LDL|

||Erhöhter Blutdruck|

||Arteriosklerose der Blutgefässe, v.a. Herzkranzgefässe|
|Leber||Erhöhte Leberenzymaktivität, ähnlich bei Alkoholismus|

||Gelbsucht|

||Tumorbildung in der Leber, Leberkrebs|
|Muskel- und Skelettapparat||In der Pubertät: vorzeitiger Verschluss der Epiphysenfugen (Vorzeitiger Wachstumsstopp)|

||Sehnen- und Gelenksschäden|
|Hormone||Veränderung der Glukosetoleranz (ähnlich wie bei Diabetes)|

||Reduktion der Sexualhormonaktivität (FSH, LH)|
|Haut||Steroidakne|
|Geschlechtsorgane||Hodenschrumpfung|

||Gynäkomastie (Brustbildung beim Mann)|

||Verringerung der Spermienanzahl|

||Erhöhter oder Erniedrigter Sexualtrieb|

||Glatzenbildung|

||Unfruchtbarkeit|

||Hodenkrebs|

|Psyche||Manische Episoden|

||Schnelle Stimmungswechsel mit Reizbarkeit und Impulsivität|

||Gewaltbereitschaft und Aggressivität|

||Depression (Freudlosigkeit, Schlafstörungen, Suizidalität)|

||Entscheidungshemmungen|

||Wahnvorstellungen|

||Paranoide Eifersucht|
Der wichtigste Schritt ist die Einsicht und das Eingestehen, dass „ich ein Problem habe“. Sich dann einer vertrauten Person, dem beste Freund, einem Elternteil, der Partnerin oder einem Schullehrer zu öffnen, kann eine erste Entlastung sein und ermöglichen, sich weitere Hilfe zu holen. Gelingt es im Selbstversuch nicht, beispielsweise die Verbotsliste an Nahrungsmitteln abzubauen oder die negativen Gedanken gegenüber dem eigenen Körper und der eigenen Person zu verändern, kann es hilfreich sein, sich eine professionelle Unterstützung zu suchen. Viele Betroffene schämen sich, den Schritt in eine Psychotherapie zu machen. Die heutige Psychotherapie versteht sich als Hilfe zur Selbsthilfe. Im Falle der „Muscle Dysmorphia“ geht es in der Psychotherapie darum, den Umgang mit der Ernährung wieder zu normalisieren (keine Verbote und damit kein schlechtes Gewissen mehr beim Essen), die Gedanken und die Wahrnehmung in Bezug auf den Körper und die eigene Person positiver zu formulieren und den Selbstwert der Person zu stärken.
Niemand kann zu einer Therapie gezwungen werden, es sei denn, jemand verhält sich in einer Art und Weise , dass die eigene Person oder Mitmenschen akut gefährdet sind. Angehörige stehen den Verhaltensweisen der betroffenen Person oft hilflos und ohnmächtig gegenüber. Auch für sie kann es hilfreich sein, im Gespräch mit Vertrauten oder einer Fachperson, Entlastung zu erfahren und den eigenen Umgang mit den Problemen der betroffenen Person zu stärken. Ursachen der „Muscle Dysmorphia“ sind jedoch auch ein gesellschaftliches Problem. Aufklärung über die Krankheit, Druck aus der medial normierten Ästhetik nehmen und Offenlegen der Künstlichkeit der heute präsentierten muskulösen Körper sind Aufgaben, die auch in der breiten Gesellschaft stattfinden müssen.