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Barack Obama hat einmal gesagt, im Leben seien nur zwei Dinge sicher: die Steuern und der Tod. Diese Weisheit müssen wir der Jugend auf den Schulbänken und in den Universitäten einbläuen. Wir müssen ihnen erklären, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben, dass nichts vorbestimmt ist. Dass sie sich auf sich selbst, ihren Instinkt und ihre Entschlossenheit verlassen müssen, um ihr Schicksal zu lenken.
Wenn ich in meiner Jugend sagte, ich wolle Schriftsteller werden, versuchten die Erwachsenen, mich davon abzubringen. Sie sagten, das sei kein Beruf und ich würde nie eine sichere Anstellung haben. Sie sagten «das geht schief», als sei die Erfahrung des Scheiterns schlimm oder gar vernichtend.
Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass unsere Gesellschaft falschherum funktioniert, weil ihr Wertesystem auf dem Erfolg beruht und nicht auf dem Scheitern. Der Erfolg ist ein ungreifbarer und unzuverlässiger Wert, das Scheitern hingegen ist greifbar und zuverlässig.
Der Erfolg lässt dich voller Zweifel und Fragen zurück. Aus dem Scheitern lernst du alles.
Ich habe eine klassische Schullaufbahn absolviert. Ich bin einen störungsfreien Weg bis zur Matura gegangen und habe dann Jura studiert. Ich bin nie gescheitert, nie sitzengeblieben.
Ausserdem war ich sehr kreativ. Ich liebte das Theater, die Musik und die Literatur. Gleich nach der Matura scheiterte ich in Paris als Schauspieler. Daraus lernte ich, dass ich diesen Weg nicht weitergehen konnte. Auch die Erfahrung mit einer Band endete in einem Scheitern und machte mir klar, dass ich kein Musiker werden würde.
Aber dann kamen die Bücher. Parallel zu meinem Jurastudium stürzte ich mich mit einer Disziplin und Leidenschaft, die ich für keine andere schöpferische Tätigkeit aufgebracht hatte, in das Schreiben von Romanen. In fünf Jahren schrieb ich fünf Romane, die von allen Verlegern, denen ich sie anbot, abgelehnt wurden. In diesen fünf Jahren machte ich meinen Bachelor und meinen Master in Jura.
An der Universität hatte ich also Erfolg, während ich in der Literatur absolut gescheitert bin. Dennoch beschloss ich mit meinem Master in der Tasche, Schriftsteller zu werden. Man mag das paradox finden, aber ich hatte begriffen, dass die geraden Linien im Leben oft weniger interessant und entscheidend sind. Die Umleitungen erklären uns viel mehr, deshalb sind sie viel wichtiger.
Natürlich habe ich nicht umsonst Jura studiert, man geht nie umsonst an die Universität, und das Studium gehörte zu meinem Weg. Und wenn ich eine Prüfung nicht bestanden hätte? Hätte ich trotzdem weitergemacht? Ich weiss es nicht. Ich hatte nie die Chance, mir diese Frage zu stellen. Und wenn ich nicht Jura studiert hätte? Hätte ich begreifen können, dass mein Weg das Schreiben ist? Hätte ich meinen Weg gefunden?
Durch das Scheitern meiner literarischen Versuche habe ich erkannt, wie gern ich schreibe und was ich mit dem Schreiben tun möchte. Aus einer vagen Vorstellung wurde ein konkretes Unterfangen. Nach einem schnellen Erfolg hätte ich mir nie überlegen müssen, warum ich so sehr an der Literatur hänge. Der Erfolg hindert dich nämlich oft daran, dir die richtigen Fragen zu stellen und den Teufelskreis des automatischen Vorankommens zu durchbrechen.
Meinen schulischen und akademischen Erfolg kann ich mir nur durch eine grosse Leichtigkeit erklären. Aber das ist nichts Konkretes, Greifbares. Auch den Welterfolg von Harry Quebert kann ich nicht erklären. Ich weiss nicht, warum sich dieses Buch millionenfach verkauft hat. Aber ich kann den Weg zu diesem Erfolg erklären und zwar durch jedes Scheitern zuvor, das eine Quelle grosser Einsichten war. Ich kann sagen, was ich daraus über mich selbst und über meine Arbeit gelernt habe. Winston Churchill hat gesagt: «Erfolg ist die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren.»
Ich behaupte nicht, dass Scheitern angenehm ist oder eine Quelle der Freude und des Glücks. Scheitern ist schwierig, es tut weh, es lässt dich an allem und an dir selbst zweifeln, es bricht dir das Herz und die Knochen, es macht dich fertig, manchmal zerstört es dich. Was ist gut daran? Nichts. Überhaupt nichts. Aber so ist das Leben. Auch das Leben tut weh. Das Leben lässt uns an allem und an uns selbst zweifeln, es bricht uns das Herz und die Knochen, es macht uns fertig, manchmal zerstört es uns. Wir müssen also aus dem Scheitern wie aus dem Leben das herausziehen, was gut und schön daran ist, weil wir alle den wunderbaren Reflex der Resilienz in uns tragen.
Das Scheitern erhellt uns nicht durch sein Eintreten, sondern durch die Fähigkeit, es zu überwinden, es ist ein Grundwert der Selbstkonstruktion. Denn wenn wir unser Scheitern betrachten, es akzeptieren und verstehen, es benutzen, um wieder auf die Füsse zu kommen, nehmen wir unsere Verantwortung für unser Leben wahr. Wir nehmen endlich unser Schicksal in die Hand.
Wie viele trauen sich aus Angst vor dem Scheitern nicht, aus ihrem Leben das zu machen, was sie wollten? Wie viele fehlte der Mut, auf ihre Lust und ihre Leidenschaften zu hören, nur weil sie Erfolg hatten. Wie viele haben die Verantwortung für ihr eigenes Leben nicht übernommen?
Verantwortung für dein Leben bedeutet, Entscheidungen zu treffen und dich ebenso wenig von der Angst vor dem Scheitern leiten zu lassen wie von den Anweisungen der anderen, die uns unser Verhalten vorschreiben wollen und sich auf Normen berufen.
Wir haben nur ein Leben, ein kurzes, zerbrechliches Leben. Wir müssen uns trauen, müssen loslegen und Verantwortung übernehmen, um etwas daraus zu machen, was uns gefällt. Und wir dürfen nie vergessen, dass sich unsere Träume oft mit Händen greifen lassen.