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Der Übergang von einer Welt der dörflichen Gemeinschaft, in der sachliche und persönliche Beziehungen eng verquickt waren, zu einer Welt der Aufteilung in wenige höchstpersönliche und viele unpersönliche Beziehungen hat also in gewisser Weise die Liebe hervorgebracht, jedenfalls in ihrer modernen, „romantischen“ Form (und als Basis von Ehe und Familie). Der moderne Mensch ist durch die Herauslösung aus dörflichen und verwandtschaftlichen Einbettungen „sozial ortlos“ geworden, die Zunahme marktförmiger, anonymer Beziehungen hat einen Bedarf nach einer Welt der höchstpersönlichen Beziehungen geschaffen.
Dies ist in etwa der Grundgedanke, von dem der Soziologe Niklas Luhmann in seinem Buch Liebe als Passion (1982) ausgeht. Eine veränderte Gesellschaftsstruktur (der Übergang zur modernen kapitalistischen Marktgesellschaft und spezialisierter Systeme für Recht, Bildung oder Kunst) benötigte eine Art Sonderbereich für intime Beziehungen; eine Sphäre, in der man als ganze Person Beachtung findet (was in wirtschaftlichen oder rechtlichen, aber selbst in religiösen Kontexten nicht mehr der Fall ist). Es wurde, wie es Luhmann ausdrückt, ein System „für Intimbeziehungen geschaffen, in dem es nicht erlaubt ist, Persönliches der Kommunikation zu entziehen“.[1] Nur im Rahmen der Paarbeziehung ist es in der Moderne möglich, seine gesamte Existenz – und seine Einzigartigkeit als Individuum – einzubringen. Und man darf erwarten, dass es der Partner genauso tut.
Liebe, wie wir sie heute verstehen, entwickelt sich also erst mit dem zunehmenden Bedarf nach Individualität (= ganze Person) beim Übergang zur Moderne. Das heißt nicht, dass der oder die Einzelne zunehmend auf sich selbst verwiesen wäre. Er oder sie ist aber zunehmend auf die Paarbeziehung, auf die Liebe, angewiesen, die ihrerseits durch den zunehmenden Bedarf nach Individualität gestärkt wird.[2] Liebe entsteht und wächst, wenn zwei (moderne) Individuen einander sich in ihrer Einzigartigkeit gegenseitig bestärken, indem der andere zu einem wichtigen Bestandteil der individuellen Weltsicht des einen wird, zum „Weltbestätiger“. Individualisierung und Paarbildung bedingen und verstärken sich gegenseitig.
Es dürfte deutlich geworden sein, dass in der Soziologie die „Liebe“ nicht in erster Linie als ein Gefühl behandelt wird, jedenfalls nicht als inneres Gefühl des Einzelnen, sondern eher als besondere Form der sozialen Beziehung. Georg Simmel etwa begreift Liebe als „Wechselwirkung“, als soziale Beziehung, die nur entsteht, wenn beide Seiten sich gegenseitig sozusagen hineinsteigern. Liebe entsteht für Simmel nicht im Individuum selber, sondern erst in der Interaktion, wenn zwei zusammentreffen, die für die Liebe bereit sind.[3]
Luhmann behandelt die Liebe vor allem als Kulturmuster, das uns erst ermöglicht, das Gefühl zu erkennen, zu spüren – und es zuzulassen, wenn es sich bemerkbar macht; das uns ermutigt, Gefühle zu erleben und auszudrücken (nach dem alten Motto von LaRochefoucauld: Viele Menschen würden sich nie verlieben, wenn sie nicht so viel von der Liebe gehört hätten).
Auch in der Philosophie gibt es Ansätze, Liebe nicht als individuelles Gefühl, vielmehr als eine Art zwischenmenschliches Geschehen zu begreifen. So ist zum Beispiel für den Leibphänomenologen Hermann Schmitz die Liebe zwar durchaus ein Gefühl (genauer gesagt: eine Disposition dazu). Aber Gefühle sind keine Eigenschaften der individuellen Psyche, sondern sie entstehen im sozialen Raum; in bestimmten Situationen, in denen Gefühle erlebt werden können und als „Atmosphären“ wirksam sind, von denen Individuen „ergriffen“ werden können. Die Liebe ist folgerichtig für Schmitz ein soziales Geschehen, an dem (mindestens) zwei Personen beteiligt sind. Diese Liebe hat dann eine gewisse Eigenmächtigkeit, eine „Autorität“, die die Liebenden aneinander bindet.[4]
Die Soziologie interessiert sich nicht zuletzt für die Beziehungen zwischen Liebe und Gesellschaft, vor allem für Spannungsverhältnisse. Wenn die Liebe immer wichtiger für persönliche Identität und soziale Anerkennung wird, dann ist sie auch eher gesellschaftlichen Entwicklungen ausgesetzt, die beispielsweise Kennzeichen der Liebe wie „Verzauberung“, „Hingabe und Leidenschaft“ oder „freiwillige Unterwerfung“ in Frage stellen, zugunsten gesellschaftlich legitimer Werte wie Vernunft, Gleichheit oder Gerechtigkeit. Das kann die Liebesbeziehung tatsächlich „entzaubern“ und sie zum Gegenstand von Diskussionen um Vertragsgerechtigkeit oder Geschlechtergleichheit machen; und in ökonomischer Perspektive besteht die Gefahr der „Kommodifizierung“, d.h. die Liebe droht zu einer Ware zu werden. Beziehungen werden möglicherweise zunehmend nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip von Konsumgütern beurteilt, nicht zuletzt durch die rationalisierten Vergleichsmöglichkeiten bei den Internetportalen, die versprechen, eine wissenschaftlich fundierte und sozusagen effiziente Passung von Liebespartnern herbeizuführen und so die Illusion verstärken, wir könnten immer „noch besser passende“ Partner finden.[5]
[1] Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1982, S. 15.
[2] Luhmann 1982, S. 15f.
[3] Simmel, Georg, Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter (hrsg. von Heinz-Jürgen Dahme / Klaus Christian Köhnke). Frankfurt/M.: Suhrkamp 1985
[4] Hermann Schmitz, Die Liebe. Bonn: Bouvier 1993
[5] Eva Illouz, Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2011; Günter Burkart, Liebe im Kapitalismus zwischen Geschlechtergleichheit und Marktorientierung. GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 6 (2014), 2, S. 85-101
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Günter Burkart, er ist Professor für Kultursoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Paarbeziehungen, Familie und Geschlechterverhältnisse; Technik und Kultur; kultursoziologische Theorie und qualitative Methoden.