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Anhand von Satteldruckmessungen mit Videosynchronisierung lässt sich erkennen, welche Bewegung des Pferdes und/oder des Reiters bzw. der Reiterin welchen Druck auslöst. So können der Einfluss des Sattels auf den Rücken der Pferde in der Arbeit und die Bedeutung der Art, wie geritten wird - d.h. der Einfluss des Reiters bzw. der Reiterin -, objektiv dargestellt werden.
Damit der Pferderücken durch das Reitergewicht nur minimal belastet wird, muss der Sattel möglichst gleichmässig, d.h. flach sowie mittig bezüglich der Wirbelsäulenachse, aufliegen. Darüber hinaus wird die Verteilung des Satteldrucks jedoch noch durch viele Faktoren mehr beeinflusst. Dazu gehören natürlich der Sattel selbst, seine Passform, seine Tragefläche; die Reiterin bzw. der Reiter, ihre/seine Fitness, ihr/sein Gleichgewicht; das Pferd, sein Gebäude, seine Fitness, sein Gleichgewicht; die Kräfte, die durch die Dynamik der Bewegung entstehen - ein weit unterschätzter Faktor.
Komplexe Wechselwirkungen
Liegt der Sattel nicht in der Balance, verursacht er bei jedem Schritt und Tritt einen wiederkehrenden Überdruck an immer derselben Stelle des Pferderückens. Dies führt beim Pferd schliesslich zu Verhärtungen und insbesondere zu Veränderungen in der Körperhaltung, um diesem Druck auszuweichen, und dadurch wiederum mittelfristig zu Schwierigkeiten, sich optimal fortzubewegen.
Ein Sattel, der den Druck im hinteren Bereich des Sattels konzentriert, hat zur Folge, dass das Pferd den Rücken wegdrückt: Liegt der Druckpunkt auf einer Seite der Wirbelsäule, wird der Rücken seitlich schräg; liegt der Druckpunkt auf dem Widerrist, wird der Rumpf zwischen den Schultern absinken, wodurch es zu der berühmt-berüchtigten Kuhlenbildung hinter den Schultern kommt.
Die Satteldruckmessung ist eine komplexe Angelegenheit, denn sie bildet dreidimensionale Bewegungen ab. Wenn man diese Bewegungen in zwei Hauptachsen zerlegt, wird es einfacher, die Verteilung der Druckpunkte zu verstehen: die eine Achse verläuft vom Vorderzwiesel zum Hinterzwiesel des Sattels und steht im Zusammenhang mit dem horizontalen Gleichgewicht des Pferdes, die andere Achse verläuft vom linken zum rechten Sattelkissen und steht im Zusammenhang mit dem lateralen Gleichgewicht des Pferdes. Jedes Ungleichgewicht in diesen Achsen wird bei der Satteldruckmessung sichtbar und übt insbesondere bei jedem Schritt und Tritt wiederholten Druck aus. Dieser Druck entsteht auch bei einem passenden Sattel, denn er wird durch das Ungleichgewicht des Pferdes und/oder der Reiterin bzw. des Reiters verursacht.
