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Aachen – im Zeichen Karls des Grossen
In Aachen führt kein Weg an Karl dem Grossen vorbei. In diesem Jahr gedenkt die Stadt in besonderer Weise des Stammvaters Europas, der vor 1200 Jahren gestorben ist und in den Mauern Aachens begraben wurde. Kein anderer Herrscher hat die Entwicklung der Stadt so geprägt wie dieser. Die Erinnerung an ihn wird bis heute im Aachener Dom bewahrt. Hier wird sein Wirken wieder gegenwärtig und lebendig.
Heute mag Aachen eine Grenzstadt an der Nahtstelle zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden sein. Zur Zeit Karls des Grossen war es ein zentraler Ort des fränkischen Reiches und sollte in den folgenden Jahrhunderten als Krönungsstadt der römisch-deutschen Könige eine bedeutende Funktion behalten. Erst 1531 endete die Aachener Krönungstradition, fortan nahm Frankfurt am Main diese Stelle ein.
Das Reich Karls des Grossen erstreckte sich in etwa auf das Gebiet der heutigen Länder Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien sowie weite Teile Italiens, Sloweniens und Kroatiens. Diese umfassende Herrschaft lässt Karl den Grossen für viele als Vorläufer der europäischen Einigung erscheinen. Sein Einigungswerk war allerdings vielfach gewaltsamer Natur, so dass aus heutiger Sicht die Vorbildfunktion auch viele Schattenseiten hat.
Zu seiner Zeit und auch später wurde dies nicht hinterfragt. Europäischen Herrschern diente er als Leitfigur. Sowohl die deutschen Kaiser als auch die französischen Könige beriefen sich auf ihn. Im 12. Jahrhundert wurde er sogar vom Papst heiliggesprochen.
Der Aachener Dom und die Kaiserpfalz
In Aachen errichtete Karl eine seiner Pfalzen. Diese waren Palastkomplexe, die an verschiedenen Ort des Reiches, das keine Hauptstadt besass, angelegt wurden. Der Herrscher reiste von Pfalz zu Pfalz, um in der jeweiligen Reichsregion seine Herrschaft auszuüben. Aachen war die Lieblingspfalz Karls des Grossen, hier verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens und starb im Jahr 814. Der Pfalzbau verschwand im Lauf der Zeit – nur ein Gebäude blieb: die Pfalzkapelle als wichtiger Teil des Komplexes. Sie bildet heute den Kern des Aachener Doms.
Der Dom ist ein eigenartiges Bauwerk und in seiner Art mit keinem anderen Kathedralbau vergleichbar. Die als Oktogon mit einer Kuppel angelegte Pfalzkapelle stellt den zentralen Raum des Sakralbaus dar. Nach Osten öffnet sie sich zur Chorhalle, die im 14. und 15. Jahrhundert angefügt wurde. Sie ist ein Werk der Gotik mit Spitzbögen und wunderbaren Glasfenstern. Hier befindet sich neben dem Marienschrein, der bedeutende Reliquien enthält, auch der goldene Schrein Karls des Grossen. Um das Oktogon herum wurden im Lauf der Zeit eine Reihe weiterer Seitenkapellen angebaut. Alle diese Bauteile aus unterschiedlichen Epochen bilden zusammen den Dom. Er ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein Stückwerk, das aber bei aller Unterschiedlichkeit doch ein geschlossenes Ganzes bildet.
Die Pfalzkapelle – ein Meisterwerk
Am eindrucksvollsten ist sicher der Bereich der Pfalzkapelle. Sie ist im 9. Jahrhundert entstanden. Die Gestaltung des Innenraums erfolgte nach byzantinischem Vorbild. Um den achteckigen Innenraum verlaufen auf zwei Ebenen durch Rundbögen abgegrenzte Umgänge. Der untere Umgang ist dabei niedriger als der obere und wirkt dadurch relativ wuchtig. Im oberen Umgang befinden sich der schlichte Kaiserthron Karls des Grossen und der Hochaltar. Die Rundbögen sind durch Säulen unterbrochen. Dieser Teil des Baus wird auch Hochmünster genannt.
Die Ausstattung des Innenraums ist erlesen. Blau und Gold sind die prägenden Farben. Das einfallende Licht aus Fenstern im Bereich der Kuppel und den bunten Glasfenstern des Chores geben dem Ganzen ein mystische Wirkung. Das Mosaik in der Kuppel mit der Darstellung Christi als Weltenherrscher wirkt ebenfalls byzantinisch. Zur Zeit ihrer Errichtung war die Pfalzkapelle der erste nachantike Kuppelbau nördlich der Alpen überhaupt und sollte es für längere Zeit bleiben. Die wertvolle Gestaltung weist auf die Bedeutung des Ortes für Karl den Grossen hin. Später empfingen hier die deutschen Herrscher als „Nachfolger“ die deutsche Königskrone.
Drei Aachener Karlsausstellungen
Aachen gedenkt seines bedeutenden Förderers in diesem Jahr mit drei Ausstellungen. „Orte der Macht“, „Karls Kunst“ und „Verlorene Schätze“ heissen die drei Präsentationen. „Orte der Macht“ führt in das politische und religiöse Denken zur Zeit Karls des Grossen ein und hilft, manches geschichtliche Ereignis besser zu verstehen. Als Ort der Ausstellung wurde der Krönungssaal des Aachener Rathauses gewählt, an dessen Stelle früher die Königshalle der Pfalz stand. „Karls Kunst“ im neuen stadtgeschichtlichen Museum „Centre Charlemagne“ zeigt einmalige karolingische Kunstwerke, etliche davon direkt aus der Hofschule Karls des Grossen. Die Domschatzkammer präsentiert unter dem Motto „Verlorene Schätze“ wieder zusammengetragene Teile des Aachener Domschatzes, die im Zeitablauf durch Raub oder Verkauf abhanden gekommen sind.
Gelebte Einheit
Die Jahrhunderte nach Karl dem Grossen erlebten viele Zeiten der Spaltung, Teilung und Trennung. Erst in unseren Tagen wächst Europa wieder allmählich zusammen und begreift sich als ein Raum mit gemeinsamen Wurzeln. Dennoch bleibt der Weg steinig und mühsam. Die Vorteile wegfallender Grenzbarrieren sind gerade in der Grenzstadt Aachen besonders zu spüren. Fahrten ins benachbarte Belgien oder die Niederlande sind heute eine Selbstverständlichkeit. Das war nicht immer so.
Oberstes Bild: Installation von 500 Figuren Karls des Grossen auf dem Katschhof in Aachen anlässlich des Karlsjahres, Künstler: Ottmar Hörl (© ArthurMcGill, Wikimedia, CC)