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Bern d. 19. Jan. 1865.
Mein lieber Freund!
Ein gewisser Kleinert, früher Gemeindepräsident von Affoltern, später nach Zürich übergesiedelt, wo er allerlei Handelschaft betrieb, kam vorgestern in großen Nöthen zu mir &. klagte mir, daß die schweiz. Kreditanstalt, mit welcher er seit vielen Jahren verkehre, ihm weitern Kredit verweigert habe. Andere Banquiers, an die er sich gewandt, verweisen ihn höhnisch an die Kreditanstalt &. trotz vielfacher Guthaben, die er besitze, sei er nun in größter Verlegenheit, weitere 12–20,000 Fr. zu finden, mit welchen er seinen Verbindlichkeiten nachkommen könne. Hr. Direktor Huber sage ihm, er würde ihm gerne entsprechen; aber er habe sich in letzter Zeit ohnehin viel Vorwürfe wegen | entstandnen Verlusten zugezogen, so daß er ohne eine Ermächtigung von Deiner Seite seinem Gesuche nicht entsprechen könne. Er bat mich nun dringend, ein gutes Wort für ihn bei Dir einzulegen &. betheuerte, er werde seine Verpflichtungen in ehrenhafter Art lösen.
Ich muß gestehen, daß ich nur ungern in dieser Sache den Fürsprech bei Dir mache, was ich auch Herrn Kleinert offen sagte. Kleinert war in Affoltern unser Nachbar &. hat sich dort durch Einsicht &. ungemeine Thätigkeit vom armen Schusterjungen zum Gemeindepräsidenten &. hablichen Manne emporgerungen. Er genoß dort großen Zutrauens. Vor etwa 10–12. Jahren zog er dann aber nach Zürich &. vertiefte sich da stark in Spekulationen aller Art; denen er vielleicht nicht immer so ganz gewachsen war. Ja man sagte mir, | daß seine Spekulationssucht ihn selbst zu Geschäften von zweifelhafterm Charakter veranlaßt habe. Es verfolgten ihn dann allerlei Schicksalsschläge: Ein Prozeß in Havre mit Bandfabrikant Bauer, Ertrinken eines talentvollen Sohnes in Havre, Faillite eines Tochtermanns &. s. f. Ich glaube wirklich, er sei durch all das erheblich zurückgekommen. Doch glaube ich nicht, daß er unter seinen Sachen sei; im Gegentheil schätze ich nach den nähern Angaben, die er mir gemacht &. belegt hat, daß er noch ordentliche Aktiven haben muß. Auch traue ich ihm zu, daß er mit größter Energie kämpfen wird, ehe er sich fallen läßt.
Ich habe Dir in Obigem Licht– & Schattenseite des Mannes offen mitgetheilt. Du siehst, daß es sich um die Existenz eines Mannes handelt, der nicht gerade zu den ordinären Naturen gehört &. darum ein gewisses Interesse einzuflößen | vermag.
Ich weiß nun wohl, daß in Geldsachen die Gemüthlichkeit aufhört &. habe Herrn Kleinert selbst gesagt, daß man der Administration einer solchen Anstalt nicht zumuthen könne, zu Gunsten eines Einzelnen von allgemeinen Maßregeln abzugehen, die gewiß mit großer Umsicht erwogen worden seien. Meine Bitte ist einzig die, Du möchtest Auftrag geben, die ökonomische Situation des Mannes etwas genauer prüfen zu lassen &. wenn sich bei dieser Prüfung zeigen sollte, daß der Kredit ohne Gefahr noch etwas ausgedehnt werden könnte, Dich für den Mann dann soweit zu interessiren, daß er nicht bei gesunden Kräften untergehen müßte.
Du verzeihst mir gewiß aus berührten Motiven diese Belästigung, die mir den erwünschten Anlaß bietet, Dir die Versicherung meiner freundschaftlichen Ergebenheit zu erneuern!
Dubs. [Brth. ?]