Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/1909

Darstellung:
Trotz der relativ groben Konturen und starken Stilisierung handelt es sich bei dieser vollständig handgefertigten Figurine um ein Massenprodukt. Für die perserzeitlichen Reiterfigurinen ist typisch, dass sie – im Unterschied zur älteren Figurine Kat. 17 – sehr viel höher als tief ist, was zunächst einmal praktischer war, weil man die Figurine so auch auf einem schmalen Absatz platzieren konnte. Da derartige Figurinen offensichtlich von vorne betrachtet werden sollen, kann die Tiefendimension praktisch vernachlässigt werden, zumal das Pferd über einen tieffallenden Schutzschurz verfügt. Das Grössenverhältnis hat sich ganz unverhältnismässig zugunsten des Reiters entwickelt. Dennoch wirkt der Pferdekopf in Vorderansicht wesentlich realistischer als Keel/Staubli 2001
: Nr. 17
; die Ohren sind kleiner, die Mähne ist kammartig markiert, und die Kopfhaltung ist sehr charakteristisch für ein gezügeltes Pferd. Betrachtet man die Figurine aber von der Seite, ist es um den scheinbaren Naturalismus der Darstellung geschehen: Der Pferdekörper erscheint dann ganz unrealistisch zusammengepresst, so dass der Reiter wie auf die Kruppe zu sitzen kommt. Im Übrigen hat auch diese Figurine vier einfache, allerdings viel zu kurze Stützbeine und einen spitzen Stummelschwanz. Der Reiter trägt einen weiten Mantel und eine hohe Kopfbedeckung, wie sie für Skythen, Meder und Perser charakteristisch war, eine Filzmütze, die von den Griechen kyrbasia genannt wurde. Das bärtige Gesicht ist sorgfältig modelliert und mit Farbe noch zusätzlich konturiert worden. Die starke Rücklage ist sicher nicht realistisch gemeint, gibt vielmehr einen Hinweis darauf, dass man derartige Figurinen in der Regel von vorne und leicht von oben zu betrachten hatte.
Diskussion:
Zur Zeit des persischen Grossreichs, als die iranische Achämenidendynastie ein riesiges Territorium vom Indus bis nach Nubien und bis vor die Tore Athens beherrschte, wurde das Bild des Reiters zu einem typischen Element höfischer Selbstdarstellung. Ein guter Reiter zu sein, war eine notwendige Tugend sowohl für den König als auch für den Adel (Herodot I, 136; vgl. Ester 6,8ff). König Darius I. soll in Babylon ein Reiterstandbild errichtet haben (Herodot III, 88; vgl. Sacharja 1,8). Ein aramäischer Papyrus des 5. Jh. aus Elephantine bestätigt die offizielle Anfertigung von Reiterskulpturen. Das persische Heer war für seine Krieger (Haggai 2,22; Sacharja 10,5; 12,4) und berittenen Boten berühmt (Herodot III, 126; Herodot VIII, 98; Ester 8,10.14), die im Post- wie im Spionagewesen einsetzbar waren. Von daher erstaunt es nicht, dass die Vorstellung von Reitern und Pferden, die dem Befehl eines göttliche Herrn gehorchen, in der Bibel zum ersten Mal in einem Text aus der Perserzeit auftaucht (Sacharja 1,8ff). Kriegsreiter treten nun auch im Repertoire apokalyptischer Katastrophenschilderungen auf (Joel 2,4?; Sacharja 10,5; Offenbarung 6,2-8). Umgekehrt stellte man sich dann auch rettende Götter wie Mithras oder den Sonnengott als Reiter auf weissem Pferd vor. Diese Symbolik findet sich in biblischen Schriften der hellenistischen und römischen Zeit wieder, wenn etwa im 2 Makkabäerbuch (3,25; 5,2-3; 10,29) himmlische Schlachtenhelfer als Reiterheer auftreten oder in der Johannes-Offenbarung (Offenbarung 19,11-21) der wiederkehrende Christus (bzw. das ‹Wort Gottes›) als Reiter auf einem weissen Pferd, d.h. als eine Art sol invictus
vorgestellt wird. Handelt es sich bei der Figurine um eine einfache Kriegerdarstellung, oder hatte dieses typisch männliche Rollenbild in der Perserzeit auch eine bestimmte religiöse Funktion? Stifterinschriften auf vergleichbaren Figuren aus Kourion (Zypern) legen nahe, dass diese als Abbilder von Höhergestellten – Heroen oder Aristokraten – verstanden wurden. Im perserzeitlichen Palästina sind derartige Figuren bisher auffälligerweise nur im Küstengebiet und im Negev gefunden worden. Hätte man in Samaria und Juda darauf verzichtet, wenn die Figurinen nur Sterbliche dargestellt hätten? Wir wissen, dass man in Juda ab dem ausgehenden 6. Jh. v. Chr. die Verehrung des «Himmelsheeres» und anderer minderer Gottheiten verfemte. Eine Interpretation der Reiterfigurinen als numinose Macht, wie sie unter Keel/Staubli 2001
: Kat. 17 skizziert wurde, scheint am ehesten geeignet, die divergierenden Befunde auf einen Nenner zu bringen. Christoph Uehlinger
.
Parallelen: Stern 1982
: 167f (mit Literaturhinweisen); Nunn 1988
: 78f; Uehlinger 1999a
; Moorey 2000
; Nunn 2000
: 42-46.