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Die erste Notiz zu Agnes machte ich mir am 12. Februar 1993. Damals datierte ich die wenigsten meiner Notizen und manche warf ich weg. Etliche mögen noch irgendwo in den Stapeln von Notizbüchern stecken, die ich leider ziemlich unsystematisch führe und aufbewahre. Ich habe keine Zeit, diese alten Papiere durchzusehen und mein Gedächtnis ist leider auch nicht das Beste. Kurz gesagt: vieles über die Entstehung von «Agnes» liegt im Dunkeln. Hier das Wenige, woran ich mich zu erinnern glaube.
Die Idee zu «Agnes» kam mir, als ich vor einem Mietshaus in Kopenhagen stand, um eine Zigarette zu rauchen. Eine der Quellen für diese Idee war ein Ausflug, den ich einige Monate früher mit meiner damaligen Freundin gemacht hatte. Wir hatten am Ufer der Saane in Fribourg gesessen. Als ich meine Freundin anschaute, war es mir plötzlich, als erkenne ich sie nicht. Das Phänomen, dass man vorübergehend sein eigenes Gesicht oder jenes von nahestehenden Menschen nicht erkennt, ist in der Psychologie wohlbekannt und bei Müdigkeit oder Stress relativ verbreitet. Das Besondere an jenem Tag war, dass ich den Eindruck hatte, meine Freundin zum ersten Mal wirklich zu sehen und nicht nur das Bild, das ich mir von ihr gemacht hatte. Es war ein sehr beglückendes Gefühl.
Die erste Version von Agnes würde ungefähr 80 Druckseiten entsprechen und war eher eine Novelle als ein Roman. Wann ich sie fertigstellte, weiss ich nicht mehr, aber in einem Brief von Mai 93 äusserte sich mein Bruder dazu, dem ich sie zu lesen gegeben hatte. Gerade in dieser Zeit fing ich an, sehr viel für den Nebelspalter zu arbeiten. Trotzdem schickte ich «Agnes» zusammen mit ein paar anderen Erzählungen an verschiedene Verlage. Das Typoskript trug den Titel «Agnes – Geschichten aus der Neuen Welt». Ab August 1993 bekam ich lauter Absagen.
Danach blieb der Text lange liegen. Einige Jahre arbeitete ich vollamtlich aber immer frei als Journalist. Ende 1995 verlor ich – nach einem Wechsel des Chefredakteurs des Nebelspalters – über Nacht den grössten Teil meines Einkommens. Wenigstens hatte ich jetzt wieder mehr Zeit für die Literatur. Ich machte aus dem Agnes-Stoff ein Hörspiel und schickte es im April 97 an Radio Bremen. Ungefähr zur gleichen Zeit scheine ich das nun zu einem Roman erweiterte Typoskript wieder an mehrere Verlage gesandt zu haben. Ich erhielt zwar wieder nur Absagen, aber diesmal waren es keine Standardbriefe. Ein Verleger schrieb: «Agnes ist ein Versprechen, mehr aber noch nicht» und forderte mich auf, wieder einmal etwas zu schicken.
Im Januar 1998 entstand an einer Geburtstagsfeier der Kontakt zu einer Mitarbeiterin der Agentur Liepman in Zürich. Sie erzählte mir, dass alle Schweizer Autoren suchten, da die Schweiz Gastland an der Frankfurter Buchmesse sei. Ich erzählte ihr, ich hätte einen Roman in der Schublade und schickte ihn ihr. Innert weniger Monate fand die Agentur einen Verlag für «Agnes». Am 14.4.1998 rief mich Elisabeth Raabe vom Arche-Verlag an und teilt mir mit, sie wolle mein Buch verlegen.