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Seit Herbst 1995 lebe ich in der Oberen Schosshalde in Bern, damals noch direkt am Stadtrand. Bereits eine Querstrasse weiter lag bis zur Autobahn vor dem Schosshaldenfriedhof ein weites, offenes Feld mit dem Flurnamen «Obers Galgenfeld», nordwärts leicht ansteigend zum Galgenhügel, der bis Anfang des 19. Jahrhunderts als Richtstätte «untenaus» gedient hatte. Dieses Feld gehörte der Burgergemeinde, also den Nachfahren jener, die seinerzeit hier hatten hinrichten lassen. 2002 gab die Grundeigentümerin die 90'000 Quadratmeter zur Überbauung frei. In den folgenden Jahren entstanden in 54 Mehrparteienhäusern 411 Wohnungen. Heute lebt – mit Blick auf die Alpenkette – gehobener Mittelstand hier, rund 1200 Menschen. Die Überbauung heisst «Schönberg Ost».
2006 bekam ich zufälligerweise mit, dass die Zuständigen der Stadtverwaltung auf der Suche nach einem «Benennungskonzept» waren für die Strassen, die kreuz und quer durch dieses neue Quartier führen sollten. Ich machte mir Gedanken und formulierte meinen Vorschlag am 14. Juni per Mail an den Städtischen Kultursekretär wie folgt:
«Mein Vorschlag: Der rote Faden sei eine Sammlung von Namen emmentalischer Bauernkrieger von 1653 (Niklaus Leuenberger, Ueli Galli, Christian Schybi etc.). Für die Festlegung der plausibelsten Namen soll als Experte der Buchautor Urs Hostettler beigezogen werden (‘Der Rebell vom Eggiwil’).
Begründung: Mehrere der Bauernkrieger sind damals auf dem angrenzenden Galgenhügel hingerichtet[1] und teilweise monatelang an ihren Galgen hängen gelassen worden. Mein Vorschlag ist nicht als Provokation gemeint, sondern als eine Erinnerung und als eine Respektbezeugung. Gerade weil das Areal, das dort überbaut wird, bis jetzt den Nachfahren jener gehört, die diese Bauernkrieger zuerst unterdrückt, dann diplomatisch ausgetrickst, dann militärisch verfolgt und schliesslich hingerichtet haben, wäre diese Geste gerade auch aus Sicht der Burgergemeinde angebracht. Die rotgrüne Stadt Bern andererseits könnte damit ein doppeltes Signal setzen: zum einen für ein (selbst)kritisches historisches Bewusstsein, zum andern als versöhnliche Geste gegenüber dem Emmental im Speziellen und den ländlichen bernischen Regionen im Allgemeinen. Denn nicht auszuschliessen ist, dass sich die politischen Bruchlinien zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren noch verschärfen werden.»
Mein Vorschlag ist damals in den Schubladen der Stadtverwaltung verschwunden – ehrlich gesagt, habe ich mich auch nicht weiter darum gekümmert. Am 7. August 2009 berichtete der Bund dann unter dem Titel «Rätsel um Knochenfunde im Galgenfeld», auf die der Archäologische Dienst des Kantons Bern bei Grabungen am Galgenhügel gestossen war. Zur Datierung der Gebeine konnten die Experten noch nichts sagen, immerhin war klar, dass in Bern zwischen 1503 und 1796 437 Todesurteile gefällt worden waren: «Die Hälfte der Urteile wurde durch das Schwert vollzogen, etwa ein Fünftel durch den Galgen, der Rest durch Verbrennen oder Ertränken.»
Die Strassenzüge des Schönberg Ost-Quartiers tragen heute Namen von verdienten ArchitektInnen: Neben der Brechbühler-, der von Gunten- und der Salvisbergstrasse gibt es Wege mit den Namen Beyeler, Guyer, Hostettler, Rüfenacht und Weiss.[2] Was fehlt, ist die Gallistrasse.
[1] Laut Urs Hostettler: Der Rebell vom Eggiwil. Bern (Zytglogge-Verlag) 1991 wurden «untenaus» im Sommer 1653 zum Beispiel Christian Wynistorf, Lienhart Glanzmann und Daniel Küpfer (S. 622f.), Niklaus Leuenberger und Bendicht Spring (S.651f.) sowie Hans Conrad Brenner und Ueli Galli (S. 681f.) hingerichtet.
[2] Im Gespräch schildert der damalige Kultursekretär der Stadt Bern, Christoph Reichenau, aus dem Gedächtnis den Weg meines Vorschlags so: Zuerst sei er mit weiteren Vorschlägen in der Kommission für Strassennamen einem Dreiergremium, dem neben ihm die Leiterin des Vermessungsamts Christine Früh und der Stadtarchivar Emil Erne angehört hätten, besprochen und als einer der möglichen an den Gemeinderat – die Stadtregierung – weitergereicht worden. Dieser habe ihn anschliessend als einen der Vorschläge der Bauherrin, der Burgergemeinde Bern, vorgelegt. Diese habe ihn verworfen.
(01., 04., 26.06.+.12.+18.07.2018; 25.06.2019)
Neuüberbauung
Im Moränenhügel graben
Spezialisten Knochen aus –
abgehangnen Frass der Raben.
Auch die Bauernkrieger haben
hier geendet. Untenaus.
«Galgenfeld» hiess die Moräne,
doch der Name hielt sich nicht.
Heute nennt sich die Domäne
«Schönberg» und die Neubaupläne
werben mit der Alpensicht.
Bieten die Patrizier Wohnraum
für gehobnen Anspruch an,
melden die Verscharrten Hohn kaum.
Mittelstand, hier lockt ein Wohntraum!
Bernsein, das man kaufen kann!
(15./16.09.2009; 04.06.2018)
2010 hat der Archäologische Dienst des Kantons Bern zu den Ausgrabungen am Galgenhügel einen Untersuchungsbericht zur bernischen Richtstätte «untenaus» veröffentlicht. In Bezug auf die Altersbestimmung der Knochenfunde mittels Radiokohlenstoffdatierung hiess es lediglich: «C14-Datierungen wurden in Auftrag gegeben, die Ergebnisse stehen aber noch aus.» Eine Nachfrage bei Armand Baeriswyl, dem Leiter des Ressorts Mittelalterarchäologie und Bauforschung des Archäologischen Diensts, ergibt, dass die Ergebnisse unterdessen vorliegen.
Baeriswyl schreibt: «Die C14-Daten haben klar drei unterschiedliche Gruppen von Hingerichteten ergeben:
1. fünf Einzelgräber, die zwischen 1160 und 1280 streuen
2. drei Einzelgräber zwischen 1276 und 1430
3. zwei Gruben mit jeweils mehreren Skeletten übereinander, deren Daten zwischen 1480 und 1660 streuen.
Was heisst ‘streuen’? Das sind statistische Werte, Standardabweichungen von der Normalverteilung bei der Messung des C14-Anteils im Kohlenstoff der Probe, konkret in dem Fall der Knochen. Das heisst etwa für das Skelett Pos. 34, das mit mehreren anderen in der Grube Pos. 16 verlocht wurde, dass die Person mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% (Standardabweichung 2 Sigma) zwischen 1492 und 1662 starb bzw. mit einer Wahrscheinlichkeit von 68% (Standardabweichung 1 Sigma) zwischen 1522-1652.
Kurz: die Einzelgräber stammen aus der Frühzeit der Stadt Bern bzw. aus dem Spätmittelalter, die beiden Gruben mit mehreren Skeletten könnten ins 17. Jh. gehören.»[1]
Es ist also möglich, aber nicht sicher, dass einige der ausgegrabenen Knochen von Bauernkriegern stammen. Umgekehrt scheint es so, dass man ungefähr in der Zeit des Bauernkriegs 1653 damit aufgehört hat, Hingerichtete auf dem Galgenhügel zu verscharren.
[1] Armand Baeriswyl, Mail, 21.06.2018.
(21.06.2018)