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Lise J. Abid: Journalistinnen im Tschador – Frauen und gesellschaftlicher Aufbruch im Iran
von Hamit Duran, Turgi
In den vergangenen Monaten wurde in den Medien regelmässig über den Iran berichtet. Anlass dazu gab es mehr als genug. Da war das schwere Erdbeben, das am 26. Dezember 2003 die historische Stadt Bam im Norden Irans praktisch vollständig zerstörte und über 40'000 Todesopfer forderte. Danach folgten am 20. Februar 2004 die Parlamentswahlen, die von den sogenannten «Konservativen» mit deutlicher Mehrheit gewonnen wurden. Vorangegangen waren Proteste von Studenten und ein Sitzstreik der vom Wächterrat ausgeschlossenen Parlamentskandidaten. Selbst eine Ermahnung von Präsident Khamenei nützte nichts, mehrere Tausend sogenannte «reformorienterte» Kandidaten wurden nicht zu den Wahlen zugelassen. Es wurde von einer grossen Enttäuschung in der Bevölkerung berichtet, was sich dann auch in einer relativ niedrigen Wahlbeteiligung von rund 50% niederschlug.
Aber was steckt eigentlich dahinter? Wie leben und fühlen die Menschen im Iran? Was bewegt und beschäftigt sie im Alltag?
Diese Punkte greift Jamila Abid aus Wien in ihrem im Jahre 2001 erschienenen Buch «Journalistinnen im Tschador» auf. In diesem als Ergebnis einer Forschungsarbeit an der Uni Wien entstandenen Werk vermittelt dabei in einer leicht verständlichen Sprache ungewohnte Einblicke in das Alltagsleben der Frauen im Iran. Wie der Titel schon antönt, legt sie dabei ein spezielles Augenmerk auf die Medienlandschaft, die von und für Frauen im Iran verfügbar ist.
Zunächst einmal gibt Jamila Abid einen kurzen Abriss der Geschichte der iranischen Frauenpresse. Dabei erfährt man zum Beispiel, dass bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frauen mit kritischen Artikeln in privaten Zeitungen an die Öffentlichkeit traten. 1910 gab es dann die erste wirkliche Frauenzeitschrift unter dem Titel «Danesch» (Wissen). Mitte des 20. Jahrhunderts erschienen unter dem Eindruck der politischen Strömungen zahlreiche, äusserlich unabhängige Zeitschriften wie «Zan-e Emruz» (Die Frau von heute), «Neda-ye Zanan» (Ruf/Stimme der Frauen) und andere.
In einem weiteren Kapitel ihres Buches widmet sich Jamila Abid dem Frauenbild in den Medien. Interessant ist in diesem Zusammenhang ihre Feststellung, dass die neue revolutionäre Ordnung trotz der Betonung der Rolle der Frau in der Familie nicht ihre Rückkehr zu «Heim und Herd» forderte. Jamila Abid greift dabei auch so delikate Themen auf, wie die Diskussion in der iranischen Gesellschaft, wie denn die Frau z.B. in Filmen zu zeigen sei.
Ein zentrales Kapitel widmet sich dem Ringen um Presse- und Meinungsfreiheit. Dabei spielt eine grosse Rolle, dass die iranischen Printmedien schon bald nach ihrem Aufkommen vor rund 150 Jahren zum wichtigsten Mittel der politischen Argumentation wurden. Die Zensur war jedoch ein ständiger Begleiter der iranischen Presse. Durch die islamische Revolution erlebte sie zwar eine kurze Periode des Nachlassens, diese hielt aber nicht lange an.
Jamila Abid schildert relativ ausführlich den im 2. Jahrzehnt der Revolution immer stärker werdenden Ruf der Öffentlichkeit nach mehr Demokratie sowie Presse- und Meinungsfreiheit. Dazu gehört auch die Beschreibung der Hoffnungen, die die iranische Bevölkerung in die 1997 erfolgte Wahl Khatamis zum Ministerpräsidenten setzte. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass 1999 vom Parlament ein verschärftes Pressegesetz verabschiedet wurde.
Jamila Abid streicht in diesem Zusammenhang die aktive Rolle der Frauenzeitschriften beim Kampf um die Pressefreiheit heraus. So wird zum Beispiel «Payam-e Hadschar» (Botschaft der Hagar) erwähnt, die sich von einem monatlich erscheinenden Frauenmagazin in ein politisches Wochenblatt wandelte und dadurch den Reformkurs Khatamis unterstützte.
Das zentrale Kapitel des Buches widmet sich erwartungsgemäss den iranischen Frauenzeitschriften nach der Revolution. Hier stellt die Autorin die wichtigsten Frauenzeitschriften und –magazine vor, von «Neda» (Der Ruf), einer religiösen Zeitschrift, die von einer Tochter Khomeinis herausgegeben wird, bis zum Familienmagazin «Chaneh va Chanevadeh» (Haus und Familie), die auf einem ihrer Titelblätter einen Vater zeigt, der sein Kind im Arm hält und mit der Babyflasche füttert. Ein doch recht ungewöhnlicher Anblick für ein Land, von dem behauptet wird, dass es religiös-konservativ und patriachalisch geprägt ist.
Die Autorin greift aber auch Themen, wie die Frage der politischen Partizipation von Frauen, die Wahlwerbung für weibliche Abgeordnete, die Diskussion um die Eignung der Frau für das Richteramt oder gar die Präsidentschaft, Frauensport etc. auf.
Ein weiteres Kapitel ist den neuen Medien und Trends gewidmet. Dort wird deutlich, dass Themen wie wechselnde Rollenbilder, Emanzipation der Frau etc. schon lange keine Tabus in der iranischen Gesellschaft mehr sind.
Schliesslich wird das Buch durch einige hochinteressante Interviews. die Jamila Abid mit verschiedenen Exponentinnen der iranischen Frauenpresse führte, abgerundet. Erwähnenswert ist auch der farbige Bildteil in der Mitte des Buches, der eine Vielzahl von Titelseiten der reichhaltigen iranischen Frauenzeitschriften und –magazinen zeigt und dadurch hilft, sich eine bessere Vorstellung des Geschilderten zu machen.
Alles in allem kann gesagt werden, dass Jamila Abid ein hochinteressantes und lesenswertes Buch vorgelegt hat. Es gewährt ungewohnte und tiefe Einblicke in die iranische Gesellschaft, die man aus der gewöhnlichen Presse kaum gewinnen kann, sofern man nicht selbst persönliche Beziehungen zu Iranerinnen oder Iranern pflegt.
Lise J. Abid, Journalistinnen im Tschador: Frauen und gesellschaftlicher Aufbruch im Iran, Brandes & Apsel Verlag, 2001, ISBN-3-86099-212-0