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Was für ein Leben hatten und haben diese fünf osteuropäischen Frauen aus verschiedenen Generationen, die als Aktivistinnen, Journalistinnen und Politikerinnen durch ihren ungeheuren Mut bestechen. Der renommierte chilenische Künstler Alfredo Jaar (*1956, Santiago de Chile) versetzt fünf kämpferische, historische und teils heute aktive, osteuropäische Frauen in Porträts ins Rampenlicht. Alle haben sie ihr Potential zur Neige ausgeschöpft, wofür Jaars grosse Neoninstallation im Badener Bäderquartier gedeutet werden könnte.
Die uns wohl bekannteste war Milena Jesenská, eine Freundin von Franz Kafka. Während des Nationalsozialismus ging sie in den Widerstand, wurde von der Gestapo verhaftet und gelangte ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie an den Folgen einer Nierenoperation starb. Noch schrecklicher traf das Schicksal Milada Horáková, die gegen die nationalsozialistische Diktatur opponierte und später gegen das kommunistische Regime. Des Hochverrats bezichtigt, wurde sie nach einem Schauprozess der CSSR 1950 hingerichtet. Aktuell engagiert sich die junge polnische Anthropologin Anna Mirga-Kruszelnicka vehement für die Rechte der Roma.
Kleinformatige, fotografische Porträts dieser Frauen hat Alfredo Jaar im halbdunklen Ausstellungsraum theatralisch inszeniert: 25 Scheinwerfer auf dreifüssigen Stativen muten wie Paparazzi an, welche die Porträtierten in Blitzlichter tauchen. Die Installation ist Teil seines Projekts, 100 bedeutende Frauen institutionell zu präsentieren.
Jaars Porträts kontrastieren zu den Fotografien von vornehmlich unbekannten Frauen aus Kyjov, die Miroslav Tichy (1925-2011) mit einer selbstgebastelten Kamera spontan festhielt. Tichys verwackelten Fotos eignet eine melancholische Poesie, die er noch überhöhte, indem er die Abzüge zeichnerisch kolorierte und retouschierte und sie vielfach in individuell bemalte handgefertigte Passepartouts einsetzte. Das Werk von Miroslav Tichy wird dank der Stiftung, die Roman Buxbaum, sein Entdecker, 2005 gründete, gesammelt, bewahrt und präsentiert. Im Geiste von Tichy baut die Stiftung auf die widerständige Kraft der Kunst.
Alfredo Jaar, der auch als Filmemacher und Architekt tätig ist und zahlreiche öffentliche Interventionen weltweit realisiert, die sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen und Missständen auseinandersetzen, hat zudem im Badener Bäderquartier eine grosse Neoninstallation errichtet. In den Abendstunden leuchtet sie neben den Heissen Brunnen. Mit ihrem Titel «Be Afraid of the Enormity of the Possible» nach dem Zitat des rumänischen Philosophen Emil Cioran preist sie das Potential und die Gefahr des Möglichen. Dies mag wohl auf die rege Bautätigkeit im Bäderquartier anspielen, meint aber auch das Schöpferische.
Alfredo Jaar — <Five Women>, Tichy Foundation Ocean, bis 23. März 2023.