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«Mami? Was schreibst du denn übers Träumen?» – «Ja, was denkst denn du, was Träumen ist?» Als Antwort auf meine Frage präsentiert mir meine 6-jährige Tochter kurze Zeit später die zwei folgenden Skizzen mit der Erklärung: «Träumen ist wie Denken – aber beim Träumen schläft man und beim Denken ist man wach.»
Bilder: Melanie Ramseyer, Skizzen von Josephine (6) zum Träumen und Denken
Stimmt das? Lässt sich aus psychologischer Sicht der innere Prozess des Träumens mit demjenigen des Denkens vergleichen? Ist der ausschlaggebende Unterschied lediglich der des anderen Bewusstseinszustands oder – was ist der Traum eigentlich genau?
Es ist offenkundig, dass sich die Zustände des Schlafens oder auch des Träumens und des Wachseins durch eine tiefe Veränderung der unmittelbaren Erfahrung auszeichnen – die Wahrnehmung von uns selbst oder auch unserer Umgebung weist dabei eine grundlegend andere Qualität auf. Und doch finden sich zwischen den Träumen im Schlaf und den Erlebnisinhalten des Wachzustandes enge Verbindungen, denn die Spuren der Erfahrung – was wir bewusst wie auch unbewusst wahrnehmen, kognitiv verarbeiten, um darauf mit Emotionen und Motivationen zu reagieren –, aber auch die sensorischen Reize der unmittelbaren Umgebung beeinflussen unsere Trauminhalte erheblich.
In Bezug auf Letzteres haben Studien gezeigt, dass das Traumgeschehen von Probanden, deren Gesichter während einer REM-Schlafphase (in welcher am häufigsten geträumt wird) mit kaltem Wasser bespritzt werden, häufiger mit Wasser zu tun hat. So träumten sie beispielsweise von einem Wasserfall oder auch einem undichten Dach. Die Überlegung, dass auch die tagsüber gemachten Erfahrungen, Freud nennt diese in seiner Traumtheorie «die Tagesreste», massgeblich zur Architektur des Traums beitragen, wurde bereits 300 v. Chr. von Menander von Athen in den folgenden Worten aufgegriffen: «Wobei du am Tag verweiltest, das wird dir folgen in der Nacht.» Diese Aussage lässt sich heute mit Ergebnissen aus aktuellen Traumforschungen stützen, welche zum Beispiel zeigen, dass Menschen aus Jäger- und Sammlergemeinschaften häufiger von Tieren träumen als in Städten lebende Menschen, oder Musiker doppelt so häufig von Träumen mit Musik berichten wie Nichtmusiker. Auch nach einem Trauma erzählen viele Personen von Albträumen.
Demnach scheint auf der Basis der aktuellen Forschungslage unumstritten, dass Träume wie auch unsere Denkprozesse von sehr ähnlichen Quellen beeinflusst werden.
Bei der Entwicklung des Denkens fällt auf, dass Kleinkinder bis etwa zum 4. Lebensjahr Träumen im Schlafzustand und Denken im Wachzustand noch gar nicht unterscheiden. Mir ist dazu eine Anekdote meines Professors in Erinnerung geblieben: Die 4-jährige Ina will beim Frühstück der Mutter einen Traum erzählen. Lisa, die ältere Schwester, drängt zur Eile, weil sie in die Schule muss und den Traum auch mitbekommen möchte. «Dasch nid nötig», meint Ina, «du bisch ja derbii gsii!». Dieses Phänomen der Vermischung zwischen Wach- und Traumbewusstsein bleibt nicht auf das Kleinkindalter beschränkt, denn wir alle kennen diese Grauzone des Aufwachens, in welcher der lebhafte Traum uns als Wirklichkeitserfahrung erscheint. Nächtliche Gefühle und Trauminhalte hallen bis weit in den Tag hinein nach, so dass wir uns diese Geschichten, oft die bizarrsten und originellsten, gegenseitig erzählen.
