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Buchbesprechung:
Kenneth S. Rogoff: The Curse of Cash, Princeton University Press, Princeton and Oxford, 2016.
Kenneth Rogoff will das Bargeld nach und nach abschaffen, angefangen mit grossen Banknoten. Sein Buch ist in drei Teilen aufgebaut. Im ersten Abschnitt beschreibt er kurz und bündig die Geschichte des Geldes, wobei mit „cash“ auch andere Ausdrücke wie „paper money“ und paper currency“ im gleichen Sinne verwendet werden.
Das Papiergeld war beispielsweise bereits im 10. Jahrhundert in China erfunden. Es gelingt dem Autor, dem Leser mit Vergnügen darzulegen, was z.B. der mongolische Herrscher Kublai Kahn (1215-1294), ein Enkel von Dschingis Khan und zeitgenössische Professoren Willem Buiter und Miles Kimball in Sachen currency models gemeinsam haben.
Rogoff erörtert ferner die Stellung des Bargeldes in der Schattenwirtschaft (underground economy) und erklärt, was Seigniorage (*) aus Sicht der öffentlichen Hand bedeutet.
Im zweiten Abschnitt packt der an der Harvard University lehrende Wirtschaftsprofessor das gegenwärtig viel diskutierte Thema „Negativ-Zinsen“ an, und zwar vor dem Hintergrund der meist bekannten Friktion „Nullzins-Grenze“ (zero lower bound), die im Grunde genommen wie das Damoklesschwert über dem ganzen Buch schwebt.
Im dritten Abschnitt geht es um internationale Dimension seines Vorschlags der sukzessiven Bargeldabschaffung und die Position von digitalen Währungen in modernen Volkswirtschaften. Rogoff fordert eine strenge Regulierung für Kryptowährungen und Bitcoin, die als Alternative zu Bargeld nicht gefördert werden sollen.
Warum will aber Rogoff Cash abschaffen? Im Vordergrund stehen im Wesentlichen drei Gründe: Steuerhinterziehung (Steuerumgehung), Kriminalität (z.B. Geldwäscherei, organisiertes Verbrechen) und Korruption (z.B. Schwarzarbeit).
Da Rogoff sich mit dem Thema „Abschaffen von Bargeld“ nach eigenen Angaben seit 20 Jahren befasst, ist anzunehmen, dass er nun einen vierten Grund hinzufügt, quasi aus aktuellem Anlass, um seinen Standpunkt besser zu stützen: Die Nullzins-Grenze.
Die Begründung: Die Geldpolitik verliert an Wirksamkeit, wenn die Wirtschaft in eine Liquiditätsfalle gerät, wo money und bonds vollkommen austauschbar werden, was der Autor im Buch öfters unterstreicht.
Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass sich Rogoff bei seinen Ausführungen i.d.R. auf eine neoklassische Synthese, die mit IS-LM-Modell integriert ist, abstützt. Das Geld zum Beispiel gilt dabei auf lange Sicht als neutral. Im Übrigen ist Rogoff der Meinung, dass der Goldstandard keine Stabilität schafft.
Die Frage ist, warum der ehemalige Chefökonom (2001-2003) des IWF dem Vorhaben, das Bargeld schrittweise über einen längeren Zeitraum auslaufen zu lassen, den Vorzug gibt, um das Hemmnis „Nullzinsgrenze“ zu überwinden und die Wirtschaft zu stimulieren?
Er geht auf alle wesentlichen, möglichen Optionen, die seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise von 2008 intensiv besprochen werden, analytisch ein.
Eine Erhöhung des Inflationsziels von 2% auf z.B. 4% sei wegen „inflation targeting evangelism“ sehr schwer. Die lang-erarbeitete Glaubwürdigkeit der Notenbanken stehe im Spiel. Ausserdem wird die Geldpolitik weniger wirksam, wenn die Preise und Löhne an die Inflation indexiert sind. Je höher die Inflation also liegt, desto mehr Anpassung braucht es, so Rogoff.
Auch die QE-Politik hält der Autor für ein „schwächeres Instrument“ als die konventionelle Geldpolitik, wobei zugleich gesagt werden muss, dass sie von den Zentralbanken in der Praxis bislang nur zu halbherzig verwendet wurde, weshalb die Wirksamkeit hinterfragt werden muss.
Die Steuerung des nominalen BIP (nom NGDP targeting) ist zwar eine interessante Idee. Aber die praktische Umsetzung würde von der Öffentlichkeit kaum verstanden und wahrscheinlich einen langen Zeitraum von Volatilität auslösen.
