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Die romanische Baukunst.
Als im 10. Jahrh. die alten und die neuen Kulturverhältnisse sich voneinander zu scheiden begannen, neue Staaten sich bildeten und im Bereich der Kunst mit frischer Kraft [* 2] die Formen, welche in den Werken der altchristlichen Kunst vorlagen, wieder aufgefaßt und zu einem lebensvollern Organismus umgebildet wurden, entwickelte sich zunächst eine in ihren Hauptzügen übereinstimmende Richtung der Kunst, welche noch unmittelbar auf den Elementen der frühern, altchristlichen Kunst mit ihren aus der Antike herübergenommenen Formen beruhte, aber den Geist der neuen Zeit in der mehr oder minder freien Umbildung der alten Formen offenbarte.
Indem man diesen Stil mit dem Namen des romanischen (s. Tafel IX) bezeichnet, folgt man dem Vorgang der Sprachwissenschaft, welche die Idiome, die sich gleichzeitig aus der alten Römersprache bildeten, mit demselben Wort benennt. Die Basilika [* 3] erscheint zunächst noch als die Grundlage des Systems der romanischen Architektur, die architektonische Struktur tritt aber bald in einer wesentlich abweichenden Form auf, indem sie an die Stelle einer flachen Bedeckung der Räume das Gewölbe [* 4] setzt.
Die Träger [* 5] der Arkaden, jetzt gegliederte Pfeiler statt der Säulen, [* 6] werden an den Wänden des Mittelschiffs bis zur Decke [* 7] hinaufgeführt und dort durch weite, über das Schiff [* 8] der Kirche hinausgesprengte Rundbogen miteinander verbunden, während der zwischen diesen Bogen [* 9] enthaltene Raum nicht, wie bei den Byzantinern, durch Kuppeln, wovon jede in sich abgeschlossen erscheint, sondern durch Kreuzgewölbe überbaut wird, die eine zusammenhängende, in der Halbkuppel der Altartribüne auslaufende Reihe von Gewölben bilden.
Während die niedern Seitenschiffe auf ähnliche Weise überwölbt werden, wird in der Durchschneidung von Querschiff und Langschiff zwar die dem byzantinischen System entsprechende Kuppel angewandt, welche gleichsam den Gipfelpunkt der in den Gewölben entwickelten Kräfte bezeichnet; doch hat sie in der Regel nicht die ungegliederte Form der byzantinischen Kuppel, vielmehr pflegt auch sie, den Kreuzgewölben entsprechend, aus einzelnen in der Mitte zusammenstoßenden und hier in einem gemeinsamen Schlußstein vereinigten Gewölbekappen zusammengesetzt zu sein.
Völlig konsequent finden wir dies System zuerst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrh. in der Normandie, wo sich, nachdem das germanische Volk der Normannen daselbst seine Herrschaft gegründet, eine eigentümliche Blüte [* 10] des Lebens entfaltete. In Italien [* 11] kennen wir Bauten dieses Stils vornehmlich nur in der Lombardei, wo ebenfalls das germanische Element von vorwiegender Bedeutung war. In der Bildung und Behandlung des architektonischen Details treten zum Teil sehr bedeutsame Umbildungen der alten Form insbesondere da hervor, wo eine unmittelbare Einwirkung der Bogenform sichtbar wird, so zunächst an der Bildung der Säulenkapitäler.
Nicht selten zwar, besonders in den Gegenden, wo das antike Element vorwiegt, sind die romanischen Kapitäler den antiken mehr oder weniger frei nachgebildet; häufiger jedoch und vornehmlich, wo das germanische Element das Übergewicht hat, erhalten sie die Form des sogen. Würfelkapitäls (Tafel IX, [* 1] Fig. 1), die auf einen harmonischen Übergang aus der cylindrischen Form der Säule in den prismatischen Anfänger des Bogens berechnet ist: die Form eines an seinen untern Ecken abgerundeten Würfels, wodurch die Seitenflächen desselben nach unten durch Halbkreise begrenzt werden.
