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Mut zur Kernenergie
Ohne ausreichende und kontinuierliche Stromversorgung werden die Städte dieser Welt und die meisten ihrer Einwohner innert weniger Wochen sterben. Es gibt nur zwei Energiequellen, aus denen sich Elektrizität in der benötigten Menge herstellen lässt: fossile Brennstoffe und die Kernspaltung. Perverserweise halten die Menschen weltweit die Kernenergie für gefährlicher und verbrennen lieber gedankenlos Öl, Kohle und Gas. Wie die Japaner haben wir die einfache Wahl: Wir können langsam und träge sterben, indem wir fossile Energieträger verbrennen, oder mutig sein und die Kernenergie nutzen. Wir haben zahlreiche Briefe von japanischen Freunden empfangen; ihr Mut und ihre Tapferkeit bewegen uns sehr. Solarenergie aus den Wüsten Amerikas, Chinas und Nordafrikas könnte später in diesem Jahrhundert verfügbar werden; andere Energiequellen, die in grossem Stil genutzt werden können, gibt es nicht.
James Lovelock ist Chemiker, Mediziner, Biophysiker; er hat die Gaia-Theorie begründet und ist ein Vordenker der Umweltbewegung.
Zeit für saubere Technologien
Den aktuellen Turbulenzen zum Trotz lehrt uns die Katastrophe in Japan nichts Neues. Wir haben immer schon gewusst, dass die Atomenergie eine saubere Lösung hinsichtlich CO2 ist und gefährlich hinsichtlich der Radioaktivität, sowohl im Betrieb als auch bei den Abfällen.
Was plötzlich anders ist: Wir fragen uns nicht mehr, ob wir neue Atomkraftwerke bauen sollen oder nicht, sondern wie wir ganz auf Nuklearenergie verzichten können. Das war bis vor wenigen Wochen ein Tabu.
Man kann für oder gegen die Kernenergie sein, aber man muss einsehen, dass das Hauptargument der Befürworter falsch ist: «Der Energieverbrauch der Schweiz wird jährlich um 2 Prozent wachsen, und in 15 Jahren werden wir eine Versorgungslücke haben.» Dieses Paradigma muss dringend geändert werden. Cleantech, die berühmten sauberen Technologien, würden es schon heute erlauben, unseren Energieverbrauch um 2 Prozent jährlich zu senken: mit der Isolierung von Gebäuden, mit der Umstellung von Heizungen und Beleuchtung, mit dem Einsatz von Hybridfahrzeugen, um nur einige Beispiele zu nennen. Und all dies wäre sogar ohne erneuerbare Energien möglich.
Was tut man, wenn man ein Leck in der Badewanne hat? Öffnet man den Hahn, um Wasser nachzufüllen, oder stopft man das Leck? Die gleiche Frage müssen wir uns stellen, wenn es um unseren Energieverbrauch geht. Die allgemeine Einführung von Cleantech würde unsere Volkswirtschaft beleben, langfristig den Unternehmen mehr Gewinn bringen und mehr Arbeitsplätze schaffen als der Bau zusätzlicher Kernkraftwerke.
Bertrand Piccard ist Psychiater, Ballonfahrer, Abenteurer und Initiator des Projekts Solar Impulse.
Welche Angst ist grösser?
Wer oft in die Berge geht, wird die Natur nicht nur bewundern, sondern ihr auch stets mit Respekt und Vorsicht begegnen. Genauso verhält es sich für uns bei Axpo im Umgang mit der Kernenergie. Wir wissen, wie wertvoll und wichtig die Kernenergie für unser Land derzeit ist. Aber seit je steht in unserem Unternehmen beim Umgang mit der Kernenergie das Sicherheitsdenken an erster Stelle.
Dennoch stellt sich auch uns in der Schweiz nach Fukushima die Frage, ob wir das (Rest-)Risiko Kernenergie für wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Sicherheit weiterhin in Kauf nehmen wollen. Das ist eine politische Frage. Deshalb bin ich froh, in einem Land zu leben, wo diese Frage von den Betroffenen selbst beantwortet werden kann: der Bevölkerung. Sie sieht sich auf der einen Seite mit nüchternen Fakten wie dem ständig steigenden Strombedarf unserer Wirtschaft und Gesellschaft konfrontiert. Auf der anderen Seite steht die Angst davor, dass sich eine Katastrophe wie in Japan auch bei uns ereignen könnte.
Angesichts der Bilder, die wir im Fernsehen und in den Zeitungen gesehen haben, überwiegt bei vielen Menschen im Moment verständlicherweise die Angst vor einem nuklearen Unfall im eigenen Land. Doch mit der Zeit wird diese Angst zumindest zu einem Teil durch die Erkenntnis abgelöst werden, dass wir von der Kernenergie auch stark profitiert haben, und dass wir – wollen wir auf sie verzichten – nicht so einfach auf etwas anderes umschalten können, ohne unseren Wohlstand, unsere soziale Sicherheit und unsere Klimaschutzziele zu gefährden. Die Diskussion über die energiepolitische Zukunft der Schweiz wird intensiv und auch weiterhin kontrovers sein. Unabhängig davon, welcher Weg schliesslich eingeschlagen wird – keine Lösung wird frei von Nachteilen sein.
Heinz Karrer ist CEO des Stromkonzerns Axpo Holding AG.
Die zweite Chance
Ich schreibe diesen Text am Tag 9 nach dem 11.?3.?11. Ob in Fukushima der GAU zum Super-GAU wird? Verzweifelt, heroisch versuchen Feuerwehrmänner und Techniker die überhitzten, lecken Reaktoren zu kühlen. Heute sind in der Schweiz viele erschüttert, alle wollen gefasst, niemand will pietätlos sein. In der TV-«Arena» mischen sich alte Argumente mit neuer Einsicht. «Das Restrisiko ist Realität geworden.» – «Die Verkettung nicht beherrschbarer Risiken ist das Problem.» – «Keine vorschnellen Entscheidungen fällen.»
Unsicherheit mischt sich in die Worte jener, die mir in Streitgesprächen und an Sitzungen noch vor wenigen Wochen ihre Kernkraftwerke als unverzichtbar und sicher priesen. Vor 25 Jahren, nach Tschernobyl, hatte die Welt die erste Chance, mit der Kernenergie aufzuhören. Wir in der Schweiz haben uns mit Moratorien begnügt, direktdemokratisch beglaubigt.
Vor ein paar Jahren begann dann der stromwirtschaftliche Flirt mit der nuklearen Renaissance, trotz allen unausgeschöpften Möglichkeiten der Energieeffizienz und dem wirtschaftlichen Boom bei den erneuerbaren Energien. Heute, nach Fukushima, haben wir unsere zweite Chance. Nutzen wir sie, um uns von der Atomtechnologie zu befreien? Diese zweite Chance könnte unsere letzte sein. Wenn die 10 000 Jahre der Risiko-Mathematik das nächste Mal auf 25 Jahre schrumpfen, ist wohl Westeuropa mit seinen über 100 Reaktoren betroffen.
Kaspar Schuler ist Bereichsleiter Klima und Energie bei Greenpeace Schweiz.
Auf erneuerbare Energien setzen
In den nächsten 25 Jahren wird die Atomkraft wohl keine Renaissance erleben. Wahrscheinlich auch ohne ein Menetekel wie Fukushima nicht. Denn neue Nuklearprojekte rentieren schon lange nicht mehr. Verdoppelte Baukosten in Finnland sind ein warnendes Beispiel. Wirklich sparen könnte man nur durch ein Zurückfahren bei den Sicherheitssystemen. Die meisten Reaktoren sind heute 25 bis 40 Jahre am Netz, viele davon werden in 25 Jahren endgültig abgestellt. Übrig bleiben Technikfossile, immer in Frage gestellt wegen mangelnder Sicherheit und den hinzukommenden Alterungseffekten.
Wichtig für den Klimaschutz ist anderes: eine breite Umsetzung der erneuerbaren Energien, an der inzwischen in vielen Ländern eine Industrie mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen arbeitet. Zwei Themen treiben mich seit langem um: Weltweit ist das Gros der Nuklearsicherheitsexperten heute deutlich über 50 Jahre alt – in 25 Jahren sind sie Pensionäre. Und der Nachwuchs reicht auch in nuklearfreundlichen Ländern nicht. Wer gewährleistet die Sicherheit der dann noch laufenden Nuklearanlagen?
Über das andere Thema will ich eigentlich gar nicht nachdenken: Was wäre beispielsweise passiert, wenn Frankreich vor 12 Jahren einen Reaktor an Libyen geliefert hätte und der seit 2009 in Betrieb gewesen wäre? Wie viele Länder mit Reaktoren erleben in den nächsten 25 Jahren Situationen, in denen die Sicherheit der notwendigen Infrastruktur plötzlich nicht mehr gegeben ist?
Michael Sailer ist Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts in Berlin.
Und die Grösse ist gefährlich
Die Katastrophe von Fukushima hat weltweit die Angst vor der Kernenergie neu angefacht. Dass diese Angst von jenen, die schon immer zu wissen glaubten, dass diese Technologie des Teufels ist, schamlos bewirtschaftet wird, ist kaum weiter verwunderlich. Viel verwunderlicher ist dagegen, wie sehr sich auch bei jenen, die nicht ideologisch vorbelastet sind, alles auf die Frage «Kernenergie ja oder nein?» konzentriert.
Dabei zeigt Fukushima doch vor allem eines: dass Grösse gefährlich ist, dass die Risiken mit der Grösse wachsen, und zwar überproportional, und dass dezentrale Lösungen zwar in einer statischen Betrachtung weniger effizient sein mögen, dass sie aber unter anderem wegen der Risikostreuung à la longue doch menschengerechter sind. Gerade nach der leidvollen Erfahrung mit Banken, die «too big to fail» sind, nach der Krise des Euro, die auch einer zu grossen, nicht sachgerechten Konstruktion geschuldet ist, müsste – und dürfte – die Einsicht wachsen, dass Ähnliches wie für Unternehmen und Staaten auch für Technologien gilt: «Size matters.»
Fast jeder Fortschritt bringt zugleich neue Risiken mit sich. Eine Lehre von Fukushima könnte lauten, dass man den Fortschritt gewiss nicht bremsen oder gar stoppen sollte, aber dass man trotz noch so geringer Eintretenswahrscheinlichkeit von Unfällen versucht, die Grösse des Schadens zu begrenzen, wenn er denn doch eintritt: durch Dezentralisierung, durch Kleinheit – und dies bei Kernkraftwerken ebenso wie bei Staudämmen, bei Banken ebenso wie bei Staaten.
Gerhard Schwarz ist Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse.
Die Herausforderung heisst Mässigung
Nicht ganz überraschend haben uns Naturphänomene, gepaart mit menschlicher Überheblichkeit und dem Vertuschen von Fehlern, Dramatisches vor Augen geführt. Die Energiepolitik der Schweiz hat sich seit 1978 wenig geändert. Wird es jetzt endlich zu einem konstruktiven Nachdenken und schnellen Handeln in die richtige Richtung kommen?
Ein emotional aufgeladener Schnellschuss wie die Abschaltung von Atomkraftwerken verhindert keine einzige Kilowattstunde Energieverschleiss. Es ist vielmehr Zeit, die Mässigung in allen Bereichen wieder zu etwas Modernem werden zu lassen. Taten sind gefragt.
Erstens müssen wir den Energieverbrauch sofort senken. Ungenutzte Geräte soll man abschalten, die Heizung in ungenutzten Räumen auf null stellen. Ist die nächste Autofahrt wirklich nötig? Kann man nicht auch zu Fuss gehen, das Velo benützen, den öffentlichen Verkehr oder Mobility? Müssen die Kleider schon wieder neu sein? Muss jeden Tag Fleisch auf den Teller? Sind nur eingeflogene Weine und Lebensmittel aus Übersee geniessbar?
Zweitens müssen wir die Energieeffizienz steigern. Alte Beleuchtungsmittel sind auf LED umzustellen; in selten genutzten Räumen wie Estrich, Keller, Abstellkammer sind alte Glühbirnen hingegen noch lange sinnvoll nutzbar. Wenn man neue Haushalt- und Elektronikgeräte anschafft, sollten es mindestens solche der Energieklasse A, noch besser A++ sein. Drittens müssen wir die erneuerbaren Energien umfassend und schnell ausbauen.
In den nächsten 25 Jahren werden wir uns stark in Mässigung üben müssen. Das bringt uns mehr Zeit für uns selber und echten Kontakt zu Mitmenschen. Ökologie ist Ökonomie und letztlich höhere Lebensqualität.
Bosco Büeler ist Generalsekretär des Netzwerks für umweltbewusstes und gesundes Bauen ECOHB.
Verlust des Grundvertrauens
Die Atomkatastrophe in Japan ist eine grosse Zäsur in einem Jahrzehnt voll von grossen Zäsur-Katastrophen. Das Entstehen von neuen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnungsmustern führt zu zunehmend intensiven Konflikten: Mensch gegen Natur, Mensch gegen Mensch, Mensch gegen Gott oder Götter.
Weltweit hängt die Wertschöpfung immer mehr von wissenschaftlich-technischen Innovationen ab. Unser Grundvertrauen in Experten und Spezialisten bildet die Basis, damit der Alltag reibungslos abläuft, Black Boxes dominieren Beruf und Freizeit: Zwar verstehe ich viele Produkte oder Dienstleistungen nicht, aber sie funktionieren. Die Finanzmarktkrisen boten unlängst lehrreichen Anschauungsstoff in Bezug auf unseren Umgang mit Wundertüten.
Noch bis vor kurzem bestimmte bei Katastrophen oft politisches und wirtschaftliches Kalkül darüber, was den Menschen gesagt wurde. Heute hingegen verunmöglichen neue Kommunikationskanäle nur schon das mittelfristige Vertuschen oder gar Fälschen von Informationen. Das gibt Grund zur Hoffnung. Aber auch zur Sorge, denn die ganze Wahrheit ist schwer verdaubar. So erodiert die Katastrophe in Fukushima unseren Glauben an Wissenschaft und Technik. Uns fehlt ein aufgeklärter Umgang mit Zäsur-Katastrophen. Sollte eine der Zäsuren darin bestehen, dass wir unser Grundvertrauen verlieren, werden Fortschritt und Wachstum in den westlichen Demokratien kaum mehr möglich sein. Wir stehen am Anfang der Globalisierung der Globalisierung.
David Bosshart ist CEO des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon (ZH).
Und die Zukunft?
Da nun etwas passiert ist, das gemäss Wahrscheinlichkeit, oder eigentlich gemäss Unwahrscheinlichkeit, in einer Million Jahren ein Mal passieren darf, können wir uns sagen: Das war’s, ab jetzt passiert nichts mehr.
Also wird die Zukunft so aussehen, dass die 438 Atomkraftwerke auf der ganzen Welt problemlos weiterlaufen, denn die Überprüfungen, auf welche die Politik im ersten Schrecken drängte, werden ergeben, dass in Fukushima eine unglückliche Verkettung von Umständen geschah, die «so nicht voraussehbar war», die aber an allen anderen Standorten niemals eintreten wird. Die Kraftwerke werden so lange Energie abgeben, als auf unserer Erde Uran gewonnen werden kann. Den Schiffen, die mit abgebrannten Brennstäben um die halbe Welt nach Sellafield oder La Hague fahren, um sie nach der Aufbereitung wieder zurückzuholen, werden wie bisher Stürme, Havarien und Terroristen nichts anhaben können, und die strahlenden Abfälle, welche bis zu einer Million Jahre von der Biosphäre ferngehalten werden müssen, werden in den Tiefen von Salzkavernen oder Opalinustonschichten so sicher versenkt, dass nichts korrodiert, oxidiert und transfundiert.
Unsere Erdkruste wird ihre Geschichte abschliessen und sich keine tektonischen Subduktionen mehr einfallen lassen, und auch die Geschichte der Menschheit wird in ruhigen Bahnen verlaufen, ohne Kriege und Sabotageakte, denn wie gesagt, die Unwahrscheinlichkeit ist ja jetzt eingetreten, und so können wir uns auf die nächsten paar 100?000 Jahre freuen, im Wissen, dass wir weiterhin so viel Strom verbrauchen dürfen, wie es unsere Tumbler, Klimaanlagen und Taktfahrpläne nun einmal verlangen.
Franz Hohler ist Kabarettist und Schriftsteller.
Besser leben – ohne Atomkraft
Am 11. März 2011 ist das Wolkenkuckucksheim der sicheren Kernenergie abgestürzt. Vieles wird nun einfacher. Wenige Jahre nach Tschernobyl haben Wind- und Solarenergie zum Wachstum angesetzt. Ihre installierte Leistung verdoppelt sich seither alle zwei bis drei Jahre. Atom-, Gas- und Kohlekraftwerke lassen sich bis 2025 vollständig ersetzen. Windenergie ist bereits wettbewerbsfähig, Photovoltaik auf schnellstem Weg dorthin. Neue Energiespeicher wie synthetisches Methan, erzeugt aus überschüssigem Wind- und Solarstrom, werden Autos und Flugzeuge CO2-neutral antreiben. Zusammen mit Wasserkraft und Biomasse spielen sie die Rolle des Jokers. Sie kommen immer ins Spiel, wenn es an Wind und Sonne fehlt.
Investitionssicherheit ist das A und O. Mindestvergütungen und Marktzugang für sauberen Strom sind zentral und bedürfen gesetzlicher Grundlagen. Technische Hindernisse gibt es keine. Einige Hochspannungsnetze müssen neu bespannt und einige müssen mit Gleichstrom betrieben werden. Das kostet Geld und verläuft nicht konfliktfrei. Aber langfristig wird Strom noch billiger als bisher, denn Wind und Sonne schicken uns keine Rechnung. Und töten keine Kinder. Die Blockade der erneuerbaren Energien hatte rein politische Ursachen. Der Gnadenschuss, den sich die Atomlobby in Fukushima selber gegeben hat, wird zum Befreiungsschlag. Unendlich tragisch ist dies für die Opfer vor Ort. Unser Leben kann sich insgesamt aber positiv verändern: weniger Risiken, weniger Krebs, vielleicht auch weniger Korruption durch alteingesessene Energiekonzerne. Erneuerbare Energien sind sozialdemokratische Energien. Sie sind sauber, billig, und es gibt genug für alle.
Rudolf Rechsteiner setzte sich als SP-Nationalrat bis 2010 im Parlament gegen AKW und für erneuerbare Energien ein.
Umdenken erwünscht
Ich wünsche mir, dass der AKW-Unfall in Japan langfristig zu einem Umdenken in der Energiepolitik führt. Dieses Unglück zeigt die Verletzbarkeit der Atomkraft selbst in einem hochentwickelten Land mit hohen Sicherheitsstandards auf. Selbst wenn in Europa solch starke Erdbeben nicht zu erwarten sind, ist die Nutzung der Atomkraft auch hierzulande nicht vor Unfällen oder Terroranschlägen gefeit. Deshalb hoffe ich, dass wir in Zukunft eine Energiepolitik ohne Atomkraft, aber dafür mit einem stark erhöhten Anteil an erneuerbaren Energien, erhöhter Energieeffizienz und dezentralen kleinen Kraftwerken haben werden.
Damit hätten wir auch einen wichtigen Schritt getan, um der globalen Erwärmung zu begegnen. Denn um die globale Erwärmung auf höchstens 2 Grad Celsius im globalen Mittel zu beschränken, ist dringend eine Emissionsreduzierung nötig. Diese kann erreicht werden, wenn etwa die Stromleitungen so ausgebaut werden, dass die Windkraft überall ins Netz eingespiesen werden kann, und wenn Anreize gesetzt werden, die Energieeffizienz zu steigern und die Solarenergie konkurrenzfähig zu machen.
Ulrike Lohmann ist Professorin am ETH-Institut für Atmosphäre und Klima.
Kein vernünftiger Umgang möglich
«Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.» Diese als «Murphy’s Law» bekannte Aussage hat sich in Japan wieder einmal bestätigt. Grosse Risiken, auch wenn sie äusserst selten sind, werden aufgrund von statistischen Gesetzen irgendwann doch eintreten. Ein rationaler Umgang mit solchen Grossrisiken sprengt aber die Kapazität des menschlichen Hirns. Dieses kommt nur mit regelmässig eintretenden und in ihrem Ausmass einigermassen abschätzbaren Katastrophen zurecht. Bei extrem seltenen, aber extrem gefährlichen Risiken sind aufgrund von Computersimulationen berechnete Auftretenswahrscheinlichkeiten von 0,0000… Prozent keine wirkliche Entscheidungshilfe. Treten solche Katastrophen ein, wie jetzt in Japan, wird ihre Bedeutung kurzfristig völlig überschätzt, während sie längerfristig vergessen und vernachlässigt werden.
An diesem irrationalen Umgang mit Grossrisiken wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wenn ein vernünftiger Umgang mit einer Technologie aber nicht möglich ist, dann wird die Vernunft durch Glaube beziehungsweise Ideologie ersetzt. Nicht überraschend ist die Kernkraft deshalb für die einen die saubere Lösung aller zukünftigen Energieprobleme und für die anderen ein Vorbote der Apokalypse. Beide Glaubensbekenntnisse lassen sich durch die Wahl der «richtigen» wissenschaftlichen Studien auch «beweisen».
Wenn bis in 25 Jahren kein weiterer GAU oder Super-GAU eintritt, dann wird man, so lehrt uns die Geschichte, die Risiken der Kernenergie erneut vergessen haben. Deshalb ist es besser, wir verabschieden uns langsam von dieser Energieform. Der Katalog von bereits existierenden natürlichen Grossrisiken wie Erdbeben, Hurrikanen oder Vulkanausbrüchen sollte nicht verlängert werden.
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.