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In Hebden Bridge verlässt der letzte cool frisierte Passagier den Zug. Vier Meilen weiter, nach einer Stunde Fahrt durch das von Mooren durchzogene Mittelgebirge Englands, kurvt der Zug über ein elegant geschwungenes Viadukt in die Station Todmorden ein. Gleich neben dem Bahnhof findet sich ein perfekter kleiner Kartoffelacker, die erste Spur von Todmordens Ziel, sich bis ins Jahr 2018 zu 100 Prozent selber mit Lebensmitteln versorgen zu können.
Der Schritt in eine neue Ära geschah kurz vor Weihnachten 2007 in der Küche von Pam Warhurst. Sie kam zurück von einem Vortrag von Tim Lang, Professor für Food Economics an der City University London. Der hatte auf der Bühne gestanden und gerufen: «Es geht nicht anders, wir müssen unsere Nahrungsmittel selber anpflanzen.» «Das war es», erinnert sich Pam Warhurst, ein Energiebündel mit der Stimme einer militanten Gewerkschafterin. Kaum daheim, mobilisierte sie Mary Clear, eine 54 Jahre alte neunfache Grossmutter. Bei einem Glas Wein kreierten sie den Titel ihrer Kampagne, «Incredible Edible Todmorden», was so viel bedeutet, wie «faszinierend essbares Todmorden», kurz IET.
Ein paar Wochen später luden Pam und Mary ins vegetarische «Bear Café», um ihre Pläne für die Anbauschlacht publik zu machen. Es kamen Dutzende von Leuten, viele mussten stehen.
So, wie man in Yorkshire nicht «lady» sondern «lehde» sagt, sagt man auch nicht «Todmorden», sondern «Todmeden» oder einfach «Tod». Tod war einst eine reiche Stadt. Unter Queen Victoria lebten hier mehr als 25 000 Menschen. Die Stadt profitierte davon, dass sie an der Grenze zwischen den Grafschaften Yorkshire und Lancashire liegt. In Yorkshire wurde Wolle produziert, in Lancashire Baumwolle. Tod war die Drehscheibe für den florierenden Handel mit den beiden Gütern. Die letzten Spinnereien gingen in den 1970er Jahren ein. Heute ist der wichtigste Arbeitgeber das Schulwesen. Die Bevölkerung schrumpfte auf 15 000 Personen. Von der Grenzlage profitieren einzig noch Kriminelle aus Manchester, die beim Klauen von 4×4-Vehikeln auf die mangelhafte Kommunikation zwischen den Polizeikräften der beiden Grafschaften vertrauen.
Im Gegensatz zum benachbarten Hebden Bridge hat Todmorden den Moment verpasst, den Tourismus zu fördern. Man fühlt sich allseits verstossen. «Wir sind zuhinterst im Tal», klagt Pam Warhurst. «Bei allem kommen wir zuletzt dran.» Andererseits gefällt man sich darin, die trendigen Nachbarn in Hebden Bridge zu belächeln. «In Tod leben die Menschen, die etwas tun», behauptet Todmordens oberster Gärtner Nick Green: «In Tod kauft man die nützlichen Dinge. Nach Hebden Bridge geht man für Designerjacken.» Der Biochemiker kam vor dreizehn Jahren nach Todmorden, um billig eine Spinnerei zu kaufen und daraus eine Autowerkstatt zu machen. Vor drei Jahren gab er die Autos auf und richtete 27 Studios ein, die er an Künstler vermietet, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Nick Green hat das «Guerrilla-Gärtnern» in Todmorden salonfähig gemacht. Die Guerrilla-Gärtnerei erfreut sich in Grossstädten bereits seit längerer Zeit grosser Beliebtheit: Über Nacht werden Ecken, wo bisher nur die Hunde gescharrt haben, mit allerlei bunten Blumen bepflanzt. In den Ferien in Frankreich überraschte Nick Green, dass in vielen öffentlichen Pärken auch Gemüse angepflanzt wird. Zurück in Todmorden, schritt er zur Tat. In einem überwucherten Beet vor dem seit Jahren leer stehenden Haus, in dem der Arzt und Massenmörder Harald Shipman seine ersten Untaten verübt hatte, säte er nachts Kräuter, Mais, Erbsen und Kohl. Niemand beschwerte sich, da pflanzte er zwischen den Büschen auf dem Parkplatz des Supermarktes noch ein paar Kirschbäume. Eines Tages teilte ihm Pam Warhurst mit, er sei fortan der offizielle IET-Guerrilla-Gärtner. Seither ist dies seine ehrenamtliche Haupttätigkeit: «Ich habe das Gefühl», strahlt er, «mein ganzes Leben sei die Vorbereitung gewesen für das, was ich jetzt mache.»
Auch andere haben in der Anbauschlacht ihre Erfüllung gefunden. Tony Mulgrew war Koch in der Armee, ehe er 2001 nach Todmorden kam. Die Schulbehörden hatten dem privaten Unternehmen, das bis dahin die Kantine der Sekundarschule betrieben hatte, gekündigt. Man wollte gesünderes Essen auftischen. Tony Mulgrew führte eine Salatbar ein, schaffte die Snackautomaten und die Pommes-frites-Sandwiches ab, die in Nordengland zur Grundnahrung gehören.
An einem sonnigen Tag im Herbst sass er in seinem Esssaal und verfiel ins Träumen: Was, wenn er auf dem Rasen der Schule das eigene Gemüse anpflanzen würde? Die Schulleitung fand die Idee hervorragend. Mulgrew gab in den «Todmorden News» ein Inserat auf: «Gesucht: Senioren, die unseren Schülern beim Gärtnern helfen möchten.» Er befürchtete, dass sich in den Generationen dazwischen niemand fürs Gärtnern interessieren würde. Es meldeten sich Pam und Mary. Die Absichten von IET passten perfekt zu denen vom Schulkoch. «Wir sind alt!» sagt Mary Clear. «Was wir tun, tun wir für unsere Kinder!»
Mulgrew richtete Treibhäuser ein, und die Lehrer konzipierten ein Lehrprogramm, bei dem die Nahrungskette in allen Fächern in den Mittelpunkt gerückt wurde. Die 760 Schüler und das achtköpfige Kantinenteam machten begeistert mit. Zudem führte er Kochkurse für Schüler und Eltern durch: Brot backen, Fische zerlegen und Hühner rupfen – wobei sich die Schüler vorerst noch weigerten, die selber vom Ei an gezüchteten Hühner zu schlachten. Schon im zweiten Jahr produzierte Mulgrew auf dem öffentlichen Gelände so viel Gemüse, dass man den Überschuss auf dem Markt verkaufen konnte. Fast jeder Stand mit frischen Esswaren wirbt in der Markthalle jetzt mit Tafeln, die das Angebot von «Lokalprodukten» anpreisen.
Es geht IET nicht darum, alles selber zu machen. Aber man setzt darauf, dass die professionellen Gärtner, Jäger und Bauern, ja sogar die Supermärkte mit ihrem Angebot an den Lokalstolz von Tod appellieren. Schulkoch Mulgrew hält sich an die Weisung. Bis zu 20 Prozent seiner Waren sind aus Todmorden, neuerdings sogar Käse. Der Rest ist nie weiter gereist als dreissig Meilen. Mit besonderem Stolz verweist Mulgrew auf die Tatsache, dass es unter den Schülern kaum einen Übergewichtigen gibt. Und im November nahm er einen Preis für die beste Schulkantine Englands in Empfang.
Die Todmorden-Gartenführung von Nick Green dauert mehrere Stunden. Sie führt am brandneuen Ärztezentrum vorbei, wo man um den Parkplatz herum 43 Obstbäume, 100 Heidelbeerstauden, 150 Rhabarberstöcke und 250 Erdbeerpflanzen gesetzt hat. Einer der leitenden Ärzte, William Okanga, ein Kenianer, der in Polen studiert hat, unterstützt IET mit allen Kräften – genauso wie unterdessen die Sponsoren. So haben der lokale Gasverteiler und ein Heimwerkermarkt unlängst je 5000 Pfund hingeblättert, die es IET erlauben, professionell ausschauende Beete zu bauen. «Am Anfang haben wir uns bei den Behörden und Geschäften beliebt gemacht, indem wir von niemandem Geld wollten», sagt Green. «Jetzt, wo sie sehen, was wir fertiggebracht haben, zahlt man gerne. Ich habe noch nie für ein Projekt so schnell Sponsoren gefunden.»
Nick Greens Führung beginnt bei der Brücke über den malerischen Rochdale Canal, der mit unzähligen Schleusen Manchester und Leeds verbindet. Ihm entlang hat man allerhand Kräutergärten und Obstbäume angepflanzt, bei denen sich Wanderer, das indische Restaurant und die Kapitäne der vorbeiziehenden Haus- und Ferienboote gerne bedienen. Im Gärtlein vor dem Polizeiposten stehen Kirschbäume – genauso wie vor dem Feuerwehrgebäude. Diese sogenannten Propagandagärten sollen zuallererst für die Sache von IET werben. Sie werden von der Gruppe gepflegt, jeder Passant darf sich gratis bedienen. Bei den weniger gut bekannten Gemüsesorten wird die Bezeichnung mittels Namenstäfelchen mitgeliefert. Vandalenakte seien keine zu verzeichnen: «Wir sehen in England heute eine neue Haltung zur Natur», erklärt Mary Clear.
Die Führung zeigt indessen leider auch, warum Tod bisher nicht gerade von Touristen überflutet wird. Das Städtchen ist ein typisches nordenglisches Ex-Industrienest. Das «Bear Café» ist zwar so schön ornamentiert, dass es im French Quarter von New Orleans stehen könnte. Ein viktorianischer Architekt hat einige Bauten in einem italienischen Renaissancestil geschaffen, ein reicher Bürger hat ein protziges Stadthaus spendiert und auf dem Hügel ein Schloss gebaut. Aber sonst bleiben Tod nur die Wanderwege. Die Gemeindebehörden haben die Aktivitäten von IET deswegen von Anfang an unterstützt. Jede Neuerung, dank der Tod positiv auffallen könnte, ist willkommen. So hat man eine Karte produziert, auf der ungenutzes öffentliches Land hervorgehoben ist, und an allen drei Dorfeingängen grosse Tafeln an der Strasse angebracht: «Incredible Edible Todmorden».
Vor dem College wartet ein Rasen auf seine Beackerung: Statt für das Mähen bezahlen zu müssen, ist das College dankbar, im Tausch für Gratisland ein paar Beete ausborgen zu können, um sie Schülern mit Lernschwierigkeiten anzuvertrauen, die sie pflegen sollen. Ums Altersheim herum hat IET Beete eingerichtet und ein Treibhaus erstellt. «Die Rentner rümpften bei der Vorstellung, Salat anpflanzen zu müssen, die Nase», grinst Green. «Sie wollten Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln. Wir richten uns nach dem Willen des Konsumenten. Jetzt freuen sich die Rentner an ihren Kartoffeln und Zwiebeln.» Ein Dutzend Leute sind im Führungskomitee von IET aktiv. Einige Dutzend helfen regelmässig bei der Pflege der Gärten. Um die hundert erscheinen zu den gemeinschaftlichen Säaktionen, und mehrere hundert besuchten das Erntefest im Herbst. Überall an den Strassen begegnet man den Propagandagärten. Niemand soll vom Mitmachen ausgeschlossen werden: «Darum haben wir nichts mit irgendwelchen Ernährungsphilosophien zu tun. Uns geht es darum, eine Massenbewegung in Gang zu setzen. Die Aktion steht im Mittelpunkt. Da können wir nichts gebrauchen, wodurch sich gewisse Leute ausgeschlossen fühlen könnten.»
Der Starkoch Hugh Fearnley-Whittingstall persönlich erschien mit einem Kamerateam und liess sich beim Rosmarinpflücken am Strassenrand filmen. Eine Häusergenossenschaft rüstet die Bewohner einer neuen Siedlung mit Samen aus, die sie in Blumentöpfen auf dem Balkon säen sollen. «Es ist schwierig zu sagen, wie viele Menschen aktiv beteiligt sind», sagt Pam Warhurst. «Sicher ist, dass viele Dorfbewohner angefangen haben, hinter dem Haus Gemüse zu ziehen oder Hühner zu halten, ohne dass sie bei IET direkt mitmachen würden. Jedenfalls können wir nicht mehr durch das Dorf gehen, ohne von wildfremden Menschen um Rat gefragt zu werden.»
Der in den Ruhestand getretene Besitzer einer Gartenbaufirma hat IET einen Teil seines Landes für die Errichtung von neuen Treibhäusern überlassen. Weit fortgeschritten sind die Pläne für eine Fischzucht. Angespornt durch die IET-Kampagne «Every Egg Matters», haben viele Bürger jetzt ein paar Hühner im Garten – die überschüssigen Eier werden über die IET-Website verteilt. «Ohne die Website hätten wir IET nicht aufziehen können», strahlt die 65jährige Webdesignerin Estelle Brown, die in einem Hausboot wohnt und von sich selbst sagt, sie sei der einzige typische alte Hippie von IET. Auf rund 4000 Besucher komme die Website unterdessen, erklärt Brown. Das Interesse reicht von Australien bis in die USA.
