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Beobachter: Herr Jenni, warum schlafen Kinder so viel länger als Erwachsene?
Oskar Jenni: Weil das Hirn von Kindern mehr Erholung braucht als jenes von Erwachsenen. Das ist ein Hinweis dafür, dass Schlaf bei der Entwicklung des Hirns eine Rolle spielt.
Beobachter: Wir müssen schlafen, damit unser Hirn heranreift?
Jenni: Genau. Schon in den sechziger Jahren wurde dies erstmals von drei amerikanischen Wissenschaftlern beschrieben. Ihre Theorie, die bis heute gültig ist: Während des sogenannten REM-Schlafs - das ist ein Schlafstadium, das von viel Hirnaktivität gekennzeichnet ist - wird das Hirn innerlich stimuliert, um sich zu entwickeln. Dabei bewegen sich die Augäpfel hinter den Lidern schnell hin und her (REM = Rapid Eye Movement). Der REM-Schlaf ist dasjenige Schlafstadium, in dem viele Träume stattfinden. Vor allem Kinder im ersten Lebensjahr haben sehr viel REM-Schlaf, nachher nimmt dieser Anteil stark ab.
Beobachter: Am Kinderspital Zürich laufen demnächst zwei Forschungsprojekte zum Thema Schlaf und Hirnentwicklung an. Warum interessiert sich die Entwicklungspädiatrie für dieses Thema?
Jenni: Auf unserer Abteilung sehen wir einerseits Kinder mit Schlafstörungen und anderseits Kinder mit Lernstörungen. Es ist deshalb naheliegend, zu untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen Schlafen und Lernen gibt. Das wollen wir in einem ersten Schritt bei gesunden Kindern tun.
Beobachter: Was wollen Sie herausfinden?
Jenni: Unsere Fragestellung lautet: Inwieweit gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Schlaf und dem geistigen Entwicklungsstand eines Kindes? Schlafen Kinder, die weiter entwickelt sind, anders als die weniger weit entwickelten? Wir wollen also den Zusammenhang zwischen Schlafen und Lernen auf eher genereller Ebene untersuchen. Zu diesem Zweck verbringen gesunde Kinder eine Nacht im Schlaflabor, und wir erfassen ihren Entwicklungsstand mit verschiedenen standardisierten Tests. Ein weiteres Projekt untersucht, welchen Einfluss der Schlaf auf spezifische Lernvorgänge im Kindesalter hat. Dazu wird ein spezieller motorischer Lerntest benutzt.
Beobachter: Was weiss man bisher über die Funktion des Schlafs im Lernprozess?
Jenni: Es gibt zwei gängige Hypothesen. Erstens: Der Schlaf hat eine aktive Funktion, indem das, was wir tagsüber aufnehmen, im Lauf der Nacht verfestigt wird. Das Gelernte «wandert» von den oberflächlichen in die tiefen Hirnstrukturen. So wird es zu einer Erinnerung und es bleibt im Gedächtnis. Die zweite Hypothese: Schlaf macht nichts Aktives. Er trägt in einer passiven Art zum Wohlbefinden des Menschen bei, indem die Nervenzellen sich im Schlaf erholen. Erst in erholtem Zustand sind sie fähig, wieder neue Informationen aufzunehmen. Und sie können sich nur erholen, wenn sich das Hirn ein Stück weit von der Umgebung abschottet. Das heisst, das Hirn ist nicht grenzenlos zur Informationsaufnahme fähig, sondern muss zwischendurch eine Weile «zumachen».
Beobachter: Was heisst eigentlich genügend Schlaf in Bezug aufs Lernen?
Jenni: Fest steht: Wenn man zum Beispiel wegen einer nächtlichen Atemstörung zu wenig oder schlecht schläft, kann das langfristige Auswirkungen haben, nicht nur auf das Hirn, sondern auf den gesamten Organismus. Der Schlafbedarf des Einzelnen ist aber sehr unterschiedlich. Die meisten Menschen schlafen unter der Woche weniger und kompensieren am Wochenende. Das fängt meist schon im Alter von zehn Jahren an und ist bei Jugendlichen in der Pubertät stark ausgeprägt. Allerdings kommen viele Menschen mit diesem Schlafmuster gut aus, auch Jugendliche. Es gibt aber Individuen, die wegen des verkürzten Schlafs während der Woche tagsüber müde und weniger leistungsfähig sind.
Beobachter: Man hört oft, für Jugendliche sei der morgendliche Schulbeginn um acht Uhr zu früh. Wie kommt das?
Jenni: Im Alter zwischen 10 und 20 Jahren verschiebt sich die innere Uhr immer mehr in die Nacht hinein, das heisst, Jugendliche gehen immer später zu Bett - und wachen morgens entsprechend später auf. Ab dem 20. Altersjahr kehrt die Kurve wieder um, bis zur berühmten «senilen Bettflucht» im Alter. Diese Trends spiegeln nicht einfach Gewohnheiten wider, sondern sie sind primär biologisch bedingt. Die innere Uhr und die Regulation des Schlafs zeigen Reifeveränderungen im Verlauf der Entwicklung. Deshalb ist es sinnvoll, wenn man sich über den morgendlichen Schulbeginn Gedanken macht.
Oskar Jenni ist seit 2005 Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Dieses Interview stammt aus dem Jahr 2007.