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Wir sehen ein altes Steinhaus, von Architekten wie Le Corbusier und Sigfried Gideon als Ursprung der modernen Architektur angepriesen, irgendwo verlassen in der griechischen Landschaft. Während wir das Haus in allen schlecht erhaltenen Details betrachten, erzählt eine Stimme sachlich über das Leben seines Erbauers Alexis Rodakis. Rodakis bleibt der einzige Protagonist im gleichnamigen Kurzfilm, ist selbst aber nie zu sehen oder zu hören.
Zuletzt erfahren wir, dass die Geschichte, die uns glaubhaft vorgetragen wurde, sich in Wahrheit nur auf die Erzählungen einer Wahrsagerin stützt. “Rodakis schien ein Geist zu sein, also behandelte ich ihn als solchen”, sagt der deutsche Künstler Olaf Nicolai zu seinem Werk. Vier Jahre lang ging er den Spuren dieses Hauses nach, recherchierte in Bibliotheken, fragte Leute vor Ort. Zurück blieb das Geheimnis um diesen Architekten und ein fiktionaler Film, der die Glaubwürdigkeit vieler Dokumentarfilme infrage stellt.
Ein zeitgenössisches Labyrinth
Der in Berlin lebende Künstler sucht nach spielerischen Ansätzen und findet diese in verschiedensten Materialien. Zum Beispiel in den knallgrünen Plastikbesen, die von Strassenfegern in Paris verwendet werden. Diesen entfernte er den Stiel, stellte sie auf den Kopf und baute damit ein Labyrinth. Die Installation erinnert an einen barocken Garten des französischen Adels, wurde aber für den Pariser Vorort Seine-Saint-Denis geschaffen. In einem Stadtteil, der hauptsächlich von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnt ist, machte Nicolai Kunst mit Werkzeugen, die viele Bewohner dieses Quartiers aufgrund ihrer Berufe als Putzkräfte besser kennen als die meisten Franzosen. Nach der dreimonatigen Ausstellung wurde das “Labyrinth” im Park der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig aufgestellt und wartet da auf die Interaktion mit einem anderen Publikum.
Die Schwellen der Kunst
Nicolai will die Kunst allen zugänglich machen, weiss aber, dass viele Menschen Hemmungen haben, ein Kunstmuseum oder eine Galerie zu betreten. Um diese Hemmschwelle zu thematisieren, liess er im Rahmen einer Gruppenausstellung im Jahr 1994 Türschwellen in die Kunsthalle Basel einbauen. Nur im Ausstellungskatalog beschrieben und nicht vor Ort als Werke gekennzeichnet, konnten die Holzleisten einfach ihren Dienst tun ohne als Kunst erkannt zu werden: Hindernisse sein, an die man anstossen könnte. Bei der Pressekonferenz zur Ausstellung habe der damalige Museumsdirektor Thomas Kellein vergessen auf die Arbeit Nicolais hinzuweisen, erzählt der Künstler, er sei aber dreimal darüber gestolpert.
Der 51-Jährige ist neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch Sprach- und Literaturwissenschaftler. “Ich habe aufgehört, in Rollen zu denken”, erklärt Nicolai sein vielfältiges Arbeiten. Kunst und Wissenschaft seien für ihn keineswegs ein Widerspruch, denn mit seiner Kunst will er aus sinnlichen Erfahrungen auch sinnhafte Zusammenhänge schaffen. Der Mann, der in der hauseigenen Bibliothek rund 25’000 Bücher besitzt, macht deshalb vor allem interaktive Kunst.
Neue politische Kompositionen
Für die Pinakothek der Moderne in München organisierte er die Performance-Reihe “Escalier du Chant”. Über das ganze Jahr 2011 verteilt, an jedem letzten Sonntag des Monats sangen Sängerinnen und Sänger zeitgenössische Musikstücke, die speziell für die Aufführung auf der grossen Treppe des Museums komponiert wurden. Nicolai beauftragte zwölf internationale Komponisten und Komponistinnen, politische Ereignisse in neuen Musikformen umzusetzen. Die Aufführungen waren nicht zeitlich gebunden und so wurden die Museumsbesuchenden oft unerwartet Teil der Inszenierungen.
“Escalier du Chant” bezieht sich auch auf den Künstler Marcel Duchamp, der anfangs des 20. Jahrhunderts die Konzeptkunst und so manch andere Kunstrichtung in die Wege leitete. Nicolai gibt sich als grossen Fan des alten Meisters zu erkennen, so auch in seinem Beitrag zum Abschluss des Seminars. Für die letzte gemeinsame Kaffeerunde liess er kleine Schokoladenkuchen nach dem Antlitz Duchamps anfertigen und verteilte sie unter den Gästen. Kunst müsse eben auch körperlich und sinnlich erfahrbar sein.