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Das Konzept
«Gender» bezeichnet ein theoretisches Konzept, das die gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen Frauen und Männern zum Gegenstand hat. Die Gender Studies haben gezeigt, dass Geschlecht als soziale und kulturelle Konstruktion begriffen werden muss. Der
konstruierte Charakter von Geschlecht wird offensichtlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie sehr sich die Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit sowie die sozialen Rollen, die Frauen und Männern zugewiesen werden, nach Kultur unterscheiden
– es gibt auch Kulturen, die mehr als zwei Geschlechter kennen. Die historische Forschung zeigt zudem, dass sich die Vorstellungen von Geschlecht auch in der westlichen Kultur im Lauf der Zeit stark gewandelt haben und laufend Veränderungen unterworfen
sind.
Es gibt also keine feste Definition des «Männlichen» oder des «Weiblichen». Über die binäre Zuordnung zu zwei sich gegenseitig ausschliessenden, komplementären biologischen Kategorien («männlich» oder «weiblich»), kommen uns die Geschlechterkategorien
dennoch als quasi natürlich entgegen. Dies ist Teil der Funktionsweise von Geschlecht. Tatsächlich sind es aber gesellschaftliche Differenzierungs- und Hierarchisierungsprozesse, die den Individuen ihren sozialen Platz entlang der Geschlechterkategorien
zuweisen. Diese gesellschaftlichen Prozesse zu analysieren und zu hinterfragen ist Gegenstand der Gender Studies.
Die Gender Studies nehmen aber auch Differenzierungen innerhalb der Geschlechterkategorien in den Blick, z. B. bei der Analyse verschiedener Formen von Männlichkeit. Das verweist zunächst auf die Vielfalt innerhalb
der Genusgruppen. Tatsächlich bilden weder Frauen noch Männer eine homogene Gruppe. Vielmehr ist die Geschlechterdimension mit anderen Achsen der Ungleichheit verwoben, wie soziale Klasse, 'Rasse', kulturelle Herkunft, Alter oder sexuelle Orientierung. Das Konzept
der Intersektionalität analysiert die Verschränkung von Gender mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit.
Darüber hinaus wird das System der binären Kategorisierung selber unter die Lupe genommen. Tatsächlich ist die Zuordnung eines Menschen zu einer von zwei biologischen Geschlechterkategorien keineswegs immer eindeutig. Die entsprechenden medizinischen Praxen zeigen vielmehr, dass auch das biologische Geschlecht als Gegenstand eines sozialen Konstruktionsprozesses zu verstehen ist. Schliesslich ist die binäre Geschlechterkategorisierung eng mit der Norm der Heterosexualität verbunden. Im Anschluss an die «Gay and Lesbian Studies» wird im Rahmen der «Queer-Theory» die Vielfalt von sexuellen Orientierungen und Geschlechterpositionen thematisiert, die das binäre System von Geschlecht in Frage stellen. Das angelsächsische Kürzel LGBTI verweist auf diese
vielfältigen Positionen zu Geschlecht und Sexualität, die in westlichen Gesellschaften heute zur sozialen Realität gehören. Eine ausführliche Einführung in das Gender-Konzept findet sich bei Wetterer (2010) sowie bei Hark (2010).
Drei Ansatzpunkte Die
theoretischen Ansätze im Bereich der Gender Studies sind vielfältig und können hier nicht im Einzelnen behandelt werden. Trotzdem lassen sich in Bezug auf die Analyse von Gender grob drei Ansatzpunkte unterscheiden. Der erste Ansatzpunkt bezieht sich
auf die symbolische Ordnung von Gesellschaften, also auf die Bedeutung, die dem «Weiblichen» und dem «Männlichen» in den kulturellen Vorstellungen und in den Wissensbeständen einer Gesellschaft zukommt. Der zweite Ansatzpunkt greift die ökonomischen
und sozialen Verhältnisse zwischen Frauen und Männern in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auf und interessiert sich für deren Struktur. Der dritte Ansatzpunkt schliesslich richtet den Blick auf die Interaktionen zwischen Männern und Frauen
im Alltag und interessiert sich für die Mechanismen der Reproduktion von Ungleichheit. Zwischen diesen drei Analyse-Ebenen bestehen selbstverständlich wechselseitige Bezüge. In Bezug auf die Analyse von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
an Hochschulen sind insbesondere folgende Konzepte von Bedeutung: Das Konzept der horizontalen Segregation bezeichnet die ungleiche Verteilung von Frauen und Männern
auf die unterschiedlichen Studien- und Berufsbereiche. Dagegen wird die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen auf den verschiedenen Hierarchiestufen von Organisationen in der Arbeitswelt mit dem Begriff der vertikalen Segregation beschrieben.
Mit diesen beiden Konzepten lässt sich die Struktur von Ungleichheitsverhältnissen zwischen den Geschlechtern in Ausbildung und Beruf untersuchen. In einer mikrosoziologischen Perspektive hat sich zudem das Konzept des «Doing gender» durchgesetzt.
Damit lassen sich die Mechanismen der Geschlechterkonstruktion in alltäglichen Interaktionen analysieren, die zur Reproduktion der ungleichen Positionierung von Männern und Frauen in Organisationen beitragen.