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Definition
Als Aderlass (Zur-Ader-Lassen, Phlebotomie) bezeichnet man ein bereits in der griechischen Antike häufig angewendetes ausleitendes Verfahren. Dabei entnahm man dem Kranken 50 bis 1000 Milliliter Blut, untersuchte es und leitete daraus Diagnosen ab.
Herkunft
Die Aderlass-Therapie zählt zu den ältesten medizinischen Behandlungen. Schon die indische Heilkunde kannte sie. Bei ihr setzte man das ausleitende Verfahren unter anderem zur Besserung von Geschwüren ein. Der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 375 v. Chr.) wendete es bei diversen Erkrankungen an. Die berühmte Äbtissin und Heilkundige Hildegard von Bingen beschreibt in ihren mittelalterlichen medizinischen Schriften die Vorzüge dieser Therapieform. Die Entnahme des schlechten Blutes reinige den Körper von Giften, die sich dort durch eine ungesunde Lebensweise, durch Angst und Belastungen angesammelt haben. Der im 12. Jahrhundert praktizierende Arzt Archimatheus berücksichtigte bei der Aderlass-Therapie zusätzlich das Alter des Patienten, seinen Kräftezustand, die Jahreszeit und die bisherige Krankheitsdauer. Je nach Erkrankung entnahm er Blut aus unterschiedlichen Venen des Körpers. Aderlässe aus der Vena hepatica beispielsweise waren bei Magen-Darm-Erkrankungen hilfreich. Die Blutausleitung kam bis zum 19. Jahrhundert nur noch bei wenigen Krankheiten zum Einsatz, bevor sie in den 1920er-Jahren wiederentdeckt wurde. Seither verwendet man sie insbesondere in der Naturheilkunde. Aderlässe reduzieren die Blutmenge und bewirken eine Verdünnung des Blutes (Hämodilutation). Dadurch werden auch die Kapillargefäße besser mit Blut versorgt. Darüber hinaus entfernen sie schädliche Toxine. Moderne Schulmediziner wenden sie bei chronischen Erkrankungen wie der übermässigen Bildung roter Blutkörperchen (Polycythaemia vera), Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) und der gestörten Bildung des roten Blutfarbstoffs Häm (Porphyria cutanea tarda) an.
Grundlagen
Die Aderlass-Therapie basiert auf der Säftelehre (Humoralpathologie) des Hippokrates. Nach dieser entstehen Krankheiten durch eine falsche Vermischung der Körpersäfte (Dyskrasie) Schleim, schwarze Galle, gelbe Galle und Blut. Diese Säfte sind für das reibungslose Funktionieren der Körperfunktionen zuständig. Bei jedem Mensch ist einer der Säfte vorherrschend und bestimmt seinen Charaktertypus. Daher unterscheidet man je nach Konstitution Sanguiniker, Melancholiker, Choleriker und Phlegmatiker. Das durch Krankheiten bedingte Ungleichgewicht der Körpersäfte kann nach besagter Lehre nur durch die Ausleitung der überflüssigen Säfte korrigiert werden. Manche Beschwerden kommen jedoch durch eine Degeneration eines der Körpersäfte zustande.