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Dossier VII: Nutzungskonflikte
In Dossier VII 'Nutzungskonflikte' wird aufgezeigt, ob innerhalb, oberhalb oder unterhalb des Wirtgesteins aus heutiger Sicht oder in absehbarer Zeit wirtschaftlich nutzungswürdige Rohstoffe (z. B. Salz, Kohlenwasserstoffe, Kohle), Mineral- und Thermalwassernutzungen, geothermische Ressourcen, Rohstoffe für die Bauindustrie, Erze etc. in besonderem Masse vorkommen, und inwiefern sich daraus Nutzungskonflikte ergeben könnten.
Ein Nutzungskonflikt entsteht einerseits, wenn die Nutzung von vorhandenen Ressourcen durch ein Tiefenlager (inkl. Zugangsbauwerke) verunmöglicht oder beeinträchtigt wird, oder wenn eine erhebliche Wahrscheinlichkeit des unbeabsichtigten menschlichen Eindringens in das Tiefenlager besteht. Diskutiert wird ferner, ob die Erschliessung und Nutzung von Rohstoffen die Barrierenwirkung des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs (Wirtgestein und Rahmengesteine) beeinträchtigen könnten, sei es beispielsweise durch direktes Eindringen mittels Sondierbohrungen in den einschlusswirksamen Gebirgsbereich oder in das Lager selbst, oder durch indirekte Beeinträchtigungen aufgrund induzierter Bewegungen an Störungen (Subsidenz des Untergrunds, induzierte Seismizität).
Mit dem Bundesratsentscheid vom 30. November 2011 zur Aufnahme der von der Nagra in Etappe 1 vorgeschlagenen Standortgebiete in den Sachplan geologische Tiefenlager wurde auch festgelegt, dass die Kantone, basierend auf Unterlagen des ENSI, bei Bohrbewilligungen oder Konzessionen prüfen, ob mit den angefragten Tätigkeiten die Barriereneigenschaften des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs gefährdet werden könnten. Dazu wurde von der Nagra im Auftrag des ENSI ein Bericht mit entsprechenden Schutzzonen-Karten erarbeitet.
Die potenziellen Nutzungskonflikte innerhalb und im näheren Umfeld der geologischen Standortgebieten wurden für die oben aufgeführten Rohstoffe und Nutzungsarten analysiert; die Ergebnisse sind nachfolgend zusammenfassend dargestellt.
- Kohlenwasserstoffe, Kohle: Die potenziellen Nutzungskonflikte bezüglich Abbau/Förderung von fossilen Kohlenwasserstoff-Ressourcen (Erdgas, Erdöl) und von Kohle sind vielschichtig. Sie betreffen die Exploration, Fördermethoden wie auch Folgeerscheinungen des Abbaus.
Innerhalb der vier in SGT Etappe 1 vorgeschlagenen Wirtgesteine sind keine fossilen Rohstoffvorkommen bekannt. Keines der Wirtgesteine hat ein Potenzial für eine Schiefergas-Nutzung.
Die Evaluation möglicher Rohstoffe unterhalb der Wirtgesteine zeigt, dass nur das geologische Standortgebiet Zürich Nordost in grossen Teilen, kein Potenzial für fossile Rohstoffe aufweist. Im gesamten Standortgebiet Jura Ost besteht ein mögliches Potenzial für Erdgas in dichten Gesteinen des Permokarbons (sog. thight gas plays). Dasselbe gilt für das Gebiet Nördlich Lägern. wobei dort der Nordwestrand auch im Bereich von weiteren möglichen Lagerstättentypen liegt; diese liegen aber ausserhalb des Lagerperimeters. Für die Standortgebiete Jura-Südfuss und Südranden besteht ein spekulatives Potenzial für Erdgas in dichten Gesteinen (tight gas) des Permokarbons sowie Kohleflözgas in den Karbonkohlen. Im geologischen Standortgebiet Wellenberg ist die Datenlage über den tiefen Untergrund (> 2 km) ungenügend für eine Abschätzung möglicher Ressourcen; aber weil Tiefbohrungen von der Talsohle aus erfolgen würden, zeichnen sich keine Nutzungskonflikte ab.
Die Mengen an potenziellen Energieressourcen auf Basis von Kohlenwasserstoffen bzw. Kohle sind erheblich. Allerdings wären für den Nachweis dieses Potenzials und dessen wirtschaftliche Nutzung weitere kostspielige Explorationsarbeiten notwendig.