Erst in der spätern Zeit des romanischen Stils nähert sich das Kapitäl wieder mehr der Kelchform. Der Bogen hat vorherrschend die Form des Halbkreises, neben dem sich als Nebenform der aus der mohammedanischen Architektur herübergenommene orientalische Spitzbogen am häufigsten da findet, wo die Kunst des Islam eine unmittelbare Einwirkung auf die romanisch-christliche auszuüben vermochte, wie in Sizilien. [* 12] Der romanische Bogen zeigt sich zunächst noch ebenso schwer und massiv wie in der altchristlichen und römischen Kunst, namentlich bei den Bogen der Arkaden, welche die Schiffe [* 13] voneinander trennen, sowie bei den breiten Gurtbogen der Decke, zwischen welche die Kreuzgewölbe eingespannt sind; wo aber der Bogen die dem Äußern zugewandten Öffnungen des Gebäudes, besonders die Portale, überdeckt, zeigt er sich von vornherein in reicherer und flüssigerer Gestalt.
Die Seitenwände des Portals, weit abgeschrägt, laden den Beschauer gleichsam in das Innere ein, stufen sich in Pfeilerecken ab und ersetzen diese durch einen bald mehr, bald weniger reichen Wechsel von Säulen und Pfeilern, während die Wölbung des Portals dieselben wechselnden Formen wiederholt. Das romanische Ornament zeigt oft eine phantastische, wahrscheinlich auf den ursprünglichen Eigentümlichkeiten der germanischen Nationalität beruhende Richtung, indem Tier- und Menschengestalten, fabelhafte Gesichtsmasken, Drachen und ungeheuerliche Bildungen aller Art sich nicht selten mit einem vielfach geschwungenen und gewundenen Blattwerk zu anziehenden Phantasiespielen vereinigen.
Auch in dem Verhältnis der bildenden Kunst zur Architektur zeigt sich ein höherer Grad der Entwickelung als in der altchristlichen Kunst, welche zunächst und insbesondere den bildnerischen Schmuck der Portale betrifft, dem hier eine bestimmte Stelle angewiesen wird, und durch den die reiche Architektur des Portals erst ihre Ausbildung erhält. Der zunächst an Kirchenbauten entwickelte Baustil wurde dann auch auf die Gebäude von geringerm Umfang, so auf die Baptisterien, die heiligen Grabkirchen, die Klöster und hier namentlich auf die Kapitelsäle und die sogen. Kreuzgänge übertragen und zeigt eine glänzende Entfaltung an den Prachträumen fürstlicher Schlösser und selbst an den Fassaden bürgerlicher Wohnhäuser. [* 14]
In reichster Pracht romanischer Architektur erscheinen unter anderm zunächst die der ersten Hälfte des 13. Jahrh. angehörigen Klosterhöfe von San Paolo außer den Mauern und von San Giovanni in Laterano zu Rom, [* 15] die Basilika San Piero in Grado in Toscana, der Dom zu Pisa [* 16] und die Kirche San Miniato zu Florenz. [* 17] Unter den romanischen Monumenten von Venedig, [* 18] welche eine entschiedene Entwickelung dieses Stils zeigen, dabei aber im einzelnen manche Motive der mohammedanischen Architektur enthalten, ist die 976 begonnene und 1071 in ihrer ursprünglichen Anlage vollendete Kirche San Marco hervorzuheben, deren Grundplan ein griechisches Kreuz bildete, worüber sich, zum Teil von Säulen unterstützt, fünf Kuppeln erheben, die im Innern samt den obern Teilen der Wände mit Mosaiken auf Goldgrund geschmückt sind, während die untern Teile der Wände und Fußböden mit den feinsten Marmorplatten belegt sind. Die großartigen und prachtvollen Denkmäler, welche die Normannen, vornehmlich im Verlauf des 12. Jahrh., in Sizilien errichteten, sind im römisch-christlichen, im byzantinischen oder mohammedanischen Stil aufgeführt. Das glänzendste Beispiel dieses normännisch-sizilischen Baustils geben der um 1174 begonnene und in kurzer Frist beendete Dom von Monreale, unfern von Palermo, [* 19] und die ¶
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Kathedralen von Messina [* 21] und Palermo. Unter den romanischen Bauten der Lombardei sind der gegen den Schluß des 11. Jahrh. begonnene Dom von Modena, der in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. begonnene Dom von Cremona, der 1122 begonnene Dom von Piacenza, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. begonnene Dom von Parma, [* 22] der Dom von Ferrara [* 23] zu nennen, während das bedeutendste Erzeugnis romanischer Architektur in Spanien [* 24] die Kathedrale von Tarragona ist. Eins der ältesten Monumente der romanischen [* 25] in Frankreich ist die Kirche St.-Front zu Périgueux (in Guienne). Zu den Monumenten des südöstlichen Frankreich, welche im einzelnen noch die den alten Römerbauten jener Gegend entlehnten Motive erkennen lassen, gehören die Kirche Notre Dame du Port zu Clermont in der Auvergne, die Kirchen von Issoire, Brioude und Puy en Velay.
Die Monumente im westlichen Frankreich sind schwerer in den Formen, willkürlicher in der Komposition und überladen mit bildnerischem Schmuck. Das hervorragendste Beispiel einer solchen noch völlig barbarischen Pracht ist die Kirche von Notre Dame la Grande zu Poitiers. Wesentlich verschieden sind die Monumente im nördlichen Frankreich, wo das germanische Volk der Normannen ein selbständiges Kulturleben begründete. Ihre Werke zeigen das System der gewölbten Basilika, das hier jedoch mit einer schlichten, strengen Konsequenz ausgebildet ist, so daß wir die Normandie wenn auch nicht als den Ort der Erfindung, so doch als das Gebiet der ersten selbständigen Ausbildung dieses Systems betrachten müssen.
Eins der frühsten Beispiele der romanischen Kunst ist die zwischen 1050 und 1066 erbaute Kirche St.-Georges von Bocherville, unfern von Rouen, [* 26] während die ältern Teile der Kathedrale von Bayeux aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. stammen. Das umfassendste Beispiel des normännischen Baustils, wie er sich unter der Normannenherrschaft in England entfaltete, bietet die 1096 gegründete und im Lauf des 12. Jahrh. ausgebaute Kathedrale von Norwich. [* 27] Die ältesten deutschen Gebäude der in Rede stehenden Periode gehören dem Schluß des 10. Jahrh. an, treten uns aber bereits in so bestimmter Physiognomie entgegen, daß wir ältere Bestrebungen voraussetzen müssen, welche zu der Ausbildung der ihnen eigentümlichen Richtung geführt haben.
Eins der ersten romanischen Denkmäler des nördlichen Deutschland, [* 28] welches die ersten und wichtigsten Zeugnisse jener Frühzeit der deutschen Kultur bewahrt, ist die Schloßkirche von Quedlinburg, [* 29] die zwischen 997 und 1021 erbaut ist und sich durch den Reichtum der Anlagen auszeichnet. Ähnlichen, doch fast noch rohern Stil zeigen die bereits 936 erwähnte, vielverbaute Kirche von Westergröningen bei Halberstadt, [* 30] die wahrscheinlich 960 gegründete alte Schloßkirche zu Gernrode und die 1014 erbaute Liebfrauenkirche zu Magdeburg. [* 31]
Die uns bekannten Bauten in den alemannischen und schwäbischen Landen gehören, wie der nach 1052 erbaute Dom zu Konstanz, [* 32] der zweiten Hälfte des 11. Jahrh. und dem Verlauf des folgenden Jahrhunderts an. Eine Säulenbasilika von großartigen Verhältnissen und strengem Stil ist die um 1105 erbaute Klosterkirche von Paulinzelle in Thüringen, deren reichgebildetes Portal samt der vor demselben befindlichen Vorhalle der spätern Zeit des 12. Jahrh. angehört. Auch die zwischen 1073 und 1109 erbaute Kirche St. Jakob zu Bamberg [* 33] und die zwischen Ansbach [* 34] und Nürnberg [* 35] gelegene, 1136 geweihte Kirche von Heilsbronn sind Säulenbasiliken.
