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Marianne Jehle-Wildberger entführte die 16 Anwesenden in eine Zeit vor fast hundert Jahren. Die junge Susanne Rost hätte nach der Matura gern an der ETH Land- und Forstwirtschaft studiert, erhielt aber keinen Platz. Man riet ihrem Vater, sie solle einen Bauern heiraten. Deshalb entschied sie sich für die Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Ihr Wissen konnte sie in späteren Jahren vielfach anwenden.
In einer christlichen Familie mit zwei jüngeren Schwestern aufgewachsen, begann sie sich früh für die Bekämpfung des grassierenden Alkoholismus und die Anerkennung der Frauen in der Gesellschaft zu engagieren. Ein Leben lang servierte sie Gästen Süssmost statt Wein.
Nach Abschluss ihres Studiums eröffnete sie eine Anwaltspraxis, da keine renommierte Kanzlei Verwendung für eine Frau hatte. Die Fälle ihrer meist mittellosen Klienten brachten wenig ein. So unterrichtete sie an der Gewerbeschule.
Die Pflegerinnenschule, eine Gründung der ersten Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin, suchte 1939 eine neue Oberin. Die junge Juristin trat 1940 dieses verantwortungsvolle Amt an. Im Ausbildungsspital, das für die Geburtshilfe weitherum bekannt war, erlitt in ihrem ersten Amtsjahr einen grossen Einbruch. Die Hälfte der Schwestern wurde bei Kriegsbeginn vom Militär eingezogen. Alle Mitarbeitenden leisteten Achtzigstundenwochen. Frau Rost setzte sich dafür ein, dass sie pro Woche einen Tag frei hatten.
Für sie schien der Lebensplan entschieden, sie würde Oberin der Pflegerinnenschule bleiben. Doch sie begegnete einem Studienkollegen, dem St. Galler Anwalt und SP-Mitglied Paul Steiner. Beide hatten dieselbe Weltanschauung, bekämpften Missstände und setzten sich für weniger Privilegierte ein. 1945 heirateten sie. Ihre zwei Söhne erzogen sie zu sozialer Verantwortung, zum Umweltschutz und einem alkoholfreien Leben. Frau Steiner engagierte sich in der Pro Juventute und kämpfte für den Neubau des Kinderspitals.
Sie wurde in die Aufsichtskommision der Kantonsschule berufen, wo sie viele Besuche machte, hygienische Missstände aufzeigte und an Prüfungen Einsitz hatte. Als sie sah, dass den Schülern das Rauchen verboten war, die Lehrpersonen aber im ganzen Haus ungeniert rauchten, schritt sie ein. Bei der Anstellung der ersten Frau als Hauptlehrerin bekam sie zu hören: „Wir haben uns gegen Frau Dr. Oesch entschieden.“ Da sagte sie: „Aber ich bin doch auch Mitglied dieser Behörde.“ Die Frau bekam die Stelle.
Der Unfalltod ihres Mannes auf einer Wanderung versetzte Susanne Steiner-Rost einen schweren Schlag. Zwölf Jahre später starb sie an einem Herzinfarkt im Alter von 83 Jahren.
Text: Hanni Brogle | Fotos: Magi Bélat