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Erdgas im energiewirtschaftlichen und -politischen Kontext
Beitrag an die Energieversorgung der Schweiz
In den 1970er Jahren führte die Schweiz Erdgas ein, dies als Reaktion auf die beiden Erdölkrisen. Der Endverbrauch von Erdgas betrug vor 40 Jahren knapp 6000 GWh, heute ist er bei über 37‘000 GWh. Die Fakten sprechen für sich: Erdgas ist eine Erfolgsgeschichte. Es wird in der Schweiz hauptsächlich zur Wärmeerzeugung in Haushalten (Raumheizung, Warmwasseraufbereitung und Kochen) und in der Industrie (Prozesswärme) genutzt. Die grösste Verbrauchergruppe sind die Haushalte mit rund 42% des schweizerischen Endverbrauchs von Erdgas, gefolgt von der Industrie mit rund 33% des Endverbrauchs, die das Gas vor allem als Prozessenergie nutzt. Das ermöglicht ihr, den CO2-Ausstoss drastisch zu senken. Ausserdem kommt Gas im Dienstleistungsbereich und in geringerem Masse im Verkehr zum Einsatz.
Neben dem direkten Endverbrauch von Erdgas werden jährlich rund 2000 GWh Erdgas in thermischen Kraft- und Heizwerken zur Erzeugung von Elektrizität und Fernwärme eingesetzt. In der Schweiz, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, spielt heute Erdgas bei der Stromproduktion und der Fernwärme eine stark untergeordnete Rolle.
Durch Netzerweiterungen, neu erschlossene Gemeinden und neue Kunden konnte Erdgas in den vergangenen Jahren seine Stellung im Schweizer Energiemarkt stetig ausbauen und festigen. Über zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung wohnt mittlerweile in mit Erdgas erschlossenen Gemeinden. Das unterirdische Transportsystem mit einer Länge von über 19‘000 Kilometern ermöglicht eine konstante und sichere Versorgung der Kunden.
Das Erdgas wird zu rund zwei Dritteln in EU-Ländern und Norwegen gefördert. Knapp ein Viertel stammt aus Fördergebieten in Russland und der Rest aus verschiedenen anderen Regionen. Die Schweiz beschafft ihr Erdgas rund zur Hälfte über langfristige Importverträge mit grossen Lieferanten in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien. Diese betreiben auch grosse unterirdische Speicheranlagen. Der Rest wird aus Verträgen mit kurzen bis sehr kurzen Laufzeiten beschafft. Eine Abhängigkeit von Russland, wie oft befürchtet, ist aufgrund der geografisch breit diversifizierten Herkunft nicht gegeben. Zudem wird der bislang kontinentale, leitungsgebundene Erdgas-Markt durch die Möglichkeit des Transports von verflüssigtem Erdgas immer globaler.
Die Gaswirtschaft in der Schweiz wird in Zukunft immer stärker erneuerbar werden. So gehört sie etwa zu den Pionieren beim Biogas. Bereits 1997 wurde in Volketswil (ZH) erstmals Biogas eingespeist. Zunächst wurde es vor allem fürs Autofahren verwendet, seit einigen Jahren bieten nun auch verschiedene lokale Erdgas-Versorger Wärmeenergie mit einem Biogas-Anteil an. 2013 wurden insgesamt 97 GWh Biogas aus 17 Schweizer Anlagen genutzt. Das Produkt erfreut sich einer wachsenden Beliebtheit, so dass Biogas inzwischen auch importiert wird, um die Nachfrage zu decken.
Herausforderungen
Der geplante Umbau unseres Energiesystems basiert auf einem doppelten Ausstieg: aus der Kernenergie und gleichzeitig aus den fossilen Energien. Dabei wird verkannt, dass das über 19‘000 Kilometer lange Erdgasnetz beim Umbau des Energiesystems zu einem Schlüsselfaktor der Energiewende werden könnte, denn im Unterschied zum Stromnetz kann es auch Energie speichern. Schon heute werden Technologien entwickelt, die es ermöglichen, überschüssigen Wind- und Solarstrom in erneuerbares Gas umzuwandeln. Power to Gas, lautet die Kurzformel, um mehr erneuerbare Energie ins Netz einzuspeisen.
Mit der Frage, welche Rolle das Gasnetz im System der künftigen Energieversorgung spielen soll, beschäftigen sich mehrere Forschungsprojekte, die von der Erdgas-Wirtschaft unterstützt werden. So werden Tests durchgeführt mit einer Methanisierungsanlage am Paul Scherrer Institut (PSI) und eine Power to Gas-Anlage an der Forschungsinstitution Empa. Unter der Führung der Empa wird auch die dezentrale Produktion von Wasserstoff aus erneuerbarem Strom realisiert und in verschiedenen Antriebskonzepten in die Praxis umgesetzt.
