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Iran und seine Architektur
Ein Architekturführer und eine Kulturführer-Serie zeigen Irans Bautenreichtum. Vielfalt, gewagte Kombinationen, verblichener alter und brillanter neuer Glanz wecken den Entdeckergeist.
Um 400 n. Chr. erstmals erwähnt, hat die Stadt eine bewegte Geschichte, besetzt von Persern, Arabern, Byzanz, Seldschuken, Türken und in neuerer Zeit Russen. Der Bau von Eisenbahnen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und später eine direkte Bahnverbindung nach Moskau und Europa sorgte für einen bedeutenden Entwicklungsschub: Zahlreiche Fabriken im Tabak-, Leder- und Textilbereich entstanden, und das Land entwickelte sich zu einem der grössten und modernsten Produzenten von Seide, mit Tbilisi als Zentrum der kaukasischen Seidenkultur. Davon zeugt noch heute ein im Jahr 1887 errichtetes Museum. Ebenfalls auf die Mitte des 19. Jahrhunderts prägte sich das heutige Stadtbild unter dem italienischen Chefarchitekten Giovanni Scudieri aus.
Am Fuss der Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. erbauten Burg Nariqala am rechten Ufer des Flusses Kura (georgisch «mtkwari», frisches Wasser) liegt die durch verwinkelte Strassen geprägte, teils etwas vergammelte Altstadt mit ihren gegen Süden gelegenen warmen Schwefelbädern. Diese Quellen geben Tbilisi auch den Namen als Stadt der warmen Wasser. «Tbili» bedeutet warm, abgeleitet aus dem altgeorgischen Wort «t’pili» (ტფილი).
Leicht erhöht über dieser ursprünglichen Stadt findet sich das recht gut erhaltene Quartier Sololaki mit seinen Art-déco-Bauten. Diese mit ihrem rechteckigen Strassenraster übersichtlichere obere Altstadt wird auch scherzhaft als das «kleine Paris» bezeichnet. Ausgehend vom nordwestlich nebenan liegenden, von Autos umrauschten Freiheitsplatz erschliesst die Rustaweli-Allee (Rustawelis Gamsiri) die neueren Quartiere, und mehrere grosse Strassenbrücken führen zu den Quartieren des linken Ufers und den teils bemerkenswerten Bauten der Sovjetära im Marjanischwili-Viertel.
Mittelalter, Art déco und Sowjetarchitektur mit Einstreuseln der Postmoderne machen Tbilisi zu einem architektonischen Panoptikum besonderer Art. Wenn in der Altstadt aus jedem Winkel der Mangel an Mitteln zur fachgerechten Bauerneuerung förmlich spürbar ist, quert gleich nebenan eine futuristisch anmutende, glasgedeckte Fussgängerbrücke des Mailänder Architekten Michele De Lucchi den Fluss Kura (georgisch: «Mtkwari») und gibt den Blick frei auf das zwar gebaute, aber bislang nie genutzte neue Konzert- und Kulturhaus im Rike-Park, entworfen von Massimiliano & Doriana Fuksas (Mailand), und das auffallende, rege genutzte Bürgerhaus derselben Architekten am gegenüberliegenden Ufer. Nicht weit davon entfernt steht an der schön gepflasterten und autofreien Shavteli-Strasse das Puppentheater nahe bei der St.-Georgs-Kirche und dem Sitz des Patriarchen. Mit seinem verschachtelt konstruierten Uhrturm nach dem Entwurf des Künstlers und Puppenspielers Rezo Gabriadze wirkt es selber wie eine charmante Theaterinszenierung.
Spätestens aber, wenn nach einer kurzen Fahrt mit dem Taxi in Richtung Nordwesten die architektonische Schöpfung von George Chakhava (gemeinsam mit Ingenieur Zurab Jalaghania) auftaucht, ehemals Sitz des Ministeriums für Strassen-und Brückenbau, heute der Hauptsitz der Bank of Georgia, dann bleibt vor Staunen jeder stehen. Drei bis zu 18 Stockwerke hohe Türme berühren das wild überwachsene Terrain. Drei horizontale Volumen aus Stahl und Stahlbeton stehen quer zum Hang, zwei weitere längs dazu – ein bizarr-fantastisches Gebäude, erstellt 1974, inspiriert von suprematistischen Utopien, etwa dem Wolkenbügelhaus von El Lissitzky.
Gleich nach dem Bäderquartier zeigt sich der Fluss Mtkwari in einem schluchtartigen Flussbett, das linkes und rechtes Ufer trennt. Ähnlich gespalten fühlen sich Besucher von auswärts beim Blick auf die charmant-chaotische Altstadt, auf zerbröckelnde Schönheiten der Art-déco-Epoche nebenan und auf die glitzernden Neubauten der letzten Jahre. Tbilisi ist keine Stadt, die mit ihrer Schönheit bezirzt, so wie es Paris oder Budapest tun. Aber es hat einen eigenen Charakter und lebt vom Charme der georgischen Improvisationsgabe, muss sich teilweise selber neu entdecken und hat das Potenzial, eine Stadt mit Zukunft zu sein.
Tbilisi umarmt seine Besucher nicht, lächelt sie aber freundlich an: Nimm mich so, wie ich bin. So unkonventionell manche Quartiere und zahlreiche Bauten in Tbilisi wirken, so offen und neugierig auf Neues sind viele Georgier. Das Land am Schnittpunkt zwischen Asien und Europa, Nachbar von Aserbaidschan, Armenien, Türkei und Russland, mit eigener Sprache und eigener Schrift, geprägt durch den uralten orthodoxen Glauben, traditionsbewusst und doch offen für alles Neue, ist eine Reise wert.
Buchhinweis
Im Ausstellungszentrum im Ringturm in Wien war 2016 die Ausstellung «Architektur am Schnittpunkt der Kontinente» zu sehen. Das zu diesem Anlass erschienene, umfangreiche und bebilderte Katalogbuch ist eine hervorragende Publikation zur baulichen Entwicklung von Tbilisi:
Adolph Stiller (Hrsg), Architektur im Ringturm XLIII, Tiflis. Architektur am Schnittpunkt der Kontinente.
240 Seiten, 20 x 21,5 cm, broschiert. Mit zahlreichen Fotografien und Plänen. Unter Mitarbeit von Irina Kurtishvili, David Abuladse und Rostyslaw Bortnyk. Müry Salzmann Verlag, Salzburg / Wien 2016;
ISBN 978-3-99014-136-6, Preis: 36.90
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