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Der Übergang vom Bach zum Fluss ist fliessend, in jedem Sinn des Wortes. Die Begriffe stehen im Grossen und Ganzen für eine Klassierung nach Abflussmenge. Ein Bach kann zudem vom Kronendach der Bäume vollständig beschattet werden, ein Fluss jedoch ist zu breit dazu. In der Praxis sind die Grenzen zwischen Bach und Fluss nicht leicht zu ziehen, schwanken doch die Wassermengen auch unter natürlichen Bedingungen sehr stark.
Auch wenn kein Fluss dem anderen gleicht, kann man gewisse Gesetzmässigkeiten beobachten. So bilden sich in Fliessgewässern überall auf der Erde unter gleichen Standortbedingungen ähnliche Lebensgemeinschaften. Verallgemeinernd lässt sich ein Fluss anhand der Strömungsverhältnisse, der Nährstoffversorgung, der Wassertemperaturen, des Sauerstoffgehaltes und der Beschaffenheit der Sohle längs ihrer Fliessrichtung in vier verschiedene Abschnitte gliedern: Quellgebiet, Ober-, Mittel- und Unterlauf. Diese Einteilung orientiert sich am Auftreten sogenannter Leitarten (vgl. Tab. 1). Sie sind eng an die jeweiligen ökologischen Verhältnisse der einzelnen Gewässerabschnitte gebunden.
In den charakteristischen Flussregionen mit ihren unterschiedlichen Umweltfaktoren gibt es auch entsprechend unterschiedliche Lebensgemeinschaften. Angepasst an das jeweilige Nahrungsangebot, haben sich insbesondere unter den Wirbellosen verschiedene Ernährungstypen herausgebildet: Zerkleinerer, Weidegänger, Sedimentfresser, Filtrierer und Räuber.
Im Oberlauf kleben zum Beispiel die Köcherfliegen im Puppenstadium, angepasst an die starke Strömung, ihre Gehäuse aus Steinchen an den Untergrund. Sie ernähren sich als Zerkleinerer von Falllaub und anderem groben organischen Material. Eintagsfliegenlarven, die eine besonders flache und strömungsgünstige Körperform besitzen, gehören zu den Sedimentfressern. Höhere Pflanzen finden auf dem sich ständig bewegenden Gerölluntergrund keinen Halt und fehlen in diesen Flussabschnitten.
Wird das durchschnittliche Gefälle geringer und dementsprechend die Fliessgeschwindigkeit kleiner, können neben Algen und Wassermoosen auch höhere Pflanzen wie der Flutende Wasserhahnenfuss (z.B. Ranunculus fluitans) wachsen. Äschen und Bachforellen leben im sauerstoffreichen Wasser. Auch die Schlammschnecke, ein Weidegänger, findet hier ihre Lebensgrundlage. Man entdeckt neben Wasseramseln auch Eisvögel und Prachtlibellen.
Durch kleine Unregelmässigkeiten im Flussbett kommt es im Unterlauf immer wieder zu Richtungsänderungen des Flusses. In Bereichen mit einem Gefälle, das kleiner als ein Promille ist, bilden sich Mäander aus. Ist das Gefälle höher als ein Promille entsteht eine verzweigte Laufentwicklung mit grösseren und kleineren Seitenarmen, Altarme. Die gewässernahen Bereiche sind einer grossen Dynamik unterworfen. Ausgedehnte Auenlandschaften mit einer mannigfaltigen Fauna und Flora können sich bilden. Auch im nährstoffreichen Wasser des Unterlaufes, wo Sedimentfresser und Filtrierer dominieren, wird die Pflanzenwelt vielfältiger.
Alle Abschnitte eines natürlichen Flusses haben eine charakteristische Zusammensetzung der verschiedenen Ernährungstypen. Dieses Faktum zieht man heran, um die ökologische Situation eines Gewässerabschnittes beurteilen zu können. Dabei wird die tatsächlich vorhandene Fauna mit der potenziell natürlichen verglichen. (vgl. Tab. 2) Sedimentfresser und Filtrierer kommen in allen Flussabschnitten vor; ihr Anteil nimmt aber vom Ober- bis zum Unterlauf kontinuierlich zu. Gehört im Mittellauf die Hälfte der Wirbellosen diesen Ernährungstypen an, überwiegen sie im Unterlauf deutlich. Die Arten des räuberischen Ernährungstypus ändern sich vom Ober- bis zum Unterlauf zwar; ihr Anteil ist aber in allen Flussabschnitten ungefähr gleich gross. Die Zerkleinerer sind der dominierende Ernährungstyp im Oberlauf. Der Anteil an Weidegängern verdoppelt sich dagegen vom Ober- zum Mittellauf.
Als Lebensadern für Tiere und Pflanzen stellen Flüsse Verbindungen zwischen verschiedenen Naturräumen her. Im Nebeneinander von trockenen Kiesflächen, stillen, tümpelartigen Altwassern und schnell fliessenden Seitenarmen beherbergten die Flüsse der Region Basel bis ins 19. Jh. einen grossen Artenreichtum. Die strukturelle Vielfalt dieser Ökosysteme, eine wichtige Voraussetzung für den biologischen Gewässerzustand, fiel jedoch ökonomischen Interessen zum Opfer. So wurde das Flusswasser schon im 11. Jh. zu gewerblichen Zwecken abgeleitet und die Flussläufe als Transportwege (z.B. Flössen von Holz) und Nahrungsquelle genutzt. Schon lange diente der Fluss auch zur Abfallentsorgung.
Im 19. Jh. wurden alle Flüsse der Region zum Schutz vor Hochwasser einerseits und zur Land- und Energiegewinnung andererseits verbaut, begradigt und mit Schwellen und Wehren durchsetzt. Die Situation für den Lebensraum Fluss und die Auenlandschaften begann sich dramatisch zu verschlechtern. Die Folgen dieses unkontrollierten Fortschrittes fanden in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt. Giftige Abwasser, immenses Artensterben und schliesslich die Katastrophe von Schweizerhalle 1986 öffnete den Menschen die Augen – ein Umdenken fand seinen Anfang.
«Renaturierung» war Ende der 1990er-Jahre das Schlagwort. Man erkannte, dass der effizienteste Hochwasserschutz darin bestand, die Flüsse aus ihrem engen Korsett zu befreien und ihnen ihren Platz wieder zurück zu geben. In einigen Abschnitten der Birs wurden die betonierten und mit Steinblöcken versehenen Uferbefestigungen entfernt und durch lebende Pflanzen ersetzt. Durch das Ersetzen der Wehre durch Blockrampen, eine Verbreiterung der Gewässersohle und das Entfernen der Uferverbauung wurde der Flusslauf der Wiese, Birs und Ergolz revitalisiert. Das lässt hoffen, dass man vielleicht doch wieder einmal einen Lachs im Wasser beobachten kann. Bis heute sind viele Anstrengungen unternommen worden, für die Tiere und Pflanzen am Fliessgewässer wieder neuen Lebensraum zu schaffen. Es bleibt aber auch in Zukunft noch viel zu tun.
EB
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Quellen: Bertelsmann Lexikon Institut: Faszination Natur, Bd. Gemässigete Breiten, Wissen Media Verlag GmbH, Gütersloh/München 2006. Delarze R., Gonseth Y.: Lebensräume der Schweiz, Hep Verlag, Bern 2008.
Quellen:
Ein Bach ist mehr als Wasser ..., 2. Lebensraum für Tiere und Pflanzen Hessisches Ministerium für Umweltschutz etc.
Ökosystem Fließgewässer Schulbuchzentrum online (pdf)