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In hiesigen Breitengraden wird Ayurveda immer noch oft auf Wellness reduziert. Dabei kann das älteste überlieferte Medizinsystem, das auf die jahrtausendealte vedische Hochkultur Indiens zurückgeht, so viel mehr.
«Das Wissen vom Leben», was Ayurveda zu Deutsch bedeutet, hat seine Wurzeln in Indien. Die schriftlichen Überlieferungen gehen rund 3000 Jahre auf das altindische Wissen, die Veden, zurück. Darin wurden nebst medizinischem Wissen von Ärzten und Heilern auch Beobachtungen und Erfahrungen von Philosophen und Forschern festgehalten, was Ayurveda zu einem Gemeinschaftswerk macht. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden unter der britischen
Solange die Doshas im Gleichgewicht sind, fühlt sich der Mensch wohl.
Kolonialherrschaft ayurvedische Institutionen in Indien geschlossen. Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 ist Ayurveda wieder das offizielle Medizinsystem und wird an den Fakultäten gelehrt. In den Westen kam Ayurveda ab 1980, wo es von Yogis bekannt gemacht wurde, bevor es in den 1990ern als Wellnessangebot Popularität erlangte. Erst seit der Jahrtausendwende werden Ayurveda-Ärzte in Europa und den USA ausgebildet.
Die ayurvedische Philosophie basiert auf einer ganzheitlichen Denkweise, die den Menschen und seine individuelle Konstitution ins Zentrum rückt. Nach der ayurvedischen Lehre besteht der Mensch wie alles Lebendige aus den fünf Elementen. Diese werden den drei Lebensenergien, den sogenannten Doshas zugeordnet: Vata (Raum/Luft), Pitta (Feuer/Wasser) und Kapha (Wasser/Erde). Die angeborenen Doshas sind für die individuelle Persönlichkeit, den mentalen Zustand, die Körperkonstitution und die Emotionen zuständig. Solange die Doshas im Gleichgewicht sind, fühlt sich der Mensch wohl. Entsteht ein Ungleichgewicht, beispielsweise durch den Lebenswandel, traumatische Erfahrungen oder falsche Ernährung, wird man krank. Ziel von Ayurveda ist es, dieses Gleichgewicht mit Kräutermedizin, Massagen, Ernährungslehre, Atemübungen, Yoga oder Meditation wiederherzustellen und auf diese Weise das Gesunde zu erhalten und das Kranke zu beseitigen.
Ein Weg, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, sind Massagen mit Kräuterölen, die den individuellen Doshas angepasst werden. Sie zielen auf die sogenannten Marmas (Energiepunkte) und Dhatus (Gewebe) ab, um die Energien und das Immunsystem wieder in Gang zu bringen. Die Ernährung ist ein zentraler Bestandteil des indischen Gesundheitssystems. Ayurvedische Ernährung ist übrigens nicht gleichbedeutend mit indischem Essen. Im Gegenteil: Aus ayurvedischer Sicht sind regionale und saisonale Produkte zu verwenden. Bereiten Sie warme Mahlzeiten immer frisch zu, wärmen Sie die Speisen nicht auf. Rohkost ist zu vermeiden, da der Körper mehr Energie zur Verdauung benötigt. Wichtig ist auch, jede Mahlzeit an einem ruhigen Ort zu geniessen und sich dabei Zeit zu nehmen. Idealerweise werden bei jeder Mahlzeit die Geschmacksrichtungen süss, salzig, sauer, bitter, herb und scharf möglichst harmonisch kombiniert und möglichst viele Gewürze verwendet. Die zehn Königsgewürze nach Ayurveda sind: Kurkuma, Nelken, Ingwer, Kardamom, Kreuzkümmel, Muskat, Pfeffer, Zimt, Safran und Koriander.
Ayurveda bietet sich insbesondere als Gesundheitsprävention und bei chronischen Krankheiten an. Notfälle, Chirurgie und akute Krankheiten gehören dagegen in die Hände von Schulmedizinern. 2010 wurde Ayurveda von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Medizinsystem anerkannt. Seit 2015 sind in der Schweiz eidgenössisch diplomierte Komplementärtherapeutinnen und -therapeuten in Ayurveda-Therapie sowie Naturheilpraktikerinnen und -praktiker mit eidgenössischem Diplom in Ayurveda-Medizin offiziell anerkannt. Viele davon sind krankenkassenanerkannt und werden bei entsprechender Zusatzversicherung (teilweise) vergütet.
Autor: Suzana Cubranovic