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Verdient man mit der Matura wirklich besser als mit einer Berufslehre?
Die berufliche Grundbildung stellt, selbst wenn die Ausbildungen enge Qualifikationsprofile aufweisen, kein Risiko für die langfristige Beschäftigungsfähigkeit dar. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis der Studie Beschäftigungs- und Lohnperspektiven nach einer Berufslehre der Universität Lausanne. Negativer stellen sich die Lohnperspektiven der Personen dar, die nur eine Berufslehre absolviert haben. Sie verdienen ab dem 30. Altersjahr schlechter als Personen, die nur eine gymnasiale Matura (und keine Tertiärausbildung) absolvierten. Der Lohnvorteil für die Maturität zeigt sich besonders stark bei Frauen.
Herr Oesch, in Ihrer Studie haben Sie die Beschäftigungs- und Lohnperspektiven von Personen untersucht, die nur eine Berufslehre und keine Höhere Berufsbildung absolviert haben. Beginnen wir bei der Beschäftigung: Wie gut sind diese Perspektiven?
Daniel Oesch Absolventinnen und Absolventen einer beruflichen Grundbildung haben eine enorm hohe Erwerbs- und eine sehr niedrige Arbeitslosenquote. Ganz offensichtlich entsprechen die beruflichen Kompetenzen der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und ermöglichen einer grossen Mehrheit der Personen, die eine Lehre abgeschlossen haben, schnell einen Arbeitsplatz zu finden. Dieser Effekt hält sich ein Leben lang: Auch wenn viele Berufe enge Qualifikationsprofile aufweisen, so schützen sie trotzdem – entgegen von Befürchtungen insbesondere aus dem angelsächsischen Raum – nachhaltig gegen Arbeitslosigkeit. Die Erwerbskarrieren von Personen mit einer Lehre sind, was die Beschäftigungsaussichten betrifft, sogar stabiler als jene von Personen mit einer gymnasialen Matura.
Es gibt viele Personen, die zwar keine Höhere Berufsbildung absolvieren, sich aber dennoch fortbilden und Branchenzertifikate oder Ähnliches erwerben. Können Sie zu dieser Gruppe Aussagen machen?
Leider ist das aufgrund der Datenbasis der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE), die wir verwendet haben, nicht möglich. Sie erhebt non-formale Weiterbildungen nicht.
Die männlichen Gymnasiasten können den Lohnvorsprung nicht einholen. Bei ihnen wiegt der Lohnnachteil bis 33 so schwer, dass er sich – aufgrund der tieferen Erwerbsquote – nicht aufwiegen lässt.
Sagen Ihre Ergebnisse, dass das lebenslange Lernen ein Mantra ohne Bedeutung ist?
Ein spezifisches oder relativ schmales Kompetenzenprofil ist – zumindest im Schweizerischen Umfeld mit einer generell niedrigen Arbeitslosigkeit – in der Tat keine Karrierefalle. Kritischer wirkt sich das Fehlen von Weiterbildungen aber beim Lohn aus. Hier beobachten wir, dass 15 Jahre nach Abschluss der beruflichen Grundbildung kaum mehr Spielräume nach oben da sind. Weiterbildung hat für die Lohnperspektiven also eine hohe Bedeutung.
Diese Lohnentwicklungen haben Sie in Ihrer Studie ja im Detail untersucht. Welche Feststellungen können Sie machen?
Auf Grund ihres frühen Eintritts ins Erwerbsleben verdienen Erwerbstätige mit einer Berufslehre während einigen Jahren höhere Jahreslöhne als diejenigen mit einer Allgemeinbildung auf Sekundarstufe II – die Frauen bis 26, die Männer bis 33. Ab diesem Alter findet eine Trendwende statt. Im Alter von 45 Jahren liegt der Medianlohn von männlichen Gymnasiasten dann um 12 Prozent über jenem von Absolventen einer beruflichen Grundbildung; bei den Frauen beträgt diese Differenz gar 14 Prozent. Mit 60 beträgt der Unterschied bei den Männern dann 39 Prozent, bei den Frauen 62 Prozent.
Trifft dieser Lohnnachteil für alle beruflichen Grundbildungen zu?
Unsere Untersuchungen basieren auf der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE), die Angaben zu den erlernten Berufen enthalten. Wir haben diese Berufe nach sechs verschiedenen Berufsfeldern gruppiert. Sie schneiden alle schlechter als die Gymnasien ab; am lohnattraktivsten sind technische und industrielle Berufe, am wenigsten attraktiv persönliche Dienstleistungen wie der Verkauf, das Gastgewerbe oder Coiffeure.
Können die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ohne Tertiärausbildung den Lohnnachteil, den sie in jungen Jahren erfahren, bis am Ende ihrer Berufslaufbahn kompensieren?
Die Männer können das nicht. Bei ihnen wiegt der Lohnnachteil bis 33 so schwer, dass er sich – aufgrund der tieferen Erwerbsquote – nicht aufwiegen lässt. Dieser Vorsprung beträgt drei bis sieben Prozent. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Hier beträgt der Lohnvorteil der Gymnasiastinnen fünf bis acht Prozent. Das hängt damit zusammen, dass Männer mit Berufslehre in besser bezahlten Feldern tätig sind als Frauen.
Die Berufsbildung scheint den Frauen weniger attraktive Karrieren anzubieten als den Männern.
Das kann man so sagen. Die gymnasiale Maturaquote der Männer stagniert seit 20 Jahren bei 17 Prozent; bei den Frauen ist sie seit 1990 von 13 auf 24 Prozent gestiegen. Mit Blick auf die Lohnperspektiven der Frauen kann man in dieser Entwicklung eine hohe Logik erkennen.
OECD untersuchte «Skills Mismatch»
Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat das Ausmass und die Folgen des «skills mismatch» untersucht. Eine Darstellung der Ergebnisse findet sich auf der Website von Avenir Suisse. Laut dieser «Denkfabrik» zeige die Analyse, dass vor allem Regulierungen den effizienten Einsatz der Beschäftigten behindern. Die Schweiz fehle zwar in der Analyse, aber der vergleichsweise flexible Arbeitsmarkt und das erprobte Bildungs- und Ausbildungssystem deuteten darauf hin, dass sie gut abschneiden würde.
Wie erklären Sie es, dass sich auch mit der wenig arbeitsmarktkonformen, gymnasialen Ausbildung offenbar gut Geld verdienen lässt?
Der Vorteil einer Berufslehre gegenüber der Allgemeinbildung ist, dass sie einen schnellen Übertritt in den Arbeitsmarkt erlaubt. Eine breite Allgemeinbildung leistet das nicht. Aber sie verhilft offenbar zu breiten, arbeitsmarktgerechten Kompetenzen wie Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften, die sich als karriererelevanter erweisen. Zu beachten ist, dass sich in der Gruppe der Gymnasiast/innen auch Personen befinden, die durchaus ein Studium in Angriff genommen, es aber zugunsten einer passenden Anstellung abgebrochen haben.
Können Sie aus Ihrer Studie bildungspolitische Empfehlungen ableiten?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Allgemeinbildung Kompetenzen vermittelt, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden und die auf lange Frist höhere Löhne als die Berufsbildung generieren. Fachübergreifende Kenntnisse, aber auch Sprachkompetenzen wie Englisch und Deutsch, scheinen so wichtig zu sein, dass man ihren Stellenwert auch in der Berufsbildung erhöhen sollte. Unser Arbeitsmarkt wird immer internationaler und stellt immer höhere Anforderungen – mir scheint folglich auch ein höherer Anteil allgemeinbildender Themen in der Berufsbildung erforderlich. Darüber hinaus würde ich die Wirksamkeit von Kampagnen, die den Wert der Berufsbildung aufzeigen sollen, kritisch hinterfragen. Die stärkste Wertung von Bildungsgängen erfolgt auf dem Arbeitsmarkt und zeigt sich in den Löhnen. Ein Beruf mit tiefen Löhnen wird auch mit der besten Kampagne nicht attraktiver. Hier wären insbesondere bei den Frauen die Optionen, die die Berufsbildung eröffnet, zu verbessern.