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«Die Liebe in Zeiten der Cholera» heisst der Roman des Kolumbianers Gabriel Garcia Marques (1927-2014), der die Liebe verherrlicht und zugleich zeigt, wie schwierig sie ist. Er beschreibt, wie Termina Daza und Doktor Juvenal Urbino in ihrer mehr als fünfzigjährigen Ehe ein Auf und Ab erleben. Der Roman wurde bejubelt und das Gesamtwerk von Marques mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Nicht in Zeiten der Cholera leben wir, sondern in der Zeit des Corona-Virus, der alle Lebensbereiche stört und das gewohnte, übliche Leben behindert. So wird auch das Zusammenleben und die Kommunikation der Menschen beeinträchtigt. Täglich werden die Menschen, die vom Virus infiziert sind, quantitativ aufgezählt. Die Kurve der Betroffenen schnellt exponentiell in die Höhe. Der Bundesrat verhängte den Notstand über unser Land und appellierte mit Vehemenz, die Vorsichtsmassnahmen zu befolgen. Es herrscht eine diffuse, dunkle Angst und jede und jeder greift sich mehrmals am Tag an den Kopf, um sich zu versichern, dass die Stirne noch nicht heiss geworden ist.
Er kam gerade von einem ausgiebigen und längeren Mittagsmahl nach Hause, als ihm seine Geliebte anrief; sie würde nach Arbeitsschluss noch schnell vorbeikommen. Es gehe um eine Unterschrift für die Annullation der geplanten Osterferien. Oh, er habe ja rote Wangen und einen heissen Kopf. Ob er die Temperatur gemessen habe, wollte sie wissen. Nein, er verdanke den fiebrigen Kopf wohl dem edlen Tropfen, den er und seine Freunde genossen hätten. Er unterzeichnete das Formular und sie rätselten, wann die Ferien nachzuholen wohl möglich werden würde. Er versuchte, sich ihr zu nähern. Sie hielt auf Distanz. «Zwei Meter Abstand, mein Lieber, auf Befehl des Bundesrats.» Er verdrehte die Augen, als ob sie sagen wollten, die Ordre geht mich nichts an. Sie nahm sehr ernst, was der Bundesrat empfohlen hatte. «Wir werden uns wiedersehen und Du hast zu tun.» Entschieden zu gehen, hatte sie wohl schon vorher, denn sie kannte ihren Schlawiner nur zu gut. Sie verabschiedete sich mit einem angedeuteten Kuss. Er warf sich nun halt weder als Dionysos noch als Eros auf den Sessel und sinnierte über die Liebe in der Zeit der Corona-Viren.
Manch einer komme, dachte er, auf die alte wunderbar konservative Lösung und sage, es bewähre sich, wenn man seiner Partnerin oder dem Partner treu sei. Er erinnerte sich an den wunderbaren Philosophen Badiou (1927-2019), der die Durée der Liebe beschreibt, die über die Gegenwart hinausgeht. Er gab seiner Geliebten Recht, dass sie die mögliche Gefahr mied und konsequent handelte. In unserer offenen, in gewisser Weise libertären Gesellschaft habe das Virus die Macht, die schleichende Orientierungslosigkeit und Unsicherheit noch zu verstärken. Die Selbstverantwortung, an die der Bundesrat appellierte, gelte auch in der Liebe, man brauche sie nicht mit Moralin unerträglich zu überladen. Er rief sie abends noch an und sie einigten sich, am Sonntag eine Wanderung zu unternehmen.
Zufrieden nun las er den Artikel des Philosophen Slavoj Zizek in der NZZ, dass der Mensch nach der Corona-Krise nicht mehr derselbe sein werde wie vorher. Er zog die Behauptung Zizeks in Zweifel. Er hasste diese Art von Behauptungen mit «nicht mehr» oder gar mit «nie mehr». Er stimmte aber dem Philosophen zu, dass der Mensch zumindest spüre, dass er weniger souverän sei, als er denke. Die Klimakatastrophe, die sich schleichend abzeichne, habe seine Beziehung zur Freundin im Gegensatz zum Virus in keiner Weise beeinträchtigt. Die Klimaänderung, die er sehr ernst nahm, behindere die Spontaneität des Eros in keiner Weise. Man könne im Wald dennoch auf einem bemoosten Platz hocken und den Wildwechsel beobachten.