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Freies Formverständnis
Bei der Neuausgabe von Clara Schumanns «Drei Romanzen» wird ihre Zusammenarbeit mit Joseph Joachim und Wilhelm Joseph von Wasielewski deutlich.
Die Drei Romanzen für Violine und Klavier von Clara Schumann treffen beim ersten Kennenlernen sofort ins Herz mit ihren melancholischen, harmonisch reichen Melodiebögen, den fröhlichen Vogelrufen und der beschwingten Begleitung. Ihre Neuausgabe durch die weltweit tätige Geigerin und Pädagogin Jacqueline Ross hat gewichtige Vorteile: In einer dreisprachigen Einführung erzählt sie, wie Clara die Romanzen in Bewunderung von Joseph Joachims Spiel schuf. Romanzen waren bei Schumanns beliebt, weil sie durch freieres Formverständnis der Subjektivität, Spontaneität und dem Gefühlsausdruck mehr Aufmerksamkeit schenkten. Robert animierte seine Frau immer zum Komponieren, liess sogar Lieder von ihnen beiden gemeinsam drucken.
Das in dieser Ausgabe zusätzlich abgedruckte Autograf der ersten Romanze, das Clara dem befreundeten Geiger Wilhelm Joseph von Wasielewski schenkte, gibt Hinweise auf verschiedene Fassungen. Offenbar hatten sie gemeinsam daran gearbeitet. Gewisse Verbesserungen, entstanden anlässlich gemeinsamer Aufführungen der Romanzen mit Joseph Joachim, gelangten nicht mehr in die gedruckte Erstausgabe bei Breitkopf von 1856. Sie sind aber im hier vorhandenen Urtext eingearbeitet. Der ausschliesslich englische Critical Commentary beschreibt die Unterschiede der verschiedenen Autografe und Manuskripte zur Erstausgabe. Der Performing Practice Commentary ist ein lohnendes Lehrwerk zur Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts und gibt zu vielen Stellen jeder Romanze Ausführungsvorschläge für die Interpretierenden. Es werden zwei Violinstimmen geliefert: ein Urtext mit einigen von Joachim überlieferten Fingersätzen und eine von Ross eingerichtete Stimme, deren Vorschläge stilgerecht sind.
Für mich gehören Claras Drei Romanzen untrennbar zusammen mit Roberts Fünf Stücken im Volkston, original für Violoncello und Klavier, von Ernst Herttrich für Violine herausgegeben (Henle, HN 911). Im April 1849 schrieb Clara in ihr Tagebuch: «Diese Stücke sind von einer Frische und Originalität, dass ich ganz entzückt war.» Man darf davon ausgehen, dass die Violinversion auf Schumann zurückgeht; und eines der Stücke hat Joseph Joachim schon 1853 aufgeführt. Beim Musizieren aber stellt sich heraus, dass sich die Violine – eine Oktave höher klingend – zu sehr von dem zur Celloversion unveränderten Klavier absondert; es entsteht eine klangliche Lücke.
Clara Schumann: Drei Romanzen für Violine und Klavier op. 22, hg. von Jacqueline Ross, BA 10947, € 19.95, Bärenreiter, Kassel
Bild obern: Autor unbekannt / wikimedia commons