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„Ich kann nicht alles, aber ich mache alles“
Der Schalk sitzt Thomas tief im Nacken, wenn er über seinen nicht alltäglichen Alltag als Ranger erzählt. In den Sommermonaten sieht man ihn meistens draussen mit Rucksack und Hund. Wenn andere ihn darauf ansprechen und meinen, er habe einen coolen Job und verdiene auch noch Geld damit, drückt er ihnen einen Ausbildungsflyer in die Hand. Sie finden es dann doch zu teuer oder befürchten, danach keine Stelle zu finden. „Jaja, das musste ich mir ja auch erst organisieren!“, kommentiert er und grinst.
Thomas wuchs in Meiringen auf. Durch seinen Vater, der Bauführer war, wurde die Baustelle sein zweites Zuhause. Das Feriengeld erarbeitete er sich mit Gipserarbeiten. Das prägte ihn und er wollte unbedingt einen Bauberuf erlernen. Weil er aber die Mittelschule besucht hatte, entschied er sich für ein Bauingenieur-Studium an der ETH Lausanne. Sechs Monate lang hörte er den Mathematik- und Physikprofessoren zu, verstand aber nur Bahnhof. Thomas fühlte sich in einer Sackgasse, und er hatte keinen Plan B.
Ernüchtert kehrte er nach Hause zurück. Kurz darauf stiess er in der Zeitung auf ein Inserat, in dem ein zweijähriger Quereinsteigerlehrgang am Lehrerseminar Lerbermatt in Bern angekündigt wurde. Kurzerhand meldete er sich an. Bis dieses ein halbes Jahr später startete, brachte Thomas noch schnell die Rekrutenschule hinter sich und erfüllte sich einen Bubentraum: er legte die Prüfung für den LKW-Führerschein ab und arbeitete drei Monate als LKW-Fahrer.
Seine Motivation, Lehrer zu werden, hielt sich anfangs in Grenzen. Bald aber merkte er, wie genial dieser Beruf zu ihm passte. Ihn faszinierte das Unterrichten als Primarlehrer in kleinen Dorfschulen. Doch mit der Zeit verleideten ihm die Rahmenbedingungen des damaligen Schulsystems den Arbeitsalltag. Erneut griff er zur Zeitung und landete einen Volltreffer. Er bewarb sich als Lerncoach an der Privatschule Beatenberg, welche nicht mehr beschulbare Jugendliche unterrichtet, und bekam die Stelle. Das dort angewendete selbstgesteuerte Lernen in altersunabhängigen Lerngruppen zog ihn in seinen Bann. „Leck mir“, sinniert Thomas in Erinnerung an die vier Jahre im Beatenberg, „so muss Lernen funktionieren!“.
Dann folgte er dem Ruf eines ehemaligen Lehrerkollegen und unterstützte diesen bei der Rettung einer Zwergschule in Brünigen, die mangels Schülern geschlossen werden sollte. Sie wagten den Aufbau einer öffentlichen Tagesschule nach dem Modell Beatenberg. Das Experiment gelang, doch die enge Beziehung zwischen den beiden zeigte eines Tages erste Verschleisserscheinungen. Er ging zurück nach Beatenberg, wo ein Schulleiter gesucht wurde.
„Danke vielmals, das war`s! Ich fange nochmals unten an.“
Als Thomas 40 Jahre alt wurde und sein Lehrerleben in perfekten Bahnen verlief, stellte sich ihm plötzlich die Frage in den Weg: „Soll das nun so weitergehen oder kommt irgendwann noch etwas anderes?“ Er war inzwischen verheiratet, hatte zwei Töchter, Haus, Auto, Tiere und entsprechend viele Ausgaben und Ansprüche, die befriedigt werden wollten. So mussten er und seine Familie überlegen, wo die finanzielle Schmerzgrenze im Hinblick auf eine berufliche Veränderung liegt.
