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VON PHILIPP NOTTER UND FRANOIS STOLL
Kommunikation in geschriebener Sprache ist in unserer Gesellschaft von grosser Bedeutung. Darum ist eine angemessene Lesekompetenz in der Landessprache auch für Fremdsprachige, die in der Schweiz leben, sehr wichtig. Eine neue Untersuchung zeigt jedoch, dass viele Fremdsprachige kaum in der jeweiligen Landessprache lesen können.
Dass zwischen Kultur und Sprache eine enge Beziehung besteht, ist ein Gemeinplatz. Dasselbe gilt natürlich auch zwischen den Begriffen Multikulturalität und Mehrsprachigkeit, die oft miteinander einhergehen. Multikulturalität soll hier so verstanden werden, dass Gruppen einer Gesellschaft, die geographisch zusammen leben, sich in bestimmten Lebensbereichen, zum Beispiel im privaten Lebensbereich, an verschiedenen Kulturen, in anderen Lebensbereichen insbesondere imöffentlichen Lebensbereich, aber an einer gemeinsamen Kultur orientieren. Dazu müssen die einzelnen Individuen in Abhängigkeit von der Distanz zwischen den verschiedenen Kulturen nicht notwendigerweise multikulturell sein sofern die betroffenen Kulturen genügend Gemeinsamkeiten haben. So muss zum Beispiel ein Spanier nicht bikulturell sein, um wesentliche Vorstellungen und Werthaltungen imöffentlichen Lebensbereich mit Schweizern zu teilen. Bei der Mehrsprachigkeit jedoch ist dies anders, weil die verschiedenen Sprachen nicht genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, um direkt miteinander kommunizieren zu können. Darum müssen mindestens ein Teil der Individuen in einer geographisch nicht getrennten, multikulturellen Gesellschaft mehrsprachig sein. Aus naheliegenden Gründen wird dies im allgemeinen von den Minoritäten erwartet.
Vorliegender Bericht versucht einige Aspekte der sprachlichen Situation auf der Ebene der Individuen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz zu beschreiben. Das Schwergewicht liegt dabei auf einer Art der sprachlichen Kommunikation, dem Lesen. Zuerst soll untersucht werden, welcher Prozentsatz der Bevölkerung mehrsprachig aufgewachsen ist, und in einem zweiten Schritt soll dargestellt werden, wie viele Prozente der aktiven Bevölkerung in verschiedenen Lebensbereichen in je verschiedenen Sprachen kommunizieren. Dabei soll immer die Beziehung hergestellt werden zu den Lesekompetenzen in der jeweiligen Landessprache.
Die Daten für die folgenden Auswertungen wurden im Rahmen der internationalen IALS-Studie (International Adult Literacy Survey; Statistics Canada & OECD, 1995) zur Literalität der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter gewonnen. Die Daten wurden also nicht speziell aus einer multikulturellen Perspektive gewonnen. Diesbezügliche Aussagen ergeben sich nur daraus, dass die Schweiz einerseits ein viersprachiges Land, und andererseits ein Einwanderungsland ist (es wird im folgenden nicht unterschieden zwischen internen Migranten und Immigraten).
In dieser Studie wurden in der deutschen und der französischen Schweiz eine repräsentative Stichprobe von je 1400 Personen in einem Interview befragt und in einem einstündigen Test ihre Kompetenzen im Lesen und einfachen Rechnen in der jeweiligen Landessprache erfasst. Im Interview wurden mehrere Fragen zum sprachlichen Hintergrund der teilnehmenden Personen gestellt. Die Kompetenzen im Lesen und Rechnen wurden in drei Dimensionen gemessen: Leseverständnis von Prosatexten wie Zeitungsartikeln; Leseverständnis von Alltagsdokumenten wie Formularen, Gebrauchsanweisungen, Fahrplänen, Verzeichnissen, Tabellen und Graphiken usw.; und schliesslich einfaches Rechnen in Texten, wie die Einsparungen bei einem Sonderangebot in einer Zeitungsanzeige zu berechnen. Die Ergebnisse im Test wurden in vier Kompetenzniveaus zusammengefasst, wobei Niveau 1 einer minimalen, den täglichen Anforderungen nicht genügenden Kompetenz und Niveau 4 einer sehr guten Kompetenz entspricht.
Nur das Leseverständnis von Alltagsdokumenten wird nachfolgend berücksichtigt. Das Lesen von Alltagsdokumenten hat jedoch einige Eigenheiten, das es in unserem Zusammenhang besonders interessant macht: Alltagsdokumente sind typischerweise Lesematerialien, die man sich nicht auswählt, sondern die man einfach mit der Erwartung vorgesetzt bekommt, man könne damit umgehen. Alltagsdokumente liest man meistens, um mehr oder weniger unmittelbar etwas zu tun. Alltagsdokumente sind darum auch das Lesematerial, das, wie Studien gezeigt haben, weite Bevölkerungsschichten auch am meisten lesen. Schliesslich liest man Alltagsdokumente auf eine spezielle Art, indem man sie meistens nicht von A bis Z liest, sondern nur sehr selektiv nach einer gewünschten Information sucht.
