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Kein Schweizer Verteidiger spielt in der NLA in seinem Team eine so zentrale Rolle wie Philippe Furrer (31). Die NLA-Antwort auf Roman Josi wäre in dieser Form auch in die NHL gekommen.
Die Statistik zeigt uns Philippe Furrers Wert für den HC Lugano: Er hat diese Saison durchschnittlich 23:51 Minuten pro Partie gespielt. Länger als jeder andere Schweizer Spieler. Er ist damit die Nummer zwei der Liga hinter Luganos kanadischem Verteidiger Ryan Wilson (25:12 Minuten).
Philippe Furrers Eiszeit hat beinahe die Dimensionen der Statistik von Roman Josi, dem besten Schweizer Verteidiger aller Zeiten. Er hatte bisher in Nashville pro Partie 24:31 Minuten Arbeitszeit.
Furrers Name stand einst auch in den Notizblöcken der NHL-Talentsucher. 2003 haben die New York Rangers seine Rechte im Draft erworben (6. Runde/79. Pick). Er ist zwar nicht so hoch eingeschätzt worden wie Roman Josi (2. Runde/28. Pick). Aber eine NHL-Karriere wäre für den WM-Silberhelden von 2013 möglich gewesen.
Eine Serie von Verletzungen hat dazu geführt, dass er eine ganze Saison verlor (2003/04) und bis heute nie alle Partien einer Saison bestreiten konnte. Doch der kräftige Titan (186 cm/90 kg) hat nie aufgegeben und spielt nun im Herbst seiner Karriere sein bestes Hockey. Jetzt wäre er gut genug, um in der NHL die Rolle eines Defensivverteidigers zu übernehmen – aber es ist zu spät.
Eine neue, grosse Herausforderung hat er trotzdem gefunden. Vielleicht sogar eine grössere als ein Versuch in der NHL. Im Sommer 2015 zügelte er nach Lugano. Mit Lugano Meister zu werden ist wahrscheinlich aufregender und schwieriger als in einem NHL-Team Verteidiger Nummer sechs oder sieben zu sein.
Der Berner mit Luzerner Wurzeln, der mit sieben zum SCB kam und mit 16 in der NLA debütierte, bereut jedenfalls den Wechsel ins Tessin nicht. «Alle meine Erwartungen haben sich erfüllt. Ich habe noch einmal eine neue Herausforderung gesucht. Ich wollte eine neue Mentalität kennen lernen und mich noch einmal in einer anderen Mannschaft bestätigen.» Das sei ihm in Lugano in einem professionellen Umfeld gelungen. Er ist mit seiner Familie, mit den drei Töchtern, nach Lugano gezogen. Ein Tessiner wie der Langnauer Steve Hirschi wird er allerdings kaum. Seine Zukunft nach der Karriere liegt wohl im Bernbiet, wo er in der Nähe von Murten ein Haus besitzt.
Die Gegenwart gehört Lugano. Hier hat er noch einen Vertrag bis 2018. «Zum vollkommenen Glück fehlt jetzt nur noch ein Titel mit Lugano …» Er kann diese Saison sogar den «Grand Slam» gewinnen. Vier Titel. Die Schweizer Meisterschaft, den Schweizer Cup, den Spengler Cup und die Champions Hockey League.
Im Herbst der Karriere die längsten Eiszeiten. Wie ist das zu verkraften? «So viel Eiszeit ist kein Problem. Ja, ich fühle mich sogar besser, wenn ich so viel spielen kann. Als Verteidiger ist es einfacher, so lange Eiszeiten zu verkraften. Zumal wir in Lugano so viele gute Stürmer haben, dass ich als Verteidiger nicht auch noch ständig nach vorne stürmen muss.» Die Offensive befeuert er trotzdem. Beim 5:3 in Langnau assistierte er zum 1:1 und zum 5:3.
Die Wirkung des ruhigen, beinahe bedächtigen Mannes auf und neben dem Eis wird oft unterschätzt. Er macht keinen Lärm und kaum Spektakel und hat viel weniger Medienpräsenz als Eric Blum, Rafael Diaz oder Timo Helbling. Mit der Erfahrung und der Gelassenheit aus drei Meistertiteln mit dem SC Bern, fünf WM-Turnieren, einem WM-Final (2013 war aus gesundheitlichen Gründen seine bisher letzte WM) und einem Olympischen Turnier (2010) strahlt er auf und neben dem Eis die Autorität aus, die ihn auch ohne grosse Worte zum Leader macht.
Durch seinen schnörkellosen Stil fällt er dem Beobachter viel weniger auf als etwa Berns eleganter Eric Blum oder Zugs dynamischer Rafael Diaz. Philippe Furrer pflegt eher einen rauen «Landvermesser-Stil». Er fährt die direkten Linien und spielt mit der Genauigkeit eines Geometers. Der wichtigste Teil seiner Arbeit ist die Defensive und wenn es sein muss, dann kann er auch hart zulangen. Er kann auch ohne Spektakelchecks im Zweikampf unerbittlich hart sein.
Wie er spielt, so ist auch seine Art. Ehrlich, direkt, unkompliziert. Einer, der beruhigend wirkt in einem aufgeregten Umfeld wie in Lugano. Es ist kein Zufall, dass Lugano in der zweiten Saison mit Philippe Furrer nach zehn Jahren wieder eine Playoffserie gewonnen und im Frühjahr 2016 gar den Final erreicht hat. So gesehen ist Philippe Furrer wahrscheinlich in der NLA zurzeit der wichtigste Schweizer Verteidiger. Das berühmte Gedicht des deutschen Lyrikers Franz Emanuel August Geibel (1815 – 1884) passt, leicht abgeändert, gut zur Situation von Lugano in seinem Kampf gegen die Titanen von der Alpennordseite und der Rolle von Philippe Furrer: