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Keine Frage: Eigentlich hätte am Ende Dusan Mladjan zum besten Spieler der Partie gewählt werden müssen. Der langjährige Spieler von Freiburg Olympic, der für nächste Saison noch ohne Club ist, war mit 21 Punkten der beste Skorer. Vor allem aber war er immer zur Stelle, als es wichtig war, verwandelte fünf seiner sieben Dreipunktewürfe und hielt die Schweiz damit mehrmals im Spiel, als Portugal davonzuziehen drohte.
Doch dass ein anderer Spieler als Clint Capela Mann der Partie werden könnte, war im Szenario von Swiss Basketball nicht vorgesehen. Deshalb wurde am Ende trotz Mladjans Topleistung brav dem NBA-Star der Preis überreicht. Das war wohl auch ganz im Sinne Capelas. Denn sooft seine Mitspieler auch betonen, der Erfolg sei ihm nicht zu Kopf gestiegen, war dem Genfer doch in gewissen Situationen anzumerken, dass er derjenige sein wollte, der im Mittelpunkt steht. Etwa wenn er nach einer gelungenen Aktion auf seine Trikotnummer zeigte, oder als er kurz vor Schluss, als der Schweizer Sieg feststand, im Takt der Stadionmusik in Richtung Kameras tänzelte.
Licht und Schatten
Einen Grossteil der Partie hingegen verbrachte Capela mit Kopfschütteln. Klar: Immer wieder einmal liess der Center erahnen, warum er letztes Jahr bei den Houston Rockets einen Fünfjahresvertrag über 90 Millionen Dollar erhalten hat. Etwa als er zu Beginn der zweiten Halbzeit bei einem Monster-Dunk seine Athletik unter Beweis stellte. Oder als er zwischendurch dank seiner Armspannweite von 226 Zentimetern einen Rebound holte, obwohl sein Gegenspieler eigentlich besser postiert war. Mit 16 Punkten und elf Rebounds gehörte er denn auch zu den Eckpfeilern des Erfolgs. Und natürlich verrichtete er, wie auch in Houston, abseits der Scheinwerfer ohne Ball wichtige Arbeit. Zum Beispiel als er drei Minuten vor Schluss Mladjan perfekt freiblockte, so dass dieser den wegweisenden Dreier zum 73:68 abfeuern konnte.
Den mangelnden Rhythmus nach der langen Sommerpause und gewisse Anpassungsschwierigkeiten an die Mitspieler und das Spiel in Europa konnte Capela jedoch nicht kaschieren. Genauso wenig wie seine eklatante Wurfschwäche. Verlässt Capela die Zone unter dem Korb, hat er grösste Mühe zu punkten. Von der Freiwurflinie traf er am Samstag nur 4 von 9 Versuchen. Ein miserabler Wert von 44,4 Prozent, der übrigens nicht überraschend kommt. Sein Vertrag in Houston garantiert ihm 500 000 Dollar Bonus extra pro Saison, wenn er mindestens 65 Prozent seiner Freiwürfe versenkt. Letzte Saison verfehlte er dieses Ziel, in den Playoffs lag sein Wert nur bei 42,9 Prozent.
Portugals Respekt vor Capela
Dass er mit seiner Physis und Agilität eine Partie auf dem bescheidenen Niveau, auf dem sich die Schweiz und Portugal befinden, allerdings allein schon durch seine Präsenz mitprägt, bestätigte Portugals-Assistenztrainer Sergio Ramos nach der Partie. «Wir haben unser Spiel angepasst, nachdem klar wurde, dass Capela spielt. Uns war klar, dass wir zu keinen leichten Punkten unter dem Korb kommen würden. Deshalb haben wir uns mehr auf die Aussenpositionen konzentriert.»
Einen Capela-Effekt gab es zum Auftakt dieser EM-Vorqualifikation auch bei den Mitspielern – und der war nicht nur positiv. «Es war bei vielen eine gewisse Nervosität da. Lange wirkten wir irgendwie gehemmt», sagte der Schweizer Nationaltrainer Gianluca Barilari. Auf mangelnde Matchpraxis seiner Spieler wollte er die wenig berauschende Leistung beim mühsam erknorzten 77:72-Erfolg gegen Basketball-Zwerg Portugal nicht zurückführen. «Am Mittwoch besiegten wir im letzten Testspiel Rumänien mit 20 Punkten Vorsprung und zeigten eine sehr gute Leistung – ohne Clint Capela», sagte Barilari.
