Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03284.jsonl.gz/1804

Forschungsschwerpunkte
Entwicklung von Outcome-Instrumenten und der prospektiven Outcome-Dokumentation nach Wirbelsäulenoperationen
In der Orthopädie werden vermehrt patientenorientierte Fragebögen verwendet, um einerseits den Ausgangsstatus eines Patienten und andererseits das Behandlungsresultat (Outcome) zu beurteilen. Dies resultierte im Erscheinen einer grossen Anzahl von Outcome-Fragebögen, welche Schmerzen, Funktionsstörungen, allgemeiner Gesundheitszustand, Lebensqualität, Arbeitsunfähigkeit, Behinderung, Zufriedenheit mit der Behandlung, etc. erfassen. Jedoch sollten solche Fragebögen erst in der Praxis eingesetzt werden, nachdem ihre psychometischen Merkmale (Reliabilität, Validität, Sensivität, etc.) sich als genügend gut erwiesen haben. In den letzten 10 Jahren war das Wirbelsäulenzentrum aktiv in der Entwicklung und interkulturellen Anpassung patientenorientierter Fragebögen in deutscher Sprache. Das jüngst entwickelte Instrument besteht aus einem Set von nur sieben Schlüssel- oder Kernfragen, welches verwendet wird, um den Outcome aller Patienten zu erfassen, die im Wirbelsäulenzentrum operiert werden (rund 1000 pro Jahr), und zwar präoperativ (vor dem Eingriff) und in bestimmten Abständen postoperativ (nach dem Eingriff). Die Einfachheit und Kürze dieses Fragebogens ermöglichen eine Rücklaufquote von über 90%, und dies auch noch bis 12 Monate nach der Operation. Dieser Fragebogen wird nun – leicht adaptiert – von der Spine Society of Europe als Messinstrument für das Verzeichnis der Wirbelsäuleneingriffe (Spine Surgery Registry) «Spine Tango» empfohlen.
Die Erfassung aller Patienten, welche wegen unterschiedlicher Indikationen von unterschiedlichen Operateuren und mit unterschiedlichen Operationstechniken operiert wurden, erlaubt es, eine breite Palette an prospektiven Analysen durchzuführen. So können nicht nur die verschiedenen Chirurgen des Schulthess Wirbelsäulenzentrums verglichen werden, sondern auch die am Verzeichnis der Wirbelsäuleneingriffe «Spine Tango» beteiligen Kliniken untereinander (so genanntes «Benchmarking»).
Unsere anderen, etwas detaillierteren Ergebnisstudien, welche in der Regel mit einer ausgewählten Diagnosegruppe durchgeführt werden, fokussieren mehr auf Themen wie die Erwartungen der Patienten mit ihrer Behandlung in Bezug auf ihre Zufriedenheit mit dem Ergebnis oder mit Risikofaktoren im Vergleich zum Operationsergebnis.
Prospektive Studie zur Wirksamkeit von konservativer und chirurgischer Behandlung von Wirbelsäulendeformitäten bei Erwachsenen. Relevanz koronarer und sagittaler Parameter der Wirbelsäulenbalance.
Die Behandlung von Erwachsenen mit Wirbelsäulendeformitäten stellt eine grosse Herausforderung für die Wirbelsäulenchirurgie dar, da gegenwärtig keine allgemein gültigen Behandlungsrichtlinien dafür existieren. Dies beruht unter anderem darauf, dass zu wenig Daten bestehen, welche den Behandlungserfolg von operativ und nicht-operativ (konservativ) behandelten Patienten mit diesen Deformitäten vergleichen. Die Erwägung einer Operation bei Wirbelsäulendeformitäten beim Erwachsenen beinhaltet das Abwägen von Schmerzen, funktionellen Einschränkungen, Ausmass der Nervenkompressionen, den Grad und die Lokalisation von Deformitäten und das Fortschreiten der Deformität. Die Komplikationsrate wird bei ca. 40% beschrieben, bei älteren Patienten bei bis zu 80%. Es bestehen widersprüchliche Berichte bezüglich der klinischen Ergebnissen von operativen versus nicht-operativen Behandlungen.
Hauptziel dieser Studie ist ein besseres Verständnis für die Faktoren zu erlangen, welche Wirbelsäulendeformitäten bei Erwachsenen beeinflussen. Diese Studie ist wichtig, um Unterschiede in den Röntgenbildern von Patienten mit oder ohne Operation festzustellen und um die Auswahl der Art und Weise der Behandlung zu verbessern.
