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In Rom erfunden, in Bregenz perfektioniert, in Solothurn gebaut
Eigentlich begann diese Geschichte gar nicht in Rom, sie begann vielmehr in Wittenberg, der Residenzstadt der sächsischen Kurfürsten. An deren Schlosskirche soll Martin Luther 1517 seine 95 Thesen zur Reformierung der Kirche geschlagen haben.
Während der Thesenanschlag selbst bis heute fraglich ist, haben sich Luthers Thesen rasch verbreitet. Die Konsequenzen sind nicht zu bestreiten. Die Reformation der Kirche, die Abspaltung der lutherisch-protestantischen Kirche und der damit verbundene Zerfall der katholischen Einheit sollte im Konzil von Trient verhindert werden. Es tagte von 1545 bis 1563 in der Stadt im heutigen Südtirol und rief nach erfolglosen Abwehrversuchen der Reformation selbst die Gegenreformation aus. Diese sollte zusammen mit weltlichen Herrschern die Vormachtstellung der katholischen Kirche sichern. Die Habsburgerkaiser waren dabei die zentralen Helfer. Auf religiös-institutioneller Ebene waren die Mitglieder des noch jungen Ordens der Gesellschaft Jesu oder, wie man ihn gewöhnlich nennt, der Jesuitenorden. Der Orden wurde erst 1540 gegründet und bietet einige Eigenwilligkeiten, die gerade für die Gegenreformation von grossem Interesse waren. Die Jesuiten beten, im Gegensatz zu allen anderen Orden, kein gemeinsames Chorgebet, leben nicht in Klausur und tragen keinen Habit. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola setzte dabei einen Schwerpunkt auf die eigene Beziehung zu Jesus, die Mission und die Bildung der Laien. Während der Gegenreformation gründeten die Jesuiten Ordenshäuser in den Regionen, die besonders von der Reformation bedroht waren; wo dies nicht erlaubt wurde, gründeten sie sozusagen in Vertretung ein Ordenshaus in Rom und reisten illegal ein. Dass die Jesuiten keine Ordenstracht tragen, war dabei natürlich besonders praktisch. Vor allem die Gründung von Schulen, die bereits Ignatius von Loyola anstrebte, machte die Jesuiten für die Gegenreformation von Bedeutung. Über die Bildung konnten den jungen Menschen katholische Überzeugungen mitgegeben werden.
Dieser junge Orden brauchte auch ein neues Mutterhaus. Dieses wurde in Rom gebaut. Il Gesù sollte das ausstrahlende Zentrum des neuen Ordens werden. Die Kirche wurde von Giacomo Barozzi da Vignola und Giacomo della Porta errichtet. Es entstand ein vollkommen neuer Kirchentypus, der den römischen Barock nachhaltig prägen sollte. Lesen Sie hierzu auch unseren Reisebericht zum Römischen Barock. Die wichtigste Neuerung fand sich im Innenraum. Hier plante Vignola eine Wandpfeilerbasilika, bei der die tragenden Pfeiler nach innen gezogen werden, wodurch das Langhaus mit einem massiven Tonnengewölbe überspannt werden konnte. Dieses lastete auf den Pfeilern, welche mit einer Pilasterordnung geschmückt wurde. Hinter diesen Pfeilern lagen die eigentlichen Seitenschiffe, die aber unterteilt und so zu einzelnen Seitenkapellen verkleinert wurden, die mit halbrunden Arkadenbögen zum Mittelschiff verbunden wurden. Nichts störte so den überwältigenden Einheitsraum des Langhauses, in welchem Malerei, Stuckatur und Skulptur eine künstlerische Einheit eingeht. Das Langhaus wird von einem kurzen Querhaus gekreuzt, an dessen Kreuzungspunkt einer hohen Kuppel das Kirchengebäude auszeichnet und zum Hochaltar überführt.
Das System überzeugte, die neue Kirche wurde bewundert und als Ausweis jesuitischer Theologie verstanden. Aus diesem Grund überrascht es auch nicht, dass die zweite Kirche der Jesuiten in Rom, Sant'Ignazio, benannt nacht dem Ordensgründer, das gleiche Schema aufnimmt. Während man sich in Sant'Ignazio bei der Wanddekoration im Vergleich zu Il Gesù zurücknahm, übertrifft die Malerei des Deckengewölbes alles Dagewesene. Der Maler Andrea Pozzo sprengt mit seinem Pinsel das Tonnengewölbe auf und lässt uns einen Blick in den Himmel wagen.
Im Norden verlief die Geschichte ein wenig anders. Dort brach mit dem Dreißigjährigen Krieg, gemessen an den Opfern im Verhältnis zur Bevölkerung, die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung Europas aller Zeiten aus. Von 1618-1648 starben 3 bis 9 Millionen Menschen und dies bei einer Gesamtbevölkerung Europas von geschätzt 20 Millionen. Ganze Landstriche blieben verwüstet und entvölkert zurück. Vor allem die deutschsprachigen Gebiete wurden durch den Dreißigjährigen Krieg an den Rand des Zusammenbruches und oft genug, darüber hinaus gebracht. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 ging es an den Wiederaufbau. Vorarlberg konnte sich dabei als Region positionieren, welche wenig unter dem Krieg gelitten hatte. Zwar wurde auch diese Region von den Schweden geplündert, doch marschierten die Truppen unter Leitung des schwedischen Oberbefehlshabers Carl Gustaf Wrangel erst am 4. Januar 1647 in Bregenz ein. Dadurch wurde die Region zwar aller wertvollen Güter beraubt, aber es kam nicht zu sukzessiven Tötungen, Hungersnöten und Seuchen. Aus diesen Gründen konnte Vorarlberg vom europäischen Wiederaufbau profitieren. Vorarlberger Baumeister wurden in die deutschsprachigen Gebiete geschickt, wo sie Kirchen, Klöster und Paläste wieder aufbauten. In der Barockzeit wurden von Vorarlbergern über 1000 Bau- und Stuckaturaufträge ausgeführt. Dabei mussten sie sich natürlich an barocken Stillformen orientieren. Der Blick ging vor allem im Bereich des Sakralbaus nach Italien und dort zu dem Orden, der wie kein anderer beim Wiederaufbau mithalf: die Jesuiten. Die Inspiration von Il Gesù und Sant'Iganzio lässt sich nicht abstreiten, wenn man sich die Arbeiten dieser Vorarlberger anschaut.
In die Kunstgeschichte ging dieser Kirchenbautypus als das sogenannte 'Vorarlberger Münsterschema' ein. Dieser Kirchenbautypus besteht aus tonnengewölbten Wandpfeilerhallen mit stark verkürztem Querhaus, aber ohne Kuppel, wie man sie in Rom sehen würde. Die mehr oder weniger in den Kirchenraum vorspringenden Wandpfeiler gliederten die Langhaus-flanken in Seitenkapellen. Oftmals ist die Wandpfeilerstruktur durch hoch gelegene, umlaufende Emporen ver-bunden. Das Äußere dieser Kirchenbauten ist eher streng gegliedert und die Hauptfassade meist als Doppelturmfassade ausgebildet.
Die Vorarlberger übernahmen damit ein Bauschema aus Rom, machten es für Kloster und Kirchen nördlich der Alpen nutzbar und passten es den dortigen Bedürfnissen an. Wie gut dies gelang zeigt ein interessantes Phänomen. Das Kompliment, das die Vorarlberger den Jesuiten mit der Übernahme des Schemas machten, gaben diese den Vorarlbergern zurück, indem die jesuitischen Baumeister, die meist selbst Mitglieder des Ordens waren, das Vorarlberger Münsterschema für die Jesuitenkirchen nördlich der Alpen übernahmen. Dabei passten sie wiederum die Innenausgestaltung ihren Bedürfnissen an, was sich hauptsächlich in einer Steigerung der Stuckarbeiten zeigte.
Die Jesuitenkirchen in Luzern und Solothurn sind perfekte Beispiele für dieses künstlerische Ping-Pong und stehen damit ganz am Ende einer Geschichte der Inspiration und Re-Inspiration.
Übrigens, die Fassade der Jesuitenkirche in Solothurn folgt nicht dem Vorarlberger Münsterschema sondern zeigt wieder den römischen Barocktypus. Dabei ist das Vorbild aber nicht etwa Il Gesù, sondern die Kirche San Luigi dei Francesi, die französische Nationalkirche in Rom. Das wundert auch nicht, war die französische Krone doch der Hauptfinanzgeber der Jesuitenkirche in Solothurn. Manchmal entscheidet auch einfach das Geld über die Ausführung eines Gebäudes.
Jesuitenkirche in Solothurn (links) und San Luigi dei Francesi (rechts)