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Anders als China schafft Indien seinen Aufschwung weniger mit als trotz der Regierung. Dafür hat das Land eine stark föderalistische und demokratische Tradition. Ein zentrales Thema auch für die liberale Mont Pèlerin Society bleibt zudem die Armut.
Gerhard Schwarz, Delhi
Bei der Mont Pèlerin Society (MPS), der vor über 60 Jahren in der Schweiz gegründeten Vereinigung liberaler Denker und «Macher», hat die Globalisierung längst Einzug gehalten. Dennoch war es bis vor kurzem fast selbstverständlich, dass ihre Kongresse im reichen Norden abgehalten wurden. Dieses Jahr dagegen finden drei Veranstaltungen in Schwellenländern statt, eine in Istanbul, eine in Buenos Aires – und eine wurde vor kurzem in Delhi durchgeführt. Dass das Treffen in der indischen Hauptstadt zudem unter dem Titel «India as a Global Power» stattfand, zeigt, wie sehr sich die Schwellenländer neuerdings auch thematisch in die MPS einbringen. Die indischen Liberalen beschäftigen sich zwar mit Marktwirtschaft, Demokratie und liberalen Werten, aber sie stellen sich auch die nicht eben typisch liberale Frage nach der Rolle ihres Landes in der Welt.
Angst vor China
Fast unisono artikulierten die Referentinnen und Referenten, aus Indien ebenso wie aus anderen Ländern, ihr Unbehagen über China. Am ausführlichsten tat dies Deepak Lal, der in Kalifornien (UCLA) lehrende, aus Indien stammende ehemalige Präsident der MPS. Das Reich der Mitte wird als Bedrohung gesehen, als Land, das zwar andere Staaten nicht besetzen, sie sich aber gefügig machen möchte. Auch die strategische Positionierung Chinas und seiner Konzerne in rohstoffreichen Ländern Afrikas und Lateinamerikas stösst nicht auf Begeisterung.
Der Publizist, Philosoph und frühere Manager Gurcharan Das, dessen Bestseller «India Unbound» in 17 Sprachen übersetzt und von der BBC verfilmt worden ist, stellte die Frage, warum ausserhalb Indiens der Aufstieg Chinas als Bedrohung empfunden werde, nicht aber jener Indiens. Seine Antwort lautete, Indien sei nie in seiner Geschichte expansiv gewesen. Andere wiesen auf die Diversität Indiens hin, die der Entwicklung zu einer Hegemonialmacht ebenso entgegenstehe wie die demokratischen Strukturen. Grossmachtgelüste signalisierte in Delhi also niemand, Zufriedenheit darüber, dass Indien – unter anderem dank der G-20 und anderen Gremien – endlich den ihm zustehenden Platz in der Weltgemeinschaft gefunden habe, aber sehr wohl.
Natürlich stellt sich in diesem Kontext generell die Frage nach dem politischen Regime und nach dem Staat. Ann Bernstein vom Think-Tank CDE in Südafrika warnte vor dem «Beijing-Consensus». Der Glaube, man könne der Bevölkerung starkes Wachstum und Wohlfahrt anbieten und die ganze politische Macht in den Händen der herrschenden Gruppe, Partei oder Familie behalten, sei für Diktatoren in Afrika und anderswo höchst verführerisch.
Bei vielen Indern schwang in Vorträgen und Gesprächen jeweils fast so etwas wie Stolz mit, wenn sie betonten, das indische Wachstum von immerhin durchschnittlich jährlich 7,7% in den letzten zehn Jahren sei trotz der Regierung zustande gekommen, nicht wegen ihr. Dass das Staatsversagen an einem liberalen Kongress anhand zahlreicher konkreter Fälle thematisiert wurde, versteht sich. Die vielen Beispiele von Korruption, staatlicher Misswirtschaft und Nepotismus unterstrichen aber sehr drastisch, dass der wirtschaftliche Erfolg Indiens «mit einer auf den Rücken gebundenen Hand» zustande kam, wie sich ein Redner bildhaft ausdrückte. Die Kraft Indiens liege in der Entwicklung von unten, in der Dynamik der privaten Unternehmen, und das mache dieses Wachstum nachhaltiger als das chinesische, denn die «benevolent dictatorship» sowie der autoritäre Kapitalismus funktionierten auf Dauer nicht. Management-Guru Gurcharan Das hält für Indien eine längere Wachstumsphase mit Zuwachsraten zwischen 8% und 10% jährlich für durchaus realistisch.
Nähe zum Volk
Der Bevölkerungsreichtum Indiens und die enorme Vielfalt der Sprachen und Kulturen kamen in vielen Stellungnahmen vor. Die liberale Antwort auf das Leiden am korrupten und ineffizienten Staat war die Forderung nach möglichst viel Föderalismus. Der eben an die New York University berufene Pratap Bhanu Mehta meinte, es sei ein Glück gewesen, dass nicht eine einzige Sprache für ganz Indien eingeführt worden sei; hätte man das gemacht, wäre man kaum so erfolgreich gewesen. Ein spannender Gedanke lautete, nicht das Mehrheitsprinzip auf Ebene Zentralstaat sei im Falle Indiens der beste Ausdruck der Demokratie, sondern Non-Zentralismus, der die Nähe der Politik zum Volk herstelle. Auch für Sri Lanka wäre eine föderale Struktur im Urteil vieler Teilnehmer am MPS-Kongress die richtige Lösung.
Viele Referate galten spezifisch indischen Problemen, den «maoistischen» Bewegungen, dem Kastensystem oder dem informellen Sektor. Je nach Zählart macht der «unorganisierte» Sektor, dies die offizielle Bezeichnung, über 90% der gesamten Beschäftigung aus.
Hälfte des Geldes versickert
Im formellen Bereich der Wirtschaft arbeiten somit «nur» rund 30 Mio. Menschen, davon weniger als ein Drittel im Privatsektor. Das zeigt gemäss Amir Ullah Khan, dem Dekan der Bangalore Management Academy, wie wichtig es ist, dass der informelle Sektor von allen Fesseln und vor allem den bürokratischen Schikanen befreit wird.
Natürlich müsste in einem Land wie Indien die Überwindung der Armut im Zentrum aller Anstrengungen stehen, denn selbst nach den optimistischsten Daten lebt ein Viertel der Bevölkerung, also immerhin zwischen 200 und 300 Millionen Menschen, in Armut. Andere Schätzungen sprechen gar von 75% Armen. Allerdings erweist sich die direkte staatliche Armutsbekämpfung als äusserst ineffizient. Gemäss dem Ökonomen Surjit S. Bhalla erreichen nicht einmal 50% des Geldes, das unter dem Titel der Hilfe für die Armen vergeben wird, die Destinatäre. Und viele staatliche Angebote, die nicht zuletzt auch den Armen dienen sollen, etwa die Schulen, sind so schlecht, dass selbst sehr arme Familien alles Geld zusammenkratzen, um ihre Kinder auf private Schulen schicken zu können.
Bhalla zeigte aber auch, dass sich die reale Einkommensverteilung seit den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts praktisch nicht verändert hat. Das bedeutet immerhin, dass es angesichts des starken Wachstums der letzten Jahrzehnte heute auch den untersten 10% der Bevölkerung deutlich besser geht, und das sollte der Massstab sein, selbst wenn es mit stärkerer Ungleichheit verbunden wäre. Was der Ökonom Rajiv Kumar in einer Diskussion plakativ formulierte – «Ungleichheit ja, Armut nein» –, könnte nämlich als Orientierung für eine liberale Entwicklungspolitik dienen. Indien scheint es sogar gelungen zu sein, Wachstum und Partizipation der Ärmsten am Wachstum ohne Verschlechterung der Einkommensverteilung zu erreichen, also diese gelegentlich behauptete Antinomie zu sprengen.
Fragwürdige Weltregierung
Vieles von dem, was über Indien gesagt wurde, gilt grundsätzlich auch für andere Schwellenländer oder gar die ganze Welt, etwa die Klage darüber, dass sich liberale Botschaften so schwer «verkaufen» lassen. Razeen Sally von der London School of Economics machte in diesem Zusammenhang klar, dass die Ansicht, der Liberalismus sei ein Konzept für den reichen Norden, nicht aber für den armen Süden, keinerlei Grundlage habe. Sie scheine aber unter den Stichworten «intelligente Industriepolitik», Erziehungszölle und Social Engineering an Terrain zu gewinnen.
Sich stärker zu verbreiten scheint auch die Idee, mehr Regeln auf internationaler Ebene festzulegen, um mit der Zeit zu einer Art Weltregierung zu kommen. Abgesehen davon, dass eine solche Weltregierung viel zu weit weg von den Problemen der Menschen wäre, hält sie Suri Ratnapala aus Sri Lanka, der in Australien lehrt, auch deswegen für gefährlich, weil sie nach seiner Einschätzung ziemlich sicher von den unliberalen Staaten dieser Welt dominiert würde.