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Zwei Jahrhunderte, zwei Komponisten, zwei Cello-Sonaten
Zwei Jahrhunderte, zwei Komponisten, zwei Cello-Sonaten – und ihr Bezug zu einander. Auf der einen Seite Ludwig van Beethovens op. 102/1. Er begibt sich darin auf die Suche nach neuen musikalischen Formen; befragt die alte Form der Sonate, verändert und bringt sie in die Zukunft. Auf der anderen Seite Dmitri Schostakowitsch, der in seiner Kompositionsweise die Verbindung zu alten Traditionen sucht. Und dies vor allem in der Epoche der Klassik-Romantik – er wandelt also auf Beethovens Spuren!
Beethoven schrieb die Cellosonaten op. 102 für seine langjährige Gönnerin, die Gräfin Anna-Maria Erdődy und Joseph Linke, den Cellisten des Schuppanzigh-Quartetts, mit dem Beethoven vor allem durch die Aufführung seiner Streichquartette eng verbunden war. Die Cellosonate op. 102/1 entstand im Sommer 1815 und wurden von Linke zusammen mit dem Beethoven-Schüler Carl Czerny uraufgeführt. Zur Zeit der Komposition beschäftigte sich Beethoven konzentriert mit Johann Sebastian Bachs Musik und speziell mit dessen Fugen, was sich auch in dieser Cellosonate widerspiegelt. Die im Autograph als „Freje Sonate“ bezeichnete Sonate op. 102,1 besteht aus zwei schnellen Sätzen mit jeweils einer langsamen Einleitung; ein solches Schema findet sich kein weiteres Mal in Beethovens Schaffen.
Mit seiner Sonate in d-Moll, op. 40, hat Schostakowitsch dem “cantabilen Ausdrucksgehalt” eines der schönsten Denkmale in der Celloliteratur gesetzt. Das Stück, Anfang 1934 entstanden, ist ein Bekenntnis zur klassisch-romantischen Formtradition, wie sie Beethoven in seinen Sonaten stark geprägt hat. Der lange Atem des letzten Satzes ist von Schostakowitschs typischer Musiksprache und einem Ausdruck von Resignation durchdrungen, was sich besonders in einer oftmals nicht aufgelösten Harmonik vermittelt. „Aller Kampf ist vergeblich“ ist im ganzen Stück Schostakowitschs zentrale Botschaft. Von der verzerrten Anspielung auf Josef Haydn, Beethovens Lehrer, bis zum pianistischen Passagenwerk im Stile eines Carl Czerny, Beethovens Schüler, werden hier klassische Finalansätze verwendet und ad absurdum geführt. Die Ironie eines solchen Finales konnten die stalinistischen Kunstrichter kaum ertragen. Anfang 1936 erschien in der Prawda der Artikel „Chaos statt Musik“, durch den Schostakowitsch zum verfehmten Komponisten wurde. Er war gerade mit dem Cellisten Viktor Kubatzki, dem Widmungsträger der Sonate, auf Tournee, als er las, dass man ihm “linke Zügellosigkeit statt einer menschlichen Musik” vorwarf.
Verfasst von Till Löffler