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Timi wird uns frühmorgens vom diensthabenden Notfalltierarzt des Praxisverbundes Biel-Seeland zurücküberwiesen. Die Besitzerin hatte den Notfalldienst nachts beanspruchen müssen, weil die Katze starke Schmerzen zeigte und nicht mehr fähig war, die Hinterbeine zu belasten.
Die klinische Untersuchung zeigt, dass sich beide Hinterpfoten kühl und die Muskulatur der Hinterbeine bretthart anfühlen. Die Katze hat ab Mitte Oberschenkel beidseits kein Gefühl mehr in den Beinen, und der Oberschenkelpuls ist beidseits nicht tastbar. Diese Veränderungen weisen stark auf einen Verschluss der Schenkelarterien hin - ein sogenannter Aorten-Sattelthrombus.
Schon in der Nacht wurden Röntgenbilder des Brustkorbes angefertigt, welche ein vergrössertes Herz mit übermässig grossen Vorhöfen zeigt.
Die Röntgenbilder weisen auf eine Herzerkrankung hin, welche zum Verschluss der Körperschlagader geführt haben könnte. Das Herz wird mittels Ultraschall genauer untersucht, und es zeigt sich, dass die Muskulatur der Herzkammern sehr stark verdickt und die Vorhöfe stark erweitert sind. Eine Diagnose einer Hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) wird gestellt.
Nun wird die Körperschlagader mittels Ultraschall genauer untersucht. Diese zweigt sich vor dem Beckeneingang unter anderem in die beiden Schenkelarterien auf und versorgt so die Gewebe der Hinterbeine mit Sauerstoff. Eine Doppler-Ultraschalluntersuchung zeigt, dass die Körperschlagader nicht mehr komplett durchgängig ist und nur noch sehr wenig Blut die Beinarterien erreicht. Beim Doppler-Ultraschall kann fliessendes Blut farbcodiert dargestellt werden und so Hindernisse in einem Gefäss dokumentiert werden.
Die beiden Schenkelarterien werden mittels Ultraschall ebenfalls lokalisiert - sie zeigen aber aufgrund der Blockade in der Körperschlagader wie befürchtet nur einen sehr geringen Blutfluss.
Unsere Untersuchungen haben den Verdacht bestätigt, dass Timi an einer Embolie (Gefässverschluss) der Körperschlagader-Aufzweigung im Beckenraum leidet. Aufgrund der schweren Herzerkrankung hat sich im Herzen ein Blutgerinnsel gebildet, welches über die Körperschlagader in den Kreislauf gepumpt wurde und nun die Aufzweigung der Schlagader blockiert - ein sogenannter Sattelthrombus ist entstanden.
Da die Blockade offenbar nicht komplett erfolgt ist, wird ein Therapieversuch unternommen. Timi erhält Schmerzmittel, eine intravenöse Infusion zur Kreislaufstützung, Herzmedikamente sowie ein Medikament, welches die Blutgerinnung hemmt.
Im Lauf der nächsten Tage verbessert sich der Zustand von Timi zusehends. Der Schenkelpuls ist wieder an beiden Beinen spürbar und die Pfoten erwärmen sich zusehends. Eine weitere Ultraschalluntersuchung zeigt, dass die Körperschlagader in der Region des Verschlusses deutlich besser durchgängig ist.
Nach etwa einer Woche kann Timi wieder auf dem rechten Hinterbein stehen, schleift aber das linke Hinterbein nach. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate erholen sich die Hinterbeine weiter; obwohl die Katze ab und zu die linke Hinterpfote auf der Ober- statt der Unterseite belastet und sich so kleine Schürfungen zuzieht, etabliert sich mit der Zeit jedoch glücklicherweise ein bezüglich Lebensqualität akzeptabler Zustand. Timi behält zwar einen schlenkernden Gang im linken Hinterbein, ist aber ohne Schmerzen und kann sich draussen wieder dem Jagen von Mäusen und Vögeln widmen. Die Herzmedikamente sowie ein Medikament zur Hemmung der Blutgerinnung muss die Katze aber weiter einnehmen, damit ein Rezidiv nach Möglichkeit verhindert werden kann.
Die bei Timi diagnostizierte Hypertrophe Cardiomyopathie HCM kommt bei Katzen relativ häufig vor. In der Regel wird die Erkrankung erst bemerkt, wenn sie schon weit vorgeschritten ist und zu Komplikationen wie Lungenödem, Brusthöhlenergüssen oder eben Sattelthrombosen geführt hat. Durch den Umbau der Herzmuskulatur erfolgt der Blutfluss im Herzen nicht mehr gleichförmig und es bilden sich Verwirbelungen, welche ihrerseits zur Bildung von Blutgerinnseln führen können.
Timi hatte das Glück, dass der Sattelthrombus die Gefässaufzweigung nicht komplett verschlossen hatte und der Körper so Gelegenheit hatte, alternative Routen zur Versorgung der Hinterbeine mit Blut bilden zu können. Ein kompletter Verschluss der Beinarterien führt ansonsten unweigerlich zum Absterben der Gewebe infolge Sauerstoffmangels.
Die Herzerkrankung kann aber auch durch die verabreichten Medikamente langfristig nicht geheilt werden, und es ist zu erwarten, dass sie früher oder später bei Timi zu schwerwiegenden Problemen führen wird.