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Als vor zwei Jahren Joe Biden und Kamala Harris ihre Arbeit im Weissen Haus aufnahmen, waren Umwelt- und Naturschützer voller Lob für den sofortigen Stopp eines umstrittenen Erdölförderprojektes im einzigen arktischen US-Nationalpark. Zwei Jahre später ist die Euphorie derselben Kreise in Ärger und heftige Kritik umgeschlagen. Denn die Regierung hat zwei Entscheidungen für Alaska getroffen, die ein sehr schwieriger Spagat zwischen Wunsch nach Umweltschutz in der Arktis und gleichzeitiger Förderung der wirtschaftlichen Realität ist.
Am vergangenen Sonntag gab die US-Regierung bekannt, dass sie dem US$ 8.7 Milliarden schweren «Willow»-Ërdölförderprojekt des Konzerns ConocoPhillips im National Petroleum Reserve Alaska (NPRA) grünes Licht erteilen wird, notabene in reduzierter Form. Nur einige Stunden zuvor hatte die Regierung angekündigt, ein rund 11’300 Quadratkilometer grosses Meeresgebiet vor der NPRA liegenden Küste komplett unter Schutz zu stellen und damit für die Ressourcenförderung zu blockieren. Ausserdem werde man einen Gesetzesentwurf einbringen, der weitere 52’600 Quadratkilometer der als «Special Areas» ausgewiesenen Gebiete noch stärker vor dem Zugriff der Wirtschaft schützen werde.
Beim von der Regierung bewilligten «Willow»-Projekt handelt es sich um ein Erdölförderprojekt des Konzerns ConcocoPhillips im Westen des NPRA, welches ursprünglich von Bidens Vorgänger Donald Trump 2020 bewilligt worden war. Durch Gerichtsentscheide kam es aber zu einem Stopp des Projekts und einer Neubewertung der Umweltauflagen. Am Ende bewilligten die Behörden statt der ursprünglich fünf eingereichten Bohrfelder nur deren drei (die Regierung hatte sogar nur zwei vorgeschlagen). Weiter musste der Konzern zusätzliche 275 Quadratkilometer des ursprünglich gepachteten Gebietes wieder zurückgeben. «Die Massnahmen schaffen einen zusätzlichen Puffer für Förderaktivitäten in der Nähe der Kalbungsgebiete und Wanderrouten der Karibuherde am Teshekpuk-See, einer wichtigen Subsistenzressource für die nahe gelegenen indigenen Gemeinden Alaskas», schreibt das Innenministerium zur Entscheidung. Trotzdem wird das Projekt rund US$ 8.7 Milliarden Einnahmen generieren und der Konzern versprach rund 3’000 neue Arbeitsplätze und eine Laufzeit von rund 30 Jahren. Der Ertrag der mehr als 200 Bohrstellen wird auf 600 Millionen Fass Erdöl geschätzt, die Kosten auf 8 bis 10 Milliarden Dollar. Mit dem Projekt werde die Erdölproduktion in Alaska um bis zu 40 Prozent gesteigert, sind Experten überzeugt. Damit soll in den nächsten Jahrzehnten die Energieversorgung der USA unterstützt werden.
Das von der Regierung ebenfalls vorgestellte Schutzprojekt sieht vor, weite Teile der Küste vor dem NPRA komplett unter Naturschutz zustellen und damit auf lange Zeit dem Zugriff von Förderprojekten im Schelfbereich der Beaufortsee zu entziehen. Ausserdem wird die Regierung die durch ihre ökologische und historische Bedeutung wichtigen «Spezialareale» im NPRA durch eine Verschärfung der Gesetze vor zukünftigen Förderporjekten noch besser schützen. Dieser Gesetzesentwurf wird noch ausgearbeitet und soll danach öffentlich zur Begutachtung aufgelegt werden. Trotzdem werten die Behörden diese geplanten Massnahmen als weiteren Meilenstein in den Bestrebungen der jetzigen Regierung, die Klimaziele der USA für 2030 und 2050 zu erreichen und die arktischen Regionen unter besonderen Schutz zu stellen.
Mit der Entscheidung der Regierung, einerseits für mehr Schutz in der arktischen Region sorgen zu wollen, gleichzeitig aber ein Projekt zu bewilligen, dass Klima- und Umweltschützer als eine «Kohlenstoffbombe» bezeichnen und in weiten Kreisen für teils heftige Kritik gesorgt hat, begeht die Biden-Administrationen einen schwierigen Spagat. In Wirtschaftskreisen und auf der politischen Ebene begrüssen viele Alaskaner die Entscheidung. Sie sehen es als Entscheid, der die Realität widerspiegelt, in der sich die USA zurzeit befinden. Der Krieg in der Ukraine und die steigenden Spannungen mit den ehemals verbündeten arabischen Staaten haben die Energieversorgung der USA stark durcheinandergewirbelt. Daher will man sich wieder mehr auf die Eigenversorgung konzentrieren und somit die Wirtschaft stärken. Denn nur so könne man die angestrebten Klimaziele langfristig erreichen.
Auf der anderen Seite sehen viele Umwelt- und Naturschutzorganisationen den Entscheid als Kniefall vor der allmächtigen Energielobby und fühlen sich von der Regierung betrogen. Auch in den eigenen Reihen von Joe Biden und Kamala Harris und sogar bei den Einwohnern in der Region um das Projekt stösst die Entscheidung auf Ablehnung und Kritik. Zu schwer wiegt der Ausstoss der geförderten Ölmengen, den Expertinnen und Experten bei rund 9 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sehen. Da können auch die angekündigten Schutzmassnahmen in der arktischen Region den auftauenden Permafrost und das verschwindende Meereis nicht mehr helfen. Nach Meinung von Kommentatoren in US-Medien ist es nicht unwahrscheinlich, dass mit dem «Willow»-Entscheid auch die Zustimmung für Joe Biden und Kamala Harris bei den nächsten Wahlen 2024 schmelzen könnte.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal