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Recensione
di Liliane Studer
Pubblicato il 23/01/2017
Was für eine spannende Geschichte: Da gibt es die Tagebücher der Urgrossmutter, die in den späten 1880er-Jahren als Lehrerin in einer Missionsschule arbeitet und dort einen schönen stattlichen Mann, einen Indianer, kennenlernt, in den sie sich verliebt – und er sich in sie. Die selbstverständlich nur im Versteckten gelebte Liebe hat Folgen: Die junge Frau erwartet ein Kind. Umso schlimmer für sie, dass ihr Geliebter offenbar auf seltsame Weise von einem Handelsreisenden umgebracht wird. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als schwanger in die alte Heimat zurückzukehren, nach Steinen im Kanton Schwyz.
Zum ersten Mal erfährt der Bub als Sechsjähriger von dieser Geschichte und dass er also von Indianern abstamme. Erst sechs Jahre später erfasst er wirklich, was da gesagt wurde:
[...] als mein Vater am Mittagstisch eine scherzhafte Bemerkung machte, Was habe ich nur für eine hübsche Squaw! oder etwas Ähnliches – an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, nur daran, dass meine Mutter sich den Ausdruck Squaw verbat und über die damals gerade populären Winnetou-Filme herzog, die sie unrealistisch fand. […] Auf meine Frage, woher sie das wisse, gab sie mir die Tagebücher meiner Urgrossmutter zu lesen, in der diese ihre Zeit als Lehrerin an der St. Stephen’s Indian Mission in Fort Washakie beschrieb, und nun wurde das Märchen wahr: Ich stammte von Indianern ab, genauer von den Arapaho.
Es vergehen nochmals viele Jahre, bis sich der Ich-Erzähler in Linus Reichlins Roman Manitoba nach Fort Washakie aufmacht, um endlich mehr und Genaueres zu wissen. Als Grund gibt der mässig erfolgreiche Schriftsteller, der keine wirklich überzeugende Idee für seinen neuen Roman hat, jedoch an, eine Recherchereise zu machen, die er mit einer Besichtigung des Ortes, an dem seine Urgrossmutter gewirkt habe, verbinden könne. Zusätzlich zum Flug nach Dallas und zum Mietwagen, mit dem er nach Colorado und Wyoming fahren wollte, hat er eine Blockhütte im kanadischen Manitoba gebucht, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es sich lebte in der Wildnis. Die Reise sollte ihn mit einer anderen Einsamkeit konfrontieren als jener, die er seit der Trennung von seiner einst geliebten Frau alleine in der Grossstadt Berlin lebend erfährt, die Erfahrung dazu verhelfen, sein Romanprojekt über einen deutschen Auswanderer voranzutreiben.
Zur Vorbereitung der Reise gehörte auch die Lektüre der Tagebücher, die seine Urgrossmutter angeblich erst 1948 geschrieben hat, also sechzig Jahre nach dem Aufenthalt bei den Indianern. Im Tagebuch liest er, dass die in der Zentralschweiz aufgewachsene und früh verwitwete Frau sich rasch einlebte am neuen Ort, geholfen habe ihr, dass es dort auch Berge gab. Dank ihres Schwagers kam sie zur Stelle als Lehrerin an der Missionsschule. Hier soll die folgenreiche Begegnung mit jenem Mann stattgefunden haben, ein stattlicher Mann sei er gewesen, von natürlicher Würde. Während die Geschichte seiner Urgrosseltern beim Besuch vor Ort immer konkreter wird, wächst im Erzähler das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Arapaho. Das Tagebuch der Urgrossmutter, das Erleben, eine Heimat gefunden zu haben, dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, bilden für den Suchenden den Strohhalm, an dem er sich festhält. Nur so kann er die Vorwürfe seines Sohnes ertragen, der ebenfalls Schriftsteller ist, wenn auch ein viel erfolgreicherer. Als Jonas den Kranicher Literaturpreis erhält, hat der junge Mann kein Verständnis dafür, dass sein Vater nicht an die Preisverleihung fahren kann, weil er an jenem Tag gemäss Reiseplan noch in Kanada ist. Die beiden Männer reden aneinander vorbei, nicht anders die Eltern. Ex-Frau und Sohn fehlt jedes Verständnis, «Du und deine Indianer», tönt es von Hanna am Telefon, Jonas bezeichnet das Indianer-Projekt seines Vaters gegenüber seiner Mutter als Schnapsidee. Umso willkommener ist dem Erzähler das Wissen, dass er bei den Arapaho eine neue Heimat gefunden hat.
Ein böses Erwachen erlebt er, als er sich registrieren lassen will. Doch diese Geschichte soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: der Ich-Erzähler bleibt nicht lange in der Blockhütte, und er trifft rechtzeitig zur Preisverleihung wieder in Deutschland ein. Dort bleibt er weiterhin alleine und findet weder zu Jonas noch zu Hanna einen Draht. Die Verwandten, die er in Sachen Urgrossvater kontaktiert, können ihm nicht weiterhelfen. Sie sind alt, die meisten unter ihnen kennen die Tagebücher der Urgrossmutter und die Geschichte nur vom Hörensagen oder überhaupt nicht.
Manitoba von Linus Reichlin ist ein vielschichtiger Roman, getragen von den Verflechtungen der verschiedenen Erzählstränge. Kunstvoll gelingt es dem Autor, die Leserin, den Leser auf die Reise mit seinem Protagonisten mitzunehmen und die Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht infrage zu stellen, solange für jenen selbst kein Anlass dazu besteht. Geschickt eingeflochten sind Zitate aus den Tagebüchern, die authentisch wirken und die Herkunftsgeschichte des Ich-Erzählers auch für die Leserin glaubwürdig erscheinen lassen. Reichlin kann spannend und überzeugend erzählen, wie er in mehreren Romanen bewiesen hat und hier einmal mehr zeigt. Das Thema Mann in der Krise – Mitte fünfzig, geschieden, als Vater nicht gefragt, gesundheitlich angeschlagen (der Protagonist leidet an Herzrhythmusstörungen), wenig überzeugender Schriftsteller – ist eigentlich altbekannt, doch der Autor gestaltet es elegant und mitreissend. Er begleitet die leidige Suche nach der Lüftung des Familiengeheimnisses und nach der eigenen Identität mit einem feinen Lächeln und nimmt ihr damit die Schwere, ohne ins Banale abzudriften.