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Chur den 7. November 1853.
Mein theurer Freund!
Ich beginne heute Abend diese Zeilen an Dich, um Dir zuvörderst über die heutigen Verhandlungen des weitern Ausschußes zu berichten u. dann morgen das Ergebniß der Generalversammlung beizufügen.1 Aus dem Berichte des Verwaltungsrathes ging hervor, daß die Einzahlungen im Inland auf sehr befriedigende Weise erfolgt sind; dagegen haben die Engländer ihre Verpflichtung leider nicht so pünktlich eingehalten. Hr. Gurney2, der in den letzten Tagen auf dem Rückwege von Turin nach London hier war, erklärte, es wäre ebenso unmöglich wie thöricht gewesen, im gegenwärtigen Augenblicke die Aktienemißion vorzunehmen; indeßen versprach3 er auf's bestimmteste, bis spätestens zum 15. Dezember die vertragsmäßig bedungnen 5 Prozent der englischen Aktienbetheiligung hierher zu bringen, während der Rest der ersten Einzahlung von 20% bis dahin in London zur Verfügung des Generalcomité's gestellt werden solle. Noch weniger befriedigen konnte, was von Seite der Regierung von St. Gallen erfolgt war. Sie hatte einen Verpflichtungsschein ausgestellt, in welchem nicht bloß die – nun unerfüllt gebliebne – Bedingung gestellt war, daß bis zum 1. November 20% von 20 Millionen eingezahlt seyn müßen, sondern auch den längst außer Rechtskraft getretnen provisorischen Statuten4 vom letzten Februar gerufen war! Damit wären wir Glarner förmlich dupirt gewesen, indem wir gerade wegen der erfolgten Aufhebung dieser Statuten eine unbedingte Verpflichtung eingegangen sind. Hr. Curti5 wollte | freilich das intereßante Aktenstück, unterzeichnet von den HH. Hungerbühler6 u. Zingg7, mit einem Versehen der Kanzlei entschuldigen; allein wer die St. Gallischen Winkelzüge kennt, wird der Sache nicht leicht eine so unschuldige Deutung geben können. Indeßen war die Mehrheit der Versammlung geneigt, sich zu beruhigen u. zu erwarten, daß in Folge der Erklärung des St. Gallischen Abgeordneten eine Berichtigung erfolgen werde; da erklärte ich, daß, wenn jener Verpflichtungsschein angenommen werde, ich die Sache an die Versammlung der Aktionäre ziehen u. der Regierung von St. Gallen ihr Stimmrecht streitig machen werde, welches sie, gestützt auf die ihr von der dortigen Bank ausgestellte, unbedingt lautende Quittung für die erste Einzahlung, für sich in Anspruch nehme. Das wirkte; die Diskußion erneuerte sich, Curti selbst mußte erklären, daß er sich in der behaupteten bona fides8 des Landammanns u. Staatsschreibers irren könnte, u. darauf wurde mit allen gegen seine Stimme beschloßen, den Schein nicht anzunehmen, sondern von St. Gallen eine unbedingte Verpflichtung zu verlangen, wie sie vom Großen Rathe beschloßen worden. Hinsichtlich der Unterhandlungen wegen der zürcherischen Bedingungen wurden sämmtliche Aktenstücke vorgelegt, u. ich kann Dich versichern, daß der Verwaltungsrath gegen St. Gallen sich sehr gut benommen u. die Rechte der Gesellschaft gegen übertriebne Forderungen hinsichtlich des Tracé's hinreichend gewahrt hat. Der Forderung Zürich's, betreffend Mittheilung der gesammten Correspondenz, glaubte man gleichwohl nicht entsprechen zu können, weil sie allerdings, wie Du selbst einsehen wirst, etwas weit geht u. St. Gallen sofort das Nämliche verlangen würde.9 Ueberhaupt ist die Stellung der Organe der Südostbahngesellschaft in dieser heikeln Frage eine sehr schwierige; sie geht der Streit zwischen Zürich u. St. Gallen über Auslegung des Staatsvertrages10 zunächst nichts an, u. die Verpflichtung, welche sie durch die st. gallische Konzeßion u. ihre eignen Statuten (Art. 5)11 | übernommen, kann sie nicht mit Füßen treten. In dem peinlichen Dilemma, in welchem sie sich befindet, beschloß der Ausschuß, gegen Zürich nochmals zu erklären, daß man sich für alle Fälle freie Hand vorbehalte, welche jedoch einigen unausweichlichen Einschränkungen unterliegen müße. Ein Antrag von mir, sich deutlich dahin zu erklären, daß man zwar die Konzeßion respektiren werde, jedoch, falls St. Gallen übertriebne Forderungen stellen sollte, sich alle rechtlich zuläßigen Schritte vorbehalte, blieb in Minderheit; ebenso aber auch der