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Johann Konrad Winz (1757-1828) in Surinam
Dieser Vorfall war typisch für das seinem Untergang entgegengehende alte Zürich, das doch bereits deutlich die neuen Kräfte in Wirtschaft und Politik verspürte. Winz stammte aus einer führenden Familie von Stein am Rhein, in der die Gegnerschaft gegen die zürcherische Oberhoheit Tradition war. 1783/84 unternahmen der Bürgermeister Johann Konrad Winz, sein gleichnamiger Sohn und ihre Partei den Versuch, die alte Reichsfreiheit Steins bei Kaiser Joseph II wieder in Erinnerung zu bringen und Stein zu einem freien Werbeplatz für fremde Dienste zu machen, wie es damals Schaffhausen war. Offenbar versprachen sie sich daraus wesentliche Einnahmen. Damit lösten sie einen offenen Konflikt aus.
Er gehört zu jenen zahlreichen Versuchen von Untertanen und streitbaren Geistern der eidgenössischen Orte des 18.Jahrhunderts, alte Reichs- und Freiheitsrechte wieder zu beleben. Es sind eigenartige Vorboten des Umsturzes von 1799. Zürich ließ die vergeblich gewarnte Stadt Stein im März 1784 mit Truppen besetzen. Die beiden Winz wurden gefangengenommen. Der betagte Vater starb 1788 in der Gefangenschaft. Dem noch jungen und begabten Sohn, der als Gerichtsschreiber geamtet hatte, suchten die gemässigten Mitglieder der Zürcher Ratskommission für die Steiner Angelegenheit eine Chance zu verschaffen. Er sollte in Freiheit bleiben, aber lebenslänglich aus Europa verbannt werden. Da die fremden Kriegsdienste dafür nicht in Frage kamen, suchte man ihn erst über den französischen Gesandten und auch auf privatem Wege in Französisch Westindien unterzubringen. Doch ergaben sich unüberwindliche Schwierigkeiten. Schließlich fand man einen andern Weg. Der Zürcher Obervogt in Weinfelden besprach die Sache mit dem St. Galler Obervogt Zollikofer in Bürglen. Dessen Schwager Züblin besass eine Plantage in Rio Berbice in Surinam (Holländisch-Guayana) und war bereit, Winz dorthin zu nehmen. Vater Paulus Züblin (1709-1760) aus angesehenem St. Galler Geschlecht war nach Holland und Surinam ausgewandert und hatte dort das Plantagenunternehmen «Züblis Lust» begründet, das er und seine Familie teils direkt betrieben, teils von Holland aus leiteten. Der von Paulus abstammende holländische Züblin-Zweig existiert heute noch. Damals besassen also Genfer, Basler und St. Galler, d.h. Leute aus den alten Handelsstädten der Eidgenossenschaft, schon Plantagen in Westindien, während Zürich erst vorsichtig seine Fühler dorthin ausstreckte. Um einen allfälligen Fluchtversuch von Winz auf der Reise zu verhindern, wurde er pro forma als Rekrut der holländisch-westindischen Kompagnie angeworben und von dem als holländischer Sergeant verkleideten Hauptmann Rupert von Zürich nach Holland gebracht. Der Kommandant des dortigen Schweizer Regimentes, General Friedrich Ludwig Hess, nahm ihn freundlich in Empfang und gab ihn an den in Amsterdarn lebenden Züblin weiter. Dieser besorgte am 16.August 1786 die Einschiffung. Es war eine überaus schwere Reise. Das Essen wurde knapp, und der Skorbut brach aus. Wer auf dem Schiff nicht krank wurde, der wurde es nach der Ankunft. In Berbice befielen den jungen Winz wiederholt schwere Fieber, doch überlebte er. Der Bruder Züblins, der die Plantage seiner Familie leitete, und der Bündner Conrad, der einer benachbarten Plantage vorstand, führten ihn überaus freundschaftlich in den neuen Beruf der Plantagenleitung ein. Aus dem klugen ersten Brief von Winz vom März 1788 spürt man, wie er rasch in diese neue Welt eindrang. Dennoch nagte an ihm der Kummer, nicht vorwärtszukommen. Da gute Plantagenleiterposten seiten waren, wäre er gerne auf den Vorschlag seiner Lehrmeister eingegangen, eine eigene Pflanzung zu gründen. Mit zwanzig Sklaven konnte man in vier Jahren eine Plantage mit 20000 Kaffeebäumen aufbauen. Das brauchte 22'000 fl., die nach vier Jahren verzinst und nach zehn bis zwölf Jahren zurückbezahlt werden müssten. Conrad war bereit, ihm seine Ersparnisse in Form von zehn Sklaven im Werte von 12000 fl. beizusteuern. Winz ersuchte nun den ihm wohlgesinnten Ratsherrn Johann Heinrich Schinz, ihm den Rest für dieses Unternehmen vorzuschiessen. Andernfalls bat er ihn, ihm die Bewilligung zur Übersiedlung nach Nordarnerika zu verschaffen, da dann eine Existenz in Surinam hoffnungslos wäre. Die von Schinz präsidierte Kommission zur Behandlung des Falles Winz wagte es indessen nicht, solche Vorschläge vor den Rat zu bringen. Auf ihren Antrag wurde beschlossen, Winz einen letzten finanziellen Zuschuss zu senden und die Frage einer allfälfigen Abreise aus Berbice zu prüfen. Doch schon zwei Monate später, längst bevor der erste Brief in Zürich eingetroffen war, mußte Winz im zweiten Brief das Plantagenprojekt widerrufen. Die Hoffnung auf bald eintreffende Sklaventransporte, die dem Plan zugrunde lag, erwies sich als falsch. Da auf Jahre hinaus keine neuen Sklavenlieferungen zu erwarten waren, stiegen die Sklavenpreise ins ungeheure und machten eine Plantagengründung in absehbarer Zeit unmöglich. Da Winz wieder schwer krank gewesen und seine Mittel erschöpft waren, bemächtigtt sich seiner die Verzweiflung. Er bat flehentlich «um einen Gnadenblick auf sein elendes, niederdrückendes Leben» und um die Bewilligung zur Abreise nach Nordamerika oder Holland.
