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Gehörlose lebten lange am Rand der Gesellschaft, im 19. Jahrhundert wurden sie gar in «Taubstummenanstalten» gesteckt. Medizinisch klassierte man sie ähnlich wie Alkoholiker und Epileptikerinnen.
Offizielle Zahlen über Gehörlose gibt es in der Schweiz nicht. Sandrine Burger, Mediensprecherin des Schweizerischen Gehörlosenbundes, schätzt ihre Zahl auf 10'000 Menschen. Sie verständigen sich mit der Gebärdensprache, die heute auch an manchen Veranstaltungen und im Fernsehen sichtbar ist.
Die «goldenen Jahre» der Gebärdensprache
1981 gab es die erste Sendung mit Gebärdensprache, erzählt Burger: «Sehen statt Hören» von SRF. Nach und nach wurden mehr Inhalte in Gebärdensprache angeboten. Auch das Westschweizer Fernsehen zog mit der Sendung «Ecoute voire» 1982 nach.
Seit 2008 sendet SRF die Tagesschau und Meteo für Gehörlose. Neu sei dies allerdings nicht, sagt Sandrine Burger. «Die Jahre 1798 bis 1880 waren die ‹goldenen Jahre› der Gebärdensprache.» In vielen Schulen und in Europa war die Gebärdensprache damals häufiger anzutreffen, sagt Burger.
Die Gehörlosen sollten wieder reden lernen
Dann kam der Wendepunkt im Jahr 1880 am Kongress Europäischer Gehörlosenpädagogen in Mailand. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden waren hörend. «Sie haben gedacht, die Gebärdensprache verhindere, dass die Gehörlosen reden lernen», erklärt Burger.
Die Gehörlosen sollten also nach dem Mailänder Kongress wieder reden lernen. Gebärdensprache wurde europaweit in den Schulen verboten. Die USA schlossen sich diesem Verbot nicht an. Dort gab es Schulen und seit 1864 die Gallaudet University in Washington D.C., wo in Gebärdensprache unterrichtet und gelernt wird.
Amerika als Vorreiter
Spätestens ab den 1960er-Jahren waren sich die US-amerikanische Linguisten einig: Bei der Gebärdensprache handelt es sich um eine voll ausgebildete Sprachen. Etwa 140 verschiedene Varianten gibt es weltweit.
«In den 1970er-Jahren sind deshalb viele Gehörlose von Europa nach Amerika gegangen», so Burger. Durch die Rückkehrenden wurden auch in Europa die Forderung nach Gebärdensprache laut. Nach und nach lockerten einzelne Länder ihr Verbot – zuerst Frankreich, dann die Schweiz und Deutschland.
Gehörlose haben auch heute noch Mühe
In den 1980er-Jahren dachte man in Europa also allmählich um. Nicht nur an der höheren Akzeptanz der Gebärdensprache lässt sich ablesen, dass sich die Stellung der Gehörlosen gewandelt hat. Früher hätten sie oft als dumm gegolten, sagt Sandrine Burger.
Frauen hätten als Näherinnen gearbeitet, Männer als Holzfäller. Die Berufsmöglichkeiten hätten sich zwar verbessert. Aber Gehörlose haben weiterhin Mühe, eine gute Arbeit zu finden. Ihre Arbeitslosenquote beträgt das Dreifache der allgemeinen Rate.
Gebärdensprache soll offiziell anerkannt werden
Es bleibe noch viel zu tun, sagt Sandrine Burger und verweist auf ein weiteres zentrales Anliegen: «Aktuell das Wichtigste beim Schweizerischen Gehörlosenbund ist es, dass die Gebärdensprache offiziell anerkannt wird.» Im Moment sei dies nur im Kanton Zürich und Genf der Fall.
Die schweizweite Anerkennung der Gebärdensprache wäre ein wichtiges Signal für die Chancengleichheit. Wenn die Gebärdensprache bei der in der Verfassung verankerten Sprachfreiheit berücksichtigt wird, dürfen Menschen nicht mehr schlechter behandelt werden, weil sie in Gebärdensprache kommunizieren. Auf ein entsprechendes Postulat werde der Bundesrat wohl diesen Herbst antworten, sagt Sandrine Burger.