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Strahlend weiss thront das Arp-Museum zwischen Himmel und Erde über dem Bahnhof Rolandseck (Rheinland-Pfalz) in einer vom Fluss geprägten Naturkulisse. Seit 2007 werden in dem spektakulären Bau des Amerikaners Richard Meier spannende Ausstellungen gezeigt.
Im 19. Jahrhundert war der Rhein mit seiner mystischen Landschaft eines der beliebtesten Reiseziele in Deutschland. Auch als Wohnort war die Gegend sehr begehrt: Industrielle aus Köln, Düsseldorf, Krefeld und dem gesamten Ruhrgebiet bauten sich hier Wohnsitze und genossen die romantische Landschaft, die auch als «Rheinische Riviera» bezeichnet wurde. In Rolandseck, südlich von Bonn, entstand zwischen 1856 und 1858 ein klassizistisches Bahnhofsgebäude. Der Bahnhof diente als Treffpunkt der bürgerlichen Gesellschaft, die hier gern verweilte und feierte. Während des Kaiserreichs besuchten zahlreiche Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Politik und Kultur den Bahnhof.
Auf der grossen Terrasse des renovierten Bahnhofs wurden damals wie heute Getränke und leckere Speisen serviert.
In Rolandseck trafen sich Königin Viktoria von England und Kaiser Wilhelm II sowie bedeutende Künstler und Denker wie Karl Simrock, die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm und Friedrich Nietzsche. Johannes Brahms konzertierte im Bahnhof, George Bernhard Shaw verlegte die Szene eines Theaterstücks hierher und Guillaume Apollinaire schrieb hier einen Grossteil seiner in Deutschland entstandenen Gedichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Bahnhof in Vergessenheit. Das ehemals prachtvolle Bahnhofsgebäude verfiel zunehmend und war vom Abriss bedroht.
«Der Bahnhof Rolandseck wird das Theater sein, in dem sich alle Künste vereinen, um das Wunderbare zu schaffen» (Marcel Marceau).
Kurz vor dem geplanten Abriss im Jahr 1964 entdeckte der Bonner Galerist Johannes Wasmuth (1936 – 1997) das Gebäude. Er übernahm den verlassenen und maroden Bahnhof und begann seine Vorstellung eines Kunstortes zu verwirklichen. Dabei unterstützten ihn zahlreiche prominente Freunde und Künstler. Zusammen mit dem Pianisten Stefan Askenase und Yaltah Menuhin, der Schwester des Geigers Yehudi Menuhin, gründete Wasmuth 1965 die Gesellschaft «arts and music». Mithilfe dieser verschaffte er jungen Künstlern aller Sparten Auftritts- und Arbeitsmöglichkeiten im Bahnhof.
Im grossen Saal des Bahnhofs feierten Prominente aus ganz Europa rauschende Feste.
Weitere Gäste und Künstler aller Sparten besuchten Rolandseck und nahmen an den Aktivitäten teil. Zu den bekanntesten zählen: Martha Argerich, Leonard Bernstein, die russischen Pianisten Elisabeth Leonskaja und Swjatoslaw Richter, Marc Neikrug und die Zigeunerkapelle Reinhard sowie Jazz-Star Duke Ellington. Bildende Künstler wie Gotthard Graubner, Sigmar Polke und die Mitglieder der Künstlergruppe Zero waren häufig zu Gast. Zum wichtigsten Ereignis für die neuere Geschichte des Künstlerbahnhofs kam es im Juni 1969. Johannes Wasmuth hatte Schwierigkeiten, sein ambitioniertes Kulturprogramm in Rolandseck zu finanzieren. Deshalb organisierte er ein Fest zur Rettung des Bahnhofs. Etwa 600 Gäste waren eingeladen. Es kamen mehr als 3000 Menschen. Dem vorausgegangen war ein glühendes Manifest des berühmten französischen Pantomimen Marcel Marceau. Die Kunstwelt forderte die Erhaltung des Bahnhofs als Museum.
Am 28. September 2007 wurde der moderne Museumskomplex oberhalb des alten Bahnhofs eröffnet.
Um für die Sanierung eine verlässliche Basis zu schaffen, gründete das Land Rheinland-Pfalz 1973 die Stiftung Bahnhof Rolandseck. Seither sorgt die Stiftung für den Unterhalt und den Betrieb des Bahnhofs und stellt Zuschüsse für kulturelle Aktivitäten zur Verfügung. 2008 wurde die Stiftung in eine neue Trägerschaft überführt. Die Landes-Stiftung «Arp Museum Bahnhof Rolandseck» garantiert seitdem den Betrieb durch finanzielle Zuwendungen des Landes Rheinland-Pfalz und der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur. Schon seit 1959 war Johannes Wasmuth mit der Familie Arp bekannt. Arps zweite Frau und Witwe Marguerite Arp-Hagenbach übertrug ihm 1977 einen Teil des Nachlasses. Hieraus entwickelte sich eine Lebensaufgabe für den Retter des Bahnhofs Rolandseck.
Zahlreiche Werke des Künstlerpaars Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp treten in einem der lichtdurchfluteten Räume in gegenseitigen Austausch miteinander.
Wasmuth traf den amerikanischen Architekten Richard Meier das erste Mal Ende der 1970er Jahre in Frankfurt. Meier hatte den Auftrag für den Bau des Frankfurter Museums für Kunsthandwerk erhalten. Gemeinsam entwickelten sie Pläne für ein Museum, das der Kunst Hans Arps und dessen Frau Sophie Taeuber-Arp gewidmet sein sollte. Allerdings fehlten zur Realisierung die finanziellen Mittel.
Viel Licht und grosse Fensterfronten sind Markenzeichen des Architekten Richard Meier.
Bis Wasmuth 1997 starb, konnten die Pläne nicht umgesetzt werden. Erst mit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin und den Mitteln des Bonn-Berlin-Ausgleichs sowie Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz war die Finanzierung der ambitionierten Pläne gesichert. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck wurde 1995 gegründet und das Bahnhofsgebäude aufwändig saniert. Im Oktober 2004 erfolgte die Grundsteinlegung für den Neubau auf den Rheinhöhen. Nur knapp drei Jahre später – am 28. September 2007 – wurde der Museumskomplex von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet.
Im unterirdischen Durchgang hängt die Installation «Kaa, die Schlange» von Barbara Trautmann.
Entstanden ist ein einzigartiges Gebäudeensemble: Das klassizistische Bahnhofsgebäude ist durch eine unterirdische Architekturpassage, zahlreiche Gänge mit Ausblicken in die umgebende Landschaft sowie einen teils verglasten Aufzug mit der modernen weissen Höhenburg Richard Meiers – 40 Meter über dem Rhein – in spektakulärer Weise verbunden.
Das Programm des Drei-Sparten-Hauses umfasst Ausstellungen mit internationaler bildender Kunst, klassische Konzerte sowie ein sommerliches Kammermusikfestival mit bekannten Ensembles und Solisten, Künstlergespräche sowie Lesungen prominenter Autorinnen und Autoren. Im Zentrum steht die Kunst von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp. Im Dialog mit diesen Werken werden in Skulpturen und Malereien zeitgenössischer Künstler gezeigt. Darüber hinaus präsentiert das Arp Museum Gemälde vom Mittelalter bis in die Moderne aus der Sammlung Rau für UNICEF.
Werke der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere bewegen sich zwischen Vitalität und Tod, Harmonie und Deformation.
In den Ausstellungsräumen sind derzeit neben Werken von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp Skulpturen der in Belgien lebenden Künstlerin Berlinde De Bruyckere ausgestellt. Die faszinierenden und zugleich aufwühlenden Figuren gehen sprichwörtlich «unter die Haut». In ihrem Schaffen spielt der Mensch mit seinen physischen und seelischen Verwundungen eine zentrale Rolle.
Grosszügige Treppen verbinden die verschiedenen Stockwerke im modernen Museumskomplex.
Licht und die grossen Fensterfronten sorgen für Transparenz, öffnen das Gebäude zur umgebenden Landschaft hin und wecken den Wunsch, das Wandeln fortzusetzen. Ganz im Sinne von Hans Arp zieht es die Besuchenden nach draussen und unweigerlich auch an den Rhein, wo am Skulpturenufer weitere Werke gezeigt werden: Seit 2001 sind auf vierzehn Kilometern zwischen Remagen-Rolandswerth sowie Remagen-Kripp zahlreiche Figuren zu sehen und integrieren – wiederum ganz im Sinne der Hauspatrone – die Kunst in das Leben und in die umgebende Natur.
Titelfoto: Vorne der historische Bahnhof, hinten das moderne Museumsgebäude von Richard Meier. Fotos Hans Weingartz ( Wikipedia), PS und FL
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