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Vier Filme hat Alejandro Gonzáles Iñárritu bisher gemacht – und schon mit dem ersten meldete sich das mexikanische Ausnahmetalent mit einem Paukenschlag in der Filmwelt an. Nach dem grossen Erfolg von «Amores Perros» im Jahr 2000 zog es Iñárritu nach Hollywood: Mit Sean Penn und Naomi Watts drehte er 2003 den Episodenfilm «21 Grams», es folgten «Babel» (2006) und «Biutiful» (2010).
Iñárritu dreht eine Komödie!
Energiegeladen, oft laut und manchmal auch ziemlich gewalttätig sind Iñárritus Filme – düstere Gesellschaftsbilder und Figuren zeichnen das Kino des Mexikaners aus. Oder besser: zeichneten.
Denn nun hat Iñárritu eine Komödie gedreht. Niemand mochte ihm so richtig glauben, als er dies nach der Präsentation von «Biutiful» 2010 angekündigt hatte. Nun aber ist diese Komödie in den Kinos zu sehen. «Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)» heisst sie.
Wunderbare Besetzung
Riggan Thompson, der in Vergessenheit geratene Superheldendarsteller aus Hollywood, sucht eine neue Karriere am Broadway. Mit einem kleinen Ensemble will er das Stück «What We Talk About When We Talk About Love» von Raymond Carver auf die Bühne bringen.
Ausgerechnet Ex-Batman Michael Keaton spielt den ehemaligen Superhelden Thompson, der, wie seine Exfrau einmal sagt, immer noch Liebe mit Anerkennung verwechselt und unbedingt reüssieren will in seiner zweiten Karriere. Dabei muss er gegen den jungen, ziemlich arroganten und eigenwilligen Broadway-Star Mike Shiner ankämpfen und -spielen (wunderbar schnoddrig: Edward Norton). Mit im Theaterensemble ist auch Lesley, Mikes Freundin und Broadwaydebütantin. Naomi Watts kehrt in dieser Rolle in Iñárritus Filmensemble zurück.
Ein klassischer Theaterfilm ...
«Birdman» spielt nur in oder um das Theater am Broadway, in dem das Stück aufgeführt werden soll. Der Form nach ist es eigentlich ein klassischer Theaterfilm. Probearbeit, Vorpremieren und Premieren stehen im Zentrum, Streitereien und Liebschaften unter den Protagonisten, Auseinandersetzungen mit sich selber. Aber Iñárritu wäre nicht er selbst, wenn er nach seinen unglaublich intensiven, meistens als Episodenfilme gedrehten Dramen nun eine derart genretreue klassische Komödie gemacht hätte.
... aber auch ein Superheldenmovie
Alles steht und fällt mit der Figur des Riggan Thompson. Der ist zwar nun Theaterregisseur, in seinem Kopf aber hört er immer noch die Stimme von Birdman. Wenn Thompson allein ist, besitzt er auch noch seine Superheldenkräfte: In der ersten Szene meditiert er in Unterhosen in der Luft schwebend.
Wenn er wütend ist, schmeisst er auch schon mal per Telekinese ein Glas an die Wand. Und wenn ihm alles zu viel wird, der Erwartungsdruck, die Verachtung, die ihm als Hollywoodstar aus der arrivierten Theaterwelt entgegenschlägt, seine Tochter, die sich von einer Drogensucht erholt – wenn ihm das alles über den Kopf wächst, dann wird Thompson plötzlich wieder zum Birdman und der Film für einen kurzen Moment zum actionreichen Superheldenmovie.
Bildwelten werden zum Sog
Für seine erste Komödie hat Iñárritu auch zum ersten Mal mit einem neuen Kameramann zusammengearbeitet. Emmanuel Lubezki hat eine Form gefunden, die verblüfft: Der Film ist praktisch ohne (sichtbaren) Schnitt gedreht – wir gehen mit der Kamera durch die Gänge und Räume des Theaters, begleiten die Figuren in die Bar nebenan oder aufs Dach zum Rauchen, dann wieder auf die Bühne. Tageszeiten- und Szenenwechsel sind ganz organisch mit eingebaut, sodass dieser Film in einem einzigen Fluss abspult und einen unglaublichen Sog entwickelt. Ein Sog, wie man ihn eben kennt vom energiegeladenen Kino des Alejandro Gonzáles Iñárritu.
«Birdman or (The Unexpected Virtue Of Ignorance)» ist Kino, das einen geradezu anspringt aus der Leinwand, eine Komödie, die zugleich auch Drama ist, eine Geschichte über das Leben und das Spielen, über Kino und Theater, über den Spagat zwischen Kommerz und Kunst. Grossartig!
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.8.2014, 6.45 Uhr.