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Seit Januar ist der Holländer Paul Polman neuer Finanzchef von Nestlé. Der Mann, der das Europageschäft von Procter & Gamble fit getrimmt hat, wird bereits als Nachfolger von Peter Brabeck gehandelt.
«Mann, muss ich wirklich zu diesem Referat?», fragte sich Paul Polman, als er an jenem Novembermorgen im Jahr 2004 aus dem Fenster seines Interlakner Hotelzimmers blickte. Anstatt vor Marketingspezialisten über die Herausforderungen der Konsumgüterindustrie zu referieren, hätte der Europachef von Procter & Gamble (P & G) viel lieber das Berner Oberland erkundet. Polman ging dann doch hin, erzählte aber gleich zu Beginn des Referats von seinen Gedanken an diesem Morgen. Es war ein ehrliches Geständnis - und ein wirksames. Es bedeutete: Ich, Paul Polman, bin einer wie ihr. Die Sympathie des Publikums war ihm gewiss.
Seit Anfang Jahr ist der 49-jährige Niederländer Paul Polman neuer Finanzchef bei Nestlé. Konzernchef Peter Brabeck hat ihn an Bord geholt und damit für eine kleine Sensation gesorgt. Auf dem Planeten Nestlé ist es unüblich, dass Positionen im Top-Management mit Personen besetzt werden, die von ausserhalb der Firma kommen. Polman war vor seiner Ernennung während 26 Jahren für P & G tätig gewesen, zuerst als Finanzanalyst in Belgien, zuletzt als Europachef in der Genfer Zentrale.
Die Wahl ist umso brisanter, als Polman von Analysten und Experten als möglicher Nachfolger von Peter Brabeck gehandelt wird. Helvea-Analyst James Amoroso etwa hält ihn neben Amerikachef Paul Bulcke für «einen der zwei wahrscheinlichen Kandidaten». Ein Kenner der Verhältnisse im Nestlé-Management bezeichnet ihn gar als «absolut besten Mann für die Nachfolge Brabecks».
Letzterer muss sich deswegen den Vorwurf gefallen lassen, er habe es versäumt, rechtzeitig einen Nachfolger aufzubauen. Will Brabeck nämlich - wie in Aussicht gestellt - spätestens im Jahr 2008 zurücktreten, müsste er seinen Erben im Optimalfall schon im nächsten Frühjahr bekannt machen. Dann wird Polman erst ein Jahr bei Nestlé gearbeitet haben. Und auch Paul Bulcke besetzt erst seit 2004 einen Posten im obersten Management des Konzerns.
Mehr Frauen im Management, ethisch korrektes Verhalten
Für Amoroso ist diese Diskussion zweitrangig. Er wertet die Verpflichtung Polmans als Zeichen für die anhaltende Öffnung des Nestlé-Konzerns seit der Machtübernahme durch Peter Brabeck 1997. «Es ist eine Anerkennung der Tatsache, dass nicht alles, was gut ist, unbedingt aus dem Innern des Konzerns kommen muss», sagt Amoroso. «Es macht auch strategisch Sinn. Nestlé wandelt sich von einem Konzern, der in mehr oder minder autonom agierende Märkte unterteilt ist, zu einem regional und global agierenden Unternehmen, wie es beispielsweise Procter & Gamble schon lange ist.» Ein Manager, der dieses Denken bereits verinnerlicht habe, käme da gerade recht.
Für Nestlé wäre eine Krönung Polmans ein Bruch mit der Tradition. Helmut Maucher, der Vorgänger Brabecks an der Konzernspitze, war für seine behutsame, jahrelange Nachfolgeplanung bekannt. Auch Brabeck sagte man diese Taktik nach. Eine Ernennung Polmans wäre für Nestlé-Verhältnisse schon fast ein Schnellschuss.
Doch wer ist dieser Paul Polman überhaupt? Er passt in keine Schublade. Einerseits scheint er ein Stereotyp des leistungsorientierten Top-Managers zu sein. Er verbringt seine Freizeit mit Bergsteigen und Marathonlaufen und bezeichnet Ungeduld als eine seiner Schwächen. Auf der anderen Seite gibt es den Polman, der sich für mehr Frauen im Management ausspricht und der sagt, er wolle keine süchtigen, sondern motivierte Mitarbeiter, die einen Ausgleich fänden zwischen Freizeit und Arbeit. Den Polman, der für ethisch korrektes Verhalten als wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur plädiert.
Arbeitsplatz in einer Ecke des Grossraumbüros
Über Paul Polman, der sich vor Bekanntgabe der Jahreszahlen nicht selbst äussern wollte, kriegt man nur Positives zu hören. «Er ist einer der besten Manager, die ich kenne», sagt Headhunter Björn Johansson. «Ein guter Typ, modern, souverän im Umgang mit Menschen.» Gleicher Meinung ist Martin Naville, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, bei der Polman als Schatzmeister agiert. Er hebt neben dem Manager Polman, den er als «sehr organisiert» und «wahnsinnig engagiert» wahrnimmt, den Menschen Polman hervor. «Das ist ein Typ ohne jegliche Allüren», sagt Naville über den Vater dreier Kinder. «Ein sehr bescheidener, teamfähiger Mensch.» Bei P & G, weiss Naville, habe Polman nicht einmal über ein separates Arbeitszimmer verfügt. «Er sass in einer Ecke des Grossraumbüros, direkt gegenüber seiner Sekretärin.»
Der Leistungsausweis spricht ebenfalls für Polman. Bei P & G gelang ihm der Turnaround im schwierigen Europageschäft. Eine wichtige Erfahrung für Nestlé, erzielt der Konzern doch knapp einen Drittel des Umsatzes in Europa. «Ich konnte bereits von Polmans Know-how profitieren», sagt Nestlé-Europachef Luis Cantarell.
Trotzdem muss sich Polman in Vevey zuallererst durchsetzen und integrieren. Die Nestlé-Seilschaften sind fest geknüpft, oft bestehen sie seit Jahrzehnten. Und er muss aufpassen, dass er sich beim morgendlichen Blick auf den Genfersee nicht allzu oft fragt: «Mann, muss ich wirklich zu diesem Meeting?»
© Hadorn Lukas / Cash; 23.02.2006; Nummer 8; Seite 11
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