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Ungleiche Verhandlungen um die Lunge der Erde
Der Amazonas ist beliebt für das Geschäft mit Emissionszertifikaten. Schliesslich wird die grösste Waldfläche der Welt nicht umsonst ‘Lunge der Erde’ genannt. Die Millionen Bäume speichern das CO2, das Fabriken andernorts ausstossen. Doch dieses marktbasierte Konzept, das darauf baut, den Ausstoss von CO2 meist im globalen Norden zu kompensieren, indem meist im globalen Süden Wälder aufgeforstet oder geschützt werden, kreiert nicht nur laufend neue Probleme, sondern schliesst sich auch zu einem Teufelskreis, der in keiner Weise nachhaltig ist und nicht zu einer besseren CO2 Bilanz beiträgt.
Im kolumbianischen Departement Vaupes hat die kolumbianische Firma Waldrettung S.A. mit angeblichem Sitz in Deutschland Konflikte geschaffen, die auf sehr ähnliche Art und Weise an unzähligen Orten im Amazonas und in anderen Waldgebieten auf der ganzen Welt vorkommen. Die Firma hat Verträge unterschrieben mit den höchsten Repräsentanten des ‘Gran Resguardo’ im Departement Vaupes, damit die Lokalbevölkerung den Wald erhält, ihn also sowohl gegen externe wie interne Gefahren schützt. Dies hat sowohl zu internen Konflikten, wie auch zu Konflikten mit der Firma selbst geführt, weil verschiedene andere Firmen, die ebenfalls mit Emissionszertifikaten handeln, bereits Verträge mit Vertreter*innen kleinerer Verwaltungseinheiten abgeschlossen hatten. Während die Repräsentant*innen und Vorsteher*innen des Gran Resguardo eine riesige Fläche Land mit verschiedenen ethnischen Gruppen und deren Territorien unter sich vereinen, gibt es auch kleinere Verwaltungseinheiten wie indigene Territorien und Gemeinschaften, die auf kommunaler Ebene organisiert sind. In einer Region wie dieser, wo der Dschungel dicht ist und die Kommunikationswege lang und beschwerlich sind, ist eine übersichtliche Organisation solch grosser Territorien sehr schwierig und das Potential für Missverständnisse und Konflikte gross. Obwohl das laut eigenen Aussagen der Anspruch der Firma Waldrettung war, schafften sie es nicht, jede einzelne Familie über den Vertrag zum Schutz des Waldes zu informieren. Das führte zu Unzufriedenheit, Missverständnissen und ungleichem Informationsstand unter den verschiedenen Gemeinschaften und Einzelpersonen. Verschiedene Versionen des Vertrags zirkulierten und es war beispielsweise nicht klar, für wie lange und ab wann der Vertrag gültig sein sollte. Die Spannweite reichte dabei von 30 bis 100 Jahren, was durchaus ein grosser Unterschied ist. Ebenso war nicht klar, ob der Vertrag ab der Unterzeichnung der Repräsentant*innen des Resguardos gilt oder erst einige Jahre später, wenn die Verhandlungen mit allen Beteiligten abgeschlossen und Details geklärt wären. In der gemeinsamen Reportage[1] von Rutas del Conflicto, Mongabay Latam und dem lateinamerikanischen Zentrum für journalistische Recherchen (CLIP), die mit der Unterstützung von La Liga Contra el Silencio produziert wurde, wird den Beweggründen der Firma Waldrettung sehr ausführlich nachgegangen und die Verhandlungen mit Bildern, Karten und Audiobeiträgen sehr anschaulich aufgezeigt. Die äusserst gründliche Recherche kommt zum Schluss, dass es nicht klar ist, ob es einen eindeutigen Schuldigen gibt in der Geschichte oder ob die Missverständnisse tatsächlich rein aus mangelnder/nicht möglicher Kommunikation entstanden sind.
