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Definition des Marxismus
Der Marxismus ist die Gesamtheit der Ansichten und Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels. Diese sind entwickelt aus den fortschrittlichsten geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts: der deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und des französischen Sozialismus.
Der Marxismus ist kein Dogma, keine abgeschlossene, fertige, unbewegliche Lehre. Er ist eine lebendige Anleitung zum Handeln.
Philosophie
Wissenschaftlich gesehen ist die Philosophie die Lehre von der Gesamtheit der Probleme des Universums, gewissermassen die Wissenschaft der Wissenschaft. Es geht um die allgemeinsten Gesetzmässigkeiten von Natur und Gesellschaft.
Um die Welt zu erkennen, machten die ersten PhilosophInnen eine wichtige Unterscheidung: Sie stellten die Existenz von materiellen Dingen fest, die man sehen und berühren konnte, und von Gegebenheiten, die weder sichtbar noch messbar noch berührbar waren. Man sah sich der materiellen und geistigen Dingen gegenüber. Von diesem Problem rührt die Grundfrage der Philosophie her: Was ist demgemäss das Ursprüngliche, das Primäre? Ist es Materie oder Geist? Je nach Antwort, die gegeben wird, unterscheidet man zwischen den zwei grossen philosophischen Strömungen: Materialismus oder Idealismus. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annehmen, bilden das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.
Der philosophische Idealismus
Der Idealismus ist eine philosophische Lehre, deren Grundlage die Erklärung der Welt durch den Geist ist. Der Geist macht die Materie. Seine höchste Entwicklung fand der Idealismus in den verschiedenen Religionen, wo davon ausgegangen wird, dass Götter oder ein Gott, eine rein geistige Grösse, die Materie geschaffen hat.
Der philosophische Materialismus
Hierbei handelt es sich um eine Lehre, deren Grundlage eine wissenschaftliche Erklärung der Welt ist. Sie entstand im Kampf der Wissenschaft gegen den Aberglauben und die Unwissenheit. Sie schreitet fort und entwickelt sich mit dem Stand der Wissenschaften, von denen sie abhängt. Hier ist es die Materie, die den Geist, das denkende Wesen, schafft und nicht umgekehrt. Materie existiert ohne Geist, aber es gibt kein Bewusstsein ohne Materie. Der Mensch denkt, weil er ein Gehirn und einen Körper hat. Das Denken ist lediglich eine Funktion, eine Fähigkeit des Gehirns. Friedrich Engels schreibt im Werk «Anti-Dühring»: «Fragt man, was denn Denken und Bewusstsein sind und woher sie stammen, so findet man, dass es Produkte des menschlichen Hirns und dass der Mensch selbst ein Naturprodukt, das sich in und mit seiner Umgebung entwickelt hat; wobei es sich dann von selbst versteht, dass die Erzeugnisse des menschlichen Hirns, die in letzter Instanz ja auch Naturprodukte sind, dem übrigen Naturzusammenhang nicht widersprechen, sondern entsprechen.»
Geschichte des Materialismus
Eine erste materialistische Strömung entstand im antiken Griechenland im 6. und 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als sich die Naturwissenschaften in ihren Anfängen zu manifestieren begannen. Einer der bekanntesten PhilosophInnen jener Zeit war Heraklit, der später als «Vater der Dialektik» bezeichnet wurde.
Bis gegen Ende des Mittelalters wurde die Philosophie von den idealistischen Ideen von Aristoteles beherrscht. Andersdenkende wurden systematisch unterdrückt (vgl. Inquisition).
Es war der englische Philosoph Bacon (1561-1626), der eine experimentelle Schule der Naturwissenschaften begründete und so der Scholastik eines Aristoteles und später Thomas von Aquin ein Ende bereitete.
Seit Decartes (1596-1650) entstand in Frankreich eine klare materialistische Strömung der Philosophie. Descartes behauptete, dass vor der Wissenschaft jeder die gleichen Rechte hat. Er forderte daher eine wirkliche Wissenschaft, basierend auf dem Studium der Natur.
Im 18. Jahrhundert wurde der Materialismus verteidigt durch PhilosophInnen wie Diderot (1713-1784) und D’Alembert (1717-1783), die ihre Ansichten in der berühmten «Enzyklopädie» niederlegten.
Da der Materialismus in jener Zeit ausschliesslich an die Naturwissenschaften angebunden war, ist zu verstehen, warum er bis ins 19. Jahrhundert hinein rein mechanistisch war. Von allen Naturwissenschaften war nämlich nur die Mechanik einigermassen entwickelt. Ein anderer Mangel dieser Art Materialismus war, dass er lediglich von der Betrachtung der Natur ausging. Die Rolle des Menschen in der Gesellschaft wurde mehr oder weniger vernachlässigt.
Der alte Materialismus machte verschiedene methodische Fehler:
1. Man studiert die Dinge im Ruhezustand, nicht in der Bewegung. Man betrachtet das Universum als unbeweglich, ein für alle mal festgelegt, ebenso die Natur, die Gesellschaft, den Menschen.
2. Die Dinge wurden isoliert: Ein Pferd ist ein Pferd, die Kuh ist Kuh. Unter ihnen gebe es keine Beziehung. Die Naturwissenschaft, die Philosophie, die Politik, alles besteht ohne Zusammenhang und Beziehung zueinander.
3. Da die Dinge unbeweglich, eingeteilt und katalogisiert sind, muss man annehmen, dass die Unterschiede ewig und unüberwindbar sind. Daher lehrt die Bourgeoisie, dass es immer Reiche und Arme gegeben hat und dass es immer so bleiben wird.
4. Gegensätze schliessen sich aus und können nicht gleichzeitig existieren.
Die Dialektik
Der grosse deutsche Philosoph Hegel (1770-1831) stellte als erster fest, dass alles in der Welt in ständiger Bewegung und Veränderung ist, dass nichts isoliert, sondern alles von allem abhängig ist. Durch ihn entstand die moderne Dialektik. Allerdings war Hegel ein Idealist, da er einem «Weltgeist» entscheidende Bedeutung einräumte; die Dinge und ihre Entwicklung betrachtete er nur als die verwirklichten Abbilder der schon vor der Welt existierenden Idee.
Neben Hegel wurde Karl Marx auch stark durch den Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) beeinflusst. Feuerbach entwickelte sich vom idealistischen Hegelianer zum Materialisten.
Marx stützte sich auf die Dialektik Hegels und den Materialismus Feuerbachs, hob diese Theorien auf eine neue Stufe und erarbeitete den dialektischen Materialismus.
Hegel hatte recht mit seiner Feststellung, dass Denken und reale Welt sich in einer ständigen Veränderung befinden, aber er irrte sich mit der Behauptung, dass es die Änderungen im Denken sind, welche Veränderungen der Dinge bestimmen. Im Gegenteil: Die Dinge bestimmen die Ideen und die Ideen ändern sich, weil sich die Dinge ändern. «Es ist das gesellschaftliche Sein, welches das Bewusstsein bestimmt.» (Karl Marx)
Philosophisch ist die Dialektik eine Denkmethode. Betrachtet man die Realität, zeigt sich, dass sich alles in ständiger Bewegung und in ständiger Veränderung befindet. Die Bewegung und die Veränderung, die wir in der Natur überall feststellen können, sind die Grundlagen der Dialektik. Dialektisch gesehen verändert sich alles ständig, nichts bleibt so, wie es ist und wo es ist. Engels schreibt: Der grosse Grundgedanke der Dialektik ist, «dass die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge, nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen».
Die Dialektik ist die Wissenschaft von den grundlegenden Gesetzen der Bewegung von Natur, Gesellschaft und vom menschlichen Denken.
Man unterscheidet verschiedene Gesetze der Dialektik:
1. Einheit und Kampf der Gegensätze. Alles bewegt sich, alles wechselt, alles verändert sich. Es gibt nichts Definitives, Absolutes, Unveränderbares. Als Beispiel kann die Gesellschaftsordnung dienen: Dialektisch gesehen ergibt sich, dass die kapitalistische Gesellschaft nicht immer die gleiche war. Ferner haben andere Gesellschaftsformen vor ihr nur für eine gewisse Zeit existiert. Daraus kann geschlossen werden, dass die kapitalistische Gesellschaft, wie alle anderen Gesellschaftsformen, nicht definitiv ist, dass sie keine unveränderlichen Grundlagen hat. Im Gegenteil, sie ist eine vorübergehende Realität.
Das erste Gesetz zeigt uns, dass alles in Bewegung ist. Das zweite Gesetz besagt, warum dies so ist: Weil alles alles beeinflusst, weil jede Sache das Resultat eines vorherigen Prozesses ist. Als Beispiel kann eine Walnuss dienen: Sie stammt von einem Baum. Woher aber kommt der Baum? Von einer Walnuss, die von einem Baum gefallen ist, einen Trieb entwickelte, woraus sich unter dem Einfluss der Sonne, des Regens usw. ein Baum entwickelte.
