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Kurzer Weg mit langer Geschichte
Die Commercialstrasse feiert diesen Sommer ihr 200-jähriges Bestehen. Die Transitroute, auf der die wertvollen Güter transportiert wurden, hat die Region Viamala wirtschaftlich geprägt.
Die Commercialstrasse ist die kürzeste Verbindung von Süden nach Norden. Sie beginnt in Chur und führt von Thusis über den Splügenpass bis Chiavenna, sowie über den San Bernardino nach Bellinzona. Ein grosser Teil des Güterverkehrs wurde während Jahrhunderten durch die Region Viamala und über die beiden Pässe transportiert. Die sogenannte Kunststrasse gilt als erste befahrbare Strasse über die Pässe. Durch die Eröffnung im Jahr 1823 wurde der Gütertransport und der Reisetourismus intensiviert. Vom Juni bis Ende September feiert die Strasse ihr 200-jähriges Jubiläum mit vielen verschiedenen Events und einem reichhaltigen Veranstaltungsprogramm.
Räder rattern über holpriges Kopfsteinpflaster, Pferde wiehern, Peitschen knallen, laute Rufe ertönen, Stimmengewirr. Vor dem Bodenhaus auf dem grossen Platz in Splügen herrscht reges Treiben. Mehrer Kutschen stehen abfahrtbereit da. Andere kommen gerade an. Fremdländische Passagiere steigen aus und betreten das Gasthaus um ihren Hunger und Durst zu stillen. Koffer und Waren werden abgeladen und in den grossen Fluren und Lagerräumen verstaut. So oder ähnlich stelle ich mir anhand von Bildern das geschäftige Treiben auf dem Platz vor dem Hotel Bodenhaus im 19. Jahrhundert vor. Die mit Fuhrwerken und Kutschen befahrbare Commercialstrasse, beschleunigte den Warentransport, die Verteilung der Güter in ganz Europa, beeinflusste die Essgewohnheiten und trug wesentlich zur touristischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Kantons Graubünden bei.
Im 15. Jahrhundert wurden sogenannte Portas (Genossenschaften) gegründet, um den reibungslosen Warentransport von Süden nach Norden und umgekehrt zu gewährleisten und die Saumpfade zu unterhalten. Der Weg führte fast 400 Jahre lang durch die Viamala Schlucht. Um konkurrenzfähig zu bleiben, finanzierte das Königreich Lombardei den Ausbau über den Splügen und der piemontesische Graf die Variante über den San Bernardino. Statt des beschwerlichen Weges über Hohen Rätien wurde die Commercialstrasse durch das sogenannte «Verlorene Loch» geführt. Dieses Teilstück musste an der engsten Stelle buchstäblich aus dem Felsen gesprengt werden und wurde deshalb als letztes Strassenstück fertiggestellt.
Der Bau der Strasse brachte grosse Veränderungen. Jetzt wurden die Waren mit Fuhrwerken transportiert und die Passagiere mit Kutschen. Die Säumer verloren ihre Arbeit und ihren Verdienst. Entlang der Handelsroute wurden Unterkünfte und Lagerhäuser gebaut, die teilweise bis heute bestehen. Später, als die Gotthard Eisenbahnlinie 1882 eröffnet wurde, verlor aber auch die Commercialstrasse ihre Bedeutung. Die Transitstrecke geriet in Vergessenheit.
Thusis galt lange als Zentrum der Commerzialstrasse und wurde für einige Jahrzehnte Kurort. Reisende ins Engadin verbrachten mehrere Tage in Thusis um sich vor der Weiterreise an das Klima zu gewöhnen. Es wurde viel unternommen um den Gästen den Aufenthalt kurzweilig zu gestalten. Spazierwege zu Aussichtspunkten wurden angelegt, Ausflüge in die Viamala Schlucht organisiert und es gab wöchentliche Platzkonzerte. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges fand die Kurort-Herrlichkeit ein Ende.
Auch heute ist die Viamala Schlucht ein attraktives Ausflugsziel. Die Treppe in die Schlucht wurde 1903 als touristische Sehenswürdigkeit gebaut. Wer noch nie da war, sollte unbedingt die 359 Treppenstufen in die Schlucht hinuntersteigen, um einen authentischen Eindruck von der architektonischen Meisterleistung beim Bau der Commercialstrasse zu bekommen. Schäumende Wasser, Strudeltöpfe, mächtige Gesteinsbrocken und hohe, senkrechte Felswände zeugen von der Kraft des Wassers, das an manchen Stellen türkisgrün schimmert oder sich gurgelnd durch die teilweise kaum einen Meter breite, schmale Schlucht zwängt.
Wer die Schlucht hinter sich lässt, erreicht bald das hübsche Dorf Andeer, das als gemütlicher Bade- und Kurort bekannt ist. Nach einem ereignisreichen Tag kann man im modern gestalteten Mineralbad herrlich entspannen und die Seele baumeln lassen. Es gibt ein Aussen- und ein Innenbecken, Sprudelbecken und eine Saunalandschaft. Andeer ist zudem erster Etappenort des Kultur- und Weitwanderweges «Via Spluga». Dieser kulturell interessante Weg beginnt in Thusis und führt in vier Etappen über den Splügenpass nach Chiavenna. Dabei durchwandert man verschiedene Vegetationsstufen, lichtdurchflutete Wälder, enge Schluchten und kommt durch geschichtsträchtige Dörfer.
Auf einem gemütlichen Spaziergang durch Andeer kommt man mitten im Dorf unweigerlich zur Sennerei. Käsemeisterin Maria Meyer und ihr Mann (Martin Bienerth) verarbeiten seit über 20 Jahren ausschliesslich Biomilch aus der Region. Daraus zaubern sie ungefähr 30 Sorten Käse mit phantasievollen Namen wie Andeerer Traum oder Andeerer Blüemli. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die «Casa Storica». Erwin Dirnberger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Commercialstrasse und ist leidenschaftlicher Sammler antiker Gegenstände aus jener Zeit, die er in der Casa Storica ausstellt. Das ehemalige Wohnhaus ist Museum und Bühne zugleich. An verschiedenen Orten im Haus spielt Dirnberger szenische Intermezzi und lässt zeitgenössische Figuren aufleben. Die Einrichtung und die originalen Gegenstände bilden die Kulisse dazu.
In nur 14 Autominuten fährt man von Andeer nach Splügen. Hier teilt sich die Commercialstrasse. Man entschied sich, genau wie heute, für die Route über den Splügenpass nach Chiavenna oder diejenige über den San Bernardino nach Bellinzona. Der Ort wurde von Walsern aus dem Oberwallis gegründet. Sie betrieben Milch-, Alp- und Forstwirtschaft. Im Winter arbeiteten sie vorwiegend als Säumer, im Sommer waren sie Bauern. Im alten Dorfkern stehen noch heute die braungebrannten Walser Holzhäuser. 1995 erhielt der Ort den Wackerpreis dafür, dass die Gemeinde historische Bauten bewahrt und schützt. Gleichzeitig lässt die Zonenplanung die sanfte wirtschaftliche Entwicklung zu.
Als die Commercialstrasse eröffnet wurde, brach das System der Säumer-Genossenschaften zusammen. Das Handelszentrum von Splügen verlagerte sich vom oberen Dorfteil direkt an die Strasse, wo genügend Platz vorhanden war. Gehandelt wurden Seide, Baumwolle, Silberwaren, Waffen, Salz, Gewürze und vieles mehr. Die adelige Familie Schorsch aus Oberitalien übernahm den Handel und liess prächtige Steingebäude errichten. Noch heute prägen die grossen, weissen Schorschhäuser das Dorfbild. Das geschichtsträchtige 300-jährige Bodenhaus, direkt an der neuen Strasse gelegen, wurde zum Hotel umgebaut. Viele berühmte Persönlichkeiten übernachteten im Hotel Bodenhaus. Darunter waren Friedrich Nietzsche, der Maler William Turner, die Physiker Einstein und Röntgen.
Verrät man einen Geheimtipp, ist es keiner mehr. Trotzdem! Das etwas verschlafen wirkende Dörfchen Hinterrhein befindet sich an der Transitroute des San Bernardino. Es gilt als urkundlich älteste Walser Siedlung im Kanton Graubünden. Der beschauliche Ort ist perfekt für Ruhe- und Erholungsuchende. Hier lohnt sich der Besuch der privaten Postkarten-Galerie «Kabinettli», die sich als wundervolles «Schatzkästchen» entpuppt. Zweimal musste ich im winzigen Dorf nachfragen, bis ich das versteckte Kleinod entdeckte. Elisabeth Hasler-Stoffel sammelte währen 40 Jahren alte Postkarten aus der Region. Auf diese Weise ist die kleine, feine Ausstellung mit antiken Ansichten von Hinterrhein und Umgebung entstanden. Auf den schwarz-weissen Fotos lebt die Welt von anno dazumal wieder auf.