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Die Biodiversität ist in Städten höher als im Agrarland – «grüne» Stadtplanung vorausgesetzt
Über den Einfluss der Verstädterung auf die Biodiversität ist wenig bekannt. In einer Studie über sechs Schweizer Städte haben zwei Forscherinnen der Universität Bern gezeigt, dass die Biodiversität von baumbewohnenden Insekten und Spinnen in Städten grösser sein kann als im intensiv genutzten Agrarland. Entscheidend ist jedoch, dass die urbane Landschaft ausreichend Grünelemente bietet.
Städte wachsen weltweit rasant: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in urbanen Räumen. Als Lebensraum für Tiere und Pflanzen fanden Städte jedoch lange Zeit keine Beachtung. Erst in den letzten Jahren hat sich die Stadtökologie als neue Forschungsdisziplin etabliert. Noch ist jedoch wenig untersucht, wie sich die städtische Biodiversität von jener in ländlichen Gebieten unterscheidet, und welche Mechanismen die Biodiversität innerhalb der Städte bestimmen. Zwei Wissenschaftlerinnen vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern haben nun in einer Studie die Artenvielfalt in Städten mit der Artenvielfalt in intensiv genutzten Agrarlandschaften verglichen. Ausserdem haben sie untersucht, welche Landschaftsstrukturen in der Stadt die Biodiversität fördern. Ihre Studie wurde im renommierten Journal «Global Change Biology» veröffentlicht.
Intensive Agrarwirtschaft kann Biodiversität stärker verringern als Verstädterung
Als Mass für die Biodiversität dienten den Forscherinnen vier Tiergruppen: baumbewohnende Käfer, Wanzen, Zikaden und Spinnen. Diese wurden mit einer Art Riesenstaubsauger von den Bäumen geholt. Die Entscheidung, nicht naturnahe Gebiete sondern Agrarland als ländliches Vergleichsökosystem heranzuziehen, kam nicht von ungefähr: «Der Grossteil der unbewaldeten ländlichen Gebiete in Mitteleuropa dient heutzutage der Agrarwirtschaft», so Tabea Turrini. Der Grossteil dieser Agrarflächen werde intensiv genutzt. Die Forscherinnen wollten deshalb wissen, ob sich der Städtebau anders auf die Biodiversität auswirkt als die intensive Landwirtschaft. Das Ergebnis: Je nach Tiergruppe ist die Biodiversität, also die Anzahl der Arten, in der Stadt gleich hoch oder sogar höher als im intensiv genutzten Agrarland. «Dieses Ergebnis war auch für uns überraschend», sagt Eva Knop. Die Resultate würden den negativen Einfluss der intensiven Agrarwirtschaft auf die Biodiversität zeigen. Dieser könne offensichtlich sogar grösser sein als der Einfluss der Verstädterung.
Entscheidend ist der Grünanteil in der urbanen Landschaft
Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch auch, dass Stadt nicht gleich Stadt ist. Entscheidend für die Artenvielfalt auf den untersuchten Bäumen in der Stadt war die umgebende urbane Landschaft. Bäume, die innerhalb von 500 Metern von vielen Grünelementen umgeben waren, wiesen bei allen vier Tiergruppen eine signifikant höhere Artenzahl auf als Bäume, bei denen dies nicht der Fall war. Bei der Studie wurden keine Proben von Bäumen in der Umgebung grösserer Parks entnommen. Die Ergebnisse weisen deshalb vor allem auf die grosse Bedeutung von über die Stadt verstreuten Grünelementen hin, zum Beispiel von kleinen Gärten und Einzelbäumen. «Städte müssen so geplant werden, dass sie ausreichend Grünelemente bieten», folgert Turrini aus der Studie. Nur so können die negativen Effekte der allgemeinen Verstädterung auf die Biodiversität verringert werden. Dies sei eine grosse Herausforderung, da gleichzeitig Städte kompakt gehalten werden sollten, um die Ausweitung in die umgebende Landschaft einzudämmen.
Sechs Schweizer Städte untersucht
Im Gegensatz zum Gros der bisherigen Studien war die Studie von Turrini und Knop nicht auf eine einzige Stadt beschränkt: Geforscht wurde in sechs Schweizer Städten – Zürich, Basel, Genf, Bern, Chur und Locarno – sowie jeweils im umgebenden Agrarland. «Auf diese Weise konnten wir Aussagen treffen, die eine grössere Allgemeingültigkeit haben», sagt Turrini. Die Forscherinnen untersuchten ausschliesslich Birkenbäume, die alle ähnlich gross waren und nicht geschnitten oder chemisch behandelt waren. Dadurch konnten sie grossräumige Effekte untersuchen – unabhängig von lokalen Bewirtschaftungsmassnahmen. Dies war wichtig, um das urbane Ökosystem mit dem Agrarökosystem zu vergleichen sowie in den Städten «grüne» mit «grauen» Stadtteilen.
|Untersuchungsgebiet||Wanzen||Käfer||Zikaden||Spinnen||Total|
|Stadt «grün»||14||7||9||9||39|
|Stadt «grau»||10||6||6||7||29|
|Agrarland||8||6||7||7||29|

Angaben zur Publikation:
Turrini, Tabea und Knop, Eva: A landscape ecology approach identifies important drivers of urban biodiversity. Global Change Biology (early view).
26.01.2015