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Ein seltsamer Titel, ein seltsames Pseudonym und gleich zwei Druckvermerke mit verschiedenen Jahreszahlen: Heidelberg 1806 und Berlin 1906. Auf einem eingeklebten Zettel mit Jugendstilumrandung steht: „Nr. 31. Nur in 400 Expl. gedruckt.“ Ein bibliophiles Buch also. Ein Nachdruck? Ja und nein, denn das Original ist nie erschienen. Es wurde zwar bis zum fünften Bogen gedruckt, dann aber wurde der Druck abgebrochen, das Gedruckte vernichtet. Ein einziges Exemplar hat sich kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert gefunden, ihm folgt der vom grossen Bibliophilen Leopold Hirschberg herausgegebene Nachdruck, und auch er bricht mitten im Satz, ja im Wort, am Ende des fünften Bogens ab: „Mehr ward nichts gedruckt“. Das vorliegende Exemplar der Museumsgesellschaft ist das einzige in der deutschen Schweiz.
Am 26. Juli 1806 hatte sich Ion, d.h. die romantische Dichterin Karoline von Günderode sechsundzwanzigjährig mit einem Dolch umgebracht. Daraufhin wurde das Buch vernichtet. Die Dichterin entstammte verarmendem Adel und musste deshalb mit siebzehn in ein Damenstift für mittellose Frauen in Frankfurt eintreten. Nur eine Heirat konnte sie daraus wieder befreien. Karoline von Günderode war aber nicht geneigt, mehr: nicht geschaffen, im stillen Winkel weiblichen Tugenden zu leben und sich zu bescheiden. Sie wollte sich bilden, nicht nur, wie das adligen Frauen anstand, in Musik und Zeichnen, sondern in Literatur, Geschichte und Philosophie, Gebieten, die den Männern reserviert waren. Und sie wollte schreiben. Was sie schrieb, waren Gedichte und – wie unweiblich! – Dramen, die zudem noch mythische, ja philosophische Themen behandelten. Ihre Publikationen erschienen zwar unter männlichem Pseudonym, doch nützte ihr das wenig, denn es wurde bald gelüftet.
Doch war es nicht nur das Rollenbild, dem sie nicht entsprach – „Warum ward ich kein Mann?“, klagte sie einmal – , woran sie zerbrach, war ihr Absolutheitsanspruch, Leben und Denken und Fühlen zu vereinen. Der Widerspruch zwischen der Prosa des Alltags und der Poesie ist ein Grundthema der Romantik, bei ihr wurde er, verschärft durch das Rollenbild der Geschlechter, ausweglos. Früh schon hat sie den Tod als Zielpunkt angesehen, in dem beides, Prosa und Poesie, Ich und Allheit zu vereinen seien. Die Todessehnsucht zieht sich durch ihr schmales Werk.
Nach unglücklichen Beziehungen zum Juristen Friedrich Karl von Savigny und zu Clemens Brentano lernte sie 1804 den Altphilologen Friedrich Creuzer kennen, der mit einer wesentlich älteren Frau verheiratet war. Creuzer beförderte ihre Bildung, ihm war ein grosser Teil der Texte in ‚Melete‘ gewidmet. Die darin enthaltenen ‚Briefe zweier Freunde‘ sind fiktive Briefe zwischen ihr und Creuzer. Nach einer zweijährigen leidenschaftlichen und letztlich aussichtslosen Beziehung der beiden in Liebe Entbrannten, brach Creuzer unter der Spannung zwischen ihr, seiner Frau und der Arbeit zusammen. Auf den Tod krank entschied er sich für seine Frau. Sie, die in ‚Melete‘ vom „ew’gen Wunsch im Schattenreich zu wohnen“ geschrieben und in Briefen vom gemeinsamen Tod geschwärmt hatte, brachte sich um, er wurde wieder gesund – und stoppte den Druck von ‚Melete‘. Th. Eh. (Sept. 2011)
Ion [d.i. Karoline von Günderode]: Melete. [Hrsg. von Leopold Hirschberg]. Heidelberg: Mohr und Zimmer 1806 / Berlin: Max Harrwitz 1906. -- Signatur: G 1611.