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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron

Der zweite Tag. Dritte Homilie (Gen 1,6-10)
III. Kapitel. Das Firmament nicht identisch mit dem Himmel. "Das Wasser über der Himmelsveste": seine Möglichkeit, Wirklichkeit, Zweckmäßigkeit. Feuer und Wasser paralysieren gegenseitig ihre verheerenden Wirkungen. Der Sternenhimmel eine glühende Feuerzone, die Sonne ein Feuerball.
11.
Noch aus anderen Tatsachen mögt ihr das folgern, aus solchen, welche in den Gesichtskreis des menschlichen Auges fallen. Wie konnte sich, wenn du die Vernunft fragst, beim Durchzug der Juden die Flut teilen? Es liegt das nicht im gewöhnlichen Lauf der Natur, daß das Wasser sich teilt und Wasser, die in der Tiefe strömen, durch eine dazwischen führende Festlandsschicht sich trennen lassen. „Es stockten die Fluten“, heißt es, und setzten wie eine Feste ihrem Wogengang ein ungewohntes Ende. Hätte etwa Gott das Hebräervolk nicht auch anders befreien können? Doch [S. 60] er wollte dir zeigen, wie du dich durch ein solches Schauspiel zum Glauben dessen, was sich deinem Auge entzieht, bestimmen lassen solltest. Auch der Jordan kehrte, indem seine Strömung zurückgestaut ward, zu seiner Quelle zurück1. Daß Wasser, während es noch dahingleitet, stillsteht, gilt für etwas Ungewöhnliches, daß es ohne jegliches Stauwerk den Lauf aufwärts nimmt, für eine Unmöglichkeit. Doch was wäre dem unmöglich, der den Schwachen das Vermögen gibt, so daß ein solcher Schwacher bekennt: „Ich vermag alles in dem, der mich stärkt“2. Mögen doch jene sagen, wie „Luft zu Gewölk sich verdichtet?“3 Ob der Regen aus den Wolken entsteht oder im Schoß der Wolken sich ansammelt? Wir sehen so häufig die Wolken von den Bergen niederwallen. Ich frage: steigt das Wasser von der Erde auf oder strömt das über den Himmeln befindliche in reichlichem Regen nieder. Steigt es auf, ist’s doch wider die Natur, wenn es als das schwerere Element emporsteigt und von der Luft, dem leichteren Element, getragen wird. Oder wird das Wasser von der Bewegung der ganzen rasch rotierenden Himmelskugel mitgerissen, so wird es, wie es von der Tiefe mitemporgerissen wird, ebenso von der Kugelhöhe fort herabgeschleudert. Wird es, wie jene wollen, unaufhörlich herabgeschleudert, so wird es auch unaufhörlich mitemporgerissen; denn wenn die Himmelsachse sich immerfort dreht, wird auch das Wasser immerfort absorbiert. Strömt es herab, muß es folgerichtig andauernd über den Himmeln vorhanden sein, wenn es von dort soll herabströmen können. Welche Schwierigkeit soll denn auch der Annahme entgegenstehen, daß über den Himmeln Wasser gefestigt wurde? Wie wollen sie denn sonst das Wort in den Mund nehmen und sagen, die Erde, die doch schwerer ist als die Luft, schwebe in der Mitte und beharre unbeweglich? Aus demselben Grund könnten sie zugeben, daß das Wasser, welches über dem Himmel vorhanden ist, durch die Umdrehung der [S. 61] Himmelskugel nicht herabstürze. Wie nämlich die Erde im leeren Raume schwebt und unbeweglich nach allen Seiten im Gleichgewicht beharrt4, so wird auch das Wasser durch ein noch größeres oder gleiches Gewicht wie die Erde in Schwebe erhalten. Eben darum kann das Meer auch das Festland nicht überschwemmen, es müßte denn auf (Gottes) Befehl aus den Ufern treten.
1: Ps. 113, 3 [Hebr. Ps. 114, 3].
2: Phil. 4, 13.
3: ‚aër cogatur in nubem‘ nach Verg., Aen. V 20.
4: Ganz ähnlich Ovid., Met. I 12 sq.