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ACHT BILDER
Eine Stadt am Meer, irgendwo. Eine Frau, Anne Desbaresdes, Gattin eines Fabrikanten, ist mit ihrem kleinen Sohn bei einer Klavierlehrerin. Schreie auf der Strasse, in der Kneipe unten hat ein Mann eine Frau erschossen; man sagt, sie habe es von ihm verlangt. Anne betritt die Kneipe, kehrt in den folgenden Tagen immer wieder dahin zurück, unterhält sich, in kurzen Sätzen, mit einem Unbekannten über den Mord, wie es dazu kam. Die Grenzen zwischen dem fremden Schicksal und ihrem eigenen verfließen. In ihrer Beziehung zu dem Unbekannten scheint sich das Verhältnis der Ermordeten zu ihrem Mörder wiederholen zu wollen. »Dünnes Eis« trennt die Welt des kultivierten Bildungsbürgers, symbolisiert durch eine, in der wöchentlichen Klavierstunde wiederholten Sonatine Diabellis, von den Abgründen einer zerstörerischen Triebhaftigkeit, der Schrei, der Duft der Magnolien, der Wein, die Nacht .. In kräftigen Bildern, knappen Sätzen wird das Drama skizziert, dessen Ausgangspunkt das vom Schrei unterbrochene »moderato cantabile« der Diabelli-Sonatine, gespielt in der Klavierstunde, ist. Dieser noch anonyme Mord zu Beginn scheint sich dann auf einer anderen Ebene zu wiederholen. Der Klang ist bereits Bestandteil dieser merkwürdig zeitlosen Bilder: das Rauschen des Meeres, Diabellis Sonatine, der Schrei, der Lärm der anonymen Masse von Menschen auf der Strasse, in den Kneipen etc. Die Form der Erzählung, die Vorwegnahme des Schreis, der quasi als Vorwegnahme des Endes der (linearen) Erzählung erscheint, lässt diesen quasi thematisch im Raum stehen: die Erzählzeit als Perspektive eines Raumes. Die Musik soll diese sich verändernden Perspektiven (Kamera-Einstellungen) schaffen, dies entspricht meinen Vorstellungen von zeitlicher Verdichtung (Gleichzeitigkeit) linearer Verläufe (Bewegungsabläufe): Alles ist von Anfang an anwesend, Dinge (Figuren) treten hervor und wieder zurück. Während die Erzählung das Verlangen (die Haut der Protagonistin) thematisiert, wird der Fokus meines kompositorischen »Blickes« Annes Stimme sein, deren Intimität, »dramatischer« Raum zwischen kultivierter »Opernstimme« und Unmittelbarkeit eines körperlichen Ausdrucks (wie Atem, Schrei etc.).
Beat Furrer