Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/2561

Es gab diesen Moment in Marcel Islers Leben, als er die kommenden Jahre vor sich sah, als schaue er das Remake eines Films: wie seine beiden Söhne, zwölf und neun, anfangs jedes zweite Wochenende bei ihm sind, wie sie bald darauf anfangen, Ausreden zu erfinden, um seltener zu kommen oder früher wieder zu gehen, wie sie lieber ihre Kollegen treffen als ihren Vater, wie die Mutter sagt, sie könne sie ja schliesslich nicht zwingen, wie er eines Tages feststellt, dass er nicht mehr weiss, was sie gerade freut, welche Sorgen sie haben, wer ihre Freunde sind; und wie er sie schliesslich verliert.
Isler, Geschäftsführer einer Firma, die mit Kunststoffen handelt, sitzt an seinem Schreibtisch, aber arbeiten kann er kaum. Ein paar Tage zuvor hat er Post vom Kantonsgericht Glarus bekommen, eine superprovisorische Verfügung, dass seine Söhne ihn nicht mehr besuchen dürfen, bis ein nächster Entscheid getroffen sei. Nun träufelt die Angst in seine Gedanken und breitet sich im Körper aus; es ist ein Panikgefühl, das er bisher nicht kannte. Isler, ein Mann, dem es nie an Tatkraft mangelte, weiss nicht, was er tun soll. Dann tut er etwas, das er in den letzten dreissig Jahren nie getan hat: Er ruft seinen Vater an und fragt, ob er vorbeikommen dürfe.
Unspektakulär ist ihm der Vater abhanden gekommen, damals, vor drei Jahrzehnten, nicht mit einem grossen Abschied, sondern langsam und Stück für Stück. Marcel war zwölf, als ihn seine Eltern eines Abends ins Wohnzimmer riefen, das behütete Einzelkind einer Schweizer Arbeiterfamilie. Der Vater, ein Elektromechaniker, war fleissig, konservativ und ein wenig streng, die Mutter, eine Migros-Verkäuferin, liebevoll und nachgiebig. Die Familie lebte in einer modernen Wohnung in einem Quartier, das als die gute Gegend des zürcherischen Dietikon galt. In den Monaten zuvor hatte Marcel mitbekommen, wie die Streitereien seiner Eltern, die sie vor ihm zu verbergen versuchten, häufiger und lauter geworden waren. Aber wirklich gefasst auf das, was an diesem Abend passierte, war er nicht. Die Mutter ziehe aus, sagte der Vater. Ob er am nächsten Tag mitkommen wolle, fragte die Mutter, sie gehe eine neue Wohnung anschauen. «Sagt doch gleich, dass ihr euch scheiden lasst», rief Marcel. Er wollte abgeklärt wirken, aber eigentlich fühlte er sich leer und betäubt. Natürlich war die Frage der Mutter rhetorisch gewesen, eine Wahl hatte er nicht. Einen Monat später zog er aus der schönen Wohnung auf der guten Seite Dietikons in eine kleine in einem rauhen Quartier. Seine Mutter bekam das alleinige Sorgerecht zugesprochen, sein Vater ein Besuchsrecht, alle zwei Wochen sollte Marcel ein Wochenende bei ihm verbringen. Das war Anfang der 1980er eine übliche Regelung bei Scheidungen. Von den 11 000 unmündigen Kindern, die im Jahr 1980 von einer Scheidung betroffen waren, wurden 90 Prozent den Müttern zugesprochen.
Zwei Jahre zuvor, 1978, war auf dem langen Weg zu einem zeitgemässen Familienrecht das neue Kindesrecht in Kraft getreten, das unter anderem die Interessen von Kindern stärker ins Zentrum stellte. Bis dahin stützten sich die Gerichte auf das Zivilgesetzbuch von 1912, wenn sie Fragen zur elterlichen Gewalt beurteilten: Während der Ehe übten Vater und Mutter diese gemeinsam aus, und wenn sie uneinig waren, hatte der Vater den Stichentscheid; dieses Privileg fiel 1978.
Die Reform legte auch fest, dass bei einer Scheidung das Kindswohl das einzige Kriterium sein durfte, um die elterliche Gewalt zuzuteilen. Zuvor hatten die Richter einen Ermessensspielraum. Sie konnten zum Beispiel auch entscheiden, ein katholisches Kind sei bei der katholischen Mutter besser aufgehoben als beim protestantischen Vater, ein Sohn gehöre eher zum Vater und eine Tochter eher zur Mutter, oder, häufiger: dass derjenige die Kinder bekomme, der unschuldig geschieden worden war. Kurz kam die Idee auf, eine gemeinsame elterliche Gewalt nach Scheidungen einzuführen – der Vorstoss wurde aber wuchtig abgeschmettert. Die elterliche Gewalt konnte also weiterhin nur einer Person zugesprochen werden, dem anderen Elternteil – in den meisten Fällen dem Vater – stand höchstens ein «Umgangsrecht» zu.
Auch wenn sie aufs Sorgerecht keinen Einfluss mehr hatte – bis ins Jahr 2000 blieb die Schuldfrage in den Scheidungsverfahren entscheidend, unter anderem, wenn es um den Unterhalt ging. Und bei den Islers stellte die Mutter klar: schuld an allem war der Vater. Ein Komischer sei er, erzählte sie ihrem Sohn, ein Trinker, ein Geizkragen. Nur weil er so wenig zahlen wolle, müssten sie in dieser schäbigen Gegend leben. Marcels Leben hatte sich innert eines Monats verändert. Bisher war er umgeben von wohlerzogenen Kindern aufgewachsen, die Halbwüchsigen an seinem neuen Wohnort hingegen rauchten, kifften, klauten und prügelten. Weil seine Mutter nun ganztags arbeitete – auch Vaters Schuld –, war Marcel ein «Schlüsselkind», das sich den neuen Kollegen nur allzu rasch anpasste.
Anfangs sah er seinen Vater regelmässig. Die beiden machten Ausflüge, spielten Fussball oder Schach; das Verhältnis wurde sogar inniger, weil der Vater sich an diesen Tagen Zeit nahm für den Sohn. Doch jedes Mal, wenn Marcel heimkehrte und der Mutter von den Wochenenden erzählte, wurde sie traurig oder missmutig und schimpfte über den Vater, der seinen Sohn zu kaufen versuche. Das Gewissen plagte den Jungen doppelt. Einerseits, weil es der Mutter schlechtging, wenn er beim Vater war, andererseits, weil er seinem Vater viel verschwieg: Von der Mutter liess er sich längst nichts mehr sagen, aber der Vater, das wusste er, würde seinen neuen Lebenswandel, das Trinken, Rauchen und Kiffen, auf keinen Fall hinnehmen. Und so liess er die Besuchstage immer häufiger ausfallen oder suchte einen Vorwand, warum er am Samstagabend schon wieder heimmusste.
Eines Abends, als der Vater ihn mit dem Auto heimbrachte, sah Marcel ihn weinen, zum ersten Mal überhaupt. Das sei, erklärte der Mann, der seinem Sohn unerschütterlich vorgekommen war, weil er sich nach den Besuchen besonders allein fühle. Von diesem Tag an besuchte Marcel seinen Vater nicht mehr. Er war vierzehn, und die Mutter sagte, niemand könne ihn zwingen, diesen Tubel zu sehen.
Diese Entwicklung war nicht etwa eine Ausnahme, sondern eher die Regel. Das zeigte später eine Langzeitstudie, die die deutsche Familiensoziologin Anneke Napp-Peters Anfang der 1980er begonnen hatte: Nach ein bis zwei Jahren hatten beinahe die Hälfte der Trennungskinder den Kontakt zu dem Elternteil, der nicht sorgeberechtigt war, verloren.
14 Jahre später, mit 28, wird Marcel Isler selber Vater. Er will ein cooler Papi sein, der Gefühle zeigt, viel mit den Kindern unternimmt, aber auch genug streng eingreift, falls sie dereinst die gleichen Fehler machen sollten wie er. Isler hat den Absprung aus dem kleinkriminellen Milieu seiner Jugendzeit gerade noch geschafft, einige seiner Kollegen sind auf dem Platzspitz gelandet, im Gefängnis oder auch auf dem Friedhof. Er hat eine Lehre als Hochbauzeichner gemacht und dann eine als Landwirt, im hintersten Emmental, war über Jahre immer wieder monatelang gereist und wäre beinahe in Kanada geblieben, 7500 Kilometer weit weg von seinen Eltern. Mit der Mutter hat er in dieser Zeit losen Kontakt, mit dem Vater so gut wie keinen.
Der erste Sohn kommt zur Welt und drei Jahre später der zweite. Die Mutter bleibt anfangs zu Hause, und Isler, der seiner Familie ein gutes Leben bieten will, bildet sich weiter, wird Verkaufsleiter, Produktmanager, Geschäftsführer in der Bauzulieferindustrie. Aber mit den Jahren kommt seiner Ehe die Liebe abhanden. Zwölf und neun sind die beiden Buben, als die Eltern sie ins Wohnzimmer rufen. Er suche eine Wohnung, sagt Isler, ob sie mitkommen wollten, um sie sich anzuschauen. Das war im Juni 2009, an seinem 40. Geburtstag.
Seit der Einführung des neuen Scheidungsrechts im Jahr 2000 spielt die Schuldfrage keine Rolle mehr; die Mehrzahl der Ehen wurde nun «einvernehmlich» geschieden. Neu konnten die Gerichte eine gemeinsame elterliche Sorge erteilen – allerdings nur, wenn beide Eltern damit einverstanden waren. Stellte sich ein Elternteil quer, blieb es beim alleinigen Sorgerecht.
Die Regelung ist ein Erfolg: Im Jahr 2009, in dem sich die Islers trennen, werden bereits 40 Prozent der Trennungskinder der gemeinsamen Sorge der Eltern unterstellt. Isler ist zuversichtlich, dass dies auch in seiner Familie die Lösung sein wird. Allerdings reicht ihm das nicht aus. Denn eine gemeinsame Sorge bedeutet zwar, dass beide Eltern weiterhin an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt sind, aber nicht unbedingt, dass sie die Kinder gleich häufig betreuen. Eine Schweizer Studie stellt 2008 fest, dass das gemeinsame Sorgerecht nicht zwingend dazu führt, dass die Väter ihre Kinder öfter sehen; in den meisten Fällen leben die Kinder weiterhin bei der Mutter und besuchen den Vater an den Wochenenden.
Isler aber will kein Besuchsvater sein. Ihm schwebt ein sogenanntes Wechselmodell vor, bei dem die Söhne zwei Wohnorte haben, an denen sie abwechselnd leben. Nach der Trennung reduziert er deshalb sein Pensum auf 80 Prozent und bewilligt sich als Geschäftsführer zusätzlich einen Home-Office-Day: So sind die Jungs jeden Montag und Dienstag und jedes zweite Wochenende bei ihm. Das geht ein paar Monate lang gut, bis die Eltern anfangen, sich übers Geld zu streiten. Böse Worte fallen, Anwälte werden eingeschaltet, der Konflikt eskaliert, und je mehr Reibereien es gibt, desto häufiger wollen die Söhne lieber doch nicht kommen oder sofort heim zur Mutter, wenn sie beim Vater ihre Teller abräumen müssen.
Eines Tages lässt der ältere den jüngeren ausrichten, er komme überhaupt nicht. Isler ruft die Mutter an, doch die sagt, der Junge wolle nicht mit ihm reden. Als Isler schliesslich im Haus der Mutter vorbeigeht, um den Sohn zu holen, versucht der, davonzurennen. Der Vater packt ihn am Arm und nimmt ihn mit; zu Hause reden die beiden darüber, und schon am gleichen Abend scheint alles wieder gut zu sein.
Einige Tage später trifft ein Brief vom Kantonsgericht Glarus ein. Isler liest ihn und denkt zuerst, es handle sich um eine Verwechslung: Es ist eine Trennungsklage mit Vorladung, darin steht, er habe sein Kind misshandelt; bis das Verfahren abgeschlossen ist, dürfen die Söhne ihren Vater nicht besuchen. Seine Frau erklärt am Telefon, ihre Anwältin habe zu diesem Schritt geraten.
Als Marcel Isler an diesem Freitagmittag das Büro verlässt und zu seinem Vater fährt, denkt er darüber nach, woher die Panik stammt, die ihn so plötzlich befallen hat. Die Ausflüchte seiner Söhne – dass sie früher nach Hause müssten, mit Kollegen abmachen wollten oder Heimweh nach der Mutter hätten –, sind genau die gleichen, die er vor dreissig Jahren seinem Vater gegenüber brauchte. Als der schliesslich die Tür öffnet, muss Isler wenig erklären; der Vater weiss, was sein Sohn gerade durchmacht.
Es ist das erste Mal, dass die beiden über die Scheidung sprechen, und sie nähern sich langsam und vorsichtig an. Nach und nach erfährt Isler auch von anderen Verwandten, dass die Familiengeschichte, die er bis dahin kannte, mit der Realität wenig zu tun hatte. Der Grund für die Trennung seiner Eltern war nicht ein Alkoholproblem seines Vaters gewesen. Die Mutter wollte weg, weil sie einen Freund hatte; bei der Scheidung galt sie deshalb als die Schuldige, nicht er. Der Vater war auch kein Geizhals, der seine Familie darben liess – er hatte der Mutter angeboten, freiwillig mehr Unterhalt zu zahlen, aber das hatte sie abgelehnt.
Nachdem sich dieses Wissen bei ihm gesetzt hat, besucht Isler seine Mutter und warnt sie: Wenn sie noch einmal schlecht über den Vater spreche, werde sie ihren Sohn nie mehr sehen.
Das Wiedersehen mit seinem Vater ist ein Wendepunkt in Islers Geschichte. Der Kontakt war abgebrochen, weil sein Vater sich nicht aufdrängen, es dem Sohn nicht schwerer machen wollte. Genau das, sagt sich Isler, wird ihm nicht passieren. Weil er weiss, dass man den Söhnen sagt, er sei einfach abgehauen, will er zeigen, dass er immer da ist: Isler steht trotz Besuchsverbot nach der Schule auf dem Pausenplatz und samstags am Fussball- oder Eishockeyfeld. Bis zur Verhandlung über die Trennungsvereinbarung sind sich die Söhne mit dem Vater einig: Sie wollen das gemeinsame Sorgerecht. Die Mutter lehnt das zwar ab, aber das Scheidungsrecht aus dem Jahr 2000 verpflichtet das Gericht, die Kinder anzuhören. So treten die beiden voller Zuversicht vor den älteren Richter und verkünden ihre Lösung: Ausser dem Sorgerecht möchten sie zukünftig jedes Wochenende beim Vater sein und den Rest der Woche bei der Mutter.
Einen Monat später kommt der Entscheid: Das Sorgerecht erhält die Mutter, der Vater bekommt alle vierzehn Tage ein Wochenende. Der jüngere Sohn weint vor Enttäuschung: Er müsse mit diesem «Arschloch»-Richter nochmals reden, der habe ja nicht richtig zugehört. Aber Isler erklärt, dass man nun zum Chef des Richters gehen müsste, zum Obergericht, und das dauere mindestens ein Jahr. Ändern könne man die Regeln nur, wenn die Mutter einverstanden sei. Zwei Monate später ruft sie zermürbt an: Weil die Buben nicht lockerliessen, finden die Eltern einen Kompromiss: Isler zahlt mehr Alimente, dafür sind die Jungs zwei Tage pro Woche und jedes zweite Wochenende bei ihm.
Bei der eigentlichen Scheidung 2012 verlangt die Mutter auf Anraten der Anwältin erneut das alleinige Sorgerecht. Aber Isler ist inzwischen beim VeV engagiert, dem «Verein für elterliche Verantwortung», der sich für die Rechte von Scheidungskindern und -eltern einsetzt. Einige Wochen zuvor ist man in Bundesbern am runden Tisch gesessen, um eine Gesetzesänderung zu diskutieren: Mit dem revidierten Sorgerecht soll die gemeinsame Sorge zukünftig automatisch erteilt werden – und wer vorher geschieden wurde, kann sie rückwirkend verlangen. Isler beantragt das gemeinsame Sorgerecht und kündigt an, er werde bald wieder vor diesem Gericht stehen, wenn er es jetzt nicht bekomme. Diesmal sitzt kein älterer Herr am Richterpult, sondern ein junger, der der Mutter und ihrer Anwältin ins Gewissen redet. Er sehe nicht ein, warum man einem Vater, der seit zwei Jahren beweise, dass er sich um seine Kinder kümmere, die gemeinsame Sorge verweigern wolle, sagt er. Schliesslich willigt die Mutter ein.
Das ist jetzt vier Jahre her. Die gemeinsame Sorge ist seit 2014 die Regel, auch bei unverheirateten Eltern, und Islers Wechselmodell, die «alternierende Obhut», kann das Gericht verfügen. Natürlich löst das nicht alle Probleme und schafft teilweise neue; wer streiten will, tut das unabhängig vom Gesetz, und wer Kinder dem Vater oder der Mutter vorenthalten will, findet weiter eine Möglichkeit. Isler, der für den Verein für elterliche Verantwortung nun Eltern berät, weiss von solchen Fällen: Ein Vater muss ins Ausland fliegen, wenn er sein Kind sehen will, weil die Mutter weggezogen ist. Ein anderer darf das Kind nicht regelmässig bei sich haben, weil es bei ihm kein eigenes Zimmer habe – wegen der Alimente kann er sich nur eine Einzimmerwohnung leisten. Ein dritter hat seine Kinder als alleinerziehender Vater betreut, nachdem die Mutter mit einem anderen abgehauen war – als sie nach zwölf Jahren zurückkehrte, verfrachtete man die Kinder sofort zu ihr. Aber natürlich gibt es bei diesen Geschichten – wie bei jener von Isler selbst – immer auch eine andere Sicht.
Als Vater von pubertierenden Söhnen hat Isler in den letzten Jahren Höhen und Tiefen, Glücksmomente und schlaflose Nächte erlebt, aber genau das ist der Punkt: Er hat sie erlebt. Seinen eigenen Vater sieht Marcel Isler seit jenem verzweifelten Nachmittag regelmässig; nachholen aber lassen sich dreissig verlorene Jahre nicht.
Barbara Klingbacher ist NZZ-Folio-Redaktorin.