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Text: Markus ganz, Lesen Nr. 1/2016, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli
Wer hätte das gedacht? Bereits der älteste namentlich gezeichnete Text soll von einer Frau stammen. Encheduanna war eine sumerische Königstochter, die vor rund 4300 Jahren in der Stadt Ur auf dem Gebiet des heutigen Irak lebte. Sie wurde Hohepriesterin und verfasste in sumerischer Keilschrift eine Sammlung sogenannter Tempelhymnen. Neu daran war die persönliche Prägung: Encheduanna schrieb nicht nur über religiöse Themen, sondern berichtete auch von ihren Gefühlen und brachte sich eben namentlich ein. Eine herausragende Autorin war auch Sappho, die im 7. vorchristlichen Jahrhundert auf der Insel Lesbos lebte. Sie war Vorbild des römischen Dichters Horaz und wurde von Platon sogar als zehnte Muse bezeichnet. Sappho gilt als bedeutendste Lyrikerin der Antike und ist bis heute vor allem für ihre erotischen Texte bekannt.
Encheduanna und Sappho waren Ausnahmeerscheinungen - und solche blieben Autorinnen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, auch in Europa. Für Frauen schickte es sich lange Zeit nicht, Bücher zu schreiben. Im Mittelalter gab es dann eine erste Phase, in der Frauen zunehmend Schriften verfassten. Diese waren allerdings meist geistlicher oder höfischer Natur, da es sich bei den Autorinnen meist um Nonnen oder Äbtissinnen handelte. Bis heute viel gelesen werden etwa die Texte der Äbtissin, Mystikerin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen. Bezeichnend ist, dass Hildegard für ihr erstes Buch noch den päpstlichen Segen benötigte. Auch in den folgenden Jahrhunderten konnten Frauen meist nur schriftstellerisch tätig werden, wenn dies von Männern geduldet oder gefördert wurde; die Themenwahl beschränkte sich meist auf religiöse Fragen.
Eine neue Ära leitete Sophie von La Roche mit «Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim» (1771) ein. Selbst Johann Wolfgang von Goethe schwärmte für diesen gefühlvollen Briefroman und liess sich davon für «Die Leiden des jungen Werthers» inspirieren. Beeindruckt zeigte sich Goethe auch von Karoline von Günderodes Buch «Gedichte und Phantasien». Wie dies für Schriftstellerinnen lange ratsam war - man denke nur an die Schwestern Charlotte, Anne und Emily Brontë -, hatte Karoline von Günderode ihr Werk unter einem Pseudonym veröffentlicht. Sie nahm sich mit 26 das Leben, blieb als «Sappho der Romantik» aber unvergessen.
Im 19. Jahrhundert erlebte die Literatur von Frauen eine erste Blütezeit. Herausragend war zunächst die Lyrik von Annette von Droste-Hülshoff. In der zweiten Jahrhunderthälfte waren es dann zahlreiche Frauen, die Texte für die populären «Familienblätter» lieferten. Als um die Jahrhundertwende die Autorinnen zunehmend einen künstlerisch eigenständigen Ausdruck suchten und fanden, etablierte sich der Begriff Frauenliteratur. Der «Frauenroman», bei dem die «neue Frau» im Mittelpunkt stand, wurde ab den 1920er-Jahren zum Kassenschlager. Unter Frauenroman verstand man nicht nur Trivialliteratur, sondern auch packende Werke, wie etwa von Vicki Baum.
Literarisch ernst genommen wurden Schriftstellerinnen aber erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Schriftstellerin Luise Rinser erklärte in einem Interview mit dem WDR zur Tatsache, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg als einzige Frau am ersten deutsch-französischen Schriftstellertreffen teilnahm: «Die Männer waren gegen uns schreibende Frauen.» Die Männer hätten nicht gewollt, dass sich Frauen durchsetzen, und hätten einander gegenseitig unterstützt.
Der gesellschaftliche und kulturelle Aufbruch Ende der 1960er-Jahre sowie die nachfolgende Frauenbewegung beflügelten viele Frauen im Wunsch, selber Bücher zu verfassen. Viele bezogen sich explizit auf frühere und oftmals verkannte Schriftstellerinnen wie Jane Austen, Simone de Beauvoir und Ingeborg Bachmann. Besonders wichtig wurde Virginia Woolfs 1929 geschriebener Essay «Ein Zimmer für sich allein», in dem sie Fragen zu «Frauen und Literatur» grundlegend und bis heute gültig nachging: Was etwa wäre gewesen, wenn Shakespeare eine ebenso begabte Schwester gehabt hätte?
Ab den 1980er-Jahren begann sich der Begriff der Frauenliteratur zu verwischen, nicht zuletzt, weil immer mehr Frauen über immer mehr Themen zu schreiben begannen ? von Ratgeberliteratur über Frauenkrimis bis zu Erotikromanen. Der Begriff wurde in der Branche zunehmend für alle Bücher verwendet, die von, über oder für Frauen waren. In engagierten Frauenkreisen wurde er hingegen auf Literatur beschränkt, die aus einer emanzipatorischen und feministischen Perspektive entstand und die weibliche Wahrnehmung in den Mittelpunkt stellte.
Die unklare Definition der «Frauenliteratur» löst bis heute unterschiedliche Reaktionen aus. Für viele Frauen mag der Begriff ein willkommener Anhaltspunkt dafür sein, dass ein Buch sie interessieren könnte. Umgekehrt schreckt er viele Männer ab, da sie reine Frauenthemen oder einen feministischen Hintergrund befürchten. Viele Frauen lehnen den Begriff ab, weil er eine Art Ghetto schafft und einschliesst, dass es nicht in erster Linie um Literatur geht.
Ingeborg Mues, Herausgeberin der Fischer-Taschenbuchreihe «Die Frau in der Gesellschaft», wagte trotzdem eine Definition: «Frauenliteratur ist für mich Literatur, die von Frauen geschrieben wird, die also die Welt aus dem weiblichen Blickwinkel beschreibt.» Und sie parierte vorbeugend auch den oft gehörten Einwand, es gebe schliesslich auch nicht den Begriff der Männerliteratur: «Dann muss ich leider zynisch reagieren und antworten: Aber die ganze Weltliteratur ist Männerliteratur!» Bleibt die oft gehörte Frage, ob es eine spezifisch weibliche Sprache gebe - aber das wurde sogar in den feministischen Debatten der 1980er-Jahre bezweifelt.