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Von Charlotte Frey
Zuerst waren es nur zwei sich bewegende Stöckchen, dann wurden es vier. Irgendwann kam ein brauner Körper dazu. Zwei wippende Ohren, eine hängende Zunge – mein Hund. Frisch aus dem Wald kam er auf mich zu gerannt. Und diesmal blieb er an meiner Seite. Unser Ziel war ein kleiner Bach, der Lieblingsort meines Hundes. Behauptet meine Mutter jedenfalls.
Sie hätte gesagt, sie höre das Bächlein schon rauschen. Aber Bächlein rauschen nicht, sie flimmern. Jedenfalls sah man bald schon den kleinen Steinstrand, welcher sich gleich neben dem Bächlein befand. Mein Hund war schon da, wuselte hin und her, meine Schuhe knirschten auf den Steinen.
Das Sonnenlicht war in einem pinkvioletten Farbverlauf über den Himmel gestrichen. Ich hob einen Stein vom Strändchen auf. Er hatte Rundungen, vom Wasser geschliffen, das ihn hierher gespült hatte. Er war schon fast schön. Fast schöne Steine waren hier nichts Besonderes. Mit einem leichten Schwung glitt mir der Stein aus den Fingerspitzen in das Wasser. Platsch. Kaum hatte er das Geräusch gehört, rannte mein Hund ins Wasser, suchte, als wüsste er wonach. «Was für ein naives Tier», hätte man sagen können, und man hätte sich dabei ins Fäustchen gelacht. Ich nahm noch einen Stein und wiederholte das Prozedere.
Y gleich Tangens von Alpha mal X. Irgendwie so war doch die Wurfparabel des schiefen Wurfs gegangen.
Gestern, in der Physikstunde über schiefe Würfe, hatte ich den Lehrer gefragt: «Was ist noch mal eine Wurfparabel?» Im Unterrichtszimmer wurde es still. Dann folgte der monologische Erklärungsversuch des Lehrers, wobei sich das Wort «Bewegungsgleichung» redundant wiederholte. Nach einer Zeit drehte er sich um und sah mich mit glänzenden Augen an, als erwarte er etwas. Ich blickte zu meiner Banknachbarin, die mich anlächelte. Sie wollte mich ermutigen, zum Wissen vielleicht. Kant war es doch, der einmal gesagt hatte, man solle den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, um sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Oder so ähnlich. Genau das hatte ich im Physikzimmer getan – oder wenigstens versucht. Ich wandte den Blick nach vorne, zuckte leicht mit den Achseln und murmelte: «Ja genau. Danke.» Das hatte dem Lehrer gereicht.
Dass mein Hund dem Stein hinterherrennen und paddeln würde, sofern ich noch einen warf – das war alles, was ich verstand. Also platschten bei jedem Wurf zwei kleine Stücke vom Universum ins Wasser. Platsch. Naiv. Platsch. Schwachköpfig. Platsch. Unfähig. Platsch. Dumm. Platsch. Ich hörte auf.
Und schon wedelte eine braune Rute vor mir. Die Schnauze, die zur Rute gehörte, gab hechelnde Geräusche von sich und schien dabei beinahe zu lächeln. Ich tätschelte meinen treuen Kumpanen auf den Kopf. Mein kleines Dummerchen. Man sollte so zufrieden mit einem bisschen Unsinn sein wie ein Hund. Mir glitt ein mildes Lächeln auf die Lippen, während ich weiterhin das Fell streichelte. Und dann hatte ich mit einem Mal das Gefühl, dass mich viele Leute manchmal ebenfalls so anschauten. Genau so, mit diesem milden Lächeln. Aber nie mehr als das.
Etwas begann in meiner Tasche zu summen. Meine kalten Finger zogen das Handy hervor, und ich erblickte Namen auf dem Display, die ich nicht sehen wollte. Nachrichten von Leuten, die mir gerade nicht passten. Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr Kant in mir gehabt, um den Mut aufzubringen, das Handy an seinen rechtmässigen Ort, das Bächlein, zu befördern. Aber mehr als ein leichtes Verziehen der Mundwinkel brachte ich nicht zustande.
Ich pfiff meinen Hund herbei, und wir machten uns wieder auf den Weg. Das Abendrot hatte sich nun schon hinter den Horizont verdrückt. So einfach war das.