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Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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(...)
R.M.: Kommen wir auf den Begriff der Toleranz zu sprechen. Da haben Sie Ihre Kritik und das hängt möglicherweise auch mit der Kategorie des »Mitseins« zusammen?
H.S.: Ja, das »Mitsein« ist im Begriff der Toleranz und in der bisherigen Praxis der Toleranz gar nicht angelegt. Vielmehr transportiert Toleranz ein Verhältnis, das in ein Oben und ein Unten einteilt. Der, der oben ist, setzt die Bedingungen der Toleranz, und der, der unten ist, hat gefälligst das, und exakt das, zu übernehmen. Das heißt: Da liegt eine Konzession vor, die man macht. Das »Mitsein« hat Prozesscharakter, es ist nicht statisch. Es ist also wandlungsfähig und von daher nicht fixierbar wie das Gespenst der Identität oder der Religion. Was viel zu wenig beachtet wird, ist der Grund, weshalb wir uns besser von diesem Feiern der Toleranz verabschieden sollten, nicht etwa, weil die Toleranz missbraucht werden kann, sondern, weit schlimmer, weil die Toleranz eine Lebensform, nein eigentlich eine Begegnungsweise darstellt und ist, in der immer schon eine Machtstruktur eingebaut ist. Die Toleranz ist gar nicht die Toleranz, sondern eine Form der Unterdrückung, die die Bedingungen des »Mitseins« stellt. Am gescheitesten hat es Goethe in den »Maximen und Reflexionen« gesagt:
»Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.«
Das ist der Punkt. Anstelle der Toleranz spreche ich deshalb von der »Differenzverträglichkeit« und glaube, dort ein Verhältnis zu sehen, das nicht bloß auf Konzessionen als Folge eines erschlichenen Machtanspruchs aus ist, sondern das wirklich auch eine Form der Offenheit und der Anerkennung ist. Dann wäre man fähig, mit anderen zu sprechen, so zu sprechen, wie man bisher nicht mit ihnen gesprochen hat. Übrigens: Auch der alte Kant hat von diesem »hochmütigen« Wort der Toleranz gesprochen. Hochmütig, warum? Weil in der Konzession an den Anderen ein Glaube versteckt ist, der davon ausgeht, dass der Andere nicht aus eigener Vernunft handeln kann. Man muss ihm sagen, wie er handeln soll. Die Toleranz ist immer ein Regelverhalten, in dem die Oberen den Unteren sagen, was sie tun dürfen und was nicht. Davon möchte ich wegkommen. Was die Toleranz betrifft, so hat man gedacht, dass sie von Anfang an gut durchdacht sei, offenbar so gut, dass man gar nicht nachgedacht hat, wie schlecht dieser Begriff eigentlich gedacht ist. Das ist erst mit einiger Verspätung zu Bewusstsein gekommen.
R.M.:Wenn ich das mal so sagen darf, »Mitsein« als Kategorie einer Weltgesellschaft wäre ein positiv zu fassendes philosophisches Diätprogramm. Die historischen Voraussetzungen aber für dieses »Mitsein« müssen offenbar ein paar philosophische Beleidigungen sein, damit man sich am Ende sagt, halt, ich bin ein leidfähiges Wesen wie jedes andere!
H.S.: Und dann bricht dieses Leiden aus und mit ihm das Bewusstsein, dass es eigentlich unwürdig ist, so leben zu müssen, wie wir leben. Dann sammeln sich die Empörung und die Wut – und es braucht vielleicht nur noch wenig, bis die Revolution ausbricht und ein Flächenbrand entsteht.
R.M.: Und in diesem Moment der Empörung, der Revolution bricht eigentlich dieses Moment aus, das da sagt: Ich bin ein leidfähiges Wesen.
H.S.: Ja, weil ich etwas anderes verlange, und dieses andere, was ist es? Ein »Mitsein« ohne Kränkung.
R.M.: Apropos Beleidigung im philosophischen Sinne, wir sind ja weltgeschichtlich immer wieder beleidigt worden: im Angesicht der kopernikanischen Wende, zu wissen, dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde sich um die Sonne dreht, dann mit Sigmund Freud, zu wissen, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind, sondern das Es, und nun werden wir von der Weltgesellschaft auch noch einmal beleidigt im Sinne der ...
H.S.: ... im Sinne der Ungerechtigkeiten ihrer Sozialsysteme, jetzt sind es die Menschen, die einander beleidigen ...
R.M.: ... und die Schlussfolgerung aus dieser gegenseitigen asymmetrischen Weltbeleidigung wäre die Aussage: Wir sind alle nur Menschen!
H.S.: Ja, aber warum dieses Wörtchen »nur«? Genügt es denn nicht, dass wir alle Menschen sind?
R.M.: In dem Sinne, dass man bisher oft betont hat, wir sind weiße Menschen oder aufgeklärte Menschen oder zivilisierte Menschen ...
H.S.: Ich denke: Es genügt einerseits, dass wir alle »nur« Menschen sind. Aber diese Aussage ist bloß ein Appell an den Willen zur Gerechtigkeit. Andererseits aber genügt es gar nicht, dass wir »nur« Menschen sind, wir sind auch der außermenschlichen Natur verschwistert und verbunden: den Tieren, den Pflanzen und dieser ganzen Vielfalt von Lebewesen, ohne die wir nicht wären. Die sogenannte Weltgesellschaft ist nicht die Welt im Ganzen. Freud hat auch von der biologischen, narzisstischen Kränkung des Menschen gesprochen, von der Einsicht, dass auch der Mensch ein Tier ist oder jedenfalls aus der Reihe der Tiere hervorgeht.
R.M.: Ich habe den Eindruck, dass der arabische Frühling nicht nur eine Botschaft gewesen ist und ist an die jeweiligen Diktatoren, sondern auch eine Botschaft oder zumindest Flaschenpost an die Welt. Die Kommunikation und Codierung ihrer Sprache war global – die Botschaften waren alle nicht nur gegen das Regime, sondern auch an die Weltöffentlichkeit gerichtet –, und zum ersten Mal in der Geschichte der Revolutionen war diese Revolution horizontal organisiert. Das lässt auf einen glücklichen Ausgang hoffen, ganz im Gegensatz zur Russischen Revolution, in der das Resultat der Revolution – die Oligarchie – schon in der oligarchischen Wahl der Mittel – eine politische Elite, die revoltiert – angelegt ist. Eine ganze Generation von jungen Menschen war an der Revolution beteiligt, die später mal die politischen Geschäfte übernehmen wird.
H.S.: Ich möchte gerne nach einem erweiterten Revolutionsbegriff und nach den Techniken der Revolution fragen. Wenn wir die Techniken betrachten, die im revolutionären Vorgehen verwendet wurden, und uns die Frage stellen, was uns eigentlich diese modernen Techniken sagen, und sie also als Chiffren nehmen, dann antwortet sie uns damit, dass wir einerseits ein Recht haben, alles zu wissen. Wir haben ein Recht, dass die Welt geöffnet wird, und wir haben ein Anrecht auf Gerechtigkeit. Aber wir haben andererseits kein Recht, Menschen grausam zu behandeln und in gewissem Sinn dasselbe zu tun, was auch unsere Feinde tun. Das große Problem ist also die Legitimationsfrage: Wo sind die Grenzen der Vereinbarkeit von Ethos und Revolution?
R.M.:Was aber wäre der implizite Anspruch der neuen Technologien, die die Grundlage des arabischen Frühling bildeten?
H.S.: Wir müssen uns da fragen, was uns eigentlich die moderne Technik sagt. Wir haben sie nämlich im Hinterkopf als Unterdrückungsinstrument – z. B. die Atombombe und die ganze militärische Aufrüstung –, und davon verabschiedet sie sich jetzt, oder zumindest, sie könnte sich davon verabschieden.
R.M.: Wenn man von der Atombombe pars pro toto auf die gesamte Technik schließt, dann hat man natürlich ein anderes Paradigma.
H.S.: Jetzt ist das eigentliche Moment nicht das »Alles-Zerstören-Können«, sondern die totale Offenheit, zum ersten Mal die Chance, ein Weltbürger zu werden, die Möglichkeit der Realisierung der Weltoffenheit. Und verbunden mit der Weltoffenheit die Realisierung des »Mitseins« der Menschen. Von daher, wenn wir das ganz anders versuchen zu denken, aber doch an den entscheidenden Schnittstellen der Realität, könnte man sagen, dass uns wohl indirekt über die Technik mitgeteilt wird: Ihr habt zum ersten Mal die Möglichkeit, auch individuell weltweit einen vernünftigen Umgang mit der Welt zu haben, im »Mitsein« mit den anderen Bürgern, es gibt diese eine Offenheit, eine Offenheit der möglichen Kommunikation, die sprichwörtlich unbegrenzt und grenzenlos ist.
R.M.: Und dabei stellt die »einfache Zuhandenheit« (M. Heidegger) dieser neuen Technologie bereits wieder implizit eine Forderung dar!?
H.S.: Ja, die wirklich große Änderung ist doch, dass das technische Interesse während sehr langer Zeit auf der Chance und der Möglichkeit der Vernichtung des Anderen beruhte. Das war das Grässliche an der ganzen Sache! Nun aber kommt zum ersten Mal die technische Chance, die vielleicht in der goldenen Mitte zu stehen kommt, also den Anderen als Anderen einlädt – obwohl mit den neuen Technologien auch die Möglichkeit der totalen Kontrolle aller Bürger näher rückt, ein Totalitarismus der ganz anderen Art, nicht der Zerstörung zwar, aber der Kontrolle.
R.M.: Diese impliziten, unausgesprochenen Botschaften, die die neuen Technologien mit sich bringen, sind ja noch nicht zu Bewusstsein gebracht. Wir hinken mit dem Bewusstsein dem Sein hinterher.
H.S.: Das kann man gut so sagen, aber man kann nicht sehr gut verneinen, dass es so etwas wie eine Möglichkeit zur Weltoffenheit gibt, leider vorerst nur technischer Art. Das absolut Neue an der Situation ist doch, dass der Mensch zum ersten Mal sich sozusagen auf die Höhe des vernünftigen Gebrauchs der technischen Möglichkeiten bringen muss.
R.M.: Ich finde, das ist eine wunderbare Perspektive auf die arabische Revolution. Ich begreife sie von diesem kommunikativen Aspekt her als eine Aufforderung an die gesamte Welt, miteinander zu kommunizieren. Das wäre gewissermaßen die philosophische Botschaft des Tahrir-Platzes?!
H.S.: Jawohl, so ist es: Gebrauch zu machen von der Möglichkeit der friedlichen Offenheit der Welt.
© Hans Saner & Roland Merk 2012