Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03659.jsonl.gz/2432

Nicole Ziegler über leidenschaftliche Diskussionen
«Arbeiten Sie nie härter als Ihr Klient», sagte der Professor, und dabei fiel ihm etwas Ei vom Brötchen auf seine Notizen. Der Professor kaute, schluckte, tupfte mit dem Zeigefinger das Ei von den Notizen. «Sie haben keine Verantwortung für den Klienten, Sie haben einen Job, und den müssen Sie gut machen. Mehr nicht.» Er biss wieder von seinem Brötchen ab, und dieses Mal fiel ihm ein wenig Salat herunter, bis auf den Teppichboden. Jemand hatte eine Frage. «Komme gleich», sagte der Professor, bückte sich und ass den Salat vom Boden. Dann beantwortete er die Frage.
Ich sass in einer kleinen Runde an einem Workshop und hatte gemeinsam mit den anderen den Auftrag, unsere im Sozialbereich tätige Institution zeitgemäss weiterzuentwickeln. Wir waren den ganzen Vormittag angereist und dann mit Brötchen und kleinen süssen Leckereien empfangen worden. Um «keine Zeit zu verlieren», fingen wir den Workshop sofort nach unserer Ankunft an, verpflegen sollten wir uns – «da wir ja eine kleine Runde sind» – einfach während der Diskussion.
Das tat der Herr Professor leidenschaftlich. Er sprach ausführlich und gescheit mit übervollem Mund von «massgeschneiderten Angeboten und nicht von massgeschneiderten Klienten», schleckte dann seine Finger ab und sagte: «Diese Törtchen sind ja superlecker, die hatten wir noch nie.» Der Professor ass und redete so überaus engagiert, dass meine Mitgereisten bald ihre Hemmungen ablegten und sich gleichermassen ans Essen und Reden machten.
Da wurden heruntergefallene Wurst- und Käseteilchen von Notizen geklaubt, Petersilienreste mit dem Kugelschreiber aus Zahnzwischenräumen gepult, zerfledderte Brötchen mit fettigen Fingern wieder zusammengebaut und mit den gleichen Fingern in der Diskussion auf die anderen gezeigt, kräftig in der Luft herumgefuchtelt und in den anfangs noch säuberlich geordneten Unterlagen gewühlt. Ich sass mitten in diesem Treiben und konnte nichts essen.
Ich war gehemmt. In meinem Kopf schwirrte herum, was der Herr Professor sagte, gleichzeitig versuchte ich herauszufinden, warum ich mich nicht getraute, ein Brötchen zu essen, obwohl ich ja sah, dass sich die anderen dabei auch ungeschickt anstellten. Ich hörte den Satz «ein Wunsch ist nicht das Gleiche wie der Wille», einige Streitereien über das Recht auf Bildung, leise Schmatzgeräusche und fiel in ein Delirium, das nicht allein der Unterzuckerung geschuldet war. Irgendwann schob ich mir eine Traube, die plötzlich vor mir lag, in den Mund. Sie war süss und sehr gut. Mein Nachbar stupste mich an, und als ich meinen Kopf hob und ihn ansah, grinste er und flüsterte: «Das war meine, sie ist mir bloss runtergefallen.» Ich begann zu essen. Und zu reden.
Nicole Ziegler lebt und isst hauptsächlich in Bern und sollte dabei manchmal etwas flexibler sein.