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Hauptstrukturlinien der Schweizer Alpen und ihre geopolitische Bedeutung
Von Paul Niggli.
III. Die inneralpine Längsfurche Martigny-Chur.
Mit Fig. 3 als tektonischer Kartenskizze.
In einem Vortrag, gehalten am ersten schweizerischen Romanistentag, hat L. Gauchat 1906 « die vermittelnde Rolle skizziert, welche in uralter Zeit, vor der germanischen Invasion, die Furka und der Oberalppass zwischen zwei heute stark differenzierten Sprachgebieten spielte ». C. Schmidt hat 1907 in der Zusammenfassung « Bild und Bau der Schweizeralpen » ganz besonders auf die tektonische Linie Rhone-Rheintal aufmerksam gemacht, sie in ihrem Haupt-verlauf als « Narbe » bezeichnend. 1930 führte der zweite « Congrès international de Linguistique romane » unter Leitung von A.J.aberg, J. Jud und anderen von Sion nach Disentis, wobei eingehend die sprachlich-geographischen Sonderheiten und kulturhistorischen Zusammenhänge der Alpentäler zwischen Genfer-und Bodensee diskutiert wurden. Die interessanten Abhandlungen, so der Aufsatz von R. Planta « Über Ortsnamen, Sprach- und Landesgeschichte von Graubünden », finden sich in der « Revue de Linguistique Romane », t. VII, Paris, 1931. Eingehend hat auch F. Stähelin in dem Werk « Die Schweiz in römischer Zeit », Basel, 1927, die vorrömische und römische Geschichte der Vallis Poeninia und Rätiens diskutiert.
Betrachten wir zunächst die geologischen Verhältnisse bis zur Rhone. Im Westen reicht der Nordrand der aufgeschobenen Molasse bis in die Gegend von Lausanne. Reich an Nagelfluhbänken, in gewissem Sinne der Rigi vergleichbar, ist der Mont Pèlerin ob Vevey bis an die Veveyse, deren Schlucht von Vevey bis an den Zusammenfluss beider Veveyses in rot anwitterndem Sandstein und roten Mergeln ( « molasse rouge » ) eingegraben ist. Es sind das Schichten, die erst auf einer Linie Ciarens, Brent, Blonay von überschobenem Flysch überlagert werden. Der Flysch gehört den Préalpes an, die mit der penninischen Niesendecke das Gebirge zwischen Montreux-Chate-St. Denis-Bulle-La Roche-Gurnigel einerseits, Bex-Ormont=Dessus-Gsteig-Lenk-Frutigen andererseits aufbauen. Die Préalpes romandes selber mit Moléson, Les Pléiades, Rochers de Naye usw. bestehen aus drei oder mehr Deckengruppen, von denen die wichtigste die gleichen Gesteine enthält wie die sogenannten Klippen der Giswilerstöcke, des Stanserhornes, des Buochserhorns und der Mythen.
Es war diese mächtige Gebirgsmasse, an der zuerst 1893 eingehend das « Schwimmen auf fremder Unterlage » durch H. Schardt nachgewiesen werden konnte; erst darauf, besonders nach den Erweiterungen durch M. Lugeon 1902, wurde der Deckenbau der Alpen als wichtigstes Leitmotiv erkannt. In kompakter Masse finden sich die ineinandergefalteten, ostalpine Züge aufweisenden Préalpes nur zwischen Arve und Aare, vor Mont Blanc-Aiguilles 1. Die Rhone durchbricht die autochthonen Kalkalpen des Aiguilles-Rouges-Massives bei St. Maurice. