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ITFS & FMX
30. April bis 5. Mai 2019
Eine Postkarte von Christian Gasser
ARTE TV
Wie erzählt man Geschichten in VR und/oder 360°? Oder besser: Wie erzählt man sie nicht? Ein paar Stunden vor Jan Pinkavas anregenden Ausführungen zu den VR-Shows von “Google Spotlight Stories” präsentierte der französisch-deutsche Kultursender ARTE seine “VR Cinema Highlights”.
Es war eine ausgesprochen lehrreiche Stunde, da die vier präsentierten Filme so gut wie alle Fehler machten, zu denen das 360°-Kino verführen kann. Fehler Nummer eins: Von VR sprechen und ausschliesslich 360°-Filme (linear, ohne Interaktivität) zeigen.
Das erstaunt: Von einem ansonsten qualitativ hochkarätigen Fernsehsender mit genügend finanziellen Mitteln hätte man Besseres und Innovativeres erwarten können.
Die vier Filme: Ein Reenactment der Vernichtung Pompejis durch den Ausbruch des Vesuvs; ein Besuch in der Höhle von Chauvet; eine Reportage über die Rebellen aus den südsudanesischen Nuba-Bergen und “Das totale Tanztheater”.
Ich werde jedes Projekt stichwortartig unter den Gesichtspunkten anschauen, die meines Erachtens schlecht oder gar nicht funktionierten.
1. Die Zerstörung von Pompeji, 79 n. Chr.
Absicht:
_Wir sollen die Zerstörung Pompejis aus der Perspektive seiner Bewohnerinnen und Bewohner erleben.
Perspektive:
_Der Film beginnt mit einem (Achtung: 360°-Klischee!) spektakulären Vogelflug über das antike Pompeji; der Vogel landet und scheint sich in einen Menschen zu verwandeln. In wen? Es dauert lange, bis wir begreifen, dass wir die Tochter des Protagonisten sind.
_Nach der Zerstörung Pompejis liegen wir unter Trümmer. Der schattenhafte Vater räumt die Trümmer weg, und schon stehen wir wieder. Problematisch ist, dass wir die Trümmer nicht spüren, weder ihr Gewicht, noch unsere Schmerzen. Der Vater hantiert mit ihnen wie mit Mikadostäbchen. Die fehlende Physik, die fehlende körperliche Wahrnehmung zerstört jegliche Illusion von Immersion schon im Ansatz; sie macht die Situation unfreiwillig lächerlich.
Acting:
_Das Acting ist erschreckend schlecht. Die Menschen, im Gegenlicht gefilmt, sehen aus wie Schatten, und ihre Körpersprache ist völlig übertrieben, künstlich, unglaubwürdig. Bis zum Schluss des Films wusste ich nicht: Sind die Figuren schlechte Schauspieler oder schlecht animiert?
_Womöglich noch schlechter in seinem Pathos ist das Voice-Acting.
Inhalt/Story:
_Der Film weiss nicht, was er sein will: Ein dokumentarisches Reenactment? Eine historische Betrachtung? Ein Action-Spektakel?
_Inhaltlich vermittelt die dünne und in keinem Moment überraschende Story nichts Neues oder Interessantes – nicht viel mehr als die ersten drei Zeilen des Wikipedia-Artikels zum Thema.
Die Balance der Mittel:
_Das Zuviel an Mitteln, Effekten, Dramatik etc. ist ein Problem, das man in 360°-Filmen immer wieder beobachten kann. Der Umstand, dass wir in einem 360°-Film mitten im Geschehen sind, bedeutet per se eine starke Emotionalisierung der Story/Situation.
Wird diese Emotionalisierung zusätzlich durch eine action- und effektbetonte Dramaturgie, durch überdramatische Musik, durch pathetisches Voice-Acting, durch unnötige, spektakuläre Kamerabewegungen verstärkt, neutralisieren sich die Mittel.
Das Resultat: Ein kurzfristig sättigender Big Mac statt ein klug zusammengestelltes, geschmackreiches Menu.
2. Die Höhlen von Chauvet
Für eine Erfahrung wie den Besuch einer für ihre prähistorischen Malereien berühmte Höhle sollten sich VR und 360°-Kino bestens eignen, möchte man meinen. Das trifft vermutlich auch zu – wenn diese Erfahrungen gut gemacht sind. Artes Einladung in die Höhle von Chauvet indes ist ein Musterbeispiel dafür, wie man solche Dokus besser nicht macht …
Perspektive:
Eine Journalistin führt uns durch die Höhle. Sie spricht uns direkt an, höflich hören wir ihr zu. Und fragen uns, wo denn die Höhlenmalereien sind. Bis wir merken, dass wir uns unhöflicherweise von unserer Führerin abwenden sollen. Die Blickführung des Publikums ist etwas unglücklich.
360° oder 180°:
Bei 360° ist man zwar mittendrin, kommt aber nicht näher ran. Jedenfalls in diesem Film. Wir bleiben immer weit von den Bildern entfernt, sehen sie in halbtotalen und halbnahen Einstellungen. Details und Detailaufnahmen? Fehlanzeige. Dabei möchte man doch möglichst nahe ran, diese wunderbaren Bilder im Detail sehen, ihre Materialität bestaunen.
Qualitativ hochwertige Reproduktionen auf Papier, die auch Ausschnitte und Vergrösserungen zeigen, sind interessanter – und paradoxerweise auch immersiver.
Bildqualität:
Woran liegt es, dass die Bildqualität in diesen Filmen so schlecht ist? Im Halbdunkel der Höhle wird die Bildqualität zum echten Problem – und ist dem Gefühl der Nähe und der Immersion abträglich.
Inhalt:
Oberflächlich. Nichts Neues, nichts wirklich Interessantes. Der Film macht – wie der Film über Pompeji – den Irrtum zu glauben, die “neue” Technologie mache den Film allein schon interessant, so dass man auf Inhalte getrost verzichten könne …
3. Die Rebellen in den südsudanesischen Nuba-Bergen
Filmgenre/Perspektive:
_Der Film gibt sich aus als Dokumentarfilm, ist aber ein Propagandafilm. Wie der Pompeji-Film entscheidet sich der Film nie, ob er ein Dokumentarfilm sein will oder die immersive Erfahrung des Lebens in diesen Rebellendörfern.
_Journalismus setzt eine gewisse Distanz voraus, sowohl auf der Macher-, als auch der Rezipientenseite. Die fehlt hier wegen der erschreckend einseitigen Berichterstattung völlig. Fast erwartet man am Schluss des Films die Einblendung eines Spendenkontos.
_Die Emotionalisierung durch die 360°-Technologie wird noch verstärkt durch laute, tendenziell dramatisierende Musik. Extradiegetische Musik ist im Dokumentarfilm immer heikel; im 360°-Film verstärkt sie das emotionalisierte Bild zusätzlich auf ungute Weise.
_Die Musik widerspricht aber auch der Immersion: Wären wir tatsächlich mitten in dieser Gemeinschaft – würden wir diese Musik hören? Nein, natürlich nicht …
_Auch in diesem Film stimmte die Balance zwischen den Elementen nicht; dieses “mit alles” war schlicht zuviel. Man hat nun mal dieses Spielzeug, und man will möglichst alle Möglichkeiten nutzen – statt sich zu fragen, welche seiner Möglichkeiten der Absicht des Films wirklich dienlich sind. So würde man dieses Big-Mac-Gefühl vermeiden, diese Aufblähung von Effekten, Redudanzen und Klischees.
_Immersion im Südsudan?
Mir persönlich reicht es, ein Beobachter zu sein. Mitten in dieser Gemeinschaft zu stehen, empfinde ich als unangenehm: Ich komme mir vor wie ein Eindringling. Spätestens vor dem nächsten Bombenangriff bin ich ja wieder zuhause in Sicherheit …
4. Das totale Tanztheater
_Schlecht animierte Tänzerinnen und Tänzer in einem gigantischen Raum; das Ganze wirkte wie eine Kreuzung aus den gigantomanischen Visionen des Filmregisseurs Fritz Lang, Hitlers Architekten Alfred Speer und dem Bauhaus.
Ein paar Anmerkungen zum Schluss
Diese ARTE-Filme erinnerten mich an die Kuppeln, die in den 1980er Jahren auf den Jahrmärkten herumstanden und dem Publikum spektakuläres prä-360°-Erfahrungen boten: Motorräder, die auf Haarnadelkurven Berge rauf- und runterrasten; Flugzeuge, die knapp über unsere Köpfe hinwegflogen.
Sie lassen mich auch an den Film um 1900 denken, als die Filme noch als Showblock im Vaudeville gezeigt wurden, zwischen den Darbietungen von Jongleuren, Tänzerinnen, Kunstfurzern, Komikern und Zauberkünstlern. Das war der Film noch als Spektakel, als “wow! schaut mal her, die Bilder bewegen sich!” Das genügte auch in den ersten paar Jahren, doch hätte der Film nach 1900 nicht sehr rasch seine Sprache und seine Geschichten vergessen, er wäre bald wieder verschwunden.
In dieser “Wow!”- und “Geil!”-Phase befindet sich das Gros der VR- und 360°-Filme heute noch. Sie wirken wie Showreels für die technischen Möglichkeiten dieser nicht mehr ganz so neuen Technologie, die ausserdem in verblüffend vielen Produktionen noch immer erstaunlich falsch eingesetzt werden. Es wäre aber dringend notwendig, dass VR und 360°-Film ihre Sprache(n) endlich finden.
Christian Gasser