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Baugeschichte der Kirche Weiningen
(Quelle: Artikel von Dr. J. Ganz, Denkmalpflege zur Einweihung der restaurierten Kirche erschienen in der Thurgauerzeitung vom 15. Jan. 1971)
Zur Geschichte
Aus seiner Geschichte wussten wir vor der Restaurierung wenig. Die älteste schriftliche Nachricht einer Niklauskapelle in Weiningen stammt vom 30. September 1486. Wie Felben gehörte Weiningen mit Wäckingen zusammen seit dem Mittelalter zur Kirchgemeinde Pfyn. Um aber den Bewohnern den langen Weg zu ersparen, kamen die Pfarrherren von Pfyn regelmässig zur Messe respektive zur Predigt nach Weiningen. Seit der Reformation wurde evangelischer Gottesdienst jeden Sonntag, seit 1740 auch an Festtagen, gehalten. Die Interessen der Katholiken vertrat bis zur Säkularisierung das Kloster Ittingen, diejenigen der Reformierten die Stadt Zürich. Aus einem Vertrag zwischen Zürcher Gesandten und dem
Prior Bonedikt von Ittingen aus dem Jahre 1593 geht hervor, dass damals ein Altar im Chor aufgestellt, eine neue Kanzel errichtet und eine Empore gebaut wurden. (H. G. Sulzberger, Geschichte der Gegenreformation, Thurg. Beiträge 14, 1874, Seiten 87 bis 89). Ein Jahrhundert später (1707) vermochte das Kloster gegen Widerstände der Stadt Zürich einen neuen Altar durchzusetzen. (K. Kuhn, Thurgovia Sacra I, Frauenfeld 1869, Seite 272). Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurde damals der geschreinerte Altar aufgestellt, der bis 1969 im Chor stand und nun heimatlos geworden ist. Aus einem Bericht vom 4. Mai 1713 an das Domkapitel Konstanz ist zu entnehmen, dass ein neuer Taufstein bewilligt und die Stuhlung verbessert werden sollte. In den Akten des Pfarrarchives ist auch von einer neuen Kirchenuhr (1739), einer neuen Glocke (1747) und vom neu gedeckten Türmlein (1751) die Rede.
Kirchengeschichtlich bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Kirchlein Weiningen seit der Gegenreformation paritätisch beiden christlichen Konfessionen diente, dass nun im Anschluss an das zweite Vatikanische Konzil, das die Oekumene als zentrales Anliegen aller Christen förderte und eine starke ökumenische Bewegung auslöste, das paritätische Verhältnis In Weiningen aufgelöst wird und jede Konfession (wenigstens äusserlich) ihrer Wege geht. Diese kirchenpolitische Veränderung lässt sich mehrfach im Thurgau beobachten, ist aber auf die ganze Christenheit bezogen, doch recht selten. Mit der Angabe, dass Karl Rosenfächer in Konstanz 1859 zwei Glocken für Weiningen gegossen hat, sind die schriftlichen Quellen zur Geschichte des Kirchleins erschöpft.
Form und Baugeschichte
Um so reichlicher gab uns der Bau selber im Laufe der Restaurierung über seine Geschichte Auskunft. So wissen wir, heute, dass das Kirchlein bedeutend älter ist, als je vermutet wurde: Unter dem Boden fanden sich die Fundamente eines älteren, rechteckigen Chores, in den Wänden liessen sich kleine Rundbogenfenster, nachweisen, die Bollensteinmauern waren zum Teil im Aehrenverband gemauert, und der Kalkmörtelputz wies Fugenstrich auf.
Die älteste Kirche in Weiningen war gleich breit wie die heutige, jedoch um 5 Meter kürzer. An den Triumphbogen schloss ein eingezogener quadratischer Chor an. Kleine Rundbogenfenster belichteten das Innere schwach.
Die Glasscheiben (oder Pergament?) waren in einen Holzrahmen eingelassen. Ein derartiger Rahmen kam zum Vorschein und wird als seltener Zeuge früher Schreiner- und Fenstermacherkunst von aussen her sichtbar bleiben. Die Mauer ist teilweise, wenn auch nicht sehr sorgfältig, Im Aehrenverband gemauert, das heisst jede Schicht der hochgestellten Bollensteine ist auf die entgegengesetzte Seite geneigt. Fugen und Steinköpfe waren, wie an einigen Stellen der Südseite deutlich nachgewiesen werden konnte, mit einer weissen Kalkmörtelschicht überzogen, in die ein einfacher Fugenstrich gezogen war. Auffallend ist, dass die Kalkschicht auf allen unebenen Steinen verschiedensten Härtegrades zu finden war; eine aussergewöhnliche Art zu verputzen, da sonst die Steine aus dem Putz auftauchen (pietra-rasa-manier). Nur um die Fenster ist ein glatter Kragen gelegt, der weich In die Fensterleibung umbiegt und so auf einfachste Art rahmend die Fenster in der Mauer hervorhebt.
Versucht man diesen Kapellenbau anhand von Vergleichsbeispielen zu datieren, so muss an die restaurierten Kapellen in Willisdorf und Braunau, aber auch an Degenau oder Hohentannen-Oettlishausen erinnert werden. Durch Grabungen konnte dieser Kapellentypus auch an andern Orten nachgewiesen werden. Es handelt sich um die geläufige Kirchenform des späten Mittelalters (13. Jahrhundert) in der Bodenseegegend.
In einer zweiten Bauphase wurde der quadratische Chor durch einen grösseren, polygonalen Chor ersetzt, dessen Seitenwände an die Mauern des Langhauses anschliessen. Dieser Altarraum hat sich bis heute erhalten. In seiner Mitte, auf dem Fundament des alten Chores, stand ein querrechteckigen Altarblock. Von ihm fand sich nicht nur die erste aufgehende Bollensteinlage, sondern auch das davorliegende Mörtelbett der Tonplatten, die 23,51 Zentimeter im Quadrat messen und um eine halbe Seitenlänge versetzt verlegt waren.
Ob zu dieser Zeit die Kirche nach Westen verlängert wurde, konnte nicht eindeutig festgestellt werden, da sich im Boden nur eine Steinsetzung von einer Lage ohne Mörtelverband fand. Auch im aufgehenden Mauerwerk fehlen Anhaltspunkte, um die Verlängerung der Kirche in diese Bauperiode zu weisen. Hingegen fest steht, dass damals die kleinen romanischen Fenster zugemauert und durch grössere ersetzt wurden. Diese Fenster schlossen mit einem Rundbogen und waren gegen aussen von einem Putzband mit zahnradartigen Vorsprüngen gerahmt. Im Innern waren dunkelgrau gleich geformte Fensterrahmen auf die weisse Tünche gemalt. Auch der Triumphbogen war mit aufgemalten Quadern gerahmt. In die Nordostmauer des Chores wurde ein Sakramentshäuschen eingelassen. Zur Datierung dieser Bauperiode hilft uns aber vor allem das originale Masswerk im Chorscheitelfenster, das beinah unversehrt zum Vorschein kam. Im Rundbogen sind zwei Dreipass-Lanzettfenster eingefügt, die durch ihre kargen Formen einerseits, durch die Kombination von Rund- und Spitzbogen andrerseits ins 16. Jahrhundert zu datieren sind. Dabei stellt sich die Frage, ob dieser Umbau noch kurz vor der Reformation oder erst am Ende des Jahrhunderts (1593?) stattfand. Da keine Spuren von Fresken festzustellen waren, möchte ich eher das spätere Datum annehmen. Von dieser Epoche ist heute das aussehen des Kirchengebäudes weitgehend geprägt.
Die Zutaten des 18. Jahrhunderts
Im 18. Jahrhundert verlängerte man vielleicht das Langhaus nach Westen. Sicher wurden zu dieser Zeit die Fenster nochmals vergrössert. Dabei lässt sich für das zugemauerte grosse Fenster in der Nordwestecke des Chors, nahe beim Triumphbogen, keine einleuchtende Erklärung finden. Eine der zahlreichen Kalktünchen im lnnern dürfte aus dieser Erneuerungsphase stammen. Ebenso sind die verschiedenen grauen Quaderbemalungen am Triumphbogen und die aussen am Chor aufgemalten Eckquader in diesem Zusammenhang zu nennen. Die in Felder aufgeteilte Holzdecke, die bei der Renovation von 1913/14 zum Glück nicht heruntergerissen, sondern nur zugedeckt wurde, gehört auch in dieses Jahrhundert. Entscheidend verändert und bereichert hat jedoch diese Epoche das Innere durch die neue
Ausstattung.
Es wurde bereits erwähnt, dass 1707 ein neuer Altar in die Kirche gelangte. Noch heute beleben - abgesehen vom älteren, reich verzierten Schrank (Inschrift: 1 HC.H 6 - 5 I.F 4) - Kanzel, Pfarrstuhl und Taufstein den Chor. Der Taufstein ist 1715 datiert und durch den Bibelspruch Mar. X.14. und eine grüne Marmorierung ausgezeichnet. Kanzel und Pfarrstuhl tragen die Jahreszahl 1760. Auf dem steinernen Kanzelsockel sind neben der Jahreszahl zwei wappenartige Zeichen eingemeisselt. Die Bedeutung der Buchstaben HCH und HCF sowie der dargestellten Werkzeuge ist noch ungeklärt.
Bedeutung und Wert der Kapelle Weinigen heute
Über mehr als siebenhundert Jahre erstreckt sich die Geschichte der Kapelle und reicht damit in die Anfangszeit des Dorfes Weiningen zurück, das 1219 urkundlich zum erstenmal erwähnt ist (TUB II Seite 346). Jede Zeitepoche hat die Kapelle, so wie sie nun vor uns steht, mitgeformt. Und doch bildet der Bau und seine Ausstattung ein einheitliches, organisches Lebewesen. Wie dies möglich geworden ist, zu fragen drängt sich uns auf, die wir in einer Umwelt leben, der im Bauen weder formal noch materialmässig Grenzen gesetzt sind. Die Kapelle selbst gibt uns die Antwort, so wie sie selber auch den Weg ihrer Restaurierung gewiesen hat: entscheidend sind die einfachsten geometrischen Formen, die über Jahrhunderte kaum sich ändernden liturgischen Forderungen, die von der Natur an Ort und Stelle zur Verfügung, gestellten Baumaterialien und ihre vom Menschen geprägten Verarbeitungsmethoden. Vor allem die Kontinuität der Materialien (von der Thur gerundete Bollensteine, behaubare Sandsteine, Ton für Ziegel und Bodenplatten, Kalk, Sand und Holz) vermochte und vermag auch weiterhin die Ausdrucksweise verschiedener Zeiten an einem Bau zu einer lebendigen Einheit zu verschmelzen. Dies ist in Weiningen besonders gut gelungen. Die Kirchbürgerinnen und Kirchbürger dürfen sich deshalb glücklich schätzen, ein solch würdiges, traditionsreiches und gleichzeitig modernes Gotteshaus zu besitzen.
Legende zum Grundriss der Kapelle Weingen:
(Gesamtlänge 21 m, Breite 6,75 m)
1. Steinsetzung, deren Bedeutung nicht geklärt werden konnte.
2. Altarfundament und Mörtelbett der Bodenplatten, 16. Jahrhundert, wahrscheinlich 1593
3. Altar 1707 - 1968
Kanzel, Ausschnitt aus Kanzelsockel und Taufstein: