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Wenn die Welt aus der Bahn gerät
Warum brach der Dreissigjährige Krieg im Jahr 1618 aus? Weil da ein Komet am Himmel erschien, wie ihn kein Mensch jener Zeit je gesehen hatte.
Die Antwort stammt von Andreas Bähr, und der ist nicht etwa ein esoterischer Spinner, sondern Historiker an der Freien Universität Berlin. Er weiss also, was es mit dem «Prager Fenstersturz» vom Mai 1618 auf sich hat – ein Kriegsauslöser –, er kennt die Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken, und er weiss auch, dass es in Böhmen bereits zu Scharmützeln gekommen war, bevor irgendjemand einen Kometen gesichtet hatte über dem Abendland.
Aber dass diese Plänkeleien einen Zusammenhang hatten mit dem furchtbaren Krieg, der in den Jahren danach Europa verwüstete: Das erkannten die Menschen erst viel später. Und im Rückblick machten sie dann exakt fest, wann der ganze Schrecken begonnen hatte: 1618. Denn da war doch dieser gruselige Schweifstern erschienen.
«Blutvergiessen, Pestilentz, unaussprechlich Unglück»
Die Jahreszahl gilt bis heute. Und so bietet der Komet C/1618 W1 – dies die trockene Bezeichnung der Astronomen – ein wunderbares Beispiel, wie die Magie selbst das rationalste Denken einfärben kann. Kometen waren wohl immer schon als Boten des Unglücks gefürchtet worden: Hatte nicht 44 vor Christus so ein Strahl die Ermordung Cäsars angekündigt? Und hatte nicht im Jahr 79 ein Komet den Vesuvausbruch beleuchtet, also den Untergang von Pompeij? Oder war es etwa Zufall, dass der grosse Halleysche Komet 1066 erstrahlte, als die Normannen loszogen, um England zu unterwerfen?
«Kein schrecklichen Comet man spürt, der nicht gross Unglück mit sich führt», resümierte also der «Chronicon Thuringiae», verfasst um 1645. Der Autor, Hofrat Volkmar Happe, erkannte im Rückblick eine enge Beziehung: «Den 3. November 1618 ist ein schrecklicher Compet am Himmel erschienen, der etzliche Monath und gar bis in das folgende Jahr gesehen war; denn darauf in aller Welt Krieg, Aufruhr, Blutvergiessen, Pestilentz und theure Zeit und unaussprechlich Unglück erfolget.»
Isaak Asimov, der berühmte Science-Fiction-Autor, hat dem Phänomen der «fear of comets» einen eigenen Essay gewidmet. Er mutmasste, dass der Mensch es als ganz übles Signal versteht, wenn es in den ewigen Himmelsgesetzen plötzlich einen Aussetzer gibt. Der Kosmos war für die Beobachter früherer Jahrhunderte schön geordnet, er folgte ehernen – und damit auch: göttlichen – Regeln. Wenn also dort oben etwas auf die schiefe Bahn geriet, dann musste es auch hier unten böse Folgen haben.
1914: Der Komet Delavan überstrahlt die Schlachtfelder
Natürlich konnte Asimov, der naturwissenschaftlich Gebildete, leichtfertig spötteln darüber: «Immer liess sich sagen, dass es jedes Mal zur Katastrophe kam, wenn ein Komet erschienen war. Natürlich gab es auch ständig Katastrophen, wenn kein Komet erschien, aber irgendwie fiel das den Menschen nicht auf.»
Es gibt noch viele Beispiele jener düsteren Logik, bis ins letzte Jahrhundert hinein. Die Rückkehr des Halleyschen Kometen löste 1910 einen regelrechten Weltuntergangszirkus aus, und als im Spätsommer 1914 der prachtvolle Komet Delavan erstrahlte, war für viele die wahre, die höhere Ursache des Ersten Weltkriegs bald sonnenklar.
Seither hat zwar einiges geändert: Auch in der Deutung der Kometen machte die Menschheit ab dem 20. Jahrhundert einen grossen Sprung. Die Astrophysiker stellten klar, dass das All voller Ausreisser ist. Und sie machten es zum Allgemeinwissen, dass da oben kilometergrosse Brocken aus Eis, Sand und Gestein herumfliegen, die in Sonnennähe einen Schweif bilden, aus purer Physik, ohne jede Magie.
Doch ein bisschen Schauder wecken die himmlischen Anarchisten immer noch, Hollywood hat es in einigen Filmen drastisch ausgemalt: Nicht auszuschliessen, das irgendeinmal ein kilometergrosser Brocken auf unsere Erde eindonnert.
Im Gegensatz zu unseren Vorfahren wissen wir genau, wie Kometen eine Katastrophe verursachen können: indem sie eine Katastrophe verursachen. Allerdings, so sagen die Experten, ist diese Gefahr minim.
Andreas Bähr, «Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreissigjährigen Krieg», Rowohlt 2017.