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In Anlehnung an die Oberammergauer Passionsspiele wurde in Selzach 1893 erstmals ein Passionsspiel aufgeführt. Zwischen 1893 und 1972 fanden in unregelmässigen Abständen über ein Dutzend Spielzeiten statt. Nach der Einstellung mangels Erfolgs und vor Wiederaufnahme des Spielbetriebes 1989 wurde das Gebäude verschiedentlich zwischengenutzt. Seit 1989 finden im Passionsspielhaus wieder regelmässig Aufführungen von Opern statt.
Geistliche Spiele in Selzach
Initiant der Passionsspiele und Stifter des Passionsspielhauses in Selzach war Adolf Schläfli (1856–1924) (siehe auch 3 Schläfli-Villa). Kurz nachdem er den traditionsreichen Gasthof zum Kreuz erworben hatte, liess er 1889 an diesen einen Saal mit Bühne anbauen und brachte ab 1893 die ersten Passionsspiele zur Aufführung. Diesen ersten Spielen war ein grosser Erfolg beschieden und sie machten das Dorf über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Dies bringen etwa die frühen Passionsspielführer zum Ausdruck, die nicht nur in deutscher sondern auch in französischer und englischer Sprache verfasst worden waren, und die in zahlreichen Werbeinseraten sowohl die lokalen Wirtshäuser und Gasthöfe empfahlen, als auch touristische Attraktionen in der ganzen Schweiz bewarben. 1895 erhielten die Spiele am heutigen Standort einen eigenen Theaterbau. Der Erfolg der Passionsspiele in Selzach wurde durch den Ersten Weltkrieg ein erstes Mal unterbrochen, zwischen 1914 und 1923 fanden keine Spiele statt. Nach der erfolgreichen Wiederaufnahme der Spieltradition im Jahre 1923 zog man einen Neubau in Betracht. Zu diesem Zweck schrieb die Trägergesellschaft der Passionsspiele in den 1930er Jahren einen entsprechenden Projektwettbewerb aus. Gewonnen hat diesen Wettbewerb 1938 das Architekturbüro Fritz Metzger in Zürich. Ein Modell des Passionsspielhaus geplanten Neubaus wurde 1939 zwar an der Landesausstellung in Zürich gezeigt, jedoch gelangte das Projekt nie zur Ausführung. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte die Ausbaupläne zunichte, und das in einer 1936 durchgeführten Lotterie eingenommene Geld wurde 1949 schliesslich für eine tiefgreifende Renovation des alten Spielhauses eingesetzt. Das ursprüngliche Architekturkonzept mit hohem Bühnentrakt und barackenartigem Zuschauerraum, der rund 1000 Personen fasst, blieb dabei erhalten. Daran änderte auch die umfassende Sanierung von 1989 bis 1994 nichts. Nach deren Abschluss wurde das Passionsspielhaus 1995 unter kantonalen Denkmalschutz gestellt und damit der kulturhistorische Wert des Passionsspielhauses gewürdigt.
Ein Theaterbau ganz in Holz
Beim Passionsspielhaus handelt es sich um einen schlicht gehaltenen, ganz in Holz konstruierten Zweckbau. An den hohen Bühnenturm mit Giebeldach fügt sich ein niedrigerer Längsbau, der den Zuschauerraum aufnimmt. Während der Längsbau noch in ursprünglicher Art mit senkrechter Holzverschalung ausgeführt ist, wurde der Bühnentrakt Anfang der 1990er Jahre neu mit Eternitplatten verschalt.
Im Innern des Baus beeindruckt der mit einer sichtbaren Binderkonstruktion überspannte und dadurch stützenfreie Zuschauerraum. Die Bankreihen für die Zuschauer steigen zu den hinteren Rängen hin
an, so dass alle Besucher eine bestmögliche Sicht auf die Bühne erhalten. Die Zuschauer gelangen mittels einer seitlich an den Längsbau angefügten Passerelle von aussen direkt zu den Sitzreihen.
Alte Postkartenansichten zeigen, dass die einzelnen Eingänge ursprünglich vermutlich über eine Art Steg, der quer zum Längsbau stand, erreichbar waren.
Unter den Zuschauerrängen sind nebstToiletten und Kassenhäuschen alle übrigen für den Theaterbetrieb erforderlichen Nebenräume wie Garderobe und Schminkraum für die Schauspieler untergebracht. Diese mussten demnach aussen an der Westseite des Längsbau entlang gehen, um von dort direkt von aussen oder aber durch das Kellergeschoss auf die Bühne zu gelangen. Der Bühnenturm war zur Bauzeit mit modernster Bühnentechnik ausgestattet worden, die sich bis heute erhalten hat. Lediglich die eigentlichen Seil- beziehungsweise Drahtzüge mussten seither erneuert werden. Zwischen der Bühne und den Zuschauerrängen befindet sich der versenkte Orchestergraben. Der ganze Theaterbau ist konsequent in Holz konstruiert und seine Räume sind spartanisch einfach gestaltet.
Rückseite des Passionspielhaises direkt am Lochbach
Geistliche Spiele
Die Passionsspiele stehen in der Tradition Geistlicher Spiele, einer im europäischen Mittelalter entstandenen Theaterform. In den Geistlichen Spielen wurden alt- und neutestamentliche Geschichten sowie Legendenszenen zur Aufführung gebracht. Als ältestes deutschsprachiges Geistliches Spiel gilt das um 1250 entstandene Osterspiel von Muri (AG). Ab Mitte des 12. Jahrhunderts trat neben die Todesüberwindung in der Auferstehung in den Passionsspielen das Leiden des Mensch gewordenen Gottessohnes. Ein Beispiel ist etwa das ab 1453 aufgeführte Passionsspiel von Lausanne.