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Seit 1968 arbeitet eine kleine Gruppe von Übersetzern an einer zeitgemässen Bibel in romanischer Sprache. Herausgeber sind die Römisch-Katholische und Reformierte Kirche. Mit dem Druck der poetischen Bücher im Herbst 2014 ist der dritte Band der fünf geplanten Bände erschienen.
Eine Gruppe von Übersetzern arbeitet seit 46 Jahren an einer Neuübersetzung der Bibel aus den Ursprachen (Hebräisch, Aramäisch, Altgriechisch) in die rätoromanische surselvische Sprache. Das Neue und Erfreuliche an dieser surselvischen Bibel ist, dass die Römisch-Katholische und Reformierte Kirche gemeinsam an der Herausgabe dieser ökumenischen Bibelausgabe beteiligt sind. Bereits sind zwei Bände erschienen: das Neue Testament 1988, die prophetischen Bücher des Alten Testaments 2004. Die Psalmen wurden 2010 in einer Sonderausgabe veröffentlicht. Im Herbst 2014 werden als dritter Band in der Reihe der „Bibla ecumena romontscha“ die poetischen Schriften des Alten Testaments (inkl. Psalmen) neu übersetzt herausgegeben. Ausstehend sind noch die Neuübersetzung des Pentateuchs (1.-5. Mos) und die historischen Bücher des Alten Testaments. Da das „Rumantsch grischun“ als Kunstsprache nicht gelebte Sprache ist und weil in der Kirche und im Unterricht seit jeher im regionalen Idiom gepredigt, gesprochen, gebetet und gelehrt wird, erscheint auch die „Bibla ecumena romontscha“ im surselvischen Idiom. Auch als Hausbibel wäre eine „Rumantsch grischun Bibel“ ein völliger Fremdkörper.
Schon im 19. Jahrhundert hat der deutsche Sprachgelehrte Jacob Grimm, der uns vor allem als Märchensammler bekannt ist, gesagt: „Übersetzen heisst über-setzen. So wie man auf einem Schiff eine fremdländische Fracht übers Meer bringt, so bringt man etwas Fremdes in Länder, in denen ein anderer Boden und eine andere Luft vorherrschen.“ Aufgabe des Bibelübersetzers ist, die Aussage eines alten fremden Textes in eine verständliche Sprache der Gegenwart zu übersetzen. Die Zeitspanne zwischen antik-biblischen Texten und moderner Ausdrucksweise ist sehr gross. Nicht nur die Sprache als solche, sondern auch die Semantik und das zur Veranschaulichung benutzte Bildmaterial hat sich zum Teil völlig gewandelt. Es braucht immer wieder sprachliche Neuschöpfungen. Und vergessen wir nicht: Auch die Lebens- und Denkweise der biblischen Zeit, das ganze sozio-kulturelle Umfeld, Familie, Ehe, Staatsbildung, Gesetze usw. unterscheidet sich vollkommen von unserer Zeit und unserem Umfeld.
Inhalte nicht verändern
Kein Buch wurde in so viele Sprachen übersetzt wie die Bibel. Seit der Reformation erkannte man, wie wichtig es ist, dass jedermann die Bibel in seiner Muttersprache lesen und verstehen kann. Seit Ende 2013 ist die vollständige Bibel in 511 Sprachen erhältlich, das Neue Testament in 1‘295 Sprachen. Aber es sind und bleiben immer Übersetzungen. Wie der jüdische Religionswissenschaftler Pinhas Lapide sagt: „Schon die Erstzeugen waren Übersetzer göttlicher Impulse. Übersetzungen sind nie das Original. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Auch der heute in vielen Kreisen verbreitete Biblizismus, der die Bibel wortwörtlich versteht, sollte dies beherzigen.“
Wir alle wissen um die Probleme der Veränderungen, die durch Übersetzungen entstehen: Wenn wir nur schon einen deutschen Satz ins Rätoromanische übertragen, und dann, ohne Rückgriff auf das Original, vielleicht ins Englische und vom Englischen wieder zurück ins Deutsche, haben wir unter Umständen am Schluss einen gegenüber dem Ausgangstext total veränderten Satz. Dann gibt es das Problem der Semantik: Worte, für die es in der andern Sprache ein entsprechende Wort einfach nicht gibt. Wir müssen also die Bedeutung eines Wortes umschreiben. Da liegen oft die grössten Schwierigkeiten. Es wird dann zwangsläufig ein Wort benutzt, das der ursprünglichen Sprache zwar nahe steht, aber letztlich doch nicht genau entspricht.