Zunächst könnte man glaube, es handle sich hier nicht im einen Entwicklungsprozess, sondern um einen Kreislauf. Auf dieser Grundlage beruhen die Ideen von einem ewigen Kreislauf, den möglicherweise der liebe Gott in Bewegung gesetzt haben soll. Näher betrachtet zeigt sich aber ein anderes Bild. Wir haben eine Walnuss. Daraus entwickelt sich eine Pflanze. Ein Walnussbaum ergibt aber nicht eine einzige Walnuss, sondern viele Nüsse. Durch geschlechtliche Fortpflanzung hat jede Walnuss einen einzigartigen genetischen Code, der sie vom Mutterbaum unterscheidet. Und nicht aus jeder Nuss entwickelt sich ein Baum. Manche werden gefressen, andere wachsen schlechter. Wieder andere sind noch besser an die Umwelt angepasst und produzieren zahlreiche Nachkommen. Wir kommen also nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern zu einer anderen Ebene. Es liegt ein Entwicklungsprozess zu einer höheren Ebene vor. In diesem Beispiel handelte es sich um einen evolutionären Prozess; in den Bereichen der menschlichen Gesellschaft spricht man von historischen Prozessen.
Die Welt, die Natur und die Gesellschaft entwickeln sich allesamt ständig weiter. Diese Entwicklung verläuft bildlich als Spirale, auf immer höhere Ebenen hinführend. Eine Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer, Stufe.
Da also nichts endgültig abgeschlossen ist, ist die kapitalistische Gesellschaftsordnung das Ende eines Prozesses der gesellschaftlichen Entwicklung und der Beginn eines anderen Prozesses, nämlich der Entwicklung zur sozialistischen und später kommunistischen Gesellschaftsordnung. Es gab und gibt immer eine gesellschaftliche Entwicklung.
2. Der Widerspruch oder die Negation der Negation. Die Dialektik lehrt uns, dass die Dinge nicht ewig sind. Sie haben einen Anfang, einen Entwicklungshöhepunkt und ein Ende. Das führt zu einer Frage, welche die Menschen schon immer beschäftigt hat: Warum muss alles sterben? Betrachtet man Leben und Tod wissenschaftlich, so besteht nicht nur ein Gegensatz: Auch im Tod existiert Leben. Der Tod kommt vom Leben und das Leben vom Tod. Jeden Augenblick sterben Tausende Zellen und werden durch lebende ersetzt. Ein toter menschlicher Körper zersetzt sich, ist also voller Leben.
Überall verändern sich die Dinge in ihre Gegenteil. Eine Sache ist nicht nur sie selbst, sondern auch der Gegensatz einer anderen. Jede Sache enthält ihren Gegensatz.
Die Dialektik stellt diese Widersprüche fest. Die Änderungen der Dinge ergeben sich aus diesen Widersprüchen, die überall und immer vorhanden sind. Jede Sache enthält also in sich selbst neben ihrer Bestätigung ihren Gegensatz.
Ein Beispiel: In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es widersprüchliche Kräfte. Die eine tendiert auf die Erhaltung dieser Gesellschaft; das ist die Bourgeoisie. Eine andere gesellschaftliche Kraft tendiert auf die «Zerstörung» des Kapitalismus; das ist das Proletariat. Der Widerspruch existiert von Anfang an, denn die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne ihren Gegensatz, ihre eigene Negation, das Proletariat, zu schaffen.
Dieses wichtige Gesetz zeigt uns also, dass die Entwicklung ein Kampf widersprechende Kräfte ist. Dieses Gesetz darf nicht mechanistisch verstanden werden, d.h. es trifft nicht zu, dass es immer Wahrheit und Fehler, richtig und falsch zusammen gibt.
3. Qualität und Quantität. Entwicklung durch Sprünge. Jede Veränderung ist das Resultat des Kampfes widersprüchlicher Kräfte. Wie aber geschieht eine Veränderung? Man könnte hier beispielsweise denken, dass sich die Gesellschaft in kleinen Schritten entwickelt und dass die Summe kleiner Schritte den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ergibt. Diese Theorie heisst Reformismus.
Die Geschichte zeigt uns aber das Gegenteil. Immer wieder waren es markante Ereignisse, welche tiefgreifende Veränderungen bewirkten. Das sind Revolutionen.
Dass sich die Entwicklung in Sprüngen bewegt, zeigt auch die Naturwissenschaft. Wasser verändert sich äusserlich zwischen 0° und 99° Celsius nicht. Mit 100°C aber tritt eine brüske, qualitative Veränderung ein: Wasser wird zu Dampf.