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Vom Mitleid zur Mitfreude
Im fremdherrschaftsfreien Tausch ist Einfühlungsvermögen gegenüber Bedürfnissen anderer zentral.
Das aus dem Griechischen stammende Lehnwort für Mitleid ist Sympathie, und die Tatsache, dass jeder normale Mensch dafür begabt ist, war für den Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith die Grundlage der Marktwirtschaft, die ihrerseits den «Wohlstand der Nationen» hervorbringt. Für die Mitfreude als Pendant zum Mitleid gibt es leider keinen allgemeinverständlichen Fachbegriff mit griechischen Wurzeln. Konsequent müsste von Synhedonie oder Symphilie, von Mitfreude oder Mitliebe, die Rede sein, aber die Begriffe haben sich nicht eingebürgert.
Das Einfühlungsvermögen gegenüber den Bedürfnissen anderer spielt in der Ökonomie — und ganz speziell auch in einer Dienstleistungswirtschaft — eine zentrale Rolle. Für Adam Smith ist Sympathie die Basis der Moral, die ihrerseits auch den Tausch beeinflusst, der auf rationalem Kalkül beruht. Sympathie ist der Schlüsselbegriff seines ersten grossen Werks «The Theory of moral sentiments», wörtlich übersetzt: Das Wort Mitgefühl in seiner ursprünglichsten Bedeutung bedeutet, dass wir mit den Leiden, nicht mit den Freuden anderer mitfühlen.
Man kann sich in diesem Zusammenhang fragen, ob der Begriff Sympathie im Sinn des Mitleids bzw. Mitgefühls mit Menschen in einer unglücklichen Situation die Ökonomie des Tauschs, bei dem allerseits eine Win-Win-Situation angestrebt wird, wirklich adäquat bezeichnet. Der Tausch im engern Sinn betrifft Güter und Dienstleistungen, im weiteren Sinn aber auch jede Form der Kommunikation. Eine erfolgreiche Kommunikation setzt aber ein Minimum an Einvernehmen voraus, und dieses Einvernehmen nährt sich erfahrungsgemäss eher von der Fähigkeit zur Mitfreude und zum Mitgenuss als von der Bereitschaft zum Mitleid.
Synhedonie statt Sympathie
Tauschaktionen, die ausschliesslich auf Mitleid beruhen, haben keine verlässliche Basis. Die respektvolle Wahrnehmung des Eigeninteresses in der Erwartung und in der Hoffnung, dass es beim Tauschen auch das Wohl der andern mehrt, ist eine erfolgversprechende Kommunikationsstrategie. Sie ermöglicht auch eine Kombination von Ökonomie und Ökologie, die ja mit «oikos», Haus, dieselbe Wortwurzel haben.
Es geht also beim fremdherrschaftsfreien Tausch nicht um aktives Mitleid, sondern um die Erwartung gegenseitig gesteigerter Befriedigung, um antizipierte Mitfreude. Darum wäre es sinnvoll, in der Ökonomie nicht von der Sympathie im Sinne des Mitleids auszugehen, sondern von der Synhedonie im Sinne der Mitfreude und des Mitgenusses.
Synhedonie erzeugt eine andere und liberalere Art der Solidarität als der Zusammenschluss der Frustrierten und Neiderfüllten, die eine Triebfeder des etatistischen Sozialismus bildet, der die Solidarität fordert, die andere von Staates wegen zum Geben bzw. zum Umverteilen verpflichtet. Freiwillige Solidarität und Zwangssolidarität sind zwei völlig unterschiedliche Triebfedern. Vielleicht taugt der hier verwendete Begriff der Synhedonie sogar zur kulturellen Erneuerung dessen, was «soziale Marktwirtschaft» genannt wird: der Gemeinschaft, die freiwillig und spontan durch vielfältig vernetzte aktuelle und potenzielle Win-Win-Situationen immer wieder neu geschaffen wird und dadurch Mitfreude erzeugt.
Antigones Ahnung
Es gibt in der «Antigone», der klassischen griechischen Tragödie von Sophokles, eine Schlüsselstelle, die das Verhältnis von Staatsräson einerseits und Mitleid und Mitfreude andererseits auf den Punkt bringt. Staatsräson steht im Widerspruch zum moralischen Sittengesetz. So lautet der Wortwechsel zwischen dem König Kreon und Antigone, die auf das überlieferte Recht pocht, ihren im Kampf getöteten Bruder, der auf der Feindesseite gekämpft hatte, zu bestatten: Kreon: «Der Feind wird nie zum Freund, auch wenn er tot ist.» Antigone: «Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich geboren.» Sie bestattet ihren Bruder trotz staatlichem Verbot und wird wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zum Tod durch Einmauern verurteilt. Die Verurteilte entzieht sich dieser grausamen Strafe durch Suizid, aber ihre Vorliebe für das Mitlieben ist unsterblich geworden, solange es kulturelle Überlieferungen gibt. Sie ist eine friedensstiftende Maxime, die vor allem nach dem Abschluss von Kriegen, unabhängig vom jeweiligen Ausgang, allerseits zu beherzigen ist.
Trotzdem hatte Adam Smith gute Gründe, von der Sympathie als Prinzip einer auf Tausch beruhenden Marktgesellschaft auszugehen. Echte und nachhaltige gemeinsame Freude kann nur entstehen und sich entfalten, wenn sie nicht zulasten Dritter geht oder gar auf Schadenfreude beruht, d.h., wenn Gewinne nicht grundsätzlich durch Verluste bei andern erkauft werden. Synhedonie ohne jede Sympathie gegenüber denen, die keinen Grund zur Freude haben, ist zynisch und auf die Dauer auch selbstschädigend und im wahrsten Sinn unökonomisch.
Rütlibund und Grütliverein
Eine Rückübersetzung des hier verwendeten Begriffs Synhedonie ins Deutsche führt zu fast unüberwindlichen parteiideologischen und terminologisch-psychologischen Problemen. Wörtlich könnten der Begriff «hedone», Freude/Genuss, und die Vorsilbe «syn-», Ge-, mit einigen Gründen durch den Terminus Genussgemeinschaft oder eben Genossenschaft übersetzt werden. Dann wären diejenigen, die sich gemeinsam über den gegenseitigen Gewinn beim Tausch freuen, im wahrsten Sinn des Wortes Genossen, aber eben Freudgenossen und nicht Neidgenossen. Als Eidgenosse braucht man keine Berührungsängste zu haben gegenüber dem genossenschaftlichen Prinzip der gemeinsamen Selbsthilfe auf der Basis einer Pro-Kopf-Aufteilung von Kosten und Nutzen. Sie geht grundsätzlich nicht zulasten anderer, auch wenn es erfolgreichere und weniger erfolgreiche Genossenschaften mit unterschiedlich profitierenden Genossenschaftern gibt.
Historisch gesehen war der Rütlibund so etwas wie ein Zusammenschluss von bestehenden Genossenschaften mit dem Zweck des gemeinsamen Selbstschutzes. Dass diese Genossenschaften ihrerseits höchst unterschiedliche Ziele hatten und auch unterschiedliche Erfolge innerhalb der Genossenschaften, die unterschiedliche Eigentumsverhältnisse bewirkten, spricht für den ökonomischen Realitätssinn der gleichzeitig Betroffenen und Beteiligten. Das «einzig Volk von Brüdern» war kein «Volk von Gleichen», sondern ein Friedensschluss zwischen vielfältig Ungleichen. Der erste Zusammenschluss der Linken in der Schweiz war übrigens der 1838 in Genf gegründete Grütliverein und hatte die Devise «Freiheit durch Bildung».
Um Missverständnisse gegenüber kollektivistischen Zwangsgenossenschaften vorzubeugen, ist der in Analogie zu Sympathie geschaffene griechische Begriff Synhedonie dem deutschen Begriff Genossenschaft vorzuziehen. Ob er sich je durchsetzt, ist höchst fraglich. Er ist aber einer Überlegung wert. Wer ihn bei Google eingibt, wird mit der Rückfrage konfrontiert «Meinten Sie Symphonie?» Das ist gar nicht so daneben.
Pflicht und Freude
Politik und Wirtschaft sind wichtig, aber sie sind nicht das Wichtigste. Die entscheidende Kraft zur Erneuerung stammt aus der Kultur im weitesten Sinn.
Der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore hat das Verhältnis von Pflicht und Freude wie folgt beschrieben: «Ich schlief und träumte, das Leben wär' Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe: die Pflicht war Freude.» Meine eigenen Erfahrungen könnte ich in Anlehnung an Tagore in folgender Parodie zusammenfassen: «Ich schlief und träumte, das Leben wär' Politik. Ich erwachte und sah, das Leben war Ökonomie. Ich handelte und siehe: Die Ökonomie war Kultur.»
Dieser Beitrag ist am 30. März 2022 in der Finanz und Wirtschaft erschienen.
Robert Nef ist Publizist und Stiftungsrat des Liberalen Instituts.
März 2022