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Flüsse der Ebene
In der Ebene bei Pfyn empfängt der vielarmige, schäumende Fluss jeden Frühling Graureiher und Seidenreiher, die sich an den Ufern der toten Flussarme aufhalten, wo das sich zurückziehende Hochwasser wahre Fischfallen bereithält. Der Eisvogel liebt kleine Fische und besucht die Rhone, tote Flussläufe, Kanäle und Weiher; die jäh abfallenden, in die Hügel von Pfyn eingeschnittenen Ufer beherbergen fast die Hälfte der Walliser Population. Der viel anspruchsvollere Fischotter hat den Kanton längst verlassen;sogar dieses grosse Stück Natur war ihm zu klein. Letztmals wurde er 1935 aus Follatères gemeldet.
Eine lange Liste von Insekten kann man auf den sandigen Inseln und Ufern notieren: Sandwespen und Wegwespen, die nur Spezialisten erkennen; Heuschrecken, die an den Bergbächen fehlen - Türks Dornschrecke, Fluss-Strandschrecke —, haben an dem Ort ihr letztes Walliser Refugium gefunden.
Der Flussuferläufer teilt sein Gebiet mit dem Flussregenpfeifer. Während der Erstere sein bescheidenes Nest in der mageren Vegetation des Flussufers versteckt, legt der Zweite seine Eier in eine Vertiefung im Kies und vertraut der Mimikry als Schutz für seine zukünftigen Jungen. Der Flussregenpfeifer ist auf jene Kiesbänke spezialisiert, die gerade vom Hochwasser freigegeben wurden, und beweist Pioniergeist, indem er immer wieder neue Standorte kolonisiert, wenn auf den alten Vegetation wächst. Das ist der Grund, weshalb diese Vogelart von 1980 bis 1983 in gewissen Kiesgruben wie in derjenigen von Verney bei Martigny hauste. Pfyn, wo sich die 7 km Uferlinie stets verändern, ist der einzige Ort, an welchem die Art eine Zukunft im Wallis hat.
Zur wilden Rhone gehören das Dickicht und die Wälder am Ufer. Wärme, Feuchtigkeit und nahrhafter Schlamm lassen vereint ein fast tropisches Leben sich entwickeln. Welch ein Gegensatz zum benachbarten Föhrenwald! Im Uferdickicht findet sich die Nachtigall. Sie ist die entfesselte Sängerin, die in den Nächten des Mai und Juni ihre eindrucksvollen Melodien schmettert, welche von Aristophanes so gut übersetzt wurden: tiutiutiutiutiu. Sie wohnt im Unterholz auf Weiden und Sanddorn längs der Rhone, wo man bis zu sechs Sängerinnen pro Kilometer zählt. Abgesehen von zwei oder drei Sängerinnen an der unteren Vispa und im Châble, findet man in den Seitentälern keine, dagegen sehr wohl in gewissen Eichenwäldern auf dem Sonnenhang, doch nie sehr weit oben.
Der Wald aus Weiden, Pappeln, Lianen und dichtem Unterholz auf den zeitweise überschwemmten Alluvialböden gibt sich amazonisch: Das ist das Reich der Waldschnepfen, des Pirols, Kleinspechtes, Gartenbaumläufers, Kernbeissers, der Turteltaube, Äskulapnatter und des Bibers. Auch Insekten sind zahlreich. Das weiche Holz abgestorbener Pappeln lockt holzfressende Hautflügler und Käfer an. Hier leben die Bienenschwärmer, welche Wespen gleichen, der Schillerfalter mit den weissen Tupfen auf den Flügeln, der Eisvogel und der Trauermantel mit dem Goldrand.
Die Waldschnepfe ist ein Nachtvogel und wird deshalb oft nicht gesehen, es sei denn, man lauere auf sie morgens und abends, wenn in den lauen Nächten von April bis Juli die Männchen über dem Wald ihre Kreise ziehen und mit einem charakteristischen sip siip die Weibchen anlocken. Als einziger Schnepfenvogel des Waldes muss die Schnepfe ihren langen Schnabel in die feuchte Erde stecken können, um Würmer und andere Weichtiere zu erhaschen. Darum weicht sie den Föhrenwäldern und den trockenen Böden des Mittelwallis aus und beschränkt sich auf den Pfynwald und feuchte Bergwälder.
