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Ein Ende dieser kapitalistischen Produktionsweise ist nicht in Sicht. Die Auswirkungen der ökologischen Krise machen sich jedoch seit Jahrzehnten bemerkbar. Schenkt man der Klimaforschung Glauben, dann sind deutlich einschneidendere Folgen zu erwarten. Vor diesem Hintergrund wäre eine Lösung der ökologischen Krise innerhalb des Zeitalters des Kapitalismus durchaus sinnvoll. Auch gibt es unzählige bestechend klingende Konzepte, wie eine solche innerkapitalistische Lösung aussehen könnte. Dieser Artikel widmet sich dem wohl populärsten dieser Konzepte, Effizienzstrategien, und versucht, es mit der marxistischen Grundsatzkritik zu konfrontieren.
Faktor VierFaktor Vier ist eine sehr populär gewordene Veröffentlichung aus den 1990er Jahren, in der Ernst von Weizsäcker, Amory Lovins und Hunter Lovins ein Konzept zur Lösung des Problems des Ressourcenverbrauchs vorschlagen, dessen Grundideen sich in zahlreichen heutigen Nachhaltigkeits-Konzepten wiederfinden:[1] Effizienzstrategien und Individualisierung. Der Untertitel des Werkes ist »Halbierter Naturverbrauch, doppelter Wohlstand«. Weizsäcker et al. machen auf zahlreiche Möglichkeiten sparsamer Technologien aufmerksam, die in den ingenieurwissenschaftlichen Schubladen ruhen und deren Umsetzung die Lösung der Ressourcenkrise bedeuten würde. Zwei ihrer Beispiele: Bereits in den 1990er Jahren waren Konzeptstudien von Fahrzeugen mit einem geschätzten Verbrauch von 1,2 bis 2 Liter auf 100 Kilometern bekannt. Das Gebäude des von Amory Lovins gegründeten Rocky Mountain Instituts (1982 gebaut) befindet sich auf 2200 Höhenmetern und hat Passivhausstandard. Das heisst, dass der Heizbedarf allein durch die Sonne sowie die Abwärme der Bewohner_innen und der verwendeten technischen Geräte gedeckt wird. Selbst bei den teilweise minus 40 Grad Celsius in dieser Gegend wachsen im Innenbereich tropische und subtropische Pflanzen.
Würden alle derartigen bereits bekannten und zukünftig erforschten technischen Möglichkeiten der Effizienzsteigerung gesellschaftsweit umgesetzt, so schätzen die Autor_innen, könnte der gesellschaftliche Ressourcenverbrauch (und damit auch der Ausstoss von Klimagasen) auf ein Viertel reduziert werden. Folgt man dem häufig gemachten Vorschlag, den CO2-Ausstoss von vier Tonnen im weltweiten Durchschnitt auf zwei Tonnen zu reduzieren (ursprünglich wurde eine Tonne vorgeschlagen, doch das schien zu unrealistisch), so kann der heutige Wohlstand (gemessen am Ressourcenverbrauch) immer noch verdoppelt werden. Aus dieser bestechend einfachen Rechnung folgt der eingängige Titel der Publikation, deren Schlussfolgerung ist, nur für die Nutzbarmachung dieser sparsameren Technologien sorgen zu müssen, um das Problem zu lösen. Verführerisch klingt wohl auch, dass dafür gesellschaftliche Strukturen nicht in bedeutendem Masse geändert werden müssten, denn die Lösung ist im Wesentlichen technischer Natur.
Die vorgestellte Strategie der Effizienzsteigerung ist in den heutigen Initiativen und Forschungen zur Nachhaltigen Entwicklung sehr dominant. Es gibt unzählige Projekte zur Entwicklung und Verbreitung von effizienterer Technologie. Auch makroperspektivisch ausgelegte Lösungsvorschläge, wie die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, basieren u.a. auf der vorgestellten Überlegung – Effizienzsteigerungen sollen grösser sein als das Wirtschaftswachstum und damit bei weiterem Wachstum für sinkenden Ressourcenverbrauch sorgen.
