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Es gibt wohl kaum einen Autor und keine Schriftstellerin, die sich im Laufe ihres Arbeitslebens nicht Gedanken über das Schreibhandwerk gemacht haben. Am Ursprung stand die streng regelnde Poetik des Philosophen Aristoteles.
Heute haben wir es mit luftigeren Arten zu tun über das Wesen des Schreibens nachzudenken. Der Belgier Jean-Philippe Toussaint (55) ist Romancier und Filmrealisator. Er hat sieben Romane geschrieben, darunter «Das Badezimmer» (1985) sowie «Fliehen» (2005), wofür er mit dem renommierten «Prix Médicis» ausgezeichnet worden ist.
Inspiration eines Luftgeists
Toussaints schriftstellerisches Werk ist von Samuel Beckett «Warten auf Godot» inspiriert. Die Romane charakterisiert ein minimalistischer Stil. Die Figuren und die Handlung verweisen in erster Linie auf sich selbst, während Toussaints Filme sowie sein fotographisches Werk von Filmregisseur Jacques Tati beeinflusst sind.
Toussaint hat seine Schreibtheorie in einen leichtfüssigen Essay gekleidet. Dem arrivierten Autor fallen die Einfälle so wenig zu wie unsereinem, streicht er heraus. Am liebsten wäre Toussaint die Inspiration eines Luftgeists. Einer, der «mit lockerer Hand» über das Papier gleitet. Denn da sei meist keine Souplesse im Spiel. Im Gegenteil: Er sei mitten im Schreibprozess verkrampft und «er müsse sich überwinden, wirklich dranzubleiben.»
Schreiben - eine Ochsentour
Der Aggregatzustand des konzentrierten Schreibens habe etwas «Spartanisches» oder «Mönchisches». Wenn er schreibe, so Toussaint, müsse er denn auch viel schlafen und Alkohol meiden. Die Phasen des konzentrierten Schreibens seien mühsam, schwerfällig – kurz eine Ochsentour.
Toussaint geht es dann wie Franz Kafka, für den der Schreibprozess eine «tour de force», ein Ordnungsakt sondergleichen gewesen ist. Jean Philippe Toussaint erzählt wie er mehrere Male Projekte «fast aufgegeben, sich verrannt und nicht mehr weiter gewusst habe.» Der Belgier stellt sich ein Buchprojekt als «Traum von Stein» vor. Der Traum versinnbildlicht die Kühnheit, das Risiko des Unbekannten, welches der Schriftsteller eingeht. Der Stein verkörpert die Solidität dessen, «was sich kraft der der Arbeit erzeugen lässt.»
Schreibprozess gleicht idealem Tennisspiel
Während des Schreibens, findet Jean Philippe Toussaint, seien stets «zwei augenscheinlich unversöhnliche Dinge» im Spiel. Nämlich «Dringlichkeit und Geduld». Die Dringlichkeit sorgt für den Schwung und das Tempo. Während deren Antagonist die Geduld gleichermassen den Reifeprozess des Schreibprojekts steuert. Die Dringlichkeit ist, wie Toussaint sie versteht, nicht vergleichbar mit der Inspiration. Die Dringlichkeit ist sozusagen die Mutter, welche die Inspiration gebiert. Die Dringlichkeit müsse man sich mit «unendlicher Geduld» erarbeiten.
Im Zusammenspiel von Dringlichkeit und Geduld ist der Schreibprozess einem idealen Tennisspiel vergleichbar, «wo», wie Toussaint es formuliert, «alles stimmt…jedes Bild, jedes Wort…, das man volley genommen und ins Feld zurückgeschlagen hat…», «wo alle diese Elemente im Buch ihren richtigen Platz» finden.
Das Geheimnis liegt in der Balance
Das Fazit von Toussaints Poetik ist von trefflicher Anschaulichkeit. Man könne, bilanziert Schriftsteller Toussaint, man könne die Dringlichkeit noch «schärfen», indem man ihren Druck aufstaue und «wie ein elastisches Band» zurückdämme. Eines Tages öffneten sich «dann die Schleusen»…«das Buch bricht heraus und reisst alles auf seinem Weg mit sich.» Was Toussaint auf die Romanarbeit bezieht, könnte man «tel quel» auf jeden Akt des Schreibens übertragen. Wer Gedanken zum schriftlichen Ausdruck verhelfen sollte, ist also gut beraten, die Balance zwischen der Dringlichkeit und der Geduld nicht aus den Augen zu verlieren.
Buchhinweis
Jean-Philippe Toussaint: «Die Dringlichkeit und die Geduld». Frankfurter Verlagsanstalt, 2012.