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Warum die Zarge kein Kessel und das Schlagzeug nicht zum Kochen geeignet ist
Drums, Cymbals und andere deutsche Wörter
Wir Perkussionistinnen, Tambouren, Schlagzeugerinnen und sonstigen Trommler machen es uns in manchen Dingen wirklich nicht leicht. Jedem Gitarristen dürfte klar sein, aus welchen Bestandteilen sein Instrument zusammengesetzt ist (Saiten, Decke, Boden, Hals,…). Benannt werden diese Komponenten üblicherweise in der lokalen Sprache. Im Gegensatz dazu gehören Drums, Heads, Cymbals und Stands zum Standard-Vokabular eines deutschsprachigen Schlagzeugers. Was ist eigentlich gegen Schlagzeug, Felle, Becken und Ständer einzuwenden?
Dieser Anglizismus mag geschichtlich begründet sein. Zumindest legte William F. Ludwig mit der Entwicklung des ersten Pedals den Grundstein für das heutige „Drum Set“. Will man deshalb den Ursprung des Schlagzeugs den USA zuordnen und das Englische als eine Art „Originalsprache“ interpretieren, handelt es sich bei obengenannten Bezeichnungen um Eigennamen. Dieser Argumentation folgend gäbe es für Cymbals genausowenig eine deutsche Übersetzung wie für New York oder John F. Kennedy.
Soviel zu den Anglizismen. Erst recht verwirrlich wird es aber bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den einzelnen Bestandteilen des Schlagzeuges oder der Trommel:
Sind die Lugs nun Schrauben oder Spannböckli?
Wieso heissen die Spannreifen gleich wie ein Aufhängungssystem für Tomtoms („Rims“)? Oder sind das doch Hoops?
Bezeichnet der Tom Mount die Befestigung an der Trommel oder den Tomhalter?
Was ist was und warum?
Wie nennt man nun also den Hauptbestandteil einer jeden Trommel? Zarge? Kessel? Oder neudeutsch Shell? Lasst uns der Frage auf den Grund gehen und die eigentlichen Wortbedeutungen genauer beleuchten!
Zarge
Herkunft: mittelhochdeutsch zarge, althochdeutsch zarga „Seitenwand“
Definition: Seitenwand eines Saiteninstruments mit flachem Korpus, einer Trommel.
Korpus
Herkunft: lateinisch corpus „Körper“
Definition: Klangkörper / Resonanzkörper eines (Saiten-)Instruments.
Kessel
Herkunft: mittelhochdeutsch keʒʒel, althochdeutsch keʒʒil < lateinisch catillus „Schüsselchen“, Verkleinerungsform von catinus „Napf“, „flache Schüssel“
Definition: sehr grosser Topf, grosses Metallgefäss zum Kochen.
Shell
Übersetzung aus dem Englischen: Schale oder Hülle.
Es ist also gar nicht so schwierig, die korrekte Bezeichnung zu eruieren:
Entferne sämtliche Felle von deinem Instrument und versuche, den Hauptbestandteil mit Frühstückscerealien zu füllen.
Gelingt dies, ohne dass deine Corn Flakes sich auf den Boden entleeren, handelt es sich um einen Kessel oder eine Schale (Shell).
Wenn nicht, dürfte Zarge die treffendste Bezeichnung für den Hauptbestandteil deines Membranophons sein.
Übrigens: Das Wort „Trommelkessel“ existiert laut Duden nicht.
Spielt es wirklich eine Rolle, wie ich meine Trommel Zarge nenne?
Keine Angst! Wir Trommelbauer sind kreative Köpfe und verstehen was ihr meint, auch wenn ihr „das Dings da“ sagt. Ihr braucht euch nicht speziell zu erklären (und schon gar nicht zu entschuldigen, noch grösserer Herr stimmchef!). Auch die Wiederholung einer in sich nicht plausiblen Argumentation trägt – selbst wenn sie beeindruckende zehn Wörter und mehr umfasst – nicht zu deren Richtigkeit bei. Anzahl Wiederholungen und Geburtsjahr des Zitierten sind dabei irrelevant. Trotzige Klammerbemerkungen mit Verweis auf Albert Einsteins statisches Universum erachte ich als sinnfrei, wenn Edwin Hubbles Erkenntnisse im selben Kontext keine Erwähnung finden. Mit solchen und ähnlichen Erklärungsversuchen vermochten die Anhänger der «Es ist richtig, weil ich das schon immer geglaubt habe»-Religion bisher noch nichts an den Fakten zu ändern.
Alles in allem vermag man sich im Alltag glücklicherweise mit mehr als nur einer Bezeichnung gegenseitig zu verstehen. Trotzdem handelt es sich um Zargen.
Wer will denn bitte auf einem kleinen Napf, einem Schüsselchen, einer Schale oder einer Hülle trommeln? Möchten wir den Kessel nicht lieber den Jägern und Heizungsmonteuren überlassen? Macht sich das „Schäleli“ nicht besser auf deinem Zmorgetisch als in eurem Übungsraum?
Der einzige Begriff, dessen Definition sich auf unser Instrumentarium bezieht, ist „Zarge“. Und umgekehrt versteht der Duden unter „Trommel“ ein Instrument mit zylindrischer Zarge.
Die Industrie macht es vor
Natürlich halten sich gewisse Menschen für schlauer als die alten Römer, den Duden und sämtliche Etymologen zusammen. Bestimmt kennst auch du diverse solcher Begriffsreferenzen.
„Bei XY nennen sie das Shells.“
„Man unterscheidet zwischen Schlagzeugkessel und Trommelzargen.“
„Der [Oberguru] sagt aber Korpus.“
„Mein Trommelbauer [gemeint ist ein gelernter Elektromonteur, der in seiner Garage Snares baut] sagt, beim Schlagzeug heisse das Kessel.“
Insbesondere auf die falsche Bezeichnung „Kessel“ treffen wir im deutschsprachigen Raum sowohl bei Vertrieben, Detailhändlerinnen, Endkunden und vereinzelt sogar bei Instrumentenherstellern. Amerikanische und britische Unternehmen sind natürlich entschuldigt. Im Englischen steht neben „Frame“ nur noch der Ausdruck „Shell“ zur Verfügung. Eine Übersetzung für „Zarge“ scheint nicht zu existieren.
Der Rest ist Geschmackssache. Du darfst die Fehler der Industrie und des Handels gerne imitieren. Falls du jedoch korrekte Bezeichnungen bevorzugst, sprichst du am besten von „Zarge“.
Genauso wie du die Bass Drum nicht Pauke nennst (Schlaginstrument mit kesselähnlichem Resonanzkörper und einer meist aus gegerbtem Kalbfell bestehenden Membran, bei dem die Töne mit zwei hölzernen Schlägeln hervorgebracht werden). Die Pauke ist ein einfelliges Instrument, die Bass Drum verfügt über deren zwei – dazu mehr in einem separaten Blogpost. Und die Becken (englisch Cymbals) sind keine Tschinellen, Täller, Tschingtschäng oder goldenen Teller.
Aber lass uns bei dem einen Wort bleiben, um das sich dieser gesamte Blogpost dreht: Zumindest was die Zarge anbelangt solltest du nun für die nächste Stammtisch-Diskussion gewappnet sein. Welchem Wort sollen wir als nächstes auf den Grund gehen? Schreib es in die Kommentare oder teile es mit uns auf Social Media!
Danke an Tijana Drndarski, Andrijana Bozic, John Matychuk, Felix Mittermeier und Ira Selendripity für die tollen Bilder!
Hallo, schöner Beitrag! Natürlich ist der Kessel ein irreführender Begriff, ich vermute aber, ein dem Schlagzeugbauer bzw Hersteller willkommener Irrtum. Denn während die Zarge im Instrumentenbau ja traditionell eine untergeordnete Rolle spielt, und eher deren Masse als Beschaffenheit den Unterschied machen, wähnt der Drummer im Kessel viel mystisches…
Lustigerweise bin ich selber schuldig, unbedacht die Zarge Kessel zu nennen, es führt zu viel Verwirrung, hier vom Sprachgebrauch abzuweichen, aber es führt ebenso zu Missverständnissen, wenn man eine Zarge mit einem Kessel verwechselt, und ich befürchte, das ist allgemeinhin der Fall. Als Trommelbauer baut man nun mal nicht die Membrane, welche den Ton erzeugen, sondern lediglich den Resonanzkörper für die meist industriell gefertigte Membran. Und was diesen Resonanzkörper an geht, übernimmt der Kunde meist die Kontrolle dessen, wie er gestaltet wird. Da werden Hölzern quasi mystische Eigenschaften zugesprochen, welche sie bauartunabhängig beibehalten (maple klingt immer heller als buche etc), während man die Physik beim Bau komplett missachtet.
Das Problem ist nur: als Hersteller darf man leider nicht klüger sein als die Kunden, das verzeihen sie einem selten. Man wähle also seine Kämpfe mit bedacht 😉
Wie wahr…Danke für deine inspirierenden Ausführungen! In der Tat bin auch ich nicht weniger schuldig – zumindest als Geschäftsleiter eines Familienbetriebs, tief verwurzelt in der hiesigen Trommelszene. Kämpfe und Kriege führe ich allenfalls um Existenz, Marktanteile oder Reputation, weniger um banale Begrifflichkeiten. Als Berufsbildner, Prüfungsexperte und Lehrbuchautor kann ich diesbezüglich einiges pingeliger sein. Ob mich das Sympathiepunkte kostet? Wer weiss. Jedenfalls darf man als Lehrer durchaus gebildeter sein als seine Lehrlinge (klüger ist von Vorteil, aber glücklicherweise nicht Bedingung).
Wie entspannend ist es da, ab und zu einfach nur Blogger zu sein. Der darf nämlich alles und vor allem etwas: Eine Meinung haben, die er begründen und mit Fakten untermauern kann. Und darüber schreiben.
Immerhin war ich selbst ein „Kesselkind“, zumindest im übertragenen Sinn. Die Berufsschule änderte zunächst wenig daran (so glaubte ich zumindest), wenngleich die damals erlernten theoretischen Grundlagen wichtige Eckpfeiler für neue Herangehensweisen bildeten. Mit zunehmender Erfahrung (und Bildung) kehrte ich davon ab, das Mystische aus Behauptungen selbsternannter Gurus abzuleiten. Stattdessen entdeckte ich es in den realen Klangwelten, die sich – simplen biomechanischen Gesetzmässigkeiten folgend – dem sorgfältigen Handwerker eröffnen. Sie sind weder limitiert auf CITES-klassifizierte Rohmaterialien, noch reserviert für Gläubige nach vorgängiger Erleuchtung und schon gar nicht geschaffen von Halbgöttern in Überhosen. Und das Überraschendste: Sie klingen in Englisch gleich wie in Deutsch.