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Der gigantische Bambus
1998 – 2004, C. Y. Lee & Partners
Was war der Grund für den Weg nach oben, um das höchste Gebäude der Welt zu bauen? Die Bauherren, so der Architekt. Sie hätten darauf gedrungen, aus den ursprünglich drei geplanten Gebäuden ein einziges zu machen. Das neue Modell wuchs und wuchs, auf zunächst über 88 Stockwerke. Aber einem Mann war auch das nicht hoch genug: Chen Shuibian, heute Präsident von Taiwan, damals noch Bürgermeister von Taipeh. Er hatte sich ein Monument für die Insel in den Kopf gesetzt, egal wie teuer. Nach etlichen Entwürfen sollte es der überdimensionierte Bambus sein, mit acht sich nach oben hin öffnenden Modulen auf einem pyramidenförmigen Sockel, an dem als Ornamente vier riesige Münzen kleben sowie wolkenförmige Glückssymbole.
Schon allein der Untergrund ist problematisch für den Bau eines Gebäudes von dieser Grösse. Das schlammige Schwemmland ist keine gute Basis für einen Koloss wie der Taipei 101. Erst in 40 bis 60 Meter Tiefe fanden sich tragfähige Felsformationen. Für ein möglichst sicheres Fundament wurden 557 je anderthalb Meter dicke und bis zu 80 Meter lange Betonpfeiler in den Untergrund gerammt. Auf den Pfeilern liegt eine Platte aus 9000 Tonnen Stahl und 26000 Kubikmetern Beton. Ab Juli 1999 wuchs aus der 28 Meter tiefen Baugrube das Gerüst des Hochhauses empor. Die Stahlteile für den Turm wurden im Süden der Insel hergestellt und nachts mit Lastwagen zur Baustelle in Taipeh transportiert. Alle 20 Tage wurden vier neue Stockwerke erbaut. Das Problem war nur, dass die gigantischen Bausegmente aus Platzgründen nicht am Rohbau gelagert werden konnten und deshalb immer genau zum richtigen Zeitpunkt der Montage eintreffen mussten.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York haben die Ingenieure das Sicherheitskonzept für das Bauwerk noch einmal grundlegend überdacht. Deshalb sind alle Pfeiler und Stahlträger im Taipei 101 mit einem feuerfesten Spezialschaum besprüht worden. Im Gebäude wird Löschwasser für den Brandfall gespeichert, das dem Inhalt von zweieinhalb olympischen Schwimmbecken entspricht.
Zwischen dem 87. und 92. Stockwerk hängt eine riesige Kugel. Sie wiegt 660 Tonnen und ist aus 41 flachen, scharfkantigen Scheiben montiert und hängt an 16 oberarmdicken Stahltrossen, eingepfercht in ein mehrstöckiges Balustradenrund. Die Kugel soll den Turm vor extremen Schwankungen bewahren. Denn noch nie ist ein Wolkenkratzer an einem Ort errichtet worden, an dem die Naturgewalten so harsch und häufig wüten wie auf Taiwan. Aber was kann eine Kugel mit einem Durchmesser von 5.50 Metern gegen diese Naturgewalten ausrichten? Die Statiker sagen, dass sie Gegenpendeln, Energie absorbieren und ausbalancieren wird, sobald das Gebäude ins wanken gerät. Die Spitze werde dadurch nur noch halb so weit ausscheren, das heisst, bei einem starken Taifun wären es immerhin noch 1.30 Meter.
Das Bauwerk Taipei 101 hat ca. 2,3 Milliarden Schweizer Franken gekostet, davon wurde das meiste Geld für die Technologie ausgegeben, durch die der Rekordturm so sicher sein soll wie kein anderer Wolkenkratzer auf dieser Welt. Allein die 120000 Quadratmeter messende Aussenhaut aus Aluminium, Stahl und unverspiegeltem Isolierglas ist ca. 145 Millionen Franken wert und muss gut doppelt so viel aushalten können wie eine normale Fassade. Das heisst, Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala und einen Winddruck von 1,4 Tonnen pro Quadratmeter. Alle vier Kanten des Turmes wurden w – förmig eingekerbt, um die Kraft des Windes, der sich beschleunigt, wenn er um die Ecken fegt, zu dämpfen.