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In Deutschland und anderen europäischen Ländern laufen Programme zur Förderung der Literalität […]. Dass die Schreib- und Lesekompetenz gleichwohl oft nicht ausreicht, hat viele Ursachen. Große Klassen und Vielsprachigkeit in den Schulen gehören dazu, aber ebenfalls Lehrmethoden, die auf dem Irrtum beruhen, anspruchsvolle Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben könnten rein spielerisch und ohne systematisches Training erworben werden.
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Krischke, Wolfgang
Karsten Rinas erforscht die Geschichte der Interpunktion und fördert Erstaunliches zutage. […] Doch obwohl sie ein wichtiges Instrument der Sinngebung und Leseführung ist, spielt sie in den Orthographie-Debatten höchstens eine Nebenrolle. […] Als in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Bemühungen um eine Vereinheitlichung der Orthographie zunahmen, erfuhr die Interpunktion nur wenig Aufmerksamkeit. Während die Schreibung der Wörter offiziell standardisiert wurde, blieb die Zeichensetzung ausgespart. Amtlich geregelt wurde sie erst 1996, im Zuge der Rechtschreibreform.
Was lernt man eigentlich aus der groß angekündigten jüngsten Auflage des „Duden“? […] Ein großer Teil der neuen Wörter gelangt nur wegen ihrer öffentlichen Resonanz, nicht etwa aus orthographischen Gründen, in den Duden: Wie „Kopftuchstreit“, „Lügenpresse“ oder „Schmähgedicht“ geschrieben werden, weiß schließlich jeder, der die Bestandteile dieser Zusammensetzungen schreiben kann. […] Sollte man sich den neuen Duden anschaffen? Wer ein Wörterbuch besitzt, das in den vergangenen zwölf Jahren erschienen ist und die Revisionen der Orthographiereform durch den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ berücksichtigt, kann darauf verzichten. Die wenigen aktuellen Änderungen in der Orthographie – wer „Majonäse“ statt „Mayonnaise“ oder „Anschovis“ statt „Anchovis“ schreibt, verletzt ab sofort die amtlichen Regeln – sind marginal und kaum relevant.
Schreiben ist eine Kulturtechnik, die unterrichtet werden muss: Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss treten der schulischen Vernachlässigung der Handschrift entgegen. […] Diese Abwertung alles Formalen, zumal wenn es mit Anstrengung verbunden ist, prägt in ähnlicher Weise den „modernen“ Orthographieunterricht.
Michael Gordin zeichnet nach, wie das Englische zur alleinigen Lingua franca der Wissenschaften aufstieg. […] Es ist ein Verdienst von Gordins flüssig geschriebener Darstellung, dass er die Anglisierung der Wissenschaft nicht als zwangsläufige Entwicklung darstellt, sondern als Ergebnis einer Entwicklung, die an vielen Weggabelungen auch eine andere Richtung hätte nehmen können. Die vermeintliche Einfachheit des Englischen spielte dabei jedenfalls keine Rolle: Noch weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein gab es in anglophonen Ländern die Befürchtung, Englisch könnte wegen seiner "Schwierigkeit" international ins Hintertreffen geraten. Gemeint waren in erster Linie die unsystematische Orthographie, die starken Verben und die Fülle an beinahe - aber eben doch nicht ganz - synonymen Wörtern.
In vierzig kurzen Kapiteln handelt David Crystal so ziemlich alle Aspekte des Themas Sprache ab […]. Und es stellt die Tatsachen geradezu auf den Kopf, wenn die Brüder Grimm mit ihrem Wörterbuch als Vorreiter einer "modernen", vereinheitlichten Orthographie präsentiert werden. Tatsächlich erstrebte Jacob Grimm - sein Bruder ging in diesem Punkt auf Distanz - das Gegenteil, nämlich eine Restaurierung mittelhochdeutscher Schreibweisen. Und erst die durch diesen Vorstoß ausgelösten Verwirrungen führten dazu, dass die bereits weitgehend vereinheitlichte Schreibung im deutschen Sprachraum sich wieder aufzulösen begann, was Duden zu seinen Aktivitäten veranlasste und schließlich 1901 zur amtlichen Regelung der Orthographie führte.