ReboundGrundsätzliche Prämisse des Lösungsansatzes der Effizienzstrategien ist die Summierbarkeit von Einsparungen, die auf individueller Ebene gemacht werden. Sparsamere Technologien führen, so die Idee, bei konsequenter individueller Anwendung in ihrer Summe zu Einsparungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Im Rahmen der Diskussion um den sogenannten Rebound-Effekt werden an diese Prämisse – auch im Mainstream der Nachhaltigkeitsdebatte – recht ketzerische Fragen gestellt. Hier wird überlegt, was eigentlich passiert, wenn sich jemand beispielsweise ein sparsames 2-Liter-Auto zulegt.
Erstens, bei fast allen Effizienzstrategien führt die Einsparung von Energie auch zur Einsparung von Geld. Wurde die Anfangsinvestition durch die dauerhaft geringere Benzinrechnung nach einer Zeit ausgeglichen, kann das nun eingesparte Geld an einer anderen Stelle ausgegeben werden (man kann mit dem Auto einfach mehr fahren oder sich bspw. eine Flugreise nach Spanien leisten) und sorgt damit andernorts für Ressourcenverbrauch. Zweitens muss auch ein sparsameres Gerät erst einmal hergestellt werden. Der dafür verwendete Ressourcenverbrauch ist nicht unerheblich (bleibt aber gern unerwähnt). Bei Fahrzeugen geht man allgemein davon aus, dass die Herstellung eines Wagens ebenso ressourcenintensiv ist wie Fahrten mit diesem Wagen über ca. 180.000 Kilometer.
In der Literatur zum Thema wird dieses Modell als direkter (mehr Konsum vom gleichen Produkt) oder indirekter (Ressourcenverbrauch an anderer Stelle) Rebound bezeichnet und ist in den letzten Jahren immer wieder thematisiert worden. Selbst die bundesdeutsche Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« gab eine Untersuchung in Auftrag, die sich im Besonderen dem Rebound-Effekt widmen sollte. Doch die Modelle, in denen der Rebound-Effekt theoretisiert wird, sind nicht weniger individuell konzipiert als die Idee der Effizienzsteigerung. Es wird ein Modell anhand einer einzelnen Konsument_in entwickelt und überlegt, was passiert, wenn sie sich ein effizienteres Gerät zulegt. Makroökonomische Zusammenhänge oder Wirtschaftswachstum in den Überlegungen zum direkten und indirekten Rebound-Effekt finden hier keine Beachtung. Ziel von Forschungsprojekten zu diesem Phänomen ist in erster Linie, Abschätzungen treffen zu können, wie hoch der Effekt ist. Das ist methodisch jedoch recht schwierig, denn es lässt sich weder einfach messen noch generalisieren, was Käufer_innen mit dem durch Effizienz eingesparten Geld machen. So variieren die empirisch entwickelten Angaben von 30 bis 200 Prozent.
Jevons’ ParadoxInteressant ist die Fokussierung auf die individuelle Ebene vor dem Hintergrund, dass die Autor_innen, die in allen Publikationen der letzten Jahre als die »Entdecker_innen« des Rebound-Effekts zitiert werden, diesen gänzlich anders verstehen als die, von denen sie zitiert werden. Zuerst wurde auf das Phänomen von William Stanley Jevons 1865 (!) in The Coal Question hingewiesen; die Beobachtung ging unter dem Namen Jevons’ Paradox in die Literatur ein.[2] Er entwickelte seine Theorie am Beispiel der Kohleversorgung. In Grossbritannien kam es Mitte des 19. Jahrhunderts des Öfteren zu Engpässen bezüglich der Versorgung mit dieser Ressource. Politisch wurde Hoffnung auf die viel effizientere Dampfmaschine von James Watt gesetzt, die sich in dieser Zeit verbreitete und die die viel ressourcenintensivere Maschine von Thomas Newcomen ersetzte. Der gesamte Kohleverbrauch sollte dadurch sinken, so die Annahme. Jevons nahm die Beobachtung, dass im Nachgang der Einführung der neuen Dampfmaschine der Kohleverbrauch insgesamt stieg, als Ausgangspunkt für seine Theorie. Konterintuitiv führe eine Effizienzsteigerung im Endeffekt zu einem grösseren Gesamtverbrauch auf volkswirtschaftlicher Ebene, so seine These. Mehr noch, effizientere Technologie sei Ursache von Wachstum.
