Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03476.jsonl.gz/1454

In einem Nachtclub tritt ein Gorilla buchstäblich als Anhängsel einer Gruppe schwarz geschminkter, «afrikanisch» kostümierter Tänzerinnen auf. An einer Eisenkette wird er auf die Bühne geführt, steigt dann herunter zu den Tischen und erschreckt mit ein paar lässigen Gesten die Gäste in den ersten Reihen, bevor er es sich im Rampenlicht bequem macht und sich anzuschicken scheint, einen Tanz aufzuführen. Nur ist der Tanz in Wahrheit ein Striptease: Geschmeidig reisst er sich die Vorderpfoten vom Leib – darunter kommen zarte, langfingrige Frauenhände zum Vorschein.
Wenn er sich anschliessend auch noch seines Kopfes entledigt, erkennen wir sofort Marlene Dietrich. Die lächelt cool, ist allerdings etwas zerzaust und zieht sich deshalb sofort, noch bevor sie dem Gorillakostüm ganz entstiegen ist und ein Lied namens «Hot Voodoo» zu singen beginnt, eine lockig-glitzernde, ultra-glamouröse Perücke über.
Die Perücke ist das zentrale Requisit dieser Szene aus Josef von Sternbergs Blonde Venus (1932), weil in ihr das Moment spielerischer Artifizialität, das die gesamte Nummer prägt, auf den Punkt gebracht wird. Wenn Dietrich dem Gorilla entsteigt, geht es keineswegs um eine Demaskierung; sie schlüpft einfach nur von einem Kostüm in ein anderes. Ihre folgende «exotisch» aufreizende Glitterperformance («That beat gives me a wicked sensation / My conscious wants to take a vacation») ist, nicht zuletzt aufgrund ihres breiten deutschen Akzents, genauso wenig authentisch, wie der Gorilla es war; und das Gorillakostüm seinerseits wird rückwirkend in die lange Reihe ex-
travaganter Dietrich-Garderoben eingereiht. […]
Den ganzen Essay können Sie in der Printausgabe von Filmbulletin lesen: Ausgabe 1/2020 bestellen
Gefällt dir Filmbulletin? Unser Onlineauftritt ist bis jetzt kostenlos für alle verfügbar. Das ist nicht selbstverständlich. Deine Spende hilft uns, egal ob gross oder klein!