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Die Publikation von Briefwechseln im Zeitalter von Handy und E-Mail hat etwas Antiquiertes, ja sie zeigt Unwiederbringliches. Denn wo der Computer die Schreibmaschine ersetzt und via Internet bereits den Briefkasten enthält, bedienen sich auch Schriftsteller dieser Kommunikationsmittel weit eher als der Schreibfeder, und da entstehen im flüchtigen intermedialen Betrieb gar nicht erst so gediegene Korrespondenzen, dass deren Dokumentation noch lohnte. Schon die gesammelten Briefe des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, der ein grosser Telefonierer war, ergäben allenfalls lediglich einen Band von wenigen hundert Seiten.
Ganz anders bei seinem viel älteren Kollegen, dem 1998 im Alter von knapp 103 Jahren verstorbenen Ernst Jünger. Der war nicht nur ein grosser Ta-ge—buch-, sondern auch ein mächtiger Briefeschreiber. Seine Korrespondenzen füllten einst ganze Schränke in seinem Wilflinger Heim, alle Briefe wurden sorgfältig kollationiert, sortiert, unter Namen abgelegt und in einem Briefebuch registriert. Nicht ohne Selbstreferenz hatte Jünger einst ein Prosastück mit dem Titel «Das Haus der Briefe» verfasst.
Drei dicke Bände seiner Briefwechsel sind inzwischen erschienen, zum Beispiel mit dem konservativen, zeitweilig faschistoiden Staatsrechtler Carl Schmitt; mit dem Maler Rudolf Schlichter; und nun, in einem fast tausendseitigen Band, mit dem Altphilologen und Essayisten Gerhard Nebel.
Nebel, Propagandist Jüngers
Nicht nur die Form, sondern auch der Gestus dieses Briefwechsels ist antiquiert: In Jünger und Nebel trafen zwei Korrespondenten aufeinander, die einander in der Bemühung um gestenreiche Selbststilisierung und lobende Erhebung des anderen entsprachen, wobei der acht Jahre jüngere Gerhard Nebel in Jünger den Meister anerkannte und ihn in seiner preisenden Stilistik stets uneinholbar zu übertreffen suchte. Die Korrespondenz der beiden beginnt 1938 mit Annäherungen Nebels an den schon damals berühmten, aber seit 1933 in der Provinz zurückgezogenen Ernst Jünger, und als Jünger im Krieg in Paris beim Stabe des Oberbefehlshabers ist, schützt er manches Mal den zwar konservativen, aber antihitlerischen und in trunkenem Zustand gern maulheldischen Nebel.
Den grössten Raum der Korrespondenz von insgesamt etwas über 300 Briefen nehmen die über 200 Briefe ein, die zwischen Ende 1945 und Anfang 1951 gewechselt wurden: der zweifellos interessanteste Teil. Die knapp 30 Briefe davor sind eher disparat, bemerkenswert immerhin Nebels Einlassungen zu Jüngers 1939 erschienenem Buch «Auf den Marmorklippen», das er als Dokument des Widerstands entschieden bejaht, dessen klassizistisch bedeutungs- und mythenschwangere Sprache er aber ebenso entschieden kritisiert. Und die spätere Korrespondenz, die nach einer Pause von etwa neun Jahren im Jahre 1960 wieder einsetzt, erreicht nie wieder dieselbe Intensität ihrer Beziehung wie diejenige unmittelbar nach dem Krieg.
Diese Beziehung ist geprägt von einer einmaligen Konstellation: auf der einen Seite Ernst Jünger, der nach dem Kriege drei Jahre lang in den Besatzungszonen nicht publizieren durfte, weil er sich geweigert hatte, den Entnazifizierungsfragebogen der Alliierten auszufüllen und der während dieser Zeit neben kleineren Themen seine berühmten Kriegstagebücher bearbeitete und an einem utopischen Roman schrieb, die beide 1949 erschienen sind: die Tagebücher unter dem Titel «Strahlungen», der Roman als «Heliopolis». Auf der anderen Seite Gerhard Nebel, ein eminent fruchtbarer Schreiber, dessen kenntnisreichen philologischen Auseinandersetzungen mit antiker Philosophie und Literatur Jünger interessierten und der damals schon seine eigenen Kriegstagebücher und seine Essays zur antiken Literatur publizierte – und der vor allem ein unentwegter Propagandist Ernst Jüngers war. So schrieb er denn auch während dieser Korrespondenz an einem Buch, das 1949 bei Klett veröffentlicht wurde: «ErnstJünger. Abenteuer des Geistes».