In Solothurn entsteht das erste sogenannte Hybridwerk, das vom Bundesamt für Energie als nationales Leuchtturmprojekt unterstützt wird. Mittels Elektrolyseprozess, Wärme-Kraftkopplung und Fernwärmenutzung der Kehrichtverbrennungsanlage werden Strom-, Gas- und Fernwärmenetz zu einem energetischen Gesamtsystem gekoppelt. Die Schweizer Gaswirtschaft beteiligt sich auch an zukunftsweisenden Projekten im Ausland, beispielsweise an einer Power to Gas-Anlage in Falkenhagen (Deutschland) und an einem Pilotprojekt des Technologie-Unternehmens Electrochaea in Dänemark. Ziel ist, einerseits den Know-how-Transfer sicherzustellen, anderseits von den Erfahrungen der ausländischen Partner zu profitieren.
Statt nach Umwelt-Aspekten zu differenzieren, wirft die heutige Energiepolitik alle fossilen Energien in den gleichen Topf. Es wird ausgeblendet, dass durch die Nutzung von Erdgas der CO2-Ausstoss massiv reduziert werden kann. Die Vision, Gebäude künftig nur noch mit Elektrowärmepumpen statt Heizöl und Erdgas zu heizen, hätte eine massive Zunahme des Stromverbrauchs zur Folge – dies ausgerechnet in den schon stark belasteten Wintermonaten. Auch die Vorstellung, dass sich die Mehrheit der Gebäude in den nächsten Jahrzehnten selber mit Wärmeenergie versorgen und gleichzeitig zur Stromversorgung beitragen, ist illusorisch.
Die massive CO2-Reduktion, die im Gebäudebereich durch den Umstieg auf Erdgas erreicht werden kann, ist auch in der Mobilität möglich dank Erdgas-Fahrzeugen. Die Energieversorger haben die notwendige Infrastruktur geschaffen: Es stehen bereits über 140 Tankstellen in der Schweiz zur Verfügung. Kommt dazu, dass Erdgasfahrzeuge heute bereits mit einem Biogas-Anteil von im Schnitt 20% unterwegs sind und damit das Klima schonen. Die Auto-Umweltliste des VCS bestätigt die Umweltfreundlichkeit von Erdgas-Fahrzeugen.
Anliegen
Energiepolitik steht im Zielkonflikt zwischen Versorgungssicherheit, Klimafreundlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Wenn wir unser Energiesystem erfolgreich umbauen wollen, muss sich die Politik an all diesen Zielen gleichermassen orientieren. Das heisst konkret: Es gilt einerseits Umwelt und Klima zu schützen, anderseits muss ein tragfähiges Fundament geschaffen werden für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort Schweiz. Ein gesamtenergiewirschaftlicher Blick auf die Leistungen einzelner Energieträger und deren Infrastruktur ist dringend notwendig. In der Energiestrategie des Bundes wird die Rolle, die Erdgas, Biogas und das Netz übernehmen könnten, unterschätzt. Noch fehlt das Bewusstsein, dass Gasnetze Energie nicht nur transportieren, sondern auch speichern können. Das bedeutet: Die Gasinfrastruktur kann einen substanziellen Beitrag leisten, den Anteil der erneuerbaren Energien im Schweizer Energiemix massiv zu erhöhen. Die Politik sollte hier mitziehen und bestehende Hürden beseitigen. Es braucht in der Schweiz gute Rahmenbedingungen, damit sich technologische Innovationen wie Power to Gas durchsetzen können.
Sehr effizient ist die gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme mit Erdgas durch lokale Wärmekraftkoppelung (WKK-Anlagen). Dadurch können Nutzungsgrade von über 90% erreicht werden, was mit Grosskraftwerken bei weitem nicht möglich ist. Auch hier ist der Bund gefragt, für alle Anlagen gleichlange Spiesse zu schaffen. WKK-Anlagen sind insbesondere in den stromintensiven Wintermonaten ein effektives Mittel. Ohne solche Anlagen erhöht sich die Abhängigkeit der Schweiz von Stromimporten noch weiter, die mehrheitlich aus deutschen Kohle- und französischen Kernkraftwerken stammen, und die Stromnetze zusätzlich belasten.
Wesentliche Weichenstellungen, die das Thema Gas betreffen, werden auf kantonaler und kommunaler Ebene gestellt. Denn hier wird im Wesentlichen über die künftige Verteilnetzinfrastruktur entschieden, wobei Gasnetze teilweise in Frage gestellt werden. Das ist umso bedauerlicher, da die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden, um durch den vermehren Einsatz von erneuerbaren Gasen die Ziele der 1-Tonnen-CO2-Gesellschaft zu erreichen. Im Weiteren könnte durch die Anerkennung von Biogas als erneuerbare Energie in den kantonalen Gesetzen ein wesentlicher Anreiz zu dessen Nutzung und zum Umbau der Gasversorgung hin zu erneuerbaren Gasen gesetzt werden.
Erdgas und die erneuerbaren Gase können einen bedeutenden Beitrag für die Energiezukunft leisten. Diese Botschaft ist in der Politik noch zu wenig angekommen. Mit der intelligenten Nutzung der Gasinfrastruktur wäre gewährleistet, dass das künftige Schweizer Energiesystem auch in den kommenden Jahren über eine hohe Versorgungssicherheit verfügt, das Klima schont und der Wirtschaftsstandort Schweiz weiterhin wettbewerbsfähig bleibt.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Thema Erdgas und Biogas finden Sie auf www.erdgas.ch