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David Mason
Partner, Leiter Technical Office, Wirtschaftsprüfung
Prüfer sollten sich zwar glücklich schätzen, wenn sie nicht für Schlagzeilen sorgen. Dennoch ist es überraschend, dass der neue Revisionsbericht keine höheren Wellen geschlagen hat. In der Schweiz wurde dieser erstmals für die am 31. Dezember 2016 endenden Geschäftsjahre als verpflichtend vorgeschrieben. Der neue Revisionsbericht stellt für die Finanzberichterstattung und Revision den vielleicht bedeutendsten Meilenstein seit 1929 dar, als nach dem Börsencrash Änderungen eingeführt wurden.
Vor dem Schwarzen Dienstag am 29. Oktober 1929 gab es für Prüfungsurteile keine standardisierten Regeln. Sie waren unterschiedlich gestaltet, weitgehend massgeschneidert und nicht annähernd transparent. Investoren und die Öffentlichkeit wussten nicht, ob das, was sie von Prüfern erhielten, gut oder schlecht war. Sie konnten auch nicht einschätzen, was die Prüfer getan hatten und was nicht. In den 1930er-Jahren wurden die ersten Rechnungslegungsstandards eingeführt. Wenn ein Prüfer ab da eine Anmerkung machen wollte, gab ein eindeutiges Rahmenwerk vor, wie er es zu tun hatte – dies geschah jedoch nur in Ausnahmefällen und ohne die Möglichkeit, individuelle Informationen zu integrieren.
Erst mehr als 80 Jahre und ein weiteres grosses Versagen der Märkte später fand eine Änderung statt, die den Prüfern die Möglichkeit einräumte und sie dazu aufforderte, detaillierter über ihre Arbeit in der Öffentlichkeit zu berichten. Als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 wurde ein neuer Revisionsbericht eingeführt. In Ergänzung zu standardisierten Vorgaben – die zu ca. 50% aus dem zuvor schon existierenden Prüfungsurteil bestehen und weitere Informationen umfassen – beinhaltet der Bericht ausserdem freiwillige und obligatorische Inhalte, die individuell erstellt werden.
Rein quantitativ betrachtet hat sich der Umfang des Revisionsberichts von einer auf rund acht Seiten erhöht. Entscheidender ist jedoch die Qualität. Das Urteil beinhaltet nun deutlich umfassendere Informationen darüber, in welchen Bereichen die Prüfer die mit der Finanzberichterstattung verknüpften Risiken sehen und wie sie mit ihnen umgegangen sind. Die nachfolgenden Beispiele und Diagramme stammen aus einer Analyse, die wir anhand der Revisionsberichten von in der Schweiz kotierten Unternehmen durchgeführt haben, davon 70 Berichte von PwC und 75 Berichte von unseren Mitbewerbern. Sämtliche Unternehmen hatten die Revisionsberichte vor dem 31. März 2017 eingereicht.
Wir erachten die neue freiwillige Offenlegung der Wesentlichkeit und des Prüfungsumfangs als informativ und wichtig. Denn damit lässt sich der Rest des Revisionsberichts im Kontext betrachten. Warum?
Freiwillige Offenlegung der Wesentlichkeit
Die Benchmark, die der Prüfer für die Gesamtwesentlichkeit als Schwellenwert heranzieht – bei PwC normalerweise 1% der Vermögenswerte, 1% des Umsatzes oder 5% des Gewinns vor Steuern –, hat immense Auswirkungen auf die Granularität der durchgeführten Arbeit und die Wahrscheinlichkeit, dass falsche Angaben in der Jahresrechnung der Organisation entdeckt werden. Abbildung 1 (Wichtigkeit der Wahl der Wesentlichkeits-Benchmark) veranschaulicht den enormen Einfluss der vom Prüfer gewählten Benchmark auf den zur Beurteilung der Wesentlichkeit herangezogenen Istwert. Deshalb ist die Offenlegung der Wesentlichkeit und der gewählten Grundlage zentral. Nur so kann der Empfänger auf die Fähigkeit des Prüfers, für die Ergebnisse und die dargestellte finanzielle Situation des Unternehmens entsprechende Zusicherung zu geben, vertrauen – insbesondere, wenn etwas schiefgeht und Fragen zu den eingereichten Finanzinformationen aufkommen.
Für uns ist der Verzicht auf diese freiwillige Offenlegung keine Option. Denn anhand dieser Informationen kann der Leser Inhalt und Ergebnis der Prüfung in einem Gesamtkontext betrachten. Andere Schweizer Revisionsunternehmen sind bei der Bereitstellung dieser Informationen zurückhaltender und vertreten eine andere Meinung: Nur zwei der 75 Prüfungsurteile unserer Mitbewerber haben die Wesentlichkeit offengelegt (siehe Abbildung 2: Freiwillige Offenlegung der Wesentlichkeit).
|Wesentlichkeits-Benchmark||Unternehmen A*||Unternehmen B*||Unternehmen C*|
|5% des Gewinns vor Steuern||52||144||391|
|1% der Vermögenswerte||101||696||1301|
|1% des Umsatzes||227||269||485|
Freiwillige Offenlegung des Prüfungsumfangs
Insbesondere bei der Untersuchung von Konzernrechnungen grosser internationaler Unternehmen mit Tochtergesellschaften und Niederlassungen in vielen Ländern muss der Prüfer entscheiden, welche Einheiten er in die Konzernprüfung aufnehmen soll. Normalerweise decken Prüfungen 80% bis 90% des Umsatzes ab. Wird die Prüfung in einem Gesamtkontext betrachtet, so ist zwar der Prüfungsumfang weniger entscheidend als die Wesentlichkeit. Dennoch liefert er einen wichtigen Hinweis auf den Umfang der durchgeführten Prüfung. Darum haben wir anders als die meisten unserer Schweizer Mitbewerber (siehe Abbildung 3: Freiwillige Offenlegung des Prüfungsumfangs) die Angabe dieser Information in unsere Grundsätze aufgenommen.
Das wichtigste Element des neuen Revisionsberichts ist die Beschreibung der Key Audit Matters (KAMs). Diese werden auf Grundlage der Komplexität und der Risiken der Unternehmensaktivitäten festgelegt. Manchmal werden bei einer einfachen Prüfung keine KAMs angegeben, aber das stellt eher die Ausnahme dar. KAMs sind für den Berichtsleser wichtig, da Prüfer bei der Beschreibung der ausgewählten KAMs und der Gründe für ihre Wahl ihre Kenntnis der berichtenden Organisation anwenden, um sich mit den interessantesten und herausforderndsten Aspekten der Jahresrechnung zu befassen. Gerade hier haben wir Wirtschaftsprüfer die Möglichkeit, unsere persönlichen Gedanken und Bedenken im Hinblick auf die Finanzberichterstattung unseres Kunden zu teilen. Kurz: Wenn ein KAM dem leitenden Prüfer schlaflose Nächte bereitet, macht dieser Bereich wahrscheinlich auch den Investoren und sonstigen Stakeholdern Sorgen. Diese Art von Information stand früher nicht zur Verfügung.
Häufig handelt es sich bei den KAMs um Bereiche, die mit einer kritischen Beurteilung des berichtenden Unternehmens zusammenhängen – zum Beispiel mit Goodwill-Impairment-Tests oder mit der Angemessenheit von Rückstellungen für Gerichtsverfahren. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Statistiken für das erste Jahr offenbaren bei einer Untersuchung von 14 SMI-kotierten Unternehmen eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Themen, die als KAM vom Prüfer thematisiert wurden, und den Bereichen mit wesentlichen Annahmen und Schätzungen, die vom Ersteller offengelegt wurden. Zehn KAMs in dieser Gruppe wurden in den Finanzberichten nicht als kritisch eingestuft. Für den Leser wäre die Frage interessant, warum eine solche Diskrepanz besteht. Die Lücke dürfte sich mit der Zeit zunehmend schliessen, wenn sowohl Prüfer als auch Ersteller mehr Erfahrung im Umgang mit den neuen Revisionsberichten erlangt haben.
