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Es war im Jahr der Gnade 1535. Die guten Bewohner des gegenwärtigen Kirchensprengels von Capriasca hatten endlich den Entschluss gefasst, ein grosses Kapuzinerkloster zu bauen. Wie es aber oft geschieht in solch wichtigen Angelegenheiten, entstanden Meinungsverschiedenheiten über die Lage, wo das Kloster hinkommen sollte. Endlich entschied eine schwache Mehrheit des Volkes, das Kloster müsse in die Nähe des Dorfes Lugaggia gebaut werden. Einige meinten, in dessen unmittelbare Nähe, andere dagegen genau an die Stelle, wo heute der kleine Palast der Familie Quadri steht, die dem Land zwei tüchtige Architekten geschenkt hat, und die dem Kirchsprengel von Pieve Capriasca zu Ehre und Ruhm gereichen.
Es war im Monat Juli, und man hatte schon mit den Grundmauern des Klosters begonnen, als zwei sehr merkwürdige Dinge geschahen, aus denen das brave Landvolk deutlich den Willen Gottes erkennen konnte.
Eines Tages nämlich flog eine Schar Schwalben herbei und setzte sich auf den Rand der weiten Grube, worin der gelöschte Kalk sich befand. Jeder Vogel nahm ein Stückchen Kalk in seinen Schnabel und flog davon in der Richtung gegen den Monte Bigorio bei Tesserete. Diese Arbeit der freundlichen Schwalben dauerte unaufhörlich einen ganzen Tag und noch den folgenden dazu. Nun wollten aber einige Dorfbewohner über die Sache ins klare kommen, und sie verfolgten die Flugrichtung der Vögel. Welch Wunder war da zu sehen! Auf einem anmutigen Hügel, etwa eine Viertelstunde oberhalb des hübschen Dorfes Bigorio, entdeckten sie, wie von Meisterhand gebaut, eine kleine Säule aus Kalk, etwa einen Meter hoch und ungefähr einen Fuss im Durchmesser. Diese wunderbare Arbeit war von den Schwalben ausgeführt worden. Das Ereignis machte grossen Eindruck. Das Landvolk glaubte darin eine Offenbarung Gottes zu sehen, und die Meinungsverschiedenheiten entbrannten mehr als zuvor. Immerhin wurden die Bauarbeiten in Lugaggia fortgesetzt.
Bald darauf kam ein neues Ereignis hinzu. Es war um die Mittagsstunde des 26. Juli, am Tag der Sankt Anna. Die Maurer hatten die rauhe und mühsame Arbeit eingestellt. Einige waren zum Mittagessen nach Hause zu ihrer Familie zurückgekehrt. Andere verzehrten ihr Mahl an Ort und Stelle. Plötzlich sahen sie aus der Höhe wie im Steilflug einen grossen Raben herabfliegen. Der setzte sich auf einen Kittel, aus dessen Tasche ein Papier ein wenig herausguckte. Schnell fasste er die Rolle mit seinem starken Schnabel und flog damit schleunigst davon. Es war der Bauplan, den der Architekt ausgearbeitet hatte für den Bau des Klosters. Man konnte beobachten, dass der Rabe die gleiche Richtung nahm wie die Schwalben, nämlich zur Ortschaft Bigorio hinauf.
Dieser unerhörte Vorfall, dessen Kunde .sich unter der Bevölkerung rasch verbreitete, machte einen sehr starken Eindruck. Da der Bauplan fehlte, mussten die Arbeiten unterbrochen werden.
Am 29. Juli begaben sich zwei Bäuerinnen aus Bigorio auf einen Hügel nicht weit oberhalb des Dorfes, um Gras zu mähen. Da fand die eine von ihnen einen grossen Bogen Papier, auf dem Zeichnungen angebracht waren. Sie zeigte die Rolle ihrer Nachbarin, und weder die eine noch die andere begriff, was das bedeuten sollte. Um die Mittagsstunde kehrten sie heim und brachten das Papier dem Bürgermeister. Dieser erkannte, dass es sich um nichts anderes als den Bauplan für das Kapuzinerkloster handelte. Er beeilte sich, ihn dem Bauleiter sofort zu übergeben. Die Kunde, dass der Plan in einem Wald auf dem Gebiet von Bigorio wieder gefunden wurde, und zwar genau auf dem gleichen Hügel, wo eine Woche vorher die Schwalben die Säule errichtet hatten, verbreitete sich wie der Blitz unter der Bevölkerung. Es war eine zweite Offenbarung. Alle erkannten darin ein Zeichen Gottes und der Madonna, der die Schwalben geweiht und heilig sind.
Jetzt waren alle darüber einig, dass man das Kloster nicht mehr im Dorf Lugaggia, sondern auf dem schönen Hügel oberhalb Bigorio bauen sollte. Und so geschah es. Und noch heute schaut das grossartige Kloster der Kapuziner von Bigorio von dort oben herab auf den ganzen Bezirk von Capriasca wie ein liebevoller Vater, der seine Kinder überwacht.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.