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Betrachtet man die Erfolgskurven der grossen Pferdesportnationen über die Jahrzehnte, so erkennt man einerseits bei vielen ein gemässigtes Auf und Ab auf dem gewohnten Niveau – andererseits teilweise massive Brüche: ein anhaltender Leistungsabfall oder ein plötzliches Auftauchen in der Weltelite.
Ein positives Beispiel für eine derartige Veränderung ist die britische Dressur. Jahrzehntelang waren die englischen Dressurreiter, trotz Jennie Loriston-Clarke, Joan Hall oder Christophe Bartle, nur europäische Mittelklasse. Dann, ab 2010, gewinnen Charlotte Dujardin, Laura Bechtoldsheimer und Carl Hester WM- und EM-Medaillen und an den Olympischen Spielen von 2012 beide Goldmedaillen. Ein gegenteiliges Beispiel sind die italienischen und spanischen Springreiter, die nach jahrzehntelangen Erfolgen in den letzten 30 Jahren untendurch mussten. Interessant auch die Erfolgskurve der Schweizer Militaryreiter mit kurzfristigen Höhepunkten wie um 1948, um 1960 und um 1981 und dazwischen lange Perioden des nur Mitreitens.
Zurück ins Rampenlicht
Das extremste Beispiel bieten die Niederlande. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren ihre Springreiter Weltspitze. In den Zwischenkriegsjahren gehörte in allen drei olympischen Disziplinen die Niederlande zu den Besten. Bei den damaligen fünf Olympischen Spielen 1920 bis 1936 gewannen die Niederlande in den drei Disziplinen fünf Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Niederländer, an die Vorkriegserfolge anzuknüpfen, mit wenig Erfolg. Bei Olympia 1948 starteten keine Dressurreiter, nur zwei Militaryreiter und eine Springequipe. Drei der fünf schieden aus. 1952 starteten nur drei Militaryreiter in Helsinki, die alle ausschieden. 1956 nahm als Einziger der aus Russland stammende Freund von FEI-Präsident Prinz Bernhard, Alexis Pantschoulizew, in der Dressur teil: Platz 28. In den 60er-Jahren (’60, ’64 und ’68) war kein einziger niederländischer Reiter bei den Olympischen Spielen am Start.
1972 fehlten immer noch die Springreiter. Aber immerhin sah man drei Dressurreiter und vier Militaryreiter. Bei den Letzteren mit Piet van der Schans, der Vater des später erfolgreichen Springreiters Wout-Jan, sowie dem späteren Hoefslag-Redaktor Maarten Jürgen und Hans Brugman und Eddy Stibbe ein prominentes Quartett, das allerdings ausschied. Die für uns Journalisten in München interessanteste Teilnehmerin war eine ältere Dressurreiterin mit dem schönen Namen F. Benedictus-Lieftinck. Erst nach mehrmaligem Nachfragen war die über 50-Jährige bereit, ihren Vornamen preiszugeben: Frederika.
Auch die Nationenpreisequipe im Springen spielte international keine Rolle. Mit im Team war, mit bescheidenen Resultaten, Tjeerd Velstra, der dann ab Mitte der 70er-Jahre zu einem der weltbesten Viererzugfahrer wurde. Die Niederländer, die vor dem Ersten Weltkrieg fünf der insgesamt nur 21 Nationenpreise gewonnen hatten, siegten von 1946 bis 1980 nur noch dreimal (bei insgesamt rund 500 Nationenpreisen). Auch grosse Einzelsiege waren selten: Harry Wouters van den Oudenweijer siegte 1958 im ersten GP des Jumping Amsterdam und 1969 im GP von Rotterdam.
Erstarkte Zucht
Auch die niederländische Zucht WPN (heute mit dem königlichen Präfix KWPN – Koninklijk Warmbloed Paard Nederland) war bis in die 70er-Jahre international kaum präsent. Als Alwin Schockemöhle anfangs der 70er-Jahre mit dem Schimmel «The Robber» grosse Erfolge errang (EM-Zweiter 1973), staunte man über die Abstammung aus niederländischer Zucht.
