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Der verschneite Hang hoch über Les Bugnenets NE ist ein Paradies für Kinder. Der Tellerlift zieht sie den Hügel hinauf, runter gehts im Schuss, passieren kann hier nichts. Es ist der Ort, an dem Didier Cuche Ski fahren gelernt hat und an dem er nun mit Noé, 6, und Amélie, 3, schöne Schwünge übt. Gleich gegenüber, im Restaurant Bonne Auberge, ist Didier Cuche zusammen mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen. Die Eltern waren Chrampfer, betrieben das Restaurant und bewirtschafteten einen Hof. Die drei Buben halfen mit und nutzten im Winter jede freie Minute zwischen Abwaschen und Aufräumen, um die Ski anzuschnallen und auf die nahe Piste zu eilen.
Mit dem Nachbar auf die Skipiste
«Unsere Eltern hatten keine Zeit, mit uns Ski zu fahren. Ich war bereits 19 Jahre alt, als wir erstmals zusammen auf der Piste standen. Das war in Meiringen an den Schweizer Meisterschaften», erinnert sich Cuche. Im Gegensatz zu anderen Skistars wie Lara Gut oder Ivica Kostelić sei er nicht bereits als Kind auf eine Skikarriere vorbereitet worden. Aber ein Nachbar war Skilehrer und hat seiner Mutter offeriert, mit den Buben ab und zu auf die Piste zu gehen. Für Cuche ist aber klar: «Nie käme mir in den Sinn, meine Eltern dafür zu kritisieren, im Gegenteil! Später sind sie oft an die Rennen gekommen», sagt der heute 47-Jährige.
«Man sieht, dass es Noé etwas stört, wenn die Leute in ihm einen Champion sehen»Didier Cuche
Die Karriere von Cuche ist beeindruckend, obwohl ihm zu Beginn der Ruf des ewigen Zweiten anhaftete. Er wurde 2009 Weltmeister, war 21-facher Weltcupsieger, Sportler des Jahres (2009 und 2011) und Schweizer des Jahres (2011). Mit seiner offenen, natürlichen und bescheidenen Art hat er während seiner ganzen Karriere die Fans auf seiner Seite. Geschlagene 17 Jahre war er mit dem Weltcup unterwegs, 2012 trat er zurück. Noch heute hängen im heimatlichen Val-de-Ruz entlang der Strasse Plakate mit dem Ausruf: «Didier, unser Champion!»
«Wir sind einfach von klein an auf die Ski gestanden und haben geübt»
Das Wort Champion fällt auch hier auf der Piste in Les Bugnenets: «O schau, künftige Champions!», rufen die Gäste, sobald sie erkennen, dass der Vater von Noé und Amélie der Skicrack Didier Cuche ist. Das ist zwar verständlich, nur: «Es ist nicht böse gemeint, aber manche sprechen Noé direkt an und prophezeien ihm eine grosse Skikarriere. Man sieht, dass ihn das etwas stört. Er kann schliesslich nichts dafür, der Sohn von Cuche zu sein.» Ihn selber habe der Wettkampfvirus erst mit etwa 16 Jahren gepackt. «Niemand hat mich dazu gezwungen, ich tat es aus reiner Freude am Sport. Aber einen starken Willen, ja, den hatte ich schon.»
Genau das wünscht er sich auch für seine Kinder: dass sie selber wählen, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist. «Von aussen denkt man vielleicht, ich wolle sie zu Skistars machen. Doch das ist überhaupt nicht so, wir sind einfach von klein an auf die Ski gestanden und haben geübt. Ich muss selber sagen: Sie sind schon ziemlich gut.» Cuche glaubt nicht an Vererbung von Talenten. «Ich bin aber überzeugt, dass es wichtig ist, sich zu bewegen, sich zu amüsieren, draussen zu sein.»
«Wenn man Eltern wird, ist man sich nicht bewusst, worauf man sich einlässt»Didier Cuche
Didier Cuche hat keine Starallüren. Der gelernte Metzger ist in den sanften Hügeln des Juras daheim. Hier steht auch sein Haus, versteckt hinter Tannen, da, wo der Weg nicht mehr weitergeht. Auf den Fundamenten eines alten Bauernhauses der Familie Cuche haben er und seine Frau Manuela sich ihr Traumhaus gebaut – ohne Protz, eher etwas wild und heimelig. «Schau», sagt er und zeigt auf ein Reh im Schnee, nur einige Meter entfernt. «Hier sehen wir auch Hasen, Füchse und Wiesel.» Die aktuelle Weltlage hat aber auch die Idylle der Cuches erschüttert. Sie versuchen, den Kindern zu erklären, was passiert. Dass es Menschen gibt, die durch den Krieg alles verloren haben. Daraufhin halfen die Kinder beim Aussortieren und Bereitmachen von Gütern für den Verein Helfen Sie helfen, die der Freundeskreis von Cuche gesammelt hat. Empathie zu vermitteln, ist den Cuches ohnehin wichtig. Abends wird daheim viel vorgelesen, auch Kinderbücher, die die Akzeptanz für andere Menschen und Kulturen zum Thema haben.
Cuches liebster Moment ist der Morgen, dann, wenn sie alle zusammen beim Frühstück sitzen. «In diesen Momenten sind die Kinder ruhig, ganz so, als seien sie noch nicht im vollen Aktivitätsmodus. Das sind Momente voller Zärtlichkeit», sagt der liebevolle Vater. Das Ehepaar Cuche geniesst das sehr, denn «wenn man Eltern wird, ist man sich ja nicht wirklich bewusst, worauf man sich einlässt».
Manuela, die als Ärztin bei der Rega gearbeitet und wegen Didier das Bündnerland gegen den Neuenburger Jura getauscht hat, unterrichtet die Kinder zu Hause. Grund ist die Abgeschiedenheit des Hauses, das sehr schlecht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Nachhaltigkeit ist der Familie wichtig: Gegessen wird lokal, die Hälfte der Energie wird von Fotovoltaik geliefert, die Heizung von einer Wärmepumpe gespeist.
«Morgen holen Sie Gold, oder?»
Die Olympischen Spiele in Peking mit den aussergewöhnlichen Leistungen des Schweizer Skiteams haben Didier Cuche diesen Winter grosse Freude gemacht. Selber hat er 1998 an Olympia in Nagano eine Silbermedaille gewonnen. In Erinnerung geblieben sind ihm aber die Spiele in Vancouver 2010: Angereist war er als grosser Favorit, hatte er doch kurz vorher Kitzbühel gewonnen. Am letzten Training gings hoch zu und her, die Medien rissen sich um ihn. Die Frage: «Morgen holen Sie Gold, oder?»
«Ich verstehe, dass das Ende der Karriere vielen Sportlern zu schaffen macht»Didier Cuche
Mindestens 250-mal in kurzer Zeit habe er dasselbe wiederholen müssen. «Heute würde ich mich anders verhalten, anders vorbereiten», sagt er. Am Tag des Rennens ist er bis zur letzten Zwischenzeit gleich schnell wie der führende Didier Défago, am Schluss wurde er lediglich Sechster, 36 Zentimeter fehlten zum Sieg. «Ich freute mich natürlich für Didier, der Sieg war hochverdient. Aber im Nachhinein würde ich nicht mehr allen Forderungen nachgeben, ich hätte mich vor dem Rennen stärker abgrenzen sollen.»
Der Rücktritt war nicht einfach
Didier Cuche schaut nachdenklich auf seine Familie, sein Haus, die Landschaft. «Der Rücktritt vom Spitzensport war nicht einfach. Es ist, wie wenn man in einem Hochgeschwindigkeitszug mit allem Komfort sitzt und plötzlich an einem unbedeutenden Bahnhof aussteigen muss.» Dort beginne dann das neue Leben. Er verstehe, dass das vielen Sportlerinnen und Sportlern zu schaffen mache. «Ich selber hatte das Glück, dass ich mit 38 Jahren ganz spontan zurücktrat. Ich traf den Entscheid selber und wusste, wie ich mein Leben gestalten wollte. Es war sehr schön, eine Karriere so zu beenden.»