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Pragmatismus vor Ideologie
Neben diesem top-down gesteuerten und auf Ziele fokussierten Management des Landes ist ein zweites Element wichtig, um zu verstehen, wie China funktioniert: Die chinesische Führung betont und befürwortet Pragmatismus, nicht Ideologie. Das erscheint für uns sehr paradox, weil wir uns an die Überzeugung gewöhnt haben, dass für Kommunisten die Ideologie immer an erster Stelle kommt. So war China unter Mao tatsächlich so stark ideologisch ausgerichtet, dass die wirtschaftliche Realität teilweise einfach geleugnet wurde.
In der jüngeren Vergangenheit wird China aber – zumindest in ökonomischen und technologischen Aspekten – von einer der am meisten auf Fakten und Logik basierten Regierungen der Welt geleitet. Wissenschaftliche Beweise, zum Beispiel beim Klimawandel, werden nicht in Frage gestellt. Die Ideologie beeinflusst die Analyse von ökonomischen Fakten nicht. Deng Xiaopings Konzept «Aufgrund von Fakten nach der Wahrheit suchen» und sein berühmter Spruch «Wen kümmert die Farbe einer Katze, solange sie Mäuse fängt?» definieren bis heute die Herangehensweise der Regierung.
Die chinesische Führung verfügt also auch über all die Nachweise, um genau zu wissen, dass der momentane Ansturm auf kredit- sowie investmentbasiertes BIP-Wachstum in eine Sackgasse führt.
Schnelles Wachstum
Aus Angst vor sozialen Unruhen nach der Finanzkrise 2008 beschloss die Regierung von Wen Jiabao, dass China weiterhin schnell wachsen müsse – ganz egal, welche Ressourcen dafür nötig sein würden. Chinas Finanzhaushalt war sehr gesund, die Führung konnte es sich leisten, die Schulden zu erhöhen und den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben. Bis zum Jahr 2008 ging der Anteil der Schulden am BIP tatsächlich zurück.
Der Ausbau der Infrastruktur ab 2008 war atemberaubend. In nur sieben Jahren wurden 40 000 Kilometer an Eisenbahnstrecken errichtet. Zum Vergleich: In den 60 Jahren seit der Gründung der Volksrepublik bis 2008 wurden insgesamt 68 000 Kilometer an Gleisen gebaut. In denselben sieben Jahren wurden 63 000 Kilometer Autobahnen errichtet, mehr als das gesamte Netzwerk, das in den 20 Jahren von 1988 bis 2008 gebaut worden war. Während diese Investitionen in die Infrastruktur für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sicherlich positiv sind, wird es mit der Zeit aber immer schwieriger, lohnenswerte Projekte zu definieren und umzusetzen.
Dazu kommt, dass Provinzvertreter immer wieder im Alleingang entschieden haben, die lokale Wirtschaft zu fördern. Unter dem Druck, Wachstumsziele zu erreichen, haben Lokalpolitiker grosse Projekte genehmigt, die einen signifikanten ökonomischen Einfluss hatten – aber auf Staatsebene wenig Sinn machten.
Ohne Nachhaltigkeit
Das bemerkenswerteste Beispiel dafür sind die 210 Kohlekraftwerke, die 2015 auf lokaler Ebene abgesegnet wurden, während im selben Jahr der Kohleverbrauch in China erstmals sank. Daraufhin wurden 103 dieser Projekte – viele davon bereits im Bau – von der Regierung in Peking gestoppt. Es werden tatsächlich kaum neue Kohlekraftwerke benötigt werden, weil erwartet wird, dass der steigende Bedarf an Elektrizität mehr und mehr von nicht fossilen Energieträgern gedeckt wird, um den CO2-Ausstoss zu verringern.
Vor demselben Hintergrund haben die von staatlicher Seite geführten Investitionen der vergangenen sieben Jahre eine erhebliche Überkapazität in den traditionellen Schwerindustrie-Sektoren wie Stahl, Zement und Kohlebergbau erzeugt. Ganze Industriezweige wurden dadurch unrentabel, weil die Unternehmen in einem überbelieferten Markt konkurrieren. In weiterer Folge wirken sich solche Überkapazitäten auch auf internationale Märkte aus und führen zu Unstimmigkeiten im Handel, weil diese Unternehmen verzweifelt nach weltweiten Absatzmärkten suchen.
Rasante Zunahme der Schulden
Es sind aber nicht nur die staatlichen Investitionen, die immer unwirksamer werden. Auch die zusätzlichen Schulden, die benötigt werden, um die Investitionen zu finanzieren, sind gefährlich sowie unhaltbar. Die chinesischen Staatsschulden wuchsen von 2007 bis 2014 jedes Jahr durchschnittlich um rund 20 Prozent des BIP – von 158 Prozent auf 282 Prozent des BIP.
Die Gesamtschulden sind zwar nicht untragbar – sie erreichen das Level von Südkorea –, aber die Geschwindigkeit der Zunahme der Schulden ist verblüffend. Nach allen Einschätzungen kann das momentane Modell noch drei bis fünf Jahre überleben, bis es eine nicht zu beherrschende Schuldenlast angehäuft hat. Es ist positiv für China, dass die Finanzierung der Schulden fast komplett im Inland geschieht (wie auch in Japan), im Grunde bereitgestellt durch die fast 30 Prozent des verfügbaren Einkommens, das die chinesischen Bürger auf deren Bankkonten sparen.
Dadurch befindet sich China nicht in derselben Position wie einige Entwicklungsländer, die für ihre Entwicklung auf internationale Kredite angewiesen sind. Dazu kommt, dass die ausländische Devisenkontrolle chinesische Bürger darin beschränkt, im Ausland zu investieren. Deswegen parkt die lokale Bevölkerung ihr Erspartes in den chinesischen Banken.
Dennoch, das Vertrauen der Kontoinhaber könnte Schaden nehmen und die Zinsleistung sowie die Notwendigkeit, ab einem bestimmten Punkt die Gesamtschulden zu reduzieren, können die Profitabilität von Unternehmen schädigen und die Verfügbarkeit von Geldmitteln für weitere Investitionen einschränken.