Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/2430

19.03.2011 - Jacqueline Trachsel
19.03.2011
Jacqueline Trachsel
Joe Turner, The Giant of Stride Piano
Obwohl Joe Turner (Joseph H. „Joe“ Turner) 1920 als einer der angesehensten Harlemer Stride Pianisten der New Yorker Jazzszene im Stile von Fats Waller oder James B. Johnson galt und bekannt war, darf er nicht mit dem Sänger Big Joe Turner (1911 bis 1985) verwechselt werden.
Begeistert von Europa und von Basel
Der amerikanische Jazzpianist und Sänger, der am 21. Juli 1990 bei Paris 82-jährig einem Herzinfarkt erlag, hatte wichtige Jahre seines Lebens in Basel verbracht. Im Basler „Atlantis“, wo er in den fünfziger Jahren Stammgast war, hatte er für jeden, der ihn kannte, grosse Erinnerungen hinterlassen. Joe Turner, der mit den GIs und Coca Cola nach Europa kam, wollte nie mehr definitiv zurück nach Baltimore, New York oder überhaupt nach Amerika. Er liess sich dort nur zwischendurch für Plattenaufnahmen für Vogue (1952), Black & Blue und Pablo Records (1975/76) und einige Auftritte engagieren, kehrte aber immer wieder nach Europa zurück. In den 1950er Jahren gastierte er mit Bill Coleman und Albert Nicholas in Deutschland, Europa gefiel ihm, Europa mochte ihn und seine Musik, und die vielen Jahre, die er in Basel verbrachte, fasste Turner ganz einfach so zusammen: „Das Publikum war immer wunderbar.“ Wenn er sich ans Klavier setzte, wurde es still im Raum. Er hatte, so erinnern sich übereinstimmend Kenner des Jazz, das gewisse Etwas an Ausstrahlung, ein Charisma. Und wenn dann die ersten Töne perlten, stellte sich eine andächtige Stimmung ein. Joe Turner verstand sich nicht einfach als Unterhalter. Seine Musik war echt, daran erinnern sich bestimmt seine Fans, und dies ergab dann, in Verbindung mit der Ambiance, die er zu verbreiten mochte, jene Kraft, die alle in den Bann zog, ganz besonders seine wunderbaren Soli. Das Ganze gipfelte in einer Würdigung Jo Turners am Radio Basilik, hatte tiefe Spuren in der Basler Jazzgeschichte hinterlassen und natürlich ein Lokal wie Seilers „Atlantis“ geprägt. In Kurt Seilers alter „Moschee am Klosterberg“ genannten „Atlantis“, wo Joe Turner regelmässig Stammgast war, „regierten“ jene fünfziger Jahre, in denen man Coca Cola trank und sonst nichts. Und schon morgens um acht Uhr den Göttern des Jazz lauschte. Musikern, die wie Turner, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Jazz in Europa wieder einführten, ganze Abendsendungen am Radio bestritten und dann die Nächte „durchmachten“. Auch Onorio Mansutti, der international bekannte Basler Fotograph, Begründer des Klosterbergfests und heutige Ehrendokor der Basler Universität, schätzte am eigenwilligen Musiker, der noch 1989 zur Vernissage des Atlantis-Buches „See You Later, Alligator“ (Buchverlag der Basler Zeitung) nach Basel gereist kam, vor allem dessen charakterliche Eigenschaften; Joe Turners Grosszügigkeit, seinen Schalk, wenn er gleichzeitig auch als grosser Konsument von Alkohol und seiner Vorliebe für Girls wegen bekannt war.
Der Anfang vom Ende?
Der Durchbruch gelang Joe Turner als Weggefährte von Louis Armstrong (ab 1930) und Benny Carter, der ihn 1928 für sein Orchestra anheuerte. Dieser unwahrscheinlich begabte Pianist, dem die Chronisten schon mit 16 Jahren Starruhm bescheinigten, spielte und lebte seinen berühmten „Stride“-Stil über lange Jahre.
Sein letzter Auftritt, d.h. die letzte all seiner Atlantis-Stationen fand anlässlich des Jubliäumsfestes 1989 statt. Man bewunderte dort seine berühmte Technik, seine unheimlich swingende, gute linke Hand. Treuen Fans erzählte er, dass er krank war und seinen bevorzugten Gästen von seinen vielen kleinen Leiden. Aber er war sich auch im klaren, dass er nicht nur lustige Musik gemacht, sondern auch lustig gelebt hatte. Später vernahm man, dass er bis zu seinem Ende nicht auf Sparflamme lebte. Nacht für Nacht arbeitete der farbige Amerikaner in der Bar “La Calvados“ in der Nähe der Champs-Elysées am Piano. Bewaffnet mit einer schweren Zigarre und stündlichen „Screwdrivers“ – dem typischen New Yorker Gemisch aus Curaçao, Cognac und Anis – spielte er von Mitternacht bis fünf Uhr morgens. Und fuhr dann, so wird nacherzählt, bis zu seinen letzten Stunden mit dem eigenen Wagen und manchmal ganz schön angesäuselt nach Hause. Er lebte zuvor in Ungarn, in der Schweiz und ab 1962 ständig in Paris…
Das Label „Jazz Connaisseur“ (1955 bis 1959) hält musikalischen Rückblick auf „Joe Turner: The Giant Of Stride Piano in Switzerland“ mit Werner Dies, Curt Prina, Dennis Armitage, Sunny Lang und John Ward… (Quelle Basler Zeitung 1990).