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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

105. Vortrag
8.
Es müßte denn nur sein, daß wir Bedenken tragen, ihn vorherbestimmt zu nennen, weil der Apostel nur von uns gesagt zu haben scheint, daß wir gleichförmig seinem Bilde werden. Als ob einer im gewissenhaften Hinblick auf die Glaubensregel den Sohn Gottes als vorherbestimmt leugnen wollte, der ihn als Mensch nicht leugnen kann. Mit Recht allerdings wird er nicht als vorherbestimmt bezeichnet, sofern er das Wort Gottes, Gott bei Gott ist. Denn wozu sollte er in dieser Beziehung vorherbestimmt werden, da er schon war, was er war, ohne Anfang und ohne Ende ewig? Das aber mußte vorherbestimmt werden, was noch nicht war, damit es so zu seiner Zeit eintrete, wie sein Eintreten vor aller Zeit vorherbestimmt war. Wer also den Sohn Gottes als vorherbestimmt leugnet, der leugnet ebendenselben als Sohn des Menschen. Allein wegen der Streitsüchtigen laßt uns auch darüber den Apostel im Anfang seiner Schreiben hören. Denn im ersten seiner Briefe, der an die Römer gerichtet ist, liest man, und zwar gleich im Anfang desselben: "Paulus, Diener Jesu Christi, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, das er vorher verheißen hatte durch seine Propheten in den heiligen Schriften von seinem Sohne, der ihm aus dem Samen Davids geworden ist nach dem Fleische, der vorherbestimmt ist zum Sohne Gottes in Kraft nach dem Geiste der Heiligung aus der Auferstehung von den Toten"1 . Gemäß dieser Vorherbestimmung also ist er auch verherrlicht worden, ehe die Welt war, damit seine Verherrlichung sei aus der Auferstehung von den Toten beim Vater, zu dessen Rechten er sitzt. Da er also sah, daß die Zeit seiner vorherbestimmten Verherrlichung bereits gekommen sei, so daß jetzt auch in der Ausführung geschehen sollte, was in der Vorherbestimmung schon geschehen war, betete er und sprach: "Und jetzt verherrliche mich Du, Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war", als würde er sagen: Es ist Zeit, daß ich die Herrlichkeit, welche ich bei Dir hatte, d.h. welche ich bei Dir in Deiner Vorherbestimmung hatte, auch im Leben zu Deiner Rechten habe. Allein weil die Besprechung dieser Frage uns lange hinhielt, soll das Folgende in einer anderen Rede behandelt werden.
1: Röm 1,14