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Der Benziger Verlag Einsiedeln ist in einer ganz besonderen Weise mit einer Schriftstellerin verbunden, die im österreichischen Bundesland Vorarlberg zu einer literarischen Pionierin wurde: Anna Hensler (1878–1952).
Anna Hensler war die erste Vorarlbergerin, die eine eigene Erzählung veröffentlichen konnte. Dabei fand sie mit ihrem zweiten Buch gleich auf Anhieb mehr Leserinnen und Leser als jemals ein Vorarlberger Schriftsteller zuvor. Durch ihren Erfolg sollte die Literatur in Vorarlberg nicht länger eine Männerbastion bleiben. Nebst belletristischen Werken schuf Anna Hensler auch unzählige historische Arbeiten, immer basierend auf gründlichem Quellenstudium. Mit ihren Abschriften und der Drucklegung einer Reihe von Chroniken hat sie bedeutende Aufzeichnungen zur Geschichte Vorarlbergs vor dem endgültigen Verlust bewahrt.
Anna Henslers heimatkundliche Arbeiten zur Sagenforschung, Volkskunde, Geschichte und zum Brauchtum des Landes sind grundlegend. Ihre Beiträge bereicherten die damaligen Volksschullesebücher und bildeten deren heimatkundlichen Fundus. Die meisten Vorarlberger werden von Rudolf von Ems und Hugo von Montfort, den lokalen Vertretern der Dichtung im Mittelalter, bestenfalls noch das wissen, was Anna Hensler dereinst über sie im Schullesebuch erzählt hat. – Heute ist Anna Hensler schier vergessen. Zwei Drittel ihrer Lebenszeit verbrachte sie in Feldkirch.
Familie Hensler
Anna Hensler wurde am 19. Juni 1878 in Bregenz geboren. Sie war die mittlere von drei Töchtern des aus Klaus stammenden Arztes Josef Kaspar Hensler (1836-1884) und seiner Ehefrau Johanna Katharina Hensler (1839-1928), einer geborenen Watzenegger aus dem Gasthaus Engel in Götzis. Ihre Schwestern waren die nachmalige Malerin Maria Hensler (1874-1907) sowie die Schriftstellerin und Wappenkünstlerin Hedwig Hensler Watzenegger (1880-1962).
Im Jahre 1882 übersiedelte die Familie Hensler von Bregenz nach dem heute tschechischen Marienbad in Böhmen, wo der Vater eine Stelle als Kurarzt antrat, aber bereits zwei Jahre später im Juli 1884, gerade einmal 48 Jahre alt, an einem Herzschlag verstarb. Danach zog die Mutter mit ihren drei Töchtern wieder zurück nach Bregenz. Anna besuchte die Volksschule in Thalbach und anschliessend die Privatschule von Anna Waldner, an der sie Englisch und Französisch lernte. Ausserdem erhielt sie noch Privatunterricht in Literatur und Geschichte. Bereits mit 15 Jahren versuchte sich Anna in ersten Übersetzungen von literarischen Texten aus anderen Sprachen. Ihr Herz für die Literatur war erwacht. Nach einem halbjährlichen Abstecher der Familie an den Genfer See, wohl zur Vertiefung ihrer Fremdsprachenkenntnisse, übersiedelten sie 1895 miteinander nach Feldkirch, wo die Familie noch Grundbesitz hatte, und wohnten an der Carinagasse Nr. 1 in Tisis.
Das erste Buch einer Vorarlbergerin
In Feldkirch beschlossen die drei Schwestern Hensler, gemeinsam einen Roman über die Zeit der Römer in Bregenz zu schreiben. Während ihr Gemeinschaftsprojekt nicht so richtig vorankommen wollte, verfasste Anna einen heimatlichen Bilderreigen und schickte ihn 1901, ohne dass jemand von der Familie davon wusste, unter dem Titel Das Vorarlberger Oberland an die Zeitschrift “Deutscher Hausschatz”. Unverhofft wurde die Erzählung gleich angenommen und gedruckt, zur Freude der ganzen Familie. Damit war Anna die erste Vorarlbergerin, von der eine Erzählung in Druck erschien.
Dies stärkte ihren Mut, eine grössere Dichtung in Angriff zu nehmen. So entstand die Erzählung Die Hohenems. Eine Märe aus dem XII. Jahrhundert, die 1904 in Franz Unterbergers Verlag in Feldkirch erschien. Das erste veröffentlichte Buch aus der Feder einer Vorarlbergerin.
Im Mittelpunkt dieser Erzählung von Anna Hensler steht der Königsknabe Wilhelm III., Sohn des Normannenfürsten Tankred von Lecce, der im Laufe des tragischen Geschehens geblendet und als Gefangener auf das Schloss Hohenems gebracht wird. Kunstvoll verwebt hier die Autorin historische Tatsachen mit einer zarten Liebesgeschichte zwischen Wilhelm und Rühmut, der Schwester des Dichters Rudolf von Ems, sowie einer mutmasslichen Entstehungsgeschichte der auf Burg Hohenems aufgefundenen Handschriften des Nibelungenliedes.
Der Erfolgsroman: Frankreichs Lilien
Beim Erscheinen ihres ersten Buches hatte Anna Hensler bereits ein zweites, noch viel umfangreicheres Werk vollendet, von dessen Existenz nur ihre Mutter und die beiden Schwestern wussten. Niemand sonst sollte davon erfahren, bevor sie es «an den Mann» gebracht hätte. So unternahm sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Maria eine Reise nach Einsiedeln, um den historischen Roman dem Benziger Verlag anzubieten. Die Erzählung ist angesiedelt in der Zeit der Französischen Revolution und handelt vom tragischen Geschick der Kinder des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, einer Tochter von Kaiserin Maria Theresia.
Der Verlag bewies ein gutes Gespür und bewundernswerten Mut, indem er den Roman der jungen, völlig unbekannten Frau annahm und ihn umgehend 1905 unter dem Namen «A. Hensler» und dem Titel Frankreichs Lilien – die Schicksale der Kinder Ludwigs XVI. veröffentlichte. Das Buch wurde zu einem Verkaufsschlager. In einem Jahr waren 4‘000 Stück abgesetzt, und bis zum Zweiten Weltkrieg gingen schon 37‘000 in den Buchhandel. Der Roman erschien auch in Amerika und soll sogar ins Chinesische übersetzt worden sein. Bis zum Erscheinen von Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder 1992 hat kein Buch aus Vorarlberg einen solchen Erfolg erlebt.
Anna Henslers Erfolgsroman Frankreichs Lilien sollte kein weiteres Buch mehr folgen. Die Pflege ihrer kranken Mutter bis zu deren Tod 1928 band Annas Kräfte fortan so stark, dass an ein umfangreiches Werk nicht mehr zu denken war. Auf Anregung von Hermann Sander (1840-1919), der 1895 schon Gedichte ihres Vaters Josef Hensler publiziert hatte, machte sie sich zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Hedwig Hensler Watzenegger indes daran, den Schatz der Vorarlberger Sagen, Legenden und Brauchtümer nach und nach zu heben und an die Öffentlichkeit zu bringen. 1910 schrieb sie eine Biografie über den Rankweiler Schulmeister und Freiheitskämpfer Josef Sigmund Nachbauer, erstellte Abschriften lokaler Chroniken und publizierte sie, übertrug mittelalterliche Lieder und Weisen der Vorarlberger Dichter Rudolf von Ems und Hugo von Montfort in die heutige Sprache und lieferte unzählige heimatkundliche Beiträge für Tagesblätter, Zeitschriften, Museumsberichte und Volksschullesebücher.
Kurz vor Erscheinen von Frankreichs Lilien, im Jahr 1903, hatte Karl Muth, der bei Benziger Redaktor der Zeitschrift Alte und Neue Welt war, in München auch die literarische Zeitschrift Hochland gegründet, in der Anna Hensler später wiederholt publiziert habe.
Eine wehrhafte Frau
Anna Hensler hat das Vorwort zur ersten Auflage Ihres Romans Frankreichs Lilien mit «Feldkirch, im Januar 1904» abgeschlossen. Weil darin bereits auf die im gedruckten Werk verwendeten Illustrationen Bezug genommen wird, dürfen wir annehmen, dass das Buch zu jenem Zeitpunkt bereits das «Gut zum Druck» erhalten hatte oder gar schon gedruckt war. Ende 1904 wurde der Roman denn auch in verschiedenen katholischen Zeitungen als «Beachtenswerte Neuheit für den Weihnachtstisch» beworben.
Aber irgendetwas muss in der Zwischenzeit zwischen Anna Hensler und dem Benziger Verlag vorgefallen sein, sodass die Schriftstellerin sich veranlasst sah, sich bei ebendiesem leidlich zu beklagen. Wenn ihre an den Verlag gerichteten Briefe zwar auch verloren scheinen, so sind doch Durchschläge einiger Briefe des letzteren an sie erhalten geblieben. So bezeichnete zum Beispiel ein Verlagsmitarbeiter in einem Brief vom 6. Februar 1905 an Anna Hensler ihren Roman diminuierend als ein «Werklein» und fügte hinzu: Auf den Inhalt Ihres Schreibens eintretend, bedauern wir vor allem in hohem Grade Ton & Sprache desselben & bedauern des fernern, Ausdrücke wie: «vom Verleger inspiriert», «böswillige Absicht», «Geschäftskniff», «Sündenbock», «Intriguen», «Vorspiegelungen», «hinterlistige Weise», «300 Fälschungen», «Vertragsbruch» u.s.w. hiermit an die Urheberschaft derselben zurückzuleiten uns veranlasst zu sehen, indem wir uns gegen solche Beleidigungen mit allem Nachdrucke verwahren! Ganz offensichtlich war die mutige junge Autorin einigen Personen im Verlag zuvor auf den Schlips getreten. Wie diesem und anderen erhalten gebliebenen Antwortbriefen des Verlags an sie zu entnehmen ist, fühlte sie sich von einigen seiner Mitarbeiter nicht richtig ernst genommen, abwertend behandelt und in Sachen Bewerbung des Romans gegenüber anderen Verlagsautoren benachteiligt. – Der frühere Redaktor Karl Muth, der ihr die Publikation überhaupt ermöglicht hatte, scheint damals den Benziger Verlag bereits verlassen zu haben.
Der Benziger Verlag hat mit Frankreichs Lilien gute Geschäfte gemacht. Wie seine Geschäftsbücher belegen, wurden Anna Hensler aber bis nach dem Zweiten Weltkrieg regelmässig Autorenhonorare überwiesen.
Die Tragik der Kriege
Anna Henslers Leben endete unter tragischen Umständen in Armut. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Geldentwertung das väterliche Erbe vernichtet. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hätte Anna Hensler etliche hundert Franken Honorar, das sie von ihrem Schweizer Verleger erhalten sollte, sehr notwendig gebraucht, denn sie war mittlerweile schon alt und in grosser Not. Aber von der Österreichischen Nationalbank bekam sie weniger als den zehnten Teil der vom Benziger Verlag an sie überwiesenen Summe, die damals im freien Devisenhandel dafür verrechnet wurde, ausbezahlt. Der Bombenabwurf auf das Antoniushaus in Feldkirch und die Lehrerbildungsanstalt im Oktober 1943 geschah in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses der beiden Hensler-Schwestern. Im April 1945 übersiedelten Anna Hensler und ihre Schwester Hedwig von Feldkirch nach Klaus, dem Geburtsort ihres Vaters. Bei der gemeinsamen Feldarbeit sollen sich die beiden auf Französisch unterhalten haben, was in Klaus auf Unverständnis stiess. Anna Hensler publizierte bis knapp vor ihrem Tod. 1949 veröffentlichte sie im vierten Jahrgang der neu gegründeten Zeitschrift Montfort den Beitrag Der erste uns bekannte Vers einer deutschen Frau. Die Sonderstellung, in einer männerdominierten Welt als Frau zu schreiben, war ihr offenbar bewusst. Anna Hensler zählt zweifellos zu den grossen Dichterinnen Vorarlbergs. Sie starb am Ostermontag 14. April 1952 in Klaus. Ihre Schwester Hedwig folgte ihr am 25. Februar 1962 im 81. Lebensjahr im Krankenhaus Valduna Rankweil.
Philipp Schöbi, 1957 geboren in Altstätten, wohnhaft in Feldkirch (A), ist Mathematiker und Mitbegründer der Feldkircher Literaturtage. Er beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken der Anna Hensler und publizierte 2018 das Buch Das literarische Feldkirch.
Kontakt: philipp.schoebi(at)aon.at