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Szenenwechsel. Wir drehen das Rad der Zeit einige Jahrzehnte zurück (die Zeit spielt keine Rolle), und wir wechseln in die Westminster Chapel nach London. Der Enkel von Martin Lloyd-Jones beschreibt, wie er im Rückblick die Gottesdienste erlebte. Wohlgemerkt: Lange Predigten, ohne Chor, und man blieb den ganzen Sonntag beisammen.
Eines der anderen Dinge, welche die Westminster Chapel ganz einzigartig machte, war die ungewöhnlich mannigfaltige Zusammensetzung der Gemeinde Das ist eigentlich sogar eine massive Untertreibung. Ich erinnere mich genau, wie in meiner Kindheit die Gottesdienste von Universitätsprofessoren ebenso wie von Geisteskranken und von allen, die dazwischenlagen, besucht wurden! Der Besuch in der Chapel war, was die Leute betraf, denen man dort begegnen würde, ein nicht vorhersagbares Ereignis.
Keine einzige Menschengruppe hätte weniger homogen sein können, und dennoch war das Zusammengehörigkeitsgefühl ausserordentlich stark. Es herrschte eine erwartungsvolle Stimmung, in der man von Gott hören und sich an dem, was die Bibel sagt, erfreuen wollte. … Die Verkündigung des Doktors konnte von jedem verstanden werden, weshalb auch alle möglichen Leute kamen, oftmals aus beträchtlichen Entfernungen. Manche waren freiberufliche Akademiker. … Eine andere war aber auch eine eigenartige alte Dame, die wir alle unter dem unglücklichen Namen “verrückte Annie” kannten, eine Dame, die kontinuierlich Wahnvorstellungen hatte. … Viele Gemeindeglieder waren Ausländer. Die Chinesen waren in grosser Zahl vertreten… Die Tatsache, dass der Doktor aus Wales stammte, spielte dabei eine grosse Rolle. Im Gegensatz zu anderen behandelte er ausländische Besucher genauso wie alle Menschen, indem er sie weder ablehnte noch sich ihnen gegenüber herablassend verhielt. … Es war beinahe ein Vorgeschmack des Himmels, während des Kirchenbesuchs zu sehen, wie all jene Menschen aus all diesen unterschiedlichen Kulturen zusammenkamen, um Gott anzubeten und sein Wort zu hören.
Der Doktor vernachlässigte auch die pastorale Seite seines Dienstes nicht. Für viel ist diese genauso sehr Bestandteil ihrer Erinnerungen wie die Sonntagspredigten. Da seine Gemeindeglieder aus der weiten Umgebung anreisten, war es für ihn physisch unmöglich, hinauszufahren und sie alle zu besuchen. Also kamen sie zu ihm, in seine Sakristei, einen Raum hinter der Kanzel. Er trug immer dafür Sorge, dass man ihm nach dem Gottesdienst sprechen konnte.
… Doch das Leben in der Chapel bestand nicht nur aus dem Besuch von Predigtgottesdiensten. Während des Krieges war es zu gefährlich, um die Mittagszeit nach Hause zu gehen, sodass die Küchen auf den Vorschlag meiner Grossmutter hin genutzt wurden und die Leute zum Mittagessen bleiben konnten. Dies funktionierte sehr gut, und diese Praxis wurde während der gesamten Wirkungszeit des Doktors beibehalten.
… Jeder hatte seinen angestammten Platz beim Mittagessen, sass bei denselben Leuten, und dennoch sprach jeder bald mit jedem. Viele Familien assen Folienkartoffeln, die wir immer vor dem Vormittagsgottesdienst in einen grossen Ofen hineinschoben. … Da es so viele Kartoffeln aus unterschiedlichen Familien gab, musste jede Kartoffel mit einem eigenen Zeichen signiert werden, um sie von den anderen zu unterscheiden…
Jetzt bringst du wieder einen Super-Prediger. Vorsicht: Kaum Lobpreis, keine dauernden Beispiele aus dem Leben des Predigers, lange Predigten – in der Regel über einen Bibelvers, verknüpft mit einem Panorama der ganzen Bibel, kein Welcome-Drink, aber… Ja, was denn genau? Während ich dies schreibe, kommen mir die Tränen. Der Heilige Geist machte sein Wort lebendig und fügte Menschen zusammen. Sie guckten nicht alle fünf Minuten auf die Uhr. Sie sehnten jeden Sonntag und jede Predigt herbei. Das ist keine Bilderbuchgeschichte. Ich habe dies selber auch erlebt! Und du?