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Dieses Jahr feiert man das Jubiläum des Naturforschers und Kulturwissenschaftlers Alexander von Humboldt – er lebte von 1769 bis 1859 und würde am 14. September somit 250 Jahre alt. Was bringen solche Jubiläumsjahre grundsätzlich? Ist es nicht einfach überflüssiger Personenkult, eine Person ein Jahr lang mit diversen Festivitäten und Feuilletonartikeln zu feiern? Oder kann man ein Jubiläum einer historischen Person auch zum Anlass nehmen, eine Brücke in andere Zeiten zu bauen, um damalige Weltvorstellungen und Missstände zu reflektieren und sich anzuschauen, wie die gefeierte Person damit umging? Bei Alexander von Humboldt lohnt sich das auf jeden Fall. Der Wissenschaftler erlebte das sogenannte «Age of Revolution», also das Zeitalter zahlreicher Revolutionen und Umbrüche, gänzlich mit: Während der Französischen Revolution 1789 war er 20 Jahre alt, im Alter von 80 wurde er Zeitzeuge der Märzrevolution. Wer war diese Person denn eigentlich? Obwohl er zu seiner Zeit weltberühmt war, kennen viele heute nur noch die Humboldtpinguine, den Humboldtstrom oder nach ihm benannte Universitäten und Strassen. So gibt es auch in Bern die Humboldtstrasse unweit des Breitenrain. Ein Blick auf Humboldts Leben und Schaffen zeigt aber, dass viel mehr hinter diesem Menschen steckt, als blosser Namensgeber zu sein.
Wer war Alexander von Humboldt?
Berühmt wurde Humboldt durch seine beiden grossen Forschungsreisen, 1799–1804 in die südamerikanischen Tropen und 1829 in die sibirische Tundra. Sein Blick auf die Natur war dabei so rastlos und vielseitig wie die Epoche, in der er lebte. Sein immenser Wissensdurst, der bereits in der Kindheit einsetzte, machte ihn zu einem Gelehrten, der in über 30 verschiedenen Wissensfeldern forschte: von naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Geologie, Physik, Botanik oder Zoologie über Sozialwissenschaften wie Bevölkerungsstatistiken und Ökonomie bis hin zu Geisteswissenschaften wie Sprachforschung und Geschichte. Im Gegensatz zu Schreibtischgelehrten erforschte Humboldt die meisten dieser Fächer in freier Natur und in der Gesellschaft, insbesondere während seiner Amerikareise: Er beschrieb als einer der ersten die Flora und Fauna im Landesinneren Südamerikas, während sich seine kolonialen Zeitgenossen für den Handel nur an den Küsten aufhielten. Er veröffentlichte Bevölkerungsstatistiken der spanischen Kolonien und schrieb Manifeste gegen die Sklaverei auf der Insel Kuba. Und er begegnete den indigenen Bewohner*innen Lateinamerikas nicht mit einem überheblichen eurozentrischen Blick, sondern interessierte sich für ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Brauchtümer. Dies zeigt sich unter anderem in seiner zoologischen Forschung, denn er betrachtete die Tiere immer im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung und in der Interaktion mit dem Menschen. Tierforschung in Europa war im ausgehenden 18. Jahrhundert – also zu dem Zeitpunkt, als Humboldt zu seiner Amerikareise aufbrach – ein seltenes Privileg. Gerade «exotische» Tieren aus anderen Kontinenten bekam man nur in elitären Kreisen zu sehen; in höfischen Menagerien und zoologischen Gärten, die für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Dies verzerrte auch den Blick der Forschung: Die Tierbeobachtung fand nur an einzelnen verschleppten Tieren statt, die sich in Gefangenschaft befanden und deren Verhalten somit nicht natürlich war. Anders als zeitgenössische Zoologen wollte Humboldt die Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen studieren und begann sich somit erst intensiver mit Zoologie zu beschäftigen, als er in Südamerika angekommen war. In den Sümpfen und Wäldern um den Amazonas und Orinoco untersuchte er von Affen über Bienen, Moskitos, Kondore, Krokodile, Seekühe bis hin zu elektrischen Zitteraalen fast alle Tiere, die seine Reiseroute kreuzten. Folgende zwei Tierbeschreibungen können einen Eindruck geben, auf welche Weise Humboldt vor über 200 Jahren forschte und wie er mit seiner Forschung subtil koloniale Weltbilder in Frage stellte.
