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«Glarner Tüechli» sind bis heute ein typisch schweizerisches Souvenir. In ihrem Buch «Die Kunst der Imitation» geht Bettina Giersberg der Geschichte des Glarner Textildrucks und seinen orientalischen Einflüssen nach.
Die Autorin ist seit 2017 Leiterin des Museums des Landes Glarus im Freulerpalast in Näfels und forscht seit vielen Jahren zur Schweizer Textilgeschichte. Sie erzählt in dem reich illustrierten Band von den bunten, mit exotischen Mustern bedruckten Tüchern, die den Weg aus dem engen Tal in die weite Welt fanden.
Baumwolltuch der Textildruckerei Tschudi & Comp., Schwanden, um 1920. Bis weit ins 20. Jahrhundert trugen Frauen in ganz Europa meist gewobene und reich bestickte Kopftücher, die durch günstigere bedruckte Imitationen auch aus Glarus abgelöst wurden.
Im 16. Jahrhundert gelangten die ersten bemalten leichten Baumwollstoffe aus Indien nach Europa. Diese sogenannten Indiennes verbreiteten sich erst ein Jahrhundert später, als sich die Damenmode änderte. Sie wurden von Textildruckereien so erfolgreich imitiert, dass Louis XIV. sie zum Schutz seiner eigenen Seidenmanufakturen verbot.
Geflüchtete Hugenotten, Textilhändler und Drucker, führten die Indiennes in Genf und Neuenburg ein. Als 1759 das Indiennes-Verbot in Frankreich aufgehoben wurde, erweiterten die eidgenössischen Textildruckereien ihre Produktion. So etablierten sich neben der Westschweiz, Thurgau und Aargau auch im Land Glarus Textildruckereien. Statt europäischen Herrschern als Soldaten und Offiziere zu dienen, fanden die Glarner nun neue Arbeitsmöglichkeiten in der eigenen Umgebung.
Firma Friedrich Streiff & Cie., Mollis, um 1825
1740 errichtete Johann Heinrich Streiff (1709-1780) in Glarus die erste Textildruckerei, von der heute nur wenige Zeugnisse erhalten sind. Mit der Weiterentwicklung und dem Wachstum ab den 1820er-Jahren wurde der Bedarf an Rohmaterial immer grösser. Die importierte Baumwolle kam aus der Levante, den britischen, portugiesischen und niederländischen Kolonien sowie aus den Sklavenplantagen der Vereinigten Staaten. Zu viel für die Heimweber, Fabriken mit mechanischen Webereien und Spinnereien wurden gegründet. 1868 waren in 24 Webereien 3800 Personen beschäftigt, zudem arbeiteten in den 22 Glarner Druckfabriken etwa 5500 Männer und Frauen als Drucker, Koloristen, Zeichner, Handlanger, Modelstecher, Färber, Farbköche oder Fransenknüpfer.
Frühe einheimische Krappfärbung, Leinenstofffragment aus unbekannter Manufaktur in der Ostschweiz, um 1750.
Die Autorin beschreibt, wie das Rezept des leuchtenden, licht- und waschechten Rots aus der Wurzel des Färberkrapps nach Europa kam. Lange kannten nur die Färber im Osmanischen Reich die Herstellung, aber Mitte des 18. Jahrhunderts wurden osmanische Fachkräfte nach Frankreich angeworben. Die 1810 durch einen Elsässer Chemiker verbesserte Technik ermöglichte den Glarner Stoffdruckereien nicht nur leuchtend rote Stoffe zu färben, sondern darauf auch ein tiefes Schwarz zu drucken. Im Ätzverfahren wurde der Mehrfarbendruck möglich und mit Chromgelb konnte die gelbe Farbe auf Stoffen zum Leuchten gebracht werden.
Mit den sogenannten türkischrot gefärbten und bunt bedruckten Baumwollstoffen machten sich die Glarner einen Namen. In Europa wurde der Färberkrapp (Rubia tinctorum) in Südfrankreich angebaut und via Basel per Schiff über den Zürichsee und mit dem Fuhrwerk ins Glarner Tal transportiert. In den frühen 1870er-Jahren setzte sich der preiswertere, synthetisch hergestellte rote Farbstoff Alizarin durch und vereinfachte das Färbeverfahren. Bis heute ist das leuchtende Türkischrot ein Symbol des Glarner Textildrucks.
Zu Beginn des 19. Jahrhundert erkannten die Händler, dass es in Südostasien einen Markt gab, die industriell hergestellten Imitationen javanischer Batiken zu verkaufen. So druckte man auch in Glarus Wickeltücher, Sarongs, oder Männerkopftücher mit Ornamenten und Motiven, wie sie in den verschiedenen Regionen Javas getragen wurden: Pflanzenformen, Schmetterlinge, Pfauenpaare, auch geometrische Muster. Bei der Nachahmung der Ornamentik und Farbgebung hielten sich die Glarner Fabrikzeichner und Koloristen streng an die Originale, betont Bettina Giersberg.
Fragment eines Sarong. Textildruckerei Hohlenstein AG, Glarus, um 1900
Im 19. Jahrhundert gehörten Kopf- und Schultertücher aus feinen Wollstoffen mit Rosenmustern bestickt zu vielen Festtagstrachten. Die böhmischen und Vorarlberger Druckereien imitierten diese Tücher in vielen Farbvarianten. Auch Glarner Unternehmen stellten sie ab den 1840er-Jahren her und so gelangten gedruckte Glarner Rosen nach Rumänien, Serbien und Russland.
Entwurf für ein Rosenmustertuch für die Textildruckerei Egidius Trümpy, Glarus, um 1870. Die Namen der Zeichner sind nicht überliefert.
Mit der Mode um 1800 wurde der Kaschmirschal, dekoriert mit Palmettenornamenten, von den Glarner Druckereien aufgenommen. Die Schnupftücher, die im 18. Jahrhundert vom aristokratischen zum beliebten bürgerlichen Accessoire wurden, nutzte man im 19. und 20. Jahrhundert zur Verbreitung von Novitäten und bedruckte sie mit Darstellungen von aktuellen Ereignissen, Landkarten, frivolen Bildchen oder Adelsnachrichten mit ornamentaler Umrahmung. Auch für Afrika produzierten die Glarner bunte Stoffe wie das Kanga-Tuch, ein wichtiges Kleidungsstück in Ostafrika, oder bis 1974 die beliebten fantasievollen Waxprints für den westafrikanischen Markt.
Ensemble, Emanuel Ungaros Sommerkollektion 1991
Das Buch schliesst mit modernen Designern, die eigenständige Stoffentwürfe für die Seidendruckerei Mitlödi Textildruck AG schufen, wie Erich Biehle (*1941). Die hochqualitativen Drucke gelangten über die Zürcher Seidenfirma Abraham an die Couturiers in Paris, Mailand und Rom. Die Designer statteten mit diesen Stoffen über viele Jahrzehnte ihre Sommer- und Winterkollektionen aus. So gelang es der Mitlödi AG, als die meisten Schweizer Druckereien schliessen mussten, gute Umsätze zu erzielen.
Titelbild: Stofffragmente aus Musterbüchern der Textildruckerei Freuler & Co., Ennenda, 1937
Fotos: Vom Verlag zur Verfügung gestellt
Bettina Giersberg, Die Kunst der Imitation – Glarner Textildruck. Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2022. ISBN 978-3-03919-575-6