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Philosophie der Biologie
Grundlegende Fragen nach der menschlichen Natur, oder der Definition von Leben beschäftigen uns Menschen. Finden wir die Antworten darauf in der Biologie? Philosophinnen und Philosophen der Biologie klären die Bedeutung von Konzepten wie „Leben“, „Sinn“ und „Komplexität“, damit wir Antworten auf die grundlegenden Fragen finden können, welche uns beschäftigen.
In der Philosophie der Biologie werden die Theorien der Biologie betrachtet und kritisch beleuchtet, wie zum Beispiel die Evolutionstheorie. Laut Alex Rosenberg und Daniel W. McShea beantwortet die Philosophie der Biologie mitunter Fragen, welche ihr von den Biologinnen und Biologen „überlassen“ wurden, da sie jene nicht selbst beantworten konnten.(1) Das sind vor allem konzeptuelle Fragen, welche die Begrifflichkeiten im Diskurs betreffen, und auch methodologische Fragen, bei denen die Methode des Erkenntnisgewinns in der Biologie ins Zentrum der Untersuchung gerückt wird. Solche Fragen können nicht durch Experimente oder Beobachtungen beantwortet werden.(2)
Eine explizite Fragestellung aus der Evolutionsbiologie wäre beispielsweise, was der Status von Darwins bekanntem Prinzip des „Survival of the Fittest“ ist. Wird nämlich die „Fitness“ durch das „überleben“ definiert, so erscheint eine Zirkularität vorzuliegen. Die Aussage wäre dann lediglich „Die Lebewesen welche überleben werden (=Fitness), werden überleben (=Survival).“ Es ist eine typisch philosophische Fertigkeit, solche sprachlich-konzeptuellen Probleme zu lösen, und somit das Verständnis zu fördern.(3)
Philosophie.ch veranstaltete am Dienstag dem 25. Juni 2015 um 18:30 Uhr im Raum 115 im Hauptgebäude der Universität Bern (Hochschulstrasse 4) eine Podiumsdiskussion zum Thema Philosophie der Biologie. Knapp 35 Besucherinnen und Besucher interessierten sich für diesen Bereich der Wissenschaftsphilosophie.
Zu Beginn der Veranstaltung gab Prof. Dr. Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität zu Lübeck, mit seinem halbstündigen Einführungsvortrag einen Einblick in die Philosophie der Biologie. Darin erläuterte er das Verhältnis von Philosophie und Biologie in einem ersten Teil, und nannte dann im zweiten Teil einige Beispiele für aktuelle Fragestellungen, insbesondere aus seinen eigenen Forschungsinteressen.
Die Philosophie tritt zur Biologie durch das „philosophische Staunen“ in ein Verhältnis. Phänomene wie Evolution, Schwarmintelligenz oder das Verhalten von „sozialen Amöben“ regen zum denken an, und werfen Fragen auf. Und im Aufwerfen von Fragen, vor allem im Stellen von fundamentalen Fragen, welche sich Biologen meist nicht stellen, liegt auch das philosophische, so Professor Rehmann-Sutter. Ein weiterer Berührungspunkt von Biologie und Philosophie taucht auf, wenn vortheoretische Überlegungen ins Spiel kommen, auf denen die wissenschaftliche Betrachtung aufbaut. Die Philosophie reflektiert über diese Vorannahmen, und beschäftigt sich mit ihrer Validität. Schliesslich ist es auch eine philosophische Tätigkeit Begrifflichkeiten zu klären. Biologen arbeiten mit Begriffen wie „Funktion“, „Organismus“ oder „System“, aber, so Professor Rehmann-Sutter „im Labor müssen diese Begriffe nicht unbedingt so klar sein.“ Es ist jedoch ein Interesse der Philosophen, solche Begriffe zu analysieren, und nach ihrer Bedeutung zu fragen.
