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WOZ: Frau El-Maawi, die Schweizer Schulen betonen Werte wie Diversität und Vielfalt. Was bringt Sie zur Überzeugung, dass Kinder in der Schule nach wie vor rassistisch diskriminiert werden?
Rahel El-Maawi: Die Schulen arbeiten mit Diversität, ja. Ein grosses Thema ist etwa die Inklusion von Schüler:innen mit Behinderung. Auch findet immer stärker eine Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlecht statt. Das Thema Rassismus aber wird nur marginal behandelt. Zwar wird gerne die religiöse und kulturelle Vielfalt betont, aber wir haben in der Schweiz keine aktiv antirassistische Kultur. Wir haben nicht gelernt, unsere rassistischen Vorurteile zu reflektieren. Was in Schulen stattdessen oft passiert, ist die Kulturalisierung von Schüler:innen. Wie der Soziologe Étienne Balibar sagt, ist Kulturalisierung der moderne Rassismus, bei dem man den Platzhalter «Rasse» einfach mit «Kultur» ersetzt. Wo man früher aus der rassentheoretischen Logik heraus mit «Rasse» argumentiert hat, argumentiert man heute mit Kultur – und macht gegenüber nichtschweizerisch gelesenen Kindern schnell starke Zuschreibungen.
Kann also auch das gut gemeinte Betonen von Diversität dazu führen, dass Kinder kulturalisiert werden?
Ja. Es gibt verschiedene Untersuchungen, die zeigen, dass die weisse Mehrheitsgesellschaft bei Schwarzen Kindern oder Kindern of Color weniger genau hinschaut, weil wir Schlüsse ziehen, aus dem, was wir als erstes sehen. Bei Kindern der Mehrheitsgesellschaft wird hingegen genau abgeklärt, was das individuelle Thema oder Problem ist. Eine Folge davon kann zum Beispiel sein, dass ein Schwarzes Kind bei einer schlechten Leistung in Deutsch nicht auf eine Lese- oder Rechtschreibschwäche hin abgeklärt wird. Anders als bei einem schweizerisch gelesenen Kind heisst es dann vielleicht einfach: Sie kann die Sprache schlecht. So ein Kind erhält dann auch keine gezielte Unterstützung, was sich auf seine gesamte Schullaufbahn auswirkt. Wie gravierend dieses Problem an unseren Schulen ist, müsste man untersuchen. Kürzlich habe ich mich mit einer Kollegin aus der Berufsschule ausgetauscht, die berichtete, sie unterrichte einige rassifizierte und migrantisierte Schüler:innen mit mutmasslich verschieden ausgeprägten Legasthenien. Sie alle sind nicht abgeklärt und erhalten keinen Nachteilsausgleich.
Mit der Rassismusexpertin Mandy Abou Shoak haben Sie die an Schweizer Schulen verwendeten Lehrmittel auf rassistische Stereotype untersucht. Was ist Ihr Fazit?
Entwürdigende Begriffe sind weitgehend gestrichen. Das wurde verändert, nicht aber die Bildsprache. Bei der Darstellung gibt es eine starke Hierarchisierung: Nichteuropäische Menschen werden oft in der Nähe von Tieren dargestellt. Sie sind oft relativ einfach gekleidet, haben einfache Berufe, während bei Darstellungen des europäischen Raums Businessleute im Anzug auftreten. Wenn es im Geschichtsunterricht um den Kolonialismus geht, ist immer sehr klar, wer der Europäer ist und dass die westlichen Nationen Wohlstand und Fortschritt gebracht haben, vor allem in den afrikanischen Raum. Die «Afrikaner:innen» werden wiederum als Zudiener:innen der Europäer:innen dargestellt. Das zeigt, dass die Machtasymmetrie, die mit dem Kolonialismus geschaffen und mit der Rassentheorie befeuert wurde, immer noch weitergetragen wird. Jedes dieser Bilder bedeutet für ein Kind of Color eine Herabwürdigung.
Mit dem Lehrplan 21 wurden die Ziele der Volksschule harmonisiert. Wie behandelt der Lehrplan das Thema Rassismus?