Wörter verlieren ihre Bedeutung
Oder ein Wort hat unterschiedliche Bedeutungen, wie zum Beispiel das französische Wort „homme“, das mit Mann oder Mensch übersetzt werden kann. Das deutsche Wort „Ruf“ kann ein gerufenes Wort bedeuten, aber auch die Wertung, die ein Mensch in seiner Umwelt geniesst. Je nach Wahl der Wortbedeutung können ganz verschiedene Aussagen damit gemacht werden. Zudem veralten alle Übersetzungen, weil sich unsere Sprache laufend verändert und gewisse Worte kaum mehr verstanden werden. Wie beispielsweise älteren Menschen noch geläufige Worte wie „Gnade“ oder „selig“. In einem Satz aus dem Buch Ruth, übersetzt von Martin Luther ist die Rede von den Schnüren Ruths, mit denen Ruth gesprochen habe. Wenn jemand das heute liest, würde er wahrscheinlich an einen Bindfaden denken, obwohl das kaum einen Sinn gibt. Wer redet schon mit Schnüren? Doch zu Luthers Zeiten brauchte man das Wort Schnur auch für die Schwiegertochter. Eine Wortbedeutung, die heute kaum jemand noch kennt.
Solche Verluste gab es im Laufe der Jahrhunderte auch in der hebräischen Sprache. Das Problem ist, dass ursprüngliche Wortbedeutungen im Laufe der Zeit verloren gehen. Da helfen oft auch Wörterbücher nicht weiter. Man denke nur an die Vielfalt der möglichen Wortbedeutungen des hebräischen Wortes „näfäsch“, das wir meistens mit „Seele“ übersetzen. Dieses Wort kann aber auch bedeuten Kehle, Hals, Begehren, Seele, Leben, Person. Eines steht also fest: Für die Hebräer gab es nicht eine Differenzierung von Körper und Seele. „Näfäsch“ meint den Menschen in seiner Einheit und Gesamtheit. Wenn zum Beispiel Isaak zu seinem Sohn Esau sagt: „Mein näfäsch soll dich segnen“, so heisst das nicht „Meine Seele soll dich segnen“, sondern „Ich will dich segnen, ich mit meiner ganzen Seele, mit Herz, mit Mund und Händen“.
Poetische Texte übersetzen
Zu den sprachlichen Herausforderungen gehört auch die Tatsache, dass die alttestamentlichen Bücher von zahlreichen Autoren in verschiedenen Jahrhunderten verfasst wurden und dass jeder Verfasser seinen persönlichen Stil und seine eigene Sprache hatte. Eine weitere Schwierigkeit ist, einen poetischen Text zu übersetzen. Solche gibt es gerade im Alten Testament viele. Wir können zwar den Inhalt wiedergeben, Wort für Wort, nicht aber den Klang, die Farbe, die Melodie, den Duft, die innere Spannung.
Jede Sprache braucht zudem immer wieder bildhafte Wendungen, um etwas zu verdeutlichen. So sagen wir zum Beispiel im Deutschen “Etwas auf die Spitze treiben“, „Dem andern auf den Wecker gehen“, oder „Jemanden auf Herz und Nieren prüfen“. Gerade die hebräische Sprache ist da noch viel bildreicher als die deutsche oder rätoromanische Sprache. Sollen wir bildhafte Wendungen wörtlich übersetzen? Wenn ja, dann braucht es unbedingt einen erklärenden Kommentar dazu. Ein deutsches Sprichwort wie „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ könnten wir zwar wörtlich ins Rätoromanische übersetzen, aber es wäre eine dem Romanen völlig fremde Formulierung. Der Romane würde sagen: „La stiala vegn dil lenn“, das heisst „der Span kommt vom Holz“. Was der Deutschsprachige wiederum nicht als Sprichwort erkennen würde.
Mit dem dritten Band in der Reihe der neuen „Bibla ecumena romontscha“, der alle poetischen Bücher des Alten Testament enthält, hoffen die Herausgeber, vielen Leserinnen und Lesern sowie Gläubigen das Wort Gottes in der heutigen Sprache, ihrer Muttersprache, so nahe zu bringen, dass es ihr Herz anspricht, dass damit aber auch die ursprüngliche Aussage der Bibel treu bewahrt bleibt.
Pfarrer Martin Fontana, Flims
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