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Wer war Hui-neng? – Die folgenden Worte wurden von Hui-neng über sich selbst gesprochen. Man findet diese Autobiographie im ersten Kapitel des „Sutra des Sechsten Partriarchen“, übersetzt von Sokei-an.
„Als der große chinesische Meister Hui-neng (638-713) im Tempel Pao-lin in Nanhai ankam, besuchte ihn der Präfekt von Shou-chou, namens Wei-chu. zusammen mit anderen Beamten und bat ihn, im Tempel Ta-fan in Shou-chou über die Lehre des Buddhismus zu sprechen. Da der Meister mit den Einwohnern dieser Stadt in Beziehung treten wollte, willigte er ein. Zur vereinbarten Zeit, versammelten sich der Präfekt und die Beamten, an die dreißig in der Zahl, sowie über dreißig konfuzianische Gelehrte und tausend buddhistische Mönche, Nonnen und Laien im Tempel. Nachdem der Meister seinen Sitz auf dem irdenen Altar eingenommen hatte, verbeugten sich alle und ersuchten ihn, eine Lektion über das Dharma zu geben.
Der große Meister sprach: „Meine lieben und gelehrten Freunde, die wahre Weisheit, welche die Wurzel unseres Erwachens (Bodhi) ist, ist von Natur aus rein. Um ein Buddha zu werden, brauchen wir sie nur zu benutzen.“ Der Meister hielt inne und verweilte einen Moment lang im Schweigen, dann fuhr er fort: „Liebe Freunde, gebt mir etwas Zeit und ich will euch erzählen, wie ich selbst mit dem Weg bekannt wurde und schließlich in den Besitz der Lehre der Dhyāna-Schule kam.
Mein Vater war ein Beamter in Fan-yang. Nachdem er zuerst auf einen niedrigeren Posten versetzt worden war, verlor er seine Stelle schliesslich ganz. Nach mehreren Wanderjahren liess er sich als ein Bürgerlicher in Hsin-chou, in der Provinz Kwang-chou (Kanton) nieder. Er starb, als ich noch ein kleiner Junge und ließ meine Mutter mit mir allein zurück. Ich war sehr unglücklich, denn unsere Armut war gross. Wir zogen nach Nanhai, wo ich gezwungen war, auf dem Markt Feuerholz zu verkaufen.
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Eines Tages beauftragte mich ein Kunde, eine Ladung Holz zu seinem Haus zu bringen. Nachdem ich das Holz abgeliefert und dafür eine außergewöhnlich hohe Entlohnung empfangen hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Da sah ich in der Nähe des Tores einen Mann, der ein buddhistisches Sutra rezitierte. Als ich die Worte hörte, wurde mein Geist plötzlich klar und erleuchtet. Ich fragte den Mann nach dem Namen des Sutra und erfuhr, dass es das Diamant Sutra (Vajracchedika-sūtra) war. Ich erkundigte mich, wo er dieses Sutra her habe.
Er antwortete, er komme vom Östlichen Tung-Ch’an-(Zen)-Tempel in der Provinz Huang-mei in Ch’i-chou. Dieser Tempel werde vom Fünften Patriarchen, Hung-jen, geführt, der über tausend Schüler unterrichtet. Er sei zu ihm gegangen und habe seine Vorträge über dieses Sutra gehört. Der Patriarch halte seine Mönche und Laienanhänger alle an, nur dieses eine Sutra zu studieren, weil jeder Mensch, der sich danach richte, dadurch seine wahre Natur entdecken und ein Buddha werden könne.
Ich, Hui-neng, hatte das Glück, davon zu hören. Es könnte sein, dass mich ein karmisches Band aus einer früheren Verkörperung mit diesem Sutra verband und mir deshalb ein fremder Kunde genügend Geld gegeben hatte, um meine alte Mutter für einige Zeit zu versorgen, während ein anderer Fremde mir von Hung-jen erzählte und mich aufmunterte, zu ihm zu gehen. Also versorgte ich meine Mutter mit allem Notwendigen und bat um die Erlaubnis, zum Patriarchen zu gehen.
