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von RENÉ LÜCHINGER
© Sonntagsblick; 18.09.2016
Glanz im Schatten
Zwei Jahre lang hat der TV-Journalist Michael Perricone auf diesen Film hingearbeitet, zweimal «Script Avenue», die Biografie dieses Mannes gelesen. Er weiss: In der Geschichte des Schriftstellers Claude Cueni (60) stecken Grenzerfahrungen aus dem Reich zwischen Leben und Tod, Glanz und Schatten der menschlichen Existenz, Dramatik für zwei Fernsehfilme, zwei Biografien, zwei Leben.
In seiner 640 Seiten dicken Niederschrift spricht Cueni von seiner Mutter, einer «katholischen Taliban», die ihm die «jugendlichen Faxen mit Weihwasser austreibt», als sei er, wie er nüchtern zu Protokoll gibt, vom Teufel besessen.
Der Sohn koppelt sich ab von diesem irdischen Jammertal, flüchtet, wie er es nennt, in sein «Kino im Kopf». Er versucht, leichtfüssig zu leben, wird schriftstellernder Bohémien. Und holt sich zunächst Inspirationen dafür: als Gelegenheitsarbeiter, als Kellner, als Briefträger, als Magaziner, als Werbetexter. Frühe Erfolge stellen sich ein, der Schriftsteller heiratet seine Jugendliebe Annemarie, Sohn Clovis ist unterwegs.
Cuenis Leben im Sonnenschein kippt ins Finstere. Dem gesunden Frühchen Clovis pumpen sie im Brutkasten Sauerstoff ins Hirn – und aus dem Säugling wird ein schwerer Spastiker, der, um je laufen zu lernen, fünf Stunden am Tag trainieren muss. Aus dem Bohémien wird ein Vollzeit-Betreuer und Hochleistungs-Schreiber: Geld für die notwendige Pflege des Kindes muss eingespielt werden. Der Druck fördert die Schaffenskraft; mit Urgewalt brauen sich historische Fantasiewelten im Kopf des Autors zusammen.
Es entsteht eine historische Trilogie über Gaius Julius Cäsar, über den Mathematiker John Law, der in Frankreich das Papiergeld einführte, und über die Machenschaften des Vatikans in der Finanzkrise – drei Romane über die Dreifaltigkeit von Politik, Wissenschaft und Religion, ausgebreitet auf 1400 Seiten. Sie werden in Dutzende Sprachen übersetzt.
Als Cuenis Sohn irgendwann seine Prothesen in den Müll wirft, leuchtet wieder ein wenig Sonne durch die Schatten.
Doch nichts ist von Dauer. Annemarie erkrankt, stirbt nach langem Leiden an Krebs. Alle Fotos von sich hat sie verbrannt, ein einziges von Claude und ihr bleibt erhalten.
Cueni flieht, um zu vergessen, mit dem Sohn nach Hongkong, lernt die Philippinerin Dina Ariba kennen. Die Liebe entflammt, er will sie in die Schweiz kommen lassen, die Sonne soll nun ewig scheinen… Aber das Leben spielt nicht mit. In seiner Biografie notiert Cueni trocken: «Erkrankung an akuter Leukämie. Isolierstation. Bestrahlung. Hirnblutung, Koma. Knochenmark-Transplantation. Sechzigprozentige Abstossung der Lunge.»
Dina sagt, in ihrer Heimat laufen nur Männer vor dem Schicksal davon. Sie wird die Frau eines Todkranken. Im Angesicht des nahenden Endes drängt ihn der Sohn, seine Geschichte aufzuschreiben, als wohl letzten Bestseller. An der Buchvernissage von «Script Avenue» schlägt Perricone dem Autor vor, die bewegende Story in bewegte Bilder zu übersetzen. Doch der Protagonist winkt ab. Das Kortison hat sein Gesicht verändert. So aufgedunsen will er nicht auf die Mattscheibe.
Die Geschichte könnte der düstere Plot eines Bestsellerautors sein – aber nichts ist erfunden. Für einmal ist es das Kino des Lebens. Und der Film ist real. Der Streifen des TV-Journalisten, «Selbstmitleid ist Zeitverschwendung», wird heute um 21.40 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.
«Dieser Autor ist kein schreibendes Ego»
Der Hauptdarsteller dieser Geschichte, Claude Cueni, empfängt mit kräftigem Händedruck. Danach bittet er den Besucher höflich, die Hände zu desinfizieren.
Er bewegt sich ein wenig verlangsamt – wer genau hinhört, kann das leise Scheppern des Atmens hören – und nimmt Platz inmitten seiner Welt: zur Rechten in Lebensgrösse eine Figur des Mathematik-Genies John Law, zur Linken ein Kardinal aus derselben historischen Trilogie. In seiner Basler Wohnung verschmelzen Fantasie und Wirklichkeit; Bindeglied ist der lebende Claude Cueni. Ein schreibendes Ego – wie so viele – ist er nicht. Für Selbstinszenierungen ist ihm die verbleibende Zeit zu kostbar.
Vielleicht hat er darum wieder, vielleicht ein letztes Mal, in die Tasten gegriffen. Das Werk handelt von einem Groschenheft-Autor, einem Atheisten, der alle Religionen für Varianten des Aberglaubens hält. Aus der Perspektive des Freidenkers schreibt er ein Buch über den Ursprung der Religionen und gerät dadurch in Konflikt mit religiösen Fanatikern.
Diese Kunstfigur könnte Cueni selber sein. Er ist Atheist wie sein Romanheld. Und er lebt in der Jetztzeit, in der radikale Muslime weltweit ihr zorniges Haupt erheben. Es gilt also keine Zeit zu verlieren, schon gar nicht für Cueni. Deshalb musste dieses Buch jetzt in die Buchläden. Es heisst «Godless Sun» – es könnte die Überschrift seines eigenen Lebens sein.
Der Titel seines neusten Buches «Godless Sun» (Gottlose Sonne) könnte die Überschrift von Cuenis eigenem Leben sein.
Das einzige Bild, das Cueni von seiner Jugendliebe Annemarie geblieben ist. Alle anderen vernichtete sie, bevor sie 2008 an Krebs starb.
Dina Ariba, Claude Cuenis zweite Frau, am Tag, als sie den Schweizer Pass erhielt.
Sein Sohn Clovis, Jurist und nebenamtlicher Strafrichter, mit Gattin Jessie.