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In der Nacht hatte es geschneit, doch am Morgen war der Schnee auf den Strassen schon geschmolzen, und ich war froh darüber, denn ich trug nur leichte Schuhe.
Ein Freund hatte mir die Coiffeurschule empfohlen, und da mein Haar zu lange und mein Herz voller Trauer war, entschloss ich mich, hinzugehen. An diesem Morgen hatte ich ein kleines Büchlein in meinem Briefkasten gefunden und eingesteckt. Ich war viel zu früh in der Coiffeurschule und musste etwas warten, also zog ich das Büchlein aus der Tasche und begann, darin zu lesen.
Brüder und Schwestern! Es wird Nacht um uns. Finsternis sinkt wie Mehltau auf unser Land. Noch lacht ihr, noch erzählt ihr euch fröhliche Geschichten. Noch glaubt ihr an die Gemütlichkeit der Dämmerung. Aber hinter der Dämmerung wartet bereits die Nacht ohne Ende, die Finsternis des Weltgerichtes. Viele von euch werden nicht mehr erwachen aus dem ewigen Tod, der über den Erdball fallen wird. Haltet euch fest aneinander, denn der Mondwind wird an euren Türen zerren und das Tosen der Bäume wird eure Schreie verschlingen. Es wird kalt sein und es wird warm sein. Seen werden erstarren, Flüsse stillstehen, der Regen wird in der Luft zu Eis werden. Vulkane werden explodieren, lichtlose Sterne werden Hitze über die Erdteile bringen, Wüstenwinde werden roten Saharasand...
Die Wintersonne schien flach durch die vom Strassenstaub trüben Fenster, und das Licht der Neonlampen erblasste schwächlich an der Decke des grossen Raumes. Eine kleine Person trat neben mich und fragte mit leiser Stimme: «Waschen und schneiden?»
«Ja», sagte ich.
Die Schülerin wusch mein Haar. Jedesmal, bevor sie es shampoonierte, sagte sie: «Achtung, jetzt wird es kalt.»
«Kein Problem», antwortete ich stoisch, ohne mit der Kopfhaut zu zucken.
Das Waschbecken drückte in meinen Nacken und mein Kopf wackelte hilflos unter der kräftigen Massage meiner Wäscherin. Mit flachen Händen strich sie das Wasser aus meinem Haar, hüllte meinen Kopf in ein lila Handtuch und brachte mich zu den Frisierstühlen.
«Den Schnitt macht ein anderes Fräulein», sagte sie, «ein anderes Fräulein.»
Wieder wartete ich und wieder zog ich mein Büchlein hervor.
...roten Saharasand bis in unsere Breiten tragen. Dämme werden brechen, Paläste werden einstürzen und die Seen werden rot sein vom kalten Blut der missgestalteten Fische. Nur blasse Blitze werden die Nacht erhellen, werden eure vom Leid verzerrten Gesichter für Sekunden, zu eurem eigenen Schrecken gegen den Himmel ins Unendliche schleudern. Kein Flehen wird euch helfen, niemand wird mehr auf Rettung hoffen, wenn der zürnende Gott seine Häscher mit ihren scharfen Krallen eure sündigen Leiber zerfetzen lassen wird.
Quasare und Pulsare werden ihr monotones Funkfeuer über die Erde senden, werden in eure Gene fahren und sie zerstäuben, werden eure Haut verbrennen und eure Haare mit glühenden Stichen aus ihren Wurzeln brennen...
Eine junge Italienerin kam, um mir das Haar zu schneiden. Sie stellte das Köfferchen mit ihrem Handwerkszeug neben den Spiegel und begann etwas nervös, an meiner Frisur zu arbeiten. Unerfahren wie sie war, schnitt sie sehr vorsichtig und stellte mir viele Fragen, die ich nicht beantworten konnte: wo ich meinen Scheitel trage, ob die Ohren frei sein sollten und ob die Länge so recht sei.
Mein Blick wanderte durch den kühlen Raum, blieb an einem künstlichen Blumenstrauss in einer Ecke hängen, an einigen Styroporköpfen mit zerzausten Perrücken, an einem vergilbten Bild des Eiffelturmes. Neben dem Bild stand, gekrönt vom verschnörkelten Emblem der Coiffeurschule: «Fribourg, Paris, St. Gallen — Intensivkurse — verlangen Sie unseren Prospekt.»
