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Festlegung der Untersuchungsform
Im Rahmen der Planung und Vorbereitung der Erhebung gilt es, die Untersuchungsform, auch Forschungsdesign genannt, festzulegen. Hierbei stehen Überlegungen zur Untersuchungsebene, zu zeitlichen und kausalen Dimensionen sowie zur Erhebungsmethode im Zentrum.
Abhängig von der Art der Hypothese resp. dem Typ der Variablen (Individual- oder Kollektivmerkmale) kann grundsätzlich zwischen den Untersuchungseinheiten Kollektive oder Individuen unterschieden werden. Als zweite Entscheidung gilt es, die zeitliche Dimension der Erhebung zu definieren, wobei zwischen Quer- und Längsschnitterhebungen sowie der spezielleren Untersuchungsform Kohortenuntersuchung unterschieden werden kann. Weiter gilt es zu definieren, ob Vergleichs- und Kontrollgruppen zum Einsatz kommen sollen. Die Definition der Untersuchungsform endet mit der Entscheidung über die eingesetzte Erhebungsmethode (Befragung, Inhaltsanalyse, Beobachtung, nichtreaktive Methoden).
Untersuchungsebene
Eine empirische Erhebung kann auf verschiedenen Analyseebenen durchgeführt werden. Unter diesen figurieren grundsätzlich die Individual- und Kollektivebene sowie die Mehrebenenuntersuchung, welche verschiedene Ebenen kombiniert.
Eine empirische Erhebung auf der Individualebene fokussiert die spezifischen Arten von Individuen.
Die Kollektivebene widmet sich Untersuchungen verschiedener Arten von Gruppierungen wie Firmen und Organisationen (Fokus Zusammenhänge Arbeitsumfeld) oder Gesellschaften (Fokus politische, soziale oder ökonomische Zusammenhänge). Eine solche Gruppierung kann beispielsweise die Personalabteilung eines Unternehmens oder die Geschäftsleitung einer Stiftung darstellen.
In einer Mehrebenenuntersuchung werden verschiedenen Analysebenen miteinander kombiniert, beispielsweise Organisationen oder Departemente. Die Mehrebenenuntersuchung ist mit der Schwierigkeit behaftet, wie sich Daten unterschiedlicher Ebenen realistisch und sinnstiftend verknüpfen lassen. Hierbei ist entscheidend, dass Vergleiche zwischen unterschiedlichen Untersuchungsebenen im Rahmen des Forschungsdesigns klar definiert werden.
Querschnitt-, Trend-, Panel-, Kohortendesign
Das Forschungsdesign kann je nach zeitlicher Dimension der Datenerhebung in vier unterschiedliche Erhebungsdesigns eingeteilt werden: Querschnitt-, Trend-, Panel-, Kohortendesign.
Ein Querschnittdesign (cross-sectional design) beruht auf einmaligen Erhebungen von Eigenschaften, welche zu einem bestimmten Zeitpunkt oder während einer kurzen Zeitspanne durchgeführt werden. Querschnittstudien stellen Momentaufnahmen dar. Mit einer Querschnittstudie kann das Ziel verfolgt werden, die Einstellung der Bevölkerung zu einem politischen Thema wie zum Beispiel der Abschaffung der Todesstrafe zu ermitteln.
Diesem Querschnittdesign gegenüber stehen Längsschnittstudien in der Form von Trend- oder Paneldesigns, welche über eine längere Zeitspanne und mehrmals durchgeführt werden. Dabei werden bei beiden Designs die Werte der gleichen Variablen erfasst.
Beim Trenddesign geschieht dies mit jeweils unterschiedlichen Stichproben, was einen Zeitreihenvergleich erlaubt und im Sinne der Durchführung mehrerer Querschnittstudien desselben Themas gleichkommt.
Beim Paneldesign wird mit der identischen Stichprobe gearbeitet, was somit Vergleiche von Werten einer Person oder einer Untersuchungseinheit über eine längere Zeitspanne erlaubt. Ein Paneldesign hat also den Charakter einer Längsschnittstudie, in welcher Probanden jedoch mehrmals befragt werden. Das Paneldesign ist mit der Herausforderung der so genannten Panelmortalität konfrontiert. Diese bezeichnet die Abnahme der Stichprobe von Erhebung zu Erhebung aufgrund von Veränderungen in den soziodemografischen Daten der Stichprobe. So ziehen Probanden um, verweigern bei einer Folgekontaktierung Aussagen oder sterben. Die Herausforderung liegt somit darin, die Panelmortalität möglichst gering zu halten.
Das Kohortendesign wird bei Untersuchungseinheiten angewendet, welche über ein zeitlich gemeinsames, längerfristiges Startereignis wie beispielsweise das Geburtsjahr verfügen (Geburtskohorte). Kohortendesigns werden daher für die Untersuchung des sozialen Wandels und von Veränderungen in der Sozialstruktur verwendet, da Probanden beispielweise denselben sozioökonomischen Einflüssen ausgesetzt waren, welche sich auf deren Lebensverlauf auswirken können. Kohortendaten werden durch Querschnitts- oder Paneldesigns erhoben und stellen in dem Sinne kein eigenständiges Forschungsdesign dar.
Experiment, Quasiexperiment, nichtexperimentelles Design
Neben der zeitlichen Dimension des Untersuchungsdesigns wird zur Prüfung von Hypothesen ebenfalls eine kausale Dimension des Untersuchungsdesigns definiert. Dabei werden so genannte Varianzkontrollen durchgeführt, indem zwei Vergleichsgruppen (Referenzgruppen) unterschiedliche „Behandlungen“ erhalten. Dadurch kann eruiert werden, inwiefern Vergleichsgruppen für die Varianz von zwei Variablen verantwortlich sind. Grundsätzlich können Zuteilungen auf Referenzgruppen vor (ex ante) oder nach (ex post) der Erhebung durchgeführt werden.
Experiment
Im Rahmen experimenteller Untersuchungsdesigns werden Versuchspersonen vor der Erhebung (ex-ante) willkürlich einer von mindestens zwei Versuchsgruppen zugeteilt (in der Regel Versuchs- und Kontrollgruppe). Durch ein experimentelles Forschungsdesign wird eine Hypothese geprüft, indem die unabhängige Variable gezielt manipuliert, respektive beeinflusst wird. So wird beispielsweise im Rahmen eines medizinischen Versuchs der Versuchsgruppe ein Medikament, der Kontrollgruppe ein Placebo verabreicht. Der Vorteil des experimentellen Designs besteht darin, dass Einflüsse von Drittvariablen durch die Zufallszuteilung neutralisiert werden.
Grundsätzlich werden die beiden Experiment-Arten Labor- und Feldexperiment unterschieden: Labor-Experimente finden in einer künstlichen Umgebung statt, beispielsweise einem Labor. Der Vorteil von Labor-Experimenten ist, dass eine hohe Kontrolle der relevanten Variablen (unabhängige Variable und Drittvariablen) möglich ist (hohe interne Validität). Der Nachteil liegt darin, dass nur eine geringe Übertragbarkeit auf reale Situationen oder Kontexte möglich ist.
Feld-Experimente finden in einer natürlichen Umgebung, beispielsweise in einer Schulkantine statt. Der Vorteil von Feld-Experimenten ist, dass im Gegensatz zum Labor-Experiment eine hohe Übertragbarkeit auf reale Situationen oder Kontexte möglich ist (hohe externe Validität). Der Nachteil ist jedoch, dass nur eine geringe Kontrolle der relevanten Variablen (unabhängige Variable und Drittvariablen) möglich ist.
Quasiexperimentelle Designs (Ex-post-facto-Design) weisen dieselben Bedingungen wie Experimente auf, die Zuteilung auf Versuchs- und Kontrollgruppen erfolgt jedoch nicht willkürlich.
Nicht-Experimentelles Design
Bei nicht-experimentellen Designs erfolgt erst nach der Erhebung (ex-post) der Vergleich eines Merkmals zwischen zwei Gruppen. Im Gegensatz zum Experiment wird aus praktischen oder ethischen Gründen keine Manipulation von Variablen vorgenommen und es erfolgt keine willkürliche Zuteilung zu einer Gruppe. Als Versuchsort nicht experimenteller Designs dienen Schauplätze des „richtigen Lebens“ wie beispielsweise ein Schulzimmer. Nicht-experimentelle Designs stellen das in der Sozialwissenschaft am häufigsten angewendete Design dar.
Erhebungsmethode (Befragung, Inhaltsanalyse, Beobachtung, nichtreaktive Methoden)
Erhebungsmethode
Unter Erhebungsmethode wird die angewendete Technik für das Sammeln von Daten verstanden. Grundsätzlich wird zwischen den vier Erhebungsmethoden Befragung, Inhaltsanalyse, Beobachtung und nichtreaktive Erhebungsmethoden (Verhaltensspuren) unterschieden.
Befragung
Die reaktive Methode der Befragung (Survey) stellt die am häufigsten eingesetzte Erhebungsmethode dar. Die Befragung dient der Erhebung sozial- und wirtschaftsstatistischer Daten, zu allgemeinen Bevölkerungserhebungen sowie zur Erforschung von Einstellungen und Meinungen und wird in der quantitativen wie in der qualitativen Forschung eingesetzt.
