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Keine «blaue Welle» aber doch ein Sieg für Joe Biden
Die USA haben gewählt und sich für einen neuen Präsidenten und damit einen grundlegenden Richtungs- und Stilwechsel in der Politik entschieden. Das Präsidentschaftsrennen war überraschend eng und zog sich aufgrund der zeitaufwendigen Auszählung der vielen Briefstimmen wie befürchtet lange hin. Als schliesslich am 7. November von den führenden amerikanischen Medienhäusern Bidens Sieg in Pennsylvania ausgerufen wurde, war klar, Joseph Robinette «Joe» Biden, Jr wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Neben einer soliden Mehrheit im Electoral College (voraussichtlich 306 von 538 Wahlmännern) hat Biden mit über 80 Millionen Stimmen auch das Volksmehr klar gewonnen. Trump erreichte rund 76 Millionen Wählerstimmen, so viele wie noch kein republikanischer Kandidat vor ihm.
Während die Demokraten ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigen, werden sie die Mehrheit in der kleinen Kammer des Kongresses voraussichtlich verfehlen. Aktuell kommen die Republikaner auf 50 Sitze und die Demokraten auf 48 Sitze. Die verbleibenden zwei Senatssitze werden in einer Nachwahl am 5. Januar 2021 in Georgia vergeben. Allerdings erachten wir es als wenig wahrscheinlich, dass es den Demokraten gelingen wird, beide Sitze zu gewinnen und damit eine De-facto-Mehrheit im Senat zu erlangen. Aus der erhofften Senatsmehrheit für die Demokraten dürfte somit auch in einem zweiten Anlauf nichts werden. Ein republikanisch dominierter Senat wird den Spielraum des demokratischen Präsidenten erheblich einschränken.
Donald Trump zeigt sich derweil als schlechter Verlierer und versucht sich auf juristischem Weg im Amt zu halten. Bei dem aktuell klaren Wahlresultat schätzen wir Trumps Erfolgsaussichten hierfür aber als gering ein. Dennoch kann er noch einige Zeit lang Unruhe stiften. Ausgestanden ist die Unsicherheit bezüglich des Wahlausgangs nämlich erst, wenn alle Stimmen ausgezählt sind – der Stichtag dafür ist der 8. Dezember, an dem spätestens die Elektoren ernannt werden müssen – und die Mehrheit der 538 Wahlleute (Electoral College) am 14. Dezember für Joe Biden gestimmt hat.
Die hohe Wahrscheinlichkeit für das Ausbleiben einer blauen Welle wurde von den Finanzmärkten positiv aufgenommen. Die geteilten Machtverhältnisse verhindern ein Durchregieren einer Partei und erfordern in der Wirtschaftspolitik sowie in anderen zentralen Politikfeldern Kompromisse. Die ausgewogenen Kräfteverhältnisse zwischen Wirtschaft und Politik sowie die wirtschaftsstützende Fiskal- und Geldpolitik sorgen mittel- bis langfristig für eine anhaltend positive Risikoprämie von Aktien gegenüber Obligationen.