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Letzteres gilt zwar ebenso gut vom Splügen, dem man ferner eine zentrale Lage im Gesamtgebäude der Alpen ebenfalls nicht absprechen kann. Dass der Gotthard dem Splügen und den Bündnerpässen überhaupt den Rang als Hauptverkehrsstrasse ablaufen konnte, liegt zum guten Teil in politischen Verhältnissen und Umständen begründet. Die dabei in erster Linie interessierte Schweiz musste natürlich dem Gotthard als dem für sie zentralsten Pass den Vorzug geben. Hätte die Schweiz ihr Zentrum statt am Vierwaldstättersee etwa am Walensee und Rhein gefunden, so wäre wohl auch dem Splügen oder Septimer die erste Rolle als Alpenübergang zugefallen.
Tatsachlich hatten denn auch zur Zeit der Römer und des frühern Mittelalters, als es auf der N.-Seite der mittleren Alpen noch keinen einheitlichen Staat von der Lage und dem Umfang der heutigen Schweiz gab, die Bündnerpässe vom St. Bernhardin bis zum Julier weit grössere Bedeutung als der Gotthard. Erst seit dem Aufblühen der habsburgischen Macht im mittleren Gebiet der jetzigen Schweiz und dann der schweizerischen Eidgenossenschaft gewann der St. Gotthard mehr und mehr an Bedeutung und lief allmählig den Konkurrenzpässen den Rang ab, obwohl in West und Ost von frühe an durch Zollerleichterungen, verbesserte Weganlagen, sicheres Geleite etc. grosse Anstrengungen gemacht wurden, um den Verkehr dem alles an sich ziehenden Gotthard gegenüber festzuhalten.
Mehrere dieser Konkurrenzpässe (Simplon, St. Bernhardin, Splügen) haben auch vor dem Gotthard ihre modernen Kunststrassen erhalten. Aber der Gotthard rückte sofort nach und behauptete sein Uebergewicht, das dann durch den Bahnbau vollends besiegelt, ja so zu sagen in eine Alleinherrschaft auf dem Gebiet des Grossverkehrs umgewandelt wurde. Erst jetzt rückt auch der Simplon wieder in die Linie, während Graubünden noch immer einer durchgehenden, grossangelegten Alpenbahn entbehrt. Aber auch wenn eine solche einmal da sein wird, wird die Gotthardlinie als zentrale Alpenbahn eine bevorzugte Stellung gegenüber ihren Schwestern im W. und O. behaupten.
In der Geschichte tritt der St. Gotthard erst spät auf. Seine Urgeschichte ist in Dunkel gehüllt. Die da und dort sich findende Angabe, als wäre er schon 398 überschritten worden und als hätten die im Jahr 569 von S. her über ihn kommenden Longobarden in der Schöllenenschlucht eine in Ketten hängende Brücke erbaut, die dann 1198 durch die Teufelsbrücke ersetzt worden sei, beruht auf missverstandenen oder falsch gedeuteten geschichtlichen Notizen. Auch einzelne im obern Tessinthal - bei Giornico, Lavorgo, Stalvedro und Madrano - gefundene römische Altertümer beweisen nichts für die Benützung des Gotthardpasses durch die Römer.
Die historische Kritik nimmt darum an, dass letztere den Pass nicht gekannt, jedenfalls aber nicht benutzt haben. Die erste sichere Nachricht von einer wirklichen Ueberschreitung des Gotthard stammt von dem Benediktiner Albert von Stade aus dem Bistum Bremen, der 1236 eine Reise nach Rom machte und den Rückweg über den Gotthard nahm, denn er nennt in seinem Bericht Bellitiona (Bellinzona), Biasca, Oreolo (Airolo), das Hospiz, Hospenthal und Luzern. Mit indirekten Gründen lässt sich aber beweisen, dass der Pass schon seit länger als einem Jahrzehnt vor 1236 benutzt worden ist.
