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Im August 2007 brachte ein pensionierter Stahlarbeiter einen weissen Kakadu und eine Backstreet-Boys-CD ins Vogelheim «Bird Lovers Only» in Schererville, Indiana. Snowball, so der Name des Tieres, habe seiner Tochter gehört und sei nach ihrem Auszug aggressiv geworden, sagte er der Besitzerin des Tierheims, Irena Schulz, und fügte hinzu, dass Snowball gerne tanze. Auf der CD sei sein Lieblingssong.
Schulz hatte auch schon Vögel gesehen, die sich zu Musik bewegten, doch als sie «Everybody» von den Backstreet Boys einlegte, blieb ihr der Mund offen. Mit dem untrüglichen Rhythmusgefühl eines erfahrenen Headbangers bewegte Snowball seinen Kopf auf und ab und hob dazu abwechslungsweise seine Füsse.
Ohne viel zu überlegen, stellte Schulz ein Video von Snowballs Tanzkünsten auf ihre Website. Nachdem es jemand von dort auf Youtube kopiert hatte, war der Teufel los. 200 000 Leute schauten es sich allein in der ersten Woche an. Zeitungen schickten Reporter, und Werbeagenturen wollten den Vogel buchen.
Zu dieser Zeit erfuhr auch Aniruddh Patel vom Neurosciences Institute in San Diego vom tanzenden Kakadu. Er konnte sein Glück kaum fassen. Patel war schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem tanzenden Papagei gewesen. Bei seinen Vorträgen hatte er den Zuhörern jeweils gesagt: «Wenn Sie einen kennen, melden Sie sich bitte bei mir.»
Der tiefere Grund für diesen ungewöhnlichen Aufruf war Patels Theorie über die Herkunft von Taktgefühl, die voraussagte, dass es tanzende Papageien geben müsste.
Tanzen bloss ein Nebenprodukt?
Selbst unmusikalische Menschen können oft gar nicht anders, als mit den Fingern im Takt zum «Radetzky-Marsch» zu trommeln. Schimpansen, unsere nächsten Verwandten, haben diese Fähigkeit jedoch nicht, und auch Hunde, die ihr ganzes Leben mit unserem Radiogedudel leben müssen, wedeln nicht im Takt zu «La Paloma». Die Fähigkeit, aus Musik den Rhythmus zu extrahieren, wurde deshalb als eine rein menschliche Begabung angesehen.
Patel vermutet, dass sie mit der Sprache zu tun habe oder, genauer, dass sie ein Nebenprodukt der engen Kopplung von Zuhören und Wiedergeben im Gehirn sei. Nur wer in der Lage ist, was er hört, mittels präziser Kontrolle der Muskeln im Vokaltrakt zu imitieren, kann sprechen lernen. Das Gehör ist auf diese Weise mit dem Körper kurzgeschlossen und ermöglicht uns, auch am Sprechen unbeteilige Muskeln im Takt zu bewegen. So gesehen hat Tanzen keinen tieferen Sinn, sondern ist ein Nebenprodukt unserer Fähigkeit zu sprechen.
Das würde erklären, weshalb Schimpansen und Hunden, denen die Fähigkeit fehlt, Gehörtes zu imitieren, auch jedes Rhythmusgefühl abgeht. Und es würde bedeuten, dass Papageien und andere Vögel taktsicher sein müssten.
Jeder, der sich den Videoclip mit Snowball anschaute, sah sofort, welch grandioses Rhythmusgefühl der Vogel hatte, aber in der Wissenschaft genügt dieser subjektive Eindruck nicht. Darum kontaktierte Patel Irena Schulz und bat sie darum, einige Experimente zu machen.
Weil die frühere Besitzerin oft vor dem Vogel getanzt hatte, bestand zum Beispiel die Möglichkeit, dass Snowball bloss imitierte, was er sah, und nicht, was er hörte. Schulz musste sicherstellen, dass niemand im Sichtbereich des Kakadus mit dem Kopf wackelte oder mit den Füssen wippte. Auch war es möglich, dass Snowball das exakte Tempo des Songs gelernt hatte und jetzt gar nicht wirklich zuhörte.
Patel erzeugte am Computer elf Versionen von «Everybody», jede in einem anderen Tempo, aber ohne dass sich die Tonhöhe änderte. Schulz spielte sie Snowball zwischen Januar und Mai 2008 vor und filmte ihn dabei. Er meisterte die Aufgabe problemlos, was Patels Theorie stützt.
Eine grosse Frage bleibt allerdings noch offen. Adena Schachner von der Harvard-Universität analysierte 1019 Youtube-Videos von tanzenden Tieren und fand nur bei 13 Papageien ein nennenswertes Rhythmusgefühl. «Warum fand sie keine anderen Vögel, die tanzen konnten?» wundert sich Patel. Er vermutet, dass die enge Kopplung von Hören und Wiedergeben alleine nicht ausreicht: «Papageien sind sehr soziale Tiere, die oft mit ihren Partnern koordinierte Bewegungen ausführen.» Vielleicht braucht es also auch noch eine soziale Ader.
In einem neuen Experiment tanzte Snowball tatsächlich viel häufiger zur Billy-Idol-Nummer «Dancing with myself», wenn jemand mittanzte. «Wie wir Menschen», sagt Patel.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Ein Experiment des Neurowissenschafters Aniruddh Patel mit einem rhythmusbegabten Papagei könnte erklären, warum Menschen tanzen und Hunde nicht.
Im August 2007 brachte ein pensionierter Stahlarbeiter einen weissen Kakadu und eine Backstreet-Boys-CD ins Vogelheim «Bird Lovers Only» in Schererville, Indiana. Snowball, so der Name des Tieres, habe seiner Tochter gehört und sei nach ihrem Auszug aggressiv geworden, sagte er der Besitzerin des Tierheims, Irena Schulz, und fügte hinzu, dass Snowball gerne tanze. Auf der CD sei sein Lieblingssong.