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Wenn wir an russisch-orthodoxe Kirchen denken, dann fallen uns meist Kirchen mit Zwiebeltürmen und vielen Ikonen ein, von denen wir aber sonst nicht viel wissen. Ich besuchte für euch die russisch-orthodoxe Kirche in Bern und Priester Ioan Ciurin nahm sich eine Stunde Zeit, um mir meine Fragen zu beantworten.
Die orthodoxe Kirche in Bern hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die erste russisch-orthodoxe Kirche befand sich in der Residenz des russischen Botschafters in Bern. 1814 kaufte Großfürstin Anna Fedorowna das Brunnaderngut in Bern und benannte dieses in Elfenaupark um. Sie verlagerte auch die russisch-orthodoxe Kirche von Hofwil nach Elfenau. Diese wurde 1848 aus politischen Gründen geschlossen.
1854 erließ der Zar eine Anordnung zur Neueröffnung der Kirche. Da die russische Diaspora in Genf größer als in Bern war, entstand sie diesmal in Genf. Die Kirche befand sich zuerst in einem Mietshaus, dessen Pachtvertrag 1863 auslief.
Da die Gemeinde anwuchs, setzte sich Erzpriester Afanasy Petrov für eine ”richtige” orthodoxe Kirche ein. Die Stadt Genf stellte dazu kostenlos ein Grundstück zur Verfügung. Der russische Zar, Gläubige der Gemeinde und auch Großfürstin Anna Fedorowna spendeten für den Bau der Kirche. Sie wurde 1866 geweiht. Weitere
Da sich die russisch-orthodoxe Kirche nun in Genf befand, hatten die Gläubigen von Bern keine Gemeinde mehr in ihrer Stadt. Erst im Jahr 1930 entstand wieder eine russisch-orthodoxe Kirchgemeinde in Bern. Lange suchte sie einen Raum. Diesen fand Sie in der Krypta der evangelisch-lutherischen Antonierkirche mitten in Bern. Dort wurde sie am 29. Oktober 1944 geweiht. Im Jahre 2019 feierte sie ihr 75-jähriges Jubiläum.
Beim Betreten der Kirche fällt einem sofort die Ikonostase auf. Das ist die Wand im hinteren Bereich der Kirche. Diese trennt die Kirche in einen irdischen und himmlischen Teil. Der irdische Teil ist für die Gläubigen. Der himmlische Teil hinter der Ikonostase ist dem Priester und Diakonen vorbehalten. Priester sind in der russisch-orthodoxen Kirche nur Männer, während es in Bern auch Diakoninnen gibt, also Frauen sein können. Diese gehen dem Priester zur Hand. Die Ikonostase in Bern ist sehr klein, sie besteht aus der Königstür, der Ikone Jesus Christi rechts daneben und der Ikone der Gottesmutter links neben der Tür. Das sind die Mindestbestandteile jeder Ikonostase und wird als erste bzw. unterste Reihe bezeichnet. Je größer die Ikonostase, umso mehr Ikonen sind auf ihr angeordnet. Das erfolgt keinesfalls willkürlich. Die zweite Reihe ist die Festtagsreihe mit den Ikonen des wichtigsten Kirchenfestes – ”Der Auferstehung Christi” – Ostern. Dann folgen in weiteren Reihen die Apostel, die Propheten, die Vorväter und die Kreuzigungsgruppe.
Weitere und detailliertere Informationen findet ihr hier: Ikonen und Ikonostase. In der kleinen Galerie seht ihr die Ikonostase aus Bern und aus Waldai zum Vergleich.
In der russisch-orthodoxen Kirche nimmt das Fasten einen festen Platz ein. Das war für mich sehr überraschend. Orthodoxe Gläubige fasten vier Mal im Jahr. Dabei, so erklärte es mir Priester Ioan Ciurin gibt es strenge und weniger strenge Fastenzeiten. Das heißt, je nach Fastenzeit unterscheidet sich, was man zum Beispiel essen oder trinken darf. Die Fastenzeit vor Ostern ist mit 40 Tagen die längste und auch die strengste Fastenzeit. Dann wird noch vor dem Tag des Hl. Petrus und Paulus gefastet. Der Beginn dieser Fastenzeit richtet sich nach Pfingsten. Sie beginnt immer am Montag nach dem ersten Sonntag nach Pfingsten und ist zwischen ein und vier Wochen lang. Vor dem Fest der Entschlafung Mutter Gottes im August wir ebenfalls gefastet und noch einmal vor Weihnachten vom 28. November bis 6. Januar. Das Wichtigste am Fasten ist aber nicht unbedingt der Verzicht aufs Essen, sondern das die Gläubigen die Zeit zur inneren Einkehr nutzen.
