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In einem Bauernhaus lebte einmal eine Frau mit ihren zwei Töchtern. Das eine Mädchen war freundlich und fleissig, das andere wusste kein nettes Wort zu sagen und war noch faul dazu. Die Mutter jedoch mochte das freundliche viel weniger als das unfreundliche Mädchen. Ja sie lobte die faule Tochter und schimpfte mit der fleissigen. Einmal sagte sie zu der faulen Tochter: «Nimm dieses Eimerchen und geh zum Ziehbrunnen, um Wasser zu holen.» Das faule Mädchen hatte aber gar keine Lust und wollte nicht gehen. Also kam das fleissige Mädchen, nahm das Eimerchen und machte sich auf den Weg zum Brunnen.
Beim Ziehbrunnen war ein Rad und daran ein Seil, damit konnte man das Eimerchen in den Brunnen hinablassen, mit Wasser füllen und wieder heraufziehen. Das Mädchen liess das Eimerchen in den Brunnen herab. Doch als es am Seil zog, um das Eimerchen wieder heraufzuholen, riss das Seil entzwei und das Eimerchen verschwand im tiefen Brunnen.
«Oh weh!», rief das Mädchen. «Die Mutter wird mit mir schimpfen und mich schlagen, wenn ich ohne Eimerchen nach Hause komme. Was soll ich nur tun?»
Schliesslich beschloss das Mädchen in den Brunnen hinab zu klettern und das Eimerchen und das Seil zu holen. Der Brunnen war nicht tief und so hielt es sich mit den Händen an der Mauer fest und stieg hinunter. Es war noch nicht beim Wasser angekommen, da sah es in der Mauer ein Türchen. «Wer mag wohl hier wohnen?», dachte es. «Ich will anklopfen.» Es klopfte ans Türchen und ein alter Mann mit einem langen Bart öffnete. Das Mädchen fragte: «Habt ihr mein Eimerchen und das Seil gefunden?»
Aber der Alte schüttelte den Kopf und sagte: «Nein, mein Kind», und schloss das Türchen wieder.
Das Mädchen kletterte weiter und kam an ein zweites Türchen. Es klopfte und fragte: «Habt ihr mein Eimerchen und das Seil gefunden?» Da öffnete ein schrecklicher Teufel und schrie: «Nein! Ich habe dein Eimerchen und dein Seil nicht gesehen!» und machte das Türchen wieder zu.
Das Mädchen kletterte weiter, fand eine drittes Türchen, klopfte an und da öffnete die Himmelskönigin Maria.
«Habt ihr mein Eimerchen und das Seil gefunden?», fragte das Mädchen.
«Ja, das habe ich», sagte Maria mit sanfter Stimme. «Aber, sag, mein liebes Mädchen, könntest du nicht eine Weile auf mein Söhnchen aufpassen, ihm Milch und Brot geben und ein wenig mein Haus putzen, während ich fort bin?»
Damit war das Mädchen einverstanden. Es trat durch das Türchen in das Haus der Himmelskönigin, gab dem Bübchen ein wenig Brot und Milch und als es putzen wollte, fand es anstatt Staub Perlen und Edelsteine am Boden. Diese sammelte es ein und legte sie auf den Tisch, um sie der Hausherrin zu geben. Bald kam Maria nach Hause. Sie schaute sich um und sah, dass das Mädchen das Bübchen gut gefüttert und das Haus schön geputzt hatte und war zufrieden. Das Mädchen zeigte ihr die Schätze und sagte: «Seht, was ich am Boden gefunden habe!»
«Diese Schätze darfst du alle behalten. Du sollst aber auch ein neues Kleid bekommen. Möchtest du eines aus Leinen oder aus Seide?
«Ach», sprach da das Mädchen, «ich bin keine Prinzessin, ich nehme lieber eines aus Leinen.»
Die Himmelskönigin gab dem Mädchen jedoch ein prächtiges Kleid aus Seide. «Ich möchte dir auch noch einen Fingerhut schenken. Möchtest du einen aus Messing oder aus Silber?»
«Ich bin ein Bauernmädchen. Silber ist für mich zu wertvoll.»
Maria aber schenkte ihr einen silbernen Fingerhut. Dann holte sie das Eimerchen und das Seil, gab es dem Mädchen in die Hand und sagte: «Geh nun diesen Gang entlang. Wenn du am Ende angekommen bist, so schau in die Höhe.»
Das Mädchen bedankte sich und lief den unterirdischen Gang bis zu Ende. Dann schaute es nach oben und da fiel ihm ein glänzender, wunderschöner Stern mitten auf die Stirn.
Glücklich kehrt es nach Hause zurück. Die Mutter aber wartete schon. Mit lauten Worten schimpfte sie, und wollte das Mädchen schon schlagen, da sah sie auf einmal den Stern auf der Stirn.
«Wo bist du gewesen und woher hast du diesen Stern?», wollte sie wissen.
«Ich war bei der Himmelskönigin und habe das Eimerchen und das Seil zurückgeholt», erzählte das Mädchen.
Die Mutter nahm ein Tuch und wollte den glänzenden Stern wegmachen. Aber je mehr sie wusch, umso mehr strahlte der Stern.
Jetzt wollte die Mutter ganz genau wissen, wie alles vor sich gegangen war und auch die Schwester hörte zu.
«Ich will auch dahin gehen und einen Stern und Schätze bekommen!», sagte sie. Trotzig lief sie zum Brunnen. Dort angekommen, warf sie den Eimer und das Seil hinein. Dann kletterte sie hinunter und kam zum ersten Türchen. Sie klopfte laut und rief: "Gebt mir mein Eimerchen und mein Seil zurück!»
Der Alte öffnete, schüttelte den Kopf und sagte: "Ich habe dein Eimerchen und dein Seil nicht gesehen", dann schloss er das Türchen wieder. Das Mädchen kletterte tiefer, klopfte an das zweite Türchen und rief: «Gebt mir mein Eimerchen und mein Seil zurück!»
Der schreckliche Teufel öffnete und sagte: «Ich habe dein Eimerchen und dein Seil nicht gesehen, aber du kannst zu mir kommen und bei mir arbeiten.»
Das wollte das faule Mädchen nicht und so kletterte es schnell weiter bis zum dritten Türchen. «Gebt mir mein Eimerchen und mein Seil zurück!», rief es.
Die Himmelskönigin öffnete das Türchen und sprach freundlich: «Dein Eimerchen und das Seil habe ich gefunden. Aber sag, könntest du nicht auf mein Bübchen aufpassen, ihm Milch und Brot geben und das Haus putzen, während ich fort bin?»
Das faule Mädchen nickte und so ging die Himmelskönigin davon. Das Mädchen aber ass das Brot ganz allein und trank die Milch aus, ohne dem Bübchen etwas davon zu geben. Dann hielt es ein Nickerchen und schliesslich nahm es einen Besen und machte sich auf die Suche nach den Perlen und Edelsteinen von denen die Schwester mitgebracht hatte. Aber es fand nur Staub und Dreck am Boden.
«Ach ich Arme!», rief es aus. «Meine Schwester hat so viele schöne und wertvolle Dinge gefunden und ich nur Staub und Dreck!»
Kurz darauf kam Maria nach Hause zurück. Das Bübchen schaute traurig, weil es nichts zu essen und zu trinken bekommen hatte, und am Boden lag der Dreck herum. Maria fragte: «Hast du alles so getan, wie ich es dir aufgetragen hatte?»
«Ja», sagte das faule Mädchen.
«Nun», sprach Maria, «dann will ich dich nach deiner Arbeit belohnen. Möchtest du ein Kleid aus Seide oder aus Leinen?»
«Aus Seide!», rief das Mädchen, «wie eine Prinzessin!»
Doch die Himmelskönigin gab ihm ein Kleid aus Leinen.
«Und der Fingerhut?», wollte das Mädchen wissen.
«Welchen möchtest du denn haben, den aus Messing oder den aus Silber?»
«Den Silbernen, den Wertvollen!»
Maria gab der faulen Schwester jedoch den aus Messing. Dann gab sie ihr das Eimerchen und das Seil und sprach: «Da nimm, hier ist dein Eimerchen und das Seil. Und wenn du hinauskommst von hier, so schau in die Höhe!»
Am Ende des Ganges schaute die Schwester in die Höhe. Aber ohje! Anstatt eines schönen Sterns, fiel ihr Kuhmist auf die Stirn und verschmierte ihr das ganze Gesicht.
Wütend kehrte sie Mädchen nach Hause zurück und weinte. Kaum im Haus fing sie an zu schimpfen mit der Schwester: "Du hast einen schönen Stern bekommen und ich muss mit Kuhmist herumlaufen!»
Die Mutter wollte ihr das Gesicht waschen, doch soviel sie auch wusch, der Kuhmist verteilte sich nur noch mehr auf dem ganzen Gesicht. Als die Mutter die beiden Schwestern so vor sich sah, die eine mit dem Stern, die andere mit dem Kuhmist auf der Stirn, sprach sie: «Jetzt erst sehe ich, dass ich ungerecht war. Zu dir, Sternenmädchen, war ich böse und zu Dir, meine Tochter, war ich zu gut. Von heute an will ich zu euch beiden gleich freundlich sein.» Und was die Mutter versprochen hatte, das hielt sie auch. Ob der Kuhmist je wieder abgegangen ist, das weiss ich nicht. Der Stern auf der Stirn des Mädchens jedoch leuchtete sein Leben lang.
Quelle: Fassung Djamila Jaenike, nach: W. Keller, Tessiner Sagen und Volksmärchen, erzählt in Campestro von Silvio Savi, 1927, Zürich 2000
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.