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Toleranzgedanke und religiöse Werte im Islam
Einleitung und Begriffsdefinition
Sehr geehrte Damen und Herren! Meine Ausführungen zum Thema Toleranzgedanke und religiöse Werte im Islam möchte ich einige Grundsätze zum Selbstverständnis des Islams vorausschicken.
Der Islam ist die Jüngste der monotheistischen Religionen. Die Muslime glauben also an einen einzigen Gott, der zugleich Schöpfer und Erhalter des Universums ist. Das Wort Allah ist ein arabischer Begriff und bedeutet „der Eine Gott“. Auch arabischsprachige Christen verwenden das Wort Allah, wenn sie von Gott sprechen.
Aus islamischer Sicht ist der Mensch kein Zufallsprodukt der Natur. Er ist vielmehr von Gott auserwählt worden, um Sein Statthalter in dieser Welt zu sein. Er trägt daher eine sehr hohe Verantwortung und sollte im Umgang mit der Schöpfung (also im Umgang mit seinen Mitmenschen und mit der Natur) im Sinne Gottes handeln.
Damit der Mensch diesen Auftrag erfüllen kann, wurde er von Gott mit einem freien Willen ausgestattet und mit der Fähigkeit sich sowohl zum Guten als auch zum Bösen zu entwickeln. Er braucht auf diesem Weg jedoch eine Rechtleitung von Gott. Diese wird ihm in zwei Formen zuteil:
1. 1. 1. Eine innere Veranlagung (die Sog. Fitra). Diese von Gott verliehene Fähigkeit gibt ihm die Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Bei seiner Geburt ist der Mensch nach islamischer Auffassung frei von Sünden und kann durch seine Veranlagung, die ihm als eine Art Kompass dient, sich in seiner Entwicklung orientieren. Der Mensch muss sich daher auch ausschließlich für seine eigenen Taten vor Gott verantworten. Im Koran 99:7-8 heißt es: „Wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es dann sehen. Und wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Schlechtes tut, der wird es ebenfalls sehen“.
2. 2. 2. Das Prophetentum: Die Menschheit durchlief in ihrer historischen Entwicklung verschiedene Stufen und wurde von Gott durch die Entsendung von Gesandten und Propheten, die die religiösen Werte übermittelten, auf diesem Weg begleitet. 14:4 „und wir schickten keinen Gesandten, es sei denn mit der Sprache seines Volkes, auf dass er sie aufkläre...“.
Nach einer Überlieferung des Propheten Mohammad übersteigt die Zahl der Gesandten, die im Auftrag Gottes handelten 124000 Gesandte und Propheten. Der Glaube an alle monotheistischen Religionen und ihre Vertreter ist also ein Bestandteil des islamischen
Glaubens. 2:285 „... ebenso die Gläubigen: Sie alle glauben an Allah, an Seine Engel, an Seine Bücher und an Seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten“. 2:136 „sprecht: Wir glauben an Allah und an das, was uns herabgesandt worden ist, und was Abraham, Ismael und Jakob und Ihren Nachkommen herabgesandt wurde, und was Moses und Jesus gegeben wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen Ihnen, und ihm sind wir ergeben“.
Dieser letzte Vers macht unmissverständlich klar, dass der Islam in seiner Beziehung zum authentischen Judentum und Christentum weit über bloße Toleranz hinausgeht. „Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten“.
Da die von Moses und Jesus (f.s.m.i.) überbrachten göttlichen Botschaften jedoch nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind und sich von Menschen abgeleitete Dogmen eingeschlichen haben, war die Entsendung eines weiteren Propheten, Mohammad notwendig.
Der Koran, das heilige Buch der Muslime bestätigt die früheren Propheten, verneint aber die Gottessohnschaft Jesu.
Der Koran enthält die Verse, die dem Propheten Mohammad über einen Zeitraum von 23 Jahren von Gott offenbart und von den Weggefährten des Propheten zunächst auf Palmblättern und Tierhäuten festgehalten wurden. Nach dem Tod des Propheten Mohammad wurden die Texte in Buchform zusammengestellt und sind bis heute vollständig erhalten.
Details
In einem ersten Schritt möchte ich nun die religiösen Werte des Islam in Zusammenhang mit seinem Menschenbild erörtern.
Wie Anfangs bereits erwähnt hat der Mensch aus islamischer Sicht eine sehr hohe Stellung in der Schöpfung inne. So heißt es dazu im Koran 95:4 „wir schufen den Menschen in bester und schönster Ordnung“. 33:72 „siehe wir boten die Verantwortung den Himmeln an und der Erde und den Bergen; doch sie weigerten sich sie zu tragen und fürchteten sich davor. Nur der Mensch hat sie auf sich genommen; wahrlich neigt er zum Größenwahn“. Dem Menschen wurde vor allem die Fähigkeit gegeben, sich aus eigener Kraft weiterzuentwickeln und die höchsten Stufen der Menschlichkeit zu erreichen. Gott hat den Menschen auserwählt und ehrte ihn mit dieser Stellung gegenüber dem Rest der Schöpfung. Weitere Verse im Koran bestätigen diese Aussage: 17:70 „und wir ehrten die Nachkommenschaft von Adam und trugen sie zu Land und zur See und zeichneten sie gegenüber vielen unserer Geschöpfe aus.“
Die vielleicht größte Gabe, die Gott den Menschen zuteil werden ließ, ist die Fähigkeit zum Nachdenken und seine Gedanken zu formulieren. Bereits der erste Vers der Offenbarung beginnt mit der Aufforderung zum Lesen: 96:1-5 „lies! Im Namen Deines Herrn, der erschaffen hat, er erschuf den Menschen aus einem Blutgerinsel. Lies! Denn Dein Herr ist allgütig. Der den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat, er lehrte dem Menschen was er nicht wusste“. Diese Verse machen deutlich, dass diese Fähigkeiten und Auszeichnungen der Güte Gottes entstammen. Der Mensch wird an vielen Stellen im Koran aufgefordert von diesen Fähigkeiten auch regen Gebrauch zu machen. In einer Überlieferung des Propheten heißt in diesem Sinne: „Eine Stunde Nachdenken ist besser als ein Jahr Gottesdienst“.
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Die Propheten traten stets als Warner auf, wenn eine Gesellschaft sich zu weit von den
Religiösen Werten entfernt hatte etwa durch Promiskuität, Korruptheit, .... In einer sehr bekannten Überlieferung sagt Prophet Mohammad: „Wahrlich wurde ich entsandt, um die moralischen Werte zu vervollkommnen.“
In einer weiteren prophetischen Überlieferung werden den Gläubigen u.a. folgende Handlungsweisen als richtig und nachahmenswert genannt: „Mein Herr riet mir zu neunerlei: zu Aufrichtigkeit im geheimen und Offenbaren; zu Gerechtigkeit in Zufriedenheit und Zorn; Zu Mäßigkeit in Armut und Reichtum; Zu Vergebung für jenen, der mir Unrecht getan hat; Dem zu geben, der mir vorenthalten hat; mich dem zuzuwenden, der sich von mir abgewendet hat; Dass mein Schweigen Nachdenken sei, meine Rede Gottesgedenken und mein Sehen Achtsamkeit“.
Diese moralischen Werte sind vielen Religionen gemein und können eine Basis für eine friedvolle multireligiöse Gesellschaft sein. Allah sagt: „Wir haben ihm (dem Menschen) beide Richtungen gezeigt“ oder auch 76:3 „wir rechtleiteten ihn auf dem Pfad, mag er nun dankbar sein oder undankbar“. Der Mensch kann aber durch sein Verhalten Hindernisse aufbauen, die ihn auf diesem Weg behindern. Er kann sich auch weit von den Werten entfernen und kann sehr tief absinken.
Eines der Hindernisse auf dem Weg zu Höherem ist Tyrannei und Unterdrückung. In 96:6 heißt es dazu: „Wahrlich der Mensch neigt zur Tyrannei, wenn er sich überlegen und unabhängig fühlt“. Das Gefühl der eigenen Überlegenheit und der Übermacht blendet den Menschen und verhindert, dass er höhere Stufen in seiner Entwicklung erreicht. Ihm ist der Zugang zu der Ehre und Güte Gottes versperrt, solange er sich im Kontext der Schöpfung nicht als ein Diener Gottes empfindet und daraus ein Gefühl der Bescheidenheit entwickelt.
Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommnung des Menschen ist der Hang zum Materiellen. Das übertriebene Streben nach Geld, Macht oder sozialer Anerkennung kann den Menschen dazu verleiten, seine spirituelle Dimension zu vernachlässigen. Der Islam versteht den relativ kurzen Aufenthalt der Menschen auf dieser Welt als einen Übergang auf dem Weg zur Ewigkeit. Alles Materielle auf dieser Welt ist vergänglich und nur die Taten begleiten den Menschen, wenn er in der Ewigkeit angekommen ist. Imam Ali, ein Weggefährte und sehr enger Vertrauter des Propheten, sagte in diesem Zusammenhang: „Der Hang zum Diesseits ist der Kopf (oder Beginn) einer jeden Sünde“. Wenn wir bedenken, dass alles, was wir uns im Diesseits verfügbar machen können uns nur anvertraut und von vorübergehender Natur ist und, dass nur Gott allein der eigentliche Besitzer sein kann, wird uns dieser Gedanke klarer. Im Koran heißt es dazu: „Wahrlich der angesehenste von euch bei Gott ist der Gerechteste unter euch“.
Dem Leben wird im Koran ein sehr hoher Stellenwert beigemessen. In 5:32 heißt es dazu: „Wer eine Seele zu unrecht tötet, so ist es als hätte er die gesamte Menschheit ausgelöscht, und wer das Leben eines Menschen rettet, so ist es als hätte er die gesamte Menschheit gerettet“. In diesem Vers wird darauf hingewiesen, wie wertvoll jedes einzelne Menschenleben für die Gesellschaft ist.
In einem zweiten Schritt soll nun gezeigt werden, welche Rolle die Religion aus islamischer
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Sicht spielt.
Der Mensch hat sowohl materielle als auch spirituelle Bedürfnisse. Darin sind sich die Religionen und viele Weltanschauungen einig. Im Islam wird der Bogen zwischen den beiden Aspekten sehr eng gespannt. Eine Trennung zwischen Religiösem und Weltlichem ist kaum
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Möglich. Für einen Menschen, der die höheren Werte anstrebt und im Einklang mit der Schöpfung lebt wird das ganze Universum zur Gebetsstätte und jede Handlung und jede Form des Schaffens sogar jeder Atemzug wird zum Gottesdienst. Ob der Arbeiter, der durch seine schweißtreibende Arbeit den Unterhalt seiner Familie érwirtschaftet oder der Künstler, der den Menschen eine Freude und Bereicherung durch seine Kunstwerke beschert oder der Arbeitgeber oder leitende Angestellte eines Unternehmen, der durch seine erfolgreiche Arbeit das Einkommen vieler Familien sichert, kurz, jeder, der mit lauterer Absicht zum Wohle der Menschheit beiträgt vollzieht Gottesdienst.
Jedes rituelle Gebet und jede spirituelle Übung sowie jede Beschäftigung werden nach ihrem Nutzen für die Gemeinschaft bewertet. Im Koran 6:163 heißt es: „Sprich: Wahrlich, mein Gebet und mein Gottesdienst, mein Leben und mein Sterben sind Gottes, dem Herrn aller Welten“. Alle Dimensionen des Menschen, jede Sekunde seines Lebens und jede seiner Handlungen sollten daher den gleichen Bezug zum göttlichen Ursprung haben.
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Wie sieht es nun mit dem Toleranzgedanken im Islam aus?
Wie mehrfach aufgezeigt, gibt es einen Grundkonsens verbindender ethischer Normen. Die äußere Form, d.h. die Rituale und die spezifische Ausprägung der jeweiligen Wege können jedoch sehr unterschiedlich sein und reflektieren manchmal bestimmte kulturelle, geographische und historische Aspekte.
