Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03328.jsonl.gz/1189

Als ich Wolfgang Fritz Haug 1977 kennen lernte, war er schon legendenumrankt. Mit ein paar hundert andern Studentinnen und Studenten belegte ich an der Freien Universität Berlin seine «Vorlesungen zur Einführung ins ‹Kapital›» und reihte mich damit in eine Tradition von etlichen Schweizern und wenigen Schweizerinnen ein, die seinen «Kapital»-Kurs als Durchlauferhitzer einer Post-68er-Politisierung absolviert hatten. Es war eine rigorose Schule. Haug führte dozierend durchs «Kapital», spannend, aber anstrengend, danach wurde in Arbeitsgruppen diskutiert, die sich ein- oder zweimal die Woche trafen. Politische Ökonomie wurde nicht auf handliche Parolen eingedampft, es ging um den eigenständigen Nachvollzug der Marx’schen Argumentation.
«Das Argument»: So hiess denn auch die Flugblattserie, die der 23-jährige Wolf Haug als Philosophiestudent im Mai 1959 in Westberlin gestartet hatte: Aufrufe und Begründungen gegen die Atombombe und die deutsche Wiederaufrüstung, unterstützt von Persönlichkeiten wie Helmut Gollwitzer, Margherita von Brentano oder Günther Anders. Ab Nummer 15 (im März 1960) erschienen die Flugblätter, ausgebaut, als regelmässige Broschüre. Hier wurden die Themen behandelt, die in den Aktionen der Studentenbewegung erneut und spektakulärer auftauchten: der französische Kolonialkrieg in Algerien, die Analyse des Antisemitismus, der Faschismus in Portugal, der hilflose Antifaschismus, das Verhältnis von Herrschaft und Sexualität, später die Kritik der bürgerlichen Wissenschaften und Erziehung. Haug selber zeigte in seiner Dissertation über «Jean-Paul Sartre und die Konstruktion des Absurden» (1966), dass es in Deutschland eine Kritik links der kulturpessimistischen Frankfurter Schule gab. Bedeutsamer noch: Er lieferte nicht einfach eine Kritik bestimmter philosophischer Positionen, sondern demonstrierte Gedanken in der Verfertigung; also warum und wie eine Weltanschauung in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation konstruiert wird.
1971 veröffentlichte Haug in der Edition Suhrkamp den schmalen Band «Kritik der Warenästhetik», der zum Bestseller wurde. Werbung und Public Relations wurden darin nicht einfach abqualifiziert, sondern aus den ökonomischen Bedingungen hergeleitet. Haug zeigte mit viel Alltagsmaterial, wie sich aus dem Warentausch ästhetische Techniken und Verfahren herausbilden und wie diese wiederum Verkäufer und Käufer als Subjekte prägen. Daraus entwickelte er eine Theorie zur Formierung der Sinnlichkeit sowie zum Beitrag, den die Warenästhetik zur Scheinlösung von gesellschaftlichen Widersprüchen leistet.
In den siebziger Jahren kam niemand um «Das Argument» herum, auch nicht, wer sich kritisch davon abstiess. Die «Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften» erreichte eine Auflage von fast 18000 Exemplaren. Doch in den achtziger Jahren erkaltete die Bewegung, und mit dem Gegenwind des Neoliberalismus wurde die Luft für kritisches, gar marxistisches Denken noch dünner. Gorbatschow und Perestrojka erweckten die kurze Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem Schema des Kalten Kriegs. Sie wurde bald begraben.
Mitte der achtziger Jahre hatte der Argument-Verlag sein Programm mit den feministischen Ariadne-Krimis und mit weiterer Belletristik ausgebaut. Doch die zuerst erfolgreiche Expansion konnte die Krise nicht abwenden: Mittlerweile ist der Verlag wieder redimensioniert, die Zeitschrift, deren Auflage noch knapp 2000 Exemplare beträgt, braucht jede Hilfe, die sie bekommen kann. Aber Haug hält hartnäckig an der Aufgabe fest, die neuen Formen des globalisierten Kapitalismus zu durchdenken und zu beschreiben.
Haug ist ein Intellektueller wie aus dem Lehrbuch: scharf und brillant im Schreiben, ein begabter Redner, dem man beim Verfertigen der Gedanken während des Analysierens zuhören kann. Sein Name mag nicht den gleichen Klang wie der einer Reihe jüngerer Marktschreier haben. Nach der «Kritik der Warenästhetik» gab es kein zweites Buch, mit dem er sich Aufsehen erregend im Feuilleton festgesetzt hätte. Dabei produzierte er kontinuierlich, vornehmlich für das «Argument»; diese Arbeiten sind in rund zwanzig Studien- und Sammelbänden festgehalten. Selbst die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», von Haug jahrzehntelang als Zentralorgan des deutschen Kapitals analysiert, hat ihm kürzlich zum 70. Geburtstag einen respektvollen Artikel mit dem Titel «Der Beharrliche» gewidmet.