Eine halbe Stunde lang schnitt die Schülerin an meinem Haar. Dann sagte sie, sie müsse nun die Lehrerin holen, damit diese das Resultat ihrer Arbeit beurteilen könne.
«Ja», sagte ich, zog mein Büchlein aus der Tasche und las weiter.
... Dann aber wird der mächtige Gott heruntersteigen und durch die blutigen Meere waten. Riesig wird er in den glühenden Wolken stehen, Blitze werden aus seinen Augen fahren und Donner wird seinem Munde entströmen. Keinen von euch wird er verschonen, denn alle seid ihr Sünder, Abszesse auf dem makellosen Gesicht der Schöpfung, Pestbeulen auf ihrem makellosen Körper.
Ich lag unter der lila und orange geblümten Plastikschürze und allmählich begann ich in meinem dicken Wollpullover zu schwitzen. Eine alte Frau beklagte sich bei ihrer Coiffeuse, dass die Luft der Trockenhaube kälter werde und beruhigte sich erst, als sie erfuhr, dass dies so sein müsse.
Dann trat die Lehrerin zu mir und erklärte nach einigen präzisen Schnitten, dass sie mit der Arbeit der Schülerin zufrieden sei. «Ist die Länge gut so», frage sie mich, und ich sagte: «Ja.»
Die Coiffeuse föhnte mein Haar, bürstete meine Schultern und begleitete mich zur Kasse. Ich gab ihr ein kleines Trinkgeld, schämte mich ein wenig und versicherte ihr noch einmal, dass ich sehr zufrieden sei mit ihrer Arbeit.
Langsam schlenderte ich zum Bahnhof. Das Büchlein liess mich nicht los. Ich hatte nicht die geringste Lust, zerfetzt zu werden und sah auch nicht ein, wofür ich das verdient hätte. Ich stellte mir den Eingang ins Paradies weniger spektakulär vor, eher wie einen Langstreckenflug oder eine Liftfahrt in einem hohen Haus. Einem sehr hohen Haus. Und oben, dachte ich mir, sieht es wohl aus wie in einem englischen Luxushotel, mit viel dunklem Holz und einer aufwendigen Reception. An der Drehtür steht Ingeborg Bachmann, rauchend, nervös. Im Restaurant spielt Mozart Klavier,und an einem kleinen Tischchen diskutieren Brecht und Lessing das deutsche Theater. Im Rauchsalon findet man Hemingway, der zum fünfhundertstenmal erzählt, wie er Paris zurückerobert hat und Sartre, der entnervt ruft: «Schliesst die Tür!» Joyce steht am Fenster und hört mit verträumter Miene Chaucer zu, der schmutzige Anekdoten erzählt.
Gegessen wird im Himmel wohl nicht, dachte ich mir, vielleicht gibt es Kaffee. Und: schlafen Engel? Und: wie tragen sie ihr Haar? Lange, dachte ich mir, blond gelockt. Und plötzlich fiel mir ein, dass es dann keine Coiffeusen mehr bräuchte, dass niemand meinen Kopf massieren und mein Engelshaar stutzen würde, da oben, im Himmel. Dass es keine Coiffeurschule gäbe, keine Neonlampen und Plastikblumensträusse keine Styroporköpfe und keine geblümten Schürzen.
Und ich dachte, ich will nicht in den Himmel. Auch wenn man dort wer weiss wen trifft und was weiss wer tut, auch wenn man dort den wirklich himmlischen Kaffee trinkt und immerzu singt und fröhlich ist. Nein, dachte ich, nein.
Ich mag es, nach meinem Scheitel gefragt zu werden, auch wenn ich keine Antwort geben kann. Ich mag es, unter hässlichen Plastikschürzen zu schwitzen. Ich habe es gerne, wenn man mich über meinen Beruf und meine letzten Ferien ausfragt und wenn die alte Frau neben mir sich über Jörg Kressigs Schönheitsoperationen wundert. Ich mag es, wenn die Haare, die mir in den Kragen gerutscht sind, mich noch nach Stunden jucken, wenn mein frisch geschorener Hals im kalten Winterwind friert.
Und ich mag es, wenn man mir zulächelt, nur weil ich sage: «Es ist gut.»
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