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| Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

9. Die Philosophen vor Epikur.
Während die Philosophen der früheren Zeit in ihren Anschauungen über die Vorsehung übereinstimmten und keine Ungewißheit darüber herrschte, daß die Welt von Gott mit Vernunft geschaffen ist und mit Vernunft regiert wird, so trat zuerst von allen Protagoras zu den Zeiten des Sokrates mit der Behauptung auf, es sei ihm nicht ganz klar, ob es eine Gottheit gebe oder nicht. Diese Sprache ward für so gottlos, so im Widerspruch mit Wahrheit und Religion erachtet, daß die Athener ihn selbst aus ihren Grenzen vertrieben und seine Schriften in öffentlicher Versammlung verbrannten. Auf seine Ansichten brauchen wir nicht näher einzugehen, da er nichts Bestimmtes ausgesprochen hat. In der Folgezeit blieben Sokrates1 und sein Zuhörer [S. 84] Plato2 sowie die Philosophen, die von Platos Schule wie Bächlein nach verschiedenen Richtungen sich ergossen, die Stoiker und Peripatetiker, bei den Anschauungen der früheren Zeit. Später trat Epikur auf und erklärte: „Es gibt zwar einen Gott; denn es muß etwas in der Welt sein, das hervorragend, ausgezeichnet und glückselig ist; aber eine Vorsehung gibt es nicht. Bei der Entstehung der Welt hat weder Vernunft noch Kunst noch Geschicklichkeit gewaltet, sondern das All der Dinge hat sich aus gewissen winzigen Sämchen, die unteilbar sind, zusammengesetzt.“ Das ist wohl der größte Widerspruch, den man sich denken kann. Wenn es einen Gott gibt, so muß er seinem Wesen nach fürsorgend sein; denn anders kann ihm die Gottheit nicht zuerkannt werden, als wenn er die Vergangenheit inne hat, die Gegenwart erkennt und die Zukunft voraussieht. Indem also Epikur die Vorsehung aufhob, hat er Gott auch das Dasein abgesprochen; indem er sich aber für Gottes Dasein erklärte, hat er zugleich auch die Vorsehung eingeräumt; denn das eine kann ohne das andere durchaus nicht sein noch gedacht werden. Indes in den folgenden Zeiten, als die Blütezeit der Philosophie bereits vorüber war, trat ein gewisser Diagoras3 aus Melos auf und behauptete, es gebe überhaupt keinen Gott; und wegen dieser Ansicht ist er atheus, Gottesleugner, genannt worden; das gleiche tat Theodorus4 aus Cyrene. Da diese beiden nichts Neues mehr auffinden konnten, indem alles bereits gesagt und gefunden war, so wollten sie lieber der Wahrheit zum Trotz das leugnen, worüber bei allen früheren Philosophen zweifellose Übereinstimmung geherrscht hatte. Diese sind [S. 85] es, welche die in so vielen Menschenaltern von so vielen hochbegabten Geistern behauptete und verteidigte Vorsehung verunglimpft haben. Wie nun? sollen wir diese geringfügigen und bedeutungslosen Philosophen mit Vernunftgründen oder durch das Ansehen hervorragender Männer oder vielmehr durch beides widerlegen? Doch müssen wir uns beeilen, um nicht zu weit vom Gegenstande abzukommen.
1: Gest. 400 v. Chr. in Athen. Er wurde angeklagt, daß er [S. 84] nicht an die staatlichen Götter glaube und die Jugend verführe, und mußte den Schierlingsbecher trinken.
2: Geb. 429 v. Chr. zu Athen, gest. 348; Stifter der akademischen Schule, die sich unter Arcesilas (316—241) in eine mittlere und unter Carneades (210—129) in eine neuere Akademie teilte.
3: Zeitgenosse des 525 v. Chr. geborenen Tragödiendichters Äschylus.
4: Lebte um 300 v. Chr.; Anhänger der cyrenäischen Schule und als Atheist verrufen.