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«Alle Themen können zutreffen»
Neben Todesanzeigen, Wetterprognosen und Leserbriefen zählt das Horoskop zu den beliebtesten Zeitungsrubriken. Dass es sich dabei nur um Unterhaltung handelt, gibt man in der Astro-Branche freimütig zu. Dem Geschäft mit individualisierten Horoskopen sei das aber nicht abträglich. Schädlicher sei da die TV-Wahrsagerei.
Zwei Schulmädchen sitzen im Bus. Hastig blättern sie den «Blick am Abend» durch – sie suchen nach etwas Bestimmtem. Dann sagt die grössere von beiden: «Los, was ist dein Sternzeichen?». Zwilling, lautet die Antwort. Gemeinsam lesen sie vor: «Top: Ihre soziale Ader ist stark ausgeprägt. Sie haben ein offenes Ohr für die Themen anderer und bieten jedem, der es braucht, eine Schulter zum Anlehnen. Flop: Routinearbeiten liegen Ihnen jetzt nicht so sehr. Sie brauchen Herausforderungen». Die Mädchen kichern bis sie zwei Stationen weiter aussteigen.
Das erste Zeitungshoroskop erschien am 24. August 1930 auf Seite elf im «Sunday Express»
. Anlass war die Geburt von Prinzessin Margaret, der jüngeren Schwester von Queen Elizabeth II. Der Astrologe Richard Harold Naylor erstellte das Geburtshoroskop der Prinzessin, das unter dem Titel «What the stars foretell for the new princess» (Was die Sterne über die neue Prinzessin sagen) publiziert wurde.Zusätzlich zum Geburtshoroskop der Prinzessin erschienen Hinweise auf die Ereignisse sowie Prognosen für jeden Geburtstag in der kommenden Woche. Etwa so: «27. August: Sie werden Ihr Leben romantisch und interessant finden». Den Lesern der «Sunday Express» gefielen die Prognosen so gut, dass der Astrologe Richard Harold Naylor ein Fixum bei der Zeitung erhielt.Die Verfasserin der Rubrik, welche die Schulmädchen im Bus zum Kichern animiert hatten, heisst Christiane Woelky
und ist eine 59-jährige Astrologin aus Hamburg. Auch sie hat ein Fixum bei einer Zeitung. Christiane Woelky erstellt seit 2007 die Horoskope für den «Blick am Abend» und seit 2010 auch für den «Blick»
. Und das macht sie wie folgt: «Ich schaue mir an, wo die aktuellen Planeten in den Sternzeichen stehen und ob sie günstige oder ungünstige Winkel zueinander bilden», schreibt die Astrologin in einer Mail.Weiter vorne im Bus steht ein ältere Dame, sie liest die «annabelle». Vielleicht liest auch sie ihr Horoskop, vielleicht ist auch sie Zwilling. Falls ja, hätte sie unter anderem diese Prognose erhalten: «Sie verführen mit maximaler Venus-Power und müssen gar nichts tun, nur huldvoll lächeln».Offensichtlich brauchen Horoskope zum gleichen Sternzeichen in verschiedenen Zeitungen nicht identisch zu sein, obwohl sie auf denselben Grundlagen basieren. Horoskop-Autorin Woelky sieht darin keinen Widerspruch: «Planeten, Zeichen und Konstellationen haben ein Bedeutungsspektrum. So steht der Merkur unter anderem für Kommunikation, Selbstdarstellung, Nerven und Geschwister. Da man nicht weiss, wie dieser Planet im Grundhoroskop einer Person steht, können alle Themen zutreffen».Die Astrologin muss sich also, angesichts des geringen Platzes in den Zeitungen, für einen Aspekt entscheiden. Das macht die Astrologie mit der Musik vergleichbar, sagt Juri Viktor Stork
, Astrologe und Geschäftsleiter von astro.com
: «Das Horoskop ist die Partitur und der Astrologe spielt die Musik auf seine Weise».Hier liegt der Unterschied zur individualisierten Astrologie: In den Zeitungen und Magazinen wird bloss das Sternzeichen interpretiert, während in einem sogenannten Geburtshoroskop Geburtsdatum, -zeit und –ort unerlässlich sind, um eine persönliche Analyse zu erstellen.Der Differenz ist man sich in der Branche bewusst: «Zeitungshoroskope dienen der Unterhaltung und werden auch dementsprechend konsumiert», sagt Juri Viktor Stork von astro.com, einer international ausgerichteten Website rundum Astrologie. Mit seriöser Astrologie würden Horoskope und Prognosen in Zeitungen und Zeitschriften wenig zu tun haben.Demnach liegt es auf der Hand, dass Zeitungshoroskope der seriösen Astrologie schaden. Dem wollen die beiden in diesem Bericht erwähnten Astrologen nicht pauschal zustimmen. Mancher fühle sich durch das Zeitungshoroskop animiert, sich ein Geburtshoroskop erstellen zu lassen, sagt die Astrologin Christiane Woelky.Der Schweizer Astrologe Juri Viktor Stork spricht in diesem Zusammenhang «den Sumpf der Wahrsagerei» an. Es seien weniger die Zeitungshoroskope, die der seriösen Astrologie schaden würden, sondern die «undifferenzierte Vermischung von mantrischen Methoden durch Beratungsfirmen im Privatfernsehen» – etwa Mike Shiva mit seinem «esoterischen Wischiwaschi», wie «Kassensturz»-Moderator Ueli Schmezer einmal sagte
.