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Am 15. Januar 2021 verstarb der Baron im Alter von nur 57 Jahren an Herzversagen. Der begeisterte Segler und visionäre Unternehmer sah sich nie als Einzelkämpfer, sondern als Mitglied eines Teams. Seine Wegbegleiter erzählen.
Text: Oliver Dufour
«Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. Er fuhr mit Rollschuhen in den Genfer Hafen. Sie machten auf den Schwimmstegen aus Aluminium einen Höllenlärm. Ich befürchtete schon, dass er damit an Bord gehen wollte!» Philippe Durr, der zu diesem Zeitpunkt noch keinen seiner zahlreichen WM-Titel gewonnen hatte und noch ein Nobody war, hatte soeben die Bekanntschaft mit Benjamin de Rothschild gemacht. Der 17-jährige Sohn des Bankiers Baron Edmond de Rothschild war schon damals ein versierter Segler. Sein Vater hatte ihn mit seiner Leidenschaft angesteckt und ihm viel beigebracht.
Benjamin von Rothschild lebte seine Liebe zum Segelsport intensiv aus. Seinen ersten internationalen Erfolg feierte er 1986 in Cannes, als er zum 60. Geburtstag seines Vaters auf der von Philippe Durr gesteuerten 8mR Gitana Sixty WM-Gold holte. In den 1990er-Jahren begeisterte er sich für Katamarane und kaufte aus einer Konkursmasse einen alten F40. Didier Bottge, ein Freund und Anwalt der Familie, war mit dabei. «Ich weiss nicht, wie er an die Information gelangt war. Er fragte mich nur, ob ich in einer Stunde mit ihm in die Bretagne fahren würde», erinnert er sich. Laut Bottge war diese Anschaffung eine logische Fortsetzung seiner Leidenschaft und der Auslöser einer Reihe berühmter Projekte in der Offshore-Regattaszene.
Schreckensmomente auf dem Genfersee
Nach seiner Ankunft am Genfersee wurde der F40 nicht wie alle anderen Boote der Rothschilds in Gitana, sondern in Force Cash umbenannt. Dieser Verstoss gegen die Fami- lientradition entsprang seinem Wunsch, sich zu emanzipieren. «Sein Vater goutierte die Anschaffung des Katamarans nicht, für ihn war Mehrrumpfsegeln vollkommen uninteressant», erzählt Bernard Zumstein, der als Steuermann zur Stammcrew gehörte. Es war Benjamins Art, sich zu profilieren. Mit diesem Boot, das mit seinen vorne platzierten Ruderblättern nicht einfach zu segeln war, konnten wir uns mit dem Multi-Segeln vertraut machten. Es bescherte uns aber auch einige Schweissausbrüche. Bis zum Auftreten von Covid-19 hat Benjamin de Rothschild viele Mitarbeitende, Partner und Kunden mit auf den See genommen und ihnen die Freude am Segeln vermittelt.»
Die Boote selbst zu steuern interessierte ihn nicht, er liebte es, Teil der Mannschaft zu sein. «Ich bin nicht sicher, ob ein Wettkämpfer in ihm steckte, aber er segelte für sein Leben gern. Alle wollten etwas von ihm. Beim Segeln konnte er der ständigen Hofiererei entkommen, man liess ihn in Ruhe», sagt Philippe Durr. Didier Bottge schätzte Benjamin de Rothschild etwas anders ein: «Er wollte stets gewinnen und trat immer mit Siegesabsichten an. Was ihn aber vor allem auszeichnete, war sein technisches Wissen. Er wollte bei seinen Projekten bei jedem Schritt dabei sein.» Diese professionelle und perfektionistische Herangehensweise brachte ihn 2000 dazu, das Gitana Team zu gründen. Er hat mit dem Rennstall in den letzten zwanzig Jahren unzählige Erfolge verbucht und Segelgeschichte geschrieben.
«Er kannte keine halben Sachen»
Benjamin de Rothschild machte nie viel Aufhebens von seiner Herkunft. Seine Teammitglieder mochten seine Bescheidenheit und seine einfache Art. «Er war respektvoll und fragte den Skipper stets um Erlaubnis, bevor er an Bord ging, auch wenn es sein eigenes Boot war», erzählt Bernard Zumstein. Auf dem Genfersee konnten dank seiner Grosszügigkeit Hunderte von Personen segeln.» Philippe Durr erinnert sich an Benjamin de Rothschilds Faszination für gut gemachte Handwerkskunst. «Seine Einstellung und seine Ratschläge haben mich mein Leben lang begleitet. Wir waren nicht wirklich befreundet, aber dank ihm habe ich Aussergewöhnliches erlebt.» Er sei avantgardistisch gewesen, beschreibt ihn Didier Bottge. «Aber vor allem hatte er kein Ego. Er liebte das Leben und die einfachen Dinge und hätte wegen einer Mondanität nie ein Essen mit dem Team verpasst. Am schönsten fand er es, wenn er andere glücklich machen konnte.»