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«Es fehlt das strategische Denken»
Abbruch oder Erhalt der historischen Fabrikhallen, lautete die Frage bei der geplanten Überbauung des Maag-Areals. Stadtplaner Alain Thierstein ordnet die Bedeutung der Hallen in den grösseren Kontext der Quartiersentwicklung von Zürich-West ein. Ein Gespräch über gute Ideen, mangelhafte Umsetzung und den Wert der Erinnerung.
TEC21: Herr Thierstein, im Rahmen der Studie «Aufbruch West?» haben Sie sich bereits 2005 mit der Entwicklung von Zürich-West auseinandergesetzt. Welche Themen beschäftigten Sie damals?
Alain Thierstein: Zürich-West ist ein interessantes Fallbeispiel für Transformation. Bei dem Gebiet handelt es sich um das ehemalige Industriequartier der Stadt. Die industriellen Tätigkeiten haben sich seinerzeit auf grossen Arealen zwischen der Limmat und den Bahngleisen ausgebreitet. In den 1980er-/1990er-Jahren lösten Dienstleistungen den industriellen Sektor weitgehend ab – man erinnere sich an die Auseindersetzungen mit der damaligen SP-Stadträtin Ursula Koch, die gegen den Wunsch der Bürgerlichen dort vor allem gemischte Nutzungen ansiedeln wollte. Mit dem 1990 gewählten Stadtpräsidenten Josef Estermann führte das zum Stadtforum Zürich mit einer kooperativen Stadtentwicklungsplanung, die 1999 in einem Synthesebericht und ein Jahr später darauf basierend im Entwicklungskonzept Zürich-West mündete. Stadtentwicklungsplanung war das grosse Motto, aber damals gab es noch nicht allzuviel Wohnbevölkerung im Quartier, und Partizipation war ein sehr eingeschränktes, expertenorientiertes Thema.
2005 erstellten wir im Rahmen meiner Tätigkeit an der ETH in einem partizipativen Prozess eine erste Zwischenevaluation: «Aufbruch West?». Wir identifizierten zwei Probleme: die extreme Zerschneidungswirkung der Verkehrsflüsse und die insuläre Enwicklung der einzelnen Areale. Niemand kümmerte sich um das grosse Ganze, es gab nur Areal- statt Quartierentwicklung. Das Ergebnis war eine Zerstückelung, die mangelnde Vernetzung mit Langsamverkehr, mit Grünräumen. Und natürlich beklagte man damals auch, dass es zu wenig Beteiligung gab. Kooperative
Wie sieht die Situation heute aus?
Die Themen von damals sind nach wie vor aktuell: Wie kommt Wohnen in das Quartier? Wie kommt die Durchwegung hinein, Grünräume? Wie kommt Lebendigkeit in diese lineare Struktur?
Zudem haben wir mit dem Klimawandel heute noch eine Zuspitzung. Das betrifft Fragen des Oberflächenwassers, der Verschattung, des Mikroklimas. Wegen der grossen und versiegelten Areale ist die Hitzeentwicklung in der Stadt in Zürich-West am ausgeprägtesten. Das Gebiet um den Bahnhof Hardbrücke ist das gewachsene erste Zentrum, allerdings ist es vernachlässigt und unterentwickelt – auch, weil der Bahnhof bei den SBB lediglich den Status einer Haltestelle hat. Dies trotz einem Passagiervolumen von rund 60 000 Personen täglich und mit entsprechenden Folgen für das öffentliche Angebot.
In ihrer im Dezember 2021 veröffentlichten Masterthesis «Zürich-West – Die Lebenswerte Stadt» schlagen meine Studierenden daher ein weiteres Subzentrum am Hardturm vor. Hier ist das neue Fussballstadion mit den zwei Hochhäusern und dem sozialen Wohnungsbau projektiert, mit einer Fussgänger-und Fahrradverbindung von Höngg auf die Südseite der Gleise. Sie denken Zürich-West als funktionalen Raum über die Europabrücke und den Vulkanplatz hinaus in die Bernstrasse bis zum neuen Eishockeystadion des ZSC. Zürich-West ist kein abgeschlossenes Stück Stadt, sondern soll anschlussfähiger werden.
Sie erwähnten anfangs das Stadtforum Zürich Mitte der 1990er-Jahre, der logische und vernünftige städtebauliche Ziele gesetzt hatte, aber auch, dass sich anschliessend niemand mehr um deren Umsetzung kümmerte. Ist damit die Stadt gemeint?
Die städtebauliche Entwicklungsstrategie mit ihren zwölf Prinzipien enthielt klare qualitative und quantitative Aussagen, wie etwa 20–30 % Wohnanteil über das ganze Gebiet gerechnet und auch andere deutliche Orientierungshilfen.
Für traditionelle Baufachleute, die es damals wie heute im Amt für Städtebau gab und gibt, ist es schwierig, über die einzelnen Parzelle hinauszudenken und jenseits einer Arealentwicklung Verantwortung zu übernehmen. Das lernt man kaum als Architektin, als Architekt. Meines Erachtens ist die mangelhafte Quartierentwicklung in Zürich-West eine grosse kollektive Unterlassung der Stadt Zürich. Es fehlte jemand, der sich darum kümmerte, dass die Einzelareale der verschiedenen Grundeigentümer mit ihren individuellen Entwicklungslogiken als Bausteine in den grösseren Kontext der Entwicklungsstrategie eingebettet werden. In den Architekturwettbewerben einzufordern, wo die Anschlusspunkte zwischen den Parzellen sind und welche Leistungen die Grundeigentümer im Sinn der kooperativen Entwicklungsplanung zu leisten haben, hat meiner Meinung nach kaum stattgefunden. Das Ergebnis ist heute, zwanzig Jahre später, sichtbar.
Zur Entlastung muss man der Stadt Zürich allerdings zugute halten, dass sie kaum Grundeigentum hatte – so ist der Handlungsspielraum eingeschränkt. Der andere Hebel sind die Sonderbauvorschriften, in denen die Stadt mehr Ausnutzung, mehr Vorteilslagen im Sinn eines Gebens und Nehmens aushandeln könnte. Da ist aber zu wenig passiert.
Ist die Situation heute anders? Gibt es aufseiten der Behörden mehr Sensibilität für das Thema?
Ich denke, die meisten Städte haben gelernt, dass man Industriegeschichte wertschätzen, dass man Identifikationspunkte des Alten mit dem Neuen verbinden sollte – und eben keine Tabula rasa veranstaltet. Und gerade Zürich hat negative Erfahrungen gemacht mit der vorausgegangenen Entwicklung in Oerlikon-Nord, wo es mit ABB und SBB nur zwei Grundeigentümer gab, man aber bei der kooperativen Entwicklungsplanung nicht mehr an die Menschen gedacht hat. Die Erdgeschossnutzungen waren weitgehend vergessen gegangen und mussten in mühsamen nachträglichen Runden wieder eingefordert werden. Aus dieser Erfahrung hätten die Verantwortlichen für Zürich-West mehr Konsequenzen ziehen können. In Zürich-West ist nicht mehr allzuviel an industriellem Kulturerbe übrig.
Was für eine Bedeutung haben in diesem Kontext die Maag-Hallen?
Mit den Maag-Hallen hat man einen prominenten, bereits etablierten, sehr vielschichtigen Ort voller unterschiedlicher Menschen. Bricht die Grundeigentümerin dort noch das letzte Stück an Erinnerung ab, tut sie sich keinen Gefallen. Erstens, weil sie ein Identifikationskapital zerstört, das schon da ist und kostenlos zufällt, das sich entwickelt hat. Zweitens muss sie in der Legitimation des Abbruchs gegen viele Schichten der Bevölkerung ankämpfen, die sie eigentlich lieber auf ihrer Seite hätte. Und der dritte Punkt ist: Der Wettbewerb zeigt mit dem Projekt von Lacaton & Vassal ja, dass ein Erhalt durchaus möglich ist.
