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Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in TanzOriental Oktober 2003
Die grösste Filmindustrie der Welt ist nicht etwa in den USA, sondern in Indien zu finden. Jedes Jahr werden dort um die 800 Filme in den verschiedenen Landessprachen gedreht. Filmzentren finden sich in Chennai (Madras), Kalkutta und Mumbai (Bombay). Am bekanntesten sind die Produkte aus "Bollywood" (= Bombay + Hollywood), die in Hindi gedreht werden.
Indische Filme sind darauf ausgerichtet, ein möglichst breites Publikum anzusprechen und bieten darum viel Abwechslung. Da wird 3 Stunden lang geliebt, gelitten, gelacht, geprügelt, gestorben und getanzt. Die Stories folgen meistens dem Gut/Böse- und Kriegen-sie-sich?-Muster, und sind darauf bedacht, indische Moral und Werte (z. B. die Familie als höchstes Gut) zu vermitteln. Beliebt sind Dreiecks-Beziehungen, wo schlussendlich jemand seine Liebe zugunsten des Glücks der anderen beiden opfert. Dabei gehen die Emotionen hoch und auch die männlichen Darsteller vergiessen viele Tränen.
Der Tanz als fester Bestandteil beim Erzählen einer Geschichte hat in Indien eine lange Tradition, schon im Sanskrit-Theater gehörten Musik und Tanz dazu. Auch im Kino wird an dieser Tradition festgehalten. Ein indischer Film ohne Sing- und Tanzszenen wird auf dem heimischen Markt nicht gut ankommen - solche Filme werden meist eher für den westlichen Markt gedreht. In älteren Produktionen wurden vor allem klassische Tanzstile gezeigt, in den modernen Filmen herrscht aber ein sehr gemischter Tanzstil vor, der einen grossen Teil des Unterhaltungwertes eines Films ausmacht.
Im Gegensatz zu westlichen Film-Musicals, wo die Tanz- und Gesangsnummern in die Handlung eingebunden werden, gibt man sich in den indischen Filmen diese Mühe oft gar nicht. Eben noch standen die Verliebten allein auf einer Tempeltreppe - schon finden sie sich im Park eines Palastes oder auf einer Bergkuppe wieder, mit ca. 30 Statisten, die sie beim Singen und Tanzen kräftig unterstützen. Meist wird in diesen Liedern die Handlung des Films kommentiert, oder Held und Heldin gestehen sich ihre Liebe. Gesungen werden die Lieder übrigens nicht von den Akteuren selbst. Dafür gibt es spezielle Filmsänger und -sängerinnen, die ihrerseits auch einige Berühmtheit erlangen können.
Pro Tanz werden gerne 2 bis 4 verschiedene Kostüme getragen. Tanzszenen enthalten oft auch Ortswechsel und viele verschiedene Kamera-Einstellungen. Deshalb werden nie ganze Lieder am Stück einstudiert, sondern immer nur die paar Takte, die jeweils zusammengeschnitten werden. Sonst liessen sich die manchmal in atemberaubendem Tempo getanzten Stücke, die 5 bis 8 Minuten dauern, kaum realisieren, ohne dass Make-Up oder Frisur darunter leiden würden.
Die Tanzszenen sind übrigens durchaus keine reine Frauensache. Auch die Schauspieler werden unter anderem danach beurteilt, wie gut sie tanzen können und wackeln machomässig-locker mit den Hüften. Bei Duos ist die Aufgabe des Mannes jedoch meist vor allem, die Frau gut zu präsentieren. Grundsätzlich können alle möglichen Figuren in einem Film eine Sing- und/oder Tanzszene bekommen, vom kleinen Mädchen bis zum Soldaten, von der zickigen Tante bis zum schelmischen Bruder.
Da die Zensur es verbietet, dass sich die Schauspieler küssen oder noch Unanständigeres machen, wird halt im Tanz und in den Liedtexten zum Ausdruck gebracht, worum es geht.Da sind dann auch eindeutige, suggestive Bewegungen und Gesten an der Tagesaordnung. Und wenn dann die schöne junge Frau noch plötzlich in einen Regenguss kommt und der klitschnasse Sari an ihrem Körper klebt, bleibt wohl kein Wunsch mehr offen...
Es gibt aber nicht einfach "den" Filmtanzstil. Die Bewegungen hängen nicht nur von der Handschrift der einzelnen Choreografen ab, sondern auch vom jeweiligen Lied und vom allgemeinen Grundton des Films. Die Bewegungen für moderne Pop-Stücke, die den grössten Teil ausmachen, könnte man grob gesagt als Mischung aus Baladi, Skigymnastik, Michael Jackson und indischer Folklore beschreiben. Es gibt aber auch Tanznummern, deren Schwergewicht mehr auf klassischem Tanz oder Folklore aus einer bestimmten Gegend liegt.
