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Auf Seelenjagd im Jenseits
Manchmal träume ich davon, mit einem Vorschlaghammer den Grabstein meines Vaters zu zertrümmern.
Zwar heisst es, man solle verzeihen, aber meine Wut ist noch immer zu gross. Als ich mit zehn Jahren von einem vierwöchigen Asthma-Kuraufenthalt im Bündner Dorf Feldis nach Basel zurückkam, holte mich mein Vater am Bahnhof ab.
Ich war enttäuscht, denn ich konnte ihn schon damals nicht riechen, er war vorlaut. Zudem hatte ich mich sehr auf meine Mutter gefreut.
Am nächsten Morgen weckte er mich. Beim Frühstück fragte ich: «Wo ist Mama?» «Weg!» sagte der Schwachkopf, «für immer.» Mir stockte der Atem, ich versteinerte. Später erfuhr ich, dass der Bruder der besten Freundin meiner Mutter sich während einer längeren kurbedingten Abwesenheit meines Vaters in sie verliebt hatte. Er könne nicht ohne sie leben, soll er unter Tränen gestanden haben.
Mein Vater hatte nichts Besseres zu tun, als zu sagen: «Wenn er nicht ohne dich leben kann, musst du halt zu ihm gehen.» An mich, sein Kind, dachte er keine Tausendstelsekunde lang. Als wohlbehütetes Nesthäkchen unter sechs Kindern hatte Mama nie gelernt, eine eigene Meinung zu entwickeln. So wechselte sie den einen Trottel gegen den andern aus.
Mein Vater hat es nie für nötig befunden, sich bei mir dafür zu entschuldigen, dass er meine Mutter aus meinem Leben hat verschwinden lassen. Als ich sie Jahre später wieder traf, sagte sie: «Er hätte mir sagen sollen, was ich tun musste.» Jetzt hoffe ich auf ein Leben nach dem Tode, damit ich ihn durch das All jagen und ihm den Horror in die Seele blasen kann, den ich durch seine Herzenskälte erfahren musste.
Kolumne im Baslerstab vom 31.12.2002