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Westliche Bergfahrt
Ist die Welt nicht eben von Gott erschaffen worden?
Urweltliche Stimmung liegt über den leise anglimmenden Horizonten. Langsam sickert die Nacht in die Sohlen der Täler, einige leere, elektrische Lichter sinnlos zurücklassend. Die Hänge erbleichen in einem kalten, fahlen Schein. In der Ferne ist der Himmel voll bräunlicher, horizontal streichender Rauchschwaden, als ob eben ein Werk beendet worden wäre. Jetzt erst erhellt sich die Schulweisheit, dass die Erde eine Kugel sei. Trotz der reichen Gliederung der Landschaft ist alles Einheit: eine dampfende, feuchte, braunblaue Masse, die eben noch hingeflossen ist und nun langsam in Form einer leicht gewölbten Schale erstarrt. Ich stehe auf dem höchsten Punkt. Es ist zu kalt, um ein Wort zu sprechen. Der Atem verdichtet sich sofort zu Dampf. Man könnte sich leicht erkälten. Übrigens bin ich allein hier draussen, der das sieht.
Rey hat Rucksäcke und Seile vor das Rifugio di Torino gelegt. Gerüstet tritt er mit dem Träger heraus. Dieser ist ein prächtiger j unger Kerl mit blitzenden Zähnen und einem breiten Mund, nicht viel älter wie ich und im ganzen genommen fast ebenso hübsch. Er heisst ebenfalls Rey und ist mit meinem Führer verwandt. Ein prächtiger Name. Wahrscheinlich ist er irgendwie abgeleitet von Rè. Wir schütteln uns die Hand. Nun wird Ereignis, was bisher nur auf der Hüttenrechnung und im Turenbuch stand: die Partie Rey- Graf-Rey wird Ereignis. Bald prangt sie in den Morgen hinaus. Sie stellt sich in Reih und Glied, das Seil wird umgelegt und geknotet, einige Schritte über steiles und loses Geröll. Wir betreten den obersten Firn des Col du Géant.
Berge? Ganz weit im Osten ist ein Etwas, das sich als dünnes Spitzchen in den Horizont kantet. Rey behauptet, es sei das Matterhorn. Und dann noch etwas Merkwürdiges: Ist es der oberste Teil einer in den Schnee gerammten Holzlatte? Oder ein feldgraues Schilderhäuschen in Spielzeugformat, das da im Firn über uns steht? Oder ein ägyptischer Obelisk, den Hannibal bei seinem Zug über die Alpen hier liegen gelassen hat? Dann dämmert es mir auf, was diese Holzlatte, dieses Schilderhäuschen sein könnte, das da in der weichgeschwungenen Mulde der Passhöhe in den Horizont hineinragt. Das ist die Dent du Géant.
Passhöhe. Der Vordergrund senkt sich und gibt eine unendliche Landschaft von Gipfeln, Felsnadeln, Gletschern und Firnen frei. Raum ist vor mir, von rosenroten Wolkenschiffen durchsegelt. Hier sieht man zum erstenmal, was Raum ist. Wie ist es schön, im Raum zu sein! Stumm auf den Pickel gelehnt, denke ich daran, dass ich bin. Was für eine herrliche Musik von Schönheit, guten Werken, Kraft, Dank und Demut! Jetzt ist es erst 5 Uhr morgens, und ich bin schon ins Paradies gekommen!
Rechts trennt sich die Spur gegen den Géant-Einstieg. Sollen wir da hinüber? Schwarz und nass schattet die Westflanke des Anstieggrates. Ist es nicht viel verlockender, hier in der Morgensonne abwärts zu steigen? In leichtem Gefälle gehen wir über den fast spaltenlosen Gletscher, queren dann in der Richtung der Aiguille du Midi nach links hinüber. Rey will nun nicht weiter hinuntersteigen, obwohl mir das sehr gut passen würde, er geht nun geradeaus und beginnt dann wieder leicht anzusteigen. Dann hält er an, packt seine Wadenbinden aus und legt sie um. Nun kann ich mir den Berg näher betrachten, den wir gewählt haben. Vor mir, aus unsichtbaren Tiefen aufsteigend, streicht in nordwestlicher Richtung eine gewaltige Felsmauer, tausendfach gegliedert, aus lauter schräg zum Himmel pfeilenden Felsnadeln gebildet. Die erste ausgeprägte Spitze, einer Orgelpfeife vergleichbar, ist der Berg, auf dem ich heute noch stehen werde: die Dent du Requin, 3419 m. Rey erklärte mir den Weg, den wir nehmen werden. Ob der Berg schwer sei? Oh, ça passe... Nun, das habe ich nicht so gemeint.
Beim westlichen Firnhang, den wir nun ansteigen, ziehen wir unsere Schneebrillen an: mit einem Schlag ist die Welt dunkler und plastischer geworden. Man sieht den Raum noch besser. Die Landschaft setzt eine ernstere und zuverlässigere Miene auf. Indessen rücken über uns schneeige Hügel und in Würfel geschnittene Eisberge zusammen, die im Querschnitt aussehen wie übereinandergelegte Teppiche. Die Spalten mehren sich, wir steigen in unregelmässigem Zickzack. Bald steht Rey links oberhalb, bald rechts, bald finde ich seinen Weg rücksichtslos steil, dann wieder schwächlich Distanz verschwendend. Hie und da hüpfe ich über einen Spalt, immerhin gibt es noch nichts zu sichern, jeder ist auf sich angewiesen. Auf dem gleissenden Schnee bemerke ich tote Insekten. Einmal bewegt sich auch so ein schwarzes Pünktchen: der arme Wurm! Ich habe keine Zeit, es aufzunehmen! Je näher wir der Felswand kommen, um so phantastischer wird unser Weg. Dann beraten wir, wo die Wand am besten anzupacken wäre. Ich darf meine Meinung auch abgeben, worauf der Berg mein ganzes Interesse hat. Ausschau haltend, steigen wir den hier fast blanken Gletscher auf und dann wieder ein wenig zurück. Zwischen Rey und dem Träger ist etwas Vertrautes, an dem ich kein teil habe: sie kennen den Berg, ich bin fremd. Über meinen Kopf hinweg werden Entschlüsse gefasst, vorher hatte ich also nur eine beratende Stimme. Eine einzige Schneebrücke ist da über die Randkluft. Wir pirschen uns an sie heran. Einen Augenblick höchster Spannung; die Brücke hat gehalten. Nun ich? Die Brücke hält. Dann legen wir unsere Rucksäcke ab, nehmen daraus eine Kleinigkeit Proviant, und nun hebt eine stundenlange Turnerei an.
Rey zögert selten, er klettert wie eine Katze. An Rissen geht es hinauf, über und unter wackligen Blöcken. Wie Scherben schiefern die feuchten Trümmer auf die untern Gesimse. Aber da wir in einer ausgestreckten Linie schräg nach rechts hinaufklettern, lassen wir ruhig alles zur Tiefe, dem es oben zu wohl ist. Eintönig klempern die Pickelschäfte. Dann und wann schaut Rey zurück, ob alles gut geht, oder der Träger, der mir wie ein älterer Bruder immer möglichst auf den Fersen bleibt, gibt mir einen scherzenden Ratschlag. Dass wir hier an der Wetterseite des Berges sind und im Schatten klettern, bemerken wir nicht, bis wir zum ersten Male in die Sonne treten. Sie grüsst uns, wie wir die Köpfe über eine ausladende Flanke quadratischer Felsblöcke strecken. Wir sind an der Schulter, am Frühstücksplatz. Ob das Wetter halten wird? Nebel braut in der Tiefe, klafft entzwei und vernarbt, kaum, dass er den Blick auf die träge unter uns fliessenden Gletscher frei gibt. Wir lagern uns auf dieser gigantischen Ruhebank, es ist ganz still um uns. Nur einmal rauscht schwacher Flügelschlag: wie ein schwarzes Papier flattert eine Dohle vorbei. Fallbereit droht über uns der Gipfel. Da hinauf? Hier wäre es wunderschön, zu sitzen und zu träumen. Wollen Sie nicht allein hinauf, Herr Rey? Aber Rey hat dazu keine Lust, er meint lachend, er kenne den Berg ja schon. Aber wir könnten ja hier so lange Rast halten, als es mir beliebe, wenn ich ein wenig erschöpft sei. Ich? Ich stehe sofort auf, nehme meine Signalpfeife aus der Tasche, stelle mich ans äusserte Ende des Grates und lasse einige Pfiffe in den Raum hinaus.
Nun heisst es wieder etwas absteigen und genau in der Fallirne des Gipfels die Wand queren. Hoffentlich hält der ungeheure Felsblock, den oben die Spitze krönt! Es sieht aus wie ein hochgestellter Bleistift aus Granit, auf dem ein Gummi balanciert. Einige Meter müssen an einem horizontalen Riss, der für die Finger kaum Platz bietet, gehangelt werden. Ich empfehle meine Seele Gott und schlürfe das berauschende Gefühl, unter den lose baumelnden Beinen die Gletscherspalten zu ergründen. An dieser Flanke ist es prächtig, zu klettern. Sie besteht aus mächtigen Felsplatten, die mit einem spärlichen Netz von Rissen quadratförmig gezeichnet sind. Der Fels ist warm und trocken. Ich bekomme einen ähnlichen Wunsch, wie wenn es stundenlang durch Schnee und Sonne geht: in diese Materie hineinzukriechen, mich davon verdecken zu lassen, mich in sie aufzulösen. Aber der Weg will es anders und das Seil, das kategorisch nach oben zerrt: in einem fast senkrechten Riss wird nun hinaufgeklettert, verteufelt einfach übrigens, wenn der Segen, wie in meinem Fall, in diesem reichen Masse von oben kommt. Unversehens wird ein Grat überschritten, eine neue Landschaft eröffnet sich, wir sind auf der Nordseite. Rey behauptet, dass hier ein prächtiger Kamin sei, ich aber sehe nichts davon. Die Leute sollten doch endlich gemerkt haben, dass ich mit den Bergen vertraut bin und dass man zu mir nicht sagen kann: das ist ein Kamin, und dann ist es keiner! Eine fast unbewandete, schlecht gestufte, mit körnigem Eis und losen Schneeresten gepulverte Schramme geht es nun hinauf, direkt gegen die Spitze zu. Langsam, mit unendlicher Vorsicht, schieben wir uns höher. Bei jedem Schritt müssen wir zuerst den Schnee von den Schuhen klopfen. Der Fuss des Führers befindet sich gerade in meiner Kopfhöhe, und ich sehe, wie der Schutt jedesmal ein wenig rutscht.
Sie wollen doch nicht etwa auf diese Platte hinauf? frage ich Rey empört, wie wir vor dem letzten Felsblock stehen. Aber schon hat er beide Ellbogen darauf gelegt und stemmt sich hoch, schiebt dann den Oberkörper langsam vor. Nun werden wir alle drei zuletzt doch noch abstürzen, denn das Seil wird uns alle mitreissen. Aber wir stürzen durchaus nicht ab; schon zerrt mich Rey auf diese gottvergessene Platte hinauf, ich kann mich gar nicht besinnen, ob ich will oder nicht, ich bin jetzt einfach auf der Platte oben, und ich bewege mich gar noch, rutsche zur Seite, um dem nachkommenden Träger Platz zu machen. Dann lösen wir das Seil und legen es zum Trocknen auf den warmen Fels.
Dies ist also der Gipfel der Dent du Requin. Nebel streicht manchmal über uns hin. Er scheint mir ganz anderer Art als unten an der Wand. Kommt er nicht direkt da aus dem Himmel, an den wir fast anstossen?
Und auch die Hagelkörner, die auf der Platte zu tanzen beginnen, sind weisser und reiner, als ich je solche sah: man sieht ihnen an, dass sie aus erster Hand kommen. Von ungefähr rollt ein Donner, dann ist es wieder unheimlich still und schwül. Beunruhigt blicke ich auf Rey. Aber wie ich sein braunes Gesicht mit dem grossen Schnurrbart sehe, gebe ich mich wieder zufrieden: an einen solchen Führer wird sich kein Blitz heranwagen, sonst blitzt er einfach ab. Und in der Tat, schon haben wir wieder einen schwachen Schein hinter uns auf dem Felsen. Irgendwo im Grau draussen ahne ich die Sonne.
Nun machen wir eine kleine Rundreise: der Abstieg erfolgt durch Abseilen auf der Westseite, und erst auf der Schulter treffen wir wieder auf die alte Route. Ich freue mich auf dieses Abseilen und dränge daher zum Aufbruch. Aufrecht stehen wir drei auf der überall hinausragenden Platte, hoffentlich wird jetzt keiner rauflustig oder ruft durch eine unvorsichtige Bewegung dem Schwindelgefühl. Besorgt streife ich die Mienen meiner Gefährten, Gott sei Dank ist noch kein Zeichen beginnenden Wahnsinns festzustellen. Im Gegenteil, der junge Rey nimmt höchst zweckmässig sein zweites Seil aus dem Rucksacke, bindet sich daran fest und drückt sich in die graue Leere hinaus. Noch sieht man seinen Kopf, dann die Hand, durch die langsam das freie Seil gleitet, dann ist die Stelle leer. Ob wohl alles gut gehen wird? Der alte Rey sieht zuverlässig aus, er hat sich hinter zwei Blöcken verstemmt. Wortlos achtet er auf die Regungen des Lebensfadens, den er bedächtig ausgibt. Dann löst sich die Straffung; ein schwacher Ruf dringt an unser Ohr. Ein Seil wird hochgezogen: es gilt mir! Ich werde daran festgebunden, nun muss ich hinaus und hinab. Ich hüte mich, unter mich zu blicken. Ich gleite über die Platte und stelle mir vor, dass ein Meter unter mir weicher Wiesengrund ist. Übrigens reibt sich das Seil auf der scharfen Kante, hoffentlich ist es in bezug auf Reissfestigkeit amtlich geprüft. In der Schweiz könnte man sich sicher wähnen, da haben wir eine amtliche Materialprüfungsanstalt. Aber bin ich nicht immer noch in Italien?
Während ich Armlänge um Armlänge abwärts gleite, bin ich plötzlich unsicher, ob ich mich nun in Italien oder Frankreich abseile. Wenn ich abstürzte, würde wohl nach der Landeszugehörigkeit des Führers entschieden? Für eine Beerdigung wäre die italienische Valuta zweifelsohne günstiger. Auf der andern Seite ist zu erwägen, dass man zuerst wieder auf den Col du Géant hinauf müsste... Der Fels kommt wieder so nahe, dass ich mit meinen Beinen Fühlung bekomme. Ich pendle einem Überhang zu, der meinem Körper entgegenwächst. In schändlicher Weise muss ich auf dem Bauch rutschen. Hoffentlich sieht mich niemand in dieser entwürdigenden Stellung. Nein, glücklicherweise nebelt es immer noch. Nun will mich diese schräge Felsrinne zu sich hineinlocken. Verdammtes Vieh, siehst du denn nicht, wen du vor dir hast? Ich strample mit meinen Beinen und kann mich wieder herausarbeiten. Von ferne betrachtet, muss ich eine komische Rolle spielen. Scheint es nicht, als ob ich in einem unmöglichen Winkel, allen Schwergesetzen zum Trotz, frei in der Luft abwärts ginge? Wieder flattert ein Vogel vorbei. Zu was braucht er so ironisch zu blicken? Nun sehe ich, dass der Träger unten das fixe Seil hält, und mich auf ein kleines Band zu lenkt, das nicht genau in der Fallinie liegt. Er soll nur loslassen, das geht allein ganz prächtig.
