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Kriterienraster zur Bewertung von Websites
Dass im Internet viel Informations-Müll herumliegt, ist klar. Dass man dort aber auch Hochkarätiges finden kann, ebenso. Es stellt sich das klassische Spreu-vom-Weizen-Trenn-Problem.
›Richtig‹ ist ein mehrstelliger Prädikator: richtig in welchem Kontext und für wen? Qualität ist abhängig von den Kenntnissen der Benutzer. Bsp.: für eine Sekundarschülerin ist ein fachwissenschaftlicher Text wertlos; für eine Doktorandin ein populärwissenschaftlichee ebenso.
Zu bedenken ist, dass Jugendliche in der Primarschule und teilweise auch noch auf der Sekundarstufe I gerne alles glauben, was sie in Informationen erhaschen – sofern es aus Quellen stammt, die sie als glaubwürdig erachten (Eltern, Lehrer, Freunde, offizielle Angaben in Museen oder Artikel im PM-Magazin). Sie bauen sich ihr Weltbild auf, das sie nicht erschüttern lassen wollen. Es ist pädagogisch wenig sinnvoll, auf dieser Stufe Übungen zur Kritik von wissenspräsentierenden Texten zu machen; besser vermittelt man gute Kenntnisse. Erst etwa auf der späten Sek.stufe I und der Sek.-stufe II (ab Beginn der Pubertät) werden die Schüler reif für den Umbau ihrer Weltbilder und für das Kritisieren von an sie herangetragenem Wissen.
Es gibt eine Reihe äusserlicher Kriterien für die Bewertung von Websites. Die hat man schnell kapiert. — Die stärkste Technik zur Abklärung der Güte beruht indessen auf der Einschätzung des Sprachstils (7) und des bereits vorhandenen Wissens (8). Wer die Schülerinnen und Schüler fit machen will für Internetrecherchen, bringt ihnen also am besten Textanalyse und viel solides Fachwissen bei.
(1) Autorschaft, Herkunft, Betreiber
- Wird der Autor / die Autorin der Seite genannt? Kann sie/er Referenzen anführen (etwa einen akademischen Titel), die ihn/sie als Experten ausweisen? Ist eine Kontaktadresse angegeben?
- Man überprüft mithilfe der üblichen bibliographischen Hilfsmittel (Bibliothekskataloge), ob es von der Autorin/dem Autor weitere Texte zum Thema der zu beurteilenden Arbeit gibt.
- Wer hat die Site ins Netz gestellt? (Hochschule, andere Forschungseinrichtung, Regierung, Privatperson, kommerzielles Unternehmen)? Der Top Domain Level der URL lässt gewisse Rückschlüsse zu: In den USA werden beispielsweise die Endungen .edu für Universitäts-Sites, .gov für amerikanische Verwaltungs-Sites, .org für Sites von Non-Profit-Organisationen und .com für kommerzielle Sites verwendet. Doch gilt zu beachten, dass diese Internet-Adresssen keine Garantie für den entsprechenden Anbieter sind. (Für eine Domain-Registrierung braucht es keine besonderen Voraussetzungen.)
(2) Sorgfalt
- Gibt es viele Rechtschreib- oder Tippfehler?
- Betreuung: Wann wurde zum letzten Mal ein Update erstellt? Gibt es viele blinde Links? (Hinweis darauf, dass die Site schon länger nicht mehr gewartet wurde.)
- Quellennachweis: Ist die Herkunft der Quellen, der verwendeten Informationen angegeben?
(3) Webdesign
- Nicht die Optik sondern die Konzeption interessiert.
- Ist die Navigation innerhalb der Site einfach und klar verständlich? Oder gerät man bald in Schlaufen oder ins Abseits?
- Dienen Graphiken und Animationen einem kommunikativen Zweck oder sind sie nur Dekoration, Fun, Firlefanz?
(4) Links
- Weiterführende Links: Welche Links enthält die Site: Bewegt man sich in ähnlichen Themen und Projekten oder landet man zuletzt bei Kaufangeboten und Werbung?
- Hinführende Links: Bin ich von ›vertrauenswürdigen‹ Personen oder Institutionen oder Links auf dieses Dokument geführt worden?
(5) Objektivität, ideologischer Gehalt
- Ist die Site frei von Werbung? Wird mindestens deutlich unterschieden zwischen dem redaktionellen Teil und der Reklame? (Einigermassen entschuldbar: Wer seine Site von gewissen Gratis-Anbietern hosten lässt, kriegt sie mit Reklame garniert.)
