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Interviews

Interview mit dem Schweizer Straßenmeister Jonathan Fumeaux (Teil 3)
|08.09.2016|

Am vergangenen Samstag traf ich mich am späten Nachmittag zu einem ausführlichen Interview mit dem amtierenden Schweizer Meister Jonathan Fumeaux vom Schweizer Team IAM-Cycling.
Am 26.06. war ich selbst bei seinem größten Triumph, den er, knapp 25 km von seinem Wohnort Conthey entfernt, in Martigny feiern konnte, dabei. Bereits im Vorfeld des Rennens hatte ich mich mit ihm zu einem kurzen Interview getroffen.
Jetzt, gut zwei Monate später, trafen wir uns in einem Ortsteil von Conthey in einem Café, wo er in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt.
Wir sprachen über aktuelle Themen rund um seinen Sieg, die Suche nach einem neuen Team und die weitere Saisonplanung.
Jonathan gewährte mir aber auch sehr persönliche Einblicke in sein Leben als Radprofi, in seine persönlichen Vorlieben, Hobbys und sein persönliches Umfeld.
Ich fragte Jonathan Fumeaux auch nach seinem Rennprogramm für die letzte Phase der Saison. Zunächst wird er die beiden Rennen in Kanada, GP Québec und GP Montréal, bestreiten, in der Woche drauf dann in Belgien den GP de Wallonie. Danach wird er bei den Europameisterschaften in Plumelec an den Start gehen.
Außerdem steht noch das Rennen Il Lombardia am 01.10. für ihn auf dem Programm.
Angesprochen auf seine Nominierung für die Europameisterschaften Mitte September, zeigt er sich sehr stolz und sieht es als große Ehre, dieses Rennen für sein Heimatland bestreiten zu dürfen. Zuletzt hatte er das Nationaltrikot beim vorolympischen Rennen in Rio im letzten Jahr getragen.
Er glaubt, dass ihm der Parcours in Plumelec liegt, es sei ein Kurs für Klassiker-Spezialisten ähnlich dem des Rennens Bretagne Classic, das er vor knapp einer Woche bestritten hatte. Er unterscheide sich aber sehr von dem ursprünglich geplanten Kurs in Nizza (Absage wegen Sicherheitsbedenken – Anmerkung der Autorin), der eher den Kletterspezialisten gelegen hätte.
Zu seinem aktuellen Rennprogramm sagt er, dass er gerne die Vuelta a España bestritten hätte, aber sich mit der Situation, nun eher Eintagesrennen zu bestreiten, abfinden müsse. Obwohl er zwar lieber die Vuelta bestritten hätte, kommt er damit aber gut klar. Natürlich würde er gern einmal wieder eine Grand Tour bestreiten, am liebsten den Giro d'Italia.
Auf das Rennen Bretagne Classic am vorherigen Sonntag angesprochen, erzählte er mir, dass das Rennen nicht einfach gewesen sei. Viele Kurven, welliges Profil und zusätzlich Regenwetter hatten es sehr anspruchsvoll gemacht. Er selbst war in der Verfolgergruppe hinter der Spitze, in der Teamkollege Oliver Naesen vertreten war. Für ihn und das Team eine gute Situation, denn er musste in dieser Gruppe nicht arbeiten und hätte seinen Teamkollegen unterstützen können, wenn die Gruppe zur Spitze aufgeschlossen hätte. Dies war letztlich nicht der Fall, der Sieg ging dann aber an seinen belgischen Teamkollegen, der an diesem Tag einen sehr starken Eindruck gemacht hatte.
Gemeinsam blickten wir auch auf seine vier Jahre beim Team IAM-Cycling zurück. Ich wollte wissen, was sich für ihn in dieser Zeit verändert habe. So wirklich könne er das nicht sagen. Das Team sei von Jahr zu Jahr größer geworden, dadurch hätten sich zwangsläufig Veränderungen ergeben.
Er selbst sei in diesen vier Jahren immer mehr gereift, habe sich zu einer Persönlichkeit entwickelt und habe sich von Jahr zu Jahr stärker gefühlt.
Unvermeidlich auch die Fragen zum Team-Aus. Bereits bei der Teampräsentation im Dezember habe der Besitzer des Teams, Michel Thétaz, das Team darüber informiert, dass es 2017 nur dann weitergehen würde, wenn er einen Co-Sponsor findet. Als dies nicht der Fall war, wurden er und seine Kollegen von Michel Thétaz per E-Mail über das bevorstehende Team-Aus informiert, erzählt mir Jonathan. Er selbst findet es fair, so früh darüber informiert worden zu sein, so dass er sich rechtzeitig auf die neue Situation hatte einstellen und nach einem neuen Team Ausschau halten können.
