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Das musst du wissen
- Andrew Wakefield publizierte 1998 eine Studie, um einen Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus zu beweisen.
- Der Journalist Brian Deer deckte zwischen 2004 und 2010 auf, dass Wakefield betrügerisch vorgegangen war.
- Der Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus wurde danach in vielen Studien widerlegt.
Wer Fälscher enttarnt, auf den wird zumindest verbal scharf geschossen. «Brian Deer ist ein Psychopath. Er zeigt alle Charakteristiken eines Psychopathen». Das sagte Andrew Wakefield im Jahr 2016. Wakefield ist ein gefallener Arzt, einer der bekanntesten Fälscher in der Wissenschaft – und einer der bedeutendsten Impfgegner weltweit. Seine Worte galten dem Investigativ-Reporter Brian Deer, ein Journalist mit jahrzehntelanger Erfahrung bei der britischen Zeitung The Sunday Times. Ein Spürhund, der Wakefield zu Fall brachte – mit einer Artikelserie, die über Jahre andauerte. Die Wakefield-Affäre hat sein Leben bestimmt. 16 Jahre lang. Dabei sind zwölftausend Dokumente zusammengekommen, darunter Briefe, Emails, Gerichtsdokumente, Geschäftsberichte sowie hunderte Video- und Audioaufnahmen.
Buch: The Doctor Who Fooled the World
Nun hat Deer das epische Tauziehen um wissenschaftliche Redlichkeit und um die Wahrheit in ein Buch gepackt. Minutiös seziert er das betrügerische Schaffen Andrew Wakefields – eine Prise Sarkasmus und Bitterkeit schwingt mit. Denn das Vorgehen, wie es im Buch beschrieben wird, ist haarsträubend und ruft der Leserschaft in Erinnerung: Wo Menschen sind, da gibt es Betrüger. Und nicht selten sehen diese blendend aus und versprühen ein Charisma, das einen jeden Zweifel zur Seite schieben lässt. Bis das Ganze in die Luft fliegt.
Es begann mit Masern-Viren im Darm
Andrew Wakefields Karriere startete unauffällig. 1956 geboren als Sohn einer Ärztin und eines Arztes und aufgewachsen nahe Bath, neunzig Zugminuten von London entfernt, studierte er Medizin. Schliesslich kam er 1988 ans Royal Free Hospital in London, wo er in Lebertransplantationen unterrichtet wurde. Als Arzt oder Chirurg praktizierte er nicht, denn bald wandte er sich der Forschung zu. An der Royal Free and University College School of Medicine wurde er als Forscher für experimentelle Gastroenterologie angestellt, beschäftigte sich also mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts. So weit, so unspektakulär.
Doch dann, 1992, begann sich Wakefield für das Masern-Virus zu interessieren. 1993 publizierte er die erste Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem Masern-Virus und der Darmerkrankung Morbus Crohn untersuchte. Für seine Forschung bekam er auch Geld von Pharma-Unternehmen – die er später anprangern sollte. Eine weitere Studie folgte 1995, in der er einen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und der MMR-Impfung herstellten wollte, einem Kombinations-Impfstoff, der gegen Mumps, Masern und Röteln eingesetzt wird. Um die Logik hinter Wakefields Idee zu verstehen, muss man wissen: Bei der MMR-Impfung handelt es sich um einen so genannten Lebendimpfstoff. Er enthält unter anderem also lebende Masernviren – die jedoch so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung nicht auslösen. Schon hier, zu Beginn seiner Laufbahn, löste Wakefields Forschung Kopfschütteln aus: Die Methodik seiner Studie wurde von Experten scharf kritisiert.
MMR-Impfung und Autismus
Im gleichen Jahr begann Wakefields eigentlicher Abstieg in die Abgründe der Behauptungen und Unwahrheiten. Der Auslöser war ein Anruf am 19. Mai 1995. Eine Mutter kontaktierte ihn, weil sie einen Zusammenhang zwischen dem Autismus ihres Sohnes, seinen Magen-Darm-Problemen und der MMR-Impfung vermutete. Wegen seiner Studie über MMR-Impfungen und der Crohn-Erkrankung zirkulierte Wakefields Name bereits unter Eltern, welche in der Impfung eine Ursache für Erkrankungen ihrer Kinder sahen. So war auch dieser Mutter Wakefield empfohlen worden.
Masern-Viren, MMR-Impfung, Darmprobleme und Autismus: Das sind die Zutaten einer Idee, die Wakefield aufnimmt und nie mehr loslassen wird – komme, was da wolle. Ohne Beweise und gegen jegliche wissenschaftliche Evidenz, die sich über die folgenden Jahrzehnte anhäufen wird.
Science-Check ✓Studie: Vaccines are not associated with autism: An evidence-based meta-analysis of case-control and cohort studiesKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie konnte keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen herstellen – auch nicht zur MMR-Impfung. Die Studie kommt damit zum gleichen Ergebnis, wie bereits einige Übersichtsstudien zuvor. Diese Arbeit schloss nur Studien ein, die entweder über eine Kontrollgruppe verfügten oder eine ganze Kohorte, also eine Population, betrachteten. Zudem flossen nur Studien ein, die über eine solide Methodik verfügen. Die Resultate dieser Übersichtsstudie sind deshalb sehr zuverlässig.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Peer-reviewed, fünf Kontrollstudien mit über 9000 Kindern und fünf Kohortenstudien mit über 1,2 Millionen Kindern analysiert.Studien-Art: Review.Geldgeber: Keine Angabe.Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Über hundert Studien haben seither den Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus untersucht und keinen Zusammenhang entdecken können. In Japan, wo seit 1993 die MMR-Impfung nicht mehr verwendet wird, zeigten Zahlen bereits 2005, dass Autismus trotzdem immer häufiger auftritt. Fachleute in Sachen Autismus vermuten, dass dieser Anstieg unter anderem auf verbesserte Diagnose-Methoden zurückzuführen ist.
Ein erfundenes Syndrom: «Autistische Enterocolitis»
All diese Studien gab es 1996 noch nicht, als Andrew Wakefield sich die Idee in den Kopf setzte. Er stellte die Hypothese auf, dass die abgeschwächten Masern-Viren in der MMR-Impfung bei Kindern ein neues «Syndrom» auslösten, also eine Erkrankung bewirkten, die sich in mehreren Symptomen zeige. In diesem Fall durch Magen-Darm-Beschwerden und Entwicklungsstörungen. Dieses Syndrom bezeichnete er später als «autistische Enterocolitis».
Um seine Behauptungen zu beweisen, organisierte er mit einem Team eine Studie mit einem Dutzend zwei- bis neunjähriger Kinder mit Entwicklungsstörungen und Magen-Darm-Problemen, die 1996 bis 1997 im Royal Free Hospital untersucht wurden. Es gab Blut- und Urintests, MRI-Hirnscans, EEG-Aufzeichnungen, die die Aktivität des Gehirns messen. Zudem unterzog Wakefield die Kinder Darmspiegelungen, entnahm Gewebeproben aus dem Darm und führte Lumbalpunktionen durch – entnahm also Proben aus dem Wirbelkanal. Diese Untersuchungen bedeuteten für die Kinder eine enorme Belastung. Und all dies ordnete Wakefield an, ohne die Erlaubnis der Ethik-Kommission seines Departements einzuholen. Später behauptete er in der Publikation der Studie aber, eine Erlaubnis liege vor. Doch das war nur die Spitze des Eisbergs.
Die Studie untersuchte die Korrelation zwischen Magen-Darm-Symptomen und Entwicklungsstörungen sowie den zeitlichen Abstand zur MMR-Impfung. Einen kausalen Zusammenhang zwischen den Impfstoffen und Autismus konnte sie aber nicht herstellen. Die Studie enthielt lediglich die Aussage, dass in acht der zwölf Fälle die Eltern oder Hausärzte die Symptome mit der MMR-Impfung in Verbindung brachten, da diese wenige Tage nach der Impfung aufgetreten seien. Wakefield und seine Mitautoren kamen zum Resultat, dass alle zwölf Kinder den Darm betreffende Abnormitäten aufwiesen. So orteten sie bei elf Kindern Darmentzündungen. Zudem seien neun der Probanden autistisch.
