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«I know it when I see it»
Ist es eine Immobilienblase oder nicht? Wenige Fragen beschäftigen die Schweizer Banken und Behörden so stark wie diese. Meistens lautet die Antwort: Es ist keine Blase. Es finde zwar durchaus eine Übertreibung statt, aber die Verzerrung halte sich in Grenzen.
In der Ökonomie scheut man sich ganz generell, von einer Blase zu sprechen. Es gibt keine zuverlässigen Schwellenwerte, die eine klare Kategorisierung erlauben würden. Kürzlich an einer Tagung, an der es um die Geschichte der norwegischen Immobilienkrisen ging, kam es deswegen zu einem Wortgefecht. Der eine behauptete, es habe immer wieder Blasen gegeben, während die andere den Begriff für untauglich hielt.
Die Argumente der Ökonomie mögen theoretisch stichhaltig sein, aber die norwegische Diskussion erinnerte mich an den Gerichtsfall Jacobelli vs. Ohio von 1964, als es um darum ging zu definieren, wie weit Filme bei der Darstellung von Erotik gehen dürfen. Der Richter schrieb, er sei nicht in der Lage, genau zu definieren, was pornographisch sei und was nicht. Aber eines sei klar: «I know it when it see it.»
Man sollte sich deshalb nicht zu lange bei den theoretischen Diskussionen aufhalten, sondern einfach zwei, drei simple Grafiken anschauen und ernst nehmen. Die folgende Grafik zeigt zum Beispiel, dass sowohl das Volumen der Hypokredite im Verhältnis zum BIP wie auch die Immobilienpreise in den letzten Jahren sehr stark gestiegen sind (Quelle: SNB). Das kann nicht ewig so weiter gehen.
Die nächste Grafik zeigt, dass das Verhältnis der Eigenheimpreise zum Einkommen pro Haushalt stark zugenommen hat (Quelle: UBS). Wir sind bald auf demselben Niveau wie Ende der 1980er Jahre. Wir wissen heute, wie lang es gedauert hat, bis diese Übertreibung korrigiert war. In den 1990er Jahren hatten wir deswegen sechs Jahre lang kein Wachstum.
Kurz und gut, man sieht auf einen Blick, dass der Immobilienmarkt in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen ist. Ob wir dem Ganzen den Namen Blase geben oder nicht, ist gleichgültig. Es gilt: «I know it when I see it.»
Der gleiche Gedanke kam mir, als ich kürzlich einen Rückblick auf die letzten 40 Jahre Schweizer Finanzmarktgeschichte präsentieren musste. Um mir eine erste Vorstellung machen zu können, was sich quantitativ verändert hat, schaute ich die Entwicklung der Bilanzsummen der Grossbanken an. Ich bin regelrecht erschrocken, nicht nur über das tatsächliche Wachstum, sondern auch über meine damalige Ahnungslosigkeit. Ich war mir in den Jahren 2003 bis 2007 überhaupt nicht bewusst, wie atemberaubend das Bilanzwachstum der beiden Grossbanken ausfiel. Hätte man diese einfache Kennziffer ernst genommen, wäre man vermutlich schnell zum Schluss gekommen, dass sich hier ein gefährliches Ungleichgewicht aufbaute.
Alarmrufe hätten wahrscheinlich nichts an der Sache geändert. Aber das Ansehen der Ökonomie hätte wohl während der Finanzkrise etwas weniger Schaden genommen.
Verblüffend ist übrigens auch, wie schnell die Grossbanken ihre Bilanzen wieder zurückgefahren haben. Bei aller berechtigten Kritik an den neuen Regulierungen muss man anerkennen, dass sich in den letzten vier Jahren viel erreicht worden ist. Das Systemrisiko ist im Moment sicher viel geringer als 2007.
Der grosse Test steht aber noch aus. Erst im nächsten Boom sehen wir, ob die Grossbanken wirklich robuster geworden sind und die Lehren aus der Krise gezogen haben. Auch hier gilt: «I know it when I see it.»