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In der Schweiz wurde es schon 1989 verboten, die Eternit-Fabrik im Libanon dagegen verarbeitete das gefährliche Asbest bis 2002. Noch heute sterben viele AnwohnerInnen an Krebs. Hinterbliebene fordern Entschädigung – bisher vergeblich.
Wie ausgeschnittene Zacken ragen die Dächer des ehemaligen «Imperiums» in den Abendhimmel. Der Boden davor ist überwuchert, die Natur hat das Gelände längst zurückerobert. Doch die Betonrohre, die sich auf dem Gelände stapeln, erinnern bis heute an das tragische Erbe dieses Ortes.
«Du bist jetzt Teil des Imperiums», pflegten die Leute zu sagen, wenn jemand in die Firma eintrat. Damals, vor gut vierzig Jahren, hatte Ali Chalak gerade seinen Job bei der Eternit in der libanesischen Stadt Chekka angefangen. Die neue Stelle war ein Grund zum Stolz: Die Firma galt als eine der besten Arbeitgeberinnen in der Gegend. Chalak hatte eine gute Krankenversicherung, und die Eternit bezahlte das Studium seiner vier Kinder.
1975, drei Jahre zuvor, war der libanesische Bürgerkrieg ausgebrochen. Und Chalak, der bis dahin noch arabische Literatur in Beirut studiert hatte, liess die Universität gern hinter sich. So sparte er sich den gefährlichen Weg in die Hauptstadt, vorbei an den Checkpoints, der Willkür zahlreicher verfeindeter Milizen ausgesetzt. Die Produktion der Eternit, die Baumaterial, Dachplatten und Betonrohre herstellte, lief trotz des Kriegs auf Hochtouren.
Jetzt steht Ali Chalak, ein älterer Mann mit Glatze und Schnurrbart, an der Strasse und schaut über das verlassene Areal jener Firma, die sein halbes Leben geprägt hat. Als Angestellter hat er ihre Geschichte miterlebt, vom Höhepunkt bis zur Schliessung im Jahr 2002, und sich stets mit ihr identifiziert. Als Gewerkschaftspräsident hat er bis zum Schluss für die Rechte der Angestellten gekämpft. Die Firma, die in der Region früher als «Imperium» galt, nennt er heute nur noch «Fabrik des Todes».
Schmidheinys Hinterlassenschaft
1976, etwa zur selben Zeit, als Chalak seine Stelle antrat, übernahm Stephan Schmidheiny in der Schweiz von seinem Vater die Führung der Schweizer Eternit-Gruppe mit Sitz in Niederurnen. Die Schmidheinys sind eine bekannte Industriedynastie: Während Stephan Schmidheiny die Eternit-Gruppe leitete, wurde sein Bruder Thomas Chef des weltweit tätigen Zementriesen Holcim, die ebenfalls im libanesischen Chekka eine Fabrik betrieb. Die schweizerische Eternit-Gruppe hielt von 1976 bis 1984 eine Minderheitsbeteiligung an den Aktien der Eternit-Firma im Libanon.
Die schweizerische Eternit-Gruppe war mit Asbest gross geworden. Über Jahrzehnte galt das Mineral wegen seiner hohen Festigkeit, weil es säureresistent und hitzebeständig ist, als «Wunderfaser» in der bauenden Industrie. Doch die Hinweise häuften sich, dass der Stoff schwer gesundheitsschädigend und krebserregend ist. 1989 wurde er in der Schweiz verboten.
An Stephan Schmidheiny scheiden sich seither die Geister: Er hatte sich seit seinem Antritt als Chef der Eternit-Gruppe für höhere Sicherheitsstandards ausgesprochen, die Produktion in der Schweiz erfolgte ab 1984 asbestfrei – fünf Jahre vor dem offiziellen Verbot. Sein proaktiver Ausstieg aus der Asbestproduktion machte ihn für viele zum Inbegriff eines verantwortungsvollen Unternehmers. Bis heute gilt er als Philanthrop, der sich mit zahlreichen Stiftungen für nachhaltiges Wirtschaften einsetzt. Gleichzeitig sah sich Stephan Schmidheiny immer wieder mit Forderungen oder gar Klagen von Asbestopfern konfrontiert. 2019 wurde er in Italien nach einem jahrelangen Prozess in Turin wegen fahrlässiger Tötung von zwei Personen zu vier Jahren Haft verurteilt. Gegen das Urteil hat die Verteidigung Berufung eingelegt.