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Ich wanderte etwa dreissig Tage lang und erreichte schließlich Huang-mei. Sobald sich die Gelegenheit bot, suchte ich den Patriarchen auf und erwies ihm meine Verehrung. Er fragte mich: „Woher kommst du und was wünschst du?“ Ich antwortete: „Ich bin ein Bürgerlicher von Hsin-chou, südlich des Berglandes. Ich legte diesen langen Weg zurück, um dem Meister die Ehre zu erweisen. Ich wünsche, ein Buddha zu werden.“ Der Meister erwiderte: „Da du aus dem Süden stammst, gehörst du zu den Barbaren. Wie könntest du in diesem Fall ein Buddha werden?“ Ich sagte: „Ein Mensch kann vom Norden oder Süden kommen, doch wenn es zur Buddhaschaft kommt, gibt es weder Norden noch Süden. Das Fleisch eines Barbaren ist nicht das Fleisch eines Abtes, aber wie kann meine Buddhaschaft von der Ihrigen unterschieden werden?“
Es schien, als wollte der Patriarch weiter sprechen, doch er hielt inne, da sich etliche Jünger in der Nähe befanden. Er forderte mich auf, mich zusammen mit den Mönchen an die Arbeit zu begeben. Ich sagte: „Ich, Hui-neng, fühle mich geehrt, mit dem Abt zu sprechen: Weisheit wächst immer aus dem eigenen Geist. Wenn man nicht davon abweicht, findet man das „Feld des Verdienstes“ in seiner eigenen Natur. Ich bin gespannt, mein Lehrer, welche Arbeit Sie von mir verlangen.“ Der Patriarch erwiderte: „Dieser Barbar ist zu dreist. Kein Wort mehr, geh zur Arbeit!“ Also zog ich mich zurück und begab mich in den hinteren Teil der Klosteranlage. Mir wurde aufgetragen, Holz zu spalten und Reis zu dreschen, was fortan meine ständige Arbeit war.
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Es vergingen mehr als acht Monate, als der Patriarch eines Tages vorbei, kam als ich gerade das Rad der Dreschmaschine trat, und sagte: „Ich hielt deine Ansicht für annehmbar, doch ich befürchtete, andere Mönche mit schlechtem Charakter könnten neidisch werden und dir Böses antun. Deshalb habe ich nicht mehr mit dir gesprochen. Hast du das verstanden?“ Ich erwiderte: „Ja, ich verstand meines Meisters Absicht. Das ist auch der Grund, warum ich nie zur Vorderseite des Tempels ging. Dadurch konnte niemand auf mich aufmerksam werden.“
Kurz darauf versammelte der Fünfte Patriarch alle seine Schüler und sagte: „Die Frage von Leben und Tod ist von großer Wichtigkeit für jeden Menschen in der Welt. Statt Befreiung vom Ozean von Leben und Tod zu suchen, trachtet ihr nur danach, gute Verdienste anzusammeln. Doch solange euer Geist in Verblendung verharrt, kann euch Verdienst nicht retten. Geht in eure Klause und erforscht eure wahre Natur. Jeder soll mit Hilfe seiner eigenen innewohnenden Weisheit (Prajñā) ein Gatha machen und mir vorlegen.
Demjenigen, der das wesentliche Prinzip des Buddhismus erfasst hat, will ich die Kutte und das Dharma übergeben und ihn zum Sechsten Patriarchen erklären. Es eilt. Geht sofort, haltet euch nicht auf! Wenn ihr über die Weisheit Überlegungen anstellt, könnt ihr sie nicht anwenden. Jemand, der seine eigene Natur kennt, sieht sie in dem Moment, wo ich sie erwähne. Wenn dies erfasst, kann seine Urnatur auch mitten im Getümmel eines Kampfes sehen.“
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Dem Meister gehorchend, zogen sich alle Mönche zurück. Einige von ihnen diskutierten die Angelegenheit miteinander und sagten: „Es ist nicht nötig, dass wir alle unseren Geist klären und ein Gatha machen. Was kann es uns nützen, denn im Grunde genommen ist ja der ehrwürdige Shen-hsiu unser Lehrer. (Shen-hsiu war der älteste Mönch des Tempels.) Er wird sicher ein Gatha machen. Wozu sollten wir unseren Kopf unnötig anstrengen?“ Als die anderen Mönche dies hörten, gaben sie ihre Bemühung auch auf und sagten: „Wir wollen uns auf unseren Lehrer Shen-hsiu verlassen und uns nicht damit abmühen, selbst ein Gatha zu machen.“
Shen-hsiu seinerseits dachte: „Keiner der Mönche wird ein Gatha verfassen, weil ich ihr Lehrer bin. Deshalb maß ich eines machen und dem Meister vorlegen. Tue ich das nicht, kann der Meister nicht wissen, ob mein Verständnis des Buddhismus oberflächlich oder tiefgründig ist. Wenn ich durch das Darbringen eines Gatha nur den Besitz des Dharmas wünsche, ist meine Einstellung richtig, trachte ich jedoch nach der persönlichen Ehre, der Sechste Patriarch zu werden, ist meine Einstellung falsch. Das wäre so, als ob sich ein Weltlicher anmaßen würde, dem Patriarchen seinen Sitz zu entreißen. Doch wenn ich kein Gatha vorlege, kann ich das Dharma nie bekommen. Wie schwierig das doch ist!“
Das Zimmer des Fünften Patriarchen wurde über drei Korridore erreicht. Es war geplant, die Wände dieser Gänge von einem Hofkünstler, namens Lu-chen, mit Bildern aus dem Lankavatara-Sutra und mit dem Stammbaum aller bisherigen Patriarchen bemalen zu lassen, so dass die Überlieferung auf diese Weise geehrt und aufrecht erhalten würde.
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Nachdem Shen-hsiu ein Gatha gemacht hatte, war er mehrere Mal vor das Zimmer des Fünften Patriarchen gegangen, um das Gatha zu präsentieren. Doch jedes Mal wurde er sehr verwirrt und sein ganzer Körper brach in Schweiß aus. Er konnte es nicht über sich bringen, das Gatha vorzulegen. Auch nachdem vier oder fünf Tage vergangen waren und er es mehr als zehn Mal versucht hatte, war die Hemmschwelle noch immer zu hoch. Shen-hsiu überlegte hin und her, was er tun sollte. Schließlich dachte er: „Es ist das Beste, wenn ich den Vers an die Wand im Korridor schreibe.
Wenn der Meister ihn sieht und für gut befindet, werde ich hervortreten, mich vor ihm verbeugen und ihm sagen, dass ich der Verfasser bin. Wenn er jedoch nicht darauf eingeht, nehme ich es als ein Zeichen, dass alle meine Mühen und mein Aufenthalt in diesem Tempel und alle die Verehrung, die ich mir von allen entgegen gebracht werden, nichts und nichtig sind.“
Um Mitternacht nahm Shen-hsiu ein Licht und schrieb sein Gatha heimlich an die Wand des südlichen Korridors. Es lautete:
Der Körper ist wie der Bodhibaum,
der Geist wie ein blanker Spiegel auf einem Ständer,
Stunde um Stunde wisch ihn sorgfältig ab,
Lass keinen Staub sich darauf nieder setzen.
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Als er mit Schreiben fertig war, kehrte er in seine Zelle zurück, ohne von jemandem gesehen zu werden. Von innerer Unruhe hin und her gerissen, sprach er zu sich selbst: „Morgen wird der Fünfte Patriarch mein Gatha sehen, und wenn er damit zufrieden ist, beweist es, dass ich eine des Dharma würdig bin habe. Wenn er jedoch nichts dazu sagt, dann muss ich einsehen, dass meine Täuschungen aus der Vergangenheit sehr tief reichen, und dass ich, gehemmt durch diese Täuschungen, nicht dazu tauge, das Dharma zu bekommen. Ich kann wirklich nicht voraussehen, wie der Meister reagieren wird.“ Von solchen Gedanken geplagt, ging er in seiner Zelle besorgt auf und ab bis zum Morgengrauen.
Der Fünften Patriarch wusste, dass Shen-hsiu das Tor zum „Wahren Dharma“ noch nicht durchschritten und seine eigene wahre Natur noch nicht gefunden hatte. Am frühen Morgen ließ er den Hofkünstler Lu-chen zu sich rufen, um mit ihm die geplante Bemalung der Korridorwände zu besprechen. Als er plötzlich das Gatha entdeckte, sagte er zu Lu-chen: „Nun ist es überflüssig, etwas für diese Wand auszusuchen. Ich bin Ihnen sehr dankbar für ihre Bemühung, und es tut mir Leid, dass sie diesen langen Weg gemacht haben. Es ist wie Diamant-Sutra sagt: alles Geformte ist vergänglich und der Täuschung unterworfen.