Neben dem Kirchenraum in Bern befindet sich ein kleines, recht schmuckloses Zimmer, indem die Gläubigen immer am Samstag ihre Beichte ablegen. Das ist die Voraussetzung, um die Heilige Kommunion am Sonntag zu empfangen, zu der man frei von Sünden kommen sollte. Zumindest in Bern muss man nicht jeden Samstag beichten, aber doch regelmäßig. Das kann je nach Kirchgemeinde unterschiedlich gehandhabt werden.
In der orthodoxen Kirche wird übrigens nicht Russisch gesprochen, sondern altslawisch oder kirchenslawisch. Das verstehen auch unter anderem die bulgarisch-orthodoxen oder serbisch-orthodoxen Gläubigen. Eine Tatsache, die diese Kirchen vereint, wie Pfarrer Ioan Ciurin betonte. In Bern können ohne Weiteres auch andere orthodoxe Gläubige Mitglieder der Gemeinde sein.
Nun hatte ich natürlich auch noch ein paar Fragen zu den Symbolen des orthodoxen Glaubens. Eine davon betraf das Kreuz. Im Unterschied zum Kreuz, welches ich aus unseren Kirchen kenne, hat das russisch-orthodoxe Kreuz einen schräg gestellten Arm. Dieser symbolisiert die Entscheidung zwischen Himmel und Hölle und bezieht sich auf dem Tag, an dem Christus zum Himmel gefahren ist. Der Räuber an seiner linken Seite hat seine Sünden aufrichtig bereut und fuhr mit ihm in den Himmel, während der an der rechten Seite in die Hölle fuhr. Der zweite parallele Kreuzarm ist eine Tafel mit der Aufschrift ”Jesus Christus König der Juden” oder symbolisiert dies.
Auffällig sind ebenfalls die unterschiedlichen Farben der Priestergewänder. Es gibt diese Gewänder in sieben verschiedenen Farben, wobei jede eine andere Bedeutung hat und jedes Gewand für ganz bestimmte Tage vorgesehen ist. So trägt man das grüne Gewand an Pfingsten und eine Woche vor der Karwoche zum Tag des Einzugs des Herrn in Jerusalem. Die Farbe steht für den Heiligen Geist und die Auferstehung. Rot steht für das Blut Jesus und für das Gedenken an die Märtyrer. Rote Gewänder werden zum Osterfest getragen und an den Gedenktagen der Märtyrer. Schwarz ist das Gewand der Buße und der Begleiter der Fastenzeit. Die goldenen Gewänder sind nicht golden, sondern gelb. Das steht für Ehre und Würde und für die Apostel, Propheten, sowie die Heiligen der Kirche. Weiß steht für frei von Sünden und wird unter anderem bei Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten und an dem Feiertag der Geburt Christi sowie an Himmelfahrt getragen. Blau ist die Farbe Mutter Gottes. Kirchen mit blauen Zwiebeltürmen sind oft ihr geweiht. Dieses Gewand wird am Tag er Entschlafung Marias und damit ihrer Aufnahme in den Himmel getragen. Das lila Gewand ist unter anderen an den Sonntagen während der Fastenzeit im Einsatz. Da Sonntage auch in der Fastenzeit immer Feiertage sind. Die Ornamente auf den Gewändern bilden die Wundmale Jesus ab. Hier findet ihr noch weitere Informationen: http://uznavay.pro/tsveta-oblacheniy-svyashhennikov-kakie-byivayut-i-chto-oboznachayut/ (Russisch).
Seit meinem Besuch in der Erlöserkirche in Moskau beschäftigte mich immer eine Frage: „Kann jeder in der orthodoxen Kirche heiliggesprochen werden, auch wenn er kein Wunder vollbracht hat?“ Unsere Stadtführerin zeigte uns damals in dieser Kirche die Ikone der Zarenfamilie, welche heiliggesprochen wurde. Ich sprach Priester Ioan Ciurin darauf an und er sagte mir, dass es eine Kommission gibt, die nach bestimmten Kriterien entscheidet, wer heiliggesprochen wird. Das kann jemand sein, der Wunder vollbracht hat, etwas Wichtiges für den Glauben oder die Kirche getan hat oder für seinen Glauben gestorben ist.
Ich bedanke mich bei Priester Ioan Ciurin für seine Zeit und hoffe, dass ich euch die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren Traditionen etwas näher bringen konnte.