Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03628.jsonl.gz/755

„Ich bin eine weibliche Frau“, hört man zu Beginn von Eveline Stähelins Porträtfilm Heidi über eine Kunstmalerin in Düsseldorf eine weibliche Stimme sagen, und man sieht von hinten eine spazierende Frau in einem roten Samtkleid. Die Stimme erzählt weiter, daß viele sie als männlich einschätzen. Es bleibt nicht bei diesem einen Mal, daß die Porträtierte die Welt anders sieht, als es ihre Umgebung tut. Beim Betrachten von persönlichen Fotos stellt sie eine „schwarze“ und eine „rote Zeit“ fest, Phasen ihres Lebens, während denen Kleidung, Haare, Einrichtung und ihre gemalten Bilder von diesen Farben bestimmt waren. Die Deutung dieser Farben erfolgt jedoch nicht im traditionellen Sinn: Schwarz hat auch etwas Warmes, Rot etwas Beruhigendes. Umwertungen und unaufgelöste Widersprüche bestimmen die Lebenshaltung der Porträtierten. „Ich fahre seit acht Jahren Taxi, obwohl ich Autofahren nie mochte“, erzählt sie. Und eine weibliche Off-Stimme, die als diejenige der Filmemacherin interpretiert wird, fragt: „Heidi, hattest du einen Lieblingsplatz?“ - Die Figur hat ihren Namen erhalten.
Das Malerinnenporträt setzt sich aus experimentellen, dokumentarischen und inszenierten Teilen zusammen. Experimentiert wird auf der Erzählebene mittels Aufnahmen, die atmosphärische Bedeutung haben: die Zeitlupenaufnahme einer rennenden Frau wird überlagert von der Aufnahme einer roten Matratze, auf der eine Frau in weißen Decken liegt. Auf der Tonspur finden ein großer Teil der Erinnerung an früher und Erklärungsversuche der gegenwärtigen Lebensumstände statt: der Streit mit der Mutter, die Freundin in der Schweiz, die ersten Kußversuche, der Gedanke an Selbstmord, der mit acht Jahren zum ersten Mal auftaucht, in jener Zeit, als die Mutter das zweite Mal heiratet. Später das Heroin-Drücken und die damit verbundene Faszination, niemanden mehr nötig zu haben, völlig abgeschirmt von der Umwelt zu existieren.
Heidi stammt ursprünglich aus dem Tirol. In Erinnerung an ihre Kindheit inszeniert sie sich im Dirndlkleid vor der Projektion einer Bergkulisse. Kindheit, das bedeutet auch Sinnlichkeit und Glücksmomente. Gegen Ende des Films zeigt Heidi ihre beiden Lieblingsbilder, eines davon ist ihre persönliche Version der österreichischen Fahne.
Der Film gewichtet die künstlerische Arbeit, die Selbstreflexion und unspektakuläre Alltäglichkeiten etwa gleich. Heidi ist ein behutsames Porträt einer Künstlerin und in einem weiteren Sinn ein Essay zum Thema Heimat. Heimat zum einen als Erinnerung an das Land, wo frau ihre Kindheit verbrachte, zum andern als Suche nach einer selbstbestimmten (Künstlerinnen-)Existenz jenseits von Sicherheits- und Traditionsdenken in einer nicht ganz fremden und nicht ganz vertraut gewordenen Stadt in Deutschland.