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Das Grosse Bott durfte im Dezember 2002 eine grosszügige Schenkung aus Dankbarkeit gegenüber unserer Gesellschaft von Herrn Vincent Bürgi in Form eines Anteils an einem Baurecht an einer Geschäftsliegenschaft in Bern entgegen nehmen. Im nachfolgenden Beitrag blickt Herr Christoph Bürgi, der Onkel von Vincent Bürgi und der Sohn von Rolf Bürgi, zurück und erzählt über die Beziehungen seiner Grosseltern und Eltern zu Paul Klee und dessen Familie:
Mit dem Bau des Paul-Klee-Zentrums in Bern rückt unsere Stadt in den Blickpunkt des weltweiten Interesses für diesen Klassiker der Modernen Kunst. Wenig bekannt ist, dass es Angehörige unserer Zunft waren, meine Grossmutter und meine Eltern, welche durch die Unterstützung von Paul Klees Kariere und die Gründung der Paul-Klee-Stiftung dazu beitrugen, dass Klees Werk nirgendwo so prominent vertreten ist wie hier in Bern. Die Paul-Klee-Stiftung mit gegen 4000 Werken – rund einem Drittel der Produktion des Künstlers – und mit dem gesamten schriftlichen Nachlass wird das Kernstück der Sammlung des Paul-Klee-Zentrums im Schöngrün, welches im Sommer 2005 eröffnet wird, bilden.
Drehen wir das Rad um mehr als hundert Jahre zurück. Kurz nachdem die junge Johanna Bigler am 1. Mai 1899 unseren Stubengenossen, den Architekten und Bauunternehmer Alfred Bürgi, geheiratet hatte, konnte sie ihren lange gehegten Wunsch verwirklichen und ihr musisches Talent fördern. Sie nahm Unterricht beim damals in Bern bekannten Gesangspädagogen und gefürchteten Musik- kritiker Hans Klee. So lernte sie auch dessen mit ihr gleichaltrigen Sohn Paul kennen, einen begabten Bratschisten, der zeitweise im Berner Stadtorchester spielte. Mit ihm und seiner jungen Frau, der Münchner Pianistin Lily Stumpf, pflegte Johanna die Kammermusik. Der Musiklehrer Hans Klee wurde zum Freund der Familie, der wöchentlich zu gemeinsamen Malzeiten erschien und den drei Söhnen Bürgi das Schnitzen von Flöten und das Fischen beibrachte. Um 1910 kaufte das Ehepaar Bürgi die ersten Werke von Paul Klee: Zeichnungen und Schwarzaquarelle. Als Architekt wusste Alfred Bürgi die sichere Führung von Stift und Pinsel zu schätzen; Johanna mag die Qualitäten mehr intuitiv erfasst haben.
Wenige Monate nachdem Alfred Bürgi, unterdessen nebenamtlicher Gemeinderat der Stadt Bern, am Neujahrstag 1919 als Oberstleutnant im Aktivdienst an der Grippe gestorben war, kaufte die junge Witwe ihren ersten abstrakten Klee, was in ihrer Umgebung zu einem allgemeinen Stirnrunzeln führte. Der Familienrat, bestehend aus den überlebenden Brüder ihres Gatten, erwog ernsthaft eine Bevormundung. Einzig der Fürsprache des Pharmakologie-Professors Emil Bürgi, eines Schöngeistes, der chinesisches Porzellan sammelte und seine Lyrik im Selbstverlag publizierte, war es zu verdanken, dass man es bei einer ernsthaften Ermahnung beliess. Dessen ungeachtet sammelte Johanna Bürgi unbeirrt weiter. Von dieser Leidenschaft wurde auch ihr jüngster Sohn Rolf angesteckt; dieser erwarb anlässlich eines Besuches mit seiner Mutter bei Paul Klee im Bauhaus in Weimar seinen ersten Klee, ein Aquarell einer Dünenlandschaft, zum Preise von 60 Mark. Als Entgegenkommen an den 18-jährigen Gymnasiasten willigte der Maler in ein Abzahlungsgeschäft ein: zahlbar in zwölf Monatsraten zu 5 Mark!
Die Familie Bürgi in der Villa am Wildhainweg 20, Bern, 1918 (v.l.n.r.: Alfred, Rolf, Fredi, Hanni und Fritz Bürgi).
