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Föhnstimmung im Bergbilde
M
( Biel, Mitglied der Sektion Bern ).
Kein anderer Wind wie der Föhn vermag nördlich der Alpen der Berglandschaft seinen Einfluss derart ausgeprägt zur Geltung zu bringen, ja sie gleichsam umzugestalten. Bringt uns die Bise in der Regel eine längere Schönwetterperiode, so kleidet sie trotz ihrer Frische die Landschaft in einen bläulichen Dunst, der direkt Schönwetterdunst genannt wird. Der rauhe Westwind als Schlechtwetterbringer ist feucht, vermag aber nicht der ganzen Landschaft ein besonderes Gepräge zu geben. Anders der Föhn. Man sieht ihn, und man fühlt ihn, ja er beeinflusst unser Denken und unser Befinden. Deshalb habe ich mir zur Aufgabe gesetzt, in einer knappen Darstellung jene Merkmale des Föhnwetters zu besprechen, die auf die bildliche Darstellung unserer Berge einen entscheidenden Einfluss haben, besonders vom Standpunkt des photobeflissenen Alpinisten aus.
In der Malerei spielt die Darstellung der Föhnstimmung ebenfalls eine wesentliche Rolle; ich gestatte mir nur darauf aufmerksam zu machen, dass zahlreiche Bergbilder Ferdinand Hodlers ( besonders aus dem Berner Oberland ) eine typische Föhnstimmung wiedergeben.
Die Natur des Föhnwindes ist in zahlreichen Veröffentlichungen eingehend erörtert worden. Wichtig ist vor allem, dass es sich um einen Fallwind handelt, der von Süden her über die Alpen kommt und sich erst durch den Fall in die Nordtäler erwärmt. Photographisch gesehen interessiert uns besonders, dass der Föhn eine ausserordentliche Klarheit der Fernsicht bewirkt, und zwar in einem grossen Teil des Landes zugleich; dies im Gegensatz zu einem lokalen Gewitterregen, der örtlich ebenfalls eine Luftreinigung zu bewirken vermag. Betrachtungen über die Wirkung des Föhns auf die Lufttransparenz bedingen einige knappe Bemerkungen über die Zusammensetzung der Luft, die bekanntlich zur Hauptsache aus den Gasen Sauerstoff und Stickstoff besteht. Beimengungen anderer Gase sind für uns weniger wichtig als die in Erdnähe enthaltenen Verunreinigungen der Luft in Form fester, suspendierter Partikel, wie auch flüssiger, in Form kleinster Tröpfchen ( z.B. Staub, Russ, Sand und Wasser ). Das Sonnenlicht, welches diese Luftschichten durchdringt, erfährt zufolge dieser Verunreinigungen eine Beeinflussung, die sich wie folgt auswirkt: Ablenkung von der ursprünglichen Richtung ( Streuung ) und teilweise Absorption. An der Grenze von Luftschichten erfolgt eine Richtungsknickung, die sich z.B. bei Beobachtung der untergehenden Sonne so auswirken kann, dass die Sonne nicht mehr rund, sondern gezähnt aussieht, oder die zu Luftspiegelungen ( Fata Morgana ) Anlass gibt. Die Streuung ( Dispersion ) erfolgt in der Luft wie in einem trüben Medium ( z.B. Opalglas, Milch usw. ). Die Art der Streuung hängt von der Grosse und Häufigkeit der in Suspension befindlichen Teilchen ab. Die Erforschung dieser Verhältnisse geht schon auf das Jahr 1868 zurück und wurde von Tyndall erkannt, so dass das Streulicht heute noch Tyndall-licht genannt wird und man von der Streuung als « Tyndalleffekt » spricht. Einem einzelnen ( ideal gedachten ) Lichtstrahl, der sich durch die erdnahe verunreinigte Luft bewegt, kann dreierlei zustossen: 1. Er kann an der Oberfläche eines festen Teilchens reflektiert werden; 2. er wird vom festen Teilchen verschluckt; 3. er wird vom Teilchen gestreut.