Das horizontale Gleichgewicht
Als horizontales Gleichgewicht wird das Gleichgewicht zwischen der Vorhand und der Hinterhand bezeichnet. Es ist das Ziel der Reitpferde-Basisausbildung, jene Muskeln aufzubauen, die das Pferd braucht, um das Reitergewicht in ausbalancierter Selbsthaltung tragen zu können. Wenn die Trittlängen (im Trab) synchron sind, ist der Pferderücken horizontal und für die Reiterin bzw. den Reiter sehr angenehm zu sitzen. Bei der Reiterin bzw. dem Reiter äussert sich diese Gleichgewichtsachse im Vor- und Zurückschaukeln des Beckens. [Abb. 1]
Diese «Bewegungskreise» können sich je nach Anforderung, die man an das Pferd stellt, nach oben und nach unten bewegen. Führt man sich in diesem Zusammenhang vor Augen, welche Auswirkungen Geschwindigkeit und Zügelzug auf das horizontale Gleichgewicht haben, wird offensichtlich, dass zu viel Schub von hinten bei gleichzeitigem Abbremsen vorne die Kruppe eher höher kommen lässt. Wird das Pferd dauerhaft so gearbeitet, werden sich jene Muskeln ausbilden, die durch diese Körperhaltung aktiviert werden - Muskeln, die für die langfristige Gesunderhaltung des Pferdes nicht förderlich sind. [Abb. 2]
Abb. 2: Das junge Pferd ist grundsätzlich im Gleichgewicht (Bild links). Wenn ein Reiter auf seinem vorderen Rücken Platz nimmt (Bild Mitte), wird dessen Gewicht den vorderen Rumpfbereich des Pferdes zwischen den Schultern nach unten drücken. Das Pferd braucht nun die Muskeln, die den Rumpf zurückhalten (dunkelgrüne Muskeln), damit der Rücken sich nicht absenkt. Werden die aktiven Muskeln (blau) nicht spezifisch trainiert, werden die dunkelgrünen Muskeln, die den Rumpf zurückhalten, gestärkt und das Ungleichgewicht im Pferdekörper wird noch ausgeprägter. Dabei gilt zu beachten, dass wenn die Muskeln, welche die Wirbelsäule halten, nicht kräftig genug sind, der Rücken schliesslich vorne UND hinten absinken wird. Damit das Pferd unter dem Reiter ins Gleichgewicht kommt (Bild rechts), müssen die blauen Muskeln ausgebildet werden, d.h. jene Muskeln, die den Brustkorb zwischen den Schultern anheben (Anheben des Widerrists), und jene, die für die Tragkraft der Hinterhand verantwortlich sind. Es müssen also alle Muskeln, die den Reiter tragen, gleichzeitig trainiert werden. (Foto: Simone Ravenel Kohler)
Merkmale des Pferdes im horizontalen Gleichgewicht
Befindet sich ein Pferd im horizontalen Gleichgewicht, ist die Trittlänge der Vorder- und der Hinterbeine gleich gross (blau) und der Hals ist nach oben gewölbt (gelb), was bedeutet, dass der Widerrist und der gesamte Rumpf über den Schultergürtel und durch die tätige Hinterhand aktiv angehoben werden. Die jeweils diagonalen Hufe fussen gleichzeitig ab und wieder auf. Die Stossdämpfung und die Schubkraft des Pferdekörpers ist gleichmässig auf die Vorder- und die Hinterbeine verteilt. Das Dreieck, das die Pferdebeine unter dem Körper bilden (rot), ist ausgewogen. [Abb. 3]
Merkmale des Pferdes im horizontalen Ungleichgewicht
Ein unausbalanciertes Pferd auf der Vorhand macht den allgemeinen Eindruck, dass die Kruppe hoch und der Widerrist tief ist (grün). Die Trittlänge ist vorne grösser als hinten (blau). Der Unterhals (gelb) erscheint aufgedunsen, ein Zeichen dafür, dass der Widerrist und der Rumpf nur durch passive Muskeln gehalten werden. Der Rücken ist hinten weggedrückt, ein Zeichen von fehlender Tragkraft der Hinterhand (grün). Der Vorderhuf des am Boden befindlichen Beinpaars fusst zuletzt ab, und in der darauffolgenden Trabphase fusst der Vorderhuf des anderen diagonalen Beinpaars zuerst auf. Das rote Dreieck, das die Pferdebeine unter dem Körper bilden, ist nach vorne gekippt. [Abb. 4]
Es gibt also Phasen, in denen das gesamte Gewicht des Pferdes auf einem Vorderbein lastet. Dieses befindet sich meist weit hinten unter dem Pferd, wodurch enormer Druck auf das Strahlbein und die Fesselträger entsteht und nicht zuletzt die Winkelung des Hufbeins ungünstig beeinflusst wird.
Nicht selten sieht man bei solchen Pferden, dass deren Reiter hinter die Senkrechte liegen – ein Reflex, um die «Rutschbahn-Haltung» des Pferderückens zu kompensieren. Der Satteldruck ist im vorderen Bereich der Sattelkissen bzw. hinter den Schultern am höchsten, denn der Sattel wird unausweichlich nach vorne rutschen.
