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In der Schweiz erhitzen sich die Gemüter in Bezug auf den Französischunterricht in der Deutschschweiz erneut. Die Gegner des Frühfranzösischen schwören, es handle sich nicht um einen Angriff gegen die Westschweizer. Diese erwidern, es gehe um den nationalen Zusammenhalt.
Welche Schweizerin, welcher Schweizer hat im Ausland nicht schon diese Erfahrung gemacht: Die Augen eines Gegenübers leuchten auf, gepaart mit: "Oh, Sie sind aus der Schweiz, Sie sprechen also mehrere Sprachen?" Dieser Aspekt, mit dem Schweizer auch gerne auftrumpfen, könnte jedoch ins Schwanken geraten. Zumindest, wenn Bemühungen gewisser Kreise in der Deutschschweiz Erfolg haben sollten, die den Beginn des Französischunterrichts verschieben wollen, von der Primar- auf die Sekundarstufe. Zwischen den Sprachgemeinden gibt es zum Teil grosse Spannungen.
"Die Thurgauer Entscheidung zielt auf eine (Deutsch-)Schweizer Monokultur ab. Das schadet dem Land", schrieb Roger Nordmann, sozialdemokratischer Waadtländer Nationalrat (Mitglied der Grossen Kammer des Schweizer Parlaments) auf Deutsch im Zürcher Tages-Anzeiger.
Nordmann reagierte damit auf einen Entscheid des Thurgauer Kantonsparlaments (Grossrat), das am 13. August eine Motion der Rechtskonservativen gegen das Frühfranzösisch verabschiedet hatte. Die Motion zielt darauf ab, den Beginn des Französischunterrichts in die 7. Klasse zu verschieben, wenn die Kinder zwischen 12 und 13 Jahre alt sind (Sekundarstufe I).
Für den Waadtländer Abgeordneten ist dieser Entscheid, den die Thurgauer Regierung noch umsetzen müsste, "“pädagogisch falsch, staatspolitisch bedenklich und kulturell einengend". Er ruft zudem in Erinnerung, Erfahrungen zeigten, dass ein junges Gehirn eine fremde Sprache besser lerne.
Seine Stellungnahme löste ihrerseits eine Flut gegensätzlicher Reaktionen aus. Die Pädagogische Hochschule Schaffhausen nutzte den Moment und gab die Resultate einer Zusammenstellung von internationalen Studien bekannt, die zum Schluss kommen, es sei nicht bedeutend, in welchem Alter man mit dem Lernen einer Fremdsprache anfange. Erfolge könnten sich genau so gut einstellen, wenn der Unterricht erst in der Adoleszenz beginne.
"Lassen Sie uns in Ruhe"
Die Thurgauer Bundesparlamentarierin Verena Herzog ihrerseits, verteidigte den Entscheid des Grossrats ihres Kantons und versicherte gegenüber den Westschweizer Zeitungen 24 Heuresund La Tribune de Genève, dass es nicht um einen "Angriff gegen die Romands" gehe, das Ganze habe einen "rein pädagogischen" Zweck.
Herzog, Mitglied der (rechtskonservativen) Schweizerischen Volkspartei SVP, sagt, das Erlernen der zweiten Sprache sollte intensiviert werden, "aber in der Sekundarschule", mit "abgestuftem Unterricht und nicht mehr länger in gemischten Klassen" sowie mit mehr Lektionen als heute.
Eine bewegte Geschichte
Vor dem Kompromiss zum Fremdsprachenunterricht von 2004 hatte der Kanton Appenzell-Ausserrhoden den Beginn des Französischunterrichts bereits von der 5. Klasse auf die 7. Klasse verschoben. Der Entscheid des bevölkerungsmässig kleinsten Kantons (16'000 Einwohner) hatte damals aber kaum für Wirbel gesorgt. Auch im Kanton Uri (36'000 Einwohner) beginnt der Französischunterricht erst im Alter von 12 bis 13 Jahren, Italienisch hingegen schon in der 5. Klasse.
Begehren, den Französischunterricht nach hinten zu verschieben, die meistens aus Lehrerkreisen lanciert worden waren, mit Unterstützung aus dem rechtskonservativen Lager, scheiterten 2006 in den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Zug und Thurgau an der Urne.
Zurzeit wenden 20 Kantone das System 3/5 an: Der Unterricht in der ersten Fremdsprache beginnt im 3. Schuljahr, wenn die Kinder 8 bis 9 Jahre alt sind, der Unterricht in der zweiten Fremdsprache in der 5. Klasse. Den Regionen steht frei, ob sie mit einer der Landessprachen beginnen oder mit Englisch.
In der Romandie wird Deutsch als erste Fremdsprache unterrichtet, während in der Deutschschweiz Kantone entlang der Sprachgrenze (BS, BL, SO, BE, FR und VS) mit Französisch als erster Fremdsprache anfangen. In den restlichen Kantonen kommt Englisch an erster Stelle.
Im Graubünden und im Tessin sind die Lösungen an die respektive linguistische Situation des Kantons angepasst. Im Tessin lernen die Schulkinder nicht zwei, sondern drei Fremdsprachen.
Die Unzufriedenheit, die Roger Nordmann auslöste, führte bei der Weltwoche, die der SVP nahe steht, zu einem Beitrag, den der Autor – an die Adresse der Romands gerichtet – mit den Worten "...lasst uns in Ruhe – fichez-nous la paix, ça suffit" abschloss.
Die gleiche Publikation, (sie hatte die Romands früher auch schon als "Griechen der Schweiz" bezeichnet) führte zudem eine Online-Umfrage durch, um zu erfahren, ob ihre Leserschaft die Idee unterstütze, dass Deutschschweizer und Romands miteinander Englisch sprechen. Etwa 40% sagten Ja (von 759 Antworten). Vor etwa zehn Jahren, zur Zeit des ersten "Sprachenstreits", wäre eine solche Idee noch nicht öffentlich zum Ausdruck gebracht worden.
Der Zwist hatte sich damals am Wunsch einiger Deutschschweizer Kantone, darunter das wirtschaftliche Schwergewicht Zürich, entflammt, in der Schule Englisch dem Französischen vorzuziehen. Die kantonalen Erziehungsdirektorinnen und –direktoren (das Volksschulwesen liegt in der Zuständigkeit der Kantone) einigten sich schliesslich 2004 auf einen Kompromiss, der auch als "Sprachenfrieden" bezeichnet wurde. Damals wurde entschieden, dass alle Kinder in der Schweiz in der Primarschule zwei Fremdsprachen lernen würden, darunter eine der Landessprachen.
Dieser Kompromiss wurde in das Konkordat zur Harmonisierung des Schulwesens in der Schweiz (HarmoS) integriert und ist auch ein Element der Lehrpläne, in denen die Erziehungsdirektoren die Lernziele für die Schülerinnen und Schüler festlegen. In der Westschweiz und im Tessin wird der Kompromiss bereits umgesetzt.
Neues "Schlachtfeld"
Und hier drückt der Schuh (erneut): Der neue Lehrplan für die Deutschschweiz ist noch nicht finalisiert, aus verschiedenen Kreisen wurde Kritik laut am letzten Vorschlag. Gewisse Lehrkräfte hatten schon in der Erarbeitungsphase kritisiert, dass in der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet werden sollen, sie argumentierten, die Schulkinder seien damit überfordert.
"Die Kritik der Lehrkräfte muss ernst genommen werden", sagt Christine Le Pape Racine, Professorin für Französischdidaktik und Forscherin auf dem Gebiet Fremdsprachenerwerb. "Sie müssen aber klar darlegen, wie genau die Schüler überfordert sind. Ich habe das bisher noch nie vor Augen geführt erhalten."
Die Forscherin hat gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen, die, wie sie selber, an einem Forschungsprojekt in dem Bereich teilnehmen, einen Meinungsbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ veröffentlicht (25.06.2014). Für Le Pape Racine sind "Schüler vielleicht überfordert, wenn die eingesetzte Didaktik nicht angemessen ist". Allerdings seien "die Fragen so komplex, dass es seine Zeit braucht, bis man weiss, was für die grösste Zahl das Beste ist."
"Früh mit dem Unterricht in einer fremden Sprache anzufangen, bietet den Vorteil, dass man mit jüngeren Kindern auch spielerische Methoden nutzen kann", erklärt sie. Ein Aspekt, der noch dadurch verstärkt wird, dass es in mehreren Kantonen in der Primarschule keine Noten gibt.
