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An der Lagoa do Peixe “Lagune der Fische”, (Bundesstaat Rio Grande do Sul) wie sie in der deutschen Übersetzung heisst, im Küstenbereich des Bundesstaates Rio Grande do Sul, eins der bevorzugten Ziele der Zugvögel aus weit entfernten Ländern, beginnt man bereits die Folgen des Klimawechsels zu spüren, aber noch funktioniert das Zusammenspiel vom Erhalt der Biodiversifikation mit dem Tourismus gut.
Im jährlichen An- und Abfliegen über die Kontinente auf der Suche nach Futter und Wärme, finden Vögel aus allen Teilen der Welt in Brasilien sichere Häfen für ihren kurzen oder längeren Verbleib. Diese Tatsache hat man vor allem unter den Wasser- oder Watvögeln beobachtet, die auf ihren Wanderungen weite Strecken zurücklegen, um ihnen genehme sumpfige Gebiete zu erreichen. Ihre Zwischenaufenthalte wurden von kanadischen Forschern aufgezeichnet, die ihre Wanderungen mit kleinen Flugzeugen entlang der gesamten südamerikanischen Küste verfolgten. Ihre Registrierungen beweisen, dass Rio Grande do Sul das zweite Ziel der Watvögel darstellt, nach dem ersten, den sogenannten “Reentrâncias” im ebenfalls brasilianischen Bundesstaat Maranhão.
Unter den Ländern der südlichen Peripherie, die den Zugvögeln vorübergehend als Winterquartier dienen, steht Brasilien an dritter Stelle – nach “Terra de Fogo” (Feuerland – zwischen Argentinien und Chile) – und einer anderen Bucht in Chiles Süden. Im Land der Gaúchos (gemeint ist Rio Grande do Sul) konzentrieren sich die Zugvögel auf den mittleren Küstenbereich (90%). Allein der Nationalpark der “Lagoa do Peixe” nimmt 56% von ihnen auf. Wenn man die enorme Grösse der Gaúcho-Küste bedenkt, so demonstriert die “Lagoa do Peixe”, mit ihren nur 34.000 Hektar, ihre immense Bedeutung für diese Vögel.
Der Nationalpark, gegründet 1986 und administriert vom “Instituto Chico Mendes zur Erhaltung der Biodiversifikation (ICMBio), ist ein Paradies, das an ein anderes Sanktuarium für Tiere in Brasilien erinnert, das Pantanal. In der Region von Tavares, einem Munizip mit 6.000 Einwohnern, gibt es Meer und Strand, Dünen, Savanne, Lagunen, Marismas (das sind überflutete Terains um eine Lagune herum), feuchte Wiesen mit Tümpeln, Feuchtwälder um Lagunen herum, höher gelegene sandige Wälder und trocken-sandige Wiesen mit feuchten Vertiefungen auf den höher liegenden Terrains. Diese deutliche Verschiedenheit des lokalen Ambientes übt eine enorme Anziehung auf eine grosse Vielfalt von Zugvögeln aus auf einem Küstenstreifen zwischen Tavares und dem Örtchen Mostardas.
Und was für ein wundervolles Spektakel bieten diese Vogelschwärme, wenn sie zusammen im seichten Wasser der Lagune voranschreiten, um sich von kleinen Fischen und Krebstieren zu ernähren. Ein übers andere Mal kann man einen Schwarm chilenischer Flamingos im Flug beobachten, die den Himmel rosa färben. Überall entdeckt man Schnepfen, Scherenschnäbel, Seeschwalben, Kiebitze, Störche, Löffler, Ibisse, und viele andere Arten.
Alle Ökosysteme dieser Schutzzone in Südbrasilien und ihrer Umgebung werden von bestimmten Arten auch zum Überwintern genutzt. Der Maçarico-de-sobre-branco (Calidris fuscicollis) besetzt die seichten Lagunen; der Maçarico-branco (Calidris alba) bevorzugt die Meeresstrände und verwandelt das Umfeld des Parks in sein ganz persönliches Betätigungsfeld. Die Ufer der Lagoa do Peixe werden vom Batuiruçu-do-campo (Pluvialis dominica) – dem Wanderregenpfeifer, am liebsten aufgesucht. Dort findet man diese Spezies in so grossen Populationen wie sonst nirgendwo in Südamerika. Der Maçarico-acanelado (Tryngites subruficollis) – Grasläufer, vom Aussterben bedroht, zeigt sich in grossen Verbänden auf dem Küstenstreifen – in Rio Grande do Sul kann man ihn an einem von drei Orten seiner grössten Konzentration beobachten.
