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Ende des 19. Jahrhunderts begab sich die junge Waadtländerin Olympe Rittener ganz allein auf eine abenteuerliche Reise nach Russland, um dort als Hauslehrerin und Gouvernante zu arbeiten. Das war aussergewöhnlich in einer Zeit, in der das Leben der Frauen stark von Männern abhing. Ihre epische Reise führte sie bis nach Sibirien.
Man schrieb das Jahr 1883. Olympe Rittener war gerade mal 21 Jahre alt, als sie sich an eine Genfer Agentur für die Vermittlung von Schweizer Lehrerinnen und Gouvernanten ins Ausland wandte. Die junge Waadtländerin wurde gefragt, wo sie am liebsten arbeiten würde. Ihre Antwort: "So weit weg, wie möglich."
Die junge Frau stammte aus einer recht wohlhabenden Familie in Payerne (Kanton Waadt). Sie hatte die Höhere Mädchenschule in Neuenburg besucht und anschliessend die Höhere Töchterschule in Zürich – eine Art Seminar für die Ausbildung von Lehrerinnen.
Somit hatte sie einen der wenigen Berufe erlernt, die damals eine Frau aus einer guten Familie ausüben konnte, ohne ihr Ansehen zu verlieren. Französischsprachige Gouvernanten waren im Ausland wegen ihrer Sprachkenntnisse gefragt.
Dank ihrer Ausbildung und Sprachkenntnisse fand Rittener eine Stelle bei Herrn Kusnezow, einem reichen Goldminenbesitzer in Sibirien. Vor der weiten Reise fürchtete sie sich nicht. Reisen war in ihrer Familie normal. Sie hatte einen Onkel in Paris, einen anderen in Huddersfield in Grossbritannien und einen weiteren in Montevideo.
Weg aus der Schweiz
Die Geschichte von Olympe Rittener ist eine von vielen Geschichten ausgewanderter Schweizer:innen, die ihre Heimat verliessen, um im Ausland zu arbeiten. Erzählt wird diese Geschichte in der Ausstellung "Weg aus der Schweiz"Externer Link (Auswanderungsgeschichten seit 1848), die noch bis April 2022 im Landesmuseum Zürich zu sehen ist.
Tatsächlich hatte die Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine starke Abwanderung verzeichnet. Dann ging die Emigration zurück, bevor es in den Jahren 1880-1890 zu einer neuen Auswanderungswelle kam.
Das zaristische Russland zog ab 1850 vor allem Personen aus der Mittel- und Oberschicht an, die hauptsächlich in Käsereien, im Bildungswesen, im Handel oder in der Industrie tätig waren.
Im Rahmen dieser gesellschaftlichen Entwicklung nahm Olympe Rittener am 25. August 1883 den Zug nach Freiburg, um von dort nach St. Petersburg zu gelangen. Die Bahnfahrt durch Europa verlief reibungslos, und nach drei Tagen erreichte sie das "Venedig des Nordens".
Ein starker Charakter
Dort traf sie den Bruder ihres zukünftigen Arbeitgebers und verlangte von ihm vor der Weiterreise nach Sibirien einen Arbeitsvertrag. Nach langen Diskussionen und mit Hilfe eines in St. Petersburg lebenden Schweizers und des Schweizer Vizekonsuls wurde der Vertrag schliesslich bei einem Notar unterzeichnet.
In dieser Situation zeigte sich bereits die Charakterstärke und der Abenteuergeist der jungen Frau aus Payerne. In einem Brief an ihre Familie schrieb sie: "Wenn er [der Bruder von Herrn Kusnezow] mein Misstrauen erregen sollte, werde ich ihn einfach stehen lassen und alle Hebel in Bewegung setzen, um etwas anderes zu finden. (...) Ich bin indes ruhig und gefasst und sehe den Ereignissen gelassen entgegen. (...) Wenn die Dinge planmässig verlaufen, breche ich am Samstag nach Krasnojarsk auf, ansonsten sehen wir, was passiert, aber ich bin guter Dinge."
Rittener setzte ihre Reise tatsächlich fort. Da es erst wenige Eisenbahnlinien gab, legte sie lange Strecken mit dem Schiff auf Flüssen zurück. Nach 48 Stunden Zugfahrt kam sie in Nischni Nowgorod an. Von dort brachte sie ein Dampfschiff in fünf Tagen über die Wolga nach Perm.
Weiter ging es mit dem Zug in einer Nacht nach Jekaterinburg. Mit der Pferdekutsche erreichte sie in zwei Tagen Tjumen, stieg auf ein weiteres Dampfschiff um, das sie in elf Tagen nach Tomsk brachte. Sie beendete ihre lange Reise mit einer Kutschenfahrt und betrat schliesslich am 2. Oktober 1883 den Boden der sibirischen Stadt Krasnojarsk, gut 3500 Kilometer östlich von Moskau.
Gut bezahlt, aber starkes Heimweh
Die Schweizerin trat ihre Stelle als Gouvernante der zwölfjährigen Alexandrine an, der Tochter der Kusnezows. Sie unterrichtete das Mädchen in Französisch, der Sprache der damaligen russischen Elite, Musik und später auch Deutsch.
Obwohl sie praktisch wie ein Familienmitglied behandelt und gut bezahlt wurde, fehlten Rittener ihre eigenen Angehörigen. "Ja, man ist freundlich zu mir, aber all diese anmutige Höflichkeit ersetzt nicht die Wärme und Intimität der eigenen Familie", schrieb sie.
Auch das eintönige Leben in Sibirien machte ihr zu schaffen. "Hier sieht man so gut wie niemanden, es gibt nur zwei grosse Einladungen im Jahr, zu Weihnachten und zu Ostern", klagte sie in einem ihrer Briefe. Ausserdem sprachen nur wenige Menschen Französisch, und sie musste anfangen, Russisch zu lernen, "was nicht leicht ist".
So machte sie sich nach sieben Jahren treuen Dienstes wieder auf den Weg in Richtung Schweiz. In Russland hatte sie so gut verdient, dass sie nach ihrer Rückkehr in den Kanton Waadt als unverheiratete Frau von ihren Ersparnissen leben konnte.
Sie erteilte jedoch weiterhin Privatunterricht. Bis zu ihrem Lebensende blieb sie in der Stadt Payerne. Auf ihre alten Tage sagte sie über sich selbst, "dass sie nach einer kühnen Jugend das Leben einer Schnecke führte".
Nicht immer rosig
Die Bilanz des Auslandaufenthalts von Rittener war positiv. Allerdings verfügte die junge Frau aus Payerne über günstige Voraussetzungen: Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie und war ausgebildete Lehrerin.
Ihr Schicksal ist keineswegs mit dem aller unverheirateten Frauen vergleichbar, die damals auswanderten. Viele junge Frauen aus armen Familien nahmen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft eine Stelle als einfaches Dienstmädchen an. Einige von ihnen wurden von skrupellosen Männern beruflich und sexuell ausgebeutet.
Zudem erhielten weniger gut ausgebildete Frauen, die nach Russland kamen, häufig miserable Löhne. Viele mussten um finanzielle Unterstützung bitten, wie aus den Jahresberichten der Schweizer Hilfsgesellschaften in Russland hervorgeht.
Es existieren auch Briefe junger Frauen an das Schweizer Generalkonsulat in St. Petersburg, in denen der Konsul gebeten wird, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. In Extremfällen finanzierten Schweizerische Hilfswerke bedürftigen Personen die Rückreise in die Schweiz.
Dieser Artikel entstand anhand eines Hintergrundgesprächs mit Marina Amstad, Kuratorin der Ausstellung Weg aus der SchweizExterner Link. Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich läuft noch bis am 24. April 2022.
(Übertragung aus dem Französischen: Gerhard Lob)
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