Welche dieser drei Möglichkeiten vorwiegt, hängt von der Grosse und Dichte der suspendierenden Teilchen und von der Wellenlänge des Lichtes ab. Ist die Mehrzahl der Teilchen so fein, dass sie unter der Wellenlänge des Lichtes liegt, so tritt Streuung auf. Somit folgt, dass, je kurzwelliger das Licht, desto mehr es gestreut wird. Umgekehrt hat langwelliges Licht mehr Aussicht, ungehindert durch die festen Teilchen in der Luft durchzudringen. Daher wird blaues Licht stark gestreut, rotes dagegen weist ein grösseres Durchdringungsvermögen auf. Die Formel für die Streuung des Lichtes lautet: Die Streuung des Lichtes ist umgekehrt proportional der 4. Potenz der Wellenlänge1 ). Aus dieser Tatsache ergeben sich viele Folgerungen, die wir im täglichen Leben beachten und anwenden: z.B. Rotfärbungen bei Sonnenauf- und -Untergängen. Das Licht der tiefstehenden Sonne muss eine sehr dicke und erdnahe Luftschicht durchdringen, wobei die kurzwelligen ( blauen ) Strahlen zerstreut werden und nur die langwelligen ( roten ) durchdringen. Die blaue Farbe des Himmels, die bekanntlich mit der Zunahme der Höhenlage immer tiefer wird und bis in die Stratosphäre den Himmel ganz schwarz erscheinen lässt; die Luft streut kurzwelliges Licht, somit wirkt der Himmel blau, in den Höhenlagen, bei dünnerer Luft wird die Streuung immer geringer, daher der Himmel immer dunkler. Bei tiefen Lagen dagegen, besonders bei Windstille und grosser Hitze, ist selbst bei schönem Wetter der Himmel grau, weil hier die selektive Streuung abnimmt und durch die groben Verunreinigungen der Luft sich allgemein auswirkt. Je reiner und klarer die Luft, um so klarer und ausgeprägter das Blau in die Ferne. Da der Föhn als Fallwind ein Luftreiniger par excellence ist, schlägt er doch x ) Diese Formel begründet auch die Wahl blauer Lichter für den Luftschutz und die Verdunklungsmassnahmen. Das Normalblau der zulässigen Luftschutzlampen soll Licht der Wellenlänge von ca. 480 m^a ausstrahlen. Rotes Signallicht ( z.B. bei der Eisenbahn )
( 590\4rund 480/
2,3 mal mehr gestreut und bleibt demnach bei gleicher Intensität aus der Luft auf weniger als halbe Höhe unsichtbar im Vergleich zu rotem Signallicht. Ist dieses z.B. noch aus 2300 m Flughöhe sichtbar, so würde das blaue Luftschutzlicht erst aus 1000 m Flughöhe erkennbar werden.
Zum Vergleich seien die Absorptionsgrenzen einiger gebräuchlicher photographischer Lichtfilter angeführt:
Dunstfilter für Farbenaufnahmen390 m^ helles Gelbfilter ( unscharfe Grenze ) bei410 m^ mittleres Gelbfilter470 m« dunkles Gelbfilter480 nyt helles Rotfilter, gute Grenze bei580 m^a mittleres Rotfilter ( für Infrarot als hell bezeichnet )... 630 m^ dunkles Rotfilter nur für Infrarot-Materia1660 m^ alle festen Teilchen zu Boden nieder, so arbeitet er für den Landschaftsphotographen günstig und ermöglicht Fernsichten, die mit keinem phototechnischen Mittel bei « dicker » Luft zu erzielen sind.
Zweck meiner Betrachtungen ist, auf diese Verhältnisse so weit einzugehen, als die zum Teil durch Nichtfachblätter veröffentlichten laienhaften Abhandlungen über Infrarot-Photographie in vielen Kreisen falsche Meinungen ausgelöst haben, die mit den Tatsachen im Widerspruch stehen.
Packen wir das Problem durchaus von der praktischen Seite an und fragen uns, ob es möglich sei, durch phototechnische Mittel eine Landschaftsaufnahme ohne Föhn so aufzunehmen, dass sie Föhnstimmung bekommt, und andererseits folgern wir weiter, was geschieht, wenn wir die gleichen Mittel bei Föhnstimmung obendrein zur Anwendung bringen?
In meinen Bildbeispielen habe ich mir erlaubt, den zweiten Fall vorwegzunehmen, um drastisch die Grenzen der photographischen Kniffe zu kennzeichnen.
Bildbeispiel Nr. 1 zeigt eine Aufnahme des Brisen von der Klewenalp aus, und zwar am Vormittag nach einem Föhnsturm, der die ganze Nacht den Vierwaldstätter See nicht zur Ruhe kommen liess. Es handelt sich auch um keine eigentliche Fernaufnahme, da der Brisen ganz nahe vor uns liegt. Das Bild ist mit einem Hellrotfilter gemacht, das praktisch kein Licht unter 580 m^ durchliess. Die Föhnwirkung ist ausgezeichnet wiedergegeben, eine krasse Übertreibung liegt sicher nicht vor.
