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Wir befinden uns mitten in der Saison der Nationalfeiertage: Am 4. Juli haben die USA gefeiert, heute, am 14. Juli, feiert Frankreich, am 1. August feiert die Schweiz. In allen Ländern sieht das ähnlich aus: Fahnen schwingen, Schultern klopfen, Reden, Trinken, Feuerwerk. Die Feiern übertünchen, dass die Nationen zufällige Produkte der Geschichte sind und dass wir heute eigentlich etwas ganz Anderes feiern sollten.
Am 4. Juli haben die USA ihren Independence Day gefeiert, am 1. August feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Dazwischen feiert eine ganze Reihe weiterer Länder, am 6. Juli zum Beispiel die Komoren, am 10. Juli die Bahamas, am 14. Juli natürlich Frankreich, am 26. Juli Liberia und am 28. Juli Peru. Alle feiern sie die Unabhängigkeit: die USA und die Bahamas feiern die Unabhängigkeit von Grossbritannien, die Komoren von Frankreich, Liberia die Unabhängigkeit von den USA und Peru die Unabhängigkeit von Spanien.
Die Franzosen sind also mit ihrer fête nationale am quatorze juillet fast schon eine Ausnahme: sie feiern nicht die Unabhängigkeit, sondern den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 und damit den Anfang der französischen Revolution. Womit sie natürlich die Befreiung von der Monarchie feiern und damit auch ein bisschen Unabhängigkeit, wenn auch nicht von einer fremden Besatzungsmacht, sondern von einer Monarchie, die sich zuweilen wie eine Besatzungsmacht im eigenen Land aufführte.
Dornröschen-Legenden
Die meisten Nationen erzählen sich ihre Geschichte also ähnlich: Es gab eine dunkle Zeit der Unterdrückung, die verbunden war mit Entbehrung und Fremdheit im eigenen Land. Dann kam es zur Erlösung, oft durch einen Befreiungskrieg, der einem Nationalhelden Gelegenheit gab, sich auszuzeichnen. Der Held erkannte die Bestimmung des Landes, das Schicksal führte ihm die Hand, so befreite er die Nation aus der Fremdbestimmtheit.
All diese Erzählungen gehen davon aus, dass es die Nation schon vorher gab. Sie schlummerte, war von fremden Mächten unterdrückt, erkannte sich zuweilen selbst nicht, war aber offenbar schon da. Die Nationalheld-Erzählungen sind also Dornröschen-Legenden: Wilhelm Tell, George Washington oder Camille Desmoulins haben ihre jeweiligen Nationen aus dieser Sicht nicht geschaffen, sie waren die Prinzen, die sie wachgeküsst haben.
Die vielen Bundesbriefe
Das ist natürlich Humbug: Nationen sind keine natürlichen Gebilde – und schon gar keine göttlichen. Nationen sind Kinder des Zufalls. Die stringenten Nationalgeschichten sind erst im Nachhinein entstanden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schweiz. Unser Land ist, wie die meisten anderen Länder auch, aus unterschiedlichsten Gründen relativ zufällig entstanden und gewachsen. Macht, und das heisst Handels- und Wirtschaftsinteressen, waren dabei viel wichtiger als Nationalhelden à la Tell.
Der mythische Bundesbrief von 1291 ist bei Lichte besehen ein simples Verteidigungsabkommen der drei Talschaften in der Innerschweiz, die heute als Urkantone bezeichnet werden. Bernhard Stettler schreibt im Historischen Lexikon der Schweiz, es habe eine Flut von vergleichbaren Verträgen gegeben, denen man in späterer Zeit eine Bedeutung zuschrieb, die sie ursprünglich nicht hatten.[1] Zwischen 1251 und 1386 sollen über 80 vergleichbare Abkommen abgeschlossen worden sein. Als wichtigstes Abkommen galt lange der Bund von Brunnen, der 1315 geschlossen worden war.
Die vielen Eidgenossenschaften
Es gab im 13. und 14. Jahrhundert nicht die Eidgenossenschaft, es gab viele Eidgenossenschaften. Die meisten Städte waren Zentrum von eingeschworenen Bündnissystemen. Basel stand im Kreis der oberrheinischen Städte, Zürich stand den Bodenseestädten vor, Bern war Kern der Burgundischen Eidgenossenschaft. Mit der Zeit haben sich die verschiedenen Bündnisse zu dem konsolidiert, was wir heute als Eidgenossenschaft verstehen. Die Vorstellung, dass 1291 eine Art Nationalgeburt oder eine Nationalerweckung stattgefunden hat, ist also ein reines Nationalmärchen.
Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein galt auch nicht der 1. August, sondern der 8. November als Gründungsdatum der Schweiz: Nach dem Glarner Historiker Aegidius Tschudi (1505–1572) hat der Rütlischwur am 8. November 1307 stattgefunden.[2] Erst als 1891 die Stadt Bern das 700jährige Bestehen der Stadt feiern wollte, kam die Idee auf, das Jahr 1291 und den 1. August als Gründungstag der Eidgenossenschaft festzulegen. Noch weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde aber auch der 8. November gefeiert.
Nationen sind historische Zufälle
Auch die Schweiz ist also kein himmlisches Gebilde, das so hat kommen müssen, keine Nation, die von ihrem Nationalhelden 1291 wachgeküsst wurde, sondern ein historischer Zufall. Das gilt für alle Nationen, auch für relativ homogene Nationalstaaten wie Frankreich, Grossbritannien oder Spanien. Logisch und sinnvoll ist die Nationalgeschichte erst retrospektiv. Die aktuellen Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen, Korsen, Schotten und Kurden führen uns das ein kleines bisschen vor Augen.
Vor allem aber sollte die Zufälligkeit der Nationen uns vor Nationalstolz und Nationalismus schützen. Denn beides hat heute wieder Aufwind – absurd in einer Zeit des Zusammenwachsens, aber vielleicht die indirekte Folge der Globalisierung. Sein Land gern zu haben, ist in Ordnung. Stolz und Nationalismus sind jedoch fehl am Platz, ja gefährlich. Wie Franz Grillparzer 1849 warnte, gibt es einen direkten Weg von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität.[3]
Was wir wirklich feiern sollten
Denn Nationalstolz impliziert rasch nationale Überhebung über andere, Nationalismus führt zum Hass auf andere Nationen. Gerade als Schweizer, als Bürger eines Landes, das sich aus vielen Völkern, vielen Sprachen und vielen Kulturen zusammensetzt, sollten wir uns vor Nationalstolz hüten. Vor allem in dieser Zeit der Nationalfeiertage. Bei Lichte besehen gibt es die Nationalfeiertage nicht, weil am jeweiligen Tag die Nationen entstanden, sondern umgekehrt: Es gibt die Nationen, weil sie am jeweiligen Tag gefeiert werden. Nationen sind Erfindungen, die immer grösser werden, je länger man sie erzählt. Bei aller Freudetrunkenheit und Feuerwerkseeligkeit darf nicht vergessen werden, dass es die Nationen, die da gefeiert werden, ohne diese Feiern nicht gäbe. Sie sind Fiktion. Deshalb: Schafft die Nationalfeiertage ab!
Wirklich feiern sollten wir nicht die Nationen, sondern die bürgerlichen Rechte der Aufklärung, den Durchbruch von Bildung und Verstand über Nation und Stand. Absurderweise sind es gerade jene Gruppen, die sich dem Nationalismus hingeben, welche das mit Füssen treten, was unser Land wirklich ausmacht: Die Verfassung von 1848 und ihre Weiterentwicklungen von 1874 und 1891. Gleiche Rechte für alle, Solidarität mit den Schwachen, Freiheiten für Bürger – das alles sind nicht Errungenschaften einer mythischen Nationalgründung von 1291, sondern das Resultat der Aufklärung und der bürgerlichen Revolution. Sie gilt es, zu feiern und hochzuhalten. Gerade heute.
Basel, 14. Juli 2017, Matthias Zehnder; <email-pii>
Quellen:
[3] Siehe Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Ausgewählte Briefe, Gespräche, Berichte. Hrsg. von Peter Frank / Karl Pörnbacher. 2 Bde. München 1960, Bd. I, S. 500.