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«Die Gegenwart», sagte der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges, «ist immer anachronistisch. » Jorge Torres hat Borges nicht gelesen. Aber er verkauft das Buch, in dem der Satz gedruckt steht.
Ich kämpfe mich mit Jorge Torres durch den Lärm, die Gerüche und die Menschenscharen der Calle Abancay. Seit über fünfzehn Jahren boomt Perus Wirtschaft, wächst trotz weltweiter Krise unvermindert. 12,3 Millionen Peruaner leben in der Schattenwirtschaft, so auch Torres. Mit zwanzig begann er mit gebrauchten Büchern zu handeln. Seit mittlerweilen 34 Jahren kauft und verkauft er Bücher.
An seinem Stand in Abancay bietet Jorge Torres alles an, was Rang und Namen hat: von der ersten peruanischen Ausgabe der «Wahrhaftigen Kommentare zum Reich der Inkas», über Ciro Alegría und Cesar Vallejo bis hin zu Vargas Llosa, Grossschriftsteller und Nobelpreisträger. Alles Raubkopien, in klandestinen Druckereien gedruckt von Leuten, die weder Autorenrechte noch Steuern bezahlen.
Es war um 1980, als Torres zum ersten Mal Bücher auffielen, die verdächtig billig auf den Markt kamen. Die peruanischen Verleger druckten, um ihren Gewinn zu steigern, auf eigene Faust von spanischen Bestsellern jeweils ein paar tausend Exemplare nach. Danach kamen immer mehr Leute auf die Idee, Bücher billig zu kopieren. In Lima entstand der grösste illegale Buchmarkt Südamerikas. Garcia Marquez, Vargas Llosa, Paulo Coelho: von jedem Bestseller findet man eine billige Raubkopie. Heute beschäftigt die Piraterie mehr Verkäufer als die Buchhandlungen. Sie treibt Verlage und Buchhandlungen in den Ruin: Eine Studie schätzt den jährlichen Schaden auf 52 Millionen Dollar.
In den Buchhandlungen von Miraflores und San Isidro, den Stadtvierteln der Reichen, liegt überall das neue Buch von Vargas Llosa auf, «Der Traum des Kelten», 454 Seiten, 69 Soles, umgerechnet 25 Franken. Ich gehe ins Zentrum, Calle Amazonas, wo die Stadtverwaltung den Verkäufern gebrauchter Bücher einen Marktplatz eingerichtet hat, 200 Stände, bis zu 40 000 Besucher täglich. Innert fünf Minuten finde ich mein Büchlein. An einigen Ständen liegt auch «Der Traum des Kelten» auf, schöner Druck, billiges Papier, nicht sehr sorgfältig gebunden, Preis zwischen fünf und sieben Franken.
Der spanische Verlag druckte eine halbe Million Exemplare des «Kelten», die Hälfte für den lateinamerikanischen Markt, davon 20 000 für Peru. Zwei Tage nach der Lancierung des Buches wurden auf den Strassen Limas bereits Raubdrucke verkauft. Der Autor klagte, in seiner Heimat kämen auf jedes legale Buch sieben illegale.
«Wir», sagte Jorge Torres, «sind die wahren Kulturvermittler des Landes. Die Gemeindebibliotheken sind leer oder geschlossen. Für die Mehrheit der Peruaner sind die Bücher in den Buchhandlungen unerschwinglich. Ohne uns könnte sich kaum noch ein junger Mensch, der nicht der Oberschicht angehört, ein Studium leisten. Wir rezyklieren das Wissen und geben es weiter.»
Germán Coronado war der erste Verleger von Mario Vargas Llosa in Peru, heute führt er einen der letzten unabhängigen Verlage Perus, Paisa. Ich besuchte ihn in seinem Büro in San Isidro, neunter Stock, viel dunkles Holz, viele Bücher und ein müder Verleger, dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. Denn kaum brachte er ein neues Buch heraus, waren anderntags die Strassen mit Raubkopien überschwemmt. Er machte 600 000 Dollar Verlust und entging dem Konkurs nur knapp. Mario Vargas Llosa verliess Paisa und suchte sich einen neuen Verlag. Doch obwohl sie eine billige Volksausgabe auf den Markt warfen, gelang es auch den spanischen Verlegern von Alfaguara nicht, die Räuber zu überlisten. Von Vargas Llosas Buch «Fest des Ziegenbocks » wurden in den Strassen Limas sieben verschiedene Raubdrucke gezählt, und alle waren billiger als das Original.