Trainingsansätze zur Verbesserung des horizontalen Gleichgewichts
Ein Schlüsselelement des horizontalen Gleichgewichts ist das Tempo. Wird das Pferd allzu sehr vorwärts geschickt und verfügt es noch nicht über die nötige Muskulatur, um seinen Rumpf zwischen seinen Schultern anzuheben, verschiebt sich sein Schwerpunkt nach vorne. Ein aktives und ausbalanciertes Pferd ist hingegen auch im Gleichgewicht, wenn es kurze und langsame Tritte macht: Solange die Trittlänge vorne und hinten gleich gross und die diagonalen Hufpaare gleichzeitig auf- und abfussen, ist die Welt in Ordnung! Unter dieser Voraussetzung kann das Pferd die für die Erhaltung des horizontalen Gleichgewichts unter dem Reiter erforderliche Muskulatur aufbauen. Das richtige Arbeitstempo ergibt sich daraus, dass die Reiterin bzw. der Reiter das Tempo auf ein Minimum reduziert und dann alle Hilfen aussetzt. Das richtige Tempo ist jenes, das das Pferd ohne Zutun des Reiters beibehalten kann.
Das laterale Gleichgewicht
Als laterales Gleichgewicht wird das Gleichgewicht zwischen der linken und der rechten Körperseite des Pferdes bezeichnet. Als Reiterin bzw. Reiter nimmt man dieses Gleichgewicht in der Druckverteilung zwischen dem linken und dem rechten Sitzbeinhöcker wahr, es verursacht eine seitliche Neigebewegung unserer Lendenwirbelsäule. Der Brustkorb des Pferdes rotiert bei jedem Tritt nach links und rechts und befindet sich von vorne betrachtet dann in der Senkrechten, wenn sich eines der Vorderbeine in der Bewegungsphase genau senkrecht unter dem Körper befindet. Je länger sich das Vorderbein unter dem Körper befindet, desto stärker rotiert der Brustkorb. Dieses Bewegungsmuster ist normal. Das junge Pferd muss die stabilisierenden Muskeln erst aufbauen, um diese Bewegungen auf ein Minimum reduzieren zu können.
Ist das Pferd asymmetrisch (z. B. Lateralität, d.h. Rechts- und Linkshändigkeit bzw. rechts oder links hohl), wird die Reiterin bzw. der Reiter dieses Ungleichgewicht durch seine Position noch verstärken, wodurch der Sattel seitlich verrutschen kann. Rutscht der Sattel beispielsweise nach links, entsteht ein Überdruck auf der rechten Seite des Widerrists, der sich bei jedem Tritt wiederholt und mit steigendem Tempo immer stärker wird. Dadurch ergibt sich ein Teufelskreis: Das Pferd wird versuchen, dem Druck mit einer Rechtsbiegung auszuweichen, wodurch der Sattel weiter nach links rutscht und den Druck auf der rechten Widerristseite weiter erhöht.
Hinzu kommt, dass die Rotation der Hinterhand jener der Vorhand entgegengesetzt ist, was unter dem Sattel Schwellungen und Scheuerstellen verursachen kann.
Weitere Einflussfaktoren des lateralen Ungleichgewichts
Die Reiterin bzw. der Reiter hat grossen Einfluss auf das laterale Gleichgewicht des Pferdes und des Sattels. Ist der Mensch selbst nicht in der Balance, kann es zu stärkerem Druck auf der einen oder anderen Körperseite kommen.
Auch wenn das Pferd Schmerzen hat, kann dies zu einem Ungleichgewicht führen. Es sollte immer ein Tierarzt beigezogen werden, wenn ein Sattel immer zur gleichen Seite rutscht, die Sattlerin bzw. der Sattler eine mangelnde Passform jedoch ausgeschlossen hat und auch ein anderer Sattel zur gleichen Seite hin rutscht.
Auf der Volte kommt ein weiteres Problem hinzu: die Zentrifugalkraft. Sie zieht die Reiterin bzw. den Reiter sowie den Sattel nach aussen. Bei Pferden, die bereits auf gerader Linie asymmetrisch sind, wird die Volte den Überdruck an der Wirbelsäule noch verstärken. Die Druckstärken am Widerrist können dabei noch höher ausfallen als jene, die beim Aufsteigen vom Boden aus entstehen, und werden zudem bei jedem Tritt wiederholt.
Merkmale des Pferdes im lateralen Ungleichgewicht
Wenn man beobachtet, dass der Sattel immer zur gleichen Seite rutscht und die Schweissbilder auf dem Rücken bezüglich der rechten und der linken Seite nicht identisch bzw. nicht zentriert sind, kann dies ein Hinweis auf ein laterales Ungleichgewicht sein. Dasselbe gilt bei asymmetrischen Dreckflecken auf der Unterseite der Schabracke nach dem Training oder bei einseitig weissen Haaren in der Sattellage.
