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Vor ein paar Wochen, an einem sonnigen Spätsommertag in London, ein Streifzug durch das West End und vorbei am Wyndhams Theatre, das sich auf eine neue Spielzeit vorbereitet. Den Weg der Passantinnen und Passanten säumen Plakate, auf denen zu lesen ist: »Living with uncertainty might just be the start of the most remarkable adventure.«
Daneben abgebildet die Portraits eines älteren Mannes und einer etwas jüngeren Frau, offensichtlich die Hauptdarstellerin und der Hauptdarsteller des Stücks »Heisenberg – The Uncertainty Principle« von Simon Stephens, Teil des Bühnenprogramms in der Saison Herbst/Winter 2017/18. Unsicherheit und Heisenberg – das passt zusammen. Der deutsche Wissenschaftler zählt zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts und hat mit seiner Lebensgeschichte durchaus die Würdigung in einem Theaterstück verdient.
Mit dem Nobelpreis prämiert, trägt eine der wegweisenden physikalischen Erkenntnisse des vergangenen Jahrhunderts seinen Namen: Die Heisenbergsche Unschärferelation. Aufgrund der These, dass Teilchen auch immer einen Wellencharakter besitzen, besagt jene im Zusammenhang mit der Quantenphysik stark vereinfacht, dass es nicht möglich ist, zwei komplementäre Eigenschaften zum Beispiel eines Elektrons beliebig genau zu bestimmen. So lassen sich Teilchen zum Beispiel räumlich zuordnen, aber nicht den genauen Ort zu berechnen. Gleichzeitig fragen die Forschungsergebnisse von Heisenberg auch an, ob das Messen selbst einen bestimmten Einfluss auf die konkreten Ergebnisse hat.
Theorien wie diese stellen nach der sogenannten Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik nicht grundsätzlich klassische wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien in Frage. Sie machen jedoch darauf aufmerksam, dass es Bereiche gibt, in denen aufgrund chaotischer Bedingungen nur begrenzte Vorhersagen machbar sind und dass diese unter bestimmten Voraussetzungen sogar »indeterministisch« ergänzt werden müssen. Eine begründete Unsicherheit war damit zurückgekehrt in den Wissenschaftsbetrieb.
Spätestens seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war das wissenschaftliche Arbeiten und Forschen mehr und mehr geprägt durch die Verbreitung des Computers. Es entstand ein Metadiskurs, der die Frage in den Raum stellt, inwieweit künstliche Intelligenz das wissenschaftliche Arbeiten verändert; ob mit dem Nutzen erhöhter digitaler Speicherkapazitäten und sich rasant entwickelnder Rechenleistungen das Forschen einfacher, schneller, genauer wird bzw. geworden ist. Die Erfahrung, dass auch trotz der stetigen Weiterentwicklung digitaler Rechensysteme das wissenschaftliches Arbeiten immer wieder an den Rand entsprechender Kapazitäten stößt und dass es weiterhin Sachverhalte gibt, die sich nicht berechnen, voraussagen und erklären lassen, brachte unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie zum Beispiel die Biologie, die Physik, aber auch die Ökonomie dazu, das Phänomen der Komplexität, der Unsicherheit und der Unschärfe genauer in den Blick zu nehmen. Was zunächst als Forschung im Bereich »dynamischer Systeme« begann, wurde ab den 70er Jahren unter dem Begriff der »Chaostheorie« zusammengefasst. Dabei wurde deutlich, dass die Fragen nach Komplexität nicht nur fachübergreifend sind, sondern, dass ein gemeinsames
Forschen an Metathemen möglich ist und die Diskurse wechselseitig bereichert. Es sind vor allem Alltagsphänomene, die zeigen, dass sich nicht alles vorherbestimmen und dementsprechend steuern lässt – auch nicht mit einer größeren Rechenkapazität und einer verbesserten Technik. Es gelangen wieder Bereiche mit alltäglichen Maßstäben in den Fokus der Forschung: Wolken, nicht Galaxien, Vogelschwärme, nicht Quantenphysik stehen im Zentrum der Chaosforschung.
Die skizzierte Erfahrung in anderen Wissenschaften stellt auch im Bereich der Theologie Anfragen. Dort ist die Chaosforschung bislang nur Thema in einzelnen Diskursen, wie zum Beispiel in der dogmatischen und anthropologischen Frage nach der Freiheit des Menschen oder in kosmologischen Bezügen wie schöpfungstheologischen Diskursen. Doch was kann Chaostheorie für die Theologie als solche und für die Praktische Theologie im Besonderen bedeuten? Welchen Mehrwert haben Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Komplexität in der Reflexion kirchlicher Vollzüge, Rollen und Systeme? Was hat die Organisation eines Vogelschwarms mit der Leitung eines Bistums zu tun? Existieren zum Beispiel in der Arbeit mit Erkenntnissen aus der Milieuforschung und Zielgruppenorientierung vergleichbare Erfahrungen einer Unschärfe? Ist es nicht auch eine derzeitige Erfahrung, dass trotz erheblicher und verstärkter Bemühungen und trotz erhöhten Einsatzes und der Weiterentwicklung unterschiedlicher Instrumente der Kirchenentwicklung Grenzen des Machbaren, Veränderbaren und Verstehbaren erreicht werden? Aber auch: An welcher Stelle gelingt es, Metathemen zu erarbeiten, die Alltägliches einer Gesellschaft beleuchten und Kooperationen mit anderen wissenschaftlichen Bereichen ermöglichen?
