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Das Lenbachhaus gibt in der Ausstellung "Weltempfänger: Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz" Einblick in eine wenig bekannte Episode der abstrakten Malerei.
Die drei Künstlerinnen Georgiana Houghton in England, Hilma af Klint in Schweden und Emma Kunz in der Schweiz entwickelten voneinander völlig unabhängig eine eigene abstrakte, mit Bedeutung hoch aufgeladene Bildsprache. Abstrakte Bilder, die vor Kandinsky - der allgemein als Erfinder der frühen Abstraktion gilt - entstanden. Sie folgten ihren Überzeugungen; alle drei wollten in ihrer Arbeit Naturgesetze, Geistiges und Übersinnliches sichtbar machen.
Das Lenbachhaus beherbergt die grösste Sammlung zur Kunst des Blauen Reiter, dabei gehört Kandinsky zu den wichtigsten Vertretern. Auch wenn Kandinsky nicht der Erfinder der Abstraktion ist, bieten seine Werke und seine theoretischen Schriften wie Über das Geistige in der Kunst (1912) einen Referenzrahmen für die Beschäftigung mit den Künstlerinnen und Künstlern, die im Zentrum dieser Ausstellung stehen.
Georgiana Houghtons (1814-1884) farbintensive Tuschezeichnungen wurden erst in jüngster Zeit entdeckt und nun erstmals in Deutschland ausgestellt. Zeitlebens blieb ihr grössere Anerkennung für die Qualität ihrer Arbeiten verwehrt. Heute sind nur noch wenige ihrer Blätter erhalten.
Georgiana Houghton, Das Auge Gottes, 25. September 1862, Wasserfarben auf Papier, Victorian Spiritualists’ Union, Melbourne, Foto: VSU
Georgiana Houghton erhielt eine künstlerische Ausbildung und entwickelte sich nach dem Tod ihrer Schwester im viktorianischen London zum angesehenen Trancemedium. Um etwa 1860 begann sie auch mediumistisch zu zeichnen und zu malen, geführt von jenseitigen Wesen, die sie in Séancen kontaktierte. Die frühesten so entstandenen Werke zeigen botanische Formen, Blumen, Früchte, Blätter. Schon bald aber waren die in leuchtenden Wasserfarben gemalten Bilder vollständig abstrakt: In verschiedenen Schichten überlagern sich Bögen, Wellen, Spiralen. Auf der Rückseite notierte sie das Entstehungsdatum, den Titel, die an der Zeichnung beteiligten geistigen Wesen sowie Hinweise für eine Interpretation.
Hilma af Klint (1862-1944) ist heute die bekannteste der drei Künstlerinnen. Ihre Werke werden seit den 1980er Jahren international ausgestellt. Sie studierte an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm und spezialisierte sich auf Landschaften und Porträts, zudem arbeitete sie als naturwissenschaftliche Zeichnerin. Wie für Houghton war für sie der Tod ihrer Schwester 1880 Anlass, sich vermehrt mit Glaubensfragen zu beschäftigen.
Hilma af Klint, Gruppe III, Die grossen Figurenbilder, Der Schlüssel zur bisherigen Arbeit (Serie WU/Rosen), 1907, Öl auf Leinwand, Hilma af Klint Stiftung, Stockholm, Courtesy of the Hilma af Klint Foundation, Foto: Moderna Museet, Stockholm
Sie trat in die neugegründete schwedische Theosophische Gesellschaft ein, die den Spiritismus auf eine rationale Grundlage stellen wollte und das Studium aller Weltreligionen, insbesondere östlicher Weisheiten, einbezog. In Séancen praktizierte sie mediumistisches Schreiben und Zeichnen. In den so entstandenen Bleistift- und Farbstiftzeichnungen mit floralen und geometrischen Formen wurde ihre abstrakte Bildsprache vorbereitet. Af Klint löste sich vom professionell Erlernten, um die empfangenen Botschaften passiv und frei aufzeichnen zu können. So entstanden zwischen 1906-1915 zwei grosse Werkgruppen Malereien für den Tempel in einer abstrakten Bildsprache.
Hilma af Klint, Ohne Titel (Serie Über das Betrachten von Blumen und Bäumen), 1922, Aquarell auf Papier, Hilma af Klint Stiftung, Stockholm, Courtesy oft the Hilma af Klint Foundation, Foto: Moderna Museet, Stockholm
1908 lernte sie Rudolf Steiner kennen, der die mediumistische Praxis ablehnte und ihr Werk nicht anerkannte. Dennoch folgte sie 1913 seinem Wechsel von der Theosophie zur Anthroposophie und studierte seine Lehre. 1922 gab sie, inspiriert von Goethes Farbenlehre und der anthroposophischen Kunst, ihre geometrischen Abstraktionen auf und entwickelte nun 60jährig einen malerischen abstrakten Expressionismus. Hilma af Klint erkannte, dass erst zukünftige Generationen ihre Kunst verstehen würden und entschied, dass ihre Werke frühestens zwanzig Jahre nach ihrem Tod öffentlich gezeigt werden dürften.
Emma Kunz‘ (1892-1963) Werk wird im Lenbachhaus erstmals umfassend mit über 50 grossformatigen Zeichnungen dem deutschen Publikum vorgestellt. In der Schweiz ist sie bekannter, auch dank der Heilgrotte in Würenlos, die sie 1942 entdeckt hatte (heute Emma Kunz Zentrum). Ihr Werk ist im Kunsthaus Aarau erstmals 1973/74 präsentiert worden.
Emma Kunz verstand sich wie Hilma af Klint in erster Linie als Forscherin und widmete ihr Leben der Untersuchung von Energien und Kräften der Natur, um sie als Heilerin zum Nutzen ihrer Mitmenschen einzusetzen. Ausgehend von ihrer Intuition und mithilfe eines Pendels schuf sie grossformatige Zeichnungen, die diese Energieströme kartierten. Die Blätter dienten zur Orientierung bei der Beantwortung konkreter Fragen und Problemstellungen. Wie af Klint war auch Kunz überzeugt, dass sie Werke für das 21. Jahrhundert schuf und ihre Kunst zu ihrer Zeit nicht verstanden würde.
Unbekannter Fotograf, Emma Kunz an ihrem Arbeitstisch in Waldstatt, 1958, ©Emma Kunz Zentrum, CH-5436 Würenlos
Von den drei „Weltempfängerinnen“ ist Emma Kunz die einzige ohne künstlerische Ausbildung. Sie entstammte einfachsten ländlichen Verhältnissen. Schon früh zeichnete sie in Schulhefte, doch ihr künstlerisches Werk entstand erst ab 1938, als sie 46-jährig damit begann, grossformatige Zeichnungen auf Millimeterpapier auszuführen. In einem einzigen mehrstündigen Arbeitsdurchgang entstanden Blätter in höchster Konzentration aufgrund einer konkreten Ausgangsfrage. Die so entstandenen Bilder erscheinen als dynamische Schichtung verschiedener geometrischer Formen und Muster, koloriert mit Farbstift oder Ölkreide.
Emma Kunz, Werk Nr. 003, undatiert, 96 x 96 cm, Ölkreide auf Millimeterpapier mit braunem Raster, ©Emma Kunz Zentrum, CH-5436 Würenlos
Für Emma Kunz waren ihre Bilder nicht Selbstzweck, sie wurden „Kunst wider Willen“. Vertieft man sich in eines ihrer Bilder, das einem besonders anspricht, kann es durchaus sein, dass man die ausstrahlende Energie wahrnehmen und für sich selbst intuitiv Einsichten gewinnen kann.
Als Ergänzung zu den „Weltempfängerinnen“ zeigt das Lenbachhaus Werke von drei Filmschaffenden:
Die Brüder John Whitney (1917-1995) und James Whitney (1921-1982) entwickelten experimentelle Verfahren zur Bild- und Tonerzeugung, die eng mit dem Aufkommen moderner Computertechnik verbunden waren. Sie schufen elektronisch generierte, abstrakte Bildwelten, die sie mit selbst komponierter Musik synchronisierten. John fand nach den gemeinsamen Anfängen Anschluss an die Film- und Fernsehindustrie, James verknüpfte sein Schaffen immer enger mit esoterischen Interessen.
James Whitney, Lapis (Video still), 1966, Foto: Whitney Editions™, Los Angeles, CA ©James Whitney
Harry Smith (1923-1991) war in der Underground-Szene New Yorks eine Kultfigur: Sein exzentrischer, stark durch Drogenkonsum beeinflusster Lebensstil sowie sein unbändiges Schaffen in vielen Feldern kreativer Produktion wie Malerei, Druckgrafik, Film oder als Sammler und Schamane machten sein Leben und Wirken für Mythenbildung anfällig. Die Ausstellung beschränkt sich bewusst auf seine frühen Arbeiten, in denen er sich – beeinflusst von Kandinsky - der Sichtbarmachung geistiger Vorstellungswelten widmete und dabei ein beeindruckendes visuelles Vokabular entwickelte.
bis 10. März 2019
Weitere Angaben zur Ausstellung finden Sie hier.
Katalog: Weltempfänger - Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz, Texte von Karin Althaus u.a., erschienen im Hirmer Verlag, 276 S., reich bebildert, 32 €