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Vor kurzem bin ich auf eine interessante Erscheinung gestossen: Ein Film mit Tom Cruise und Brad Pitt aus dem Jahre 1994 scheint plötzlich anders zu heissen. Ich erinnere den Film als „Interview with a Vampire“ und ich erinnere mich genau daran, weil ich vor einiger Zeit ein Buchprojekt mit ähnlichem Titel hatte und dafür Recherchen betrieb, um mit dem zukünftigen Buchtitel nicht gegen allfällige Rechte anderer zu verstossen. In der Folge kaufte ich dann auch einige Domains und legte zwei Facebook-Seiten an. In deutscher Sprache heisst der Film „Interview mit einem Vampir“.
Nun scheint aber der Name des Films geändert zu haben: er heisst jetzt „Interview with the Vampire“ (Quelle: http://www.imdb.com/title/tt0110148/ ). Das hat mich einigermassen irritiert, weil ich in solchen Dingen sehr genau bin. Ich habe deshalb in google.ch nach dem Film zu suchen begonnen und „interview with“ getippt und dabei folgende Vorschläge erhalten:
Diese Resultate basieren auf verschiedenen Faktoren, darunter auch, wonach am Häufigsten gesucht wird. In diesem Fall wurde also offenbar meist nach „interview with a vampire“ gesucht, doch ein Klick darauf führt einen zum Film „Interview with the Vampire“, obschon diverse Suchen, auch z.B. auf google.se alle in die Richtung von „a“ deuten:
Interessanterweise steht auch auf allen Filmplakaten, DVD-Covers, etc. „Interview with the Vampire“.
Es scheint also, dass ich nicht der Einzige bin, der nach einem anderen Titel gesucht hat und weitere Recherchen zeigen, dass auch andere Menschen darüber sehr erstaunt sind. Es gibt dann geradezu groteske Beispiele, wo jemand auf Amazon „Interview with a Vampire“ als Buch anbietet (der Roman von Anne Rice erschien 1976) und das Bild dazu eindeutig „Interview with the Vampire“ zeigt:
Meine Nachforschungen haben ergeben, dass das beschriebene Phänomen
a) bekannt ist als „Mandela-Effekt“ und
b) im Web unzähliges Material dazu zu finden ist, von spannenden Beispielen und Theorien bis hin zu offensichtlichem Unsinn und vielen Beiträgen, die den interessanten Effekt für ihre eigenen Zwecke, oft religiöser Art, missbrauchen.
In diesem Chaos möchte ich an dieser Stelle einen Leuchtturm anbieten, der uns Orientierung gibt.
Der Mandela-Effekt wurde benannt nach Nelson Mandela, nachdem vor einigen Jahren viele Menschen sich daran zu erinnern glaubten, dass Nelson Mandela in den 80er Jahren in einem südafrikanischen Gefängnis gestorben sei (und einige sogar die Übertragung der Beerdigung im TV gesehen haben wollen). Das steht klar der aktuellen Realität gegenüber, dass Mandela erst im Dezember 2013 gestorben ist und von 1994 bis 1999 der erste schwarze Präsident seines Landes war. Die Menschen, die sich an eine andere Realität „erinnerten“, wurden als Spinner oder dumm abgetan und lächerlich gemacht, obwohl sie statistisch absolut signifikant und in grosser Zahl waren.
Das aktuelle Beispiel mit dem Film „Interview with a/the Vampire“ erscheint aber in einer Zeit, wo Google zum Alltag gehört und damit für jede/n ganz einfach festzustellen ist, wonach denn am Häufigsten gesucht wurde. Interessanterweise ergeben sich dabei für google.ch, google.com, google.se etc. teils sehr unterschiedliche Resultate, aus welchen Gründen auch immer.
Ein weiteres interessantes Beispiel für den Mandela-Effekt ist die Musik-Band „The Who“. Die haben nämlich einen berühmten Gittaristen und alle, die ich frage, sagen mir, dass der Pete Townsend heisse. Wenn man aber nach diesem Namen googlet, kommt Pete Townshend dabei heraus – und die meisten Menschen reagieren entrüstet darüber und denken, dass mit Google oder dem Internet etwas nicht stimmen kann, weil sie doch ganz klar wüssten, dass er Townsend heisse und „niemals“ ein „h“ in seinem Namen haben könne. Eine Freundin von mir machte dann den ultimativen Test: ich sprach sie in der Schweiz darauf an und sie versprach, bei ihrer Rückkehr nach Österreich auf der Schallplatte im Regal nachzuschauen, da sie überzeugt war, dass es Townsend heisse. Raten Sie mal: jetzt steht tatsächlich „Townshend“ auf dem Cover…
Auch Schauspieler scheinen neue Namen zu haben. Persönlich bin ich ziemlich sicher, Dan Akroyd zu erinnern – heisst jetzt Dan Aykroyd. Seit „Wild at Heart“ bin ich Fan von Nicholas Cage – heisst jetzt Nicolas Cage. Zwei weitere bekannte Beispiele sind in „Star Wars“ zu finden, wo Darth Vader „früher“ sagte „Luke, I am your father“ und „jetzt“ sagt „No, I am your father“ und C3PO „jetzt“ einen silbernen Unterschenkel und Fuss hat, den viele nicht zu erinnern glauben (er war golden, wie der Rest von C3PO). In Forrest Gump sagte Tom Hanks „Life is like a box of chocolate“ und wenn man dieselbe DVD heute abspielt, sagt er „jetzt“ „Life was like a box of chocolate“.
Die Reaktionen zum Mandela-Effekt zeigen sich einmal mehr in Spaltung und Polarisierung. Während die meisten Menschen von Massenhysterie und falschem Erinnern sprechen, gibt es viele, die vehement auf ihre Erinnerung pochen. Beides bringt uns nicht weiter. Trauma ist Spaltung und wir können Trauma nur überwinden, wenn wir uns nicht einseitig polarisierend ausrichten.
Sie sind eingeladen, sich Ihre eigene Meinung zum Mandela-Effekt zu machen. Ich finde ihn spannend und ehre persönlich eine beides beinhaltende Perspektive. Vielleicht haben sogar beide Parteien recht.
Falls plötzlich ein gigantischer Mandela-Effekt passieren sollte – z.B., wenn der „Euro“ (die Währung) morgen plötzlich „Nano“ hiesse und alle Banknoten, Bankomaten, etc. mit „Nano“ angeschrieben wären – könnte das zu einer Massenhysterie führen. In einer solchen Situation ist es Schlüssel, dass Menschen da sind, die Selbst- und gegenseitigen Kontakt pflegen und sich nicht verrückt machen und anstecken lassen vom Geschehen im Aussen. Selbstregulation ist gefragt und ich rufe Sie an dieser Stelle auf, diese zu pflegen. Egal, ob Mandela- oder andere Effekte geschehen oder nicht.
Zum Schluss noch eine Perspektive in eigener Sache: Würden sich Realitäten tatsächlich ändern, wäre das für die Traumaheilung, die individuelle und die kollektive, eine echte Revolution. Trauma könnte so nämlich nie geschehen sein – und damit auch keine Folgen im Jetzt haben.
Ich wünsche Ihnen allen herzlich gute Verankerung im Jetzt, im sicheren sozialen Kontakt und in liebevoller Orientierung.