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Die Fischzucht für den westlichen Markt verbraucht mehr Fisch, als sie auf dem Teller bringt. Denn Europäer und Nordamerikaner wollen vor allem Raubfische essen, und die fressen Fische. Auch in der Zucht legen Raubfische nur an Gewicht zu, wenn ihr Futter genügend Fische enthält. Und diese Futterfische stammen weitgehend aus dem Meer, aus einer hierauf spezialisierten Fischerei, die je nach Schätzung einen Viertel bis einen Drittel aller Meeresfänge ausmacht.
Die so genannten Futterfische sind kleine Arten wie Sardellen, Sardinen und Makrelen, die in riesigen Schwärmen zum Beispiel vor Peru unterwegs sind. Unterwegs waren, um genau zu sein. Denn in jüngster Zeit musste die peruanische Regierung den Fang von Sardellen schon mehrmals vorübergehend sperren, um die Bestände vor weiterer Dezimierung zu schützen. Die Überfischung hat längst auch die scheinbar unerschöpflichen kleinen Arten erfasst.
Fischzuchtindustrie sucht Alternativen
Darum sucht die Fischzuchtindustrie bereits sei Jahren nach Alternativen für Fischmehl und Fischöl, die beide aus dem Futterfischfang gewonnen werden und die angesichts der Verknappung immer teurer werden. Bisher ist es erst gelungen, den Anteil an Fisch im Futter zu reduzieren; doch noch immer muss an Raubfische mehr Fisch verfüttert werden, als am Ende aus der Zucht gewonnen wird. Bis ein fischloses Fischfutter entwickelt und von den Züchtern auch tatsächlich eingesetzt wird, dürften trotz intensiver Forschung noch Jahre vergehen.
Nun winkt den Fischzüchtern neue Nahrung: aus der mittleren Tiefsee, dem Mesopelagial. Diese Wasserschicht in 200 bis 1000 Metern Tiefe befindet sich zwischen dem lichtdurchfluteten und wärmeren Epipelagial und der dunklen, kalten Tiefsee. Die hier lebenden Tiere werden auf eine Biomasse von 10 Milliarden Tonnen geschätzt. Nur schon ein Prozent hiervon würde die Menge des globalen Meeresfang mehr als verdoppeln. Die UNO-Ernährungsorganisation FAO geht davon aus, dass sich die Futterindustrie ab dem Jahr 2020 ihr bedienen wird; erste Fangkonzessionen wurden von Norwegen bereits erteilt, und auch Pakistan schickt sich an, das zu tun.
Die Probleme nehmen mit der Fangtiefe zu
Ein Prozent klingt unbedenklich. Doch schon einmal irrte die Menschheit im Glauben, die Ozeane seien derart voller Leben, dass sie gar nie leergefischt werden könnten. Wenn es gelingt, die Futterfischerei im Mesopelagial rentabel zu machen, wird man sich nicht auf ein Prozent der Biomasse beschränken wollen. Vergessen wird nicht, dass Fischmehl einst auch an Schweine und Hühner verfüttert wurde, als es noch nicht so knapp und daher teuer war. Und vergessen wir nicht, dass die Fischzucht seit Mitte des letzten Jahrhunderts um sieben bis neun Prozent pro Jahr wächst.
Der industrielle Fang in mesopelagischen Tiefen ist problematisch, weil die Vermehrung der ihr lebenden Arten langsamer vor sich geht. Während die meisten Arten im Epipelagial innert ein bis vier Jahren geschlechtsreife werden, dauert es mit zunehmender Wassertiefe westlich länger. Hier gefangene Tiere werden also von der Natur viel langsamer ersetzt. Schon die Entnahme von wenigen Prozenten kann die Biomasse empfindlich schmälern.
Die Tiefsee lagert CO2, wenn sie ungestört bleibt
Das Leben in der mittleren Tiefsee zu dezimieren ist keine gute Idee. Das Mesopelagial wirkt nämlich wie eine Klimapumpe, welche Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre in die Tiefsee versenkt. Denn nachts schwimmen die mesopelagischen Lebewesen an die Wasseroberfläche, um sich dort an Plankton gütlich zu tun. Danach kehren sie in die Tiefe zurück, wo sie die Reste des nächtlichen Mahls ausscheiden, darunter CO2, das im Planton reichlich gebunden ist. Die Ausscheidungen wie auch die gestorbenen Mesopelagial-Bewohner sinken als «Meeresschnee» tiefer und tiefer und lagern sich auf dem Meeresboden ab, ohne die Atmosphäre zu belasten – jedenfalls bis auf weiteres nicht; bei unverminderter Emission von CO2, in die Atmosphäre wird auch die Speicherkapazität der Ozeane einmal erschöpft sein.
Wenn wir die Zahl der Lebewesen reduzieren, welche das überschüssige CO2 in den Ozeanen «entsorgen», verschärfen wir das von uns geschaffene Klimaproblem. Die Menschheit täte besser daran, sorgfältig mit dem Leben in den Ozeanen umzugehen und sich auf eine nachhaltige handwerkliche Fischerei in den obersten Wasserschichten zu beschränken. Wenn wir den Konsum und damit den Fang von Fischen für einige Jahre um die Hälfte reduzieren, bis sich die Fischbestände vollständig erholt haben, könnten die Fangerträge danach um bis zu 60 Prozent gesteigert werden – der grösste Teil der Fischzucht wäre dann gar nicht mehr nötig, um die Menschheit mit Fisch zu versorgen.