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Auf fliegen zwei Vögel
Herr Alberts schaut auf den Suppenteller vor ihm auf dem Tisch. Speck und Erbsenduft, Schlürfen, Löffelgeklimper, Stimmengewirr rings um ihn. Der Löffel in Herrn Alberts Hand dreht sich, zittert, taucht in die Suppe, stochert, rührt, stochert, wird neben den Teller gelegt.
Ein Luftzug streicht durch das Fenster, zieht über den Tisch, verwischt den Dampf über der Suppe.
Herrn Alberts Augen leuchten. Da schwimmt etwas im Teller.
„Ein Boot“, flüstert er. „Ein Ruderboot.“
Das Boot ist nussschalengross. Aber es ist ein richtiges Boot mit hölzernen Planken, mit Bug und Heck.
„Ein Vogel“, flüstert Herr Alberts. „Der steht im Boot.“
Auf der Ruderbank steht auf dünnen, gelben Beinen ein Vogel, dessen Schnabel über den Bug und dessen Schwanz über das Heck des Bootes hinausragt.
„Und noch ein Vogel“, flüstert Herr Alberts.
Der zweite Vogel steht auf dem Rücken des ersten.
Die Vögel gleichen sich. Herr Alberts kennt viele Vögel, aber diese beiden kennt er nicht.
“Dicker, gelber Schnabel“, flüstert Herr Alberts.
Die Schnabelspitzen sind orangerot, das Gefieder schwarzgelbgrün gemustert, an den Flügelspitzen leuchten rote, gelbe und blaue Flecken. Die Augen erinnern an schwarze Oliven mit weissen Pupillen.
„Und beide tragen eine schwarzweiss karierte Schirmmütze auf dem Kopf“, schmunzelt Herr Alberts.
Die zwei Vögel schauen über Bug und Tellerrand hinaus, als suchten sie Land. Sie balancieren, sind bemüht, das Gleichgewicht zu halten. Das Boot kommt manchmal arg ins Schwanken. Zarte Wellenringe ziehen von ihm weg über die Suppe.
„Sie haben keine Ruder“, flüstert Herr Alberts, formt seinen Mund zu einem Oval und pustet seinen Atem über den Teller.
„Land in Sicht“, sagt Herr Alberts und erschrickt.
Das Boot fängt an zu schwanken, neigt sich nach links, dann nach rechts, kentert beinahe. Mit artistischen Balanceakten schaffen es die Vögel, das Boot wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wieder in Balance, rücken sie ihre Schirmmützen zurecht.
Herr Alberts getraut sich kaum noch zu atmen, hält die Hand vor seinen Mund. Das Boot schwimmt wieder ruhig vor ihm in der Suppe. Herr Alberts möchte die Vögel gerne fragen, nach welcher Küste sie denn unterwegs seien, aber er getraut sich nicht mehr zu sprechen.
Luft zieht durchs offene Fenster. Eine Zeitschrift flattert vom Sims. Der Fensterflügel schlägt zu, geht wieder auf. Herr Alberts streckt seine Hände über den Tisch, versucht, die Vögel auf dem Boot vor dem Windstoss zu retten.
Die Vögel flattern. Der obere klammert sich mit den Krallen ans Gefieder des unteren, der untere krallt sich ins Holz der Ruderbank. Das Boot schwankt hin und her, Federn plustern sich im Wind, die Flügel schlagen, die beiden Vögel heben aneinandergekoppelt samt Boot von der Suppe ab, kreisen kurz über dem Teller, fliegen über den Tisch und verschwinden durch das Fenster.
Herr Alberts schaut ihnen nach, schaut lange, schaut immer noch, auch wenn er sie schon seit einer Weile nicht mehr sieht.
„Auf sind sie … weg“, sagt Herr Alberts.
Ein Schatten zieht vor ihm über den Tisch, bleibt neben dem Teller liegen. Herr Alberts schaut auf. Blicke richten sich auf ihn.
„Herr Alberts“, sagt die Frau mit der weissen Schürze. „Warum sie nicht essen? Heute Mittwoch. Tochter kommen. Sie essen!“
Herr Alberts deutet mit der Hand zum Fenster.
„Fenster?“, sagt die Frau. „Sein gut wenn offen. Schlechte Luft von Mensch müssen raus.“
Die Frau ist gegangen. Herr Alberts greift nach dem Löffel. Der Teller vor ihm kommt näher, geht weg, kommt wieder näher, geht wieder weg. Der Löffel fällt auf den Boden. Das Schlürfen, das Löffelgeklimper und die Stimmen um Herr Alberts verstummen. Aber Herr Alberts hört, wie jemand etwas sagt. Weit weg wird etwas gesagt, das er nicht versteht.
„Auf fliegen zwei Vögel“, flüstert Herr Alberts.
Er hebt seine Arme, streckt seinen Rumpf. Aber sein Kopf wird schwer und schwerer, die Suppe kreist ihm entgegen. Der Kopf neigt sich nach vorne, kippt auf den Teller.
„Herr Alberts!“, ruft jemand.
Suppe tropft vom Tisch.
© Niklaus Epp