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Die Cima del Largo
Ton Dr. Th. Curtius ( Section Bern ).
Die Cima del Largo Im Herbst 1883 und 1885 habe ich mich mit Christian Klucker aus Sils-Engadin bemüht, die bis dahin fast unbekannte Kette des Piz Bacone in Bergell, welche das Forno- vom Albignathal scheidet und zu der Disgrazia-Albigna-Gruppe gehört, aufzuklären.
Zwei Besteigungen ihres höchsten Gipfels, des Piz Bacone ( 3245™ ), beide gleichzeitig Traversirungen vom Forno- zum Albigna-Gletscher, die eine mit Aufstieg über die Ostfront, die andere über den sehr schwierigen Nordgrat, wurden mit Erfolg ausgeführt. Die Fuorcla del Largo ( 2949 m ) hatten wir von Casaccia aus durch das Vallone del Largo erstiegen und damit den Uebergang nach dem Fornothai und der Maloja verbunden. Von der Fuorcla wurde bei dieser Gelegenheit noch die Cima da Spluga, die Spitze 3O43 m des Siegfriedatlasses, genommen. Der Piz Casnile ( 3172 m ), der dritthöchste Gipfel der Gruppe, war schon von den Herren Caviezel und 12 Lavater-Wegmannim Jahre 1880 vom Casnile-Paß aus erreicht worden. Nur die Cima del Largo ( 3188 m ) mit ihren drei weithin sichtbaren, in das Thal der Maira vorgeschobenen Felsthürmen hatte unseren Bemühungen hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt. Ich habe die Lage und Gliederung dieses vom Hauptkamme der Bacone-Gruppe nach Westen abzweigenden Bergstockes früher2 ) beschrieben. Im Herbst 1885 hatten wir nur die als Südostgipfel bezeichnete Spitze ( 3170m ), welche aber nicht zu den drei eigentlichen Largogipfeln gehört, sondern im Hauptkamm der Kette sich befindet, von der Fuorcla del Largo aus nach ziemlich hartem Kampfe erreicht, um von dort aus zu constatiren, daß die Ersteigung des kaum einen Steinwurf entfernten und nur etwa 18 m höheren, höchsten Gipfels der Cima ohne künstliche Hilfsmittel nicht möglich sei. Wir wählten den Abstieg von dem Südostgipfel zur Fuorcla del Bacone und hatten somit den Grat des Hauptkammes von der Spitze 3043 m bis zum Passo di Casnile an allen Punkten begangen.
Der schon erwähnte Uebergang von Casaccia durch das Vallone del Largo zum Fornothai war zum Zwecke einer Recognoscirung der nordöstlichen Flanke der Cima durchgeführt worden. Der Weg hatte uns unter den fast überhängenden, furchtbar verwitterten Wänden des Berges hingeführt, und es zeigte sich, daß eine Erklimmung des eigentlichen dreigipfligen Felsmassivs, sei es mit Erreichung der höchsten, oder einer der beiden niedrigeren Spitzen, von hier aus ein höchst gefährliches Bemühen ohne Aussicht auf Erfolg sein würde.
Die Südwand des Largoabsturzes in das Val del Bacone mit dem Fernglas einer nähern Betrachtung zu unterziehen, hatten wir von der Fuorcla del Bacone ( ca. 3050 m ) zweimal Gelegenheit gehabt. Von keiner Stelle zeigt der Hauptgipfel einen großartigeren und den Anschein völliger Unzugänglichkeit tragenden Anblick. Wir waren jedoch niemals von dieser Stelle auf den steil unter dem Sattel hängenden Baconegletscher hinabgestiegen, um über das oberste Ende des letzteren bis dicht unter die südlichen Felsabstürze der Cima zu gelangen. Von dort aus war es dann vielleicht möglich, zwischen den Hauptgipfel und seine westliche Nachbarzacke zu gelangen.
Dieses Project hatte ich unter meine für den August des vorigen Jahres geplanten Excursionen in der Disgrazia-Albignagruppe mit aufgenommen. Am 12. August haben Klucker und ich dasselbe ausgeführt. Den höchsten Gipfel der Cima haben wir auch diesmal nicht erreicht; derselbe ist für die Kräfte gewöhnlicher Menschen über die Westkante noch viel unzugänglicher, als vom Hauptkamm der Kette aus und wird von dieser Seite her wohl niemals betreten werden. Aber es ist uns gelungen, zum ersten Mal in das eigentliche dreigipflige Massiv der Cima hinein zu gelangen und den beiden westlichen ihrer drei stolzen Zinnen den Fuß auf den noch jungfräulichen Scheitel zu setzen.