Von den Gerüchten im Juni, man habe nun doch einen Co-Sponsor in Aussicht, hatte er gehört. Er empfand die Situation als schwierig, da man dann doch wieder ein wenig Hoffnung geschöpft hatte, dass es doch weitergehen könne.
Natürlich habe ich ihn auch auf die vielen Siege des Teams nach Bekanntgabe des Team-Aus angesprochen. Jonathan selbst sieht aber keinen Zusammenhang zwischen dem Ende des Teams und den Siegen. Man versucht immer, Rennen zu gewinnen und das Beste zu geben. Man bekommt die Chance, ein großes Rennen, wie eine Etappe bei einer Grand Tour, zu gewinnen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Das habe seiner Meinung nach nichts damit zu tun, dass sich das Team zum Ende des Jahres auflöst.
Zum Ende kamen wir noch auf ein sehr emotionales Thema zu sprechen. Ich fragte ihn nach den Gefahren seines Sports und den Todesfällen im Radsport. Jonathan hatte im Februar 2014 selbst einen Teamkollegen, Kristoff Goddaert, durch einen Trainingsunfall verloren. Er erzählt in ruhigen Worten von dem Belgier, mit dem er zwei Wochen vor dessen Tod noch bei einem Rennen das Zimmer geteilt hatte. Er berichtet mir, wie schockiert er und das Team damals waren, und erzählt von der harten Zeit danach.
Jonathan sieht klar die Gefahren seines Berufes. Die Gefahr zu verunglücken ist immer da und oft ist man als Radsportler nicht schuld an einem Unfall. Er sagt, viele Autofahrer hätten zu wenig Respekt vor Radsportlern. Die Gefahren auf der Straße, im Training, aber auch im Rennen sieht er als großes Problem. „Immer wenn Du trainieren gehst, riskierst Du Dein Leben!“ Mit diesen drastischen, aber auch klaren Worten beschreibt er die Gefahren in seinem Alltag als Radprofi.
Wir sprachen auch über die Todesfälle im Frühjahr. Mit dem Belgier Daan Myngheer, der beim Critérium International einen Herzstillstand erlitten hatte und in Folge dessen zwei Tage später verstorben war, war er im gleichen Rennen, hat während der Etappe davon aber nichts mitbekommen. Erst später habe er davon erfahren. Es sei für ihn aber sehr hart gewesen, auch als er vom Unfalltod des Belgiers Antoine Demotié beim Rennen Gent-Wevelgem erfahren habe.
Zuletzt stellte ich Jonathan noch einige Fragen der LiVE-Radsport-User. Die meisten Fragen der User wurden bereits im Gespräch beantwortet, hier noch einige spezielle Fragen:
Die Frage von Leon:
Mit welchen Fahrern im Team verstehst Du Dich am besten? Wer sind sonst Personen im Peloton, die Du sympathisch findest?
J.F.: Sébastien Reichenbach, er ist ein guter Freund.
Und noch drei Fragen vom User Ser_Jorah:
Wie siehst Du die Zukunft des Schweizer Radsports?
J.F.: Es ist nicht einfach, da mit Fabian Cancellara ein bekannter Fahrer aufhört, er war ein gutes Vorbild für die jungen Fahrer, aber es gibt viele Talente, z.B. Marc Hirschi, Stefan Küng und Kilian Frankiny.
Was sind deine Stärken?
J.F: Stärken: Hügelige Etappenrennen, kürzere Anstiege.
Glaubst Du, Du kannst einmal etwas Großes (Toursieg, Etappensieg bei Grand Tour) erreichen?
Darauf antwortete Jonathan Fumeaux, dass er hofft, dass ihm einmal ein solcher Sieg gelingen wird. Aber dass man auch immer an seine Ziele glauben muss, da man schließlich daraufhin trainiert, Rennen zu gewinnen.
Nach etwas mehr als einer Stunde und nachdem ich noch einige Fotos von ihm gemacht hatte, verabschiedete ich mich von Jonathan Fumeaux. Am 01.10. werde ich ihn beim Rennen Il Lombardia wiedertreffen und ihn dort erstmals live im Trikot des Schweizer Meisters erleben. Bis dahin wünsche ich ihm alles Gute und viel Erfolg bei den kommenden Rennen und bei der Suche nach einem neuen Team.
Ich bedanke mich auch im Namen aller Autorenkollegen, User und Leser bei Jonathan für das Interview und dass er sich die Zeit dafür genommen hat.
Mein Dank geht auch an das Medien-Team des Teams IAM-Cycling. Mein besonderer Dank geht an Thomas Winterberg, der mit viel Engagement mir zu diesem Interview-Termin verholfen hat!
Vielen Dank – Merci beaucoup!

|08.09.2016|
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