Für die Zukunft wird es ebenfalls nützlich sein, die Veränderung der Bereiche mitzuverfolgen, die von den Erstellern und den Prüfern offengelegt werden. Prüfer halten Ausschau nach Konsistenz und Plausibilität in Bereichen mit wesentlichen Schätzungen. Dies ist eine schwierige Aufgabe, welche bei einem Wechsel des Managements noch anforderungsreicher werden kann. Möglicherweise werden Investoren viele nützliche Informationen zusammentragen müssen, um die Feinheiten der vom Prüfer beschriebenen KAMs sowie ihre Entwicklung im Laufe der Zeit zu verstehen. Erfahrungen aus anderen Ländern, die bereits seit mehreren Jahren KAMs verwenden, zeigen, dass die Probleme, die im Hinblick auf die Jahresrechnungen der Unternehmen Schlagzeilen machen, gewöhnlich Bereiche betreffen, die bereits als KAM identifiziert wurden. Sollte es einmal zu unangenehmen Entwicklungen kommen, dann haben die Prüfer die Thematik wahrscheinlich bereits angesprochen. KAMs helfen, die Arbeit des Prüfers besser nachzuvollziehen. Zudem schaffen sie eine Grundlage für ein Vertrauen in diese Arbeit. Des Weiteren veranschaulichen sie, auf welche Weise die Prüfung für die Investoren und sonstige Stakeholder grössere Transparenz bieten kann.
Welches ist die richtige Anzahl der vom Prüfer angegebenen KAMs? Die Kunst besteht im richtigen Gleichgewicht – zwischen zu wenigen KAMs und dem Risiko, der Komplexität des geprüften Unternehmens nicht gerecht zu werden und somit wesentliche Perspektiven wegzulassen, und zu vielen KAMs und der Gefahr, die KAMs zu entwerten und über zu wenig relevante Aspekte zu berichten. Statistiken für das erste Jahr zeigen, dass die grosse Mehrheit der Revisionsberichte zwischen ein bis drei KAMs beschreibt. Fünf oder sechs KAMs werden in nur äusserst wenigen Fällen aufgezeigt. Interessante Sachverhalte offenbaren sich auch, wenn wir die Art der aufgezeigten KAMs betrachten. Umsatzerfassung und Goodwill Impairment zählen in den Revisionsberichten für SIX-kotierte Gesellschaften, die nicht im Finanzsektor angesiedelt sind, zu den häufigsten KAMs. Bei Finanzunternehmen sind diese Aspekte weit weniger bedeutsam. Hier stellen Finanzinstrumente, Finanzanlagen und das Kreditrisiko die häufigsten KAMs dar.
In einem grösseren Kontext betrachtet ist es wahrscheinlich von Vorteil, dass die Revolution mit dem neuen Revisionsbericht eine stille war. Den Prüfern kommt es gelegen, wenn die Allgemeinheit in Zukunft keinen Anlass haben wird, genau nachzulesen, was sie zu einem bestimmten Thema geschrieben haben.
Auch wenn das Schicksal eines Unternehmens keine dramatische Wendung erfährt, so bietet ein detaillierterer Revisionsbericht zur Jahresrechnung dennoch viele wertvolle Informationen. Die betroffenen Parteien wie zum Beispiel potenzielle Käufer könnte es interessieren, welchen KAMs sie während einer Due-Diligence-Prüfung besondere Beachtung schenken sollen.
2017 war der neue Revisionsbericht in der Schweiz zum ersten Mal verpflichtend. Für das nächste Mal dürfen die Leser mit Erläuterungen rechnen, in denen dargelegt wird, was im zweiten Jahr anders gemacht wurde und weshalb: Warum wird dieser KAM nicht mehr aufgeführt? Warum haben sich Wesentlichkeit oder die Bestimmung der Wesentlichkeit verändert?
Der neue Revisionsbericht kann einen echten Unterschied machen. Dennoch müssen die Akteure gemeinsam sicherstellen, dass sein volles Potenzial ausgeschöpft wird. Die Herausforderung der Prüfer besteht darin, den Inhalt frisch und informativ zu gestalten – statt ihre Standardformulierung, die bisher eine Seite ausgefüllt hat, nun auf acht Seiten zu strecken. Die Ersteller können zudem mit einem grösseren Transparenzpotenzial arbeiten und sicherstellen, dass die Positionen abgestimmt werden. Hier bietet sich ihnen eine günstige Gelegenheit, Mut zu zeigen, die zahlreichen irrelevanten Offenlegungen in Jahresrechnungen zu kürzen und sich stattdessen auf die wichtigsten Bereiche zu konzentrieren. Die Herausforderung für die Empfänger – Analysten, Investoren, Regulatoren und sonstige Stakeholder – besteht darin, zu verstehen, was gesagt wurde, und den Dialog mit den Prüfern und den Erstellern zu suchen.