Um 2 Uhr 40 Minuten Morgens am 12. August verließen wir das Gasthaus am Maloja-Kulm, in welchem wir von dem freundlichen und zuvorkommenden Wirthe wie immer auf das Herzlichste aufgenommen waren, wanderten den uns wohlbekannten Weg über Cavloccio und Pian Canino zum Fornogletscher hinauf und gelangten, über denselben und „ die Mauer " langsam ansteigend, um 7 Uhr 38 Min. auf die Fuorcla del Bacone. Wir recognoscirten nun noch einmal die im halben Profil sich aufthürmenden Südabstürze der Cima und betraten von hier aus, indem wir um 8 Uhr 15 Minuten zum obersten Ende des Baconegletschers über wenig steile Felshänge etwa 80 m hinunterzusteigen begannen, unbekanntes Terrain. Wir hielten uns ziemlich dicht unter dem Grat, kreuzten stufenschlagend ein steiles Schneecouloir, welches sich in dem Winkel, den der eigentliche Largokamm mit dem Hauptkamm der Baconekette bildet, zum Baconegletscher hinunterzieht, und gelangten so ein wenig westlich von der Verticalaxe des Hauptgipfels auf ein etwa meterbreites Felssims des eigentlichen Largo-Massivs.
Diese Felsleiste zieht sich fast horizontal nach Westen an dem Südabsturz der Cima ein Stück weit entlang bis zu dem Punkte, an welchem die nach Süden etwas vorgeschobene, zweithöchste Spitze mit der westlichsten eine Art von einspringendem Winkel bildet. Das Band bricht indessen dort plötzlich ab, und wir hatten infolge dessen keine andere Wahl, als von demselben aus einen directen Aufstieg an der Wand zu riskiren. Klucker schloß sehr richtig, daß über der fast senkrecht sich vor uns aufthürmenden Granitwand secundäre Kaminbildungen sich vorfinden müßten, und entdeckt© auch sofort die einzig mögliche Stelle, an welcher der Aufstieg erfolgen konnte. Ich habe schon in meiner früheren Abhandlung 1 ) auf die eigenthümliche, stellenweise verticale Schichtenbildung oder vielmehr Zerklüftung in dem Granit der Cima del Largo hingewiesen. Kaum 10 m über uns setzte eine solche, steil in schräger Richtung nach Westen sich hinaufziehende Spalte ein, und obwohl man das Ziel, zu dem sie hinaufführte, von unserem Standpunkte aus kaum ahnen, geschweige denn übersehen konnte, kletterte Klucker mit der ihm eigenthümlichen Energie und Gewandtheit über die steilen Felsen bis zu dieser Spalte empor. Er stieg in der letztern noch ein Stück weit aufwärts, übersah die Möglichkeit unseres Fortkommens auf etwa 50m, kletterte wieder ein Stück hinunter und warf mir dann das Seil zu. Alles Ueberflüssige bis auf einen Pickel, ein Stück Chocolade und eine kleine mit Cognac gefüllte Flasche wurde in einer Nische des Felssimses, vor Steinen geschützt, deponirt. Ich band mich an 's Seil, und von unsichtbaren Händen unterstützt, war ich mit Klucker bald wieder vereinigt. Die nun folgenden 20 Minuten waren recht unangenehm. Wir hatten uns in die äußerst schmale, mit lockeren Granitstücken ausge- stopfte, schräg nach oben hinauflaufende Felsritze einzuklemmen, während die Wand, in welcher die^ selbe sich befand, an vielen Stellen überhängend war, mit einem Abhang, der auf den etwa 300 m tiefer liegenden Baconegletscher sich hinuntersenkte. Der Aufstieg gelang. Indem wir das obere Ende der Einne erreichten, hatten wir eine Umgehung des etwas vorspringenden Pfeilers des mittleren Largo-gipfels ausgeführt und übersahen jetzt den vor uns liegenden Weg zur Scharte zwischen dem letzteren und der höchsten Largospitze ein bedeutendes Stück weit. Gleichzeitig aber befanden wir uns auch, da der nun vor uns liegende Weg an einer nicht mehr nach Süden, sondern nach Südwesten abfallenden Wand hinaufführte, an derjenigen Seite des Berges, welche durch die Gesteinsbildung der Felsen zum Aufwärtssteigen am wenigsten geeignet war. Die Richtung der Schichtenbildung lief direct auf uns zu, es waren in Folge dessen keine Stufen für das Aufsetzen des Fußes und den Griff der Hände gegeben, wir mußten, wenn man so sagen darf, eine auf den Kopf gestellte Treppe ersteigen. Dazu verrieth die frische Farbe des Gesteins an vielen, weithin sichtbaren Stellen, daß durch die Wirkung der atmosphärischen Einflüsse hier noch vor Kurzem große Felsmassen zur Tiefe abgeworfen worden waren.
