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Anatomie, Physiologie, Ehemalige Chemie
Institut für Physiologie, Bühlplatz 5
Institut für Anatomie, Bühlstrasse 26
Ehemaliges Chemisches Institut, Freiestrasse 3
Eine jener Persönlichkeiten, deren Namen kaum bekannt sind, die aber das Gesicht der Universität Bern massgeblich geprägt haben, war Franz Stempkowski. Der gebürtige Pole war als Kantonsbaumeister in den 1890er Jahren für die Übersiedelung der Universität auf das Muesmattfeld verantwortlich. Besondere Beachtung verdient er als Architekt von drei Bauten, die das erste grosse städtebauliche Ensemble im Länggassquartier bildeten: Das Institut für Physiologie oder "Hallerianum" (Bühlplatz 5) von 1891, das 1972 durch einen Neubau ersetzte Chemische Institut von 1891-93 (Bild unten) sowie die Anatomie (Bühlstrasse 28) von 1896.
Die Ausscheidung des Muesmattfeldes als Campusgelände in den 1890er Jahren war für die Entwicklung der Universität und des Länggassquartiers von ähnlicher Bedeutung wie später die Gründung der Unitobler. Die Liegenschaften der Universität in der Innenstadt waren seit der Wahl Berns zur Bundesstadt hohem Entwicklungsdruck ausgesetzt. Dies hatte bereits in den 1880er Jahren zum Abbruch des alten Inselspitals und zu dessen Auszug auf die nicht weit vom Muesmattfeld entfernte Kreuzmatte geführt. Dank dem Bezug der Neubauten konnten insbesondere medizinische und naturwissenschaftliche Institute auf elegante Weise modernisiert werden. Unter den Bauten auf diesem Areal werden in diesem Führer behandelt: Das Institut für Physiologie (1891), die heutige Anatomie (1896), das ehemalige Oberseminar (1904), die Sternwarte (1922), die Institutsneubauten, die Übungsschule (1933), das neue Chemische Institut (1972), das Studentische Zentrum Bühlplatz(1991) sowie das Zellbiologische Zentrum und das Institut für Oekologie und Evolution, ehemaliges Zoologisches Institut (1981/2001).
Im Quartierplan des Länggassquartiers, welcher im Wesentlichen in den 1870er Jahren festgelegt worden war, bildet der Bühlplatz die markanteste städtebauliche Anlage. Der Neubau des Hallerianums und der beiden Institutsbauten an den angrenzenden Ausfallstrassen war somit eine Manifestation der Universität an städtebaulich prominentester Stelle, zumal kurze Zeit später auch die Pauluskirche nahe an diesem Standort errichtet werden sollte. Die drei Pavillons des Hallerianums definierten Akzente zum Platz und den beiden Strassen und bewältigten mit einer monumental-symmetrischen Geste die schwierige Winkelsituation - eine Haltung, die noch 10 Jahre später beim Neubau des Hauptgebäudes aufgegriffen werden sollte.
Unter Stempkowskis Bauten verdient dieses Bauwerk, nicht nur wegen seines guten Erhaltungszustandes besondere Beachtung. Monumentalpläne der Stadt Bern heben das Gebäude neben der Pauluskirche, den Schulhäusern und den Bauten auf der Grossen Schanze bis weit ins 20. Jahrhundert hervor; dieses wurde also auch lange nach seiner Fertigstellung als vorbildlich wahrgenommen. Die im Neurenaissance-Stil etwas altväterische Erscheinung und die unzähligen handwerklichen Details können nicht über die Grosszügigkeit des Gesamten und den auf der Bedeutungsebene interessanten Ansatz, das "ärmliche" Fassadenmaterial des Backsteins mit dem damals schon teuren Sandstein zu veredeln, hinweg täuschen - ein architektonisches Thema, das nur 35 Jahre später an den benachbarten Institutsneubauten zu einer gänzlich anderen Lösung geführt hat.
Auf die typologische Vorläuferschaft für das Hauptgebäude - sie gilt auch für die Anatomie - ist bereits hingewiesen worden. Ähnlich wie dort begrüsst eine Art "Ruhmeshalle" die Eintretenden auf einem Zwischenniveau. Ein Mittelflügel mit symmetrischem Korridor zwischen zwei Innenhöfen führt das Publikum zum Anatomiehörsaal. Die an den Verzweigungen ausgeweiteten Korridore sind lichtdurchflutete, grosszügige und harmonische Räume.
Tempus fugit – tempora mutantur: im Hörsaal ist die Zeit stehen geblieben. Kein anderer Raum atmet den Geist der Theodor-Kocher-Ära so unverfälscht wie dieser mit Schreinerarbeiten und Ornamentmalereien liebevoll ausgearbeitete Raum, wo das Ticken der Wanduhr und ein menschliches Skelett an die Vergänglichkeit erinnern, aber auch an die Methoden der Medizin, etwas gegen diese zu tun!
Das Gebäude ist jüngst vom Büro Campanile & Michetti zum Lernzentrum Bühlstrasse umgebaut worden.
Literatur:
100 Jahre Physiologisches Institut, Unipress 80, 1994