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Nach der Landung des letzten amerikanischen Space Shuttles gibt es Leute, die sich fragen, ob dies das mittelfristige Ende der bemannten Raumfahrt ist. Ist da etwas dran? Und wie sähe die Alternative aus?
Mit der Landung des Space Shuttle Discovery sind die USA nun gewissermassen aus der bemannten Raumfahrt ausgestiegen. Natürlich stimmt das so nicht: Noch immer nimmt dieNASA jedes Jahr eine neue Astronautenklasse ins Training auf. Diese Astronauten werden in russischen Sojus-Kapseln zur internationalen Raumstation ISS starten, deren Betrieb zumindest bis 2020 gesichert scheint. Einige der Astronauten werden vielleicht dereinst auch mit den privat entwickelten „Weltraum-Taxis“ von Firmen wie SpaceX („Dragon“), Boeing („CST-100“), Blue Origin (Kapsel noch namenlos) oder Sierra Nevada Corp. („Dreamchaser“) zur ISS fliegen. Auch hat die NASA natürlich nach wie vor ein eigenes bemanntes Weltraumprogramm: Die Orion-Kapsel, die nun in MPCV (multi-purpose crew vehicle) umbenannt wurde, soll in zwei Jahren unbemannt, und in vier Jahren bemannt getestet werden. Sogar ein Flug auf eine freie Rückkehrbahn rund um den Mond (wie bei Apollo 8 ) ist offiziell geplant. Nun, man hat underdessen gelernt, mit solchen Ankündigungen der NASA vorsichtig zu sein: Mag sein, dass es so kommt, aber vermutlich kommt es eh anders.
Zur Zeit scheint es nämlich so zu sein, dass die NASA in immer grössere finanzielle Probleme abdriftet: Der „Hubble-Nachfolger“ JWST (James Webb Space Telescope) kostet wohl um die 9 Milliarden Dollar. Der amerikanische Kongrss hat der NASA weiter den klaren Auftrag erteilt, bis 2016 eine Schwerlast-Rakete auf der Basis von teuren Shuttle-Komponenten zu entwickeln, die allerdings vorerst kein Ziel und keine Mission hat. Darüber hinaus soll nun die NASA, wie alle Bundesbehörden, auch noch ihren Etat um 10% schrumpfen zwecks allgemeiner Gesundung der Staatsfinanzen. Die Frage stellt sich, was denn hier als erstes zusammengekürzt wird. Wenn die privaten Weltraum-Taxis erst einmal fliegen, wird es sehr schwierig werden, das MPCV zu verteidigen, zumal man sich eine Mission zu einem Asteroiden oder gar zum Mars damit ja vorerst ohnehin nicht leisten kann.
Was die privaten Raumkapseln angeht, ist auch keine Garantie gegeben, dass dieses Geschäftsmodell wirklich funktionieren wird: Diese Kapseln sind derzeit auf die Versorgung der ISS ausgelegt – wenn diese in 9 Jahren mangels Geld geschlossen würde, hätten sie kein Ziel mehr (das gilt auch für Russland). SpaceX, Boeing und Co wären dann darauf angewiesen, die Sitze in ihren Kapseln an Privatpersonen zu verkaufen: Doch wie viele Menschen können sich die mindestens 10 Millionen pro Flugticket wirklich leisten – und das wieviele Male?
Merke: Ich sage hier nicht, dass es genauso kommen wird, oder dass ich mir diese Zukunft unbedingt wünsche. Aber ich frage mich, welche Entwicklung wir im Weltraum sehen könnten, wenn sich die bemannte Weltraumfahrt auf „privater“ Basis dereinst als kurzlebiger Hype herausstellt und sogar China die bemannte Weltraumfahrt einstellt, weil sich damit kein Prestige mehr machen lässt (vielleicht heisst es ja dann plötzlich: „Menschen ins All schicken ist sowas von 20. Jahrhundert…“) und das Vorbild Amerika ausgestiegen ist.