Schon bin ich gelandet, muss mein Seil verlassen und mich in eine Nische drücken, bis der Führer nachgekommen ist.
Den Weg schräg abwärts zu finden ist nun nicht leicht, weil alle Orientierung fehlt. Felsen, Abbruche, Blöcke und Überhänge sehen alle ungefähr gleich aus. Da ist weder Zeichen noch Spur, und doch stehen wir eine halbe Stunde später wieder auf der gleichen Stelle, wo wir aufgebrochen, bei unsern Rucksäcken.
Aber wo ist nun die Schneebrücke, die uns am Morgen über die Randkluft trug? Nichts mehr von ihr ist zu sehen. Ununterbrochen zieht sich der Abgrund auf- und abwärts, und überall ist der Gletscherrand auch dem kühnsten Sprung unerreichbar. Die Schneebrücke muss eingestürzt sein. Wir müssen einen neuen Übergang finden. Wir steigen schwach abwärts der Wand entlang. Ziemlich weit unten findet sich auch so etwas, was zur Not einen Menschen tragen dürfte. Wie ein Wild pirschen wir uns an die Brücke heran. Rey deutet auf den Mund und flüstert: Allez doucement. Die kleinste Schall-welle könnte den Schneerest zum Einstürzen bringen. Der Träger übernimmt die Sicherung; er lehnt sich flach an die Wand und stemmt die Beine an. Ich tue ein Gleiches, mache mich auf den Sohlen breit und stehe möglichst fest. Vielleicht will es das Geschick, das ich hier zwei Menschen retten muss. Schrecklich ist der Abgrund vor mir, nicht fussbreit die Brücke in der Mitte, und doch müssen wir da hinüber. Nicht zu rasch, um das Gebilde nicht zu zerstören, nicht zu langsam, für das sorgt schon der Blick zu beiden Seiten. Einen Augenblick ist es ganz still, nur das Wasser rinnt über die Felsen in die gähnende Tiefe, aus der nass und kalt das schwarze Grauen heraufsteigt. Das Unmögliche wird Ereignis: der Führer geht über die Brücke. Unversehens hat er es hinter sich. Er wendet sich, pfahlt den Pickel in den Firn und winkt mir. Jetzt nur nicht denken. Ich entledige mich meines Rucksackes, schliesse die Augen bis auf einen kleinen Spalt. Ich erinnere mich, dass ich die Mitgliedkarte des Alpenclubs in der Tasche habe. Man wird mich also leicht erkennen können, besonders da ich eine abgestempelte Photographie drin habe. Übrigens, ich gehe hier wie auf dem Randstein eines Bürgersteiges. Ein Schritt daneben würde gar nichts bedeuten. Es sähe höchstens lächerlich aus, weil man denken könnte, ich wäre unfähig, gerade Richtung einzuhalten. Nous voilà! Die Brücke liegt schon lange hinter mir. Unbesorgt kommt nun der Träger nach. Mag sie hinter ihm einstürzen!
Nun befinden wir uns aber weit unterhalb der Stelle von heute morgen; wir sind auf einem kleinen, steilen, von riesigen Querspalten zerstückten Gletscher. Der einzige Trost ist der, dass er unterhalb der Abbruch stelle mündet, die den Géantgletscher von seinem untern Teil, dem Taculgletscher, trennt.
