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Vor vier Jahren verbrachte ich einen Schreibaufenthalt in Paris. Ein winziges Studio im Herzen von Montmartre war zwei Monate lang das Daheim für mich und meinen Laptop.
Auf einem Spaziergang traf ich Roland, einen alten, freundlichen Bonvivant und Antiquitätenhändler. Er adoptierte mich kurzerhand und nahm mich jeweils mit ins Museum. Im Louvre dozierte er über die Porträts von Jacques-Louis David und Jean-Auguste-Dominique Ingres. Oder er erzählte, dass Théodore Géricault das Meisterwerk «Le Radeau de La Méduse» im zarten Alter von 25 Jahren ablieferte und dass ohne die Französische Revolution nur ein Bruchteil der Bilder öffentlich ausgestellt wäre.
Mein rund 50 Jahre älterer Weggefährte lebte in einer anderen Welt.
Ich war ab und zu Gast darin. Neben Kulturwissen hat er mir auch noch etwas anderes Wertvolles beigebracht: Verbindlichkeit. Das hatte damit zu tun, dass er kein Handy besass.
Ich merkte damals, wie unglaublich unzuverlässig ich wurde. Denn: Wenn alle ständig miteinander verknüpft sind, braucht man sich nicht zu verabreden. Man «schaut dann halt mal». Man kann sich auch problemlos verspäten – die Gegenseite ist ja rasch informiert. Und wenn man wirklich keinen Bock hat, kann man das Treffen jederzeit absagen.
Mit Roland lief das etwas anders. Ich musste zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort sein. Ich musste meinen Tag so einrichten, dass ich pünktlich war. Verbindlichkeit wurde zu einer Form der Wertschätzung. Und das hat sich bei mir am meisten eingeprägt – noch vor David, Ingres, Géricault.
Autor: Anne-Sophie Keller