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Arm mit 20, reich mit 60? Studien zeigen: Wer an den Tellerwäscher-Mythos glaubt, stellt weniger Forderungen an den Staat.
John Steinbeck bemerkte einmal, dass der «Sozialismus nie in Amerika Fuss fasste, weil die Armen sich selbst nicht als ausgebeutetes Proletariat, sondern als zeitweilig verhinderte Millionäre sehen.» Sind Menschen toleranter gegenüber Ungleichheit, wenn sie glauben, dass jeder eine Chance auf Erfolg und sozialen Aufstieg hat? Alberto Alesina, Stefanie Stantcheva und Edoardo Teso untersuchten, wie die wahrgenommenen Aufstiegschancen mit der Einstellung gegenüber Umverteilung und Chancenungleichheit zusammenhängen.
Die Forscher untersuchten diese Fragen für die USA und vier westeuropäische Länder. Sie stellten die Wahrnehmung von sozialer Mobilität der Haltung gegenüber Einkommensumverteilung gegenüber. In Befragungen erhoben sie die Ansichten über Fairness, die Einschätzung sozialer Mobilität, die politische Haltung und die Einstellung gegenüber dem Staat.
Die Befragten wurden gebeten, die Wahrscheinlichkeit anzugeben, dass ein Kind, welches in das Fünftel mit den niedrigsten Einkommen geboren wurde, während seines Lebens entweder dort verbleibt oder in eine höhere Einkommensgruppe aufsteigt. In den USA nahmen die Teilnehmer den Grad der sozialen Mobilität optimistischer wahr als die befragten Europäer. So schätzten Amerikaner die Chance, dass ein Kind vom untersten Fünftel ins oberste aufsteigt, auf 12 Prozent, während Europäer diese mit etwa 10 Prozent bezifferten. Ebenso wurde das Risiko, im untersten Einkommensfünftel zu verharren, von den Amerikanern mit 32 Prozent geringer wahrgenommen als von den Europäern (35 Prozent).
Die soziale Mobilität ist in den USA jedoch geringer und die Aufstiegschancen sind schlechter als in Europa. Die amerikanischen Befragten überschätzten tendenziell die tatsächlichen Aufstiegschancen, während Europäer diese eher unterschätzten.
Haltung prägt Wahrnehmung
Die politische Grundhaltung beeinflusst die Wahrnehmung der sozialen Mobilität und die Einstellung zu staatlicher Umverteilung. Wer sich politisch eher links verortet, nimmt die Aufstiegsmöglichkeiten in seinem Land pessimistischer wahr als politisch eher rechtsstehende Personen.
Die auffälligste Diskrepanz zwischen diesen Gruppen besteht in ihrer Haltung zu staatlichen Eingriffen mit dem Ziel, die Chancengleichheit zu verbessern. Politisch rechtsstehende Befragte sind zu rund 60 Prozent überzeugt, dass die Lösung der Chancenungleichheit in der Verringerung staatlicher Eingriffe und in der Liberalisierung der Wirtschaft besteht. Hingegen schliessen sich nur 20 Prozent der linksstehenden Befragten dieser Position an.
Unabhängig von ihrer politischen Haltung sind sich die Befragten jedoch einig, dass ungleiche Chancen problematisch sind. Deshalb gehen die Forscher von der Hypothese aus, dass Personen, welche die soziale Mobilität als gering einschätzen, Umverteilung stärker befürworten.
Die Initiative Next Generation
Das Projekt Next Generation informiert über aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und über die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrprogrammen der Universität St. Gallen.
Diesmal: Maria Teresa Henriques de Lancastre über: Alesina, Alberto, Stefanie Stantcheva und Edoardo Teso (2017): «Intergenerational Mobility and Preferences for Redistribution», American Economic Review 108 (2), 521-54.
Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.
Linke sind pessimistischer
Die Ergebnisse zeigen: Wo die soziale Mobilität pessimistisch eingeschätzt wird, gibt es mehr Sympathien für Umverteilung. Pessimistischere Befragte unterstützten eher politische Massnahmen, welche die Chancengleichheit erhöhen und die soziale Absicherung verbessern sollen. Andererseits: Je optimistischer die Teilnehmer die Lage sahen, desto negativer beurteilten sie eine solche Politik.
