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Neotektonische Fragestellungen wurden seitens des ENSI im Rahmen des Sachplans geologische Tiefenlager (SGT) und im Rahmen der Rahmenbewilligungsgesuche für neue Kernkraftwerke detailliert untersucht. Die Untersuchungen hatten drei Schwerpunkte:
- Rezente Hebung aufgrund von Feinnivellement- und GPS-Messungen (swisstopo)
- Verstellungen quartärer Schichten in einem hochauflösenden Geländemodell von swisstopo (LIDAR)
- Geodynamische Situation der Alpen, abgestützt auf die heutige Erdbebenverteilung
Feinnivellements zeigen in der Nordostschweiz beziehungsweise in den Standortgebieten keine Hebungsanomalien quer zu den bekannten Lineamenten der paläozoischen Tröge oder zu den Jura-Strukturen. Die Feinnivellements zeigen Hebungsraten von 0.0 mm bis knapp 0.3 mm pro Jahr. GPS-Messungen zeigen unterschiedliche, sehr geringe und unter Berücksichtigung der Fehler keine signifikanten Horizontalbewegungen in der Nordschweiz.
Verstellungen quartärer Schichten wurden in etlichen Fällen vermutet, im Gelände überprüft, und erwiesen sich zumeist als nicht näher spezifizierbare Sackungen. Beispielhaft kann das Vorgehen an der Mandacher Störung herangezogen werden: Die Mandacher Überschiebung zeigt über 400 m kumulativen Versatz. Sie entstand während der Jura-Faltung, war aber nachweislich in den letzten 20 000 Jahren nicht aktiv, weil am Aareufer aufgeschlossene Schotter des letzten Hochglazials, die der Hangendscholle direkt aufliegen, nicht verkippt oder versetzt sind. Aus den Untersuchungen des ENSI mittels LIDAR ergab sich allein nördlich der Lägern ein Lineament, an dem ein abschiebender Versatz von 8 Metern ermittelt wurde. Diese Abschiebung befindet sich in der Nähe des ENE-streichenden Baden-Irchel-Herdern-Lineaments am Südrand des Standortgebiets nördlich der Lägern. Die dort versetzten Höheren Deckenschotter sind vor ca. 2 Millionen Jahren abgelagert worden. Der maximale Versatz wäre für ein HAA-Lager unproblematisch, zumal einem solchen bestehenden Lineament auf Lagerebene ausgewichen würde. Der Befund belegt auch, dass in Gebieten mit verfestigten Deckenschottern Neotektonik mit Versätzen von mehr als 2 Metern mit LIDAR zuverlässig erkannt werden kann. In den Standortgebieten Jura Ost und Jura-Südfuss sind keine Deckenschotter erhalten und in den dort vorhandenen Ablagerungen der vorletzten beziehungsweise letzten Eiszeit konnten auch in landwirtschaftlich nicht genutzten und damit relativ ungestörten Gebieten (Wald) keine Oberflächenversätze durch tektonische Störungen erkannt werden.
Die geodynamische Situation der Alpen lässt erwarten, dass bei anhaltend hohen Hebungs- und Erosionsraten im Alpenraum ein Grossteil des plattentektonisch bewirkten Massenüberschusses in den Schweizer Alpen durch Erosion abgebaut wird, was den Druck auf das Vorland und die Spannung reduziert. Man kann daher hinsichtlich einer auf Modellen beruhenden Prognose mit sehr geringen zukünftigen Bewegungsraten an vorgeprägten Störungen rechnen, die nur einen Bruchteil der vormaligen Bewegungen (vor 5 Millionen Jahren und zuvor) betragen. Dies betrifft sowohl steile Störungen des kristallinen Untergrundes, die bis an die Oberfläche reichen, als auch Ansätze zu Rampenüberschiebungen im Deckgebirge (Jura-Tektonik). Sollten sich entgegen dem erwarteten geodynamischen Trend, z.B. als Folge einer lang anhaltenden Warmzeit durch Treibhausgas – Emissionen, die Abtragungsraten stark verringern, könnte sich im Verlauf von Millionen Jahren die Spannungsverhältnisse im Alpenvorland verändern und vorhandene tektonische Strukturen reaktivieren.
Die Verteilung der Erdbeben im Nordschweizer Raum zeigt mit wenigen Ausnahmen kaum Erdbeben an den Jura – Überschiebungen, hingegen erhöhte Erdbebentätigkeit am Nordrand des Faltenjuras oder im angrenzenden Tafeljura. Die Frage, ob eine thin-skinned-Tektonik (nur Deckgebirge) oder thick-skinned-Tektonik (Einschluss des kristallinen Untergrundes) vorherrscht, ist Gegenstand der laufenden wissenschaftlichen Diskussion. Die Datenlage lässt jedoch zurzeit eine Verstärkung der tektonischen Aktivität am Jura-Südfuss als unwahrscheinlich, hingegen eine tektonisch ruhige Entwicklung als wahrscheinlich erscheinen.
Die Frage wird in den kommenden Etappen des Sachplans vertieft bearbeitet werden.