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Brief über die Bewunderung für Berge
Einführung: Kevin Bovier (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 22.06.2023.
Entstehungsdatum: der Brief datiert aus dem Juni 1541.
Ausgaben und Übersetzungen: C. Gessner, Libellus de lacte, Zürich, Froschauer, [1543], Einleitungsbrief, fol. 2ro-7vo. Lateinischer Text und französische Übersetzung in W.-A.-B. Coolidge, Josias Simler et Les Origines de l’Alpinisme jusqu’en 1600, Grenoble, Allier, 1904, II-XVII; lateinischer Text und französische Übersetzung (nach Coolidge) in M. Furno, «Un savant suisse et ses montagnes: spontanéité et écriture livresque dans l’Epistola de montium admiratione de Conrad Gesner», in: Hôs ephat’, dixerit quispiam, comme disait l’autre… Mécanismes de la citation et de la mention dans les langues de l’Antiquité, Grenoble, Université Stendhal-Grenoble 3, 2006, 325-338; deutsche Übersetzung (überarbeitete Version einer Übersetzung von T. Schiess aus dem Jahr 1901) in: E. Egli (Hg.) Erlebte Landschaft. Die Heimat im Denken und Dasein der Schweizer, Zürich/Leipzig, Leemann & Co, 1943, 5-12; Faksimile der Ausgabe von 1541 (am Ende des Bandes) und deutsche Übersetzung in: C. Gessner, Büchlein von der Milch und den Milchprodukten, hg. von C.-L. Riedel, übs. von S. Kratzsch, Mönchengladbach, Schlösser, 1996, 5-11; englische Übersetzungen in C. Gessner, On the admiration of mountains, the prefatory letter addressed to Jacob Avienus, physician: A description of the Riven mountains, commonly called Mount Pilatus, addressed to J. Chrysostome Huber, hg. von J. Monroe Thorington, San Francisco, The Grabhorn Press, 1937 [war uns nicht zugänglich]; D. Hooley, «Conrad Gessner, ‘Letter to Jacob Vogel on the Admiration of Mountains’ (1541) and ‘Description of Mount Fractus, Commonly Called Mount Pilate’ (1555)», in: S. Ireton/C. Schaumann (Hgg.), Mountains and the German Mind: translations from Gessner to Messner, 1541-2009, Rochester, Camden House, 2020, 30-34.
Der von uns hier vollständig wiedergegebene Brief ist einem kleinen Werk über Milch und Milchprodukte vorangestellt, das wahrscheinlich 1543 in Zürich erschien. In Studien über das Gebirge in der Renaissance wird er häufig zitiert, da Gessner darin eine positive Wertschätzung dieses bis dahin gefürchteten oder vernachlässigten Naturraumes erkennen lässt. Dieses Dokument ist eingebettet in den Kontext eines wachsenden Interesses an der Geographie, wie es sich in dem umfangreichen Unternehmen des deutschen Humanisten Sebastian Münster ausdrückte, der ab 1544 seine Cosmographia universalis veröffentlichte; im Übrigen hat Gessner vielleicht angestrebt, sich zum Teil des Netzwerkes von Münster zu machen, indem er in dem Brief ausführlich einen seiner engen Mitarbeiter, Simon Grynaeus (1493-1541), zitiert. Als Gessner dieses Buch verfasst, ist er ein junger Arzt im Alter von 25 Jahren, der gerade erst seine Studien abgeschlossen hat und in seine Heimat zurückgekehrt ist; es ist daher logisch, dass er Hilfe bei Kollegen mit grösserer Erfahrung sucht. Ungeachtet seines jungen Alters hat sich Gessner als Intellektueller schon profiliert (er hat schon mehrere Publikationen vorgelegt) und zeichnet sich durch ein lebendiges Interesse für die Natur und besonders für das Gebirge aus; die Lektüre der Epistola bestätigt dies.
Der Anfang des Briefes ist besonders reich an mehr oder weniger deutlichen literarischen Anspielungen. Gessner zitiert zum Beispiel eine Passage aus den Metamorphosen (1,84-86), in der Ovid die Tiere, deren Blick auf den Boden gerichtet ist, den Menschen gegenüberstellt, die ihre Augen zum Himmel erheben und die Sterne bewundern können. Gessner wandelt die Aussage des Poeten ab, um zu zeigen, dass die, in welchen die Welt keine Bewunderung auslöst, nicht mehr wert sind als Schweine, die nicht in der Lage sind, den Himmel zu betrachten – diese Bemerkung hat Gessner vermutlich den Quaestiones conviviviales (4,5) des Plutarch entnommen. Ausserdem kennt der Humanist vermutlich den Kommentar des Laktanz (inst. 2,1,15-16) zu den bereits aufgeführten Versen des Ovid. In seinen Divinae institutiones verteidigt der christliche Apologet die Vorstellung, dass die Menschen von Gott «aufrechte Haltung und ein dem Himmel zugekehrtes Angesicht» erhalten haben und dass sie nicht die Götterbilder verehren sollten, da es sich dabei um irdische Objekte handelt (2,1,14). In Gessners Epoche ist die Idolatrie der Heiden kein Hauptproblem, so dass der Zürcher an denen, «die niemals ihre Augen zu den Sternen erheben» vielmehr die zeitgenössischen Laster rügt, nämlich «Gewinnstreben und unedle Beschäftigungen ». Der Dialog zwischen den beiden Texten endet damit nicht; auf Laktanzens Behauptung, dass man Gott nur sehen kann, wenn man den Himmel auf geistige Weise kontemplativ betrachtet (also nicht mit den leiblichen Augen; 2,1,17), entgegnet Gessner, dass man Gott mit den «leiblichen und den geistigen Augen» durch das Medium seiner Schöpfung hindurch, das «irdische Paradies» sehen kann.
Die Faszination Gessners für die Berge findet ihren Ausdruck auch darin, dass er einen Bezug zwischen ihnen und Gott herstellt. Wie Korenjak deutlich macht, spielen die Berge schon in den Geschichten der Bibel eine wichtige Rolle; daher wendet sich auch der christliche Autor, wenn er die Berge betrachtet, gedanklich dem zu, der sie erschaffen hat. So bekräftigt Gessner in seinem Brief, dass er den Baumeister par excellence, Gott, durch seine Schöpfung hindurch erkennt. Man findet eine ähnliche Vorstellung einige Jahre später bei Calvin in seinem Kommentar zu Psalm 19:
«Car quand un homme aura cognu Dieu par la contemplation du ciel, il apprendra aussi à considérer et avoir en admiration sa sagesse et vertu en la face de la terre, non seulement quant au général, mais mesme jusques aux plus petis brins d’herbe. […] Car incontinent que nous recognoissons Dieu estre le souverain ouvrier qui a fait ce beau bastiment du monde universel, il faut nécessairement que nos esprits soyent ravis en admiration de sa bonté, sagesse et puissance infinie» («Denn wenn ein Mensch erst durch Betrachtung des Himmels zur Gotteserkenntnis gelangt ist, wird er auch lernen, über Gottes Weisheit und Tugend gegenüber der Welt nachzusinnen und sie zu bewundern, die nicht nur das Allgemeine betreffen, sondern sich bis auf die kleinsten Pflanzenstängel erstrecken. [...] Denn sobald wir erkennen, dass Gott der souveräne Werkmeister ist, der dieses schöne universale Weltgebäude errichtet hat, folgt daraus mit Notwendigkeit, dass unsere Seelen von Bewunderung für seine Güte, Weisheit und grenzenlose Macht ergriffen werden»).
Die terminologische Annäherung der Bergwelt an das irdische Paradies ist im Übrigen vielleicht vom Kommentar des hl. Hieronymus zu einer Ezechielpassage inspiriert. Der Zürcher Gelehrte stellt das Gebirge als einen geradezu göttlichen Ort dar, im Gegensatz zu den Regionen im Flachland, wo die Menschen siedeln; die Berggipfel sind aufgrund ihrer Höhe näher bei Gott.
Nach der Einleitung zitiert Gessner ein Werk des Grynaeus über geographische und physische Fragen, die in Beziehung zum Gebirge stehen. Er geht auf die gleiche Weise wie Grynaeus vor, indem er persönliche Beobachtungen mit den antiken Autoren entliehenen Ideen und seiner Bewunderung für das Funktionieren der Natur vermischt. Der Zürcher Humanist greift besonders die Theorie von den vier Elementen (Erde, Wasser, Erde und Feuer) auf, deren Interaktion die natürlichen Phänomene bewirkt, wie etwa die Bildung von Bergen oder Thermalquellen.
Auf der literarischen Ebene kommt Gessners Liebe zum Griechischen (einer Sprache, die er zwei Jahre später in seinem Werk De utilitate et praestantia Graecae linguae preisen wird) in der Variation eines Homerverses und einem grossen Wortschatz zur Nymphenthematik zum Ausdruck. Diese seien, zusammen mit Pan, Diana und den Musen, Ausgeburten der Phantasie der Menschen des Altertums, die vom Gebirge in Staunen versetzt worden waren; Gessner ist weit davon entfernt, diese heidnischen Gottheiten schlichtweg abzulehnen; er geht davon aus, dass «ein wahrer Kern» in ihnen steckt, dass sie ein Präludium zur christlichen Offenbarung darstellen.
Nachdem er mehrere auf die Bergwelt bezügliche Fragen beantwortet hat, schliesst Gessner, indem er die folgende Abhandlung über die Milch vorstellt. Er rechtfertigt dabei sein Interesse mit der Tatsache, dass sein Widmungsempfänger, Jacob Vogel, in einer Region lebt, in der die Milchproduktion wichtig ist (Glarus).
Bibliographie
Furno, M., «Un savant suisse et ses montagnes: spontanéité et écriture livresque dans l’Epistola de montium admiratione de Conrad Gesner», dans Hôs ephat’, dixerit quispiam, comme disait l’autre… Mécanismes de la citation et de la mention dans les langues de l’Antiquité, Grenoble, Université Stendhal-Grenoble 3, 2006, 319-338.
Reichler, C., «Relations savantes et découverte de la montagne: Conrad Gesner (1516-1565)», in: S. Linon-Chipon/D. Vaj (Hgg.), Relations savantes: voyages et discours scientifiques, Paris, Presses de l’université Paris-Sorbonne, 2006, 175-189.