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Die Wiedergeburt der Hammond B3
In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Reihe von Leuten, die ich mit Cory Henrys Solo-CD The Revival vertreiben könnte – die elektro-mechanische Orgel Hammond B3 ist nicht jedermanns Sache. Wer aber die B3 liebt, wer Jimmy Smiths geniale Soloarbeit oder seine Duos mit Wes Montgomery schätzt, wer Baby Face Willettes, Keith Emersons oder Joey DeFrancescos emotionale Erkundungen auf dem Instrument liebt, der wird an Cory Henry seine helle Freude haben. Das Album bleibt schon von der Tonfarbe her im Bereich des Gospels, aber Cory Henry geht weit über das Kirchenfeeling hinaus auf seiner (fast) Solo-CD, die es an seinen Ursprüngen aufgenommen hat – in der Kirche in Brooklyn, an der sein Vater Pfarrer ist. Das Konzert gibt es als CD und dazu gibt es die leider völlig lieblos dazuproduzierte DVD mit dem Konzert.
Im Jahr 1987 geboren, wuchs Cory Henry auf als der Sohn von Bischoff Jeffrey L. White, der seinerseits die Hammond-Orgel spielt, wie auf Youtube leicht festzustellen ist. Im Alter von sechs Jahren trat er im Apollo Theater in Harlem auf, und mit dem aktuellen Album legt er nach First Steps von 2014 seine zweite Veröffentlichung vor. Sein Vater, Bischoff White hat seinerseits auch schon eine CD veröffentlicht, und auf der CD seines Sohnes singt er Old Rugged Cross, das er von dessen Country-Wurzeln (vgl. die Versionen von Al Green oder Chet Atkins) trennt und zum Gospeltitel macht. Das Orgelspiel des Seniors entstammt aber noch klar dem Bedürfnis, Gottesdienste musikalisch zu untermalen und erst bei seinem Sohn Cory vollzieht sich der Wandel zum Musiker ohne direkte Verbindung zur Kirche.
2014 kehrte Cory zurück in die Kirche, in der er aufwuchs und spielte dort im Kirchgemeindesaal vor vielleicht einhundert Leuten ein Konzert, das nun als die CD The Revival erschienen ist. Er spielt nicht einfach Orgel, sondern holt – unterstützt durch einen Leslie-Speaker – das letzte Quäntchen emotionaler Achterbahnfahrt aus dem Instrument, das möglich ist, und das ist bewundernswert viel.
Die Hammond B3 hat insbesondere in Verbindung mit dem Leslie-Speaker tonale Eigenschaften, die sie einzigartig macht unter den Instrumenten. Die B3 kann ihren Ton anschwellen lassen und verklingen lassen wie kein anderes Instrument und so ergibt sich eine emotionale Achterbahnfahrt, die wohl der Grund ist, dass manche die Hammondorgel nicht mögen – frei nach dem Motto «ist sie zu stark, bist Du zu schwach».
In vielen Blues-Konzerten, die ich gehört habe, tritt eine Band mit Hammond-Spieler auf, und die Soli verlaufen häufig nach demselben Muster: Fein und subtil begonnen, gibt es ein gewaltiges Crescendo in Lautstärke, tonaler und emotionale Intensität und zum Schluss spielt der Organist praktisch mit den ganzen Unterarmen und würde am liebsten sämtliche Tasten gleichzeitig bedienen.
Cory Henry vermeidet genau dies, und er konzentriert sich dafür auf einzelne intensive Töne kurze Passagen, in denen er die Schärfe und das Brüllen des Instrumentes rauslässt, nur um die Orgel dann gleich wieder an die Zügel zu legen. Die macht er mit Klassikern wie eben dem Old Rugged Cross oder Gospeltiteln wie Precious Lord, aber auch mit quasi-Gospeltiteln wie Paul McCartney Evergreen Yesterday.
Für Henry, der auch in anderen Formationen auftritt wie der Jazz-Combo Snarky Puppy oder der sich als Organist für eine illustre Runde von Musikern verdingt hat (Wikipedia nennt u.a. Bruce Springsteen, P. Diddy, Boyz II Men oder Yolanda Adams) scheint dieser Gig eine reine Freude zu sein. Er sprüht vor Begeisterung und freut sich, die ersten Titel vollkommen ohne Begleitung spielen zu können.
Darunter sind Gospel-Songs, aber auch Titel anderer Genres, die stets lebensbejahend und positiv, aber emotional intensiv ist – vergleichbar einem Schwarzer Gottesdient bei seinem Vater oder der Gospel-Musik generell, die ja das fröhliche der christlichen Botschaft kombiniert mit dem erlittenen Unrecht und der Duldung kaum zu ertragender Misstände.
Ab Precious Lord kommt ein Schlagzeug hinzu, aber die 11 Titel sind weitgehend pure Orgelmusik, die manchmal in den Ohren beisst, manchmal aber auch wie eine wärmende Decke sich über die Zuhörer legt, stets befeuert von der Sicherheit des Musikers, «zuhause» spielen zu können und vermutlich an der Orgel seines Vaters, an der er gelernt hat, dieses Instrument mit traumwandlerischer Sicherheit zu bedienen.
Seine Expertise, seine Fingerfertigkeit an der Orgel ist atemberaubend, und dies dokumentiert auch die im Combo-Pack beigelegte DVD des Konzerts. Sonst allerdings bietet dieses DVD so wenig, dass man sich fragt, was das soll. Weder sind die einzelnen Titel direkt anwählbar, noch gibt es ausser Bild- und Tonspur irgendwas auf der DVD drauf. Also nur ein einzelner Track, auf dem das gesamte Konzert ist, ohne die Möglichkeit, sich einen Titel ansehen zu können. Es mag als Methode gemeint sein, die Piraterie auf Youtube einzudämmen, aber für Käuferinnen und Käufer der offizielen Veröffentlichung ist es eine Zumutung.
Hier noch zwei Beispiele: Zunächst der Titel NaaNaaNaa von der CD mit dem leicht überbelichteten Originalbild von der DVD
:
Und als Hinweis darauf, dass der Mann auch grössere Arrangements zu spielen weiss, spielt er hier an einem Auftritt zu Ehren von Quincy Jones dessen Billie Jean
.
Cory Henry – The Revival CD & DVD (2016)
|1.||Lord's Prayer||6:34|
|2.||He Has Made Me Glad (I Will Enter His Gates)||7:14|
|3.||Precious Lord||7:56|
|4.||Old Rugged Cross||7:37|
|5.||NaaNaaNaa||6:54|
|6.||That Is Why I'm Happy||7:06|
|7.||If You're Happy (And You Know It)||1:19|
|8.||Giant Steps||6:35|
|9.||All In Love Is Fair||7:02|
|10.||Yesterday||9:10|
|11.||I Want To Be Ready||11:40|