Dieses Mal griff er nicht zu Zeitung, sondern googelte: „Natur … Wildhüter … draussen sein“. Er stiess auf die brandneue Ausbildung zum Ranger an der Försterschule in Lyss. Kein Zweifel, das war das, was er wollte! Seine Familie unterstützte ihn in seinem Vorhaben.
Thomas konnte keinen grünen Grundberuf vorweisen und musste begründen, warum ein Lehrer für diesen Beruf geeignet sein sollte. Ausserdem musste er als einziger Teilnehmer eine Anstellung nach der Ausbildung in Aussicht stellen. Also schrieb er ein paar E-Mails an Firmen, die seiner Meinung nach einen Ranger gebrauchen könnten. Bei der Kraftwerke AG Oberhasli im Grimselgebiet stiess er tatsächlich auf offene Ohren. Die Kommunikationsabteilung hatte sich bereits selber solche Gedanken gemacht, kannte aber den neuen Lehrgang nicht. Thomas legte ihnen den Flyer auf den Tisch und bekam per Handschlag eine Jobzusage.
Zur rechten Zeit am richtigen Ort
Seitdem wandert er in den Sommermonaten im Dienste der KWO im Grimselgebiet umher und in den Wintermonaten packt er sein Knowhow für die Kommunikationsabteilung desselben Arbeitgebers aus dem Rucksack. Einerseits ist Thomas deren Visitenkarte und dafür besorgt, dass die Wanderwege intakt, sauber und gepflegt sind. Andererseits vertritt er die Interessen verschiedener Anspruchsgruppen, wie Wildhüter, Umweltorganisationen oder kantonale Ämter, gegenüber der KWO.
Thomas Aufgaben sind vielseitig. In den beiden Tagen vor dem Interview brachte er angehenden Lehrpersonen der PH Luzern unter dem Motto „Vom Gletscher zur Glühbirne“ den Kreislauf der Stromerzeugung näher. Während die Gruppe zum Oberaaregletscher wanderte, sichteten sie ein Steinadlerpärchen, hörten einen Strahler (Kristallsucher) klopfen und begegneten einem älteren Ehepaar, das ihnen eindrücklich über den Gletscherrückgang berichtete. Um auch die touristische Seite der Kraftwerke zu erleben, fuhr er mit der Lehrergruppe in der Gelmerbahn, der steilsten Standseilbahn Europas. Vor zehn Jahren wurde diese Werkbahn von 1925 für den Tourismus geöffnet, um die Partnerschaft zwischen Wasserkraft und Natur aufzuzeigen.
Tags darauf waren Sitzungen angesagt und am übernächsten Tag die Begehung eines historischen Wanderweges sowie eine Strategiesitzung der KWO zum Thema Tourismus. Diese Vielseitigkeit ist eine der Sonnenseiten seines exotischen Berufes. Ausserdem arbeitet Thomas mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen und ist viel in der freien Natur. Auch an Innovationen ist er beteiligt, als beispielsweise die Gewässerökologen der KWO vor drei Jahren einen Fischlift bauten. Thomas zeigt Gästen diese Pionierleistung, die inzwischen weltweit kopiert wird.
Schattenseiten und Hindernisse
Thomas Antrieb ist das Aufbauen, Gestalten und Entwickeln: „Als Kind habe ich gerne Legobahnen gebaut. Wenn sie fertig waren und liefen, wendete ich mich wieder etwas neuem zu.“ Hindernisse auf seinem Weg zum Ranger fallen ihm keine ein. Stolpersteine gab es sehr wohl. Sie waren aber immer Anlass dafür, sicherer zu werden in dem, was er wollte. So war die Lohneinbusse beim Berufswechsel kein Hindernis, sondern eine Bestärkung weiterzumachen. Am störendsten erlebte er die Skepsis im Bekanntenkreis. Er musste sich immer wieder für seinen neuen, eigenartigen Job rechtfertigen.
