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Du kennst das sicher auch. Ein Pferd reagiert nicht wie ein Pferd eben zu reagieren hat. Schnell
fallen Sprüche wie: «Das Pferd ist frech.» «Das ist eine Frage des Respektes», «Der verarscht Dich!» Du könntest in Gedanken die Liste wohl noch um so einige Sprüche verlängern. Wenn Du
dann Partei für das Pferd ergreifst, stehst Du sehr schnell unter dem Verdacht das Pferd zu verhätscheln. Das Pferd muss funktionieren. (Kleiner Seitenhieb: Dieser Mechanismus ist vermutlich der Grund, warum viele Pferdemenschen nicht mit Maultieren klar kommen!)
Ich habe da eine andere Herangehensweise und das obwohl ich meinen Lebensunterhalt primär mit meiner kleinen Reitschule bestreite. Auch wenn mir meine Ponys sehr am Herzen liegen und sie sehr schonend einsetzte, müssen sie ja doch irgendwie «funktionieren». Am Ende des Monats muss ich meine Rechnungen bezahlen können. Nun ich behaupte sogar, dass Pferde besser «funktionieren» wenn man sie nicht alle über den gleichen Leisten schlägt. Und auf die Eigenheiten des Pferdes einzugehen hat nichts mit Verhätscheln oder sogar Vermenschlichung zu tun.
Warum es sich lohnt, auf Eigenheiten des Pferdes einzugehen. Ein konkretes Beispiel
Warum? Ich erkläre Dir das an einem konkreten Beispiel: Und zwar an einem meiner besten Schulponys Bonnie Scarborough Fair, kurz Scarlet.
Bitte sei nicht verwirrt, wenn ich manchmal in der Gegenwarts- und manchmal in der Vergangenheitsform schreibe. Leider ist Scarlets Karriere als Reitpony beendet. Seit letztem September ist ihr rechtes Hinterbein warm und geschwollen. Die Tierärzte rätseln was genau das Problem ist, vermutlich ein Bänderschaden. Sie geniesst nun ihren wohlverdienten Ruhestand.
Scarlet erblickte am 16. Mai 2005 bei mir auf dem Hof das Licht der Welt . Ich war bei ihrer Geburt dabei und habe sie selber ausgebildet. Scarlet ist ein British Riding Pony, 128cm gross und sieht aus wie ein kleiner Vollblüter. Scarlet ist nervlich sehr robust und für fast jeden Spass zu haben, aber körperlich ein Finöggeli (sorry, es gibt leider kein passendes hochdeutsches Wort). Reitschülerinnen und Eltern gaben ihr Beinamen wie Reh oder Seiden-Kätzchen.
Wie gesagt, Scarlet war eines besten Reitschulponys das ich je hatte. Sie war eine richtige «Selbstläuferin», versuchte immer alles richtig zu machen und gab gerade auch schwächeren Reiterinnen das Gefühl gut reiten zu können. Sie machte an Quadrillen, Plausch-Turnieren, Tagesritten, Bodenarbeits-Shows und vielem mehr mit.
Scarlet hätte jedoch auch in die Kategorie «Problem-Pferd» kippen können.
Scarlet kann sehr schlecht mit körperlichem Druck umgehen, vor allem am Genick und beim Gurten. Das bedeutet, dass Scarlet nie fix am Anbinde-Ring angebunden werden darf sondern nur wie in England üblich an einer Schnur, die am Ring festgemacht ist.
Bei zu viel Druck am Genick steigt sie blitzschnell und sie kann sich sogar überschlagen wenn der Druck nicht nachlässt. Dasselbe konnte passieren, wenn man sie im Stehen zu fest gurtete. Sie liess sich jedoch immer problemlos gurten, wenn sie sich dabei im Schritt vorwärts bewegen durfte. Also wurde bei Scarlet am Anbindeplatz nur sehr locker gegurtet und dann nachgegurtet während sie im Schritt geführt wurde. Etwas was auch schon jüngere Kinder problemlos schafften.
Auch wurde sie nur noch von mir oder älteren Reitschülerinnen an Führzügel-Turnieren geführt. nachdem einmal eine etwas zu ehrgeizige Mutter Scarlet hinter sich herziehen wollte, damit sie schneller lief. Scarlet, Du ahnst es vermutlich, ging wie ein Helikopter in die Luft und das Kind flog in hohem Bogen. Zum Glück blieb das Kind unverletzt und steckte den Zwischenfall sehr gut weg.
Mit Geduld zu einem zuverlässigen Springpony
Scarlet hatte in jüngeren Jahren noch eine andere Eigenheit: Bis sie etwa neun Jahre alt war, hatte sie «Aussetzer» beim Springen. Sie konnte mehrere Sprünge (30 - 50 cm hoch) problemlos springen und plötzlich bremste sie vor einem Sprung und getraute sich nicht mehr darüber. Sie hatte nicht einfach keine Lust mehr, sondern fühlte sich offensichtlich überfordert. Das konnte nach einem Sprung passieren, nach drei, fünf oder gar nicht. Ich verstand nie ganz was eigentlich ihr Problem war. Aber nun gut. Ich legte dann einfach die Stange auf den Boden. Entweder konnte das Kind dann im Schritt über die Stange reiten oder wenn Scarlet völlig blockierte führte ich sie ohne viel Aufhebens über die Stange und lobte sie danach. Wie gesagt, mit etwa neun Jahren verschwanden diese Aussetzer ganz plötzlich und für immer. Danach startete sie sogar mit Kindern an kleinen Plauschspringen und sprang immer mit Freude und super zuverlässig.
Scarlet «funktionierte» als Reitschulpony für viele Jahre. Auf sie war immer Verlass und sie hat so vielen Kindern das Reiten beigebracht. Das ging aber nur, weil ich ihre Sensibilität respektiert habe. Und ganz ehrlich, auf ihre Eigenheiten einzugehen haben für mich kaum Mehraufwand bedeutet. Es geht vor allem darum, die Bedürfnisse seines Pferdes wahrzunehmen und zusammen einen Weg zu finden, der für beide stimmt.
Pferde belohnen Rücksichtnahme mit Mitarbeit
Übrigens: Ich hatte in den letzten 25 Jahren und habe immer noch richtig tolle Schulponys. Aber nur drei «Selbstläuferinnen». Und alle drei waren sehr speziell und hatten so ihre kleinen «Marotten» mit denen ich mich aber gut arrangieren konnte. Maggie, Scarlet und Toffee haben mich für diese Rücksichtname mit jahrelanger treuer Mitarbeit belohnt.
Dieser Blog-Artikel soll ein Plädoyer dafür sein, auf die Bedürfnisse seines Pferdes oder Maultieres einzugehen. Wenn die üblichen Sprüche fallen, stelle Dein Hirn auf Durchzug. Es gibt nicht nur den einen Weg.
Auf die verschieden Pferde mit ihren Eigenheiten einzugehen macht das Reiten erst richtig spannend. Wenn es einfach funktionieren soll, ist Fahrrad fahren die einfachere und günstigere Variante!
In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Spass und Erfolg mit Deinem Pferd oder Muli.