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Aufgewachsen im Kosovo wurde die Faszination für das runde Leder bei Donat Rrudhani früh geweckt, als er die Spiele seines Vaters verfolgte. Dieser war in den höchsten Spielklassen des Landes aktiv. Und so war Rrudhani junior bald auch selbst in jeder freien Minute mit einem Fussball unterwegs. So weit, so normal. Allerdings war nur selten an ein geregeltes Training in seiner Heimat zu denken. Damals fehlte es an professionellen Strukturen im kosovarischen Fussball, vor allem bei der Förderung von talentierten Nachwuchsspielern.
«Meine Eltern haben es vor allem für uns Kinder gemacht. Es war auch der Traum meines Vaters, welcher nun für mich als Fussballprofi zur Realität wird.»
Überhaupt war das junge Land – erst 2008 in die Unabhängigkeit entlassen – von politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten gebeutelt. Hohe Arbeitslosigkeit, geringe Zukunftschancen. Aufgrund dieser Perspektivlosigkeit entschloss sich Familie Rrudhani mit ihren drei Kindern Donat (heute 20), Elda (18) und Dior (8) auszuwandern – ins französische Städtchen Langres, achtzig Kilometer nördlich von Dijon gelegen. «Meine Eltern haben es vor allem für uns Kinder gemacht», weiss Rrudhani, dessen Vater sich beruflich wie sportlich bessere Chancen für seinen Nachwuchs erhoffte. «Es war auch sein Traum, welcher nun für mich als Fussballprofi zur Realität wird.»
Als Zwölfjähriger musste sich Rrudhani an vieles gewöhnen: Neue Kultur, neue Sprache – und neue Freunde. «Der Fussball hat mir die Integration sehr vereinfacht», weiss Rrudhani. Zudem habe er einen Trainer gehabt, welcher «mich perfekt verstanden hat». Bald schaffte er den Sprung in die Akademie des Ligue-2-Vereins ES Troyes AC – gemeinsam mit seinem Kumpel Stone Mambo. Letzterer unterzeichnete in diesem Sommer seinen ersten Profi-Vertrag – wie auch Rrudhani, dessen Traum jedoch erst über Umwege möglich wurde. Weil seine Familie nach Mulhouse weiterzog, war auch Rrudhanis Zeit im professionellen ESTAC-Umfeld, wo «ich nicht zu den besten Spielern des Jahrgangs zählte», nach nur einem Jahr wieder abgelaufen.
Bei einem Plausch-Turnier entdeckt worden
Im Elsass entschied er sich gegen ein Engagement beim FC Mulhouse und schloss sich dem Vorortsclub FC Brunstatt an, wo einst auch Aarau für ein Testspiel gegen den RC Strasbourg zu Gast war. «Ich habe als Hobby weitergespielt», so Rrudhani. Ohne Druck seien sie gewesen, mehr Kollegen als Konkurrenten – und dennoch erfolgreich. Als Captain führte Rrudhani seine Mannschaft in die nächsthöhere Leistungsstufe, wo im zweiten Jahr erneut ein Spitzenrang resultierte – auf Augenhöhe mit dem lokalen Platzhirschen aus Mulhouse. Kurioserweise war es ein Plausch-Turnier in Zürich, das der jungen Karriere des technisch versierten Kosovaren eine neuerliche Wendung gab. «Dort habe ich zum ersten Mal mit meinem Vater im gleichen Team gespielt», lacht Rrudhani. Zugleich wurde er zum besten Spieler des Turniers gekürt.
Vor Ort war auch ein Akteur von AS Timau Basel, der den Übertritt in die Schweiz initiierte. Bald konnte sich Rrudhani (Lieblingskicker: Lionel Messi) in der 2. Liga interregional etablieren. Am Ende der Saison erhielt er einen Anruf von Ricardo «Ricci» Farinha, damaliger Captain des FC Black Stars Basel, wo sich Rrudhani fortan in der 1. Liga versuchen durfte. «Niemand kannte mich. Viele hielten mich für einen von diesen Nachwuchsspielern, welchen sie rasch in die zweite Mannschaft abschieben würden», glaubt Rrudhani.
«Im Winter habe ich individuelle Trainings absolviert.»
Aber der Offensivspieler hinterliess einen bleibenden Eindruck, von Anfang an kam er regelmässig zum Einsatz; sein Ehrgeiz war geweckt. «Im Winter habe ich individuelle Trainings absolviert», erinnert sich Rrudhani. Dieser Effort zahlte sich aus. In der Rückrunde explodierten seine Leistungen förmlich: Elf Spiele, elf Tore – gekrönt mit dem erstmaligen Aufstieg in die Promotion League nach den dramatischen Aufstiegsspielen gegen den FC Baden, als seine heutigen Teamkollegen Nicholas Ammeter und Kevin Spadanuda auf der Gegenseite zu den geschlagenen Verlierern zählten.
Fussball-Profi mit abgeschlossenem Abitur
Dass er sie nur wenige Tage später wiedersehen sollte, als Testspieler beim FC Aarau, war «einfach nur unglaublich». Zuvor hatte die Trefferquote Rrudhanis natürlich Begehrlichkeiten am Rheinknie geweckt; schlussendlich war es ein Mitspieler bei «Blägg», der die Option Aarau aufgrund der aktiven Förderung von jungen Spielern und der geografischen Nähe zu seinem Wohnort empfahl. Nur kurze Zeit später nahm Rrudhani, vermittelt vom Basler Fussballkenner Angelo Corti, im Leibchen mit der Aufschrift «TS» (Testspieler) zum ersten Mal am Training im Brügglifeld teil – ein Zwischenziel war erreicht.
Dafür verzichtete er sogar auf Sommerferien. «Insgesamt hatte ich nur vier Tage frei», erinnert sich Rrudhani, der die höhere Fachausbildung zum «Chef d’équipe» (Teamleiter) unterbrach, um auf die Karte Fussball zu setzen; mit seinem abgeschlossenen Abitur (Schwerpunkt: Wirtschaft und Soziales) kann er das zweite Jahr später auch noch im Selbststudium nachholen. «Auch meine zuvor skeptische Mutter hat inzwischen verstanden, dass ich zurzeit meinen grossen Traum verwirklichen darf», lacht Rrudhani.
«In den ersten Minuten war ich nicht im Spiel, weil ich von der grossen Kulisse überwältigt war.»
In den Vorbereitungsspielen liess er seinen Torriecher im FCA-Trikot regelmässig aufblitzen, dennoch musste er sich gedulden. Nach rund zwei Monaten wurde der Vier-Jahres-Vertrag mit dem Flügelspieler offizialisiert. Ende August lief er erstmals im Brügglifeld auf und wurde nach einem Assist beim 1:0-Erfolg über den FC Wil sogleich zum «Best Player» gewählt. «In den ersten Minuten war ich nicht im Spiel, weil ich von der grossen Kulisse überwältigt war», so Rrudhani, dessen Familie bei den Spielen (fast) immer vor Ort ist.
Am 5. Oktober 2019 bejubelte er beim 3:2-Sieg in Kriens schliesslich seinen ersten Torerfolg als Fussballprofi, als er kurz nach seiner Einwechslung für den dritten FCA-Treffer besorgt war. «Es war der Lohn für viel harte Arbeit – wie in einem Traum», so Rrudhani. Endlich gelang ihm die Bestätigung in einem Ernstkampf, nachdem er zuvor in den Freundschaftsspielen fast nach Belieben getroffen hatte. Eine Frage der Überzeugung? «Natürlich, vor dem Tor darfst du nicht zweifeln. Ich probiere instinktiv richtig zu handeln», erklärt Rrudhani.
«Fehler werden eiskalt ausgenutzt»
Er sei sehr selbstkritisch, wenn etwas nicht geklappt habe. «Ich kann mich in allen Bereichen steigern und muss immer weiter an mir arbeiten», sagt Rrudhani. Exemplarisch hebt er das Stellungsspiel hervor, denn «deine Fehler werden auf diesem Niveau eiskalt ausgenutzt.» Alles gehe viel schneller in der Challenge League. Zudem sei es eine intensive Liga mit physischen Komponenten. Viel Arbeit für einen Neuling im Profi-Bereich, doch Rrudhani versucht es locker anzugehen: «Auch wenn ich momentan nur für den Fussball lebe, versuche ich es weiterhin als Hobby zu sehen, um mir nicht zu viel Druck zu machen. Ich geniesse es, dass mein Traum zur Realität geworden ist.»
Apropos Traum: In der jüngsten Länderspielpause stand Rrudhani erstmals im Aufgebot einer kosovarischen Landesauswahl (U-21). Er wurde zusammen mit Gezim Pepsi, welcher aufgrund einer Wadenblessur passen musste, für das EM-Qualifikationsspiel in Österreich selektioniert. Zwar kam Rrudhani bei der 0:4-Niederlage nicht zum Einsatz, dennoch sei es eine grossartige Erfahrung gewesen, sein Heimatland bei einem offiziellen Zusammenzug zu repräsentieren. «Es hat mich sehr stolz gemacht, auch wenn ich es
zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet habe», so Rrudhani. Es ist eine weitere Episode, die dem sympathischen Offensivspieler einmal mehr beweisen dürfte: Harte Arbeit zahlt sich aus – wenn auch manchmal erst über Umwege.
Matchzeitung Nr. 9 (2019/20) lesen
Dieser Artikel ist am 29. November 2019 in der Ausgabe Nr. 9 (Saison 2019/20) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Winterthur erschienen.