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Die Reise zu den Republikanern beginnt mit etwas Harmonie
Der Dauerlärm des amerikanischen Wahlkampfs macht extrem mürbe. Überall tobt kolossaler Streit, kein Tag vergeht ohne politische Handkantenschläge der übelsten Sorte und ohne Tweets von Donald Trump. Deshalb nichts wie weg und hin zur Harmonie: nach New Harmony im Süden des Midweststaats Indiana, einem verträumten Ort unter einem strahlend blauen Himmel am Ufer des Wabash-Flusses.
New Harmony steht für eine Utopie. Amerika ist immer ein Ort versuchter Utopien gewesen; diejenige am Wabash verdankte sich erst schwäbischen Pietisten, danach britischen Sozialisten. Johann Georg Rapp führte seine Schar von Gläubigen 1814 von Pennsylvania nach Indiana. Man kaufte 8000 Hektaren Land im Wilden Westen – den Staat Indiana gab es noch nicht –, nannte die Siedlung Harmonie und wartete auf die Erlösung. Zuvor aber erschufen die fleissigen Schwaben eine blühende Wirtschaft inklusive Brauerei, Destille, Weinbau und Webstuben.
Ausserdem betrieben sie Branding: Eine goldene Rose war das Markenzeichen der Harmonisten. Es garantierte schwäbische Qualitätsarbeit. Rapps Ego stand demjenigen Trumps anscheinend in nicht viel nach. Besucher berichteten, der selbst ernannte Prophet habe standesgemäss in einem schönen Haus gelebt, seine Schäflein hingegen in einfachen Blockhütten. Als 1825 der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach vorbeischaute, war er beeindruckt: Karl Bernhard lobte «die wahrhaft patriarchalische Verfassung» mitsamt der «herrschenden Eintracht».
Rapps feste Hand sorgte für beides, 1825 aber verkaufte er sein Shangri-La an den walisischen Industriellen und Sozialreformer Robert Owen. Harmonie wurde in New Harmony umgetauft, und mit den britischen Siedlern zogen Sozialismus und Gleichheit ein. Wäre er damals Kandidat gewesen, hätte Bernie Sanders die Präsidentschaftswahl in New Harmony gewonnen. Oder auch nicht. Denn das Experiment am Rande der bekannten Welt funktionierte nicht so richtig.
«Ich bezweifle, dass diejenigen, die komfortabel und zufrieden in ihrem alten Leben waren, mehr Freude finden, wenn sie hierherkommen», schwante es Robert Owens Sohn William. Das Bildungswesen war vorzüglich in New Harmony, der Wissenschaftsbetrieb ebenfalls, von der Stelle aber kam die Kommune nicht. Im Gegenteil: Neid und Streit begruben das Experiment. Robert Owen reiste 1827 ab, 1829 implodierte New Harmony wie später die Sowjetunion. Die Revolution fand also nicht wirklich statt.
Die heutigen Republikaner hätten sich darüber gewiss gefreut. Kein Privateigentum, keine Marktwirtschaft und kein Jesus, da Owen Atheist war: Es konnte nicht gut gehen. Immerhin versuchten sich Rapp und Owen an ihrer jeweiligen Vision. Trump und Hillary hingegen haben keine Visionen. Man denkt klein, wurstelt sich durch und ist froh, wenn in Washington dann und wann irgendetwas funktioniert. Mehr scheint nicht mehr drin.
New Harmony ist unterdessen eine kleine Wallfahrtsstätte geworden. 770 Einwohner bevölkern das Idyll und freuen sich über jeden Touristen, den die Neugierde in ihren kleinen Ort führt. Doch selbst in New Harmony ist die hässliche Gegenwart eingedrungen: Vor einem der Häuser grüssen zwei Plakate. «Trump» steht auf ihnen. Und schon ist es wieder vorbei mit der Harmonie in New Harmony.