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Klatschen ist ein soziales Phänomen, verpönt, aber notwendig. Ich hatte als Ständerat erlebt, wie sich die Zungen lösten, wenn eine Gruppe von fünf bis sieben Parlamentariern gemeinsam am Mittagstisch sass. Es wurden Pointen erzählt, die lustig und humorvoll waren, und doch beherrschte bald das Lachen über nicht anwesende Kollegen den Tisch. Sie wurden qualifiziert und ihre Voten benotet. Oft begann ein Kollege mit dem verräterischen Spruch: «Anwesende sind ausgeschlossen!» Wer aber ein Ohr hatte und diejenigen kannte, über die gelacht und gespottet wurde, konnte merken, dass er zwar als Anwesender nicht direkt gemeint war, aber doch zu wissen bekam, dass er wie der besprochene oder der ähnlich denkende Abwesende beurteilt würde, wäre er nicht mit am Tisch.
Das Lachen über Kollegen hat etwas in sich etwas Abschliessendes. Die soziale Funktion dieses Lachens befriedigt das Bedürfnis, Menschen in ihren Rang, ihren Ambitionen und ihren Geltungsstreben einzuordnen. Lachen über andere ist wie antworten auf Fragen, die nicht gestellt werden. Es engt die Wirklichkeit ein und leistet das, was Noten in der Schule tun, wo der beste Schüler von den weniger guten und schlechten unterschieden wird. Darum sind die Listen der Qualifikationen, die gerne auch von Journalisten erstellt werden, ähnlich zu beurteilen wie das Lachen.
Klatsch ist ein soziales Auswahlverfahren, das in allen Bereichen, wo Hierarchien herrschen, nicht nur in der Politik, verbreitet ist. Es werden Chancen über den möglichen Erfolg eines Menschen erwogen. Es wird bestimmt, was sein oder was erwartet werden darf. Damit verhindert der Klatsch oft auch Alternativen des Denkens und macht sich zum Tribunal über die Wirklichkeit. Das Lachen über andere lässt keine Fragen zu. Es ist abschliessend. Der Witz, der Abwesende lächerlich macht, besitzt etwas Absolutes.
Klatsch gehört demnach zum Leben, weil er eine Art Einordnungsprinzip darstellt. Jeder sieht sich einer Gruppe angehörig und möchte darin eine Rolle spielen. Oft spielt sich ein Klatschender auf und gewinnt am Tisch die Oberhand. So geniesst er seine Geltung, die ihm in der Gesellschaft sonst vielleicht nicht zukommt. Es kann sich dabei um eine blosse Unterhaltung handeln, aber auch um das Verbreiten von negativen Gerüchten. Hans Derendinger, der frühere Stadtpräsiden von Olten, hat einmal vor klatschenden Leuten gewarnt und gesagt: «Jeder Zubringer ist auch ein Wegbringer».
Der bösartige Klatsch hat teilweise ins Internet verzogen, wo er anonym sein Unwesen treibt. Es zirkulieren Urteile über Firmen, Unternehmen, Restaurants und Hotels, die unwahr Schaden anrichten. Diese Art von virtuellem Klatsch aber sollte nicht ernst genommen werden, denn er ist oft feige, weil der Absender seinen Namen verschweigt.
Zum eher listigen Klatsch könnte man jenen zählen, der oft mit der Vorbemerkung beginnt, «sage es nicht weiter!», zu Frau H. schleicht heimlich ein Freund» oder Meier soll hohe Schulden haben». Solche Gerüchte machen oft gerade wegen des Schweigegebots ihren Weg durch die Gassen des Quartiers.
Der Klatsch kann auch Hunderte von Jahren überleben, wie derjenige der Thrakischen Magd, die verraten hat, dass ihr Meister und Naturforscher Thales von Milet (ca. 624-544 v.Chr.) beim Einnachten in einen Brunnen gestürzt sei, weil er statt auf den Boden zu schauen, nach den Sternen geguckt hatte. Das grosse Lachen übertönte Jahrhunderte und will noch immer Philosophen mit ihren abstrakten Höhenflügen diskreditieren.