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Vor einiger Zeit traf ich auf einer Wiese hinter unserem Haus ein Schaf, von dem ich schon länger vermute, dass es bei Psalm 23 dabei gewesen sein muss. Ich kann nicht erklären, weshalb ich auf diesen Gedanken kam, und natürlich konnte ich davon niemandem erzählen. Nun aber ging ich alleine an der besagten Wiese vorbei, erblickte das Schaf und nahm all meinen Mut zusammen. Wie es dort wiederkäuend auf der Wiese sass, trat ich herzu, räusperte mich und fragte: «Wie ist das denn gewesen damals?» Das Schaf – als wäre es aus seiner tiefen Gedankenlosigkeit gerissen worden – schaute mich mit grossen, fragenden Augen an, vielleicht um mir zu signalisieren, dass ich meine Frage konkretisieren sollte. «Ja, ich meine», fing ich nochmals an, «Du hast ja viel erlebt – zuerst bei der frischen Quelle, dann auf der saftigen Wiese, dann plötzlich im gefährlichen Tal des Todesschattens – war das nicht ein bisschen zu viel für einen Tag?»
Das Schaf schaute mich an, ungefähr eine halbe Minute lang, und schwieg. Lediglich sein wiederkäuendes Maul bewegte sich rhythmisch. Sein leerer Blick liess meine Hoffnung sinken, eine Antwort zu bekommen. Vielleicht war es doch nur ein normales Schaf. Vielleicht hatte das Tier meine Frage gar nicht verstanden. Vielleicht war ich wieder einer meiner verrückten Ideen aufgesessen.
«Dummkopf!», sagte das Schaf dann so laut und klar, dass ich zusammenfuhr. Dann würgte es einen weiteren Bissen hoch, begann ihn wiederzukäuen und schaute mich wieder mit leerem Blick an. «Wie bitte?», fragte ich, obwohl ich das Schaf akustisch zweifelsfrei verstanden hatte. «Dummkopf», sagte das Schaf nochmals und fuhr fort, «Es spielt gar keine Rolle, ob wir an der Quelle, auf der Wiese oder im Todestal waren – wichtig war nur, dass ich dort war, wo der Hirte war.» Nach einer längeren Pause, während der ich mich fürchterlich fühlte, von einem Schaf so angefahren zu werden, nahm es seinen wiederkäuend-philosophischen Monolog nochmals auf: «Genau genommen war ich gar nicht an mehreren Orten. Ich war immer nur an dem einen Ort, an dem der Hirte war.»
Ich fürchte, diese Geschichte wird mir niemand glauben, obwohl jeder in der Bibel nachlesen kann, dass sie wahr ist. Ich weiss auch nicht, weshalb solche seltsamen Erlebnisse immer mir passieren müssen. Vor einigen Tagen (und das stimmt jetzt wirklich) leitete ich eine Anbetungszeit. Am liebsten leite ich spontan, ohne vorher viele Lieder auszuwählen. Nicht, dass es schlecht wäre, alle Lieder im Voraus zu planen, aber ich mag die Spontaneität. Meistens fühle ich mich wohl dabei, aber in der besagten Anbetungszeit erlebte ich einen Moment der Unsicherheit: Was, wenn ich das falsche Lied anstimme? Was, wenn ich die richtige Abzweigung verpasse und eine falsche Route einschlage? Was, wenn ich ein Instrumental spiele, während ich eigentlich singen sollte, oder umgekehrt?
Und da kam mir – ganz unverhofft zwischen zwei Liedern – die oben beschriebene Begegnung mit dem Schaf in den Sinn. Das Schaf von Psalm 23 macht sich keine ängstlichen Gedanken darüber, dass es sich auf dem falschen Quadratmeter Wiese befinden könnte. Es fragt sich nicht dauernd, ob es nicht doch lieber zwei Meter weiter links grasen sollte. Es stellt sich eine einzige Frage: Wo ist der Hirte?
Das Schaf stellt sich eine einzige Frage: Wo ist der Hirte?
Um den Hirten herum gibt es einen Umkreis der Sicherheit. Für das Schaf spielt es keine Rolle, ob dieser Umkreis an der Quelle, auf der Wiese oder im Tal ist. Auf der Wiese mag der Umkreis grösser sein als im Tal des Todesschattens, wenn sich die Schafe eng an den Hirten drängen. Der Umkreis der Sicherheit ist dort, wo der Hirte ist, sonst nirgends. Kein Schaf wäre so dumm, auf der saftigen Wiese zu bleiben, wenn der Hirte ins Tal weiterzieht.
Als Christen müssen wir keine zwanghafte Angst davor haben, einen falschen Schritt zu machen. Wir müssen nicht jede erdenkliche Folge einer Entscheidung akribisch vorauskalkulieren. Stattdessen sollten wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, dort zu sein, wo Jesus ist. Dort zu bleiben, wo er bleibt. Dorthin zu gehen, wo er hingeht. Weil Jesus die personifizierte Wahrheit ist (Joh 14,6), gibt es um ihn herum einen Spielraum von richtigen Möglichkeiten. Einen Umkreis der Sicherheit.
Jedes Leben hält verschiedene Stationen bereit. Zeiten des fröhlichen Grasens auf der Wiese und Momente der zitternden Angst im Todestal wechseln sich ab. Ich möchte mein Leben so leben, dass ich – wenn mich jemand fragt, was ich über die Jahre alles so gemacht habe und wo ich war – mit der schafmässig-simplen Aussage antworten könnte: «Ich war immer nur an dem einen Ort, an dem der Hirte war.»