Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03177.jsonl.gz/893

Nach dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine fühlten sich Anna Pavlova und Liudmyla Pavlova nicht mehr sicher in ihrem eigenen Land. Mutter und Tochter versuchten der ständigen Bedrohung zu entkommen und verliessen die Ukraine. Seit April 2022 leben die beiden zusammen mit drei Landsleuten am Hallwilersee. Angst um ihr Leben brauchen sie keine mehr zu haben. Doch die Angst um ihre Lieben nimmt ihnen keiner.
Von Luisa Dambach und Leonie Kihm, G21K
Als in der Ukraine noch Normalzustand herrschte, besuchte Anna die Universität in Odessa. Liudmyla, ihre Mutter, arbeitete erfolgreich als Maklerin, verkaufte viele Häuser und Wohnungen. 33 Jahre lang lebte sie schon mit ihrem Ehemann zusammen, die beiden hatten zwei gemeinsame Kinder. Während Anna im südlichen, am schwarzen Meer gelegenen Odessa die Universität besuchte, lebten Liudmyla und ihr Ehemann im Osten in der Milllionenstadt Dnipro.
Die Schweiz als Zufluchtsort
Und mit einem Mal war alles anders. Der verbrecherische Angriff russischer Truppen auf die Ukraine im Februar 2022 löste in Anna und Liudmyla eine Lebensangst aus. Um sich selbst zu schützen, beschlossen sie schon kurz nach Kriegsbeginn, das Zuhause und die Heimat zu verlassen, in der Hoffmung, in einem anderen Land Zuflucht zu finden. Zu der Zeit war Reisen in Europa für Ukrainerinnen und Ukrainer gratis, und so kam es, dass sich die beiden auf den Weg nach Polen machten. Das Nachbarland kämpfte alledings bereits mit der Unterbringung von hunderttausenden anderen Flüchtlingen. «Es wäre schwierig geworden, Unterkunft und Arbeit zu finden», sagt Liudmyla, die mit Anna im Park der Alten Kanti sitzt, wo sie uns vom brutalen Bruch in ihrem Leben erzählen. «Was tun?», fährt Ljudmyla fort. «Die Optionen waren, entweder weiterzuziehen oder doch wieder zurück in die Ukraine zu gehen, wobei Letzteres eigentlich ausgeschlossen war.» Unerwartete Hoffnung tauchte in der virtuellen Gestalt einer Familienfreundin auf, die schon lange in der Schweiz lebte und auf Facebook den Post einer potenziellen Gastfamilie entdeckte. Nach einem Telefonat mit den Gastgebern war das neue Zuhause in der Schweiz gesichert. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erzählen sie das alles, und es ist aus jedem Wort herauszuhören, wie unglaublich erleichtert, froh und dankbar sie waren und bis heute sind. «Es war wirklich unglaublich», sagt Anna lachend, «meine Mutter hat sogar vorgeschlagen, das ganze Haus der Gastfamilie zu putzen – als Zeichen der Dankbarkeit.»
Leben ohne die Familie
Anna und Liudmyla sind zwar in der Schweiz angekommen; zurückgelassen haben sie aber nicht nur das Zuhause und die Heimat, sondern vor allem auch den Ehemann und Papa sowie den Sohn und Bruder. Die beiden dürfen die Ukraine wegen eines generellen Ausreiseverbots für grundsätzlich kriegstaugliche Männer nicht verlassen. Annas Bruder hat in der Ukraine seine eigene Firma und arbeitet als Anwalt. Annas Papa ist Arzt. Auf die Frage, wie es dem Vater denn gehe, antwortet Anna: «Schwierig.» Und als unser Blick zu Liudmyla geht, sagt sie bestätigend: «Genau. Schwierig.» Die Trennung von Ehefrau und Tochter setze ihm zu, sagen sie dann doch. Und in seinem Berufsalltag sehe er jeden Tag dutzende Tote, darunter auch junge Kinder. Mit all dem klarzukommen, sei nicht leicht, zumal er immer auch ihre Sorge um ihn spüre. Um wenigstens virtuell mit der zurückgelassenen Familie in Kontakt zu bleiben, telefonieren die beiden jedes Wochenende, tauschen regelmässig Fotos und Videos aus und sind nach jedem Kontakt dankbar, dass die Gefährdeten noch leben. Liudmyla und Anna zeigen uns einige Fotos; wie sehr sie ihr altes Leben und ihre Lieben vermissen, können sie dabei nicht verbergen. Und dann – die ungewisse Zukunft. Pläne schmieden können sie keine. Zurück in die Ukraine würden sie natürlich gerne, jedoch weiss niemand, wann (und ob überhaupt) das wieder möglich sein wird. Deshalb versuchen sie sich einfach so gut wie möglich auf ihr Leben in der Schweiz zu fokussieren. Sie geben sich jeden Tag Mühe, sich hier wohlzufühlen, denn niemand weiss, wie lange sie noch hier bleiben werden.
