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Immer und immer wieder rechtfertigt unsere Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre masslosen Devisenbestände mit der angeblichen Deflationsgefahr in unserem Lande.
Selbst unsere Bundesrätin rechtfertigte den Euro-Mindestkurs von 1.20 am G-20 Gipfel in Moskau gegenüber den anderen Teilnehmern mit der angeblichen Deflationsgefahr.
Was ist Deflation? Gemäss Lesart der SNB ist dann von einer Inflation zu sprechen, wenn der Konsumentenpreisindex in einem Jahr 2 Prozent und mehr steigt. Sinngemäss handelt es sich also um eine Deflation, wenn die Preise pro Jahr 2 Prozent und mehr fallen.
Als die SNB im Jahre 2010 ihre massivsten Euro-Käufe tätigte, stiegen die Preise in der Schweiz durchschnittlich um 0,7 Prozent. Die Schweiz war also weit weg von einer Deflation. 2011 stiegen die Preise erneut um 0,2 Prozent und erst 2012 gingen die Preise leicht zurück (-0,7 Prozent). Für dieses Jahr wird ein leichter Preisrückgang von -0,1 Prozent prognostiziert. Für 2014 wieder ein Plus von 0,3 Prozent (Bundesamt für Statistik).
Was ist denn so schlimm an einer Deflation? Jedermann ist doch froh, wenn die Preise leicht zurückgehen. Alles wird ein bisschen günstiger. Weshalb also die Panik?
Um Licht in die kopflosen Euro-Käufe der SNB zu bringen, müssen wir in der Wirtschaftswissenschaft etwas zurückblicken. Was uns hier begegnet, ist abermals eine unglaubliche Oberflächlichkeit – ja sogar Liederlichkeit – in der Analyse der Volkswirtschaftslehre.
Blenden wir zurück in die 1950er Jahre: 1958 schrieb der neuseeländische Professor A. W. Phillips einen bahnbrechenden Beitrag in der Zeitschrift Economica. Phillips lehrte an der London School of Economics and Political Science.
In seinem Artikel zeigte er einen empirischen Zusammenhang zwischen der Veränderungsrate der Nominallöhne und der Arbeitslosigkeit (über 100 Jahre in England). Ein Jahr später reduzierten Samuelson und Solow in der American Economic Review diesen Zusammenhang zu einem „Trade-off“ zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit.
Die Aussage der „modifizierten“ Phillips-Kurve ist somit folgende:
Ist die Arbeitslosigkeit tief, so ist die Inflation hoch und umgekehrt. Bei hoher Arbeitslosigkeit ist die Inflation tief (bis hin zur Deflation). Grafisch wird die Phillips-Kurve in einem Koordinatensystem eingetragen, mit der Inflation auf der Achse nach oben und der Arbeitslosigkeit auf der Achse nach rechts.
Die Kurve verläuft im Koordinatensystem von links oben und nach rechts unten, wobei sie nach innen leicht gekrümmt ist.
Ganz rechts aussen, also bei hoher Arbeitslosigkeit, kann die Phillips-Kurve unter die Achse nach rechts fallen. Das heisst, in diesem Bereich kommt es zu fallenden Preisen beziehungsweise zu Deflation.
Dieser negative Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit (Austauschbeziehung, „Trade-off“) wurde insbesondere in der Wirtschaftspolitik von John F. Kennedy und seinen keynesianischen Nachfolgern zu einem „menue of choice“ (Samuelson war Wirtschaftsberater von Kennedy).
Die Politiker konnten auswählen zwischen „etwas mehr Inflation“ oder „etwas mehr Arbeitslosigkeit“.
Erst die Erdölschocks der 1970er Jahre „widerlegten“ den vermeintlichen Trade-off der Phillips-Kurve. Die Zeit der Monetaristen, insbesondere von Milton Friedman, war gekommen. Dieser bekämpfte die Phillips-Kurve vehement: Gemäss monetaristischer Lehre konnte die Arbeitslosigkeit weder kurzfristig noch langfristig bekämpft werden. Konklusion: Der Staat solle die Wirtschaft vollkommen den Marktkräften überlassen.
Was war geschehen?
Bei einer genauen Analyse der originalen Schrift von Phillips zeigt sich, dass diese nur oberflächlich gelesen wurde. Phillips betonte ausdrücklich, dass seine Kurve nur stimmt in den Jahren, in denen die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve sich veränderte bei stabilem Angebot.
Phillips betonte explizit, dass seine Kurve nicht stimmt in den Jahren mit Angebotschocks, also in Jahren mit hohen Importpreisen, Missernten undsoweiter.
Da die Phillips-Kurve nur stimmt in den Jahren, in den die gesamtwirtschaftliche Nachfrage verändert wird bei stabilem gesamtwirtschaftlichem Angebot, folgt, dass es sich bei der Phillips-Kurve um eine gesamtwirtschaftliche Angebotskurve handelt: Bei stabiler Angebotskurve wird die Nachfragekurve verschoben. Logische Konsequenz: Sämtliche Schnittpunkte liegen auf der stabilen Angebotskurve.
Diese Angebotskurve, die Phillips-Kurve, hat eine „negative“ Steigung, weil „Arbeitslosigkeit“ der negative Ausdruck für „Beschäftigung“ ist (das heisst, sie hat eine umgekehrte Steigung zu den üblichen Angebotskurven).
Setzt nun ein Angebotsschock ein, so wird die Angebotskurve (Phillips-Kurve) selber nach oben verschoben. Das Resultat ist Stagflation. Inflation und Arbeitslosigkeit steigen miteinander. Die schlechteste aller Welten.
Genau das geschah in den 1970er Jahren. Die damaligen Erdölschocks führten zu Inflation, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit. Die Phillips-Kurve wurde übereilig „totgesagt“.
Hätte man die Arbeit von Phillips richtig studiert, so hätte man erkannt, dass die Stagflationsschübe der 1970er Jahre die Phillips-Kurve keineswegs widerlegten, sondern im Gegenteil diese untermauerten.
Die Angst aber blieb bis heute bestehen: Sinkende Preise bedeuten angeblich immer eine hohe Arbeitslosigkeit. Genau diesen Trugschluss begeht unsere Nationalbank.
Dass dies nicht zutrifft, zeigen auch folgende einfachste Überlegungen.
Jede Leserin und jeder Leser hat bestimmt schon von Angebot und Nachfrage gehört. Eine Marktwirtschaft wird bestimmt von Angebot und Nachfrage.
Die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve (Nutzenkurve) verläuft von links oben nach rechts unten. Die Angebotskurve (Kostenkurve) von links unten nach rechts oben.
Angebots- und Nachfragekurve ergeben in einem Koordinatensystem ein grosses X.
Wird die Nachfragekurve nach unten (links) verschoben, so fallen die Preise und das BIP fällt auch, beziehungsweise die Arbeitslosigkeit steigt. Hier haben wir es also mit einer gefährlichen Deflation zu tun.
Wird hingegen die Angebotskurve nach unten (rechts) verschoben, so fallen die Preise und das BIP steigt, auch die Beschäftigung steigt.
Es gibt also zwei Arten von Deflation: eine „gute Deflation“ und eine „schlechte Deflation“. Das folgt aus der umgekehrten Steigung von Angebot und Nachfrage.
Die gute Deflation ist verbunden mit steigendem BIP und steigender Beschäftigung. Das ist die beste aller Welten. Darin befindet sich die Schweizer Wirtschaft heute: hohes BIP, hohe Beschäftigung. Sie ist das Resultat eines günstigen Angebots (unter anderem tiefe Importpreise, tiefe Zinsen).
Es liegt eine Verschiebung der Angebotskurve nach unten und rechts vor.
Die schlechte Deflation ist verbunden mit fallender Beschäftigung beziehungsweise steigender Arbeitslosigkeit (gemäss Phillips-Kurve). Sie resultiert aus einem Nachfragerückgang, das heisst aus einer Verschiebung der Nachfrage nach unten.
