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Effizienz, Evaluation, Qualitätssicherung, Wettbewerb, Konkurrenz - solche und ähnliche Begriffe dominieren heute die Universitätsdebatten. Von Bildung spricht niemand mehr, schreibt Historiker Hans-Ulrich Jost.
Die Hochschullandschaft ist in den letzten zehn Jahren unter Führung des Staatssekretariates für Bildung und Wissenschaft (SBF, bis 2005 Bundesamt) gründlich umgepflügt worden. Das Ziel ist die Schaffung von marktkonformen Wissensfabriken mit Schwerpunkten in den wirtschaftlich verwertbaren Naturwissenschaften, der Technologie und der Medizin. Geisteswissenschaftliche Bildung, ein zentrales Postulat der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, bleibt dabei auf der Strecke.
Auslöser dieser Hochschulrevolution war das Bologna-Abkommen, das 1999 von Staatssekretär Charles Kleiber praktisch ohne Konsultation der Betroffenen - das heisst der Universitäten und der Studierenden - unterzeichnet worden war. Es erlaubte, die schon seit den achtziger Jahren erhobenen Forderungen nach mehr Effizienz, Reorganisation und administrativer Kontrolle der Lehre und Forschung in gesteigertem Tempo durchzusetzen. Bildungsgänge wurden in kleine, mit Krediten, Punkten und Examen gewertete Module zerstückelt und wie farbig verpackte Konsumprodukte angeboten. Der Inhalt zählt kaum, die Verpackung ist alles.
Herrschaft der Bürokratie
Wie kam es zu dieser kalten, von oben gesteuerten Revolution? Ein Blick auf die letzten fünfzig Jahre der Entwicklung der höheren Bildung hilft, die Bedeutung dieses Prozesses zu erfassen. Im Zeichen der Atomenergie und der Sputnik-Euphorie hatte in der Nachkriegszeit eine von Staat und Militär angetriebene Forschungspolitik eingesetzt. Damit sollten sowohl das nationale Prestige wie auch die Wirtschaft insgesamt gefördert werden. In der Schweiz führte diese Politik unter anderem zu einer massiven Ankurbelung eines Nuklearprogramms - mit dem heimlichen Plan einer Atombombe für die Armee. 1952 wurde ausserdem der Nationalfonds für wissenschaftliche Forschung geschaffen. Bei diesen Förderungsmassnahmen hatten die technischen und die Naturwissenschaften die höchste Priorität.
Ein zweiter Schub in der Hochschulentwicklung entstand durch die in den sechziger Jahren an die Universitäten drängende geburtenreiche Kriegs- und Nachkriegsgeneration. In einem Jahrzehnt verdoppelte sich die Zahl der Studierenden. Wohl setzte, mit etlicher Verspätung, eine weitgehend unkontrollierte Planungseuphorie ein - sie versandete jedoch in der Wirtschaftskrise der siebziger Jahre. Mit dem politischen Rechtsrutsch der achtziger Jahre und dem Aufkommen der neoliberalen Dogmen entstanden neue Zielsetzungen: Gefordert wurde nun, das Wissen vollumfänglich in den Markt zu integrieren und gemäss seinem Profitpotenzial zu bewerten. Oder, wie es Staatssekretär Charles Kleiber 1999 blumig ankündete: «Was einst eine Gabe des Himmels war [das Wissen], ist von nun an auch eine Quelle des Profits für die Unternehmen und eine Grundlage der Prosperität des Staates.»
Während an den Universitäten ein Revisionsversuch den andern jagte, entstanden auf Bundesebene zahlreiche Kommissionen - Wissenschaftsrat, Rektorenkonferenz, Abteilung für Wissenschaft und Forschung, Science et Cité und so weiter -, deren Tätigkeit und Kompetenzen kaum einsehbar waren. Anstatt die Lehre und die Forschung zu reformieren, baute man eine zunehmend schwerfällige Bürokratie auf. So wuchsen in den letzten zwanzig Jahren die wissenschaftlichen Fächer viel weniger stark als die Universitätsverwaltungen.
Revolution und Abstieg
In dieser Situation wirkte das Bologna-Abkommen verheerend. Gewiss, die technischen, exakten und medizinischen Fächer vermochten die geforderten Umstrukturierungen relativ gut aufzufangen. Ganz anders sieht die Lage bei den Geistes- und Sozialwissenschaften aus. Seit Jahrzehnten schon bedeutend schwächer gefördert, hatten diese Disziplinen gleichzeitig die grosse Mehrheit der Studierenden aufzunehmen und verfügten daher immer weniger über die für eine normale Entwicklung notwendigen Ressourcen. Ein Expertenbericht aus dem Jahre 2002 stellte fest, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften schon in Kürze nicht mehr fähig sein würden, ihre wissenschaftlichen Aufgaben zu erfüllen.
Rasch aufbrechende Ungleichgewichte stellten eine qualitativ genügende Ausbildung noch weiter infrage. Ein frappantes Beispiel ist die Kommunikationswissenschaft, wo die Zahl der Studierenden in zehn Jahren von 1000 auf 6000 zugenommen hatte, ohne dass Betreuung und Infrastruktur auch nur annähernd mitzogen. 2004 hielt ein Expertenbericht fest, dass nur ein kleiner Teil der eingeschriebenen Studierenden zu einem Abschluss komme und dass die Qualität der Studien in keiner Weise befriedige.
Nach den Worten von Charles Kleiber standen den Hochschulen nur zwei Wege offen: Revolution oder Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Es scheint, als ob beide Wege beschritten worden sind. Einzelne Bereiche, insbesondere die ETH, streben Höchstleistungen an mit dem Ziel, im internationalen Feld an der Spitze mit dabei zu sein. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die behaupten, die Schweiz könne sich nur noch eine, bestenfalls zwei international konkurrenzfähige Hochschulen leisten. Der Rest, die kantonalen Universitäten, müssten sich mit weniger Ressourcen zufriedengeben. Dies heisst konkret, dass vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften noch mehr vernachlässigt würden.
Was kommt nun auf uns zu? Wegen ungenügender Ressourcen wird die Mehrheit der Universitäten immer mehr an internationaler Bedeutung verlieren. Gleichzeitig vertiefen sich die Verschulung und McDonaldisierung der Studien. Die Zerstückelung der Bildungsgänge macht aus Wissen Kleinkram, den die Studierenden orientierungslos in ihren Warenkorb werfen. Früher war das Ziel der Bildung ein vernetzter Aufbau von Wissen, mit dem auch die Fähigkeit zu Kritik und Beurteilung vermittelt wurde. Der heutige Betrieb hält demgegenüber die Studierenden geradezu an, sich in erster Linie um Strategien zu bemühen, mit denen Unterrichtskredite und Examen möglichst optimal, das heisst mit kleinstem Aufwand, gesammelt werden können. «Studierende müssen sich heute», schrieb die NZZ kürzlich, «vorkommen wie die Kundschaft an der Coop- oder Migros-Kasse: Punkte sammeln heisst das Gebot der Stunde.» Gefordert sind auf reiner Nützlichkeit beruhende und kostenoptimale Überlebensstrategien im bürokratisierten Universitätsdschungel.
Fantasievolle Produkte
Auch auf der Ebene der Master-Studiengänge sorgt die Bologna-Reform für eine Verwischung von Aus- und Weiterbildung und führt zu fatalen Nebenerscheinungen. Viele Projekte lassen sich nur mit Mühe organisieren, und die Finanzierung ist oft prekär. Interne Konkurrenz und das Buhlen um Studierende führen zu wenig erspriesslichen Situationen. Der Streit der Genfer und Neuenburger um einen Master in Medienwissenschaften trägt beispielsweise kaum zur Qualitätsverbesserung bei. Und was soll man von einem «Master in Applied History» an der Universität Zürich halten, wo «Manager und Verantwortliche aus Wirtschaft und Verwaltung» das «strategische Potenzial historischen Fachwissens» erwerben sollen, um bessere «Investitionsentscheidungen» zu treffen? Die fantasievollen Master-Produkte werden zudem der Grundausbildung wichtige Ressourcen entziehen. So ist voraussehbar, dass qualifizierte ProfessorInnen sich eher im Master engagieren, wo nicht grosse Bestände wenig motivierter Studierender den Unterricht belasten.
Es scheint, dass sich, wie in der Gesellschaft insgesamt, auch im Universitätssystem ein Zweiklassenmodell durchzusetzen beginnt. Auf dem Toplevel breiten sich Nano-, Neuro- und Biowissenschaften aus, während im untersten Bereich die Geistes- und Sozialwissenschaften dahinvegetieren. Ohne dass wir es richtig realisieren, wird dabei ein neues, auf Genomik, Neurobiologie und Lifesciences beruhendes Gesellschaftsbild aufgebaut, das die traditionelle Vorstellung vom Menschen als vernunftbegabtem und in sozialer Kommunikation sich emanzipierendem Wesen auslöscht. Dieser vermeintliche Sprung in die Zukunft könnte uns in eine nicht unbedenkliche Vergangenheit zurückwerfen.