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Studierende im Internet
Studierende können viele Aufgaben gleichzeitig erledigen, wobei sich schnell durch Websites bewegen und oft das Ziel übersehen, wegen dem sie gekommen waren. Sie schwärmen für soziale Medien, aber reservieren sie für private Unterhaltungen. Firmen-Websites besuchen sie auf dem Weg über Suchmaschinen.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 15.12.2010
Studierende sind eine wichtige Zielgruppe für viele Websites. Sie sind jung, verkehren in Städten, geben alles Geld aus, das sie besitzen (oft online) und suchen häufig nach Informationen aller Art. Auf jeden Fall sind sie eine Online-Generation und verbringen - oder verschwenden - sehr viel Zeit im Internet.
Nutzerforschung
Um zu erfahren, wie studierende Websites nutzen, haben wir beobachtende Forschung mit 43 Studierenden in vier Ländern (Australien, Deutschland, Grossbritannien und den USA) durchgeführt. Die Teilnehmer waren zwischen 18 und 24 Jahre alt, es waren 18 Männer und 25 Frauen. Unsere Testteilnehmer gehörten den folgenden Bildungseinrichtungen an:
- Freie Universität Berlin
- Humboldt-Universität zu Berlin
- Miramar College
- Mesa Community College
- San Diego State University
- Southwestern College
- Thames Valley University
- University of California, San Diego
- University of London
- University of Reading
- University of Sydney
- University of Wisconsin
Wir haben Studierende aus zahlreichen Fakultäten getestet - unter anderem Wirtschaft, Ingenieurwissenschaften, Geisteswissenschaften, Medizin und Naturwissenschaften -, sowohl im Vorstudium (Bachelor-Studium) als auch im Hauptstudium (Master-Studium). Die meisten waren Vollzeit-Studenten, ein paar waren Teilzeit-Studenten.
Wir haben zwei verschiedene Forschungsmethoden benutzt:
1. Nutzertests: Wir haben die Teilnehmer gebeten, Aufgaben zu lösen und dabei laut zu denken. Diese Tests wurden als Einzelsitzungen in einem Konferenzraum durchgeführt, wobei der Studienleiter neben dem Studenten sass. Bei den Sitzungen gab es zwei Arten von Aufgaben:
- Aufgaben mit offenem Ende, die in der Regel auf den eigenen Aktivitäten des Nutzers basierten. Bei diesen Aufgaben konnten die Nutzer zu einer beliebigen Website ihrer Wahl gehen. Aufgabenbeispiele:
- Finden Sie heraus, wie man ein Studentenvisum bekommt.
- Finden Sie die Zulassungsvoraussetzungen für ein Jurastudium heraus.
- Website-spezifische Aufgaben. Die Nutzer wurden gebeten, zu einer bestimmten Webseite zu gehen und dort eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Beispiele:
- Für Ihr neues Apartment sind eine Menge Dinge zu klären, darunter die Anmeldung von Gas und Strom. Gehen Sie auf www.sdge.com und sehen Sie nach, was sie tun müssen, um Gas und Strom für Ihr neues Apartment anzumelden.
- Die folgenden Firmen nehmen nächste Woche an einer Jobmesse in ihrer Hochschule teil. Sie möchten mehr über die Firmen wissen, bevor sie sich dort bewerben. Sehen Sie nach, ob sie interessante Informationen über die Firmen herausfinden.
[Es folgt eine Liste von Firmen-Websites.]
- [Auf der Website der Hochschule] Finden Sie heraus, wann das Sommersemester anfängt. Finden Sie die Öffnungszeiten des Buchladens.
- Bei Ihrem Freund wurde gerade Asthma diagnostiziert. Er hat Atemprobleme, wenn er an Übungen sitzt. Sein Arzt sagt, es gebe verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Gehen Sie auf www.advair.com und www.mysymbicort.com und schauen Sie nach, ob sie dort Informationen finden, die Sie an Ihrem Freund weiterleiten können.
2. Aufzeichnungen zu Hause: Die Teilnehmer haben zwei Tage lang alle ihre Online-Aktivitäten mittels einer Software für Bildschirm-Aufnahmen aufgezeichnet und uns eine Festplatte mit den entstandenen Dateien zugeschickt. Durch diesen Ansatz haben wir Einsichten in den Nutzungskontext der Studierenden gewonnen.
