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Werke. Darmstädter Ausgabe. Band II (in 3 Teilbänden). Herausgegeben und kommentiert von Hanno Beck. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 22008.
Band II der Darmstädter Ausgabe enthält Auszüge aus dem zuerst auf Französisch erschienen Werk Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent: fait en 1799, 1800, 1801, 1803 et 1804, das Humboldt offiziell zusammen mit seinem Reisegefährten, Aimé Bonpland, de facto allerdings alleine, verfasst hatte. Davon erschienen 3 Bände; eigentlich hätten es deren 4 werden sollen. Humboldts Reisebericht ist also Fragment geblieben; umso mehr, als in den drei vorhandenen Bänden nur ca. ⅓ seiner Route geschildert wird. In Kolumbien hört die Reise auf – die Besteigung der Anden z.B. fehlt völlig. Und selbst diese drei Bände erschienen erst in den Jahren 1814, 1819 und 1825 – also 10 Jahre und mehr nach getaner Reise. Interessant ist auch die von Hanno Beck geschilderte Geschichte der deutschen Übersetzung: Alexander von Humboldt gehörte zum Kreis der Vertreter der Weimarer Klassik, die von Cotta verlegt wurden. Dort erschien ab 1815 eine gemäss Angaben von Cotta jr. von Therese Huber (geb. Heyne, in erster Ehe mit Humboldts Freund Georg Forster verheiratet) übersetzte sog. Studienausgabe (Reise in die Aequinoctialgegenden des neuen Continents). Therese Huber gehörte ihrerseits ebenfalls in den Dunstkreis des Cotta-Verlags: Sie war seit 1814 Redakteurin von dessen Morgenblatt für gebildete Stände, in welcher Funktion sie 1827 von Wilhelm Hauff abgelöst wurde, der allerdings noch im selben Jahr starb, worauf sein Bruder Hermann dieses Amt übernahm. Dieser Bruder wiederum hat bei Cotta 1859 auch eine, wie es vollmundig hiess, die einzige von Humboldt autorisierte Übersetzung herausgegeben. Therese Hubers tatsächliche Arbeit oder auch nur Mitarbeit an ‚ihrer‘ Übersetzung wird heute angezweifelt; Hanno Beck lässt allerdings an der ‚Neuübersetzung‘ des Hauff-Bruders kein gutes Haar. Nicht nur hat er offensichtlich von der älteren Übersetzung abgeschrieben; er hat auch viele (wissenschaftsgeschichtlich) relevante Punkte weggelassen. (Umso mehr erstaunt es mich, dass der Wikipedia-Artikel zu Alexander von Humboldt die ältere und umfangreichere Übersetzung, ob sie nun von Therese Huber stammt oder von Paul Usteri, komplett unterschlägt.) Ob es sich beim Text der Darmstädter Ausgabe nun um eine Neuübersetzung handelt, ist mir nicht klar – ich habe vielleicht eine entsprechende Bemerkung überlesen.
Die Darmstädter Ausgabe umfasst jedenfalls nicht den gesamten Text des Voyage. Becks Ziel scheint es gewesen zu sein, einerseits den eigentlichen Reisebericht so vollständig wie möglich zu extrahieren; andererseits die wissenschaftsgeschichtlich relevanten Teile wiederzugeben. Ersteres ist ihm völlig gelungen. Es ist immer wieder interessant, nachzulesen, wie im 18. Jahrhundert solche Forschungsexpeditionen ausgeführt wurden. Alexander von Humboldt hat sich mit seiner Südamerika-Expedition einen Jugendtraum erfüllt – entsprechend sorgfältig vorbereitet war er. Er lernte schon früh heimlich Spanisch – was ihm am Spanischen Hof zu Dienste kam, wo er mit seiner Sprachkenntnis den spanischen Herrscher derart einzuwickeln wusste, dass er ein umfangreiches Visum für dessen südamerikanischen Kolonien erhielt. (Gleichzeitig hinderte ihn dieses Visum aber daran, seinen Fuss auf brasilianisches Gebiet zu setzen, da er erfahren musste, dass die lokalen Behörden – auf die er die ganze Schuld schiebt, die portugiesischen Autoritäten völlig exkulpierend – ihn zur Verhaftung und zum Rücktransport nach Europa ausgeschrieben hatten.) Im Übrigen war Alexander von Humboldt offenbar tropenfest: kein Fieber, weder Hitze noch schlechtes Wasser konnte ihm wirklich viel anhaben – ganz im Gegensatz zu seinem Reisegefährten Aimé Bonpland, der zwei- oder dreimal nur knapp dem Tod von der Schippe sprang.
Wissenschaftsgeschichtlich ist Humboldts Bericht über seine Südamerika-Expedition ebenfalls wichtig. Schon der von Humboldt dafür verwendete Begriff Relation historique ist interessant, worauf auch Hanno Beck hinweist. ‚Historisch‘ heisst nämlich für Alexander von Humboldt mehr als nur ‚geschichtlich‘ im Sinne der heutigen Geschichts-Wissenschaften. ‚Historie‘ ist für Humboldt noch eine ‚Schilderung von Be- und Gegebenheiten‘. Also gehört für Humboldt die Schilderung von Gesteinsschichten oder Pflanzen ebenfalls zur ‚Geschichte‘. Und bei der Bestimmung von Gesteinsarten (Humboldt nennt das Geognosie) darf man nicht an die heutige Geologie denken. Humboldt denkt umfassender als der heutige naturwissenschaftliche Spezialist. Deshalb tummelt er sich auch in verschiedenen Gebieten, die nach heutigen Begriffen immer einem jeweils anderen Wissenschaftszweig zugeordnet sind: Geologie und Geografie vor allem, aber auch Ethnologie und Linguistik (er sammelt in grossem Stil Wörter der lokalen Indianersprachen, die später sein Bruder Wilhelm für seine sprachwissenschaftlichen Arbeiten auswerten würde). Alexander von Humboldt war auch einer der ersten, der statistische Auswertung im modernen Sinne zu erstellen begann. Auf Grund einer solchen Statistik erlaubte er es sich z.B., Malthus‘ Prophezeiungen über das unkontrollierte Bevölkerungswachstum in Zweifel zu ziehen.
Alexander von Humboldts Bericht über seine Südamerika-Expedition enthält immer wieder eingestreut Schilderungen über die damals in den spanischen Kolonien noch existierende Sklavenhaltung. Es war gang und gäbe, entweder Schwarze aus Afrika zu importieren oder Indianerstämme dazu aufzustacheln, sich gegenseitig zu bekriegen und die Unterlegenen als Sklaven an die Weissen zu verkaufen. Alexander von Humboldt drückt noch und noch seinen Abscheu vor diesen Praktiken aus; er weist darauf hin, dass Sklavenhaltung unterm Strich auch ökonomischer Unsinn sei.
So finden wir – bei aller Trockenheit des Stils, bei aller diplomatischer Neutralität, die Alexander von Humboldt seinen Gastgebern gegenüber wahrt – auch einen menschlichen Zug in seinem Monumentalwerk.