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In den letzten Jahren sind zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsländer, allen voran in Asien, dynamischer gewachsen als die traditionellen Industrieländer. Eine Region, die sich zwischen 2004 und 2015 ökonomisch ebenfalls schneller entwickelt hat als der weltweite Durchschnitt, ist Lateinamerika[1]. Wirtschaftliche Zugpferde der Region sind Brasilien mit einem Anteil von knapp 40 Prozent am regionalen Bruttoinlandprodukt, gefolgt von Mexiko, das ein Viertel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, und Argentinien mit rund 10 Prozent.
Zur akzentuierten wirtschaftlichen Dynamik Lateinamerikas trug insbesondere die grosse Nachfrage nach Agrar- und Bergbauprodukten von Schwellenländern wie China bei. Wichtige Agrarexportgüter aus der Region sind beispielsweise Geflügel- und Rindfleisch, Kaffee, Soja, Zitrusfrüchte oder Zucker. Lateinamerika ist zudem ein bedeutender Lieferant von mineralischen Rohstoffen wie Bauxit, Eisenerz, Kupfer, Lithium oder Zinn. Darüber hinaus begünstigte der 2004 einsetzende Höhenflug der internationalen Rohstoffpreise das Wirtschaftswachstum. Hinzu kam schliesslich die steigende Inlandsnachfrage. Nachdem sich diese Faktoren ab 2011 zum Teil deutlich abgeschwächt hatten, stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung, und seit 2014 ist sie sogar rückläufig.
Im Folgenden wird die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika in den Jahren von 2004 bis 2015 nachgezeichnet. Der Betrachtungszeitraum kann in drei Phasen gegliedert werden: erstens die Jahre vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise (2004 bis 2008), zweitens das Krisenjahr 2009 und drittens die Jahre nach der Krise (2010 bis 2015).
Da sich die Intensität internationaler Wirtschaftsbeziehungen in Handels- und Investitionsaktivitäten manifestiert, fokussiert der Beitrag auf die beiden Aspekte der realen Aussenwirtschaft Warenhandel und Direktinvestitionen. Die Analyse basiert auf Statistiken der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) sowie der Schweizerischen Nationalbank (SNB).
Starkes Wachstum der Importe
Von den Gütern im Umfang von insgesamt 166 Milliarden Franken, welche die Schweiz 2015 einführte, stammten lediglich 2,7 Milliarden aus Lateinamerika (1,6%). Allerdings haben sich die Importe aus der Region von 2004 bis 2015 wertmässig verzweieinhalbfacht und damit überdurchschnittlich dynamisch entwickelt (siehe Abbildung 1). Zum Vergleich: Insgesamt stiegen die Schweizer Einfuhren um 21 Prozent.
Von den Importen aus Lateinamerika stammten 40 Prozent aus Mexiko, an zweiter Stelle folgte Brasilien mit 29 Prozent. Auf Rang drei lag Kolumbien mit einem Anteil von 6 Prozent.
Abb. 1: Aussenhandel zwischen der Schweiz und Lateinamerika (2004 bis 2015)
EZV (2017), Berechnung Hauser / Die Volkswirtschaft
In den Jahren vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise verdoppelten sich die Einfuhren aus Brasilien nahezu und wuchsen damit erheblich dynamischer als die Importe aus der Gruppe der spanischsprachigen Länder. Im Zuge der Krise brachen die Einfuhren aus Brasilien jedoch merklich ein, während die Importe aus den übrigen Ländern auch in der Krise weiter zunahmen. In der Folge entwickelten sich die Einfuhren aus den spanischsprachigen Ländern deutlich dynamischer als jene aus Brasilien. Wobei auch bei den Importen aus dieser Ländergruppe seit 2013 eine Stagnation festzustellen ist.
Auch bei den Exporten nach Lateinamerika resultierte im weltweiten Vergleich ein überdurchschnittliches Wachstum. Im Jahr 2015 lagen die Schweizer Ausfuhren in die Region um 76 Prozent höher als 11 Jahre zuvor. Die gesamten Exporte der Schweiz wuchsen im selben Zeitraum um 39 Prozent. Von den Ausfuhren im Wert von 203 Milliarden entfielen im Jahr 2015 rund 6,2 Milliarden auf Lateinamerika (3,1%). Davon gingen ein Drittel nach Brasilien, 23 Prozent nach Mexiko und 13 Prozent nach Argentinien.
Bei der innerregionalen Analyse fällt auf: Zwischen 2007 und 2012 entwickelten sich die Exporte nach Brasilien dynamischer als in der Gruppe der spanischsprachigen Länder der Region. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die brasilianische Wirtschaft in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts besonders dynamisch gewachsen ist und im Vergleich zur übrigen lateinamerikanischen Wirtschaft kaum von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise beeinflusst wurde.
Direktinvestitionen gehen seit 2012 zurück
Neben dem Aussenhandel sind Direktinvestitionen ein zentrales Element der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Unternehmen können Investitionen im Ausland einerseits dadurch tätigen, dass sie ein bereits bestehendes ausländisches Unternehmen teilweise oder vollständig übernehmen. Andererseits können sie eigene, rechtlich unselbstständige oder selbstständige Neugründung im Ausland vornehmen – etwa in Form von Niederlassungen oder Tochtergesellschaften. Vom weltweiten Direktinvestitionsbestand der Schweiz im Umfang von rund 1100 Milliarden Franken befanden sich Ende 2015 gut 30 Milliarden Franken in Lateinamerika (2,6%). Im Gegensatz zum Aussenhandel entwickelte sich der Schweizer Kapitalbestand in der Region im weltweiten Vergleich jedoch unterdurchschnittlich. Auffallend ist die hohe Volatilität (siehe Abbildung 2): Bis 2012 stiegen die Direktinvestitionen auf mehr als das Dreifache – seither sind sie rückläufig.
