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Wer am meisten für das Klima tun muss
Was heisst Klimagerechtigkeit? Je nachdem, wie man sich die Zahlen zurechtlegt, ergeben sich unterschiedliche Antworten.
Von Simon Schmid, 11.01.2021
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«Klimagerechtigkeit» ist ein facettenreiches Konzept. Es adressiert, wie Uno-Generalsekretär António Guterres sagt, das Problem, dass die ärmsten und verwundbarsten Menschen typischerweise am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Ein viel diskutierter Aspekt ist die Lastenteilung zwischen Ländern und Weltregionen. Wer muss seine Politik am stärksten ändern, seine Emissionen von Treibhausgasen am schnellsten reduzieren?
Dieses Datenbriefing zeigt: Die Art und Weise, wie man die dazugehörigen Zahlen aufschlüsselt, führt zu diametral unterschiedlichen Antworten.
Schaut man sich etwa an, wie viel Kohlendioxid gegenwärtig ausgestossen wird, so liegt der Schluss nahe: China muss am dringendsten handeln.
Die folgende Grafik illustriert diesen Befund. Sie ist in acht Weltregionen gegliedert, wobei China und das restliche Asien separat aufgeführt sind. Unter den acht Regionen steht die Volksrepublik an erster Stelle: Mit gut 10 Gigatonnen wird dort fast doppelt so viel CO2 ausgestossen wie etwa in Europa (inklusive Russland) und gut anderthalbmal so viel CO2 wie in Nordamerika.
Wenn Politiker in Europa also darauf hinweisen, dass das Klimaproblem primär in anderen Weltregionen gelöst werden muss, haben sie nicht ganz unrecht. Asien alleine ist zurzeit für die Hälfte der globalen CO2-Emissionen verantwortlich (die Emissionen aus der Abholzung und der Landwirtschaft sind hier nicht inbegriffen, machen aber auch weniger aus).
Doch das ist nur eine Möglichkeit, wie man das Problem betrachten kann.
Das Pariser Klimaabkommen hält fest, dass Länder, die eine besondere Verantwortung für den bisherigen Temperaturanstieg tragen, auch eine besondere Pflicht dafür haben, die weitere Erderhitzung aufzuhalten.
Schaut man in den historischen Statistiken nach, welche Länder das sind, so zeigt sich ein gegensätzliches Bild. Nun steht Europa an der Spitze: Über die vergangenen knapp 170 Jahre hinweg wurde hier insgesamt über doppelt so viel Kohlendioxid in die Luft gepustet wie in China. Nordamerika folgt dicht hinter Europa an zweiter Stelle, wofür vor allem die Vereinigten Staaten verantwortlich sind.
Es ist also kein Wunder, stellen sich die Entwicklungs- und Schwellenländer in Verhandlungen oft auf den Standpunkt, dass die Industrieländer beim Klimaschutz vorangehen müssten. Immerhin: Viele westliche Länder haben sich bereits das Ziel gesetzt, ihren Ausstoss von Treibhausgasen bis Mitte Jahrhundert auf netto null zu reduzieren. Mit Ausnahme von Japan und Südkorea sind die meisten Länder in Asien noch nicht an diesem Punkt.
Allerdings gibt es auch unter den reichen Regionen grössere Unterschiede.
Sie offenbaren sich, wenn die CO2-Emissionen nicht im Total, sondern pro Kopf beziffert werden. Dann zeigt sich, dass Nordamerika ein viel dringlicheres Klimaproblem hat als Europa. Jede Einwohnerin verursacht dort im Schnitt knapp 14 Tonnen CO2 pro Jahr: ungefähr doppelt so viel wie jeder Einwohner in Europa und China und über fünfmal so viel wie Menschen im restlichen Asien.
Auch Einwohnerinnen in Ozeanien (also primär Australien und Neuseeland) haben einen grossen CO2-Fussabdruck. Würden die Emissionen nicht nach dem Konsumprinzip, sondern nach dem Territorialprinzip angegeben, so lägen sie – aufgrund des Rohstoffabbaus in Australien – sogar an der Spitze.
Wäre es also wichtig, klimapolitische Massnahmen zuerst in Nordamerika und Ozeanien umzusetzen, weil dort die Menschen so klimaschädlich leben?
Nun, es wäre sicher nicht falsch. Doch genau so dringend wäre es, in anderen Weltregionen die Energiewende voranzutreiben, also von Kohlestrom auf erneuerbare Energien umzuschwenken, mit Elektroautos statt Verbrennern durch die Gegend zu fahren und mit Wärmepumpen statt mit Öl zu heizen.
Am dringendsten wären solche Investitionen in Asien. Denn dort geht der Trend stetig aufwärts: Alleine in den vergangenen zehn Jahren haben dort die CO2-Emissionen über ein Drittel zugenommen. Stark gewachsen ist der Ausstoss auch im erdöl- und gasreichen Nahen Osten und in Afrika.
Mit der wachsenden Wirtschaft ist auch der Energiebedarf in den asiatischen Schwellenländern enorm gestiegen. Bisher wurde dieser Bedarf überwiegend mit fossilen Energieträgern gedeckt. Das Problem dabei ist: Anders als in Europa, wo Energiebedarf und Emissionen tendenziell bereits am Sinken sind, dürften die fossilen Anlagen dort noch lange Zeit in Betrieb bleiben. Umso wichtiger wäre es, gerade in Asien, im Nahen Osten und in Afrika ein grüneres, saubereres Wirtschaftswachstum auf den Weg zu bringen.
All dies entbindet die Klimapolitik in Europa – und in der Schweiz – jedoch nicht davon, die eigene Situation kritisch zu betrachten. Sicher: Wer sich die Daten nur richtig zurechtlegt, findet immer einen guten Grund, um mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. Doch der Klimawandel lässt sich nur aufhalten, wenn die ganze Welt ihre Emissionen auf null reduziert.
Die Natur ist in diesem Punkt unerbittlich. Klimagerechtigkeit für einzelne Länder gibt es nur, wenn am Ende Klimagerechtigkeit für alle Länder herrscht.
Sie stammen hauptsächlich aus dem Global Carbon Atlas, einer Plattform, die von Forschern betrieben und von einer Stiftung finanziert wird. Die territorialen Daten für 2019 wurden dort vor kurzem hinzugefügt. Sie reichen zurück bis 1960. Weiter zurück, bis 1850, reicht die Datenbank der Universität Potsdam, die sich über das Portal Climate Watch abfragen lässt. Die Schätzungen gehen dort bis ins Jahr 2016.
Es gibt verschiedene Kategorien von Treibhausgasemissionen. Nicht in jeder Datenbank sind alle davon enthalten. In diesem Beitrag wurden zur besseren Vergleichbarkeit nur die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe dargestellt. Zusätzliches CO2 wird emittiert, wenn sich die Landnutzung verändert (durch Abholzung oder die Landwirtschaft). Schliesslich tragen weitere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas zum Klimawandel bei.