Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/2681

Beginn Inhaltsbereich
Beginn Navigator
Ende Navigator
Methan wird nicht nur aus dem Boden in Form von Erdgas geholt, sondern auch hergestellt. Im 19. Jahrhundert wurde durch Kohledestillation das so genannte Stadtgas produziert, welches vor allem zur Beleuchtung diente. In den 1960er- und 1970er-Jahren löste das Erdgas das Stadtgas ab. Heute wird Methan weiterhin erzeugt, jedoch in Form von Biogas aus der Vergärung von nachwachsenden Rohstoffen. Erdgas (bzw. Biogas) wird gasförmig in Gasleitungen oder nach dessen Verflüssigung in Flüssiggastankern transportiert. Im Energiebereich wird Erdgas insbesondere zur Beheizung von Wohn- und Gewerberäumen, als Prozessenergie in Industrie und Gewerbe sowie zur Stromproduktion verwendet. Daneben nutzt es die chemische Industrie unter anderem zur Herstellung von Kunststoffen. Geht man davon aus, dass der globale Erdgasverbrauch auf dem jetzigen Niveau stabil bleibt, dürften die nachgewiesenen Reserven (wovon rund 60% in Russland, Iran, Katar und Turkmenistan konzentriert sind) gemäss BP Statistical Review of World Energy 2016 noch gut 50 Jahre reichen. Dieser Statistik ist auch zu entnehmen, dass der Welterdgasverbrauch zwischen 2000 und 2014 um 43% gestiegen ist (+2.5%/Jahr). 2015 betrug der Zuwachs 1.7%. Der höchste Erdgasverbrauch wurde in den USA (mit einem Anteil von 22.8%) verzeichnet, gefolgt von der EU (11.5%), Russland (11.2%), China (5.7%) und Iran (5.5%). Der Anteil der OECD-Länder am Welterdgasverbrauch ging auf 46,5% zurück (verglichen mit 46.7% in 2014 und 52.6% in 2004). Die grössten Erdgasförderer waren die USA (22.0%), Russland (16.1%), Iran (5.4%), Katar (5.1%), und Kanada (4.6%). Gemäss Prognosen der Internationalen Energie-Agentur (IEA, Medium-Term Gas Market Report 2016) wird der Gasverbrauch bis 2021 weiterhin rund 1.5% pro Jahr wachsen, verglichen mit +1.2%/Jahr für Erdöl und +0.8%/Jahr für Kohle. Im Jahr 2015 fielen die Gaspreise auf allen Regionalmärkten auf tiefe Niveaus. In Europa war das vor allem auf die Bindung an die Erdölpreise sowie auf die ungewöhnlich milden Temperaturen zurückzuführen. In den USA führte der Produktionsüberhang – bedingt durch den Schiefergas-Boom – zu den tiefsten Gas-Spotpreisen an der Nymex seit der Jahrhundertwende. Auf dem ostasiatischen Markt traf die massive Ausweitung des LNG-Angebots (vor allem aus Australien) auf eine abflauende Nachfrage.
In der Schweiz wurde Stadtgas ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch Holz- und dann Kohledestillation sowie aus der Spaltung von leichten Erdölprodukten gewonnen. Gaswerke gingen im ganzen Flachland in Betrieb, was die heute noch weitgehend dezentrale Struktur der Schweizer Gasbranche erklärt. Die Einbindung an das europäische Transportnetz und somit die Umstellung auf Erdgas erfolgte in den 1970er-Jahren. Infolge des Höhenflugs des Ölpreises – bedingt durch die Krisen von 1973 und 1978/79 – sowie dank des Baus der internationalen Gas-Pipelines TENP (zwischen den Niederlanden und der Schweizer Grenze) und Transitgas (zwischen Wallbach (AG) an der Grenze zu Deutschland und dem Griespass (VS) an der Grenze zu Italien) erlebte Erdgas auf dem Schweizer Wärmemarkt einen kräftigen Aufschwung. Die Leitung Transitgas, im Besitz der gleichnamigen Firma, wurde in den Jahren 1998 bis 2003 wegen der wachsenden Gasnachfrage in Italien massiv ausgebaut und über eine neue Verbindung an das französische Transportnetz in Oltingue (südwestlich von Basel) angeschlossen. Die Transportkapazität der Transitgasleitung beträgt 18 Mrd. m3 pro Jahr, wovon 2.5 Mrd. m3 für die Schweiz reserviert sind. Damit positioniert sich die Schweiz als wichtiges Transitland im Herzen des europäischen Gasbinnenmarktes. Bis 2018 wird Transitgas umgerüstet, um eine Umkehrung der Gasflussrichtung (d.h. von Italien Richtung Deutschland und eventuell auch Frankreich) zu ermöglichen. Die Realisation dieses "Reverse flow" wird die Versorgungssicherheit nicht nur der Schweiz, sondern ganz Westeuropas verstärken. Die Schweiz verfügt heute über 16 Grenzübergangspunkte, wovon die Mehrheit reine Einspeisepunkte sind. Die übrigen dienen teilweise oder auch vollständig als Ausspeisepunkte. Innerhalb der Landesgrenzen weist das Hochdruck-Transportnetz nach Angaben des Verbands der Schweizer Gasindustrie (VSG) eine Länge von 2253 Kilometer auf, beim Niederdruck-Verteilnetz sind es rund 17‘200 Kilometer. Gut 40% der zirka 2350 Gemeinden – mit einem Bevölkerungsanteil von 70% – werden mit Erdgas versorgt. Zwischen 1973 und 1996 verzehnfachte sich der Endverbrauch dieses Brennstoffes, vor allem auf Kosten von Heizöl. In den letzten zwei Jahrzehnten betrug der Zuwachs – nicht zuletzt infolge der milderen Witterung – nur noch rund 1.3%/Jahr. Wie aus der Schweizerischen Gesamtenergiestatistik hervorgeht, lag 2015 der Gasanteil am gesamten Endenergieverbrauch bei 13.5%. Grösste Verbrauchergruppen sind die Haushalte mit rund 40% des Gaskonsums und die Industrie (zirka 35%).
