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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)

Zweites Buch: Vom Nützlichen
XII. Kapitel
[S. 162] Vom Nützlichen: Nicht von einem lasterhaften oder verschlossenen Menschen läßt sich Rats erholen (60—62), sondern von Männern nach Art der gottgesandten Ratgeber des Alten Bundes (63).
60. Bei Ratschlägen, die zu erholen sind, kommt nun, wie wir sehen, recht viel auf die Rechtschaffenheit des Lebens, den Vorzug der Tugenden, die Betätigung des Wohlwollens und liebenswürdige Herablassung an. Wer wollte denn in einer Pfütze Quellwasser suchen? Wer aus trübem Wasser einen Trunk verlangen? Wer glaubte dort, wo Völlerei, wo Unenthaltsamkeit herrscht, wo ein Lasterstrom sich ergießt, etwas einschlürfen zu sollen? Wer würde nicht einen unflätigen Sittenwandel verachten? Wer wollte jemand für einen nützlichen Anwalt in einer fremden Sache halten, wenn er ihn in seinem eigenen Leben als einen Nichtsnutz sieht? Wer würde nicht hinwiederum einem ruchlosen, übelwollenden und schmähsüchtigen Menschen fernbleiben, der bereit ist, einem nur Schaden zuzufügen? Wer ihm nicht mit aller Beflissenheit aus dem Wege gehen?
61. Wer aber möchte einen um hilfreichen Rat angehen, der, obschon hierzu fähig, doch schwer zugänglich ist; der denselben wie ein verschlossenes Quellwasser in sich trägt? Was nützt denn die Weisheit, die du hast, wenn du den Rat verweigerst? Bist du nicht zu bewegen, einen Rat zu erteilen, dann hast du die Quelle verschlossen, so daß sie weder anderen fließt, noch dir selbst nützt.
62. Das trifft genau auch bei dem zu, der wohl Klugheit besitzt, sie aber mit schmutzigen Lastern befleckt. Er verunreinigt das hervorquellende Wasser. Das Leben entlarvt die entartete Gesinnung. Wie könnte man denn jemand für einen trefflichen Ratgeber halten, den man sittlich minderwertig sieht? Über mich erhaben muß sein, dem ich bereitwillig trauen soll. Oder werde [S. 163] ich den für geeignet erachten, der mir einen Rat erteilt, den er sich selbst nicht gibt? Und werde ich von dem glauben, daß er sich mir schenkt, der sich selbst nicht gehört? dessen Seele Genußsucht einnimmt, Lust überwältigt, Habsucht unterjocht, Begierlichkeit beunruhigt, Furcht quält? Wie soll da Raum für Rat sein, wo kein Raum für Ruhe ist?
63. Bewunderungswürdig und verehrungswürdig ist mir der Ratgeber, wie ihn der Herr den Vätern, wenn hold gesinnt, gab, wenn beleidigt, nahm1. Ihn muß ein Ratgeber nachahmen und seine Klugheit vor Laster bewahren; denn „nichts Unreines darf über sie kommen“2.
1: Vgl. Is. 3, 3.
2: Weish. 7, 25.