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Von allen schauspielernden Töchtern der Hollywood-Stars ist Angelina Jolie das grösste Talent. Anfang Dezember läuft ihr neuer Film in der Schweiz an.
Angelina Jolies Lippen! Sie scheinen zu schmachten, wie wenn die Evolution den Schmollmund Brigitte Bardots perfektioniert hätte. Die Beine der 24-Jährigen sind lang, ihre blauen Augen gross. Die Taille ist schmal, der Busen üppig. Auf dem Arm hat Jolie einen Drachen tätowiert, auf dem Handrücken ein H. Die Hüfte ziert ein schwarzes Kreuz. Auf dem Bauch prangt der Spruch «Quod me nutrit me destruit», was mich nährt, zerstört mich. Als Jolie erfuhr, dass sie von den amerikanischen Männern zur Frau gewählt wurde, mit der sie am liebsten Sex hätten, entgegnete sie: «Ich bin wahrscheinlich die einzige Schauspielerin, die Ja sagen würde.»
Natürlich hat sie auch schon erzählt, bisexuell zu sein und alle verfügbaren Drogen versucht zu haben, was ebenso als provokante Koketterie zu relativieren ist wie ihr bereitwilliges Ja zum anonymen Sex. Angelina Jolie beherrscht das frivole Spiel mit den Medien. «Meine Mutter ist schliesslich Französin», sagt sie, «und ich bin eine sehr erotische Kreatur.»
Alles in allem ist es also völlig in Ordnung, sexistisch zu werden, wenn es um Angelina Jolie geht. «The Sexiest Thing on Two Legs», titelten die «Sunday Times». Und weil Jolie auch verdammt gut schauspielern kann, ist es durchaus möglich, dass sie wirklich «Hollywood’s next great bombshell» ist, wie das Magazin «Rolling Stone» schrieb.
Ihr Vater ist Jon Voight, der in «Midnight Cowboy» eine unvergessliche Rollen verkörperte und für die Darstellung eines im Krieg gelähmten Vietnamveteranen in «Coming Home» den Oscar erhielt. Mutter Marcheline Bertrand war immerhin in Blake Edwards «The Man Who Loved Women» zu sehen. Sie trennte sich von Voight, als Angelina und ihr Bruder James Haven noch Kinder waren. Nun kümmert sie sich um das Management ihrer Tochter. Angelinas Onkel ist der Musiker Chip Taylor. Er hat einst den Troggs die Worte für «Wild Thing» geschrieben, den legendären Sexheuler der Sechzigerjahre. Angelina Jolie Voight war einiges in die Wiege gelegt worden. Das kann auch zur Last werden. Als sie, zwölfjährig, in das Lee Strasberg Theatre Institute eintrat, liess sie den Familiennamen fallen, weil er «meiner Karriere im Weg gestanden hätte». Zwölf Jahre später, nach einem Golden Globe für ihre Rolle als lesbisches, drogensüchtiges Supermodel im TV-Drama «Gia» und ein paar beeindruckenden Leinwandauftritten, bereitet sich Jon Voight darauf vor, «nur noch als Vater von Angelina bekannt zu sein».
Anfang Dezember kommt Jolie mit dem Beziehungsdrama «Playing by Heart» in die Schweizer Kinos. Sie verkörpert darin eine unaufhörlich quasselnde Discomieze, die einem introvertierten Schönling verfällt. Im Film suchen dazu gefeierte Schauspielerinnen wie Gena Rowlands, Ellen Burstyn, Gillian Anderson und Madeleine Stowe nach der wahren Liebe. Angelina Jolie spielt sie alle an die Wand. «Kontrollierten Irrsinn», nennt sie ihre Technik, die mehr geleitet sei von «Instinkt» denn von «Methode».
Angelina Jolie hasst ihren Namen. Er bedeutet «hübsches Engelchen». Sie ist viel lieber die punkige Antithese zu den properen All American Girls wie Reese Witherspoon, Sarah Michelle Gellar oder Neve Campbell. Die stürmen mit Teenagerkomödien und Horrorfilmen die Kinos, planen daneben brav ihre Karrieren und würden nie einen politisch unkorrekten Satz absondern.
