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«Wir müssen Greenwashing verhindern»
Die Gründung eines auf Beratung zu Nachhaltigkeitsthemen spezialisierten Unternehmens war für Daniel Wiener der beste Weg, um dafür zu sorgen, dass seine Ideen reale Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt haben. Er spricht über die Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf unseren Planeten und unsere Städte zukommen werden, und auch über diejenigen, mit denen er selbst im Alltag als Chef von Ecos, einem KMU mit rund 20 Mitarbeitenden, zu tun hat. Ein Interview.
Was sind weltweit die grössten Herausforderungen in Sachen Nachhaltigkeit?
Daniel Wiener: Die grösste besteht darin, eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad im Vergleich zum 20. Jahrhundert zu verhindern. Dafür müssen die CO2-Emissonen in den Industrieländern, also auch in der Schweiz, bis 2050 um 80% reduziert werden. Das macht enorme Umstellungen in sehr kurzer Zeit erforderlich, sei es beim Bau, beim Verkehr oder beim Abfallmanagement. Es muss viel Geld investiert werden und der Planungsaufwand ist immens. Die zweite Herausforderung besteht darin, sich an die negativen Auswirkungen der Klimaerwärmung anzupassen, zum Beispiel an Überschwemmungen und Dürren, von denen es künftig immer mehr geben wird. Und das dritte grosse Thema ist die Frage, wie wir mit dem Bevölkerungswachstum umgehen werden.
Wie sieht es speziell für die Schweiz aus?
Wiener: Meiner Meinung nach geht es in der Schweiz im Wesentlichen darum, einen neuen Pakt zwischen den Städten und den Dörfern zu schliessen, genau gesagt zwischen städtischen und ländlichen Räumen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Arbeitsteilung zwischen diesen Gebieten neu organisiert werden muss: Die Städte sollten Energie aus erneuerbaren Quellen finanzieren und kaufen, die auf dem Land produziert wird.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wiener: Nehmen wir die Station Les Diablerets. Langfristig wird sie nicht mehr hauptsächlich auf den Bau von Zweitwohnungen oder Einkünfte aus dem Skitourismus setzen können, da die Gletscher schmelzen werden. Dafür kann sie aber ihre Spezialisierung in der Erzeugung von Energie aus Wasserkraft mithilfe von Gebirgsstaudämmen weiter ausbauen, indem sie zusätzlich andere erneuerbare Energieformen aufnimmt, zum Beispiel Solarenergie, Biomasse oder Geothermie.
Was genau macht Ihre Firma Ecos?
Wiener: Wir arbeiten im Bereich der nachhaltigen Entwicklung zum einen als Consulting-Agentur, zum anderen als Think Tank. Unsere Kunden kommen aus der Schweiz und der ganzen Welt. Ein Drittel kommt aus der Privatwirtschaft, ein Drittel sind öffentliche Einrichtungen und ein Drittel verschiedene Verbände und Organisationen. Kurz gesagt, wollen wir die Geschäftswelt mit gesellschaftlichen und ökologischen Belangen in Berührung bringen und bei einer Wertschöpfung im Sinne der Nachhaltigkeit behilflich sein.
Wie gehen Sie dabei konkret vor?
Wiener: Wir erarbeiten Dialog- und Gesprächsverfahren, die bei der Bevölkerung möglichst breite Unterstützung finden. Es geht darum, insbesondere durch Plattformen und auf speziellen Veranstaltungen, verschiedene Interessengruppen zu vernetzen, um einen Raum für neue Ideen zu schaffen. Das macht es möglich, Konflikte und Blockaden zu lösen, aber auch die Planung besser auf die Bedürfnisse zuzuschneiden und die Akzeptanz politischer Entscheidungen zu erhöhen. Ein weiteres zentrales Element unserer Tätigkeit ist die Finanzierung von Projekten zugunsten der Nachhaltigkeit in Zusammenarbeit mit dem Finanzmarkt, also den Banken, grossen Stiftungen oder Pensionskassen.
Welche Ziele hatten Sie, als Sie 1986 diese Struktur ins Leben gerufen haben?
Wiener: Ich habe Ecos nie als Start-up angesehen. Es war nie unser Ziel, Gewinn zu erwirtschaften, sondern es ging eher darum, die Welt zu verändern. Die Gründung eines Unternehmens schien mir die wirksamste Art zu sein, dieses Ziel zu erreichen.
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie als Unternehmer hauptsächlich zu kämpfen?
Wiener: Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Anfangs war das Thema Nachhaltigkeit nicht gerade in Mode. Die Schwierigkeit bestand darin, die Bedeutung zu vermitteln. Heute stehen wir eher vor einem gegenteiligen Problem. Wir müssen unsere Kunden sorgfältig auswählen, um "Greenwashing" zu verhindern, also diesen Trend, dass immer mehr Unternehmen und Organisationen Marketingprozesse in Gang bringen, mit dem Ziel, sich ein ökologisches und soziales Image zu verleihen, ohne dass Gesellschaft und Umwelt wirklich davon profitieren. Im Gegensatz dazu möchten wir die nachhaltige Entwicklung fördern, indem wir die Marktanteile der Produkte, Dienstleistungen oder Ideen unsere Kunden erhöhen, welche die Nachhaltigkeitskriterien für ihre Branche erfüllen.
Was würden Sie jemandem raten, der in der Schweiz ein Unternehmen gründen möchte?
Wiener: Vor allem muss man sich darauf einstellen, dass man auf jeden Fall Fehler machen wird. Ich würde auch sagen, dass man sich zugleich geduldig und hartnäckig zeigen muss, sein Netzwerk pflegen sollte und nicht in die Falle tappen darf, alles allein machen zu wollen. Und gerade für den Start braucht man eine gewisse Sorglosigkeit oder sogar Unwissenheit, was all die Probleme angeht, die einem Unternehmer das Leben schwer machen können!
Welche Projekte sind für Sie in den kommenden Jahren am wichtigsten?
Wiener: Eines unserer Hauptprojekte heisst Global Energy Basel (GEB). Das ist eine Plattform für die Finanzierung nachhaltiger Infrastrukturprojekte. Beim jährlichen Gipfeltreffen, das zum nächsten Mal am 21. und 22. Mai 2014 stattfinden wird, kommen Projekte und Investoren, wie Pensionskassen, Banken, Family Offices und multilaterale Entwicklungsbanken, sowie diverse Anbieter von Infrastrukturlösungen zusammen. Eine andere Thematik, mit der wir uns befassen, ist, dass wir der Schweizer Immobilienbranche und den Städten zeigen, wie städtische Gebiete verdichtet werden können, ohne an Lebensqualität einzubüssen. Das Projekt, eine Kooperation mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und sechs Grossinvestoren aus der Immobilienbrache, geht diesen Monat an den Start. Es trägt den hübschen Namen ANANAS (Angebotsstrategie nachhaltig nachverdichteter Städte).