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In einem Video auf der Voiceitt-Webseite sieht man den fünfjährigen Ray, der im Rollstuhl sitzend seiner Mutter mit grosser Mühe etwas sagt, das man aber nicht verstehen kann. Auf dem elektronischen Tablet, das die Mutter hält, erscheint in grossen Buchstaben die automatische Übersetzung seiner Aussage: «I love you.» Die Software für diese Spracherkennung hat das Start-up Voiceitt entwickelt. Das preisgekrönte 22-Personen-Start-up hat eine weltweit neue mobile Anwendung entwickelt, die die Spracherkennungstechnologie des Unternehmens einsetzt und unverständliche Sprache in Echtzeit übersetzt, sodass Menschen mit schweren Sprachbehinderungen per Sprache kommunizieren können. Die einzigartige Sprachdatenbank von Voiceitt ermöglichte die Erstellung einer AI-gesteuerten automatischen Spracherkennung.
Im Gegensatz zu Standard-Sprachassistenten wie etwa Siri oder Alexa wurde Voiceitt entwickelt, um die nicht standardmässigen Sprachmuster von Menschen mit leichten bis schweren Sprachbehinderungen zu erkennen. Voiceitt besitzt sowohl eine diskrete automatische Spracherkennung (basierend auf einem Satz vorkalibrierter Wörter) als auch kontinuierliche Spracherkennung (es ist möglich, andere Wörter und Sätze einer Sprache jenseits des vorkalibrierten Satzes zu erkennen). «Die bekannten Sprachassistenten sind nur für ‹normales› Sprechen entwickelt», sagt Danny Weissberg, CEO von Voiceitt. «Aber es gibt Millionen Menschen, die mit Sprachbehinderungen zu kämpfen haben, und die aktuellen Lösungen sind für sie oft unzureichend.» Die Idee für Voiceitt kam Weissberg, nachdem ein Familienmitglied aufgrund eines Schlaganfalls die Fähigkeit zur klaren Kommunikation verloren hatte.
Voiceitt wird individuell eingestellt
Die heutige Spracherkennung ist bei einer Standardaussprache bereits eine Herausforderung. Darüber hinaus scheint es aufgrund der Vielzahl von Ursachen und Erscheinungsformen motorischer Sprachstörungen nahezu unmöglich, eine allgemeine «out of the box»-Lösung zu schaffen. Aus diesem Grund entschied sich Voiceitt stattdessen für die Entwicklung einer Spracherkennungssoftware, die sich an die eigene Stimme jeder Person anpassen kann. Dabei nutzt Voiceitt Erkenntnisse aus Forschungsstudien, um ein grundlegendes Sprachmodell für ein allgemeines Verständnis der Alltagssprache zu erstellen. Dies wird dann mit benutzergenerierten Daten ergänzt, damit das System die einzigartigen stimmlichen und semantischen Eigenschaften jedes Sprechers lernen kann. Der resultierende benutzerdefinierte Algorithmus kann dann in Echtzeit ausgeführt werden, um automatisch zu interpretieren, was ein Benutzer sagt.
Im Alter treten häufig Sprachstörungen auf
Für mindestens 1,3 Prozent der Weltbevölkerung, das sind über 100 Millionen Menschen, ist eine mündliche Kommunikation aufgrund von Erkrankungen nicht möglich. Dysarthrie ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene motorische Sprechstörungen, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems oder der Hirnnerven ausgelöst wird. Diese Beeinträchtigungen führen zu einer Sprache, die sehr schwer zu verstehen ist. Fast 20 Prozent aller Personen erleiden im Alter ab 75 Jahren einen zerebrovaskulären Schlaganfall, was bei der Hälfte dieser Gruppe zu Sprachstörungen führt. Andere Ursachen für Dysarthrie und Sprachstörungen sind Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Parkinson, Hirntumore und traumatische Hirnverletzungen.
Aufgrund mangelnder neurologischer und motorischer Kontrolle, oft begleitet von anderen körperlichen Einschränkungen, erschweren die Sprachbehinderungen den Betroffenen, einfache Aufgaben wie das Bestellen eines Kaffees, das Begrüssen eines Freundes und die Verwendung eines Smart-Home-Geräts zur Kontrolle ihres Zuhauses. Für die meisten von uns ist die heutige Sprachaktivierung bequem und macht Spass. Für Menschen mit motorischen Problemen und Sprachbehinderungen kann die Fähigkeit, durch das Umfeld zu navigieren und Geräte per Sprache zu steuern, lebensverändernd sein. Voiceitt könnte diesen Menschen helfen. Bisher hat das Start-up mehr als 12 Millionen Franken von Investoren erhalten, einschliesslich Beteiligungen von Amazon, Microsoft und der We Company. 2019 hat die Europäische Kommission Voiceitt in das EU-Förderprogramm Horizont 2020 aufgenommen.
Inzwischen testen mehr als 200 Testpersonen in Partnerinstitutionen in den USA, Israel und Europa dieses Programm. Sehr gerne würde Voiceitt auch mit Schweizer Alterszentren kooperieren.