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Historisch niedrige Transportkosten und die globale Echtzeitkommunikation im Gefolge der IT-Revolution versetzten transnationale Konzerne in die Lage, die gigantischen Lohnunterschiede zwischen der Peripherie und den Zentren des Weltsystems durch den Aufbau globaler Fertigungsketten auszunutzen, indem kosten- und arbeitsintensive Fertigungsschritte durch Offshoring in Billiglohnländer ausgelagert wurden. Parallel gewannen Strategien des Outsourcings an Popularität, bei denen gleich ganze Produktionsbereiche von Konzernen in den Zentren geschlossen und an Subunternehmer, etwa in China, ausgelagert wurden. Deswegen produziert etwa Apple keine eigenen Smartphones, sondern lässt sie von Auftragsfertigern wie Foxconn in chinesischen Fabrikkasernen unter brutalen Arbeitsbedingungen fertigen.
Und es ist nicht zuletzt der Aufstieg Chinas zur Werkstatt der Welt während der Ära der Globalisierung, der insbesondere in den deindustrialisierten und zunehmend protektionistisch agierenden Vereinigten Staaten das Nearshoring populär macht. Der krisenbedingte Hegemonialkampf zwischen Washington und Peking lässt die Gefahr eines Grosskrieges steigen, sodass Washington auch aus geopolitischem Kalkül bemüht ist, die enormen US-Handelsdefizite und Abhängigkeiten gegenüber der Volksrepublik abzubauen. Den Hintergrund der zunehmenden Spannungen im pazifischen Raum bildet der drohenden Zusammenbruch der globalen Defizitkonjunktur des neoliberalen Zeitalters, bei der eine schneller als die Weltwirtschaftsleistung steigende Kreditaufnahme - insbesondere in den USA - als der wichtigste Konjunkturtreiber fungierte - etwa für exportorientierte Länder wie China oder die BRD.
Generell lässt die zunehmende Krisenanfälligkeit des überschuldeten, ökologisch zerrütteten und von Konflikten erschütterten Weltsystems, das von immer neuen disruptiven Extremereignissen und Krisenschüben erschüttert wird, entsprechende Tendenzen zur Deglobalisierung aufkommen. Einen Kipppunkt bildete in dieser Hinsicht sicherlich der durch die Pandemie getriggerte Krisenschub, der 2020 zur Kappung vieler globaler Lieferketten führte, sowie der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022, in dessen Gefolge Wirtschaftskriege und Protektionismus irreversibel etabliert wurden.
Die stärksten Tendenzen zum Nearshoring lassen sich derzeit in Mexiko beobachten, das laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg zu den „Gewinnern“ der handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Washington und Peking zähle.1 Im Juli 2023 verzeichnete der Warenimport aus Mexiko einen historischen Rekordwert von 15 Prozent aller Einfuhren in die USA, womit erstmals die Lieferungen aus China (14,6 Prozent) überflügelt wurden.2
Während Chinas Anteil an den Importen in die USA - der seinen historischen Höchstwert im Frühjahr 2018 mit 21,8 Prozent verzeichnete - auf den niedrigsten Stand seit 2006 fiel, avancierte der südliche Nachbarstaat der Vereinigten Staaten zum wichtigsten Handelspartner Amerikas. Der bilaterale Handel über den Rio Grande umfasste in den ersten vier Monaten dieses Jahres 263 Milliarden Dollar.3
Und es soll weiter aufwärtsgehen. Die Investmentbank Morgan Stanley prognostiziert für die kommenden fünf Jahre einen raschen Anstieg der mexikanischen Industrieexporte in die Vereinigten Staaten, deren Umfang von 455 Milliarden US-Dollar auf 609 Milliarden jährlich zunehmen soll.4 Der Anteil der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt Mexikos ist tatsächlich in den vergangenen Jahren - eigentlich seit der Einleitung des offen protektionistischen Kurses durch die Trump-Administration - in die Höhe geschossen: von rund 15,6 Prozent im Pandemiejahr 2020 auf circa 16,7 Prozent im ersten Quartal 2023.5
Mexiko - ein zweites Mittelosteuropa?Das Lohnniveau südlich des Rio Grande ist zudem immer noch sehr niedrig.6 Ende 2021 beliefen sich die Lohnkosten in der mexikanischen Industrieproduktion auf durchschnittlich 2,80 Dollar, während es in den Vereinigten Staaten Anfang 2022 im Schnitt 24,55 Dollar waren. Mexiko ist somit immer noch ein Billiglohnland. Doch es sind inzwischen nicht nur arbeitsintensive Fertigungsschritte, wie sie seit dem berüchtigten Nafta-Freihandelsabkommen7 von 1994 in die Maquiladoras (Zoll- und steuerfreie Industriezonen, in denen sich Montagebetriebe ansiedelten) im Grenzgebiet zu den USA ausgelagert wurden, die den aktuellen Industrieaufschwung Mexikos anfachen. Inzwischen siedeln Konzerne auch forschungs- und kapitalintensive Bereiche in Mexiko an, wie Spiegel Online unter Verweis auf Audi und den Chemiemulti Evonik berichtete.8
Die Kluft bei den Lohnkosten zwischen Zentrum und Semiperipherie, der zu einer peripheren Industrialisierung führt, erinnert, oberflächlich betrachtet, an Mittelosteuropa nach dem Beitritt zur EU. Damals war es exportorientiertes deutsches Industriekapital, das in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts die räumliche Nähe zu den osteuropäischen Billiglohnländern ausnutzte, um diese als verlängerte Werkbänke in seine globalen Produktionsketten einzubinden - und hierdurch enorme Konkurrenzvorteile auf dem Weltmarkt zu erlangen. Der grosse Unterschied zwischen Mittelosteuropa und dem Nearshoring in Mittelamerika besteht somit darin, dass es aktuell nicht mehr darum geht, Konkurrenzvorteile auf globalisierten Märkten zu erlangen. Die Industrieinvestitionen in Mexiko werden von dem Kalkül geleitet, hierdurch eine bessere Stellung - oder einen zollfreien Zugang - auf dem grossen, sich immer weiter abschottenden US-Markt zu erlangen.
Bei den aktuellen Direktinvestitionen in Mexiko ist folglich US-amerikanisches Kapital bei Weitem führend.9 Im ersten Quartal 2023 investierten US-Konzerne mit 6,4 Billion Dollar fast doppelt so viel Kapital im südlichen Nachbarland, wie die Unternehmen aus dem zweitplatzierten Spanien, die 3,8 Billionen Dollar aufwendeten. Aus Deutschland flossen im selben Zeitraum 1,3 Milliarden Dollar. In 2022 flossen rund 42 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen (FDI), rund 15 Milliarden Dollar, aus den USA in das mittelamerikanische Schwellenland. Europa kam im vergangenen Jahr für 12,3 Prozent aller FDI in Mexiko auf, knapp gefolgt von Kanada mit 10,7 Prozent.10 Dieses Kapital floss hauptsächlich in die nördlichen Bundesstaaten und in den Grossraum Mexiko-City. Die Industrieproduktion, und hier insbesondere der Automobilsektor, bildeten einen Schwerpunkt der ausländischen Investitionstätigkeit.11
Die Rache der GlobalisierungDabei scheinen gerade chinesische Konzerne, die bislang kaum eine Rolle in dem mittelamerikanischen Land spielten, ihre Investitionstätigkeit stark auszuweiten. Während Unternehmen aus der Volksrepublik 2019 gerade mal 67 Millionen US-Dollar in Mexiko investieren, waren es 2022 schon 406 Millionen. Ähnliches gilt für FDI aus Hongkong, die im selben Zeitraum von 10 auf 124 Millionen hochschossen.12 Mit dieser Investitionsstrategie bemüht sich Peking schlicht darum, den neuen amerikanischen Protektionismus zu unterlaufen. In den kommenden Jahren wollen chinesische Konzerne sogar fünf Milliarden Dollar in einen Industriepark im nördlichen Bundesstaat Nuevo Leon investieren, um dort 120 Unternehmen anzusiedeln und 7000 Arbeitsplätze zu schaffen, berichteten chinesische Medien.13
Von einem ähnlichen Kalkül dürfte auch die Investitionstätigkeit deutscher Konzerne in Mexiko motiviert werden - es geht faktisch darum, unter das Dach der nordamerikanischen Freihandelszone USMCA aus USA, Mexiko und Kanada zu gelangen, die ja logischerweise auch ein Exklusionsmittel ist, indem sie alle Standorte benachteiligt, die nicht Teil dieses exklusiven Freihandelszirkels sind. Das britische Wirtschaftsblatt The Economist jammerte gar,14 dass die von Trump vererbte, protektionistische Strategie der Biden-Administration schlicht nicht funktioniere, da die Lieferketten zunehmend „verheddert und undurchsichtig“ würden. Die alte Globalisierung rächt sich sozusagen am neuen Protektionismus. Demnach seien etwa chinesische Solaranlagen Ende 2022 über südostasiatische Länder in die Vereinigten Staaten ausgeführt worden, indem an ihnen beim Zwischenstopp „geringfügige Modifizierungen“ vorgenommen worden seien. Ähnliche „Umdeklarierungsfabriken“ scheint Peking nun auch in Nordmexiko errichten zu wollen. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, inwiefern der „Boom“ im südlichen Nachbarland der Vereinigten Staaten Bestand haben kann angesichts der zunehmenden ökonomischen wie ökologischen Verwerfungen, die der Spätkapitalismus fabriziert.15 Zwar sind die Investitionen in Mexiko in den vergangenen Jahren angestiegen, von rund 28 Milliarden Dollar 2020 auf circa 36 Milliarden 2022, doch wurde damit bislang nur das Investitionsniveau vor dem Beginn der Pandemie erreicht.16
Flüchtiger Boom?Zudem galt Mexiko bislang als ein Verlierer des Freihandels, da das Schwellenland, dessen Beitritt zum Freihandelsabkommen Nafta 1994 den berühmten Aufstand der Zapatisten17 auslöste, nur ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von zwei Prozent verzeichnete. Dies sei „zu wenig, um Millionen Mexikaner aus der Armut zu führen“, wie selbst der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg bemerkte.18 Der derzeitige Aufschwung der Industrietätigkeit in dem Schwellenland ist somit tatsächlich weitestgehend auf die strategische Entscheidung Washingtons zurückzuführen, die ökonomische Abhängigkeit von China zu reduzieren.
Somit ist Mexiko immer stärker von einem US-Absatzmarkt abhängig, der seinen Aufschwung mittels schuldenfinanzierter Investitions- und Konjunkturprogramme sowie zunehmender Handelsbarrieren aufrechterhält - und dessen Funktionseliten mit allen zur Verfügung stehenden geopolitischen wie letztendlich auch militärischen Mitteln die Stellung des US-Dollar als Weltgeld verteidigen müssen. Ein Krisenschub in den Vereinigten Staaten, wo immer neue, gigantische Haushaltsdefizite akkumuliert werden19 und die Inflationsbekämpfung die Anleihezinsen schon die Fünf-Prozent-Hürde nehmen lässt,20 wird folglich auch den Industrie- und Investitionsboom in Mexiko beenden, der faktisch ein Anhängsel dieser US-Defizitkonjunktur darstellt.
Und schliesslich sind es die ökologischen Grenzen des Kapitals, die sich in Mexiko ganz konkret immer stärker abzeichnen. Zum einen ist dies die zunehmende Wasserkrise im ausgedörrten und unter extremen Hitzewellen leidenden Nordmexiko, die viele wasserhungrige Industrieansiedlungen behindert. Im vergangenen Februar etwa versuchte Mexikos Präsident Andres Manuel Lopez Obrador, den US-Elektroautohersteller Tesla dazu zu bewegen, eine im nördlichen Bundesstaat Nuevo Leon geplante Fabrik im wasserreichen Süden des Schwellenlandes zu errichten, da der Wassermangel im Norden inzwischen ein erstes Problem darstelle.21
Im vergangenen Jahr warnte der mexikanische Wasserversorger Rotoplas, dass die Dürren der vergangenen Jahre das Wasserproblem langfristig verschärfen würden, worunter auch die Wirtschaft leiden werde.22 Hinzu kommt die ruinöse Erbschaft des neoliberalen Zeitalters, wo staatliche Investitionen in die Infrastruktur gerne zusammengestrichen wurden. Mexikos Bundesregierung wendete etwa 2012 umgerechnet rund 2,6 Milliarden Dollar für Projekte zur Verbesserung der Wasserversorgung auf - 2022 waren es hingegen nur noch 1,3 Milliarden. Immerhin will die Regierung angesichts des Industrieaufschwungs umsteuern und in diesem Jahr den entsprechenden Haushaltsposten auf umgerechnet 3,53 Milliarden Dollar erhöhen.