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Was bin ich?
Aus dem Archiv — Identitätssuche in der Ungewissheit: Der Student Max Frisch über Irrungen auf der Reise zur menschlichen Reife.
Einleitung von Narisara Behrends
Ohne Mittel steht er im Leben. In einem Wartezimmer zwischen Dasein und Werden. Aus finanziellen Gründen unterbricht Max Frisch 1932 sein Germanistik Studium an der Universität Zürich, nachdem der Vater im März unerwartet stirbt. Er hinterlässt seinem 21-jährigen Sohn und dessen Mutter überwiegend Schulden. Inmitten dieser Ungewissheit verfasst Frisch seinen ersten Artikel, der im April 1932 im Zürcher Studenten erscheint, noch unwissend, dass die Frage des Titels später in seinem Gesamtwerk als Schriftsteller zentral sein wird: «Was bin ich?».
In einem seiner späteren Romane «Mein Name sei Gantenbein» schreibt Frisch: «Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.» Doch in erster Linie wurde der Artikel von einem jungen Menschen, der sich in seiner existentiellen Not nach Identität und einem «sicheren Ufer» sehnt, «auf das alle hinbauen», verfasst, und nicht von dem Frisch, wie die Literatur ihn im Kontext seines Oeuvre kennt.
Dass eine Vereinigung von «Ich» und Identität auch bei Frisch stets eine Lebensaufgabe geblieben ist, kann für einen selbst beruhigend und gleichzeitig ernüchternd sein. Was man ist, hängt davon ab, was man als autonomer Mensch und als gesellschaftliches Glied im Wechsel mit anderen sein kann. Wer kann ich sein? Diese Frage lässt sich vielleicht noch im Hier und Jetzt beantworten.
Was bin ich?
Max Frisch / April 1932
Ich denke mir, dass jeder Student, ob er nun sicheres Studiengeld hat oder nicht, dann und wann von dem Gedanken überfallen wird; wenn ich heute mein Studium abbrechen müsste? Und seinem Wesen entsprechend wird er sich mit dieser Frage befassen. Die einen benützen solche Gedanken, um ihre Phantasie anzukurbeln; sie malen sich dann aus, was sie in dieser Lage anfangen würden. Andere werden diese Frage als Spiegel verwenden: was bin ich heute? Wenn es mich heute mitten aus meinem Studium herausreissen würde, wenn es mich brotlos und beziehungslos ins Leben schleudern würde, — was bin ich?
Manchmal habe ich mit diesem Gedanken gerungen, manchmal auch nur getändelt. Und wenn man ihn nicht mehr aushält, legt man ihn weg. Jetzt kann ich das nicht mehr. Jetzt stehe ich tatsächlich mittellos in diesem Leben, das ich bis gestern erst aus der Literatur kannte.
Wie und wo ich mich schlecht und recht durchzuschlagen versuche, das ist für Aussenstehende eine gleichgültige Sache. Aber wenn einer so hier steht, einundzwanzig, brotlos und mit einem halben Studium als einzigen Besitz, — jetzt wird jene Frage schreiend und unheimlich laut: was bin ich? Und es scheint mir eine Frage zu sein, die über das private Elend hinausreicht, die jeden Studenten mehr oder minder kümmert. Denn schliesslich muss sich doch jeder einmal an diesem Leben messen. Man heisst es das wirkliche Leben, wohin es mich gestellt hat. Als ob Gedanken und Gefühle weniger wirklich wären als Taten. Aber sie sind hier uneinlösbare Wechsel, diese Gedanken und Gefühle. Das ist es. Für ein inneres Abschiednehmen von meinem Vater lassen sie keine Zeit, für ein inneres Erfassen des Todes keine Zeit. So stehe ich vor Gesichtern und Bürotüren, vor Telefonen und Briefen, als wäre ich in der Fremde und verstünde die Landessprache nicht. Oft wirkt die Erfahrungslosigkeit wie ein wohltuender Witz, anderswo dagegen schmeckt sie bitter. Aber alles in allem: die Erfahrungen kommen schon, sogar rudelweise; hinter jeder Türe wartet eine, mehr oder minder freundlich.