Für den Historiker aufschlussreich an diesem Teil der Korrespondenz ist der von Jünger zwar zustimmend, aber eher zurückhaltend, von Nebel hingegen intensiv betriebene Versuch, um «Pallas», eine von Ernst Klett verlegte Zeitschrift, jene konservative geistige Prominenz zu versammeln, die sich zum Teil durch ihre Teilnahme am «Dritten Reich» eher disqualifiziert hatte. Jedenfalls schlug Ernst Jünger Nebel im Februar 1949 ein «Konsilium» vor, von dem er sich Erfolg verspräche: Carl Schmitt und Martin Heidegger; aber auch Werner Heisenberg, dann sich selbst und seinen Bruder Friedrich Georg Jünger und den General Hans Speidel. Dass nichts daraus wurde, lag wohl eher an der Unmöglichkeit, die individuellen Interessen dieser so unterschiedlichen Köpfe auf einen Nenner zu bringen. Immerhin macht dieser Versuch anschaulich, wie sich nach dem verlorenen Kriege ein Netzwerk unter dem Signum einer konservativen Erneuerung zu bilden versuchte – veranstaltet von Leuten, deren Versammlung, so Nebel am 3. November 1948 an Jünger, «wie eine Atombombe in Erscheinung treten» müsse.
Überheblichkeitsgestik
Aufschlussreich für den Psychologen ist das intellektuelle Ping-Pong-Spiel zwischen zwei Schreibern, die ihr Denken für in dürftiger Zeit ausserordentlich bedeutsam halten; zwei Metaphysiker, die einander bestätigen, indem sie die Welt neu justieren – auf dem Papier. So schrieb, um nur ein Beispiel von vielen zu geben, Ernst Jünger im Dezember 1947 nach Lektüre der gerade erschienenen Essaysammlung Nebels «Von den Elementen»: «Es wurde mir bei der Lektüre wieder deutlich, wie sehr wir doch von Verkümmerten und Angekränkelten umgeben sind. Die Sicherheit auch Ihres Urteils wurde mir an Einzelheiten deutlich – wie etwa an der, dass Sie den Krieg im Elementaren bejahen, während Sie in seiner heutigen Degeneration von ihm gelangweilt sind.» Und angesichts der Tatsache, dass Jünger damals, wie er in eben diesem Brief schreibt, «den Demos in seiner Gesamtheit gegen sich in Stellung gehen sieht», lobt er Nebel, der sich für Jünger immer wieder eingesetzt hat: «Auch Ihre Taktik in meinem ‹Kasus› halt ich für richtig – entweder muss man, wie ich es tue, auf diese Burschen überhaupt nicht achten, oder aber wie Ihr Vorbild Odysseus sie gleich mit Kinnhaken züchtigen. Alles andere, wie etwa das Eintreten in die Diskussion oder gar die Verteidigung ist verfehlt.»
Worauf sich Nebel im Antwort-Brief mit dieser Notiz ebenbürtig machte: «Die Kölner Professoren, die mich im ‹Dritten Reich› verächtlich ignorierten, schlängeln sich jetzt an mich heran, und ich habe mir geradezu eine Technik ausbilden können, diese trüben Figuren eisig abfallen zu lassen. Neulich hat man mir eine ordentliche Professur für Philosophie angeboten, doch habe ich abgelehnt, mit der Begründung, dass ein Puff am Vieux Port in Marseille eine Stätte reiner Sittlichkeit sei, verglichen mit der deutschen Universität und ihrem widerlichen Spiel von Intrigen und Kabalen.» Stattdessen musste sich Nebel später freilich mit einer Studienratsstelle zufrieden geben.
Solche Überheblichkeitsgestik charakterisiert diesen Briefwechsel – und wird doch hin und wieder sanft unterbrochen von Nebels Kritik. So lobt er im August 1948 die zweite Fassung von Jüngers Prosasammlung «Das abenteuerliche Herz», indem er anderes wiederholt treffsicher kritisiert: «Die tänzelnde, allzu edle Prosa der ‹Marmorklippen› und auch des ‹Friedens› erscheint mir demgegenüber als Rückschritt. Eine Sprache muss auch Bauch und Geschlechtsteile haben. Mit einer Dame ohne Unterleib kann man nicht schlafen.» Und fügt dann allerdings fünf Zeilen später hinzu: «Jede deutsche Prosa, die nicht durch Ihre Schule gegangen ist, wirkt verstaubt und wesenlos. Sie sind in der Reihe Luther, Goethe, Nietzsche der vierte, wobei ich Ihre besten Sachen noch über Nietzsche setze. Ich bin überzeugt, dass dies das Urteil der Geschichte sein wird.»
Da muss sogar Jünger manchmal etwas dämpfen – als Nebel ihm drei Monate später gar schreibt: «Sie sind in der Prosa das, was Hölderlin in der Poesie war. Sie lassen sogar Goethe zurück. Aber sowas auszusprechen ist wohl noch nicht möglich. Der einzige Vergleichspunkt ist Luther», ermahnt er den Korrespondenzpartner, von dem er ja weiss, dass er an einem Buch über ihn arbeitet: «Etliche Stellen Ihres Briefes lassen mich befürchten, dass Sie in Ihrem Buche zu weit gehen werden, was sicher der Sache nicht dient.»
Dienst am Ruhm Jüngers
Und der Sache, dem Werke und dem Ruhme Jüngers, musste gedient werden. Aber so, dass es wirkte. Schon in einem Brief vom Juli 1948 beschrieb Jünger seine Strategie: «Wenn im Winter oder im nächsten Frühjahr Heliopolis [i.e. Jüngers utopischer Roman] vorliegt, gedenke ich Sie zur Exegese in Anspruch zu nehmen, falls Sie Lust und Zeit haben. Die Wirksamkeit meiner Freunde hat das Angenehme, dass ich mich ganz in die Inneren Gemächer zurückziehen kann.» Treffend merken die beiden Herausgeber Ulrich Fröschle und Michael Neumann in ihrem überwältigend umfangreichen
chen Kommentarteil zu diesem Brief an: «Jünger offenbart hier (…) seine kreisbildende, strikt an öffentlicher Wirkung ausgerichtete Autorschaftsstrategie, der er mit preziöser Geste nur scheinbar widerspricht: Während sich der ‹Souverän› in die ‹inneren Gemächer› begibt, wird seinen Paladinen mittels der Photokopie des geformten Textes eine privilegierte Teilhabe an der Feinarbeit gewährt; dies bindet sie nicht nur fester in den Kreis ein, sondern munitioniert sie zugleich auf, um der Leserschaft in publizistischer ‹Exegese› rechtzeitig kanonische Deutungsvorgaben präsentieren zu können.»
Zum Bild solch kontrollierter Öffentlichkeitsarbeit passt auch, dass Jünger zur selben Zeit aus der Bibliographie in Karl O. Paetels Buch «Ernst Jünger. Weg und Wirkung», das von Klett zum Druck vorbereitet wurde, fast alle seine nationalistischen Aufsätze der Jahre vor 1933 streichen liess – mit der Begründung, sie trügen zur Erhellung seines Werks nichts bei.
So zeigt dieser Briefwechsel sehr schön, wie bewusst der Schriftsteller Ernst Jünger das Gesamtkunstwerk seiner Autorschaft stilisierte und daran arbeitete, dass alles, jedes Wort, jede Handlung, jeder Auftritt, dazu passte. Schon am 1. September 1946, im «Dritten Brief an die Freunde», dekretierte er: «dass ich hinter meinem Opus als Ganzem stehe und nicht von Teilen abrücke. Das Verhältnis von Schriften wie etwa der ‹Totalen Mobilmachung› oder ‹Der Arbeiter› zu anderen wie ‹Gärten und Strassen› oder ‹Der Friede› gleicht dem von Altem und Neuem Testament – erst ihre Zuordnung schafft die Dimensionen, innerhalb deren ich begriffen werden will.»
Doch dann auch Kritik
Der Verkünder einer so hohen Selbsteinordnung und -anordnung konnte natürlich die niedere Kritik der, wie Jünger später sagte, «Rotationspresse» nicht akzeptieren. Solche Tageskritik wurde nicht auf-, sondern nur als feindlich wahrgenommen – substantielle Auseinandersetzungen mit ihr gab es nicht. Nur hin und wieder Versuche von Freunden, solch schädliche Kritik nicht in Druck gehen zu lassen. Und eine Menge Sottisen. Zum Beispiel Jüngers Ermahnung vom 8. April 1948: «Nur soll man nie vergessen, dass man im Grunde ein metaphysischer Arbeiter ist, kein Journalist.» Was Freund Nebel dann zu der wiederholten Bemerkung ermuntert, in Ernst Jünger nicht nur die einzige geistige Hoffnung des gesamten Europa zu erkennen, sondern auch den «grössten unter den lebenden Mythologen» (8. Januar 1948), ja nachgerade, wie am 8. Oktober 1948, den «deutschen Mythos». Dass dagegen andere, etwa Gottfried Benn und Thomas Mann, vor allem in den Briefen Nebels abgekanzelt werden, rundet dieses Bild weiter ab.
Der hohe Ton, der mit Jüngers – im Doppelsinn – testamentarischen Vergleichen angeschlagen wird, zieht sich durch diesen gesamten Briefwechsel, ja er wird vom Gerhard Nebel immer wieder übertroffen. Was schliesslich aber nicht verhindert hat, dass sich Anfang 1951 eine erhebliche Verstimmung im Verhältnis der beiden Briefpartner ergab. Der Choleriker und freudige Trinker Nebel pflegte in angeheiterten Runden gern auszuposaunen, was ihm Jünger vertraulich mitgeteilt hatte. Auch rastete er im Volltrunk offenbar manchmal aus und kompensierte dann sein grosses Jünger-Lob mit harscher Jünger-Kritik. So überlieferte der spätere Jünger-Sekretär Armin Mohler die Notiz eines jungen Kunsthistorikers über eine solche Begegnung, in der es heisst: «Habe Nebel kennengelernt. Er säuft masslos, gibt antikisch sein sollende Brocken von sich und schimpft auf Ernst Jünger.»
Das konnte nicht gut gehen. Jünger vertrug Kritik nur am Detail, und auch dann nur, wenn sie auf prinzipiell positivem Grund geäussert wurde. Insofern stellen auch die grössten Teile dieses Briefwechsels kein diskursives Gespräch, sondern, einander bestätigend, einen grossen Monolog dar, dessen mal Moll-, mal Dur-Tonart jeweils von Jünger bestimmt und von Nebel dann bekräftigend aufgenommen wurde. Es ist genau jene Gesprächshaltung, die eingefleischte Jünger-Leser dann auch mit ihrer Lektüre pflegen: Affirmation, Bestätigung, und im Letzten eine Oberflächlichkeit des schönen Scheins. Je mehr die beiden Briefpartner einander bestätigen, man gehe ad fontes, um so weniger gehen die Erkenntnisse solcher Briefe – wie solchen Schreibens und solcher Lektüre – wirklich an die Wurzeln. Das ist dann nur noch Selbstbestätigungsprosa.
Als Nebel und Jünger 1960, nach neunjähriger Pause, ihren Briefwechsel wieder aufnehmen, bieten die Briefe bloss noch solche, freilich blassere, Prosa. Sie tauschen praktisch nur noch etwas aufgeplusterte Höflichkeiten aus, bis Gerhard Nebel am 23. September 1973 stirbt. Ernst Jünger hat ihn um fast 30 Jahre überlebt.
Ernst Jünger – Gerhard Nebel. Briefe 1938 – 1974, herausgegeben, kommentiert
und mit einem Nachwort von Ulrich Fröschle und Michael Neumann. Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
Heinz Ludwig Arnold, geboren 1944, lebt als freiberuflicher Publizist in Göttingen. Er ist Herausgeber der Zeitschrift TEXT + KRITIK und des «Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur». Seit 1995 ist er Honorarprofessor an der Universität Göttingen.