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Anabolika
Siehe auch Positionspapier der SSAM: Nichtmedizinischer Gebrauch von anabolen androgenden Steroiden: Prävention, Diagnostik und Therapie
Definition
- Substanzen, die zu einer verstärkten Bildung von Proteinen führen und damit eine Zunahme der Muskelmasse bewirken.
Substanzen
- Zumeist sog. anabole Steroide (Testosteron, bzw. künstlich hergestellte Steroide mit einer dem Testosteron ähnlichen Wirkung). Im erweiterten Sinn aber auch Wachstumshormone, Insulin, Aromataseinhibitoren, selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren, humanes Choriongonadotropin und weitere zur Gruppe der Form- und Leistungsfördernden Substanzen.
Gesetzliche Grundlagen
- Anabolika gelten als Dopingmittel und sind illegal. Privatpersonen dürfen keine Dopingmittel mit sich führen bzw. sich zusenden lassen. Der Konsum ist jedoch straffrei.
- Wer Arzneimittel herstellt, vertreibt oder abgibt, ist seit dem 1. Januar 2019 gesetzlich verpflichtet, Swissmedic jeden Verdacht auf illegalen Arzneimittelhandel zu melden.
Konsumenten / "Szene"
- Mehr als 75% der Anabolika-Konsumierenden betreiben keinen Wettkampfsport. In den Fitnessstudios kommen bis zu 30% aller Trainierenden mit Anabolika in Kontakt.
Abhängigkeit
- Etwa 30% der regelmässigen Anabolikakonsumierenden entwickeln eine Abhängigkeit. Das Absetzen von Anabolika kann psychische Krisen mit Suizidalität verursachen.
Nebenwirkungen
Niere
- Anabolika können akute Nierenschäden, chronische Niereninsuffizienz sowie glomeruläre Toxizität verursachen oder verstärken.
Schädigungen des Herz-Kreislauf-Systems
- Unter Anabolikaanwendung wird die Konzentration der Fetteiweisse mit hoher Dichte (HDL = high density lipoprotein = "gutes" Cholesterin) im Blutplasma erniedrigt, während die Fetteiweisse mit geringer Dichte (LDL = low density lipoprotein = "schlechtes" Cholesterin) ansteigen. Damit erhöht sich der Quotient aus LDL zu HDL, was als Risikofaktor zur Entstehung von Arteriosklerose bis hin zum Herzinfarkt angesehen wird.
- In Studien wurde auf mögliche Veränderungen von Faktoren der Blutbildung (Polyglobulie), der Blutgerinnung, des Gefässsystems und Schädigungen der Herzmuskelzelle hingewiesen, die bei Steroid-Benutzern im Vergleich zu Nicht-Benutzern das Risiko einer Thrombose- resp. Emboliebildung erhöhen können.
Linksherzhyperthrophie
- Durch länger dauernde Anabolikaanwendung kann es zu einem Wachstum der Herzmuskulatur im Bereich der linken Herzkammer kommen (Linksherzhypertrophie) In der Folge kann es zu einer Minderversorgung der Herzmuskulatur mit Sauerstoff kommen, insbesondere bei gleichzeitiger Artherosklerose der Herzgefässe, mit Gefahr von Herzinfarkt.
Leberschäden
- Werden Anabolika über längere Zeit angewendet, können in erster Linie entzündliche Leberschäden ausgelöst werden.
- Die Hepatotoxizität zeigt sich an erhöhten Transaminasen, einem akuten cholestatischen Syndrom oder einer Leberverfettung. Bei rechtzeitigem Absetzen der anabolen Steroide sind die Schäden reversibel.
- Weiter können bei einem anhaltenden Anabolikakonsum Leberadenome entstehen, die in ein hepatozelluläres Karzinom übergehen können. Entsprechend sind sonographische Kontrolle indiziert.
Krebsrisiko
- Nebst dem oben beschriebenen Risiko für Leberzellkrebs geht eine Anabolikaeinnahme auch mit einem erhöhten Rsiko fürProstata- und Brustkrebs einher.
Virilisierungen (Vermännlichung) bei Frauen
- Alle Anabolika verursachen bei Frauen aufgrund der androgenen Wirkungen Virilisierungen, die sich in Veränderungen der Stimme (irreversibel), des Behaarungsmusters, Störungen des Menstruationszyklus und einer Klitorishyperthrophie (irreversibel) bemerkbar machen.
Gynäkomastie und Hodenschrumpfung
- Eine Anabolikaanwendung über längere Zeit kann zu einer weiblichen Brustbildung beim Mann (Gynäkomastie) und zu Schrumpfung der Hoden führen. Beeinflussung des Längenwachstums bei Jugendlichen.
- Anabolika können bei Jugendlichen das Längenwachstum beeinflussen, indem ein vorzeitiger Verschluss der Epiphysenfugen die Wachstumsphase verkürzt.
Haut und Haare
- Androgene wirken auf die Talgdrüsen der Haut, wobei deren Entwicklung und Aktivität beeinflusst wird. Sie fördern dabei u.a. auch die Ausbildung von Akne. Zudem können Androgene die Ausbildung der männlichen Alopezie (Glatzenbildung) fördern.
Psychotrope Wirkungen
- Zu den psychotropen Wirkungen der Anabolika gibt es zahlreiche Fallstudien und Selbstberichte, aber nur wenige nach wissenschaftlichem Standard durchgeführte Untersuchungen. Die Ergebnisse der Studien lassen sich folgendermassen zusammenfassen:
- Psychotrope Effekte treten vor allem bei hohen Dosierungen der Anabolika (oberhalb der therapeutischen Dosen) auf. Während des Anabolikamissbrauchs kann es sowohl zu positiven (Euphorie, erhöhte sexuelle Erregbarkeit, Leistungsbereitschaft), als auch zu negativen Veränderungen (Gereiztheit, Gefühlsschwankungen, Angst, erhöhte Gewaltbereitschaft) der Stimmungslage kommen. Ebenso werden negative Einflüsse auf kognitive Faktoren wie Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit beschrieben.
- Diverse Autorinnen und Autoren berichten von Verhaltensänderungen in Richtung einer Steigerung der Aggressivität, und mehrere Fallstudien bringen schwere Gewaltverbrechen in Verbindung mit Anabolikaanwendung. Eine eindeutigen Korrelation ist aber nicht nachgewiesen, eventuell handelt es sich um vorbestehende Persönlichkeitsveränderungen.
- Das Ausmass der psychotropen Effekte hängt ab von:
- der Höhe der Dosierung
- der Struktur des Anabolikums
- der Dauer der Anwendung
- der Persönlichkeitsstruktur des Gebrauchers (Grundaggressivität, psychische Erkrankungen, gleichzeitiger Alkohol- und Drogenkonsum)
- den Umgebungsbedingungen (Stresssituation, Gruppendruck, Konsequenzen auf Verhaltensänderungen).
Allgemeine Gefahren durch Schwarzmarktpräparate
- Anabolika werden illegal bezogen (Schwarzmarkt; Internethandel) und fördern demnach die Beschaffungskriminalität. Bei Injektionspräparaten besteht die Gefahr der Verwendung von nicht sterilen Spritzen (Übertragung von Hepatitis, HIV). Da Schwarzmarktprodukte grösstenteils Fälschungen sind, können falsche Wirkstoffe und auch falsche Dosierungen angewendet werden.
Prävention
- Besteht bei Anzeichen einer raschen Veränderung des Körperbaus oder bei ausgeprägt muskulösen Personen Anhaltspunkte für einen Anabolikakonsum, sollte dieser angesprochen und im Minimum im Sinne einer Kurzintervention über die Gefahren informiert werden
- Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollten Ärzt:innenaufmerksam auf Anzeichen eines Anabolikamissbrauchs achten, den Konsum ansprechen und die Patientinnen und Patienten über die Risiken informieren.
- Die Aufklärung über anabole Steroide sollte ab einem Alter von 10 Jahren beginnen.
- Die Anwendung von Programmen, die alternative, gesunde Wege zur Erhöhung der Muskelmasse und zur Leistungssteigerung durch eine gute Ernährung und spezielle Krafttrainingstechniken propagieren, können helfen.
Therapie
- Die Hauptbehandlung besteht in dem Absetzen der Substanz, was aber insbesondere bei Personen mit einer Anabolikaabhängigkeit professioneller Unterstützung bedarf. Häufig überwiegen v.a. bei ungenügend aufgeklärten Anabolikakonsumierenden die Vorteile gegenüber den Nachteilen mit entsprechend wenig bis nicht vorhandener Motivation, den Konsum zu stoppenHier sind regelmässige Gespräche/Kurzinterventionen wichtig.
- Die Nebenwirkungen sind gemäss den Guidelines für die Therapie der entsprechenden Nebenwirkung zu behandeln. So kann bei einer neuaufgetretenen Gynäkomastie eine medikamentöse Therapie erwogen werden, bei einer chronischen Form ist jedoch eine operative Entfernung indiziert.
- Besonderes Augenmerk gilt den lebensbedrohlichen kardiovaskulären Nebenwirkungen.
Rechtliche Situation
- Die aktuelle Dopinggesetzgebung erlaubt eine medizinische Versorgung von Menschen mit problematischem Anabolikakonsum nur, wenn diese keinen Wettkampfsport betreiben und für eine Abstinenz motiviert sind.