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Interview mit Natascha, einer der GründerInnen von SwissHelpDogs der Schweizer Fachorganisation für Assistenzhunde
Verein CARA: Du bist selbst Überlebende von Ritueller Gewalt und Gründungsmitglied von SwissHelpDogs, der Schweizer Fachorganisation für Assistenzhunde. Kannst du unseren LeserInnen erklären, was ein Assistenzhund ist?
Natascha: Assistenzhund ist der international etablierte Begriff für einen Hund, der während einer rund 2-jährigen Spezialausbildung trainiert wird, um eine Person mit dauerhafter Einschränkung im Alltag zu unterstützen.
Der bekannteste Assistenzhund ist der Blindenführhund. Daneben gibt es aber noch verschiedene Formen von Behindertenbegleithunden, die in entsprechende Fachbereiche unterteilt werden. Darunter fallen nicht nur Hunde für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung (z.B. Rollstuhlbegleithunde), sondern auch Warnhunde (beispielsweise für Menschen mit Diabetes oder Epilepsie), die frühzeitig vor entsprechenden Körperveränderungen warnen. Weiter gibt es Hunde für andere «unsichtbare» Behinderungen oder chronische Krankheiten, wie beispielsweise psychische oder autistische Störungen.
Verein CARA: Wie werden solche Hunde ausgebildet?
Natascha: Für die Befähigung von Assistenzhunden haben sich in der Schweiz die institutionelle und die private Ausbildung etabliert:
Bei der institutionellen Ausbildung lebt der Hund in der Ausbildungsorganisation (oder zeitweise bei Paten) und wird durch einen, auf das jeweilige Fachgebiet spezialisierten, Hundetrainer ausgebildet. Am Ende der Ausbildung wird der Hund fertig ausgebildet abgegeben. Diese Ausbildungsform eignet sich insbesondere für Hunde mit technischen Hilfsleistungen, zum Beispiel für Blindenführ- und Mobilitätshunde.
Die private Ausbildung basiert auf dem Grundsatz der assistierten Inklusion. Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Klient so früh und so umfänglich wie möglich unter Anleitung eines spezialisierten Assistenzhunde-Trainers in die Ausbildung seines Hundes eingebunden wird. Deshalb lebt der Hund spätestens mit Beginn der Ausbildung (in der Regel bereits als Welpe/Junghund) bei der betroffenen Person. Wenn aufgrund der Beeinträchtigung bestimmte Ausbildungsschritte für den Absolventen nicht umsetzbar oder adäquat trainierbar sind, übernimmt der Fachtrainer diese. Diese Ausbildungsform wird vorwiegend bei Hunden mit sensitiven Hilfsleistungen wie z.B. Warn- und Geleithunden gewählt, um möglichst früh eine wirksame Bindung zu erzielen.
Verein CARA: Du bist Gründungsmitglied von SwissHelpDogs. Wie kam es dazu?
Natascha: Ich habe vor etwa acht Jahren erfahren, dass es im Ausland Hunde gibt, welche speziell zur Unterstützung von traumatisierten Personen ausgebildet werden. Man nannte diese Hunde damals «Soldatenhunde», weil sie für traumatisierte Rückkehrer aus Kriegsgebieten ausgebildet wurden. Den Hunden wurde zum Beispiel beigebracht, Flashbacks oder Panik zu unterbrechen, aus Albträumen zu wecken oder an Medikamenteneinnahme zu erinnern.
Der Gedanke, dass ein Hund auch Menschen mit unsichtbaren Einschränkungen unterstützen kann, hatte mich total fasziniert. Deshalb habe ich mich näher mit der Thematik befasst. Und je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass das Thema Assistenzhunde in der Schweiz noch viel zu wenig bekannt war.
Während es beispielsweise in Österreich oder Deutschland schon Trauma- beziehungsweise sogenannte «PTBS-Assistenzhunde» [PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung] gab, hat man mich bei der Anfrage nach einer Ausbildungsmöglichkeit in der Schweiz belächelt und abgewunken.
Ich habe dann gemeinsam mit meinem Mann und meiner besten Freundin beschlossen, dass es in der Schweiz dringend eine Informationsstelle braucht. Wir hatten zunächst eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen. Diese wurde dann 2015 in einen Verein umgewandelt, der seit 2016 gemeinnützig anerkannt ist. Dass dieser Verein zu einer anerkannten Fach- und Ausbildungsorganisation heranwachsen würde, hätten wir natürlich niemals erwartet.
Verein CARA: Und wie bist du dann zu deinem Assistenzhund gekommen?
Natascha: Nachdem ich in der Schweiz nicht fündig wurde, habe ich meine Suche auf das nahe Ausland erweitert. Im Norden von Deutschland habe ich dann eine Ausbildungsstelle gefunden, die bereits Erfahrungen mit Trauma-Hunden hatte. Die spezialisierten Hundetrainer, ein Ehepaar, hatten mich bei der Auswahl eines geeigneten Hundes und möglicher Hilfsleistungen beraten. Gemeinsam haben wir dann einen Hund ausgewählt, der als Welpe direkt bei der Ausbildungsstelle einzog. Geplant war eine sogenannte «Fremdausbildung». Der Hund würde speziell auf meine Bedürfnisse ausgebildet werden und nach zirka zwei Jahren «fixfertig» bei mir einziehen.
Zu Beginn haben wir die Hündin regelmässig besucht und gemeinsame Trainings absolviert, um eine Bindung aufzubauen. Das Problem war jedoch, dass es mir nach jedem Besuch beinahe das Herz brach, die Hündin zurückzulassen. Statt dass es mir in Erwartung auf meine tierische Assistenz besser ging, ging es mir nach jedem Besuch bei ihr schlechter. Deshalb haben wir nach ungefähr einem Ausbildungsjahr den Ausbildungsvertrag aufgelöst und die Hündin «halbfertig» nach Hause in die Schweiz genommen.
Durch SwissHelpDogs hatte ich zwischenzeitlich Kontakt zu spezialisierten Assistenzhunde-Trainern in der Schweiz, sodass wir den Rest der Ausbildung mittels angeleiteten Privatlektionen absolviert und schliesslich die Assistenzhunde-Team-Prüfung gemeistert haben.
Verein CARA: Wie unterstützt dich deine Assistenzhündin? Was hat sich durch sie verbessert?
Natascha: Assistenzhunde stellen ein medizinisches Hilfsmittel dar. Dadurch haben diese Hunde besondere Rechte. Dazu gehört ein spezielles Zutrittsrecht auch dorthin, wo Hunde normalerweise nicht erwünscht/erlaubt sind. Dementsprechend begleitet sie mich überall hin: zum Einkaufen, zum Arzt, zur Therapie etc.
Einerseits gibt sie mir durch ihre Anwesenheit und Nähe Sicherheit und andererseits zeigt sie mir aufkommende Panik und Flashbacks an, bevor ich überhaupt realisiere, dass sich mein Zustand verändert. Dies gibt mir die Möglichkeit, mich rechtzeitig zu fokussieren und die, im Laufe der Therapie erlernten Skills, anzuwenden.
Wie diese Hunde zu ihrer Frühwarnfähigkeit kommen, ist übrigens noch nicht abschliessend geklärt. Man vermutet, dass sie einen Anstieg des Stresshormons Cortisol riechen.
Wenn ich dennoch in einen dissoziativen Zustand gerate, kann sie diesen durch die erlernte Hilfsstellung unterbrechen und mich ins «hier und jetzt « zurückholen. Wenn notwendig, führt sie mich an eine ruhige Stelle (z.B. in Einkaufszentren, wenn mir die Menschen zu viel werden, an einen Rand) oder leitet mich durch leichten Zug an der Leine aus einem Gebäude an die frische Luft, bevor ich in Panik gerate. Sie unterbricht monotones oder selbstverletzendes Verhalten und weckt mich aus Albträumen. Daneben gibt es noch viele kleine Hilfsleistungen, die sie gelernt hat. Zum Beispiel Dinge aufheben, Sitzgelegenheiten anzeigen und vieles mehr.
Sie gibt meinem Alltag Struktur und Routine und hilft mir, den Fokus von mir wegzuleiten, um nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Sie braucht mich genauso, wie ich sie. Das verbindet. Darüber hinaus schafft sie Gelegenheiten zu Kontakten, zum Beispiel mit anderen (Assistenz-) Hundehaltern und zwingt mich auf banale Weise (nämlich durch ihr natürliches Bedürfnis, regelmässig Gassi zu gehen), das Haus zu verlassen. Und wenn ich ja schon mal draussen bin, kann ich auch gleich Einkaufen oder zur Post gehen. Das ist zwar immer noch anstrengend, war aber vor ihrem Einzug bei uns schier unmöglich.
Zudem bringt sie mich andauernd zum Lachen, weil sie irgendwelche Flausen im Kopf hat.
Verein CARA: Was empfiehlst du Menschen, die sich für einen Assistenzhund interessieren?
Natascha: Zunächst ist das Bewusstsein wichtig, dass ein Assistenzhund ein Lebewesen ist. Wie bei allen Haustieren muss man in der Lage sein, ein Tierleben-lang Verantwortung für dieses Lebewesen zu übernehmen. Das setzt eine gewisse Stabilität voraus und insbesondere den Willen für positive Veränderung. Denn man kann einen Assistenzhund nicht wie ein lebloses Hilfsmittel in eine Ecke stellen, wenn man es gerade nicht braucht.
SwissHelpDogs ist in der privaten Ausbildung tätig. Das heisst, man muss sich darüber im Klaren sein, dass man keinen «fixfertigen» Assistenzhund bekommt. In der privaten Ausbildung ist der GEMEINSAME Weg das Ziel. Dabei werden die einzelnen Ausbildungsschritte gemäss dem individuellen Tempo von Mensch und Hund GEMEINSAM geübt. Wenn beispielsweise eine betroffene Person seit Jahren nicht mehr einkaufen gehen konnte, wird dies gemeinsam mit dem Hund kleinschrittig geübt. Während der Hund lernt, nicht an Lebensmitteln oder an Gestellen zu schnuppern und seinen Menschen gemäss dem individuellen Bedarf zu unterstützen, lernt der Mensch, den Einkauf mit Unterstützung des Hundes zu meistern, um später ohne menschliche Hilfe auch mal spontan gemeinsam mit der tierischen Assistenz einkaufen gehen zu können. Das ist nur ein Beispiel. Bis alle Ausbildungsziele und somit schlussendlich die Prüfungsreife erreicht wird, dauert es in der Regel etwa zwei Jahre.
Bei SwissHelpDogs ist der erste Schritt für Interessenten der (Pflicht-) Besuch eines kostenlosen und unverbindlichen Infoabends. Das kann für Betroffene schon sehr herausfordern sein. Uns ist es aber wichtig, dass wir die Interessenten persönlich kennenlernen und durch diese erste Hürde eine gewisse Motivation für die Ausbildung erkennen.
Die weiteren Details, zum Beispiel welche Voraussetzungen und Unterlagen es braucht und wie die Ausbildung finanziert werden kann, werden an diesem Infoanlässen oder später in einem persönlichen Erstgespräch geklärt.
Verein CARA: Liebe Natascha, ganz herzlichen Dank für diesen spannenden Einblick in ungeahnte, wunderbar tierische Möglichkeiten 😊!
Hinweise zu Geleithund (GH) unter https://www.swisshelpdogs.ch/fachbereiche/