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«Die Menschen sollen die Erde in Ruhe lassen»
Interview mit dem kolumbianischen Kogi-Ältesten Mamú José Gabriel
Das von Indigenen bewohnte Gebiet der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien ist einzigartig auf der Welt. Das Territorium, etwa so gross wie das Tessin, steigt von der Küste sehr steil auf über 5500 Meter hoch; auf vergleichsweise winzigem Raum finden sich dort fast alle Klimazonen der Welt. Dort leben Menschen aus vier Ethnien – etwa 21'600 Kogi, rund 16'000 Wiwa, ungefähr 50'000 Arhuaco und etwa 9000 Kankuamo. Im Schutz der schneebedeckten Berge gelang es den stets weisse Baumwollkleider tragenden Kogi, sich seit nunmehr über 500 Jahren von den europäischen Eroberern fernzuhalten und ihre Kultur zu bewahren. Auf Schrift haben sie bewusst verzichtet, weil diese das Denken verknöchere und dogmatisiere, wie sie sagen. Sie haben keine Fernseher und Massenmedien, die vom Klimawandel berichten – aber sie sind sehr beunruhigt, weil ihre Gletscher schmelzen. Sie sind eines der letzten Völker der Erde, das seine Traditionen fast gänzlich bewahrt hat.
Bis heute dürfen Weisse ihr Kerngebiet nicht betreten, nur die Randzonen zwischen 800 und 1'600 Metern, wo rund 1'600 Familien Wildkaffee zwischen den Urwaldbäumen ernten. Der Kaffee wird mühsam auf Eselsrücken zu einer Rösterei gebracht, deren Aufbau von der UN, Deutschland und kolumbianischen Institutionen unterstützt wurde. Der deutsche Aussenminister Walter Steinmeier besichtigte die Rösterei vor einigen Monaten im Rahmen eines Kolumbienbesuches.
«Mamú» heissen die spirituellen Oberhäupter der Kogi. Der 73-jährige Mamú José Gabriel ist ihre Autorität für alle Lebensmittel, Bäume und Pflanzen mit roten und gelben Früchten, also auch für Kaffee. Die von ihnen produzierte Marke «Café Kogi» sieht er weniger als Handelsgut denn als Verbindung von Produzierenden und Konsumierenden und als Mittel, um ihren Alarmruf zu verstehen. Sie selbst sehen sich als die Hüter von «Mutter Erde», ihre Rituale dienen ihrem Erhalt, zwischen symbolischen und realen Handlungen machen sie wenig Unterschied.
Wer sind die Kogi, wie leben sie?
Mamú José Gabriel: Wir leben in der Sierra Nevada und nennen uns selbst Kággaba. Wir sind die grossen Brüder, ihr seid die kleinen. Vor Tausenden von Jahren gab es kein Gebiet, keine Bäume, keine Steine, gar nichts, nur pure Gedanken. Aus Gedanken entstand die Erde, erst als kleiner Punkt, dann wuchs sie. Heute, 500 Jahre nachdem Christoph Kolumbus kam, gibt es in Kolumbien noch 86 indigene Stämme, doch nur die Kogi in der Sierra Nevada, dem Herz der Erde, haben ihre Kultur und ihr Wissen bewahren können. Die Erde gleicht dem menschlichen Körper. Sie hat ein Herz, Augen, Ohren, Glieder; früher war sie gesund. Aber dann erkrankten ihre Organe, die Flüsse sind krank, die Berge, die Lagunen. Als die Konquistadoren durch das Gebiet zogen, töteten sie viele Indigenas. Warum? Weil wir Indigenen der Sierra Nevada ein so gutes Leben hatten. Wir kannten kein Geld, waren aber reich an Land und auch an Gold, das für uns heilig ist und nur für Opfer benutzt wird.
Die Kolonisatoren haben vor 500 Jahren angefangen, die Erde auszubeuten und uns das Gold zu rauben. Wir hatten Puppen und Figuren aus Gold. Die Spanier haben Spiegel mitgebracht. Und als die Indigenen sich darin betrachteten, sind sie bestohlen worden. Warum sind wir jetzt krank? Warum töten wir Indigenas uns untereinander? Wegen Geld. Wegen Land, das uns Gott vor vielen tausend Jahren gab. Die jüngeren Brüder haben es schlecht gemacht. Aber nicht alle kleinen Brüder sind schlecht – darum bin ich hier in Berlin.
Was meinen Sie mit schlecht?
Heute erleben wir Dürren und verschiedene Arten von Krankheiten. Das ist nicht Gottes Werk, sondern Menschenwerk, sie beuten die Erde aus. Das sieht man in der Sierra Nevada genauso wie in Deutschland. Und es soll noch mehr rausgeholt werden aus unserem Gebiet, in der Nähe unserer heiligen Stätten.
