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Mein Kind, ein kleiner Sohn
von Cedric Weidmann
Mein Kind, ein kleiner Sohn, kam am 19. September 2008, am gleichen Tag wie die Asset-Backed Commercial Paper Money Market Mutual Fund Liquidity Facility zur Welt. Ich stand mit dem Handy im Spital und tat, was etwas wie ein Nicken war, mit meinem Vaterkopf. Denn die Krise, in die wir das Kind geboren hatten, die in Stürmen durch altmodische Börsenhallen peitschte und gepflegte, starke Männer am anderen Ende der Welt in einer kleinen Telefonkabine zum Weinen brachte, war meine. Sie war meine Überstunden, sie war meine Beförderungsbedingung, sie war mein Trainingsprogramm, an dem ich jeden Tag sass, sie war der Stoff meiner alltäglichen und unter aufwachenden Augenlidern flackernden Träume. Meinem Chef hatte ich nicht einmal gesagt, dass es kommt.
Das fleischige Gesicht meines Sohnes. Mir lief der Stolz im Mund zusammen. Seine Austauschbarkeit neben den Brutkästen der anderen Frischlinge, die alle weinten ausser ihm. Ich hielt die Hand an die Scheibe. Es war ein kleines Gitternetz in ihr eingelegt. Das Netz legte sich über das mir zugewandte Babygesicht. Das mit der Hand fand ich auch echt dämlich. Wie aus einem ganz schlechten Film. Aber ich liess sie da beim Telefonieren, sie war weit über dem Kopf, viel zu weit oben, das Jackett spannte. Mein Sohn öffnete stumm seinen fleischigen Mund. Die Bewegungen waren im Gitternetz undeutlich, sie waren unregelmässig und glichen einem Sprechen. Ohne den Blick abzuwenden, telefonierte ich und was mein Chef auch sagte, das Kind schien es gerade so mit den Lippen zu formen.
The AMLF is designed to provide a market for ABCP that MMMFs sought to sell, sagt das Fed, erklärt mein Kind.
Meine Hand bringt das Glas ein wenig in Schwingung. Mit jener Deckung und dem Quantitative Easing, 45 Milliarden jeden Monat, wendete sich vielleicht etwas in der Lage, wie ich die Welt im Dunkeln zurück gelegt und zugedeckt hatte, und alles sah anders aus, wie wenn man die Tischplatte von unten betrachtet oder das erste Mal überhaupt etwas sieht. Was schlägst du vor, fragt er, kaum einen Tag alt, was schlägst du vor, willst du das neu gewichten im Portfolio? Zuerst müssen wir wissen, wer und wie an die Facility — ich will Namen, ich will eine Liste. Mein Sohn tritt mit seinem winzigen Fuss gegen das Plexiglas seines Brutkastens. Ich will diese Sachen bis morgen Abend, weil Nordamerika haben wir gekippt, schon vorgestern, du sollst das noch nicht erfahren, erst nächste Woche ist das Briefing, aber ich sag dir das jetzt schon, vertraulich und direkt, das kommt von ganz oben: Nordamerika haben sie gekippt, zumindest bis sich das fängt, 16, 17 Monate haben sie gesagt.
Ich war euphorisch und wollte den Chef einweihen. Mein Sohn, sein Lachen, seine Bewegungen, ich wollte sie allen zeigen, aber zuerst sagte ich: Sie schaffen mein Portfolio ab? Ja, ja, aber dich nicht — Südamerika, sie schicken dich rüber, Brasilia, usw. Du kennst dich doch aus? Hablas espagñol, hehe, nein, musst einfach die Indizes zusammenpeilen, ein bisschen die Rechenschieber zusammenkugeln, nichts Riskantes jetzt. Klar, sagte ich. Lachte mein Sohn? Er wand und drehte sich auf die andere Seite.
B´dann! Die Stimme des Chefs war leiser geworden. Vielleicht war die Sekretärin ins Zimmer gekommen und er hatte den Hörer abgedeckt um zu reden. Ruf dich gleich noch einmal an! — Warte, sagte ich. — Ja? — Endlich konnte ich meine Hand vom Fenster nehmen. Ich steckte sie in die Tasche der Anzugshose. Ich zögerte. Wie heisst das Packet nochmal? — AMFL. Merk dir einfach AMFL. — Ok. — Sorry, tut mir leid für dich, aber wir werden alle noch auf die Welt kommen.