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In 50 Tagen zum ersten Ironman
von Daniele Gentile
Es gibt Leute, die mich als Teilnehmenden am Ironman Zürich gesehen haben. Es gibt andere, die gehört haben, dass ich an diesem Ironman teilgenommen habe. Auf der Startliste und in der Rangliste ist mein Name jedoch nicht zu finden. Andere haben mir während dem Wettkampf zugerufen: „Was machst Du an einem Ironman?!“ oder „Jetzt machst Du auch solches!“
Hier die wahre Geschichte, wie es dazu kam:
Anfangs Mai 2008, bei einem gemeinsamen Lauftraining, teilt mir Roman mit, dass er am diesjährigen Ironman Zürich zwar angemeldet ist, jedoch nicht teilnehmen wird. Er habe in diesem Jahr an zu vielen Triathlons teilgenommen und auch in den nächsten Monaten stehen für ihn Wettkämpfe an, die eine Teilnahme in Zürich als nicht wahrscheinlich machen. „Dann kannst Du ja die Startnummer mir geben!“ erwidere ich ihm zum Spass.
Rund zwei Wochen später, während einem Telefongespräch, fragt mich Roman, ob ich mit dem Training für den Ironman begonnen habe. „Nein“ antworte ich ihm und frage ihn weshalb. Er teilt mir nochmals mit, dass er nicht teilnehmen wird und ich seinen Startplatz für die Veranstaltung, die seit Monaten ausgebucht ist, haben kann. Ich warne ihn: „Pass auf, sonst mache ich es wirklich!“. Er antwortet, dass es für ihn in Ordnung sei.
In den nächsten Tagen sind meine Gedanken beim Ironman. Soll ich oder soll ich nicht? Ist es realistisch? Der Wettkampf ist am 13. Juli 2008, in weniger als zwei Monate. Marathons bin ich schon mehrmals gelaufen, dies ist sicherlich kein Problem. Mit dem Fahrrad kann ich mich zwar fortbewegen, aber 180 Kilometer … Und schwimmen? Ich hätte so gerne in den letzten Jahren an einem Triathlon teilgenommen, aber das Schwimmen hat mich immer davon abgehalten. Und jetzt sollen es aus dem Nichts 3,8 Kilometer sein! Ich versuche, einen Trainingsplan für die verbleibenden 8 Wochen bis zum Wettkampf zu erstellen. Am Sonntag 18. Mai 2008 entscheide ich mich: Daniele, einen Ironman wirst Du nie geschenkt erhalten, kaufen kannst Du ihn Dir auch nicht. Forza! Am nächsten Tag frage ich Roman, ob ich seine Startnummer auch tatsächlich haben kann. „Kein Problem, ich nehme nicht teil.“ Ich teile ihm meinen Entschluss mit. Er ist überzeugt, dass ich aufgrund meiner konditionellen Verfassung den Wettkampf meistern werde. Nun gilt es, für mein erstelltes Trainingsprogramm beim Arbeitgeber die Ferien zu ändern: zwei Blöcke zu zwei Wochen, an denen ich 50% arbeite und den Rest des Tages für den Ironman trainiere. Am Nachmittag erhalte ich positiven Bescheid. Nächster Schritt: ein Triathlon-Fahrrad zu kaufen. Ich erhalte einen Termin beim „Velo Lade“ in Urdorf. Am Abend, mit der Unterstützung vom Velokenner Marco, dem Freund meiner Schwester, ist das Velo bestellt. Ich könnte es bereits am nächsten Tag holen, einige mich jedoch auf den Donnerstag abend; für Samstag 24. Mai 2008 habe ich im Rahmen der Berglauf-Serie „JuraTopTour“ den Passwang-Berglauf geplant. Da erscheint mir kurzfristiges Fahrradtraining als nicht angepasst. Am Abend des Donnerstag 22. Mai 2008 bin ich im Besitz eines neuen Triathlon-Fahrrades. Es folgt gleich das erste Training: Urdorf – Zug – Schlieren. 80 Kilometer mit anschliessendem Lauf zum „Velo Lade“, um das Mountainbike zu holen. Natürlich schmerzen am nächsten Tag die Beine. Dabei habe ich nicht einmal die Hälfte der Radstrecke gefahren …
Am morgen des Sonntag 25. Mai 2008 geht es in das Hallenbad Altstetten zum ersten Training für das Schwimmen. Das letzte Mal mehrere Längen gecrawlt? Wahrscheinlich während der Primarschule – vor rund 30 Jahren! Entsprechend gestaltet sich das Training: Wasser schlucken, Atmungsprobleme, teilweises umsteigen auf Brustschwimmen. Nach einer Stunde Schwimmtraining geht es auf das Fahrrad – 110 Kilometer in rund 4 Stunden. Zum Abschluss 1 Stunde laufen.