Im letzten November organisierte IET in der Schule eine Konferenz, an der man die nach den ersten Erfahrungen revidierten Konzepte darlegte. Zweihundert Teilnehmer aus ganz Grossbritannien erschienen. Bereits plant man eine grössere Konferenz in London. Gerade hat man Bescheid bekommen, dass in der Nähe von Portland, Oregon, ein Projekt nach dem Modell IET gestartet wird. «Es geht nicht nur darum, Gemüse zu pflanzen. Es geht darum, Geschäft mit Lehrprogramm und Gemeinschaftssinn zu verbinden», erklärt Pam Warhurst. Man stehe an einer Schwelle, sagt Nick Green: «Wir stehen vor dem Wandel von einem Häufchen Freiwilligen zu einer Organisation, die Führung und Statuten braucht.»
Niemand in Todmorden sagt ein böses Wort über Incredible Edible Tod. Höchstens leise Skepsis ist da und dort zu vernehmen. Zum Beispiel beim Manager eines der drei Hotels der Stadt. «Was ist mit all den Besoffenen, die auf die Gärten pinkeln?» will er wissen. «Selbst Besoffene haben heute Respekt vor Gemüse», entgegnet Mary Clear. Als professionell geführtes Unternehmen, so der Manager weiter, könne er nichts auftischen, von dem er nicht sicher wisse, dass es fachgerecht und hygienisch produziert worden sei. «Blödsinn», sagt Warhurst, «unsere Bauern verfügen über alle Zertifikate, die man haben kann.» Auch kein böses Wort über IET hört man vom Immobilienmakler Tony Deakin: «Die Idee hat ohne Zweifel zu einem besseren Zusammenhalt in der Gemeinde geführt», sagt er. «Der Ruf von Incredible Edible Tod hat sich herumgesprochen. Ganz klar, die Stadt hat dadurch an Attraktivität gewonnen.» In der Tat weiss ein junger Mann im Pub zu berichten, dass er zwei Familien kenne, die nach Todmorden ziehen wollten, weil sie glaubten, in einer solchen Umgebung würden ihre Kinder glücklich aufwachsen.
Auch die drei Teenager aus Bangladesh, die ohne grossen Enthusiasmus den Kiosk hüten, werden sogleich munter, als man IET erwähnt: «Eine tolle Sache», finden sie. «Wir haben auch zu pflanzen angefangen. Es gibt uns das Gefühl, zur Gemeinde zu gehören.» Niemand allerdings gerät derart ins Schwärmen wie Mark Dempsey. Dempsey ist im Bezirk Calderdale zuständig für die Pflege von Parkanlagen und Strassen. Seit Jahren versucht er die Bevölkerung mit seiner Naturpassion anzustecken. Die Anbauschlacht hat seinen Bemühungen in dieser konservativen Gegend grossen Auftrieb gegeben. Seine Lehrlinge, so berichtet er, rissen sich um die Jobs in Todmorden. «Und darum geht es», strahlt Dempsey, «wenn Teenager die Begeisterung eines Lehrlings sehen, der kaum älter ist als sie, reagieren sie darauf viel besser, als wenn ein alter Mann wie ich daherkommt.» Auch Dempsey hat einen Traum. Er möchte einen Wander- und Radweg realisieren, der dem gesamten Kanal entlang, volle sechzehn Meilen, führt. «Diese wunderbare Gegend ist ideal für Menschen, die die Natur lieben.»
Eine Frage bleibt zum Schluss: Wie ernst meint man es mit dem Ziel 2018? «Als Datum ist es so konkret wie das Datum, an dem der Klimawandel unsere Temperaturen steigen lässt», sagt Pam Warhurst. «Ohne Zweifel wird es geschehen, aber ob das 2018 oder 2019 ist, wissen wir nicht. Wichtig ist, dass wir eine Veränderung im Verhalten der Menschen auslösen können. 2018 werden die Kinder, die jetzt in die Schule gehen und unsere Kurse besuchen, erwachsen sein.»
Hanspeter Künzler ist freier Journalist; er lebt in London.