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Symptomatisch für das Scheitern von Real Madrid steht ausgerechnet einer, der gegen Ajax Amsterdam gar nicht spielte. Sergio Ramos beobachtete das Geschehen von einer Lounge im Santiago Bernabeu aus, im Hintergrund ein grosses Transparent mit dem Aufdruck SR4 und um ihn herum Kameras, die jede seiner Regungen für eine bald auf «Amazon Prime» erscheinende Dokumentation filmten. Der Verteidiger sah die «Niederlage des Jahrhunderts», wie die Zeitung «AS» kommentierte, aus der Ferne.
Sergio Ramos, der Captain des demnächst entthronten Champions-League-Siegers, hatte sich seinen Platz im Stadion selber ausgesucht - vor drei Wochen im Hinspiel, indem er eine Verwarnung provozierte, die ihn vom Rückspiel ausschloss oder wie er dachte, vom Risiko befreite, durch eine Gelbe Karte ein bedeutenderes Spiel zu verpassen, einen Viertelfinal oder Halbfinal. Weil er danach seinen Schachzug öffentlich machte, sperrte ihn die UEFA für eine weitere Partie, was allerdings unter den gegebenen Umständen kaum noch von Bedeutung ist.
Die Aktion von Ramos zeigt, wie unerwartet das Scheitern im Achtelfinal für die Madrider gekommen ist und gibt einen Hinweis darauf, mit welcher Einstellung die Teamkollegen des 32-Jährigen nach dem 2:1 in Amsterdam zum Rückspiel angetreten sind. Sie waren nicht bereit für dieses junge, freche Ajax, gerade in der Defensive, wo Ramos normalerweise mit Wort und Tat den Ton angibt. Das Selbstverständnis wurde dem Rekordsieger zum Verhängnis. Was in guten Zeiten als Selbstvertrauen angesehen wird, ist in schlechten Zeiten bloss Überheblichkeit.
Die schlechten Zeiten haben bei Real Madrid mit den Abgängen von Topskorer Cristiano Ronaldo und Trainer Zinédine Zidane im letzten Sommer eingesetzt, selbst wenn erst die letzten Tage gezeigt haben, wie schlecht es tatsächlich um den spanischen Rekordmeister steht. Wie sehr Ronaldo fehlt, lässt sich leicht in Zahlen darstellen: Es sind 450 Tore in 438 Partien, ziemlich gleichmässig über die Jahre verteilt. Eine Vielzahl an Skorerpunkten wurde im letzten Sommer nicht ersetzt. Nicht Karim Benzema, nicht Gareth Bale und auch nicht einer der jungen Hoffnungsträger konnte die Lücke schliessen. Ein Starensemble ist Real Madrid auch ohne Ronaldo, doch zu einer Einheit konnte es seit Zidane keiner formen, weder der nach kurzer Zeit entlassene Julen Lopetegui noch Santiago Solari.
In der Meisterschaft ist der Rückstand auf Barcelona uneinholbar, und im Cup ist man auch bereits ausgeschieden. Die Champions League war die einzige Hoffnung gewesen, nach den zwei entscheidenden Heimniederlagen gegen Barcelona (im Cup und Meisterschaft) den Frühling noch erfolgreich zu gestalten. Umso erstaunlicher ist, mit welcher Hilflosigkeit Real Madrid am Dienstagabend ins Unglück stürzte. Pech spielte eine Rolle, als etwa der Kopfball von Raphaël Varane nach vier Minuten nur an die Latte knallte. Doch vor allem liess der 13-fache Meistercup- und Champions-League-Sieger eine mannschaftliche Geschlossenheit vermissen. Die grandiosen Einzelspieler - von Toni Kroos bis Luka Modric - verblassten angesichts der kollektiven Unfähigkeit.
Was geschieht nun mit Real Madrid nach der höchsten Heimniederlage in der Champions League? Die unmittelbare Zielsetzung für die Mannschaft resümierte «AS» wie folgt: «Der März hat kaum begonnen und das einzige, was Real noch anstreben kann, ist, den Fall auf den 5. Platz zu verhindern und die Qualifikation für die Champions League zu sichern.»
Für die Vereinsführung um Präsident Florentino Perez geht es um die Planung des personellen Umbruchs, der wohl schon im letzten Sommer angebracht gewesen wäre. Die Hoffnung, dass einer der bestehenden Spieler die Rolle von Ronaldo als Superstar ausfüllt, hat sich zerschlagen. Diese Fussstapfen sind für alle im Kader zu gross, auch für Gareth Bale, Kroos oder Modric. Und der hoffnungsvolle, 18-jährige Vinicius Junior ist dafür noch zu jung. Also liegt die Lösung auf dem Transfermarkt. Dieser dürfte im kommenden Sommer dank Real Madrid besonders interessant werden.