Beim Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 scheint jedoch noch kein Weg nach Italien durch Uri und über den St. Gotthard geführt zu haben, da sonst damals Kaiser Friedrich II. die Vogtei in Uri schwerlich an die Habsburger vergeben hätte. 1231 aber machte Heinrich VII. diese Vogtei rückgängig und versprach den Urnerv, sie niemals wieder einem andern Herrn zu verleihen. Daraus geht hervor, dass Heinrich VII. die Bedeutung des St. Gotthardpasses bereits erkannt hatte und beabsichtigte, ihn in seine Hände zu bringen.
Auf den gleichen Zeitpunkt für das Vorhandensein und die Benutzung dieses Passes weisen ferner zwei im 13. Jahrhundert auftauchende Zollstätten hin, die nur auf den Gotthard bezogen werden können, nämlich 1228 in St. Amarin im Elsass und 1239 in Reiden bei Zofingen. Von St. Amarin führt der heute vernachlässigte Col de Bussang über die Vogesen nach Lothringen und in die Champagne. Die sö. Fortsetzung dieses Handelsweges aber weist notwendigerweise nach Basel und zum Gotthard, weshalb in der Errichtung eines Zolles in St. Amarin eine erste Wirkung der Eröffnung des Gotthardpasses zu spüren ist. Zu beachten bleibt ferner, dass den Aebten von Murbach, die diesen Zoll erhoben, damals auch Luzern gehörte, wo ebenfalls ein Zoll erhoben wurde.
Der Reidener Zoll gehörte der jüngern Laufenburger Linie der Habsburger und war der habsburgische Gotthardzoll, da er vom blossen Lokalverkehr zwischen Luzern und Aarburg seine Existenz nicht hätte fristen können. Die Eröffnung und Benutzung des Gotthardweges mag somit in die Zeit zwischen 1218 und 1225 fallen. Einmal in Betrieb gesetzt, gewann nun der Gotthard rasch an Bedeutung und war schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts zur Welthandelsstrasse geworden, was die Walliser- und Bündnerpässe sehr zu fühlen bekamen.
Das beweisen unter anderm die Zollbefreiungen, die der Bischof von Chur, um den Verkehr über den Septimer festzuhalten, 1278 an Luzern und 1291 an Zürich verlieh. Gleichwohl erscheint Luzern schon seit 1290 nicht mehr im Churer Zollrodel. Noch schlimmer erging es dem Col de Jougne im Jura, welcher Pass bisher von den über den Grossen St. Bernhard oder den Simplon kommenden italienischen Kaufleuten benutzt worden war, um die Messen der Champagne, wo sich die Geschäfte mit den Flamändern und Engländern abwickelten, zu besuchen.
Einen Konflikt zwischen der Franche Comté und dem französischen König und die daraus sich ergebende Unsicherheit der Jougneroute benutzte König Albrecht geschickt, um 1299 den Zoll von Jougne nach Luzern und damit den bisherigen Handelsverkehr über die Walliser- und Jurapässe an die Gotthardroute zu verlegen. So war der Gotthard mit seinen s. und n. Zugangsrouten der wichtigste Handelsweg von Mailand über die Alpen bis Brügge und London geworden. Die Habsburger bemühten sich überhaupt aufs Eifrigste, den Verkehr über den Gotthard möglichst zu fördern, da derselbe von Luzern bis an den Hauenstein durch ihr Gebiet ging und sie damals noch hoffen konnten, sich auch Uri einerseits und die östl. Jurapässe andererseits aneignen zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich freilich infolge des Aufblühens der Eidgenossenschaft nicht, welch' letztere nun der eigentliche Passstaat des St. ¶
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Gotthard wurde, besonders nachdem sie auch die tessinischen Thäler erworben hatte.
Anfänglich bestand der Pfad durch Uri und Tessin wohl nur aus einer Reihe von Gemeindewegen, die von den einzelnen Grundherrschaften nach und nach ausgebaut und verbessert wurden. Erst seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts wird ein einheitlicher Saumweg erwähnt. Diese alte, an vielen Stellen heute noch sichtbare Strasse zog sich - bald rechts und bald links der Reuss - von Altorf über Attinghausen, Erstfeld, Amstäg, Ried und Meitschlingen nach Göschenen, von wo sie in die wilde und für die Anschauungen der damaligen Zeit grausige Schlucht der Schöllenen (schellen, gellen; vom Brausen und Widerhall der tobenden Gewässer an den Felsen so genannt) eintrat.
Hier passierte sie die Teufelsbrücke und die «stiebende» Brücke, beide in unbekannter Zeit gebaut. Letztere, nach dem stäubenden Gischt der Reuss benannt, führte (vor der Sprengung des Urnerlochs im Jahr 1707) der Länge nach etwa 60 m weit durch den Felsschlund zwischen dem Kilchberg im O. und dem Teufelsberg im W., war flach und von Holz und durch Ketten an den Felsen befestigt. An ihrem obern Ende betrat man den sichern Thalboden von Urseren. Beide Brücken waren oft in misslichem Zustand und gefährlich zu begehen, die Teufelsbrücke z. B. nur 1,5-1,8 m breit u. ohne Geländer oder Seitenwände.
Nach der Sprengung des Urnerlochs 1707/1708 kam die «stiebende» Brücke rasch in Verfall, so dass zu der Zeit, als Goethe 1797 über den Gotthard reiste, nichts mehr von ihr vorhanden gewesen zu sein scheint, da dessen Briefe sie nicht erwähnen. Ausser dem Weg durch die Schöllenen führte wohl auch noch ein mühsamer Gebirgspfad von Göschenen über den Bäzberg nach Andermatt. Ueber Richtung u. Zustand des Weges über den eigentlichen Gotthard von Hospenthal bis Airolo fehlen Anhaltspunkte.
Aus dem obern Livinenthal führte der Weg rechts hinauf nach Prato u. Dalpe hoch oben über der Schlucht des Monte Piottino oder des Platifer, dann steil hinunter nach Faido und von da endlich dem Tessin entlang über Giornico nach Biasca und Bellinzona. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an wurde der alte Saumweg nach und nach verbessert, und um 1297 soll er auf eine Breite von 3 m mit Granit- und Gneisplatten belegt worden sein. Aber bei Intschi oberhalb Amstäg war eine so enge Stelle vorhanden, dass die Ballen für die Saumtiere schon in Flüelen nach einem bestimmten Profil gemessen werden mussten. 1480 wurden Strassen und Brücken durch ein Hochwasser stark beschädigt.
Ueber den harten und bösen Weg am Platifer (Monte Piottino) pflegte man viel zu klagen, so dass die Urner genötigt waren, einen Weg durch die Schlucht dem Wasser nach sprengen zu lassen, woran die interessierten Kaufleute einen besondern Zoll zu geben versprachen. Der Unterhalt der Strasse innerhalb der betreffenden Gemeindegrenzen war Sache der Thalgenossenschaften Uri, Urseren und Livinen. Bei grossen Verheerungen wurde aber auch eidgenössische Hilfe in Anspruch genommen, so im Jahr 1480. Bedeutende Verbesserungen des Gotthardweges fanden im 16. Jahrhundert statt, indem z. B. 1550 und 1569 nach grossen Hochwasserschäden bedeutende Neubauten an Strasse und Brücken, besonders wieder in der Platiferschlucht, vorgenommen und hier infolgedessen die Zölle erhöht werden mussten.
