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Kein Land hat das Ziel so hoch gesteckt: Im Jahr 2050 sollen neunzig Prozent des Stroms aus erneuerbaren umweltverträglichen Energiequellen stammen. Noch sind nicht alle Hürden genommen – aber der Fahrplan stimmt.
Tocopilla liegt in einer malerischen Bucht am Pazifik. Davor der blaue Ozean, gleich dahinter der steile Aufstieg auf das 2000 Meter hoch gelegene Plateau der Atacamawüste. Die Lage wäre nicht schlecht für eine mondäne Sommerfrische, aber das Städtchen ist das wohl schmutzigste in ganz Chile. Das liegt an den beiden Kohlekraftwerken unten am Hafen. Zwei Frachter werden dort gerade gelöscht. Ihre Ladung – Kohle – wird sofort zur Stromerzeugung verbrannt. Tag und Nacht pusten die Schlote Abgase in die Luft und überziehen die meist eingeschossigen ArbeiterInnenhäuschen des Ortes mit einer klebrigen Schicht aus Russ.
Auf dem Ortsschild, das wie ein Tor die Strasse überspannt, stellt sich der Ort mit gut 20 000 EinwohnerInnen stolz als Chiles «Hauptstadt der Energie» vor. Die Strasse kommt aus der Wüste und wird links und rechts von drei Reihen von Strommasten eingerahmt, zuerst die Serpentinen hinauf, dann fast 150 Kilometer immer geradeaus in den Osten. Dort kommt der Reichtum Chiles her: Kupfer. Chuquicamata, die weltweit grösste Kupfermine im Tagebau, und drei weitere, nur unwesentlich kleinere Bergwerke verbrauchen den grössten Teil des Stroms. Dort wird an 364 Tagen im Jahr 24 Stunden lang gearbeitet. Der 1. Mai ist der einzige Feiertag.
Träumen erlaubt
Tocopilla hat keine Zukunft mehr. Diese liegt ein paar Kilometer abseits der Wüstenstrasse. Bei einem Umspannwerk gut fünfzig Kilometer vor Chuquicamata führt eine Staubpiste in den Norden. Schon morgens um zehn gibt es hier Luftspiegelungen. Die über die Ebene verstreuten Hügel erscheinen wie Inseln mitten in glitzernden silbrigen Seen. Eine Täuschung. Wasser gibt es hier nicht. Die Atacamawüste gilt als die trockenste der Welt. Nach wenigen Kilometern aber glitzert es dann doch noch ganz real im Licht. Solarpanels, eines am anderen, über Hunderte von Metern. Die Photovoltaikanlage María Elena war eine der ersten in Chile. Sie hat eine Kapazität von 72,9 Megawatt.
Chuquicamata liegt in einem Bergzug, fast tausend Meter höher als das Plateau der Wüste. Kurz bevor man das grösste von Menschen gemachte Loch der Welt erreicht – die Mine ist gut fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und über tausend Meter tief –, sieht man im Südosten ein weiteres Stück der Zukunft: einen grossen Windpark mit über vierzig Windrädern.
Vor drei Jahren gab es nichts von alledem. Strom wurde in Chile vor allem aus Kohle, Diesel und Gas produziert, alles importiert. Das Land selbst besitzt keine nennenswerten Lagerstätten mit fossilen Rohstoffen. Einzig im Süden des Landes gab es eigene Energie aus Wasserkraft. Heute sagt Energieminister Andrés Rebolledo: «Wir können davon träumen, dass wir neunzig Prozent unserer Energie aus erneuerbaren Quellen herstellen können.» Die Regierung verspricht, im Jahr 2050 sei es so weit. Kein anderes Land hat sich ein so hohes Ziel gesteckt. Als Etappenziel sollen bis 2025 mindestens zwanzig Prozent des Stroms aus nicht konventionellen erneuerbaren Energiequellen kommen; aus Sonne, Wind und Erdwärme also. Wasserkraft wird in dieser Rechnung nicht gezählt.
«Seit 2014 wird unsere Energiewende sichtbar», sagt Christian Santana, Leiter der Abteilung Erneuerbare Energie im Energieministerium in Santiago. Damals wurde die erste grössere Photovoltaikanlage gebaut. «Begonnen aber hat das viel früher.» Entscheidend war ein Gesetz aus dem Jahr 2008, das Anbietern vorschrieb, dass mindestens 5 Prozent der in die Netze eingespeisten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen müssten. Bis 2024 sollte dieser Anteil auf 10 Prozent erhöht werden. Weil es besser lief als erwartet, wurde die Vorgabe auf 25 Prozent im Jahr 2025 erhöht. «So wie es aussieht, schaffen wir das schon 2020», sagt Santana.
Derzeit freilich sieht es noch finster aus. In Chile gibt es zwei grosse Stromnetzverbunde: Da ist das Sistema Interconectado Central (SIC) im dicht besiedelten Zentrum des Landes, wo gut 90 Prozent der Bevölkerung wohnen und arbeiten. Von den 17,6 Gigawatt Kapazität des SIC wurden im vergangenen Jahr 31,5 Prozent aus Kohle, 18,8 Prozent aus Gas und 1,4 Prozent aus Diesel gewonnen. Wasserkraft spielte hier mit 35,5 Prozent eine wichtige Rolle, Wind- und Solarenergie aber trugen zusammengenommen bloss 8 Prozent bei. Das Sistema Interconectado del Norte Grande (SING) hingegen bedient mit einer Kapazität von 5,5 Gigawatt den dünn besiedelten Norden und dort vor allem die Bergbauindustrie. 78,6 Prozent dieser Energie wurden 2016 aus Kohle hergestellt, 9,7 Prozent aus Gas und 5,7 Prozent aus Diesel. Der Anteil von Wind und Solarenergie lag 2016 bei gerade einmal 5,7 Prozent, Wasserkraft spielt in der trockenen Region mit 0,3 Prozent keine echte Rolle.
Was, wenn die Sonne nicht scheint?
«Vor allem die Minengesellschaften sind sehr konservativ, sie setzten lange auf Kohle», sagt Santana. Ihr Argument gegen erneuerbare Energie: Sie brauchen Sicherheit, 24 Stunden am Tag. Was aber ist in der Nacht, wenn die Sonne nicht scheint? Und wo soll der Strom herkommen, wenn der Wind ausbleibt? Die Minen haben schon einmal eine Energiekrise erlebt, in den achtziger Jahren, als die Gaslieferungen aus Argentinien ausblieben, weil das Nachbarland diesen Energieträger selbst verfeuerte. Seither wollen die Bergwerke Strom aus importierter Kohle, und bis heute laufen in Tocopilla deshalb täglich Frachtschiffe ein.
Trotz des Widerstands aus dem Bergbausektor will die Regierung die Energiewende ganz ohne Subventionen schaffen. «Neben dem Gesetz von 2008 haben wir einzig die Regulierung des Strommarkts an die Möglichkeiten der ersten Solar- und Windkraftwerke angepasst», sagt Santana. So ist es heute möglich, auch nur stunden- oder monatsweise Strom in die Netze einzuspeisen. Photovoltaikanlagen können so ihre Verpflichtungen auf die Sonnenstunden begrenzen, Wasserkraftwerke ihre Leistung während der Regenzeit erhöhen. Alles andere regelt der Markt.
Christian Santana gibt zu, dass auch ein paar zusätzliche Faktoren geholfen haben. So war die europäische Staatsschuldenkrise ab 2010 ein Glücksfall für die chilenische Energiewende. «Der Markt für Technologien für erneuerbare Energie schrumpfte in Europa», erklärt er. «Die Firmen, die es dort vorher im Europa der Subventionen bequem hatten, waren gezwungen, sich neue Märkte zu suchen.» So wurde auch der subventionslose chilenische Markt interessant. «Zwischen 2010 und 2013 sind sie alle gekommen, mit Projekten und mit politischer Lobbyarbeit.»
Gleichzeitig wuchs das Umweltbewusstsein in Chile. Der Klimawandel war hier lange kein grosses Thema gewesen; in den vergangenen drei Jahren aber gab es im Zentrum des Landes wegen der zunehmenden Hitze im Sommer immer grössere Waldbrände. Vor zwei Jahren schüttete es unerwartet in der Atacamawüste, in den dortigen Städten kam es zu verheerenden Überschwemmungen. Im Zentrum dagegen wurde das Wasser knapp.
