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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Zehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Isaak ist, über das Gebet.
3. Serapion fällt in die Häresie der Anthropomorphiten.
Unter den von diesem Irrthum Befangenen war nun [S. 581] Einer Namens Serapion, der schon sehr lange die Entsagung übte und im thätigen Leben in Allem vollendet war. Seine Unkenntniß in der Lehre des erwähnten Dogmas erfüllte Alle, welche den wahren Glauben hielten, in dem Grade mit Vorurtheil, in welchem er selbst sowohl durch die Verdienste seines Lebens als durch die Länge der Zeit fast alle Mönche übertraf. Als nun Dieser durch die vielen Ermahnungen des hl. Priesters Paphnutius nicht auf den Weg des rechten Glaubens gebracht werden konnte, weil ihm diese neue Lehre nicht von den Vorfahren gelernt und überliefert schien, da traf es sich, daß ein Diakon, Namens Photinus, ein Mann von höchster Wissenschaft, in seinem Verlangen, die Brüder, welche in ebendieser Wüste wohnten, zu sehen, aus der Gegend Kappadociens herkam. Diesen nahm nun der hl. Paphnutius mit größtem Willkomm auf, führte ihn zur Bestärkung des Glaubens, der in den Briefen des besagten Bischofes enthalten war, unter die Brüder und fragte ihn nun in Gegenwart Aller, wie jene Stelle der Genesis: „Laßt uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichniß“ von den katholischen Kirchen des ganzen Orients ausgelegt würde. Als nun Dieser auseinandersetzte, daß das „Ebenbild und Gleichniß Gottes“ von allen Fürsten der Kirchen nicht nach dem niedrigen Wortsinne, sondern geistig ausgelegt werde, und Das in langer Rede und mit sehr vielen Zeugnissen der hl. Schrift bewies, daß ferner auf jene unermeßliche, unbegreifliche und unsichtbare Majestät Nichts kommen könne, was durch menschliche Gestalt und Ähnlichkeit bestimmt werden könnte, da sie ja eine unkörperliche, nicht zusammengesetzte, einfache Natur sei, die mit den Augen nicht erfaßt und mit dem Geiste nicht in ihrem Vollwerthe beurtheilt werden könne: — da wurde endlich der Greis von den vielen und gar kräftigen Erklärungen des so gelehrten Mannes ergriffen und zu dem Glauben an die katholische Überlieferung gezogen. Nun erfüllte über seine Beistimmung sowohl den Abt Paphnutius als auch uns alle eine unendliche Freude, weil der Herr nicht zugelassen hafte, daß ein Mann von [S. 582] solchem Alter und solcher Vollkommenheit in den Tugenden, der nur durch seine Unkenntniß und ungebildete Einfalt irrte, bis ans Ende von dem Wege des rechten Glaubens abweiche, und wir erhoben uns, um gemeinsam dem Herrn unsere Dankgebete darzubringen. Aber siehe, da wurde der Greis beim Gebete so im Geiste verwirrt, weil er fühlte, daß jenes anthropomorphitische Bild der Gottheit, das er sich beim Beten gewöhnlich vorgestellt hatte, von seinem Geiste genommen werde, daß er plötzlich in bitteres Weinen und viele Seufzer ausbrach und zur Erde geworfen mit argem Jammer schrie: „Weh mir Unglücklichen! Sie haben meinen Gott von mir genommen, und nun habe ich Keinen, an den ich mich halten kann, und weiß nicht wen ich anbeten und bitten solle.“ Dadurch tief bewegt und die Kraft der vorigen Unterredung noch im Herzen fühlend gingen wir zum Abte Isaak, den wir bald sahen und so anredeten: