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Lead
Ende des 19. Jahrhunderts gab es im geteilten Polen einen intensiven Austausch zwischen Soziologie und Literatur. Soziologen äusserten sich zu Fragen der Literatur und Ästhetik -Schriftsteller griffen in ihrer Beschreibung der Gesellschaft auf soziologische Konzepte zurück. Beide Gruppen verband das gemeinschaftliche soziale Engagement.
Lay summary
Das Projekt untersucht zum einen, inwiefern Forscher wie Edward Abramowski, Kazimierz Kelles-Krauz, Ludwik Krzywicki, und Florian Znaniecki u.a. sich in ihren soziologischen Arbeiten von der Literatur inspirieren liessen. Es zeigt zum anderen, dass viele Schriftsteller im Polen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und darüber hinaus soziologische Interessen verfolgten und in ihren Werken literarische Imagination mit soziologischer Beschreibung vermischten (z.B. Janusz Korczak, Maria Dabrowska). Die Theorien und Praktiken der literarischen Arbeit, der soziologischen Forschung und nicht zuletzt des gesellschaftlichen Engagements, die in diesem Umfeld entstanden, entfalteten im Polen des 20. Jahrhunderts eine nachhaltige Wirkung. Das zeigt sich zum Beispiel in der ausserordentlichen Bedeutung von Tagebuch- und Memoirenprojekten in der Literatur und Gesellschaft der Zwischenkriegszeit, aber auch in den Begriffen und Konzepten, mit denen in Polen bis heute über das Problem des „sozialen Bands“, des sozialen Zusammenhalts debattiert wird. Hier lässt sich eine Linie von den frühen Romanen Stefan Zeromskis, über die Publizistik im Umfeld der Genossenschaftsbewegung der Zwischenkriegszeit bis hin zu den Vordenkern der Gewerkschaft „Solidarnosc“ (Solidarität) aufzeigen.
Das Projekt rekonstruiert den Beitrag der Literatur zur Geschichte der Sozialwissenschaften in Polen. Es weist darüber hinaus nach, dass in bestimmten historischen Konstellationen literarisch geprägte Formen des Sprechens und Verhaltens, des Fühlens und des sozialen Beisammenseins ‚echte‘, nachprüfbare Auswirkungen in der sozialen Praxis haben.