Was in solchen Diskussionen oft vergessen geht: Es gibt auch ein unbemanntes Weltraumprogramm, und dieses ist – weltweit, bei allen Agenturen – äusserst erfolgreich. Zurzeit kreisen um alle „klassischen“ Planeten ausser Jupiter (also Merkur – MESSENGER, Venus – Venus Express, Mars – (mehrere), Saturn – Cassini) hochentwickelte, komplexe Raumsonden. Eine weitere Raumsonde (Dawn) umkreist den grossen Asteroiden Vesta, und zwei weitere sind zu Jupiter und Pluto unterwegs. Die Marsoberfläche ist mit grosser Auflösung vermessen worden, was unzählige neue Erkenntnisse über die Frühgeschichte dieses faszinierenden Planeten ans Tageslicht befördert hat. Seit ganzen sieben Jahren schon fährt der Rover Opportunity über die Oberfläche, und nächstes Jahr kommt ein Atomgetriebenes, fahrbares Laboratorium namens MSL (Mars Science Laboratory, oder auch: „Curiosity“) dazu. In den nächsten Tagen startet eine neue Mond-Mission (GRAIL), die das Gravitationsfeld des Mondes so genau vermessen soll wie nie zuvor. Russland steht kurz davor, eine neue Mission zu Phobos zu schicken, mit einer chinesischen Marssonde an Bord. Eine ganze Flotte von Weltraumteleskopen wurde in den letzten Jahren gebaut und gestartet, und viele weitere sind in Planung. Ein Weltraumteleskop (Kepler) hat bereits über 1000 Planeten um andere Sterne entdeckt: es ist eine ausserordentlich spannende Zeit!
Tatsächlich liessen sich durch ein Ende der bemannten Raumfahrt – und der dadurch frei werdenden Geldmittel – eine Menge neuer, komplexer Missionen zu den Planeten realisieren. Rund zwei Drittel des NASA-Budgets gehen heute für die bemannte Raumfahrt drauf, oder rund 10 Milliarden Dollar (diese Rechnung berücksichtig allerdings nicht, dass der Bau einer neuen Schwerlastrakete auch der unbemannten Raumfahrt zugute kommen könnte). Man bedenke: eine typische Raumfahrtmission wie Kepler kostet „nur“ etwa 400 Millionen Dollar – etwa so viel wie ein einziger Shuttlestart. Dafür bekommt man über viele Jahre wissenschaftliche Erkenntnisse, neu entwickelte Technologien, gut ausgebildete Spezialisten und – was ich für sehr wichtig halte – Inspiration für die nächste Generation.
Es gäbe einiges, was möglich würde, wenn auf bemannte Raumfahrt vorerst verzichtet würde, die Budgets aber gleichbleiben würden: Ein paar Beispiele gefällig?
Eine Mission, die Proben von der Marsoberfläche holt, würde plötzlich in realisierbare Nähe rücken. Man könnte sogar darüber nachdenken, eine ganze Serie von grundsätzlich identischen, robotischen Sonden zu verschiedenen Stellen der Oberfläche zu entsenden und zur Erde zurück zu bringen, um sie hier im Detail zu untersuchen. So könnte man Flusstäler, Vulkane, die nördliche Tiefebene und die südlichen Hochländer gezielt beproben. Auch die Marsmonde Phobos und Deimos könnten genauer untersucht werden.
Auch eine robotische Proben-Rückholmission von Merkur wäre denkbar. Bis heute haben wir keinerlei Proben vom Merkur, obwohl „Merkur-Meteoriten“ grundsätzlich denkbar wären. Bei der Venus wäre die Sache mit der Probenrückholmission etwas schwieriger (die Venus hat ja fast die gleiche Schwerkraft wie die Erde, und eine „vollgetankte“ Rakete auf der Venusoberfläche zu landen dürfte etwas jenseits unserer gegenwärtigen Möglichkeiten liegen), aber in einem ersten Schritt könnte man auf eine Probe setzen, die etwas Atmosphäre von der Venus zurückbringt, oder auf einen Ballon, der die Messungen vor Ort (in der Atmosphäre) durchführt. Auch ein nuklear betriebener und gekühlter Venuslander wäre sehr interessant.
