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Die Kunst des Übersetzens und Dolmetschens — auch in der digitalen Welt
Patrick Lehner verfügt über 30 Jahre Erfahrung in leitender Position in verschiedenen Branchen und kommt ursprünglich aus der Unternehmenswelt. 1981 schliesst er einen Master of Science in Business Administration ab. Seit 1991 arbeitet Patrick selbständig als Übersetzer und seit 16 Jahren auch als Dolmetscher. Patrick Lehner kann einen Doktortitel in Human Resources Management und Soziale Beziehungen vorweisen und hat sowohl für Menschen wie auch für die Sprache ein feines Gespür. Übersetzen bedeutet für ihn nicht primär die Verteidigung des genauen Wortschatzes des Originals, sondern vor allem das sinngemässe Kommunizieren in der Sprache und Kultur des Gegenübers.
Patrick Lehner, welches sind für dich die markantesten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte bei der Übersetzertätigkeit?
PL: Anfang der 80er-Jahre und davor war der Beruf des Übersetzers eine etwas abgeschottete Tätigkeit innerhalb der Unternehmungen. Die meisten Übersetzer waren direkt bei Firmen angestellt und übersetzten Texte, die intern erstellt wurden. Die Ausbildung zum Übersetzer erfolgte zu einem grossen Teil an Privatschulen.
Ab Mitte der 80er-Jahre wurden die ersten Übersetzungsagenturen gegründet, und Übersetzer konnten als Freelancer für verschiedene Auftraggeber arbeiten. Der Beruf des Übersetzers wurde dann auch an Universitäten und Fachhochschulen gelehrt. Die Aufträge der Firmen wurden vermehrt an Übersetzungsagenturen vergeben, da sich die Firmen selbst auf ihre Kernkompetenzen konzentrierten und begannen, Aufgaben, die nicht direkt mit ihrem Geschäft zu tun hatten, auszulagern. Die Übersetzer wurden immer mehr zu Kommunikationsspezialisten und mussten sich fortan mit Texten aus verschiedenen Branchen auseinandersetzen. Dies ermöglichte auch einen Quereinstieg in das Berufsfeld. Nebst den weiterhin notwendigen sprachlichen Fähigkeiten, die das Grundgerüst für eine gute Übersetzung bilden, mussten Übersetzer sich nun auch Fachkenntnisse über eine bestimmte Branche aneignen, um eine sprachlich und fachlich korrekte Übersetzung zu erstellen.
Seit den 2000er-Jahren – vor allem in den letzten 10 Jahren – war die Arbeitsweise der meisten Übersetzer einem starken Wandel unterworfen. Der Einsatz von sogenannten Translation Memorys (Übersetzungsspeicher) und seit relativ kurzer Zeit auch die für bestimmte Textarten (wie z. B. Bedienungsanleitungen) zum Einsatz kommende Machine Translation haben den Berufsalltag stark verändert. Der Übersetzer arbeitet heute mehr denn je mit den verschiedenen technischen Hilfsmitteln.
Inwiefern verändern die technischen Fortschritte deine Arbeitsweise?
PL: In den 90er-Jahren wurden die Schreibmaschinen durch Computer abgelöst. Anhand von Disketten wurden die Texte nun eingelesen, was eine Erleichterung war, trotz der gelegentlichen Unlesbarkeit von Disketten und deren verspätete Zustellung. Ausserdem gab es Kompatibilitätsprobleme zwischen PC und Mac.
In den 2000er-Jahren begann die Anwendung von Translation Memorys. Diese Übersetzungsspeicher helfen u. a., mehr Volumen zu verarbeiten (bereits früher übersetzte Passagen werden angezeigt) und unterstützen die einheitliche Verwendung der Terminologie. Zudem waren ab dann auch Online-Wörterbücher und verschiedenste öffentliche Datenbanken zugänglich, was die Recherche für den Übersetzer vereinfachte.
Um das Jahr 2010 begannen die ersten Versuche mit maschineller Übersetzung. Die zu übersetzenden Texte wurden aufgeteilt in Bereiche, die sehr schnell verfügbar sein mussten, kurzlebig waren und somit auch mit einem tiefen Qualitätsanspruch auskommen (z. B. interne Mitteilungen, Social-Media-Posts usw.). Bei solchen Dokumenten ist es wichtig, den Inhalt zu verstehen. Ausgefeilter Stil, gute Lesbarkeit, werberische Wirkung, aber bis zu einem gewissen Grad auch Genauigkeit haben hier nicht oberste Priorität. Es geht darum, die Übersetzung schnell zu haben. Daneben gibt es jedoch viele Dokumenttypen, die langlebig sind und bei denen sprachliche Finesse sehr wichtig ist. Dies können z. B. technische Dokumentationen für bestehende und potenzielle Kunden sein oder auch so wichtige Dokumente wie Jahresberichte, Verträge, Beipackzettel, Gerichtsurteile usw. Für all diese Dokumente ist der Einsatz eines „Human-Übersetzers“ mit seinen fundierten Kenntnissen und dem Verständnis der Branche und der Kultur unerlässlich.
