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Streiflichter zur Geschichte des SMPV: Die Vereinsgründung 1893
Im Jubiläumsjahr präsentieren wir ausgewählte Beiträge zur 125-jährigen Geschichte des SMPV. In diesem Beitrag schildert der Komponist und Aarauer Musikdirektor Emil Adolf Hoffmann (1879-1963) die Vorgeschichte der Gründung und die ersten Generalversammlungen
Erich Adolf Hoffmann* - «Anlässlich eines Gesangfestes im Sommer 1892 in Birsfelden, an dem F. Schneeberger aus Biel, Johann Jakob Rosenmund aus Liestal und Heinrich Kunz Preisrichter waren, sprach sich F. Schneeberger gegenüber seinen Kollegen aus über den längst gehegten und innerlich verarbeiteten Plan des Zusammenschlusses gleichgesinnter, vorwärtsstrebender Gesang- und Musiklehrer und über die Schaffung eines diesem Vereine zu dienenden Fachorganes. Er fand dabei grosses Interesse und Verständnis. Kurze Zeit darauf kam in Basel, als sich zufälligerweise der Klaviermacher Boller, Gesanglehrer Arnold Spahr aus Liestal und Heinrich Kunz trafen, Spahr auf eine ähnliche Idee zu sprechen. Er erblickte in der Tatsache, dass die meisten Musiklehrerstellen in der Schweiz durch Ausländer besetzt seien, einen grossen Missstand, der nur dem ungenügenden Ausbau unserer Musikschulen (Konservatorien gab es damals in der deutschsprachigen Schweiz noch nicht) zuzuschreiben sei; er betonte, dass man allein durch einen Zusammenschluss aller schweizerischen Gesang- und Musiklehrer in den Stand gesetzt wäre, diesem offensichtlichen Übelstande wirksam abzuhelfen.
Ebenfalls um diese Zeit erschien in der Schweizerischen Lehrerzeitung ein Aufsatz des damals noch in Stuttgart studierenden Louis Zehntner über Schulgesangunterricht. Aber auch Schneeberger lag die Reform des Schulgesangunterrichtes sehr am Herzen. Er wollte «unter Ausnützung aller Hilfsmittel dem niederliegenden Schulgesang aufhelfen», und zwar nicht nur in den Städten, wo schon damals vielfach Berufsmusiker als Gesanglehrer wirkten, sondern besonders auf dem Lande, denn hier war der Gesangunterricht vielfach oder sogar meistens den Händen des Volksschullehrers anvertraut.
So reifte besonders im engbegrenzten Gebiete von Baselstadt und Baselland der Gedanke des Sichzusammenschliessenmüssens der Gesang- und Musiklehrer heran und am 1. Oktober 1893 war diese erste Frucht pflückreif. An diesem für uns Schweizer Musikpädagogen wichtigen Tage trat das Initiativ-Komitee, bestehend aus den Herren Eduard Surläuly, Musikdirektor in Schaffhausen, Ferd. Schneeberger, Musikdirektor in Biel, und J. J. Rosenmund, Musikdirektor in Liestal, im Hotel Gotthard in Olten (wo sich der Vorstand des SMPV bis vor wenigen Jahren oft und gerne zu Sitzungen besammelte!) zusammen, um mit sechs gleichgesinnten, schon als Mitglieder angemeldeten Herren Musikdirektor Rudolf Mäder in Zürich, Musikdirektor Joseph Johann Landolt in Basel, Musikdirektor Heinrich Kunz in Aarburg, Musikdirektor Walter Weinmann in Olten, Musikdirektor Louis Zehntner in Basel, und Gesangdirektor und Lehrer Suter (Vater von Hermann Suter) in Laufenburg den Schweizerischen Gesang- und Musiklehrer-Verein zu konstituieren [die Umbenennung in Schweizerischer Musikpädagogischer Verband erfolgte 1911, Anm. d. Red].
Das Protokoll sagt: «Eine Anzahl hatte sich mit triftigen Gründen entschuldigt, aber der grössere Teil ist ohne irgendein Zeichen der Teilnahme ausgeblieben, was im Eröffnungswort gebührend gerügt wird.»
Die neunköpfige Versammlung sass fünf Stunden beratend zusammen. Nach Bestellung eines Tagesbureaus, bestehend aus den Herren Surläuly als Präsident und L. Zehntner als Sekretär, wurde die Gründung eines Vereinsorganes nicht nur eingehend besprochen, sondern auch, sehr unternehmend und mutig, sofort beschlossen. Die nötigen Vorarbeiten, besonders die Ausschau nach einem Verleger, hatte Schneeberger bereits besorgt und konnte als solchen die Firma Lack, Scheim & Cie. in Bern präsentieren. Als Titel des Blattes, das unter der Redaktion Schneebergers monatlich zweimal erscheinen sollte, wurde bestimmt: «Der Volksgesang – Organ des Schweizerischen Gesang- und Musiklehrer-Vereins zur Pflege der Musik in Schule, Haus, Kirche und Verein.»
Die ebenfalls von Schneeberger entworfenen Statuten wurden paragraphenweise beraten. Als wichtigste Punkte seien herausgehoben:
§ 1. Der Schweizerische Gesang- und Musiklehrerverein hat den Zweck: Hebung und Förderung des Gesanges und der Musik in der Schule, Kirche, Haus und Verein und Pflege und Wahrung der Solidarität unter den Vereinsmitgliedern.
§ 2. Die Mitgliedschaft steht jedem schweizerischen oder in der Schweiz wirkenden Gesang- und Musiklehrer, sowie allen Musikfreunden offen.
Über die Vereinstätigkeit, bzw. über die Arbeit des Vorstandes in der Zeitspanne vom Oktober 1893 bis April 1894 berichten weder Protokoll noch Vereinsorgan irgendetwas. Man vernimmt nur gelegentlich, dass im November in Baden eine Generalversammlung stattgefunden hat, in welcher Ed. Surläuly als erster Präsident gewählt wurde. Die übrigen Chargen wurden am 23. April 1894 in Olten verteilt.»
Der Text von Erich Adolf Hoffmann erschien ursprünglich im Anhang zu Antoine-E. Cherbuliez’ Geschichte der Musikpädagogik in der Schweiz, die der SMPV 1944 veröffentlichte.
*Wir geben diesen historischen Text abgesehen von kurzen Biographien der erwähnten Personen in Fussnoten, die wir aus Platzgründen kürzen, unverändert wieder.