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Money matters
99% der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche soziale und ökologische Wende möglich. Die Samstagskolumne.
«Wirtschaftswissenschaft: das einzige Fach, in dem jedes Jahr auf dieselben Fragen andere Antworten richtig sind», sagte der US-Schauspieler Danny Kaye dereinst trefflich. Auch Alfred Nobel (1833 - 1896) meinte, Wirtschaftswissenschaft sei Hokuspokus, und stiftete keinen Preis dafür.
Der «Preis der Schwedischen Nationalbank in Wirtschaftswissenschaft in Erinnerung an Alfred Nobel» ist ein 1968 von der Schwedischen Nationalbank anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gestifteter und 1969 erstmals verliehener Preis, der als der renommierteste im Bereich der Wirtschaftswissenschaften gilt.
Der Preis ist aus verschiedenen Gründen umstritten. Insbesondere die annähernde Gleichstellung mit den Nobelpreisen wirft die Frage auf, ob der Preis im Sinne Nobels ist und ob es angemessen ist, den Wirtschaftswissenschaften eine solche herausragende Stellung zu geben. Die Familie Nobel distanzierte sich in weltweit geschalteten Anzeigen deutlich von diesem Preis.
Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans Christoph Binswanger nahm seine eigene Gilde ebenfalls nicht allzu ernst und ging in seinem Buch «Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen» hart mir ihr ins Gericht. Dennoch haben Wirtschafts- und Finanztheorien einen unangemessen grossen Einfluss auf unser aller Leben.
Weniger als die Ökonomen, befassen sich offenbar vielmehr die Schriftsteller ketzerisch mit diesem Aberglauben. Ein in diesem Thema besonders originelles Exemplar ist der Deutsche Andreas Eschbach. In seinem famosen Roman «Eine Billion Dollar» (2003) erbt der mittellose Amerikaner John Fontanelli ein gigantisches Vermögen, das sich seit dem 15. Jahrhundert durch Zins- und Zinseszins stetig vermehrt hatte.
Der reichste Mann der Welt scheiterte an der Ignoranz der politischen Verwantwortungsträger.
Der Erblasser war ein Kaufmann im italienischen Florenz, als die Stadt noch das wirtschaftliche Zentrum der damals bekannten Welt war; Wiege des Kapitalismus und Heimat der märchenhaft reichen Medici-Familie. Fontanelli wird durch dieses Erbe der reichste lebende Mensch auf Erden.
Mit Annahme des Testaments verpflichtet er sich ausserdem, mit Hilfe eben dieses Reichtums der Menschheit die «verlorene Zukunft» zurückzugeben. Zunächst aber geniesst Fontanelli seinen immensen Reichtum, leistet sich teures Spielzeug, bereist die Kontinente und wird dabei immer wieder mit dem Elend auf dem Planeten konfrontiert; bittere Armut, Krieg, Ausbeutung von Kindern, Hunger, Flüchtlingsdramen, Klimaerwärmung, Umweltzerstörung etc.
Fontanelli beginnt sich schliesslich, für die Motivation seines weitsichtigen Vorfahren zu interessieren, und realisiert, dass an der Quelle all dieser Katastrophen sein eigenes, weltweit angelegtes Vermögen steht. NGOs, Regierungen und Politiker sind sich der Gefahr durch die drohende Umweltkatastrophe zwar bewusst, aber unwillig oder intellektuell schlicht unfähig, die tatsächliche Ursache zu erkennen; das Geldsystem.
Stattdessen überschlagen sich die politischen Parteien mit grünen Masterplänchen; Steuern, Verboten, Strafen – so wie es der Science Fiction-Autor und Journalist Dirk C. Fleck bereits in seinem Roman «Go - Die Ökodiktatur» (1994) beschreibt.
Fontanelli jedenfalls erkennt bald, dass es den politisch Verantwortlichen nicht um die Rettung des Planeten, sondern um schnöde Wiederwahl, Macht und Ego geht. Der reichste Mann der Welt scheitert an der Ignoranz der politischen Verwantwortungsträger.
Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind
Ebenfalls zu Zeiten der Medici lebte der Franziskanermönch Luca Pacioli. Der italienische Mathematiker ist in den Wirtschaftswissenschaften bekannt, weil er 1494 als Erster die doppelte Buchführung komplett beschreibt. Diese doppelte Buchführung ermöglichte seither die wiederholt ausufernde Geldschöpfung und den damit zunächst einhergehenden materiellen Wohlstand, der sich – wie in Goethes Faust beschrieben –ins Gegenteil verkehren muss (siehe «Geld und Magie – eine ökonomische Deutung von Goethes Faust», Hans Christoph Binswanger).
Nur 3% der globalen Geldmenge wäre ausreichend, um die reale Wirtschaft mit «Schmiermittel» zu versorgen. 97% sind Gelder, die schnelle Rendite ohne Wertschöpfung suchen und das Leben der von der Arbeit lebenden Normalverdiener verteuern, verunmöglichen.
Noch 1891 haben die Schweizer Stimmenden dieses scheinbar unzähmbare Monster mittels Volksabstimmung gebändigt und die vielfältige Geldschöpfung durch die Banken einer demokratisch legitimierten Institution übertragen, aus der 1907 die Nationalbank hervorging.
Das war in der 2600jährigen Geschichte des Geldes ein einmaliger Vorgang und hat dem kleinen Land fortwährenden Wohlstand und stabile politische Verhältnisse beschert. Seit den 1970ern wurde dieser Volksentscheid im Zuge einer neuen, globalen Finanzarchitektur vorsätzlich und am Souverän vorbei untergraben. Am 10. Juni 2018 hätten die Schweizer Stimmenden Fontanellis «Auftrag» in die Tat umsetzen und diese fatale Entwicklung erneut korrigieren können (Vollgeld-Initiative). Aber es war wohl noch zu früh, um die vertane Chance erkennen zu können.
Der weltweit bedeutende Finanzwissenschaftler und Doktorvater von Josef Ackermann, Hans Christoph Binswanger, sagte: «99% der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als nicht existent. Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche soziale und ökologische Wende möglich.»
Nun will die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen 100 Milliarden Steuergelder für den Klimaschutz. Ihr würde Albert Einstein sagen: «Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»
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Thomas Brändle lebt im zugerischen Ägerital, ist Familienvater, Bäcker-Konditor-Confiseur, gewerblicher Kleinunternehmer, www.cafe-braendle.ch, Autor (Mitglied ISSV, AdS, PEN), alt Kantonsrat, Mitinitiant der www.vollgeld-initiative.ch. In seinem Romanerstling «Das Geheimnis von Montreux» thematisierte er Kellers Prophezeiung durch den Protagonisten Marco Keller, Nationalrat und Nachfahre des Schriftstellers Gottfried Keller.