Von dieser Zeit an erhielt der Ort am obern Ende der Schlucht den Namen Dazio Grande (= grosser Zoll). In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die Gotthardstrasse derart hergestellt, dass die Pilger den Weg von Luzern nach Rom sogar in «Carotschen» zurücklegen konnten, so z. B. vom 26. April bis Freilich vermutet man, diese Vehikel seien zerlegbar gewesen und an den steilsten Stellen getragen worden. Die angeführte Reise in Wagen von 1574 hat also zwei Jahrhunderte früher stattgefunden als die berühmte Fahrt des englischen Mineralogen Greville am die lange als die erste Kutschenfahrt über den Gotthard gegolten und von Altorf bis Magadino am Langensee 7 Tage mit einem Kostenaufwand von 18 Karolin (etwa 450 Fr.) erfordert hat. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann man die Strasse mit «Rollsteinen» zu pflastern und bis auf 5 m Breite zu erweitern. Ein grosses Ereignis war dann die Oeffnung des 60 m langen Urnerlochs 1707/1708, die ein Baumeister Pietro Moretini aus Locarno um die Summe von 8149 Urner Gulden übernahm.
Die Gotthardstrasse konnte wegen ihrer Kürze ansehnliche Zölle ertragen. Die Zölle auf der N.-Seite des Passes gehörten anfänglich dem Deutschen Reiche, wurden für die Strecke von Hospenthal bis Reiden bei Zofingen vom Hause Habsburg in Luzern erhoben und schwankten in ihrem Jahresertrag von 460 bis 1108 Pfund Basler Währung. Die Stadt Luzern selber genoss Zollfreiheit vom Gotthard auf dem Landweg bis Reiden und auf der Reuss bis Windisch. Nach dem Eintritt Luzerns in den Bund der Eidgenossen wurde die Zollstätte von Luzern nach dem den Habsburgern verbliebenen Rotenburg verlegt, kam aber, nachdem die österreichischen Besitzungen den Eidgenossen zugefallen waren und diese die Zölle als Reichslehen erhalten hatten, 1415 wieder nach Luzern. Zwischenzölle erhob man auch in Flüelen und Göschenen.
Bei letzterem Ort befand sich ein Tor, das bei Nachtanbruch geschlossen und mit dem Tagesgrauen geöffnet wurde. Weitere Zollstätten bestanden für längere oder kürzere Zeit an der Baslerroute in Sempach, Sursee, Aarburg, Olten, am untern Hauenstein, in Liestal und Basel. Ausser dieser Hauptroute waren für den Gotthardverkehr noch wichtig die Strassen über Entlebuch, Bern und Neuenburg nach Frankreich, über Bremgarten und Brugg nach Waldshut, über Zug, Zürich und Winterthur an den Rhein und Bodensee (alle mit mancherlei Verzweigungen), dann die Schiffahrt auf Rhein, Aare, Reuss und Limmat.
Auf der S.-Seite des Passes waren es zunächst die Herren von Mailand, die für guten Zustand der Land- und Wasserstrassen sorgten und dafür Zölle erhoben, so in Biasca, Lugano, Como, Mailand und Arona. Von den s. Fortsetzungen des Gotthardweges war die wichtigste Strasse die über den Monte Cenere, Lugano und Como nach Mailand, während eine andere an den Langensee (Locarno oder Magadino) und eine dritte über den Monte Cenere und Ponte Tresa nach Varese führte, wo grosse Viehmärkte abgehalten wurden. Oft aber kam es zwischen den Eidgenossen und den s. Thälern zu Reibereien wegen Unsicherheit des Verkehrs, gegenseitigen Beraubungen, Pfändungen, Mord und Totschlag, Brandstiftungen etc., und immer wieder mussten Verhandlungen gepflogen und Verträge geschlossen werden zur Sicherung des Verkehrs und zur Erlangung von Vorteilen betr. Zollerleichterungen, Aufhebung von Handelssperren etc.
Der rege Verkehr machte schon frühe feste Verkehrseinrichtungen am Gotthard notwendig. Schon seit 1315 bestand zwischen Uri und Livinen ein Vertrag, laut welchem die Kaufleute gegen eine «Furleite» (Weggeld) durchsäumen durften, also die von Uri auch durch Livinen und umgekehrt. Nachdem der Verkehr über den Gotthard jährlich schon auf 16000 Menschen und 9000 Pferde gestiegen war, setzten 1363 Ammann und ¶