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Mittels Behinderten-Selbsthilfeorganisationen wie Procap und vielen weiteren machen Behinderte ihre Ansprüche geltend. Ihr grösstes Anliegen ist anfangs die Einführung der Invalidenversicherung, später die Gleichberechtigung von behinderten Menschen.
Die Behindertenverbände teilen sich auf in Fürsorge- und Selbsthilfeorganisationen. Die Fürsorgeorganisationen (Pro Infirmis, Pro Mente Sana) haben einen gemeinnützigen Charakter, während in den Selbsthilfeorganisationen die Betroffenen selber ihre Rechte und Ansprüche vertreten. Die hauptsächlichen Forderungen der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen sind einerseits die Möglichkeit, ein finanziell gesichertes und selbstbestimmtes Leben zu führen, andererseits die weitgehende Integration in Gesellschaft und Berufsleben.
Procap (ehemals Schweizerischer Invalidenverband)
Die wichtigste Behinderten-Selbsthilfeorganisation ist die Procap, die 1930 als Schweizerischer Invalidenverband (SIV) gegründet wurde. Die treibende Kraft bei der Gründung des SIV war Henri Pavid aus Olten, der sich am Beispiel des französischen Invalidenverbands orientierte. Sie erfolgte im Kontext des Verfassungsauftrags von 1925 für die Schaffung einer Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung. Das erste Gesetz, das diesen Verfassungsauftrag hätte umsetzen sollen, berücksichtigte nur die AHV und vernachlässigte die Invalidenversicherung (IV), die das Hauptanliegen des SIV darstellte. Die sogenannte Lex Schulthess scheiterte jedoch im Jahr 1931.
Der SIV veröffentlichte 1931 bis 1934, dann wieder ab 1944 die „Schweizerische Invalidenzeitung“ und finanzierte sich unter anderem über den Verkauf des Invalidenkalenders. Seit 1954 hat der SIV in La-Chaux-de-Fonds einen zweiten Hauptsitz, welcher der Westschweizer Sektion mehr Autonomie verschaffte.
Die Einführung einer IV blieb weiterhin das vordringliche Ziel. Im Jahr 1948 trat die AHV in Kraft, während die Anliegen der Behinderten von der Politik auf die lange Bank geschoben wurden. Der SIV lud deswegen 1951 Vertreterinnen und Vertreter der nationalen Parteien nach Olten ein, um sie zur Einführung einer Invalidenversicherung anzuhalten. Vier Jahre später verlangten gleich zwei Volksinitiativen der Partei der Arbeit (PDA) und der Sozialdemokratischen Partei (SP) die Schaffung einer IV. Dieser Vorstoss war schliesslich erfolgreich; die IV wurde 1960 vom Parlament beschlossen. Der Schweizerische Invalidenverband wechselte seinen Namen 2002 zu „Procap“. Die Selbsthilfeorganisation bietet ihren Mitgliedern Rechtshilfe und Sozialversicherungsberatungen an. Sie betreibt Werkstätten und Heime für Behinderte und führt Ferienlager durch. Des Weiteren fungiert sie als Ansprechpartnerin für hindernisfreies Bauen und Wohnen und für gleichberechtigten Zugang zu Sport, Freizeit und Kultur.
AGILE.CH (ehemals Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Kranken- und Invaliden-Selbsthilfe-Organisationen ASKIO)
Neben der Procap existieren über 40 Behinderten-Selbsthilfeorganisationen, welche die Interessen der verschiedenen Behinderungsgruppen vertreten. Seit 1951 sind sie unter dem Dach der ASKIO (heute AGILE.CH) zusammengefasst. Als die ASKIO 1977 die Pro Infirmis als Mitglied aufnahm, erklärte der damalige Schweizerische Invalidenverband seinen Austritt, um ein Zeichen gegen die Fürsorgelösung und für die Selbsthilfe zu setzen. Der Dachverband AGILE.CH übernimmt Koordinationsaufgaben zwischen den Verbänden und tritt im Wesentlichen für die gleichen Ziele ein wie die Procap.
Inclusion Handicap (ehemals SAEB) und Dachorganisationenkonferenz der privaten Behindertenhilfe (DOK)
Inclusion Handicap - die frühere Schweizerische Arbeitsgemeinschaft zur Eingliederung Behinderter (SAEB) - wurde 1951 auf Initiative der Pro Infirmis gegründet. Sie fungiert als Dachverband jener Behinderten- und Behördenorganisationen, die sich für die berufliche Eingliederung Behinderter engagieren. Des Weiteren versteht sich die DOK (Dachorganisationenkonferenz der privaten Behindertenhilfe) als Forum aller Organisationen der privaten Behindertenhilfe und -selbsthilfe.
Literatur / Bibliographie / Bibliografia / References: Fracheboud Virginie (2014), L'introduction de l'assurance invalidité en Suisse (1944-1960): tensions au coeur de l'Etat social, Lausanne ; Froidevaux Bernard (1998), Chronique de l’ASI 1930-1997 et des sections romandes, La Chaux-de-Fonds ; HLS / DHS / DSS: Behinderte ; Invalidenversicherung.
(12/2015)