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Das Kind wahrnehmen, statt es beurteilen
Es ist für uns alle, aber vor allem für Kinder wesentlich, wahrgenommen zu werden – und es gibt einen Unterschied zwischen «sehen», «begaffen» und «wahrnehmen». Ich möchte ein universelles Beispiel geben – es ist universell zu nennen, da es überall auf der Welt Geltung hat: Ein zweijähriges Kind befindet sich das erste Mal auf der Rutschbahn. Es wird genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt ausrufen: «Mama, schau mich an!» Denn genau das ist es, was sie brauchen: wahrgenommen zu werden und nicht bestaunt oder begafft zu werden. Sie brauchen also jemanden, der in Worten oder Taten ausdrückt: «Ja, ich sehe, dass du da bist!» Als Mutter des Kindes auf der Rutschbahn kannst du nun einfach dastehen und deinem Kind zuwinken. Du kannst aber auch «Hey!» oder «Ich sehe dich!» sagen. Oder wenn du wirklich wahrnimmst, wie sich dein Kind das erste Mal auf der Rutschbahn fühlt, dann kannst du ihm auch mehr dazu sagen: «Du hast ja viel Spass auf der Rutschbahn, aber auch ein bisschen Angst, stimmts?»
Es gibt Eltern, die wie aus der Pistole geschossen immer nur eins sagen: «Gib acht! Tu dir nicht weh!» Sie zerstören damit die Erfahrung des Kindes.
So eine Aussage ist ein grosses Geschenk: Du hast deinem Kind geholfen, Worte zu finden für seinen momentanen Zustand in der Welt. Die meisten Eltern aber fangen an, das Kind zu loben, als ginge es hier um eine Leistung. Sie verwechseln Erfahrung mit Leistung und kommentieren: «Das hast du toll gemacht!» Dabei hat das Kind weder etwas getan, was gut, noch etwas, was schlecht sein kann. Es ist einfach hinuntergerutscht und hat dabei innerlich eine ganze Menge erlebt.
Es gibt auch Eltern, die wie aus der Pistole geschossen immer nur eins sagen: «Gib acht, tu dir nicht weh!» Oder: «Mach dich nicht schmutzig!» Egal, was das Kind gerade tut, die Eltern haben nur diese Kommentare parat. Und was sie damit tun, ist ihnen gar nicht bewusst: Sie zerstören die Erfahrung des Kindes, indem sie vom Kind verlangen, dass es ihre Regeln bestätigt, statt dass sie als Eltern die Existenz ihres Kindes bestätigen – und das ist es, was das Kind wirklich bräuchte, um sein Selbstwertgefühl entwickeln zu können.
Erwachsene haben eine tödliche Macht, Dinge zu definieren, ein Ausdruck, den eine norwegische Pädagogin vor einigen Jahren geprägt hat («the adult power of definition»). Erwachsene haben die Macht, Kinder als gut oder schlecht, als hysterisch oder süss «zu definieren». Aber je mehr du jemanden definierst, umso weniger Raum gewährst du ihm, damit er herausfindet, wer er ist. Wie sollen also Kinder herausfinden, wer sie sind, wenn sie ständig unfair beurteilt werden? Diese Macht der Erwachsenen, alles zu definieren, ist im Grunde Gift für die Kinder. In der Entwicklung ihres Selbstwertgefühls kann ihnen gar nichts Schlimmeres passieren.
Es geht einfach nur darum, sich an eine neue Sprache zu gewöhnen. Und wenn du damit anfängst, wirst du so viel positives Feedback erfahren, dass du damit nicht mehr aufhören kannst. Wenn du in einer beurteilenden, wertenden Sprache verbleibst, vereinsamst du irgendwann und gerätst nur noch in Konflikt. Wenn du einen persönlichen Dialog führen möchtest, sprichst du über dich und nicht über mich. Wenn du aber anfängst, mich zu verurteilen, dann ist klar: Ich werde es auch tun – und schon ist der Streit da. Wir kämpfen jeweils um unsere Positionen und verlieren dabei den Kontakt zueinander. Jeder überschüttet den anderen mit Vorwürfen, und es ist völlig unproduktiv: Wir lassen zwar Dampf ab, aber verletzen uns auch gegenseitig und sind zum Schluss beide unglücklich und keineswegs geheilt.