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REINHARD SALLER: Die reflektierte Komplementärmedizin ist ein Teil der modernen Medizin. Einerseits wird sie von den Patientinnen und Patienten gewünscht, andererseits kann die Pflanzenheilkunde, mit der ich mich hauptsächlich beschäftige, dazu beitragen, beispielsweise bei Tumorbehandlungen die Menschen «im Leben zu halten» wie ich es nenne. Das heisst, wir helfen ihnen, die Belastungen zu bewältigen, die durch die Behandlung entstehen. Man sollte das nicht unterschätzen: Mittlerweile hat die Komplementärmedizin ein grosses therapeutisches Potenzial.
Welches sind die Stärken von komplementärmedizinischen Behandlungsmethoden?
SALLER: Im Moment haben wir einen Schwerpunkt bei der Betreuung von tumorkranken Menschen. Da ist es wichtig, auf die Vorstellungen der Patientinnen und Patienten einzugehen und es ist wichtig, dass die Behandlung eine spürbare Wirkung hat. Dabei geht es um Beschwerden, die bei einer Tumorbehandlung auftreten können oder Begleiterkrankungen. Ein weiterer Punkt ist eine Art Entgiftung nach einer Chemotherapie. Es gibt eine Reihe von pflanzlichen Zubereitungen, die den Abbau und die Ausscheidung von Giftstoffen fördern.
Die Wirkung komplementärmedizinischer Methoden wird immer wieder in Frage gestellt. Einer der schärfsten Kritiker der Komplementärmedizin ist der britische Komplementärmedizin-Professor Edzard Ernst. Er hat etwa homöopathische Präparate mit schulmedizinischen Methoden auf deren Wirkung untersucht. Resultat: Die Wirkung entsprach der eines Placebos. Was ist von solchen Tests zu halten?
SALLER: Ich kenne Ernst seit 30 Jahren. Er bezeichnet sich selbst mitunter als grössten Komplementärmediziner. Aber er betreut, soviel ich weiss, keine Patienten. Er hat eine Studie zur Anwendung der Homöopathie bei Warzen gemacht, nicht gerade der Hauptanwendungsbereich der Homöopathie. Ernst ist vor allem ein Sekundärverwerter von Studien, die andere Forschungsgruppen durchgeführt haben. Deshalb würde ich seine pauschalen Aussagen mit Vorsicht geniessen.
Ein Problem bei der Kontroverse um die Wirkung der Homöopathie ist, dass es dazu eine sehr heterogene Forschung gibt. Einerseits weist Versorgungsforschung auf einen Nutzen homöopathischer Behandlungen hin, andererseits werden Qualität und Ergebnisse randomisierter Studien ausserordentlich kontrovers diskutiert. Deshalb ist die Frage, ob man Homöopathie anwenden soll oder nicht, wissenschaftlich nicht eindeutig beantwortet. Auf jeden Fall birgt eine homöopathische Behandlung für die Patienten kein Risiko.
Das erstaunt nicht, weil sie ja ohnehin keine Wirkung hat.
SALLER: Dass Homöopathie keine Wirkung hat, trifft nicht zu. Die Frage ist, wie stark die Wirkung ist. Dreissig bis vierzig Prozent der Bevölkerung berichten, dass homöopathische Behandlungen bei ihnen gewirkt haben. Diese Leute kann man nicht zu völligen Ignoranten erklären. Die Homöopathie hat halt meist nicht den konventionellen Ansatz: Hier die Krankheit, da das Medikament. Sie orientiert sich an der Person beziehungsweise dem Gesamtorganismus und versucht, auf dessen Reaktionsweise Einfluss zu nehmen. Da ist der Patient durchaus auch ein Fachmann.
Trotzdem dreht sich die Diskussion um die objektivierbare Wirksamkeit homöopathischer Medikamente. Ist das nicht sinnvoll?
SALLER: Ich habe noch keine vergleichbare Polemik über eine andere Therapie erlebt, die keine unerwünschten Nebenwirkungen hat und doch einen gewissen Nutzen. Es ist primär eine politische Frage. Wissenschaftliche Detailfragen werden oft vorgeschoben. Wer sollte bestimmen, welche Leistungen von der Krankenkasse bezahlt werden und welche nicht? Eigentlich doch jene, die die Krankenkasseprämien bezahlen. Zumindest sollten sie ein Mitspracherecht haben, wofür diese Prämien ausgegeben werden. Bei der Abstimmung am 17. Mai geht es genau um diesen Punkt.
Wie es im Moment aussieht, stehen die Chancen gut, dass die Komplementärmedizin in Zukunft als Teil des medizinischen Leistungskatalogs anerkannt wird. Das deutet darauf hin, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz und die öffentliche Wahrnehmung der Komplementärmedizin in den letzten Jahren gewandelt haben. Wie erklären Sie sich das?
SALLER: Das Interesse an der Komplementärmedizin hat zugenommen. Viele Patientinnen und Patienten haben mit der Komplementärmedizin gute Erfahrungen gemacht. Die «wissenschaftliche» Argumentation mit der Bundesrat Couchepin die Komplementärmedizin aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung ausschliessen wollte, hat deshalb die Leute vor den Kopf gestossen.
Gehen wir einmal davon aus, dass es am 17. Mai ein klares Bekenntnis zur Komplementärmedizin gibt. Was würde das bedeuten? Wäre es nicht ein klares politische Zeichen, dass mehr Geld in die Ausbildung und Forschung in diesem Bereich investiert werden müsste?
SALLER: Wenn Bund und Kantone die Komplementärmedizin angemessen berücksichtigen wollen, wie es die Vorlage verlangt, dann ist klar, dass an den Universitäten und den Fachhochschulen entsprechende Ausbildungsangebote geschaffen oder erhalten werden müssen. Das heisst, es muss zum Beispiel für Leute mit medizinischer Ausbildung möglich sein, sich im Bereich der Komplementärmedizin weiterzubilden und zu qualifizieren. Eine offene, anspruchsvolle und kritikfähige Weiterbildung zum Arzt mit dem Schwerpunkt Komplementärmedizin wäre sinnvoll. Und es müsste auch eine ärztliche Berufsbezeichnung geben, etwa analog zum Arzt für Naturheilverfahren in Deutschland. Im nicht ärztlichen Bereich ist da bereits Einiges in Bewegung geraten. Es gibt die ersten höheren Fachschulen, die entsprechende Bildungsgänge anbieten. Die moderne Ausbildung zum Heilpraktiker an höheren Fachschulen etwa, gehört zu den besten weltweit.
Was würde ein Nein für die Komplementärmedizin bedeuten?
SALLER: (überlegt) Der ganze Bereich würde drastisch in seiner Professionalisierung gehemmt, es würde weniger qualifizierte Fachleute geben. Das heisst, die Komplementärmedizin würde in ihrer Entwicklung zurückgeworfen. Sie würde aber natürlich weiter existieren. Doch daran möchte ich lieber nicht denken. Man darf nicht vergessen: Es kommen auch viele Verpflichtungen auf die Komplementärmedizin zu, sobald sie ins Krankenversicherungsgesetz aufgenommen wird. Sie wird damit als Teil der modernen Medizin mit spezifischen Stärken und Schwächen anerkannt.
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