Seine wirtschaftswissenschaftliche Analyse zog, im Gegensatz zu den Modellen zum direkten und indirekten Rebound-Effekt, die wirtschaftlichen Strukturen in Betracht, in denen die Einführung neuer Technologien eingebunden ist. Eine technische Effizienzsteigerung habe Einfluss auf den Preis, auf die Möglichkeiten wirtschaftlicher Verwertbarkeit sowie die technischen Innovationen und führe im Endeffekt zur Steigerung der Nachfrage. Im Endeffekt habe eine neue, effizientere Technologie mehr Verbrauch von Ressourcen als vor ihrer Einführung zur Folge. Verkleinere man das Verhältnis von Input und Output (also: weniger Verbrauch, mehr Nutzen), so führe dies zu mehr Input und mehr Output – nicht zu weniger Input und mehr Output, wie die Autor_innen von Faktor Vier annehmen. Die Auswirkungen einer neuen technischen Möglichkeit verbildlicht Jevons anhand eines historischen Beispiels: Die Dampfpumpe von Thomas Savery sollte Ende des 17. Jahrhunderts dafür genutzt werden, Wasser aus Kohleminen abzupumpen. Doch sie war so ineffizient, dass sich dies ökonomisch nicht gelohnt hätte. Erst die Verbesserung der Effizienz ermöglichte ihre Anwendung und führte dazu, dass diese Maschine überhaupt Kohle verbrauchte. Diesen Gedanken folgend formulierte Jevons die generelle Überlegung, dass Effizienzsteigerung neue technische Möglichkeiten erschliesse, Kosten senke und so zu grösserem Ressourcenverbrauch führe.
Jevons’ Überlegungen sind nicht ganz unpopulär geblieben. So haben Daniel Khazzoom und Leonard Brookes in den 1980er und 1990er Jahren unabhängig voneinander das Gleiche im Kontext des Ölverbrauchs postuliert, was später als Khazzoom-Brookes-Postulat bekannt wurde. Zudem gibt es ähnliche Überlegungen in ökonomischen Wachstumstheorien, die davon ausgehen, dass effizientere Technologien zu mehr Wachstum führen. Eigentlich erscheint es bizarr, wie die gewöhnliche kapitalistische Vorgehensweise der Effizienzsteigerung, die allgemein genutzt wird, um in der Konkurrenz zwischen Unternehmen besser dazustehen, zur vermeintlichen Besonderheit sogenannter Clean Technology werden konnte.
Die Überlegungen von Jevons, Khazzoom und Brookes stellen die Prämissen der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsstrategien grundlegend infrage (und das ganz ohne marxistische Kapitalismuskritik). Denn die Idee des grünen Kapitalismus basiert auf der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, was vordergründig mit der Verbreitung effizienter Technologien verwirklicht werden soll.
RezeptionForschungsprojekte zu Effizienzstrategien sind das Zugpferd der Nachhaltigkeitsforschung – nicht nur der technikfokussierten, sondern auch der sozial-ökologischen Forschung (beispielsweise im Hinblick auf die Frage, wie sich diese Technologien sozial besser durchsetzen können). Nähme man Jevons’ Paradox ernst, dann müssten Effizienzstrategien und Entkopplung als Konzepte zur Verwirklichung von nachhaltiger Entwicklung im Papierkorb landen.
Doch es gibt viele kreative Formen, mit eklatanten Widersprüchen umzugehen. So auch in diesem Fall. Erstens wird sich der viel genutzten Möglichkeit der Ignoranz bedient. In unzähligen staatlichen Initiativen (wie zum Beispiel die EU-Initiative zum Verbot der Glühlampe) sowie Forschungsprojekten werden weder Überlegungen angestellt, was mit dem eingesparten Geld auf der Ebene der Konsument_innen passieren soll, noch wird gefragt, ob die neuen Technologien zur Steigerung von Ressourcenverbrauch führen. Zweitens wird schlicht abgewehrt. Ein Ökonom der schweizerischen Energiebehörde äusserte einmal, dass seine Abteilung den Rebound-Effekt so lange mit Null behandele, bis man ihn genau messen könne.
Der Rebound-Effekt wird drittens in Forschungsprojekten und den Publikationen der letzten Jahre vordergründig als empirisches Problem und damit als Nebeneffekt von Effizienzstrategien betrachtet. Das heisst, die Forschung soll empirisch herausfinden, wie hoch der Rebound-Effekt ist und wie er sich am besten vermeiden liesse. Das BMBF-geförderte, momentan laufende Forschungsprojekt Die soziale Dimension des Rebound-Effektes untersucht beispielsweise, wie viel mehr mit einem effizienteren Auto gefahren wird – ohne makroökonomische Phänomene in die Betrachtung mit einzubeziehen.[3] Den Rebound-Effekt ernst zu nehmen, würde für die Initiativen und Forschungsansätze zur Nachhaltigkeit einen entscheidender Einschnitt bedeuten, denn die Mehrzahl der Konzepte basiert darauf, Änderungen auf individueller Ebene anzustossen. So soll der sogenannte nachhaltige Konsum Individuen dazu verhelfen, weniger ressourcenintensive Dinge und Dienstleistungen zu konsumieren; Bildung für nachhaltige Entwicklung soll Individuen helfen, ihr Verhalten zu ändern; Unternehmen sollen einzeln dazu angeregt werden, energieeffizienter zu produzieren und so weiter.
Berücksichtigt man den direkten und indirekten Rebound-Effekt, dann drängt sich der Eindruck auf, dass die Initiativen zur Effizienzsteigerung auf das genaue Gegenteil ihres erklärten Ziels hinarbeiten. Sie scheinen es darauf abzusehen, den Ressourcenverbrauch nicht zu senken, sondern schlicht zu verschieben. Auf die europäische Glühlampen-Verbotsinitiative angewendet, folgt aus Jevon’s Modell, dass die Versorgung mit Licht billiger wird, die Nachfrage danach steigt, mehr Möglichkeiten der Verwendung von Licht erschlossen werden und im Endeffekt der gesamte Stromverbrauch steigt.
Nachhaltigkeit als IdeologieWenn dem Projekt nachhaltige Entwicklung so grundlegende Widersprüche innewohnen, dann stellt sich die Frage, welche gesellschaftlichen Funktionen damit erfüllt werden. Es scheint sinnvoll, Nachhaltigkeit auch als Ideologie unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, wem dieser Diskurs nützt. Auf einen ersten Blick fallen vier Momente auf. Erstens bewirkt der Nachhaltigkeitsdiskurs eine Individualisierung des Problems – mit sogenanntem nachhaltigen Konsum als Speerspitze. Individuen werden als Konsument_innen für die Umweltkrise verantwortlich gemacht, so, als seien die heutigen Produktionsverhältnisse und der damit verbundene Ressourcenverbrauch kausal ein Effekt ihrer Bedürfnisse. Werden Menschen einerseits mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dazu gebracht, möglichst viel zu konsumieren, sollen sie andererseits nun zur Verantwortung gezogen werden, weil sie dieser Anrufung folgen. Zweitens geraten immer mehr Produkte in Misskredit, wenn auf die ökologischen Auswirkungen hingewiesen wird. Nachhaltigkeit dient in der Vermarktung als Strategie, ihre Verwandlung in Geld trotzdem sicherzustellen.
