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Eine «Massenhysterie» wie in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts (!) soll gestoppt werden, schreibt der Geologe Markus Häring in der Basler Zeitung. Christoph Blocher macht es sich einfach, wenn er in einer seiner Kolumnen im April 2019 schreibt: «Die Erde hat schon manchen Klimawandel überlebt und sie wird auch diesen überleben.» Die Erde wird die anthropogene Klimaveränderung überleben, wie die Menschheit jedoch damit umgehen wird, wird die Zukunft zeigen. Herr Blocher wird dies nicht erleben. Die Klimageschichte lehrt uns, dass Tempo und Ausmass der heutigen Klimaveränderung nur mit extremsten Treibhaus-Ereignissen und verbreitetem Artensterben in der Erdgeschichte vergleichbar sind.
Der Geologe Häring, Vizepräsident des neoliberalen Carnot-Cournot-Netzwerkes äussert sich in BAZ-Kolumnen und in der Weltwoche regelmässig kritisch zu Klimathemen. Häring attackiert dabei gerne seinen Lieblingsfeind «IPCC», den Weltklimarat. Er nutzt in seinen Kommentaren selektiv Argumente aus der Klimageschichte. In einem seiner Texte unterstellt er uns Forschenden, dass wir bei den Klimaprognosen die Bedeutung des natürlichen Kohlenstoff-Kreislaufs unterschlagen würden. Als Geologe kennt Markus Häring die geringe Amplitude der natürlichen Schwankungen des Kohlendioxids in der Atmosphäre im Holozän und er weiss, dass der anthropogene Anteil der letzten 100 Jahre um das Vielfache grösser ist als die beobachteten natürlichen Schwankungen. Häring unterstellt der Forschung, sie würde sich nur aufs Klima fokussieren und regionale Umweltprobleme vernachlässigen, wie zum Beispiel die grossen Grundwasserprobleme in Bangladesch. In Bangladesch, schreibt der Geologe, könnten sich die Menschen nicht um das Klimaproblem kümmern, dort sei die Übernutzung des Grundwassers für die Menschen das dringende Problem als der jährliche Meeresspiegelanstieg von 3 Millimeter.
Das Beispiel Bangladesch illustriert, wie grosse regionale Umweltprobleme ebenso Konsequenz eines nicht-nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt sind, wie die global wirksame Klimaveränderung. Häring blendet aus, dass sich der Klimawandel auf die Monsunintensität auswirken wird und Veränderungen im Monsunklima werden wiederum den regionalen Wasserhaushalt und den Grundwasserspiegel in Bangladesch beeinflussen. Der ansteigende Meeresspiegel wird Grundwasserprobleme verschärfen, weil er zur beschleunigten Versalzung des küstennahen Grundwassers beitragen wird. Die Anthropozän-Forschung, mit der Häring als Geologe vertraut sein sollte, weist seit Jahrzehnten auf lokale, regionale und globale Umweltprobleme hin, wobei der Klimawandel diese Probleme in den meisten Fällen deutlich verschärft. Häring nutzt punktuell wissenschaftliche Fakten und er blendet Anderes gezielt aus, wie in seiner Diskussion zu Klima und Korallenriffen. Er prognostiziert den Riffen eine erfreuliche Zukunft, weil Korallen dank Meeresspiegelanstieg beschleunigt wachsen werden (Potenzial: 10 Millimeter und nicht 10 Zentimeter pro Jahr, wie Häring fälschlicherweise schreibt). Allerdings unterschlägt Häring, dass Korallenriffe wegen CO2 bedingter «Versauerung» der Ozeane, wegen Temperaturanstieg und Überdüngung schon heute unter erschwerten Wachstumsbedingungen leiden, welche in den nächsten Jahrzehnten zu einem Kollaps von vielen Riffen führen können.
Häring ist, wie andere klimaskeptische Geologen, nicht in der Erdklima-Forschung aktiv. Als Klimageologe muss ich den IPCC-Forschenden zustimmen, die anthropogene Störung des Kohlenstoff-Kreislaufs wird unzählige unliebsame Folgen für Leben auf der Erde haben.
Helmut Weissert
Geologe und Klimatologe
Helmut Weissert ist Professor an der ETH Zürich. Er lehrte und forschte bis zu seiner Pensionierung im Bereich Sedimentgeologie, Paläozeanographie und Paläoklimatologie, sowie in alpiner Geologie (Geologie der Schweiz).