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mannigfache, bald mehr, bald minder scharfsinnige Kombinationen zur Erklärung der Art der Krankheitsverbreitung [* 2] auftauchen. Erst die allerneueste Zeit, welche uns den Ansteckungskeim zahlreicher Krankheitsformen in Gestalt kleinster Organismen unmittelbar vor das Auge [* 3] führte und deren Lebens- und Entwickelungsbedingungen verfolgen ließ, hat die Forschung auch auf dem Gebiet der Epidemiologie von dem Wege der Spekulation zu dem der exakten Naturbeobachtung wieder zurückgeführt.
Diese neuere Erkenntnis von dem wahren Wesen der Infektionsträger hat indessen die statistischen Grundlagen der Epidemiologie, umfassende Massenbeobachtungen, nicht entbehrlich gemacht; vielmehr gilt es, nach wie vor die Ergebnisse zuverlässiger Beobachtungen über das Auftreten der vermeidbaren Krankheiten zu sammeln und zum übersichtlichen Bilde zusammenzustellen. Erst wenn dies geschehen, kann man daran gehen, den Gang [* 4] der Krankheit mit den biologischen Eigenschaften des Krankheitserregers in Einklang zu bringen und so wissenschaftliche Klarheit in die ursachlichen Bedingungen der Verbreitung gemeingefährlicher Krankheiten zu bringen.
Das statistische Material über die den Epidemiologen interessierenden Krankheiten wird auf sehr verschiedene Weise gewonnen. In vielen Fällen, wenn es nicht möglich ist, brauchbare Angaben über die Zahl der Erkrankungen zu erlangen, muß man sich mit der Zahl der Todesfälle begnügen, was auch für gewisse, besonders gefürchtete, weil relativ häufig zum Tode führende Krankheiten ausreicht. So gewinnt man beispielsweise über die Verbreitung der asiatischen Cholera, der echten Pocken, des Kindbettfiebers aus den registrierten Todesfällen ein meist zutreffendes Bild, ja oft ein richtigeres als aus der Erkrankungsstatistik.
Bei der asiatischen Cholera werden zur Zeit einer herrschenden Epidemie die Todesfälle ziemlich richtig eingetragen, da sie unter sehr markanten, auch dem Nichtarzt erkennbaren Erscheinungen auftreten, während es bei den Erkrankungen an Cholera häufig vorkommt, daß entweder Fälle verheimlicht werden, oder umgekehrt von ängstlichen Personen jede Magenverstimmung, jeder leichte Katarrh der Verdauungsorgane als Cholera angezeigt wird. Unsre epidemiologischen Erfahrungen über das Vorkommen der Cholera, namentlich in ihrem Heimatsgebiet Ostindien, [* 5] fußen daher mit Recht vorwiegend auf den hierher gelangten Mitteilungen über die Choleratodesfälle, und auch bei den Einbrüchen der Cholera auf europäisches Gebiet (Italien, [* 6] Spanien [* 7] etc.) thut man gut, den Betrachtungen über den Verlauf der Epidemie in erster Reihe die gemeldeten Todesfälle zu Grunde zu legen.
Unsicherer ist dieser Weg schon bei den Pocken. Erfahrungsgemäß wird der Name Pocken oder Blattern in manchen Gegenden auch harmlosen Ausschlagsformen beigelegt, und hat diese Begriffsverwirrung da, wo ärztliche Bestätigung der Todesursachen mangelt, schon zu unrichtigen Vorstellungen über die Verbreitung der Pocken geführt. Im Deutschen Reiche ist erst seit 1886 durch Bundesratsbeschluß eine sehr genaue ärztliche Pockentodesfallsstatistik eingeführt, welche ein klares, verläßliches Bild von dem Auftreten dieser vor Einführung der Schutzpockenimpfung mit Recht sehr gefürchteten Krankheit gibt.
