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Sie inspirierte Gustav Mahler – er verbot ihr das Komponieren
- Sonntag, 4. September 2016, 13:54 Uhr
Alma Schindler war eine talentierte junge Komponistin. Nach der Heirat mit dem Direktor der Hofoper, Gustav Mahler, musste sie das Komponieren aufgeben: Sie sollte sich um ihn und seine Kunst kümmern. Das war der Anfang einer schwierigen, aber legendären Ehe.
- Alma Schindler heiratet in jungen Jahren Gustav Mahler und gibt für diesen ihr eigenes Komponieren auf.
- Alma Mahler flüchtet sich in eine Liebesaffäre mit Walter Gropius – dem späteren Bauhaus-Architekten.
- Nach Gustav Mahlers Tod kümmert sich die Witwe trotzdem um dessen unfertige 10. Sinfonie und lässt Teile davon als Faksimile drucken.
Sie ist das schönste Mädchen Wiens, und die Männer liegen ihr zu Füssen. Dennoch hat Alma, von Malern und Musikern umworben, grosse Pläne: Sie will Komponistin werden.
Sängerin wäre auch gut gewesen, aber nachdem sie sich zuhause am Klavier durch sämtliche Wagner-Opern gespielt und gesungen hat, ist ihre Stimme so ruiniert, dass daran nicht zu denken ist.
Alexander Zemlinksy wird ihr Kompositionslehrer. Er hält sie für begabt, «aber ohne jedes Können». Doch ist er bereit, sie als Schülerin aufzunehmen. Unter seiner strengen Anleitung lernt das Fräulein das Handwerk: Eine ganze Reihe erstaunlicher Lieder, Klavierwerke und sogar Teile einer Oper entstehen.
«Er war ein scheusslicher Gnom»
Zum Dank darf sie küssen und streicheln – obschon Alma den kleinen Mann mit dem fliehenden Kinn, der grossen Nase und den Glubschaugen alles andere als schön findet, wie sie ihrem Tagebuch anvertraut.
Im Klartext heisst das: «Er war ein scheusslicher Gnom – klein, kinnlos, zahnlos, immer nach Kaffeehaus riechend, ungewaschen». Zwei Jahre hält sie ihn hin, die letzte Gunst gewährt sie ihm nicht.
Zemlinsky, den diese Spielchen fast um den Verstand bringen, träumt von einem kleinen Zimmerchen, wo er nach der Arbeit gerne mit Alma zusammen sein will.
Böses erwachen im siebten Himmel
Doch dann kommt der Direktor der Hofoper, Gustav Mahler. Der macht ihr nicht nur den Hof, der macht auch ziemlich bald deutlich, dass er die Alma gerne heiraten würde. Sie ist im siebten Himmel.
Es folgt ein böses Erwachen: Im Dezember 1901 bekommt sie einen 20-seitigen Brief. Gustav Mahler schreibt ihr darin ausführlich, wie er sich sein zukünftiges Leben mit ihr vorstellt.
«Wie stellst Du Dir so ein komponierendes Ehepaar vor? Hast Du eine Ahnung, wie lächerlich und später herabziehend vor uns selbst, so ein eigentümliches Rivalitätsverhältnis werden muss? Wie ist es, wenn Du gerade in ‹Stimmung› bist, und aber für mich das Haus, oder was ich gerade brauche, besorgen, wenn Du mir, die Kleinigkeiten des Lebens abnehmen sollst? – Bedeutet dies für Dich einen Abbruch Deines Lebens und glaubst Du auf einen Dir unentbehrlichen Höhepunkt des Seins verzichten zu müssen, wenn Du Deine Musik ganz aufgibst, um die Meine zu besitzen, und auch zu sein?»
«Er hält nichts von meiner Kunst»
Alma Schindler ist verwirrt. Ihre Mutter, die zwar auf eine standesgemässe Ehe pocht, rät ihr: «Vergiss ihn!»
Alma vertraut ihrem Tagebuch an: «Er hält von meiner Kunst gar nichts – von seiner viel – und ich halte von seiner Kunst gar nichts und von meiner viel. So ist es!» Und trotzdem heiratet sie ihn. Das Komponieren gibt sie auf.
Abschied vom Leben
Zehn Jahre später, im Sommer 1910, sitzt Gustav Mahler in seinem Sommerhaus in Toblach und arbeitet an seiner 10. Sinfonie. Zwei Monate hat er Zeit für die Skizze. Die Ausarbeitung, die Instrumentierung, das Fertigstellen der Partitur würde er sich zwischen der Arbeit in der Oper und zwischen den Konzertreisen irgendwann nachts aus den Rippen schneiden müssen.
Allerdings weiss er seit kurzem auch, dass er sehr krank ist und sein Herz das nicht mehr lange mitmachen würde. Er nimmt mit dieser Musik auch ein Stück weit Abschied vom Leben.
Eine Affäre fliegt auf
Seine Gattin Alma Mahler ist in dieser Zeit mit der Tochter zur Kur in die Steiermark gefahren. Dann passiert etwas: Mahler erfährt, dass seine Frau einen Liebhaber hat, einen gewissen Walter Gropius – den späteren Bauhaus-Architekten.
Selber wäre er wohl nie dahinter gekommen, wenn nicht selbiger Gropius seiner Alma, nach ihrer Rückkehr, einen heissen Liebesbrief geschrieben hätte: «Ich kann ohne dich nicht leben. Komm zu mir und verlasse deinen Mann», schreibt er ihr.
Den Umschlag adressiert er aber an Herrn Direktor Mahler. Es sei ein Irrtum gewesen, hat Gropius dazu später gesagt.
Konsultation bei Sigmund Freud
Für Gustav Mahler bricht eine Welt zusammen. Die Arbeit kommt zum Erliegen. Seine ganze Verzweiflung notiert er auf die noch leeren Partiturseiten: «Für dich leben, für dich sterben. Almschi!» Oder: «Der Teufel tanzt es mit mir».
In seiner Verzweiflung fährt er ins holländische Leyden, wo Sigmund Freud weilt. Vier Stunden soll die Konsultation gedauert haben – und tatsächlich geht es ihm danach besser, und er kann die Arbeit wieder aufnehmen.
Nun hat Alma das Sagen
«Der Mensch ist ein anderer», schreibt Alma Mahler in ihr Tagebuch. Sie führen lange Gespräche miteinander – und er schaut sich ernsthaft ihre Kompositionen an. Er sieht ein, dass hier etwas verkümmert und dass er daran nicht ganz unschuldig ist.
Gemeinsam überarbeiten sie ihre Lieder, die er danach seinem Verlag schickt. Noch vor Ablauf des Jahres sind sie publiziert unter dem Namen Alma Schindler Mahler. Auch um Aufführungen in Wien und New York kümmert er sich.
Nicht etwa, dass Alma Mahler deswegen die Beziehung mit Gropius beenden würde. Noch kurz bevor das Ehepaar in die USA reist, besucht sie Gropius in Paris. Die Vorzeichen haben sich eben geändert: War früher Mahler Herr im Haus, ist es jetzt Alma, die das Sagen hat.
Die Rechnung kam später
Immerhin kümmert sich die Witwe nach Mahlers frühem Tod 1911 um diese unfertige 10. Sinfonie und lässt Teile davon als Faksimile drucken. Irgendeinmal im Frühling oder Sommer 1911 kriegt Alma Mahler Post.
Der Brief ist an sie adressiert, abgeschickt hat ihn Sigmund Freud. Dieser Brief ist kein Irrtum. Es ist die Rechnung für die Konsultation in Leyden. Um welchen Betrag es sich handelt, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass Alma sich richtig darüber empörte.
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