Grundsätzlich wird je nach Art der Kommunikation zwischen der schriftlichen Befragung (Erhebungsinstrument standardisierter Fragebogen) und der mündlichen Befragung (Erhebungsinstrument Strukturiertes Interview) unterschieden. Die schriftliche Befragung repräsentiert primär einen quantitativen, die mündliche Befragung einen qualitativen Ansatz. Weiter können Befragungen nach dem Grad der Strukturierung – von vollständig strukturiert bis unstrukturiert – unterschieden werden. So werden bei einem vollständig strukturierten Interview alle Fragen mit vorgegebenen Antwortkategorien in einer festgelegten Reihenfolge gestellt, bei einem unstrukturierten Interview kann im Extremfall nur das Thema der Befragung vorgeben werden.
Schriftliche Befragung
Die schriftliche Befragung in Form des standardisierten Fragebogens (self-completion questionnaire) kann in drei unterschiedliche Arten eingeteilt werden: Schriftliche Befragung mittels Postversand, moderierte Gruppenbefragung oder Internetbefragung (E-Mail oder webbasiert). Die Vorteile der schriftlichen Befragung gegenüber der mündlichen finden sich in den folgenden Punkten:
- Kein Einfluss durch den Befrager
- Befragte können Fragen besser durchdenken
- Geringerer Kostenaufwand
Demgegenüber stehen folgende Probleme:
- Bei Verständnisschwierigkeiten ist keine Hilfe verfügbar
- Der Fragebogen fordert eine einfache Gestaltung und muss selbsterklärend sein
- Bei Postversand-Befragungen ist unsicher, ob die Zielperson den Fragebogen ausfüllt
- Post-Versand wie Internetbefragung erfordern verfügbare und korrekte Adressen
- Die mittlere Rücklaufquote des Post-Versandes ist eher tief
Mündliche Befragung
Mündliche Befragungen in Form von strukturierten Interviews (structured interview) können zur Erforschung praktisch aller sozialwissenschaftlich relevanten Themen eingesetzt werden. Als Nachteile mündlicher Befragungen ergeben sich primär drei Probleme:
- Hohe Beeinflussung des Interviewten durch den Interviewer
- Teilweise geringe Teilnahmebereitschaft der Befragten
- Hoher Kostenaufwand (Mehraufwand durch geringe Teilnahmebereitschaft)
Mündliche Befragungen können generell in einer persönlich-mündlichen Befragung (Face-to-Face-Interview) oder durch eine telefonische Befragung erfolgen. Bei der persönlich-mündlichen Befragungn führt der Interviewer in persönlichem Kontakt ein Interview mit dem Befragten. Dies kann in der Form Papier und Bleistift (PAPI – Paper-And-Pencil-Interview) oder mit Hilfe eines Computers (CAPI – Computer-And-Pencil-Interview) durchgeführt werden. Bei der telefonischen Befragung erfolgt die Kommunikation zwischen Interviewtem und Interviewer nur akustisch. Der Einsatz dieser computerunterstützten Befragungstechnik ermöglicht eine Verkürzung der Feldzeit, eine stärkere Kontrolle der Interviewer sowie die Anwendung ausgefeilter Stichprobenstrategien.
Inhaltsanalyse
Mit der Inhaltsanalyse (content analysis), welche primär in der quantitativen Forschung angewendet wird, wird der Inhalt von Texten, Bildern oder Filmen in systematischer und nachvollziehbarer Art in vordefinierte Kategorien quantifiziert. Das Ziel ist, anhand von Textmerkmalen Schlussfolgerungen (Inferenzen) über den Text, seinen Produzenten oder den Leser zu machen. Als Analyseeinheiten gelten Wörter, Wortkombinationen, Absätze oder Artikel.
Kernstück der Inhaltsanalyse bildet die sorgfältige Konstruktion eines Kategoriensystems. Kategorien bilden die Ausprägungen der betreffend Forschungsfrage interessierenden Variablen. Mit dem Kategoriensystem sowie bestimmten Kodieranweisungen (Coding Schedule) werden die Variablen operationalisiert. Hierbei ist entscheidend, dass das Kategoriensystem disjunkt, erschöpfend und präzise ist, was mit genauen Kodierregeln (Coding Manual) sichergestellt wird. Die Kodierregeln geben Instruktionen, wie den Ausprägungen Kategorien zugeteilt werden (Codierung) und stellen sicher, dass die Textinhalte in konsistenter Art kodiert werden. Die zugeteilten Codes ermöglichen anschliessend in der Datenaufbereitung das Einspeisen in ein Auswertungsinstrument wie beispielsweise SPSS.
Die Hauptvorteile der Inhaltsanalyse sind deren Vergangenheitsbezug, die Möglichkeit des Erforschens sozialen Trends und Entwicklungen sowie die Nichtreaktivität der Methode.
Beobachtung
Als Beobachtung (structured observation) wird die direkte Beobachtung menschlicher Handlungen, sprachlicher Äusserungen, nonverbaler Reaktionen wie Gestik oder anderer sozialer Merkmale wie Kleidung bezeichnet. Die Beobachtung steht dabei in engem Bezug zu den Forschungsfragen und wird in einer kontrollierten und systematischen Form durchgeführt. Die Beobachtung kann sowohl zur Generierung von Forschungshypothesen, beispielsweise in explorativen Studien, als auch zur Überprüfung von Forschungshypothesen eingesetzt werden.
Die Beobachtung ist mit zwei Herausforderungen konfrontiert:
- Problem der Verzerrung durch selektive Wahrnehmung
- Problem der (Fehl-)Interpretation des Beobachteten
Diesen Problematiken kann mit der Schulung von Beobachtern, dem Einsatz mehrerer Beobachter, der Verwendung von Leitfäden oder strukturierten Beobachtungsprotokollen sowie Tests der Reliabilität und Validität entgegengewirkt werden.Grundsätzlich definiert das Beobachtungsprotokoll (observation schedule) oder der Beobachtungsleitfaden, was beobachtet und wie dies aufgezeichnet wird. Die Strukturierung der Beobachtung kann von unstrukturiert bis hoch strukturiert mittels präzise und operational definierten Merkmalsdimensionen gehen. Je strukturierter eine Beobachtung ist, desto besser können subjektive Einflüsse der Beobachter ausgeblendet werden. Grundsätzlich lassen sich fünf Beobachtungsverfahren mit je zwei Dimensionen unterscheiden:
- Teilnehmende versus nicht teilnehmende Beobachtung
- Offene versus verdeckte Beobachtung
- Feldbeobachtung versus Beobachtung im Labor
- Unstrukturierte versus strukturierte Beobachtung
- Fremdbeobachtung versus Selbstbeobachtung
Nichtreaktive Methoden
Nicht-reaktive Methoden gruppieren unterschiedliche Erhebungsmethoden und Datenquellen, welche nicht in direktem Kontakt mit dem Erhebungssubjekt stehen und zu erforschende Konstrukte indirekt ergründen. Der Vorteil nicht-reaktiver Methoden besteht darin, dass sie aufgrund ihres nicht-reaktiven Charakters Verzerrungen durch Reaktivität minimieren. Wie bei anderen Erhebungsmethoden stellt sich auch bei den nicht-reaktiven die Frage nach der Reliabilität und Validität. Dabei steht primär die Frage der Validität der gewählten Indikatoren im Vordergrund. Nicht-reaktive Methoden werden auch kritisch betrachtet, da das Forschungssubjekt nicht-wissend beobachtet wird und sein Verhalten auf „natürliche“ Weise Aussagen über sein soziales Handeln hinterlässt. Die beiden Hauptgruppen nicht-reaktiver Methoden stellen Feldexperimente und Verhaltensspuren dar.Feldexperimente kommen experimentellen Untersuchungen in einer natürlichen Umgebung gleich. Ihren Nicht-reaktiven Charakter erhalten sie meist durch den Einsatz der Erhebungsmethode der unaufdringlichen Beobachtung. Nicht-reaktive Feldexperimente werden oft zur Prüfung von Hypothesen eingesetzt, teilweise auch mit einer Randomisierung zwischen eine Experimental- und einer Kontrollgruppe. Erfolgt die Zuteilung zu einer Experimental- und einer Kontrollgruppe willkürlich, ist die interne Validität der Methode gegeben. Durch die Natürlichkeit der Situation und der Nichtreaktivität der Erhebung erfüllen Feldexperimente zudem das Gütekriterium der externen Validität.Verhaltensspuren werden passiv als Erhebungsmethode eingesetzt, indem sie Nebenprodukte sozialer Aktivitäten im Alltag beobachten und aufzeichnen und dadurch Rückschlüsse auf das soziale Verhalten machen. Beispielsweise ermöglicht die Analyse der Verhaltensspur „Abfall“ Rückschlüsse auf das soziale Konsumverhalten. Indirekte Indikatoren wie Verhaltensspuren liefern in vielen Fällen genauere, unverzerrtere Rückschlüsse über Veränderungen des Verhaltens als reaktive Umfragedaten. Dies gilt insbesondere für heikle Thematiken wie beispielsweise Alkoholkonsum.