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Gottes Wort hören und singen
Bei ihrer spirituellen Suche stossen Menschen immer wieder auf Psalmen. In der Messe ist vor allem der Antwortpsalm als kommunikatives Ereignis wieder neu zu entdecken.
Der Antwortpsalm ist der hauptsächliche Psalm der Messe, denn im Unterschied zu anderen Psalmgesängen begleitet er nicht nur eine liturgische Handlung, sondern zieht als eigenständiges Element die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung auf sich.
Responsoriales Singen
Dabei gehört der Psalm zu den ältesten und wichtigsten Gesangselementen der Messe. In der Frühzeit der Kirche trug ihn der Psalmist auf der Basis eines musikalischen Modells frei improvisierend vor. Der Kehrvers der Gemeinde bestand meistens aus einem Halleluja oder einem Versteil des jeweiligen Psalms. Diese responsoriale Art des Psalmensingen (lateinisch: respondere = antworten) war vor allem vom 4.-6. Jahrhundert sehr beliebt und weit verbreitet. Sie knüpfte an die jüdische Praxis an und scheint bereits in der Textgestalt mehrerer Psalmen auf, zum Beispiel in Psalm 136:
Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
Man muss sich das wechselseitige Singen als sehr lebendig und spontan vorstellen. Es handelt sich um eine einfache gemeinschaftliche Ausdrucksweise, wie wir sie vor allem aus Volksliedern und Spirituals kennen, die uns aber auch in Fangesängen an Sportveranstaltungen begegnet.
Graduale
Im Mittelalter entwickelten die hoch angesehenen Kantoren die Musik weiter. Mehr Musik bedeutete weniger Text: Der Gradualpsalm (lateinisch: gradus = Stufen; von den Stufen zum Ambo zu singen) bestand in der Regel nur noch aus zwei Psalmversen. Die Auswahl dieser Verse war allerdings nicht bloss das Resultat willkürlicher Kürzungen, sondern ein durchdachter, kreativer Vorgang, der nur vor dem Hintergrund einer grossen Vertrautheit mit den Psalmen zu verstehen ist. Das Graduale entstand aus der intensiven theologischen und spirituellen Beschäftigung mit den biblischen Psalmen und stellt in seiner organischen Verbindung von Text und Musik eine Hochform liturgischen Gesangs dar.
Wiedergewinnung der Ursprungsgestalt
Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hob wieder stärker den Verkündigungscharakter des Psalms im Wortgottesdienst hervor. Auch das wechselseitige Singen zwischen VorsängerIn und Gemeinde stellte man nach altkirchlichem Vorbild wieder her. Von dieser Vortragsweise erhielt der Psalm die Bezeichnung „Antwortpsalm".
Existentielle Dimension der Psalmen
Der Text des Antwortpsalms entstammt der Heiligen Schrift. Darum wird er – wie die biblischen Lesungen – vom Ambo aus vorgetragen. Weil aber die Psalmen ursprünglich Gesänge sind, unterscheiden sie sich wesentlich von anderen biblischen Texten. Bischof Athanasius von Alexandrien beschreibt im 4. Jahrhundert seine Erfahrungen mit dem Buch der Psalmen (Psalter) wie folgt:
„Was die Heiligen (Schriftsteller) reden und wovon sie sprechen, das beziehen die Leser auf die Personen, von denen berichtet wird, und die Hörer halten sich für andere als die, von denen die Rede ist. Die berichteten Taten erwecken lediglich Bewunderung und das Verlangen, sie nachzuahmen. Anders jedoch, wenn du den Psalter in die Hand nimmst. ... Wer die Psalmen liest, wird zerknirscht, wie jemand, der selber so redet, er wird durch die Worte der Lieder in die gleiche innere Stimmung versetzt, wie wenn es seine eigenen, persönlichen wären ... Ich bin der Ansicht, dass in den Worten dieses Buches das ganze menschliche Leben, sowohl die geistlichen Grundhaltungen als auch die jeweiligen ‚Bewegungen' und Gedanken umfasst und enthalten sind. Nichts kann darüber hinaus im Menschen gefunden werden ..."
Die Kirche hat seit jeher Psalmen in der Liturgie verwendet, um „Gott mit seinen eigenen Worten zu antworten" (Joseph Gelineau). Zusammen mit anderen biblischen Gesängen bilden die Psalmen die Grundlage der Tagzeitenliturgie. Doch anders als im Mittelalter ist ihr Bekanntheitsgrad heute auch unter Christen gering. Für die meisten Zeitgenossen sind die Psalmen unbekannte und fremde Texte aus längst vergangenen Zeiten.
Liturgischer Dialog
Im Unterschied zu anderen biblischen Texten wird in den Psalmen nicht aus einer gewissen Distanz über Ereignisse und Personen berichtet. In ihnen findet ein Dialog statt, es kommt eine Beziehung zum Ausdruck, in die Vortragende und Hörende gleichermassen hineingenommen werden.
Josef-Anton Willa

Stichwort
Praxis-Tipp
Hilfsmittel zum Singen des Antwortpsalms finden Sie unserer Website unter Kirchenmusik.
Facts„Auf die erste Lesung folgt der Antwortpsalm (Graduale), der ein wesentliches Element des Wortgottesdienstes ist. In der Regel soll man den im Lektionar angegebenen Psalm nehmen, weil sein Text mit den Lesungen in Zusammenhang steht, denn er ist im Hinblick auf sie ausgewählt. Damit jedoch die Gemeinde leichter einen Kehrvers zum Psalm singen kann, werden einige Antwortpsalmen für die einzelnen Zeiten des Kirchenjahres und für die verschiedenen Gruppen von Heiligenfesten angeboten, die man an Stelle des im Lektionar vorgesehenen Psalmes verwenden kann, wenn man den Psalm singen will.
Der Psalmsänger (Psalmist) singt am Ambo oder an einem anderen geeigneten Platz die Psalmverse. Die Gemeinde sitzt und hört zu; für gewöhnlich soll sie mit dem Kehrvers am Gesang teilnehmen, es sei denn, der Psalm wird nicht unterbrochen, das heisst ohne Kehrvers vorgetragen.
Für den Gesang kann man stattt des im Lektionar vorgesehenen Psalmes auch das Graduale aus dem Graduale Romanum oder den Antwort- beziehungsweise Hallelujapsalm aus dem Graduale Simplex in der jeweils angegebenen Form wählen."
Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 36
Lesetipp
Josef-Anton Willa, Singen als liturgisches Geschehen. Dargestellt am Beispiel des ‚Antwortpsalms' in der Messfeier. Regensburg: Pustet, 2005.