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Sergij N. Bulgakov 1871–1944
Sergej N. Bulgakov (16./28. Juli 1871 Livny - 13. Juli 1944 Paris) war ein russischer Religionsphilosoph und Theologe. Er stammte aus einer Priesterfamilie und studierte in Moskau 1890-1894 Politische Ökonomie und Rechtswissenschaften. 1898 bis 1900 unternahm er eine Studienreise nach Berlin mit kurzen Abstechern nach Paris, London, Genf, Zürich und Venedig. In Deutschland verkehrte Bulgakov im Kreise der deutschen Sozialdemokraten. Unmittelbares Resultat dieser zweijährigen Studienreise war die Publikation seiner Dissertation Kapitalismus und Landwirtschaft (in zwei Bänden, 1900).
Professor und Publizist
Ab 1901 lehrte er als Professor für Politische Ökonomie in Kiew und ab 1906 in Moskau (u.a. am Moskauer Handelsinstitut). Seiner Begeisterung für den Marxismus folgte eine Zeit der kritischen Auseinandersetzung und Enttäuschung. Unter dem Einfluss des Philosophen Vladimir Solov'ev wandte er sich vom Marxismus ab. Bulgakovs Weg führte über einen christlichen Idealismus zur religiösen Philosophie und orthodoxen Theologie.
Priester und Theologe
1917/18 nahm er als Laie am allrussischen Kirchenkonzil zur Erneuerung der orthodoxen Kirche teil und wurde 1918 zum Priester geweiht. Ende 1922 wurde er aus Russland ausgewiesen. Vater Sergij übernahm einen Lehrstuhl für Kirchenrecht und Theologie an der Juristischen Fakultät des Russischen Wissenschaftlichen Instituts in Prag (Frühling 1923-Sommer 1925). Im Juli 1925 siedelte Bulgakov nach Paris über, wo er als Professor im neu gegründeten Orthodoxen Theologischen St. Serge-Institut den Lehrstuhl für dogmatische Theologie besetzte. Für die russische Kirche in der Emigration war er von grösster Bedeutung. In seiner Theologie steht die Lehre von der Kirche im Mittelpunkt.
Sophiologe
Bulgakov ist bekannt für seine Lehre von der Sophia, d.h. von der göttlichen Weisheit und Natur. Ihm zufolge handelt es sich bei der Sophiologie keineswegs um „irgendeine orientalische Exotik“, sondern sie stiftet „ein besonderes Verständnis für alle christlichen Lehren und Dogmen, von der Trinitäts- und der Inkarnationslehre bis zu den heutigen Fragen des praktischen Christentums.“ Nicht zuletzt präsentierte er die Sophiologie als Ausweg aus den zeitgenössischen Kontroversen um die dialektische Theologie (v.a. Karl Barth).
Die Sophiologie knüpft an die bisher theologisch unterbelichtete patristische Lehre von der Wesensgleichheit oder „Natur“ (ousia) der Hl. Dreifaltigkeit an. Sie geht zudem aus einer kritischen Verarbeitung des marxistischen Materialismus und des Deutschen Idealismus in seiner „Naturvergessenheit“ hervor und greift die Naturphilosophie Schellings auf. Für die Theologie ist dieser Ansatz anknüpfungsfähig, insofern die christologische und trinitätstheologische Terminologie einen Naturbegriff integriert, der unter neuzeitlichen Bedingungen weitgehend seinen Sinn verloren hat.
Bulgakovs Sophiologie geriet in den 1930er Jahren ins kirchenpolitische Kreuzfeuer der russischen Orthodoxie in der Diaspora, wurde 1935 als gnostische Irrlehre abgelehnt und generierte heftige, bis heute nicht aufgearbeitete Kontroversen. Er konnte aber unter dem Schutz des Metropoliten Eulogius seine theologische, priesterliche und pastorale Arbeit fortsetzen.
