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Es sorgt seit Jahrzehnten für Abhängigkeiten zwischen Europa und Russland – und für lukrative Geschäfte: Gas. Das sei schon während des Kalten Krieges so gewesen, erklärt der Politologe Thane Gustafson: «Russland brauchte damals Geld und Technologie, Deutschland und Österreich wollten das Gas.»
Thane Gustafson
Thane Gustafson ist Professor für Politikwissenschaft an der Georgetown University in Washington D.C. Der 77-Jährige beschäftigt sich seit Jahren mit Energiefragen in Russland und der ehemaligen Sowjetunion. Jüngste Werke: «Klimat: Russia in the Age fo Climate Change», 2021 Harvard University Press; «The Bridge: Natural Gas in a Redivided Europe», 2020 Harvard University Press.
Die Gasgeschäfte von Moskau mit den westlichen Staaten begannen in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, wie Gustafson im Gespräch erzählt. Damals hatte Russland eben erst gigantische Vorkommen in Westsibirien erschlossen.
«Das ist eine sehr wilde Gegend im Permafrostgebiet. Im Sommer allerdings schmilzt das Eis auf der Oberfläche. Dann gibt es hohe Temperaturen und Schwärme von Moskitos», so der Politologe und Polithistoriker. Schwierige Bedingungen, um dort zu arbeiten. Doch das Gasgeschäft ist seit jeher lukrativ.
Russisches Gas im Kalten Krieg
Grosse Gasvorkommen gab es zwar auch im westlichen Europa, zum Beispiel in den Niederlanden. Russland konnte jedoch mit Pipelines das Gas sehr günstig liefern und mit den Einnahmen das Gasnetz weiter ausbauen. Denn: 70 Prozent des produzierten Erdgases verbraucht das Land selbst.
Doch das Gasgeschäft über den Eisernen Vorhang von Ost- nach Westeuropa schaffte Probleme. Einerseits war Europa damals in zwei Blöcke geteilt. Und den USA waren diese Gasgeschäfte ein Dorn im Auge, weiss Gustafson: «Das Abkommen hat die USA sehr nervös gemacht. Washington hatte Bedenken, dass sich da Deutschland in Abhängigkeiten begibt und versuchte deshalb, die Gaspipeline zu verhindern.»
Machtspiele um Pipelines
Ein weiteres Problem waren die Pipelines selbst. Eine Pipeline zu planen und zu bauen, braucht viel Zeit und Geld. Ist sie einmal fertiggestellt, kann sie nicht wie ein Gartenschlauch rasch umgelegt werden. Gaspipelines schaffen also langjährige Abhängigkeiten.
Während des Kalten Kriegs kontrollierte Moskau die gesamten Gaslieferungen von Sibirien bis an die Grenze zum Westen. Nach dem Auseinanderbrechen der ehemaligen UdSSR wollten eigenständig gewordene Staaten wie zum Beispiel die Ukraine am Gas mitverdienen.
Russland hat das Gas, die Ukraine aber die Rohre für den Transport.
Denn das meiste Gas sei durch Pipelines in der Ukraine geströmt, erzählt Gustafson: «Eine dramatische Situation: Russland hat das Gas, die Ukraine aber die Rohre für den Transport und kontrolliert somit den Grossteil der Transport-Kapazität. Es liegt auf der Hand, dass das früher und auch heute noch immer zu grossen Streitigkeiten um Gebühren führt, die bereits zu Sowjet-Zeiten festgelegt wurden.»
Diese Gaslieferungen sind zwar durch komplexe und langfristige Verträge geregelt. Dennoch sorgen sie regelmässig für Konflikte. Das zeigen auch die jüngsten militärischen Spannungen im Grenzgebiet zwischen Russland und der Ukraine. Denn: Wer Gas hat, hat Macht – über das Angebot wie auch über den Preis.
Streit um Nord Stream 2
Ein ähnliches Ringen um Marktmacht zeigt sich auch bei der praktisch fertig gebauten Gaspipeline Nord Stream 2 von Russland via Ostsee nach Deutschland. Die USA versuchten erneut mit Sanktionen, das Bauprojekt zu verhindern. Die Bedenken – auch von Polen oder dem Baltikum – sind erneut, dass sich Europa und vor allem Deutschland als Hauptabnehmerin des Gases in eine Abhängigkeit begibt und sich angreifbar macht, wenn Russland beispielsweise den Gashahn zudrehen sollte.
Ostsee-Pipeline Nord Stream 2
Nord Stream 2 ist insgesamt 1230 Kilometer lang und besteht aus zwei Pipeline-Rohren, die von Russland via Ostsee nach Deutschland führen. Das Bauwerk kostete bisher rund 10 Milliarden Euro.
