Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/1748

Maria und Robert Infanger wohnen in Engelberg und ihr Hof heisst Melchtal. Sie möchten gerne wissen, was der Name bedeutet und tippen auf das Wort „mälch“, im Sinne von mälchiges Land, Gras.
Besonders ertragreich
Widmen wir uns zunächst dem gleichnamigen Melchtal, das sich ebenfalls im Kanton Obwalden, in der Gemeinde Kerns befindet. Durchs Melchtal fliesst der Fluss Melchaa. Dieser entspringt bei der Melchsee-Frutt und fliesst danach durchs Melchtal bis in den Sarnersee. Ebenerwähntes Melchtal hat seinen Namen vom Fluss Melchaa, der vom Wort „mälch, melch“ abgeleitet ist.
Das schweizerdeutsche Wort „mälch“ bedeutet in erster Linie Milch geben, an Milchertrag zunehmen oder wird bei Quellgewässern in der Bedeutung von „reichlich fliessend“ verwendet. Das Verb „melch(en)“ kann aber auch für Viehfutter, in diesem Sinn für besonders ertragreiches Heu, verwendet werden. Viele Flurnamen bezeichnet mit dem Wort „mälch, melch“ Stellen, an diesen man im Freien zu melken pflegte oder Landstücke, auf denen Gras wächst, das besonders ertragreich ist.
Flurnamen mit Rahm und Milch
Beim Flussnamen Melchaa handelt es sich aber nicht um eine Quelle aus der Milch fliesst. Das „aa“ am Wortende stammt vom althochdeutschen Wort „aha“ ab und bezeichnet ein Fliessgewässer. Das Wort ist auch verwandt mit dem lateinischen „aqua“. In der Schweiz sehen wir dieses althochdeutsche Wort noch in zahlreichen Flussnamen. Beispielsweise bei den Flüssen Engelberger Aa (NW), Sarner Aa (OW), Grosse Melchaa (OW), Kleine Melchaa (OW), Mönchaltdorfer Aa (ZH), Ustermer Aa (ZH), Wägitaler Aa (SZ) Rigiaa (SZ), Grosse Aa und Kleine Aa beim Sempachersee (LU) oder Aabach beim Seetal (AG).
Der Flussname Melchaa bedeutet also „reichlich Wasser führender Flusslauf“ und hat mit der Milch nichts zu tun. Tatsächlich gibt es aber in der Schweiz Namen, die auf weissliche und schäumende Ablagerungen, ähnlich der Milch oder des Rahms, zurückzuführen sind. Beispielsweise hat das Mamilchloch in Thürnen (BL) seinen Namen vom schweizerdeutschen Wort „Mamilch, Manmilch“, das weisslicher Kalksinter bedeutet, der beispielsweise an Kalkwänden vorkommen kann. Auch das „Nidleloch“ in Oberdorf im Kanton Solothurn verweist auf solche Kalkablagerungen, die an den Wänden vorkommen und ähnlich wie Rahm (im schweizerdeutschen Dialekt Nidle) aussehen.
Der Melchtaler in Engelberg
Doch zurück zum Melchtal. Handelt es sich beim Melchtal in Engelberg auch um eine Quelle oder ein Landstück, das reichlich fliessendes Wasser oder ertragreiches Gras vorweisen kann? Nein – der Name ist gemäss dem Obwaldner Namenbuch im Jahr 1594 als Melchtaler belegt. Das bedeutet, dass der Hof einst einer Person gehörte, die aus dem Melchtal (in der Gemeinde Kerns liegend) stammte. Das bedeutet aber nun nicht, dass das Gras um das Engelberger Melchtal trotzdem saftig und ertragreich sein kann.
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.
Sendet Eure Flurnamen ein
Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein
Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an <email-pii>, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.