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Viktor Giacobbo, können Sie uns «Cancel Culture» erklären? Man hört und liest den Begriff derzeit überall.
Zunächst einmal ist es ein Modebegriff. Er bezeichnet die allgemeine Empörung über das angebliche Fehlverhalten einer Person, die im äussersten Fall dazu führt, dass diese zum Beispiel ihren Job verliert. Oder gegen eine Institution, die dann boykottiert wird. Es handelt sich um einen hochmoralisierten Mechanismus, der sich vor allem in den sozialen Medien abspielt, die ja nicht umsonst auch hysterische Medien genannt werden. Cancel Culture ist der Preis für die Demokratisierung gesellschaftlicher Debatten.
Inwiefern?
Früher waren solche Debatten den Experten, Feuilletonisten und Kommentatoren vorbehalten. Heute können dank sozialer Medien alle mitmachen, was ja auch gut so ist. Aber: Nur weil sich dort eine Person oder auch eine Gruppe über etwas empört, heisst das noch lange nicht, dass sie recht hat. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Cancel Culture selber zurzeit gecancelt wird.
Auch Sie wurden unlängst auf Twitter für Ihre satirische Rajiv-Figur kritisiert und mussten sich in den Medien erklären.
Cancel Culture gilt eigentlich als ein Werkzeug der Linken, interessanterweise kam die Kritik an Rajiv aber aus der rechten Ecke. Für meine politischen Intimfeinde aus der SVP war das natürlich ein gefundenes Fressen: Seht her, auch der Giacobbo hat sich einmal das Gesicht braun angemalt und sich über Minderheiten lustig gemacht.
Haben Sie das?
Bei Rajiv hat die Hautfarbe nie eine Rolle gespielt, sondern der indische Akzent. Ausserdem war er zwar etwas ordinär, aber immer der Gewinner. Ich entschuldige mich nicht für meine Figuren, die alle der jeweiligen Zeit entspringen. Ich spiele einzelne nicht mehr, das betrifft aber nicht nur Rajiv, sondern zum Beispiel auch Donatella oder Ueli Maurer. Und das sicher nicht aus Gründen der Hautfarbe, sondern weil diese satirischen Rollen für mich nicht aktuell sind. Vielleicht werden sie das wieder einmal, und dann hole ich sie hervor. Selten spiele ich live noch den Junkie Fredi Hinz. Oder den primitiven (und stets gut gebräunten) Autofan Harry Hasler, etwa wenn Peter Spuhler bei Stadler Rail einen neuen Zug präsentiert. Dort entsteht die nötige Fallhöhe der satirischen Komik.