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Zeitmessung
Seit es der Menschheit gelingt, religiöse, soziale und wirtschaftliche Einrichtungen zu organisieren, ist die Zeitmessung ein wichtiges Anliegen. Man erstellte Kalender, um die Abfolge der Tage, Monate und Jahre festzulegen, und man erfand verschiedene Systeme, um den Tagesablauf zu unterteilen. Dazu gehören die mechanischen Uhren, die in Europa im Mittelalter aufkamen und deren Perfektionierung Kleinuhren und Pendulen entstehen liess. Vor dieser Erfindung, die die Zeitmessung revolutionierte, verwendeten die Menschen ausgeklügelte Verfahren, um verschiedene Momente im Tagesablauf zu bestimmen und deren Dauer zu messen. So kam man etwa auf die Idee, das Abfliessen von Wasser oder Sand oder das Abbrennen einer Kerze zu nutzen, um das Verstreichen der Stunden zu erfassen.
Die Anfänge der Uhrenindustrie im Jura (17. Jahrhundert)
Im Neuenburger Jura nahm die Uhrenindustrie im 17. Jahrhundert langsam Form an. Die Bewohner dieser Region haben zwar die Uhrmacherei nicht erfunden, aber sie ist hier auf einen nährstoffreichen Boden gestossen.
Aufgrund der relativ grossen Isolation waren sich die Bauern früher gewöhnt, alles selbst zu machen (Waffen, Spengler- und Schlosserarbeiten, Spitzen). Aber sie mussten auch viel reisen, um anderswo zu suchen, was ihnen fehlte. Diese Tätigkeit war daher besonders gut an die materiellen Voraussetzungen der Region angepasst. Die Uhrmacherei brauchte nicht viel Platz und nur wenig Rohstoffe und Energie und war auch mit der Dezentralisierung (abgelegene Häuser) und mit der saisonalen Beschäftigung einer ländlichen Gemeinschaft vereinbar. Die wirtschaftlichen Bedingungen des Landes ermöglichten den Handwerkern in den Bergen damals noch nicht, sich voll der Uhrmacherei zu widmen; im Sommer waren sie Bauern und im Winter widmeten sie sich nach ihrem eigenen Geschmacksempfinden der Bearbeitung von Eisen, Holz oder Klöppeln. Viele dieser Zweitbeschäftigungen, die zunächst als Zeitvertreib betrieben wurden, verwandelten sich nach und nach in einen Broterwerb.
Die ersten mechanischen Uhren waren die Kirchturmuhren, denen erst viel später die Wohnungsuhren und einige Jahrhunderte danach die Kleinuhren folgten. Zwei Handwerkergruppen trugen zu ihrer Entwicklung bei: die Schlosser, die die Grossuhren reinigen, reparieren und bald hin und wieder auch selbst bauen mussten, und die Goldschmiede, denen man die Reparatur kleinerer Stücke anvertraute und die natürlich eines Tages auch auf den Gedanken kamen, selbst welche anzufertigen.
Im Jahr 1630 kauften die Bewohner von Le Locle ihre erste Turmuhr (gebaut von Abraham Perret-dit-Tornare des Convers) und 30 Jahre später erhielt auch die Kirche von La Chaux-de-Fonds eine eigene Uhr. Das Know-how blieb in den Händen einiger weniger und die Uhrmacher galten unter den Metallarbeitern als Randgruppe. Um 1695 konnte man sie angeblich noch an einer Hand abzählen.
Der Aufschwung der Uhrenindustrie im Neuenburger Jura
(18. - 19. Jahrhundert)
Die Weichen für die wirtschaftliche Zukunft von La Chaux-de-Fonds und Le Locle wurden im 18. Jahrhundert gestellt. Die Uhrmacherei löste die anderen Industrieaktivitäten nach und nach ab oder übte gar ein Monopol aus. Nur die Spitzenherstellung, die fast ausschliesslich den Frauen und Kindern vorbehalten war, bewahrte neben der neuen Hauptbeschäftigung einen wichtigen Platz.
Die Uhrmacherei nahm zunehmend die Form einer echten Industrie nach dem System der sogenannten „Etablissage“ an. Der Patron, auch „Etablisseur“ genannt, verfügte über ein Atelier, das sogenannte Comptoir, wo eine gewisse Anzahl Uhrmacher die Bestandteile unterschiedlicher Herkunft prüften, bei Bedarf nachbearbeiteten, zusammensetzten und schliesslich regulierten. Aufgrund des Umfangs der Produktion, der Organisation und der Anzahl eingesetzter Handwerker kann man bereits von einer Industrie sprechen, selbst wenn die Fabrikation und der Zusammenbau noch im häuslichen Umfeld der Arbeiter und insbesondere auf dem Fenstersims erfolgte, der als Werktisch diente. Der junge Industriezweit war jedoch lukrativ und bewog mehr und mehr Handwerker, sich ausschliesslich dieser Beschäftigung zu widmen.
