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Beinahe wäre Gottlieb Suhner als Jugendlicher verstorben – und die Geschichte der Ostschweiz wäre eine andere gewesen. Mit neunzehn Jahren erkrankt Suhner 1862 in Wien an Typhus – über 500 Kilometer trennen sein Krankenbett von seinem Zuhause im Appenzell. «Ich war am Rande meines Grabes!», wird er sich 56 Jahre später in seinen Memoiren erinnern.
Seit dreieinhalb Jahren befindet sich der junge Mechaniker auf der Walz, der Wanderschaft für Gesellen. Er hat in Bern, Morges und Glarus gearbeitet, Mailand, Venedig und Triest besucht. In Wien findet er schliesslich Arbeit – die Donaustadt wird die letzte Station seiner Wanderschaft sein. Suhner schrammt am Typhus-Tod vorbei, erholt sich nach vier Wochen mit hohem Fieber – und nimmt die Arbeit in einer Wiener Fabrik wieder auf, um die Arztkosten zu bezahlen. Doch nach kurzer Zeit wird ihm und vielen anderen Arbeitern gekündigt: zu wenig Arbeit. Gottlieb Suhner verkauft seine Uhr und reist mit dem Erlös wieder nach Hause. Am Neujahrstag 1863 kommt er bei seiner Mutter in Hundwil im Kanton Appenzell Ausserrhoden an. Gottlieb Suhner ist wieder in seiner Heimat – und an dem Ort, an dem er Industriegeschichte schreiben wird.
Bereits zu diesem Zeitpunkt schaut Gottlieb Suhner zurück auf ein turbulentes Leben. Seine Kindheit war hart: 1842 kam er in Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden auf die Welt. Als er zwölf Jahre alt war, musste die Familie den kleinen Hof verlassen, auf dem er aufgewachsen war. Der Vater kam ins Armenhaus, wo er nach kurzer Zeit starb. Die Mutter suchte eine Wohnung für sich allein und Gottlieb Suhner wurde ins Waisenhaus in Urnäsch abgeschoben. Dort lernte er das Plattstichweben und entdeckte seine Faszination für Maschinen und Apparate. So begann er mit dreizehn Jahren eine Lehre als Mechaniker.
In seiner dreijährigen Ausbildung war Suhner vor allem mit der Herstellung von Plattstichplatten für Webstühle beschäftigt. Er bewies Talent, wurde vom Lehrmeister Strickler geschätzt und bei aussergewöhnlichen Arbeiten gar in die Entscheidungsfindung einbezogen. Nach dem Lehrabschluss blieb er noch einige Monate als Geselle in der Werkstatt, um sich 1859, einen Tag nach seiner Konfirmation, auf die Wanderschaft zu begeben.
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Nach seiner Rückkehr von Wien, immer noch vom Typhus geschwächt, hat Suhner gründlich genug vom Leben in der Ferne: «Meine Reise- und Wanderlust war vollständig verschwunden. Drei und ein halbes Jahr war ich in der Fremde, nun hatte ich genug und machte Schluss mit dem Wanderleben», schreibt er dazu in seinen Memoiren. Er wird sesshaft und heiratet mit 22 Jahren die Tochter seines Vermieters, des Schreinermeisters Signer, mit der er zwei Söhne haben wird.
Bald schon richtet Suhner in Herisau eine eigene Werkstatt ein. Einen Grossteil der Werkzeuge sowie eine Drehbank stellt er selbst her, Amboss und Schraubstock leiht er sich aus. Er beginnt, Komponenten für Webstühle und Stickerei-Maschinen herzustellen – die Textilindustrie dominiert das Appenzellerland im späten 19. Jahrhundert. Schon damals fasst Suhner seinen Grundsatz, der ihn sein ganzes Geschäftsleben leiten wird: «Nur das Beste ist gut genug».
Seine hochwertigen Produkte verschaffen ihm bald schon einen guten Ruf. Kann einer nicht zahlen, akzeptiert Suhner stattdessen auch Stickmaschinen als Zahlung. Er stellt sie in seiner Werkstatt auf und tüftelt daran herum. Durch seinen Erfindergeist und sein handwerkliches Geschick gelingen ihm immer wieder Verbesserungen an den Maschinen. Er arbeitet unermüdlich, entwickelt bessere Teilchen und opfert dafür seine Nachtruhe. Bald produziert er Apparat um Apparat. Aufgrund der hohen Arbeitslast stellt er erste Angestellte ein.
