Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/1144

Der leichtfertige Umgang mit natürlichen und finanziellen Ressourcen trübt die Stimmung in der Gegenwart und wirft lange Schatten auf die Zukunft. Und doch ist damit ein Urwort, mit dem der ungebremste kapitalistische Tatendurst umschrieben worden ist, noch nicht zum alten Eisen geworden: das Wort von der «schöpferischen Zerstörung», der creative destruction, das der Ökonom Joseph Alois Schumpeter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Welt gesetzt hat.
Wenn sich das moderne Leben in einem fortwährenden Verwandlungs- und Erneuerungsprozess befindet, dann ist es einfach unvermeidlich, dass Bestehendes in Frage gestellt und abgeschüttelt werden muss. John Dewey, der grosse Philosoph und Verfechter eines sozialen Liberalismus in den USA, schrieb schon im Jahre 1922: «Das Leben setzt sich nur fort, indem es sich erneuert.» Recht hat er.
So muss auch immer wieder neu geprüft werden, welche Effekte die Dynamik moderner Gesellschaften auslöst, wie sie bewertet und gesteuert werden sollen. Dabei sind die Chancen und Risiken, die die schöpferische Zerstörung für die verschiedenen Bereiche des sozialen Lebens bereithält, nicht gleichmässig verteilt. Joseph Schumpeter hat dies erkannt, doch sind die Einsichten, die sich zu dieser Frage in seinem Werk finden, weit weniger bekannt als seine These von der «schöpferischen Zerstörung». Es lohnt sich, sie in Erinnerung zu rufen.
Bei seinem Versuch, die Transformation des sozialen Lebens nachzuzeichnen, stösst Schumpeter auf einen Bereich, bei dem die Effekte der «Zerstörung» und «Zersetzung» diejenigen des «Schöpferischen» doch überwiegen. Dieser Bereich ist das familiäre Leben. Die «Rationalisierung des gesamten Lebens» führe, wie Schumpeter meint, zu einer «Auflösung» der Familie. «Sobald Männer und Frauen die utilitaristische Lektion gelernt haben», können sie demnach keinen Sinn mehr darin sehen, «die schweren persönlichen Opfer» auf sich zu nehmen, «welche Familienbindungen und namentlich Elternschaft unter modernen Bedingungen mit sich bringen». Entsprechend versuchen die Menschen, sich den drohenden finanziellen Lasten zu entziehen; sie fürchten auch den «unmessbaren Verlust an Behaglichkeit, an Sorgenfreiheit und an Möglichkeiten, andere Dinge von zunehmender Anziehungskraft und Mannigfaltigkeit zu geniessen». «In den Köpfen mancher potentieller Eltern» regt sich die Frage: «Warum sollten wir unsere Wünsche stutzen und unser Leben arm machen, um in unserem Alter beleidigt und verachtet zu werden?» Diese Frage ist heute gar noch aktueller als zu Schumpeters Zeiten.
Besorgniserregend ist die «Auflösung» der Familie nach Schumpeter deshalb, weil damit ein «Pfeiler» bröckelt, auf den sich die «kapitalistische Ordnung» stützen muss, wenn sie richtig funktionieren soll. Es ist ein Pfeiler, der, wie Schumpeter betont, «aus ausserkapitalistischem Material» besteht. Bei diesem Material handelt es sich, genau genommen, um den sozialen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, um das Auffangnetz, in dem die Individuen Rückhalt finden, und um das Schmiermittel, mit dem der Gang der Generationen flüssig bleibt. Von Schumpeter können wir die kostbare Einsicht übernehmen, dass wir nicht stillschweigend davon ausgehen können, die Familie würde im weichen Kern der Gesellschaft einfach unbehelligt, unverändert weiter funktionieren, während sonst alles umgebaut und umgestürzt wird. Kostbar ist auch seine Einsicht, dass gerade die wirtschaftliche Ordnung von Voraussetzungen abhängig bleibt, die sie nicht einfach selbst, gewissermassen aus dem Handgelenk, reproduzieren kann. Jenseits der Wirtschaft, im privaten Leben, sind Kräfte am Werk, die ganz eigenen Regeln folgen und deren Dynamik ganz andere Formen annimmt als man dies aus der ökonomischen Nutzenmaximierung kennt.
Daraus ergibt sich direkt die Frage, wie es nun um die Transformation der Familie in der Moderne bestellt sei. Schumpeter selbst zeichnet hier, wie wir gesehen haben, ein eher düsteres Bild: er sieht weniger das Potential zur Verwandlung als vielmehr die Gefahr der «Zersetzung» und «Auflösung» der Familie.
Wenn man auf die letzten fünfzig, sechzig Jahre zurückblickt, wird man Schumpeter bei seiner Analyse nicht geradewegs beipflichten. Immerhin ist die Familie,…