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Der Indologe Wilfried Huchzermeyer ist der Autor zahlreicher Bücher über indische Literatur, Yoga und andere philosophische Themen. Seine Werke sind für viele Yogalehrerinnen und Yogalehrer seit vielen Jahren eine wertvolle Hilfe.
Ich hatte die Gelegenheit, mit Wilfried Huchzermeyer ein Interview zu führen, das in diesem Blogbeitrag veröffentlicht wird. Ich danke Wilfried Huchzermeyer, dass er mir seine wertvolle Zeit zur Verfügung gestellt hat.
Interview mit Wilfried Huchzermeyer geführt von Jean-Pierre Wicht
Was hat Sie bewogen, Indologie zu studieren?
Schon während meiner Schulzeit in Hamburg, in den späten 1960er Jahren, habe ich die Werke Swami Vivekanandas gelesen, die ich mir aus London bestellt hatte, nach der Lektüre einer Biographie Ramakrishnas. Im englischen Original enthalten seine Texte viele Sanskrit-Zitate in Devanāgarī-Schrift, und im Laufe der Zeit reifte in mir der Wunsch, ganz in diese Welt der indischen Spiritualität einzutauchen und sie mir zu erschliessen. Zum Glück war meine Schule so liberal, dass ich mein Wissen sogar in die Deutsch-Aufsätze einbringen durfte, indem ich zum Beispiel einen Aphorismus von Goethe oder Nietzsche auf der Grundlage der Bhagavadgita interpretierte. Mein Deutschlehrer hatte über Hermann Hesse promoviert und war deshalb gut vorbereitet auf meine ungewöhnlichen ost-westlichen Gedankenflüge. Anschliessend hatte ich dann einen guten Einstieg in die Indologie an der Uni Hamburg. Es war wirklich das einzige Fach, das für mich in Frage kam.
Wie sind Sie in Kontakt mit dem Integralen Yoga nach Sri Aurobindo gekommen?
In meiner Familie oder im Freundeskreis interessierte sich niemand für Yoga oder Sri Aurobindo, aber es gab auch keine Widerstände oder grundsätzliche Ablehnung. Über eine Kleinanzeige fand ich schliesslich jemanden auswärts, mit dem ich über alle möglichen spirituellen Themen, die mich interessierten, korrespondieren konnte. Eines Tages schickte er mir die Rowohlt-Monographie „Sri Aurobindo“ von Otto Wolff mit der Anmerkung: „Ich habe mir dieses Büchlein gekauft, kann aber ehrlich gesagt nichts damit anfangen. Vielleicht spricht es dich ja an. In jedem Fall kannst du es behalten.“ So öffnete sich mir eine ganz neue Welt, ich hatte vorher noch nie von Sri Aurobindo gehört. Damals (um1968) lagen noch keine deutschen Übersetzungen seiner Hauptwerke vor und deshalb bestellte ich mir nach gründlichem Studium des Literaturteils des Büchleins The Life Divine aus New York.
Als ich einige Zeit später die einbändige amerikanische Ausgabe in Händen hielt, war ich überglücklich. Aber die Lektüre war schwierig, ich begriff schnell, dass Sri Aurobindos Text mich ungleich mehr forderte als Vivekanandas Schriften. Nicht nur die Sprache, sondern auch der Inhalt war eine neue Welt. Nach zwei oder drei Kapiteln gelangte ich zu dem Schluss, dass ich den Ashram in Pondicherry besuchen müsste, um Zugang zu dieser Spiritualität zu finden. Alsbald ergab sich die Möglichkeit einer Indienreise, und dabei fand ich, was ich suchte, einen lebendigen Kontakt mit dem integralen Yoga.
Sie lebten von 1970 bis 1985 häufig im Sri Aurobindo Ashram, haben Sie Mirra Alfassa (Die Mutter) persönlich kennengelernt?
Ja, ich bin ihr mehrmals persönlich begegnet, das erste Mal 1970. Ich erinnere mich noch, wie ich bei grosser Hitze im Mai auf der Terrasse vor ihrem Zimmer stand und mir, etwas nervös, Gedanken machte, wie der Besuch wohl verlaufen würde. Aber dann stand plötzlich ihr treuer Diener Champaklal vor mir in seinem weissen Dhoti, begrüsste mich mit strahlendem Lächeln und wechselte ein paar Worte mit mir. Als ich daraufhin das Zimmer der Mutter betrat, war alle Unsicherheit verschwunden. Die Atmosphäre war so intensiv, dass man physisch das Gefühl hatte, in eine andere Welt einzutreten. Jeder Schritt, jede Geste schien sanft von innen gelenkt zu werden. Es war ein Silent Darshan, wie bei den meisten solchen Besuchen zu jener Zeit, und ausser der Mutter war nur Champaklal anwesend – eine unvergessliche Begegnung.
Sie haben einige Werke Sri Aurobindos vom Englischen ins Deutsche übersetzt und später im eigenen Verlag (Edition Sawitri) selber zahlreiche Bücher verfasst. Könnten Sie schildern, wie sich diese Arbeit entwickelt hat?
Meine Übersetzungsarbeit hat sich ganz natürlich entwickelt. Während meines Studiums in Pune kontaktierte mich der Verleger Rolf Hinder und fragte, ob ich The Foundations of Indian Culture übersetzen könnte, später kam noch The Secret of the Veda hinzu. Diese Arbeit machte mir viel Freude, und von dem Honorar konnte ich auch bequem meinen Aufenthalt in Indien finanzieren. Später, zurück in Deutschland, gründete ich meinen eigenen Verlag, um Titel herauszubringen, die anderen Verlegern weniger interessant erschienen, zum Beispiel Bücher von Nirodbaran, mit seinem Klassiker Zwölf Jahre mit Sri Aurobindo. Im Laufe der Zeit kamen eigene Titel hinzu, wie eine Biografie Sri Aurobindos oder Sri Aurobindo und die europäische Philosophie sowie meine Abhandlung Sri Aurobindos Kommentare über Krishna, Buddha und Christus und die Erstübersetzung Vedische Hymnen. Aber die Nachfrage im Integralyoga-Bereich ist geringer als in anderen Yoga-Sparten, deswegen habe ich auch andere Bücher herausgebracht wie meine Nachschlagewerke Das Yoga-Wörterbuch und Das große illustrierte Yoga-Lexikon oder den Yogasutra-Titel von Swami Vivekananda, die eine sehr viel größere Anzahl von Leserinnen und Lesern erreichen.
Kürzlich hatten Sie das Epos „Savitri“ von Sri Aurobindo neu ins Deutsche übersetzt. Solch eine Arbeit bedarf meiner Meinung nach einer starken Öffnung gegenüber der Lehre von Sri Aurobindo. Können Sie etwas darüber berichten?
Ja, es braucht einen intuitiven Zugang zum Inhalt und die Bereitschaft, sich ihm wirklich zu öffnen, ohne mit eigenen mentalen Vorstellungen „dazwischenzufunken“. Wie ich im Nachwort angemerkt habe, war insbesondere die Vorarbeit von Peter Steiger im Sri Aurobindo Ashram sehr hilfreich – es bestand daher die Möglichkeit, die eigene Intuition zu vergleichen mit der eines anderen Übersetzers, der sich jahrzehntelang mit dem Text beschäftigt hat und im Ashram auch den Vorteil hatte, besonders schwierige Passagen mit kundigen Muttersprachlern und Experten klären zu können.
Gibt es vielleicht irgendeine Passage oder Zeile, die Sie ganz besonders angesprochen hat und die Sie als kleine Textprobe mit uns teilen möchten?
Ja, aber es ist eine sehr persönliche Wahl. Es gibt in Savitri viel tiefe Weisheit, viel Drama und Tragik, intensives Suchen und Finden, aber zwischendrin auch poetische Impressionen und Schilderungen der Natur wie jene Passage, wo Savitris künftiger Partner Satyavan seine frühe Erfahrung eines inneren Kontakts mit der Tierwelt der Erde schildert. Nun ist es so, dass ich seit meiner Kindheit das Wasser liebe, Flüsse, das Meer oder Seen, wo ich mich gern hinsetze, um eine Weile hinauszuschauen auf die blaue Weite. Wohl deshalb haben sich mir besonders die folgenden Zeilen mit einem wunderschönen Bild eingeprägt:
A slow swan silvering the azure lake.
A shape of magic whiteness, sailed through dream.
Ein langsamer Schwan, silbrig färbend den azurnen See,
Eine Gestalt von magischer Weiße, glitt durch den Traum. [II, 405]
Aber es ist nicht nur ein schönes Bild, Sri Aurobindo hat wiederholt erklärt, dass es bei solchen Schilderungen immer auch eine tiefere Bedeutung gibt. Diese eröffnet sich mir durch das Sanskrit-Wort haṁsa, welches meist mit „Schwan“ wiedergegeben wird. In meinen Nachschlagewerken habe ich ausgeführt, dass es weitere Bedeutungen gibt und das Wort z.B. auch für den ātman steht, das spirituelle Selbst. Ferner begegnen wir ihm in dem bekannten Begriff parama-haṁsa, „höchster Schwan“, was einen Yogi bezeichnet, der Mukti, Befreiung, erlangt hat. Und weiter heisst es: „So wie der Schwan souverän über das Wasser gleitet, bewegt sich der Parmahamsa in der Welt, ohne in sie involviert zu werden.“ Ob Sri Aurobindo eben diese Bedeutung im Sinn hatte, weiss ich nicht, aber mir persönlich erscheint sie schlüssig, und wir Leserinnen und Leser haben ja die Freiheit, jede Passage gemäss unserer eigenen Schau zu deuten – können aber auch die Bilder, Symbole und mantrischen Klänge einfach nur als solche auf uns einwirken lassen, in Stille und ohne Interpretation.
Im September 2023 ist Ihr neues Buch „Krishna – Seine Lebensgeschichte in den Purānas und im Mahābhārata“ erschienen. Könnten Sie einige Worte zu Ihrem neuen Buch anfügen?
Mein neuer Krishna-Titel hat sich ebenfalls auf natürliche Weise ergeben. Sri Aurobindos innere Verbindung mit Krishna ist weithin bekannt, und auch die Mutter hatte Erfahrungen mit ihm. Zudem hatte ich in Pune meine Dissertation über das Mahabharata geschrieben und von daher schon einen guten Einblick in die Thematik. Es gibt bereits einige Biografien, aber ich denke, sie sprechen vor allem Devotees an, für welche die epische Ausführlichkeit der Darstellungen kein Problem ist. Ich wollte mit meinem Buch einen grösseren Kreis erreichen und habe deswegen einen etwas neutraleren, knapperen Stil gewählt. Wichtig war mir auch, die Vorgeschichte zur Bhagavadgita präzise abzuhandeln, da ich einigen Artikeln in Yoga-Zeitschriften entnommen habe, dass hier noch Unklarheiten bestehen. Die grösste Herausforderung war aber, die immense Fülle des Materials zu bewältigen und sich nicht in zu vielen Details zu verlieren. Das Buch ist ja für europäische Leser bestimmt, die andere Erwartungen haben als indische.
Lieber Herr Huchzermeyer, ich möchte mich herzlich für das Gespräch bedanken.
Über Wilfried Huchzermeyer
Siehe Blog-Beitrag ‚Buchempfehlung: Das große illustrierte Yoga-Lexikon‚
oder https://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_Huchzermeyer
Informationen zu den Publikationen von Wilfried Huchzermeyer: