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Hinter dem Kampf der Gegensätze steckt nach Ziel und Massen ein verborgener Einklang. Dieser ist die Harmonie, in der Musik, wie in der Philosophie. Die Welt selbst ist Harmonie, die reale Welt besteht aus dem Gleichgewicht gegensätzlicher Strebungen, folgerte Heraklit. Der Gedanke der Harmonie im Sinne des Gleichgewichts, Ausgleichs und Zusammenführens von Gegensätzlichem, die Konzeption des Mittelwerts oder des Mittelwegs in der Ethik gehen aber letztlich schon auf Pythagoras zurück. Die Wichtigkeit der Harmonie wird leicht übersehen. Heraklit: „Die Menschen wissen nicht, wie das Verschiedene mit sich selber übereinstimmen kann. Es ist ein Zusammenklingen gegensätzlicher Spannungen, wie das des Bogens und der Lyra.“ Doch seine Aussage: „Kampf ist der Vater aller Dinge“, wird heute – und erst recht seit Darwin - oft falsch verstanden. Nicht als militärische, politische oder wirtschaftliche Maxime war sie gedacht, sondern als logische Folgerung des damaligen, neuen Verständnisses. Kampf um das Gleichgewicht, also um Harmonie, Kampf um ein harmonisches Zusammenklingen gegensätzlicher Spannungen, hält die Welt aufrecht. Diese Ansicht teilten Pythagoras und Heraklit.
Somit können wir, 2500 Jahre später, aus Heraklits Theorie der Gegensätze lehren, dass Dinge, die als Widerspruch erscheinen, in Wirklichkeit wesentliche Teile einer Situation sind. Der milesische Philosoph Anaximander, der noch früher lebte, hatte schon festgestellt, dass eigentlich nicht im Kampf der Gegensätze, sondern durch die Missachtung der Masse, Unrecht entstünde. (Tag und Nacht gilt als versöhnliches Beispiel. Die Einführung der Sommerzeit in Europa kann als zeitgemässer Trugschluss und Verstoss gegen die Regel betrachtet werden). Der beste Weg um Weisheit zu Erreichen, liegt im Begreifen des grundlegenden Prinzips der Dinge. Die Formel ist die Harmonie der Gegensätze. Doch er fügte gleichzeitig hinzu: Sie wird von den Menschen nicht begriffen. Wenn wir diese Formel nicht begreifen, so nützt uns kein Lernen. „Lernen vieler Dinge lehrt nicht Verständnis.“ Soweit Heraklit.
Wie Bertrand Russel2 schrieb, verachtete Heraklit, gerade wegen dieser Blindheit, die Masse. Russel selbst, als unermüdlicher Kriegskritiker, beissender Kommentator und analytischer Philosoph gefürchtet, verfemt, rehabilitiert, hielt viel auf Heraklit, „der als mächtiger Denker auftaucht, der die führenden Ideen seiner Vorgänger zusammenfasste und einen bestimmenden Einfluss auf Platon ausübte.“3 Ganz allgemein konnte sich Russel für die antiken Denker Griechenlands begeistern. „Das Beste abendländischen Denkens geht auf die Ahnherren im Denken Griechenlands zurück“, war er überzeugt. Da hätten wir es heute vergleichsweise einfach. Während wir aus vielen Quellen zu den Traditionen der Vergangenheit Zuflucht nehmen können, existierte eine solche Vergleichsbasis für jene grossen Philosophen4 natürlich nicht. Wir zitieren klassische Quellen (mit frappierender Aktualität), doch ein Heraklit und spätere Kollegen als Beispiel stehen tatsächlich für einen totalen Neubeginn. Neue Ausdrücke, Wörter mussten gefunden werden für Erkenntnisse, die es vorher nicht gegeben hatte. Wir sollten das nicht vergessen, wenn uns viele der Überlieferungen heute auch etwas unverständlich, eng oder gar weltfremd vorkommen. Aristoteles, 140 Jahre nach Heraklit geboren, entwickelte in der Folge Heraklits Gedanken weiter, u.a. mit seiner Lehre von der Tugend als der Mitte. Die wahre Tugend liegt irgendwo zwischen Unzulänglichkeit und Übermass. Wahrer Mut besteht weniger in rascher Angriffslust, noch in schüchternem Zurückweichen, sondern in wahrer Seelengrösse. Anders gesagt: Inhaltlich ist die ethische Tugend bestimmt als die Mitte zwischen falschen Extremen, also z.B.
Tapferkeit (Feigheit – Tollkühnheit)
Mässigung (Wollust – Stumpfheit)
Grosszügigkeit (Geiz – Verschwendung).
Ausgleich und Zusammenführen von Gegensätzlichem,
Harmonie durch Gleichgewicht, ausgleichende Gerechtigkeit, Konzeption des Mittelwertes, Suche nach der Mitte zwischen falschen Extremen: Offensichtlich begleitet uns dieses Streben seit jener fernen Zeit, „als die Menschen zum wirklichen Denken erwachten“.
Wenn wir heute Zeit finden, auf die philosophische Entwicklung im antiken Griechenland zurückzublicken, beeindruckt die urtümliche Kraft und der erfinderische Gestaltungswillen der damaligen Denker, nicht nur in der Theorie, sondern auch beim „In-die-Welt-setzen“ von neuen, alltäglichen Regeln und Problemlösungen. Während Sokrates’ Fragetechnik5 gnadenlos Scheinwissen von wirklicher Erkenntnis trennte, (er sich selbst aber, der Überlieferung nach, mit dem berühmten „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ entschuldigte), und er deshalb Fragen generell viel wichtiger als Antworten einstufte, meinte später Platon, dass aller Anfang der Philosophie im Sich-Wundern liege. Daraus entwickelte sich damals gleichzeitig die Wissenschaft (Untersuchung und Forschung).
Fragen, sich wundern, ausprobieren, Mut beweisen, handeln? Könnte man das heute Einbildungskraft, infragestellen oder unorthodoxes Forschen („Pröbeln“) nennen? Denken wir dabei an Steven Jobs, Bill Gates oder Nicolas Hayek? Ich vermute, Quantensprünge sind Resultate eines freien Geistes und der Abwesenheit von religiösen oder politischen Diktaturen. Innere und äussere Voraussetzungen, also. Unsere äusseren sind weitgehend intakt. Die inneren doch wohl sehr persönlich zu gestalten. Verändern wollen statt bewahren, als Beispiel. Weil sich die Welt verändert auch für den, der im Festhalten am Status quo seinen persönlichen (aber vergänglichen)Vorteil sieht.
In unserer Gegenwart mit ihrem Öffentlichkeitsdruck (Social Media, Massenmedien, Transparenzforderung) begegnen uns ungefragt viele Menschen, die von ihrem Wissen sehr überzeugt sind. Lebte Sokrates heute, wären twitter, facebook – ganz allgemein digital basierte Kommunikationskanäle – seine „Strassen“, um Menschen zu befragen. Seine Weisheit, weil sie die menschliche Selbstgewissheit grundsätzlich in Frage stellt, stünde in krassem Gegensatz zur „Arena“, der Kampfstätte des Schweizer Fernsehens. Die sokratische Prüfung könnte ja auch nach 2500 Jahren vom Irrtum befreien, über wirkliches Wissen schon immer verfügt zu haben. Damit wäre vielen Gesprächspartnern vor laufender Kamera im wahrsten Sinn des Wortes der Teppich unter den Füssen weggezogen.
Unter diesem Aspekt könnten wir den Kampf der Gegensätze etwas kleinlaut, aber fragender, wieder zur Diskussion stellen. Wer das Bedürfnis nach Harmonie verkennt oder verspottet, sollte daran teilnehmen, denn geistig unabhängige Menschen sind nicht gewillt, „Wahrheiten“ von Austeilern letzter Weisheiten ohne weiteres hinzunehmen. Das Zusammenführen von Gegensätzen, die Suche nach der Mitte zwischen falschen Extremen, vielleicht müssten wir heute ebenfalls neue Begriffe kreieren, um zeitgemässen überraschenden Erkenntnissen ihren Platz zu sichern? Kooperation statt Kampf wäre eine mögliche Überschrift. „Kooperation als Eltern aller Dinge“, zum Beispiel. Darüber mehr in einer späteren Kolumne.
1 Christoph Zollinger: „EPOCHALER NEUBEGINN – Update nach 2500 Jahren“ (2011), Europäischer Hochschulverlag Bremen.
2 Bertrand Russel (1872 – 1970), britischer Philosoph, Physiker und Mathematiker, Literatur-Nobelpreisträger.
3 Bertrand Russel: „Denker des Abendlandes“ (Belser).
4 Philosophen waren im antiken Griechenland gewissermassen „Allrounder“. Sie befassten sich u.a. auch mit der Tagesaktualität, der Politik, vielen aufkommenden Wissenschaften.
5 In der sokratischen Frage „Was ist?“ (Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit usw.), findet das sokratische Nichtwissen ihren spezifischen Ausdruck. Sie ist gleichzeitig Aufforderung zur gemeinsamen Suche.