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Forschungschef der ETH Zürich tritt zurück
An der ETH Zürich sind in drei Forschungsarbeiten aus den Jahren 1999 und 2000 Daten manipuliert worden. Die auf Antrag des damaligen Gruppenleiters Peter Chen, heute Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen, eingesetzte Expertenkommission bestätigt dies. Obwohl nicht zweifelsfrei eruierbar ist, wer die Manipulation begangen hat, übernimmt Peter Chen die Verantwortung für diesen Vorfall. Aus Rücksicht auf den exzellenten Ruf der ETH Zürich tritt er Ende September 2009 von seinem Amt zurück.
Die betroffenen Forschungsarbeiten stammen aus
der Grundlagenforschung im Bereich Chemie der ETH Zürich und wurden im Jahr
2000 publiziert, und zwar von Angehörigen der damaligen Gruppe um Peter Chen.
Seit 1994 ist Peter Chen ordentlicher Professor für Physikalisch-Organische
Chemie und seit 2007 auch ETH-Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen.
Konkret betroffen sind Resultate im Zusammenhang mit der spektroskopischen
Strukturaufklärung von Kohlenwasserstoffradikalen. Dabei handelt es sich um
kurzlebige chemische Verbindungen, die z.B. bei Verbrennungsprozessen
entstehen.
Intensive Suche nach Diskrepanzen
Um solche Moleküle spektroskopisch abzubilden, werden spezielle Techniken benötigt. Die Experimente wurden mit der so genannten „Zero-kinetic-energy photoelectron spectroscopy“-Methode durchgeführt, einer hochauflösenden Variante der Photoelektronenspektroskopie. Die Methode kann unter anderem zur Untersuchung von hochreaktiven oder instabilen Verbindungen verwendet werden. In den Messungen werden Elektronen erfasst, die sich vom untersuchten Molekül lösen, nachdem dieses Licht absorbiert hat. Mit Hilfe der dadurch ermittelten Spektren können die geometrische Struktur und die Dynamik dieser Verbindungen untersucht werden.
Nach der Publikation der Arbeiten sind andere, auf dem gleichen Gebiet tätige Forschungsgruppen zu signifikant abweichenden Resultaten gekommen. In der Folge hat sich die Gruppe von Peter Chen gemeinsam mit der Gruppe eines ehemaligen Habilitanden darum bemüht, die Diskrepanzen zu klären. Solche betrafen zunächst die Ionisierungsenergie des Allylradikals. Mit Ionisierungsenergie ist jene Energie gemeint, die es braucht, um das am wenigsten fest gebundene Elektron von einem Atom im Grundzustand abzutrennen.
Kommission bestätigt Manipulation von Daten
Nicht nur der Versuch, die Messwerte zu
reproduzieren, sondern auch die Suche nach anderen Gründen für die
festgestellten Abweichungen blieb erfolglos. Peter Chen hegte zunehmend den
Verdacht, die wissenschaftlichen Daten könnten manipuliert worden sein. Um die
Unregelmässigkeiten zu klären, ersuchte Peter Chen Anfang Januar 2009 die
Schulleitung der ETH Zürich, eine wissenschaftliche Untersuchungskommission
einzusetzen. Gleichzeitig zogen er und seine Mitautoren eine erste Publikation
zurück.
Im Sinne der rechtlichen Verpflichtung, jedem konkreten Verdacht auf Fehlverhalten in der Forschung nachzugehen, betraute die Schulleitung fünf international renommierte Professoren mit dieser Aufgabe, drei externe und zwei von der ETH. Die Kommission unterzog die angezweifelten Studien einer eingehenden Überprüfung, rekonstruierte soweit möglich die damaligen Vorgänge und befragte die drei an den Experimenten beteiligten Autoren: den damaligen Doktoranden, den damaligen Habilitanden und Peter Chen.
