Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/2009

Dr. Alfred Bretscher verstarb kurz vor Weihnachten 2016 in seinem 97. Altersjahr. Ausdruck seines sprichwörtlichen Humors und seiner Verbundenheit zu den Pfadfindern war, dass er von seinem grossen Freundeskreis zeitlebens mit seinem Pfadinamen «Alias» angesprochen werden wollte. Alfred Bretscher wurde am 22. Juni 1920 als erster Sohn von Karl und Ida Bretscher, geb. Hanslin, in Bern geboren, wo er mit seinem um vier Jahre jüngeren Bruder aufwuchs. Von seinem Vater Karl Bretscher, dem Schweizer Telefonpionier und Direktor der Hasler AG sowie Dr. h.c. der Universität Bern, erbte Alfred Bretscher das Interesse für das Reisen, die Geographie und die Wissenschaft im Allgemeinen, mit seiner weltoffenen Mutter verband ihn die Freude am gesellschaftlichen Leben und an kulinarischen Höhenflügen.
Nach dem Gymnasium, nach Militärdienst und Aufenthalten an den landwirtschaftlichen Schulen Cernier und Rütti begann Alfred Bretscher im Jahr 1941 an der Universität Bern sein Biologiestudium mit den drei Fächern Zoologie, Botanik und Chemie. Nach dem Doktorat und mehreren Auslandsreisen für die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes verbrachte er einen einjährigen Studienaufenthalt an der University of Connecticut und forschte im Bereich der Entwicklung von Hühnerembryonen. Als anschliessend, nach einer Anstellung am Zoologischen Institut der Universität Bern von 1949 bis 1951, keine Gymnasiallehrerstelle frei war, erwarb Alfred Bretscher kurzerhand das Sekundarlehrerpatent. Danach unterrichtete er zuerst in Huttwil und war dann bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1984 an der Sekundarschule Viktoria in Bern unzähligen Bernerinnen und Bernern ein unvergesslicher Lehrer. An den Universitäten Bern und Freiburg erteilte Alfred Bretscher zudem Unterricht in Chemiedidaktik für Sekundarlehrer.
Alfred Bretscher war kontaktfreudig und liebte die menschliche Gesellschaft. Wer ihm begegnete, konnte sich seinem Schalk, den er bis ins hohe Alter bewahrte, nicht entziehen. Da er selber keine Familie besass, war sein riesiger Freundes- und Bekanntenkreis seine eigentliche Familie. Vielseitige Aktivitäten und Freundschaften verbanden ihn mit den Pfadi Schwyzerschtärn und mit dem Cruising Club der Schweiz, sowohl Pfadfinder wie Segler nahmen in grosser Zahl an der Abdankung Abschied von ihrem Ehrenmitglied. Alfred Bretscher war ein begnadeter und witziger Geschichtenerzähler. Die zahlreichen Anekdoten von seinen Pfadilagern, seinen Segellagern und Segeltörns oder seinen abenteuerlichen Reisen mit dem legendären Wohnwagen, den er liebevoll «Hüslischnägg» nannte, würden ein dickes Buch füllen.
