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Max Frischs Zürich
«Die Bahnhofstrasse, berühmt als Schaufenster unsres Wohlstandes, gehört zu West-Zürich; sie beginnt am See und endet an der Mauer; der frühere Hauptbahnhof, ehedem das architektonische Ziel dieser Strasse, gehört heute zu Ost-Zürich. Was die Sieger sich damals gedacht haben, als sie den Verlauf dieser Grenze bestimmten, ist für uns unerheblich. Es gibt diese Mauer nun einmal. Geschichte ist Geschichte und bestimmt unsern Alltag hüben und drüben. Warum, zum Beispiel, gehört der Lindenhof (ein Hügel in der Altstadt mit römischen Resten) zu Ost-Zürich, und dabei ist er nur mit Weidlingen (eine altertümliche Art von Ruderkähnen) zu erreichen als eine Enklave in West-Zürich, eingezäunt mit Stacheldraht. Die Brücken über die Limmat sind alle noch erhalten; gewisse Ausländer können passieren, wenn sie Ausweise haben, wir natürlich nicht. Und dann berichten sie, wie es drüben aussieht; man mag es eigentlich nicht mehr wissen.»
Was wäre, wenn nicht Berlin, sondern Zürich das Schicksal einer geteilten Stadt erlitten hätte? In der Limmatstadt gäbe es dann ebenfalls eine graue Mauer, dahiner «zehn bis fünfzehn Meter mit dem Rechen gekämmter Sand, damit Fusstritte zu erkennen sind, dazu die Bogenlampen, die diese verbotene Zone auch in der Nacht erhellen, dazu die Wachttürme; mindestens einen sieht man von überall her.»
Max Frisch (1911-1991) erlaubte sich dieses alternativgeschichtliche Vergnügen in seinem «Berliner Journal» aus den Jahren 1973/74 (es ist erst im Januar 2014, nach zwanzigjähriger Sperrfrist, in Auszügen erschienen). Damals haben er und Marianne, seine zweite Frau, gerade eine Wohnung in Friedenau, West-Berlin, bezogen. Grund dafür war unter anderem die Nähe zu guten Freunden, unter ihnen Günter Grass und Uwe Johnson. Die unheimlich wirkende Normalität der geteilten Stadt und des geteilten Landes beschäftigen ihn so sehr, dass er sich im Tagebuch ein literarisches Gedankenspiel erlaubt.
Wer dahinter Zürich-Hass vermutet, liegt allerdings falsch. Frisch hatte bekanntlich ein gespaltenes Verhältnis zur Schweiz, das stimmt. Zürich aber scheint er geliebt zu haben, wie sein Freund Peter Bichsel bezeugt: «Er hatte die Stadt wirklich gern. Wenn ich einmal eine abschätzige Bemerkung zu Zürich machte, wusste ich genau, was passiert. Nach ein paar Minuten gingen wir spazieren. Und es war immer der gleiche Spaziergang. Er endete auf dem Lindenhof. Dort ging er nach vorne an die Mauer, wie ein Kapitän an die Reling, und machte so eine Handbewegung: 'So, jetzt schau mal.'» (BP)
Zürich ist mit rund 400'000 Einwohnern die grösste und mächtigste Stadt der Schweiz. Die grössten Banken und Versicherungen haben ihren Sitz hier, die Börse SIX (Swiss Exchange), die internationalen Organisationen von Fussball (FIFA) und Eishockey (IIHF), die wichtigsten Industrieverbände. Wie in anderen Schweizer Städten, liegt der Anteil ausländischer Einwohner bei über 30 Prozent. Zürich versteht sich als internationale Grossstadt und wirbt als «Erlebnismetropole am Wasser» mit einem bunten Nachtleben und über 50 Museen. Zürich war eine treibende Kraft bei der Entstehung der modernen Schweiz. Im 19. Jahrhundert war es Zufluchtsort deutscher Liberaler und das Zentrum der wirtschaftlich-politischen Elite («Zürcher Freisinn»), später wiederholt Brenn- und Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderungen. Eine spezielle Zürcher Tradition ist das «Sechseläuten» im April, ein Umzug der kostümierten Zunftmitglieder (ausschliesslich Männer – Frauen stehen am Strassenrand) und das abschliessende Verbrennen des «Böögg», der den Winter personifiziert. Anfang August zieht die «Street Parade» mit House und Techno eine Million Feiernde in die Stadt. Zum Bild: In Max Frischs düsterer Vision eines geteilten Zürichs ist die Limmat die Grenze zwischen Ost (Universität, ETH) und West (Bahnhofstrasse). Brückenpfeiler wären mit Stacheldraht umwickelt und Bürger aus der Ostzone dürften hier nicht passieren.