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Die «Get Back»-Sessions waren mit den Streiteien zwischen den Beatles alles andere als erfreulich verlaufen. Und doch zeigt gerade die Entstehungsgeschichte von «The Ballad Of John And Yoko», dass die Band im Frühling 1969 noch immer als Einheit funktionieren konnte. So hatten weder George Harrison noch Ringo Starr etwas dagegen einzuwenden, dass der Song unter dem Namen der Beatles veröffentlicht wurde, obwohl sie bei den Aufnahmen nicht mitgewirkt hatten. George war in den Ferien und Ringo war den Aufnahmen zum Film «The Magic Christian» beschäftigt. «Auf The Ballad Of John And Yoko war nur Paul von den restlichen Beatles beteiligt – aber das war okay», erinnert sich Ringo Starr in der «Anthology».
John Lennon war der Ansicht, dass Songs wie Zeitungsartikel sein sollten. Deshalb enthalten viele seiner Songs autobiografische Elemente. In «The Ballad Of John And Yoko» beschreibt Lennon die Ereignisse um seine Heirat mit Yoko Ono im März 1969. «Ich schrieb den Song während unseren Flitterwochen in Paris. Es ist ein journalistisches Stück. Es ist ein Folk Song. Darum nannte ich ihn Die Ballade von…», erzählte John 1969 Allan Smith vom New Musical Express. Die Ballade ist eine Reportage über seine Hochzeit, das Bed-In in Amsterdam und die Bagism-Aktion in Wien. Ein Jahr später ergänzt Lennon seinem grossen Rolling Stone Interview: «Es war sehr romantisch. Es ist alles in diesem Song ‹The Ballad Of John And Yoko›, wenn du wissen möchtest, was passiert ist, findest du es dort.»
Lennon/McCartney in Reinform
Am 14. April 1969 besuchte John Paul in seiner Londoner Wohnung und brachte den Song mit. Bei zwei oder drei Stellen brauchte er noch Pauls Unterstützung. «John war in einer ungeduldigen Stimmung, so war ich glücklich, ihm helfen zu können», erinnert sich Paul in Barry Miles «Many Years From Now». Und Yoko Ono ergänzt 2012 im Rolling Stone: «Paul wusste, dass die Leute gemein mit John waren, so wollte er ihm etwas Gutes tun. Paul hatte ein sehr brüderliches Verhältnis mit ihm.» Lennon spielt im Songtext auf die Kritiken bei den Bed-In und Bagism-Aktionen an. Und gibt dem Song dennoch ein Happy End mit der Aussage eines Journalisten, der sagte: «We wish you success. It's good to have the both of you back».
Nachdem John und Paul den Song fertig geschrieben hatten, gingen sie um 14.30 Uhr in die Abbey Road Studios, um ihn umgehend aufzunehmen. Produziert wurde der Song von George Martin. Toningenieur Geoff Emerick wirkte zum ersten Mal nach den Aufnahmen zum «Weissen Album» wieder mit. Zu dieser Zeit waren John Lennon und Yoko Ono unzertrennlich. Auch wenn sie nicht mitwirkte, war sie die ganze Zeit über im Studio gesessen. «Ich genoss es, mit John und Yoko an ‹The Ballad Of John And Yoko› zu arbeiten. Es waren nur sie und Paul», erzählt George Martin in der «Anthology». «Es war nicht wirklich ein Beatles-Song. Es war wie das dünne Ende eines Keils, zumindest was die Band betrifft. John hatte mental bereits die Band verlassen.»
Wie gut sich John und Paul damals noch verstanden haben, zeigt auch Johns Aufforderung vor Take 4: «Go bit faster, Ringo!». Worauf Paul antwortete: «Okay, George.» Paul erzählte Barry Miles: «Ich bin immer wieder überrascht, dass wir zwei (John und Paul) am Ende wie die Beatles geklungen haben». Sie brauchten insgesamt 11 Takes. Simultan spielte Paul Schlagzeug, John die akkustische Gitarre und sie sangen gemeinsam. Fünf der Takes wurden nach der Zeile «Made a lightning trip to Vienna» abgebrochen, da Paul jeweils versehentlich die Snare Drum benützt hatte. Bei Take 2 war John eine Saite gebrochen, worauf er sich an Roadie Mal Evans mit den Worten «Un string avec kaput, Mal!» gewendet hatte.
Take 10 wurde schliesslich die Rhythmusspur, die weiter verwendet wurde. Paul wechselte an den Bass und das Klavier und sang die Backvocals, John spielte die Leadgitarre ein. Für die Perkussion spielte Paul die Maracas, John trommelte auf Rücken seiner akkustischen Gitarre. Die Aufnahmesession endete gegen 9.00 Uhr abends. Danach mischte George Martin bis um 11.00 Uhr den Song in Stereo ab. Es war die erste Single der Beatles, die in Europa nur noch in Stereo veröffentlicht wurde.
