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Erik Fyrwald, Konzernchef von Syngenta, äussert sich über Bienen, Pestizide und Firmenübernahmen im Gespräch mit Clive Cookson, Journalist der Financial Times.
Die Bienen brachten mich nach Basel. Erik Fyrwald, CEO des Agrochemie-Konzerns Syngenta, wollte jüngsten negativen Berichten über Pestizide mit Neonikotinoiden entgegentreten, die in den Medien verbreitet wurden, darunter auch in der Financial Times.
Diese "Neonics", die seine und andere Konzerne herstellen, schützen Pflanzen vor schädlichen Insekten. Doch Studien, die häufig von Umweltschützern zitiert werden, zeigten, dass diese auch Bienen und andere Bestäuber töten.
Deshalb lud mich Fyrwald an den Syngenta-Hauptsitz ein, ein nüchternes Sandsteingebäude gegenüber dem Basler Hautbahnhof, um über den Fall der Neonics zu diskutieren. "Uns liegt die Gesundheit der Bienen sehr am Herzen", betont er.
Die Regulierung, was diese Chemikalien betrifft, wurde in der letzten Zeit verschärft. Die Europäische Union (EU) hat den Einsatz einiger Neonics 2013 eingeschränkt, mit der Begründung, diese seien "schädlich für Europas Honigbienen-Population".
Doch Fyrwald insistiert: "Es gibt viele Daten, die zeigen, dass Neonikotinoide keine grossen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bienen haben."
Die Europäische Kommission wird diesen Herbst entscheiden, ob das Verbot von Neonics ausgeweitet werden soll.
Besseres Saatgut
In seinem funktionalen Konferenzraum – keine Bilder an den Wänden – wechselt unser Gespräch zum Thema genetisch verändertes Saatgut (GV) und zur Übernahme von Syngenta durch Chemchina, die Teil einer Welle von Firmenübernahmen im Bereich Agrochemie war.
Fyrwald stiess 2016 zu Syngenta, nachdem er viele Jahre im Top-Management von US-Chemieunternehmen tätig gewesen war, zuletzt als Chef von Univar, einem weltweiten Chemikalienhändler. Die chinesische Übernahme im Umfang von 44 Milliarden Dollar (42 Mrd. Fr.) ist zwar unterzeichnet, ihr fehlt aber noch die Zulassung der Regulierungsbehörden. Der Deal ist nun auf der Zielgeraden, Chemchina besitzt über 98 Prozent der Syngenta-Aktien, und es wird erwartet, dass dieser vor Ende 2017 abgeschlossen sein wird.
"Ich mache seit 1990 Geschäfte in China", sagt der 58-jährige Amerikaner mit norwegischen Wurzeln, der als Chemieingenieur angefangen hat. "Das erste Mal bin ich vor 27 Jahren hingegangen… Ich sah, wie sich das Land über eine lange Zeit entwickelte." Der Konzern in Staatsbesitz ist bemüht, die Syngenta-Technologie nach China zu bringen, um die Produktivität der dortigen Landwirtschaftsbetriebe zu verbessern.
Syngenta soll ein unabhängiges Tochterunternehmen bleiben, mit zwei Vertretern von Chemchina im achtköpfigen Syngenta-Verwaltungsrat. Die Gesamtstrategie ist laut Fyrwald, dass Syngenta die globale Führerschaft bei Pflanzenschutzmitteln wie Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden behält. Das Ziel sei, "Gegensteuer zu geben bei unserer Nummer-drei-Position im Bereich Saatgut, die seit einigen Jahren tatsächlich zurückgegangen ist", sagt er.
Die bei den geplanten Übernahmen entstehenden Riesen Bayer-Monsanto und Dupont-Dow sind führend im Saatgut-Bereich, wo der kommerzielle Wert hauptsächlich in der genetischen Modifizierung liegt. Um besser konkurrieren zu können, plant Syngenta, Saatgut-Firmen aufzukaufen. Fyrwald sagt: "[Die Deals] wurden noch nicht realisiert, aber wir stehen in Diskussionen."
Von der Übernahme würden sowohl Syngenta als auch die chinesische Landwirtschaft profitieren, betont er. "Es bietet China 'Vorteile' – sowohl beim Saatgut wie auch beim Pflanzenschutz – die es zuvor nicht hatte. Sie haben es aus zwei Gründen getan. Einer ist, die Lebensmittelmenge, -sicherheit und -qualität sicherzustellen."
