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Gesellschaft
Eine 3144 Kilometer lange Grenze und ihre Kunst
Stefan Falke fotografiert seit fünf Jahren Kunstschaffende im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA. Eine Auswahl von Bildern ist nun im Buch "La Frontera" erschienen.
Einfache, weiss bemalte Holzkreuze mit Inschriften wie "13-15 años, masculino, no identificado" hängen am Grenzzaun in Nuevo Laredo, Mexiko, und erinnern an die Menschen, die beim Versuch, den Rio Grande schwimmend zu überqueren, ertrunken sind. Jedes Jahr fordert die auf der Karte rot eingezeichnete Linie, die Mexiko und die Vereinigten Staaten voneinander trennt, Hunderte von Menschenleben. In den urbanen Gebieten, den Doppelstädten wie San Diego und Tijuana oder Brownsville und Matamoros etwa, erschweren und verhindern Grenzzäune den illegalen übertritt der Staatsgrenze zur USA, andernorts ist es die Sonora-Wüste, wo Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius dafür sorgen, dass die Flüchtlinge nie im "Land der unbeschränkten Möglichkeiten" ankommen. Natürlich floriert unter diesen Umständen das Geschäft der Schmuggler, die eine gefahrlose Grenzüberquerung versprechen und ihr Geld bereits im Voraus einkassieren; Menschenhandel und Entführungen nehmen rasant zu - ausserdem treiben auf der mexikanischen Seite der Grenze einflussreiche Drogenkartelle ihr Unwesen, begehen schreckliche Verbrechen.
Von der Frage umtrieben, wie Millionen von Menschen in diesem mexikanisch-amerikanischen Grenzland leben, reiste der Fotograf Stefan Falke 2008 erstmals nach Tijuana. Aus dem Kontakt mit der dort lebenden Malerin und Kuratorin Marta Palau entsprang die Idee, die gesamte Strecke von Tijuana im Westen bis Matamoros im Osten abzufahren und Kunstschaffende zu porträtieren, die sich auf unterschiedliche Art und aus ebenso unterschiedlichem Antrieb heraus mit dem Leben an der Grenze befassen. Die Fotoserie, die danach über mehrere Jahre und Reisen hinweg entstanden ist, wurde vielfach ausgestellt und prämiert. 2013 ist Stefan Falke für das Projekt mit dem Preis der "David Chow Humanitarian Award Foundation" ausgezeichnet worden; ebenso fanden viele der insgesamt fast 200 porträtierten Künstler zu grösserer Beachtung und künstlerischer Anerkennung im In- und Ausland. Zusammen mit literarischen und essayistischen Texten ist ein Grossteil der Fotografien nun im Buch "La Frontera" erschienen.
Was Falkes und die Künstler-Arbeiten gemein haben dürften, ist die Hoffnung an das Menschliche, die Hoffnung und letztlich auch die Gewissheit, dass die Kunst als solche keine Grenzen kennt. Dennoch gilt es, vorsichtig zu sein, denn Kritik zu üben, ist gefährlich. Längst haben sich beispielsweise die Medien der Selbstzensur unterworfen: Entführungen, Hinrichtungen und andere Gewaltverbrechen seitens der Drogenkartelle werden aus Sicherheitsgründen totgeschwiegen.
Die Kunstschaffenden schweigen nicht. Da ist beispielsweise der Grenz-Poet Daniel Watman, der in Playa de Tijuana beidseits der Grenze poetische Lesungen organisierte, bis die Modernisierung des Grenzzauns eine direkte Begegnung von Menschen beider Seiten unmöglich gemacht hat. Seither führt er seine Lesungen mit Fernglas und Zeichensprache durch. Andernorts schreibt die Autorin Orfa Alarcón von einem "riesigen metallischen Messer, das mit seiner rostigen Schneide droht" und Alfredo Libre Gutiérrez malt ein Porträt eines verarmten, amerikanischen Obdachlosen auf der Südseite der Grenze, schaut ihm in die Augen, während Stefan Falke den Auslöser seiner Kamera drückt. Auch die Fotografin Mayra Martell schweigt nicht. In Ciudad Juaréz, wo im Jahr 2010 mehr als 3000 Menschen ermordet und unzählige Frauen und Mädchen entführt worden sind, fotografiert sie die leerstehenden, von den Familien meist unangetasteten Zimmer der Verschollenen. Dennoch: Längst nicht alle Künstler im Grenzland "La Frontera" setzen sich mit den Themen Gewalt und Politik auseinander, sondern schaffen mit anderen Inhalten und aus anderen Impulsen heraus Kunst von nicht minder grosser Dringlichkeit.
"Kunst kann etwas bewegen. Künstler sind Botschafter des Friedens", sagt Stefan Falke, der 1956 in Paderborn geboren ist und seit 1985 in New York lebt. "La Frontera" bestätigt diese Aussage, bestehen doch bei der Betrachtung des Bildbands keine Zweifel, dass Künstler mit ihrer Kunst Grenzen verschieben und überwinden - bleibt nur still die Hoffnung, dass wir es ihnen in unseren Köpfen gleichtun.