Die Beatles-Realität im Sommer 1969, George Harrsion, John Lennon mit Yoko Ono, Paul McCartney und Ringo Starr. – Foto: Linda McCartney
Für die B-Seite wählte John «Old Brown Shoe» von George Harrison aus, den Beatles zwei Tage später aufgenommen haben. Keiner der beiden Songs wurde für «Abbey Road» verwendet. Sie erschienen 1973 und 1988 auf den Zusammenstellungen «1967–1970» bzw. «Past Masters». Als Nummer-1-Hit wurde «The Ballad Of John And Yoko» im Jahr 2000 auch auf der Kompilation «1» veröffentlicht.
den alten braunen Schuh ausziehen
Ein erstes Mal hatte die Band «Old Brown Shoe» am 27. Januar 1969, also während den «Get Back»-Sessions, geprobt. Auf der ersten Version wurde George Harrison nur von einem Klavier begleitet. «Ich begann mit den Akkorden auf dem Klavier, das ich eigentlich nicht beherrsche», erinnert sich George in seiner Autobiografie «I Me Mine» an das Songwriting. Bei der Aufnahme an diesem Tag wurde er von der übrigen Band und von ihrem zeitweiligen Pianisten Billy Preston begleitet. Weitere Versionen nahmen die Beatles am 28. und 29. Januar auf. Einen Monat später, an seinem Geburtstag am 25. Februar, spielte George die Demoversion des Songs ein, die 1996 auf «Anthology 3» veröffentlicht wurde.
Die endgültige Version spielten Beatles am 16. April ein. 1969 stand ihnen auch in der Abbey Road ein Achtspur-Aufnahmegerät zur Verfügung. Auf der ersten Spur wurde Ringo Starrs Schlagzeug aufgenommen. Auf Band 2 und 3 Georges Gesang und die Leadgitarre, John Lennons Rhytmusgitarre wurde auf Spur 7 gelegt, Pauls Klavierspiel auf Spur 4. John und Pauls Hintergrundgesang wurde auf Spur 5 gemischt. Auf Kanals 6 spielten Paul und George den Bass ein. Dabei verdoppelten das Klangspektrum von Pauls Jazzbass in dem George auf seiner Telecaster chromatisch die Appregio-Melodie spielte. Obwohl Paul der Bassist ist und der Basslauf nach ihm klingt, nahm George den markanten Bass 1987 in einem Interview mit dem Creem Magazin für sich in Anspruch. Am 18. April 1969 wurde Lennons Gitarrenspiel durch einen Hammond Orgel Part von George ersetzt. Er spielte auch eine neue Leadgitarrenspur ein. Um seinen auf Band 8 augenommenen Gesang einzuspielen, hatte sich George in einer Studioecke positioniert. Er wollte damit erreichen, dass seine Stimme intimer klingt.
Nachdem George die Grundakkorde auf dem Klavier ausgearbeitet hatte, begann er mit dem Text. In «I Me Mine» erinnert er sich: «… dann begann ich für den Text Ideen aus verschiedenen Blickwinkeln zu notieren. Es ist wieder die Dualität der Dinge wie ja und nein, oben und unten, links und rechts, richtig und falsch». Hobbypsychologen haben mit dem Wissen um die damaligen Spannungen innerhalb der Band die Fotos und Songtexte analysiert und Andeutungen darauf gefunden. Das ist per se nicht falsch, sicher aber auch nicht richtig, weil das Songwriting oft, wie Vieles in der Kunst, ein unbewusster Akt ist. Oder wie George in «Old Brown Shoe» schreibt: but right is only half of what's wrong (richtig ist nur die Hälfte von dem was falsch ist). Die Zeile «I'm stepping out this old brown shoe» auf Georges temporären Ausstieg bei den Beatles während den «Get Back»-Sessions zu beziehen, ist sicher falsch.
Die zweite Strophe wird aber die Bandsituation spiegeln: «You know you pick me up from where some try to drag me down / And when I see your smile replace every thoughtless frown / Got me escaping from this zoo, baby, I'm in love with you / I'm so glad you came here, it won't be the same now when I'm with you.» George unterstellt seinen Kollegen, dass sie ihn mit Absicht hinuntermachen und reimt dies mit gedankenloser Missbilligung. Die Liebe aber zu dem Du – sei es seine Frau Patty oder Krishna – hilft ihm, aus diesem Zoo auszubrechen.
Rezeption und Statistik
Im Refrain von «The Ballad Of John And Yoko» heisst es: «Christ you know it ain't easy / You know how hard it can be / The way things are going / They're going to crucify me.» Nachdem 1966 John Lennons Äusserung über das Christentum zu Protesten, Plattenverbrennungen und Boykotten geführt hatte, wollte er so gut es ging, einen Skandal vermeiden. Deshalb hat er Tony Bramwell von Apple Records schriftlich angewiesen, keine Vorabpromotion für die Single zu machen. Nach der Veröffentlichung wurde der Song denn auch von einigen amerikanischen und englischen Radiostationen wegen blasphemischer Äusserungen boykotiert. Als solche wurde im Franco-Spanien die Beschreibung Gibraltars in der Nähe von Spanien «Gibraltar near Spain» betrachtet.
Nichts desto Trotz erreichte «The Ballad Of John And Yoko» in England die Chartspitze. Es war die 17. und sollte letzte Nummer 1-Single der Beatles sein. Weitere Spitzenpositionen erreichte die Single in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Holland, Belgien und Norwegen. In den USA klassierte sie sich auf Rang 8.
Beatles-Realität zum Zweiten anno 1969. George Harrison wendet sich ab, Paul McCartney über nimmt die Führung, John Lennon ist noch präsent, hat die Band innerlihc schon verlassen. Und Ringo Starr steht daneben. – Foto: Linda McCartney.

Tracklist:
The Ballad of John And Yoko
Old Brown Shoe
weitere Cover:
In England erschien die Single in der schwarzen Hülle (ganz oben). Das grüne stammt aus Frankreich, das weisse ist aus den USA. Unten die Rückseite der amerikanischen Single.
keine Promotion
John Lennons Memo an Tony Bramwell:
«Tony: Keine Vorab-Promotion für ‹Ballad Of John And Yoko›, insbesondere den Herrgott-Teil – Spiel es nicht zu oft vor, sonst erschreckst du die Leute. Lass sie zuerst pressen! John»