Wie siehst du die Zukunft deines Berufes?
PL: Der Qualitätsanspruch hat leider häufig an Bedeutung verloren. Gewisse Kunden nehmen Fehler in Kauf, und Texte dürfen – z. B. aufgrund technischer Vorgaben – nur noch eine gewisse Länge aufweisen. Dadurch können Informationen verloren gehen. Autoren, vor allem der jüngeren Generation, verfassen Texte, die teils orthographisch, stilistisch, aber auch idiomatisch, nicht korrekt sind. Beim Verfassen muss es schnell gehen und natürlich wird dann auch eine schnelle und preisgünstige Übersetzung erwartet.
Manch einer glaubt, dass eine Wort-für-Wort-Übersetzung durch einen Bekannten, der die Zielsprache spricht, genügt. Um die Reputation eines Unternehmens nicht zu schädigen und um gravierende Fehler und Missverständnisse zu vermeiden, die für ein Unternehmen katastrophale Folgen haben können, ist es nach wie vor wichtig, dass Übersetzer eingesetzt werden, die über die nötigen Fachkenntnisse und die Ausbildung verfügen, um die Informationen korrekt zu übersetzen und stets auch den Ausgangstext zu hinterfragen.
Trotz technologischem Forstschritt bin ich überzeugt, dass Übersetzer eine Zukunft haben. Sie werden wohl künftig eine breitere Palette an Arbeiten ausführen, d. h. die Technologie noch stärker ergänzen, um sicherzustellen, dass auch Nuancen korrekt interpretiert werden, was eine Maschine nicht kann. Zudem wird sowohl der Übersetzer wie auch der Kunde dem Thema Datensicherheit mehr Beachtung schenken müssen.
Worin bestehen die Unterschiede zwischen Übersetzen und Dolmetschen?
PL: Wie beim Übersetzen geht es auch beim Dolmetschen um die korrekte und neutrale Übermittlung eines Sachverhalts von einer Sprache in eine andere. Der grosse Unterschied beim Dolmetschen ist jedoch, dass ich live dabei bin! Es bleibt mir keine Zeit, um lange zu überlegen oder um zu recherchieren. Die Verdolmetschung muss sofort erfolgen und sie kann nicht korrigiert werden. Ich muss stets zu 100% konzentriert sein. Ausserdem sprechen die Leute anders, als sie schreiben. Die Art und Weise, wie sie sich ausdrücken, ihr Akzent und die Tatsache, dass sie oft selbst nicht genau wissen, wie sie etwas sagen werden, sind stets grosse Herausforderungen. Der Dolmetscher muss improvisieren und auf die Reaktion des Publikums eingehen können. Als Dolmetscher muss man auch erahnen können, was gesagt wird, welche Logik dahinter stecken könnte. Da der mündliche Ausdruck stark mit Emotionen verbunden ist, muss der Dolmetscher diese sofort aufgreifen, mit und für den Redner denken und den Sinn erfassen können. Sprachen sind sehr subtil; gerade in der deutschen Sprache muss das Ende des Satzes abgewartet werden, um den Sinn wirklich zu verstehen. All das kommt beim Dolmetschen zusammen. Eine Maschine kann das nicht. Im Bereich des Dolmetschens ist der „Human-Dolmetscher“ derzeit unersetzbar.
Was hat sich im Bereich des Dolmetschens mit der Digitalisierung verändert?
PL: Die Übertragungstechnik bringt ganz neue Möglichkeiten mit sich. Man kann dolmetschen, ohne vor Ort zu sein. Aus Kostengründen haben z. B. die Polizei und die Rechtsbehörden in Technik investiert, damit die Dolmetscher nicht mehr zur Verhandlung oder zum Verhör anreisen müssen. Voraussetzung für das Remote-Dolmetschen ist eine gute technische Ausrüstung vor Ort (Kabel-Internet oder gute 4G-Abdeckung). Eine leistungsfähige Kamera und gute Tonübertragung ermöglichen es dem Dolmetscher, auch die Gesichtsausdrücke und Bewegungen der Beteiligten klar zu erkennen. Die App, wie sie von Syntax eingesetzt wird, lässt mich als Dolmetscher von zu Hause aus arbeiten. Damit fallen für den Kunden weniger (Transport-)Kosten an. Zudem reduzieren wir beim Remote-Dolmetschen i.d.R. die CO2-Emissionen, die bei einem traditionellen Einsatz (Dolmetscher vor Ort) anfallen, um mehr als 80%. Aber auch hier gilt für mich, wie beim Vor-Ort-Einsatz: 100%-ige Konzentration ist ein Muss! Die Investitionen für den Dolmetscher selbst sind moderat. Er muss bei sich zu Hause – analog zur Kabine beim Vor-Ort-Einsatz – ein entsprechendes Arbeitsumfeld mit einer schnellen Internetverbindung, einem guten Mikrofon, einem Headset und einem grossen Bildschirm einrichten.