Ich werde dieses Gatha an der Wand stehen lassen, damit die Menschen es beherzigen können. Jemand, der in Übereinstimmung damit lebt, kann sich davor bewahren, auf schlechte Bahnen zu kommen und wird Verdienst erlangen. Meine Schüler sollen sich davor verbeugen und Räucherstäbchen anzünden. Diejenigen, die sich den Vers merken und ihn immer wieder aufsagen, werden später zur Verwirklichung ihrer wahren Natur gelangen.“
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Alle Schüler lasen das Gatha von Shen-hsiu und gaben ihrer Bewunderung Ausdruck. Um Mitternacht rief der Patriarch Shen-hsiu zu sich und fragte ihn, ob er dieses Gatha geschrieben habe. Shen-hsiu antwortete: „Ja, ich habe es geschrieben. Aber ich wage nicht, damit nach dem Sitz des Patriarchen zu trachten. Ich habe nur gehofft, dass Sie aus Barmherzigkeit einen Blick darauf werfen und entscheiden, ob ich auch nur das geringste Verständnis des Buddhismus habe.“
Der Patriarch sagte: „Wenn dies dein Gatha ist, zeigt es, dass du deine Urnatur noch nicht gesehen hast. Du hast das äußere Tor erreicht, bist aber noch nicht eingetreten. Du hast noch nicht die höchste Erkenntnis erlangt. Die höchste Erleuchtung sollte sich beim ersten Wort spontan zeigen. Wenn du deinen ursprünglichen Geist gefunden hast und deine Urnatur siehst, wirst du erkennen, dass sie niemals geschaffen wurde und niemals zerstört werden wird. Zu jeder Zeit, in jedem Augenblick wirst du sie sehen. Dann gibt es keine Schranken zwischen den Wesenheiten.
Eine Wahrheit ist die gleiche Wahrheit für alle. Dann gibt es keine Täuschung mehr und der Geist ist dauernd im Zustand der absoluten Wahrheit. Ein Mensch, der dies versteht, hat die Selbst-Natur der höchsten Erleuchtung erfasst. Kehre in deine Zelle zurück, bedenke dies ein oder zwei Tage lang und mache ein anderes Gatha. Wenn ich dann sehen kann, dass du durch das Tor gegangen bist, will ich dir die Kutte und das Dharma übergeben.“
Shen-hsiu verbeugte sich und zog sich zurück. Es gelang ihm aber nicht, ein neues Gatha zu verfassen. Sein Geist wurde leer und unruhig, und er fühlte sich wie in einem Traum. Es war ihm unbehaglich zu Mute, so dass er weder ruhig sitzen noch gehen konnte.
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Einige Tage später kam ein junger Novize bei der Mühle vorbei und rezitierte Shen-hsius Gatha. Als ich dies hörte, wusste ich sofort, dass der Verfasser dieses Verses, wer es auch sein mochte, seine Urnatur noch nicht gesehen hatte. Denn, obwohl ich von niemandem belehrt worden war, verstand ich doch das Hauptprinzip des Buddhismus. Schließlich fragte ich den Knaben, was das für ein Gatha sei, das er vor sich hin sagte. Der Knabe antwortete: „O du Barbar, weißt du nicht, was der Meister gesagt hat? Er sagte, Tod und Leben sei das größte Problem des menschlichen Lebens. Er möchte die Kutte und sein Dharma übertragen, bevor seine letzten Tage kommen. Er beauftragte seine Schüler, ein Gatha zu machen und ihm vorzulegen.
Demjenigen, der das Hauptprinzip des Buddhismus versteht, will er die Kutte und das Dharma übergeben und ihn zum Sechsten Patriarchen erklären. Der Hochwürdige Shen-hsiu schrieb ein Gatha an die Wand des südlichen Korridors, worauf der Meister uns allen befahl, es auswendig zu lernen und wiederholt zu rezitieren. Er sagte, dass ein Mensch, der sein Leben nach diesem Gatha richtet, sich davon bewahren kann, auf schlechte Bahnen zu gelangen, was ihm großen Gewinn bringen wird.“
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Darauf sagte ich: „Ich würde dieses Gatha gerne sehen, damit ich in einer zukünftigen Verkörperung eine Verbindung zum Buddhismus habe. Mein verehrter Knabe, ich habe hier mehr als acht Monate lang gearbeitet und bin nie auf der Vorderseite des Tempels gewesen, ich möchte, dass du mich dorthin führst und es mir ermöglichst, mich vor dem Gatha zu verbeugen.“ Der Knabe tat. worum ich ihn gebeten hatte und wartete, bis ich mich vor dem Gatha verbeugt hatte. Dann sagte ich: „Ich kann weder schreiben noch lesen, bitte mein Verehrter, lies das Gatha für mich.“ Da kam zufällig ein Hilfsbeamter des Gerichtes von Chiang chau vorbei, namens Chang-jih-yung und las den Vers laut.
