Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03498.jsonl.gz/224

Die Organisation der Zeit auf der Ocean Viking ist Teamarbeit. Dies gilt insbesondere für Notfälle, wie z. B. Rettungseinsätze. Wir betonen oft die Bedeutung von Schulungen und Trainings zu Beginn jedes Einsatzes, damit die Teams auf der Ocean Viking lernen, zusammenzuarbeiten und sich auf die Szenarien vorzubereiten, mit denen sie auf See konfrontiert werden können.
Was oft unerwähnt bleibt, ist die wichtige Rolle von Geretteten. Von der Unterstützung des Rettungsteams während einer Rettung, über das Übersetzen für andere Überlebende bis hin zur Hilfe beim Tragen von Kisten mit Decken und Notfall-Kits, um eine Rettung vorzubereiten: in verschiedenen Momenten ist die Hilfe der Geretteten für das Team auf der Ocean Viking essentiell, um sichere Einsätze durchzuführen.
Unterstützung während der Rettung
Der erste und kritischste Moment, in dem das Team auf die Unterstützung der Überlebenden angewiesen ist, ist während der Rettung selbst. Dort ist das, was wir „Crowd Control“ [Kontrolle der Menschenmenge] nennen, extrem wichtig. „Crowd Control“ bedeutet jedoch nicht, dass die in Not geratenen Personen von aussen „kontrolliert“ werden. Es bedeutet vor allem, dass diejenigen, die sich in Not befinden, verstehen, dass sie gerettet werden, und dass sie während des Einsatzes ruhig bleiben, sich gegenseitig helfen und dem Rettungsteam auf den RHIBs [schnelle Rettungsboote] Informationen geben, zum Beispiel über medizinische Notfälle auf ihrem Boot.
Im November 2021 erlebte der 20-jährige Khaled aus Syrien, wie wichtig diese Art der Zusammenarbeit ist. Der junge Mann erzählte, wie er an der herausfordernden nächtlichen Rettung des Holzbootes beteiligt war, auf dem er sich zusammen mit 68 anderen Männern, Frauen und Kinder befand: „Als ihr in meiner Sprache [Arabisch] mit uns gesprochen habt, verstand ich, dass ihr hier wart, um uns zu retten. Das hat mich sofort beruhigt“, erinnert er sich. Während der gesamten Rettung unterstützte er die Crew, indem er sich an einem Ende eines Bootshakens festhielt, um das in Not geratene Boot in der Nähe der RHIBs zu halten. “Als du mich angeschaut und mir gesagt hast, ich solle den Stock [d. h. den Bootshaken] festhalten, tat ich mein Bestes, um ihn trotz des Wellengangs nicht loszulassen. Ich verstand, dass wir nur gerettet werden konnten, wenn unsere Boote aneinanderkleben, und niemand ins Wasser fällt. Ich hielt mich fest, bis ich an der Reihe war [aus dem Boot zu steigen].”*
Auch der 23-jährige Musse aus Tigray, Äthiopien, half bei der Rettung des Holzbootes, in dem er zusammen mit 63 anderen Menschen in Seenot geraten war. Er erinnerte sich an den Moment, als er merkte, dass sie in Sicherheit waren: „Wir dachten zuerst, ihr wärt Libyer. Aber euer Freund auf dem Schnellboot hat gewunken und gesagt: ‚Wir kommen, um euch zu retten‘! Die anderen auf unserem Boot verstanden nichts, keiner sprach Englisch, aber ich übersetzte für alle. Das war der glücklichste Moment, an den ich mich seit langem erinnern kann. Es war wie eine Wiedergeburt“, erzählte er dem Team auf der Ocean Viking nach seiner Rettung.
Unterstützung auf der Ocean Viking
Aber nicht nur während der Rettung setzte Musse seine Sprachkenntnisse ein, um andere Menschen aus Äthiopien und Eritrea zu unterstützen, die unter den 555 Menschen waren, die sich nach mehreren Rettungen im Sommer 2021 an Bord der Ocean Viking befanden. Als einer seiner Kameraden wegen eines schweren medizinischen Problems die Hilfe des Arztes auf der Ocean Viking suchte, verbrachte Musse Stunden mit ihm in der Bordklinik, um zu übersetzen und ihn emotional zu unterstützen. Indem Musse zu einer sicheren Rettung und zur Bereitstellung der notwendigen medizinischen Versorgung beitrug, half Musse nicht nur den anderen Überlebenden, sondern erleichterte auch die Arbeit des Teams an Bord.
Während die Überlebenden nach den Rettungen auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten, unterstützen sie sich gegenseitig und helfen den Teams an Bord oft bei den täglichen Aufgaben an Deck des Schiffes; zum Beispiel beim Reinigen und Desinfizieren der Schutzräume oder beim Verteilen von Mahlzeiten und Abwaschen des Geschirrs.
Im Herbst 2021 fiel der somalische Teenager Jamal der IFRC-Kommunikationsverantwortlichen Jenelle Eli durch seinen Eifer zu helfen auf. „Jeden Morgen wacht Jamal auf und ist bereit, beim Frühstück zu helfen. Er stellt den Klapptisch auf und füllt die Spülwannen mit Wasser und Seife. Während die Familien Kekse, Frühstücksriegel und Tee zu sich nehmen, wäscht Jamal Tassen und füllt Vorräte nach“, schrieb Jenelle damals. „Er müsste nicht mit anpacken – die Teams, die an Bord arbeiten, sind für das Frühstück zuständig -, aber es bringt Routine in seinen Tag und gibt ihm ein Gefühl der Gemeinschaft.“
Diese Art der Zusammenarbeit ergibt sich nicht nur aus dem praktischen Bedürfnis nach helfenden Händen. Die Möglichkeit, einen aktiven Beitrag zu leisten, gibt den Geretteten auch die Möglichkeit zur Selbstbestimmung, die viele von ihnen unter den extrem schwierigen Bedingungen in Libyen schon lange nicht mehr erlebt haben. Dieses Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben und Teil einer Routine zu sein, hilft den Geretteten auch dabei, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, die sie möglicherweise erlebt haben. Olivier, Logistiker an Bord, erklärt:
Untertitel Video [„Wir organisieren die tägliche Essensausgabe, das Frühstück am Morgen, das Mittagessen, das Abendessen. Schnell stellt sich eine Art Routine ein, denn wir haben ein Team von SOS MEDITERRANEE und IFRC, das sich um die Organisation dieses Lebens an Bord kümmert. Und nach und nach nehmen die Geretteten an diesem Leben an Bord teil. Dies passiert Schritt für Schritt, denn am Anfang stehen sie noch unter Schock, und sie müssen wirklich, ich zitiere, „eingekuschelt“ werden. Und dann kommt es nach und nach von ihnen, sie müssen oder wollen mit anpacken, wenn sie sehen, dass wir aktiv werden.“]
Ob bei einer Rettung, bei der Verteilung von Lebensmitteln oder indem man auf dem Deck und in der Klinik unseres Schiffes füreinander da ist – die Bedeutung der gegenseitigen Unterstützung der Überlebenden und des Teams an Bord kann nicht genug geschätzt werden.
* Ganzes Testimony Khaled: https://sosmediterranee.ch/de/log/khaled/
Die Namen aller Überlebenden, die in diesem Text erwähnt werden, wurden geändert, um ihre Identität zu schützen.