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Frühstück mit Bischöfen und Kardinälen
Ein Kastenwagen der Polizei steht in unmittelbarer Nähe des Hauses an der Herrengasse, in dem Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz, mit seiner Familie wohnt. Höchste internationale kirchliche Würdenträger werden hier an diesem strahlend schönen Sonntagmorgen erwartet: zum Brunch, bevor man gemeinsam ins Münster geht, um den nationalen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum zu feiern.
Barbara Locher, die Frau des Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, empfängt mich freundlich und bittet ins Wohnzimmer: ein herrschaftlicher Raum mit Blick auf die Aare und den Gurten. Ich setze mich zu anderen Journalisten an die festlich gedeckte Tafel, nippe am Weisswein und beobachte diskret, wie Hände geschüttelt und Gespräche gesucht werden.
Essen und reden
Nach und nach treffen die Gäste ein, standesgemäss gekleidet. Sowohl die katholischen als auch einige der reformierten Würdenträger tragen um den Hals eine grosse Kette. Justin Welby, der anglikanische Erzbischof, setzt sich an den Tisch, ebenso Jerry Pillay, der Generalsekretär der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen, und direkt neben mir nimmt der römisch-katholische Kurienkardinal Kurt Koch Platz. «Guten Morgen Herr Koch. Oder möchten Sie mit Herr Kardinal angesprochen werden?», begrüsse ich ihn etwas unbeholfen. Er streckt mir die Hand entgegen. «Ich komme lieber mit keinem Titel in den Himmel als mit mehreren in die Hölle», meint er freundlich und ordnet kurz seine Soutane.
Die Platte mit kaltem Fleisch und Käse wird herumgereicht, und der Hausherr schneidet nach seiner Begrüssungsrede den riesigen Zopf an. Wir bedienen uns, und ich suche nach einem Thema, über das ich mit meinem Sitznachbarn plaudern könnte. Da es sich nicht um einen offiziellen Interviewtermin handelt, ist spontane Plauderei angesagt. Wie es für ihn sei, in Rom zu leben? Kardinal Koch lächelt. «Unterschiedlich.» Vieles funktioniere dort leider erst, nachdem man Druck gemacht habe. So etwa bei der Beschaffung von Büromaterial. Aber die italienischen Tugenden wie das herrliche Essen hätten durchaus Qualität. «Auch wenn es mir oft zu viel ist und ich nur bei jedem zweiten Gang mitesse.» Angesprochen auf das Reformationsjubiläum, betont Kurt Koch die Wichtigkeit der Ökumene. «Nur zusammen schaffen wir mutige Schritte in Richtung Einheit.»
Brücken schlagen
Mit dem Gastgeber Gottfried Locher unterhalte ich mich kurz nebenan im Arbeitszimmer. Bei der Planung des Festgottesdienstes im Berner Münster sei ihm mehr und mehr bewusst geworden, wie viele interessante Menschen hier zusammenkommen. Eine gute Gelegenheit für ein informelles Treffen. «Die Idee war, dass sich alle Gäste – Konfessionsvertreter und Journalisten – an einen Tisch setzen und ungezwungen ins Gespräch kommen.» Das sei ihm mit dieser neuen Form der Begegnung offenbar gelungen. «Es ist an der Zeit, Brücken zu schlagen und Verbindungen zu schaffen. Auch zwischen der sogenannten Kirchenprominenz und den Menschen, die unsere Kirche ausmachen. Auch nach 500 Jahren reformieren wir uns immer weiter», sagt Locher.
Frauen im Amt
Inzwischen sitzt auch Margot Kässmann, Reformationsbeauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland, an der grossen Tafel. Die promovierte und prominente Theologin hat seit über dreissig Jahren kirchliche Leitungsfunktionen inne. Die bald 60-Jährige strahlt grosse Vitalität aus. Gerade das Reformationsjubiläum habe ihr bewusst gemacht, wie positiv sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten verändert habe, sagt sie. «Es ist doch ein riesiger Fortschritt, dass Frauen heute in der evangelischen Kirche jedes Amt ausüben können. Das zeichnet uns gegenüber den Katholiken und Orthodoxen aus.» Insgesamt sei die Kirche auch näher bei den Leuten. «Sie gibt weniger vor, wie man zu leben hat; vielmehr steht sie den Menschen im Leben bei.» Sagt’s und macht sich gemeinsam mit ihren ökumenischen Amtskollegen auf den Weg ins Münster.
Katharina Kilchenmann / reformiert. / 19. Juni 2017
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch»