Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/2622

Emotionale und kognitive Empathie
Die Hypothese der empathischen Unausgewogenheit deckt auf, dass Menschen im Autismus-Spektrum empathisch sind. Für mich ist das nichts Neues – weiss ich als Mutter mit über 10 Jahren Autismuserfahrung doch, dass meine Kinder empfindsam, liebevoll und mitfühlend sind. Und autistisch. Dennoch wurde lange davon ausgegangen, dass Menschen im Autismus-Spektrum Gefühle anderer weder verstehen noch teilen können. Dem ist nicht so. Menschen im Autismus-Spektrum haben sogar eine erhöhte Kapazität an emotionaler Empathie. Nach Smith heisst das, dass Primärgefühle wie Freude, Trauer, Angst oder Ärger als direkte und spontane Form von Empathie intensiver gespürt werden. Sorgen bereitet lediglich das Gedankenlesen, also die kognitive Empathie oder besser gesagt die indirekte, durch kognitiver Empathie hervorgerufene emotionale Empathie. Diese bezieht sich auf emotionale Zustände anderer Personen wie Scham oder Schuld und lässt diese erfassen und daran teilhaben. Gedankenlesen ist somit auch nicht die Paradedisziplin meiner Kinder.
Gedankenblind und der selbsternannte Forscher
Die Gedanken anderer nicht lesen zu können, macht das Leben für Kinder im Autismus-Spektrum nicht einfach. Unweigerlich führt diese Gedankenblindheit zu herausfordernden Situationen. Während der Kindergartenzeit meines Sohnes mit Asperger Syndrom fiel an den Standortgesprächen zu Beginn einige Male das Wort “rücksichtslos”, was mir als Mutter einen Stich im Herzen gab, bis plötzlich realisiert wurde, dass das Gedankenlesen gelernt werden muss und nicht Empathie generell. Von da an fand ein Umdenken statt. Ich bewundere Lehrpersonen und Therapeuten, die sich auf die Herausforderung Autismus einlassen können und all ihre Theorien zugunsten neuer über den Haufen werfen. So verlief die Kindergartenzeit schliesslich sehr erfolgreich.
Ab der Mittelstufe startete zu Hause eine sehr experimentelle Phase des Gedankenlesens: der selbsternannte Forscher.
“Ist ein Mensch nicht imstande die Gefühle anderer Leute zu verstehen, so besteht die Gefahr, dass er sich als selbsternannter Forscher betätigt und psychologische Experimente anstellt, um die Reaktionen anderer Leute auf Behauptungen von ihm zu erkunden, die eine sehr starke emotionale Reaktion auslösen können.” Tony Attwood
Beliebte Themen meines Sohnes diesbezüglich sind Religion, Gott, Tod, Alltagsmythen und Intelligenz. Plötzlich stiess ich – wieder einmal – an meine Grenzen und suchte nach einem Instrument, mit dem das Verhalten visualisiert betrachtet werden kann und sich dadurch ohne Zeitdruck und Reizüberflutung studieren lässt, was ganz im Sinne der Theorie über eine Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, ist.
In den Fussstapfen von Sherlock Holmes: Comic Strip Gespräche
Da mein 10jähriger Sohn mit Asperger Syndrom Systeme mag, bestellte ich mir bei “autismus deutsche schweiz” das Ringheft Comic Strip Gespräche von Carol Gray. Comic Strip Gespräche helfen Kommunikationsfähigkeiten zu vermitteln. Ein Teil der Kommunikationsfähigkeit ist das Gedankenlesen.
“Comic Strip Gespräche können auch dazu verwendet werden, eine problematische Situation visuell durch zu arbeiten und Lösungen zu entwickeln.” Carol Gray
Das brauchte ich – eine Anleitung zum Gedankenlesen also. Mittels Sprechblasen wird gezeigt, wer was sagt und wer zuhört. Mittels Gedankenblasen dann, was möglicherweise gedacht wird. Mein Sohn und ich brauchen das Symbol “Lupe”, um eine Person genauer im Gedankenlesen zu untersuchen.
Bsp. für problematisches Verhalten: “Kleiner Bruder – du bist dumm.”
Auch Small Talk kann mit Comic Strip Gesprächen durchschaubar gemacht werden
“Man könnte sie (Small Talk Themen) als irgendwie unwichtig abtun, aber tatsächlich sind sie von grosser sozialer Bedeutung.” Carol Gray
Bsp. für missachtete Small Talk Regel: “Gehe raus und schliesse Türe!”
Wie Sherlock Holmes ziehen wir uns jeweils in unseren Gedächtnispalast zurück um herauszufinden, was wohl im Kopf einer anderen Person vorgeht. Das ist eine Suche nach relevanten Hinweisreizen, erstellen von Hypothesen und wahrlich Detektivarbeit. Ich zeichne, schreibe und versuche möglichst viel Gedankenarbeit an meinen Sohn zu delegieren. Ich gebe mir Mühe, ihn nicht zu fest zu lenken. So meinte er vorgestern resolut: “Was geschrieben wird, bestimme ich!”
In der Lupen-Phase ziehen wir immer mehrere Gedankenblasen in Betracht, gehen einem doch selber oft verschiedene Gedankengänge gleichzeitig durch den Kopf oder einer ergibt den nächsten. Diese Detektivarbeit kann ich von meinem 10jährigen Sohn erwarten. Bei meinem 6jährigen Sohn würde ich es wohl bei der Situation mit wenigen Sprech- und Gedankenblasen belassen, wobei es mir aktuell noch wichtiger ist, dass er eigene Emotionen verstehen, ausdrücken und erkennen lernt. Nicht, dass das nicht auch difficile Detektivarbeit wäre – klar.
Ein Erfolg?
“Stagnation macht meinen Geist rebellisch! Geben sie mir Arbeit, geben sie mir Probleme!” Sherlock Holmes
Ich finde die Comic Strip Gespräche ein gutes Werkzeug, um dem Gedankenlesen auf die Spur zu kommen. Ich ahne, dass uns die Arbeit nicht so schnell ausgehen wird. Aktuell versucht mein Sohn in der Schule seinen Mitschülern zu erklären, warum es Gott nicht gibt. Ich wiederum erwarte von ihm, dass er respektiert, dass sich die Menschen die Welt unterschiedlich erklären…
Wir bleiben dran 🙂 .
Literaturliste
Gray, C., Kind, P. (2011). Comic Strip Gespräche. Illustrierte Interaktionen – Wie man Schülern mit Autismus und ähnlichen Beeinträchtigungen Konversationsfähigkeiten vermitteln kann. Rastatt: <email-pii>
Attwood, T. (2010). Asperger-Syndrom. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Stuttgart: Trias Verlag
Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismusspektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.