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Während mehrerer Wochen ist der philippinische Armenpriester Edwin Gariguez durch Europa getourt und hat sich mit Vertreter:innen der grossen Banken getroffen – auch mit solchen der UBS. Er wollte sie davon überzeugen, ihre finanzielle Beteiligung am Ausbau der klimaschädlichen Gasinfrastruktur auf den Philippinen einzustellen.
Gariguez’ Zwischenbilanz, die er gegenüber der WOZ bei seinem Stopp in Zürich zieht, ist ernüchternd. «Viele Gespräche mit den Bankmanagern sind frustrierend», sagt er, «sie denken nur immer an ihre Investitionen und an den Gewinn. Das Wohl der Menschen und der Umwelt kümmert sie nicht.»
Gariguez ist seit Jahrzehnten aktiv im Kampf gegen die Umweltverschmutzung und für die Menschenrechte auf der Insel Mindoro, die etwas südlich der bevölkerungsreichsten philippinischen Insel Luzon mit der Hauptstadt Manila liegt. Mit indigenen Gruppen wehrte er sich etwa erfolgreich gegen den Bau einer Nickelmine – und wurde deswegen schwer bedroht und musste zeitweise untertauchen. 2012 erhielt er den renommierten Goldman-Umweltpreis. Später arbeitete er für die Caritas, heute ist er vor allem für den Schutz der Verde Island Passage unterwegs, einer besonders artenreichen Meeresstrasse zwischen Mindoro und Luzon.
UBS finanziert Gaskraftwerk mit
In der Umgebung der Stadt Batangas, die an der Küste dieser Wasserstrasse liegt, sind neben fünf bereits bestehenden Gaskraftwerken weitere acht geplant – und genauso viele Terminals, an denen Frachtschiffe für Flüssiggas (LNG) andocken können. Schon weit fortgeschritten ist ein Terminalprojekt des Energiekonzerns Shell, und mit Blick auf die geplanten Gaskraftwerke sticht der philippinische Mischkonzern San Miguel hervor: Der grösste Lebensmittel- und Getränkehersteller Südostasiens, der auch hierzulande wegen seines Biers bekannt ist, will eines davon realisieren.
Die philippinische Umweltorganisation Center for Energy, Ecology and Development (CEED) hat errechnet, dass die UBS in den letzten zwei Jahren Kredite über 154 Millionen US-Dollar an San Miguel vergeben hat. Darüber hinaus haben sowohl UBS als auch CS gemeinsam mit anderen Banken als «Lead Manager» Obligationen von San Miguel für den Bau eines Gaskraftwerks in Batangas ausgegeben. Rechnet man UBS und CS zusammen, sind sie mit 5,8 Milliarden Dollar die viertgrösste Investorin des Energiekonzerns Shell.
Er sehe sich als Vertreter einer «Kirche der Armen», sagt der katholische Priester Gariguez. «Die Menschen an den Küsten der Meeresstrasse leben teils vom Tourismus, aber noch viel mehr vom Fischfang», erzählt er. «Viele haben nur das Fischen als Einkommensquelle.» Ihre Lebensgrundlage sei aufgrund der fortschreitenden Gasexpansion in Gefahr. Vor einigen Wochen schlug ein Öltanker in der Verde Island Passage leck. Über 800 000 Liter Öl sind ausgelaufen.
Hinzu kommt die Klimakatastrophe, die von neuen Gaskraftwerken zusätzlich befeuert wird: Die über 7600 Inseln der Philippinen sind davon besonders stark bedroht, vom Anstieg des Meeresspiegels genauso wie von den zunehmenden Wetterextremen. So hat im Herbst der Tropensturm Nalgae zu schweren Überschwemmungen und Erdrutschen geführt. Hunderttausende mussten ihre Häuser verlassen, weit über hundert Menschen sind im Unwetter umgekommen.
«Nichts als Lügen»
Der aktuelle Gasboom beschränkt sich freilich nicht auf die Philippinen. Rund um den Globus ist ein wahres Flüssiggas-Wettrennen im Gang. Am Wochenende haben die mächtigen G7-Staaten auf ihrer Konferenz in Hiroshima festgehalten, dass es den Staaten gestattet ist, LNG-Projekte zu subventionieren. Der G7-Beschluss kam auf Betreiben Deutschlands zustande: Dort wurden seit der russischen Invasion in die Ukraine im Rekordtempo bereits drei kleinere LNG-Terminals gebaut, ein grosses ist zusätzlich auf der Insel Rügen in Planung – trotz Protesten der lokalen Bevölkerung.
Russlands Krieg habe eine «aussergewöhnliche Situation» geschaffen, argumentieren die G7 in ihrer Abschlusserklärung, am Klimaziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung wollten sie jedoch festhalten. «Nichts als Lügen», kommentierte Gerry Arances vom CEED in einem Statement: Der Beschluss bedeute das «Todesurteil für das 1,5-Grad-Ziel». Die Konsequenzen hätten rund um die Welt die besonders verletzlichen Menschen zu tragen.
Jenny Martos und Rob Rozansky tragen für die US-Organisation Global Energy Monitor Daten zur globalen Flüssiggasinfrastruktur zusammen. Ihr Befund ist erschreckend: Weltweit sind über 1100 neue LNG-Terminals und 980 Gaskraftwerke geplant, die Hälfte davon in Asien. Würden all diese Kraftwerke gebaut, so führte dies laut Martos bei einer durchschnittlichen Laufzeit der Anlagen von dreissig Jahren zu einem CO₂-Ausstoss von insgesamt 41,74 Milliarden Tonnen – was fast einem Sechstel des verbleibenden globalen Treibhausgasbudgets entspricht, wenn die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzt werden soll.
«Die Entwicklungsländer brauchen mehr Energie für ihre Industrie und für Wohnhäuser», sagt Rozansky im Gespräch. «Viele wählen Gas, weil es weniger CO₂ ausstösst als Kohle.» Hinter dieser Entwicklung würden die Interessen der grossen Fossilunternehmen stecken, die LNG als sicher und sauber anpriesen. «Allerdings haben wir im vergangenen Jahr beobachtet, dass das für viele Entwicklungsländer so nicht stimmt», sagt seine Kollegin Martos: Weil die EU plötzlich mehr LNG nachfrage, sei es Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder Indien nicht gelungen, genügend Gas für ihre Kraftwerke aufzutreiben.
Was läuft hier schief?
Die Fossilindustrie befindet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn sie steht in Konkurrenz mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem von Solar- und Windkraft. Ob sich LNG durchsetzt, hängt vor allem vom Bau neuer Exportterminals ab. Dieser dauert üblicherweise mehrere Jahre und kostet Milliarden. Geplant oder bereits in der Konstruktionsphase sind mehrere neue Terminals an der Golfküste der USA, ebenfalls schon weit gediehen sind Erweiterungspläne der bestehenden, riesigen Exportanlage von Katar. Darüber hinaus wird in Kanada, Australien, Mexiko, Nigeria, Moçambique und Indonesien an Exportterminals gebaut.
Bislang kommen die grossen Konzerne problemlos an Gelder für die nötigen Investitionen. Gleichzeitig stellt die Finanzierung fossiler Konzerne und Projekte für viele Banken inzwischen allerdings ein Reputationsrisiko dar: aufgrund des Drucks von der Strasse, von NGOs, aber auch von manchen Investoren. Es ist also nicht unmöglich, LNG-Projekte zum Scheitern zu bringen. Während sich Banken mittlerweile dazu bewegen lassen, Geld für den Ausbau erneuerbarer Energien in Industriestaaten bereitzustellen, passiert dies in vielen Ländern des Südens kaum: Dort würden die Investitionen in die nachhaltige Energieerzeugung seit Jahren auf tiefem Niveau verharren, schreibt die Internationale Energieagentur. Dies sei einer der «besorgniserregendsten Trends».
Was läuft hier schief? «Für viele Banken ist es zu risikoreich, in Ländern des Südens in nachhaltige Energie zu investieren», sagt dazu Peter Haberstich von Greenpeace Schweiz. Es brauche mehr Engagement von Entwicklungsbanken wie der Weltbank und dem Uno-Klimafonds, die einen Teil des Risikos abdeckten. «Ausserdem müssen die Geschäftsbanken Druck auf die Energiekonzerne ausüben, ihre Produktion zu dekarbonisieren», so Haberstich.
Die UBS will sich zu konkreten Fragen bezüglich der Finanzierung der Gasprojekte von San Miguel und Shell nicht äussern. Generell schreibt die Bank auf Anfrage, dass sie bis 2030 die «absoluten Emissionen aus Krediten an fossilen Unternehmen» im Vergleich zu 2020 um 71 Prozent senken will. Offen bleibt auch die Frage, ob und wie die UBS die Klimaziele der CS anpassen wird, wenn sie die formelle Kontrolle über die gescheiterte Bank erhält. So bleibt unklar, ob die CS unter Führung der UBS weiterhin Firmen finanzieren wird, die LNG-Exportterminals bauen. Man werde «sorgfältige Analysen der Nachhaltigkeits- und Klimarisiken durchführen, die in Zukunft berücksichtig werden müssen», schreibt die UBS-Pressestelle dazu nichtssagend.*
*Korrigenda vom 25. Mai 2023: Im gedruckten Text und in der früheren Onlineversion wurde wegen eines Redigierfehlers der Eindruck erweckt, der Autor habe mit der CS gesprochen. Tatsächlich stand er nur mit der UBS in Kontakt. Wir bitten um Entschuldigung.