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Ulaanbaatar, Jurtenviertel am Stadtrand, Winter: Hier lebt der 15-jährige Ulzii zusammen mit seinen drei jüngeren Geschwistern und der Mutter in prekären Verhältnissen. Die Familie stammt vom Land und hat sich erst vor zwei Jahren in diesem Aussenbezirk der mongolischen Hauptstadt niedergelassen, damals, als der Vater auf der Suche nach Arbeit sie hierherbrachte. Ulziis Vater ist inzwischen gestorben. Zurückgelassen hat er eine Frau, die ihren Schmerz über den Verlust in Alkohol ertränkt und weder in der Lage ist, Arbeit zu finden, noch, gut für ihre Kinder zu sorgen.
Filmkritik von Anna K. Flamm
Geld, Essen, Holz und Kohle organisieren, um das Überleben der Familie zu sichern, all das fällt also in den Aufgabenbereich des jugendlichen Gymnasiasten, der eine besondere Begabung hat: Er ist ein Physik-Genie. Ermutigt von seinem Lehrer, beginnt er an Physikwettbewerben teilzunehmen. Sein Ziel: der nationale Physikwettbewerb, bei dem als Preis ein Stipendium für ein Studium an einer der besten Schulen des Landes winkt. Ein Abschluss hier bedeutet die Möglichkeit, im Ausland studieren zu können und als Ingenieur Geld zu verdienen. Doch die Voraussetzungen zur Verwirklichung dieses Traums stehen denkbar schlecht für den Hochbegabten, als seine Mutter mit dem jüngsten Bruder aufs Land zurückkehrt. Nun liegt es allein an Ulzii, sich und seine zwei Geschwister durch die extreme Kälte des mongolischen Winters durchzubringen.
Beeindruckendes Erstlingswerk
Mit ihrem Erstlingswerk rückt die junge mongolische Regisseurin und Drehbuchautorin Zoljargal Purevdash gleich mehrere brisante Themen ihres Heimatlandes in den Blick: zunächst die zentrale Geschichte des Erwachsenwerdens eines mittellosen, aber hochbegabten und stolzen Teenagers, „der sich für einen Erwachsenen hält und zu viele Dinge auf seinen Schultern trägt, aber eigentlich ein Kind ist, das jeden Abend etwas zum Brennen sucht und von einer strahlenden Zukunft träumt. Es ist wirklich die Geschichte einer Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Eine Geschichte über die Akzeptanz und das Erlernen der Liebe zu seiner eigenen Mutter, so wie sie ist.“
Bereits der Filmtitel verrät, dass dabei auch ein anderes Thema eine wichtige Rolle spielt, nämlich die extreme Kälte des schonungslosen Winters, der in Ulaanbaatar herrscht, wo dicht gedrängt über 1,2 Millionen Menschen leben und die Luft wegen der Kohleheizungen stark verschmutzt ist. Wo man in der Innenstadt mit gut beheizten Appartements und städtischen Annehmlichkeiten gegen diese Luftverschmutzung demonstriert, ist sie für diejenigen, die am Stadtrand leben, überlebenswichtig.
Un certain regard
Tradition, eine massiv spürbare Kluft zwischen Stadt und Land sowie sozioökonomische Gefälle im Gefüge der Hauptstadt bekommen im ungeschminkten Sozialdrama mit klaren und ehrlichen Bildern eindrücklich Gestalt, denn Purevdash zeigt eine Version von Ulaanbaatar, die man nicht oft zu sehen bekommt, die aber den meisten Einheimischen nur allzu vertraut ist. Dabei bleibt die Geschichte offen, hoffnungsfroh. Kein Wunder also, dass es «Wenn ich nur Winterschlaf halten könnte»im Mai 2023 in der Sektion Un Certain Regard nach Cannes geschafft hat.
«Das beste Rezept gegen Armut ist Bildung. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich bin selbst als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in Ulan-Bators Jurtenviertel aufgewachsen, bin auf die beste High School gegangen und habe ein Stipendium für ein Studium in Japan bekommen. Jetzt spreche ich drei Sprachen und bin in jeder Hinsicht selbständig. Und ich bin zurückgekommen, weil alle Geschichten, die ich erzählen wollte, genau hier sind.» Mit viel Herz und Bildern, die trotz lokalen Bezuges universell ausstrahlen, ist Zoljargal Purevdash ein berührendes Werk geglückt, das authentisch gelebte Realität in den Blick nimmt und trotz eisiger Temperaturen immer wieder Wärme spürbar werden lässt. Anschauen lohnt sich.
Das berührende Sozialdrama „Wenn ich nur Winterschlaf halten könnte“ ist seit dem 11. Januar in den Kinos der Deutschschweiz zu sehen, unter anderem im:
kult.kino in Basel
Kinok in St. Gallen
Cameo in Winterthur
Stattkino in Luzern
Arthouse in Zürich
Cinema Luna in Frauenfeld
Quinnie in Bern
Kino im Uferbau in Solothurn