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Sie ist wahrlich kein Beispiel für die Solidaritäts- und Integrationskraft von Seuchen: die Pest von 1348. Die Zeit des «Schwarzen Todes» ist die Zeit erschütternder Judenpogrome. Jüdische Gemeinden in Deutschland, Frankreich und der Schweiz wurden fast gänzlich vernichtet.
Vom heute bekannten Floh-Erreger wusste man nichts, also suchte man andere Erklärungen für die Krankheit, die einem Drittel der damaligen Bevölkerung – ca. 25 Millionen Europäern – das Leben kostete.
Schon vor dem Pestausbruch war das Verhältnis zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung angespannt. Vorwürfe wie jener der Brunnenvergiftung fanden neuen Auftrieb – die angeblichen Verursacher für die Epidemie waren gefunden.
Mit Frömmigkeit gegen die Seuche
Die Pestpogrome von 1348-1351 gelten als das furchtbarste Blutbad vor dem Holocaust. Viel weniger bekannt ist, wie sich die Menschen in den darauffolgenden europäischen Pestwellen im 15. und 16. Jahrhundert verhielten.
Diese Zeit war unter anderem geprägt von einem Gesinnungswandel, wie die Medizinhistorikerin Martina King erklärt: «Seit den 1370er-Jahren wird die organisierte Frömmigkeit zu einem festen Bestandteil der Seuchenbekämpfung. Es gibt dazu viele Beispiele aus Italien, aber auch aus der Schweiz und Deutschland.»
Martina King
Martina King ist in Germanistik und Medizingeschichte habilitiert und arbeitet als ordentliche Professorin für Medical Humanities an der Universität Fribourg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt Seuchengeschichte sowie die Kulturgeschichte der Bakteriologie.
Weil man den angeblichen Zorn Gottes besänftigen musste, gab es kollektive Litaneien, kollektives Fasten und tagelange Massenprozessionen. «Man findet das vom ausgehenden 14. bis zum 17. Jahrhundert. Es betrifft ganze Städte, die gemeinsam quasi gegen die Epidemie marschieren.»
Daher rühren auch bekannte Votiv-Bauwerke wie die Kirchen «Il Redentore» oder «Santa Maria della Salute» in Venedig oder die Pestsäule am Wiener Graben. «Als Dankesgaben zum Verschwinden der Pest sind sie Zeugnisse für die tiefe Frömmigkeit der damaligen Bevölkerung», erklärt die Medizinhistorikerin.
Eine Strafe Gottes
Ende des 15. Jahrhunderts brach eine neue Erkrankung, die Syphilis, über die europäische Bevölkerung ein. Analog zur Pest wurde sie als «Strafe Gottes» verstanden.
«Die Syphilis ist eine interessante Krankheit, weil sie durch ihren Übertragungsweg – nämlich durch Sexualakte – klar mit ‹Sündhaftigkeit› verbunden werden konnte. Die Bedrohung der Krankheit, war man sich sicher, lag im Sittenverfall der Zeit.»
Eine Krankheit in diesem Ausmass konnte man sich offenbar nicht anders als mit Gott erklären, so King. Damit einher ging massive Kritik an den Sitten des Volkes von autoritativer Seite, die in sogenannten Syphilistraktaten und Edikten formuliert wurden. Die Menschen, hiess es, hätten «einem gottlosen, verderbten Leben stattgegeben», so King.
Seuchen und Sterne
Vermischt wurde diese Überzeugung mit einem astrologischen Deutungsmuster, was am deutlichsten in Dürers Flugblatt «Darstellung eines Syphilitikers» von 1496 zu Tragen kommt. «Man glaubte, dass die seltene Konjunktion der Planeten Saturn und Jupiter im Zeichen des Skorpions und Hause des Mars die Ursache der Epidemie gewesen sei.»
Durch das theologisch überformte Weltbild beeinflussten Epidemien bis in die späte Neuzeit die christliche Religionspraxis. «Dieser Deutungsbedarf verschob sich durch die Aufklärung und den Säkularisierungsschub hin zu einer dissidenten Frömmigkeit, die sich eben nicht mehr an Lehren grosser Weltreligionen hält.»
Alte Muster, neue Interpretationen
Doch noch heute liest man etwa vom russisch-orthodoxen Erzbischof von Berlin, der das Coronavirus als Strafe Gottes für Transsexualität und Sterbehilfe versteht. Daneben tummeln sich esoterische Erklärungsmuster und Bewältigungsstrategien, die sich durch weltweite Meditation die Desinfizierung des Planeten erhoffen.
Klar ist: Seuchenzeiten bringen immer wieder hohen Deutungsbedarf mit sich.