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DER LEBENSWEG VON DR. EMMI PIKLER
EINE BIOGRAPHIE
zusammengestellt von Ute Strub
Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und verbrachte dort ihre frühe Kindheit. Sie wuchs ohne Geschwister auf. Ihre Mutter, eine Wienerin, war Kindergärtnerin von Beruf, ihr Vater ein Ungar, Handwerker. 1908 zogen ihre Eltern nach Budapest. Noch während ihrer Schulzeit, als Emmi Pikler zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter.
Ihr Entschluß, Kinderärztin zu werden, führte sie zum Medizinstudium zurück nach Wien. Sie promovierte 1927 und erhielt ihre pädiatrische Fachausbildung an der Wiener Universitäts-Kinderklinik bei Prof. von Pirquet und an der Kinderchirurgie bei Prof. Salzer. "Die Pirquet-Klinik", sagte Dr. Pikler in einem Interview, "war eine interessante Klinik. Sie hatte eine so gute Heilungsstatistik, dass man aus der ganzen Welt kam, um dort zu lernen. Es wurden wenig Medikamente verwendet, man beschäftigte sich mehr mit der Erziehung des Kindes. Jeder angehende Arzt hatte sechs Wochen Pflegedienst und lernte außerdem zwei Wochen lang in der Milchküche für die Säuglinge zu kochen. Prof. von Pirquet legte bei der Ausbildung der Kinderärzte Wert darauf, dass sie lernten, das gesunde Kind gesund zu erhalten und sich nicht auf das Erkennen und Heilen von Krankheiten zu beschränken. Nicht die Krankheit war die Hauptsache, sondern das Kind."
Eine ähnliche Einstellung hatte Prof. Salzer in der Kinderchirurgie. Er wollte unter anderem erreichen, dass die Kinder nicht weinten, während sie verbunden wurden: "Dazu muss man so nett und freundlich sein, und sie soweit beruhigen, dass sie nur dann weinen, wenn es wirklich weh tut, aber nicht vor Angst. Und er hat uns gezeigt, wie man das macht. Er war imstande bei einem Kind mit Verdacht auf eine akute Blinddarmentzündung solange mit ihm zu sprechen, bis der Bauch ganz weich war und er gut durchtasten konnte, ob es wirklich eine Blinddarmentzündung war. Dadurch hat er weit weniger operiert. Er nahm das so ernst, dass er einmal einen guten Operateur entließ, weil er unfreundlich zu den Kindern war".
Emmi Piklers dritter Lehrer war ihr eigener Mann, ein Mathematiker und Pädagoge, durch dessen Erfahrungen sie in ihren entwicklungsphysiologischen Überlegungen bestätigt wurde. Gemeinsam entschieden sie bei der Geburt ihres ersten Kindes, ihm freie Bewegung zu ermöglichen und seine Entwicklung in Geduld abzuwarten.
Zunächst lebten sie in Triest, später in Budapest. 1935 wurde Emmi Pikler als Kinderärztin auch in Ungarn anerkannt. Von Anfang an war es ihr Ziel, die gesunde Entwicklung des Kindes zu ermöglichen. Aus der Erfahrung mit ihrer Tochter wußte sie, daß ein Kind nicht zu Bewegungen und zum Spiel angeregt werden muss und dass jedes Detail im Umgang mit dem Kind und in seiner Umgebung wichtig ist.
Schon in diesen Jahren hat Emmi Pikler über die Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern Vorträge gehalten und verschiedene Artikel geschrieben. Daraus entstand ihr erstes Buch für Eltern. Es erschien 1940 und erlebte später in Ungarn und im Ausland zahlreiche Auflagen. Die zehn Jahre, die sie als Familienärztin arbeitete, waren für sie nicht nur aufgrund ihrer jüdischen Herkunft schwer, sondern auch, weil ihr Mann von 1936 bis 1945 aus politischen Gründen in Gefangenschaft war. Durch ihre innere Kraft und Unerschrockenheit und die Hilfe der Eltern der von ihr betreuten Kinder konnten sie und ihre Familie die Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg überleben.
Nach dem Krieg wurde sie Mutter von zwei weiteren Kindern. Sie hat ihre Privatpraxis nicht wieder eröffnet, sondern kümmerte sich innerhalb einer ungarischen Organisation um verlassene und unterernährte Kinder. Neben vielfältigen anderen Tätigkeiten gründete sie 1946 das Säuglingsheim Lóczy, das sie bis 1979 leitete. Sie hat es von Anfang an verstanden - unter anderem durch sorgfältige Auswahl der Pflegerinnen - eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, in der Säuglinge ohne die üblichen Anstaltsschäden aufwachsen. Emmi Pikler hatte sich einer Aufgabe angenommen, deren Dringlichkeit bis dahin nur vereinzelt gesehen worden ist.
Elfriede Hengstenberg hatte 1931 aufgrund der Erkenntnisse Elsa Gindlers und Heinrich Jacobys darauf hingewiesen, wie notwendig es sei, die naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung zu erforschen, um dem Kind seine ursprünglichen Fähigkeiten und Kräfte zu erhalten.
Gindler und Jacoby hatten in den 20er Jahren erkannt, in welchem Ausmaß die übliche Säuglings- und Kleinkindererziehung die Initiative der Kinder behindert, ihre Ausdrucksfähigkeit verkümmern lässt und unselbstständige, ungeschickte, bewegungs- und haltungsgeschädigte Menschen aus ihnen macht. Auch unser weitgehend gestörtes Verhältnis zum Arbeiten und Lernen war für sie eine Folge der fehlenden Kenntnis der Natur des Menschen.
Emmi Pikler wurde in ihrem ungewöhnlichen pädagogischen Ansatz bestärkt, als sie 1935 in Budapest durch Elfriede Hengstenberg Gindlers und Jacobys Arbeitsweise kennenlernte. Die Ergebnisse ihrer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit wiederum haben die Vorstellung Gindlers und Jacobys von der Möglichkeit einer ungestörten Entfaltung des Kindes bestätigt.
Das Lóczy-Institut wurde unter der Führung Emmi Piklers durch seine Ergebnisse bei der Verhütung des Hospitalismus sowie durch die Herausgabe von Fachbüchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu einem international bekannten Methodologischen Institut.
Nach ihrer Pensionierung setzte Emmi Pikler ihre wissenschaftliche und beratende Tätigkeit im Lóczy fort. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand weiterhin die Bewegungsentwicklung des Säuglings, die auch 1969 Thema ihrer Habilitation war. Ihre Arbeit fand in den letzten Jahren ihres Lebens im In- und Ausland immer mehr Anerkennung. 1984 starb Emmi Pikler mitten aus dem Schaffen heraus nach kurzer, schwerer Krankheit.