Zurück in Deutschland recherchiere ich das Theaterstück aus London. Wie kommt man auf die Idee, die Geschichte eines Naturwissenschaftlers auf die Bühne zu bringen, und wovon handelt »Heisenberg« konkret?
Ich finde ein Video, welches die Regisseurin des Stücks in einem Interview zu Wort kommen lässt. Für sie bilden die Erkenntnisse der Unschärferelation eine Metapher, die zeigt, wie das Beziehungsgeschehen von Menschen funktioniert. Ich suche weiter und finde Zitate aus einer deutschen Übersetzung des Stückes. Zum Beispiel eines von Georgie, der weiblichen Hauptrolle. Im Stück deutet sie die Thesen Heisenbergs: »Wenn man etwas intensiv genug beobachtet, begreift man, dass man unmöglich sagen kann, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt. [...] Wenn man darauf achtet, wohin es sich bewegt oder wie schnell, dann beobachtet man es nicht mehr richtig.«
Diese Anstöße lassen mich fragen: Wie sieht eine Theologie aus, die intensiv beobachten und sagen kann, dass es unmöglich ist zu wissen, wohin es geht? Eine Theologie, die sich ihrer Unschärfe bewusst ist. Eine Theologie, die reflektiert mit Erkenntnissen der Chaosforschung und Komplexität umgeht, und zwar nicht nur als Objekt der Forschung, sondern auch in Bezug auf ihren modus operandi? Eine solche „unscharfe Theologieȃ stellt theologische Grundlagen und Fundamente zwar nicht in Frage, rechnet aber mit dem, was sich nicht berechnen lässt – und zwar auch über ihr Selbstverständnis als »Theo-logie« des Unsagbaren hinaus. Sie ist eine Theologie, die aus dem Chaos ihre Mission bezieht. Eine Theologie, bei der Unsicherheit zum Prinzip gehört. Unsicherheiten wie die einer Schöpfung, einer Inkarnation, eines Kreuzestods, einer Auferstehung. Pfingstliche Unsicherheiten. Unsicherheiten, die der theologischen Rede vom Heiligen Geist Tiefenunschärfe verleihen. Ich finde ein weiteres Zitat, bei dem diesmal der Autor Simon Stephens die Grundmomente seines Stücks zusammenfasst: „Wenn du nicht weiß, was um dich herum, in deinem Leben gerade passiert, ist das nicht schlimm. Am Leben zu sein, Mensch zu sein ist davon geprägt, von Unsicherheit elektrisiert zu werden. Und: Als Menschen können wir einander stärken und Unterstützung sein.«
»Heisenberg«, das Theaterstück, handelt nicht, wie man meinen könnte, vom Leben und Wirken des Physikers. »Heisenberg« ist eine Tragikomödie, die beschreibt, wie zwei Menschen, ein älterer Mann und eine etwas jüngere Frau, sich zufällig und unter bemerkenswert komischen Bedingungen in einer Londoner U-Bahn-Station kennenlernen, immer wieder begegnen und mit der Zeit ineinander verlieben. »Heisenberg« beschreibt das alltägliche Leben, beobachtet zwei Menschen und erzählt davon, wie sie sich in Zerbrechlichkeit, in Unsicherheit und Chaos gegenseitig Stärke und Unterstützung werden. Wie sieht eine »unscharfe Theologie« aus, die sich von Unsicherheit elektrisieren lässt? Eine Theologie, die als Teil einer Gesellschaft deren Menschen Stärke und Unterstützung vermittelt? Wie sähe eine von einer derart unscharfen Theologie geprägte Kirche aus, in der eine Gesellschaft wie zum Beispiel die deutsche lernt, vertrauensvoll mit Unsicherheiten umzugehen? Eine Kirche, in der man lernen kann, den Umgang mit Unschärfe als gemeinsame Aufgabe zu begreifen, vielleicht sogar Spaß und Lust daran zu gewinnen, kreativ mit Herausforderungen
umzugehen? Wie sieht sie aus, die »unscharfe Theologie« für eine Kirche, die Unsicherheit und das Chaos als den Beginn eines bemerkenswerten Abenteuers (wieder) begreift?