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Vieles, was die legendäre Gruppe 47 nach dem Zusammenbruch Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs hervorbrachte, hat inzwischen Staub angesetzt. Wir können es nur noch historisch lesen.
Eine Ausnahme bildet das Werk Wolfgang Hildesheimers. Noch heute liest es sich so frisch wie am ersten Tag, und das gilt für alle Schaffensphasen des Autors.
Da ist das Frühwerk mit den immergrünen «Lieblosen Legenden» (1952) und dem humoristischen Fälscher-Roman «Paradies der falschen Vögel» (1953), da sind die brillanten Hörspiele, als deren hintergründigstes «Herrn Walsers Raben» (1960) gelten darf, und seine Theaterstücke, die ihn als Vertreter des heiter-absurden Dramas zeigen.
Mit den Romanen «Tynset» (1965), der die Gedanken eines Schlaflosen während einer Nacht nachzeichnet, und «Masante» (1973), der in einer einsamen Bar am Rand der Wüste angesiedelt ist, hat Hildesheimer Texte von schlacken- und zeitloser Modernität geschaffen.
Seinen grössten Erfolg feierte er mit seiner Mozart-Biografie von 1977, die mit den Klischees der bisherigen romantisierenden Sekundärliteratur radikal aufräumte und eine exakte Lektüre der Noten wie der Lebenszeugnisse an deren Stelle setzte.
Gehirnwäsche trug er nicht
Mit der ihm eigenen Ironie liess Hildesheimer auf diesen Bestseller die Lebensbeschreibung des von ihm erfundenen Kunstphilosophen Marbot folgen, den er indes so plausibel in den realen Kontext des 19. Jahrhunderts stellte, dass sie völlig überzeugend wirkte.
Das Werk war gewissermassen eine Extension des Textes «1956 – ein Pilzjahr» aus den «Lieblosen Legenden», in dem der Autor Gottlieb Theodor Pilz (1789–1856) seine Reverenz erwies: Diese fiktive Figur hatte ihren Ehrgeiz darein gesetzt, ihrer Ansicht nach überflüssige Werke wie zum Beispiel eine zweite Oper von Beethoven zu verhindern.
In «Marbot» erzählt Hildesheimer das Leben von Sir Andrew Marbot, einem Aristokraten aus dem frühen 19. Jahrhundert, der mit Geistesgrössen seiner Zeit von Goethe über Byron und Delacroix bis zu Schopenhauer bekannt ist und die Psychoanalyse vorwegnimmt, nicht zuletzt deshalb, weil er zu seiner Mutter ein inzestuöses Verhältnis hat.
Flankiert werden Hildesheimers fiktive Werke durch zahlreiche luzide Essays zu so verschiedenen Themen wie der Ferne Johann Sebastian Bachs, dem Ende der Fiktionen und zu seinem eigenen Judentum.
In seinen späten Jahren gab sich Hildesheimer abgeklärt. 1983 veröffentlichte er die lakonischen «Mitteilungen an Max», die der Widmungsträger Max Frisch in seiner «pyramidalen Humorlosigkeit» (Hanno Helbling) gar nicht lustig gefunden haben soll.
Dort teilt er beispielsweise kalauernd mit, dass er keine Gehirnwäsche trage und neulich in einer Gesellschaft gewesen sei. Er habe sofort gesehen, dass sie verändert werden müsse. Er habe sie verändert und sei früh heimgegangen.
Hildesheimers letzte Verlautbarungen waren Appelle gegen die Zerstörung unserer Umwelt, bevor er sich angesichts der grundsätzlichen Unbelehrbarkeit des Menschen ganz ins Schweigen zurückzog. Er ging davon aus, dass der Mensch – und damit auch der Hildesheimer-Leser – die Erde bald nicht mehr bevölkern werde.
Anders als etliche andere Mitglieder der Gruppe 47 musste er sich weder mit seiner eigenen Kriegsschuld noch mit jener seiner Familie auseinandersetzen.
Was unterscheidet diesen Autor von seinen Generationsgenossen? Mehrere Faktoren sind hier wichtig. Da ist zunächst einmal der ungewöhnliche Lebenslauf.
Hildesheimer entstammte einem jüdischen Elternhaus in Hamburg. Ab 1926 besuchte er das Humanistische Gymnasium in Mannheim, zwischen 1930 und 1933 die Odenwaldschule in Ober-Hambach. Dann wechselte er zur Frensham Heights School in Farnham, England.
1934 begann er eine Lehre als Möbeldesigner in Palästina, wohin seine Eltern emigriert waren. Sie hatten die braune Gefahr früh erkannt und auch dafür gesorgt, dass ihr Sohn den Nazischergen entkam. Der Vater gründete in Palästina eine Chemiefabrik.
Ab 1937 studierte Hildesheimer Malerei und Bühnenbildnerei in London. Nach Kriegsende kehrte er gegen den Rat seiner Eltern aus Palästina nach Deutschland zurück und wirkte ab 1946 als Simultandolmetscher und Gerichtsschreiber bei den Nürnberger Prozessen. Seit 1957 lebte er in der Schweiz. Poschiavo im Puschlav wurde dem 40-Jährigen zur zweiten Heimat. Die Gemeinde ernannte ihn 1982 zum Ehrenbürger. Hildesheimer starb 1991 in Poschiavo an Herzversagen. Auf dem evangelischen Friedhof liegt er begraben.