Als ich ihn hörte, sagte ich: „Ich habe auch ein Gatha gemacht. Ich bitte Sie, verehrter Herr, schreiben Sie auf für mich.“ Der Beamte schaute mich erstaunt an und sagte: „Was, auch du hast ein Gatha gemacht? Das ist seltsam.“ Ich antwortete: „Jemand, der im Begriff ist, sich die höchste Weisheit anzueignen, sollte einen Anfänger nicht geringschätzig behandeln. Der Niedrigste könnte die höchste Weisheit besitzen, während die Weisheit des Höchsten vielleicht noch schläft. Wenn Sie jemanden geringschätzig behandeln, machen Sie sich überaus großer Beleidigung schuldig.“ Darauf erwiderte der Gerichtsangestellte: „Diktiere den Vers,und ich will ihn für dich schreiben. Doch wenn du das Dharma bekommst, musst du mich als Ersten retten. Vergiss dieses, mein Verlangen, nicht!“ Ich diktierte:
Bodhi hat keinen Baum,
der klare Spiegel keinen Ständer,
im Ursprung gibt es nichts.
Wo könnte sich Staub ansammeln?
Als die Mönche dieses Gatha an der Wand sahen, waren sie höchst erstaunt. Ein jeder, ohne Ausnahme, stand bestürzt davor und starrte darauf. Sie sagten untereinander: „Gewiss, man kann einen Menschen nicht nach seiner Erscheinung beurteilen. Warum haben wir diesen lebenden Bodhisattva so schlecht behandelt?“
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Der Fünfte Patriarch sah die erstaunte Menge und aus Furcht, jemand könnte mir aus Neid ein Leid antun, wischte er den Vers mit seinem Schuh weg und sagte: „Auch dieses Gatha wurde von jemandem verfasst, der seine Urnatur noch nicht erkannt hat.“ Jedermann akzeptierte sein Urteil.
Am nächsten Tag kam der Fünfte Patriarch zur Mühle und sah, wie ich mit einem großen Stein den Reis schlug. Er sagte: „Jemand, der das wahre Gesetz sucht, vergisst sich selbst dabei, und so soll es auch sein.“ Dann fragte mich der Patriarch: „Ist der Reis schon poliert?“ Meine Antwort lautete: „Er wurde schon vor langem poliert, ist aber noch nicht gesiebt.“ Der Patriarch schlug mit seinem Stock dreimal an den Mörser und ging hinaus. Ich verstand die Absicht des Patriarchen, und als die Tempelglocke dreimal schlug, betrat ich sein Zimmer.
Der Patriarch verdeckte mich mit seinem Gewand, damit uns niemand sehen konnte, und gab mir eine Erklärung über das Diamant-Sutra. Als er an die Stelle kam, wo es heißt: „Ohne von etwas abhängig zu sein, sollst du deinen Geist manifestieren“, war ich höchst erfreut. Ich dachte: „Die zahlreichen Dinge des Universums unterscheiden sich in nichts von der Urnatur selber.“ Ich sagte zum Patriarchen: „Ich hätte nicht erwartet, dass meine eigene Natur aus sich heraus rein, aus sich heraus immerwährend, aus sich heraus vollkommen, aus sich heraus unerschütterlich ist, und dass alle Dinge daraus hervorkommen.“
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Der Patriarch bestätigte, dass ich meine Urnatur begriffen hatte und sprach folgendes: „Wenn du dir deines wahren Geistes nicht gewahr bist, nützt es dir nichts, Buddhismus zu studieren. Wenn du dir jedoch deines eigenen Geistes gewahr bist und deine Urnatur siehst, bist du einer, der es würdig ist, als Meister oder Lehrer der Devas oder als ein Buddha bezeichnet zu werden.“ So übergab er mir das Dharma mitten in der Nacht. Niemand wusste davon. Als er mir die esoterische Lehre zusammen mit der Kutte und der Bettelschale übertrug, sagte der Fünfte Patriarch: „Ich erkläre dich zum Sechsten Patriarchen. Hüte diese Lehre. Erlöse die empfindenden Wesen nah und fern. Verbreite die Lehre in der Zukunft und las sie nicht erlöschen. Höre mein Gatha:
Die Samen der Erleuchtung, die von den empfindenden Wesen gesät werden,
bringen die Frucht der Buddhaschaft hervor.
