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Lieber Herr Ramspeck: Die BAG-Sexumfrage ist in aller Munde. Wer tut es mit wie vielen und wie? Wer verhütet? Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Sex als Gesellschaftsthema gilt. So offen der Umgang mit ihm scheint, so verklemmt sind wir, wenn es darum geht, unsere Bedürfnisse kundzutun. Ein Pseudoliberalismus, der von Voyeurismus angeführt wird. Wir reden bei meiner Generation vom Phänomen «Oversexed and underfucked». Gingen Sie anders mit der Thematik um als wir heute?
Liebe Joëlle
Der «Klassiker» in meiner Jugend war, dass man im Elternschlafzimmer den Bestseller «Die vollkommene Ehe» von Th. H. van de Velde fand. Von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt, enthielt er vor allem Illustrationen, die uns interessierten. Ansonsten war das Thema tabu. Von den Erziehungsermächtigten erfuhren wir nichts; wir waren auf Vermutungen angewiesen, und die ganze Sache war uns etwas unheimlich. Durchaus konsequent hiess die nächste Stufe unserer Aufklärung «Liebe ohne Furcht» (von Dr. Eustace Chesser). Das Buch lasen wir, bevor 1956 «Bravo» erschien und 13 Jahre später «Dr. Jochen Sommer» darin zur flächendeckenden Information ausholte. Es war aber auch ganz schön, mit dem Stoff eher unter- als überfüttert zu sein. Mangelnde Kenntnisse boten Raum für die Fantasie, und nicht jede Enttäuschung, die man erlebte, war auf die unzureichende Vorbereitung zurückzuführen. Verbotene Zonen sind ja nicht automatisch unwegsam. Die offizielle Lehrmeinung war aber die, dass Sex ohne Liebe des Menschen unwürdig ist; man stellte die Sexualität der Liebe zwischen zwei Menschen anheim. Nie hätten wir damals gedacht, sie solle einfach Spass machen. Spass wäre dafür ein Unwort gewesen.