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Die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) soll den Existenzbedarf von pensionierten Frauen und Männern sichern und basiert auf dem Solidaritätsprinzip: Junge zahlen die Renten älterer Bürger, Vermögende unterstützen weniger Wohlhabende. Momentan beträgt die AHV-Rente mindestens 1175 Franken und höchstens 2350 Franken pro Monat, bei Ehepaaren und Paaren in eingetragener Partnerschaft sind es maximal 3525 Franken.
Der demografische Wandel stellt die AHV jedoch vor grosse finanzielle Herausforderungen. Einerseits kommen die Baby-Boomer der 50er- und 60er-Jahre ins Pensionsalter, andererseits werden Rentnerinnen und Rentner immer älter, während die Geburtenrate auf tiefem Niveau verharrt. Befürworter und Gegner der AHVplus-Initiative sind sich einig, dass die Altersvorsorge der Schweiz dringend überarbeitet werden muss. Ihre Lösungsansätze sind jedoch verschieden.
Die Initianten – darunter alle Gewerkschaften und grossen Arbeitnehmenden-Organisationen des öffentlichen Dienstes, die Grünen, SP sowie Rentner-Verbände – sind der Meinung, dass die Gelder aus den ersten beiden Säulen in vielen Fällen keine ausreichende Altersvorsorge mehr bieten. Aus diesen Gründen fordern sie eine Stärkung der 1. Säule, die durch eine Erhöhung der AHV-Renten um 10 Prozent erreicht werden soll. Zu den Gegnern der Initiative zählen der Bundesrat, die Mehrheit des Parlaments, Economiesuisse, Arbeitgeber-, Gewerbe- sowie der Bauernverband. Bundesrat und Parlament sehen die Lösung des Problems in der geplanten «Altersvorsorge 2020», welche in der Herbstsession 2016 behandelt wird.
3 Säulen der Altersvorsorge
- 1. Säule: AHV/IV
Ziel: Existenzsicherung und Verhindern von Armut.
Die ganze Bevölkerung ist obligatorisch versichert.
- 2. Säule: Berufliche Vorsorge (BVG)
Ziel: Deckung der gewohnten Lebenshaltungskosten.
In der 2. Säule versichert sind Arbeitnehmer mit einem Mindestlohn von jährlich 21'150 Franken (Stand 2016). Selbständig Erwerbstätige können freiwillig in die 2. Säule einzahlen. Zusammen mit der ersten Säule sollte ein Renteneinkommen von circa 60 Prozent des letzten Lohnes erreicht werden.
- 3. Säule: Private Vorsorge
Ziel: Ergänzende Deckung der gewohnten Lebenshaltungskosten
Einzahlungen in die 3. Säule können von allen Erwerbstätigen vorgenommen werden. Sie sind freiwillig, steuerlich begünstigt und sollen Vorsorgelücken aus den ersten beiden Säulen schliessen.
Argumente der Befürworter
AHV und Pensionskasse sollen laut Bundesverfassung dafür sorgen, dass der gewohnte Lebensstandard auch nach der Pension beibehalten werden kann. Dies sei bei tiefen und mittleren Einkommen teilweise nicht möglich, da die Lebenshaltungskosten durch die Krankenkassenprämien stark gestiegen sind. Eine Erhöhung der AHV-Renten um 10 Prozent könnte erreicht werden, indem die Lohnbeiträge von Arbeitgeber und Arbeitnehmern um 0,4 Prozent gesteigert würden.
Ein Beispiel auf der Grundlage des Rentenrechners der Initianten: Im Fall eines kinderlosen 30-Jährigen mit einem Bruttolohn von 5500 Franken müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen 50 Franken mehr im Monat bezahlen. Dies macht nach der Pension monatlich 231 Franken mehr Rente aus.
Laut den Initianten braucht es 10 Prozent mehr AHV-Rente, weil...
- ...das Leben teurer geworden ist, die AHV-Renten aber seit über 40 Jahren nicht mehr grundsätzlich angepasst worden seien.
Zwar werden die AHV-Renten alle zwei Jahre an Teuerung und Löhne angepasst, allerdings werden diese nur zur Hälfte berücksichtigt. Dadurch hinken die Renten den Löhnen hinterher – der Rückstand belaufe sich mittlerweile auf 20 Prozent: Seit 1980 sind die Löhne um 135 Prozent angestiegen, die AHV-Renten jedoch nur um 114 Prozent. Da als Grundlage der Berechnung ein ungenaues Modell diene, sei eine grundsätzliche Anpassung der AHV-Renten nötig.
