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Homer Biographie
Homer, griechisch Homeros, am Beginn der antiken griechischen Literatur stehender Dichter, als Verfasser der beiden wichtigsten altgriechischen Epen, der Ilias und der Odyssee, Begründer der ältesten literarischen Gattung. Homers historische Existenz ist nicht belegt, und über die Frage, ob die beiden Epen von ein und demselben Verfasser stammen, gehen die Meinungen auseinander. Linguistische und historische Untersuchungen legen jedoch die Vermutung nahe, dass die beiden Dichtungen im 8. Jahrhundert v. Chr. an der von Griechen besiedelten Westküste Kleinasiens entstanden. Die Stoffe, die in beiden Epen verarbeitet wurden, stammen aus einer mündlich tradierten Form der Kleinepik, die in die Zeit der frühgriechischen Stämme im 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht und wahrscheinlich von umherreisenden Rhapsoden (Sängern) an den Adelshöfen vorgetragen wurden. Die Ilias Die Ilias (abgeleitet von dem griechischen Namen für die Stadt Troja: Ilion), die als das ältere Werk gilt, spielt im letzten Jahr des Trojanischen Krieges, der auch den Hintergrund für die Haupthandlung bildet, und umfasst einen Handlungszeitraum von 49 Tagen. Sie schildert in 24 Büchern den Zorn des griechischen Helden Achilleus, wie es bereits im Proömium angekündigt wird. Vom Heeresführer Agamemnon gekränkt, der ihm seine Sklavin Briseis raubte, verlässt Achilleus die griechische Streitmacht, die daraufhin im Kampf gegen die Bewohner von Troja schwere Niederlagen erleidet. Achilleus zeigt sich unversöhnlich, lässt jedoch zu, dass sein Gefährte Patroklos an seiner Stelle die Truppen anführt. Als dieser im Kampf fällt, richtet sich der Zorn des Achilleus gegen die Trojaner, deren Heerführer Hektor, ein Sohn des Königs Priamos, er im Zweikampf tötet. Die Dichtung endet mit den Totenfeierlichkeiten für Hektor, nachdem Achilleus Priamos den Leichnam seines Sohnes zur Bestattung überlassen hat, weil er sich mit dem trojanischen König angesichts des Todes und des schmerzlichen Verlusts eines Nahestehenden verbunden fühlt. Die Haupthandlung wird von zahlreichen Nebenepisoden unterbrochen, die die verschiedensten von Göttern abstammenden Helden im Zweikampf zeigen, und auch die Götter selbst mischen sich in der unterschiedlichsten Form in die Kampfeshandlungen ein. Die Odyssee Inhalt der 24 Bücher der Odyssee, die einen Handlungszeitraum von zehn Jahren umfasst, sind die Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus nach Ende des Trojanischen Krieges, bevor er schließlich zu seiner Gattin Penelope heimkehrt. Der erste Teil des Epos beginnt kurz vor der Heimkehr des Odysseus, der nach einem Schiffbruch seinen Rettern von seinen Irrfahrten erzählt, in deren Verlauf er zahllosen Gefahren ausgesetzt war. Parallel dazu schwenkt die Handlung in die Heimat des Helden, wo sich eine Horde Freier in seinem Hause niedergelassen hat, die um die Gunst seiner Gattin Penelope buhlen. Diese kann sich ihrer nur mit einer List erwehren und schickt ihren Sohn Telemachos aus, um nach seinem Vater zu suchen. In Form von Rückblenden erzählt Odysseus selbst seine Abenteuer, etwa bei dem menschenfressenden einäugigen Riesen Polyphem. Später muss er sich auch der Verlockungen der Nymphe Kalypso erwehren, die ihm Unsterblichkeit verspricht, wenn er als ihr Gemahl bei ihr bliebe. Der zweite Teil des Epos berichtet von Odysseus Heimkehr nach Ithaka, wo er sich zunächst heimlich der Loyalität seiner Dienerschaft versichert und schließlich blutige Rache an den Freiern nimmt. Epischer Stil Beide Epen sind in einem gehobenen epischen Stil in Hexametern verfasst (siehe Verslehre), der ionische und äolische Sprachelemente beinhaltet. Ihre Sprache ist eine auf eine lange Tradition zurückgehende formelhafte Kunstsprache, die auf mündlicher Überlieferung basiert. Dies ist besonders an den zahlreichen formelhaften Elementen, wie schmückenden Beiwörtern, stereotypen Wendungen und Phrasen, zu erkennen, die immer wiederkehren. Charakteristisch ist auch die Lebendigkeit, mit der die Figuren gezeichnet werden, die Natürlichkeit der Darstellung, die Wahl der Gleichnisse aus Natur und zeitgenössischer Umwelt, die von einer scharfen Beobachtungsgabe zeugt. Während es in der Ilias um die Darstellung von aus Leidenschaft resultierenden Handlungen und unlösbaren Konflikten geht und auch die Götter mit negativen menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind, kommt in der Odyssee in stärkerem Maße ein moralischer Aspekt zum Tragen. Achilleus, Agamemnon, Priamos und die übrigen Figuren lassen sich nicht als gut oder schlecht kategorisieren und sind als Täter und Opfer zugleich in ein grausames und letztendlich tragisch endendes Geschehen verwickelt. In der Odyssee dagegen wird das Böse vernichtet; das Gute siegt schließlich, und die Familie des Helden ist am Ende wieder vereint. Auch Odysseus zeigt im Umgang mit Personen niedrigeren sozialen Ranges, wie Hirten, Dienern oder Bettlern, Tugenden wie väterliches Interesse, Verantwortungsbewusstsein und Güte, die auf eine exemplarische Königsherrschaft schließen lassen und wodurch er als Vorbild eines guten, gerechten Herrschers erscheint. Homerische Hymnen Neben der Ilias und der Odyssee wird Homer eine Sammlung von 33 den beiden Epen stilistisch nahe stehenden Gedichten zugeschrieben, eine Zuweisung, die jedoch nicht unumstritten ist. Es handelt sich um Hymnen (Preislieder) auf griechische Gottheiten (z. B. Apollon, Aphrodite, Demeter und Hermes), die die Rhapsoden als Einleitungen zu ihren Rezitationen vortrugen. Die homerische Frage" Die Texte der homerischen Epen wurden im Lauf der Jahrhunderte immer wieder von älteren Manuskripten (die zum Großteil nicht erhalten sind) abgeschrieben und auf diese Weise durch das Mittelalter und die Renaissance bis in unsere Tage überliefert. Obgleich Homers Identität nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte (so wurde er z. B. in der Antike immer wieder als blinder Greis dargestellt) und auch Zweifel bestehen, ob alle Textteile beider Epen durchgehend von demselben Autor verfasst wurden, herrschte doch von der Antike bis in die Neuzeit weitgehend die Meinung vor, dass es sich bei Homer um einen (möglicherweise auch zwei) Dichter handelte. Die Ilias und die Odyssee galten, obwohl sie offensichtlich auf überliefertem Material beruhten, als eigenständige und weitgehend fiktive Originalwerke. Teilweise bereits in der Antike, verstärkt jedoch in den letzten 200 Jahren hat sich diese Sichtweise gewandelt. Die viel diskutierte so genannte homerische Frage", also die Frage nach dem Dichter der homerischen Epen und ihrer Entstehungsart, geht auf die Beobachtung zurück, dass beide Werke äußerst disparate Elemente vereinigen, sich viele Unstimmigkeiten feststellen lassen. So treten beispielsweise Waffen- oder Kultbräuche nebeneinander auf, die aus verschiedenen Kulturschichten stammen, unerklärliche Widersprüche und Brüche lassen sich feststellen, aber auch selbständige Einheiten darstellende Lieder und Kleinepen herauslösen, die zu einem größeren Werk kompiliert worden sein könnten. Eine zufriedenstellende Antwort auf die homerische Frage wurde bis heute nicht gefunden. Untersuchungen und Analysen von Einzelaspekten, die im 19. und 20. Jahrhundert unternommen wurden, schienen auf eine Sammlung von Einzelgedichten bzw. -liedern hinzudeuten; nach der unitarischen Betrachtungsweise dagegen sind diese Unstimmigkeiten von untergeordneter Bedeutung und die Epen als einheitliche Werke eines einzelnen Verfassers zu sehen. Archäologische Funde aus den letzten 125 Jahren, insbesondere die Ausgrabungen Heinrich Schliemanns in Troja und Mykene, haben gezeigt, dass die von Homer beschriebene Kultur tatsächlich existierte. Die Epen könnten daher gewissermaßen als historische Quelle" hinzugezogen werden, ein Aspekt, der seitdem bei der Untersuchung ihrer Entstehung verstärkt mit einbezogen wurde. Wirkungsgeschichte Die Wirkung der Epen Homers auf die gesamte nachfolgende Literatur der Griechen kann gar nicht überschätzt werden. Als maßgeblicher Gestalter ihres Götter- und Menschenbildes beeinflusste er Trägodie, Geschichtsschreibung und Philosophie und wurde bereits in der Antike in den Kanon der klassischen Schulautoren aufgenommen. Beinahe jeder Epiker in der abendländischen Literatur berief sich direkt oder indirekt auf das homerische Vorbild oder setzte sich kritisch damit auseinander. In der römischen Literatur gab es bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Nachdichtung durch Livius Andronicus, und Vergils römisches Nationalepos Aeneis beinhaltete eine Widerlegung des individualistischen Wertesystems der homerischen Epik. Die am stärksten an Homer orientierten Szenen in dem Epos Paradise Lost (Das verlorene Paradies) des englischen Dichters John Milton beispielsweise die Schilderung des Kampfes im Himmel haben eher komischen Charakter. Im Bereich des Romans, beispielsweise im Don Quijote (1605) von Miguel de Cervantes oder im Ulysses (1922) von James Joyce, zeigen die auf Homer anspielenden Passagen eine deutliche Neigung zu Parodie und Spott. Bahnbrechend unter den englischen Homer-Übersetzungen der Hochrenaissance wurden die Versionen von George Chapman (1616) und Alexander Pope (Ilias, 1715-1720; Odyssee, 1725-1726). In Deutschland wirkte der Einfluss Homers besonders auf Goethe, Lessing und Herder, durch die Übersetzungen von Johann Heinrich Voss (Odyssee, 1781, Ilias, 1793) wurden seine Werke breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Unter den Übertragungen der jüngeren Zeit ist besonders die des Altphilologen Wolfgang Schadewaldt zu nennen (Odyssee, 1958, Ilias, 1975).
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