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«Guten Morgen meine Damen und Herren, wir sind soeben gelandet. Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit noch so lange angeschnallt sitzen, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben und die Anschnallzeichen erloschen sind. Besten Dank für Ihr Verständnis.»
Die Stimme im Lautsprecher verstummt. Die Flugbegleiterin drückt den Telefonhörer wieder zurück in die Halterung. Läuft in Richtung ihrer Kollegin, um die Passagiere beim Verlassen des Flugzeugs zu unterstützen. Ein älterer Herr, mit schütterem Haar und Brille tappt als letzter Passagier zum Ausgang des Flugzeugs. «Entschuldigung, junge Dame, können Sie mir vielleicht helfen? Mein Sitznachbar hat mir seinen Becher Vanilleglace vom Abendessen überlassen. Ich habe ihn vergessen einzupacken. Er liegt irgendwo hinten auf dem Sitz. Dummerweise habe ich meine Sitznummer vergessen. Könnten Sie ihn mir bitte suchen? Die junge Flugbegleiterin lächelt. «Ja, sicher. Ich glaube, Sie sassen auf Platz 21A. Einen Moment bitte, ich bin gleich wieder bei Ihnen.» Der blonde Stewardess-Engel eilt nach hinten und kehrt freudestrahlend mit einem Papierbeutel zum alten Mann zurück. «Schauen Sie, ich habe Ihr Vanille-Eis in den Papierbeutel gepackt. Mit einem Plastiklöffel,» flötet sie. «Das ist sehr nett von Ihnen, Dankeschön,» antwortet der alte Mann. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» «Danke gleichfalls.» Mit diesen Worten verabschiedet sich die Stewardess. Die Rutsche am Ausgang wird sogleich eingezogen, als der alte Mann unter seinen Füssen den himmlischen Boden berührt. Die Türe zum Flugzeug schliesst sich. Und der Himmelsflieger von EarthSkyAirways rollt leise zur Startbahn.
Der alte Mann blickt sich um. Weitere Passagiere vom selben Flug stehen staunend auf dem himmlischen Untergrund. Ab und zu ist ein «Aaaah, die Milchstrasse!» oder «guck mal, die vielen Sterne» zu hören. Plötzlich schwebt ein leuchtender Stern vor die Neuankömmlinge und führt sie in Richtung Ankunftsbereich. Irgendwo aus dem Nirgendwo ertönt leise der Gesang des Engelschors. Weiter vorne im Raum steht eine lange Theke, wo himmlische Mitarbeiter in weissen Gewändern auf Kundschaft warten. Über dem Infodesk hängt ein langes Schild. Es misst mindestens 5 Meter in der Breite. Auf dem blauen Schild steht in weissen Buchstaben: WELCOME-AREA.
Hinter jedem Arbeitsplatz steht ein Mitarbeiter, flankiert von zwei Stapeln Papier. Der eine in weisser Farbe. Vermutlich das Registrationsformular. Auf der anderen Seite türmt sich ein schwarzer Stapel. Eine Infomappe, ausgerüstet mit Situationsplan und so Zeugs. Der alte Mann steht nun als Erster vor der weissen Linie, die einen gewissen Diskretionsabstand zum Welcome-Desk markiert.
«Halleluja und Hosianna, treten Sie näher», ruft der weissgekleidete himmlische Empfangsmitarbeiter hinter seinem Schalter. «Mein Name ist Hannibal. Ich führe mit Ihnen das Registrierungsprozedere durch. Gebe Ihnen die Himmelsordnung ab und beantworte ihre ersten Fragen. Haben Sie das verstanden?» Der alte Mann nickt. Räuspert sich. Ein leises «Ja» huscht über seine Lippen. «Schreiben Sie sich bitte hier ein. Name, Vorname, Geburtsdatum und letzter irdischer Wohnort reichen. Das brauchen wir für unsere Statistik,» erklärt Hannibal dem neuen Bewohner.» Der alte Mann kritzelt seine Personalien auf den Zettel. Und schiebt das Papier mit Stift zurück in Richtung des himmlischen Mitarbeiters. «Herzlich willkommen im Himmel, Walter. Hatten Sie eine angenehme Reise zu uns?» fragt er neugierig. «Ja, die Abflugzeit wurde mir zwar kurzfristig mitgeteilt. Ich befürchtete, ich könnte die Reise wegen des Nachtflugverbotes ab 23.00 Uhr in der Schweiz erst am nächsten Tag antreten. Das war echt knapp, puuuh,» antwortet Walter erleichtert. «Alles okay, hier oben kennen wir keinen Stress, Sie befinden sich jetzt im Himmel. Ein Ort, wo es keinen materiellen Besitz mehr gibt. Sie dürfen sich ab sofort frei, schwerelos fühlen. Sie spüren keine Schmerzen mehr, brauchen keine Medikamente. Und keine Ärzte», grinst Hannibal. Kaum verstummt das letzte Wort von Hannibal, ruft Walter erleichtert: «Gott sei Dank, endlich. Die Weisskittel und Krankenkassen verdienten sich an mir sowieso eine goldene Nase. Damit ist jetzt Schluss. Denn auf die Ärzte pfeife ich. Das Einzige, was ich brauche, sind Postkarten. Und Vanilleglace. Wissen Sie, wo ich diese hier kaufen kann?»
