Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03620.jsonl.gz/1784

Fragt man nach Gesundheit, besteht eine erste, naheliegende Antwort in einer negativen Abgrenzung: Gesundheit besteht in der Abwesenheit von Krankheit. Damit dies eine klare Antwort ist, muss es einen eindeutigen allgemeinen Begriff von Krankheit geben. Ein Ansatz, um einen allgemeinen Krankheitsbegriff zu bestimmen, geht von der Beobachtung aus, dass Krankheit eine spezifische soziale Wertung und Rolle beinhaltet: Sie wird als nicht gewollter und willentlich nicht (oder wenig) zu beeinflussender Zustand gewertet; die Zuschreibung der Krankenrolle hat eine Entlastungsfunktion von moralischer und rechtlicher Schuld bzw. Schuldfähigkeit, oder auch von Arbeitsbelastungen. Diese Entlastungsfunktion muss nicht durchweg positive Folgen haben, es können auch Stigmatisierung und Entmündigung damit einhergehen. Heißt das aber, dass krank einfach ist, wer in einem bestimmten sozialen Kontext als krank deklariert wird? Wurde etwa zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kulturen Homosexualität als Krankheit gewertet, kann dies – gemäß der Wertauffassung – kein Irrtum gewesen sein. Dieser erste Ansatz ergibt einen offenen und wert- oder sozialrelativen Begriff von Krankheit. Aus der Kritik an der mangelnden Objektivität des wertgeladenen Ansatzes heraus versucht ein zweiter Ansatz, Krankheit wertfrei und wissenschaftlich festzulegen. Der derzeit aussichtsreichste Kandidat verwendet einen funktionalen Begriff: Krankheit besteht in der Störung von überlebens- und reproduktionsrelevanten Funktionen. Das bedeutet aber: Alle Beeinträchtigungen, die nicht zu den ausgezeichneten Funktionen gehören – etwa Erkältungen oder weniger schwere psychische Leidenszustände – sind keine Krankheiten. Weiterhin bedeutet diese funktionale Konzeption auch, dass ein funktionsfähiges Leben als „normal“ von einem abweichenden abzugrenzen ist – dass also Störungen, Behinderungen und Abweichungen der ausgezeichneten Funktionen grundsätzlich zu beheben sind und dies nicht in der Entscheidungsbefugnis der Betroffenen liegt. Krankheiten müssten auch dann therapiert werden, wenn es gar keinen Leidensdruck gibt. Dies sind aus Sicht der wertgeladenen Ansätze entscheidende Einwände.
Die Schwierigkeiten, zu einem klaren und eindeutigen allgemeinen Krankheitsbegriff zu gelangen, lassen es fraglich erscheinen, ob es nicht besser wäre, sich nach einer anderen Antwort zur Frage nach der Gesundheit umzusehen. Dabei ist auch ein Mangel der negativen Bestimmung von Gesundheit zu beachten: Denn es ist eine alltägliche Beobachtung, dass gelegentliches Kranksein ein Bestandteil von Gesundheit ist. Eine zweite, ebenfalls naheliegende Antwort betrachtet Gesundheit als Fähigkeit zum Umgang mit Krankheiten und anderen Widrigkeiten, als Fähigkeit zu einem gelingenden leben oder gar als (wesentlicher) Teil eines umfassend glücklichen Lebens. Diese Antwort wiederum bedarf eine Klärung der Frage nach dem gelingenden, nach dem glücklichen Leben. Diese Frage gibt in der Geschichte der über sich reflektierenden Menschheit die große Bühne ab für Auseinandersetzungen über Konzeptionen des Guten sowie Herangehensweisen und Methoden ihrer Festlegung, zwischen Religionen, verschiedenen Weltanschauungen und Wissenschaften; zwischen Einsichten in höhere Zusammenhänge, Alltagsbeobachtungen und empirischen Forschungen. Eine entscheidende Problematik ist: Wer spricht mit welcher Autorität für wen? Die sicherlich heute dominante liberale Auffassung sieht vor, dass es jedem selbst zu überlassen ist, eine Konzeption seines je eigenen guten Lebens zu entwickeln. Zur Debatte aber steht, ob es zumindest bestimmter Voraussetzungen zum Guten bedarf, unter denen auch minimale Gesundheit gehört. Braucht eine Gesellschaft nicht auch eine und sei es schwache gemeinsame Konzeption des Guten, um die legitimen gegenseitigen Ansprüche zu klären – unter anderem eine Konzeption minimaler Gesundheit? Und besteht eine solche minimale Gesundheitskonzeption nicht in der Abwesenheit von Krankheit – sodass die Gesellschaft solidarisch sich zeigen sollten im Krankheitsfall, einen umfassenden Gesundheitsbegriff aber vermeiden kann zu verwenden, der essentiell strittig ist? Womit wir wieder bei der oben zuerst gestellten Frage nach einem allgemeinen Krankheitsbegriff wären – und den jeweils einseitigen Antworten: Offenbar eine Sackgasse.Wie diesen Weg nach Nirgendwo umgehen? Darüber nachdenken, wie man überhaupt hineingeraten ist: Es entsteht ein Bedarf nach einer Klärung der Frage nach einer verbindlichen Bestimmung von Krankheit und Gesundheit - aber dieser Bedarf ist gar keiner nach einem allgemeinen Krankheitsbegriff – es ist ein Bedarf in einem bestimmten Kontext, in diesem Fall: im Kontext einer Solidargemeinschaft, die sich fragt, was wer wem gerechterweise schuldet. Vielleicht also ist der Sog der Sackgasse gar nicht so groß, wie er erscheint, vielleicht ist die Frage, was Gesundheit ist und was Krankheit, so allgemein gar nicht sinnvoll. Um spezifische Begriffe zu erhalten, müssen Krankheit und Gesundheit abgrenzt werden gegenüber anderen, wie Lebensqualität, Behinderung, existentieller Krise o.ä.; müssen weiterhin Kontexte unterschieden werden, in denen diese Fragen einen Sinn haben, in denen Antworten in irgendeiner Weise gebraucht werden, wie in der Lebenswelt, in Arzt-Patienten-Verhältnissen, in der Gesundheitspolitik, in Theorien der Medizin o.ä.; auch müssen Perspektiven explizit gemacht werden, aus denen heraus die Fragen gestellt werden: Die Perspektive eines direkt Betroffenen, eines Mit-Betroffenen, eines Wohltäters, eines dritten unbeteiligten Bürgers, o.ä.. In jedem Kontext und in jeder Perspektive kommt ein spezifischer Begriff von Gesundheit und Krankheit heraus, es gibt keinen einheitlichen allgemeinen – d.h. keinen, der für alle Kontexte und aus allen Perspektiven angemessen wäre. Das aber stellt gar kein Problem dar: Um Kranke zu heilen, braucht man genausowenig einen allgemeinen Krankheitsbegriff, wie um konkrete Rechtsstreitigkeiten zu entscheiden oder politische Verteilungsprobleme zu meistern.