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1972 publizierte Alan Kay, damals Mitarbeiter im Xerox Palo Alto Research Center, einen Artikel „A Personal Computer for Children of All Ages“ in den „Proceedings of the ACM National Conference“, August 1972.
Kopie dieses Artikels (in historischer Lese-Qualität) hier »».
Ein aktuelles Interview (2008) mit Alan Kay hier »».
Schon die Einleitung macht klar, mit welcher Haltung Alan Kay an die Probleme herangeht, indem er (sinngemäss) sagt: „Wir hoffen immer, dass Technologie unserer Probleme löst. Aber das funktioniert eigentlich nie, u.a. weil die Menschen nicht einbezogen werden.“
Bezogen auf das Lernen fordert Kay, dass wir primär berücksichtigen müssen, dass Lernen ein aktiver und mit viel Aktivität verbundener Prozess ist. Es braucht deshalb eine Technologie, die dem Bedürfnis nach Aktivität (wir würden im Bezug auf Medien heute „Interaktivität“ sagen) entgegenkommt und diese Art von Lernen unterstützt. Lernmaschinen, die lediglich auf Drill ausgerichtet sind, lehnt Kay ab (und das in einer Zeit der Hochblüte von Skinner & Co.!).
Nett an Alan Kay’s Artikel waren unter anderem ein erdachte Story mit zwei Neunjährigen, welche im Park ausgerüstet mit „Dynabook“s lernen, und eine detaillierte Beschreibung des „Dynabook“s samt Hand-Zeichnungen. Heute würden man beim Dynabook von einem Notebook oder Tablet-PC sprechen. 1972 gab es natürlich noch weder PCs, geschweige denn Laptops, noch Internet, noch mit heutigen Tools vergleichbare Applikationen. Einfache Betriebssysteme und Compiler für Programmiersprachen waren softwareseitig vorhanden. Und noch 1974 gab es für mich als Studenten der ETHZ nur stundenlanges Stanzen und Einlesen von Lochkarten oder Lochstreifen (genannt Input) und nach geraumer Zeit Abholen von blauweiss-gestreiftem Papier, welches ein Kettenrad-Monster unter ohrenbetäubendem Lärm mit 80 Typen-Raupen bedruckt hatte (genannt Output). Die Computer-Magier (später als Informatiker bezeichnet) sassen vor bläulich flimmernden Konsolen mit futuristischem Design und eilten mit schweren Magnetplatten oder dicken Magnetbändern herum. Meine Programme (geschrieben in Fortran, später im an der ETH gerade erfundenen Pascal, für Schnittstellenprobleme sogar in Assembler) durften immerhin 20 kB gross sein, wofür ich im stockwerkfüllenden Grossrechner grosszügige 5 Minuten Rechenzeit zugeschanzt bekam (und wohl auch manchmal gebraucht hatte, vor allem wenn ich wieder einmal eine Endlosschlaufe produziert hatte). Dass jemals Millionen von Menschen einen eigenen Compi haben werden, war unvorstellbar, nicht zu reden von einen „Personal Computer for Children of All Ages“.
Das „Pflichtenheft“ für seine Schüler-PCs ist topmodern. Einige Details:
- Preisziel: 500 $
- Gewicht: < 4 Pfund (ca. 1,9 kg)
- Grösse: 12 x 9 x ¾ “ (ca. A4-Format, 2 cm dick)
- Display: hoher Kontrast, 4000 Zeichen sichtbar
- Input: Tastatur und Stimme (!)
- Datenspeicher: Bandkassette > 8 kB Kapazität
- Schnittstellen: Kabel für Dynabook↔Dynabook und Dynabook↔Bibliothek (wobei bei der Verbindung zur Bibliothek gleich die Batterien aufgeladen würden!)
Bezüglich der Sprache, mit welcher mit diesem Gerät zu kommunizieren sei, sieht Kay natürlich einen sehr grossen Innovationsbedarf und zitiert Bernard Williams (frei übersetzt): „Das Denken war im Mittelalter nicht begrenzt, aber vielleicht das Vokabular, um diese Gedanken auszudrücken.“ Immerhin war 1972 bereits die für Kinder gedachte Programmiersprache LOGO im Entstehen.
Kay zitiert auch Seymour Papert, der damals am MIT sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigte: „Should the computer program the kid, or should the kid program the computer ?“
Wenn ich das betrachte, womit ich heute am Computer arbeite, egal ob es Microsoft-Office-Anwendungen sind oder sogenannte Web 2.0-Tools, ehrlich gesagt, programmieren die mich und nicht ich sie. Auch persönliche Tools wie Facebook programmieren ihre User gnadenlos. Das heisst die IT versklavt uns auch heute noch mit Tools, die unsere Arbeit definieren, statt, das wir Tools hätten, die unserer Arbeit entsprechen.