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In seinem Film «La obra del siglo» erinnert der junge kubanische Regisseur Carlos Machado Quintela an den nie fertig gewordenen Bau eines AKWs im Süden Kubas und die dazugehörige Stadt Ciudad Electronuclear. Ein Besuch vor Ort.
Es ist die teuerste Investition, die Kuba im 20. Jahrhundert getätigt hat: der Bau des Atomkraftwerks von Juraguá. Das «Jahrhundertwerk», wie es in den achtziger Jahren offiziell genannt wurde, kostete rund 1,4 Milliarden US-Dollar, finanziert zum grössten Teil von der Sowjetunion. 1983 begann der Bau, 1992 wurden die Arbeiten am Werk eingestellt.
«Das ‹Jahrhundertwerk› ist ein Ding, das nie geboren wurde und nie gestorben ist», sagt Carlos Machado Quintela. «Heute ragt das Skelett des einen stehen gelassenen Reaktorblocks wie ein surrealistischer Tadsch Mahal aus der Ebene.» Der 1984 geborene kubanische Regisseur hat mit seinem ungewöhnlichen Spielfilm «La obra del siglo» (Das Jahrhundertwerk) diese Geschichte grenzenloser sozialistischer Fortschrittseuphorie dem Vergessen entrissen. Es ist eine schlichte, ja minimalistische Geschichte, die «La obra del siglo» in makellosen Schwarzweissaufnahmen erzählt, unterbrochen von farbigen Propagandaaufnahmen von Tele Nuclear aus den achtziger Jahren: Drei Männer – Grossvater, Sohn und Enkel – bewohnen ein Appartement im achten Stock des Hochhauses in der Ciudad Electronuclear (Cen), einer Plattenbausiedlung, die zeitgleich mit dem AKW nur wenige Kilometer daneben gebaut wurde. Sie leben in den Tag hinein, streiten sich, irgendwann eskaliert die Situation.
Besitzer der Wohnung ist der verwitwete Grossvater. Ihm passt nicht, dass der Enkel sich wieder hier installiert, nachdem ihn seine Freundin in Havanna verlassen hat. Und er ist rasend eifersüchtig auf seinen Sohn, der damals als Techniker beim AKW-Bau mitarbeitete und seit neustem eine Freundin hat.
Eine Schattenstadt
«Kuba glaubte einst, es könne nach den Sternen greifen. Und dieses sogenannte Jahrhundertwerk war Teil dieser Anmassung, so anmassend und prätentiös wie die Regierung zu jener Zeit.» Mit diesen Worten präsentiert Machado Quintela seinen Film im vollen Kino in Havanna, wo dieser am Internationalen Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films im Wettbewerb läuft. Der Filmkritiker des Parteiorgans «Granma» würdigt am nächsten Tag «La obra del siglo» erstaunlich wohlwollend – «origineller Ansatz eines vor Imagination nur so strotzenden Werks». Er hebt vor allem das souveräne Agieren des 73-jährigen Schauspielers Mario Balmaseda hervor, der im Film den tyrannischen Grossvater spielt und unter Kubas SchauspielernInnen eine Institution ist. Doch so viel Lob kann nur sein, weil der Kritiker am Schluss Machado Quintela scharf rügt für seine «hochtrabende und nicht wenig respektlose Präsentation» vom Vortag.
«Was hat Carlos an der Premiere gesagt?», ist denn auch eine der ersten Fragen, die Damarys Gutiérrez zwei Tage später an den Besucher aus der Schweiz richtet. Und sie schüttelt ungläubig lachend den Kopf, als sie erfährt, worum es ging. Die fünfzigjährige Schauspielerin verkörpert im Film die Freundin des Vaters. Seit 1988 wohnt sie mit ihrem Mann Freddy, der auch eine kleine Rolle in «La obra del siglo» hat, in einer Plattenbauwohnung in der Cen.
Die Ciudad Electronuclear liegt an Kubas Südküste an der Bucht von Cienfuegos, auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt Cienfuegos. Von dieser aus setzt achtmal am Tag ein kleines, rostiges Fährschiff auf die andere Seite über, wo hinter einer Mauer mit der verblassten Aufschrift «Bienvenidos Cuba Socialista» (Willkommen, sozialistisches Kuba) zwei Hochhäuser aus dem üppigen Tropengrün herausragen. Die Cen besteht aus mehreren fünfstöckigen Plattenbauten sowie diesen beiden achtzehnstöckigen Hochhäusern, von denen jedoch nur das eine bewohnt ist. Das andere ist ein nie fertiggestellter Rohbau. «Die Cen ist eine Schattenstadt – eine Stadt, die zwischen Leben und Tod dahinvegetiert», beschreibt Regisseur Machado Quintela die Ciudad Electronuclear gegenüber der WOZ.
