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Die Spielleiterin stellte sich vor sie hin, um ihr Spiel zu präsentieren, ein Murmelspiel der besonderen Art. Es stand vor ihnen erhöht auf dem Tisch, damit es alle sehen konnten.
Es sah aus wie eine Murmelbahn, auf denen die schönen Kugeln in die Tiefe rollten und am Ende in einem Becken gefangen wurden, nach ihrem Weg durch die Gänge, die wie Rutschbahnen wirkten. Es ging jedoch nicht regelmässig hin und her und hinunter. Da waren Drehungen, Hüpfer und Ausweichmöglichkeiten und Bereiche, die bewirkten, dass die Kugeln aus der Bahn sprangen.
Die Kugeln sahen wie Glas aus, schillerten in vielen Farben. Wenn man genau hinsah, waren nicht nur Muster darin. Es sah aus wie Leben. Sie waren wie normale Murmeln und doch anders.
Auch die Bahn war anders, nicht nur durch die Abwechslungen. Darin waren weiche Stellen, spitze Stellen mit Dornen, Stellen, die aussahen wie ein Moor, Stellen, die aussahen, wie das Meer, wie Strand, wie Sand, wie ein Bett aus Rosen. Stellen, die hölzern waren, andere die durchscheinend wirkten und andere, die aussahen wie die Eisenstreben beim Eifelturm in Paris. Die Bahn war gross. Die Kugeln auch.
Die Spielleiterin forderte den ersten zum Spiel auf. Er kam näher und bestaunte das Werk. Sie drückte ihm eine der Kugeln in die Hand. „Setz sie hinein und beweg sie mit deinen Gedanken, wohin du sie bewegen willst. Aber pass auf, dass sie nicht selbst die Kontrolle übernimmt und dir entgleitet, denn dann hast du vielleicht verloren, vielleicht auch nicht, vielleicht kannst du dennoch gewinnen, aber es kann auch anders sein. Verlierst du, wirst du Traurigkeit in dir spüren. Gewinnst du, wird Freude entstehen oder Frieden in dir.“
Der Spieler nahm eine Kugel. In seiner Hand veränderte sie sich, begann zu pulsieren, zu leben. Fasziniert sah er sie an und setzte sie sorgfältig hin. Er bewegte sie, sah zu, dass sie nicht in dornenbewehrte Stellen fiel, dass sie nicht hinauskatapultiert wurde, dass sie ihren Weg hinunter fand und im Becken aufgefangen wurde. Geschafft. Gewonnen? Nein, die Kugel war erloschen auf ihrem Weg und er spürte in sich Traurigkeit.
Der zweite versuchte sein Glück, achtete darauf, dass die Kugel, die in seiner Hand Leben gewann, an einer Stelle landete, in der es aussah wie ein Bett aus Rosen. Aber auch er verspürte Traurigkeit. Das gleiche geschah dem, der das Meer wählte, der den Strand wählte, den Sand. Der mit dem Moor, denn an dieser Stelle versank die Kugel und blieb verschwunden. Der Spieler sass bedrückt auf seinem Stuhl und starrte in die Einsamkeit.
Einer verlor die Kontrolle und die Kugel flog in hohem Bogen aus dem Spiel und kullerte davon. Er spürte keine Traurigkeit in sich, aber auch nicht Glück, nur eine kleine Zufriedenheit. Eine Kugel landete in einer Spirale, die nicht aufhörte, sich zu drehen. Der Spieler empfand Hektik, Verdruss, Wut und Aggressivität. Er war in der unheilvollen Spirale gefangen und konnte ihr nicht entfliehen. Er glaubte nicht daran, dass er es konnte und gab das Spiel und sich auf, blieb in seinem Hass, seinem Ärger und einem Gefühl der Ungerechtigkeit verloren. Jemand, dessen Kugel auch in einer Spirale gelandet war, fing es schlauer an. Er steckte einen blühenden Ast in die Spirale und die Kugel fand auf diese Weise einen Weg heraus, war befreit und schwebte in seine Hand zurück. Er spürte Frieden in sich.
Eine der Kugeln verlor sich in einem endlosen Tunnel an Traurigkeiten und Schmerz und erlosch darin. Jeder der Spieler und jede Spielerin versuchte die dornenbewehrten gefährlich aussehenden Stellen zu umgehen.
Da war ein kleines Mädchen. Sie wollte auch mitspielen und hatte, schüchtern wie sie war, allen den Vortritt gelassen, hatte zugesehen, die Reaktionen und Folgen mitbekommen. Sie hatte Gewinnen und Besiegt sein gesehen, hatte Traurigkeit, Wut, Unzufriedenheit und Verlassenheit gesehen und sich gefragt, wie sie das Spiel am besten spielen wollte. Sie sah auf die Dornen. Die meisten der anderen Stellen hatten den Spielern kein Glück gebracht. Manchmal hatten sie ein Schicksal glücklich abgewendet und gewonnen, aber Glück hatte niemand empfunden. Grosse Freude hatte sie bei keinem gesehen.
Sie nahm die Kugel, die ihr am besten gefiel. Sie spürte das Leben in ihr, sie spürte Vibrationen in ihrer Hand, einen Herzschlag. War das der Herzschlag der Kugel oder ihr eigener? Das wusste sie nicht. Sie sah aller Augen auf sich gerichtet und spürte in sich Ängstlichkeit. Doch die Spielleiterin lächelte ihr ermunternd zu. Und so setzte sie ihre Kugel sanft ins Spiel und dirigierte sie zu der Stelle mit den Dornen. Sie wurde gewarnt, sie wurde belächelt, doch sie wollte, dass die Kugel auf diese Stelle traf.
Und dies geschah. Die Kugel landete in den Dornen. Das Mädchen spürte den stechenden Schmerz, den die Kugel litt. Doch es geschah etwas anderes, als alle erwartet hatten. Das Mädchen spürte Mitgefühl, spürte Wärme, spürte Leben, spürte alles, was ein Leben ausmachte, Gefühle und sie sah zu, wie die Kugel zerbrach. Es war nicht das Ende, wie die meisten glaubten. Aus der Kugel, die in Teilen im Spiel lag, flogen Schmetterlinge, bunte, schillernde, lebendige Wesen. Sie flogen in den Himmel. Es waren Träume und Wünsche, die frei wurden, die wahr wurden. Es sah so schön aus, dass die Spielerin eine grosse Freude in sich spürte.
Sie lachte, sie lachte alle an und langsam, beinahe unmerklich, breitete sich auf ihren Gesichtern ein Lächeln aus, ein Gesicht ums andere wurde heller und mit ihnen die Welt. Die Traurigkeit floh. Sie hatten am Ende alle gewonnen.
(c) Esther Grünig-Schöni