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Wehe, wenn der Wein ausging
Urs Pilgrim, ohne Kloster keine Beizen – darf man das so für Muri behaupten?
Für die Zeit bis 1798 stimmt das tatsächlich. Nur das Kloster durfte das sogenannte Tavernenrecht vergeben. Wer wirten wollte, brauchte also die Erlaubnis des Abts und hatte eine Reihe von Bedingungen zu erfüllen.
Was zum Beispiel?
Er musste immer Wein und Brot vorrätig haben. Wer keinen Wein an Lager hatte, konnte bestraft werden. Es sei denn, er konnte nachweisen, dass bereits ein «Expressbote» unterwegs war, um noch gleichentags welchen zu beschaffen.
Und dies ausgerechnet bei einem Genussmittel wie Wein?
Weil es gar nicht unbedingt ein Genussmittel war. Mal abgesehen davon, dass der Wein furchtbar sauer war, brauchte man ihn vor allem zum Desinfizieren. Wasser war oft nicht trinkbar und verursachte Krankheiten. Mit Wein versetzt, konnte man dem ein bisschen entgegenwirken.
Ich gehe mal davon aus, ein solches Tavernenrecht gabs nicht umsonst.
Richtig. Die Wirte hatten ans Kloster Abgaben zu entrichten. Man bezahlte pro Saum, also pro Fass von etwa 130 bis 180 Litern. Damit machte das Kloster zwar nicht das ganz grosse Geld, aber es kam doch einiges zusammen.
Welche Rolle spielte das Kloster denn sonst noch in Muri?
Ganz am Anfang keine grosse. Das liegt schon daran, dass die Benediktiner es – wie es ihrer zurückgezogenen Ausrichtung entsprach – zwei Kilometer ausserhalb des Dorfes bauten. Hier lebte höchstens ein Dutzend Mönche und dies einigermassen abgeschieden.
Und was brachte die Wende?
Unser Katakombenheiliger: Leontius. 1647 wurden seine Gebeine nach Muri überführt, und von da an wurde das Kloster zum Pilgerort. Die Menschen kamen in Scharen, was Abt Aegidius von Waldkirch 1660 dazu veranlasste, den «Löwen» im Kirchbühl zu bauen. Im Kloster gab es nur eine Handvoll Gästezimmer – die natürlich den Männern vorbehalten waren. Also brauchte es auch Unterkünfte für weibliche Pilger beziehungsweise Angestellte.
Die Anfänge des Tourismus’ in Muri?
Ja, ganz bestimmt. Im Gegensatz zu heute war es aber nicht Kulturtourismus, sondern eben Sakraltourismus. Eine eigentliche Invasion bescherte den Murianern die 100-Jahr-Feier zur Leontius-Überführung 1747: In den Überlieferungen liest man von 100'000 Besuchern in drei Tagen. Das ist zwar nicht wörtlich zu nehmen, aber es müssen Tausende von Pilgern gewesen sein.
Und wo sind die untergekommen?
Jedenfalls kaum in Gasthäusern. Davon gab es viel zu wenige. Dass ihre Zahl in Muri um 1800 per Gesetz auf maximal 20 begrenzt wurde, zeigt, dass selbst dann noch nicht besonders viele Betriebe existierten. Ganz typisch für einen erzkatholischen Ort wie Muri sind ihre Namen …
Genau: Adler, Ochsen, Löwen und Engel sind die Symbole der vier Evangelisten. In einem «anständigen» katholischen Ort schaute man darauf, dass man ihnen gerecht wurde.
Mit der Klosteraufhebung von 1841 versiegten wohl auch die Pilgerströme.
Richtig. Dafür begann man, Muri als Luft- und Badekurort zu vermarkten. Das war eine reine Marketingidee, denn Muri verfügte weder über besonders heilbringende Luft noch über spezielles Mineral- oder Thermalwasser. Aber bis zum ersten Weltkrieg hatte die Gemeinde tatsächlich einen recht guten Ruf als «Badedestination». Das hat also durchaus funktioniert.
Und heute?
Neben Baden und Aarau ist Muri einer der Hotspots in Sachen Kultur im Kanton Aargau – mit unterschiedlichsten Konzerten, drei Museen und den Freilichtspielen beispielsweise. Höchste Zeit, dass nun mit dem «Caspar» auch noch ein Hotelbetrieb auf hohem Niveau hinzukommt. Das ist eine grossartige Sache.