Von alldem wusste Ali Chalak während seiner über zwanzig Jahre bei der libanesischen Eternit so gut wie nichts. Er war sich lange nicht bewusst, wie gefährlich der Stoff war, mit dem die Arbeiter der Fabrik jeden Tag in Kontakt kamen. Und auch nicht, dass die krebserregende Wirkung andernorts längst bekannt war. Im Libanon lief die Produktion weiter – bis die Fabrik 2002 in Konkurs ging und per Gerichtsentscheid geschlossen wurde.
Erst als sich in den Jahren nach der Schliessung die Todesfälle zu häufen begannen, wurde Ali Chalak und vielen anderen bewusst, was hinter dem ehemaligen «Imperium» steckte. Bis heute führt Chalak, der frühere Gewerkschaftspräsident, eine Liste mit den Namen sämtlicher 426 MitarbeiterInnen, die am Schluss noch bei der Eternit arbeiteten. Siebzehn Seiten, auf jeder davon findet sich hinter mehreren Namen jeweils ein X: bei jenen, die seither – höchstwahrscheinlich aufgrund ihres Kontakts mit Asbest – an Krebs gestorben sind.
Die Geschichte der Eternit im Libanon wurde nie aufgearbeitet, die Betroffenen und ihre Angehörigen wurden nie entschädigt. Obwohl die Folgen des Skandals andauern, fühlt sich heute offenbar niemand mehr so richtig zuständig: nicht Schmidheiny, der seine Anteile an der Firma Mitte der achtziger Jahre verkaufte; nicht die übrigen Aktionäre oder der Firmenchef, der sich jahrelang bereichert hatte und sich nach dem Konkurs nach Frankreich absetzte; und auch nicht der libanesische Staat, der sich nicht einmal darum bemühte, das Firmengelände zu räumen und die Hunderte Tonnen von Asbestzement zu entsorgen.
Ein Familienschicksal unter vielen
Um das Ausmass der Tragödie rund um die Fabrik in Chekka zu verstehen, muss man noch einmal zurückblenden in jene Zeit, als die Eternit im Libanon ihren Höhepunkt erlebte – in jene Zeit, als Ali Chalak seinen Job hier anfing. Damals beschäftigten die zwei Zementfabriken in der Kleinstadt zusammen mit der Eternit einen Grossteil der Menschen in der Region – allein bei der Eternit arbeiteten über tausend Angestellte. Die Relevanz der Industrie ist bis heute augenfällig: So scheinen die Häuser der Küstenstadt, die eigentlich in einer malerischen Bucht liegt, fast gänzlich zu verschwinden zwischen den Hochöfen und Rohrlabyrinthen der Fabriken.
Wie in vielen Industriestädten waren die Firmen eingebettet ins lokale Selbstverständnis und prägten den Alltag der BewohnerInnen bis in Details: Zum Beispiel war es lange Zeit Mode in Chekka und den umliegenden Dörfern, die Vorfahrt der Garage oder den Vorplatz des Wohnhauses nicht zu teeren, sondern mit Asbestfasern und Zement zu befestigen. Die Fasern waren Überschüsse aus der Produktion, von denen die Arbeiter mit etwas Glück eine Lastwagenladung abzweigen konnten. So machte es auch die Familie von Fouzi und George Maaluf. Die beiden Brüder sind heute in ihren Sechzigern, Fouzi ist der Bürgermeister ihres Heimatdorfes Kfar Hazir, das in den Hügeln hinter Chekka liegt. Sein Bruder George ist vor Jahrzehnten in die USA ausgewandert und lebt heute in South Carolina. Es war ihr Vater, der damals als Manager für die Logistik bei der Eternit arbeitete: «Als ich ein Kind war, nahm er mich einmal im Jahr mit zur Firma, und ich durfte in seinem Büro sitzen und auf der Schreibmaschine rumtippen», erzählt George Maalouf. Als Jugendlicher half er seinem Vater manchmal bei Aufgaben, die dieser zusätzlich zur Arbeit im Büro gefasst hatte. So auch beim Transport der neu angelieferten Säcke mit Asbest auf dem Firmengelände. Bevor die Fasern verarbeitet werden konnten, mussten sie getrocknet werden. «Wir leerten die Fasern aus den Säcken und breiteten sie auf dem Boden aus. Später, wenn sie schön trocken und staubig waren, sammelten wir sie wieder ein und brachten sie zur Fabrik.»
George wusste nicht, dass gerade der Staub das grösste Risiko darstellt, weil man die mikroskopischen Fasern damit direkt einatmet. So gelangt das Asbest in die Lunge, wo es der Körper nicht mehr abbauen kann. Die schlimmste Folge, die ein solcher Kontakt mit Asbest haben kann, ist ein Mesotheliom: ein bösartiger Tumor, der sich am Bindegewebe, fast immer der Lunge, bildet. Diese sehr seltene Krebsart hat ihre Ursache fast ausschliesslich im Kontakt mit Asbest – ihre Diagnose bedeutet meist den Tod innerhalb weniger Jahre.
Die erste Warnung für George Maalufs Familie kam, ohne dass sie jemand erkannte: In den späten sechziger Jahren – George Maalouf war siebzehn Jahre alt – erkrankte sein Onkel an Lungenkrebs und starb kurz darauf. Auch er arbeitete bei der Firma, doch niemand vermutete einen Zusammenhang. «Wir wussten, es war Lungenkrebs», sagt Maalouf. «Aber das war alles, was wir und die meisten Leute damals wussten.» Erst viel später fand der Sohn des Verstorbenen, der inzwischen als Arzt arbeitete, heraus, dass sein Vater an einem Mesotheliom gestorben war. «Das war der Anfang dieser Saga», sagt Maalouf. Sein Onkel war der Erste in der Familie, der an dieser Krankheit starb, für die es bis heute keine Heilung gibt.
Auch als der Vater von George und Fouzi 1996 an Lungenkrebs starb, dachte die Familie nicht an Asbest – schliesslich hatte der Vater jahrzehntelang geraucht. Erst als 2011 auch bei ihrer Mutter ein Bindegewebetumor diagnostiziert wurde, glaubte George Maalouf nicht mehr an einen Zufall. Dank einer Operation, für die sie aus dem Libanon in die USA ausgeflogen wurde, lebte sie noch fünf weitere Jahre, bevor sie 2016 starb. Dann, einen Monat später, bekam auch George die Diagnose.
Asbeststaub bis ins Schlafzimmer
«Das Problem beim Asbest ist, dass man keinen Grenzwert definieren kann, unter dem eine Exponierung mit Sicherheit unschädlich ist», sagt Adib Kfury. Der Umweltwissenschaftler, der an der Universität Balamand lehrt, lebt in Chekka und hatte selbst mehrere Verwandte, die an Mesotheliomen gestorben sind. «Deswegen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation einfach, sich von Asbest fernzuhalten.»
Doch in Chekka hatten Hunderte BewohnerInnen ihre Einfahrten, Vorplätze und Balkone mit Asbest zementiert. Fussballplätze wurden mit Asbest statt mit Teer belegt, über die Arbeitskleidung der Fabrikarbeiter gelangte der Asbeststaub in ihre Häuser. Deshalb, so Kfury, seien in Chekka nicht nur zahlreiche Fabrikarbeiter, sondern auch viele weitere Menschen an einem Mesotheliom erkrankt und gestorben: Frauen, die über Jahre hinweg die Vorfahrt wischten oder die Arbeitskleidung ihrer Ehemänner ausschüttelten und wuschen. Menschen, die als Kinder auf einem mit Asbest belegten Platz Fussball gespielt hatten. Doch wie die Familie Maalouf hatten die meisten keine Ahnung, wie lebensbedrohlich das sein könnte. Erst mit der Diagnose wurde ihnen bewusst, dass sie über Jahre oder Jahrzehnte einer Gefahr ausgesetzt gewesen waren – und dass diese von der Fabrik stammte, die seit Anfang der fünfziger Jahre zu ihrer Stadt gehörte.
Es ist unmöglich zu sagen, wie viele Menschen in der Region Chekka genau an Mesotheliomen gestorben sind. Das Gesundheitsministerium führt zwar ein Verzeichnis der registrierten Krebsfälle, doch dieses schlüsselt die Zahlen nicht nach Gemeinden auf. Für die Region, zu der Chekka und die umliegenden Dörfer gehören, gibt es keine offiziellen Zahlen.
