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Wie dunkel ist das dunkel? Blindheit als produktive Herausforderung
Auf dem Ausflug in das Land der Wahrheit wollen wir uns einen Führer nehmen, der sich besonders mit dem Thema "Wahrnehmung" befasst und dabei auf einige ungewöhnliche Fragen gestossen ist. Es handelt sich um einen der relativ seltenen Pioniere, die den vorhin erwähnten breiten wissenschaftlich-philosophischen Dialog über das Phänomen der Blindheit wollten, und die selbst - wie ich meine wesentliches - zu diesem Dialog beigetragen haben. Unser Führer ist der Franzose Jacques Lusseyran, der in den 1970er Jahren vorallem durch seine Autobiographie "das wiedergefundene Licht" auch im deutschen Sprachraum recht bekannt war..
Lusseyran erblindete als sieben oder Achtjähriger aufgrund eines Umfalls. Nach seinem Abitur gründete er 1941 eine eigene Gruppe der Resistence, da er als "Blinder" von den regulären Sektionen der Resistence nicht genommen wurde. Vom Sommer 43 bis zum Frühjahr 45 war er Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Später war er - irgendwo in den USA oder sogar auf einer Insel im pazifischen Ozean - Professor für Philosophie. Er befasste sich immer wieder mit dem Phänomen des Blindseins, welches er stets als produktive Herausforderung für sich und die ihn umgebende Gesellschaft aufgefasst und bejaht hat. Er kam - wohl zu Beginn der 70er Jahre - in einem Autoumfall ums Leben.
Lusseyran nannte die Blindheit gerne das grösste Geschenk seines Lebens. Dank seiner Blindheit habe er die Welt ganz neu sehen und wahrnehmen gelernt. Obschon Philosophen und Gottsucher immer wieder vor der verführerischen und täuschenden Oberflächlichkeit der Augen warnten, glaubten auch die grosse Mehrheit der Blinden leider so sehr an den unersetzbaren Wert des Sehens, so Lusseyran, dass sie alle jenseits oder unterhalb des dominierenden Seh-Sinnes liegenden Erfahrungen vergessen und verdrängen -, dies, obschon sie selbst häufig solche Erfahrungen machten oder sie als blinde doch leichter machen könnten als sehende Menschen.
Natürlich anerkennt Lusseyran den praktischen Nutzen der Augen: "Wenn wir uns ihrer bedienen", so sagte er im April 1970 in einem in Zürich gehaltenen Vortrag, "ist es nicht mehr nötig, jeden Gegenstand für sich zu kennen, die Dinge mit dem Mass unseres Körpers zu messen. Die Augen verhelfen uns zu manch schönem Sieg über Zeit und Raum... Es (das Sehen, M.N.) stellt uns in den Mittelpunkt einer Welt, die viel grösser ist als wir selbst." Dabei bestehe jedoch die Gefahr, dass die "sehenden" Menschen ganz in ihrem Sehenkönnen, im Funktionieren, im Sammeln und Ordnen von immer mehr Bildern und Eindrücken aufgingen, bis sie nicht mehr wüssten, "wer es ist, der vor einer solchen Flut von Eindrücken steht und sie sieht."
Hier nähert Lusseyran sich Joachim E. Berendt, der in seinem 1985 erstmals erschienenen Buch "Das dritte Ohr" mit dem Untertitel "vom Hören der Welt" die gravierenden Probleme unserer Zeit damit erklärt, dass sich die westliche Kultur und Wissenschaft seit Beginn der "Neuzeit", also seit drei- bis vierhundert Jahren immer ausschliesslicher auf das Sehen als Das Zentrale Wahrnehmungsorgan stütze. Das habe zu einer verhängnisvollen Dominanz der Eigenschaften geführt, welche dem besonderen Wesen unseres Sehsinnes entsprechen: Sammeln von Einzeleindrücken, Erstellen von Übersichten, Messen von Distanzen, Zwischenräumen, Oberflächen etc.. Hand in Hand mit den Prinzipien des männlichen Denkens - Unten / oben, ja oder nein, entweder oder - habe uns unsere einseitige Sehfixiertheit an den sozialen und ökologischen Abgrund geführt, aus denen uns heute nur noch die Wiederentdeckung des dem weiblichen Denken und Wahrnehmen viel näher stehenden Ohres retten könne. Die Beschreibung der besonderen Qualitäten des Sehsinnes ist bei Lusseyran und Berendt gleich; dann aber geht Lusseyran einen anderen Weg als Berendt, der nicht müde wird, dem Auge immer neue Fusstritte zu versetzen und uns von den Wundern des Ohres zu erzählen. - Wir lassen Berendt deshalb ziehen und folgen Lusseyran!
