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Liebe Joëlle An klassischen Kulturstätten herrscht Empörung: Unter das Publikum mischen sich Urlauber in Shorts und Flip-flops und werden da und dort des Saales verwiesen. Ich denke an den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der sogar verboten hat, Bücher im Bett zu lesen. («Ich kann Goethe doch nicht im Nachthemd empfangen.») Aber vielleicht findest du die Empörung lachhaft, sind dir Abendroben und Fliege alte Zöpfe, die mit Respekt vor Mozart nichts zu tun haben. Oder doch?
Lieber Herr Ramspeck
Als ich klein war und bei meiner Grossmutter übernachtete, erzählte sie meinen Schwestern und mir gern diese von ihr erfundene Geschichte: «Ein Prinz suchte nach einer Frau und lud alle Jungfrauen des Landes auf einen Ball in sein Schloss. Alle waren Adelstöchter, ausser dem Bauernmädchen. Am Tag des Balls nahmen die Jungfrauen Platz an der Tafel. Der Prinz servierte jeder eine Orange. Alle verschlangen die Frucht mit den Händen und schmatzten gierig. Nur ein Mädchen verlangte nach Messer und Gabel – das Bauernmädchen. Als Einzige, die wusste, wie man angemessen speist, wurde sie die Frau des Prinzen.» Zurück zu Ihrer Frage: Kleidung ist nicht alles. Sie sagt weder wer wir sind, noch verrät sie, woher wir kommen. Aber Kleidung ist Kultur. Und Kultur ist die Schöpfung unserer Gesellschaft, der wir Respekt erweisen. Das Bauernmädchen erschien zwar nicht im Abendkleid zum Ball, doch wusste sie, sich angemessen zu verhalten. Flipflops zu Mozart zeugen zwar von Respektlosigkeit, doch wer Flipflops mit Charme und toller Persönlichkeit zu kompensieren weiss, bei dem möge man ein Auge zudrücken. Am besten aber trägt man beides: Anzug und Charme.