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Am 16. September 1992 gingen Schockwellen um die Welt: An diesem Mittwoch bezwang George Soros die Zentralbank Grossbritanniens.
Leg dich nie mit einer Notenbank an: Es wird ein Kampf zwischen David und Goliath – einem Goliath in voller Rüstung und einem David ohne Schleuder. So lautete ein ungeschriebenes Börsengesetz. Bis 1992. Denn in diesem Jahr beschliesst George Soros, ungeschriebene Gesetze neu zu schreiben. Der 1930 geborene Ungar ist nach einem Wirtschaftsstudium mit nur 5000 Dollar in der Tasche nach Amerika ausgewandert und mit Investmentfonds und Spekulationsgeschäften zum Finanzmagnaten geworden; das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein aktuelles Vermögen auf 25 Milliarden Dollar. «Märkte», sagt Soros, «sind immer ungewiss und im Fluss, und Geld zu machen heisst, das Offensichtliche zu ignorieren und auf das Unerwartete zu wetten.»
Das Offensichtliche: 1992 ist die Europäische Union noch eine blutjunge Zwölfergemeinschaft. Der Gründungsvertrag von Maastricht ist am 7. Februar unterzeichnet worden; die EU besteht aus Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Dänemark, den Benelux-Staaten, Irland, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Deutschland hat vor kurzem die enorm kostspielige Wiedervereinigung vollzogen und damit das politische und wirtschaftliche Gefüge Europas gehörig durcheinandergebracht. Die deutsche Verschuldung treibt die Inflation in die Höhe, die Deutsche Bundesbank gibt Gegensteuer und erhöht die Leitzinsen.
Eine europäische Zentralbank gibt es noch nicht; die Staaten sind erst durch das Europäische Währungssystem (EWS) verbunden. Dessen Kern ist ein Mechanismus, der die unterschiedlichen Währungskurse – innerhalb bestimmter Bandbreiten – stabilisieren soll. Um einer Abwertung ihrer Währungen zu entgehen, ziehen andere Länder mit der deutschen Zinserhöhung mit. Das setzt namentlich London unter Druck: Das britische Pfund, durch das EWS an die anderen EU-Währungen gebunden, gilt gemessen an Wirtschaftsleistung und Staatshaushalt schon länger als stark überbewertet.
George Soros wittert Grossbritanniens Schwäche. Er spekuliert darauf, dass England entweder das Pfund massiv abwertet oder aus dem EWS austritt. Um von dieser Abwertung zu profitieren, tauscht er geliehene Pfund Sterling im Gegenwert von 10 Milliarden US-Dollar in andere europäische Währungen wie die Deutsche Mark oder den französischen Franc um. Der Druck auf das Pfund Sterling nimmt weiter zu.
In den Büros von Robin Leigh-Pemberton, dem Chef der Bank of England, bricht Hektik aus. Erst kauft die Bank im grossen Stil Pfund auf, um die eigene Währung zu stützen. Der Erfolg bleibt aus. Am Mittwoch, 16. September, erhöht die Notenbank die Zinsen von 10 auf 12, nur Stunden später gar auf 15 Prozent, um ausländische Investoren ins Pfund zu locken – auch diese Massnahme verpufft. Soros lässt sich nicht beeindrucken und wartet ab. Um 19 Uhr desselben Tages dann der Paukenschlag: Der britische Schatzkanzler Norman Lamont tritt vor die Presse und erklärt den Austritt aus dem EWS. Das Pfund stürzt ab, in den nächsten Wochen um fast 15 Prozent gegenüber der Mark und um 25 Prozent gegenüber dem Dollar.
Der Tag geht als ‹Black Wednesday› in Englands Finanzgeschichte ein. George Soros dagegen, der David mit dem Investmentfonds, verdient auf einen Schlag rund eine Milliarde Dollar und gilt bis heute als «der Mann, der die Bank of England sprengte».