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Die Fergenhörner und ihre erste Besteigung
A. v. Rydzewsky ( Section Davos ).
Von Zwischen dem Rhätikon und der Silvrettagruppe, der letzteren ihrer Gesteinsart nach angehörend, ziehen sich die Schlappinerketten zu beiden Seiten des einsamen Schlappinthales hin. Die nördliche Kette mit dem Kessispitz und dem Eisenthälispitz bildet die Grenze zwischen Graubünden und Vorarlberg, die südliche, in der die Schiltfluh zu 2890 m ansteigt, scheidet das Schlappinthal von der Thalstufe von Monbiel und ein Querriegel, der beim Keßler rechtwinklig von der Südkette abzweigt und über das Leidhorn und die Seescheien nach Norden streicht, um sich bei dem Punkt 2891 der Dufourkarte ( Blatt XV ) an die Nordwestecke der See-oder Litznergruppe anzuschließen, verbindet die beiden Ketten und bildet den Hintergrund des Schlappinthales.
In der südlichen Kette, welche vom Keßler erst westlich, dann nordwestlich zum Aelpeltispitz ( 2690 m ) zieht, erheben sich zwischen dem Keßler und der Schiltfluh, von dieser durch die schmale Einsattelung der Rothen Furke getrennt, die Fergenhörner.
Die Kette derselben gliedert sich in drei durch Einschnitte von einander getrennte Felskörper. Zwei, das Große ( 2868 m ) und das Kleine Fergenhorn ( 2846.7 m, Aneroïd Usteri-Reinacher ), stehen dicht neben einander, der Fergenkegel ( 2857 m ), ein kühn aufragender Felszahn und eine etwas finstere Berggestalt, mehr isolirt.
Seine in der Ferne tief braunrothe, mit Grau untermischte Farbe,um die Schultern grünlich schimmernd, geht in der Nähe mehr in 's Gelbgrauröthliche, von schwarzen Streifen durchsetzt, über. „ Es wechseln nämlich daselbst in rascher, bunter Folge die an und für sich dunkel gefärbten und infolge des Gehaltes an verwitternden Granaten und Eisenkies oft tief roth oder „ schwärzlich " angelaufenen Bänke des Hornblende-schiefers mit „ lichteren " Gneißen und Glimmerschiefern. Dadurch erscheint das Gebirge dem Auge schon von ferne seltsam gestreift und gebändert. " 11 ) Dr. G. Koch: Die Silvrettagruppe, pag. 39 ( Wien 1884 ).
A. v. Rydzewsky.
Fergenhörner 2868 2851 Rothe Furke 2890 Schiltfluh Phot. M. Rosenmund.
September 1881.
Vom Hintergrund des Schlappinthals, von der Alp Innersäß ( 2030 m ) aus gesehen, macht der Fergenkegel einen gewaltigen Eindruck. Immer und immer wieder bleibt das Auge des Beschauers an dem finstern Felszahn haften, wie gebannt durch seinen kühnen Aufbau: Gegen das Große Fergenhorn eine gewaltige Kluft, en face eine fast senkrechte Steilwand, in der Mitte, wie überhängend, der Gipfel, nach rechts in vier kurzen Terrassen der Absturz gegen die Rothe Furke, welch letztere durch einen niedrigen, horizontal fortlaufenden Felskamm vom Fuße des Kegels getrennt ist.
Der Fergenkegel oder das Fergenhorn par excellence ist ein volksthümlicher Berg. Mehrere Sagen umweben seinen Scheitel, so die von der goldenen Fensterlade, die „ oben " läge; von Piti Pati, der zu oberst im Fergenhorn gestorben, und dem Adler, welcher den Zugang zum Gipfel vertheidige. Es galt für eine uneinnehmbare Feste bei den Bewohnern von Klosters und den benachbarten Ortschaften des Prätigau.
Ende der sechsziger oder Anfang der siebenziger Jahre machte wohl Landammann Brosi von Klosters mit den Führern Jann und Jegen einen Ersteigungsversuch, der aber an der Unentschlossenheit zweier der Betheiligten scheiterte, indem Führer Chr. Jann, vom Grunde der Schlucht zwischen Groß-Fergenhorn und Kegel, an der Ostsüdostwand des letztern eine Strecke emporgeklettert war, dann aber, von den Andern nur mit wohlmeinenden Blicken unterstützt, die Sache mißmuthig aufgab.
Die Fergenhörner und ihre erste Besteigung.
Mehr denn zehn Jahre waren ins Land gegangen, als sich das Gerücht verbreitete, Führer Mettier von Filisur hätte erzählt, er sei „ oben " gewesen. Wie Studer im IV. Band seines „ Ueber Eis und Schnee " auf Seite 379 angibt, war es am 10. September 1880, und zwar zusammen mit Führer Heldstab von Klosters.
