Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/1656

Ankunft deutscher Internierter in Davos 1916.
Vor vielen Jahren stellte mir der Luftfahrtexperte Fredy Peter ein Manuskript vor, das von den zahlreichen Abstürzen amerikanischer Bomber über der Schweiz handelte. Dabei erfuhr ich zum ersten Mal, dass in Davos GIs interniert waren. Aber bereits im Ersten Weltkrieg beherbergte Davos Soldaten, damals aus Deutschland.
Grundlage für die Möglichkeit, ausländische Soldaten in neutralen Staaten zu internieren, bot die Haager Konvention von 1907. Aufgrund ihrer humanitären Tradition entschloss sich die Schweiz in beiden Weltkriegen, Militärpersonen zu internieren. Soldaten wurden in Lager untergebracht und mussten arbeiten. Offiziere wohnten in Hotels und durften sich innerhalb der Schweiz relativ frei bewegen. Die Kosten für die Internierung trugen die Krieg führenden Staaten und die Internierung endete bei Kriegsende.
Die Bäckerei Weber mit deutschen Internierten (um 1917)
Im Ersten Weltkrieg internierte die Schweiz über 70 000 Kriegsgefangene – Franzosen, Engländer, Belgier und Deutsche. Diese waren meistens verletzt und krank. Einige hatten auch die Tuberkulose, und so entschied sich der Bund, diese Personen in Bergregionen unterzubringen. Es lag nahe, dass Davos mit seiner langjährigen Erfahrung mit Lungenkranken ausgewählt wurde. Die Davoser Bevölkerung begegnete der Internierung von deutschen Soldaten mit gemischten Gefühlen. Die Hotels jedoch freuten sich über die willkommene Bettenbelegung in einer schwierigen Zeit. 1916 kam die erste Gruppe deutscher Internierter nach Davos, begleitet von Sanitätsoberstleutnant Dr. Niehaus. In Davos wurden die Soldaten vom deutschen Konsul Burchard und zahlreichen deutschen Landsleuten empfangen. Die Internierten wurden in 23 Hotels und Pensionen untergebracht, was die Organisation des Tagesablaufs nicht einfach machte. In den folgenden Kriegsjahren schwankte die Zahl deutscher Internierter stark von ein paar Hundert bis weit über 1000. Die geschwächten Soldaten mussten nur leichte Arbeiten verrichten. Trotzdem kamen sie z. B. beim Lawinenunglück 1917 zum Einsatz. Wurden die Soldaten gesund, dann durften sie unter der Bedingung, dass sie nicht mehr in den Krieg zogen, in ihre Heimat zurückkehren. Für Abwechslung sorgten Sportarten wie Wandern, Rudern, Rodeln und Skifahren und Unterhaltungsabende mit Musik und Theater. Besonderen Wert wurde jedoch auf die Weiterbildung gelegt, damit die Internierten nach dem Krieg passende Berufe ausüben konnten.
Die Fachschule für Internierte.
Für diese Ausbildung wurde die Deutsche Internierten-Fachschule gegründet. Sie bot in den Unterrichtsräumen im Fridericianum und im Casino eine breite Palette von sprachlichen, kaufmännischen und handwerklichen Kursen an. Man fand dank Lohnversprechen auch geeignete Lehrer für die vielen Fächer. Unter den lungenkranken Soldaten stammten einige aus
den deutschen Kolonien in Afrika. Die Leitung beschloss deshalb, 1917 eine Lehranstalt für internierte Kolonialdeutsche im Hotel Seehof einzurichten. Es wurden u. a. Kolonialrecht, Kolonialhandel, Vermessungswesen und Sprachen wie Kisuaheli und Haussa unterrichtet. Für diese Spezialfächer gab es zu wenig Lehrer und deshalb unterrichteten Soldaten aus den Kolonien auch die Offiziere. Die so ausgebildeten Personen sollten nach dem Krieg wichtige Arbeiten in den Kolonien übernehmen. Dazu kam es aber nicht mehr, denn Deutschland verlor nach Kriegsende seine Kolonien.
Nicht alle deutschen Internierten kamen nach Hause zurück. Einige starben in Davos und wurde auf dem noch heute existierenden Soldatenfriedhof beim Wolfgangpass beigesetzt.
Die gute Aufnahme und die Pflege, welche die Militärpersonen in beiden Weltkriegen erfahren durften, hinterliessen deutliche Spuren. Bis heute geniesst Davos in Deutschland einen besonderen Ruf und ist als Kur-, Ferien- und Wohnort beliebt. Aber auch die Amis haben Davos nicht vergessen. Sie gründeten nach dem Krieg die «Swiss Internees Association». Diese organisierte Erinnerungsreisen in die Schweiz und brachte Erinnerungstafeln an. Auf einer Tafel im Davoser Rathaus steht «TO THE PEOPLE OF DAVOS IN APPRECIATION FOR THEIR KINDNESS DURING WWII AND THEIR EVERLASTING FRIENDSHIP».
Die jungen Amis mit ihrer freundlichen und offenen Art fanden leicht Zugang zu den Einheimischen und wurden von ihnen «ünschi Buaba» genannt. Die Verständigung war am Anfang schwierig, denn nur wenige Davoser konnten Englisch. Für die Offiziere galten strenge Regeln. So mussten sie um 22 Uhr im Hotel sein und durften keine Affären mit Frauen anfangen. Die GIs durften sich in Davos frei bewegen und verfügten über einen angemessenen Sold, sodass sie in den Geschäften und Gaststätten beliebt waren. Sie mussten nicht arbeiten und vertrieben sich die Zeit mit Ausflügen, Fabrikbesichtigungen und allerlei Sportarten wie Tennis, Baseball, Eishockey und natürlich mit Skifahren, das sie zuerst noch lernen mussten. An den Abenden spielte im «Palace» eine Jazzkapelle zur Unterhaltung und oft kam es zu wilden Partys. Es war nicht zu vermeiden, dass die sympathischen jungen Amis den Davoserinnen auffielen. Ein beliebter Treffpunkt zum «Anbändeln» war das Café Schneider. Die eine oder andere Dame angelte sich dort einen stattlichen Offizier und bei Kriegsende kam es gar zu den bis dahin verbotenen Heiraten. Gegenüber dem «Palace» befand sich ein Deutsches Vizekonsulat für die vielen Deutschen, die in Davos wohnten. So war es nicht verwunderlich, dass es zwischen den verfeindeten Nationen zu Auseinandersetzungen kam. Am helllichten Tag demontierten GIs das Hakenkreuz am Konsulat und sie erhielten Hausarrest. Einigen Offizie-
ren gelang die verbotene Flucht via Frankreich zurück zu ihrer Armee. Bei Kriegsende kehrten die Offiziere und die eine oder andere Davoserin nach Amerika zurück.
Lebensfrohe amerikanische Internierte in Davos.
Im zweiten Weltkrieg wurden über 100 000 Militärpersonen aus europäischen Ländern in der Schweiz interniert. Darunter waren auch 12 000 Polen, welche vor allem im Strassenbau eingesetzt wurden. Noch heute erinnern «Polenwege» auch in Graubünden an jene Zeit. Ab 1943 flogen die Amerikaner von England und Italien aus Bombereinsätze nach Deutschland. Bei ihrem Rückflug waren diese Flugzeuge oft angeschossen oder hatten keinen Treibstoff mehr und mussten in der Schweiz notlanden. Viele stürzten ab, einige davon auch über Graubünden. Die Mannschaft konnte sich meistens mit dem Fallschirm retten und wurde gefangen genommen. Die amerikanischen Offiziere wurden in Adelboden untergebracht und in Davos im Hotel «Palace», dem heutigen Hotel «Europe». Bis Kriegsende waren rund 600 Offiziere interniert.
Auch Hochzeiten zwischen Amerikanern und Einheimischen gab es