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Manchmal geht vergessen, wie blau unser Planet eigentlich ist. Tatsächlich besteht die Erdoberfläche zu gut drei Vierteln aus Flüssen, Seen, Meeren, Ozeanen. Die Ozeane mit ihren unvorstellbaren Weiten (und Tiefen) nehmen eine entscheidende Rolle im Klimaschutz ein. Sie sind für rund die Hälfte des produzierten Sauerstoffs verantwortlich und absorbieren Kohlendioxid in enormen Mengen, was sie zu einer essenziellen CO2-Senke macht. Über 3 Milliarden Menschen sind zudem angewiesen auf Fisch und Meeresfrüchte als ihre wichtigste Proteinquelle.
Ozeane scheinen auf den ersten Blick unerschöpflich – und sind doch verletzlicher, als wir dies oft wahrhaben wollen. Vor allem aber sind sie unglaublich wichtige Verbündete in der Klima- und Biodiversitätskrise: Schützen wir die Ozeane, schützen wir uns selbst.
Die Hochseegebiete
Gebiete, die mehr als 370 Kilometer von der Küste entfernt liegen, werden als Hohe See oder Hochsee bezeichnet. Sie machen rund 60 Prozent der Weltmeere aus und beherbergen etwa 90 Prozent aller weltweit vorkommenden Fische.
Nur gerade 5 Prozent der Ozeane sind bisher überhaupt erforscht, und vom Tiefseeboden ist noch kaum etwas bekannt. Was wir aber wissen, ist, dass die Ökosysteme unserer Meere eine immense Artenvielfalt beherbergen. In der Hochsee leben beispielsweise Kaltwasserkorallen, die ebenso komplexe Lebensräume bilden können wie tropische Korallenriffe.
Weitstreckenwanderer wie Wale, Haie, Meeresschildkröten und Seevögel nutzen teils weit voneinander entfernte Gebiete zur Ernährung, Fortpflanzung und Aufzucht ihrer Nachkommen. Dies macht leicht zugängliche Wanderrouten zentral für das Überleben ihrer Populationen.
Da kein Staat die Hoheit über grosse Teile des weiten Ozeans hat, gehörten diese Gewässer bis anhin niemandem – und allen. Die in grosser Zahl vorkommenden Rohstoffe und profitträchtigen Fischereigebiete schürten regelmässig Interessenskonflikte. Ganz rechtsfrei war die Hohe See zwar nicht. Beispielsweise regulierte die Internationale Maritime Organisation (IMO) die Schifffahrt, und zum Teil waren Einigungen zu den Quoten für die Fischerei vorhanden. Allerdings war keine wirkliche Koordination von Organisationen und Ländern möglich. Gerade der Tiefseebergbau lief Gefahr, ohne klares Regelwerk aus dem Ruder zu laufen, denn die Folgen dieser Aktivitäten sind grösstenteils noch unklar, und zusätzliche Belastungen für die Ozeane wären gravierend. Eine Einigung aller Länder zum Schutz der Hochsee war also wünschenswert.
Das Abkommen
Am 5. März war es endlich soweit: In New York wurde von den UN-Mitgliedstaaten das internationale Hochseeschutzabkommen verhandelt und beschlossen. Der Weg dazu war steinig.
Langjährige, zähe Verhandlungen waren nötig, um sich auf den völkerrechtlich bindenden Vertrag über die «Biodiversität jenseits nationaler Gesetzgebung» (BBNJ) zum Schutz der Meere zu einigen. An der Weltbiodiversitätskonferenz von Montreal im Dezember 2022 konnten bereits die nötigen Grundsteine dazu gelegt werden; damals fehlte allerdings noch die Umsetzungsstrategie. Mit dem nun verabschiedeten Abkommen konnten konkrete Massnahmen beschlossen werden.
Einen besonderen Erfolg der Verhandlungen markiert die Einigung auf Umweltverträglichkeitsprüfungen. Wirtschaftliche Aktivitäten auf hoher See bzw. in der Tiefsee – wie Bohrungen – müssen nun im Voraus geprüft werden. Falls auf eine Prüfung verzichtet wird, muss eine öffentliche und wissenschaftliche Begründung erfolgen.
