Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/1733

Herr Semmer, wie stimmen Sie am 11. März bei der Ferieninitiative?
Norbert Semmer: Nach Abwägung aller Gesichtspunkte werde ich wohl Ja stimmen.
Warum? Ferien bedeuten doch häufig auch Stress?
Man muss das Thema Ferien in die Erholungsforschung einbetten. Entscheidend ist, wie der Mensch mit der Belastung umgeht und wie er sich erholt. Man weiss, dass die Produktivität steigt, wenn häufig kurze Pausen eingeschaltet werden, zum Beispiel jede Stunde fünf Minuten. Die Ermüdung steigt nicht linear, sondern exponentiell. Das heisst, man ist nach vier Stunden nicht doppelt so müde wie nach zwei Stunden.
Also sollte man mehr Pausen einschalten und nicht zusätzliche Ferien buchen.
Man sollte einen gesunden Zyklus von Belastung und Erholung anstreben. Dies gilt auf der Mikroebene, der Tagesebene, der Wochenebene und auch auf der Jahresebene.
Kann man sagen: Bei sechs Wochen ist ein Arbeitnehmer übers Jahr gesehen produktiver als bei vier Wochen Ferien?
Auf diese Frage hat die Wissenschaft keine Antwort. Zu Ferien gibt es viel weniger Forschungen als zu täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten. In den USA hat man Leute untersucht, die über längere Zeit überhaupt keine Ferien hatten. Dort hat sich gezeigt, dass sich null Ferien auf die Gesundheit negativ auswirken. Dieses Problem stellt sich in der Schweiz nicht.
Weiss man etwas über den Erholungsfaktor nach den Ferien?
Aus der Ferienforschung weiss man, dass Leute nach den Ferien typischerweise erholter und damit leistungsfähiger sind. Aber dieser Effekt verpufft nach ein bis zwei Wochen.
Wie viele Ferienwochen sind nötig, damit man danach leistungsfähiger ist?
Ich habe leider dazu keine wissenschaftlichen Untersuchungen gefunden.
Was denken Sie gefühlsmässig?
Unter dem Gesichtspunkt der Erholung sind viele Kurzferien besonders wichtig. Immer wieder mal ein verlängertes Wochenende einzuschalten, kann schon sehr viel bewirken.
Die Kinder werden keine Freude haben.
Selbstverständlich kann man Ferien nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Erholung beurteilen. Es gibt noch andere Ziele, eben familiäre. Daher ist es wohl am sinnvollsten, einmal pro Jahr längere Ferien von zwei bis drei Wochen und dann zusätzlich noch kurze Ferien von ein paar Tagen zu nehmen.
Letzten Sommer nahm ich erstmals seit Jahren vier Wochen Ferien am Stück. Als die Ferien vorüber waren, hatte ich Motivationsprobleme wie nie zuvor. Bin ich eine Ausnahme?
Die Resultate von Ferien- oder Erholungsforschungen sind immer Durchschnittswerte. Der eine ist nach Ferien erholter und motivierter als der andere. Es kommt auch immer darauf an, was man in den Ferien macht.
Womit wir bei der eingangs gestellten Behauptung wären: Ferien verursachen mit all der Vorbereitung und Planung nur Stress.
Das heisst nicht, dass man auf Ferien verzichten soll. Das heisst lediglich, dass manche Personen bei der Planung und Gestaltung der Ferien zu wenig auf die Erholung achten.
Stress kann auch dadurch entstehen, dass man die gleiche Arbeit an weniger Tagen verrichten muss.
Das stimmt. Je weniger eine Person delegieren kann, desto schneller verpufft die Erholungswirkung von Ferien, weil man «nacharbeiten» muss. Ich selber mache deshalb auch lieber kürzere Ferien.
Wenn bei zusätzlichen Ferien die Arbeit nicht auf mehr Hände verteilt wird, könnten zu viel Ferien auch kontraproduktiv sein.
Das ist durchaus möglich, deshalb habe ich die Kurzpausen erwähnt. Bis heute sehen viele Leute die Bedeutung der Kurzpausen – eben fünf Minuten pro Stunde – nicht. Eine neuere Studie hat sogar ergeben, dass auch bei Operationen kurze Pausen von fünf Minuten pro halbe Stunde positive Wirkungen hatten.
Meine Arbeitskollegen im Grossraumbüro werden frohlocken. Sie werden jetzt noch häufiger fürs Rauchen auf die Dachterrasse gehen.
Besser wäre es, sie gingen auf die Dachterrasse, ohne zu rauchen.
Sind Zivilisationskrankheiten wie Burn-out nicht eher auf den zu dicht verpackten Alltag zurückzuführen?
Ja, das spielt eine wichtige Rolle. Aber wenn man mehr Ferien hat, kann man einen dichten Alltag besser bewältigen. Grundsätzlich haben Sie aber recht: Die Hektik am Arbeitsplatz wiegt schwerer als die Frage nach zusätzlichen Ferienwochen.
Also müsste man für eine bessere Work-Life-Balance andere Massnahmen ergreifen als zusätzliche Ferienwochen.
Es gibt verschiedene Massnahmen: Von den Pausen habe ich schon gesprochen. Auch kürzere Wochenarbeitszeiten können helfen. Und im Übrigen geht es nicht nur um Arbeitszeit: Anerkennung ist zum Beispiel ganz besonders wichtig. Was die Zeitfrage angeht, würde ich die Bedeutung kürzerer Wochenarbeitszeiten höher gewichten als zusätzliche Ferien.
Können wir daher im Titel schreiben: «Pausen sind wichtiger als Ferien»?
Das ist zwar etwas zugespitzt, aber nicht ganz falsch.
Norbert Semmer ist Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Bern. Geboren ist der akzentfrei Schweizerdeutsch sprechende Semmer 1949 in München. Der deutschstämmige Semmer studierte Psychologie an den Universitäten Regensburg, Groningen und Berlin. Stress am Arbeitsplatz zählt zu seinen bevorzugten Forschungsgebieten. Derzeit arbeitet er vor allem über die Bedeutung der Arbeit für den Selbstwert, ausserdem untersucht er, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Medizin und Psychologie, Fragen von Teamkoordination, Stress und Leistung im medizinischen Bereich. Semmer ist mit einer Schweizerin verheiratet und inzwischen auch selber Schweizer. Er lehrt seit 1987 an der Universität Bern.
Erschienen am 3. Februar 2012