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Achtzig Bücher unterschiedlicher Grösse stehen in einem Büchergestell. Alle eingeschlagen in grelles farbiges Papier. Auf der Rückseite des farbigen Umschlags ein runder Stempel. Darauf steht: «Stilles Buch aus der Lücke. Françoise Caraco Agatha Zobrist».
Ich habe eines dieser achtzig Bücher, deren Original-Buchcover mit Titel und Autorenschaft unter farbigem Papier versteckt sind, gekauft. Erworben ohne zu wissen, wie der Titel lautet und wer der Autor oder die Autorin ist. Gekauft in der Altstadt von Aarau in der Galerie Eck, einer ehemaligen Metzgerei, dem «Raum für Kunst im Speck». Im Zentrum des Stempelrunds die zwei Buchstaben D. L. und die Zahl 19/ 80. Acht Franken hat das Buch gekostet. Jedes der achtzig Bücher kostete soviel. Und so wie ich haben auch andere Buchkäufer ihre Bücher «blind» erworben.
Inmitten des Galerieraums eine einfache dachlose Hüttenkonstruktion aus Holz. In diesem kleinen Raum das Büchergestell mit den achtzig uniform aussehenden Büchern. An den Innenwänden des Raums querformatige Fotos in schwarz-weiss von privaten Büchergestellen. Und immer wieder klafft in diesen fotografierten Bücherreihen ein Loch, fehlt ein Buch. An den Aussenwänden der kleinen Bücherhütte sind gefaltete weisse Zettel angeklebt, auf denen jeweils kurze Texte gedruckt sind: In diesen Zetteln zu lesen, weshalb die eingehüllten Bücher von ihren Besitzern nur angelesen, nicht zu Ende gelesen wurden. Leserinnen und Leser wurden von den beiden Künstlerinnen Françoise Caraco und Agatha Zobrist darum gebeten, ein Buch, das sie seit langem besitzen und nie zu Ende lesen mochten, für die Aktion mit Namen «Stilles Buch aus der Lücke» zur Verfügung zu stellen.
Witzig sind diese Texte über die nie zu Ende gelesenen Bücher. Buchtitel und Autorin oder Autor kommen in diesen Texten nicht vor. Aber sie umschreiben den Inhalt des jeweiligen Buchs. Selten kommt zum Ausdruck, dass die Buchspenderin oder der Buchspender ein schlechtes Gewissen hatte, ein Buch nicht zu Ende gelesen zu haben.
Ich sammle seit einigen Jahren recht systematisch Bücher über Fotografie, über Fotografinnen und Fotografen und lese mich in der kleinen Galerie von einem Beschrieb zum nächsten durch. Man kann hier die Bücher ja erwerben, vielleicht gerate ich hier für acht Franken auf ein Buch, das ich schon immer haben wollte.
Der erste Kurztext, den ich lese, hat mit Fotografie nichts zu tun. : «Das Buch kam als Weihnachtsgeschenk zu mir bzw. als kombiniertes Weihnachts- und – Geburtstagsgeschenk, weil ich im Jänner Geburtstag habe. Und zwar vor ungefähr zehn Jahren, als das Buch gerade erschienen ist. Daher auch die Hardcover-Ausgabe», heisst es in einem dieser Texte. «Ich habe das Buch nie weitergelesen, weil mich die Sprache nicht gepackt hat. Das Thema schon: Rückkehr eines Juristen aus dem Exil (2 WK) oder aus der NS-Gefangenschaft. Hm, weiss ich gar nicht mehr. Aber es hat sich so zäh gelesen, die Figur ist nicht plastisch geworden, ich habe keinen Zugang gefunden. Nach rund 50 Seiten habe ich aufgegeben und das Buch ins Regal zu den angefangenen Büchern gestellt. Und von dort ist es nie wieder weggekommen. Das Buch strahlt eine Schwere aus, die mich total abturnt, was nichts mit Format oder Umfang zu tun hat».
Ich habe mich durch die kurzen Texte gelesen. Und mir war klar: Ich hätte einer dieser Personen sein können, die nicht wenige Bücher nicht zu Ende gelesen haben, sich nicht dazu verpflichtet fühlen, ein Buch zu Ende zu lesen. Autor Peter Bichsel war der erste mir bekannte Leser, der vor Jahren verkündet hat, ein Buch müsse nicht zu Ende gelesen werden. Peter Bichsel ahnt nicht, wie sehr ich mich ihm für diese Aussage verbunden fühle.
