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Der Saanebezirk ist das Wirtschaftsschwergewicht des Kantons, der Greyerzbezirk dessen Wirtschaftsmotor. Der Seebezirk ist der Nahrungsmittel-Bezirk, der Sensebezirk tertiärisiert sich, der Broyebezirk verändert sich nur langsam, im Glanebezirk ist der Nespresso-Effekt spürbar, und im Vivisbachbezirk präsentiert sich eine kleine, aber sehr offene Wirtschaft. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Industrie- und Handelskammer (HIKF) und der Freiburger Kantonalbank, die gestern den Medien und den HIKF-Mitgliedern präsentiert wurde. Das Datenmaterial für die Studie mit dem Titel «Das neue Gesicht der Wirtschaft im Kanton Freiburg» wurde vom Institut für angewandte Ökonomie der Universität Lausanne zur Verfügung gestellt. Es war nach 2008 erst das zweite Mal, dass eine solche Studie durchgeführt wurde. Laut dem HIKF-Wirtschaftsberater Philippe Gumy begannen die Arbeiten diesen August und kosteten zwischen 15 000 und 20 000 Franken.
«Die Ergebnisse dieser Studie sind wirklich sehr aufschlussreich für uns», hielt HIKF-Direktorin Chantal Robin vor den Medien fest. «Sie erlauben uns, die Situation 2018 mit derjenigen im Jahr 2008 zu vergleichen.» Wie Gumy anfügte, habe sich in diesen zehn Jahren vieles verändert. Auf Krisenjahre sei ein grosser Fortschritt im Bereich der Digitalisierung gefolgt, welcher die Gesellschaft grundlegend verändert habe.
Der Sensebezirk
Der Sensebezirk zeichnet sich laut der Studie durch eine aussergewöhnlich hohe Konstanz aus. Das solide Wachstum des Bruttoinlandproduktes ist weniger volatil als in anderen Bezirken, obwohl der Sensebezirk seit 2000 den schwächsten Bevölkerungszuwachs des Kantons verzeichnet. Der Primärsektor ist weiterhin robust, zeichnet für drei Prozent der Wertschöpfung verantwortlich und ist damit auf demselben Niveau wie vor 20 Jahren. Anders als der See- oder der Greyerzbezirk weist der Sensebezirk darüber hinaus eine deutliche Tendenz zur Tertiärisierung auf: Der Anteil des Dienstleistungssektors am Bruttoinlandprodukt stieg zwischen 1998 und 2018 von 53 auf 59 Prozent. Die Studie erklärt diese Veränderung durch drei Branchen: erstens die Unternehmensdienstleistungen und die Immobilienbranche, zweitens der Handel und drittens der öffentliche Sektor sowie das Gesundheitswesen. Auch die Tatsache, dass die Industrie im Sensebezirk relative Einbussen verzeichnen musste, lasse sich hauptsächlich mit dem ausgeprägten Wachstum des Dienstleistungssektors begründen. Absolut gesehen bleiben die Volumen der Industrie allerdings konstant, und auch die Branche Maschinen und Ausrüstung, die in einigen Bezirken unter Druck gerät, zeigt weiterhin Stärke. Dazu beigetragen hätten die Investitionen des Materialprüfungs-Unternehmens Comet in Flamatt. Auch der Sektor Chemie könne – angeführt von Sika in Düdingen – sein wesentliches Gewicht beibehalten.
Für dieses Jahr erwartet die Studie im Sensebezirk ein Wachstum, das «nicht über 0,7 Prozent» liege –was unter dem kantonalen und nationalen Durchschnitt liegt. Ein deutlicher Aufschwung sei erst 2021 zu erwarten. Problematisch sei, dass der Sense- zusammen mit dem Vivisbach- und dem Glanebezirk zu den Bezirken mit der schwächsten Produktivität pro Arbeitsstelle gehört. Ein Grund dafür sei die grössere Abhängigkeit von der Landwirtschaft, welche weniger Wertschöpfung generiere als andere Wirtschaftszweige. Auch ruhe die ökonomische Entwicklung im Sensebezirk auf den Schultern einiger wenigen Branchen mit Aktivitäten, die vorwiegend entlang der Autobahn A 12 sowie in Tafers konzentriert seien; mehr Diversifizierung wäre hier wünschenswert, so die Studie.
Der Seebezirk
Das Wirtschaftsgefüge des Seebezirks ist laut der Studie untypisch für den Kanton. Einerseits sei die Baubranche zwar solide verankert, spiele aber keine entscheidende Rolle.
