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Gottesdienstbesuch bei der Living Church Baden
Loïc Bawidamann, 2015
Bei brütender Hitze treffe ich mich am Bahnhof Baden mit einer Mitschülerin. Mia (Name geändert) geht nicht regelmässig in die Living Church, doch hat sie sich bereit erklärt, mich zu begleiten. Normalerweise besucht sie Gottesdienste der FEG in Wettingen, doch sie mag es, ab und zu an anderen Gottesdiensten teilzunehmen. Von Baden fahren wir mit dem Bus nach Rieden, wo wir rund 25 Minuten zu früh eintreffen. Wir betreten das ehemalige Fabrikareal und gelangen in einen grossen, hohen Raum. Einige kennen Mia und begrüssen auch mich sehr herzlich, doch auch Leute, die weder mich noch Mia kennen, kommen herzlich auf uns zu, stellen sich vor und heissen uns willkommen. Die meisten seien nicht so anständig wie wir und würden den Bus nehmen, der fünf Minuten nach offiziellem Beginn des Gottesdienstes ankommt, erklärt uns eine junge Frau.
Im Raum ist es extrem heiss, auch der Ventilator in der Ecke kann da nur wenig ausrichten. Reihenweise sind Stühle aufgestellt, die zu einer Bühne gerichtet sind, auf der sich ein Stehtisch, ein elektrisches Klavier, ein Cajon (ein perkussives Instrument, das häufig als Ersatz für ein Schlagzeug benutzt wird), eine Gitarre, einige Lautsprecher und Mikrophone befinden. Als Hobbymusiker erkenne ich schnell: die Living Church ist gut ausgerüstet. Es kommen immer mehr Leute, die uns alle begrüssen. Auf der Leinwand, die an der Rückwand angebracht ist, läuft ein Countdown: ein aufwändiges Video, das am Zürcher Hauptbahnhof tanzende Jugendliche zeigt und nebenbei die Sekunden runterzählt. Alle suchen sich einen Platz, und am Ende des Videos sitzen alle erwartungsvoll in den Reihen. Etwa 35 Leute sind da, vorwiegend junge Leute zwischen 16 und 30. Vereinzelt sind auch ältere Personen gekommen.
Eine dreiköpfige Band spielt auf der Bühne ein erstes Lied, worauf eine junge Frau die Bühne betritt und die Anwesenden willkommen heisst. Ich bin etwas erstaunt, denn ich habe Sent, den Leiter der Gemeinschaft erwartet, doch der sitzt wie alle anderen in den Reihen.
Die Moderatorin kündet als erstes den Abschied von zwei Mitgliedern an und bittet die Abtretenden sowie die an der Verabschiedung Beteiligten, auf die Bühne zu kommen. Einige Mitglieder folgen ihrem Aufruf, unter ihnen auch Sent. Zu jedem der beiden erzählt Sent einige Erlebnisse und dankt ihnen für ihr langes und intensives Engagement.
Ein Geschenk wird überreicht und auch die Abtretenden dürfen sich noch zu Wort melden. Es ist rührend anzusehen, dass viele Mitglieder weinen oder mindestens Tränen in den Augen haben. Mir wird klar, die Gruppe kennt sich gut und es bestehen intensive Bindungen untereinander. Zum Schluss der Verabschiedung betet man für die beiden. Wer will, darf auf die Bühne kommen und ein eigenes Gebet vortragen. Noch einige weitere Mitglieder gehen auf die Bühne und beten. Die noch in den Reihen Gebliebenen stehen auf, schliessen ihre Augen und hören zu.
Auf die Verabschiedung folgt ein Lied der Band. Wieder wird nicht gerappt, was mich ein bisschen verwirrt, denn Sent (26) und Stego (27), der ebenfalls anwesend ist, sind auf Youtube als Rapper bekannt. Statt Hiphop erklingt abermals eine Pop-Ballade. Viele stehen auf und singen mit.
Nun tritt Sent auf die Bühne, für den wichtigsten Teil des Gottesdienstes, wie mir Mia erklärt. Die Predigt beginnt mit einer Lesung aus dem neuen Testament. Es ist nur ein sehr kurzer Abschnitt, doch mehr braucht Sent auch nicht für seine Rede. Auf der Bühne am Stehtisch stehend erläutert er Wort für Wort und untermalt seine Beschreibungen mit Beispielen aus dem Alltag und aus seinem Leben. In Mundart und mit modernem Vokabular versucht Sent den Anwesenden das Leben Jesu näher zu bringen. Er predigt zum Thema Zugehörigkeit und Ausschluss, und stützt sich dabei auf Zitate aus Johannes 17. Auch betont er die Einigkeit unter Gläubigen und bezeichnet sich und die Anwesenden als Gesandte in dem Sinne, dass sie eine Aufgabe auf Erden zu erfüllen haben (28). Ausser mir scheinen ihm alle an den Lippen zu hängen, doch mich weiss er nicht ganz so zu fesseln. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind dennoch beachtlich, die teilweise schon beinahe unanständige Wortwahl lassen das Ganze weniger wie eine Predigt, sondern eher wie eine Gespräch unter Jugendlichen wirken. Am Ende wird gemeinsam gebetet.
Nach der langen Predigt kommt die dreiköpfige Band wieder zum Einsatz. Es folgen einige Lieder, bei denen alle fröhlich mitsingen. Auf der Leinwand im Hintergrund erscheint der Text, damit auch wirklich jeder beim Gesang mitwirken kann. Die Moderatorin wünscht allen einen schönen Abend und lädt die Anwesenden noch zu einem Stück Kuchen ein. Auch würden zwei Mitglieder nach dem Gottesdienst für und mit denen beten, die dies wünschen.
Mia und ich beschliessen, noch einen Moment da zu bleiben, und wir werden sogleich in Gespräche verwickelt. Ich frage nach Gleam Joel, doch die meisten kennen ihn nicht wirklich. Nur Sent berichtet davon, dass Gleam Joel gerade in Berlin sei. Auf meine Frage nach dem Rap, den ich während des ganzen Abends vermisst habe, erklärt Sent, dass sie nur noch selten und gezielt Events mit Hiphop und Rap durchführen würden.
Mia und ich machen uns auf den Weg. Wie schon bei unserer Ankunft kommt beinahe jeder im Raum vorbei und verabschiedet sich persönlich von uns. Wir werden eingeladen zu bleiben, doch wir lehnen dankend ab.
Draussen fragt mich Mia, wie es mir gefallen habe, und ich gebe zu, dass mich die Offenheit und Freundlichkeit der Living Church beeindruckt hat. Die Gruppe wirkte auf mich wie eine vertraute Gemeinschaft, bei der jeder jeden mag und gut kennt. Der Gottesdienst an sich hat mich jedoch etwas enttäuscht, denn obwohl die Living Church jung, dynamisch und alternativ auftreten will, ist sie letzten Endes eine normale evangelikale Gemeinschaft. Weder Hiphop noch sonst etwas macht die Living Church anders als die anderen, traditionelleren Freikirchen.