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Unwetter am Mittelmeer Medicane - der Wirbelsturm über dem Mittelmeer
- Aktualisiert am Samstag, 17. September 2016, 17:46 Uhr
Mittelmeerreisen sind beliebt wie nie zuvor. Die meisten Touristen kennen das Binnenmeer nur von den Sommermonaten. Nach der ruhigen Sommersaison kehrt nun am Mittelmeer die Unwettersaison ein: Mistral, Tramontana, Gewitter inkl. Tornados - und ab und zu ein sogenannter MEDICANE.
Was ist ein Medicane?
Ein Medicane ist ein mediterraner Wirbelsturm mit Merkmalen eines Tropensturms. Das Wort MEDICANE setzt sich aus den englischen Wörtern «MEDIterranean» und «HurriCANE» zusammen. Beobachtet werden sie schon seit etwa 1980, als man auf Satellitenbildern Tiefdruckgebiete im Mittelmeer mit einem wolkenfreien Auge entdeckt hat. Wie beim Hurrikan werden auch beim Medicane die Wolken und Regenbänder rund um das Auge spiralförmig und im Gegenuhrzeigersinn herumgewirbelt. Ähnlich wie bei der Saffir-Simpson-Skala, welche die Hurrikane einstuft, gibt es mittlerweile auch eine Klassifikation für mediterrane Wirbelstürme.
Klassifikation
|Mediterrane tropische Depression||unter 63 km/h|
|Mediterraner tropischer Sturm||64 bis 111 km/h|
|Medicane oder mediterraner Hurrikan||ab 112 km/h|
Tatsächlich haben Hurrikane und Medicanes einiges gemeinsam. Beide brauchen warmes Wasser, beziehungsweise den verdunsteten Wasserdampf als nötige Energie für ihren Antrieb. Vergleicht man ihre Satellitenbilder, findet man kaum Unterschiede.
Der Hauptunterschied zum tropischen Hurrikan ist, dass sie kein sich selbst stabilisierendes oder gar selbstnährendes Wettersystem aufbauen. Das Mittelmeer ist als Einzugsgebiet einfach zu klein. Während Hurrikane Durchmesser von mehreren 100 Kilometern bis zum Teil 1500 Kilometern aufweisen, haben Medicanes oft einen Durchmesser zwischen 200 und 300 Kilometern. Weitere Merkmale sind die Windgeschwindigkeit und die Lebensdauer. Die Windgeschwindigkeit rund um das Auge beim Hurrikan ist meist deutlich höher. Dennoch dürfen die mediterranen Wirbelstürme nicht unterschätzt werden. Windgeschwindigkeiten über 100 km/h und intensiver Niederschlag innerhalb kürzester Zeit bringen an den Küsten des Mittelmeers oft grosse Schäden. Oft sind in der Wirbelstruktur auch Gewitter eingelagert, welche kleinräumig die Windgeschwindigkeit stark erhöhen bzw. den Niederschlag intensivieren. Die Überlebensdauer eines Hurrikans geht meist über mehrere Tage bis zu einer Woche und beim Medicane hält sich das Auge höchstens ein paar Stunden bis maximal 2 Tage.
Wie entstehen die mediterranen Wirbelstürme?
Hurrikane entstehen ab einer Wasseroberflächentemperatur von ca. 27 Grad aufwärts und zwischen ca. 5° bis 10 ° nördlich, beziehungsweise südlich des Äquators. Im Gegensatz zu den tropischen Wirbelstürmen sind bei mediterranen Wirbelstürmen die kalten Temperaturen in der Höhe entscheidend, weniger die der Meeresoberfläche. Bei Medicanes sind Wasseroberflächentemperaturen von mindestens 15 Grad ausreichend. Die vertikale Temperaturdifferenz, durch die die Luft instabil wird und aufsteigt, wird weniger durch eine Erwärmung des Wassers als durch Eindringen von Kaltluft in der Höhe bestimmt. Die Kaltluft zieht oft als kaltes Höhentief aus höheren Breiten in niedere Breiten. Diese Höhentiefs werden in der Meteorologie auch «Cut off» genannt. Dies sind vom Jet-Stream abgeschnürte Kaltlufttropfen - Kaltluftansammlungen in grosser Höhe - welche zum Teil auch übers Mittelmeer ziehen und die Badetouristen ärgern. (Animation Cut off) (www.gerd-pfeffer.de/images/JetRossby.swf). Sobald dieses kleinräumige, rotierende System über das warme Wasser zieht, beginnt die warm-feuchte Luft rasch zu steigen und bildet einen Wolkenwirbel durch Kondensation. Dabei wird Antriebsenergie freigesetzt, welche den Cut off am Leben hält. Den Drehimpuls bringt das Höhentief bereits mit.
