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Yasmina Reza hat wieder zugeschlagen: Die Meisterin des tragikomischen Dramas lässt einen unbedarften, netten Nachbarn zum Mörder seiner Frau werden. Wie es dazu kommen konnte, erfährt die Leserschaft auf unterhaltsame Weise im neuen Roman der Autorin.
Die Netten von oben
Elisabeth, eigentlich keine erfahrene Gastgeberin, gibt eine Frühlingsparty. Eingeladen sind Freunde und Nachbarn, darunter Jean-Lino Manoscrivi und dessen Frau Lydie, die Nachbarn von oben. Jean-Lino und Elisabeth begegneten sich jeweils im Treppenhaus, beide meiden den Lift, Elisabeth, «um eine halbwegs geniessbare Figur zu behalten», Jean-Lino aus Platzangst. Aus diesen Begegnungen entsteht ein freundschaftliches Verhältnis, das sich auch auf ihre Lebenspartner ausdehnt, und nun sind Jean-Lino und Lydie unter den Partygästen von Elisabeth und Pierre, Elisabeths Ehemann.
Das Ambiente an der Party ist ungezwungen, man pflegt bürgerliche Kultiviertheit. Getrunken wird viel, dementsprechend lockern sich die Zungen. Lydie erkundigt sich, ob das Hühnchen im pikanten Hühnchen-Cake aus biologischer Aufzucht stamme und erklärt, dass sie kein Hühnerfleisch mehr esse, von dem sie nicht wisse, wo es herkomme. Nun ergreift Jean-Lino die Gelegenheit, um einen verbalen Partyknüller zu landen und erzählt vom Restaurantbesuch mit Lydie und Enkel Rémi: Lydie habe sich beim Bestellen von Rémis Hühnchen mit Pommes nicht nur danach erkundigt, ob das Hühnchen mit Bio-Granulat gefüttert worden sei, sondern «ob das Hühnchen auf dem Hühnerhof genug Auslauf hatte, ob es herumgeflattert war und sich in einen Baum setzen konnte, wenn es wollte».
Das Amüsement auf Lydies Kosten hat später in der Wohnung der Manoscrivis ein Nachspiel. Die Diskussion der Eheleute eskaliert. So kommt es, dass zu frühmorgendlicher Stunde Jean-Lino bei Elisabeth und Pierre klingelt und ihnen mitteilt, dass er soeben seine Frau erdrosselt habe. Er bittet Elisabeth, ihm bei der Beseitigung der Leiche zu helfen. Eine junge Nachbarin, die zum ungünstigsten Zeitpunkt im Treppenhaus erscheint, vereitelt das Unterfangen. Nun wird doch noch die Polizei eingeschaltet.
Teuflisch gute Unterhaltung
Die Schriftstellerin Reza, die auch Dramaturgin ist, bietet mit «Babylon» ein teuflisch gutes Stück Unterhaltungsliteratur, dessen Inhalt mit dem richtigen Leben selbstverständlich nichts zu tun hat – oder doch?
Yasmina Reza: «Babylon», Roman, 224 S., Hanser.
Silvia Häcki-Eggimann ist Erwachsenenbildnerin.