Eine 1806 durchgeführte Studie schätzte die Gesamtproduktion des Neuenburgerlandes auf 116'500 Silberuhren, 14'000 Golduhren und 1'100 Pendeluhrwerke, die von insgesamt 4'318 Arbeitern gebaut wurden. Da der Neuenburger Markt jedoch sehr klein war, hing die Uhrenindustrie ganz erheblich vom Export ab. So wurde ein Teil der Uhren und Pendulen über die Vertriebskanäle abgesetzt, die von den Fabrikanten und Exporteuren der früher blühenden Produktionen aufgebaut worden waren (Waffen, Goldschmiedearbeiten und Spitzen). Die begabtesten Handwerker begriffen schnell, dass sie ihre Produktion diversifizieren mussten, und setzten auf den Luxussektor (Automaten von Jaquet-Droz). Dies ermöglichte ihnen, sich von der Bevormundung durch Genf zu lösen und in Konkurrenz zu den grossen europäischen Zentren zu treten. Die Neuenburger Pendeluhrenfabrikation erreichte ihre Hochblüte kurz vor der Französischen Revolution.
Der Aufschwung der Uhrenindustrie und ihre Rückwirkungen verhalfen der Juraregion zu immer mehr Gewicht. Paradoxerweise wurde die Region aber auch fragiler, denn als Folge struktureller und konjunktureller Krisen musste sie immer wieder Produktionsschwankungen hinnehmen. Die Vollbeschäftigung in der Uhrenindustrie lockte neue Bevölkerungsschichten mit etwas anderen Sitten und Denkweisen an, sodass sich die Lebensart und die Weltanschauung langsam wandelten. Im Jahr 1800 zählte La Chaux-de-Fonds rund 5'000 Seelen, d.h. mehr als die erste Gemeinde Le Locle, die in der Uhrenproduktion mit La Chaux-de-Fonds rivalisierte.
Die Uhrenindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die einst handwerkliche Uhrmacherei wurde zur Industrie, als zunächst der Dampf und bald die Elektrizität die Maschinen zum Drehen brachten. Die Fabrikation im eigentlichen Sinne durchlief einen tiefgreifenden Wandel von der verstreuten Produktion (System der Etablissage) zur mechanisierten Produktion in zunächst kleinen Manufakturen (Longines, Movado, Zénith). Mit diesen Zusammenschlüssen ging die Gründung von Berufsverbänden und Gewerkschaften einher. Im Jahr 1900 entstand in La Chaux-de-Fonds die Chambre suisse de l'horlogerie et des industries annexes, um der auf einem recht grossen Gebiet verstreuten Uhrenindustrie Zusammenhalt zu geben. Der Einfluss der Uhrenindustrie war auch in der Kultur und in der Ausbildung spürbar. Die 1865 gegründete Uhrmacherschule von La Chaux-de-Fonds wurde durch ein Technikum und eine Kunstgewerbeschule ergänzt, wo sich Bijoutiers und Graveure ihr Handwerk aneignen konnten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde mehr als die Hälfte aller weltweit verkauften Uhren in dieser Region hergestellt.
Die Häuser der Uhrmacher
Die städtebauliche Entwicklung hängt eng mit der aussergewöhnlichen industriellen Entwicklung der Uhrmacherei zusammen. Das typische Haus in La Chaux-de-Fonds, das übrigens im ganzen industrialisierten Jura anzutreffen ist, setzt sich mit dem Aufschwung der Uhrenindustrie Ende des 19. Jahrhunderts durch. Es ist vier- oder fünfstöckig, besitzt ein steiles Dach und enthält in der Regel zwei Wohnungen pro Stock, die über ein zentrales Treppenhaus erreichbar sind. Die häufig aneinander gereihten Häuser verlaufen entlang der Südseite der Strassen und der oberste Stock weist oft eine ganze Fensterreihe auf, die als Vorgänger der später aufkommenden grossräumigen Verglasungen die Uhrmacherateliers beleuchteten. Diese Gebäude wurden schnell gebaut, um die stark wachsende Arbeiterschicht unterzubringen, und liessen äusserlich kaum Reichtum erkennen. Oft wurde die schlichte Gestaltung jedoch mit einem gewissen Klassizismus aufgelockert, der sich in einem diskreten Spiel von Kranzgesimsen, Giebelfeldern und Bossen zeigte.
Ende des 19. Jahrhunderts kam mit dem aufkommenden Jugendstil ein Hauch Fantasie hinzu, die sich meist in Form von diskreten Dekorationen im Innern und an der Fassade zeigte (falscher Marmor, farbige Glasfenster, Kunstschmiede- und Lüsterarbeiten). In den besser gestellten Quartieren weisen viele Häuser wohlhabender Uhrmachermeister eine erstaunliche architektonische Vielfalt auf. Sie sind Zeichen der blühenden Uhrenindustrie, aber auch ihrer Öffnung: Die Industriellen und Händler als Bauherren haben in ihnen oft die Spuren architektonischer Einflüsse hinterlassen, die sie von ihren Reisen nach Hause gebracht hatten.