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Folgen des Klimawandels
Europa muss mit gefährlichen Stechmücken leben lernen
Höhere Temperaturen und Extremwetter verstärken die Ausbreitung vieler Krankheitserreger. So haben eingewanderte Stechmücken Chikungunya- und Dengue-Viren in den Mittelmeerraum gebracht.
Über die Hälfte der bekannten Krankheiten, die von Erregern ausgelöst werden, können durch Extremwetter und Klimaveränderungen verstärkt auftreten. Zu diesem Schluss kommt eine Übersichtsarbeit, die soeben im Fachjournal «Nature Climate Change» erschienen ist.
Das Forschungsteam der Universität Hawaii wertete darin 830 Studien aus, in denen untersucht wurde, wie sich Erderwärmung, Dürren, Überflutungen oder Starkregen auf die Ausbreitung von Krankheiten auswirken. Dazu glichen die Forschenden die Studienergebnisse mit offiziellen Listen von Gesundheitsbehörden ab, die insgesamt 378 bekannte Krankheiten aufführen.
Für 58 Prozent dieser Leiden konnten die Wissenschaftler*innen belegen, dass sie durch Extremwetter oder Klimaveränderungen verschlimmert werden können. Berücksichtigt wurden Krankheiten, die durch Mikroorganismen – vor allem Bakterien und Viren – oder etwa durch Pollen, Pilzsporen, Algen oder Gifte von Tieren ausgelöst werden.
Menschen und Krankheitserreger rücken näher zusammen
Die Zusammenhänge zwischen Klimakrise und Krankheiten sind vielfältig: Dürren drängen Wildtiere näher an Wohngebiete, wodurch das Risiko für Zoonosen, also von Tieren auf Menschen übertragene Infektionskrankheiten, steigt. Dürre kann aber auch die sanitäre Infrastruktur in Mitleidenschaft ziehen, was zu Ruhr und Typhus führen kann.
Ferner können die Auswirkungen von Extremwetter die medizinische Versorgung oder Trinkwassersysteme stören und das Immunsystem schwächen. Durch Überflutungen können Menschen zudem gezwungen werden, in Gegenden zu ziehen, in denen sie stärker Keimen ausgesetzt sind, die etwa Ausbrüche von Gastroenteritis und Cholera verursachen.
Exotische Mücken, Zecken und Flöhe als Überträger
Die globale Erwärmung und veränderte Niederschlagsmuster erweitern zudem das Spektrum von möglichen Krankheitsüberträgern wie Mücken, Zecken und Flöhen, aber auch Algen und Bakterien, da diese in wärmeren Umgebungen besser gedeihen. Das kann zur Ausbreitung von Malaria, Lyme-Borreliose, West-Nil-Virus und anderen Krankheiten führen.
«In Europa spielen durch Stechmücken oder Zecken übertragene Krankheitserreger eine grosse Rolle», bestätigt Renke Lühken, Leiter der Arbeitsgruppe Arbovirus-Ökologie, Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. «Exotische Stechmückenarten etablieren sich in weiten Teilen Europas. So ist die Asiatische Tigermücke insbesondere für Ausbrüche des Chikungunya-Virus und Dengue-Virus im Mittelmeerraum verantwortlich.»
Steigende Temperaturen begünstigen West-Nil-Virus
Gleichzeitig breiten sich durch einheimische Stechmückenarten übertragene Krankheitserreger wie der Hundehautwurm oder das West-Nil-Virus in Europa aus. Im Hitzesommer 2018 kam es erstmals zu einem Ausbruch des West-Nil-Virus in Deutschland. Seitdem kommt es jährlich zu Krankheitsfällen bei Vögeln, Pferden und Menschen. Die Übertragungswahrscheinlichkeit dieses Virus steigt bei zunehmenden Temperaturen.
Das sind nur einige Beispiele. Die Autorinnen und Autoren der Übersichtsstudie identifizierten über 1000 mögliche Zusammenhänge zwischen klimabedingten Ereignissen und der Ausbreitung von Krankheiten.
«Wir öffnen die Büchse der Pandora für Krankheiten», sagt Camilo Mora, Leiter der Untersuchung und Geograf an der Universität von Hawaii dem «Guardian». «Es gibt Krankheiten da draussen, die nur darauf warten, entfesselt zu werden. Es ist, als würden wir mit einem Stock nach einem Löwen stossen – irgendwann kommt der Löwe und beisst uns in den Hintern.»
Von Ländern im Mittelmeerraum lernen
Den Forschenden zufolge ist es schwierig bis unmöglich, die stärkere Ausbreitung von Krankheiten durch die Klimakrise zu verhindern oder sich daran anzupassen. Dafür seien die Erreger und Übertragungswege zu zahlreich.
«Wie auch die Autor*innen in ihrem Abschlussstatement hervorheben, sind Massnahmen zur Minderung der Treibhausgasemissionen notwendig, um die künftigen Risiken durch Krankheitserreger zu reduzieren», fordert Lühken. Parallel müssten Überwachungssysteme etabliert werden, um Änderungen der Krankheitshäufigkeiten frühzeitig erfassen zu können.
Ausserdem müssten schon jetzt Szenarien zur Prävention entwickelt werden, beispielsweise zur Stechmückenbekämpfung. Lühken empfiehlt: «In Zentraleuropa können wir dabei insbesondere von den Ländern im Mittelmeerraum oder des globalen Südens lernen, die schon viele Jahre mit den sich aktuell ausbreitenden Krankheitserregern konfrontiert sind.»