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«Tagesanzeiger» vom 18. November 1999
Als der amerikanische Reporter Henry M. Stanley anno 1874 von Sansibar zu seiner Ostafrika-Expedition aufbricht, um den verschollenen David Livingstone zu suchen, schleppt er acht Tonnen Ausrüstung mit. Die sansibarischen Führer, denen er die geplante Reiseroute skizziert, um die nötigen 340 Träger zu rekrutieren, rufen aus: «Ja, Kameraden, das ist eine Reise, die würdig ist, eine Reise genannt zu werden!»
Wilde Tiere und Edle Wilde
Die Gruppe von siebzehn Reisebüromitarbeitern und einem Journalisten, die zur Safari in Tansania aufbricht, benötigt für ihre Reise ab Zürich rund neun Tonnen Kerosen und Autobenzin. Das entspräche in Stanleys Rechnung 380 Trägern. Kämen dazu die Träger für das persönliche Gepäck, die Nahrungsmittel, das Wasser zum Trinken, zum Waschen und für die Swimmingpools in den Lodges der Savanne...
Richtig los geht die Safari im Ngorongoro-Krater. Der erloschene Vulkan ist überwältigend. An seinen Hängen von Regenwald bewachsen, ist das Kraterinnere Savanne mit einem Salzsee. Hunderte von Büffeln, Meerkatzen, mehrere Löwen, ein Gepard, verschiedene Antilopenarten, tausende von Vögeln. Wir sehen rechts einen Elefanten, links drei Nashörner, dann eine Elenantilope.
«Um wirklich Tiere zu sehen», sagt die Mitarbeiterin von K… Reisen in Interlaken, «muss man nach Kenia in die Masai-Mara fahren.» Sie muss es wissen, sie hat in Kenia fast alle Parks gemacht. Dann eine Herde Gnus, Zebras, rechts eine Pavianenfamilie, links zwei Masai. «Die Masai», sagt K… Reisen Interlaken, «faszinieren mich wahnsinnig. Fast so wie die Tiere.»
Denn die Masai sind die edelsten der Wilden. Für fünfzig Dollar kann man ein Masaidorf besuchen und fotografieren. Einige Masai winken, wenn man sie fotografiert, das tun die Tiere nicht, und das wäre ja noch schöner: Man erzählt zu Hause von wilden Tieren, und dann winken die Affen auf den Fotos, und die Löwen lächeln in die Kamera!
Mythos
Die Geschichte der Safari, und damit der Mythos Ostafrika, beginnt mit den «Entdeckungsreisenden» in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Die Grosswildjäger vollendeten den Mythos: von Theodor Roosevelt – die Reise des amerikanischen Präsidenten anno 1908 machte das Wort «Safari» in der englischen Sprache bekannt – über Winston Churchill bis zu Ernest Hemingway (erste Afrikareise 1933/34). Hollywood erzählt den Mythos bis heute. Mythos Safari: Das ist Zweikampf weisser Mann gegen wildes Tier, das ist Erleben mit und in der Natur. Der Jäger spürt dem Tier nach, studiert seine Gewohnheiten, bevor er schiesst; es ist das Erlebnis, das zählt. Die Realität sah in den meisten Fällen natürlich anders aus, die Trophäen waren wichtiger als das Erlebnis, Respekt gegenüber der Natur war kein Thema. Roosevelt, zum Beispiel, erlegte 512 Tiere.
Die einheimische Bevölkerung besetzt sowohl im Mythos wie in der Realität Statistenrollen.
Die moderne Safari zehrt vom Mythos. Die luxuriöseste Lodge des Serengeti-Parks – das Doppelzimmer kostet, all inclusive, 570 bis 630 US-Dollar pro Nacht – besteht aus tarnfarbenen Zelten, eingerichtet mit Möbeln des frühen Jahrhunderts, konsequent im Stil bis hin zu den Sanitärarmaturen und zum Grammophon: «Er nahm sogar sein Grammophon mit auf die Safaris» lautet der erste Satz im Film «Out of Africa».
Doch in der real existierenden Safari geht es um die Trophäe: die Fotografie (möglichst als Nahaufnahme, und weil der Journalist das grösste Teleobjektiv hat, ist er zuoberst in der Hierarchie des Jeeps). Was sich nicht fotografieren lässt, interessiert nicht. «Auf Vögel», sagt ein Fahrer, «weisen wir die Touristen nicht mehr hin.» Vögel sind langweilig (sonst gibt es spezielle Vogelsafaris); Insekten eklig. Uninteressant ist, was man nicht kennt: Wen wollte man zu Hause mit der Erzählung von Sunis beeindrucken, wenn niemand weiss, was ein Suni ist! Roosevelt wollte für seine Trophäensammlung 16 Arten schiessen; unsere Safariteilnehmer interessieren sich für ungefähr gleich viele. Und wenn man eine andere Reisegruppe trifft, tauscht man aus, wieviel man wovon gesehen hat. Leoparden stehen zuoberst auf der Prestige-Rangliste der Tiere.
Gut getarnt
Wer etwas auf sich hält, trägt khaki. So sitzen wir in tarnfarbenen Safarikleidern in weissen Autos und fahren den Tieren fast über den Schwanz. Dem Gepard ists egal: Er streckt uns demonstrativ seinen Bauch entgegen. «Ready?» fragt der Fahrer, wenn alle fertig fotografiert haben, und weiter geht’s zum nächsten wilden Tier. Per Funk warnen sich die Fahrer vor Wildhütern, wenn sie die Piste verbotenerweise verlassen.Respekt gegenüber der Natur ist kein Thema.
In der Gruppe herrscht ein Konsens, dass das Recht auf das «einmalige Erlebnis», einen Elefanten von so nah zu fotografieren, dass man für seine Hautfalten ein Weitwinkelobjektiv braucht, stärker sei als das Verbot der Parkhüter.
Denn was bringe es, fragt die Filialleiterin aus Basel, wenn die Tiere zwar nicht vertrieben würden, sich aber vor den Touristen verstecken könnten? «Der Tourist», sagt sie, «will Elefanten sehen, und Tansania will Touristen. Ohne Elefantengarantie gehen die Touristen eben nach Kenia oder Südafrika.» (Der Grosswildjäger würde sagen: «Was nützt der Leopard, wenn er zwar lebt, sein Fell aber partout nicht hergeben will!»)
Tourismus ohne Reisen
Man merkt, dass der Journalist nicht vom Fach ist, denn ihn interessieren Regenpfeifer und Strandläufer. Sie fliegen die achttausend Kilometer von Nordeuropa bis hierhin zweimal jährlich aus eigener Kraft. Einen echten Reiseprofi kann das nicht beeindrucken.Safari hiesse eigentlich «Reisen».
Reisen, das war während des grössten Teil der menschlichen Geschichte notwendiges Übel: Man reiste, um Weideland oder Arbeit zu suchen, um zu flüchten oder Handel zu treiben. Nur wenige Spinner reisten freiwillig aus Abenteuerlust. Ihre Berichte waren immer beliebt: Die Odyssee war ein Reisser; Stanleys Ostafrikareise wurde von New Yorker Zeitungsverlagen finanziert, auf dass er darüber schreibe; doch niemand möchte mit Odysseus tauschen, und Stanleys Leser waren froh, dass nicht sie selber sich mit den Wilden herumschlagen mussten.
Der Tourismus wurde zur Massenbeschäftigung nicht so sehr seit er billiger, sondern seit er vom Reisen weitestgehend befreit wurde. Der Reiseaufwand beschränkt sich auf das Einsteigen in bereitstehende Fahr- und Flugzeuge; was Reisen ausmacht – Offenheit für Fremdes; Bereitschaft, Unvorhergesehenes hinzunehmen, um Überraschungen zu erleben – ist auf ein Minimum reduziert.
Massensafaris wurden durch das Auto ermöglicht. Doch als das Auto in den Zwanziger Jahren erstmals zu Safaris eingesetzt wurde, bewirkte es nicht, dass diese billiger wurden. Man leistete sich für das gleiche Geld einfach mehr Luxus. Eisgekühlter Champagner und Toilettenzelte mit Badewanne gehörten nun zum Standard. Heute kann man dank Foto- und Videotechnik sogar das anstrengende Sehen an technische Geräte delegieren.
Afrikanischer Sonnenuntergang
1909 schrieb der Afrikareisende William S. Rainsford: «Etwas vom Erquickendsten einer Safari ist, dass es in ihr keine Eile gibt.» So setzen wir uns denn, nachdem wir auf Naturpisten tausend Kilometer in vier Tagen zurückgelegt haben, ohne Eile in den Swimmingpool über dem Steilhang des Rift Valley, Blick auf die über dem Manyarasee untergehende Sonne, und sinnieren in Musse. «Man muss wirklich bereit sein, sich auf Afrika einzulassen, wenn man hier Ferien machen will», sagt die Afrikaliebhaberin und Geschäftsführerin von L… Voyages aus Sion. – Bitte? Von einheimischer Kultur sahen wir nicht mehr als Souvenirverkäufer und um Kugelschreiber bettelnde Kinder.
Nun, es gehe doch alles etwas langsamer hier.
Also sind wir bereit für Afrika. Nur hat alles seine Grenze, auch das mit den fremden Kulturen, findet K… Reisen Basel, als ihr nach fünf Minuten am Poolimmer noch kein Badetuch gebracht worden ist – sie weiss als Reiseprofi, was man in dieser Preisklasse erwarten darf –, und beschwert sich beim Hotelangestellten.
Heute erhält er kein Trinkgeld.
Marcel Hänggi