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Wie kommt eine Band in die luxuriöse Situation, nach vierzehn Jahren ohne vollwertiges Album dermassen Kult zu sein, dass die Ankündigung ihres Debüts heisse Freudenstürme durch die Sludge-Wüste jagt? Vordergründig liest sich die Geschichte von Graves At Sea wie die einer beliebigen Unterground-Band X aus dem staubigen Westen: Ein Jahr nach der Gründung ein Demo eingespielt, eine Single folgen lassen, darauf eine Split mit einer anderen Band aus dem Zwielicht von Oakland. Einige Jahre lang würde diese Band dann versuchen, ihre Stimme aus dem vielkehligen Doom/Stoner/Sludge-Dröhnen der Westküste zu erheben, um dann, gleich einem Rudel Kojoten, wieder in der Wüste zu verschwinden.
Die Geschichte von Graves At Sea weicht ab. Schon das aktuelle Pressebild – die Band in einer vollgestopften Werkstatt – sagt: Wir sind die Band, die zu beschäftigt war. Aber hier, euer Album.
Die heute verbliebenen Gründungsmitglieder Nick Phit (Gitarre) und Nathan Misterek (Vocals) wirkten in wüsten Truppen wie Atriarch, Uzala oder Laudanum, während die Jahre ins karge Land zogen. Doch monumentale Songskulpturen wie «Pariah» (ab der famosen Split mit Asunder, 2005) oder «Praise The Witch» (von der ersten EP Documents Of Grief) hörten nie auf, als Forderung nach mehr widerzuhallen.
Dann, Anfang März, liess das Magazin «CVLT Nation» via Facebook euphorisch verlauten: «It’s early, but I’m going to call it…Best Doom Record of 2016.» Was davon kann dieses Album halten? Mit drei über zehnminütigen und zwei Songs an der 15-Minuten-Grenze frönen Graves At Sea darauf hemmungslos der Überlänge und formulieren unmissverständlich den Anspruch eines Opus Magnum. Feuer- oder Blendwerk?
Nach einer guten Minute Reverb-Drone und einer Harley-Standgas-Gitarre, beginnt der Titeltrack mit einem schneidenden Riff, das sich während einer weiteren Minute immer höher variiert, bevor Mistereks giftiger Gesang die Atmosphäre gen Süden des Himmels schickt. In den ersten drei Minuten geschieht wenig und unglaublich viel, man weiss nicht recht, ob es freudig oder beunruhigt stimmen soll, dass das Ungemach, der Fluch, der dieser Track, der dieses Album zu sein scheint, gerade erst begonnen hat. Die Auflösung der aufgewickelten Riffs in schunkligen Power-Chords kontrastiert im Refrain die pechschwarze existentialistische Bibel-Referenz: «Eat of my body / Drink of my blood / Take from my soul / Blacken my heart / Raise all your glasses, we’re doomed from the start» singt Misterek in psychotischem, an Black Metal geschultem Keifen, wie es dieser Tage vermehrt in der Schnittmenge Doom und Sludge anzutreffen ist, man denke etwa an Thou. Angedoomte NWOBHM-Twin-Guitars à la Pallbearer und Khemmis vergolden den Song, bevor er wieder in sein erstes Riff greift und so eine hübsche Kreisbewegung vollzieht.
Im Ausklang von «Dead Eyes» begegnet erstmals das düsterromantische Zusammenspiel von verschrobener Violine und Akustikgitarre, dessen Dynamik auch das Zentrum des Albums, «The Ashes Make Her Beautiful», prägt. Die sanft an die Instrumente geschmiegte Produktion überzieht «The Curse That Is» mit einer warmen Vintage-Patina, die dem Album die Atmosphäre eines verschrobenen Folk-Albums à la Tom Waits verleiht.
Von der klaustrophobischen Kammermusik zu Beginn, über die abgrundtiefe Verzweiflung im zähen Mittelteil bis zum kathartischen, von Bryan Sours Drum-Fills gepeitschten Schluss ist «The Ashes Make Her Beautiful» eine für sich stehendes Doom-Drama. Wenn Misterek durch das Crescendo der Gitarren sein Vergänglichkeits-Mantra kreischt, die Violine sich in den Wahnsinn fiedelt und Stahlrohre aneinander schlagen regt sich der Verdacht, dass die Erde die Schöne aus dem Songtitel ist.
Über weite Strecken der fast 80 Minuten ist «The Curse That Is» eine endlos erscheinende Riffkaskade, wie sie Matt Pike wohl schreiben würde, wenn er High On Fire-Songs auf Sleep-Länge dehnen wollte. Mit ihrer oft repetitiven Struktur erzeugen die Songs einen hypnotischen Sog, den griffige Refrains immer wieder brechen. «Minimum Slave» versandet schliesslich wie «The Curse That Is» hervorgetreten ist: in dröhnendem Reverb. Feuerwerk.