Klucker ließ mich mit solchen geologischen Beobachtungen beschäftigt allein und entschwand, die vor uns liegende Felswand nach Nordwesten schräg aufwärts traversirend, meinen Blicken. Er führte dabei manches Kletterkunststückchen aus, welches aus der Entfernung gesehen einen geradezu haarsträubenden Anblick darbot, und kam nach einiger Zeit wieder mit guten Nachrichten zu mir zurück. Wir traversirten nun Beide zusammen vorsichtig die Wand nach oben und gelangten bald in die eigentliche Falte hinein, welche zur Scharte zwischen der höchsten und nächsthöchsten Spitze unmittelbar hinaufführte. Sobald wir den Einschnitt über uns sahen, bot das Terrain keine Schwierigkeiten mehr, wenn auch immerhin noch Vorsicht und die Anwendung mancher Kunstgriffe oft genug geboten war. Wir erreichten die Scharte und erblickten von dort den schauerlichen Abgrund des mehr als 500 m unter uns liegenden obersten Bodens des Vallone del Largo unmittelbar zu unseren Füßen. Die Felswand, welche sich in denselben hinuntersenkt, ist in ihren obersten Partien an vielen Stellen überhängend; daher erscheint mir die Möglichkeit, vom Vallone del Largo aus an ihr empor zu steigen, ein Versuch, den wir beim Aufstieg durch das Vallone zur Fuorcla del Largo seinerzeit lebhaft discutirt hatten, unbedingt ausgeschlossen. Von der Scharte aus thürmt sich die Mittelspitze noch etwa 30 m empor, eine scharfe, zackige Schneide derselben zukehrend. Die Schmalheit des ganzen Kammes der Cima ist überhaupt an allen drei Gipfeln fast gleichmäßig ausgeprägt. Der Weg auf den Mittelgipfel bot nun keine nennenswerthen Schwierigkeiten mehr, da die schmalen, langen, schrägaufgerichteten Granitsäulen, aus welchen die Spitze gebildet ist, eine so außerordentlich rauhe Oberfläche haben, daß man auch an sehr steil geneigten Flächen ohne besonderen Halt für Hände und Füße hinaufkriechen kann. Diese Säulen sind hier so lose gefügt, daß sie an vielen Stellen das Tageslicht von Norden nach Süden durchfallen und, wenn man sie betritt, die Erschütterung auf weitere Strecken hin fühlbar werden lassen.
Um 10 Uhr 20 Minuten betraten wir den Gipfel, welcher nahezu die gleiche Höhe wie die Ostspitze ( 3170 m ) besitzt, und sahen mit einem Blick, daß von hier aus das Hinuntersteigen zu dem Einschnitt zwischen der höchsten und der von uns erreichten Spitze höchst mißlich, das Hinaufsteigen von dort aus zu dem Hauptgipfel selbst unmöglich sei, trotzdem uns nur wenige hundert Fuß mehr von dem höchsten Ziele trennten.
Eine Steinlawine hatte sich im vergangenen Winter, vielleicht durch die zahlreichen Erdstöße, welche in jener Zeit im Bergell und Engadin verspürt wurden, veranlaßt, an der Südseite des Hauptgipfels abgelöst, und diesen schon früher schmalen Grat zu einer messerscharfen Schneide zugeschärft.
Als wir unseren Gipfel betraten, waren die Nebel, welche den ganzen Morgen der Föhn an den Südwest-abhängen der Berge zusammengejagt hatte, auch bis zu unserem Standpunkte heraufgedrungen. Wir befanden uns während der 50 Minuten, welche wir dort zubrachten, wie in einem trockenen Dampfbade. Nur hie und da eröffneten sich einzelne Blicke auf die höchste Zinne des Berges oder in die Schlünde des Vallone del Largo und Val Bacone. Eine große Steinlawine brach, uns selbst unsichtbar, an den Südwestgräten des Piz Bacone los, ihre Trümmer mit mehrere Minuten anhaltendem Donnern in das Val del Balzo hinuntersendend. Dann herrschte wieder Ruhe. Nur das ferne Rauschen des Albignafalls tönte aus der Tiefe ab und zu zu uns herauf. Ein einziges Mal zertheilten sich die Wolken, um ein Stück des blauen See's von Sils im lachenden Sonnenscheine erglänzen zu lassen.
Es ist immer ein eigen Gefühl, wenn man nach hartem Kampfe einen unbekannten Gipfel der Hochregion zum ersten Mal betritt. Wenn aber an solchem Ort durch Nebel die Verbindung mit der Welt, aus welcher wir emporgestiegen sind, wie abgeschnitten erscheint, dann vermischt sich mit dem Gefühl des Stolzes über den durch eigene Kraft errungenen Sieg dasjenige der Verlassenheit, und nur zu gerne kehrt der Gedanke zu der Frage zurück, ob auch der Rückweg zu der Menschenwelt ebenso glücklich gelingen werde, als der Aufstieg von ihr. In solchen Momenten stellt ein Blick aus der Nebelwelt in die sonnenbeglänzte, menschenbewohnte Tiefe das Selbstvertrauen wie mit einem Zauberschlage wieder her.
Klucker stellte mit vieler Mühe auf der höchsten Granittafel einen kleinen Steinmann her, da nur wenig Trümmer aufzutreiben waren. Wenn er ein größeres Bruchstück auffallen ließ, erzitterten die schmalen Granitsäulen, welche den Gipfel bildeten, in unheimlichen Schwingungen. Wir schlugen ein Gipfelstück von der höchsten Zinne und sahen leider erst später, daß sich daran der Rest einer ausgezeichnet schönen Blitzspur in Form einer geschmolzenen Thräne befindet.
Um 11 Uhr 10 Minuten verließen wir die Spitze, stiegen auf die Scharte zwischen unserer und der westlichen Spitze zurück und nahmen von dort die letztere selbst noch in Angriff. In 20 Minuten erreichten wir sie, ohne Schwierigkeiten anzutreffen, bauten auch dort einen kleinen Steinmann, stiegen um 11 Uhr 40 Minuten wieder zu unserer Scharte hinunter und erreichten in einer Stunde scharfen Abwärtskletterns auf demselben Wege, welchen wir beim Aufstieg genommen hatten, das horizontale Felsband am Baconegletscher. Beim Abwärtssteigen durch die erwähnte schwierige Rinne leistete Klucker ein kleines Kabinetstück an Umsicht und Geschicklichkeit.
Um 1 Uhr begrüßten wir auf der Fuorcla del Bacone mit besonderer Freude unsere in den fünf Stunden mehr als hinreichend frappirte Flasche Asti. Der Abstieg zum Fornogletscher erfolgte wie gewöhnlich über „ die Mauer ", welche mir mit ihren glatten Platten und schlüpfrigen Rasenbändchen heute besonders unangenehm vorkam.
Zeitangaben:
ab Maloja 2 Uhr 40 Minuten an Fuorcla Bacone 8 n 15 71 an mittlere Spitze 10 20 J?
ab mittlere Spitze 11 V 10 n an westliche Spitze 11 n 20 V ab westliche Spitze 11 71 40 n an Felsband 12 n 40 n an Fuorcla Bacone 1 n — n ab Fuorcla Bacone 1 n 40 n an Maloja 5 n 45 n Marschzeit 15 Stunden 5 Minuten, incl. 3 Stunden Pause.
Am Abend waren wir wieder in Sils, mit dem Gefühl zwar, unser eigentliches Ziel nicht erreicht zu haben, aber doch mit dem angenehmen Bewußtsein, dem letzten Gipfel der Baconegruppe so viel abgerungen zu haben, als sich zwischen unseren Kräften und unserem stets durchgeführten Vorsatze: jeden Schritt vor uns selbst verantworten zu können, vereinbaren ließ.
Mit dieser Expedition habe ich meine Recognoscirungen in dieser kleinen, aber höchst interessanten und lohnenden Bergkette, welche ich nach ihrer höchsten Erhebung die Baconegruppe genannt habe, zum Abschluß gebracht.
Fünf Tage habe ich mit meinem Führer im Ganzen ihrer Durchforschung gewidmet. Die Stunden, welche ich auf ihren schwer zugänglichen, schneidigen Gräten, auf ihren stolzen, jungfräulichen Gipfeln zugebracht habe, meist Stunden ernster Arbeit, bergen für mich für immer eine Fülle unvergeßlicher Erinnerungen. Sie haben mir Kraft, Gesundheit und Ausdauer gegeben und mir einen echten, wahren Menschen zum Freunde gemacht.