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Immer wieder werden Oscars sozusagen summarisch im Blick auf das bisher Geleistete vergeben. Das gilt auch für Kate Winslet. Sie hätte den Oscar eigentlich schon für ihre allererste Filmrolle als mörderischer Teenager in Peter «Hobbit» Jacksons «Heavenly Creatures» (Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster) von 1994 verdient. Aber dafür wurde sie noch nicht mal nominiert. Nach dem Grosserfolg «Titanic» bewies sie immer wieder, dass sie nicht nur ein Star ist, sondern vor allem auch eine Schauspielerin.
Am grossartigsten war sie in Jane Campions «Holy Smoke» (Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster) von 1999, in dem ihre selbstbewusste junge Ruth sich nicht nur den von Harvey Keitel gespielten Sekten-Deprogrammierer unterwirft, sondern die 24-jährige Kate Winslet auch den 60-jährigen Keitel souverän an die Wand spielt.
Nach all ihren Glanzleistungen kam der Punkt, an dem sie in einem Sketch bei Ricky Gervais sich selber spielte und erklärte, wer einen Oscar wolle, müsse in einem Holocaust-Film mitspielen. Das war 2005. Drei Jahre später spielte sie die illiterate KZ-Wärterin Hanna Schmitz in «The Reader» und bekam wie zur Bestätigung das Goldmännchen endlich nachgereicht.
Jack, der Reporter
Klar, der grosse Jack Nicholson liefert auch im schlechtesten Film brillante Leistungen ab. Filmfreaks wissen, er wurde zwölf Mal für den Oscar nominiert. Trotzdem kann man sagen, dass Jack zwei von drei Mal den Oscar für den falschen Film bekam. Der für «Einer flog übers Kuckucksnest»(1975) geht in Ordnung.
Aber weder das tränendrüsigen Familien-Liebes-Krebs-Drama «Zeit der Zärtlichkeit»(1984), noch die allzu glatte Liebes-Komödie «Besser geht`s nicht» (1997) sind echte Jack-Filme. Man muss die Filme nicht kennen. Die allzu griffigen Titel im emotional-schicken Werbesprech sagen alles.
Echte Jack-Filme sind krass, kantig und schräg. Mit Titeln, die nicht nach Daily Soap klingen. Wie viele seiner früheren Filme. Und nein, es geht nicht um die cineastischen Evergreens «Shining» oder «Chinatown», sondern um Michelangelo Antonionis «Professione: Reporter» (1975, Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster). Filmkunst pur – ein fast vergessenes Meisterwerk mit Jack als frustriertem Kriegsberichterstatter. Definitiv Oscar-würdig. Findet auch Jack. Er besitzt die Rechte an dem Film. Wer ihn nicht kennt: gleich besorgen und anschauen.
Sandra, die Netz-Prophetin
Auch Sandra Bullock bekam den Oscar für den falschen Film. Sie erhielt ihn für die schreckliche Schmonzette «Blind Side – eine zweite Chance» (2009), in der sie eine schrecklich blondgefärbte Wohlstands-Mama spielt, die einem schrecklich grossen Problemkind eine Football-Karriere ermöglicht. Gruselig.
Wenn Sandra dieses Jahr den Oscar für «Gravity» bekommt, wäre die Oscar-Welt wieder in Ordnung. Rückblickend hätte sie ihn zweifellos für den Internet-Thriller «The Net» (1995, Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster) verdient. Ein unterschätzter Film mit Zukunftsvision, in der Sandra eine Verschwörung im Netz aufdeckt. Die Bullock als pizzafressende Einzelgängerin in einem Film, der vor fast 20 Jahren Internet-Probleme von heute – also Überwachung und so – angesprochen hat. Sensationell.
Al, der aufrechte Polizist
Sieben Mal war Al Pacino nominiert für den Oscar, drei Mal als Nebendarsteller, vier Mal für eine Hauptrolle. Verdient hätte er die Auszeichnung schon für seine Titelrolle als ehrlicher Polizist in Sidney Lumets «Serpico» (Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster).
Zumal er damals gegen gewichtige Konkurrenz antrat: Marlon Brando («Ultimo Tango a Parigi»), Robert Redford («The Sting»), Jack Nicholson («The Detail»). Sie alle verloren gegen Jack Lemmon in «Save the Tiger», ein Film, an den sich heute kaum mehr jemand erinnert.
Pacino war in allen «Godfather»-Filmen grossartig. Er war hinreissend in «Dog Day Afternoon» und unglaublich in «Dick Tracy». Dann spielte er 1992 im Remake «Scent of a Woman» den blinden Ex-Militär Frank Slade mit Hooha!-Gebrüll und seinem von da an typischen Overacting – die Briten nennen das Kulissenfressen, «chewing the scenery» – und bekam ausgerechnet dafür den Academy Award. Seither hat er nicht mehr aufgehört mit Augenrollen und Hooha!
Jennifer, die «White-Trash»-Perle
Jennifer Lawrence hat mit ihren knapp 24 Jahren schon eine steile Hollywood-Karriere hinter sich. Letztes Jahr wurde ihr Schauspieltalent das erste Mal mit einem Oscar belohnt. Lawrence erhielt die goldene Statue für ihre Rolle als Tiffany in der (leicht) tragischen Komödie «Silver Linings Playbook». Sie bietet darin an der Seite von Bradley Cooper sicher eine ansprechende Leistung als emotional instabile junge Witwe.
Das ist aber kein Vergleich mit der 17-jährigen Frau, die sie im Film «Winter's Bone» (Tailer, Link öffnet in einem neuen Fenster) spielt. Diese Figur trägt die ganze Last einer düsteren, deprimierenden «White Trash»-Geschichte und Jennifer Lawrence brilliert in dieser Rolle. Das brachte ihr zwar schon eine Oscar-Nomination ein. Aber mit ihren 20 Jahren war sie der Jury damals vielleicht doch etwas zu jung – und vielleicht auch zu wenig fröhlich.
Denzel, der Bürgerrechtler
US-Rapper Jadakiss fragte in seinem Song «Why» (2004): «Why Denzel have to be crooked before he took it?» It – damit ist der Oscar gemeint. Ein valabler Punkt. Mit seinem markanten Auftritt als korrupter Drogen-Cop Alonzo Harris gewann Washington 2001 die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller in «Training Day». Damit war er nach Sidney Poitier im Jahr 1963 erst der zweite Afro-Amerikaner, der den Oscar erhielt.
Verdient hätte er sie schon vorher. Nämlich in seiner Rolle als Black-Muslim-Anführer «Malcolm X» (1992, Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster) oder spätestens als Boxer Rubin Carter in «The Hurricane» (1999, Trailer, Link öffnet in einem neuen Fenster). Ob Schwarze nur einen Oscar gewinnen können, wenn sie sich Weissen unterwerfen oder Stereotypen bestätigen, wie es Jadakiss in seinem Rap-Song vermutet, sei hier offen gelassen.
Haben Sie weitere Beispiele für «falsche Oscars»? Lassen Sie es uns per Kommentar wissen.