Wieder vergingen zehn Jahre. Der geheimnißvolle Berg aber blieb still. Kein Klirren der Pickel, kein Rufen menschlicher Stimmen wurde auf ihm laut. Das Gewild und Gevögel hielten ihn nach wie vor für ihre alleinige Domäne.
So standen die Sachen, als ich Anfangs Juni 1890, nach einer Besteigung des Tödi, in Bad Stachelberg weilte, mit Ungeduld auf einen Brief von Führer Guler aus Klosters wartend, um ein im vorigen Jahre ( 1889 ) bei Gelegenheit der Besteigung des Groß-Litzner besprochenes größeres Unternehmen in der Silvrettagruppe ins Werk zu setzen. Der Brief kam, aber es hieß, die Schneeverhältnisse seien nicht darnach, etwas Schwierigeres zu unternehmen, aber z.B. das Fergenhorn sei vielleicht zu machen.
Am 14. Juni in Klosters angelangt, führte ich am 17. Juni mit Führer Guler, um nicht aus der Uebung des Steigens zu kommen, eine Pischa-Besteigung aus. Den Anstieg nahmen wir durch 's Mönchalpthal. Auf dem Gletscher angelangt, sahen wir um 9 Uhr 50 Min. die partielle Sonnentinsterniß. Die Rundschau prächtig. Beim Abstieg in 's Vereinathal erblickte ich zum ersten Mal den Fergenkegel, der mir unendlich wild und unzugänglich vorkam.
Ein mit Führer Guler am 21. Juni gemachter Versuch, das trotzige Kegel-Fergenhorn an dem nordwestlichen Steilhang zu erklettern, scheiterte an meiner Unlust, bloß an den Händen, über dem Abgrund hängend, ohne Stützpunkt für die Füße, eine senkrecht stehende Platte zu passiren, die nur oben am Rande den Händen Halt bot und in seitlicher Bewegung, Hand um Hand, hätte überwunden werden müssen. Außerdem war eine mit Schnee bedeckte Terrasse von ungefähr 45 Grad Neigung, wie schon beim Aufstieg, zu passiren, auf welcher bei vorgerückter Tageszeit der Schnee nicht eben fester geworden war.
Wie ein „ memento mori " war auch während unseres Aufstiegs der Donner einer von der Schiltfluh niedergehenden Lawine zu unseren Ohren gedrungen und hatten wir die Massen, riesig anschwellend, in 's Schlappinthal sich ergießen sehen.
Erst balancirten wir auf scharfem Schneerücken längs der Felswand, dann stiegen wir langsam zur Rothen Furke ab. Die Möglichkeit des Lostretens einer Schneelawine und des Abrutschens beständig vor Augen, bewegten wir* uns, zeitweise nur Einer auf einmal, mit größter Ruhe und Umsicht den steilen Hang hinunter ( immer in unseren alten Fußstapfen ), überwanden glücklich die Schneeterrasse, und einmal auf der A. v. Rydzewsky.
alten, horizontal laufenden Fährte angelangt, waren wir außer aller Gefahr; binnen Kurzem langten wir auf der Rothen Furke und bei unseren zurückgelassenen Sachen an.
Der Anblick von zart aufblühenden, rosig angehauchten Gletscherranunkeln, die sich an den kalten Fels des Horns traulich anschmiegten, sowie die Erinnerung an unsere riesigen Schattenmänner, die, als wir in den Strahlen der aufgehenden Sonne die steilen Hänge gegen Aeußer-Fergen zu erstiegen, uns begleitet hatten, boten einigermaßen Ersatz für die seelische Gleichgewichtsstörung, hervorgerufen durch das Mißlingen unseres Unternehmens.
Den Abstieg nahmen wir dieses Mal mehr südlich, über Garfiun. Um 6 Uhr 30 Min. waren wir zu Hause. Im Grunde genommen war ich herzlich froh, zu rechter Zeit die Ausführung einer Besteigung abgebrochen zu haben, welche, weil an der unzugänglichsten Seite des Berges unternommen, von Hause aus wenig Chancen des Gelingens darbot.
Die erste Ersteigung des Kleinen Fergenhorns ( 2847 m ).
Den trotzigen Fergenkegel einstweilen seiner gewohnten Ruhe überlassend, machten wir uns, Führer Guler und ich, am 25. Juni an eine leichtere Arbeit, an die erste Ersteigung des Kleinen Fergenhorns ( 2847 m Aneroïd ).
