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Der brasilianische Sänger und Komponist João Nogueira wurde am 12. November 1941 in Rio de Janeiro geboren und verstarb in seiner Geburtsstadt am 5. Juni 2000. Seine Karriere begründete er mit dem charakteristischen Swing seiner Samba-Kompositionen. Er war der Vater des ebenfalls Sängers und Komponisten Diogo Nogueira.
Als Sohn des Rechtsanwalts und Musikers João Batista Nogueira und Bruder der Komponistin Gisa Nogueira, kam er bereits in jungen Jahren in Kontakt mit der Welt der Musik. Schon früh erlernte er das Gitarrenspiel, und seine Schwester unterrichtete ihn im komponieren.
João Nogueiras erste Kompositionen waren Sambas für den karnevalistischen Block “Labareda“, aus Rio de Janeiros Stadtteil Méier – die komponierte er im jugendlichen Alter von 15 Jahren – und so lernte er den Musiker Moacyr Silva kennen, den Direktor des Musikverlags Copacabana. Moacyr half ihm, seine Samba-Komposition “Espere, Ó Nega“ im Studio aufzunehmen (1968). Doch in der brasilianischen Künstlerszene erschien João Nogueira erst am Anfang der 1970er Jahre, mit seinem Samba “Das 200 Pra Lá“, eine Komposition, die eine Erweiterungs-Politik der brasilianischen Meeresgrenzen auf die 200- Meilenzone verteidigte. Sein Samba belegte die ersten Positionen in den Hit-Paraden mit der Stimme von Eliana Pittman und wurde sogar in einer Reportage der amerikanischen Zeitschrift TIME erwähnt, aufgrund seines affirmativen, nationalistischen Tons.
João war Angestellter einer Bank und sah sich umgeben von einer gewissen Beobachtung, seit die Fahne der 200-Meilenzone tatsächlich von der Militärregierung gehisst worden war. “Sie glaubten wohl, dass ich so eine Art Prophet sei“, scherzte er später. Seine erste Platte war eine einfache Compact-Disk mit den Titeln “Alô Madureira“ und “Mulher Valente“. 1969 nahm die Sängerin Elizeth Cardoso seine Komposition “Corrente de Aço“ in ihre Platte “Falou e Disse“ auf.
Das erste Album, welches auf dem Titel seinen Namen trug, erschien erst im Jahr 1972, herausgegeben vom Verlag Odeon, der auch seine ersten sechs LPs verlegte. In diesem ersten Album der Klassiker: “Beto Navalha“ – neu aufgenommen von Martinho da Vila 1973 auf seiner LP “Origens“. Jedoch João Nogueiras endgültiger Durchbruch kam dann 1974, mit seiner zweiten LP “E Lá Vou Eu“, eine Platte, die von der Kritik und dem Markt gleichermassen als Neuheit im Reich des Samba gelobt wurde.
Unter Mitwirkung von Paulo César Pinheiro sind zu hören: “E Lá Vou Eu, Batendo a Porta, Eu Hein, Rosa, (letztere von Elis Regina 1979 mit grossem Erfolg neu aufgenommen), Partido Rico“ und das lyrische “Braço de Boneca“. Zé Catimba, der geniale Komponist der Samba-Schule Imperatriz, erscheint in “Do Jeito Que o Rei Mandou“ und seine Schwester Gisa Nogueira in “Meu Canro Sem Paz“ und “Eu Sei Portela“. Die Platte führte zu einer Show in kleinerem Kreis, bei der sich João Nogueira mit Gitarre im “Theater 13 de Maio“, in São Paulo, vor einem begeisterten Publikum präsentierte.
João war anders. Er kam nicht aus einer Favela und auch nicht aus einer Escola de Samba – obwohl er in Begleitung seines Vaters seit seiner Kindheit die Samba-Schule Portela frequentierte – und er war auch kein Appartement-Komponist, der populäre Rhythmen kreierte, wie Carlinhos Lyra, Tom Jobim und so viele andere. Er ist er vergleichbar mit Paulinho da Viola, mit seinem Samba auf der Veranda. Seine Art zu singen war typisch für die Interpreten des synkopierten Samba der 1940er und 1950er Jahre. Aber er hatte Personalität. So wie die alten Sänger spielte João Nogueira mit der Teilung, erfand die Synkopen neu.
