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Tausenden Juden und anderen Flüchtlingen hat er illegal Visa ausgestellt – und sie so vor dem Tod gerettet. Jetzt wurde er im Lissaboner Pantheon aufgenommen.
Wenn Bauarbeiten in Portugal ewig dauern, spricht der Volksmund von „obras de Santa Engrácia“.
Santa Engrácia sollte eigentlich eine Kirche sein. Ihr Bau begann im 17. Jahrhundert. Als der weisse Bau mit runder Kuppel, die in Lissabon nahe der labyrinthischen Altstadt Alfama aus der Skyline ragt, nach 300 Jahren fertig war, fand er 1966 jedoch eine andere Verwendung, nämlich als Nationalpantheon. Figuren aus Geschichte und Politik, Kultur und Sport fanden dort entweder in Sarkophagen die letzte Ruhe oder sind symbolisch durch Ketotaphe vertreten.
Dieser Tage zählt das Nationalpantheon etwas mehr Besucher als sonst. Portugiesen entdecken die Geschichte eines Landsmannes, der im Jahr 1940 Tausenden von Nazi-Verfolgten die Flucht von Frankreich nach Portugal ermöglichte und deshalb bei Diktator Salazar in Ungnade fiel. Aus dem einstigen Staatsfeind ist mittlerweile ganz offiziell ein Held geworden. Geehrt wird er mit einer schlichten Gedenktafel.
Zwischen Dienstanweisung und Gewissen
Frankreich, 1940. Nazi-Deutschland hat Paris besetzt. Unzählige Menschen – viele aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg – flüchten nach Süden. Als sicherer Hafen gilt Portugal, wo Diktator Salazar mit Hitler sympathisiert, sein Land aber formell neutral hält. Nur ist der Weg dorthin weit. Und wer nach Portugal will – eventuell um von dort nach Amerika zu gelangen –, braucht ein Visum. Salazar aber verbietet den Konsulaten seines Landes die Erteilung von Visa an Personen, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können – also unter anderem an Juden und politisch Verfolgte.
Dennoch spricht sich das portugiesische Konsulat in Bordeaux als rettender Geheimtipp herum. Konsul Aristides de Sousa Mendes (1885–1954) ist eigentlich ein Vertreter des Regimes, aber der riesige Andrang verzweifelter Flüchtlinge bringt ihn in ein Dilemma. Anstatt Salazars Order zu befolgen, gehorcht er seinem Gewissen. Er vergibt Visa fast wie am Fliessband an alle, die bei ihm vorsprechen.
Wenn eine Unterschrift immer kürzer wird
Er unterschreibt die Visa zunächst „Aristides de Sousa Mendes“, aber dann wird seine Unterschrift immer kürzer. Nach wenigen Wochen hat er nur noch Zeit für „AMendes“ – bis Salazar den widerspenstigen Konsul nach Lissabon beordert und ihn aus dem Dienst entfernt.
Wie vielen Menschen er die Reise durch Spanien bis Portugal ermöglicht hat, ist nicht bekannt. In den Medien hat sich die Schätzung von 30’000 festgetreten.
Der Konsul stirbt 1954, völlig verarmt. Ein Grossteil seiner 15 Kinder hat keine Alternative zur Auswanderung gesehen, denn ihr Vater ist im eigenen Land geächtet. In Israel wird er 1966 zum „Gerechten unter den Nationen“ erklärt. In Portugal müssen auch nach dem Sturz der von Salazar geprägten faschistoiden Diktatur aber noch Jahre vergehen, bis er 1986 posthum den Freiheitsorden bekommt. Im Jahr 1988 rehabilitiert ihn ganz offiziell das nationale Parlament.
Seit 2017 gibt es schon ein Museum
Eine Unperson ist der Konsul schon lange nicht mehr. An ihn und an die Flüchtlinge, die mit seinen Visa nach Portugal gelangten, erinnert schon seit 2017 im Grenzort Vilar Formoso – wo die Züge einst portugiesisches Territorium erreichten – ein Museum „Fronteira da Paz“ (Grenze des Friedens).
Erst im Jahr 2020 billigte aber das nationale Parlament ohne Gegenstimmen die Ehrung des Konsuls im Nationalpantheon.
Seine sterblichen Überreste bleiben in einer Familiengruft in Cabanas de Viriato, im nordportugiesischen Distrikt Viseu.
Im Rahmen eines Festaktes, an dem die höchsten Figuren im Staate und ausländische Gäste teilnahmen, wurden dem Konsul nun die Ehren im Pantheon und, aus diesem Anlass, viele Rückblicke der Medien auf sein Wirken zuteil.
Zu Wort kamen da auch eigens aus Nordamerika angereiste Kinder und Enkel von Verfolgten, die ohne Visa von Sousa Mendes möglicherweise in Ausschwitz oder Buchenwald den Tod gefunden hätten.
Im Pantheon in guter Gesellschaft …
„Seine“ Tafel ziert nun die Stirnwand eines Raumes mit den Sarkophagen von vier anderen Persönlichkeiten. Unter ihnen sind der international bekannte, als „schwarzer Panther“ bekannte Fussballstar Eusébio da Silva (1942–2014) und der „General ohne Angst“ Humberto Delgado (1906–1965), dessen Weg ins Pantheon – ebenso wie der von Sousa Mendes – steinig war.
Humberto Delgado, der als Offizier der Luftwaffe die Fluggesellschaft TAP gründete, kandidierte 1958 bei der Wahl des Staatspräsidenten für die vom Regime geduldete Opposition. Bei einer Pressekonferenz stellte ihm der Korrespondent der Agence France Presse die Frage, die portugiesische Kollegen nicht stellen konnten. Was würde Delgado im Falle seiner Wahl mit Salazar tun, wollte er wissen. „Obviamente demito-o“, antwortete der General ohne Angst, „offensichtlich entlasse ich ihn“. Selbst nach dem offiziellen Ergebnis erhielt er gut 23 Prozent der Stimmen. Es gewann, wie zu erwarten, der Kandidat des Regimes, Admiral Américo Thomaz, der sein Amt infolge der Nelkenrevolution von 1974 räumen musste.
Delgado wurde 1965 in Spanien, ganz nahe der Grenze zu Portugal, von Salazars politischer Polizei PIDE ermordet. Seine Gebeine befinden sich erst seit 1975 in Portugal – und seit 1990 im Pantheon. Er erhielt posthum den Rang des Marschalls.
… aber auch mit Sicherheitsabstand
Im Nationalpantheon ruht aber auch ein Mann, der Konsul Sousa Mendes nach dessen Absetzung wohl kaum die Hand gereicht hätte: Marschall Óscar Carmona, Staatspräsident der Jahre 1926–1951. Sein Sarkophag befindet sich aber im Raum diagonal gegenüber dem des Konsuls und des Generals ohne Angst, also so weit entfernt wie physisch möglich. Über den Sicherheitsabstand dürften alle Beteiligten, wenn sie dazu eine Meinung äussern könnten, glücklich sein.