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Anne-Sophie Mutter, bei Ihrem Jubiläumsrezital in Luzern spielen Sie Mozarts B-Dur-Sonate KV 454, die er für die italienische Geigerin Regina Strinasacchi komponiert hat. Als Mozarts Vater Leopold diese Virtuosin hörte, sagte er: «Überhaupt finde ich, dass ein Frauenzimmer, die Talent hat, mit mehr Ausdruck spielt als eine Mannsperson». Wie gefällt Ihnen diese Aussage?
Ich glaube nicht, dass es in puncto Ausdruck geschlechterspezifische Unterschiede gibt, aber Regina Strinasacchi muss schon eine ausserordentliche Erscheinung gewesen sein, und das zu einer Zeit, als es sich für Frauen gar nicht schickte, Geige zu spielen. Frauen mussten damals zum Beispiel noch den Bogenarm fest an den Körper anlegen, damit nichts Verfängliches zu sehen war. Unter diesen schwierigen Voraussetzungen ist es umso erstaunlicher, dass sie trotzdem ein so ausdrucksvolles Spiel pflegen konnte. Und da LUCERNE FESTIVAL 2016 unter dem femininen Leitgedanken steht, war es mir wichtig, diese Frau, die schon früh zu grosser Popularität gelangte und einen so wunderbaren Komponisten wie Mozart inspirierte, in mein Programm einzubeziehen. Zumal die B-Dur-Sonate immer eine meiner Lieblingssonaten war: Im zweiten Satz erfolgt der Dialog zwischen beiden Instrumenten wirklich auf Augenhöhe, die Violine wird erstmals in der Musikgeschichte zum gleichberechtigten Partner des Klaviers. Damit öffnete Mozart Tür und Tor für Beethoven.
Sie selbst wurden in Ihrer Ausbildung von zwei Frauen geprägt, von Erna Honigberger und von Aida Stucki. Wie bedeutend waren diese Lehrerinnen für Sie? Oder waren männliche Vorbilder wichtiger?
Ich habe nie darüber nachgedacht, ob meine Vorbilder männlich oder weiblich waren. Richtig ist: Meine beiden Lehrerinnen waren Frauen, und besonders Aida Stucki, die ich schon kennenlernen durfte, als ich noch nicht einmal zehn Jahre alt war, hatte natürlich einen prägenden Einfluss, auch in der Art und Weise, wie sie mit ihrer Karriere und ihrem Kind umging – damals waren berufstätige Mütter noch die grosse Ausnahme. Sie hat sich, wie es in ihrer Generation üblich war, am Ende doch für das eine entschieden, nämlich für die Familie; nebenher hat sie allerdings leidenschaftlich gelehrt. Das ist nicht minder zeitraubend, doch bot es ihr den Vorteil, dass sie nicht durch ständige Reisen von der Familie getrennt war. Aida Stucki ist für mich der Archetyp einer Frau, die auf wunderbare Weise alles miteinander zu verbinden verstand. Sie war eine begnadete Pädagogin, die sowohl aus bescheideneren Talenten als auch aus weiterentwickelten Geigern ganz Individuelles herauszubilden wusste. Sie war aber auch eine wunderbar weibliche Frau, eine attraktive, schöne Person, die mit ihrem sehr viel älteren Mann auf diplomatisch geschickte Weise umging und dabei ihren eigenen Lebensstil verwirklichte. Ganz abgesehen davon, dass sie eine hervorragende Geigerin war.
Seit vierzig Jahren, seit Ihrem Luzerner Festspieldebut im Jahr 1976, stehen Sie auf den Bühnen der Welt. Über diese lange Zeit eine Top-Position in der absoluten Weltspitze zu bewahren, ist eine erstaunliche Leistung. Welche Qualitäten, neben den künstlerischen, muss man mitbringen, um eine solche Nachhaltigkeit zu erreichen?
Wer sich für den Musikerberuf entscheidet, dem geht es erst einmal darum, tief in die Musik einzutauchen, und nicht darum, irgendeine Stellung zu erlangen. Für mich war es immer wichtig, Neues entdecken zu können. Ich komme gerade von einem Konzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester zurück, mit dem ich auch schon seit vielen Jahrzehnten auftrete. Diesmal habe ich dort drei Mozart-Konzerte gespielt und geleitet, darunter auch das «kleine» D-Dur-Konzert, das ich schon als Neunjährige, bei meinem allerersten Auftritt mit Orchester, aufgeführt hatte. Aber trotzdem finde ich darin noch immer so viel Neues! Man braucht einfach die Leidenschaft fürs Detail und ein gesundes Quäntchen Unzufriedenheit. Denn es gibt immer noch andere Blickwinkel auf das scheinbar Bekannte, und die Blickwinkel verändern sich im Laufe eines Lebens ganz automatisch mit den Erfahrungen – dabei geht es nicht um «reifer» oder «besser», sondern um einen anderen Zugang. Genau dieser Mechanismus hat übrigens die Musikgeschichte über die Jahrhunderte hinweg lebendig erhalten.
Ist es für Frauen schwerer, eine so lange Karriere zu erreichen? Oder wird da mehr Wert auf Aspekte wie die «ewige Jugend», die Makellosigkeit und die Perfektion gelegt?
Nein. Ewige Jugend – wozu? Alter – wozu? Es ist doch besser, man wird älter und stirbt nicht so früh. Natürlich ist es wunderbar, jung zu sein, aber jede Zeit hat ihre Stärken und Schwächen, jeder Lebensabschnitt stellt einen vor neue grosse Herausforderungen. Und mit zunehmender Erfahrung wird manches erträglicher. Man weiss dann, dass man auch das aktuelle Drama irgendwie überstehen und sich im Rückblick alles relativieren wird. Wenn man sehr jung ist, dann verschwendet man viel mehr Energie auf Dinge, die nicht so wichtig sind.
