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Herr Borbély, schlafen Sie gut?
Alexander Borbély: Ich beobachte seit 40 Jahren meinen Schlaf mit einem Aktivitätsmonitor, den ich immer am Handgelenk trage. So halte ich fest, wann ich ins Bett gehe, wann ich aufstehe und meine Bewegungen in der Nacht. Auch nach meiner Emeritierung habe ich meine Schlafdaten analysiert und festgestellt, dass mein Schlafrhythmus ausgeglichener wurde. Auch die Schlafdauer stieg insgesamt an. Ich bin eigentlich ein Kurzschläfer und bin früher mit sechs Stunden Schlaf ausgekommen. Jetzt schlafe ich mehr. Für mich ein Beleg, dass der Stress der Berufsjahre meine Schlafdauer beeinflusst hat.
Fitnesstracking war vor 40 Jahren noch kein Massenphänomen. Sie haben es aber damals schon für Forschungszwecke ausprobiert. Wie kam es dazu?
Ein amerikanischer Kollege hatte in den 70erJahren so ein Messgerät entwickelt. Ich war fasziniert, weil ich den Zusammenhang von Bewegungsverhalten und Schlaf erforschte. Was lag näher, als es an mir selbst auszuprobieren? Mit einem Mechaniker aus dem Pharmakologischen Institut der UZH habe ich damals ein Gerät entwickelt, das man am Handgelenk tragen konnte und das Bewegung und die Schlaf-Wachrhythmen aufzeichnete. Die Daten waren für mich interessant, denn ich untersuchte damals, ob die Einnahme von Schlafmitteln das Bewegungsverhalten am folgenden Tag beeinflusst.
Ihre Schlafdaten haben den Künstler Andreas Horlitz zu einer Skulptur inspiriert.
Der deutsche Künstler Andreas Horlitz wurde per Zufall auf meine Daten aufmerksam und hat eine 25 Meter hohe, von innen beleuchtete, Stahlsäule geschaffen, in der einige Jahre meines Ruhe-und Aktivitätsmusters spiralförmig dargestellt wurden.
Horlitz hat das Kunstwerk im Auftrag einer Düsseldorfer Versicherungsfirma hergestellt, dort stand es lange in der Eingangshalle. Die Säule wurde später abgebaut.
Sie beschreiben in Ihrer Biografie chronologisch Kindheit, Studium und Ihre Lebensabschnitte als Forscher, Dekan und Prorektor. Haben Sie beim Blick zurück manchmal gedacht, dass Sie etwas anders hätten machen sollen?
Nein, ich habe selten mit mir gehadert. Vieles hat sich ergeben, und das war gut so. Nach dem Medizinstudium habe ich mich früh für die Grundlagenforschung entschieden, heute würde ich versuchen, sie mit der klinischen Medizin zu kombinieren, aber diese Möglichkeit gab es damals nicht, man musste sich, entweder für Grundlagenforschung oder Klinik entscheiden. Ich entschied mich für die Forschung, sie war meine erste Wahl.
Sie wurden ja dann auch international anerkannt durch Ihr Zwei-Prozess-Modell des Schlafes. Wie steht es heute um dieses Modell?
Ich bin überrascht, wie häufig meine Arbeit heute noch zitiert wird. Es war eine glückliche Fügung, dass ich damals die Rhythmusforschung mit der Schlafforschung zusammenbrachte. Das Modell selber ist aber recht simpel.
Was genau besagt Ihr Modell?
Ganz einfach gesagt, wird der Schlaf durch zwei Variabeln bestimmt. Nach meinem Modell ist der homöostatische Schlafdruck und der zirkadiane Prozess verantwortlich für die Schlafregulation. Während der zirkadiane Prozess auf der inneren Uhr basiert, die sicherstellt, dass wir jeden Tag in etwa zur gleichen Zeit schläfrig werden, ist der Schlafdruck von der Länge unserer Wachzeit abhängig. Eine Störung dieses Zusammenspiels führt zu Tagesmüdigkeit, Schlafstörungen und verminderter kognitiver Leistung während des Tages.
Womit befassen Sie sich jetzt gerade?
Mit dem Thema Depression und mit psychoaktiven Wirkstoffen, die dagegen helfen. Lange waren Substanzen wie zum Beispiel LSD verboten, seit 10 Jahren gibt es aber eine intensive Forschung zur therapeutischen Anwendung dieser Mittel. Kontrolliert eingesetzt können sie bewirken, dass die Kranken aus festgezurrten Mustern der Selbstwahrnehmung ausbrechen können. Das interessiert mich sehr, auch aus persönlichen Gründen, denn in meinem Umkreis sind einige Menschen von Depression betroffen. Vielleicht werde ich auch etwas dazu schreiben.
Sie haben sich immer stark gemacht für die Forschung. In Ihrer Autobiografie schlagen Sie aber auch kritische Töne an. Sie sprechen von einer späten Rebellion.
Forschung ist immer auch eine Verheissung. Aber Wissenschaft ist ja nicht nur auf Kenntnis und Ideale ausgerichtet, sondern auch auf Erfolg. Erfolg wiederum hängt auch vom Geld ab. Hinzu kommen der Publikationsdruck und das international kompetitive Umfeld. Ist man im Forschungsbetrieb tätig, muss man sich einfügen, das habe ich auch getan.
Heute jedoch habe ich das Privileg und das Alter die Situation von aussen zu betrachten und ich sehe vieles in einem anderen Licht als früher. Ich denke wir müssen vermehrt auf Teamarbeit und bei Berufungsverfahren auf so genannte Softskills setzen, damit auch die Nachwuchsforschenden von ihren Betreuern gefördert werden.
Ich habe jetzt auch Zeit, über Fragen nachzudenken, die die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis ausloten. Die Frage nach Anfang und Ende der Welt werden nicht nur physikalische Theorien beantworten können.
Sie haben sich nach Ihrer Emeritierung viel mit Philosophie beschäftigt. Welche Richtung hat Sie inspiriert?
Ich habe viel im Internet recherchiert. So bin ich zum Beispiel auf Michael Heller gestossen, er ist Theologe und Astrophysiker. Heller betrachtet die Grundfragen des Universums aus theologischer und philosophischer Warte. Mich hat beeindruckt, wie er Naturwissenschaft und Theologie zusammenbringt. Faszinierend finde ich auch Nicolaus Cusanus, der sich schon im Mittelalter Fragen gestellt hat, die uns auch heute noch beschäftigen.
Zur Person
Alexander Borbély (geb. 1939) war 1975 Assistenzprofessor, 1983 ausserordentlicher und 1992 ordentlicher Professor für Pharmakologie an der UZH. Dort war er auch von 1998 bis 2000 Dekan der Medizinischen Fakultät sowie von 2000 bis 2006 Prorektor Forschung. Er setzte sich in dieser Zeit für den Forschungskredit ein, um Nachwuchsforschende zu unterstützen und lancierte zusammen mit den Mitgliedern der Universitätsleitung die Universitären Forschungsschwerpunkte.
Autobiographie
Alexander Borbély, Mehr als Schlaf, Erinnerungen und Erkundungen eines Schlafforschers. Tredition Verlag, 2019. 346 Seiten.
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