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Einsiedler Meinradspiel
Das E., ein rund 3700 Verse umfassendes Stück, welches das Leben und Sterben des heiligen Meinrad dramatisiert, wurde 1576 in einer einmaligen Aufführung auf einem von der Mauer des Klosters Einsiedeln umfriedeten Areal gespielt. Meinrad wurde im 9. Jahrhundert auf der Insel Reichenau Mönch, lebte auf dem Etzel als Einsiedler und wurde 861 ermordet. Am Ort der "Meinradszelle" entstand im 10. Jahrhundert das Kloster Einsiedeln. Das Spiel im Geist der Gegenreformation sollte den sittlichen und religiösen Wiederaufbau des katholischen Glaubens stärken. Mit dem erbaulichen Hauptthema kontrastiert eine Gegenhandlung: dem tugendhaften Meinrad wird – im Sinne der zahlreichen Kinderzuchtspiele und -spiegel der Zeit – der Unhold Uli Bösbub gegenübergestellt.
Verfasst wurde das Stück von dem im Dienst des Klosters stehenden Bildhauer und Altarbauer Felix Büchser (1540–1578), dem der Dekan und spätere Abt Ulrich Wittwiler zur Seite stand, was die stellenweise stark theologische Färbung des Textes erklärt. Die Quellen waren narrativer (Wittwilers Fassung der Meinradslegende) und bildlicher (Holzschnitte) sowie, für das Kontrastspiel, dramatischer Art (Jörg Wickrams "Knabenspiegel", 1554, und Johann Rassers "Spil von Kinderzucht", 1574). Schrille Teufelsszenen, zum Teil wörtlich →Jakob Rufs "Adam und Heva" (1550) entlehnt, steigerten die Bühnenwirksamkeit sowohl des Heiligenspiels als auch der Gegenhandlung. Der Text des Spiels wurde 1863 von Gall Morel unter dem Titel "Ein geistliches Spiel von S. Meinrads Leben und Sterben" herausgegeben, die Handschrift befindet sich in der Stiftsbibliothek Einsiedeln.
Das relativ kurze E. ist, wohl um seine Bedeutung zu betonen, auf zwei Tage verteilt. Auf den jeweils von Narr, Prologus und Argumentator bestrittenen Eingang folgen am ersten Tag neun, am zweiten elf Akte. Beide Teile schliesst ein Epilog ab. Die Länge der Akte ist nicht nur sehr unterschiedlich, sie beträgt zwischen 36 (zweiter Tag, fünfter Akt) und über 570 (erster Tag, erster Akt) Verse, sondern ist auch völlig willkürlich. Einerseits werden einheitliche Abläufe in mehrere Akte zerlegt, andererseits sind zeitlich oder örtlich auseinander liegende Ereignisse in einen einzigen Aufzug zusammengenommen. Während im ersten Teil die Aktschlüsse durch Musikeinsätze markiert sind, ist die Situation im zweiten Teil weit gehend unklar. Viele Akte sind in der Handschrift nur durch Randzahlen von anderer Hand und wohl nachträglich bezeichnet. Strukturell aussergewöhnlich ist die Verquickung der durch weit ausholende Monologe und Dialoge ausgeschmückten Haupthandlung mit einem kontinuierlichen "Intermedium" oder "Mittelspil", mit Uli Bösbub als Protagonist. Es ist nicht als geschlossenes Stück im Stück angelegt, sondern als negatives Spiegelspiel auf mehrere, teils weit auseinander liegende Einschübe verteilt.
Aus den knappen Regieanweisungen des Textes lässt sich eine mittelalterliche Simultanbühne mit ebenerdiger neutraler Spielfläche erschliessen, um die sich acht bis zehn Bühnenorte ("Stände", "scenae") gruppierten. Die Stände waren als dreidimensionale Gebäude beziehungsweise Frontandeutungen oder als Wald konzipiert. Die Innenräume der Stände waren sowohl Spiel- als auch Aufenthaltsorte der Schauspieler und in vielen Fällen für die Zuschauenden einsehbar. Die Teufelsauftritte fanden ausschliesslich vor der Hölle statt, in der sich auf einer Feuerstelle Rauch und Gestank produzieren liessen und die ähnlich wie beim Luzerner Osterspiel (→Osterspiel) ein verschliessbarer Rachen war. Auf eine nicht allzu gedrängte Verteilung einiger Bühnenorte deuten unterschiedlich lange Weggespräche (sechzehn bis sechzig Verse) hin, die auch zu Pferd geführt wurden.
Die Zahl der Darsteller ist wegen der Aufteilung der Aufführung auf zwei Tage und entsprechender Mehrbesetzung nicht eindeutig zu bestimmen. Für den ersten Tag sind 42, für den zweiten rund vierzig Sprechrollen vorgesehen. Zusammen mit stummen Personen dürften gegen hundert Spieler und Musiker im Einsatz gewesen sein. Klostergeistliche besetzten wichtige Rollen, die meisten Spieler stammten aus dem Dorf. Männer übernahmen auch die Frauenrollen. Mindestens einige der Teufel trugen Tiermasken (einer rühmt sich seiner langen Eselsohren), andere hatten geschwärzte Gesichter. Die Selbstbeschreibung des Narren und seines Kostüms (Prolog zweiter Tag) entspricht dem seit etwa 1470 in weiten Teilen Europas vereinheitlichten Bild. Für drastische Effekte, an denen das E. reich ist (Meinrad wurde in die Höhe geworfen, ein Kind wurde verbrannt, Missetätern brach man vor dem Publikum die Glieder, Teufel verteilten untereinander Leichenteile), wurden die betreffenden Darsteller durch lebensgrosse Puppen ersetzt.
Die Musik hatte vor allem eine strukturierende Aufgabe: sie eröffnete und beendete die Aufführung. Aktschlüsse und Handlungsabschnitte mit Wechsel von einem Bühnenstand zum nächsten wurden oft musikalisch signalisiert. Im Weiteren hatte Musik Sprechpausen zu überbrücken, während die stumme Handlung fortschritt. In Bezug auf die Instrumentalbesetzung ist den Regieanmerkungen wenig Konkretes zu entnehmen. Trommler, Pfeifer und Trompeter werden ausdrücklich genannt, zur Verstärkung kamen zusätzliche Trompeter aus Luzern. Zum mehrmals vorgesehenen frommen Gesang bildete das "singen, schryen, blären" der Teufel einen kakophonischen Kontrast. Das Tagebuch des Abts Adam Heer (1569–85) hält fest, dass zahlreiche auswärtige und einheimische Zuschauerinnen und Zuschauer aller Stände das Publikum des E. bildeten. Die auswärtigen Gäste wurden, wie bei den Luzerner Osterspielen, wohl bewirtet, so dass das Schauspiel auch zu einem geselligen Ereignis wurde.
Das E., in welchem sich mittelalterliche Legende und zeitgenössisches Ideengut vereinen, blieb wegen des Brandes von 1577, der Kloster und Dorf verheerte, bis zum Entstehen des →Einsiedler Wallfahrtstheaters ohne Nachfolge. Es bildete aber in der Schweiz den Auftakt zu einer langen Reihe von Heiligen- und Legendenspielen, deren sich in der Folge auch das barocke Jesuitentheater annahm.
Literatur
- Häne, Rafael: Das Einsiedler Meinradspiel von 1576. Dissertation Freiburg, 1926.
Autor: Hans E. Braun
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Braun, Hans E.: Einsiedler Meinradspiel, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 524–526.