«Die Piraten gebärden sich als Helden der Kulturvermittlung. In Wahrheit heften sie sich an den Erfolg des Verlegers. Sie kopieren nur die erfolgreichen Bücher. Aber wenn ein Verleger zehn Bücher herausgibt, hat er höchstens zwei Bestseller darunter. Damit finanziert er sich. Wenn dieses Geschäft kaputt geht, kann kein Verleger überleben. »
Er stand auf, holte ein paar Bücher, die er sich als Beweis gegen die Diebe erstanden hatte. Die Biografie Maradonas, schneller auf dem peruanischen Markt als das Original. Die vierte Folge von «Harry Potter», Satz für Satz mit dem Google-Übersetzer ins Spanische übertragen.
Ich rief Nolberto an, der in Villa el Salvador wohnt, einer in die Wüste hineingesetzten Agglomeration, wo Coronado die illegalen Druckereien vermutet.
»Wir rezyklieren das Wissen und geben es weiter.«
Kennst du einen dieser Piraten?, fragte ich meinen Freund aus alten Tagen.
«Natürlich», antwortete er, «ich bin ein Pirat.» «Früher», sagte er, «ging es uns ums Überleben. Heute kämpfen wir für mehr Bildung.» Deshalb gehört Nolberto einer Elterngruppe an, die Bücher fotokopiert und an Lehrer verteilt. «Die Klassen unserer Schulen haben bis zu vierzig Schüler. Die Lehrer sind überfordert. Wir kopieren Fachliteratur für die Lehrer, damit sie sich besser auf schwierige Schüler einstellen können. Damit verhindern wir, dass die Kinder die Schule verlassen und sich auf der Strasse herumtreiben.»
Ist das legal?
«Das Gesetz des Überlebens», lachte Nolberto, «Aber wir verdienen kein Geld mit dem, was wir machen. Und Original-Literatur kann sich bei einem Minimallohn von 750 Soles (250 Franken) eh niemand leisten. 69 Soles für den neuen Vargas Llosa sind unerschwinglich. Aber zehn, das liegt drin.» Doña Cecilia fand ich in einer labyrinthischen Galerie im Zentrum der Stadt. Die Auslage an ihrem Stand, in tiefem Blau gehalten, war bescheiden, Schulbücher und Spielzeug. Aber Doña Cecilia war bereit, einige Fragen zu ihrer Haupttätigkeit zu beantworten, der Verteilung der Piratenware.
Sind Sie es, die bestimmte Bücher anfordern, oder werden Sie mit den neuen Büchern beliefert? «Die Druckereien offerieren uns die Ware.»
Wie viele klandestine Drucker gibt es?
«Das ist geheim. Darüber spricht niemand.»
Wie viel verdienen Sie?
«Ich kaufe grosse Mengen ein. Pro Buch verdiene ich einen Sol. Damit ernähre ich meine sechs Kinder. Wenn uns die grossen Verlage ihre Bücher billig zum Verkauf überliessen, müsste niemand Raubdrucke herstellen. Aber das tun sie nicht, deshalb ist die Nachfrage derart gross. Das Publikum braucht und will billige Bücher.»
Plötzlich begann Doña Cecilia zu weinen, so unvermittelt, dass ich den Verdacht hegte, die Tränen seien so falsch wie die Ray-Ban-Sonnenbrillen, die draussen verkauft wurden. Aber sie hatte auch Grund, traurig zu sein. «Die Polizei weiss, dass das, was ich tue, nicht erlaubt ist. Deshalb kommt immer mal wieder einer und erpresst mich. Ich arbeite von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und dann kommt so einer und nimmt dir alles weg. Das ist ungerecht.»
«Die Gegenwart», sagte der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges, «ist immer anachronistisch. » Jorge Torres hat Borges nicht gelesen. Aber er geht jetzt zurück an seinen Stand, wo er das Buch verkauft, in dem dieser Satz drinsteht.
Wer die Werke anderer ohne Erlaubnis nachdruckt und verkauft, ist ein Schmarotzer und kriminell – so einfach ist das hier bei uns. Wie sieht es aber in einem Land aus, wo ein Buch ein Zehntel des Minimallohns kostet und Bildung ein Privileg der Reichen ist? Ruedi Leuthold heftete sich für uns auf die Spuren der Buchpiraten von Lima, die an der Calle Amazonas schneller und billiger produzieren als die etablierten Verlage und den Hunger der Massen nach Literatur, egal ob Vargas Llosas oder Harry Potter, befriedigen.
Der ganze Text erschien im April 2011 in der #4 von REPORTAGEN, dem Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität.
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