- Bei schwierigen Themen (z.B. zur Esoterik): Gibt die Site eine Innenansicht von Anhängern / Fans oder eine distanzierte, reflektierende Aussenansicht?
- Ideologieverdacht: Die offensichtlichen Fälle sind harmlos (wenn die Home-Page einer Vegetarier-Vereinigung auf die Gefahren des Fleischverzehrs aufmerksam macht). Übel sind die verdeckten Manipulationen. Woran erkennt man die?
- Ein Blick auf die Diskussionsseiten in der Wikipedia zeigt, ob das Thema heiss ist.
(6) Textmerkmale
- Textaufmachung: Ist der Text logisch gegliedert und in sinnvolle Abschnitte unterteilt?
- Ist eine Differenzierung des Texts in Faktenbeschreibung – Thesen – Argumentation – Spekulation usw. erkennbar? Oder ist alles ein undifferenzierter Brei?
- Geben die Verfasser auch an, wo die Grenzen ihres Wissens liegen? Kommt hin und wieder das Wörtchen vielleicht vor? Oder wird einfach apodiktisch behauptet?
(7) Anspruchsniveau, ›Eindringtiefe‹
- Es gibt eine Skala: Wissen für Fachexperten (oft auch mit Imponiergehabe und hochgeschraubtem Stil) – gut aufdidaktisiertes Wissen – effekthascherisches Halbwissen. Wie findet man heraus, wo auf der Skala eine Site angesiedelt ist? Wiederum aufgrund von bereits bekanntem Sachwissen.
- Zu berücksichtigen ist, dass die Qualität abhängig ist von den Kenntnissen der Benutzer: für eine Sekundarschülerin ist eine fachwissenschaftliche Site wertlos; für eine Doktorandin eine populärwissenschaftliche Site ebenso.
- »Halbwissen. — Das Halbwissen ist siegreicher als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.« (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I, 578)
(8) Qualität des Inhalts
- Nur wer schon etwas weiss, kann Unstimmigkeiten entdecken und so Verdacht schöpfen. Fehler/Lücken in einem Sachtext können erst aufgrund von Expertenwissen entdeckt werden.
- »Vere scire est per causas scire.« (Francis Bacon [1561-1626], Novum Organon II, Aphorismus 2)
- Erster, einfacher Test: Sind die von mir aufgrund anderer Quellen überprüfbaren Informationen korrekt? (Vorsicht, oft haben die Autoren von einander abgeschrieben und bieten deshalb dieselbe Information!)
- Elaborierter: Man wähle einige als Beleg angeführte Quellen aus, bei denen man bequemen Zugriff auf die belegende Literatur hat, und überprüfe, ob sie argumentativ genau passen oder entstellt bzw. aus dem Kontext gerissen sind.
(9) Anhang: Das Platypusproblem
Carl von Linné und mit ihm die gelehrte Welt hatten Vögel und Säugetiere am Ende des 18. Jahrhunderts nach folgenden Merkmalen unterschieden: Vögel legen Eier, haben einen Schnabel, die Weibchen säugen nicht, sie sind zweibeinig und haben Federn – Säugetiere haben ein Gebiss mit Zähnen, die Weibchen säugen die Jungen, sie sind vierfüssig und haben einen Pelz.
Im Jahre 1799 veröffentlichte Dr. George Shaw in London in »The Naturalists Miscellany« die erste Beschreibung eines Tieres, das er nur aufgrund einer Zeichung und eines ausgestopften Balgs und einer Beschreibung kannte, die ihm ein Kapitän aus Australien zugesandt hatte. Dieses Tier legt Eier, hat einen entenförmigen Schnabel, die Weibchen säugen die Jungen, es ist vierfüssig und es trägt Pelz!
Es passte weder in die eine noch in die andere Gruppe; es sprengte die damals geltende systematische Ordnung. George Shaw setzte sich dem Verdacht aus, er habe ein Tierpräparat aus mehreren Tier-Teilen zusammengenäht, um sich interessant zu machen!
Wenn etwas Neues nicht ins vorhandene System passt, gibt es zwei Reaktionsweisen: entweder man leugnet das Neue, um das System aufrecht zu erhalten – oder man ändert das System, so dass das Neue darin auch Platz findet. Das hat Konsequenzen für die Beurteilung von Websites: Wie viele Schnabeltiere klicken wir weg, weil wir glauben, »dass nicht sein kann, was nicht sein darf« (Ch. Morgenstern)?
Übungen zur Abklärung der Güte von Websites
letztes Update 1.3.09 pm