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In den Regalen des Staatsarchivs Schwyz stapeln sich grosse, schwere Bücher in dunklen Ledereinbänden. Einige davon sind fast 190 Jahre alt. Ihr Leder ist abgegriffen, das Papier vergilbt. Nicht weit davon reihen sich Aktenmappen aus feinem grauem Karton aneinander. Die mehr als 70 Laufmeter an Büchern und Dokumenten – darunter Rechnungsbücher, Personallisten, Verzeichnisse über Produktionsmengen sowie Korrespondenz an Kunden und Lieferanten in aller Welt – erzählen die Geschichte der Gersauer Firma Camenzind & Co., einer der letzten Seidenspinnereien Europas. Und sie erzählen einen Teil der Geschichte der Schweizer Seidenindustrie. Einer Industrie von Weltruhm aus einer vergangenen Zeit, die heute fast in Vergessenheit geraten ist.
Fabrikanten von Weltrang
Ihr Aufstieg begann im frühen 19. Jahrhundert. Mit dem damals neu entwickelten Jacquard- Webstuhl liessen sich auch komplizierte Muster maschinell und somit günstig weben. Gleichzeitig wurde die Mode kurzlebiger. Die internationale Oberschicht fragte nach Stoffen in immer neuen Mustern und Farben. In diesem Kontext stieg Zürich zwischen 1860 und 1900 zum weltweit zweitgrössten Zentrum für Seidenstoffe auf (nach Lyon). Die Seidenindustrie war aber auch in Basel und in der Ostschweiz sehr präsent und entwickelte Ausläufer bis ins Tessin, in den Aargau und die Zentralschweiz. Bald war sie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes, gleichbedeutend mit der Uhren- und der Baumwollindustrie.
Der Abstieg der Seidenindustrie begann mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und wurde durch den Zweiten Weltkrieg befördert. Im Verlauf der 1960er- Jahre verlegten immer mehr Unternehmen ihre Produktion ins Ausland. Die Erdölkrise der 1970er-Jahre läutete schliesslich das Ende der Branche ein. 2011 stellten mit Gessner und Weisbrod- Zürrer die letzten Zürcher Seidenwebereien die Produktion modischer Kleiderstoffe ein. Die wenigen heute noch produzierenden Unternehmen spezialisierten sich auf hochwertige Haute- Couture-Stoffe oder auf komplexe technische Gewebe für Sport, Medizin oder Luftfahrt. Aus ehemaligen Seidenunternehmen gingen jedoch zahlreiche Banken, Maschinenhersteller und Chemiefirmen hervor, sodass die Branche ein reiches wirtschaftliches Erbe hinterlässt.
Kulturgut gesichert
«Die Seidenindustrie hat massgeblich zum Reichtum unseres Landes beigetragen. Trotzdem spielt sie im kollektiven Bewusstsein der Schweiz kaum eine Rolle», sagt Alexis Schwarzenbach, Historiker und Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Er leitet ein Forschungsprojekt, das die Geschichte und das Vermächtnis der Zürcher Seidenindustrie untersucht und dokumentiert. Dazu dient Schwarzenbach auch das Archiv der Firma Camenzind & Co. Es ist eines von mehr als einem Dutzend Firmenarchiven, die Alexis Schwarzenbach in Estrichen und Kellern ehemaliger Seidenfabrikanten in den Kantonen Zürich und Schwyz aufgestöbert und sichergestellt hat. «Die historisch wertvollen Unterlagen drohten verloren zu gehen, weil viele der alten Fabrikgebäude heute umgenutzt oder abgerissen werden. Wir mussten schnell handeln», sagt Schwarzenbach.
Die Staatsarchive Zürich und Schwyz waren bereit, die Dokumente in ihren Bestand aufzunehmen. Hier werden sie nun geordnet, inventarisiert, konservatorisch aufgearbeitet und für die wissenschaftliche Untersuchung durch ein Team von Wissenschaftlern um Alexis Schwarzenbach vorbereitet.
Neben den Dokumenten stiess Schwarzenbach auch auf eine Fülle von Stoffmustern, wovon einige bis zu 200 Jahre alt sind. Sie gingen zu einem grossen Teil an das Schweizerische Nationalmuseum, wo sie derzeit konserviert und inventarisiert werden. Über den Erhalt dieser Kulturgüter hinaus ist ein Hauptziel des Projekts, zu untersuchen, wie sich Aufstieg und Niedergang der Seidenindustrie konkret abspielten. «Zürcher Fabrikanten waren offenbar besonders geschickt darin, stets neue, dem aktuellen Trend entsprechende Stoffe auf den Markt zu bringen», sagt Schwarzenbach. Warum das so war, will er nun anhand des Quellenmaterials herausfinden. «Vielleicht ist die Antwort in einer spezifisch schweizerischen Form des Kapitalismus zu finden, vielleicht hatten Zürcher Fabrikanten aber auch einfach öfter die Möglichkeit, zu reisen und so ein ‹Trendscouting› auf wichtigen Märkten wie New York oder St. Petersburg zu machen.»
Anhand der Originaldokumente lassen sich zudem viele weitere industrie- und sozialgeschichtliche Entwicklungen studieren, etwa die konkreten Auswirkungen der damals errungenen Arbeitsgesetze.
Zeitzeugen befragt
Neben der Analyse der historischen Unterlagen führen Alexis Schwarzenbach und sein Team auch Interviews mit Zeitzeugen durch. So wollen sie Lücken im Archivmaterial schliessen. «Wir sprechen mit Personen, die in den Fabriken unterschiedliche Rollen innehatten, etwa als Arbeiter oder als Eigentümer», so Schwarzenbach. Dabei kommen auch Frauen zu Wort, deren Perspektive in der historischen Betrachtung der Branche bislang kaum Beachtung fand. «Mit diesem kombinierten Vorgehen wollen wir die Geschichte der Zürcher Seidenindustrie umfassend aufarbeiten», sagt Schwarzenbach.
Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt werden 2019 in Form eines Buches zur Geschichte der Schweizer Seidenindustrie vorliegen. Erste Erkenntnisse sollen jedoch bereits 2016 in öffentlichen Werkstattgesprächen an der Zentralbibliothek Zürich diskutiert werden. Neben Vorträgen und Konferenzen ist auch eine Ausstellung mit Originaldokumenten und historischen Stoffmustern geplant.
Neben der historischen Analyse will das Forscherteam das reiche Erbe der Seidenindustrie, das in Form von Tausenden von Designs vorliegt, für künftige Generationen nutzbar machen. Ronald Weisbrod, Spross der ehemaligen Seidenweberei Weisbrod- Zürrer, hat den schmerzlichen Niedergang der Branche selbst miterlebt. Er trat an das Team heran mit dem Vorschlag, Teile des Textilarchivs von Weisbrod-Zürrer für Forschung und Lehre zugänglich zu machen. «Die Hochschule Luzern ist die einzige Institution in der Schweiz, die sich in Lehre und Forschung mit Textildesign befasst. Hier wusste ich meine Stoffe in guten Händen», sagt Weisbrod.
Nun entstehen unter der Leitung von Andrea Weber Marin, Co-Leiterin des Kompetenzzentrums Products & Textiles, ein digitales und ein physisches Textilarchiv. Den Hauptbestand des physischen Archivs bilden 800 Stoffmuster aus einer Schenkung von Weisbrod- Zürrer. Die Auswahl dokumentiert die Entwicklung der Designs in der Damenoberbekleidung über die letzten 100 Jahre und wurde gemeinsam mit Ronald Weisbrod getroffen.
Darüber hinaus sind in dem «Archiv zum Anfassen» auch Drucke, Stickereien und Strick anderer Schweizer Hersteller zu sehen. Hinzu kommen zeitgenössische, besonders innovative Arbeiten aus Lehre und Forschung der Hochschule Luzern, beispielsweise Leuchttextilien mit integrierten LEDs. Das Archiv soll Studierenden der Hochschule Luzern als Anschauungsmaterial dienen, aber auch öffentlich zugänglich sein.
Basis neuer Wertschöpfung
Das digitale Archiv ist für Studierende und Forscher weltweit kostenlos einsehbar. Zudem soll es Designern rund um die Welt als Werkzeug und Inspirationsquelle dienen und so zu neuer Wertschöpfung beitragen. «Einem Designer bleiben heute etwa 20 Minuten, um ein neues Design zu kreieren. Ihm fehlt die Zeit, mit Musse ein physisches Archiv zu besuchen», erklärt Projektleiterin Andrea Weber Marin. Das Online-Archiv umfasst ein Bestof der Archivbestände von Zürcher Seidenwebereien. Zudem enthält es eine Auswahl aus den Beständen verschiedener weiterer Sammlungen, darunter des Textilmuseums St. Gallen, der Fondazione Antonio Ratti in Como oder des Victoria & Albert Museum in London.
Andrea Weber Marin und ihr Team wählen die Stoffe nach klar definierten Kriterien aus: nach Materialien, die für einen bestimmten Zeitraum typisch und bezeichnend waren, nach Techniken oder Technikkombinationen, die zu einer bestimmten Zeit als innovativ galten, sowie nach Formen- und Designsprachen, die für eine bestimmte Zeit typisch oder aussergewöhnlich waren. Nach diesen drei Merkmalen – Material, Technik und Design – sind die Muster auch verschlagwortet.
Das Archiv arbeitet mit einem ausgeklügelten Thesaurus, den Andrea Weber Marin und ihr Team in Anlehnung an die gängige Klassifizierung bei Museen und die Empfehlungen des international anerkannten Centre International d’Études des Textiles Anciennes entwickelten. «Da dieser Thesaurus für alte Stoffe ausgelegt ist, mussten wir ihn jedoch um Begriffe ergänzen, die zur Klassifizierung moderner Textilien wie Smart Textiles oder Leuchttextilien geeignet sind», so Weber Marin. Beim Merkmal Design lassen sich beispielsweise Farben und Muster (Karo, Streifen, Kreise usw.) hinterlegen sowie konkrete Sujets, die in den Designs vorkommen. Dabei fliessen nur sehr verbreitete Sujets als feste Begriffe in den Thesaurus ein (z.B. Rose).
Weniger verbreitete erfassen die Wissenschaftler über eine Gattungsbezeichnung (z.B. Blume) und ein Freitextfeld (z.B. Flieder). Das augenfälligste Merkmal erhält die erste Priorität. «Würden wir alle Merkmale mit derselben Priorität erfassen, ergäbe die Suchfunktion zu viele Ergebnisse und wäre nicht mehr effizient», erklärt Weber Marin.
Von Designern getestet
In einem ersten Schritt erfassten und verschlagworteten Andrea Weber Marin und ihr Team einen Grundstock an Textilien. Derzeit laufen Tests mit verschiedenen Designern, um die Funktionalität des Online-Archivs sowie des Thesaurus zu prüfen und zu optimieren. «Wir haben dabei festgestellt, dass beispielsweise die Suche nach Farben gern genutzt wird und Nahaufnahmen der Stoffe, die zu einer Abstrahierung der Muster führen, als Inspirationsquelle besonders hilfreich sind», sagt Weber Marin.
In einem nächsten Schritt entwickelt das Forscherteam eine intuitive Benutzeroberfläche. Gleichzeitig wird der Archivbestand erweitert. Bis zur Live-Schaltung im Jahr 2015 soll das Online-Archiv mindestens 5’000 Stoffmuster umfassen und anschliessend weiter wachsen.
Finanziert werden die Drittmittelprojekte rund um die Schweizer Seidenindustrie von der Hochschule Luzern, dem Lotteriefonds des Kantons Zürich und der Zürcherischen Seidenindustrie- Gesellschaft (ZSIG). Letztere ist auch Auftraggeberin des Projektes. Ronald Weisbrod gehört zum Vorstand der ZSIG und begründet das Engagement wie folgt: «Der Aufbau der Schweizer Seidenindustrie war eine enorme Leistung. Man denke allein an die vielen Arbeitsplätze, die damals geschaffen wurden – allein in Zürich über 50’000. Wir freuen uns ungemein, dass ein Teil dieses enormen Werks nun gerettet und gewürdigt wird und weiterleben kann.»
Text: Simona Stalder
Bilder: Hochschule Luzern