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Adam Zamoyski, ein britischer Historiker und Autor, thematisiert in seinem überaus informativen Werk hauptsächlich Geschehnisse am Wiener Kongress 1814/1815.
Wie ein Detektiv heftet er sich auf die Fersen der damals den Ton angebenden Politiker und Regenten, welche nach der Verbannung von Napoleon Bonaparte auf die Insel Elba Europa neu ordnen und organisieren wollten.
Entstanden ist eine Beschreibung der Diplomatie von Männern, welche gelenkt wurden durch ihr Ziel der eigenen Nation Vorteile zu verschaffen, ihren Mangel an Gemeinschaftsdenken, ihre persönliche Eitelkeit, ihre Lust auf amouröse Abenteuer.
Der Wiener Kongress sollte maximal sechs Wochen dauern, es wurden neun zähe Monate des Feilschens und Streitens. Mehr als einmal standen die Verhandlungen vor dem Abbruch, wurde dem Gegenüber offen mit Krieg gedroht.
Bewegte sich tagsüber am Verhandlungstisch sehr wenig, wurde dafür nachts ausgiebig gezecht und gefeiert. Jeden Abend gab es irgendwo einen Ball, wo man sich zeigen konnte.
Zamoyski ist der Meinung, dass die Abendveranstaltungen und Bälle die Energie und die Kraft für diplomatische Feinarbeit tagsüber raubte. Scheinbar war vor allem der russische Zar Alexander I. berühmt für seine Leidenschaft für Tanz und Liebschaften.
Der österreichische Kaiser gab Unsummen aus, um den Gästen aus ganz Europa sich und Österreich von der besten Seite zu zeigen. Auch scheute Österreich keine Kosten, um die Delegationen der anderen Nationen auszuhorchen und zu bespitzeln.
War die Wiener Bevölkerung zu Beginn scheinbar begeistert den europäischen Adel in ihrer Stadt bewundern zu können, wuchs mit der Zeit Missmut und Ärger über den schleppenden Verlauf des Kongresses.
Die Vertreter der damaligen Grossmächte Österreich, Preussen, Russland und Grossbritannien hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie Europa organisiert sein sollte.
Österreich wollte beispielsweise unbedingt alleine das heutige Italien kontrollieren, Russland war erpicht darauf sich grosse Teile des heutigen Polen einzuverleiben, Grossbritannien duldete keine Konkurrenz auf den Weltmeeren. Auch das besiegte Frankreich wollte sich Gehör und Einfluss verschaffen.
Bei den Verhandlungen über die Zuteilung von Städten und Regionen galt als Verhandlungsbasis die Anzahl der dort wohnenden Seelen. Je grösser die Bevölkerung war, desto höher war die Anzahl potentieller Steuerzahler*innen und Soldaten. Wünsche und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung fanden kaum Gehör, wurden nicht als wichtig empfunden.
Dazu kam, dass Gesandtschaften aus ganz Europa mit ihren lokalen Wünschen vorstellig wurden. Beispielsweise agierte der Basler Bürgermeister Johann Heinrich Wieland als Mitglied der offiziellen Schweizer Delegation, welche sich für die Anerkennung der Eidgenossenschaft als unabhängiger Staat und die Bestätigung seiner Neutralität einsetzte. Ihre Wünsche wurden erfüllt, zudem wurden auf dem Kongress neu das Wallis und Neuenburg der Eidgenossenschaft zugesprochen. Dies zum Leidwesen vom Kanton Bern, welcher die Waadt und den Aargau für sich alleine beanspruchte. Auch innerhalb der Eidgenossenschaft waren Städte und Kantone vor allem auf ihren Vorteil bedacht.
Die Stadt Biel sandte beispielsweise einen Vertreter nach Wien, der sich für die absolute Unabhängigkeit seiner Heimatstadt einsetzen sollte.
Die heutige Schweiz ist zu einem wesentlichen Teil auf dem Wiener Kongress begründet und geformt worden.
Die unterschiedlichen Postionen der Diplomaten führte dazu, dass auf dem Wiener Kongress wenige tragfähige Beschlüsse gefasst wurden. Sehr schnell wurden etliche Abmachungen hintergangen, verloren so ihre Gültigkeit.
Hinzu kam, dass Napoleon die Flucht von Elba gelang, er in Frankreich eine neue Armee sammeln konnte und wieder gegen Preussen, Russland, Grossbritannien und Russland ins Feld zog.
Es bedurfte der Niederlage Frankreichs bei der Völkerschlacht von Waterloo und sehr vieler Todesopfer, um den klein gewachsenen und sehr gross denkenden General Bonaparte in die Schranken zu weisen. Er wurde auf die Insel Sankt Helena verbannt, wo er später auch verstarb.
Adam Zamoyski verbindet meisterhaft Beschreibung politischer Geschehnisse mit dem Privatleben der Agierenden. So gelingt es ihm historische Begebenheiten zu würzen und nachvollziehbar zu beschreiben. Immer wieder verweist er auf den Zusammenhang zwischen dem Wiener Kongress und historischen Entwicklungen in Europa nach 1815.
Auch hält er sich mit persönlichen Wertungen nicht zurück, fordert so zur kritischen Lektüre heraus.
10. Juli 2020