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Anna Muser: Ich stehe in Bern vor der General Guisan Kaserne. In diesem Gebäude findet heute eine Art Nachbesprechung des Corona-Einsatzes der Armee statt. Der Chef der Armee trifft sich zusammen mit rund 60 Milizkommandanten und dem Korpskommandanten Aldo Schellenberg vom Kommando Operationen.
Heute geht es um die Aktions-Nachbereitung des Corona Einsatzes. Wird jeder Einsatz der Armee nachbesprochen, oder ist das heute eine besondere Aktion?
Thomas Süssli: Beides. Es wird jeder Einsatz nachbesprochen, auch im Kleinen. Ich wünsche mir, dass in Zukunft die Truppe mehr einbezogen wird. Das sind jene, welche den Einsatz wirklich erlebt haben. In diesem Fall ist es etwas Besonderes, wir machen es über die ganze Operation und für alle Kommandanten, die im Einsatz waren.
A: Eine Aussage, die du häufig machst, ist, dass die Armee und auch die Verwaltung eine adaptive Organisation werden müssen. Manchmal nennst du es auch eine lernende Organisation. Was meinst du damit?
T: Das ist eine Organisation, wo es möglich ist, sich in kleinen Schritten weiterzuentwickeln, wo es aber auch möglich ist, zurück zu gehen, wenn bemerkt wird, dass ein Schritt in die falsche Richtung gemacht wurde. Ich denke, das brauchen wir vor allem dann, wenn es neue Herausforderungen zu meistern gibt, wenn Dinge gemacht werden, die noch nie gemacht wurden. Ich denke jeder grössere Einsatz der Armee hat diese Eigenschaften. In der Verwaltung geht es vor allem um neue Technologien, Innovation oder Digitalisierung, die eine solche Kultur von uns fordern.
A: Auf einer Stufe von 1 bis 10, wenn 10 das Maximum ist, wie nahe sind wir mit der Armee an einer lernenden Organisation dran?
T: Bei der Armee haben wir eine 6 und bei der Verwaltung eine 4.
A: Warum ist die Verwaltung schlechter als die Armee?
T: Im Ursprung der Armee ist diese Kultur bereits verankert, dass Übungen und Einsätze nachbearbeitet werden. Das macht man insbesondere in der Luftwaffe, wo jeder Flug ausgewertet wird, es gibt es aber auch beim Kommando Spezialstreitkräfte, wo das bis auf Stufe Soldat gemacht wird. In der Verwaltung sind wir uns das weniger gewöhnt, weil wir vielleicht stärkere Prozesse haben und im Tagesgeschäft sind. Es passiert in der Verwaltung auch, aber nicht so oft. Darum gibt es eine vier.
A: Gibt es Indizien, die du heute im Verlauf des Tages zu beobachten hoffst, die für dich ein Hinweis darauf wären, dass sich die Armee dank oder während Corona mehr in Richtung einer lernenden Organisation entwickelt hat?
T: Ich erwarte, dass wir keine Schuldigen suchen, sondern dass wir vergleichen, was hätte passieren sollen und was tatsächlich passiert ist. Dann suchen wir die Gründe dafür und leiten daraus schonungslos und ehrlich die Massnahmen für die Zukunft ab. Wenn das passiert, dann haben wir diese Lernkultur.
A: Was fehlt der Armee und der Verwaltung noch, um da hin zu kommen?
T: Erstens müssen wir uns bewusst werden, dass wir uns auf Szenarien ausrichten müssen, die immer eine aussergewöhnliche Lage beschreiben. Wir müssen jede Gelegenheit nutzen, um zu lernen, wir müssen das konsequenter machen und was uns manchmal fehlt, wir müssen ehrlich sein. Manchmal geben wir uns zu schnell mit oberflächlichen Beurteilungen zufrieden. Und damit wir wirklich gut werden, müssen wir ehrlich sein.
A: Danke bereits jetzt für die Antworten! Ich warte nach der Besprechung wieder auf dich und will dann wissen, wie dein Tag war.
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A: Es ist nun vier Uhr am Nachmittag und ich sitze zusammen mit dem Chef der Armee im Auto, wir sind unterwegs zurück in sein Büro. Die Nachbesprechung vom Coronaeinsatz ist durch. Wie war es?
T: Es war ein intensiver Tag aber für die Kultur der Miliz ein grossartiges Ereignis.
