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Von allen Personen, die Richard Dindo in seinen Filmen schon porträtiert hat, stand ihm Franz Kafka wohl am nächsten. Jedenfalls schreibt er in einem zu seinem neuen Film publizierten Text: «Ich fühlte mich ihm so nah wie einem weit weg lebenden Halbbruder, dem ich nie begegnet war, von dem ich immer nur gehört hatte und von dem eines Tages die schreckliche Nachricht kam, dass er gestorben sei. Das schmerzhafte Bewusstsein, ihn nicht gekannt zu haben, hat meine ganze Adoleszenz und viele Jahre meines nachfolgenden Lebens überschattet.» So ist Wer war Kafka? möglicherweise eine Arbeit, mit der Dindo der Persönlichkeit Kafkas nicht nur für die Betrachter des Films, sondern auch für sich selber näherkommen wollte. Und er tat dies nicht durch eine spekulative Ausdeutung von Kafkas literarischen Texten, sondern durch das Zeugnis von Menschen, die den Dichter in seinem Alltag persönlich gekannt und in seiner menschlichen Not erlebt haben – sowie durch eine bildhafte «Hinterfragung» der Örtlichkeiten, an denen er lebte.
In diesem Sinne hat sich Dindo auf die Zeugnisse von drei Männern und drei Frauen gestützt, deren Worte er durch Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen lässt. Damit verbindet er Elemente des Spielfilms mit jenen des Dokumentarfilms. Was dabei entsteht, ist allerdings nicht das, was man gemeinhin einen «dokumentarischen Spielfilm» nennt, sondern eher eine Form, die man allenfalls, wenn man sie unbedingt benennen wollte, einen «gespielten Dokumentarfilm» nennen könnte. Die sechs Interpreten «spielen» ihre Rollen denn auch nicht, sie kommen einfach in der Rolle der betreffenden Zeugen ins Bild und geben ihr Statement ab.
Auf diese Weise erlebt man, interpretiert durch den Schauspieler Eckart Alexander Wachholz, Kafkas Freund Max Brod (1884–1968), der schon 1937 eine Kafka-Biografie schrieb, aus der im Film zitiert wird. Als weiteren wichtigen Zeugen sieht man, dargestellt durch den Schauspieler Carl Achleitner, Gustav Janouch (1903–1968), den Sohn eines Arbeitskollegen von Kafka, der in den zwanziger Jahren seine «Gespräche mit Kafka» niederschrieb, die nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert wurden. Auf seine Aussagen geht auch das von Hans-Gerd Koch herausgegebene Buch «Als Kafka mir entgegenkam» zurück. Weitere persönliche Erinnerungen stammen vom Schweizer Schriftsteller und Graphologen Max Pulver (1889–1952), dessen Rolle der Schauspieler Peter Kaghanovitch übernommen hat. Von den mit Kafka befreundeten Frauen ist Felice Bauer (1887–1960) besonders wichtig, mit der der Dichter zweimal verlobt war und der er Hunderte von Briefen geschrieben hat. Im Film wird sie von Irene Kugler dargestellt. In literarischen Kreisen berühmt geworden sind die Briefe, die Kafka an die (im Film von Hana Militka dargestellte) Journalistin und Übersetzerin Milena Jesenská (1896–1944) schrieb, die 1920 eine Erzählung Kafkas ins Tschechische übertrug und so mit dem Dichter bekannt wurde. Zitiert wird im Film aus ihren Briefen an Max Brod sowie aus einem nach Kafkas Tod in einer Zeitung publizierten Nachruf. Die einzige Frau schliesslich, mit der Kafka (vom September 1923 bis zu seinem Tod am 3. Juni 1924) jemals zusammengelebt hat, war die aus einer chassidischen, ostjüdischen Familie stammende (im Film von Renata Stachowicz-Brycka gespielte) Dora Diamant (1904–1952). Der im Film gesprochene Text stammt aus einem Brief, den sie nach Kafkas Tod an Max Brod geschrieben hat. Kafkas eigene Texte werden im Film von Ulrich Matthes gesprochen.
Dindo hat es in seinen Filmen immer wieder verstanden, Landschaften, Städte und Häuser, die für die porträtierten Personen einst wichtig gewesen sind, «sprechen» zu lassen. So wird auch Wer war Kafka? von alten Stichen und einzelnen Filmaufnahmen jener Plätze, Strassen und Gassen der Quartiere von Prag begleitet, in denen Kafka seine jungen Jahre verbrachte. Darüber hinaus verharrt die Kamera immer wieder auf endlosen Häuserfassaden und leeren Fensterfronten aus heutiger Zeit, um nur gelegentlich den Blick in ein unbewohntes Zimmer freizugeben. So entsteht eine Stimmung der Unbehaustheit, Einsamkeit und Verlorenheit, wie man sie etwa aus den Gemälden des amerikanischen Malers Edward Hopper kennt – und im übertragenen Sinn eben aus den literarischen Werken Kafkas. In seinem bereits erwähnten Text kommentiert Dindo: «Der Film ist ein ständiger Kampf um das Bild, eine eigentliche Reflexion darüber, wie man die Vergangenheit mit Bildern darstellen kann und wie man die geschriebene Sprache oder das gesprochene Wort dazu braucht.»
Dindo lässt den Zuschauer an diesem Kampf um das Bild teilhaben. Aus den Aussagen der Zeugen und aus den mit ihnen alternierenden Filmbildern ergibt sich – oft mehr durch Auslassungen als durch Feststellungen – die Vorstellung eines an der Welt, am Leben und nicht zuletzt an seinem eigenen Körper leidenden Menschen, den wir unwillkürlich liebgewinnen, auch ohne Bezug zu seinen genialen literarischen Werken. Für die Liebhaber dieser Werke wird Dindos Film zu einer unerlässlichen Ergänzung zu allem, was sie über Kafka schon gelesen und gehört haben.
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