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Im Leben der meisten Menschen gibt es einschneidende Daten, an denen ihr Leben seine Richtung nachhaltig veränderte: die Lehrabschlussprüfung, das Kennenlernen der grossen Liebe oder die Pensionierung. Auch Städte haben derartige Schlüsseltermine. Für Wil war es der 14.Oktober 1855. Damals wurde die Bahnlinie Winterthur-Wil öffnet. Es folgten gestaffelt weitere Strecken: Wil-Flawil, Wil-Ebnat-Kappel, Wil-Frauenfeld, Wil-Konstanz. Die Stadt am Westende des Fürstenlandes wurde nach und nach zum wichtigen Knotenpunkt für den öV.
Wegen dem zunehmenden Bahnbetrieb erlebte das Quartier um die Gleise einen dynamischen Aufschwung. Neben der Altstadt entwickelte sich ein zusätzliches Zentrum mit öffentlichem Raum. Welche neuen Anreize der Bahnbetrieb der Stadt gaben, lässt sich besonders deutlich an den zunehmenden Gaststätten in Bahnhofsnähe ablesen: Der damalige Gemeinderat stimmte 1876 einem Gesuch zur Eröffnung einer Tavernenwirtschaft «Zum Bahnhof» zu. 1901 wurde sie zu einem Hotelbetrieb erweitert. An seiner Stelle wurde schliesslich das «Hotel Derby» errichtet.
Eine Portion Extravaganz für Wil
Das Derby vermittelte damals einen Hauch von Weltläufigkeit. An der Fassade waren Flaggen aus zahlreichen Nationen aufgereiht. Der mehrgeschossige Bau umfasste Gästezimmer, eine Snack Bar, ein Stadtrestaurant, einen Tea Room, ein Restaurant francais im 6. Stock mit Bar und Dachterrasse sowie eine Kegelbahn im Untergeschoss. 1963 kam das Kino «Studio Derby» hinzu. 1964 öffnete ein Dancing mit Bar im ersten Stock. Vier Jahre danach wurde die Kegelbahn im Untergeschoss in eine Diskothek umgewandelt. Später wurde aus dem gehobenen Speiselokal im Dachgeschoss der «Nightclub Penthouse».
1878 eröffnete die Wein-und Bierwirtschaft «Zur Eisenbahn», das die älteren Wiler als «Isebähnli» kannten. 1982 musste es zusätzlichen Parkplätzen der Migros Platz machen. 1908 wurde der stattliche Konstanzerhof errichtet, der später zeitweise «J&B-Pub» sowie «El Corazon» hiess und sich mittlerweile «Eggä 12» nennt.
Landstrasse wird zur Geschäftsstrasse
Ab 1880 wandelte sich die Landstrasse, die von Gossau nach Winterthur führte, zur Oberen Bahnhofstrasse. Dies zeigt, welch zunehmende Wichtigkeit der Bahnbetrieb mit seinen Auswirkungen bekam. Um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde die Durchgangstrasse allmählich zu einer Geschäftsmeile. Über diese Entwicklung freuten sich die Gewerbetreibenden in Bahnhofsnähe nur bedingt. Sie beanspruchten ebenfalls eine Bahnhofstrasse. Daher gibt es in Wil eine Obere und Untere Bahnhofstasse, damit es nicht zu Verwechslungen kommen kann.
In jenen Jahrzehnten herrschte Aufbruchsstimmung in Europa: Dampfkraft und Elektrizität breiteten sich aus, Motorwagen lösten allmählich die Fuhrwerke ab, die Bahn erhöhte die Transportkapazitäten. 1903 erhob sich zum ersten Mal eine Motorflugzeug in die Luft. Die Phase von 1870 bis 1914 wird gelegentlich als Gründerzeit bezeichnet, weil in diesem Zeitraum viele Industriebbetriebe ihren Ursprung haben.
Verspekuliert
Dieser unternehmerische Wagemut mag auch die Initianten der Wiler Actienbrauerei angetrieben haben, als sie 1890 in Bahnhofsnähe eine mächtige Brauerei errichteten. Sie investierten 1 Million Franken. Die Firma stand unter keinem glücklichen Stern und musste schon 1910 Konkurs anmelden. Auf ihrem ehemaligen Areal steht heute der Migros-Markt. Auch auf der rückwärtigen Seite der Bahnlinie siedelte sich Industrie an, etwa die Drahtwarenfabrik Knecht & Meile, an deren Platz das heutige Railcenter steht. Direkt hinter ihr eröffnete 1905 das Restaurant «Blumeneck», das auch den Mitarbeitenden der benachbarten Strumpfweberei «Royal» als Betriebskantine diente.
1880 eröffnete die «Restauration zum Landhaus». Die ursprüngliche Speisewirtschaft erweiterte sich bald zum Unterhaltungsbetrieb. Dieser lockte die Gäste mit Darbietungen von Komikern und Musikclowns sowie mit Lustspielen. Bis heute gelten die ehemaligen Fastnachtsshows im Landhaus als legendär. Sie lockten viel neugieriges Publikum von nah und fern an. Und die «Schmitte-Bar» sowie das Dancing «Arcade» im Untergeschoss waren beliebte Treffunkt für Nachtschwärmer.
Nächste Veränderungen stehen an
Ein weiterer prägender Meilenstein war 1993 die Eröffnung der Bahnunterführung Shop Wil sowie das unterirdischen Parkhauses.
Nun wird die geplante Überbauung auf dem Landhausareal das Erscheinungsbild der Bahnhofsgegend ein weiteres Mal verändern. Und auch der Bahnhofsplatz soll in den kommenden Jahren erheblich umgestaltet werden. Damit bleibt die Bahnhofsgegend ein Gradmesser und Brennpunkt in der Entwicklung Wils.