Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03118.jsonl.gz/2591

22.01.2007 - Solothurn - Das spätrömisch-frühmittelalterliche Gräberfeld von Oberbuchsiten gehört zu den grössten archäologischen Fundstellen im Kanton Solothurn. Es umfasst mehrere Hundert Gräber aus der Zeit vom 4. bis 7. Jahrhundert n. Chr. Die zahlreichen Grabbeigaben befinden sich zum grossen Teil in der Obhut des Schweizerischen Landesmuseums, einige Funde aus neueren Untersuchungen sind im Historischen Museum in Olten und bei der Kantonsarchäologie Solothurn zu finden. In seiner Doktorarbeit wertete der Archäologe Andreas Motschi (Zürich) den seit langem bekannten Fundplatz erstmals vollständig aus. Die wissenschaftliche Bearbeitung erscheint nun in Buchform. Die Buchvernissage findet am Donnerstag, 1. Februar 2007 um 18 Uhr im Historischen Museum in Olten statt.
Gross war das Aufsehen in der Presse und in der archäologischen Fachwelt, als Konrad Fey im Jahr 1895 auf dem "Bühl" in Oberbuchsiten beim Aushub für ein neues Wohnhaus unerwartet auf menschliche Skelette stiess und in den folgenden Jahren mehrere Hundert Bestattungen freilegte. Einmalig war die Menge der gefundenen Grabbeigaben, also jenen Gegenständen, die als Teile der Grabausstattungen für die Verstorbenen im Boden erhalten geblieben waren: Gürtelteile aus Eisen und Bronze, verschiedene Waffen und Geräte, Halskettenperlen aus Glas und Bernstein, Ohrringe sowie Gefässe für Speise und Trank sind die häufigsten Fundgruppen.
Am Ende des 19. Jahrhunderts existierte noch keine archäologische Institution, die in offiziellem Auftrag die kantonale Hoheit über die archäologischen Funde hätte ausüben können. Anders als heute verblieben die Funde im Besitz des Landeigentümers. Fey war somit berechtigt, die Funde, die er fein säuberlich auf Kartons geheftet hatte, zum Verkauf anzubieten. Den Zuschlag erhielt im Jahr 1909 das Schweizerische Landesmuseum in Zürich, das sich bereits aktiv an den Ausgrabungen beteiligt hatte. Es handelte damit gemäss seinem Auftrag, schweizerisches Kulturgut vor dem Verstreuen in alle Winde zu bewahren und für die Öffentlichkeit zu erhalten. Erst das 1912 eingeführte Zivilgesetzbuch regelte die alleinige Zuständigkeit der Kantone über die archäologische Hinterlassenschaft.
Die Grabungen in Oberbuchsiten ergaben einen der wichtigsten Fundbestände aus der Übergangszeit von der römischen zur frühmittelalterlichen Epoche im Gebiet der Schweiz. Die jetzt erschienene Publikation geht auf die vom Archäologen Andreas Motschi an der Universität Basel verfasste Doktorarbeit zurück. Das 280 Seiten umfassende Buch enthält zahlreiche Pläne, Zeichnungen und Fotos der Fundstelle. Es untersucht die Zeitstellung der Gräber und geht der Frage nach der Herkunft der bestatteten Bevölkerung nach. Die ältesten Gräber gehören in die spätrömische Epoche. Als häufigste Fundgruppe ergaben sie Gefässe aus Keramik und Glas als Behälter für die Wegzehrung der Verstorbenen für die Reise ins Jenseits. Im mittleren 6. Jahrhundert gelangte unser Gebiet in die Machtsphäre des fränkischen Merowingerreiches. Aus dieser Zeit stammt eine äusserst qualitätvolle Goldfibel, die mit Filigrandraht und Granatsteinen verziert ist. Ihre wohlhabende Besitzerin gehörte einer führenden Gesellschaftsschicht an. Das herausragende, einer Brosche vergleichbare Schmuckstück ziert nun auch den Deckel des Buches.
In den zahlreichen Gräbern des 7. Jahrhunderts zeigen sich durch Trachtbestandteile und Bestattungsbräuche vermehrt Übereinstimmungen mit dem alamannischen Gebiet. Sie lassen sich als Hinweise auf Zuwanderungen aus dem süddeutschen Raum interpretieren. Auszugehen ist aber auch von der Übernahme alamannischer Gebräuche durch die schon länger am Ort ansässige Bevölkerung. Betrachtungen über die regionale Siedlungsgeschichte in römischer und frühmittelalterlicher Zeit schliessen den Band ab. Die Publikation erfolgte unter der Federführung des Schweizerischen Landesmuseums, das den Band in seiner Reihe "Collectio archaeologica" herausgibt. Die Buchproduktion wurde von der Kantonsarchäologie Solothurn tatkräftig unterstützt, die Gemeinde Oberbuchsiten sprach einen Beitrag an die Druckkosten.
Oberbuchsiten birgt ausser dem Gräberfeld auf dem Bühl weitere herausragende archäologische Fundstellen. Wie im 2006 erschienenen Band 11 der Zeitschrift "Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn" nachzulesen ist, liegen unter der im Dorfzentrum gelegenen Bachmatt die baulichen Überreste einer reich mit Malereien und Mosaiken ausgestatteten römischen Villa. Die jüngsten Ausgrabungen in der Bachmatt ergaben zudem klare Hinweise auf den Standort des frühmittelalterlichen Dorfes. Damit ist der Standort der Siedlung jener Menschen bekannt, die bisher nur durch die Grabfunde auf dem Bühl aus dem Dunkel der Vergangenheit traten.