Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03514.jsonl.gz/122

Eu quero mais um! Ich möchte noch eins!», sagt Kaio (7) und zeigt auf die Honigschnitte, die sein Mami Marta Martins-Villanueva (39) gerade streicht. «So mais um, depois chega», antwortet sie. «Noch eins, dann ist genug.» Kaios Halbschwestern Alma (2½) und Maya (4) hüpfen im Gras umher, rufen ihm auf Brasilianisch zu: «Vem! Komm!» Die letzten Sonnenstrahlen leuchten flach über die Hügel von Biglen BE. Es ist Abend, und schon kommt Papi nach Hause. «Hola», begrüsst ihn Kaio und redet zwei, drei Sätze auf Spanisch. Auch Marta stellt auf Spanisch um.
Marta ist gebürtige Brasilianerin, sie lebt seit 15 Jahren in der Schweiz, Benji (41) kam mit 24 Jahren von Peru hierher. «Mit den Kindern spreche ich brasilianisches Portugiesisch», erklärt Marta, «mit Benji spanisch.»
Die dreifache Mutter ist sehr konsequent: Sie wechselt von ihrer Muttersprache sofort auf Spanisch, sobald sie mit Benji spricht oder es alle zusammen etwas angeht. Sie tut das innert Sekunden problemlos, auch nur für einen Satz. Ist Schweizer Besuch da, reden sie berndeutsch.
«Uns ist es wichtig, dass sie unsere Muttersprachen lernen», sagt Marta. «Sie ist näher beim Herzen.» Und Benji will nicht, dass das passiert, was er erlebt hat: «Meine Mutter ist Schweizerin, sie sprach aber nie Schweizerdeutsch mit mir», erzählt er. «Ich hätte als Kind gratis Deutsch lernen können.» Doch nun hat sein Berndeutsch einen südamerikanischen Akzent, wie das von Marta auch.
Und die Kinder? Kaio spricht astreines Berndeutsch, die Kleinen sind noch etwas scheu, es zu sprechen, verstehen aber alles. Die Mädchen besuchen beide an zwei Tagen pro Woche die Krippe. Hauptgrund: die Sprache. «Sie sollen nicht im Kindergarten plötzlich ins kalte Wasser geworfen werden», sagt Marta. In Biglen, dem weitläufigen Dorf in den Hügeln des Emmentals, sind die Häuser weit über die grünen Wiesen verteilt. Die Mädchen treffen beim Spielen draussen nicht automatisch auf gleichaltrige Kinder.
Kaio wechselt flink die Sprachen
Besonders amüsant ist es, wenn Maya und Alma daheim beim Spielen schweizerdeutsch sprechen. «Sie sagen dann vor allem «Jaaa, Momou und Mm-hhm», macht Marta sie schmunzelnd nach. «Das ist sehr süss.» Maya singt auch oft Lieder aus der Kita und erfindet spontan schweizerdeutsche Texte dazu.
Und Kaio, welche Sprache spricht er am besten? «Bärndütsch», antwortet der Kleine. Doch Geschichten hört er sich seit einer Weile lieber auf Hochdeutsch an: «Ich bin denk nun in der Schule – da spricht man Hochdeutsch!», sagt er stolz.
Der dunkelhaarige Junge wechselt problemlos von einer Sprache in die andere. Er kann sogar Französisch. Sein leiblicher Vater David, bei dem er regelmässig die Wochenenden verbringt, ist ein Berner, der mit einer Französin verheiratet ist. Kaio spricht mit ihr und seinem anderen Halbschwesterchen französisch.
«Du sprichst so komisch»
«Kinder sind extrem lernfähig», sagt Dominik Schöbi (43) vom Institut für Familienforschung an der Universität Freiburg FR. «Sie können mehrere Sprachen aufs Mal lernen. Es ist aber relativ wichtig, dass dies früh passiert. Beispielsweise nimmt die Fähigkeit, gewisse Laute zu unterscheiden, schnell ab.» Ein Nachteil sind die vielen Sprachen nie. Aus der Forschung weiss man zwar, dass einzelne Kinder sich sprachlich dann etwas langsamer entwickeln, doch das ist nur vorübergehend.