Unempfindende Dinge säen nicht und bringen nichts hervor.
Der Patriarch fuhr fort: „Als Bodhidharma in unser Land kam, glaubte zuerst niemand an seine Lehre. Aus diesem Grund wurde seine Kutte als Symbol des Glaubens von Patriarch zu Patriarch weitergegeben. Das Dharma jedoch muss von Geist zu Geist übertragen werden, und jeder Empfänger muss es durch seine eigene Erfahrung verstehen und verwirklichen. Seit Urzeiten war es Brauch, das Wesen des Dharma von Buddha zu Buddha und von einem Patriarchen auf den nächsten persönlich zu übertragen. Die Kutte wird Anlass zum Streit geben. Behalte sie dein Leben lang, gib sie nicht weiter. Wenn du sie weiter gibst, hängt das Bestehen dieser Lehre an einem Faden. Geh nun schnell fort! Ich befürchte, jemand könnte dir ein Leid antun.“
Ehrerbietig fragte ich den Patriarchen, wohin ich gehen sollte. Er sagte: „Wenn du nach Huai kommst, halte an; wenn du nach Hui kommst, verstecke dich.“
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Nachdem ich mitten in der Nacht die Kutte und die Schale empfangen hatte, sagte ich: „Ich stamme aus dem Süden. Ich kenne die Wege dieser Berge nicht und weiß nicht, wie ich zur Mündung des Flusses gelangen kann.“ Der Patriarch antwortete: „Mache dir keine Sorgen, ich werde dir den Weg persönlich zeigen.“ Er führte mich nach Chiu-chang. Dort stiegen wir in ein Boot, worauf der Patriarch die Ruder ergriff und selber ruderte. Ich wendete ein: „Mein Lehrer, bitte setzen Sie sich. Ihr Schüler wird das Boot rudern.“
Der Patriarch erwiderte: „Dich an das andere Ufer zu bringen, ist meine Pflicht.“ Darauf sagte ich: „Solange ich verirrt war, führten Sie mich; doch nun, wo ich erwacht bin, werde ich mich selber führen. Ich wurde in einem sehr abgelegenen Land geboren und spreche einen rauen, seltsam klingenden Dialekt, aber trotzdem habe ich Ihr Dharma erhalten; ich bin nun erleuchtet. Indem ich mich nach meiner Urnatur als Führer richte, will ich mich selbst mit dieser Erleuchtung leiten.“ Der Patriarch antwortete: „Gut gesagt, gut gesagt. Mit der Zeit wird der Buddhismus durch dich weit verbreitet werden. Drei Jahre nach deiner Abreise von hier werde ich sterben. Es ist besser, wenn du jetzt gehst. Gehe soweit nach Süden, wie du kannst. Fange nicht zu früh mit Lehren an. Der Buddhismus wurde schon oft unterdrückt.“
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Ich verabschiedete mich vom Patriarchen und machte mich gegen Süden auf. Nach zwei Monaten erreichte ich das Ta-yu-Gebirge. Eine Gruppe von Mönchen war mir gefolgt mit der Absicht, sich der Kutte und der Schale zu bemächtigen. Unter diesen befand sich einer mit dem Familiennamen Chen und dem Vornamen Hui-ming. Früher war er Kommandant des 4. Regimentes gewesen. Er hatte einen reizbaren Charakter und war ein feuriger Schüler. Er eilte allen anderen voraus und holte mich ein. Da legte ich die Kutte und Bettelschale auf einen großen Stein und sagte: „Die Kutte ist das Symbol des Glaubens. Niemand kann sie mit Gewalt nehmen.“ Dann versteckte ich mich im Dickicht. Hui-ming näherte sich dem Felsen und wollte die Kutte und die Schale nehmen.
