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Nehmen wir mal Wuttke. Er ist nicht verheiratet, hat keine Kinder und soviel man weiss auch keine Partnerin. Möglicherweise hat er eine Mutter, aber Freunde bestimmt nicht. Er ist aber trotzdem kein Einzelgänger. In der Firma geht Wuttke zum Beispiel regelmässig mit Kollegen mittagessen, von denen er sich Unterstützung bei seinem Vorhaben erhofft, mich als Abteilungsleiter abzulösen. Die, die mit ihm essen gehen, schildern ihn als freundlichen und zuvorkommenden Gesprächspartner, aber so richtig warm wird keiner mit ihm, da brauche ich mir keine Sorgen zu machen.
Im Grunde ist Wuttke ein armer Kerl, ein bindungsloser Mensch, auf den Abends nach der Arbeit niemand wartet: Ganz allein sitzt er in seiner vermutlich geschmacklos eingerichteten Wohnung und wartet darauf, dass die Fischstäbchen in der Mikrowelle auftauen.
Aber ist er wirklich ein armer Kerl? Nein, eben nicht! Der arme Kerl bin ich! Denn im Gegensatz zu Wuttke lebe ich mit Leuten zusammen, die mich lieben und die ich liebe.
Ich lebe mit Ruth, meiner Frau, und mit Max, meinem Sohn, und zusätzlich habe ich Freunde. Diese Leute wollen, dass ich Zeit mit ihnen verbringe. Sie möchten, dass ich abends um 19.00 Uhr ihren Kartoffelauflauf esse (Ruth), obwohl ich um diese Zeit eigentlich an der Videokonferenz mit Tokio teilnehmen müsste.
Sie möchten, dass ich am Sonntagnachmittag mit ihnen einen Pfeilbogen schnitze (Max), obwohl ich eigentlich ein Dossier lesen müsste, um auf die Verhandlung am Montagmorgen vorbereitet zu sein.
Sie (Freunde) rufen mich um 15.00 Uhr im Büro an und teilen mir mit, dass sich die Liebe ihres Lebens von ihnen getrennt hat, und dass sie jetzt jemanden brauchen, um zu reden.
Und während ich mich um all die Leute, die mir wichtig sind, kümmere, hockt Wuttke im Büro und führt an meiner Stelle die Gespräche mit Tokio. Er liest am Sonntagnachmittag das Dossier, das ich lesen müsste und ist dann natürlich am Montagmorgen besser vorbereitet als ich. Und während ich einen guten Freund davon abhalten muss, aus Liebeskummer eine zweite Flasche Kochwein zu trinken, verfasst Wuttke in nächtlicher Arbeit ein Strategiepapier, das mein Chef Benz am nächsten Tag mit den Worten kommentiert: „Gratuliere, Wuttke! Sie haben meine Überlegungen, wie wir unsere Präsenz auf den asiatischen Märkten verstärken, perfekt zusammengefasst!“
Wenn mich jemand fragen würde, weshalb es unerlässlich geworden ist, auch in der Freizeit noch zu arbeiten, würde ich antworten: Wegen Leuten wie Wuttke! Weil es immer mehr Ungebundene wie ihn gibt, denen es nichts ausmacht, rund um die Uhr erreichbar zu sein und sich ins Wochenende Arbeit mitzunehmen. Mit diesen Leuten, die in einem bis fast auf Null ausgedünnten sozialen Umfeld leben, müssen wir Familienväter und alleinerziehenden Mütter mithalten, sonst sind wir bald weg vom Fenster. Das heisst, wir müssen es schaffen, am Sonntag mit unseren Kindern einen Pfeilbogen zu basteln UND das Dossier zu lesen.
„Ihr Blutdruck macht mir Sorgen“, sagte der Doktor Häberle letzte Woche, und ich sagte: „Der wird erst sinken, wenn Wuttke Zwillinge kriegt. Also nie.“