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Autor:Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Der Buddhismus ist in Sri Lanka allgegenwärtig, aber auch der Hinduismus und der Islam haben viele Anhänger. Letztere sind auch in Indien bedeutsam. Der Buddhismus kommt aber nur in Hinterindien und im Himalaya-Gebiet vor und überhaupt nicht in Vorderindien. Die Informationen über die Gründe, Inhalte und Unterschiede der verschiedenen Weltanschauungen in diesem Teil der Welt entnehme ich dem lesenswerten Buch von Albert Schweitzer über die „Die Weltanschauung der indischen Denker“.
Der Buddhismus ist in Vorderindien nicht durch Verfolgungen ausgerottet worden, sondern hat in der Zeit von 800 bis 1600 unserer heutigen Zeitrechnung einen Niedergang zugunsten der Brahmanenlehre und des Hinduismus erlitten und seine Anhänger verloren. Diese beiden Glaubenslehren sind, Albert Schweitzer zufolge, dem Buddhismus darin überlegen, dass sie mit der Idee des Eins-Werdens des Menschengeistes mit dem Weltgeist Mystik sind. Der Buddhismus verlor den festen Rückhalt in der Bevölkerung. In den Jahren 1175 bis 1340 unterwarfen islamitische Eroberer, aus Persien kommend, den grösseren Teil Indiens. Sie brachten einen weiteren Glauben mit, der seitdem neben den oben genannten in Indien ausgeübt wird.
Der damals bedrohte Buddhismus entwickelte sich weiter, so ist in den verbleibenden kleinen Teilen Indiens, in Nepal und anderen Ländern der Mahâyâna-Buddhismus vertreten. Sri Lanka, Burma (Myanmar) und Siam, aber auch China und anderen, wie ich von einer Touristin aus Hong Kong erfahre, bleiben dem älteren Buddhismus treu. Die Unterschiede aufzuzeigen, würde diesen Text sprengen, und ich verweise noch einmal auf das oben genannte Buch. Jedenfalls habe ich hier in Sri Lanka bisher keine Hinweise auf den Dalai Lama oder den Panschen Lama als die religiösen Führer in Nepal, Nordindien und anderen Ländern bemerken können.
Jeder Buddhist in Sri Lanka weiss, wie der Buddhismus ins Land kam, nämlich durch den Sohn (manche sagen auch Bruder) des berühmten buddhistischen Königs von Nordindien Aúhoka (272‒231 v. u. Z.), der sich als Schutzherr und Förderer der Weltanschauung hervortat und Missionare in alle Himmelsrichtungen aussandte. Im heutigen Sri Lanka ist der Buddhismus die Religion mit den meisten Anhängern; es folgen der Islam und der Hinduismus.
Die Legende um Siddharta Gautama, der durch Erleuchtung unter einem Feigenbaum (ficus religiosa) zum Buddha, einem Erwachten, wurde, ist allgemein bekannt, im deutschsprachigen Raum nicht zuletzt auch durch den Roman „Siddharta“ von Hermann Hesse.
Buddha verneint die Existenz eines alleinigen höchsten Seins, ist also Atheist. Dennoch gebe es Götter, die aber wie der Mensch vergänglich sind, nur einer höheren Art angehören. Sie können dem Menschen nicht helfen, und diese haben ihnen zu dienen. Er leugnet auch die Existenz einer Seele in unserem christlichen Verständnis. Mit diesen Fragen soll man sich auch nicht abgeben.
„Ob die Welt ewig ist oder zeitlich, ob sie endlich ist oder unendlich, ob Leben und Leib ein und dasselbe sind oder nicht, und ob ‚der Vollendete’, also der Erlöste nach dem Tode noch existiert oder nicht mehr... Der sinnlose Wille zum Leben ist es, der die Wesen von Wiedergeburt zu Widergeburt zu Wiedergeburt führt. Das Ende des Lebens kann also nur dadurch herbeigeführt werden, dass die Menschen den Willen zum Leben in sich ertöten.“
Damit gelangt der Mensch ins Nirvãna. Dort gibt es keine Empfindung mehr, das sei Seligkeit, aber genaueres Wissen davon sei unnötig, heisst es.
Das Bemühen um den „achtfachen Pfad“ soll das Erreichen des Nirvãnas unterstützen. Neben den Geboten, die mit denen teilweise identisch sind, die wir aus der Bibel kennen: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht unkeusch sein, für die Eltern sorgen, nichts Berauschendes trinken, kommen noch weitere Gebote hinzu: Freigebigkeit, frommer Wandel, liebevolle Sorge für die Anverwandten, tadellose Werke, Ehrfurcht und Bescheidenheit, Duldsamkeit und Sanftmut, Zufriedenheit und Dankbarkeit, rechtzeitiges Anhören von Lehrvorträgen und Besuche von Asketen.
Buddha legt von diesen Geboten besonders grossen Wert auf die Dankbarkeit:
„Die Summe alles dessen, was einen schlechten Menschen ausmacht, ist die Undankbarkeit. Die Summe alles dessen, was einen guten Menschen ausmacht, ist die Dankbarkeit.“
Als Tourist in Sri Lanka erfahre ich etwas von dieser Lebensweise, die Menschen versuchen, mich zufrieden zu stellen, sind geduldig, sanftmütig und dankbar. „When you’re happy, I’m happy“, ist nicht nur so daher geredet, es kommt von Herzen.
Die Volksfrömmigkeit wird auch durch den Besuch der Tempel und der Buddha geweihten Stätten ausgeübt. Buddha wird immer wieder in allen Grössen und Formen dargestellt, Herrscher und Gläubige haben über die Jahrhunderte hinweg unzählige dieser Statuen entstehen lassen. Die Gläubigen stehen in stiller Versenkung und im Gebet davor und spenden Blüten.
In den ersten Tagen meiner Reise in Sri Lanka gab es ein buddhistisches Fest. Teilweise waren Läden geschlossen. Die Strassen sind auch noch in den anschliessenden Tagen mit den Landesfarben geschmückt, an den Hausumrandungen kann man überall Lampions in Lotosblütenform sehen und an den Häusern hängen andere Lampions, die ein wenig an die erinnern, die bei uns die China-Restaurants schmücken. Als Beleuchtung dienen kleine elektrische Lämpchen, durch dünne Kabel verbunden. Die Menschen trafen sich zum Fest, und ab und zu musste mein Rikschafahrer an Stellen langsamer fahren, an denen es kleine Menschenansammlungen und viele geparkte Autos gab.
So wie es in Indien überlebensgrosse Statuen von hinduistischen Göttern gibt, so sind es in Sri Lanka Buddha-Statuen. Sie stehen auf Hügeln, thronen über Tempel, sichtbar für alle im Ort. Oft sind sie nicht alt, sondern erst vor einigen Jahren oder Jahrzehnten errichtet. Buddha wacht über alle Menschen.
Reliquien spielen – wie im Christentum und anderen Religionen – eine bedeutende Rolle. Ich bin in Kandy, der zweitgrössten Stadt in Sri Lanka. Hier ist es ein Zahn Buddhas, angeblich der Asche des verstorbenen Religionsgründers entnommen, der in einem Schrein verehrt und nur zeitweise den Gläubigen gezeigt wird.
Mir fällt auf, dass es oft Kinder sind, die in der buddhistischen Mönchskutte und mit ganz kurz geschnittenen Haaren in den Orten und Bussen zu sehen sind, erwachsene Männer sind mir seltener begegnet. Aber das mag Zufall sein.
Sind es in der christlichen Kultur die Kirchen, die Kreuze am Wegesrand, auf den Strassen und in den Medien die christlichen Geistlichen, Würdenträger und der Papst, so sind es vergleichbar in Indien die hinduistischen Ausprägungen und in Sri Lanka die entsprechenden des Buddhismus, in allen genannten Ländern auch die des Islam und anderer konkurrierender Weltanschauungen, an denen der Einheimische wie der Fremde nicht vorbeikommen.
In Indien wie auch in Sri Lanka ertönen per Lautsprecher Gebete aus den Tempeln und Gotteshäusern, oft bis spät in die Nacht hinein oder am frühen Morgen. Auch der Nichtgläubige wird gezwungen, Ehrfurcht dadurch zu zeigen, in dem er hinduistische, islamische und buddhistische Stätten angemessen bekleidet und ohne Kopfbedeckung und Schuhe betritt. Will ich das nicht, muss ich draussen bleiben.
Und die Zeitungen berichten über Politiker, die buddhistische oder religiöse Feste der anderen Glaubensrichtungen an besonderen Orten begehen und wie sie die Religionsgemeinschaften unterstützen, ganz so wie in Deutschland zu kirchlichen Anlässen.
Die christlichen Kirchen in vielen europäischen Ländern verlieren ihre Mitglieder und ihre Attraktivität, was die Zahl der Austritte beweist. In Indien und Sri Lanka gehört die Religionsausübung zum täglichen Leben dazu. Vielleicht ist das Christentum in Teilen Europas ebenso auf dem Rückzug wie es der Buddhismus in seiner Geschichte in Indien war. Dort ist er von anderen Glaubensrichtungen abgelöst worden, was hier folgt, bleibt noch völlig offen.
Quelle
Schweitzer, Albert: „Die Weltanschauung der indischen Denker – Mystik und Ethik“, Verlag C.H. Beck, 2. aufgrund der englischen Ausgabe von 1935 neugefasste Auflage, München 1965.
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