Besonders schwierig gestaltete sich die Diskussion zur Nutzung und Gewinnausschüttung von Meeresressourcen, unter anderem des auf Tiefseeorganismen basierenden Krebsmedikaments Halaven. Entwicklungsländer sollen diesbezüglich einen finanziellen Ausgleich erhalten.
Die Bedeutung des Abkommens
Die mit dem Abkommen entstandene Rechtssicherheit erlaubt eine bessere ganzheitliche Kontrolle; man stellt ihm dazu ein wissenschaftliches Gremium zur Seite. Ausserdem wird erstmals für Verbindlichkeit gesorgt, was wenig Raum für Regelbrüche zulässt.
Die globusumspannende Zusammenarbeit zwischen den Staaten erlaubt nun eine gemeinsame und übergreifende Herangehensweise. Beispielsweise können mit der Umplatzierung von Schiffsrouten sogenannte «blaue Korridore» für Walwanderungen über Landesgrenzen hinaus geschaffen werden.
Grundsätzlich ist die Verabschiedung des Abkommens ein riesiger Erfolg. Dies wird auch von Naturschutzorganisationen wie dem WWF und Greenpeace so gesehen. Der Durchbruch ist Tatsache: Meinungsverschiedenheiten konnten überwunden und Rechtslücken geschlossen werden – zum Schutz der Natur. Auf der anderen Seite war es aber auch höchste Zeit. Schliesslich sind es nur noch sieben Jahre bis zum Zeitlimit der Weltnaturschutzkonferenz: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Ozeane Teil eines Schutzgebietes werden. Ohne die Einbeziehung der Hohen See wäre dieses Ziel kaum zu erreichen gewesen. Wieviel der unter Schutz gestellten Meeresfläche einst tatsächlich in der Hochsee liegen wird, wird sich noch zeigen; bis anhin sind es weniger als ein Prozent.
Auf der hohen See wurden weltweit über 300 biologisch wertvolle und daher schützenswerte Gebiete lokalisiert. Würden diese miteinander durch weiter Schutzgebiete verbunden, wäre dies extrem wertvoll für viele Habitate und Arten. Glücklicherweise muss laut dem Abkommen keine Einstimmigkeit in der Wahl von Schutzgebieten erzielt werden. Eine Dreiviertelmehrheit reicht, um eine Entscheidung zu fällen.
Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas, MPAs):
Menschliche Eingriffe und Nutzungen werden in den international anerkannten Meeresschutzgebieten reguliert, um die Ressourcen, Lebensräume und Arten zu schützen und die Widerstandsfähigkeit der Meere gegenüber Einflüssen wie dem Klimawandel zu stärken. Die Schwere der Schutzmassnahmen variieren stark – von der Begrenzung bestimmter Fischfangmethoden zur Fangmengenregulation bis zum absoluten Entnahmeverbot.
Zukunftsgedanken für den Meeresschutz
Zurzeit sind durch insgesamt über 18‘000 Meeresschutzgebiete rund 8 Prozent der Ozeane geschützt. Nur ein kleiner Prozentsatz dieser Schutzgebiete sind «no-take zones», also Regionen, in denen ein komplettes Fischereiverbot besteht.
Im Hinblick auf die Zukunft ist es von grosser Bedeutung, zu wissen, dass selbst wenn das Ziel der 30 Prozent Schutzfläche erreicht wird, die Stärke des Schutzes von Gebiet zu Gebiet variiert. Im Abkommen ist nicht geregelt, wie stark dieser Schutz sein soll; dies wird erst bei der Umsetzung ausgehandelt. Interessenskonflikte im Rahmen der Nutzung solcher Meeresregionen durch den Menschen sind also vorprogrammiert.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Abkommen bloss ein grosses Versprechen in die Zukunft. Es muss noch von mindestens 60 Ländern und ihren Parlamenten ratifiziert werden. Dann folgt erst die wirkliche Arbeit; allem voran die Etablierung von Schutzgebieten. Um die Gesundheit unserer Ozeane auch für die kommenden Generationen garantieren zu können, wird es uns an Diskussions- und Konfliktstoff vorerst nicht mangeln.
Quellen und weitere Informationen:
Protected Planet: Marine Protected Areas
Deutschlandfunk: Hochseeabkommen
U.S. Department of State: Why protecting the high sea matters
SWR: Hochseeschutzabkommen
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