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Ottokar Schnepf bespricht den opulenten Bildband «Film Noir: 100 All-Time Favorites» aus dem Taschen-Verlag.
Von Ottokar Schnepf
Der 1946 von französischen Filmkritikern eingeführte Begriff «Film Noir» zur Beschreibung einer Art von spannungsgeladenen Krimis, die von 1941 bis 1959 in den USA gedreht wurden, hat bis heute nichts an Faszination eingebüsst. Nun ist im Taschen-Verlag ein alles andere als handliches, pechschwarzes Buch über den Film Noir erschienen. Es verbannt die bis dato gedruckten Film-Noir-Bücher in die Bibliothek.
Die Bezeichnung Film Noir wurde geboren, als John Hustons «The Maltese Falcon» (1941) französischen Filmkritikern gezeigt wurde. Der letzte als Film Noir geltende Beitrag lieferte achtzehn Jahre danach Orson Welles mit «Touch of Evil» (1959). Dazwischen entstanden rund 500 Films Noirs. Gedreht worden sind viele, noch bevor die Filmemacher in Hollywood die Bezeichnung Film Noir gekannt hatten. Inszeniert wurden diese Filme unter anderem von Exilanten aus Deutschland und Österreich (Fritz Lang, Billy Wilder, Robert Siodmak, Otto Preminger). Ihre Erfahrungen von Flucht und Vertreibung haben die dunklen Bilderwelten und düsteren Geschichten, die diese schwarzen Filme auszeichnen, stark beeinflusst. Die filmischen Orte sind von Dunkelheit geprägt, die Handlung spielt vorwiegend nachts oder in geschlossenen Räumen, die von Licht- und Schatten-Spielen durchzogen sind. So werden die Gefühle der Protagonisten widergegeben. Kamerapositionen und Lichtführung sind expressionistisch geprägt. Die visuelle Gestaltung ist das interessanteste Markenzeichen des Film Noir – sie machte selbst aus einem drittklassigen Drehbuch ein kleines Meisterwerk.
Synonym fürs klassisches Hollywood-Kino
Die schwarzen amerikanischen Kriminalfilme der 1940er und 50er Jahre sind in den letzten Jahrzehnten beinahe zu einem Synonym für klassisches US-Kino geworden. Werke wie «Double Indemnity», «Out of the Past» und «The Postman Always Rings Twice» zählen zum Kanon, ebenso «Gilda», «Laura» und «Sunset Boulevard». In all diesen Werken evoziert raffinierte Schwarzweiss-Fotografie mit extremen Perspektiven und «Chiaroscuro»-Effekten* nächtliche Stadtlandschaften und heikle Affären zwischen melancholischen oder zynischen Männern und schönen, aber gefährlichen Frauen. Man denkt dabei unwillkürlich an Barbara Stanwyck, Rita Hayworth, Lana Turner und Joan Crawford, neben Robert Mitchum, Burt Lancaster, Dana Andrews und John Garfield. Als Wortmarke erzeugt Film Noir auch Nostalgie und hartgesottene Dialoge. Hinter dieser attraktiven, vor allem optisch codierten Oberfläche verbergen sich allerdings reichhaltige erzählerische, kulturelle und politische Traditionen.
Genre oder Stil?
Darüber, ob Film Noir als Genre oder als Stil in die Filmgeschichte eingereiht werden soll, streiten sich die Filmhistoriker bis heute. Eines steht fest: über keine andere Filmgattung wurde so viel geschrieben und gedruckt. Vor allem aus den USA und Frankreich stammt zum Thema Film Noir eine unüberschaubare Menge Bücher. Und auf Deutsch ist eben das wohl aufwendigste Buch mit dem Titel «Film Noir – 100 All-Time Favorites» erschienen: Vier Kilogramm schwer und sechs Zentimeter dick, umfasst der Band 680 A4-Seiten und wartet mit mehr als doppelt so vielen Abbildungen auf. Ein gewichtiges Werk, alles andere als ein Taschenbuch.
Im Blick der Kamera
Ebenso wichtig wie der Regisseur waren beim Film Noir die Kameramänner, war doch die Bildgestaltung wesentlicher Bestandteil der Dreharbeiten. Einer der besten war John Alton. Für eine Anzahl Films Noirs war er für die Bildkompositionen zuständig. «Painting with Light» (Malen mit Licht) nannte er seine technische und künstlerische Vorgehensweise, um Licht und Schatten, Hell und Dunkel zusammen spielen zu lassen. Ein erfahrener Film-Noir-Liebhaber erkennt einen John-Alton-Film bereits nach wenigen Minuten … Es könnte sich dabei aber auch um einen von Nicholas Musuraca oder Howe James Wong handeln. Diese waren ebenfalls Meister ihres Fachs. Wong bewies es unter anderem mit «Body and Soul», Musuraca vor allem mit «The Spiral Staircase».
Existenzialismus und Surrealismus
Das Konzept Film Noir ist während der klassischen Periode stark von existenzialistischen, zum Teil surrealistischen Impulsen geprägt – und von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Auch die «Hardboiled School» in der amerikanischen Literatur (Chandler, Hammett, Woolrich, Cain, Thompson) galt schon damals als zentrales Element für die Entwicklung des Film Noir. Ausgehend von den Filmen und archetypischen Figuren, die in der öffentlichen Imagination bis heute mit Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Burt Lancaster und den bereits erwähnten Femmes fatales wie Rita Hayworth identifiziert werden, spannt das Buch einen Bogen, der die mächtige Umlaufbahn des Film Noir beschreibt: vom Kino der Weimarer Republik über den poetischen Realismus im Frankreich der 30er Jahre bis hin zum modernen Kino der Nachkriegszeit und zum aktuellen Filmschaffen. Also von «Das Kabinett des Dr. Caligari» (1920) bis zu «Drive» (2011).
Paul Duncan und Jürgen Müller
«Film Noir – 100 All-Time Favorites»
Taschen-Verlag, Hamburg. 2014
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- Home Sweet Home – Gerard Johnstones «Housebound»
- Twix-Philosophie – Jean-Paul Rouves «Les Souvenirs»