Damarys und Freddy Gutiérrez haben hier ab 1998 das Teatro de La Fortaleza aufgebaut und leiten die kommunitäre Laientheatergruppe bis heute. «Viele Leute schütteln den Kopf darüber, dass wir hier geblieben sind», sagt Freddy, und Damarys fällt ihm ins Wort, erwähnt, zu diesen Leuten gehöre auch der ehemalige Chefdramaturg ihrer Theatergruppe, der in Kuba sehr bekannte Schriftsteller Atilio Jorge Caballero. «Es gibt hier nichts, das Gelände hinter unserem Wohnblock verwandelt sich in eine Kloake, wenn es regnet», sagt sie. Und betont, Freddy und sie fühlten sich trotz dieser misslichen Bedingungen als «Patrioten» der Cen. «Wir machen uns keine Illusionen bezüglich unserer Wichtigkeit hier, aber von hier wegzuziehen, wäre eine Kapitulation.»
Die beiden pflegen einen engen Austausch mit der Filmschule EICTV in der Nähe von Havanna, jener international renommierten Ausbildungsstätte, an der auch Carlos Quintela Machado studiert hat. «Als wir von Carlos erfuhren, dass du uns besuchen kommst, haben wir uns gestern Abend zusammen mit Freunden noch mal die DVD mit seinem Film angeschaut», sagt Damarys. «Dabei waren wir uns gar nicht einig, ob das Agieren der drei Männer im Film eine satirische Überhöhung sei oder nicht.» Für sie selber repräsentiere dieses Trio die Realität eines frauenlosen Haushalts in Kuba, sagt Damarys und lacht, während ihr Freddy heftig widerspricht. Und Oscar, ein Nachbar, der sich zum Gespräch hinzugesellt, meint: «Ich bin mit Damarys einverstanden, aber ich finde Carlos’ Film viel zu negativ, was die Geschichte des AKW-Baus betrifft.»
Oscar, in der Sowjetunion zum Atomphysiker ausgebildet, war damals auf dem Baugelände von Juraguá tätig. Heute züchtet er – wie eine Figur im Film – Hühner und Schweine. Bis heute ist er der Meinung, es sei ein Fehler gewesen, das AKW nicht fertig zu bauen. Kaum hat er das gesagt, fällt ihm Damarys mit lautem Gelächter um den Hals und meint zum Besucher aus der Schweiz: «Siehst du, was wir hier für eine Meinungsvielfalt haben und was für unbelehrbare Leute es in Kuba gibt?»
Hochtrabende Träume
Gewidmet ist «La obra del siglo» zwei vor Jahrzehnten jung verstorbenen Persönlichkeiten: der kubanischen Filmemacherin Sara Gómez und dem sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin. Gagarin, 1968 als 34-Jähriger bei einem Unfall ums Leben gekommen, war der erste Mensch im Weltall. Er steht für jenen Griff nach den Sternen, von dem Carlos Machado Quintela in seiner Einführungsrede am Festival von Havanna sprach. Gagarins Reise in eine andere Welt verbindet sich mit den in leuchtenden Farben strahlenden Archivaufnahmen von «Tele Nuclear» mit ihrer triumphalistischen Technologieeuphorie und ihrem naiven Glauben an die Unverbrüchlichkeit sowjetisch-kubanischer Freundschaft.
Sara Gómez, 1974 mit nur dreissig Jahren wegen eines ärztlichen Kunstfehlers an einem Asthmaanfall verstorben, war die erste Frau in Kuba, die einen Spielfilm realisierte: «De cierta manera» (Auf eine bestimmte Weise), ein Meilenstein des feministischen Kinos in Lateinamerika. Gómez konnte ihr Werk nicht mehr selber beenden, ihr Förderer und Mentor Tomás Gutiérrez Alea stellte es fertig. Erzählt wird im Film in wildem Mix aus fiktionalen und dokumentarischen Szenen die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Lehrerin in einem «Problemquartier» Havannas und einem Arbeiter einer Baubrigade, die in diesem Quartier neue Plattenbauten hochzieht. Der Bauarbeiter wird von einem unverblümt jugendlichen Machismo ausstrahlenden Mario Balmaseda verkörpert – dem gleichen Schauspieler, der nun, fast ein halbes Jahrhundert später, in «La obra del siglo» die Rolle des Grossvaters spielt.