Jedenfalls sind sich die meisten Indigenen in Führungspositionen einig, dass diese Projekte, die im Zusammenhang mit dem Emissionszertifikatehandel zu ihnen gelangen, zwar eine gute Möglichkeit sind, in diesen abgelegenen Gebieten ein kleines Einkommen zu generieren, sich aber die Umstände und Bedingungen ändern müssen. Sie fordern von den Firmen, dass sie sich mehr Zeit nehmen, zuerst die lokalen Begebenheiten zu verstehen und dann ohne Zeitdruck die einzelnen Gemeinschaften informieren, bevor irgendwelche Verträge unterzeichnet werden. Ebenso fordern sie von staatlichen Stellen mehr Unterstützung in Form von Bildung, damit sie wissen, wie mit Firmen verhandeln und die Projekte umzusetzen. Zum fehlenden Bildungsstand kommen weitere Faktoren wie Armut und Gewalt, welche die Machtungleichheit der verschiedenen Verhandlungsparteien verstärken.
Weshalb entstehen diese Konflikte? Weil diese Verträge unter sehr ungleichen Machtverhältnissen verhandelt werden – aufgrund kolonialer Vergangenheit, strukturellem Rassismus, ungleichem Wissens- und Bildungsstand[2]. Dazu kommt, dass die Kommunikation in solch abgelegenen Gebieten äusserst schwierig sein kann, was zusätzlich zu (absichtlichen oder auch nicht) Missverständnissen und Spaltungen innerhalb von Gemeinschaften führt sowie faire Verhandlungen (Verhandlungsprozesse) erschwert. Die beiden Systeme (indigene kollektive Verwaltung und westliche Vorstellungen von Privateigentum), die aufeinandertreffen, haben auch unterschiedliche Formen der Regierung, was auswärtige Akteure häufig unterschätzen oder auch absichtlich ignorieren. Sie kommen also und bieten den aus ihrer Sicht höchsten Repräsentanten eines Resguardos Geld an, damit sie den Wald schützen und unberührt lassen und denken, dass damit die Sache geregelt ist und kümmern sich nicht wirklich um die Situation der betroffenen Familien und Gemeinschaften.
Aus diesen Veträgen generieren diese Firmen Bons, die auf dem Weltmarkt viel Geld wert sind, weil Firmen im globalen Norden dank dem immer stärker werdenden Druck der Klimabewegung sich gezwungen sehen, «etwas fürs Klima zu tun». Einen fiktiven Bon zu kaufen, der angeblich bestätigt, dass andernorts Wald geschützt wird, dessen Bäume das CO2 binden, welches die Firma ausstösst, ist eine einfache und bequeme Lösung. Dass dabei nur legitimiert wird, weiterhin CO2 ausstossen zu dürfen, damit reiche Leute weiterhin so unverschämt viel konsumieren können, gehört nicht in den Diskurs. Sonst wäre nämlich klar, dass sich die Schlange selbst in den Schwanz beisst. Der konsumorientierte Kapitalismus der westlichen Welt führt nämlich dazu, dass Bulldozer im Amazonas täglich fussballfeldgrosse Flächen abholzen, während ein Teil der lokalen Bevölkerung mit Geld aus dem Gewinn, der mit der Produktion und dem Verkauf von Luxusgütern und industriell produzierten Lebensmitteln gemacht wird, bezahlt wird, damit sie kleine oder auch grössere Flächen vor den Bulldozern schützen. Nur führt das dazu, dass weiterhin Bulldozer und Holzfäller auftauchen werden, denn die Nachfrage nach billigem Rindfleisch und veganen Sojaprodukten wird mit diesem Mechanismus nicht reduziert, sondern eher noch gesteigert. Das immer ungleichere Machtverhältnis zwischen globalen, multinationalen Unternehmen mit Sitz in Europa und Nordamerika auf der einen und lokalen Bevölkerungsgruppen auf der anderen Seite verstärkt diesen Teufelskreis.
[2] Das soll nicht heissen, dass lokales Wissen weniger wert ist oder sein sollte als westliche Bildung. Doch leider werden diese Verhandlungen auf der Basis von westlichem Wissen geführt, was in solchen Gemeinschaften häufig nicht oder nur wenig vorhanden ist. Dies verstärkt wiederum ungleiche globale Machtverhältnisse.