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166 Pfund. Das war die Ansage für eine Fahrkarte nach Manchester. Ich hatte mit maximal 100 Pfund gerechnet und fragte mich, wie in aller Welt es möglich sein sollte alle 20 Minuten einen Zug nach Manchester fahren zu lassen bei diesem Preis. Gut, womöglich genügten bei diesen Preisen ein Dutzend Passagiere, um den Zug rentabel zu führen… Der Gang zum Fahrkartenschalter führte dann immerhin zu einer Halbierung des Preises, allerdings mit einer Wartezeit von gut 1 Stunde. Ich bin mal gespannt, ob dieser Zug dann überfüllt sein wird wie die Tube zur Stosszeit. Die Fahrtdauer ist immerhin dieselbe wie bei den teureren Zügen.
Die Fahrt nach Manchester führt mich aber auch zu einer der Geburtsstätten des modernen Kapitalismus. Die Stadt machte sich einen Namen als „shock city“, wo sich Anfang des 19. Jahrhunderts alle Übel des Kapitalismus zu konzentrieren schienen. London hingegen gilt heute als eine der Vorzeigestädte des Kapitalismus mit grossem Wohlstand – und eben hohen Preisen.
In der Londoner City weniger sichtbar als beispielsweise in Berlin gibt es aber natürlich auch die Kehrseite; existiert auch grosse Armut, die aus den überdurchschnittlich vielen Ferraris, Maybachs und Rolls Royces wohl kaum wahrgenommen wird. So fallen mir die Augen eines Mannes auf, der an einer vielbefahrenen Strasse sitzt, angelehnt an einen Laternenpfahl. Eine tiefe Traurigkeit spricht aus ihnen, der Blick verliert sich in der Ferne. Einige Schritte weiter legt ein junger Mann seinen Kopf an den Bauch seiner Frau wie um sich selbst zu trösten. Es ist eine zutiefst zärtliche Geste, aus der aber wiederum Traurigkeit zu sprechen scheint, Hoffnungslosigkeit. Rund um diese kleine Gruppe aus vermutlich Roma befinden sich Rollkoffer wie sie andere Leute zum Fliegen verwenden und die vielleicht ihr ganzes Hab und Gut beinhalten. Ein Kind kann ich zwar nicht entdecken, doch auf einem der Koffer „sitzt“ ein kleiner Püschhase, der der Szenerie eine weitere Melancholie verleiht. Offensichtlich hatten sie hier übernachtet.
Es sind intensive Gefühle von einer ganz anderen Qualität, die ich hier wahrnehme, als wenn ich vielleicht dieselben Menschen bettelnd am Strassenrand sitzen sehe. Es macht mir wieder einmal bewusst, dass diese Menschen ihr Schicksal nicht selbst gewählt haben. Wie würde ich mich in ihrer Situation fühlen, wie verhalten?
Ich hätte mir auch die 166 Pfund problemlos leisten können und hätte mich doch darüber aufgeregt. Probleme sind offensichtlich relativ und oftmals frage ich mich, ob Menschen, die weniger „wahre“ Probleme haben sich einfach mehr Probleme machen. Wobei auch sie sich ihr Schicksal nicht selbst auswählen, eine „Problem haben wollen“ Konstitution zu haben. Und ich frage mich, wie stark Glück von Wohlstand abhängt – der im Kapitalismus für eine grosse Mehrheit der Menschheit regelrecht explodiert ist. Ich bin jetzt aber auch gespannt darauf, wie sich mir die „Shock City“ heute präsentieren wird.
P.S. Wer nicht nur lesen, sondern auch verstehen kann ist im Vorteil. Dass ein „Off-Peak“ Ticket günstiger ist, aber nur während der „Off-Peak“ Zeiten gültig (ab 9:25) ergibt irgendwie noch Sinn…