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Er schildert seine „Waldeinsamkeit“, seine provinzielle Herkunft (die sich auch in seiner Lektüre widergespiegelt hat) und die in seiner Studienzeit anschließende Faszination über die Klarheit versprechende Philosophie des logischen Empirismus. Allerdings ist der Schatten des NS-Regimes schon spürbar, die österreichische Jodelvariante des Austro-Faschismus bereits eingeführt, wodurch sich schon früh die Frage für ihn stellt, was denn Philosophie in realiter bedeutet, bedeuten kann, muss. Die Diskussion logischer Spitzfindigkeiten, philosophischer Scheinfragen verliert an Wichtigkeit angesichts der totalitären Bedrohung durch den Nachbarstaat, Amery flieht nach Frankreich, geht in den Widerstand und überlebt nach schweren Folterungen das Konzentrationslager (diese Zeiten werden aber in diesen Essays nicht beschrieben).Nach dem Krieg Hinwendung zum Existentialismus Sartrescher Prägung, fasziniert von dessen Gedanken der Freiheit, des Handeln-Könnens auf eine Zukunft hin. Und auch fasziniert (und gleicherweise abgestoßen) von marxistischem Gedankengut. Der vielleicht lesenswerteste Essay dieses Buch behandelt seine teilweise Rückkehr nach Deutschland, seine Erwartungen und sein Erstaunen, dass sich dieses Deutschland so anders darstellte als erwartet: In allem schienen diese Deutschen bereits wieder obenauf, sie waren linker als die Linken Frankreichs, sie hießen ihn willkommen, hofierten ihn sogar, das Wirtschaftswunder hatte aus dem zerstörten Reich ein prosperierendes Land gemacht und selbst in der Vergangenheitsbewältigung schienen sie allen den Rang ablaufen zu wollen. All das erfährt Amery mit Beklemmung, mit der Überzeugung, dass da irgendetwas nicht stimme, was ihm aber zu benennen nicht gelingen wolle. Der letzte Teil liest sich mühsam, analysiert die neuen Strömungen des Strukturalismus, erörtert seine Skepsis gegenüber dieser neuen Art der Philosophie.
Wobei: „Liest sich mühsam“ nicht nur (aber besonders) für den letzten Essay gilt. Amery ist ein sonderbarer Schreiberling: Seine Texte offenbaren das Bedürfnis nach Perfektion, nach elaborierter Schreibweise ebenso wie nach Esprit – und er tut ständig zuviel des Guten. So wirkt alles oft manieriert, er zitiert aus Geschichte und Literatur, spielt mit seiner humanistischen Bildung, kaum ein Satz, der nicht noch ein Wortspiel, noch eine geistreiche Wendung enthält, er kreiert neue Wortschöpfungen, Wortungetüme, verfällt ins Französische, um diese französischen Brocken dann zu germanisieren und in den Satz einzubauen. Amery hat sich wegen mangelnder Anerkennung als Schriftsteller beschwert, den Ruhm Primo Levis scheel betrachtet, ihm diesen – wenn nicht geneidet, so doch ein wenig für sich reklamiert – aber hier war die literarische Öffentlichkeit gerecht: Er konnte dem Italiener nicht das Wasser reichen, trotz – oder vielmehr wegen – eines Stils, der viel zu offenkundig um Witz, Geist und Tiefgang bemüht war und genau deshalb der Leichtigkeit, Genauigkeit ermangelte, er verstand nicht, dass Schreiben nicht nur eine rein intellektuelle Tätigkeit ist und der Verzicht auf eine Pointe oft wichtiger als deren schlussendlich ermüdende Ziselierung sein kann.
Jean Amery: Unmeisterliche Wanderjahre. Stuttgart: Klett 1971.