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Arzneimittelbilder in der klassischen Homöopathie
Im letzten Blog konnte man lesen, dass eine Arznei gesucht werden muss, die dem Zustand des Patienten ähnlich ist. Man konnte lesen, dass man mit der Herstellung und der Einnahme der Arznei beim Patienten eine künstliche Erkrankung erzeugen kann, die das Immunsystem anregt, die natürliche, also echte Erkrankung auszuheilen.
Das bedeutet somit, dass das homöopathische Medikament in grossen Teilen deckungsgleich mit dem zu behandelnden Menschen sein muss..
Dr. Samuel Hahnemann war sehr wahrscheinlich der erste, der postulierte, dass man Arzneien an gesunden Menschen testet. Mit der Arzneimittelprüfung, kurz AMP genannt, konnte man feststellen, für welche Beschwerden das geprüfte Mittel geeignet ist. Arzneien haben oft auch einen Bezug zu Organen, Körperstellen, Erkrankungen etc.
Dr. Hahnemann schrieb die geprüften Arzneien in der „Reinen Arzneimittellehre“, in „Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung“ und anderen Büchern und Journalen nieder. Er schrieb die Arzneisymptome der geistigen und körperlichen Beschwerden im Kopf zu Fuss Schema nieder. Das heisst z.B. Kopfhaut, Kopfschmerzen, Augenprobleme, Nase, Mund, Zähne innerer und äusserer Hals etc.
Das schwierige war, dass durch die Behandlung von Patienten neue Symptome dazukamen und das Arzneimittelbild immer erweitert wurden. Und die Erweiterungen, bzw. die Fortsetzungen wurden dann natürlich in ein anderes Buch geschrieben. Es gab dann immer wieder Menschen/Homöopathen, die diese Fetzen zusammensuchten und kompakt wiedergaben. Sowieso wurde die Materia Medica der klassischen Homöopathie wurde im Laufe der Zeit von verschiedenen Homöopathen zusammengestellt und erweitert. In chronologischer Abfolge waren die wichtigsten Homöopathen, die zur Entwicklung und Erweiterung der Materia Medica beigetragen haben Dr. Samuel Hahnemann, Christian Friedrich Samuel Hering (1800-1880), Carl von Bönninghausen (1785-1864), Constantine Hering (1800-1880), James Tyler Kent (1849-1916), der die Homöopathie in den USA gross gemacht hat. Er trug viel zur Materia Medica bei und erstellte das erste homöopathische Repertorium. Ebenso Cyrus Maxwell Boger (1861-1935), Corson Cowperthwaite (1848-1926) und auch der Schweizer Adolf Voegeli (1901-1969).
Kent war ein bekannter Homöopath und trug zur Materia Medica bei, indem er Arzneimittelbilder und Repertorien erstellte. Sein Werk "Lectures on Materia Medica" ist immer noch eine wichtige Referenz in der Homöopathie.
Von Kent haben wir die heutige Form der Arzneimittelbilder. Wir stellen uns die Mittel vor, als ob diese Menschen wären. Dies hat den Vorteil, dass wir nicht alles auswendig lernen müssen, sondern vor allem die Goldkörner, die charakteristischen Eigenschaften dieser Arzneien /Menschen erlernen können. Wir nennen dies auch §153er-Symptome.
Beim Paragraph 153 im Organon schreibt Dr. Hahnemannsinngemäss:
Suche bei einem Menschen die auffallenden, absonderlichen,
ungewöhnlichen und charakteristischen Symptome.
Das heisst: Wenn eine Person zu mir kommt, weil bei Ihr vor 5 Jahren ein Morbus Parkinson diagnostiziert wurde, dann macht es keinen Sinn, das Zittern oder die Fallneigung in die Verschreibung einer Arznei zu nehmen. Zittern ist bei dieser Erkrankung weder auffallend, noch charakteristisch. Wenn diese Person aber als erstes zu mir sagt, wenn sie im Stuhl Platz genommen hat, wieviel wieviel Ausgaben sie für die Erstanamnese zu rechnen hätte, weil zu viel wolle sie hier doch nicht ausgeben…, dann ist dies um einiges höher zu werten!