Das Aufreibende ist die eigene innere Unsicherheit. Man schreibt und telefoniert und stellt sich vor. Und während man sich selber empfiehlt, stösst und sticht einen immer und immer wieder die Frage: was bist du denn eigentlich? Bis hinein in die Träume verfolgt einen das. Indem ich so nach Stellen pilgere, verschiebt sich mir alles. Es sind natürlich hoffnungsarme Gänge; denn ich begreife noch zu wenig von Konjunktur, als dass ich Leid und Mitleid ausbeuten würde, und ich bin noch zu schön, als dass ich mit dem Tod meines lieben Vaters Arbeit erkaufe.
Inzwischen verschiebt sich alles; ich pilgere eigentlich nicht mehr nach Stellen, sondern in erster Linie nach Klarheit. Geld ist notwendig zum Leben, aber noch viel notwendiger ist es zu wissen, was man denn ist und wozu man eigentlich taugt.
Sie haben studiert, sagen Sie? Und ich antworte: vier Semester. Das eine Mal kommt mir das in einem Ton, als spräche ich von einem Vermögen. Und ein anderes Mal antworte ich kleinlaut, wie wenn sie mich vor Gericht fragen würden über ein Verbrechen. Diesen tollen Spielraum in den Stimmungen kannte ich schon als Student; seit ich Arbeitsloser bin, sind diese Schwankungen noch unsinniger geworden. Oft bedeuten meine Hoffnungen und Ansprüche lächerliche Überheblichkeiten und noch am selben Vormittag ebenso lächerliche Minderwertigkeiten. Man weiß nicht einmal mehr, was man hoffen darf. Diese Unsicherheit ist das Aufreibende.
Einerseits muss man gestehen, dass einem jeder Laufbursche in einem derartigen Leben überlegen ist. Denn je ärmer einer ist an Denken und Empfinden, umso unverwundeter bleibt er hier. Und Wunden werden nicht honoriert. Man muss gestehen, dass einem Siebzehnjährige in den Fähigkeiten, nach denen hier gefragt wird, eindeutig überlegen sind. Und die verteufelte Frage: haben Sie denn schon Praxis?
Dann will ich mich irgendwo in die Praxis werfen. Und wieder: haben Sie denn schon Praxis? So steht man vor einer glatten, grifflosen Wand und bleibt zurück. Dabei ist man schon ein paar Jahre im Hintertreffen. Man ist älter als jene, die fähiger sind. Und das Wissen um die Unwiederbringlichkeit dieser Jahre und um die Uneinholbarkeit wächst und verzerrt sich in Minderwertigkeitsängste. Anderseits muss man sich gestehen, dass man in diesen Jahren auch etwas geleistet hat. Und wir bringen doch auch etwas mit. Ich meine nicht die Testate und das Wissen aus Büchern und Vorlesungen. Aber man hat an sich selber gearbeitet. Mit grossem Aufwand an Zeit und Seele. Auch all die Irrungen können nicht verloren sein; selbst wenn sie an sich albern sind, so bedeuten sie doch eine Strecke auf unserem Weg nach menschlicher Reife. Das ist es: wir sind weniger vorgedrungen in der Richtung auf einen Beruf im alltäglichen Sinn dieses Wortes, es ging uns weniger darum, einen Beruf zu besitzen als ein Mensch zu werden. Auch wenn wir dieses Ziel noch unmöglich erlangt haben können, so sind wir doch immerhin vorwärts gekommen. Und das Wissen um diesen erkämpften, lebendigen inneren Reichtum verleitet einen vor gewissen Gesichtern zu einer lächerlichen Überheblichkeit.
Was bin ich? Zum Broterwerben mangeln mir gewisse Fähigkeiten, mangelt mir Praxis. Aber meine Konkurrenten haben sie, sie kennen das Kampffeld und sind trainiert. Und zum Ersäufen bin ich innerlich zu schön. Ich habe einen lebendigen Reichtum, und ich pilgere mich müde; denn er ist ein uneinlösbarer
Wechsel.
Oft denke ich mir das Studium wie eine Brücke. Wir bauen auf ein sicheres Ufer hin und vertrauen auf unseren Bau und kümmern uns spärlich um das, was wir da eigentlich überbrücken. Es ist ein Ulk: in der Mitte bricht es, und man rutscht als Nichtschwimmer in den Fluss.