Als dann internationale ExpertInnen errechneten, dass aus Chiles vorhandenen Kapazitäten an erneuerbarer Energie, also aus Wasser, Wind, Sonne und Erdwärme, mit 1875 Gigawatt fast hundertmal mehr Strom gewonnen werden kann als der derzeitig verbrauchte, da witterten Unternehmen ein Geschäft.
Die Voraussetzungen sind ideal: Die Sonneneinstrahlung in der Atacamawüste liegt um dreissig Prozent über der von Marokko, die Erdwärme der Vulkankette der Anden ist noch so gut wie ungenutzt. Erst vor wenigen Monaten wurde das erste Geothermiekraftwerk in Betrieb genommen – eine Pilotanlage mit einer Kapazität von 48 Megawatt. «Erneuerbare Energien haben drei Vorteile», sagt Santana. «Sie gehören uns, sie sind kaum umweltschädlich, und der Preis ist gut.» Eine Kilowattstunde aus einer Photovoltaikanlage kostet heute nur noch 65 Prozent einer Kilowattstunde aus Diesel. Das überzeugt selbst ManagerInnen in der Bergbauindustrie.
Auch das Argument, dass die Sonne ja nachts nicht scheine, wird bald hinfällig sein. Rund hundert Kilometer südlich von Chuquicamata, fünfzehn Kilometer abseits der grossen Verbindungsstrasse, entsteht in einer an eine Mondlandschaft erinnernden Ebene ein ganz besonderes Sonnenkraftwerk. Tausende kreisförmig aufgestellte Spiegel, die sich nach der über den Himmel wandernden Sonne ausrichten, werfen die aufgefangene Energie auf die Spitze eines 200 Meter hohen Turms. Der ist mit geschmolzenen Salzen gefüllt. Diese Salze werden heiss und treiben mit der Wärmeenergie Turbinen an, die auch in der Nacht arbeiten. Die Hitze reicht für eine Betriebsreserve von siebzehn Stunden.
Die Anlage hat eine Kapazität von 110 Megawatt. Daneben entsteht eine klassische Photovoltaikanlage mit noch einmal 100 Megawatt. Deren erste Etappe ist bereits am Netz, alles andere soll spätestens Ende dieses Jahres betriebsbereit sein. Der ganze Komplex namens Cerro Dominador soll rund eine Milliarde US-Dollar kosten, dreissig bis fünfzig Jahre lang betrieben werden und pro Jahr 643 000 Tonnen CO2 weniger ausstossen als in der Leistung vergleichbare Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen.
Lange Wege im langen Land
Ein Problem jedoch muss noch gelöst werden, und das hat mit der Geografie des Landes zu tun: Chile ist an kaum einer Stelle breiter als 200 Kilometer, aber insgesamt über 4000 Kilometer lang. Sonnenenergie wird fast ausschliesslich ganz im Norden gewonnen. Dort ist der Windkraftpark bei Chuquicamata eher eine Ausnahme. Der Grossteil der Windenergie kommt ganz aus dem Süden, wo sich auch die meisten Wasserkraftwerke befinden.
Verbraucht aber wird der grösste Teil der Energie im dicht besiedelten Zentrum. Und noch gibt es kein landesweit zusammenhängendes Netz, das den Strom über mehrere Tausend Kilometer transportieren könnte. Das bereitet Christian Santana Kopfzerbrechen. «Unser derzeit grösstes Problem ist der Widerstand gegen Überlandleitungen», sagt er. «Niemand will, dass sein Land von surrenden Stromleitungen durchschnitten wird.» Doch Santana ist optimistisch. An diesem Widerstand werde die chilenische Energiewende nicht scheitern.
Und was wird dann aus Tocopilla? Von ein paar FischerInnen abgesehen, lebt der Ort von der Stromgewinnung. Aber Photovoltaikanlagen und Windparks kommen mit ganz wenig Personal aus und werden meist aus der Ferne am Computer gesteuert. Für die ArbeiterInnen in den Kohlekraftwerken gibt es keine Alternative, der nächste grössere Ort ist 150 Kilometer entfernt. Wird Tocopilla von der Landkarte verschwinden? «Darüber», sagt Santana, «habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.»
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