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Es wird selbst von Schulministerien nicht mehr verschwiegen: Es gibt sogenannte “begabte” Schülerinnen und Schüler, die im normalen Schulunterricht unterfordert sind. In der Grundschule war das schon immer ein Problem, das aber lange zugunsten einer “Förderung der Schwachen” und einer angestrebten “Bildungsgerechtigkeit” vernachlässigt wurde. Jahrzehntelang pflegte man begabte Kinder nach der Grundschule auf geeignete Gymnasien zu schicken. Dass dennoch einige dort noch unterfordert waren, kam eher selten vor und wurde im Einzelfall durch das Überspringen einer Jahrgangsstufe gelöst, durchaus im Sinne des heutigen “G8-Gymnasiums”. Eine institutionalisierte Begabtenförderung war nicht gesondert vorgesehen, aber es gab freiwillige schulische Arbeitsgemeinschaften außerhalb des regulären Unterrichts, auch zu Fremdsprachen und zu Naturwissenschaften, traditionell auch Chor und Orchester sowie Rudern oder andere Sportarten.
Die “Entrümpelung”
In der Zeit von 1970 bis heute hat man allerdings die Ansprüche an die Gymnasiasten heruntergefahren bei gleichzeitiger Ausweitung auf immer höhere Anteile von Gymnasiasten an ihrem Jahrgang. Das ist an Schulbüchern abzulesen und wurde auch in den Lehrplänen durch das sogenannte “Entrümpeln” bewerkstelligt. Man entrümpelte Stoff aus dem Regelunterricht, weil man ihn für entbehrlich erklärte. Gerade das Fach Mathematik wurde oft als “zu schwierig” empfunden und sollte daher (als politische Vorgabe) vereinfacht werden.
Das begann schon in der Grundschule: Heutige Bildungspläne sehen keine schriftliche Division von Zahlen als Pflicht mehr vor, das gilt als “zu schwierig”. Das kleine 1×1 gibt es noch, aber es hat den Anschein, als würde es nicht mehr konsequent verlangt, sondern nur noch behandelt. Dasselbe könnte für die Bruchrechnung zutreffen. Als Ergebnis gibt es sogar Abiturienten mit bestandenem Abitur, die mit beidem Schwierigkeiten haben. In der Mittel- und Oberstufe wurde vieles an Mathematik “entrümpelt”, so auch der Grenzwertbegriff, auf dem die gesamte Differential- und Integralrechnung basiert. Auch die “begabten” Schüler erfahren davon im normalen Unterricht nichts mehr. Aber dennoch wird eine Förderung auch der “begabten” Schüler heute nahezu überall postuliert, sogar in Berlin mit seiner insgesamt etwas maroden Schullandschaft:
https://www.berlin.de/sen/bildung/schule/foerderung/begabungsfoerderung/
Es heißt: “Dieser Zielsetzung liegt ein dynamischer, mehrdimensionaler Begriff von Begabung zugrunde.” Die Frage allerdings, wer als “begabt” zu gelten hat, wird dabei blumig umschrieben, so gibt es die “intellektuelle, sportliche, musische und soziale Begabung”. Allerdings war es wohl schon immer so, dass sich die Sportler und Musiker in Sportvereinen und Musikschulen tummelten, wo sie eigentlich ausreichend versorgt wurden. Wieso “sozial Begabte” sich im normalen Unterricht langweilen können, leuchtet nicht unmittelbar ein. Aber das Wort “sozial” klingt ja immer gut in offiziellen Dokumenten von Schulministerien.
