Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/958

[Zurück] [Hauptseite]
1.
Yilmaz Güney: eine Kurzbiographie
Yilmaz Güney wird 1937 in einem Dorf in Südostanatolien als Kind kurdischer Eltern geboren. Seine Eltern sind Bauern. Schon als 14-jähriger Junge verlässt er sein Heimatdorf, kommt in die Provinzstadt Adana und findet Arbeit als Filmverkäufer. So war es eher Zufall, dass Güney zum Film kommt. Neben der Arbeit besucht er das Gymnasium. Er beginnt ein Jura-, dann ein Wirtschaftsstudium, doch er beendet keines der beiden . Er beschliesst, Schriftsteller zu werden und zieht nach Istanbul, wo er sich dem Kommunismus und dem politischen Klassenkampf widmet. Güney wird jedoch nicht als Schriftsteller, sondern als Schauspieler bekannt. Zwischen 1963 und 1966 spielt er in 39 Filmen mit und erlangt grosse Popularität. Von 1968 an dreht er vorzugsweise Filme in eigener Regie. Nachdem er schon 1961 eine Haftstrafe wegen kommunistischer Propaganda verbüssen musste, wird er im Frühling 1972 erneut verhaftet, diesmal wegen Hilfeleistung an polizeilich gesuchte Studenten. 1974 kommt Güney wieder frei, wird aber in einen Totschlag verwickelt und erneut verhaftet, trotz seiner äusserst fragwürdigen Mittäterschaft. 1980 flüchtet er aus dem Gefängnis und setzt sich in Frankreich ab. Es kann ihm aber kein Asyl gewährt werden, da er ein von der Türkei gesuchter Verbrecher ist. 1984 stirbt Yilmaz Güney.
In Werken wie „Umut– die Hoffnung“ (1970), „Sürü – die Herde“ (1978), „Düsman – der Feind“ (1980), „Yol – der Weg"(1982) und „Duvar – die Mauer“ (1983) hat er ein Kino entwickelt, das populär und politisch zugleich ist. Verstärkt wird Güneys Popularität durch die Tatsache, dass er die drei letztgenannten Werke vom Gefängnis aus dirigierte.
„Tatsächlich habe ich das Drehbuchschreiben im Gefängnis gelernt. Vorher drehte ich meine Filme in chronologischer Reihenfolge. Da brauche ich nur wenige Seiten Text. Danach improvisiere ich am Drehort, was sowohl die Regie als auch den Handlungsfortgang betrifft. Aber als ich im Gefängnis war, brauchte ich Drehbücher aus Granit. Sie mussten perfekt sein. Anders gesagt: Alles musste klar ausgearbeitet werden. Für „Die Mauer“, meinen ersten Film, den ich nach neun Jahren Gefängnis Stück für Stück realisiert habe, habe ich eine Art von Synthese zwischen den beiden Methoden entwickelt. Ich hatte ein sehr ausgearbeitetes Drehbuch, ein sehr genaues, aber ich habe versucht, mich nicht zu einem Sklaven machen zu lassen. Ich habe einige Szenen weggelassen, andere angefügt. Der Film hat tatsächlich sein eigenes Leben entwickeln können.“
2.
Yilmaz Güney: sein Werk
Yilmaz Güney hat den Bann gebrochen und das türkische Kino in Europa bekannt gemacht. 1970 gelang ihm mit „Unmut– die Hoffnung“ der entscheidende Durchbruch als Künstler und Regisseur. Kritiker erachten diesen Film als einen wesentlichen Beitrag zur Erneuerung des türkischen Films. Der grosse Regisseur und Übervater des sozialen, engagierten Kinos besitzt auch sechzehn Jahre nach seinem Tod noch solch eine ungebrochene Ausstrahlung, dass viele türkisches Kino immer noch mit Güneys Schaffen gleichsetzen. Obwohl dies den heutigen Filmschaffenden nicht ganz gerecht wird, lohnt es sich bestimmt, Güneys Werk entsprechend zu würdigen und in Erinnerung zu behalten. Es ist die besondere Fähigkeit Güneys, als Regisseur sowohl populäres als auch politisches Kino zu machen, das engagiert und zugleich ästhetisch ist. In der Einleitung zum Sammelband spricht der Autor zum Beispiel von Güneys Verdienst im Kampf um die Freiheit eines Volkes. Damit meint er allerdings nicht das kurdische, sondern das türkische. Dies verdeutlicht, warum Güney als kritischer und rebellischer türkischer Zeitgenosse interpretiert werden kann. Seine kurdischen Wurzeln werden höchstens in der Biographie kurz erwähnt. Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb Güney selbst in Interviews die Kurdenproblematik kaum thematisiert. So spricht er von sich selbst oft als Ostanatolier. Erst kurz vor seinem Tod 1984 häufen sich seine Aussagen über sein Kurdisch–Sein.
3.
Themen
Die dokumentarische Basis der Filme von Yilmaz Güney ist das Leben und das Leben jener, die er kennt. So ist zum Beispiel der Film „Unmut– die Hoffnung“ die Geschichte seiner Familie, seines Vaters und seines Bruders. „Sürü– die Herde“ schildert die Geschichte seiner Mutter und seines Onkels. In „Yol– der Weg“ erzählt er die Geschichte seiner Freunde. In all seinen Filmen hat es Güney beispielhaft verstanden, die für sein Land zentralen Themen von Entwurzelung, Landflucht und politischer Repression in emotional bewegender Weise und auf höchstem artistischen Niveau auf die Leinwand zu bringen. Obwohl seine Filme immer ein Stück versuchter Unabhängigkeit zeigen, bleiben sie am Schluss Geschichten über Abhängigkeiten. In einem Interview kurz vor seinem Tod erzählte er, dass ihn die Unterdrückung und die Ausgrenzung aufgrund seiner kurdischen Abstammung stark geprägt hätten. Er habe dies nie vergessen können, und so sei auch während seiner grossen Erfolge als Schauspieler immer der Wunsch da gewesen, diese Ungerechtigkeit anzuprangern. So scheint es bezeichnend, dass er einmal das Ziel hatte, sechs Filme über je eine Gesellschaftsschicht zu drehen. Schade, dass er dieses Projekt nie verwirklichen konnte.
[Zurück] [Hauptseite]