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Letzten Sommer bekamen wir eine Vorahnung davon, was es bedeutet, wenn Wasser nicht unendlich zur Verfügung steht. Weil ausgerechnet in den trockensten Wochen eine Pumpe ausgefallen war, forderte die Gemeinde von der Bevölkerung, Wasser zu sparen, auf das Autowaschen sowie auf ausgiebiges Duschen zu verzichten und auch den Garten nicht mehr zu bewässern. Sofort regte sich Widerstand: «Ich lass doch meine Geranien nicht verrecken», zürnte ein Nachbar.
Die Reben über dem Bielersee sind eingeteilt in Bewässerungszonen, und es gibt strenge Regeln, wer wann wo Leitungswasser bekommt oder solches, das vom See in ein Reservoir hochgepumpt wird. Auch beim Verteilen des Wassers zeigten sich sogleich Risse in der Zivilisation: Zwei nicht berechtigte Winzer leiteten das Wasser nachts heimlich in ihre Reben und leerten das Reservoir. Wir hatten Glück: Unsere neu gepfropften Reben durften wir offiziell bewässern; ein- bis dreijährige Reben haben Priorität, weil die Stöcke sonst eingehen. Bei älteren Reben mit tiefen Wurzeln leiden «nur» Weinqualität und Menge.
Letzte Woche erschien der Weltwasserbericht der Unesco. Sie fordert unverzügliche Schritte, damit Wasser nachhaltig und gerecht verteilt und nicht mehr verschwendet wird. Die Landwirtschaft verbraucht weltweit zwei Drittel der Wasservorräte, und weil die Weltbevölkerung weiter wächst, braucht es immer mehr Bewässerung – doch dafür fehlt das gespeicherte Wasser.
Dürfen wir da noch Wasser in Wein verwandeln? Es braucht viel Wasser, um einen Liter Wein zu produzieren: zehn bis zwanzig Liter im Keller, bis zu tausend Liter im Rebberg. Darüber brauchten wir uns bisher kaum Gedanken zu machen, denn der grösste Teil ist Regen. Doch was ist, wenn in den Sommermonaten immer öfter gar kein Regen fällt und die Vorräte in Stauseen, Seen und Flüssen sinken?
Anfang März verkündete eine internationale Forschungsgruppe, dass die Weintraube schon vor 11 000 Jahren, am Ende der Eiszeit, nicht mehr nur gesammelt, sondern domestiziert wurde. Sie gehört zu den ältesten Kulturpflanzen, und die Studie belegt, dass die Entwicklung der Landwirtschaft reichlich von vergorenen Getränken begleitet wurde. In Georgien suchte man die Trauben für die besten Weine, im westasiatischen Raum die Tafeltrauben als Nahrungsmittel. Durch Wanderungsbewegungen und Handel verbreitete sich die Rebe, Kreuzungen mit Wildreben schufen eine grosse Anzahl von Sorten. Die Weintraube sei eine treibende Kraft der Zivilisation gewesen, sagt Peter Nick, ein Koautor der Studie. Neu arbeitet der Pflanzenbiologe aus Karlsruhe an einem Projekt, das die Reben gegen die Folgen des Klimawandels wappnen soll.
Ich bin skeptisch, ob der Weinbau auch die nächsten 11 000 Jahre bestehen wird. Und es tröstet mich nicht, dass unser zivilisatorischer Fortschritt darin besteht, dass man Wein im Labor gänzlich ohne Trauben herstellen kann.
Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Über den Laborwein schrieb sie vor fünf Jahren («Château Pétrus für alle» in WOZ Nr. 34/18).