Bei politisch linksstehenden Personen zeigte sich dieser Zusammenhang besonders deutlich. Ihre Einschätzung sozialer Mobilität ist demnach mit einer starken Unterstützung von Umverteilung verbunden. Schätzt eine Person die Wahrscheinlichkeit, dass kein sozialer Aufstieg stattfindet und dass ein Kind in der untersten Einkommensgruppe verbleibt, um zehn Prozentpunkte höher ein, so befürwortet sie im Vergleich zum jeweiligen Budgetanteil um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höhere Ausgaben für mehr Chancengleichheit und bessere soziale Absicherung. Bei politisch rechtsstehenden Befragten ist dieser Zusammenhang schwächer ausgeprägt.
Das Experiment
Eine Korrelation zwischen den Ansichten über soziale Mobilität und dem gewünschten Ausmass staatlicher Eingriffe reicht jedoch nicht aus, einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Deshalb führten die Forscher ein kontrolliertes Experiment durch: Es sollte die Einschätzung der Befragten über die soziale Mobilität unabhängig von ihrer Haltung zu Staat oder Politik herausfiltern.
Einem Teil der Befragten wurde mitgeteilt, dass Kinder armer/reicher Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit arm/reich bleiben, dem anderen Teil nicht. Im Ergebnis schätzt die ausgewählte Gruppe die Aufstiegschancen schlechter ein als die Kontrollgruppe, welche keinen solchen pessimistischen Hinweis erhalten hat. Demnach führt die Konfrontation mit negativen Informationen zur sozialen Mobilität tatsächlich zu einer pessimistischeren Einschätzung. Dies geschieht unabhängig von der politischen Einstellung der Befragten. Die Information verringert die geschätzte Wahrscheinlichkeit, dass ein im untersten Einkommensfünftel Geborener in diesem verharrt, signifikant um rund 10 Prozentpunkte.
Linker Pessimismus, rechter Pessimismus
Gleichzeitig nennen die negativ informierten Teilnehmer eine um 6 beziehungsweise 2 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit, dass jemand von dort ins dritte oder vierte Fünftel aufsteigt. Um 3 Prozentpunkte sinkt letzlich der Anteil der Befragten, welcher der Aussage zustimmt: «Jeder hat die Chance, etwas aus sich zu machen».
Die statistischen Schätzungen zeigen ähnliche Ergebnisse wie die blossen Korrelationen. Wenn politisch linksstehende Befragte negative Informationen erhalten (und damit die soziale Mobilität pessimistischer einschätzen), präferieren sie eher Massnahmen, die zu einer stärkeren Umverteilung führen. Befragte, die sich politisch als rechts verorten, tun dies hingegen selbst dann nicht, wenn sie wegen des Zusatzhinweises eine pessimistischere Wahrnehmung der Aufstiegschancen haben.
Ein Grund dafür, dass politisch rechtsstehende Befragte auch bei einer pessimistischen Einschätzung der sozialen Mobilität staatliche Umverteilung kaum unterstützten, liegt in der bei ihnen weit verbreiteten kritischen Haltung zu staatlichen Eingriffen. Sie sehen den Staat tendenziell eher als Problem denn als Lösung und sind weniger geneigt, Umverteilung zu unterstützen.
Lektion: Der Staat kann nicht viel machen
Eine negativere Einschätzung der sozialen Mobilität verstärkt sogar ihre Auffassung, der Staat könne nicht viel tun, um ungleiche Chancen zu bekämpfen.
Zusammenfassend zeigt die Studie, dass eine optimistische Wahrnehmung von hoher sozialer Mobilität tendenziell eine geringere Unterstützung von staatlicher Umverteilung begünstigt. Werden dagegen die Aufstiegschancen als gering eingeschätzt, nimmt die Unterstützung für Einkommensumverteilung zu.
Dieser Zusammenhang besteht besonders bei politisch eher linksstehenden Personen, während politisch rechts vorortete Personen staatlichen Eingriffen grundsätzlich kritisch gegenüberstehen.
Das Wichtigste in Kürze
Wer politisch eher links steht, nimmt die Aufstiegsmöglichkeiten pessimistischer wahr als politisch eher rechtsstehende Personen. Dabei besteht ein Unterschied zwischen Europa (wo man die Aufstiegschancen schlechter beurteilt, als sie sind) und den USA (wo es umgekehrt ist). Sowohl eher links wie eher rechts tickende Menschen sehen soziale Ungleichheit als Problem. Aber: Politisch rechtsstehende Befragte sind zu rund 60 Prozent überzeugt, dass die Lösung in der Verringerung staatlicher Eingriffe und in der Liberalisierung der Wirtschaft besteht. Aber nur 20 Prozent der linksstehenden Befragten sehen das so.