Und diese Situation ist für Männer und Frauen dieselbe?
Ich war nie ein Mann und kann es deshalb auch nicht beantworten.
Mit Ihrer Anne-Sophie Mutter Stiftung stehen Sie in enger Tuchfühlung mit der nachfolgenden Virtuosengeneration. Wie beurteilen Sie die Lage: Gibt es inzwischen mehr hochbegabte Geigerinnen als Geiger?
Ich glaube, dass Frauen gegenwärtig sowohl in der Musikwelt als auch in anderen Berufen stärker Fuss fassen. Trotzdem sind wir von einer Gleichberechtigung noch meilenweit entfernt, und das gilt sowohl für die Geschlechterfrage als auch für das Verhältnis zwischen verschiedenen ethnischen oder kulturellen Gruppen. Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan, und ich bin sicher, dass die Kunst einer der Bereiche ist, in denen es wirklich einmal gleichberechtigt zugehen kann. Wir haben derzeit eine echte Flut von fantastisch präparierten Musikerinnen, ob an der Geige oder am Klavier. Frauen trauen sich heute einfach mehr zu, auch in einem so vagabundenartigen Beruf wie unserem.
Nur am Pult sind wir weit von Gleichberechtigung entfernt …
Ja, da ist noch viel aufzuholen. Es ärgert mich, dass ich das nicht auch noch in Angriff genommen habe. Vielleicht gibt’s ja eine Reinkarnation, und ich komme nochmal als Dirigentin zur Welt.
Wenn Sie den jungen Virtuosinnen einen Ratschlag mit auf den Weg geben wollten, vor welchen Gefahren sie sich hüten sollten – was würden Sie sagen?
Mit solchen Ratschlägen kann man nie ins Zentrum der Wahrheit treffen, weil jeder Mensch andere charakterliche Strukturen besitzt und somit auch anderen Gefahren ausgesetzt ist. Die Kassandrarufe sind allerdings dieselben wie bei mir vor vierzig Jahren: Kunst und Kommerz kann man nicht wirklich verbinden, das geht nicht Hand in Hand. Und es stimmt ja auch. Ich bin der Meinung, dass ein Künstler keine Werbefigur sein sollte. Mein Verständnis ist vielmehr, dass wir Musiker dem Werk dienen sollten – es muss ja nicht brotlos sein. Der Künstler sollte ein Fürsprecher und Advokat des Komponisten sein, und er sollte das Vertrauen, das er beim Publikum geniesst, auch dafür einsetzen, neue Werke aufzuführen, um die Konzertbesucher auf diese Weise mit auf eine Entdeckungsreise zu nehmen. Es ist natürlich der schnelle Ruhm, der heutzutage noch stärker lockt als früher. Aber die jungen Musiker befinden sich oft auch in einer Zwangslage: Friss oder stirb! Entweder du unterschreibst jetzt den Vertrag bei Agentur X oder Plattenlabel Y, oder sie nehmen irgendeinen anderen jungen, gutaussehenden (und hoffentlich auch gut spielenden) Musiker. Die Konkurrenz ist grösser geworden, das Qualitätsverständnis bei Agenturen und Labels aber nicht unbedingt. Die alte Generation hat noch ein anderes Ethos gehabt, ein Gefühl dafür, dass sich ein Musikerleben über vier, fünf Jahrzehnte hinweg entwickelt oder dass sich das Repertoire erst behutsam aufbauen muss. Junge Künstler sind doch nicht irgendein Produkt, das man auf den Markt wirft. Da sollte es wirklich nicht zugehen wie bei «Deutschland sucht den Superstar». Leider greift dieses Denken auch in der klassischen Musik um sich, das ist eine grosse Gefahr. Selbst wenn jemand eigentlich nicht mitmachen will, bleibt oft nichts anderes übrig, als mit den Wölfen zu heulen. Es braucht Mut zum Nein, und das bedeutet, dass es entweder länger dauert, bis es mit der Karriere klappt. Oder dass eine andere, die hübsch im Kleid daherhüpft, eher zum Ziel kommt, selbst wenn sie musikalisch vielleicht nicht so gut ist.
Ein Jubiläum wie Ihr 40. Luzerner Festspieljubiläum ist immer auch Gelegenheit, zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Gibt es eine Interpretation oder einen bestimmten Moment in Ihrer Karriere, worauf Sie besonders stolz sind?
Oh Gott! Jede Uraufführung war für mich etwas Wunderbares, weil ich da am schöpferischen Prozess teilhaben und den Grundstein für die Interpretation legen durfte. Diese Chance hat man bei historischen Werken natürlich nicht, weil man zunächst einmal mit einer riesigen Aufführungstradition konfrontiert wird. Aber stolz? Ich bin einfach nur dankbar, dass mir zum Beispiel ein so bedeutendes zeitgenössisches Werk wie Sofia Gubaidulinas In tempus praesens gewidmet ist, das 2007 hier in Luzern erstmals erklang. Das war dann wirklich ein grosser Moment.
Interview: Susanne Stähr
Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.
Anne-Sophie Mutter ist beim Sommer-Festival 2016 gleich zweimal zu Gast: Am 25. August feiert sie mit einem Rezital ihr 40. Luzerner Bühnenjubiläum (am Klavier: Lambert Orkis), und am 2. September interpetiert sie mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY unter Alan Gilbert Violinkonzerte von Alban Berg und Norbert Moret.