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Überstunden auf der Lego-Baustelle
Unser Jüngster wurde Ende Oktober sechs, also fragte ich ihn so um den Zwanzigsten herum, was er sich eigentlich von seinem Gotti, wünsche. "Lego", kam es wie aus der Pistole geschossen. "Welche Lego denn?", fragte ich und er zeigte auf eine dieser Riesenschachteln mit der irreführenden Altersangabe 5 - 12 Jahre. Eigentlich müsste dort keine Altersangabe stehen, sondern ein Warnhinweis: "Achtung! Der Aufbau dieser Polizeistation erfordert ein abgeschlossenes Ingenieur-Studium." Preislich lag die Schachtel, die sich unser Jüngster wünschte, in der Kategorie "Also weisst du Gotti, wir können das Geschenk auch zusammen kaufen, es ist nämlich etwas teuer."
"Na ja, wir können das Gotti mal fragen..." murmelte ich und sah vor meinem inneren Auge, wie der Geburtstag ablaufen würde: Der Junge würde das Geschenkpapier von der Schachtel reissen und alle Legosteine auf dem Fussboden verteilen. Nach dem fünf Minuten dauernden Versuch, das Chaos in eine Polizeistation umzuwandeln, würde er schreien: "Mamaaaaaa, hilf mir mal mit den Legos, ich schaffe das nicht!" und ich würde dann für den Rest des Geburtstags auf dem Fussboden rumkriechen und verzweifelt die richtigen Teilchen suchen, währenddem das Geburtstagskind alle fünf Minuten quengeln würde "Wann kann ich endlich spielen?" Der Papa würde sich derweilen um die Gäste kümmern. (Papa hat's nicht so mit den Gebrauchsanleitungen, darum überlässt er den Erstaufbau, bei dem es noch drauf ankommt, dass jeder Stein am richtigen Ort ist, grosszügigerweise mir.) Warum ich zu wissen glaubte, wie es kommen würde? Nun, ich hab' da so meine Erfahrungen gemacht. Ist ja nicht mein erster Sohn.
Wie immer, wenn wir Mütter glauben, wir wüssten ganz genau, was uns erwartet, kam alles ganz anders. Gut, zu Beginn hielt sich unser Jüngster noch ans Protokoll. Er nahm vom Gotti das Paket entgegen, riss das Geschenkpapier von der Schachtel, brachte unter elterlichem Zwang ein zerquetschtes "Danke" über die Lippen und entschwand ins Wohnzimmer, wo er den Inhalt der Schachtel auf den Fussboden kippte. "Das kann ja heiter werden..." brummte ich und versuchte, mich ausser Hörweite zu begeben, damit ich das "Mamaaaaaa, hilf mir mal mit den Legos, ich schaffe das nicht!" möglichst lange nicht hören würde. Doch der Ruf kam nicht, auch nicht dann, als ich wieder in der Nähe des Geburtstagskindes war. Stattdessen hörte ich ein zufriedenes Summen, das typische Geräusch des Wühlens in Legosteinen und das Gemurmel der grossen Brüder, die ihrem kleinen Bruder dabei halfen, die Steine richtig zusammenzubauen. (Ja, genau die Brüder, die an ihren Geburtstagen jeweils gequengelt hatten, wann ich denn endlich fertig sei mit Bauen, damit sie spielen könnten.)
Die Polizeistation wuchs rasant, als später noch ein paar Freunde hinzukamen, ging es noch schneller. Mit der Zeit allerdings verlor ein Kind nach dem anderen das Interesse an den Legos, bis schliesslich das Geburtstagskind alleine auf der Lego-Baustelle übrig blieb. Dies schien ihn aber nicht im geringsten zu stören, er baute einfach weiter und summte dazu fröhlich vor sich hin.
Allmählich wurde es dunkel, es wurde Zeit fürs Abendessen, doch unser Sohn hatte keine Zeit, an den Tisch zu kommen. Er müsse nur noch schnell... Und nachdem "nur noch schnell" fertig war, musste er auch noch ganz kurz...Hunger habe er ohnehin nicht.
Das Abendessen war vorbei, die Kinder schlüpften in ihre Pyjamas, der Jüngste baute noch immer. "Hör mal, es wäre allmählich Zeit...", säuselte ich, doch er nahm mich gar nicht wahr. Die Frontscheibe des Polizeiautos war eindeutig wichtiger als ich. Gewöhnlich wäre dies der Moment, in dem ich streng werde, aber mit Geburtstagskindern darf man nicht streng sein, das verstösst gegen sämtliche Geburtstagsregeln. Also säuselte ich noch einmal: "Du darfst morgen weitermachen, jetzt musst du..." Endlich schien er zu merken, dass ich mit ihm redete. Mit glasigem Blick schaute er mich kurz an und murmelte: "Muss nur noch schnell..." "Okay, aber danach gehst du ins Bett", sagte ich.
Er ging dann auch ins Bett, dachte sogar daran, die Zähne zu putzen. Die halbfertige Polizeistation und alle noch nicht verbauten Teilchen gingen mit ihm. Währenddem ich wie üblich ein paar Schlaflieder sang, sass er ganz und gar unüblich auf dem Bett und baute weiter. Bevor ich das Kinderzimmer verliess, mahnte ich noch einmal: "Jetzt aber schlafen." "Gleich, ich muss nur noch kurz...", war die Antwort.
Vierzig Minuten später drang noch immer fröhliches Summen aus dem Kinderzimmer, noch immer hörte man das Kind mit Legosteinen hantieren. "Nun ist aber wirklich Schluss", sagte ich so streng, wie es die Geburtstagsregeln erlauben und er versprach mir, dass er wirklich nur noch ganz ganz kurz... Bald darauf wurde es tatsächlich still im Zimmer und ich nahm an, die Müdigkeit habe endlich die Entschlossenheit besiegt.
Irgendwann dämmerte ich im Wohnzimmer weg, wurde aber jäh aus dem Halbschlaf gerissen, weil unser Jüngster aus dem Kinderzimmer schrie: "Mamaaaaaa, hilf mir mal mit den Legos, ich schaffe das nicht!" Der Blick auf die Uhr sagte mir, dass es kurz vor Mitternacht war. Er hatte also nicht aufgehört zu bauen, er hatte nur aufgehört zu summen und mit den Steinen zu lärmen, damit ich keinen Verdacht mehr schöpfte. Die Polizeistation war fast fertig, es fehlten nur noch ein paar klitzekleine Teilchen, die der vollkommen übermüdete Bauherr nicht mehr anzubringen vermochte. Nachdem auch diese noch ihren richtigen Platz gefunden hatten, konnte sich unser Jüngster endlich dem Schlaf ergeben.
Am nächsten Morgen rief ich die Kindergärtnerin an und teilte ihr mit, unser Sohn bleibe zu Hause, er sei völlig geschafft von seinen Legos. Die Geschwister ermahnte ich, besonders leise zu sein, damit sich ihr kleiner Bruder erholen könne. "Mal sehen, ob er vor dem Mittagessen wach wird", sagte ich zu meinem Mann.
Um halb neun tönte aus dem Kinderzimmer lautes, fröhliches Summen. Wenig später war die Polizeistation fertig und die Lego-Polizei konnte endlich die ersten Verbrecher hinter Gitter bringen.
Letzte Aktualisierung : 04-07-16, TV