Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/2503

Abstract
Die Pädagogik war lange Zeit in erster Linie als Teil der Philosophie betrachtet worden. Mit Hans Stettbacher als Professor wurde im Jahr 1946 erstmals ein Ordinariat ad personam in Pädagogik geschaffen, doch erst mit seinem Nachfolger Leo Weber im Jahr 1955 wurde der Pädagogik eine erste ordentliche Professur zugesprochen.
Die Pädagogik gehörte an der Universität Zürich von Anfang an zu den gelehrten Fächern, war dabei aber, wie in den meisten anderen Hochschulen, stets Teil der Philosophie und daher wurden die Vorlesungen auch von deren Lehrstuhlinhabern gelesen. Die erste Vorlesung mit pädagogischem Inhalt wurde bereits im Wintersemester 1833/34 von Eduard Bobrik gehalten. Das Lehrangebot in Pädagogik blieb jedoch bis 1860 eng begrenzt und bestand in einer bis 1850 nur unregelmässig angebotenen Grundvorlesung (vgl. Criblez, 2011).
Im Rahmen der Prüfungen an der Lehramtsschule für die Sekundarlehrer, die 1870 definitiv an der Universität Zürich eingerichtet wurde, war Pädagogik ab 1875 ein Prüfungsfach und einhergehend mit der akademischen Lehrerbildung von Sekundar- und Gymnasiallehrpersonen wurden die pädagogischen Lehrveranstaltungen institutionalisiert und permanent angeboten. Die steigenden Studentenzahlen legitimierten zudem einen Ausbau der Pädagogik, und da sowohl Pädagogik als auch Geschichte der Pädagogik seit 1881 Prüfungsfach am Sekundarlehramt waren, mussten diese Fächer auch im Lehrangebot zur Verfügung stehen (vgl. Criblez, 2011).
Als eigenes Lehrfach erschien die Pädagogik zuerst in der Form eines persönlichen Extraordinariates für Pädagogik und schweizerische Schulgeschichte, das 1890 eigens für den Pestalozziforscher Otto Hunziker geschaffen wurde. Nach Hunzikers Rücktritt 1901 wurde die Geschichte der Pädagogik demjenigen philosophischen Ordinariat zugeteilt, welches ab 1911 von Willy Freytag besetzt war und die allgemeine Pädagogik verblieb beim anderen Ordinariat für Philosophie, dessen Inhaber Friedrich Schumann und anschliessend Gotthold Friedrich Lipps waren (UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948). Lipps bot zwar regelmässig pädagogische Übungen und allgemeine Pädagogik an, überliess dieses Feld ansonsten aber den verschiedenen Privatdozenten und ausserordentlichen Professuren (vgl. Criblez, 2011).
Ebenfalls ausdrücklich in der Beschreibung eines Lehrauftrages genannt, wurde die Pädagogik in der Stellenbeschreibung von Professor Ernst Meumann, Ordinarius in Zürich für Geschichte der Philosophie, systematische Philosophie und allgemeine Pädagogik (1897-1905), der die experimentelle Psychologie als Grundlage der Pädagogik betrachtete (vgl. UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948). Unter ihm wurde die wissenschaftliche Pädagogik ausgebaut und er erreichte den Bau eines Laboratoriums für experimentelle Psychologie und Pädagogik. Meumanns Vorlesungen über Pädagogik wurden auch von einigen Lehrpersonen besucht und regten eine intensive Zusammenarbeit von Wissenschaft und Schule an (vgl. UAZ AL.7.083, o.D.).
Seit dem Ersten Weltkrieg wurden an deutschen Universitäten zunehmend Lehrstühle für Pädagogik eingerichtet. Die Pädagogik wurde ganz allgemein erst spät als selbständige Wissenschaft anerkannt. Die erzieherische Tätigkeit erschien zu divers, um wissenschaftlich fassbar zu sein und wurde eher als Sache der Intuition und der persönlichen Eignung betrachtet (vgl. UAZ AL.7.083, o.D.). Auch die Universität Zürich förderte die Pädagogik durch eigene Professuren für Didaktik und Heilpädagogik, die Pädagogik an sich trat aber noch immer als philosophische Teildisziplin und nicht als autonome Wissenschaft auf. Die Pädagogik galt sozusagen als praktische Legitimation der Philosophie und bereits 1906 warnte der Pädagoge Friedrich Paulsen vor der Errichtung besonderer Lehrstühle für Pädagogik: "Die Pädagogik kann nicht von der Philosophie losgelöst werden, ohne wurzellos zu werden und zu verdorren." (vgl. UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948, S. 7)
In den ersten Deutschen Ordinariaten mit Pädagogik im Zentrum wurde die Pädagogik als Zweig der Philosophie behandelt und auch an den Schweizer Universitäten herrschte die Meinung vor, dass die Pädagogik grösstenteils in der Geschichte der Philosophie enthalten war und nur in engstem Zusammenhang mit dieser überhaupt Sinn ergebe (vgl. UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948).
