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Buochs
Wer mit offenen Augen einen Gang durch unser Dorf unternimmt, wird bald einmal feststellen, dass Buochs baugeschichtlich ein relativ junger Ort ist. Er findet nämlich nur wenige Gebäude, die altersmässig weiter als bis 1800 zurückreichen. Was unmittelbar nach dem Franzosenüberfall aufgebaut wurde, prägt das Erscheinungsbild unseres Dorfes über ein Jahrhundert hinweg. Die Bevölkerung wuchs langsam und Neubauten waren entsprechend selten. Ein eigentlicher "Bauboom" setzte erst im letzten Jahrhundert ein. Zuerst gemächlich beginnend, erreichte er in den 30er Jahren einen ersten Höhepunkt, um dann in den Kriegsjahren wieder etwas abzuflachen (in diesen Zeitabschnitt fällt der Bau des Fischmattquartiers). Seit den frühen 60er Jahren nimmt die Bautätigkeit fast beängstigendes Ausmass an.
Trotz der jüngsten grossen Veränderungen am einstigen Dorfbild lassen sich beim genaueren Hinsehen heute noch die alten Strukturen erkennen, zu denen wir freilich Sorge tragen müssen, um nicht zu einem farblosen Siedlungskonglomerat herabzusinken. Das alte Buochs war ein typisches Strassendorf. An den ursprünglichen Verbindungssträngen finden wir denn auch die einstigen dörflichen Zentren. Natürlich waren die Strassen damals nicht so zahlreich wie heute. Der alte Kirchweg von Ennetbürgen zog sich, durchs Dorf hinauf ungefähr der heutigen Strasse folgend, dem Dorfbach entlang bis zur Kirche. Beim Gasthaus Hirschen zweigte die alte Landstrasse über den Ennerberg nach Stans ab.
Die heutige Verbindung im Talboden geht bloss auf das Jahr 1855 zurück. Der einstige Kirchweg von Beckenried erreichte vor der Sebastianskapelle das "Wallengässli" (Schulgässli und Frongasse) und vereinigte sich bei der ehemaligen Tanzlaube (heute Spritzenhaus) mit der Dorfleutengasse. Die Landstrasse nach Beckenried, sicher jünger als der alte Kirchweg, folgte im Dorfkreis so ziemlich der heutigen Strassenführung. Zum ehemaligen Wegnetz gehörte auch die heutige Stationsstrasse. An deren Ende stand die obrigkeitliche Sust, der Umschlagplatz für die über den See transportierten Güter. Entlang dieser Verbindungswege hat sich Buochs als einschichtiges Strassendorf entwickelt. Unmittelbar hinter den Gebäuden und Häusergärten breitet sich wieder Wiesland aus, das manchmal bis an die Strassen heranreichte und auf diese Weise einzelne Dorfteile voneinander trennte.
Das Oberdorf, mit Kirche und Friedhof, Spittel (Güterstrasse 30), Öltrotte, Tanzlaube und Gasthaus Rössli (Schulstrasse 7), bildete einst das eigentliche Zentrum von Buochs. Auf die Bedeutung von Gotteshaus und Grabstätte im Leben einer dörflichen Gemeinschaft brauche ich wohl nicht eigens einzugehen, ebenso wenig auf die sozialen Funktionen einer Taverne bzw. eines Wirtshauses. Der Spittel war Beherbergungsstätte, Hospital und Alters- bzw. Armenasyl in einem, wobei diese Aufgaben ab 1840 zum grossen Teil vom eben errichteten Bürgerheim übernommen wurden. In der Tanzlaube fanden die üblichen Anlässe wie Schützen-, Älpler- oder Chilbitanz, aber auch andere öffentliche Belustigungen statt. Hier wurde einst Theater gespielt und Martini-Markt gehalten. Im 19. Jahrhundert hat das Oberdorf allmählich seine dominierende Stellung unter den Ortsquartieren eingebüsst, was etwa durch das Eingehen der Rössli-Wirtschaft, aber auch durch den Umbau der Tanzlaube in ein Spritzenhaus dokumentiert wird.
Die Häuser rund um den Dorfplatz (obwohl hier noch ein Dorfbrunnen stand, schon im 19. Jahrhundert eher eine Wegscheide als ein eigentlicher Platz) samt den davon abzweigenden Strassen bildeten das sogenannte "Dorf”. Als einziges weist dieses Viertel schon im 19. Jahrhundert drei Gasthäuser auf, wobei sich allerdings nur der Hirschen (ehemals Sonne) in seiner ursprünglichen Bauform erhalten hat. Die Krone (ehemals Hirschen) wurde mehrmals umgebaut, bis sie das heutige Aussehen erhalten hat, und der Sternen, am 24. Mai 1875 gänzlich abgebrannt, ist demzufolge ein Bauwerk aus den späten 1870er Jahren.
Vom "Dorf" durch das Bauerngut Lückersmatt (Beckenriederstrasse 11) ist das alte Bauernhaus abgetrennt, begann das Hinterdorf an der Beckenriederstrasse auf der Höhe des "Wallengässlis". Zu diesem Ortsteil sind auch die Gebäude am heutigen Rosengässli, entlang der Turmattstrasse in Richtung See, an der Stationsstrasse und an der Südseite des Seeplatzes zu rechnen. lm 19. Jahrhundert existierte dieser Platz freilich noch nicht. Das Wasser reichte damals fast bis an die Häuser heran. Hinter dem Gasthaus zum Kreuz begann mit dem Landwirtschaftsbetrieb "Hostatt" bereits wieder das Bauernland. Bis zur Brandkatastrophe vom 12. Januar 1877 war der behäbige Gasthof das "Haus am Platze" in Buochs; dieser Ruf musste der Nachfolgebau (nun zum Kreuzgarten umgetauft) allerdings an die Krone abtreten.
Gegen Ennetbürgen hin hat sich ein anderer Ortsteil entwickelt. Das Ausserdorf ist das jüngste unter den alten Dorfvierteln. Es reichte bis zum Steg über die Engelberger-Aa (Aawasser), der 1862 durch eine Eisenbrücke ersetzt wurde (die heutige Brücke stammt von 1954). Recht nahe beim Flussübergang stand im 19. Jahrhundert das Schützenhaus (Ennetbürgerstrasse 34), ein für das dörfliche Leben der damaligen Zeit wichtiges Gebäude (geschossen wurde in Richtung See). Der Vorgängerbau stand sogar auf der anderen Seite der Aa, er musste aber nach 1810 der hier angesiedelten Industrie weichen. Im Schützenhaus und seit den 1870er Jahren auch im Freien Schweizer (zuerst als Gianella eröffnet) wurde gewirtet. Das erste Industriequartier befand sich jenseits der Aa. Die dort angesiedelte Seidenspinnerei und -kämmerei beschäftigte im vorletzten Jahrhundert zeitweise über 200 Arbeiter. 1896 wurde die Spinnerei liquidiert und in ihren Räumen drei Jahre später eine Schuhfabrik eröffnet (1974 geschlossen). Als Nachfolgebetrieb der ehemaligen Seidenkämmerei kann die Fabrik der Gütermann und Co. AG angesehen werden. In der Au stand einst eine Mühle, eine Säge und eine Öltrotte. Eine Zeit lang wurden hier auch Teigwaren hergestellt.
Das übrige Gebiet der Gemeinde, soweit es an den Abhängen nicht bewaldet oder in der Ebene versumpft war, zählt alles noch zum Bauernland. Hier lebte zerstreut auf den Gehöften noch um 1920 ein gutes Drittel der Einwohner von Buochs (heute (2006) machen die Bauern noch knapp ein Achtel der Bevölkerung aus).
Der ursprüngliche Charakter unseres Dorfes hat sich wohl am reinsten im Gebiet der heutigen Dorfstrasse beidseits des Dorfbaches erhalten können. Hier sind denn auch die kleinsten Eingriffe in die ehemalige Bausubstanz zu beklagen. Ein besonders schönes Beispiel der Bauweise kurz nach 1798 ist das Haus Dorfstrasse 23, ob dem Melchior-Wyrsch-Denkmal. Daneben steht der Pfarrhof (Dorfstrasse 28), der trotz rigoroser Sparmassnahmen der damaligen Kirchgenossen (Neider gab und gibt es immer) ein recht stattliches Aussehen erhielt. Ein klassisches Beispiel für das neue hochgiblige Nidwaldnerhaus, wie es sich unter dem Einfluss Luzerner Bauformen um 1800 entwickelt hat, stellt das Blauhaus an der Güterstrasse dar. Den gleichen Haustyp, doch in etwas einfacherer Ausführung, kann man an der Beckenriederstrasse 16 bewundern. Reizvoll ist hier, dass sich auch das Ökonomiegebäude erhalten hat. Schliesslich sei noch auf den Häuserkomplex an der Südseite des Seeplatzes aufmerksam gemacht, ein gutes Zeugnis von Alt-Buochs. Neben den Privathäusern aus der ersten Bauphase soll natürlich die Pfarrkirche St. Martin nicht unerwähnt bleiben, ein gehaltvolles spätbarock-klassizistisches Bauwerk des Luzerner Architekten Niklaus Purtschert. Als besondere Rarität birgt sie in ihrem Innern eine der wenig erhaltenen Bossard-Orgeln. Wesentlich älter als die Kirche sind die meisten Buochser Kapellen. Obgass- und Sebastianskapelle wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet, die Lorettokapelle auf dem Ennerberg 1713 ff. Sie alle sind Zeugen barocker Frömmigkeit, die das bebaute Land mit christlichen Zeichen durchsetzt wissen wollte. Aus gleichem Grund wurden einst auch die verschiedenen Bildstöcke und Wegkreuze in die Landschaft gesetzt.
Es ist nicht meine Absicht, alle architektonisch wertvollen Bauwerke aufzuzählen. So wie ich aus der ersten Bauphase nur auf ein paar wenige besonders aufmerksam gemacht habe, so möchte ich es zum Schluss für die spätere Zeit tun. Zu beachten sind etwa die Häuser Beckenriederstrasse 2 und 22 in ihrem typischen Laubsägelistil. Besondere Aufmerksamkeit verdienen das Seehotel Rigiblick und die Villa Quai 1, beide im Jugendstil erbaut. Ein Beispiel für moderne Architektur stellt schliesslich die 1961, nach Plänen von Otto Bitterli aus Zürich, erstellte reformierte Kirche im Fischmattquartier dar.
Buochs Gestern
Das eigentliche Alter oder ein entsprechendes Gründungsjahr von Buochs ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass 1969 anlässlich des Autobahnbaus oberhalb von Buochs zwei römische Brandgräber aus dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christi gefunden wurden. In der Zeit der Völkerwanderung um 500 nach Christi drangen von Norden her die Alemannen ins Land ein und besiedelten die Hänge zwischen See und Berge. Das relativ milde Klima und die Möglichkeit zu Jagd und Fischfang müssen ihnen schon frühzeitig den Anreiz zu festen Siedlungen gegeben haben.
So um das Jahr 1027 ist in einem alten Zinsrodel – archiviert im Kloster Muri – von der Gründung einer Kirche in Buochs die Rede. Andere Geschichtsforscher verschieben diese Begebenheit allerdings ins 12. Jahrhundert. Erstmals urkundlich erwähnt Papst Hadrian IV. in seinem Schutzbrief vom 08. Juni 1157 für das Kloster Engelberg auch die Kirche von Buochs (Ecclesia de Buochses).
Nach den historischen Nachrichten des 12. Jahrhunderts teilten sich die Klöster Muri und Engelberg in den Besitz der Kirche Buochs, bis Muri zu Ende des 12. Jahrhunderts auf seine Rechte zugunsten Engelbergs verzichtet zu haben scheint. Beide Klöster haben ihre Rechte wohl von den Herren von Seldenbüren, Stifter des Klosters Engelberg, erhalten. Wurde die Kirche nicht schon unter den Seldenbüren erbaut, so kommen als Stifter die beiden Klöster (oder eines von ihnen) in Frage. Jedenfalls sind die romanischen Bauphasen mit der Bauherrschaft dieser Klöster (später nur Engelberg) in Verbindung zu bringen.
Buochs war eine der alten Mutterpfarreien Nidwaldens; ursprünglich gehörte ”das ganze Kantonsgebiet auf dem rechten Ufer des alten Aalaufes bis zur Urnergrenze” dazu; auch die ausgepfarrten Gemeinden Emmetten (1454), Beckenried (1613) und Ennetbürgen (1881) unterstanden der St. Martinspfarrei Buochs.
Ennet der Surenen-Aa bedeutet, dass die heutige Engelberger-Aa damals über das Stanserried bei Stansstad in den See floss, d.h. die ganze heutige Allmend war ein von vielen Gräben durchzogenes Delta. Aus dieser Zeit wurde auch das von Ritter Johannes von Buochs in einer Urkunde vom 26. April 1260 verwendete Siegel als Wappen übernommen. Auch der Name Buochs war im Laufe der Zeit verschiedenen Änderungen unterworfen. Über die Herkunft des Namens, sowie die Bedeutung des Wappens, ist man sich nicht einig.
Wir haben bereits erwähnt, dass nach 1027, sicher aber vor 1157, eine Kirche am jetzigen Standort gebaut wurde, denn bei der Renovation der Pfarrkirche im Jahre 1960 kamen bei Grabungen zwei romanische und eine gotische Kirche zum Vorschein. Die Kirche ist in Architektur und Ausstattung ein Mischbau zwischen Spätbarock und Klassizismus und steht unter eidgenössischem Denkmalschutz.
Beim Franzosenüberfall 1798, wo 52 Menschen den Tod fanden, wurde das ganze Dorf bis auf drei Häuser eingeäschert. Dieses Unglück hat bewirkt, dass leider nur sehr wenige Zeugen historischer Vergangenheit in unsere Zeit hinüber gerettet werden konnten. Das Denkmal des Kunstmalers Johann Melchior Wyrsch beim Aufgang zur Kirche, der ebenfalls einer französischen Kugel zum Opfer fiel, erinnert an diese Zeit.
Zwischen 1471 und 1501 wurde die Engelberger-Aa nach langwierigen Verhandlungen eingedämmt und nach Buochs in den See geleitet. In der Krisenzeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde die weite Ebene ausgebessert und trocken gelegt, teils um Nutzland zu gewinnen, teils zur Arbeitsbeschaffung. In diese Zeit fallen auch die Bestrebungen zur Errichtung eines Flugplatzes für militärische und zivile Belange, Wenn auch mit dessen Ausbau und Vergrösserung ganz empfindliche Belästigungen durch Lärm verbunden sind, so muss doch erwähnt werden, dass Buochs und die Nachbarsgemeinden dadurch einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung genommen haben.
Hansjakob Achermann, 2006