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Der Staatsbesuch Kaiser Wilhelms II vom 3.–6. September 1912 in der Schweiz war ein politisches, militärisches, gesellschaftliches und mediales Grossereignis. Dankbar wurde es auch von der Postkartenindustrie aufgegriffen, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ihren grössten Boom als Massenmedium erlebte. Einige dieser Ereignispostkarten zum Staatsbesuch Wilhelms II haben Eingang in die Postkartensammlung Adolf Feller (1879–1931) gefunden, die heute im Bildarchiv der ETH-Bibliothek aufbewahrt wird.
Erinnerungspostkarte an den Besuch des Deutschen Kaisers Wilhelm II in der Schweiz, 1912 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_070132-RE).
Schon zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich solche Ereignispostkarten bezüglich Gestaltung, Bildsprache und Aussage sein konnten. Die oben abgebildete, sorgfältig und künstlerisch gestaltete Postkarte betont gezielt die Gleichberechtigung zweier ungleicher Staaten. Grosse Monarchie und kleine Republik haben zwar gleich grosse Medaillons, ihre Repräsentanten könnten aber kaum unterschiedlicher dargestellt sein. Der abgewandte Blick des Kaisers in obligater Uniform ist strategisch in die Ferne gerichtet, der väterliche Blick des Bundepräsidenten Ludwig Forrer hingegen ruht direkt auf dem Betrachter. Angesichts der offenkundigen Faszination für den Monarchen und des veranstalteten Pomps inklusive Paraden, Empfängen und Feuerwerk musste die bürgernahe republikanische Staatsform und die Eigenständigkeit der Schweiz deutlich ins Bild gesetzt werden.
Erinnerungspostkarte „Kaiser Wilhelm II bei den Schweizer Manövern 1912“, 1912 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_017047-RE).
Ein ganz anderer Typ von Ereignispostkarte zeigt Wilhelm II beim Besuch des grossen Manövers, das unter der Leitung von Oberstkorpskommandant Ulrich Wille Anfang September 1912 im Raum Wil-Kirchberg stattfand. Diese Postkarte kommt als fotografische Momentaufnahme daher, die nur vordergründig Armeespitzen unter sich zeigt. Bei näherer Betrachtung ist am Rand des Feldes im Hintergrund eine grosse Menge Schaulustiger zu erkennen, die gekommen ist, um einen Blick auf den Kaiser – links, in heller Uniform – zu erhaschen. Für die am Manöver beteiligten Truppen war dieses grosse Interesse ein gemischtes Vergnügen. Nicht ohne Stolz hält etwa Oberstleutnant Julius Meyer in seinem Manöverbericht (Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung Nr. 38, 1912) fest, wie viel internationale Aufmerksamkeit das Manöver fand, beklagt aber gleichzeitig die Präsenz von Zivilisten auf dem Gefechtsfeld:
Um 8 Uhr [des 4. Septembers 1912] erschien Kaiser Wilhelm IL, begleitet von Bundespräsident Forrer auf dem Gefechtsfeld. In der glänzenden Suite folgten der deutsche und schweizerische Generalstabschef v. Moltke und v. Sprecher. Der Chef des Militär-Departements, Bundesrat Hoffmann, war mit den von ihren Regierungen abgeordneten fremden Offizieren und Generälen schon seit dem 2. September anwesend. Unter ihnen befand sich in eigener Mission der französische General Pau, Mitglied des obersten Kriegsrates. Auf der Höhe Häusligs bei Kirchberg trafen sie mit dem leitenden Oberst-Korpskommandant Wille zusammen.
Das alles gab dem Manöver ein besonderes Gepräge, welches durch mehrere Zehntausend freiwillige Besucher gesteigertes Interesse erhielt, zugleich aber den Truppenführern aller Grade, wie nie zuvor, den Ueberblick des Terrains und der gegnerischen Entwicklung erschwerte.
Nicht in jedem Moment gelang es offenbar, die Zuschauer so im Zaum zu halten wie es auf der Postkarte den Anschein hat. Das Bild zeigt nichts von erschwertem oder gar verlorenem Überblick. Ganz im Gegenteil: Die deutschen Generäle folgen aufmerksam den Ausführungen Generalstabschefs Theophil Sprecher von Bernegg in der Bildmitte. Angesichts des erwarteten Krieges ein beruhigender Kartengruss.
Weiterführende Lektüre zur Postkartensammlung Feller: Burri, Monika: Die Welt im Taschenformat. Zürich : Scheidegger & Spiess, 2011.