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Die so genannte Pferdeäpfel Theorie besagt, dass wenn man den Pferden genügend Hafer zu fressen gebe, diese mit ihrem Kot, den Pferdeäpfeln, genügend Nahrung für die Spatzen ausscheiden würden. Analog angewandt auf menschliche Gesellschaften bedeute dies, dass wenn man Reichtum, d.h. die ungehemmte Akkumulation von Kapital fördere, genügend Wohlstand selbst bis in die untersten Schichten durchsickere (Trickle Down). Dieser Mechanismus wird auch als Trickle Down Theorie bezeichnet.
Ich will hier untersuchen, ob diese Theorie durch die Realität bestätigt wird und ob sie, quasi in Form eines Naturgesetzes, von Natur aus gegeben ist oder ob es sich, ähnlich wie beim zuvor beschriebenen Homo Oeconomicus, um eine weit verbreitete und kaum hinterfragte Prämisse, ein gesellschaftliches Paradigma handelt.
Die Theorie
Die Trickle Down Theorie ist in der Frühzeit der Industrialisierung entstanden. Sie diente von Anfang an dazu, die ungehemmte die Akkumulation vor Reichtum zu legitimieren. Die Reichen investieren ihr Geld in Unternehmen, erzeugen Produkte und Dienstleistungen, geben den Menschen Arbeit und Lohn, so dass diese die Produkte und Dienstleistungen bezahlen und konsumieren können. In diesem Kreislauf werden Gewinne erwirtschaftet, die den Reichtum der Reichen vermehren. Die Gewinne werden von den Reichen teilweise konsumiert und, was übrig bleibt, wiederum in Unternehmungen investiert. Der Konsum der Reichen und die wachsenden Unternehmen generieren zusätzliche Arbeit und damit Einkommen für Alle. Eine endlose Wachstumsspirale, von der im Endeffekt Alle profitieren. Die investierten Gewinne werden auch zur Steigerung der Produktivität verwendet, was die gesamte Menge der zu leistenden Arbeit tendenziell reduziert. Da die Reichen aber nicht alle erzeugten Produkte und Dienstleistungen selbst konsumieren können, müssen die „Arbeitnehmer“ über genügend Kaufkraft verfügen, dass sie ausreichend konsumieren können, um den Wirtschaftskreislauf in Gang zu halten. Dieser Mechanismus stabilisiert das Verhältnis zwischen Gewinnen und Löhnen. Das Trickle Down Prinzip funktioniert. Der „Markt“ sorgt dafür, dass die Unternehmensgewinne und Löhne im Gleichgewicht bleiben. So weit, sehr vereinfacht, zum Grundprinzip liberaler Wirtschaftssysteme.
Grenzen des Wachstums
Das oben beschriebene Prinzip funktioniert einigermassen gut, so lange das System wächst. In Zusammenhang mit dem Wachstum werden Ressourcen „verbraucht“, die, wenn sie erschöpft sind, eben dieses Wachstum begrenzen. Diese Begrenzung kann mit Hilfe Ressourcen- schonender Prozesse teilweise umgangen werden, aber auch mit diesen Prozessen werden irgendwann nicht mehr überwindbare Grenzen erreicht. Eine andere Begrenzung wird wirksam, wenn nicht mehr alle erzeugten Waren und Dienstleistungen konsumiert werden können, wenn auch mit raffiniertesten Marketingmethoden, die Menschen nicht mehr motiviert werden können, noch mehr zu konsumieren (siehe dazu auch hier). Der Export der Waren und Dienstleistungen ist eine mögliche Strategie, aber auch der Erschliessung neuer Märkte sind Grenzen gesetzt (siehe dazu auch hier). Wenn die Grenzen des Wachstums, aus welchem Grund auch immer, erreicht werden, schwinden die Möglichkeiten akkumuliertes Kapital gewinnbringend zu investieren. Der oben beschriebene Wirtschafts- und Finanzkreislauf gerät aus dem Gleichgewicht. Der Trickle Down Mechanismus funktioniert in der Folge ebenfalls nicht mehr.
Homo Oeconomicus versus Trickle Down Theorie
Der so genannte Homo Oeconomicus in seiner reinen Form ist, wie wir im letzten Artikel gesehen haben, ein vollständig amoralisches, rücksichtslos egoistisches, einzig seinen materiellen Nutzen optimierendes Wesen. Das Verhalten der Menschen in unseren hoch entwickelten, leistungs- und konkurrenzbasierten Wirtschaftssystemen nähert sich mehr und mehr dem „Vorbild“ des Homo Oeconomicus an. Dabei handelt es sich nicht, wie vielfach angenommen wird, um einen natürlichen, sondern um einen zivilisatorischen Evolutionsprozess. Besteht eine vollständig liberalisierte Gesellschaft nahezu ausschliesslich aus Menschen dieses Typs, so ist nicht zu erwarten, dass diese Egoisten einen signifikanten Teil ihres erworbenen Wohlstands nach unten durchsickern lassen. Der Typus des Homo Oeconomicus und der Trickle Down Mechanismus gehören zu den wichtigsten Paradigmen liberaler Wirtschaftstheorien. Sie widersprechen sich grundsätzlich, d.h. je mehr sich die Menschen dem Typ des Homo Oeconomicus annähern, desto weniger funktioniert der Trickle Down Mechanismus.
Die Trickle Down Theorie in der Realität
Die Entwicklung in unseren globalisierten Wirtschaftssystemen zeigt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Zunehmend wird Kapital akkumuliert, das weder konsumiert, noch sinnvoll investiert werden kann, während andererseits wachsende Bevölkerungsschichten in Elend und Chaos leben müssen. Die oben beschriebenen Zusammenhänge werden also durch die Realität bestätigt.
Wie die Realität zeigt, kann der Trickle Down Effekt keinesfalls als natürlich gegebener Prozess angesehen werden, vielmehr handelt es sich um ein Paradigma unserer globalen Gesellschaftssysteme, dass dringend diskutiert und in Frage gestellt werden muss.