Von Klosters früh 4 Uhr aufgebrochen, verließen wir gleich hinter Baretsrüti die Sardascastraße. Längs dem Fraschmardenbach hinauf und dann nordöstlich, stiegen wir an den steilen Grashängen empor, die hier in ungefähr 1800 m Höhe mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit von Mutter Natur mit Heidelbeeren- und Sumpfbeerengesträuch bedacht waren. Ein Kukuk, von uns emporgeschreckt, entfaltete die ganze Virtuosität seiner gaukelhaften Flugkünste und sein Leben bedroht wähnend führte er die kühnsten Zickzackwendungen aus.
Rechts südöstlich erblickten wir die steilen Verstanklawände. Den schönen Gipfel von Nord zu gewinnen, war schon seit dem Herbst vom vorigen Jahr 1889 mein sehnlichster Wunsch. Aber jetzt, in so früher Jahreszeit, die Nordflanke ersteigen zu wollen, hätte sicherlich einen Mißerfolg nach sich gezogen.
Die höchste tagweidige Wildheuerstelle im ganzen Prätigau, 2160 m hoch, war bald erreicht, und längs steiler Rasenhänge 45 Grad Neigung nach dem Klinometer ) traversirend, befanden wir uns nach vierstündigem Marsch, von Klosters ab gerechnet, an der Quelle ( 2320 m hoch ) in Inner-Fergen, am Fuße der Hörner gleichen Namens.
Ein Rudel Gemsen, gegen zwanzig Stück, darunter drei Kitzchen, sprang bei unserem Erscheinen die mit Schnee bedeckte Guferhalde, gegen den Kegel zu, aufwärts. In langsameres Tempo übergehend, sahen Die Fergenhörner und ihre erste, Besteigung.
die Thiere, im Rücken gesehen und in weiterer Entfernung, großen Ameisen täuschend ähnlich. Ueber die Guferhalde hinauf, an der Schlucht zwischen Kegel- und Groß-Fergenhorn vorbei, kamen wir an der Südseite der Felsen, uns dicht an letztere, der Steinfälle wegen, haltend, bald auf Fels, bald auf dem Schneehang selbst ( 41 Grad Klinometer ), bis zu einer breiten Schneeschlucht. Auf dem Schneehang hatten wir eine Menge winzig kleiner, länglicher, schwarzer Insekten ( Führer Guler nannte dieselben Schneeflöhe ?) bemerkt, welche, um sich zu verbergen, in den Schnee, der grobkörnig und etwas wässrig war, krochen. Als ich eins derselben zwischen die Finger nahm, wollte es ein paar Flügel hervor- strecken, in Ruhe gelassen, verbarg es dieselben, mit dem Hinterleib nachschiebend, in einer Scheide des Rückens.
In der Schlucht thaten wir einige Schritte aufwärts, dann scharf nach links wendend, gingen und kletterten wir an der Südostseite empor. Der in dieser hohen Lage noch nicht weggeschmolzene Neuschnee erschwerte den An- und später den Abstieg ungemein. Erst kam eine flache Depression, eine Art Couloir, in welchem jetzt Schmelzwasser herunterrieselte, wo wir auf kleinen Felsstufen, wie auf einer Treppe, hinaufstiegen. Dann mußten wir uns an einer kleinen überhängenden Wandstufe, seitlich ausbiegend, emporwinden; weiter auf einer Terrasse, längs einer Wand, zu einem Kamin; in demselben unschwierig empor zu einer Scharte ( von dieser hat man einen schönen Niederblick an den Abstürzen nach Norden, in 's Schlappinerthal hinuntervon der Scharte weg an einer steilen Wand ( mit guten Griffen ) links aufwärts und über einen kurzen, schwindligen Grat zu dem aus wackligen Gneißblöcken bestehenden, ungefähr 2847 m hohen Gipfel. Als Wahrzeichen unserer Anwesenheit hinterließ ich meine Visitenkarte, zwischen den Felsblöcken wohl verborgen, mit den Angaben unserer Besteigung.
Führer Guler führte noch eine kleine Recognoscirung gegen das Große Fergenhorn zu aus, bei welcher er, als er mir zustimmend mit dem Kopfe nickte, seinen Hut verlor, der dann in rasender Eile die steilen Böschungen hinunter ins Schlappinerthal rollte und sprang, unterwegs durch sein unerwartetes Erscheinen den Schnee so außer Fassung bringend, daß derselbe seinem Schreck durch eine Lawine Luft machte.
Heftige Windstöße und über unsere Köpfe dahinjagende Nebelfetzen, als Vorboten eines nahenden Gewitters, benahmen mir die Lust, die Wanderung weiter gegen das Große Fergenhorn fortzusetzen.
Der Abstieg vom Kleinen Fergenhorn auf dem alten Wege der Ostsüdostseite erheischte, wie schon angedeutet, des Neuschnees wegen die größte Vorsicht. Denn auch am Seile ist mir nichts so verhaßt, wie das Ausgleiten und Hinplumpsen.
Jetzt folgte eine lange Reihe von Schnee- und Regentagen. In der Zeit vom 28. Juni bis zum B. Juli war an kein Unternehmen zu denken:
A. v. Rydzewsky.
Auf den von uns am 10. und 11. Juli gemachten Ausfällen wurden wir ohne alle Ceremonie „ zurückgeregnet ". Der 12. Juli brachte für Klosters vollständigen Winter und Unmassen von Schnee.
Am 14. Juli unterwarf ich mit Führer Guler vom Hintergrund des Schlappinerthals, speciell von der Alm Innersäß ( 2030 m ) aus, die Nordnordwestseite des Fergenkegels einer genauen Inspection mittelst guter Fernrohre, wobei uns der in den letzten Tagen gefallene Neuschnee auf das Genaueste auch das kleinste Gesimse markirte.
Höchlich amüsirte mich auf dem Heimwege ein durch die warmen Sonnenstrahlen aus zeitweiliger Erstarrung der letzten Juliwintertage auf-erweckter fast schwarzer Frosch, der über unseren Fußsteig weg auf der weißen Schneedecke eine lustige Rutschpartie zum Schlappinerbach hinunter ausführte.Von der Alp Obersäß 3 Uhr 15 Min. abmarschirt, waren wir in Klosters um 6 Uhr 15 Min. zurück. Um nicht ganz aus der Uebung des Kletterns zu kommen und das Auge von dem Niederblick in Abgründe nicht zu entwöhnen, stattete ich mit Führer Chr. Jann der Casanna ( 2562 m ) einen Besuch ab. Das Wetter war sehr schön.
Erste touristische Besteigung des Fergenkegels ( 2857 m ).
Den Tag darauf, am 18. Juli, kurz vor 4 Uhr Morgens, marschirte ich mit den Führern Chr. Jann und Guler von Klosters ab. Hinter Monbiel, zwischen Baretsrüti und Schwendi, schwenkten wir, nach einstündigem Marsch von Klosters, von der Sardascastraße nach links ab, passirten den Schwendiwald, stiegen im Fraschmardenthal ziemlich streng am Bach aufwärts und schlugen unterhalb der das Thal abschließenden Felsen der Schiltfluh eine nordöstliche Richtung ein.
Um 6 Uhr 10 Min. waren wir beim sogenannten Pfiffalter, einem kleinen Heustadel ( 1800 m ), und über die steilen Rasenhänge hinauf, um 6 Uhr 55 Min. bei der hohen Wildheuerstelle ( 2130 m ) angelangt.
Ein vorlautes Murmelthier wurde von Jann mit dem epitheton ornans „ Lausbub " angerufen, welcher Ordnungsruf es schleunigst in seiner Behausung verschwinden ließ.
Bei der Quelle waren wir um 7 Uhr 30 Min. Alles unnütze Gepäck zurücklassend, verließen wir nach einstündiger Rast und kurzer Berathung über den endgültig einzuschlagenden Weg, der uns auf die Spitze des Fergenkegels führen sollte, Inner-Fergen. Das Wetter ließ nichts, zu wünschen übrig. In wolkenloser Bläue spannte sich der Himmel über uns.
Mühsam und beschwerlich arbeiteten wir uns über die Trümmerhalde am Südwestfuße des Kegels aufwärts. Wiederum ertönte das überlaute Pfeifen irgend eines wachsamen Murmelthiers, welches Jann durch ein kräftiges „ silentium " zum Schweigen brachte und sehr zu rechter Zeit, denn nicht mehr als 10 bis 15 m über uns ließen ein paar Mauerläufer Die Fergenhörner und ihre erste Besteigung.
ihre feinen, flötenden und pfeifenden, wie von Weitem her klingenden Stimmen hören, und sahen wir die Vögel, diese lebenden Alpenrosen, an der Steilwand sich ruckweise aufwärts bewegen. Diesen kleinen Halt benutzte Jann, sich aus den Felsen ein paar schöne Exemplare der Edelraute zu holen.
1 Stunde 20 Minuten nahm die Ersteigung der Rothen Furke in Anspruch, über einen Steilhang aus zerbröckeltem und verwittertem Fels, mit Rasenschöpfen hin und wieder bewachsen und von 40 bis 50 Grad Neigung.
Auf der Nordseite war die Furke von Schnee bedeckt, welcher, über i m hoch, wie eine Wand ihr aufsaß. Nachdem wir ein paar Schritte durch den Schnee ostwärts gemacht, wurde eine kleine, ich möchte sagen abwartende, Rast auf ein paar aus der Schneedecke hervorragenden Felsblöcken abgehalten. Nach einigen Augenblicken gab ich mit den Worten: „ Nun wollen wir ", das Zeichen zum Aufbruch. Tief in den Schnee einsinkend, schlugen wir wieder ( wie schon am 21. Juni Guler und ich ) die Richtung nach rechts ( ostwärts ) ein, längs den Felsen unseres Horns und theilweise über den Felsen selbst, bis wir an ein breites Couloir kamen, welches, wie es sich später erwies, das ganze Bergmassiv bis dicht unter der Spitze durchsetzt, was wir, weil das Couloir eine Biegung macht, bei der Musterung des Kegels am 14. Juli ( von der Alp Innersäß aus ) nicht hatten sehen können.
Vorsichtig und langsam rückten wir am Seil in dem weichen Schnee aufwärts. Guler voran, Chr. Jann hinten; an einer Stelle hieb Guler eine Art Corridor durch den Schnee. Dann mußten wir hinter einem senkrecht aufragenden, losgelösten Felsstück und der Felswand durch und auf der Kante des ersteren hinaus wieder in 's Couloir.
In letzterem vorauskletternd, kam Guler an einen Sturz oder Fall in einer Höhe von wohl 4 m oberhalb unseres Standpunktes. Längere Zeit standen Jann und ich, ohne uns von der Stelle zu rühren, still, um im Falle eines Ausgleitens nicht den Führer oben mit hinunterzureißen, da er keine Hülfe gewähren konnte. Während dieser Pause in unserer Aufwärtsbewegung äußerte Führer Jann mir gegenüber mit ein paar Worten seine Bedenken über den eingeschlagenen Weg, indem er lieber über die Terrasse und aus der Schlucht heraus die Kletterei auf der Ostsüdostseite versucht hätte.
Mit den Füßen gegen die eine, mit der Schulter gegen die andere Seite der Felswand des Couloirs gestemmt, scharrte Guler unter dem Schnee, auf dem vereisten Fels herum einen Griff zu finden, dem er seine Körperlast anvertrauen konnte. Dabei floß dem unerschrockenen Mann das Wasser zwischen Hemd und Hals hinein und bis in die Stiefel hinunter. Aber fast die ganze Länge des 20 m langen Seils mußte ausgegeben werden, indem auch Jann sich losbinden mußte ( ich selbst blieb A. Rydzewsky.
mit einfachem Knoten angeseilt ), bis Guler einen so sichern Stand gewonnen, mir die nöthige Hülfe geben zu können.
Nachdem dies geschehen, wurden die Pickel von Jann am Seil festgemacht und aufgeseilt. Schließlich kam Letzterer selbst nach. An der Stelle, wo das Couloir auf die Schulter des Horns ausmündet, angelangt, wußten wir einen Augenblick nicht, ob wir uns auch wirklich unter der Spitze befänden und uns nicht noch eine ganze Reihe von unliebsamen Ueberraschungen bevorstände.
Jann und ich blieben auf der Schulter des Horns zurück, während Guler, als Meister im Fels, die Steilwand mit Benutzung eines schmalen Risses, der später in ein Kamin überging, hinaufkletterte; nach kurzer Zeit stieß er einen Jauchzer aus und rief mir mit froher Stimme zu, ich möchte doch nur heraufkommen.
Von Jann unterstützt, dem ich den einen Fuß auf die Schulter setzte, arbeitete ich mich bis zum Kamin empor und in demselben aufwärts, wo dann Guler mir den Vortritt auf den Gipfel gab. Jann kam bald nach. Um 12 Uhr 45 Min. war der Fergenkegel unser. Von der Rothen Furke bis herauf zur Spitze hatten wir an drei Stunden gebraucht.
Der Gipfel bildet ein ungefähres Viereck von je 3 m Seitenlänge, und bis auf die südöstliche Ecke, die mehr eben und mit einer durch den Verwitterungsproceß entstandenen Erdkrume bedeckt war, bestand derselbe aus Blöcken der verschiedensten Form und Größe.
Die Aussicht stand in umgekehrtem Verhältniß zur Höhe des Berges und war eine umfassende und sehr schöne. Man sah: Seehorngruppe, Fluchthorn, Verstanklahorn, Piz Linard, Schwarzhorn, Piz Kesch, Piz d' Err, Julier, Cima da Flix, Aelagruppe, Rheinwaldgruppe, Bernergruppe, Tödikette ( die Churfirsten durch die Schiltfluh verdeckt ), Scesaplana, Pateriolspitz, Stammerspitz. Uns zu Füßen Vereina- und Sardascathal und der obere Theil des Schlappinerthals mit dem Hühnersee und dem Scheienpaß.
In einer Art Steinmann fand sich die „ goldene Fensterlade " nicht vor, wohl aber eine Flasche, der ich einen Zeddel folgenden Inhalts entnahm: „ Erste Besteigung des Fergenhorn am 9. September 1880. Führer Mettier. Filisur. " Führer Heldstab war nicht erwähnt.
Während Führer Jann einen mächtigen Steinmann aufführte und Guler in einen Felsblock unsere Initialen einmeißelte, überließ ich mich der Betrachtung des weiten Horizontes mit der ungezählten Schaar prächtiger Berggestalten. Ein Hochgenuß!
Aber vom Walensee her zog das Prätigau herauf ein schweres Gewitter. Es war die höchste Zeit, an den Abstieg zu denken. Um 1 Uhr 40 Min., nach fast einstündigem Aufenthalt, verließen wir den stolzen Gipfel, und nach einer kurzen, aber scharfen Kletterei standen wir wieder auf der Schulter. Einige Tropfen fielen. Es waren die Eclaireurs der großen Regenarmee, welche uns glücklicherweise erst im Thale angriff.
Die Fergenhörner und ihre erste Besteigung.
Jetzt folgte eine kurze Berathung. Sollten wir über die durch den auf der Schulter auflagernden schmelzenden Schnee, von Wasser triefenden Felsen, durch den nassen Schnee und stellenweise über blankes Eis ( mit Stufenhauen und allem möglichen Zeitverlust ) hinunter im Couloir, an dessen Eingang es rieselte und rann, wie zur Zeit der Frühlingsschmelze da drunten im Thal, oder sollten wir über die Terrassen und Abstürze in westnordwestlicher Richtung zur Rothen Furke?
Mir waren meine Klettereien in den Bergen von Südtyrol, im „ Wasser von oben, Wasser von unten ", noch viel zu sehr im Gedächtniß, als daß ich nicht für einen Vorschlag gestimmt hätte, der kühn im Entwurf und trocken in der Ausführung war. Hatten wir doch 60 m Seil: mein altes Dolomitenseil ( in bestem Zustande ) von 20 m und mein neues Schwaiger'sches Seil von 40 m Länge. Also ans Werk, ihr braven Herren Schweizerführer! Dem Muthigen gehört die Welt.
Halb kriechend, halb gehend in gebückter Stellung kam Führer Jann die erste Platte hinunter bis zu einer Stelle, wo ein eiserner Meißel oder Stift sich prächtig in einen Riß einschlagen ließ. Guler und ich folgten aneinandergeseilt.
An doppeltem, um den Bolzen geschlungenem Seil ließen wir uns dann, Einer nach dem Andern, bis zu einem Einschnitt die große Platte weiter hinunter. Hierauf nach links nehmend wanden wir uns um einen Felszahn herum, den Rücken dem Abgrund zugekehrt. Vermittelst einer weitern Abseilung gelangten wir über eine stark geneigte, zum Theil noch mit Schnee bedeckte Platte an den Rand des von der Rothen Furke gut sichtbaren großen Absturzes. Wieder fand sich ein sicherer Felsvorsprung, um den das Seil geschlungen werden konnte, und Jann erreichte glücklich das Band oberhalb des letzten Absturzes. Nun kam die Reihe an mich. Langsam kroch und rutschte ich auf der Platte um den Schneefleck herum, das gedoppelte Seil zu fassen, welches am entgegengesetzten Rand derselben in eine Depression des Absturzes hinein von Jann stramm angezogen war. Vorsichtig, um mehr Halt zu gewinnen, stemme ich die Linke auf ein großes, plattes Felsstück; aber so leise tastend das auch geschah, so kommt der ungeschlachte Felsbrocken dennoch in 's Rutschen, aber auch im selben Moment hielt ich den Block. Guler, die Gefahr für Jann erkennend, packte auch blitzschnell zu und brachte den bösen Gesellen mit mir zum Stillstand, sonst hätte ihm der ahnungslos untenstehende Jann, trotz unseres Warnungsrufes, wohl schwerlich ausweichen können.
Nach Ueberwindung des letzten kurzen Absturzes, welchen ich, rückwärts gehend, das Seil stramm haltend, hinunterkam, befanden wir uns auf dem mit tiefem Schnee bedeckten, sanft geneigten Felsenriff, das nach dieser Seite hin die Fortsetzung des Fußes des Fergenhorns bildet. Erst ging es auf demselben etwas hinunter dem Schlappinthal zu; kleine A. v. Rydzewsky.
