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Auf dem Markt
Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht. Die kleinen geflochtenen Holzschalen, die Bergheim auf dem Markt immer hochhob, um zu sehen, ob sich das weisse Vlies am Boden schon von zerfallenden Früchten rötlich verfärbte, waren übervoll mit zu dunklen Beeren. Während der natürliche Prozess ihrer Auflösung sich in der Regel als Schimmel zeigte, der über die zum Platzen mürben Fruchtgefässe hinauswuchs, handelte es sich hier um einen zutiefst beunruhigenden Farbwechsel. Die Farbe, an die sich Bergheim bei Biohimbeeren seit vielen Jahren gewöhnt hatte, war ein blasses, bläuliches Rot, das bei Lichteinwirkung fast durchsichtig schien. Diese aber waren anders, sie leuchteten in schwärzlichem Purpur, was den Früchten sofort etwas entschieden Jenseitiges gab. Bei seiner Inspektion der Schalen stellte Bergheim fest, dass selbst die Papiertücher unter den Beeren schon tiefdunkelrot waren und sich erste Tropfen wie frisch ausgetretenes Blut am hellen Holz der Schale sammelten. Der Name der Kooperative, Sommerfrische, war in Fraktur mit einem Retrostempel aufgedruckt. Seit kurzer Zeit tauchten überall Typographien auf, die an das lange Zeit als reaktionär geltende Sütterlin erinnerten. Mit dem altertümlichen Schriftzug wollte man sich bewusst als Teil einer Tradition zeigen, die noch Bezug zur Herkunft hatte und das eigene Land als Produktionsort ausländischen Importen vorzog. Bergheim entzifferte die Adresse nur mit Mühe. Automatisch sortierte er die achtlos übereinander gestapelten Schalen und rückte sie zurecht, so dass ihre Ränder eine gerade Linie ergaben und genügend Raum zwischen ihnen entstand, um die Früchte nicht noch weiter zu zerdrücken. Er nickte, während er sich das Ergebnis prüfend von mehreren Seiten besah, und musste wegen der Farbe unwillkürlich an Samtvorhänge denken, wie sie vor die Fenster von Leichenwagen gezogen wurden. Der kitzelnde Flaum, der sich beim Zerdrücken der Frucht im Mund wie ein Pelz auf die Zunge legte, widerte ihn auf einmal an. Dazu kamen die weissen Poren im Inneren der Himbeere, die schon von Natur aus an bedenklichen Pilzbefall erinnerten, obwohl sie nur die Punkte bezeichneten, an denen sie mit der Pflanze verbunden waren. Die Härchen, die wild zwischen einzelnen Waben herausragten, schienen sich noch dazu zu bewegen, und über den zellenartigen Fruchtbällen formte sich gräulicher Schimmer, der sie fast staubig aussehen liess, wie ein dünnhäutiger Bovist. Die Fruchtzellen, die ihm bislang als Schlüsselreiz dienten, um seinen Mund wässrig zu machen, sie flössten ihm auf einmal Furcht ein. Er sah grässliche Spinnenköpfe aus den Himbeeren herausspähen, das Wachstum des Fruchtfleisches, zuvor Beweis für die wunderbare Vermehrung der Natur, erschien ihm nun als gefährliches Wuchern, bösartige Fruchtzellen, die sich unentwegt teilten und der Welt feindlich entgegenwuchsen, um sie zu beherrschen und am Ende zu vernichten. Bergheim sah sich ungläubig um: Merkten all die anderen Marktbesucher denn nicht, was hier gerade geschah?
