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Martha Cunz
(1876 St. Gallen – St. Gallen 1961)
Martha Cunz wuchs in St. Gallen zusammen mit drei Geschwistern in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Ihren ersten Unterricht erhielt sie von Johannes Stauffacher an der St. Galler Zeichenschule für Industrie und Gewerbe und von Oscar Huguenin in einem Mädchenpensionat in Bôle (NE). Ab 1893 kopierte sie im Kunstmuseum in St. Gallen Alte Meister und wurde dabei von Emil Rittmeyer angeleitet. Durch die Vermittlung Rittmeyers und des Münchner Malers Max Josef Pitzner kam Martha Cunz im Frühling 1896 zu Adolf Hölzel nach Dachau. Nach einem Semester wechselte sie an die Künstlerinnenschule in München, wo Ludwig Schmidt-Reutte und Christian Landenberger ihre Lehrer wurden. 1898 absolvierte sie ein Malsemester bei Peter Paul Müller. 1900 weilte sie in Paris, um an der Schule von Luc Olivier Merson und Lucien Simon zu studieren.
Den für ihre spätere künstlerische Tätigkeit entscheidenden Impuls erhielt die angehende Holzschneiderin 1901 anlässlich eines Litho-Kurses beim Münchner Grafiker Ernst Neumann. Im Winter 1901–02 entstand der erste eigenständige Farbholzschnitt mit dem Titel Abend, eine Ansicht der verschneiten Stadt St. Gallen. Schon kurze Zeit nach dem Kurs bei Neumann fand Martha Cunz zu ihrem eigenen Stil. Die Künstlerin konnte sich schnell eine dominierende Stellung innerhalb der Gruppe der Münchner Holzschneider erobern. 1903 war sie Gründungsmitglied der deutschen Vereinigung Graphik und des von Albert Welti initiierten grafischen Vereins Die Walze. Im April 1905 wurden ihre Farbholzschnitte zusammen mit Arbeiten von Wassily Kandinsky und anderen Münchner Künstlern erstmals in der Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration publiziert; mit dem 1904 entstandenen Blatt Blick auf den Säntis beeinflusste sie nachweislich Kandinsky in zwei Murnau-Landschaften von 1909.
1904 und 1911 reiste die Künstlerin nach Holland, 1914 folgte eine Italienreise. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs lebte und arbeitete Martha Cunz in München und kehrte nur für alljährliche Malaufenthalte in den Bergen in die Schweiz zurück. 1920 liess sie sich bei ihrem Elternhaus in St. Gallen ein Atelier bauen und wohnte bis zum Tod mit ihrer Schwester Clara zusammen. 1927 entstand der letzte von insgesamt 71 Holzschnitten, der – wie der erste von 1901–02 – die winterliche Stadt St. Gallen zum Thema hat. Das lithografische Schaffen (hauptsächlich Auftragsarbeiten) dauerte bis 1931. Während der nächsten zwanzig Jahre widmete sie sich der Malerei und fertigte hauptsächlich Landschaften und Porträts an.
Die Bedeutung des Œuvres von Martha Cunz liegt im Holzschnitt, vor allem dem japanisierenden Vielfarbenholzschnitt. Ihr geschlossenes und umfangreiches Werk steht in der Schweiz einzig da. Obschon sie zur zweiten Generation der Münchner Holzschneider gehört, hat sie einen – auch im internationalen Vergleich – wesentlichen Beitrag zur Erneuerung der Künstlergrafik im frühen 20. Jahrhundert geleistet. Martha Cunz beherrschte das Spiel zart abgestufter und doch klar gegeneinander abgesetzter Farbflächen, die sich vielfältig überschneiden und durchdringen. Allerdings zeigen die frühen und späten Blätter keine grossen Unterschiede. Nie veränderte sie die naturgegebene Form und Farbe, gab ihr aber durch die Vereinfachung in wenige Flächen und Kontraste Eigenständigkeit. Für den expressionistischen Holzschnitt hatte die Künstlerin wenig Verständnis. Von ihrem Charakter her nicht sehr experimentierfreudig, verschloss sie sich neuen Tendenzen. Martha Cunz blieb beim Farbholzschnitt und seiner dekorativen Ausdrucksmöglichkeit und erreichte in dieser Technik ihre gültigste Aussage.
Daniel Studer, aus dem Lexikon der Schweizer Künstler - SIK