Rolf Bürgi (1927)
Die Freundschaft zwischen den Familien Klee und Bürgi wurde weiterhin gepflegt; man traf sich bei den alljährlichen Besuchen des Künstlers in seiner Heimatstadt im Hause von Vater Klee am Obstberg oder in der Wohnung von Johanna. Diese war unterdessen Mitglied der vom deutschen Sammler Otto Ralfs gegründeten Klee-Gesellschaft geworden, deren Mitglieder jährlich einen festen Betrag an den Maler bezahlten und dafür Werke zu Sonderkonditionen beziehen konnten.
Als im deutschen Schicksalsjahr 1933 die Gestapo Klees Wohnung in Dessau durchsuchte und gleich wäschekorbweise Werke, Manuskripte und private Dokumente beschlagnahmte, wandte sich Paul Klee – auf der überstürzten Rückreise von einem Italienaufenthalt in die sichere Schweiz – an den unterdessen 28-jährigen Rolf Bürgi. Dieser eilte unverzüglich nach Dessau, wo er erreichte, dass die Gestapo das unersetzliche Material ungesichtet zurückgab. Rolf Bürgi handelte mit den Nazi-Behörden aus, dass der «entartete Künstler Klee» mit seiner Frau, dem Kater Bimbo und all seinen Werken und übrigen Besitztümern unbehelligt in das Land seiner Jugend ausreisen durfte. Klee musste allerdings auf Anstellung und Pension als Professor an der Akademie Düsseldorf verzichten.
Die Emigration in die alte Heimatstadt Bern war hart für den deutschen Staatsbürger Klee – trotz Geburt in Münchenbuchsee und Basler Mutter –, dessen Ruhm sich damals zur Hauptsache auf Deutschland beschränkte.
Johanna Bürgi stellte ihre Sammlung zur Verfügung und erwirkte als Vorstandsmitglied des Vereins Kunsthalle Bern, dass diese 1935 eine grosse Klee-Retrospektive veranstaltete. Um dem hiesigen Publikum Klees Kunst verständlich zu machen, liess sie auf Wunsch des Malers als Vernissageredner den Kunsthistoriker Will Grohmann aus Berlin, der damals als der beste Klee-Kenner galt, nach Bern kommen. Sie liess sich nicht dadurch beirren, dass die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Bericht über die Ausstellung von den «seltsamen Blüten, die im Schizovrenelisgärtli dieses Künstlers wachsen», berichtete. Vielmehr bewog sie durch die überzeugungskraft ihres sicheren Urteils (und durch einen beträchtlichen finanziellen Beitrag aus eigener Tasche gemäss dem gotthelfschen Motto «Geld und Geist») die Vereinigung der Freunde des Kunstmuseums Bern dazu, ein Hauptwerk, «Ad parnassum», für das Museum zu erwerben.
Rolf Bürgi war unterdessen zum Berater, Vermögensverwalter und – mit seiner Frau Käthi – fürsorglichen Freund des Künstlerehepaares geworden. Er kümmerte sich eingehend um Klee, der seit 1935 an einer fortschreitenden, unheilbaren Krankheit litt. So war es ganz selbstverständlich, dass Rolf Bürgi die Trauerfeier nach Paul Klees Tod im Juni 1940 organisierte und sich anschliessend zusammen mit der Witwe Lily um den Nachlass kümmerte.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Schweiz 1946 gezwungen, das «Abkommen von Washington» zu unterzeichnen, welches es den alliierten Siegermächten gestattete, Guthaben deutscher Staatsbürger ausserhalb von Deutschland zu beschlagnahmen und für Kriegsreparationen zu verwerten. Rolf Bürgi erkannte die Gefahr für den künstlerischen Nachlass Paul Klees, dem die Konfiskation und Versteigerung drohte, und veranlasste, dass Lily Klee kurz vor ihrem Tode den Nachlass ihres Gatten einer Gruppe von vier Berner Sammlern, dem Verleger Hans Meyer-Benteli, dem Merceriehändler Hermann Rupf, dem Architekten Werner Allenbach und Rolf Bürgi selbst, verkaufte, welche diesen in die zu diesem Zweck auf Bürgis Initiative gegründete Paul-Klee-Stiftung einbrachten. Wichtiges Mitglied des Stiftungsrates war der damalige Regierungsrat und spätere Bundesrat Markus Feldmann. So kam es, dass gemäss Paul Klees Wunsch eine umfassende Werkgruppe und der grösste Teil seiner Manuskripte im Kunstmuseum Bern als Gesamtheit erhalten blieben. Die Paul-Klee-Stiftung wird den Grundstock der Sammlung im Paul-Klee-Zentrum bilden. Ohne diese Stiftung wäre das Zentrum undenkbar.
Christoph Bürgi