Für ihre Erdgasversorgung ist die Schweiz beinahe vollständig auf Importe angewiesen: Das einheimisch produzierte Biogas deckt nicht einmal 0.1 % Prozent unserer Gasbedürfnisse. Erdgasvorkommen werden zwar vermutet. Bisher liess sich aber nur eine winzige Lagerstätte in Finsterwald im Kanton Luzern zwischen 1985 und 1994 kommerziell abbauen, mit einer totalen Produktion von 74 Millionen Kubikmeter Erdgas, was zirka 2,1% des Verbrauchs der Schweiz im Jahr 2015 entspricht. Mit rund 3,5 Mrd. m3 hat dieser im internationalen Vergleich eine geringe Bedeutung. Er beträgt nicht einmal 1 Prozent der Nachfrage Europas. Die Schweizer Erdgasbeschaffung wird zum grossen Teil durch langfristige Lieferverträge mit zuverlässigen Partnern aus vier EU-Ländern (Deutschland, Niederlande, Frankreich und Italien) sichergestellt. Mit Ausnahme der Niederlande decken diese Länder den Hauptteil ihrer Gasbedürfnisse durch Importe aus Russland, Norwegen und Algerien. Jedoch wird ein zunehmender Anteil des importierten Erdgases am Spotmarkt eingekauft, um von kurzfristigen Preisbewegungen zu profitieren.
Die Versorgungssicherheit ist auch während extremer Kälteperioden sowie bei der Störung oder beim Ausfall grosser Versorgungsinfrastrukturen gewährleistet. Dazu tragen nicht zuletzt die Zweistoffanlagen bei, welche in der Schweiz etwa 30% des jährlichen Gasverbrauchs ausmachen, einen im weltweiten Vergleich sehr hohen Anteil. Im Krisenfall kann das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) verlangen, dass diese Anlagen auf Heizöl umschalten, soweit dies nicht bereits geschehen ist. Damit kann die (reduzierte) Versorgung von weniger flexiblen Sektoren (Haushalte, Kleingewerbe) sichergestellt werden. Im Hinblick auf solche Notsituationen und für den Fall einer gleichzeitigen Versorgungsstörung bei Erdgas und Erdöl muss Heizöl unter der Koordination von Provisiogas – eine von der Gasbranche gegründete Organisation – und der Aufsicht des BWL gelagert werden. Diese so genannten Pflichtlager müssen den Heizölverbrauch der Zweistoffanlagen (als Gasersatz) während mindestens viereinhalb Monaten sichern. Darüber hinaus verfügt die westschweizerische Regionalgesellschaft Gaznat und zu einem geringeren Teil die Regionalgesellschaft GVM über Speicherkapazitäten (im Umfang von knapp 5% des Schweizer Jahresverbrauchs) in einem von ihnen mitfinanzierten Erdgasspeicher in der Region Lyon. Gemäss einem Abkommen zwischen der Schweiz und Frankreich könnten beide Regionalgesellschaften diese Kapazitäten im Krisenfall gleich benutzen wie französische Kunden. Auch verfügen alle Partnerländer der Schweizer Gaswirtschaft über grosse Speicheranlagen, welche mit entsprechenden Lieferbedingungen zur Flexibilität der Schweizer Gasversorgung beitragen. Künftig wird verflüssigtes Erdgas (LNG) auf dem europäischen Gasmarkt zunehmend an Bedeutung gewinnen. LNG wird nicht nur den Schutz gegen Versorgungsunterbrüche erhöhen sondern auch zur Globalisierung des Gasmarktes beitragen.
In der Schweiz wird in der Regel jede Region von einem einzigen Erdgasverteiler versorgt. Diese Monopolstellung ist jedoch vor dem Hintergrund des Wettbewerbs auf dem Wärmemarkt zu sehen. Darüber hinaus haben Grossverbraucher die Möglichkeit, ihren Versorger frei zu wählen. Dafür hat die schweizerische Gaswirtschaft zusammen mit industriellen Grossverbrauchern eine privatrechtliche Vereinbarung erarbeitet, die den Zugang zum Hochdrucknetz vereinheitlicht und vereinfacht. Trotz dieser Regelungen bestehen weiterhin Rechtsunsicherheiten im Gasmarkt. Diese sollen nun in einem Gasversorgungsgesetz geklärt werden. Das Bundesamt für Energie will bis Ende 2017 eine entsprechende Vernehmlassungsvorlage erarbeiten.
Ende Inhaltsbereich