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Vor dreissig Jahren kommt es in Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl zur Katastrophe: Die diensthabenden Techniker bemerken die einsetzende Kernschmelze Augenblicke zu spät, die Steuerstäbe lassen sich nicht mehr vollständig in den Reaktorkern einfahren, um 1.23 Uhr nachts explodiert das freigesetzte Wasserstoffgas und sprengt die gesamte Reaktorhülle in die Luft. Das Tausende Grad heisse Feuer reisst die radioaktiven Partikel in die Höhe; der herrschende Südostwind weht die Strahlung über den Norden der Ukraine, über weite Teile Weissrusslands und schliesslich über ganz Europa hinweg. Der Betonbau, mit dem der glühende Reaktorkern schliesslich notdürftig abgedeckt wird, geht als «Sarkophag von Tschernobyl» in die Geschichte ein.
Ein vorwitziger Journalist meines Namens und die Mitglieder der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission (GPK) Rosmarie Bär, Peter Bodenmann, Elmar Ledergerber, Walter Biel, Paul Günter (von links) im August 1990 vor dem Unglücksreaktor. (Bild: Beat Bieler)
Es dauert mehr als vier Jahre, bis die sowjetischen Behörden zum ersten Mal einer Gruppe westlicher Politiker und Journalisten erlaubt, das Kraftwerk Tschernobyl und die umliegende Sperrzone zu besuchen. Einer dieser Journalisten war ich. Die Wucht der Erinnerungen an diese Recherche vor 26 Jahren nimmt mir noch heute den Atem.