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Wie aber gelangen wir von diesem grundlegenden Misstrauen, das am Anfang menschlichen Zusammenlebens steht, zum Vertrauen? Da das Vertrauen nicht gegeben ist, muss es gewollt werden. Solcher Wille zum Vertrauen muss gefasst werden gegen das Wissen darum, dass die Grundlage solchen Vertrauens äusserst fragil ist. Dem anderen Vertrauen zu schenken, ist stets ein Wagnis, stets mit dem Risiko verbunden, enttäuscht zu werden. Und das Vertrauen in den anderen bleibt stets ungesichert, Vertrauen ist per se ungesichert. Es gibt keinen Vertrauenskalkül, keine Berechenbarkeit. Der Vertrauensvorschuss kann nicht rückgefordert werden, er ist immer à fonds perdu. Es gibt keinen reziproken Anspruch auf Vertrauen, wie es das Modell des Gesellschaftsvertrags suggeriert. Denn es besteht die Möglichkeit und das reale Risiko, dass der andere mein Vertrauen enttäuscht und missbraucht.
Beide Momente, (1) das grundlegende Misstrauen wie auch (2) das enttäuschte Vertrauen, erscheinen auch in Hegels Phänomenologie des Geistes.
(1) Das Misstrauen und seine Aufhebung werden in der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft thematisiert.[3] Das Anerkennen als Resultat des Kampfes zwischen Herrn und Knecht ist eine Chiffre für die Konstitution des Vertrauens zwischen Subjekten in asymmetrischer Beziehung. Im «Kampf auf Leben und Tod»[4] stehen sie sich in Feindseligkeit und absolutem Misstrauen gegenüber. In diesem Kampf erkennen sie, dass sie aufeinander angewiesen sind; sie erkennen, dass sie ihr Selbst der Anerkennung durch den anderen verdanken. Herr und Knecht «anerkennen sich als gegenseitig sich anerkennend».[5] In diesem Prozess wechselseitiger Anerkennung wird das ursprüngliche Misstrauen aufgehoben. Hegels spekulativer Versöhnungsdrang blendet allerdings aus, dass Anerkennung und Vertrauen nicht einfach Resultat der Entwicklung des Geistes sind, nicht einfach geschehen, sondern gewollt werden müssen.
(2) Das enttäuschte Vertrauen wird im Religionskapitel der Phänomenologie thematisiert. Erst in der Negation des Vertrauens, das heisst, wenn das Vertrauen «gebrochen» wird, erfasst sich der Geist in seinem Selbstbewusstsein. Er «trauert» zwar über den «Verlust seiner Welt», den er im Vertrauensbruch erfährt, aber in diesem Verlust gewinnt er die Gewissheit seiner selbst.[6] Auch hier scheint wieder ein Versöhnungsdrang oder zumindest jener Drang zur Aufhebung am Werk zu sein, der alles Negative in ein Positives - hier die Selbstgewissheit - wendet. Und wiederum wird dabei ausgeblendet, welch starken Willen zum Vertrauen derjenige aufbringen muss, dessen Vertrauen enttäuscht wurde.
Insofern Vertrauen ein Wagnis ist, muss jeder Anspruch auf Sicherheit aufgegeben werden. Vertrauen heisst eben gerade nicht, sich sicher zu fühlen,[7] sondern vielmehr, sich unsicher zu fühlen und gegen dieses Gefühl den Willen zum Vertrauen zu setzen, Vertrauen zu wagen. Vertrauen geht immer ins Ungewisse und Ungesicherte; die Möglichkeit des Scheiterns und der Enttäuschung gehört stets zum Vertrauen. Vertrauen ist dabei nicht als Versuch zu fassen, angesichts der Unsicherheit des Daseins Sicherheit zu erlangen, sondern als Mut und Wille, das Leben in die Unsicherheit des Daseins hinein zu entwerfen. Vertrauen ist insofern ein Entwurf, der dem Geworfen-Sein trotzt, dem Geworfen-Sein in eine Welt, die ich bei allem Verstehen-Wollen nicht verstehe, in soziale Kontexte, die von einem grundlegenden Misstrauen bestimmt sind. Vertrauen ist ein malgré tout im existenzialphilosophischen Sinne,[8] das heisst eine und, wie ich meine, die einzige Möglichkeit des In-der-Welt-Seins. Vertrauen als malgré tout ist der dezidierte Wille zum Vertrauen als Wille zum Leben, das nie nur ein jemeiniges ist, sondern immer auch sozial. Solches Vertrauen-Wollen als malgré tout lässt sich nicht von Enttäuschungen beirren und ist die Möglichkeitsbedingung des Verzeihens und Neuanfangens. Aber ich muss diese Möglichkeit ergreifen wollen.
Ich habe andernorts dafür zu argumentieren versucht, dass das Vertrauen ein grundlegendes Existenzial ist,[9] unter das sich das Dasein fassen und mit dem es sich verstehen lässt. Im Anschluss an und in kritischer Auseinandersetzung mit Nietzsches Willensmetaphysik würde ich das Argument dahingehend präzisieren, dass Vertrauen einen Willen, und zwar einen starken Willen voraussetzt, der den Willen zur Macht nicht negiert, sondern sozialisiert. Das stets ungesicherte Vertrauen befreit uns von dem Auf-uns-selbst-Zurückgeworfen-Sein, das sich im Willen zur Macht zum Ausdruck bringt. Der Wille zum Vertrauen ermöglicht das Ausbrechen aus der Selbstbezogenheit, die den Willen zur Macht kennzeichnet. Der Wille zum Vertrauen ist insofern konstitutiv für alle menschlichen Beziehungen - für Liebe und Freundschaft, Gemeinschaft, Staat und Gesellschaft, Handel und Wirtschaft.
Leicht überarbeiteter Auszug aus: Wolfgang Rother: Wille zur Macht oder Wille zum Vertrauen? in: Bulletin der Gesellschaft für hermeneutische Anthropologie und Daseinsanalyse (2016/2) 20-34.
Zum vollständigen Artikel:
[1] Th. Hobbes: Vom Bürger (1642), übers. v. M. Frischeisen-Köhler u. G. Gawlick (Hamburg 21966) 59, 69 u. 83.
[2] Ebd., 128.
[3] G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807), in: Theorie Werkausgabe (Suhrkamp) III 145–155.
[4] Ebd., 149.
[5] Ebd., 147.
[6] Ebd., 514.
[7] So die Definition von E. Angehrn: Grundvertrauen zwischen Metaphysik und Hermeneutik. Vom Seinsvertrauen zum Vertrauen in den Menschen, in: I. U. Dalferth, S. Peng-Keller (Hg.): Grundvertrauen. Hermeneutik eines Grenzphänomens (Leipzig 2013) 166.
[8] Exemplarisch etwa A. Camus: Der Mythos des Sisyphos (1942), übers. v. V. von Wrobelwsky (Reinbek bei Hamburg 122010) 158.
[9] W. Rother: Vertrauen als Existenzial. Einige vorläufige Notizen, in: J. Baer, W. Rother (Hg.): Vertrauen (Basel 2015) 11–24.
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Rother, Philosophisches Seminar der Universität Zürich