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cash: Daniel Murray, was erwarten Sie vom nächsten Meeting der US-Notenbank am 18. und 19. März?
Daniel Murray: Die Fed wird die Anleihekäufe um weitere 10 Milliarden Dollar kürzen, obwohl die amerikanische Wirtschaft zu Jahresbeginn durch Wetterturbulenzen etwas abgebremst wurde.
Innerhalb der Fed gibt es unterschiedliche Meinungen, ob das Tempo des Tapering mehr von der Arbeitslosen- oder von der Inflationsrate abhängig gemacht werden soll. Wie entwickelt sich diese Diskussion?
Anders als die meisten Notenbanken hat die Fed ein doppeltes Mandat: Einerseits soll die Inflation auf einem angemessenen Niveau gehalten werden, andererseits wird Vollbeschäftigung angestrebt. Im Moment ist die Inflationsrate kein Problem, weshalb der Fokus klar auf dem Arbeitsmarkt liegt.
Wie werden sich die weiteren Schritte des Tapering auf die Finanzmärkte auswirken?
Zu einem grossen Teil ist dieser Prozess an den Märkten bereits eingepreist. Denn die Fed pumpt ja immer noch Liquidität in die Märkte, einfach in kleineren Mengen. In diesem Jahr wird die Fed ihre Bilanz also weiter vergrössern. Zudem sind die monatlichen 10 Milliarden Dollar eine kleine Menge Geld, wenn man sie mit der Marktkapitalisierung des amerikanischen Aktienmarkts vergleicht. Dennoch kann das Tapering auch psychologische Effekte haben und als Auslöser von Verhaltensänderungen wirken. Aber grundsätzlich ist die direkte Verbindung zwischen Tapering und Markt sehr schwach.
Die Börsen reagierten aber immer wiederholt auf Ankündigungen des Fed bezüglich Tapering.
Im September sahen wir eine Börsenrally, als der Beginn des Tapering erwartet wurde. Dasselbe sahen wir auch im Dezember und im Januar, als das Tapering angekündigt und eingeführt wurde. Der Grund dafür war, dass die Reduktion der Anleihekäufe auch ein Ausdruck für wachsende Zuversicht für die wirtschaftliche Situation ist.
Wie beurteilen Sie die Fed-Politik seit Ausbruch der Finanzkrise?
Betrachtet man beispielsweise den S&P-500-Index seit 2007, dann sieht man, dass sich der Wert des Index nach Ausbruch der Krise nahezu halbierte. Wir erlebten dann jede Menge zum Teil aggressiver und unorthodoxer geldpolitischer Massnahmen verschiedener Notenbanken. In der Zwischenzeit hat sich der Index wieder mehr als erholt und notiert auf einem deutlich höheren Niveau als 2007. Ich denke, wir sind momentan in einer Situation, die zwar nicht risikofrei ist, die sich aber doch ein Stück weit normalisiert hat. Die Fed-Politik hat bestimmt dazu beigetragen, dass die Wahrscheinlichkeit weiterer Krisen abgenommen hat.
Was haben die Notenbanker weniger gut gemacht?
Wo die Zentralbanken weltweit meiner Meinung nach weniger erfolgreich waren, ist bei der Ankurbelung der Weltwirtschaft nach der Rezession. Aber es ist immer einfacher, etwas nach einem Ereignis zu kritisieren. Und zu einem gewissen Grad sollte das schleppende Wirtschaftswachstum auch besser durch fiskalische Massnahmen oder Massnahmen der Regierungen adressiert werden. Hätten die Zentralbanken aber gar nicht reagiert, wären wir in eine noch viel schlimmere Krise geschlittert.
Wann wird die Fed die Leitzinsen anheben?
Dazu müssen einige Makro-Faktoren übereinstimmen. Zu allererst muss sich der Arbeitsmarkt weiter erholen. Und zwar nicht nur in Bezug auf Arbeitslosenrate. Die Partizipationsrate muss sich stabilisieren und erhöhen. Idealerweise sollte auch die Zahl der Teilzeit- und Temporär-Arbeiter abnehmen und es solle Anzeichen für einen rascheren Anstieg der Löhne geben. Dann muss sich die Wirtschaft als Gesamtes weiter erholen: eine erhöhte Industrieproduktion, regere Bautätigkeit, mehr Konsum. Man darf niemals nie sagen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass das noch dieses Jahr passieren wird.
Was müssen die führenden Zentralbanken dabei beachten?
