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Die Kartause Ittingen
Der Niedergang der Kartause Ittingen
Die Machtübernahme Napoleon Bonapartes stürzte Europa in tiefe Wirren. Napoleon verstand es nur zu gut, alle nationalen Kräfte für seine Idee eines gesamteuropäischen Kaiserreichs einzuspannen. Er duldete keine Macht neben sich, am wenigsten die kirchliche. Schon 1798 wurde das "Helvetische Klostergesetz" verabschiedet, das auf den Niedergang der Klöster aus war. So verbot z.B. der Artikel 1 der insgesamt 24 Artikel die Neuaufnahme von Novizen. Als Ironie der Geschichte mag gelten, dass die Urheber dieses Gesetzes tot waren, bevor auch nur ein Kloster aufgehoben wurde.
Als die Franzosen um 1800 die Schweiz von den Österreichern und den Russen "befreiten", brachten die Zwangseinquartierungen nicht nur das Kloster Ittingen in arge finanzielle Bedrängnis. Nahrungsmittel und Pferdefutter waren knapp und deren Beschaffung mit Opfern verbunden. Der "französische Alptraum" endete 1815 mit dem Wiener Kongress, aus dem die Schweiz - mehr durch Glück als durch eigenes Geschick - als neuer Staatenbund hervorging. Bei den nachfolgenden politischen Auseinandersetzungen gerieten auch die Klöster immer wieder unter den Hammer. Den einen waren sie potentielle Unruheherde, den andern unausgeschöpfte Reserven für die Staatskasse. Wo immer den Ratsherren in den konstituierenden Sitzungen für die neuen Verfassungen auf eidgenössischer und kantonaler Ebene die Luft ausging, mussten die Klöster als Sündenbock herhalten.
1836 begann auch für die Kartause Ittingen die staatliche Bevormundung. Ein Staatsverwalter erschien, um die finanziellen Belange des Klosters zu regeln. 1840 klopfte der Staatsverwalter Joseph Giezedanner an die Pforten der Kartause. Dieser Lebemann ohne einen Funken Kunstverstand fügte dem Kloster enormen Schaden zu. Seine Unterschlagungen brachten ihn schliesslich für sieben Jahre hinter Gitter. Zudem hatte die Kartause zwischen 1831 und 1848 zwei völlig untaugliche Priore zu ertragen. Laurenz Berard aus St. Aubin bei Fribourg (1831 - 37) war zwar ein gebildeter Mann, aber ein notorischer Säufer. Bernhard König aus Malters bei Luzern (1837 - 48) schliesslich wäre wohl nie Prior geworden, hätte nicht der Staat die Finger im Spiel gehabt. Seine Unfähigkeit, seine Vorliebe für Pferde und seine zur Schau gestellte Eitelkeit sprengten jeden Rahmen kartäusischer Lebensauffassung. Eine übertriebene Gastfreundschaft machte die Kartause zum Tummelplatz von Tagedieben und Schmarotzern. Ohne Pater Lombris aus Somvix im Graubünden als Schaffner wäre die Kartause in jener Zeit wohl völlig verlottert. Dass mit dem wirtschaftlichen Verfall nicht auch der geistige Verfall einherging, ist den Mönchen zu danken, die bis zur allerletzten Stunde unbeirrbar ihren Klosterregeln gemäss weiterlebten.
Vorerst sprach noch niemand offen von "Klosteraufhebung", aber die Entwicklung war abzusehen, zumal das Novizenverbot der Helvetik wieder ins Verfassungsprogramm aufgenommen wurde. 1843 erhielten allerdings die Klöster nochmals die Erlaubnis, ihren Personalbestand zu ergänzen, wofür sie sich aber zu Unterhaltszahlungen an das Schul- und Armenwesen verpflichten mussten. Am 27. Juni 1848 war es dann aber endgültig soweit. Der Grosse Rat versetzte den thurgauischen Klöstern den Todesstoss, 54 Tage vor der Verabschiedung der neuen Bundesverfassung und der Geburt des Schweizer Bundesstaates. Einzig dem Kloster St. Katharinental bei Diessenhofen blieb für weitere 21 Jahre das Schicksal der Aufhebung erspart, allerdings war es dann 1869 auch für dieses Kloster an der Zeit, seine Pforten zu schliessen.
