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Alkohol in der Schwangerschaft –
Lebenslange Folgen für das Kind
Alkoholkonsum in der Schwangerschaft hat für die betroffenen Kinder lebenslange Folgen mit einem breiten Spektrum an Schädigungen. Bereits mässiger Alkoholkonsum während der Schwangerschaft beeinträchtigt eine gesunde Entwicklung des Kindes. Den meisten dieser betroffenen Kinder sieht man die Schädigung nicht an, sie haben aber geistig-intellektuelle Defizite oder psychische Auffälligkeiten.
Es ist bekannt, dass Alkohol (Ethylalkohol) und dessen Abbauprodukte (u.a. Acetaldehyd) den Mutterkuchen passieren und direkt zu verschiedenen Entwicklungsstörungen des Feten führen können. Alkohol und Acetaldehyd sind Gifte, die u.a. auf die Zellteilung wirken. Besonders empfindlich ist dabei das Zentrale Nervensystem. Es gibt keinen risikolosen Alkoholgrenzwert in der Schwangerschaft! Auch wie zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft geringer Alkoholkonsum für das ungeborene Kind schädlich sein kann. Sowohl chronischer Alkoholkonsum als auch geringe Mengen an Alkohol sowie episodenhaftes exzessives Trinken haben schwerwiegende und dauerhafte Schädigungen zufolge. Daher sollte ein völliger Alkoholverzicht in der gesamten Schwangerschaft selbstverständlich sein.
Der Grossteil der Frauen - etwa 80% - konsumiert während der Schwangerschaft mehr oder minder Alkohol. Im gebärfähigen Alter leben nur rund 6% der Frauen in gänzlicher Abstinenz. Als Ursache für den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft gilt zum einen, dass manche Frauen nicht wissen, dass sie schwanger sind, wenn sie Alkohol zu sich nehmen. Zum anderen werden von schwangeren Müttern die Risiken unterschätzt, die vom Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ausgehen. Zwar ist dem Grossteil der Schwangeren die schädigende Wirkung von Alkohol bekannt, doch unterschätzen viele die Gefahr, die auch von mässigem Konsum ausgeht. Hirnorganische Schädigungen, die durch den mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verursacht wurden, sind nicht rückbildungsfähig und auch durch therapeutische Massnahmen nicht heilbar. Organische Komplikationen (z.B. Herzfehler) können zum Teil durch Operation korrigiert werden. Schätzungsweise kommen in der Schweiz jedes Jahr mindestens 250 Neugeborene mit einem „Vollbild" des fetalen Alkoholsyndroms (FAS), 250 mit einem partiellen fetalen Alkoholsyndrom (pFAS) zur Welt, wobei die Dunkelziffer recht hoch ist.
Schwere Schädigungen werden als fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet. Schädigungen durch Alkohol wirken sich jedoch schon während der Embryonalzeit eines Ungeborenen aus. Je nach Ausprägung des FAS können die Kinder von körperlichen, geistig-intellektuellen, sozialen und emotionalen Störungen betroffen sein. Von FAS betroffene Kinder kommen u.a. mit einem geringeren Geburtsgewicht zur Welt und sind kleiner. Typischerweise haben sie Gesichtsfehlbildung. Zu diesen sichtbaren äusseren Kennzeichen zählen ein abgeflachtes Mittelgesicht mit kurzem, breiten Nasenrücken und grossem Augenabstand sowie Minderwuchs und Untergewicht. Auch Organfehlbildungen sind häufig - so liegen beispielsweise bei rund 90% Augenveränderungen vor. Von Organfehlbildungen können u.a. auch die Atmungsorgane, das Skelett und seine Muskulatur, sowie Herz, Leber, Verdauungstrakt, Immunsystem, Haut und Haare betroffen sein.