Als aktuelle Herausforderungen in der Philosophie der Biologie nennt Professor Rehmann-Sutter beispielsweise die (philosophische) Deutung der Molekularbiologie: Soll die DNS z.B. als „Liste von Instruktionen“ verstanden werden? Auch die Subjektivierung der Genetik sieht Professor Rehmann-Sutter als Herausforderung: Wie können die komplexen genetischen Zusammenhänge interpretiert, und in eine alltägliche Sprach, oder gar ein alltägliches Weltbild, übersetzt werden?
Als weitere Themen nannte Professor Rehmann-Sutter die „Phänomenologie der Lebendigkeit“, also die Erfahrung des Menschen, oder der Lebewesen, von ihrer Lebendigkeit, und schliesslich die Zukunft der „Mensch-Natur-Beziehung“, welche aufgrund des Klimawandels eine besondere und offensichtliche Relevanz hat. Hier kommen ethische Fragen der Verantwortung ins Spiel. Professor Rehmann-Sutter betonte: „Meine Damen und Herren, wir haben noch keine Klimapolitik.“
Hören Sie das Inputreferat (ca. 35 Minuten) (folgt demnächst)
Anschliessend an den Einführungsvortrag fand die Podiumsdiskussion mit Herr Professor Rehmann-Sutter, Frau Dr. Andrea Loettgers und Herr Dr. Raphael Scholl statt. Zum Einstieg fragte Moderatorin Lena Tichy, ob es der Fall sei, dass Philosophinnen und Philosophen der Philosophie die Fragen beantworten, welche von der Biologie nicht beantwortet werden konnten. Frau Loettgers meinte dazu, dass Biologinnen und Biologen in der Tat andere Fragestellungen untersuchen würden.
Daran anschliessend wurde die Frage diskutiert, ob sich die Disziplinen denn lediglich in der Fragestellung unterschieden, und die Wissensbasis die gleiche sei. Herr Scholl bejahte dies, die Grundlage sei in der Tat dieselbe, wobei man dies, und vor allem auch die vorhergehende Frage, nicht so verstehen soll, dass die Philosophin oder der Philosoph im Lehnsessel Dinge herausfindet, welche der Wissenschaft bisher noch nicht gelungen sind. Professor Rehmann-Sutter wandte auch ein, dass sich nicht alle Fragestellungen, die in der Philosophie der Biologie behandelt werden, auf biologisches Wissen beziehen. Als Beispiel nannte er die Frage „Was ist eine Erklärung?“.
Auch wurde während der Diskussion die Frage thematisiert, ob denn Philosophinnen und Philosophen der Biologie so viel Wissen über die Biologie brauchen würden, wie die Biologen. Die Podiumsteilnehmenden waren sich an dieser Stelle darüber einig, dass man ohne biologisches Wissen unmöglich Philosophie der Biologie betreiben kann, aber dennoch nicht jedes Detail kennen muss, da man die Biologen ja nicht zu ersetzen versucht.
Weitere Fragen welche im Verlauf der Diskussion aufgegriffen wurden betrafen den Interdisziplinären Austausch, Professor Rehmann-Sutters Buchprojekt zur phänomenologischen Herangehensweise zur Frage nach dem Leben, und schliesslich auch die Frage nach einer Definition von Leben selbst, vor allem auch im Hinblick auf extraterrestrisches Leben.
Bei der Publikumsdiskussion wurden frühere Punkte nochmals aufgegriffen und spezifiziert. Eine Zuhörerin fragte auch nach dem Verhältnis von Biologie und Philosophie in einem wissenschaftshistorischen Kontext, wozu Herr Scholl meinte, dass es sich – grob gesagt – um einen gutartigen Zirkel, also um eine Art gegenseitigen Austausch handelte.
Hören Sie die Podiumsdiskussion (ca. 60 Minuten) (folgt demnächst)
(1) Alex Rosenberg und Daniel W. McShea. Philosophy of Biology: A Contemporary Introduction. New York: Routledge (2008), S. 1-2.
(2) Ibid.
(3) Weitere Quelle: Griffiths, Paul. "Philosophy of Biology". The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2014 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/win2014/entries/biology-philosophy/>.
Philosophie der Physik
Viele der Theorien der Physik waren sehr erfolgreich darin unsere Beobachtungen über die Welt vorauszusagen, und uns eine Erklärung der Welt zu liefern. Hier setzt die Philosophie der Physik an: Sie versucht zu verstehen was Theorien der Physik sind und sie versucht die Theorien der Physik zu interpretieren, unter anderem um herauszufinden was sie uns &¨ber die Realität sagen. Beispielsweise werden in der Physik mitunter Begriffen wie Wahrheit, Wirklichkeit, Natur, Phänomen usw. gebraucht. Wie genau diese Konzepte zu verstehen sind, ist jedoch eine Frage die von der Philosophie der Physik geklärt wird.
Betrachten wir dieses Ziel der Philosophie der Physik die physikalischen Theorien zu interpretieren am Beispiel einer Aussage, welche die Intensität eines Kraftfeldes beschreibt:
„Das Kraftfeld hat hier die Intensität von 100 Dyn pro Franklin“
Hier stellen sich die Fragen: Wie ist diese Aussage zu verstehen? Soll man sie wörtlich nehmen, und somit annehmen, dass Kraftfelder Dinge sind die wie Computer und Kaffeetassen existieren? Oder ist sie im übertragenden Sinn zu verstehen, und für die Wahrheit der Aussage ist es nicht nötig, dass ein Kraftfeld real in der Welt existiert?
Stephen Hawking, welcher der Philosophie kritisch gegenüber steht, schrieb in „The Nature of Space and Time“, dass eine physikalische Theorie nur ein mathematisches Modell ist, und dass es sinnlos ist zu fragen, ob es der Realität entspricht. Diese Aussage ist jedoch selbst philosophisch, da sie sich mit der Bedeutung und Leistung der physikalischen Theorien auseinandersetzt. Fraglich ist auch, ob es die korrekte Interpretation der Physik ist. Bei Fragen wie diesen liegt also die Schnittstelle zwischen Physik und Philosophie, und es ist interessant zu bemerken, dass viele Philosophen der Physik selbst auch Physiker sind. (1)
Philosophie.ch veranstaltete am Dienstag dem 14. April 2015 um 18:30 Uhr im Raum 115 im Hauptgebäude der Universität Bern (Hochschulstrasse 4) eine Podiumsdiskussion zum Thema Philosophie der Physik. Der Anlass stiess mit einer erfreuliche Besucherzahl von knapp 50 Personen auf reges Interesse.
Claus Beisbart, ausserordentlicher Professor mit Schwerpunkt Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern, gab den Zuhörerinnen und Zuhörer einen verständlichen Einblick in die Entwicklung und Thematik der Teildisziplin Philosophie der Physik. Er wies zu Beginn auf die historische Verflochtenheit von Physik und Philosophie hin, da zur Zeit der alten Griechen wie beispielweise Aristoteles eine „dürftige Datenlage“ bestand, und der Erkenntnisgewinn über Natur und Ursprung der Welt primär durch denken erfolgte. Danach thematisierte Professor Beisbart neuere Entwicklungen in der Physik, und eine damit verbundene Auseinanderentwicklung der beiden Gebiete. Die Philosophie der Physik übernahm grundlegende Fragen wie, worum es eigentlich in der Physik geht (vor allem in Anbetracht auf schwer zugängliche Ideen wie die Effekte der Relativitätstheorien, oder die Quantenmechanik), aber auch Fragen wie „was ist ein Experiment in der Physik; was eine physikalische Theorie?“ Im Anschluss an Prof. Beisbarts einführenden Worte wies der Einsteinforscher PD Dr. Sauer auf Einsteins Einfluss auf die Vorstellung von Raum und Zeit hin. Er habe sie grundlegend umgekrempelt, da Raum und Zeit nicht mehr als etwas Absolutes gegeben sind. In diesem Zusammenhang wies Herr Sauer auf den Umstand hin, dass die Philosophie durchaus einen Einfluss auf das Denken Einsteins hatte. Schliesslich sprach Michael Esfeld, ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Lausanne, über Materie, von ihren Ursprüngen im Denken der alten Griechen bis zur gegenwärtigen Quantenphysik. Er gab zu bedenken, dass die Natur der Realität weder nur aus einer Theorie folgt, noch gänzlich a priori durch Denken erschlossen werden kann.