Der Historiker Johann Jakob Häberlin-Schaltegger meinte 1948 lakonisch: "Die Klöster fielen dem Zeitgeist und der Begehrlichkeit nach Vermehrung der Staatseinkünfte zum Opfer." Nach der Zwangssäkularisierung (48) gelangten Felbbach und Fischingen an Fabrikanten, Ittingen und Tänikon an Grosslandwirte. Auch die thurgauischen Klöster Kalchrain, Kreuzlingen und Münsterlingen wurden aufgehoben. Die Liquidation der Klosterwerte verlief zügig und unter erstaunlich guter staatlicher Führung. Der Geist, der die Szene beherrschte, war dem der protestantischen Bilderstürme nicht unähnlich. Dem protestantischen Dekan Mörikofer aus Frauenfeld, einem der wenigen Männer, die noch etwas Herz und Kunstverstand zeigten, war es zu verdanken, dass mit den Klosterschätzen wenigstens einigermassen ihrem Wert entsprechend umgegangen wurde. Sein wachsames Auge stellte immer wieder zum Teil ganze Wagenladungen unterschlagener Klostergüter sicher. Wieviel sonst verschwand -, keiner weiss es! Einen Teil der wertvollen Gold- und Silbergeräte behielt der Staat für sich, einen Teil schenkte er minder bemittelten Pfarrgemeinden. Auch Warth ging nicht leer aus. Schliesslich erschienen noch 150 jüdische Händler aus Ulm, Mainz und Strassburg und ersteigerten eine beachtliche Menge der ehemaligen Kultgegenstände. Diese sind heute in aller Welt verstreut zu finden. Zm Teil gelangten Kultgegenstände über den Vatikan in italienische Kathedralen, andere fanden den Weg als Kunstgegenstände über den "Grossen Teich".
Dekan Mörikofer sicherte den Grossteil der Bücher - gegen 3000 - der Kantonsbibliothek in Frauenfeld. Einige wenige Gegenstände überführte der umsichtige Dekan ins Historische Museum Frauenfeld und legte so den Grundstein für eine bescheidene, aber einzigartige kirchengeschichtliche Sammlung zur Kartause Ittingen. Die Mönche bekamen ein stattliches Ruhegehalt und damit konnte die Klostergeschichte der Kartause Ittingen von Staates wegen "ad acta" gelegt werden. Über die letzten Tage der Kartause Ittingen ist uns ein Augenzeugenbericht von Dekan Mörikofer erhalten (49):
"Zunächst begleitete ich Herrn Regierungsrat Egloff, als er daselbst die offizielle Anzeige der Aufhebung des Klosters eröffnete. Die Eröffnung geschah mit Würde und Schwung (!?) und mit der Anzeige der ansehnlichen Ruhegehalte für die einzelnen Mönche. Das bevorstehende Schicksal war allen bekannt; daher überraschte mich der tiefe Schmerz, womit diese Nachricht von den anwesenden Beamten des Klosters aufgenommen wurde. Der Prior zitterte an allen Gliedern, der Schaffner war totenblass und seine Lippen bebten, dem Küchenmeister rannen die Tränen über die Wangen; mit lautloser Ergebung vernahmen sie das Todesurteil des Klosters.
Ich war nun während drei Wochen meiner Sommerferien vollauf im Kloster beschäftigt. Das Leben und Treiben in der Kartause war mir ganz neu. Denn es wurde die reiche Klostertafel von einer so zahlreichen und zudringlichen Schar von Schmarotzern besucht, dass ich mich nicht unter der Zahl solcher Leute finden lassen wollte. Nun habe ich in früheren Jahren etwa den gebildeten Prior Lippunger an schönen Abenden besucht, welcher bis zur Revolution Prior der berühmten schwäbischen Kartause Buxheim gewesen war und dann nach der Zeit der freien Musse und nach grossen Reisen hochbetagt in Ittingen ein Asyl gesucht hatte ...
Bei näherer Bekanntschaft ein höchst ehrenwerter und recht liebenswürdiger Mann war der Schaffner, ein Glied der angesehenen Familie Lombris aus dem romanischen Somvix im Graubündner Oberland. Da er die Heimat früh verlassen, hatte er seine romanische Muttersprache verlernt, in der einsamen Klosterzelle fehlte es ihm an Übung im Deutschen, das Lateinische verstand er sehr gut, aber zur Fertigkeit im Sprechen hatte er es auch nicht gebracht, und so hatte er Mühe, sich auszudrücken. Allein bei Verstand und Herz des lautern und musterhaften Mönchs wurden einem die seltenen und gebrochenen Reden nur umso lieber. Der feinste und geistigste Kartäuser war Herr Vikari, ein französischer Freiburger, welcher nicht deutsch sprach, aber in den Kirchenvätern und Asketikern bewandert war, ein Klostermann mit feuriger Entschlossenheit und demütiger Hingebung. Er quartierte sich oben im Pfarrhause zu Warth ein, um stets auf das traurig verlassene Kloster herauszuschauen, dabei in der Absicht: "Pour me repentir de mes péchés (50)."