Alfred Bretscher hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er viel Geld geerbt hatte und dabei betont, dass er dieses Geld abgesehen vom Reisen und vom Segeln für andere einsetzen möchte. Ein sehr wichtiges Stück Heimat war für ihn zeitlebens die Universität Bern. Aufgrund seines sehr breiten Interesses für die Forschung bezeichnete er sich gern als «Hansdampf in allen Gassen», war regelmässig an zahlreichen universitären Gesellschaften präsent und besuchte seinem Hobby folgend noch im hohen Alter inmitten junger Studierender die Meteorologievorlesungen der Geographie. Über viele Jahre präsidierte er die Stiftung seines Vaters, die er nach der Schaffung seines eigenen «Alfred-Bretscher-Fonds» ebenfalls in einen Fonds umwandelte. Als Mäzen stiftete er der Universität Bern zahlreiche Millionen. Diese wurden seinem Wunsch entsprechend für die Klima- und Nanopartikelforschung sowie für Exkursionen und Feldkurse der Geo- und Biowissenschaften eingesetzt. Mit dem Mitteln aus seinem «Alfred Bretscher Fonds» konnten zahlreiche Doktorarbeiten in denjenigen Themen finanziert werden, die ihn interessierten: Windstürme, Wetterlagen, die zu Überschwemmungen im Alpenraum führen, Radiokarbon-Messungen an Methan, holozäner Klimawandel am Iffigensee. Zudem finanzierte er den Kauf des hochauflösenden Elektronenmikroskopes «Alias» am universitären Microscopy Imaging Center am Institut für Anatomie. Zu erwähnen ist auch sein Beitrag zur Schaffung einer aktiven universitären Alumniorganisation. Als interessierter Hörer nahm Alfred Bretscher regelmässig an den Veranstaltungen der von ihm unterstützten Doktorierenden teil und stellte von der vordersten Reihe aus knifflige Fragen. Der Rektor der Universität Bern, Professor Christian Leumann, würdigte an der Abdankung in der Nydeggkirche die grossen Verdienste Alfred Bretschers, dem dafür von der Universität Bern im Jahre 2007 die Würde eines Ehrensenators verliehen worden war. Wie der Rektor in seiner Rede erwähnte, liess der Verstorbene keine Senatssitzung aus.
Alfred Bretscher verbrachte einen grossen Teil seines Lebens mit zwei Katzen in seiner schönen Duplexwohnung über den Räumlichkeiten der Seniorenvilla Grüneck. Auch diese war von ihm gestiftet worden. In seinem bestausgerüsteten privaten Computerlab arbeitete er dort bis in seine letzten Tage an seinen professionellen Computergrafiken, mit denen er seine Freunde an der Universität bediente. Mit der Geschäftsführerin der Seniorenvilla Grüneck war er als väterlicher Mitbewohner eng befreundet. Am 16. Dezember ist er dort nach ganz kurzer Krankheit friedlich eingeschlafen. Wir werden Alias in sehr lebhafter Erinnerung behalten.
Prof.em. Dr. Peter Gehr, Prof. Dr. Martin Grosjean und Prof. em. Dr. Heinz Wanner
Alfred Bretscher hat als "Freund und Förderer" der Universität Bern viele besondere Forschungsprojekte ermöglicht. Besonders am Herzen liegt dem Mäzen die interdisziplinäre Forschung des Oeschger-Zentrums.
"Ich bin ein Hansdampf in allen Gassen", sagt Alfred Bretscher und lässt dabei den Schalk in seinen Augen aufblitzen, "ich interessiere mich für viele Dinge, komme dabei aber nirgends sehr weit." Das stimmt so natürlich nicht. Als grosszügiger Förderer des Oeschger-Zentrums und anderer Forschungseinrichtungen der Universität Bern hat Alfred Bretscher sehr wohl Grosses erreicht. Denn er ist kein Mäzen, der einfach einen Scheck ausstellt und wieder verschwindet - Bretscher begleitet seine finanziellen Engagements für die Klima- und Umweltforschung mit viel Leidenschaft. "Ich bin kein Zuschauer", sagt er, "wenn ich bei etwas zusage, dann mache ich auch mit."
Nicht nur aus Pflichtbewusstsein, gilt es hier anzufügen, sondern vor allem aus Freude und Neugier auf die zu erwartenden wissenschaftlichen Resultate. "Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt", sagt Bretscher zum Beispiel mit Blick auf das jüngste durch seinen Fonds finanzierte Dissertationsprojekt. Thema sind die sogenannten Vb-Wetterlagen und deren Einfluss auf die Niederschläge im Alpenraum.
Ihren Anfang nahm Alfred Bretschers Begeisterung für Wind und Wetter, als der Halbwüchsige an der "Kirchenfeld" Station des "Muri-Bähnli"ein faszinierendes Messgerät bestaunte: Einen Thermo-Hygrometer der Firma Lambrecht, an den sich der Progymeler von damals auch heute, 80 Jahre später noch bestens erinnern kann. Denn nicht nur mit meteorologischen Messgeräten kannte er sich als Knabe aus, er wusste zum Beispiel auch über die Zugbahnen von Tiefdruckgebieten Bescheid.
Als Student wandte sich Alfred Bretscher anderen Interessen zu. Er begann 1941 ein Biologiestudium an den Universitäten von Bern und Zürich mit den Fächern Zoologie, Botanik und Chemie, in denen er ein Gymnasiallehrerpatent erwarb und 1948 doktorierte. Der junge Naturwissenschaftler liebäugelte mit einer Forscherkarriere. "Aber es kam anders", wie er ohne Groll erzählt. Bei einem Forschungsaufenthalt in den USA vertiefte er sich in die Entwicklung von Hühnerembryonen – bloss um nach einem Jahr zu merken, dass ihm andere Forscher in diesem Gebiet bereits weit voraus waren. "Da schmiss ich den Bettel hin."
Zurück in der Schweiz wurde Bretscher Lehrer. Nicht an einem Gymnasium wie einst angestrebt, sondern, da es den Mittelschulen keine freien Stellen gab, als Sekundarlehrer. Zuerst in Huttwil und dann bis 1984 an der Viktoriaschule in Bern. "Der Wissenschaft", sagt er, "habe ich nie nachgetrauert, ich war ein zufriedener Lehrer."
Das Vermögen, Dank dem Alfred Bretscher zum Forschungsförderer wurde, hat er nicht als Lehrer gemacht, sondern geerbt. Sein Vater Karl Bretscher, verdiente als erfolgreicher Manager - unter anderem war er Direktor der ehemaligen Hasler AG - viel Geld. Und das hinterliess er seinem Sohn. Dieser hat ein betont unverkrampftes Verhältnis zu seinem Vermögen. "Ich habe einfach zu viel Geld", erläutert er seine Motivation als Forschungsmäzen "was soll ich sonst mit dem Zeug?" Bescheiden, wie er ist, hat sich Alfred Bretscher nie etwas aus Luxus gemacht. Etwas mehr Geld ausgegeben hat er nur für seine beiden grossen Leidenschaften: Reisen und Segeln.
Als Hochseesegler mit dem Crusing Club der Schweiz entdeckte er sein frühes Interesse für die Meteorologie wieder – und beschloss, als Hörer an die Universität Bern zurückzukehren. Er schrieb sich für eine Vorlesung von Heinz Wanner ein, dem Gründer des Oeschger-Zentrums. Bei der Anmeldung für die Veranstaltung, so erzählt der in die Jahre gekommene Lausbub, habe er einer Sekretärin der Univerwaltung einen Heidenschreck eingejagt. "Ich war in der Datenbank als verstorben aufgeführt, und da sah sie mich plötzlich leibhaftig vor sich stehen." Es ist diese Art von Humor, die zu Bretschers Markenzeichen geworden ist. Genau dafür wurde "Alias", wie er sich stets mit seinem Pfadfindernamen ansprechen liess, im Laufe eines langen Lebens von seinen Freunden und Kollegen geschätzt.
Der ersten Meteorologievorlesung bei Heinz Wanner folgten viele weitere in anderen Bereichen; Alfred Bretscher knüpfte Kontakte und schloss Freundschaften an der Uni. Sie wurde, wie der "Bund" anlässlich seines 90. Geburtstags schrieb, "fast so etwas wie ein Ersatz für eine eigene Familie, die er nie hatte". 2007 verlieh die Universität Bern "ihrem Freund und Förderer" denn auch den Titel eines Ehrensenators.
Mit dem seinem 2009 gegründeten Fonds unterstützt Alfred Bretscher vor allem Forschungsvorhaben, zu deren Initianten er eine persönliche Beziehung pflegt und deren Arbeit er seit Jahren verfolgt. Neben der Klima- ist dies vor allem die Feinstaubforschung. Ihr stiftete Bretscher ein hochauflösendes Elektronenmikroskop, das dreidimensionale Bilder liefert. Eingeweiht wurde das Herzstück des neugeschaffenen Microscopy Imaging Center am 90. Geburtstag des Stifters. Urs Würgler, der damalige Uni-Rektor, sagte an der Feier: "Mäzenatentum ist gut für die Gesundheit." Angesichts des fortgeschrittenen Alters des Wohltäters könne er eine Nachahmung nur empfehlen. Der Jubilar sass gerührt in der ersten Reihe des alten Anatomie-Hörsaals und liess den tosenden Applaus von Studenten und Dozenten über sich ergehen.
(2013)