Die Umgewöhnungsphase und das Leben heute
Die Schweizer Kultur, sagt Liudmyla, sei schon sehr anders als die ukrainische. «Das ist nicht wertend gemeint; man muss sich einfach daran gewöhnen.» Als besonders speziell empfindet sie, dass sich hier alle «Grüezi» sagen, auch wenn man sich gar nicht kennt. Das gefällt beiden sehr und gibt ihnen das Gefühl, hier willkommen zu sein. Anna ist besonders fasziniert von den Leuten, welche auch im höheren Alter noch Sport treiben und ein gesundes Leben führen. Und dann ist da natürlich noch die Sprache. Dank ihrer Gastfamilie haben sie schon erstaunlich gut Deutsch gelernt. Anna hilft es sehr, dass sie seit August 2022 die Alte Kanti besuchen kann und die Unterrichtssprache in den meisten Fächern Hochdeutsch ist. Trotzdem war die Sprache eine grosse Herausforderung für beide, vor allem auch wegen der Besonderheit, dass die Leute hier zwar hochdeutsch schreiben, aber Mundart sprechen. Das lässt Liudmyla schmunzeln. «Mundart klingt schon ziemlich lustig. Aber ich gewöhne mich daran.» Allerlei Vorzüge des Lebens in der Schweiz kommen jetzt zur Sprache. Insbesondere die vielfältige Natur und natürlich der See, der direkt vor ihrer Haustür liegt. «Die Schweizer machen das gut», sagt Liudmyla, «man merkt, dass sie die Natur schätzen und Sorge zu ihr tragen.» In der Ukraine, ergänzt Anna, sei man längst nicht so umweltbewusst wie hier in der Schweiz. Und dann lacht sie schallend, wohl, weil sie selbst nicht genau weiss, weshalb ihr das ausgerechnet jetzt einfällt: «Zahnarztbesuche sind unglaublich teuer. Und trotzdem: Hier haben alle schöne Zähne.»
Die Heimat immer mit dabei
Wenn man nicht mit einem Umzugsunternehmen das Zuhause wechselt, muss man gut überlegen, was einem wichtig ist. Da sie orthodox sind, tragen beide eine Kette mit einem Kreuz, welches sie schon in der Ukraine um ihren Hals trugen. Solche religiösen Zeichen sind ihnen wichtig. Auch Ikonen haben sie mitgenommen und sogar Kleider für religiöse Feiern. Dazu natürlich Handys und Laptops voll mit Bildern und Videos, welche an die Ukraine erinnern.
Vorläufiges Fazit und Blick in die Zukunft
«Für die Seele», sagt Liudmyla wehmütig, «ist die Schweiz nicht zuständig. Ansonsten haben wir hier alle erdenkliche Unterstützung erhalten. Und dafür sind wir unendlich dankbar. Es ist perfekt hier. So perfekt wie möglich eben.» Denn den innigsten Wunsch, dass der Krieg in der Heimat endlich aufhört, kann ihnen niemand erfüllen. Was sie selbst aber beeinflussen können, das wollen sie tun. Anna will weiterhin die Alte Kanti besuchen, die Matura machen und eventuell sogar hier studieren. «Und ich möchte möglichst bald eine Arbeit finden und noch besser Deutsch lernen», sagt Liudmyla. «Wir beide versuchen jeden Tag, ein bisschen mehr anzukommen und selbstständig zu werden. In unserem neuen Zuhause.»