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Vor zwölf Jahren reiste der Schweizer Fotograf Fabian Biasio zum ersten Mal nach Huntsville. Es war ein Jahr mit vielen Exekutionen, jede zweite Woche wurde in der Walls Unit ein verurteilter Mörder hingerichtet. In Washington regierte George W. Bush, der in seiner Zeit als Gouverneur von Texas 152 Todesurteile unterzeichnet hatte.
Im Todestrakt der Polunsky Unit traf Biasio auf Tina Morris. In zwei Tagen sollte ihr Bruder James Colburn hingerichtet werden, doch die Familie hoffte auf einen Aufschub. Psychiatrische Gutachten attestierten James Colburn Unzurechnungsfähigkeit wegen paranoider Schizophrenie.
Tina Morris erlaubte dem Fotografen, sie am Tag der Exekution zu begleiten. Zwei Tage später stand Biasio vor der Walls Unit. Eine kleine Gruppe von Aktivisten protestierte gegen die Exekution von James Colburn. Tina sass im Zuschauerraum der Hinrichtungskammer, als das Oberste Bundesgericht eine Minute vor dem Hinrichtungstermin die Aussetzung der Hinrichtung entschied.
Doch der Aufschub währte nur einige Monate. Fabian Biasio reiste am 26. März 2003 erneut nach Huntsville, zum zweiten Hinrichtungstermin. «Ich war hin und her gerissen», erzählt Biasio heute. Er hoffte für Tina Morris, dass Colburn erneut begnadigt würde, wäre dann aber für eine Geschichte angereist, die nicht stattfinden würde. Tina Morris löste den Konflikt für ihn auf. Sie sagte, sie hoffe selbst, dass es jetzt passiere. Der Stress, den die Aufschiebung mit sich gebracht habe, sei unerträglich gewesen.
In den Tagen vor der Hinrichtung ging es Tina Morris jämmerlich. Biasio verbrachte viel Zeit mit ihr, fuhr sie hin und her, es galt Formalitäten zu klären und Vorgänge zu organisieren. Sie wäre selbst nicht fähig gewesen, alles zu erledigen. Vor ihrer Familie versuchte sie, ihre Emotionen zu verbergen. Doch Biasio war ein Aussenstehender, dem sie sich anvertrauen konnte.
Fast zehn Jahre lang hatte Panzerglas Tina Morris von ihrem Bruder getrennt, nie konnte sie ihn in seiner Zeit im Todestrakt berühren. Nach der Hinrichtung lag er auf einer Bahre, sein Körper war noch warm. Ein Angestellter des Bestattungsinstituts hatte sein Gesicht mit einer Schicht Puder versehen. Tina Morris verabschiedete sich von ihrem Bruder. Auch da begleitete Biasio sie.
Das Bild der trauernden Schwester, die erst dem Tod ihres Bruders beiwohnen musste, bevor sie ihn zum ersten Mal wieder berühren konnte, bringe unmittelbar die Dramatik und Perversion der Todesstrafe zum Ausdruck, sagt Biasio. «Eine Exekution generiert eine zweite Opferfamilie. Man bestraft die Angehörigen des Täters unglaublich hart für etwas, für das sie nichts können.»
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz schwor sich Biasio, nie mehr nach Huntsville zu reisen. Als seine Fotoarbeit 2005 in Houston, Texas, ausgestellt wurde, machte er um die Kleinstadt einen grossen Bogen.
Doch zehn Jahre nach der Hinrichtung änderte er seine Meinung. «Die Geschichte war für mich noch nicht abgeschlossen», sagt Biasio. Technische Fortschritte erlaubten es ihm, mit der Spiegelreflexkamera Bewegtbilder aufzunehmen. Er besuchte Tina Duroy erneut. Sie hatte ein Jahr nach der Hinrichtung ihres Bruders geheiratet, am 26. März 2004, und so versucht, dem schrecklichen Datum eine neue Bedeutung zu geben. Biasio traf eine noch immer zutiefst traumatisierte Frau.
Es war Biasio wichtig, Tina Duroys Erinnerungen in die Geschichten anderer Opfer einzureihen. Über die Organisation Murder Victims’ Families for Reconciliation lernte er Menschen kennen, die Angehörige durch einen Mord verloren hatten. In manchen Fällen wurden die Täter hingerichtet, in anderen kamen sie mit dem Leben davon.
Jan Brown, deren Tochter Kandy im Jahr 1987 ermordet wurde, stellte ihm auch ihre ältere Tochter Angel vor, eine vehemente Befürworterin der Todesstrafe. Er könne ihre Einstellung absolut nachvollziehen, sagt Biasio. Auch für das Gefühl der Rache von Chris Castillo, der seine Mutter durch einen Mord verlor, hat er Verständnis.
Doch Linda Whites Geschichte beeindruckte ihn besonders. Ihre Tochter war von zwei Jugendlichen ermordet worden, die wegen ihres Alters nicht zum Tode verurteilt werden konnten. Sie habe den Tätern vergeben. Und damit nicht den Tätern etwas Gutes getan, sondern sich selbst.