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Illettrismus – Literales Lernen in der Nachholbildung
Foto: Association Lire et Ecrire Suisse romande
Redaktionsbeitrag | Nummer 2/2013
Von Afra Sturm, Carole-Anne Deschoux und Dieter Isler
Lese- und Schreibkompetenzen sind nicht nur Prädiktoren für schulischen Erfolg, sondern auch zentrale Voraussetzungen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Darüber hinaus spielen Lese- und Schreibkompetenzen immer mehr auch im beruflichen Leben eine wichtige Rolle (Graham und Perin 2007). Entsprechend finden sich Erwachsene mit eher geringen literalen Kompetenzen verstärkt im Niedrig-Lohn-Bereich; zudem schätzen sie ihre Gesundheit im Vergleich zu Erwachsenen mit ausreichenden literalen Kompetenzen als deutlich schlechter ein, was u.a. auf anstrengende körperliche Arbeit zurückzuführen ist (Notter u.a. 2006).
Was aber ist mit «Illettrismus» gemeint? Gemäss der für die Schweiz einschlägigen Studie «Adult Literacy and Lifeskills Survey (ALL)» können rund 16% der Schweizer Bevölkerung in einfachen, zusammenhängenden Texten lediglich eine Information lokalisieren, die gleichbedeutend oder sogar identisch mit derjenigen in der Frage ist. Die Studie rückte damit der Öffentlichkeit ins Bewusstsein, dass es (auch) in der Schweiz Erwachsene gibt, die nicht über ausreichende Basiskompetenzen im Lesen verfügen, und das, obwohl sie die obligatorische Schulzeit absolviert und häufig sogar eine Ausbildung abgeschlossen haben (Notter u.a. 2006).
Literalität bei Erwachsenen stellt nach wie vor weitgehend eine «terra incognita» dar: Zwar gibt es mittlerweile ein paar gross angelegte repräsentative Studien zum Anteil und zu demografischen Merkmalen von leseschwachen Erwachsenen (bspw. die bereits angeführte ALL-Studie, vgl. dazu Notter u.a. 2006; die Nachfolge-Studie PIAAC, deren Ergebnisse 2013 zu erwarten sind). Hingegen wurden erst wenige Interven-tionsstudien zur Leseförderung bei Erwachsenen durchgeführt (Kruidenier/ MacArthur/ Wrigley 2010). Im Bereich Schreiben kann festgestellt werden, dass sich die meisten Arbeiten auf die Domäne Rechtschreibung beschränken; Schreibkompetenzen in einem weiteren Sinne wurden bei literal schwachen Erwachsenen erst von Wengelin (2007) oder Sturm (2010) untersucht. Ein Grossteil der Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum fokussiert vor allem biografische Aspekte (vgl. z.B. Egloff 1997 oder Linde 2008).
Diese Nummer von leseforum.ch versammelt aktuelle Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, die sich mit Lese- und Schreibkursen für Erwachsene sowie mit den Erfahrungen und Ressourcen von TeilnehmerInnen und LeiterInnen solcher Kurse befassen. Die Autorinnen und Autoren geben Antworten auf folgende Fragen:
1. Welche lernbiografischen Erfahrungen bringen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit, und was wissen sie über das Lesen und Schreiben?
Afra Sturm und Maik Philipp untersuchen in ihrem Beitrag das literale Wissen von KursteilnehmerInnen. Auf der Grundlage von Einzelinterviews und inhaltsanalytischen Auswertungen werden vier Fälle dargestellt und im Hinblick auf ihr schreib- und lesebezogenes Wissen kontrastierend verglichen. Die AutorInnen bele-gen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen schriftschwachen Erwachsenen und SchülerInnen und formulieren auf dieser Grundlage Empfehlungen für die Lese- und Schreibförderung Erwachsener.
Christopher Parson und Samra Tabbal Amella präsentieren den Fall eines Kursteilnehmers mit Migrationshintergrund, der in seinem Herkunftsland nicht lesen und schreiben gelernt hatte. In ihrer explorativen Studie beschreiben sie verschiedene Stationen seines Lebenslaufs und die Begegnungen mit der Schriftkultur, die er auf seinem Weg erlebt hatte. Dabei fokussieren sie auf die Ressourcen, die er mobilisieren konnte, um seine schriftsprachliche Handlungsfähigkeit zu entwickeln.
In Ergänzung zu diesen beiden Fokusbeiträgen rezensiert Therese Salzmann den Dokumentarfilm "Boggsen" von Jürg Neuenschwander, der sich aus einer journalistischen Perspektive ebenfalls mit den Lebenserfahrungen einzelner Betroffener befasst und zehn deutschsprachige, gut integrierte Erwachsene in eindrücklicher Weise selber zu Wort kommen lässt.
2. Wie steht es um das Wissen der Kursleiterinnen und Kursleiter?
Im dritten Fokusartikel nehmen Nadja Lindauer und Afra Sturm die Kursleitenden in den Blick: Nach einer Darstellung ihrer teils prekären Arbeitsbedingungen als "Bildungstaglöhner" untersuchen sie auch bei ihnen das schriftbezogene Wissen. Dabei arbeiten sie mit den gleichen Konzepten und Methoden wie bei der Studie zum Schriftwissen der Teilnehmenden (s. oben, Sturm und Philipp), wodurch sich interessante Vergleichsmöglichkeiten ergeben. Die Autorinnen kommen zum Schluss, dass Kursleitende durch eine fundierte fachliche und fachdidaktische Ausbildung mit ausreichend Lernzeit, aber auch durch professionelle Rahmenbedingungen besser in ihrer anspruchsvollen Tätigkeit unterstützt werden sollten.
3. Wie wird die Lese- und Schreibförderung in den Kursen konzipiert und umgesetzt?
Noël Ferrand stellt in seinem Beitrag die Kursangebote des Vereins ECLER (Abkürzung von französisch: schreiben, kommunizieren, lesen, sich ausdrücken, nachdenken) vor. Dieser Ansatz zielt darauf, die Lese- und Schreibmotivation der Teilnehmenden zu stärken und ihnen beim persönlichen Schreiben eine intensive Auseinandersetzung mit Sprache und Schrift zu ermöglichen. Die KursleiterInnen begleiten die Schreib-prozesse intensiv und unterstützen die Teilnehmenden beim Erwerb der Konventionen von Sprache und Schrift.
Ursula Bänninger berichtet in ihrem Beitrag aus der Praxis einer erfahrenen Kursleiterin. Sie skizziert zunächst unterschiedliche Lebenssituationen, die Menschen zu einer Kursteilnahme bewegen können. Anschliessend beschreibt sie die verschiedenen Phasen ihrer Arbeit mit den Teilnehmenden: das Erstgespräch, den Kurseinstieg, die Arbeit an persönlichen Lernzielen, geeignete Lernmaterialien, Motivationseinbrüche und ihre Ursachen und die Endphase des Kurses. Abschliessend berichtet sie über das "Atelier" und die "Community", zwei offene, moderierte Lernangebote, die von den TeilnehmerInnen selbständig genutzt werden. Der Beitrag gibt einen anschaulichen Einblick in die anforderungsreiche Tätigkeit der Kursleitenden.
4. Welche Rahmenbedingungen können Lese- und Schreibförderung für Erwachsene unterstützen?
Im Artikel von Annick Rossier, Ariane Dreyer, Céline Monney et Dominique Theurillat wird ein Unterstützungsangebot für Kursleitende des Vereins Lesen und Schreiben der Romandie vorgestellt. Der Verein betreibt eine Internetplattform für das Bereitstellen und Herunterladen von Schulungsmaterialien, die sich für den Einsatz in Lese- und Schreibkursen für Erwachsene eignen.
Daniele Beltrametti dokumentiert in seinem Beitrag die Vernetzung und Koordination von neun Institutionen, die in der Stadt Genf Kurse im Bereich der Grundbildung für Erwachsene anbieten. Der Autor beschreibt den Verlauf dieses Projekts und drei aufeinander bezogene Ansätze zu seiner Fortsetzung: die Implementierung von Kompetenzstandards, die Entwicklung eines gemeinsamen Prozesses der individuellen Lernbegleitung und die Etablierung eines offiziellen Abschlusszertifikats für die Grundbildung.
Im Praxisbeitrag von Mariangela Pretto (in Zusammenarbeit mit Brigitte Aschwanden) geht es um die zentrale Rolle der VermittlerInnen, die Betroffenen den Zugang zu Lese- und Schreibkursen für Erwachsene erleichtern können. In so genannten Sensibilisierungsveranstaltungen werden Mitarbeitende von beratenden Institutionen (wie Arbeitsvermittlungszentren oder Sozialdienste) über Illettrismus und seine Hintergründe sowie über ihre Möglichkeiten zur Unterstützung der Betroffenen informiert. Die Autorin dokumentiert den Ablauf einer solchen Veranstaltung, indem sie einerseits die inhaltlichen Kernaussagen erläutert und andererseits ihr subjektives Erleben als Referentin darstellt. Daraus resultiert ein zugleich informativer und persönlicher und damit sehr anregender Bericht.
Die Beiträge zum Thema Illettrismus beantworten verschiedene wichtige Fragen und vermitteln gemeinsam ein facettenreiches Bild der Lese- und Schreibförderung von Erwachsenen. Dabei zeigen sich auf der didaktischen Ebene viele Parallelen zur Konzepten und Praktiken der schulischen Literalitätsförderung (wie z.B. die Prozessorientierung beim Schreiben oder die Vermittlung von Lesestrategien). Daneben bestehen aber auch grundsätzliche Unterschiede insbesondere hinsichtlich der prekären Rahmenbedingungen der Kursangebote, der noch unzureichenden Professionalisierung der Kursleitenden und der besonderen gesellschaftlichen Verwundbarkeit der Teilnehmenden.
Weitere Fragen müssen vorläufig offen bleiben: Wie werden die Kurse und die durch sie angestossenen Lernprozesse von den Teilnehmenden wahrgenommen und beurteilt? Wie wirkt sich der Besuch von Lese- und Schreibkursen auf die Lese- und Schreibfähigkeiten der Teilnehmenden aus? Wie verändern sich ihre literalen Praktiken im Alltag? Wie lässt sich die Prozessqualität der Lese- und Schreibförderung (z.B. anhand von Interaktionen und Aufgabenstellungen) beschreiben und weiterentwickeln? Wie kann die Professionalisierung und Anerkennung dieser Bildungsarbeit vorangebracht und verankert werden? Diese Fragen machen deutlich, dass das Thema Illettrismus weiterhin viel gesellschaftliche Aufmerksamkeit, praktisches Engagement und wissenschaftliche Klärung erfordert. Dabei soll aber nicht vergessen gehen, wieviel in den letzten Jahren durch die konstruktive Zusammenarbeit von Praxis, Forschung und Bildungspolitik erreicht werden konnte.
Wie immer wird auch diese Nummer von leseforum.ch durch weitere Artikel ergänzt, die sich nicht unmittelbar auf das Thema Illettrismus beziehen. Auch diese Beiträge sollen hier noch kurz vorgestellt werden:
Christian Nidegger und Anne Soussi befassen sich mit der schulischen Prävention von Illettrismus. Ausgehend von den grossen internationalen Vergleichsstudien präsentieren sie eine Untersuchung, die im Kanton Genf realisiert wurde. Dabei handelt es sich um eine Befragung der Lehrpersonen zu den von ihnen verwendeten Ansätzen und Formen der Lese- und Schreibförderung während der obligatorischen Schulzeit und am Übergang in die Berufsbildung.
Maik Philipp befasst sich in seinem Beitrag mit Fragen der Motivation beim Lesen und Schreiben. Auf der Grundlage eines riesigen Korpus an Forschungsarbeiten entwickelt er zunächst eine umfassende und differenzierte Darstellung des Konzepts "Motivation" und seiner theoretischen Bezüge zum Lesen und Schreiben. Anschliessend referiert er empirische Studien, die sich mit Lese- oder Schreibmotivation befassen. Der Autor beschreibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lese- und Schreibmotivationsforschung bezüglich der theoretischen Konstrukte und methodischen Zugänge und stellt fest, dass Studien zu Wechselwirkungen der Lese- und Schreibmotivation noch weitgehend fehlen. Der Beitrag gibt einen insbesondere für wissenschaftliches Arbeiten sehr wertvollen Überblick über die internationale Forschung zur Lese- und Schreibmotivation.
Die Redaktion von leseforum.ch wünscht eine anregende Lektüre!
Literatur
Egloff, Birte (1997): Biographische Muster «funktionaler Analphabeten». Eine biographieanalytische Studie zu Entstehungsbedingungen und Bewältigungsstrategien von «funktionalem Analphabetismus». Frankfurt: Deutscher Volkshochschul-Verband.
Graham, Steve und Perin, Dolores (2007): Writing Next: Effective Strategies to Improve Writing of Adolescents in Middle and High Schools. A Report to Carnegie Corporation of New York. New York: Carnegie Corporation.
Kruidenier, John R.; MacArthur, Charles A. und Wrigley, Heide S. (2010): Adult Education Literacy Instruction: A Review of the Research. Washington DC: National Institute for Literacy.
Linde, Andrea (2008): Literalität und Lernen: Eine Studie über das Lesen- und Schreibenlernen im Erwachsenenalter. Münster: Waxmann.
Notter, Philipp; Arnold, Claudia; von Erlach, Emanuel und Hertig, Philippe (2006): Lesen und Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. Nationaler Bericht zu der Erhebung Adult Literacy & Lifeskills Survey. Neuchâtel: Office fédéral de la stistique (OFS).
Sturm, Afra (2010): Schreibprofile und Schreiben als verborgene Schreibpraxis. In: Sturm, Afra (Hrsg.): Literales Lernen von Erwachsenen im Kontext neuer Technologien. Münster: Waxmann. S. 107–160.
Wengelin, Åsa (2007): The Word-Level-Focus in Text Production by Adults with Reading and Writing Difficulties. In: Torrance, Mark und Galbraith, David (Hrsg.): Writing and Cognition: Research and Applications. Amsterdam/Boston: Elsevier. (= Studies in Writing). S. 67–82.
«Lieber fragst du jemand anders» – Lese- und Schreibwissen bei schriftschwachen Erwachsenen
Abstract | von Afra Sturm und Maik Philipp
Während das Ausmass an Illettrismus bzw. funktionalem Analphabetismus breit diskutiert wird, ist über die Lese- und Schreibfähigkeiten, über das lese- und schreibbezogene Wissen von schriftschwachen Erwachsenen wenig bekannt. An dieser Stelle setzt das Projekt «Literalität in Alltag und Beruf» an: Anhand von vier Erwachsenen, die einen Lese- und Schreibkurs besuchten, werden die lese- und schreibbezogenen Wissensbestände von schriftschwachen Erwachsenen exemplarisch aufgezeigt. Diese Wissensbestände wurden mithilfe von Vignetten im Rahmen eines teilstrukturierten Interviews erfasst. Die Ergebnisse werden methodisch, insbesondere aber im Hinblick auf didaktische Implikationen diskutiert.
Zum Fokusartikel 1
Schrifterwerb im Erwachsenenalter: Unterstützungsangebote und Ressourcen für das Lernen
Abstract | von Christopher Parson und Samra Tabbal Amella
Der Beitrag befasst sich mit der Frage, welche Unterstützungsangebote und Ressourcen Erwachsenen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten zur Verfügung stehen. In einer Fallstudie werden Daten aus einem biografischen Gespräch präsentiert, die im Rahmen einer Untersuchung zum Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen erwachsener MigrantInnen erhoben wurden. Die TeilnehmerInnen dieser Studie hatten in ihren Herkunftsländern keine Schulbildung erhalten und durchlaufen den Alphabetisierungsprozess als Erwachsene. Die Auswertung des Gesprächs mit einem Teilnehmer eines Kurses in der französischsprachigen Schweiz konzentriert sich auf die Lebensstationen und die damit verbundenen strukturellen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen, die seinen Handlungsspielraum und den Verlauf seines Schrifterwerbs mitbestimmen.
Zum Fokusartikel 2
«Wenn einen etwas anspringt, dann gehts wie von allein» – zur Expertise von Kursleitenden in der Grund- und Nachholbildung
Abstract | von Nadja Lindauer und Afra Sturm
Die Expertise von Lehrpersonen ist von zentraler Bedeutung für die Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen und damit einhergehend für die Kompetenzentwicklung und Leistungen der Lernenden. Dies dürfte insbesondere auch für Kursleitende in der Grund- und Nachholbildung gelten, deren Lernende häufig eine durch Schwierigkeiten und Misserfolgserlebnisse geprägte Lernbiografie aufweisen. Bislang liegen allerdings erst wenige Befunde zum Wissen und Können von Kursleitenden in der Grund- und Nachholbildung vor. An dieser Stelle knüpft das Projekt «Literalität in Alltag und Beruf» an, welches neben schriftschwachen Erwachsenen als Kursteilnehmende auch Kursleitende in den Blick nimmt. In diesem Beitrag werden die lese- und schreibbezogenen Wissensbestände und Überzeugungen von Lehrenden in der Grund- und Nachholbildung, welche mithilfe von Vignetten im Rahmen eines teilstrukturierten Interviews erfasst wurden, exemplarisch anhand dreier Kursleiterinnen aufgezeigt. Daran anknüpfend wird die Frage nach der Passung der Wissensbestände in den Domänen Lesen und Schreiben auf Seiten der Kursleitenden sowie der Kursteilnehmenden aufgegriffen und im Hinblick auf mögliche Folgerungen thematisiert.
Zum Fokusartikel 3