Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03575.jsonl.gz/2518

Ein etwaiger Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union, ein sogenannter Brexit, würde die britische Wirtschaft langfristig nur marginal belasten, aber zur Volatilität an den Finanzmärkten beitragen und die EU politisch schwächen. Zugleich dürften die betroffenen Währungen länger schwach bleiben, weil die Geldpolitik angesichts der absehbaren kurzfristigen Schocks wohl gegensteuern würde.
Falls die Briten am 23. Juni für den Brexit stimmen, wird London zwei Jahre Zeit haben, um den Austritt auszuhandeln. Es macht Sinn, die Auswirkungen für diesen Fall kurz festzuhalten.
Politisch würde Grossbritannien an Souveränität gewinnen, und die EU würde an globalem Einfluss und institutioneller Vertretung (Soft Power) verlieren. Die wirtschaftsliberalen EU-Länder, selbst mit Deutschland als Wechselwähler, wären zudem nicht mehr in der Lage, eine Sperrminorität von 35 Prozent zu bilden. Politisch würde die EU also in Richtung «mehr Regulierung, weniger Markt» kippen.
Ein Freihandelsabkommen
Beim Handel wären die Verluste für die EU marginal. Für Grossbritannien könnten sie höher ausfallen–je nachdem, wie der Brexit aussähe und wie sich der Handel mit nichteuropäischen Ländern entwickelt. In jedem Fall würde London den EU-Marktzugang bewahren wollen und sich um ein entsprechendes Abkommen bemühen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten. Am wahrscheinlichsten ist jedoch eine Art Freihandelsabkommen. Denn ein Modell nach Schweizer Vorbild dürfte die EU aus Angst vor Rosinenpickerei zurückweisen. Mit dem Modell Norwegens hätte Grossbritannien zwar Marktzugang, aber keine Mitbestimmungsrechte. In einer Zollunion nach türkischem Modell wiederum würde sich London verpflichten, dieselben EU- Exporttarife zu übernehmen–ohne jegliche Garantie für Zugang zu Drittmärkten. Die unter diesen Umständen anfallenden Handelskosten dürften 2018 bis 2030 insgesamt 0,3 Prozent bis 1,7 Prozent des britischen Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen.
Bei den ausländischen Direktinvestitionen ist Grossbritannien der Top-Empfänger in der EU, wobei knapp die Hälfte des Kapitalstocks aus anderen EU-Ländern stammt. Im Brexit-Fall würden offene Steuer- und Regulierungsfragen die Kapitalströme und damit das Wirtschaftswachstum und das Pfund zunächst belasten, was das BIP bis 2030 um bis zu 0,35 Prozent belasten könnte. Sollte London allerdings investitionsfreundliche Massnahmen forcieren, könnte das BIP zusätzlich um bis zu 1,3 Prozent höher ausfallen als ohne Brexit.
Angenommen, Grossbritannien würde mit der EU ein Freihandelsabkommen aushandeln, so könnten die Netto-Zahlungen um rund 35 Prozent sinken. Da aber auch die Empfänger bisheriger britisch mitfinanzierter EU-Mittel kompensiert werden müssten, würden die tatsächlichen Einsparungen nur etwa 10 Prozent betragen (0,1 Prozent des BIP). Die EU würde hingegen einen grossen Nettozahler verlieren. Die restlichen Beitragszahler müssten dann 2 bis 5 Prozent mehr einzahlen, die Empfängerstaaten ihre Ausgaben um rund 0,5 bis 5 Prozent senken.
Im besten Fall ein Gewinn
Einzelne Brexit-Kostenrechnungen variieren stark, da sie grundsätzlich von spezifischen Annahmen und der politischen Voreingenommenheit abhängen. Auf jeden Fall würden die negativen Auswirkungen mit der Zeit nachlassen, und der annualisierte Brexit-Effekt dürfte langfristig marginal ausfallen. Schätzungen reichen von -0,16 Prozent bis 0,07 Prozent des BIP für 2018 bis 2030.
Im besten Fall könnten die Briten sogar einen kleinen Gewinn für sich herausquetschen–falls sie ihr Land noch stärker für Investitionen und den Handel mit anderen Regionen öffneten.
Die Kernfrage lautet jetzt im Wesentlichen: Wird dieser mögliche kleine Gewinn den meisten Briten genügend Motivation bieten, um der EU einen unter Umständen fatalen politischen Schlag zu versetzen?
Der Autor
Denis Reiserist Vizedirektor und Finanzberater der LGT Bank (Schweiz) AG in Bern. Er wohnt in Ried bei Kerzers.