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Weiter: Gut gemeinte Ratschläge
Tavoran wandte sich zum Zelt, auf welches Rinayas gedeutet hatte. Er schlug das Tuch zur Seite, welches den Eingang verhängte, und musste sich einen Augenblick an die Dunkelheit im Zelt gewöhnen, die außerhalb des hellen Dreiecks lag, das die Sonne auf den Boden im Inneren zeichnete. Staub tanzte im Lichtschein und ihm schlug der typische, stickige Geruch eines Heilerzeltes entgegen.
Dann erkannte er Kerys, die mit dem Rücken zu ihm an einem kleinen Tischchen stand, das von darauf abgelegtem Kram nur so überquoll. Auf und neben dem Tisch standen überall Fläschchen, Tiegel und Töpfe in allen erdenklichen Größen und Formen, dazwischen lagen Stoff- und Lederbeutel mit undefinierbarem Inhalt. Erhellt wurde das Zelt lediglich von einer tönernen Öllampe.
Von den hölzernen Verstrebungen des Zeltdaches hingen Bündel mit getrockneten Kräutern und Wurzeln, aufgereihte getrocknete Blüten, aber auch verschiedene Schädel und Knochen, von denen Tavoran nicht sicher war, ob sie wirklich nur tierischen Ursprungs waren.
Er konnte nicht erkennen, was Kerys tat, aber dem kratzenden Geräusch nach nahm er an, dass sie irgendetwas im Mörser zerkleinerte.
Er schnupperte, aber der überwältigende Geruch nach unzähligen Kräutern und khalehischen Räucherwaren ließ ihn nicht anderes wahrnehmen.
»Keine Sorge, du kannst reinkommen, Tavoran. Die Luft ist rein«, sagte Kerys, ohne sich umzudrehen.
Tavoran fühlte sich ertappt und im gleichen Augenblick überkam ihn ein leichtes schlechtes Gewissen. Er wusste nicht, ob er sich je daran gewöhnen würde, dass Kerys jetzt Magierin war, aber er musste deswegen nicht überall und in jedem Augenblick vermuten, dass sie Magie auch wirkte. Er machte einen Schritt ins Zelt hinein und der dicke Stoff fiel mit einem flappenden Geräusch zurück vor den Eingang und kappte das Sonnenlicht.
Im schummrigen Licht der Öllampe erkannte er rechts von sich eine zerwühlte Bettstatt auf dem komplett mit Teppichen bedeckten Boden und daneben eine kleine, schmucklose hölzerne Truhe. Das Schloss sah nicht sonderlich widerstandsfähig aus, und Tavoran hoffte, dass Kerys nichts Wertvolles darin aufbewahrte.
»Bist du da, um dich zu entschuldigen?«
Tavoran sah, wie Kerys’ Schultern sich bewegten, als sie energisch den Inhalt des Mörsers bearbeitete. Die Tänzer-Kleidung hatte sie gegen die typische Kleidung der Wüstennomaden getauscht und trug nun ein bunt besticktes Oberteil mit luftigen Ärmeln, das um die Hüfte von einem mit bronzenen Schnallen und Platten verzierten breiten Gürtel zusammengehalten wurde, dazu trug sie weite Pluderhosen und weiche Lederstiefel. Das mit den Mustern ihres Clans bestickte Tuch, mit welchem sie normalerweise Kopf und Schultern bedeckte, um sich vor der Wüstensonne zu schützen, hatte sie sich locker um die Hüften gebunden.
»Eigentlich wollte ich ja damit beginnen, aber da du ja schon alles weißt: Ja, bin ich.«
Kerys drehte sich zu ihm um, den Mörser behielt sie in den Händen. Tavoran warf einen Blick darauf, konnte aber nicht mehr erkennen, was sie zermahlen hatte.
»Also, ich höre?«, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang ein wenig Verärgerung mit.
Tavoran trat auf sie zu, nahm ihr den Mörser aus den Händen und stellte ihn auf den Tisch. Als er ihren argwöhnischen Blick bemerkte, mit dem sie seine Bewegungen verfolgte, grinste er.
»Reine Vorsichtsmaßnahme. Falls meine Entschuldigung nicht ankommt, möchte ich nicht, dass du mir mit dem Mörser den Schädel einschlägst.«
Kerys ließ sich nicht auf den Scherz ein, sondern verschränkte die Arme vor der Brust und bemühte sich um eine ausdruckslose Miene.
Tavoran räusperte sich. »Es tut mir leid, was ich dir gestern gesagt habe. Ich war nicht ganz bei Sinnen.«
Kerys schwieg und musterte ihn. Ihr Blick glitt über sein Gesicht, blieb an der linken Augenbraue hängen und ihr Mundwinkel zuckte leicht. »Und?«
»Du weißt, was ich von Magiern halte. Aber ich hätte das gestern nicht zwischen unsere Freundschaft kommen lassen sollen.«
»Und weiter?«
Tavoran zögerte, klappte den Mund auf, und einen Augenblick später wieder zu. Was wollte sie noch hören? Mehr als für seine dumme Art konnte er sich doch nicht entschuldigen.
»Und natürlich hast du keinen schwachen Willen. Tut mir leid, dass ich dir das unterstellt habe.«
Kerys starrte ihn noch immer an, noch immer hielt sie die Arme verschränkt und sagte kein Wort. Sie schien noch immer auf etwas zu warten. Er spürte, wie er langsam die Geduld verlor. Dieses Weibsbild konnte ihn wirklich in den Wahnsinn treiben.
Er warf die Hände in die Luft. »Was willst du denn noch hören?«, fragte er lauter, als er beabsichtigt hatte. Sein Blick bohrte sich in ihren. Im schummrigen Licht konnte er nicht erkennen, ob ihre Augen die Farbe des Bernsteins schon angenommen hatten. Für einen Atemzug massen sich ihre Blicke, dann lachte sie auf und die Anspannung zwischen ihnen fiel von den beiden ab.
»Gar nichts, Tavoran. Aber es macht Spaß, dich um Worte ringen zu sehen.«
Tavoran entschied sich, nichts zu entgegnen. Er wollte sie nicht schon wieder verärgern, und so rang er sich lediglich ein Lächeln ab.
Sie boxte ihm freundschaftlich an die Schulter. »Ach komm. Trink einen Tee mit mir.«
Wie herbeigezaubert drückte sie ihm einen Becher mit heissem Wasser in die Hand, den sie irgendwo aus dem Chaos auf dem Tisch geholt haben musste, und streute ein paar Kräuter ins Wasser. Er sah, wie sich die getrockneten Blätter entrollten und mit einem leichten Glühen auf den Boden des Bechers sanken. Gleichzeitig entfaltete sich ein herber Duft nach Nüssen und dunklen Früchten.
Sie grinste ihn entschuldigend an. »Bevor du etwas sagst, Tavoran, das hier ist nicht meine Magie. Das sind die Blätter des schwarzen Buschtees. Der wächst gern in der Nähe von magischen Quellen im Hochland von Khaleh und er glüht, wenn es regnet.«
Sie ging an ihm vorbei, setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf die Bettstatt und reckte ihm ihren Becher entgegen, von dem dasselbe leichte Glühen ausging.
»Bei uns sagt man, dass es Glück bringt, wenn man eine Tasse schwarzen Buschtees mit einem Freund teilt.«
Tavoran schnupperte argwöhnisch an seinem Becher. Der Tee roch gut, aber noch lange nicht so gut wie die exquisiten Mischungen, die er sich manchmal bei Andrada gönnte. Er entschied sich, Kerys den Gefallen zu tun, und mit ihr eine Tasse zu trinken. Wenn er sich schon mit magischen Artefakten herumschlagen würde, dann würde ihm wohl ein bisschen magischer Tee nicht umbringen.
Er setzte sich neben sie und sie prosteten sich zu. Schweigend tranken sie ein paar Schlucke, und Tavoran entging nicht, dass sie ihn in der Zeit aufmerksam musterte. Er zog fragend eine Augenbraue hoch.
Sie lachte auf. »Ich schätze es sehr, dass du hergekommen bist, um dich zu entschuldigen, Tavoran. Aber ich merke, dass dich noch mehr umtreibt. Also, was ist es? Willst du wissen, warum ich wirklich meinen Willen dem Lesh’Rakha unterworfen und mein Leben verwirkt habe?«
Der leise Spott in ihrer Stimme entging ihm nicht. Er mochte sich jedoch nicht auf ihre Sticheleien einlassen. Ja, er wollte wissen, was sie wirklich dazu getrieben hatte, denn die Geschichte mit den paar Münzen und ihrem Alter nahm er ihr nicht ab. Aber er gab ihr nicht die Genugtuung, dass er sie danach fragte. Sie sollte es ihm schon selber erzählen. Irgendwann.
