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Auch bei uns ist der Tod von Prince in der Kantine ausführlich diskutiert worden. Alle hatten eine Geschichte zu erzählen, nur meine glaubte niemand. Dabei ist sie wahr und geht so: Kürzlich stiess ich auf ein Foto aus dem Jahr 1997. Es zeigt, wie ich auf einem Lincoln Continental Jahrgang 1977 sitze. Kleine Jungs, die mit der Serie «Kojak. Einsatz in Manhattan» aufwuchsen, wollen so einen Schlitten fahren, wenn sie mal gross sind. Weil ich 1997 gross war und in New York wohnte, kaufte ich mir einen. Er kostete 20 Dollar.
Im Auto gab es eine Stereoanlage. Aufs Jahr 1977 übersetzt hiess das: ein Radio mit Tapedeck. Darin steckte eine Kassette von 1982. «1999» von Prince. Als ich den Motor andrehte, lief der Song «Little Red Corvette». Weil die Kassette im Gerät festklemmte und das Radio kaputt war, konnte man nur Prince (oder nichts) hören. Auf einer Spritzfahrt überredete ich meinen Kumpel R., sich als stolzer Mitbesitzer an den beträchtlichen Versicherungskosten zu beteiligen.
Und jetzt wirds metaphysisch: Am Tag, an dem unser Kojak-Mobil wegen einer nicht bezahlten Versicherungsrate abgeschleppt wurde (Herbst 1999), setzte uns ein befreundeter DJ auf die Gästeliste eines New Yorker Clubs. Wir passierten brummige Türsteher, finstere Gänge, geheime Treppenfluchten. Schliesslich gelangten wir in einen Raum aus Plüsch. Die Tanzfläche leuchtete und war leer. Auch sonst war kein Mensch zu sehen, nur unser Freund, der DJ, vor seinen Plattentellern. Das sei, sagte er, eine VIP-Lounge, Zutritt nur für berühmte Gäste.
Während der folgenden zwei Stunden passierte gar nichts. Endlich, kurz nach Mitternacht, sprang die Tür auf. Herein spazierte ein kleiner Mann. Man konnte ihn kaum sehen, denn er war von breitschultrigen Männern in Anzügen und schönen Frauen auf langen Beinen umringt. Der Schwarm verschwand hinter der Portiere eines Séparées. Das wars, dachten wir, ein kleiner Mann mit Hofstaat. Doch dann schlurfte ein Bote in Gestalt eines Riesen mit Sonnenbrille zu unserem DJ. Er drückte ihm eine CD in die Hand und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Unser Freund nickte, legte die CD ein, und der Riese schlurfte zurück hinter den Vorhang.
Kaum purzelten die ersten Beats eines noch nie gehörten Prince-Songs aus den Lautsprechern, hüpfte der kleine Mann mit Gefolge aus dem Séparée. Er trug einen Jumpsuit aus weissem Samt, drehte Pirouetten und klatschte keck in die Hände. Sein Haar glänzte schwarz wie Pech, und unter der Nase war ein schmales Fläumchen ausgespart. Man brauchte keinen Lincoln Continental mit «1999»-Kassette zu besitzen, um zu wissen: Das ist er. Elastisch wie ein Wiesel turnte Prince zum Takt seiner eigenen Musik. Langbeinige Prinzessinnen schüttelten ihr Haar. Der Dancefloor blinkte aufgeregt, Kunstnebel quoll, und die Discokugel drehte sich schneller und schneller. Als das Lied zu Ende war, hatte sich Prince dematerialisiert (oder in seinem Séparée versteckt). Die Tanzfläche blieb für den Rest des Abends leer.
Doch zurück zu meinem Lincoln Continental, der Tage später auf einem Schrottplatz in New Jersey in seine Einzelteile zerlegt wurde. Gern würde ich an dieser Stelle schreiben, dass ich Prince vorher aus dem Tapedeck befreite und die Kassette seither um den Hals trage. Dann wäre die Geschichte zwar rund – aber leider nicht mehr wahr.
Frank Heer ist annabelle-Reporter. Abwechselnd mit Sven Broder und Thomas Wernli schreibt er übers Mannsein bei einer Frauenzeitschrift und andere Extremsituationen
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