Eine Frage der Finanzierung?
Bei allen Initiativen, die in den vergangenen Jahren von Gegnern des Frühfranzösischen lanciert wurden, erklärten treibende Kräfte hinter den Begehren auch, die finanziellen Mittel reichten nicht, um auf der Primarstufe richtig lernen zu können. Diese Argumentation, entgegnen die Verfechter eines Unterrichts in zwei Fremdsprachen, könnte genau so gut auf jeden anderen Schulzweig angewendet werden.
"Volksaufstand"
Vor dem Entscheid des Thurgauer Kantonalparlaments vom August 2014 hatten die Abgeordneten des Kantonsparlaments Schaffhausen im Februar ein Postulat verabschiedet, das die Regierung auffordert, sich auf eidgenössischer Ebene dafür einzusetzen, dass auf der Primarstufe nur noch eine obligatorische Fremdsprache unterrichtet werden muss. (In Schaffhausen wird zurzeit Englisch ab der 3. Klasse unterrichtet, in der 5. Klasse folgt Französisch.)
Auch in den Kantonen Solothurn, Luzern und Basel-Stadt kam es zu Vorstössen, den Beginn des Französischunterrichts nach hinten zu schieben.
In den Kantonen St. Gallen und Aargau sind Initiativen gegen den neuen Deutschschweizer Lehrplan im Gang, bevor dieser überhaupt schon wirklich steht. Und in den Kantonen St. Gallen, Basel-Landschaft, Luzern, Thurgau und Graubünden sind Komitees gegen das HarmoS-Konkordat aktiv geworden, das die Harmonisierung der obligatorischen Schule zum Ziel hat.
Ein weiteres wiederkehrendes Argument der Gegner von zwei Fremdsprachen auf Primarstufe ist die hochdeutsche Sprache, die Schriftsprache, die in ihren Augen für Kinder in der Deutschschweiz eine Fremdsprache sei, da diese normalerweise Dialekt sprächen. "Lehrer haben festgestellt, dass Schüler am Ende ihrer Schulzeit nicht einmal mehr korrekt Deutsch sprechen können", erklärt Verena Herzog. Für Deutschschweizer sei schon das Deutsche "eine erste Fremdsprache, da unsere Muttersprache der Dialekt ist".
Intervention aus Bundesbern?
In einem Bericht des Westschweizer Radio und Fernsehens (RTS) am 20. August rief Claudine Brohy vom Institut für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg in Erinnerung, dass die Deutschschweiz eine sehr lange Zeit "sehr frankophil" gewesen sei, aber "vielleicht beginnt der Wind sich zu drehen", sagte sie, ohne aber die Gründe dafür erklären zu können. Sie bedauerte, dass sich gewisse Lehrkräfte von den politischen Parteien instrumentalisieren liessen.
Innenminister Alain Berset, in dessen Kompentenzbereich auch das Sprachengesetz fällt, warnte bereits vor einem Aufgeben des Französischunterrichts in der Primarschule. Das Volksschulwesen sei ein wichtiger Teil der föderalistischen Idee der Schweiz, sagte er in einem Interview mit der NZZ. "Im Rahmen ihrer Zuständigkeiten haben aber auch die Kantone eine Verantwortung gegenüber der Schweiz als Ganzes. Sonst funktioniert der Föderalismus nicht", so Berset weiter.
Notfalls müsste der Bund intervenieren, um die Kantone dazu zu bringen, den Verfassungsauftrag zu beachten, warnte er. Das hatte der Bund auch getan, als der Kanton Zürich sich in einer Abstimmung in den 1970er-Jahren geweigert hatte, das Schuljahr statt im Frühling im August zu beginnen.
Doch bevor der Bund einschreiten wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es in mehreren Kantonen der Deutschschweiz zu Abstimmungen kommt über Initiativen gegen "zwei Fremdsprachen". Und vielleicht wird der Ausgang dieser Abstimmungen Anton Näf recht geben: Der emeritierte Professor der Universität Neuenburg hatte im Juni im St. Galler Tagblatt erklärt, er würde es nicht problematisch finden, wenn das Französisch einer "Elite" vorbehalten wäre.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch