Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03470.jsonl.gz/460

Die britische Band Suede? «So langweilig wie ein Parkplatz in Croyden.» Der Art Pop von Franz Ferdinand? Wie eine «von Ausserirdischen gebaute Kopie», bei der zwar alle oberflächlichen Eigenschaften des Originals vorhanden sind, aber das Wichtigste fehlt.
So tönt das, wenn Mark Fisher ein Musikfestival im Londoner Stadtteil Clapham besucht, und bereits im Titel zeigt sich, wie genervt er vom Gebotenen war: «Art Pop, nein, wirklich!» Pop, konstatiert der Kulturtheoretiker Fisher, ist hier nur noch der triste Versuch, «den gelangweilten Kunden etwas Begeisterung zu entlocken». Jedenfalls bis zum Moment, da Moloko die Bühne betreten. Endlich Glamour!
Es ist ein früher Eintrag aus Mark Fishers Blog «K-Punk» und mit solch dezidierten Werturteilen eigentlich eher untypisch für den Denker, der den Begriff «kapitalistischer Realismus» prägte. Fisher sonderte keine Meinungen ab, sondern schraubte sich in seinen Essays spiralförmig durch die Popkultur. Etwa wenn er über das hypnotisch sumpfige Frühwerk von The Cure schreibt und es schafft, im gleichen Satz auf Scritti Politti und Jacques Lacan zu verweisen. Drei Jahre nachdem Fisher sich das Leben genommen hat, sind seine gesammelten Blogbeiträge jetzt als Buch erschienen, ergänzt um die unvollendete Einleitung zu einem Buchprojekt namens «Acid-Kommunismus». Es ist ein ungeheuer reichhaltiges Kompendium zur Gegenwartskultur, das sich hier auf über 600 Seiten aufspannt.
Mehr Raum als die Popmusik nehmen dabei Fishers politische Reflexionen ein, etwa über «chronische Demotivierung», die Privatisierung von Stress oder über Ausgrenzung und Selbstzerfleischung innerhalb der Linken («Raus aus dem Vampirschloss»). Auch seine kritischen Exkurse über Kino und Fernsehen sind selbst dort inspirierend, wo er sich von einem fragwürdigen Film wie «Der Untergang» begeistert zeigt. Oder wer sonst schafft es, die letzten Tage im Führerbunker auf wenigen Seiten gleichzeitig mit dem Nihilismus des Punk und mit Toni Morrisons «Menschenkind» zu verknüpfen?