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Birobidschan - ein literarisches Experiment
Lust auf ein jüdisch-sozialistisches Experiment, sibirische Wälder, vielleicht auch ein paar Bären und etwas magischen Realismus? Dann kann ich euch "Birobidschan", den Debütroman von Tomer Dotan-Dreyfus empfehlen.
"Birobidschan" von Tomer Dotan-Dreyfus ist der zweite Roman von der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2023, den ich gelesen habe. Hier könnt ihr nachlesen, was ich zu Teresa Präauers "Kochen im falschen Jahrhundert" zu sagen hatte.
"Dieser Text ist ein Experiment, der Versuch einer Umkehrung: Kann die Zeit auch von links nach rechts, von Westen nach Osten kriechen? Kann sie von aussen nach innen fliessen?" (S. 10)
Birobidschan gab es wirklich, als stalinistisches Experiment einer jüdisch-sozialistischen Autonomie am Rande Sibiriens, direkt an der chinesischen Grenze. Während das reale Experiment in den 1930ern scheiterte, erzählt Debütautor Tomer Dotan-Dreyfus die Geschichte des jüdisch-sozialistischen Schtetls inmitten sibirischer Wälder weiter. Wir treffen auf eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft, die fernab des Weltgeschehens ihrer Wege geht. Es wird gefischt, aufgewachsen, gemalt, sich zum Kartenspielen - auch heimlich um Geld - getroffen, über den Marktplatz flaniert, ab und zu demonstriert, mit der Tsukunft nach Moskau gereist und gedichtet. Mal treffen neue Menschen, vor allem Kinder, auf der Flucht vor dem Zweiten Weltkrieg, ein oder jemand verlässt das sozialistische Städtchen, um sich in der kapitalistischen Welt zu versuchen.
"An diesem 20. September war der erste Schnee gefallen, und das Kaminski'sche Schweigen klang in Saschas Ohren lauter als gewöhnlich. Nicht nur sein Mund schwieg, sein ganzer Körper beteiligte sich am Schweigen, insbesondere seine Augen." (S. 20)
So idyllisch es klingt, das Leben in Birobidschan schreitet nicht ohne Verwerfungen voran. Gregory hat eine Depression, Rachel überlegt, ob es das mit ihrer Kindergartenliebe Alex jetzt gewesen sein soll. Boris, der älteste Fischer im Ort, stirbt. Und Sulamith musste schon zwei Ehemänner gehen lassen. Ihrer besten Freundin Josephin ergeht es am Ende auch nicht besser.
In diesem Schtetl bleibt praktisch nichts im Verborgenen, nichts geht verloren, schon gar keine 500 Rubel-Scheine oder Gewehre. Gleichzeitig trägt sich Merkwürdiges zu, zwei fremde Männer tauchen auf, ein schweigendes Mädchen beunruhigt die Bewohner*innen, Bären und Wölfe werden zur Bedrohung und zwei Tote sind zu beklagen.
Literarisches Experiment geglückt?
Wie Stalin einst mit dem realen Birobidschan so wagt auch Tomer Dotan-Dreyfus mit seinem Roman ein Experiment. Der (unzuverlässige) Erzähler dieses Romans wirft Zutaten in den Geschichten-Erzähltopf, hebt das Zeitkontinuum auf und schaut was passiert. Explosives, ja! Dem bin ich gut 150 Seiten gerne gefolgt und auch wenn ich das wirklich zahlreiche Personal noch überschauen konnte, habe ich doch keinen emotionalen Zugang zu den Personen gefunden. Viel zu oft durch die allzu kurzen Episoden wieder herausgerissen aus der jeweiligen Gefühlswelt.
Auch schien mir die Erzählanlage nicht konsequent durchgezogen. Wenn die Zeit schon nicht linear fliesst, hätte ich mir noch mehr Mut gewünscht, von diesem Fakt auch die Handlung beeinflussen zu lassen. Das geschah mir zu wenig oder zu wenig offensichtlich. Ein wenig versöhnt hat mich das wirklich erschütternde Ende (oder Fastende), das ich natürlich nicht spoilern möchte. Allerdings wurde das dann auch wieder etwas lapidar in zwei Sätzen abgehandelt, anstatt dass es die gesamte Geschichte zum Implodieren gebracht hätte, wie damals, 1908, als ein Knall den Wald von Tunguska erschütterte. So wiegen für mich die von Alex im Zitat beklagten erzählerischen Lücken und der magische Realismus auf Sparflamme zu schwer, um "Birobidschan" als wirklich runden Roman zu bezeichnen.
"Wäre er (Alex, a.d.R.) in einem Buch oder einem Film, so fühlte er, gäbe es zu viele Handlungslücken. Seine Unruhe würde nicht verdampfen, bis es gelang, diese Lücken zu füllen. Warum war Boris ermordet worden, wer waren diese Jäger, was genau wollten chinesische Bären diesseits der Grenze und warum schwankte in letzter Zeit Rachels Stimmung so oft?" (S. 89)
Wirklich rund möchte der Roman wohl auch nicht sein. Von daher findet er bestimmt seine Leser*innenschaft. So einige vom Autor hervorgerufene Bilder, noch nie gelesene Metaphern und philosophische Anklänge habe ich an dem Roman sehr genossen. Auch die direkte, unvermittelte Art der Birobidschaner*innen war mir äusserst sympathisch. Den gewitzten Erzähler im Hintergrund hätte ich gerne öfter in der Handlung getroffen. Von daher kann ich euch einen Besuch im jüdisch-sozialistischen Schtetl trotzdem empfehlen.
Schliesslich, ohne dass ich das jetzt dem Roman selbst anlasten würde, hätte ich mir ein sorgfältigeres Lektorat bzw. vor allem Korrektorat gewünscht.
Auf der Shortlist sehe ich den Roman eher nicht, würde es ihm aufgrund der erzählerischen Versuchsanlage aber von Herzen gönnen.
Fazit
"Birobidschan" von Tomer Dotan-Dreyfus eröffnet uns einen fiktiven jüdisch-sozialistischen Kosmos am Rande Sibiriens. Mit einer Prise magischem Realismus und dem Versuch, das Zeitkontinuum aufzuheben, wirbeln die Leben der Birobidschaner*innen auch fernab des übrigen Weltenlaufs durcheinander. Ein spannendes Experiment mit einigen literarischen Perlen. Auch wenn er mich nicht ganz überzeugt hat, empfehle ich jeder*Jedem, diesen Debütroman für sich selbst zu entdecken.
Die Fakten
Tomer Dotan-Dreyfus
Voland & Quist
324 Seiten
Erschienen am 20.02.2023
Hardcover
ISBN: 978-3-86391-347-2
PS: Herzlichen Dank an den Deutschen Buchpreis und Voland & Quist für das digitale Leseexemplar. Die Seitenzahlen der obigen Zitate beziehen sich auf die E-Book-Version meines E-Readers und können daher von denjenigen in der Printausgabe abweichen.
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