Andererseits ist die Nahrungsmittelindustrie schon lange der unangefochtene Leader, weit vor allen anderen Branchen. Sie ist für 19,4 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich und trägt 46 Prozent zum sekundären Sektor bei. Der Hauptgrund dafür ist laut der Studie die tragende Rolle von Micarna, der landesweiten Nummer eins im Bereich der Fleischverarbeitung, die seit 60 Jahren in Courtepin beheimatet ist.
Der zweitgrösste Industriesektor ist derjenige der Maschinen- und Elektrotechnik, mit führenden Unternehmen wie Johnson Electric, Saia-Burgess, Phonak Communications oder Digi Sens. Die Branche habe wegen des starken Frankens zwar Einbussen verzeichnet, scheine aber den Schock von 2015 überwunden und das Niveau von 2010 wieder erreicht zu haben.
Bei den Dienstleistungen konnte der Detailhandel seine starke Position halten, was insbesondere auf die touristische Anziehungskraft der Stadt Murten zurückzuführen sei. Dies äussere sich zahlenmässig allerdings nicht in der Branche Hotellerie-Restauration, die sich mehr oder weniger auf dem Niveau von 2010 befinde. Die Schliessung des Merlacher «Vieux Manoir» 2014 sei für diese «unterdurchschnittliche Leistung» mitverantwortlich.
Das Wachstum im Seebezirk ist dieses Jahr mit 1,2 Prozent klar rückläufig; es liegt nur halb so hoch wie 2017. Auch hier sollte das Wachstum 2021 wieder anziehen. Die starke Verankerung des Bezirks in der Schweizer Wirtschaft – vor allem durch die Ausrichtung auf einen einzigen Akteur der Lebensmittelindustrie – beschränke die Wachstumsmöglichkeiten.
Die welschen Bezirke
Wenn der Saanebezirk ein Kanton wäre, würde er im nationalen Vergleich auf Rang 19 liegen, noch vor Schaffhausen. Sein nominales Bruttoinlandprodukt ist fast doppelt so gross wie jenes des Kantons Jura. Mit über 80 Prozent Anteil dominiert der Dienstleistungssektor. Vor zehn Jahren waren es noch 77 Prozent gewesen. Aussergewöhnliches Gewicht habe im Saanebezirk die Baubranche. Während sie 2008 nur einen Viertel des sekundären Sektors ausmachte, sind es nun 37 Prozent.
Der Greyerzbezirk ist laut der Studie entgegen dem Klischee kein Landwirtschaftsbezirk, sondern mit einem Anteil von 45,5 Prozent am Bruttoinlandprodukt der am stärksten industrialisierte Bezirk des Kantons. Dieser Anteil ist seit 20 Jahren stabil. In Bezug auf das Wachstum ist der Greyerzbezirk seit 2010 der Spitzenreiter im Kanton.
Die drei kleinen Bezirke im Westen und Süden des Kantons, der Glane-, Broye- und Vivisbachbezirk, bereiten den Verfassern der Studie etwas Kopfzerbrechen. Der Glanebezirk sei der Gefahr einer Desindustrialisierung ausgesetzt, wobei Nespresso alleine die Einbussen der übrigen Branchen nicht kompensieren könne.
Auch der Broyebezirk sei auf die Niederlassung eines neuen Grossunternehmens angewiesen. Die Ergebnisse für diesen «zerstückelten Bezirk» seien aber mit Vorsicht zu beurteilen, heisst es. Denn die Integration der Waadtländer Zentren Payerne und Avenches würde womöglich eine andere Dynamik aufweisen. Der Vivisbachbezirk schliesslich leide vor allem unter seiner geringen Grösse. Die kleine Anzahl der Unternehmen führe zu sehr volatilen Statistiken.
Der Kanton als Ganzes
Die Entwicklung des ganzen Kantons während der letzten zehn Jahre wird in der Studie als gut beurteilt. Das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts betrug zwischen 2010 und 2018 pro Jahr im Schnitt 2,5 Prozent, was klar über dem landesweiten Durchschnitt von 2 Prozent liege. Diese «robuste Zunahme» sei in praktisch sämtlichen Bezirken auszumachen. Einzig der Vivisbachbezirk liege um zwei Zehntelpunkte knapp unter diesem Schnitt, wie es in der Studie heisst.