In der Untersuchung stellte man bei den Fragen zum sprachlichen Hintergrund die Frage, welche Sprache oder Sprachen man zuerst in der Kindheit gesprochen hat. Die Antworten auf diese Frage kann man unter den Aspekten Landessprache/Nichtlandessprache und einsprachig/ mehrsprachig folgendermassen zusammenfassen: 75 Prozent der Befragten sprachen als Kind nur die jeweilige Landessprache, 14 Prozent nur eine andere Sprache, während 8 Prozent zweisprachig aufwuchsen. Dabei waren bei 6 Prozent eine der Sprachen die jeweilige Landessprache. Die fehlenden 3 Prozent in dieser Aufstellung waren Personen, bei denen es wegen Unkenntnis der Landessprache nicht möglich war, ein Interview in der Landessprache durchzuführen.
Abb. 1:
Leseverständnis von Alltagsdokumenten und Sprache in der Kindheit
Wie steht es nun mit der Lesekompetenz in der jeweiligen Landessprache, also Deutsch beziehungsweise Französisch dieser Gruppen? In Abbildung 1 ist die Verteilung auf die vier Niveaus von Lesekompetenzen im Verstehen von Alltagstexten für die zwei Gruppen, die einsprachig aufgewachsenen sind, dargestellt. Dass auch bei denjenigen, die einsprachig in der jeweiligen Landessprache aufgewachsen sind, 9 Prozent nur minimale, ungenügende Lesekompetenzen aufweisen, ist zwar bedenklich, aber darauf soll hier nicht weiter eingegangen werden. Diese Tatsache soll nur einen Vergleichsmassstab für die Gruppe, die in einer fremden Sprache aufgewachsen ist, hergeben. In dieser Gruppe können 42 Prozent nicht in der jeweiligen Landessprache lesen oder haben nur minimale Lesekompetenzen. Dies bedeutet, dass fast die Hälfte dieser Leute mit schriftlichen Informationen in der Landessprache kaum etwas anfangen kann. Die Lesekompetenzen der Leute, die in ihrer Kindheit zweisprachig waren, jedoch eine Sprache die jeweilige Landessprache war, sind nur tendenziell etwas schlechter als bei den Leuten, die einsprachig in der Landessprache aufgewachsen sind. Hingegen sind die Lesekompetenzen der Leute, die in der Kindheit zwei Fremdsprachen sprachen, eher etwas besser als die der einsprachigen Fremdsprachigen.
Wenn man von den Sprachen spricht, die in der Kindheit gesprochen wurden, so ist dies die Perspektive der Vergangenheit der Leute. In einem Land, in dem sowohl interne Migration als auch Immigration oft den Wechsel in ein anderes Sprachgebiet bedeutet, ist es jedoch wichtig zu sehen, in welchen Sprachen die Leute jetzt hauptsächlich kommunizieren. In dieser Untersuchung wurden die Leute auch gefragt, welche Sprache sie hauptsächlich zu Hause, bei der Arbeit und in ihrer Freizeit sprechen. 84 Prozent sprechen in allen drei Lebensbereichen hauptsächlich die jeweilige Landessprache. Neben einer anderen Sprache sprechen 12 Prozent mindestens in einem dieser drei Bereiche hauptsächlich die Landessprache, und 4 Prozent sprechen in allen Bereichen hauptsächlich eine oder zwei Fremdsprachen. Die Abbildung 2 zeigt die Lesekompetenzen dieser drei Gruppen. Fast 80 Prozent der Leute, die in allen drei Lebensbereichen hauptsächlich eine Fremdsprache sprechen, können in der Landessprache nicht oder kaum lesen. Wenn man zu dieser Gruppe noch die 3 Prozent hinzuzählt, mit denen man kein Interview in der Landessprache durchführen konnte, so leben um die 6 Prozent der Bevölkerung im aktiven Alter in der Schweiz in einem sprachlichen Ghetto.
Abb. 2:
Leseverständnis von Alltagsdokumenten und Sprache im Erwachsenen-alter
Wenn man bedenkt, welche Bedeutung die schriftliche Kommunikation in unserer Gesellschaft hat, so weisen diese Resultate auf einen eindeutigen Handlungsbedarf hin. Interessant ist jedoch auch die Tatsache, dass die hier beschriebenen zwei Gruppen von Zweisprachigen sich nur wenigüberschneiden, so dass insgesamt fast ein Fünftel der aktiven Bevölkerung in ihrem Leben, sei es in der Kindheit, sei es im Erwachsenenalter, zweisprachig ist. Dies zeigt, wie verbreitet Multikulturalität heute in der Schweiz ist.
Dr. Philipp Notter(<email-pii>) ist Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter; Dr. Franois Stoll (<email-pii>) ist ordentlicher Professor am Psychologischen Institut, Abteilung Angewandte Psychologie, der Universität Zürich.
unipressedienst Pressestelle der Universität Zürich
Felix Mäder (<email-pii>)
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Last update: 24.6.1996