Kaio hat sich aber auch schon geschämt – wegen seiner Mami. «Kaio hat erst kürzlich so richtig realisiert, dass ich kein richtiges Berndeutsch rede», sagt Marta lachend. «Als ich ihn zur Schule begleiten wollte, sagte er zu mir, ich müsse nicht kommen.» Sie fragte, warum denn. Seine Antwort: «Du sprichst so komisch!» «Ich erklärte ihm, dass ich die Sprache erst mit 23 gelernt hätte und man das halt nun höre», sagt Marta. Eine Woche später fand ihr Sohn: «Ist schon gut, wie du redest. Du bist ja nicht hier geboren.»
Dominik Schöbi kennt dieses Phänomen. «Kinder schämen sich schnell für Andersartigkeit», erzählt er. «Das beginnt im Verlauf der Primarschule, wenn Identifikation, Identität, Gruppen- und Familienzugehörigkeit zu relevanten Themen werden.» Er weiss aber auch, dass es nicht grundsätzlich schädlich ist, wenn Eltern in gebrochenem Deutsch mit ihren Kindern reden: «Kinder lernen die Sprache ja auch mit anderen Menschen im Umfeld, die ebenfalls deutsch, respektive schweizerdeutsch sprechen.»
Manchmal kommen nicht alle mit
Simona Vega-Isler (33) aus Bern spricht mit ihrem Ehemann Alejandro Vega (37) spanisch, mit den Kindern Iori (8) und Rita (3) berndeutsch. Und wenn es alle etwas angeht? «Dann rede ich spanisch, das ist unsere Familiensprache», sagt die Historikerin, die wie ihr Mann 80 Prozent arbeitet und mit ihm die Betreuung der Kinder teilt. «Obwohl: Es kommt schnell mal vor, dass ich zu den Kindern auf Deutsch etwas sage, und Alejandro kriegt es nicht ganz mit – was zu Missverständnissen führen kann.» So kann es sein, dass sie das Fernsehen nach dem Znacht verbietet, aber Alejandro bekommt es nicht mit. Denn er spricht zwar deutsch, doch zu schnell geht berndeutsch Gesagtes bei ihm unter.
Alejandro hat die Kinder von der Tagesschule respektive aus der Kita abgeholt. «Schau, mein Laternchen!» Rita zeigt stolz, was sie heute gebastelt hat. Iori, der scheu «Grüessech» sagt, nimmt seine Mathematikaufgaben hervor, setzt sich neben Papi, und schon plappert er sich in astreinem Spanisch kreuz und quer durch die Zahlen.
Sprache prägt Kommunikation
Dass sein Spanisch so problemlos läuft, hat er dem Chileaufenthalt zu verdanken. Letztes Jahr lebte die Familie für neun Monate in Chile, Simona arbeitete als Doktorandin an der Uni in Valparaíso.
«Vorher hatte Iori manchmal Hemmungen», erzählt die Mutter. «Es kam vor, dass er fragte: ‹Kannst du das Papi sagen?›» Die kleine Rita hingegen hatte in Chile komplett aufgehört, berndeutsch zu sprechen. «Sie hat sogar mit mir spanisch geredet», sagt Simona mit einem Schmunzeln. In diesen Monaten merkte sie, wie schwierig es ist, das Deutsch aufrechtzuerhalten, obwohl es ihre Muttersprache ist. Dass Simona so gut spanisch spricht, ist ein Vorteil für die Familie und die Zweisprachigkeit der Kinder. Für Alejandro ist es manchmal aber auch ein Nachteil: «Er möchte gern daheim mehr hochdeutsch sprechen, damit er üben kann.»
Mit den verschiedenen Sprachen ist auch eine andere Art von Kommunikation verbunden. Während Jori mit Papi viel spanische Musik hört und den südamerikanischen Humor pflegt, tauscht er sich mit seiner Mami öfter über seinen Schulalltag aus. Auch bei der kleinen Rita klappt es problemlos, hin und her zu wechseln, abgesehen von einigen lustigen Worterfindungen. Fragt man sie: «Kannst du Spanisch?» antwortet sie: «Ja – sì!»
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: Michael Sieber