Drei Beispiele für unterschiedliche Ansätze sind Dil Chahta Hai, Lagaan und Devdas, alles Filme, die in den letzten Jahren gedreht wurden.
Dil Chahta Hai ("Das Herz will") spielt in einer modernen, westlich orientierten Umgebung, teilweise auch in Australien. Die Musik ist westlich-poppig, ebenso die Kleidung der Darsteller. DieTänze sind sehr modern, schnell und mit einer guten Portion MTV-Stil angereichert.
Devdas (Name des Helden) ist eine tragische Liebesgeschichte, die schon oft verfilmt wurde. In der neusten, sehr aufwändigen Produktion spielt der Film um 1930, entsprechend sind nicht nur Dekor und Kostüme üppig gestaltet, sondern auch die Musik ist klassischer als gewöhnlich, und viele der Tanzszenen sind sehr stark vom klassischen Tanzstil Kathak geprägt. In einer Nummer trägt die Heldin ein Kleid, dass so üppig bestickt ist, dass es 16 Kilo wiegt!
Lagaan ("Steuer") spielt in einer ländlichen Gegend im Jahr 1893. Entsprechend tragen die Darsteller in einfache Bauernkleider und die Tänze haben etwas folkloristisches an sich, wobei hier nicht alle Lieder voll durchgetanzt werden. Damit weicht dieser Film etwas vom üblichen Muster ab.
Auch innerhalb eines Filmes kommen verschiedene Musik- und Tanzstile vor. In Lagaan und Devdas wurden z.B. die Lieder von verschiedenen Leuten choreografiert, während Dil Chahta Hai ganz das Werk von Star-Choreografin Farah Khan ist. Ausserdem passen sich die Tanznummern der jeweiligen Stimmung und Situation in der Geschichte an und werden auch entsprechend choreografiert.
Sehr beliebt ist es, Tanzszenen in "exotischen" Gegenden zu drehen. Aus der Sicht der Inder sind dies z.B. Schweizer Berge oder irische Landschaften. Das üppige Grün ist Sinnbild für einen paradiesischen Zustand. Es gibt aber auch Filme, in denen sie direkter in der Handlung integriert sind wie z.B. im sehr erfolgreichen Film Hum Aapke Hain Koun...! ("Wer bin ich für Dich") wo alle Tanzszenen in und ums Haus spielen. Je nach Aufwand können die Tanzszenen etwa einen Drittel des Budgets für einen Film ausmachen!
Zur "Grundausstattung" der
meisten Filme gehören Liebes- und Hochzeitslieder, religiöse
Stücke sowie eine Bhangra-Nummer. Ein Liebeslied kann der Moment
sein, wo sich Held und Heldin das erste Mal näher kommen - es
kann sich aber auch um eine Traumszene handeln, wo die Verbindung herbeigeseht
wird. Für diese Lieder ist die Musik meist etwas langsamer, das
Paar schmachtet sich mehr an und tanzt weniger.
Hochzeiten sind der Anlass für farbenfrohe Tanznummern mit vielen Statisten. Auch religiöse Stücke können Tanzteile enthalten - schliesslich ist Indien das Land, in dem auch die Götter tanzen. Bhangra ist der Name für Musik und Tanz aus dem Punjab im Norden, die in Filmen gerne für ausgelassene Festszenen eingesetzt werden.
Ausserdem gibt es noch die "verruchte Nachtklubtänzerin"-Nummern. Diese sind dann meist einfach Tanz zum Selbstzweck - früher dienten sie auch als Möglichkeit, in einem Film noch etwas mehr Haut zu zeigen. Da mittlerweile aber auch die Darstellerinnen der "guten Mädchen" ziemlich kurze Röcke tragen, ist dies nicht mehr unbedingt nötig... Musikalisch erkennt man diese Nummern daran, dass sie Sängerinnen eher tief singen, während die Stimmen der positiven Frauenfiguren durchwegs sehr hoch sind. Eine Variante in älteren Filmen sind Mujras, Tänze der Kurtisanen.
Für die Schauspielerinnen und Schauspieler ist es ganz selbstverständlich, in Filmen zu tanzen und zu Background-Musik ihre Lippen zu bewegen. Amitabh Bachchan, ein Star vom Format eines Sean Connery z.B. sagte in einem Interview, dass die Musik ein wichtiger Teil der indischen Kultur ist und man sie nicht aus den Filmen entfernen sollte. Eher sollte man mehr Leute mit dem indischen Format des Films vertraut machen. Es schade einem Held durchaus nicht, zwischendurch zu singen, wenn es die Rolle erfordere.
Neben den grossen Stars bevölkern aber auch scharenweise Hintergrundtänzerinnen und -tänzer die Lied-Szenen. "Filmtänzer" ist ein Brotberuf für Tausende. Manche Choreografen haben ihre feste Truppe, die sie auch direkt bezahlen, andere stellen die Chorusline jeweils nach Bedarf zusammen.
Bei der enormen Zahl von Filmen, die jährlich in Indien produziert werden, arbeiten nicht nur die Schauspieler sondern auch Choreografen oft an mehreren Projekten gleichzeitig. Die Konkurrenz im Filmbusiness ist hart und die Choreografen müssen immer ihr Bestes geben, um nicht von anderen verdrängt zu werden. Saroj Khan (eine der Choreografinnen von Lagaan und Devdas) erzählte, wie sie einmal innert neun Tagen die Tänze von neun Filmen choreografiert hat - während der ganzen Zeit habe sie kein Auge zugetan. Ihre Choreografien entwirft sie jeweils direkt auf dem Set. Sie zeigt eine Sequenz zum Teil mit Hilfe ihrer Assistentin vor, dann lernen die Stars und Statisten die Schritte und es wird gefilmt. Darauf folgt schon die nächste Szene.
Wenn die Choreografen auf dem Set sind, haben sie die totale Kontrolle und der Regisseur hat nicht viel zu tun, ausser seine Vorstellung des Liedes zu erklären und seine Funktion im Film. Für die Choreoreografie eines Filmtanzes braucht es aber nicht nur tänzerische sondern auch filmische Kenntnisse, um die Kameraeinstellung oder Beleuchtung optimal bestimmen zu können.
Es gibt verschiedene Arten, wie man zum Choreografieren in Filmen kommen kann. Hier einige Beispiele zur Illustration:
Die schon erwähnte Saroj Khan ist heute eine der erfolgreichsten Choreografinnen, die in den letzten 20 Jahren mit allen grossen Heldinnen zusammengearbeitet und unzählige Awards der indischen Filmindustrie gewonnen hat. Saroj liebte es schon als kleines Kind zu tanzen und wurde mit drei Jahren in die Filmstudios gebracht, um die Familie zu unterstützen. Ihr Vater änderte ihren Vorname von Nirmala in Saroj, damit die religiöse Familie nicht wusste, dass das Mädchen in Filmen arbeitete, was nicht als respektabel angesehen wurde. Von der Kinderdarstellerin entwickelte Saroj sich zur Gruppentänzerin und arbeitete sich weiter hoch zur Assistentin und schliesslich 1974 im ersten Film als Tanzmeisterin. Sie hat keine klassische Tanzausbildung, lernte aber von einem bekannten Meister die Grundbegriffe von Kathak, Bharata Natyam und anderen klassischen indischen Tanzstilen.
Pandit Birju Maharaj hingegen kommt aus einer Familie von bekannten Tänzern des klassischen Tanzstils Kathak und wurde erst von seinem Vater, später von seinem Onkel unterrichtet. Mittlerweile hat er selbst schon viele junge Tänzerinnen und Tänzer ausgebildet. Er hat für den Film Devdas eine Kathak-Nummer komponiert und choreografiert.
Nachwuchstalent Vaibhavi Merchant, die u.a. auch für Devdas und Lagaan gearbeitet hat, ist die Enkelin eines bekannten Filmchoreografen, auch eine Tante und ein Onkel sind in diesem Geschäft. Sie hat eine Ausbildung in klassisch indischem Tanz und westlichem Ballett. 1994 hatte sie ihr Debut als Assistenz-Choregrafin.
Honey Kalaria, die in England lebt und dort seit 1997 eine Schule für indischen Filmtanz, Bhangra und Schauspiel führt, hat bei verschiedenen Bollywood-Produktionen mitgearbeitet und erzählte uns in einem Interview über ihre Arbeit.
- In welchen Tanzstilen bist Du ausgebildet worden?
Klassicher Indischer Tanz (Bharata Natyam und Kathak), Lateinamerikanischer Tanz, Rock'n'Roll, Orientalischer Tanz, Disco, Bhangra und Bollywood.- Wie und wann hast Du mit Filmtanz begonnen?
Meine Mutter brachte mir einen Tanz bei, als ich vier Jahre alt war. Sie meldete mich bei einer Talentshow an, wo ich den ersten Preis gewann.
- Wenn Du für einen Film choreografierst, was inspiriert Dich, wie wählst Du die Bewegungen aus?
Es ist wichtig, auf den Text des Liedes und den Stil der Musik zu hören. Ausserdem muss man verstehen, wo in der Geschichte des Films die Tanzszene angesiedelt ist. Ich versuche, nicht immer die gleichen Bewegungen zu verwenden, sondern für jede Choreografie etwas neues, originelles zu bringen. Es ist auch wichtig zu verstehen, wie der Regisseur sich die Sequenz vorstellt. Manchmal werden verschiedene Accessoires oder Orte benutzt, die in die Choreografie einbezogen werden müssen.
- Wie ist die Zusammenarbeit zwischen der Choreografin und den anderen Leuten, die an anderen Elementen der Tanzszenen arbeiten wie Kostüm, Musik usw.?
Die Choreografin muss eng mit mit dem Tanzdirektor und den Kameramännern zusammenarbeiten. Es ist erstaunlich, wie schon eine kleine Änderung im Kamerawinkel das Aussehen einer Aufnahme verbessern kann. Dann gibt es die Kostümdesigner, die um passende Garderobe, Farben, Materialien besorgt sind. Die Visagisten und Hair Stylisten stellen sicher, dass der Look der Schauspieler und Tänzer stimmt. Der musikalische Direktor ist zuständig für die Produktion der Musik und kann auch einen bestimmten Stil vorgeben. So ist zum Beispiel A. R. Rahman sehr gut darin, östliche und westliche Musik zu vermischen. Ein anderer Musik-Direktor, Nadeem Shravan, ist bekannt für seine romantischen Lieder im indischen Stil.
Man muss ausserdem ein gutes Verhältnis zu den Tänzern und Tänzerinnen aufbauen, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Manchmal muss man sich auch auf die tänzerischen Fähigkeiten der Hauptdarsteller einstellen. Auch wenn sie vielleicht keine allzuguten Tänzer sind, muss man sie auf der Leinwand im bestmöglichen Licht präsentieren. Das heisst, ihre Stärken zu unterstreichen und die Schwächen zu verdecken.
- Bringst Du den Akteuren nur jeweils ein paar einzelne Schritte bei oder tanzen sie durch das ganze Lied?
Manchmal können wir die Choreografien im voraus üben, aber meist wird gleich auf dem Filmset oder im Studio geübt. Jede Sequenz wird Schritt für Schritt in kurzen Stücken geübt und dann gefilmt. Meist gibt es viele Kostümwechsel in einem Bollywood-Tanz. Es ist auch möglich, dass die Darsteller eine Minute in Indien tanzen und die nächste in Paris vor dem Eiffelturm. Fantasie und Realität werden oft vermischt, was zum Glamour der Tänze und Lieder beiträgt.
- Wie ist es mit den Leuten, die in der Chorus Line tanzen - ist "Filmtänzer" ein Beruf wie jeder andere?
Es besteht eine grosse Konkurrenz. In Indien gibt es Tausende von Tänzerinnen und Tänzern, die ständig nach Engagements suchen. Aber wenn man gut ist, wird man immer zu tun haben. Es werden hunderte von Filme in Bombay produziert mit je 6 oder 7 Liedern, also gibt es genug Arbeit. Wenn hier in Grossbritannien Tanzsequenzen gefilmt werden, werden zum Beispiel auch meine Studenten der "Honey's Dance Academy" eingesetzt .
- Gibt es so etwas wie einen Wettbewerb zwischen Filmproduzenten, möglichst viele Leute in den Tanzszenen zu haben?
Manchmal werden für einen Bollywood Hunderte von Tänzerinnen und Tänzern eingesetzt. Aussergewöhnliche Choreografien, farbenfrohe Kostüme und schöne, sinnliche Schauspielerinnen tragen alle zum spektakulären Eindruck eines Films bei.
- Was ist sonst noch wichtig zu wissen über Indischen Filmtanz?
Indischer Filmtanz benutzt viele verschieden Stile von West nach Ost, Arabisch, Afrikanisch, bist zu Hip Hop und Streetdance. Wenn ein Lied/Tanz populär wird, wird auch der Film ein Hit. Die Zuschauer werden zurückkommen, um den Film 10mal zu schauen, nur wegen dem einen Tanz, der berühmt worden ist.
- Ist Indischer Filmtanz ein Trend in Grossbritannien, der überall angeboten wird, oder bist Du die Einzige, die das unterrichtet?
Honey's Dance Academy ist die einzige Schule, die professionellen Bollywood-Tanz unterrichtet. Aber es werden nach und nach weitere Schule eröffnet, weil die Nachfrage sehr gross ist. Britische Asiaten lieben Bollywood-Tanz, weil er mit der indischen Kultur verbunden ist und doch modern - etwas, womit sie sich verbunden fühlen. Aber auch der Mainstream beginnt sich dafür zu interessieren und es gibt momentan eine Art Schneeball-Effekt auf dem Markt.
Bilder aus
den Filmen Hum Aapke Hain Koun und Hum Saath Saath Hain verwendet mit
der freundlichen Genehmigung von Rajshri Productions Ltd.
Szenenbild aus Honey Kalaria's Tanzunterrichtsvideo verwendet mit ihrer Genehmigung.