Marlene Awad ist Lungenärztin und arbeitet im Krankenhaus in Batroun, rund zehn Kilometer südlich von Chekka. Nachdem sie die ersten PatientInnen mit Mesotheliomen behandelt hatte, fing sie an, diese Fälle systematisch zu erfassen. Neun waren es von 2004 bis 2015 – das entspricht 0,22 Prozent aller Lungenkrankheiten, die sie in dieser Zeit behandelte. Das klingt zunächst nach wenig. Doch das Mesotheliom ist eine äusserst seltene Krebsart. Zum Vergleich nennt Awad die Rate in den USA und Kanada: Dort sind es 0,003 Prozent der Fälle.
In den achtziger Jahren wurde die Eternit für Stephan Schmidheiny zunehmend zur Hypothek. Er begann, seine Beteiligungen an den Eternit-Tochterfirmen weltweit nach und nach zu verkaufen, so auch jene an der Firma im Libanon. Dennoch, so Ali Chalak, lief der Betrieb weiter auf Hochtouren. Die Auftragsbücher seien voll gewesen mit Bestellungen aus dem ganzen Nahen Osten. 1996, als die Beiruter Börse nach dem Ende des Bürgerkriegs wieder öffnete, waren die Eternit-Anteile die zweitteuersten – nur die der Immobilienfirma Solidere, die einen Grossteil des Wiederaufbaus in Beirut realisiert hatte, seien wertvoller gewesen, sagt Chalak. Trotzdem wurden offenbar auch im Libanon die Hinweise darauf, dass Asbest gesundheitsschädigend ist, so deutlich, dass sie nicht mehr einfach ignoriert werden konnten. Anfang der neunziger Jahre habe die Fabrikleitung angefangen, Masken an die Angestellten zu verteilen, erinnert sich Chalak, und die Arbeiter seien angewiesen worden, ihre Arbeitskleidung nach der Schicht jeweils in der Firma zu lassen.
Zwischen 1996 und 1998 erliess das Umweltministerium mehrere Verbote für den Import der meisten Asbestarten – einzig der weisse Asbest ist bis heute erlaubt, obwohl die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, auch darauf zu verzichten. 1998 forderte die Umweltorganisation Greenpeace die Firma Eternit auf, auf Asbest in der Produktion zu verzichten. Die Firmenleitung antwortete in einem Statement, dass ihre Produktion unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinde, die den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation entsprächen. Ausserhalb der Fabrik, behauptete sie weiter, stellten ihre Produkte keine Gefahr dar, da die Eternitplatten nur zu zehn Prozent aus Asbest bestünden, der im Zement gebunden sei. Zugleich schien die Leitung darum bemüht, auch unter den Angestellten jegliche Angst zu zerstreuen. So erinnert sich Chalak, wie den Angestellten ein Dokumentarfilm von einer Asbestmine in Kanada vorgeführt wurde, die scheinbar mitten in einem Wohngebiet lag. «Darin zeigten sie einen Mann, der den blauen Asbest ass. Sie wollten uns glauben machen, dass das alles harmlos sei», sagt Ali Chalak.
Und der gefährliche Rest?
Und dann, von einem Tag auf den anderen, änderte sich alles. Die Angestellten erhielten ihren Lohn nicht mehr, obwohl die Firma, so dachten sie, erfolgreich war. Als Gewerkschaftspräsident organisierte Ali Chalak einen Streik nach dem anderen – vergeblich. Im Jahr 2000 wurde er entlassen, den Angestellten wurde jeglicher Kontakt zu ihm untersagt. Zwei Jahre später wurde die libanesische Eternit per Gerichtsentscheid für bankrott erklärt, die Produktion eingestellt, die Fabrik geschlossen – und die Angestellten, die schon über zwei Jahre lang auf ihren Lohn warteten, verloren auf einen Schlag alles.
Noch nützliche und nicht gesundheitsgefährdende Maschinen und Materialien, die sich verkaufen liessen, verschwanden vom Fabrikgelände – laut Chalak sei dieser Teil der Konkursmasse jedoch zu einem viel zu tiefen Preis verscherbelt worden. Der gefährliche Rest, die Fabrikhallen, die zum Teil selber aus Asbestplatten bestehen, und Hunderte Betonrohre wurden auf dem Gelände zurückgelassen.
