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Unbehagen in der Wissenschaftskultur
Kürzlich sorgte ein islamischer Theologe für allgemeine Heiterkeit, als er seinen Zuhörern glaubhaft zu machen suchte, dass sich die Erde nicht dreht. Anhand eines Wasserbechers «widerlegte» er die Erdrotation. «Das ist die Erde,» sagt der Geistliche in einem Video und dreht den Wasserbecher: «Wenn sie sich wirklich drehen würde, müsste China sich nicht auf das Flugzeug zubewegen, wenn das Flugzeug still in der Luft steht? Ja oder nein?» In der Hinterhand hat der fromme Mann natürlich das Totschlagargument, das alle Zweifel ausräumen soll: «Wenn die Erde sich in die andere Richtung drehen würde, könnte das Flugzeug China niemals erreichen.»
Flat Earth Society
Nun ist ein solcher Stillstand der Erde und des Verstandes weder für Muslime noch für Theologen typisch. Es gibt zum Beispiel in den USA die «Flat Earth Society», deren Vertreter nicht bloss die Rotation, sondern auch die Kugelförmigkeit der Erde leugnen. Für sie ist die Erde flach, mit dem Nordpol im Zentrum, und dem Eiswall der Antarktis als Begrenzungsmauer.
Es handelt sich hier nicht um irgendeine abgedrehte Science-Fiction-Fantasie, sondern um eine Organisation, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde und noch heute ein alternatives Weltbild gegen das kopernikanische verficht, um, wie es ihr verstorbener ehemaliger Präsident Charles Johnson ausdrückte, «die Gesundheit der Welt wiederherzustellen.» Für Kopernikus hat der «Flacherdler» Johnson nur das gallig-verächtliche Wortspiel «co-perniscious» übrig, also: ein Mit-Schädling des biblischen Weltbildes.
Kognitive Fremdheit der Wissenschaft
Der Anti-Wissenschafts-Komplex ist zu ernst als dass man ihn lediglich als Symptom von Gimpeln, Spinnern oder Frommbacken taxieren sollte. Man kann ihn – Freud leicht abgewandelt – als das Unbehagen in der Wissenschaftskultur bezeichnen. Es hat mehrere Gründe. Zunächst einen kognitiven. Unsere Theorien wachsen in immer abstraktere Höhen. Sie sind selbst für Eingeweihte oft kaum mehr verständlich. Wir sehen uns also quasi gezwungen, sie in «erdgebundenen» Analogien und Erzählungen zu erfassen.
Nicht die Wissenschaft, sondern familiäre Vorstellungen, mit denen wir gross geworden sind, erweisen sich als unsere kognitive Heimat, von der wir uns nur ungern lösen. «Menschen mit einem grossen Reservoir an gesundem Menschenverstand,» so Charles Johnson, «glauben nicht an solche idiotischen Sachen wie an eine Erde, die sich um die Sonne dreht. Vernünftige, intelligente Leute haben immer gesehen, dass die Erde flach ist.»
Verflixt an diesem Argument ist, dass es durchaus etwas für sich hat. Erddrehung und -krümmung widersprechen unserem Augenschein. Unsere Intuition, die sich vor allem an Alltagssituationen orientiert, teilt uns wenig über die Rotation der Erde und Gekrümmtheit der Erdoberfläche mit. Es braucht schon ein bisschen Überlegung und genaue Beobachtungsgabe. Nicht jedem fällt das Umschalten in den wissenschaftlichen Modus leicht.
Neurophysiologen ergreifen das Wort
Je mehr sich unsere Theorien von diesen Alltags-Intuitionen entfernen, desto mehr verlangen sie eine Adaptation unserer Gehirne an ungewohnte Situationen, zum Beispiel an einen Blick aus einer Raumfähre. Sind vielleicht unsere Gehirne überfordert, ihre eigenen Ausgeburten zu begreifen – eine «Schizophrenie» des Verstehens?
Es kann kaum verwundern, dass heute die Neurowissenschaften sich der Sache annehmen. So untersuchte etwa der Psychologe Kevin Dunbar von der University of Maryland die intuitiven Physikkenntnisse der Studenten genauer. Dabei stellte er fest, dass viele der Befragten «überwundenen» Ansichten zuneigten, etwa jener von Aristoteles, wonach schwere Kugeln schneller fallen als leichte. Eine Ansicht, die Galilei in einem berühmten Gedankenexperiment ad absurdum führte.
Warum also lassen uns solch «absurde» Vorstellungen nicht los? It’s the brain, stupid! Die wissenschaftliche «Zurückgebliebenheit» lokalisierte Dunbar im dorsolateralen präfrontalen Cortex, einem Hirnareal, das sich bei Heranwachsenden erst spät entwickeln soll. Es spiele eine entscheidende Rolle im Verdrängen von ungewollten, ungewohnten Ideen. Physikstudenten müssten, so Dunbar, ihren dorsolateralen präfrontalen Cortex bemühen, um ihre naiven «aristotelischen» Vorstellungen zu unterdrücken und auf diese Weise zu reifem physikalischen Denken zu gelangen.
Der Stamm redet mit
Was man von solchen – gegenwärtig massiv gehypten – Hirnbefunden auch halten mag, sie erklären nicht den oft unbeugsamen bis brachialen Widerstand gegen bestimmte wissenschaftliche Ideen. Noch im Jahre 1870 sah sich etwa Darwins Mitstreiter Alfred Russell Wallace genötigt, anhand eines Erdkrümmungsexperiments die Kugelförmigkeit unseres Planeten gegen unbelehrbare «Flacherdler» zu demonstrieren. Erwartungsgemäss liessen sich diese keinewegs überzeugen, sondern lieferten nun erst recht eskalierenden Widerstand, bis vor Gericht. Wallace und seine Familie wurden von einem der rabiatesten «Flacherdler», John Hampden, geschmäht und sogar mit Mord bedroht.
Nun mag das damit zusammenhängen, dass der Streit der Ideen hier auf einer religiösen Glaubensebene und damit auf einem hohen emotionalen Erregungsniveau ausgetragen wurde. Das tut er bei der Evolutionstheorie ja nach wie vor. Die religiöse Komponente mag fallweise entscheidend sein – und sie spielt leider immer noch in wissenschaftliche Kontroversen hinein –, aber der Grund der Borniertheit scheint eher darin zu liegen, dass wir primär soziale Wesen sind, und als solche geneigt, den partikularen Vorstellungen unseres «Stammes» – der Familie, der Berufsgruppe, der Partei, der Religion, der Kultur – anzuhängen, und nicht den universalen der Wissenschaft. Dazu braucht es eine nicht jedem von uns zumutbare Ablöseanstrengung.
Francis Bacon, der erste Propagandist der neuzeitlichen Wissenschaft, wusste durchaus, wovon er sprach, als er die «Idole des Stammes» – also die in unseren traditionellen Lebens- und Denkformen verwurzelten Vorurteile – als eines der Haupthindernisse des Fortschritts anprangerte. Das Hindernis besteht weiter. Der wissenschaftliche Konsens hat es schwer gegen den Konsens des «Stammes».
Der Psychologe Dan Kahan von der Yale University macht in diesem Zusammenhang auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam: wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen unsere Rationalität an, aber unsere Meinungen sind grösstenteils motiviert durch Emotionen, und die grösste Motivation ist die Zugehörigkeit zu unseresgleichen. Vor die Wahl gestellt, Wissen zu akzeptieren, weil es objektiv bestätigt oder von einer In-Group geteilt ist, würden nicht wenige Menschen für Letzteres optieren.
Das führt nicht zuletzt auch zu existenziellen Dilemmata. Kahan gibt das Beispiel eines Friseurs in einer ländlichen Kleinstadt in South Carolina. «Ist es eine gute Idee für ihn, seine Kunden anzuhalten, eine Petition zu unterschreiben, die den Kongress auffordert, Massnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen? Nein. Wenn er das tut, wird er bald ohne Kundschaft dastehen.» Das ist das Paradox: Gegen Klimawandel anzutreten würde vielleicht unsere Lage auf dem Planeten verbessern, aber dafür wollen wir nicht aus dem Stamm geworfen werden.
Verschwörungstheorien
Ohnehin ist vielen Leuten die wissenschaftliche Mentalität – die skeptische Grundhaltung – nicht geheuer. Sie lässt letztlich nichts gelten, stellt dauernd in Frage und führt, so gesehen, nicht zu «glücklichen» Gewissheiten. Die Wissenschaft, so drückte dies einmal der Astronom Carl Sagan aus, « gerät (...) durch den andauernden Wandel ihrer Einsichten unter Beschuss. Kaum haben wir begriffen, was uns die Wissenschafter erzählen, sagen sie uns, dass dies nicht mehr gelte. Und selbst wenn es so ist, gibt es immer eine Menge neuer Dinge, die sie kürzlich entdeckt haben: Noch-nie-Gehörtes, Schwer-zu-Glaubendes, Dinge mit beunruhigenden Folgen. Wissenschafter werden wahrgenommen als Leute, die mit uns spielen, die alles auf den Kopf stellen, die sozial gefährlich sind.»
Und genau hier manifestiert sich ein dunkler, nicht zu unterschätzender psychosozialer Aspekt des Anti-Wissenschafts-Reflexes: die Unterstellung von verschwörerischen Absichten. Sarkastisch hat ihn Stanley Kubrick in seinem «Doktor Seltsam» dargestellt. Hören wir kurz einen Gesprächsausschnitt zwischen dem psychisch derangierten US-General Jack D. Ripper und dem servilen Captain Mandrake.
Ripper: Haben Sie je von so etwas wie Fluoridierung gehört? Fluoridierung von Wasser?
Mandrake: Oh, ja, ich habe davon gehört, Jack, ja, ja.
Ripper: Nun, wissen Sie, was das ist?
Mandrake: Nein, Nein, ich weiss nicht, was das ist.
Ripper: Ist Ihnen bewusst, dass Fluoridierung der ungeheuerlichste und gefährlichste kommunistische Anschlag ist, mit dem wir es je zu tun hatten?
Natürlich nimmt der Film das paranoide Kalte-Kriegs-Klima der 1960er auf die Schippe. Aber der Widerstand gegen Fluoridierung dauert an. Im Jahre 2013 widersetzten sich Bürger von Portland, Oregon, einem Plan der Behörden, das Wasser zu fluoridieren. Sie wollten keine Chemikalien im Trinkwasser, obwohl in Wissenschaft und Medizin ein breiter Konsens über die Unschädlichkeit herrscht.
Die Forscher können sagen, was sie wollen, die Bürger glauben ihnen nicht. Präziser: Sie glauben nur den Wissenschaftern, die gleicher Meinung sind wie sie. Das Verfassen von «Goodwill-Studien», welche die Meinung einer Gruppe bestätigen, ist gang und gäbe. 2012 publizierte die lokale Tageszeitung «Sacramento Bee» einen Bericht über angeblich negative Effekte von Fluoriden auf die Hirnentwicklung von Kindern – wie sich herausstellte, ein propagandistisches Elaborat der konservativen Interessengruppe «New York State Coalition Opposed to Fluoridation».
Glaubwürdigkeitsdefizite der Wissenschaft
Paranoia ist die eine, das Glaubwürdigkeitsdefizit der Wissenschaft die andere Seite der gleichen Medaille. Und dieses Defizit ist ein wirklich ernstzunehmendes Problem. In der Tat hat sich das Verhältnis des kritischen Bürgers zur Wissenschaft generell gewandelt.
Lange Zeit war dieses Verhältnis geprägt vom Idealbild des Wissenschafters auf erhöhtem Podest, der – eigentlich gar nicht von dieser Welt – uns sagt, wie die Welt wirklich tickt. Der Wissenschafter als Tugendbold. Noch Einstein konnte seinesgleichen zu «Tempeldienern» der reinen Erkenntnissuche hochstilisieren.
Uns Heutigen erscheint dieses Bild zunehmend als Augenwischerei, vielleicht aus enttäuschten Erwartungen in ein wissenschaftliches Ethos, das sich regelmässig diskreditiert sieht. Wir sind irritiert, wenn uns die eine Studie Kohlenhydrate empfiehlt, die andere genau das Gegenteil. Wir sind indigniert, wenn ein Mediziner wie Andrew Wakenfield 1998 einen Zusammenhang zwischen Autismus und einem Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln konstruiert, und wenn wir erfahren, dass seine Forschung von einer Interessengruppe gesponsert wurde, die das Ziel verfolgte, Impfstoffhersteller zu diskreditieren.
Die szientistischen Evangelisten
Am Anti-Wissenschafts-Reflex mitschuldig machen sich ironischerweise die Wissenschafter selbst, oder genauer: eine Gilde evangelisierend auftretender Wissenschaftsautoren, die sich aufs Panier geschrieben haben, die Menschheit von allem Aberglauben, von Alltagspsychologie, überlieferten moralischen Vorstellungen und natürlich vor allem von der Religion zu kurieren, und zwar mit den Mitteln der Wissenschaft.