Sobald man mehr als einen Lander zu irgend einem der Planeten schickt, rückt zudem eine andere interessante Möglichkeit ins Feld: Der Aufbau eines geophysikalischen Netzwerks. Ein solches ist schon mal für den Mond angedacht worden: jede Nation, die künftig dort eine Sonde landet, soll sich nach Möglichkeit daran beteiligen. Jeder Lander soll – zumindest – ein Seismometer mit sich führen, so dass aus der Vermessung von Erdbeben (oder Mondbeben, Marsbeben, etc.) Schlüsse auf den inneren Aufbau des Planeten (oder Mondes) gezogen werden können, wie etwa die Grösse des Kerns, die An- oder Abwesenheit von flüssigen Schichten, und so weiter. Ein solches Netzwerk ist dann auch für andere Planeten denkbar, wenn die Anzahl gestarteter Sonden stark gesteigert wird.
Eine weitere spannende Mission wäre ein Rover auf dem Saturnmond Titan. Nuklear betrieben und so gekühlt, dass er sich nicht durch die Titan-Kruste schmilzt, könnte er die nördliche Seen-Region erforschen. Und wenn wir schon beim „sich durch die Kruste Schmelzen“ sind: Eine Mission zum Wasser-Ozean, der sich unter der Eiskurste es Jupitermonds Europa verbrigt, gehört wohl ganz oben auf die Wunschliste von vielen Weltraumenthusiasten. Dazu müsste man allerdings erst auf der Oberfläche landen, was angesichts der hohen Strahlung, der hohen Anflug-Geschwindigkeiten und der vermutlich sehr rauhen Oberflächenbeschaffenheit schwierig sein dürfte. Eine solche Mission hinge auch kritisch von einer Vorläufermission ab, welche die Dicke der Eiskruste bestimmt – so dass der Bohrer den Anforderungen entsprechend gebaut werden kann.
Eine weitere faszinierende Möglichkeit wäre die Entsendung eines Teleskops zum Gravitationsfokus der Sonne, 550 und mehr Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt. Ein solches Teleskop kann das Gravitationsfeld der Sonne als „Linse“ benutzen, um die Sterne, die sich vom Teleskop aus gesehen exakt „hinter“ der Sonne befinden, in höchster Auflösung zu vermessen. Im besten Fall sollten sich damit Extrasolare Planeten mit einer Auflösung von etwa 100 km / Pixel beobachten lassen. Für eine solche Mission müssten allerdings neue Antriebsmethoden entwickelt werden, um das Teleskop in nützlicher Zeit an sein Ziel zu bringen – immerhin gilt es, etwa 1% eines Lichtjahres in nicht mehr als ein paar Jahrzehnten zu überwinden.
Die Öffentlichkeit würde in solche Missionen in weitaus grösserem Mass eingebunden werden als bisher. Raumsonden mit an sich wissenschaftlichem Hintergrund würden auch HD-Kameras mitführen, um hochaufgelöste Bilder und Filme (inklusive Ton, zumindest für diejenigen Welten, die über eine Atmosphäre verfügen) zur Erde zu übermitteln (was vermutlich ein Datenübermittlungsnetzwerk von bisher unbekannter Dimension erfordert – aber wer sagt denn, dass grosse Kommunikationssatelliten nicht auch in einen Sonnenorbit geschickt werden können?), mit denen sich diese extraterrestrischen Landschaften in nie gesehener Art und Weise „digital“ auf die Erde holen liessen.
Ein solches Szenario muss nicht völlig ohne bemannte Raumfahrt bleiben: Dereinst könnten wohlhabende Abenteurer selbstfinanzierte Expeditionen zur Mond- und Marsoberfläche (und zurück?) unternehmen. Der Weltraum bekäme plötzlich einen ähnlichen Stellenwert wie die Tiefen der Ozeane: Eine faszinierende Umgebung, die mit Maschinen aus der Entfernung erforscht wird und in der, wo möglich, Rohstoffe abgebaut werden – aber all das, ohne dass irgendwer ernsthaft die Absicht hätte, sich selbst dorthin zu begeben (ausser vielleicht die obersten 30 m, oder so…) oder gar für immer dort Wohnsitz zu nehmen. Jahrzehnte nach Star Trek und Konsorten würde sich plötzlich auch in Sachen Weltraum die Vorstellung durchsetzen, dass dieser kein geeigneter Lebensraum für dauerhafte menschliche Besiedlung ist.
Eine denkbare Zukunft? Gut möglich. Aber eine, die man sich wünschen sollte?