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«Ich habe jeden Tag mehrmals erbrochen»
Nicole B. wollte dünn werden, aber nicht komplett aufs Essen verzichten. Im April 2018 fing sie an, nach den Mahlzeiten zu erbrechen. Lange hatte sie mit niemandem darüber gesprochen, bis die Probleme zu mächtig wurden. Eine spezialisierte Therapie in der Psychiatrie Baselland hat ihr geholfen.
Nicole B. leidet unter Magersucht und selbst herbeigeführtem Erbrechen. Das nennt sich in der Fachsprache Anorexie mit aktiven Massnahmen zur Gewichtsabnahme. Nicole B. ist 18 Jahre alt. Schon im Kindergarten hatte sie immer das Gefühl, zu dick zu sein. «Dabei war ich gar nie übergewichtig.» Sie habe immer Probleme mit ihrem Körper gehabt, meint sie; eine Ursache dafür kann sie nicht nennen. Sie habe immer «ganz normal» gegessen, auch psychisch sei sie nicht vorbelastet gewesen.
So verlief die Kindheit von Nicole B. in einem ständigen Auf und Ab der Gefühle, ohne dass sie mit jemandem darüber gesprochen hätte. Irgendwann im Januar 2017 beschloss sie, auf Brot, Teigwaren, Reis und andere Lebensmittel mit Kohlenhydraten zu verzichten. «Mein Ziel war es, dass ich nicht zunehme.» Sie kochte ihr Essen fortan selber. Die Eltern hätten nicht viel gesagt, erinnert sich Nicole. Sie habe ihr Essverhalten nicht «obsessiv» umgestellt und immer noch Süssigkeiten gegessen. «Ich gönnte mir immer auch Ausnahmen von meinem Essregime.»
Dann kam die Trennung von ihrem Freund und die Probleme wurden grösser. Im April 2018 fing sie an, das zuvor Gegessene wieder zu erbrechen. «Ich informierte mich auf Google, wie man das macht.» Sie wollte wieder damit aufhören, «da ich nach dem Erbrechen immer ein schlechtes Gewissen hatte». Die Situation beruhigte sich für eine Weile. Bei einem Auslandaufenthalt wurde es jedoch schlimmer. Nicole musste Kohlenhydrate essen und fing wieder an zu erbrechen. «Kaum war ich zurück in der Schweiz, ass ich nur noch Salat.»
Eine weitere Reise mit der Schulklasse ins Ausland machte alles noch schlimmer. Nach einem Abendessen in einer grossen Stadt wusste Nicole, dass sie wieder erbrechen musste. Sie hatte Tränen in den Augen und die Kolleginnen fragten, was los sei. Sie wollte nicht darüber sprechen. «Hier merkte ich erst so richtig, dass ich mein Problem nicht im Griff hatte.» Auch später weinte sie vor ihren Kolleginnen. Nur einer Freundin, die ebenfalls an einer Essstörung gelitten hatte, vertraute sie sich an. Irgendwann erfuhren es dann auch die Klassenkameraden, die froh waren, dass Nicole mit jemandem reden konnte.
Nach den Sommerferien erlaubte sich Nicole fast nur noch Bananen, Joghurts und Müsliriegel mit weniger als 90 Kilokalorien. Alles andere wie kleine oder normal grosse Mahlzeiten erbrach sie drei bis fünf Mal täglich. Sie besuchte die Schule und trieb viel Sport. Innert zwei Monaten verlor sie acht Kilo Gewicht. «Das Treppensteigen fiel mir jedoch schwer, da mir immer wieder schwindlig wurde.»
Mitte Oktober 2018 war die junge Frau in Behandlung bei einem Psychiater, ohne dass die Eltern es wussten. Aber irgendwann konnte sie ihr Geheimnis auch vor ihnen nicht länger verbergen. «Mein Vater reagierte geschockt und wollte das zuerst gar nicht wahrhaben», erzählt Nicole. Die Eltern sagten ihr, dass sie etwas tun müsse. In dieser Zeit litt sie unter Konzentrationsschwächen, Körperzittern, Kopfweh und zu allemÜbel zog sie sich auch noch eine Magenschleimhautentzündung zu.
Vor Weihnachten 2018 musste sich die Schülerin krankschreiben lassen. «Ich war süchtig danach, Hunger zu verspüren», erzählt sie. Kurz darauf trat sie in die Psychotherapiestation für Jugendliche mit schweren Essstörungen und Krisen (PTS) der Psychiatrie Baselland in Liestal ein. Die PTS bietet ein Behandlungskonzept für weibliche und männliche Jugendliche mit schweren Essstörungen und weibliche Jugendliche mit Krisen an. Die Station wird als Wohngemeinschaft mit acht Plätzen geführt. Ein Psychologinnen-Team betreut die Bewohnerinnen und Bewohner rund um die Uhr.
Im milieutherapeutischen Setting haben wir mit Nicole gearbeitet, damit sie zu einem gesunden Essverhalten zurückfindet. Dazu hatte sie beim Eintritt in die Psychotherapiestation einen Behandlungsvertrag abgeschlossen, der individuell abgesprochene Ziele des Aufenthaltes umfasste. Wir haben Nicole unterstützt, ihren Körper adäquat wahrzunehmen und akzeptieren zu lernen.
Essstörungen haben häufig einen suchtartigen Charakter und beeinflussen dadurch das gesamte Planen und Handeln. Darum haben wir auf die Gestaltung eines gemeinsamen Alltags (Mahlzeiten, Haushaltführung, Freizeit) und auf das Wiedererlangen einer sinnvollen externen Tagesstruktur Wert gelegt. Ab der zweiten Hälfte Januar 2019 besuchte Nicole halbtageweise wieder die Schule. Sie tut ihr gut und lenkt sie von den ständigen Gedanken ans Essen ab.
In Einzelgesprächen und Gruppentherapien sind wir mit Nicole unter anderem folgenden Themen angegangen: Identität, Selbstwertgefühl, soziale Kompetenz, Emotionsregulation, Stresstoleranz, Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Weiter fanden regelmässige Standortgespräche mit den Eltern statt. Nicole geht es nach einem rund viermonatigen Aufenthalt auf der PTS wieder so gut, dass sie die Behandlung im ambulanten Setting weiterführen kann.