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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (28.11.2006)
Die etwas andere Operette: John Eliot Gardiner dirigiert am Zürcher Opernhaus Emmanuel Chabriers sensationelles Stück «L’étoile».
Zugegeben: Die Geschichte ist selbst für Opernverhältnisse reichlich bizarr. Ein König namens Ouf I. sucht mangels Verurteilten im Volk einen Aufständischen für die alljährliche Exekution an seinem Geburtstagsfest. Er findet ihn schliesslich in dem kleinen, aufgeregten Hausierer Lazuli, der sich in eine nur scheinbar verheiratete Frau verliebt hat. Sie ist in Wirklichkeit wiederum eine Prinzessin namens Laoula und soll eben jenem König als Braut zugeführt werden. Die Hinrichtung findet dann nicht statt, weil der königliche Astrologe Sirico herausfindet, dass Ouf laut Horoskop just einen Tag nach Lazuli sterben müsse, weswegen dieser (die Details lassen wir hier aus) nun ein schönes Leben im Palast führen darf und nach einigen Umtrieben auch noch seine Geliebte kriegt. Das ist der Aufriss der Story, die Eugène Leterrier und Albert G. F. Vanloo in ihrem Libretto für Emmanuel Chabrier (1841-1894) gefasst haben: für «L’étoile», das 1877 in Paris uraufgeführt wurde und nun erstmals in Zürich zu erleben ist.
Eine Offenbachiade also, typisch französisch, charmant, flink und subtil in Wort und Musik gesetzt. Die Dialoge rasen, so dass sich die Übertitelung für die gesprochenen Texte als zu langsam erweist. Das Stück hält sich weder bei Gags noch bei den Kunstfertigkeiten der Musik allzu lange auf. Der günstige Stern des Titels scheint nicht nur über Lazuli, sondern über der ganzen Musik zu stehen. Ganz uneitel hat Chabrier sein Talent hier umgesetzt - brillant und mit Spass. Und selten hat ein Wagner-Verehrer, wie Chabrier einer war, sich so glücklich und selbstsicher unbeeinflusst von seinem Vorbild gezeigt.
Mondäne Glitzerwelt
Nein, Chabrier tat in keiner Sekunde, was man damals von einem Wagnerianer erwartetet hätte: Er langweilte nicht, so wenig, dass Cosima Wagner fand, diese Musik sei «Schund von A bis Z». Er hat sich auf seinen eigenen Aberwitz verlassen, und so ist nach Offenbach und Bizet nochmals eine Musik zu erleben, die nicht schwitzt, obwohl sie nicht kühl lässt - so hatte das Nietzsche zumindest für Bizet beschrieben. Emmanuel Chabriers Opéra-bouffe selber stand freilich karrieremässig unter keinem so günstigen Stern. Sie verschwand lange in der Versenkung, wurde auch später nur gelegentlich aufgeführt und blieb so lange ein Bijou für Kenner, obwohl sie durchaus ein grosses Publikum ansprechen kann. Komponisten wie Maurice Ravel, Reynaldo Hahn, Paul Dukas oder Igor Strawinsky lobten Chabriers Musik; Ernest Ansermet spielte sie auf Platte ein. Einer nun, der sich schon in den 80er-Jahren in Lyon und anschliessend auf CD dafür engagierte, ist der Engländer John Eliot Gardiner, ein Kenner und Liebhaber selten aufgeführter französischer Musik. Und er nun bringt dieses skurrile Stück auch nach Zürich.
Er nimmt es musikalisch ernst, und das tut gewissermassen auch Regisseur David Pountney - indem er das Ganze nicht so ernst nimmt. Er befrachtet es nicht mit Bedeutung und begnügt sich damit, Andeutungen zu machen und witzige Details anzufügen. Die Handlung wird in einen fantastischen modernen arabischen Staat verlegt, eine mondäne Glitzerwelt aufgebaut. Konsum und Sexappeal sind allgegenwärtig, von den Kostümen (Marie-Jeanne Lecca), über die Ausstattung (Bühnenbild: Johan Engels; sogar der Sponsor darf sich eitel mit einem Luxusauto auf der Bühne präsentieren) bis hin zur Choreografie von Beate Vollack. Das Stück kann in jedem Moment in eine mehr oder weniger frivole Tanznummer ausarten.
Die Erotik wird ausgekostet
Überhaupt wirkt das Ganze zuweilen wie ein Parodie auf Dinge, die sonst elaboriert auf Opernbühnen zu sehen sind. Operettenhaft leicht agiert das Ensemble mitsamt dem von Ernst Raffelsberger einstudierten Chor als Staffage. Herausragend das herrliche Komikerpaar mit dem König Ouf von Jean-Luc Viala und seinem «schwerfälligen» Compagnon Siroco (Jean-Philipe Lafont). Dagegen steht das erotisierte Liebespaar: Marie-Claude Chappuis als Lazuli und Anne-Catherine Gillet als Laoula. Alles sehr fein im Gesangsstil - es erweist sich als günstig, dass man die Besetzung grösstenteils aus dem französischen Sprachraum geholt hat, nicht nur der Dialoge, sondern gerade auch der Stimmführung und des Timbres wegen. Die Erotik wird da ausgekostet.
Unaufdringlich spritzig und farbig
Dies alles ist nicht bitterbös gemeint - dafür wird viel zu verspielt erzählt - nur fein geschärft, nie grob und bedrohlich. Nein, eine politische oder satirische Dimension ist kaum die besondere Stärke dieses Stücks. Natürlich wird hier Staatliches und Institutionelles auf die Schippe genommen, aber das sind eher Seitensprünge, sie betreffen nicht die eigentliche Motivation des Stücks, nämlich, eine musikalische Geschichte zu erzählen. Im Zentrum bleibt schliesslich doch die Musik, so knapp und präzis formuliert und über die zweieinhalb Stunden des Abends vielfach verflochten durch wiederkehrende Motive (da hatte Chabrier doch ganz nebenbei was bei Wagner abgeguckt). Unaufdringlich spritzig und farbig, ganz ohne grosse Kelle, vielmehr mit einem Ohrenmerk auf die feine Nuance wird sie vom Opernorchester unter John Eliot Gardiner dargeboten, sodass man erst beim genauen Hinhören merkt, wie genial sie gemacht ist.