Zeigen sich schwere Schädigungen "nur" am Zentralen Nervensystem (neuropathologisch), sprechen Mediziner von einem partiellen FAS (pFAS). Das pFAS ist wesentlich häufiger, da Organe mit einer hohen Stoffwechsellage und Wachstumsrate - wie das embryofetale Gehirn - von den schädigenden Auswirkungen des Alkoholkonsums besonders betroffen sind. Das pFAS ist keine abgeschwächte Form des fetalen Alkoholsyndroms, sondern eine andere Ausprägung. Beide Störungsbilder werden unter dem Namen Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD) zusammengefasst - auch weil die Übergänge fliessend und die Symptome variabel ausgeprägt sein können.
Als Folge hirnorganischer Schädigungen weisen betroffene Kinder soziale und psychische Auffälligkeiten auf und haben Leistungsstörungen. Möglich sind unter anderem Probleme mit der Aufnahmefähigkeit und dem Gedächtnis, dem Konzentrations- und Sprachvermögen, der Grob- und Feinmotorik. Belastender als die mehr oder minder ausgeprägten intellektuellen Einschränkungen sind die emotionalen Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen bei fast allen Kindern mit FAS. Hyperaktivität etwa findet sich bei FAS so häufig wie bei keinem anderen Fehlbildungssyndrom. Dessen Merkmale sind ständige motorische Unruhe, Nervosität, sehr kurzfristiges Interesse an einer Aufgabe oder schneller Wechsel von einem Spielzeug zum nächsten sowie Ungehemmtheit und Impulsivität im Sozialverhalten. Die Kinder sind leicht ablenkbar und zeigen häufig ein Verhalten, das ständig nach Aufmerksamkeit verlangt. In der Schule fallen die Kinder auf, weil sie nicht still sitzen können und undiszipliniert sind. Betroffene Kinder können Affekte nur schwer kontrollieren und haben eine geringe Frustrationstoleranz. Nur eine kleine Minderheit von Kindern mit FAS oder partiellem FAS verhält sich dagegen antriebslos und sehr still.
Durch Verhaltensstörungen wie hyperaktiven Verhaltensmustern, fehlendem Risikobewusstsein und beeinträchtigter sozialer Wahrnehmung können schwerwiegende Beeinträchtigungen in vielen Lebensbereichen entstehen. Kinder mit FAS entwickeln häufig kein Gefahrenbewusstsein, wodurch Gefährdungen bei Spielen und auch im Strassenverkehr bestehen. Riskant ist darüber hinaus auch ihre Sorglosigkeit Fremden gegenüber. FAS-Kinder gelten als hilfsbereit, freundlich, naiv und beeinflussbar. Sie verstehen nicht, wenn sie ausgenutzt oder zu etwas angestiftet werden. Naivität und Freundlichkeit erhöhen das Risiko, sexuell missbraucht zu werden. FAS-Patienten sind hierfür im Kindes- und Erwachsenenalter besonders gefährdet.
Weil in einem Teil der Fälle die Lebens- und Berufsplanung sehr stark eingeschränkt ist und Betroffene auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen, ist eine langfristige Unterstützung bzw. Betreuung erforderlich.
Wichtig ist, dass Betroffene zu einem möglichst frühen Zeitpunkt unterstützt werden. Für eine gezielte therapeutische Unterstützung ist zunächst die korrekte Diagnosestellung wichtig. Dadurch lassen sich unnötige weitere Untersuchungen verhindern und sie ermöglicht den Kindern den Zugang zu entsprechenden Hilfsangeboten. Frühe Hilfsangebote können die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen und mögliche psychische Folgeerkrankungen und Folgeerscheinungen, wie Straffälligkeit, schulische Überforderung und eine störanfällige Ausbildung verringern.
Quelle: Frauenarzt 53 (2013) Nr.4: Das Fetale Alkoholsyndrom; Autor Dr. Reinhold Feldmann, Universitätsklinikum Münster; Web: http://www.fetales-alkoholsyndrom.de
Stand: 6/13, BH