Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03376.jsonl.gz/1643

Steinkohlenpech,
pechartige Masse, welche aus Steinkohlenteer gewonnen wird. Destilliert man aus letzterm die flüchtigern Öle [* 2] ab, so erhält man als Rückstand Asphalt, etwa 80 Proz. vom Gewicht des Teers; destilliert man etwa 10 Proz. mehr ab, so bildet der Rückstand weiches und bei noch weiter fortgesetzter Destillation [* 3] mittelhartes und hartes Pech. Seit Begründung der Anthracenindustrie destilliert man allgemein bis zur Bildung von hartem Pech, pumpt dann wieder schweres Teeröl in die Blase und erhält, je nach der Menge des letztern, weiches Pech, Asphalt, präparierten Teer oder künstlichen Stockholmer Teer.
Weiches
Pech erweicht bei 40° und schmilzt bei 60°, mittelhartes erweicht bei 60° und schmilzt bei
100°, hartes erweicht bei 100° und schmilzt bei 150-200°.
Steinkohlenasphalt dient als
Surrogat des natürlichen
Asphalts
und wird zu diesem
Zweck mit
Sand,
Kies,
Asche, Ziegelmehl,
Kalkstein,
Kreide
[* 4] etc. gemischt. Sehr verbessert wird er durch Erhitzen
mit
Schwefel, und ein derartiges
Präparat bildet, vielleicht noch mit Zusatz von indifferenten erdigen
Bestandteilen, den Häuslerschen
Holzzement.
Hartes Pech wird in weiches verwandelt (wiederbelebt), indem man es in Teer, Asphalt oder Schweröl schmelzt und mit Hilfe einer Schraube ohne Ende bis zu völliger Homogenität knetet. Das S. dient besonders zur Brikettfabrikation, eignet sich aber auch vortrefflich zur Darstellung von Ruß, als Reduktionsmittel bei chemischen Prozessen und zur Zementstahlfabrikation. Wird das Pech noch in der Blase mit sehr viel Schweröl verdünnt, so erhält man den präparierten Teer, der viel billiger ist als roher Teer, dabei aber für Anstriche, zur Dachpappenfabrikation, in der Seilerei etc. ungleich wertvoller als letzterer. Er dringt schneller und tiefer in Holz [* 5] und Stein ein, trocknet schneller und ohne Risse (in 12-24 Stunden) und gibt einen schönen glänzenden Überzug.
Als Surrogat des Holzteers (Stockholmer Teer) führt er den Namen künstlicher Stockholmer Teer. Einen feinern, noch schneller (in 4-6 Stunden) trocknenden Firnis für feinere Eisenwaren erhält man auf gleiche Weise aus Pech und Leichtöl, und endlich wird dieser noch mit Naphtha oder Petroleumäther u. dgl. gemischt, in welchem Fall der Lack in einer Stunde, ja in einer Viertelstunde trocknet. Alle drei Firnisse haften ungemein fest am Eisen [* 6] und geben einen ziemlich harten, stark glänzenden und sehr glatten überzug.
Diese Verwendungsarten des
Steinkohlenpechs konsumieren nur sehr wenig von der großen produzierten
Menge,
und man treibt deshalb die
Destillation noch weiter, um schließlich nur
Koks als Rückstand zu erhalten, für welche stets
Absatz gefunden werden kann. Bei der Anwendung gußeiserner
Retorten und eines Exhaustors, welcher zur Beförderung der Dampfentwickelung
ein teilweises
Vakuum in der
Retorte erzeugt, erhält man zwischen 260 und 315° meist
Naphthalin, dann
bis 370° ein anthracenreiches
Produkt und bei höherer
Temperatur minder flüchtige
Körper. Die Destillate geben beim Stehen
einen
Absatz, aus welchem Rohanthracen gewonnen wird, und das übrigbleibende
Öl dient zum
Schmieren. Der Ausführung der Pechdestillation
im größern
Umfang steht bis jetzt noch die Schwierigkeit entgegen, ein passendes Retortenmaterial zu
finden.
Vgl. Lunge, [* 7] Die Industrie der Steinkohlenteer-Destillation etc. (2. Aufl., Braunschw. 1888).