Insgesamt haben die Studierenden 217 Websites getestet, von Aaron Dunlap über AC Lens, Legoland, Lexmark und Yelp bis zum Youth Speak Collective. Dabei sind sowohl die Websites mitgezählt, wie wir für Website-spezifische Aufgaben ausgesucht hatten, als auch die, die die Nutzer nach eigener Wahl aufgesucht haben.
Mythen über die Internet-Nutzung durch Studierende
Unsere Forschung hat drei der häufigsten Behauptungen über die Internet-Nutzung durch Studierende widerlegt.
Mythos Nummer 1: Studenten sind Technik-Zauberer
Studierende sind in der Tat mit neuen Techniken gut vertraut: Sie lassen sich davon nicht in der Weise einschüchtern wie einige ältere Nutzer. Aber, abgesehen von Informatik-Studenten und anderen Studierenden der Ingenieurwissenschaften, ist die Annahme gefährlich, Studierende seien Technik-Experten.
Studierende vermeiden Web-Elemente, die ihnen unbekannt vorkommen, aus Angst, Zeit zu verschwenden. Studierende haben wenig Zeit und gönnen sich deshalb auch auf einzelnen Websites nur wenig Zeit. Sie überspringen Bereiche, die ihnen in der Nutzung zu schwierig oder zu umständlich vorkommen. Wenn sie keinen sofortigen Gewinn für ihre Bemühungen erwarten können, klicken sie weder einen Link an, noch korrigieren sie einen Fehler, noch lesen sie detaillierte Anleitungen.
Insbesondere mögen Studenten es nicht, wenn sie einen neuen Typ von Nutzeroberfläche erlernen sollen. Sie bevorzugen Websites, die auf altbekannte Interaktionsmuster zurückgreifen. Wenn eine Website nicht in der erwarteten Weise funktioniert, verlieren die meisten Studierenden die Geduld und verlassen sie lieber, als ein schwieriges Design zu entschlüsseln.
Mythos Nummer 2: Studenten schwärmen für Multimedia und abgefahrene Designs
Studenten schätzen oft Multimedia-Anwendungen und besuchen sicher gerne Websites wie YouTube. Aber sie möchten nicht die ganze Zeit mit Filmen und Klängen eingedeckt werden.
Eine der Websites startete automatisch eine Musik, aber die Studentin, die sie nutzte, hat das sofort abgeschaltet. Sie sagte dazu: "Das ist ja eine blöde Website. Sie springt. Sie spielt das von alleine ab. Ich möchte das nicht länger hören."
Studenten beurteilen eine Website oft danach, wie sie aussieht. Aber gewöhnlich ziehen sie Websites, die klar und einfach aussehen, solchen vor, die flackern und wimmeln. Ein Nutzer sagte, Websites sollten sich "an ein einfaches Design halten, aber nicht altmodisch sein. Klare Menüs, nicht zu viel, was blinkt und sich bewegt, weil einen das ziemlich verwirren kann."
Studierende stehen nicht auf abgefahrene Visuals, und sie neigen definitiv zu einer sehr übersichtlichen Nutzeroberfläche: der Suchmaschine. Studierende arbeiten stark suchmaschinenorientiert und greifen bei der kleinsten Schwierigkeit in einer Navigation auf die Suchfunktion zurück.
Mythos Nummer 3: Studenten sind Feuer und Flamme für soziale Netzwerke
Sicher: So gut wie alle Studierende haben immer ein oder zwei Tabs mit sozialen Netzwerkdiensten wie Facebook offen.
Aber das heisst nicht, dass sie wollen, dass sich alles nur noch im sozialen Netzwerk abspielt. Studierende assoziieren Facebook und ähnliche Dienste mit privaten Diskussionen und nicht mit Firmenmarketing. Wenn Studierende etwas über eine Firma, Hochschule, Behörde oder gemeinnützige Organisation wissen wollen, gehen sie über Suchmaschinen, um die offizielle Website der Organisation zu finden. Sie suchen nicht nach der Facebook-Seite der Organisation.
Teenager im Vergleich mit Studierenden
Einige der Mythen, die diese Studie demontiert hat, sind den Mythen ähnlich, die wir mit der Studie über die Internetnutzung durch Teenager widerlegt haben. Der Gedanke ist verführerisch, die Richtlinien für das Webdesign für Teenager könnten auch für Studierende passen - zumal die jüngeren Studenten tatsächlich noch
"Teenager" sind in dem Sinne, dass ihre Altersangabe auf "zehn" endet.
Aber wenn es um Usability-Studien und Design-Richtlinien geht, umfasst unsere Teenager-Definition nur die Altersgruppen der 13-18-Jährigen. Studierende im Alter von 18 bis 24 sind eine andere Gruppe, für die andere Richtlinien erforderlich sind, weil sie andere Verhaltensweisen an den Tag legen als die von uns untersuchten Teens.
Arbeit oder Spiel
Teenager bevorzugen Websites mit dynamischen und mitreissenden interaktiven Elementen wie Quizfragen und Spielen. Sie mögen Websites, auf denen sie Spass haben.
Studierende sind viel stärker zielgerichtet. Sie mögen Interaktivität nur dann, wenn sie dem Zweck und den Aufgaben dient, die sie gerade verfolgen. Auf Hochschulebene trennen die Nutzer zwischen Arbeit und Spiel und brauchen nicht ständig Websites, die sie unterhalten. Stattdessen betrachten Studenten Websites als Werkzeuge. Eine gute Website erkennen sie daran, dass sie ihnen hilft, ihre Ziele schnell zu erreichen.
Lesen
Teenager sind schlechte Leser und wünschen sich, dass Websites ihre wesentlichen Inhalte in bildlicher Form anbieten, damit sie möglichst nichts lesen müssen. Studierende sind Vielleser und können mit niveauvolleren Texten umgehen. Das heisst allerdings nicht, dass sie gerne lange Texte lesen. Genau wie andere Erwachsene mit guten Lesefähigkeiten wie zum Beispiel Geschäftsleute bevorzugen Studenten Websites, die man leicht überfliegen kann und die sie nicht mit einer grauen Textmauer einschüchtern.
Lesen Sie, was ein Student über die Website der US National Science Foundation [der Nationalen Stiftung für Naturwissenschaften] gesagt hat: "Das ist eine Menge Text. Die Website ist sehr überladen. Es ist wirklich schwer, hier etwas zu finden, das mir nützen wird." Und den Kommentar einer anderen Studentin zu Wiley Interscience: "Ich mag das nicht, wenn eine Seite so elend lang ist, sie sollte sich mehr auf ein Thema konzentrieren." Schliesslich, was eine Studentin zur Website der BBC gesagt hat, die ich einmal für ihre guten Headlines gelobt habe: "Zwischenüberschriften in langen Texten sind gut; sie brechen das auf, und man kann da einsteigen, wo man etwas Interessantes sieht."
Zwar haben Studierende normalerweise gute Lesefähigkeiten, aber das gilt nicht notwendigerweise für alle 18-24-jährigen Nutzer. Etwa 40% der Leute in diesem Alter haben schlechte Lesefähigkeiten und haben Schwierigkeiten, etwas zu lesen, das über ganz einfache Satzkonstruktionen hinausgeht. Wenn Sie also auf alle jungen Erwachsenen abzielen (und nicht nur auf Studenten), sollten Sie die Richtlinien fürs Schreiben für ein breites Zielpublikum einhalten.
Altersgemässe Inhalte
In Usability-Studien mit Kindern haben wir herausgefunden, dass die Inhalte und Nutzeroberflächen genau auf sehr spezifische Altersgruppen abgestimmt sein müssen. Was einem Siebenjährigen gefällt, kommt einem Achtjährigen oft schon zu kindisch vor.
Beim Webdesign für Studierende ist zwar eine so feine Abstimmung auf bestimmte Altersgruppen nicht nötig, aber es ist wichtig, für junge Leute zu schreiben. Sowohl beim Stil als auch bei den Themen erwarten Studierende andere Dinge als das, was ältere Zielgruppen oder graumelierte Geschäftsleute mögen. Aber seien Sie nicht zwanghaft hip. Damit scheitern Sie am Geschmackstest. Und respektieren Sie die Tatsache, dass Studierende Erwachsene sind.
Die Karrierebereiche von Unternehmens-Websites sollten eine spezielle Abteilung "Studierende" haben, wenn sie aktive Studierende oder frisch gebackene Absolventen ansprechen wollen. Inhalte, die zu jungen Leuten passen, sorgen dafür, dass sie sich dort besser willkommen fühlen, und laden sie ein, die Website durchzublättern. Wenn Sie zu formell auftreten oder nur gehobene Positionen anbieten, hat das den gegenteiligen Effekt. Ein Student hatte zum Beispiel auf der Website eines führenden Unternehmensberaters das Gefühl, "das sieht nicht so aus, als ob das für frische Absolventen in Frage kommt."
Skepsis
Die Studierenden waren genervt von Websites mit seichten Informationen. Studierende verlangen mehr Belege als Teenager.
Nicht alle Studierende glauben alles, was sie auf der ersten Website lesen, die ihnen begegnet. In der Tat wurden viele Studierende skeptisch oder zurückhaltend, wenn Websites Tiefe und Details vermissen liessen oder ihre Fragen nicht beantworteten.
Während jüngere Nutzer Werbung nicht immer als solche erkennen, haben Studierende ein scharfes Auge für Werbung und möchten nicht von Websites hereingelegt werden, die nicht klar zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung unterscheiden. Hier der Kommentar eines Studenten zur Website eHow: "Ich denke, die haben hier eine Menge Werbung, und das ärgert mich ein bisschen. Ich finde es hier manchmal schwierig zu unterscheiden, was Werbung ist und was wirklich in der Website steht."
Das bedeutet nicht, dass Studierende keinerlei Werbung mögen. In der Studie haben sie gesagt, wenn sie eine Werbung oder ein Angebot gut fanden, oder wenn sie zu ihrem aktuellen Ziel passten. Eine Studentin zum Beispiel mochte eine Mode-Werbung, weil sie "ziemlich up-to-date ist und genau das trifft, was ich mag."
Ungeachtet ihres Niveaus an genereller Skepsis litten die meisten Studierenden unter einer Google-Gläubigkeit und griffen oft unkritisch zum ersten Link auf ihrer Suchergebnisliste.
Multitasking
Die Studierenden hatten gewöhnlich viele Browser-Tabs gleichzeitig geöffnet. Wenn sie in einer Website nicht weiterkamen, sprangen sie meist in einen anderen Tab und versuchten es dort in einer anderen Website. Auch wenn sie nur mal gerade ihre Facebook-Seite checken wollten, liessen sie sich von solchen inhaltlichen Wendungen aus dem Arbeitsfluss auf der ersten Website herausreissen. Auch wenn sie später dorthin zurückkehrten, hatten sie oft eine Zeit lang Schwierigkeiten, dort wieder anzuknüpfen, wo sie zuvor stehen geblieben waren.
Die starke Neigung der Studenten zum Multitasking und ihre geringe Geduld verstärkt die Notwendigkeit von schnellen, ansprechbaren und einfachen Webdesigns. Geben Sie Studenten nicht die kleinste Entschuldigung, in ihr Facebook zu schauen, statt auf Ihrer Website zu bleiben.
Wenn die Studierenden "multitasken", tun sie das nicht wörtlich in dem Sinne, dass sie mehrere Dinge gleichzeitig täten. Vielmehr schalten sie schnell zwischen den Inhalten mehrerer offener Aufgaben hin und her, arbeiten aber zu einem gegebenen Zeitpunkt immer nur auf einer Website.
Keine nationalen Besonderheiten
Wir haben in vier Ländern auf drei Kontinenten getestet, und viele Studierende stammten aus weiteren Ländern auf weiteren Kontinenten. Es gibt keine Unterschiede bei den Usability-Ergebnissen. Im Hinblick auf die wichtigsten Webdesign-Richtlinien sind Studierende überall gleich.
Natürlich gibt es Sprachunterschiede, so dass ein lokalisiertes Design weiterhin einer einzigen weltweiten Website überlegen ist.
Ausländische Studierende haben gewöhnlich eine andere Muttersprache. Das bedeutet, sie brauchen eine einfachere Sprache als die einheimischen Nutzer. Vor allem ist es wichtig, Jargons, komplexe Ausdrücke und Satzstrukturen, Wortspiele und Redensarten zu vermeiden.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.