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Um es vorweg zu nehmen: Ich bin mit der Übersetzung des Titels nicht glücklich. Chinaski, der Protagonist dieses kurzen Romans, ist nur gerade im ersten des 6 Kapitel umfassenden Romans ein „Mann mit der Ledertasche“, also Briefzusteller (Briefträger) im Aussendienst. Das erste Kapitel, das sind, weil es das längste Kapitel ist, vielleicht 25% des Textes. Später arbeitet Chinaski im Innendienst, an der Sortiermaschine – im Postamt [Post Office] eben. Auch insinuiert der deutsche Titel, dass der Ich-Erzähler Chinaski der Mittelpunkt des Textes sei, während das Original ganz klar das Amt ins Zentrum stellt.
Nur wenige Schriftsteller können leben vom Ertrag dessen, was sie schreiben. Glücklich ist schon der, der sein Geld mit nicht allzu „artfremder“ Tätigkeit verdienen kann – als Übersetzer, Herausgeber, Publizist. Die meisten, ob sie nun Hochgebirgsliteratur verfassen oder nicht, müssen nebenher noch einer geregelten, „normalen“ Arbeit nachgehen. Von Lyrik zu leben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Bukowski kommt von der Lyrik her. Kein Wunder also, dass er seinen Lebensunterhalt „artfremd“ verdienen musste. Unter anderem arbeitete er so 3 Jahre als Briefzusteller und nach einem Unterbruch nochmals 11 Jahre als Briefsortierer. Der literarische Durchbruch gelang ihm erst 1971 mit dem vorliegenden Roman Post Office. Da war der 1920 geborene Bukowski schon über 50 Jahre alt.
Die Verführung, Charles Bukowski mit dem Protagonisten seines Romans, Henry Chinaski, eins zu setzen, ist gross. (Auch der Klappentext meiner Ausgabe kann ihr nicht widerstehen und spricht von „Henry Chinaski alias Charles Bukowski“ …) Das ist verständlich, weil Henry Chinaski offenbar nicht nur dasselbe Alter, dieselben Jobs über dieselbe Zeitdauer, sondern auch dieselben Affären bzw. Ehen mit denselben Frauen gehabt hat wie Charles Bukowski, ja sogar wie dieser mit der Frau, mit der er gerade zusammenlebte, ein Kind, ein Mädchen, gezeugt hat. Doch es ist gefährlich und in vorliegendem Fall halte ich es auch für falsch. Für falsch aus demselben Grund, aus dem ich die deutsche Übersetzung des Titels für falsch halte: Der Leser fokussiert so auf die Biografie des Protagonisten bzw. Autors. Chinaskis Sexualleben überstrahlt die Sozialkritik Bukowskis. Als Hinweis auf die Prioritäten Bukowskis sehe ich den Umstand, dass Bukowski „schon immer“ auch geschrieben hat, während das Schreiben seinen Helden Chinaski sehr unvermittelt zum Schluss dieses Romans packt: „Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich. Und dann schrieb ich ihn.“ So die beiden letzten Sätze.
Aber eigentlich steht das Amt im Zentrum des Romans. Das zeigt schon der Anfang des Werks, wo, statt der Widmung folgende Warnung steht: „Dies ist ein Roman. Er ist niemandem gewidmet.“ Dann folgt nicht etwa der Bericht Chinaskis, sondern – ein Brief der US-Postverwaltung Los Angeles an ihre Angestellten („Zur Kenntnisnahme“), betr. „BERUFSETHOS“. Und erst dann öffnet Kapitel 1. Und sehr rasch erfährt der Leser, wie wenig Chinaskis Alltag als Zusteller mit dem hehren Berufsethos des Rundschreibens zu tun hat. Das hohle Pathos des Amts („Die Post […] ist in vielen Fällen deren [der Bürger] direkteste Verbindung mit der Bundesregierung.“), der Patriotismus, der nur so aus den Zeilen trieft – all das wird satirisch ausgehebelt. Es ist ein geradezu kafkaesker Beginn. Während aber das Amt bei Kafka seine Unmenschlichkeit aus seiner Anonymität bezieht, hat die Unmenschlichkeit bei Bukowski durchaus Gesichter. Die Vorgesetzten sind Sadisten, die Gewerkschaftsvertreter bestenfalls schwach und hilflos. Sie können sich in ihrer Tätigkeit nur halten, weil die Chefs der Chefs ebenso unfähig sind oder auch nur unwillig, irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Die Bürokratie kommt in jedem Fall vor der Menschlichkeit. Wenn man bei einer Kontrolle plötzlich feststellt, dass im Postgebäude vor 100 Jahren 50% zu viele Wasserspender eingebaut wurden, lässt die Bürokratie keine Ruhe, bis diese 50% entfernt worden sind.
Chinaski ist teils Gefangener und Opfer dieses Systems, teils hebelt er dessen Gesetzmässigkeiten mit anarchischem Witz aus. Krank feiern wird systematisiert. Vorstrafen werden zugegeben, aber nicht alle. Wenn dann die Personalabteilung nachhakt, nicht etwa darauf bestehen, dass man alle angegeben habe (wegen dieser Lüge könnte man gefeuert werden!), sondern zugeben, dass man da wohl eine vergessen hat. Daneben ist Chinaski ein Säufer und Sex-Maniac. (Oder, wie er es darstellt, einer, der das Pech hat, immer wieder auf Frauen zu treffen mit ungeheurem sexuellen Appetit.) Er ist der typische Verlierer und weiss das auch. Selbst seine Glücksträhnen auf der Rennbahn halten nie lange an. Dabei würden sie ihm erlauben, ohne Job durchs Leben zu gehen. So aber bleibt er einer jener vielen, die auf der Schattenseite des „American Way of Life“ vegetieren. Chinaski kann sich erst vom Druck befreien, als er beschliesst, seine Stelle zu künden und seinen Roman zu schreiben. So beschrieben, klingt das nun sentimental und falsch, in Bukowskis Sprache ist es echt, konsequent und keineswegs sentimental.
Zum Schluss ein Wort zu eben dieser Sprache. Dass der Roman als Klassiker der Untergrundliteratur (aber, was ist das: Untergrundliteratur?) gilt, verdankt er wohl weniger seiner Satire, seiner Sozialkritik, als vielmehr der verwendeten Sprache. Bukowski verwendet Umgangssprache, ja Unterschichtssprache. Es ist die Sprache der Underdogs, die Fäkalausdrücke verwendet, ohne sich überhaupt noch darüber Rechenschaft abzulegen, dass Wörter wie „Scheisse“ oder „ficken“ als unanständig taxiert werden könnten. (Chinaski ist sich dessen sehr wohl bewusst. Gegen Ende des Werks erhält er von einem Kollegen einen Roman – quasi zur Lektorierung. Er mockiert sich sehr rasch über die Liebesgeschichte zweier guter, treuer und hochanständiger Seelen, deren Liebesnacht nur angedeutet wird: „[…] die beiden waren so sensibel, sie konnten nicht einfach ficken.“) Es ist also nicht, oder nicht nur, Provokation des Lesers, wenn Bukowski Fäkalsprache verwendet. Abgesehen davon, dass viele bürgerliche Leser diese Sprache offensichtlich weniger als Provokation denn als zusätzlichen Reiz verstehen. Wenn man der Sage glauben will, war Bukowski eine Zeitlang zwar nicht der meistverkaufte, aber der meistgeklaute Autor in amerikanischen Buchhandlungen. Se non è vero è ben trovato – es würde die Zwiespältigkeit der Rezeption Bukowski’scher Texte gut beschreiben.
Meine Ausgabe wurde von Hans Hermann übersetzt, erschien ursprünglich bei Kiepenheuer & Witsch. Ich habe sie in der von Helge Leiberg genial illustrierten Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 2011 gelesen.