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Die Millennials werden vor allem als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen, als eine Generation, die von ihren Eltern zu stark verwöhnt wurde. Inzwischen sind die Millennials jedoch zu einem wichtigen Faktor der Weltwirtschaft geworden. Weshalb das so ist, erklärt Jean Christophe Labbé, Fondmanager des Decalia Millennials Fund.
Die Millennials werden zu einem wichtigen Faktor der globalen Wirtschaft. Weshalb?
Die Millennials sind die grösste Generation in der Geschichte der Menschheit. Sie umfasst 2,4 Milliarden Menschen. Das ist 70 Prozent mehr als die Generation X. Allein in China und Indien leben 800 Millionen. Das ist mehr als die gesamte Bevölkerung der USA und Europas. Zudem sind die Millennials in den Schwellenländern, vor allem in Asien, reicher als ihre Eltern. Gerade in China unterscheiden sie sich deshalb stark von ihren Eltern.
Bei uns im Westen haben sie jedoch Angst, dass sie nicht mehr den Wohlstand ihrer Eltern erreichen werden.
Das Durchschnittsalter der Millennials war 18, als die Finanzkrise ausbrach, sie waren 30 Jahre alt, als die Coronakrise ausbrach. Sie sind daher unter sehr schlechten Vorzeichen gestartet.
Was hat das für Folgen?
Sie geben ihr Geld ganz anders aus als die Generationen vor ihnen.
Wie konkret?
Sie kaufen weniger physische Dinge wie etwa Autos. Der Anteil der Amerikaner, die einen Fahrausweis haben, ist bei den Millennials um 15 Prozent geschrumpft. Ebenso ist der Anteil derjenigen, die Wohneigentum besitzen, rückläufig.
Was machen sie denn mit ihrem Geld?
Ausbildung ist ein wichtiger Ausgabeposten, und Reisen. Millennials geben auch mehr Geld aus für die sogenannte «Erlebnis-Wirtschaft», Musikkonzerte, Events, etc. Kurz: Millennials mögen leicht weniger verfügbares Einkommen haben – aber es gibt sehr viele davon. Das macht sie wirtschaftlich interessant.
Welche Branchen profitieren davon?
Die so genannten «BEACH»-Aktien (Booking, Experiences & Entertainment, Airlines, Cruises, Hotels/Resorts). Viele Millennials haben noch keine Kinder. Sobald die Coronakrise vorbei ist, werden sie die ersten sein, welche wieder reisen. In China können wir das heute schon beobachten. Die Reisen innerhalb des Landes haben massiv zugenommen, viel stärker als irgendwo sonst in der Welt.
Tourismus hat auch aus anderen Gründen Probleme. Fliegen beispielsweise ist derzeit verpönt.
Millennials verhalten sich in dieser Frage widersprüchlich. Einerseits sind ihnen Umweltanliegen sehr wichtig. Andererseits reisen sie sehr viel. Der durchschnittliche Millennial reist sechs Mal pro Jahr – deutlich mehr als die Mitglieder der früheren Generation. Kurze Städetrips übers Wochenende beispielsweise sind normal geworden. In Asien hat dieses Verhalten einen grossen Einfluss auf die Tourismusindustrie. Nur acht Prozent der Chinesen beispielsweise haben einen Reisepass. Aber Dreiviertel davon sind Millennials.
Mit anderen Worten: Sobald die Coronakrise vorbei ist, wird die Tourismusindustrie explodieren. Sollten wir jetzt in die Aktien dieser Industrie investieren?
In der Coronakrise sind die Börsen vor allem von den Tech-Aktien getrieben worden. Der Unterschied zu anderen Branchen ist sehr gross. Sobald es eine Normalisierung gibt, besteht hier grosses Aufholpotenzial.
Für Millennials ist die Weiterbildung ebenfalls von grosser Bedeutung.
Während des Lockdowns haben viele Millennials das Online-Learning entdeckt. Davon haben Unternehmen wie Zoom oder Microsoft profitiert. Weil der Zugang zu Eliteuniversitäten immer schwieriger wird, erlebt auch das Tutoren-Geschäft einen Aufschwung. Schliesslich sind auch Unternehmen interessant geworden, die Unterkünfte für Studenten zur Verfügung stellen.
Derzeit fordert man die Studenten auf, zuhause zu bleiben.
Ja, aber das wird nicht ewig so bleiben. Daher glauben wir, dass es sehr interessant ist, in diesen Bereich zu investieren.
Investieren Millennials im Vergleich zu der Generation X und den Babyboomers anders?
Ja. Die Millennials achten beim Kauf der Aktien mehr auf Unternehmen, die sich ökologisch und sozial verantwortlich verhalten.
Machen das heute nicht alle?
Die Millennials machen dies sehr viel bewusster. Man sieht es auch daran, wie sie sich kleiden und was sie essen. Die Ökologie hat für sie eine viel grössere Bedeutung. Convenience ist für die Millennials ebenfalls sehr entscheidend. Sie wollen jederzeit an jedem Ort mit ihrem Smartphone ihre Finanzgeschäfte erledigen können. Deshalb wird die Finanzindustrie sich sehr stark verändern müssen. Ein mögliches Zukunftsmodell ist die chinesische Ant Group. Dieses Unternehmen bringt alle Finanzgeschäfte – von der Lebensversicherung über das Lohnkonto bis zum Wertschriftenportefeuille unter einen Hut. Und alles kann mit dem Smartphone gesteuert werden. (Die Ant Group ist ein Ableger von Alibaba. Das Unternehmen ist im Begriff, den grössten Börsengang aller Zeiten über die Bühne zu bringen, Anm. der Red.)
Angenommen, Sie wären ein Millennial. Wie würden Sie investieren?
Ich würde Brands auswählen, die einen guten ökologischen und sozialen Ruf haben. Unternehmen, die sich bezüglich dieser Kriterien unverantwortlich verhalten, werden heute gnadenlos abgestraft. Zukunftsträchtig sind sicher auch alle Unternehmen auf dem Gebiet der nachhaltigen Energie. Solar- und Windenergie sind sehr gefragt, ebenso Fintech.
Politik hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Wie verhalten sich die Millennials diesbezüglich?
Es betrifft vor allem den Westen. Chinesische oder indische Millennials kümmert dies weniger – und diese bilden weltweit die Mehrheit. Wenn rund 400 Millionen chinesische Millennials beginnen zu reisen, Nike- und Adidas-Schuhe zu kaufen, etc., dann hat dies einen weit grösseren Einfluss auf die Wirtschaft als «Friday for future» oder Greta Thunberg.
Der Handelsstreit zwischen China und den USA verschärft sich. Bereits ist die Rede von einem neuen Kalten Krieg. Beeindruckt dies die 400 Millionen chinesischen Millennials nicht?
Die Sanktionen gegen Huawei haben in China zu einem Boom der Smartphones dieses Unternehmens geführt. Doch Nike und Adidas sind davon nicht betroffen. Ihr Umsatz hängt vom Wohlstand der Chinesen ab. Nike hat soeben hervorragende Resultate des letzten Quartals verkündet, und steigende Umsätze in China waren dabei ein wichtiger Faktor. Auch Starbucks meldet ein boomendes Geschäft aus China.
Wir haben eine geschwächte reale Weltwirtschaft und gleichzeitig einen Börsenboom. Wie lange kann dies noch gut gehen?
Der Boom ist primär durch die Tech-Aktien getrieben. Der Rest leidet. Deshalb lohnt es sich, vorsichtig wieder in diese Bereiche zu investieren, Bereiche wie Tourismus, Eventindustrie, etc.
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