Zitteraale
In Europa kannte man die Zitteraale höchstens als Jahrmarktsattraktion: Im Jahre 1776 verschiffte der britische Kapitän Georg Baker fünf Zitteraale aus Südamerika lebend nach London. Er stellte sie als Attraktion auf Londoner Märkten aus und führte gegen Bezahlung die elektrischen Schläge der Tiere vor, die als übernatürliche und magische Kräfte gedeutet wurden. Es war eine typische Vorstellung europäischer Kolonialreisender, dass «exotische» Tiere Superkräfte hatten und viel bunter, viel grösser und viel gefährlicher waren, als dies in der Realität der Fall war. Als Alexander von Humboldt Amerika bereiste und die Zitteraale in ihrem Lebensraum erforschte, hatte er Gelegenheit, den angeblich magischen Kräften wissenschaftlich auf den Grund zu gehen: In Forschungsberichten beschrieb er detailliert, welche physiologischen und anatomischen Vorgänge hinter den elektrischen Schlägen stecken. An den Sümpfen nahe des Flusses Orinoco erfuhr Humboldt von der aussergewöhnlichen einheimischen Jagdmethode: Pferde werden in die Sümpfe getrieben, damit die Aale sich mit elektrischen Schlägen verteidigen und schliesslich entladen. Humboldt erforschte so, dass die Kräfte dieser Tiere nicht endlos und übernatürlich sind, wie in Europa propagiert wurde, sondern sie sich erschöpfen und wieder neu aufladen müssen. An dieses Wissen konnte er nur gelangen, weil er sich mit den indigenen Bewohner*innen Lateinamerikas austauschte, sich in ihre Lebenswelt hineindachte und ihnen auf Augenhöhe begegnete.
Krokodile
Dass Tiere, Menschen und Pflanzen in den Tropen viel grösser, furchteinflössender und monströser als ihre Artgenossen in Europa sind, war das eine koloniale Gerücht. Es gab aber auch die gegenteilige Annahme: Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts herrschte unter einigen Gelehrten – so zum Beispiel beim Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel – die These vor, dass der amerikanische Kontinent als «Neue Welt» dem europäischen in jeder Hinsicht unterlegen sei. Das lasse sich an den menschlichen Kulturgütern ebenso ablesen wie an der Geologie und der Pflanzen- und Tierwelt – etwa an der Grösse der Tiere. Durch Vermessungen der Tiere auf seiner Forschungsreise wies Alexander von Humboldt ihre wahren Grössen nach und erkannte zum Beispiel, dass der Andenkondor viel kleiner und ungefährlicher ist als in der Forschungsliteratur bislang beschrieben. Einige Jahre nach seiner Rückkehr aus Amerika machte er sich in einem Brief über die «schwachen kraftlosen (leider 25 Fuß langen)» Krokodile in Hegels Beschreibungen lustig. Humboldts Einsicht in die Ebenbürtigkeit des vermeintlich unterentwickelten Kontinents zeigt sich zudem in einer Publikation in der Neuen Berlinischen Monatschrift, dem bedeutendsten Forum der deutschen Aufklärung. Hier hebt Humboldt die fortschrittliche Medizin der indigenen Bevölkerung hervor. Nämlich beschrieb er, wie einem jungen Mädchen in der venezolanischen Stadt Uritucu von einem Krokodil der Arm abgebissen wurde, und lobte dabei die «Geschicklichkeit der Indianer bei der Heilung dieser gefährlichen Wunde». Die Operation sei so erfolgreich verlaufen, «als wenn der Arm in Paris abgelöset und die Pazientinn dort behandelt worden wäre». Mit solchen aufklärerischen und skeptischen Texten ging Humboldt gegen die Vorurteile an, die die Indigenen als wild, barbarisch und rückständig bezeichneten.
Humboldts Blick auf die bereiste Welt
Will man also das Jubiläumsjahr Humboldts zum Anlass nehmen, etwas aus der Vergangenheit zu lernen, dann könnten wir damit unsere eigene Art und Weise des Reisens kritisch reflektieren: Auch heute treten wir Reisen mit voreingenommenem Blick an, haben durch Reportagen, Dokus und Bilderflut zu klare Vorstellungen davon, was uns auf einem anderen Kontinent erwarten soll. Die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Europa und anderen Weltteilen, die Humboldt hinterfragte, bestehen bis in die heutige Zeit fort. Mit unseren eigenen Reisen und vor allem den Berichten und Fotos nach unserer Rückkehr können wir immerhin bescheiden dazu beitragen, am auch heute noch bestehenden Eurozentrismus zu rütteln und die überlegene Haltung zu hinterfragen. Humboldt wurde mit der Publikation seiner Forschung zu einem kritischen Zeitgenossen und löste damit im «Age of Revolution» mehrere kleine Revolutionen im starren Denkgefüge aus – heute ist das genauso nötig wie damals.