Angelina Jolie sammelt leidenschaftlich Stichwaffen und sagt Dinge wie: «Du bist jung, du bist betrunken, du liegst im Bett, du hast ein Messer; shit happens.» Mit 21 Jahren ehelichte sie Jonny Lee Miller, den «Sick Boy» aus der Heroinsaga «Trainspotting». Seinen Namen schrieb sie mit ihrem eigenen Blut auf das weisse T-Shirt, das sie zur Hochzeitsfeier trug. Die Ehe dauerte ein Jahr.
Jolie ist Hollywoods Antwort auf europäische Schauspielerinnen wie Romane Bohringer, Charlotte Gainsbourg und Asia Argento, die auch keine Angst vor schwierigen, hie und da Nacktheit fordernden Rollen haben. Romanes Vater ist der Schauspieler Richard Bohringer, Asias Erzeuger der italienische Horrorfilm-Regisseur Dario Argento, Charlottes Eltern sind die Actrice Jane Birkin und der Chansonnier Serge Gainsbourg.
Schauspielernde Töchter berühmter Filmschaffender sind nichts Aussergewöhnliches. In Hollywood treten sie gar inflationär auf. Bridget Fonda («A Simple Plan») ist die Tochter von Peter Fonda («Easy Rider»). Mira Sorvino (Oscar für «Mighty Aphrodite») gehört zu Paul Sorvino («Goodfellas»). Melanie Griffiths («Working Girl») Mutter ist Tippi Hedren, Alfred Hitchcocks Lieblingsblondine aus «Birds» und «Marnie». Die Eltern von Gwyneth Paltrow (Oscar für «Shakespeare in Love») sind Regisseur Bruce Paltrow und Schauspielerin Blythe Danner («Forces of Nature»). Jessica Capshaw spielte neben Mutter Kate Capshaw in «The Love Letter» mit. Stiefvater Steven Spielberg produzierte den Film. Drew Barrymores («E.T.») Stammbaum umfasst halb Hollywood. Steven Spielberg ist ihr «Götti».
Vor allem Regie führende Väter neigen dazu, Filme mit ihren Töchtern zu veredeln. Alfred Hitchcock gab Patricia in «Stage Fright», «Strangers on a Train» und «Psycho» eine Rolle. Sie hatte nie vor, Schauspielerin zu werden, geschweige denn zu bleiben. John Huston verpflichtete die damals 17-jährige Anjelica für «A Walk With Love and Death». Anjelica empfand den Dreh als «sehr unglückliche Zeit» und stand während acht Jahren nie mehr vor die Kamera. 1985 erhielt sie für ihre Nebenrolle in Vaters Film «Prizzi’s Honor» den Oscar.
Weniger erfolgreich war Sofia Coppola. Sie spielte auf Befehl ihres Vaters Francis Ford in «The Godfather Part III» als Mary Corleone die Schlüsselrolle. Ihr Auftritt war desaströs. «Coppola hat seinen Film mit seiner Tochter ruiniert», schrieb die «New York Post». Sofia spielte noch in einigen Filmen mit und wechselte vergangenes Jahr ins Regiefach. Alison Eastwood war zwölf Jahre alt, als sie in «Tightrope» die Tochter ihres Vaters Clint spielte. Er stellte im Thriller einen Polizisten dar, der einen Serienkiller verfolgt und entdeckt, dass sie beide dem gleichen bizarren Sex frönen. Alison stolperte eines Tages durch den Drehort, als ihr Vater, der auch Regie führte, gerade oralen Sex simulierte.
Aus der Bahn geworfen hat das Alison Eastwood nicht. Vorerst aber wurde sie Fotomodell und Theaterschauspielerin. Dreizehn Jahre später, 1997, sprach sie für «Midnight in the Garden of Good and Evil» vor. Der Regisseur hiess Eastwood. Seine Tochter erhielt den Part.
