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Kinder zeigen Auffälligkeiten wenn häufig fremdbetreut
Wie wirkt sich ausserfamiliäre Betreuung auf die Entwicklung der Kinder aus? Forschende der Universität Zürich befragten rund 1300 Zürcher Schulkinder, ihre Eltern und Lehrpersonen. Resultat: Je mehr Zeit sie in Krippen oder bei Tagesmüttern verbrachten, desto eher zeigten sie auffallendes Verhalten, das nach dem Primarschulalter aber wieder verschwand.
Rund 67 Prozent der untersuchten Kinder wurden vor dem Kindergartenalter fremdbetreut: in Kindertagesstätten und Spielgruppen, zeitweise bei Familienmitgliedern respektive bei Bekannten oder Nachbarn oder bei Tagesmüttern. Die Forschenden befragten die Kinder wie auch die Eltern und Lehrpersonen zu auffallend extrovertiertem oder introvertiertem Verhalten, zu Straffälligkeit und Drogenkonsum.
Es zeigte sich, dass sich die im Primarschulalter beobachteten Verhaltensweisen je nach Auskunftspersonen und je nach externer Betreuung unterschieden. Gemäss den Eltern zeigten die Primarschülerinnen und Primarschüler mehr Aggressivität, ADHS-Symptome, aber auch Ängstlichkeit und Depressivität, je mehr Zeit sie im Vorschulalter in einer Krippe verbracht hatten. Die Angaben der Kinder selbst weisen teilweise in dieselbe Richtung. Laut den Lehrpersonen sind Hyperaktivität, Impulsivität, Aufmerksamkeitsprobleme oder aggressives Verhalten eher bei denjenigen Schülerinnen und Schülern zu beobachten, die mehr als zwei Tage pro Woche bei einer Tagesmutter verbracht oder an mindestens drei Tagen pro Woche eine Spielgruppe besucht hatten.
Wie lassen sich diese Befunde erklären? «Einerseits ist es möglich, dass eine externe Kinderbetreuung zu einer weniger sicheren Bindung und Interaktion zwischen Eltern und Kindern führen kann», schreibt Erstautorin Margit Averdijk. Andererseits könnten Kinder in Krippen und Spielgruppen das Problemverhalten von Gleichaltrigen nachahmen und es teilweise auch einsetzen, um von den Betreuungspersonen Aufmerksamkeit zu erhalten.
«Obwohl wir nicht direkt prüfen konnten, welche dieser Mechanismen unsere Ergebnisse am wahrscheinlichsten erklären, unterstützen beide unsere Ergebnisse», erklärt die Forscherin. Die gute Nachricht: Die in der Primarschule beobachteten Verhaltensauffälligkeiten nehmen mit der Zeit ab und verschwinden ab dem 13. Altersjahr weitgehend. Nur die Symptome von ADHS halten sich etwas hartnäckiger.
Der Soziologieprofessor und Mitautor der Studie, Manuel Eisner, warnt jedoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Zwar entspräche die Studie höchsten wissenschaftlichen Qualitätsstandards, basiere aber auf Beobachtungs- und Befragungsdaten, mit denen sich Rückschlüsse auf ursächliche Zusammenhänge nicht immer klar ziehen liessen.
Averdijk, M., Ribeaud, D., & Eisner, M.(2022). External childcare and socio-behavioral development in Switzerland: Long-term relations from childhood into young adulthood. Plos One. doi: 10.1371/journal.pone.0263571
Kommentare
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Da stimme ich Karin Ortega voll und ganz zu.
Die Frage, warum die Kinder fremdbetreut werden, wäre ebenfalls sehr spannend. Sind die Eltern finanziell darauf angewiesen, mehr arbeiten und die Kinder fremdbetreuen zu lassen? Wie interessiert und Engagiert sind die Eltern im Allgemeinen für ihre Kinder? Sind es gerade die kompetenten Eltern, die ihre Kinder seltener fremdbetreuen lassen? Die erhobenen Unterschiede können diverse Ursachen haben, welche vielleicht mit der Fremdbetreuung korrelieren, dennoch nicht direkt darauf zurück gehen.
Auch stelle ich mir die Frage, inwiefern sich eine «weniger sichere Bindung und Interaktion zwischen Eltern und Kindern» im Jugendalter wieder verschwindet.
Weiter hätten sich die «beobachteten Verhaltensweisen je nach Auskunftspersonen und je nach externer Betreuung unterschieden». Ich habe die Studie nicht im Detail gelesen. Auf jeden Fall wäre aber zu berücksichtigen, dass Vorurteile und Problemfokussierung von Lehr- und Betreuungspersonen gegenüber z.B. getrennten, alleinerziehenden oder viel arbeitenden Eltern keine Seltenheit sind und die Resultate entsprechend beeinflusst sein können.
Die Studie zeigt eine Korrelation, keine Kausalität und wirft dadurch viele Fragen auf. Daraus generalisiert Konsequenzen heraus zu lesen, die auf die Fremdbetreuung zurückzuführen sein sollen, halte ich jedoch für äusserst heikel, da zu viele Faktoren mitspielen.
Spannende Studie, aber eben: Nicht kausal zu verstehen! Die meisten Kinder, die ich psychotherapeutisch im Vor- und Primarschulalter begleiten durfte, kamen aus sog. schwierigen sozialen Verhältnissen. Diese Kinder wurden Tagesmüttern und Kitas zugeteilt, um die Familien/Kinder zu entlasten. Alle diese Kinder zeigten auffälliges Sozialverhalten - nicht wegen der Kita oder den Tagesmüttern, nein, sondern sie gingen eben gerade deshalb in die Fremdbetreuung, um neues Sozialverhalten einzuüben. Der Fokus der Studie hätte für mich ressourcenorientiert mehr Sinn gemacht. D.h. inwiefern profitieren Kinder aus "troubled households" in der Fremdbetreuung.
Ich befürchte, dass die diversen signifikanten, uneinheitlichen Einzelbefunde der vorliegenden Studie von Fremdbetreuungsgegnern nun wohl einseitig zu politischen Zwecken genutzt werden. Ich bin gespannt, wie das mediale Echo sein wird...