Reaktionen
Fragestellung der Studie wird in Zweifel gezogen
Der Oberamtmann des Sensebezirks, Manfred Raemy, teilt die Einschätzung seines Bezirks im HIKF-Bericht nicht grundsätzlich. Der Sensebezirk sei ein landwirtschaftlich geprägter Bezirk, der allerdings auch «Perlen im zweiten und dritten Sektor» aufweise. «Wir haben ein deutliches Bevölkerungswachstum, wenn auch auf einem tieferen Niveau als der restliche Kanton», sagt er. «Ich sehe das aber nicht als Nachteil; vielmehr erlaubt dies ein adäquates, planbares Wachstum der Infrastrukturen wie etwa Schulen.» Er würde es begrüssen, wenn der Sensebezirk mehr Arbeitsplätze bieten könnte. «Wir sind mit den Gemeinden zusammen daran, auf dieses Ziel hinzuarbeiten, etwa mit der gemeinsamen, 17 Gemeinden umfassenden Arbeitszone, mit der wir Impulse setzen und weitere Unternehmen ansiedeln wollen», so Raemy.
Der Oberamtmann des Seebezirks, Daniel Lehmann, gibt zu bedenken: «Wir sind der Auffassung, dass wir eine sehr diversifizierte Wirtschaftsstruktur haben.» Wenn man aber einen Betrieb von der Grösse der Micarna habe, sei es klar, dass dieser statistisch dominiere. Das heisse aber nicht, dass die Wirtschaft als Ganzes im Seebezirk viel vielfältiger sei. Sehr stark seien auch der Gemüse- und der Weinbau sowie der Dienstleistungsbereich.
«Sicht verfälschen»
Im Übrigen ziehen sowohl Raemy als auch Lehmann die Fragestellung der Studie in Zweifel. Es sei fragwürdig, inwiefern sich solche ökonomischen Parameter in der heutigen vernetzten Zeit der Pendler überhaupt auf die Verwaltungseinheit Bezirk herunterbrechen liessen. «Einzelne markante Elemente können da die ganze Sicht verfälschen», so Lehmann.
Zahlen und Fakten
Der Greyerzbezirk ist der Wirtschaftsmotor
Das nominale Bruttoinlandprodukt (BIP) des ganzen Kantons Freiburg betrug im Jahr 2018 rund 19,2 Milliarden Franken. Das durchschnittliche Realwachstum von 2010 bis 2018 belief sich auf 2,5 Prozent. Im Jahr 2017 verzeichnete der Kanton 153 309 Arbeitsplätze. Die Wertschöpfung pro Vollzeitstelle betrug 2018 163 000 Franken. Im Saanebezirk betrug das nominale BIP im gleichen Zeitraum rund 9,0 Milliarden Franken, das durchschnittliche Realwachstum 2,4 Prozent pro Jahr, die Anzahl der Arbeitsplätze 68 157 und die Wertschöpfung pro Vollzeitstelle 174 000 Franken. Der Greyerzbezirk konnte ein nominales BIP von rund 3,3 Milliarden Franken, ein durchschnittliches jährliches Realwachstum von 3,6 Prozent, 26 944 Arbeitsplätze und eine Wertschöpfung pro Vollzeitstelle von 157 000 Franken verzeichnen. Im Seebezirk betrug das nominale BIP rund 2,0 Milliarden Franken, das durchschnittliche Realwachstum 2,4 Prozent, die Anzahl der Arbeitsplätze 15 828 und die Wertschöpfung pro Vollzeitstelle 164 000 Franken. Im Sensebezirk war ein nominales BIP von rund 1,8 Milliarden Franken, ein durchschnittliches Realwachstum von 2,3 Prozent, 16 203 Arbeitsplätze und eine Wertschöpfung pro Vollzeitstelle von gerade einmal 146 000 Franken zu verzeichnen. Der Broyebezirk weist ein nominales BIP von rund 1,3 Milliarden Franken, ein durchschnittliches Realwachstum von 2,4 Prozent, 11 029 Arbeitsplätze und eine Wertschöpfung pro Vollzeitstelle von 156 000 Franken auf. Im Glanebezirk betrug das nominale rund BIP 1,0 Milliarden Franken, das durchschnittliche Realwachstum 2,2 Prozent, die Anzahl der Arbeitsplätze 8711 und die Wertschöpfung pro Vollzeitstelle 145 000 Franken. Im Vivisbachbezirk betrug das nominale BIP rund 0,7 Milliarden Franken, das durchschnittliche Realwachstum 1,8 Prozent, die Anzahl der Arbeitsplätze 6437 und die Wertschöpfung pro Vollzeitstelle 143 000 Franken.