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Granada? Managua? San Juan del Sur? Welches ist denn die schönste Stadt in Nicaragua? Da gibt es nicht viel zu diskutieren: León. San Juan hat vielleicht das Meer, Granada die koloniale Vergangenheit, aber:
Dort wo es wirklich spannend ist, dort wo Nicaraguas Herz schlägt, das ist in León.
In dieser Stadt würde ich leben, hierhin würde ich auswandern. León ist das intellektuelle Zentrum des Landes, von hier kommen Dichter und Helden und noch heute liegt diese ganz bestimmte Schwere auf der Stadt. Eine Schwere die mich aufsaugt, eine Melancholie, eine Schwermut, die allen Revolutionsstädten eigen ist.
Dieses raue, körnige, das ist León. Es ist das Bewusstsein der Einwohner, dass sie Volkshelden sind. Es ist der Stolz auf Rubén Darío, der massgeblich zur Identität der lateinamerikanischen Völker beigetragen hat. Es ist die Ehre der gewichtigen Vergangenheit der Stadt, gemischt mit der Leichtigkeit der Einwohner, die diese lebensfrohe Stadt auszeichnet. Hier vermischt sich Tradition und Moderne im multikulturellen Heute, wo jeder seinen Platz finden kann.
León wird bis heute von der FSLN regiert, der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront, welche aus der Guerillaorganisation hervorgegangen ist und durch dessen Hilfe die Somoza Diktatur 1979 gestürzt wurde. In den Strassen von León werde ich noch heute an die revolutionäre Vergangenheit erinnert. Denkmale der Kriegshelden zieren die Wände, Mahnmale gegen das Vergessen werden gesetzt.
Als ich das kleine Revolutionsmuseum besuche, werde ich sofort von einem Guide in Beschlag genommen, der mich durch die kleinen Räume führt. In aufgeregtem Spanisch erzählt er mir die Geschichte Nicaraguas, wie Somoza an die Macht kam, von seiner Herrschaft und dem Widerstand, von dem auch er ein Teil war.
Die Vergangenheit lässt ihn bis heute nicht los. Lebhaft erzählt er mir von den Strassenkämpfen, die hier stattgefunden haben. Er fuchtelt mit den Armen, zieht mich hier hin und posiert mich da, um mit mir Gefechte nachzustellen. Schlussendlich zeigt er auf einen jungen Mann, kaum 20 Jahre alt, der auf einem Bild zu sehen ist. „Das bin ich“, meint er. Der Jüngling liegt mitten auf der Strasse, das Gewehr im Anschlag, sein Ziel suchend. Heute gibt er diesen Teil seines Lebens den Touristen weiter. Kein Wunder, dass er nicht loslassen kann.
Als wir weiter durchs Haus laufen und ich in einer ehemaligen Zelle stehe, kaum 2 auf 2 Meter gross und er mir erzählt, dass hier bis zu 15 Menschen reingequetscht wurden, muss ich raus. Ich komme mir blöd vor. Als wir auf dem Dach des Hauses stehen, muss ich für ein Foto posieren. Ich kann es dem Guide nicht verwehren. Auch nicht, als er mir zum Abschied einen fetten Kuss auf die Wange drückt. Ich muss grinsen. Den schenke ich ihm gerne.
Gleich gegenüber steht unbeirrt die grösste Kathedrale Zentralamerikas. Sie ist wunderschön. Für eine geringe Gebühr kann ich aufs Dach raufsteigen und einen Blick auf León werfen. Von Zeit zu Zeit wird das Dach wieder weiss gestrichen und dann ist es ganz besonders schön. Ich habe Glück, gerade erst war es soweit. Meine Fusssohlen sind weiss. Die Farbe wäscht sich mit der Zeit ab, bis das Dach der Kathedrale wieder bräunlich unspektakulär ist. Jetzt aber sieht es hier eher aus wie in Santorini in Griechenland.
Der Kontrast zur mörderischen Vergangenheit im Revolutionsmuseum könnte nicht grösser sein. Aber irgendwie auch nicht schöner. Denn ich schaue auf den Vorplatz der Kathedrale runter und sehe Jungs, die Fussball spielen. Kinder, die von dieser Schreckensherrschaft nicht berührt worden sind und in die Zukunft blicken. Zweimal einen Blick auf die Plaza, beide Male mit einem anderen Hintergrund. Vergangenheit und Zukunft, genau gegenüber.
In León ist es heiss. Temperaturen um die 35, 40 Grad sind keine Seltenheit. Deswegen ist zwischen 11 und 5 Uhr nicht viel los. Kein halbwegs normaldenkender Mensch wagt sich zu dieser Tageszeit auf die Strasse. Es ist die Zeit, in der man sich von der Hängematte hin und her schaukeln lässt und die Reichen sich im Pool abkühlen.
Oder die Zeit, in der es mich ins Museum zieht. Denn das Revolutionsmuseum ist längst nicht das einzige in León. In der Tat gibt es einige unvergleichliche Museen. Eines davon befindet sich im ehemaligen Wohnhaus von Rubén Darío. Hier ist es angenehmer, was die Temperatur angeht, besitzt das Haus doch einen grossen Innengarten. Der grosse Dichter (1867-1916) hat in León gelebt und ist auch hier gestorben. Noch heute bewacht ein Löwe sein Grab.
