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Im Januar 2014 erteilte mir der Verein netzwerk-verdingt den Auftrag, eine Sondierbohrung zu machen zum Phänomen der Zwangsadoption in der Schweiz. Zwangsadoption ist – neben den bekannteren und häufigeren Verdingungen und Heiminternierungen – eine der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen gewesen, mit denen die Behörden Kinder bis um 1980 fremdplatziert haben.
Walter Zwahlen, Präsident und Geschäftsführer des Vereins Netzwerk-verdingt, wusste als Teilnehmer des «Runden Tisches» für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, dass zum Thema Zwangsadoption kurz zuvor eine Interessengemeinschaft gegründet worden und das Phänomen als fürsorgerische Zwangsmassnahme unterdessen in Fachkreisen unbestritten war, eine historische Aufarbeitung über einzelne Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften hinaus bisher jedoch fehlte.
Ich nahm die Recherchen sofort auf. Neben der Suche nach schriftlichen Darstellungen zum Phänomen (auch international) bestanden sie vor allem darin, im Stadtarchiv Bern im Sinn einer Sondierbohrung rund vierzig Adoptionsdossiers aus der Zeit bis Ende der 1970er Jahre zu studieren und mit zwei Müttern, denen Kinder weggenommen worden sind, ausführliche Gespräche zu führen.
Beeindruckt hat mich bei dieser Arbeit neben der Tragik der Einzelschicksale insbesondere die Unvereinbarkeit von mündlichen und schriftlichen Quellen. Abgesehen davon, dass unbestrittenermassen nicht jede Adoption eine Zwangsadoption gewesen ist, ist aus den schriftlichen Dokumenten Zwang im Sinn von Drohung, Einschüchterung, Nötigung, Erpressung, Gewaltanwendung höchstens ausnahmsweise ersichtlich. Ausübung von Druck auf die zumeist ledigen und mittellosen Mütter muss aus den Dokumenten implizit, mit «logischer Phantasie» (wie Niklaus Meienberg gesagt hätte) erschlossen werden und bleibt so ein Stück weit spekulativ.
Andererseits wurde ich in den beiden ausführlichen Gesprächen mit den Müttern konfrontiert mit der Schilderung von gnadenlosen Zwangslagen und einer behördlichen Brutalität, die noch dann unmenschlich gewesen wäre, wenn sie in allen Teilen vom Gesetz gedeckt gewesen sein sollte. Die Emotionalität der Gesprächssituationen lehrte mich: Es gibt Verletzungen, die nicht verheilen.
Ich danke Walter Zwahlen/Verein netzwerk-verdingt für die Einwilligung, das Druck-pdf der Broschüre an dieser Stelle zweitveröffentlichen zu dürfen:
Siehe auch:
«Sie nahmen mir den Buben sofort Weg». WOZ Nr. 43 / 2015 (= S. 55-59 der Broschüre)
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: