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Erfahrungsbericht von Ronja
Mit meiner rund 10 Jahre dauernden Coming-In und Out- Geschichte möchte ich euch gerne zeigen, dass es auch diesen Weg gibt und geben darf.
Meine Kindheit und Pubertät verliefen wie bei vielen. Erste Schulschätzelis (damals Buben) kamen, wie man es sich so vorstellt, in der ersten/zweiten Klasse.
Im Alter von zwölf Jahren schwärmte ich für eine Lehrerin, weil sie meiner Lieblingssängerin glich. Dabei hatte sie nur die gleichen kurzen wasserstoffblonden Haare. Bei der besagten Sängerin handelt es sich um Marie Fredriksson. Sie sang im schwedischen Pop-Duo Roxette. Bekannt wurde Roxette Ende der 80er Jahre mit dem Hit «The Look». Ich fand, Marie kleidete sich so gut. Wenn ich an sie denke, sehe ich immer noch diese Frau vor mir mit diesen eng anliegenden, schwarzen Lederhosen, einem T-Shirt mit einem schwarzen Jäggli drüber, das glitzerte. Eine zierliche Frau mit einer kraftvollen Stimme.
Mit vierzehn Jahren verliebte ich mich dann in einen Schulkameraden. Schnell wurden wir ein Paar. Wir waren insgesamt acht Jahre zusammen. Nach vier Jahren Beziehung begann mein bewusstes Coming-in, dieses Bewusstwerden: «Nein, ich finde nicht nur Männer anziehend.»
Ich sagte meinem damaligen Freund, dass es sein könnte, dass ich auch mal was mit einer Frau haben werde. Dazu kam es aber nie während unserer Beziehung.
Nach einem Solo-Konzert meines Lieblingssängers Per Gessle von Roxette - ich war 18 Jahre alt - fing alles an. Da merkte ich, dass ich nicht nur für ihn schwärmte, sondern auch für seine Frau. Sie sass im ‘Graben’ zwischen Fans und Bühne. Ein Bekannter von mir konnte von ihr ein Foto machen. Da ich Rollstuhlfahrerin bin, war mein Platz auf der Bühne für Rollstuhlfahrende. Daher zeigte mein Bekannter mir das Bild erst nach dem Konzert. Dieses Bild habe ich nie mehr vergessen. Es war der Anfang einer intensiven Schwärmerei. Im Alltag fing ich etwa zur gleichen Zeit an, Frauen hinterher zu schauen. Meine Angst war immer, dass sie es merken könnten. Ich fing auch an, erotische Fantasien mit Frauen zu entwickeln.
Immer mehr und mehr merkte ich in den nächsten Jahren, dass ich wohl bisexuell bin. Mir war es wichtig, mir selbst ein Label geben zu können. Dies gab mir eine gewisse Sicherheit. Einerseits zerriss es mich, nicht genau zu wissen, woran ich bei mir selbst bin, andererseits stiess ich es in gewisser Weise von mir weg, bis ich mich von meinem Freund nach acht Jahren Beziehung trennte. Damals verdrängte ich meine bisexuelle Identität immer noch ein Stück weit; gleichzeitig begann ich aber, im Internet Infos zum Thema Bisexualität zu suchen, nach Geschichten zu stöbern, die mir helfen könnten.
So verging die Zeit mit dem Wissen, dass ich mich als bisexuell identifiziere. Ich kann nicht mehr sagen, inwiefern ich Männer in dieser Zeit noch anziehend fand. Immer wieder fühlte ich mich wie in einem Strudel gefangen. Ich wusste nicht, ist das noch Bisexualität? Oder würde ich mich wohler damit fühlen, mich als lesbisch zu labeln?
2016 verliebte ich mich Hals über Kopf in eine Arbeitskollegin und sie sich in mich. Unsere Beziehung hielt nicht lange, aber nach dieser Beziehung war ich sicher, dass ich lesbisch bin. Schon diese kurze Zeit zeigte mir, dass es für mich das Richtige ist, so zu fühlen. Ich denke, diese kurze, aber intensive Zeit brauchte ich, um zu wissen, wo ich mit mir selbst stehe. Mir sagte jemand, an dem Abend, an dem sie sich von mir trennte: «Irgendwann wirst du wissen für was diese Beziehung gut war.» Ich antwortete: «Ich weiss es jetzt schon! Ich fühlte mich angekommen. Nicht bei ihr, aber bei meiner Sexualität.
Ich habe für mich entschieden, mich als lesbisch zu bezeichnen, auch wenn ich Männer mit dem gewissen Etwas immer noch attraktiv finde, sexuell aber nicht mehr anziehend. Auch heute gibt es noch Situationen in denen Männer einen Wow-Effekt bei mir auslösen, weil sie für mich ein Charisma ausstrahlen. Sobald ich sie mir aber nackt vorstelle, ist der Effekt dann jäh vorbei. Ich weiss, dass sich die sexuelle Anziehung auch immer ändern kann. Zurzeit kann ich es bei mir aber nicht vorstellen.
Es ist mir wichtig, mit meiner Geschichte zeigen zu können, dass es ganz egal ist, wie euer Weg zu euer Sexualität verlief und verläuft. Es ist egal, wenn sie sich wieder ändert im Laufe des Lebens. Sie darf aber auch genau so bleiben, wie sie jetzt ist.
Am wichtigsten ist es mir, euch zu sagen: Labelt euch so, wie es euch gefällt, oder eben gar nicht. Nur ihr allein, entscheidet darüber. Macht es so, wie es euch guttut.
lesbisch: Frauen welche sich nur zu Frauen hingezogen fühlen
bisexuell: Männer und Frauen welche sich zu Frauen und Männern hingezogen fühlen