Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03451.jsonl.gz/874

08. Juni, Mittwoch: Beten für den Frieden
Am Nachmittag besuche ich die ukrainische Familie, die jetzt schon seit zwei Monaten bei unseren Nachbarn wohnt: Eine etwa 54-jährige Grossmutter und zwei Töchter mit jeweils zwei kleinen Kindern, ein weiteres Kind wird noch diesen Monat das Licht der Welt erblicken. Sie mussten aus Mariupol fliehen. Ihr glückliches Leben wurde durch den russischen Angriffskrieg jäh unterbrochen. Die Väter der Kinder müssen das Land verteidigen, der Grossvater wurde als Zivilist durch eine Granate verletzt und liegt jetzt in Luhansk in einem Spital. Diese Stadt wird von prorussischen Separatisten kontrolliert. Es ist ungewiss, wohin er nach seiner Genesung gehen darf, ob er festgehalten und verhört oder sogar nach Sibirien deportiert wird. Nach Mariupol kann die Familie nicht mehr zurück. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Das Trinkwasser ist verseucht und der Ausbruch der Cholera wahrscheinlich.
Ich frage die Ukrainerinnen, wer mit mir in die Kirche von Bremgarten, die fünf Minuten zu Fuss von uns entfernt ist, kommen möchten. Wir könnten dort eine Kerze für die Ukraine anzünden. Ausser der Grossmutter, die das Abendessen vorbereiten will, möchten alle mitkommen. Sie staunen über die Schlichtheit der evangelisch-reformierten Kirche. Bei ihnen gäbe es keine Orgel, singen würde nur der Chor, sie selbst kennen die Gesänge nicht, auch keine Gebetstexte. Die Kinder wollen in dieser für sie fremden Umgebung lieber herumtoben, die zwei Mütter können sie kaum beruhigen. Unter der Obhut des ältesten Mädchens gehen die anderen Kinder nach fünf Minuten aus der Kirche hinaus. So kann ich doch noch in Ruhe drei Kerzen für den Frieden anzünden und ein Gebet auf Englisch improvisieren.
Foto und Text: Petra Dobrovolny