Kent hat also begonnen, die Menschen als Arzneimittel, bzw. die Arzneimittel als Menschen zu sehen.
Und wenn man so denkt, dann fängt die Anamnese bei denjenigen, die nach Kent arbeiten schon im Wartezimmer an:
- Wie ist er angezogen?
- Schaut sie mir in die Augen?
- Wie ist der Händedruck?
- Eine starke oder eine flüsternde Stimme?
- Also ein eher extrovertiertes oder eher introvertiertes Auftreten?
- Erzählt er von sich aus oder muss ich alles erfragen?
- Ist sie auffällig gross oder klein gewachsen?
- Beginnt sie beim Erzählen ihrer Beschwerde zu weinen?
- etc. …
Der Sinn der Arzneimittelbilder:
Mit Arzneimittelbildern lässt sich eine Arznei wunderbar zusammenfassen. Wenn also eine Person in alten, aber sehr ordentlich Kleidern zur Anamnese kommt, von vielen Ängsten und Ruhelosigkeit geplagt wird, sehr hypochondrisch ist und sehr beruhigt werden muss, was aber selten gelingt, wenn sie sparsam bis geizig ist, sehr genau und pingelig, alles geplant und sorgfältig vorbereitet ist und vielleicht als Krönchen noch ein zwanghaftes Verhalten aufweist, dann weiss ich, dass diesem Menschen wahrscheinlich Arsen oder eine Arsenverbindung sicher gut tun würde…
Unser erstes Arzneimittelbild, das ich in der SHI erhielt, war Arnica Montana. Hergestellt aus einer Pflanze / Blume mit dem deutschen Nahmen Bergwohlverlei oder auch Echte Arnika.
Nun gut: Ich habe gut zugehört und alles mitgeschrieben, damit es in meinem Hirn abgespeichert wird. Aber als ich bei der siebten Seite fertig war, sagte ich: „Mein Gott, es gibt so viele Mittel! Ich gebe jetzt schon auf den ich kann nicht für jedes einzelne Mittel sieben oder acht Seiten abspeichern!“
Und das entspricht auch nicht der Realität. Die Arzneien müssen nicht seitenweise im Kopf abgespeichert werden. Je mehr man weiss, desto besser. Aber was man sicher wissen sollte, sind die Hauptpunkte einer Arznei.
In diesem Falle zB. das Wissen, dass Arnica montana oft akut als ein Verletzungsmittel gebraucht wird. Darum wird es von vielen „erste-Hilfe-Mittel“ genannt.
Verletzung von Muskeln und Faszien. Quetschungen der Haut, Muskeln, Augen und vor allem auch stumpfen Traumata an Kopf und Abdomen.
Ebenfalls ist es ein wunderbares Schockmittel, zB. ein Autounfall. Wenn man den Patienten untersuche will, dann sagt er, dass alles in Ordnung ist und der Untersucher sich besser um die anderen kümmert. Grosse Schmerzempfindlichkeit und es nicht, berührt zu werden. Arnica ist sehr apathisch.
Bei einer Grippe hat der Patient das Gefühl, er sei von einem Lastwagen überfahren worden. Alles schmerzt und ist wund, als ob er geschlagen worden sei…
Bekannt auch bei starken Blutungen beim Zahnarzt, bei der dentalhygienischen Behandlung, als erstes Mittel nach einem Apoplex, bzw einem Gehirnschlag, ebenso als erste Arznei bei einer Knochenfraktur, zB. des Oberschenkels.
Arnika kann auch Hilfreich nach einem Marathon sein, wenn sich ein oder zwei Tage danach der Muskelkater so stark zeigt, als wäre man unter den Zug geraten…
So lernen die heutigen Homöopath*Innen die Arzneien kennen und können dann aufgrund von
auffallenden und seltsamen Symptomen beim Menschen auf ein Arzneimittelbild schliessen. Natürlich kann man das nicht von heute auf morgen - aber das ist nicht nur in der Homöopathie so und ein Meister ist noch nie vom Himmel gefallen..!
Lieben Dank für’s Lesen
und herzliche Grüsse, Claudio