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Wie man weiterlebt, wenn Plan A scheitert
Kürzlich las ich ein Buch: «Option B» von Sheryl Sandberg, der Co-Geschäftsführerin von Facebook. Das Buch handelt davon, einen Plan B zu entwickeln, wenn Plan A scheitert.
Plan A in Sheryl Sandbergs Leben war: Mit ihrem Ehemann Dave Goldberg alt werden. In ihrem Buch «Option B» erzählt sie, wie ihr Mann 2015 plötzlich vom Laufband fiel und nie wieder aufwachte. Genauer gesagt erzählt sie von den ersten 30 Tagen – im jüdischen Glauben die Tage der intensiven Trauer, «schloschim» genannt – und dann vom ersten Jahr alleine. Einem Jahr, in dem für sie alles unwirklich war und sie und ihre Kinder immer wieder morgens aufwachten und vergessen hatten, dass ihr Mann, ihr Vater nicht mehr lebte, dass er unwiederbringlich gestorben war.
Elf Jahre lang waren Sheryl Sandberg und Dave Goldberg verheiratet gewesen. Sie hatten zwei Kinder, 10 und 7 Jahre alt. Obwohl nicht sonderlich religiös, wurde ein kurzes Gebet Ausgangspunkt für Sandbergs Trauerarbeit: «Lass mich nicht sterben, während ich noch lebe.» Wurde der Schmerz nach dem Verlust eines geliebten Menschen je besser in Worte gefasst?
Frag nicht: Wie geht’s?, frag: Wie geht es dir heute?
Sheryl Sandberg in ihrem Buch «Option B».
Sandberg erzählt, wie sie es ihren Kindern sagte (ihr Sohn wollte es nicht glauben). Wie sie nach Monaten den Kleiderschrank des Vaters leerräumten (die Tochter: Es riecht nach Daddy). Welche Reaktionen von Freunden ihr halfen (frag nicht: Wie geht’s?, frag: Wie geht es dir heute?).
Wie die Trauer ihr Selbstbewusstsein zerstörte, als Mutter, aber auch im Beruf. Und wie ein Teil von ihr aufhörte zu leben. Aber wenn man Kinder hat, geht das Leben weiter. Nur, wie lebt man weiter, wenn ein Teil von dir nicht mehr leben mag? Davon handelt dieses Buch.
Nun kann man argumentieren, dass es sich leichter weiterleben lässt, wenn man eine der reichsten Frauen der Welt ist. Das stimmt. Wenn man wie Sandberg mal eben den renommierten Psychologieprofessor Adam Grant um Rat fragen kann, dann hat man bessere Voraussetzungen als andere.
Und doch ist es unendlich berührend und tröstlich, wie sich Sandberg mit aller Macht gegen die Trauer stemmt und sie doch nicht lindern kann. Und wie sie uns daran teilhaben lässt.Die Familie hatte ein gemeinsames Ritual: Vor jedem Nachtessen gingen alle vier um den Tisch, und jede und jeder erzählte vom schönsten und schlimmsten Moment des Tages.
Es war ein Anker für die umtriebige Familie. Nach dem Tod des Vaters konnte sich niemand mehr dazu überwinden. Der Psychologieprofessor aber riet Sandberg dazu, das Ritual beizubehalten. Und so umkreiste die dezimierte Familie tapfer den Tisch, verzweifelt suchend nach einem schönen Ereignis in diesen grausam-schwarzen Tagen.
Es wird nie wieder so, wie es einmal war.
Sheryl Sandberg in ihrem Buch «Option B».
Das Buch schliesst mit der Feststellung, dass es nie wieder so wird, wie es einmal war, und dass es doch weitergeht. Dass es, wenn man so will, ein Leben gibt auch nach dem Tod eines Familienmitglieds. Das klingt alles ziemlich amerikanisch. Ist es ja auch. Und trotzdem legte ich das Buch in jene Reihe unseres Regals, in der Bücher stehen, von denen ich glaube, dass ich sie nochmals zur Hand nehmen werde.