In seinem ehemaligen Haus kann sein ganzes Leben nachverfolgt werden, seinen Werdegang, seine vielen Auslandaufenthalte, seine Zeit als Diplomat Nicaraguas in Spanien und natürlich seine Poesie. Darío gilt als Begründer des Modernismo in Lateinamerika, er war einer der ersten Dichter, der sich in spanischer Sprache ausdrückte. Die sinnliche Wortwahl und die Klangfülle seiner Worte, machten ihn weltberühmt. Wenn du dir einen Gedichtband von Darío kaufen willst, kommst du der Seele Lateinamerikas ein ganzes Stück näher.
Nicht weit von Darío ehemaligem Wohnhaus entfernt, liegt die überraschend gut ausgestattete Fundacion Ortiz, das Kunstmuseum. Einen Besuch will ich auf keinen Fall auslassen. Das Museum ist in zwei alten Kolonialhäusern untergebracht und wartet mit viel lateinamerikanischer Kunst auf. Der Schwerpunkt liegt auf der Malerei und Bildhauerei, auch zeitgenössische Kunst ist vertreten. Ausserdem gibt es Wechselausstellungen. Zu der Zeit als ich das Museum besucht habe, wurden die Werke Picassos ausgestellt. Die Fundacion Ortiz ist eine ganz besondere Perle und in Nicaragua wohl einzigartig.
León ist voller Poesie, Museen und Geschichte. Aber es gibt auch für alle Actionliebhaber und Adrenalinjunkies etwas: Vulkanboarding. In Zentralamerika wohl einzigartig, kann vom Cerro Negro, Nicaraguas jüngstem und aktivsten Vulkan, heruntergebrettert werden. Über 50 Km/h kann das Brett an Geschwindigkeit entwickeln. Eine rasante Fahrt den Vulkanschotter herunter, die, wie alle Actionsportarten, innert kürzester Zeit vorbei ist.
Der Aufstieg auf den Vulkan ist atemberaubend, die Aussicht überwältigend. Hier hat die Natur wieder einmal etwas geschaffen, dass mich aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lässt. Oben angekommen, schaue ich in den rauchenden Schlund des Cerro Negros. Ach diese Vulkane, einfach immer wieder aufs Neue faszinierend.
Als ich ganz oben stehe, mit meinem Schutzanzug, einer Taucherbrille und dem Holzbrett unter dem Arm, frage ich mich wieder einmal, was ich hier eigentlich mache.
Ich sollte langsam mal lernen „Nein“ zu sagen, anstatt immer nur „Ja“ zu jedem Scheiss.
Ich schaue die Schotterpiste runter, aber nur ein paar Meter, denn weiter als über den nächsten Vorsprung kann ich nicht sehen. Ich stürze mich aber sofort hinunter, ich will da nicht Ewigkeiten oben stehen. Die Abfahrt ist cool, ich muss mich aber aufs Brett setzen und nicht, wie der Name vermuten lässt, stehend hinunterkurven. Die Abfahrt ist toll, aber ganz ehrlich: Wer Snowboard oder Skateboard fährt, für den ist es nicht das Nonplusultra. Ganz ok und auch recht schnell, aber auf anderen Brettern habe ich schon einige steilere und rasantere Abfahrten gemacht.
Ich bin aber trotzdem froh war ich dort, denn der Ausblick vom Cerro Negro und den Blick in den Schlund des Vulkanes, das war für mich das eigentlich Schönste am ganzen Unternehmen.
Ich liebe León! Die Stadt ist tatsächlich meine Lieblingsstadt in Nicaragua. Alles was es hier zu sehen und erleben gibt, die extrem freundlichen Einwohner, das Essen, die Nähe zum Meer, die Hitze… Einfach genau mein Ding.
Was du sonst noch wissen musst:
- Ich habe im Hostel Lazybones übernachtet. Dieses ist ganz ok, es gibt Privatzimmer und Dorms (ca. 7 USD). Die Dorms sind aber gross (12 Personen) und sehr laut, da das Zimmer nur mit einer dünnen Wand von der Strasse getrennt ist. Wenn du keine grossen Ansprüche hast, ist es ganz ok. Das Bigfoot Hostel ist das bekannte Partyhostel der Stadt, falls es dich eher in diese Richtung zieht. Gutes gehört habe ich über das Hostel Colibri, ausprobiert habe ich es aber nicht persönlich.
- Im Restaurant Nicaraguita gibt es leckeres einheimisches Essen, ebenso wie Salate, Sandwiches und super tolle Pasta. Gegenüber vom Hostel Lazybones findest du das Restaurant Mediterraneo, welches einen schönen und ruhigen Garten hat. Diesen findest du aber nur, wenn du wirklich durchs ganze Restaurant läufst, bis ganz zum Ende. Hast du Lust auf Patisserie und ein französisches Frühstück, bist du im Pan y Paz gut aufgehoben: Super lecker! Für einen Fruchtshake zwischendurch unbedingt bei „Jugoso“ an der Plaza Central vorbeischauen.
- León ist perfekt um shoppen zu gehen. Es hat ganz viele Boutiquen, Kleiderläden und natürlich auch einen Markt, wo du dir wunderbar eine neue Garderobe zulegen kannst.
- Eine Taxifahrt innerhalb der Stadt kostet 20 Cordobas. Auch zum Busbahnhof!