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Was ist Entwicklung? Muss es unbedingt Fortschritt im «europäischen» Sinn bedeuten? Fortschritt, der von einer Zeitachse ausgeht, die immer weiter nach «vorne» fliegt bis in die Unendlichkeit, und nicht, zum Beispiel, zirkulär sein kann wie im indigenen Verständnis? Können wir den Begriff «Entwicklung» in Frage stellen und ihn für andere Bedeutung(en) öffnen? Macht «Entwicklungszusammenarbeit» noch Sinn, wenn wir wirklich und wahrhaftig anerkennen, dass andere Entwicklungs-Logiken nicht weniger Wert sind als «unsere»?
Oder müssen wir den Begriff «Entwicklung» ganz abschaffen, weil er so sehr mit genau einer Art von Entwicklung asoziiert wird, dass man die Umdeutung gar nicht mehr hinkriegt?
TIPNIS
In Bolivien wird viel über Entwicklung gesprochen. Und es hat sich bestätigt, dass darunter genau das verstanden wird, was man im Norden Fortschritt nennt: Also das, was Regenwälder kaputt macht, um Öl zu fördern oder genmanipuliertes Soja anzubauen. Oder, wie im hochaktuellen Fall, um eine Autobahn durch ein Naturschutzgebiet zu bauen: Der zwischen Cochabamba und Beni gelegene Nationalpark TIPNIS ist über 12’000 km2 gross und wurde 1990 zum indigenen Territorium erklärt. Er hat laut Gesetz einen Status der Unantastbarkeit – das heisst, der Bau dieser Strasse (deren erster Drittel 2011 bereits fertiggestellt wurde) ist eigentlich illegal. Passenderweise argumentiert die Regierung, dass die Strasse einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Boliviens leisten würde, weil es das Hochland mit dem Amazonasbecken verbinden und so den Warentransport erleichtern würde.
Nach Protesten und einem Baustopp vor 6 Jahren ist das Thema in den letzten Wochen plötzlich wieder aktuell geworden. Präsident Evo Morales sagte letzte Woche, die Strasse werde früher oder später auf jeden Fall gebaut. Am Dienstag soll das Parlament ein Gesetz verabschieden, das den Schutzstatus des Nationalparks aufhebt. Im Namen des «Fortschritts». Und die Indigenen, die im Gebiet wohnen, würden ihr Territorium verlieren, ihre Lebensgrundlage. Ihre Wurzeln. Die Indigenen, die in Europa immer noch gern als «Indios» bezeichnet werden, als «Urvölker», die noch mitten im Busch leben, halb primitiv. Die also das Gegenteil von Fortschritt und Entwicklung darstellen. Klar – mit der Erde und ihren Ressourcen so umzugehen, dass sie auch den nächsten Generationen erhalten bleibt, ist rückständig, denn auf diese Weise kann man nicht das Letzte aus ihr herauspressen. Sie nicht zu maximal viel Geld machen. Wenn das nicht primitiv ist.
Der Berg ist dagegen
Entsprechend steht beispielsweise für den uruguayischen Forscher und Extraktivismus-Kritiker Eduardo Gudynas der Begriff «Entwicklung» gar nicht mehr zur Debatte. Eine «alternative Entwicklung» sei nicht möglich bzw. Augenwischerei, «Entwicklung» stehe von vornherein im krassen Gegensatz zur indigenen Logik des «Vivir bien», die den Menschen als Teil der Natur sieht und die Erde nicht als Speicher, an dem man sich endlos bedienen kann.
Das Problem besteht darin, dass hier zwei Weltbilder aufeinanderprallen, die so verschieden sind, dass sie sich – zum Beispiel über den Bau einer Strasse oder die Erlaubnis für Ölbohrungen – gar nicht verständigen können. Wenn ein Dorf sich weigert, ihr Territorium freizugeben, weil «der Berg dagegen ist», werden sie nicht ernst genommen. Da ein Berg kein Rechtssubjekt ist, kein politischer Akteur, hat er nicht das Recht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. So sind die Indigenen gezwungen, die Sprache und die Logik der «Entwicklung» zu übernehmen, und enden bei der Forderung nach Kompensationszahlungen, damit sie nicht ganz leer ausgehen. Und was würde passieren, wenn «wir» uns auf «ihre» Logik einlassen würden? Und auf den Berg hören?