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TCS MyMed
Autor: TCS MyMed
Jede fünfte Person leidet unter dem Reizdarmsyndrom – Frauen doppelt so häufig wie Männer. Zwar ist die bereits vor über 2300 Jahren beschriebene Krankheit nicht gefährlich, kann die Lebensqualität aber stark einschränken.
Der Experte zum Thema: Dr. med. Marcus Herzig. Gastroenterologie/Hepatologie am Bürgerspital Solothurn.
Das Reizdarmsyndrom gehört zur häufigsten Krankheit des Magen-Darm-Traktes und ist bereits vom griechischen Arzt Hippokrates von Kos etwa 400 v. Chr. beschrieben worden. Betroffen können Kinder, Männer und Frauen sein, wobei diese – vor allem in der zweiten und dritten Lebensdekade – gut doppelt so häufig darunter leiden. Zwar besteht beim Reizdarm kein erhöhtes Risiko für Darmkrebs, Colitis ulcerosa (entzündliche Darmerkrankung) oder Morbus Crohn (chronische entzündliche Darmerkrankung) und auch die Lebenserwartung ist mit dem Reizdarmsyndrom nicht eingeschränkt, aber die Lebensqualität der Betroffenen ist zuweilen sehr reduziert.
Vielfältige Symptome und Formen
Von einem Reizdarmsyndrom spricht man, wenn Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall länger als drei Monate bestehen, ohne dass eine organische Erkrankung des Magen-Darm-Traktes wie Entzündungen oder Krebserkrankungen gefunden werden können.
Symptome eines Reizdarms sind krampfartige Bauchschmerzen, Blähungen, Gefühle des Aufgetriebenseins, Veränderung der Stuhlhäufigkeit oder Stuhlkonsistenz, veränderte Stuhlpassage (starkes Pressen erforderlich), gesteigerter Stuhldrang oder das Gefühl der unvollständigen Darmentleerung, Schmerzerleichterung nach Stuhlentleerung oder Schleimbeimengungen im Stuhl. Die Beschwerden des Reizdarmsyndroms beschränken sich nicht ausschliesslich auf den Magen-Darm-Trakt.
Die Betroffenen fühlen sich oft müde oder abgespannt und klagen über Rücken-, Kopf- und Gliederschmerzen, Schlafstörungen, Angstgefühle, Nervosität oder Beschwerden im Genitalbereich und Harnblasenstörungen. Ein Reizdarmsyndrom kann in verschiedenen Formen auftreten und wird auch unterschiedlich definiert: Bei einigen Patienten steht das Symptom Verstopfung im Vordergrund, andere leiden hauptsächlich unter Durchfall, einige werden von Durchfall und Verstopfung geplagt, andere haben mit Bauchschmerzen zu kämpfen.
Das Reizdarmsyndrom hat oft einen langjährigen Verlauf, wobei die Intensität der Beschwerden individuell verschieden ist und auch im zeitlichen Verlauf starken Schwankungen unterliegt.
Ursachen nur teilweise bekannt
Insgesamt sind die Ursachen des Reizdarmsyndroms noch nicht vollständig geklärt und verstanden. Man geht davon aus, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, also verschiedene Faktoren zusammenspielen müssen. Beschrieben indes sind Störungen der Motilität (nicht bewusst gesteuerte Bewegungen) des Darms, der Sekretion, der Durchlässigkeit der Darmschleimhaut und der Schmerzempfindlichkeit des Darms. Weiter können molekulare, immunologische, genetische und zelluläre Störungen – teils einzelne, teils in Kombination – ein Reizdarmsyndrom verursachen, wobei es zuweilen auch für medizinische Fachkräfte nicht einfach ist, festzustellen, wie spezifisch und häufig diese sind.
Zumal auch die Zusammensetzung der Darmbakterien, der sogenannten Darm-Flora, eine Rolle zu spielen scheint. Alles in allem eine recht unklare Ausgangslage, die die unangenehme Situation der Patienten nicht einfacher macht und den Stressfaktor noch erhöht, was wiederum auf die Funktion des Magen-Darm-Traktes und auch auf die Beschwerden des Reizdarmes einen Einfluss hat. Die Ungewissheit, was die Beschwerden auslösen könnte, kann nicht mit einem Blut- oder Stuhltest respektive einem Befund aus einer Gewebeprobe des Darms entnommen werden. Man weiss aber, dass bei einigen Patienten ein Reizdarmsyndrom durch einen Magen-Darm-Infekt ausgelöst werden kann, der dann über Wochen, Monate oder sogar Jahre bestehen bleibt.
Ärztliche Abklärung
Bei der Diagnose Reizdarm muss an erster Stelle das ärztliche Gespräch stehen und das Erfassen der Beschwerden, der Dauer, der Symptome und der Einschränkungen im täglichen Leben. Diesem Erstgespräch muss eine körperliche Untersuchung folgen sowie das Ausschliessen anderer Erkrankungen, die die Beschwerden erklären könnten. Dies können Infektionen, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit), Schilddrüsen-Funktionsstörungen, bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarmes, Durchblutungsstörungen, aber auch Krebserkrankungen sein.
Diese Abklärungen mittels Bluttests, Stuhluntersuchungen, bildgebenden Verfahren wie Ultraschall und je nach Situation einer Magen- und/oder Darmspiegelung, richten sich sowohl nach dem Beschwerdebild als auch nach dem Alter der Betroffenen. Bei starkem Leidensdruck und grosser Belastung durch Stress ist eine psychologische Begleitung unumgänglich. Vielen Patienten ist ihre störende und schmerzhafte Krankheit peinlich; sie grenzen sich aus. Es ist wichtig, dass das Reizdarmsyndrom als Krankheit und nicht als «nur psychische Reaktion» verstanden wird.
Individuelle Behandlung
Bei einem Anteil der Patienten verschwindet das Reizdarmsyndrom nach einer gewissen Zeit von selbst. Doch bei mehr als der Hälfte der Fälle nimmt die Krankheit einen chronischen Verlauf und verlangt bei einer engen Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Patient eine individuelle, den Beschwerden entsprechende Behandlung. Es gibt weder eine Standardtherapie, noch wirken alle Medikamente bei jedem Patienten gleich.
Dabei sind normale Schmerzmittel oft nur wenig wirksam und nicht empfehlenswert, wohingegen Medikamente, die Darmkrämpfe lösen, zur Linderung eingesetzt werden können. Auch gewisse Antidepressiva und Pfefferminzöl-Kapseln haben einen Effekt in der Behandlung bei Schmerzen aufgrund eines Reizdarmes gezeigt. Lösliche Ballaststoffe wie zum Beispiel Flohsamenschalen können sowohl bei Verstopfung wie auch bei Durchfall eingesetzt werden. Betreffend Ernährung gibt es zwar keine generelle Reizdarm-Diät, doch in manchen Fällen können spezielle Diäten wie zum Beispiel die FODMAP-Diät (siehe Infobox) oder eine grundsätzliche Lifestyle-Veränderung zur Besserung beitragen.
Positives Behandlungssignal kommt aus der Ecke ausgewählter Probiotika. Als Probiotika werden in der Regel lebende Bakterien oder Pilze bezeichnet, die sich im Darm vermehren und einen gesundheitlichen Nutzen vermitteln. Auch abgetötete Mikroorganismen und deren Bestandteile werden verwendet. Bekannte Probiotika sind Laktobazillen, Bifidobakterien, Enterokokken und Hefepilze. Sie werden zur Stimulierung des Immunsystems und bei Allergien eingesetzt.
FODMAP ist die Abkürzung für «fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole». Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Kohlenhydraten und mehrwertigen Alkoholen, die in vielen Nahrungsmitteln vorkommen und vom Dünndarm nur schlecht resorbiert werden. Ein Einschränken der FODMAPs-reichen Nahrungsmittel (zum Beispiel Artischocken, Brokkoli, Lauch, Rosenkohl, Äpfel, Aprikosen, Kirschen oder Pfirsiche) führt oft zu einem Rückgang der Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall und/oder Verstopfung und eignet sich deshalb insbesondere auch beim Reizdarmsyndrom.
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