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Wo Ernst nach Ernsts langer Wanderung nur sein mag? Ernst schaut nach links: der Treidelpfad, der da und dort überschwemmt ist; Ernst schaut nach rechts: die Datura quercifolia, die mit ihrem süssen und schweren Duft Ernsts Sinne betört; dann schaut Ernst gradaus und sieht – aber das darf doch nicht wahr sein – Ernst sieht das Schild «Dentist»!
Und als ob noch nicht genug: Ernst sieht hinter dem Schild nicht den altbekannten Grenzfluss, sondern einen Gletscher. Die ganze Nacht ist Ernst durchgewandert und jetzt steht Ernst wieder dort, wo Ernst gestern angefangen hat – mit einem Gletscher? Ernst dreht Ernst um, denn wenn dem so ist, dann müsste Ernst zu Ernsts Kastanienklause hinaufsehen können. Und tatsächlich! Allerdings mit der feinen Nuance, dass Ernsts ehemaliges Domizil viel weiter oben ist.
Ernst fackelt nicht lang und entschliesst Ernst, aufzusteigen. Ernst ist Ernst sicher, in einer Viertelstunde oben zu sein. Aber jetzt kommt es an den Tag: Ernst ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen) seit mehr als einem Jahr nie mehr weiter als von Ernsts Clause bis zum Clostershop geschlendert. In altre parole: Ernsts Condition ist so schlecht, dass Ernst schon nach wenigen Schritten stehen bleiben muss.
Hier erinnert Ernst Ernst an die Schulzeit, als der Turnlehrer sagte, dass Ernst mehr ausatmen als einatmen müsse. Ernst setzt Ernst also wieder in Bewegung und atmet mit dem ersten Schritt ein und da Ernsts Lunge noch nicht ganz gefüllt ist, atmet Ernst mit dem zweiten Schritt noch weiter ein. Dann, beim nächsten Schritt, atmet Ernst aus und da Ernsts Lunge noch nicht leer ist, macht Ernst einen weiteren Schritt und atmet weiter aus und da Ernsts Lunge noch immer nicht ganz leer ist, atmet Ernst noch weiter aus. Ernst hat somit zwei Atemzüge eingeatmet und dabei je einen Schritt gemacht und drei Atemzüge ausgeatmet und dabei je einen Schritt gemacht, was einem 2:3-Rhythmus entspricht.
In diesem Rhythmus – ‹ein-ein, aus-aus-aus› – geht Ernst ungefähr zehn Minuten weiter bergauf. Aber dann kommt Ernst immer mehr ausser Atem und sieht Ernst gezwungen, den Rhythmus zu wechseln. Anstatt ‹ein-ein, aus-aus-aus› atmet Ernst jetzt ‹ein-ein, aus-aus› was allerdings nicht mehr der Theorie des Turnlehrers entspricht (denn Ernst atmet jetzt gleich lang aus wie ein) und Ernst befürchtet, dass sich das über kurz oder lang rächen wird. Doch bevor Ernst etwas Negatives bemerkt, kommt Ernst erneut ausser Atem und muss den 2:2-Rhythmus aufgeben. Anstatt ‹ein-ein, aus-aus› atmet Ernst jetzt ‹ein, aus-aus›. Das hat zwar den Vorteil, dass Ernst wieder der Empfehlung des Turnlehrers entsprechend atmet (und Ernst atmet erleichtert auf), gleichzeitig aber weiss Ernst auch, dass, sofern Ernst diesen 1:2-Rhythmus nicht mehr halten kann, Ernst in einen 1:1-Rhythmus wechseln muss, was die bange Frage aufwirft: «Was dann?» Denn nur ein ½ Mal ein und ein volles Mal aus ist nicht machbar. Aber Ernst atmet ja immer noch im 1:2-Rhythmus und hofft, vor Einbruch der Dunkelheit doch noch oben anzukommen.
Doch dann ist es soweit: Ernst kann auch den 1:2-Rhythmus nicht mehr halten. Da hat Ernst den rettenden Einfall, den ½ Atemzug wie folgt einzubauen: Ernst atmet mit dem ersten Schritt ein und mit dem zweiten Schritt aus, dann einmal ein und zweimal aus, dann wieder einmal ein und einmal aus. Ernst alterniert also zwischen einem 1:1- und einem 1:2-Rhythmus: ‹ein-aus, ein-aus-aus, ein-aus, ein-aus-aus›. Doch dann kann Ernst auch diesen Rhythmus – Ernst nennt ihn den ‹Hinkefuss› – nicht mehr halten und sieht Ernst gezwungen, in den 1:1-Rhythmus zu wechseln und dann – entweder aus Panik oder weil Ernst am Ende der Kräfte ist – ist es so weit: Ernst muss nach Atem ringend stillstehen.
Ernst blickt nach oben, doch das Haus ist keinen Deut nähergekommen. Aber so schnell lässt Ernst Ernst nicht abschrecken. Ernst startet also von neuem und beginnt – jetzt, da Ernst Ernst etwas erholt hat – mit dem 2:3-Rhythmus, wechselt dann nahtlos in den 2:2- und von dort in den 1:2-Rhythmus, um (über den Hinkefuss) im 1:1-Rhythmus noch etwa 10 Minuten weiterzugehen und ausser Atem erneut innezuhalten.
Inzwischen ist es dunkel geworden, doch zum Glück steht der Mond (noch immer?) still leuchtend am Himmel. Ernst setzt Ernst hin und singt (nachdem sich Ernsts Atem wieder etwas beruhigt hat):
Ernsts Mond ist aufgegangen,
Ernsts goldne Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Ernsts Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus Ernsts Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.[1]
Während Ernsts Blick vom Mond zum eisigen? Gletscher gleitet, hört Ernst ein Flirren und Ernst ruft:
Was fliegt dort?
Was bewegt sich dort?
Was schwebt durch die Luft?[2]
Da antwortet es:
Ne ek flýg
þó ek ferr
ok at lopti líðk
á Hófvarpni.[3]
Ernst atmet auf und macht das Autostoppzeichen. Die Reiterin lenkt ihr Pferd zum erschöpften Wanderer und fragt: «Wohin des Wegs?» Ernst sagt, er wohne dort oben. Die Dame schnalzt mit der Zunge, worauf sich ihr Pferd zu Ernst hinuntersenkt, so dass Ernst wie bei einem Neigebus mühelos aufsteigen kann.
Oben angekommen, ruft Ernst: «Das war ein grosses Vergnügen, Milady, vielen, herzlichen Dank!» Die Reiterin nickt und ruft im Wegfliegen: «The pleasure was entirely mine! A presto, Milord!»
[1] Matthias Claudius, Abendlied
[2] Hvat þar flýgr / Bvat þar ferr / Eða at lopti líðr? Snorri Sturluson, Gylfaginning, Kap. 35, aus dem Altisländischen übersetzt von Gottfried Lorenz
[3] Ich fliege nicht, / doch bewege ich mich / und schwebe durch die Luft / auf Hófvarpnir. Ebenda