Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/1036

Wir wissen nicht, was nach unserem Tod kommt. Sicher ist aber, dass unsere Knochen uns überdauern – zumindest bei Erdbestattungen. Kommen Knochen nach langer Zeit wieder ans Tageslicht, erzählen sie manchmal eine Geschichte. Wie diese 13 Beispiele hier:
Bei Ausgrabungen in Petrykiv, einem Dorf im Westen der Ukraine, sind Archäologen auf ein 3000 Jahre altes Grab gestossen, in dem zwei eng ineinander verschlungene Skelette lagen – die Knochen eines Mannes und einer Frau. Die beiden Toten wenden einander die Gesichter zu, ihre Stirnen berühren sich und die Frau hat einen Arm um die Schultern des Mannes gelegt.
Der Ausgrabungsleiter, Professor Mykola Bandrivsky, ist davon überzeugt, dass die Frau ihrem Mann freiwillig ins Grab folgte: «Vielleicht wollte sie nicht mit einem anderen Mann zusammenleben und ein neues Leben anfangen. Darum beschloss sie zu sterben, um für immer mit ihrem Gatten zusammen zu sein.» Vielleicht habe sie Gift genommen und sich dann zu ihrem Mann ins Grab gelegt.
Die Toten aus der Bronzezeit gehörten vermutlich zur Wysocko-Kultur. Laut Bandrivsky gab es bereits früher Funde von Gräbern aus dieser Zeit, in denen die Skelette ebenfalls in einer zärtlichen Position lagen.
Mitte der Achtzigerjahre grub das amerikanische Archäologenpaar David und Noelle Soren in Kourion auf Zypern die Überreste einer Familie aus, die über 1600 Jahre zuvor bei einem Erdbeben verschüttet worden war. Die Mutter, in der Mitte, hält das kleine Kind in den Armen, während der Vater, rechts, vergeblich versucht, beide zu schützen.
Das Bild wurde in den Medien mehrmals verwendet, um ein angebliches Liebespaar im Grab zu zeigen – das kleine Kind, dessen Schädel direkt vor dem Gesicht seiner Mutter liegt, wurde dabei übersehen.
Als ein Wintersturm 2015 die über 200 Jahre alte Buche in der kleinen westirischen Ortschaft Collooney fällte, gab der Baum ein makaberes Geheimnis preis: Unter dem Baum kamen die sterblichen Überreste eines jungen Mannes zutage, der vermutlich zwischen 1030 und 1200 dort begraben worden war.
Das Skelett des Mannes, der im Alter von 17 bis 20 Jahren gestorben war, wurde beim Fall des Baumes auseinandergerissen. Füsse und Unterkörper blieben im Erdreich stecken, Oberkörper und Kopf blieben im Wurzelwerk hängen und wurden damit nach oben befördert, wie die «Irish Times» berichtete. Der Teenager war nicht eines natürlichen Todes gestorben: Zwei Messerstiche in der Brust und einer in der Hand zeigen, dass sein Ableben gewaltsam war.
2007 legten Archäologen in Valdaro bei Mantua die Skelette einer jungen Frau und eines jungen Mannes aus der Jungsteinzeit frei. Ihr Alter zum Zeitpunkt des Todes wird auf etwa 18 bis 20 Jahre geschätzt. Die beiden Toten, die seit über 5500 Jahren eng umschlungen in ihrem Grab lagen, wurden als «Liebende von Valdaro» bekannt – obwohl heute natürlich niemand sagen kann, ob es sich wirklich um ein Liebespaar handelte.
Das kümmerte die Ausgrabungsleiterin Maria Elena Menotti wenig, die den Medien sagte, die Toten würden «sich tatsächlich umarmen» und später hinzufügte: «Ja, wir müssen es Liebe nennen.» Die Archäologen bargen die Knochen en bloc aus dem Grab; die Liebenden sind nun im Museo Archeologico Nazionale di Mantova ausgestellt.
Das Loch im Schädel der Frau in der Bildstrecke oben stammt von einem römischen Wurfspeer. Es dokumentiert ein Gemetzel, das im Jahr 55 v. Chr. am Zusammenfluss von Maas und Rhein in den heutigen Niederlanden stattfand. Damals hatten die germanischen Stämme der Tenkterer und Usipeter – vertrieben von den Sueben – den Rhein überschritten und Gaius Iulius Cäsar um Asyl gebeten. Der römische Feldherr, der gerade dabei war, Gallien zu erobern, lehnte die Bitte ab und griff die Germanen mit seinen Legionen an.