George Maalouf wurde nach seiner Diagnose in den USA behandelt. 2018 kehrte er für einen Vortrag in seine Heimatregion zurück, um die Menschen über die Gefährlichkeit von Asbest aufzuklären. Er erzählte ihnen von seiner Krankheit, von seiner Operation. Er sprach darüber, wie man Asbest fachgerecht entsorgen kann. Als Geologe arbeitet er in den USA selbst seit Jahren in der Entsorgung gefährlicher Stoffe. «Es wäre ein grosses Projekt, aber die Methoden dafür sind bekannt», sagt er. «Du brauchst Land, wo du das Material vergraben kannst, ohne dass es in die Umgebung oder ins Wasser gelangt. Und du musst darauf achten, die Arbeiter und die Bewohnerinnen während des Abbaus zu schützen.»
Doch obwohl ein Rückbau des Fabrikareals ohne Folgeschäden möglich wäre: Adib Kfury, der Umweltwissenschaftler, hat seine Zweifel, ob das je so geschehen wird. Derzeit steht das Gelände zum Verkauf und wird jährlich ausgeschrieben. Weil aber bei grösseren Landkäufen im Libanon meist eine der herrschenden Parteien respektive eine mit diesen verbundene Geschäftsperson den Zuschlag erhält, glaubt Kfury, dass ein möglicher Käufer das gefährliche Material so billig wie möglich loswerden würde: «Sobald das Gebiet verkauft ist, werde ich auf jeden Fall für ein paar Monate in die Berge ziehen, bis der Abbau vorüber ist.» Und er fügt an: «Das sind dieselben Leute, die die Explosion in Beirut vom letzten Sommer zu verantworten haben. Glaubst du, die würden sich in diesem Fall plötzlich um die Sicherheit der Menschen sorgen?»
Die Menschen in Chekka wissen, dass sie nicht auf ihren Staat zählen können, wenn es um ihren Schutz oder um eine Entschädigung geht. Umso weniger, seit die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten das Land vor fast zwei Jahren erfasste – hat der Staat doch kaum noch Geld, um die Subventionen für Benzinimporte, Medikamente oder Strom zu bezahlen. Deshalb suchen manche von ihnen immer mal wieder den Weg über Stephan Schmidheiny. Ein langjähriger Umweltaktivist aus der Region schrieb ihm fünf Jahre nach der Fabrikschliessung einen Brief, in dem er ihm die Folgen der Asbestproduktion für Chekka schilderte und ihn bat, den Betroffenen zu helfen. Die Antwort von Schmidheinys Sekretariat war knapp: Er sei nicht der richtige Adressat für das Anliegen, weil er die Firma verkauft habe.
George Maalouf hat für diese Absage wenig Verständnis. «Ich mache Schmidheiny keinen Vorwurf, dass er ein gutes Geschäft machen wollte, sogar eines mit Asbest. Aber ab dem Moment, wo es klar war, dass es um Menschenleben geht …», sagt er, ohne den Satz zu beenden. Und dann, voller Wut: «Geh und bau ein Forschungszentrum in Chekka auf, verdammt noch mal! Anstatt den Amazonas aufzuforsten, hilf den Leuten, den besten Ort für eine Behandlung zu finden.»
Stephan Schmidheiny betont, dass er lediglich eine Minderheitsbeteiligung an der Fabrik in Chekka besass. Sein Sekretariat schreibt auf Anfrage der WOZ: «In allen ausländischen Eternit-Gesellschaften waren weitere Aktionäre Miteigentümer, so dass Stephan Schmidheiny keine Entscheidungsgewalt hatte.» Er habe jedoch versucht, die zuständigen Manager der lokalen Eternit-Beteiligungen mit Informationen zur Erhöhung der Arbeitsplatzsicherheit zu sensibilisieren.
Als sich die Sonne tiefer über das alte Fabrikareal neigt, ist durch das Gebüsch eine Frau zu erkennen. Hala Mahmud, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, lebt seit drei Jahren mit ihrem Mann und ihren Kindern in einem der ehemaligen Bürogebäude auf dem Gelände. Auf den Treppenstufen zu ihrem Zimmer hat sie Geranien und Kräuter in ein paar Töpfen gepflanzt. Auf dem Boden steht ein altes Sofa, gegenüber ein Käfig voller Tauben.
Die Mahmuds sind aus Syrien geflüchtet. Neben ihnen leben ein paar weitere Familien. Sie alle arbeiten für einen Libanesen, der hier offenbar eine kleine Transportfirma betreibt. Ob sie wissen, welches Erbe auf diesem Areal lastet? «Natürlich wissen wir das», sagt die Frau. «Aber was sollen wir tun? In der Stadt können wir uns die Miete nicht leisten. Wir haben keine Wahl.»
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.Unterstützen Sie den ProWOZ