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Die Neuapostolische Kirche ist in das Spektrum der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England neu gegründeten Apostelgemeinden einzuordnen. In dieser Zeit, unter dem Eindruck der Französischen Revolution und der beginnenden Industrialisierung, deuteten zahlreiche Protestanten die Zeit als krisenhaft. Im Studium der Bibel suchten sie nach Antworten für eine Rückführung der Kirche in die so interpretierte ursprüngliche Ordnung mit Apostel-, Propheten- und Evangelistenamt. Mit der Berufung zwölf neuer Apostel entstand in den 1830er Jahren die katholisch-apostolische Bewegung, die 1849 in eine Kirche überführt wurde. Als 1855 die ersten neuberufenen Apostel starben, war die Kirche der Auffassung, nicht berechtigt zu sein, weitere Apostel einzusetzen.
Der Amtsträger der katholisch-apostolischen Gemeinden in Deutschland, der «Prophet» Heinrich Geyer, teilte diese Auffassung nicht und setzte 1862 und 1863 neue Apostel ein. Das führte zum Ausschluss aus der Herkunftskirche und in der Folge zur Entstehung der Neuapostolischen Kirche. Diese wird seit 1897 von einem zentralen Stammapostelamt geleitet. Der Stammapostel gilt als richtungweisend in theologischen Fragen und als Garant der kirchlichen Einheit.
1895 wurde in Zürich die erste Gemeinde gegründet. Es folgten Gemeindegründungen in St. Gallen, Basel, Zofingen, Winterthur, Schaffhausen, Bern etc. Die Kirche ist als Verein privatrechtlich organisiert. Die seelsorgerische und organisatorische Pflege der rund 160 Gemeinden in der Schweiz liegt in den Händen eines Bezirksapostels, drei Aposteln und fünf Bischöfen. Sie leiten die 15 Schweizer Bezirke mit ihren rund 33'000 Mitgliedern. In Luzern zählt die Kirche rund 700 Mitglieder.
Im Mittelpunkt der neuapostolischen Glaubenslehre stehen der Glaube an den dreieinigen Gott, an die Wiederkunft von Jesus Christus und an die Wirksamkeit des Apostelamtes für die Sakramentsverwaltung und «rechte Wortverkündigung». Nebst missionarischen Aktivitäten weltweit gibt es Bestrebungen für eine geistliche Neuorientierung hin zu einer modernen, offenen Kirche, die ihren Platz im christlichen Spektrum hat. Dazu präzisierte die Neuapostolische Kirche, dass es in anderen kirchlichen Gemeinschaften «vielfältige Elemente von Wahrheit gibt» und dass «der Heilige Geist auch ausserhalb der Neuapostolischen Kirche» wirke. Die Kirche ist insofern auf dem Weg von einer christlichen Sondergemeinschaft mit Besonderheiten (hier: neue Apostel) hin zu einer Freikirche.
In diesem Zusammenhang entwickelte sie in den letzten Jahren die Fähigkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit in der Ökumene mit katholischen, reformierten, freikirchlichen und orthodoxen Kirchen.
«Religionsvielfalt im Kanton Luzern» (www.unilu.ch/rel-LU) ist ein Projekt des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern.
Letzte Aktualisierung: 16.01.2017