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Jede Gesellschaft scheint mehr oder weniger formalisierte Handlungen zu kennen, wenn auch in unzähligen Variationen. Und fast jede Gesellschaft verfügt über Ritualspezialisten, deren Aufgabe es ist, umfassende Ritualkomplexe zu kodifizieren, aufzuzeichnen und in die Praxis umzusetzen. Anthropologen interessiert, in welcher Tradition solche Ritualspezialisten stehen, und was die Veränderung von Ritualabläufen über die jeweilige Gesellschaft aussagen kann.
VON DAVID N. GELLNER
Sozialanthropologen sind seit langem an Ritualen interessiert. Die ersten Anthropologen nahmen sie als Beleg für die prärationale oder präwissenschaftliche Mentalität der sogenannt primitiven Völker. Nachdem Bronislaw Malinowski in Grossbritannien und Franz Boas in den USA die Tradition der Feldforschung etabliert hatten, wurden Rituale vermehrt danach befragt, was sie den Forschern über die Gesellschaft, die sie verwendete, aussagen. Dabei interessierte die britischen Forscher eher ihr Beitrag am sozialen Zusammenhalt, die US-amerikanischen Kollegen befragten mehr die Weltsicht der Eingeborenen, die sich in Ritualen manifestiert.
Zehn Vajracarya-Priester
lesen im goldenen Tempel
von Lalitpur, Nepal,
«Die Vervollkommnung der
Weisheit in achttausend
Versen». Die Frau im
Vordergrund lässt den Text
für ihren kranken Sohn lesen.
Zwei klassische Anthropologen, die das Thema Ritual und Politik angingen, sind Clifford Geertz und Maurice Bloch. Geertz ist US-Amerikaner und wahrscheinlich der einflussreichste Anthropologe seiner Generation, weitherum gelesen und bewundert, auch von Philosophen, Historikern und Soziologen. Bloch ist Engländer (mit französischen Wurzeln), über die Anthropologie hinaus weniger gut bekannt, aber innerhalb der Gattung hochgeachtet. Geertz ist Interpret, Bloch Marxist. Geertz hat viele Jahre Feldforschung in Indonesien betrieben (zuerst in Java, dann in Bali) und später in Marokko; Bloch hat vor allem in Madagaskar gearbeitet. Beide begannen nach der Veröffentlichung erster Monographien die Geschichte ihrer Feldforschungsorte zu untersuchen.
Nach dem ersten Forschungsboom in schriftunkundigen Stammesgesellschaften und nach dem Ende des von Malinowski und Radcliffe-Browne postulierten funktionalistischen Tabus, Geschichte zu schreiben, sind viele andere Anthropologen Geertz und Bloch im Studium schriftkundiger Gesellschaften gefolgt, nur wenige aber haben ihr Metier mit der Klarheit und Verve von Geertz und Bloch betrieben.
Macht und Ritual
Geertz Buch «Negara: The Theater State in Nineteenth-Century Bali» (1982, Princeton University Press) rekonstruiert den balinesischen Negara-Staat des 19. Jahrhunderts. In ihm wurden die meisten alltäglichen Vereinbarungen auf Dorfebene geregelt. Die Bauern lebten ihr eigenes Leben in einem äusserst komplexen Gefüge sich überlagernder Institutionen, die mit der lokalen Verwaltung und der Regelung der Bewässerung beschäftigt waren. Gleichzeitig waren sie ihren Lehensherren gegenüber, die sich die Zeit mit der Ausübung von Massenritualen vertrieben, arbeits- und steuerpflichtig.
Geertz zeigt, dass es eine Frage der Macht war, wer Rituale ausführen durfte: «Mass ritual was not a device to shore up the state, but rather the state was a device for the enactment of mass ritual.» Er macht weiter geltend, dass die Politikwissenschafter die Rolle von Ritualen in der Politik krass unterschätzt haben.
Zurückgebundene Gewalt
Wie Geertz begann auch Bloch, die Vorläufer der Rituale, die er selber in Madagaskar beobachtet hatte, zu untersuchen. In «From Blessing to Violence: History and Ideology in the Circumcision Ritual of the Merina of Madagascar» (1986, Cambridge University Press) zeigte er, dass der Anlass der Beschneidung von Knaben in der Kultur der Merina während über zweihundert Jahren unverändert geblieben war, trotz radikaler politischer Veränderungen.
Die Beschneidung fand zuerst im engen Familienkreis statt. Als das Königreich der Merina Mitte des 19. Jahrhunderts expandierte, wurde sie zur ausdifferenzierten Zeremonie, die alle sieben Jahre im ganzen Königreich stattfand. Nach der Übernahme des Christentums, 1869, wurde die Beschneidung in den Untergrund abgedrängt und wieder im kleinen, privaten Rahmen ausgeführt.
Die einzelnen Rituale wurden also nicht zur Legitimation veränderter politischer Verhältnisse benutzt, wie das ein streng funktionalistischer Ansatz implizieren würde: Dasselbe Ritual funktionierte zu jeder Zeit. Bloch geht davon aus, dass die symbolische Gewalt, die im Ritual steckt, es den Teilnehmern erlaubt, sich von der Gesellschaft abzusondern und durch den Kontakt mit dem Transzendenten gestärkt und bekräftigt wieder in sie zurückzukehren.
Durch diese Strukur legitimiert das Ritual Hierarchien, weil die Verbindungen, die mit den Vorfahren und deren Macht aufgebaut werden, vage und unanfechtbar zugleich sind. Im Buch «Prey into Hunter: The Politics of Religious Experience» (1992, Cambridge University Press) versuchte Bloch dann zu zeigen, dass dieselbe Struktur, er nannte sie jetzt «rebounding violence», zurückgebundene Gewalt, in den unterschiedlichsten Ritualen auf der ganzen Welt gefunden werden konnte.
Religions- und Ritualformen
Geertz will mit seinem erklärenden und hermeneutischen Rüstzeug keine globale Theorie konstruieren. Wo es sich anbietet, stellt er höchstens aufdeckende Vergleiche an. Bloch hingegen hält am marxistischen Bestreben, universell gültige Erklärungen zu finden, fest. Dieses ist bei ihm aber mit einem sehr unmarxistischen Interesse an den Details ritueller Symbole und an ihrem Beitrag zur Legitimation von Strukturen verbunden.
Soll Blochs Versuch einer globalen Theorie erfolgreich sein, müssen, würde ich ins Feld führen, mindestens drei Formen von Religion und Ritualen anerkannt werden.
Das Konzept von Religion, das westliche Sozialwissenschaften hauptsächlich vom Christentum übernommen haben, hat nämlich in die Irre geführt. Viel zu lange ging man davon aus, dass es nur eine Religion (und dazugehörige Rituale) gibt.
Religion impliziert aber mindestens drei verschiedene Dinge: einen Weg zum Heil wider alles Böse der Welt (eine Soteriologie); die Religion einer Gesellschaft oder Gemeinde; und ein Instrument, mittels dessen ein bestimmtes weltliches Ziel anvisiert wird.
Im Christentum sind alle drei Religionsformen vereint, asiatische Religionen haben sich spezialisiert. Der Buddhismus war ursprünglich eine Heilsreligion und hat überall die Orientierung aufs Jenseits bewahrt. In traditionellen Situationen tendieren Buddhisten eher dazu, zu anderen rituellen Systemen Zuflucht zu finden, um ihre sozialen und instrumentellen Bedürfnisse zu befriedigen. Im Theravada-Buddhismus gab es zum Beispiel traditionell keine Hochzeitszeremonien. Heirat wurde als weltliche Angelegenheit betrachtet, ein Mönch höchstens eingeladen, um einige schützende Lieder zu singen. Die Verbindung als solche konnte mit buddhistischen Mitteln weder gefeiert noch legitimiert werden.
Heilsorientiertes Ritual
Ich betrieb meine Feldforschung bei den Newars im nepalesischen Katmandutal. Einige von ihnen sind Hindu, andere Mahayana-Buddhisten. Ihr Buddhismus ist speziell ritualisiert. Unter den vielen Ritualen können die soteriologische, die soziale und die instrumentelle Ausrichtung klar ausgemacht werden, obwohl sie, wie Max Weber das nannte, «Idealtypen» sind. Im einzelnen Fall geht es also immer um die Frage von mehr oder weniger Ritual und nicht um ein Entweder-Oder. Das bedeutet auch, dass die gängige Auslegung eines Rituals sich mit der Zeit verändern kann.
Der zentrale Teil der Liturgie der Newar-Buddhisten ist ein Ritual mit dem Namen guru mandala puja. Für sich genommen kann es in fünf Minuten ausgeführt werden. Da es aber als Rahmen für alle ausführlicheren Rituale gebraucht wird, kommt ihm eine fundamentale Rolle zu. Seine Sanskritverse, die von allen Priestern und wenigen frommen Laien auswendig gewusst werden, drücken selbstlose Versprechen der Mahayana-Buddhisten aus: ein Buddha zu werden, der alle Wesen rettet, und die Sünden zu beichten. Viele Laien kennen aber nicht einmal den Namen dieses Rituals und überlassen den Priestern seine Ausführung. Dieses Ritual ist eindeutig soteriologisch und wirkt sich heilsbringend aus, wenn es von frommen Buddhisten als Teil ihres morgendlichen Rituals durchgeführt wird. Als Rahmen für ein Lebenszyklus-Ritual, das von einem buddhistischen Mönch durchgeführt wird, kommt ihm eher eine soziale Komponente zu.
Sozial orientiertes Ritual
Ein völlig anderes Ritual ist das jedes Jahr stattfindende, eindeutig hinduistische Fest von Dasain. Es wird im ganzen Königreich begangen und auch von den meisten Newar-Buddhisten beachtet. Es ist das erste kalendarische Fest des Jahres, und Nepalesen, die auswärts arbeiten, versuchen, wenigstens für dieses Fest zu ihren Familien zurückzukehren.
Im Zentrum des Festes steht das rituelle Opfer von Büffeln und Geissen für die Gottheit Durga. (Kürbisse und Gurken werden von jenen geopfert, die tierische Opfer vermeiden wollen.) Dieses Ritual bestätigt Blochs Theorie der «zurückgebundenen Gewalt»: Fruchtbarkeit, Regeneration, politische Autorität, Eroberung, nationale Einheit und partriarchale Kontrolle in der Erbfolge und im Haushalt werden in einer symbolischen Einheit zusammengefasst, die kaum aufgebrochen werden kann.
Ritual als Instrument
Die dritte Ritualform kann mittels einer Textlesung, die in Kwa Baha (dem goldenen Tempel) von Lalitpur, Patan, vollzogen wird, erläutert werden. Über das ganze Jahr kommen an zwei von drei Tagen Gläubige in diesen buddhistischen Tempel, um sich den Sanskrittext der «Vervollkommnung der Weisheit in achttausend Versen» vorlesen zu lassen. Der Text wird gleichzeitig als Göttin gedacht oder eher: die Göttin wird in dieser speziellen Kopie des Textes gedacht. Von ihr wird erwartet, dass sie auf die Gebete der Gläubigen antwortet, die eine Textlesung finanzieren, wenn ihnen Krankheit, lange Reisen oder andere Dinge drohen. Die Lesung ist ein klar instrumentelles Ritual, eingebettet in ein klassisches mahayana-buddhistisches, heilsorientiertes Idiom.
Kein gemeinsamer Symbolismus
Diese drei Beispiele zeigen, dass verschiedene Rituale sehr unterschiedliche Fundamente haben können. Auf einer Art von Symbolismus zu bestehen, der allen Ritualen unterliegt, führt die Theoretiker zu einseitigen Aussagen und wenig plausiblen Argumentationen, wenn sie wollen, dass ihre Annahmen aufgehen. Es ist besser, einzugestehen, dass eine Hierarchie verschiedener religiöser Ausrichtungen existiert und dass die rituellen Haltungen, die ihnen entsprechen, mit grosser Wahrscheinlichkeit unterschiedliche Ausdrucksweisen mit sich bringen. Auch gibt es gute psychologische Gründe, warum soziale Rituale oft gewalttätig sind, wenigstens in ihrer Symbolik, heilsorientierte Rituale hingegen aber oft die symbolische Zurückweisung sozialer Gewalt beinhalten.
Offensichtlich haben soziale Rituale am unmittelbarsten politische Auswirkungen, weil, ex hypothesi, ihr hauptsächlichster Zweck die Manifestation und die Erzeugung von kommunaler Solidarität ist. Ist die Erlösungsvorstellung integraler Bestandteil desselben symbolischen Pakets, erscheinen Religion und Rituale dort am effektivsten, wo sie Individuen in mächtige soziale und politische Gruppierungen einbinden.
Aus dem Englischen von Christine Tresch.
David N. Gellner ist Lehrbeauftragter für Sozialanthropologie am Department of Human Sciences, Brunel University, West London.
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Last update: 13.05.98