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33 Fragen an Davide Traxler, CEO Montres Corum SA, La Chaux-de-Fonds
Interview: met.
Hatten Sie als Kind einen Traumberuf?
Ich wollte Neurochirurg werden. Der Traum hat sich aber schnell zerschlagen. Eine Krankheit schränkte den Gebrauch meiner Hände ein.
Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals neu beginnen könnten?
Ich glaube nicht an einen anderen Lebensweg. In den Rückspiegel zu schauen, bringt nichts.
Wie wurden Sie von Ihren Lehrern eingeschätzt?
Ich war ein schwieriger Schüler mit einem extremen Hang zum Sarkasmus. Das führte zu Problemen. Mein Schuldirektor sagte, ich sei auf dem Schleudersitz.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute stolz?
Ich konnte in meiner Jugend Beziehungen zu Leuten aufbauen, die ich heute zu meinen Freunden zähle.
Ist die Management-Ausbildung auf der Höhe der Zeit?
Sie vermittelt uns die richtigen Mittel zur Lösung der aktuellen Probleme. Ich habe viel mit Berufseinsteigern zu tun. Wenn ich könnte, würde ich auf grössere Ausgeglichenheit zwischen Geschlechtern und Alterskategorien drängen. Mit Blick auf unsere Branche glauben die Universitäten, dass es vorab um den Fokus auf das Kerngeschäft gehe. Aber es braucht mehr. Notwendig sind kulturelle Sensibilitäten. Versace stammte aus einfachsten Verhältnissen. Er hatte jedoch ein feines Gespür für die Luxusgüterindustrie.
Wo würden Sie in der Führungsschulung andere Akzente setzen?
Ich glaube, wir müssen uns mehr an partnerschaftlichen Modellen orientieren, wie sie Privatbanken wie Pictet oder Lombard Odier pflegen. Die grossen Desaster in der Finanzwelt verursachten Firmen, die nicht partnerschaftlich geführt werden. Teilhaber sind für die Gewinne, aber auch für die Verluste verantwortlich. So soll es sein. In der Uhrenindustrie herrscht dieser Geist glücklicherweise vor, da noch viele Familienunternehmen aktiv sind. Eine Familiengesellschaft hat immer eine längerfristige Perspektive. Nick Hayek von Swatch spricht nicht vom Wert für die Aktionäre, aber vom Wert der Mitarbeiter. Bei Chopard spricht man überhaupt nicht über Zahlen. Ich hatte unlängst einen Traum. Ich träumte, ich sei an der Uhrenmesse Basel World – die völlig leer war. Da traf ich Karl Scheufele von Chopard, der mich beruhigte: «Es gibt ruhigere Phasen. Man muss dann einfach ein wenig strenger arbeiten.»
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Wahrscheinlich ich selbst. Der Geist in unserer Familie war nicht von Karrieredenken geprägt. Das Lernen, die Ausbildung und die Kultur standen im Vordergrund. Mein Bruder hat Philosophie studiert und unterrichtet nun dieses Fach, eine meiner Schwestern ist Mathematikerin.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
In unserer Branche würde ich Karl und Karin Scheufele nennen. Die beiden haben es im vom Krieg zerstörten Deutschland geschafft, eine herrliche Familie und eine aussergewöhnliche Unternehmung aufzubauen. Es ist ihnen gelungen, einen Ausgleich zwischen Familie und Arbeit zu finden. Trotz grossem Erfolg sind sie zugängliche und arbeitsame Leute geblieben. Ausserhalb der Branche machen mir Personen wie Moshe Dayan oder Richard Nixon Eindruck. Sie wurden geliebt und gehasst – und verloren ihre Ziele nie aus den Augen. Nixon wurde mit einem sehr guten Resultat gewählt – und kurze Zeit später aus dem Amt gejagt.
Welches sind für Sie die wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Fleiss, Ehrlichkeit und Charisma. Wenn man in einem Unternehmen respektiert werden will, muss man hart arbeiten. Ehrlichkeit ist die Basis für alles. Und Charisma erlaubt es, das Maximum zu erreichen.
Welche Eigenschaften Ihrer Mitarbeitenden halten Sie für besonders wertvoll?
Ich suche bei meinen Mitarbeitern nicht gezielt nach Profilen. Ich will die Qualitäten eines jeden Mitarbeiters entdecken und fördern. Jeder hat Potenzial.
Was bringen Frauenquoten?
Schon das Wort Quote stört mich. Ich bin für perfekte Gleichberechtigung. Eine Frau, die arbeitet und Mutter ist, zeigt eine einzigartige Leistungsbereitschaft. Wir bei Corum respektieren das – und haben im vergangenen Jahr auch eine schwangere Frau eingestellt.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Ja, zum Glück. Nur der Dumme ändert nichts. Ich hoffe, dass ich weniger bestimmend geworden bin und gelernt habe, besser zuzuhören und mehr zu delegieren.
Die Berufswelt sei hektischer, belastender geworden, geht die Klage.
Das ist stimulierend und interessant zugleich. In der Uhrenwelt haben wir gute Zeiten erlebt, wir sollten nicht klagen. Wer eine schöne Uhr kauft, tut das, um etwas oder sich selbst zu feiern. Andere Berufe – ich kenne einen Onkologen – haben es da schwerer.
Das Thema Nachhaltigkeit bewegt. Ihr Beitrag, heute und in Zukunft?
Ich habe drei Kinder und bin sensibilisiert für das Thema. Mit der Globalisierung kommen wir an die Grenzen der Nachhaltigkeit. Ich glaube nicht an den Protektionismus an den Grenzen, aber an den Protektionismus der Ökologie.
Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?
Schwierig, aber es gibt immer Chancen. Corum war 2016 mit einem Wachstum von 38 Prozent die am stärksten wachsende Firma unserer Branche. Was Angst macht, ist die Tendenz der Gesellschaft, sich zu verschliessen. Das ist gefährlicher als der wirtschaftliche Zyklus.
Worüber haben Sie zuletzt gestritten?
Mein Sohn und ich waren uns nicht einig, wie seine Schulnoten zu beurteilen sind.
Was bedeutet Ihnen Geld?
Es ist ein Tauschmittel. Nicht mehr und nicht weniger. Mir bot sich bisher immer die Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Welches ist der Stellenwert sozialer Netzwerke für Sie, beruflich wie privat?
Da bin ich kein Experte. Bei uns haben wir glücklicherweise einen Marketing Director, der sich in dieser Welt auskennt und sie zu nutzen weiss.
Serviceklubs?
Ich halte es mit dem amerikanischen Entertainer und Schauspieler Groucho Marx: Ich will keinem Klub angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.
Hören Sie auf Ratschläge aus Ihrem privaten Umfeld?
Ich liebe es, zuzuhören. Etwa unseren Kindern, wenn sie vom Leben an der Uni berichten. Aber am Schluss muss jeder für sich selbst und im Kontext des Problems entscheiden.
Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl?
Ich folge meinem Instinkt, was die Marktentwicklung betrifft. Mein Bauchgefühl basiert auf meinen Reisen und meinem Hintergrund: Ich bin in den USA geboren, meine Mutter war Engländerin, der Vater hatte einen schweizerisch-italienischen Hintergrund. Ich absolvierte französische Schulen und habe in New York und anderswo gelebt. Ein solches Leben endet entweder im Desaster – oder man wird offen für die Welt und entwickelt die Fähigkeit, schnell zu verstehen. In der Beurteilung von Menschen aber kann ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich täusche mich oft, und ich brauche lange, um mir ein Urteil zu bilden. Das hat wohl mit meinem Optimismus zu tun.
Wo waren Sie jüngst in den Ferien?
Auf einer winzig kleinen griechischen Insel, die nicht einmal über geteerte Strassen verfügt. Ich habe viel gelesen und viel geschlafen.
Olympische Spiele, grosse Fussballturniere – sind das besondere Tage für Sie?
Nein. Ich habe einen Arzt gefunden, der mir zu meiner Erleichterung sagte, dass Sport ab 22 Jahren reiner Körperverbrauch sei. Und gegen hohen Blutdruck sei ein Glas Rotwein das Beste. An diese beiden Grundsätze halte ich mich.
Worüber können Sie sich ärgern?
Über meine eigenen Fehler.
Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?
Nie genug. Aber ich habe das grosse Glück, einen ausserordentlich schwer arbeitenden Vizepräsidenten zu haben.
Aus welchem Misserfolg haben Sie besonders viel gelernt?
Ich habe oft den falschen Personen vertraut. Und ich war wohl zu oft zu streng mit meinen Kindern.
Welchem Satz misstrauen Sie besonders?
«Vertrauen Sie mir.» Und wenn Leute dauernd von ihrer Ehrlichkeit sprechen, ist das ein Warnzeichen. In Brasilien heisst es immer: «Lassen Sie mich machen, lassen Sie mich machen.» Wir kennen das Resultat.
Was missfällt Ihnen als Staatsbürger?
Jegliche Beschränkung der individuellen Freiheit. Es gibt einfach zu viele Restriktionen.
Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?
Ja, sehr. Ländern, die in die Ausbildung und die Gesundheit der Bevölkerung sowie in die Infrastruktur investieren, geht es gut. Dazu kommt der gesellschaftliche Zusammenhalt, der bei uns noch immer erfreulich ausgeprägt ist.
Zur Person
Davide Traxler, 49, Sprössling einer Diplomatenfamilie, ist seit anderthalb Jahren CEO des Uhrenunternehmens Corum mit Sitz in La Chaux-de- Fonds. Der Westschweizer, geboren in New York, studierte in Mailand an der Universit`a Cattolica del Sacro Cuore politische Wissenschaften, bevor er sich für eine kommerzielle Laufbahn in der Uhrenindustrie entschied. Nach einem Einstieg bei Bulgari kamen Jahre bei Chopard, heute so etwas wie die inoffizielle «Finishing School» für die Manager der Uhrenindustrie. Der Chopard-Co-Patron war so angetan von dem Nachwuchstalent, dass er ihm den italienischen und den nordamerikanischen Markt anvertraute. Dass es ihn reizen würde, mit Corum selber eine Marke zu führen, war abzusehen. Corum wurde 2013 von der China Haidian Group übernommen, die sich mittlerweile in Citychamp Watch & Jewelry Limited umbenannt hat. Zur Gruppe gehören
weitere Marken wie Eterna und Codex.