Einige Zahlen, die kürzlich von den kanadischen Forschern an der brasilianischen Küste ermittelt wurden, sind allerdings Besorgnis erregend, wenn man sie mit denen von Amerikanern aus den 1980er und 1990er Jahren registrierten Daten vergleicht. Von den Maçaricos-de-papo-vermelho (calidris canutus), zum Beispiel, gab es 1984 an der Lagoa do Peixe circa 10.000 Exemplare – nach der jüngsten Bestandsaufnahme waren es nur noch zwischen 5.000 bis 7.000 Individuen. Am Strand von Cassino, im Grenzgebiet des Parks, gab es in den 1990er Jahren etwa 6.000 der Maçaricos-de-sobre-branco (Calidris fuscicollis) , und jetzt kein einziges Exemplar mehr.
Im gesamten Lagunengebiet jedoch konnte man noch 15.000 dieser Spezies registrieren. Eine stabile Population ist die des Maçarico-branco (Calidris alba) – des Sonderlings: 6.000 im Jahr 1996 an der Lagoa do Peixe und 8.000 im Oktober 2008. Und warum ist eigentlich der Schutz der weitgereisten Zugvögel so wichtig? Im Jahr 2003, angesichts des deutlichen Rückgangs der Populationen, kamen Forscher verschiedener Nationalitäten zu dem Schluss, dass es nicht genügte, den einen oder anderen Sammelpunkt der Zugvögel zu schützen, sondern es sollte dafür gesorgt werden, dass alle diese Zwischenstationen rund um den Globus sich in bestem Zustand befänden. Und daraufhin gründete man ein internationales Netz von Reservaten, um so einem Aussterben der Arten Paroli zu bieten.
Der “Parque Nacional da Lagoa do Peixe” wurde als Rastplatz von internationaler Bedeutung hervorgehoben, weil er 10% der Weltpopulation des Maçarico-de-papo-vermelho (calidris canutus) – deutsche Bezeichnung “Knutt”, des Maçarico-de-bico-virado (Limosa haemastica) – deutsche Bezeichnung “Hudsonschnepfe, und wahrscheinlich auch des Maçarico-acanelado (calidis subruficollis) – des Grasläufers, beherbergt. Die am meisten studierte Spezies, der Maçarico-de-papo-vermelho ist das deutlichste Beispiel für die abnehmende Anzahl der Zugvogelpopulationen. Sie bestand während der 1970er Jahre noch aus insgesamt circa 68.000 Individuen; im Jahr 2000 war sie auf 50.000 zurückgegangen und verringerte sich weiter um durchschnittlich 10.000 pro Jahr.
Der Grund dieser sinkenden Bestandszahlen kann mit Problemen an einem oder mehreren Zwischenlandungsorten zu tun haben. Inzwischen weiss man, dass sich der Maçarico-de-papo-vermelho (calidris canutus) in der Delaware Bay, in den USA, fast ausschliesslich von Eiern des Caranguejo-ferradura (Limulus polyphenus) – dem Pfeilschwanzkrebs, ernährt, und diese Eier wurden dort in grossen Mengen von der Bevölkerung zum Eigenverzehr gesammelt. Ohne eine adäquate Menge dieser Nahrung können die Vögel keine Fettreserven anlegen, um sich für die Fortsetzung ihres Fluges von Süden nach Norden, bis zum Ort ihrer Reproduktion in Alaska, zu stärken.
Im Gebiet der Lagoa do Peixe, einem Ort des Überflusses für den Maçarico-de-papo-vermelho, der die nördliche Hemisphäre während des Winters verlässt, gibt es noch keine Studien über den Einfluss des Ökosystems auf diese Population. Der Biologe Rafael Dias, von der Staatlichen Universität von Rio Grande do Sul (UFRGS), erklärt, dass es im Süden einen schwierig zu erreichenden Ort gibt – er wird “Baía dos Canutos” genannt – wo sich eine
grosse Zahl dieser Spezies aufhalten soll, die sich dort für ihre lange Wanderung mästen. Im April 2005 hat er dort 5.000 Individuen gezählt. Aber wer kann garantieren, dass Probleme wie die der Delaware-Bucht nicht auch in Rio Grande do Sul auftreten können? Für den Forscher bedeutet das, dass es höchste Zeit ist, sich intensiv mit jenen Vögeln zu befassen, die Brasilien auf ihrer Überlebensroute anfliegen, um sich hier mit neuen Nahrungsreserven einzudecken.