Da für die universitäre Lehrerbildung zunehmend praktische Kenntnisse und Wissen über das schweizerische Bildungssystem gefragt waren, wurden zwischen 1925 und 1931 drei neue Extraordinariate ad personam geschaffen, mit denen die Pädagogik institutionell einen Autonomiestatus gegenüber der Philosophie gewann (vgl. Criblez 2011).
Eines dieser Ordinariate wurde Hans Stettbacher übertragen, wobei diese Stelle für Didaktik des Volksschulunterrichts deutlich als persönliches Extraordinariat und nicht als Besetzung eines neuen Lehrstuhles beschrieben wurde. 1930 wurde ein etatmässiges Extraordinariat für Didaktik des Mittelschulunterrichts, zunächst mit einer Lehrverpflichtung von drei bis vier Stunden, in Verbindung mit einer reduzierten Lehrtätigkeit an der Kantonsschule, errichtet und mit dem seit 1926 für dieses Gebiet habilitierten Max Zollinger besetzt. 1944 wurde es zu einem vollen Extraordinariat erweitert. Mit der Beförderung von Heinrich Hanselmann zum persönlichen Extraordinarius für Heilpädagogik fand 1931 der Ausbau der Pädagogik, vor allem nach der praktischen Seite hin, seinen Abschluss.
Anfangs der 1930er-Jahre wurden dann relativ kurzfristig beide philosophischen Ordinariate frei, da Lipps am 9.3.1931 starb und Freytag von seiner Stelle zurücktrat (vgl. UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948).
Zwar war die allgemeine Pädagogik im Lehrauftrag des Nachfolgers von Professor Lipps eingeschlossen, doch versuchte sich Eberhard Grisebach diesem Teil seiner Lehrverpflichtung immer mehr zu entziehen. Deshalb erklärte sich Stettbacher bereit, zunächst die systematische Pädagogik für die Primarlehrer zu übernehmen. Da das durch den Rücktritt von Freytag verwaiste zweite Ordinariat für Philosophie zunächst unbesetzt blieb, übernahm Stettbacher auch die darin enthaltenen Vorlesungen und Übungen zur Geschichte der Pädagogik; er wurde dafür auf seinem ursprünglichen Lehrgebiet, der Didaktik des Volksschulunterrichts, entlastet. Als 1945 nach dem Hinschied von Grisebach die beiden Ordinariate für Philosophie mit Hans Barth und Wilhelm Keller neu besetzt wurden, hielt es die Fakultät für angebracht, und die Behörden erklärten sich damit einverstanden, dass Stettbacher die Vorlesungen und Übungen über Geschichte der Pädagogik und allgemeine Pädagogik für die Zeit bis zur Erreichung der Altersgrenze durchführte. 1946 wurde er zum Ordinarius ad personam für allgemeine Pädagogik, Geschichte der Pädagogik und Didaktik des Sekundarschulunterrichts befördert. Damit wurde an der Universität Zürich erstmals ein von der Philosophie unabhängiges Ordinariat für Pädagogik geschaffen. Die Fakultät behielt sich aber ausdrücklich vor, anlässlich seines Rücktrittes die Stellung der Pädagogik innerhalb ihrer Lehrgebiete erneut zu prüfen und, wenn sich dies als wünschbar erweisen sollte, neu zu regeln. Der altersbedingte Rücktritt Stettbachers im Jahr 1948 löste einerseits eine öffentliche Debatte darüber aus, welche Personen seine Nachfolge antreten sollten und andererseits waren sich die Philosophische Fakultät und die Behörden einig, dass die Suche eines Nachfolgers eine Gelegenheit bot, "die Vertretung der pädagogischen Hauptdisziplinen aus dem gegenwärtigen Zustand provisorischer Behelfe in eine auf längere Sicht bemessene Regelung überzuleiten." (vgl. UAZ AL.7.080, 3. Juni 1948).
