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Es gehört zu den vielen kleinen Klugheiten dieses Woodstock-Films, dass weder die Bühne noch die musikalischen Legenden je wirklich ins Bild kommen. Ein einziges Mal zeigt Ang Lee in Taking Woodstock einen Teil des legendären Open-Air-Konzertes: Ganz weit im Hintergrund, am Fuss des sanften Abhangs auf dem tausende von Zelten stehen, sieht man die erleuchtete Bühne, während die Hauptfigur, der junge Elliot Tiber auf dem Weg dorthin von einem Hippie-Paar im parkierten VW-Bus mit auf einen Acid-Trip genommen wird. Ang Lee und sein Screenwriter und Co-Produzent James Schamus haben die Memoiren von Elliot Tiber in einen dichten, fröhlichen, optimistischen Spielfilm geformt, der mit dokumentarischem Elan die Stimmung der ausgehenden 60er Jahre rekonstruiert.
Das zentrale Thema ist der fast schon fatalistische Optimismus der Beteiligten, welcher dieses erste und zugleich letzte grosse Love-In im Jahr der Mondlandung von Apollo 11 überhaupt erst möglich machte. Organisator Michael Lang (der durchaus kommerzielle Absichten hegte) wird als optische Kopie von Berger aus Milos Formans Hair eingeführt, der junge Elliot ist eigentlich Maler, lebt in New York und träumt von Kalifornien, betätigt sich aber im heruntergekommenen Ferien-Resort und Motel seiner Eltern als eifriger Jungunternehmer, der schliesslich aus purer Verzweiflung die Konzertveranstalter auf das umliegende Gelände holt, um aus den Hypothekarschulden der Eltern heraus zu kommen. Aber von Anfang an ist deutlich, dass da etwas in Bewegung gesetzt wurde, das nicht mehr aufzuhalten ist (und das schon ein paar Monate später in Altamont zur Katastrophe wird). In Taking Woodstock aber nimmt das legendäre Ereignis seinen Lauf, wird zum friedlichen Massenerlebnis, das allein durch die positive Stimmung aller Beteiligten jeden Rückschlag, das Misstrauen und die technischen und logistischen Probleme überwindet.
Ang Lees Film ist randvoll mit goldenen Momenten und Querverweisen. Nur schon, dass er immer wieder mit Split-Screens den legendären Woodstock-Film von Michael Wadleigh beschwört (bei dem Martin Scorsese und Thelma Schoonmaker am Schnitt beteiligt waren) verleiht ihm eine Aura der Authentizität, die zumindest jene, welche den Dokumentarfilm kennen, kaum mehr abzuschüttlen vermögen. Dann hat er etliche schauspielerische Kabinettstückchen aufzuweisen. Emile Hirsch verkörpert den blutjungen Vietnam-Veteranen Billy, welcher von The Deer Hunter bis Into the Wild die ganze Spannweite amerikanischer Sehnsucht und Traumatisierung abdeckt. Und Liev Schreiber legt bei seinem ersten Auftritt als transvestitischer Bodyguard und Korea-Veteran Vilma eine Show hin, die auch als Auskoppelung einen eigenen kleinen Kurzfilm ergäbe.
Rund um den Film werden unweigerlich die Vorwürfe auftauchen, dass Ang Lee den Dreck, den Mangel an sanitären Anlagen, die Unterversorgung und die massiven Sicherheitsprobleme des dreitätigen Konzertes herunterspiele. Aber das trifft nicht wirklich zu, denn der Film lebt davon, dass er allen durchaus gezeigten Widrigkeiten zum Trotz seine Figuren nie aufgeben lässt, dass er eigentlich in einer Schlüsselszene sogar genau diese Magie beschwört, von der man heute nicht mehr weiss, ist sie Legende oder enspricht sie den Tatsachen: Da trifft Elliot auf einen Motorraden-Polizisten im Gewühl auf der Strasse, der erklärt, der Gouverneur habe soeben das ganze Gebiet zur Disaster-Zone erklärt, und er sei eigentlich in der festen Absicht hergekommen, möglichst viele Hippies niederzuknüppeln. Aber irgendwie müsse er durch die Luft was abbekommen haben. Jedenfalls hat er sich Blumen an den Helm geklemmt und fährt den jungen Mitorganisator mit sichtlicher Begeisterung durch die friedliche, fröhliche Menge, die nichts mit dem Bild der stinkenden, anarchistischen Hippies zu tun hat, die er sich vor dem Einsatz wohl vorgestellt hatte. Taking Woodstock ist als Komödie angelegt und hält das auch durch. Etliche Figuren, etwa Elliots russisch-jüdische Mutter, sind völlig überzeichnet und trotzdem stimmig.
Vor allem aber wirkt Taking Woodstock wie das fröhliche, friedliche, optimistische Vorspiel zur abgestorbenen Katerzeit der Eltern-Generation und jener Hippies, die dann gleich in die Karriere-Kurve eingeschwenkt sind in den siebziger Jahren, wie sie Ang Lee 1993 in The Ice Storm gezeichnet hat. Taking Woodstock ist so gesehen nicht die Ruhe vor dem Sturm, sondern das letzte überschäumende Lebenszeichen vor der grossen Kälte.