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Im Fahrsport beginnt die Vorbereitung für die kommende Saison schon früh, denn Medaillengewinner werden auch in diesem Sommersport im Winter gemacht.
Grundsätzlich dauert die Saison der Fahrer von Ende März bis Ende September. Eine Ausnahme bilden die Vierspänner, wenn sie sich - wie Jérôme Voutaz - für den Weltcup qualifizieren. Für diese Indoorturnierreihe nehmen die Fahrer zwischen November und Februar weite Reisewege zu den vier bis fünf Stationen auf sich. Für einen Amateur wie Voutaz bedeutet das eine grosse Herausforderung, zeitlich und in der Planung des Trainings. Ausserdem zeigt die Erfahrung, dass eine solche Doppelbelastung mit nur einem Gespann kaum zu bewältigen ist. Denn auch wenn die Weltcupprüfungen kurz sind, werden die Pferde stark gefordert. Darum setzen Spitzenfahrer im Winter oft andere Pferde ein oder verfügen faktisch über zwei Gespanne.
Lange Saison in Aussicht
Die Weltmeisterschaft der Einspänner findet dieses Jahr ungewöhnlich spät statt: Sie steht erst Ende Oktober im südfranzösischen Pau an. Das ist in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung. Einerseits sind in Pau auch im Spätherbst tagsüber noch Temperaturen über 20 Grad zu erwarten, und andererseits muss eine Saison anders geplant werden, als wenn die Weltmeisterschaft, wie sonst üblich, zwischen Mitte August und Ende September ausgetragen wird - über einen so langen Zeitraum kann man kein Pferd in Hochform halten!
Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder beginnt man die Saison entsprechend spät, oder man teilt sie in zwei Phasen auf mit einer Pause dazwischen. Dabei ist bei der Planung zu beachten, dass die Vorgaben des internationalen Dachverbandes FEI bezüglich der Qualifikation für die Weltmeisterschaft erfüllt werden müssen.
Verschiedene Vorgehensweisen
Natürlich hat jeder Fahrer seinen eigenen Plan. So beendete der Einspänner-Kaderfahrer Mario Gandolfo seine Saison 2019 mit der WM-Hauptprobe in Pau (FRA). Danach durfte sein elfjähriger Freibergerwallach Hakam du Seneut CH vier Monate Weidepause geniessen, bevor die beiden das Training Anfang März wiederaufnahmen. Das erste Turnier ist Ende April geplant. «Ich möchte nicht, dass die Pferde eine so lange Saison haben, denn das ist nicht gut für ihre Gesundheit und ihre Moral», erklärt der Jurassier.
Etwas anders ist das Vorgehen bei seinem Kaderkollegen Michaël Barbey. Er macht nach der Saison rund eineinhalb bis zwei Monate Pause. Dabei sind die Pferde zwar täglich draussen, werden aber zweimal in der Woche gearbeitet - einmal unter dem Sattel und einmal vor dem Wagen. «Für mich ist es wichtig, dass die Pferde auch in der Pause etwas gezielte Bewegung haben. Das ist gut für die Muskulatur und den Organismus, es fördert das allgemeine Wohlbefinden», ist Barbey überzeugt. Anfang Januar beginnt dann wieder die Arbeit, und die Belastung wird langsam erhöht. Die Pferde werden je zur Hälfte geritten und gefahren, wobei Dressurarbeit und Ritte ins Gelände einander abwechseln, je nach Wetter und Bodenbeschaffenheit.
Die beiden bildeten zusammen mit Stefan Ulrich das Team, das die Schweiz vor zwei Jahren an der Weltmeisterschaft in Kronenberg (NED) vertrat. Auch Ulrich gönnt seinen Pferden nach der Saison rund einen Monat Weidepause, bevor die Arbeit wieder aufgenommen wird. Zu Beginn werden seine Pferde vorwiegend geritten, einerseits im Gelände und andererseits auf dem Platz, wo gymnastizierendes und dressurmässiges Training ansteht. Das geschieht meist am Abend, und je länger die Tage werden, desto mehr wird gesteigert. An den Wochenenden kann auch gefahren werden. Im Stall Ulrich stehen insgesamt acht Pferde, die von Stefan zusammen mit seinem Vater Werner gearbeitet werden. Jedes Pferd wird vier- bis fünfmal in der Woche trainiert. An den übrigen Tagen vergnügen sie sich im Paddock oder laufen im Karussell.
In der Ruhe liegt die Kraft
Für Christian Iseli, den Trainer und Kaderverantwortlichen der Einspänner, ist es wichtig, dass im Winter nicht nur die Pferde zur Ruhe kommen, sondern auch die Fahrer. Diese investieren während der Saison einen grossen Teil ihrer Freizeit in den Sport und sollen sich darum im Winter Zeit nehmen für anderes wie Familie, soziale Kontakte, Berufliches und vieles mehr. Nur so kann der Fahrer die neue Saison ausgeglichen und mit Ruhe in Angriff nehmen.