Im Hinblick auf Explorationsarbeiten zur Erkundung der meist spekulativen Kohlenwasserstoff- und Kohle-Ressourcen zeichnen sich wegen des geringen Platzbedarfs eines Tiefenlagers keine konkreten Interessenskonflikte ab. Explorationsbohrungen können ohne Erkenntnisverlust ausserhalb der potenziellen Lagerperimeter mit angemessenen Sicherheitsabständen durchgeführt werden. Durch geophysikalische Explorationskampagnen (Reflexionsseismik, Gravimetrie) wird ein Tiefenlager nicht beeinträchtigt. Für eine allfällige Nutzung sind entsprechende Sicherheitsabstände einzuhalten.
- Salz: Für Etappe 2 wurden die Informationen über die Salzvorkommen der Nordschweiz aktualisiert und präzisiert. Der Abbau des Steinsalzes erfolgt ausschliesslich im Auslaugungsverfahren mit Bohrungen. Die Salzschichten liegen im Bereich der Standortgebiete meist so tief, dass sie für eine wirtschaftliche Nutzung aus heutiger Sicht nicht in Betracht kommen, oder es gibt Hinweise auf eine sehr geringe Mächtigkeit oder ein Nichtvorhandensein des Salzlagers. Einzig im nördlichsten und westlichsten Bereich des Standortgebiets Jura Ost käme ein Salzabbau in Frage, falls mit zukünftigen Bohrungen eine wirtschaftlich nutzbare Mächtigkeit nachgewiesen werden könnte. Dieses Gebiet liegt jedoch deutlich ausserhalb der Lagerperimeter SMA und HAA.
- Steine und Erden, Erze: Unter dem Sammelbegriff Steine und Erden (auch 'anorganische Nicht-Erze' genannt) werden verschiedene nicht-metallische, mineralische Rohstoffe zusammengefasst. Steine und Erden werden aus wirtschaftlichen Gründen nur oberflächennah – meist im Tagebau, selten in oberflächennahen Kavernen – abgebaut. Eine potenzielle Beeinträchtigung eines geologischen Tiefenlagers wäre denkbar, wenn direkt über dem Lagerperimeter ein tiefreichender, grossflächiger Abbau von mineralischen Rohstoffen stattfinden würde, welcher eine Dekompaktion des Gebirges und als Folge davon eine Erhöhung der hydraulischen Durchlässigkeit des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs bewirken würde.
Im geologischen Standortgebiet Jura Ost fand in den letzten Jahren eine öffentliche Debatte über ein grosses Kalk/Mergelabbau-Projekt statt. Ein solcher Abbau hätte Dimensionen erreicht, die im Extremfall einen Einfluss auf die Abgrenzung der Lagerperimeter gehabt hätten. Das Projekt wurde jedoch zurückgezogen. Zurzeit gibt es im Standortgebiet Jura Ost keine konkreten Kalk/Mergel-Abbauprojekte. Inzwischen sind auch die entsprechenden Schutzzonen für geologische Tiefenlager festgelegt worden.
Ein wirtschaftlicher Abbau von Erzen in den geologischen Standortgebieten wird als unwahrscheinlich eingestuft.
- Mineral- und Thermalwassernutzungen: In der Nordschweiz und im angrenzenden süddeutschen Gebiet existieren an verschiedenen Orten Mineral- und Thermalwassernutzungen. Die genutzten Grundwässer stammen dabei typischerweise aus tiefreichenden Fliesssystemen. Es muss deshalb beurteilt werden, ob durch die Zugänge ins Tiefenlager (Wirtgestein) eine Beeinflussung dieser Nutzungen zu erwarten ist. Eine Beeinflussung durch Bauwerke im Wirtgestein selbst kann aufgrund der sehr geringen hydraulischen Durchlässigkeit dieser Gesteine ausgeschlossen werden.
Mineral- oder Thermalwassernutzungen könnten während der Bau- oder der Betriebsphase der Zugänge beeinflusst werden, wenn eine hydraulische Verbindung zwischen diesen Nutzungen und den von den Zugängen durchfahrenen Bereichen besteht. Umfangreiche, jahrelange Abklärungen der Nagra haben eine Fülle von Informationen zum Verständnis der Fliessverhältnisse der Tiefengrundwässer geliefert. Sie bilden die Basis für die Beurteilung potenzieller Nutzungskonflikte im Zusammenhang mit Mineral- und Thermalwassernutzungen.
In den meisten Fällen kann eine Beeinflussung der Mineral- und Thermalwassernutzungen durch die Zugangsbauwerke ausgeschlossen werden, da die betreffenden hydrogeologischen Einheiten, welche sich oft unterhalb des Opalinustons befinden, nicht durchfahren werden. Insgesamt gibt es nur eine Nutzung, bei welcher eine Beeinflussung durch die Zugangsbauwerke nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Es handelt sich um die mit einer geringen Schüttung in einen Brunnen artesisch ausfliessende Thermalwasserbohrung Lottstetten-Nack (D). In diesem Fall müssten bei der Erstellung der Zugangsbauwerke in den Standortgebieten Südranden und Zürich Nordost beim Durchfahren des Malm-Aquifers entsprechende Vorsichts – und Ueberwachungsmassnahmen getroffen werden.
Im geologischen Standortgebiet Wellenberg und Umgebung existieren keine Mineral- oder Thermalwassernutzungen.
- Geothermie (insbesondere tiefe Nutzungen): Die potenziellen Nutzungskonflikte bezüglich tiefer Geothermie hängen stark von der Nutzungsart (hydrothermal, petrothermal), der geologischen Zielstrukturen und Zieltiefe sowie der verwendeten Technologie (Art der Stimulation) ab.
Die von der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie aufgelisteten Standorte geothermischer Anlagen lassen den Schluss zu, dass zurzeit keine direkten Nutzungskonflikte zwischen bestehenden bzw. aktuell geplanten geothermischen Anlagen und einem Tiefenlager vorliegen.
Als mögliches Zielgebiet zukünftiger tiefer hydrothermaler Anlagen gelten Randstörungen des Nordschweizer Permokarbontrogs. Bei der Abgrenzung der Lagerperimeter innerhalb der Standortgebiete wurde bekannten Trograndstörungen ausgewichen und post-paläozoisch reaktivierte Randbereiche des Nordschweizer Permokarbontrogs wurden aus verschiedenen Gründen als 'zu meidende tektonische Zonen' eingestuft. D. h. es gibt keine Lagerperimeter, welche direkt über solchen geothermischen Zielgebieten liegen. In den Standortgebieten Zürich Nordost, Nördlich Lägern und Jura Ost sind die Lagerperimeter teilweise durch Trogrand-Störungszonen begrenzt.
In diesen Gebieten müssten – falls zukünftig ein Geothermie-Projekt in Trograndstörungen lanciert werden sollte – ein nötiger Sicherheitsabstand eingehalten und geeignete Überwachungsprogramme durchgeführt werden, damit eine Beeinträchtigung eines Tiefenlagers durch induzierte Bewegungen an Störungen bzw. Seismizität ausgeschlossen werden kann.
Gemäss neuester Einschätzung einer breitgefächerten Gruppe von Fachexperten sind petrothermale Systeme am vielversprechendsten für eine erfolgreiche langfristige Erschliessung der schweizerischen Geothermieressourcen, obwohl diese Systeme angesichts der noch bestehenden technischen Probleme zur Zeit noch nicht genügend ausgereift sind, um am Markt bestehen zu können.
Im Gegensatz zu hydrothermalen Systemen nutzen petrothermale Systeme grossflächige Wärmeanomalien im tiefen Untergrund und können praktisch überall errichtet werden. Aus diesem Grund bestehen in Bezug auf geologische Tiefenlager viele Möglichkeiten, um potenziellen Nutzungskonflikten auszuweichen.
- Erdgasspeicherung: Aufgrund der bisherigen Speicherforschungsarbeiten konnten im weiteren Umfeld der von der Nagra vorgeschlagenen Standortgebiete keine geeigneten Formationen für die Grossspeicherung von Erdgas lokalisiert werden.
- CO2-Speicherung: Die neueste Studie des BFE zeigen, dass die meisten Standortgebieten in der Nordschweiz ausserhalb der potenziell geeigneten Zonen für die CO2-Speicherung liegen. Nur das Standortgebiet Jura-Südfuss liegt am Rand der in dieser Studie als günstig bezeichneten Zone. Weil ein geologisches Tiefenlager nur eine geringe Fläche beansprucht, sehen die Autoren der Studie die Nutzungskonflikte auch dort als vernachlässigbar an.