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In Thun brachte das Jahr 1970 eine wichtige personelle Wende. Am 6. Dezember entschieden sich die Stimmbürgerinnen und -bürger bei der Wahl des Stadtpräsidenten überraschend deutlich für Ernst Eggenberg (1931–1996) und hievten damit den ersten Sozialdemokraten in dieses Amt. Eggenberg gehörte dem rechten Flügel der SP an, war schon 27-jährig Stadtrat geworden und ab 1962 Gemeinderat. Der Wahlkampf von 1970 war stark auf die beiden Kontrahenten Eggenberg und den Freisinnigen Urs Kunz (1920–2006) zugeschnitten. Ihre Konterfeis waren vielerorts sichtbar, auf Plakatwänden und in Zeitungsinseraten. Den Sieg Eggenbergs verhinderte auch die Intervention des abtretenden Stadtpräsidenten Emil Baumgartner (1905–1977) nicht, der Urs Kunz als «Mann mit klaren und festen Grundsätzen» empfahl und in Anspielung auf Eggenberg befand, man brauche keinen «Hans Dampf in allen Gassen».73 Das «Thuner Tagblatt» fragte sich nach der Wahl Eggenbergs, welche Faktoren wohl den Ausschlag gegeben hätten, die Persönlichkeit Eggenbergs, die intensive Mund-zu-Mund-Propaganda der SP oder der «politische Zug nach links».74 Im Gemeinderat gab es aber weiterhin eine bürgerliche Mehrheit, im Stadtrat konnten weder die SP noch die FDP und SVP ohne die kleinen Parteien Mehrheiten schaffen.
Die ersten drei Stadtpräsidenten nach 1919 an einem Tisch, um 1960. Paul Kunz (rechts) präsidierte die Stadt während 22, Eduard Amstutz (links) während 12 und Emil Baumgartner (Mitte) während 19 Jahren.
In diesen Jahren war die Politik als Ganzes in einem allgemeinen Wandel begriffen. Die Wähleranteile der traditionellen Parteien SP, FDP und SVP begannen zu schrumpfen, in Thun wie auf Bundes- und auf kantonaler Ebene. Das Parteienspektrum vergrösserte sich: Nicht nur die kleinen bürgerlichen Parteien stiessen auf mehr Zuspruch seitens der Wählerinnen und Wähler, sondern es entstanden auch neue Parteien. Waren bis in die 1960er-Jahre vier bis sechs Parteien in der Thuner Legislative vertreten, wuchs ihre Zahl im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts auf zehn an. Die Veränderungen im Parteiengefüge waren eine Folge der Erosion der Sozialmilieus, welche die Basis der Stammwählerschaft der traditionellen Parteien darstellten; damit verbunden war der Niedergang des parteinahen Vereins- und Pressewesens. Neue Impulse kamen von der 1968er-Bewegung, der politischen Partizipation der Frauen ab den 1970er-Jahren, der Umweltbewegung, aber auch aus rechtspopulistischer Richtung.75
In Thun erstarkten zunächst die kleinen bürgerlichen Parteien, 1977 bildeten EVP, CVP und LdU eine eigene Fraktion. Sie forderten seit den späten 1970er-Jahren eine Vertretung in der Exekutive. Der Versuch, ihren Anspruch auf einen Sitz im Gemeinderat rechtlich durchzusetzen, scheiterte allerdings. Laut Bundesgerichtsurteil von 1979 wäre dazu ein Wähleranteil von 20 Prozent notwendig gewesen, den sie in den Wahlen zuvor nicht erreicht hatten.76
Stadtpräsident Ernst Eggenberg in einem Interview am 11. September 1990. Fotografie von Iris Kelterborn. Der pragmatische Sozialdemokrat und ehemalige Sekundarschullehrer blickte damals, am Ende seines Mandats als Stadtpräsident, auf eine
lange politische Karriere zurück. Diese führte ihn 1958 in den Stadtrat und 1962 in den Gemeinderat. 1971–1990 war er Stadtpräsident, 1975–1991 politisierte er auch im Nationalrat.
Gegen Ende der 1970er-Jahre begann der Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien, die fremdenfeindliche, nationalistische und identitätspolitische Inhalte vertraten. 1978 hielt als erste die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU), eine Partei mit fundamentalistisch-religiösem Einschlag, Einzug in den Thuner Stadtrat. Ihren Höhepunkt erreichten die rechtspopulistischen Parteien in den 1990er-Jahren, als die EDU zusammen mit den Schweizer Demokraten (früher Nationale Aktion für Volk und Heimat) und der Freiheitspartei (früher Autopartei) in Thun bis zu 13 Prozent der Wählerstimmen holten, auf kantonaler Ebene waren es rund 15 Prozent. Danach verloren diese Parteien an Bedeutung; nach 2010 war einzig noch die EDU im Stadtrat präsent.77
Fast gleichzeitig traten auch links-alternative und grüne Parteien auf den Plan. Die 1978 gegründete Demokratische Alternative (DA) zog 1982 für eine Legislatur in den Stadtrat ein. Sie war bis in die späten 1980er-Jahre vor allem in den Bereichen Stadtplanung und Kultur aktiv und nutzte dazu rege direkt-demokratische und rechtliche Mittel – ein Beispiel ist die Auseinandersetzung um das Mühle-Areal. Als die DA nach einer Legislatur aus dem Stadtrat ver- schwand, rückte die Freie Liste (später Grüne Freie Liste und Grüne Stadt Thun) nach. Diese Gruppierung war einige Jahre zuvor von dissidenten Berner Freisinnigen gegründet worden und ist dem liberalen Flügel der Grünen zuzurechnen. Einen Aufschwung erlebten die Grünen nach 2000: 2006 erzielten sie einen Wähleranteil von fast 14 Prozent.78
Der Kopf der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat, der Freisinnige Urs Kunz, auf einer undatierten Fotografie. 1962–1970 war er Gemeinderat im Nebenamt, danach bis 1987 im Hauptamt.
Er amtierte 1962–1973 als Grossrat und 1975–1983 als Nationalrat; 1973–1982 war er Präsident der kantonalen FDP.
Die Auffächerung des Parteienspektrums bedeutete für die etablierten Parteien vor allem eins: Wer politisch gestalten wollte, musste einen parteiübergreifenden Konsens anstreben. Ab den 1970er-Jahren verloren die ideologischen Differenzen im Gemeinderat denn auch deutlich an Schärfe. Die Stärkung der kleinen Parteien kam eher den Sozialdemokraten entgegen. Der langjährige Stadtrat Hans-Ulrich Bähler (1925–2007) beurteilte die politische Emanzipation der kleinen bürgerlichen Parteien CVP, EVP und LdU als das Ende des Bürgerblocks. Der Stadtrat wies nun verschiedene Kräftepole auf. Stadtpräsident Eggenberg war als Pragmatiker die geeignete Person für das Schmieden von Mehrheiten, scheute er doch weder den Konflikt mit den bürgerlichen Parteien noch mit der eigenen Partei. Bei der Aushandlung von Mehrheiten dürfte jedoch auch der freisinnige Gemeinderat Urs Kunz ein gewichtiges Wort mitgeredet haben.79