Er behandelt es nicht. Obwohl Rassismus gesellschaftlich so ein grosses Thema ist, gibt der Lehrplan 21 den Lehrpersonen keinen Auftrag, das explizit zu diskutieren. Da ist immer noch ein grosser Leerraum, deshalb wollen wir mit unserem Buch Lehrer:innen ermächtigten, aktiv mit dem Thema umzugehen.
Sie haben mit «No to Racism» ein Lehrmittel geschrieben, wenden sich also sehr direkt an Lehrpersonen. Braucht es nicht vielmehr Veränderungen auf struktureller Ebene?
Wir möchten mit dem Buch in erster Linie eine rassismuskritische Schulkultur fördern. Schulhäuser sollen sich auf institutioneller Ebene mit dem Thema auseinandersetzen und zum Beispiel eine Rassismusanlaufstelle schaffen. Wir fordern die Schulen auf, ihre aktuelle Praxis kritisch zu reflektieren und ihre Materialien, etwa Bücher und Spiele in der Schulbibliothek, auf rassistische Inhalte zu überprüfen. Und auch im Klassenzimmer sowie im Teamzimmer soll über Rassismus gesprochen und bei Rassismus interveniert werden. Aber natürlich bräuchte es auch darüber hinaus Reformen.
Welche?
In erster Linie brauchen wir eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe der Schweiz. Diese Aufarbeitung hat zwar begonnen, doch sie muss systematischer und von der gesamten Gesellschaft geleistet werden. Des Weiteren müssten Rassismus und Rassismusprävention fest im Lehrplan verankert und Teil der Lehrer:innenausbildung an jeder pädagogischen Hochschule werden. Meine dritte strukturelle Forderung halte ich für aktuell sehr dringlich: Es braucht endlich einen guten Diskriminierungsschutz. Dieser geht in vielen europäischen Ländern viel weiter als hier.
Viele Expert:innen weisen darauf hin, dass das Schweizer Dreistufenmodell und die frühe Selektion zu Chancenungleichheit führen.
Die Schweiz wird von Bildungsexpert:innen immer wieder gerügt, dass sie so früh selektioniert. Das zweite Problem sind verschiedene Formen von Bias – Voreingenommenheit und Vorurteile – bei den Empfehlungen für die weitere Schullaufbahn. Die deutsche Studie «Max und Murat» hat gezeigt, dass sich allein schon ein ausländischer Name auf die Notengebung auswirkt: Lehrpersonen wurden in der Studie Diktate der fiktiven Schüler «Max» und «Murat» mit genau gleich vielen Fehlern vorgelegt; «Max» wurde bis zu einer halben Note besser bewertet. Wir müssen ausprobieren, wie wir gerechtere Selektionsverfahren erreichen. An einigen Gymnasien laufen derzeit Versuche mit anonymisierten Aufnahmetests. Derzeit ist der Schulerfolg ans Elternhaus und an Migrationsfaktoren gebunden. Der Übertritt ans Gymnasium ist – und das gilt besonders im Kanton Zürich – fast nur über teure Förderstunden zu schaffen. Dabei sollten alle diese Förderung bekommen. Wir sollten aufgrund von Fähigkeiten und Interessen selektieren statt aufgrund von Zuschreibung und Portemonnaie. Es wäre unserer Gesellschaft würdig, wenn wir sagen könnten: Alle, die bei uns in die Schule gehen, haben dieselben Chancen, und unsere Lehrpersonen sind ausgebildet, um sie entsprechend zu begleiten.
Rahel El-Maawi, Mani Owzar, Tilo Baur: «No to Racism – Grundlagen für eine rassismuskritische Schulkultur». Hep Verlag. Bern 2022. 152 Seiten. 37 Franken.
Buchvernissage in: Zürich, Volkshaus, Donnerstag, 24. November 2022, 19 Uhr. Die Autor:innen diskutieren mit den Bildungs- und Rassismusexpertinnen Sonja Vukmirović, Eva Hug und Mandy Abou Shoak.