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Wunderschöne Tomaten in einem wunderschönen Garten. Klimapolitisch nicht unbedenklich.
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Die Fakten: Die Produktion einer Tomate benötigt mehr fossile Brennstoffe als die Herstellung eines Poulets. Warum das wichtig ist: Wer das Klima retten will, isst besser Poulet als Tomaten. Veganismus ist ein Kult, keine Politik. Ich habe alles Verständnis für Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, weil sie den Gedanken nicht ertragen, dass ein Tier für ihren Speiseplan sterben musste; auch ich liebe Tiere (aber esse gerne Fleisch), und eine meiner Töchter ist Vegetarierin, was wir ihr allerdings erst erlaubt haben, als sie alt genug war. Wir wollten sicherstellen, dass ihre Ernährung alles umfasst, was es braucht, um den Körper gesund heranwachsen zu lassen. Your Choice. Niemand ist gezwungen, ein schönes, saftiges Steak zu essen. Wer dagegen meint, er tue etwas Gutes fürs Klima, wenn er auf Fleisch verzichtet, täuscht sich. Wie so viele dieser woken Rituale (Velofahren, Veganismus, Genderstern) sind es Rituale, die etwa so viel Sinn ergeben, wie das Ritual der Christen, am Freitag statt Fleisch Fisch zu essen.
- Man kann das machen – aber die Christen geben immerhin zu, dass sie es aus religiösen Gründen tun
- Dieses Bekenntnis steht bei den Klimarettern noch aus
Wenn man nämlich den Energiebedarf vergleicht, der bei der Produktion von Fleisch und Gemüse anfällt, dann ist gar nicht so klar, was denn die Klimaerwärmung mehr antreibt: der Fleischkonsum oder das Essen von Gemüse und Salat? Vaclav Smil, ein eminenter kanadischer Umweltwissenschaftler und Autor zahlreicher Bestseller, hat die Probe aufs Exempel gemacht, und das Ergebnis ist aufschlussreich. Um dieser Frage nachzugehen, stellte er die Produktion von Poulets jener von Tomaten gegenüber – was insofern sinnvoll ist, als Poulets und Tomaten inzwischen zu den beliebtesten und am meisten gegessenen Nahrungsmitteln der Welt zählen.
- Poulet, weil es immer billiger wird – und gleichzeitig die Linie schont
- Tomaten, weil diese kuriose Frucht, die aus 95 Prozent Wasser besteht, gut schmeckt und sich fast überall verwerten lässt: Pizza, Suppen, Spaghetti, Salat, usw.
Beide sind auch agnostisch: In keiner Weltreligion sind sie geächtet, nirgendwo stehen sie aus kulturellen (oder bis vor kurzem politischen) Überlegungen unter Verdacht, niemand rümpft die Nase, auf allen Kontinenten tauchen sie daher auf der Speisekarte auf. Slim rechnet die Energie, die es zur Herstellung der beiden Lebensmittel braucht, im Detail nach. Beginnen wir mit dem Poulet.
- Die meisten Poulets dieser Welt werden unter Bedingungen hergestellt, die so in der Schweiz nicht gestattet sind: Zehntausende von Hühnern leben in gigantischen Farmen, auf engstem Raum, in der Regel bei schummrigem Mondlicht, wo man sie sieben Wochen mästet, bis sie geschlachtet werden
- Man gönnt das keinem Huhn, aber erstens gilt das schweizerische Tierschutzgesetz (noch) nicht in China (dem grössten Produzenten), und zweitens ist nur eine solche industrialisierte Landwirtschaft überhaupt in der Lage, eine Weltbevölkerung von jetzt über 8 Milliarden Menschen zu ernähren
Ein Grund, warum Poulets immer kostengünstiger werden, liegt daran, dass man einem Huhn immer weniger Futtergibt, zumal der Nährwert des Futters laufend zugenommen hat. Wenn man 1950 noch 3 Einheiten von Futter benötigte, um ein Huhn aufzuziehen, sind es heute noch 1,82. Im Vergleich zu Rind oder Schwein ist das ein viel günstigeres Verhältnis. Um Hühner zu füttern, wird in der Regel Mais eingesetzt, dessen Anbau zwar sehr effizient vorgenommen wird (insbesondere in den USA), aber dennoch Unmengen von Energie verschlingt, so dass sich allein für das Futter ein Bedarf von
- 150 ml (Milliliter) bis maximal 750 ml Diesel pro Kilo Pouletfleisch ergibt (je nach Leistungsfähigkeit der Maisproduktion)
- Hinzu kommt die Energie, die in den Transport dieser Futtermittel geht, dann die Heiz- und Kühlungskosten für die Höfe, sowie deren Versorgung mit Wasser und deren Reinigung und Unterhalt
- Schliesslich werden die Hühner geschlachtet, zerlegt, verpackt, eingefroren oder im Kühlschrank gelagert, um am Ende gebraten zu werden: Das alles kostet Energie
So dass es insgesamt 300 ml bis 1 l Rohöl braucht, bis ein Kilo Poulet auf dem Teller liegt. 300 ml bis 330 ml lauten die Zahlen für die USA – in Europa dürften sie nicht viel höher liegen.
