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Spongebob für immer
Sie sehen oben, meine Damen und Herren, das Plakat für die aktuelle Austellung des Nolde-Museums in Berlin, das ich für Sie photographiert habe, als ich kürzlich in der deutschen Hauptstadt zu Besuch war. Denn wer ist mir naheliegenderweise sofort dazu in den Sinn gekommen? Spongebob. Spongebob Squarepants. Ja, ganz recht, ich meine den kleinen eckigen gelben Schwamm, der in einer Ananas auf dem Meeresgrund zusammen mit seiner treuen Hausschnecke Gary lebt und als Burgerbrater in der «Krossen Krabbe» arbeitet und nebenbei versucht, seinen Führerschein in der Bootsfahrschule von Mrs Puff zu machen. Spongebob ist ein Meister des «Tun ohne zu tun», jenes daoistischen Ideals, das wir hier kürzlich besprochen haben, eine Ikone des «Happy Go Lucky» (wenn auch zugegebenermassen vielleicht nicht gerade ein Meister der inneren Stille), ein Virtuose des spontanen Handelns, sich der Situation anpassend und intuitiv, ohne ein Eingreifen des dualistischen Intellekts, ohne das Leiden an epistemischer Ambivalenz. Spongebob mag vielleicht nicht so graziös und fragil sein wie Holly Golightly, und eben auch nicht so ambivalent, aber dieser arme gestauchte Planet wäre zweifellos ein besserer Platz, wenn wir alle versuchen würden, ein bisschen so zu sein wie Spongebob Squarepants. Spongebob ist ein Archetyp, ein Archetyp für das Ideal der psychophysischen Einheit, für das Bestreben, Naturhaftigkeit und Freiheitlichkeit unter einen Hut zu bringen. Denn im Gegensatz zu seinem stets griesgrämigen Nachbarn Squidward Tentacles, einem miesepetrigen, klarinettespielenden und leicht snobistischen Oktopus, der sich ständig mit sämtlichen Sorgen der Welt befrachtet, besorgt sich Spongebob höchst selten um Eventualitäten und abstrakte Handlungsfolgen und exerziert stattdessen die Tugend des Geschehenlassens und der Gewalt- und Widerstandslosigkeit geradezu meisterhaft.
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, dessen 200. Geburtstag wir gerade feierten, vertrat die Auffassung, dass sich kein Glaube, kein Wissen, keine Erkenntnis als gesichert verbuchen lassen könne. Alles bleibt gebunden an das Dasein, die Existenz, das Wagnis des Lebens. Und genau das lebt Spongebob. Es gibt kein historisches Gesetz, das den ununterbrochenen Fortschritt garantiert; der Prozess der Modernisierung ist immer auch ein Konflikt der Geschwindigkeiten. Und niemand wird damit besser fertig als Spongebob. Nach Sokrates gab es zwischen Sein und Erscheinung keinen Unterschied, nach Spongebob auch nicht.
Was eben nicht heisst, dass er keine Ziele und Werte hätte. Und sein Glaube an den guten, glücklichen Gang der Dinge wird, meistens, belohnt (nur nicht in der Bootsfahrschule, zum Leidwesen der armen Mrs Puff). Spongebob erkennt im Sinne des vollkommenen Handelns meist intuitiv die geeigneten Umstände und Mittel zur Näherung an seine Ziele und Werte. Nie erschöpft er, im Gegensatz zu Squidward, seine Energie in unfruchtbaren Handlungen um der Handlung willen. Damit nähert sich Spongebob Squarepants in der Tat dem daoistischen Wu-Wei-Ideal von kreativer Passivität. In der Regel gerät er nur in Schwierigkeiten, wenn er zu viel Anstrengung und Planung investiert, wenn er etwas zu dringend will (vor allem den Führerschein). Ansonsten lebt Spongebob im Glück. Er lebt und lässt leben, denn er glaubt an den guten Gang der Dinge. Damit ist er vollkommen frei. Oder, in den Worten von Holly Golightly: «I’ll never let anybody put me in a cage.» Oder, in den Worten von Spongebob selbst: «Es gibt nämlich nichts Gefährlicheres als eine emotional aufgewühlte Auster.»