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Die Schlagzeile hatte etwas Bedrohliches: «Jeder zehnte Corona-Patient erkrankt lebensgefährlich». Als Quelle gab die «NZZ am Sonntag» das Universitätsspital Zürich USZ an, welches Daten von Intensivstationen aus zehn europäischen Ländern ausgewertet habe und fuhr fort: «Fast jeder vierte dieser Personen [Covid-19-Patienten. Red] verstarb.»
Die «NZZ am Sonntag» unterliess es, klar darüber zu informieren, wen sie denn alles zu den «Corona-Patienten» zählte und wen alles nicht. Bei den Lesenden konnte ein falscher Eindruck entstehen. Erst bei genauerem Lesen konnte man annehmen, dass damit nicht alle gemeint waren, welche an Corona erkrankt waren, sondern nur Patienten auf Intensivstationen.
Auf die Frage, welche Definition von «Patient» die NZZ für den oben zitierten Artikel verwendet hat, meinte NZZ-Wissenschaftsredaktorin Theres Lüthi: «Jeder zehnte Corona-Patient erkrankt lebensgefährlich. Das Unispital Zürich hat Daten von Intensivstationen ausgewertet. Ein Patient ist NICHT jemand, der positiv getestet wird.»
Was ist ein «Patient» denn dann? Die Verwirrung ist eher grösser. Zählte die «NZZ am Sonntag» etwa auch alle diejenigen Angesteckten zu den «Patienten», die nicht getestet wurden? Oder nur diejenigen, welche in ein Spital eingeliefert und positiv getestet wurden? Oder nur Patienten in Intensivstationen?
Ein Blick in die Originalstudie des Universitätsspitals Zürich klärt auf: Die Studie hat gar nicht untersucht, wie viele aller Corona-Angesteckten lebensgefährlich erkranken. Sie erwähnte lediglich in der Einleitung zwei Studien aus China vom 24. Januar und 9. März 2020, laut denen zehn Prozent aller dort positiv getesteten Spitalpatienten «critically ill» wurden. Diese Zahl ist also nicht, wie die «NZZ am Sonntag» behauptete, ein Resultat der Studie des Unispitals Zürich.
Ein aufmerksamer Infosperber-Leser schrieb uns dazu: «Die USZ-Studie nimmt einleitend so nebenbei Bezug auf fast 5 Monate alte Daten aus China, wonach 10 Prozent der Fälle auf der Intensivstation landen würden. Diese Aussage wird nun von der Medienstelle des USZ und von der ‹NZZ am Sonntag› so hochgejazzt, dass man den Eindruck erhält, das USZ hätte diese 10 Prozent Intensivpflege-Quote soeben mit europäischen Daten bestätigt.»
Gleiche Schlagzeile im Wissenschafts-Portal «higgs»: Die Studie des Universitätsspitals hat überhaupt nicht untersucht, ob jeder Zehnte lebensgefährlich erkrankt. [Nachtrag: Unterdessen hat «higgs» den Lead leicht abgeändert.]
«Moderate Sterblichkeit» in den untersuchten Intensivstationen
Tatsächlich untersuchten die Forschenden am Unispital Zürich lediglich die Behandlungen und die Mortalität von Covid-19-Patienten in Intensivstationen. Nur unter diesen verstarben fast ein Viertel. Diese Sterblichkeit bezeichnet die Studie als «moderate mortality». Das heisst also, dass eine solche Todesrate auf Intensivstationen nicht ungewöhnlich ist. Dies ist für eine Schlagzeile eher ungeeignet.
In Zahlen: Es wurden 639 Patienten berücksichtigt, die sich bereits in einem kritischen Zustand in einem Spital befanden. Sie wurden auf Sars-Cov-2 positiv getestet. Sie mussten entweder auf Intensivstationen (Intensive Care Unit ICU) verlegt werden oder auf eine Intermediate Care Unit (IMC) mit «organ support therapies» inklusive Beatmungsgeräten. Von den 398 Patienten, die am Stichtag der Untersuchung nicht mehr auf der Intensivstation lagen, konnten 301 Patienten die Intensivstation verlassen und 97 waren auf der Intensivstation gestorben. Das heisst, 24,3 Prozent der 398 Patienten, die am Stichtag nicht mehr auf der Intensivstation waren, sind verstorben.
Die Studie enthält jedoch keine Angaben darüber, wie viele aller positiv Getesteten in Spitäler gelangen und wie viele davon intensiv behandelt werden mussten.
Angeblicher Trugschluss
Eigentlich war der Frontartikel in der «NZZ am Sonntag» vom 12. Juli lediglich der Auftakt für zwei Zeitungsseiten im Inneren der Zeitung. Dort wurde, ebenfalls alarmierend, das tragische Schicksal eines 47jährigen Mannes beschrieben, der an Sars-Covid-19 fast gestorben wäre. Er hatte eine Vorerkrankung, von der er jedoch nichts wusste. Aus diesem gross aufgemachten, tragischen Einzelfall folgerte die «NZZ am Sonntag»:
- «Jung und gesund: Dann muss man sich nicht vor Corona fürchten, denken viele. Das ist ein Trugschluss.»
Diese Schlagzeile zielt daneben. Einzelfälle gibt es immer. Die «NZZ am Sonntag» informiert denn auch nicht darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass ein «Junger und Gesunder» wegen des Virus lebensgefährlich erkrankt. Wie viele von 10’000 positiv getesteten «Jungen und Gesunden» erkranken lebensgefährlich?
Selbst während einer schweren Influenza-Welle wie im Winter 2014/2015 in der Schweiz oder 2017/2018 in Deutschland gab es vereinzelt Junge, die schwer erkrankten und sogar starben.
Jedenfalls müssen sich junge Gesunde vor Corona nicht fürchten, die Krankheit jedoch trotzdem ernst nehmen. Ihr Risiko, an Corona lebensgefährlich zu erkranken, ist bedeutend kleiner, als bei einem Auto- oder Motorradunfall schwer verletzt zu werden oder sogar zu sterben.
Trotzdem gilt natürlich auch für junge Gesunde, Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zu meiden und, wo es nötig ist, Schutzmasken zu tragen und Hygienevorschriften einzuhalten, um das Virus möglichst nicht weiter zu verbreiten und keine Mitmenschen anzustecken.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine