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«Man muss einzigartig sein»
Ewine van Dishoeck ist eine Pionierin der Astrochemie und eine der weltweit bekanntesten Astronominnen. Auf Einladung des Center for Space and Habitability (CSH) der Universität Bern hielt die holländische Professorin die «CSH Distinguished Lecture 2017», führte zahlreiche Gespräche mit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen am CSH und empfahl den jungen Forschenden, am Anfang ihrer Karriere den steilsten Weg zu wählen.
PlanetS: Wie hat sich das Gebiet der Astrochemie in den letzten Jahren entwickelt?
Ewine van Dishoeck: Es gab fantastische Instrumente im Weltraum und auf der Erde, zum Beispiel die Herschel-Mission oder das ALMA-Observatorium. Es war eine sehr reichhaltige Zeit für die Astrochemie, die zu verschiedenen Entdeckungen geführt hat. Ein Thema war, wie Wasser im Weltraum entsteht. Dabei wurden Beobachtungen, Computersimulationen und Laborarbeiten kombiniert. Dadurch gab es einen wesentlichen Fortschritt.
Man weiss jetzt also, wie das Wasser entstanden ist?
Ja, wir denken, dass sich der grösste Teil des Wassers auf den Oberflächen winziger interstellarer Körner im Weltraum gebildet hat. Auf deren Oberfläche wurden die Sauerstoff- und Wasserstoffatome zusammengebracht. Diese Bindungen blieben dann wahrscheinlich bestehen während 4,5 Milliarden Jahren. Die meisten Wassermoleküle wurden also schon gebildet, noch bevor die ursprüngliche interstellare Wolke zusammenstürzte und die Planeten entstanden. Natürlich wurden die Wassermoleküle seither recycelt, sie verdampften und fielen als Regen wieder zur Erde. Aber wie einer meiner Kollegen sagte: «Das Wasser der Erde ist älter als die Sonne.»
Welches ist zurzeit das Top-Thema in der Astrochemie?
Eine der Herausforderungen ist: Wie stellt man die komplexen chemischen Moleküle her, die jetzt reichlich in Regionen beobachtet werden, in denen neue Sterne entstehen? Können diese Moleküle schon bei sehr kalten Bedingungen zusammengebaut werden? Und bleiben sie erhalten? Man startet mit einer in sich zusammenstürzenden, interstellaren Wolke, dann formt man eine Scheibe. In dieser bilden sich erste Kieselsteine und so genannte grössere Planetesimale, bis schliesslich die Planeten geformt werden. Spiegeln diese Zusammensetzungen wirklich noch die Bedingungen wider, wie sie anfänglich in der interstellaren Wolke herrschten, oder hat sich die Chemie auf dem Weg von der Wolke zur Scheibe verändert?
Warum haben Sie sich für die Astrochemie als Ihr Fachgebiet entschieden?
Es ist eine dieser Geschichten, die zeigen, dass die Karriere manchmal von sehr unerwarteten Dingen bestimmt wird. Als Studentin befasste ich mich mit theoretischer Quantenchemie und wollte nach dem Masterabschluss unbedingt dort weitermachen. Aber weil der Professor gerade gestorben war, konnte ich nicht auf diesem Gebiet promovieren. Als mein damaliger Freund und heutiger Ehemann, der Astronomie studierte, einen Kurs über das interstellare Medium besuchte, fragte er mich: «Diese interstellaren Moleküle, ist das nicht ein Thema für dich?» Ich beschäftigte mich näher damit und wurde dann sogar vom weltweit renommiertesten Experten auf diesem Gebiet, Professor Alex Dalgarno, nach Harvard eingeladen. Ich sah sofort, welches Potenzial der interstellare Raum als einzigartiges Chemie-Laboratorium hatte. Alles passte, und schliesslich fand sich auch die Finanzierung, dank der ich in den Niederlanden meine Doktorarbeit machen konnte. Man muss die Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich bieten.
Sie sind designierte Präsidentin der Internationalen Astronomischen Union (IAU). Ihr Mann Tim de Zeeuw war zehn Jahre lang Generaldirektor der Europäischen Südsternwarte ESO. Sie sind also das «Power-couple» der Astronomie.
