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Hotel Lion d'Or, zum goldenen Löwen, Unterer Graben
unterer Graben 1
8400 Winterthur
Als Handel und Verkehr aufblühten entstand 1846-1854 der Gasthof Hotel Lion d’Or. Die Spekulation, dass der Winterthurer Bahnhof auf das heutige Technikum-Areal zustehen komme, ging nicht auf. Der hoteleigene Omnibus transportierte deshalb die Gäste ab 1855 vom Bahnhof zur vornehmen Absteige. 1885 wurde das Gasthaus ausgebaut und aufgestockt. 1950 wurde das Gebäude an die Krankenfürsorge verkauft und durch einen Neubau ersetzt.
Die Anfänge des „Goldenen Löwens“ beschreibt der ehemalige Redaktor des „Neuen Winterthurer Tagblattes“ Hans Kägi in seinem Büchlein „Gras zwischen den Steinen“ 1971 wie folgt:
„Das Eckhaus Holdergasse-Unterer Graben ist auf dem Stadtplan von 1810 noch mit «Zur Rosenstaude» und sein damaliger Anbau 1838 «Zum Mohrenkopf» erwähnt. In den Aufzeichnungen des Notariats erscheint der «Goldene Löwe» hier zum ersten Mal im Jahre 1867. Man sucht skeptisch nach den Gründen, die den Erbauer des Hotels bewogen haben mögen. (…..) Offensichtlich hat der vorsichtige Herr Rektor von den Bahnen weniger Prosperität für seine Vaterstadt erwartet als seine vom Eisenbahnfieber schon leidenschaftlich ergriffenen einstigen Schüler, die sich in jener Zeit bereits ob der Frage der Bahnhofanlage auf dem Areal des damaligen Viehmarktes, dem heutigen Technikumsplatz, die Köpfe erhitzten. Mutmasslich hat die Nähe des erwogenen Bahnhofplatzes den Standort für das «Hotel Löwen» mitbestimmt.
Ein zweiter Grund lag gewiss in der damaligen Einführung der neuen Tösstalstrasse in die Altstadt. Diese Strasse durch das Tösstal ist erst in den Jahren 1830 bis 1840 gebaut worden. Noch kaum hundert Jahre zuvor hatte der Rat von Winterthur dem Lenzburger Meister Michel Meyer den Auftrag zur Erstellung eines neuen «Holderbrunnens» in Würenloser Stein erteilt. 1839 musste dieser stattliche Brunnen dem Verkehr weichen, denn durch Grösse und Form hatte er die Durchfahrt erschwert. Dieser Übelstand war seit der Eröffnung der neuen Tösstalstrasse und der ausserordentlichen vergrösserten Personen-, Karren- und Kutschenfrequenz als unerträglich hervorgetreten.
Dies und die in Erwartung stehende Bahnhofanlage mit Hauptzugang durch den Holderplatz in die Altstadt hatten den Bauplatz für das «Hotel du Lion d'Or» damals höchst zukunftsreich erscheinen lassen. In der Tat spricht die ganze Anlage mit dem einstigen, durch den Einbau des Büros und der Telephonkabinen seither verkleinerten Vestibül, den oberen Sälen und nicht zuletzt mit den Stallungen und Remisen an der innern Tösstalstrasse-Neustadtgasse für den wagemutigen Unternehmergeist der Winterthurer Gründerzeit. Mit dem Einbau der Postfiliale Ende der achtziger Jahre durfte die Hotelkarte des «Lion d'Or» zu Seiten des Bildes eines architektonisch würdevollen «Hotel und Pension » -Gebäudes vermerken: «Poste et Télégraphe à l'Hôtel », «Omnibus à la gare. (…..)
Die Familie Bindschedler genoss bei der Übernahme des «Löwen» bereits einen guten Ruf aus ihrer Gasthausführung im «Lamm» an der Obergasse. Bald aber war ihr Name mit dem «Löwen» und mit der gastronomischen Geschichte unserer Stadt verbunden. Schon Albert Bindschedler-Tschudy hatte in allem — im Silber der Bestecke und der Platten, im Kristall der Gläser und der Flaschen, wie bei der Batterie der Kasserollen der Küche auf Glanz geachtet. Nach seinem frühen Tode (1885) liess seine Witwe, Amalie Bindschedler, den ältesten ihrer drei Söhne, den damals 18jährigen Rudolf, für die Weiterführung des Hotels ausbilden.
In ihm gewann der «Löwe» einen im gesamtschweizerischen Hotelgewerbe geachteten Fachmann, der gemeinsam mit seiner Gattin, Frau Bertha Bindschedler-Suter, ausser dem «Löwen» als Pächter auch den Ruf des «Casinos» zu heben trachtete. Nach seinem Hinschied setzte sich Frau Bertha Bindschedler umsichtig und eifrig für ihr Haus ein.
In Heinrich Maurer fand sich 1929 ein Nachfolger, der gemeinsam mit seiner regsamen Frau und der umsichtigen Schwester den «Löwen» während der Krisen- und Kriegsjahre durchzuhalten vermochte. Als Winterthurer hatte sich Heinrich Maurer namentlich in der Kochkunst gründlich ausgebildet, so dass die « Löwen » -Küche auch während der Zeit der Lebensmittel-Rationierung Gourmets zu befriedigen vermochte.
Was alles könnten die verschiedenen Gaststuben, Säle und Sitzungszimmer des «Löwen» erzählen! Wie mancher ernste Ratschlag wurde hier gefasst! Wie oft wurden Programme für alle möglichen gesellschaftlichen Anlässe und für Sport-Meetings aufgestellt! Wie nah nebeneinander entschied man in abendlicher Zusammenkunft über privates und öffentliches Schicksal! Hier erwog die freisinnige Fraktion die stadträtlichen Vorlagen und eigene Anträge. Sorgsam hatten nebenan die Stadtschützen ihre Trophäen, goldene Kränze und Becher, unter den pietätvoll geschonten alten Fahnen aufbewahrt. Und nah dabei versorgte die 1842 gegründete «Löwengesellschaft» alter Bürger ihre Annalen.
Im obern Saal zog manches Söhnchen in Niklaus Michels Kinder-Tanzkurs zum ersten Mal seine Glanzschühlein manierlich an, in denen sich der sonst gehärtete Winterthurer Schritt wie schwebend über das bereits ein wenig aus den Fugen geratene Parkett bewegte. — Aktionäre der Handels- und Industriegesellschaften spitzten an den Generalversammlungen im «Löwen» über dem Abschluss und der möglichen Dividende die Ohren. — Von dem einstigen Postbüro im Erdgeschoss hatte sich ein Raum den Namen «Post» bewahrt.
Der von roten Plüschbänken umsäumte «grosse Saal» war mit elsässischen Tapeten verkleidet. Ihre arkadischen Landschaftsbilder à la Claude Lorrain schienen erwählt abgestimmt auf die Roben bei den kammermusikalischen und den literarischen Soireen, besonders auf die Seide der Damen an Hochzeiten und an Assembleen. Als während der Mobilisationszeit der «Löwe» öfters militärische Einquartierung erhielt, wollten die romantischen Wanddekorationen freilich zum Feldgrau nicht mehr recht passen. Und doch gewann der « Lion d'Or » während des Weltkrieges seinen höchsten Glanz: da anlässlich des offiziellen Empfangs von General Guisan das Hotel die Narben mit Blattgrün und hinter Teppichen verbarg. Damals erforderte es das Aufgebot des gesamten Polizeikorps, um dem verehrten Gast durch die Volksmenge einen Weg vom Technikum bis zum «Löwen» zu bahnen. Dann schien es uns, als wollte der «Löwe» in Glanz und Schönheit enden. 1951 sank das Haus in Schutt und Trümmer, um seinen Platz dem Verwaltungssitz einer Krankenkasse zu überlassen.“ (Ende Zitat)
Durch diese Krankenkasse entstand 1952 bis 1953 ein Bürogebäude für deren Geschäftssitz. Später zog die Versicherung in einen Neubau an der Neuwiesenstrasse/Konradstrasse.