Mit unendlicher Vorsicht lavieren wir über die abgedachten, fusschmalen und weichen Schneerücken, von einer Felswand horizontal zur andern querend und dabei immer ein wenig Gefälle ertrotzend. In dem nassen, knietiefen Schnee nützen die Steigeisen keinen alten Hut, stets rutscht der aufgesetzte Fuss nach unten, so dass man Neigung hat, nur auf die Absätze zu treten. Rey belehrt mich, dass dies falsch sei, man müsse mit der ganzen Sohle auftreten, wenn das Knie dabei auch die ganz unmögliche Stellung machen müsse. Ich bemühe mich, ihm gehorsam zu sein, rutsche aber immer und immer wieder. Diesen italienischen oder französischen Gletscher hole der Teufel, in der Schweiz käme so was denn doch nicht vor! Nun ist es überhaupt fertig, ich sacke in diesen Spalt hinein. Rey ist aber schon auf der andern Seite, ich sehe, wie er springt. Mit Aufbietung aller Kraft werfe ich mich vorn hinüber und erreiche mit dem Unterleib gerade noch den jenseitigen Rand, wo ich mich mit Hilfe Reys hinaufschiebe. Rey sagt nichts dazu, er lächelt nur verbindlich. Ich will erklären, aber wir haben anscheinend keine Zeit zu Diskussionen, trotzdem dies sehr lehrreich wäre; der Nachmittag ist schon weit vorgeschritten, und dieser verdammte Gletscher will und will nicht manierlicher werden. Endlich beginnen sich im Schnee mehr Steine zu zeigen, die Querstreifen werden trottoirbreit, man kann zuverlässiger springen. Vorhin bin ich, glaube ich, sogar über aperes Eis gegangen. Die dunklen, schmutzigen Stellen werden häufiger, die Steine zeigen sich in einer gewissen Richtung, es beginnt sich eine Moräne zu bilden. Bald rutschen wir an steilen Schutthängen zum grossen Gletscher hinunter.
Wir machen uns frei vom Seil, denn das Eis ist nun ohne Tücken, und im beginnenden Abend, während im Kessel hinten ab und zu ein Blitz zuckt und Graupeln durch den Nebel zu rieseln beginnen, gehen wir auf der Strömung des eisgewordenen Bergsees talaus. Rey ist anscheinend über diesen Teil der Bergfahrt nicht sehr entzückt. Er sondert sich bald von uns ab und geht voraus. Wir müssen uns eilen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Antrieb zu seinem Tempo wird weniger der Hang zu Einsamkeit sein als das Hotel auf Montenvers. Auch für mich verliert der Gletscher bald alles Interesse; er ist nur noch Weg, der überwunden werden muss.
Einmal bricht links von der Wand ein gewaltiges Stück Eis mit Gepolter und Dröhnen. Ich mache unwillkürlich einen Schritt beiseite. Der Trélaportegletscher hat einen Gruss heruntergesandt. Krachend zerschellt er an den riesigen Blöcken, die in der Nähe der Wand im Gletscher eingefroren liegen.
Müde sind wir nun. Auch der junge Rey, der mir eng zur Seite geht, bestreitet es nicht. Allmählich verstummt unsere Rede.
Hier wandere ich über das Eis seit Stunden, steige in kleine Täler hinab und wieder auf ein Hügelchen. Und immer ist dieser liebe, junge Mensch um mich und achtet auf meine Schritte. Schade, dass ich nicht irgendwo da an einer Wand biwakiere und herunterblicke. Ich würde mich über uns freuen. Ich bin sicher, dass es sehr gut aussieht, dieses schweigsame, endlose Wandern über den riesigen Gletscher.
Im schon gästeverlassenen Hotel Montenvers bitte ich das angenehm interessierte Zimmermädchen, meine zerfetzte Hose zu flicken. Obwohl es noch nicht Schlafenszeit ist, liege ich, des wichtigsten Kleidungsstückes beraubt, im Bett. Die Fenster stehen offen, und es ist ganz still im Haus. Unheimlich zuckt der Blitz an der Aiguille du Dru. Und während ich auf den Donner horche, mache ich die Augen selten und seltener auf. Die letzte Empfindung ist, dass ein schwärzliches Kleidungsstück auf die weisse Decke gelegt wird.
Werner Graf.