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| Arnobius major (um 303-305) - Gegen die Heiden (Adversus Nationes)

Zweites Buch
Nr. 57
Da dieß sich folglich also verhält und es auf keine andere Weise zu geschehen pflegt, als daß von Allem nur eines wahr ist, so kämpfen dennoch Alle mit ihren Argumenten, und keinem einzigen ermangelt, was er mit Wahrscheinlichkeit aussage, sey es, da er seine Ansichten behauptet, sey es, da er andere Meinungen widerlegt. Auf keine andere, noch unähnliche Weise wird von ihnen über der Seelen Zustand disputirt: denn dieser hält dafür, sie seyen immer dauernd und überlebten den Tod der Menschen; jener glaubt, sie überlebten nicht, sondern gingen sammt den Körpern selbst zu [S. 86] Grunde. Eines Anderen Meinung aber ist, sie litten Nichts fortdauernd, sondern nach abgelebtem Menschen werde ihnen etwas Leben gegeben und dann unterlägen sie dem Gesetz der Sterblichkeit. Obschon dieß Alles nicht der Wahrheit theilhaft seyn kann, dennoch bemüht sich Jeder mit tüchtigen und höchst schlagenden Beweisgründen dergestalt, daß man nicht aufzufinden vermag, was falsch sey, wiewohl man nach allen Seiten hin die verschiedenartigen Aussprüche und der Widersprüche Disharmonie vernimmt; was freilich nicht stattfinden würde, könnte die menschliche Wißbegierde irgend etwas als Gewiß erfassen, oder ließe sich das als Aufgefundenes Erscheinende durch aller Uebrigen Zustimmung bestätigen. Es ist also das Nichtigste und Überflüssigste, irgend Etwas als ob man es wisse auszusagen, oder streiten zu wollen, daß man Etwas wisse; das, sey es auch wahr, doch wie man wahrnimmt, vernichtet werden kann; oder aber für wahr anzunehmen, was etwa nicht ist und nach Art der Träumer hervorgebracht wird. Und billig verhält sich dieß so: denn wir wägen und messen das Göttliche nicht mit göttlichen, sondern mit menschlichen Einsichten; und was wir glauben, daß billig hätte geschehen können, das verlangen wir soll schlechterdings nothwendig seyn.