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«And the Delta sun burns bright and violent» – Bono in «Heartland»
1984 entdeckte vor allem Bono, dass er über seine musikalischen Wurzeln wenig wusste. Freunde wie Bob Dylan, Van Morrison und Keith Richards bewogen ihn, sich mit irischer und amerikanischer Folkmusik sowie Blues und Gospel auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit der Band und unterstützt vom Produzentenduo Brian Eno und Daniel Lanois begab sich Band auf die Suche. Der auf «The Unforgettable Fire» entwickelte Ambientrock, bei dem The Edges Gitarrenspiel die Räume in den Songs füllt, wurde mit Bluesrock und Folk Elementen erweitert, Bono heulte und jaulte wie die alten Blueser und spielte wie Dylan Mundharmonika. Das Resultat war 1987 «The Joshua Tree». U2 wurden zu Weltstars und setzten einen Markstein in der musikalischen Landschaft der 80er-Jahre.
Unterwegs
Das Album war eine Momentaufnahme, denn die Reise von U2 ging weiter. Und die sollte nun dokumentiert werden. Der 25-jährige Regisseur Phil Joanou, ein Schüler Steven Spielbergs, sollte dokumentieren, was geschieht. Im ersten Teil steht eine Indoor Show aus Denver im Zentrum, die schwarzweiss gefilmt wurde. Der zweite Teil ist farbig, gedreht wurde im Sun Devil Stadion in Tempe, Arizona. Wären die Konzerte alles, niemand würde mehr vom Film sprechen, doch Joanou ist es gelungen, die wichtigen Momente auf der Reise von U2 zu sich selber, abseits der Bühnen einzufangen und in den Film einzuflechten. Larry Mullen Jr. gedenkt in Graceland Elvis und lebt seine Leidenschaft für Harleys aus, Bono und B. B. King sprechen darüber, dass B. B. King zwar solieren, aber keine Akkorde spielen kann, weshalb The Edge bei «Love Comes To Town», die Rhythmusgitarre übernimmt, in Memphis blickt die Band dem Sonnenuntergang entgegen und es gibt Ausschnitte des «Save the Yuppie» Gratiskonzertes in San Francisco, bei welchem Bono «Stop The Trafic – Rock’n’Roll» an einen Autobahnpfeiler sprayt. Die Reise nach Amerika war ein kreativer Jungbrunnen für die Band, und so sieht man sie im legendären Sun Studio, wo Elvis, Roy Orbison, Jerry Lewis oder Johnny Cash spielten, neue Songs aufnehmen.
Unter grossen Geistern
Mehr als im Film, befinden sich U2 auf dem Album unter grossen Geistern. Das im Sun Studio mit den Memphis Horn eingespielte «Angel Of Harlem» ist eine Hommage an die Jazzsängerin Billie Holiday. Bono heult und jault weiterhin in den Songs den Blues, «Freedom For My People» von Sterling Magee und Adam Gussow ist in ihrer Originalversion auf dem Album. «When Love Comes To Town» wollte Bono ursprünglich ganz B. B. King überlassen, eingespielt wurde der Song schlussendlich gemeinsam und gehört zu den Höhepunkten auf «Rattle & Hum». Ein weiterer Höhepunkt ist das mit Bob Dylan geschriebene «Love Rescue Me», der die Band auf «Hawkmoon 269» an der Hammond Orgel unterstützt. Aber auch Billy Preston spielte bei «A Room At The Heart Break Hotel» mit U2. Der Song erschien auf der Single B-Seite von «Desire». Die eigenen Eindrücke seiner Suche nach Amerika verarbeitet Bono im Song «Heartland». Und The Edge steuerte mit «Van Diemen’s Land» die Gesichte irischer Auswanderer bei. Zwischen den neuen Songs sind Liveversionen von «Pride», «Silver And Gold» und «Bullet The Blue Sky» aus dem Film eingestreut. Ebenso die beiden Coverversionen von «Helter Skelter» von den Beatles und Dylans «All Along The Watchtower». Zu den besten Momenten von U2 überhaupt gehört das schwärmerische «All I Want Is You» mit Van Dyke Parks Streicherarrangement sowie die Neuaufnahme von «Still Haven’t Found What I’m Looking For». Aufgenommen wurde er in einer Kirche in Harlem mit dem Gospelchor The New Voices Of Freedom.
Die Folgen
Gut möglich, dass die Band ob all der Eindrücke überfordert war, doch im Gegensatz zum Film, war das Album ein Erfolg. Auch wenn man wohl besser ein reines Studio- und ein reines Livealbum anstelle des Doppelabums veröffentlicht hätte, ist das Projekt «Rattle & Hum» in seiner unentschlossenen Form zwischen Dokumentation und Konzertfilm bzw. Studio und Livealbum eine Einheit. Besser als auf der Suche nach sich selber waren U2 nie mehr: Gott, Geld und Sex verbanden sie nie mehr so gekonnt in Text und Musik. Bei ihrem Neujahrskonzert 1990 im Point Depot in Dublin, kündigte Bono an, dass ein Abschnitt für U2 zu Ende gehe, die Band sich zurückziehen würde und alles nochmals neu träumen würde. The Edges erste Ehe wurde geschieden, weil er zu oft von zuhause und den Kindern fort war. Während den folgenden Aufnahmesessions im entmauerten Berlin zerbrach die Band beinahe an musikalischen Differenzen. Das Resultat war der Song «One», das Album «Achtung Baby», der erste Markstein von U2 in der musikalischen Landschaft der 90er-Jahre.
The Edge und Bono beim Save The Yuppie Konzert 1988 in Los Angeles Foto: Archiv Baer.