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Sie möchte einen Abschluss in Wirtschaft, sagt Tessa (Josephine Langford) zunächst jedesmal, wenn die Erstsemestlerin auf ihre Studieninteressen angesprochen wird. Aber von Anfang an zieht es sie viel mehr in die literaturwissenschaftlichen Kurse. Später im Film wird ihr eine Lösung für ihr Problem vorgeschlagen: Warum konzentrierst Du Dich nicht einfach, wird sie von einem wohlhabenden, junggebliebenen älteren Herr (gespielt von Peter Gallagher, einem Spezialisten für die Rolle des wohlhabenden, junggebliebenen älteren Herrn) gefragt, auf die wirtschaftliche Seite der Literatur? Schönerweise kann er ihr gleich auch noch ein Praktikum bei einem angesehenen Verlagshaus vermitteln. Eine genial pragmatische, in ihrer erzähltechnischen Schlichtheit durchaus auch unfreiwillig komische Lösung. Die sich aber leider nicht auf alle Probleme übertragen lässt, mit denen Tessa sich herumschlagen muss.
Das beginnt damit, dass es sie nicht zuletzt deshalb in die Literaturkurse zieht, weil sie sich da mit einem verwegen in seinem Sitz lümmelnden, sie mit seinen aufregenden dunklen Augen herausfordernd anblickenden jungen Mann (Hero Fiennes Tiffin) über Jane Austen streiten kann. Bookish ist sie allerdings von Haus aus: Wenn Tessa zu Filmbeginn den Schutz der Familie verlässt und ins Studentenwohnheim einzieht, nimmt sie in ihren neuen Lebensabschnitt eine Reihe von Softcoverbänden mit. Deren Cover optisch abgestimmt sind auf die hellblau-pastell-fliederfarbene Garderbobe, in der sie durch den Film läuft.
Das Color-Coding hat System, es zieht sich durch den gesamten Film und verlässt sogar dessen Grenzen, wenn es sich in den Instagramprofilen fortsetzt, die als begleitende Werbemassnahme zum Kinostart für die beiden Hauptfiguren eingerichtet wurden: «Tessa» postet lichte Lieblichkeiten, geschmackvoll entfärbte Mädchenpoesie, «Hardin» hingegen – der Lümmler aus dem Literaturkurs – schwarzweisse Rebellenikonographie der harmlos-spitzbübischen Sorte. Zwei visuelle Prinzipien, die nur auf den ersten Blick grundverschieden sind; schliesslich gibt es durchaus auch Überschneidungen, wie etwa der Hang zu vintage-Motiven, die Abwesenheit greller, aggressiver Farben oder eben die Vorliebe für Bücher. Tatsächlich erweisen sich die Farbmuster nicht nur schnell als miteinander kompatibel, im Verlauf des Films vermischen sie sich sogar vorsichtig, etwa wenn Tessa Hardins schwarzes T-Shirt anzieht, bevor sie ihm in einen gleissenden, perlenden Badesee nachfolgt.
Es treffen also nicht nur zwei jungen Menschen, sondern zwei visuelle Prinzipien aufeinander. Man mag das als einen albernen Marketinggag abtun, aber es passt zur gleichzeitig versponnenen und banalen Romantik von Jenny Gages After Passion, einem Film, der eine ausgestellt alltägliche Liebesgeschichte erzählt, die aber nicht zu trennen ist von Techniken der Selbststilisierung und Monumentalisierung. Wobei der Film am besten da funktioniert, wo er nah an Alltagserfahrungen bleibt: Tessas Neugier auf das Collegeleben, die ungeduldigen Seitenblicke angesichts der Ratschläge ihrer übervorsorglichen Mutter, der keusche Abschiedskuss, den sie dem in der Heimat zurückbleibenden Boyfriend gewährt, vor allem die erste Begegnung mit der Mitbewohnerin Steph, die sie in Goth-artiger Montur auf dem Bett lümmelnd herausfordernd angrinst. Deren Darstellerin Khadija Red Thurner ist mit ihrem schmalen Gesicht, den wilden, dunklen Locken und den auf den ersten Blick dazu gar nicht passenden Sommersprossen die eigentliche Entdeckung des Films. Klar, auch ihre Rolle ist ein Klischee: ein bad girl mit Herz, die frechen Sprüche sind nur Fassade, später wird sie die liebeskranke Tessa tröstend in ihre Arme schliessen. Aber Thurner hat doch etwas Unergründliches an sich: In ihrem Lächeln steckt das Versprechen auf eine neue Welt.
Auch die sich anbahnende Romanze, die für Tessa gleichzeitig die sexuelle Initiation darstellt, hat schöne Momente. Insbesondere die bereits erwähnte Szene am See: Wenn Hardin sein Shirt auszieht, streift der Kamerablick seinen nackten Oberkörper zunächst nur flüchtig, wie als traue sich die junge Frau noch nicht so recht, ihn anzublicken. Später, im Wasser, tauchen sie dann gemeinsam unter, die Kamera bleibt jedoch über der Wasseroberfläche, lässt den beiden einen Moment der privaten, feuchten Intimität.
After Passion beruht auf dem gleichnamigen New-Adult-Roman von Anna Todd. «New Adult» ist, in Abgrenzung von «Young Adult», keine Teenieliteratur mehr, aber irgendwie immer noch nicht die volle Dröhnung. Mit Blick auf After Passion könnte man sagen: Nicht mehr Twilight aber noch nicht ganz Fifty Shades of Grey. Der Sex wird nicht mehr fantasmatisch überformt, als Vampir- und Werwolferzählung, er stellt aber nach wie vor bis zu einem gewissen Grad aufregendes Neuland dar, hat sich noch nicht zum technokratischen Stellungsspiel verfestigt. Wobei die Parallelen insbesondere zu E.L. James’ Erotikbeststeller unübersehbar sind: Die zerbrechliche, jungfräuliche Hauptfigur, der gefährliche verführerische Mann, der sie in die Kunst der Liebe einführt (wobei das Gefälle zwischen beiden zumindest in der Filmversion von After Passion deutlich schwächer ausgeprägt ist; vielleicht auch, weil die beden Hauptdarsteller_innen besser miteinander harmonisieren); die Belletristik des 19. Jahrhunderts als romantische Treibfeder; schliesslich der Hang zum Soapoperahaften sowie eine Nahbeziehung von Begehren und Geld – wie Christian in “Fifty Shades of Grey” ist auch Hardin ein Millionärssohn mit dunkler Vergangenheit.
Ausserdem gibt es in beiden Fällen (wie auch in Twilight) eine direkt in den filmischen Text eingeschriebene Spannung zwischen Diskursen der Liebe und Texturen des Sex. Die Inszenierung stellt das körperliche Begehren in den Mittelpunkt, von den sehnsüchtig-verschämten Blickwechseln über die ersten, vorsichtigen Berührungen bis hin zu den leider – eine weitere Parallele zu Fifty Shades – arg stromlinienförmig inszenierten, gern mit middle-of-the-Road-Popsongs unterlegten Sexszenen selbst. Die Erzählung insistiert hingegen darauf, dass es bei all dem vor allem um die Hoffnung auf die, beziehungsweise den Verrat an der ersten grossen Liebe geht. Man kann das verlogen nennen, oder gar wieder einmal als Symptom einer koservativen sexuellen Gegenrevolution brandmarken; freilich wären Vorwürfe dieser Art doch viel eher bei keuschen Superheldenfilmen und Vergleichbarem angebracht als bei Filmen, die immerhin den Mut haben, von Sex und Begehren zu erzählen. Letztlich ist After Passion vor allem ein Hinweise darauf, dass das Verhältnis von beidem, von Sex und Liebe, von jeder Generation neu ausgehandelt werden muss. Eine pragmatische Lösung a la Peter Gallagher – vielleicht so etwas wie: konzentriere Dich doch einfach erst einmal auf die sexuellen Aspekte der Liebe – ist nicht in Sicht.
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