- ...die Renten aus Pensionskassen immer mehr sinken.
Wegen Negativzinsen und sinkenden Renditen müssen Rentner laut den Initianten mit happigen Verlusten rechnen. Seit der Finanzmarktkrise gebe es weniger Zinsen auf dem Altersguthaben, wodurch künftige Renten sinken. Hinzu kommt, dass der Umwandlungssatz für Pensionskassen-Renten kontinuierlich reduziert wird. Nur durch eine Stärkung der AHV könne das Niveau gehalten werden.
- ...viele Frauen, die über magere oder keine Pensionskassen-Renten verfügen, von der AHV-Rente abhängig seien.
38 Prozent aller Rentnerinnen haben nur eine AHV-, aber keine Pensionskassen-Rente. Die meisten dieser Frauen erhalten wegen Babypausen, Teilzeitarbeit und Lohnungleichheit durchschnittlich nur halb so viel Rente wie die Männer. Eine Stärkung der AHV käme Frauen besonders zugute, da diese Erziehungs- und Betreuungsarbeit berücksichtigt. Auch junge Menschen, welche lange Ausbildungen, Praktika oder schlecht bezahlte Nebenjobs haben, können von einer Stärkung der AHV profitieren.
- …mit der AHV-Rente nicht spekuliert werde. Sie sei deshalb die sicherste Altersvorsorge.
Bei vielen Pensionskassen wurden in den vergangenen Jahren Leistungen gekürzt, Zins- sowie Umwandlungssätze gesenkt. Ausserdem verstärkt sich der Druck auf die zweite Säule durch Negativzinsen. Die AHV hingegen sei stabil, weil sie die Beiträge als Renten direkt wieder ausbezahle. Dies sei auch der Grund dafür, dass Vertreter der Finanzwirtschaft und Lobbyisten sie schlechtreden würden: Im Gegensatz zur beruflichen und privaten Vorsorge könne nur ein kleiner Teil des Geldes auf den Finanzmärkten angelegt werden.
Argumente der Gegner
Der Nationalrat hat die Initiative mit 139 zu 53 Stimmen bei 1 Enthaltung abgelehnt, der Ständeratmit 33 zu 9 Stimmen bei 1 Enthaltung. Bundesrat und Parlament setzen auf die Altersvorsorgereform 2020 als umfassendere Lösung.
Sie sprechen sich gegen die Initiative aus, weil...
- ...sie zusätzliche Kosten in Milliardenhöhe verursache.
Die Initiativgegner beharren darauf, dass ein AHV-Ausbau nicht möglich sei, da das finanzielle Loch schon jetzt immer grösser werde. Momentan kommen mit jedem Jahr circa 40'000 neue Rentner hinzu, in 15 Jahren sollen es bereits 60'000 sein. Ohne Gegenmassnahmen würden die jährlichen Defizite ab 2018 4 Milliarden Franken und im Jahr 2030 7 Milliarden Franken betragen.
- ...die Kosten mit höheren Lohnbeiträgen finanziert werden müssten.
Für die Umsetzung wären circa ein Prozent mehr Lohnabzüge nötig. Eine Erhöhung der Lohnnebenkosten würde jedoch Tausende von Arbeitsplätzen kosten. Vor allem die Jungen würden darunter leiden, was die Solidarität zwischen den Generationen gefährden könnte. Die höheren Lohnkosten schaden ausserdem den Unternehmen und der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Schweiz: Sie könnten dazu führen, dass Aufträge vermehrt ins Ausland verlagert werden.
- ...dies die AHV gefährde: Schon heute müssen immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren.
Bei einer steigenden Anzahl an Rentnern und einer stagnierenden Anzahl an Geburten müssen weniger Beitragszahler mehr Rentner finanzieren. Im Jahr 1948 finanzierten durchschnittlich 6,5 Erwerbstätige einen Rentner, im Jahr 2007 sank die Zahl auf 3,7 Erwerbstätige, 2035 werden es laut Prognosen nur noch 2,1 Erwerbstätige sein.