Match bloss zweitrangig
Aber letztlich war der Matchverlauf am Samstag ohnehin zweitrangig. Schlangen vor dem Eingang, die fast bis zum Fussballstadion reichen, Fernsehtrucks auf dem Parkplatz und 2900 Zuschauer, die voller Vorfreude schon vor dem Spiel Schlachtrufe anstimmen – das alles gibt es bei Basketball-Länderspielen in der Schweiz eigentlich nicht. Der Grund dafür war einzig und allein: Clint Capela. Und so stand Matchwinner Dusan Mladjan nach der Siegerehrung schnell einmal alleine auf dem Feld, während sich um Clint Capela in Sekundenschnelle eine riesige Fantraube bildete …
Telegramm
Schweiz - Portugal 77:72 (16:19, 20:17, 20:24, 21:12)
Freiburg, St. Leonhard. – 2900 Zuschauer (ausverkauft).
Schweiz: Nzege (2 Punkte), Kazadi (7), Kovac (12), Zinn (0), Capela (16); Baldassare (7), Mbala, Mladjan (21), Solca (3), Dubas (6), Cotture (3).
Portugal: Wilson (12), Bastos (5), Pinto (10), Lima (9), Fonseca (6); Cardoso (3), Da Costa Ventura (3), Monteiro (0), Queiroz (5), Guerreiro (17), Grosso (2), Araujo (0).
Modus: Die Schweiz spielt je zweimal gegen Portugal und Island. Der Sieger dieser Dreiergruppe ist für die eigentliche EM-Qualifikation zugelassen.
Clint Capela
«Diesen Abend werde ich nie vergessen»
Mit Blut an der Hose und einem tiefroten Auge trat Clint Capela nach dem Spiel in den Medienraum. Erwartungsgemäss hatten die Portugiesen ihn zuvor besonders hart angegangen. Der NBA-Star hatte nicht bloss ein paar Schläge abbekommen, sondern auch einen Finger ins Auge. «Das war ein Spiel für Männer», sagte der 208-Zentimeter-Hüne in die Runde der Journalisten. «Es ist ganz anders, als in der NBA. Man hat viel weniger Platz hier.» Die Gründe: In der NBA sind die Spielfelder grösser und die Dreipunktelinie ist weiter weg. Ausserdem haben die Portugiesen Capela schlicht besonders eng gedeckt. «Aber es war cool, das wieder einmal zu erleben. Genau für solche Herausforderungen bin ich wieder hier.»
Bloss zwei Trainings
Es sei nicht leicht gewesen, sagte Capela weiter. «Ich hatte bloss zwei Trainings mit der Mannschaft. Da ist es nicht überraschend, dass die Chemie nicht immer stimmte. Aber ich wollte vor allem auch meine Härte und Energie ins Spiel bringen, das ist mir, glaube ich, gelungen.» Er habe während des Spiels Justierungen vorgenommen. «Ich wusste ja nicht, wo die jeweiligen Stärken der Mitspieler liegen. Das habe ich dann während der Partie allmählich herausgefunden.» Capela ist mit Blick auf die drei weiteren Spiele der Vorqualifikation für die EM 2021 überzeugt, dass die Abstimmung in den kommenden zwei Wochen immer besser wird.
«Will ein Vorbild für sie sein»
Während Capela mit den Journalisten spricht, haben die Security-Mitarbeiter alle Hände voll zu tun, die mehreren Dutzend Fans, die vor dem Medienraum warten, daran zu hindern, zu ihrem Idol in den Saal zu stürmen. Der NBA-Star schaut kurz auf die Meute. «Es ist wunderbar. Es ist unglaublich, für sein Land aufzulaufen. Vor allem hier in der Schweiz. Ich werde diesen Abend nie vergessen, denn ich weiss, dass ich nicht so oft die Möglichkeit dazu habe», so der 25-Jährige nach seinem ersten Nati-Pflichtspiel seit fünf Jahren. «Und schaut euch die ganzen Kinder an, die mir zugeschaut haben und Fotos mit mir machen wollen. Das berührt mich sehr. Wer weiss, vielleicht spielen sie irgendwann in der NBA.» Diese Kinder seien ebenfalls ein Grund, warum er hier sei, sagt Capela vor den Augen seiner Mutter, die mit im Medienraum sitzt und ihren Sohn nicht ohne eine gewisse Strenge bald einmal darauf hinweist, dass gerade in diesem Moment viele Kinder vor der Tür auf ihn warten. «Ich will ein Vorbild für sie sein, ihnen zeigen, dass es möglich ist, den Schritt nach Amerika zu schaffen.» Sagt es und macht sich auf zum nächsten Autogrammmarathon.
«Es ist unglaublich, für sein Land aufzulaufen. Vor allem hier in der Schweiz»
Clint Capela
Basketballer