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Die Angst vor dem Fliegen
Unlängst bestieg ich eine Maschine nach Rom, meine Damen und Herren. Fragen Sie nicht, warum; ich weiss es selbst nicht mehr. Direkt vor mir im Fingerdock lief ein zunächst eher unauffälliges Pärchen, das jedoch plötzlich, nämlich direkt vor dem Betreten des Flugzeuges, ziemlich auffällig wurde, und zwar dergestalt, dass die Frau abrupt stehen blieb und rief: «Ich will nicht!», während der Mann sie am Arm zu ziehen begann. Die Flugbegleiterin, die sich am Eingang zur Begrüssung aufgestellt hatte, kommentierte diesen Vorgang mit: «Oh je.» Als ihr das Pärchen kämpfend näher kam, zog sie ein paarmal hörbar die Luft durch die Nase und konstatierte: «Sie haben getrunken!» «Ein bisschen», nuschelte die Frau, die sich immer noch am Fingerdock festkrallte, «ich habe Angst vorm Fliegen!»
Die Angst vorm Fliegen ist weitverbreitet und weit gestreut. Auch riesige Profiringer oder machtvolle Verwaltungsratspräsidentinnen leiden unter ihr. Immer noch gibt es bei vielen Fluggesellschaften standardmässig keine Reihe mit der Nummer 13, immer noch schlucken diverse Passagiere zur Beruhigung nicht nur Alkohol, sondern auch Beruhigungs- und Schlafmittel, und immer populärer wird (zum Glück) der Besuch von Seminaren oder Therapien gegen Flugangst, die von der bewussten Verhaltenssteuerung bis zu autogenem Training alles Mögliche anbieten. Ich habe schon erlebt, wie Maschinen durch Herzvorfälle oder Ohnmachten ängstlicher Passagiere am Boden gehalten wurden, und ich habe erlebt, wie ein A380 Richtung Singapur in London-Heathrow, nachdem wir bereits einen Teil des Taxiing vom Gate zur Startbahn hinter uns gebracht hatten, mit laufenden Motoren stehen blieb, und, nachdem wir einige Minuten gestanden hatten, sich der Kapitän mit folgender Durchsage meldete: «Meine Damen und Herren, wir müssen ans Gate zurückkehren. Eine Passagierin weigert sich zu starten. Sie wird wieder aussteigen, und wir müssen frisch auftanken, das Gepäck ausladen und uns einer erneuten Sicherheitskontrolle unterziehen. Das Ganze verzögert den Start um ungefähr dreissig Minuten. Ich danke für Ihr Verständnis.»
Das beste Mittel gegen Flugangst
Den Aviophobiker zeichnet nicht nur die Angst vor einem möglichen (wenn auch sehr unwahrscheinlichen) Absturz aus, sondern vor allem die Angst vor dem Kontrollverlust. Neulich erzählte mir beim Lunch eine viel fliegende Freundin, dass sie aus sicherer Quelle wisse, dass man im Falle einer Bruchlandung (fachsprachlich «non-conventional landing») eigentlich nur in den Reihen unmittelbar bei den Notausgängen eine Chance hätte. Dies ist lediglich eine der zahllosen volkstümlichen Theorien darüber, wo es im Flugzeug am sichersten sei. Diese Vielfalt an urbanen Mythen liegt zweifellos daran, dass es für den Laien unmöglich ist, durch blossen Augenschein die Sicherheit eines Fluggeräts zu beurteilen (noch nicht mal, wenn man mit einer 40 Jahre alten Antonow durch Zentralafrika fliegt – denn gerade diese uralten sowjetischen Fluggeräte sind unerhört robust).
Das tatsächliche Alter eines Flugzeuges zum Beispiel lässt sich schwer schätzen (ein guter Indikator ist die Deckenverkleidung bzw. die Bedienleiste über Ihrem Sitz) – und hat wie gesagt obendrein wenig bis gar nichts mit dessen Sicherheit zu tun. Andere sichtbare Phänomene, die für Laien bedenklich aussehen, zum Beispiel abgefahrene Reifen, sind es nicht. Auch leichte Dellen in den Triebwerksschaufeln sind normal. (Bei grossen Dellen besteht hingegen aufgrund der ungeheuren Fliehkräfte die Gefahr, dass das Triebwerk abfällt. Aber ich will Sie nicht beunruhigen. Meistens kann man dann mit den anderen Triebwerken sehr schön weiterfliegen – wie damals dieser Jumbojet von Qantas, der nach 45 Minuten problemlos an seinen Startflughafen San Francisco zurückkehrte, nachdem eines der vier Triebwerke explodiert und in Flammen aufgegangen war.)
Meine persönliche Empfehlung ist, dass das beste Mittel gegen Flugangst ganz simpel in Folgendem besteht: so viel wie möglich zu fliegen. Ich persönlich sitze übrigens lieber in grossen Maschinen als in kleinen – möchte hier aber ausdrücklich gerade kleine Flugzeuge als Mittel gegen Flugangst empfehlen. Das mag paradox klingen; doch nachdem ich vor ein paar Jahren eine Fly-in-Safari im südlichen Afrika absolviert hatte, wo man zwischen den einzelnen Camps in der Wildnis mit winzigen Propeller-Maschinen transportiert wird, wurde mir bewusst, was für ein rustikaler, aber auch robuster Vorgang das Fliegen sein kann. Wer einmal diesem Schaukeln und Rütteln ausgesetzt war und sich daran gewöhnt hat (und das geht schnell, glauben Sie mir) – ist anschliessend nicht mehr leicht irritierbar.
Gesellschaft beruhigt die Nerven
Wenn Sie mich fragen, so ist nebst häufigem Fliegen das beste Rezept gegen Flugangst: das häufige Fliegen in Gesellschaft. Denn neben den platzmässigen Beschränkungen an Bord eines Flugzeugs ist erwiesenermassen die Anonymität einer der Hauptstressoren für Flugreisende, ein Stressfaktor, der zusammen mit einer möglichen Flugangst und dem Luftdruckwechsel in der Kabine zeitweilige psychische Veränderungen und – Durchbrüche auslösen kann. Gerade auch in Verbindung mit den verstärkten psychoaktiven Effekten von Alkohol an Bord kann das in Verhaltensmustern münden, welche die Branche mit einem fachsprachlichen Euphemismus «Undesirable Passenger Behavior (UPB)» nennt: Ein Fluggast wird absonderlich, ausfällig, aufmüpfig, aggressiv, dreht durch. Man spricht dann von einem «Unruly Passenger» beziehungsweise von «Air Rage».
Doch auch wenn Sie grundsätzlich weniger zum Durchdrehen neigen, beruhigt Gesellschaft die Nerven. Sofern man sie sich ausgesucht hat. Für Menschen, die tendenziell aviophob sind, ist die beste Begleitung dabei nicht notwendig, wie gelegentlich empfohlen, ein ehemaliges Flugangstopfer, das seine Phobie überwunden hat, aber das Unbehagen nachempfinden und deshalb mit seinen Ratschlägen wirkungsvoll helfen kann (in der Tat gibt es regelmässig wenig Schlimmeres als Leute, die irgendwas überwunden zu haben glauben und dann darüber reden und helfen möchten, thank you very much). Nein, die beste Begleitung ist jemand, der zwar idealerweise ein bisschen flugerfahren ist, mit dem Sie aber vor allem gerne zusammen sind. Das ist auch unterhaltsamer, falls man im Dschungel notlanden muss.
Bild oben: Im Grunde ist das Fliegen ein rustikaler Vorgang. Flickr Geoff Collins