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Als L. werden grundsätzlich Unterrichtende aller Schulstufen bezeichnet. Wird der Begriff ohne Bestimmungswort bzw. ohne andere klärende Zusätze verwendet, sind in der Deutschschweiz gewöhnlich die Volksschullehrer (vgl. den Begriff der Lehrerverbände, die sich primär an die Volksschullehrkräfte wenden) oder gar nur die Lehrkräfte der Primarstufe gemeint.
Im MA und in der frühen Neuzeit die Ahnen des modernen L.s suchen zu wollen, würde dazu führen, Letzteren als Endentwicklung eines sozialen Typus zu betrachten, deren Vorläufer lediglich unvollkommene oder unfertige Präfigurationen darstellten. Damit würden unvorteilhafte Vergleiche gerechtfertigt, denen diese in der Geschichtsschreibung und in der allg. Vorstellung allzu oft ausgesetzt sind.
Richtiger ist, von den Bedürfnissen der vergangenen Epochen nach Elementarbildung auszugehen und sich zu fragen, an wen sich die Menschen wandten, um diese zu befriedigen. Lesen, Schreiben und Rechnen sind einfache Kompetenzen, die man sich selbst, in der Fam. oder mit Hilfe jeder genügend ausgebildeten Person aneignen kann, die auf wohltätiger Basis arbeitet oder sich bezahlen lässt (Hauslehrer). Im MA konnte diese Rolle ein Verwandter übernehmen, ein Priester oder jemand aus dem Umfeld, ohne in dieser Funktion spezialisiert zu sein. Doch ab dem 13. Jh. vertrauten immer mehr Städte und später auch Landgemeinden die kollektive Unterrichtung ihrer Kinder L.n an, die oft auf Stör waren oder sich zufällig fanden. Man bezahlte den L.n einen Lohn, weil die ihnen übertragene Aufgabe als von öffentl. Nutzen angesehen wurde.
In der frühen Neuzeit setzte sich die Unterrichtstätigkeit als Funktion des öffentl. Dienstes (Schulwesen) durch. Reformation und Kath. Reform befrachteten den Unterricht mit neuem Lernstoff und überarbeiteten Programmen: Katechismus, Gebete, bibl. Geschichte. Die Komplizierung des Berufslebens und der Gesellschaft trugen ebenfalls dazu bei, das elementare Curriculum zu erweitern: Rechnen und "Schönschreiben" im 17. Jh., Rechtschreibung und Grammatik im 18. Jh. Die Schülerzahlen wuchsen ständig, so dass es für den L. immer schwieriger wurde, eine Klasse zu führen und er sich gezwungen sah, individuelle und simultane Methoden zu kombinieren.
Die steigenden Ansprüche, die an den L. gestellt wurden, die wachsenden intellektuellen und pädagog. Kompetenzen, die man von ihm erwartete, professionalisierten seinen Beruf allmählich, auch wenn er für seine Lehrtätigkeit noch kaum von der Gem. (hauptamtlich) angestellt war: Er konnte Pensionatslehrer oder Schreiber sein; im Allgemeinen unterstützte er den Pfarrer oder den Pastor; manchmal war er Handwerker oder Bauer. Fast ausnahmslos beruhte seine Ausbildung auf der Beobachtung und Nachahmung eines L.s bei seiner Tätigkeit und auf eigener Berufspraxis; die ersten Lehrerseminare gehen auf die 2. Hälfte des 18. Jh. zurück (Lausanne seit 1757, im Kloster St. Urban ab 1780). Schon im MA waren auch Frauen in diesem Beruf tätig; sie unterrichteten die jüngeren Schüler. Es entstanden auch einige veritable Lehrerdynastien.
Bis zum Ende des Ancien Régime blieb die Ungleichheit zwischen den Gemeinwesen ein wesentl. Faktor. Man muss deshalb die skizzierte Entwicklung nuancieren: Sie traf v.a. auf die Städte sowie die grösseren und reicheren Landgemeinden zu. Die anderen Gem. begnügten sich damit, weniger erfahrene L. mit manchmal zweifelhaften Kompetenzen zu rekrutieren und mittelmässig oder schlecht zu bezahlen. Gegen diese richtete sich die Kritik der Begründer der modernen Schule, die das Bild des L.s im Ancien Régime dauerhaft getrübt hat. Im Übrigen bestanden in der Schweiz erhebliche kant. und regionale Unterschiede. Eine 1799 von Philipp Albert Stapfer durchgeführte Untersuchung, die auch mit statist. Angaben unterlegt war, gab erstmals eine Vorstellung dieser Ungleichheiten. In den folgenden Jahrzehnten bildete sich dann - dank der Impulse durch die Kantone und der aufgeklärten schweiz. Öffentlichkeit - die Figur des modernen L.s heraus.
Autorin/Autor: Pierre Caspard / PTO
Die Geschichte der L. im 19. und 20. Jh. ist durch einen langwierigen, in mehrere Phasen zu unterteilenden Prozess der Professionalisierung gekennzeichnet, der mit der Akademisierung der Lehrerausbildung in Pädagog. Hochschulen um 2000 einen vorläufigen Abschluss gefunden hat (Pädagogik).
Mit der Gründung vieler neuer Lehrerseminare ab den 1830er Jahren und der allmähl. Verlängerung der Seminarzeit von zwei oder drei auf drei oder vier Jahre gegen Ende des 19. Jh. gewann der Berufsstand der Lehrkräfte in der Schweiz zunehmend an Reputation: Aus dem vielerorts nur im Winter ausgeübten Nebenerwerb entstand mit der Zeit eine professionalisierte Tätigkeit, "das Schule halten", die sich allerdings jahrzehntelang vorwiegend im Unterrichten, im Examinieren und Bewerten von Schülerleistungen sowie im Selektionieren geeigneter Schülerinnen und Schüler für weiterführende Schulen erschöpfte. Beruhte das schulpädagog. Selbstverständnis vieler einzelner, aber auch des sich nach und nach entfaltenden Berufsbewusstseins auf der Diskussion über Lehren und Lernen gemäss den Vorgaben Johann Heinrich Pestalozzis und seiner Anhänger, erfolgte die didakt.-method. Profilierung der L. über das damals auch in der Schweiz dominante Lehrgebäude der Herbartianer, das aus Deutschland weitgehend übernommen und für L. als berufsrelevant betrachtet wurde (Schweiz. Schulkongress 1896). Insbesondere der Wechsel vom Einzelunterricht zum frontalen Unterricht führte Mitte des 19. Jh. zu einem neuen Selbstverständnis der L. als Unterrichtende einer Gruppe von Kindern, die zunehmend als "Klasse", jedoch zunächst als "Fähigkeitsklasse", schliesslich als "Jahrgangsklasse" bestimmt wurde. Dies verlangte vom L. neue Fertigkeiten: Er musste nun eine ganze "Klasse führen", weniger lediglich einzelne Kinder (nacheinander) unterrichten; er musste ein gleichmässiges Fortschreiten im Stoff gewährleisten; er war verantwortlich für die Unterrichtsdisziplin. Mit den zusätzlich anfallenden Aufgaben stieg das Prestige der L.: Sie wurden zu Fachleuten für das Arrangieren von Lehrverläufen, die sie allerdings noch kaum in Verbindung mit entsprechenden Lernprozessen von Kindern betrachteten, was Schulkritiker heftig monierten. Nachdem Mitte des 19. Jh. im Ausland erfolgreich erprobte Lehrmethoden - etwa jene des "wechselseitigen Unterrichts" (Lancasterschulen) - in der Schweiz lediglich kurzfristige Erfolge gezeitigt hatten, profilierten sich die L. - in unterschiedl. Ausmass entsprechend der jeweiligen Ausbildung - als Vertreter eines zumindest halbprofessionalisierten Berufsstands, dessen einzelne Gruppen untereinander allerdings zerstritten waren. Wirtschaftlich verbesserte sich ihre Situation in der 2. Hälfte des 19. Jh. erheblich, auch weil die Kantone den Gem. Minimallöhne für Volksschullehrer vorschrieben und Staatsbeiträge zu den Löhnen gewährten (in Bern ab 1870, allerdings tiefere für die weibl. Lehrkräfte). Die Besoldungserhöhungen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. ermöglichten schliesslich den Aufstieg in den Mittelstand. In den meisten Kantonen organisierten sich die L. mit pädagog. Absichten und zur Interessenwahrung in Verbänden, wobei es schon früh auch zu überregionalen Zusammenschlüssen gekommen war (bereits 1849 Schweiz. Lehrerverein, heute Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer; 1864 Société des Instituteurs Romands, heute Syndicat des enseignants romands).
Obwohl sich die Aufgaben der L. in der Schweiz im 19. Jh. stufenübergreifend ähnelten, bildeten sich im Schulwesen der einzelnen Kantone zahlreiche unterschiedl. Lehrertypen heraus, deren Professionalisierungsgrad, Ausbildungsdauer, Ausbildungsart, Berufsanspruch und -prestige erheblich differierten: Primarlehrer unterrichteten an Primarschulen, an deren untersten Klassen als Elementarschullehrer, als régent, instituteur, maître d'école, maestro (Grundschullehrer im Tessin), scolast (surselvisch) oder magister (ladinisch), an den oberen Klassen als Oberschullehrer, als Sekundarlehrer, als professore (im Tessin, inoffiziell: L. von der 5. Klasse an). An den Volksschulen mit gehobenem Niveau unterrichteten die Sekundar-, Bezirks- oder Reallehrer (Sekundarschule, Realschule). In der Romandie war ein maître oder professeur à l'école secondaire immer L. an einer Mittelschule (Gymnasium).
Während des 19. Jh. haben sich in der Schweiz Berufsbilder ausgebildet, die sich gemäss dem Alter der Lernenden, dem Schultyp und dem unterrichteten Inhalt unterschieden. Obwohl die L. in der Schweiz den Unterricht weiterhin ins Zentrum ihrer Tätigkeit stellten, was schultypen-, schulstufen- und schülerbezogene Differenzierung hätte überwinden können, ist bis heute keine einheitlich agierende Berufsgruppe entstanden. Dagegen prägte sich ebenfalls im 19. Jh. in der Schweiz der rechtl. Status des L.s. als eines (quasi-)Beamten aus. L. sind öffentl. Funktionäre, unterscheiden sich jedoch von Beamten in verwaltungsrechtl. Hinsicht: Sie geniessen zwar - die Universitätslehrer ausgenommen - nicht die Lehrfreiheit, weil der Lehrplan die zu vermittelnden Inhalte vorgibt, aber sie können sich auf die ihnen zugestandene Methodenfreiheit berufen. Diese berechtigt sie, die anzuwendenden Unterrichtsmethoden nach pädagog.-didakt. Gesichtspunkten frei zu wählen.
Während des 19. Jh. stieg die Anzahl der Frauen unter den L.n stetig an. Bereits zu Beginn des 20. Jh. unterrichteten die Frauen v.a. in Unterstufenklassen, während sich der Frauenanteil mit steigendem Alter der Kinder verringerte. Jungen Frauen bot der Lehrerberuf schon immer die Chance, ökonomisch unabhängig zu werden, obwohl der Lehrerin nach einer allfälligen Heirat bis weit ins 20. Jh. hinein nahegelegt wurde, ihren Beruf aufzugeben.
Der reformpädagog. Impuls im frühen 20. Jh. bewirkte in der Schweiz eine didaktisch-methodisch intensivere Diskussion um traditionelle und neue Aufgaben der L. Zu Beginn des 21. Jh. schliesst der Amtsauftrag des L.s - nun aufgefasst als Spezialist für das Arrangement von Lehr- und Lernprozessen - ein breites Spektrum an Aufgaben ein: unterrichten und planen, beurteilen, bewerten, beraten, Kollegiums- und Elternarbeit, eigene Fortbildung und Engagement für die Schulentwicklung. Die Anforderungen an die L. sind gestiegen, v.a. weil die Schulklassen heterogener geworden sind und ein individualisierender, methodisch differenzierter Unterricht erwartet wird. Angesichts der vielfältigen Aufgaben, die der Beruf mit sich bringt, gesteht die Öffentlichkeit heute den Lehrkräften - auch bei sinkender Attraktivität des Berufs - ein höheres Prestige zu, als dies früher der Fall war.
Autorin/Autor: Hans-Ulrich Grunder