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GLOSSAR ZU NIKLAS LUHMANN
THEORIE SOZIALER SYSTEME
Claudio Baraldi / Giancarlo Corsi / Elena Esposito
Suhrkamp 1226
SYSTEM UND UMWELT
Die Differenz System / Umwelt ist der Ausgangspunkt der Luh-
mannschen Systemtheorie. Kein System kann unabhängig von
seiner Umwelt gegeben sein, denn es entsteht dann, wenn seine
Operationen eine Grenze ziehen, die das System von dem unter-
scheidet, was als Umwelt ihm nicht angehört: Kein System kann
außerhalb seiner Grenzen operieren [siehe Operation/Beobach-
tung]. Ohne eine Umwelt, von der es sich unterscheidet, könnte
kein System bestimmt werden; das System muß ein autonomer
Bereich sein, in dem besondere Bedingungen gelten, die sich ei-
ner Eins-zu-Eins-Entsprechung mit den Umweltzuständen ent-
ziehen [siehe Autopoiesis].
Eine Grenze festzustellen heißt nicht, das System zu isolieren.
Die Operationen sind immer interne Operationen, aber auf der
Ebene der Beobachtung kann die Grenze überwunden werden
und können unterschiedliche Formen der Interdependenz zwi-
schen System und Umwelt festgestellt werden. Jedes System
braucht eine ganze Reihe von Umweltvoraussetzungen; ein so-
ziales System braucht zum Beispiel die Verfügbarkeit psychi-
scher Systeme, die an der Kommunikation teilnehmen können,
neben einer kompatiblen physikalischen Umwelt (Temperatu-
ren innerhalb einer bestimmten Variationsspanne, angemessene
Schwerkraft etc.) und vielen anderen Bedingungen. Ein und das-
selbe Ereignis kann außerdem zugleich dem System und seiner
Umwelt angehören. Ein bestimmtes Ereignis kann zum Beispiel
Element sowohl eines sozialen Systems (als Kommunikation) als
auch eines psychischen Systems (als Gedanke) sein, obwohl diese Systeme füreinander wechselseitig Umwelt sind [siehe Interpenetration]; dieses Ereignis unterliegt Bedingungen, die innerhalb des Systems immer andere als in seiner Umwelt sind [siehe Ereignis].
Die Umwelt ist ihrerseits nicht »an sich« Umwelt, sondern im-
mer Umwelt eines Systems, für das sie das Außen (»alles übrige«)
ist. In bezug auf ein System gehört alles, was nicht in das System
hineinfällt, zur Umwelt - die dann für jedes System eine andere
ist. Die Umwelt wird in der Tat von den Operationen eines Sy-
stems als Rest konstituiert (als »Negativkorrelat«: sie schließt
alles ein, was nicht zum System gehört) und ist selbst kein Sy-
stem; sie verfügt weder über eigene Operationen noch über eine
eigene Handlungsfähigkeit. Die Attribution [siehe Attribution]
auf die Umwelt ist eine interne Strategie des Systems zur Bewäl-
tigung der eigenen Komplexität.
Die Umwelt ist nicht wie das System von Grenzen, sondern von Horizonten umgeben, die nie überwunden werden können, weil sie mit der Komplexitätszunahme des Systems wachsen; der Horizont entfernt sich, je mehr man sich ihm nähert.
Die Systemrelativität der Umwelt impliziert weder eine Abwer-
tung der Umwelt noch eine Unterordnung ihrer Rolle. Der An-
fangspunkt der Theorie ist weder das System noch die Umwelt
sondern ihre Differenz, für die beide Seiten gleichermaßen unerläßlich sind.
Es gibt keinen Aufbau eines Systems ohne eine Beziehung zur Umwelt, und auch keine Umwelt ohne System: sie entstehen nur zusammen. Auf der einen Seite ist die Handlungsfähigkeit Eigenschaft eines Systems und bildet eine Asymmetrie im System/Umwelt-Verhältnis - die sich auch in der Tatsache ausdrückt, daß nur das System ein re-entry der Unterscheidung selbst vollziehen kann. Auf der anderen Seite ist die Umwelt immer die Seite, die die höhere Komplexität aufweist.
Die Unterscheidung System/Umwelt stabilisiert ein Komplexi-
tätsgefälle, das das System zu ständigen Selektionen zwingt und
ihm die Kontingenz aller Operationen auferlegt; die Umwelt schließt immer mehr Möglichkeiten ein, als das System aktualisieren kann. Auch wenn sie immer zum jewei-
ligen System relativ ist, ist die Umwelt somit nicht passiv und
widerstandslos für dessen Bedürfnisse verfügbar; sie weist eigene
Formen und eigene Bedürfnisse auf, mit denen das System sich
konfrontieren muß. In einer absolut chaotischen und entropi-
schen Umwelt wäre allerdings keine Systemkonstitution mög-
lich. Die Umwelt muß wenigstens genug Ordnung aufweisen,
um das Treffen und die Aufrechterhaltung von Unterscheidun-
gen zu ermöglichen [siehe Konstruktivismus].
Um die Strukturierung und die autonome Dynamik der Um-
welt zu verstehen, muß die Unterscheidung zwischen der Um-
welt eines Systems und den Systemen in der Umwelt dieses
Systems (die sich ihrerseits an eigenen System/Umwelt-Unter-
scheidungen orientieren, für die das zuerst genannte System zur
Umwelt gehört) berücksichtigt werden. Die Umwelt eines Kom-
munikationssystems schließt zum Beispiel eine Mehrheit von
Organismen, psychischen Systemen und weiteren sozialen Syste-
men ein - jedes davon ist durch eine spezifische Autopoiesis
charakterisiert und nur minimal von den Operationen des so-
zialen Systems selbst beeinflußt. Kein System kann über die Sy-
stem/Umwelt-Beziehung anderer Systeme verfügen. Deshalb er-
scheint ihm seine Umwelt, die vom System selbst konstituiert
wird, als ein komplexes Netzwerk sich wechselseitig beeinflus-
sender System/Umwelt-Unterscheidungen, die das System nicht
bestimmen kann.
Die Umwelt ist immer viel komplexer als das System, und diese
Asymmetrie kann nicht umgekehrt werden; jeder Versuch des
Systems, seine Umwelt zu kontrollieren, bedeutet eine Verände-
rung in der Umwelt anderer Systeme, die darauf reagieren und
die Umwelt des ersten Systems noch komplexer machen - und
damit das Komplexitätsgefälle reproduzieren.
Dieses Gefälle zwingt das System, gegenüber der Umwelt
schärfere Reduktionen als gegenüber sich selbst vorzunehmen.
Die Umweltkomplexität wird sozusagen »pauschal« verarbeitet.
Das System reagiert mit einer höheren Komplexität auf innere
Ereignisse und Prozesse als auf Ereignisse und Prozesse in der
Umwelt (es könnte sie sowieso nicht alle berücksichtigen); es
zeigt also eine relative Indifferenz für die Umweltgegebenheiten.
Die interne oder externe Zuschreibung ist jedoch selbst eine in-
terne Strategie für die Orientierung der Systemoperationen; was
extern lokalisiert wird, hängt von den internen Strukturen ab
und in der Orientierung auf die Umwelt reagiert das System auf
etwas, was es selbst aufgebaut hat (aber nicht zwingend kontrol-
lieren kann). Das Wirtschaftssystem kann zum Beispiel einen
Börsencrash sich selbst als Folge der eigenen Operationen oder
der Umwelt als Folge politischer Ereignisse, empfindlicher Un-
ternehmer oder anderer Faktoren zuschreiben.
Wenn die Frage der Rationalität [siehe Rationalität] gestellt
wird, gibt es ein re-entry der System/Umwelt-Unterscheidung in
das System, das intern sein Verhältnis zur Umwelt behandelt.
Das Wirtschaftssystem kann sich dann zum Beispiel fragen, wie
die eigenen Prozesse auf das Operieren der Politik gewirkt und
als Rückwirkung die Ereignisse ausgelöst haben, die den Börsen-
crash verursachten.
Kein Datum kann endgültig im System oder in der Umwelt
lokalisiert werden, sondern gehört gleichzeitig je nach der Beob-
achtungsperspektive zu einem System und zur Umwelt anderer
Systeme. Jede Beobachtung muß dann die eigene Systemreferenz bestimmen - also den Beobachter, der sie vollzieht - und kann sich nicht auf die Voraussetzung einer gegebenen Wirklichkeit stützen.
Die Unterscheidung System/Umwelt kann innerhalb des Sy-
stems wiederholt werden. Das System stellt dann selbst eine Um-
welt für die Ausdifferenzierung von Teilsystemen dar, die unter
der Voraussetzung der Komplexitätsreduktion des umfassenden
Systems gegenüber der unbestimmten Umweit eigene System/
Umwelt-Unterscheidungen konstituieren [siehe Differenzie-
rung, Gesellschaftsdifferenzierung]. [E. E.]
Soziale Systeme, 1984, S. 3S ff., 242 ff.; Die Wissenschaft der Gesellschaft, I990, S. 287 ff.; Die Gesellschaft der Gesellschaft, I997, S. 60 ff.
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