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Betrachtet man die Lohnungleichheit, die in Zug herrscht, fallen mehrere Dinge auf. Erstens, dass sie verglichen mit den anderen Schweizer Kantonen hoch ist. Zweitens, dass die Einkommensungleichheit in den letzten Jahren stark angestiegen ist. Drittens, dass sie vergleichbar ist mit der Ungleichheit in Kolumbien oder Honduras. zentral+ ist verdutzt und sucht nach Antworten.
Der Gini-Koeffizient sagt uns, wie gross die Lohnungleichheit in einem Land, einer Gemeinde oder einer Region ist. Ist er bei 0, verdienen alle genau gleich viel. Ist er bei 1, kriegt einer alles, und alle anderen nichts. Ergo: Je höher der Gini-Koeffizient, desto grösser die Lohnungleichheit. Und der Kanton Zug ist vorne mit dabei, wenn man die Lohnungleichheit aller Schweizer Kantone in Betracht zieht. Noch weiter vorne steht nur der Kanton Schwyz.
Auf einer Ebene mit Haiti
Konkret weist Zug einen Gini-Koeffizienten von 0,58 auf. Und wenn man in die Welt hinausblickt, dann lässt sich ein dreister Vergleich ziehen. Zug ist, was die Lohnungleichheit betrifft, laut Weltbank ähnlich auf mit Ländern wie Haiti, Kolumbien oder Honduras. Das schreit förmlich nach einer Erklärung. Ist ein solcher Vergleich überhaupt machbar? Was besagt der Gini-Index tatsächlich, und ist es per se schlecht, wenn dieser immer grösser wird?
«Der Gini sagt nichts über die Höhe der Einkommen aus, sondern nur über die relativen Unterschiede.»
Josef Zweimüller, Wirtschaftsprofessor
Zugegeben, es ist ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen, vergleicht man den Gini-Koeffizienten von Zug mit jenem von Honduras. Nimmt man beispielsweise den Index der Schweiz, ist das Bild ein ganz anderes. Die Schweiz nämlich hat einen Koeffizienten von 0,32. Und der ist nur wenig tiefer als jener von Grossbritannien und Polen und etwa gleich hoch wie jener von Niger.
Ein Vergleich, der hinkt
Josef Zweimüller, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich, erklärt: «Der Vergleich zwischen der Schweiz und Honduras hinkt. Dort hat es viele sehr, sehr arme Leute. In der Schweiz gibt es jedoch keine absolute Armut. Der Gini sagt nichts über die Höhe der Einkommen aus, sondern nur über die relativen Unterschiede.»
«Spitzenverdienende schneiden sich den grösseren Teil des Kuchens ab, während die breite Masse damit nicht Schritt halten kann.»
Josef Zweimüller, Wirtschaftsprofessor
Und was heisst das nun für Zug? Zweimüller präzisiert: «Das heisst einfach, dass es in Zug Leute hat, die sehr viel verdienen.» Und dies, so seine Vermutung, da sie von den niedrigen Steuern angelockt wurden. Wie lässt sich das einordnen? «Ungleichheit ist ein grosses Thema. In den USA gar stärker als in der Schweiz. Es ist eine Tendenz, die in den letzten Jahren gewaltig zugenommen hat. Und sie bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass Spitzenverdienende sich den grösseren Teil des Kuchens abschneiden, während die breite Masse damit nicht Schritt halten kann.»
Eine unerwünschte Entwicklung?
Das klingt nach einer Entwicklung, die beim Grossteil der Bevökerung nicht erwünscht ist. «Sie gefährdet zu einem Stück wohl den Zusammenhalt der Gesellschaft. In den USA wird darüber diskutiert, dass die Top 0,1 Prozent der Bevölkerung ihr Geld verwenden, um politischen Einfluss auszuüben. So werde der politische Prozess gestört. Das ist ein wichtiges Argument.» Im Grunde sei es also eine Diskussion darüber, dass sehr wenige Menschen sehr viel Macht hätten.
Eine Studie des Center of Research in Economics, Management and the Arts in Zürich belegt denn auch, dass eine Entwicklung, wie sie in Zug stattfindet hierzulande, mit Ausnahme von Schwyz, in der Schweiz unüblich ist. So ist der Gini-Koeffizient von Zug in den letzten Jahren verglichen mit dem Schweizer Durchschnitt stetig und markant angestiegen.
«Ungleichheit kann Anreize schaffen, damit sich die Bevölkerung mehr anstrengt, um etwas zu erreichen.»
Josef Zweimüller, Wirtschaftsprofessor
Die Lohnungleichheit, wie sie in Zug besteht, habe jedoch nicht nur Nachteile, so Zweimüller. «Ungleichheit kann Anreize schaffen, damit sich die Bevölkerung mehr anstrengt, um etwas zu erreichen.» Ausserdem profitiere Zug durch reiche Einwohner von positiven Steuereffekten. «Das wiederum kann sich jedoch auf die Immobilienpreise auswirken, was sich auf Familien und Junge auswirken kann. Die haben es dann schwerer.» Eine Entwicklung also, wie sie in Zug klar spürbar ist (zentral+ berichtete).
Bildung gegen Lohnungleichheit?
Eine elementare Massnahme, um grosser Lohnungleichheit entgegenzusteuern, sei laut Zweimüller, in die Bildung zu investieren. «Wenn Jugendliche auf der Strecke bleiben, ist das eine gesellschaftlich ungesunde Situation.»
Um Ungleichheit zu bekämpfen, gebe es immer auch die Möglichkeit der Umverteilung durch Steuern und Transferleistungen. «Hier muss jedoch berücksichtigt werden, dass man mehr Gleichheit meist nur zum Preis von Effizienzverlusten bekommen kann. Wenn man, wie im Kanton Zug, auch einem starken Steuerwettbewerb ausgesetzt ist, besteht auch die Gefahr, dass gut Verdienende abwandern oder weniger zuwandern», so Zweimüller. Das könne sich längerfristig nachteilig auf die Region auswirken.
«Allein wegen dieser Ziffer sehe ich keinen Handlungsbedarf.»
Der Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin
Und wie sieht das der Zuger Finanzdirektor? Den hohen Gini-Koeffizienten, den der Kanton Zug aufweist, beunruhigt den Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin nicht. «Allein wegen dieser Ziffer sehe ich keinen Handlungsbedarf. Insbesondere darum, weil es wohl wenig Sinn macht, nur den Kanton Zug zu berücksichtigen. Da müsste man die ganze Wirtschaftsregion miteinbeziehen.» Hegglin weist darauf hin, dass es andere Orte in der Schweiz gibt, die, je nach Stadtteil oder Gemeinde, einen ähnlich hohen Gini-Koeffizienten aufweisen wie Zug.
Federer und die Putzfrau
Und da hat Peter Hegglin durchaus recht. Die Gemeinde Walchwil hat einen Gini-Koeffizienten von sage und schreibe 0,70; Feusisberg im Kanton Schwyz bietet 0,72 und die Schwyzer Gemeinde Wollerau trumpft gar mit 0,78 auf. Kein Wunder, ist der Koeffizient dort so hoch. Dort unter anderem Roger Federer. Wohnt seine Putzfrau mit einem hypothetischen Monatslohn von 3300 Franken ebenfalls im gleichen Dorf, erübrigt sich die Frage, warum der Gini-Koeffizient dort so hoch ist.
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