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Grosszügiger Bourgeois trifft frivole ExistenzialistInnen vor prekärer Zürcher Kulisse - darum geht es in Martin Suters neuem Roman. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller über Manieren, den Maler Vallotton und das Schweizer Bürgertum.
WOZ: Herr Suter, Ihre Hauptfigur Adrian Weynfeldt ist wohlhabend, korrekt, verklemmt, freundlich, stilbewusst und etwas altmodisch: Haben wir uns so die klassische Schweiz vorzustellen?
Martin Suter: Nein, nein. Leider nicht. Er ist ja einer der Letzten, die so sind. Mein Roman ist fast schon ein Nachruf auf diese Form von Höflichkeit. Wohlhabende gibt es schon noch viele in der Schweiz, aber sie haben immer weniger Anstand.
Aber könnte man sagen: Ihre Figur des Adrian Weynfeldt ist ein typischer Minderheitsschweizer, der zur Mehrheit gehört?
Nein, ich glaube, das kann man nicht sagen: Ich streite es ab.
Ähnlich wie in Ihrem ersten Roman «Small World» ist die Handlung im Beziehungsgeflecht des alteingesessenen Bürgertums der Stadt Zürich angelegt. Was fasziniert Sie an diesem Milieu so sehr?
Auch «Small World» ist ja nicht nur in diesem Milieu angesiedelt. Die Schweizer Gesellschaft besteht aus verschiedenen Schichten. Und der letzte Weynfeldt verkehrt auch in bohemistischen Kreisen, die ganz sicher nicht zur Oberschicht zählen.
Weynfeldt ist ein Solitär, bohemistisch mit streng ritualisierten Freundschafts- und Höflichkeitsformeln. Aus seinem emotionalen Schneckenhaus lässt er sich nur durch Kunst und eine hilfsbedürftige, attraktive Frau locken. Was hat Sie dazu animiert, dieses klassische Motiv zu variieren?
Mich hat interessiert, was passiert, wenn eine Frau einen Mann davon abhält, sich das Leben zu nehmen, und diese Frau ihn dann für ihr Leben verantwortlich macht. Das war die Ausgangslage. Dass das jetzt ein wohlhabender Junggeselle, ein Kunstexperte ist, war eine spätere Entscheidung. Schliesslich brauchte meine Figur einen Beruf und einen Ruf, den sie aufs Spiel setzen konnte. Sie sollte eine Entwicklung durchmachen, wie alle Figuren in meinen Geschichten. Die Versuchsanordnung war diesmal so, dass die zwei wichtigsten Figuren, Weynfeldt und Lorena, eine gegenläufige Entwicklung durchmachen.
Inwiefern ist Lorenas Entwicklung gegenläufig zu der Weynfeldts?
Sie wird ein bisschen mehr wie er, und er ein bisschen mehr wie sie.
Setzt Weynfeldts bohemistische Haltung eigentlich materiellen Reichtum voraus?
Nein. Seine weniger reichen Freunde sind ja auch Bohemiens.
Sind sie das wirklich?
Sie brauchen halt einen Sponsor. Sie wollen auf jeden Fall welche sein. Und mit Weynfeldts Hilfe können sie das auch ein wenig ausleben. Aber ich glaube nicht, dass Wohlstand eine Voraussetzung ist, um Bohemien zu sein. Ein Sponsor ist aber sicher hilfreich.
Halten Sie Ihre Romanfigur in ihrer Mischung aus Feinsinnigkeit, Gönnertum, schlechtem Gewissen und Snobismus für einen exemplarischen Nachkömmling der Schweizer Oberschicht?
Nein, leider nicht. Das schlechte Gewissen ist das, was den meisten in der richtigen Welt fehlt. Ich hab auch schon solche getroffen, die das vielleicht haben: das ungute Gefühl, dass sie so viel Geld besitzen und das meiste davon nicht erarbeitet, sondern ererbt haben.
Gibt es da ein Problem mit dem Arbeits- oder mit dem Besitzethos?
Ach, es ist schwieriger. Weynfeldt hat ja zwei Freundeskreise. Der eine ist der aus den alten wohlhabenden Kreisen seiner Eltern, und da ist das kein Thema. Zu denen hat er problemlos Zugang. Aber bei den anderen, den knapp Vierzigjährigen, ist er ein wenig der Fremdkörper geblieben. Da muss er sich ein bisschen klein machen, um aufgenommen und geduldet zu werden. Es gibt einen tiefen gesellschaftlichen Graben zwischen ihm und den anderen. Diesen versucht er durch gelegentliches Sponsoring, durch Höflichkeit und Rücksichtnahme zu überbrücken, was ihm aber nur äusserlich und nicht wirklich gelingt.
Laut Titel ist er der letzte Weynfeldt. Biologisch scheint er ja noch zeugungsfähig, die Verbindung zur angehimmelten jüngeren Frau ist nie ausser Reichweite. Warum der Letzte?
Ja, aber der letzte Weynfeldt ist nicht nur der Letzte seines Geschlechts, sondern auch der Letzte einer Art. Es ist eine Hommage an eine aussterbende Gattung.
Der Letzte einer Art, der aber auch ein sehr konservativer Typ ist.
Er ist ein ziemlich konservativer Typ. Er ist halt so erzogen und so geimpft.
Aber warum glauben Sie, dass diese Gattung gerade ausstirbt?
Ich fürchte, die konservativen Typen sterben nicht aus. Aber Typen wie Weynfeldt. Er ist ja nicht nur ein Trottel, er ist sehr rücksichtsvoll, er ist sehr höflich, er hat Umgangsformen, er hat einen gewissen Stil. Diese Kombination zusammen mit Geld, die stirbt aus.
Verändern sich nicht einfach nur der Stil, die Vorlieben, der Typus aber bleibt?
Ich glaube nicht.
Nach der Abwahl des Rechtspopulisten Christoph Blocher im Dezember sagten Sie, die Schweiz besinne sich nun «wieder auf das Bewährte» ...
Das war eigentlich ein Schreibfehler. Der «Spiegel» hat das korrigiert. Ich habe das bewährte System gemeint. Das der Kollegialität. Das hiesse zum Beispiel, dass es in der Regierung nicht jemanden hat, der gleichzeitig regiert und opponiert. Das Parlament ging vor vier Jahren vor Blocher in die Knie. Und jetzt hat mich schon überrascht, wie die etwas tapsig gewordene Linke in der Schweiz die Abwahl Blochers auf die Reihe kriegte.
Dass sie den Mut dazu hatte?
Wenn die Mehrheit im Parlament nicht mehr Blocher wählen wollte, musste sie sich auf einen gemeinsamen Gedanken in diesem Fall einigen. Und das musste unter dem Deckel bleiben. Das war schon eine grosse Intrige. Hut ab. Das hat mich angenehm überrascht.
Und «das Bewährte»: War es nicht gerade auch «das Bewährte» wie die Konkordanz und ein eigenbrötlerischer Konservatismus wie des Herrn Weynfeldt, die Blocher stärkten?
Natürlich ist es dieses System, das diese Regierungszusammenarbeit über die Parteien hinweg nicht nur ermöglicht, sondern fast nötig gemacht hat. Aber: Es ist immer noch so, dass das Parlament mit absoluter Mehrheit einen Minister wählt. Eine Partei kann eine Person mit einem guten Viertel oder schwachen Drittel der Sitze nun mal nicht alleine bestimmen.
Ist es nicht auch so eine Charaktereigenschaft des Herrn Weynfeldt, dass man eher den Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, sich arrangiert, statt den Konflikt zu suchen?
Ich glaube schon, dass der Weynfeldt einer wäre, der sich arrangiert, aber er ist ja auch kein Politiker.
In Ihrem Roman spielt ein Bild des Malers Felix Vallotton eine besondere Rolle. Die Erotik des Motivs ist einleuchtend gewählt. Was bedeutet Ihnen Vallotton?
Der gefällt mir schon besonders gut. Vallotton macht ein paar Dinge, die ich auch versuche, beim Schreiben hinzukriegen. Er reduziert, lässt weg. Er weiss, was man betonen muss, um nicht nur ein Bild abzubilden, sondern auch Bilder in unseren Köpfen entstehen zu lassen. Vallotton liebt das Geheimnisvolle und das Verschmitzte. Er hat immer eine Pointe, ein kleines Witzchen eingebaut. Dann malt er diese grossflächigen Gouachen. Da hab ich mir für die Handlung vorgestellt: Die lassen sich auch einfacher fälschen als zum Beispiel etwas Impressionistisches.
Sie selber leben mit Ihrer Partnerin und zwei kleinen Adoptivkindern in Guatemala und Ibiza. Würde sich da nicht auch literarisch ein Kulissenwechsel anbieten?
Ich habs versucht und dabei einen Roman in den Sand gesetzt. Guatemala ist ja unser Hauptsitz. Im Frühjahr kommen wir nach Europa, und im Herbst gehts dann schon wieder zurück. Aber die Passagen über Guatemala, die Beschreibungen einer Landschaft oder eines Marktes dort, haben sich wie ein «Geo»-Artikel gelesen.
Wie recherchieren Sie von Guatemala aus?
Wir sind ja beide Schweizer und nicht aus der Schweiz geflüchtet. Wir kommen ja regelmässig in die Schweiz zurück. Den Gesamtkatalog von Vallotton, das war ein Paket von drei Bänden, den hab ich per Internet antiquarisch in Frankreich gefunden und mir nach Guatemala schicken lassen. Der Verlag hilft. Und mit Herrn Keller, einem Kunstexperten, hab ich für meinen aktuellen Roman ausführlich telefoniert. Mit Skype oder Jajah kostet das praktisch nichts.