LumbSten: Outcome-Studie zur lumbalen Spinalkanalstenose
Die lumbale Spinalkanalstenose ist bei älteren Personen der häufigste Grund für eine Wirbelsäulenoperation. Bei Patienten mit mässigen bis starken Beschwerden werden unterschiedliche konservative und chirurgische Behandlungsoptionen empfohlen, über deren tatsächliche Wirksamkeit, insbesondere im Falle der konservativen Behandlung, jedoch relativ wenig bekannt ist. Es liegen Hinweise darauf vor, dass ein chirurgischer Eingriff bei ca. zwei Dritteln der Patienten bessere Ergebnisse bringt. Anhand dieser Studie soll ein prognostisches Hilfsinstrument zur Schätzung der Wahrscheinlichkeit klinisch relevanter Verbesserungen nach einem chirurgischen Eingriff entwickelt und validiert werden; ausserdem sollen neue Erkenntnisse zum weiteren klinischen Verlauf bei konservativ behandelten Patienten gewonnen werden. Es handelt sich um eine prospektive, multizentrische Kohortenstudie, die an insgesamt acht Spitälern in Zürich (Schweiz) durchgeführt wird. An der Studie nehmen Patienten mit computertomographisch oder magnetresonanztomographisch dokumentierter neurogener Claudicatio bzw. lumbaler Spinalkanalstenose teil. Die Teilnahme an der Studie beeinflusst dabei nicht die Wahl der Behandlungsoption. Zu Studienbeginn werden klinische Daten, einschliesslich der relevanten prognostischen Daten, erhoben. Nach der Behandlung werden mithilfe des Swiss Spinal Stenosis Questionnaire (primärer Endpunkt) der Schweregrad der Symptome, die Merkmale der physischen Funktion und die Patientenzufriedenheit ermittelt. Diese Daten zu den Behandlungsergebnissen werden 6 Wochen sowie 6, 12, 24 und 36 Monate nach Studieneinschluss erhoben. Mithilfe multivariater statistischer Verfahren wird daraus eine Vorhersageregel zur Prognose des weiteren postoperativen Verlaufs hergeleitet. Letztendliches Ziel der Studie ist die erleichterte Formulierung optimaler, wissenschaftlich fundierter und personalisierter Behandlungsempfehlungen bei Patienten mit symptomatischer lumbaler Spinalkanalstenose.
Degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule: Entwicklung von Prädiktionsmodellen für das Patientenoutcome nach chirurgischen Eingriffen
Bei den älteren Erwachsenen (≥ 65 Jahre) ist die lumbale Spinalkanalstenose (LSS) die häufigste Operationsindikation an der Wirbelsäule. Die Chirurgen haben einen grossen Ermessenspielraum beim Planen der Eingriffe aber trotz vieler randomisierten Studien fehlt ein Konsensus für Behandlungsindikationen. Im Moment existieren keine validierten Instrumente, welche im klinischen Alltag eine solide prognostische Information über das Behandlungsergebnis liefern.
Ziel dieser Studie ist es, verschiedene statistische Modelle zu bilden, welche sowohl den Nutzen (z.B. Schmerzlinderung) als auch die Risiken (z.B. Komplikationen) von Wirbelsäulenoperationen berücksichtigen. Mithilfe einer etablierten Methodologie werden die relevanten Prädiktoren identifiziert, um die Operationsresultate 12 bis 24 Monate nach dem Eingriff voraussagen zu können. Die Qualität der Modelle sowie deren interne und externe Validität werden bestimmt. Danach wird ein online Tool entwickelt, welches das für den Patienten und Arzt individuell vorausgesagte Behandlungsresultat mit Konfidenzintervallen grafisch darstellt. Das online Tool wird den Ärzten und Patienten erlauben, im Praxisalltag unter Berücksichtigung der individuellen Eigenschaften der Patienten schnell zugreifen zu können. Langfristig ist eine Verbesserung der Sicherheit und Effektivität von den LSS-Eingriffen zu erwarten, und damit einhergehend eine Verbesserung des Kosten-Nutzenverhältnisses. Ausserdem gehen wir von einer verbesserten Patientenzufriedenheit aus, da mithilfe des online Tools die Erwartungen der Patienten besser gesteuert und diskutiert werden können.
Rumpfmuskel-Dysfunktion bei chronischen Rückenschmerzen
Die Rumpfmuskulatur umgibt die Wirbelsäule, unterstützt, stabilisiert diese und sorgt für die Feinkontrolle der Bewegungen der einzelnen Wirbel. Bei vielen Personen, die unter Rückenschmerzen leiden, ist diese Funktion gestört.
Dies kann zu anhaltenden oder wiederholt auftretenden Schmerzen in der Lendenwirbelsäule führen. Diese Dysfunktion kann gegenwärtig lediglich mit einer Technik der „intramuskulären Elektromyographie" quantifiziert werden, wobei dünne Metalldrähte in den Muskel eingeführt werden, um dessen elektrische Aktivität aufzuzeichnen. Da es sich hier um eine invasive Methode handelt, eignet sie sich nicht für die klinische Routinebestimmung. Inhalt einer vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Studie war die Entwicklung eines nicht-invasiven diagnostischen Verfahrens, um die Rumpfmuskelfunktion bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen mittels Ultraschall-Gewebsdoppler-Bildgebung zu untersuchen. Mit der Ultraschalltechnik wird die Funktion der Rumpfmuskulatur bei Patienten mit Rückenschmerzen vor und nach einem Therapieprogramm mit speziellen „Stabilisationsübungen der Wirbelsäule“ aufgezeichnet und ermittelt, ob verminderte Schmerzen und Behinderung im Zusammenhang stehen mit einer Verbesserung der Funktion der Rumpfmuskulatur.
Eine nichtinvasive Methode zur Messung der dynamischen dreidimensionalen Wirbelsäulenbewegung in vivo und ihre Anwendung bei der Beurteilung einer klinischen Instabilität der Lendenwirbelsäule
Viele Arten von Wirbelsäulenerkrankungen, die Rückenschmerzen hervorrufen, sind mechanisch bedingt, d. h., die Betroffenen weisen Bewegungsauffälligkeiten der Wirbelsäule auf. Die anatomische Grundlage dieser abnormen Bewegungsabläufe bzw. der «Instabilität» ist jedoch nicht geklärt, und es bedarf noch erheblicher Anstrengungen, um wirksame Verfahren zur Feststellung von Risikopatienten und zur Wahl der jeweils angemessenen Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Eine grosse Herausforderung stellt die Entwicklung einer bei einem breitgefächerten Patientenspektrum anwendbaren, präzisen und nichtinvasiven Methode zur Bestimmung der dreidimensionalen Wirbelsäulenbewegung dar. Die digitale Fluoroskopie kann zur Untersuchung der intersegmentalen Kinematik auf Ebene der einzelnen Wirbelpaare herangezogen werden und wurde bereits zur Erstellung dynamischer zweidimensionaler Bildsequenzen der sich bewegenden Wirbelsäule eingesetzt. Auf unterschiedlichen Ebenen der Lendenwirbelsäule wurden bei beschwerdefreien Freiwilligen und bei Patienten mit Spondylolisthesis-Symptomen spezifische zeitliche Unterschiede im Bewegungsablauf beobachtet. Allerdings beschränken sich die Messungen in der Regel auf die Sagittalebene und es ist eine aufwendige manuelle Digitalisierung der Video-Einzelbilder erforderlich.
In einem früheren Forschungsprojekt im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP53 «Muskuloskelettale Gesundheit – Chronische Schmerzen» (Ferguson, Mannion) des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung wurden erste Schritte zur Entwicklung und Validierung einer präzisen, nichtinvasiven Methode zur Bestimmung der dynamischen dreidimensionalen Wirbelsäulenbewegung auf Basis der Videofluoroskopie unternommen. Die Aufzeichnungsverfahren wurden im Zusammenhang mit dem EU-Projekt „LifeLongJoints“ weiterentwickelt, um die Genauigkeit zu verbessern und kinematische Daten direkt mit biomechanischen Modellen zu verknüpfen. In dieser Studie soll die Entwicklung dieser neuen Methodik zur Anwendung bei Patienten mit Verdacht auf Instabilität abgeschlossen werden.
Team
Administrativer Forschungsgruppenleiter
Dave O’Riordan, BSc
T +41 44 385 75 77
<email-pii>
Forschungsassistentinnen
Gordana Balaban
Stephanie Dosch, MA
Francine Mariaux, MSc
Selina Nauer, MSc
Sarah Richner-Wunderlin, MSc
Angela Vogel, MSc
Miriam von Büren
Aushilfsmitarbeitender
Riccardo Curatolo
Weiterführende Informationen