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Beckett Walk I — IF YOU CAN READ THIS I CAN SEE YOU
Video-Arbeit
Mein Vorgehen
2016 und 2017 unternahm ich viele Streifzügen an unterschiedlichsten Orten in Shetland. Shetland besteht aus über hundert Inseln und hat viele Küstenkilometer. Die Inseln liegen sozusagen auch am Rand von Europa. Im 2. Welt-Krieg war Shetland ein Aussenposten der Alliierten. Während dem kalten Krieg befand sich eine Nato-Station auf der Insel, ihre
Überbleibsel-Ruinen sind heute noch sichtbar. Diese Bedingungen und Fakten bewogen mich, gewissermassen an den Rändern der Insel(n) entlang zu gehen. An den Rändern entlanggehen meint hier: an den Rändern von Landgebieten, die ursächlich an das Meer und an andere Wasser grenzen, als auch solche, die visuell im Bild eine Grenze bilden: auf Klippen und Grasshügeln, über Heidesträucher, an Wegen und Bachläufen, auf Steinmauern von zerfallenen Häusern, auf Felsen sowie in gebauten Räumen auf Quaimauern, Steinquadern, über Geländer, an Haus-Wänden, auf Steinmäuerchen und an Zäunen entlang.
Arnold Häni, macht, wie bereits in Island, kurze Videofilme von meinen Rand-Erkundungen. Auf den Videofilmen ist fortwährend die gleiche Figur zu sehen. Ihr Gesicht ist immer abgewandt und nie sichtbar. Sie trägt eine orangefarbene Öljacke, die Kapuze über den Kopf gezogen. Gefilmt wird sie jeweils in einem seitlichen Winkel, mal ist sie etwas mehr von der Seite, mal von hinten, mal von oben zu sehen. Die leuchtend orangefarbene Jacke hat in der Landschaft Signalwirkung. Die Figur ist ‚Marker’, sie sendet eine unbestimmte Befindlichkeit aus. Als solche ist sie auch anonyme Grenzgängerin, die sich durch unterschiedliche Zonen und Landschaften schleust, von denen keine wichtiger ist als die andere. Nirgendwo bleibt sie haften. Die Kamerapasst der Figur ab und fängt die Gehbewegungen durch wechselnde Gebiete auf. Ihre ‚Grenzgänge’ sind Gemütszust.nde, die sich an ein Gefühl desVerschwindens, des Unerkannt und des Fremdseins anlehnen können. Sie wird gesehen und bleibt doch unerkannt. Welche Konsequenzen hat das für sie?
Den Titel der Arbeit entdecke ich ebenfalls auf Streifzügen: an einem Haus sehe ich zuerst die Aufschrift IF YOU CAN READ THIS I CAN SEE YOU, dann mache ich unter dem Dach eine Videokamera aus.
Choreografie des Gehens
Als orange Marker-Figur vermesse ich mit Schritten unbekanntes Gelände. Ob ich nun in gemächlicher Gangart unterwegs bin oder gegen den Wind ankämpfe, jeder Schritt ist auch Austradieren des Gleichgewichts. Die Bewegungen sind teils minimal gehalten, können aber auch gespreizt, eckig oder gar künstlich wirken. Mein Verhalten beim Gehen und Fortbewegen basiert auf einem somatischen (feinstofflichen) Bewusstsein. Wie bei Tieren ‚lese’ ich durch die Füsse die Landschaft. Bei aller Entschlossenheit, die die Figur auch ausstrahlt, ist ihr Unterfangen eine prekäre Angelegenheit.
Die Spur mit den Ortsnamen, eingebettet in die Filmspur
Ortsnamen sind wichtige Marker eines kulturellen Raumes. Sie geben Aufschlüsse über Umgebung, Geschichte, Geografie, Pflanzen- und Tierwelt sowie die Menschen, die früher hier
gelebt haben. Sie ‚sprechen’ auch von der Beziehung der aktuellen Bewohner*innen zu Land und Gesellschaft. Ortsnamen und die Sprache in Shetland haben starke Banden zum Norse-Erbe, mit anschliessenden schottischen und englischen Einflüssen. (Old oder West) Norse waren alte skandinavische Sprachen, die Siedler ca. 800 n. Chr. von Norwegen mitgebracht hatten. Das Norwegisch, die Färöische Sprache und Isländisch sind davon abgeleitet. Die (neuen) Siedler brachten ein grosses Repertoire von beschreibenden Ausdrücken mit, die geeignet waren, alle Landschaftselemente (natürliche und menschengemachte) zu benennen, als auch aktuelle Ortsnamen, die in Westnorwegen verwendet wurden. Viele Ortsnamen wurden im Laufe der Zeit geändert, auch Änderung der Schreibweise maskierten oft deren wahre Herkunft.*¹ Die Fremdheit dieser Ortsnamen und auch die Schwierigkeit für Nicht-Shetlander diese auszusprechen, haben mich neugierig gemacht. Wo immer wir auf unseren Erkundungen und Ausflügen hingekommen sind, habe ich die Namen der Orte, Landschaften und Plätze von Ortstafeln aber auch von einer Landkarte abgeschrieben und eine Liste mit schliesslich 354 Ortsnamen erstellt.
Ich bat Einheimische die über 300 Ortsnamen zu lesen. Ihre Stimmen nahm ich mit einem Audiogerät auf:
- Wilma Johnson (Hausfrau) und Willie Johnson (pensionierter Fischer), von Papal, Burra Shetland
- Angela Smith, Managerin der Bongo Gallery in Weisdale Shetland
- Davy Inkster, Steinmauernbauer, von Bridge End, Burra, Shetland
Auf den Aufnahmen ist zu hören, wie ihre Stimmen bei wenigen Ortsnamen stocken und sie einen Moment nicht wissen, woher der Ortsname ist und dann doch etwas in ihm erkennen und ihn aussprechen.
Das visuelle Film-Material und auch die Audio-Aufnahmen mit den Stimmen der Shetlander*innen habe ich in ein Video-Schnittprogramm eingefügt. Die Audio-Aufnahmen mit den Stimmen sind ungeschnitten verwendet worden, aber in ihrer Lautstärke adaptiert. Umgebungsgeräusche aus den Film-Aufnahmen werden zusammen mit anderem aufgenommenen Audio-Material (u.a. Vogelstimmen, Maschinengeräuschen) und den Stimmen der Shetlander*innen zu einer polyphone Sound-Komposition zusammengefügt. Die Ton-Spur soll mit dem Visuellen differenziert hörbar mitziehen. Welche Stimmungen Bild- und Tonspur hervorrufen, wie die Ortsnamen als Schriftbild in das Filmmaterial eingefügt werden, ist den Betrachter*innen überlassen . Ebenso wie Sprache, Schrift, Performance,Ton ineinandergreifen, welche kulturellen und künstlerischen Dringlichkeiten die Arbeit erwirkt.
*¹ Informationen aus der Broschüre «Place Names — Signposts to the past» von heritage Shetland culture und «Mirds o Wirds — A Shetland Dialect Word Bood», Publikation von The Shetland Times Ltd.