Wenige Tage nach seiner Erblindung habe er festgestellt, dass es um und in ihm der allgemeinen Meinung zum Trotz durchaus nicht dunkel sei. Im Gegenteil: "In dem Augenblick" so berichtet er immer wieder, "in dem ich mein Augenlicht verlor, habe ich in meinem Inneren das Licht unversehrt wiedergefunden." Das Licht sei allerdings nicht in ihm, auch nicht ausserhalb von ihm. Es sei in seinem Kopf, vielleicht in seinem Herzen, in seinen Augen. Diese gewohnten Trennungen seien in seiner Wahrnehmung vermischt. Sicher sei nur: "Das Licht ist da."
Zu der Wahrnehmung dieses Lichtes kam die Entdeckung eines "inneren Raumes", d.h. die Fähigkeit, vor allem grössere Gegenstände in seiner Umgebung wahrnehmen zu können. Diese auch von anderen oft beschriebene Fähigkeit und die Intensität seines "inneren Lichtes" hingen, dies eine weitere Feststellung des frisch erblindeten Lusseyran, sehr stark von seinem körperlichen Zustand (Müdigkeit etc.), vor allem aber von seiner psychischen Verfassung ab: "Wenn ich traurig war, wenn ich Angst hatte, wurden alle Schattierungen dunkel und alle Formen undeutlich. Wenn ich jedoch freudig und aufmerksam war, hellten sich alle Bilder auf." - Lusseyrans Sehvermögen nahm also, so könnten wir sagen, je nach Stimmung zu oder ab.
Das hier beschriebene Phänomen ist etwas, was vermutlich viele von Ihnen kennen, ob Sie nun blind sind oder sehen können. Wenn man gut drauf ist, gut gelaunt und offen, so hat man das Gefühl, die Welt sei irgendwie heller und lebendiger. Wenn man bedrückt ist und müde - eben "zu", wie wir in der Umgangssprache sagen -, dann wird alles irgendwie düsterer, dunkler, enger. Dabei verschmelzen die seelischen und die körperlichen Teile dieser Empfindung zu einem unteilbaren Ganzen, wir können das Gefühl der Dunkelheit oder der Heiterkeit nicht nur unserem Körper oder unserer Seele bzw. unserem Geist zuschreiben: Alles wird mit uns dunkler oder heller -, ja wir haben ganz eigentlich das Gefühl, objektiv mehr oder weniger zu hören und zu sehen, besser oder schlechter denken, sehen oder gehen zu können.
Ungewöhnlich im Vergleich zu meinen eigenen Erfahrungen und wohl auch zu den Erfahrungen der meisten von Ihnen ist allerdings die Intensität, mit der Lusseyran sich auf die von ihm beschriebenen Wahrnehmungen einlässt, und ungewöhnlich sind die weiterführenden Perspektiven, die er auf dem Boden dieser Erfahrungen entwickelt.
Zuerst die Intensität seiner Wahrnehmungen: Lusseyran spricht in dem erwähnten Vortrag davon, beim gehen auf der Strasse nicht nur einzelne Bäume wahrnehmen und die Ansätze ihrer untersten Äste bezeichnen zu können. Er könne auch einzelne Baumarten - Eichen, Pappeln, Nussbäume - aufgrund ihrer "spezifischen Tonlage" klar voneinander unterscheiden. Wenn er am Arm eines Freundes durch die Alpen wandere, so könne er die Landschaft um ihn her spüren, auch weit entfernte Bergzüge oder einen im Tale liegenden See. Schliesslich behauptet Lusseyran auch, einen Menschen, der ohne ein Wort zu sprechen in ein Zimmer trete und sich still an einenTisch setze, "sehen" zu können, indem er sich einfach öffne und ihn damit in sich aufnehme. – Das ist mehr als das, was hierzulande seit ein paar Jahren unter dem Namen Echolokation diskutiert wird, auch wenn der Ansatz – das Ernstnehmen der eigenen Wahrnehmung und deren Entwicklung über die Grenzen des üblichen hinaus – hier und dort derselbe ist!
Ohne auf irgendwelche wissenschaftlichen Theorien zurückzugreifen oder seine Aussagen durch weitere empirische Befunde zu stützen erklärt Lusseyran die von ihm beschriebene Wahrnehmungsfähigkeit damit, dass alle Dinge und Wesen dieser Welt miteinander in ständigem Kontakt, ständiger "Berührung" stünden. Manchmal spricht er von dem spezifischen Klang eines Gegenstandes, dann wieder spricht er von Schwingungen oder von einem Druck oder einem "Hauch", der von einem Menschen, einem Berg ausgehe und auf den aus unserem Inneren kommenden "Hauch", vielleicht könnte man sagen, auf unser Schwingungsfeld trifft. Die Wahrnehmung dieser Druckverhältnisse liegt für ihn gewissermassen unterhalb des Energielevels unseres Hör- oder Sehsinnes. Zentrale Voraussetzung für die Wahrnehmung dieser Schwingungen sei eine möglichst vollkommene Aufmerksamkeit. "Man muss", so sagt er in dem bereits mehrfach zitierten Vortrag aus dem Jahr 1970, "aufmerksam sein." Und dann entfaltet er seine radikale, um nicht zu sagen revolutionäre Theorie der Wahrnehmung:
"Ein wirklich aufmerksamer Mensch könnte alles erkennen. Er hätte für das Erkennen keine sinnesgebundenen Voraussetzungen mehr nötig. Es gäbe für ihn weder Licht noch Ton, noch die jedem Ding eigene Form, sondern jedes Objekt würde sich ihm in all seinen möglichen Gesichtern darbieten, d.h. es würde ganz und gar in seine innere Welt eingehen. Die Sinne würden weiterhin bestehen (...), aber sie würden nicht mehr jeder für sich allein, voneinander getrennt arbeiten, was man fälschlicherweise annimmt." Und in einem einen Tag später gehaltenen Vortrag ergänzt er: "Wenn alle Menschen aufmerksam wären, wenn sie sich vornähmen, es in jedem Augenblick ihres Lebens zu sein,würden sie die Welt neu entdecken. Sie würden sie plötzlich ganz anders sehen als sie bisher geglaubt hatten, dass sie sei und alle Wissenschaft wäre auf einen Schlag überholt. Wir würden in das Wunder eintreten - die unmittelbare Erkenntnis."
Lusseyrans halb naturwissenschaftlich-konkrete, halb mystische Aussagen muten die meisten von uns vermutlich seltsam an. Als Gedankenspiel scheint uns seine Theorie vielleicht ganz interessant; aber ist sie für unsere konkrete Existenz irgendwie relevant? Bringt sie uns in unserem individuellen oder gesellschaftlichen Leben auch nur ein Stückchen voran?
Meine Wahrnehmung - und ich denke, da geht es den meisten blinden Menschen ähnlich - ist viel weniger weit entwickelt als das, was Lusseyran über seine Wahrnehmung sagt. Zu meinem manchmal wirklich grossen Leidwesen spüre ich beispielsweise in der Regel nicht, ob mir im Eisenbahnabteil eine alte Frau, ein junger Mann oder ein Kind gegenübersitzt, wenn diese nichts sagen und auch sonst keine Geräusche von sich geben. Ja oft rätsle ich völlig vergebens an der Frage herum, ob da überhaupt jemand ist. Am Wegrand stehende Bäume nehme ich manchmal wirklich wahr -, auch parkierte Autos und zurückweichende oder plötzlich hervortretende Mauern. Ob ich jedoch an einer Pappel oder einer Ulme vorübergehe spüre ich nicht. Überhaupt funktioniert diese Wahrnehmung nicht sehr zuverlässig, und ich vermag im Grunde auch nicht zu sagen, ob es sich dabei um eine Leistung unserer Ohren handelt, wie der blinde US-Amerikaner Dan Kish nachweisen zu können glaubt, oder ob diese Art der Wahrnehmung von unserer Haut oder einer Kombination verschiedener Sinne geleistet wird. Immerhin bin ich überzeugt, dass diese Wahrnehmungsfähigkeit durch gezieltes Üben entwickelt werden kann. Dabei dürften allerdings Menschen im Vorteil sein, die ausserhalb von Städten aufwachsen und leben, da deren Lärm und deren schnelle Gangart die Entwicklung dieser Art der Wahrnehmung wohl eher behindern als fördern.