Seine Soldaten umzingelten die Flüchtenden und machten sie nieder. Mindestens 150'000 Menschen kamen dabei um. Schwerter, Lanzenspitzen, Helme und Knochen – grosse Mengen von menschlichen Knochen –, die in der Ausgrabungsstätte Kessel gefunden wurden, zeugen von der vernichtenden Schlacht.
Ausgrabungsleiter Donato Labate drückte sich geradezu hymnisch aus über diesen Fund: «Ich war schon an vielen Ausgrabungen beteiligt, aber ich war noch nie so gerührt!» Berührt hatte Labate der Inhalt eines 1500 Jahre alten Grabes aus römischer Zeit, das 2006 in Modena entdeckt wurde. Darin lagen zwei Skelette, die sich an der Hand halten.
Das eine Skelett, es gehörte einer Frau, wendet den Kopf seinem Partner zu, während dessen Kopf leicht abgewandt ist. Dies, so glauben die Archäologen, sei ursprünglich nicht der Fall gewesen. Die Toten, die vermutlich zu Lebzeiten tatsächlich ein Paar waren, seien wohl mit einander zugewandten Gesichtern beerdigt worden. «Die Position der Wirbel des Mannes lassen vermuten, dass sein Kopf nach der Bestattung auf die Seite rollte», sagte Labate. Dies könne durch Überschwemmungen des nahen Flusses Tiepido verursacht worden sein.
Es war ein makaberer Fund, den die Archäologen 2016 im früheren antiken Hafen Phaleron – heute als Palaio Faliro ein Teil Athens – machten: 80 dicht nebeneinander abgelegte männliche Skelette, 36 davon waren die Hände mit eisernen Fesseln gebunden. Bei den Toten, die wohl zwischen 650 und 625 v. Chr. durch Schläge auf den Kopf starben, handelte es sich um eher junge Männer, darauf liess der Zustand ihrer Zähne schliessen.
Vor allem dieser Umstand führte die Archäologen dazu, einen Zusammenhang mit dem missglückten Staatsstreich des Kylon im Jahr 632 v. Chr. herzustellen. Kylon, ein ehemaliger Olympiasieger, hatte mit einer Gruppe von Anhängern versucht, die Macht in Athen an sich zu reissen, war aber gescheitert. Seine Getreuen wurden umgebracht, er selber konnte möglicherweise flüchten.
2012 fanden Forscher in der Nähe des Turkanasees in Kenia die Überreste von 27 Menschen, darunter Frauen und Kinder. Zwölf der Skelette waren noch gut erhalten, davon wiesen zehn klare Zeichen von tödlicher Gewalteinwirkung auf: eingeschlagene Schädel, zertrümmerte Gelenke, gebrochene Rippen und dazwischen steinerne Spitzen. Vor rund 10'000 Jahren musste hier ein regelrechtes Gemetzel stattgefunden haben.
Die Opfer des steinzeitlichen Massakers wurden nicht begraben, wie die Archäologen feststellten. Sie nehmen an, dass die Gruppe, vielleicht ein Familienverband, von einem rivalisierenden Clan angegriffen wurde. Das Blutbad ist ein Hinweis darauf, dass kriegsähnliche Auseinandersetzungen nicht erst in sesshaften Ackerbau-Gesellschaften auftraten, sondern bereits in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.
Sie starben im Jahr 3800 v. Chr. und wurden gemeinsam in den Höhlen von Diros an der Küste der Peloponnes im heutigen Griechenland bestattet. Damit handle es sich um eine der ältesten bisher entdeckten Doppelbestattungen, teilte das griechische Kulturministerium mit. Solche Doppelgräber seien ohnehin sehr selten. Das jungsteinzeitliche Paar in der Ausgrabungsstätte Ksagounaki wurde übrigens nicht alt; die beiden waren erst 20 bis 25 Jahre alt.
