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Was hatte die Mutter nicht alles versucht, damit der Bub endlich ein Buch zur Hand nimmt. «Ihr Sohn ist schlecht im Aufsatz», sagte die Primarlehrerin, «er sollte mehr lesen.» Also versuchte es die Mutter mit den «Turnachkindern», mit Erich Kästners «Emil und die Detektive» und dem «Doppelten Lottchen». «Kästner gefällt den Buben, das musst du lesen, sagte die Mutter. «Emil und die Detektive»? Vergiss es. «Das doppelte Lottchen»? Geits no. Die «Turnachkinder» von Ida Bindschedler? Zum Einschlafen. Warum soll ich die Bücher des älteren Bruders lesen, wenn ich schon seine Kleider austragen darf?
Zuerst in den Wilden Westen
Damals erfolgte der Übertritt in die Sekundarschule bereits nach der vierten Klasse. Es musste also in der fünften oder sechsten Klasse gewesen sein, als ich von Winnetou, dem berühmten Häuptling der Apachen, und von Old Shatterhand, dem deutschen Abenteurer, hörte. Vermutlich war es Peter Herrenschwand, der Klassenlehrer und spätere Instruktionsoffizier bei den Panzertruppen, der mich auf den Geschmack brachte. Sicher bin ich mir aber nicht.
Dafür könnte ich noch heute mit Sicherheit sagen, auf welchem Regal und an welcher Wand sich die Karl-May-Bücher in der Bibliothek im Viktoriaschulhaus in Bern befanden. Ich verschlang eines nach dem andern. Winnetou I, II und III, Old Surehand I, II; der «Schatz im Silbersee» mit Old Firehand, «wenn ich mich nicht irre, hihihih».
Dieses «wenn ich mich nicht irre, hihihih» stammt von Sam Hawkens, meiner Lieblingsfigur. Ein listiger, schlauer Typ, der von Indianern skalpiert wurde und daher mit einer Perücke herumritt – nicht auf einem stolzen Hengst, sondern auf einem maultierähnlichen Getier. Der Name seines Maulesels ist mir entfallen. Geblieben ist mir der Name seiner Flinte: Liddy, «wenn ich mich nicht irre, hihihi».
Dann in den wilden Orient
Als ich den Wilden Westen zu kennen glaubte, begab ich mich mit Kara Ben Nemsi auf den südtunesischen Salzsee Chott el Djerid. Auch dies ist ein Abenteuerroman von Karl May, wobei ich mich kaum mehr daran zu erinnern vermag. All diese Geschichten hat der deutschstämmige Schriftsteller nach meiner Wahrnehmung in einem deutschen Gefängnis geschrieben, ohne jemals in den Vereinigten Staaten oder in der Wüste gewesen zu sein. Es sei denn, Redaktionskollege Kollege Stefan von Bergen will mir diesen Mythos auf diesen Zeitungsseiten zerstören.
Keine Frage: Karl May hat mich zum Lesen gebracht. Später wurde ich so etwas wie eine Leseratte. Nach Karl May folgten Konsaliks «Liebesnächte in der Taiga» und Simmels «Es muss nicht immer Kaviar sein». Ich war in der Pubertät. Die Wahl dieser Bücher sei mir daher verziehen.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Deshalb versuchte ich vor drei Jahren bei meinem damals 12-Jährigen, was meine Mutter vor rund 50 Jahren erfolglos probierte. Auch mir gelang es nicht. Er liest, was er in der Schule lesen muss. Harry Potter kennt er fast auswendig. Freilich nicht vom Lesen, sondern von den Hörbüchern und den Filmen. Also kaufte ich bei Hegnauer, dem Berner Buchantiquariat, die ersten beiden Bände von «Old Surehand». «Karl May gefällt den Buben, das musst du lesen», sagte ich. «Karl May? Langweilig», sagte er. «Uff, uff, uff …», hätten bei solchen Worten die Rothäute gesagt.
Er war nichts zu machen. «Was für ein Greenhorn; was für ein Bleichgesicht», dachte ich mir, wollte jedoch das Kriegsbeil trotzdem nicht ausgraben. Dafür hatte ich mir geschworen, die eben erstanden Bände «Old Surehand» selber zu lesen, bevor ich in die ewigen Jagdgründe abberufen werde.
Zur Verteidigung meines Sohnes bleibt hinzufügen, dass er im vergangenen Jahr tatsächlich Bücher gelesen hat, die er nicht für die Schule lesen musste: die Templer-Trilogie des amerikanischen Jugendbuchautors Michael P. Spradlin. Er war 13 Jahre alt – etwa so alt wie ich, als ich von Nscho-tschi, der schönen Schwester von Winnetou, träumte.
Erschienen im ZEITPUNKT der BZ am 24. März 2012