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Im Katalog von «Hat Hut Records» finden sich die Namen herausragender Avantgarde-Jazz-Musiker wie Joe McPhee, Anthony Braxton, Cecil Taylor, Steve Lacy, Paul Bley, David Liebman, David Murray, Mal Waldron, John Zorn, Sun Ra, das Vienna Art Orchestra oder Mike Westbrook. Im Verlauf der Zeit erweiterte Werner X. Uehlinger sein musikalisches Spektrum und schuf Ende der 1980er-Jahre das «Hat Hut»-Sublabel «hat[now]ART» für avantgardistische E-Musik. Dort finden sich Alben von führenden Exponenten der zeitgenössischen Klassik wie John Cage, David Tudor, Morton Feldmann, Earle Brown, Eberhard Blum, Giacinto Scelsi, Marianne Schroeder, Karlheinz Stockhausen, Christian Wolff und dem Basler Schlagzeuger Fritz Hauser.
Gegen 500 Produktionen hat Werner X. Uehlinger in den letzten 40 Jahren auf «Hat Hut Records» veröffentlicht, und jährlich werden es zwischen zwölf und 16 mehr, denn er ist bestrebt, die musikalischen Nischen, die er mit «Hat Hut Records» besetzt, laufend zu ergänzen. So sind die Aufnahmen eines Solokonzerts des Jazzmusikers Anthony Braxton, das 1984 in Bern entstanden ist, in Vorbereitung. Die «European Radio Studio Recordings» des Albert Ayler Quartet mit Don Cherry von 1964 wurden in bisher bester Soundqualität wieder aufgelegt. Neu herausgebracht wurde eine Aufnahme vom Jazz Festival Willisau 2015 mit dem Ellery Eskelin Trio. Als besonderer Leckerbissen ist zudem kürzlich auf Vinyl eine Reedition eines Willisau-Konzerts von Sun Ra mit dem Titel «Sunrise In Different Dimensions» aus dem Jahr 1980 erschienen. Im Bereich zeitgenössische Musik sind dieses Jahr unter dem «Hat Hut»-Sublabel «hat[now]ART» Neuinterpretation von Morton Feldmans «Three Voices» für Stimme durch Juliet Fraser oder Kontrabass-Werke von James Tenney durch Dario Calderone veröffentlicht worden.
Im Gespräch mit dem «Geschäftsführer» schildert Werner X. Uehlinger, der 1999 mit dem Basler Kulturpreis ausgezeichnet worden ist, unter anderem, wie er dazu gekommen ist, eines der weltweit wichtigsten Labels für Avantgarde-Jazz und -Klassik aus der Taufe zu heben und vor allem, wie er es geschafft hat, diesen Status bis heute zu halten.
«Geschäftsführer»: Hätten Sie vor 40 Jahren jemals gedacht, dass «Hat Hut Records» eines der weltweit wichtigsten Labels für avantgardistischen Jazz – und später auch für zeitgenössische Musik – wird?
Werner X. Uehlinger: (lacht) Ich hätte damals nicht einmal daran gedacht, jemals Plattenproduzent zu werden und bin eigentlich mehr durch Zufall ins Geschäft geraten. Ich arbeitete damals in der Marketingabteilung des Pharmakonzerns Sandoz, und in meiner Freizeit war ich ein begeisterter Jazz-Fan. Vor allem faszinierte mich so in den 1970er-Jahren die unbändige Kraft und Intensität der Improvisationen im Free Jazz. Diese Musik musste man auch im Kontext des politischen Wandels der damaligen Zeit, des Vietnam-Krieges oder der Rassenproblematik verstehen. Anlässlich einer Geschäftsreise in die USA lernte ich den Saxofonisten und Trompeter Joe McPhee persönlich kennen. Er spielte mir Demobänder vor und beklagte sich, dass keine Firma seine radikale Improvisationsmusik veröffentlichen wolle, was natürlich vom kommerziellen Standpunkt aus nicht ganz unverständlich war. Ich fand es jedoch wichtig, dass man seine Musik einem grösseren Publikum zugänglich machen sollte und gründete – ohne genau zu wissen, auf was ich mich da einliess, und ohne entsprechendes Wissen – 1975 «Hat Hut Records», um «Black Magic Man» von Joe McPhee zu veröffentlichen.
Und allein diese Aufnahme sorgte dafür, dass «Hat Hut Records» keine Eintagsfliege wurde?
Offensichtlich, denn «Black Magic Man» stiess in den entsprechenden Kreisen auf grosse Aufmerksamkeit. Und durch die Kontakte von Joe McPhee erhielt ich die Möglichkeit, Aufnahmen von Musikern wie Cecil Taylor, Anthony Braxton oder Steve Lacy auf «Hat Hut Records» zu veröffentlichen. Dadurch gewann das Label schnell an Reputation, und unsere Platten waren in den Charts der amerikanischen Presse – und damit auch bald in Europa – präsent. «Hat Hut Records» stand bald für sorgfältig editierte Musik aussergewöhnlicher Künstler, die gut dokumentiert mit grafisch ansprechenden Covers veröffentlicht wurde.
Wann und weshalb fiel der Entscheid, neben Jazz auch avantgardistische E-Musik zu veröffentlichen?
Nachdem ich «Hat Hut Records» zehn Jahre neben meinem Beruf betrieben hatte, entschloss ich mich 1985, auch beruflich voll auf das Label zu setzen. Etwa zur selben Zeit begann ich auch, zeitgenössische Klassik ins Programm zu nehmen. Ausschlaggebend dafür waren viele Jazzmusiker, die mit mir immer wieder über die Faszination dieser Musik und ihren Einfluss auf das eigene Schaffen sprachen. Ebenso entscheidend für mich aber war, dass ich die Basler Pianistin Marianne Schroeder kennenlernte. Ich erinnere mich noch an ein Konzert im Museum für Gegenwartskunst. Als Persönlichkeit und grenzüberschreitende Künstlerin hat sie mich sehr inspiriert. Irgendwann ist sie mit dem Jazzmusiker Anthony Braxton, der sehr vom Komponisten Karlheinz Stockhausen begeistert war, zusammengekommen. Daraus ist dann auch eine gemeinsame Doppel-LP mit Musik von Anthony Braxton und Karlheinz Stockhausen entstanden. Ein wichtiger Weggefährte war zudem der deutsche Flötist Eberhard Blum, der wichtige Kompositionen von Morton Feldman, John Cage und der New York School für mich einspielte. So fand immer mehr interessante Avantgarde-Musik Eingang in den «Hat Hut»-Katalog.
Die Musik von «Hat Hut Records» kann man nicht unbedingt als mehrheitstauglich bezeichnen. Wie sieht denn die wirtschaftliche Seite aus?
Nicht einfach. Ich bin ein Überzeugungstäter und ich wollte nie etwas anderes, als mit dem Label eine musikalische Nische besetzen. Kommerzielle Kompromisse kamen für mich nie infrage. Die Musik von «Hat Hut Records» wird nur von einer speziellen, relativ kleinen Käuferschaft gehört und erworben. Dementsprechend war ich auch immer auf die Zusammenarbeit mit deutschen Radiostationen und die Unterstützung von Mäzenen, Stiftungen und Sponsoren angewiesen. Von 1985 bis 2002 kam ich zudem in den Genuss von Kultursponsoring durch den Schweizerischen Bankverein beziehungsweise dann der UBS. Nachdem dieses Sponsoring ausgelaufen war, musste ich mich einschränken. 1988 entwickelte ich ein neues Verpackungskonzept nur aus Karton – nicht umsonst hatte ich mich bei Sandoz jahrelang mit dem Thema Verpackung befasst! Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wurden in der Folge nicht einfacher. Der CD-Markt brach weltweit markant ein, und ich verkaufe heute weniger CDs als vor 20 Jahren. Ein weiterer Punkt ist der starke Schweizer Franken, denn ich produziere die CDs und LPs in der Schweiz. Auch das Mastering findet in einem Schweizer Studio statt, und die Kartonverpackungen werden hier in Birsfelden gedruckt. Demgegenüber fallen 95 Prozent des Absatzes im Ausland an, was die Marge stark drückt. Erstmals muss ich mir deshalb die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, alles im Ausland zu produzieren. Schlussendlich halten mich diese Rahmenbedingungen nicht davon ab, die Musik, die mich so sehr fasziniert, weiterhin unter die Leute zu bringen. Und dank der Unterstützung vieler Freunde, Weggefährten, Mäzenen und Co-Produzenten wird das hoffentlich noch lange der Fall sein!