Antrag Curti's, einfach zu erklären, daß man durch die Konzeßion gebunden sey. Ich hoffe nun, Ihr werdet Euch mit unsrer Erklärung beruhigen, da nach derselben immerhin die Möglichkeit gegeben ist, gegen St. Gallische Zwangsherrschaft oder Trölerei die Intervention Zürichs oder des Bundes anzurufen; um Weiteres aber handelt es sich ja für den Augenblick nicht. Die Aktenstücke haben auf mich wirklich den Eindruck gemacht, daß es sich dermalen vorzugsweise um einen Wortstreit handelt, u. da Du gewiß selbst nicht willst, daß die beschloßne Akteinbetheiligung Zürich's wieder in Nichts zerfalle, so wirst Du hoffentlich Dich zur Ausgleichung bereit finden. Mein Kanton hat ja das größte Intereße daran, daß St. Gallen nicht allein Meister sey; aber so sehr ich bei der dortigen Regierung die bona fides vermiße, so sehr muß ich anerkennen, daß die Dispositionen des Verwaltungsrathes u. Ausschußes der Südostbahn gut sind u. daß von denselben im Ganzen gethan worden ist, was sie nur immer in ihrer dornenvollen u. von allen Seiten bedrängten Stellung thun konnten.12
8. November. Heute also war die Generalversammlung der Aktionäre der Südostbahn, welche sehr zahlreich besucht wurde, indem von 18,426 Aktien, die im Inlande gezeichnet worden sind, nicht weniger als 17,674 vertreten waren. Baumgartner13 hielt eine gute Eröffnungsrede, welche in schwunghafter Sprache ungefähr das Nämliche enthielt, was gestern der Bericht des Verwaltungsrathes, dabei aber etwas weniger tief in die Sache eindrang. | Es wurde darauf zur Wahl der 6 schweizerischen Mitglieder des Generalcomite's geschritten, welche alle im ersten Skrutinium herauskamen. Es erhielten von 2210 abgegebnen Stimmen Planta 2149, Curti 1876, Schultheß14 1608, Rohrer15 1521, Franz16 1389, Blumer 1250. Es ist also die Wahlliste von Planta vollständig durchgedrungen! Ich suchte statt Franz den Papa Bawier, statt Schultheß Dich u. statt meiner Rathsherr Jenni17 zu befördern. Du hattest 219 Stimmen, die wohl vorzugsweise meinem Kanton angehörten. Die St. Galler wagten es nicht für Dich zu stimmen aus Furcht vor ihrer hohen Obrigkeit, die, wenn Du gewählt worden wärest, sich auf ihren Stühlen nicht mehr sicher gewähnt u. jedenfalls die Südostbahn noch mehr als bis dahin chikanirt hätte; den Graubündner bist Du die Personnifikation der zürcherischen Bedingungen, die ihnen auch nicht gefallen. Es waren übrigens nur sehr wenige nähere Bekannte, die ich auf Dich aufmerksam machte; die große Mehrzahl der Aktionnäre dachte nicht an Dich, weil – Du nicht anwesend warest. Ich führe Dir absichtlich alle Motive an, welche Deine Wahl gehindert haben, damit Du in dem Ergebniße nicht einen Grund findest, der Südostbahn Dein Wohlwollen zu entziehen. Hr. Schultheß, der erschienen war u. etwa 134 Stimmen repräsentirte, stimmte für Hrn. Arnold Escher von der Linth18. Jedenfalls werden wir mit ihm beßer versehen seyn, als mit dem schmutzigen Provisionshelden Pestalutz19, der keine einzige Stimme erhielt, so wenig wie Hungerbühler, der so gerne der «Vater» der Südostbahn gewesen wäre, wenn man seine stiefväterlichen Absichten nicht allzufrühe durchschaut hätte! Die Versammlung endete mit einer sehr intereßanten Rede unsers Freundes Brosi20, der, weil er nur 5, sage fünf Aktien gezeichnet hat21, zu etwelchem Ersatze für die nicht gezeichneten sein schönes Organ im Dienste des Vaterlandes erklingen ließ u. der abtretenden Verwaltung seine feurigen Dankbezeugungen darbrachte! |
So eben hat sich unser Generalcomite noch konstituirt u. beschloßen, es haben die drei bezeichneten Direktoren 22, welche gemäß den Statuten bestätigt wurden, mit dem 15. d. M. ihre Funktionen anzutreten; die Engländer sollen von unsrer Konstituirung benachrichtigt u. eingeladen werden, auch ihrerseits ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Wir harren nun der «Dinge», die bis zum 15. Dezember kommen sollen!
Ich schließe mit dem aufrichtigen Wunsche, Dich durch meine ausführliche Berichterstattung nicht gelangweilt zu haben, u. mit der sehnlichen Hoffnung, daß Zürich u. die Südostbahn sich bald ganz geeinigt haben werden.
Herzlich grüßt Dich
Dein treuer Freund
J J Blumer