Der direkte Bezug zu «De cierta manera» geht in Machado Quintelas Film aber noch weiter: Der Grossvater sieht in einer Szene im Fernsehen zufällig einen Ausschnitt aus Sara Gómez’ Werk – eine Sequenz, in der der junge Mario Balmaseda seiner Geliebten etwas gesteht, das er noch nie jemandem anvertraut hat: «Ich habe einfach eine fürchterliche Angst, und ich weiss nicht einmal, wovor.» Er habe sich zu diesem dreisten Diebstahl aus einem seiner Lieblingsfilme entschlossen, weil diese Szene einen Macho in so schlichter wie überzeugender Weise demontiere, sagt Machado Quintela. «Aber auch, weil sie genau davon handelt, was man in jenen Jahren grenzenlosen Fortschrittsglaubens nicht aussprechen konnte: nämlich, dass da auch etwas schiefgehen könnte mit all diesen hochtrabenden Träumen.»
Das AKW Juraguá
Zu 97 Prozent fertiggestellt
Im Jahr 1972 beschlossen Kuba und die Sowjetunion, auf dem Gebiet der Atomenergie zusammenzuarbeiten. Ziel war es, in Kuba dereinst Atomenergie zu produzieren. 1976 gab die kubanische Regierung bekannt, nahe der Ortschaft Castillo de Jagua ein Atomkraftwerk bauen zu wollen. Vier Jahre später begann sie mit dem Bau der Plattenbausiedlung Ciudad Electronuclear (Cen; vgl. Haupttext «Kubas Griff nach den Sternen» weiter oben). In einer ersten Phase sollten hier Techniker und Spezialisten aus der Sowjetunion und Kuba wohnen, die auf der künftigen Grossbaustelle des AKWs wenige Kilometer entfernt tätig sein würden. Im Oktober 1982 wurde die Cen offiziell eingeweiht; zu diesem Zeitpunkt wohnten bereits 3000 Personen dort, dereinst sollten in den 4200 Wohnungen über 10 000 Menschen leben.
Tele Nuclear, ein in ganz Kuba empfangbarer Fernsehkanal, begleitete das Grossprojekt ab 1982. Ab 1983 waren bis zu 6000 Arbeiter damit beschäftigt, zwei Reaktorblöcke mit einer Leistung von 440 Megawatt in Juraguá hochzuziehen. Als es 1986 zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kam, übte sich die kubanische Regierung in Beschwichtigung und betonte die technologische Überlegenheit von Juraguá.
In einer Rede im Jahr 2000 gestand Fidel Castro aber ein, der Super-GAU habe die Regierung zu «Untersuchungen und extremen Qualitätsmassnahmen in allen elektronuklearen Einrichtungen» gezwungen, was die Bauarbeiten verzögert habe.
Anfang 1989 lieferte die Sowjetunion Brennstäbe für den ersten Reaktorblock, im Oktober erneuerte sie das Abkommen über die Fertigstellung des AKWs in Juraguá. In den folgenden Monaten jedoch zog die rasch zerfallende Sowjetunion fast alle Techniker und Spezialisten von der Baustelle ab; mit dem Ende der Sowjetunion 1991 hatte Kuba sowohl die Bauherrin als auch den Financier des AKWs verloren. Im September 1992 besuchte Fidel Castro die Cen und gab bekannt, die Bauarbeiten am AKW würden «temporär» eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt war der erste der beiden Reaktorblöcke zu 97 Prozent fertiggestellt.
Im Dezember 2000 besuchte der russische Präsident Wladimir Putin zum ersten Mal Kuba und erklärte bei der Gelegenheit, Russland habe kein Interesse an einer Fertigstellung des AKWs. Seit Mitte der neunziger Jahre hatte Kuba mit diversen Ländern, darunter auch Russland, erfolglos über Finanzhilfe für eine Fertigstellung verhandelt, aber ab 1997 auch diskret mit der Internationalen Atomenergiebehörde Finanzhilfe für einen Rückbau und die definitive Stilllegung der Anlage ausgehandelt. Sie sollte rund 150 Millionen Dollar kosten.
Heute leben in der Cen noch rund 5000 Menschen. Der Ort ist in Kuba auf keiner aktuellen Landkarte eingezeichnet.