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Spannungserscheinungen
der Pflanzen, Gewebespannungen, physiol. Veränderungen, die eintreten, wenn die in den Organen der höhern Pflanzen miteinander verbundenen Zellgruppen ein verschiedenartiges Ausdehnungsbestreben zeigen. Schon durch das Eigengewicht der einzelnen Pflanzenteile werden Zug- und Druckspannungen in denjenigen Teilen hervorgerufen, die dieses Gewicht unterstützen müssen; so hat ein mächtiger Baumstamm ganz bedeutende Lasten zu tragen, ein Fruchtstiel einer Kürbis- oder einer andern großfrüchtigen Pflanze hat ebenfalls beträchtliche Zugspannungen auszuhalten.
Viel mannigfaltiger noch sind die Arten der Gewebespannung, die durch innere Ursachen veranlaßt werden. Man kann sie in drei Gruppen einteilen:
1) solche, die durch Turgordifferenzen entstehen, wobei also nur der Unterschied m der Größe des hydrostatischen Drucks, der in zwei benachbarten Zellgruppen besteht, S. hervorruft;
2) solche, die bei ungleichem Wachstum zweier benachbarter Zellgruppen entstehen, und 3) solche, bei denen Ursache der Spannungen die verschiedene Imbibitionsfähigkeit der einzelnen Zellwände ist. In die erste Kategorie gehören u. a. diejenigen S., die in den jungen noch wachsenden Internodien der meisten höhern Pflanzen auftreten. Die Zellen, die die nötige Festigkeit [* 3] dieser jungen Pflanzenteile bewirken, sind in der Regel langgestreckt und in ihrem Innern ist kein bedeutender hydrostatischer Druck vorhanden, die übrigen Zellen dagegen, hauptsächlich die parenchymatischen Elemente des Markes und der Rinde, besitzen, wenn genügend Wasserzufuhr vorhanden ist, einen hohen Turgor, der oft bis zu 10-12 Atmosphären Druck in der einzelnen Zelle [* 4] steigen kann.
Durch die hieraus resultierende Gewebespannung zwischen dem Parenchym und jenen den Festigungsapparat oder gewissermaßen das Skelett [* 5] bildenden Zellen wird bewirkt, daß die Internodien straff aufwärts gerichtet sind und nicht herabhängen; ähnlich wie ein Gummischlauch, in den unter hohem Druck Wasser hineingepreßt wird, sich aufrichtet und eine größere Biegungsfestigkeit erlangt, als er im ungespannten Zustande besitzt. Das Herabhängen der jungen Internodien tritt erst dann ein, wenn die Bedingungen für die Herstellung einer starken Turgescenz in den Parenchymzellen nicht gegeben sind; wenn also z. B. das nötige Wasser mangelt, wie dies beim Welken junger Pflanzenteile der Fall ist.
Zu den S., die durch Wachstum hervorgerufen werden, gehört unter anderm die Rindenspannung. Da die Rinde bei vielen Pflanzen längere Zeit erhalten bleibt, während sie in ihren äußern Partien nicht mehr wachstumsfähig ist oder doch nur langsam die durch das Dickenwachstum hervorgerufenen tangentialen Zugkräfte mittels selbständigen Wachstums ausgleichen kann, so werden zwischen dem Holzkörper und der Rinde mannigfaltige S. auftreten müssen. In den äußern Partien werden Risse, Zerklüftungen u. dgl. oder auch bloß starke Dehnungen erzeugt, wodurch die Rinde bald eine glatte, bald eine rissige Oberfläche erhält. ¶
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Die dritte Art von Gewebespannungen ist auch ziemlich häufig. Hauptsächlich tritt sie an Früchten mit Verbreitungseinrichtungen auf. (S. Aussaat.)
Die Gewebespannungen spielen eine äußerst wichtige Rolle in allen Entwicklungsstadien der Pflanzen: bei allen heliotropischen und geotropischen Krümmungen, bei allen Zuwachsbewegungen, beim Keimen der Samen, [* 7] bei den Reizbewegungen, wie z. B. bei den Bewegungen der reizbaren Blätter der Mimose (s. d.), treten Gewebespannungen oft in ganz beträchtlicher Stärke [* 8] auf. Die Gewebespannungen ermöglichen ferner das Vordringen der Wurzeln im Boden, ja selbst das Auseinandersprengen von festen Gesteinsmassen infolge des Dickenwachstums der in kleine Risse eingedrungenen Wurzeln.
Die Spannungen, die bei der Quellung und dem Wachstum der einzelnen Zellmembranen oder der Stärkekörner auftreten, gehören nicht hierher, da von einer Gewebespannnng bei einer einzelnen Zellmembran oder bei einem Stärkekorn nicht die Rede sein kann. (S. Imbibition und Wachstum.)