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Sohn eines Industriellen
mit vorgezeichneter Karriere
Walther Rathenau stammte mütterlicherseits aus der wohl situierten und hoch kultivierten Bankiersfamilie Nachmann, die seit vielen Jahrzehnten zum Jüdischen Patriziat in Mainz zählte. Der Vater konnte seine soziale Position als Berliner Unternehmer nach der Gründerzeit nur mühsam behaupten, besonders nachdem er die von ihm betriebene Maschinenfabrik wenige Jahre nach der Geburt seines ältesten Sohnes Walther liquidieren musste. Erst mit der Gründung der Deutschen Edison-Gesellschaft und nachmaligen AEG 1883 entstand die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg der Familie und damit auch für den glanzvollen Lebensweg Walther Rathenaus.
Der Sohn stand in seiner Schul- und Studienzeit in Opposition zur Stellung des Vaters als Unternehmer. Die Ablehnung steigerte sich in der Schulzeit, besonders als der Vater seine Zuneigung auf den jüngeren Sohn Erich (1871–1903) verlagerte und in ihm den eigentlichen Firmennachfolger zu sehen begann. Der jugendliche Walther Rathenau, als jüdischer Fabrikantensohn auch auf dem konservativen Berliner Wilhelms-Gymnasium nicht voll anerkannt, flüchtete sich in eine Gegenwelt, träumte von einem Leben
als Künstler oder Schriftsteller und kultivierte seine musischen Begabungen.
Neben seinem Beruf als Ingenieur aber bildete Rathenau auch seine künstlerischen Begabungen aus, versuchte – wenn auch vergeblich – bereits als Student, ein von ihm verfasstes Drama auf die Bühne zu bringen. Er trieb Malstudien bei seinem Onkel Max Liebermann, von denen sich einige in Form von Skizzenbüchern erhalten haben. Sie stammen unter anderem aus Rathenaus Militärzeit, die er anschließend an sein Studium als Einjährig-Freiwilliger bei den Gardekürassieren in Berlin absolvierte. Infolge seiner bürgerlichen Herkunft und seiner jüdischen Geburt am Aufstieg zum Reserveoffizier gehindert, blieb auch hier der Wunsch Rathenaus unerfüllt, eine gesellschaftliche Position außerhalb der von seinem Vater vorgezeichneten Karriere als Unternehmer zu erreichen.
In der Wahl der Universitätsfächer fügte er sich zwar dem väterlichen Wunsch, absolvierte seine naturwissenschaftlichen und technischen Studien in Straßburg, Berlin und München aber mit Unlust. Auch seiner ersten beruflichen Tätigkeit als technischer Beamter der zur AEG gehörenden Aluminium - Industrie-AG Neuhausen (Schweiz) ging er mit solchen Widerstreben nach, dass seine Mutter ihm brieflich riet, den Beruf zu wechseln und Maler oder Professor zu werden. Rathenau setzte aber den eingeschlagenen Lebensweg fort, an dem ihm nach eigener Aussage vor allem befriedigte, dass er durch bloße Energie auf einem Gebiet etwas leiste, auf dem er talentlos sei „wie eine Kuh“.
Walther Rathenau in der Paradeuniform eines
Vizewachtmeisters der Gardekürassiere. Foto 1891.
Antoine Volkmar (1827– nach 1880):
Porträt Mathilde Rathenau
Öl auf Leinwand, 1872.
Leihgabe:
Walther Rathenau Gesellschaft e.V.
Repräsentatives Porträt der Mutter, die in ihrer Jugend als Schönheit beneidet
und später als resolut und beherrschend galt. Sie vererbte ihrem Liebling Walter – das „th“ legte er sich selbst zu – die musischen Eigenschaften und blieb wohl auch seine einzige Vertraute. Sie starb 1926 hochbetagt in Schloss Freienwalde.