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Eine Nordweststaulage mit sehr ergiebigen Niederschlägen, dazu viel Wind, und das alles nur Tage nach einem anderen Grossschneefall. Das waren die Zutaten, die am Montag, 14. Januar, gebietsweise zur höchsten Gefahrenstufe (5, sehr gross) führten. Es gingen sehr grosse Lawinen ab und viele Verkehrswege mussten sicherheitshalber gesperrt werden.
In der Nacht auf Freitag ging eine dreitägige Schneefallperiode zu Ende, die dem östlichen Alpennordhang bis zu 130 cm Neuschnee beschert hatte (Abbildung 1). Dank tiefer Schneefallgrenze lag auch in mittleren und tiefen Lagen viel Schnee.
Nach diversen Schneefällen in den vorangegangenen zwei Wochen war die Schneedecke in den nordöstlichen Gebieten recht günstig aufgebaut und enthielt kaum prominente Schwachschichten. In den schneeärmeren Regionen, besonders im Westen, war die Altschneedecke weniger günstig. Nach dem weihnächtlichen Regen hatte sich bis auf etwa 2400 m eine Schmelzkruste gebildet. Darüber lag gebietsweise eine dünne, aber teils störanfällige Schwachschicht aus kantig aufgebauten Kristallen.
Am Freitagmorgen war es teils sonnig, dann zogen erneut Wolken auf. In der Nacht auf Samstag fielen im Norden etwa 10 cm Neuschnee bis ins Flachland, dann klarte es in den Bergen aus Westen wieder auf. Dieser wenige Neuschnee beeinflusste die Lawinengefahr zunächst nicht. So locker wie er war, stellte er aber eine ungünstige Unterlage dar für den kommenden Grossschneefall.
Die Lawinengefahr wurde verbreitet mit Stufe 3 (erheblich) eingestuft. Vor allem aus den westlichen Gebieten wurden verschiedene Lawinenauslösungen durch Wintersportler gemeldet. Teilweise umfassten diese nur den Neuschnee (Abbildung 2), oft brachen sie aber im Altschnee an (Abbildung 3), und dies oft auch im Bereich der Waldgrenze.
Eine Nordweststaulage verursachte am Sonntag und am Montag anhaltende und intensive Niederschläge. Am nördlichen Alpenkamm von Les Diablerets bis Liechtenstein, im Gotthardgebiet, in Nordbünden, in Teilen Mittelbündens und im nördlichen Unterengadin waren es 80 bis 120 cm, in den östlichen Urner und Glarner Alpen bis zu 160 cm (Abbildung 4). Die Schneefallgrenze stieg von tiefen Lagen in der Nacht auf Montag vorübergehend auf etwa 1300 bis 1500 m, danach sank sie wieder in tiefe Lagen. Die anhaltend starken und teils auch stürmischen Nordwest- und später Nordwinde führten an Ost- und Südhängen zu mächtigen Triebschneeansammlungen.
Zusammen mit den Schneefällen der vorangegangenen Woche (Abbildung 1 und Wochenbericht vom 10. Januar) ergaben sich im Nordosten sehr grosse Zehn-Tages-Niederschlagssummen (Abb. 5). Von Liechtenstein über das Prättigau bis nach Arosa und Davos waren es verbreitet die höchsten oder zweithöchsten Schneemengen, die je in 10 aufeinanderfolgenden Tagen gemessen wurden (Tabelle 1). Dabei wurden im Raum Klosters – Davos – Arosa Jährlichkeiten von 10 bis 40 Jahren berechnet, von Liechtenstein bis ins nördliche Prättigau sogar solche von 150 und 300 Jahren. Auch wenn methodenbedingt Jährlichkeiten, die grösser als die dreifache Länge der Datenreihe sind, grosse Unsicherheiten aufweisen, steht doch fest, dass es sich dort um eine aussergewöhnliche Schneefallperiode handelte. In hohen Lagen war die gemessene Zehn-Tages-Neuschneesumme nicht ganz so selten. Die am Versuchsfeld Weissfluhjoch (5WJ) gemessene Neuschneesumme von 190 cm wird etwa alle 5 Jahre erreicht.
Weil auch davor Schnee gefallen war, weisen in dieser Region auch die fünfzehn-Tages-Neuschneesummen ähnlich hohe Jährlichkeiten auf. Unabhängig davon, welche Zeitperiode betrachtet wird, fielen die intensivsten Schneefälle am Schluss. Dies ist in punkto Lawinengefahr die ungünstigste Reihenfolge.
Im Nordosten war der Schneedeckenaufbau vor diesen Niederschlägen recht günstig, die Schneeoberfläche aber sehr locker. Dort wo der Neuschnee nicht während des Niederschlags auf dieser lockeren Schicht abglitt, konnte sich in den Einzugsgebieten viel Schnee anhäufen. Zudem konnten Lawinen auf dem Weg ins Tal viel Schnee mitreissen, und beim trockenen Schnee war mit Staublawinen zu rechnen. Damit bestand das Potenzial für sehr grosse und vereinzelt extrem grosse Lawinen. Für den Montag wurde deshalb vom östlichen Berner Oberland über die Urner bis in die Glarner Alpen und in der Silvretta die höchste Gefahrenstufe (5, sehr gross) herausgegeben (siehe Gefahrenentwicklung am Ende des Berichts). Am Montagmorgen wurde diese Gefahrenstufe um einen Streifen vom St. Galler Oberland und das Prättigau bis ins nördliche Unterengadin erweitert, dafür aber im Westen etwas zurückgenommen. Sonst wurde die Gefahr verbreitet mit Stufe 4 (gross) eingeschätzt. Ganz im Süden waren die Verhältnisse günstiger.
Vermutlich gingen am meisten Lawinen mit der Erwärmung und den stärksten Winden in der Nacht auf Montag ab (Abbildungen 6 und 7). Beim schlechten Wetter und mit den vielen gesperrten Verkehrswegen wurde aber wohl nur der kleinste Teil davon gemeldet. Bei genauerer Betrachtung waren aber auch später noch viele Spuren sichtbar (Abbildung 8). In tiefen und mittleren Lagen gingen mit dem Regen zudem viele Nass- und Gleitschneelawinen ab.
Im Nachhinein betrachtet scheint die Gefahrenstufe 5 (sehr gross) in den Glarner Alpen und im Raum Davos durch die Lawinenaktivität bestätigt. Im Berner Oberland wurde sie wohl nicht erreicht. In den andern Gebieten war bei Redaktionsschluss noch keine klare Aussage möglich.
Im Westen fiel nicht ganz so viel Schnee, doch war die hier deutlich dünnere Altschneedecke weniger günstig aufgebaut. Damit waren auch hier die Verhältnisse sehr kritisch und es wurden viele spontane, teils ebenfalls sehr grosse Lawinen beobachtet (Video 1 am Anfang des Berichts und Abbildung 9).
In der Nacht auf Dienstag endete der Schneefall auch im Nordosten. Am Morgen lösten sich die Wolken auch im Osten auf, und es war bis am Mittwoch meist sonnig und mild. Am Donnerstag trübte es aus Westen ein und im Norden fiel wenig Schnee.
Auch nach dem Ende der Niederschläge gingen noch einzelne Lawinen spontan ab. Vor allem aber wurden viele Lawinen gesprengt (Video 1 - 3, Abbildung 10). Auch diese Lawinen wurden teils sehr gross und entwickelten oft einen hohen Staubanteil.
Wie üblich, gingen nach den grossen Schneefällen vor allem an Südhängen wieder vermehrt Gleitschneelawinen ab (Abb. 11). Mit der mächtigen Schneedecke im Nordosten wurden diese teils gross.
In mittleren Lagen waren die Schneehöhen im Westen, im südlichen Wallis und im Süden unter-, sonst überdurchschnittlich. Im Nordosten waren sie stark überdurchschnittlich (Abbildung 12). In hohen Lagen dagegen waren die Schneehöhen überall grösser als normalerweise Mitte Januar, im Nordosten, und am Oberwalliser Alpenhauptkamm sogar viel grösser.
In Nordbünden, in Teilen Mittelbündens und im nördlichen Engadin wurde an allen Stationen mehr Schnee gemessen als jemals zuvor Mitte Januar. Absolute Schneerekorde wurden keine verzeichnet, diese werden besonders bei höher gelegenen Stationen erst später im Winter erreicht. Die aktuellen Schneemengen waren damit weder für Lawinenverbauungen noch für die Tragfähigkeit der Dächer problematisch - ausser dort, wo mit den anhaltend starken Winden viel Triebschnee abgelagert worden war (Abbildung 13). Viel Schnee schon früh im Winter birgt immer das Risiko, dass es bei künftigen, grösseren Schneefällen im Verlaufe des Winters kritisch werden könnte.
Dank den Massnahmen der lokalen Lawinendienste, und manchmal sicher auch mit etwas Glück, gab es trotz angespannter Lawinensituation im Siedlungsraum und auf Verkehrswegen keine Todesopfer zu beklagen.
Bis Redaktionsschluss wurden dem SLF 18 Lawinen mit erfassten Personen gemeldet. Diese ereigneten sich mehrheitlich am westlichen Alpennordhang und in den zentralen Voralpen, wo die Altschneedecke Schwachschichten enthielt und diese nicht so tief überdeckt waren. In den Hauptniederschlagsgebieten des Ostens gab es nur vereinzelt Lawinenunfälle. Insgesamt wurden 29 Wintersportler erfasst und 5 davon ganz verschüttet. Drei Personen starben in Lawinen (Liste der tödlichen Unfälle):
Im Gegensatz zu den Unfalllawinen wurden Sachschäden fast ausschliesslich vom zentralen und östlichen Alpennordhang sowie aus Graubünden gemeldet. Bis zum Redaktionsschluss wurden über 20 Lawinen mit Sachschäden gemeldet, wobei diese Bilanz sicher noch sehr unvollständig war. Dabei handelte es sich um diverse Schäden an Fahrzeugen, Strassen, Wald und einzelnen Gebäuden, aber auch um (zum Glück negative) Sucheinsätze. Der grösste Sachschaden war wohl eine beschädigte Stütze der Säntisbahn, der vermutlich zu einem längeren Stillstand der Seilbahn führte. Sonst schien sich das Schadensausmass in Grenzen zu halten. Auffallend war, dass Schadenslawinen teils auch unterhalb von Lawinenverbauungen anrissen (Abbildung 14).
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.