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Mumbai ist nicht nur einwohnermässig die grösste Stadt Indiens, sie ist zugleich Film- und Modehauptstadt, Finanzhochburg und Brennpunkt religiöser Spannungen. Von den schätzungsweise 14 Mio. Einwohnern der Innenstadt leben 7 Mio. im Slum ohne Wasserversorgung.
Auf eine Million Menschen kommen durchschnittlich 17 öffentliche Toiletten. Andererseits wurden hier seit 1930 70’000 Bollywood-Filme gedreht. In Dharavi, einem der grössten Slums Asiens, leben eine Million Menschen auf zwei Quadratkilometern Fläche. Gleich daneben befindet sich das 27-stöckige Haus von Indiens reichstem Mann, Mukesh Ambani. Der Luxuskomplex beinhaltet einen Ballsaal, ein Kino, drei Helikopterlandeplätze und eine 600-köpfige Mannschaft. Gerüchten zufolge ist der Wolkenkratzer nunmehr unbewohnt, nachdem die Familie entschied, dass das Gebäude einen schlechten Vaastu trage, die Hinduform des Feng Shui. Zwei Steinwürfe entfernt liegt der Bombay Presidency Golfclub, umzingelt von einer Mauer mit Stacheldraht. Auf der Aussenseite der Mauer an der Hauptstrasse lebt Anil Mane mit seiner siebenköpfigen Familie in einer vier mal vier Meter grossen Wellblechhütte. Anil hats geschafft: Vom Balljungen zum Caddy, dann zum Nachwuchsgolfer und schliesslich zum Pro auf der indischen Tour, nachdem er in einem Match Play Event den ehemaligen indischen Amateurmeister geschlagen hat und so ein Club Member fand, der ihn sponsert.
Als ich ihn kontaktierte war er gerade in Delhi an den Players Championships. Er hat am ersten Tag eine 84 gespielt, ist weg vom Fenster und meint, dass er für 1 Lak – 100‘000 Rupien, umgerechnet 2‘000 Franken – noch am selben Abend zurückkommen könne. Anil hat seinen Wert als Held aus den Slums entdeckt, nachdem sogar ESPN über ihn berichtet hat. «You know, I just want to play Golf» erzählt er mir in gutem Englisch.
Ein Turnier kostet ihn rund 400 Franken, inklusive Anreise und Übernachtung. Und bei einem Einkommen von rund 2‘000 Franken ist es verständlich, dass er auf jeden potentiellen Sponsor angewiesen ist, wenn er seine Passion leben möchte. Ich erkläre ihm, dass mein Budget sehr beschränkt sei, obwohl ich in der Schweiz lebe. Er gibt mir netterweise gegen etwas Kleingeld einen weiteren Kontakt für ein Fotoshooting rund um das Slumgolfen, eine Sportart, welche die Slumbuben aus der Gegend erfunden haben um den elitären Sport nachzuahmen. Also treffe ich Suresh und seine Mannschaft. Auch Suresh ist einer der glücklichen 20 von insgesamt 200 Caddy-Buben aus dem Slum, welchn vom Bombay Presidency Golfclub das Privileg erhalten haben, während dem Monsoon auf dem Platz richtiges Golf zu praktizieren. Auch Suresh hat sein Talent und seinen Marktwert erkannt und unterrichtet für günstiges Geld Jung und Alt der gehobenen Schicht auf den umliegenden Driving Ranges in Mumbai. Ein Caddy verdient 200 Rupien, 4 Franken pro Runde, wobei sie am Wochenende meist zwei machen dürfen. Die netten Members würden manchmal einen guten Zustupf geben, meint Suresh. Er wie auch Anil haben als Bub mit Ballpflücken und Schlägertragen angefangen und sind nach reichlichen Schwungstudien von Membern auf den entlegenen Löchern aufgefordert worden, einmal selber zu schlagen.
Das Geld reicht zum problemlosen Überleben mit Handy und Motorrad in den Strassen, aber auch Suresh möchte seinem Bruder nach Qatar folgen, wo im Bau Tagessaläre von bis zu 50 Franken möglich sind. Ich habe Suresh und seine Freunde zum Skinsgame über 3 Löcher in ihrer Siedlung aufgefordert, wobei ich einen Einsatz von 10 Franken pro Loch biete. Siegt ein Spieler über alle, gewinnt er den Einsatz, ansonsten geht das Geld weiter zum nächsten Loch. Ich schlage mich gut mit den Plastikbällen und der von Hand gekrümmten Metallstange und teile die ersten beiden Löcher. Somit geht’s beim letzten Loch um 1500 Rupien (ca. 30 Franken). Der Abschlag führt von der Müllhalde im Verkehrskreisel über die Bushaltestelle, den fünf Meter hoch umzäunten Stromgenerator der Siedlung und ein Hausdach in den Innenhof von Sureshs Quartier. Suresh zieht einen vollen Schwung und platziert den Ball in hohem Bogen perfekt im Hof. Nur um zu zeigen, dass der Schlag kein Zufall war, schlägt er einen Zweiten, identischen. Mein Schlag ist gut, nur die Richtung verfehlt ich etwas, aber ich befreie mich via Hauswand aus der Seitengasse in den Hof. Noch ist alles offen. Mein vierter Schlag rollt ins fersengestampfte Loch und wieder hinaus, während Suresh nichts mehr anbrennen lässt. Die Jungs sind glücklich – nicht nur über den Zustupf, den ich jedem gebe, sondern auch über das Erinnerungsfoto, das jeder mit mir beim lokalen Fotografen machen darf. Auch für mich wird der Tag ein wahrlich unvergessliches Golferlebnis bleiben.
Während ich Anil leider nicht mehr treffen kann, organisiert er mir eine Runde auf dem Presidency Club mit seinem Vater als Caddy, einem gestandenen 67-jährigen Inder der Strasse mit langem weissen Haar und Kringelschnauz, der sein Leben in den Hütten vor dem Golfplatz als Caddy verbracht hat. Vater Anil spricht kein Englisch, ausser einigen wichtigen Golf-Ausdrücken wie «Nice Draw», «Aim at the Bunker» oder «Left Inside» und so verständigen wir uns per Handzeichen. Er zeigt mir die Putting-Linien und wählt mir die Schläger aus, nachdem er mich auf dem ersten Abschlag gemustert hat: Ich starte miserabel, nach drei Wochen ohne Golf und ohne Probeschlag. Nach einigen Löchern finde ich aber dank den Tipps von Anils Vater mein Spiel, und nachdem ich bei Loch 15, ein Paar 5, beinahe meinen zweiten Schlag, ein perfekt geschlagenes Eisen 3 versenke, streut sich die Kunde unter den Caddies schnell: Auf dem Weg durch die Slums zu Anils Familie, welche mich zum Tee eingeladen hat, rufen mir die Caddies mit Daumenhoch und Grinsen im Gesicht auf aus ihren Blechhütten zu. Mit zwei Kindern im Schoss und das Hochzeitsalbum der Familie betrachtend geniesse ich meinen würzigen Chai-Tee. Mein Blick schweift den Wänden entlang und bleibt am «I love Golf» Kleber am Spiegel hängen. Auch wenn unsere Leben kaum unterschiedlicher sein könnten, verbindet uns eine gemeinsame Passion. Ich verabschiede mich und setze mich ins nächste Riksha. Eine Freude breitet sich in mir aus über einen weiteren reichen Tag und das merkwürdige Gefühl, dass mir die Slum-Buben Lichtjahre näher stehen als die formelle, konservative Elite des Bombay Presidency Golf Club.