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Wächst die Schweiz vor allem in die Breite?
Wie vergleicht man die Wirtschaftsleistung von Ländern?
Die Wirtschaftsleistung eines Landes wird mit dem Bruttoinlandprodukt gemessen. Dabei wird das nominale BIP in der lokalen Währung oder in US-Dollar/Euro angegeben. Wird davon die Inflationsentwicklung herausgerechnet, resultiert das reale BIP. Dieses misst, wie viel Wertschöpfung durch die Produktion von Gütern und Dienstleistungen in einem Land erzielt wurde. Dabei wird das Inlandsprinzip angewendet. Das heisst, es wird gemessen, wie viel Wertschöpfung In- und Ausländer in einem Land erwirtschaften. Auch die Grenzgänger zählen dazu. Um die Wirtschaftsleistung in Relation zur Grösse des Landes zu setzen, verwendet man die Grösse «reales BIP pro Kopf» der ständigen Wohnbevölkerung. Wenn diese Grösse wächst, dann bedeutet dies, dass die Wertschöpfung pro Person in einem Land zunimmt. Dies ist auch eine gute Proxy für den Wohlstand eines Landes.
Abbildung 2 zeigt einen interessanten Zusammenhang: Reiche Volkswirtschaften haben in aller Regel auch hohe Preise. Doch wieso müssen Menschen in einem Land mit einem höheren Pro-Kopf-BIP auch mehr für Güter und Dienstleistungen bezahlen? Gerade in der Schweiz ist dieser Sachverhalt offensichtlich: Die auf den Weltmärkten erfolgreichen Unternehmen sorgen für eine hohe Wirtschaftsleistung und zahlen hohe Löhne. Damit genügend Personen bereit sind, als Coiffeur, Busfahrerin, Schreiner oder Pflegerin tätig zu sein, sind die Löhne auch in diesen Branchen im internationalen Vergleich hoch. Entsprechend steigt das Preisniveau für lokal hergestellte Güter und Dienstleistungen an. Dies wiederum führt dazu, dass Firmen und Private mehr für inländische Vorleistungen aufwenden müssen. Die hohen Löhne der international erfolgreichen Unternehmen müssen quasi mit anderen «geteilt» werden.
Um diesen Effekt zu berücksichtigen, wird häufig das Prinzip der Kaufkraftparität verwendet. Die einfachste Form ist sehr bekannt: Der «Big Mac Index» misst, wie teuer ein Big Mac in verschiedenen Ländern umgerechnet in Dollar ist. Bei Kaufkraftparität müsste der Big Mac überall gleich teuer sein, doch in Ländern wie der Schweiz ist der Burger effektiv in Dollar gemessen deutlich teurer. Wenn also der Vergleich des Pro-Kopf-BIP kaufkraftbereinigt erfolgt, dann korrigiert man um die (im Vergleich zur Kaufkraftparität) zu hohen Preise. In China ist das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf entsprechend höher als das reale BIP pro Kopf, weil man sich in China mit demselben Einkommen mehr leisten kann als in einem reicheren Land. In der Schweiz sinkt das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf entsprechend.
Welches ist nun die richtige Vergleichsgrösse? Das reale BIP pro Kopf oder das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf? Beide haben ihre Berechtigung. Wenn es um die internationale Kaufkraft und die Stärke der Volkswirtschaft geht, dann nimmt man das reale BIP pro Kopf. Diese Grösse zeigt, wie viel sich die Menschen in den Ferien im Ausland leisten können oder wie kaufkräftig sie für international gehandelte Güter sind. Wenn es darum geht herauszufinden, ob sich die Menschen im Inland mehr leisten können, dann verwendet man das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf.
Die relevante Messgrösse: Produktivität pro Arbeitsstunde
Auch wenn es beinahe Trivialitäten sind, sie werden immer wieder vergessen:
- Je reicher eine Volkswirtschaft wird, desto stärker sinkt die potenzielle Wachstumsrate.
- Je reicher eine Volkswirtschaft ist, desto grösser ist das absolute Wachstum bei gleicher Wachstumsrate.
Ein Entwicklungsland muss hohe Wachstumsraten aufweisen, um den tiefen Entwicklungsstand korrigieren zu können. Im Vergleich dazu wachsen Länder mit einem ausgesprochen hohen Wohlstandsniveau prozentual weniger. Doch das Prozentrechnen ist so eine Sache: Ein Wachstum des Schweizer BIP pro Kopf von zwei Prozent bedeutet eine absolute Wohlstandszunahme in Franken oder Dollar gemessen, die weit grösser ist als dasselbe prozentuale Wachstum in China oder auch Italien. Ganz einfach deshalb, weil die Basis, von der ausgegangen wird, in der Schweiz sehr viel höher liegt.
Um die Sache noch verwirrlicher zu machen: Das BIP pro Kopf sagt nur bedingt etwas darüber aus, wie produktiv eine Volkswirtschaft ist. In einem Land mit vielen Rentnern, vielen Arbeitslosen, vielen Kindern oder einer tiefen Jahresarbeitszeit mag das BIP pro Kopf tief sein, weil weniger Stunden pro Kopf gearbeitet wird, aber dort wo gearbeitet wird, kann die Arbeitsleistung dennoch international kompetitiv hoch sein. Um die Frage zu beantworten, wie viel Werte eine durchschnittliche Arbeitskraft in einem Land schafft, wird die Grösse «Produktivität pro Arbeitsstunde» verwendet. Auch hier kann diese nominal, real oder kaufkraftbereinigt angegeben werden.