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Ist die Gründung von Gewerkschaften sinnvoll? 1869 debattierte die Crème de la crème der internationalen Arbeiterbewegung diese und andere Grundsatzfragen in Basel. Historiker Bernard Degen hat die Protokolle studiert.
work: Bernard Degen, warum soll uns der vierte Kongress der Ersten Internationale von 1869 heute noch interessieren?
Bernard Degen: Weil das damals eine enorm spannende und spannungsgeladene Zeit war, in der die internationale Arbeiterbewegung in weiten Teilen Europas erstmals mächtig auftrat.
Überliefert ist ein Bild. Darauf sehen wir lauter Männer und keine einzige Frau. Wie ist das möglich?
In der internationalen Führung der Arbeiterbewegung gab’s damals tatsächlich keine Frauen. Die kamen erst später, Rosa Luxemburg etwa, sie war damals noch gar nicht geboren. In den lokalen Spitzen der Bewegung hatte es aber schon Frauen. Das ist für diese Zeit ausserordentlich, denn Frauen waren damals eigentlich nur bei Themen geduldet, die aus Sicht der grossen Politik nicht so wichtig waren: Sozialfürsorge, Frieden oder Kampf gegen Alkoholismus.
Die 59 Männer tragen alle Anzug, viele eine Fliege und einen Hut. Man hat sich also rausgeputzt?
Ja, klar, für Veranstaltungen mit offiziellem Charakter zogen die Arbeiter immer ihr bestes Stück an. Zudem waren am Kongress nicht die bedürftigsten Hilfskräfte vertreten, sondern mehrheitlich qualifizierte Handwerker, aber auch Lehrer, Ärzte, Redaktoren und gar Kleinunternehmer.
Kamen auch Promis?
Sicher, der russische Anarchist Michail Bakunin etwa. Sein Grab befindet sich auf dem Berner Bremgartenfriedhof. Oder der deutsche Sozialist Wilhelm Liebknecht. Der hatte zusammen mit August Bebel in Eisenach gerade die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gegründet, eine Vorläuferpartei der heutigen SPD. Und der Schweizer Karl Bürkli, der Gründer des Konsumvereins Zürich. Das ist die älteste Konsumgenossenschaft der Schweiz, sie wurde später von Coop übernommen. Prominent war auch der Neuenburger Anarchist James Guillaume, der später Akten und Erinnerungen zur Ersten Internationale herausgab. Und natürlich der damals blutjunge Herman Greulich, der aus Schlesien kommend nach Wanderjahren als Buchbindergeselle schliesslich in Zürich gestrandet war. Greulich gründete später erste Gewerkschaften, die erste sozialdemokratische Partei der Schweiz und schaffte es sogar in den Nationalrat.
Und Greulich war für die Emanzipation der Frau. Auf dem Basler Kongress forderte er die Lohngleichheit für Frau und Mann. Sie haben das kürzlich publiziert …
… ja, es war das erste Mal, dass ein Vertreter einer schweizerischen Arbeiterorganisation diese Forderung stellte. Greulichs Votum ist leider nur schlecht überliefert. Klar sind aber zwei von ihm formulierte Postulate. Erstens: Es soll nicht versucht werden, Frauenarbeit zu verhindern. Und zweitens: Frauen sollen für die gleiche Arbeit wie die Männer Anspruch auf den gleichen Lohn haben.
Erstaunlicherweise nahmen am Kongress auch drei Basler Freisinnige teil? Wieso denn das?
Entgegen vielen Legenden war damals die Trennung zwischen den Linksfreisinnigen und der Arbeiterbewegung nicht so strikt. Denn der Freisinn war ja auch in Opposition und Auseinandersetzung mit den Konservativen, er suchte deshalb politische Bündnispartner.
FDP-Chefin Petra Gössis Vorfahren waren also richtige Umstürzler?
Ja, das war schliesslich noch vor der Bundesverfassung von 1874, da hatte sich der Freisinn noch nicht durchgesetzt.
Nur einer aber fehlte: Karl Marx. Wieso?
Der war nur an einem Kongress dabei gewesen, nämlich 1872 in Den Haag. Man darf sich die Erste Internationale nicht als Organisation von Karl Marx vorstellen, auch wenn das viele tun. Marx war wichtig, weil er viele ihrer Schriftstücke verfasste und so dafür sorgte, dass sich die sozialistisch-marxistische Terminologie in der internationalen Arbeiterbewegung verbreitete, aber er war nicht ihr Führer.
Gab es damals schon Gewerkschaften?
