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450. Geburtstag von Monteverdi Mit Exotik und Erotik zum Erfolg
- Montag, 15. Mai 2017, 13:32 Uhr
Claudio Monteverdis Musik ging nach seinem Tod fast vergessen. Bis zur «L'Orfeo»-Premiere 1975 in Zürich.
- Zürich wurde nach 1975 zur «Monteverdi-Stadt», nachdem Nikolaus Harnoncourt die Monteverdi-Opern «Orfeo», «Ulisse» und «Poppea» zeigte.
- Das Monteverdi-Revival gelang dem Dirigenten Harnoncourt und dem Regisseur Ponnelle durch die Rückbesinnung auf die Instrumente, die Monteverdi selbst für seine Aufführungen zur Verfügung hatte.
- Nach 1968 gerieten starre Geschlechterrollen ins Wanken. Hoch singende Männer und androgyne Charaktere auf der Opernbühne waren neu und wurden als attraktiv empfunden.
Sie war ein Wendepunkt, die «Orfeo»-Premiere unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Nicht nur Monteverdi wurde danach fürs Musiktheater wiederentdeckt. Durch die Zusammenarbeit von Dirigent Harnoncourt und Regisseur Jean-Pierre Ponnelle wurde das Potenzial der Barockoper überhaupt neu erschlossen.
Händel und Vivaldi, Rameau und Purcell wurden nicht mehr modernisiert und bearbeitet, sondern in historisch informierter Aufführung auf die Opernbühnen gebracht. Das Publikum kam in Scharen.
Ein Revival mit Vorgeschichte
Zürich wurde nach 1975 dank dem kongenialen Team Ponnelle/Harnoncourt zur «Monteverdi-Stadt». Nach dem «Orfeo» folgten die beiden anderen erhaltenen Monteverdi-Opern «Ulisse» und «Poppea», danach kam das 8. Madrigalbuch auf die Bühne. 110 Monteverdi-Aufführungen gab es allein im Zürcher Opernhaus.
Das Zürcher Monteverdi-Revival kam aber nicht aus dem Nichts. Nikolaus Harnoncourt – damals noch umstrittener Vertreter der historisch informierten «Originalklang»-Bewegung – hatte bereits 1969 den «Orfeo» konzertant aufgeführt und aufgenommen.
Nervosität vor dem Bürogebäude
Diese Aufnahme bewog Klaus-Helmut Drese, damals noch Intendant der Kölner Oper, eine szenische Orfeo-Aufführung für seine erste Spielzeit als Intendant in Zürich zu planen. Er erzählte, wie er um 1974 Nikolaus Harnoncourt nach Köln einlud und dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle vorstellte, um sie gemeinsam auf das Projekt anzusetzen.
Darauf liess er die beiden miteinander allein, um Daumen drückend und nervös draussen auf der Strasse um den Block zu spazieren. Er hielt es vor Ungewissheit im Büro nicht aus. Aber die Nervosität war unbegründet. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Und der Grundstein für die legendäre Zusammenarbeit war gelegt.
Wiederbelebungsversuche für Orfeo
Monteverdis Orfeo, «Favola in musica», eine der ersten abendfüllenden Opern der Musikgeschichte, hatte seit Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Wiederbelebungsversuche durchlaufen.
Der Franzose Vincent d’Indy unternahm 1905 zusammen mit dem Schriftsteller Romain Rolland eine Neuausgabe und Aufführung an der Schola Cantorum. Später, in den 1930er-Jahren, war es die Komponistin Nadja Boulanger, die Monteverdis Madrigale in Paris aus der Versenkung holte.
Krönung zum «nationalen Genie»
In Italien hatte der Dichter Gabriele d’Annunzio Monteverdi als nationales Genie verherrlicht, und der Komponist Gian Francesco Malipiero wagte es als erster, in den 1920er Jahren eine Gesamtausgabe von Monteverdis Werken zu betreuen.
Die faschistische Kulturpolitik griff die Heroisierung Monteverdis durch d’Annunzio dankbar auf, und Ottorino Respighi schuf 1935 für das moderne Publikum eine Neufassung.
Monteverdis Musik wurde so mit den Klangfarben eines opulent besetzten Orchesters wie der «Pini di Roma», «Gli Ucelli» und ähnlicher Werke unterlegt. In Deutschland erlebte Carl Orffs Neufassung vom Anfang der 1920er Jahre 1939 eine Neuauflage, auch sie mit fast monumental gesteigerten Klang-Massen und einschneidenden Änderungen an Text und Dramaturgie des Originals.
Gründe für den breiten Erfolg
Diese und viele andere Anstrengungen, die Opern und Madrigale Monteverdis aus ihrer Raritäten-Nische hervorzuholen, blieben letztlich erfolglos.
Erst mit der konsequenten Rückbesinnung auf die Instrumente, die Monteverdi selbst für seine Aufführungen zur Verfügung hatte, und der Forschungsarbeit der historisch informierten Musiker wurden die Weichen gestellt für eine breite Wiederentdeckung «eines der grössten Genies der vergangenen Jahrhunderte» (Nikolaus Harnoncourt).
Mit Exotik und Erotik zum Erfolg
Die Musikwissenschaftlerin und Monteverdi-Spezialistin Silke Leopold führt noch einen weiteren Grund an für die plötzliche Breitenwirkung Monteverdis. Die starr definierten Geschlechterrollen waren in den Jahren nach 1968 in Bewegung geraten.
Androgyne Charaktere wurden als interessant und attraktiv empfunden, anstatt geächtet zu werden. Hoch singende Männer auf der Opernbühne waren neu. Sie boten zudem den doppelten Reiz einer historisch-exotischen Zeitreise und erotischer Ambivalenz.
Zertrümmerte Tradition schafft Neues
Der Weckruf der Zürcher Fanfaren konnte wirken, weil das Publikum mit Bach und Händel auf Originalinstrumenten bereits eingestimmt war auf die Entdeckung dieser Klänge. Auch die klassische Musikwelt konnte nach 1968 nicht mehr nur in starrer Traditionspflege ihre sinfonischen Rituale abspulen.
Eine ganze Generation von Musikerinnen und Musikern hatte sich aufgemacht, diese Tradition als hoch spezialisierte Instrumentalisten und Sängerinnen zu hinterfragen. Nicht als Selbstzweck, sondern, wie Nikolaus Harnoncourt es ausdrückte, als «Hilfe, diese Musik in all ihrer Vitalität und Glut wiederauferstehen zu lassen».
450 Jahre Monteverdi
Zum Monteverdi-Geburtstag am 15. Mai gibt es bei Radio SRF 2 Kultur folgende Spezialsendungen:
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