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Liam Millar, Sie sind ein passionierter Gamer. Sind Sie zufrieden mit Ihrem neusten Rating, das 67 beträgt?
Liam Millar: Ehrlich gesagt nicht (lacht). Ich fand, dass ich eine gute letzte Saison hatte. Abgesehen von Arthur Cabral war ich FCB-Topskorer. Als ich sah, dass mein Rating sich nur um einen Punkt erhöht hat, war ich ein wenig enttäuscht, ich hätte mindestens eine 70 erwartet. Mit den 67 bin ich nicht glücklich, aber es ist ja zum Glück nur ein Spiel.
Sind solche Dinge ein Thema in der Kabine?
Ja, das gibt schon zu reden. Ich bin im Game schneller als Dan Ndoye, er hat dafür den höheren Dribbling-Wert. Ich sagte ihm: «Wie um aller Welt ist das nur möglich?» Aber das sind natürlich alles nur Sprüche, um den anderen aufzuziehen.
Spielt Liam Millar im Game mit Liam Millar?
Ich habe mich für mein Ultimate Team gekauft und wechsle mich ein, wenn ich klar in Vorsprung liege. Dann versuche ich natürlich, mit mir ein Tor zu erzielen. Das klappt eher selten, weil meine Karte zu schlecht ist, aber manchmal gelingt es mir und das ist grossartig (lacht).
Von der Konsole ins echte Leben. Sie bestreiten seit Monaten fast jede Woche zwei Spiele mit dem FC Basel. Bleibt da überhaupt Zeit für WM-Vorfreude?
Ich versuchte, mich auf den Klub zu fokussieren, solange die WM noch nicht unmittelbar bevorstand. Aber natürlich: Es wird ein wichtiges Turnier für mich und für ganz Kanada, es ist die erste WM-Teilnahme seit 1986. Ich nutzte die Aussicht darauf als extra Motivation, ich wollte in Topform zur WM reisen. So gesehen war das Turnier stets im Hinterkopf.
Der Spielplan ist dicht gedrängt, es gibt nur eine kurze Phase für die WM-Vorbereitung. Wie gehen Sie damit um?
Das ist okay. Es ist untypisch, dass eine WM im November ist und nicht im Sommer, aber es geht allen Teams gleich. Wir sind eine Woche zusammen und haben noch ein Testspiel gegen Japan. Uns Kanadiern kommt entgegen, dass wir stets sehr schnell als Mannschaft zusammenfinden. Viele Nationalspieler sind in Europa engagiert, die Spiele aber in Nordamerika, was viele Reisen bedingt und weniger Trainings zulässt. Darum sind wir Situationen wie jetzt gewohnt.
An einer WM teilnehmen zu können – da geht wohl ein Bubentraum in Erfüllung.
Ich hatte in meinem Leben nie die Gelegenheit, Kanada an einer WM zu sehen. Einmal war ich in einer Provinzauswahl und der Trainer fragte uns, ob wir ausser Dwayne De Rosario, damals die ganz grosse Nummer, einen kanadischen Nationalspieler nennen können. Keiner kannte einen. Das hat sich geändert, dank Spielern wie Alphonso Davies oder Jonathan David. Die Träume, die wir nie hatten, können nun die Kinder in Kanada haben: auch einmal an einer WM zu spielen.
Sie sind erst 23 Jahre jung und haben noch nicht sehr viele WM-Turniere miterlebt. Was ist Ihre erste Erinnerung?
(überlegt) Ich denke, das war England – Portugal an der WM 2006, als Wayne Rooney vom Platz flog. Als Knabe war ich ein Fan von Manchester United, dieses Spiel zwischen meinen Idolen Rooney und Cristiano Ronaldo musste ich also sehen.
Ich hätte dieses Interview gerne mit Ihrem Panini-Bild illustriert, aber leider sind Sie nicht im Album.
Das ist schon ein bisschen traurig. Ich war bei jedem Länderspiel dabei auf dem langen Weg nach Katar, auch wenn ich vielleicht nicht so oft gespielt habe wie andere. Ich hätte mich wirklich gerne im Album gesehen. Aber immerhin bin ich auf dem Teamfoto zu sehen, das zählt ja auch etwas. Dass mein Einzelbild fehlt, ist für mich auch ein Anreiz, noch mehr zu arbeiten. Sodass ich meiner Tochter vielleicht einmal erzählen kann: «Man hat mich so unterschätzt, dass ich nicht mal im Album war, und schau, was aus mir geworden ist.»
Dass diese WM in Katar ausgetragen wird, sorgt für vielerlei Kritik. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?
Es ist ein schwieriges Thema. Natürlich bekomme ich mit, dass dort vielleicht einiges nicht gut ist. Aber ich bin kein Politiker oder Funktionär, ich bin Fussballspieler. Alles, was ich will, ist Fussball zu spielen.
Sie erwähnten, dass Sie nicht unbedingt ein Stammspieler sind im Nationalteam. Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Ich gehe mit der Absicht nach Katar, alles fürs Team zu geben. Natürlich hoffe ich, von Anfang an zu spielen, natürlich hoffe ich, durchzuspielen. Das will ja jeder. Und ich bin auch zuversichtlich, dass ich meine Einsätze bekommen werde. Aber für uns ist es elementar, als eine Einheit aufzutreten, das Team steht über allem und allen. Diese WM ist so ein grosses Ding für Kanada. Darum geht es und nicht darum, was ich will. Sollte ich keine Minute spielen, werde ich trotzdem glücklich sein, wenn ich alles fürs Team gegeben habe.
Was können wir spielerisch von Kanada erwarten? Das Team hat mit Jonathan David und Cyle Larin zwei schnelle Stürmer. Gibt es typischen Aussenseiter-Fussball: hinten dichtmachen und mit Kontern zuschlagen?
Nein, wir versuchen stets, unser Spiel durchzuziehen. Und das basiert auf Spielkontrolle und Ballbesitz. Natürlich müssen wir das System je nach Gegner anpassen und vielleicht der Defensive mehr Gewicht geben. Aber wir werden stets versuchen, unser Spiel zu machen und dieses nicht dem Gegner zu überlassen. Zu verlieren haben wir nichts. Es gibt zwei Optionen: Scheiden wir nach der Gruppenphase aus, sagt jeder: «Ja gut, das war halt nur Kanada.» Oder aber: Wir fliegen dahin und werden zur Überraschung des Turniers. Wir können so spielen, wie wir es wollen, wir haben wirklich nichts zu verlieren und können nur gewinnen.
Sie treffen der Reihe nach auf Belgien, Kroatien und Marokko. Das ist eine harte Gruppe. Wie will Kanada da in die Achtelfinals kommen?
Es wird wirklich tough. Belgien und Kroatien zählen zu den besten Teams der Welt und auch Marokko ist bestimmt stark. Wir müssen mit Zuversicht ans Werk und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen. Ich kann nicht versprechen, dass wir eines dieser Teams schlagen. Wir können alles gewinnen und weiterkommen, wir können aber auch alles verlieren und ohne einen Punkt ausscheiden. Im Fussball weiss man vor einem Spiel nie, was dabei herauskommt, das ist der Reiz dieses Sports, aber unsere Einstellung wird stimmen.
Sie wollen eine Euphorie wecken in Kanada. Wird die WM im Mutterland des Eishockeys, während parallel die NHL läuft, das grosse Ding werden?
Zu einhundert Prozent. Das komplette Land wird uns unterstützen. Ich muss ein wenig ausholen. Kanada ist eines der multikulturellsten Länder überhaupt, hier leben Menschen aus aller Welt. Wenn eine WM ist, sieht man überall Portugal-, Italien- oder England-Flaggen. Als ich aber in diesem Sommer zuhause war, sah ich überall Kanada-Flaggen. Das fuhr mir ein. Ich dachte mir: Wow, wir können wirklich etwas bewegen im Land. Wir werden mit Sicherheit eine grosse Unterstützung erhalten, hoffentlich nicht nur in Kanada, sondern auch in Katar. Dass NHL und NBA währenddessen weiterspielen, wird nichts daran ändern, dass die Fussball-WM in Kanada ein grosses Ereignis wird.
Dann hat die Qualifikation für die WM bereits etwas ausgelöst?
Das hat es. Als ich mein erstes A-Länderspiel absolvierte, kamen in Toronto 12'000 Zuschauer. Das letzte Spiel im gleichen Stadion war mit knapp 30'000 Zuschauern ausverkauft. Das zeigt, dass das Land an das Nationalteam glaubt, und es zeigt auch, wie viel besser wir in den letzten vier Jahren geworden sind.
Das Timing ist zudem perfekt. Denn in vier Jahren wird Kanada Mitausrichter der WM 2026 sein.
Das wird dem Fussball weiteren Aufschub geben. Und da wir automatisch qualifiziert sind, wird es dann für viele im aktuellen Team die zweite WM-Teilnahme sein. Klar, wir müssen uns dann nicht qualifizieren, aber es wird erstmals der Fall sein, dass Kanada an zwei Weltmeisterschaften in Folge dabei ist. Und wir wollen diese Serie dann ausbauen, dreimal, viermal in Folge teilnehmen. Wir wollen besser werden und der jeweiligen Jugend ein Vorbild sein. Die aktuelle Auswahl ist vielleicht unsere «Goldene Generation». Aber unser Ziel ist es, dass auch die folgende Generation eine goldene ist und die darauf folgende und so weiter. Darum geht es uns.
Sie wuchsen im eishockeyverrückten Kanada mit dem Traum auf, Fussballer zu werden, so wie ihr Vater, der Profi bei Charlton Athletic war. War er ihr Idol?
Mein Vater ist sicher ein Grund dafür, dass ich heute Profifussballer bin. Er liess mich auch verschiedene andere Sportarten ausprobieren, aber mich interessierte nichts ausser Fussball. Ich fühlte sofort: Das ist es! Von der ersten Sekunde an wollte ich gar nicht mehr aufhören zu kicken. Mein Fussball-Vorbild ist jedoch nicht mein Vater, sondern Cristiano Ronaldo. Ich hoffe, dass ich noch die Gelegenheit erhalte, gegen ihn zu spielen, bevor er seine Karriere beendet.
Sie waren nicht nur früh begeistert vom Fussball, sondern auch früh ein grosses Talent. So kam es, dass Sie schon mit 12 Jahren von Toronto nach London umzogen, um dort im Nachwuchs von Fulham zu spielen. Wie war dieser Wechsel über den Atlantik?
Das war eine der härtesten Zeiten in meinem Leben. Mein Vater begleitete mich, aber ich verliess meine Mutter, meine Geschwister, all meine Freunde. Ich habe ihm erst etwa vor zwei Jahren verraten, dass ich anfangs in London fast jede Nacht geweint habe. Es war schwierig: Ich wollte unbedingt nach England und gleichzeitig wollte ich auf gar keinen Fall gehen. Mein Vater wusste, dass es mein grosser Traum war, Fussballer zu werden. Daher überzeugte er mich, dass dieser Schritt der richtige ist. Rückblickend kann ich sagen: Das war die beste Entscheidung überhaupt. Wäre ich in Kanada geblieben, wäre ich ganz sicher nicht da, wo ich jetzt bin.
Von Fulham ging es in den Nachwuchs des FC Liverpool. Es muss einem als Jugendlicher Eindruck machen, wenn einer der berühmtesten Klubs der Welt einen will.
Ich war 16 und es motivierte mich, noch mehr zu machen. Denn wenn dich so ein Klub verpflichtet, heisst das, dass er etwas in dir sieht. Andere Vereine haben sich ebenfalls interessiert. Aber als ich in Liverpool war, wurde mir schlagartig klar: Hierhin wechsle ich. Die Atmosphäre war so anders als überall sonst. Ich spürte: Hier kümmern sich die Leute wirklich darum, wie es dir geht.
Sie durften zwar nicht für die Profis spielen, aber anstelle der Profis im Stadion an der Anfield Road auflaufen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Ich spielte etwa fünf, sechs Mal an der Anfield Road, aber dieses eine Spiel habe ich wirklich ganz besonders im Kopf. Es war ein FA-Cup-Spiel und Jürgen Klopp gab den Profis frei, Liverpool liess stattdessen gegen Shrewsbury Town das U23-Team auflaufen. Als wir aufs Feld kamen, konnte ich es nicht fassen: Das Stadion war trotzdem voll. Dabei waren wir lauter Nachwuchsspieler. Es war unglaublich, wie uns die Liverpool-Fans anfeuerten. Das war ein Erlebnis, das ich für immer in meinem Herzen bewahre. (Liverpool gewann 1:0 und stiess in die Achtelfinals vor, Anm. d. Red.)
Haben Sie beim Gang aufs Spielfeld das berühmte Schild «This Is Anfield» im Spielertunnel berührt?
(lacht) Ja, ich denke, das hat jeder von uns. Es war ja gut möglich, dass es das einzige Spiel bleibt. Also besser mal anfassen, wenn man die Möglichkeit hat.
Es ist unglaublich schwierig, in einem Klub wie Liverpool den Durchbruch zu schaffen. Was hat Ihnen gefehlt?
Ich habe nie eine abschliessende Erklärung erhalten. Meiner Meinung nach hätte ich etwas mehr Möglichkeiten verdient, mich zeigen zu können. Aber das ist okay. Es ist einer der grössten Klubs der Welt, da wird einem nichts geschenkt, du musst darum kämpfen. Ich war dann knapp 21 Jahre alt und überlegte mir, wie es weitergehen soll. Dann kam der FC Basel auf mich zu, es klappte mit dem Transfer und ich finde, ich habe richtig entschieden. Denn nun bin ich daran, mir einen Namen zu machen und meine Karriere zu lancieren. Natürlich ist es mein Traum, für einen Klub wie Liverpool zu spielen. Wer weiss, wohin mich meine Karriere führt, vielleicht ja eines Tages zurück an die Anfield Road.
Dürr siegte mit sechs Hundertsteln Vorsprung vor der nach dem ersten Lauf klar führenden Shiffrin, die mit dem 86. Sieg die Bestmarke des Schweden Ingemar Stenmark eingestellt hätte. Dank Rang 3 sicherte sich das kroatische Talent Zrinka Ljutic seinen ersten Podestplatz im Weltcup.