Diese Unterschiede werden jedoch im Islam keineswegs negativ bewertet. Im Gegenteil: die Unterschiede zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen werden als eine Bereicherung für die Menschheit verstanden. Im Koran lesen wir: „O Ihr Menschen, wir haben euch von Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass Ihr einander kennenlernt und euch austauschen möchtet. Wahrlich der angesehenste von euch ist vor Gott der, der unter euch der Gerechteste ist“. An einer anderen Stelle heißt es: 4:48 „und Wenn Allah gewollt hätte, hätte er euch zu einer Gemeinde gemacht“. Die Zukunft unserer Welt liegt also nicht in einer Vereinheitlichung der Religionen, sondern darin, gemeinsam dem Werteverfall etwas entgegen zu setzen. Eine Gesellschaft, eine Religion oder eine Kultur kann sich nicht abschotten. Der Austausch mit anderen Kulturen und Religionen ist essentiell für ihr Überleben.
Der Schlüssel zu einem friedlichen und fruchtbaren Zusammenleben der Religionen und der Kulturen liegt also zunächst in der Erkenntnis, dass sie sehr vieles verbindet und, dass sie sehr viel voneinander lernen und profitieren können. Dies kann natürlich nur in einem friedlichen und von gegenseitigem Respekt gekennzeichneten Umfeld erfolgen. Der Koran misst diesem Thema sehr viel Bedeutung bei und begnügt sich nicht mit dem bloßen Aufruf zum Dialog mit den anderen Religionen. Darüber hinaus werden die Rahmenbedingungen und Richtlinien für einen erfolgreichen Dialog definiert.
Eine wichtige Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog, ist die echte Bereitschaft vom anderen zu lernen. Der Koran betont diesen Aspekt und fordert die Gläubigen zum
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Nachdenken und zur Offenheit auf. Vom Menschen als Statthalter Gottes wird erwartet, dass er kritisch beobachtet, hinterfragt, abwägt und nach Alternativen sucht: 39:19 „... und bringt meinen Dienern eine frohe Botschaft, ihnen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen“.
Die Form des Dialogs ist ebenfalls von großer Bedeutung. Damit ein Austausch entstehen kann, müssen die Teilnehmer einander respektieren. Gott befiehlt den Muslimen im Koran:
„Und diskutiert mit den Leuten der Schrift nur in der schönsten Form“. An anderer Stelle lesen wir: 16:126 „Rufe zum Pfad deines Herrn herbei mit Weisheit und schöner Ermahnung und führe mit ihnen den besten Dialog“.
Die Muslime werden im Koran aufgefordert, im Dialog mit den anderen Religionen immer die Gemeinsamkeiten zu betonen, damit eine gute Grundlage für den Austausch geschaffen wird: 3:64 „sprich: O Ihr Leute der Schrift, kommt her zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch, dass wir Gott allein dienen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott“. Der interreligiöse Dialog wird auf immer mehr Veranstaltungen praktiziert. Etwa beim evangelischen Kirchentag, oder seit Jahren in Hamburg zwischen dem Islamischen Zentrum, der ev. Kirche, der jüdischen Gemeinde und dem tibetisch buddhistischen Zentrum. Oder auf internationaler Ebene, z.b. beim Parlament der Weltreligionen in Kapstadt.
Als Zeichen des Respekts und der Anerkennung der Authentizität der anderen Religionsgemeinschaften kann der folgende Vers aus dem Koran verstanden werden: 3:113-114 „Sie sind nicht gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine aufrechte Gemeinschaft. Sie rezitieren die Verse Gottes zu Nachtzeiten, während sie sich niederwerfen. Sie glauben an Gott und an den jüngsten Tag. Sie gebieten das Gute und lehnen das Verwerfliche ab und eilen zu den guten Taten um die wette. Sie gehören wahrlich zu den Rechtschaffenen...“. Darin wird eindrucksvoll aus der Sicht des Islams dokumentiert, dass jeder Mensch, der im Einklang mit seiner Religion lebt und die religiösen Werte respektiert, das Heil erreichen kann. Ein Anspruch auf Exklusivität wird im Islam nicht erhoben.
29:46 ist ein weiterer Beleg für diese Aussage: „...Sprecht: Wir glauben an das, was uns offenbart wurde und and das, was Euch offenbart wurde. Unser Gott und Euer Gott ist Einer, und wir sind ihm ergebene Bekenner“.
09.07.2001
M.Khalilzadeh
Vorsitzender der Islamische Akademie Deutschland
e.V. Sektion München
Übersetzung
M.Saleh
Wissenschaftlicher Beirat der IAD Sektion München