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Ein Jüngling vom Trimmis kam auf der Jagd eines Abends spät zu jener Ruine Burg Aspermont. Er setzte sich auf einen ins Gras gerollten Mauerstein, um einen Augenblick zu rasten.
Über den Tannen des Hochwangs schwebte die Mondsichel, und in der gelblichen Beleuchtung nahm die Burg auf einmal ein ganz befremdliches Aussehen an. Die Mauerlücken schienen sich auszufüllen, die zerrissenen Zinnen nahmen vor seinen Augen wieder ihre frühere Gestalt an, und dicht vor ihm ächzte ein gewaltiges Tor in seinen Angeln, das er vorher niemals erblickt hatte.
So stand die zerstörte Burg im Augenblick wieder fertig und vollständig da, und aus der Pforte schritt ein geharnischter Ritter mit dröhnenden Schritten auf den Jägersmann zu, der sich gewaltig zu fürchten begann. Der Ritter aber redete ihm in bittendem Tone zu, noch einige Stunden hier zu verweilen. Um zwölf Uhr werde seine Tochter, das Burgfräulein erscheinen und ihm an einem roten Seidenfaden einen goldenen Ring vorzeigen. Den solle er mit tapferer Hand ergreifen und sich von der abschreckenden Gestalt des Fräuleins nicht beirren lassen.
Diese Jungfrau habe während ihres irdischen Wandels gar oft Treue und Glauben leichtfertigerweise gebrochen und könne nur durch die Hand eines keuschen und kühnen Jünglings, der sich ihren Trauring aneigne, erlöst werden. Nach dieser Erklärung schlug der Ritter mit seiner Eisenfaust gegen die Mauer, dass die Steine funkensprühend umherstoben und eine Bresche entstand. Durch diese zeigte er dem Jüngling ein unterirdisches Verliess, in welchem drei grosse Truhen mit Gold und Silber sich befanden. "Dies wird der Lohn deiner Tapferkeit sein", bedeutete der Ritter und verschwand.
In banger Erwartung verbrachte der Häger die folgenden Stunden, bis die Glocken der umliegenden Dörfer die Mitternacht ankündigten. In diesem Augenblick verbreitete sich vor dem Schlosse eine eigentümliche Helle wie in einer fernen Feuersbrunst, und aus der vom Ritter geschlagenen Mauerbresche kroch eine ungeheure Schlange von grausenerregendem Aussehen.
Hätte sie nicht im Maule an einem roten Faden einen blitzenden Goldreifen getragen, so wäre der Jüngling in seinem Schrecken sicherlich eiligst davongelaufen und hätte die ganze Erlösungsgeschichte vergessen. Nun aber erinnerte er sich seines Versprechens und streckte schon die zage Hand nach dem Ungeheuer. Da richtet es sich mit seinem Vorderleib in schlankem Bogen vor ihm in die Höhe und liess das Ringlein unter Zischen und Fauchen vor seinem Gesichte hin und her schwingen, so dass ihm vor lähmendem Schrecken die Sinne schwanden. Er sank bewusstlos auf den Rasen, und in seiner Betäubung glaubte er unaufhörlich das herzzerbrechende Klagen und Schluchzen einer Frauenstimme zu hören.
Er erwachte erst beim Läuten der Frühglocken. Da stand die Burg wie gewöhnlich als verwitterte Ruine vor ihm, und von dem Mauerloch und den Schatztruhen war nichts mehr zu entdecken.
Quelle: "Rätische Alpensagen : Gestalten und Bilder aus der Sagenwelt Graubündens", G. Luck, Chur, 1935
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