Weitere Anzeichen sind nicht zentrierte Abdrücke der Sitzbeinhöcker auf der Sitzfläche des Sattels oder einseitige Schmerzen im Lendenbereich der Reiterin bzw. des Reiters nach dem Reiten.
Diese Merkmale erklären nicht den Ursprung des Problems, sind aber interessante Hinweise, die man im Laufe der geraderichtenden Arbeit im Auge behalten sollte. [Abb. 5]
Abb. 5: Gleiche Bewegungsphase, gleiche Reiterin, gleicher Sattel; einmal auf rechte Hand, einmal auf linke Hand: Ist das Pferd asymmetrisch, verstärkt sich das Ungleichgewicht auf der Volte und somit der Satteldruck auf die eine Hand.
Trainingsansätze zur Verbesserung des lateralen Gleichgewichts
Der Schlüssel des Trainings zur Verbesserung des lateralen Gleichgewichts liegt in den Bewegungen des Brustkorbes von links nach rechts. Der Kopf dient dem Pferd als Gegengewicht, weshalb es ihn jeweils in die der Rotation des Brustkorbs entgegengesetzte Richtung hält. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die stabilisierenden Muskeln des Pferdes zu stärken. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es eindeutig kontraproduktiv ist, den Kopf des Pferdes mittels Zügelzug wieder ins Lot zu stellen - dies würde das Ungleichgewicht vielmehr verstärken.
Da die Reiterin bzw. der Reiter selbst oft eine Ursache des Ungleichgewichts des Pferdes ist, kann auch sie bzw. er einen Ausgleichssport betreiben, der die Balance und Kraft fördert (z. B. Crossfit) oder die Körperhaltung verbessert (z. B. Yoga oder Pilates).
Der Einfluss des Reiters
Im Zusammenhang mit Satteldruckmessungen ist es wichtig zu verstehen, dass die Reiterin bzw. der Reiter seinen Körper nutzen kann, um den Pferderücken zu entlasten. Das Reitergewicht an sich ändert sich dabei natürlich nicht - das ist eine physikalische Grösse. Aber die Kräfte, die auf den Pferderücken einwirken, sind unter anderem abhängig von der Fortbewegungsgeschwindigkeit. Je schneller die Gangart, desto grösser die Kräfte: im Trab das Doppelte bis Dreifache des Reitergewichts, im Galopp noch mehr …
Die Reiterin bzw. der Reiter kann diesen Druck reduzieren, indem er seine Beine, d. h. die Knie und die Oberschenkel, als Stossdämpfer einsetzt, wie wenn man eine Treppenstufe herunterspringt. Es lohnt sich also, möglichst oft im leichten Sitz zu reiten, um den Pferderücken zu entlasten - insbesondere bei jungen Pferden. Ganz allgemein kann das Pferd das Reitergewicht bei einem ausbalancierten, geschmeidigen Reitersitz mit einem mitschwingenden Becken und einer funktionellen Körperspannung einfacher tragen - eine Haltung, die eine gewisse Grundsportlichkeit der Reiterin bzw. des Reiters voraussetzt.
Oft werden schlecht sitzende Sättel als Ursache für die Rückenproblemen unserer Pferde genannt. Vom physikalischen Einfluss der Reiterin bzw. des Reiters wird hingegen kaum gesprochen: Aufgrund ihrer Position auf dem Pferderücken üben sie eine Hebelwirkung aus, die das Ungleichgewicht des Pferdes noch verstärkt. Ein Pferd mit einem ausgeprägten lateralen Ungleichgewicht erfordert von seiner Reiterin bzw. seinem Reiter einen hohen Kraftaufwand, um sich selbst stabilisieren zu können. Auch das eigene laterale Ungleichgewicht der Reiterin bzw. des Reiters kann sich in einem lateralen Ungleichgewicht des Pferdes äussern. Deshalb ist der stabile und ausbalancierte Reitersitz so immens wichtig. Wird ein ausbalanciertes Pferd von einer ausbalancierten Reiterin geritten, ergibt sich eine gleichmässige Verteilung des Satteldrucks. Dies ist sowohl für das Pferd als auch für die Reiterin sehr angenehm und die Grundvoraussetzung für ein harmonisches Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter.
Simone Ravenel Kohler