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Ich bin immer etwas befremdet, wenn ich an einer Lesung mit «Dichterin» oder «Lyrikerin» vorgestellt werde. Dichterin, Lyrikerin, die Setzung eines Substantivs, das verleiht mir dann bereits eine Identität, ein «Wesen als…». Essentialistisch Aufgeladenes ruft bei mir Skepsis hervor. Ich sage lieber: Ich schreibe. Wenn es jemand genauer möchte: Ich schreibe Gedichte. Nur, was sind Gedichte? Als ich den Auftrag erhielt, für diese Zeitschrift einen Essay über Poesie zu verfassen, habe ich mir eine Millisekunde lang überlegt, verschiedene Enzyklopädien aufzuschlagen und Definitionen heranzuziehen. Um beschreiben und verstehen zu können, was ich eigentlich mache, wenn ich meine Worte so setze, wie ich sie eben setze. Ich habe es unterlassen. Eigentlich sollte ich die Antwort auf die Frage sowieso kennen. Ich habe ja mal in die Richtung studiert. Geblieben von damals ist mir, dass Gedichte aus Versen bestehen, sprich aus Zeilen, die in Enjambements zerspringen, manchmal unvorhersehbar, immer unwiderruflich. Der Rest ist ziemlich vage. Ich bin nicht in der Lage, Poesie oder Lyrik genauer zu definieren, geschweige denn einen Unterschied zwischen ihr und anderen Texten festzusetzen. Oder ehrlicher: Ich bin nicht willig, es zu tun. Wahrscheinlich war ich schon auf der Vorlesungsbank mehr damit beschäftigt, Worte von den Menschen, den Gegenständen und der Stimmung im Raum abzublättern, um sie auf meine Heftrückseite zu kritzeln. Zur Entstehung eines Wortgebildes von Eindrücken in Herz und Hirn, welches man später «Gedicht» nennen würde.
Ich schreibe also Gedichte. Ich schreibe Gedichte als junge Frau, die der Zwanzig näher als der Dreissig ist, sowohl über einen Internetanschluss als auch über ein Smartphone verfügt und sich auch sonst nicht bedeutend von ihren Zeitgenossen im 21. Jahrhundert unterscheidet. Ich schreibe Gedichte aus Liebe zum einzelnen Wort. Aus Liebe zu seinem Gewicht, das es wie einen Stein in das Meer in mir hineinsinken lässt. Ich muss es wie eine kostbare Murmel in meinem Mund drehen wollen, es mit meinen Lippen formen, in die Luft hauchen, Rauchringen gleich, immer und immer wieder. Ich klopfe es in meinem Sprechen und Schreiben auf seinen möglichen Gehalt ab. Es scheint mir, dass man den einzelnen Worten viel mehr Bedeutung verleiht, wenn man sich kurz hält. Vielleicht ist es genau dieses Bedeutungsvolle, das in jeder Knappheit liegt oder sich dort zumindest offensichtlicher einbrennt, das mich so anzieht.
Es sind einzelne Worte, die mich anspringen und befallen, die abperlen von den Gegenständen, den Eindrücken und den Menschen, die mich umgeben. Es handelt sich dabei um Worte, die mich treffen. Offensichtlich treffen sie nicht nur mich selbst, sondern auch das, was ich sehe, höre, fühle, schmecke. Sie geben meinen Sinneseindrücken eine sprachliche Fassung.
Wenn ich dichte, dann fische ich Worte. Wieso ich das so nenne? Weil ich nicht der Sorte Mensch angehöre, die leicht schreibt. Ich schreibe nie einfach drauflos, oder wenn, dann zumindest nicht erfolgreich. Schreiben ist ein K(r)ampf. Ich schiebe Worte umher, reisse sie auseinander, füge sie zusammen, mische ihre Stellung im Satz wie ein anderer die Karten beim Jassen – und lasse sie nicht selten unverrichteter Dinge zurück. Es bleibt mir nichts…