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DAS NARR #18
DAS BROTMESSER
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Miriam Suter's Text.
"..Sie drehte das Wasser auf und aus dem Duschkopf strömte bald schon heisses Wasser, von dem sich Juliette Besserung versprach. Sie liess sich das Wasser auf Haare, Schulterblätter, Pobacken und Fesseln prasseln, während sie an graue Tage unter Nebelschleiern und Rahmglacé ohne Geschmack dachte. Sie stieg aus der Dusche und fühlte sich nicht weniger dumpf als zuvor. So beschloss Juliette, das einzig Vernünftige zu tun, was an einem solchen Morgen zu tun blieb. Sie zog sich an, türmte die nassen Haare mitten auf ihrem Kopf auf und ging in die Küche..."
MARTINSBILDWANDLER
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Anne Flückiger's Text.
"..Als ich an der Treppe des Totengässleins stand, begann es zu nieseln. Ich wollte umdrehen. Ein Mann mittleren Alters kam rauchend die Gasse hoch, nicht hektisch, aber zielstrebig. «Sie wollen zu mir.» Ich schaute um mich, als ob er jemand anderen gemeint haben könnte. Er lachte leise auf und warf den Zigarettenstummel in den Gulli. «Hannah Roth?» Als er auf meiner Höhe war, streckte er mir die Hand hin und wiederholte: «Sie wollen zu mir.» Sein Händedruck war fest. Er musste den Hautriss an meinem Arm bemerkt haben, an der Rechten reichte er bereits bis in die Mitte des Daumenballens, aber er verlor kein Wort darüber..."
KNATTERRATTERKNATTERRATTERHUPHUP.
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Verena Kessler's Text.
"..Knatterratterknatterratterhuphup. Frau Rotblatt erträgt das jetzt nicht mehr länger. Ausserdem hat sie Lust auf Schokolade. Seit einigen Jahren schon überkommt sie nachts eine nicht zu zügelnde Gier nach Yogurette. Vor allem dann, wenn sie nicht schlafen kann, also wenn ihr Mann schnarcht, also wenn er getrunken hat. Deshalb steht Frau Rotblatt jetzt auf, ganz leise, zieht sich ihren Morgenmantel über und huscht auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer. In der Küche riecht es noch nach Zwiebeln. Zum Abendbrot hat es Rührei gegeben, das macht sich Frau Rotblatt oft, wenn sie allein essen muss. Mit einem kleinen, nicht uneleganten Hüpfer lässt sie die knatschende Diele aus. Sie öffnet die Kühlschranktür (zimmerwarme Schokolade kann Frau Rotblatt beim besten Willen nicht ausstehen) und – na nu?.."
SIMPEL UND DIE WELT
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Peter Näf's Text.
"..Simpel war Klimaskeptiker, aus dem simplen Grund, dass er sich nicht die ganze Zeit scheisse fühlen wollte. Er liebte die einfachen Dinge. Neben der Arbeit als Treuhänder, kippte er abends gerne ein, zwei Bier und schaute dazu fern. Simpel mochte Politiker, die am Fernsehen auftraten und den Gegnern in den Arsch traten. Schlagzeilen reichten ihm um informiert zu sein. Er hatte den höchsten Respekt vor Leuten, die etwas erreicht hatten und von den Medien kritisiert wurden..."
DAS NIKOTIN DES GUTEN DRACHEN
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Julia Rüegger's Text.
"..Dabei suchte sie als Stücke immer die brutalsten Märchen aus. Auch sah sie anders aus als die anderen Mütter mit ihrem strohigen, wilden Haar, den breiten silbernen Ringen, keiner Schminke und tiefen Poren, mit an den Knien abgewetzten Lederhosen und dunklen Cowboystiefeln. Die Inszenierung der Märchen und selbst die von Kinderbüchern wie Mimi endeten immer blutig, die Kinder vom guten Drachen mussten schon früh lernen, wie man das eigene Sterben spielt und danach auch echte Tote. Die Masken wurden ihnen bis in die Haare hineingemalt, so dass die Eltern ihre Kinder nach jeder Aufführung rot und fast blutig schrubben mussten. Aber für sie waren die Kinder so tapfer, wie es manch ein Professioneller nicht mehr war..."
Wale aber auch aale
Illustration published in NARR Magazine in December 2015. Below you can see a short excerpt from Jonis Hartmann's Text.
"..A. Heck las – zum zweiten Male übrigens – den schwedischen autobiografischen Krimi «Ich war Inspektor Berglund. Das wahre Leben eines Ermittlers», in dem der Autor, in Wirklichkeit eine Sie, Marianne Zetterberg nämlich, berichtet, wie sie undercover als Mann verkleidet in der Polizeidirektion von Örebro jahrzehntelang die Rolle des lakritzabhängigen Chefermittlers Niclas Berglund gemimt hat, um Stoff für ihr zweites Leben als heimliche Bestseller-Autorin zu gewinnen. Der Roman triefte nur so von am eigenen Leib erfahrenem Sexismus im schwedischen Polizeiapparat..."