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Buchhandlungen in Bahnhöfen sind magische Orte. Sobald sich die automatischen Schiebetüren hinter einem schliessen, scheint das hektische Treiben ausserhalb der Schaufenster unendlich weit weg zu sein. Man befindet sich in einer fernen Welt, zwischen Geschichten, die ihrerseits in neue Welten entführen. Die wenig ansprechende Geräuschkulisse des Bahnhofs wird ersetzt durch fast andächtige Ruhe, wenn man sich unter die versunkenen Kunden mischt.
Nur ich bin ein beunruhigend nervöser Wirbel in all der Gelassenheit. Ich stehe vor der Abteilung für Sportbiografien und lasse meinen Blick unsicher über Titel schweifen, die ein wenig nach Wahlsprüchen klingen.
Wenn ich nur die Hälfte dieser Namen kennen würde, wüsste ich vielleicht, welche davon Triathleten sind. Ich wüsste, welches Buch ich einem Triathleten schenken könnte. Einem Triathleten, der ganz nebenbei mein Freund ist.
Frustriert löse ich meinen Blick von den öligen Sixpacks und entschlossenen Gesichtern auf den Covers und lasse ihn durch die Buchhandlung schweifen. Meine Rettung entdecke ich schliesslich vor der Klassischen Literatur Abteilung: Einen Verkäufer im weissen Hemd, der einen ganzen Stapel Bücher auf seinem Arm balanciert und mit hochkonzentriert zusammengezogenen Augenbrauen in einem Sammelband blättert. Seine Lippen formen stumm die Worte, mit einem Finger tippt er unablässig gegen seine schwarze Anzugshose. Seit wann ist der Dresscode für Buchhändler so streng? Und seit wann dürfen die Angestellten während ihrer Schichten Dickinson lesen?
Ich gehe energisch auf den Verkäufer zu und werfe dabei einen besorgten Blick auf meine Uhr. Der Zug fährt in einer halben Stunde ab, bis dahin muss ich hier fertig sein. «Entschuldigen Sie? Ich habe eine Frage.» Er dreht sich überrascht zu mir um. Seine Augen mustern mich neugierig, bevor sich ein amüsiertes Lächeln auf seine Lippen schleicht. «Ja?»
«Ich brauche ein Geschenk. Von da drüben.» Ich zeige mit ausgestrecktem Finger auf das Regal mit den Sportbiographien, wie ich auf ein tödliches Insekt zeigen würde. Sein fast angewiderter Blick sagt Ähnliches aus. «Da drüben?», fragt er zweifelnd nach. «Wer zur Hölle will ein Buch von da drüben?» Irritiert schaue ich zu ihm auf. Seine Mundwinkel sind zu einem Grinsen verzogen, das die Grenze zu einem unterdrückten Lachen beinahe überschreitet. «Mein Freund», antworte ich. Das Lächeln verschwindet. Er hebt sarkastisch eine Augenbraue. «Herzliches Beileid.» «Sie sind kein sehr professioneller Buchhändler.»
Allmählich kehrt sein Grinsen zurück. Es steht völlig im Kontrast zu seiner nachdenklichen Ausstrahlung, verleiht ihm etwas Leichtes, Jungenhaftes. Erst jetzt begreife ich. «Sie sind kein Buchhändler, stimmts?» Noch während er langsam nickt, vergrabe ich mein Gesicht in den Händen. Das ist peinlich. Schrecklich peinlich. «Es tut mir leid, ich wollte nicht…» «Sie sollten trotzdem auf mich hören, wenn ich Ihnen sage, dass es hier sehr viel tiefgründigere Lektüre gibt als Sportbiografien», unterbricht er und drückt mir ein Buch von seinem Stapel in die Hände. «Das zum Beispiel. Von Charlotte Brontë.» Ehrfürchtig streicht er über den dunklen Ledereinband. «Ich bin kein Vogel und…» «kein Netz umschliesst mich», beende ich für ihn, bevor ich das Buch mit einem verschmitzten Lächeln gegen seine Brust drücke. «Hervorragend geschrieben. Obwohl ich Sturmhöhe vorziehe.» Sein Mundwinkel zuckt leicht, als er mich wieder direkt anschaut. Lauernd. Herausfordernd. «Ihr Freund ist also ein Heathcliff? Ein sensibler Misanthrop, der mehr wie Sie ist als Sie selbst?» Ein misslungenes Lachen entkommt mir, dann schüttle ich nachdenklich den Kopf. «Nein, kein Heathcliff.» Ich schnaube, selbst erstaunt darüber, wie verächtlich das Geräusch klingt. «Eher der umschwärmte Quarterback in einer High School Serie.» Der Verkäufer, der kein Verkäufer ist, verzieht das Gesicht. «Immerhin erklärt das seinen schlechten Geschmack, was Literatur anbelangt.»
«Immerhin hat er ein Sixpack», füge ich hinzu, meine Stimme triefend vor Sarkasmus. Darauf schweigt er, und ich auch. Es ist unglaublich, wie schnell eine intellektuelle Konversation in die Brüche geht, wenn fassbare Belanglosigkeiten wie gutes Aussehen ins Spiel kommen. Und so stehen wir da, Seite an Seite, und betrachten Buchrücken. Ich habe bis jetzt nicht realisiert, wie entspannend es sein kann, neben einem fremden Möchtegern-Literaturkritiker Buchrücken zu betrachten.
«Sie sollten ihn verlassen.» Erstaunt springt mein Blick zu ihm. Er dreht sich nicht um, aber ich sehe das leise Lächeln, das seinen Mund umspielt. Automatisch beginne ich ebenfalls zu schmunzeln. «Warum?» «Um einen Heathcliff zu finden.» «Wie Sie, zum Beispiel?» Herausfordernd verharrt mein Blick auf ihm, bis er sich mir zuwendet. Und mir in die Augen schaut.
Er ist einer der Menschen, die einem nicht nur halb in die Augen schauen. Nein, er gehört zu jenen, die um jeden Preis das Wesen ihres Gegenübers in dessen Augen finden wollen. Sie suchen mit einer Intensität und Verzweiflung danach, die einem fast Angst machen kann. «Zum Beispiel», sagt er leise.
Wieder schweigen wir, während tausend Worte zwischen uns fallen. Ich habe noch nie so lautstark geschwiegen.
Es ist viel eher Zufall als Absicht, als ich nach Minuten, die eine Ewigkeit hätten dauern sollen, auf meine Uhr schaue. Fünf Minuten, bis der Zug fährt. Er tritt näher zu mir, nur ein kleines Stück, bis sein Ellbogen meinen streift. «Sie sollten Ihren Freund nicht warten lassen. Sportler haben kein Verständnis für Verzögerungen wegen Literaturdebatten.» Ich erwidere nichts, sondern strecke einen Arm aus und fahre mit der Fingerspitze über die Buchrücken im Regal, bis ich den Richtigen finde. «Sturmhöhe, Emily Brontë», liest er vor. «Ausgezeichnete Wahl.» Ich lächle schwach. «Vielen Dank für Ihre Beratung. Sie sind ein sehr kompetenter Buchhändler.» Dann drehe ich mich um, das Buch in der Hand, und gehe davon.