Beim Anblick der vielen Menschen wurde ihm schwindlig, er hatte auf einmal Schwierigkeiten zu fokussieren, was dazu führte, dass er die Gesichter nicht mehr als Ganzes wahrnahm, sondern als Ausschnitt, wie durch ein Vergrösserungsglas betrachtet. Augenbrauen wuchsen zu wilden Hecken, hinter denen gewiss Schreckliches geschah, nur angedeutet durch die Falten des Mienenspiels, das sich auf der hohen Stirn eines jungen Mannes abzeichnete. Die wulstig aufgeworfenen Lippen eines Marktschreiers öffneten sich zu einem abgründigen Schlund, der alles Licht zu schlucken schien. Bevor ihm schwarz vor Augen wurde, wandte er sich ab. Mit jedem Schritt beschleunigte er seinen Gang, nur weg von dem Stand, und verfiel, den Blick starr nach vorne gerichtet, unversehens in eine Art kontrolliertes Rennen, worauf er bald den Überblick darüber verlor, in welchem Teil des Marktes er sich gerade befand. Er musste schon eine ganze Weile gelaufen sein, ohne nach rechts oder links zu schauen, denn auf einmal war weit und breit kein Obst oder Gemüse mehr zu sehen, nur noch Tiere, von denen ein strenger Strohgeruch ausging und die hinter provisorisch gezimmerten Holzverschlägen in den kühlen Morgen atmeten. Um die Sonne, die sich langsam aus dem Hochnebel abzuzeichnen begann, bildete sich ein leuchtender Ring aus feinen Wolken, ein Halo, der eher nach zu erwartendem Schnee aussah als nach spätsommerlichem Regen. Die Bauern aus der Umgebung in ihren ledernen Schürzen präsentierten stolz ihren Bestand an Vieh in Gattern und boten neben geschlachtetem Fleisch, das sauber aufgeschichtet in den weissen Schalen der Vitrinen lag, auch frische Milch in Blechkannen mit Holzgriffen an. Als Bergheim, weil es gerade vor einem Stand, der Wagyu-Rinder von einer organischen Farm an den Weidehängen des nahen Mittelgebirges anbot, nicht weiterging, seinen Blick über die schwärzlichen Tiere schweifen liess, fiel ihm ein Rind auf, das weiter hinten im Pulk stand und sich eigenartig bewegte. Während die anderen sich bereitwillig von den Einkäufern am vorderen Rand der Koppel streicheln liessen, blieb das Tier verstört an der Tränke, kratzte mit den Hufen monoton das Stroh zur Seite und rieb sein Fell an den mit krummgeschlagenen Nägeln übersäten Brettern des Zauns, wobei Hautteile am Holz hängenblieben und so allmählich das Fleisch durchschimmerte. Als er genauer hinsah, entdeckte Bergheim, dass trotz der Verletzungen, die sich das Tier beibrachte, kein Blut zu fliessen begann, vielmehr kamen mit seinem Reiben immer grössere Flächen einer gräulich glänzenden Fleischmasse zum Vorschein, die verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte. Als Bergheim erschrocken aufsah, blickte er direkt in die Augen eines Marktaufsehers, der am anderen Ende der Koppel in ein Funkgerät sprach und einer Gruppe von Stallburschen, die um ihn herumstand, hektische Handzeichen in seine Richtung gab. Als er sich rasch wieder dem Rind zuwenden wollte, war es nicht mehr da. Noch im selben Moment drehte er seinen Kopf weg und ging sofort hinter einer Familie mit einem Geländekinderwagen in Deckung, indem er vortäuschte, er hätte etwas fallen gelassen und müsste danach auf dem Fussboden suchen. Im Schutz der Menschenmasse bahnte er sich, weiter in die Knie gegangen, seinen Weg in die entgegengesetzte Richtung. Als er sich mehrmals umgesehen hatte und weder den Aufseher noch seine Burschen ausmachen konnte, rannte er auf die Strasse und wäre beim Überqueren fast von einem laut hupenden Lieferwagen erfasst worden.
Sommerfrische
Die Kooperative lag ausserhalb der Stadt. Der Vorort grenzte direkt an die umliegenden Wälder, und die Besitzer hatten einen Teil ihres Grundstücks in eine Feldlandschaft für Selbstpflücker verwandelt, die sich nun wie eine kostenlose Werbefläche an der frischgeteerten Ausfallstrasse entlangzog. Die lief Bergheim, nachdem er aus der Strassenbahn ausgestiegen war, einige Zeit entlang, bevor er zu einem Parkplatz für Elektroautos gelangte, neben dem ein Fachwerkhaus stand. An der Front des Hauses war, aus Holzscheiten gezimmert, der Name der Kooperative zu lesen: Sommerfrische. Hinter dem unlängst abgebeizten Jägerzaun hatte Bergheim bei seinem Fussmarsch durch die Rauten hin und wieder Familien in Allwetterkleidung erkennen können, die mit Bastkörben gebückt zwischen Erdbeerbeeten umherliefen, dann hier und da triumphierend besonders riesige Exemplare hochhielten, um sie den anderen zu zeigen. Obwohl kein Regen in der Luft lag und der Spätsommer kaum in Herbst übergegangen war, trugen alle Gummistiefel und Wachsjacken. Im Laufen versuchte er, die Rauten des Jägerzauns aus seinem Blickfeld verschwinden zu lassen, indem er seine Augen auf das Geschehen dahinter fixierte, aber es gelang ihm nicht. Ein Umstand, der Bergheim an eine Eisenbahnfahrt erinnerte, die er vor kurzem unternommen hatte. Wie üblich sass er im Abteil, und die Landschaft raste vor dem Fenster vorbei. Dann begann er zufällig, auf die Masten der Stromleitung zu achten, die parallel zur Strecke standen. Weil er entgegen der Fahrtrichtung auf einem Fensterplatz sass, konnte er in Kurven bis zum Zugende sehen, aber das schöne Bild des silbernen Bandes, das sich elegant an einem See entlangschlängelte, wurde empfindlich durch die nun in den Vordergrund drängenden Masten gestört. Früher war es ihm immer problemlos gelungen, den Vordergrund mit seinen Augen wie ein Objektiv ins Unscharfe zu drehen und auszublenden, um sich auf die Landschaft dahinter konzentrieren zu können. Nun hatte er Schwierigkeiten, überhaupt etwas von der Natur zu sehen, das nicht vom Staccato der Strommasten verwischt wurde. Zwischen den Masten hing die Leitung noch dazu nach unten durch, was im Vorbeifahren eine Art Elektrokardiogramm entstehen liess, das jemand heimlich vor das Zugfenster projiziert hatte. Bergheim war in der Nähe eines grossen Umspannungswerks aufgewachsen. Was ihn daran immer besonders beeindruckt hatte, war das monotone Brummen, das man bereits von weitem hören konnte und sich beim Näherkommen in sirrendes Britzeln verwandelte. Er fragte sich oft, wie Strom an sich wohl aussähe, warum man ihn im Freien hörte, wenn er von irgendwo herkam und gebündelt wurde und dann weitergeschickt, Gott weiss wohin, aber niemals zu Hause in der Wohnung an den Steckdosen, wo er in die Lampen floss und die Geräte. Was ging in den Masten vor sich, die wie Wachtürme aus einer anderen Zeit in seltsamer Melancholie das Land überzogen? Einer Melancholie, die wohl dem Umstand geschuldet war, dass sie sich nie vom Fleck bewegten, aber gleichzeitig ertragen mussten, wie sich eine Urgewalt endlos durch sie hindurchbewegte. Über Felder und Hügel, von einem Ort zum nächsten, aber keiner konnte ihr habhaft werden, weil sie unfassbar, ja nicht zu greifen war. Es gab Menschen, die über der Allgegenwart des Stroms fast verrückt wurden, die es nicht aushalten konnten, in einem Raum zu sein, wenn nicht an allen installierten Steckdosen Geräte angeschlossen waren, weil sie das, was aus der Wand kam, wenn sie nicht benutzt wurden, fürchteten wie nichts sonst. Auch Bergheim misstraute dem Ruhezustand seines Fernsehers, wenn er abgeschaltet war, und zog nachts den Stecker, um zu verhindern, dass Strahlung austrat. Auf dem Parkplatz der Kooperative stand nur ein kleines Elektroauto, daneben polierte Geländewagen und ein Kombi mit Allradantrieb. Der mit Kieselsteinen ausgelegte Weg vom Parkplatz zum Gebäude war von Brombeersträuchern gesäumt, was Bergheim zu einem, wie er es nannte, Mundraub im Vorübergehen nutzte. Die Brombeeren waren weder besonders gross gewachsen noch weich. Als Bergheim die erste Frucht beherzt mit der Zunge am Gaumen zerdrückte, zog sich seine Stirn in Falten: der Geschmack war eine Enttäuschung. Er glich einer mit Süssstoff gezuckerten Feige, die zu lang getrocknet war. Wie bei Most gab es einen Hauch von Fermenten, dann hörte die Brombeere auf, überhaupt nach etwas zu schmecken. Um sicher zu gehen, dass er nicht einfach nur ein überreifes Exemplar gewählt hatte, ass er noch ein paar mehr, aber immer mit dem gleichen Ergebnis. Zudem hatte sich auf der Hand mit den Brombeeren ein Marienkäfer niedergelassen, dessen Gestalt Bergheim beunruhigte: Er sah auf den ersten Blick ganz normal aus, nur dass er nicht rund war, sondern einen eher länglichen Körper besass. Auch konnte er seine transparent schimmernden Flügel nicht mehr zusammenfalten, sie bewegten sich auf und ab, während er hektisch über das dichte Flaumhaar von Bergheims Handrücken krabbelte, um nach einem Abflugpunkt zu suchen. Was ihn aber am meisten irritierte, war die Farbe: ein blasses Rostrot, über das die Natur ein paar dunklere Punkte gestreut hatte. Als hätte die jahreszeitliche Verfärbung der Blätter an den Bäumen auch von den Tieren Besitz ergriffen und das bevorstehende Ableben bereits in ihre Erscheinung eingeschrieben. «Verzeihung, kann ich Ihnen irgendwie helfen?» Vor Bergheim hatte sich, während er dem Käfer zu folgen versuchte, eine kräftige junge Frau aufgebaut, die ihn um einen ganzen Kopf überragte. Sie trug schlammfarbene Latzhosen über einem weissen Hemd, auf dessen Brusttasche Name und Emblem der Kooperative mit grasgrünem Garn eingestickt waren. Obwohl er sich der blonden Frau mit dem Zopf höflich zuwenden wollte, um ihre Frage zu beantworten, konnte er seinen Blick nicht von dem Symbol lösen, das auf ihrer Hemdbrust prangte. Es war der zackige Umriss eines Blattes, der unmerklich in die Strahlen einer aufgehenden Sonne überging. «Danke, gut, dass Sie gleich fragen. Ja, vielleicht können Sie mir helfen. Ich bin wegen der Himbeeren hier, die Sie auf dem Markt in der Stadt verkaufen.» Er versuchte sich an die Stilfigur zu erinnern, die das Bild auf ihrem Hemd beschrieb. «Wieso? Sind Sie Grosshändler? Wir haben schon einen exklusiven Vertragshändler dort, tut mir leid.» Es war ja so: das Chlorophyll kam erst durch Einwirkung des Sonnenlichts und den Prozess der Photosynthese zustande, aber auf dem Bild sah es so aus, als ob die Sonne bereits über einem vollends ergrünten Blatt aufging, da genau lag der Fehler. Bergheim war derart begeistert von seiner Erkenntnis, dass er sogar vergass, die Stilfigur zu bestimmen, die ein solches Vexierbild bezeichnete, eine Art Umkehrung der logischen Reihenfolge des Geschehens. Als Bergheim aufsah, bemerkte er die routinierte Bewegung, mit der die junge Gärtnerin ihn unauffällig Schritt um Schritt zurück in Richtung Parkplatz drängte. «Deswegen bin ich gar nicht hier, warten Sie, ich erkläre es gleich.» Weil er ihr nun direkt in die Augen sah, blieb sie kurz stehen. Als er ihrem Blick folgte, wie sie langsam an ihm herabschaute, bemerkte er, dass er die Brombeeren immer noch in der Hand hielt: «Hier, wenn Sie mal probieren wollen, ein ähnlicher Fall wie bei den Himbeeren. Da ist es die Farbe, hier der Geschmack.» Sie starrte Bergheim erstaunt an, nahm eine Beere und begann zu kauen. Während sie noch Reste zwischen ihren Zähnen bewegte und dazu den Kopf schief legte, um dem Urteil Gewicht zu verleihen, bemerkte sie: «Die sind nicht zum Verkauf bestimmt. Die wilden Sträucher haben wir hier gepflanzt, um Lücken in den Hecken zu füllen. Weil die schneller wachsen als die anderen.» Bei dem Gedanken, dass es sich am Ende gar nicht um Brombeeren handelte, wurde ihm mulmig, aber die Frau hatte sie schliesslich auch selbst gekostet. Seine Zähne begannen zu kribbeln, als habe man ihnen eine wesentliche Substanz entzogen, und in seinem Magen wurde es unangenehm warm. «Und was meinen Sie mit den Himbeeren?» Sie fixierte ihn mit verschränkten Armen, was der ganzen Situation den Charakter eines Verhörs gab. Die anhaltende Stille, die auf die Frage der jungen Gärtnerin nach den Himbeeren eintrat, wurde Bergheim so unerträglich, dass er die Brombeeren ungeschickt fallen liess, was er mit einem etwas zu lauten «Hoppla» kommentierte. «Da liegen sie. Und sehen Sie nur: völlig intakt. Keine einzige zerplatzt. Was sagt uns das?» Die Gärtnerin bemühte sich, als Zeichen ihres Mitgefühls, um ein Lächeln. «Wilde Strauchbrombeeren, noch nie probiert? Viel solider als ihre überzüchteten schwarz glänzenden Verwandten aus der Feinkostabteilung.» Bergheim sah sie entgeistert an: «Nein, nie gehört. Wo kommen die Pflanzen denn her?» Sie lachte auf. «Ich glaube, ein Besuch in unserer Musterschule könnte interessant für Sie sein. Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie doch einfach mit.» Obwohl er noch nie etwas von einer Musterschule gehört hatte, willigte er sofort ein und begleitete die Gärtnerin zu einem Hintereingang, der mit einer grossen Rampe für Lieferwagen ausgestattet war. Während das bis zum Rohmaterial abgebeizte Holzportal sich automatisch öffnete, bemerkte Bergheim ein kleines Instrument, das die Gärtnerin diskret über der Brusttasche ihrer Hose befestigt trug und das parallel zum monotonen Surren der etwas altertümlich anmutenden Mechanik dunkelrot aufzublinken begann. «Kommen Sie herein, wir haben den alten Begriff der Musterschule etwas weiter gefasst.» Sie öffnete die Tür zu einem Saal, in dessen Mitte die Miniaturdarstellung einer Landschaft unter Glas stand. «Musterschule meint, wir zeigen, wie die Natur hier im Land einmal idealiter ausgesehen hat: Fauna und Flora, die ganze belebte Welt mit allen indigenen Pflanzen, Bäumen, Sträuchern, Tieren, Fischen, Insekten, Vögeln – ein Abbild dessen, was so sein sollte, wie es war. Woran wir, selbstverständlich, mit allem, was wir hier tun, händeringend und begeistert arbeiten.» Erst jetzt bemerkte Bergheim, dass das, was er sah, nicht nur eine perfekte Nachbildung der Natur in Form einer Spielzeugwelt war, sondern dass sich alles noch dazu bewegte. «Wie haben Sie das geschafft?» Die Gärtnerin lächelte. «Sie meinen die Animationen? Mein absoluter Kindertraum. Unsere kleine Welt/erscheint in neuem Licht, so hiess das Lied, das wir damals auf der Strasse beim Hinkelkästchen-Spielen immer gesungen haben. Und nun haben wir ihn dank der Präparatoren verwirklicht. Eine Liliput-Arche. Wir haben die Goethe’schen Urpflänzchen versammelt, damit sie uns nicht wieder verlorengehen, wie beim letzten Mal.» Bergheim konnte die Augen nicht von dem Treiben unter Glas lassen und umschritt das Modell mehrmals, um die genaue Nachbildung von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten. «Und wo arbeiten diese, wie sagten Sie, Präparatoren?» Die Gärtnerin deutet auf eine kleine Tür an der Seite: «Die Dermoplastiker? Gleich hier. Wir haben heute abend einen Vortrag mit vorangehender Führung – vielleicht wollen Sie auch kommen? Ich stelle Sie aber trotzdem schon mal vor, wie war noch ihr Name?» – «Oh, ich fürchte, ich habe völlig vergessen, mich vorzustellen. Bitte um Entschuldigung! Bergheim mein Name. Und wie heissen Sie?» Sie reichte ihm die Hand. «Asche. Henriette Asche. Sehr erfreut.» Nach mehrmaligem Klopfen öffnete sich die Tür und ein Mann mit Vollbart im weissen Kittel und einem an der hohen Stirn befestigten Vergrösserungsglas trat auf die beiden zu: «Dr. Haupt mein Name. Hocherfreut. Wie Sie sehen, ist es dunkel hinter mir im Zimmer. Ich muss die Tür auch gleich wieder schliessen. Im Prinzip sollten wir ausschliesslich nachts arbeiten, aber aus verständlichen Gründen geht das natürlich nicht immer. Daher die künstliche Nacht. Die letzten Forschungen haben ergeben, dass ausgerechnet das gute alte Tageslicht, dessen Unabdingbarkeit für die Überprüfung des natürlichen Eindrucks, den die Tiere auf den Betrachter machen sollen, wir jahrelang nie in Frage gestellt haben, den Hautpartikeln deutlich sichtbaren Schaden zufügt, ja dieselben in gewisser Hinsicht sogar zu zersetzen beginnt. Wie früher die sich selbst auflösenden Polaroidbilder. Oder, genau so schlimm, das kennen Sie bestimmt auch noch: die verblassenden Papierkopien, die unsere Lehrer mit diesen lilafarbenen Matrizen abzuziehen pflegten.» Genau die, mit denen Bergheim während seiner Ausbildung die Kopien für seine Kurzvorträge gemacht hatte. Nachdem damals bekannt geworden war, dass gerade die Druckerschwärze, wie sie überall in den Tintenstrahlgeräten seiner Jugend verwendet wurde, zu den schlimmsten Karzinogenen gehörte, war der Markt bald voll von alternativen Methoden zur Herstellung von Kopien gewesen. Ihr überraschender Erfolg, so viel schien Bergheim sicher, war dem klinischen Geruch geschuldet – war das eigentlich Formalin? –, den die Matrizen verströmten. Es kam ihm vor, als ob mit der hauchdünnen lila Farbschicht auf der Rückseite des Pauspapiers nicht nur Buchstaben auf die Abzüge transportiert, sondern auch eine olfaktorische Geheimschrift in die Köpfe der Menschen geschleust wurde: versteckte Botschaften, die das glatte Papier der Matrizen, auf dem in Mattlila die Hand- oder Druckschrift zu lesen war, mit Hilfe seiner unsichtbaren molekularen Hülle aus Duftpartikeln verströmte. Bergheim stellte sie sich als Äquivalent der prähistorischen Höhlenzeichnungen vor, die man im Südwesten Frankreichs entdeckt hatte. Nicht vom Inhalt her, sondern was die Form betraf. Während des Studiums hatte er sich ausgiebig mit ihnen beschäftigt und damals am Institut einen Aufsatz dazu geschrieben, den er «Über die Jagd und die Sammler» genannt hatte, ein Wortspiel, mit dem er auf Ortega y Gasset verweisen wollte. Seine Aufmerksamkeit galt dabei einer besonders obskuren Zeichnung, die in der Nähe des Abstiegs zu einem Brunnen gefunden worden war. Für Bergheim war es ganz offenbar, dass es sich bei der Darstellung um nichts Geringeres als die Urszene des menschlichen Sündenfalls handelte. Weit vor den Anfängen des Christentums hatten die Höhlenbewohner diesen symbolischen