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Die Studie «An Explanation of Hunger» aus dem Jahr 1912 zeichnen zwei Autoren: Walter B. Cannon, der noch Hunderte von Arbeiten veröffentlichen wird, und sein Student Arthur L. Washburn, für den es die erste und letzte Publikation bleibt – wer sie liest, ahnt, weshalb. Wie Professor Cannon den 23jährigen überzeugte mitzumachen, ist nicht überliefert. Es dürfte nicht einfach gewesen sein.
Cannon studierte die Verdauung. Er untersuchte den Ablauf des Schluckens bei einer Gans und beobachtete mit der eben erfundenen Röntgentechnik, wie Perlenknöpfe durch den Verdauungstrakt eines Hundes wanderten. Eine grosse Frage blieb trotz dem Einsatz moderner Technik unbeantwortet: Wie entsteht Hunger?
Viele Wissenschafter glaubten, dass Hunger die Folge abnehmender Nährstoffe im Blut sei, die das Gehirn registriere, doch Cannon zweifelte an diesem Zusammenhang. Zu viel sprach dagegen. Zum Beispiel verschwand der Hunger nach einigen Tagen Fasten für eine gewisse Zeit fast vollständig, und auch davor nahm er nicht einfach kontinuierlich zu, sondern trat in Intervallen auf und ebbte dann wieder ab. Zudem schwand der Hunger, wenn man etwas ass, lange bevor die Nährstoffe ins Blut hätten gelangen können.
Auch die naheliegende Erklärung, dass der Hunger vom Füllstand des Magens abhänge, konnte nicht stimmen. Sonst wären Patienten nach einer Magenspülung sehr hungrig, was nicht zutrifft. Seit einiger Zeit hatte eine andere Vermutung die Runde gemacht: Hunger soll das Resultat von periodischen Kontraktionen des Magens sein. Dass sich der leere Magen rhythmisch zusammenzieht, hatte ein anderer Forscher bei fastenden Hunden beobachtet, indem er ihnen durch einen Schnitt im Magen einen Ballon einführte, den er mit Luft füllte. Wenn sich der Magen kontraktierte, drückte er Luft aus dem Ballon, was sich mit einem Manometer messen liess. Dummerweise gab es keine Möglichkeit herauszufinden, ob die Hunde in diesem Moment Hunger empfanden. Dazu brauchte Cannon Arthur Washburn.
Washburn musste sich zuerst an die körperliche Irritation des Experiments gewöhnen. Zur Vorbereitung schluckte er Tag für Tag einen Schlauch mit einem Ballon am Ende, bis ihn der Fremdkörper in der Speiseröhre nicht mehr störte. Was in der Arbeit Gummiballon genannt wird, war in Wahrheit ein Kondom. Wochenlang besuchte Washburn also seine Vorlesungen mit einem Kondom im Bauch und einem Schlauch, der aus seinem Mund ragte.
Dann begann das eigentliche Experiment. Washburn verzichtete auf Frühstück und Mittagessen und fand sich jeweils Nachmittags im Labor ein. Der Ballon im Magen wurde aufgeblasen und der Schlauch an das Manometer angeschlossen, das die Bewegungen des Magens aufzeichnete. Ohne diese Aufzeichnungen zu sehen, notierte Washburn während zwanzig Minuten, wann er Hunger verspürte. Und tatsächlich ging jedem Hungergefühl eine Kontraktion des Magens voran. Cannon glaubte bewiesen zu haben: Kontraktionen des Magens verursachen Hunger.
Cannons Studie gilt heute als klassischer Versuch, der das falsche Resultat erbrachte. Hunger ist ein enorm kompliziertes Phänomen, das von vielen Faktoren abhängt, von der Dehnung des Magens bis zur psychischen Verfassung. Die wichtigste Ursache ist aber das Absinken des Blutzuckerspiegels. Die beobachteten Kontraktionen können als Folge davon vorkommen, treten aber nicht bei allen Menschen auf.