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Die diabetische Polyneuropathie ist eine Folge von langjährigem Diabetes mellitus. Der zu hohe Blutzuckerspiegel schädigt die Nerven. Betroffen sind vor allem die langen Nerven, welche die Beine versorgen. Betroffene Patienten leiden an sockenförmigen Gefühlsstörungen, Gangunsicherheit und dem Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Ungefähr 20 % aller Patienten mit fortgeschrittenem Diabetes mellitus entwickeln zusätzlich ein neuropathisches Schmerzsyndrom mit brennenden Schmerzen in Füssen und Beinen, die äusserst schwer zu behandeln sind. Eine Rückenmarksstimulation kann betroffenen Patienten Linderung verschaffen und wird bei uns im Inselspital als operative Leistung angeboten.
Der ständig erhöhte Blutzuckerspiegel bei Diabetes mellitus hat negative Auswirkungen auf den gesamten Organismus. Die häufigsten Langzeitschäden durch Diabetes mellitus betreffen das Herzkreislaufsystem (erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko) und das Nervensystem. Bei letzterem sind vor allem die langen Nervenbahnen des peripheren Nervensystems betroffen, die für die Gefühlsvermittlung und Motorik der unteren Extremitäten verantwortlich sind. Durch die chronisch voranschreitende Nervenschädigung kommt es typischerweise zu Gefühlsstörungen in den Füssen und Beinen, die sich in einem dumpfen Gefühl äussern und häufig auch mit brennenden, einschiessenden oder einschnürenden Schmerzen einhergehen.
Die einzige und wichtigste kausale Therapie ist die konsequente Einstellung des Blutzuckerspiegels, um ein Voranschreiten der Erkrankung zu verhindern *. Daneben ist eine Therapie der Symptome möglich. Zur Linderung der Schmerzen werden vor allem Medikamente aus der Klasse der Antiepileptika wie Gabapentin (Neurentin) und Pregabalin (Lyrica) sowie Antidepressiva wie Amitriptylin oder Duloxetin (Cymbalta) eingesetzt, die auch bei anderen neuropathischen Schmerzen wirken und verabreicht werden *. Opioide sind in der Regel wenig wirksam *. Schlagen diese Therapieversuche fehl, besteht die Möglichkeit einer Neuromodulation in Form einer Rückenmarkstimulation.
Geeignete Kandidaten für eine Rückenmarkstimulation sind Patienten mit chronischen neuropathischen Schmerzen aufgrund diabetischer Polyneuropathie, deren Blutzuckerspiegel gut eingestellt ist, bei denen aber die medikamentöse Therapie nur unzureichend wirkt und deren Leidensdruck entsprechend gross ist.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift JAMA Neurology belegt die Wirksamkeit der 10-KHz-Rückenmarkstimulation bei chronischen neuropathischen Schmerzen aufgrund einer diabetischen Polyneuropathie *. In dieser Studie wurden betroffene Patienten in zwei Gruppen eingeteilt und randomisiert, das heisst per Zufall einer Behandlungsgruppe zugeteilt. Bei Patienten aus der aktiven Gruppe wurde zusätzlich zur medikamentösen Therapie eine 10-KHz-Rückenmarkstimulation getestet. Wenn die Schmerzlinderung für den Patienten zufriedenstellend ausfiel, wurde der Stimulator permanent implantiert. Patienten aus der Kontrollgruppe wurden rein medikamentös behandelt. Beide Gruppen wurden über einen Zeitraum von 6 Monaten beobachtet und Faktoren wie Schmerzintensität, Lebensqualität und neurologischer Status der Patienten erfasst und beurteilt. Es zeigte sich, dass bei der Gruppe mit Rückenmarkstimulation 85 % der Patienten von einer zumindest 50%igen Schmerzlinderung profitierten, während nach rein medikamentöser Therapie nur 5 % der Betroffenen eine Verbesserung der Schmerzen um 50 % angaben. Im Durchschnitt lag die Schmerzlinderung durch die Rückenmarkstimulation bei ungefähr 75 %. Auch wenn die Studie keine Langzeitergebnisse erfasst und der Beobachtungszeitraum von 6 Monaten relativ kurz gewählt ist, sind diese Ergebnisse doch sehr vielversprechend.
In unserer Klinik wird die Rückenmarkstimulation regelmässig erfolgreich durchgeführt. Potentielle Patienten mit schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie werden zunächst von einem multidisziplinären Team von Neurologen, Diabetologen und Schmerzspezialisten gründlich evaluiert. Eine gute Patientenselektion unter Berücksichtigung vieler medizinischer Faktoren ist von enormer Bedeutung für den Therapieerfolg der Rückenmarkstimulation. Geeignete Patienten durchlaufen zunächst eine Testphase von 1–2 Wochen, bei denen die implantierte Elektrode an ein mobiles, externes Schrittmachergerät angeschlossen wird. Wenn der Patient von der Rückenmarkstimulation gut profitiert, erfolgt in einer zweiten Operation die Verbindung der implantierten Elektrode an einen definitiven Schrittmacher, der unter die Haut im Unterhautfettgewebe implantiert wird. Wenn der Testlauf nicht zu einer ausreichenden Schmerzlinderung geführt hat, kann die implantierte Elektrode in einem ambulanten Kurzeingriff wieder gezogen werden.
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