Ja, vor allem in England. Sie bildeten den Kern der Ersten Internationale. Im Englischen gab es auch schon den modernen Gewerkschaftsbegriff «Trade Union». Auf französisch oder deutsch dagegen existierte das Wort «Gewerkschaft» noch gar nicht. Im Kongressprotokoll redeten sie von «société de résistance» oder von Gewerksgenossenschaften. Dazu muss man wissen, dass nicht alle in der Arbeiterbewegung Gewerkschaften auch für sinnvoll hielten.
Warum hatte man sich ausgerechnet die Schweiz als Tagungsort ausgesucht?
Mehrere Kongresse der Ersten Internationale fanden in der Schweiz statt, der von 1866 in Genf und jener von 1867 in Lausanne. Ein Grund dafür war sicher ein praktischer: Die Schweiz liegt relativ zentral und war damals eisenbahntechnisch bereits erschlossen. Aber es gab auch politische Gründe: In vielen Ländern war die politische Polizei wesentlich stärker, und einige Delegierte hätten mit Verhaftungen rechnen müssen. Sie waren zum Teil ja politische Flüchtlinge. Die Basler Polizei schickte zwar auch einen Spitzel an den Kongress, doch sein Bericht ist vor allem zum Lachen. Er hatte offenbar vieles überhaupt nicht verstanden und berichtete etwa, Greulich habe nur unbedeutendes Zeug geredet. Greulich hat sich darüber später denn auch ausführlich mokiert.
Sie erwähnen den Eisenbahnbau, wir befinden uns mitten in der Industrialisierung.
Ja, es ist die Zeit der grossen Modernisierung, die Heimarbeit hat ihren Höhepunkt überschritten, und es entstehen zunehmend mehr Fabriken. Es wird auch gigantisch viel gebaut, Wohnhäuser, Fabrikhallen, Strassen usw. Die Leute ziehen in die Städte, es braucht viele Handwerker, und die sind schon relativ gut organisiert. Eine Welle von Streiks erfasst 1868/69 auch die Schweiz. In Genf zum Beispiel im Baugewerbe und in Basel in der Seidenindustrie. Man fordert, dass die Fabrikanten die Handwerker oder Arbeiter endlich ernst nehmen, aber auch höhere Löhne und geregelte Arbeitszeiten. Der erste grosse Basler Streik etwa brach deshalb aus, weil ein Unternehmer die Arbeiter nicht an die Herbstmesse gehen lassen wollte. Sie war damals wichtig, weil man dort viele Sachen für den Haushalt einkaufen konnte, aber auch fürs Amusement. Die Streikenden gingen dann trotzdem hin.
Und wie war der Alltag der Arbeiterfamilien?
Hart und sehr prekär. Solange man Arbeit hat, kann man sich knapp über Wasser halten. Doch wenn etwa der Rohstoff in der Fabrik nicht eintrifft, was damals öfter passiert, macht die Fabrik einfach zu. Und die Arbeiter haben keinen Lohn. Oder wenn’s im Winter schneit, kann man auch nicht bauen. Für die Arbeiter gibt es viele Verdienstunterbrüche und keine Absicherungen. Das Einkommen ist immer nur auf die reine Arbeitszeit bezogen, bei Unfall oder Krankheit gibt es kein Geld.
Waren denn diese Arbeits- und Lebensbedingungen auch Thema am Kongress?
Sicher, im Protokoll sieht man nämlich, dass für die Berichte aus den einzelnen Ländern und Orten viel Zeit reserviert war. Der Informationsaustausch ist zentral, alle erfahren, wo Kämpfe sind und wer die Probleme wie löst. Es entstehen Beziehungsnetze.
Aber es gab auch Debatten zu Grundsatzfragen, eben, ob die Gründung von Gewerkschaften sinnvoll sei oder ob man das Erbrecht abschaffen solle.
Hat man auch Beschlüsse gefasst?
Ja, aber keine verbindlichen. Man näherte sich einander vor allem sprachlich an, entwickelte eine gewisse linke Terminologie und vernetzte sich. Die Vorstellung von Kongressen mit international bindenden Beschlüssen setzte sich erst mit dem Leninismus durch.
Die Geschichte des historischen Fotos
Das Foto wurde am letzten Kongresstag aufgenommen. Es zeigt 59 von den insgesamt 78 Delegierten. Wilhelm Liebknecht und ein paar Kollegen gelang es ein Vierteljahrhundert später, ihrer 42 noch zu identifizieren. Seither kennen wir diese mit Namen. Das Kongressfoto erschien 1893 in der Zeitschrift «Der wahre Jakob» und 1909, anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums, gross im Basler «Vorwärts». Gleichzeitig wurde es als Postkarte und Kunstdruck verkauft. Der Künstler, der die Druckvorlage machte, hat sich selber ein bisschen verwirklicht, indem er zu den Männern die zwei Kinder in der Unterführung hinzufügte.