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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Zweiundvierzigste Homilie.
I.
47. Der erste Mensch von Erde, ist irdisch; der zweite Mensch (ist) der Herr vom Himmel.
I. Nachdem Paulus das Seelische als das Erste, das Geistige als das Zweite genannt hat, gibt er wieder einen andern Unterschied an, indem er von einem „Irdischen“ und einem „Himmlischen“ spricht. Der erste Unterschied bezog sich auf das gegenwärtige und zukünftige Leben; dieser aber bezieht sich auf das Leben vor der Gnade und auf das Leben nach der Gnade …1 Denn damit, wie ich bemerkte, die Gläubigen in der Hoffnung der Auferstehung den tugendhaften und vollkommenen Wandel nicht ausser Acht lassen möchten, so rüstet er sie hier wieder zum Kampfe und ermahnt zur Tugend, indem er spricht: „Der erste Mensch von Erde, ist irdisch; der zweite Mensch (ist) der Herr vom Himmel; das Ganze2 nennt er „Mensch“; den einen nach seiner höhern, den andern nach seiner niedrigern Abkunft.
[S. 743] 48. Sowie der Irdische, sogestalt auch die Irdischen; —
so werden sie vergehen und sterben. „Und wie der Himmlische, sogestalt auch die Himmlischen;“ so werden sie unsterblich und herrlich bleiben. Wie! ist denn dieser Himmlische nicht auch gestorben? Wohl ist er gestorben, aber der Tod hat ihm nicht geschadet, vielmehr hat Jener eben dadurch den Tod überwunden. Siehst du, wie er auch hier die Lehre von der Auferstehung auf den Tod gründet? Du hast nun, will er sagen, den Anfang und das Haupt; zweifle also, nicht mehr an dem Übrigen. Nebstdem bildet er hieraus einen trefflichen Beweggrund zu einem tugendhaften Leben, indem er Beispiele eines hohen und vollkommenen Wandels und des Gegentheils aufstellt und Christum als den Anfang des erstern und Adam als Anfang des letztern nennt. Darum sagt er nicht schlechthin: Aus Erde, sondern: „irdisch,“ d. h. schwerfällig, am Gegenwärtinen klebend; und wieder von Christus das Gegentheil: „Der Herr (ist) vom Himmel.“ Sollte Jemand den Einwurf erheben, der Herr habe keinen Körper, weil da gesagt wird: „vom Himmel,“ so mag das früher Gesagte hinreichen, einen Solchen zum Schweigen zu bringen; jedoch es hindert uns Nichts, ihm auch hieraus den Mund zu stopfen. Was heißt denn der Ausdruck: „Der Herr (ist) vom Himmel?“ Bezieht sich Dieses auf seine Natur oder auf die Beschaffenheit des vollkommensten Lebens? Jedem ist einleuchtend, daß es sich auf das Letztere bezieht; und darum fügt er bei:
49. Wie wir das Bild des Irdischen — die bösen Werke— getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen — den himmlischen Wandel — tragen.
Dazu möchte ich dich auch noch fragen: Beziehst du die Worte: „Der von Erde, irdisch,“ und: „Der vom Himmel“ auf die Natur? „Allerdings.“ Wie? War denn Adam [S. 744] bloß irdisch, oder wohnte in ihm ein anderes Wesen, das den überirdischen und unkörperlichen Wesen verwandt ist, und welches die Schrift Seele und Geist nennt? Es ist doch Jedem einleuchtend, daß er auch diese besaß. So war auch der Herr nicht bloß vom Himmel, obgleich es heißt, daß er dem Himmel entstamme, sondern er hatte auch Fleisch angenommen. Der Apostel sagt also: „Wenn wir das Bild des Irdischen — die bösen Werke — getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen — den himmlischen Wandel — tragen.“ Würde der Apostel von der Natur reden, so bedürfte er keiner Ermahnung und keines Rathes: schon hieraus leuchtet ein, daß er von dem Wandel rede. Er ermahnt aber und spricht von einem Bilde, woraus abermals folgt, daß er von den Werken, und nicht von der Natur spricht. Denn darum sind wir „irdisch“ geworden, weil wir Böses gethan haben; nicht weil wir Anfangs aus Erde gebildet worden, sondern weil wir gesündiget haben. Denn zuerst kam die Sünde, darnach der Tod und jenes Urtheil: „Du bist Staub und wirst wieder zu Staub werden.“3 Damals kam auch der ganze Schwarm von Leidenschaften in die Welt. Nicht die bloße Bildung aus Erde macht irdisch, denn auch der Herr war von derselben Masse und aus demselben Teig: sondern irdisch handeln; sowie wir im Gegentheil himmlisch werden, wenn wir des Himmels würdige Thaten verrichten. Jedoch was sollen wir uns vergeblich abmühen. Dieß zu beweisen? Der Apostel selbst erschließt uns den richtigen Sinn, da er fortfährt:
50. Dieses aber sage ich, Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden.
Siehst du, wie er abermals sich selber erklärt und uns die Mühe erspart? Dieses thut er an vielen Stellen; [S. 745] denn Fleisch nennt er hier die bösen Werke, was er auch schon anderwärts that, wie z. B. wo er sagt: „Ihr aber seid nicht im Fleische;“ und wieder: „Die aber, welche im Fleische sind, können Gott nicht gefallen.“4 Wenn er demnach spricht: „Dieses aber sage ich,“ so heißt es soviel als: Ich sage Dieses darum, daß ihr einsehet, daß böse Werke nicht in’s Reich Gottes führen werden. Denn von der Auferstehung lenkt er seine Rede alsbald auf das Reich Gottes; deßhalb setzt er auch bei: „Und wird die Verwesung nicht die Unverweslichkeit in Besitz nehmen;“ d. h. das Sündhafte kann nicht theilhaftig werden jener Herrlichkeit und des Genusses der unvergänglichen Güter. An vielen Stellen bedient er sich ähnlicher Ausdrücke, z. B. wo er sagt: „Wer da säet auf sein Fleisch, wird von dem Fleisch Verderben ernten.“5 Verstände er Dieses vom Körper und nicht von bösen Werken, so hätte er es nicht Verderben genannt; denn nirgends nennt er den Körper Verderben, wie er denn auch kein Verderben, sondern etwas Verwesliches ist. In der Folge nennt er ihn deßhalb auch nicht Verwesung, sondern verweslich: „Dieses Verwesliche muß die Unverweslichkeit anziehen.“ Nachdem er nun diese Ermahnung in Betreff des Lebenswandels vollendet, kehrt er wieder — wie er denn gewöhnlich einen Gegenstand mit dem andern verbindet — zur Lehre von der Auferstehung zurück und spricht:
1: Montfaucon bemerkt: Hic quaedam desiderari omnio videntur.
2: Τὸ πᾶν.
3: Gen. 3, 19.
4: Röm. 8, 9. 8.
5: Gal. 6, 8.