Mit aller Bestimmtheit ist dadurch unter anderm die interessante Thatsache festgestellt worden, daß Pockentodesfälle in den östlichen Grenzbezirken des Reiches zehnmal häufiger vorkommen als in den mehr zentral und westlich gelegenen Gegenden. Der Verkehr der östlichen Grenzbezirke mit den dauernd pockenverseuchten Nachbargebieten Österreichs und Rußlands führt nämlich unaufhörlich zur Einschleppung der Krankheit in das deutsche Gebiet, hier aber faßt sie, dank den Erfolgen des deutschen Reichsimpfgesetzes, nicht mehr festen Fuß, sondern erlischt meistens bald.
In den drei Jahren von 1886 bis 1888 starben in den 15 an der östlichen Grenze des Reiches gelegenen Regierungsbezirken (8 preußischen, 3 sächsischen, 4 bayrischen) 380 Personen an den Pocken, im ganzen übrigen Deutschen Reiche 95, d. h. auf je 1 Mill. Einw. in den Grenzbezirken 28, in dem übrigen Reiche kaum 3. Jenseit der deutschen Grenze, im angrenzenden Polen, Böhmen, [* 8] Mähren etc., starben aber 50-100mal mehr Personen als selbst in den Grenzbezirken des Deutschen Reiches.
Zieht man statt der Todesfälle die Pockenerkrankungen in Betracht, über die seit 1886 ebenfalls sehr genaue Ausweise aus fast allen Staaten des Deutschen Reiches vorliegen, so ergibt sich die Notwendigkeit, die schwer verlaufenden Fälle der echten Pocken von den meist leicht ablaufenden sogen. modifizierten Pocken zu trennen. Erstere kommen hauptsächlich bei ungeimpften oder bei den vor langer Zeit einmal geimpften Personen vor, letztere dagegen treten auch (obgleich relativ selten) innerhalb der durch die Impfung [* 9] gewährten Schutzfrist auf.
Tödlich endende Pockenerkrankungen betreffen, wie die neuere Pockenstatistik gezeigt hat, fast ausschließlich ungeimpfte Personen oder solche Leute, bei denen die Schutzkraft der in früher Kindheit einmal vollzogenen Impfung erloschen ist. Die Häufigkeit der Pocken in einigen außerdeutschen Ländern ist, da es dort mehr Ungeimpfte, bez. nur einmal Geimpfte gibt, seit Jahren sehr viel höher als im Deutschen Reiche. Nach der Sterblichkeitsstatistik der größern Städte des In- und Auslandes (1885-87) starben an den Pocken auf je 100,000 Einw. jährlich in den größern Städten
[* 1] ^[Abb.: Die Verbreitung der Pocken in den größern Städten. Ein schwarzes Quadrat der
Figur entspricht jährlich einem Pockentodesfall auf 200,000 Einwohner.] ¶
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|des Deutschen Reiches (ca. 200)||0.5 Pers.|
|Österreichs||37 -|
|Ungarns||118 -|
|Englands||5 -|
|Italiens||50 Pers.|
|Belgiens||18 -|
|Schwedens||0.2 -|
|Frankreichs||39 -|
Die außerordentlich günstige Stellung, welche hinsichtlich der Pockentodesfälle die Staaten mit gesetzlich geregelter Impfpflicht, also Schweden [* 11] und das Deutsche Reich, [* 12] demnächst England (letzteres ohne Wiederimpfpflicht), einnehmen, wird am deutlichsten durch das Diagramm auf S. 500 versinnbildlicht.
Für eine Reihe andrer Volkskrankheiten muß man sich mit den Ergebnissen der allgemeinen Erkrankungsstatistik begnügen. Diese aber beruht einerseits auf der für gewisse gemeingefährliche Krankheiten in vielen Staaten eingeführten Anzeigepflicht, anderseits auf den aus ärztlich geleiteten Heilanstalten (namentlich den allgemeinen Krankenhäusern) vorliegenden Ausweisen. Die erstere Art der Erkrankungsstatistik ist nach Lage der Verhältnisse eine sehr unvollständige, da der Anzeigepflicht nur für einen (je nach der Energie der überwachenden Behörden wechselnden) Bruchteil der Erkrankten genügt wird. Die letztere, die Heilanstaltsstatistik, umfaßt zwar ebenfalls nur einen Teil der erkrankten Bevölkerung, [* 13] ist aber in sich vollständig und eher für epidemiologische Schlüsse verwertbar.
Die Ergebnisse der Heilanstaltsstatistik werden für das Deutsche Reich, ferner für Österreich, [* 14] Italien, Schweden und andre Staaten ziemlich regelmäßig veröffentlicht und gewähren schon jetzt ein sehr beachtenswertes Bild von der Häufigkeit der in den Krankenhäusern zur Behandlung kommenden Leiden. [* 15] Im Deutschen Reiche, wie auch z. B. in Österreich und Italien, werden alljährlich von je 1000 Einwohnern 11-12 in den Heilanstalten verpflegt, aus einem Vergleich der in den Heilanstalten beobachteten Krankheiten darf man daher Rückschlüsse auf eine entsprechende Morbidität der Bevölkerung der drei Länder machen, und diese Heilanstaltsstatistik hat schon wertvolle Anhaltspunkte über die Verbreitung einiger wichtiger Krankheiten geliefert.
Die Berechtigung, aus dem Heilanstaltsmaterial beachtenswerte Schlüsse auf die Erkrankungsverhältnisse der Bevölkerung zu ziehen, ist nicht wohl zu bestreiten, da allein die allgemeinen Krankenhäuser jährlich einen Zugang von mehr als ½ Mill. Krankheitsfälle haben, deren ärztlicherseits gestellte Diagnose als zuverlässig gelten kann. Mindestens von den Erkrankungsverhältnissen der in den Krankenhäusern vorwiegend vertretenen Altersklassen, d. h. des im erwerbsthätigen Alter von 15-60 Jahren stehenden Teiles der Bevölkerung, dürfte die Heilanstaltsstatistik ein annähernd zutreffendes Bild gewähren. Um einen Vergleich zwischen den verschiedenen Gebietsteilen des Reiches zu ermöglichen, muß man für jeden deutschen Bundesstaat und für jede preußische Provinz ermitteln, in welchem Verhältnis zur Gesamtzahl aller Erkrankungen die hauptsächlichsten Krankheiten und Krankheitsgruppen jährlich beobachtet worden sind. So findet es sich¹, daß der Prozentsatz der an Tuberkulose und Lungenschwindsucht leidenden Kranken nur in gewissen starkbevölkerten Gebieten des Reiches regelmäßig besonders groß ist. Im Königreich Sachsen, [* 16] in Hessen, [* 17] der Rheinprovinz [* 18] entfielen von je 1000 Krankheitsfällen jährlich 46-54, dagegen z. B. in den beiden Mecklenburg [* 19] und Ostpreußen [* 20] jährlich nur 21-29 auf die genannten Leiden.
Fast immer zeigt es sich (wenn man aus annähernd gleich großen Gebietsteilen gleiche Summen von Krankheitsfällen in Betracht zieht), daß die Verhältniszahl der Schwindsuchtsfälle in dem dichter bevölkerten Landstrich größer, in dünn bevölkerter Gegend geringer ist (vgl. die Karte). Ein andres Resultat wird gewonnen, wenn man die Häufigkeit aller Erkrankungen der Atmungsorgane, unter denen die akuten und chronischen Katarrhe der Luftwege eine große Rolle spielen, untersucht.
Die wenigsten Kranken dieser Art hatten insbesondere die Seeufergebiete, also Schleswig-Holstein, [* 21] Mecklenburg, Hannover, [* 22] Pommern, [* 23] während im Südwesten und Westen des Reiches, namentlich in Elsaß-Lothringen, [* 24] Westfalen, [* 25] Hessen-Nassau, [* 26] Hessen und Bayern [* 27] die höchsten Ziffern sich fanden. Ein nicht überraschendes, aber immerhin bemerkenswertes Ergebnis liefert auch das Studium der Verbreitung des Wechselfiebers. Es zeigt sich, daß diese Krankheit im Deutschen Reiche seit 1877 stetig an Häufigkeit abgenommen hat.
Von je 1000 neu zugegangenen Krankheitsfällen entfielen auf das Wechselfieber von 1877 bis 1885 nacheinander: 12,3, 10,7, 9,6, 9,2, 9,2, 7,2, 5,8, 4,7, 4,1 Fälle. Während der letzten Jahre war es hauptsächlich noch in den Flußgebieten der Weichsel, Oder und Warthe, in Oldenburg [* 28] und in Ostpreußen (dessen Haffgegenden ein günstiges Malariaterrain abgeben) häufiger beobachtet. Aus Hamburger Krankenhäusern werden jährlich zahlreiche Fälle von tropischem Malariafieber bei Seeleuten angezeigt.
Wie diese stetige Abnahme der Wechselfieber im Deutschen Reiche im allgemeinen für die Besserung sanitärer Verhältnisse zeugt, so darf man einen gleichen Beweis hierfür unter Umständen aus einer konstanten Abnahme der Typhus erkrankungen entnehmen. In dieser Hinsicht ist unter anderm auf die stetige Abnahme der Typhusmorbidität in den Heilanstalten Berlins hinzuweisen. Von je 1000 Krankheitsfällen entfielen hier auf Unterleibstyphus und gastrisches Fieber 1880: 43,9, 1881: 33,5, 1882: 32,0, 1883: 22,3, 1884: 24,9, 1885: 18,5, 1886: 16,5. Dem gegenüber ist z. B. für das Hamburger Staatsgebiet eine ebenso deutliche Zunahme der Typhuserkrankungsziffer nachgewiesen, und zwar von 1883 bis 1886 von 18,5 auf 25,7, 51,6 und 69,4 Proz. aller Krankheitsfälle.
Die Diphtherie spielt in der Heilanstaltsstatistik, trotzdem sie vorzugsweise eine jüngere, in den Krankenhäusern wenig vertretene Altersklasse befällt, doch eine bedeutende Rolle (von 100 Todesfällen entfielen 5-6 auf Diphtherie). Weitaus am meisten scheint die Diphtherie nach den vorliegenden Vergleichsziffern in den Gegenden der Norddeutschen Tiefebene verbreitet gewesen zu sein, denn in den Großherzogtümern Mecklenburg-Schwerin u. Mecklenburg-Strelitz, den preußischen Provinzen Schleswig-Holstein, Pommern, Sachsen, Hannover, Brandenburg, [* 29] endlich in dem gleichfalls zur Norddeutschen Tiefebene gehörigen Herzogtum Anhalt [* 30] waren die Fälle von Diphtherie nicht nur im Vergleich zu allen übrigen Krankheiten, sondern hauptsächlich im Vergleich zu andern Infektionskrankheiten des jugendlichen Alters am zahlreichsten vertreten. Auch in Berlin [* 31] und im Königreich Sachsen (bez. in dessen Hauptstädten Dresden, [* 32] Leipzig [* 33] und Chemnitz, [* 34] wo mehr als die Hälfte aller sächsischen Kranken behandelt wurde) war Diphtherie verhältnismäßig sehr häufig.
Vergleiche mit auswärtigen Ländern ergeben, daß die Diphtherie im vorletzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in deutschen Krankenhäusern eine weit größere.
¹ Die nachstehenden Zahlenangaben wie auch die der kartographischen Darstellung zu Grunde liegenden Ziffern sind einer Zusammenstellung der Ergebnisse der Heilanstaltsstatistik in Bd. 4 der »Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt« entnommen. ¶