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Die Biografie von Hans-Martin Majewski, der im vergangenen Januar seinen hundertsten Geburtstag hätte feiern können, gleicht derjenigen vieler Filmkomponisten seiner Generation. Als Sohn eines Tierarztes im pommerischen Schlawe geboren, folgte er dem Wunsch seines Vaters und begann 1929, in Königsberg Medizin zu studieren. Damit war aber bereits nach zwei Jahren Schluss, denn es drängte ihn zur Musik. Nach dem Studium in Leipzig führte sein Weg nach Berlin, wo er am Theater des Volkes die Karriereleiter emporstieg. Die dort entstandene Bekanntschaft mit Regisseur Arthur Maria Rabenalt brachte ihm 1939 den ersten Auftrag als Filmkomponist, aber weil Flucht ins Dunkelsowohl von der Thematik her als auch der jazzigen Musik wegen beim Propaganda-Ministerium in Ungnade fiel, blieb es für mehrere Jahre bei diesem einen Film.
Liebe 47, eine Verfilmung von Wolfgang Borcherts bekanntem Roman Draussen vor der Tür brachte dann die Karriere von Majewski endgültig in die Gänge; eine Karriere, die von 1948 an während rund zwei Jahrzehnten äusserst produktiv verlief, bevor die Aufträge ab Mitte der 1960er-Jahre wegen des Aufkommens neuer Trends stetig zurückgingen, so dass der Komponist gezwungen war, sich mehr und mehr aufs Fernsehen zu konzentrieren. Die wenigen Kinoarbeiten, die er in den 1970er-Jahren noch bekam, verdankte er seinem Regiefreund Ottokar Runze. Hans-Martin Majewski verstarb am Neujahrstag 1997.
Obwohl Majewski im Laufe seiner Karriere mit bekannten Regisseuren zusammenarbeitete und an einigen sowohl vom Publikum als auch von der Kritik geschätzten Filmen beteiligt war, ist sein Name heutzutage nicht mehr so geläufig. Das dürfte zum einen daran liegen, dass er nie in Produktionen wie die Karl-May-Filme oder die Edgar-Wallace- und Jerry-Cotten-Reihen involviert war und deshalb nicht von deren Popularität profitieren konnte wie ein Martin Böttcher oder Peter Thomas, zum anderen sind Veröffentlichungen seiner Filmmusiken absolute Mangelware.
Dieser traurige Umstand steht völlig im Widerspruch zur Tatsache, dass Majewski zu den talentiertesten und vielseitigsten Komponisten gehört, die der deutsche Film je hervorbrachte. Chamäleonartig vermochte er mühelos zwischen den verschiedensten Stilen hin- und her zu pendeln, um seine Musik den filmischen Bedürfnissen zu unterwerfen, was jedoch in den seltensten Fällen auf Kosten der Substanz geschah. Einen vielleicht nicht allzu ausgeprägten Personalstil (ich bin noch nicht vertraut genug mit Majewski, um dies wirklich beurteilen zu können) kompensierte er mit hervorragendem handwerklichem Geschick.
Das erwähnte, veröffentlichungstechnische Vakuum wird nun erstmals von Alhambra so richtig ins Visier genommen. In seiner bisher umfangreichsten Produktion präsentiert das Label in der Reihe «Deutsche Filmmusikklassiker» auf sechs wohlgefüllten CDs eine hochwillkommene Werkschau dieses bislang sträflich vernachlässigten Komponisten und bedient dabei die gesamte Bandbreite Majewskis.
Bereits CD 1 bleibt diesbezüglich nichts schuldig. Drei Einzelthemen eröffnen diese Scheibe. Die Hinrichtung (1976) spielt zwar während des israelisch-arabischen Konflikts, aber Majewskis Stück mit E-Gitarre und galoppierenden Rhythmen könnte auch aus einem Spaghettiwestern stammen. Das zweite Leben (1954) mischt klassische Kammermusik mit zeitgenössischen Klängen und Bumerang(1960) Fröhlichkeit und Suspense. Die Komödie Melodie des Herzens(1950) bietet Romantik im Stile von Tanzorchestern der 1920er-Jahre und liebliche Melodien, Liebe 47 ist ein Hybrid aus einem korngoldschen Hauptthema, Wienermusik im Stile sowohl von Johann als auch Richard Strauss sowie experimenteller Elektronik mit dem Mixtur-Trautonium, einer Urform heutiger Synthesizers.
