Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03652.jsonl.gz/991

Kurz bevor Megan Fox 2007 auf die Bühne der «Teen Choice Awards» muss, gerät sie in Panik. Es ist ihr erster grosser Auftritt, seit sie durch ihre Rolle im ersten «Transformers»-Streifen alle Welt kennt. Nun soll sie vor einem Millionenpublikum auf die Bühne treten und sprechen. Megan dreht durch, verweigert den Gang vor die Kamera. Sie will mit ihrem Co-Star Shia LaBoeuf sprechen. Jetzt. Sofort. Niemand weiss, wo er ist.
RETTER IN DER NOT
Christopher Gaida, 37, springt ein, redet ihr gut zu: «Ich habe ihr gesagt, wie fantastisch sie ist und wie gut sie aussieht», erinnert er sich nun in der «New York Post». Er habe nicht gelogen, sagt er, «das habe ich wirklich gedacht!». Doch es gehört auch zu seinem Job, nett zu Prominenten zu sein. Christopher Gaida ist ein Red-Carpet-Escort.
Er begleitet die Megastars Hollywoods zu Veranstaltungen, steht ihnen bei, wenn sie von ihrer Nervosität übermannt werden, hilft ihnen beim Kleiderwechsel, wenn sie plötzlich etwas Anderes tragen möchten.
So geschehen im Falle von Jessica Alba 2007 bei den «Taurus World Stunt Awards»: Sie will sich Backstage umziehen, bevor sie über den Roten Teppich schreitet. Christopher hilft ihr, sich für das glitzernde, kurze Kleid zu entscheiden: «Ich sagte ihr, dass dieses Kleid wie sie wäre: sexy und glänzend. Es widerspiegelte ihren Charakter perfekt.» Dass er seine Meinung abgebe, werde von ihm erwartet. Und es ist genau diese Offenheit, die sich auch herumspricht. Schauspielerin Susan Lucci hat ihn schon mehrfach aufgeboten, Sängerin Queen Latifah ist bei den VH1-«Diva Duets» 2003 so begeistert von Christopher, dass sie ihm gar eine Rolle in ihrem Film «Taxi» anbietet.
ALLES FÜR DEN PERFEKTEN MOMENT
Geboren ist er in Philadelphia, im Alter von 23 Jahren zieht er nach New York, wo er Teilzeit bei MTV arbeitet. Es ist ein halbprominenter Mitarbeiter, der damals fragt, ob Christopher ihn nicht zu einem Anlass begleiten wolle. «Sorry, aber ich will mich nicht verkaufen», antwortet dieser zuerst, bis er merkt, dass es sich bei der Anfrage um kein Sex-Angebot handelt.
Mittlerweile wird er zwei, drei Wochen vor einer grossen Veranstaltung von Film-Produzenten angefragt. Seinen Star trifft Christopher erst, wenn dieser am Roten Teppich aus der Limousine aussteigt. Dann wird der Abend besprochen: Wie lange will der Prominente für die Fotografen posieren? Wie viele Interviews möchte er geben? Mit welchen Medien spricht er nicht, weil sie negative Berichte geschrieben haben? Die Entscheidungen fällen die Stars mit ihren Managern, Christopher führt sie aus. Stürzt sich die Fotografenmeute dann auf seinen Klienten, versucht er sich im Hintergrund zu halten - und dabei in Reichweite zu bleiben: «Die Prominenten sollen ihren Moment geniessen können.»
HANDGREIFLICHKEITEN MIT CHAKA KAHN
Wie viel Christopher mit seinem Job genau verdient, will er nicht verraten. Bei Benefiz-Galas arbeitet er auch einmal einen Abend lang gratis, für grössere Anlässe verlangt er mehrere hundert Dollar - ein teurer Preis im Business, wie er sagt. Das sei fast das doppelte Honorar von anderen Red-Carpet-Escorts. Reichen tut es dennoch nicht. Christopher ist nebenbei als Produzent bei einem Reise-Fernsehsender tätig.
Bei seinem ersten grossen Event, der «Divas Live»-Gala des Senders VH1 kümmert sich Christopher um die «Saturday Night Life»-Stars Cheri Oteri, Ana Gasteyer und Molly Shanon. Sie sind zufrieden mit ihm, er bleibt im Business.
Doch nicht jede Veranstaltung geht problemlos über die Bühne. 1999 muss Christopher Sharon Stone bei den «Vogue Fashion Awards» begleiten. Als er ihr beim Vorstellen die Hand geben will, verweigert sie ihm die ihre und erklärt: Er habe immer drei Schritte vor ihr zu gehen, umdrehen dürfe er sich nie. 2003 rempelt ihn Sängerin Chaka Khan an, wobei sie ihm sein Hemd zerreisst. Dafür entschuldigt hat sie sich nie. Bei der «Men of the Year»-Verleihung des Magazins «GQ» ist er 2000 von Schauspielerin Susan Sarandon gebucht, als Schauspielerin Julia Roberts verzweifelt auf ihn zu stürmt: Sie müsse auf die Bühne, schreit sie. Er sagt, dass ihr noch 20 Minuten bleiben, sie glaubt ihm nicht und schreit ihn weiter an. Schliesslich gelingt es ihm doch, sie zu beruhigen. Zwölf Jahre später bucht sie ihn für eine Wohltätigkeitsgala und erzählt ihm beiläufig, dass sie sich noch an ihre erste Begegnung erinnert.
WENN CHARLIE SHEEN AUF ASHTON KUTCHER TRIFFT...
Christopher ist nicht nur für die Einhaltung eines Planes zuständig, von ihm werden auch gerne andere Dinge verlangt: Pfefferminz-Bonbons, Haarspray, Sicherheitsnadeln. «Ich trage nicht alles auf mir, weil ich mich ja auch viel bewegen muss. Aber ich weiss genau, wo ich alles auf die Schnelle herbekomme.»
Dass Kleider kaputt gehen, kommt öfter vor. Als er 2010 mit der Schauspielerin Susan Lucci bei den «Daytime Emmys» ist, reisst der Träger ihres Kleides. Christopher nimmt ihr Kleid mit, rennt in eine Garderobe, näht den Träger wieder an und bringt die Robe rechtzeitig zurück.
2009 schliesst sich sein Kunde, Schauspieler Christian Slater, aus dem Gebäude aus. Christopher muss sich daraufhin darum kümmern, dass sie gemeinsam wieder reinkommen. Als Charlie Sheen 2011 wegen Drogen und Alkohol neben der Spur an der «Emmy»-Verleihung auftritt, ist Christopher stets an dessen Seite. Als Sheen an diesem Abend erstmals auf Ashton Kutcher trifft, macht sich Christopher auf einiges gefasst. Zu diesem Zeitpunkt hat Sheen seinen Job in der TV-Sendung «Two And A Half Men» bereits verloren, Kutcher ist sein Nachfolger. «Es hat mich sehr interessiert, wie das Zusammentreffen abläuft», sagt Christopher. Beide Stars seien professionell geblieben, haben sich gegrüsst. Es sind genau diese kleinen Momente, so Christopher, die seinen Job so reizvoll machen.
Ob er an den diesjährigen Oscars auch gebucht wird, ist allerdings noch fraglich: Denn Christopher Gaida hat soeben sein Buch «Arm Candy - A Celebrity Escort's Tales From The Red Carpet» veröffentlicht, in dem er noch mehr Geschichten verrät. «Es gibt Managements, die dadurch stark verunsichert sind.» Sie haben Angst, sagt er, dass er den Zauber Hollywoods zerstören könnte.