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Im Jahr 2010 wurden mehr als 3'500 Haitianer ihres Landes beraubt, um Platz für einen Industriepark zu schaffen, der mit den Mitteln errichtet worden ist, die für den Wiederaufbau nach dem Erdbeben bestimmt waren. Heute sind sie endlich zu ihrem Recht gekommen!
Was ist passiert?
Am 12. Januar vor neun Jahren ereignete sich in Haiti ein verheerendes Erdbeben, das nur Tod und Zerstörung hinterliess, indem es von den über 3 Millionen Betroffenen, über 220'000 Opfer forderte. Eine Tragödie von enormem Ausmass, auf die die internationale Gemeinschaft mit Grosszügigkeit reagierte: Privatpersonen, Institutionen und Unternehmen sammelten und stellten erhebliche Beträge für den Wiederaufbau bereit. Ja,... der Wiederaufbau. Er sollte geteilt, auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein und die tatsächlichen Bedürfnisse der Gemeinschaften berücksichtigen. Leider ist dies beim Caracol-Industriepark (CIP) nicht der Fall. Es handelt sich hierbei um ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie das Leben von Menschen immer öfters den wirtschaftlichen Interessen weichen muss.
Das CIP wurde als Vorzeigeprojekte des Wiederaufbaus präsentiert und ist für fast 500 Millionen Dollar im Nordwesten des Landes entstanden – in einem Gebiet, das äusserst weit von dem durch das Erdbeben beschädigte Gebiet entfernt liegt. Das Schlimmste daran ist jedoch die Tatsache, dass der Park über 246 Hektar sehr fruchtbares Land in Anspruch nimmt, in dem 442 Familien, d.h. insgesamt 3'500 Menschen lebten und arbeiteten. Diese Menschen nutzten das Land für den Anbau, der für deren Lebensunterhalt sowie die lokalen Märkte bestimmt war.
Von einem Tag auf den anderen wurde Hunderten von Familien der Zugang zum Land verwehrt, von dem deren Leben abhing. Dies erfolgte mittels eines mit gravierenden Fehlern behafteten Enteignungsprozesses (Land Grabbing), ohne angemessene Entschädigung und ohne vorherige freie und bewusste Zustimmung der lokalen Bevölkerung. Eine klare Verletzung der Menschenrechte. Seitdem haben die Gemeinden von Caracol aufgrund der Beraubung ihrer einzigen Lebensgrundlage eine dramatische Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen erfahren, da sie oftmals nicht in der Lage waren, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Wir haben nicht aufgegeben
Mit der Unterstützung von ActionAid, der lokalen AREDE-Organisation und einer Gruppe von US-Anwälten, dem Accountability Counsel, vereinigten sich die Familien in der Gruppe «Kolektif Peyizan Viktim Tè Chabè», um Gerechtigkeit und gerechten Entschädigungen für die Verletzungen ihrer Rechte zu fordern. Mit der rechtlichen Unterstützung von Accountability Counsel ist am 12. Januar 2017 eine offizielle Beschwerde bei der MICI, der unabhängigen Untersuchungsstelle der IDB (Interamerikanische Entwicklungsbank, einer der Sponsoren des Projekts), mit dem Antrag eingereicht worden, die geleisteten Entschädigungen zu überprüfen und an ein Niveau anzupassen, das zur Wiederherstellung der Lebensbedingungen für die betroffenen Bevölkerungsgruppen erforderlich ist. Es war ein langer und schwieriger Prozess.
Doch am 8. Dezember ist ein wichtiges Übereinkommen erzielt worden.
«Wir haben eine Seite von Haitis Geschichte geschrieben. Es ist das erste Mal, dass haitianische Bauern ihre Rechte geltend gemacht haben und angehört worden sind», bemerkte Milostene Castin, Koordinator von AREDE.
«Als sie uns das Land weggenommen haben, befanden wir uns in einer schwierigen Situation. Wir hatten keine Einkünfte mehr aus der Ernte, die wir verkauften. Wir dachten, wir hätten keine Zukunft mehr. Mit der gestern unterzeichneten Vereinbarung hoffen wir, dass sich unser Leben ändern wird», meinte Seliana Marcelus, Landwirtin und eine der Hauptverhandlerinnen.
Lani Inverarity, die Anwältin vom Accountability Counsel, die persönlich die Gruppe bei den Verhandlungen verfolgt hat, verbirgt ihre Zufriedenheit nicht: «Dieser Fall ist bereits ein Musterbeispiel für unsere Arbeit in anderen Teilen der Welt, in der die Gemeinden dafür kämpfen, um unausgewogene Machtverhältnisse sowie die durch internationale Investitionen verursachten Schäden mittels Streitbeilegungsmöglichkeiten zu beenden.»
In den kommenden Tagen, Monaten und Jahren werden wir die effektive Umsetzung des Übereinkommens weiterhin überwachen. Obschon einerseits nichts wirklich das Land und die Häuser zurückbringen kann, die für die Schaffung des Caracol Industrieparks zerstört worden sind, ist das erzielte Ergebnis enorm wichtig und muss gebührend gefeiert werden. Die Familien haben ihre Rechte aufgefasst und sich nachdrücklich dafür eingesetzt. Die Gruppe hat unermüdlich mit ActionAid, Accountability Counsel und AREDE zusammengearbeitet, um mit der Regierung und der IDB ein Übereinkommen zu treffen, das auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Landwirte in ihrer Gemeinde eingeht.
«Für uns stellt die Gruppe ein resilientes Organisationsmodell der Gemeinschaften dar, in dem Männer und Frauen im Mittelpunkt stehen, um ihre Rechte zu verteidigen. Es ist ein Privileg mit ihnen zusammenzuarbeiten und es auch weiterhin tun zu dürfen», schliesst Yolette Etienne, Country Director von ActionAid Haiti ab.