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Luise hatte sechs Tage Zeit, um ein kleines Gedicht auswendig zu lernen. In dem Gedicht ging es darum, wie man mit Panik umgehen kann. Aber das Auswendiglernen allein löste so grosse Panik in dem armen Kind aus, dass sie sich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte. „Ich schaffe das niiiiiiiiieeeeeeee“, heulte sie und wälzte sich auf dem Fussboden. „Ich kann das einfach nicht.“ Irgendwie konnte ich das Kind dennoch dazu bringen, mir das Gedicht vorzutragen. Und siehe da: Sie konnte es! Aber was tat meine liebste kleine Luise? Klopfte sie sich selber auf die Schulter und verkündete stolz, dass sie es kann? Nein, sie heulte weiter, weil sie es „nicht gut genug kann und überhaupt viel zu dumm ist“.
Karlsson sass still und schüchtern neben mir am Tisch und hörte artig seiner Lehrerin zu, die ihn über allen grünen Klee lobte: Im Rechnen sei er supergut, in Sprache supermegagut. Sie sei stolz auf ihn. Karlsson nickte brav, als die Lehrerin zu ihm sagte, er solle das alles wortwörtlich seinem Papa erzählen. Auf dem Heimweg erzählte mir Karlsson, wie erleichtert er doch sei, dass er die Klasse nicht repetieren müsse, denn das wäre sehr schlimm gewesen für ihn. „Wie bitte, mein liebster Karlsson, du hast geglaubt, du müsstest die Klasse wiederholen? Hast du denn nicht gehört, wie die Lehrerin deine Leistungen gerühmt hat?“, fragte ich entrüstet. Zu Hause angekommen, forderte ich meinen Ältesten auf, zu tun, was er der Lehrerin versprochen hatte: „Erzähl dem Papa mal, was die Lehrerin über dich gesagt hat“, sagte ich und platzte fast vor lauter Mutterstolz. „Die Lehrerin hat gesagt, ich soll lauter reden und schneller arbeiten.“
Warum bloss sind unsere Kinder so streng mit sich selber? Warum sehen sie immer nur ihr Unvermögen, nicht aber ihre Stärken?
Liegt es etwa daran:
Vorgestern verbrachten wir einen traumhaften Pfingstsonntag im Garten von Freunden. Ein paar Tage vor unserem Besuch hatte unser Gastgeber, ebenfalls ein Primarlehrer, bei „Meinem“ einen Unterrichtsbesuch abgestattet und als wir da so gemütlich im Garten sassen, liess er „Meinen“ wissen, wie gut er seine Arbeit mache, wie gut er mit der Klasse umgehen könne, wie geeignet er für seinen Beruf sei. „Meiner“ suchte verzweifelt nach Einwänden, um das Kompliment entkräften zu können, aber er hatte keine Chance: Unser Gastgeber blieb beharrlich bei seiner Meinung, dass „Meiner“ ein guter Lehrer sei. Und ich beging noch den entsetzlichen Vertrauensbruch, unseren Freund in seiner Aussage zu bekräftigen. Stand „Meiner“ nach diesem Gespräch mit stolzgeschwellter Brust da und sonnte sich in seinem Ruhm? Aber nicht doch! Am Abend gerieten wir uns in die Haare, weil er behauptete, er habe auf der ganzen Linie versagt…
Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass unsere beiden Ältesten so wenig auf ihr eigenes Können geben:
Da präsentierte ich heute Abend einmal mehr das Projekt, das zurzeit einen grossen Teil meiner Energie in Anspruch nimmt. Diesmal durfte ich vor Eltern reden, die dankbarste Zuhörerschaft, wenn es um den Aufbau eines Familienzentrums inmitten einer Betreuungswüste geht. Entsprechend positiv waren die Reaktionen. Alle, bis auf eine. Und was erzählte ich „Meinem“, als ich nach Hause kam? „Die sind alle total begeistert. Ich glaube, ich mache eine gute Arbeit“? Oh nein, nicht doch! Ich jammerte ihm den Kopf voll, weil mich die eine negative Reaktion so sehr getroffen hat, dass ich am liebsten die ganze Sache hingeschmissen hätte.