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Zusammenfassung
Die Schweiz ist in einer Situation mit hohen, aber jetzt leicht rückläufigen Zahlen von täglichen SARS-CoV-2 Neuinfektionen, Hospitalisierungen und Todesfällen. Die starke Auslastung des Gesundheitssystems hat in den vergangenen Monaten die Behandlung von Menschen sowohl mit COVID-19 als auch mit anderen Gesundheitsproblemen erschwert. Ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen könnte dazu führen, dass Kapazitätsgrenzen im Gesundheitswesen rasch wieder erreicht oder sogar überschritten werden. Das würde auch bedeuten, dass auch nicht-COVID-19 bedingte Behandlungen wieder verschoben werden müssten.
In dieser Situation stellen SARS-CoV-2 Varianten mit erhöhter Übertragungsrate ein Risiko dar. Solche Varianten sind in Grossbritannien (501.V1, auch B.1.1.7 genannt), Südafrika (501.V2) und Brasilien (501.V3) identifiziert worden. B.1.1.7 und 501.V2 sind auch in der Schweiz nachgewiesen worden. Die Ausbreitung dieser Varianten in der Schweiz birgt das Risiko, dass Infektionen und damit auch schwere Erkrankungen und Todesfälle erneut ansteigen, und dass die Kontrolle der Epidemie viel schwieriger wird.
Der relative Anteil an Infektionen, die von B.1.1.7 verursacht werden, nimmt in der Schweiz zu. Die neuesten Daten reflektieren das Infektionsgeschehen bis KW3/2021. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich der Prozentsatz von B.1.1.7 unter allen Ansteckungen etwa einmal pro Woche verdoppelt. Wir gehen davon aus, dass B.1.1.7 in der Schweiz im März der dominierende SARS-CoV-2 Stamm sein wird.
Die absolute Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 nimmt auch zu. Bis Ende KW3/2021 sehen wir jede Woche ungefähr eine Verdoppelung der geschätzten absoluten Anzahl der Infektionen, die von B.1.1.7 verursacht werden. Wenn die absolute Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 weiter zunimmt, besteht die Gefahr einer Trendumkehr der epidemiologischen Lage: Sobald B.1.1.7 der dominierende SARS-CoV-2 Stamm wird, steigen bei gleichbleibenden Eindämmungsmassnahmen die Anzahl Infektionen – und später auch Hospitalisationen und Todesfälle – kontinuierlich an.
Eine weiterhin schnelle und starke Reduktion der Ansteckungen reduziert die Risiken für die Schweiz. Wichtig ist, dass nicht nur die Anzahl aller bestätigter Fälle sinkt, sondern dass auch die absolute Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 abnimmt. Eine starke Einschränkung der Kontakte und der Mobilität, zusammen mit einer konsequenten Umsetzung der Schutzmassnahmen, verringert die Ansteckungen mit allen SARS-CoV-2 Varianten. Tiefere Fallzahlen ermöglichen zudem breites Testen weitflächiges Testen und wirkungsvolle Kontaktverfolgung.
1. Epidemiologische Situation in der Schweiz
- 0,93 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 0,79-1,08) aufgrund der bestätigten Fälle, per 15.01.2021.
- 0,65 (95% UI: 0,48-0,83) aufgrund der Hospitalisationen, per 10.01.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,93 (95% UI: 0,82-1,04) geschätzt.
- 0,84 (95% UI: 0,68-1,02) aufgrund der Todesfälle, per 03.01.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 0,77 (95% UI: 0,67-0,87) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,85 (95% UI: 0,75-0,95) geschätzt.
2. Varianten B.1.1.7 und 501.V2 in der Schweiz
Abbildung 1: Entwicklung der relativen Häufigkeit (als Prozentsatz) aller positiven Tests, die auf B.1.1.7 zurückzuführen sind, in Grossbritannien (schwarz), Dänemark (grau) und der Schweiz (blau). Dieselben Daten sind auf einer linearen Skala (oben) und einer logarithmischen Skala (unten) dargestellt. Die untere Darstellung zeigt, dass der Anstieg in den drei Ländern anfänglich ungefähr exponentiell mit einer ähnlichen Geschwindigkeit erfolgt.
Abbildung 3: Schätzung der absoluten Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 pro Woche in der Schweiz. Zu beachten ist, dass die horizontale und die vertikale Achse anderes skaliert ist als in Abbildung 2.
