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Als ich noch in die Schule ging, hatten wir alle ein bisschen Angst vor Viktor, den wir alle Vigi nannten. Vigi war grösser als alle anderen, hatte im Gegensatz zu den meisten von uns Buben bereits den Stimmbruch hinter sich – und er war vor allem der Stärkste in der Klasse. In den schulischen Fächern war er nicht gerade weltmeisterlich unterwegs, bekam meistens schlechte Noten – aber er war dafür sehr schlau. In der grossen Znünipause zwackte er sich bei den körperlich Schwächeren immer wieder mal einen Teil ihrer Zwischenverpflegung ab, beim Schulsport schubste er die anderen und beging hinter dem Rücken des Turnlehrers versteckte Fouls. Auf den Schulreisen sicherte er sich die besten Fensterplätze im Postauto oder in der Bahn. Auch nahm er in der Unterrichtspause immer wieder gerne jemanden in den Schwitzkasten, einfach nur so, aus Spass und allen in Erinnerung rufend, wer der Boss in der Klasse sei. Mich hat er zum Glück meistens verschont, weil ich ihm auf Vorschlag des Klassenlehrers bei den Hausaufgaben half und er – für mich überraschend – diese Hilfe gerne annahm. Vigi konnte auch nett sein, freundlich, manchmal sogar lustig, aber man wusste nie, wann die Stimmung umschlägt. Und warum.
Als Vigi schulisch immer mehr abhängte und auch die Hausaufgaben ziemlich überflüssig fand, blieb er konsequenterweise sitzen. Wir atmeten erleichter auf. In der nächsten, jüngeren Klasse fand er dann noch leichtere Opfer; sie taten uns nicht besonders leid. Wir waren ihn los und begegneten ihm kaum noch.
Der amerikanische Präsident, Donald Trump, hat vor einigen Wochen im Kurznachrichtendienst Twitter ein ungefähr zehn Jahre altes Video gepostet. Er steht in einem Wrestling-Ring, wo eine für europäische Augen immer noch seltsame Sportart betrieben wird. Das heisst, es ist eigentlich kein Sport, sondern Massenbelustigung. Muskelbepackte und furchterregend geschminkte Männer spielen dem rasenden Publikum martialische Schlägereien vor. Donald Trump, im Anzug, wirft in der inszenierten Rauferei einen Mann unvermittelt zu Boden und prügelt theatralisch auf ihn ein. So nach dem Motto: Voll auf die Fresse! Dann geht er stolz ab. Für dieses kindische Video hat Donald Trump dem Kontrahenten das Logo des Fernsehsenders CNN auf den Kopf montiert. Mit CNN liegt Trump im Dauerclinch; er bezeichnet den Sender gern als Fake News.
Der US-Präsident hat schon viele merkwürdige, lächerliche, abstossende, selbstentlarvende Dinge getan. Aber selten hat er das Credo seines Lebens, auch seines politischen Lebens so exakt auf den Punkt gebracht wie mit dieser kleinen, nur ein paar Sekunden langen Filmsequenz: Ihr haltet das Maul! Kommt doch, wenn ihr was wollt! Ich bin der Grösste! Make America great again! Vigi hat uns alle überholt. Er schubst, drängelt, und er sitzt auf dem besten Fensterplatz, diesmal sogar mit Atomknopf. Hallo Welt, du hast ein grosses, blondes Problem.
Ludi Fuchs,
11.8.2017, 116. Jahrgang, Nr. 223.
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