Förderer der Ökumene
Bulgakov ist auch bekannt durch seine Beteiligung an den Einigungsbestrebungen und den ökumenischen Bewegungen „Life and Work“ und „Faith and Order“, die 1948 zur Gründung des Weltkirchenrats der Kirchen führten. Er war Mitglied des Ausschusses für Glauben und Kirchenverfassung, 1937 Teilnehmer an den Weltkirchenkonferenzen in Oxford und Edinburgh und einer der Gründer und Leiter der orthodox-anglikanischen Bruderschaft von St. Alban und St. Sergius, einer 1928 auf der 2. Theologenkonferenz in St. Alban (Grossbritannien) gegründeten privaten Gesellschaft zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Christen des Ostens und des Westens.
Lebenslauf in: Sergij Bulgakov, Aus meinem Leben, Münster 2017.
BULGAKOV ÜBER SICH SELBST
"In gewissem Sinne kann ich sagen: Ich habe sie mir bis heute bewahrt und möchte sie sogar bis zum Ende meiner Tage bewahren – die Treue zu den Prinzipien der Freiheit und zur Wahrung der menschlichen Würde, verbunden mit der Unversöhnlichkeit gegenüber jeglichem 'Totalitarismus'. Hier zähle ich mich noch immer zur russischen 'progressiven' (auch dieses Wort möchte ich nicht ablehnen) Gesellschaft."
"В известном смысле могу сказать, что я сохранил 'даже и до дня сего' и хочу сохранить до конца своих дней, - верность началам свободы и хранения человеческого достойнства, с непримиримостью ко всяому 'тоталитаризму'. Здесь я хочу остаться в рядах русской 'прогрессивной' (не хочу отрицать также и этого слова) общественности."
Aus: Mein Leben ohne Gott, in: Sergij Bulgakov, Aus meinem Leben, Münster 2017, S. 23; Avtobiografičeskie zametki, Paris 1947, S. 27.
Vortrag an der Columbia University in New York am 27. Oktober 1936:
"Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als lebendiges Paradoxon vor Ihnen zu stehen; in meiner Jugend war ich einer der Anführer des russischen Marxismus, und heute bin ich hier als geweihter Priester der Heiligen Orthodoxen Kirche, als orthodoxer Theologe, und darüber hinaus noch als entschiedener Vertreter der sogenannten sophiologischen Lehre.
Ich habe nicht vor, die persönlichen und intimen Aspekte dieses Wandels anzusprechen, die konkreten Ereignisse auf „dem Weg nach Damaskus“. Es waren wundersame Offenbarungen, wie eigentlich die wichtigsten und entscheidenden Ereignisse im Leben von uns allen. Wie mir scheint, wurde ich gebeten, nur meinen intellektuellen Werdegang zu beschreiben, weil diese Entwicklung einen langen und ununterbrochenen Prozess darstellt, eine logische Entfaltung bestimmter Motive und Probleme, die ich in der ganzen Reihe meiner Bücher dargestellt und erörtert habe. Jeden Schritt habe ich nicht nur persönlich erlebt, sondern auch philosophisch erforscht und logisch gerechtfertigt. Man könnte mich mit einem Gebäudeplan vergleichen, der viele Male untersucht, überprüft, korrigiert wurde, bis quasi ein gegenteiliges Modell daraus wurde. Was ist der fundamentale Beweggrund in diesem Plan, der mich und meine Anhänger bei der Suche nach Wahrheit zu derartigen geistigen Umwälzungen und Wendungen geführt hat?
Der Beweggrund ist charakteristisch für viele Russen, die nach einem umfassenden Blick auf das Leben, nach einer ›Weltanschauung‹ suchen. Es geht um das Bestreben, dogmatische oder theoretische Ideen mit praktischen Lösungen in Verbindung zu bringen, eine Antwort auf die „verdammten Fragen“ zu geben: Was müssen wir tun für die Erlösung unseres Heimatlandes, der ganzen Welt, aller Menschen? – und das ist typisch russisch."
Aus: "Vom Marxismus zur Sophiologie". In: Sergij Bulgakov, Aus meinem Leben, Münster 2017, S. 136.