Hören Sie die Inputreferate (ca. 40 Minuten) (folgt demnächst)
Nach den Inputreferaten wurde bei der Podiumsdiskussion noch einmal etwas präziser nachgefragt, was die Philosophie der Physik überhaupt macht, wie sie es macht, und ob sie denn überhaupt betrieben werden soll. Zum Einstieg wurden die Podiumsteilnehmer mit der provokanten Frage konfrontiert, ob die Philosophie denn – wie Stephen Hawking sagt – nun mittlerweile tot sei. Natürlich ist sie dies nicht, so stimmen die Podiumsteilnehmer überein, und diese Ansicht wird auch bei der darauffolgenden Frage, ob die Ergebnisse der Philosophie der Physik in den Diskurs der Physik wieder aufgenommen werden, bekräftigt: Ja, ein Gedankenaustausch besteht.
Weitere Fragen die diskutiert wurden, drehten sich beispielsweise um die Methodik in der Philosophie der Physik, ihre Geschichte und ihre Relevanz im komplizierten Feld der Quantenphysik.
Anschliessend wurden noch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Unter anderem wurde gefragt, wer denn besser für die Philosophie der Physik geeignet ist, philosophische Physikerinnen und Physiker, oder physikalisch gebildete Philosophinnen und Philosophen. Schliesslich wurde nochmals die Frage gestellt, ob die Physik uns denn die Realität erklären könne. Eine Frage in der sich schön zeigt, dass eine kritisch-philosophische Beschäftigung mit der Thematik Physik wichtig ist, und auch im Interesse des wissensdurstigen Menschen steht. Herr Sauer wies darauf hin, dass der Glaube an eine Realitätsbeschreibung durch die Physik abnimmt, je mehr man in einen spekulativen Bereich kommt. Auch Professor Beisbart wies auf die Problematik der Theoriebestandteile hin, welche nicht mehr direkt durch die Erfahrung zugänglich sind. Innerhalb der Philosophie der Physik wird in beide Richtungen argumentiert. Einerseits haben wir Grund zu glauben, dass die Physik uns die Realität erklärt, da die physikalischen Theorien grossen Erfolg (z.B. bei Voraussagen) aufweisen, und dieser mit einer Korrespondenz zur Realität zu erklären ist (wissenschaftlicher Realismus). Andererseits erkennt man auch, dass sich in der Geschichte der Physik immer wieder Ablösungen von Theorien durch andere Theorien ereigneten, und es darum Grund gibt zu glauben, dass auch die momentane Theorie durch eine andere abgelöst werden könnte (pessimistische Metainduktion). Professor Esfeld meinte schliesslich, dass es jedoch gewisse grundlegende Gedanken gibt, die bleiben, wie beispielweise, dass die Welt aus Teilchen besteht, bei denen sich nur die Parameter ändern. Ob die Physik die Realität nun beschreibe sei, so Esfeld, aber auch eine Frage die man beantworten muss, indem man sich mit den Theorien an sich befasst (wie etwa bei einer Abstimmung mit dem Abstimmungsbüchlein).
Hören Sie die Podiumsdiskussion (ca. 60 Minuten) (folgt demnächst)
(1) Quellen:
Marc Lange, "An Introduction to the Philosophy of Physics" (Oxford: Blackwell Publishing, 2006), ix – xvii.
Jeremy Butterfield and John Earman. “Introduction.” In Philosophy of Physics: Part A, edited by Jeremy Butterfield and John Earman, xiii-xxii. Amsterdam: Elsevier B. V., 2007.
Stephen Hawking and Roger Penrose. The Nature of Space and Time. Princeton: Princeton University Press, 1996.
Carl Friedrich von Weizsäcker. Zum Weltbild der Physik. Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 1963.
Philosophie und Bewusstsein
Nichts scheint uns bekannter als unser eigenes Bewusstsein. Wir erleben die meisten Momente unseres Lebens bewusst. Es ist eine essenzielle Eigenschaft für unser Menschsein, unsere Menschlichkeit.
Dennoch ist die Natur des Bewusstseins auf den zweiten Blick nicht ganz so klar. Sind geistige Zustände (z.B. Wahrnehmungen, Gedanken oder Gefühle) lediglich Zustände unseres physischen Gehirns, oder sind es Zustände einer nichtphysischen „Seele“?
In der naturwissenschaftlichen Forschung gibt es einige Methoden gehirnzustände zu Messen und darzustellen (fMRI, PET usw.). Solche Forschung nimmt jedoch eine drittperspektive auf das Bewusstsein ein. Kann eine Forschung die Gehirnzustände und Verhalten untersucht, aber nicht darauf eingeht, wie Menschen die Welt bewusst empfinden, jedoch überhaupt komplett sein?
Die Thematik des phänomenalen Bewusstseins sind solche qualitative Bewusstseinszustände, die nicht direkt von der Wissenschaft erfasst werden (können). Mit einem qualitativen Bewusstseinszustand ist ein Zustand gemeint, der einem bewusst macht wie etwas ist. Wie ist es, beispielsweise, Schmerzen zu empfinden, oder ein Kunstwerk von Rothko zu betrachten?
In 1982 schlug der Philosoph Frank Jackson ein Gedankenexperiment vor, welches die Beziehung zwischen physikalischen Zuständen und qualitativen Bewusstseinszuständen in Frage stellen sollte. Darin wächst eine Wissenschaftlerin unter Bedingungen heran, die ihr nur schwarz-weiss Eindrücke liefern. Die Wissenschaftlerin lernt in diesem fiktiven Gedankenexperiment alle wissenschaftlichen Fakten über Farbwahrnehmung. Eines Tages sieht sie dann eine rote Tomate – lernt Sie dabei etwas Neues? Und wenn ja, was sagt uns das über das Bewusstsein? (1)
Philosophie.ch veranstaltete am Mittwoch dem 20. Mai 2015 um 18:30 Uhr im Raum HG E 33.3 im Hauptgebäude der ETH Zürich (Rämistrasse 101) eine Podiumsdiskussion zum Thema Bewusstsein und Philosophie. Knapp 35 Besucherinnen und Besucher nutzen diese Gelegenheit ihren philosophischen Horizont zu erweitern.
Zu Beginn hielt Norman Sieroka, Privatdozent an der Professur für Philosophie an der ETH Zürich ein Inputreferat mit dem Titel „Neurophänomenologie – Ansätze & Methoden zur konstruktiven Verbindung von Philosophie und Neurowissenschaft“. Dabei stand die Frage im Zentrum, ob und wo eine fruchtbare Verbingung von Neurowissenschaft und Philosophie möglich ist.
Dazu ging er zuerst auf den philosophischen Hintergrund ein, und gab eine kurze Einführung in die Phänomenologie, zurückgehend auf den deutschen Philosophen Edmund Husserl. Bei der Phänomenologie geht es „…um die Beschreibung und Kategorisierung invarianter Elemente und Strukturen der (bewussten) Wahrnehmung.“, so Herr Sieroka. Er illustrierte dies anhand des Beispiels der Wahrnehmung eines Tons. Die invarianten, d.h. unveränderlichen Elemente dabei wären beispielsweise Klagfarbe, Tonhöhe und Lautstärke. Diese gehören unweigerlich zur Wahrnehmung eines Tones. „Ein Ton ohne Lautstärke ist kein Ton.“
Solche Merkmale, die notwendig zur Wahrnehmung gehören, werden jedoch auf einer allgemeinen Ebene gesucht. Das Ziel wäre herauszufinden, was allgemeine Merkmale aller bewussten Wahrnehmung ist (analog zur Innenwinkelsumme eines Dreiecks, die für alle Arten von zweidimensionalen Dreiecken 180 Grad ist).
