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Mittelalter
Sardinien, das später eine so grosse Bedeutung in der Geschichte der Muschelseide haben wird, wird zum ersten Mal im Frühmittelalter erwähnt. Papst Leo IV (790-855) ersucht die sardischen Richter um die Zusendung von pinnikon (oder pinnino). Einige Autoren gehen davon aus, dass es sich dabei um Muschelseide handelte (u.a. Zanetti 1964). Bellieni 1973 nennt pinnino als volkssprachliche Bezeichnung für lana marina. Für diese lana marina gibt er zwei Erklärungen: Stoffe aus den Federn einheimischer Vögel «... pinne di uccelli acquatici, come oche, cigni, anatre...» - oder Muschelseide.
Vogelfedern werden auch in einem anderen Zusammenhang erwähnt. Viele arabische Quellen sprechen von einem kostbaren Stoff, genannt suf al-bahr, buqalamun, abû qalamûn: «... it was usually compared with peacock feathers and with the plumage of a Nile wader bird, the Sultan fowl (Porphyrio porphyrio), which seemed to change the colour of its feathers continuously» (Baker 1991). Einiges deutet aber auch auf Muschelseide (Baker 1995). Pellat 1950, Idris 1962, Lombard 1978, Djelloul 1995 sind überzeugt, dass es sich um Muschelseide handelt. Brunschvig nennt 1947 nur suf bahri und zusätzlich wabar al-samak; für Serjeant 1972 ist suf al-bahr Muschelseide, abu kalamun hingegen die Steckmuschel. Halm (2003) zitiert in seinem Buch über die Fatimiden in Ägypten den Perser Naser-e Hosrou aus dem 11. Jahrhundert: «In dieser Stadt Tinnis webt man das buqalamun, das es sonst nirgends auf der Welt gibt. Es ist dies ein farbenprächtiges Gewebe, das zu jeder Tageszeit eine andere Tönung zeigt. Diesen Stoff exportiert man aus Tinnis nach dem Okzident wie nach dem Orient. Ich habe gehört, dass ein Kaiser von Byzanz einmal dem Herrscher von Ägypten vorschlug, er möge hundert Städte seines Reiches nehmen und ihm dafür Tinnis geben; der Sultan aber lehnte ab. Was jenen aber an der Stadt interessierte, war das Leinen und das buqalamun.» Ein Thema auf jeden Fall, das auf Klärung wartet.
Auch der jüdische Rechtsgelehrte Maimonides erwähnt in seinen Schriften Textilien unter den Begriffen «sea creature» und «wool that grows in the sea». Jüdische Textilforscher und Kenner der Welt des alten Testaments gehen davon aus, dass es sich dabei sehr wohl um Muschelseide handeln könnte (Nahum Ben Yehuda, persönliche Mitteilung). Darauf weisen auch hebräische Schriften des 9. bis 13. Jahrhunderts hin. Die Geniza von Kairo ist ein Aufbewahrungsort in der Synagoge für nicht mehr verwendete religiöse Texte und Dokumente. Diese Ende des 19. Jahrhundert entdeckten Textfragmente berichten von einem Textilmaterial – Meerwolle und 'Wunder der westlichen Welt’ wird es genannt - produziert von einer grossen Meeresmuschel: «In addition to the main textiles... some minor fibers are mentioned in the Geniza records... A fanciful material was ‘sea wool’, made of threads produced by a large marine mollusk, which have a golden luster and take on various colors during the day. Known in Italy from Roman times to the present day, it was counted by the Muslims as one of the marvels of 'the West', and the Umayyad rulers of Spain used to forbid its export. In a large order for precious textiles we find also one for two covers of sea wool, each twenty-four cubits long and woven together with green and red silk.» (Goitein 1967)
Ältestes Objekt aus Muschelseide
Aus dem Spätmittelalter stammt das älteste noch existierende Objekt aus Muschelseide, eine gestrickte Mütze, die 1978 bei archäologischen Grabungen in St. Denis bei Paris gefunden wurde. Aufgrund der am gleichen Ort entdeckten weiteren Funde wird sie auf das 14. Jahrhundert datiert.
Aus dem Spätmittelalter stammt das älteste noch existierende Objekt aus Muschelseide, eine gestrickte Mütze, die 1978 bei archäologischen Grabungen in St. Denis bei Paris gefunden wurde. Aufgrund der am gleichen Ort entdeckten weiteren Funde wird sie auf das 14. Jahrhundert datiert.