A: Wie meinst du das mit der Kultur der Miliz?
T: Es ist einzigartig, dass wir nach einem Einsatz oder einer Übung so zusammenkommen und schonungslos aufzeigen, was geklappt hat, was nicht den Anforderungen entsprach und was in Zukunft anders sein soll. Es ist etwas, was ich mir wünsche, dass wir das auf allen Stufen weiterziehen können. Ich möchte das als Auslöser sehen für eine neue Lernkultur.
A: Du hast heute Morgen gesagt, dass du erwartest, dass ehrlich gesprochen wird. In dem Fall war es ehrlich genug?
T: Ja, es war ehrlich. Es wurden auch Dinge angesprochen gegenüber dem Kommandanten des Einsatzes und mir selber, die unangenehm sind, die aber wahr sind und wirklich schiefgelaufen sind. Das passierte in einer sachlichen und fairen Art und Weise.
A: Nun möchten wir wissen, was unangenehm war?
T: Es gab verschiedene Themen, die auf verschiedenen Stufen nicht gut funktioniert haben aus Sicht der Miliz. Zu Beginn, als sie einrückten, waren wir nicht bereit und die Strukturen waren nicht vorhanden. Das hat ganz viele Schnittstellenprobleme mit sich gebracht. Das war unangenehm für die Miliz, weil sie nicht alle Leute kennen in der Verwaltung. Dann hatten wir das Thema des Materials, wo die LBA einen guten Job gemacht hatte, wo aber Material fehlte oder zu spät war. Das ist unangenehm für einen Kommandanten, wenn er mit der Truppe im Dienst ist, aber nicht arbeiten und ausbilden kann. Einen weiteren Bereich, über den wir gesprochen haben, war das Personelle.
A: Was meinst du mit Personellem?
T: Die Thematik vom Aufbieten und informieren. Hier gab es Doppelspurigkeiten, einzelne haben in der gleichen Woche mehrere Briefe erhalten mit einem Marschbefehl. Auch hier müssen wir zurückgehen und die Lehren ziehen um besser zu werden.
A: Einiges wurde bereits während dem Einsatz verbessert. Was geschieht nun mit den Erkenntnissen von diesem Tag?
T: Korpskommandant Aldo Schellenberg hat sehr offen moderiert, hat bereits erste Erkenntnisse präsentiert und eine Pendenzenliste machen lassen. Diese Pendenzenliste wird nun an alle verschickt und zu einem späteren Zeitpunkt darüber berichtet, was daraus geworden ist. Ich denke, das ist enorm wichtig. Wir haben viel Zeit investiert heute, 60 Kommandanten sind für einen Tag im Dienst gewesen und sie haben ein Recht darauf zu sehen, was mit dieser Investition für die Zukunft gemacht wird.
A: Zum Schluss habt ihr noch ein Bild gemacht, alle Kommandanten zusammen mit Aldo Schellenberg, dem Chef vom Kommando Operationen und mit dir. Wer dieses Bild sehen möchte der findet das unter www.chefderarmee.ch. Du warst nun den ganzen Tag zusammen mit den Milizkommandanten. Wenn du zurück denkst an die Zeit, als du selber vielleicht noch in diesen Reihen gestanden wärst hinter dem damaligen Chef der Armee, was hat sich seit da verändert in Bezug auf die Lernkultur, wenn du an die Armee denkst?
T: Ich denke, die Armee hat sich in Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Armee sehr stark verändert. Die verbesserte Kaderausbildung ist heute spürbar. Wir haben auch im Einsatz gesehen, dass die Zugführer heute wieder mehr Erfahrung haben. Ich denke das ist ein Zeichen auf der oberen Stufe und ich hoffe, dass auf allen Stufen nun der Mut da ist, dass Erkenntnisse gewonnen werden können, dass die After Action Review gemacht wird und wir uns ständig verbessern können.
A: Letzte Frage: Musstest du heute einmal schmunzeln?
T: Ich musste mehrfach Schmunzeln. Es wurde ein amüsanter Euphemismus von einem Kommandanten von einem Bataillon verwendet. Er sagte, wegen Mangel an Desinfektionsmittel hätten sie die Übungen mit Wasser machen müssen und das sei bei der Truppe nicht gut angekommen
A: Das wär’s gewesen, danke sehr für das Gespräch und einen schönen Abend dir.
T: Sehr gerne, dir auch.