Dagegen hat die 1121 geweihte Kirche St. Michael in Bamberg wieder Pfeiler, deren Gliederung jedoch bereits mehr ausgebildet ist. Die hierher gehörigen Denkmäler der Stadt Hildesheim [* 36] sind die Säulenbasilika auf dem Moritzberg, der Dom, worin Pfeiler mit je zwei Säulen wechseln, und die 1133 gegründete Kirche St. Godehard (s. Tafel IX, [* 20] Fig. 1). Der Dom von Trier [* 37] mit seinen der Antike nachgebildeten Pilastern ist ein wertvoller Bau der frühromanischen Periode. Die bedeutendste Entfaltung des Baues gewölbter Basiliken finden wir an den drei mittelrheinischen Domen zu Mainz [* 38] (s. Tafel IX, [* 20] Fig. 6 u. 7), Worms [* 39] und Speier. [* 40]
Verwandten Stil mit den deutsch-niederrheinischen Bauten zeigen die romanischen Kirchen der benachbarten belgischen Lande, besonders die Kirche St. Servatius zu Maastricht, [* 41] Notre Dame la Chapelle zu Brüssel [* 42] und die Kathedrale von Tournay, während der höchste Glanz und Adel romanischer Dekoration sich an dem alten Teil, insbesondere dem Portal des der letzten Periode des romanischen Stils angehörenden Doms von Freiberg [* 43] im sächsischen Erzgebirge, der sogen. »goldenen Pforte« (s. Tafel »Bildhauerkunst [* 44] IV«, [* 45] Fig. 4 u. 5), entfaltet. Wo sich bei diesen deutsch-romanischen Monumenten der Spitzbogen angewendet findet, erscheint derselbe als eine mehr oder weniger untergeordnete, fast zufällige Form, welche auf organische Weise in die künstlerische Struktur dieser Bauwerke nicht verflochten ist, während derselbe bei einer andern Reihe von Monumenten, vorzugsweise Sachsen, [* 46] Thüringen, Hessen [* 47] und Franken angehören, eine höhere Bedeutung gewinnt.
Man hat diese seit der Mitte des 12. Jahrh. auftretende Verbindung des durch die Kreuzzüge aus dem Orient mitgebrachten Spitzbogens mit den Elementen der romanischen Baukunst den Übergangsstil genannt. Zu den frühsten Bauwerken derselben sind die noch dem 12. Jahrh. angehörige Stiftskirche St. Peter zu Fritzlar in Hessen, ferner die als Ruine noch vorhandene Kirche vom Kloster Memleben an der Unstrut, das Schiff und Querschiff des Doms von Naumburg, [* 48] der westliche Bau und das Querschiff der Kirche zu Freiburg [* 49] an der Unstrut, der Dom zu Bamberg (s. Tafel IX, [* 20] Fig. 3-5) als das reichste und glänzendste Beispiel sowie die alten Teile von St. Sebald zu Nürnberg zu rechnen, während unter den Bauten des südlichen Deutschland und der angrenzenden Länder die Pfarrkirche zu Wiener-Neustadt, die alten Teile an der Westseite von St. Stephan zu Wien, [* 50] der angeblich aus dem Anfang des 11. Jahrh. herrührende Dom zu Basel [* 51] (s. Tafel IX, [* 20] Fig. 8), die Kirche zu Gebweiler [* 52] im Elsaß, das Querschiff des Doms zu Freiburg i. Br., das Querschiff und das Chor des Doms zu Straßburg [* 53] sowie die Pfarrkirche zu Gelnhausen [* 54] hervorzuheben sind.
An den ältern Teilen, zumal dem Chor des Doms von Magdeburg, obgleich schon 1208 oder 1211 begonnen, zeigt sich das Element des gotischen Stils bereits überwiegend, ebenso an einzelnen Klostergebäuden der deutsch-romanischen Architektur, insbesondere an den Kreuzgängen, welche die Klosterhöfe umgeben. Obwohl die Denkmäler romanischer Architektur in den skandinavischen Ländern, soweit uns nähere Kunde über dieselben vorliegt, nicht von sonderlicher Bedeutung sind, so gewähren doch einige kleinere, in dem Innern von Norwegen [* 55] erhaltene Monumente, die aus Holz [* 56] gebauten Kirchen zu Borgund und Urnes im Stift Bergen [* 57] sowie zu Hitterdal in Tellemarken, ein kunsthistorisches Interesse. In Schweden existieren einige rohe Granitbauten, welche der Zeit um die Mitte des 12. Jahrh. angehören und, ohne weitere Ausbildung, nur in der Form des Rundbogens das Gepräge des ¶