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Der «huerto» ist ein verwilderter Pflanzplätz am Wasserkanal unterhalb des Dorfes, das in Beat Sterchis neuem Buch keinen Namen hat. Für den Gärtner ist der «huerto» eine Laune, ein «capricho», dem Schriftsteller aber dient er zur Einlösung eines alten Versprechens.
1983 ist Beat Sterchi als Autor fulminant gestartet. Aus Kanada, wo der ehemalige Berner Metzgerlehrling Anglistik studiert hatte, kehrte er 1982 mit einem Romanmanuskript im Gepäck zurück. An den Solothurner Literaturtagen im Frühling 1983 las er daraus als einer der Namenlosen im Offenen Block, im Herbst erschien «Blösch» im Diogenes-Verlag, kurz darauf war er als Träger des Aspekte-Literaturpreises einer der Shootingstars der Saison. Danach war Sterchis zweites Buch eine Marktlücke. Nicht nur der Verlag, auch das Publikum wollte es so schnell wie möglich.
«Ich schreibe die Geschichte dieses Dorfes»
Stattdessen zog Sterchi 1984 nach Spanien in das Dorf Chiva de Morella mit kaum noch fünfzig EinwohnerInnen, das in einem Kessel unter kahlen Kalksteinbergen liegt. Von nun an lebte und arbeitete er im Sommer meistens dort, im Winter in Bern. Sein Schreibvorhaben, die Geschichte dieses Dorfes auf Papier zu bringen, wurde ihm seither zu einer ungelösten Lebensaufgabe: Bereits 1986 veröffentlichte er im Literaturverlag Herodot in Göttingen als ersten Versuch eine gut 30-seitige Broschüre mit dem Titel «Skizzen aus einem spanischen Dorf», deren erster Abschnitt lautet: «Als ich zum ersten Mal in das Dorf hineinfuhr, zeigte die Uhr am ockergelben Kirchturm halb sechs. Das gefällt mir, dachte ich, es ist schon halb sieben, hier gehen sie eine Stunde nach. Am nächsten Tag wusste ich es besser: In diesem Dorf ist die Zeit stehengeblieben, der Kirchturmzeiger steht immer auf halb sechs.»
Jahrzehnte später erfindet sich Sterchi als Ich-Erzähler, der aus einer Laune heraus in seinem «huerto» hackend zu roden beginnt und so mit der Zeit den roten Faden zu fassen kriegt für jenes Buch, das nun nach 38 Jahren als zweites Sterchi-Buch im Diogenes Verlag erscheint.
«Capricho» ist kein Roman wie «Blösch». Und doch ist das neue Buch dem alten durch die Spiegelung von dessen inhaltlichem Grundmotiv verwandt. Lebte dort der Spanier Ambrosio als Knecht auf dem Knuchelhof in der Schweiz, um später der Leitkuh jenes Hofes, «Blösch», als Schlachthofarbeiter wieder zu begegnen, ist es diesmal so: Ein freier Autor, der ohne dass es gesagt wird zweifellos ein Schweizer ist, lebt in einem spanischen Dorf und begegnet auf dem Weg in seinen «huerto» einmal einem zerzausten, sterbenden Spatz. Da überlegt er sich, «ob ich ihn von seinem Leiden erlösen sollte, aber allein schon um diesen Gedanken zu Ende zu denken, fehlte der Mut».
Aber was ist das für ein Buch?
«Capricho» hat als Untertitel nicht das Verkaufsargument «Roman», sondern: «Ein Sommer in meinem Garten». Der Ich-Erzähler zitiert immer wieder aus den Aufzeichnungen, die er in seine Notizbücher schreibt. Ist «Capricho» also ein Notizbuch? Oder eher ein Tagebuch, das einen Sommer im Dorf entlang von Hacken, Säen, Wachsen, Wässern, Blühen und Ernten erzählt? Oder ist das Buch eine Reportage über das Dorf, quasi als Ergänzung von Sterchis Reportage von 1996 über den damaligen Wirt der Dorftaverne, Mazet?[1] Oder ist es eine Erzählung, in der allerdings eine derart wenig fiktive «Anna» zu Besuch kommt, dass sie dem Schriftsteller nach ihrem Eintreffen gleich sagt: «Aber unsere Geschichte lässt du bitte aus dem Spiel» (was jener zwar tut, ihr aber später das Buch widmet).
Kurzum: Sterchi hat ein Buch geschrieben, das es nicht nötig hat, sich in eine der Gattungen zünftiger Literaturbetrachtung einzuordnen. Ein Buch, das man mit zunehmender Faszination liest, obschon nichts drinsteht, was in den PR-Abteilungen der Literaturindustrie als Bestsellerreklame interessieren könnte: Da gibt es nichts als einen Schriftsteller, der am Schreibtisch den roten Faden schon wieder nicht findet, der mit der Hacke auf der Schulter durchs Dorf in den «huerto» hinunter geht; der auf dem Weg mit seinen meist alten Nachbarn – mit Marcos und Joaquin, mit Pilar und Señora Remedio – über Alltägliches redet und nicht selten nicht weiter kommt als bis zur Feststellung, dass das Leben halt so sei: «¡Asi es la vida!»; der im Pflanzplätz arbeitet und sich immer mal wieder hinsetzt, um Notizen zu machen und der ab und zu mit dem Auto nach Morella hinauffährt, um sich die Zeitungen El País und La Vanguardia zu kaufen, einen Kaffee zu trinken und mit alten Bekannten zu plaudern.
Auf gleicher Augenhöhe
Daneben gibt es die grossen Sommergewitter; es gibt den Blitz, der den Kirchturm trifft, über den Sterchi schon 1986 geschrieben hat, und das Uhrwerk erneut zum Stehen bringt, diesmal um fünf vor sechs; es gibt die ärgerlichen Fliegen, die durch das Buch surren und den Schriftsteller bei seiner Suche nach dem roten Faden stören; es gibt die kreisenden Geier über den Felsen, es gibt die Steinböcke, die gegen den Herbst zu den «huerto» zu Boden machen, es gibt all die Alltäglichkeiten, die Sterchi erzählt, als sässe man mit ihm zusammen vor der Taverne des Dorfes, wo er regelmässig mit seinem Laptop auftaucht, weil es dort WLAN gibt – und als gehörte man mit jeder Episode, die er leichthin erzählt, selber ein bisschen mehr zum Dorf.
Und ab und zu schenkt einem der Erzähler einen Gedanken, über den man nachdenken kann über das Erzählte hinaus. Etwa, wenn er über die oft längst eingestürzten Stützmauern der Terrassierungen an den Hängen über dem langsam untergehenden Dorf nachdenkt, deren grosse Steine seinerzeit so gefügt worden sind, dass sie «ohne Zement, nur aus der Kraft des eigenen Gewichts» jahrzehntelang festsitzen und halten. Wenn sich der Schriftsteller danach wieder an seinen Arbeitstisch setzt und sich vornimmt, seine «Worte so zu Sätzen aufzuschichten, wie die Menschen des Dorfes die Stützmauern aufgeschichtet haben», dann wird plötzlich klar, welcher Gattung dieser literarische Text angehört. Er ist der Text eines Autors, der die gleiche Augenhöhe sucht mit jenen, die tagsüber draussen Stützmauern bauen und abends einen Text lesen möchten, der es nicht nötig hat, auf jeder Seite mit dem Zement von Stilübungen zu betonen, dass da im Fall Kunst zu lesen sei, sondern der einfach erzählt, was jetzt endlich erzählt werden soll: Sterchis Geschichten von diesem Dorf.