Warum lehnt aber Rogoff den Einsatz von Fiskalpolitik ab?
Weil die Fiskalpolitik seiner Ansicht nach die zweitbeste Massnahme ist, nach Negativ-Zinsen, die in einer Welt ohne Bargeld eine Fortsetzung der konventionellen Geldpolitik bedeuten würden, mit der Betonung, dass es sich dabei nicht um eine Alltagsmassnahme handelt, sondern eine Intervention in einer schweren Rezession. Negativ-Zinsen wären sogar einfacher anzuwenden als das Helicopter Money, wobei der Autor „drone money“ vorziehen würde, um einkommensschwache Menschen gezielt zu erreichen.
Eine optimale Politik umfasse sowohl Geld- als auch Fiskalpolitik. Das ideale Geldsystem müsse daher Flexibilität und Engagement unter einen Hut bringen. Aber er habe ein paar Vorbehalte gegen den Einsatz von Fiskalpolitik: (1) Selbst Fiscal Stimulus à la Keynes Modell beinhalte die Annahme einer geschlossenen Wirtschaft und ignoriere damit die Tatsache, dass ein Teil von Stimulus im Ausland vergeudet würde. (2) Es könne heikel werden, was die Erwartungen betrifft, zu unterscheiden, ob Fiscal Impulse vorübergehend oder dauerhaft seien. Es bestehe also das Risiko von Crowding-out.
Gerade hier liegt die weiche Stelle des Buches. Rogoffs Argumente gegen die Fiskalpolitik sind einseitig und sie zeigen, wie sehr der Autor am Monetarismus hängt. Er scheint die Möglichkeit einer allgemeinen Nachfrageschwäche als Ursache der anhaltenden Krise auszuschliessen.
Die USA sind eigentlich typisch für eine grosse geschlossene Volkswirtschaft, wo der Aussenhandel keine entscheidende Rolle spielt. Auch der Euroraum kann in diesem Zusammenhang als eine grosse relativ geschlossene Volkswirtschaft postuliert werden.
Sein Einspruch, dass die Zentralbanken heute gezwungen würden, Fiskalpolitik zu betreiben und immer mehr politische Aufträge bekommen, was er für gefährlich halte, lassen sich genau umkehren, wie ich in diesem Blog einst dargelegt habe.
Ich will die Argumentation hier nicht noch einmal vorbringen: Was ich aber kurzum meine, ist, dass die Bürger durch die Abschaffung von Bargeld irgendwie dazu angehalten würden, eine Art Konjunkturpolitik zu betreiben, was eigentlich eine Aufgabe des Staates ist.
Die privaten Haushalte müssten quasi eine Stabilisierungsaufgabe übernehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln, weil der von der neoklassischen Schule geprägte Defizit-Fetischismus (Stichworte: Schuldenbremse, EU-Fiskalpakt, „Schwarze-Null“) eine Erhöhung der Staatsausgaben trotz der anhaltenden Null-Zinsen (zum Teil sogar negativen Zinsen) und trotz der anhaltenden hohen Arbeitslosigkeit nicht zulässt. Tatsache ist, dass nur die öffentliche Hand die Krise via deficit spending überwinden kann, wenn v.a. der Privatsektor, private Haushalte und Unternehmen zu Netto-Sparern werden.
Brauchen wird tatsächlich eine Gesellschaft ohne Bargeld? Ohne Bargeld müsste man auf das Geld, das einem die Oma in die Hand drückt, verzichten. Auch Sparschweine und Trinkgeld würden verschwinden. Stöbern am Flohmarkt würden wir sicherlich auch vermissen. Bargeldabschaffung ist gar nicht nötig.
Doch das ordentlich geschriebene Buch ist wichtig und aus Interesse an Makroökonomie lesenswert.
(*) Seigniorage: Wenn Bargeld abgeschafft wird, muss der Staat mehr Kredit aufnehmen, um seine Ausgaben zu finanzieren. Der Staat würde zwar auf Einnahmen via Seigniorage verzichten, aber der Nutzen wäre viel grösser, die Differenz mehr als auszugleichen, wenn die Steuerhinterziehung durch Bargeldabschaffung z.B. um 10% reduziert würde, sagt Rogoff. Seinen Angaben nach werden in den USA rund 700 Mrd. USD jährlich am Fiskus vorbeigeschleust. Die Steuerumgehung finde v.a. im Inland durch kleinere und mittlere Unternehmen statt.