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Alle Jahre wieder werden alte und chronisch kranke Menschen aufgefordert, sich gegen die saisonale Grippe (Influenza) impfen zu lassen. Doch nur eine von drei Personen ab 65 lässt sich gegen die Grippe impfen – und nur eine von vier chronisch kranken Personen.1
Um diese zwei Risikogruppen zu überzeugen, muss man genauer argumentieren als die vorherrschende Impf-Kommunikation und die fünf Faktoren berücksichtigen, die die Wirkung der Grippeimpfung reduzieren: das Alter, Grunderkrankungen, die medikamentöse Immunsuppression, eine späte Grippewelle und das sog. Mismatch (wenn die zirkulierenden Grippeviren von den Virusstämmen im Impfstoff abweichen).2
Zum Beispiel kommen bei einer Seniorin (Alter), die von einer rheumatoiden Arthritis betroffen ist (Grunderkrankung) und die seit Jahren mit Basismedikamenten behandelt wird (Immunsuppression) gleich drei von fünf Faktoren zusammen, derentwegen sie die Grippeimpfung als unwirksam empfinden mag. Zudem lehnen viele Rheumabetroffene die Grippeimpfung ab, weil sie befürchten, dass der Impfstoff einen Schub auslöse. Wir baten deshalb Dr. med. Johannes Fröhlich, Oberarzt an der Universitätsklinik für Rheumatologie, Immunologie und Allergologie am Inselspital in Bern um seine Einschätzungen.
Rheumaliga Schweiz: Gemäss einer grossen Cochrane-Studienauswertung wirkt die Grippeimpfung bei Personen ab 65 nur mässig.3
Das Risiko, an der Grippe zu erkranken, sinke bei geimpften Seniorinnen und Senioren von 6% auf 2,4%. Das bedeute, dass man 30 Personen impfen müsse, um einen einzigen Grippefall zu verhindern. Andere Studien «erhöhen» die Wirksamkeit der Grippeimpfung ab 65, indem sie den Effekt der Herdenimmunisierung zur individuellen Impfwirkung hinzurechnen oder den Erfolg der Grippeverhinderung mit mathematischen Modellen kalkulieren.4
Wie begründen Sie angesichts dessen die Impfempfehlung an die Adresse von Seniorinnen und Senioren?
Johannes Fröhlich: Es ist richtig, dass die Wirksamkeit der Grippeimpfung eingeschränkt ist und über alle Altersgruppen hinweg zwischen 20% und 80% schwankt. Das hängt zum einen von der Eigenschaft des Influenzavirus ab, welches sich von Jahr zu Jahr verändert, auch innerhalb einer Grippesaison. Zum anderen spielen Faktoren wie die Immunoseneszenz (die Alterung des Immunsystems) eine wichtige Rolle. Die Zusammensetzung der weissen Blutkörperchen (Leukozyten) verändert sich im Laufe des Lebens, sodass die Immunantwort sowohl auf eine Impfung wie auf einen viralen Erreger schwächer ausfällt. Als Folge davon kann es zu einem schweren bis sehr schweren Krankheitsverlauf kommen. Die Schlussfolgerung, sich im Alter nicht impfen zu lassen, ist daher also genau die falsche.
Rheumaliga Schweiz: Über 200 Viren verursachen grippeähnliche Erkrankungen (influenza-like illness) – kurz: ILI. Laut einer holländischen Studie5 senkt die Grippeimpfung ab 65 zwar die Zahl der Grippefälle, aber nicht die Summe der ILI-Episoden. Die geimpften Seniorinnen und Senioren erkranken genauso häufig.
Johannes Fröhlich: Unter den Viren, welche grippeähnliche Erkrankungen (ILI) auslösen, sind es vor allem die Influenzaviren, welche bei Personen mit chronischen Erkrankungen oder höherem Alter einen schweren Krankheitsverlauf verursachen können. Aus diesem Grund möchte man gerade den Anteil der Influenzaerkrankungen senken. Die genannte holländische Studie hat mehrere Schwachpunkte. Einer davon ist, dass sie die Schwere der (Grippe-)Erkrankung vernachlässigt. Sie macht keinen Unterschied, ob es sich um einen Infekt mit milden Symptomen, einer beatmungspflichtigen Lungenentzündung oder gar einem tödlichen Ausgang handelt.
Rheumaliga Schweiz: Trotzdem schlägt die Grippeimpfung ab 65 nur eine Bresche, in die sogleich andere Erreger springen. Zum Beispiel das neue Coronavirus?
Johannes Fröhlich: Diese Vermutung mag auf den ersten Blick einleuchten, es gibt jedoch kaum Daten, welche sie stützen. Was das Coronavirus angeht, wissen wir noch sehr wenig darüber, wie es sich in Bezug auf die Influenza verhalten wird. Es gibt einzelne Fallberichte von Co-Infektionen mit beiden Viren. Es wird davon berichtet, dass die Erkrankung schwerer und mit höherer Sterblichkeit verlaufen ist. Es müssen auch die Ressourcen des Gesundheitswesens berücksichtigt werden. Diese können durch die doppelte Belastung durch Influenza und Corona rasch an ihre Grenzen kommen. Daher ist es umso ratsamer, die Grippeimpfung, auch wenn sie nur einen beschränkten Schutz bietet, durchzuführen. Andererseits sollte mehr an der Entwicklung effektiverer Impfstoffe gearbeitet werden, damit die Wirksamkeit an diejenige von Masern-Mumps-Röteln herankommen kann.
Rheumaliga Schweiz: Zur Gruppe der chronisch Kranken: Wie vertragen sich die Grippeimpfung und die Immunsuppression?
Johannes Fröhlich: Immunsuppressiva können die Impfantwort herabsetzen. Daher sollte die Impfung bei Medikamenten, welche in grösseren Abständen (ein oder mehrere Monate) verabreicht werden, ein bis zwei Wochen vor erneuter Medikamentengabe erfolgen. Die Entwicklung von Antikörpern benötigt ungefähr eine bis zwei Wochen nach erfolgter Impfung. Ein Pausieren der immunsupprimierenden Therapie wird nicht empfohlen. Die Gefahr eines Krankheitsschubes wäre erhöht, was sicherlich die ungünstigste Voraussetzung ist.
Rheumaliga Schweiz: Manche Rheumabetroffene machen die Erfahrung, dass die Grippeimpfung einen Entzündungsschub auslösen kann.
Johannes Fröhlich: Es gibt genügend Untersuchungen, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Dabei konnte kein häufigeres Auftreten eines Krankheitsschubes nach einer Grippeimpfung beobachtet werden. Man darf Impfreaktionen wie leichtes Fieber, Glieder- oder Gelenkschmerzen nicht mit einem Krankheitsschub verwechseln. Diese Beschwerden sind in der Regel mild und verschwinden nach einem bis wenigen Tagen.
Rheumaliga Schweiz: Zahlreiche Impfstoffe enthalten Quecksilber- oder Aluminiumverbindungen, die der Körper kaum abbauen und ausscheiden kann. Wie ist das beim Grippeimpfstoff?
Johannes Fröhlich: Quecksilber- oder Aluminiumverbindungen werden gelegentlich als Adjuvantien (Hilfsstoffe zur Verstärkung der Impfantwort) oder zur Verbesserung der Sterilität eingesetzt. Diese sind in den in der Schweiz zugelassenen Influenza-Impfstoffen nicht enthalten. Selbst wenn sie enthalten wären, wäre die Konzentration viel tiefer, als wir sie zum Beispiel in unserer Nahrung täglich zu uns nehmen.
Rheumaliga Schweiz: Manche lehnen die Grippeimpfung ab, weil sie sich nach der Impfung drei Wochen lang elend gefühlt oder dennoch eine Grippe bekommen haben. Wie beurteilen Sie solche Erfahrungen?
Johannes Fröhlich: Die Verträglichkeit der Grippempfung ist vielfach untersucht worden und ist sehr gut. Es kann zu lokalen Reaktionen am Einstichort kommen, milden grippeähnlichen Symptomen wie zum Beispiel leichtem Fieber, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen oder auch Gelenkschmerzen. Diese Beschwerden verschwinden nach einem bis wenigen Tagen. Aber niemals kann durch die Impfung eine Influenza-Erkrankung selber ausgelöst werden, weil die Virenbestandteile abgetötet sind (Ausnahme: nasale Impfung bei Kindern). Dass man trotz Impfung an der Grippe erkranken kann, liegt zum einen am mutationsfreudigen Verhalten des Virus und zum anderen an der individuellen Fähigkeit der geimpften Person, Antikörper zu bilden.
Rheumaliga Schweiz: Wann ist der ideale Zeitpunkt für die Grippeimpfung?
Johannes Fröhlich: Man sollte den Zeitpunkt nicht zu früh wählen, damit auch bei einem späteren Auftreten einer Grippewelle noch ausreichender Schutz vorhanden ist. Idealerweise erfolgt die Grippeimpfung Anfang bis Mitte November.
Datum des Interviews: 22. Oktober 2020
Anmerkungen
- Diese Durchimpfungszahlen ergab eine repräsentative telefonische Umfrage unter 3604 Personen, denen das BAG die Grippeimpfung empfiehlt. Die Umfrage wurde im März 2019 durchgeführt und fand Eingang in den Bericht zur Grippesaison 2018/19 in: BAG-Bulletin 29 vom 15. Juli 2019, S. 9 bis 21, siehe S. 18.
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA (Hg.): Grippeimpfung. Sicherheit und Wirksamkeit der saisonalen Influenzaimpfung. Köln 2018. PDF
- Demicheli V, Jefferson T, Di Pietrantonj C, Ferroni E, Thorning S, Thomas RE, Rivetti A. Vaccines for preventing influenza in the elderly. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 2. Art. No.: CD004876. DOI: 10.1002/14651858.CD004876.pub4 – PDF Kurzfassung in deutscher Sprache
- Remschmidt, C., Harder, T., Wichmann, O. et al. Hintergrundpapier der STIKO: Evaluation der bestehenden Influenzaimpfempfehlung für Indikationsgruppen und für Senioren (Standardimpfung ab 60 Jahren). Bundesgesundheitsbl 59, 1606–1622 (2016). doi.org/10.1007/s00103-016-2467-8
- van Beek J, Veenhoven RH, Bruin JP, et al. Influenza-like Illness Incidence Is Not Reduced by Influenza Vaccination in a Cohort of Older Adults, Despite Effectively Reducing Laboratory-Confirmed Influenza Virus Infections. J Infect Dis. 2017;216(4):415-424. doi:10.1093/infdis/jix268 – PubMed-Link
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