Die feucht-warme Luft über dem Meer wird von allen Seiten in Richtung Zentrum des Tiefs gesogen. Hier steigt sie in gewaltigen Gewittertürmen - in der sogenannten Augenwand (eye-wall) - auf und sinkt in der Mitte ab. Beim Absinken erwärmt sich die Luft und löst im Auge des Systems die Wolken auf. Das «wolkenlose Auge» ist entstanden. Medicanes können im ganzen Winterhalbjahr entstehen, haben aber vor allem im Herbst Hochsaison. Im Herbst ist das Mittelmeerwasser noch warm und es gibt bereits Kaltluftausbrüche aus dem hohen Norden. Umso kälter der Cut off und wärmer das Meerwasser, desto mehr Energie steht der Medicane-Entstehung zur Verfügung. Eine Faustregel besagt, dass bei der Entstehung eines Medicanes der Temperaturunterschied zwischen der Meeresoberflächentemperatur und der Temperatur im Kaltlufttropfen mehr als 57 Grad betragen sollte.
Auswirkungen von Medicanes
Vor rund einem Jahr zog ein mediterraner Wirbelsturm vom 1. zum 2. Oktober 2015 über Sardinien und Korsika hinweg. Er besass ansatzweise bei Sardinien und Korsika ein «Auge», dabei wurden eindrückliche Wetterwerte erfasst. In Sardinien (Olbia) kamen innerhalb von weniger als 24 Stunden 162 mm Regen zusammen. Diese grossen Wassermassen in kurzer Zeit führten in Sardinien zu Überschwemmungen. In Korsika wurden während des ganzen Medicane-Ereignis in den Bergen zum Teil über 350 mm Regen gemessen. Dies ist etwa 2 bis 3 mal mehr Regen als normalerweise im ganzen Oktober registriert wird. Es kam zu schweren Überschwemmungen und Hangrutschen.
Dazu wehte der Wind mit 90 bis 115 km/h und am Cap Corse registrierten die Wetterstationen von Meteo France am Freitagmorgen sogar Böen von knapp 160 km/h. Seit 1960 wurden etwa 90 Mediterrane Wirbelstürme registriert, die an Land gingen und für grosse Schäden sorgten. Am häufigsten sind die Balearen, Sardinien, Korsika und das italienische Festland betroffen. Der grösste wirtschaftliche Verlust weist Italien auf mit jährlich 30 Millionen Euro. Im Jahre 2002 verursachte ein einziger Medicane in Spanien und in Italien Kosten von rund 250 Millionen Euro.
Medicane versus Klimaerwärmung
Bis Ende des 21. Jahrhunderts soll sich nach Modellsimulationen die Mittelmeeroberflächentempertur um 3 Grad erwärmen, aber andererseits zeigen Berechnungen, dass die Kaltluftausbrüche seltener bis zum Mittelmeer ausbrechen. Ohne Cut off kein Medicane. Im Vergleich zum 20. Jahrhundert reduziert sich nach Modellsimulationen daher die Anzahl der Medicanes je nach Szenario zwischen 60 und 15 %. Allerdings ist man sich einig, die Intensität der Stürme wird zunehmen.
Quellen:
- Meteo France
- Deutscher Wetterdienst
- Tous, T., and R. Romerao (2013): Meteorological environments associated with medicane development, Int. J. Climatol. 33, 1–14
- Cavicchia, L., H. v. Storch and S. Gualdi (2014): Mediterranean Tropical-Like Cyclones in Present and Future Climate, Journal of Climate 27, 7493-7501
- Leyser, A. (2014): „Medicane“ – Ein Wirbelsturm am Mittelmeer
- Romero, R., and K. Emanuel (2013): Medicane risk in a changing climate, Journal of geophysical research: atmosphere 118, 5992-6001
- Claud, C., et al. (2010): Mediterranean hurricanes: large-scale environment and convective and precipitating areas from satellite microwave observations