Für seine Arbeiter ist Suhner ein Patron durch und durch. Er bietet ihnen Arbeiterwohnungen in Herisau. Und immer, wenn wieder tausend Maschinen hergestellt sind, unternimmt er mit der gesamten Belegschaft einen Ausflug.
Gottlieb Suhners Werkstatt wird zur ersten Adresse der Appenzeller Textilindustrie – doch Ende des Jahrhunderts beginnt diese, zu kriseln. Suhner reagiert sofort: 1892 kauft er in Basel eine Fabrik, die Kupferdrähte herstellt, und verlegt sie samt Belegschaft und den ganzen Lagerbeständen nach Herisau. Statt Stickmaschinen stellt er in seiner Halle nun Umspinnmaschinen auf, die Kupferdrähte mit Wolle umspinnen, und so Kabel herstellen. Doch auch hier ist er mit der bestehenden Technik nicht zufrieden. Kurzerhand entwirft er neue Maschinen. Und so schafft es Suhner, nach zwei Geschäftsjahren in den roten Zahlen, mit seinen Maschinen wieder rentabel zu werden – und das in einem völlig neuen Geschäftszweig, der Kabelproduktion.
Hauptabnehmer für seine Kabel ist das Schweizer Elektrotechnik-Unternehmen Brown, Boveri & Cie. in Baden, die heutige ABB. Diese bietet gar an, Suhners Fabrik aufzukaufen. Doch um seine Unabhängigkeit zu wahren, lehnt er ab. Um der BBC doch entgegenzukommen gründet Suhner 1896 eine zweite, eigenständige Kabelfabrik in Brugg AG, die heute noch als Brugg Cables existiert. Mittlerweile beschäftigt Suhner rund 80 Angestellte und ist einer der wichtigsten Industriellen der Ostschweiz.
Sein Erfolg macht ihn zu einem der ersten Herisauer Autobesitzer: stolz fährt er es aus und präsentiert es. 1906 zieht er sich aus dem Unternehmen zurück und zieht mit seiner zweiten Frau in sein selbstgebautes Haus in Küsnacht im Kanton Zürich. Dort geniesst er zwölf Jahre Ruhestand. Das Werkeln kann er aber nicht lassen – mit fatalen Folgen: Mit 76 Jahren stirbt Gottlieb Suhner 1918 bei einem Heimwerker-Unfall.
Die Leitung seiner zwei Firmen, der Suhner & Co. in Herisau und derjenigen in Brugg AG, haben unterdessen die Söhne übernommen. Diese wirtschaften nicht minder geschickt, sodass 1964 ganze fünfzehn Prozent der im Kanton Appenzell Ausserrhoden angestellten Industriearbeiter für die Suhner & Co. AG tätig sind. 1969 fusioniert die Firma mit der R.+E. Huber AG in Pfäffikon ZH und wird zu Huber+Suhner, heute eines der grössten Industrieunternehmen in der Region.
Dessen Hauptsitz befindet sich noch heute auf dem Gelände der ehemaligen Suhner-Werkstatt in Herisau. Suhners Familie war lange Jahre im Verwaltungsrat vertreten. Huber+Suhner stellt spezifische Kabel, Stecker, Antennen, Elektroauto-Ladekabel und Produkte für die 5G-Technologie her. Das Unternehmen ist verantwortlich für zahlreiche Produkte, die Schweizer Haushalte über die Zeit prägten: Sucoflor-Bodenbeläge, die klassischen schwarzen PTT-Telefonhörer und auch Steckdosengehäuse stammen allesamt aus dem Hause Suhner.
Ostschweizer Pioniergeist
- Unterstützt durch:
- Ernst Göhner Stiftung
- Huber+Suhner
- Lienhard Stiftung
- Ria & Arthur Dietschweiler-Stiftung
- Susanne und Martin Knechtli-Kradolfer-Stiftung
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- Gottlieb Suhner