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Grosstrappe
Otis tarda
© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Trappen (Familie Otididae) erinnern bei flüchtiger Betrachtung an grosse Vertreter der Ordnung der Hühnervögel (Galliformes) - an Pfauen etwa, oder an Truthähne. In Wirklichkeit gehören sie aber zur Ordnung der Kranichvögel (Gruiformes). Fossilfunde zeigen, dass urtümliche Trappen schon vor etwa fünfzig Millionen Jahren im Mitteleozän lebten. Im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte haben sich die Trappen von ihren Verwandten, den an Feuchtgebiete gebundenen Kranichen und Rallen, «wegentwickelt» und sind zu typischen Bewohnern offener, trockener Steppen, Savannen und Halbwüsten geworden. Diesem Lebensraum sind sie heute in jeder Hinsicht vorzüglich angepasst. Unter anderem verfügen sie, da sie sich zumeist am Boden fortbewegen, über kräftige Lauffüsse mit drei starken Vorderzehen und verkümmerter Hinterzehe.
Etwa 25 Trappenarten gibt es insgesamt. Sie sind alle in der Alten Welt beheimatet - teils in Europa, Asien und Australien, mehrheitlich aber in Afrika. Lediglich zwei Trappenarten finden sich in Europa: die Zwergtrappe (Tetrax tetrax)
und die Grosstrappe (Otis tarda)
. Mit letzterer wollen wir uns im folgenden näher beschäftigen.
Gemischtköstler mit Allzweckschnabel
Das Verbreitungsgebiet der Grosstrappe erstreckt sich von Marokko und Portugal über ganz Europa und Zentralasien bis nach Ostchina. Dies ist zwar - bei einer Längenausdehnung von über 9000 Kilometern - ein aussergewöhnlich weites Areal. Trotzdem bietet es keine Garantie gegen das Aussterben, steht doch die Grosstrappe heute auf der berüchtigten «Roten Liste». So wie sich nach einem sommerlichen Platzregen das Wasser am Boden rasch in immer weniger und immer kleinere Pfützen aufteilt, so hat sich das Vorkommen der Grosstrappe in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt: Im gesamten Verbreitungsgebiet ist die einst sehr umfangreiche Population in viele kleine und kleinste Restbestände zerfallen, welche oft Hundert von Kilometern voneinander getrennt leben.
Wo die Grosstrappe noch überlebt, bewohnt sie zumeist ursprünglich gebliebene Steppengebiete, teils aber auch traditionell landwirtschaftlich genutzte Gegenden. Stets bevorzugt sie weite, übersichtliche Landschaften, in denen sie - als ausgesprochenes «Augentier» - herannahende Feinde schon von weitem wahrnehmen kann.
Die Nahrung der Grosstrappe setzt sich hauptsächlich aus Knospen, Trieben, Blättern und Samen zahlreicher Wildkräuter und Kulturpflanzen zusammen, umfasst aber auch Mäuse, Eidechsen, Heuschrecken und andere Kleintiere. In Anpassung an diesen abwechslungsreichen Speisezettel verfügt der grosse Vogel über einen kräftigen, in keiner Weise spezialisierten «Allzweckschnabel».
Männchen verwandeln sich in Blumen
Hinsichtlich der Färbung ihres Federkleids unterscheiden sich die männlichen und weiblichen Grosstrappen ausserhalb der Balzzeit nicht markant voneinander: Beide weisen - vom hellgrauen Kopf und Hals abgesehen - oberseits ein braun-schwarz gemustertes Gefieder auf, das ihre Gestalt im trockenen Grasland gut mit der Umgebung veschmelzen lässt. Augenfällig sind die Unterschiede zwischen Hähnen und Hennen hingegen hinsichtlich der Grösse und des Gewichts: Während die Männchen eine Standhöhe von etwa einem Meter und ein Gewicht von 8 bis 16, in Extremfällen sogar bis 22 Kilogramm aufweisen, sind die schlankgebauten, dünnhalsigen Weibchen rund ein Drittel kleiner und bringen lediglich 3 bis 5 Kilogramm auf die Waage. Ein solch beträchtliches «Missverhältnis» zwischen den beiden Geschlechtern dürfte im ganzen Vogelreich einmalig sein.
Grosse gestaltliche Unterschiede zwischen den Männchen und den Weibchen einer Vogelart deuten meistens darauf hin, dass die Vögel keine eheartige Paarbindung eingehen und dass das Brutgeschäft dem Weibchen allein obliegt. Dies gilt in der Tat auch für die Grosstrappe: Männchen und Weibchen kommen einzig zum Zweck der Paarung jeweils im Frühjahr kurzfristig zusammen. Dann trennen sich ihre Wege wieder. In der Folge - gewöhnlich gegen Ende April - sucht sich das Weibchen einen abgeschiedenen, im Hochgras gut versteckten Nistplatz. Dort legt es in einer tellergrossen, durch «Sandbadebewegungen» geformten Bodenmulde seine zumeist zwei bis drei olivgrünen Eier ab und bebrütet sie allein während gut drei Wochen. Auch die Aufzucht der Küken bleibt ausschliesslich dem Weibchen überlassen. Diese können zwar schon am Ende ihres ersten Lebenstags mühelos auf ihren Beinchen stehen und der Henne nachfolgen, sind aber erst im Alter von vier Wochen flugtüchtig und bis dahin vollständig auf die umsichtige Betreuung durch ihre Mutter angewiesen.
Die der Paarung vorangehenden Balzdarbietungen der Grosstrappen-Männchen zählen zu den erstaunlichsten Schauspielen, die es in der Vogelwelt und überhaupt im Tierreich gibt. Am Balzplatz, mitten in der offenen Graslandschaft, halten sich gewöhnlich mehrere alte Hähne in gebührendem Abstand voneinander auf. Lautlos stehen sie da und verwandeln sich abwechselnd in weisse Federhaufen - Riesenblüten, an denen man kaum noch ein «Vorn» und ein «Hinten» zu erkennen vermag.
Bei dieser wundersamen Verwandlung klappt der jeweilige Hahn zuerst den Schwanz nach vorn auf den Rücken, wodurch das lockere Unterschwanzgefieder noch oben quillt. Dann bläht er seinen Kehlsack immer weiter auf, so dass ihm die (männchentypischen) «Barthaare» zu Berge stehen. Dann lässt er die Flügel hängen und wendet sie plötzlich mit einem Ruck um, worauf die leuchtendweissen Federn der Flügelunterseiten prachtvolle weisse Rosetten bilden. Der in den Nacken zurückgezogene Kopf versinkt praktisch hinter dem enorm aufgeblähten Kehlsack. Am Höhepunkt der Darbietung beginnt der ganze Körper zu vibrieren, während sich der gänzlich «umgekrempelte» Hahn ruckartig um sich selbst dreht. Danach faltet der Hahn sein Gefieder wieder jäh zusammen und geht ein paar Schritte, um an anderer Stelle erneut als weithin leuchtende weisse Blume zu erblühen. Immer wieder tut er das - geräuschlos und geheimnisvoll.
Die bemerkenswerten Balzhandlungen der männlichen Grosstrappen sind ganz auf optische Fernwirkung angelegt; eine lautliche Untermalung erfolgt nicht. Das ist auch gar nicht nötig, denn für die scharfsichtigen Vögel ist solch auffälliges Gehabe meilenweit sichtbar. Tatsächlich treffen alsbald von nah und fern paarungswillige Weibchen am Balzplatz ein. Geraume Zeit spazieren sie im Umfeld der «Arena» umher und scheinen sich vornehmlich der Nahrungsaufnahme zu widmen, ohne die prachtvollen Männchen weiter zu beachten. In Wirklichkeit dürften sie aber, gewissermassen aus den Augenwinkeln heraus, jeden einzelnen Hahn ganz genau beobachten - und einschätzen, ob er als Vater für ihre Jungen in Frage kommt. Schliesslich treffen sie ihre Wahl und lassen sich vom «Auserwählten» begatten, wobei es Hinweise darauf gibt, dass sich die jüngeren Hennen bei ihrem Entscheid von erfahreneren Geschlechtsgenossinnen leiten lassen.
Adler und Marder, Reiter und Traktoren
Grosstrappen sind ungewöhnlich scheue und störungsempfindliche Vögel. Ihre Fluchtdistanz bemisst sich auf rund einen halben Kilometer! Einen menschlichen Störenfried erkennen sie in der Regel, lange bevor dieser sie entdeckt hat, worauf sie sich heimlich - und dank ihres gestreiften Federkleids bestens getarnt - zu Fuss aus der Gefahrenzone entfernen. Dies macht sie für Feldbiologen zu ausserordentlich schwierigen Studienobjekten. Und ganz allgemein ist die Grosstrappe ihrer Grösse zum Trotz ein recht unbekannter Vogel geblieben - selbst da, wo sie auf Äckern und Feldern in der direkten Nachbarschaft des Menschen vorkommt.
Unter den tierlichen Feinden sind Adler (bei Tag) und Fuchs (bei Nacht) die einzigen, welche erwachsenen Grosstrappen gefährlich werden können. Gelege und Küken sind stärker gefährdet, beispielsweise durch Marder, Ratten und Raben. Auf solche Verluste sind die Grosstrappen aber von alters her eingerichtet und vermögen sie im Rahmen ihrer natürlichen Nachzuchtrate wettzumachen. Niemals wird hierdurch das Überleben lokaler Bestände oder gar der ganzen Art gefährdet.
Solches bringt nur der Mensch fertig: Durch die übermässige Bejagung der Grosstrappen einerseits und die Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft andererseits hat er die Bestände der eindrucksvollen Vögel in den letzten zwei Jahrhunderten aus weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets vollständig verdrängt.
Verhängnisvoll hat sich für die Grosstrappen vor allem ausgewirkt, dass sie grössere Vierbeiner wie Hirsche oder Rinder nicht als Feinde betrachten und durch sie nicht in Alarm- und Fluchtbereitschaft versetzt werden. Das gilt auch für Pferde, selbst berittene. Offensichtlich übersteigt es die «Vorstellungskraft» der stattlichen Vögel, Reiter und Pferd als zwei separate Lebewesen zu erkennen. Dieses Unvermögen, das auch vielen anderen Wildtieren eigen ist, hatte der Mensch schon früh erkannt. Zu Pferd konnte er sich den sonst so scheuen Vögeln problemlos nähern und sie dann mit seinen Schusswaffen erlegen. Dies hat zweifellos manche Grosstrappenbestände arg geschwächt, gebietsweise sogar vollständig vernichtet.
Der Hauptgrund für den massiven Rückgang der Grosstrappen stellt jedoch die seit der Jahrhundertwende erfolgte «Industrialisierung» der Landwirtschaft dar. Durch den Einsatz von Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Maschinen ist der Mensch seither in der Lage, seine Anbauflächen immer weiter auszudehnen und immer mehr natürliche Grasländer in Kulturland umwandeln. Und durch den Einsatz von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln kann er seine Felder jetzt alljährlich bestellen, ohne periodisch ein Brachejahr einschalten zu müssen. So wird heute vielfach auf weiter Flur alljährlich mit nahezu militärischer Präzision von mechanisierten landwirtschaftlichen «Truppen» gesät, gespritzt und geerntet. Da bleibt für die wenigsten Wildtiere Raum zum Leben - und schon gar nicht für Vögel von der Grösse und Empfindlichkeit der Grosstrappe.
Lobenswert: Ungarn und Spanien
Für Europa ist die derzeitige Bestandssituation der Grosstrappe recht genau bekannt: Als Brutvogel ausgestorben ist sie in England, Schweden, Dänemark, Frankreich und Griechenland schon im Laufe des 19. Jahrhunderts. Dasselbe geschah im 20. Jahrhundert in weiten Bereichen des östlichen Europas: Ganz verschwunden ist die Grosstrappe inzwischen aus Polen und Ex-Jugoslawien, während sie in der Tschechei, der Slowakei, Rumänien, Bulgarien und Moldawien sowie in Österreich derzeit noch in winzigen Beständen (von jeweils ein bis zwei Dutzend Vögeln) vorkommt, die längerfristig wohl kaum eine Überlebenschance haben. Nur wenig besser steht es um die Grosstrappe in Deutschland mit noch etwa 300 Individuen und in Marokko mit etwa 100.
Für Asien sind die uns vorliegenden Bestandszahlen weniger exakt, doch zeichnen auch sie ein recht düsteres Bild: In Syrien und im Irak dürfte die Grosstrappe inzwischen ausgestorben sein. In der Ukraine überleben vielleicht noch 30 Individuen, im Iran höchstens 200, in der Türkei ein paar hundert. In Kasachstan, der Mongolei und China finden sich ebenfalls stark verminderte Bestände, welche bestenfalls ein paar tausend, möglicherweise aber auch nur ein paar hundert Individuen umfassen.
So leben heute innerhalb des riesenhaften Verbreitungsgebiets der Grosstrappe lediglich noch an vier Orten grössere, überlebensfähige Bestände, nämlich in Portugal (etwa 700 Vögel), Spanien (ungefähr 14 000), Ungarn (rund 1000) und Russland (schätzungsweise 7000).
Leider haben bisher nur wenige Länder gezielte Schutzmassnahmen zugunsten der Grosstrappe getroffen. Ungarn, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, bildet eine der lobenswerten Ausnahmen: Seit 1969 steht die Art unter striktem gesetzlichem Schutz. Und 1975 wurde im Süden des Landes das 35 Quadratkilometer grosse Dévaványa-Naturschutzgebiet ausgewiesen, um den dortigen, rund 300 Vögel umfassenden Bestand der Grosstrappe zu schützen. Durch umfangreiche Aufklärung wurden ferner die Bauern dazu ermuntert, auf die Nester der grossen Laufvögel zu achten. Heute sammeln sie vielfach Grosstrappengelege ein, denen sie bei der Feldarbeit begegnen, und bringen sie zu einer speziellen Aufzuchtstation, wo sie dafür eine Entschädigungszahlung erhalten. Auf der Station werden die Eier in Brutmaschinen erbrütet, in Kleingehegen mit viel Mühe und Hingabe aufgezogen und dann in grossen Freigehegen auf die Auswilderung vorbereitet. Diese wird nur dort vorgenommen, wo es bereits einen freilebenden Bestand der Vögel gibt - und es scheint, dass die in Menschenhand aufgewachsenen Jungtrappen jeweils schnell Anschluss an ihre wildlebenden Artgenossen finden. Der Rückgang der Grosstrappe in Ungarn konnte dadurch deutlich abgeschwächt werden.
In Spanien, wo (hauptsächlich bei Villafafila in der Provinz Léon und bei Trujillo in der Provinz Cáceres) die grössten noch verbleibenden Restbestände der Grosstrappe leben, geht man einen anderen, langfristig gesehen wohl erfolgversprechenderen Weg: Man widmet sich in erster Linie der Erhaltung des natürlichen Lebensraums der grossen Laufvögel und verzichtet vorerst auf ein Zuchtprogramm. Auch hier spielen aber Entschädigungszahlungen an die lokalen Bauern eine wichtige Rolle: Ihnen werden Ertragsausfälle vergütet, die sie erleiden, wenn sie zugunsten örtlicher Grosstrappenbestände Teile ihres Landes ungenutzt lassen bzw. nur traditionell nutzen.
Wer jemals das Glück hatte, die Darbietungen eines Grosstrappen-Hahns bei der Balz mitzuerleben, weiss, dass solche Zahlungen gerechtfertigt sind, denn sie dienen der Erhaltung eines einzigartigen Naturschauspiels, das uns auf keinen Fall verloren gehen darf.
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