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Der Architekt Patrik Schumacher, Thronfolger von Zaha Hadid, gab bei einem Vortrag in Zürich den grossen Avantgardisten. Im Kontext seiner Ansichten entpuppen sich seine Visionen als wabernde Dystopie.
Auf dem riesigen Flachbildschirm hinter Patrik Schumacher laufen noch die animierten Sci-Fi-Visionen von vollständig robotisierten Innenräumen, während er hilflos versucht, das Video stumm zu schalten, damit eine Zuschauerin ihre Frage stellen kann. Schumacher, Professor für Architektur, selbst ernannter Avantgardist und Leiter des Architekturkonzerns Zaha Hadid Architects, scheitert an den Tücken einer Powerpoint-Präsentation. Oder ist es dem kontroversen Redner gar angenehm, die Fragerunde noch etwas hinauszuzögern?
Wir befinden uns in einem edel ausgebauten Raum im obersten Stock des Swissmill Tower am Zürcher Limmatquai. Das Setting für den Vortrag an diesem 9. Februar passe doch gut zu dessen futuristischem Inhalt, stellt Jørg Himmelreich, Chefredaktor der Architekturzeitschrift «archithese», die Schumacher eingeladen hat, fest. Wäre Zürich der Schauplatz eines dystopischen Films: Hier oben, über hundert Meter über der Stadt, würden sich die Düsterlinge verschwören. Aber Schumacher will uns hier gerade das Gegenteil näherbringen. Er kontrastiert Filmstills aus «2001: A Space Odyssey» mit solchen aus «Blade Runner» – moderne Utopie mit postmoderner Dystopie – und will beide hinter sich lassen. Doch immer wieder vergleicht er sich mit Le Corbusier, um seinen Anspruch zu markieren: eine neue Architektur für ein neues Leben. Nur die politischen Vorzeichen haben sich geändert.
Was das heissen kann, führte Schumacher letzten Herbst in einem Vortrag aus. Er forderte darin nichts weniger als die totale Deregulierung der Londoner Stadtentwicklung: das Ende des sozialen Wohnungsbaus, die Privatisierung aller Strassen und Plätze sowie die Überbauung des Hyde Park. Zur darauf folgenden Kontroverse bemerkte Schumacher, ihm sei nicht klar gewesen, dass sein Vortrag ins Internet übertragen werde, er hätte sich sonst zurückgehalten. Zudem distanzierte sich Zaha Hadid Architects offiziell von Schumachers Aussagen. Was hat das zu bedeuten, wenn man bedenkt, dass Schumacher der Chef der Firma ist? Und welchen Schumacher würde man hier in Zürich nun zu sehen bekommen, den gezügelten oder den enthemmten?
Aura des Zukünftigen
Zunächst mal einen ziemlich faden. Im Vortrag geht es nicht um Städte, geschweige denn um ein neues Leben, sondern vor allem um Innenräume – von riesigen Firmensitzen. In monotonem Tonfall reiht Schumacher schwurbelige Begriffe wie «dynamisches Ökosystem», «Netzwerkarena» oder «architektonische Akteure» aneinander. Auf dem Bildschirm wandern schlecht animierte Figürchen durch Räume, deren digital belebte Einrichtung sich ihren Bewegungen anpasst. Was hier genau erforscht wird und zu was es gut sein soll, erklärt Schumacher nicht. Die hübschen Bildchen, die hinter ihm flackern, haben die gleiche Funktion wie die Raumschiffkulisse im Sci-Fi-Film: Sie kreieren eine Aura des Zukünftigen.
Schumacher spricht auch von der innovativen Kraft von 1968 und verwendet dann Begriffe wie «Ermächtigung», «Agency» und – am liebsten – «Freiheit». Doch je länger er spricht, desto deutlicher wird, dass es ihm damit vor allem um unternehmerische Freiheit und die EntwicklerInnen bei den gigantischen Techunternehmen geht. Google ist für Schumacher die Verkörperung der Zukunft; das Unternehmen müsse von sämtlichen Regulierungen befreit und mit beliebig vielen Ressourcen versorgt werden, fordert er. Wir erinnern uns an die Silicon-Valley-Diktatur aus David Eggers’ dystopischem Roman «The Circle».
Politik kommt nur in Andeutungen vor. Etwa, wenn Schumacher das «zukunftsweisende» China gegenüber dem «stagnierenden» Europa lobt. Doch auch für Europa hat er eine Vision: Im Lauf der Fragerunde begrüsst er ausdrücklich den Brexit. Als jemand aus dem Publikum anzweifelt, dass Schumachers Entwürfe für viele Bereiche interessant sein könnten, gibt sich der Redner als noch unverstandener Visionär und weist die soziale Verantwortung der Architektur kategorisch zurück. Ausdrücklich distanziert er sich vom chilenischen Architekten Alejandro Aravena, dem Kurator der Architekturbiennale 2016, der diese Verantwortung stets betont. Dann stellt Schumacher eine Analogie in den Raum, die nachhallt: «Wenn Sie Forscher aus einem Genlabor im Westen nach Afrika schicken, um die Armut zu bekämpfen, ist das auch eine Verschwendung von Ressourcen.»
Hier oben im Silo
Schumachers theoretisches Hauptwerk heisst «The Autopoiesis of Architecture», Architektur als sich selbst erhaltendes System. Diese Auffassung kann bis in die Londoner Architekturavantgardeszene der achtziger Jahre zurückverfolgt werden, der neben Rem Koolhaas auch die 2016 verstorbene Zaha Hadid angehörte. Nachdem in den siebziger Jahren in London das Paradigma des sozialen Wohnungsbaus vorgeherrscht hatte, setzte diese Bewegung wieder radikal auf formale Innovation.
Hadid experimentierte mit Material und Konstruktion, um die aberwitzigsten Entwürfe zu realisieren. Bereits Ende der achtziger Jahre stiess Schumacher als Freelancer zu Hadids Büro. Auch wenn sie wohl nicht auf seiner radikallibertären Linie dachte, war es auch ihr eher lästig, wenn sie an die soziale Realität hinter ihrer Ikonenarchitektur erinnert wurde. Als die «New York Review of Books» von Missständen auf der Baustelle ihres Fussballstadions in Katar berichtete, zog Hadid das Blatt vor Gericht.
Hier oben im Silo stösst Schumacher – und das ist an diesem Abend vielleicht das Erstaunlichste – dagegen kaum auf Kritik. Und so verhallt auch einer seiner letzten Sätze unwidersprochen in der Nacht: «Die Flüchtlingskrise ist kein Problem der Architektur.»