Als Schattenseite bezeichnet er die teils unklare Gesetzeslage. Ausserdem hat er keine Legitimation seitens seines Arbeitgebers etwas zu unternehmen, wenn ihm offensichtliche Mängel begegnen. Weil der Naturschutz kantonal geregelt ist, sieht er sich oft in einem Dilemma, wenn Wanderer illegal Blumen pflücken oder campieren. Die KWO hat ihn als Gastgeber angestellt, nicht als Polizist. Deshalb muss er hin und wieder beide Augen zudrücken und zähneknirschend Diplomatie walten lassen.
Sein Ziel: noch mehr Rangeraufgaben
Die Sommermonate sind kurz im Grimselgebiet. Langfristig aber will Thomas mehr Ranger sein können. Deshalb möchte er bei der KWO mittelfristig nur noch Teilzeit arbeiten und den Rest seines Lebensunterhaltes als freischaffender Ranger für andere Unternehmen tätig sein.
Seit vier Jahren ist Thomas Präsident des Schweizer Berufsverbandes für Ranger, welcher derzeit 230 Mitglieder und 120 ausgebildete Ranger umfasst. Eine Herzenssache! Für Ranger gibt es allerdings noch kein Kompetenzzentrum, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Thomas plant nun die erste Rangerstation der Schweiz, die er gemeinsam mit seiner Frau betreiben wird. Dieses Zentrum soll einerseits „Zuhause“ und Anlaufstelle für andere Ranger sein, inklusive Büro, Schulungsraum und Begegnungsort. Zudem sind mobile Übernachtungsmöglichkeiten in Form moderner Wagenlofts für naturverbundene Gäste geplant. Diese lässt Thomas von regionalen Schreinern bauen.
Das alles kostet Geld, viel Geld! Doch auch das ist in seinen Augen kein Hindernis. Ende Juli gingen sie mit ihrer Webseite online, starteten eine Crowdfunding-Aktion und verteilten 1000 Postkarten im Bekanntenkreis.
Zutaten für Erfolg und berufliche Zufriedenheit
Thomas Rezept klingt einfach: „Einerseits spielt der Zufall mit. Es war einfach reif! Natürlich braucht es ein bisschen Glück und auch Sensibilität, sich mit sich zu beschäftigen.“ Seiner Meinung nach wartet immer irgendwo ein Türchen, man muss nur wissen, was man will. Man sollte auch mal machen, was man noch nicht kann, und staunen, wie es dann doch funktioniert. Auch das Bauchgefühl sollte nicht zu kurz kommen. Einfach ausprobieren und nicht zuviel überlegen.
Thomas möchte allen Mut machen, den sicheren Hafen zu verlassen, aufs Meer raus zu segeln und zu schauen, was es dort gibt. „Das bekannte Unglück liegt einem oft näher als das unbekannte Glück!“. Ein kraftvolles Schlusswort.
Im Hinblick auf die SWISS RANGER STATION HASLITAL wünsche ich ihm und seinem Projektteam von Herzen viel Glück und Erfolg!
Wer dieses einzigartige Projekt unterstützen möchte, findet Informationen unter www.rangerstation.ch. Bis 30.September 2016 läuft eine Crowdfunding-Aktion, bei der jeder Franken zählt!
Thomas und seine Frau Fränzi
*** Ende ***
Text: Barbara Sorino
Fotos: Beat Kehrli, David Birri, Herbert Steiner
Links:
Swiss Ranger Station Haslital: www.rangerstation.ch
Facebook: @rangerstationhaslital
Bildungszentrum Wald in Lyss: http://www.bzwlyss.ch/
Der nächste Ranger-Lehrgang startet im März 2017: http://www.bzwlyss.ch/de/ausbildung/ranger/berufsbild/berufsbild.html
Tätigkeitsbeschreibung eines Rangers/einer Rangerin sowie Voraussetzungen für den Lehrgang: www.codoc.ch/de/waldberufe/ranger/
Schweizer Berufsverband: www.swiss-rangers.ch