- ...die Falschen profitieren. Wohlhabende Rentner würden mehr Rente bekommen, manche Rentner mit tiefen Einkommen aufgrund gekürzter Ergänzungsleistungen sogar Geld verlieren.
AHV-Beiträge sind an den Lohn geknüpft. Wer viel verdient, zahlt somit mehr Beiträge ein, als er nach der Pension zurück erhält. Dadurch werden Frauen und Männer unterstützt, die mit einem mittleren oder kleineren Einkommen finanziell schlechter dastehen. Bei einer Annahme der Initiative würde die AHV steigen, was eine Kürzung der Ergänzungsleistungen zur Folge hätte. Rentner, welche dank der höheren AHV-Rente keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen mehr haben, sind finanziell gar noch schlechter gestellt: So müssen AHV-Renten im Gegensatz zu Ergänzungsleistungen versteuert werden. Durch den Verlust von Ergänzungsleistungen würden auch Prämienverbilligungen und andere Vergünstigungen wegfallen. Ausserdem seien in erster Linie junge Familien und Alleinerziehende von Armut betroffen – nicht Rentner.
Glossar
Altersvorsorge 2020
Die 1. und 2. Säule sollen umfassend überarbeitet werden, um auch in Zukunft eine sichere Altersvorsorge zu gewährleisten. In der Herbstsession 2016 werden die dafür nötigen Massnahmen diskutiert. Der Bundesrat schlägt unter anderem folgende vor:
- Das Rentenalter soll flexibler werden. Als Referenzalter gilt dabei für Männer und Frauen 65 Jahre
- Der Mindestumwandlungssatz in der 2. Säule wird in vier Stufen von jetzt 6,8 Prozent auf 6 Prozent gesenkt. Bereits laufende Renten sind nicht betroffen.
- Die Gewinne der Lebensversicherer im PK-Geschäft sollen stärker als jetzt begrenzt werden. Die Risikoprämien, die Versicherer kassieren, sollen künftig in einem nachvollziehbaren Verhältnis zu den Leistungen stehen.
- Das Mindesteinkommen, ab dem man in der 2. Säule versichert ist, soll von jetzt 21'150 Franken auf rund 14'000 Franken sinken. Damit wären 90 Prozent der Arbeitnehmer obligatorisch versichert.
- Um die erwartete Finanzierungslücke in der AHV zu schliessen, soll die Mehrwertsteuer zunächst um einen Prozentpunkt erhöht werden. Bei Bedarf kann die Erhöhung bis zu 1,5 Prozentpunkte betragen.
Bei einer Annahme der AHVplus-Initiative hingegen würde laut dem Bundesrat das Projekt «Altersvorsorge 2020» nicht mehr ausreichen, um die wachsenden Defizite auszugleichen.
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Ergänzungsleistungen
Ergänzungsleistungen (EL) werden gewährt, wenn die AHV-Rente nicht zur Deckung der Lebenskosten ausreicht. Betroffen sind IV- und AHV-Rentner, aber auch Leute, die eine Hilflosenentschädigung oder über längere Zeit IV-Taggelder, eine Witwen- oder Waisenrente beziehen.
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Umwandlungssatz
Prozentanteil des angesparten Kapitals, der nach der Pensionierung jährlich ausbezahlt wird. Die Höhe des Umwandlungssatzes richtet sich nach der Lebenserwartung der Rentnergeneration. Für den obligatorischen Teil der Pensionskasse legt das Parlament einen Mindestumwandlungssatz fest. Derzeit liegt er bei 6,8 Prozent, das heisst für 100'000 Franken Altersguthaben gibt es 6'800 Franken Rente pro Jahr. Wegen der steigenden Lebenserwartung wird eine weitere Senkung diskutiert, denn das Vorsorgekapital muss länger ausreichen. Für den überobligatorischen Teil des Guthabens wenden viele Pensionskassen schon heute einen niederigeren Umwandlungssatz an.
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Mehr zu AHV bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters
Was bedeuten Begriffe wie Plafonierung der AHV-Rente oder Splitting? Guider-Mitglieder erhalten weiterführende Informationen, mit welchem Einkommen sie im Alter rechnen und wie sie sich gegen einen Entscheid der AHV wehren können.
Text: Jasmine Helbling und Matthias Pflume
Illustration: Anne Seeger