So tief die Mönche über ihre bevorstehende Beraubung und Vertreibung gebeugt und gekränkt waren, so hörte man keine bitteren oder zornigen Klagen und Beschuldigungen, sondern sie trugen ihr Missgeschick mit wahrhaft frommer Ergebung. Namentlich imponierte mir aber die unabänderliche strenge Beobachtung ihrer Ordensregeln bis auf den letzten Tag. Die Kartäuser bringen jeden Tag acht Stunden in der Kirche zu und zwei und eine halbe Stunde in der Mitte der Nacht. Da ich mein Schlafzimmer in der Nähe der Kirche hatte, wurde ich bisweilen in tiefer Nacht von dem Horengesang wachgerufen. Die Töne waren rauh und unharmonisch, aber die alten, einfachen Gesangsweisen des Rezitativs ermangelten eines tiefen und ergreifenden Eindrucks nicht, so dass mir diese nächtlichen Stunden klösterlichen Gottesdienstes zu wahrer Erbauung gereichten. Unterdessen hatte meine Arbeit auf der Bibliothek den erwünschten Erfolg; denn ich überzeugte mich bald, dass eine Menge von Werken vorhanden war, welche einer öffentlichen Bibliothek zur Zierde gereichen könnten. Denn wertvolle und wohlerhaltene Inkunabeln (51) waren in grosser Zahl vorhanden, schöne Ausgaben der Kirchenväter, der Klassiker, alte Vokabularien (52) etc. Auch brachte ich eine schöne Sammlung von Handschriften zusammen, welche ich auf einem besonderen Gestell des Nebenzimmers aufstellte, die ich jedoch später zu meinem Schrecken an einem Haufen auf dem Boden fand, weil der Verwalter das Gestell vergantet hatte.
Überhaupt war der Verwalter den Klosterherren wie mir zur Plage, daher war auch das Zuchthaus der verdiente Lohn für seine Verwaltung. Neben diesem aufgeblasenen und phrasenhaften Gesellen, einem der Herolde und Schildknappen der Dreissiger-Revolution, kamen mir die schlichten Mönche sehr anziehend vor; namentlich waren sie, ungeachtet ihrer nicht immer propren weissen Kutten, doch weit appetitlicher, als dieser schmutzige Lebenmann.
Als die Frist, innert welcher die Kartäuser noch im Kloster bleiben durften, verstrichen war, erhielt ich den Auftrag, mich zur Überwachung des Abzugs nach Ittingen zu verfügen, und so brachte ich mit den Mönchen die letzte Nacht im Kloster zu. Am Nachtmahle sah ich zum ersten Male sämtliche fünf Brüder versammelt, nun alle in schwarzer Tracht. Stille Trauer lag auf allen Gesichtern, mehrere konnten nicht essen. Als nun der anwesende Pfarrer von Warth, der freundliche Nachbar, sich zu einem teilnehmenden und mitfühlenden Abschiedsworte erhob, brachen die Schleusen des Schmerzes unaufhaltsam los und der sonst so fröhliche ehemalige Dragoner (der Küchenmeister) schluchzte wie ein Kind. Wie gerne wären die guten Patres, statt sich von nun an gemütlich aufs Ohr zu legen, um Mitternacht zum Horengesang aufgestanden und hätten nach alter Übung der Länge nach auf den harten Boden sich niedergestreckt!" ...
Das ist der Bericht von den letzten Stunden der Kartause. Tags darauf zogen die Mönche ab. Das Kloster blieb etliche Jahre verwaist. Die Liegenschaft ging dann 1856 an die Appenzeller Grosslandwirte J. Ulrich Fisch von Bühler und Johann Tobler von Speicher über. Unter ihrer Aufsicht blühte die Kartause noch einmal auf -, vor allem das Weingut.
1867 kaufte die St. Galler Händlerfamilie Fehr die ganze Anlage inklusive Ländereien und Weinberg. 1912 rückte die Kartause nochmals kurz ins Licht der Weltgeschichte, als Kaiser Wilhelm II anlässlich eines Manöverbesuchs bei Oberst Fehr zu Gast weilte. 110 Jahre war die Kartause im Besitz der Familie Fehr. Die Familie war sehr darauf bedacht, das noch Vorhandene zu erhalten und vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Schliesslich aber wurden die nötigen Aufwendungen so gross, dass die Anlage als Privatbesitz nicht mehr zu halten war. So ging die Kartause Ittingen als schützenswertes und restaurationsbedürftiges Bauwerk mit 107 Hektaren Land und dem Rebberg am 28. Juni 1977 in den Besitz der "Stiftung Kartause Ittingen" über. Mit erheblichem finanziellen Aufwand wurde die Kartause zwischen 1979 und 1983 restauriert und ist heute ein hervorragendes "Thurgauisches Kultur- und Bildungszentrum, Sozialbetrieb und Museum".
Fussnoten:
44 gedeckter Kelch zur Aufbewahrung der geweihten Hostie
45 Floren = Gulden (Florentiner Goldmünze)
46 Gutsverwalter
47 "Zweiter Gründer"
48 Säkularisierung = Einziehen des kirchlichen Besitzes durch den Staat
49 Dekan Mörikofer berichtete an der Versammlung des Historischen Vereins in Ittingen am 13. Juni 1870, wie er der Regierung den Antrag stellte, die Klosterbiblithek unentgeltlich zu schätzen, bevor sie einem Antiquar verkauft würde. Der Wortlaut dieses Berichts wurde Konrad Kuhns "Thurgovia sacra" entnommen.
50 "Um meine Sünden zu bereuen."
51 Druckerzeugnisse aus der Frühzeit des Buchdrucks (vor 1500)
52 Wörterbücher