Geplant waren die Besetzung eines Extraordinariates für allgemeine Pädagogik und Geschichte der Pädagogik und ein zweites, kleineres Extraordinariat, das sich mit der pädagogischen Situation in der Schweiz und der Sekundarlehrerausbildung beschäftigten sollte. Das erstgenannte Extraordinariat wurde dann auch mit Leo Weber besetzt, doch da Walter Guyer die Wahl für die zweite Stelle ablehnte, blieb diese vorerst unbesetzt.
Erst 1955 wurde das Extraordinariat Webers unter der Forderung der Motion Heinrich Gerteis und der Motion Nr. 731 über die Neuordnung des Unterrichtes in Pädagogik an der Universität Zürich zu einem Ordinariat umgewandelt und somit der Pädagogik zu einem eigenen Lehrstuhl verholfen (StAZH MM 24.67 KRP 1954/117/0847). Ein zweites Ordinariat für pädagogische Psychologie wurde erst 1970 für Konrad Widmer geschaffen, der 1965 Assistenzprofessor und 1968 Extraordinarius geworden war (vgl. Herzog 2002).
Heinrich Gerteis war nur bedingt zufrieden mit der Annahme seiner Motion, denn er sah einen grundsätzlichen Bedarf für ein pädagogisches Institut. Diesen Wunsch tat er in einer weiteren Motion kund. Der Regierungsrat sah aber keinen Bedarf für ein pädagogisches Hochschulinstitut, obwohl im Bericht des Regierungsrates festgehalten wurde, dass "an keiner andern schweizerischen Universität so viele Vorlesungen über Pädagogik und Psychologie gehalten werden wie in Zürich" (StAZH MM 24.67 KRP, 1954/117/0847).
Zudem wurde das Pestalozzianum, zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung Stettbachers stehend und bereits zu einem umfassenden Institut der Fort- und Weiterbildung von Lehrpersonen, der Beratung, Forschung und Entwicklung geworden, als passendere Institution angesehen. Als private Forschungsstätte war es flexibler und es liefen Verhandlungen mit der Stadt Zürich, um das Pestalozzianum für Schulversuche auszubauen. Der Ordnungsantrag wurde deshalb verschoben, bis der regierungsamtliche Antrag über die Erhöhung der Subvention an das Pestalozzianum vorlag (vgl. StAZH MM 24.67 KRP, 1954/125/0912).
Während die Pädagogik bis 1955 institutionell an die Philosophie gebunden war, wurde sie ein Jahr später mit der Gründung eines eigenen Pädagogischen Seminars durch Leo Weber schon deutlich unabhängiger. Dieser Ausbau war auch nötig, da durch Lehrermangel und neue pädagogisch ausgerichtete Berufsausbildungen die Zahl der Pädagogikstudierenden stetig zunahm (vgl. Tuggener 2000). 1968 folgte dann die Umwandlung in das Pädagogische Institut, das 1966 in einer Motion von Ernst Berger erneut gefordert wurde (vgl. Herzog 2002). Dieses Pädagogische Institut sollte ein Zentrum für die pädagogische Grundlagenforschung sein, empirische Forschung durchführen, die Lehrerbildungsstätten durch Aus- und Weiberbildungen unterstützen und wissenschaftliche Beratungen für Fachverbände und politische Instanzen anbieten (vgl. StAZH MM 24.76 KRP, 1966/116/0782).
Literatur und Quellen
Criblez, Lucien (2011). Eine Disziplin für unterschiedliche Professionsansprüche (1857-1949). In: Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz. Rita Hofstetter und Bernard Schneuwly (Hrg.). Bern: Hep Verlag AG, 45-68.
Herzog, Walter (2002). Die Pädagogik als Wissenschaft und als Profession. Von der Identität zur Partnerschaft. In: Erziehungswissenschaft(en) 19.-20. Jahrhundert. Rita Hofstetter und Bernard Schneuwly (Hrg.). Bern: Peter Lang, S. 267-281.
Tuggener, Heinrich. (2000). Prof. Dr. Leo Weber. In: Nekrologe 2000. Zürich: Universität Zürich.
UZH Archiv (UAZ)
Staatsarchiv Zürich (StAZH)
StAZH MM 24.67 KRP, 1954/117/0847, Bericht und Antrag zur Motion Nr. 731.
StAZH MM 24.67 KRP 1954/125/0912, Motion Heinrich Gerteis.
StAZH MM 24.76 KRP 1966/116/0782, Motion Ernst Berger.
Autorenschaft
Nina Hüsler
Zeitmarke
1955