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Seit den ersten Tagen der russischen Invasion im Jahr 2022 hat die ukrainische Bevölkerung fast nur eine einzige Quelle für Fernsehnachrichten. Die «Telemarathon United News» ist eine ganztägige Sendung mit Bildern von ukrainischen Panzern, die russische Stellungen bombardieren, von helfenden Sanitätern, die in der Nähe der Frontlinie operieren, und von hohen Politikern, die im Ausland um Unterstützung werben.
Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für Kultur und Informationspolitik (MCIP) soll die einheitliche Nachrichtensendung «den Fluss zuverlässiger und hochwertiger Informationen gewährleisten und die nationale Einheit und den Widerstand unterstützen».
«Es ist eine Waffe», sagte Präsident Wolodymyr Selensky vor einem Jahr über die Sendung. Sie wird von den grössten Fernsehsendern des Landes gemeinsam produziert und rund um die Uhr ausgestrahlt.
Laut Oleksandr Bogutsky, dem Geschäftsführer des grössten ukrainischen TV- und Radiokonzerns StarLight Media, wurde das Programm per Präsidialdekret eingeführt und wird zu etwa 40 Prozent von der Regierung finanziert. Damit wurde dem Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine (NSDC) Folge geleistet, der eine einheitliche Informationspolitik unter Kriegsrecht forderte.
Mehrere Medienexperten und Journalisten, die an der Nachrichtensendung teilnahmen, sagten gegenüber der «New York Times», dass Oleksandr Tkachenko, bis Juli 2023 ukrainischer Kultur- und Informationsminister, an Sitzungen zur Koordinierung der Nachrichtenberichterstattung teilnahm. Das Ministerium reagierte auf mehrere Bitten um Stellungnahme nicht.
TV-Moderatorin Olena Frolyak, die für StarLight Media arbeitet, räumte gegenüber der «New York Times» ein, dass über Bombenanschläge und Entwicklungen an der Front erst dann berichtet werde, wenn die Regierung dies mitteilt: «Wir müssen jeweils auf die offizielle Stellungnahme warten».
Der Einfluss der Regierung wurde auch klar, als sie mehrere von politischen Gegnern betriebene TV-Kanäle von der Teilnahme an Telemarathon ausschloss.
Immer mehr Ukrainer werden des Telemarathons überdrüssig
Reporter der «New York Times» befragten ein Dutzend ukrainischer Journalisten und Medienexperten in Kiew. Ihr Fazit, das die NYT am 3. Januar 2024 veröffentlichte:
«Nach fast zwei Jahren Krieg sind die Ukrainer des Telemarathons überdrüssig geworden. Was einst als wichtiges Instrument für den Zusammenhalt des Landes angesehen wurde, wird nun zunehmend als Sprachrohr der Regierung verspottet. Zuschauerinnen und Zuschauer beschweren sich darüber, das Programm zeichne oft ein zu rosiges Bild des Krieges und blende dabei besorgniserregende Entwicklungen an der Front und die schwindende Unterstützung des Westens für die Ukraine aus. Das Programm habe es versäumt, die Bürger auf einen langen Krieg vorzubereiten.»
Etliche Befragte meinten, die Berichterstattung über die ukrainische Gegenoffensive in diesem Sommer sei zu optimistisch gewesen und habe den Eindruck erweckt, dass das Militär schnell durch die feindlichen Linien dringen würde. Doch tatsächlich erlitt die Gegenoffensive von Anfang an Rückschläge und scheiterte schliesslich weitgehend.
PR für Selenskys Partei
Eine weitere Sorge sei, dass sich Telemarathon in eine PR-Aktion für Selensky verwandelt habe, der zwar nach wie vor die vertrauenswürdigste politische Persönlichkeit der Ukraine sei, aber in den letzten Monaten einen Rückgang seiner Zustimmungswerte zu verzeichnen hatte.
Medienexperte Ihor Kulias stellte für Detector Media, einer ukrainischen Medienaufsichtsbehörde, Zahlen zusammen, die zeigen, dass Mitglieder von Selenskys Partei «Diener des Volkes» im Jahr 2023 mehr als 68 Prozent der politischen Gäste des Programms ausmachten. Der Anteil stieg im Laufe des Jahres stetig. Die Partei «Diener des Volkes» kontrolliert die Hälfte der Sitze im Parlament.
Oleksandr Bohutskyi, CEO von Starlight Media, meinte gegenüber der «New York Times», seine Sender würden daran arbeiten, die Vielfalt der Gäste zu verbessern. Er wies darauf hin, dass Social Media wie Telegram – auf denen die meisten Ukrainer aktuelle Informationen über den Krieg von Soldaten und Militäranalysten beziehen – einen viel grösseren Einfluss hätten.
Einschaltquote auf einen Viertel gesunken
«Alle haben dieses Bild satt, das besagt: ‹Wir gewinnen, jeder mag uns und gebt uns Geld›», sagte Oksana Romaniuk, Leiterin des in Kiew ansässigen Instituts für Masseninformation, einer Organisation zur Überwachung der Medien. «Es handelt sich um Staatspropaganda» würden immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer sagen und sich von den zensurierten Einheitsnachrichten fast aller TV-Stationen abwenden.
Die Zahlen bestätigen dies: Laut der stellvertretenden Chefredaktorin der Medienaufsichtsbehörde Detector Media, Svitlana Ostapa, hatte das Nachrichten-Programm im März 2022 noch eine Einschaltquote von 40 Prozent – gemessen an der Gesamtzuschauerzahl in der Ukraine. Bis Ende 2022 fiel die Einschaltquote auf 14 Prozent. Heute sind es nach Angaben von Svitlana Ostapa nur noch 10 Prozent.
Parallel dazu nahm der Anteil der Ukrainerinnen und Ukrainer ab, welche dieser Informationssendung trauen: Im Mai 2022 vertrauten ihr noch 69 Prozent, im Dezember 2023 nur noch 43 Prozent. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Kyiv International Institute of Sociology:
Am Anfang lebenswichtig
Zu Beginn des Krieges sah die Mehrheit der Ukrainer das Projekt als lebenswichtig an. Als die russischen Truppen immer näher an ukrainische Städte und Dörfer heranrückten, informierte Telemarathon die Zuschauerinnen und Zuschauer über die Kämpfe und gab ihnen Ratschläge, wo sie Schutz suchen und wann sie evakuiert werden sollten. «Es waren lebensrettende Inhalte», sagte Khrystyna Havryliuk, Leiterin der Nachrichtenabteilung von Suspilne, dem öffentlich-rechtlichen Sender der Ukraine, der sich an Telemarathon beteiligt.
Die Sendung hob auch die Stimmung der Menschen in einer kritischen Zeit, indem sie die inspirierenden Botschaften Selenskys in Millionen von Haushalten ausstrahlte. «Die Stimmung, die sie den Menschen gab, und die Hoffnung», sagte Oksana Romaniuk vom «Institute of Mass Information» in Kiew. «Es war wirklich beeindruckend.»
«Das Gefährliche dabei ist, dass es eine optimistische Sicht der Situation schafft und dann zu Enttäuschungen führt», sagte Yaroslav Yurchyshyn, der Leiter des Ausschusses für Meinungsfreiheit des ukrainischen Parlaments, der die Wirksamkeit der Nachrichtensendung jüngst öffentlich in Frage stellte.
Angesichts des sich hinziehenden Krieges meinte Oksana Romaniuk vom «Institute of Mass Information» in Kiew, dass Telemarathon sich ändern müsse, um nicht nachzuahmen, wogegen es ursprünglich gedacht war: Russische Propaganda. «Man will nicht wie Russland sein», sagte Romaniuk. «Wir sollten darüber nachdenken, wie wir die Demokratie in Zeiten des Krieges verteidigen.»
Viele Kritiker meinten gegenüber der «New York Times», die Einheits-Nachrichtensendung Telemarathon würde heute mehr schaden als nützen.
Infosperber bietet keine umfassende Information an, sondern veröffentlicht ergänzende Informationen zu den bekannten aus grossen Medien.
Deutschsprachige öffentlich-rechtliche und private TV-Stationen haben über obige Entwicklung in der Ukraine bisher kaum informiert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.