Moment als Zeichnung schockgefroren und verewigt. Bergheim hatte sie dann in seiner Schrift mit einer Filmsequenz in Beziehung gesetzt, die den Beginn des Fleischverzehrs als eigentlichen Sündenfall präsentierte: Darin verwandelte ein übrig gebliebener Knochen des ersten verspeisten Tieres die vormals friedlich miteinander Lebenden, die sich ausschliesslich von Pflanzen, Früchten und Gemüse ernährt hatten, in aggressive Monster, die, so erklärte er es, durch brutale Jagd und blutigen Verzehr wie durch eine nie gekannte Droge in einen Furor der Streitlust gerieten: Aus dem gierig abgenagten und von gefletschten Zähnen polierten Knochen wurde in den Händen eines machttrunken brüllenden Affenmenschen, der mit den Armen wild auf seiner Brust trommelte, ein Kriegswerkzeug, das er provozierend in die Luft warf und sich dann mit einer elliptischen Drehung in eine Raumstation der Zukunft verwandelte. Der Wissenschafter hatte seinen Vortrag offenbar bereits beendet, denn als Bergheim aus seinen Gedanken hochschreckte, führte Henriette Asche ihn gerade zurück in den Hof und wies auf einen Waschraum. «Sie wollen sich vielleicht die Hände waschen, wir wissen ja nicht genau, mit was für Stoffen Herr Haupt hier hantiert.» Bergheim war ganz begeistert von der Fürsorge, mit der Frau Asche ihn während seines Aufenthalts in der Sommerfrische bedachte. Als er dann aber beim Auftragen der Seife seine Hände ansah, erschrak er: Alle Farbe war aus ihnen gewichen, und übrig geblieben war eine fast weisse, durchsichtig schimmernde Haut, unter der auf einmal all die Adern und Venen sichtbar wurden, die dort verliefen. Durch die hauchdünne Schicht der Epidermis war alles, was sonst dahinter versteckt war, zum Vorschein gekommen: Knochen, Muskeln, Nerven und das Fettpolster, das den Menschen vor Verbrennungen schützte. Er nahm mehr Seife, als ob er den furchtbaren Effekt abwaschen könnte, aber jedes Mal, wenn er auf seine Hände sah, blieb das Bild genau so, wie er es am Anfang gesehen hatte. Er drehte seine Hände nach vorne, um zu prüfen, ob derselbe Effekt auch im Spiegel zu beobachten war, aber das machte die ganze Sache nur noch schlimmer, weil er nun sehen musste, wie selbst sein Gesicht von dem fremdartigen Verfallsprozess befallen war. Bergheim klatschte sich Wasser ins Gesicht und rieb sich die Augen, weil er in all seiner Verzweiflung zu hoffen begann, das Ganze könnte eine durch extrem niedrigen Blutdruck und zu wenig Schlaf verursachte Sehstörung sein, ein Zustand, den er aus Berichten von Drogenessern kannte, die auf einmal Ameisen aus Händen krabbeln sahen. Um etwas Sicherheit zurückzugewinnen, zog er mit seinem Kamm vor dem mit Tropfen übersäten Spiegel den Scheitel nach. Er hatte Schwierigkeiten, die Linie zu finden, die das kurze Haar an der Seite des Kopfes vom langen Deckhaar trennte. Als er mit dem Resultat endlich zufrieden war, trat er zurück auf den Hof der Kooperative und verabschiedete sich von Frau Asche: «Vielen Dank nochmals, ich komme gern später zu Ihrer Führung.» Sie nickte bestätigend: «Sicher, wir freuen uns, Sie bei uns zu wissen.» Erst als er auf die Strasse trat und geistesabwesend über den hohen Bordstein stolperte, was ihn unglücklich zu Fall brachte, bemerkte Bergheim, was anscheinend die ganze Zeit schon an seiner Sohle geklebt hatte: ein zerfaserter schwarzer Fellfetzen, aus dem eine mattgrau-gallertartige Substanz auf den frischen Teer quoll.
Illustration: Laura Jurt.