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Meine Matrjoschka
Ich weiss noch genau, wie sie ausgesehen hat, mit ihren Vervielfältigungen im Kleinformat ist sie so etwas wie die Urmütter aller Mütter. Die Matrjoschka, die ich immer „Babuschka“ nannte, war aus Holz und ein Geschenk einer weit gereisten Freundin meiner Mutter. Wo die Matrjoschka hingekommen ist? Ich weiss es nicht. Nichts ist mehr an seinem Platz.
Mein gelbes Haus, meine gelben Häuser
Eigentlich war es die winzige, saubere Toilette, die gelb war. Aber es war auch ein gelbes Büro und eine gelbe Zeit. Gelb ist für mich die Farbe der Inspiration, und in diesen Monaten in Indien habe ich mich zum ersten Mal getraut, diesen Traum zu träumen. Nicht Journalistin, sondern Schriftstellerin zu sein. Die „Lizenz zu fragen“ hatte mir am Journalismus gefallen, ich war in die Welt meiner Interviewpartner eingetaucht und konnte jedem das Gefühl geben, einzigartig zu sein. Darin war ich gut, doch das interessierte niemanden. Um die Jahrtausendwende waren die Medien eine Branche im Umbruch, ihre Vertreter an einem kaputten Menschenbild erkrankt. Journalisten sehen ständig die Abgründe der Menschen, jagen täglich dem nächsten Primeur hinterher. Ich wollte keine Buchstabensoldatin sein. Ich wollte mir die Themen nicht von aussen diktieren lassen, sondern sie aus mir selbst generieren. Das gelbe Büro war die Geburtsstätte des Gedankens, mich selbst zum fiktionalen Schreiben zu ermächtigen.
Kailash Colony
„Kailash Colony“ hiess der Name der Strasse, den ich jeden Morgen einem Rikscha-Fahrer zubrüllte. Die Spielregeln begriff ich rasch. Er nannte einen lächerlich hohen Preis, ich einen lächerlich niedrigen und in einem kurzen verbalen Schlagabtausch einigte man sich irgendwo dazwischen. Siebzig Rupien kostete die Fahrt nach Kailash Colony, vierzig bis fünfzig Rupien, wenn ich zuerst noch einen Weg mit der neu gebauten und noch nicht mit allen Stadtteilen verbundenen Metro zurücklegte. Ich liebte die 45 Minuten in der Rikscha in diesem Strassengewühl, in den Abgasen und in dem Gestank, nur unterbrochen von den kurzen Dialogen mit den Bettlern an der roten Ampel. Es war meine Nachdenkzeit. In der Intimität der gelb-grünen Kapsel lernte ich die Stadt kennen, machte mich mit ihr vertraut, aus der Distanz, und doch nah genug.
Parks
In den Parks von Delhi trafen sich tagsüber Liebespaare zum Stelldichein, auch gleichgeschlechtliche. Das erzählte mir Feroz, der selber etwas Tuntiges an sich hatte und in Indien mein bester Freund war. Mir schüttete er sein Herz aus, eine Liebe zu einem afghanischen Mädchen, das zuerst nach Indien geflohen, später nach Kanada ausgewandert war, hielt ihn in Atem. Ein Eheversprechen über das Telefon vor den Augen eines Imans und die Papiere eines verstorbenen Schulkameraden aus Kaschmir machten es irgendwann möglich, ihr nach Kanada zu folgen. Es war eine bewegte Zeit. Für Feroz und für mich. Was niemand wissen durfte: Ich stand zwischen zwei Männern. Der eine bevölkerte mein Herz, der andere war Teil meines Alltags. Manchmal wusste ich morgens nicht mehr, neben welchem ich aufgewacht war.
Kailash Colony
Ich glaube, ich habe erst später gelernt, dass der „Kailash“ ein Berg des Himalayagebirges ist. Eine Katze bei uns zu Hause in den Bündner Alpen hiess „Anapurna“.
Heimat
Den Begriff Heimat neu für sich definieren müssen. Ihn weit fassen. Das Verlangen (und nicht Sehnsucht, denn eine Sehnsucht richtet sich nach etwas Unbestimmtem) nach Gemeinschaft. Überwältigender Gemeinschaft. Die Treue zu einem Ort, einem Gefühl. Ich weiss nicht mehr, wo ich zu Hause bin.
Parks II
Meine Lehrzeit an der Agnesstrasse. Eine Strasse weiter befand sich ein kleines Pärkchen, in dem ich oft meine Mittagszeit an der Sonne verbrachte und von einem Jungen träumte, den ich kaum kannte, bloss von Weitem anhimmelte. Die Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem. Einfach noch ein bisschen weiterträumen.
Matrjoschka II
»Babuschka« heisst auf Russisch »Grossmütterchen«.