“Ein João, der ganz anders war in seiner Art den Samba zu singen und in seinen Versen dazu“, sagte der Radiosprecher und Produzent Adelzon Alves über ihn, ein grosser Förderer seiner Karriere. Er öffnete João die Tür, der 1975 eine neue, grossartige Platte herausbrachte, unter dem Titel “Vem Quem Vem“, auf der besonders seine Komposition zu Ehren von Natal gelobt wurde, dem mächtigen Leiter der Samba-Schule Portela, dem er den Titel “O Homem de Um Braço Só“ (der Mann mit nur einem Arm) widmete.
Bereits auf seiner LP von 1974 hatte er eine Komposition für den Poeten Noel Rosa reserviert, für den er “Gago Apaixonado“ (verliebter Stotterer) aufgenommen hatte – jetzt ehrte er den Poeten erneut mit “Não Tem Tradução“ (es gibt keine Übersetzung). Noel Rosa war eine der drei Säulen seiner Inspiration, an der Seite von Geraldo Preira und Wilson Batista, durch die er in seinem besonderen Stil den Samba zu komponieren und zu interpretieren beeinflusst worden ist – und denen er eine ganze LP gewidmet hat (“Wilson, Geraldo e Noel“ – erschienen 1981 im Verlag Polygram). Alles in allem wurde die Platte “Vem Quem Vem“ auch ein Erfolg durch andere Hits, wie “Nó na Madeira“ (Mitwirkung von Eugênio Monteiro) und “Mineira“ – zu Ehren von Clara Nunes, Unter Mitwirkung von P.C. Pinheiro, dem Ehemann der Sängerin.
Dieselbe Platte präsentierte ausserdem noch drei Titel unter der Mitwirkung eines jungen, sehr talentierten Gitarristen, der sich als exzellenter Komponist entpuppte, sein Name: Cláudio Jorge – mit ihm gestaltete João Nogueira die drei Kompositionen “Samba da Bandola, Chorando Pelos Dedos“ und “Pra Fugir Nunca Mais“. Ivor Lancelotti, von dem João den schönen Samba “De Rosas e Coisas Amigas“ auf seiner Platte von 1974 verewigt hatte, bekam ebenfalls wieder einen Platz in diesem Album mit “Seu Caminho Se Abre“.
Im Jahr 1979 platzierte er diesen Partner in der Show “João Nogueira präsentiert Ivor Lancelotti“. Sein Sohn Diogo singt “Espelho“ (Spiegel) den Titelsong der Platte, die João im Jahr 1977 herausbringt – die jungen Leute, aus denen die Legion seiner Fans besteht, stellen sich vor, dass er in den folgenden Versen von seinem Vater spricht: “Um dia chutei mal e machuquei o dedo/ E sem ter mais o velho pra espantar o medo/ Foi mais uma vontade que ficou pra trás“ (Eines Tages schoss ich schlecht und verletzte meine Zehen/ und der Alte war nicht mehr da, um mir die Angst zu nehmen/ das war wieder so ein Wunsch, der zurückgeblieben ist). Schliesslich war Diogo Fussballprofi, ein Sport, den er jedoch beendete, nachdem er sich eine ernste Verletzung zugezogen hatte. In Wirklichkeit sind die Verse der Musik autobiografisch – und stammen von João, dem Vater, der sich mit ihnen auf Diogos Grossvater bezieht. Der Flamengospieler João Nogueira war ebenfalls ein frustrierter Ballkünstler wegen einer Verletzung!
In den ersten vier Platten, die João herausbrachte, waren bereits die meisterhaften Linien enthalten, aus denen seine Karriere bestehen würde. Sie enthalten die Essenz eines Komponisten, der eines schönen Tages die Portela betrat und sang: “Hoje eu estou cheio de alegria/ E sou até capaz de me embriagar/ Uns amigos bambas neste dia/ Me convidaram a participar/ De uma escola de samba que é todo meu dengo/ De um terreiro de bambas que é todo meu mal/ Vou me livrar da tristeza/ E sambar na beleza do seu Carnaval” (Heute bin ich voller Freude/ und drauf und dran mich zu besaufen/ Ein paar echte Freunde haben mich/ an diesem Tag eingeladen, mitzufeiern/ in einer Samba-Schule, die mir gefällt/ auf einem schlüpfrigen Terrain/ werde ich mich von der Traurigkeit befreien/ und Samba tanzen auf deinem Karneval“.
Es war der Samba zu seiner Vorstellung in der Gruppe der Komponisten bei der Samba-Schule “Águia de Osvaldo Cruz“, von der er eingeladen wurde, sich ihnen anzuschliessen (1972). Dort verblieb er bis in die Mitte der 1980er Jahre – bis er sich unter dem Vorsitz des neuen Präsidenten Carlinhos Maracanã unwohl zu fühlen begann, und sich anderen Sambistas anschloss, Nachfolgern des alten Natal, mit denen er 1984 die “Tradição“ gründete, eine Samba-Schule, für die er, zusammen mit seinem Partner P.C.Pinheiro, die ersten fünf Themen-Sambas komponierte – zwischen 1985 und 1989. Diogo, sein Sohn, war indessen Mitglied der Portela, wo er viermal den Themen-Samba gewann.
1979 gründete João Nogueira den “Clube de Samba“ – mit Alcione, Martinho da Vila und Beth Carvalho – ein Unternehmen, dem er den Titel seiner Platte im selben Jahr widmete, auf der neue Erfolgshits zu hören waren, wie zum Beispiel “Suplica“ und “Canto do Trabalhador“ (mit P.C.Pinheiro).
Der Club, welcher anfangs in seinem Haus stattfand, und der später einen Karnevals-Block gründete, um auf der Avenida Rio Branco zu paradieren, mit einer Menschenmenge, die sich nach dem traditionellen Karneval sehnten – dieser Club tagte unter verschiedenen Adressen, inklusive im Stadtteil Barra da Tijuca. Auf seiner Bühne gastierten alle grossen Namen des Samba und Komponisten der Samba-Schulen von Rio. Es war üblich, dass das Programm, innerhalb einer Nacht, Künstler vom Rang einer Ivone Lara, João Nogueira und Roberto Ribeiro präsentierte – letzterer wurde dann ein Jahr nach seinem Tod vom Karnevals-Block geehrt. João selbst, der im Jahr 2000 starb, erfuhr dieselbe Ehre ein Jahr später unter dem Thema “Como Diria João“ (Wie João zu sagen pflegte).
Eine der meist gesungenen Kompositionen von João Nogueira, eine Art Hymne der Komponisten, war der Hit seiner Platte “Boca do Povo“, von 1980. Es handelt sich dabei um den Titel “Poder da Criação“ (Macht der Schöpfung) – “Ninguém faz samba só porque prefere/ Força nenhuma no mundo interfere/ Sobre o poder da criação” (Niemand macht einen Samba nur zum Spass/ keine Macht der Welt stört/ die Kraft der Schöpfung“) – erneut zusammen mit P.C.Pinheiro komponiert, seinem konstantesten Partner, mit dem er 1994 auch die CD “Parceria“ (Partnerschaft) herausbringt, auf der sie beide 22 Jahre gemeinsamer Kompositionsarbeit feiern und mehr als 50 komponierter Werke.
“Wir setzten uns zusammen, und wenn wir aufstehen, ist ein Samba entstanden. Sogar ohne dass wir uns angestrengt haben“, sagte João. Unter den siebzehn Titeln der CD gibt es zwei zu Ehren von Clara Nunes, die 1983 starb – “Um Ser de Luz“ (Ein Lichtwesen) und “As Forças da Natureza“ (Die Kräfte der Natur) – mit ergreifenden Versen wie “As pragas e as ervas daninhas/ As armas e os homens do mal/ Vão desaparecer/ Nas cinzas de um Carnaval“ (Die Plagen und giftigen Kräuter/ die Waffen und schlechten Menschen/ werden verschwinden: in der Asche eines Karnevals). João schuf andere grossartige Platten, wie die schon erwähnte zu Ehren der drei grossen Namen des Samba, “Wilson, Geraldo, Noel“, sein neuntes Album aus dem Jahr 1981, nur mit Kompositionen dieser drei Autoren – die seinem Partner P.C. Pinheiro eine Schaffenspause bescherte.
Er fuhr fort, Platten bester Qualität herauszubringen (18 Solo-Alben insgesamt) und wirkte mit an kollektiven Werken, mit Clara Nunes – “Com Vida“ (1995), auf dieser Platte teilte er sich die Titel mit Künstlern wie Martinho da Vila, Roberto Ribeiro und Nana Caymmi. 1998 “Chico Buarque da Mangueira“ – eine Platte zu Ehren dieses Komponisten, die zum Thema der Samba-Schule Mangueira in jenem Jahr wurde. 1995 nahm João eine CD mit dem Maestro und Pianisten Marinho Boffa auf, die nur aus vierzehn Kompositionen desselben Chico Buarque de Hollanda bestand – unter der Regie von Almir Chediak. Die Platte wurde mit einer Show im Programm “Seis e Meia“ des Theaters João Caetano präsentiert. João wirkte auch mit an der Platte “Esquina do Samba“, live aufgenommen im Botequim Pirajá von São Paulo, im Jahr 2000 – mit Ivone Lara, Walter Alfaiate, Beth Carvalho, Moacyr Luz, Luiz Carlos da Vila und anderen. Noch im selben Jahr wirkte er mit an einer Platte der “Velha Guarda da Portela“.
João Nogueira starb in den frühen Morgenstunden des 5. Juni 2000, im Alter von 58 Jahren, infolge eines plötzlichen Herzinfarktes in seinem Haus im Stadtteil Recreio dos Bandeirantes. Er litt seit längerer Zeit an Kreislaufproblemen, die zwei Jahre zuvor eine zerebrale Ischämie (unzureichende Blutversorgung des Gehirns) verursacht hatten, sodass er längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste – aus dem er jedoch wieder hergestellt entlassen wurde. Anfang 2000 erlitt er erneut eine leichtere Ischämie – aber unter ärztlicher Kontrolle führte er von da an ein geregelteres, weniger hektisches Leben.
In den Wochen vor seinem plötzlichen Tod probte er für kommende Shows, in denen er einige unveröffentlichte Kompositionen zu präsentieren gedachte, ausserdem einige Erfolge seines letzten Albums “João de Todos os Sambas“, das 1998 erschienen war, und in dem er der Samba-Schule “Acadêmicos da Rocinha“, in der grössten Favela Rio de Janeiros, folgende Verse gewidmet hatte: “Junto ao mar/ Num morro que era ainda despovoado/ E dividia a Gávea e São Conrado/ Nasceu uma favela” (Nahe am Meer/ auf einem Hügel, der noch unbewohnt war/ und die Gávea von São Conrado trennte/ entstand eine Favela).
Sein Tod war ein grosser Verlust für die brasilianische Musikszene. “Er hatte eine ganz persönliche Art, Verse zu machen. Ich sehe keine Nachfolger für ihn. Ich glaube, dass diese Schule, deren Gründer wahrscheinlich Ciro Monteiro gewesen ist, mit dem Tod von João Nogueira am Ende ist“, klagte Hermínio Bello de Carvalho. Alle kannten seine besondere Qualität als Interpret, aber João selbst bevorzugte die Kompositionen. Erst 1999, nachdem er den Preis “Troféu Eletrobras de MPB“ erhalten hatte, anerkannte er auch seinen Gesang. “Heute singe ich gern. Früher mochte ich es lieber, wenn man mich als Komponisten beurteilte“, sagte er. João Nogueira hinterliess drei Kinder, unter ihnen Diogo, der den Weg seines Vaters einschlug und uns an ihn erinnert – mit seiner ähnlichen Gestalt, Stimme und Sympathie, mit der er den besten Samba Carioca interpretiert.
Anlässlich seines Todes taten sich verschiedene Freunde von João Nogueira zusammen und inszenierten ihm zu Ehren eine Show, an der Zeca Pagodinho, Beth Carvalho, Dona Ivone Lara, Arlindo Cruz e Sombrinha, Emílio Santiago, Carlinhos Vergueiro und Joãos Familie teilnahmen – mit dem Neffen Didu, dem Sohn Diogo und seiner Schwester und Partnerin Gisa. Die Show wurde aufgenommen für die Platte “João Nogueira, Através do Espelho“.
Diskografie von João Nogueira
- 1998 – O nome do samba é João – ao vivo
- 1998 – João de Todos os Sambas
- 1996 – Chico Buarque, Letra & Música – João Nogueira e Marinho Boffa
- 1994 – Parceria – João Nogueira e Paulo César Pinheiro – Ao Vivo
- 1992 – Além do Espelho
- 1998 – João
- 1986 – João Nogueira
- 1985 – Recado de um Sambista
- 1985 – De Amor é Bom
- 1984 – Pelas Terras do Pau-Brasil
- 1983 – Bem Transado
- 1982 – O Homem dos Quarenta
- 1981 – Wilson, Geraldo, Noel
- 1980 – Boca do Povo
- 1979 – Clube do Samba
- 1978 – Vida Boêmia
- 1977 – Espelho
- 1975 – Vem Quem Tem
- 1974 – E Lá Vou Eu
- 1972 – João Nogueira