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Der Experte für Klimapolitik Augustin Fragnière erklärt, wie Klimawandel und soziale Ungleichheit zusammenhängen.
Welchen Stellenwert hat die Gerechtigkeit in den Debatten über die Erderwärmung? Die Gerechtigkeit steht im Zentrum des Problems, aber wir müssen präzisieren, was wir damit meinen. Wir können es als «niemand anderem schaden» definieren. Unter diesem Blickwinkel gibt es eine sehr starke Asymmetrie. Die Industrieländer sind für die Klimaerwärmung verantwortlich, historisch und bis heute. Diese Asymmetrie verstärkt sich noch, wenn wir die Auswirkungen des Klimawandels anschauen. Die ärmsten Länder sind am verletzlichsten. Die Industrieländer hingegen haben die ökonomischen und technischen Kapazitäten, um sich anzupassen. Wir haben es also mit einer himmelschreienden Ungerechtigkeit zu tun.
Bringt die Klimaerwärmung andere Formen der Ungleichheit mit sich? Ich möchte auf die Geschlechterungleichheit hinweisen. Aktuelle Studien zeigen, dass Frauen wegen ihres sozialen und ökonomischen Status am meisten von den Auswirkungen betroffen sind, vor allem in armen Ländern, zum Beispiel wegen der steigenden Ernährungsunsicherheit. Umgekehrt scheinen klimapolitische Massnahmen ambitionierter zu sein, wenn Frauen in den Regierungen gut vertreten sind.
Können wir von armen Ländern verlangen, sich im Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren, wenn sie die Grundbedürfnisse ihrer Bevölkerung kaum befriedigen können? Natürlich müssen vor allem die Industrieländer handeln und die finanzielle Hauptlast tragen und die Entwicklungsländer in der Transition unterstützen. Aber diese Diskussion ist heute fehl am Platz. Wir dürfen global nur noch eine begrenzte Menge an Treibhausgasen ausstossen. Bis 2050 muss jedes Land die Klimaneutralität erreicht haben, ob reich oder arm.
Tut die Schweiz mit dem revidierten CO2-Gesetz genug? Es ist ein Anfang, aber es reicht nicht. Problematisch daran ist, dass es vorsieht, dass ein Viertel der Reduktion der Schweiz als CO2-Kompensation im Ausland geschehen kann. Das ist keine gute Idee, denn wenn wir bis 2050 Klimaneutralität erreichen wollen, muss die Reduktion überall geschehen. Diese Massnahme hat also nur zum Effekt, die Senkung der Emissionen in der Schweiz zu verzögern. Wir müssen beides tun: den Ausstoss von Treibhausgasen in der Schweiz senken und den armen Ländern dabei helfen. Dafür braucht es zusätzliche finanzielle Mittel.
Sie sind auch Bergführer. Denken Sie, wir müssen unser Verhältnis zur Natur überdenken? Ja, aber nicht auf naive Art. Weite Teile der Bevölkerung haben noch nicht erkannt, welche negativen Auswirkungen unser ökonomisches System und die damit verbundenen Konsummuster haben. Dafür muss ein Bewusstsein geschaffen werden.
«Klimapolitische Massnahmen sind ambitionierter, wenn Frauen in der Regierung gut vertreten sind.»