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Forschungspfade

Wichtiger Hinweis:
Albert Einstein. Wissenschaftsgenie und Popstar
Einen Popstar erkennt man daran, dass die Rechte an seinen Bildern wie ein Schatz gehütet werden. Auch das ETH-Bildarchiv besitzt die Rechte an ein paar Dutzend Einstein-Fotografien. An der Entstehung der Medienfigur Einstein arbeiteten viele mit, nicht zuletzt der Nobelpreisträger selbst.
Schon die Sammlung ETH-eigener Einstein-Bilder belegt es: Das ehemalige Eidgenössische Polytechnikum kann für sich in Anspruch nehmen, privilegierte Beziehungen zum Entdecker der Relativitätstheorie zu unterhalten. Einsteins mehrjährige Anwesenheit schmückt jedenfalls die Hochschulgeschichte aufs Schönste und die Anekdoten sind wohlbekannt. Bei seiner ersten Bewerbung für ein Studium wurde der 16-jährige Albert Einstein, der in München gerade die Schule abgebrochen hatte, wegen der "Lückenhaftigkeit seiner Vorbildung" abgewiesen. Dies berichtete Einstein in einem schmeichelhaften Rückblick auf seine schweizerische Ausbildungszeit, den er aus Anlass des Hundertjährigen Jubiläums der ETH 1955 für die Schweizerische Hochschulzeitung verfasste. Einstein holte an der liberalen Kantonsschule in Aarau die Matur nach, die ihm in den sechs Jahren an "autoritär geführten deutschen Gymnasien" verleidet worden war.
Von 1896 bis 1900 studierte er an der Fachlehrer-Abteilung des Polytechnikums Physik. Von den fünf Diplomanden des Jahres 1900 an dieser Abteilung erhielten Einsteins Freunde Jakob Ehrat, Marcel Grossmann und Louis Kollros sofort eine Assistentenstelle am Polytechnikum. Einstein aber, so eine weitere aus der Rückschau oft bestaunte kleine Geschichte, war unter den beiden Absolventen, die leer ausgingen.
Die dritte Pointe im Verhältnis zwischen der ETH und dem wohl bekanntesten Physiker des 20. Jahrhunderts betrifft die Berufungsverhandlungen mit Einstein, zu denen sich die ETH dann schliesslich doch entschloss. Der damalige Schulratspräsident Robert Gnehm opponierte 1911 längere Zeit dagegen, Einstein die Professur für theoretische Physik anzubieten. Die ersten bahnbrechenden Studien waren längst veröffentlicht und diskutiert, und Bundesrat Ludwig Forrer wollte Einstein "der ETH zum Geschenk machen", wie ein zeitgenössischer Beobachter formulierte (Medicus 1996, 223). Gnehm indes bezweifelte dessen didaktische Qualitäten:
"Herr Einstein ist eine ausgesprochene Gelehrtennatur. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeugen nach Ansicht der Sachverständigen ... von Originalität und Eifer der Gedanken, von genialer schöpferischer Kraft. Dagegen ist er kein hervorragender Dozent und entbehrt einer ausgesprochenen Lehrbegabung ... . Will man dem genialen Forscher gerecht werden, ... müssen [wir] eine Professur für theoretische Physik schaffen, mit einer ganz bescheidenen Lehrverpflichtung für eine kleine Elite der Vorgerückteren und Begabteren an unserer VIII. Abteilung und vielleicht auch für diesen und jenen mathematisch besonders veranlagten Ingenieur."
Gnehm wollte ferner die Reorganisation des physikalischen, speziell des elektrotechnischen, Unterrichts abwarten. Er fürchtete, die Kosten für ein "Labor mit Zubehör (Assistenten etc.)", das dann sowohl für Einstein als auch einem ebenfalls neu zu berufenden Professor für theoretische Elektrotechnik eingerichtet werden müsste, sprengten den finanziellen Rahmen. Einstein nahm es gelassen und schrieb hinsichtlich dieser "öden Berufungsaffaire" im November 1911 an einen Freund in Zürich, er habe sich nun für das Lehrstuhl-Angebot aus Utrecht entschieden. Die "lieben Züricher können mich auch ... gern haben bis auf Sie" (Einstein Collected Papers 5, Brief vom 15.11.1911 an Heinrich Zangger, Dokument 305, 349). Sowohl die Meinungen über Einsteins Eignung zum Lehrer als auch über den Laborbedarf eines theoretischen Physikers gingen aber auseinander. Der Schulrat schloss sich den "verschiedenen kompetenten Fachmännern" an, die "neuerdings auf Dr. A. Einstein, z. Z. Professor für theoretische Physik an der deutschen Universität Prag, als einen für unsere Zwecke geeigneten Gelehrten" hinwiesen. Am 2. Dezember 1911 ermächtigte er den Präsidenten, mit Einstein zu verhandeln, und zwei Monate später nahm Einstein den Ruf an die ETH an. Dort lehrte er drei Semester, bevor er 1914 nach Berlin ging.
Zum in Zürich aufgebauten Diskussions- und Freundeskreis zählten einige ETH-Angehörige, etwa der Historiker Alfred Stern oder der Mathematiker Adolf Hurwitz. Mit seinem Freund Marcel Grossmann, dem späteren Mathematikprofessor an der ETH, arbeitete er auch nach dem Studium eng zusammen. Grossmann "war nicht so eine Art Vagabund und Eigenbrötler wie ich ... . Ausserdem hatte er gerade jene Gaben im reichen Masse, die mir fehlten: rasche Auffassungsgabe und Ordnung in jedem Sinne. Er besuchte nicht nur alle für uns in Betracht kommenden Vorlesungen, sondern arbeitete sie auch in so vorzüglicher Weise aus, dass man seine Hefte sehr wohl gedruckt hätte herausgeben können. Zur Vorbereitung für die Examina lieh er mir diese Hefte, die für mich einen Rettungsanker bedeuteten; wie es mir ohne sie ergangen wäre, darüber will ich lieber nicht spekulieren" (Einstein 1955, 147).
Die Selbststilisierungen des Nobelpreisträgers, dem die ETH anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens 1930 die Ehrendoktorwürde verlieh, taten freilich ihr Übriges; sie beförderten den Genie- und Starkult weiter. Die oben stehende Erinnerungspassage, in der sich Einstein als zerstreuten Eigenbrötler und schlechten Studenten zeichnete, verdeutlicht dies. Bestes Beispiel aber bleibt das Foto mit der herausgestreckten Zunge, 1951 auf einer Pressekonferenz von Arthur Sasse am Institute for Advanced Study in Princeton aufgenommen. Die kleine Geste hatte eine grosse Wirkung. Das Bild avancierte zum berühmtesten Popbild Einsteins - sehr zum Leidwesen der Familie und der Hebrew University, die als Nachlassverwalterin Einsteins "image" zu kontrollieren versucht. Die Hebrew University ist darum bemüht, dass die Übereinkunft mit dem Bildrechtinhaber United Press International aus den 1980er-Jahren, nach der das Bild nicht mehr vertrieben werden soll, eingehalten wird. Keine leichte Sache, wie allein schon eine google-Suche klar macht.
Andrea Westermann