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Das dreibändige Werk Philosophie (Bd. I: Philosophische Weltorientierung, Bd. II: Existenzerhellung, Bd. III: Metaphysik), von dem hier der 1. Band vorgestellt wird, gilt als Jaspers’ existenzphilosophisches Hauptwerk. Er veröffentlichte es im Dezember 1931 (es erschien mit der Jahreszahl 1932) und begründete damit seinen Ruf als bedeutendster deutscher Existenzphilosoph neben Martin Heidegger (dieser wollte allerdings seine Seins- bzw. Daseinsphilosophie, die er in dem Buch Sein und Zeit, 1928, vorgelegt hatte, selber nie als Existenzphilosophie, sondern vielmehr als Existentialontologie verstanden wissen).
Nachdem Jaspers im April 1922 zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg ernannt worden war, hatte er kein Buch mehr publiziert, sieht man von der kleinen Schrift Die Idee der Universität, 1923, ab. Viele seiner Kritiker, die schon zuvor bemängelt hatten, Jaspers sei als gelernter Psychiater und Psychologe kein ernst zu nehmender Philosoph, sahen sich durch die Publikationspause in ihrer Einschätzung bestätigt. Aus ihrer Sicht war Jaspers eine Fehlbesetzung auf einem Philosophie-Lehrstuhl. Auch das Buch Psychologie der Weltanschauungen, 1919, war kein genuin philosophisches Werk, Jaspers selber sah darin damals einen Beitrag zu einer „verstehenden Psychologie“.
Tatsächlich arbeitete Jaspers jedoch, wie er in seiner Philosophischen Autobiographie berichtet, seit 1924 an der Philosophie. Er arbeitete isoliert von seinen Fachkollegen, die als Vertreter des Neukantianismus eine Form von Philosophie betrieben, von der er selber meinte: „Die Professorenphilosophie war, wie mir schien, keine eigentliche Philosophie, sondern mit dem Anspruch, Wissenschaft zu sein, durchweg ein Erörtern von Dingen, die für die Grundfragen unseres Daseins nicht wesentlich sind.“ (Philosophische Autobiographie, 1977, 40). Über seine damalige isolierte Situation schrieb er später folgendes: „Von dem, was ich so in Vorlesungen und Seminaren brachte, wurde durch ein Jahrzehnt nichts in der Öffentlichkeit bekannt. Akademisch lebte ich in einer mir fremden Welt der Philosophieprofessoren. Was ich geistig tat, war vorsichtig und waghalsig zugleich, war das eine Mal gründlich, ein anderes Mal übermütig. Was die anderen taten, und was ich versuchte, das lief nebeneinander her, ohne sich zu berühren. Ich kämpfte nicht gegen die anderen als Gegner. Während Rickert in seinen Vorlesungen mich zum Vergnügen und manchmal auch unter Unwillen der Studenten angriff, lehrte ich, als ob die anderen akademischen Philosophen nicht da wären, griff meine Kollegen nie an. Im ganzen fühlte ich mich auf dem rechten Weg.“ (Autobiographie, 43).
Von besonderer Wichtigkeit während der Entstehungszeit seines existenzphilosophischen Hauptwerkes war nicht nur die geistige Mitarbeit seiner Frau, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit seinem Schwager Ernst Mayer (1883-1952). Dieser war schon ein Kollege beim Medizin-Studium gewesen und betrieb dann eine Arzt-Praxis in Berlin. Jaspers berichtet, dass sein Schwager beim Entstehen der Philosophie nicht nur nachträgliche Korrekturen an Manuskriptentwürfen vorgenommen, sondern unmittelbar beim Aufbau von Kapiteln und bei inhaltlichen Konzeptionen mitgewirkt hat. Wie stark die Gedankennähe zwischen beiden damals war, zeigt ein später erschienenes Buch von Ernst Mayer: Dialektik des Nichtwissens, Basel 1950. Dieses Buch bietet einen kongenialen Nachvollzug von Grundstrukturen des Jaspers’schen Denkens aus der damaligen Zeit.
In dem Band I der Philosophie, Philosophische Weltorientierung, grenzt Jaspers das philosophische Denken inhaltlich und methodisch vom wissenschaftlichen Denken ab. Er zeigt die Grenzen der Wissenschaft auf, ihr Unvermögen sich selber einen Sinn zu verleihen, sowie ihren partikularistischen Charakter. Obwohl sich die philosophische Weltorientierung jederzeit an der wissenschaftlichen Erkenntnis orientieren muss – sonst bleibt sie inhaltsleer –, öffnet sich ihr spezifischer Aufgabenbereich dort, wo die Wissenschaft scheitert. Sie richtet sich auf das Ganze des Seins als ungegenständliche Idee und auf Transzendenz. Auch der Mensch ist jederzeit mehr als er mit seinem biologischen Dasein oder als Verstandes- und Vernunftwesen (Bewusstsein überhaupt, Geist) zum Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung gemacht werden kann. Als mögliche Existenz hat er die Freiheit, sich zu sich selbst zu verhalten, und ist auf Transzendenz bezogen.
Die Methoden der philosophischen Weltorientierung sind die des Transzendierens, des Erhellens von Möglichkeiten über die Grenzen des wissenschaftlichen Denkstils hinauszudenken, sowie des Appells an den Einzelnen, sich dieser Möglichkeiten bewusst zu werden. Weiter thematisiert Jaspers in diesem Band seiner Philosophie die Problematik von dogmatisch-fixierenden, sich abschliessenden Weltorientierungen (am Beispiel von Positivismus und Idealismus), verweist auf den situativen Charakter alles Philosophierens und dessen geschichtliche Wurzeln und stellt abschliessend differenzierte Überlegungen über die Unterschiede zwischen Philosophie und Religion, Philosophie und Kunst sowie Philosophie und Wissenschaft an.
Karl Jaspers, Philosophie I. Philosophische Weltorientierung.
4. Aufl. Berlin/Heidelberg/New York: Springer-Verlag 1973.