Klima und Wanderschaft
Ausser dem mangelnden Nahrungsangebot für die Vögel an ihren Rastplätzen, durch die direkte Einflussnahme der Menschen, sind die klimatischen Veränderungen durch die globale Erwärmung ebenfalls ein Problem für die Zugvögel. Kürzlich vollendete Studien zeigen, dass die weltweite Durchschnittstemperatur um 1°C gestiegen ist, mehr Regen und weniger trockene Tage sind die Folge. In Rio Grande do Sul haben die gussartigen Regenfälle stark zugenommen, besonders im Oktober, hat der Biologe Gayson Bencke, von der “Fundacao Zoobotânica” dieses Bundesstaates, festgestellt.
Mit den klimatischen Veränderungen beginnen verschiedene Zugvogelarten sich neu auf unserem Planeten zu verteilen. Die Verringerung der extremen Kälte in einigen gebirgigen Gegenden und an den Polen bewirkt, dass einige Vogelarten die Berge “hinaufklettern” – in einem Rhythmus von circa 11 Metern pro Jahr – und sich weiter in extreme Hemisphären zurückziehen, wo sie die gewohnten Temperaturen wiederfinden. Wenn man diese Überlegungen fortführt, erreicht man einen Punkt, an dem es für die Vögel nicht mehr nötig sein wird, in den Süden oder den Norden auszuweichen.
In vielen Fällen tragen die natürlichen Barrieren unseres Planeten zur Verringerung ihrer Populationen bei. Zum Beispiel die alpinen Arten, wenn die nichts mehr haben, um in noch grössere Höhen hinauf zu gelangen, verlieren sie ihren Lebensraum und ihre Populationen gehen zurück, erklärt der Professor Bencke.
In Brasilien, wo die Durchschnittstemperatur ebenfalls gestiegen ist, geht die Tendenz der Zugvögel dahin, ihre Rastplätze weiter in den Süden zu verlegen. Aber wenn sie die “zu warm” gewordene Lagoa do Peixe gegen ein anderes Ökosystem tauschen werden, ob sie wohl an diesem neuen Platz das gleiche Angebot an Nahrung finden werden? Die aus weit entlegenen Ländern angereisten Zugvögel reagieren am sensibelsten auf die Folgen der globalen Erwärmung. Und das deshalb, weil sie ein Meeresambiente brauchen, und feuchte Areale, und sie lassen sich im Verlauf ihrer langen Reise in Ökosystemen nieder, die alle von klimatischen Veränderungen betroffen sind: In der nördlichen Hemisphäre reproduzieren sie sich in der Tundra – einer Vegetation, die sich auf felsigen Böden und unter Dauerfrost entwickelt.
Sie fliegen entlang der Küstenregionen und verbringen den Winter in der südlichen Hemisphäre, im Feuchtgebiet der Lagoa do Peixe. Was wird wohl in den Gebieten ihrer Fortpflanzung geschehen, wenn die Gletscher des “ewigen Eises” im Norden geschmolzen sind? Projektionen weisen darauf hin, dass die Tundra von den Spezies einer Busch- und Baumvegetation vereinnahmt werden wird, und somit werden die an die Kälte angepassten Vögel ihren Lebensraum verlieren und ihre Populationen würde aussterben.
Eine ungewisse Zukunft
Von besonderer Bedeutung erscheint die Tatsache, dass der Bundesstaat Rio Grande do Sul und die Lagoa do Peixe sich geografisch in einer Übergangszone zwischen tropischem und gemässigtem Klima befinden – und genau dort werden nun die historischen Temperaturbarrieren gebrochen. Und genau dort sagen die Wissenschaftler auch die grössten Veränderungen betreffend der Verteilung der Spezies voraus.
In verschiedenen Munizipien von Rio Grande do Sul lag die winterliche Durchschnittstemperatur in den 1970er Jahren unter 10°C – heute liegt sie bei unter 15°C. Veränderungen der Temperatur führen zu ökologischen Störungen, Veränderungen in der Nahrungskette und in den Beziehungen zwischen den einzelnen Spezies. Vögel, die von einer ökologisch wechselseitigen Beziehung abhängig sind, deren Verbindung würde unterbrochen, was zu einem Aussterben ganzer Arten führen könnte.
Es gibt noch keine Studien über eine solche Situation in den Kommunen des brasilianischen Südens, jedoch auf der Basis von historischen Eintragungen und neueren Beobachtungen hat man entdeckt, dass insgesamt acht Spezies, welche bisher in Rio Grande do Sul nicht vorkamen, im Verlauf des letzten Jahrzehnts als Neuzugänge bestätigt worden sind. Die Hypothese der Forscher besagt, dass diese Vögel wohl ihren brasilianischen Lebensraum in Richtung auf den extremen Süden erweitert haben.
Beispiele sind die ersten Registrierungen des Bigodinho (Sporophila lineola) – dem Diamantpfäffchen, Savacu-de-coroa oder Socó-carangejeiro (Nyctanassa violacea) – dem Krabbenreiher, und der Garca-azul (Egretta caerulea) – dem Blaureiher. Der Sabiá-barranco (Turdus leucmelas) – eine Singdrosselart, der seit Jahrzehnten nur im Nordosten Brasiliens gesichtet wurde, ist heute ebenfalls in einem grossen Teil von Rio Grande do Sul anzutreffen, auch in der Hauptstadt Porto Alegre und sogar noch weiter im Süden, an der Grenze zu Uruguay.
Die Lagoa do Peixe besitzt zahlreiche “Marismas”, saubere Tümpel, die von den Gezeiten abhängig sind. Deshalb könnte die Anhebung des Meeresspiegels – eine weitere Auswirkung des Klimveränderungen – katastrophale Folgen haben. Messungen in den südbrasilianischen Häfen, auch in Uruguay und in Argentinien, haben ergeben, dass der Meeresspiegel von 1 Millimeter pro Jahr (seit einem Jahrhundert) inzwischen in den letzten 15 Jahren auf 4 bis 5 Millimeter jährlich ansteigt.
Die Forscher haben errechnet, falls der Meeresspiegel auf 50 Zentimeter angestiegen ist, werden 80% der “Marismas” verschwunden sein, und mit ihnen bedeutende Nahrungsquellen der Zugvögel. Nicht zu vergessen, dass bereits einige Gebiete des Nationalparks sich unterhalb des Meeresspiegels befinden. Die Zerstörung einiger Sandbarrieren, welche die Tümpel vom Atlantischen Ozean isolieren, kann bis zum Ende dieses Jahrhunderts das Ende jenes Ökosystems bedeuten.
Nachhaltiger Tourismus
Die Beobachtung von Vögeln (Birdwatching) im Natonalpark Lagoa do Peixe kann zu einer Einnahmequelle für die Bewohner von Tavares werden, erklärt der Gründer von “Avistar Brasil” (Brasilianischer Verein zur Vogelbeobachtung). Er erinnert an das erfolgreiche Vogelschutz-Experiment von Boa Nova (Bundesstaat Bahia), dass der Kommune des Ortes Einnahmen bescherte, nachdem sie sich entschlossen hatten, vereint den seltenen Gravatazeiro (Rhopornis ardesiacus) zu retten – er gehört zu den sogenannten “Ameisenvögeln” (Thamnophilidae) und wird in Deutsch als “Graues Feuerauge” bezeichnet.
In Tavares gibt es seit einigen Jahren, im Oktober, das “Festival der Zugvögel”, und schon einige Personen setzen auf einen nachhaltigen Tourismus im Nationalpark Lagoa do Peixe. João Batista Cardoso, zum Beispiel, hat in ein Hotel investiert, welches als Informationszentrum für die Birdwatcher hervortut – mit Guides und Führungen in entsprechenden Fahrzeugen.
In der jüngsten Ausgabe des Events präsentierte der Fotograf Edson Endrigo Vorträge zum Thema Vogelbeobachtung und die Fotografie von Vögeln. Während einer Feldführung bekamen die Teilnehmer, unter ihnen viele Amateurfotografen, die Chance, zahlreiche Vögel mit ihrer Kamera zu registrieren, die sie noch nie zu Gesicht bekommen hatten und nur aus Büchern und Videos kannten, weil sie aus fernen Ländern stammen.