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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch VII.
22.
Was immer man nun aufzählen oder auch, weil man es nicht entdeckt, übersehen mag, was sich der aus dem Samen entstehenden Welt anfügen sollte, die in naturnotwendigem Wachstum in bestimmten Zeiträumen durch die Tätigkeit eines überaus großen, mächtigen Gottes, dessen Erhabenheit kein Geschöpf aussprechen oder gedanklich erfassen kann, sich mehr und mehr ausdehnte, das befand sich im Samen aufgespeichert, gleich wie wir an einem neugeborenen Kinde erst in späterer Zeit die Zähne wahrnehmen, sowie das väterliche Wesen und den Charakter und was alles Neues an dem allmählich aus dem Kindesalter heranwachsenden Menschen sich entwickelt. Da man doch unmöglich behaupten kann, eine Hervorbringung des nichtexistierenden Gottes werde ein Nichtsein — Basilides scheut durchaus und hat eine Abneigung gegen die Substanzen der Dinge, die [S. 201] durch Hervorbringung entstehen —, zu was braucht man denn überhaupt eine Hervorbringung, zu was die Annahme von Materie, auf daß Gott die Welt mache wie die Spinne ihr Netz, oder wie der sterbliche Mensch Erz oder Holz oder sonst ein Material zur Arbeit nimmt? Basilides aber sagt: „Er sprach und es ward“1, und das Wort bei Moses: „Es werde Licht, und es ist Licht geworden“2 bedeutet dasselbe, wie jene Leute sagen. Woher kam das Licht? Aus dem Nichts. Es steht nämlich nicht geschrieben, woher, sondern nur soviel: aus der Stimme des Redenden; der Redende aber existierte nicht und auch nicht das Gewordene. Aus Nichtexistierendem ist der Weltsamen geworden, das Wort, das gesprochen ward: „Es werde Licht“, und hiervon reden die Evangelien3: „Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ Er nimmt seinen Ursprung aus jenem Samen und wird erleuchtet. Dies ist der Samen, der in sich die ganze Samenfülle birgt, von dem Aristoteles sagt, er sei das in unzählige Artea geteilte Genus, wie wir den Begriff Lebewesen in das Rind, das Pferd, den Menschen geteilt haben; der Begriff ist aber ohne Existenz. Da nun der kosmische Same als Grundlage vorliegt, so sagen jene: „Frage nicht nach dem Ursprung der Dinge, von denen ich sage, daß sie nachher entstanden sind.“ Der (Ur)samen hatte nämlich alle Samen in sich aufgespeichert, gleichsam als nichtexistierende und vom nichtexistierenden Gott zur Existenz vorherbestimmt. Wir wollen nun sehen, was nach den Basilidianern als erstes, was als zweites und was als drittes aus dem kosmischen Samen entstanden ist. Es war, so sagt Basilides, im Samen selbst eine dreifache Sohnschaft, dem nichtexistierenden Gott durchaus wesensgleich, aus dem Nichtexistierenden erzeugt. Ein Teil dieser dreifach geteilten Sohnschaft war ganz leicht, der andere schwer, der dritte reinigungsbedürftig. Im Augenblick, als die erste Hervorbringung des Samens durch den nichtexistierenden Gott [S. 202] stattfand, entfloh der ganz feine Teil, stieg eilends mit einer schöpferischen Schnelligkeit von unten nach oben
„wie ein Flügel oder ein Gedanke“4
und gelangte zum Nichtexistierenden; nach ihm strebt jedes Wesen wegen seiner überaus großen Schönheit und Anmut; aber jedes auf seine Weise. Das allzu Schwere bleibt aber noch im Samen und konnte, obwohl es Nachahmungstrieb hatte, nicht aufsteigen; diese Sohnschaft war viel zu wenig leicht im Gegensatz zu der, die durch sich selbst aufstieg, und blieb unten. Nun versah sich also die allzu schwere Sohnschaft mit solchen Flügeln, wie sie Plato, der Lehrer des Aristoteles, im Phaidros5 der Seele gibt. Basilides nennt sie nicht Flügel, sondern Heiliger Geist; wenn die Sohnschaft ihn angetan hat, übt sie Wohltaten und erhält solche. Sie übt eine Wohltat, weil die Flügel für sich allein, vom Vogel getrennt, nicht in die Höhe steigen könnten und andererseits der Vogel ohne Flügel nicht in die Höhe steigen könnte; eine ähnliche Beziehung hatte die Sohnschaft zum Heiligen Geist und der Heilige Geist zur Sohnschaft. Die Sohnschaft wird vom Heiligen Geist wie von Flügeln emporgetragen, und sie trägt die Flügel empor, d. i. den Geist; da sie aber der ganz feinen Sohnschaft und dem nichtexistierenden Gott, der aus Nichtexistierendem geschaffen hat, nahe gekommen war, konnte sie den Geist dort nicht festhalten. Denn er war der Sohnschaft nicht wesensgleich noch hatte er dieselbe Natur wie sie; vielmehr war dem Heiligen Geiste, wie den Fischen die reine, trockene Luft gegen die Natur und zum Verderben ist, jener Ort des nichtexistierenden Gottes und der Sohnschaft wider die Natur, jener Ort, der unaussprechlicher als das Unaussprechliche und über alle Namen erhaben ist. Die Sohnschaft ließ also den Geist nahe bei dem seligen, alle Begriffe und Ausdrucksmöglichkeiten übertreffenden Ort zurück, aber doch nicht gänzlich einsam und von der Sohnschaft getrennt; vielmehr, wie wenn in ein Gefäß eine stark duftende Salbe eingelassen und es dann noch so sorgfältig [S. 203] entleert wird, doch auch nach Entfernung der Salbe ein Duft zurückbleibt und das Gefäß den Salbenduft auch ohne Salbe behält, so bleibt zwar der Heilige Geist der Sohnschaft unteilhaftig und von ihr fern, doch behält er seine Kraft, den Wohlgeruch der Sohnschaft, in sich wie einen Salbenduft. Dies bedeutet das Wort: „Wie die Salbe auf dem Haupte, die in den Bart Aarons herabfließt“6. Die Salbe ist der Duft, der vom Heiligen Geiste oben bis zu unserer Gestaltlosigkeit und unserem weiten Abstand herabkam, von wo die Sohnschaft ihren Aufstieg nahm, gleichsam auf den Flügeln eines Adlers und auf seinem Rücken getragen. Alles strebt nämlich von unten zur Höhe, vom Schlechteren zum Besseren; nichts, was bei den besseren Dingen weilt, ist so töricht, daß es hinabsteige. Die dritte, reinigungsbedürftige Sohnschaft blieb im großen Haufen der Samenfülle, Wohltaten spendend und empfangend. Auf welche Weise sie dies tut, werden wir später an der entsprechenden Stelle ausführen.
1: Vgl. Ps. 32, 9; 48, 5.
2: Gen. 1, 3.
3: Joh. 1, 9.
4: Od. 7, 36.
5: Phaidros 246 A ff.
6: Ps. 132, 2.