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Mit dem Sieg der neuen Theorie drängten sich zugleich Fragen auf, welche das Altertum nur berührt hatte, wie die, ob die Welt vielleicht
ohne Grenze sei und sich völlig ins Unendliche erstrecke, ob die andern Weltkörper außer unserm Erdball ebenfalls
bewohnt seien. Die letztere glaubten aus Wahrscheinlichkeitsgründen besonders Fontenelle in den berühmten »Entretiens sur
la pluralité des mondes« (1686) und Kant in seiner »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755) bejahen zu müssen.
Über die Entstehung des Weltgebäudes hat Kant im zweiten Teil seiner »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«
(Königsb. 1755) eine Hypothese aufgestellt, deren erste Grundzüge sich bei Swedenborg (»Principia rerum naturalium«, Dresd.
u. Leipz. 1734) und ausführlicher bei Wright (»An original theory or new hypothesis of the universe«,
1750) finden, und welche noch jetzt als in der Hauptsache zutreffend betrachtet wird. Kant handelt am angegebenen Ort »von
dem ersten Zustand der Natur, der Bildung der Himmelskörper, den Ursachen ihrer Bewegung und der systematischen Beziehung derselben
sowohl in dem Planetengebäude überhaupt als auch in Ansehung der ganzen Schöpfung«. Zwar schildert
er nur die Entwickelung des Sonnensystems; man erkennt aber, daß andre ähnliche Systeme im Weltgebäude in ganz derselben
Weise entstanden sein müssen. Eine wesentlich damit identische Hypothese hat 41 Jahre später Laplace am Schlusse seiner »Exposition
du système du monde« (Par. 1796) vorgetragen, und hauptsächlich dieser,
übrigens weniger eingehenden Darstellung ist die Verbreitung der Kenntnis dieser kosmogonischen Hypothese zu verdanken, die
man nicht selten mit LaplacesNamen belegt.
Die Rotation erscheint bei Laplace als gegeben, während Kant sich bemüht, dieselbe als eine notwendige Folge des Spiels der
zwischen den einzelnen Massenteilchen thätigen Attraktions- und Repulsionskräfte nachzuweisen. So wie nun in dem ursprünglich
gleichförmigen Urstoff die Sonne durch Kondensation gebildet wurde, so entstanden nach Kant auch später
um gewisse Attraktionszentren Massenanhäufungen, die sich dann loslösten und in derselben Richtung um den Kern laufen, in
welcher dieser selbst rotiert.
Laplace aber erinnert daran, daß infolge der allmählichen Erkaltung durch Ausstrahlung die platt gedrückte Dunsthülle sich
zusammenziehen mußte, und daß sich nun in der Äquatorialebene ringförmige Zonen loslösten, aus denen
sich an der jeweiligen Grenze der Dunsthülle oder Sonnenatmosphäre Planeten bildeten. Auf diese Weise erklären sich die Erscheinungen,
daß alle Planeten in gleicher Richtung um die Sonne laufen, nämlich im Sinn der Sonnenrotation, daß ihre Ebenen nahezu kreisförmig
und nur schwach gegen den Sonnenäquator geneigt sind. Daß die Bahnen nicht genaue Kreise
[* 12] sind, findet
nach Kant seine Erklärung¶
mehr
darin, daß die Teilchen, welche sich zu einem Planeten zusammenballen, je nach ihrem ursprünglichen Abstand vom Kern der rotierenden
Masse eine verschiedene Geschwindigkeit besitzen, daher die Tangentialgeschwindigkeit des aus diesen Teilchen gebildeten Planeten
nicht genau die Größe erhält, die zur Entstehung einer kreisförmigen Bewegung nötig ist. Der Überschuß der Geschwindigkeit
der von der Sonne entferntern Teilchen über die der nähern bewirkt auch die Rotation der Planeten um ihre Achse, die daher
bei allen in gleicher Richtung erfolgt.
Auch die Thatsache, daß die Planetenbahnen nicht genau in einer Ebene liegen, erklärt sich ungezwungen, wenn man bedenkt,
daß die abgeplattete Dunstmasse eine gewisse Dicke besaß, innerhalb welcher es dem Zufall überlassen
blieb, an welcher Stelle sich die zur Bildung eines Planeten günstigen Umstände vorfanden. Die von der Hauptmasse abgesonderten,
um ihre Achsen rotierenden Planeten machten nun einen analogen Prozeß durch wie die ganze Masse; es sonderten sich von ihnen
Ringe (beim Saturn) und Monde ab. Kant behandelt ausführlich die Bildung der Saturnringe aus der Atmosphäre
des Planeten »vermittelst der von seinem Umschwung eingedrückten Bewegungen« und berechnet auf Grund dieser Hypothese die Zeit
seiner Achsendrehung, die er für den innern Ringrand gleich 10 Stunden findet (Herschel fand 1790: 10½ Stunden).
Auch das Zodiakallicht
[* 14] verdankt nach Kant seine Entstehung einem Ring, der sich in gleicher Weise von der
bereits stark erkalteten und zusammengezogenen Sonnenatmosphäre abgesondert hat. Was endlich die Kometen betrifft, so denkt
sich Kant, daß sie aus den feinsten und leichtesten Massenteilchen »in der obersten
Gegend des Weltgebäudes« gebildet sind. In seinen »Photometrischen
Untersuchungen« (1865) hat Zöllner versucht, sämtliche Erscheinungen, welche die Himmelskörper außer den Ortsveränderungen
darbieten, auf Grund der Kantschen Hypothese zu erklären. - Unter Welt versteht man endlich noch das Endliche und Kreatürliche
im Gegensatz zum Unendlichen, Ewigen, zum Geist.