Die Kommission kam zum Schluss, dass Daten, die den untersuchten Publikationen und der Doktorarbeit zugrunde lagen, manipuliert worden sind. So enthalten einzelne Diagramme mit Darstellungen der gemessenen Spektren häufig identische Muster von Rauschen, also von technisch unvermeidbaren Signalen ohne erkennbaren Informationsgehalt. Dass sich Rauschmuster in identischer Weise wiederholen, ist faktisch unmöglich und weist darauf hin, dass sie nachträglich in die Diagramme eingefügt wurden. Ausserdem haben Nachmessungen ergeben, dass einzelne der scheinbar gemessenen Linien innerhalb der Spektren in Wirklichkeit nicht existieren, das heisst in der Wiederholung der Experimente nicht auftreten. Zu diesen Ungereimtheiten kommt hinzu, dass das relevante Laborbuch und die meisten Rohdaten dieser Experimente verschollen sind – was sehr ungewöhnlich ist. So lässt sich denn auch nicht mehr genau rekonstruieren, wie die fraglichen Daten zu Stande gekommen sind. In jedem Fall, so die Kommission, müssten auch die zweite Publikation und die Doktorarbeit zurückgezogen werden.
Publikationen zurückgezogen – Schuldfrage nicht zweifelsfrei zu klären
Alle Personen, die an den Versuchen beteiligt waren, verneinen klar, die Manipulationen vorgenommen zu haben; alle teilen indes den Befund, dass Daten manipuliert wurden. Infolge dessen wurde die zweite Publikation mit den fragwürdigen Daten zurückgezogen. Die Forschenden stehen damit zu ihrer individuellen Verantwortung für die Korrektheit von Daten. Weiter hat der Autor der Doktorarbeit diese zunächst freiwillig zurückgezogen, den Rückzug später aber widerrufen. Daher hat die Schulleitung der ETH Zürich die geplante Veröffentlichung des Untersuchungsberichts aus rechtlichen Gründen einstweilen zurückgestellt.
Die Schulleitung hat darüber hinaus weitere Gespräche geführt und Dokumente gesichtet, um sich ein eigenes Bild zu machen. «Die Untersuchungskommission hat diesen Fall sachlich geklärt. Dafür danke ich ihr auch im Namen der Schulleitung der ETH Zürich bestens», sagt ETH-Präsident Ralph Eichler. «Leider können wir heute juristisch nicht zweifelsfrei eruieren, wer diese Manipulationen begangen hat», so Ralph Eichler weiter.
ETH-Forschungschef übernimmt Verantwortung
Für Peter Chen selbst ist klar: Als damaliger Forschungsgruppenleiter steht er zu seiner Verantwortung. Heute, als für die Qualitätssicherung in der Forschung verantwortlicher Vizepräsident, sieht er sich zudem speziell betroffen und erachtet seine Handlungsfähigkeit als eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund und mit Rücksicht auf den exzellenten Ruf der ETH Zürich, hat er sich entschlossen auf Ende September 2009 von seinem Amt zurückzutreten.
Die Schulleitung bedauert diese Entwicklung sehr. «Peter Chen ist eine eindrückliche Forscherpersönlichkeit und ein allseits sehr geschätztes Mitglied der Schulleitung», betont Ralph Eichler. «Wir bedauern es ausserordentlich, dass wir mit ihm eine äusserst fähige Führungsperson verlieren. Wir sind aber froh, ihn weiterhin unter uns zu wissen als vorbildlichen Kollegen, hervorragenden Wissenschaftler und Professor.»
Das System der Forschung baut auf Faktentreue, Ehrlichkeit und Vertrauen. Die ETH Zürich unternimmt alles, um diese Werte als unabdingbare Voraussetzung für die Forschung sicherzustellen. «Wissenschaftliches Fehlverhalten gefährdet die Forschung grundsätzlich und muss Konsequenzen nach sich ziehen», so Ralph Eichler. «Das ist in diesem Fall geschehen und es zeigt, dass die bewährten Kontrollmechanismen der Forschung funktionieren.»
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