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Der Bielersee tritt über die Ufer. Teilweise wird in Quartieren der Strom abgestellt. Derweil steigt der Pegel des Sees weiter. Gleichzeitig sind die Schleusen, wo die Aare Richtung Aargau und Solothurn abfliesst, nicht vollständig geöffnet. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht komisch, hat aber eine lange Geschichte.
Der Bielersee ist der Knotenpunkt
Die Juragewässerkorrektion hatte zur Folge, dass der Murtensee, der Neuenburgersee und der Bielersee zu einer hydraulischen Einheit wurden – sie wurden durch den Zihl- und den Broye-Kanal miteinander verbunden. Seither werden die Pegelstände der Seen reguliert.
Nicht oder nur schwach reguliert werden können Neuenburger- und Murtensee. Sie sind indirekt durch den Pegelstand des Bielersees beeinflusst. Der Neuenburgersee ist so gross, dass er nicht stark auf Schwankungen reagiert. Bei Hochwasser ist er besonders hilfreich, da er grosse Wassermassen aufnehmen kann und deshalb ausgleichend wirkt.
Der Pegel des Bielersee hingegen kann gesteuert werden: Er nimmt einerseits bei Hagneck die Aare auf, diese wird bereits in Thun reguliert. Andererseits kann der Abfluss aus dem See durch das Wehr in Port beeinflusst werden. Je nachdem, wie viel Wasser dort über den Nidau-Büren-Kanal in die Aare abgelassen wird, sinkt oder steigt der Seespiegel des Bielersees.
Allerdings: Der Kanton Bern entscheidet nicht selbst, wie viel Wasser durch das Wehr gelassen wird. Das ist politisch mit den anderen Kantonen über ein Abkommen geregelt.
Die Murgenthaler Bedingung
In Murgenthal, wo die Aare aus dem Bielersee abfliesst, soll nur eine bestimmte Wassermenge eintreffen 850 Kubikmeter pro Sekunde, allerhöchstens.
«Die Frage ist also nicht, ob wir mehr Wasser ablassen können. Sondern ob wir das dürfen.», erklärt Bernhard Schudel, Leiter der Gewässerregulierung im Kanton Bern. «Es gibt immer verschiedene Bedürfnisse. Die Menschen, die am See leben, wollen, dass das Wasser in die Aare abgelassen wird. Die Menschen, die an der Aare leben, wollen, dass das Wasser im See bleibt.»
Um diesen verschiedenen Wünschen gerecht zu werden, haben die Kantone miteinander ein Abkommen ausgearbeitet. Die sogenannte Murgenthaler Bedingung, dass höchstens 850 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abfliessen dürfen, ist ein Teil davon.
Das Abkommen ist ein Kompromiss. Es werden nie alle ganz zufrieden sein.
Gesteuert wird das Wehr vom Kanton Bern. «Wir von der Regulierungsbehörde entscheiden so neutral wie möglich», so Bernhard Schudel. Und: «Wir können im Einzelfall nicht einfach vom Reglement abweichen. So würden wir nämlich die Probleme einfach in andere Kantone verlagern.»
Auch in Thun stellt sich die Frage nach der Menge
Die Aare fliesst aus dem Thunersee in Richtung Stadt Bern. Dazwischen befinden sich Schleusen in Thun. Sind diese offen, kommt mehr Wasser nach Bern, wo es dann unter Umständen gefährlich wird. Bleibt das Wassser in Thun, werden die seeanliegenden Quartiere überschwemmt.
Beim Regionalen Führungsorgan in Thun ist klar: für die Regulierung der Gewässer ist das kantonale Amt für Gewässerregulierung zuständig. Man könne in den Gesprächen mit dem Kanton jedoch auf die Bedürfnisse der Stadt Thun hinweisen sowie Bemerkungen und Hinweise machen. Man müsse jedoch die Schäden vor Ort in Thun zu den Relationen der Interessen eines ganzen Kantons setzen. «Wir haben nicht den Eindruck, dass bei der Gewässerregulierung der letzten Tage eine Region zu kurz gekommen ist», sagt Heinz Wegmüller.
Im Aargau läufts zusammen
Die Aare fliesst nach dem Bielersee durch den Kanton Solothurn, dann in den Kanton Aargau, bis sie sich in der Region Brugg mit den Flüssen Reuss und Limmat vereint. Der Aargau ist also besonders darauf angewiesen, dass die Regulierung bei den anderen Gewässern funktioniert und sich alle an die Abmachungen halten. Sonst gibt es Überschwemmungen.
«Die Kollegen aus dem Kanton Bern machen einen guten Job», sagt Simon Werne vom Pikettdienst Hochwasser im Kanton Aargau. «Wir konnten Schäden bisher verhindern, obwohl viel Wasser kommt.»