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Nicht allen Menschen ist eine behütete Kindheit vergönnt. Folgender Frage gilt es in diesem Zusammenhang auf den Grund zu gehen: Wie können sie später ihren Mangel an Fürsorge, Geborgenheit und Schutz ausgleichen?
Jolanda Neser (Name geändert) verweigert seit Jahren jeglichen Kontakt zu ihrer Mutter. Die heute 41-Jährige ist das Ergebnis eines kurzen, intensiven Ferienflirts. Der Vater lebt irgendwo im Ausland; Jolanda hatte nie Kontakt zu ihm und weiss auch kaum etwas über ihren Erzeuger. Sie kann ihrer Mutter nicht verzeihen, dass sie ihr so eine Kindheit zumutete. «Als Alleinerziehende hatte sie wenig Zeit für mich, ich war oft in der Obhut der strengen Grosseltern, die durchblicken liessen, dass ich besser nicht zur Welt gekommen wäre.» Sie vermutet, dass sich ihre Mutter für sie schämte. «Sie unternahm kaum etwas mit mir, im Zoo waren wir ganz selten und auch sonst haben wir kaum Ausflüge gemacht. Ich glaube, ich war ihr lästig. Durch mich bekam sie nicht so leicht einen Partner.»
Manche Kinder bekommen nicht die nötige Zuwendung und Fürsorge, die für eine gesunde Entwicklung entscheidend sind. Gründe hierfür können unter anderem eine Suchterkrankung, eine Depression, eine Psychose oder ein anderes psychisches oder körperliches Leiden oder anderweitige schwierige Lebensumstände eines oder beider Elternteile sein. Unter Umständen müssen die Kinder sogar dazu beitragen, dass etwa eine Alkoholsucht gegen aussen verheimlicht wird; oder sie muntern die Mutter auf, wenn diese im depressiven Stimmungstief ist. Dabei werden die Rollen tragisch vertauscht: Die Kinder müssen den Eltern Schutz geben, dabei würden sie ihn ja selber benötigen, um sich in einer stabilen Umgebung entfalten zu können.
Um sich im Leben gut zu verwurzeln, ist ein Kind neben Nahrung, Kleidung und Körperpflege auch auf seelische Versorgung und auf Bestätigung angewiesen.
Vernachlässigte Mädchen und Jungen entwickeln sich körperlich langsamer, sie entfalten ihre geistigen Anlagen zögerlicher, ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit und auch ihre Sozialkompetenz sind eingeschränkt und sie neigen eventuell zu Verhaltensstörungen. Zudem sind diese Kinder anfälliger für die negativen Auswirkungen von Stress. Als Folge davon ist ihre Immunabwehr schwächer; Stresshormone im Übermass schwächen das Immunsystem.
Mädchen und Jungen, denen es an elterlicher Fürsorge mangelt, müssen oft zu viel Verantwortung für sich selbst und womöglich für jüngere Geschwister übernehmen. Sie sind häufig mit ihrer Aufgabe überfordert, andererseits entwickeln sie viel praktische Lebenskompetenz. Besser wäre es, behutsam in die Bewältigung von Herausforderungen eingeführt zu werden. Die Kinder würden Menschen benötigen, die sie bei Bedarf trösten, ermutigen, ihnen Wertschätzung vermitteln, mit ihnen einfühlsam über ihre Erlebnisse und ihre Ängste sprechen – und ihnen geduldig den Weg ins Erwachsenenleben zeigen, beispielsweise bei der Suche nach einer Lehrstelle. Doch dazu sind ihre Eltern aus körperlichen und/oder psychischen Gründen nicht in der Lage.
Wenn Kinder unzureichend gefördert und begleitet werden, entfalten sie oft nur einen Teil ihrer Persönlichkeit, während andere Anteile wenig wachsen können.
Die unzureichende Elternschaft kann unterschiedliche Langzeitfolgen haben, etwa ein wenig robustes Selbstvertrauen, Zurückhaltung beim Eingehen von Beziehungen, wiederkehrende Verstimmungszustände, Verbitterung oder erhöhte Krankheitsanfälligkeit. Vereinzelt kommt es auch zu Missbrauch von Medikamenten, Alkohol oder Drogen.
Das Gefühl, als Kind nicht geliebt worden, sondern den Eltern gleichgültig oder sogar lästig gewesen zu sein, kann sich auch Jahre später schmerzhaft bemerkbar machen. Betäubungsmittel dämpfen zwar die unangenehmen Gefühle und Erinnerungen, gleichzeitig verhindern sie jedoch die Entfaltung der Persönlichkeit und schaffen zusätzliche Schwierigkeiten. In der Folge verstärkt sich das Gefühl, auf der Verliererseite des Lebens zu stehen und Opfer eines unbarmherzigen Schicksals zu sein. Unter Umständen suchen diese Menschen bei Personen nach Liebe und nach Halt, die sie ausnützen und keinen wertschätzenden und respektvollen Umgang mit ihnen pflegen.
Wer nie Fürsorglichkeit und Wertschätzung erfahren hat, muss im Erwachsenenalter lernen, mit sich selbst liebevoll umzugehen. Häufig erfordert das viel Geduld. Menschen, die als Kinder wenig Aufmerksamkeit, Fürsorge und Geborgenheit erleben durften, müssen als Erwachsene einüben, sich diese selbst zu schenken. Dies kann ein längerer Prozess sein; die Betroffenen dringen damit in eine Erfahrungswelt vor, in der sie sich anfänglich noch wenig auskennen.
Manche Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von «Nachbeelterung»: Damit sind jenes Mitgefühl, jene Fürsorge und jene Anerkennung gemeint, welche die damaligen Kinder von ihren Eltern nicht bekommen haben.
Sich ab und zu ein kleines Vergnügen zu gönnen, sich auch für kleine Erfolge selbst zu loben und sich selbst Missgeschicke zu verzeihen, entspannt die Beziehung und wirkt ähnlich wie Dünger bei einer Pflanze: Es steigert die Lebenskräfte. Wer mit sich selber freundlich, nachsichtig und wohlwollend umgeht, überfordert sich weniger, steht für seine Rechte und für seine Bedürfnisse ein und löst sich aus Beziehungen, die schaden. Es verändert auch das Auftreten. Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl werden nicht so leicht zum Spielball von destruktiven Personen, die sie ausnützen wollen.
Wie die neuere Hirnforschung ergab, besitzt der Mensch zwei Arten von Gedächtnis: Das eine ist dem Verstand zugänglich, das zweite wird vor allem von emotionalen Erfahrungen geprägt. Letzteres kann die Stimmungen, die innere Haltung sowie das Lebensgefühl beeinflussen und ist dem Bewusstsein kaum zugänglich. Wenn es vor allem durch unerfreuliche und schwierige Erfahrungen geprägt ist, kann es sich wie ein dunkler Schatten über den Alltag legen.
Allerdings können die belastenden Inhalte nachträglich abgeschwächt und ausgeglichen werden; damit wächst das Vertrauen ins Leben, es steigt die Grundstimmung sowie die Lebensqualität.
Dazu ist es wichtig, immer wieder positive Erlebnisse aufmerksam zu geniessen, etwa ein gutes Gespräch mit Freunden, einen üppig blühenden Garten, einen lauen Sommerabend, eine freundliche Verkäuferin, einen Spaziergang, angenehme Musik, hilfsbereite Nachbarn, das Schnurren einer Katze, ein schmackhaftes Menü und vieles mehr.
Wenn zusätzlich jeden Abend drei wohltuende Erfahrungen aus dem Tagesverlauf notiert werden, verstärkt sich die Wirkung der Selbstbestätigung.
Im Weiteren lohnt es sich, sich über tatsächliche Werte Gedanken zu machen. Via Werbung und Medien entsteht der Eindruck, körperliche Attraktivität, trendige Kleider, Wohneigentum, Luxusferien und dergleichen sorgten für grosses Lebensglück. Wie Forschungen ergeben haben, erreichen jene Menschen die höchsten Werte an dauerhafter Lebenszufriedenheit und Gesundheit, die gut in eine Familie, in ein Wohnquartier, in einen Verein, in eine Sportmannschaft, in eine Kirchgemeinde und Ähnliches integriert sind.
Gerade Menschen, die selbst zu wenig menschliche Qualitäten erlebt haben, entwickeln oft eine besondere Sensibilität dafür, pflegen sie und werden dadurch zu besonders angenehmen Mitmenschen.