Die erste Woche trainiere ich jeweils am Morgen, ab dem späten Vormittag arbeite ich 50%, um anschliessend am späten Nachmittag erneut zu trainieren. Es ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Hier einige Beispiele:
An diesen ersten Tagen frage ich mich immer wieder, was diese ganze Schinderei soll und ob es Sinn hat. Wie oft habe ich während dieser Woche bei den Trainings über Roman geflucht. Beim erstmaligen Aufstieg zum Albis habe ich gedacht: So etwas nennt man Ferien! Ich war nahe daran, auf die andere Strassenseite zu wechseln, runter zu fahren und alles hinzuschmeissen. Mein spontaner Schrei in den Wald „Roman!!!“ hat mich davor gerettet …
Zum Abschluss dieser ersten Woche, am Sonntag 1. Juni 2008, nimmt Roman am Triathlon in Rapperswil teil. Wir vereinbaren, dass ich ihn nach dem Schwimmen auf der Fahrradstrecke während einer Runde und auf der Laufstrecke begleite. Ich fahre mit dem Fahrrad nach Rapperswil. Hier treffe ich Roman wie vereinbart am Anfang der Radstrecke. Wir fahren gemeinsam die erste Runde von 45 Kilometer. Da es mir erstaunlich gut geht, fahre ich auch die zweite Runde (ebenfalls 45 Kilometer). Anschliessend erfolgt der Umstieg auf die Laufstrecke (Halbmarathon). Zu Beginn der Laufstrecke verliere ich Roman aus den Augen, nachdem ich ihn jedoch wieder gefunden habe, laufen wir gemeinsam die gesamte Strecke. Trotz den inzwischen 130 Kilometer auf dem Fahrrad geht es mir auf der Laufstrecke ausgezeichnet. Roman hat jedoch eine längere Krise. Dabei fragt er mich: „Weshalb tut man sich so etwas an?“ Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er am Ironman in Zürich das Doppelte der heutigen Leistung erbringen muss. Aus seiner Antwort und seinem Gesichtsausdruck wird mir klar: Roman startet am Ironman nicht, die Nummer wird er mir tatsächlich überschreiben! Nach dieser Begleitung in Rapperswil fahre ich mit dem Fahrrad wieder nach Hause. Insgesamt habe ich an diesem Sonntag 8 Stunden trainiert – ich bin jedoch alles andere als am Anschlag. Meine Zuversicht für einen erfolgreichen Ironman steigt bereits nach der ersten Woche Training.
Anfangs der zweiten Woche reduziere ich im Hinblick auf den Wettkampf der „JuraTopTour“ vom Mittwoch 4. Juni 2008 (Gempen-Berglauf) den Trainingsumfang. Natürlich ist die Leistung an diesem Wettkampf schlechter als üblich. Da ich jedoch bereits angemeldet bin, ziehe ich es durch. Alle anderen geplanten oder möglichen Wettkämpfe bis zum Ironman streiche ich. Ausnahme: der Grenchenberglauf (dies um auf die notwendigen Wettkämpfe im Rahmen der „JuraTopTour“ zu kommen). Ab Donnerstag wird wieder morgens und abends trainiert. Das Schwergewicht liegt dabei beim Schwimmen und auf dem Fahrrad.
Die folgende Woche dient der Erholung und der Fussball-Europameisterschaft. Somit arbeite ich wieder ganztags. Ausnahme: Donnerstag 12. Juni 2008. An diesem Tag findet der „Forchlauf“ statt. Ich entscheide mich, daran teilzunehmen. Vor dem Wettkampf, der abends um 19 Uhr startet, schwimme ich 1 Stunde im Hallenbad Altstetten und fahre unmittelbar danach mit dem Rad 130 Kilometer. Trotz diesen Anstrengungen und ohne zu forcieren laufe ich die Strecke von 22,5 Kilometer in rund 1h40’. An dieser Stelle herzlichen Dank an Roman für das Organisieren meiner Laufschuhe! Es bleibt zu erwähnen, dass ich mit dem Fahrrad etwa eine Minute nach dem Startschuss des Laufes ankomme …
Inzwischen bin ich mit dem neuen Fahrrad über 2000 Kilometer gefahren. Jetzt beginnt sich das Training auszuzahlen. Ich kann immer mehr in die Pedalen drücken. Zu Beginn hatte ich auf dem Fahrrad Mühe mit dem Hintern. Teilweise wusste ich nicht mehr, wie ich mich setzen musste. Dies nicht nur auf dem Velo, sondern auch auf einem normalen Stuhl. Diese Schmerzen verringern sich immer mehr. Dagegen hatte ich nie Mühe oder Schmerzen beim Liegen über dem Ironman-Lenker. Ich führe dies zurück auf den durch das Krafttraining und die Fitnessstunden bei Swiss Life gut trainierten Rücken.
Natürlich bleiben diese Trainings nicht ohne Auswirkungen auf meinen Körper. Selbstverständlich habe ich täglich schwere Beine. Anstatt nach Mitternacht bin ich täglich vor 23 Uhr im Bett und schlafe jeweils umgehend ein. Die ersten Schritte am Morgen sind sehr mühsam und alles schmerzt. In der Nacht nach dem Trainingstag mit dem Forchlauf mache ich eine ganz neue Erfahrung: gegen 2 Uhr, nach rund drei Stunden Schlaf, erwache ich und kann nicht mehr einschlafen. Der Körper ist noch immer aufgedreht, sodass ich, trotz der Müdigkeit, nicht mehr schlafen kann. Essen: ich habe das Gefühl, ich esse während dem ganzen Tag ununterbrochen. Trotzdem nehme ich rund zwei bis drei Kilos ab.
Eines Tages teilt Roman mir mit, dass gemäss Reglement die Startnummer nicht weitergegeben werden kann. Zuerst bin ich natürlich niedergeschlagen. Dann teile ich ihm mit, dass ich inzwischen so Freude habe, dass ich unabhängig von der Startmöglichkeit es durchziehen werde – ganz unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Zu einem späteren Zeitpunkt wird Roman dafür sorgen, dass ich trotzdem mit der Startnummer 2289, lautend auf Roman Stettler, starten kann. Ich werde somit einen Ironman bestreiten ohne Aussicht auf Klassierung unter meinem Namen.
Es folgen erneut zwei Wochen, an denen ich halbtags arbeite. Zu Beginn der ersten Woche wird im grossen Umfang trainiert, gegen Ende Woche im Hinblick auf den Grenchenberglauf in reduziertem Umfang. Am Wettkampftag fühle ich mich miserabel. Die Trainings der letzten Wochen machen sich mehr und mehr bemerkbar, und ich frage mich vor dem Startschuss, was ich hier eigentlich soll. Während dem Lauf geht es mir jedoch immer besser und gegen Schluss kann ich noch gewaltig zusetzen. Im Ziel bin ich nur 30 Sekunden langsamer als bei meiner Teilnahme vor zwei Jahren! Ich bin erstaunt: diese Leistung ohne Bergtrainings und trotz den täglichen Belastungen. Rang 5 in der Kategorie und eine schöne Sporttasche als Belohnung. Auf jeden Fall macht mich dieses Ergebnis für den Ironman wieder zuversichtlicher. Vor allem steigt die Motivation für die anstehende letzte Trainingswoche.
Diese letzte Woche wird zur härtesten Trainingswoche, die ich jemals durchgemacht habe. Es sind Umfänge und Belastungen, die ich mir vor einem Monat nicht zugetraut hätte. Das Training zahlt sich immer mehr aus, mental bin ich auch stärker geworden. Einen Dämpfer gibt es jedoch am Donnerstag 26. Juni 2008: an diesem Morgen schwimme ich zum ersten Mal, begleitet vom mehrfachen Ironman-Finisher Ueli Bieler, im Zürichsee. Was für ein Unterschied zum Schwimmbad: der Neoprenanzug, der den ganzen Oberkörper zusammendrückt; die Schwimmbrille, die anläuft; die Dunkelheit im Seewasser; keine Schwimmlinie, an der man sich richten kann. Für mich heisst es ab sofort, so oft wie möglich im See zu schwimmen. Zum Abschluss der Woche folgen am Samstag zwei Laufeinheiten, eine am Morgen, die zweite am Abend nach dem Schwimmen im See. Am Sonntag folgen 180 Kilometer auf der Fahrradstrecke des Ironman mit anschliessendem 2-Stundenlauf auf der Marathonstrecke des Ironman. Am Abend und am nächsten Morgen fühlen sich die Beine wie Blei. Wie oft habe ich an diesem Sonntag an den Montag gedacht: ich freue mich, am Folgetag am Morgen nur schwimmen zu müssen und den Rest des Tages im Büro sitzen zu dürfen. Jedoch weiss ich nach diesen Belastungen: ich werde den Ironman durchstehen!
Während den vielen einsamen Stunden auf dem Velo habe ich mein Wettkampfmotto festgelegt: das Schwimmen überleben, auf dem Fahrrad kämpfen und leiden, den Marathonlauf geniessen. Für diesen ersten Ironman und mit dieser kurzen Vorbereitung spielt die Zeit keine Rolle. Es gilt einzig und alleine zu finishen!
Zum Abschluss der Vorbereitung folgen zwei für mich wichtige Tests. Am Dienstag 1. Juli 2008 fahre ich auf der inzwischen vollständig markierten Ironman-Radstrecke 160 Kilometer. Ich überschreite dabei die Marke von 3000 Kilometer auf dem Fahrrad seit dem 22. Mai 2008. Anschliessend nehme ich am Hönggerberger 1-Stundenlauf teil. In dieser Stunde renne ich fast 15 Kilometer. Zu erwähnen bleibt, dass ich jetzt 1 Minute vor dem Startschuss eingetroffen bin … Am Folgetag schwimme ich an der Stadtzürcher Seeüberquerung. Während ich bis anhin bei meinen wenigen Seetrainings immer am Ufer des Zürichsee geschwommen bin, kann ich während dieser Veranstaltung vom Strandbad Mythenquai auf die andere Seite zum Strandbad Tiefenbrunnen und zurück schwimmen. Es sind insgesamt fast 3 Kilometer. Nach dieser Übung bin ich sehr zuversichtlich, dass ich am Ironman auch 3,8 Kilometer schwimmen kann. Insgesamt bin ich rund 90 Minuten unterwegs. Als Roman dies erfährt, rechnet er die Zeit für den Ironman hoch. Wenn ich unter seinem Namen eine solche Zeit schwimme, würde er mich nicht mehr kennen … Als ob ich nicht bereits genügend Druck habe! Aber ich weiss, weshalb ich so lange habe und erachte für mich am Wettkampf eine Zeit von 1h30‘ für die Schwimmstrecke als möglich.
In den verbleibenden rund 10 Tagen ist vor allem Erholung und mentale Vorbereitung angesagt. Auch befasse ich mit dem Wetter und mit der Bekleidung. Während es zu Beginn der Woche heisst, dass es in der Nacht vor dem Wettkampf ergiebige Niederschläge gibt, verschiebt sich dies auf den Wettkampfmorgen! Am Freitag vor dem Wettkampf bin ich aufgrund des Wetter niedergeschlagen. Ich habe während den letzten Wochen auf einen Wettkampf trainiert, bei dem in den früheren Jahren trockenes und schönes Wetter herrschte. Aber dieses Jahr soll es ganz anders sein – und dies bei meiner ersten Teilnahme! Aufgrund meiner Trainings auf dem Fahrrad bei schönem Wetter bezeichne ich mich als „Schönwetterradfahrer“; nur einmal bin ich in den letzten Wochen auf dem Fahrrad so richtig verregnet worden. Ich muss das Wetter akzeptieren und das Beste daraus machen. Am Samstag morgen kaufe ich mir noch Ärmlinge (Ernst, danke für den Hinweis). Am Abend, beim Firmen-Triathlon, erhalte ich von unserem Radfahrer seine Regenjacke für nasses Wetter (besten Dank, Vinzenz). Die Kombination der Ärmlingen und der Jacke wird sich als entscheidend erweisen.
