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Anders als die zuvor behandelten Drucke, sind Zeichnungen und Malerei seit jeher Teil der Ausdrucksformen der zirkumpolaren Arktis. Bevor Papier verfügbar wurde, wurden diese auf Holz, Leder, Knochen und verschiedenen anderen Materialien aufgebracht. Oder auch als vergängliche Werke in Schnee oder Schlamm gezeichnet.
Die Sami in Skandinavien waren über Jahrhunderte in Austausch mit ihren südlichen Nachbarn. Bereits im 17. Jahrhundert, als christliche Missionare eine Schriftsprache für die Sprache der Sami entwickelten, wurden Sami-Gedichte veröffentlicht. Als Teil des 1673 erschienenen Buches Lapponia, das in mehrere Sprachen übersetzt und so auch einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich wurde. Mit der Intensivierung von Handel, dem Aufkommen von Tourismus und der Entwicklung der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin, dokumentierten Sami ihre Lebenswelten auf Papier, zumeist in Form von Blei- und Buntstiftzeichnungen.
Durch die europäischen Siedler und den damit verbundenen Handel, entwickelte sich auch in Grönland im 19. Jahrhundert eine frühe Form von Touristenindustrie und Inuit Jäger zeichneten ihren Alltag und ihre Lebenswelten auf Papier. Inklusive natürlich dem Kulturkontakt, so dass neben Waffen und Ausrüstungen auch beispielsweise Schiffe und Siedlungen mit europäischen Häusern gezeigt werden. Mitglieder der de Quervain-Expedition von 1912 brachten solche Zeichnungen des Grönländers Jakob Danielsen (1888-1938) erstmals auch in die Schweiz. Sein Talent wurde vom dänischen Kolonialverwalter Philip Rosendahl erkannt und gefördert. So erhielt sich ein Korpus von mehr als 300 Werken (Bleistift- und Buntstiftzeichnungen und Aquarelle). Die in der Schweiz befindlichen Exemplare waren 2020 im Landesmuseum Zürich zu sehen, als Teil der Ausstellung „Grönland 1912“.
Auch in Nordkanada, Alaska und Sibirien verlief die Entwicklung ähnlich. Und durch das Aufkommen des Handels und Niederlassungen der jeweiligen Kolonialmächte, kam es zu vermehrtem Austausch mit den Bewohnern der Gebiete. Neben Zeugnissen der materiellen Kultur, wurden Zeichnungen und Malereien gesammelt, die Teils im Auftrag der neuen Bewohner des Gebietes entstanden. Nur in seltenen Fällen entstanden solche Werke für den Eigenbedarf.
Mit der Einführung der Druckkunst im arktischen Kanada wurden dann teils Vorzeichnungen mit Angaben zu den zu verwendenden Farben notwendig. (Abb. 1)
Viele Künstler der Arktis bleiben bis heute in ihrer Kunst den Traditionen und Themen ihrer Herkunftsgesellschaften treu. (Abb. 2) Wenn sie auch nicht zwangsläufig noch im Heimatgebiet leben, vielleicht an einer Hochschule ausgebildet wurden und in neuen Medien und für einen internationalen Kunstmarkt arbeiten. Teils werden in einem Bild komplette Geschichten erzählt oder komplexe Zusammenhänge des Lebens erläutert (Abb. 3). Oder aber die derzeitigen Herausforderungen durch den Klimawandel (Abb. 4) und ihre Auswirkungen. Der in Kinngait (Cape Dorset) beheimatete Künstler Qavavau Manumie zeigt (wie Bill Nasogaluak in seinen Skulpturen) in seinen Zeichnungen und Drucken immer wieder die menschlichen Dimensionen des Klimawandels. In seiner Zeichnung „Snowmobile Tracks at the Floe Edge“ (Abb. 5) sieht man nur noch die abrupt endenden Spuren eines Schneemobils. Man ahnt, dass es im dünnen Eis eingebrochen ist. Die Gefahren des sich verändernden Eises sind ein häufiges und ganz zentrales Thema der Jäger. Jedes Jahr verschwinden Jäger spurlos. Immer wieder wird vor den Gefahren der Jagd an der Eiskante gewarnt. Und selbst erfahrene Jäger können sich nicht mehr auf das überlieferte Wissen verlassen.
Tradition und politische Situation sind häufige Themen von Künstlern der Sami. Inga-Wiktoria Påve schuf 2020 einen Zyklus runder Bilder, die die Rentierwanderungen der Sami darstellen. (Abb. 6) Durch Grenzziehungen der heutigen Staaten, Sesshaftmachung der Sami, Abholzung der Wälder, Minenindustrie und nun ebenfalls den Klimawandel ist das traditionelle Leben der Sami stark bedroht. Der Besitz von Rentieren ist zwar den Sami vorbehalten. Doch werden Haltung und Zucht durch die starken Eingriffe in die Umwelt seitens von Unternehmen, aber auch dem schwedischen Staat immer schwieriger.
Kunst reflektiert das Leben. Zeichnungen und Malerei bilden dabei keine Ausnahme. Teils zeigen Künstler sich in ihren werken selbst beim malen und zeichnen. Oviloo Tunnillie schuf 2008 eine Skulptur einer Frau mit einer Zeichnung in Händen. (Abb. 7) Der Kreativität sind auch hier keine Grenzen gesetzt. Und mit jeder Generation von Künstlern erweitert sich das Spektrum der Themen und Erfahrungen, die in den Werken dargestellt werden.
Martin Schultz, Museum Cerny