Beschäftigt, damit sie sich nicht langweilen
Speziell was man denen dann konkret als Themen und Lernziele anbieten soll, wird im Internet selten genauer beschrieben. Verständlicherweise will man nicht für begabte Schüler Schulstoff vorwegnehmen, den alle dann später ohnehin bearbeiten sollen. Als Hauptmaßnahmen gelten heute “Akzeleration” und “Enrichment”. Das erste bedeutet ein schnelleres Durchlaufen der Schule, das zweite beschreibt in etwa, dass man begabte Schüler mit einem bunten Kaleidoskop von allem und jedem beschäftigt, damit sie sich nicht langweilen. Die Wichtigkeit der jeweiligen Themen allerdings ist höchst fraglich. Als Teil des normalen Schulstoffs stünden die vermutlich auch zum “Entrümpeln” an. Viel sinnvoller wäre doch, man böte ihnen das an, was aus den Lehrplänen “entrümpelt” wurde. Speziell in der Mathematik gibt es eigentlich kaum wirklich entbehrliches “Gerümpel”, man hat das aus durchsichtigen Gründen nur so genannt. Den “entrümpelten” Teil der Mathematik könnte man älteren Schulbüchern entnehmen. Wie ich höre, werden in Berlin noch gelegentlich alte, zerfledderte Mathematikbücher aus DDR-Zeiten kopiert. Man wird wissen, warum.
Erlebnispädagogische Kursmodule
Hier wird ausnahmsweise mal was Näheres zu den Enrichment-Themen gesagt, das ist ein G9-Gymnasium in NRW, das sich stolz nach Konrad Adenauer benennt:
https://kag-langenfeld.de/node/546
Da werden die Themengebiete des “Enrichment-Kurses” für das 6. und 7. Schuljahr aufgelistet, sog. “erlebnispädagogische Kursmodule”. Alles ist von normalen Schulfächern weit entfernt außer das Thema “Widerstand im Nationalsozialismus”, das normalerweise im Geschichtsunterricht der Oberstufe behandelt wird (und damit vielleicht eine Vorwegnahme wäre) und vielleicht für die 11–12-Jährigen doch nicht optimal geeignet ist. Um sich mit “Graffiti” oder “Doping im Leistungssport” auseinanderzusetzen, warum soll man da “begabt” sein? Könnte das nicht praktisch jeder?
Immerhin gibt man zu, dass auch eine “Vernetzung unter ‘Gleichgesinnten'” wichtig ist, was ein bisschen der herrschenden Ideologie vom Nutzen der Heterogenität und der damit verbundenen Verhinderung von Elitebildung widerspricht.
Immerhin gibt man zu, dass auch eine “Vernetzung unter ‘Gleichgesinnten'” wichtig ist, was ein bisschen der herrschenden Ideologie vom Nutzen der Heterogenität und der damit verbundenen Verhinderung von Elitebildung widerspricht. Die beste Vernetzung wäre in meinen Augen eine gezielte Anreicherung der begabten Schüler in speziellen Schulen oder Schulklassen, also das Gegenteil des einheitlichen Schulsystems, das zwangsläufig eine Ausdünnung statt Anreicherung zur Folge hätte.
An einem Berliner Gymnasium wird u.a. das Bauen eines Musikinstruments “Cajon” als Enrichment angeboten. Tatsächlich handelt es sich aber nur um einen Holzkasten, auf dem dann getrommelt werden kann. Begabte Musiker (auch Schlagzeuger) werden da nur müde lächeln.
Warum nicht: Ellipsen, Hyperbeln, Beweise in der Geometrie der Mittelstufe, Darstellende Geometrie, Algebra als sog. “Buchstabenrechnen”, Polynomdivision, algebraische Gleichungen usw., ganz zu schweigen von dem reduzierten Stoff der Oberstufe.
Auch Wikipedia merkt an: “Enrichment in der Schule ist nicht unumstritten, da die Programme oft nicht auf die Schüler und ihre Interessen ausgerichtet sind, sondern sich in reinen Beschäftigungsmaßnahmen erschöpfen.” An anderer Stelle wird es als Problem erkannt: “… weil zwischen dem System ‘Schule’ und dem System ‘Enrichment’ keine oder wenig Synergien entstehen.”
Was hat man denn für mathematisch Interessierte anzubieten? Auch ein Kurs “Mathematische Formen im Alltag” klingt mehr nach “Alltagsmathematik”, “mathematical literacy” und “Kompetenzorientierung” als nach dem, was in den vergangenen Jahrzehnten alles “entrümpelt” wurde: Ellipsen, Hyperbeln, Beweise in der Geometrie der Mittelstufe, Darstellende Geometrie, Algebra als sog. “Buchstabenrechnen”, Polynomdivision, algebraische Gleichungen usw., ganz zu schweigen von dem reduzierten Stoff der Oberstufe.
