Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03415.jsonl.gz/389

Sie war zwar nur eine von fünf Personen, welchen die Universität Freiburg dieses Jahr anlässlich des Dies academicus den Ehrendoktortitel verlieh. Und doch war sie der unumstrittene Star des Tages, auf den alle Augen gerichtet waren und dessen abendlicher Vortrag in der Aula Magna seit Wochen ausverkauft war: die 42-jährige nigerianische Schriftstellerin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie. «Ihr wichtiges literarisches Werk geniesst internationalen Ruhm», hielt Dekanin Bernadette Charlier Pasquier in ihrer Laudatio fest. «Ihr unverwechselbarer Stil vermischt nicht nur auf subtile Weise sämtliche Sprachregister, sondern kombiniert sogar verschiedene Sprachen wie das Englische und den Igbo-Dialekt.» Die Geehrte zeichne sich aber auch durch ihr politisches und feministisches Engagement aus, das in ihren Werken immer wieder zutage trete. So würde ihr Werk immer wieder den Gegensatz zwischen privilegierten Minderheiten und untergeordneten Klassen sowie die Mechanismen kultureller oder rassistischer Dominierung thematisieren. «Gerade in diesem Jahr des Frauenstreiks stellt Ngozi Adichie eine sehr fruchtbare Inspirationsquelle dar», so Charlier Pasquier.
Rassismus und Sexismus
«Dies ist bereits mein 15. Ehrendoktortitel», sagte die Geehrte im Interview. Nach ihrer Identität befragt, betonte sie, sich nach wie vor als Nigerianerin zu fühlen, auch wenn sie heute teilweise in den USA lebe. «Ich würde Identität als Sensibilität definieren, und meine Sensibilität ist nach wie vor eine nigerianische, auch wenn mir mittlerweile überall auf der Welt wohl ist», so Ngozi Adichie. Die Welt, in der sie lebe, sehe sie als «aus dem Gleichgewicht geraten», da an vielen Orten der Populismus überhandnehme, der politische Fragen vereinfache und in der Regel immer auf den Immigranten, den Ausländer und den Flüchtling ziele. «Das ist sehr entwürdigend und entmenschlichend, denn – so Gott will – könnten auch wir Flüchtlinge sein.» Europäer sollten auch nicht vergessen, das sie in den vergangenen Jahrhunderten sehr oft selbst Auswanderer waren – und sich dann nicht ihrem Gastland anpassten, sondern diesem ihre Kultur aufzwangen. Persönlich fühle sie sich wohl in den USA, auch wenn sie die Spielregeln des Baseballs wohl nie verstehen werde. Bis der Alltagsrassismus in den USA überwunden sei, dauere es aber wohl noch eine lange Zeit. Die afroamerikanische Geschichte sei immer noch nicht Teil des Mainstreams. «Vielleicht sollten wir die Geschichte der anderen einfach mehr wahrnehmen», so Ngozi Adichie. Dies gelte auch für das Verhältnis der Geschlechter untereinander, denn nur so lasse sich auch Sexismus überwinden. «Frauen sind keine seltsamen Geschöpfe, die nicht ganz menschlich sind und die man deshalb einfach begrapschen kann», sagte die Autorin.
An diesem denkwürdigen Dies wurden noch zwei weitere Frauen geehrt: Die italienische Mathematikerin Maria Grazia Speranza, Professorin an der Universität Brescia, erhielt ebenfalls einen Ehrendoktortitel – für ihre Forschung in den Bereichen Portfolio-Optimierung, Supply-Chain-Management sowie Standort- und Tourenplanung. Alt-Staatsrätin Isabelle Chassot wurde von Antoinette de Weck, Präsidentin des Uni-Senats und Freiburger Vizestadtpräsidentin, mit dem Titel einer Ehrensenatorin geehrt, unter anderem weil sie laut de Weck «einen wesentlichen Beitrag zur Gründung des Adolphe-Merkle-Instituts» geleistet hatte. Die weiteren Ehrendoktortitel des Tages gingen an den Jesuiten Christoph Theobald, Chefredaktor der Zeitschrift «Recherches de sciences religieuses», den Medizinhistoriker Julian Weindling, der 24 000 nationalsozialistische Medizinverbrechen aufgearbeitet hat, sowie an den italienischen Juristen Mauro Bussani, der sich mit den Grundlagen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beschäftigt. Der Freiburger Theologieprofessor Joachim Negel erhielt den mit 10 000 Franken dotierten Franz-Josef-II.-von-Liechtenstein-Preis. Ehrenpräsident des Tages war der freisinnige Tessiner Alt-Ständerat Dick Marty. Er ging in seiner Festrede darauf ein, wie wichtig es sei, der Jugend auch die dunklen Seiten der Schweizer Geschichte zu vermitteln: den Umgang mit Saisonniers und administrativ Versorgten oder auch den Fichenskandal. Nur so würde zutage treten, was wir Schweizer in der Vergangenheit auch gut gemacht hätten.
Sensebezirk
«Wir wissen, wie man sich als Minderheit fühlt»
Jedes Jahr ist einer der sieben Freiburger Bezirke Ehrengast am Dies academicus. Dieses Jahr war die Reihe am Sensebezirk, der unter anderem durch Oberamtmann Manfred Raemy vertreten war. «Unser Bezirk ist in verschiedener Hinsicht speziell», sagte er in seiner Ansprache. «Wir sind einerseits der einzige rein deutschsprachige Bezirk im Kanton und wissen daher gut, wie man sich als Minderheit fühlt.» Es gebe aber auch keine andere Region in der Schweiz, die das Privileg habe, innerhalb von 25 Kilometern so viele Universitäten und Fachhochschulen aufzuweisen. «Natürlich stellt die Universität Freiburg dabei den Leuchtturm in Sachen Wissensvermittlung dar», sagte Raemy augenzwinkernd.