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Das Buch, das hier vorgestellt werden soll, ist keine bibliophile Kostbarkeit, kein Rarum, nicht einmal eine Erstausgabe, diese gibt es in der Schweiz nur gerade in der St. Galler Vadiana. Und doch ist es das einst gefeierte und durchaus erfolgreiche Hauptwerk von Horst Lange. Es ist 1937 in Deutschland erschienen, und damals hat man deutsche Bücher in Schweizer Bibliotheken mit gutem Grund gemieden. Dass von diesem Bann auch Bücher betroffen waren, die ihn nicht verdient haben, hat man damals, offenbar ohne näher hinzuschauen, in Kauf genommen. Der Autor Horst Lange (1904-1971) gehört zu den Autoren der sogenannten inneren Emigration, Autoren also, die in Deutschland geblieben sind, aber keine Nazis waren, wenn sie den Verbleib und das Publizieren in Deutschland auch mit einigen Konzessionen erkaufen mussten: Günter Eich, Wolfgang Koeppen, Ernst Kreuder und Friedo Lampe gehören dazu. Doch diese Konzessionen betrafen im Fall Langes nicht die Texte selbst, sondern nur die Zeitschriften, an denen er mitzuarbeiten gezwungen war, um überhaupt veröffentlichen zu können. Der Verlag, in dem die ‚Schwarze Weide‘ publiziert wurde, ist allerdings ganz unverdächtig: Goverts & Claassen hat sich nicht angebiedert. Unser Exemplar ist die erste Nachkriegsausgabe, erschienen 1954.
Der Roman ‚Schwarze Weide‘ spielt in Schlesien, der Heimat des Dichters. Ein Jüngling, der Ich-Erzähler, verbringt seine Sommerferien bei seinem Onkel im kleinen Dorf Kaltwasser, durch das die Schwarze Weide fliesst. Mit dem Erwachen seiner Sexualität beschäftigt, gerät er in eine dumpfe, triebgesteuerte und gewaltbereite Dorfgemeinschaft, in der allerorten Konflikte schwelen und die Toten nicht Ruhe geben. Er, mit dem zweiten Gesicht begabt, ahnt, dass sich ein Mord anbahnt – und versäumt es, das Opfer rechtzeitig zu warnen. Zehn Jahre später kommt er zurück in das Dorf, die damaligen Geschehnisse lassen ihm keine Ruhe. Der Mörder kommt zu Tode, und schliesslich räumt die Schwarze Weide mit einem Hochwasser die alten Geschichten weg. Damit ist der Weg frei für die Versöhnung mit der Vergangenheit, der Erzähler findet zur Oberstentochter, die ihn damals als Knabe ebenso angezogen wie abgestossen und nicht mehr losgelassen hatte.
Mit dieser kargen Nacherzählung des Handlungsgerüsts ist freilich wenig gesagt, denn dieser umfangreiche (etwas zu umfangreiche, wie man gestehen muss) Roman lebt von den ebenso detailversessenen wie sprachmächtigen Naturschilderungen und der Stimmung, die sich daraus ergibt: Sumpf, Wasser, Regen und Sturm bestimmen das Geschehen, dazwischen die kurz aufklarenden Himmel. Es ist eine stickige, manchmal halluzinative Atmosphäre, von der später, seit Hans Lebert, ein gut Teil österreichischer Literatur lebt. Immer spürt man hinter der bis ins Detail sehr realistisch geschilderten Welt der ersten Nachkriegszeit eine andere, metaphysische Welt der Zeichen, Vorahnungen und Visionen: real und irreal zugleich. ‚Magischer Realismus‘ ist das Etikett, mit dem diese Literatur treffend bezeichnet wird. Im Zentrum steht der sich in Schuld verstrickende Mensch, der auch von der Schuld seiner Vorfahren nicht loskommt und sich gefangen sieht im Geflecht, ja Gestrüpp früherer und gegenwärtiger Verfehlungen und nur schwer und langsam zu Sühne und neuer Freiheit findet. Die Verführbarkeit des Menschen ist, nach Langes eigenen Worten, Thema des Buches, das in den Massenszenen prägnanten Ausdruck findet. Und damit ist auch gesagt, dass dies kein eskapistischer Roman ist: es ist das Thema einer Generation von Schriftstellern, die eben dieser Verführbarkeit durch die Nazis ohnmächtig zusehen musste. Lange hat mit dem Mörder und späteren Massenverführer Smorczak auf Hitler gezielt, was von Lesern – aber zum Glück nicht von der Zensur – verstanden worden ist. Th. Eh. (Feb. 2012)
Horst Lange: Schwarze Weide. Roman. Stuttgart: Scherz & Goverts 1954. 506 S. – Signatur: M 2637.