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Die wolkigste aller Sprachen
Der von mir hier immer gern zitierte amerikanische Kulturwissenschaftler Paul Fussell hat bereits gegen Ende des letzten Jahrhunderts in seinem Buch «Class» festgestellt, meine Damen und Herren, dass die Kulturhandlung des Unterwegsseins in der modernen Welt so sehr auf «Tourismus» reduziert worden sei, dass man den traditionellen Begriff der «Reise» im Sinne eines horizonterweiternden Bildungserlebnisses heutzutage eigentlich nur noch ironisch verstehen könnte. Um diesen Makel zu kompensieren, bediene sich das zeitgenössische Transportgeschäft regelmässig einer prätentiösen Sprache, die dem Massenverkehr etwas Klasse und einen Rest kultureller Souveränität verleihen soll, zum Beispiel der inflationären Verwendung von Worten wie «Luxus» oder «Gourmet» oder «Erlebnis».
Gerade in der zivilen Luftfahrt, die in den letzten Dekaden einerseits einen unerhörten Niveauverlust hinzunehmen hatte und andererseits noch immer von einer vergangenen Aura des Glamours und der Exklusivität zu zehren versucht, findet man derlei Verhüllungen und Beschönigungen häufig – und hier wiederum besonders in der Business Class. Die Business Class ist prädestiniert für Prätention, denn sie steht zwischen den Klassen, sie ist die Middle Class der Lüfte. Bei Virgin Atlantic zum Beispiel heisst die erste Klasse nicht First, sondern «Upper Class» (als ob man die First Class noch euphemisieren müsste) – und der britische Autor David Baddiel hat vor einiger Zeit zu Recht darauf hingewiesen, dass Virgin die beiden tieferen Klassen folgerichtig «Middle Class» und «Working Class» nennen müsste. Was Virgin natürlich nicht tut, obschon es ein Schlaglicht würfe auf die neue Mittelklasse, die heutzutage Business Class fliegt, ein kläglicher Abklatsch der guten alten Bourgeoisie.
Sie sind überall
Doch Euphemismen finden sich in sämtlichen Zweigen der Reiseindustrie. Einige davon sind so gängig, dass sie uns gar nicht mehr besonders auffallen, zum Beispiel, oft genug: «Lounge» – für einen schmucklosen, schlecht ausgeleuchteten Raum weit nach dem Warnhinweis «No restaurants, shops, smoking zones or toilets beyond this point». Oder «Service Center» (für «Call Center»). Andere Beschönigungen wiederum sind derart extrem, dass sie nachgerade zu Widersprüchen in sich werden, etwa «VIP Coach» oder «Land Yacht» (für «Bus»), «Motor Home» oder «Recreational Vehicle» (für «Die Hölle auf Rädern»). Oder «Quick Check-in». Und dann gibt es die Gruppe der Euphemismen, die schlechthin dreist sind, etwa die bahntypische Verharmlosung «Ersatzkomposition» (für einen Ausweichzug mit Waggons aus Osteuropa). Und, natürlich: «Service Charge» als Bezeichnung dafür, dass man seinen Flug selbst im Internet bucht und dafür dann eine Gebühr bezahlt. Oder, wie durch die US-Billiglinie Spirit Airlines eingeführt, «Passenger Usage Fee», wobei es sich um einen unvermeidbaren Aufpreis für nichts anderes als den Kauf eines Tickets handelt.
Dahinter wiederum steht ein Konzept, das mit einem weiteren Euphemismus «Preisfächerung», «A la carte pricing» oder «Unbundling» genannt wird – also quasi die Aufsplitterung eines Ticketkomplettpreises in seine (vermeintlichen) Bestandteile (wie den sogenannten «Kerosinzuschlag»), die dann einzeln wieder verrechnet werden. Dabei kann man gleich noch ein paar neue dazuerfinden. Die Möglichkeiten dafür sind praktisch endlos und höchstens durch Scham und Moral begrenzt. Womit Tarife nicht mehr ohne weiteres transparent und vergleichbar sind.
Wann kommt die «Fat Class»?
Apropos Scham und Moral: Sie sind inzwischen, geschätzte Leser, vertraut mit jener seltsamen Konstanz, die ich familiär als «Shrek-Gesetz» bezeichnen möchte: Neben mir im Flugzeug sitzt mit einer merkwürdigen Regelmässigkeit irgendein Wesen, das aussieht wie eine fettere, hässlichere Version von Alice Cooper und meistens obendrein akut erkältet ist. (Der hier gern zitierte Kulturhistoriker Paul Fussell hat übrigens darauf hingewiesen, dass nicht unbedingt Übergewicht ein Zeichen der unteren Klassen sei, sondern vor allem: sichtbares Übergewicht. Zur Schau gestellte Pfunde, als bestünde die Rache der kleinen Leute für eine schwierige und glanzlose Welt in der Maximierung von ästhetischen Zumutungen in Richtung derselben. Ich möchte dieses gewiss nur halb bewusste kontraphobische Verhaltensschema gern als Kendra-Krinklesac-Komplex etikettieren. Und ausserdem möchte ich, obschon das jetzt im engeren Sinne nicht unbedingt logisch hier anschliesst, gerne noch einen Ausspruch der ununterdrückbaren Janice Dickinson zitieren: «I can’t wait to die. I’m gonna be so thin.» Wo war ich? Genau: Schon vor Jahren las ich im «Wall Street Journal», dass immer mehr Airlines sogenannte «Passengers of Size» dazu veranlassen, einen zweiten Sitzplatz zu kaufen. Also den Platz neben sich auch zu bezahlen. «Passengers of Size» ist dabei ein Airline-Euphemismus für «Fat People».
Das Ganze funktioniert nach der Maxime: «Wenn es vorgeschriebene Maximalformate für Gepäckstücke gibt, wieso dann nicht auch für Fluggäste?» Vorneweg marschieren die amerikanischen Fluggesellschaften. In den USA zogen nämlich bereits etliche Passagiere vor Gericht, die sich durch überquellende Sitznachbarn buchstäblich an die Wand gedrückt fühlten. Besonders die nur gut 43 Zentimeter breiten Economy-Sitzformate der Boeing 737 und 757 sorgen oft für Konflikte. Und prinzipiell ist diese Lösung eines zusätzlichen Sitzkaufs, da es sich um eine Marktlösung handelt, zu begrüssen. Noch besser als ein zweiter Sitz wären für grossformatige Fluggäste allerdings einfach breitere Plätze zu höheren Preisen – also eine Art Economy-Extra-Klasse, genau wie das jetzt schon in puncto Beinfreiheit praktiziert wird und dann gern «Premium Economy» genannt wird. Wie aber könnte diese neueste Form der Hybridklasse dann heissen? «Fat Class»? Hochgradig unwahrscheinlich; dies verstiesse gegen das Euphemismusgebot. «Super Class» wäre eine Lösung, in Analogie zu «Super Size». Aber ich hätte noch was Besseres, in Anlehnung an Thorstein Veblen: «Leisure Class».
Im Bild oben: Ein Ork taucht im Sicherheitsvideo der New Zealand Airline auf. (Screenshot Youtube)