Waren und Dienstleistungen werden so lange in grüne Farbe getunkt, dass man sich manchmal wünscht, es gäbe ein Menschenrecht, vom Begriff »Nachhaltigkeit« verschont bleiben zu dürfen. Drittens, der Diskurs fungiert als Entlastungsstrategie für jene gesellschaftlichen Schichten, deren Lebensstil mit einem sehr hohen Ressourcenverbrauch verbunden ist. Der nachhaltige Konsum wird eben gerade von jenen praktiziert, die den grössten »ökologischen Fussabdruck« haben, da sie am oberen Ende der Einkommensskala stehen. Und viertens hat Nachhaltigkeit als Ideologie eine ausgeprägte koloniale Komponente. Es ist ein Diskurs, der vor allem aus den Industriestaaten kommt, dem eigentlichen Zentrum des Problems. Dass Deutschland als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit gilt, erscheint etwa anges
Wer Nachhaltigkeit als Ideologie betrachtet, der »missbraucht« nicht eine Debatte, die eigentlich für inter- und intragenerationelle (Verteilungs-)Gerechtigkeit und den Einklang des Mensch-Natur-Verhältnisses steht. Vielmehr gilt es zu verstehen, wie der Diskurs um Nachhaltigkeit grundsätzlich in eine Form der Herrschaft eingebunden ist, die auf einer prinzipiell schrankenlosen Vernutzung natürlicher Ressourcen aufbaut. Das hiesse zu fragen, ob Nachhaltigkeit ein ähnliches Aushängeschild ist wie »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« in der bürgerlichen Demokratie.
DilemmaEinige Autor_innen, die über den Rebound-Effekt publizieren, gehen einen Schritt weiter und plädieren dafür, Wachstum in den Blick zu nehmen, sowie eine Debatte über gesellschaftliche Suffizienz zu beginnen. Auch sie sehen sich durch die Beobachtungen und Modelle im Rahmen des Rebound-Effekts mit dem Problem konfrontiert, dass Ansätze, die die Mikro-Ebene fokussieren, nicht funktionieren. Sie ziehen den Schluss, dass gesamtgesellschaftliche Zugänge Priorität erhalten sollten und heben das Problem einer stetig wachsenden Ökonomie hervor. [4]
Die Gretchenfrage ist in diesem Zusammenhang: Warum gibt es Wachstum? Um die Wachstumskritik etabliert sich seit einiger Zeit die im Mainstream bereits in gewissem Masse verankerte Debatte um die Postwachstumsgesellschaft – nach den 1980er Jahren eine zweite Welle der Wachstumskritik. Aus der Erkenntnis, dass eine wachsende Wirtschaft auch wachsenden Ressourcenverbrauch nach sich zieht, wird hier dafür argumentiert, sich vom »Wachstumsparadigma« zu verabschieden. Die Protagonist_innen der Debatte um die Postwachstumsgesellschaft beantworten die Frage, warum es Wirtschaftswachstum gibt, zwar nicht direkt. Es lässt sich jedoch herauslesen, dass sie es als ein Resultat eines gesellschaftlichen Paradigmas verstehen.[5] Das heisst, würde man sich politisch und wirtschaftlich von diesem Paradigma verabschieden, so gäbe es kein Wachstum mehr.
Es ist interessant, diese Überlegungen mit marxistischen Analysen der politischen Ökonomie zu kontrastieren. In seiner Analyse des Kapitals resultiert bei Marx Wachstum aus der Profitproduktion. Der Zweck des Kapitals (und damit zentrales Prinzip der kapitalistischen Produktionsweise) ist, selbst verwertender Wert zu sein, aus Geld soll mehr Geld werden. Dieser Profit kann aber nur über den »Umweg« der Produktion von Gütern und Dienstleistungen gemacht werden. Für diesen Verwertungsprozess gibt es weder ein Mass (das angibt, wie hoch der Profit pro Kreislauf ist) noch ein Ende (der Wiederholung des Kreislaufs). Durch den Druck der Konkurrenz werden diese schrankenlosen Möglichkeiten der Profitproduktion wahrgenommen. Um als Unternehmen bestehen zu können, muss man beständig auf der Jagd nach einem Extra-Profit sein: durch die Einführung neuer Produkte, dadurch, etwas billiger zu produzieren, durch die Etablierung neuer Märkte. Um mithalten zu können, muss jedes Unternehmen selbst auf einen maximalen Gewinn abzielen. Es reagiert auf den Druck der anderen und übt selbst aber ebenso den gleichen Druck aus. Technische Effizienzsteigerung ist in diesem Zusammenhang schlicht eine Strategie, um die Produktion kostengünstiger zu gestalten und besser in der Konkurrenz bestehen zu können.
Aus der Sicht der marxistischen Kapital-Analyse ist Wachstum nicht etwas, wofür sich Individuen entscheiden, sondern etwas, was sich als Zwang aus den systemimmanenten Prinzipien ergibt. Unternehmen können sich nicht einfach entscheiden, am Wirtschaftswachstum nicht mehr teilzuhaben, wenn sie als Unternehmen weiter bestehen wollen. Mit dem Rebound-Effekt unterstützt ein Modell aus der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre diese marxistischen
Überlegungen zum Wachstumszwang im Kapitalismus.Eigentlich müsste die marxistische Analyse für die Forschung zu nachhaltiger Entwicklung Attraktivität besitzen. Mit ihr könnte man den zentralen Grund für die ökologische Krise präzise benennen: die kapitalistische Produktionsweise und der sich daraus ergebende Wachstumszwang. Gleichzeitig ist diese Analyse aber ihr grösstes Problem: Im Mainstream der Nachhaltigkeitsforschung kann man nicht ohne Weiteres den Kapitalismus grundsätzlich infrage stellen. Auch in Anbetracht der historischen Beständigkeit des Kapitalismus wäre das Finden einer Lösung für die ökologische Krise schon vor dessen Überwindung vielleicht nicht das Allerdümmste. Doch die Betrachtungen zum Rebound-Effekt sowie die Marxsche Analyse des Kapitals zeigen, dass man kapitalistische Produktion nicht ohne wachsenden Ressourcenverbrauch haben kann.
Was heisst dies für eine individuelle Perspektive? Werden individuelle Verhaltensänderungen und überhaupt umweltpolitische Anstrengungen vor dem Hintergrund dieser Analysen obsolet? Mitnichten. Zum einen kann die ökologische Krise des Kapitalismus unterschiedliche Ausmasse annehmen. Bestimmte individuelle Strategien werden in dieser Hinsicht vielleicht positivere Auswirkungen haben als andere. Diese Einschätzung gilt jedoch, wie gesagt, nur »vielleicht«, da sich dies aufgrund der unzähligen Widersinnigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise nicht anhand der Verhaltens von Individuen beurteilen lässt. Erst die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen geben Aufschluss darüber.
Zum anderen ist es schon vor dem Ende des Kapitalismus sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen und auszuprobieren, wie ein postkapitalistischer, individueller, alternativ-hedonistischer Lebensstil aussehen könnte. Mit Alternative Hedonism meint Kate Soper einen Lebensstil, der nicht mehr vordergründig an materiellen Wohlstand gekoppelt ist. Dabei gilt es, sich zu überlegen, wie eine grundsätzliche Kapitalismuskritik in Politikformen, die das Individuum fokussieren, fest verankert werden kann. Es gibt keine Lösung des Problems, die allein auf die individuelle Perspektive abzielt. Die ökologische Krise des Kapitalismus lässt sich nicht auf der Basis individueller Verhaltensänderungen wegreformieren. Diese Erkenntnis ist meines Erachtens eine zu wenig genutzte Möglichkeit der marxistischen Linken, mit ihrer Kapitalismuskritik ein präziseres Verständnis der Umweltkrise in einer gesellschaftlich immer wichtiger werdenden Debatte anzubieten.