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Literaturkreis

07.07.10

28. Jun 10, Bericht Rita:
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel
Der Autor: Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede geboren und studierte Drama, Theater und Medien (Künstlerkolonie Worpswede). Er gilt als einer der erfolgreichsten Gegenwartsdramatiker und gewann zahlreiche Auszeichnungen für seine Theaterstücke, Reportagen, Kurzgeschichten und Essays. Das vorgestellte Buch ist sein erster Roman.
Inhalt: Paul Wendland-Kück ist 35 Jahre alt und betreibt in Berlin eine Galerie. Dabei hat er allerdings wenig Erfolg. Seine Galerie liegt am falschen Ende der Strasse. Die einzigen Besucher sind hie und da entlaufene Hunde des nahen Hundesalons oder sein Freund Kovac, der kroatische Schrotthändler, der die Welt als „verrutscht“ bezeichnet.
Paul Wendland ist ausserdem mit einer exzentrischen Mutter gesegnet. Seit die Eltern geschieden sind, lebt sie in Lanzarote und betreibt dort eine esotherische Lebenshilfe-Beratung. Paul erhält von ihr regelmässig Pakete mit Salat.
Pauls aktuelle Lebensgefährtin ist gerade nach Barcelona aufgebrochen,
um dort eine neue Existenz aufzubauen. Paul überlegt sich, ob
er ihr nachfolgen sollte, als er einen Anruf seiner Mutter erhält:
Er müsse unverzüglich nach Worpswede fahren, um das Haus
der Familie zu retten, das im Teufelsmoor versinke.
Nullkück verwaltet das riesige Haus und versucht es vor dem Absinken im Teufelsmoor zu retten. Dabei geht es nicht nur ums Haus, sondern auch um zahlreiche lebensgrosse Skulpturen des Grossvaters, die Berühmtheiten wie Bismark, Luther, Max Schmeling oder Ringo Starr darstellen, sowie einer wunderschönen Frauenskulptur, von Pauls Tante Marie.
Nullkück ist übrigens keineswegs so debil ist, wie es sein Grossvater wahrhaben wollte. Er kann sich schriftlich grossartig ausdrücken und schreibt den Bäuerinnen der Umgebung wunderschöne Liebesbriefe, die er ihnen vom Traktor aus zuwirft.
Die eigentliche Hauptfigur dieses Romans ist der Grossvater. Zwar ist er seit einigen Jahren verstorben, aber dennoch ist er allgegenwärtig. Er war ein Patriarch und ein berühmter Bildhauer. Er soll demnächst als „Künstler des Jahrhunderts“ geehrt werden und damit in einer Reihe stehen mit der Malerin Paula Modersohn-Becker (Museum) und mit dem Dichter Rilke.
Paul fährt also nach Worpswede und bald ist klar, dass die Rettung einen grossen Aufwand erfordert. Der Garten muss trocken gelegt und das Haus gepfählt werden. Schon nach kurzer Zeit wird mit der Sanierung begonnen. Bei diesen Arbeiten wird jedoch einiges aus dem Moor geborgen, das den übermächtigen Grossvater in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen: Hat er für die Nazis gearbeitet? Was war eigentlich in der Scheune, die für die Kinder ein absolutes Tabu war? Was ist mit der schönen Marie geschehen? Wurde sie wirklich von der Gestapo abgeholt?
Eine weitere Figur in diesem Roman ist der Maler Peter Ohlrogge. Er hat sich zum Ziel gesetzt zu beweisen, dass der Grossvater Kück alles andere als eine saubere Weste hatte. Für seinen Hass auf die Familie Kück hat er auch einigen Grund: Ohlrogge war einmal in Johanna, Pauls Mutter, verliebt und lebte mit ihr ebenfalls in dem grossen Haus. Johanna aber verliebte sich in den Maler Wendland, Pauls Vater, und heiratete ihn dann auch. Ohlrogge konnte die Trennung nicht verkraften und rächte sich an ihrer Hochzeitsfeier, indem er die ganze Hochzeitsgesellschaft grosszügig mit Jauche abspritzte. Die nachfolgenden Schadenersatzforderungen waren so hoch, dass er zeitlebens finanziell ruiniert ist und sich heute über Wasser hält, indem er „unbegabten, übereifrigen älteren Malerinnen“ Malkurse erteilt. Sein Weg und der Weg von Paul Wendland kreuzen auf erstaunliche Weise.
Der Schluss des Buches ist bereits am Anfang bekannt: Die Rettungsversuche sind vergeblich, das Haus bricht auseinander und mit dem Haus auch sonst so einiges.
(Stv. Rita)
|= ein Must! ... bis ... = Chasch vergässe!|

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