Wir haben verschiedentlich über den Studienauftrag und die aktuelle Entwicklung berichtet. Eine Sammlung der Beiträge finden Sie in unserem digitalen Dossier Maag-Areal
Hätte die Stadt ihre Verantwortung wahrgenommen – auch ohne in der Jury sitzen zu müssen – und frühzeitig signalisiert: «Wir haben ein, zwei zentrale Rahmenbedingungen, dann unterstützen wir das Projekt; wenn es dazu Anpassungen in den Sonderbauvorschriften braucht, können wir darüber reden» –, dann wäre ein Erhalt möglich gewesen. Dieser käme auch im Stadtparlament durch, die Zusammensetzung der Stadtregierung entspricht ja der Mehrheit im Parlament. Es gibt hier aufseiten der Behörden eine Absenz an strategischem Denken. Die Mehrheitspolitik hat sich durch eine Sattheit in den letzten zwanzig Jahren auf eine Optimierung des Verwaltens verlagert und vergessen, dass gute Verwaltung auch vorausschauen muss.
Ich denke, man hat sich in Zürich zu gut eingerichtet und beim konkreten Beispiel des Maag-Areals auch nicht erkannt, um was für ein zentrales Filetstück es sich hier handelt, für die weitere Entwicklung des Zentrums Hardbrücke, aber auch für ganz Zürich-West.
Das sagt die Stadt
Im Rahmen der Berichterstattung boten wir auch der Stadt Zürich die Gelegenheit, sich zum Studienauftrag «Maaglive» zu äussern. Zudem fragten wir an, wie es sich mit den Nachhaltigkeitszielen der Stadt verträgt – Stichwort 2000-Watt-Gesellschaft –, wenn, wie in diesem Fall, jede Menge noch nutzbare Bausubstanz abgebrochen wird, um mit einer ähnlichen Masse wieder neu verbaut zu werden. Die Antwort des Büros von Stadtrat André Odermatt, Vorsteher Hochbaudepartement der Stadt Zürich: «Die Stadt war in dieser Angelegenheit zwar beratend involviert, hatte jedoch keinen Juryeinsitz. Entsprechend möchte Herr Odermatt davon absehen, den Entscheid der privaten Bauherrschaft für das nun gewählte Projekt zu kommentieren.»
«Die Lebenswerte Stadt», die Studie Ihrer Studierenden, sieht für Zürich-West einen hohen Wohnanteil vor. Seit Corona wollen alle raus aus der Stadt. Hat das Wohnen in der Stadt noch Zukunft?
Letzten Sommer führten wir an der TU München eine Untersuchung zur Frage durch: Welche Potenziale haben Kommunen in der Metropolregion München für zusätzliche Wohnangebote für ‹Corona-Flüchtende›? Unserer Abschätzung liegt die Grundannahme von ‹halbe-halbe› zugrunde: halbe Zeit zu Hause arbeiten, halbe Zeit am Arbeitsplatz. Potenzial liegt in den Agglomerationen, vor allem aber auch in den «zweiten Städten» wie Augsburg, Ingolstadt, Rosenheim. Für Zürich wären das Baden, Brugg, Winterthur, auch Schaffhausen, also überall dort, wo es eine hohe Erreichbarkeit gibt, relativ geringere Wohnkosten als in der Zentrumsstadt und eine gute Internetversorgung. Für die in den Medien kolportierte Stadtflucht gibt es lediglich anekdotische Evidenz.
Entscheidend ist, dass man Stadt so denkt, wie sie sich heute funktional präsentiert. So betrachtet – die Nordwestschweiz bis hin zum St. Galler Rheintal: All das ist «Zürich». Von all diesen Orten ist man praktisch in einer Stunde in Zürich. Bin ich zudem nur noch die Hälfte der Zeit physisch am Arbeitsplatz und die zweite Hälfte im Homeoffice, habe ich ein anderes Zeitbudget und bin eher bereit, etwas weiter weg zu wohnen, vorausgesetzt, die Erreichbarkeit und eine gute Internetverbindung sind gegeben. Denkt man Zürich als Region, dann sind Schlieren und Dietikon ebenfalls Teil der Stadt. So gesehen ist die Stärkung des Wohnanteils, wie es die Studierenden vorschlagen, richtig.
Umso mehr: Warum sollte ich dann in Zürich-West wohnen wollen?
