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Autobiographien als historische Quellen
Die Arbeit mit autobiographischen Quellen bedarf keiner besonderen Rechtfertigung mehr. Im Unterschied zum hermeneutischen Ansatz Wilhelm Diltheys (1833-1911) sowie seines Schwiegersohnes Georg Misch (1878-1965), die Autobiographien als repräsentativen Ausdruck autonomer Subjekte etwa der bürgerlichen oder abendländischen Gesellschaft betrachteten, betonen neuere, an Erkenntnissen des Poststrukturalismus orientierte Arbeiten, bei dem in autobiographischen Texten entworfenen »Ich« handele es sich um eine referentielle Illusion, eine Rede- und Lesefigur. Der Leser schliesse mit dem Verfasser autobiographischer Texte einen autobiographischen Pakt – so der französische Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune (*1938). Autobiographische Praktiken – so der Osteuropahistoriker Jochen Hellbeck - dienten demnach sowohl der Produktion als auch der Repräsentation des Selbstbildes des Autors und seien massgeblich von zeit- bzw. kulturspezifischen Schreib- und Redekonventionen geprägt. Theoretische Überlegungen zur historiographischen Arbeit mit autobiographischen Quellen, wie sie in Deutschland etwa Dagmar Günther und Volker Depkat zur Autobiographik des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt haben, erscheinen für das hier skizzierte Forschungsvorhaben besonders anschlussfähig. Beide interpretieren autobiographisches Schreiben als einen Akt sozialer Kommunikation. Durch ihn setze sich der Verfasser nicht nur zu seinem Umfeld in Beziehung, seine Erzählung sei zugleich auch durch dieses Umfeld geprägt. Auch das Forschungsvorhaben »Imperial Subjects. Autobiographische Praktiken und historischer Wandel in den Kontinentalreichen der Romanovs, Habsburger und Osmanen (Mitte 19.– frühes 20. Jahrhundert)« geht davon aus, dass autobiographisches Schreiben in Prozesse sozialer Selbstverständigung eingebunden ist, durch die imperialen Öffentlichkeiten ihr Wissen von der Vergangenheit generierten, sammelten, aufbewahrten und verbreiteten. Schriftlich verfasste Lebensbeschreibungen werden als Ausdruck historischer Deutungsbedürfnisse verstanden, die sich als Medien des kulturellen Gedächtnisses durch entsprechende Aussagekraft auszeichnen. Dies gilt insbesondere bezüglich historischer Umbruchsituationen, wie sie in den Imperien der Romanovs, Habsburger und Osmanen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachten waren.