Im Februar 1789 willfahrten die gnädigen Herren von Zürich endlich der Bitte und erlaubten Winz, wieder nach Europa zurückzukommen, bis auf zwanzig Stunden Entfernung an die eidgenössischen Grenzen heran. Doch inzwischen hatte sich das Blatt schon wieder gewendet. Nachdem der Zustupf aus Zürich im März 1788 eingetroffen war, dankte und berichtete Winz: Schon bald nach dem Klagebrief von 1788 hatte er eine kleine Plantagenleiterstelle (Directeur) erhalten. Bei einer Sklavenrevolte war die Familie eines Pflanzers massakriert worden. Der Pflanzer selbst verliess das Land. Da Winz sich nun gewaltig ins Zeug legte, wurde er bald auf die größere Plantage «Middelburgs Welvaaren» berufen. Der bisherige Directeur, der Appenzeller A. Schläpfer, wollte nach Hause zurückkehren. In bester Gegend wurden da mit achtzig guten Sklaven 60'000 Kaffeebäumc betreut. Er, Winz, sei hier Arzt, Chirurg, Feldmesser, Baumeister, Pflanzer und Richter, ja gelegentlich auch Profos in einer Person. Doch er wie auch die andern Directeurs seien immer wieder krank. So hätten die siebzig europäischen Directeurs der Kolonie nicht einmal die Kräfte von zehn rechten Schweizern und stünden dabei 7000 Sklaven gegenüber. Das Salär sei klein, doch könne er mit Handelsgeschäften etwas hinzu verdienen. So habe er in der Voraussicht, dass acht Monate lang keine Schiffe einliefen, Vieh, Wein und Sklaven auf Spekulation gekauft und habe daran viel gewonnen. Er lebe sparsam und zurückgezogen, obschon in Surinam das Gegenteil üblich sei. Seine Ersparnisse seien sein grosstes Vergnügen, denn er wolle seiner Mutter eine Unterstützung senden.
Im Februar 1790 verband er mit dem Dank für die Erlaubnis, nach Europa zurückzukehen, die Mitteilung, daß er lieber in Berbice bleibe. Zwar sehnte er sich nach einem bessern Klima, doch hatte er in der Kolonie gute Aussichten, während ihm für ein Fortkommrin in Europa die Berufsausbildung gefehlt hatte. Das Jahr war gut, und er hatte mit einer Ernte von 90'000 lb. Kaffee mit achtzig Sklaven das Maximum der Kolonie erreicht. Das Gehalt wurde ihm auf 800 fl. verbessert, doch das HandeIshaus Jacob As. Pool & Comp. in Amsterdam, das diese, wie viele andere verschuldete Plantagen in Berbice, durch seine Darlehen beherrschte, wollte ihn nicht allzu rasch vorankommen und otfenbar auch nicht auf eine andere Plantage wechseln lassen. Wiederum vier Jahre später hatte ihn ein englischer Pflanzer angestellt, der ihm volles Vertrauen schenkte und ihn offensichtlich gut behandelte. Nun schrieb Winz nach Hause, es gehe ihm gut und sein jüngerer Bruder solle zu ihm kommen. Allerdings lahmte der Revolutionskrieg in Europa den Verkehr mit den Kolonien vollig. Um 1800 war Winz bereits ein hablicher Mann. Er unternahm eine Europareise, erschien in Schaffhausen, sorgte für seine Verwandten und bereitete seine endgültige Rückkehr nach Europa vor. Er plante, wie er dem Rarsherrn Schinz meldete, seinen Plantagenbesitz zu realisieren und den Rest seines Lebens in Europa in der Stille zu verbringen. Für Geschäfte stehe er jederzeit zu Diensten, da sein Kredit in Westindien und England etabliert sei. Doch wünschte er dringend, daß das noch nicht widerrufene Verbannungsdekret aufgehoben werde und Zürich das an seinem Vater begangene Unrecht damit sühne, daß es entweder die Gläubiger seines Vaters befriedige oder die dem Vater weggenommenen Bücher und Akten der Stadt Stein zurückgebe. Darauf beabsichtigte er, über Hamburg und London wieder nach Westindien zu reisen. Er scheint jedoch schon bald nach Schaffhausen zurückgekehrt zu sein; denn 1802 heiratete er dort. Er baute sich auf dem Boden des Kantons Schaffhausen gerade gegenüber dem zürcherischen Obervogteischloß Laufen hoch über dem Rheinfall den schönen Landsitz Berbice zur Erinnerung an das ihm von Zürich angetane Unrecht. 1816 gelangte er in den Schaffhauser Kleinen Rat. Er starb 1828. Sein Sohn wurde um die Jahrhundertmitte Bürgermeister und Regierungspräsident von Schaffhausen.
[Hans Conrad Peyer, Von Handel und Bank im alten Zürich, Zürich 1968, S. 178-181]