Jamie Lee Curtis’ Vater ist Toni Curtis («Some Like it Hot»), ihre Mutter Janet Leigh («Psycho»). Als Jamie «Love Letters» drehte, kam ihr Vater mit der Freundin unter dem Arm vorbei. Sie war ein paar Jahre jünger als die damals 25-jährige Jamie. Nicht nur deshalb betrachtet Lee Curtis Hollywood eher zynisch. Martin Scorsese schliesslich brachte Domenica in «Cape Fear» und «Age of Innocence» unter. Die Tochter des Meis-terregisseurs hat ein paar weitere, aber unbedeutende Filme gedreht.
Die meisten der Töchter haben einiges gemeinsam mit Angelina Jolie. Auch ihre Eltern liessen sich scheiden, als sie noch Kinder waren. Sie wuchsen bei ihren Müttern auf, die meist von einer Laufbahn als Schauspielerin abrieten. Und den Vorwurf, Vetternwirtschaft habe ihre Karrieren ermöglicht, konnten sie nur durch gute Leistungen in anständigen Filmen verscheuchen.
Nicht jeder gelang das. Jessica Capshaw, Domenica Cameron-Scorsese und Alison Eastwood konnten bisher nicht überzeugen. Anjelica Huston indes, Asia Argento, Romane Bohringer, Jamie Lee Curtis, Bridget Fonda, Melanie Griffith, Mira Sorvino, Gwyneth Paltrow und Drew Barrymore bewiesen überdurchschnittliches Talent.
Die grösste Karriere freilich wird Angelina Jolie prophezeit. «Ich habe nie mehr ein solches Potenzial in einer jungen Schauspielerin gesehen, seit ich mit Nicole Kidman Dead Calm drehte», sagt der australische Regisseur Phillip Noyce. Er inszenierte mit Jolie «The Bone Collector», einen Thriller über einen Serienmörder, neben dem Hannibal Lecter, hört man aus den USA, wie ein Vegetarier wirken soll. Jolie spielt eine Polizistin, die von ihrem gelähmten Partner (Denzel Washington) an die schrecklichen Tatorte dirigiert wird. In «Girl, Interrupted» verkörpert Jolie neben Winona Ryder eine Psychopathin. Regisseur James Mangold («Cop Land») hatte lange nach einer Schauspielerin gesucht, die «gefährlich wirkt, redegewandt und eine Art erotischer, weiblicher Robert De Niro ist». Als Jolie bei ihm vorsprach, habe er sich gefühlt, als ob ihm «Gott ein Geschenk geschickt hätte».
In «Pushing Tin» schliesslich, dem dritten, 1999 gedrehten Film, ist Jolie die Frau eines waghalsigen Fluglotsen. Sie ist verführerisch, durchtrieben und melancholisch zugleich. «Ich möchte sie nicht mit hoher Erwartung belasten», sagt Regisseur Mike Newell («Four Weddings and a Funeral»), «aber Angelina hat die Präsenz eines grossen Stars.»
Ihre Rollen versteht Jolie als kultische Läuterung ihrer leidenschaftlichen Seele, als eine Art Psychoanalyse «on the job». «Mit jeder Rolle lerne ich mich besser kennen», sagt sie. Auf die Couch legt sie sich nicht mehr. Ihre Therapeutin verkürzte alle ihre Probleme auf das Verhältnis zum Vater. Eines Tages ging Jolie in die Therapie und schwindelte, sie hätte im Traum ihren Vater erstochen. Die Analytikerin war begeistert: «Jetzt sehen wir Licht am Ende des Tunnels.»
Es war das Ende für die Therapeutin. Nicht aber für die Therapie. Angelina Jolie hat eben «Gone in Sixty Seconds» mit Nicolas Cage und «Dancing in the Dark» mit Viggo Mortensen gedreht, einen Actionfilm und einen Thriller.