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Tragödie wegen Tinnitus
Für einen Engländer wurde die Leidenschaft für Live-Konzerte zum Verhängnis. Sie zerstörte erst sein Gehör, später sogar sein Leben. Seine Witwe setzt sich nun für Tinnitus-Leidende ein.
Es war Liebe auf den ersten Blick, als sich Linda und Glen 1998 in einem Pub in London trafen. Der blonde Mann mit den blauen Augen gefiel der Brünetten nicht nur äusserlich, sie mochte vor allem seinen Humor und seine Art, das Leben zu gestalten. «Als er Anfang 40 war, musste er als Feuerwehrmann wegen einer Knieverletzung aufhören», erzählt Linda. «Er hätte nie mehr arbeiten müssen, da er eine Rente erhielt. Doch er liess sich konstant weiterbilden und fand immer wieder neue Jobs, die ihn erfüllten.»
Nicht nur bei der Arbeit war der Brite zufrieden. Er liebte Live-Konzerte in Pubs, eine Leidenschaft, die er mit Linda teilte. Als sie 2011 zu einem solchen gingen, nahm eine unvorstellbare Tragödie ihren Lauf: Die Musik in der Bar war lauter als gewohnt, das Paar verliess das Konzert vorzeitig. Das Sausen im Ohr, das viele von solchen Veranstaltungen kennen, war bei Glen am nächsten Morgen noch da, wurde sogar stärker und entwickelte sich zu einem konstanten Ringen und Summen.
«Glen fühlte sich so schlecht, dass er sich bei der Arbeit krankschreiben liess. Es wurde immer schlimmer.» Linda brachte ihn in eine Notfallklinik. Der Arzt diagnostizierte einen Tinnitus, der in ein paar Tagen verschwinden würde. Doch dies geschah nicht. Zum Tinnitus kamen Symptome, die sich für Glen anfühlten, als wäre sein Kopf voller fliegender Insekten. Er litt an chronischer Schlaflosigkeit. «Irgendwann sagte er zu mir: ‹Wenn das mein Leben sein soll, werde ich es beenden.›»
Zu dieser Zeit schliefen die beiden bereits in getrennten Zimmern, da Glen Linda durch sein Herumwälzen nicht wecken wollte. Als sie ihm eines Morgens Kaffee ans Bett brachte, fand sie ihn halb bewusstlos. Eine leere Pillendose lag neben ihm. Die Ärzte konnten ihn nur knapp retten. «Als er wieder ansprechbar war, sagte er zu mir: ‹Warum hast du mich nicht sterben lassen?›», erinnert sich Linda.
Es folgte eine Odyssee von Arzt zu Arzt, von einer Therapie zur nächsten. Nichts half. Die Mediziner rieten Glen, einen möglichst normalen Tagesablauf einzuhalten und wieder arbeiten zu gehen. «Sobald es im Büro aber zu laut wurde, musste er nach Hause. Er verkroch sich mehr und mehr daheim, wurde immer ängstlicher und depressiver.»
Als ihr Mann von einem Wochenende erzählte, das er mit Freunden verbringen wollte, wurde sie zwar hellhörig, sagte jedoch nichts – in der Hoffnung, dass Glen tatsächlich versuchte, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. «Doch als ich am Montag von der Arbeit kam, stand die Polizei vor unserer Tür. Ich wusste bereits, warum.» Glen hatte in einem Hotelzimmer Suizid begangen – mit 53. «Er wollte nicht sterben, er wollte nur der Tinnitus-Hölle entkommen», schluchzt Linda.
Seit seinem Tod arbeitet die 48-Jährige in einer Wohltätigkeitsorganisation für Menschen mit Hörproblemen. «Wir kämpfen für mehr Aufmerksamkeit, auch von Ärzten und Wissenschaftlern, für das heute noch viel zu wenig erforschte Symptom, das unzählige Ursachen haben kann.» Tinnitus betrifft jeden zehnten Europäer, von denen wiederum jeder zehnte Symptome hat, die ein normales Leben verunmöglichen. Wie bei Glen.