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Psychoscope-Blog – Folgen vererbter Traumata
Menschen leiden oft jahrelang unter den psychischen Folgen eines Traumas. Die Traumatisierung wirkt jedoch über die unmittelbar traumatisierte Person hinaus: Das nahe Umfeld, die Familie ist mitbetroffen. Mit den Auswirkungen der Traumatisierung auf die Angehörigen und den Mechanismen der Weitergabe an die nächste Generation befasst sich Rahel Bachem im Artikel «Intergenerationale Weitergabe von Traumata» (siehe Referenz unten).
Nahe Angehörige können Symptome entwickeln, die denen traumatisierter Personen sehr ähnlich sind. Sie leiden unter erhöhtem Stress, Ängsten, depressiven Beschwerden bis hin zu typischen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Das Phänomen wird als sekundäre Traumatisierung bezeichnet. Sind Kinder betroffen, spricht man von intergenerationaler Traumatisierung.
In Ihrem Überblick bezieht sich Bachem hauptsächlich auf die israelische Längsschnittstudie von Solomon, Horesh, Ein-Dor und Ohry (2012) mit Veteranen und ehemaligen Kriegsgefangenen des Yom Kimpur Krieges von 1973. Rahel Bachem schreibt in ihrer Studie: «Mehr als 40 Jahre nach dem Krieg wiesen erwachsene Kinder ehemaliger Kriegsgefangener mehr Intrusionen und Vermeidung auf als Kinder von Veteranen, die nicht in Kriegsgefangenschaft gerieten. (…) Sie berichteten ebenfalls mehr Depression, Angst, Feindseligkeit, sowie paranoide Gedanken.»
Mechanismen der Weitergabe
Rahel Bachem diskutiert verschiedenen Mechanismen, die bei der intergenerationalen Weitergabe von Traumatisierung eine Rolle spielen.
- Vor allem bei Überlebenden von interpersonellen Traumata ist das Vertrauen in andere Menschen erschüttert. Sie haben Mühe, sich auf nahe Beziehungen einzulassen. Folglich fällt es ihnen oft schwer, liebevoll und unterstützend mit den eigenen Kindern umzugehen. Durch emotionale Taubheit sind sie darüber hinaus für ihre Kinder weniger verfügbar und können weniger sensitiv auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen.
- Kinder nehmen die posttraumatische Symptomatik der Eltern wahr. Wenn traumatisierte Eltern vermeiden, über das Erlebte zu sprechen, fehlt den Kindern eine Erklärung für das Wahrgenommene. Als hilfreich gilt Information über die elterliche Traumatisierung, die der Entwicklung und den Bedürfnissen des Kindes angepasst ist.
- Das Trauma ist verknüpft mit der Erfahrung, dass die Welt und/oder die Menschen bedrohlich sind. Um ihre Kinder zu schützen, neigen traumatisierte Eltern dazu, überbehütend das Explorationsverhalten ihrer Kinder einzuschränken.
- Übererregbarkeit (Hyperarousal) kann die Frustrationstoleranz senken und die Gefahr für familiäre Gewalt erhöhen. Kinder traumatisierter Eltern sind dann zusätzlich dem Risiko von primärer Traumatisierung ausgesetzt.
- Physiologische Prozesse spielen bei der intergenerationalen Weitergabe von Traumata ebenfalls eine Rolle. «Ein wichtiger Vermittler zwischen PTBS Symptomen in der Elterngeneration und der erhöhten Prävalenz von psychopathologischen Symptomen in der Generation der Kinder ist der Kortisolspiegel.»
Es ist sinnvoll, Traumafolgen - auch - systemisch zu verstehen: Die primären und sekundären posttraumatischen Belastungssymptome aller Familienmitglieder beeinflussen sich gegenseitig. Erhalten traumatisierte Patientinnen und Patienten mit Kindern Informationen zu den Mechanismen der Traumaweitergabe und zum Umgang mit PTBS in der Erziehung, stärkt sie das als Eltern und kann so den intergenerationalen Transfer einschränken. Wichtig ist darüber hinaus die psychosoziale Unterstützung der Partnerinnen und Partnern des traumatisierten Elternteils. Besonders dann, «wenn der sekundär exponierte Elternteil die Hauptbezugsperson der Kinder ist».
Studie
Bachem, R. (2019). Intergenerationale Weitergabe von Traumata. PiD – Psychotherapie im Dialog, 20, 42-45.