Bildbeispiel Nr. 2 zeigt eine Aufnahme des Brisen jedoch von Rigi-Kaltbad aus gesehen, somit aus einer wesentlich grösseren Distanz. Die Aufnahme erfolgte an einem strahlend schönen Morgen nach ausgiebigem Schneefall in der Nacht, jedoch nicht bei Föhn, sondern bei Bise. Das gleiche Rotfilter fand Anwendung. Das Resultat ist ansprechend, klar, aber eine Föhnstimmung wird nicht vorgetäuscht.
Bildbeispiel Nr. 3 gibt nochmals den Brisen, jedoch von Rigi-Kulm aus aufgenommen. Demnach eine noch etwas grössere Distanz, höherer Sonnenstand, Föhnwetter, das schon am Umfallen war ( diesiges Licht ) und nur ein Orangefilter. Trotzdem gibt die Aufnahme die Föhnstimmung sehr deutlich wieder.
In allen drei Bildern ist der Maßstab so gehalten, dass der Brisen annähernd gleich gross erscheint, was die Betrachtung erleichtert und zugleich so nebenbei eine nette Vergleichsdarstellung über die Änderung des Geländeausschnittes je nach Höhe des Beobachtungsstandortes abgibt. Die technische Folgerung, die ich aber daraus ziehe, ist bedeutender: Das Rotfilter schneidet wohl alles kurzwellige Streulicht unter 580 m,« ab, aber wo kein oder wenig reflektiertes langwelliges Licht vom Objekt zurückgestrahlt wird, dort wird die Detailwiedergabe mangelhaft. Keine sogenannten offenen Schatten. Sehen wir uns diesbezüglich das Bild Nr. 2 nochmals an. Das Rotfilter steigerte die Kontraste, aber die meist nur blau wirkenden Schattenteile haben wenig Zeichnung. Würde man das Ganze dunkler kopieren, so würde wohl die Kraft gesteigert, die Schatten würden aber noch geschlossener wirken. Die wahre Föhnstimmung zeichnet sich eben durch wunderbare Transparenz sowohl der sonnenbeschienenen wie der beschatteten Partien aus und lässt überall Einzelheiten der Geländestrukturen erkennen. Eigentliche Föhnstimmung kann somit auch in der Schwarz-weiss-Photographie nicht mittelst technischer Kniffe imitiert werden. Natürlich ist es immer möglich, durch Anwendung von sogenannten Kontrastfiltern ( Orange- oder Rotfiltern ) vorhandenen Dunst in der Luft zu mildern bzw. aufzuheben, aber ein vollwertiger Ersatz für Föhnwirkung ist damit nicht zu schaffen.
Wendet man noch langwelligeres Licht an, so greift man in das Gebiet jenseits des sichtbaren Rots, d.h. ins nahe Infrarot. Wohl wird nach der angegebenen Formel das Durchdringungsvermögen der Infrarotstrahlen der Wellenlänge von z.B. 800 m^ noch grösser sein, aber als Nebel suspendierte Wasserteilchen können auch noch grösserer Ordnung sein. Infrarot dringt somit durch feuchten Dunst nicht durch. Der Zugriff zu Infrarot verlässt aber das Gebiet der visuell richtigen Wiedergabe und ist im Sinne von angestrebter Naturwiedergabe abzulehnen. Bekanntlich wird in Infrarotaufnahmen das Blattgrün ( Chlorophyll ) nahezu weiss wiedergegeben, so dass Laubwälder und grüne Matten wie verschneit erscheinen. Selbstverständlich will ich damit nicht besagen, dass Fernaufnahmen mit Hilfe von Infrarot-emulsionen zu unterlassen seien. Nein, durchaus nicht. Doch muss man sich bewusst bleiben, dass man sich damit ausserhalb der Naturwiedergabe im eigentlichen Sinne des Wortes begibt ( Beispiel mein Alpenpanorama von Biel im Alpinen Museum in Bern ).