Alles änderte sich Mitte der 70er-Jahre. Im Springen hatte der Veteran Antoon Ebben, der jahrelang als einziger Springreiter hatte mithalten können (EM-Fünfter 1966), plötzlich junge Talente als Co-Equipiers: Henk Nooren und Johan Heins. In der Dressur ritt ein älterer Herr, Jo Rutten, vorne mit und im Fahren gewann Tjeerd Velstra ab 1977 mehrere EM- und WM-Medaillen. Nur gerade von den Militaryreitern sah man international wenig, trotz des seit 1971 durchgeführten CCI Boekelo.
1976 bestritten vier Spring- und drei Dressurreiter die olympischen Konkurrenzen in Montreal, immerhin mit Platz neun für Jo Rutten und Platz 13 für Nooren. Bei der Springreiter-WM 1978 in Aachen qualifizierte sich Johan Heins für den Pferdewechselfinal, wo er Vierter wurde. Die niederländische Equipe mit Ebben, Nooren, Heins und Dick Wieken gewann die Silbermedaille. Das Jahr zuvor war Johan Heins in Wien Europameister geworden und das niederländische Quartett Heins, Nooren, Ebben und Harry Wouters van den Oudenweijer gewann Mannschaftsgold.
1980, als der Westen grösstenteils die Olympischen Spiele in Moskau boykottierte, organisierte Rotterdam im Kralingse Bos das «Festival Springen» als Art Ersatzspiele. Die Rotterdamer waren schon die Jahrzehnte zuvor, in der Periode der Erfolglosigkeit der Niederlande, immer wieder als Organisator aufgetreten, so 1957, 1967 und 1979 mit der EM Springen. Apeldoorn organisierte dreimal, 1976, 1982 und 1988, die WM der Viererzugfahrer.
In den 80er-Jahren, bis zur Krönung 1992, wurden die Niederländer immer erfolgreicher. Bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 gewann die niederländische Springequipe mit Piet Raijmakers, Jan Tops, Jos Lansink und Bert Romp die Mannschaftsgoldmedaille und Raijmakers holte Einzelsilber. Die Dressurequipe mit Ellen Bontje, Annemarie Sanders, Tineke Bartels und Anky van Grunsven wurde Olympiazweite. Die Militaryequipe durfte, zum ersten Mal seit 1972, wieder olympisch mitreiten. Dabei gab es immerhin Platz 15 für Martin Lips. IJsbrand Chardon wurde in jenem Olympiajahr 1992 zum zweiten Mal Viererzugweltmeister und holte zusammen mit Ad Aarts und Harry de Ruyter noch Mannschaftsbronze.
Zu erwähnen noch die mehrfachen Medaillengewinne der Dressurreiter bei WM und EM ab 1986. Die niederländische Springequipe mit Raijmakers, Tops, Hendrix und Lansink holte 1991 den EM-Titel. Dazu kommen die Military-überraschungen von 1989 und 1993. Zuerst gewann die Equipe van Tuyl, Mandy und Eddy Stibbe EM-Mannschaftssilber und vier Jahre später holte sich Eddy Stibbe sogar Einzelbronze.
Die Viererzugfahrer gewannen von 1980 bis 1992 bei sieben WM drei Einzel- und drei Mannschaftstitel und die Zweispännerfahrer wurden bei der ersten Austragung von 1983 Weltmeister. Wenig zu holen gab es vorerst für die Niederländer in den Weltcupfinals. Erst Jos Lansink mit seinem Sieg im Springfinal von 1994 und Anky von Grunsven ab 1995 in der Dressur schafften es auf das Podium.
Bleibt die abschliessende Frage: Wie eng ist das Wiedererstarken der niederländischen Reiter und Fahrer und deren anhaltende Erfolge mit der niederländischen Zucht verbunden? WPN respektive KWPN spielte bis in die frühen 70er-Jahre im internationalen Handel der Sportpferde keine Rolle, seither gehört die niederländische Zucht zu den Grossen.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 8/2017)
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