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Es gibt sogar in unserem egoistischen Zeitalter noch Mäzene, Leute also, die, selber oftmals ohne künstlerische Befähigung, dafür aber umso mehr mit Geschmack und weltlichem Gut ausgestattet, Kunstschaffende finanziell unterstützen, um wenigstens auf diese Weise ein wenig teilzuhaben an der geheimnisvollen Welt, wo Unfassliches von schweigsamen Inspirierten, immer dicht am Abgrund der Umnachtung balancierend, in hartem geistigem Ringen gefasst, geformt und wieder in die Unfasslichkeit entlassen wird.
Ein solcher Mäzen hat seine Zelte nun auch in unserer Stadt aufgeschlagen. Kunstförderer zu sein bedeutet im Wesentlichen, regelmässig Kunst zu kaufen, was zur Folge hat, dass der Käufer mit der Zeit Besitzer einer umfangreichen Kunstsammlung ist – wie der Gönner in unserer Stadt. Seine Sammlung sei nicht nur gross, sondern auch überaus sehenswert, sagte man mir. Ein Besuch lohne sich unbedingt, und der Mäzen sei gerne bereit, interessierte Besucher an seinem stillen Glück teilhaben zu lassen.
Ich rief ich an, wir vereinbarten einen Termin. Er empfing mich in verwaschenen Jeans und Hirtenhemd, ein eher kleiner, filigraner Mann mit ergrauendem Haar und einem Gesicht, das wirkte, als wäre es transparent. Die Altstadtwohnung, in die einzutreten er mich mit einem feierlichen «Bitte» und einer Handbewegung einlud, war aufwendig renoviert, umgebaut und zu einem privaten Kunstmuseum umfunktioniert worden. Die Wände erstrahlten in reinem Weiss, der Boden bestand aus grossen Platten aus Waschbeton.
Noch waren die Spuren der Bauarbeiten nicht restlos beseitigt; in einer Ecke häufte sich Bauschutt, und in einer anderen Ecke stand ein mit Erde gefüllter grosser Blumentopf, in den ein Witzbold von Elektromonteur eine Glühbirne gesteckt hatte.
«Das ist gesamtschweizerisch wohl die einzige Innenraum-Skulptur von Gogo Marzipan», erklärte der Mäzen ehrfürchtig. «Wo?», fragte ich naiv. «Dort», sagte der Mäzen leicht erstaunt und wies auf das Häufchen Bauschutt. «Oh, wow», sagte ich. Und improvisierte: «Spannend. Sehr unmittelbar. Optimale Ökonomie, maximale Wirkung.»
Der Sammler schwieg. Verzückt weidete er sein Auge an den Beton- und Ziegeltrümmern, reglos wie ein sich sonnendes Reptil. Langsam, um den Tempel nicht zu entweihen, ging ich ein paar Schritte auf die in der Blumenerde steckende Glühbirne zu, ahnend, dass es sich auch hier um ein Kunstwerk handle. Ich ahnte richtig.
«‹Lumen›», sagte der Mäzen. «Das ist ein früher Schafskopf. Ich war damals einer der ersten, die von ihm ein Objekt erstanden haben. Dort sind zwei weitere.» Und er wies auf einen Blumentopf, in dem ein bis zur Mitte gespaltenes Holzstück steckte, und auf einen Blumentopf, in dem nichts steckte. Der Topf mit Holz hiess «Fulmen», der leere Topf «Volumen».
Nachdem ich diese Meisterstreiche, die den Künstler ein paar Joints, eine Viertelstunde Arbeit und den Sammler wahrscheinlich eine hübsche Stange Geld gekostet hatten, gebührend bewundert hatte, schritt ich gemessen weiter und blieb vor einer Wand stehen, die reihenweise mit lauter kleinformatigen Bildern behängt war. Jedes dieser Bildchen bestand aus einem weissen Blatt Papier und einem in zittriger Schrift aufgemalten Grossbuchstaben. Zusammen ergaben die Bilder das Alphabet – zumindest beinahe. Das A fehlte.
«Das ‹Betabet› von Anna Essigsauer», raunte der Mäzen. «Ich habe im Keller noch eine zweite Serie mit Kleinbuchstaben.» Weiter zeigte er mir einen in ein Stück Jute eingezogenen roten Faden («Der rote Faden, wo wo wo» von Martin Filzlaus), drei übereinandergeschichtete glatt polierte Steinplatten («Uferlos» von Lore Po), ein Ährenbündel, worin eine Kerze steckte («Requiem» von Johann Rhapsodinsky) und künstlerisch vor sich hinfaulendes Gemüse in einem Zylinderhut («Melodisch-unmodische Melancholie» von Klaus Sankt Nikolaus).
Auf eine etwa handtellergrosse Stelle in der Wand, die bräunliche Dellen und Striemen zeigte, als hätte hier ein Möbelpacker nicht achtgegeben, deutete der Sammler mit besonderem Nachdruck. «Ein Herkules», sagte er. «Diese Expression hat er spontan an der Eröffnungsfeier geschaffen. Er hat dazu einen seiner Cowboystiefel benutzt.» «Gewaltig», heuchelte ich. «Ja, Sie sagen es – gewaltig», murmelte mein Gastgeber. Es tönte wie ein Glaubensbekenntnis.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Auch ich war ein Künstler. Ich hatte es bisher nur nicht gewusst. Mit dieser Erkenntnis galt es unverzüglich etwas anzustellen. «Ich kenne Herkules», schwindelte ich spontan. «Ich habe früher einmal an einem seiner Workshops teilgenommen.» «Ach ja?», horchte der Mäzen auf. «Dann sind Sie also auch Kunstschaffender?» «Ich arbeite daran», antwortete ich bescheiden. Er: «Zeigen Sie mir doch bei Gelegenheit einmal etwas, es würde mich freuen.» Ich: «Doch, gerne, wird gemacht.»
Zu Hause nahm ich ein weisses Papier und ein etwas kleineres schwarzes Papier, schnitt in das schwarze Papier ein rundes Loch, hauchte einen innigen Seufzer hindurch, klebte das schwarze Papier auf das weisse, versah das Werk mit dem Titel «Unter der Seufzerbrücke», signierte es und legte es in eine Kartonmappe.
Nach zwei Wochen ging ich zum Mäzen, um sein Urteil einzuholen. Es konnte meiner Meinung nach nur anerkennend ausfallen. Der Mäzen besah sich mein Werk. «Nun… ja…», sagte er. «Ja?», fragte ich zurück. Er hüstelte fein. «Ich meine… Da ist ein Ansatz zu sehen. Aber mehr nicht. Ein Ansatz, verstehen Sie? Ein Ansatz freilich, der… Darf ich ehrlich sein?» «Ich bitte darum.»
«Nun, was Sie mir da zeigen, berechtigt leider nicht zu den allergrössten Hoffnungen. Es fehlt… Wie soll ich sagen… Es mangelt an allem ein bisschen. Wo bleibt das Feuer? Wo die Inspiration, wo die Kühnheit? Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Versuchen Sie sich nicht weiter auf einem Gebiet, auf dem Sie es offensichtlich nie zur Meisterschaft bringen werden. Ihnen fehlt – und jetzt bin ich ganz ehrlich, ganz direkt, ganz brutal – Ihnen fehlt leider das Talent.»
«Aber bitte sehr – Ich habe da hindurchgeseufzt», verteidigte ich mein Werk. «Das ändert an meiner Einschätzung nichts», sagte der Mäzen. «Wie soll ich denn merken, dass Sie da hindurchgeseufzt haben?»
Ich steckte meinen Seufzer wieder in die Mappe und ging. Auf dem Heimweg zerbrach ich mir den Kopf darüber, warum mein Kunstwerk unverstanden geblieben war. Ich weiss es bis heute nicht.
(Diese Erzählung stammt aus meinem Ebook «Unter der Seufzerbrücke». Die sommerlich beschwingte, als Ferienlektüre zu empfehlende Geschichtensammlung ist erhältlich in jedem Onlineshop.)