Diese Daten zeigen, dass die bis Ende KW1/2021 eingesetzte Kombination von allgemeinen Massnahmen und Kontaktverfolgung nicht ausgereicht hat, um ein Anwachsen der Infektionen mit B.1.1.7 in der Schweiz zu verhindern (die Fallzahlen, die in KW3 rapportiert werden, geben das Infektionsgeschehen gegen Ende der KW1 wieder). Wenn die Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 weiter substantiell anwächst, besteht die Gefahr einer Trendumkehr in den Fallzahlen: sobald der relative Anteil von B.1.1.7 unter den gesamten Populationen eine kritische Grenze überschreitet, beginnt die totale Anzahl Infektionen pro Tag wieder zu wachsen. Als Folge davon würden dann später auch die Anzahl Hospitalisierungen und Todesfälle pro Tag wieder anwachsen. Um dieses Szenario zu verhindern, ist eine schnelle Reduktion der Ansteckungen durch eine Reduktion von Kontakten und Mobilität von grosser Wichtigkeit, zusammen mit intensivem Testen und Kontaktverfolgung.
3. Neue Policy Briefs der ncs-tf
Warum aus gesamtwirtschaftlicher Sicht weitgehende gesundheitspolitische Massnahmen in der aktuellen Lage sinnvoll sind (Link)
Die weitgehenden gesundheitspolitischen Massnahmen sind auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zu unterstützen: Die Spitalkapazitäten könnten durch die Zunahme der ansteckenderen Varianten des Virus wieder überlastet werden, die Übersterblichkeit ist markant, was zu hohen Kosten führt, und die relativ rasche Impfung zunächst der vulnerablen Personen und später der gesamten Bevölkerung ist absehbar. Ein sehr hoher ökonomischer Nutzen wird durch eine Beschleunigung der Impfungen erreicht. Die Dauer weitgehender gesundheitspolitischer Massnahmen wird damit beschränkt, und diese weisen ein besonders gutes Kosten-Nutzen-V erhältnis auf. Die privatwirtschaftlichen Kosten von gesundheitspolitischen Massnahmen sind geringer je stärker die Einkommensausfälle kompensiert werden.
Folgen der Auslastung der Intensivstationen (Link)
Die Intensivstationen stehen seit November 2020 an der Grenze ihrer Kapazitäten. Bei einer grossen Zahl von Patienten (ungefähr 19’000 Fälle) mussten geplante medizinische Eingriffe verschoben werden. Der Anteil von auf Intensivstationen verlegten COVID-19-Patienten nahm im Herbst ab. Dies könnte auf erfolgreiche Behandlungen hinweisen oder auf eine Art informelle Patienten-Triage.
Bewertung von Massnahmen in Schulen (Link)
Es gibt ein breites Spektrum von Massnahmen, darunter auch einige, die noch nicht ausgeschöpft werden, und deren Auswahl von der epidemiologischen Situation und der Schulstufe abhängen. Wenn sich die epidemiologische Lage verschlechtert, gibt es eine Reihe von Massnahmen, die in Eskalationsstufen und in koordinierter Weise ergriffen werden können.
Die psychischen Folgen der Covid-19 Pandemie in der Schweiz (Link)
Sowohl die Bedrohung der physischen Gesundheit durch COVID-19 als auch die Massnahmen, die im Kampf gegen die Pandemie getroffen werden, sind Stressfaktoren für die Psyche. Verglichen mit der Zeit des Lockdowns im April 2020, stieg die Häufigkeit schwerer depressiver Symptome während der zweiten Welle im November 2020 stark an. Am stärksten unter psychischen Problemen leiden junge Menschen, Personen, die infolge der Pandemie finanzielle Einbussen erlitten, und Menschen in der Westschweiz, wo die zweite Pandemiewelle am stärksten war. Auch das Gesundheitspersonal in den Intensivstationen ist einem erhöhten Risiko für psychische Probleme ausgesetzt. Wenn die epidemiologische Situation einschränkende Massnahmen erfordert, sollten geeignete Gegenmassnahmen erwogen werden, um möglichen psychischen Folgen vorzubeugen und ihnen entgegenzuwirken.
Schutz älterer Menschen in der Langzeitpflege bei gleichzeitigem Erhalt der Lebensqualität (Link)
Ziel dieses Policy Briefs ist es, wichtige Fragen zu Massnahmen in Pflegeheimen zu beantworten. Wichtig ist, dass diese Massnahmen die psychische und physische Gesundheit sowie das allgemeine Wohlbefinden der Menschen in Pflegeheimen berücksichtigen. Des Weiteren wird ausgeführt, wie mit SARS-CoV-2-Infektionen in Pflegeheimen umgegangen werden sollte, und wie sowohl den Heimbewohnerinnen und -bewohnern als auch den Pflegefachkräften in nützlicher Frist das notwendige Wissen zur Infektionsprävention vermittelt werden kann.
Hinweise