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Anfang der 1970er-Jahre widmete der Schweizer Kritiker Michel Contat dem alternden Intellektuellen einen ambitionierten Film.
Von Denis Bussard und Fabien Dubosson
Als der Intellektuelle der Nachkriegszeit hatte Sartre leidenschaftliche Leser und Leserinnen auch in der Schweiz. Der bekannteste von ihnen war wohl der Schriftsteller und Kritiker Michel Contat, der Sartre mit seinem Filmprojekt «Sartre par lui-même» als einer Art Vaterfigur die Ehre erweisen wollte. Ausgangspunkt war Sartres aktivistischer Auftritt von 1970, als dieser sich vor einer Renault-Fabrik auf ein Fass gestellt und zu den Arbeitern gesprochen hatte. Die Szene war von vielen missverstanden und ins Lächerliche gezogen worden und hatte seinem Ansehen geschadet. Folglich wollte Contat nun dem «wahren» Sartre wieder das Wort erteilen, gegen die Verzerrungen der Medien und die «Überdramatisierung des Aktivismus» durch die Maoisten, denen sich der Franzose Ende der 1960er-Jahre angenähert hatte. Der geplante Film sollte Sartres Autobiografie, die dieser mit «Les Mots» (1964) begonnen hatte, fortsetzen und die Geschichte des bürgerlichen Intellektuellen, der mit der Revolution geliebäugelt hatte, einem breiten Publikum näherbringen.
Sartre, selbst ein Filmliebhaber und Autor mehrerer Drehbücher, war von der Idee begeistert und ging Anfang der 70er gleich auf drei entsprechende Angebote ein. Denn neben Contat wollten auch andere die «skandalöse Lücke» eines fehlenden Sartre-Films füllen: Der Lausanner Verlag Éditions Rencontre plante eine Porträtreihe, die mit Sartre beginnen sollte. Gleichzeitig bereitete in Frankreich Alexandre Astruc, Erfinder des «caméra-stylo»-Konzepts, ein Projekt vor. Auf Sartres Anregung hin arbeiteten dieser und Contat schliesslich zusammen, trotz unterschiedlicher kreativer Vorstellungen. Astruc bevorzugte den Filmessay, der Schweizer das Didaktische und die chronologische Erzählung. Sie verfassten mehrere Drehbücher, bevor sie 1972 ein zehnstündiges Gespräch mit dem Intellektuellen aufnahmen. Davon übrig blieben nach dem Schnitt jedoch «nur» drei Stunden, zusammen mit Archivmaterial, die 1976 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurden.
Eine eindeutige Gattungszuordnung scheint nicht möglich, wie schon die zweideutigen Titel der erhaltenen Drehbücher belegen: «Sartre», «À la recherche de Jean-Paul Sartre» und «Sartre par lui-même». Für Sartre hatte der Film, der nur dank der finanziellen Unterstützung durch das neugegründete französische «Institut national de l’audiovisuel» (INA) realisiert werden konnte, etwas Archivisches. «Ich betrachte [ihn] als Momentaufnahme meiner Entwicklung, einen Film über den Sartre von 1972», sagte er im Jahr der Erstaufführung. Und wenn er auch das Endprodukt nicht missbilligte, gab er doch an, es sei ihm «heute ein bisschen fern». Einige Kritiker in der insgesamt sehr wohlgesinnten Presse liessen es sich jedoch nicht nehmen, von einer «Beerdigung erster Klasse» oder einem testamentarischen Film zu schreiben. Contat selbst sah in «Sartre par lui-même» einen «Film ohne Autor, in dem weder Sartre noch Astruc noch ich uns wirklich wiedererkennen konnten», eher ein «Dokument [...] als ein Werk».
Dadurch, dass Michel Contat die Tonspuren der Interviews sowie alle anderen Produktionsdokumente dem Schweizerischen Literaturarchiv übergeben hat, hat er das «Archiv», das «Sartre par lui-même» für dessen Protagonisten darstellte, am richtigen Ort zusammengeführt. Und damit blieb er seinem ursprünglichen Anspruch treu: «Das ist es, was man über Sartre anfertigen muss: Rohmaterial, das die Zeit überdauern wird.»
Michel Contat, geboren 1938 in Bern, hat den grössten Teil seiner Forschungstätigkeit dem Werk Jean-Paul Sartres gewidmet. Er hat insbesondere Sartres Romane und seine gesammelten Theaterstücke in der Bibliothèque de la Pléiade herausgegeben. Contat arbeitete als Autor, Filmer und Kritiker und war als Journalist Mitarbeiter von «Le Monde».
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Letzte Änderung 30.11.2023