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Grundlagen des wissenschaftlichen Schreibens
A) DAS WISSENSCHAFTLICHE SCHREIBEN
Wissenschaftliches Schreiben ist nicht nur eine Form, Erkenntnisse darzustellen, sondern auch ein Weg, Erkenntnisse zu gewinnen, zu vergleichen, zu ordnen und zu strukturieren. Was aber bedeutet in diesem Zusammenhang «wissenschaftlich»? Der italienische Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco nennt vier Kriterien für Wissenschaftlichkeit:
ERSTENS:
Die Untersuchung behandelt einen erkennbaren Gegenstand, der so genau umrissen ist, dass er auch für Dritte erkennbar wird.
ZWEITENS:
Die Untersuchung muss über diesen Gegenstand Dinge sagen, die noch nicht gesagt worden sind, oder sie muss Dinge, die schon gesagt worden sind, aus einem anderen Blickwinkel sehen.
DRITTENS:
Die Untersuchung muss für andere von Nutzen sein.
VIERTENS:
Die Untersuchung muss jene Angaben enthalten, die es ermöglichen, die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit fortzusetzen.
Daraus lässt sich folgern, dass wissenschaftlich zu schreiben zuerst und vor allem die Art der sprachlichen Darstellung, aber auch die grundsätzliche Arbeits- und Vorgehensweise beinhaltet: Eine wissenschaftliche Arbeit ist mehr als eine Erörterung oder eine Inhaltsangabe. Sie soll zeigen, wie sich der Verfasser Wissen verschafft hat, dass er die Forschungslage kennt und verarbeitet hat.
Der Autor oder die Autorin eines wissenschaftlichen Beitrags gibt dementsprechend an, auf welcher Grundlage die eigene Forschung basiert, also welche anderen Forschungsarbeiten dazu bekannt sind. Er oder sie setzt diese Forschungsliteraturen in Beziehung zueinander, kommentiert sie beziehungsweise macht sie zur Grundlage eigener Erkenntnis.
Widersprüche sollten in einem wissenschaftlichen Text offengelegt werden; denn Widersprüche sind Teil der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit selber ist in sich widersprüchlich. Widersprüche sind also nicht notwendig Ausdruck unsauberen Denkens und Schliessens, sondern sie spiegeln häufig die Spannungen und Gespanntheiten wider, die im Sachverhalt selbst liegen. Diese Spannungen enthalten Ambivalenzen und erzeugen bei den Handelnden, Denkenden und Schreibenden oft ungute Gefühle. Wer wissenschaftlich arbeitet, wird damit umgehen lernen müssen.
B) DAS (VOR-)WISSENSCHAFTLICHE SCHREIBEN
Besonders für Maturandinnen, Studierende, aber auch für Nachwuchswissenschaftler stellt bereits das sogenannte (vor-)wissenschaftliche Schreiben als Vorstufe eine Aufgabe dar, die Schritt für Schritt bewältigt werden muss.
(Vor-)Wissenschaftliches Schreiben – vom vorwissenschaftlichen Schreiben sprechen wir bis zur Dissertation, – entscheidet wesentlich über Erfolg in Schule, Studium, Beruf und über wissenschaftliche Karrieren. Dennoch wird es an wenigen Schulen, Hochschulen und Universitäten systematisch gelehrt. Es herrscht fälschlicherweise die Meinung vor, dass in der Oberstufe genügend Schreibfertigkeiten erworben worden sind, um (vor-)wissenschaftliche Texte bewältigen zu können.
So fehlen Schülerinnen und Schülern, die eine Maturitätsarbeit schreiben, Studierenden bei der Seminararbeit, aber auch jungen Forschenden oft klare Vorstellungen davon, was sie tun sollen, wenn sie einen solchen Text schreiben.
In praxisorientierten Lernumgebungen verfestigen sich Anfangsprobleme mit dem Schreiben schnell zu «Störungen» wie Schreibängsten oder Schreibhemmungen. Teilweise sind sich die Schreibenden ihrer Defizite im wissenschaftlichen Schreiben auch gar nicht bewusst und liefern im guten Glauben chaotische Texte ab. Und für Lehrende gilt: Ohne klar gestellte Aufgabe und ohne Orientierungshilfen ist das Erreichen internationaler Standards kaum möglich.
Wissenschaftliches Schreiben bedeutet somit, in Kommunikation mit anderen Autorinnen zu treten. Es betrifft das eigene Forschungs- und Erkenntnisinteresse und bedeutet kritisches Denken sowie Infragestellung fremder und eigener Ansätze. Da wissenschaftliches Schreibens Teil eines Verstehensprozesses ist, will es seiner Intention nach einem Gedanken wissenschaftliche Form geben. Also steht es für wissenschaftliche Redlichkeit. Wissenschaftliches Arbeiten ist in Lehre und Studium der konsequenten Offenlegung von Informationsquellen verpflichtet. Für Lehrende oberste Priorität hat daher die Information der Studierenden über die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens in den dafür geeigneten Lehrveranstaltungen. Die Lehrenden vermitteln den Studierenden die Grundsätze wissenschaftlicher Redlichkeit und den korrekten Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer. Die Selbständigkeitsdeklaration, die einer schriftlichen Haus- oder Abschlussarbeit anzufügen ist, müsste die Studierenden hinsichtlich ihrer Pflicht sensibilisieren, eigenständig zu arbeiten. Zum Auffinden von Plagiaten können die Fakultäten zusätzlich vom Einsatz einer Texterkennungssoftware Gebrauch machen. Die Software untersucht die Arbeiten der Studierenden auf Textgleichheiten mit Quellen des Internets, lizensierter Fachliteratur oder der Studierendenarbeiten untereinander. Masterarbeiten und Dissertationen, die in ZORA hinterlegt werden, werden immer vorgängig mittels Software überprüft. Die durch die Software generierten Prüfberichte dienen den Dozierenden als Werkzeug, um zu einer Beurteilung zu kommen. Sollte tatsächlich ein Plagiatsfall auftreten, können die Fakultäten selbst Massnahmen ergreifen. Dazu gehört, dass der Leistungsnachweis für nicht bestanden erklärt und ein bereits ausgestellter Leistungsausweis für ungültig erklärt wird. Bereits verliehene Grade können aberkannt werden. Zudem kann die Fakultät beschliessen, das Verfahren an den Universitätsanwalt weiterzugeben. Das Verfahren ist in der Disziplinarverordnung geregelt. Es kommen verschiedene Disziplinarmassnahmen in Betracht, die von einem schriftlichen Verweis bis zu einem Ausschluss vom Studium oder von Prüfungen von einem bis zu sechs Semestern reichen können.
Auf diese Weise sollten sich Plagiate wie im Falle von Karl-Theodor zu Guttenberg, dem im Februar 2011 die Universität Bayreuth den Doktortitel aberkannte, vermeiden lassen. Umso befremdlicher nimmt sich demgegenüber die Aussage von Stephan Rixen, Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingesetzten Gremiums für die Wissenschaft der Universität Bayreuth, aus, wenn er sich im Hinblick auf den Plagiatsverdacht von Franziska Giffey im «ZEIT Campus» vom 12. Februar 2019 wie folgt zitieren lässt: «Wenn jemand betrügen will, dann können Sie das nicht verhindern.» Und auf die Frage, warum Studierende nicht wie an amerikanischen und britischen Unis jede Arbeit vor der Abgabe von Software, die Plagiate findet, prüfen lassen müssen, gibt er, immerhin Sprecher eines Gremiums, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Fragen der wissenschaftlichen Redlichkeit berät, zur Antwort: «Die Bedeutung solcher Plagiatssoftware wird meines Erachtens überschätzt. Auch da muss vieles nochmals im Detail geprüft werden, dazu braucht es Personal. In vielen Fächern sind auch nicht alle Quellen online verfügbar. Eine flächendeckende Prüfung ist praktisch nicht realisierbar. Ausserdem würde das auch ein falsches Signal aussenden: Es wäre ein Signal des Misstrauens bei der Frage, wie gehen wir im wissenschaftlichen Betrieb miteinander um.»
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich