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Die Fakten: Heute werden die neuen Bundesräte in ihrer Heimat gefeiert. Rösti in Kandersteg und Uetendorf, Baume-Schneider in Delsberg und Les Breuleux. Warum das wichtig ist: Rösti, Baume-Schneider, ja selbst Parmelin stammen aus dem alten Bern. Die einst grösste Stadtrepublik nördlich der Alpen beherrscht noch immer die Schweiz. In seinem wunderbaren Buch «25mal die Schweiz», wo er jeden Kanton porträtiert, vergleicht der Basler Journalist Fritz René Allemann den Kanton Bern mit Preussen.
- Denn ähnlich wie Preussen das deutsche Kaiserreich (1871-1918) – so prägte das alte Bern die Eidgenossenschaft. Der Kanton, dem bis 1798 auch das Waadtland und der westliche Aargau gehörten, umfasste einen Drittel des ganzen Landes. An Bern kam niemand vorbei
- Er war eine «Grossmacht in der Eidgenossenschaft», hielt Allemann fest
- Und geradeso wie Preussen war Bern in erster Linie ein Staat, wo der Staat die Dinge in die Hand nahm, damit es dem Staat und seinen Untertanen auch gut ging
Im 18. Jahrhundert wurde die «Respublica Bernensis» deshalb in ganz Europa bewundert. Nirgendwo, so hiess es, werde besser und fairer verwaltet, nirgendwo wirtschafte der Staat sparsamer und vernünftiger, nirgendwo seien die Bauern (und übrigen Menschen) deshalb glücklicher. Gilbert Burnet, ein englischer Besucher, kam 1688 zum Schluss:
«Die Berner Bauern, die man überall wohl ausgestattet sieht, sind reich, insbesondere im deutschen Teil der Republik. Und wie sollten sie es auch nicht sein? Sie zahlen dem Staat kaum Steuern, und ihre Felder sind unvergleichlich fruchtbar, sie tragen mehr Früchte, als man beschreiben kann»
Tatsächlich setzten jene wenigen Familien, die den Berner Staat damals wie ein Privatunternehmen steuerten: die berühmten, sich aristokratisch gebenden Bernburger vor allen Dingen auf die Landwirtschaft. Wenn die Bauern gut lebten, dann lebten auch sie gut, die selber oft ein ansehnliches Landgut ausserhalb der Stadt besassen.
- Handel? Galt in diesen naserümpfenden Kreisen als nicht satisfaktionsfähig
- Industrie? Um Himmels Willen. Es war einem Bernburger gar verboten, sich im Kapitalismus zu betätigen
«Syt Dir öpper oder nämet Dir Lohn?», fragte Elisabeth de Meuron-von Tscharner (1882-1980) jeweils ihre neuen Bekanntschaften, sie war eine Bernburgerin, die schon zu Lebzeiten als Karikatur ihrer Klasse gegolten hatte. Wenn ausserhalb der Landwirtschaft eine Aufgabe in Frage kam, dann einzig der Staatsdienst und die Armee, später allenfalls die Diplomatie. Von Graffenried, von Wattenwyl, von Erlach das klang nach Adel, selbst, wenn es das streng genommen nicht war. Gewiss, man arbeitete hart, wenn auch mit Bedacht, schliesslich waren die Berner besonders strenge Protestanten, aber mit dem Geld verdienen hatte man es nicht so. Man war bereits reich. Warum diese ungesunde Hast?
Inzwischen ist der mächtige Kanton Bern arm geworden. Nur dank finanzieller Hilfe aus Zürich, Zug oder Basel-Stadt kommt er über die Runden, – aber mächtig ist er geblieben. Wer daran noch Zweifel hatte, der wurde vor einer Woche an den Bunderatswahlen eines Besseren belehrt. Es wurden gewählt:
- Albert Rösti von Kandersteg, Berner Oberland
- Elisabeth Baume-Schneider aus Les Breuleux aus dem Kanton Jura, der von 1815-1978 ebenfalls Teil von Bern gewesen war, ihre Grosseltern stammen überdies aus dem Berner Seeland
Wenn wir darüber hinaus Guy Parmelin aus Bursins im Waadtland hinzunehmen, das von 1536 bis 1798 zu Bern gehört hat, dann sitzen jetzt drei Berner im Bundesrat. Hat da jemand etwas von «angemessener Vertretung» der Landesgegenden und Sprachregionen gesagt? (Bundesverfassung, Art. 175 Ziff. 4) Drei Berner (wenn auch alle aus ehemaligen Untertanengebieten). Gewiss, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Zeitweise war Bern ganz aus dem Bundesrat verschwunden, meistens blieb es bei einem Vertreter, und doch hat es etwas Faszinierendes, wie übermächtig sich die Geschichte unseres Landes manchmal wieder vernehmen lässt. Es rauschen die Jahrhunderte im Untergrund wie Urzeitströme. Das fängt schon mit dem Dialekt an. Berndeutsch. Ein linguistisches Wunder der Herrschaftsausübung. Wenn Rösti spricht, klingt er wie ein Bundesrat, bevor er überhaupt gewählt worden ist. Ob St. Galler, Aargauer oder Zürcher: Nie klingen sie in ihren Dialekten so staatlich, nie so selbstbewusst oder selbstgerecht, nie so paternalistisch. Die meisten Berner, so behauptete der einstige Staatsschreiber Gottlieb Thormann, wünsche «nicht zu regieren, sondern vielmehr mit den mindest möglichen Beschwerden regiert zu werden.» Das sagte Thormann kurz vor dem Untergang des alten Berns – und doch stimmt es immer noch. Wenn es eine Obrigkeit gibt in der Schweiz, dann redet sie Berndeutsch und residiert in ehemaligen Landvogteischlössern. Woran liegt es, dass Bern und Macht so eng verknüpft sind?
An der Geschichte von Bern. Kein Kanton, ja kaum eine Stadt in Europa, hat sich über die Jahrhunderte weg dermassen entschlossen ausgedehnt, Territorien unterworfen, strategische Räume besetzt, expandiert um des Expandierens willen. Nie aus wirtschaftlichen Gründen, das kümmerte die Herren von Bern wenig, sondern stets aus politischen. Bern ist ein Produkt des Politischen und Militärischen – womit es für die ganze Schweiz steht, zu deren Entstehung Bern einen so unverzichtbaren Beitrag geleistet hat. Von einer «Grossmacht» spricht Allemann, und trotz des wirtschaftlichen Niedergangs ist das Bern nach wie vor in der Eidgenossenschaft. Deshalb haben wir jetzt drei Berner in der Regierung (wenn ich auch zugebe: recht frivol definiert) – weil selbst nach Jahrhunderten die eidgenössischen Parlamentarier den wie selbstverständlichen Machtanspruch der Berner hinnahmen – ob unbewusst oder nicht. Hätten sie je drei Zürcher oder drei Solothurner gewählt? Eben. Das Land habe den Bundesrat erobert – auf Kosten der Städte, hiess es. Mumpitz. Bern hat die Eidgenossenschaft wieder einmal übernommen. Ob das gut kommt? Vorsicht ist angebracht. Es gibt einen Grund, warum Bern heute eine Milliarde Franken aus dem Finanzausgleich bezieht: Selbstgefälligkeit. Daran könnte auch dieser neue Bundesrat scheitern. Oder wie Carl Friedrich von Steiger, natürlich ein Bernburger, 1786 über seine Berner schrieb:
«Verdient je ein Volk um seiner Wohlfahrt beneidet zu werden, gewiss so sind wir es. Wir leben unter der gelindesten Regierung. Kein Staat vielleicht zehrt weniger Vorteil von seinen Gliedern; keine Untertanen geniessen mehr von dem Staat. Was andere dem Landesherrn bezahlen müssen, wird bei uns zwischen Nutzen und Vergnügen geteilt.» Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag Markus Somm