Es liegt eine Verschiebung der Nachfragekurve nach unten und links vor.
Leider hat unsere Nationalbank diesen Zusammenhang nicht begriffen. In seinem Referat vor dem Club of Rome behauptete der damalige SNB-Chef Philipp Hildebrand: „Unter Deflation ist ein als Folge eines Nachfrageeinbruchs andauernder Rückgang des Preisniveaus zu verstehen.“ („Die Schweizerische Nationalbank und die Finanzkrise“, Philipp M. Hildebrand, Vortrag vor dem „Club of Rome“, 20. Januar 2011, S. 6)
Die Worte von Hildebrand belegen, dass er die Ursache der heutigen Deflation in der Schweiz offenbar nicht verstanden hat. Die SNB hat nicht erkannt, dass wir es in der Schweiz nicht mit einer „schädlichen Deflation“ zu tun haben, sondern mit einer „nützlichen Deflation“.
Wir haben eine „nütztliche Deflation“, welche die SNB keineswegs zu bekämpfen hat, ja nicht bekämpfen darfGenau genommen stiegen ja die Preise sogar in den Jahren 2010 und 2011. Die Aussagen von Hildebrand ergeben somit auch aus dieser Sicht keinen Sinn.
Kommen noch folgende Überlegungen hinzu: Wollte die SNB einen vermeintlichen Konjunktureinbruch in der Schweiz verhindern, so müsste sie auch hierzulande investieren und nicht im Ausland. Allein gesunder Menschenverstand macht dies schon deutlich.
Unsere SNB will aber mit Schulden in der Schweiz, die über 100 Mal (!) so hoch sind wie ihre Investitionen (Stand Dezember 2013) hierzulande unsere Wirtschaft ankurbeln. (Schulden in der Schweiz von über 450 Milliarden Franken stehen Investitionen von nicht einmal 4 Milliarden gegenüber.)
Solche Geldpolitik würde man eigentlich den Schildbürgern zuordnen.
Kommt hinzu, dass jedermann froh ist, wenn er seine Produkte zu einem guten, sprich hohen Preis, verkaufen kann. Wer freut sich nicht, wenn er sein Produkt teuer verkaufen kann?
Wir sollten uns also über den hohen Schweizerfranken mehr freuen, als diesen zu „verteufeln“, wie das unsere Nationalbank seit Jahren tut.
Werden viele Güter aus der Schweiz nachgefragt, so müssen diese in Schweizerfranken bezahlt werden. Deshalb steigt die Nachfrage nach Franken. Der starke Franken ist also nichts anderes als der Beweis für eine starke Nachfrage nach unseren Gütern.
Kommt weiter hinzu, dass der starke Franken die tiefen Zinsen in unserem Lande bewirkt. Alle profitieren davon, nicht nur die Exportindustrie und der Tourismus.
Kommt hinzu, dass der starke Franken für die tiefen Importpreise verantwortlich ist. Das dämpft die Inflation. Die SNB sollte sich darüber freuen.
Unsere Nationalbank bekämpft aber sich selbst. Die SNB schwächt den Franken. Den Franken schwächen heisst, dem Franken schaden. Dem Franken schaden heisst, der Schweiz schaden.
Mit ihren masslosen Devisenkäufen geht die SNB nicht nur ein halsbrecherisches Risiko ein – nein, sie unterminiert damit auch ihren eigenen verfassungsmässigen Auftrag.
Einmal mehr zeigt sich auch hier: Die Volkswirtschaftslehre wird geprägt von liederlichen Analysen. Arrogantes Verhalten ihrer Exponenten verhindert zudem eine Weiterentwicklung in dieser Wissenschaft.
Ich kann den Schweizerinnen und Schweizern nur raten: Anstatt blind liederlichen Analysen vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum zu vertrauen, sollte jeder den eigenen analytischen Fähigkeiten mehr Gewicht beimessen.