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Newsletter Schweizer Buchhandel
Ausgabe 24/2019 vom 13. Juni 2019
3. 3 Fragen an ...
3. Nicola Bardola
Der in Zürich geborene Buchbranchen-Journalist Nicola Bardola mit Wohnsitz in München und Sent GR hat dieses Jahr ein Buch über das bestgehütete Autorinnengeheimnis unserer Zeit geschrieben: "Elena Ferrante - meine geniale Autorin". Diese Woche kam sein Mail auf die Redaktion: Er habe in einem Zusatzkapitel auf der Webseite des Reclam Verlages nachgewiesen, dass nicht, wie breit angenommen, die Übersetzerin Anita Raja hinter dem Pseudonym Elena Ferrante ("Meine geniale Freundin") steckt. Wir folgen seiner Spur mit drei Fragen:
Nicola Bardola, warum bringen Sie das Kapitel mit Ihrem Nachweis, dass Elena Ferrante nicht Anita Raja ist, erst nachträglich zum Buch auf der Website des Verlags?
Ich hatte bei Abgabe des Manuskripts etwa den doppelten Umfang geliefert als vereinbart. Ferrante inspiriert. Mein Lektor – er hat wunderbare Arbeit geleistet – und ich mussten dann sehr viel kürzen und die Herstellung musste neu kalkulieren, um den angekündigten Umfang zu erhöhen bei gleichbleibendem Preis. Ich recherchierte nach Druckschluss weiter und je länger desto klarer wurde mir, dass Anita Raja nicht Elena Ferrante sein kann. Es war dann noch viel Arbeit, alle Beweise auf die Reihe zu bringen: Die Auflagenzahlen im Verhältnis zu den Immobilienkäufen, die Arbeitsbelastung Rajas und Starnones während der Entstehung der Tetralogie, der Abgleich der Formulierungen Claudio Gattis in den verschiedenen Sprachen u.v.m. Sollte es zu weiteren Auflagen kommen, aber spätestens im Taschenbuch wird das Kapitel dann auch gedruckt im Buch vorliegen.
Haben Sie denn nun eine konkrete Ahnung, wer Elena Ferrante ist?
Ich schildere im Buch mehrere Möglichkeiten. Ich schätze, eine dieser Varianten ist die richtige. Aber ich weiss nicht, welche. Ich mag ja besonders die Vorstellung, dass Fabrizia Ramondino (gestorben 2008) und danach ein Kollektiv Elena Ferrante sind. Die Verlegerfamilie Ferri ist weit verzweigt und alle sind literarisch ambitioniert. Sie könnten gemeinsam die Tetralogie geschrieben haben. Sich mit der Frage nach der Urheberin oder den Urhebern hinter Elena Ferrante zu beschäftigen ist interessant, komplex und in jeder Hinsicht wünschenswert. Die Anonymität weist ja vor allem auch in literarischer Hinsicht auf Identitätsfragen zwischen Autorin und Protagonistin hin. Die Ich-Erzählerin Lenù (Elena) ist im neapolitanischen Zyklus ihrerseits Schriftstellerin, die Lilas ausdrücklichen Wunsch nach Anonymität nicht berücksichtigt. Max Frischs "Biografie: Ein Spiel" erfährt hier eine wunderbare Fortführung.
Was hat Sie bei der Arbeit am Buch am meisten fasziniert?
Ferrantes Auseinandersetzung mit Mutter-Tochter-Themen, mit sozialem Aufstieg dank Bildung, mit Gewalt und Camorra in Italien, mit der Politik ihres Heimatlandes, das ja ein wenig auch meine Heimat ist – meine Mutter stammte aus Lugano, mein Vater wurde in der Nähe von Genua geboren als Sohn von Randulins (Schwalben, Emigranten) aus dem Engadin – das alles ist so bereichernd. Ich sollte jetzt längst am nächsten Buch sitzen, aber ich komme vom Ferrante-Kosmos nicht los. Ich will es auch gar nicht. Man kann ihre Bücher ein drittes und viertes Mal lesen und wird Neues darin entdecken.
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