Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03385.jsonl.gz/1121

Lazarus war der Bruder von Maria und Martha, ein Freund Jesu. Als Jesus erfuhr, dass Lazarus gestorben war, weinte er über dessen Tod; als Jesus nach vier Tagen nach Betanien – dem heutigen al-Eizariya – kam, wurde Lazarus von ihm von den Toten auferweckt (Johannesevangelium 11, 1 – 45). Lazarus nahm dann am Festmahl im Haus von Simon dem Aussätzigen teil und viele Leute kamen, um den Geretteten zu sehen (Johannesevangelium 12, 1 – 3).
Die Auferweckung des Lazarus von den Toten war der Höhepunkt der Zeichenhandlungen Jesu im Johannesevangelium und wurde zum Anlass für den Beschluss zur Kreuzigung (11, 47. 53) wie zum Hosianna bei seinem Einzug in Jerusalem (12, 12. 17f) und der Selbstoffenbarung Ich bin die Auferstehung und das Leben (11, 25). Lazarus ist hier nicht als einzelne Person interessant, sondern als Beispiel für alle Menschen, die Jesus liebt (11, 3. 5. 36).
Von einem Mann namens Lazarus spricht auch Jesu‘ Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lukasevangelium 16, 19 – 31); hier wird zum einzigen Mal eine Person in einem Gleichnis mit Namen genannt. Der Name ist hier wohl in eine Erzählung eingeflossen, zu der es Vorbilder schon in älterer Tradition, z. B. einem ägyptischen Märchen, gab. Bei Johannes wie bei Lukas scheint eine ältere, uns unbekannte Lazarus-Tradition aufgenommen zu sein.
Eine Legende des Hochmittelalters machte Lazarus zum Herzogssohn, der auf alle Eitelkeit der Welt verzichtete. Die Juden gaben ihn demnach zusammen mit seinen Schwestern und mit seinen Freunden Maximus und Cedonius auf einem Schiff ohne Ruder und Segel dem Wind und den Wellen auf dem Meer preis. Das Schiff landete demzufolge in Marseille, wo Lazarus zum Bischof gewählt wurde. Andere Legenden lassen ihn unter Kaiser Claudius, der von 41 bis 54 regierte, friedlich entschlafen; wieder andere erzählen, dass er unter Domitian, der von 81 bis 96 regierte, bedroht und zum heidnischen Opfer vergeblich aufgefordert, dann geschleift und in den Kerker geworfen wurde, wo ihm Christus erschien und ihn ermutigte, ehe er enthauptet wurde.
In Betanien – das später nach ihm Lazarion genannt wurde, dieser Name ist im arabischen al-Eizariya bewahrt – ist ein Lazarus-Grab schon 333 durch den Pilger von Bordeaux bezeugt: an dieser Stelle habe er die vier Tage bis zu seiner Auferweckung gelegen. Von der ersten Kirche berichtete Hieronymus; deren Mosaike sind im Hof vor der heutigen Lazaruskirche zu sehen. Diese erste Kirche wurde um 500 durch ein Erdbeben zerstört und dann durch eine größere ersetzt, die wiederum durch die Kreuzfahrer vergrößert wurde, wodurch gleich zwei neue Kirchen entstanden. Im 7. Jahrhundert gab es neben der Kirche ein großes Kloster, ab 1138 zudem ein Benediktinerinnenkloster, dessen Ruinen erhalten sind. Die Kirche unmittelbar über dem Grab wurde in eine Moschee verwandelt und im 16. Jahrhundert zur heutigen Al-Usair-Moschee ausgebaut, dabei wurde der ursprüngliche Zugang zum Grab zugemauert; deshalb wurde 1613 von der Straßenseite aus eine steile Treppe zur Grabkammer angelegt.
Am Samstag vor Palmsonntag findet jährlich eine Prozession von Jerusalem nach Betanien statt; die Ostkirchen haben diesen Tag als Festtag bewahrt. Auch in Frankreich, Spanien und Italien wurde sein Fest früher am Palmsonntag begangen. Lazarus ist schon in den frühesten Darstellungen der Katakombenmalerei und auf den frühchristlichen Sarkophagen als Symbol für die den Tod überwindende Kraft besonders häufig dargestellt. Die Apostolischen Väter erwähnen Lazarus nicht, bei Irenäus von Lyon und Tertullian wird er zum Aufweis der Auferstehung Christi genannt, im Evangelium des Nikodemus als Beginn des Sieges über den Tod beschrieben.
Die Aufforderung Jesu, den auferweckten Lazarus von seinen Totenbinden zu befreien (Johannesevangelium 11, 44) wurde von Clemens von Alexandria, Origenes, Ambrosius von Mailand, Augustinus und anderen als Aufforderung zur Buße interpretiert.
Die in allen Kulturen verbreitete Vorstellung vom Todesengel, der die Menschen beim Sterben begleitet und in der jenseitigen Welt willkommen heißt, wird im Christentum mit Lazarus verbunden: als der Arme starb wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen (Lukasevangelium 16, 22). Im Antiphon eines Requiems findet sich traditionell die Bitte: Der Chor der Engel soll dich empfangen, und mit Lazarus, dem vormals armen, sollst du ewige Ruhe finden. Im Mittelalter stellten Lazarus-Spiele sein Sterben und Auferstehen dar, wobei er anschließend von seinen Erlebnissen im Totenreich berichtete.
Schon Eusebius von Cäsarea kennt die Überlieferung, wonach Lazarus nach seiner Auferweckung – bei der er 30 Jahre alt war – nach Kítion – dem heutigen Lárnaka – auf Zypern umsiedelte und dort noch weitere 30 Jahre lebte. Als Paulus zusammen mit Barnabas nach Zypern kam, traf er Lazarus und setzte ihn als Bischof ein; so wurde er der erste Bischof der Stadt. 890 fand man dort einen Sarkophag mit der Aufschrift Lazarus, der Freund Christi; unter Kaiser Leo VI. – er regierte von 886 bis 912 – wurde über der Fundstelle eine Lazarus geweihte Kirche errichtet, heute die Hauptkirche von Lárnaka 1. Der Sarkophag in der Krypta ist inzwischen leer, die Gebeine wurden 898, also schon bald nach ihrer Entdeckung, nach Byzanz – dem heutigen Ístanbul – gebracht; dort ließ Kaiser Leo VI. der Philosoph ihm eine Kirche errichten; am Grab in dieser Kirche, aus dem Myron floss, geschahen viele Wunder: Dämonen wurden ausgetrieben, Schwachsinnige und blutflüssige Frauen wurden geheilt, schwache Hände wurden wieder kräftig. Von dort wurden die Gebeine 1204 durch Kreuzfahrer nach Marseille verschleppt. Darauf zurück gehen die Legenden von Lazarus als Bischof von Marseille; diese Reliquien verehrt man heute in Autun. Weitere Reliquien werden in Avallon, in der Kathedrale in Aix-en-Provence und in Andlau gezeigt.
Weitere Überlieferungen kennen Lazarus als in Ephesus oder in Alexandria lebend und gestorben.
Am Samstag vor Palmsonntag feiern die Orthodoxen Kirchen den Lazarus-Samstag, in Lárnaka ist das mit einem großen Kirchweihfest verbunden. An diesem Tag wird die Urne, die angeblich Lazarus‘ Kopf enthält, auf den Schrein gestellt, in dem sie das Jahr über aufbewahrt ist, so dass die Gläubigen sich unter den Baldachin des Schreins beugen und die Urne küssen können. Seit 1965 wird an diesem Tag auch wieder die Ikone in feierlicher Prozession durch die Straßen getragen; man hatte in Lárnaka lange gezögert – es hieß, sie brächte Unglück über alle Kinder unter sieben Jahren, die sie zufällig sehen würden. Noch heute gehen die Einheimischen mit diesen Kindern nicht hinunter in die Krypta mit dem Grab des Lazarus; auch Hochzeiten werden in der Lazarus-Kirche nur selten gefeiert, weil sie frühen Tod oder baldige Scheidung bringen sollen.
Bereits um das Jahr 370 wurden in einem Spital vor den Mauern der Stadt Jerusalem Leprakranke von einer christlichen Bruderschaft des Lazarus gepflegt. Im 12. Jahrhundert wurde die Bruderschaft im Zuge des 1. Kreuzzuges in einen christlichen Ritterorden, den Lazarusorden, umgewandelt. Auf das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus bezogen sich auch die ab 1624 gegründeten Aussätzigen-Krankenhäuser des von Vinzenz von Paul gegründeten Lazaristen-Missionsordens – heute == Vinzentiner genannt -mit der späteren Bezeichnung Lazarett, die sich auf die Krankenstationen des Militärs übertragen hat.
n Fedor M. Dostoevskijs Schuld und Sühne liest Sonja dem Mörder Raskolnikov die Lazarus-Geschichte vor und erfleht die Auferstehung; ähnlich verwendet Elisabeth Langgässer die Geschichte in ihrem Roman Das unauslöschliche Siegel.
Patron der Metzger; der Totengräber, Bettler, Aussätzigen und der Leprosenhäuser
Bauernregel (für den 17. Dezember): Ist St. Lazar nackt und bar, / wird ein linder Februar.