Forschen für eine Sammelklage
Bereits vor der Veröffentlichung der Studie hielt Wakefield am 26. Februar 1998 eine Pressekonferenz ab, in der er vor der MMR-Impfung warnte und empfahl, vorerst Einzelimpfstoffe zu verwenden statt den Dreifachimpfstoff. Und das, obwohl die Studie keinen kausalen Zusammenhang zu den untersuchten Symptomen herstellen konnte. Wakefield selbst und sein Team schreiben in der Studie wörtlich: «Die Pathologie des Magen-Darm-Traktes und die Verhaltenspathologie könnten durch Zufall gemeinsam aufgetreten sein.» Doch zum Zeitpunkt der Medienkonferenz war die Studie noch nicht publiziert.
Es war ein PR-Stunt: Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe.
Die Studie erschien erst am 28. Februar, also zwei Tage später, im Fachmagazin Lancet. Und sie ist ein Gebastel sondergleichen. Zunächst waren da die methodischen Mängel: Es gab keine Kontrollgruppe mit Probanden ohne MMR-Impfung oder ohne Autismus-Diagnose, die Resultate waren nicht blind ausgewertet worden – die Forschenden wussten also, was für eine Probe sie vor sich hatten – und die Eltern berichteten aus der Erinnerung von Krankheitssymptomen, die zum Teil Jahre zurück lagen.
Auch die Forschenden selbst waren nicht unvoreingenommen: Denn Wakefield erhielt zu jener Zeit bereits Geld von dem Anwalt jener Eltern, die Pharma-Firmen wegen einem angeblichen Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus verklagen wollten. Insgesamt bekam er von dem Anwalt rund eine halbe Million Pfund. Ausserdem hatte er bereits ein Patent für eine Ersatz-Impfung in der Tasche. Beides deklarierte Wakefield nicht. Diese Interessenskonflikte deckte der Journalist Deer ab 2004 auf.
Und: Die Probandenauswahl war alles andere als neutral. Die Kinder waren nicht per Zufall bei Wakefield gelandet, wie die Studie suggerierte. Vielmehr wurden sie ihm über das Anti-Impf-Netzwerk zugewiesen – von Eltern, die bereits vor der Studie die Impfung für den Autismus ihrer Kinder verantwortlich gemacht hatten. Dementsprechend war die MMR-Impfung der Kinder ein Auswahlkriterium – die Studie präsentierte dies aber als Resultat der Untersuchung.
Doch es kommt noch schlimmer: Die Daten in der Studie wurden schamlos gefälscht. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Wakefields Mitautoren hatten dabei mitgemacht – oder grosszügig weggeschaut.
«Ich weiss, dass diese Studie nicht korrekt ist, sondern betrügerisch. Ich erkenne das daran, was darin über meinen Sohn geschrieben wurde.»
Wakefields gefälschte Daten
«Ich weiss, dass diese Studie nicht korrekt ist, sondern betrügerisch. Ich erkenne das daran, was darin über meinen Sohn geschrieben wurde.» Das schreibt eine Mutter, deren Kind bei Wakefields Studie mitmachte, dem Investigativ-Journalisten Brian Deer nach seinen ersten Recherchen von 2004. Weitere Enthüllungen folgten 2009: Deer fand heraus, dass die Darmuntersuchungen der Kinder ursprünglich völlig unauffällige Resultate geliefert hatten. Sie wurden aber im Nachhinein so geändert, dass sie auf Magen-Darmprobleme schliessen liessen. Das ging so weit, dass den Kindern starke Medikamente verschrieben wurden, die sie gar nicht brauchten.
Auch die angeblichen Entwicklungsstörungen der Kinder waren teilweise fabriziert: Von den neun Kindern, die nach der MMR-Impfung angeblich einen Autismus entwickelten, wurde diese Diagnose bei dreien gar nie gestellt. Fünf zeigten nachweislich bereits vor der Impfung erste kognitive Auffälligkeiten, die nicht in die Studie einflossen. Andere in der Studie angegebenen Symptome zeigten sich laut Krankenakten wiederum erst Monate nach der Impfung. Wakefield machte daraus Tage und brachte sie so in einen Zusammenhang mit der Impfung.
Kurz: Die Studie war gefälscht und auch mit dem Ziel publiziert worden, den Eltern, die gegen die Pharma-Firmen klagen wollten, Argumente und Belege zu liefern.
Der Arzt verliert die Zulassung
Brian Deers Recherchen führten 2010 dazu, dass die britische Ärztekammer, der General Medical Council, die Sache minutiös unter die Lupe nahm. Also zwölf Jahre nach der Publikation. Das Verdikt nach 217 Tagen Anhörung: Wakefield hatte Forschung betrieben, ohne die Zustimmung der Ethik-Kommission einzuholen, ohne Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen und ohne kinderärztliche Qualifikation. Er hatte ausserdem Kinder, welche keine dokumentierten Darmsymptome hatten, invasiven Prozeduren unterzogen. Die Ärztekammer warf ihm Unredlichkeit, verantwortungsloses Handeln und Gefühllosigkeit gegenüber dem Leiden der Kinder vor. Wakefield wurde seine Zulassung, als Arzt zu praktizieren, daraufhin entzogen.
Seinen früheren Arbeitgeber, die Royal Free Medical School, hatte er bereits 2001 verlassen. Dies, nachdem er es abgelehnt hatte, seine Resultate in einer kontrollierten, gross angelegten Studie zu reproduzieren – eine Voraussetzung für jede wissenschaftliche Erkenntnis, die zum Beweis werden soll. Selbst wenn die Studie mit zwölf Kindern solid gewesen wäre, hätte es eine grössere Studie gebraucht, um die Resultate zu validieren und Zufälle oder Fehler auszuschliessen.
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Obwohl es Wakefield war, der eine weitere Studie ablehnte, ging er mit der Begründung, seine Forschungsresultate seien «zu unpopulär». Er selbst beharrte entgegen jeglicher Beweise und Gerichtsurteile auf dem Standpunkt, seine Forschung sei einwandfrei gewesen und er sei Opfer eines Komplotts von Regierung, Pharmabranche und Medien – bis heute.
Direkt nach dem Zerwürfnis mit der Royal Medical School kehrte Wakefield Grossbritannien den Rücken und ging in die USA. Dort wurde er Direktor eines privaten Forschungszentrums in Texas, dessen Ziel es ist, die Verbindung zwischen Autismus und MMR-Impfung weiter zu erforschen.
Ein Kreuzzug gegen Impfungen
Man könnte Wakefield als unverbesserlichen Rechthaber ohne kritische Distanz zu seiner Forschung abtun. Nur: Wakefield beeinflusste unzählige Menschen. Nach der durch ihn verursachten Aufruhr sanken in Grossbritannien die Impfraten für MMR von 92 Prozent im Jahr 1996 auf achtzig Prozent im Jahr 2004. Masernausbrüche folgten.
Da stand Wakefield erst ganz am Anfang seiner Karriere. Einer Karriere nicht als Arzt oder Wissenschaftler, sondern als Guru der Impfgegner. Ein Grund für seinen steilen Aufstieg war das Internet und die sozialen Medien, die ihre Wirkung immer stärker entfalteten: «In den goldenen Zeiten von Tinte und Papier wäre Wakefields Blamage das Ende der Geschichte gewesen», schreibt Brian Deer in seinem Buch. «Aber mit dem Aufkommen der epochen-verändernden, auf Augenhöhe funktionierenden, sozialen Medien, (…) konnte jeder die Algorithmen ausnutzen, um Unvorsichtige in Märkte der Falschinformationen zu locken.» So war Wakefield in den 2010er-Jahren das auslösende Momentum für die grösste Impfskepsis in den USA seit den 1930er-Jahren.
Alternative Realitäten
Wakefield schuf eine Parallelwelt aus Falschinformationen und leistete damit in einem gewissen Sinn. unrühmliche Pionierarbeit. Was heute in den sozialen Medien und teilweise sogar in der Politik gang und gäbe ist, wandte Wakefield als einer der ersten derart konsequent an. Zum Beispiel auch am 24. Mai 2010, am gleichen Tag, an dem ihm die Lizenz von der britischen Ärztekammer entzogen wurde. Auf dem US-Fernsehkanal NBC antwortete er auf die Frage, ob er sich noch als Arzt bezeichne: «Ja. Die können mir den Fakt nicht wegnehmen, dass ich ein Medizindiplom habe.» Nur: Ein Medizindiplom macht noch keinen praktizierenden Arzt.