Trotz seiner grossen Gestalt und dem auffallenden gelben und schwarzen Gefieder lebt der Pirol sehr versteckt im Laubwerk der grossen Pappeln und Weiden. Er hängt sein kühngebautes, geflochtenes Nest in die letzte Gabel des höchsten Zweiges. Er bewohnt den unteren Pfynwald, das Reservat von Pouta-Fontana und besucht auch die grossen, kühlen und feuchten Wälder des Chablais. Weil er sich ehedem mit einem schmalen Streifen von Bäumen begnügte, war es ihm gelungen, fast die gesamten Rhoneufer zu besiedeln. Aber da die Böschungen entholzt wurden, verstummte auch das melodiöse didölio des verliebten Pirols.
Der Gartenbaumläufer sucht die tiefschründigen, knorrigen Baumrinden nach Insekten ab, die er mit seinem langen, feinen, gekrümmten Schnabel aufpickt. Es ist nicht möglich, ihn mit einem Kleiber zu verwechseln. Wegen seiner braun-grauen Färbung würde er ohne seinen gellenden Schrei gar nicht entdeckt. Durch seinen Gesang unterscheidet er sich von seinem Doppelgänger, dem Waldbaumläufer, der ihn in den hochgelegenen Tannenwäldern sozusagen vertritt. Aus den Gärten und Obstplantagen wurde er verdrängt, als die Niederstammkulturen aufkamen und man die alten Bäume fällte. Unter deren aufgeplatzter Rinde hatte er seine Nester gebaut. Nun trifft man ihn noch in der Ebene, dank einem Wäldchen aus alten Weiden, Zitterpappeln und Pyramidenpappeln! Bald wird er seinen Namen nicht mehr verdienen.
Die Turteltaube bewohnt Laubwälder in der Ebene und am Nordhang und kennt nicht den Erfolg ihrer Stadtcousine, der Türkentaube. Man begegnet noch einigen von ihnen, die paarweise die Feldwege nach verlorenen Körnern absuchen.In den dichten Gebüschen am Rhoneufer und den Auenwäldern haust die Äskulapnatter, Symbol der Medizinkunst und grosse Jägerin auf Kleinsäuger. Sie klettert gerne auf Bäume, um eine Brut von Grasmücken zu ergattern: Wachsamen Auges gelingt es, diese Natter zu erkennen, angeschmiegt an die rauhe Rinde einer Pappel oder bequem auf einem Ast in der unteren Baumregion liegend.
Obwohl sie eine Vorliebe zeigt für Orte, die von Brombeerranken, Waldreben oder Büschen bedeckt sind, trifft man sie auch auf Wiesen. Zum Beispiel in Vex, wo sie von den Bauern geachtet wird, weil diese wissen, dass sie Wühlmäuse frisst.
Trotz ihrer Körperlänge, die einen Meter fünfzig erreichen kann, ist die somit längste unserer Schlangen sehr scheu. Diese Natter ist fähig, grosse Ortswechsel vorzunehmen: Jean-Marc Pillet hat in der Region von Collonges Verschiebungen von einem Kilometer in einem Jahr beobachtet. Ihre Dichte nimmt ab von Feuchtgebieten zu Trockengebieten; das deshalb, weil auf Trockenrasen nur die Waldmaus lebt, eine flinke, für Schlangen schwer zu erhaschende Tierart.
Am Schluss unseres Rundgangs längs den Flüssen drängt sich eine Präzisierung auf: Fliessendes Wasser, das für Fische und Köcherfliegen lebenswichtig ist, braucht die Uferwelt nicht ständig; sie ist vielmehr abhängig von den verheerenden Hochwässern, die den mineralischen Zwischenraum für sonnenhungrige Pionierarten erhalten, denen es ohnehin genügt, vom Grundwasser zu leben. So gesehen stören Stauwehre nicht, solange sie die Hochwasserschwankungen zulassen; denn sie vernichten die Biotope nicht, obschon sie deren Ausdehnung stark verringern. Ganz anders jene Uferkorrektionen, die den kreativen Land-Wasser-Konflikt aufheben, selbst wenn sie das Wasser erhalten. Dieser Bedingungen wenig bewusst, haben die für die Flüsse Verantwortlichen systematisch die Uferwälder gegen Hochwasser geschützt und sie dadurch ihres Reichtums beraubt.
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