Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03153.jsonl.gz/3381

Steffan Biffiger:
200 Seiten
Bestellung:
Im Buchhandel vergriffen,
Die erste umfassende Monografie über den bekannten Maler Ernst Morgenthaler (1887–1962), der in seinen Bildern mit grossem farblichen Ausdruck den eigenen Lebensbereich und die ihm vertraute Landschaft poetisch deutete, aber auch hintergründig und visionär zur Darstellung brachte.
Ernst Morgenthaler war einer der wichtigsten figurativen Maler im helvetischen Kunstbetrieb der zwanziger bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts. Er entwickelte eine starke künstlerische, geistige und gesellschaftliche Aktivität, zuerst in der Umgebung von Bern, dann aber vor allem in Zürich. Man sah die Bedeutung seines malerischen Werks in der Betonung des subjektiv Erlebnishaften und in seiner differenzierten Farbigkeit. Ferner stellte man Morgenthalers romantische Tendenz in Gegensatz zum Pathos und der Monumentalität des Hodlerschen Werks und seiner Nachfolge. Er machte auf sich aufmerksam als Maler, der mit grossem farblichem Ausdruck den eigenen Lebensbereich und die heimatliche Landschaft poetisch deutete, aber auch hintergründig und visionär zur Darstellung brachte.
Landschaften zu jeder Jahreszeit, Porträts, Familienszenen, Nachtbilder, Stilleben - dies sind die immer wieder variierten Themen in seinem Schaffen; er konzentrierte sich auf schlichte Motive aus dem eigenen Lebensbereich und konnte im Grunde nur malen, was er selber gesehen oder erlebt hatte, wovon er ergriffen war. «Kunst kommt nicht von Können», korrigierte er den gängigen Ausdruck, «sie ist von Anfang an da und heisst Ergriffenheit.»
Morgenthalers erste künstlerische Arbeiten waren Zeichnungen und Aquarelle, originelle Karikaturen und satirische Blätter voller bissiger Ironie und Sozialkritik, aber auch atmosphärisch dichte Bilder seiner Phantasie- und Traumwelten. Formal vom Jugendstil beeinflusst, zeigte sich hier bereits die Eigenständigkeit seiner Bilderwelt, die er nach 1914, seinem Aufenthalt bei Cuno Amiet auf der Oschwand, auch in seine Malerei hin erweiterte. Die anfängliche starke Abhängigkeit von Amiet, dem er seinen Durchbruch zur Malerei verdankte, weicht sehr bald eigenständigen Formulierungen in Thema und Gestaltung, bezeichnend auch, dass zeichnerische und erzählerische Elemente bestimmende Kennzeichen seiner Malerei bleiben.
Mit seinen vielfältigen und phantasievollen Bildern der zwanziger Jahre bringt er einen völlig neuen Zug in die Schweizer Malerei: Der originelle Bildaufbau, der schöne Farbklang, das Geheimnisvolle in der Stimmung, aber auch das Skizzenhafte, sowie die eigentümliche Vermischung von Malerei und Zeichnung sind das Charakteristische dieser frühen Bilder.
Oft kombinierte Morgenthaler in realen Darstellungen seine impressionistische Sehweise mit einer ausgesprochen expressiven Gestaltung; er will jedes Bild neu und unbelastet angehen und so dessen künstlerische Spannung unmittelbar vermitteln.
Ein wichtiger Schritt für Morgenthalers Entwicklung war seine mutige Entscheidung, 1929 mit der Familie nach Meudon bei Paris zu ziehen. Der dreijährige Frankreichaufenthalt wurde von Morgenthaler intensiv zum Malen und zum Vertiefen seiner Kenntnisse genutzt. Farbflächen und -flecken seiner Bilder vermitteln Bewegung und Ruhe, aber auch Tiefe und Räumlichkeit: Stimmung und Empfindung des Malers äussern sich so direkt. Mit Farbflächen, Farbtönen und individuell gestaltetem Bildaufbau sucht er noch bewusster, eine suggestive Wirkung zu erreichen. Es geht um die malerische Organisation der Objekte im Raum; gleichzeitig wird der persönliche Eindruck des Malers von der Harmonie der Farben und Formen mitgeteilt. In den Bildern der Meudon-Zeit tritt das malerische Element stärker hervor als das erzählerische; der Strich, die Linie tritt zurück, Figürliches wird teilweise nur noch angedeutet, einzelne Bildpartien werden nahezu abstrakt.
In den Bildern der dreissiger und vierziger Jahre erreicht er in der malerischen Umsetzung des Landschaftsbildes einen gesteigerten subtilen Umgang mit der Farbe, den er bei Cuno Amiet begonnen und in der französichen Malkultur verfeinert hatte. Die nunmehr erreichte Leichtigkeit und Sicherheit in der Gestaltung verführt ihn zu einer etwas routinemässig glatten Malweise, die er aber souverän in der geübten Pose und virtuosen Handschrift variiert. Der Zeit Lebens ihn begleitende Selbstzweifel führt dennoch immer wieder zu Werken von tiefer Aussage und künstlerisch-spannender Fragilität. In den fünfziger Jahren kommt erneut Bewegung in seine künstlerisch Entwicklung. In dem nach etwa 1954 einsetzenden Spätwerk ist bei gleichbleibenden Themen eine wichtige Vereinfachung auszumachen, die Motiv und Gestaltung gleichermassen betrifft: Einzelheiten treten zurück, die Modellierung verschwindet oft ganz, die Darstellung löst sich formal und farblich von der Natur. Farbkleckse gliedern das Bild und erzeugen die räumliche Wirkung; diese malerische Struktur ist frei von linearen Begrenzungen, dennoch wird ein fester formaler Aufbau. Von den Bildern der letzten Jahre fallen die einfach und gross gesehenen Meerlandschaften aus Sardinien auf. Sei sind von zarter, teilweise intensiver Farbigkeit, auf die notwendigsten Flächen und Linien reduziert; dies ergibt eine poetische Stimmung und eine vollkommene lyrische Aussage – es sind stille, bewusste und auf das Wesentliche konzentrierte Bilder.
Steffan Biffiger