In einer für Deutschland einzigartigen Längsschnittstudie über 40 Jahre hat der Siegener Germanistikprofessor Wolfgang Steinig mit seinem Team untersucht, wie sich die Schreibfähigkeiten von Viertklässlern verändert haben. Neben der Orthografie haben die Sprachwissenschaftler auch Textgestaltung, Grammatik und Wortschatz unter die Lupe genommen. […] Das Bild, das die Studie zeigt, ist gemischt – aber in einem haben die Wehklager recht: Die Fähigkeit der Schüler, Texte orthografisch korrekt und grammatikalisch normgerecht zu schreiben, hat im Durchschnitt stark abgenommen. […] Vor allem mit der Kennzeichnung von langen und kurzen Vokalen und mit den Regeln für die Groß- und Klein- sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung haben viele Kinder heute mehr Probleme als früher. Dass die Orthografiereform sich hier negativ bemerkbar macht, schließt Wolfgang Steinig aus – dafür seien die Veränderungen, die die Reform mit sich gebracht habe, zu geringfügig.
Vor hundert Jahren starb Konrad Duden, dessen Ansichten zur Rechtschreibung nicht viel mit dem zu tun haben, wofür der Name heute steht. Die Geschichte seines Reformwerks steckt voller Merkwürdigkeiten. […] Seinem Ideal am nächsten kam die ziemlich lautgetreue italienische Orthographie, die er als Hauslehrer in Genua kennengelernt hatte. Als abschreckendes Gegenbeispiel dienten ihm die Unregelmäßigkeiten der englischen Rechtschreibung; das deutsche Schriftsystem verortete er zwischen diesen Polen. Es zu einer volksnahen, "demokratischen" Rechtschreibung weiterzuentwickeln, die bildungsferne Schichten von den Mühen komplizierter Regeln erlöst, war sein Ziel. […] Die soziale Begründung mit ihrer Gleichsetzung von Demokratie und Simplizität ist bis heute der Evergreen der Reformer. […] Zu Beginn der siebziger Jahre, als Duden zum Reformaktivisten wurde, stritten Germanisten und Lehrer schon seit Jahrzehnten über die Orthographie. Eigentlich waren diese Kontroversen überflüssig, denn es gab - ganz ohne amtliche Regelungen - eine leidlich funktionierende Schreibung, die trotz mancher Varianten schon weitgehend vereinheitlicht war. Sie hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus der Praxis der Schreiber, Drucker und Korrektoren entwickelt.
Leopold Mozart war nicht nur Komponist und Musikpädagoge, sondern auch Sprachkritiker. Wolfgangs Frau Constanze fürchtete, ihr Schwiegervater würde sie "über ihre orthographie und Concept auslachen", und zögerte deshalb, ihm überhaupt zu schreiben.
Die Sprachentwicklungsprognose besagt also, dass sich ein harter Kern sinnvoller Unregelmäßigkeiten noch lange halten wird. Um ihn herum findet in weiten Bereichen eine fortschreitende Vereinfachung statt. Ob das die internationalen Chancen des Deutschen erhöhen wird, wie Heide Wegener mit Blick auf das Englische meint, darf man bezweifeln. Mit unregelmäßigen Verben und manch bizarrem Substantivplural traktiert schließlich auch das Englische seine Lernwilligen - ganz zu schweigen von einer Orthographie, mit der verglichen die deutsche ein Muster an Transparenz darstellt. Auch Latein und Französisch sind nicht gerade für ihre grammatische Schlichtheit bekannt. Ihren Aufstieg zu Weltsprachen verdankten sie alle den Regeln der Macht, nicht der Flexion.
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