Hier beginnt nun allerdings die utopische Dimension und die Herausforderung von Lusseyrans Aussagen: Um diese Art der Wahrnehmung zu schulen müssten wir nämlich zuerst an ihr Vorhandensein glauben und uns so weit auf dieses Phänomen einlassen, dass wir es allmählich besser verstehen und dementsprechend gezielter mit ihm umgehen könnten. Zur Zeit sind es jedoch, so weit ich sehe, lediglich einige Einzelne, die in dieser Richtung "forschen". Von der heutigen Wissenschaft wird das Phänomen nach wie vor ziemlich hilflos und desinteressiert hin und her geschoben, da es irgendwie zu keinem der 5 oder 6 Sinne, von welcher diese Wissenschaft in der Regel noch immer ausgeht, passen will, und da die meisten Wissenschaftler sich aus Angst und Faulheit nicht gerne an den Umbau eines Denkgebäudes machen, solange dieses noch einigermassen zusammenhält.
Wenn es hier nur um die Angelegenheiten von ein paar Blinden gehen würde, könnte man ja sagen: so what. Das Leben ist hart! Hilf Dir selbst! Wenn wir jedoch andere, bisher ungeklärte Phänomene wie das von Jules Romain in den 1920er Jahren behauptete, an gewissen Stellen unserer Körperoberfläche angesiedelte paraoptische Sehvermögen oder die Fähigkeit einzelner Menschen, unsere Aura zu sehen zu dem vernachlässigten Raumsinn der Blinden dazuzählen, so wird die Beschränktheit unserer bisherigen Theorien im Bereich der Wahrnehmung schon etwas mehr als eine Privatangelegenheit. Wenn wir neben diesen "Banalitäten" noch an Phänomene wie die Telepathie oder das berühmt berüchtigte Löffelbiegen denken, wenn wir dazu die Schilderungen von Menschen nehmen, die davon erzählen, wie sie ihren Körper verlassen haben ... wenn wir an alle diese und an andere Phänomene denken, die heimatlos zwischen den Disziplinen unserer Wissenschaft herumirren, dann sind wir ganz offenbar noch weit davon entfernt, Lusseyrans Theorie vom Sehen der Blinden als Unsinn abtun zu können.
Auch jenseits des engeren Bereiches der von Lusseyran geschilderten Raumwahrnehmungen, dort wo er seine Theorie des wechselseitigen Kontaktes aller Dinge und Wesen darlegt, dürfte er besonders bei modernen Physikern auf mehr Interesse stossen, als wir zuerst annehmen. Dort, in der modernen Physik, weiss man inzwischen nämlich ziemlich genau, dass wir heute trotz all unserer wissenschaftlichen Lehrgebäude noch genau so wenig wie vor hundert oder tausend Jahren wissen, was die Welt im innersten nun wirklich Zusammenhält. Unsere scheinbar so sicheren Konzepte von Materie, von Raum und Zeit zerbröckeln dort immer mehr in lauter Fragen und Ungewissheiten, und Lusseyrans halb naturwissenschaftliche, halb mystisch religiöse Vision von der totalen Aufmerksamkeit als dem Tor zur "unmittelbaren Erkenntnis" wird so gesehen plötzlich zu einer durchaus ernst zu nehmenden physikalischen Theorie, die eine grosse Ähnlichkeit mit Sheldrakes Konzept der "morphogenetischen Felder" oder Mit den Spekulationen eines Taillard de Jardings über die "wissenden Atome" hat.
Dass Lusseyrans Relativierung des Wertes unserer Augen, ja seine Warnung vor ihrer Verführung zu einem oberflächlichen Weltverständnis bei den vielen, vielen religiös orientierten Menschen, bei Mystikern und Asketen aller Coleur und aller Zeiten auf grosse Zustimmung stossen würde und stösst, ist klar; DENN WENN diese VOM Licht sprechen, dann meinen sie nicht diesen winzigen Ausschnitt aus dem unendlich breiten Spektrum der elektromagnetischen Wellen, von dem unsere Augen-Zivilisation heute so gefangen und erfüllt ist. Wenn diese Menschheitsführer und Prophetinnen vom Licht und von Erleuchtung sprechen, dann ist dies gewissermassen der grosse Bruder von dem inneren Licht, von dem Lusseyran spricht, und wenn sie davon sprechen, dass wir trachten sollen hinter den Schleier des blossen Seins vorzudringen, um in Gott, in kosmischer Allverbundenheit, in unserem transzendenten Ich zu leben, dann reden sie auf ihre Weise von der Möglichkeit der "unmittelbaren Erkenntnis" durch totale Aufmerksamkeit und von der physischen Erfahrung der "Einheit der Welt", von der auch Lusseyran - von seinen Wahrnehmungen als sogenannt nicht sehender Mensch ausgehend - spricht.
Mein Zustand des nicht sehen Könnens hat also mit Dunkelheit nur in einem ganz speziellen, insgesamt völlig nebensächlichen Sinne zu tun, ja in gewissem Sinne ist es auch ganz verkehrt, um nicht zu sagen eine zeit- und kulturbedingte Diskriminierung grössten Ausmasses, wenn behauptet wird, dass Blinde nicht sehen könnten.
Eigentliches, wirkliches sehen hat - da stimme ich mit Lusseyran ganz überein - mit unseren Augen letztlich nichts zu tun: Ob ich sehe oder ob ich blind bin hängt, bis in die physische Empfindung hinein, davon ab, ob ich im Stande bin der Welt gefühlsmässig offen und in liebevoller Zuwendung zu begegnen oder ob ich mich vor ihr zurückziehe und mich verschliesse. - Dass der Verlust meiner augengebundenen Wahrnehmung dennoch immer wieder ein derartiges Gewicht erhält, wie dies bei uns der Fall ist, hat mit der Sache selbst verhältnismässig wenig, mit der konkreten, einseitigen Ausprägung unserer Kultur und unseres gesellschaftlichen Lebens dagegen sehr viel zu tun.
Sicher: Dies zu behaupten ist eines, dies zu begründen und es als wahr zu empfinden ist etwas anderes. Die Behauptung ist verhältnismässig schnell gemacht. Das Behauptete zu begründen und es danach mehr und mehr auch als Wirklichkeit zu erleben setzt dagegen einen langen Weg des Nachdenkens, des Zweifelns und Wachsens voraus. Und diesen Weg - so spannend und oft auch lustig er ist - stelle man sich nicht zu einfach vor! Zu ihm gehört ganz wesentlich, und dieser Aspekt wird von Lusseyran meines Erachtens zu schnell übergangen, auch sehr viel Schmerz und Trauer. Denn natürlich ist Blindsein oder Blindwerden in unserem Alltagsbewusstsein zuerst einmal und immer wieder ein grosser Verlust, ein Hindernis, über das wir immer wieder stolpern, ein "Schicksal", in das wir uns verheddern und an dem wir zerbrechen können, wenn wir nicht auch fähig sind zu weinen, zu klagen und zu fluchen! Nicht nur ein Mal, sondern immer wieder, wenn uns unser Leben zu schwer wird! Ohne diese Fähigkeit zu trauern und Abschied zu nehmen bleiben wir in unserem "Schicksal" stecken, bleiben innerlich an das so sehnlich herbeigewünschte "Augenlicht", an den so schmerzlich vermissten Menschen, an die dahinschwindende Jugend oder an den Traum unserer nie realisierten Cellistenkarriere gebunden. Doch dann, wenn wir den Schmerz wieder einmal empfunden und ausgedrückt haben, ist es wirklich so, wie ein anonymer Dichter vor ein paar hundert Jahren schrieb: "Was Dich untergehen deucht ist Aufgehn einer neuen Welt!"
©2000,Martin Näf