Kein Medienintellektueller also, sondern einer, der mit seinem Wissen in kollektive Anstrengungen eingebunden ist. Neben dem «Argument» waren das einst die «Kapital»-Kurse mit tausenden von Absolventinnen und Absolventen, die deutsche zehnbändige Ausgabe von Gramscis «Gefängnisheften», neunzehn Jahre lang die Berliner Volksuni, ab 1994 das «Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus», eine imposante internationale Koproduktion mit 800 Mitarbeitenden auf allen Kontinenten. Auf fünfzehn Bände angelegt, ist das Wörterbuch mittlerweile bei Band 6 und dem Stichwort Justiz angelangt. In den tausendseitigen Bänden steckt nicht nur immenses enzyklopädisches Wissen, sondern es finden sich darin auch zahlreiche Trouvaillen, etwa ein zwanzigseitiger Beitrag von Etienne Balibar zum Stichwort Gewalt. Hinter dem Wörterbuch steht heute das lose, mit andern Stiftungen verbundene unabhängige Institut für kritische Theorie mit jährlichen internationalen Konferenzen und einer eigenen Buchreihe.
Das Arbeiten im kollektiven Verbund ging nicht ohne Psychodramen ab. Gelegentlich kam es zu Vatermorden und verlorenen Söhnen. Auch mich hat Wolf immer etwas eingeschüchtert. Seine Intelligenz und seine Brillanz können ungeduldig, schonungslos sein, und sie können sich auch an einfacheren Dingen entzünden. Als er uns einmal in London besuchte, analysierte er sofort die mineralische Zusammensetzung der Erde in unserem Garten. Im Alterswohnsitz auf La Palma hat er jetzt das Gärtnern zu einer wissenschaftlichen Kunst verfeinert.
Zu Wolf gehört auch Frigga. Frigga Haug ist eine ebenso renommierte Sozialwissenschaftlerin, wie er Philosoph ist, und sie hat die feministische Bewegung geprägt. Die beiden arbeiten gemeinsam - am «Argument», am «Historisch-kritischen Wörterbuch» - und zugleich vielfältig eigenständig. Die Gemeinsamkeit zeigt sich am Beispiel der neuen Technologien. Als viele Linke in der Automatisierung und Computerisierung nur eine Gefahr sahen, wurden diese vom «Projekt Automation und Qualifikation» unter der Leitung von Frigga Haug daraufhin untersucht, inwiefern auch Chancen zur Qualifizierung der Produzentinnen und Produzenten darin stecken.
«Die entfremdete Arbeit ist zugleich Quelle von Selbstbewusstsein inmitten der Entfremdung», hat Haug dies auf den weiterhin gültigen Begriff gebracht; davon zehrt ja die Attraktion der Selbstausbeutung der Ich-AGs im IT-Sektor. Haug trug solche Erkenntnisse weiter und baute sie in eine erneuerte politische Ökonomie ein. Dabei verwendet er für die neue Gesellschaftsform den nicht gerade schönen, aber präzisen Begriff des «High-Tech-Kapitalismus». Mit Schlagworten begnügte er sich freilich nie. So hat er die Wertschöpfung der Neuen Ökonomie im Kontext der marxistischen Werttheorie analysiert. Dabei wendet er sich gegen die Auffassung, digitale Güter seien immateriell, zeigt vielmehr, worin ihre stoffliche Seite besteht, und holt damit das Schlagwort von der Informationsgesellschaft auf den materiellen Boden herunter.
Als neustes Buch hat Haug eine «Einführung in marxistisches Philosophieren» veröffentlicht. Es ist eine präzise philosophiegeschichtliche Rekonstruktion davon, wie eine eingreifende Theorie entstehen kann, und beiläufig ein Porträt der Marx’schen Persönlichkeit. Dabei wird die politische Aktualität dieses marxistischen Philosophierens jederzeit ersichtlich: «Der Schlüssel zur Veränderung ist in der Gesellschaft zu suchen, nicht im Staat. Die Revolutionsparteien, die sich im 20. Jahrhundert auf Marx beriefen, suchten den Schlüssel im Staat, nicht in der Gesellschaft.» Oder: «Geschlechterverhältnisse werden als erstes Feld herrschaftlicher Produktionsverhältnisse oder Klassenverhältnisse begriffen.» Und schliesslich findet sich eine aktuelle Aufgabe: «Wo Herrschaftswissen war, soll kritisches Wissen über Herrschaft in der Perspektive ihrer Aufhebung werden.»
Nach der Pensionierung zog Haug aus Berlin weg, wo er 45 Jahre lang gelebt hatte. Jetzt teilen sich die Haugs die Zeit zwischen Esslingen und La Palma, draussen im Atlantik. In Esslingen finden wissenschaftliche Treffen und Tagungen statt. In La Palma wird gegärtnert und gearbeitet, und von dort fliegen elektronische Botschaften um den Globus. Es ist eine praktische Altersutopie: seinen Garten bebauen - und die Welt dabei nicht vergessen.