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Damit wurden mit dem SALV (Schweizer Amateurfussball- und Leichtathletikverband) und dem ELAV (Eidgenössischer Leichtathletikverband) zwei Verbände vereinigt, die sich zuvor während rund sechs Jahrzehnten spinnefeind gegenübergestanden hatten.
Dabei waren die Machtverhältnisse ziemlich einseitig verteilt, denn der ELAV als Teil des reichen Eidgenössischen Turnvereins hatte zwar das Geld, aber der SALV als der etwas ältere Verband hatte die internationale Lizenz und beherrschte damit die gesamte Schweizer Leichtathletik. Die Schweizermeisterschaften konnten nur durch SALV-Vereine organisiert werden und die Selektionen für Länderkämpfe und internationale Titelkämpfe wurden ebenfalls von der Technischen Kommission getätigt, wobei von Neutralität kaum gesprochen werden konnte. Die TVU-Leichtathleten konnten davon ein Lied singen, denn sie gehörten ja dem ELAV an.
Einer, der im Laufe seiner Karriere einige Mal negative Erfahrungen mit seiner ELAV-Zugehörigkeit machen musste, war der TVU-Mittelstreckler Rolf Jelinek, in den Jahren 1962 bis 1965 viermal hintereinander Schweizermeister über 1500m. Für ihn hätte man ELAV auch umdeuten können in «Er Läuft Allen Voraus…»
Rolf hatte es besonders schwer, weil er auf seiner Lieblingsdistanz einen grossen Konkurrenten aus einem SALV-Club hatte. Hansruedi Knill vom LC Brühl St Gallen lieferte sich in diesen Jahren epische Duelle mit Rolf Jelinek, welche zumeist im Endspurt knapp zu Gunsten des Untersträsslers ausging. Bevorzugt wurde aber bei Ausland-Einsätzen von den SALV-Selektionären dank «Vitamin B» meist der St. Galler. Einige Beispiele vernahm Rolf erst nach seinem Rücktritt, als er beruflich in Deutschland einen Vertreter eines Sportvereins traf, der ihn fragte, weshalb er denn trotz mehrfachen Einladungen nie zu ihrem internationalen Leichtathletik-Fest gekommen sei. Als Rolf erklärte, er hätte nie eine Einladung erhalten, beschied ihm sein gegenüber, dass der Schweizer Verband jedes Mal geantwortet habe, dass Jelinek zurzeit nicht gut in Form sei und man einen Ersatz schicken werde – Name: Hansruedi Knill…
Erste Erfahrungen, welch rauer Wind in der Schweizer Leichtathletik-Szene herrschte, hatte Rolf schon ganz zu Beginn seiner Karriere erfahren.
Mit seinem Vater als Vorbild eines Langstreckenläufers begann Rolf schon früh ebenfalls mit Leichtathletik, allerdings auf den Mittelstrecken-Distanzen 800 und 1500m. Dabei startete er für den Zürcher Sportclub, wie sein Vater. Dort riet ihm der Sportchef aber schon bald, zu einem anderen Club zu wechseln, denn im Training war er für seine Kameraden zu stark und konnte kaum etwas profitieren. So kam 1956 sein Wechsel zum besten Läuferverein in Zürich, dem TVU zustande, womit Rolf zu einem ELAV-Läufer wurde, ohne zu wissen, was das bedeutete.
Als Juniorenmeister in diesem Jahr war Rolf schon einer der besten 800m-Läufer der Schweiz und wurde zu einem Ausscheidungsrennen für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Melbourne eingeladen. Das Rennen fand in Bellinzona statt. Dort machten ihm die Selektionäre allerdings schon vor dem Start klar: «Du chasch sicher nöd ga – du bisch ja erscht zwänzgi!».
Rolf gewann das Rennen und hätte auch die Limite für Melbourne gehabt. Olympiakandidat wurde Rolf trotzdem nicht.
Diese Sache erledigte sich aber auf eine viel skurrilere Art, denn nach dem durch die Sowjets niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand drängte der Eidgenössische Turnverein auf einen Boykott der Olympischen Spiele durch den gesamten Schweizer Sport, und weil in der Schweiz die Kunstturner des ETV die sichersten Medaillenkandidaten gehabt hätte, vermochte der ETV seinen Boykott national durchzusetzen. Diese blödsinnigste Aktion aller Zeiten im Schweizer Sport veränderte international keinen Millimeter, denn niemand nahm davon Notiz, aber im Schweizer Sport war der ETV fortan der Prügelknabe, und in der Schweizer Leichtathletik gab es eine ganze Reihe von Athleten, welche aus Frust von einem ELAV-Verein zu einem SALV-Club wechselte. Der TVU verlor dadurch seine enorm erfolgreiche Sprint-Staffel, von der die Gebrüder Weber zum LCZ wechselten während Fritz Griesser und Sepp Huber ihre erfolgreichen Karrieren per sofort beendeten. Und dieser ganze Vorfall verstärkte die Differenzen zwischen den beiden Leichtathletik-verbänden von Stufe «bösartig» auf Stufe «Hass». Die Verbandspolitik lag lange Zeit vollständig am Boden.
Für Rolf Jelinek ging das olympische Trauma auch vier Jahre später weiter. Für die olympischen Spiele 1960 in Rom verfehlte er an einem Internationalen Meeting in Frankreich die Olympia-Limite über 800m in 1:47,3 um gerade mal 3 Zehntelsekunden, obwohl er am Schluss das Gefühl hatte, gar nicht voll gelaufen zu sein. Erst im dritten Anlauf klappte es dann für Tokyo 1964 über 1500m.
(siehe «Rückspiegel» Olympische Spiele 1964 in Tokyo)
Teilnahme an den Turnfesten als Reibungsfläche
Für die sogenannten «Turner-Leichtathleten» gab es neben dem ELAV noch ein weiteres Handicap, nämlich die Teilnahme an den Turnfesten. Da schieden sich vielerorts die Geister ziemlich deutlich. Der Vorstand des Gesamtvereins TVU wünschte natürlich, dass seine Leichtathleten jeweils den Sektionswettkampf bestritten, mindestens an Kantonalen und Eidgenössischen festen. Und zwar bis gegen Ende der Sechzigerjahre auch die «Marsch- und Freiübungen», bei denen der TVU ja als Grosssektion jeweils mit 128 Turnern antrat. Da brauchte es natürlich jeden, der einigermassen gerade gehen konnte. Das hiess aber auch, dass einige Stunden für das Erlernen und Üben der Freiübungen und der Marschformationen aufgewendet werden mussten. Und weil auf den holprigen Wiesenböden der Leichtathletikanlagen auch die Verletzungsgefahr nicht ausser Acht gelassen werden durfte, gab es jeweils im Frühjahr epische Diskussionen zwischen dem Oberturner und den Leichtathletik-Vertretern über Sinn und Unsinn von Turnfestteilnahmen.
Rolf Jelinek versteckte sich dabei nicht und war an verschiedenen Turnfeten aktiv im Einsatz, denn gute Läufer waren natürlich gerade in der Pendelstafette gesuchte Leute. Bei seinem ersten «Eidgenössischen» 1955 in Zürich war er als Neunzehnjähriger zudem als Helfer im Einsatz, denn auch hier mussten die Stadtzürcher Turnvereine Hilfskräfte in grosser Zahl melden.
Rolfs Leichtathletik-Karriere verlief keineswegs geradlinig, denn nach einer erfolgreichen Juniorenzeit und einem gelungenen Übergang zu den Aktiven, erwische er gegen Ende der Fünfzigerjahre verschiedene Verletzungen, welche ihn zum vermeintlichen Karriereabbruch verleiteten. Erst 1962 wurde Rolf durch Walter Kammermann wieder reaktiviert, und schon im gleichen Jahr holte er sich seine erste SM-Goldmedaille über 1500m für den ersten von vier aufeinander folgenden Titelgewinnen. Es wurde ein sehr erfolgreiches Comeback, welches er dann 1966, bereits verheiratet, endgültig beendete.
Als Amateur-Sportler vierfach belastet
Profisport war ja offiziell bis 1980 in den Olympischen Sportarten tabu, und in der Schweiz hielt man sich ziemlich strikte daran. Das bedeutete aber manchmal eine Vierfach-Belastung mit Familie, Beruf, Training und Weiterbildung. Rolf Jelinek lernte Bankkaufmann beim damaligen Schweizer Bankverein und wechselte dann später zu einer Privatbank, wo er bis zum stellvertretenden Direktor aufstieg. Dabei arbeitete er stets zu 100%, trainierte abends beim TVU im Sihlhölzli oder im Rösli-Areal drei bis viermal pro Woche und ging dann nach dem Training sehr oft zur Weiterbildung noch an eine Abendschule. Dass dann auch noch eine Familie mit Ehefrau und vier Kindern zu ihrem Recht kamen, brauchte schon fast übermenschliche Organisations-Fähigkeiten.
Nach dem Karriere-Ende stellte sich Rolf noch einige Jahre dem TVU und dem ELAV als Kadertrainer für die Mittelstrecken zur Verfügung, um dem Nachwuchs etwas von seinem grossen Fundus in Sachen Trainingserfahrung weiterzugeben. Dabei erlebte er den Zusammenschluss von SALV und ELAV am Ende des Jahres 1971 nur noch als Zaungast Das Ende des ELAV wird er dabei nicht gross vermisst haben…
Peter Tobler