Begleitet werden solche bewussten Auseinandersetzungen mit den eigenen Träumen häufig von der Frage nach deren Bedeutung. In der Literatur tritt das Motiv des Traums vor allem als Vorausdeutung – also als eine Art Weissagung, Vision – auf. Die Interpretation der Träume wird auf die Zukunft gerichtet, inspiriert zu bestimmten Handlungen. Auch die kulturelle Praxis vieler nichtwestlicher Gruppen spiegelt diese zukunftsbezogene Orientierung der Traumauslegung wider: «Wenn wir träumen, dass das Feuer uns verbrennt, werden wir später von einem wilden Tier gebissen, von einer Spinne oder einer Feuerameise zum Beispiel. Wenn sich ein junger Mann zurückzieht und träumt, er klettere auf einen hohen Baum oder er sähe einen langen Weg, wird er lange leben», berichten Kapolo-Indianer aus Zentralbrasilien. Seit Freud zeigt sich aber eine andere Perspektive: Er schaute in der Zeit zurück, um die Bedeutung der Träume zu erkennen. Träume bestehen für ihn aus latenten Inhalten, welche sich aus unbewussten kindlichen Erlebnissen und unterdrückten Wünschen zusammensetzen. Doch zu diesen muss man sich erst mal in mühsamer Traumarbeit zurückkämpfen, um sie zu demaskieren. Aber, sind Wünsche nicht immer auch zukunftsbezogen? Demnach wären Träume im Freud’schen Sinne nicht ausschliesslich vergangenheitsgerichtet.
Wissenschaftliche Belege für Freuds Traum- und Wunschtheorie gibt es keine, jedoch hat sie, durch die Betonung der psychischen Wichtigkeit von Träumen, den Weg für weitere Traumforschung geebnet. Warum träumen wir also, wenn nicht lediglich zur Wunscherfüllung? Die Forschung präsentiert hierbei verschiedene Erklärungsansätze, die uns vielleicht auch der Beantwortung der These meiner Tochter, wonach Träumen dasselbe sei wie Denken, einfach im Bewusstseinszustand des Schlafens, etwas näherbringen.
Ein Ansatz, welcher gerade für Schülerinnen und Schüler von besonderer Wichtigkeit sein könnte, ist der, dass Träume uns dabei helfen, Erinnerungen abzuspeichern – insbesondere in den Phasen des REM-Schlafs. Aber nicht nur das; das Träumen verschafft auch Klarheit über die Erlebnisse des Tages. Als Konsequenz für nachhaltiges Lernen kann deshalb abgeleitet werden, dass, wer zu wenig schläft, neu gelernten Stoff nicht effektiv im Gedächtnis verankern wird. Forscher gehen sogar soweit, dass sie Zusammenhänge zwischen guten Leistungen und der Menge an Schlaf sehen. Gute Schüler schlafen nämlich durchschnittlich 25 Minuten mehr pro Nacht als ihre Mitschüler mit schlechteren Leistungen. Und: ein guter Nachtschlaf wirkt sich fördernd auf das problemlösende Denken des nächsten Tages aus. Auch stimuliert das Träumen das Gehirn und hilft dabei, Nervenbahnen zu bewahren oder auch zu entwickeln. Träumen und Denken – ein scheinbar gutes Team. Eine andere Theorie besagt aber, dass gerade der REM-Schlaf selbst Impulse auslöst, welche dann als innere Reize vom Gehirn zu interpretieren versucht werden. Und wie Freud schon vermutet hat, sind während dieser Schlafphase insbesondere diejenigen Gehirnareale aktiv, welche mit Emotionen oder visuellen Bildern zu tun haben – der Frontallappen aber schläft. Und da haben wir die originellen, hemmungslosen und wunschbehafteten Träume.
Ein letzter Ansatz zur Erklärung, weshalb wir träumen, lässt die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse aussen vor. Er beinhaltet die Vorstellung, dass Träume Ausdruck des Entwicklungsniveaus des Träumers, seines Wissens und seines Verständnisses der Welt sind – deshalb auch die unterschiedlichen Träume je nach Alter, situativen Bedingungen und Sprache. Bestimmt hier etwa das Denken den Trauminhalt?
Diese Frage führt mich zu einer abschliessenden Überlegung: Kann man sich dessen bewusst sein, dass man träumt, während man träumt? Man stelle sich vor, man schläft und das klare Denken tritt plötzlich in das Traumbewusstsein ein – aber man wacht davon nicht auf. Die Traumhandlung kann sogar plötzlich kontrolliert, gemäss persönlicher Ziele und Wünsche gelenkt werden und deren Ende liegt in den Händen des träumend denkenden Autors. Solche luziden Träume sind erwiesenermassen möglich. Denken im Schlafzustand zum Träumen werden lassen – ist möglich. Träumen mit Denken vergleichen, Josephine – ist möglich.
Von Melanie Ramseyer, Psychologielehrerin