Winde, die luftreinigend wie der Föhn wirken, treten nicht nur auf der Nordseite der Alpen auf. Wohl kennt man heisse Südwinde z.B. an der Adria, « Sirocco » genannt, doch ist ihr Charakter nicht immer gleichartig. In der Regel wird ein vom Kontinent herkommender Wind verunreinigend wirken, während Winde, die vom offenen Meer herkommen, reinigend sind. Eine einfache Überlegung wird die Richtigkeit dieser Behauptung bestätigen. Unser Föhn, bevor er seine Reinigung beim Alpenübergang durchmacht, lagert ja zuweilen feinsten Sand aus der Sahara auf den Gletschern der Alpensüdseite ab. ( Roter Schnee !) Gleichzeitig wird er getrocknet, so dass er nördlich der Alpen eine besondere wolkenbildende Eigenschaft bekommt, insbesondere, wenn er tief in die Täler herunterdringt und in höherer Lage kühlere Strömungen vorliegen.
Im Bildbeispiel 4 zeige ich eine solche typische Föhnwolke, die soeben entstanden ist. Im scharfen Gegenlicht sind sowohl Ballung wie Dichte gut erkennbar.
Bildbeispiel 5 gibt Gelegenheit, ganz ähnliche Wolkenformationen über der Nordsee zu betrachten. Scharfer Nord-Nordwest wehte über Helgoland, als ich diese Aufnahme von Oberland aus machte, daher der weite Blick ins offene Meer hinaus. Die bekannte Näherungsformel über Sichtweite auf dem freien Meere lautet:
Sichtweite in km13 x Beobachtungshöhe in m Die Alpen — 1942 — ies Alpes.15 Da ich mich in Helgoland-Oberland 60 m über Meeresspiegel befand, ist die im Bilde sichtbare Wasser-Horizontlinie in rund 88 km Distanz gelegen, somit ein feines Beispiel der Klarheit der Luft unter jenen föhnähnlichen Verhältnissen, zumal die Aufnahme nur mit Gelbfilter gemacht wurde. Die Stimmung unterscheidet sich wirklich nicht von unserem Föhnwettereffekt und bestätigt die alte Weisheit, dass Meer und Berge nicht so verschieden voneinander sind.
Wenn man aber an die fabelhaft reine Luft des hohen Nordens denkt und sich dabei vergegenwärtigt, dass dort hohe Berge, Gletscher und Meer dicht beisammen sind, so darf man auch aus jenen Verhältnissen Beispiele für unser Thema heranholen.
Drastisch ist uns die Klarheit der Luft bewusst geworden, als, von Island herkommend, unser Schiff Jan Mayen passierte. Der Beerenberg, der mit seinen 2500 m Höhe direkt als Berginsel aus dem Meer emportaucht, war bei klarem Sommerwetter noch einige Stunden nach Passieren gut sichtbar. Da das Schiff ca. 30 km per Stunde zurücklegte, so war es leicht, die Distanz zu schätzen.
Bildbeispiel 6 zeigt den Beerenberg ( Jan Mayen ) vom Norden her, ca. 4 Stunden nachdem wir ihn passierten, also aus über 100 km Distanz. Das Bild ist eine Ausschnittsvergrösserung einer Infrarotaufnahme mit hellem Rotfilter, da die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes eine kurze Belichtungszeit erheischte. Kurz vorher hergestellte Aufnahmen auf panchromatischem Material sind auch brauchbar, zeigen aber weniger Kontrast und einen hellen Himmel.
Sehen wir nun zum Schlüsse unserer Darlegungen von den Verhältnissen der Schwarz-weiss-Photographie ab und übertragen wir unsere Beobachtungen auf Farbenphotographie, so können wir die Föhnstimmung erst recht herbeiwünschen, da sie uns gestattet, klare Weitblicke in unsere Alpenwelt zu erfassen. Bei der Farbenaufnahme scheidet der Gebrauch jeglicher kräftig wirkender Kontrastfilter aus, da sie einen betonten Farbstich ergeben. Früher begnügte man sich, mit Hilfe eines Äskulinfilters alles extrem-kurzwellige Licht abzuhalten. Äskulin ist aber eine Substanz, die für Dauergebrauch ungeeignet ist, weil sie fluoresziert und mit der Zeit vergilbt. An Stelle dieser Filter verwendet man heute aus Massivglas hergestellte « Dunstfilter », die farblos sind und bis 390 m/< absorbieren. Solche Dunstfilter sind für Fernsichten ( auch bei Föhn !) immer zu empfehlen, wenn nicht gerade das Bildmoment durch den blauen Dunst der Ferne ausgemacht wird. Kompen-sationsfilter gegen Blaustich, die gelblich-rosa gefärbt sein müssen, sind bei hohem Sonnenstand bei Fernaufnahmen angelegentlichst zu empfehlen, während bei tiefem Sonnenstand jegliches Filter entbehrlich wird.