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Überleben im Schutzraum: Der bauliche Zivilschutz
Die Schutzräume sind heute wohl die Objekte, welche in der Wahrnehmung der Bevölkerung als Symbole stellvertretend für die Vorbereitungen der Schweiz im Kalten Krieg stehen. Die Vorbereitungen sind hier nun nicht mehr Gegenstand von Übungen und theoretischen Überlegungen, sondern nehmen direkten Einzug in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger.
Das Bundesgesetz über die baulichen Massnahmen im Zivilschutz (BMG), welches 1964 in Kraft trat, schrieb bei sämtlichen Neubauten in den Schweiz gleichzeitig den Bau privater Schutzräume vor. Ausserdem waren von nun an die Gemeinden in der Pflicht, öffentliche Schutzräume zu errichten.1 Bis heute lautet die Devise "Jeder und jedem ein Schutzplatz".2
Das Bundesamt für Zivilschutz veröffentlichte 1966 technische Weisungen für den Schutzraumbau, welche, gestützt auf wissenschaftliche Berechnungen, die Standards der Schweizer Schutzräume auf die modernen Bedrohungen abstimmten. Mit der ab 1964 geltenden Schutzraumpflicht wurde erreicht, dass jeder Neubau über einen der Norm entsprechenden Schutzraum verfügte. Mit dem Bauboom der kommenden Jahrzehnte vermehrten sich die unterirdischen Schutzräume und Zivilschutzanlagen in der Schweiz rasant.3 Dem sogenannten baulichen Zivilschutz gelang es, eine vollständige Abdeckung mit Schutzplätzen für die Schweizer Bevölkerung zu erzielen.
Innerhalb der Geschichte des sogenannten baulichen Zivilschutzes ist ein Bauwerk besonders markant. Die Zivilschutzanlage im Luzerner Sonnenbergtunnel hätte in einem Ereignisfall 20'000 Menschen Schutz bieten sollen. Mit dieser geplanten Kapazität galt sie als grösster ziviler Bunker der Welt.4 Das 1976 fertiggestellte Bauwerk hatte gigantische Ausmasse und war in seiner Bauform in der Schweiz einmalig. Die Anlage war eine Kombination aus Tunnel und Schutzraum. Der in Friedenszeiten von Autos befahrene Sonnenbergtunnel, Teil der A2, wäre im Ernstfall zum Schutzraum umfunktioniert worden. Die Tunnelportale wären hierzu mit je 1,5 Meter dicken und 350 Tonnen schweren Panzertoren verschlossen worden. Daraufhin hätten die 1,6 Kilometer langen Tunnelröhren als Schutzräume gedient. Um den Tunnel befand sich im Berg zusätzlich eine Kaverne, welche unter anderem einen Kommandoposten, ein Notspital und Arrestzellen beherbergte. Die Kosten für den Bau von Tunnel und Zivilschutzanlage beliefen sich auf 39,1 Millionen Franken.5
Im internationalen Vergleich ist der bauliche Zivilschutz der Schweiz während des Kalten Krieges in seinen Ausmassen einmalig. Auch international wurden die Massnahmen wahrgenommen. Die "New York Times" titelte 1987 ihren Bericht über die Zivilschutzanlage im Sonnenbergtunnel: "Swiss ready to face armageddon, in comfort".6
In Form des Schutzraumbaus nahm die Angst vor dem Atomkrieg physische Form an. Sie war, in Beton gegossen, wortwörtlich im Schweizer Boden verankert.