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Er galt als bester Fechter Europas, war Offizier, Geigenvirtuose, Dirigent und Komponist: Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges. Dem Sohn eines französischen Plantagenbesitzers auf Guadeloupe und einer senegalesischen Sklavin gelang es trotz zahlreicher Widerstände, die gesellschaftlichen Rassenschranken zu durchbrechen und in Frankreich zum gefeierten Star der Musikwelt des Ancien Regime aufzusteigen. Nach seinem Tod geriet Mozarts schillernder Zeitgenosse allerdings schnell in Vergessenheit. Sein Schaffen war fortan so unbekannt wie die Titelfigur seines einzig erhaltenen Opernwerks: Der anonyme Liebhaber (L’Amant anonyme) handelt von einem jungen Adeligen, der sich nicht traut, seiner besten Freundin seine Liebe zu gestehen, und sie stattdessen als anonymer Verehrer umschwärmt.
Der britisch-nigerianische Regisseur Femi Elufowoju Jr. erzählt diese romantische (Tragik-)Komödie als Geschichte Joseph Bolognes, für den es im 18. Jahrhundert als Person of Color unmöglich war, eine weisse Europäerin zu heiraten. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des US-amerikanischen Dirigenten Kazem Abdullah.
Oper in zwei Akten
Schweizer Erstaufführung
Uraufführung: 8. März 1780, Theater von Madame de Montesson, Le Raincy
Musik von Joseph Bologne «Chevalier de Saint-Georges»
Libretto von François-Georges Fouques Deshayes «Desfontaines»
nach Stéphanie Félicté de Genlis «Madame de Genlis»
in einer Neufassung von Femi Elufowoju Jr.
In französischer Sprache mit deutschen Dialogen und Übertiteln
Am Theater St.Gallen ist das «Must» für alle Opernfans zu sehen. «Der anonyme Liebhaber» von Joseph Bologne hatte letzten Samstag Premiere. Beeindruckt haben nicht nur Inszenierung und Musik, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe.
Diversity wird mit dieser Oper des «schwarzen Mozarts» auf der St.Galler Bühne thematisiert. Das ist gut und wichtig so, auch damit es immer selbstverständlicher wird, dass Artists of color wie der Sänger Joshua Stewart und der Dirigent Kazem Abdullah zu sehen und zu hören sind. Man darf und muss die Frage nach wirklicher Diversity auch heute immer wieder stellen, und es bietet sich an, diese Fragen mit einer Oper zu stellen, die ein Opfer des Rassismus im 18. Jahrhundert geschrieben hat.
Die Ehrenrettung des Komponisten, der sich, statt als eigene Grösse wahrgenommen zu werden, bis heute mit dem Titel «Der schwarze Mozart» zufriedengeben muss, betreibt das Ensemble eindrücklich: Joshua Stewart als verhaltener Joseph Bologne, Äneas Humm als überkandidelter Chevalier d'Eon, Florina Ilie als Léontine, die mit dramatischem Impetus im Zentrum steht. Als anmutiges junges Paar Jeannnette und Colin nehmen Jennifer Panara und Christopher Sokolowski für sich ein, und Libby Sokolowski hat die Ehre, mit einer Mozart-Arie zu glänzen und mit ihr festzustellen: «Der Liebe himmlisches Gefühl / Ist nicht an unsre Macht gebunden.» Neben diesem fulminanten Stück von Mozart verblasst Bolognes Kunst keineswegs.
Ob die Entscheidung, die Ausstattung komplett in Weiss zu gestalten, als zauberhaft-unschuldiger Akt gesehen werden kann, oder eher als Provokation, die zur Darstellung einer heuchlerischen Oberfläche dient, um mit der französischen Aristokratie abzurechnen, mag sich jeder selbst zusammenreimen. Jedenfalls ist die Ausstattung eine Meisterleitung des britischen Regisseur ULTZ, der für diesmal Bühne und Kostüme gestaltet hat. Mit seinem hinreissenden Traum in Tüll hat er den passenden, traditionellen Hintergrund geschaffen, der zugleich futuristisch und lasziv, den Blick auf Gestänge und Stützkorsette freigibt. Was auf den ersten Blick so seicht und leicht daherkommt, ist bei näherer Betrachtung dank der Inszenierung des britisch-nigerianischen Regisseurs Femil Elufowoju jr. in Zusammenarbeit mit dem Österreicher Sebastian Juen, eine Verwirrkomödie voller Gegensätze zwischen Schein und tragischem Sein. Die geschichtlich informativen Einwürfe des unsichtbaren Sprechers Kay Kysela helfen zusätzlich, die Dramatik hinter der Zuckerwatten-Romantik zu verdeutlichen.