Am Samstagabend vor dem Ironman nehme ich mit Isabelle Schindler (Schwimmerin) und Vinzenz Vetsch (Radfahrer) am Firmen-Triathlon teil. Ich renne die Laufstrecke von 10 Kilometer. Nicht dass ich diesen Wettkampf vom Vorabend noch gesucht hätte. Aber als wir uns im April 2008 als Mannschaft „Swiss Life Opex“ angemeldet haben, dachte ich sicherlich nicht daran, am Ironman teilzunehmen! Die Mannschaft wegen meinem Entscheid mit dem Ironman im Stiche zu lassen, kommt für mich nicht in Frage. Dies obwohl beide Teammitglieder mir vorschlagen, auf den Firmen-Triathlon zu verzichten. Nicht umsonst heisst die Werbung meines Arbeitgebers „Weil sich das Leben nicht immer an unsere Pläne hält.“ Ist dies der Grund, weshalb ich bei Swiss Life angestellt bin?
Am Firmen-Triathlon erreichen wir als beste Mannschaft von Swiss Life Rang 17 unter insgesamt 522 Teams. Auf meiner Laufstrecke kann ich, nach einem verhaltenen Start, es natürlich nicht lassen, mich voll zu verausgaben und am Limit zu rennen. Trotzdem bin ich rund 3 Minuten langsamer als zu meinen besten Zeiten – die langen Trainings im Ausdauerbereich und die Vernachlässigung von Intervallübungen lassen grüssen. Am Abend nach dem Wettkampf verspüre ich aufgrund der Belastung die üblichen Schmerzen in der Leistengegend des linken Beines.
Sonntag 13. Juli 2008 – der Tag, dem ich in den letzten Wochen alles untergeordnet habe. Tagwache um 4 Uhr. Nach einem Teller Nudeln lege ich mich nochmals hin und geniesse das Bett – draussen regnet es ja! Um 5.30 Uhr fahre ich mit meinem Cousin nach Zürich, wo ich noch im Auto in den Neoprenanzug steige. Ab jetzt werde ich für Stunden nur noch im Regen sein. Ich gehe in die Wechselzone, um das Velo zu kontrollieren und meine Sachen für die jeweiligen Wechsel bereit zu legen. Um 6.45 Uhr mache im mich auf den Weg zum See. Ich denke an den ganzen Aufwand der letzten Wochen für diesen Moment – mit diesem Wetter habe ich sicherlich nicht gerechnet. Roman! Zum Glück bist Du nicht hier … Und dafür zahlen wir ein Startgeld von CHF 500.00! Um 6.55 Uhr, nach dem Start der Profis, gibt es kein zurück mehr – ich steige in den Zürichsee. Kaum im Wasser, fühle ich mich plötzlich sehr wohl. Ich schwimme Richtung Start. Um mich herum lauter Menschen mit gelben Kappen im See, oberhalb von uns ein Helikopter, vor uns die Weite des Zürichsee. Kurz darauf erfolgt der Startschuss. Über 2000 Sportler schwimmen los. Es gibt einige Schläge, aber es geht recht ordentlich vorwärts. Nach der ersten Runde im Wasser verlassen wir den See und rennen über die Saffainsel. Ich schaue auf die Uhr – 40 Minuten. Roman sollte damit zufrieden sein. Weiter geht es mit den zweiten 1900 Meter schwimmen. Ich steige nach 1h26‘ aus dem Wasser. Ziel erreicht, und dabei geht es mir ausgezeichnet. Ich denke an mein Motto: nach dem Schwimmen wird der Tag immer besser! Ich ziehe mich um und steige auf das Fahrrad. Bereits befinde ich mich auf den 180 Kilometer. Natürlich regnet es weiter, mal stärker, mal weniger. Zu Beginn habe ich etwas Mühe mit den Beinen (der Wettkampf vom Vorabend lässt grüssen), aber nach den ersten 30 Kilometer spüre ich von dieser Anstrengung nichts mehr. Mit der nassen Fahrbahn habe ich als Schönwetterradfahrer weniger Mühe als erwartet. Mit der Kleidung habe ich keine Probleme. Gegen Ende der ersten Runde überschreite ich mit meinem Fahrrad 3333 Kilometer. Ich denke zurück an meine erste Ausfahrt nach Zug – die Fortschritte sind gewaltig! Jetzt bleiben mir nur noch rund 100 Kilometer übrig. Nach der ersten Runde treffe ich wie vereinbart meinen Cousin beim Bellevue. Ich halte bei ihm an und teile ihm mit, dass alles bestens verläuft. Von den mitgegebenen Sachen brauche ich ausser das Badtuch, um mich kurz zu trocknen, nichts. Auf dieser zweiten Runde nach Hombrechtikon verspüre ich den Schmerz ausgehend von der Leiste über das ganze linke Bein. Zwar stört es mich beim Fahren auf dem Fahrrad nicht, jedoch mache ich mir Sorgen betreffend dem Marathon. Beim Aufstieg nach Hombrechtikon hört es auf mit regnen – insgesamt 6 Stunden im Regen sind auch wirklich genug! Ohne leiden zu müssen fahre ich die Radstrecke zu Ende. Meine erhoffte Fahrzeit von 6 Stunden für die 180 Kilometer kann ich knapp unterbieten. Es erfolgt der Wechsel in die Laufschuhe und auf die Marathonstrecke. Bereits nach wenigen Kilometer ist mir bewusst: aufgrund der massiven Belastung vom Vorabend und dem Schmerz ausgehend von der linken Leiste wird dieser Marathon zur Tortur. Den Marathon zu geniessen kann ich vergessen – meine Paradedisziplin wird zum Disaster! Aufgeben kommt natürlich nicht in Frage. Ich weiss ja, was ich in den letzten Wochen ertragen musste und auf was ich verzichtet habe. Und ein Aufgeben am Ironman bei meiner Disziplin – diese Schande kann ich mir wohl nicht antun! So beisse ich mich mit Schmerzen während dem gesamten Lauf durch. Zeit: 4h23‘. Den gesamten Ironman beende ich knapp unter 12 Stunden. Nur eine Stunde schneller auf der Laufstrecke (eine solche Zeit ist für mich grundsätzlich kein Problem), ich hätte den ersten Ironman in weniger als 11 Stunden beendet. Und wäre ich nur annähernd so gelaufen wie beim Forchlauf oder beim Hönggerberg 1-Stundenlauf … Nach dem Wettkampf verpflege ich mich: 3 Teller Teigwaren, 2 Teller Reis, 2 Birchermüesli (den ganzen Tag hatte ich Bananen und Riegel gegessen).
Am Abend und am nächsten Morgen habe ich natürlich schwere Beine und etwas Muskelkater in den Armen. Am meisten geniesse ich nicht den Einlauf, sondern den Montagmorgen – aufzustehen mit dem Gedanken, heute nicht trainieren zu müssen. Was für ein Genuss!
Meine Höhepunkte an diesem Sonntag 13. Juli 2008:
Fazit: Ich hatte immer grossen Respekt vor den Finishern eines Ironman. Ich weiss ja vom Marathon, wie gross der Aufwand für eine einzelne Sportart sein kann. Aber für drei – das konnte ich mir nicht vorstellen und hatte immer grösste Achtung vor den Triathleten. Heute weiss ich, dass jeder, der gesund ist, absoluter Wille aufbringt, dem Ziel alles bzw. vieles unterordnet, einen Ironman bewältigen kann. Es ist mir dabei bewusst, dass diese Vorbereitung in so kurzer Zeit nur aufgrund meiner ausgezeichneten konditionellen Basis möglich ist. Selbstverständlich habe ich mich, mit Roman, am Dienstag nach dem Ironman 2008 für den Ironman 2009 angemeldet. Dabei ist sicher: Die Vorbereitung wird Monate dauern bzw. hat bereits begonnen, und am Vorabend des Wettkampfes gibt es keine Teilnahme am Firmen-Triathlon! Mein heutiges Ziel: unter 10 Stunden ins Ziel zu schwimmen, Rad zu fahren und zu rennen.
Roman, ich habe während der Vorbereitung zu diesem Ironman oft über Dich geflucht. Eines morgens, nachdem ich am Abend gegen 100 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren bin, anschliessend vom Geschäft nach Hause gerannt bin und am nächsten Morgen wieder zurückgerannt bin, habe ich in der Garderobe unseren gemeinsamen Kollegen Christian getroffen. Du weißt bestens, wie sich der Körper und die Beine in einem solchen Moment anfühlen. Ich habe ihn gefragt: „Weshalb habe ich Roman kennen gelernt?!“ Heute weiss ich, dass ich ohne Deinen Verzicht noch keinen Ironman bewältigt hätte. Ich will die verschiedenen Erfahrungen um meinen ersten Ironman nicht missen. Für die mir gebotene Möglichkeit danke ich Dir herzlichst!
Daniele
uomo di ferro
Schlieren, Juli 2008