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An jedem 19. April feiert man in Brasilien und verschiedenen anderen Ländern des amerikanischen Kontinents den “Tag des Indios”. Es gibt ein anderes Datum auf internationaler Ebene, welches durch die UNO 1995 festgelegt wurde, dabei handelt es sich um den 09. August. Wie dem auch sei, unser Text möchte erklären, warum man in Brasilien den 19. April als “Dia do Índio” gewählt hat.
Warum ist der 19. April der “Tag des Indio”?
Dieses Datum erinnert an den Tag, an dem indigene Abgesandte als Repräsentanten verschiedener Ethnien, aus Ländern wie Chile und Mexiko, sich im Jahr 1940 zum “Ersten Interamerikanischen Indigenen-Kongress” versammelten. Dieses Treffen hatte zum Ziel, verschiedene Punkte betreffs der Situation indigener Völker, nach Jahrhunderten der Kolonisierung und der Errichtung der nationalen Staaten auf dem amerikanischen Kontinent, zu diskutieren.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren jene Ethnien von großem Interesse für die Wissenschaft, vor allem wegen der ethnologischen Entwicklung hinsichtlich der Anthropologie, welche sich dem Studium der so genannten “primitiven Kulturen” widmet. Die Bemühungen um das Verständnis der Lebensweise und der Bedeutung jener indigenen Völker für die Geschichte weckte auch das Interesse der Politiker, die sich vornahmen, Sitten und Gebräuche jener Eingeborenen zu schützen.
Der erste “Interamerikanische Indigenista-Kongress” (der “Experten für indigene Belange”) schuf eine Programm-Agenda für die Behandlung der Indios aus politischer Sicht. Eine der gefällten Entscheidungen war die Wahl jenes Gedenktages, an dem der Kongress stattfand, als “Dia do Índio”. Vom folgenden Jahr an begannen verschiedene Länder des amerikanischen Kontinents den 19. April in ihren Kalendern als Tag zu Ehren der eingeboren Völker oder Indigenen zu markieren.
Warum feiern wir den “Tag des Indio”?
Wir verbinden mit diesem Tag vor allem die Bewahrung einer Erinnerung und die Absicht von kritischen Betrachtungen, in Universitäten, Schulen und anderen Institutionen, auf eine Vergangenheit, die dem amerikanischen Kontinent Eroberung und Vorherrschaft durch die europäischen Zivilisationen einbrachte.
Die brasilianischen Indios bilden heute ein Kontingent, welches ca. 0.50% der brasilianischen Bevölkerung ausmacht. Nach Statistik des IBGE 2010 (es stehen keine aktuelleren Zahlen zur Verfügung) gibt es knapp 900.000 Indigene in Brasilien, circa 60% davon leben in von der Regierung offiziell anerkannten indigenen Territorien, rund 325.000 leben in Städten und ca. 572.000 in ländlichen Gebieten. Die brasilianische Nordregion ist der Lebensraum der größten indigenen Bevölkerung.
Indigene Völker in Brasilien
Nach Zählung des IBGE (2012) existieren 305 ethnische Gruppierungen in Brasilien – unter ihnen gibt es zwei Sprachstämme (ausführliche Beschreibungen finden Sie hier):
Macro-Jê
Dazu gehören die Gruppen der Boróro, Guató, Jê, Karajá, Krenák, Maxakali, Ofayé, Rikbaktsa und der Yatê.
Tupi
Dazu gehören die Arikém, Awetí, Jurúna, Mawé, Mondé, Mundurukú, Puroborá, Ramaráma, Tuparí und die Tupi-Guarani.
Die 10 grössten indigenen Stämme in Brasilien
Nach Daten des Instituts “Socioambiental (ISA)” stehen die folgenden Stämme durch die Anzahl ihrer Mitglieder an vorderster Stelle:
Guarani
Zugehörig zum linguistischen Stamm Tupi-Guarani – sie zählen ca. 85.000 Mitglieder im Land. Sie leben in verschiedenen Bundesstaaten Brasiliens und sind unterteilt in 3 Gruppen: Kaiowá, Mbya und Nadevaesse.
Ticuna
Sie gehören zur linguistischen Familie Ticuna – sie zählen ca. 50.000 Mitglieder und leben in Amazonien, vor allem an den Ufern des Flusses Rio Solimões. Sie sind die größte indigene Gruppe dieser Region.
Caingangue
Sie stammen vom linguistischen Stamm Macro-Jê und zählen ca. 45.000 Personen. Sie leben in vier brasilianischen Bundesstaaten: São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul.
Macuxi
Aus der linguistischen Familie Karib, und sie befinden sich, zum größten Teil, im Bundesstaat Roraima. Ca. 30.000 Indios leben dort in Dorfgemeinschaften und kleinen isolierten Hütten verteilt über den Bundesstaat.
Guajajara
Gehörig zum linguistischen Stamm der Tupi-Guarani – die ca. 27.000 noch existierenden Guajajara leben im Bundesstaat Maranhão.
Terena
Aus der linguistischen Familie Aruak – von dieser Ethnie gibt es ca. 25.000 Personen im brasilianischen Territorium. Sie leben in den Bundesstaaten Mato Grosso, Mato Grosso do Sul und São Paulo.
Yanomami
Sie gehören zur linguistischen Familie Yanomami – diese Gruppe vereint ca. 25.000 Personen in den Bundesstaaten Amazonas und Roraima.
Xavante
Sie stammen aus der linguistischen Familie Macro-Jê und präsentieren heute eine Bevölkerung von ca. 16.000 Mitgliedern, deren Konzentration in indigenen Reservaten im Bundesstaat Mato Grosso lebt.
Potiguara
Sie gehören zur linguistischen Familie Tupi-Guarani. Die Potiguara zählen ca. 18.000 Mitglieder in den Bundesstaaten Paraíba, Ceará, Pernambuco und Rio Grande do Norte.
Pataxó
Aus der linguistischen Familie Pataxó – diese Gruppe vereint ca. 12.000 Personen in den Bundesstaaten Bahia und Minas Gerais.
Indigene Sprachen
Gegenwärtig existieren ca. 180 indigene Sprachen in Brasilien, so der IBGE von 2010. Viele davon entstammen den linguistischen Stämmen Tupi und Macro-Jê. Die orale Verständigung ist bemerkenswert zwischen den einzelnen indigenen Völkern, und ein großer Teil ihrer Kultur wird auf diese Art übermittelt.
Gesellschaftliche Organisation
Im Allgemeinen leben die brasilianischen Indios in kollektiven Behausungen, sie teilen sich so genannte “Ocas” oder “Malocas”, die meistens aus Holz und Palmstroh bestehen. Diese grosszügig bemessenen Behausungen besitzen keine Unterteilungen und beherbergen im Allgemeinen jeweils mehrere Familien.
In der indigenen Gesellschaft gibt es eine klare Aufteilung der verschiedenen täglichen Verrichtungen zwischen Mann und Frau: Die Männer widmen sich der Jagd, der Verteidigung ihres Territoriums und der Konstruktion von Unterkünften, während sich die Frauen um die Feldbewirtschaftung kümmern – Einsaat und Ernte – sowie die Betreuung der Kinder und die Anfertigung von Haushaltsgerät und Körperschmuck.
Indigene Religion
Im großen Ganzen handelt es sich um eine Art Pantheismus – diese Menschen verehren nicht nur einen einzigen Schöpfer und Gott, sondern die Indios pflegen in ihren spirituellen Ritualen ihre Ahnen und Geistwesen der Natur zu verehren.
Der Schamane, auch als “Pajé” bezeichnet, ist der verantwortliche Mittler zwischen der spirituellen und der irdischen Welt. Die Rituale der einzelnen Stämme sind unterschiedlich, und einige bedienen sich halluzinogener Substanzen, um die Verbindung zwischen der spirituellen und der materiellen Welt herzustellen.
Indigene Kunst
Die indigene Kunst ist besonders vielseitig, das zeigt sich in ihrer Musik, ihren Tänzen, ihrem Federschmuck, ihrer Flechtkunst, der Keramikherstellung und ihrer Körperbemalung.
Der Gebrauch von Farben und bestimmten Materialien stehen in Relation mit ihren Riten, den Erntefesten und ihrem täglichen Leben. Unter den indigenen Stämmen Brasiliens möchten wir besonders die “Marajoara-Keramik” hervorheben, welche zur Komposition von Haushaltsutensilien unzählige geometrische Formen hervorgebracht hat.
Die indigene Kunst ist auch überall in der Kultur des brasilianischen Volkes präsent – sie ist das Ergebnis einer Vermischung verschiedener Einflüsse – afrikanischer, europäischer und vor allem die der indigenen Völker, der ersten Bewohner des nationalen Territoriums.
