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Der FC Brentford ist zwar ein englischer Traditionsverein, doch lange galten die West-Londoner als graue Maus. Rund um den Zweiten Weltkrieg verbrachten die «Bees» ein paar Jahre in der höchsten englischen Spielklasse, danach war man meist dritt- oder gar viertklassig. Einen wichtigen Pokal oder ein grosses Endspiel hat der Klub in seiner 131-jährigen Geschichte nie gewonnen. Bis zu diesem Wochenende.
Da schlug Brentford im Playoff-Final der Championship (zweithöchste englische Liga) Swansea City mit 2:0 und sicherte sich so den erstmaligen Aufstieg in die Premier League. Es war der erste Erfolg in einem Finalspiel – seit 1991 hatten die «Bees» neun Mal einen Aufstieg in den Playoffs verpasst.
Doch nicht nur deshalb ist Brentfords Aufstieg eine ganz besondere Geschichte, sondern auch weil der Klub einen viel beachteten Sonderweg geht. Wie einst die Baseballer der Oakland Athletics, deren Geschichte 2011 im Film «Moneyball» verfilmt wurde, setzen die «Bees» konsequent auf die Macht der Daten.
Alles begann 2006: Damals half Multimilliardär Matthew Benham seinem in finanzielle Schieflage geratenen Herzensklub mit Krediten aus. 2012 übernahm er Brentford dann gleich selbst. Der 53-jährige Engländer, der in Oxford Physik studierte, machte sein Geld zunächst als Vizechef der Bank of America, dann mit seiner Sportwettenfirma «Smart Odds». Mit seinen statistischen Analysen fanden er und seine über 200 Mitarbeiter aus ihrer Sicht fehlerhafte Quoten auf grossen Wettplattformen und erwirtschafteten damit stattliche Gewinne.
2014 lernte Benham den heute 37-jährigen Dänen Rasmus Ankersen kennen, der ihn überredete, nicht in einen belgischen Klub zu investieren, sondern in den FC Midtjylland. Beim dänischen Erstligaklub aus der Provinzstadt Herning war Ankersen einst selbst Profi, doch wegen einer Knieverletzung musste er seine Karriere früh beenden. Dem Fussball blieb er allerdings treu: Er machte das Trainer-Diplom und schrieb erfolgreich Bücher über Scouting sowie die Weiterentwicklung von Top-Talenten.
Zusammen mischten Benham und Ankersen in der Folge die Fussballwelt auf. Midtjylland holte seit 2014 dreimal den Meistertitel und wurde zweimal Zweiter, und aus der Liftmannschaft Brentford wurde ein konstantes Championship-Team geformt, das nun im dritten Anlauf den Aufstieg in die Premier League geschafft hat.
Das Konzept klingt einfach und auch nicht neu: Aufgrund von Statistiken und Datenanalysen werden Spieler, welche bei grösseren Klubs durchs Raster fallen, für relativ wenig Geld verpflichtet. Was Benhams Idee so revolutionär macht, ist der Fakt, dass die Daten und Statistiken den ganzen Klub bestimmen und nicht nur Teilaspekte.
Emotionale Entscheidungen aus der Chefetage, wie man sie aus der Fussballwelt bestens kennt, gibt es bei Brentford und Midtjylland nicht. «Wenn es darum geht, im Klub eine Entscheidung zu treffen, vertraue ich immer den Zahlen. Sie lügen nicht», sagte Benham der «Welt». Den Vergleich mit den Oakland Athletics mag er allerdings gar nicht: «Unser Erfolg beruht auch auf der harten Arbeit unserer Mitarbeiter und Spieler, die sich Tag für Tag den Arsch aufreissen.»
Sämtliche traditionellen Vorstellungen wurden bei Brentford in Frage gestellt, vor allem bei den Transfers. Beim Scouting haben Benham und Ankersen sogenannte KPIs entwickelt – Key Performance Indikatoren, bei deren Einhaltung der Erfolg wesentlich wahrscheinlicher wird. Rund fünf Prozent beträgt laut Ankersen der Leistungsvorsprung, den die datenbasierte Analyse der Spieler bringe, sagte Ankersen der «Welt»: «Nehmen wir die Standardsituationen: Wir schauen, welche Spieler das grösste Potenzial in dieser Kategorie haben, und dann lassen wir sie mit einem Team von Spezialisten arbeiten, damit sie ihre Effektivität überproportional steigern. Das Ziel ist es, dass sie die besten Spieler Europas in dieser Kategorie werden.»
Ein anderer KPI sind «wichtige Pässe», die statt der herkömmlichen Passquote genutzt werden: Dabei werden nur Pässe in die Statistik aufgenommen, die auch zu Toren führen. Gleiches gilt für gewonnene Zweikämpfe, die für Benham und Ankersen nur dann Aussagekraft haben, wenn sie in einem Tor, einem gefährlichen Abschluss oder in die Verhinderung eines Gegentores münden. Die Daten und Analysen der eigenen Leistung sowie der gegnerischen werden auch während der Partien aufbereitet und den Trainern aufs Handy geschickt, um zeitgenau darauf reagieren zu können.
«So Sachen wie ‹vollständige Pässe› oder ‹zurückgelegte Kilometer› sind völlig wertlos», erklärte Benham der «Welt». «Ein Profi kann 100 Prozent erfolgreiche Pässe gespielt haben, aber er hat trotzdem schlecht gespielt, wenn keiner davon zu einem Tor führt.»
Doch wie läuft das, wenn Brentford einen Spieler verpflichtet? «Mir wurden vor den Gesprächen ein Video, so sieben bis acht Minuten über den Klub und die Historie, und eine PowerPoint-Präsentation, etwa acht Seiten, geschickt. Dort standen unter anderem die Werte, die von mir verlangt wurden. Wie viele Tore ich als Sechser idealerweise erzielen sollte, wie viele als Achter», erklärte der deutsche U21-Nationalspieler Vitaly Janelt im Februar dem «Kicker»: «Wenn ich mich nicht täusche, waren es sechs Tore und sechs Vorlagen als Sechser und acht Tore und acht Vorlagen als Achter.» Mit vier Toren und drei Assists in 47 Spielen hat er also knapp «underperformt».
Kein Problem. Auch für Janelt gäbe es einen Plan B. «Mir wurde gesagt, dass es, wenn es nicht so läuft wie erwartet, immer noch die Möglichkeit gebe, zum Partnerklub nach Dänemark zu gehen und dort Spielpraxis zu sammeln. Da wäre ich auch nicht der erste Spieler gewesen», so der 23-jährige Mittelfeldspieler.
Worauf der Klub vor einem allfälligen Transfer schaut, erklärte Ankersen der «Welt» ziemlich eindrücklich. «Wir schicken einen Scout nicht zu einem Spiel, damit er schaut, ob ein Spieler gut genug ist. Das wissen wir längst. Wir schicken ihn, damit er feststellt, ob er vom Charakter her in unser Mannschaftsgefüge passt.» Und was wäre ein Ausschlusskriterium? «Dass er ein Arschloch ist.»
Vor allem auf der Stürmer-Position hat Brentford in den letzten Jahren einen Hauptgewinn nach dem anderen aus dem Hut gezaubert. 2019 war Neal Maupay mit 25 Treffern der Toptorschütze des Teams, bevor er mit einem Gewinn von 20 Millionen Euro an Brighton & Hove Albion verkauft wurde. Ähnliches ereignete sich ein Jahr später mit seinem Nachfolger Ollie Watkins (ebenfalls 25 Tore), der dann im vergangenen Sommer für 34 Millionen Euro zu Aston Villa wechselte.
In dieser Saison hat Ivan Toney voll eingeschlagen. Der 25-Jährige, der in der Vorsaison Torschützenkönig in der League One wurde, kam für 5,6 Millionen von Peterborough United und brach in dieser Saison mit 31 Treffern den Torrekord der Championship. Seinen Marktwert hat er damit auf 18 Millionen Euro erhöht. West Ham United und Leicester City haben bereits ihre Fühler ausgestreckt, doch Brentford fordert laut englischen Medien eine Ablöse von umgerechnet 40 Millionen Euro.
Dank des Aufstiegs besteht die Hoffnung, dass die «Bees» erstmals seit Jahren all ihre Leistungsträger halten können. Gross in neues Spielermaterial investieren will man im Gegensatz zu anderen Premier-League-Aufsteigern der letzten Jahre aber nicht. Zu erfolgreich war die eigene Strategie in den letzten Jahren. Insgesamt kommt Brentford in neun Jahren unter Benham auf eine positive Transferbilanz von über 115 Millionen Euro.
Trotz des bewundernswerten, sportlichen Erfolgs durch das sogenannte «Moneyball»-Prinzip gibt es auch Schattenseiten, denn auch im Umfeld des Klubs wird alles der Macht der Daten untergeordnet. Die eigene Nachwuchsakademie hat der Klub 2016 dicht gemacht. Den Fans stiess zudem sauer auf, dass das Logo stark verändert wurde und dass mit dem Community Stadium eine völlig neue, rund 17'500 Zuschauer fassende Arena aus dem Boden gestampft wurde, statt den altehrwürdigen Griffin Park sanft zu renovieren.
Kritischen Stimmen versuchen, Benham und seine Entourage mit konstruktiven Gesprächen entgegenzutreten. Schliesslich werden bei der Fussball-Revolution in West-London auch in Zukunft die Zahlen das Sagen haben. Die unmittelbare Zukunft ist erst einmal die Premier League. Das Ziel dort: der Klassenerhalt – aber das muss ja nicht so bleiben.