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Dr. Pop, warum singen die Spanier bei der Nationalhymne nie mit?
Fussballer sind selten begnadete Sänger. Obwohl Köbi vor der EM Notenblätter an die Nati verteilt hat, singt nicht mal die Hälfte unserer Spieler bei der Nationalhymne mit. Doch warum bewegt bei den Spaniern kein einziger die Lippen?
Dies hat einen einfachen Grund: Es gibt keinen Text, den die Spanier singen könnten. Zwar hat das nationale olympische Komitee zusammen mit dem spanischen Autorenverband im letzten Jahr einen Wettbewerb ausgeschrieben, um der über 250 Jahre alten Nationalhymne „Marcha Real“ endlich eine offizielle patriotische Botschaft auf den Leib zu schneidern. Doch obwohl sich eine Jury bereits für den lyrischen Erguss des 52-jährigen Langzeitarbeitslosen Paulino Cubero aus Madrid entschieden hatte, blieb die Aktion ohne Erfolg: Das olympische Komitee hat den Vorschlag zurückgezogen, weil der Text weder beim Volk noch beim Staat Anklang fand.
Überhaupt ecken Texte von Nationalhymnen gerne an. Schliesslich sollen sie der gegenwärtigen nationalen Identität Ausdruck verleihen, obwohl sie untrennbar mit der Vergangenheit der Nation verbunden sind. Das Deutschlandlied kann davon ein Liedchen singen, doch auch andernorts gibt es immer wieder Kontroversen über die politische Korrektheit der Nationalhymne. Wird die Divergenz zwischen Gegenwart und Geschichte zu gross, ist ein Update der Hymne unumgänglich. So haben politische Turbulenzen immer wieder für neue Nationalhymnen gesorgt.
Der Schweizer Psalm dagegen ist seit 1841 unverändert geblieben. Unsere Hymne ist eine der wenigen mit sakralem Charakter, weshalb sie sich auch in den nationalen Gebetsbüchern findet. Zwar ist Gott in fast jeder Hymne ein Thema, doch seine Rolle beschränkt sich in der Regel darauf die Staatsoberhäupter und Kriegshelden der Nation zu schützen. Statt morgenrot wie die unsrige, sind die Texte der meisten Hymnen blutrot. Barbarisches Gemetzel im Namen des Vaterlandes ist gang und gäbe, von Fairplay kann nicht die Rede sein. Die prototypische Hymne der Franzosen hat es vorgemacht: „Zu den Waffen, Bürger! Schließt die Reihen! Marschiert, marschiert!“, heisst es in der Marseillaise. Doch dass Nationalhymnen Schlachtrufen gleichen, passt ja eigentlich ganz gut – denn wie sagt der Volksmund doch so schön: Sport ist Mord.
Passend zu den kriegerischen Texten orientieren sich die meisten Nationalhymnen an militärischen Märschen. Auch hier ist die chorale Schweizerhymne eine Ausnahme, erst recht wenn sie von Fabienne Louves als Soulversion interpretiert wird. Doch Originalität war bei Nationalhymnen nie ein Kriterium, viele sind nämlich einfach nur geklaut: Die Melodie der Nationalhymne Lichtensteins ist identisch mit der von Grossbritannien, die Deutschen haben ihre Hymne der österreichischen Kaiserhymne abgekupfert und Estland hat die Melodie der finnischen Hymne übernommen.
In den letzten Jahren ist die Konkurrenz durch informelle Hymnen aus dem Pop-Kontext immer grösser geworden. Doch obwohl die Nationalhymnen im heutigen globalen (Fifa-)Dorf vielleicht etwas überholt wirken und Sepp Blatter auch schon darüber nachgedacht hat die Nationalhymnen abzuschaffen, sind sie wohl nicht totzukriegen. Das Hymnen-Ritual gehört zum Fussball wie die Kreuzbänder, denn irgendwas muss während der Aufstellung der Mannschaften ja laufen. Einfach nur so dastehen wäre ja auch doof. Den Spaniern bleibt jedoch nach wie vor nichts anderes übrig.
> Fragen an Dr. Pop, den Briefkastenonkel von 78s, an: dr.pop(ät)78s.ch
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