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«Journey of a lifetime»
Was für eine Lebensreise: Albert Rey erblickte 1942 mitten im Krieg das Licht der Welt und wuchs auf dem elterlichen Bauernhof bei Muri AG auf. Nach der Heirat begannen die «Wanderjahre» von Ruth und Albert Rey-Wicki. Sesshaft wurde die Familie schliesslich in Trübbach SG.
Dass mein Geburtstag am 12. Februar 1942 auf den schmutzigen Donnerstag fiel, realisierte ich erst kürzlich. Allzu fasnächtlich und fröhlich wird die Stimmung während des Krieges wohl nicht gewesen sein. Mein Grossvater fuhr meine Mutter mit dem Schlitten durch den hohen Schnee von unserem Hof in Langenmatt hinunter nach Muri zur Geburt ins Spital. Mein Vater diente derweil als Dragoner an der Grenze im Jura. Ich sei ein «teurer Bub» gewesen, erzählte er später gern. Als ihn das Telegramm mit der Nachricht von meiner Geburt erreichte, gab er seinen Kameraden einen aus. Die Kavalleristen tranken offenbar recht viel auf seine Rechnung – wahrscheinlich aufgrund der grossen Anspannung. Damals befürchteten die Soldaten, ein deutscher Angriff auf die Schweiz stehe unmittelbar bevor.
Als dieses Foto ungefähr 1918 entstand, war mein Vater Hans fünfjährig. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Kaspar steht er an der Hand meiner Grossmutter Marie vor unserem Bauernhaus. Am Tisch klopfen mein Grossvater Kaspar und seine Brüder in ihren Sonntagskleidern einen Jass. Unter der Woche arbeiteten alle hart, da war der siebte Tag als Ruhetag fast heilig. Ob dann ausnahmsweise trotzdem gearbeitet wurde, hing vom Wetter ab. Und vom Pfarrer: Dieser gab den Bauern von der Kanzel herab die Erlaubnis, am Sonntag dringende Arbeiten zu erledigen. Im Aargauer Freiamt spielte der katholische Glaube eine wichtige Rolle.
Nur der älteste Sohn durfte heiraten
In der Generation meines Grossvaters konnte nur der älteste Sohn heiraten, für die jüngeren Brüder lagen Hochzeit und Familie finanziell nicht drin. Später übernahm mein Vater als Erstgeborener den Hof und führte ihn nach der Heirat zusammen mit meiner Mutter. 1939 kam mein Bruder Hans zur Welt und im Kriegswinter 1942 ich selbst. Meine Mutter hätte sich ein Mädchen gewünscht, da sie vor mir ein Töchterchen bei der Geburt verloren hatte, dem sie sehr nachtrauerte. Sie war auf dem Hof mit meinem Vater, meinem Grossvater, den Grossonkeln und dem Knecht abgesehen von einer Magd die einzige Frau. Neben ihrer Arbeit auf dem Hof hatte sie auch in der Küche, im Haushalt und im Garten viel zu bewältigen. Frauen sind auf einem Bauernhof enorm wichtig. 1945 erhielten wir mit Marie später doch noch ein kleines Schwesterchen.
Meine Mutter war selbst die Älteste von sechs Schwestern und nur einem Bruder und lernte deshalb früh, dass Frauen genauso hart anpacken können wie Männer. Das Foto zeigt sie als junge Frau beim Traktorfahren. Ich erinnere mich, dass sie auch ziemlich rassig Auto fuhr – mit ihr unterwegs zu sein, war immer recht abenteuerlich.
Als Selbstversorger mit Kühen, Schweinen und einem grossen Garten waren wir weder arm noch reich. Wir lebten bescheiden, wie damals üblich. Dass wir Kinder überall mithelfen mussten, war selbstverständlich. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehören die Feste in unserer Waldhütte oder die rasanten Schlittenfahrten im Winter hinunter nach Muri zur Schule – kopfvoran und bäuchlings, die Füsse eingehängt am Vorderteil des nächsten Schlittens in der Kette. Mein Platz war meist ganz vorne und ich genoss das Tempo. Nur einmal gingen bei einem solch wilden Ritt meine nagelneuen Schuhe kaputt, das gab daheim natürlich ein Donnerwetter.
Ich hatte gerade die Schule beendet, als mein Vater mit seinem Pferd einen schweren Unfall erlitt und monatelang ausfiel. So bewirtschaftete ich zusammen mit meinem Grossvater und meinen Onkeln für ein Jahr unseren Hof. Eine harte, aber auch lehrreiche Zeit für einen 15-Jährigen. Bauer wollte ich jedoch nicht werden und absolvierte eine Lehre als Feinmechaniker bei Landis & Gyr. Bis heute fuchst es mich ein bisschen, dass mir damals nur der zweitbeste Lehrabschluss im Kanton gelang…
Aus Freundschaft wird Liebe
Meine zukünftige Frau Ruth kannte ich schon als Kind, da sie ebenfalls in Muri aufwuchs. Zweimal sassen wir sogar im gleichen Klassenzimmer, zuerst bei Fräulein Emmenegger und später bei Lehrer Seiler. Später trafen wir uns im Zug wieder, als ich ins «Tech» nach Luzern pendelte. Wir redeten viel miteinander und sie begleitete mich als Tanzpartnerin an die Feste der Technikum-Studenten – alles rein freundschaftlich.
Gefunkt hat es bei uns weit weg von Muri, nämlich in New York. Ich besuchte damals einen Kollegen in Kanada. Ruth arbeitete als Kindermädchen in den USA und wir trafen uns zum Jahreswechsel 1967/68 in New York. Seit jener Silvesterparty gehören wir zusammen. Ein Jahr später verlobten wir uns aufs Jahresende und heirateten im September 1969.
Kurz darauf begannen unsere «Wanderjahre». Uns lockte die Ferne und wir reisten mit dem Schiff nach Melbourne. Australien suchte damals dringend Fachleute und wir fanden sofort Arbeitsstellen als Kauffrau und Konstrukteur. Viel Geld hatten wir nicht, aber wir waren jung, gesund und glücklich. Kontakt mit der Familie daheim hielten wir per Brief. Einen kurzen Telefonanruf konnten wir uns nur einmal im Jahr an Weihnachten leisten.
Eine unvergessliche Reise
Für die Heimreise nach zweieinhalb Jahren nahmen wir uns sechs Monate Zeit und buchten die so genannte «Journey of a lifetime», eine unvergessliche Reise. In achtzig Tagen ging es per Schiff, Zug und Flugzeug von Australien über Japan, Taiwan, Hongkong, Singapur, Indonesien, Thailand und Burma nach Nepal, wo wir meinen dreissigsten Geburtstag mit einer Rüeblitorte feierten. Weiter führte uns die Reise über Indien, Pakistan, Afghanistan, den Iran und die Türkei nach Europa. Unsere Perserteppiche im Wohnzimmern erinnern bis heute an jene Abenteuer.
Nach drei Jahren Abwesenheit kamen wir schliesslich in Buchs SG über die Schweizer Grenze. Wir planten, uns in der Heimat niederzulassen und eine Familie zu gründen. Doch meine Firma schickte mich nach Singapur, um eine neue Niederlassung aufzubauen. So packten wir wieder unsere Koffer und unsere beiden Söhne kamen in Singapur zur Welt. Erst nach acht Jahren, als die Kinder in die Schule kamen und uns das feuchtwarme Klima langsam zusetzte, kehrten wir in die Schweiz zurück.
Seit 1981 leben wir im ländlichen Trübbach in der Nähe von Sargans, anfangs ein ziemlicher Gegensatz zur Grossstadt Singapur. Der Bauernhof in der Langenmatt ist nicht mehr im Familienbesitz. Wenn wir dort vorbeifahren und mit dem Foto von 1918 vergleichen, sieht man, wie jede Generation Haus und Hof verändert hat. Ich erinnere mich an meine Zeit als Bub und staune, wie lange das unterdessen her ist.
Dem Reisen blieben wir ein Leben lang treu und waren «chli überall». Nach der Pensionierung lernten wir spanisch und ich verbrachte mehrere Wochen in einer Sprachschule in Guatemala und drei Monate als Techniker in Honduras in einem Spital, das eine Bekannte leitete. Heute reisen wir weniger abenteuerlich und bleiben in Europa. Ein spätes Glück ist unsere Enkelin, die uns die Welt nochmals mit ganz anderen Augen sehen lässt – ein wunderbares Geschenk!
Aufgezeichnet von Annegret Honegger
Lieber Albert
Wie die Zeit vergeht. Mit deinem Bericht erwachen Erinnerungen an frühere Zeiten in Muri.
Viele Grüsse
Rolf Müller
Der Bericht von Albert Rey war sehr interessant. Per Zufall machte mich ein Schuldkollege von damals , darauf aufmerksam. Zusammen mit Albert Rey ging ich in Muri AG zur Schule. Sein Lebenslauf war mir bekannt.
Ich werde mit Albert Rey Kontakt aufnehmen.
Ja, liebe Maya! Deine kurze Antwort freut mich ganz besonders! Das waren noch Zeiten als wir zusammen zum Amstutz in die Schule gingen.
Liebe Grüsse Albert
Obere Gamsabeta 19
9477 Trübbach
081 783 26 17
Hoi Albert
dein Artikel hat mich sehr gefreut. Bei Deiner Mutter habe ich an 2 Nachmittagen «Ghärdopfelt» und dabei 5 Fr. verdient. Wie war ich stolz auf mein erstes, selbstverdientes Geld!
Liebe Grüsse
Maya