Seine englischen Jahre haben Hildesheimer geprägt. Er lernte die Moderne um T. S. Eliot, James Joyce und Samuel Beckett kennen. Einzelne Texte von Joyce hat er mustergültig ins Deutsche übertragen. Er hat aber auch britische Klassiker wie William Congreves «Der Lauf der Welt» von 1770 übersetzt. Seine Übertragung von Djuna Barnes’ Buch «Nachtgewächs» ist bis heute massgebend.
Schon als junger Mensch setzte Hildesheimer sich der Psychoanalyse aus. Sie hat besonders seine Prosa der 1960er Jahre wesentlich mitgeprägt.
Anders als etliche andere Mitglieder der Gruppe 47 musste er sich weder mit seiner eigenen Kriegsschuld noch mit jener seiner Familie auseinandersetzen. Deshalb kam ihm in der Gruppe 47 ein besonderer Status zu. Er brachte eine Weltläufigkeit ein, die den Kriegsteilnehmern fremd sein musste.
Dass er wie Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Peter Weiss und andere auch als bildender Künstler aktiv war, fügt seinem Rang eine weitere Facette hinzu.
In seinen späten Jahren ist er fast nur noch dieser Neigung gefolgt. Seine bekanntesten Arbeiten sind aufwendige, äusserst kleinteilige Collagen. Oft wird der Roman «Tynset» als Hildesheimers Meisterwerk angesehen. Für dieses Buch erhielt er 1966 den Georg-Büchner-Preis. Der innere Monolog eines Schlaflosen, der sich nach Tynset sehnt, einer Ortschaft, auf die er im Kursbuch der norwegischen Staatsbahnen gestossen ist und die er nie erreichen wird, fasziniert bis heute.
Farbenblinder Maler
Nun liegen die Briefe des Sohnes an seine Eltern erstmals vor. Sie sind ein eminentes biografisches Dokument und bringen Licht ins Dunkel von Hildesheimers frühen Jahren, über die bisher wenig bekannt war.
An ihrem Beginn steht der Bericht über eine Schiffsreise des angehenden Studenten nach London im Jahr 1937, an ihrem Ende der Tod der Mutter im Jahr 1962.
Die 507 erhaltenen Briefe lesen sich wie ein Tagebuch. Es erzählt von Hildesheimers Studium an der Kunsthochschule in London, wo er Theorie büffelt sowie sich im Aktzeichnen und in der Landschaftsmalerei übt – und dabei stets fürchtet, dass sein Geheimnis, die angeborene Farbenblindheit, bemerkt werden und seine berufliche Zukunft ruinieren könnte.
In der Bude, die Hildesheimer Anfang der 1950er Jahre bewohnte, war es zu kalt zum Zeichnen. Deshalb wurde er Schriftsteller.
Weiter handeln die Briefe von Hildesheimers Aufenthalt in Palästina während des Weltkriegs, wo er für die britische Verwaltung arbeitet, von seiner Tätigkeit als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen und von seinem beginnenden Ruhm als Schriftsteller.
In der Bude, die Hildesheimer Anfang der 1950er Jahre im bayrischen Ambach bewohnte, war es im Winter zu kalt zum Zeichnen. Deshalb wurde er Schriftsteller.
In den Briefen erfahren wir einerseits viel über Hildesheimers Lesegewohnheiten und Hörerlebnisse sowie über seinen verästelten Freundes- und Bekanntenkreis; es spiegelt aber auch die politischen Umwälzungen eines Vierteljahrhunderts.
Wolfgang Hildesheimer war ein sanfter Radikaler in seinem Denken und Schreiben, ein weltläufiger Intellektueller und eigenständiger Autor. In der oft von Gequältheit und Provinzialität geprägten deutschen Nachkriegsliteratur war er ein Solitär. Sein Stil war makellos.
Es lohnt sich, seine Briefe an die Eltern und die umfassende Biografie Volker Jehles zu lesen. Es lohnt sich aber auch, jedes einzelne seiner Werke wieder neu zu lesen.
Neue Bücher von und über Wolfgang Hildesheimer
Der Germanist Volker Jehle, Hildesheimers Nachlassverwalter, legt die Briefe des Autors an seine Eltern in einer umfassenden, akribisch annotierten Edition vor. Stephan Braese, Professor für europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte in Aachen, hat die bisher gründlichste Biografie des Autors geschrieben. Sie verbindet Werkanalysen mit der Nachzeichnung von Hildesheimers stetem Spannungsverhältnis zu Deutschland.
- «Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet mir nichts.» Die Briefe an die Eltern 1937–1962. Suhrkamp 2016. 2 Bände, 1558 S., Fr. 102.–.
- Stephan Braese: Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer. Wallstein 2016. 588 S., Fr. 59.–.