Schneelawinen, von uns losgetreten, rutschten abwärts. Dann wandten wir uns links und binnen Kurzem, um 3 Uhr 30 Min., waren wir auf unserer alten Fährte und einige Minuten später auf der Rothen Furke.
lieber den Schnee auf der Südseite der Furke angekommen und nach links blickend, hielt ich unwillkürlich still. Ganz isolirt, mit seinem obern Aufbau wie in den Lüften schwebend, stand das Horn dicht neben uns. Düster und drohend blickte es herunter. Grau erschienen die Platten und dunkel, fast schwarz, die Abstürze. Es hatte was Schreckhaftes. Da herunter waren wir gekommen, es schien kaum glaublich.
Vier Terrassen oder Riesenplatten und ebenso viele Abstürze zählten wir. Ohne mein 40 m langes Seil hätten wir den Abstieg auf der West-nordwestseite wohl schwerlich forciren können.
Nebel umfing uns gleich unterhalb der Scharte so dicht, daß man kaum zwanzig Schritt weit sehen konnte. Derselbe traurige Nebel umgab uns, als wir, im Schutze des Ueberhangs eines mächtigen Felsblocks, bei unserer Quelle in Innerfergen aßen und tranken. Ganz dunkel war es geworden, obgleich es erst gegen halb 5 Uhr Nachmittags war.
Zwischen Monbiel und Klosters traf uns die Rache des Fergenhorn-geistes in Gestalt eines schweren Gewitters. Patschnaß kamen wir um 7 Uhr 30 Min. im Hotel Vereina an. Was hatte das auf sich? Der Fergenkegel war erstiegen!
Die erste Ersteigung des Großen Fergenhorns ( 2868 m ).
Schlechtes Wetter trat nach dem 18. Juli ein. Erst der 24. Juli brachte gutes und die Möglichkeit der Ausführung einer Ersteigung des Großen Fergenhorns.
Um 6 Uhr 20 Min. marschirten ich und Führer Guler vom Hotel Vereina in Klosters ab. Die schöne Najade in Innerfergen, am Fuße der Hörner, empfing uns an ihrer Schwelle so freundlich wie immer und spendete mit gütiger Freigebigkeit mir, der ich ihre Gabe dem Wein vorziehe, in reichlicher Fülle das köstliche Naß. Vier Stunden hatten wir bis hier herauf gebraucht. Es war 10 Uhr 20 Min. Wir beschlossen, den Weg über das Kleine Fergenhorn zu nehmen.
Nach dreiviertelstündiger Rast, um 11 Uhr 5 Min., setzten wir uns wieder in Bewegung. Die große Schutthalde, welche sich vom östlichen Fuße des letzten niedrigen Ausläufers der Hörner herabzieht, rechts lassend stiegen wir in der Richtung der Schlucht zwischen Fergenkegel und Groß-Fergenhorn aufwärts. Hierauf längs dem Fuße der Felswände, wie früher bei Gelegenheit der Besteigung des Kleinen Fergenhorns, nach rechts, uns dicht an dieselben haltend, um uns nicht der Gefahr des Steinschlags auszusetzen, die hier bei abgeschmolzenem Schnee drohend ward. Ein überhängender Absturz liefert die Geschosse.
Die Fergenhörner und ihre, erste Besteigung.
In der Schlucht zwischen dem Kleinen Fergenhorn und der östlichen, sogenannten Schornsteinspitze waren wir um 12 Uhr 10 Min. Unser nächstes Ziel, die Spitze des erstem, erreichten wir erst um 1 Uhr 15 Min., da wir längere Zeit hindurch eine Partie beobachteten, die den Groß-Litzner hinabzuklettern sich anschickte.
Der Uebergang vom Kleinen zum Großen Fergenhorn ist nicht so ganz harmloser Natur. Erst kommt eine, ungefähr 15 m lange, schmale, ziemlich geneigte Platte, dann ein hahnenkammartiger, kurzer Grat, hierauf ein kleiner Absturz. Etwas rechts nehmend standen wir um 1 Uhr 50 Min., nach 20 Minuten Kletterns, in dem Einschnitt zwischen Klein- und Groß-Fergenhorn.
Der Aufgang zum Großen Fergenhorn bietet keinerlei Schwierigkeiten. Auf dem kuppeiförmigen, theilweise mit Rasen bedeckten Gipfel standen wir um 2 Uhr 5 Min. Auf der Nordseite desselben ragen die Platten, unter einem Winkel von ungefähr 40 Grad, schichtweise empor. Die Aussicht war sehr lohnend.