Heute existieren ca. dreihundert verschiedene indigene Ethnien in Brasilien. Jede von ihnen mit unterschiedlichem Erscheinungs- und Verhaltensbild, welches sie durch die Entwicklung eigener Sitten und Gebräuche entwickelt haben. Trotzdem kann man zwischen verschiedenen Stämmen einige gemeinsame Charakteristika entdecken.
Brasilianische Keramik, Masken, Korbflechterei und Federschmuck gründen in den meisten Fällen auf traditionellen Vorbildern indigener Kunst. Heute ist die Nutzung von Federn, Fell und Tierknochen für die Herstellung von Kunsthandwerk allerdings exklusiv den indigenen Waldbewohnern erlaubt, aber die Kommerzialisierung solcher Artikel ist verboten. Besorgniserregend ist die Tatsache, dass jenes indigene Kunsthandwerk – so bedeutend und von unschätzbarem Wert – viel zu schnell zerstört wird, so wie die indigene Bevölkerung selbst.
Kurzer Einblick in die Geschichte der brasilianischen Indios
Sie waren die ersten Bewohner Brasiliens – zur Zeit der Entdeckung (1496) gab es circa 5 Millionen Indigene verteilt auf das Land. Als die Portugiesen nach Brasilien kamen (1500), stießen sie auf eine indigene Bevölkerung, die an der Küste lebte. Jene Indios, die Cabral im heutigen Bundesstaat Bahia vorfand, gehörten zur linguistischen Gruppe der Tupi.
Anfangs waren die ersten Kontakte zwischen Indios und Weißen einigermaßen freundlich und geprägt vom Handel mit Produkten. Die Arbeit, die brasilianischen Eisenholzbäume zu fallen und das Holz für den Transport vorzubereiten, wurde von den Indios übernommen, im Gegenzug erhielten sie Kleidung, Halsketten, Spiegel, Messer, Sägen und Beile. Als dann die Portugiesen ein Kolonialsystem einführten und vorhatten, die Indios als Sklaven zu behandeln, indem sie dieselben in ihren Zuckerfabriken zu arbeiten zwangen – anstatt sie jagen und fischen zu lassen – kam es durch diesen Eingriff in die indigene Lebensweise zu einem Krieg zwischen den indigenen Urvölkern und den weißen Eindringlingen.
Das schrecklichste Beispiel einer progressiven Vernichtung waren im 16. und 17. Jahrhundert die so genannten “Bandeirantes”, schwer bewaffnete Söldnertrupps, die von der Hafenstadt São Vicente (im Bundesstaat São Paulo) aus zur Indio-Jagd auszogen und mittels ihrer überlegenen Bewaffnung die Eingeborenen niedermetzelten wo immer sie auf sie trafen.
Die Indigene Gesellschaft während der Kolonialzeit
Der brasilianische Indio lebte in einer primitiven Gesellschaft, in der die gemeinsame Produktivität vorherrschte. Die Arbeit wurde aufgeteilt nach Geschlecht und Alter. Die Frauen besorgten die Feldarbeit, kümmerten sich um die Kinder und kochten die Mahlzeiten. Man pflanzte vor allem Mais, Bohnen, Maniok, Cará (eine Wurzelfrucht), Süßkartoffeln, Kürbis und Tabak. Die Männer gingen auf die Jagd, fischten, konstruierten Jagdhütten und Wohnbehausungen, führten Stammeskriege und bearbeiteten den Boden für die Einsaat.
Die aus der Jagd, dem Fischfang, dem Ertrag der Pflanzungen und dem Sammeln von Waldfrüchten stammenden Lebensmittel wurden unter den Mitgliedern der Gesellschaft aufgeteilt. Die Indios wohnten in so genannten “Ocas” – Gemeinschaftsbehausungen – schliefen in Hängematten oder auf Tierfellen und Matten auf dem Boden. Die “Ocas” wurden aus einem mit Lehm verputzten Holzgerüst konstruiert und mit Palmwedeln gedeckt. Diese Behausungen wurden in der Regel in einem grossen Halbrund aufgestellt – rund um einen Platz auf dem sie gemeinsam aßen und ihre rituellen Zeremonien abhielten,
Die Gesamtheit ihrer “Ocas” formte das Dorf oder die so genannte “Taba”. Eine Anzahle verschiedener “Tabas” bildete einen Stamm, und eine Reihe von Stämmen eine Nation.
Die Indios verehrten verschiedene Gottheiten, und ein heiliges Triumvirat vereinte “Guaraci” (die Sonne), “Jaci” (den Mond) und “Perudá” oder “Rodá (den Gott der Liebe).
Die zuständige Person für Religiöses und alle Naturgeister war der “Pajé” – er besaß magische Kräfte. Seine Mitbewohner verehrten die Gewalten der Natur (Wind, Regen, Blitz und Donner) und hatten Angst vor bösen Geistern. Einer dieser bösen Geister war zum Beispiel “Jurupari”, der die Albträume provozierte und die Kehlen der Kinder bei Nacht umklammerte..
Die Eheschließung war monogam, obwohl die Häuptlinge mehrere Frauen haben durften – so viele wie sie unterhalten konnten, denn die Anzahl der Frauen war in einigen Stämmen Zeichen des Prestiges.
Wenn ein junger Mann sich mit einer Frau aus einer anderen Gruppe verheiraten wollte, musste er eine Zeitlang für seinen zukünftigen Schwiegervater arbeiten.
Bei den Carajá war es üblich, dass ein heiratswilliger junger Mann einen besonders schweren Baumstamm über eine bestimmte Strecke zu tragen hatte, und bei den Curina hatte der Bräutigam eine Serie von Peitschenhieben klaglos zu ertragen.
Der Kannibalismus unter den Indios
Wenn die Indios neue Areale zur Jagd brauchten, weil das jagdbare Wild abgenommen hatte, oder wenn sie sich einen fruchtbareren Boden wünschten, fingen sie einen Krieg gegen ein entsprechendes Nachbarvolk an. So entwickelten sie – Generation um Generation – ein kriegerisches Ideal der Maskulinität, des Mutes und der Kraft.
Der Kannibalismus unter den Indios wurde nicht etwa durch einen Mangel an Lebensmitteln provoziert. Vielmehr verzehrten sie ihresgleichen aus zwei Gründen: Rache und zu Ehren ihrer Vorfahren. In einigen Stämmen pflegte man sogar die eigenen Stammesmitglieder zu verzehren, nachdem diese eines natürlichen Todes gestorben waren. Man glaubte, dass man sich auf diese Weise die Tugenden und die Kraft des Verstorbenen aneignen würde.
Indigene Völker während der Kolonialzeit
Seit der kolonialen Epoche wuchs das Interesse der europäischen Einwanderer, die Indios besser kennenzulernen in der Absicht, sie als Verbündete gegen die Invasion weiterer Europäer zu gewinnen. Und der erste Schritt zu diesem Verständnis war eine Klassifizierung der Indigenen in linguistische Gruppen, oder Nationen, unter denen sich die folgenden besonders hervorhoben:
Tupi
Diese Stämme lebten verteilt auf die gesamte Atlantische Küste und in verschiedenen Regionen des Inlandes.
Jé oder Tapuia
Lebten auf dem brasilianischen “Planalto Central” (Zentralen Hochplateau)
Aruak
Bewohnten zum größten Teil das Amazonasbecken.
Karib
Ihr Lebensraum war der Norden des Amazonasbeckens.
Das kulturelle indigene Erbe
Das brasilianische Volk hat verschiedene Sitten und Gebräuche von den Indigenen angenommen. Darunter sind die folgenden besonders hervorzuheben:
- Die Benutzung von Hängematten zum Schlafen.
- Die Verwendung von Mais, Maniok, Guaraná, und zahlreicher nativer Früchte.
- Die Anwendung verschiedener Heilkräuter.
- Die Technik zur Konstruktion von Kanus, Segelflößen und Artefakten aus Stroh und Lianen.
- Das Abbrennen der Felder vor einer Neupflanzung – und vieles mehr.
Die in Brasilien gesprochene portugiesische Sprache besitzt eine Infinität an Worten aus dem indigenen Sprachgebrauch, wie “Iara, Jaci, Itu, Itapetininga, Anhanguera, Tapioca, Beiju, Pamonha, Gamela, Puçá, Arapuca“ und viele, sehr viele andere Beispiele!
Zweifellos, die Indios waren von großem Einfluss bei der Formation des brasilianischen Volkes von heute. Während der kolonialen Gesellschaft bekam eine Vereinigung von Indios und Weißen – anfangs gegen das Gesetz – die Bezeichnung “Mameluco“ oder “Caboclo“. Einer Vereinigung zwischen Indios und Schwarzen – obgleich weniger häufig – nannte man “Cafuzo“ oder “Caburé“.