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Dem Autor ist es ausgezeichnet gelungen, die grossen Linien der Entwicklungen der Streitkräfte der Schweiz über die Jahrhunderte aufzuzeigen, insbesondere die Bestandesentwicklung ist durchgehend aufgearbeitet. Das Buch beschreibt die immer wiederkehrenden und bis heute nicht abgeschlossene Auseinandersetzung um eine der Schweiz angemessene Kampfführung bei sich dauernd wandelnder Militärtechnologie auf, die von einer Guerillaarmee bis hin zu einer hochtechnologisierten Armee inklusive Atomwaffen reichten. Besonders wertvoll ist die Darstellung aller durch die Armee geleisteten Ordnungsdienste, was zu einer Versachlichung der Bewertung dieses ‚wunden Punktes‘ beitragen wird.
Detailliert wird der ‚Richtungsstreit‘ im Offizierskorps ab ca. 1890 zwischen einer sehr preussisch geprägten ‚Erziehung zur Manneszucht‘ mittels Drill, geprägt durch den späteren General Ulrich Wille und der ‚nationalen Richtung‘, die am Primat des Staatsbürgersoldaten festhielt, ausgeführt.
Das Buch richtet sich keineswegs nur an militärische Fachleute, sondern vor allem an ein allgemein historisch interessiertes Publikum.
Ein Höhepunkt des Buches ist zweifellos die Schilderung der völlig neuen Situation, der sich die Schweiz nach dem Zusammenbruch Frankreichs 1940 stellen musste. Die erfolgreiche Kommunikation des Willens zum Widerstandkrieg unter anderem durch General Guisan am Rütlirapport im Juli 1940 und der Bezug des Alpenreduits als ‚Notlösung des Machbaren’ sind heute ein nachhaltiger Mythos der Schweiz geworden. Die Darstellung der äusseren und inneren Bedrohungen der Schweiz und ihrer Armee von 1939 bis 1945 wird stark zu einer unvoreingenommenen Sicht auf die Herausforderungen dieser Zeit beitragen.
Die Zeit des Kalten Krieges war durch die heftigen Diskurse um Doktrin und Bewaffnung geprägt, die zur ‚Truppenordnung 61‘ (Armee 61) bzw. zur ‚Konzeption 66‘ führten. Die durchaus kritische Darstellung der Entwicklung der Armee wie auch des politischen Kampfs um die Armee ist gelungen und lässt politische Entscheide und sehr viel besser verstehen. Hier wäre allerdings eine Auseinandersetzung über den Einfluss der Schweizer Industrie bei den (grossen) Rüstungsbeschaffungen wünschenswert gewesen.
Prof. Jaun gelingt es abschliessend meisterhaft, die sich in kurzer Zeit folgenden 4 Armeereformen seit dem Ende des Kalten Krieges bis in die neueste Zeit konzis darzustellen. Er schliesst mit den 3 Baustellen, die die Schweizer Armee auch künftig beschäftigen wird: Verteidigungsbegriff, Rüstungsfinanzierung und die immer kritischer werdende Bestandesentwicklung.
Im Anhang sind die Beschaffungen der wichtigsten Waffensysteme aufgelistet.
Wir müssen wissen, woher wir kommen um zu entscheiden, wohin wir gehen sollen – in diesem Sinne wird die ‚Geschichte der Schweizer Armee vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart‘ von Rudolf Jaun zum Standardwerk über die Schweizer Armee werden.
Das Buch richtet sich keineswegs nur an militärische Fachleute, sondern vor allem an ein allgemein historisch interessiertes Publikum. Unbedingt empfehlenswert.
Referenz des rezensierten Buches:
Rudolf Jaun
Geschichte der Schweizer Armee
2019, Orell Füssli Verlag, Zürich
ISBN 978-3-280-06125-1