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Selten lassen sich Projekte renommierter Autorenfilmer nach der Art eines amerikanischen «high concept»-Films mit einem Satz oder mit zwei, drei Verweisen zusammenfassen. Fredi M. Murers Vollmond, charakterisierbar als Mischung aus Spielbergs Close Encounters of the Third Kind und Altmans Short Cuts, übertragen auf Schweizer Verhältnisse, hat diese Qualität. Solche Griffigkeit ist nicht Ausdruck einer Anbiederung beim Publikum; vielmehr entspricht sie Murers Anspruch, grosses Kino zu machen, wenn auch, und hierin liegt die Kühnheit seines Projekts, mit lokalem Bezug. Murer hat in seiner Zeit als Präsident des Filmgestalterverbandes in den Jahren vor Vollmond wiederholt auf die Notwendigkeit eines Filmschaffens hingewiesen, das einem Land seine eigenen Geschichten erzählt. Mit seinem ersten Spielfilm seit Höhenfeuer von 1983 löst er diese Forderung nun gleich selbst ein.
Den kammerspielartigen Rahmen von Höhenfeuer sprengt Murer in Vollmond mit grosszügiger Geste. Rund sechzig Sprechrollen umfasst der Film, der auf einer ursprünglichen Idee für einen Doppelspielfilm basiert, die Murer seit Mitte der achtziger Jahre verfolgte. Der topische Bezug ist schon dadurch gegeben, dass Murer ungeachtet eines hohen ausländischen Finanzierungsanteils darauf beharrte, die Geschichte von den zwölf Kindern, die in einer Vollmondnacht in allen Gegenden des Landes spurlos verschwinden, in den vier Landessprachen und in Dialekt zu drehen. Im Zentrum stehen der untersuchende Kommissar Wasser (Hans-Peter Müller) und die Mutter eines der verschwundenen Kinder (Lilo Baur). Um diese beiden Figuren, die im Verlauf des Films eine Liaison eingehen, legt Murer einen Querschnitt durch schweizerische Milieus an. So ist etwa ein rassistischer Ledischiffkapitän vom Walensee ebenso von der vermeintlichen Entführungsserie betroffen wie eine Tessiner Geschäftsfrau und ein anarchistisch veranlagter Waadtländer Bauer. Das Verschwinden der Kinder entpuppt sich schliesslich in einer sukzessive vorbereiteten Wendung ins Phantastische als konzertierte Prolestaktion des Nachwuchses gegen die Phantasie- und Rücksichtslosigkeit, die Lebensvergessenheit der Erwachsenen.
Murers Plädoyer für die Phantasie trägt wesentliche Züge einer Gesellschaftssatire. Die Atomenergie, mit der einer der Väter seinen Lebensunterhalt verdient, bildet ebenso ein Motiv der Kritik wie die Medien, die Murer an der Figur eines Lokalfernsehjournalisten karikiert. Wenn Vollmond das inspirierende Versprechen eines grossen Kinos mit Schweizer Bezug aher doch nur im Ansatz einlöst, so liegt das zum einen an den Dialogen, die oft sententiös wirken und die Glaubwürdigkeil der Milieuschilderungen einschränken, und zum andern an der unterschiedlichen Qualität der Darsteller. Insbesondere das Gefälle zwischen dem überzeugenden Hans-Peter Müller und seiner Mitprotagonistin Lilo Baur wirkt sich im Gesamteindruck unvorteilhaft aus. Von gewohnter Qualität sind dagegen die Beiträge von Murers langjährigen Mitarbeitern Pio Corradi an der Kamera und Mario Beretta, der die Musik komponierte.