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Teenager Vincent träumt davon, mit seinem Suizid ein Zeichen gegen die Schlechtigkeit der Welt zu setzen. Aber seine Familie ist schlicht zu kompliziert für einfache Signale.
«Wie oft hast Du jetzt schon versucht, dich umzubringen?»
Das fragt der wohlmeinende Psychiater den Teenager Vincent. Aber nicht ohne ihm zuvor zu seinem mutigen Abschiedsbrief zu gratulieren, einem wahren Manifest, das ihn schwer beeindruckt habe.
Vincent ist eigentlich ein normaler Teenager in einer flämischen Stadt. Er lebt mit seinen Schwestern, dem Stiefvater und der Mutter. Er hat eine Freundin, die genauso für Umweltschutz und Gerechtigkeit brennt wie er. Und er möchte mit seinem Suizid ein Zeichen setzen für eine bessere Welt.
Der belgische Regisseur Christophe Van Rompaey sagt, er möge seinen Antihelden darum so gut, weil er selber ein Problemkind gewesen sei. Jedenfalls behaupte das seine Mutter.
Der Kniff in Van Rompaeys Drehbuch besteht denn auch darin, dass die Mutter wahrscheinlich gestörter ist als der Sohn, ganz zu schweigen von ihrer Halbschwester Nicole, genannt Nikki, die eines Tages – Suprise! – aus Frankreich angereist kommt.
Die von Frankreichs Kino- und Theaterstar Alexandra Lamy gespielte Nikki ist eine Naturgewalt. Mit ihren roten Haaren taucht sie im flämischen Halbdunkel auf wie ein verrücktes französisches Verkehrssignal. Ihre Lebenslust ist offensichtlich, und Vincent überredet sie, ihn im Morgengrauen im Auto mitzunehmen nach Paris.
Um auf andere Gedanken zu kommen, wie sie glaubt.
Um sich unter dem Eiffelturm öffentlichkeitswirksam selber anzuzünden, wie er hofft.
Aber klar kommt alles anders, denn Vincents Mutter jagt die ganze Familie im Lieferwagen ihres Mannes über die Grenze, und damit wird der Film Vincent zu einem doppelten Roadmovie in Richtung Südfrankreich.
Was den Film stark macht, neben seinem schwarzen Humor, ist seine Verankerung im Chaos der familiären Realität. Mutter und Tante haben mehr Probleme mit dem Konzept der Patchwork-Familie, als Sohn Vincent, der nichts anderes kennt.
Vincent hat dafür Mühe mit der Vorstellung, erwachsen werden zu müssen. Was nicht überrascht, wenn man seine Vorbilder bedenkt.
Christophe Van Rompaey überwindet viele Grenzen mit seiner Tragikomödie, jene zwischen Flämisch und Französisch, Belgien und Frankreich und schliesslich die spannendste, jene zwischen manischer Euphorie und tiefer Depression.
Aber allen Grenzüberschreitungen zum Trotz ist das kein Euroförderungs-Reissbrett-Produkt. Vincents flämischer Hintergrund wirkt so real wie der Kontrast seiner verregneten flämischen Herkunfts-Stadt zum surrealen Luxus eines Hochzeitsschlosses im sonnigen Südfrankreich.
Es sind die realistischen Kontraste, welche die Wirkung erzielen, nicht das durchdeklinieren regionaler Klischees. Er könne selber gar nicht sagen, ob da irgendetwas typisch Flämisches im Drehbuch stecke, sagt Regisseur Van Rompaey, die Figuren und ihre Hintergründe hätten sich sozusagen «natürlich» ergeben aus der Kleinheit Belgiens und seiner eigentümlichen, politisch immer wieder brisanten Mehrsprachigkeit. Die ihrerseits im Alltag der Belgier eigentlich keine Rolle spiele.
Das mach «Vincent» zu einem der wenigen zuweilen wirklich komischen Filme zu Thema Suizid, zu einem generationenübergreifenden europäischen Roadmovie, und zu einem Film, der einem in der Schweiz schneller vertraut vorkommt, als man das Wort «Röstigraben» denken kann.