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Die 1874 zum ersten Todestag des italienischen Dichters Alessandro Manzoni in Mailand uraufgeführte Messa da Requiem von Giuseppe Verdi ist das Zeugnis eines Künstlers, der sich die Wahrhaftigkeit der Menschendarstellung als oberstes Ziel setzte. Das gilt für seine Opern wie für das Requiem, dessen Text Verdi zu einer Darstellung von überwältigender Eindringlichkeit und Direktheit des Ausdrucks inspirierte. Das Requiem – oder die Messa da Requiem, wie der Originaltitel lautet – hat Verdi aus demselben Geist herausgeschrieben. Deshalb verwundert es nicht, dass das Werk schon von seinen Zeitgenossen als „Oper in liturgischem Gewand“ bezeichnet wurde. Auch wenn Verdis Requiem umstandslos dem Text der katholischen Liturgie folgt, so geht die musikalische Gestaltung doch über die genuin christliche Vorstellung von Tod und Auferstehung hinaus und bezieht auch andere Deutungen mit ein.
Anschaulich lässt Verdi seine Totenmesse beginnen. Der italienische Komponist Ildebrando Pizzetti (1880–1968) sah hier eine trauernde Gemeinde vor dem geistigen Auge vorbeiziehen: »Man sieht förmlich zunächst einen undurchdringlichen Schatten und dann ein klares, sanftes Licht: Im Schatten menschliche Wesen, die sich in Schmerz und Furcht krümmen; im Licht recken sie ihre Arme gen Himmel, um Milde und Verzeihung zu erflehen. Diese Musik ist Vergegenwärtigung von Trauer und Hoffnung.« In der zentralen Sequenz Dies irae, die das Jüngste Gericht beschreibt, fährt Verdi dann alles auf, was Orchester und Chor zu bieten haben: Donnernde Schläge der Großen Trommel, Fortissimo-Ausbrüche und rasende Läufe in den Streichern zeichnen eine musikalische Abfolge von Schreckensvisionen – laut, gewaltig und von höchster dramatischer Qualität. Bildlich wird es auch in Abschnitten wie dem Tuba mirum, in dem Verdi effektvolle Ferntrompeten einsetzt, oder im Rex tremendae, das im Orchester wortwörtlich großes Zittern vor dem »König schrecklicher Gewalten« hervorruft. Dem gegenüber stehen die innigen Solopartien und Ensembles wie das eindringliche Quid sum miser oder das Schuldbekenntnis Ingemisco, die das Fühlen des hoffnungsvollen Individuums erlebbar werden lassen. Ganz anders das Offertorium, die Gabenbereitung, für das Verdi eine viel intimere und transparentere Klangsprache wählte. Es folgen das triumphale, als doppelchörige Fuge angelegte Sanctus und das anmutige Agnus Dei, dessen ganz nach innen gekehrtes A-cappella-Solo von Sopran und Mezzosopran zu den schlichtesten und gleichzeitig schönsten Melodien gehört, die Verdi jemals geschaffen hat. Statt sein Requiem wie üblich mit dem Lux aeterna enden zu lassen, der Bitte nach ewigem Licht, beschliesst Verdi sein Werk mit einem Libera me, das traditionell eigentlich gar nicht zur Totenmesse gehört. Gerade weil er das ganze Werk aus diesem Satz heraus entwickelte, wirkt es wie eine Reminiszenz, eine Zusammenfassung. Noch einmal führt der Furor des Dies irae den Hörern die Schrecken des Todes vor Augen und Ohren; auch das Requiem aeterneam, die Bitte um ewige Ruhe, erklingt erneut. Ein letztes Mal äußern Chor und Sopran schließlich den Erlösungswunsch Libera me (Errette mich) – hoffnungsvoll und zugleich als Ausdruck elementarer Angst. Den Schluss lässt Verdi damit bewusst offen.