Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/2966

Droht Kolumbus die Abschiebung
Jüngst ging die Meldung um die Welt, dass eine linke Splitterpartei die Kolumbus-Statue in Barcelona entfernen will. Die Begründung ist, dass Kolumbus für Kolonialismus und Imperialismus stehe. Solche Menschen hätten keine Statue verdient.
Ohne hier in einen lokalen Streit eingreifen zu wollen: Die Kolumbus-Statue kann einem durchaus zu denken geben. Es ist nämlich kaum ersichtlich, warum sie überhaupt je in Barcelona errichtet worden ist. Denn wer nur ein bisschen über die Sache orientiert ist, weiss: Kolumbus hatte zeit seines Lebens wenig mit der Stadt zu tun.
Denn Barcelona war ein alter Mittelmeerhafen, der zum Königreich Aragón gehörte. Die Idee, den Atlantik als Seeweg zu nutzen, war für die Kaufleute abwegig. Der Handel mit dem östlichen Mittelmeer lief gut, die Stadt war wohlhabend für die damaligen Verhältnisse. Es gab keinen Anreiz, einen Abenteurer wie Kolumbus zu unterstützen. Im Gegenteil, ein neuer Seeweg nach Asien war eher eine Bedrohung für die Stadt, denn er minderte die Bedeutung des Mittelmeerhandels.
Kolumbus stiess bei Isabella, der Königin von Kastilien, auf viel mehr Unterstützung als bei ihrem Gatten Ferdinand, dem König von Aragón. Für das Königreich Kastilien, das den Hafen Sevilla besass, war der Atlantik wichtig als Handelsroute für den Wollexport nach Nordwesteuropa. Die Idee, den Atlantik besser zu nutzen, war durchaus folgerichtig.
Ausserdem konnte Kolumbus auf eine lange Beziehung zwischen Kastilien und seiner Heimatstadt Genua bauen. Die genuesischen Kaufleute und Bankiers waren seit langem die eigentlichen Herren von Sevilla. Sie finanzierten und organisierten den Wollexport nach Nordwesteuropa.
Die Genuesen waren zudem besonders interessiert, einen Seeweg nach Asien zu erschliessen, da Venedig das östliche Mittelmeer und damit auch den Zugang zu den traditionellen Handelsrouten nach Osten kontrollierte. Genua versuchte immer wieder, die Venezianer zu verdrängen, aber unterlag regelmässig.
Aus dieser Perspektive kann man die ganze Geschichte als eine Art «reverse take-over» betrachten. Der kleine Stadtstaat Genua benutzte die aufsteigende Macht Spanien, um einen alten Traum wahr zu machen: die Unabhängigkeit vom venezianischen Monopol.
Wenn Kolumbus so wenig mit Barcelona zu tun hat, warum hat man dennoch eine Statue zu seinen Ehren aufgestellt? Die offizielle Begründung lautet, dass Kolumbus nach seiner ersten Expeditionsreise 1493 Isabella und Ferdinand in Barcelona besucht habe, um über seine Erfahrungen zu berichten.
In Wahrheit war alles viel zufälliger. Antoni Fages i Ferrer, ein vermögender Bürger Barcelonas und grosser Kolumbus-Verehrer, kämpfte jahrelang unentwegt für die Errichtung einer Statue, 1881 wurde der Bau von der Stadt beschlossen, 1888 war sie fertig gebaut, gerade rechtzeitig für die Eröffnung der Weltausstellung in Barcelona. Die Finanzierung erfolgte weitgehend aus privaten Quellen, denn die Bürger Barcelonas waren keineswegs von diesem Projekt begeistert. Werden sie deshalb auch wieder abreissen wollen?