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Es ist längst eine Selbstverständlichkeit: Steigen die Preise, greifen die Zentralbanken ein und erhöhen die Leitzinsen. Die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) sind seit Juli 2022 von Null auf 3,75 Prozent erhöht worden, jene der Schweizerischen Nationalbank von minus 0,75 auf 1,5 Prozent. Warum eigentlich? Wie soll das die Inflation beeinflussen?
Inflation ist nichts anderes als die Summe aller Preissteigerungen. Diese kommen auf zwei Arten zustande: Entweder durch die Ausnützung von Marktmacht zum Zwecke der Profitmaximierung oder durch die Anpassung an steigende Produktionskosten.
Könnten zum Beispiel die Gewerkschaften in der Gastronomie Löhne durchsetzen, von denen man leben und die Miete bezahlen kann, dann müssten die Gastwirte die Preise deutlich erhöhen. Oder wenn ein Gewitter die Obstplantagen verwüstet, muss der Kilopreis der Äpfel stark steigen, damit die Bauern ihren Lebensunterhalt weiterhin bestreiten können. Es gibt keinen Grund, solche Preissteigerungen zu verhindern oder zu verbieten. Der Konsument soll für die von ihm verursachten Kosten aufkommen.
Eine Indexierung nähme der Inflation ihren Stachel
Ein Problem entsteht erst dann, wenn die Inflation dazu führt, dass – trotz realem Wirtschaftswachstum – viele Arbeitnehmer und Rentner an Kaufkraft verlieren. Doch dieses Problem könnte leicht dadurch gelöst oder zumindest gelindert werden, wenn alle Löhne und Renten an die Entwicklung des nominalen Bruttoinlandprodukts (BIP) pro Kopf gekoppelt werden. Das ist keine Illusion: Noch in den 1970er-Jahren war ein halbjährlicher Inflationsausgleich in vielen Schweizer Unternehmen Standard.
Eine zweite Kategorie von Preiserhöhungen beruht auf reiner Marktmacht. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass wir statt 20 nun 32 Franken pro Monat für das Pay-TV-Abo ausgeben müssen und die FIFA ihre Übertragungsrechte demnächst schon wieder um 40 Prozent erhöhen will. Damit wird sichergestellt, dass die Fussballvereine ihren Stars weiterhin zweistellige Millionensaläre und sich selbst dreistellige Ablösesummen bezahlen können.
90 Milliarden hier, 56 Milliarden dort
Mit der Anpassung an steigende Lebenshaltungskosten hat dies nichts zu tun. Dass allein die fünf grössten Pharma-Konzerne dieses Jahr 90 Milliarden Dollar Reingewinn erwarten und ihre Kader mit Millionensalären verwöhnen, deutet ebenfalls auf stark übersetzte Preise hin. Oder nehmen wir die Energiekonzerne: Shell hat letztes Jahr den Gewinn auf rund 40 Milliarden verdoppelt. Exxon meldete gar einen Gewinn von 56 Milliarden, fast dreimal soviel wie im Vorjahr. Auch diese Zeche zahlen letztlich die Konsumenten.
Die durch Monopolgewinne verursachte Inflation kann nicht durch eine Indexierung der Löhne korrigiert werden. Dadurch würden die dem Preiswettbewerb ausgesetzten «Normalunternehmen» gleich doppelt bestraft. Erstens müssten sie – via Lohnerhöhungen – die Monopolgewinne mitfinanzieren. Zweitens leiden sie darunter, dass die Monopolpreise die Kaufkraft ihrer potentiellen Kunden schwächt. Wer mit knappem Budget monatlich 100 Euro mehr für die Energie und 12 Euro mehr fürs Fussballschauen bezahlen muss, geht weniger oft zum Friseur oder in die Kneipe.
Die guten alten Preiskontrollen
Preissteigerungen dieser Kategorie könnten zum Beispiel mit Preiskontrollen unterbunden werden. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurden solche in den USA unter dem Einfluss des damals führenden Ökonomen John Kenneth Galbraith noch erfolgreich durchgeführt. Sein 1952 verfasstes und 1980 neu aufgelegtes Buch «A Theory of Price Controls» war für die damaligen Ökonomen Pflichtlektüre. Inzwischen wären solche Ideen ein Karrierekiller. Auch ein verschärftes Kartellgesetz könnte mithelfen, Preisexzesse zu verhindern.