Der Empfangsmitarbeiter runzelt seine Stirn. «Hääää? Was bitte ist Vanilleglace? Und wie sehen Postkarten aus?», fragt Hannibal verdutzt den neuen Himmelsbewohner. «Sagen Sie bloss, Sie wissen nicht wie Vanilleglace schmeckt,» ruft Walter, mit einem Hauch Entsetzen in seiner Stimme. Auf Erden essen es alle, die es mögen. Eine Süssspeise. Eisgekühlt. Lecker – sage ich Ihnen. Kosten Sie mal.» Walter zieht aus seinem Papierbeutel den Becher Vanilleglace, den ihm sein Sitznachbar überlassen hat. Entfernt den Deckel und reicht Hannibal den kleinen roten Plastiklöffel inklusive Becher. Hannibal zuckt zusammen. «Uiiiii…das Zeug ist ja kalt!» ruft Hannibal, während sich seine Finger vor Kälte bläulich verfärben. Trotzdem steckt er tapfer den roten Plastiklöffel in die gelbliche, kalte Masse. Zu gross ist die Neugier, den irdischen Eisklotz nicht zu testen. Er dreht, wendet den Löffel etwa gefühlte 10 Mal hin und her. Und schiebt sich langsam den Löffelstiel mit Glace in den Mund. Walter sieht dem Schauspiel zu und meint grinsend: «Sie sollten besser mit dem anderen Teil des Löffels die Glace essen. Das dauert ja sonst eine Ewigkeit,» meint er. Hannibal lächelt verlegen und kratzt Löffel um Löffel Vanilleglace aus dem Behältnis. Währenddessen erzählt Walter dem himmlischen Mitarbeiter, wieviel er davon täglich auf Erden ass. Und ein Coupé Dänemark nebst Schokoladensauce ebenfalls Vanille-Glace beinhaltet. Hannibal schüttelt den Kopf. «Also dafür würde ich nicht durch die Galaxien fliegen, wenn es dieses Zeug irgendwo hier oben zu kaufen gäbe,» entgegnet der himmlische Empfangsmitarbeiter. «Da lob ich mir mein Manna. Und wie heisst das andere Dings, was sie suchen?» fragt er weiter.
«Ich möchte Postkarten versenden. Schreiben, wie schön es hier oben ist. Sagen Sie jetzt bloss nicht, es gäbe hier keinen einzigen Laden, wo ich diese Dinge kaufe kann,» ruft Walter genervt mit lauter Stimme. Wenn Sie mir dies bestätigen, steige ich ins nächste Flugzeug und hole mir meinen Kühlschrank mit Eisfach im Altersheim zurück. Organisiere mir vor der Rückreise einen stattlichen Vorrat Vanilleglace. Damit ich löffelweise, wann es mich gelüstet, davon geniessen kann,» antwortet der neue Himmelsbewohner. «Ich muss Sie enttäuschen, Walter», antwortet Hannibal. Es gibt keine Möglichkeit für eine Rückkehr. Und der Himmelskiosk existiert nicht mehr. «Ja, aber der Wegweiser Himmelskiosk vor der Ankunftsha…?» stottert Walter. Hannibal fährt fort: «Gemäss einer Sage erlaubte Gott nur dem Engel Aloisius eine Rückkehr. Die alten Engel bei uns erzählen sich hie und da diese Geschichte. Aloisius pfiff bei uns auf das Frohlocken und Hosianna-Singen. Fluchte wie ein Rohrspatz vor dem Schlafzimmer Gottes. Deshalb gab der Herr ihm eine neue Aufgabe. Liess ihn als Botschafter für die göttlichen Eingebungen in der Politik zurück in seine Heimatstadt München reisen. Und von da an ward er nicht mehr gesehen, der Aloisius…Hannibal räuspert sich, fährt fort: «In der Himmelsordnung steht es schwarz auf weiss geschrieben: Unsere zwölf Apostel betonen, dass der irdische Besitz im Himmel keine Rolle mehr spielt. Und unsere Flugverbindung EarthSky-Airways versteht sich nur als Unternehmen für die letzte Reise in den Himmel. Und nicht als Logistikbetrieb für Genussmittel und Schreibkram,» entgegnet Hannibal belehrend. «Lesen Sie also die Himmelsordnung genau durch. Ich bin überzeugt, Sie finden hier ihren Platz. Auch ohne Vanilleglace und Postkarten. Ihre Lieben wissen ja sicher, wo Sie jetzt sind.»
Walter nickt schweigend. «Zum Schluss sage ich Ihnen, lieber Walter: Wenn Sie mit ihren Lieben in Kontakt treten möchten, blicken Sie in die Sterne. Singen Sie dazu ein lautes «Halleluja und Hosianna. Das verleiht den Sternen mehr Leuchtkraft. Heutzutage müssen wir ja mit Innovationen die Erdenbürger überraschen, damit sie nicht nur auf ihre Handys gucken. Das testen wir zurzeit als Pilotphase. Verläuft diese erfolgreich, starten wir die Aktion RENT A STAR. Sie haben sicher den Wegweiser vor der Ankunftshalle gesehen. Und wenn die Sterne mit mehr Helligkeit leuchten, betrachten die Menschen auf dem Erdball wieder die Himmelskörper und entdecken vielleicht irgendwann, irgendwo Ihre Lieben im Himmel. Und trinken vielleicht auf sie. Oder in ihrem Fall essen sie zu ihrem Gedenken ein Vanille-Eis.»