Es gibt mindestens zwei Massstäbe, die sich überlagern. Die City 2 in Zürich-West, die quasi aus der City 1 herausschwappt mit dem Prime Tower und seinen hochwertigen Dienstleistungen als Wahrzeichen sowie der Zürcher Kantonalbank als grösstem Arbeitgeber vor Ort. Im Quartier haben sich wissensintensive Tätigkeiten angesiedelt, deren Reichweite über die Stadt hinausreicht und teilweise auch eine internationale Bedeutung hat. Das schafft faszinierende Situationen. Beispielsweise am Hardturm: In einem Gebäude sitzt die Börse Swiss Exchange SIX, weltweit tätig mit der ersten regulierten digitalen Marktinfrastruktur, und einen Steinwurf daneben ist die Hardturmbrache, wo Bienen gezüchtet werden und die Menschen Bullerbü spielen. Diese Krassheit in den Reichweiten ist in ganz Zürich-West spürbar. Das könnte ein Alleinstellungsmerkmal für das Gebiet sein, wenn man sich dessen bewusst ist und es auch in zukünftige Planungen integriert.
Der Wohnanteil in Zürich-West heute ist zwar gering, aber in den letzten Jahren doch gewachsen. Die Bevölkerung ist aber recht homogen. Was fehlt Ihrer Meinung nach in Zürich-West an Nutzungen?
Preisgünstiges Wohnen ist klar unterdotiert. Die Stadt versucht bereits, diesen Anteil zu stärken. Zum Beispiel plant die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich auf dem Hardturm-Areal den Bau von 174 Genossenschaftswohnungen, hinzu kommen schulische Infrastrukturen. Ebenfalls ein Problem ist die Hitzeentwicklung. Dagegen braucht es durchgehende Grünräume, Entsiegelungsaktionen, mehr robuste Stadtbäume und Langsamverkehrsachsen.
Darüber hinaus ist aber die extreme Trennung der einzelnen, teilweise sehr grossen Areale ein Problem – die eine Nutzung hört auf, die nächste beginnt auf der anderen Seite. Es fehlen die Schnittstellen, die weichen Übergänge und damit die Möglichkeiten einer Aktivierung. Es fehlen die Möglichkeiten auch für temporäre Aktivitäten; Orte, wo Dritte dazukommen können. Sind solche Orte vorhanden, wird ein Quartier ziemlich schnell interessant.
Bräuchte es dafür neue regulatorische Instrumente? Oder anders gefragt: Liegt dieser fehlenden Planung ein Fehler im Denken oder ein Mangel an Instrumenten zugrunde?
Es ist eher eine Frage des Sich-Kümmerns. Ich bin gespannt, wie die Zukunft beim Maag-Areal aussehen wird. Es könnte Einsprachen und damit Verzögerungen geben. Damit scheint eine Neuauflage des Verfahrens wie beim Hardturmstadion wahrscheinlich. Ich bin nicht sicher, ob die SPS als Bauherrschaft das ausreichend berücksichtigt. Zieht sich der Prozess über mehrere Jahre und bis vors Bundesgericht, ist es fraglich, ob die Aktionäre dieses Vorgehen unterstützen werden; der Reputationsschaden ist dann noch nicht eingepreist.
Aktuell habe ich mit dem Urbanisten Stefan Kurath von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften eine Arbeit angestossen, die eine Übersicht schaffen soll über alle Planungen, die es für das Zentrum Hardbrücke schon gab, die aber nicht realisiert wurden. Die Nutzungen dort sind bereits jetzt sehr heterogen, und die Bedürfnisse wachsen weiter. Beispielsweise wird aktuell das Areal Josefstrasse transformiert; auch die Menschen, die dort wohnen werden, werden die S-Bahn nutzen. Die Haltestelle Hardbrücke – eben kein Bahnhof – wird eine noch grössere Rolle spielen und noch mehr Menschen aufnehmen. Die Problemstellen sieht man überall: die Zugänge, die Ausstattung.
Die unterschiedlichen Welten an diesem Ort – Prime Tower, Hardbrücke, Helsinki-Club, Frau Gerolds Garten – nebeneinander zu tolerieren und zu fördern ist faszinierend. Will man dieses Potenzial nicht sehen, verstümmelt sich Zürich selber.
Wir berichteten auch über die Entwicklung um den Hauptbahnhof und die Transformation von Zürich-West, z. B. in «Zürich I: Von Rossi bis Europaallee», TEC21 41/2014, «Zürich II: Gegenwart und Zukunft», TEC21 42/2014 und in unserem digitalen Dossier Zürich West.
Planungen für Zürich-West (Auswahl)