Die Regierungen verstehen das alles nicht. Und weil sie nicht verstehen, wird es ununterbrochen Sommer geben mit einer vierjährigen Dürre und danach vier Jahre Regen ohne Unterlass. Die Erde trocknet aus, die Bäume, die Flüsse. Die Erde wird nicht verschwinden, die Sonne auch nicht, aber die Flüsse. Und wir.
Was kann man dagegen tun?
Ich rede mit vielen, um diese Nachricht zu den Menschen zu bringen, damit der kleine Bruder es versteht und um die Gefahr weiss. Ich kann ihn nicht retten. Aber vielleicht gelingt es uns, uns zu organisieren und uns zu verständigen. Die Ältesten sagen, wir können noch 80'000 Jahre leben, aber die kolumbianische Regierung muss verstehen und den Weg der Kogi einschlagen. Es gibt viele Mamús der vier indigenen Stämme in der Sierra Nevada. Wir Mamús haben uns zusammengesetzt und einzuschätzen versucht, was passiert. Bei den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung sollte nicht so viel Zeit verschwendet werden, denn wenn das Herz stirbt, die Sierra Nevada, dann stirbt die ganze Welt. Denn alles hängt mit allem zusammen.
Warum sind Sie hier?
Wir haben Kaffee mitgebracht, um unsere Botschaft zu transportieren. Wir produzieren ihn, es gibt ihn jetzt überall. Es ist der beste Kaffee. Mit den Einnahmen können wir unsere Arbeit machen und unsere heiligen Stätten zurückkaufen, die wir brauchen, um die Erde zu heilen. Doch der Verkauf ist nicht so wichtig. Uns geht es um die Botschaft, dass die Erde austrocknet. Darum sind wir hier. Ich möchte, dass unsere Botschaft sich verbreitet, dass die Menschen die Erde in Ruhe lassen und keine Rohstoffe mehr aus ihr herausholen.
Seit wann haben die Kogi Kontakt mit Geld?
Seit 500 Jahren. Vorher nicht. Früher haben wir Dinge getauscht, etwa Kartoffeln. Aber als der kleine Bruder kam, brachte er Geld mit. Die meisten Kogi haben aber noch heute kein Geld.
Die Kogi haben sich lange von den Weissen ferngehalten. Wie schafften sie das?
Früher haben die Kogi ihre Kulturen frei gesät und sich aus der Natur genommen, was sie brauchten. Heute geht das nicht mehr, man muss alles kaufen. Die neuen Generationen von Kindern, die in Schulen gehen, glauben die Worte der Mamú-Priester nicht mehr. Aber wir Kogi schicken nur wenige Kinder in diese Schulen, wir haben unsere traditionelle Kleidung bewahrt, unsere Taschen, unsere Unterkünfte. Wir bauen immer noch Häuser mit unseren eigenen Materialien. Wenn ein Kind geboren wird und es ausgewählt wird, Mamú zu sein, dann bringen wir es in eine Höhle, damit es seine Sinne schärft und lernt, wie man das Wasser und die Erde schützt. Wir als Kogi wollen nicht verschwinden, wir passen auf uns auf. Es gibt von uns aus keinen Kampf, keinen Streit, nur Gedanken und geistige Anstrengung, um das Herz der Erde zu schützen.
Woher können Sie Spanisch?
Ich war keine einzige Minute in der Schule. Die Kinder in der Schule sprechen anders als ich. Spanisch habe ich im Urwald gelernt, von anderen Indigenen, ich spreche fünf Sprachen.
Wir haben gehört, dass Sie Masken der Kogi aus Berlins Völkerkunde-Museum zurückhaben wollen. Warum?
Gestern war ich im Zoo. Ich sah dort einen sehr heiligen Vogel, einen Papagei, der Ara oder Guacamayo genannt wird. Wenn er ausstirbt, dann stirbt auch die Erde. Warum gibt es jetzt Dürre? Weil dieser Vogel in der Sierra nicht mehr in Freiheit lebt. In diesem Museum gibt es für uns sehr heilige Masken, die ein deutscher Anthropologe vor 100 Jahren mitgenommen hat. Diese Masken und die Federn der Aras sind wichtig für unsere spirituelle Arbeit. Doch das Museum gibt uns die Masken nicht zurück, es misshandelt sie stattdessen mit Konservierungsmitteln.
Früher gab es viele spirituelle Völker auf der Erde, sie alle machten die gleichen Arbeiten zum Erhalt der Natur – jedes Volk auf seine Art. Heute sind es nur noch sehr wenige. Es sieht so aus, als ob wir die letzten sind, die das alte Wissen bewahrt haben. Wir Kogi machen unsere Opferrituale im Interesse der ganzen Menschheit. Wir haben Rituale für die Mutter der Lebensmittel und den Vater des Urwaldes und der Artenvielfalt. Mit uns stirbt das ganze alte Wissen aus.
Alles über den «Café Kogi»: www.urwaldkaffee.de
Bezugsquellen in der Schweiz: www.sabine-hagg.ch,
www.wara-nuna.ch. Das Kilo kostet 35,90 SFR.
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