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ÜBER KUNST

Über Kunst und Natur
Der Mensch, so wird erzählt, befand sich zuerst in einem Garten. Im Einklang mit dem, was ihn umgab, war ihm wohl.
Irgendwann erhob er sich und fand eine Differenz zwischen sich und allem andern. Er und sie hörten, rochen und sahen. Sinnlich und empfindsam wurden sie. Er und sie versuchten zu verstehen: Eine Ordnung musste sein, eine Linie gefunden werden. Wie hing das alles zusammen, was gehörte zu wem, und veränderte sich nicht immer alles?
Mehr noch: Als der Mensch sich eines Tages über den Weiher beugte, um daraus zu trinken, fand er sich selbst gegenüber. Was er sah, auf der spiegelnden Wasserfläche, näherte sich, wenn er sich beugte, wiegte den Kopf wie er selbst. Der Mensch entdeckte sein Bild. Ihm entgegen, abgegrenzt, zeigte es ihm, dass er allein war. Sie begannen nun, sich mehr Bilder zu machen. Nach der Natur malten und zeichneten sie, erfanden Zeichen und Netze, in denen sie die Zeichen zusammen brachten. Sie malten mit roten Kreiden ein grosses Bison auf die Höhlenwand und schauten es so lange an, dass es ihnen am nächsten Tag tatsächlich in die Falle ging. Sie begannen aufzuzeichnen, wie viele Tiere sie erlegt hatten und wie viele Menschen sich davon ernährten.
Die erste Zeichnung soll sie gemacht haben: Als der junge Mann, ihr Geliebter, in den Kampf ziehen musste, umfing sie seinen Schatten, der sich neben dem Herdfeuer abbildete, mit einem Stück Kohle. So schenkte sie dem vergänglichen Bild eine bleibende Form.
Ob ein Bison an einer Höhlenwand, ein goldenes Kalb, ein Condottiero auf einem Pferd, das Bild wirkt auch magisch. Es wurde als Standarte des Königs der Schlacht voraus getragen, damit die Kämpfer leichter folgen konnten. Vor heiligen Bildern werden immer neue Kerzen entzündet. Als Amulette schützen die Bilder vor Krankheit und Unglück.
Eine Zeit lang war nur das Gute schön. Die Schöpfung war wohlgeformt. Die Natur war die Fundstätte der Künstler. Aber sie suchten in ihr nicht nur die Farbenpracht, die differenzierte Textur, den Formenreichtum. Sie befragten die Landschaft nach Gesetzen des Seins, später nach den Bedingungen der Wahrnehmung. Sie sahen im Blumenarrangement, in der Fruchtschale die Zeit vergehen, im Welken und Faulen die Macht des Todes. Als kleiner Mensch zwischen Himmel, Wasser und Erde sah sich der romantische Künstler. Er fand in der Natur das Echo seiner Sehnsucht.
Es gab Schulen und Akademien, die regelten, was Kunst wäre. Ihnen voraus war die Avantgarde. In der Hinwendung zur Natur fanden ihre Mitstreiter Befreiung, neue Einsichten. „Sur le motif“ setzten sie sich ins Freie, manchmal in ganzen Gruppen, und versuchten zu malen, was sie sahen. Das Licht des Tages, die Witterung änderten und veränderten fortwährend das Gesehene. Sie fanden, dass es keine feste Wahrheit gab. Nur Momente der Erscheinung, wechselnde Farblichter. Es wurde alles eine Frage der Wahrnehmung.
Einer sah, dass sich vieles auf Grundformen zurückführen liess, wie Kugel, Würfel, Kegel. Er sah auch, dass er für den Rebberg, den er ins Bild setzte, keine exakten Weinstöcke und Rebblätter malen musste. Es genügte, grüne, schräg aufgerichtete Pinselstriche nebeneinander zu setzen. Die Menschen erkannten darin die Reben. Die Bildfläche wurde opak. Der Pinselstrich wurde sichtbar und stand im Vordergrund. Der Bildinhalt war darin verpackt.
Die Wirklichkeit ist vielschichtig. Der Mensch reist und sieht die Dinge aus vielen Perspektiven. Jetzt wird die Einheit des Bildes aufgebrochen. Vorbei ist es mit der Pflicht zum geordneten Raum, vorbei mit einseitigen Ansichten. Von vorne und im Profil wird das Porträt festgehalten, die Pfeife auf dem Tisch und die Wasserflasche, die Gitarre und die Zeitung blitzen in Kuben vom Bild.
Die Malerei beginnt, sich mit sich selbst zu befassen, mit ihrer Natur. Gespritzt und getropft kommt die Farbe auf die Bildfläche, dann wieder liegt sie in dichten, schweigsamen und monochromen Schichten auf der Leinwand. Es gibt Farborgien und wilde Pinselstriche, flimmernde Horizonte auf mächtigen Tafeln.
Suppenbüchsen und Staubsauger werden Objekte der Kunst, die Konsumwelt zur zweiten Natur.
Wie ehedem der alte Fürst Orsini in Bomarzo seinen Garten mit dämonischen Gestalten aus Stein bevölkern liess, suchen auch heute Menschen nach den Grenzlinien zwischen Natur und Kunst. Sie suchen Verwandtschaft, Auseinandersetzung, Interferenz. Sie bringen Kunst und Natur zusammen. Sie erwandern, erahnen die Geschichte, die beide verbindet.
Gisèle Mengis, 6003 Luzern, 2003