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Hochtouristik und Skilauf mit Kunstbein
Eine Anleitung für AmputierteVor Dr Braun
Mit 1 ZeichnungSilandro ) Der zweite Weltkrieg hat mit seinen noch blutigeren Methoden der Kriegführung das Heer der Amputierten so vermehrt, dass es nicht mehr gerechtfertigt wäre, eine heute 20jährige Erfahrung im Alpinismus und Skilauf als Beinamputierter nur einem engen Freundeskreise offenzuhalten. Der Verlust der Gliedmassen schafft ein psychologisches Problem. Für den Neuamputierten kann aus dem sportlichen Beispiel früher Amputierter grösster Willensimpuls ausströmen — Hoffnung statt Niedergeschlagenheit, Sicherheit statt Zweifel.
Naturgemäss muss eine derartige Schilderung stark vom Persönlichen ausgehen. Sie erhebt daher nicht den Anspruch, immer allgemein Gültiges aufzuzeichnen, denn nirgends so wie beim Sport mit der Prothese treten die individuellen Verschiedenheiten des Stumpfes, der Haut, der Gesamtleistungs-fähigkeit und der Trainingserfahrungen deutlicher hervor.
Im Frühjahr 1927 verlor ich infolge eines Unfalls beim Klettern im Hochgebirge mein linkes Bein, das 10 cm unter dem Knie abgenommen werden musste, weil Brand aufgetreten war. Im Herbst desselben Jahres begann ich zum erstenmal mit einer Behelfsprothese zu laufen. Der Stumpf ruht in einem Lederschaft, der an der Rückseite enger geschnallt werden kann, weil die ausser Funktion gesetzten Wadenmuskeln erst allmählich zu schwinden beginnen. Für Gesunde, die im allgemeinen wenig von Kunstgliedern wissen, sei noch gesagt, dass dieser Lederschaft zwischen zwei an der Seite angebrachten Stahlschienen ruht, die an der Stelle des Knöchels mit einer Achse verbunden sind. Sie läuft durch den künstlichen Fuss, der aus Holz und Filz oder Gummi besteht. Die Bewegung des Fusses, welche die Knöchelbewegung ersetzen soll, wird vorn und hinten durch eine eingelassene Gummifederung auf das Notwendigste beschränkt. Der ganze aus Fuss und Lederhülse bestehende Unterschenkelschaft ist durch die seitlichen Stahlschienen und zwei Kugellagergelenke auf der Höhe des Knies mit einer Schnürmanschette verbunden, die das Kunstbein am Oberschenkel festhält.
In der ersten Zeit, besonders nach langem Krankenlager, ist der Neu-amputierte froh, wenn er fünf Minuten am Tage laufen kann — dies natürlich nur unter grossen Schmerzen. Geht man zum erstenmal auf der Strasse, dann mutet auf dem besten Pflaster jeder nur etwas hervortretende Stein wie ein Berghindernis an, über das man sich mit dem noch ganz als Fremdkörper empfundenen Kunstbein mühsam hinüberrollt. Diese erste Zeit, die « Periode der Aussichtslosigkeit », ist insofern auch die schwierigste, weil die Haut des Stumpfes sich auch in der weichsten Lederhülle dauernd wundläuft. Jedes Fleckchen seiner Oberfläche muss mehrere Male blutig gelaufen werden, bis langsam eine Besserung eintritt. Unter solchen Umständen hielt ich es für unmöglich, mich je wieder mit dem erst zwei Jahre vor dem Unfall begonnenen Skilauf befassen zu können.
Ich begann deshalb damals zunächst mit dem Schlittschuhlauf, in der Überlegung, dass hier an den noch empfindlichen Stumpf die geringste Kraftanstrengung gestellt werden würde. Drei Monate nach der Amputation gelang mir der erste « Dreier », obwohl ich seit meinem sechsten Lebensjahr nie mehr Schlittschuh gelaufen war. Der Wechsel vom Aussen- zum Innenbogen wurde vom Oberkörper bewerkstelligt, eine Erfahrung, die später beim Skilauf wichtig werden sollte. Die gänzlich fehlende seitliche Knöchelbewegung hatte jedoch nicht nur Nachteile, sondern den Vorteil, dass im Gegensatz zum gesunden Fuss, die üblichen Ermüdungserscheinungen des untrainierten Schlittschuhläufers am amputierten Fuss ausblieben. Ein striktes elterliches Verbot hinderte mich zunächst daran, die Schranken des Eisplatzes zu überschreiten. Als ich aber meine « Schlittschuhstudien » allmählich ins Hochgebirge an den Rissersee nach Garmisch verlegt hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, eines Tages mit den Ski meines Freundes festzustellen, dass der Marsch in der Ebene gut möglich sei. Bar jeder Erfahrung, stand ich aber damals auf dem Standpunkt, dass beim Sturz nach vorn die Prothese brechen müsse und die Furcht vor elterlicher Bestrafung liess mir angezeigt erscheinen, es mit der Bilgeri-artigen Federbindung des Münchner Sporthauses A. Schuster zu versuchen. Der Fuss rollt dabei um eine von einer Feder gehaltene Achse nach vorn ab. Wie bei der Bilgeribindung ist die Kraft der Feder zu gering, um den Absatz fest genug an den Ski zu pressen.
HOCHTOURISTIK UND SKILAUF MIT KUNSTBEIN Diesen Mangel glich ich durch die am Fussende befestigten Amstutzfedern aus. Dadurch wurde die Skiführung etwas erleichtert. Langjährige Praxis, Erprobung verschiedenster Bindungen und einige Prothesenbrüche führten mich schliesslich zur Kandaharbindung, die am künstlichen Fuss nicht mit dem Absatz unten eingespannt wird, sondern über die Backen läuft ( vgl. Abbildung ). Zur Verbesserung der modernen Vorlagetechnik werden unter dem Absatz etwa 1,5 cm starke Holzkeile angebracht, die auch etwas dicker sein dürfen. Sie werden erst beim Abfahren selbst eingesetzt und mit einem einfachen Haken befestigt. Es empfiehlt sich sehr, die Kandaharbindung am künstlichen Fuss so einzustellen, dass sie bei schweren Stürzen aufspringt oder dass wenigstens der Strammer der Absatzfeder aufgeht. Ein Kunstbeinskiläufer sollte nie ohne eine Bindung mit Absatzfeder fahren! Natürlich muss durch einen dünnen Rist-riemen dafür gesorgt werden, dass der Ski bei offener Bindung nicht verloren geht. Dies kann beim gefühllosen, künstlichen Fuss leicht vorkommen und sich bei grossen Touren verhängnisvoll auswirken. Nichts ist für den Versehrten schwerer als das Waten im tiefen Schnee. Die ersten Skilaufversuche unternahm ich aus jugendlichem Ehrgeiz allein und heimlich in der Nähe der heutigen Garmischer Olympiaschanze. Sie fielen jämmerlich aus. Das Kanten vom Körper Holzkunstbein, Kandaharzug nicht auf,,. o,..,., t-v j 1 Absatzzugeingestem,beiderAbfahrtwird hermachte Schwierigkeiten. Die damals unter den Absatz der Holzkeil eingeführt, noch neuen Stahlkanten brachten Er- damit Vorlagehaltung erleichtert wird.eichterung. Dann fand ich heraus, dass Die Öffnungen in der Prothese dienen zuriìlttit-.,ii Ventilation.am glatten Hang, wenn der Prothesenski talseits stand, der Skistock gleichzeitig mit den Auftreten unmittelbar neben der Bindung stark eingesetzt werden musste, um ein Abrutschen zu verhindern. Beharrliche Übung hatte das Ergebnis, dass ich sechs Monate nach der Amputation in langsamer Fahrt den Stemmbogen nach links und rechts wieder erlernt hatte. Erst nachdem ich die Scheu vor Sturz und Prothesenbruch ablegte, gelangen im zweiten Winter wieder Telemark und Christiania nach beiden Seiten. Neu dazu lernte ich Gelände- und Umsprung mit Stockhilfe.
Als ich mich 1934 bei dem bayrischen Skilehrer Sedelmeier — dem Bruder des in der Eigernordwand Gebliebenen — zum Skikurs in Davos meldete, konnte ich ihm meine Amputation ganz verheimlichen und hinter einer Sehnenzerrung verstecken. Wenn auch gelegentlich die Davoser Berge vor der Stentorstimme meines Lehrers zu wackeln schienen, der sich über zu steifes Knie oder schlechte Körperhaltung erregte, so gewann ich am Schluss doch das kleine Abfahrts-«Rennen » meines Skikurses und klärte den unaufgeklärten Skilehrer erst am 14. Tag über meine hölzerne « Sehnenzerrung » auf.
Ich war in der Zwischenzeit von der Lederprothese zur Holzprothese übergegangen. Die biegsame Lederhülle überlässt das ganze Gewicht den seitlichen Stahlschienen. Beim Umsprung im schweren Schnee, bei Schwüngen in schneller Fahrt führte überhöhter Druck daher zweimal zum Bruch der Stahlschienen. Dies ist bei der festeren Holzprothese nicht der Fall. Der leichteste Druck des Stumpfes wird nicht vom nachgiebigen Leder abgemildert, sondern direkt auf den Ski übersetzt. Ausserdem ist die Holzprothese bei der stärkeren Transpiration, die der Sport mit sich bringt, hygienischer. Jedem Sporttreibenden empfehle ich daher dringend, seinen Stumpf sobald wie möglich an das härtere, aber zuverlässigere Holzkunstbein zu gewöhnen.
Eine andere Frage ist, ob die Prothese einen beweglichen Fuss haben muss oder ob ein feststehender Gummifuss besser ist? Der bewegliche Fuss hat den Vorteil, dass bei Stürzen nach rückwärts der Kunstbeinschaft nachgibt, während beim in der Knöchelgegend unbeweglichen Gummifuss der Stand zwar sicherer ist, aber eine gewisse Bruchgefahr besteht. So machte sich hinter der Galzigbergstation am Arlberg eines Tages mein Ski mit Skischuh und dem abgebrochenen Fuss darin selbständig. Ich musste balancierend mit einem Bein abfahren und nahm die Spitzkehren bis St. Christoph jeweils durch ein erfrischendes Schneewälzbad. Jeder geübte Skifahrer muss streckenweise einbeinig fahren können. Der Kunstbeinfahrer noch viel mehr! Er soll dabei aber von Anfang an versuchen, möglichst lange Strecken auf dem Kunstbein allein zu fahren. Die beste Übung hierzu ist der Schlittschuhschritt. Nach einiger Mühe ist es ohne weiters möglich, ihn wie ein Normalläufer zu fahren. Im Gelände- und Umsprung bleibt die Leistung des guten Kunst-läufers nur leicht hinter der normalen zurück. Dasselbe trifft für Schwingen und Bogenfahren zu. Ein stärkerer Nachteil macht sich nur bei besonders schlechtem Schnee bemerkbar, weil die Kraft im Knöchelgelenk fehlt. Pisten-touren sind selbstverständlich am einfachsten. Bei Trainingsbeginn sind die Bergbahnpisten für den Kunstbeinläufer das Idealste, um schnell flüssiges Abfahren zu lernen, ohne sich durch Aufstieg zu verausgaben.
Doch sollte der Kunstbeinläufer niemals über der Bergbahn die Winter-touristik, das Bergsteigen vergessen, um im Volltraining zu bleiben. Abgesehen davon ist es für ihn am mühelosesten, die Berge im Winter mit Fellen und der beiderseitigen Stockhilfe zu besteigen. Gerade die gleitende Bewegung beim Skilauf in der winterlichen Kälte schliesst das Wundlaufen fast aus. Eine Winterbergtour kostet daher — um eine Zahl zu nennen — vielleicht 20% Mehranstrengung gegenüber dem Gesunden, während dieselbe Tour im Sommer vielleicht 100% Mehranstrengung verlangt.
Infolge der in den zwanziger Jahren noch geringer entwickelten Skitechnik ging ich den Weg über den Christiania. Der moderne Skilauf mit dem Körperschwung kommt aber dem Kunstbeinläufer mehr entgegen, weil er die Beintätigkeit entlastet. Von Anfang an achte man daher darauf, nur nach der modernen Technik mit Vorlage zu üben und zu fahren! Ein späteres Um-lernen ist erfahrungsgemäss bedeutend schwieriger. Auf Skikurse ist der amputierte Läufer mehr angewiesen als der normale, um sich seine Haltung und Fehler schnell korrigieren zu lassen. Er soll dabei mit normalen Läufern zu konkurrieren versuchen. Ich habe in den verschiedensten Amateurslalom-läufen gegen Fahrer mit gesunden Gliedern erste Preise erzielen können. Solche Erfolge bringen ein Höchstmass an sportlicher Zufriedenheit und Glück, die für den Kampf des täglichen Lebens einen unschätzbaren Wert darstellen.
Jedenfalls kommt dem Kunstbeinträger nichts so entgegen wie der Skilauf. Die Gleitbewegung und die Stöcke erleichtern ihm den Aufstieg, die Körperschwungtechnik die Abfahrt, und die Kälte schützt den Stumpf vor Ermüdung und Wundlauf. Bei keiner Skihochtour — es sei denn bei aussergewöhnlich ungünstigen Schneeverhältnissen — habe ich das Gefühl gehabt, den anderen Läufern unterlegen zu sein. Ein Kurs der deutschen Sportorganisation auf dem Zugspitzplatt mit Kriegsversehrten 1943 zeigte, dass der geübte Unterschenkelamputierte mit gutsitzender Prothese mehr zu leisten imstande ist als ein Oberarmamputierter. Das Fehlen des Armes macht sich beim Körperschwung störender bemerkbar als der durch das Kunstbein ersetzte Unterschenkel. Es wurden auch Versuche mit Oberschenkelampu-tierten gemacht. Wohl war es möglich, in leichtwelligem Gelände ganz gute Aufstiegs- und Abfahrtsergebnisse zu erzielen. Am Steilhang versagte aber die Prothese infolge des fehlenden natürlichen Kniegelenkes in den meisten Fällen. Oberschenkelamputierte sind daher dazu übergegangen, die Prothese zu Hause zu lassen und von Bergbahnstationen aus auf Pistenstrecken einbeinig abzufahren. Als Stützen dienen die Stöcke, die mit Skikufen versehen sind. Ein Grödner Skifahrer hat auf diese Weise in einbeiniger Abfahrt auch im Schwingen beachtliche Leistungen erzielt. Immerhin wurde damals am Zugspitzplatt herausgefunden, dass selbst der Oberschenkelamputierte mit Kunstbein ein guter Mittelgebirgsskiläufer werden kann und dass der Ski im Langlauf für ihn das bequemste Mittel darstellt, weite Strecken im Schnee zurückzulegen. Das Gesetz, dass die gleitende Bewegung für den Stumpf angenehmer ist als die stapfende, gilt auch hier.
Neben den bisher beschriebenen Sportarten und ausgedehnten Radtouren — z.B. von München bis Innsbruck und zurück — habe ich von Anfang an den sommerlichen Alpinismus wieder aufgenommen Knapp zwei Jahre nach der Amputation stand ich auf meinem ersten Viertausender, dem Zermatter Breithorn, das ich zusammen mit dem Kleinen Matterhorn bestieg. Daran schlössen sich zahlreiche Bergtouren in Bayern, z.B. die Zugspitze vom Eibsee und Höllental, Alpspitze und Hochblassen mit Abstieg ins Höllental, ein Jahr nach dem Unfall die Elmauer Halt im Kaisergebirge, die Watz-mannüberschreitung zum Wimbachtal, als Alleintour den Hohen Göll mit Gratwanderung zum Hohen Brett und Stahlhaus, und dann den Grossglockner mit Anstieg zur Pasterze sowie das Matterhorn von der Schweizer Seite in Normalzeit mit dem Zermatter Führer Felix Kronig 1943.
Die letztgenannte Tour erfolgte ohne jedes Training nach langer Pause anlässlich einer kurzen Geschäftsreise von Berlin aus über das Wochenende.
Ankunft in Zermatt am Freitag vormittag. 19 Uhr Belvederehütte. Abmarsch Samstag 3.30 Uhr, Gipfel 9.30 Uhr. Gipfelrast 40 Minuten. Rückkunft im Belvedere 16 Uhr. Rast bis 17.30 Uhr, Ankunft Zermatt 20 Uhr. Abfahrt nach Berlin Sonntag 7 Uhr, Ankunft im Büro Montag 8.30 Uhr bei voller Arbeitsfähigkeit. Vorangegangene Urlaubsperren und Kriegsbeanspruchung hatten seit über einem Jahr jede sportliche Betätigung unmöglich gemacht.
Das Matterhornbeispiel beweist, dass man auch als Kunstbeinträger Leistungen erzielen kann, die selbst an den gesunden Bergsteiger Anforderungen stellen würden. Der Amputierte hat dabei folgendes zu beachten: Schon einige Tage vor der Tour sollte der Stumpf sorgfältig gepflegt werden. Häufige Waschungen mit kaltem Wasser und Einpudern ist empfehlenswert. Einfetten ist immer gut. Franzbranntwein ist nur zu kurzer Reinigung zu empfehlen, danach aber ist die Haut wieder mit weisser Vaseline zu behandeln. Dies schützt sie vor Wundlaufen besser, als wenn sie durch Alkohol von Fett-stoffen entblösst wäre. Am Tage der Tour sind frische Stumpfstrümpfe ( aus reiner Wolle ) anzulegen, bei Holzprothese mindestens zwei. Auch Stumpfstrümpfe aus Gems- oder Hirschleder eignen sich, wenn auf die Haut selbst der Wollstrumpf zu liegen kommt, damit er den Schweiss aufsaugt. Vor dem Abstieg ist die Oberchenkelmanschette so eng wie möglich zu schnallen, damit die Belastung des Stumpfes in der Kunstbeinhülse so gering wie möglich gehalten wird. Es schadet nichts, wenn die Normal-Gehzeit auf Sommertouren ( Baedeckerzeit ) um einen Drittel überschritten wird, entscheidend ist bis zum Erreichen des Gipfels oder der Hütte, Wundlaufschmerzen zu verhindern. Macht sich die geringste Unregelmässigkeit bemerkbar, ist das Kunstbein abzuschnallen, die gerötete Stelle mit Vaselin einzureiben und mit Hansaplast zu überkleben, die Stumpfstrümpfe zu wechseln bzw. zu trocknen. Dies ist die Hauptregel fürs sommerliche Bergsteigen. Beim Abwärtsgehen darf man nie zu hastig werden, um die Transpiration niedrig zu halten. Wunde Stellen, die jetzt häufiger auftreten, sind auch immer sofort zu behandeln. Eine vorherige Einreibung mit Schnee und anschliessender Fettbehandlung ist besonders wohltuend. Trotz allem treten meistens am Ende der Tour beim Springen über Gletscherspalten oder auf Geröllhalden und schlechten Wegen starke Schmerzen auf. Der Stumpf ist über und über bepflastert und brennt wie von Höllenstein geätzt. In solchen Fällen hilft, ihn mit einer Elastik-binde zu fatschen und einen dünnen Stumpfstrumpf darüberzuziehen.
Die Schönheit des Geschauten, die Freude über das Erreichte, Sportgeist und Trotz lassen die bösen Peiniger allemal überwinden. Wer sie scheut, begnüge sich, die Berge im Winter mit Ski zu besteigen.
Sauberes und überlegtes Gehen und Trittsicherheit sind für den Kunst-beintouristen erstes Gebot. Hüpfen sollte unterlassen werden. An schweren Kletterstellen empfiehlt es sich unter Umständen, die Prothese in den Rucksack zu stecken und mit dem Knie allein zu arbeiten. Im Eis sind die Steigeisen früher anzulegen als im Normalfall. Am besten sind Steigeisen mit nach aussen verlaufenden Zacken wie die von Schuster. Wegen des fehlenden Knöchelgelenkes sind bei Quergängen und beim Abwärtsgehen nie alle Zacken einsetzbar. lOzackige Eisen sind daher den 8zackigen vorzuziehen.
Der Bergkamerad des Amputierten muss viel Geduld aufbringen. Er soll nie das Tempo bestimmen wollen. In einer Marschkolonne fällt die Leistung des Kunstbeinträgers rasch ab, beim freien von ihm bestimmten Gehen nicht. Wichtig ist nie die Frage der Zeit, in der eine Tour zurückgelegt wird, sondern nur, sie mit möglichst wenigen Wund lauf stellen zu beenden und arbeitsfähig zu bleiben. Erfahrung macht auch hier den Meister. Meine sauer erworbenen Gipfelfahrten im Sommer möchte ich jedenfalls nicht missen. Sie sind mir teurer als mancher leichter erworbene Skigipfel. Die Erinnerung tilgt Schmerzen und Entbehrungen immer schneller als die Stunden des inneren Glücks über erzielte Leistung.
Zwanzig Jahre Kunstbein-Alpinistik und -Skilauf haben bewiesen, dass für den Unterschenkelamputierten im Bergsteigen — nicht im reinen Klettern — fast Normalleistungen, im Skilauf aber gute Normalleistungen zu erzielen und zu halten sind. Der Schreiber dieser Zeilen ist weder ein besonderer Alpinist noch ein guter Skiläufer gewesen oder geworden. Der beste Beweis, dass es sich bei meinen Sportergebnissen um keine Ausnahmeleistungen handelt, ist jener junge, an beiden Unterschenkeln amputierte Kitzbüheler Skilehrer, der seine Füsse erst in diesem Krieg verloren hat, aber mit seinen zwei Kunstbeinen besser Ski läuft als der Verfasser mit einem! Solche Beispiele aus der jungen Generation könnten mehr genannt werden. Sie beherrscht die neue Vorlagetechnik und daher ihre Prothese viel besser und verspricht wirkliche Glanzleistungen in naher Zukunft. Der Kunstbeinskilauf wird nach diesem Krieg in immer weitere Kreise dringen. Er verdient es, verbreitet zu werden, denn er ist eine ungeheure Kraftquelle seelischer Werte, die nur der einschätzen kann, der selbst Versehrter ist. Erfolge auf geistigen Gebieten sind oft das Resultat der harten körperlichen Schule, die der Kunstbein-sport mit sich bringt. Daher soll kein Opfer des Krieges verzagen, sondern frisch wagen!
Die Schweiz, die z.B. auf dem Gebiet der Lungenfürsorge und -heilung führend ist, könnte auch auf diesem Neuland bahnbrechend werden. Gerade, weil sie von den Schrecken des Krieges verschont geblieben ist und ihre Jugend ihre gesunden Glieder behalten durfte, würde es ihrer humanitären Tradition entsprechen, die Verzagten wieder glücklich zu machen. Es könnten in verschiedenen Skigebieten in Hotels kleinere orthopädische Reparatur-werkstätten und besondere ärztliche Aufsicht öffnen, in denen, teilweise auch amputierte, Skilehrer die Versehrten aus allen Ländern in verhältnismässig kurzer Zeit wieder zu guten Sportlern wandeln könnten. Sichere junge amputierte Fahrer zum Anleiten gibt es bereits heute genug. Die sozialen Kriegsinvalidenorganisationen wären wohl auch bereit, ihren Anteil zu tragen. Es wäre eine Aufgabe, des Schweisses der Edlen wert, eine Aufgabe, die unsere immer noch vom Kriegsgeist heimgesuchte Welt aufhorchen und besinnen liesse.