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Wissenschaftliche Daten zeigen: Bei Männern und Frauen verlaufen dieselben Krankheiten und Behandlungen oft ganz anders. Die Universitäten Bern und Zürich haben deshalb einen neuen Weiterbildungsgang in geschlechtsspezifischer Medizin lanciert.
Mireille Guggenbühler
Männer sind das anfälligere Geschlecht. Das zumindest könnte man in die Daten interpretieren, welche die «New York Times» am 20. Februar in diesem Jahr im Zusammenhang mit dem Coronavirus veröffentlicht hat. Demnach lag die Sterblichkeitsrate bei chinesischen Männern, die mit dem Coronavirus infiziert waren, bei 2,8 Prozent, jene der Frauen bei 1,7 Prozent. Die «New York Times» beruft sich in ihrem Artikel auf eine Datenanalyse, die das chinesische Zentrum für Kontrolle und Prävention veröffentlicht hat.
Die Corona-Krankheit ist nicht die erste Infektionskrankheit, bei der Männer offensichtlich überproportional betroffen sind: Laut einer in den Annals of Internal Medicine veröffentlichten Studie waren 2003 in Hongkong mehr Frauen als Männer mit SARS infiziert, aber die Sterblichkeitsrate bei Männern war um 50 Prozent höher.
Und schon 1918, während der Influenza-Epidemie, starben junge, erwachsene Männer offenbar häufiger als gleichaltrige Frauen. Der Aufbau einer Immunabwehr gegen Infektionen scheint bei Männern schlechter zu funktionieren. «Dies ist ein Muster, das wir bei vielen Virusinfektionen der Atemwege gesehen haben», liess sich Sabra Klein, eine amerikanische Wissenschaftlerin, die Geschlechtsunterschiede bei Virusinfektionen und Impfreaktionen an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health untersucht, in der «New York Times» zitieren. «Wir haben dies bei anderen Viren gesehen. Frauen bekämpfen sie besser», so Klein.
Unterschiede vom Herzinfarkt bis hin zur Medikamentenwirksamkeit
Das aktuelle Beispiel ist nur eines von vielen, mit dem sich illustrieren lässt, dass das biologische Geschlecht Auswirkungen haben kann auf den Verlauf einer Krankheit, aber auch auf die Prävention, Diagnostik oder Therapie. Ein anderes, weitaus bekannteres Beispiel ist der Herzinfarkt: Bei Frauen ruft der Herzinfarkt andere Symptome hervor als bei Männern. Was dazu führen kann, dass «Herzinfarkte bei Frauen oft nicht richtig eingeschätzt und erkannt werden und wertvolle Zeit vergeht, bis medizinische Hilfe in Anspruch genommen wird», lässt sich Cathérine Gebhard, Professorin und Kardiologin am Zürcher Universitätsspital, in einer Medienmitteilung der Universitäten Bern und Zürich zitieren.
Weil Krankheiten bei Männern und Frauen unterschiedlich auftreten und anders verlaufen, wollen die Universitäten Bern und Zürich nun die geschlechtsspezifische Medizin voranbringen und bieten ab März 2021 gemeinsam einen Weiterbildungsstudiengang in Gendermedizin an. Dieser soll dazu beitragen, Geschlechterunterschiede bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Der Studiengang ist in dieser Form europaweit einzigartig. Und richtet sich an Medizinerinnen und Mediziner aller Richtungen – auch an Apothekerinnen, Psychiater, Sportmedizinerinnen oder Therapeuten. Denn: Die Unterschiede zwischen Mann und Frau bei Krankheiten oder aber auch Verletzungen, zeigen sich in vielen Bereichen, wie Nicole Steck vom Institut für Sozial-und Präventivmedizin der Universität Bern sowie Koordinatorin des «CAS Sex- and Gender-Specific Medicine» auf Anfrage festhält.
Frauen erleben mehr Nebenwirkungen bei Medikamenten
So lässt sich jüngst analysierten Zahlen der US-Arzneimittelbehörde FDA für die Periode 2004 bis 2013 entnehmen, dass bei Frauen über 50 Prozent häufiger unerwünschte Wirkungen nach Medikamenteneinnahmen auftreten als bei Männern. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen weiter, dass eine Tablette von Frauen deutlich langsamer abgebaut wird als von Männern. Auch die Enzyme zum Abbau würden sich unterscheiden, weiss Nicole Steck, sodass sich Dauer und Intensität der Wirkung von Medikamenten deutlich voneinander unterscheiden könnten. Als Beispiel weist Nicole Steck auf das Schlafmittel Zolpidem hin, das in der Schweiz seit 1990 zugelassen ist. 2013 hatte die FDA einen Warnhinweis mit einer niedrigeren Dosierungsempfehlung für Frauen erlassen, nachdem festgestellt worden war, dass das Medikament bei Frauen am nächsten Morgen noch nachwirkt und unter anderem die Fahrtüchtigkeit gefährdet.
Frauen haben Bänderprobleme, Männer muskuläre Verletzungen
Geschlechtsunterschiede sind aber nicht nur bei körperlichen Erkrankungen und deren Behandlung von Bedeutung, sondern beispielsweise auch in der Sportmedizin. So zeigen sich gemäss Nicole Steck bei Athletinnen vermehrt Verletzungen des Bandapparates sowie Stressfrakturen und Überlastungen des Sprunggelenks, bei Athleten hingegen treten vor allem muskuläre Verletzungen auf. Die Geschlechtshormone scheinen auch einen Einfluss auf die Trainierbarkeit zu haben. Bis zur Adoleszenz ist diese zwischen den Geschlechtern vergleichbar. Erst nach Abschluss der Pubertät kommt es durch die höheren Testosteron-Level bei den Männern sowie höheren Östrogen-Level bei den Frauen zu Anpassungen der Muskelmasse, der Glukose-Sensitivität der Muskeln sowie der Fettsäure-Oxidation.
Allerdings gibt es nicht nur bei körperlichen Problemen, sondern auch bei psychischen Erkrankungen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Viele Erkrankungen kämen unterschiedlich häufig vor bei Frauen und Männern, sprächen verschieden auf Therapien an und verliefen unterschiedlich, so Nicole Steck. Dies sei einerseits auf biologische Ursachen zurückzuführen, «aber sicher auch auf unterschiedliche kulturelle Erwartungen».
Gezieltere Förderung der Gesundheitsversorgung und -prävention
Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Krankheiten oder Unfällen existieren also zweifelsohne. Doch: Welche Änderungen in Bezug auf die Gesundheitsversorgung oder die Gesundheitsprävention von Männern und Frauen könnten sich durch die Anwendung geschlechtsspezifischer Medizin ergeben?
Für Nicole Steck ist klar, dass die Gesundheit von Frauen und Männern gezielter und spezifischer gefördert werden könnte, wenn das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede und das Wissen über geschlechtsspezifische Medizin im Gesundheitssystem verankert wären. «Da bis heute meist der männliche Krankheitsverlauf als ‹typisch›, der weibliche hingegen als ‹atypisch› angesehen wird, würden wohl vor allem – aber nicht nur – die Frauen profitieren. Die Medizin würde individueller, was wahrscheinlich auch über die Geschlechtergrenze hinweg wirken würde.»
In der Forschung habe sich zudem gezeigt, dass die Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden helfen könne, eine Erkrankung und deren Entstehung besser zu verstehen, so Nicole Steck.