Der Skelettfund in der Ausgrabungsstätte Driffield Terrace im nordenglischen York war spektakulär – und rätselhaft: 80 Skelette wurden dort bis 2010 ausgegraben, die meisten stammten von überdurchschnittlich grossen Männern aus dem ersten bis vierten Jahrhundert n. Chr., als die Region zum Imperium Romanum gehörte. Alle waren sie nicht älter als 45 Jahre geworden. Und viele von ihnen hatte man geköpft.
Nähere Untersuchungen zeigten, dass die Männer aus der römischen Zeit eine entbehrungsreiche Kindheit erlebt hatten, aber danach einen robusten Körper entwickelten. Verheilte Verletzungen und ein deutlich stärkerer rechter Arm bei den Skeletten lässt die Archäologen vermuten, dass es sich um Gladiatoren handelte. Zudem wurden sie mit einem gewissen Respekt bestattet. Sicher ist diese Annahme jedoch nicht; es könnten auch römische Legionäre gewesen sein.
Im elsässischen Bergheim kam 2012 bei einem Bauprojekt eine rund 6000 Jahre alte neolithische Siedlung zum Vorschein, in der die Archäologen eine grausige Entdeckung machten: Auf dem zwei Hektaren grossen Gelände fanden sie 60 Gruben, von denen 14 menschliche Überreste enthielten. Eine der Gruben unterschied sich von allen anderen: Sie war bis zum Rand mit abgehackten Gliedmassen und ganzen Skeletten gefüllt.
Die Forscher zählten in der zwei Meter tiefen Grube mit einem Durchmesser von anderthalb Metern mindestens sieben Hände und Oberarme, darunter jener eines Jugendlichen. Alle wiesen Schnittspuren von Messern oder Äxten auf. Über diesen einzelnen Gliedmassen lagen sieben Skelette, vier davon von Kindern. Eines dieser Skelette, jenes einer Frau, war erst später in die Grube geworfen worden; es wies als einziges keine Zeichen von Gewalteinwirkung auf.
Die Archäologen der Universität Strasbourg gehen davon aus, dass die amputierten Glieder und die sechs Skelette mit Gewaltspuren die Folge einer kriegerischen Auseinandersetzung waren. Möglich, aber weniger wahrscheinlich wäre auch, dass die Toten einer brutalen steinzeitlichen Justiz zum Opfer fielen.
Der Paläontologe Paul Sereno von der Universität Chicago wollte in Niger eigentlich Fossilien von Dinosauriern finden, doch stattdessen entdeckte er Gräber von Menschen. In den Jahren 2000 und 2001 legte er mehrere Grabstellen in Gobero frei. Die Ausgrabungsstätte liegt heute in der grössten Wüste der Welt, der Sahara, doch vor 5000 Jahren war diese Gegend eine wasserreiche Seenlandschaft.
In einem der Gräber, das der Ténéré-Kultur zugeordnet wird, fand Sereno drei Skelette: eine erwachsene Frau in Umarmungspose mit verschränkten Armen und Beinen mit zwei Kindern im Alter von fünf und acht Jahren. Die Knochen verraten nichts über die Todesursache: Es gibt keine Spuren von Verletzungen oder Krankheiten. Dafür zeigen Pollenreste, dass diese Dreifachbestattung auf einer Streu von Blumen stattgefunden hatte.
Anfang 2018 stiessen mexikanische Archäologen im Süden von Mexiko-Stadt auf eine etwa 2400 Jahre alte Grabstätte. Das Massengrab im Stadtteil Tlalpan enthielt zehn Skelette – die meisten davon junge Erwachsene, aber auch ein Baby, ein drei bis fünf Jahre altes Kind und einen älteren Erwachsenen. Die Toten, die alle seitlich lagen und deren Arme miteinander verflochten waren, bildeten eine grosse Spirale. Einige von ihnen hatten Keramikkugeln oder Steine in den Händen.
Es ist noch nicht klar, ob diese Menschen an natürlichen Ursachen starben oder geopfert wurden. «Wir können noch nicht viel über die Todesursache oder die Beziehung zwischen den Toten sagen. Aber die Experten stimmen überein, dass ihre Anordnung auf eine rituelle Bestattung hindeutet», hiess es aus dem Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH). Über die Zivilisation, die damals in Tlalpan existierte, ist nur wenig bekannt. Sie ging dem viel späteren Aztekenreich um fast 2000 Jahre voraus.