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Kuba und die USA haben mit der Freilassung von Gefangenen die ersten Schritte hin zu einer diplomatischen Annäherung getan. watson sprach mit Markus Kuster, dem ehemaligen Präsidenten der Jungen SVP Schweiz und Gründer eines Kinderhilfswerks in Kuba.
watson: Herr Kuster, nach 55 Jahren Eiszeit wurde vor einigen Tagen Historisches
erreicht: Die Annäherung zwischen den USA und Kuba. Haben Sie eine Zigarre
angezündet?
Markus Kuster: Nein, ich bin zurzeit in der Schweiz und das Rauchen in der Kälte ist nicht so angenehm.
Haben Sie Reaktionen aus Kuba?
Ja, viele Mitarbeitende haben mir geschrieben, vor allem jüngere Personen. Sie freuen sich sehr. Man spürt eine gewisse Hoffnung.
Welche Auswirkungen hat die Aufweichung des Embargos für die kubanische
Gesellschaft, für das Land?
Grundsätzlich wird es sicherlich einen Fortschritt geben, da sich die wirtschaftlichen Perspektiven verbessern. Aber der Fortschritt wird wohl nicht alle erreichen. Stellen sie sich einen Kuchen vor, der ungleich verteilt wird: Die einen erhalten mehr, die anderen weniger. Die soziale Schere könnte – wie es typisch ist für viele westliche Gesellschaften –mittelfristig auch in Kuba auseinandergehen.
Ist das nicht zynisch? Sie sagen, es sei besser, wenn es allen auf einem tiefen
Niveau ähnlich schlecht geht, als wenn ein Gutteil der Bevölkerung von
Verbesserungen profitiert, und das Risiko bestehe, dass einige im Vergleich zum
Grossteil schlechter gestellt werden?
Das habe nicht gesagt. Fortschritt, auch wirtschaftlichen, wünsche ich allen Kubanern. Aber wie gesagt, die Geschichte hat gezeigt, dass Wohlstand leider nicht alle erreicht. Deswegen bin ich nicht negativ gegen die Aufhebung des Embargos eingestellt – im Gegenteil. Es ist aber auch wichtig, nicht nur in Euphorie zu verfallen, sondern auch mögliche Nachteile für eine gewisse Bevölkerungsgruppe zu analysieren.
Ist der Wille der kubanischen Regierung da, weitere Veränderungen
voranzutreiben?
Zweifellos. Die kubanische Regierung hat mit den wirtschaftlichen Reformen in den letzten Jahren unter Beweis gestellt, dass sie willens ist, die Situation zu verbessern. Gleichzeitig dürfen diese Reformen nicht zu abrupt eingeführt werden, ansonsten droht Kuba im Chaos zu versinken.
Der «Guardian» schrieb, Kuba würden sich angesichts der politischen und
wirtschaftlichen Entspannung zwei Möglichkeiten bieten: Entweder gehe es den Weg,
den die osteuropäischen Staaten nach 1989 gegangen sind, und implementiere
mittelfristig ein kapitalistisches System sozialdemokratischen Zuschnitts. Oder
aber es gehe den Weg, den China wählte, und entwickle sich zu einem politisch
abgeschotteten System mit wirtschaftlichen Freiheiten, das sich an seine
sozialistische Vergangenheit klammert.
Ich bin überzeugt, dass Kuba einen dritten Weg gehen kann: ein starkes soziales Netz, aber zugleich grosse wirtschaftliche Freiheiten. Kuba hat das Potential, zu einem Vorzeigeland für ganz Lateinamerika zu werden.
Und die politischen Freiheiten?
Da muss man schauen. Ich denke, zu grosse politische Freiheiten sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht realistisch und haben auch nicht Priorität. Zuerst müssen wirtschaftliche Reformen implementiert, die Infrastruktur verbessert und vor allem die Löhne erhöht werden. Dies kann auch das heutige Politsystem, wenn es möchte.
Sehnen sich die Menschen in Kuba nicht danach, in der Politik mitzubestimmen,
Freiheiten wie Reisefreiheit und Bewegungsfreiheit zu erhalten?
Also, erstens muss man sagen, dass die kubanische Regierung in den letzten zwei Jahren die Reisefreiheiten stark gefördert hat. Kubaner können heute praktisch genau gleich frei reisen wie Westeuropäer.
Aber natürlich gibt es auch Themen wie die demokratische Mitbestimmung, die für einige Kubaner noch nicht zufriedenstellend sind.
Was heisst das genau? Wie steht es um die demokratischen Rechte?
Die Menschen können heute offener ihre Meinung äussern und auch einbringen. In dieser Hinsicht hat sich viel verändert. Aber ich kann verstehen, wenn junge, gut ausgebildete Leute heute sagen: «Ich bin nicht zufrieden mit dem System, vor allem nicht mit den Zukunftsperspektiven im Berufsleben.» Aber schlussendlich ist für viele junge Kubaner nicht das politische Kuba ein Problem, sondern vielmehr das wirtschaftliche. Auch das weiss die Regierung und wird in Zukunft – was die Löhne betrifft – ebenfalls Lösungen finden.
Also keine Demokratie für Kuba?
Man muss einfach akzeptieren, dass Kuba momentan weit von einer Demokratie entfernt ist. Gleichzeitig gibt es Entwicklungen, die in diese Richtung deuten. Wie gesagt, die politische Diskussion ist offener, und nicht mehr von Angst begleitet.
Wo sehen Sie Kuba und Camagüey in zehn Jahren?
Wenn es so weiter geht wie in den letzten fünf Jahren, dann wird es bestimmt weniger Kritiker geben als heute.