Heimat II
Im Himmel gibt es keine Sehnsucht mehr.
Mein gelbes Haus, meine gelben Häuser II
„Wer wohnt wohl in dem schönen gelben Haus da vorne?“, sage ich manchmal zu ihm, wenn wir von einem abendlichen Spaziergang heimkehren. Ich liebe mein kleines Spiel, denn die Antwort darauf lautet natürlich: „Wir.“ Er und ich, ich und er, plötzlich etwas geworden, das zusammen gehört. Ausgerechnet ich, die schon Anfang Zwanzig dachte, sie findet niemals einen Mann. Aber dieser Mann ist mein grösstes Geschenk. Ohne zu zögern hat er mich aufgenommen in dem gelben Haus, neben dem gelben Briefkasten. Das blaue Tram direkt vor dem Haus … es ist ein anderes Leben hier, in der Stadt, der Kontrast zum Landleben ist gross. Trotzdem kann ich hier zur Ruhe kommen. Seine Arme sind der schönste Platz der Welt. Manchmal wünsche ich mir eine Keramikkünstlerin mit Katze, die die Werkstatt in unserem Innenhof bewohnt und zu der ich gehen könnte, wenn mich die Einsamkeit des Schriftstellerinnendaseins vor ihren Ofen treibt. Eine Art Zuflucht. Eine Art Gemeinschaft. Denn zwei Personen ist vielleicht ein Universum, aber noch keine Galaxie.
Dachterrassen
Die Dachterrasse eines Hotels in Karol Bagh war unser Zufluchtsort. Grosse Bierflaschen Kingfisher und die Gewissheit, dem Stadt-Monstrum für eine Stunde abhanden zu kommen. Selten hat sich jemand anders auf diese Terrasse verirrt als wir.
Matrjoschka III
Es soll auch männliche Matrjoschka-Puppen geben. Bisher habe ich noch nie eine gesehen.
Dachterrassen II
Alle haben mich um diese Dachterrasse im fünften Stock beneidet, an der 26th July street mitten in Downtown Kairo. (In Kairo sagt man wirklich „Downtown“, wie in in den USA.) Die Terrasse, die sich an einen Gebäudevorsprung schmiegt wie ein Taubennest. Meine Freundinnen haben eine ganze Woche auf dieser Terrasse verbracht, sie zum Ferienparadies erklärt.
Mein Tal
„Im Kanton Graubünden gibt es 150 Täler.“ Frau Lehrerin kann sich die Bemerkung vor ihrer Klasse erwachsener Deutschlerner aus dem Ausland nicht verkneifen. Was ich ihnen verschweige: Eines dieser Täler ist mein Tal, das Tal meiner Familie. Das Hochtal beginnt auf einer Höhe von 1500 Metern und steigt sanft bis auf 2000 Meter an. Der Dischmabach schlängelt sich durch eine wilde, ursprüngliche Landschaft. Im Winter herrscht oft Lawinengefahr. Ganz hinten sieht es aus wie im Himalaya. Auf dieser Höhe braucht das 10-Minuten-Ei zwölf Minuten, ehe es hart ist.
das Grab,-¨er
Der Grabstein meiner Grossmutter mütterlicherseits wurde aus dem Dischmatal »gfergett«.
Ankommen
Es ist bereits tiefe Nacht, als wir die Hotelanlage erreichen. In unserer eleganten Geschäftskleidung entsteigen wir dem Taxi, feilschen mit dem Hotelmanager um den Preis. Die Kleidung, der Koffer, alles scheint mir so erwachsen. Wir sind nicht verheiratet, aber wir hätten es sein können. Der Hunger treibt uns hinaus auf die Strasse, einen kopfsteingepflasterten Weg führt der Küste entlang Richtung Dorf. In unseren Freizeitkleidern ist uns viel wohler, das sind wir: Zwei, die echt sein dürfen. Die milde Nacht fühlt sich angenehm an auf der Haut, das tiefe Schwarz des Himmels hüllt uns ein, schenkt uns samtene Geborgenheit. Nackte Konstruktionen aus Stahl und Beton ragen wie Arme aus der Dunkelheit. Hier haben sich Träume zerschlagen. Zu zweit wirkt alles viel weniger bedrohlich, ich fühle mich getragen, in Sicherheit. Je näher wir dem Städtchen kommen, desto lauter wird die Geräuschkulisse. Irgendwann ist da dieser schmale Streifen, der Übergang von der Dunkelheit ins Licht: Strassenlampen erhellen die Flaniermeile, bunte Lämpchen, die sachte im Wind schaukeln, schmücken die Essenslokale, die sich aneinanderreihen. Ein arabischer Verkäufer redet auf uns ein, wir lachen. Welcome to Dahab.