Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03195.jsonl.gz/302

Kommt ein Patient zum Arzt. «Nun, Herr Doktor, was hat die Untersuchung ergeben?» – «Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie», antwortet der Arzt. «Zuerst die schlechte: Sie leiden an Herzinsuffizienz, Lungenödem und Leberzirrhose – sie leben nicht mehr lang.» – «Und die gute Nachricht?» – «Sie haben obendrein Alzheimer – in fünf Minuten haben Sie alles vergessen.»
Betroffen verliess Vera S. die Runde von Bekannten, die herzhaft über diesen Witz lachten. Vor kurzem erst hatte sie erfahren, dass ihr Mann an Alzheimer erkrankt war. «Die Diagnose war ein Schock», erzählt sie heute, drei Jahre danach. «Erst haben wir versucht, Ludwigs Gedächtnisstörungen zu überspielen, seine Erkrankung zu verheimlichen. Und als das nicht mehr ging, merkte ich, dass viele Leute nichts davon wissen wollten.»
Lange sahen Ärzte Demenz, den fortschreitenden Zerfall geistiger Fähigkeiten, als Folge von Arteriosklerose an. Noch heute nennen viele Leute einen alten Menschen «verkalkt», wenn er vertraute Personen nicht mehr erkennt, sein Gebiss in einer Blumenvase versenkt und darauf die Tochter beschuldigt, es gestohlen zu haben. Eine Mangeldurchblutung des Gehirns in Folge einer Arteriosklerose verursacht jedoch nicht die meisten Fälle von Demenz. Mehr Menschen sind von der Hirnerkrankung betroffen, die den Namen ihres Entdeckers Alois Alzheimer trägt.
Alzheimer stellte 1906 auf einer Versammlung von «Irrenärzten» erstmals eine Patientin mit dieser Krankheit vor. Doch seine Kollegen waren daran nicht interessiert. Die lang als sehr selten geltende Erkrankung geriet danach fast in Vergessenheit. Aus zwei Gründen steht sie nun aber zunehmend im Interesse der Öffentlichkeit. Zum einen tritt Alzheimer immer häufiger auf, weil die Menschen im Schnitt immer älter werden; die Kosten für Betreuung und Pflege von 80000 Demenzkranken in der Schweiz belaufen sich jährlich auf über drei Milliarden Franken.
Zum andern haben prominente Alzheimeropfer viel zur Enttabuisierung des Themas beigetragen. So wurde die Krankheit 1981 bei der Hollywood-Diva Rita Hayworth diagnostiziert – nachdem man zuvor ihre Ausfälle bei Dreharbeiten jahrelang als Starallüren abgetan hatte. Und Ronald Reagan bekannte sich 1994 in einem offenen Brief mutig zu seinem Leiden. Mit den Worten «Ich beginne jetzt die Reise in die Abenddämmerung meines Lebens» zog sich der damals 83-jährige ehemalige amerikanische Präsident endgültig aus dem Rampenlicht zurück.
Geringes Risiko einer Vererbung
Dunkel erschien die Zukunft auch Ludwig und Vera S., als sie von der Diagnose Alzheimer erfuhren. Ihr Arzt konnte ihnen manche Frage beantworten, andere Informationen holten sie sich selber aus Büchern und Broschüren. Viele praktische Tipps bekamen sie von der Alzheimervereinigung und von Menschen, die schon länger mit einem erkrankten Angehörigen leben (siehe Kasten). Vera S. war sehr erleichtert, als sie hörte, dass ihre Kinder nur ein leicht erhöhtes Risiko haben, später auch zu erkranken. In den meisten Fällen von Alzheimer liegt nämlich keine erbliche Belastung vor. Grösstes Risiko ist das Alter: Nur einer von 1000 Menschen unter 65 Jahren erkrankt, bei der Bevölkerung über 65 ist es aber schon einer von 20.
Bereits Alois Alzheimer fand unter dem Mikroskop die typischen Gehirnveränderungen, die zu einem massiven Absterben von Nervenzellen führen. Weltweit fahnden Tausende von Forschern nach den dafür verantwortlichen Mechanismen. Bisher aber ist noch kein Mittel gegen die Alzheimerkrankheit gefunden worden – auch keines zur Vorbeugung. Allerdings sollen bei einem gut trainierten Gedächtnis Krankheitszeichen erst später auftreten. Und es gibt Hinweise dafür, dass sich eine Östrogentherapie bei Frauen in der zweiten Lebenshälfte günstig auswirkt. Bei einem Teil der Erkrankten können Medikamente den fortschreitenden Gedächtnisverlust für einige Monate stoppen oder verzögern sowie Begleitfolgen der Krankheit wie Ängste, Depressionen und Unruhe mildern. Die wichtigste Therapie jedoch bleibt menschliche Zuwendung.
Kein tödlicher Krankheitsverlauf
Diese gibt Vera S. ihrem Mann. Obwohl sie einräumt: «Manchmal fällt es mir schon schwer, etwa, wenn er den Papierkorb als Toilette benutzt oder zigmal am Tag fragt, wann sein längst verstorbener Schulfreund kommt. Zum Glück helfen mir meine Söhne und die Nachbarin mit der Pflege – allein würde ich es wohl kaum schaffen.»
Und wie geht es weiter? Die Pflegebedürftigkeit wird unweigerlich zunehmen. An Alzheimer stirbt man nicht, aber die Anfälligkeit für andere Krankheiten steigt. Häufig sterben die Patienten nach jahrelangem Leiden an einer Lungenentzündung. Vera S.: «Trotz eingeschränkten Zukunftsperspektiven lachen wir viel zusammen. Ludwig wirkt jetzt zufriedener als am Anfang. Er hat wohl vergessen, dass er vieles vergisst.»