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Als hätte der Landvermesser einen über den Durst getrunken: Es gibt Grenzen, die einzelne Häuser zerschneiden, absurde Ausbuchtungen beschreiben oder sonstwie vollkommen verrückt erscheinen. Auch in der Schweiz, wie diese sechs Beispiele zeigen.
Wie ein langer, dünner Finger ragt Schweizer Gebiet von Riehen im äussersten Nordosten des Kantons Basel-Stadt nach Deutschland hinein. Die sogenannte «Eiserne Hand» zwischen Lörrach und Inzlingen ist etwa 1,6 Kilometer lang, maximal 250 Meter breit und besteht fast ausschliesslich aus Wald. Die Legende besagt, dass der Gebietszipfel seinen Namen von einem Waldarbeiter erhielt, der sich dort so an der Hand verletzte, dass er danach eine Eisenprothese tragen musste.
Im Zweiten Weltkrieg bestand hier ein Schlupfloch in der Grenze von Nazi-Deutschland zur Schweiz, die ansonsten in der Region mit einem Stacheldrahtzaun gesichert war. Obwohl die vier Kilometer lange Grenze bei der Eisernen Hand von Patrouillen mit scharfen Hunden bewacht wurde, gelang einigen Menschen hier die Flucht in die Schweiz.
«Der Kanton Schaffhausen weist wohl den kompliziertesten Verlauf der Landesgrenze aller Kantone der Schweiz auf», so steht es auf Wikipedia. Das ist keine Untertreibung. Der nördlichste Kanton der Schweiz – er liegt bis auf einige kleine Teile gesamthaft nördlich des Rheins – besteht aus drei voneinander getrennten Kantonsteilen unterschiedlicher Grösse. Als wäre das noch nicht genug, gibt es noch Büsingen: eine deutsche Enklave im Kantonsgebiet.
Deren Einverleibung und die Verbindung der drei Kantonsteile durch eine Arrondierung des Schweizer Staatsgebiets durch angrenzende badische Gemeinden war ein Schweizer Anliegen am Wiener Kongress 1815. Doch die Schweizer Diplomatie konnte diese Forderung trotz günstiger Voraussetzungen nicht durchsetzen – während die Genfer Delegation in Wien erfolgreich eine Landverbindung von Genf zur restlichen Schweiz erkämpfte. So hat der relativ kleine Kanton (298 km2) heute noch eine 185 Kilometer lange, stark ausgebuchtete Grenze.
Globetrotter sollten sich hier wohl fühlen: Im Hôtel Arbez Franco-Suisse in La Cure schlafen sie in der Schweiz und essen dann in Frankreich – und das, ohne das Haus zu verlassen. Denn das Hotel steht mitten auf der schweizerisch-französischen Landesgrenze. Die durchschneidet nicht nur den Speisesaal, sondern auch das Bett in der Honeymoon-Suite und weitere Gästezimmer. Die Bar befindet sich ganz auf der französischen Seite, während das Nebengebäude vollständig in der Schweiz liegt.
Die ungewöhnliche Lage ist das Resultat eines Landabtauschs zwischen Frankreich und der Schweiz im Jahr 1862. Seither gehört der Weiler La Cure, der zuvor ganz französisch war, teilweise zur Waadtländer Gemeinde Saint-Cergue VD.
Was heute nur noch eine Skurrilität ist, war im Zweiten Weltkrieg noch bitterer Ernst: Die deutschen Soldaten im besetzten Frankreich durften nur den französischen Teil betreten; der Zugang zum Schweizer Teil war ihnen strikt verboten. Da die Treppe auf der französischen Seite begann, aber in der Schweiz endete, durften sie die oben gelegenen Räume nicht betreten – was sich Flüchtlinge und Résistance-Mitglieder zunutze machten.
Das Dorf St.Gingolph gibt es gleich doppelt: eine Walliser Ausgabe und eine französische. Die Zweiteilung besteht seit sich die Walliser und Berner 1567/69 aus dem Gebiet südlich des Genfersees zurückziehen mussten. Heute noch verläuft die Landesgrenze zwischen Frankreich und der Schweiz – in Form des Flüsschens Morge – mitten durch den Ort. So gibt es zwei Postämter und zwei Schulen – und sogar zwei verschieden gefärbte Wappen.
Die Kirche hingegen gibt es nur einmal. Sie steht im französischen Teil, und diese Tatsache spielte in der Geschichte des Ortes schon einmal eine wichtige Rolle. Im Juli 1944, noch war Frankreich von den Deutschen besetzt, rückte nämlich eine Abteilung der SS an, um das französische St.Gingolph dem Erdboden gleich zu machen. Die deutschen Besatzer wollten mit der brutalen Strafaktion einen Angriff der Résistance tags zuvor rächen, der zehn deutsche Soldaten das Leben gekostet hatte.
Während die meisten Einwohner in den Schweizer Teil flohen, verhandelte der Schweizer Gemeindepräsident André Chaperon mit den Deutschen und erwirkte die Verschonung der Kirche und einiger weiterer Gebäude. Darauf rückte die SS in den Ort ein und begann ihr mörderisches Werk: Sie exekutierte sechs Einwohner, die nicht geflohen waren, und setzte die Häuser in Brand.
Während sich die Flammen auf den Kern des französischen Ortsteils vorfrassen, wandte sich der Oberstbrigadier Julius Schwarz, Kommandant der Gebirgsdivision 10, an den deutschen SS-Befehlshaber. Der Schweizer wies darauf hin, dass sich zahlreiche Gebäude im französischen Teil in Schweizer Besitz befanden und drohte mit dem Einsatz seiner Division. Der Bluff wirkte; die Schweizer durften die Feuerwehr jenseits der Grenze einsetzen und ein bedeutender Teil von St.Gingolph blieb vom Feuer verschont.
Der Kanton Solothurn, soll ein Schweizer Schriftsteller bemerkt haben, gleiche einem Läufer, der dem Jurabogen entlang nach Westen eile. Tatsächlich weist der Kanton eine stark gegliederte Form auf, um es gelinde zu sagen: Neben dem seinerseits weit verzweigten Hauptteil besitzt Solothurn noch drei Exklaven. Zwei davon – Kleinlützel und Metzerlen-Mariastein – liegen nördlich des Juras an der französischen Grenze und sind durch den Kanton Basel-Landschaft vom Hauptteil getrennt.
Die dritte und kleinste Exklave – Steinhof, das zur Gemeinde Aeschi gehört – liegt im Süden des Kantons und ist eine Enklave im Kanton Bern. Beinahe eine solothurnische Exklave bildet zudem die Gemeinde Kienberg im Osten. Das Gemeindegebiet ist nur durch einen rund hundert Meter breiten Korridor mit dem Hauptteil verbunden. Damit nicht genug: Der Bezirk Bucheggberg ragt im Südwesten weit in den Kanton Bern hinein, während die Bezirke Olten und Gösgen sich weit nach Osten hin zwischen die Kantone Basel-Landschaft und Aargau zwängen.
Im Norden bilden die Bezirke Dorneck und Thierstein – das nach Basel ausgerichtete Schwarzbubenland – ähnliche Ausstülpungen. Dies alles beschert dem Kanton eine Grenze in der Gesamtlänge von 380 Kilometern bei lediglich 791 km2 Fläche. Das Gebiet ist derart zerklüftet, dass jemand, der von Solothurn der Aare nach nach Olten wandern möchte, das bernische Bipperamt durchqueren müsste.
Direkt auf der Grenze zwischen Bern und Solothurn liegt der Bauernbetrieb Burghof in Burgäschi: Die Wirtschaftsgebäude stehen im Kanton Solothurn, das Stöckli und ein weiteres Gebäude im bernischen Niederönz.
Die Grenze zwischen den Kantonen Fribourg, Waadt und Bern bringt jeden Kartographen zur Verzweiflung. Vom Neuenburgersee bis zum Murtensee erstreckt sich ein territorialer Flickenteppich, der in der Schweiz seinesgleichen sucht. Am südöstlichen Ufer des Neuenburgersees wechseln sich waadtländische und fribourgische Gebiete in schneller Folge ab; dazu gesellen sich eine Vielzahl von Exklaven – allein der Kanton Fribourg hat vier davon im Kanton Waadt und eine im Kanton Bern.
Besonders kurios dürfte die fribourgische Exklave Notre Dame de Tours östlich von Payerne VD sein: Es handelt sich um eine Wallfahrtskirche mit etwas Umschwung, die zur politischen Gemeinde Montagny-les-Monts gehört und nur gerade 150 Meter vom Fribourger Kantonsgebiet entfernt ist.
Der Grund für die zersplitterte Territoriallandschaft in dieser Region liegt in den ehemaligen Gemeinen Herrschaften in der Alten Eidgenossenschaft, die von Bern und Fribourg im Turnus verwaltet wurden. Einige davon gingen bei der Neuordnung der Schweiz in der Helvetik an den aus der Berner Erbmasse neu geschaffenen Kanton Waadt, während Murten zu Fribourg und Schwarzenburg zu Bern kamen.