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«Da war Buchbinder Sailer. Er hatte eine kleinen Laden und bei ihm ich meinen Papierbedarf ein. Bald bediente er, bald seine Frau, bald seine Tochter», beschreibt Jacob Lorenz in seiner 1935 erschienen Autobiografie seine Erfahrungen in Wil.
Er wirkte einige Zeit als Redaktor bei der Zeitung «Wyler Bote». Lorenz setzte sich dafür ein, dass die Zeitung künftig «Wiler Bote» hiess. Die führte zu einigem Widerstand in der Leserschaft und zu einer Abbestellung.
Familiäre Gemeinschaft
Lorenz freundet sich mit der Familie Sailer an. «Bald luden sich in die Wohnung ein. Oder ich sass auf der Werkbank des langen, mageren, ein wenig gebückten Vaters Sailer und sah ihm zu, wie er Bücher einband. Die Butike ging hinaus ging hinten hinaus auf den Weiher.» Lorenz fühlte sich wohl bei der Familie. «Und es war gut sein oben in der Stube. Die ging auf die Marktgasse hinaus.» Sie spielten oft zusammen Familienspiele. «Es war ein behagliches Zusammensein und Geborgensein.»
Katholische Stadt
Die von Lorenz beschriebene Situation in der Wiler Altstadt hatte während Jahrhunderten Bestand, es war eine Lebensgemeinschaft von Zinngiessern, Apothekern, Schreinern, Marktfrauen, Hebammen, Gastwirten und weiteren Berufsleuten.
Zu Zeiten von Lorenz lebten rund 7000 Personen in Wil, davon waren rund 5500 römisch-katholisch. «Wil war eine katholische Stadt und in der Zwischenkriegszeit gehörten immer noch rund drei Viertel der Bevölkerung der katholischen Kirche an», schreiben Verena Rothenbühler und Oliver Schneider in der neuen Wiler Chronik <Stadt auf dem Land. Wil vom 19.Jahrhunbdert bis zur Gegenwart>.
Die Autoren schreiben weiter: «Viele von ihnen waren in katholischen Vereinen organisiert, die der zweiten Hälfte des 19.Jahrhundert entstanden waren. Das katholische Vereinswesen bildete das Rückgrat des sogenannten «katholischen Milieus».(…)«Das katholische Milieu erlebte in der Zwischenkriegszeit seine Blütezeit und prägte in Wil das politische und soziale Klima.»
Zum Vergleich: Aktuell leben rund 24 000 Menschen zwischen Trungen, Neulanden, Ölberg und Thurau; 2013 haben sich Bronschhofen und Wil vereinigt.
Von diesen Einwohnenden sind rund 41 Prozent römisch-katholisch, rund 17 Prozent evangelisch-reformiert und 41 Prozent haben ein anderes oder kein religiöses Bekenntnis. Die Katholiken bilden nicht mehr die grosse Mehrheit.
Bevölkerungsschub
Rund drei Generationen früher lebten lediglich 1550 Personen in der Stadt. Ab dann begann sich Wil markant zu verändern, 1856 startete in Wil das Zeitalter der Eisenbahn. Zugleich wuchs in der Bahnhofsregion allmählich die Stickereiindustrie, die Personal anlockte. Die Stadt wuchs durch neue Quartiere.
Trotz wirtschaftlichem Aufschwung in der Stadt wirkte der historische Kern Wils wie eine kleinstädtische Idylle, in der Coiffeure, Krämer, Lehrer und Bierbrauer ihr Tagwerk verrichteten. Diese Situation griffen 1938 die Produzenten des Erfolgstreifen «Füsilier Wipf» auf, der in Teilen in der Wiler Altstadt gedreht wurde.
Kleinstädtische Lebensgemeinschaft
Unter der Bedrohung der Aufrüstung der deutschen Wehrmacht kamen in der Schweiz im Rahmen der sogenannten «geistigen Landesverteidigung» Filme mit patriotischem Inhalt in die Kinos. Sie sollten den Widerstandswillen gegen das Säbelrasseln der Nazis anstacheln. «Füsilier Wipf» entstand in diesem Zeitgeist.
Die Hauptfigur des Films ist ein etwas linkischer Coiffeur, der im Militärdienst zu einem gestanden Mann wird und zudem sein Liebesglück findet. Der Streifen lebt auch von Szenen vom beschaulich wirkenden Alltag um den Hofplatz. Die aneinandergebauten Häuser der Altstadt und der trutzig wirkende Hof versinnbildlichen eine geeinte Lebensgemeinschaft, die bei äusserer Bedrohung zusammensteht.
Vorbild für die Schweiz
In den vergangenen Jahrhunderten hatte Wil verschiedene Belagerungen und Besetzungen überstanden. Selbst mit dem Zusammenbruch der fürstäbtischen Ordnung hatte sich die Stadt arrangiert; sie bedeutete ein Verlust von Privilegien.
Und auch das bedrohliche Kriegstreiben der Nazis sollte für Wil nicht den Untergang bedeuten – dies wollten die Filmszenen aus Wil veranschaulichen. Was für die Kleinstadt im Fürstenland galt, sollte für die ganze Schweiz gelten: Einigkeit macht stark. Um die Zeit des Zweiten Weltkriegs lebten rund 7700 Personen in Wil.
Einsetzender Wohlstand
In den Jahrzehnten nach dem Krieg setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung, während dem neue Autobahnen und zahlreiche Wohnblöcke errichtet wurden, ein. Die Menschen konnten sich Kühlschränke, Badezimmer und einen Motorroller oder gar ein Auto leisten.
Für die Äbtestadt bewirkte diese wirtschaftliche Entwicklung ein Bevölkerungszuwachs: 1960 lebten rund 10 000 Personen und 1980 15 000. Zum Vergleich: hundert Jahre zuvor hatte Wil knapp 3000 Einwohnende.
Ein weiterer Zahlenvergleich veranschaulicht die Veränderung der Stadt: 1880 lebten 300 Personen aus dem Ausland in Wil; 2020 besassen rund 7000 in Wil Wohnhafte keinen roten Pass.