Etwas unterhalb der Spitze, von einem kleinen Grat aus, übersieht man die Ostwand des Fergenkegels. Sie sieht sehr böse aus, ist aber doch ersteiglich. Am unpracticabelsten ist diejenige Steilwand oder Seite ( die nordnordwestliche ), an der wir, Führer Guler und ich, am 21. Juni unser Heil versucht hatten, womit nicht gesagt sein soll, daß Ersterer allein, ohne mich, nicht hinaufgekommen wäre.
Wir bauten einen kleinen Steinmann und legten meine Visitenkarte hinein.
Um 2 Uhr 15 Min. verließen wir den Gipfel in nördlicher Richtung. Ueber den besagten kleinen Grat hinüber gelangten wir nach ein paar Minuten Kletterns an einem Absturz, der so wenig einladend aussah, daß ich es vorzog, auf kleinem Umwege zum Einschnitt zwischen dem Großen und Kleinen Fergenhorn zurückzukehren, entweder um über den Kammgrat, die 15 m lange Platte und das Kleine Fergenhorn den Abstieg auf dem schon bekannten Wege auszuführen oder um einen neuen Abstieg auf der Südseite des Großen Fergenhorns zu versuchen.
Führer Guler ging recognoscirend bis an die Abstürze der Südseite vor. Zurückgekehrt, meinte er, es ginge nicht gut. Unterdessen hatte ich selbst Muße gehabt, mir unsere Situation zu vergegenwärtigen, und dem Gratkamm und Plattenübergang den Rücken kehrend, betraten wir zum dritten Mal die Kuppe des Groß-Fergenhorns, und über den kurzen Grat hinweggekommen, umkletterten und umgingen wir das Hinderniß unseres ersten Weiterkommens, den Absturz, ohne große Schwierigkeiten.
Die Phasen unseres Abstiegs in die Schlucht gegen das Kegel-Fergenhorn zu waren folgende: Ueber Schnee hinunter zu einem kleinen Couloir, dessen eine Seite so glatt wie eine Tischplatte war; längs einer niedrigen Wand, über welche Schmelzwasser herniederfloß, oberhalb eines A. v. Rydzewsky.
kleinen Absturzes, weiter; durch Schnee und längs dem Schnee an riesigen Platten hinunter, die zu einem gewaltigen Absturz, der links blieb, führten. Diese Platten rufen in mir immer das Gefühl des Gleitens oder Rutschens wach, selbst wenn ich sie nur sehe Zwei Mal kamen wir zu senkrecht aufragenden und so weit von der Wand abstehenden Felsblöcken oder Platten, daß man, zwischen Wand und Block hinunterkletternd, den letztern umgehen konnte. An einem kleinen Absturz angelangt, kletterte ich, mit dem Gesicht zur Wand, an ihm hinunter in eine couloirartige Depression hinab und gelangte schließlich auf einer Art Treppe auf den Schnee der Schlucht.
Jetzt hatten wir zwei Wege vor uns. Entweder konnten wir ein Stück der gegenüberstehenden Wand des Fergenkegels erklettern, um dann über die seine nordwestliche Wand begrenzende Terrasse an unserem Anstiegscouloir vom 18. Juli vorbei zur Rothen Furke oder durch die steile Schneeschlucht nach Nordost hinunter ins Schlappinthal zu gelangen. Wir entschieden uns für letzteres.
Von Guler, der mit verankertem Pickel oben in der Schlucht stehen blieb, am Seil gehalten, trat ich, die Hacken tief einbohrend, den bösen Gang über den ungemein steilen Schneehang ( 50 Grad Klinometer ) hinunter an. Es ging aber Alles wider Erwarten gut. Der Schnee ließ nichts zu wünschen übrig. Selbst die Befürchtung, daß der, wie wir von oben zu sehen glaubten, zwischen zwei Felsköpfen eingeengte, schmale, kanalartige Durchgang Vereisung bieten würde, erwies sich als unbegründet. Mehr unten, konnten wir ( sitzend ) prächtig abfahren. Ueber den Schnee weiter marschirend, an einer alten Moräne vorbei, kamen wir über einen Bach und standen um 5 Uhr 15 Min. auf der Sohle des Schlappinfhals, wo ich zur Erinnerung eine flüchtige Skizze der drei Fergenhörner zusammen und des Fergenkegels für sich allein aufnahm.
Nach fünf Minuten passirten wir die Alp Innersäß. Nachdem wir zwischen Inner- und Aeußersäß Halt gemacht und etwas genossen, ging es frohen Muthes weiter. Waren ja doch alle drei Fergenhörner jetzt erstiegen!
Um 7 Uhr hatten wir Dorf Schlappina hinter uns, und um 8 Uhr 25 Min. waren ich und Guler wieder zurück in Klosters.