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Die Kosten des Kolonialismus
Einer der grössten Streitpunkte der Wirtschaftsgeschichte betrifft die ökonomischen Vorteile und Kosten des Kolonialismus. Zwei einflussreiche Denkschulen stehen sich gegenüber. Die eine, eher marxistisch inspirierte Richtung betont den Nutzen des Kolonialismus für die Mutterländer. Kolonien werden vor allem als Orte der Ausbeutung und als Absatzmärkte für die westlichen Mächte angesehen. Aus diesem Umfeld stammt auch die Williams-These, wonach die industrielle Revolution ohne die karibische Sklavenarbeit unmöglich gewesen wäre.
Die andere, eher liberale Denkrichtung argumentiert vorsichtiger. Sie betont neben den unbestreitbaren Kosten für die Kolonisierten auch andere Aspekte, etwa die Nachteile des Kolonialismus für die Mutterländer. Ein Land zu besetzen, konnte für den Staat so teuer kommen, dass es die rein ökonomischen Vorteile aufhob. Eine andere Hypothese ist, dass der Kolonialismus das Wirtschaftswachstum behinderte, weil das Mutterland sich ein Stück weit dem globalen Wettbewerb entziehen konnte.
Das klassische Beispiel ist die englische Chemieindustrie. Sie verpasste Mitte des 19. Jahrhunderts den Schritt ins Massengeschäft mit synthetischen Textilfarben, weil in Indien natürliche Farbstoffe zu günstigen Preisen gewonnen werden konnten. Deutschland und die Schweiz, zwei Länder ohne nennenswerten kolonialen Besitz, hatten gar keine andere Wahl, als auf die synthetischen Farbstoffe zu setzen. Bald beherrschten sie den Weltmarkt.
Neue empirische Arbeiten legen allerdings den vorläufigen Schluss nahe, dass die Kosten für die Staatsfinanzen der Mutterländer in der Theorie überschätzt worden sind. So musste der französische Staat nur 0,29 Prozent des jährlichen Staatsbudgets für die Verwaltung seiner westafrikanischen Kolonien ausgeben (Quelle). Die Hauptlast lag auf den Kolonien selber. Erst als die westafrikanischen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit anstrebten, stiegen die Kosten für Frankreich stark an (AOF = Afrique Occidentale Française).
Eine andere neue Arbeit untersucht den Abstieg Portugals seit dem 17. Jahrhundert. Das Land war der grösste Sklavenhändler der Geschichte und verfügte über grosse Plantagen in Brasilien. Gleichwohl begann die Industrialisierung erst spät. Für viele ist deshalb die Williams-These widersinnig. Wenn die Kolonialmacht Portugal lange Zeit rückständig war, kann die Sklavenarbeit nicht entscheidend zur Industrialisierung beigetragen haben. Eventuell schadete das Kolonialreich sogar mehr, als es nützte. Dieser Frage geht das neue Paper nach (Quelle).
Die Autoren kommen zum Schluss, dass Portugal durchaus von den Kolonien profitierte, sogar mehr als die führende Kolonialmacht Britannien. Gemessen wird dieser Beitrag als Anteil zu einem höheren Reallohn im Mutterland.
Ob die Zahlen im Detail stimmen, darüber kann man trefflich streiten. Ein negativer Effekt ist jedenfalls nicht sichtbar.
Trotzdem hat Portugal erst spät industrialisiert. Warum? Offenbar spielten interne politische und institutionelle Faktoren eine grössere Rolle. Das wiederum relativiert den Vorteil eines Kolonialreichs. Ein Land konnte ein noch so grosses Kolonialreich besitzen, es war kein Garant für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung.