Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03528.jsonl.gz/706

Erotik: Antike vs. Neuzeit Gipsabguss einer antiken Statue (Inv. G 1243) Hergestellt 1994 mittels einer Matrize von vor 1965 Original hergestellt um 220 v. Chr. (München, Glyptothek Inv. 218), Fundort: Rom Einst als "die sinnlichste Statue der Welt" bezeichnet, bereichert eine Gipsreplik des sogenannten Fauns Barberini auch die Archäologische Sammlung der UZH. Seine Benennung als Faun verdankt er seinen tierisch-dionysischen Attributen, die sich nur bei genauerer Betrachtung offenbaren: ein Pferdeschweif, der lediglich beim Blick zwischen Körper und Felsen erkennbar ist und ein Efeukranz in den wilden Locken. Offensichtlich vom Wein berauscht, ist das Mischwesen in einer äusserst provokativen Position auf seinem Pantherfell eingeschlafen und erinnert den Betrachter eindrucksvoll an seine Rolle als Begleiter des Weingottes Dionysos, bei welchem Rausch und Erotik eng miteinander verbunden sind. Die einst in der Antike wahrscheinlich in einem römischen Park oder Garten aufgestellte Figur aus kleinasiatischem Marmor wurde sekundär als Brunnenfigur verwendet, wie ein Loch in der herabhängenden Vordertatze des Raubtierfells heute noch bezeugt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt zerbrach die Marmorstatue und schlummerte lange fragmentiert in der Erde, bevor ihre Einzelteile zwischen 1624 und 1628 bei den Arbeiten in den Festungsgräben der Engelsburg in Rom wieder ans Licht geholt wurden. Die Statuenfragmente, nun im Besitz der einflussreichen Adelsfamilie Barberini, wurden dem Bildhauer Arcangelo Gonnelli zur Restaurierung und Ergänzung der fehlenden Teile anvertraut. Die von Gonnelli mit neuem Leben erfüllte Statue befand sich bis 1798 im Besitz der Barberini. Als diese finanziell angeschlagen waren, wurde sie an den Bildhauer und Kunsthändler Vincenzo Pacetti verkauft. Pacetti entfernte die Ergänzungen, welche zuvor von Gonnelli in Stuck angebracht worden waren, und skulptierte neue aus Marmor. Er entschied sich dabei, das rechte Bein des Fauns, welches original nicht erhalten war, weiter abzuspreizen als zuvor Gonnelli. Damit änderte er nicht nur die Hauptansichtsseite des Marmorwerks, sondern steigerte auch die erotisierende Wirkung auf den Betrachter. Aufgrund eines Papstedikts, welches die Ausführung antiker Kunstwerke aus dem Land untersagte, konnte Pacetti den Faun nicht verkaufen und er gelangte 1804 wieder zurück in den Palazzo Barberini. 1820 wurde der Barberinische Faun nach München verfrachtet, nachdem ihn König Ludwig I. von Bayern nach langen Verhandlungen erworben hatte, und 10 Jahre später in der Glyptothek der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 60 Jahre war die Statue mit den Ergänzungen Pacettis in München zu sehen, bis man 1965 entschied, die modernen Ergänzungen, abgesehen jene des linken Beins, zu entfernen. 1984 wurde das rechte Bein aus Gips neu modelliert, welches aber weniger abgespreizt – und somit weniger aufreizend – angebracht wurde. Die Form der Gipsreplik in der Archäologischen Sammlung wurde vor 1965 angefertigt und zeigt somit noch die aufreizenden Pancetti-Ergänzungen – ein sehenswertes Zeitdokument!