Ich lese weitere Kurzbeschreibungen und stosse auf ein Buch mit Fotografien ohne Fotografien. Da schreibt jemand: «Das Buch wurde 1999 im Feuilleton einer Tageszeitung begeistert besprochen. Die Idee des Autors, Erinnerungsbilder statt mit der Kamera, mit den Mitteln der Sprache anzufertigen, fand ich bestechend und kaufte das Buch. Dann aber die grosse Enttäuschung beim Lesen. Ich fand es eintönig und ermüdend, ich kam nicht über die ersten paar Seiten hinaus. Bald schon verschwand es in eine Umzugskiste, ruhte dort für mehr als zwanzig Jahre und bekam erst kürzlich einen Platz auf dem Tablar der nie zu Ende oder ungelesenen Bücher. Ein erneuter Versuch brachte mich bis Seite 38, aber nun ist es genug, das Buch wird entlassen und darf ins Eck».
Eigentlich hätte ich dieses Buch unbesehen kaufen sollen. Denn die Beschreibung von Fotografien interessiert mich. Annie Ernaux fällt mir dazu ein, die Fotos in einem ihrer Bücher minuziös beschreibt, die im Buch nicht abgedruckt sind und von denen ich vermute, es habe sie nie gegeben. Nach weiteren fünf Beschreibungen stosse ich wieder auf Fotografie! «Wo und Wann ich das Buch gekauft habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es kann sein dass, es im Zusammenhang mit einer Ausstellung in der ehemaligen Galerie von Jean Claude Freymond-Guth in Zürich erworben wurde. Ich komme auf diese Idee, da es unter dem Verlag JP Ringier erschien und die Galerieräumlichkeiten und das Büro des Verlags Tür an Tür lagen. Es sieht undergroundmässig und radikal minimal aus. Schwarzer Text auf weissem Umschlag, der Autor regulär, der Titel kursiv gedruckt. Im Buch sind mies gedruckte schwarzweiss Fotos. Irgendwo ist ein Bild mit John Armleder und Andy Warhol in einer Hotelbar in Genf, Anfang der 80er. Dieses Bild kommt nach anderen, genauso schummrigen Bildern, die Waldsituationen zeigen. Das ganze Buch atmet Pop, Underground, Recherchedokument und Existenzialismus aus. Als das, wofür wir alle brennen. Wo man dann aber anfangen soll, in die Materie einzusteigen und Spass beim Lesen zu entwickeln, ist mir ein Rätsel».
Das Buch muss ich haben. Ich wohne schräg gegenüber von dem Haus, in dem der Kunstbuchverlag JP Ringier untergebracht war. Ich kann mich an einen Besichtigung der Verlagsräume und an Verleger Lionel Bovier gut erinnern. Eines der allerschwersten Bücher, die ich besitze, ist ein Bild-Textband aus demselben Verlag über den Genfer Künstler John Armleder, der im kritischen kurzen Text erwähnt ist. Ohne zu wissen, wie der Buchtitel ist und ohne vorher im Buch blättern zu dürfen, erwerbe ich das in Pink eingeschlagene Buch. Weshalb hat jene Person, die das Buch nie zu Ende lesen wollte, nicht erwähnt, dass das Buch in englischer Sprache geschrieben ist? Zweite Überraschung: Tolle Interviews! Die Druckqualität der Fotos ist holprig. Aber die Bilder sollen nur helfen, Aussagen zu verstehen. Es handelt sich hier nicht um ein Coffeetable Book. Kunstkritiker*innen und Künstler*innen berichten und kommentieren, ein Blick in die Kunstszene der 80er Jahre. Ich bin zufrieden. Ich habe ein weiteres Buch für eines meiner Büchergestelle, in dem einzig Bücher zum Thema Fotografie stehen. Ob ich das Buch von Anfang bis zum Ende lesen werde? Nein. Aber einzelne Texte schon.
Im kleineren Bild: Françoise Caraco (links) und Agatha Zobrist.
Die beiden Buchstaben D. L. im Stempelrund weisen auf den Buchspender oder Buchspenderin hin, der oder die das Buch nicht wirklich lesen wollte. Wer er oder sie ist, bleibt das Geheimnis der beiden Künstlerinnen.
«Stilles Buch aus der Lücke» ist eine Aktion und eine Ausstellung der beiden Knsterinnen Françoise Caraco und Agatha Zobrist. Zu sehen bis zum 25. März 2023 im «Eck. Raum für Kunst im Speck», Zollrain Ecke Metzgergasse in Aarau. Öffnungszeiten: https://kunst-im-eck.ch/ Interesse? Die Aktion kann auch in anderen Ortschaften stattfinden! Auskunft bei: www.francoise.caraco.ch sowie bei www.zobristwaeckerlin.ch
Eingeworfen am 13.3.2023