Abb. 2: Schweizer Direktinvestitionen in Lateinamerika (2004 bis 2015, jeweils Jahresende)
SNB (2017), Berechnung Hauser / Die Volkswirtschaft
Ende 2015 entfielen 31 Prozent des Schweizer Kapitalbestands in der Region auf Brasilien, ein Viertel auf Mexiko und ein Sechstel auf Argentinien. Nach einer phasenweise äusserst dynamischen Entwicklung war der Investitionsbestand in Brasilien Ende 2010 rund fünfeinhalb Mal so hoch wie 2004. Seit 2011 sind die Investitionen jedoch rückläufig, sodass am Ende des Betrachtungszeitraums eine Verdoppelung gegenüber dem Basisjahr zu verzeichnen war. In der Gruppe der übrigen lateinamerikanischen Länder lag die Steigerung über den gesamten Zeitraum bei 56 Prozent.
Ende 2015 arbeiteten weltweit etwa zwei Millionen Personen für Schweizer Unternehmen im Ausland. Davon waren rund 180’000 in Lateinamerika tätig, was gut 9 Prozent entspricht. Nach einem kontinuierlichen Anstieg zwischen 2004 und 2013 sank die Beschäftigtenzahl ein Jahr später markant. Ende 2015 resultierte gegenüber dem Basisjahr ein Plus von noch 40 Prozent. Weltweit lag die Zunahme bei 49 Prozent.
Auch bei der Beschäftigtenzahl hatte Brasilien in Lateinamerika – mit einem Anteil von 38 Prozent – die Nase vorn. In Mexiko arbeiteten 19 Prozent und in Argentinien 7 Prozent der Mitarbeitenden, die Ende 2015 in der Region für Schweizer Unternehmen tätig waren. Zwischen 2004 und 2008 verlief die Entwicklung der Beschäftigtenzahl in Brasilien und der Gruppe der spanischsprachigen Länder weitgehend parallel. Anschliessend wuchs der Personalbestand in Brasilien bis 2012 dynamischer als in den anderen Ländern. Da die Beschäftigtenzahl in Brasilien 2014 deutlich sank, lag sie Ende 2015 nur rund 16 Prozent über dem Basisjahr. In den übrigen Ländern betrug die Steigerung 60 Prozent.
Dynamische Entwicklung bis 2014
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika haben sich im Zeitraum von 2004 bis 2015 intensiviert – sowohl beim Aussenhandel als auch bei den Direktinvestitionen. Die Entwicklung verlief jedoch nicht durchgängig positiv. Vielmehr wechselten sich Jahre, in denen sich die wirtschaftlichen Beziehungen dynamisch vertieften, mit Jahren der Stagnation und des Rückgangs ab. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise war nur mit einem kurzfristigen Einbruch des Handels verbunden und hatte kaum Auswirkungen auf die Schweizer Direktinvestitionen. Ab 2014 führte das Abflauen der wirtschaftlichen Dynamik in Lateinamerika jedoch zu einer Stagnation der Wirtschaftsbeziehungen.
Im Zeitraum 2004 bis 2015 erwirtschaftete die Schweiz ein Sechstel ihres gesamten Handelsbilanzüberschusses mit Lateinamerika. Insgesamt exportierte die Schweiz im Betrachtungszeitraum Waren im Wert von 40 Milliarden Franken mehr in diese Region, als sie von dort importierte. Gründe hierfür sind zum einen die strukturell asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika: Während es sich bei der Schweiz um eine hochentwickelte Volkswirtschaft handelt, ist die Industrialisierung in den meisten Ländern Lateinamerikas deutlich weniger ausgeprägt.
Auf Länderebene sind jedoch Unterschiede zu erkennen. So verfügt Mexiko mittlerweile über eine Wirtschaftsstruktur, die durchaus mit den traditionellen Industrieländern zu vergleichen ist. Die brasilianische Wirtschaft hingegen ist im Zuge des Rohstoffbooms der zurückliegenden Jahre rohstofflastiger geworden, was zulasten der verarbeitenden Industrie ging, deren Bedeutung gesunken ist. Zum anderen sind im Zuge des florierenden Wachstums Lateinamerikas neue Bedürfnisse und Märkte entstanden, für die Schweizer Unternehmen innovative und hochwertige Produkte und Lösungen anbieten. Hier besteht Potenzial für eine weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen.
Freihandelsabkommen als Türöffner
Gegenwärtig verfügt die Schweiz über Freihandelsabkommen mit Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru und einigen zentralamerikanischen Staaten. Ausserdem besteht mit dem Handelsbündnis Mercosur, welches Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay umfasst, eine Efta-Zusammenarbeitserklärung.
Um die wirtschaftlichen Beziehungen inskünftig weiter zu intensivieren, sollten die Chancen, die die bestehenden Abkommen bieten, konsequent genutzt werden. Gleichzeitig kann das regionale Netz an Freihandelsabkommen weiterentwickelt und ausgedehnt werden. Mit dem Mercosur wurden die Gespräche hierzu im Rahmen des Weltwirtschaftsforums 2017 wieder aufgenommen. Sollte die derzeitige Wachstumsschwäche Lateinamerikas länger andauern oder sich gar verschärfen, ist jedoch abzusehen, dass sich dies trotz aller Anstrengungen weiterhin negativ auf die Wirtschaftsbeziehungen auswirkt.
- Der Beitrag bezieht sich auf folgende 20 Staaten: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay, Venezuela. Im Rahmen der Analyse wird Haiti der Gruppe der spanischsprachigen Länder zugeordnet.