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Episode 16
Der Job
Jeder macht seinen Job so gut wie möglich. Auch der Tod.
«Kennst du den schon?» fragte Kantonspolizist Hitz seinen Kollegen Frunz. «Was denkt ein Polizist, wenn er Blut sieht?»
«Ist das Ketchup?» fragte Frunz.
«Quatsch! Ketchup», sagte Hitz, «warum denn Ketchup?!»
«Na dort!», antwortete Frunz und zeigte dem Gang entlang, «steigt dort gerade eine Ketchup-Flasche in den Lift?»
«Tatsächlich», sagte Hitz, «jetzt machen die schon Guerilla-Werbung im Spital? Frechheit! Was kommt als nächstes? Mit Werbung bedruckte Krankenwagen? Oder Ärztekittel mit Logos drauf?»
«Jetzt singt sie», sagte Frunz, «aber nicht den Ketchup-Song, den kenn ich.» Frunz beginnt den Refrain des Ketchup-Songs zu singen. So, wie er ihn ihm Ohr hat. Kreuzfalsch. Und macht dazu die entsprechenden Tanzbewegungen. Verblüffend gut.
«Oha», sagte Hitz, «sie singt ein Kinderlied. Ich nehme alles zurück, jetzt weiss ich, was das ist.» Er stiess seinen tanzenden Kollegen an und bedeutete ihm, sich zusammenzureissen. «Das ist ein Krankenhaus-Clown, verstehst du? Die gehen zu den kranken Kindern und unterhalten sie. Krasser Job.»
Frunz wiederholte den Refrain noch ein letztes Mal, dann nahm er Haltung an. «Ok, lass uns endlich diesen anderen Krankenhaus-Clown finden, diesen Spagat-Weltmeister, diesen primitiven.» Er tänzelte voraus zum Lift und Hitz folgte ihm. Ehe die beiden Polizisten den Lift erreichten, ging die Tür zu und Estelle, Roberto und Marina fuhren runter zum Ausgang.
«Das war knapp», sagte Estelle, «aber mein Lied schien ihnen gefallen zu haben, die haben nur mich angesehen.»
«Also singen kannst du definitiv nicht», sagte Roberto, der sich auf dem Rollbett zur Seite gedreht und den Schlafenden gemimt hatte, «aber ein Magnet bist du auf jeden Fall. Mit oder ohne Maske.» Estelle gab Roberto einen Klapps auf den gezerrten Oberschenkel, wobei sie eher die Pobacke erwischte, und stimmte die nächste Strophe an. Die Stimme fast im hohen C. Marina stimmte mit ein und grinste. Sie schaute sich das Tänzchen des Polizisten nochmals auf dem Handy an. Einwandfreies Hit-Material, scharf und unverwackelt. Guter Job. Ihre Online-Fans würden es lieben.
Isabelle von der Traumatologie sah es als Erste. «Zimmer 16», rief sie einer Kollegin zu und rannte los. Die Pflegefachfrau hatte schon länger damit gerechnet. Seit der schwarze Kater im 8. Stock gesichtet wurde, war sie wie auf Nadeln. Das blinkende Alarmlicht kam fast wie eine Erlösung. Natürlich. Die alte Frau. Die wäre in der vorletzten Nacht schon fast gestorben, ein Wunder überhaupt, dass sie überlebt hatte, vermutlich war es nun soweit. Isabelle dachte an Dr. Rutishauser. Sie würde ihm in der nächsten Pause ausführlich berichten. Zum Glück rauchte er wieder.
Marinas Bruder wartete vor dem Eingang des Kantonsspitals und rauchte. Das Zigi-Päckchen hatte er gekauft. Im Gegensatz zu den Kondomen. So viel Mut hatte er dann doch nicht. Nicht einmal bei der Self-Checkout-Kasse hätte er es gewagt, die 20er-Packung über die Scanner-Fläche zu ziehen. Irgendjemand hätte es garantiert gesehen, bestimmt. Mit seinem Glück. Da klaute er sie lieber.
Seine Schwester hatte sich am Telefon tausendmal bei ihm entschuldigt. Die Sexcheftchen-Sache hatte ihr wirklich Leid getan. Zu Recht. Was er sich schon kurz nach dem Video-Hochladen an Sprüchen hatte anhören müssen war unterirdisch. In der Schule kannte ihn plötzlich jeder. Und jede. Alle hatten das verklebte Unterwäsche-Heftchen gesehen. Es war ein Fluch. Bis es unverhofft zu einem Segen wurde. Sie trage auch Unterwäsche aus diesem Katalog, flüsterte ihm Gabi aus der Paralellklasse zu, als er in der grossen Pause vor ihr in der Mensa anstand. Als er sich umdrehte lachte sie nicht. Sie sah ihn beinahe auffordernd an. Da war eindeutig etwas Sexuelles in ihrem Blick gewesen, er war sich sicher. Sonst hätte sie wohl kaum so offen auf seine spätere WhatsApp-Nachricht reagiert.
Und jetzt waren sie fürs Kino verabredet, und er würde mit einem Auto auftauchen, und für den Fall der Fälle, war er gewappnet. Zwanzig Mal.
Vorher musste er nur noch diesen kleinen Job erledigen.
«Magst du deinen Job eigentlich?» fragte Kantonspolizist Frunz seinen Kollegen Hitz. Sie warteten immer noch auf den Lift. «Wenn du nochmals wählen könntest, meine ich». Frunz konnte immer noch nicht stillstehen. Den Ketchup-Song im Ohr, wippte er mal hierhin, machte einen Ausfallschritt dorthin, kreiste mit den Hüften. «Hier gibt’s doch bestimmt eine Treppe», sagte Hitz und stapfte davon.
Isabelle von der Traumatologie erreichte das Zimmer 16. Ehe sie die Klinke drückte schloss sie die Augen und atmete einmal tief durch. Sie liebte ihren Job. Aber sie mochte den Tod nicht. Dann trat sie ein.
Lilly sass aufrecht im Bett, die Finger gespreizt, auf ihren Nägeln trocknete roter Nagellack. Es werde auch langsam Zeit, sagte sie, und deutete mit dem Kinn auf die schwarze Katze, die eingerollt bei ihren Füssen lag. Der Schmusekater hier brauche dringend etwas zu essen, der sei ja schon richtig abgemagert. Lilly fixierte die Pflegefachfrau mit ernstem Blick. «Und holen Sie mir einen Pfarrer, Schätzchen, es geht langsam zu Ende.»