Wie steht es jetzt mit den Tomaten? Auch wenn alle Menschen Tomaten essen, so werden sie doch an sehr wenigen Orten in grossem Stil angepflanzt. Auch hier ist China der bedeutendste Hersteller, doch wer im Westen lebt, bezieht seine Tomaten in der Regel aus Kalifornien, wenn er in den USA wohnt; Spanien und Italien sind die mit Abstand wichtigsten Produzenten für uns Europäer. Und wie bei den Poulets werden die meisten Tomaten hochindustriell hergestellt, mit der Idylle eines Gemüsegartenshat das nichts mehr zu tun
- Stattdessen wachsen die meisten Tomaten in Treibhäusern oder unter endlosen Kunststoffbahnen oder -Tunnels
- In Spanien werden so endlose Flächen mit Kunststoffen bedeckt, eines der weitläufigsten Felder befindet sich in Almeria in Südspanien. Insgesamt erstreckt sich das Feld über 40 000 Hektare
Allein die Produktion dieser Tonnen von Plastik müsste jedem klimapolitisch motivierten Veganer zu denken geben, der vielleicht gerade jetzt mit dem schönen Gefühl, ein besserer Mensch zu sein, eine Tomate zerschneidet.
- Kunststoffe werden in der Regel aus Erdöl hergestellt
- und zwar unter Einsatz von viel Energie, die wiederum überwiegend aus fossilen Brennstoffen stammt
Hinzu kommt ein hoher Einsatz von Dünger und Pestiziden, deren Produktion allesamt ebenfalls sehr viel Öl und vor allem Erdgas erfordert.
- Aus Erdgas wird Stickstoffdünger gefertigt
- und ohne diesen industriellen Dünger würde die Menschheit schlechterdings verhungern. Alternativen gibt es zurzeit keine
Weil Tomaten im Treibhaus zu den am intensivsten gedüngten Landwirtschaftsprodukten der Welt gehören, ist ihr Bedarf an Stickstoffdünger immens. In Amerika erhalten Tomaten pro Flächeneinheit zehn Mal mehr Dünger als etwa Mais. Kurz, sehr, sehr viel fossile Brennstoffe braucht es für eine einzige Tomate. Nachdem Slim darüber hinaus die Kosten für die Verpackung, Kühlung oder den Transport (etwa von Spanien nach Schweden) berücksichtigt hat, kommt er auf ganz erstaunliche Zahlen:
- es sind 650 ml Diesel erforderlich, um ein Kilo Tomaten herzustellen
Das ist deutlich mehr, als es braucht, um in Amerika oder Europa ein Kilo Poulet zu bekommen, zur Erinnerung:
- 300 bis 330 ml pro Kilo
Veganer sollten mehr Poulet essen, wenn sie das Klima schützen möchten. Oder sich zu Herzen nehmen, was Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller, in diesem Zusammenhang riet: «Ein Teil des Geheimnisses eines erfolgreichen Lebens besteht darin, dass man isst, was man mag, und es dem Essen nachher überlässt, die Folgen im Magen auszukämpfen.» Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit Markus Somm PS. Vaclav Slim, How the World Really Works, A Scientist’s Guide to Our Past, Present and Future, New York 2022. Inzwischen ist auch eine deutsche Übersetzung herausgekommen: Wie die Welt wirklich funktioniert, München 2023.