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Pierre Michel 1723–1763
«Maître architecte menuisier»
Pierre Michel wird am 22. November 1723 als Sohn des Schreinermeisters Jean Michel und seiner Ehefrau Marie Fernand in Nîmes geboren. Pierre lernt das Schreinerhandwerk und wird 1743 in die Schreinerzunft von Nîmes aufgenommen. 1751 heiratet er in Cadenet bei Avignon Thérèse Isnard. 1752 wird dem Ehepaar der Sohn Jean Pierre geboren. 1754 nennt sich Pierre Michel «maître architecte menuisier». Er zieht um 1755 von Cadenet weg, während Frau und Sohn an Ort verbleiben.[1] Michel scheint sich jetzt in Paris aufzuhalten. 1758 empfiehlt ihn der Pariser Gesandte am Trierer Hof dem Direktor der königlichen Bauten. Dieser beauftragt Jacques François Blondel[2] mit einer Prüfung der Fähigkeiten von Pierre Michel. Blondel lässt sich von ihm einige Arbeiten zeigen, beurteilt ihn anschliessend an den Besuch aber wenig überzeugend.
«Ich habe seine Zeichnungen gesehen und mich auch zu ihm begeben, um einige von ihm erstellte Modelle zu prüfen. Generell ist er sehr wenig erfahren in der Architekturtheorie. Er ist eher Praktiker und kann deshalb nur als Angestellter eines erfahrenen Meisters empfohlen werden. Im Übrigen erscheint er arbeitsam, hat gute Sitten, verlangt wenig und ist ohne weitere Ambitionen genügsam».[3] Nach dieser Beurteilung Blondels ist fünf Jahre nichts mehr von Pierre Michel zu hören.
Der weitere Verbleib des vermutlich als Zeichner tätigen Pierre Michel ist unklar. Er erfindet später zur Verteidigung von Anfeindungen einen phantasievollen Lebenslauf, in dem er ein Romstudium und eine 14-jährige Tätigkeit in Paris einfügt. Er habe hier für mehrere Fürsten (princes) und für den Bischof von Metz Bauwerke erstellt, auch für den soeben verstorbenen Kurfürsten von Trier gearbeitet.[4] Später fügt er noch ein Studium bei Blondel an. Vieles daran, wie der Romaufenthalt oder das Studium bei Blondel, ist frei erfunden. Die 14-jährige Tätigkeit in Paris muss auf höchstens acht Jahre reduziert werden. Nur die Tätigkeiten für die «princes» (de Rohan)[5] sind durch weitere Quellen gesichert. Charles-Armand, Prince de Rohan-Rochefort bestätigt 1778 die Tätigkeit von Pierre Michel bei seinem Vater. Die Arbeiten für den Bischof von Metz[6] und dem verstorbenen Kurfürsten von Trier[7] sind auch nicht unwahrscheinlich. Seine Tätigkeit dürfte aber, mangels zeitgenössischen Nennungen seines Namens bei Um- oder Neubauten, nur Zeichner- und Bauleiterarbeiten von Inneneinrichtungen umfassen.
Stuttgart
Erst 1763 ist Pierre Michel wieder fassbar. Der inzwischen 40-Jährige kommt als Zeichner in Begleitung des Bühnenarchitekten Jean Nicolas Servandoni nach Stuttgart. Herzog Carl Eugen gibt hier jedes Jahr Unsummen für seine Geburtstagsfeier aus. Für die nächste Feier mit Beginn am 11. Februar 1764 soll Servandoni einen Teil der Opernszenerien erstellen.[8] Während Servandoni schon 1763 wieder abreist, verbleibt Pierre Michel an Ort. Er leitet die Aufbauarbeiten im Auftrag des Hofes und wird dafür mit 450 Gulden entschädigt. Der Chronist der 16-tägigen Festivitäten von 1764 lobt auf Seite 190 «Monsieur Michel Architecte venu de Paris» für seine Arbeit, welche er mit Geschmack und einer Präzision ausgeführt habe, die ihm Ehre mache.[9]
Pierre Michel scheint während seinen Monaten in Stuttgart die Chance zu packen, um sich in der frankophilen Umgebung bei den Gästen der Festivitäten in Position zu bringen. Er geht mit Recht davon aus, das deutsche Adelige, meist begeisterte Anhänger der französischen Lebensart und der Aufklärung, sich aus Prestigedenken eher einem «architecte venu de paris» als ihrem eigenen, vielfach sogar umfassender ausgebildeten Baumeister zuwenden. Michel ändert nun auch seinen Namen in das eher nach Adel klingende d'Ixnard, um Diskriminierungen wegen seiner bürgerlichen Herkunft zu entgehen.[10] Sein Familienname wird so zum zweiten Vornamen.
|Exkurs: Der Paradigmenwechsel im Südwesten um 1765|
Pierre Michel d'Ixnard
Die Arbeiten 1764–1790
Erste Aufträge
Pierre Michel d'Ixnard kann in Stuttgart tatsächlich seinen ersten Auftraggeber finden. 1764 stellt ihn Fürst Joseph Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen als Baudirektor des winzigen Fürstentums ein und überträgt ihm die Neueinrichtung einiger Räume im vierflügeligen Residenzschloss, das seit 1814 abgebrochen ist. Der Umfang dieser Arbeiten kann nicht nachvollzogen werden. Belegt ist hingegen, dass d'Ixnard dem Stuttgarter Baudirektor de La Guêpière wegen dessen Gehaltsforderungen vorgezogen wird.
Den zweiten Auftrag erteilt ihm 1767 der Graf von Königsegg-Aulendorf. Für ihn kann er den Schlossneubau Königseggwald planen, muss aber den bereits begonnenen Rohbau berücksichtigen. Bedeutend umfassender ist der dritte Auftrag, den er im gleichen Jahr erhält. Die Fürstäbtissin des adeligen Damenstifts Buchau am Federsee, eine Gräfin Königsegg-Rothenfels, beruft ihn für die Neu- und Erweiterungsbauten der Stiftsgebäude. D'Ixnard baut den Ostflügel, durch Johann Caspar Bagnato erst 1744 errichtet, auf bestehenden Grundmauern völlig neu und kann anschliessend auch den nach Osten verlängerten Nordflügel bauen. Erst 1773 ist das Bauvorhaben beendet.
Seine Arbeitsorganisation
Mit dem Auftrag in Buchau hat sich d'Ixnard als guter Planer etabliert, der aufgrund seiner langen handwerklichen Praxis auch mit der Überwachung der Innenausbau-Arbeiten keine Probleme hat. Meist werden seine Baustellen aber von bewährten, einheimischen und gut ausgebildeten Baumeister-Architekten geleitet. Auf die Bauherren machen seine präzisen Planzeichnungen und seine Umgangsformen grossen Eindruck. Widerstand hat er vor allem wegen den fehlenden Sprachkenntnissen der Bauleute. Er kann mit deutsch sprechenden Baufachleuten nicht kommunizieren. Seine deutschen Bauherren sprechen französisch, wie andere Franzosen an deutschen Höfen findet er das Erlernen einer anderen Sprache deshalb unnötig. Damit ist er immer auf Dolmetscher oder zweisprachige Unternehmer angewiesen. Meist übernimmt ein vom Bauherrn angestellter Baudirektor diese Funktion.
Für die beeindruckend grosse Zahl von sorgfältig gezeichneten Entwurfs- Präsentations- und Bauplänen stellt d'Ixnard fast immer Zeichner an. Er bildet später auch Lehrlinge aus.
In zeitgenössischen Berichten wird seine Arbeitsorganisation meist vernichtend kritisiert. D'Ixnard habe zwar gute Ideen, mache aber unsichere Kostenvoranschläge, verstehe den Baubetrieb nicht, vergrössere die Kosten deshalb unnötig, er dürfte «kurzum mehr ein guter Zeichner als ein praktischer Baumeister seyn».[11] Auch der Bewunderer des Innenraums von St. Blasien, Friedrich Nicolai, schreibt von einem unbeständigen Charakter und dass sich d'Ixnard nicht um die Ausführung der von ihm entworfenen Gebäude zu bekümmern pflege.[12]
Interessant ist auch, dass er während seinen Jahren in Deutschland nie einen festen Wohnsitz hat. Er quartiert sich immer am Ort seiner Haupttätigkeit ein. Erst 1774 wird er in Strassburg sesshaft.
St. Blasien[13]
Nach dem Grossbrand der Benediktinerabtei St. Blasien im Schwarzwald erteilt Abt Martin Gerbert 1768 den beiden Architekten Pierre Michel d'Ixnard und Franz Joseph Salzmann[14] den gemeinsamen Auftrag für die Planungen zum Wiederaufbau. Entscheidend für den Beizug von d'Ixnard sind die Empfehlungen des Fürsten von Hechingen und der Fürstin von Buchau. Abt Martin Gerbert will die grosse Klosteranlage wieder auf alten Fundamenten aufrichten, die Stiftskirche aber durch einen Zentralbau nach dem Vorbild des römischen Pantheons ersetzen. Beide Architekten liefern Entwürfe, derjenige von d'Ixnard wird Ende 1768 gewählt. Er wird aber nur als planender Architekt beauftragt, Salzmann soll die Ausführung des ganzen Bauvorhabens leiten und auch die Planungen überwachen. Die Gehälter der beiden Architekten spiegeln nicht den Arbeitsumfang, sondern die Wertschätzung wider. D'Ixnard erhält ein Jahresgehalt von 1400 Gulden, Salzmann 900 Gulden. Parallel zum sofort begonnenen Wiederaufbau der Klostergebäude planen beide Architekten am ungewöhnlichen Kirchenbau. Der Chorneubau wird 1771, die Rotunde 1772 begonnen. Noch im Winter 1772/73 reist d'Ixnard nach Paris, um die Planung mit Pierre Louis Philippe de La Guêpière zu besprechen, der ihm seit Stuttgart bekannt ist.[15] Auch mit Nicolas de Pigage in Mannheim nimmt er Kontakt auf. Beim Bauherrn erzeugt er mit einer Präsentation der Planung bei Kaiserin Maria Theresia in Wien einigen Unmut. Offensichtlich ist d'Ixnard die heikle Lage der vorderösterreichischen Abtei nicht bewusst, die sich den klosterfeindlichen Übergriffen der Habsburger Monarchie schon früh ausgesetzt sieht. Der Abt erneuert 1774 den Vertrag mit d'Ixnard vorläufig nicht mehr. Nicolas de Pigage nimmt die Lücke wahr und kommt 1775 für Planungsänderungen nach St. Blasien. Aber schon 1777 ist d'Ixnard für die Turmfassade wieder an Ort. Sein Zeichner ist jetzt Nicolas Alexandre Salin, der als Salin de Montfort zur Zeit des Empire in Frankfurt und Würzburg wirkt.[16] 1779 ist das Bauwerk im Innern mit Ausnahme der Orgel vollendet, aber nicht nach den Plänen d'Ixnards.
|Das Hauptwerk von Pierre Michel d'Ixnard ist die Stiftskirche St. Blasien, von der er 1791 in seinem Stichwerk den Schnitt durch die Kuppel-Rotunde veröffentlicht. Im Stich stellt er den Zustand nach den Abänderungen von Nicolas de Pigage 1776 dar, welche d'Ixnard offenbar akzeptiert hat. Die Rotunde von St. Blasien sollte eigentlich dem Pantheon in Rom nachgebildet werden. D'Ixnard hat dies, auch zum Ärger der Klassizismus-Puristen, zum Glück nicht allzu wörtlich genommen. Dass allerdings alle Planungsbeteiligten im Innenraum anstelle des massiven und feuersicheren Gewölbes den Einbau einer abgehängten Scheinkuppel vorziehen und auch das äussere Gewölbe nicht mauern, stellt schon Friedrich Nicolai 1781 in seiner Reisebeschreibung missbilligend fest. Nicolai beschreibt auch das geniale Hängewerk des einheimischen Zimmermanns, das d'Ixnard im Stich völlig negiert und das den Brand von 1871 nicht überlebt.

Quelle: Recueil d'architecture. Strasbourg 1791. Blatt 12.
Donaurieden und Freiburg
D'Ixnard beschäftigt sich parallel zu seinen Tätigkeiten in Buchau und St. Blasien auch mit Projekten weltlicher Auftraggeber. Während über die Neueinrichtung von Räumen im schon 1817 wieder zerstörten Schlösschen Donaurieden wenig bekannt ist, sind Planung und Ausführung des erst 1944 zerstörten Palais Sickingen in Freiburg gut dokumentiert. Die in den Nachkriegsjahren rekonstruierte Fassade und Vorkriegsfotos zeigen ein schönes frühklassizistisches Stadthaus, das sich zwischen Salzstrasse 21 und Schusterstrasse 25 ausdehnt.
Ellingen[17]
Der Landkomtur der Deutschordensresidenz Ellingen nimmt für Neueinrichtungen im Südflügel schon 1772 Kontakt mit d'Ixnard auf. Er will die Rokokoräume des Südflügels «im neuen Geschmack» einrichten und den Ostflügel umbauen. Die Arbeiten beginnen 1773. D'Ixnard, der inzwischen in St. Blasien nicht mehr erwünscht ist, hält sich 1774 und 1775 in Ellingen auf. Für die Ausführung engagiert er die Stuckateure Pozzi, die er seit seinem Besuch bei Nicolas de Pigage in Mannheim kennt.[18] Im Innenhof des Ostflügels baut der ausführende Baumeister Matthias Binder nach den Plänen d'Ixnards einen zweigeschossigen Vorbau als Verbindungsgang. Die klassizistische Kolonnade mit schweren Säulen toskanischer Ordnung steht in krassem Gegensatz zur barocken Umgebung und steht der späteren Revolutionsarchitektur näher als dem leichten «goût à la grecque».
Gleichzeitig lässt der Ellinger Landkomtur Freiherr von Lehrbach auch die Kommende Donauwörth durch Baumeister Binder neu bauen. Dieser lässt sich zwar von d'Ixnard beraten, baut aber den Neubau nach eigenen Plänen.
|Stiftskirche Buchau

Kaum hat d'Ixnard die Stiftsbauten in Buchau abgerechnet, erteilt ihm die Fürstäbtissin 1774 den Auftrag für die Planung des Neubaus der Stiftskirche. Er muss den Grundriss der spätmittelalterlichen dreischiffigen Kirche übernehmen und nutzt diese Vorgabe zur Gestaltung einer Freipfeiler-Emporenhalle von grosser Klarheit. Dank dem bewussten Verzicht der Stiftsdamen auf den üblichen weissen Innenraum des neuen Stils ist Buchau eines der schönsten Beispiele für den süddeutschen Frühklassizismus. Ausgezeichnete Künstler, alle im Barock grossgeworden, prägen das Farbklima des Innenraums.[19]
|Querschnitte und Längsschnitt der Stiftskirche Buchau im Recueil d'architecture.|
Konstanz
1774 nimmt d'Ixnard mit dem Konstanzer Fürstbischof Kontakt auf. 1767 ist auch de La Guêpière für den Fürstbischof planend tätig, seine Entwürfe für den neuen Hochaltar im Münster enden aber in einem Honorarstreit.[20] D'Ixnard liefert sofort einen eigenen Entwurf, 1775 zusätzlich für die Umgestaltung des ganzen Chors. Er offeriert den neuen Altar und den Chorumbau als Generalunternehmer für 20 000 Gulden und führt die Arbeiten bis 1776 vertragsgemäss durch. Als Stuckateur zieht er wieder Carlo Luca Pozzi bei. Eine weitere Offerte d'Ixnards von 40 000 Gulden für die Umgestaltung des Langhauses wird glücklicherweise wegen Geldmangel abgelehnt.
Gleichzeitig plant er bei der fürstbischöflichen Residenz Meersburg einen Belvedere. Auch dieser Plan wird nicht ausgeführt. Für den 1776 gewählten neuen Fürstbischof von Rodt kann er anschliessend noch Arbeiten im zweiten Obergeschoss der Residenz ausführen.
Gammertingen
Das heutige Rathaus, ein schlichter Satteldachbau von 13 Fensterachsen, ist ein Bau des Baumeisters von Buchau, Johannes Jäger. Er führt ihn 1777–1778 als Schloss des Freiherrn von Speth zu Zwiefalten nach Plänen d'Ixnards aus.
Kurfürstliches Schloss Koblenz
1777 ist d'Ixnard in Koblenz anwesend. Er präsentiert dem Kurfürsten von Trier seine Planung des neuen Badhauses von Bad Bertrich. Clemens Wenzeslaus von Sachsen regiert seit 1768. Er kann d'Ixnard nur durch Empfehlungen kennen.[21] Der Beizug d'Ixnards erfolgt vom Vorsitzenden der «Residenz Bau Commission», welche sich um die Neubauten der Residenz in Trier kümmert, dem Kanzler Georg Michel von La Roche.[22] Seit 1775 ist seine Tante Fürstäbtissin von Buchau. Sie kennt d'Ixnard seit 1767. La Roche, vor allem aber seine Ehefrau Sophie La Roche, wohnen um diese Zeit nahe von Buchau. Damit ist erklärt, warum La Roche mit d'Ixnard 1777 einen Planungsakkord für den Neubau der Residenz in Koblenz abschliesst. Auch der Trierer Hofbaumeister Johannes Seiz ist Mitglied der Baukommission. Er müsste d'Ixnard kennen, der ja vor 1758 am Hof von Trier gearbeitet haben soll.[23] Für d'Ixnard ist es der bisher grösste und auch bestbezahlte Auftrag. Sein Jahresgehalt beträgt jetzt 2600 Gulden, dazu erhält er jährlich Naturalien im Wert von 1008 Gulden. Er ist aber offensichtlich vom grossen Bauvorhaben, mit dem 1778 begonnen wird, völlig überfordert. Johannes Seiz stellt in Gutachten schon früh bautechnische Planungsfehler der provisorischen Pläne fest. Die endgültigen Ausführungspläne fehlen noch nach einem Jahr Bauzeit. Der ihm anfänglich wohlgesinnte La Roche beklagt sich schon 1779 über Unzulänglichkeiten der Bauführung. Offensichtlich fehlen d'Ixnard in Koblenz die zuverlässigen Baudirektoren und Baumeister der schwäbischen Baustellen, die auch die Kosten im Griff halten können. Er sucht jetzt Hilfe bei der Académie royale d'architecture in Paris und erbittet, mit Erlaubnis des Kurfürsten, ein Gutachten über die beanstandeten Planungsmängel. Unerwartet für d'Ixnard bestätigt die Akademie die Beanstandungen. Sie beurteilt, ungefragt, auch die Architektur und beanstandet einen Mangel an «pureté» und «noblesse dans le stile». Zudem wird ein Architekt der Pariser Akademie für die Begutachtung der Verhältnisse an Ort und Stelle angeboten. La Roche nimmt das Angebot an und empfängt im November 1779 Antoine François Peyre[24] in Koblenz. Dieser schlägt eine völlige Neuplanung unter Berücksichtigung der bestehenden Bauteile vor. D'Ixnard erhält wenig später eine wohlwollende Entlassungsurkunde mit einer zusätzlichen Abfindung von 2860 Gulden. Zudem wird ihm anstelle des inzwischen verstorbenen Johannes Seiz der Titel des Hofbaumeisters zugesprochen. D'Ixnard nennt sich seither «Architecte de S. A. Royale Electorale de Trève». Peyre erhält den Auftrag für die Neuplanung. Das kurfürstliche Schloss wird bis 1786 nach den Plänen Peyres als vereinfachte, aber auch verarmte Ausführung der Planung d'Ixnard vollendet.
|Die Schlossanlage von Koblenz, wie sie d'Ixnard in seinem Recueil d'architecture vorstellt. Sie wird aber in dieser Grösse nie gebaut.|
Hechingen
Noch in Koblenz plant d'Ixnard erneut für seinen ersten schwäbischen Bauherrn. Für den Grafen von Königsegg-Aulendorf kann er Pläne für dessen Schlossumbau in Aulendorf liefern. Die Arbeit in Koblenz erlaubt ihm aber keine Bauaufsicht, sodass die Ausführung 1777 an Johann Georg Dirr aus Salem geht. Dirr ist auch Gestalter der Innenräume.
Die Vorgeschichte des Kirchenneubaus von Hechingen dauert bis zum Baubeginn 1780 bereits 13 Jahre. Der erste Entwurf d'Ixnards ist mit 1767 datiert. Der Fürst von Hohenzollern-Hechingen lässt bis 1779 gleichzeitig auch den Baumeister Christian Grossbayer[25] den Neubau der Stiftskirche planen. Grossbayer übernimmt anfänglich die Bauausführung. In Hechingen wiederholt sich das Versagen D'Ixnards bei der Bauaufsicht. Zwar kommt er vertragsgemäss zweimal im Jahr auf die Baustelle, das zweite Mal aber erst Ende 1780. Grossbayer wird jetzt nach Differenzen mit d'Ixnard entlassen, Bauteile müssen abgebrochen werden. Im Juli 1781 wird auch der Vertag mit d'Ixnard gekündigt. Als Baudirektor wird Johann Georg Scheyer eingestellt.[26] 1782 erbittet man von d'Ixnard trotzdem neue Pläne für die Ausstattung. Er liefert innert weniger Wochen 27 Pläne. Im September 1782 entlässt der Fürst auch den Nachfolger d'Ixnards, den Baudirektor Scheyer. Die Kirche wird 1783 fertiggestellt. Trotz des für d'Ixnard unglücklichen Verlaufs ist sein dritter Sakralbau wieder ein gelungenes frühklassizistisches Bauwerk. Der mächtige Saalbau mit Einturmfassade, den auf Kapellen reduzierten Querarmen und dem halbrundem Chor hat im Grundriss noch barocken Charakter. Diese «deutsche» Architektur ist vielleicht noch von Grossbayers Wallfahrtskirche in Haigerloch[27] beeinflusst. In ihrer Gesamterscheinung ist die Stiftskirche von Hechingen aber klar dem Klassizismus verpflichtet.
Strassburg
Nach dem Koblenzer Desaster ist d'Ixnard wieder in Strassburg wohnhaft. 1780–1782 logiert er im Hôtel de Truchsess,[28] dann wohnt er im Zunfthaus «Zum Spiegel» (pôele de miroir).[29] Dieses grosse Gesellschaftshaus kann er 1782–1785 für die Kaufmannszunft (tribu des marchands) umbauen. Er führt diesen Bau als Generalunternehmer aus.[30] 1785 wird er in die Zunft aufgenommen und kann auch die neuen Räume über dem Konzertsaal (salle Mozart) als Wohnung nutzen. Hier wohnt er bis 1794. Die Kontakte, die er jetzt in Strassburg knüpft, führen zu weiteren Aufträgen für Bürgerhäuser in Strassburg und Colmar, auch zu einigen Planungen für Englische Gärten.
|Colmar

Der 1785–1787 erstellte Saalanbau an das «Collège royal», wie das ehemalige Jesuitenkolleg in Colmar genannt wird, ist vor allem dank dem Bibliotheksaal im Obergeschoss erwähnenswert. Er liegt über einem zweigeschossigen, freien Theatersaal mit lichter Breite von 975 Zentimeter. D'Ixnard legt darüber den Bibliotheksaal und bildet ihn mittels einer umlaufenden Säulenkolonnade dreischiffig aus. Die massive Säulenreihe steht auf der freigespannten Balkendecke des Theatersaals. Die Säulen scheinen d'Ixnard sehr wichtig, den er publiziert sie 1791 als neue Säulenordnung nach seiner Erfindung.
|Die neue Säulenordnung der Bibliothek von Colmar und der Querschnitt durch das Gebäude in Recueil d'architecture.|
Epfig
1790 beginnt d'Ixnard den Bau der Pfarrkirche im elsässischen Dorf Epfig. Die Kirche ist sein letztes grösseres Werk. Sie ist 1791 im Rohbau vollendet, ihre Fertigstellung erfolgt aber erst nach der Revolution. Die einfache Dorfkirche mit Einturmfassade und dreischiffigem Hallenraum ist ohne Ambitionen geplant und wird von d'Ixnard auch nicht in sein Werkverzeichnis aufgenommen.
Die letzten Jahre
Das Stichwerk und der Stuttgarter Sammelband
1791 veröffentlicht D'Ixnard in Strassburg einen Sammelband seiner Arbeiten. Das Werk «Recueil d'architecture» im Median-Format enthält 34 Stichtafeln.[31] Er widmet es dem Abt von St. Blasien. Die Tafeln sind mit der üblichen Sorgfalt der französischen Architekturveröffentlichungen gestochen. Vorbild dürfte das seit 1757 erscheinende achitekturtheoretische Werk von Jean François de Neufforge sein.[32] D'Ixnard präsentiert alle Bauten als seine eigenen Werke und verbessert in den Darstellungen meist die tatsächlich gebaute Version. So verschweigt er im Grundriss von St. Blasien aus Symmetriegründen den verlängerten Ostflügel.[33] Der Grund für die kostspielige Privatausgabe in 400 Exemplaren dürfte in der bisherigen mangelnden Anerkennung seiner Person in den Kreisen der französischen Akademiearchitekten zu suchen sein.
|Im Recueil d'architecture stellt d'Ixnard in Blatt 34 das Projekt eines «Maison de Plaisance» für den Grafen von der Schulenburg in Brandenburg vor. Dieses nicht ausgeführte Projekt ist mit grösster Wahrscheinlichkeit noch 1763/64 in Stuttgart entstanden und stellt damit den frühesten Entwurf dar, den man von ihm kennt. Das zweigeschossige Jagdschloss in Dreiecksform ist um einen kreisrunden Innenhof gruppiert und liegt in einer runden Waldlichtung. Der ansprechende Entwurf erinnert an das 1704 von Boffrand geplante Jagdschloss Bouchefort,[34] ist aber eine gelungene Weiterentwicklung.|
|Der Entwurf für ein Jagdschloss in Brandenburg im Recueil d'architecture.|
In den 1780er-Jahren erstellt d'Ixnard zudem einen Sammelband mit 102 nachträglich gezeichneten Plänen im Querformat 66 x 33 Zentimeter. Für viele der im Sammelband gezeichneten Werke ist er aber nicht ausführend tätig. Die Plansammlung wird 1968 vom Land Württemberg angekauft und als «Stuttgarter Sammelband» bezeichnet.[35]
Revolutionsjahre in Strassburg
1789, wenige Tage nach dem Sturm auf die Bastille in Paris, wird auch das Rathaus in Strassburg gestürmt. Der besonnene Rat und die Bürgerschaft können aber weitere Unruhen verhindern. Im gleichen Jahr streicht die Nationalversammlung alle bisherigen Vorrechte Strassburgs und des Elsasses. Fürstbischof und Kardinal de Rohan, Mitglied der ursprünglichen Pariser Förderfamilie d'Ixnards, flüchtet 1790 jenseits des Rheins. 1791, im Jahr der Drucklegung des «Recueil d'architecture» von d'Ixnard, werden die Stiftskirchen und Klöster geschlossen. 1793 setzen ihn die Pariser Abgeordneten Saint Just und Lebus auf die Liste der 153 reichsten Bürger, um eine Zwangsanleihe von neun Millionen Livres durchzusetzen. In diesem Jahr verliert er in den Revolutionswirren auch seine Landgüter ausserhalb Strassburgs. 1794 wird das Zunfthaus «Zum Spiegel» zum Nationaleigentum erklärt, er muss wieder die Wohnung im Hôtel de Truchsess beziehen.
Am 21. August 1795 stirbt Pierre Michel d'Ixnard im 72. Altersjahr in dieser Wohnung.[36]
Pius Bieri 2018
|Literatur:

|Klaiber, Hans: D'Ixnard, Pierre Michel, in: Neue Deutsche Biographie 10, 1974 (Onlinefassung)|
|Karn, Georg Peter: St. Blasien. Sakralbaukunst und kirchliche Aufklärung, in: Barock in Baden-Württemberg, Ausstellungskatalog, Bruchsal 1981.|
|Franz, Erich: Pierre Michel d'Ixnard 1723–1795, Weissenhorn 1985.|
Anmerkungen:
[1] Spätere Kontakte zu seiner Familie in Cadenet sind nicht bekannt.
[2] Jacques François Blondel (1705–1774) aus Rouen, Lehrer an der Pariser Architekturakademie, Verfasser des vierbändigen Standardwerkes «Architecture françoise».
[3] «J'ai vu ses desseins et me suis transporté chez lui pour examiner quelques modèles qu'il avait faits. En général il sait très peu de théorie; il entend davantage la pratique, mais il ne peut être employé qu'en second, sous la direction d'un habile homme. D'ailleurs il me parait laborieux, avoir de bonnes moeurs et s'offre pour très peu, s'avouant sobre et sans ambition». Blondel 1758, Paris.
Anmerkung: Ein Studium bei Blondel vor 1763, wie später von d'Ixnard behauptet, kann demnach ausgeschlossen werden.
[4] «A peine peut on avoir confiance à D'ixnard, qui a fait des études en italie, sur tout a rome, et qui a eté tailleur de pierre ou macon plusieurs annees, menusier plusieurs ennees aussi bien que mirutier et serurier qu'il y a 30 annees qu'il est toujours dans les batiments i compris 14 ennees de sejours à paris, qu'il a derigé des batiments pour plusieurs princes; L'eveque de metz lui ayant donné la Direction de plusieurs batiments, L'electeur de treve defunt lui ayan confié plusieurs plands et modelles, à faires, apres avoir passé toutes ces classes, et aimant l'art, il me semble qu'il est impossible à un homme d'etre ignorant dans cette partie ... » (Schreiben 1768. Orthographie entspricht nicht dem heutigem Französisch).
[5] D'Ixnard nennt 1779 die Namen der Fürsten. Es sind Charles, Prince de Rohan-Montauban (†1766), Prince Louis Constantin Cardinal de Rohan (Fürstbischof von Strassburg, †1779) und Charles-Armand, Prince de Rohan-Rochefort (†1811). Zwar haben diese Fürsten in der fraglichen Zeit eigene Architekten, aber offensichtlich hat d'Ixnard gemäss einem Arbeitszeugnis von 1778 ebenfalls sechs Jahre lang als «Architekt» für Charles, Prince de Rohan-Montauban, gearbeitet.
[6] Claude Charles de Rouvroy de Saint-Simon (†1760). Die behauptete «Direction» mehrerer Bauten kann nur als Bauleitung für beauftragte Architekten verstanden werden.
[7] Die Empfehlung des Gesandten von Trier am Pariser Hof (1758) deutet tatsächlich auf eine frühe Arbeit von Pierre Michel für den kurfürstlichen Hof in Trier, vielleicht als Zeichner und Modellbauer für Johannes Seiz, des Schülers von Balthasar Neumann. Dazu müsste sich Michel allerdings in Trier aufgehalten haben.
[8] Die Geburtstags-Festivitäten, an der nebst der Hofgesellschaft hunderte von ausländischen Gästen teilnehmen, dauern 16 Tage. Sie bestehen aus Opern- und Balettaufführungen, Maskenbällen, Theater («Comédie Françoise»), Truppenparaden, einem Ausflug nach Ludwigsburg mit Feuerwerk und auch einer Treibjagd mit 5376 Stück erlegtem Wild. Die Festivitäten von 1764 werden detailliert von Joseph Uriot beschrieben, abrufbar unter: Description des Fetes etc.
[9] Joseph Uriot, Bibliothekar und Chronist schreibt auf Seite 190 (als Gefälligkeit?) einen Nachtrag: «On a oublié de dire à la fin de la Page 87 que Monsieur Michel Architecte venu de Paris avec Monsieur le Chevalier de Servandoni, a dirigé pour la partie de l'Architecture, toutes les Décorations des Ballets, & que par ses soins & son Travail, elles ont été, à cet égard, exécutées avec un goût & une précision qui lui ont fait honneur».
[10] Zwei der 1764 an deutschen Höfen Deutschland tätigen französischen Akademie-Architekten tragen die Adelsprädikate mit Berechtigung. In Stuttgart ist es Pierre Louis Philippe de La Guêpière (1715–1773), der das Neue Schloss und das Schloss Solitude für Carl Eugen von Württemberg baut. In Mannheim ist Nicolas de Pigage (1723–1796) Oberbaudirektor. Der dritte, am Hof Friedrich II. in Potsdam tätigen Laurent Legeay (1708–1786) ist Bürgersohn. Damit sind die 1764 in Deutschland tätigen französischen Architekten bereits aufgezählt. François de Cuvilliés II (1731–1777), in Paris ausgebildet und in München tätig, kann trotz des französischen Namens nicht dazugezählt werden, da er in Deutschland aufgewachsen ist.
[11] Journal von und für Deutschland 1784, Julius bis Dezember, Seite 13 (abrufbar unter http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/toc/2238503/1/).
[12] Zu Friedrich Nicolais Bewunderung von St. Blasien siehe den Exkurs «Der Paradigmenwechsel im Südwesten um 1765» am Schluss dieser Biografie. Das Zitat über d'Ixnard ist der Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781, Band XII, Berlin 1796, Seite 90 entnommen.
[14] Franz Joseph Salzmann (1724–1786) aus Messkirch, fürstlich-fürstenbergischer Rat und Baudirektor.
[15] De La Guêpière ist seit 1768 wieder in Paris. Der ehemalige Stuttgarter Baudirektor bezeichnet sich selbst als Freund d'Ixnards.
[16] Nicolas Alexandre Salin, später Salin de Montfort (1753–1838) aus Versailles. 1807–1814 Baudirektor des Grossherzogs von der Toskana in Würzburg, wo er die Rokokoräume des Residenz-Südtrakts im Empire-Stil umbaut.
[19] Die Stuckaturen sind von Johann Jakob Willibald Ruez (1728–1782) aus Wurzach. Der Bildhauer, Altarbauer und Stuckateur erstellt 1757–1760 die Rokokoarbeiten in der Stiftskirche Isny (sieh dazu den Beitrag Isny in dieser Webseite). Die Bildhauerarbeiten erstellt Johann Joseph Christian (1706–1777) aus Riedlingen, der geniale Rokoko-Bildhauer von Zwiefalten. Das grosse Deckenfresko der Flachdecke malt Andreas Brugger (1737–1812) aus Gattnau. Zu Christian und Brugger siehe die Biografien in dieser Webseite.
[20] De La Guêpière plant vorher, 1765–1766, den Neubau der Abtei Petershausen (Konstanz). Auch hier kommt der Bau wegen den angeblich hohen Honorarforderungen nicht zu Stande. Für die Planung Petershausen verlangt er 333 Gulden. Er nimmt sie aber bei der Rückkehr nach Paris mit. Siehe dazu auch den Baubeschrieb Petershausen in dieser Webseite. Seine Hochaltarplanungen für das Münster Konstanz werden 1767 an d'Ixnard übergeben.
[21] Clemens Wenzeslaus von Sachsen ist auch Fürstbischof von Augsburg und Fürstpropst von Ellwangen. Dass er deswegen die Arbeiten d'Ixnards in Ellingen oder Donauwörth kennen könnte (Erich Franz), ist kaum denkbar, dazu hält er sich viel zu kurze Zeit im Augsburger Sprengel auf, zu dem diese Ortschaften ausserdem nicht gehören.
[22] Georg Michel von La Roche (1720–1788), geboren als Georg Michel Frank in Tauberbischofsheim, wächst als Adoptivsohn von Graf Anton Heinrich Friedrich von Stadion auf, der als sein legitimer Vater vermutet wird. La Roche ist Anhänger der französischen Aufklärung und Freund Voltaires. Mit seiner Ehefrau Sophie von La Roche lebt er 1762–1770 auf Schloss Warthausen bei (Bad) Buchau, wo seit 1775 die Schwester seines Adoptivvaters, Maria Maximilian von Stadion als Fürstäbtissin amtet. Sie ist seit 1754 Stiftsdame, kennt also d'Ixnard seit 1764. La Roche ist seit 1774–1780 Regierungskanzler in Trier, seine Frau Sophie führt während dieser Zeit einen literarischen Salon in Ehrenbreitstein (Koblenz).
[23] Siehe dazu die Anmerkung 7.
[24] Antoine-François Peyre (1739–1823), aus Paris. Die kurfürstliche Residenz in Koblenz ist das einzige ausgeführte Werk Peyres im deutschsprachigen Gebiet.
[25] Christian Grossbayer (1718–1782) aus Haigerloch.
[26] Johann Georg Scheyer (1740–1801), Ingenieur-Hauptmann aus Mittelstadt bei Reutlingen, später Baudirektor in Erfurt. Spezialist für Wasserbau. Veröffentlicht mehrere Schriften über Strassenbaukunst, Wasserbaukunst und praktischer Baukunst ökonomischer Gebäude.
[27] Der Entwerfer der Wallfahrtskirche von Haigerloch ist unbekannt. Genannt werden Johann Michael Fischer, die Gebrüder Schneider und Tiberius Moosbrugger. Sicher ist nur die Bauausführung durch Christian Grossbayer.
[28] Hôtel de Truchsess, au n° 15, rue Brûlée (Domherrenhaus Truchsess von Waldburg-Zeil-Wurzach).
[29] Hôtel de la tribu des marchands ou poêle du Miroir (29 rue des Serruriers ; 1 rue du Miroirs ; 5 rue Gutenberg).
[30] Pauschalvereinbarung 67 200 Livres (30 800 Gulden rheinisch). 12 000 Livres stundet D'Ixnard bis 1794, um mit den Zinsen die neue Wohnung über dem grossen Konzertsaal zu nutzen. Er ist zu dieser Zeit sehr vermögend und kann auch grössere Summen an Privatpersonen und Gemeinden zu 4–5% Zinsen leihen. Er beteiligt sich auch an den Anleihen des Finanzministers Necker.
[31] «Recueil d'architecture: Représentant en 34 planches, palais, châteaux, hôtels ... plusieurs jardins à l'angloise, & un nouvel ordre d'architecture ; exécutés tan en France qu'en Allemagne. Strasbourg 1791». Das Werk kann unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ixnard1791 abgerufen werden. Buchformat: Median I (420 x 530 mm).
[33] Seine Planversion wird noch heute, zum Beispiel im Dehio 1997, als Grundriss der Klosteranlege vorgestellt.
[35] Die Pläne sind lediglich im Jahrbuch 1969 der Staatlichen Kunstsammlungen Stuttgart veröffentlicht.
[36] Das Todesdatum nach den Angaben der Bibliothèque nationale de France.
Quelle: Erich Franz
Die noch bestehenden Werke sind gelb hinterlegt.
|Jahr||Ort, Bauwerk||Art der Tätigkeit d'Ixnards||Bemerkungen||Bauherr|
|1764–

1766
|Hechingen.

Schloss.
|Umbauarbeiten im Ostflügel.

Umfang unklar.
Ausführung: Michel Gruber.
|Abbruch des Schlosses 1812–1814.||Fürst Joseph Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen (1717–1798).|
|1767

1775
|Königseggwald bei Aulendorf.

Schloss.
|Neubau auf bereits begonnenem Rohbau. Oberleitung (Kontrolle).

Ausführung: Michel Gruber.
|Baumeister (Palier des Bauherrn) ist Oswald Kögel. Heutige Fassade von 1900.||Hermann Friedrich Graf von Königsegg–Aulendorf (1723–1786).|
|1767–

1773
|Buchau. Adeliges Damenstift.

Stiftsgebäude.
|Neubau des Ostflügels und des Nordflügel. Planung und Oberleitung.

Ausführung: Michel Gruber.
|Der Ostflügel von Bagnato (1744) wird abgebrochen.||Fürstäbtissin Maria Carolina Gräfin von Königsegg–Rothenfels (1707–1774).|
|1767–

1773
|Salem. Zisterzienser-Abtei. Stiftskirche.||Beratungen. Planungen sind keine bekannt.||Besuche in Salem 1767 und 1773. Die Umbauarbeiten später von den Bildhauern Dirr und Wieland.||Abt OCist Anselm II. Schwab (1713–1778;

reg. 1746–1778)
|1768–

1771
|St. Blasien. Benediktinerabtei.

Wiederaufbau des Klosters.
|Nur Mitplanung, parallel zur Kirchenplanung. Ausführend ist er zweite Architekt Franz Joseph Salzmann.||Brand des Klosters 1768. Vertrag mit d'Ixnard und Franz Joseph Salzmann.

1874 erneuter Grossbrand.
|Abt OSB Martin Gerbert

(1720–1793;
reg. 1764–1793).
|1771

1774
|St. Blasien. Benediktinerabtei. Neubau der Stiftskirche||Planung der Rotunde. Ausführung ab 1771 durch Franz Joseph Salzmann.||1777 ist d'Ixnard nochmals in St. Blasien. Teilzerstörung

1874 (erneuter Grossbrand).
Heutiges Aussehen 1914.
|Abt OSB Martin Gerbert

(1720–1793;
reg. 1764–1793).
|1769||Donaurieden. Schloss.||Innere Umbauten.

Planung und Oberleitung. Ausführender Architekt: Matthias Binder.
|Der Schlossbau 1747/50 von Dominikus Wiedemann. D'Ixnard führt ihn 1791 als eigenes Werk auf.

Abbruch 1817.
|Maria Theresia von Ulm-Erbach (*1722)|
|1769–

1772
|Freiburg i. Br.

Palais Sickingen.
|Neubau. Planung.

Ausführung: Michel Gruber.
|Innenausbau durch Ludovico Bossi. Zerstört 1944. Fassade wiederhergestellt.||Freiherr Ferdinand Sebastian von Sickingen-Hohenburg (1714–1772).|
|1773–

1781
|Ellingen. Residenz des Deutschen Ordens.||Innere Neugestaltungen im Ost- und Südflügel.

Neubau der «Altane» (Verbindungbau Ostflügel).
|Mit den Stuckateuren Pozzi. Ausführender Architekt Altane: Matthias Binder. Neue Wandgestaltungen 1815.||Landkomtur OT in Ellingen Franz Sigismund Freiherr von Lehrbach (1729–1787).|
|1774–

1780
|Donauwörth. Deutschordens-Kommende.||Neubau. Planungsbeteiligung. Ausführung Matthias Binder.||Beteiligung an der Entwurfsplanung durch d'Ixnard.||Landkomtur OT in Ellingen Franz Sigismund Freiherr von Lehrbach (1729–1787).|
|1774–

1776
|Buchau. Adeliges Damenstift.

Neubau Stiftskirche.
|Neubau in den Umrissen des der dreischiffigen, gotischen Vorgängerbaus. Planung und Oberleitung bei d'Ixnard. Leitender Baumeister ist Franz Joseph Jäger.||Stuck: Jakob Ruez. Bildhauer: Johann Joseph Christian.

Fresken: Andreas Brugger.
|Fürstäbtissin Maria Carolina Gräfin von Königsegg-Rothenfels (1707–1774).|
|1774||Meersburg (bei).

Belvedere.
|Planung eines Belvedere mit Barockgarten an Bachlauf gegenüber der Mainau.||Keine Ausführung.||Fürstbischof Franz Konrad von Rodt (1706–1775; reg. 1750–1775).|
|1775–

1776
|Konstanz. Münster.||Umgestaltung des Chors. Planung und Übernahme der Ausführung für 20 000 fl.||Geplante Ausführung des Langhauses unterbleibt wegen Geldmangels.||Fürstbischof Franz Konrad von Rodt (1706–1775; reg. 1750–1775).|
|1776–

1777
|Meersburg. Neues Schloss.||Wandverkleidungen der Südwand im zweiten Obergeschoss. Planung.||Keine Änderung an den übrigen Bauteilen.||Fürstbischof Maximilian Christoph von Rodt (1717–1800; reg. 1776–1800).|
|1777–

1778
|Gammertingen. Schloss.||Planung des Neubaus. Baumeister ist Johannes Jäger aus Buchau.||Heute Rathaus.||Freiherr Marquard Carl Anton von Speth zu Zwiefalten (1739–1801).|
|1777–

1778
|Bad Bertrich bei Cochem (Mosel)||Planung des neuen Badhauses.||Nur Teilausführung. Nicht erhalten.||Kurfürst von Trier 1768–1803, Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739–1812).|
|1778–

1779
|Koblenz. Kurfürstliches Schloss.||Planung des Neubaus als bestbezahlter Auftrag.

Entlassung d'Ixnards 1779.
|Der Bau wird durch Antoine François Peyre neu geplant und bis 1786 erstellt.||Kurfürst von Trier 1768–1803, Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739–1812).|
|1778–

1781
|Aulendorf. Schloss.||Umbau des strassenseitigen Traktes. Planung der Fassade?||Ausführung und wesentliche Innenraumgestaltung durch Johann Georg Dirr.||Hermann Friedrich Graf von Königsegg–Aulendorf (1723–1786).|
|1780

(um)
|Strassburg.

Theaterprojekt
|Projekt für die Comédie Française.||Keine Ausführung.||Auftraggeber unbekannt.|
|1780–

1783
|Hechingen.

Stiftskirche St. Jakob.
|Neubauplanung. Oberleitung mit Unterbruch von 15 Monaten.||Ausführung vollständig nach Plänen d'Ixnards, der nicht bauleitend tätig ist.||Fürst Joseph Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen (1717–1798).|
|1782–

1785
|Strassburg. Zunfthaus «Zum Spiegel» (Hôtel de la tribu des marchands ou poêle du Miroir).||Neuplanung und Umbau eines 1757/59 gebauten Gesellschaftshauses. Übernahme als Generalunternehmer.||D'Ixnard plant vor allem die Fassaden neu, die heute noch erhalten sind (Kriegszerstörungen 1944).||Zunft zum Spiegel, vertreten durch Baron Jean IV de Turckheim (1707–1793).|
|1785–

1787
|Colmar.

Collège royal, heute Lycée Bartholdi.
|Anbau eines Bibliotheks- und Theaterflügels an das ehemalige Jesuitenkolleg. Planung. Bauleitung.||Bibliotheksaal mit neu entworfener klassizistischer Säulenordnung.

1796 Behebung statischer Fehler im Tragsystem.
|? Conseil général de la commune de Colmar.|
|1790
||Karlsruhe.

Marktplatzprojekt.
|Konkurrenzprojekt. Der Auftrag geht 1797 an Friedrich Weinbrenner.||Konkurrenten: Antoine (Paris), Lemoine (Paris), Pedetti (Eichstätt), Salins de Montfort (Kehl), Weinbrenner (Karlsruhe).||Markgraf Karl Friedrich von Baden (1728–1811).|
|1790–

1791
|Epfig. Pfarrkirche Saint-Georges.||Entwurfs- und Detailplanung. Bauleitung.||Fertigstellung erst 1805–1810 (Unterbuch ab 1791).||Commission intermédiaire provinciale d'Alsace.|
|Pierre Michel d'Ixnard (1723–1795)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|22. November 1723||Nîmes||Gard F|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Königreich Frankreich||Nîmes|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|21. August 1795||Strassburg||Elsass F|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Königreich Frankreich||Strassburg|
|Kurzbiografie|
|Pierre Michel d'Ixnard nutzt die Bewunderung gebildeter deutscher Bauherren für die französische Kultur und deren neuen Hinwendung zum antiken «goût a la grecque», um in Schwaben Fuss zu fassen. Er kommt 1763 nach Stuttgart und gewinnt als vortrefflicher Zeichner und Kenner des yneuen französischen klassizistischen Stils schnell wichtige Bauherren. Obwohl er wegen der völlig anderen Baukultur der deutschsprachigen Länder in der Ausführungsphase fast immer versagt, sind seine Planungen für St. Blasien, Buchau und Hechingen doch Meilensteine des frühen Klassizismus in Süddeutschland. Bekannt wird der geniale Selbstdarsteller und Autodidakt auch durch die 1791 von ihm herausgegebene Stichsammlung seiner Werke.|
ExkursDer Paradigmenwechsel im Südwesten um 1765
1753 erscheint in Paris das auch im deutschen Sprachraum vielbeachtete Traktat «Essai sur l'architecture» des Jesuiten Marc-Antoine Laugier. Er fordert darin eine Rückkehr zur edlen, natürlichen Simplizität in der Architektur. Er nimmt die Urhütte zum Prinzip und Massstab der Architektur, aus ihr werden Säule, Gebälk und Giebel entwickelt. In der gotischen Kathedrale sieht er seine Architekturvorstellungen noch deutlicher verwirklicht als im griechischen Tempel. Bei beiden streitet er die Berechtigung der «décoration» ab, ihn stört an der gotischen Kathedrale alles, was nicht statisch begründet ist und billigt ihr anstelle der Glasmalereien nur weisse Fenster zu. Die innere Nähe zum gleichalterigen Rousseau ist bei der Architekturtheorie Laugiers spürbar.
1756 erscheint die Schrift von Johann Joachim Winckelmann «Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst». Winckelmann nimmt zur Architektur keine Stellung, hat aber zur Berechtigung der «Verzierungen» die gleiche Meinung wie Laugier. Auch er propagiert die «edle Einfalt und stille Grösse».
Gleichzeitig publizieren französische Architekten hervorragende Stichwerke. Zwar ist die Architektur in Frankreich schon seit der Gründung der Akademie unter Louis XIV streng dem klassischen Ideal verpflichtet. Nun ist auch die «décoration», wie die Ausstattung genannt wird, dem antiken Ideal unterworfen. Das 1757-1780 erschienene zehnbändige Werk von Neufforge[1] «Recueil élémentaire d'architecture» wird auch im deutschen Sprachraum viel beachtet. Die Stiche sind eine eigentliche Mustersammlung für alle Arten von Gebäuden und ihrer Ausstattungen im Stil Louis XVI.
Gebildete Adelige und Geistliche, die sich mit den Ideen der Aufklärung auseinandersetzten, nehmen die Forderung nach der Rückbesinnung zur natürlichen Simplizität (Laugier) oder zum Vorbild der reinen griechischen Kunst (Winckelmann) schnell auf. Vor allem in den stark nach Frankreich orientierten Ländern des Rheingebietes, Schwabens[2] und der Nordwestschweiz findet der «Goût al grecque», wie der Frühklassizismus genannt wird, in kurzer Zeit Anhänger unter den Baumeistern und ihren Auftraggebern. Französische Architekten sind schon 1763, dem Jahr der Ankunft von Pierre Michel d'Ixnard in Deutschland, in Stuttgart (Schloss Solitude), in Mannheim (Garten Schwetzingen) und in Berlin (Neues Palais) tätig. Es sind aber nicht nur Franzosen, die im deutschsprachigen Raum bereits 1763 frühklassizistisch bauen. Die St.-Ursen-Kirche in Solothurn, das Werk eines Tessiners, wird in diesem Jahr begonnen und dürfte das erste grosse Sakralbauwerk des Frühklassizismus im deutschsprachigen Raum sein.[3]
Grossen Anteil am frühen Übergang vom Spätbarock zum Frühklassizismus haben in Schwaben zwei Äbte. Abt Anselm II. Schwab von Salem und Abt Martin Gerbert von St. Blasien sind aufgeklärte Landesfürsten, die auch intensiven Austausch mit französischen Ordenshäusern pflegen, der Zisterzienserabt von Salem am Generalkapitel 1785 bis nach Paris, der Benediktinerabt von St. Blasien bei Besuchen der französischen Maurinerklöstern. Fast unglaublich mutet der Paradigmenwechsel der Abtes von Salem an. Der Bauherr des Rokokojuwels von Birnau am Bodensee wandelt sich innert 15 Jahren zum absoluten Verfechter des neuen klassischen «goût grecque». Schon 1765 beginnt er mit klassizistischen Planungen für das gotische Münster von Salem und lässt dann wenige Jahre später die ganze barocke Ausstattung durch weisse Alabastergebilde im neuen Stil ersetzen. Dem Abt von St. Blasien bleibt die bewusste Zerstörung der barocken Ausstattung erspart. Eine Feuerkatastrophe zerstört 1768 das Kloster. Aber wie der Abt von Salem kann sich auch Martin Gerbert weder den Neubau seines «Tempels» noch dessen Ausstattung anders als in «klassischer Einfalt und stiller Grösse» vorstellen. Er nimmt das römische Pantheon zum Vorbild und betont die «simplicité» des weissen Innenraums. Das Lob der Klassizisten folgt schnell. Friedrich Nicolai, der die Kirche 1781 besucht, schreibt: «Die hohe Simplicität, welche in allen Theilen des Inneren der Kirche und des Chors zu St. Blasien herrscht, macht sie, ich wiederhole es nochmals, zu einer der schönsten Kirchen in der Welt, und in Deutschland ist ihr keine zu vergleichen».[4]
Die schnelle Adaption des französischen Klassizismus ändert auch Berufsbilder. Akademien treten an die Stelle von Bildhauer-, Maler- und Maurerzünften. Kunst ist kein edles Handwerk mehr, das in Werkstätten und auf Wanderschaft erlernt wird. Der Stuckateur ist nur noch Ausführender von Dekorationsentwürfen des Architekten. Als Architekten bezeichnen sich jetzt, entsprechend der im lateinischen Sprachraum schon lange geläufigen Bezeichnung, auch die einheimischen Baumeister. Das heutige Berufsbild des nur noch planenden und bauleitenden Architekten setzt sich damit im Frühklassizismus endgültig durch.
[2] Das Schwaben des 18. Jahrhunderts, also das Gebiet zwischen Lech und Rhein. Siehe dazu die Landkarte «Circulus Suevicus» von Tobias Conrad Lotter, Augsburg 1741. Der im 19. Jahrhundert geschaffene bayrische Regierungsbezirk Schwaben führt dazu, dass der alte Umfang Schwabens vergessen geht. So wird unter dem Titel «Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken» (siehe Literatur) nur der heutige bayrische Raum behandelt.
[3] Heute Kathedrale. Bau 1763–1770 durch Gaetano Matteo Pisoni.
[4] Friedrich Nicolai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781, Band XII, Berlin 1796. Das Zitat ist Seite 111 entnommen.