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«Baselland war bei der Integration von Ausländern ein Vorreiter»
Der Historiker Dr. Tobias Senn hat in seiner Dissertation die Schweizer Arbeitsmigrationspolitik zwischen 1945 und 1975 untersucht. Im Interview spricht er über ihre Umsetzung im Baselbiet, wo man sich in der Nachkriegszeit als «Entwicklungskanton par excellence» verstand und auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen war.
Tobias Senn, ist die Debatte um Migration in der Schweiz zurzeit besonders heftig oder war das Thema bereits in der Nachkriegszeit ein heisses Eisen?
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Migration in der Schweiz zunächst kaum ein öffentliches Thema. Es ging in dieser Phase der Hochkonjunktur schlicht um die Beschaffung der dringend benötigten Arbeitskräfte. Im Laufe der 1960er Jahre regte sich Widerstand gegen die Zuwanderung und es entwickelte sich eine Abwehrhaltung gegen die «Überfremdung». Kristallisationspunkt war die Schwarzenbach-Initiative von 1970, als die Zuwanderung äusserst intensiv und kontrovers diskutiert wurde. Diese Debatte lässt sich in ihrer Heftigkeit sicher mit heute vergleichen, zumal es in jüngster Zeit wiederum Volksabstimmungen wie die Masseneinwanderungsinitiative waren, die das Thema Migration befeuerten.
Sie schreiben, dass sich der Kanton Baselland als «Entwicklungskanton par Excellence» verstanden habe. War er als solcher auf Migrantinnen und Migranten angewiesen?
Ja, eindeutig. Der Arbeitsmarkt war vollkommen ausgetrocknet. Die Zahl der in Baselland arbeitstätigen Ausländerinnen und Ausländer stieg von 1950 bis 1964 relativ kontinuierlich von 5000 auf gut 30'000. Kein anderer Kanton verzeichnete in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine derart hohe Zuwanderung. Der damit zusammenhängende Aufschwung der Wirtschaft bestärkte die Haltung, dass man für Ausländer ein attraktiver Standort mit fairen Bedingungen sein wollte, um auf dem europäischen Arbeitsmarkt genügend Arbeiter rekrutieren zu können.
Wo fanden sie Arbeit im Baselbiet?
Die Männer vor allem in der Baubranche, die Frauen oftmals in Fabriken, unter anderem der Textilindustrie. Die Fremdarbeiter fanden vor allem im unteren Kantonsteil Arbeit, insbesondere im Bezirk Arlesheim, der an die Stadt Basel angrenzt. Die dortige Industrie wuchs nach dem Krieg massiv. Viele Schweizer fanden bald in der Industrie, bald im Dienstleistungssektor Beschäftigung. Damit wurden nicht zuletzt in der Landwirtschaft im oberen Kantonsteil viele Arbeitsplätze frei. Fortan waren es fast ausschliesslich Ausländer, die den Bauern bei der Ernte halfen und die Baselbieter Felder bestellten.
Woran störten sich der Rechtspopulist James Schwarzenbach und andere, die um 1970 von «Überfremdung» sprachen?
Bereits um 1960 mehrten sich die Stimmen, die befanden, die zugezogenen Italiener würden den Schweizern die Wohnungen streitig machen. Die mit dem Namen Schwarzenbach assoziierte «Überfremdungsbewegung» argumentierte dann mit kulturellen Unterschieden und forderte eine Begrenzung der Ausländer in der Schweiz auf 10 Prozent.
Ab wann spielten die heute oftmals geforderten Assimilierung und Integration eine Rolle?
Es waren Behörden wie die Fremdenpolizei, die ab 1960 Assimilierung und Integration als neue Ziele formulierten. Bis anhin waren Ausländer schlicht Konjunkturpuffer, die man bei einem Arbeitsrückgang wieder aus dem Land haben wollte. Nun wurde in interkantonalen Konferenzen diskutiert, ob es zum Beispiel sinnvoll wäre, Ausländer einzubürgern, um die Integration zu fördern. Also nicht – wie heute – den roten Pass als Endziel der Integration, sondern als Mittel zur besseren Assimilierung.
In einer solchen Konferenz der kantonalen Fremdenpolizeichefs erläuterte der Schriftsteller Max Frisch 1966 den Beamten sein bekanntes Zitat: «Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen.» Wurden im Baselbiet die Ausländer als Arbeitskräfte oder als Menschen behandelt?
Zunehmend als Menschen. Die Regierung und eine klare Mehrheit des Landrats nahmen zu dieser Zeit die Haltung ein, dass ausländische Arbeitskräfte im Land bleiben und der Schweizer Bevölkerung rechtlich gleichgestellt werden sollen. In den 1960er Jahren war Baselland bei der Integration von Ausländern ein Vorreiter. Niederlassung und Familiennachzug wurden gut geheissen, fremdenfeindlichen Voten die Stirn geboten. Man vertrat damit eine progressive Position unter den Schweizer Kantonen.
Welche Massnahmen ergriff der Kanton?
Als Pilotprojekt rief das Baselbieter Arbeitsamt die sehr breit abgestützte Arbeitsgemeinschaft für die Betreuung ausländischer Arbeitskräfte ins Leben. Darin waren unter anderem Arbeitgeber, Arbeitnehmer und die Kirchen vertreten. Sie diskutierten mit den Behörden, wie ausländische Arbeitskräfte besser integriert werden könnten. Das prägte ein Bewusstsein, dass eben eine Integration angestrebt werden soll. Soweit ich das nach meiner Studie beurteilen kann, nahmen gerade das Arbeitsamt und die Arbeitgeber im Baselbiet eine liberale und offene Haltung gegenüber Ausländern ein.
Die Dissertation von Tobias Senn entstand am Departement Geschichte der Universität Basel und wurde von den Professoren Georg Kreis und Martin Lengwiler betreut. Sie ist im Chronos Verlag erschienen.
Tobias Senn:
Hochkonjunktur, «Überfremdung» und Föderalismus. Kantonalisierte Schweizer Arbeitsmigrationspolitik am Beispiel Basel-Landschaft 1945–1975
Chronos Verlag, Zürich 2017, 532 Seiten, CHF 68.-