Der Mann im Strom (1958) überzeugt mit traditionellen und dramatischen Bearbeitungen bekannter Seemannslieder wie Rolling Home und The Banks of Sacramento, teilweise mit Chor, sowie unkonventioneller Unterwassermusik, wo erneut das Trautonium zum Einsatz kommt, bei Haie und kleine Fische (1957) kommen romantische und pastorale Klänge, nervöse Ostinati, dramatischer Jazz und aggressive Dissonanzen zum Tragen, den schwermütigen Titelsong Verloren-Vergessen intoniert Ralf Bendix. Es ist dies auch eine von mehreren Majewski-Aufnahmen mit dem Südfunk-Orchester unter dem bekannten Bandleader Erwin Lehn.
CD 2 startet mit Schachnovelle (1960) – nach Stefan Zweigs Erzählung – dessen Musik wiederum verschiedene Elemente wie Wiener Klänge, Jazz und Marschrhythmen vereint; ein Walzer wurde später zum Konzertwerk Abschied von Wien und das Hauptthema zum deutsch-französischen Chanson Va!. In der Tucholsky-Verfilmung Schloss Gripsholm (1963) sind verträumte Romantik mit sanften Gitarren- und Mundharmonika-Klängen sowie humorvolle und neckische Einlagen zu hören, Ohne dich wird es Nacht (1956) ist ein faszinierendes Klanggebilde mit einer Bach-Fuge als Grundlage, die sowohl im klassischen Gewand als auch in Bearbeitungen für Cool- und Progressiv-Jazz erscheint, Gitarre und Klavier bestreiten Solo-Parts. Die Musik ist beim Erwin-Lehn-Ensemble in guten Händen.
CD 3 ist im Wesentlichen der leichteren Seite Majewskis gewidmet. Rheinsberg (1967) beruht wiederum auf Kurt Tucholskys und inspirierte den Komponisten zu einem barocken Thema, das der Pianist Eugen Cicero (Vater von Sänger Roger Cicero) zusammen mit seiner Rhythmusgruppe schwungvoll und sympathisch zum Swingen bringt, nebst einer gefühlvollen Mundharmonika kommt noch ein wenig Mickey-Mousing ins Spiel. Das Nachtgespenst (1957) bietet Jazz und Romantik, aber auch eine fürchterlich wimmernde Elektro-Orgel. In Klettermaxe (1952) kommt Revue-Musik in einer mitreissenden Mischung aus Romantik, Eleganz, Humor und Spektakel zu Gehör. Der tolle Bomberg (1957) ist mit einem ballettartigem Score aus Zirkusmusik, tanzenden Elfen, Eisenbahnklängen und einem Menuett unterlegt, Das fliegende Klassenzimmer (1954) offeriert im Hauptthema zwar ein virtuos aufspielendes, mit der Zeit jedoch ziemlich nervendes Mundharmonika-Trio, aber wenigstens gibt’s ausserdem ein paar nette, volkstümliche Nebenthemen.
Herr über Leben und Tod (1955) eröffnet CD 4; hier geht es mit folkloristischer Romantik (das Akkordeon sorgt für einen französischen Touch), leichten und lebensfrohen Klängen, aber auch Dramatik pur zur Sache. An heiligen Wassern (1960) ist ein in der Schweiz spielender Heimatfilm, in dessen Score mit ausgeprägtem dramatischem Grundcharakter Volksmusik und schwelgerische, die majestätische Bergwelt wiedergebende Klänge eingearbeitet sind. Die Musik zu Der Schimmelreiter (1978) – auf Theodor Storms Novelle basierend – ist mit 42 Minuten die längste der auf diesem Set vertretenen Filmmusiken Majewskis. Er setzt hier vorwiegend auf Streicher, Perkussion und klassische Gitarren als Grundlage eines melancholischen Scores, der zudem mit einem wunderbaren Hauptthema und volkstümlicher Tanzmusik aufwartet.
Auf CD 5 sind zu finden: Der Fuchs von Paris (1957), dessen deftige Dramatik und bedrohliche Spannungsmusik mit locker-beschwingten Musette-Klängen kontrastiert und mit Danse Macabre einen beklemmenden Schlusspunkt setzt. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1957) setzt auf schlitzohrige Musik für den Hauptcharakter, einen grossartigen Walzer für seine Liebste, satirisch verfremdete, mit Zitaten versehene Militärklänge und Kammermusik. Von Ganovenehre (1966) gibt es lediglich zwei kurze Musette-Stücke, Kitty und die grosse Welt (1956) weist ein Hauptthema auf, das nicht nur als Grundlage für ein sowohl in einer französischen, an Charles Trenet erinnernde, als auch in einer deutschen Version eingespieltes Chanson dient, sondern auch in vielen kurzweiligen Orchesterbearbeitungen erklingt und von Majewski zudem als Kitty-Walzer veröffentlicht wird.
CD 6 schliesslich zeigt Majewski praktisch durchgehend von seiner dramatischsten, dunkelsten und modernsten Seite, wo er artverwandten Filmmusiken eines Leonard Rosenman, Elmer Bernstein oder Jerry Goldsmith durchaus das Wasser reichen kann. Nacht der Entscheidung (1956) beinhaltet illusionslose und mechanische Musik, bietet aber auch Entspannung bei Romantik und Musette. Die perkussive, athematische und dynamisch effektvolle Musik aus Weg ohne Umkehr (1953) ist ihrer Zeit voraus und brachte Majewski sogar für die Vertonung von On the Waterfront ins Gespräch. Auch hier gibt es ausserdem mit dem sehnenden Motiv der weiblichen Hauptfigur ein wenig Romantik. Ebenfalls perkussiv betont, aber ein wenig thematischer und mit Jazz-Elementen gibt sich Alibi (1955).
Bei Menschen im Netz (1959) kommt ein weiteres Mal Erwin Lehn mit dem Südfunk-Orchester zu Gehör; die Musik ist eine bezwingende Mischung aus Barock-Elementen sowie traditionellem und progressivem Jazz mit einer prägnanten Sologitarre, die die zum Teil düstere dramatische Szenerie beherrschen. Auch in Nasser Asphalt (1958) spielt Jazz samt Sologitarre eine wichtige Rolle, darüber hinaus aber auch konventionelle und avantgardistische Orchesterklänge.
Die präsentierten Scores stammen vorwiegend aus dem Privatarchiv der Majewski-Familie. Die Zusammenstellung der Suiten erfolgte unter dem Gesichtspunkt eines «in sich funktionierenden, dramatischen Konzepts, bei dem auch sehr kurze Stücke einen äusserst wichtigen Beitrag zum stimmigen Hörerlebnis der jeweiligen Filmmusik im Ganzen beisteuern». Das Booklet enthält nebst diesen Erklärungen zur Konzeption auch eine biografische Skizze und zu den meisten Titeln interessante Musikanalysen vom Komponisten persönlich.
Man kann den Produzenten Jürgen Himmelmann, Stefan Schlegel und John Elborg nur zu ihrem Mut gratulieren, bei einem Komponisten, dessen Marktwert schwer einschätzbar ist, gleich in die Vollen zu gehen. Ein Lob geht aber auch an Peter Harenberg und Markus Mahlke, die beim Mastering einen grossartigen Job gemacht haben (selbst der über 60-jährigen Aufnahme von Liebe 47 merkt man das Alter kaum an) sowie sowie Björn Riemann für das hübsche, mit Farben und grafischen Elementen spielende Design dieses Sets.
Auch wenn nicht alle Werke von gleicher Qualität sind, ist das Durchschnittsniveau doch sehr hoch, und reizvolle Themen gibt es in Hülle und Fülle. Deshalb ist die Box jedem vielseitig interessierten Sammler wärmstens zu empfehlen, nicht zuletzt auch wegen des sensationellen Preis-Leistung-Verhältnisses. Sollte diese Veröffentlichung zum erhofften Erfolg werden, gibt es vielleicht bald schon mehr von Majewski, denn Jürgen Himmelmann soll bereits mit einem Vol. 2 liebäugeln.
Andi 3.10.2011
HANS-MARTIN MAJEWSKI Alhambra A 9000 6-CD-Box 466 Min. / 280 Tracks Limitiert auf 500 Stk.