Bald darauf behauptet er, dass nicht nur MMR-Impfstoffe Autismus auslösten, sondern dass alle Impfungen schädlich seien. Dies obwohl klar auf dem Tisch lag, in Form von Originaldokumenten und Aussagen von Eltern, dass seine Studie gerade dies nicht zeigen konnte. Und während das Fachmagazin Lancet 2010 seine Studie zurückzog und sich die Mitautoren distanzierten, ortete er den Betrug nicht bei sich, sondern bei Brian Deer: «Es gab einen Betrug», sagte er 2011, «aber nicht von meiner Seite oder jener meiner Kollegen, sondern auf Seiten Brian Deers und dem British Medical Journal, der eine Geschichte über Betrug ausgeheckt hat, um mich zu diskreditieren». Das British Medical Journal hatte Brian Deer Platz eingeräumt, um die Fälschungen zu entlarven und Wakefields Forschung als vorsätzlichen «betrügerisch» bezeichnet.
Elternliebe gegen Wissenschaft ausgespielt
Diese Sichtweise auf die Dinge ist typisch für Wakefield. Er scheint wie rundum verspiegelt, die Wahrheit prallt an ihm ab und er schafft in seinem Inneren seine eigene Wahrheit. Und ruft all seine zahlreichen Anhänger dazu auf, es ihm gleich zu tun. Viele von ihnen sind besorgte Mütter und Väter, die sich nach Antworten und Lösungen sehnen. «Es gibt niemanden, der ein Kind besser kennt als seine Mutter», sagte Wakefield während einer Anti-Impfveranstaltung in Santa Monica, Kalifornien, im Juli 2015. «Glaubt an eure Instinkte», riet er Eltern an einer Veranstaltung in Washington DC. Sein Rezept ist also: Mütterliche Intuition gegen die Wissenschaft auszuspielen. Wenn es um das eigene Kind geht, ist klar, was gewinnt.
Bei seiner Mission konnte er immer wieder auf prominente Unterstützung zählen: Mit Hilfe des impfskeptischen Filmproduzenten Del Bigtree drehte er den Film «Vaxxed», der 2016 erschien. Der Schauspieler Robert De Niro, der selbst einen autistischen Sohn hat, empfahl den Film öffentlich als sehenswert. So mobilisierte Andrew Wakefield die Antivaxxer-Bewegung in den USA wie kaum einer zuvor – und wurde nebenbei reich. Denn sein Charisma verschaffte ihm Zugang zu Kreisen der Reichen und Bekannten – wenn Wakefield etwas kann, dann Gelder akquirieren. Millionen bekam er zum Beispiel vom New Yorker Millionär Bernard Selz; 200 000 Dollar davon waren explizit dafür vorgesehen, das British Medical Journal und Brian Deer zu verklagen. Auch sein Privatleben änderte sich dramatisch: Der Familienvater ging 2017 eine Beziehung mit dem australischen Supermodel Elle Macpherson ein.
Derweil deklarierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2019 Impfskepsis zu einer der grossen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Und das alles unter anderem wegen Wakefields gefälschter Studie mit zwölf Kindern.
«Für uns ist Andrew Wakefield Nelson Mandela und Jesus Christus in einem.»Ein Anhänger Wakefields in der New York Times 2011.
Wakefield hat auch die Warnung der WHO aber nicht geschadet, im Gegenteil. Er ist im Olymp angekommen. Nicht in jenem der Wissenschaft, aber in jenem der Impfgegner. Heute ist der 64-Jährige Vollzeit-Aktivist: Er hat die Non-Profit-Organisation «Strategic Autism Initiative» gegründet und war ausserdem bei den Unternehmen «Medical Interventions for Autism» und «Autism Media Channel» aktiv. Ein Anhänger Wakefields sagte der New York Times 2011: «Für uns ist Andrew Wakefield Nelson Mandela und Jesus Christus in einem». Brian Deer hingegen, der schon so oft verklagt und bedroht wurde, dass er erst recht kein Blatt mehr vor den Mund nimmt, zieht das Fazit: «Andrew Wakefield brachte eine weltweite Epidemie der Angst, Schuld und Krankheit». Eine, die in den Sphären des Internets noch lange grassieren dürfte.