Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/3167

13. August 2008: Im dritten Anlauf klappt es endlich. Judoka Sergei Aschwanden holt nach den bitteren Erstrunden-Niederlagen in Sydney und Athen endlich olympisches Edelmetall. Danach beweist er sich als Partyhengst, obwohl er ohne Gold-Cancellara und Bronze-Thürig um die Häuser ziehen muss.
Was für ein Schweizer Olympia-Tag! An diesem Mittwoch trumpfen erst die Radfahrer auf: Fabian Cancellara holt Gold im Zeitfahren der Männer, Karin Thürig bei den Frauen Bronze. Doch erst Sergei Aschwanden sorgt dafür, dass der 13. August 2008 zum erfolgreichsten Schweizer Olympia-Tag seit 1952 wird.
Ausgerechnet Judoka Aschwanden! Dreimal stand er bereits auf einem WM-Podest, zweimal wurde er Europameister, doch bei Olympischen Spielen war ihm das Glück nie hold. Zwei Mal war der Sohn eines Urners und einer Kenianerin vor Peking schon bei Olympia dabei, ohne Erfolg: In Sydney 2000 und Athen 2004 waren die Spiele für ihn bereits nach dem ersten Kampf schon wieder vorbei.
In Peking soll nun endlich die heiss ersehnte Medaille her. Aschwanden wagt dafür einen riskanten Schritt: Obwohl er nur gerade 1,81 Meter gross ist, wechselt er vom Halb-Mittelgewicht (bis 81 kg) ins Mittelgewicht (bis 90 kg). Seine Konkurrenten überragen ihn teils um einen Kopf, doch das ist dem Kraftpaket egal. «Jeder Kampf ist ein Final. Doch mein Ziel ist eine Medaille», gibt sich der Judoka selbstsicher.
Aschwanden setzt auf seinen Instinkt und die Erfahrung, er demonstriert Willensstärke und zeigt eine imponierende Ausdauer. Mit fünf Siegen bei nur einer Viertelfinal-Niederlage erkämpft sich die Frohnatur gegen zumeist grössere Gegner den wertvollsten Erfolg seiner Karriere. Aschwanden wirkt geduldig und jeder Wettkampfsituation gewachsen.
Den Olympia-Fluch bricht er in der 1. Runde mit einem Sieg gegen den Deutschen Michael Pinske. In der 2. Runde schlägt Aschwanden dann erstmals seinen Angstgegner, den Sydney-Olympiasieger Mark Huizinga aus Holland. Nach einer frühen Waza-Ari-Führung (mittlere Wertung im Judo) holt sich der Schweizer nach rund vier Minuten Kampfzeit den Sieg mit einem Hüftwurf.
Nach dem knapp verlorenen Viertelfinal gegen Afrika-Meister Amir Benikhlef muss Aschwanden in die Hoffnungsrunde. Dort kommt es im Final gegen den explosiven Brasilianer Eduardo Santos zu einem 10-minütigen Abnützungskampf (reguläre Kampfzeit + Verlängerung), den der Schweizer dank eines Kampfrichter-Entscheids schliesslich knapp gewinnt.
Im Kampf um Bronze setzt sich Aschwanden gegen den Russen Iwan Perschin nach einem Rückstand von zwei Yukos knapp zwei Minuten vor Kampfende im Stile eines grossen Champions durch. Er nutzt ein leichtes Nachlassen des ungestüm attackierenden Russen zu einem Ippon, der ihm im Alter von 32 Jahren doch noch olympisches Edelmetall beschert.
«Sergei hat gelernt, dass er nicht perfekt ist», analysiert der Schweizer Nationaltrainer Leo Held. «Früher wollte er oft zu schön gewinnen. Jetzt konnte er die Situationen geduldig zu seinen Gunsten nutzen.»
Aschwanden selbst hat keine Lust auf Analysen, er will nur noch feiern. Mit der Schweizer Flagge stürmt er zunächst durch die Judo-Halle, im House of Switzerland soll die Partie danach weitergehen. Zusammen mit Cancellara und Thürig will der Judoka auf den Putz hauen. Doch die Veloprofis sind keine Feierbiester: Cancellara feiert nur kurz mit der eigenen Entourage und Thürig macht sich nach den offiziellen Ehrungen und einer Ovi im olympischen Dorf früh aus dem Staub.
Aschwanden ist's egal, ohne Cancellara und Thürig macht er die Nacht zum Tag. Ins Bett schafft er es nicht. «Ich werde wohl einige Tage brauchen, bis ich vom Adrenalin herunterkomme», sagt er am nächsten Morgen. «An Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Ich wollte auch nicht schlafen und habe die ganze Nacht durchgefeiert.» Noch immer hat er die Schweizer Fahne dabei, trägt daselbe T-Shirt. So schön und so lange hat sich noch selten ein Schweizer Olympia-Held gefreut.
Drei Monate nach seinem Bronze-Coup tritt Aschwanden vom Profisport zurück. Er widmet sich seinem Sport- und Wirtschaftsstudium und der Familie. Mit seiner Frau Sonja hat er zwei Kinder. 2015 zieht es den Leiter des Sportzentrums von Villars-sur-Ollon VD dann in die Politik. Für die FDP des Kantons Waadt kandidiert er für den Nationalrat – allerdings ohne Erfolg. Abschreiben sollte man das Stehaufmännchen aber dennoch nicht. Gut möglich, dass Aschwanden nochmals antreten wird. Seine Olympia-Medaille hat er schliesslich auch erst im dritten Anlauf geholt.