Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/1706

Stützt die Schweiz offiziell die Vormachtstellung von Microsoft, oder stellt sie sich gegen den Giganten?
Es war wie ein verrücktes Fussballspiel. Die eine Mannschaft gehört einem reichen Konzern, die andere bestand aus brillanten, unabhängigen, aber mittellosen Spielern. Als die reiche Mannschaft zu verlieren drohte, schickte der Konzern mehr Spieler aufs Feld - und es gab keine Regel, die ihn daran hindern konnte. Am Ende standen einem freien Spieler fast vier Konzernspieler gegenüber. Der Kampf schien am Dienstag gelaufen. Hans Rudolf Thomann sagte gegenüber der WOZ: «Wir haben entschieden: Die Schweiz empfiehlt, Open XML von Microsoft als internationalen Standard anzuerkennen.» Thomann sagte noch, das dürfe nicht vor Donnerstag kommuniziert werden, es sei eine heisse Sache.
Thomann ist ein wichtiger Mann: Er leitet das offizielle Schweizer ExpertInnenkomitee, das über die Microsoft-Frage zu befinden hat. Und in ebendiesem Komitee trafen die freien Spieler auf eine stetig wachsende Zahl von Konzernspielern, sprich Microsoft-Leuten.
Es geht um die Frage, wie ein Computerdokument verpackt sein soll, damit es später auch mit Programmen geöffnet werden kann, mit denen es nicht erstellt wurde. Firmen, aber auch Behörden, die ihre Dokumente elektronisch ablegen wollen, verursacht dieses Problem Kopfzerbrechen. Ein elektronisches Archiv ist nur brauchbar, wenn sich die archivierten Texte auch nach Jahren noch öffnen lassen, sonst sind sie für immer verloren.
Um das zu vermeiden, braucht es einen Standard, der festlegt, wie die Datenstruktur eines Textes oder einer Tabelle aussehen muss. Der Standard muss einfach und für alle offen zugänglich sein, sonst kann er ja nicht in jede neue Software eingebaut werden. Ein solcher Computerstandard existiert bereits, er heisst Open Document Format (ODF), wurde von unabhängigen Softwareleuten entwickelt und im Mai 2006 von der internationalen Zertifizierungsbehörde ISO anerkannt.
Microsoft will sich nun aber das Geschäft nicht vermasseln lassen und versucht, weltweit einen eigenen Standard - das sogenannte Open XML, das Fachleute ooxml nennen - durchzudrücken. Die ISO soll nun diesen Standard anerkennen. Doch bevor das passiert, geben die Länder ihre Empfehlung ab. In der Schweiz ist die Normen-Vereinigung (SNV) dafür zuständig, sie organisiert ExpertInnenkomitees, welche eine entsprechende Empfehlung abgeben. Normalerweise ist das ein unspektakuläres Verfahren, im ooxml-Komitee ging es hingegen hitzig zu, zu viel Macht und Geld stehen auf dem Spiel.
Wie heiss das Geschäft ist, offenbar-te sich am Dienstagnachmittag. Kurz nachdem die WOZ mit Thomann gesprochen hatte, erhielt die Redaktion ein internes SNV-Schreiben, in dem es hiess, die Abstimmung sei annulliert und werde wiederholt. Thomann, der Vorsitzende des ExpertInnenkomitees, wurde faktisch entmachtet.
Ein Standard, der keiner ist
Der Computerspezialist Norbert Bollow, Präsident der Swiss Internet User Group (SIUG), sass von Anfang an im Komitee und kennt die Details. «Was Microsoft vorgelegt hat, ist kein Standard, das ist eine gute Dokumentation, nicht mehr», kritisiert er. Der Microsoft-Standard umfasse 6000 Seiten und sei völlig unübersichtlich, niemand könne damit arbeiten; der ODF-Standard kommt hingegen mit 680 Seiten aus. Bollow hat - vermutlich als Einziger in der Schweiz - einen erheblichen Teil des Microsoft-Papiers gelesen. Es gebe darin einige dicke Würmer, sagt er: «Grundsätzliche Mängel der Microsoft-Programme werden so zum Standard erhoben.»
Auch wisse man zum Beispiel nicht, welche Patente in den 6000 Seiten versteckt seien - das erlaube es Microsoft, für seinen angeblich offenen Standard später Geld zu kassieren. Das Hauptproblem: «Es ist ein Standard für Microsoftprodukte, aber ein Standard sollte unabhängig sein von einem Unternehmen, das heisst für alle anwendbar, sonst ist es kein Standard.» Nach den Grundsätzen der Welthandelsorganisation (WTO) sei es verboten, einen Standard zu erlassen, der ein Einzelunternehmen bevorzuge. Da die Schweiz das WTO-Recht vollständig übernommen hat, wäre es nach Einschätzung der SIUG rechtswidrig, wenn sie nun diesen Standard akzeptiert.
Mehrere Länder wie Indien, Brasilien, China oder Südafrika haben sich bereits gegen Open XML ausgesprochen, weil sie nicht von Microsoft abhängig sein wollen. Norwegen, Italien und Spanien haben Stimmenthaltung beschlossen.
Seltsamer Entscheidungsprozess
Die Schweizerische Normen-Vereinigung greift in Normierungsfragen inhaltlich nicht ein, sondern bereitet lediglich die Entscheidungsfindung vor. Den Entscheid selbst sollten die ExpertInnen der jeweiligen Komitees fällen. Doch da wird es brisant: Jeder und jede kann Mitglied eines Komitees werden. Am Anfang hatte das ooxml-Komitee etwa zwanzig Mitglieder, als es um die Abstimmung ging, waren es plötzlich über fünfzig. Offensichtlich hatte Microsoft noch kurz vor der Abstimmung Leute ins Komitee geschickt. Nach SNV-Reglement ist dies zulässig, was zeigt, dass die Normen-Vereinigung auf solche politischen Entscheide nicht vorbereitet ist.
Die Wiederholung der Abstimmung dürfte kaum ein anderes Ergebnis bringen, da sich an der Zusammensetzung des Komitees nichts mehr ändert. Die Abstimmung per Mail geht am 1. September zu Ende. Spätestens am 2. September muss die Schweiz ihre Empfehlung an die ISO leiten. Im Februar wird auf internationaler Ebene verhandelt. Noch hat Microsoft nicht gewonnen.