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Buchtipp
Im Rausch des Vergnügens
«Um das eigene Jahrhundert zu verstehen, muss man sich in wenigstens zwei anderen auskennen.» Das sagt der britische Historiker Ian Mortimer. Deshalb schreibt er Bücher, die dieses Verständnis schaffen sollen: Es sind Handbücher für Zeitreisende, die es ermöglichen, andere Jahrhunderte zu erkunden. Ian Mortimer sagt Ihnen deshalb, wie die Landschaft aussieht, durch die Sie reisen, wie Sie sich kleiden, mit welchen Transportmitteln Sie reisen, wo Sie Unterkunft finden, was Sie essen, trinken und rauchen, wie es um Hygiene, Krankheit und Medizin aussieht und wie es um Recht und Ordnung steht. Im aktuellen Band geht es um das Regency, die spannende Zeit des Übergangs vom 18. ins 19. Jahrhundert. Es ist eine spannende, ja grelle Epoche, die von Jane Austens Feinfühligkeit ebenso geprägt ist wie vom Narzissmus eines Lord Byron. Mortimer beschreibt den Umbruch der Jahrhunderte auf der britischen Insel, also in England, Wales und Schottland, zwischen 1789 und 1830. 1789 ist das Jahr der französischen Revolution. König George IV. Tat alles, um zu verhindern, dass revolutionäre Ideen auf der Insel Fuss fassten. Sein Tod am 26. Juni 1830 markiert deshalb für Mortimer das Ende des Regency.
Es war die letzte Blütezeit des Hochadels. Nach 1830 setzten Gesetze, Standardisierungen und Reformen langsam der Willkür der hohen Herren Grenzen. Doch zwischen 1789 und 1830 gibt es nur ein Wort, mit dem sich das Verhalten des Adels beschreiben lässt: zügellos. Der Königshof sei voller «Wüstlinge, Dandys und Höllenhunde» gewesen, schreibt Mortimer, «die sich mit teurem Essen vollstopften, gewaltige Mengen Portwein in sich hineinschütteten und bis in die frühen Morgenstunden ganze Vermögen verspielten. Dann gingen sie entweder mit ihren Geliebten ins Bett oder legten sich auf dem Weg nach Hause irgendwo zum Schlafen nieder, bis sie irgendwann aufwachten und verkatert ins Parlament gingen, wo sie Reden über die Zukunft des Landes hielten.» Mit anderen Worten: Eine feine Gesellschaft.
Das Reformgesetz von 1832 signalisierte den Anfang vom Ende der politischen Herrschaft des Hochadels. Mit der Industrialisierung griffen nicht nur Maschinen um sich, sondern auch Standardisierung, Effizienzdenken und systematische Prozesse. 1833 beschränkte das Fabrikgesetz die Zahl der Arbeitsstunden von Kindern und in den britischen Kolonien wurde die Sklaverei abgeschafft. Ab 1838 wurden Geburten, Eheschliessungen und Todesfälle staatlich registriert. 1840 verkürzte der Telegraf die Distanzen für Nachrichten, Züge begannen Postkutschen zu ersetzen und die Fotografie machte der Malerei Konkurrenz. Ehebruch, Spielleidenschaft und offene Schulden wurden plötzlich nicht mehr geduldet.
Ian Mortimer bezeichnet die Jahre zwischen 1789 und 1830 als «Zeit des Überschwangs und des ungeahndeten schlechten Benehmens». Dabei klafft die Gesellschaft auseinander in «privilegierte Taugenichts», das gemeine Volk, das nichts zu sagen hat und eine Reihe zweifelhafter Charaktere, vom Wegelagerer über Schmuggler bis zu politischen Duellanten. «Eingekeilt zwischen der leicht langweiligen Eleganz des 18. Jahrhunderts und der prüden moralischen Überlegenheit der Frühviktorianer» wirke die Zeit des Regency «liederlich, unanständig, grell, gefährlich, schockierend, anstössig» und genau deshalb natürlich höchst unterhaltsam und anziehend.
Geschrieben ist das Buch wie ein richtiger Reiseführer. Ian Mortimer berät zum Beispiel, wie man sich im Regency kleiden soll. «Da nur fünf natürliche Fasern – Seide, Wolle, Leinen, Hanf und Baumwolle – und eine beschränkte Palette an Spangen, Pelzen und Federn zur Verfügung stehen, ist es essenziell, dass der Schnitt und die Farbe Ihrer Kleider modern bleiben.» Die Informationen sind seriös, der Trick dabei ist der Wechsel der Blickrichtung: Indem man die Angaben auf sich selbst bezieht, nimmt man sie ernster und sie werden sehr konkret. Wo werden Sie die Nacht verbringen? «Ein Gasthaus ist die naheliegende Möglichkeit. Davon gibt es viele überall im Land, und Reisende loben sie. Aber sie sind nicht die einzige Option. Immer häufiger finden Sie Hotels für die Reichen. Privathäuser und möblierte Zimmer sind in allen grossen Touristenorten im Angebot, etwa in Seebädern.»
Ganz besonders gilt das für Themen rund um die Gesundheit. «Die Menschen des Regency rechnen viel eher mit dem Schlimmsten, sie leben im Schatten von Pocken, Tuberkulose und anderen todbringenden Krankheiten, die selbst in reichen Familien Junge wie Alte treffen können. Bei den Armen haben wir schon gesehen, dass in manchen Orten die meisten Kinder nicht einmal das Teenageralter erreichen.» Wenn man sich vorstellt, in dieser Zeit zu reisen, werden die Informationen plötzlich sehr real und bedrohlich. Unwissen, Aberglauben und Falschinformationen nimmt man sehr viel ernster, wenn man selbst davon betroffen ist (oder sich das wenigstens vorstellt). Spannend.
Ian Mortimer: Im Rausch des Vergnügens. Eine Reise in das England von Jane Austen und Lord Byron. Piper Verlag, 496 Seiten, 37.90 Franken; ISBN 978-3-492-07115-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492071154
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