Zum Status der Phänomenologie im Bezug auf die Psychologie soll Husserl einst gesagt haben, dass sie sich dazu so verhält, wie sich die Mathematik zur Physik verhält – also als eine Art Werkzeug, könnte man metaphorisch sagen.
Nachdem Herr Sieroka dem Publikum damit den philosophischen Hintergrund näher gebracht hatte, ging er auf die zeitgenössische Strömung der Neurophänomenologie ein. Dabei wird keine Reduktion des Bewusstseins (z.B. auf neuronale Zustände) angestrebt, sondern eine Auflösung der Trennung zwischen Wissenschaft und Philosophie, um durch die Erkenntnisse beider Disziplinen zu einer Art „Tiefenschärfe“ zu gelangen.
Hören Sie das Inputreferat (ca. 30 Minuten) (folgt demnächst)
Nach dem Inputreferat wurden bei der Podiumsdiskussion mit Herrn Sieroka, Frau Christiane Schildknecht – Professorin für theoretische Philosophie an der Universität Luzern, und Herr Hendrik Adorf – Wissenschaftshistoriker an der Professur für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich – konkrete Fragen zum Platz der Philosophie in der Thematik des Bewusstseins gestellt.
Zu Beginn fragte Moderatorin Anja Leser – Präsidentin von Philosophie.ch – provokativ, ob wir unser Bewusstsein jemals verstehen werden. Frau Schildknecht und Herr Sieroka äusserten sich dazu optimistisch, wobei, so Frau Schildknecht, geklärt werden müsse, was wir in diesem Zusammenhang mit „verstehen“ meinen, respektive was für Ansprüche wir an eine Erklärung im Bezug auf das Bewusstsein haben. Herr Sieroka merkt auch an, dass es gewisse Fragen zum Thema Bewusstsein gibt, deren Beantwortung Probleme bereitet, beispielweise wieso er die Ich-Perspektive von sich selbst, und nicht die von Frau Schildknecht hat.
Andere Fragen welche die Podiumsteilnehmenden beantworteten waren beispielsweise, welche Fragen zum Thema Bewusstsein speziell für die Philosophie geeignet sind, wie Philosophie und Naturwissenschaft einander in der Frage nach dem Bewusstsein helfen können, wie die Zukunft der Philosophie im Bezug auf die Bewusstseinsthematik aussieht (etc.).
Im Verlauf der Diskussion, gab Herr Adorf auch einen wissenschaftshistorischen Überblick über die Bewusstseinsforschung von Descartes über die Anfänge der Psychologie, ihre Ausdifferenzierung im zwanzigsten Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Philosophie des Geistes.
Im Anschluss an die Diskussion wurden rege Fragen aus dem Publikum gestellt. So wurde beispielsweise gefragt, ob das Bewusstsein eher wie ein Ein-/Aus-, oder wie ein Dimm-Schalter zu verstehen sei. Auch in eine ganz andere Richtung wurde das Gespräch bei der Frage nach der Rolle der Meditation für das Bewusstsein geleitet, in welchem Zusammenhang Herr Adorf von der Mind-Life-Initiative berichtete, bei der buddhistische Mönche und Neurowissenschaftler im Kontext der Bewusstseinsfrage zusammentreffen. Zuletzt wurde aus dem Publikum noch gefragt, wofür die Frau Schildknecht, Herr Sieroka und Herr Adorf eine beliebige Menge an Geld innerhalb der Bewusstseinsforschung investieren würden. Sowohl Herr Sieroka, als auch Frau Schildknecht betonten stark, dass sie eine Interdisziplinarität anstreben würden.
Hören Sie die Podiumsdiskussion (ca. 1 Studen und 40 Minuten) (folgt demnächst)
(1) Quellen:
Jaegwon Kim. Philosophy of Mind. Cambridge: Westerview Press, 2006.
Ian Ravenscroft. Philosophie des Geisters. Übersetzt von Joachim Schulte, Stuttgart: Reclam, 2005.
Max Velmans (Ed.). Investigating Phenomenal Consciousness. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company, 2000.