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10. Dezember

Republik
Auszung aus dem Newsletter vom 9. März 2020
Liebe Leserinnen und Leser
Nach der ganzen Aufregung gestern ist es Zeit für eine kleine Pause. Haben Sie Lust auf ein klassisches Drama? Constantin Seibt hat eins ausgegraben:
1798 schrieb der englische Pfarrer Thomas Malthus sein Essay «Das Bevölkerungsgesetz». Und widersprach den Optimisten, die sagten, dass die Lage der Menschheit sich je verbessern würde. Und zwar, weil der Grossteil der Menschheit immer in Armut verbleiben würde: «Es zeigt sich, dass nach den unentrinnbaren Gesetzen der Natur stets Menschen an Mangel leiden werden: die Unglücklichen, die in der Lotterie des Lebens eine Niete gezogen haben.»
Malthus’ Begründung war revolutionär: Mathematik. Er schrieb, dass jede Steigerung der Lebensmittelproduktion sofort vom Bevölkerungswachstum aufgefressen würde. Denn: Die Produktivität steige linear, die Vermehrung der Menschen aber exponentiell. So, dass nicht nur jeder Fortschritt neutralisiert würde. Sondern auch die Natur die überflüssigen Mäuler wieder schliessen würde: durch Krankheit, Krieg, Hungersnot.
Das Ergebnis war die Malthusianische Falle: Nur massenhafter Tod bringt Wohlstand; während Geburten die Ursache von Slums, Sterben und Elend sind. So traurig Malthus’ Theorie war, so zutreffend war sie damals: Der Statistiker Max Roser berechnete das durchschnittliche Jahreseinkommen im vorindustriellen England: Von 1270 bis 1350 stagnierte es um 800 Pfund – bis es plötzlich bis Ende Jahrhundert auf 1200 Pfund stieg. In nur 50 Jahren wuchs es also enorm. Der Preis dafür war jedoch brutal: Massengräber.
Die Pest von 1348 bis 1351 löschte in England die Hälfte der Bevölkerung aus. Doch für die Überlebenden gab es in den Städten plötzlich Arbeit plus steigende Löhne – und auf dem Land gaben die dezimierten Bauern die Bearbeitung der schlechten Äcker auf und konzentrierten sich auf die ertragreichen. Doch der Boom hielt nur kurz an: 1450 war die Bevölkerung wieder nachgewachsen und die Ausweglosigkeit zurück: Das Bruttosozialprodukt stieg zwar, aber im Tandem mit der Bevölkerung. Das Durchschnittseinkommen stagnierte für weitere 200 Jahre.
Doch dann, etwa ab 1750, passierte langsam, aber unaufhaltsam etwas, das Herr Malthus für komplett ausgeschlossen hielt: England entkam als erstes Land Europas (nach dem römischen Imperium) aus der Malthusianischen Falle. Die industrielle Revolution begann. Und mit ihr kamen neue Technik, mehr Arbeitsteilung, mehr Handel. Diese Revolution wäre aber wohl ihrerseits ausgeblieben, wenn nicht Jahrhunderte zuvor – nach der grossen Pest 1348 bis 1351 in Norditalien – plötzlich Kapital vorhanden gewesen wäre. Das Massensterben dort ermöglichte eine winzige Insel des Reichtums mit blühenden Handelsstädten: mit Schifffahrtsunternehmen, Manufakturen, Banken. Dem Grauen folgte das Geld – und diesem Protz und Verschwendung: Prunkbauten, Kunstwerke und Orgien, aber auch Wissenschaft, Philosophie und Mathematik.
In Norditalien entstanden die Ideen, die 400 Jahre später eine neue Welt ermöglichten. Erst in England, heute überall. Eine Welt der Forschung, des Handels, der Technik und des nie gekannten Wachstums. Kurz: Das Zusammentreffen der beiden grössten Geisseln der Menschheit – Armut und Seuche – endete mit einem verblüffenden Happy End. Und einem Kind, das ebenfalls oft als Geissel der Menschheit beschrieben wurde: dem Kapitalismus. Doch dieser hat eine erstaunliche Bilanz: Im Jahr 1800, zur Zeit von Malthus, existierten 1 Milliarde Menschen, 96 Prozent davon in bitterer Armut, die Lebenserwartung betrug nirgendwo mehr als 29 Jahre. Heute leben 7,8-mal mehr Menschen, nur noch 10 Prozent davon in Armut, im Schnitt für 73 Jahre.
Das führt zur nächsten grossen Frage: War das Wunder des Kapitalismus nur möglich, weil die Menschheit die natürlichen Ressourcen ausbeutete wie nie zuvor in der Geschichte? Und funktioniert es auch anders? Wir werden auch noch nach der Antwort suchen, wenn die gegenwärtige Seuche nur noch eine blasse Erinnerung ist.
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