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Die Geschichte hilft uns, die ganz besondere Trainer-Situation beim SC Bern zu verstehen. Wenn dem grossen Napoleon, der etwas von Führungskunst verstand, ein tüchtiger Offizier zur Beförderung zum General vorgeschlagen wurde, hörte er aufmerksam zu. Und stellte am Schluss nur eine Frage: «Hat der Mann auch Glück?»
Warum stellte der charismatische Korse diese Frage? Weil er wusste, dass alles Wissen, dass alle Theorie, alle Meriten aus den Militärakademien und Manövern und alles Rühmen der Kameraden wertlos sind, wenn ein Mann nicht die Prise Glück hat, die es braucht, um eine Schlacht zu gewinnen. Das Wort «Schlachtenglück» ist sogar im Sport gebräuchlich. Obwohl wir eigentlich im Sport kriegerische Ausdrücke vermeiden sollten.
Nun ist es so, dass Johan Lundskog in Bern über alle Massen gerühmt wird. Von Obersportchef Raëto Raffainer und von Untersportchef Andrew Ebbett. Und beide verstehen ja wahrlich etwas von der Sache. Wäre Johan Lundskog zu den Zeiten Napoléons Offizier gewesen, hätte man ihn sicherlich zur Beförderung aufs allerhöchste empfohlen.
Gerühmt wird beim SCB-Trainer alles. Die Professionalität. Seine hohe Fachkompetenz. Seine Fähigkeit, ein Spiel in alle Einzelteile zu zerlegen und wieder zusammenzubauen und so auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Sein Umgang mit den Spielern, der es ihm ermögliche, jeden Einzelnen besser zu machen. Und er sei ein ganz, ganz grosser Taktiker. Nicht einmal Kari Jalonen ist so gerühmt worden.
Es gibt bloss ein kleines, eigentlich nebensächliches Problem: Er gewinnt nicht. Er hat kein Glück. Napoleon hätte ihn nicht zum General gemacht.
Soeben hat der SCB in Lausanne die 8. Niederlage in den letzten 10 Spielen eingefahren (3:4) und verharrt auf dem 10. Platz. Auch defensiv ist der SCB inzwischen die Nummer 10 der Liga. Noch nie seit 1986 waren die Berner hinten so miserabel. Obwohl Philip Wüthrich und Daniel Manzato eines der besten Goalie-Duos der Liga bilden.
Eine gute Verteidigung ist mehr das Produkt der taktischen Schulung durch den Trainer als des puren Talentes. Egal. Johan Lundskog ist ein grandioser Taktiker. Punkt. Kein anderer Trainer hat in Bern seit dem Wiederaufstieg von 1986 (am grünen Tisch) eine solche Krise ungeschoren im Amt überstanden. Früher musste ein Trainer beim SCB Spiele gewinnen. Heute reicht es, Spiele knapp zu verlieren.
Wie ist das möglich geworden? Ganz einfach: Der SCB, den wir kannten, dieses «Bayern München des Hockeys» gibt es nicht mehr. Der Klub, der Niederlagen nicht akzeptierte, der jeden Tag, in jedem Training, in jedem Spiel, ja in jedem Drittel und in jeder Minute alles getan hat, um als Sieger vom Eis zu gehen, der in der Krise laut wurde und rockte, weil Ausreden nicht akzeptiert wurden, gibt es nicht mehr. Ist der SCB ein ganz gewöhnliches, langweiliges, politisch korrektes Sportunternehmen geworden, bei dem alle nett miteinander sind? Ja, soweit ist es im Januar 2022 gekommen.
Der Chronist, in der ruhmreichen Vergangenheit verharrend und offenbar ein unbelehrbarer Romantiker, ist in den letzten Wochen immer wieder ein wenig geschulmeistert worden: Ständig gewinnen? Das ist doch nicht so wichtig! Akzeptiere doch mal, dass wir jetzt in einer Aufbauphase sind! Wir haben einen Plan! Bald werden wir besser sein! Denk nur an die vielen guten Transfers, die wir im Hinblick auf die nächste Saison schon gemacht haben! Es braucht Geduld! Und die Corona-Krise! Da ist es doch wichtiger, erst mal über die Runden zu kommen! Ja, ja, das ist ja schön und gut. Obwohl: Haben die anderen Klubs nicht auch unter den besonderen Umständen dieser Zeit zu leiden?
Der SCB verliert meistens. Es geht nicht einmal um die Niederlagen. Niederlagen gehören zum Sport. Keine Mannschaft kann über Jahre eine Liga nach Belieben dominieren. Es ist etwas anderes, was beim SCB irritiert: Die Art und Weise, wie diese Niederlagen hingenommen und schöngeredet werden. Wie ein Trainer gerühmt wird, der in seiner ganzen Karriere noch nie irgendetwas etwas gewonnen hat. Und hier eine kurze, polemische Anmerkung: Wie steht es eigentlich mit dem Durchsetzungsvermögen der Chefs in der Sportabteilung, wenn sie nicht einmal alle Spieler vom Vorteil einer Impfung zu überzeugen vermögen? Ende der polemischen Anmerkung.
Haben Bayern München, Liverpool, Dortmund, Real Madrid oder Juve je ohne Not ihre Spieler einem völlig unerfahrenen Novizen anvertraut, der noch nie eine Mannschaft auf diesem Level geführt, geschweige denn etwas gewonnen hat? Bilden Bayern München, Liverpool, Dortmund, Real Madrid oder Juve Trainer-Lehrlinge aus? Nein, tun sie nicht.
Aber der grosse SCB bildet Trainer aus. Lehrwerkstatt statt Titelschmiede. Und so wie bei einem Lehrling kein Meisterstück erwartet werden darf, so kann logischerweise nun von Johan Lundskog nicht erwartet werden, dass er den SCB sogleich wenigstens auf das Niveau der Lakers bringt. Die Hoffnung genügt, es werde nächste Saison besser. Es reicht bei weitem, wenn heute Abend gegen Servette ausnahmsweise wieder mal ein Spiel gewonnen wird. Das ist dann der Beweis, dass man auf dem richtigen Weg ist. Aber der SCB hat unter Johan Lundskog seit dem ersten Spiel der Saison nullkommanull Fortschritte gemacht.
Der einst so stolze und im sportlich guten Sinne arrogante SCB verkommt zu einer Selbsterfahrungsgruppe. Langfristige Förderung und Harmonie sind viel wichtiger als kurzzeitiges, schnödes Resultatdenken. Johan Lundskog ist der Poster Boy dieses neuen SCB. Es reicht inzwischen schon, gerade mal besser zu sein als Ajoie und Langnau und ganz knapp Ambri im Schach zu halten. Sportunternehmen, die nicht einmal halb so viel Geld umsetzen wie der SCB.
Wir stehen bereits in der dritten sportlich verlorenen SCB-Saison. Wenn Siege keine Bedeutung mehr haben, wenn es keine Rolle mehr spielt, wie viele Niederlagen eingefahren werden, wenn die wichtigste Position der Sportabteilung mit einem Lehrling besetzt wird, dem alles verziehen wird – sind dann SCB-Spiele überhaupt noch wichtig? Wenn es nicht mehr wichtig ist, ob man gewinnt oder verliert, sind dann die Ticket-Preise noch gerechtfertigt? Müsste dann nicht Rabatt gewährt werden? Lohnt es sich unter diesen Umständen überhaupt noch, ein Saisonabi zu kaufen? Was, wenn sich die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bern auf einmal solche ketzerische Fragen stellen?
Der SCB ist drauf und dran, seine Geschichte und seine Seele zu verraten.
Aber halt: Nächste Saison wird ja unter Johan Lundskog alles besser. Oder dann halt übernächste Saison. Oder überübernächste Saison. Oder überüberübernächste Saison.
Beat Feuz lächelt zufrieden, als er auf die Siegerehrung wartet. Die vergangenen Wochen haben ihm zugesetzt. Doch jetzt ist er Kitzbühelsieger – zum dritten Mal. «Es ist doppelt schön, habe ich hier zurückgeschlagen», sagt Feuz. Auf der Streif, wo er vor einem Jahr beide Abfahrten gewann, wo er am Freitag auf verkürzter Strecke aber nur Achter wurde. «Natürlich kamen dann sofort Fragen, wie schlecht ich gerade bin», sagt Feuz.