Auch wenn die Fed den Zinsanstieg morgen einleiten möchte, wäre dies sehr schwierig. Das Tapering muss noch weiter voranschreiten respektive beendet werden, und die Fed muss ihre Bilanz stärker ausbalancieren. Schlussendlich müssen sich auch die Finanzmärkte auf weniger Liquidität einstellen können. Das kann nicht über Nacht geschehen. Weil wir aus solch unsicheren Verhältnissen kommen und weil die amerikanische und die globale Wirtschaft immer noch gewissen Gegenwind verspüren, müssen die Zentralbanken sicherstellen, dass die Erholung beständig ist, bevor sie die Leitzinsen anheben. Denn ansonsten würde der Wirtschaftsaufschwung behindert.
Die USA hat sich relativ schnell von der Krise erholt. Wo hat die USA dennoch ökonomisches Potenzial?
Die USA hat einige Vorteile: Die Wirtschaft ist sehr flexibel, der Arbeitsmarkt passt sich sehr schnell an und die Bevölkerung ist äusserst mobil. Die Banken sind wieder eher gewillt, Kredite zu vergeben. Aber man ist noch nicht auf dem Niveau vor der Krise. Wir werden in naher Zukunft in den USA kein Wachstum von vier bis sechs Prozent sehen, aber die Aussichten im Allgemeinen gut. Ein wichtiges Thema ist die Gewinnung von Gas durch das sogenannte Fracking. Ich glaube zwar nicht, dass das der Wirtschaft einen plötzlichen Schub verleihen wird. Aber es stellt die Energieversorgung für eine lange Zeit sicher.
Wie lange noch?
Das ist sehr interessant. Wenn der Verbrauch auf dem heutigen Niveau bleiben sollte, reichen die technisch erschliessbaren Schiefergas-Reserven noch weitere 95 Jahre. Das ist viel mehr als beispielsweise Brasilien erwarten kann. Wenn man mit tiefen Gaspreisen rechnet, dann bedeutet das für die Industrie und für die Verbraucher ein grosser Vorteil. Nach einem jahrelangen Niedergang könnte das zu einem Comeback der amerikanischen Industrie führen. Aber das wird nicht reichen, um China direkt Konkurrenz zu machen.
Führt diese neue Energiequelle nicht dazu, dass die USA ihren überhöhten Energieverbrauch weiterhin nicht zu reduzieren braucht?
Gas ist eine sauberere Energie als Öl oder Kohle. Das ist bestimmt ein Vorteil. Wir können aber nicht abschätzen, wie sich der amerikanische Gasverbrauch entwickeln wird und ob ein erhöhtes Angebot auch einen grösseren Verbrauch nach sich ziehen wird.
Welche Note geben Sie Barack Obama für seine Wirtschaftspolitik?
Präsident Obama hat nicht wirklich eine Wirtschaftspolitik. Das macht eine Beurteilung schwierig. Obamacare war ein grosses Thema, ist aber, zumindest momentan, ein Misserfolg. Es gibt Diskussionen über einen Mindestlohn. Und auch das Steuersystem soll reformiert werden, aber dieser Vorschlag kommt von republikanischer Seite.
Dann ist es vor allem die Fed, die den ökonomischen Kurs vorgibt?
Die Zentralbank hat gegenwärtig bestimmt mehr Einfluss als der Präsident. Allerdings kann sie nicht ohne das Finanzministerium agieren. Der Präsident war tatsächlich mehr in fiskalische Diskussionen zwischen Demokraten und Republikaner verwickelt, um den Haushaltsstreit beizulegen.
Hätte Obama denn mehr tun können?
In seiner ersten Präsidentschaft hat er mehr Einfluss auf die Wirtschaft genommen, beispielsweise über Infrastrukturprojekte oder das Stützen des Häusermarktes. Es gab aber keine Projekte von historischer Bedeutung wie den Hoover-Damm oder den "New Deal".
Was kann Europa von den USA in Bezug auf Erholung der Wirtschaft lernen?
In einem Wort: Flexibilität. Daran mangelt es den europäischen Volkswirtschaften. In Bezug auf die Geldpolitik ist es schwierig, weil die Europäische Zentralbank nicht den selben Status hat wie die Fed. Die EZB verfügt über etwas weniger Macht und Instrumentarien, da ihr Mandat etwas anders gelagert und auch stärker politischen Zielen untergeordnet ist.
Im cash-Video-Interview sagt Daniel Murray auch, was eine Zinserhöhung der Fed für die Aktienmärkte bedeuten würde.
Daniel Murray ist Chefökonom und Research-Leiter bei EFG Asset Management. Zuvor war der Brite bei Russell Investments und Merrill Lynch tätig. Zudem lehrte Murray an der London School of Economics and Political Science (LSE) Makro- und Mikroökonomie.