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Zürich: Diogenes Verlag AG; 2020.
Preis: 37.00 CHF.
752 Seiten.
ISBN 978-3-257-07100-9.
«Friedrich Dürrenmatt ist einer der faszinierendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er war ein Erzählgenie, ein Dramatiker, der die Formen der Theatergeschichte von der antiken Tragödie bis zur modernen Salonkomödie virtuos kombinierte. Ein philosophischer und politischer Denker, der seinen Weg als Einzelner ging. Ein Abenteurer des Geistes, der Grenzen der Disziplinen sprengte und wie kaum ein anderer literarische Bilder für naturwissenschaftliche Erkenntnisse fand.» So lautet die Einleitung zu der 750 Seiten umfassenden Biographie über den Schweizer Autor, die von Ulrich Weber verfasst wurde und im Diogenes Verlag erschien.
Der Biograph gehört zur Generation, die Dürrenmatt nicht persönlich kannte. Als Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses und langjährig tätig als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schweizerischen Literaturarchiv und im Centre Dürrenmatt in Neuchâtel, gibt Ulrich Weber ein monumentales literaturwissenschaftliches Werk heraus. Diese Biographie stellt das Portrait eines Autors, Denkers und Künstlers dar, wie es sich aus der Fülle von Quellen ergibt, auch aus Dürrenmatts Taschenkalender.
Dürrenmatts Werdegang wird chronologisch dargestellt: seine Sozialisation als Pfarrerssohn im Emmental und in Bern, die Gründung einer Familie und die schwierigen Lebensjahre in permanenter Geldnot der jungen Familie mit Kindern, die Versuche, mit Schreiben ein Auskommen zu finden, bis zum grossen Durchbruch mit dem «Besuch der alten Dame». Es folgen erfolgreiche Jahre mit Filmarbeiten und «Die Physiker», eine Beteiligung an Gesellschaft und Politik, die internationale Anerkennung sowie sein Engagement für Israel. Es wurden ihm keine Misserfolge erspart. Nachdem seine letzten Theaterstücke wenig Anklang fanden, erneuerte er sich mit einer Prosaform, das grosse Erinnerungswerk «Stoffe». Seine Krankheiten, vor allem sein Diabetes, warfen ihn immer wieder zurück, er blieb aber bis zu seinem Tod kurz vor dem 70. Geburtstag aktiv.
«Der Besuch der alten Dame» ist ein Meisterstück. Die Uraufführung fand am 29. Januar 1956 in Zürich statt und Dürrenmatt war bei den Proben immer anwesend. Die Premiere war ein riesiger Erfolg, das Stück setzte sich auf Dauer durch und wird bis heute auf grossen internationalen Bühnen gespielt. Dieses Theaterstück wurde auch verfilmt und als Schulstoff wahrgenommen. Die Moral der Geschichte, jeder Mensch sei käuflich, das Verschwinden des Schuldbewusstseins des Einzelnen im Kollektiv und die Macht des Geldes stellen gemeinschaftliche Formen von weltweiter Aussagekraft dar, die den phänomenalen Rezeptionserfolg des Stückes erklärt.
Das Theaterstück «Die Physiker», das ebenfalls in Zürich am 20. Februar 1962 Premiere hatte, war ein Riesenerfolg und die Theater rissen sich um die Komödie. Bekanntlich spielt sich das Stück in einer Irrenanstalt ab. Einer der Psychiatriepatienten gibt vor, Newton zu sein, der zweite sagt, er sei Einstein und der dritte ist der geniale Möbius, der behauptet, ihm sei der weise König Salomon erschienen. Die Komödie widerspiegelt die weltweit verbreiteten Besorgnisse und Ängste vor den Risiken der Technik und dem zerstörerischen Missbrauch physikalischer Entdeckungen wie der Atombombe. Möbius spricht diesen so viel zitierten Satz aus: «Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden».
Im Erinnerungswerk der «Stoffe» gibt Dürrenmatt einen Einblick in der Geschichte der Entstehung von «Die Physiker». Er besuchte 1950 seine Cousine Eva und deren Ehemann Hans Steck, Leiter der psychiatrischen Klinik Cery bei Lausanne. Er schildert die Begegnung mit den Psychiatriepatienten und die darauffolgende Verarbeitung dieses Erlebnisses:
«Es war das erste Mal, dass ich eine Irrenanstalt besichtigte. Ich wurde als Arzt getarnt. Der Psychiater führte mich durch die verschiedenen Abteilungen. Der Eindruck war unheimlich. Ich bewegte mich wie auf einem schwankenden Boden.(…) In einem Saal für Unruhige schritt plötzlich ein Kranker auf mich zu; mich fixierend, aufrecht, unaufhaltsam durchmass er, wie ein Fatum, die Diagonale des Raums, um zu mir zu gelangen; fast hatte er mich erreicht, als ihn zwei Wärter aufhielten, ihn bei den Armen fassten, beunruhigt, misstrauisch. Was er denn wolle, fragte ihn der Professor freundlich, nicht beunruhigt, aber doch wissenschaftlich interessiert. Der Kranke fixierte mich weiter, Schweigen allerseits, Spannung nun auch beim Psychiater, nur der Kranke blieb gelöst, heiter, trotz seines starren Blicks.
Es wucherte in mir weiter, verdichtete sich Jahre später zur Atmosphäre einer Komödie, zu «Die Physiker»; so sehr hängt in meinem Leben alles voneinander ab, ist alles miteinander verfilzt, erscheint die Literatur vom Leben und das Leben von der Literatur her gesehen ein einziger Schachtelsatz.»
Dürrenmatt war ein vielseitiger Geist von unermüdlicher Neugier. Er beschäftigte sich in seinem Werk mit religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Fragestellungen. Er war vom Kosmos fasziniert, studierte Astronomiebücher und hatte auf dem Dach seines Hauses oberhalb Neuchâtels ein grosses Teleskop installiert, mit dem er den Sternenhimmel beobachtete. Er interessierte sich für die Kernphysik und besuchte mehrmals in Begleitung von Fachpersonen das CERN in Genf. Das Zusammendenken von Kunst und Wissenschaft hat er so formuliert:
«Die Wissenschaft interpretiert, die Kunst stellt dar, die Wissenschaft zielt auf das Eindeutige, die Kunst auf das Mehrdeutige, die Erstere auf den Begriff, die Letztere auf das Bild, die eine auf die Idee, die andere auf die Vision. Wissenschaft und Kunst sind nicht gleiche, aber gleichberechtigte Schöpfungen des Menschen.»
Dürrenmatt zeichnete und malte während seines ganzen Lebens und seine Bilder wurden in mehreren Galerien ausgestellt. Er hat sich über die Beziehung seiner Bilderkunst zum literarischen Werk folgendermassen geäussert:
«Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.» Für Dürrenmatt stellt das Bild das Motiv der Niederschrift und des Erzählens dar: «Auch beim Schreiben gehe ich nicht von einem Problem aus, sondern von Bildern, denn das Ursprüngliche ist stets das Bild, die Situation - die Welt.»
Die Biographie von Ulrich Weber, die zum hundertsten Geburtsjahr Dürrenmatts erscheint, gibt Einblicke in das private Leben des Künstlers sowie in seine Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit. Insbesondere bietet der Biograph eine einmalige Beschreibung der damaligen deutschschweizerischen Theaterwelt und Kulturbetriebe in Basel und Zürich, mit seinen Akteuren und Intrigen, den Erfolgen oder Misserfolgen des Autors, der auch Regie führte. Besonders interessant ist auch die Darstellung der persönlichen Begegnungen Dürrenmatts mit anderen Schriftstellern seiner Zeit wie Max Frisch, Bertolt Brecht, Hugo Loetscher sowie mit Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen. Diese neue Biographie ist ein einmaliger Beitrag, das Phänomen Dürrenmatt dem Leser im 21.Jahrhundert im Lichte neuer Quellen näher zu bringen und sein Werk und seine Lebensphilosophie, die an Bedeutung nie nachgelassen hat, zu beleuchten.
Andreas Steck ist mütterlicherseits verwandt mit Friedrich Dürrenmatt und kannte ihn persönlich.
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