»Was weißt du über magische Artefakte?«
Die Frage schien sie sichtlich zu irritieren. »Magische Artefakte? Wie kommst du jetzt darauf?«
»Nun, du bist doch jetzt Magierin. Warum auch immer. Da weißt du bestimmt einiges über all die Dinge, die ein Magier so besitzen kann.«
Sie runzelte die Stirn. Die Bemerkung war ihr nicht entgangen, sie ging jedoch nicht mehr darauf ein. In einem Zug leerte sie ihren Becher und stellte ihn vor sich auf den Boden. Ihre Finger glitten über den Rand des Bechers, während sie überlegte.
»Nun, da gibt es ein paar, die ich kenne. Aber die Welt ist groß. Was willst du denn wissen?«
»Was weißt du über einen magischen Dolch aus Khaleh?«
Ihre Finger hielten inne und Kerys blickte Tavoran aus großen Augen an.
»Ein Dolch aus Khaleh?«, fragte sie zurück und Tavoran hörte ein leichtes Zittern in ihrer Stimme. Sie wusste, wovon er sprach. Er stellte seinen Becher neben den ihren und streifte dabei ihre Hand. Fast erschrocken zog sie sie zurück und massierte sich mit der anderen unbewusst das Handgelenk. Die Ringe klapperten.
»Erzähl mir mehr davon«, forderte Tavoran.
»Warum?« Kerys Stimme klang heiser. Der Griff um ihr Handgelenk wurde fester.
»Ich habe meine Gründe.«
Kerys folgte seinem Blick und löste ihre Hände. Ihm entging das leichte Zittern nicht, als sie sie in ihren Schoss legte.
»Du willst mehr über ein mächtiges Artefakt wissen, hinter dem die halbe Magierwelt her ist, aber du willst mir nicht verraten, warum?«
Tavoran schwieg und blickte sie wartend an. Nach einem Augenblick riss Kerys die Augen auf.
»Sag bloß, du hast ihn?«, fragte Kerys in einem Anflug von Panik. Ihr Blick huschte ruckartig zu seinem Gürtel, an dem er seine Dolchscheide befestigt hatte. Tavoran schüttelte beschwichtigend den Kopf.
»Nein, ich habe ihn nicht.«
Er sah, wie sich ihre Haltung entspannte. »Gut. Denn von allen Artefakten, die ich kenne, ist der Dolch der Seelen einer der mächtigsten, aber auch gefährlichsten. Ich weiß, wie verlockend es sein kann, einen solchen Dolch zu stehlen, denn es gibt genügend Magier, die ein Vermögen dafür zahlen würden.«
Sie machte eine Pause. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich die plötzliche Erkenntnis ab, und sie erstarrte erneut.
»Du willst den Dolch stehlen? Von wem?«
»Es ist besser, wenn ich dir das nicht verrate.«
Kerys schluckte. »Das heißt, der Dolch ist hier in Amyrien?« Ihre Augen werden groß. »Hier in Catun?«
»Das kann ich dir nicht sagen.«
»Also weißt du, wo der Dolch ist.« Sie musterte ihn eindringlich. »Der Dolch ist hier.«
Tavoran zuckte mit den Schultern. »Mag sein. Und wenn schon. Du siehst aus, als hättest du alle Götter Neramors auf einmal gesehen. Was ist denn so schlimm an einem Dolch, der die Seelen Verstorbener zurückbringen können soll?«
Zu seiner Verärgerung ignorierte Kerys die Frage. Sie neigte sich vor und griff nach seinen Händen. Ihre Finger waren eiskalt.
»Ist er an einem sicheren Ort?«
»Warum spielt das eine Rolle?«
Der Druck auf seine Hände verstärkte sich. »Man sagt, mit dem Dolch kann die Seele eines Toten in den Körper zurückgebracht werden. Aber das ist nicht das, was den Dolch so gefährlich macht.«
Tavoran merkte, wie sich Ungeduld in ihm breitmachte. »Was denn dann?«
Ihre Stimme war leise, als sie weitersprach. Fast so, als würde sie fürchten, dass jemand zuhören könnte, für den die Worte nicht bestimmt waren.
»Man sagt, dass derjenige, der den Dolch benutzt, seine Seele für immer verliert.« Sie schluckte. »Und zwar an den Morash’Sul, den Seelensammler.«
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