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«‹Lutz freilich ist ein sehr begabtes Kerlchen und er kann es noch weit bringen.› Der Satz stammt von Rainer Brambach. Geschrieben wurde er im Oktober 1955 in einem Brief an Hans Bender, der gerade damit befasst war, eine Anthologie ‹Junge Lyrik› im Carl Hanser Verlag herauszugeben. Der Band erschien im Folgejahr. Darin zu entdecken waren u.a. Gedichte von Günter Grass, Hans Magnum Enzensberger, Rainer Brambach und eben diesem damals 25-jährigen Werner Lutz aus dem Appenzell. Die Publikation war für den jungen Schweizer Lyriker fraglos ein großer Erfolg, doch schon damals sträubte sich etwas gegen das Veröffentlichen seiner Gedichte.
Noch im Januar 1956 beklagte sich Bender bei Brambach: ‹Warum ist der Lutz nur so ein störrischer Kerl?!› Und wenige Tage später: ‹Den Lutz werden wir also aufgeben. Seine Schuld›. Diese kleine Geschichte ist mehr als eine Anekdote. Sie verdeutlicht mindestens zwei Aspekte: Einerseits hatte Werner Lutz früh schon gewichtige Befürworter (neben Bender und Brambach ist auch Walter Höllerer zu nennen), die sein Talent erkannt hatten, ihn fördern wollten, und andererseits muss da ein Unbehagen gegenüber den eigenen Gedichten da gewesen sein, eine Unsicherheit, die ihn im Zweifelsfall von einer Publikation absehen ließ. Erst viele Jahre später, 1979, erschien im Suhrkamp Verlag Ich brauche dieses Leben, Lutz' erster Gedichtband. Darin fanden sich drei Abteilungen mit Gedichten aus den Jahren 1977—1979 und zwei Abteilungen, die den Zeitraum von 1955—1976 mit insgesamt 17 Gedichten widerspiegelten — weniger als ein Gedicht pro Jahr also.
So wenig das insgesamt war, die Reaktionen auf diesen Band waren überwältigend. Ich brauche dieses Leben war zwar editorisch betrachtet ein Erstling, doch enthielt das Bändchen alle Ingredienzen einer ausgereiften Lyrik; Gedichte eines Autors, der stilsicher und einfachste sprachliche Mittel verwendend Bilder schuf. Angedeutet oft nur, ein Streifen, ein Streicheln der Dinge. Heute, längst vergriffen, gilt der, Band als begehrtes Sammlerstück.
Heute? 25 Jahre nach Erscheinen von Ich brauche dieses Leben halten wir Farbengetuschel in den Händen. Frühe Gedichte heißt es im Untertitel. Dieser Band, auf den einige seit Jahrzehnten warten, während andere die Hoffnung darauf vielleicht längst aufgegeben haben, füllt nicht nur eine Lücke. Ich möchte von einem Glücksfall reden. Das Überraschende: Obwohl diese Gedichte vor vierzig und mehr Jahren entstanden sind, lese ich sie, als hätte sie der Dichter vor zwei Tagen geschrieben. Unpolitisch, unprätentiös — die Zeilen sind frei von zeitgebundener Schlacke. Gekennzeichnet durch den scheinbaren Widerspruch von Reduktion und Wiederholung, auf das Wesentliche fokussiert, was in Lutz' Gedichten Alltägliches, Nebensächliches oder Unscheinbares meint.
Farbengetuschel. Es klingt wie eine Ankündigung und ist doch weit mehr als ein Vorspiel. Angekündigt wird der Maler und der Lyriker Lutz. Und das ‹Getuschel›, dieses gewaltige Rumoren, das in sich ruht und gleichwohl nie zum Stillstand kommt wie so manches Lutz'sche Bild, es führt uns Leser zu den Ursprüngen, den Wurzeln eines Künstlers, ‹scheu und unstet›, wie ihn einst Freund und Förderer Brambach bezeichnete.»
«Diese ‹Frühen Gedichte› vereinen schon alle Qualitäten des späteren Lutz. Es sind häufig schlichte Naturgedichte, die jedoch tiefer reichen, als es zunächst scheint. Der junge Lutz hat wunderbare Bilder gefunden. Über allen Gedichten liegt Heiterkeit und Melancholie zugleich.»