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So nah und doch so fern. Ein Foto zeigt Raheem Sterling vor seiner Schule im Londoner Stadtteil Wembley, im Hintergrund der berühmte, 134 m hohe Bogen des Fussballstadions. Ein Sehnsuchtsort, der für die Jungen aus dem Viertel unerreichbar schien. Nicht für Raheem Sterling.
Der heute 26-Jährige ist durchaus stolz auf seine bescheidenen Anfänge. «Ich komme aus Wembley», sagte er dem «Guardian». Im Quartier hat es eines der typisch englischen Dorf-«Greens»- mit direktem Blick auf das ikonische Stadion. Hier kickte Sterling mit Jugendlichen, die meist zwei bis drei Jahre älter waren. Das Stadion trägt er mittlerweile als Tattoo.
Nie eine Waffe
Ein anderes Tattoo – mit weniger schönem Hintergrund – prangt auf Sterlings Bein: ein M16-Sturmgewehr. Der heutige Star von Manchester City ist in Jamaika geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater in den Strassen von Kingston erschossen. Auf Instagram erklärte Sterling sein Waffen-Tattoo: «Ich habe mir geschworen, in meinem Leben niemals eine Waffe anzufassen. Ich schiesse mit meinem rechten Fuss.»
Ganz so einfach war das nicht. Wembley im Nordwesten der englischen Hauptstadt gehört nicht zu den bevorzugten Wohngegenden. 92 Prozent der Schüler an der Copland School, die auch Sterling besuchte, gehören ethnischen Minderheiten an, sie sprechen über 50 verschiedene Sprachen und über ein Drittel hat wegen ihres tiefen Einkommens Anrecht auf Gratis-Schulessen. Sterling gehörte der Jugendabteilung der Queens Park Rangers an, ehe er im Alter von 15 Jahren zum Nachwuchs von Liverpool wechselte. «Er sollte weg aus diesem gewalttätigen Umfeld mit Strassenbanden», erklärte seine Mutter einmal.
Diese war in Jamaika eine respektable Leichtathletin. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie auf der Suche nach Arbeit nach London und liess den damals zweijährigen Raheem in der Obhut seiner Grossmutter. «Meine Oma war grossartig, aber ich war neidisch auf die anderen Kinder, wenn ich sie mit ihrer Mutter sah. Ich konnte damals nicht verstehen, was meine Mama für mich tat.» Erst drei Jahre später konnte sie ihren Sohn nachholen.
Alles ausser gewöhnlich
Als er dann in Wembley an die Schule kam, wusste sein dortiger Coach sofort, welch einen Rohdiamanten er da hatte. «Er war nie gewöhnlich», erinnert sich Paul Lawrence, der auch in den Nachwuchsabteilungen von Chelsea, Fulham und Queens Park arbeitete. «Er war herausragend. Ich wusste vom ersten Tag an, dass er es als Profi schaffen würde.»
Mittlerweile lebt Sterling im wesentlich nobleren Cheshire in der Nähe von Liverpool und Manchester. Seine alte Schule besucht er aber regelmässig. Vor dem Cup-Halbfinal 2019 mit Manchester City gegen Brighton im Wembley kaufte er 550 Tickets und liess sie unter den Schülern und Lehrern von heute verteilen, damit sie das Wembley mal von innen sehen. Und nach einem Länderspiel in Southampton reiste er einmal mit dem Match-Shirt an und unterschrieb es vor Ort, «für meine Lieblingsschule».
Am Sonntag kehrt er zum grössten Spiel seines Lebens ins Wembley zurück. Mit seinen Dribblings, Toren und Assists ist er ein wichtiger Grund, dass das ansonsten eher bieder auftretende England gegen Italien im Final steht. Dabei wollten ihn manche Experten nach einer mässigen Saison mit Manchester City gar nicht im Kader sehen. Rund 15 Jahre, nachdem er davon geträumt hatte, «eines Tages der König von Wembley zu sein», steht Sterling kurz vor dem grossen Ziel.