Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03549.jsonl.gz/2854

«Wir haben Zellextrakte von zwei verschiedenen Cyanobakterien-Stämmen der Gattung Microcystis aus Brasilien verwendet», sagt Mariana de Almeida Torres, Erstautorin der wissenschaftlichen Publikation und Stipendiatin des Eawag-Partnerschaftsprogramms für Entwicklungsländer (siehe Kasten). Ein Stamm wurde aus einem Naturreservat im Amazonas-Regenwald isoliert. Er stellt Microcystine her – im Unterschied zum anderen Stamm, der aus einer Kläranlage in Rio de Janeiro isoliert worden ist.
Ödeme im Herzbereich
Tatsächlich erwies sich der Microcystin-produzierende Stamm als doppelt so giftig. Ein halbes Mikrogramm extrahierte Biomasse von Cyanobakterien pro Milliliter genügte, um die Hälfte der Zebrafischlarven innerhalb eines Tages abzutöten. «Eine solche Konzentration findet man auch während einer Massenvermehrung von Cyanobakterien, sogenannten Blüten, vor», sagt Janssen. Obwohl der andere Stamm keinen der auf der WHO-Richtlinie aufgeführten Giftstoffe enthielt, waren aber auch diese Cyanobakterien giftig: Sie führten bei einer Konzentration von einem Mikrogramm Biomasse pro Milliliter zum Tod der Hälfte der Zebrafischlarven. Als die Forschenden die Extrakte in verschiedene chemische Fraktionen aufteilten, stellten sie fest, dass zahlreiche Substanzen ihren eigenen Beitrag zur Toxizität leisteten. Und dass sie oft nicht gleich zum Tod der Larven führten, deren Entwicklung aber stark beeinträchtigten, etwa durch Ödeme im Herzbereich.
Genau wie die Microcystine haben auch diese anderen Giftstoffklassen exotische Namen. Sie heissen Cyanopeptoline, Nostoginine, Microginine und Micropeptine – und gehören alle zum chemischen Universum aus Stoffwechselprodukten der Cyanobakterien, das die Wissenschaft erst allmählich erschliesst. «Bisher haben wir über 2400 Stoffe in einer öffentlich einsehbaren Datenbank zusammengetragen», sagt Janssen, die das sogenannte CyanoMetDB-Projekt koordiniert. «Und jedes Jahr kommen etwa 100 neue Einträge hinzu.»
Problematik gewinnt mit der Klimaerwärmung an Bedeutung
Doch wieso produzieren Cyanobakterien Giftstoffe? «Irgendwie müssen sie daraus einen Vorteil ziehen, denn die Herstellung dieser Substanzen kostet sie viel Energie», sagt Janssen. Allerdings ist die Natur dieses Vorteils noch nicht geklärt, auch wenn es viele Theorien gibt, etwa, dass die Winzlinge die Substanzen als Signalmoleküle nutzen und auf diese Weise chemisch miteinander kommunizieren, oder dass sie sich mit den Giftstoffen vor Fressfeinden schützen.
Auf jeden Fall dürfte das Thema in Zukunft an Bedeutung gewinnen: Aufgrund des wärmer werdenden Klimas ist auch in Schweizer Seen mit öfters auftretenden Cyanobakterien-Blüten zu rechnen. Deshalb ist es Janssen ein Anliegen, das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen. Ausserdem kommt für die Umweltchemikerin hinzu: «Im Vergleich mit Schadstoffen aus der Industrie sind die Giftstoffe aus Cyanobakterien schwieriger zu fassen. Denn es sind Stoffwechselprodukte von lebenden Organismen, sie häufen sich an, wenn diese sich vermehren, und wir können die Quelle nicht so einfach abstellen.»