Die Gesellschaft Nord Stream 2 gehört dem russischen Gaskonzern Gazprom, hat den Sitz aber in Zug in der Schweiz. Beim Bau mitgezahlt haben auch andere europäische Energiekonzerne.
Denn: Zusammen mit der neuen Pipeline «Turk Stream» im Süden Europas konstruiert Russland eine Art Pipeline-Klammer, um mehr Gas nach Europa liefern zu können, gleichzeitig aber auch die Ukraine als Transitland zu umgehen.
Thane Gustafson hält die Sorge vor gefährlichen einseitigen Abhängigkeiten von russischem Gas für kaum wahrscheinlich: «Europa und vor allem Deutschland braucht zwar das russische Gas, um wegzukommen von der Kohle. Aber ebenso ist Russland auf das Gasgeld angewiesen. Europa ist wirtschaftlich stärker und hat in diesem Machtkampf die besseren Karten.»
Im Notfall könne Europa auch auf Flüssiggas, sogenanntes LNG zurückgreifen. Die deutsche Bundesregierung muss nun aber abwägen, einerseits die Interessen der Ukraine zu unterstützen, andererseits sich das Gas zu sichern. «Ein ziemlicher Balance-Akt», resümiert Gustafson.
Blickt der Professor in die Zukunft, sieht er grosse Herausforderungen auf die Gasnation Russland zukommen. Diese dürften die Gas-Machtspiele weiter akzentuieren. Bis 2030 lasse sich mit Gas noch gut verdienen, rechnet er vor. Dann aber flacht der Verbrauch ab, weil viele Länder auf erneuerbare Energiequellen umsatteln werden.
Gazprom – Putins Geldbörse
Gazprom ist der direkte Nachkomme des Sowjet-Gasministeriums. Der russische Konzern hat zwar ein privates Aktionariat, ist aber klar staatlich gesteuert. Chef ist Alexey Miller, ein langjähriger Weggefährte von Präsident Wladimir Putin aus dessen St. Petersburger Gefolgschaft.
Das Gasgeschäft liefert rund einen Fünftel der Exporteinnahmen Russlands. Vier Fünftel stammen laut Experte Thane Gustafson aus dem Geschäft mit Erdöl.
«Je näher wir 2050 kommen, desto weniger Gas wird verbraucht. Im Endeffekt bedeutet das weniger Einkommen für den russischen Staat», so Gustafson. Geld, das für Investitionen in neue Technologien fehlen wird.
Bereits jetzt hat Russland viele Milliarden in Gaspipelines investiert. Offen ist allerdings, ob in den nächsten Jahren noch genug Gas durch Pipelines strömen wird, damit die Gasrechnung überhaupt aufgeht.
Und die Schweiz?
Die Schweiz im Herzen Europas ist darauf angewiesen, dass Gas durch das europäische Netz strömt. «Die Schweiz nutzt im europäischen Vergleich aber sehr wenig Gas, etwa so viel wie die Region Hamburg», erklärt Thomas Hegglin vom Verband der Schweizer Gasindustrie.
Unterschiedliche Gaspreise in der Schweiz
In der Schweiz gibt es rund 100 regionale Gasanbieter. Meistens sind es Stadt- oder Gemeindewerke, die neben Wasser und Strom auch Gas in die Haushalte liefern. Im Kanton Aargau kostet Gas teilweise bis zu 70 Prozent mehr als vor einem Jahr, in Genf gut 10 Prozent mehr.
Der Grund sind unterschiedliche Beschaffungen. Wer kurzfristig Gas beziehen muss, zahlt nun deutlich mehr. Gut gefahren sind jene Anbieter, die frühzeitig ihre Verträge abgeschlossen haben.
Der Gasstreit spielt somit eine untergeordnete Rolle, ist Hegglin überzeugt. «Der höhere Gaspreis in der Schweiz hat vor allem mit der gestiegenen Nachfrage zu tun.» Wenn durch Nord Stream 2 mehr Gas nach Europa geliefert wird, ist das für Hegglin grundsätzlich positiv.
Dennoch will der Schweizer Gasverband aus ökologischen wie politischen Gründen unabhängiger werden vom Erdgas. Forciert werden soll einerseits die Produktion von Biogas aus Grünabfällen. Andererseits will der Verband dafür sorgen, dass überschüssige Sonnen- und Windenergie in grünen Wasserstoff umgewandelt wird.
«Die europäische Gasinfrastruktur kann man auch für Wasserstoff nutzen», erklärt Hegglin. Man könne die beiden Gase auch mischen.