Ich glaube nicht, dass «Power» im Sinne von Macht das richtige Wort dafür ist. Es ist mehr die Stellung, die es einem erlaubt, die Astronomie in die richtige Richtung zu lenken – oder zumindest in die Richtung, die wir für die Astronomie als Ganzes für richtig erachten. Man hört sich die Meinung vieler Leute an, und lässt diese Diskussionen in die Entscheidung einfliessen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man entscheiden muss, wo es langgeht. Und dafür kann man sich auch auf seinen Instinkt verlassen.
In der Astronomie scheint es nicht viele Kontroversen zu geben.
Bis jetzt war man sich unter Astronominnen und Astronomen weitgehend einig über die Ziele. Die Astronomie war bisher auch ein ergiebiges Feld – nicht nur wegen der Forschungsresultate, sondern auch wegen der wissenschaftlichen Infrastruktur auf der Erde und im All. Wir müssen uns im Klaren sein, dass in dieser Beziehung andere Forschungszweige wie die Biowissenschaften aufholen. Auch sie brauchen mehr und grössere Infrastruktur für ihre Forschung. Die Astronomie sollte deshalb nicht allzu isoliert bleiben, sondern sich auch mit anderen Forschungsgebieten zusammentun. Hier beim CSH geschieht das bereits mit der Geologie, Chemie oder Biologie. Das ist die aktuelle wissenschaftliche Entwicklung.
Was machen Sie neben Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit?
Mein Mann und ich teilen ein wirklich spannendes und bereicherndes Leben. Dank unserer Freunde aus der Wissenschaft haben wir eine erweiterte Familie rund um die Welt. Es ist toll zu wissen, überall auf der Welt landen zu können und dort jemanden zu kennen, mit dem man sich zum Essen verabreden und sich willkommen fühlen kann. Wir lieben Sport, Lesen und jedes Jahr fahren wir zwei Wochen in den USA in den Campingurlaub, irgendwo in einem Nationalpark oder im Wald, weit weg von allem. Dort schalte ich richtig ab.
Sie sind eine der wenigen Astronomie-Professorinnen. Wie könnten Frauen für höhere Positionen gefördert werden?
Ich war nie dafür, für Frauen spezifische Stellen zu schaffen. Aber auf PhD- und Postdoc-Level gibt es viele gute Frauen. Wir müssen aktiv daran arbeiten, wirklich gute Kandidatinnen zu finden und diese dann auch in der Wissenschaft zu halten, damit sie sich ganz nach oben arbeiten können. Dazu würden Programme, die Frauen bei der Überbrückung der Schwangerschaft und Zeit danach helfen, einiges beitragen. Dieser Prozess schreitet aber frustrierend langsam voran. Ich denke, vieles hängt auch vom Selbstvertrauen ab, das einige unserer männlichen Kollegen haben. Das aufzubauen, braucht auch seine Zeit. Eine Verlängerung der Fellowships um ein bis zwei Jahre könnte dabei helfen, das CV aufzuwerten.
Haben Sie einen Ratschlag für junge Wissenschaftlerinnen?
Ein berühmter Princeton-Professor sagte einmal zu Tim und mir: «Nehmen Sie den steilsten Weg zu Beginn Ihrer Karriere. Bringen Sie Opfer.» Darauf bin ich nach Harvard gegangen, Tim nach Princeton. Wir mussten also für zweieinhalb Jahre pendeln, was uns gar nicht gepasst hat. Wenn man aber bereits früh den steilsten Weg einschlägt, hat man später mehr Möglichkeiten.
Auf was sollten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch achten?
Man muss einzigartig sein. Man muss eine Sache wirklich gut können, um als Spezialistin oder Spezialist erkennbar zu sein und darf sich zu Beginn nicht allzu breit entwickeln. Wenn du einen Wiedererkennungswert hast, können dich andere besser einem bestimmten Thema oder Resultat zuordnen. Und dann darf man auch keine Angst davor haben, der Welt mitzuteilen, was man kann. Man kann nicht still in seinem Büro sitzen und erwarten, dass die Welt sich für einen interessiert.
Podcast des Vortrags von Prof. Dr. Ewine van Dishoeck: https://tube.switch.ch/videos/38491558