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Aktualisiert: 7. März
Von den Apotheken in Wollishofen haben wir schon erzählt. Doch seit wann gibt es Ärzte, die sich in der Gemeinde am See niederliessen? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn vor dem 19. Jahrhundert gab es studierte Ärzte eigentlich nur in der Stadt. Diese dürften betuchte Kranke und Patientinnen im Notfall auch in Wollishofen von Zürich aus betreut haben. Für die Gesundheitsversorgung der Landschaft Zürichs waren vor 1800 Handwerkschirurgen, sogenannte Scherer, zuständig. Manchmal in Verbindung mit einer Badstube. Eine solche gab es in Wollishofen allerdings nicht.*
Welchen gesundheitlichen Gefahren die Wollishofer in der frühen Neuzeit ausgesetzt waren, zeigt eine Meldung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es heisst in einer späteren Chronik unter dem Titel «Sterbend (oder grosse Krankheiten)»: «1744 raffte die Ruhr zu Wollishofen in wenigen Tagen 40 Personen weg.» («Aus den alten Chroniken» von 1845, S. 752). Die Ruhr ist eine Durchfallerkrankung, bei uns heute fast ausgestorben, in manchen Ländern mit schlechter Wasserversorgung ist sie aber noch immer eine grosse Bedrohung.
Früheste Hinweise auf Landchirurgen in Wollishofen existieren erst aus dem frühen 18. Jahrhundert. Im Jahre 1737 gab es eine Schlägerei von Wollishofer Brüdern mit Flössern aus Hausen am Albis. Heinrich Huber erscheint in dieser Auseinandersetzung als behandelnder Arzt. Er schrieb eine Rechnung über 30 Schilling, und er unterschrieb das Ganze mit: «bescheintt (bescheinigt): Heinrich Huber, Chirurg zu Wolißhofen». Das Blatt ist schwer zu lesen, nicht nur weil es in Kurrentschrift gehalten ist, sondern weil die Ärzte offensichtlich schon damals für ihre schlechte, unleserliche Handschrift bekannt waren.
Unterschrift Heinrich Huber, Chirurg zu Wollishofen. 1737. StAZH A 120.
Heinrich Huber stammte aus Hausen. Er wurde im April 1705 geboren als Sohn von «Jörli Huber auf dem Albis», stammte also von einem der vielen Albis-Höfe der Pfarre Hausen. Interessant ist, dass die Mutter «Verena Wyß» Zwillinge gebar, die beide Heinrich genannt wurden. Zur Unterscheidung schrieb der Pfarrer ins Kirchenbuch: «Heinerli» und «Heiri». Welcher von beiden es zum Chirurgen schaffte: Wir wissen es nicht. In Wollishofen taucht Heinrich erstmals 1737 beim Schlaghandel auf, 1740 ist er im Bevölkerungsverzeichnis verzeichnet, er wohnte damals in der XXIX. Haushaltung in der Erdbrust, verheiratet mit Verena Schellenberg. Später war er nicht nur Besitzer, sondern auch Bewohner des stattlichen Hauses zur Hoffnung. Als er 1758 starb, wurde ein Inventar erstellt:
Inventar: 3.2.1758: Doctor Hs Hch Hubers, ab dem Bruder Albis, Inventar. Witwe Verena Schellenberg von Winterthur.
«Behausung und Hofstatt und ½ Trotte, 1733 von Herrn Joh. Hch. Usteri zu 5000 fl. erkauft.»**
Schuldet dem Untervogt Hch Näf von Heisch 150 Gulden.
700 Gulden Schulden
Rechenbuch beim Tod: «553 fl 8 schilling laut Doctor-Buchs an unterschiedlichen ausstehender Posten, welche aber laut seiner Frauen Aussag im Werth das halbe seyn sollen.»
Schöne Kleider, 3 Degen, silberne Knöpfe, Sack Uhr, Hut mit goldener Borte, 20 Hember, 6 Manchetten Hembder, Pferdegerüst
«Im Saal ist 1 grosser Spiegel mit schwarzem Rahmen des Doctors seel. Portrait.»
4 Stück weisse Umhäng
«In der Apothec» Liste mit mindestens 12 Positionen
In der Küche: 87 Eimer Wein
Dem Inventar entnehmen wird, dass Huber ein Schuldner war von Untervogt und Chirurg Heinrich Näf von Hausen (1681-1770). Er war aber nicht nur dessen Schuldner, sondern auch Berufskollege und Freund. So wird nicht nur die Herkunft von Huber von Hausen plausibel, vielmehr war Huber vielleicht – wer weiss – auch Lehrling bei Näf gewesen. Und, um es noch komplizierter zu machen: Auch der Nachfolger von Huber als Chirurg in Wollishofen hatte mit dem Hauser Chirurgen etwas zu tun. Es folgte 1758 auf den verstorbenen Huber nämlich Heinrich Näf jun., der Sohn eben dieses Untervogts von Hausen war. Näf jun. kaufte in jenem Jahr von Hubers Witwe das Haus zur Hoffnung und praktizierte hier bis zu seinem frühen Tod 1774.
Auch von Heinrich Näf jun. gibt es ein Inventar (7.4.1774). Inventare mussten dann erstellt werden, wenn Unklarheiten beim Erbe entstehen konnten, insbesondere mussten allfällig minderjährige Kinder in ihren Rechten geschützt werden können. Näf jun. hatte solche, deshalb wurde unter dem Titel «Chirurgus Heinrich Näffen ab Hausen zu Wollishofen» unter anderem folgendes aufgelistet:
«Haus und Hofstatt und ½ Trotte, stosst an die Landstrass, ans Amt Oetenbach und ans Spital»
1770 erkaufte Güter
Ausstehende Arztconti 204 fl 18 s
Davon zweifelhafte Conti 90 fl 31 s
«1 silberne Sackuhr, vergoldete Hempterknöpfli, und Silberbesteck»
Übrigens: «eine Bibliotec, chirurgische Instrumente und Medicinen.»
Näfs Ehefrau hiess übrigens Anna Barbara Hauser und stammte von Wädenswil. Sie überlebte ihren Mann über 50 Jahre. Das Ehepaar hatte 8 Kinder, die teils allerdings früh starben. Sohn Jakob, geboren 1761, wurde – entgegen der Familientradition – nicht Chirurg, sondern Bauer, auf dem Hof zur Hoffnung. Denn dieses Gut blieb bis weit ins 19. Jh. im Besitze der Familie. Noch 10 Jahre nach seinem Tod, auf dem «geometrischen Plan» von 1788, heisst das dem Haus direkt zugeordnete Areal «Dr. Näfen Gut» – unklar, ob es Reben oder Garten war (heute Hoffnungsstrasse 1).
Geometrischer Plan 1785. Ausschnitt Dr. Näfen Gut.
Wikipedia. Original im Zürcher Staatsarchiv.
Trotz des Umstands, dass Sohn Jakob nicht Arzt werden wollte, wirkte Heinrich über seinen Tod hinaus doch auf die Gesundheitsversorgung Wollishofens ein: Indem seine Tochter Anna Dorothea, geboren 1754, den Chirurgensohn Hans Jacob Hausheer heiratete, der selber seinem Vater im Gewerbe nachfolgte, blieb Wollishofen ein einheimischer Arzt mit näfischer Beteiligung weiter vergönnt. Und zu diesem zweiten Chirurg jener Zeit, Hans Jacob Hausheer, kommen wir nun gleich:
Genügend Arbeit für zwei Ärzte um 1800
Im Staatsarchiv liegt eine Liste der «examinierten Landchirurgi» des Kantons im Jahre 1768. Auf der Liste stehen zwei Wollishofer: Neben Heinrich Näf (*1725) erscheint da noch der «Einheimische» Jakob Hausheer (*1729). (StAZH H II 23)
Im Jahre 1783 richtete Chorherr und Medizinprofessor Johann Heinrich Rahn an alle Pfarrer der Landschaft die Anfrage nach der medizinischen Versorgung der Landgemeinden. Wollishofen antwortete: «Chir. et Med. Practici sind zwey», und meinte damit Jakob Hausheer und Lukas Schreiber. Hausheer war älter und hatte bereits einen Sohn, der ebenfalls praktizierte: «nemlich Kilchm. Jacob Hausheer, nat. 1729, und sein Sohn Hs Jac. Hausheer nat 1756. Beide verständige sorgfältige Männer. Der Sohn hatte zu Strassburg studirt, und bey schweren Fällen hohlt er eben bey Hrn Dr. Rahn Rath und Anweisung.» Zu Schreiber meint das Antwortschreiben: «Med. Pract. ist Lucas Schreiber, nat. 1752, ein geschikter sorgsamer Mann, der sich wegen seinen Patienten mit Tit. Herrn Chorherrn Schinz consultirt.»
Es waren also wieder zwei Ärzte, nach dem Tod von Näf kam Lukas Schreiber in die Gemeinde, der auch eine Wollishoferin geheiratet hatte. Der Pfarrer war mit den beiden zufrieden, weniger aber mit seinen Schäfchen, den Patientinnen und Patienten. Von ihnen sagt er frei heraus: «Uebrigens ist der Genius meiner Gemeind, in der Rücksicht dieser, dass sie zuerst einen, dann den andern, bald den dritten aus der Stadt oder von Neftenbach oder anderstwoher brauchen. – Jeder, der die Krankheit nicht in ein paar Tagen heilen kann, wird verlassen, und ein andrer gesucht.» (StAZH H II 23).
Die beiden Chirurgen Hausheer und Schreiber scheinen sich so nicht gross konkurrenziert zu haben. Jedenfalls sind Hausheer und Schreiber 1798 Gründungmitglieder der Wollishofer Bürgerlichen Abendgesellschaft, und bleiben das auch über viele Jahre hinweg. Schreiber wurde später – obwohl erst 1781 eingebürgert – noch Gemeindepräsident von Wollishofen. Er wohnte im «Kloster». Schreiber hatte keine Söhne, die Hausheer-Ärzte-Dynastie setzte sich aber noch um eine Generation fort. «Operator Hausheer» wohnte im Oberdorf, gleich neben dem Lavater-Haus.
Wilhelm Hausheer, 1800-1875, der erste richtig akademisch ausgebildete Landarzt in Wollishofen, war nicht Spross der Chirurgen gleichen Namens. Diesem Arzt widmete Conrad Escher 1906 einige Zeilen des Gedenkens: «Wilhelm Hausheer erhielt seine Bildung zuerst in der Wollishofer Dorfschule, dann im Landknabeninstitut auf der Peterhofstatt. Nachdem er dann einige Jahre auf einem Notariat gearbeitet, entschloß man sich, ihn studieren zu lassen, und zwar die Medizin. Nach damaliger Übung stund er nun zuerst drei bis vier Jahre lang in der Lehre und zwar bei Dr. Schund in Stein am Rhein und bezog dann die Universität Würzburg. Anfang der zwanziger Jahre begann er in Wollishofen zu praktizieren […] Er erwarb in den dreißiger Jahren das Gysigut, in welchem er über 40 Jahre lebte. Dr. Hausheer hatte eine ausgedehnte Praxis in Wollishofen, Enge, Leimbach, Adliswil und Kilchberg. In den sechziger Jahren konnte man ihn fast jeden Tag mit seinem wohlbekannten Schimmel seinen Patienten nachfahren sehen. Er lag seiner Praxis mit Geschick, Fleiß und Hingebung ob und nahm in der Gemeinde, der er in verschiedenen Ämtern diente, eine angesehene Stellung ein. Dr. Hausheer war mit Leib und Seele für die Bestrebungen der Liberalen der dreißiger Jahre eingenommen.» Deshalb wurde Hausheer später auch noch Kantonsrat (1846).
Im gedruckten Ärzteverzeichnis des Jahres 1823 finden sich bereits vier Ärzte in Wollishofen verzeichnet. Zu den beiden eingesessenen Ärzten des 18. Jahrhunderts, Lukas Schreiber und Jakob Hausheer, kamen zwei jüngere: der 1797 geborene Johannes Bleuler, der von Zürich hergezogen war, sowie der 1800 zur Welt gekommene Wilhelm Hausheer, Sohn des Jakob. Es war also der noch nicht vollständig vollzogene Generationenwechsel, der eine Vermehrung der Arztstellen mit sich brachte; die jüngere Generation konnte zwar in Wollishofen bleiben, während die ältere noch im Amt war, ob aber der Bedarf an medizinischen Leistungen so im Steigen begriffen war, dass auf Dauer mehr als zwei Ärzte hier ihr Auskommen finden konnten, war damit nicht gesagt! Und in der Tat, später im 19. Jahrhundert waren es über Jahrzehnte wieder lediglich zwei Ärzte, die in Wollishofen praktizierten. 1875 etwa waren Heinrich Baumann von Wollishofen, geboren 1799 sowie der uns bereits bekannte Wilhelm Hausheer, geboren 1800, in Wollishofen sesshaft. Noch 1883 war Heinrich Baumann als 84jähriger als Arzt zugelassen, neben ihm praktizierte aber ein neuer, junger Kollege, Karl Sommer, Medicinae Doctor, 1854 geboren, 1881 patentiert. – Stadtnähere Vororte hatten im 19. Jahrhundert schon einen ziemlichen Zuwachs an Ärzten erlebt – Enge z.B. hatte um 1800 noch keinen Arzt, um 1823 einen, um 1883 bereits deren vier! Oder in Riesbach, stadtnah und auf der sog. Sonnenseite des Sees, waren 1883 zwölf Ärzte gemeldet und zugelassen! In Wollishofen dagegen, wie erwähnt, im gleichen Jahr zwei. Das zeigt schön, dass Wollishofen um 1880 eben noch eine recht bäuerliche Gemeinde war, wo man nicht mit jedem Wehwechen zum Doktor rannte, während Enge und Riesbach schon viel städtischer waren. Und mit der städtischen Lebensweise wuchsen eben auch die medizinischen Bedürfnisse!
Erst recht hat dann das 20. Jahrhundert eine starke Ausweitung der Ärztezahlen gebracht. Heute praktizieren in Wollishofen unzählige Schulmediziner – unterdessen auch Frauen! Wer auf tel.search den Titel (med.) und Wollishofen eingibt, erhält über 90 Einträge – Hausärzte ebenso wie Fachärzte in diversen Spezialdisziplinen! Das hat sicher auch mit dem Betrieb der Klinik im Park zu tun, die zwar auf dem Gebiet der Enge liegt, deren Spezialärzte aber auch auf Wollishofer Gebiet praktizieren.
Die Website des Quartiervereins weist heute auf zehn Hausarztpraxen hin. Das ist angesichts des eingetretenen Bevölkerungswachstum realistisch, hat doch vor allem das 20. Jahrhundert ein stark wachsendes Wollishofen gesehen. Ein Phänomen der Moderne ist sicher auch, dass neben den Ärztinnen und Ärzten sich weitere Berufsgruppen um die Gesundheit der Bevölkerung kümmern. So sind heute mehrere – teils eigenständig, teils auf Verordnung tätige – Gesundheitspersonen für das Wohl der Menschen besorgt, seien sie nun eher am Körper tätig wie Physiotherapie, Osteopathie, Homöopathie, TCM etc., oder eher für die Seele zuständig wie Psychotherapie und andere psychologische Beratungen!
Hoffen wir, dass die grosse Zahl an Wollishofer Ärztinnen und Ärzten und weiterer Gesundheitspersonen auch in Zukunft der Gesundheit der Wohnbevölkerung zugute kommt.
(SB)
* Es sei der Hinweis erlaubt (wie schon im Blog IMPFEN vermerkt), dass der Autor dieser Zeilen, was Zürcher Landchirurgen angeht, einen Heimvorteil hat, schrieb er doch in den 1980er Jahren eine grössere Studie unter dem Titel «Retter der leidenden Menschheit». Zur Sozialgeschichte der Chirurgen und Ärzte auf der Zürcher Landschaft (1700-1850). Die Angaben im Blog zu den Wollishofer Ärzten sind allerdings neu recherchiert.
** Die Geldangaben sind für uns verwirrend. Gerechnet wurde in Gulden und Schilling, dabei meint fl. Gulden, s oder ß meint Schilling.