Aus der ganzen Phalanx der Desillusionierer – mit Stosstruppführern wie Steven Pinker, Sam Harris, Michael Shermer, Stephen Hawking, Lawrence Krauss, Richard Dawkins – tönt der Kampfruf: Die Wissenschaft hat für alle Lebenslagen eine Antwort! Vergesst Kunst, Literatur, Philosophie, Theologie, verabschiedet den ganzen Humaniorakram! Die Quantenphysik erklärt uns, wie das Universum läuft; die Evolutionstheorie erklärt, warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten; und die Hirnphysiologie sagt uns, wer wir wirklich sind (nämlich neuronale Schaltkreise, die sich einreden, keine neuronalen Schaltkreise zu sein).
Wohlgemerkt, stossend dabei ist nicht so sehr das durchaus zu begrüssende aufklärerische Moment, als vielmehr der oft durchscheinende hochnäsige Paternalismus, mit dem uns Neurowissenschafter, Astrophysiker und Evolutionbiologen die Augen öffnen wollen: Gläubige sind grenzdebil; wer auf den freien Willen pocht, hat nicht alle Tassen im Schrank; wer Gedichte oder Romane schreibt, will nur die neuronale Dopaminausschüttung aktivieren; wer die moderne Physik nicht versteht, sollte seinen dorsolateralen präfrontalen Cortex in Revision geben.
Im Zeitalter des Post-Expertismus
Dank der neuen Wissensmedien hat jeder Zugang zu «seinen» Informationen. Wissen ist für alle da, à discrétion in den labyrinthischen Verknotungen des Internet. Man braucht es nur abzurufen, um seine eigene Meinung in komplexen und vitalen Fragen zu bilden. Die «egalisierenden» Tendenzen der digitalen Medien tragen das ihre bei zum Anti-Wissenschafts-Reflex.
Wikipedianer akzeptieren das wissenschaftliche Establishment nicht. Und in dieser Aufmüpfigkeit verkörpern sie einen neuen Expertismus, den Post-Expertismus. An der Wissens-Bastelei können alle teilnehmen, Harvardprofessor oder 18-jähriger U-Bahn-Freak ohne jeglichen Bildungsausweis. Ein genügend grosser «Schwarm» debattierender Dilettanten ersetzt allemal ein paar akademische Experten, hört man: «Your alma mater is not your ticket to Wikipedia.» Jenny McCarthy, eine Schauspielerin und Anti-Impstoff-Aktivistin, sagte in einer Oprah-Winfrey-Show im Brustton selbstgefälliger Einfältigkeit: «Meinen Hochschulabschluss habe ich von der Google-Universität.»
Der Anti-Wissenschafts-Reflex ist in zweierlei Hinsicht fatal. Zum einen sind wir heute mit globalen Problemen konfrontiert auf Gebieten wie Ernährung, Gesundheit, Erziehung, Energieversorgung, Umwelt, zu deren Lösung wir auf die unabdingliche Hilfe der Wissenschaft angewiesen sind. Zum anderen weiten sich die Seichtzonen des Wissens aus, macht uns die Abruf-Mentalität, die von den neuen Medien gefördert wird, zu Pseudo-Informierten und Halbgebildeten. Im Zeitalter der «Query» sind die Antworten leicht und billig zu erhalten.
Heute wisse jeder Smartphonebesitzer «Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie,» lobhudelt der Philosoph Michel Serres. Interessant wäre zu erfahren, wie dieses Bescheidwissen aussieht. Vielleicht schlüge es einer allgemeinen Beschwipstheit über die «Wissensexplosion» ohnehin gut an, wenn wir uns erst einmal wieder auf die Beweggründe besinnen würden, Wissenschaft zu betreiben, wie dies der Aufklärer Montesqieu in einer kleinen Rede 1725 getan hat:
«Was die Entdeckungen des gegenwärtigen Jahrhunderts so bewundernswürdig macht, sind nicht etwa bloss einzelne Wahrheiten selbst, die man aufgefunden hat, sondern vornehmlich die Methoden, die Anweisungen, die Hilfsmittel, die man uns an die Hand gegeben hat, sie zu entdecken und aufzufinden (...) Mancher rühmt sich, dass er Gold habe; ein anderer rühmt sich, dass er Gold machen könne; unstreitig würde der der Reichste sein, der die Kunst, Gold zu machen, verstände.»
Von dieser Aufklärung sind wir heute weit entfernt. Also vorwärts auf Feld eins.