Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03631.jsonl.gz/382

Dies meinte meine kolumbianische Gastschwester zu mir, als ich sie kürzlich seit Langem wieder getroffen habe. Sie lebte in den 1990er-Jahren für ein paar Monate in meiner Familie. Damals war Religion kein Thema. Uns interessierten andere Dinge. Seit Längerem lebt sie nicht mehr in Kolumbien. In Texas hat sie sich ein neues Daheim aufgebaut. Eine christliche Kirche begann, ihr dort Halt zu geben. Im weiteren Gespräch wurde mir klar: Dies musste eine Kirche sein, zu deren Strategie es gehört, katholischen Eingewanderten Fehler des Katholizismus aufzuzeigen, um sie für sich zu gewinnen.
Das Statement meiner Gastschwester irritierte mich. Mir ging durch den Kopf, dass doch alles viel komplexer ist. Was heisst «Maria anbeten»? Nehmen wir das Rosenkranzgebet mit seiner wiederholenden Art, das «Gegrüsst seist du, Maria» zu beten. Die wesentliche Variation findet da statt, wo wir zu Maria sprechen, was Elisabet gesagt hat: «Gesegnet ist die Frucht deines Leibes» (Lukas 1,42). Schon das klassische «Gegrüsst seist du, Maria» fügt hier – über die biblische Basis hinaus – den Namen von Marias Kind hinzu: «Jesus». Beim Rosenkranzgebet wird an diesen Namen noch ein Relativsatz angehängt, passend zu den «Geheimnissen», die man betet: die freudenreichen, lichtreichen, schmerzhaften oder glorreichen. Dieser Zusatz sagt dann etwas Konkretes über Jesus aus, bevor das Gebet klassisch mit der Bitte weitergeht, Maria möge für die sündigen Menschen bitten.
Wer ist dieser Jesus, den Maria geboren hat? Diese Frage also wird mit dem Rosenkranzgebet ausgelotet. Mich fasziniert, dass die Betenden dabei nicht über Maria reden, sondern sie anreden, und zwar indirekt über ein Zitat von Gabriel – und von Elisabet aus dem Lukasevangelium (Lukas 1,28; 1,42).
Das Gespräch mit meiner Gastschwester hatte den Effekt, dass ich mich auf einmal in der Position sah, eine katholische Frömmigkeitsrichtung zu verteidigen, die nicht meine ist.
Als Kind war für mich Maria die wesentliche religiöse Bezugsfigur. Jeden Abend betete ich mit meiner Mutter zu einer aus Stein geformten, in Holz eingefassten Maria, die ich neben meinem Bett angebracht haben wollte. Diese zwischen mir und meiner Mutter geteilte Frömmigkeit war stärkend und wertvoll für mich. Von vielem, was mich geprägt hat, distanzierte ich mich später, weil mir aufging, wie stark Maria instrumentalisierbar ist. Wann trägt Marienfrömmigkeit dazu bei, Frauen klein, ohnmächtig und Männern gegenüber demütig und dienend zu halten? Wann stärkt sie Frauen und Männer im Geiste Gottes, wie ihn Maria im Magnificat (Lukas 1,46–55) besingt?
Ich bin daran, neue Zugänge zu Maria zu entdecken. Ich entdecke sie im Moment vor allem in der Kunst. Vielleicht führt sie mich wieder zum Gebet zurück?