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Zapfenstreich ist eigentlich das militärische Zeichen für die Nachtruhe. Mit einem Streich, einem Schlag, auf den Zapfen des Weinfasses wurde der Ausschank beendet und die Soldaten hatten sich in die Unterkunft zu begeben. Dieses Gebot ist seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in Landsknechtkreisen bezeugt. Mit der Zeit wurde es üblich, das Signal mit Instrumenten zu bekräftigen, «zum Zapfenstreich zu blasen»: bei der Kavallerie mit Trompeten, bei den Fusssoldaten mit Pfeifen und Trommeln. Der Ausdruck «Zapfenstreich» wurde allmählich auch mit dem musikalischen Signal gleichgesetzt und dieses zu Musikstücken entwickelt und – zum Verdruss weltlicher Kriegsgurgeln – religiös eingebettet.
Friedrich Schiller lässt in „Wallensteins Lager“ einen Veteranen der Armee des Schwedenkönigs Gustav Adolf im Dreissigjährigen Krieg auf dessen Neigung zum Predigen zurückblicken:
„Was war das nicht für ein Placken und Schinden
Bei Gustav, dem Schweden, dem Leuteplager!
Der machte eine Kirch‘ aus seinem Lager,
Liess Betstunde halten, des Morgens, gleich
Bei der Reveille und beim Zapfenstreich.“
Das Theaterstück wurde 1798 uraufgeführt, der Zeitgeist der folgenden überaus kriegerischen Epoche führte dann aber eher zurück zu Gustav Adolf als von diesem weg. Nach der Schlacht von Grossgörschen (Lützen) 1813 erlebte der preussische König Friedrich Wilhelm III im russischen Lager, wie die Soldaten nach dem Zapfenstreich noch einen Choral sangen. Er befahl dies fortan auch für seine Truppen. Daraus entwickelte sich das mehrteilige Zeremoniell, das als «Grosser Zapfenstreich» insbesondere in Deutschland bei der Verabschiedung hoher Persönlichkeiten trotz Anfeindungen in Zeiten der Political Correctness auch heute noch ausgerichtet wird.
Unser Windischer Zapfenstreich am Vorabend des Jugendfestes war in seinen Anfängen wohl genauso als Abschluss gedacht: am Ende des Examens, der Prüfungszeit, der Büscheliwoche. Wann der Brauch in Windisch begonnen hat, lässt sich nicht feststellen. Im 19. Jahrhundert wurde wie in den anderen eigenämter Gemeinden im Mai das Brötliexamen gefeiert, ab 1897 dann das Jugendfest am zweiten Julisonntag. Der Zapfenstreich war sicher in der Zwischenkriegszeit üblich. Als nach dem kriegsbedingten Unterbruch 1946 wieder Jugendfest gefeiert wurde, war dies ausdrücklich «wie in frühern Jahren» mit dem Zapfenstreich, angeführt von der Musikgesellschaft Eintracht und den Tambouren.
In den Gemeindeakten hat der Zapfenstreich wenig Niederschlag gefunden. Hört man sich in der älteren Generation etwas um, so sind die Erinnerungen eher vage. Die Lehrer montierten am Freitagnachmittag die Kränze und trafen sich anschliessend noch in der «Sonne», wenn sie es nicht vorzogen, den Feierabend zu Hause zu verbringen. Noch in den 1970er Jahren wurden am Jugendfest «Reigen», Tanzdarbietungen auf der Bühne dargeboten, Hauptprobe war vor dem Zapfenstreich. Der anschliessende eher ungeordnete, dafür umso vergnüglichere Umzug, war einmal länger, dann wieder kürzer. Man bewunderte die Bögen über den Strassen, den Blumenschmuck und die Fahnen an den Häusern. Immer aber bedeutete der Zapfenstreich für kurze Zeit Freiraum ohne Aufsicht der Eltern und Lehrer. Immer gehörten wenigstens die Tambouren dazu, wenn nicht die ganze Musikgesellschaft den Umzug anführte. Oft begann er beim Kreuzplatz im Unterdorf und endete beim Festplatz beim Dorfschulhaus, in jüngerer Zeit im Amphitheater oder beim Dohlenzelgschulhaus. Eingehakt zu fünft, zu sechst und mehr ging’s hinter der Musik im Gleichschritt: «Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben / Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm / Und vorwärts, rückwärts, seitwärts – marsch.» Die Reihe geriet einen Augenblick ins Stocken, die folgende lief auf Gekicher, Sprüche, auch wohl der eine oder andere verstohlene Blick. Und im Anschluss bot die Eintracht manchmal ein Platzkonzert und ein Verein oder gar der Einwohnerrat betreute die Festwirtschaft. Die Bez brachte gegen Ende des 20. Jh. ihre Darbietungen nicht am Jugendfestmorgen, sondern am Zapfenstreichabend im Amphi zur Aufführung, zum Beispiel in Form eines «Spiels ohne Grenzen». Manchmal gab’s ein Fussball oder anderes Sportturnier Behörden – Lehrer oder einen Lunapark. Der Zapfenstreich mauserte sich zu einem populären Fest vor dem Fest. Aber unabhängig von Form und Grösse: Das Wichtigste am Zapfenstreich ist die kribbelige Vorfreude auf das Jugendfest.
17.6.2016 / Barbara Stüssi-