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Rosa* ist 22 Jahre alt und erwartet ihr drittes Kind. Die ersten beiden hat sie zuhause geboren. Alleine. Ohne fremde Hilfe. Schnell und komplikationslos. Weshalb sucht eine Frau wie Rosa für ihre dritte Geburt eine Hebamme? Das haben wir uns auch gefragt…
„Ich weiss es nicht.“ war Rosas Antwort auf unsere Frage, weshalb sie für die Geburt ihres dritten Kindes ins Geburtshaus gekommen war. Dieser Satz war Rosas Antwort auf die meisten unserer Fragen.
„Wie geht es dir?“ – „Ich weiss es nicht.“
„Was hast du heute gelernt im Workshop?“ – „Nichts.“
„Wie hast du geschlafen?“ – „Ich weiss es nicht.“
„Spürst du, wie dein Brustkorb sich hebt und senkt wenn du atmest?“ – „Nein.“
Rosa war für uns wie ein Fisch, den wir nicht zu fassen bekamen. So verliefen die ersten Wochen von Rosas Aufenthalt im Geburtshaus. Auch in ihrer Muttersprache – Tzeltal – war nicht viel mehr von ihr zu erfahren.
Puzzle
Häppchenweise erfuhren wir dann doch mehr von Rosa. Aufgewachsen ist Rosa in einer Familie mit 14 Kindern. Alle Kinder mussten auf dem Maisfeld mithelfen oder Feuerholz sammeln. Wer sich widersetzte, erhielt nichts zu essen. Jahrelang wurde Rosa von ihrem Vater und ihrem älteren Bruder sexuell missbraucht. Mit 13 Jahren entschied sie sich, ein Heiratsangebot anzunehmen. „Ich dachte mir, alles ist besser, als in meiner Familie zu bleiben.“ beschreibt Rosa ihre damalige Situation.
Ihr Ehemann war bereits über 20 und leider auch nicht von der sanften Sorte. Rosa hat diverse Narben im Gesicht und schiefe Zähne, die sie an Auseinandersetzungen mit ihrem Mann erinnern. Eines Tages lief sie weg von ihm. Ihr heute 4-jähriger Sohn war ein Baby, die damals zweijährige Tochter musste sie zurücklassen.
Starke Frau
Rosa ist eine starke Frau. Sonst hätte sie die vielen Verletzungen an ihrem Körper und ihrer Seele wohl kaum überlebt. Sie habe schon einige Male über Suizid nachgedacht, erzählte sie meiner Hebammenkollegin. Aber ihre Kinder würden sie am Leben erhalten, fügte sie an. Sie freute sich sehr auf ihr drittes Kind und war fest davon überzeugt, dass es ein Mädchen sein wird.
Kamen wir auf die bevorstehende Geburt zu sprechen, sagte Rosa immer, dass ihr Baby eines nachts in ihrem Bett zur Welt kommen werde. Wir baten sie dann jeweils, uns bitte Bescheid zu sagen wenn es soweit sein wird. Denn da sie ins Geburtshaus gekommen war, trugen wir einen grossen Teil der Verantwortung. Was uns ebenfalls beunruhigte war die Tatsache, dass es laut Rosa immer „sehr lange“ gedauert habe, bis die Placenta dann jeweils geboren war.
Schlafende Hebammen
Eines nachts schickte mir meine Hebammenkollegin Mary eine SMS, dass sie mich möglicherweise als Zweithebamme rufen werde. Rosa habe Kontraktionen. Ich war gerade auf dem Heimweg von einem Schlummertrunk mit Freunden. Mit der schwer fassbaren Rosa in Gedanken entschied ich mich, gleich ins Geburtshaus zu fahren. Mary war erleichtert, als ich dort aufkreuzte und sie nicht mehr alleine war. Nicht, dass Rosa uns wirklich gebraucht hätte. Nein, diese war alleine im Geburtszimmer und lag mit ihrem schlafenden 4-jährigen Sohn im Bett. Mary hatte sie mit viel Geschick davon überzeugen können, im Geburtszimmer zu schlafen. Dort wollte sie aber alleine sein. So dösten Mary und ich im Vorzimmer vor uns hin. Die Türe liessen wir offen, aber aus dem Geburtszimmer hörte man keinen Ton. Dann und wann mal ein Rascheln im Bett, sonst war es still. Mary hörte gelegentlich die Herztöne von Rosas Baby um sich zu versichern, dass es diesem gut ging. Und nach ein paar Stunden sagte Rosa dann: „Ich kann nicht mehr.“ Sie atmete zweimal tief, verdrückte eine Träne und schon war das Kind da.
Kein Mädchen
Und wieder war es ein Junge. Sein grosser Bruder rieb sich verschlafen die Augen und machte Platz im grossen Doppelbett für Mutter und Bruder. Und wir zwei Hebammen warteten auf die Placenta. Und warteten. Endlich war auch diese geboren und Rosa erleichtert. Die dritte Geburt sei die strengste gewesen, sagte sie mir. Auch wenn man ihr von aussen nicht angesehen hätte, dass sie gerade ein Kind bekommt.
Rose war enttäuscht, dass ihr Wunsch nach einem Mädchen unerfüllt blieb. „Ich habe mich so darauf gefreut, mein Mädchen später kämmen zu können. Ihm schöne Kleider anzuziehen und es lieb zu haben.“ Ob Rosa mit diesem Mädchen versucht hätte, ihre „verlorene“ Tochter zu ersetzen und das eigene Mädchen in ihr selbst zu heilen?
Wochenbett
Zwei Tage nach der Geburt hatte Rosa hohes Fieber. Den Grund dafür konnten weder wir noch die Ärzte im Spital noch Rosa selbst herausfinden. Sicherheitshalber wurde die mögliche Infektion mit Antibiotika bekämpft, obwohl es abgesehen vom Fieber keinerlei Anzeichen für eine solche gab.
Nach zwei weiteren Tagen mit Wechselbad zwischen Fieberschüben und totalem Wohlbefinden schüttete Rosa Mary ihr Herz aus. Seit der Geburt durchlebte sie ihre Vergangenheit von neuem und Bilder aus ihrer Kindheit suchten sie in Form von Backflashs heim. Möglicherweise reagierte ihr Körper auf diese „Überschwemmungen“ mit Erlebtem mit dem hohen Fieber. Wir wissen es bis heute nicht. Aber nach dem Gespräch mit Mary hatte Rosa kein Fieber mehr.
Expertin mit verschmitztem Lachen
Rosa ist zur Zeit die einzige Frau im Geburtshaus, die bereits grössere Kinder hat. Sie ist Expertin im Gebären, Stillen und vielem Mehr. Sie trägt ihr Baby die ganze Zeit im Tuch mit sich rum. Beim Wäsche waschen von Hand wird dieses ganz schön durchgeschüttelt auf Rosas Rücken. Aber das scheint ihm sehr gut zu gefallen.
Wenn die Erstgebärenden mit Fragen auf mich zukommen, hole ich wenn möglich Rosa dazu und frage sie um ihren Rat. Dann gibt sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen zum Besten – immer mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Und ich kann mich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal eine meiner Fragen mit „Ich weiss es nicht.“ beantwortet hätte.
* Name geändert