Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/306

Erst bei der Lektüre von Roger Greniers Buch “Dans le secret d’une photo” bin ich auf eine mir unbekannte Geschichte rund um die Kameramarke Leica gestossen. In den USA ist sie unter dem Titel “Leica Freedom Train” bekannter als bei uns. Dies obschon es sich durchaus um eine europäische Geschichte handelt. Ernst Leitz (1871-1956) war der Besitzer der in Wetzlar domizilierten Herstellerin der Leica Kameras, die im Jahr 1869 gegründet wurde. Der Sohn des gleichnamigen Gründers des Unternehmens war für seine fortschrittliche Haltung seinen Arbeitnehmern gegenüber bekannt. Unter den Mitarbeitern und Vertretern von Leica fanden sich nicht wenige Juden. Als die Lage für Juden in Deutschland ab 1933 nach der Machtergreifung der Nazis schwierig wurde, erkannte Ernst Leitz die spezielle Situation der Juden, von denen manche ihn um Hilfe baten.
Um ihnen zu helfen, entwickelte Ernst Leitz eine Firmenpolitik, die unter amerikanischen Historikern den Namen „Leica Freedom Train“ erhielt. Leitz liess Mitarbeiter als Instruktoren für Leica Kameras schulen, beantragte Ausreisepapiere für seine Instruktoren und entsandte sie in die USA. Ihre Aufgabe sollte sein, Kamerahändler die Kleinbildkamera näher zu bringen, sie in deren Handhabe zu schulen und sie zum Kauf dieser Kamera zu animieren. Keine leichte Aufgabe, wo manche Mitarbeiter sehr dürftige Englischkenntnisse hatten. Manche Mitarbeiter sandte er in ähnlicher Mission nach Frankreich, England und Hong Kong.
Seine nach Amerika entsandten Mitarbeiter verliessen in New York das Schiff und begaben sich zur USA-Vertretung von Leica in Manhattan, von wo man sie als Arbeitnehmer weiter vermittelte. Die Neuankömmlinge erhielten eine Leica und ein Grundsalär bis sie eine Anstellung finden konnten. Nicht wenige der Leicaflüchtlinge konnten in New York in verschiedenen optischen Betrieben oder in Fotoläden eine Anstellung finden. Höhepunkt der „Leica Freedom Train“ war in den Jahren 1938 und 1939. Insgesamt sollen rund 300 Juden aus Deutschland dank Ernst Leitz gerettet worden sein. Gleichzeitig musste Errnst Leitz’ Firma paradoxerweise für die Wehrmacht optische Geräte herstellen. Ernst Leitz’ Tochter Elsie Kuhn-Leitz wurde von der Gestapo vorübergehend verhaftet als sie versuchte, einer jüdischen Frau den Grenzübertritt in die Schweiz zu ermöglichen. Leitz und seine Tochter wurden nach dem Krieg mehrmals von jüdischen Organisationen in der USA für ihren Mut mit Auszeichnungen geehrt. Die wichtige amerikanische Anti-Defamation-League verlieh Ernst Leitz im Februar 2007 posthum den „Courage to Care Award“.
Nachtrag. Roger Grenier, Schriftsteller und Herausgeber bei den Editions Gallimard in Paris, erwähnt in seinem Buch die Geschichte der «Leica Freedom Train», die zuerst von einem kanadischen Fotografen und Fotohistoriker beschrieben worden ist. Mit einer Veröffentlichung in der Londoner „Financial Times“ Anfang Februar 2007 gewann die Geschichte auch in Europa an Fahrt, nicht zuletzt deshalb, weil Leitz mit Oskar Schindler verglichen wurde, der Ende 1944 rund 800 Juden vor der sicheren Ermordung gerettet hatte. Die Geschichte vom «Guten Mensch von Wetzlar» hat in der Zwischenzeit Unterschlupf n mehreren Zeitungen und Magazinen gefunden. Allerdings, geben Historiker zu verstehen, sei nirgendwo eine Liste der 300 aufgetaucht, gibt es keine wirklichen Beweise für «Leicas Freedom Train», auch wenn Ernst Leitz’ Enkelin eine der höchsten Auszeichnungen des amerikanischen Judentum posthum für ihren Grossvater entgegengenommen hat. Man konstatiert etwas überrascht: Handfeste Beweise für die systematische Fluchthilfe für Juden fehlen. Und doch: So oder so: Si non è vero, è bon trovato.
Eingeworfen am 29.7.2020