Der zweite Grund ist laut Fyrwald, die Umwelt in China zu verbessern, wo Bauern übermässig viel alte Pestizide ausbringen und das Wasser ineffizient nutzen. Technologie von Syngenta werde ihnen Zugang verschaffen zu "mehr modernen Pestiziden und Pflanzenschutzmitteln, besserem Saatgut, besserer Genetik und in den kommenden Jahren Biotechnologie". In China, wo Jahrzehnte ungezügelter Industrialisierung die Böden und Flüsse verschmutzten, nimmt der öffentliche Druck zu, die Umwelt zu entgiften.
"China nahm sich viel Zeit, GV-Produkte zu akzeptieren", gibt er zu, doch es gebe Zeichen der Veränderung. Kürzlich hat die chinesische Regierung Importe einiger GV-Saatgut-Varianten erlaubt, und Fyrwald erwartet, dass China bald auch den Anbau erlaubt. Die Aussicht, genetisch veränderte Organismen (GVO) auf Syngentas Heimkontinent anzubauen, sind düsterer. "In Europa werden wir GV-Saatgut noch lange Jahre nicht sehen", sagt er, weil die Opposition von Konsumenten und Umweltverbänden so stark ist.
"Wir preisen GVO nicht übermässig an. Unsere Priorität ist nicht, Geld auszugeben und Aufwand zu betreiben, um die europäischen Konsumenten zu überzeugen, dass sie ihre Politiker ermutigen, GVO zu akzeptieren", ergänzt Fyrwald. "Es ist besser, GV-Technologie jenen Ländern anzubieten, die diese wollen."
Ganzheitlicher Pflanzenschutz
In Europa hat Fyrwald eine andere Priorität: "Eine grössere Herausforderung für die europäischen Bauern als GVO ist, dass sie systematisch den Zugang zu Pflanzenschutz-Produkten verlieren, die als sicher gelten und jeden wissenschaftlich fundierten Regulierungsprozess bestehen, aus politischen Gründen aber vom Markt genommen werden."
Womit wir wieder bei den Bienen wären. "Die Landwirtschaft würde ohne gesunde Bestäuber nicht existieren", sagt Fyrwald. "Ich glaube, dass eine Gruppe Wissenschaftler, welche die Beweise objektiv begutachtet, herausfinden wird, dass Neonikotinoide ein effektiver Einsatz moderner Technologie für nachhaltige Landwirtschaft sind, wie auch für die Gesundheit der Bienen.
"Er führt mehrere Argumente ins Feld. So zeigten die aktuellen Neonic-Feldstudien insgesamt keine schädlichen Auswirkungen. Und er insistiert, dass Neonics als Teil eines ganzheitlichen Pflanzenschutz-Systems betrachtet werden sollten. Eine von Syngenta und Bayer in Auftrag gegebene Studie fand heraus, dass das Neonic-Moratorium der EU die Anbauer von Rapsöl (die am meisten von diesen Pestiziden abhängig sind) jährlich 900 Millionen Euro (1,03 Mrd. Fr.) kostet, wegen reduzierter Erntemenge und -qualität.
Es gehe dabei nicht nur um Profite, sagt er. "Wenn Sie die besten Pflanzenschutz-Technologien, die neueren Technologien, entfernen, sind die Bauern nicht mehr wettbewerbsfähig und setzen wieder mehr Pestizide ein", sagt er. "Das ist ein Problem für mich, der in Europa lebt – als Bürger, als Wissenschaftler und als Geschäftsmann."
Zweite Meinung: Der Konkurrent
Andrew Liveris, Konzernchef von Dow Chemical, beschreibt Erik Fyrwald als "Industrie-Veteran" mit einem breiten Erfahrungsschatz – vom privat finanzierten Unternehmen bis zur Aktiengesellschaft, die nun in den Händen eines Staats ist.
In diesen Rollen habe Fyrwald seine hohe "intellektuelle und emotionale Intelligenz" nutzen können und sich als extrem flexibel erwiesen, so Liveris. Das bedeute, dass der Syngenta-Chef "seinen Ansatz und Stil anpassen kann, um angemessen zu reagieren".
Copyright The Financial Times Limited 2017
(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)