Dasselbe gilt für das, was aus dem Geschichtsunterricht “entrümpelt” wurde, der zugunsten von “Gesellschaftskunde” reduziert wurde. Das Thema “antike Mythen” und die “Olympischen Spiele der Antike” gehören vielleicht dazu, aber es sei daran erinnert, dass die antike Geschichte heutzutage auch mal ganz in den Latein- und Griechischunterricht ausgelagert wird (natürlich zu Lasten des eigentlichen Sprachunterrichts), so jedenfalls in Berlin.
Ein anderes Beispiel eines Berliner Gymnasiums https://hcg-berlin.de/lbb offenbart Verblüffendes: Die Innengestaltung der Mensa wird in der “inklusiven Schulkultur” zum Thema der Begabtenförderung gemacht. Von dem aus dem Mathematikunterricht “entrümpelten” Stoff ist nicht die Rede, wohl aber von “künstlicher Intelligenz”, so als könne man das mal eben en passant behandeln. Es kann natürlich sein, dass einige Lehrer hier einfach ihre Steckenpferde reiten, was ja auch legitim ist. Und es ist gerade in Berlin dringend anzunehmen, dass die ganze Sache von der Schulverwaltung oder dem zuständigen Staatssekretär nicht genehmigt würde, wenn etwa zugegeben würde, dass das “Entrümpeln” beim Übergang von G8 zu G9 vielleicht doch nicht so ideal war. Vielmehr muss alles einen “sozialen Aspekt” bekommen. Spötter könnten sagen, die begabten Schüler sollen sich weniger an der Wissenschaft als vielmehr an Mutter Teresa orientieren und mehr “Sozialkompetenz” entwickeln.
Auch in der Schweiz gibt es diese “Enrichmentangebote:
Dass im Standardfall die Begabung mehr oder weniger offensichtlich ist, einfach durch besonders gute Leistungen, das will man wohl lieber nicht zugeben.
Da ist die Rede von der “inklusiven Begabungsförderung”, ja überhaupt scheint das ein Teil der neuen “Inklusion” zu sein. Man macht sogar eine Wissenschaft daraus mit einem Masterstudiengang “Integrative Begabungs- und Begabtenförderung” (Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz). Da geht es dann auch um “diagnostische und didaktische Kompetenzen zum Erkennen und Fördern besonderer Begabungspotenziale”. Dass im Standardfall die Begabung mehr oder weniger offensichtlich ist, einfach durch besonders gute Leistungen, das will man wohl lieber nicht zugeben. Das wäre ja zu einfach, denn das wussten selbst Volksschullehrer schon seit 100 Jahren oder mehr. Stattdessen schickt man sich an, die versteckten Begabungen zu diagnostizieren und zu fördern. Vermutlich kommen bei diesem Inklusions-Eifer dann aber die “offensichtlichen” Begabungen, etwa im Bereich der Mathematik, zu kurz. Mathematik ist ja ohnehin unbeliebt, wer trotzdem einen Hang dazu hat, gilt leicht als “Spinner ohne Sozialkompetenz”.
Erst sorgt man dafür, dass sich begabte Schüler langweilen, und dann muss man ihnen irgendetwas Besonderes (eben das Enrichment) anbieten, um das wieder auszugleichen.
Hier verblödet ein Genie
Zusammenfassend weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll: Erst senkt man (in Deutschland) jahrzehntelang gerade an Gymnasien das Niveau auf breiter Front ab, und dann sieht man sich gezwungen, Gegenmaßnahmen gegen die unerwünschten Folgen einzuleiten. Erst sorgt man dafür, dass sich begabte Schüler langweilen, und dann muss man ihnen irgendetwas Besonderes (eben das Enrichment) anbieten, um das wieder auszugleichen. Spötter verweisen auf den angeblich in zahlreichen altmodischen Pulten eingeritzten Spruch: “Hier verblödete ein Genie.”
In der Hoffnung, dass wirkliche Talente eine gewisse “Resilienz” auch gegen das schulische Verblöden entwickeln mögen, wünscht einen schönen Sonntag
Wolfgang Kühnel