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Ein harter Brocken!
Das gestrige Abendessen in der momentan bestmöglichen personellen Konstellation – wir haben es stets sehr lustig zusammen – noch präsent, mir persönlich hat das originell-originäre Ambiente deutlich besser gefallen als die Ergebnisse der ambitionierten und dann doch leicht schluffigen Provenzalischen Provenienzen, heute wieder einmal etwas auf dem Programm, das Pass wohl unbestritten verdient.
Wikisiert ausgedrückt heisst es hier u.a.: „… Der Mont Ventoux ist ein dominanter, 1’909 m hoher Berg der französischen Provence (1’912 m nach älteren Angaben). Die Kelten verehrten ihn wahrscheinlich als heiligen Berg. Über die Region hinaus populär wurde der Ventoux nach der Besteigung und Beschreibung durch Francesco Petrarca im Jahre 1336. Heute ist er durch eine Bergstrasse erschlossen, die grosse Bedeutung für den Radsport hat. Der Mont Ventoux trägt den Beinamen Géant de Provence (Gigant der Provence)….“
Da wir auf 14:00 Uhr Regen vermuteten, stand heute der frühstücksfreie Start schon um 7:30 Uhr an.
Logisch, dass unsere Appartements neben fernsteuerbaren Multidüsenfarbspielduschen auch mit zwei TV-Geräten, einem Teekocher, einem CD-Player (was ist das?), einem Luftionisierer mit dem wohlklingenden Namen „King d’Home“ und einer riesigen Kaffeemaschine ausgerüstet waren. Da ich mir das Heissgetränk morgens grundsätzlich traditionsbeflissen zuführe, sich mir die Handhabung des Apparates aber nicht auf den ersten Blick erschloss, studierte ich zuerst die sehr unlogisch aufgebaute Gebrauchsanweisung. Damit Sie sich eine Vorstellung machen können: Das Bild, welches das Gerät in seinen Grundzügen erklärte, umfasste eine Legende mit sageundschreibe zehn Positionen. Was nach Adam Riese nichts anderes bedeutet, als dass zehn Handgriffe in der genau richtigen Reihenfolge zu tätigen gewesen wären, wer Koffein geniessen möchte. Nach fünf weiteren Minuten des erfolglosen Hantierens, bemühte ich youtube; der etwa siebte Film, den ich mir anschaute, war meine Rettung. Zwei dürftig schmeckende Espressi der Lohn. Nomen est omen? Aber klar doch: die Maschinenmarke heisst „Malongo“, ins Deutsche übersetzt sowas wie „schlecht-lang“. Das nenne ich Marketing auf Höchststufe… Einigermassen beruhigt war ich später beim Bus, als ich erfuhr, dass andere aus dem Team noch mehr Mühe hatten… Aber das würde hier den Rahmen sprengen.
Auf dem einmal mehr sehr hübschen, als wäre die Sache extra für uns aufgebaut worden, schier wie ein Bühnenbild wirkenden Dorfplatz das erste Bild und dann los. Ebenfalls mit uns auf der Piste eine grössere Rudi-Carrell-Edamer-Fraktion. Die Grossen fuhren Rad, die Kleinen durften joggen.
Moderate Steigungen von 5-7% machten das Einrollen zu einem leichten Vergnügen. Weil die Rampe so konstant aufwärts zeigte, mutete ich mir einen Minitest zu. Ich versuchte zu eruieren, wie viele Minuten ich für die Überwindung von je 100 Höhenmeter benötigte, wenn ich mich im Steadystatemodus befinde. Der Begriff beschreibt den körperlichen Zustand, wenn zwischen abgerufener Leistung und verfügbarer Energie ein Gleichgewicht besteht. Ein bisschen gefreut habe ich mich über gemessene 6-7 Minuten auch darum, weil das theoretisch schon relativ nahe am Niveau liegt, das gebraucht wird, wenn in einer Stunde ein ganzer Kilometer Höhendifferenz bewältigt werden will. Das wäre dann der grosse Bruder dieses kleinen Testes. Ja klar, dazu müssten ideale Bedingungen herrschen. On verra.
Viel erzählt hat man mir im Vorfeld vom Chalet Reynard, das sich auf dem Weg nach oben auf gut 1’400 m.ü.M. befindet. Hier sei stets Zirkus (nicht „Albin“), eine Kaffeepause obligatorisch etc. etc. Der Name, das leuchtet ein, stammt vom Renard, dem Fuchs, vom Meister Reineke. Heute war die Stimmung bei unserer Ankunft aber eher sowas wie „wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen“, der Laden war schlicht geschlossen. Nun denn, was soll’s, wohlgemach weiter bergan. Etwa von hier wechselte die Szenerie von Wald schlagartig auf Kalksteinwüste. Mir geisterten Szenen von Dune, Mad Max und Kampf der Sterne durch die Hirnareale. Ohne etwas stärker zu drücken, kommt man hier nicht rauf.
Oben angekommen, waren wir zwar mit unserem Latein nicht am Ende, verstanden aber ziemlich gut, woher die Namensgebung „Mons Ventosus“ (Windiger Berg) stammen dürfte. Ein paar Mal dachte ich, mich tritt ein Esel…
Nun, jede Person, die sich je den Ventoux herauf gekämpft hat, weiss wie vielfältig die Herausforderungen, Anstrengungen und Garstigkeiten auf dem Weg dahin und v.a. ganz oben sind. Sie weiss aber auch, wie unpräzise oder besser unvollständig sich der Titel unserer heutigen Geschichte präsentiert, muss doch ganz klar festgehalten werden, dass der mindestens auf metaphysischer Ebene harte Brocken rein petrographisch genau genommen aus einer Millionenschaft einzelner Blöcke von vielleicht 10 – 30 kg besteht. Mich hat im Anstieg die Frage umgetrieben, wer die alle so schön hingelegt und drapiert hat…
Cappuccinos und hinten wieder runter. Die Differenz von beinahe 1’900 Höhenmeter plusoumoins an einem Stück runter zu blochen, bedeuteten ein Vergnügen der Extraklasse. Umso mehr nun hunderte Pedaleure und -eusen sich uns entgegenkämpften. Wie junge übermütige Hunde knallten meine beiden Begleiter die Rampen runter (kommt von hier der Begriff Rampensau?), mir war es aufgrund der unregelmässigen Seitenwinde schon mit 90 km/h schnell genug. Andere brauchten dreistellig… (Bemerkung: meistens, wenn ich drei Pünktli verwende, bedeutet das: Achtung Ironiefalle, Sarkasmuslist!).
Nach etwa 20 weiteren Ausfahrkilometern und dem einen oder anderen Pässchen, bereits um 11:30 Uhr kurz den Zielort mit seinem wie aus einer anderen Epoche stammenden Markt inspiziert, ins Hotel zurück, geduscht, Veloladen für kleine Reparaturarbeiten und Boulanger in Sault besucht. Für 4,50 € bei leichtem Nieselregen im Bus mit viel Genuss eine Riesenbaguette mit Butter, Rohschinken und Emmentaler verdrückt. Frischer geht nicht. Besser schmeckts nie. So einfach ist das Leben!
Ein weiterer perfekter Tag – merci bien à tous.