Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/721

Leseprobe aus „Camouflage“
Reichengasse
„Ein Bijou“, hatte der Makler zu ihr gesagt, „genau das Richtige für Sie“. Als sie das Objekt besichtigt hatte, war strahlender Sonnenschein gewesen. Der Makler, der vor ihr gekommen war, hatte alle Lampen angezündet und die Sprossenfenster aufgerissen, weisses Winterlicht strömte herein. Er führte sie herum, als habe er die Wohnung eigens für sie bauen lassen. Drei Zimmer auf zwei Etagen, Wohnküche, Terrasse, alles neu renoviert, das Bad sei gefangen, ma foi, er hob die Hände, aber schwarz gekachelt und es habe ein Bidet. Sie könne sofort einziehen. Erminia entwand sich seinem Blick, den er wie eine schwere Hand auf ihren Körper gelegt hatte und trat ans Fenster. Sie hatte ihre Zweifel, ob dieser Mann wusste, was das Richtige für sie war, aber der Ausblick verzauberte sie und ausserdem, was sie ihm nicht sagen würde, hatte er in diesem Punkt nicht unrecht. In den ehemaligen Patrizierhäusern der Reichengasse wohnten die, die es auf der richtigen Seite des Lebens zu etwas gebracht hatten: muntere Singles oder unkonventionelle Patchwork-Familien, Kunsthandwerker, Kulturleute und linksliberale Politiker. Berlin-Mitte oder Greenwich Village, nur in kleinerem Mass-Stab, à la Suisse eben. Man traf sich samstags auf dem Markt oder zum Espresso bei Frédérik, die Männer trugen farbige Hosen und ihre Haare, falls sie welche hatten, standen genau im richtigen Winkel vom Kopf ab. Der Gipfel entspannter Perfektion, fand Erminia. Aber das, was letztlich den Ausschlag gab, war die Aussicht: der Blick auf den Fluss, der sich im Lauf von Jahrtausenden in die Sandsteinschichten eingefressen hatte, die mittlere Brücke, den Treppengiebel der Kommandantur und die Ziegeldächer der unteren Altstadt, die noch vor siebzig Jahren, als ihre Grosseltern in die Stadt gekommen waren, ein Problemquartier gewesen war mit drangvoller Enge und katastrophalen sanitären Zuständen und wo Wohnraum heute zu Phantasiepreisen gehandelt wurde. Die Reichengasse, nomen est omen, war schon immer ein Edelquartier gewesen. In den Wohnungen der Reichengasse hatte ihre Mutter saubergemacht. Santo cielo che casino, hatte sie gesagt, wenn sie nach Hause gekommen war, und wenn das Kind, das es mal besser haben sollte, sie begleiten durfte, hatte es sich gewundert, dass die Schweizer, die ihrer Mutter Arbeit und Lohn gaben, so wenig Möbel hatten. Sie erinnerte sich an Bücher, Bilder, staubbedeckte Lautsprecherboxen und Zimmer mit zweifarbig gemusterten Holzböden, in denen, wie beim Zahnarzt, nur eine Lampe und eine Liege standen. Am Hang gegenüber sah sie weidende Schafe, die Steilwand mit der Loretto-Kapelle obendrauf und dahinter die Berge. Erminia hatte nicht lang überlegen müssen. Der Mietzins war hoch, aber das konnte sie sich leisten und ausserdem war es Zeit, zuzupacken, wenn es im Leben etwas zu packen gab.
© Paulusverlag Freiburg/Schweiz, 2014