Doch er konnte sie nicht bewegen. Er rief laut: „O Laienbruder, ich kam wegen des Dharmas und nicht wegen der Kutte.“ Darauf kam ich aus meinem Versteck hervor und setzte mich auf den Felsen. Hui-ming verbeugte sich und bat mich um die Gunst, ihm etwas über das Dharma zu sagen. Ich, sagte: „Da du für das Dharma gekommen bist, solltest du in der Lage sein, alles Vorgefallene außer acht zu lassen. Entleere deinen Geist, lass nicht den geringsten Gedanken zu, und ich will zu dir vom Dharma sprechen.“ Ich verharrte eine Weile in Schweigen, während Ming sich beruhigte. Dann fuhr ich fort: „Wenn du weder an gut noch an schlecht denkst, was ist dein Urantlitz?“ Über diesen Worten gelangte Hui-ming zur Erleuchtung.
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Nach einer Weile fragte Hui-ming weiter: „Gibt es noch ein anderes esoterisches Wort, außer dem, was du mir eben gesagt hast?“ „Was ich gesagt habe, war nicht esoterisch“, antwortete ich. „Wenn du in dein eigenes Bewusstsein schaust, findest du das Esoterische in dir selber.“ Hui-ming fuhr fort: „Ich lebte lange Zeit in Huang-mei, doch ich erkannte mein Urantlitz nicht. Nun, nachdem ich von dir belehrt wurde, wurde ich mir meines Urantlitzes gewahr, so wie jemand, der merkt, dass das Wasser, das er trinkt, kühl ist. Laienbruder, nun bist du mein Lehrer.“ Ich erwiderte: „Wenn das deine wahrhaftige Überzeugung ist, dann ist dein Meister der Fünfte Patriarch, genau so wie er der meinige ist. Bewahre deine Erleuchtung!“ Dann fragte Hui-ming: „Wohin soll ich von hier aus gehen?“ Meine Antwort lautete: „Wenn du nach Yuan kommst, halte dort an, wenn du nach Meng kommst, bleibe dort.“ Hui-ming verbeugte sich und ging weg.
Kurz danach kam ich nach Ts’ao-chi(jap. Sokei). Erneut von Feinden verfolgt, nahm ich in einer Provinz namens Szu-hui Zuflucht. Ungefähr fünfzehn Jahre lang verwischte ich meine Spur, indem ich mit einem Trupp Jäger umher zog, und ab und zu, je nach Gelegenheit, eine angebrachte Unterweisung gab. Die Jäger verlangten von mir, dass ich ihre Fallstricke überwachte, doch wenn ich darin ein Lebewesen fand, befreite ich es. Zur Essenszeit kochte ich mir in einem Fleischtopf etwas Gemüse. Wenn ich darüber gefragt wurde, sagte ich, dass ich es liebe, Gemüse zu essen, das zusammen mit Fleisch gekocht wurde.
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Eines Tages dachte ich: „Es ist Zeit, dass ich das Dharma verbreite. Letztlich kann ich dem nicht entgehen. Also ging ich zum Fa-hsing-Tempel in Kwang-chou, wo ich dem Dharma-Meister Yin-tsung begegnete, der gerade eine Vortragsreihe über das Nirvana-Sutra (Mahāparinirvāna-sūtra) gab. An jenem Tag flatterte die Tempelfahne im Wind. Ein Mönch sagte: „Der Wind bewegt sich“, worauf ein anderer sagte: „Nein, die Fahne bewegt sich.“ Sie verfielen in eine endlose Debatte, bis ich zu ihnen sagte: „Weder der Wind noch die Fahne bewegen sich, es ist euer Geist, der sich bewegt.“ Darüber waren alle sehr erstaunt, und Yin-tsung, der davon hörte, lud mich ein, im Tempel den Ehrenplatz einzunehmen und befragte mich über die Geheimnisse des Buddhismus.
Als Yin-tsung merkte, dass meine Antworten kurz und bündig waren und sich nicht nach den traditionellen Ausdrücken des Buddhismus richteten, sagte er: „Anja, ich bin davon überzeugt, dass Ihr ein ganz ungewöhnlicher Mensch seid. Schon seit geraumer Zeit ist die Rede davon, dass die Kutte und die Lehre von Hung-jen nach Süden weitergegeben worden seien. Seid Ihr derjenige, der sie empfangen hat?“ „Ja, ich bin es“, antwortete ich bescheiden. Darauf verbeugte sich Yin-tsung vor mir und bat mich, seiner Gefolgschaft die Kutte und die Bettelschale zu zeigen.
Dann fragte er: „Was hat Euch der Patriarch gesagt, als er Euch die Lehre übertrug?“ Ich sagte: „Der Fünfte Patriarch lehrte nichts, außer dass man in seine eigene innewohnende Natur hinein schauen soll. Er sagte nichts von Meditation oder Befreiung.“ „Warum hat er nicht von Meditation und Befreiung gesprochen?“, fragte Yin-tsung. „Weil das eine zweigleisige Lehre ist und nicht der Buddhismus, der nur einen Weg lehrt“, antwortete ich. Yin-tsung fragte: „Welches ist der eine Weg?“ Ich antwortete: „Einer ihrer Mönche informierte mich darüber, dass Sie Vorträge über das Nirvana-Sutra geben.
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Ist es nicht dieses Sutra, das den Buddhismus des einen Weges lehrt? Denn in diesem Sutra gibt es eine Stelle, wo der Bodhisattva Mahapunnya den Buddha fragt, ob Menschen, die gegen die vier großen Gebote handeln oder die fünf verruchten Missetaten begehen, oder von der Lehre abweichen, die ausgezeichneten Wurzeln ihrer Buddhanatur zerstören. Der Buddha antwortete: ‚Es gibt zweierlei Arten von ausgezeichneten Wurzeln, eine ist beständig, die andere veränderlich. Diese kann nicht geteilt werden. deshalb ist sie nicht-dualistisch.‛ Es gibt gute Wurzeln und schlechte Wurzeln, doch die Buddhanatur ist weder gut noch schlecht. In der Meinung eines unerleuchteten Menschen sind die Komponenten des Bewusstseins (Skandhas) und das wahrnehmbare Äußere (Dhatu) zwei verschiedene Dinge, doch ein erleuchteter Mensch weiß, dass das nicht zwei verschiedene Existenzformen sind. Buddhanatur ist Nicht-Dualität.“
Yin-tsung war über diese Ausführung entzückt, er legte seine Hände zusammen und sagte: „Mein bescheidener Kommentar zu diesem Sutra war wertlos wie ein Scherbenhaufen. Ihre Ausführung dagegen gleicht reinem Gold.“ Dann, in Erfüllung meiner Bitte, in die Mönchsgemeinschaft von Buddha aufgenommen zu werden, rasierte er mir den Kopf und ersuchte mich, sein Lehrer zu werden.
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Auf diese Weise wurde das Tor der Lehre des Östlichen Berges, die ich geerbt hatte, unter dem Bodhibaum in Ts’ao-chi, geöffnet. Es gab keine Schwierigkeit, die mir erspart wurde, und viele Male hing mein Leben an einem Faden. Heute nun, habe ich, Hui-neng, eine Zusammenkunft mit euch, dem Präfekten und seinen Mitarbeitern, den Mönchen, Nonnen, Gelehrten und Laienanhängern. Es muss eine auf viele Kalpas zurückgehende Verbindung zwischen uns geben, und wir alle haben wohl gemeinsam gute Samen gepflanzt, indem wir den Buddhas unserer vergangenen Lebenszeiten zum nötigen Unterhalt verhalfen. Wäre dem nicht so, könnten wir diese Lehre vom Erreichen der ‚plötzlichen Erleuchtung‛ nicht hören. Diese Lehre wurde von den früheren Patriarchen überliefert und ist nicht die Erfindung meines eigenen geistreichen Verstandes. Wer ihr auch seid, die ihr diese Lehre hören wollt, ich bitte euch, reinigt zuerst euren Geist und räumt eure Zweifel weg. Alle früheren Weisen haben nichts anderes getan.
Nachdem die Anwesenden diese Ansprache gehört hatten, verbeugten sie sich und zogen sich in großer Freude zurück.
So endet die Biographie des Sechste Patriarchen, wie sie von ihm persönlich vorgetragen wurde.“
Aus: Der Sechste Patriarch kommt aus Manhattan; Thesus Verlag, Küsnacht ZH, übersetzt A. Wydler Haduch