Iseli rät, die Winterpause zu nutzen, um den Pferden mit Weidegang, Longieren oder gemütlichen Ausritten neue Energie zu geben. Der Aufbau soll anschliessend Schritt für Schritt erfolgen, ohne das Pferd oder die Pferde zu überfordern.
«Grundsätzlich setzt sich auch der Fahrsport aus den bekannten Bereichen wie Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit zusammen», erklärt der Coach weiter. «Die solide Basis bildet im Fahrsport jedoch ein dressurmässig gut gearbeitetes Pferd, das zusätzlich für die Geländeprüfung über die nötige Ausdauer und Schnellkraft verfügen muss. Darum steht die Dressur auch im Fokus der Trainingsarbeit, wobei die anderen Bereiche natürlich nicht zu kurz kommen dürfen.» In einer normalen Saison beginnt für Christian Iseli die Arbeit an der Kutsche im März und wird immer intensiver, je näher das erste Turnier rückt.
Zwischenjahr
Beim Zweispänner- und Ponykader stehen dieses Jahr keine Titelkämpfe auf dem Programm, wir sprechen also von einem Zwischenjahr. Das soll nicht heissen, dass es ein Pausenjahr ist, denn der Aufbau für die nächste Weltmeisterschaft beginnt bereits wieder. Auch hier muss die Saison genau geplant werden, um für die erste FEI-Qualifikation Ende Jahr in Form zu sein.
Für den Kaderverantwortlichen der Zweispänner, Thomas Scherrer, ist es wichtig, dass die Pferde im Winter unter dem Sattel gearbeitet werden: «Das dressurmässige, gymnastizierende Reiten ist die Basis für eine gute Dressur im Fahren.» Wichtig sei auch der konditionelle Finish im März oder April vor den ersten Turnieren. Wenn die Pferde im Winter regelmässig bewegt werden, verfügten sie über eine gute Grundkondition, sodass sie schnell fit seien für die Geländeprüfung.
Auch für Zweispännerfahrer Bruno Meier, der an der letzten WM als bester Schweizer einen Top-Ten-Platz erreicht hatte, steht im Winter das Reiten im Vordergrund. Nach der Saison werden seine Pferde während rund dreier Wochen abtrainiert und geniessen dann viel Weidezeit, solange die Verhältnisse noch gut sind. Ab etwa Mitte Dezember beginnt die Arbeit wieder, wobei die Pferde vor allem geritten und longiert werden. Nur gelegentlich gibt es Ausfahrten ins Gelände vor dem Wagen. Ab Mitte Februar wird das Training dann intensiver. Die Pferde werden mehr gefahren, aber immer noch geritten und longiert. Die Arbeit wird sukzessive gesteigert, sodass das Gespann etwa Ende März seine Turnierform erreicht. «Wichtig ist, dass die Pferde Abwechslung im Training haben. So werden sie ein- und zweispännig in verschiedenen Zusammensetzungen gefahren», so Bruno Meier zu seiner Trainingsphilosophie.
Alle Hände voll zu tun beim Vierspänner
Eine besondere Herausforderung ist natürlich das Training der Vierspänner, müssen da doch mindesten fünf Pferde oder Ponys bewegt werden. Dominic Falk, Mitglied des Bronzeteams der Pony-WM 2019, befürwortet eine Pause von mindesten einem Monat nach der Saison. «Es ist wichtig, dass sich die Ponys nach einer Saison erholen können.» Dieses Jahr war die Pause etwas länger, und er hat die Arbeit mit dem Gespann Anfang Februar wieder aufgenommen. Die Ponys werden gefahren und longiert. Da sie zu klein sind, um seriös geritten zu werden, hat die Arbeit an der Doppellonge eine grosse Bedeutung für Falk und wird je nach Pony individuell eingesetzt. «Ich habe das Glück, dass ich meine Ponys unter der Woche in der Mittagspause arbeiten kann.» So werden alle Ponys etwas fünfmal pro Woche trainiert. Sie verbringen viel Zeit im Paddock und laufen auch in der Führmaschine. «Für mich ist es wichtig, dass die Ponys auch einfach ruhen können und nicht überfordert werden», erläutert der gelernte Hufschmied.
Man sieht also, die Winterpause ist für die Fahrer von grosser Bedeutung. Wenn auch die Schwerpunkte in der Arbeit etwas unterschiedlich sind, zeigt sich, dass ein kontinuierlicher Aufbau mit viel Abwechslung zentral ist. Oder um es mit den Worten von Christian Iseli zu sagen: «Es muss alles, was man macht, logisch sein - für Pferd und Fahrer.»
Claudia A. Spitz