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Chance verpasst
Michael Guggenheimer
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Ici on ne parle plus
Das waren die Aufschriften über den Bücherregalen der Buchhandlung Romanica an der Schifflände 5. Die Buchhandlung wurde 1947 von 3 Zürcher Buchhändlerinnen und Romanistinnen am Limmatquai 80 gegründet, dann während 20 Jahren als Etagengeschäft am Central geführt. Im Jahr 1982 übernahm Fredi Barth die Leitung der Buchhandlung Romanica am HechtpIatz‚ in der Nähe des Bellevue. Der Name besagt es, die Buchhandlung spezialisierte sich auf die romanischen Sprachen Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Rätoromanisch; vorwiegend für die Literatur, aber auch im wissenschaftlichen Bereich der Schulbücher und Sprachwissenschaften. Am 21. 03. 2013, 66 Jahre nach der Gründung des Geschäfts, wurde am Tag des Frühlingsanfangs das Geschäft geschlossen. Weil der Besitzer der Buchhandlung eine Mietzinserhöhung um 30 Prozent nicht aufbringen konnte, zog hier eine weitere Modeboutique ein. Andere Gründe für die Geschäftsaufgabe waren die Lieferschwierigkeiten der Verlagshäuser in Spanien und Portugal und, dass die Kunden ausländischer Bücher gewünschte Titel immer häufiger übers Internet bestellten.
Die Stadt, die sich weltoffen gibt, hat einen wichtigen Ort, eine Heimat von Büchern aus Frankreich, Italien, Spanien, Argentinien und Brasilien verloren, ohne dass sich die Stadtbehörden bemüssigt fühlten, einen alternativen Standort für die Buchhandlung zu suchen.
ehemals:
Romanica Buchhandlung GmbH
Schifflände 5
8001 Zürich
(Die Rolle, welche die Romanica Buchhandlung in Zürich gehabt hat, hat in der Zwischenzeit die Berner Buchhandlung LibRomania an der Länggasse 12 übernommen. Tel. 031 305 30 30)
Alles hat seine Zeit
Heinz Egger
Béatrice spürte einen kalten Windstoss im Gesicht, während sich hinter ihr die Schiebetür lautlos schloss. „Das war also mein letzter Besuch in der Romanica“, dachte sie. Sie schlug den Mantelkragen hoch und stapfte im Schneegestöber in den Januarnachmittag hinaus.
Sie setzte sich an einen der Zweier-Tische im Cakefriends und bestellte sich einen Kaffee. Es war menschenleer. Sie packte ihre Vorbereitungsarbeiten für die kommende Woche aus und legte Schreibzeug bereit. Der grosse, dampfende Milchkaffee wurde ihr serviert und sie legte ihre kalten Finger um den prallen Bauch der Tasse. Sie dachte an das eben Erlebte.
Sie brachte vier von einer Schülerbestellung übrig gebliebene Französischbücher in die Buchhandlung zurück. Dass Herr Barth, den sie schon Jahre kannte, die Bücher nicht zurücknehmen wollte, irritierte sie. Einmal müsse er einen Strich ziehen, sagte er. Erst auf ihr Nachhaken hin, erklärte er, die Buchhandlung werde geschlossen. Im Gespräch erfuhr sie mehr: Die Buchhandlung wird am 21. März ihre Türen schliessen, nach 66 Jahren. Herr Barth hat sie während gut 30 Jahren geführt. Schwierigkeiten gab es in den vergangenen Jahren immer mehr. Der tiefe Euro, Probleme mit Lieferzeiten aus Spanien, Portugal und Italien, weil dort aus wirtschaftlichen Gründen zu wenig Personal beschäftigt werde. Die grosse Konkurrenz des Online-Handels, den vor allem jüngere Kunden gerne nutzen. Er prangerte auch den Einkaufstourismus im süddeutschen Raum an. 8 Milliarden Franken gehen dem Detailhandel so verloren – nicht nur ihm, auch dem Staat. Und ja, die Preise in der Schweiz sind höher. Ein deutscher Buchhändler verdiene monatlich 1300 Euro, er zahle 4000 Franken.
Herr Barth wirkte in ihren Augen sehr ruhig und gefasst in dem Gespräch. Er ist 63 Jahre alt. Einen Nachfolger konnte nicht gefunden werden. Er mag nicht mehr neu beginnen irgendwo am Stadtrand, wo die Mieten vielleicht eher zahlbar sind. Die Miete, die war der Todesstoss. Sein Mietvertrag an der Schifflände 5 läuft aus. Die neue Miete ist 30% höher …
Béatrice erinnert sich, dass sie schon im Studium hin und wieder in der Romanica Bücher gekauft hat, dann regelmässig als Lehrerin.
Wo wird sie künftig die Bücher für die Schule beziehen? Eine auf romanische Sprachen ausgerichtete Buchhandlung gibt es nicht mehr in Zürich. Also auch online bestellen?
Und wenn sie wieder austretende Schüler hat und deren Bücher zurückgeben will? – Herr Barth hat ihre Exemplare doch noch zurückgenommen. Die Bestellung war noch im Dezember erfolgt. Darüber ist Béatrice froh. Ein schmerzliches Gefühl drückt sie aber doch. „Alles hat seine Zeit“, sagte Herr Barth. „Ja, und der Wandel ist nicht aufzuhalten,“ ergänzt Béatrice für sich, während sie die leere Tasse wegschiebt.