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Was wäre das Eishockey ohne die Russen? Vielleicht sähe das Spiel ganz anders aus und hätte sich in die Richtung von «American Football on Ice» entwickelt. Gut, das mag arg übertrieben sein. Aber nachdem die Kanadier das Spiel erfunden haben, hat keine andere Hockeykultur das Spiel so grundlegend verändert wie die der Russen, bzw. früher der Sowjets.
1954 beginnt ihre Präsenz mit einem Donnerschlag: Die Sowjets treten in Stockholm erstmals bei einer WM an und gewinnen gleich den Titel. Sie geben nur einen Punkt ab (3:3 gegen Schweden) und fegen die Kanadier im letzten Spiel mit 7:2 vom Eis. Seither gehören sie bei jeder WM zu den Titelkandidaten.
Die Russen setzen der nordamerikanischen Wucht und Härte «künstlerische Elemente» entgegen: Tempo, Technik, Präzision und Taktik. Die russische Hockeykultur prägt heute das Eishockey stärker als die kanadischen Tugenden.
1972 kommt es zum ersten Duell zwischen den NHL-Profis und der sowjetischen Nationalmannschaft. Die Kanadier gewinnen die über acht Partien laufende Auseinandersetzung ganz knapp im letzten Spiel in Moskau. Durch den Siegestreffer von Paul Henderson 34 Sekunden vor Schluss. Diese Serie hat auch enorme politische Bedeutung bei der Versöhnung zwischen Ost und West.
Keine andere Sportart pflegt während des Kalten Krieges so intensive Beziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg. Das Eishockey ist eine starke versöhnende Kraft zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten. Unzählige Freundschaften sind seit 1954 zwischen Ost und West geschlossen worden. Nach der Auflösung der Sowjetunion (1991) sind daraus oft höchst lukrative Geschäftsbeziehungen geworden.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat alles zerstört, was seit 1954 aufgebaut worden ist. Russland, und damit die russische Hockeykultur, ist zum Inbegriff des Bösen geworden. Und wer über die Jahre Freundschaft mit den Russen gepflegt oder gar mit ihnen Geschäfte gemacht hat, wird nun geächtet.
So kommt es zu einer absurden Situation bei der WM in Helsinki: Die moderne Hartwall Arena (WM-Stadion 1997, 2003, 2012 und 2013) darf nicht benützt werden. Die Spiele werden in der alten, 1966 erbauten Helsinki Ice Hall ausgetragen.
Das ist ungefähr so, wie wenn Ambri Spielort der WM wäre, die Partien aber nicht im neuen Hockey-Tempel, sondern in der alten Valascia ausgetragen werden müssen. Weil russisches Geld in der neuen Valascia steckt.
Die Hartwall Arena gilt nun auf dem Stadtplan von Helsinki als «weisser Fleck», «No Man's Land» oder «verfluchtes Stadion». Der Grund: Die Arena gehört dem Familienclan der Rotenbergs und Gennadi Timtschenko. Russischen Oligarchen. Die Sanktionen haben dazu geführt, dass kein Geld mehr an die Besitzer der Hartwall Arena überwiesen werden kann und umgekehrt die Besitzer des Stadions keine Rechnungen mehr bezahlen können. Die Arena ist geschlossen.
Die russischen Besitzer der Hartwall Arena haben auch Jokerit Helsinki übernommen. Der finnische Meister von 1992, 1994, 1996, 1997 und 2002 spielt seit der Saison 2014/15 in der russischen KHL. Und ist nun, da in russischem Besitz, am Ende: Alle Spielerverträge sind aufgelöst worden. Ein wichtiger Teil des Hockey-Geschäftes in Helsinki ist ruiniert. Eine Neugründung mit finnischen Investoren dürfte erst 2023 über die Bühne gehen.
Die finnische Hockey-Ikone Jari Kurri, einer der berühmtesten und populärsten Sportler Finnlands, hat Jokerit Helsinki gemanagt und wird nun immer ärger kritisiert und geächtet. Der Vorwurf: Er habe als Manager von Jokerit russisches Geld verdient und mit russischem Geld hantiert.
Russland und Weissrussland aus der Eishockey-WM ausgeschlossen, eine Ikone wie Jari Kurri durch russischen Schwefelgeruch geächtet, René Fasel, der wohl erfolgreichste Präsident des Internationalen Verbandes (IIHF) eine «Persona non grata» (unerwünschte Person) und unzählige Freundschaften zerbrochen: Auch das Eishockey hat im Schatten des Krieges seine Kraft der Versöhnung verloren.
In Helsinki ist diese gespannte Lage gut spürbar. Bis nach St. Petersburg sind es nur knapp 400 Kilometer. Die Eisenbahn fährt in dreieinhalb Stunden dorthin. Finnland gehörte einst zum russischen Reich, hat sich 1917 die Unabhängigkeit erkämpft und im Winterkrieg 1939/40 gegen die Sowjetunion bewahrt. Mit einer über 1000 Kilometer langen Grenze zu Russland pflegt Finnland mit dem übermächtigen Nachbarland intensive wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen.
Nun wird die WM ohne die Russen ausgerechnet in Helsinki gespielt. Bisher fehlte Russland (bzw. die Sowjetunion) nur einmal: 1962 boykottierten die Ostblockstaaten die WM in den USA (Colorado Springs, Denver). Weil die Behörden der Mannschaft der DDR die Einreise verweigerten.
Auf Dauer ist eine Eishockey-WM ohne Russland nicht denkbar. Die Vermarktungsagentur Infront bezahlt dem Internationalen Verband für die Marketing- und TV-Rechte der WM-Turniere fast 30 Millionen Franken im Jahr. Ohne dieses Geld gehen im prunkvollen IIHF-Hauptsitz in Zürich die Lichter aus.
Infront refinanziert sein Hockeygeschäft fast zur Hälfte mit russischen und weissrussischen Werbepartnern und TV-Anstalten. Ein dauerhafter Ausschluss von Russland und Weissrussland ruiniert das Geschäft mit der WM.
Das Verständnis für den Ausschluss der Russen und Weissrussen könnte sich bei den Infront-Besitzern bald in überschaubaren Grenzen halten: Infront ist im Besitze von chinesischen Investoren. Die Eishockey-WM gehört zu den wenigen Sportveranstaltungen, die auf Dauer ohne die Russen ruiniert werden. Da dürfte in einigen Anwaltskanzleien auf den Tischen getanzt werden.
Auch die versöhnende Kraft des Eishockeys ist angesichts der schrecklichen Tragödie des Krieges versiegt. Helsinki 2022 ist die traurigste WM in den schwierigsten Stunden des internationalen Eishockeys.