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(Aus der Volksmedizin des Nordostens)
Die Wurzeln der empirischen Medizin finden sich in der Bibel – Apokalypse 22, Verse 1 – 2: “Er zeigte mir ein Fluss mit dem Wasser des Lebens, strahlend wie Kristall, welcher von Gottes Thron herabfloss, und am Ufer jenes Flusses stand der Baum des Lebens, welcher 12 Früchte hervorbringt – eine Frucht in jedem Monat – und die Blätter des Baumes werden für die Gesundheit der Menschen verwendet“.
Zusammen mit jenen heiligen Männern, welche das Wort Gottes unter den verschiedenen Völkern verbreiteten, verbreitete sich auch die Volksmedizin – Blätter, Blüten, Knollen und Wurzeln von Bäumen wurden ob ihrer heilenden Wirkung angepriesen, und die Völker suchten, darüber hinaus, nach dem Baum des Lebens und experimentierten deshalb mit allen Gewächsen, die sie finden konnten, um ihre Übel zu heilen – und damit begründeten sie die orthodoxe Medizin des Volkes. Währenddessen suchten die Weisen ihrerseits nach dem Fluss des Lebens. Und weil sie weise waren, wussten sie natürlich mehr als das Volk, das überhaupt nichts wusste. Und weil das Wort Gottes durch Parabeln zu ihnen gedrungen war, glaubten sie, nachdem sie viele Experimente gemacht hatten – allerdings ist dies eine pure Annahme von unserer Seite – dass sie nach einer Flüssigkeit suchen müssten, einer Essenz, welche die Krankheiten der Menschen kurieren würde, egal ob diese Flüssigkeit der Saft einer Frucht wäre oder aus den Knollen von Pflanzen stammte – oder sie vielleicht in Wunder wirkenden Quellen zu finden war.
Wenn jemand aus dem einfachen Volk krank wurde, dann war dies ein Grund, völlig ohne System die verschiedensten Arten von Pflanzen als Tee oder Aufgüsse auszuprobieren, um so jene Krankheiten zu bekämpfen, welche sich durch ihre prekären sanitären Zustände, in denen sie zu leben gezwungen waren, in ihren Körpern einnisteten.
Und so kam es, dass das Volk sich zwischen Irrtum und Erfolg mit diversen Teilen von Pflanzen langsam durch die Jahrhunderte tastete – sogar kleinere Tiere wurden in jene “heilpraktischen“ Versuche mit eingebunden – Glaube und die Vorstellungskraft heilten sogar in vielen Fällen, man erfand und kreierte die “Naturheilmittel“. Aus diesen orthodoxen Methoden entwickelte sich auch eine Reihe der kuriosesten und pittoreskesten Mittelchen der Volksheilkunde von denen man je gehört hat.
Die Colera Morbus trat zum ersten Mal in Indien, an den Ufern des Ganges, auf. Sie erreichte Brasilien an Bord der Galeere “Defensor“, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die 1855 im Hafen von Belém (Pará) vor Anker ging. Von Belém aus verbreitete sich die furchtbare Krankheit mit solchem Ungestüm über den gesamten Nordosten, dass ihr insgesamt 125.793 Menschen zum Opfer fielen – Schuld an diesem Ausmass waren vor allem die prekären sanitären Bedingungen in dieser Region, ausserdem tat die wissenschaftliche Medizin dort gerade ihre ersten Schritte – allein in Vitória de Santo Antão starben 4.000 Personen und in Recife, der Hauptstadt von Pernambuco, waren es 3.336!
In seinem Buch “Livro de Assentos“ (Buch der Beschlüsse) hat Félix Cavalcanti de Albuquerque Mello (1821-1901) ein authentisches Portrait der Epoche entworfen, in der die Cholera-Epidemie in Pernambuco grassierte. Er hält unter anderem fest: “Am 14. Tag des Jahres 1854 trat im “Engenho Cacimbas“ (Zuckerfabrik) von Santo Antão der erst Fall von Cholera Morbus in diesem Distrikt auf. Sie verbreitete sich weiter über Papacaça und Altinho, erreichte die Hauptstadt (Recife) und infizierte die gesamte Provinz. Man sagt, dass die Stadt Victoria jener Ort gewesen, wo die Epidemie am schlimmsten gewütet hat. Aus den Berichten der Polizei geht hervor, dass es Tage gab, an denen 120 Bürger starben – eine erschreckende Zahl bei nur 6.000 Einwohnern! Es wird ausserdem berichtet, dass die Ratsversammlung in Übereinstimmung mit dem Provinz-Präsidenten José bento da Cunha Figueredo beschlossen hatte, die Stadt anzuzünden, denn die Hoffnung auf Ausrottung des Übels hatte alle endgültig verlassen. Glücklicherweise war dann ein offizielles Schreiben der Polizeibehörde an den Präsidenten der Grund, dass jene Entscheidung wieder aufgehoben wurde: es besagte, dass die Epidemie plötzlich an Intensität verloren habe – und so trat man von der Idee zurück, die Stadt den Flammen zu opfern.“
Derselbe Autor Felix wurde selbst von der Cholera befallen. Und er erzählt: “Ich versuchte, den Durchfall mit Schnaps und Salz zu bekämpfen – so hatte es mir der Doktor Sabino geraten, den ich ganz vergessen hatte, der mir aber durch einen in meinem Hause aufgenommenen Freund wieder in Erinnerung gerufen wurde – und ich hatte Erfolg. Das Übel widerstand einer zweiten Dosis nicht – der Durchfall hörte auf. Ich betrachtete mich als davon gekommen. Und ich spürte weiter nichts mehr“.
“Am 16. Juni 1862,“ so fährt der alte Felix fort, “befiel die Cholera Morbus meine Tochter Lisbella. Erst fing es ganz harmlos an, dann nahm die Krankheit erschreckliche Formen an. Meine Tochter lag vierzehn Tage lang zu Bett ohne das Mindeste zu essen – ausser einem Löffel mit Portwein, ab und zu, nahm sie nichts weiter zu sich. Alles, was zwei verschiedene Ärzte uns rieten, zeitigte nicht den geringsten Erfolg – schliesslich konnte sie nicht einmal mehr Harn ablassen“.
Und wie hat sich nun Lisbella, die in den Büchern des alten Felix als “Sinhá“ auftritt, wieder erholt? Das Mittel aus der Volksheilkunde, ihren Harnfluss zu normalisieren war folgendes:
“Fünf geröstete Fliegen aufgelöst in einem Löffel voll lauwarmem Wasser liessen innerhalb von 13 Minuten ihren Urin wieder fliessen. Ein Bauer aus Brejo da Madre de Deus hat mir diesen Rat gegeben, den ich erst einmal abgelehnt hatte – zu jener Zeit weilte gerade mein Freund João Vicente in meinem Haus, der sich meiner Ablehnung widersetzte – er selbst fing die fünf Fliegen ein, ich röstete sie und gab sie dann meiner Kleinen zu trinken, was jenen phantastischen Effekt produzierte“!
An dieser Stelle wollen wir mal eine Reihe von kuriosen Mittelchen aus der Volksmedizin jener Zeit aufzählen – die vom Volk im Nordosten allerdings bis zum heutigen Tag benutzt werden:
Amöben
Auf nüchternen Magen 30 Tage lang ein Glas kaltes Wasser mit drei Tropfen Creoline trinken.
Asthma
1. Einen Tee aus Vogelkot trinken.
2. Eine Zigarette aus trockenen Blättern des Zabumba-Baums rauchen.
3. Gebratene Schweinehoden mit viel Salz.
4. Ochsengalle mit Cachaça trinken.
5. Tee aus der pulverisierten Schwanzrassel einer Klapperschlange trinken.
6. Eine Tee aus dem “Auge“ der Schwanzfedern eines Pfaus trinken.
Übersäuerung des Magens
Ein Glas kaltes Wasser mit drei Messerspitzen kalter Holzasche trinken.
Sandfloh-Befall
(eine Mücke legt ihre Eier zwischen die Fusszehen der barfüssigen Bevölkerung – es entwickeln sich Maden, die vom Fleisch der Befallenen leben und schmerzvolle Schwellungen zwischen den Zehen oder unter den Zehennägeln verursachen): Nachdem man die Schwellung mittels einer Nadel aufgestochen und die Made entfernt hat, die Wunde mit Tabaksaft oder dem Rückstand aus einer Pfeife füllen.
Hühneraugen, Schwielen
Wenn der Schuh neu ist, sind solche Übel fast sicher – 1. Ohrenschmalz aufs Hühnerauge.
2. Die Milch von unreifen Haselnüssen auftropfen.
Masern
Damit die Masern abklingen – das Fieber schneller zurückgeht – gibt es nichts besseres als einen Tee aus den “Haaren des Mais“ (jenen langen, grünen Fäden, die jungem Mais anhaften) – ohne Zucker.
Mumps
Man fertigt ein Pflaster aus dem Algenbelag des Wasserkruges an, mit dem man täglich Wasser aus einem Brunnen holt – dieses legt man auf die schmerzenden, geschwollenen Stellen.
Fussschweiss
Besonders effektiv ist ein Bad im Urin eines Kindes.
Eingeschlafene Finger, Arme oder Beine
Die entsprechenden Stellen mit einem Säckchen groben Salzes beklopfen.
Ohnmacht
1. Den Eingang zur Nasenhöhle der ohnmächtigen Person mit einer Hühnerfeder kitzeln, bis sie wieder zu sich kommt.
2. In die Ohren blasen und die Fusssohlen beklopfen, bis die Person wieder bei sich ist.
Augenkrankheiten
1. Tropfen Sie ein wenig Muttermilch ins kranke Auge.
2. Baden Sie kranke Augen mit Wasser, in dem Sie eine weisse Rose eingeweicht haben.
Bauchschmerzen
1. Tee aus einem rohen Hühnermagen löst die Krämpfe.
2. Eine noch unreife Silber-Banane essen.
3. Ein Stück rohe “Macaxeira“ (zahme Maniok) essen.
Kopfschmerzen
Auf die Stirn eine Mixtur aus Kaffeepulver und Butter legen.
Zahnschmerzen
1. In den schmerzenden Hohlraum einen Streichholzkopf platzieren – wenn er Platz hat.
2. Den Hohlraum mit dem Pulver aus einer Klapperschlangenrassel füllen.
3. Den Hohlraum mit Tabaksaft (Pfeifenrückstand) füllen.
Halsschmerzen
Eine geröstete “Tanajura“ (Riesenameise) essen – wenn es gerade die Zeit der “Tanajura“ ist.
Ohrenschmerzen
In das schmerzende Ohr drei Tropfen Muttermilch applizieren.
Übelkeit während der Schwangerschaft
Eine gut gebratene Taube, ohne Salz, verzehren.
Übelkeit als Beifahrer im Auto
Eine Cashew-Nuss in der Hosentasche mitführen, wenn Sie ein Mann sind – oder in der Handtasche, als Frau. 2. Einen Streichholzkopf kauen.
Rotlauf
Binden Sie sich zur Verhinderung ein rotes Bändchen ums linke Fussgelenk.
Furunkel
Um ein Furunkel von selbst aufplatzen zu lassen, gibt es nichts besseres als ein Pflaster aus der rohen Haut des Stockfisches.
Beule am Kopf
Wenn Sie einen Schlag an oder auf den Kopf bekommen und sich eine Beule bildet, ist es am besten, wenn man mit einer kalten Messerklinge einen gewissen Druck auf die Beule ausübt – die Schwellung wird so gestoppt.
Blutung
Um eine externe Blutung zu stoppen, legt man einen Wattebausch auf, welcher zuvor in Firniss getaucht wurde.
Nasenbluten
Den Kopf in kaltes Wasser tauchen und dann etwa fünf Minuten in den Himmel sehen.
Hämorrhoiden
1. Sich mit nacktem Hintern auf den kurz vorher abgehackten Stumpf einer Bananenstaude setzen.
2. Ein Tabakblatt in den Anus stecken.
3. In Kerosin getauchte Kompressen auflegen.
Flechten
1. Gut ist es, wenn man die Flechte mit Schreibtinte bedeckt. 2. Man kann sie auch mit Schreibtinte abreiben. 3. Oder man reibt sie mit Patronenpulver ab.
Impotenz
1. Tee vom Catuaba-Baum (Erythroxylum catuaba) hilft.
2. Gebratene Stierhoden essen.
3. Eine Suppe aus “Mocotó-de-boi“ (Ochsenfuss).
Magenverstimmung
Tee aus der rohen Haut eines Hühnermagens.
Bandwurm
Trockene Kokosraspel auf nüchternen Magen essen, soviel, bis man nicht mehr kann.
Bettnässen
Nichts hilft besser als dem Kind mit einem lebenden Aal ein paar Ohrfeigen verpassen.
Schlangenbiss
Eine halbe Flasche Kerosin trinken und dann einen Teller voll Maniokmehl und gebratenem “Bacalhau“ (Stockfisch) essen.
Unfruchtbarkeit der Frau
1. Stets vor einem Beischlaf Wasser trinken.
2. Dem Ehemann jeden Tag zum Mittagessen Fleisch von einem schwarzen Hammel und ein Glas Wein servieren.
Hautflecken
Das Gesicht oder entsprechend angegriffene Körperstellen dem frisch herabströmenden Regen aussetzen.
Blähungen
Tee von “Cupins“ (Termiten) trinken.
Haarausfall
Die Haare mit einem Kamm aus Blei kämmen.
Schluckauf
Der entsprechenden Person einen plötzlichen Schrecken versetzen.
Gerstenkorn
1. Während drei aufeinander folgenden Tagen jeweils 9 Limonenkerne schlucken.
2. Den Samenkern des “Olho-de-boi“ (Dioclea grandiflora) auf dem Boden reiben und ihn anschliessend aufs Gerstenkorn legen.
Tripa-de-fora (Dickdarm-Vorfall)
Sich mit dem nackten Hintern auf einen frisch abgehackten Stumpf einer Bananenstaude setzen.
Harnverschluss
1. Einen Tee aus trockenen und gerösteten Kürbisstielen zu sich nehmen.
2. Einen Tee aus “Alpiste“ (Kanariengras, Vogelfutter) trinken.
Warzen
Ein bisschen Menstruationsblut auf die Warze träufeln.
Ja, und so geht es nun mal dem armen “Nordestino“ (Bürger aus dem Nordosten Brasiliens), der keine Krankenkasse bezahlen kann und auch durch keinen staatlichen “INPS“ (Pflichtkrankenkasse für die arbeitende Bevölkerung) abgesichert ist, weil er keine offizielle Arbeitsstelle bekleidet – wenn er krank wird, dann bedient er sich jener Volksmedizin, die allerdings schon manchen armen Teufel wieder auf seine zwei Beine gestellt hat!