Heute sind solche Ideen tabu. Die Inflationsbekämpfung ist alleinige Sache der Zentralbanken, und ihr Mittel der Wahl sind Zinserhöhungen und die Verknappung der Geldmenge. Doch was ist die Logik dahinter? Der österreichische Journalist Andreas Sator hat dazu in seinem Podcast «Erkläre mir die Welt» Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB und Professorin für Finanzmarktökonomie befragt. Dabei verstrickt sich diese laufend in Widersprüche. So erklärt sie etwa, dass die EZB die Inflationsrate mit der Steuerung der Zinsen und der Geldmenge auf maximal zwei Prozent stabilisieren wolle, sagt aber auch, «dass wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben, dass dieser Zusammenhang nicht ganz so perfekt passt. Die Geldmenge hat sich massiv ausgeweitet, aber die Inflation hat trotzdem nicht unmittelbar reagiert.»
Falsche Lehren aus den 1970er-Jahren
Offenbar kann die Zins- und Geldmengenpolitik die Inflation nicht nach oben bewegen. Hat die EZB aus diesem Versagen ihrer Theorie etwas gelernt? Sator stellt diese Frage nicht. An der Weisheit der EZB zweifelt man nicht. Anders sieht es offenbar aus, wenn es darum geht, die Inflationsrate zu senken: «Die Zeit, aus der wir tatsächlich am meisten gelernt haben, waren die 1970er-Jahre, also diese Zeit der Ölpreisschocks, also … ähnlich wie das, was wir heute haben. Und damals war es so, dass die Inflation in manchen Ländern eben schon ausser Kontrolle geraten ist. Man hatte damals noch viele Indexierungen bei Löhnen, das heisst, dass die Löhne sich automatisch erhöht haben mit der Inflationsrate, was dann diese … Lohn-Preis-Spirale noch angekurbelt hat», erläutert Schnabel.
In der Tat setzten damals die Gewerkschaften Lohnerhöhungen durch, die weit über dem nominellen BIP-Wachstum lagen. Das wiederum drückte die Margen der Unternehmen teilweise bis in die Verlustzone, worauf diese wiederum mit Preiserhöhungen reagiert haben. Als Folge davon erhöhten die Zentralbanken die Zinsen massiv, was letztlich zu einer langen (Stagflations-)Periode mit hoher Inflation und tiefen Wachstumsraten führte.
Die Inflationserwartungen verankern
Die damaligen Ereignisse wurden und werden unterschiedlich gewertet. Die einen sahen sie als Versagen der Lohnpolitik, gefolgt von einer Überreaktion der Notenbanken. Schnabel, beziehungsweise die EZB, meinen, dass die Zentralbanken damals zu spät reagierten. «Damals hatte man auch nicht hinreichend verstanden, wie wichtig die Inflationserwartungen sind. Heute widmen wir den Inflationserwartungen sehr viel Gewicht, weil das, was wir letzten Endes schaffen müssen, ist, dass die Menschen das Vertrauen in uns nicht verlieren, die Inflation zu verankern bei diesen zwei Prozent. Das hatte man damals noch nicht so gut verstanden», so Schnabel.
Dass Schnabel mit «den Menschen» die Gewerkschaften meint, macht sie schnell klar: «Wir haben vor allen Dingen einen ungewöhnlich starken Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit ist ja tatsächlich – und das ist natürlich ein Riesenunterschied zu den 70er-Jahren – auf einem historischen Tiefststand im Euroraum. […] Wir haben grosse Arbeitskräfteknappheit. Gleichzeitig heisst das aber natürlich auch, dass … in diesem Verhandlungsprozess die Arbeitnehmer mehr Verhandlungsmacht haben, weil alle händeringend nach Personal suchen. Das kann natürlich dann wiederum dazu führen, dass die Löhne stärker steigen. Und das ist genau das, wo wir ja so aufpassen müssen. Und die Löhne werden natürlich noch stärker steigen, wenn die Menschen uns nicht abnehmen, dass wir die Inflation wieder auf zwei Prozent zurückbringen.»
Wirre Argumentation der EZB-Generaldirektorin
Schnabel will uns offenbar weismachen, dass starke Gewerkschaften drauf und dran sind, viel zu hohe Lohnforderungen durchzusetzen und so eine neue Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen, was die EZB mit hohen Zinsen verhindern müsse. Denn keine zwei Minuten später sagt dieselbe Isabel Schnabel, dass alles ganz anders sei: «Die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen haben […] real, also inflationsbereinigt, unheimlich an Kaufkraft verloren, weil wir hatten jetzt ja schon eine ganze Weile hohe Inflation. Und die Löhne sind ja nicht annähernd so stark angestiegen. Die hohen Energiekosten müssen von irgendjemandem getragen werden. Im Moment sieht es so aus, dass der grösste Teil tatsächlich von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern getragen wurde.» Im Endeffekt, so Schnabel weiter, führe die hohe Inflation sogar dazu, dass die Menschen sich ärmer fühlen und eher sogar weniger konsumieren würden.
Was gilt nun? Ist der Arbeitsmarkt wirklich so stark, dass die Gewerkschaften hohe Löhne erzwingen können, oder haben die Arbeitnehmer «unheimlich an Kaufkraft verloren»? Die Vertreterin der EZB weiss offenbar nicht, was sie sagt. Auch ihre Behauptung, wonach die Arbeitslosigkeit im Euroraum heute tiefer sei als in den 1970er-Jahren ist falsch: Von 1970 bis 1979 schwankte die Arbeitslosenquote in den heutigen Euroländern zwischen 2,3 und 5,5 Prozent. 2022 lag sie bei 6,8 Prozent und somit wesentlich höher. Zudem ist der Organisationsgrad der Gewerkschaften heute deutlich tiefer als damals. Entgegen den Behauptungen von Schnabel haben sie offensichtlich nicht mehr die Macht, hohe Lohnforderungen durchzusetzen.
Doch vor allem: Nachdem die EZB die Erwartungen «der Menschen» so gesteuert hat, dass diese vor lauter Zukunftsängsten ihren Konsum einschränken, ist es dann sinnvoll, dass die EZB mit ihren Zinserhöhungen die Konjunktur erst recht abwürgt? Ganz abgesehen davon, dass steigende Hypothekarzinsen und Mieten die Inflation zusätzlich anheizen?
Ein Massaker für ein My weniger Inflation
Aber selbst, wenn die Zentralbanken die Inflation per Saldo doch ein wenig senken können, zahlen wir dafür einen sehr hohen Preis.Wie teuer diese Zeche ist, hat das «Handelsblatt» auf Grund von Simulationsmodellen der EZB wie folgt präzisiert: Das BIP-Wachstum wird 2022 und 2023 (gegenüber früheren Prognosen) um je zwei Prozentpunkte tiefer ausfallen, wodurch die Inflation bis 2025 um insgesamt 2,5 Prozent beziehungsweise 0,5 Prozent pro Jahr gedämpft wird. Was das Handelsblatt nicht schreibt: Vier Prozent weniger BIP kosten die EU mehr als 600 Milliarden Euro. Ein Massaker für ein My Inflationsbekämpfung.
Was das Handelsblatt auch nicht schreibt: Diese Last wird sehr ungleich verteilt: Die «Kapitalisten» kassieren höhere Zinsen, die Löhne der Arbeitnehmer sinken. Wie sich das in der Summe auswirkt, zeigt ein Blick auf die Wirtschaftsdaten von 2022. In diesem Jahr sind in Deutschland die Löhne real um 4,1 Prozent gesunken, das reale BIP ist aber dennoch um 1,8 Prozent gestiegen. Bei einer Lohnquote von 70 Prozent müssen die Profite rein rechnerisch um rund 15 Prozent explodiert sein. Ähnliches gilt für die Schweiz, wo das BIP pro Kopf um 1,1 Prozent stieg, die Reallöhne aber um 1,9 Prozent sanken.
Doch auch die Mieter werden zur Kasse gebeten. In der Schweiz darf die Miete pro Viertelprozent mehr Hypozins um drei Prozent erhöht werden. Weil viele Vermieter diese Gelegenheit nutzen, um auch noch die Nebenkosten zu erhöhen, rechnen viele Medien mit einer Mietpreissteigerung von sechs Prozent. Dies wiederum löst einen Inflationsschub von bis zu 1,2 Prozentpunkten aus. Zudem:
Und noch eines kommt hinzu: Das Überwälzen der gestiegenen Hypozinsen auf die Mieter ist ökonomisch nicht gerechtfertigt. Der Vermieter muss zwar mehr Hypozins bezahlen, doch letztlich entschädigt er damit seinen Gläubiger bloss dafür, dass dessen Guthaben real entwertet wird. Mit den höheren Zinsen zahlt er also letztlich seine Schulden zurück. Eigentliche Kosten entstehen ihm dadurch nicht. Er muss zwar mehr Geld in die Hand nehmen, doch damit amortisiert er seine reale Schuld. Das ist eine Sache zwischen dem Vermieter und seinem Gläubiger. Es gibt keinen Grund, diese Rückzahlung auf die Mieter zu überwälzen. Sie haben damit nichts zu tun.
Zusammenfassend muss man feststellen, dass die Inflation vor allem dadurch lästig wird, dass wir ihre Bekämpfung ausgerechnet den Notenbanken überlassen, die ja von ihrer Funktion her die Interessen der Gläubiger vertreten (müssen). Dabei könnte man das «Problemchen» mit einer unter den Sozialpartnern koordinierten Lohnpolitik elegant besser lösen, ohne dass wir «den Menschen» die Kaufkraft rauben und ihnen die Freude am Konsum vergällen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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