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Im Wallis befinden sich die höchsten Berge der Schweiz. Die Mitmenschen, die an diesem Samstagmorgen in Visp aus dem Zug steigen, wollen wohl meist in die Berge. Wir aber besuchen das echte Wallis, nämlich das Tal, lateinisch vallis.
Wir fahren mit dem Postauto durch Verkehrskreisel und vorbei am Brigerbad, dann durch Gebiete mit Industrie und Einkaufszentren. Um halb zehn steigen wir bei der Haltestelle Glis Dorf aus. Wir fragen die kleine Gruppe von Interessierten nach ihren Bedürfnissen. Sie brauchen Kaffee. Also steuern wir als erstes auf das Restaurant Gliserhorn zu. Zum Kaffee gibt’s auch gleich noch ein kleines Gläschen frisch gepressten Orangensaft und ein kleines Gipfeli. Eine angenehme Art, um einen kulturellen Tagesausflug zu beginnen.
Vermutlich leitet sich der Ortsname Glis mit den sich folgenden Konsonanten g, l und s vom lateinischen ecclesia ab. Die gleiche Konsonantenfolge haben wir im französischen Wort église, das denselben Ursprung hat.
Unser erstes Reiseziel ist die Wallfahrts- und Pfarrkirche Unsere Liebe Frau auf dem Glisacker, wo die Arkadenvorhalle aus dem 17. Jahrhundert an Italien erinnert. Ebenso auffällig ist der Turm mit rundbogigen Fenstern neben der Kirche, der wohl aus dem 13. Jahrhundert stammt und demjenigen der Kathedrale von Sion ähnelt (das Bild mit dem Schnee im Hintergrund stammt von einem früheren Besuch). Im Band der Kunstdenkmäler der Schweiz über den Bezirk Brig ist die Kirche im Detail beschrieben. Die darin erwähnten archäologischen Grabungen haben offenbar ergeben, dass hier um das Jahr 500 eine frühchristliche Taufkirche stand, also zu einer Zeit, als es weit und breit keine andere Kirche gab.
In der Mitte der Kirche zwischen den Bankreihen liegt eine Steinplatte über dem Eingang zur Gruft der Familie Stockalper, die auf der vordersten Reihe der Kirchenbänke ihre Wappen, die Jahrzahl 1633 und Initialen hinterlassen hat und an der Finanzierung des geräumigen Kirchenschiffs und der Vorhalle beteiligt war. Eine guter Grund für einige biographische Angaben zu Caspar Stockalper (1609-1691), der mit dem Kauf des Salzmonopols, dank der Organisation des Transportwesens über den Simplon und wegen seiner Beteiligung am Söldnerwesen der reichste Mann im Kanton wird, dazu auch der mächtigste Politiker bis zu seiner Entmachtung 1685.
Die Familie eines weiteren mächtigen Mannes ist in der nördlichen Seitenkapelle porträtiert, und zwar auf den Aussenseiten der Altarflügel des etwa fünfhundert Jahre alten Altars der heiligen Anna. Es handelt sich um Georg Supersaxo (1450-1529) mit seiner Frau und der 23-köpfigen Nachkommenschaft (drei Söhne, drei Töchter und ihre Kinder). Weil der Altar offensteht und die Innenseite sichtbar ist, sehen wir die Familien halt auf einer Abbildung an.
Wir stellen den mächtigen Georg Supersaxo näher vor, Sohn von Fürstbischof Walter Supersaxo, und den 15 Jahre jüngeren Matthäus Schiner (1465-1522), der später sein prominenter Widersacher wird. Anfänglich von Supersaxo unterstützt, wird Schiner 1499 Bischof von Sitten und Graf des Wallis. Es gelingt ihm, um das Jahr 1510 viele Eidgenossen für den Kampf des Papstes in Oberitalien gegen Frankreich zu gewinnen. Das Problem dabei: Supersaxo unterstützt ab etwa 1505 die Franzosen in ihren Kriegen, und diese siegen 1515 in Marignano. Der Gegensatz zwischen den beiden führt im Wallis zeitweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Schiner macht Karriere ausserhalb, er wird Kardinal, er wird Oberkommandierender der päpstlichen Truppen, Verwalter des Vatikans nach dem Tod des Papstes. Papst wird er nicht, die französischen Bischöfe sind gegen ihn. Während Schiner eine wichtige Rolle in der europäischen Politik spielt und offenbar auch an der Redaktion des Edikts von Worms gegen Luther beteiligt ist, behält Supersaxo im Wallis lange die Oberhand. Von ihm stammen in Sitten der Landsitz Maison du Diable ausserhalb der damaligen Stadtmauer und sein Stadthaus Maison Supersaxo mit seiner bekannten Holzdecke.
Bei der Mobilisierung der Bevölkerung in den Machtkämpfen wird eine Walliser Form der Revolte kultiviert: man erhebt die Mazze, eine geschnitzte Holzfigur, in die alle Unzufriedenen einen Nagel einschlagen. Wenn die Unzufriedenheit überwiegt, retten sich die Machthaber, indem sie verschwinden.
Aus der Zeit um 1538 stammt das gotische Chorgewölbe, älter ist der Hochaltar mit Altartafeln, die um 1480 gemalt wurden.
Bevor wir die Kirche verlassen und zu Fuss nach Brig gehen, beachten wir das Nordportal mit dem Meisterzeichen des Baumeisters Ulrich Ruffiner mit der Jahrzahl 1519 (seine Lebensdaten: von etwa 1480 bis zum Zeitraum von 1549-56 – Todesursache: ein Sturz vom Kirchturm von Glis). Sein Herkunftsort ist Prismell, eine deutschsprachige Walserkolonie im Gebiet der heutigen Gemeinden Alagna Valsesia und Riva Valdobbia im Piemont, am südlichen Fuss des Monte Rosa-Massivs.
In Brig besuchen wir den Innenhof des Stockalperpalastes, beachten aber vorher die fünf nicht sehr grossen, in der Form eines Kreuzes angeordneten Eisenplatten, offenbar aus den eigenen Eisenminen geschmolzen, die Stockalper aussen am Gebäude hat anbringen lassen, sichtbar für die Durchreisenden, aber inzwischen etwas verrostet. In der Mitte sehen wir ein Porträt des langhaarigen Hausherrn mit Schnurrbart, darüber fast wie ein Heiligenschein die Schrift C STOKALPER DE TVRRE BARO DOVINI, Caspar Stockalper vom Thurm Baron von Duingt. Im Wallis herrschen keine Barone, Stockalper kann deshalb nicht Baron im Wallis werden, dafür kauft er sich ein Schloss am Lac d’Annecy und wird so 1648 Baron, später wird er Reichsritter und erwirbt weitere Adelstitel. Beidseits des Porträts sehen wir je einen Turm, oben drei Kronen, wohl für die Heiligen Drei Könige, die für Caspar eine Rolle spielen, und unten das Familienwappen mit den drei Stöcken auf der Alp, das wir schon auf der Kirchenbank in Glis gesehen haben.
Mit dem Stockalperpalast baute der weitgereiste Caspar sich ein Verwaltungsgebäude nach seinen eigenen Vorlieben, das stilistisch nicht einheitlich ist. Passerellen verbinden es mit seinem Wohnhaus nebenan (Palast und Wohnhaus kann man auf informativen Schlossführungen innen besichtigen). Anschliessend besuchen wir kurz die alte Antoniuskapelle oberhalb des Stockalperpalasts an der alten Simplonstrasse, die barocke Kirche der heiligen Dreifaltigkeit aus dem 18. Jahrhundert, die mit dem Kloster der Ursulinerinnen mit einem Verbindungstrakt verbunden ist, der die Simplonstrasse überbrückt, und schliesslich die ebenfalls barocke Kirche des Jesuitenkollegiums, eine Stiftung Stockalpers, aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, etwas östlich und erhöht über der Strasse.
Dann sind wir hungrig und lassen uns darauf ein, Cholera, ein Walliser Gericht, zu testen.
Nach dem Mittagessen fahren wir mit dem Regionalzug nach Raron. Dort steigen wir auf den Burghügel. Unser Ausflug findet an einem Tag statt, an dem herbstliche Kälte über die Schweiz hereinbricht und im Wallis ein stürmischer Westwind bläst, besonders auf dem Burghügel von Raron. Der Wind bringt keinen Regen im trockensten Gebiet der Schweiz, aber einen raschen Wechsel von Bewölkung mit klarstem Sonnenlicht.
Auf dem Burghügel steht eine gotische Kirche, gebaut von Ulrich Ruffiner. Drinnen spürt man noch die Wärme des Sommers. Für das Kirchenschiff hat Ruffiner die massiven Aussenwände einer alten Burgruine wiederverwendet. Der gotische Chor ist nach Osten orientiert. Im Museum auf der Burg gleich neben der Kirche ist im ersten Stock ein Modell zu sehen, das Ruffiners anfänglichen Versuch zeigt, das Kirchenschiff mit einer Holzdecke vor den Elementen zu schützen. Die Konstruktion hielt nicht lange. Dank zwei Pfeilern aus warmem gelben Tuffstein hält die Kirchendecke bis heute.
Hier oben stellen wir auch Iris von Rothen (1917-1990) vor, die durch ihre Heirat mit Peter von Roten mit dem Burghügel von Raron in Beziehung steht. Die Behauptung, sie sei Ende der 1950-er Jahre die meistgehasste Frau der Schweiz gewesen, ist wohl keine Übertreibung. In ihrem Buch Frauen im Laufgitter von 1958 kritisiert sie den Apparat der Männerherrschaft. Das Funktionieren des patriarchalen Herrschaftssystems beschreibt sie in ihrem Buch wortgewandt und präzise auf 600 Seiten. Die stolzen Schweizer, die die Demokratie erfunden und den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, schätzen ihre Kritik nicht, und die Frauenorganisationen geben ihr die Schuld an der Ablehnung des Frauenstimmrechts in der nationalen Abstimmung von 1959. Oben abgebildet Iris und Peter von Roten im Museum, auf dem Bildschirm Tochter Hortensia.
Schliesslich sprechen wir über Rainer Maria Rilke, geboren 1875 im österreichischen Prag. Die durch den Tod einer Tochter traumatisierte Mutter erzieht den kleinen René Wilhelm Johann Josef Maria zunächst wie ein Mädchen, bis er elfjährig in die Militärrealschule eintritt und diese sechs Jahre später krank verlässt. Er besteht die Matura, beginnt in Prag ein Studium in Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie.
In Venedig trifft er 1897 die vierzehn Jahre ältere Lou Andreas Salomé, eine in Russland geborene, sprachkundige und in der europäischen Kulturszene gut vernetzte Schriftstellerin, Publizistin und Psychoanalytikerin, die Heiratsanträge von Nietzsche und anderen abgelehnt hat. Die beiden lieben sich. Drei Jahre später bricht sie die Beziehung ab. Nach der schmerzhaften Trennung ist Rilke zu Besuch in der Künstlerkolonie Worpswede, lernt dort die Bildhauerin Clara Westhoff kennen, hat mit ihr ein Kind und merkt bald, dass ein bürgerliches Familienleben für ihn nicht taugt. Im Weltkrieg leistet Rilke Militärdienst in der österreichischen Militärverwaltung, nachher sucht er Ruhe in der Schweiz, wo er 1926 an Leukämie stirbt. Begraben ist er an der südlichen Wand der Burgkirche von Raron. Auf dem Grabstein prangt Rilkes Familienwappen, das hat er sich so gewünscht, und ebenfalls auf seinen Wunsch steht
Rose oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.
Den Widerspruch finden wir nicht nur in der Rose, sondern wohl auch in Rilkes Persönlichkeit. Er schreibt viel über Liebe zu Frauen, erträgt ihre Gegenwart aber nicht lange, abgesehen von fürsorglichen Haushälterinnen, die für ihn waschen und kochen, ohne ihn zu stören. Er gibt sich bescheiden und erträumt sich gleichzeitig eine adelige Herkunft. Er leidet unter dem Weltkrieg, schreibt vorher aber Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. In der lyrischen Erzählung stellt der Autor sich den Heldentod des Christoph Rilke von Langenau mit fliegender Fahne auf dem Schlachtfeld vor, nach einer romantischen Liebesnacht mit einer Gräfin in einem Schloss. Das Werk kostet als Büchlein Nummer 1 der Insel-Bücherei 50 Pfennig und wird sehr populär. Viele begeisterte Soldaten nehmen das Büchlein mit sich, schlafen mit keiner Gräfin und sterben einen frühen Tod in den Schützengräben.
A propos Schloss: Der sensible Rilke schreibt am liebsten in einem Schloss. Die bekannten Duineser Elegien beginnt er 1912 im Schloss Duino bei Triest, wo er zu Gast ist bei der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, geborene Prinzessin Marie Elisabeth Karoline zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. In der Schweiz wird er zuerst 1920/21 im Schloss Berg (ZH) aufgenommen, wo er an den Elegien weiterarbeitet, bis Freunde ihm den Aufenthalt im Schloss Muzot bei Sierre ermöglichen, wo er die Elegien und andere wichtige Texte in einer intensiven Schaffensphase im Februar 1922 vollendet.
Jean Rudolphe von Salis, der während des Zweiten Weltkrieges mit seiner überlegten und unaufgeregten Wochenschau auf Radio Beromünster die Lage in Europa beschreibt und analysiert und dafür von Hörern beider Kriegsparteien ernstgenommen wird, lernt Rilke als Student kennen. Er schreibt 1936 ein lesenswertes Buch mit dem Titel Rilkes Schweizer Jahre. Es geht ihm dort unter anderem darum, die alberne Verniedlichung dieses energischen Geistes zu einem bloss zarten, sanften Rilke entschieden zu korrigieren, und er findet es nötig zu sagen, mit welcher Rücksichtslosigkeit, mit welcher Radikalität in gewissen Situationen und über gewisse Dinge er denken, sich über sie ausdrücken konnte. Jean Rudolphe von Salis erwähnt am Schluss seines Vorworts zu einer späteren Ausgabe, dass auch er von einem Schloss aus schreibt: Schloss Brunegg (Aargau), 1975.
Ich schreibe nicht in einem Schloss und werde von Salis doch nicht widersprechen. Radikal ist wohl vor allem Rilkes Kritik an der institutionalisierten Religion, die zu Rilkes Lebenszeit das Verhalten der Menschen noch sehr bestimmt, zumindest das vordergründige, sichtbare Verhalten. Ein kleines Zitat aus dem Prosastück Der Brief des jungen Arbeiters: Diese zunehmende Ausbeutung des Lebens, ist sie nicht eine Folge der durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwertung des Hiesigen? Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier von Aufgaben und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. Welcher Betrug, Bilder hiesigen Entzückens zu entwenden, um sie hinter unserem Rücken an den Himmel zu verkaufen! Und in den Duineser Elegien, in der Zehnten Elegie: Oh, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt…
Rilke wollte neben der Burgkirche von Raron beerdigt werden. Der Wind, die Sonne, der Ausblick über das Tal haben ihn berührt.
Vom Burghügel gehen wir nach unten, vorbei an den historischen Häusern dieses Hauptorts einer der sieben Zenden. Wir betreten kurz die stimmungsvolle moderne Kirche in der künstlichen Felskaverne und gehen zum Bahnhof.
Dann fahren wir spontan mit einigen Teilnehmern in die Kantonshauptstadt, wo wir den Abend verbringen.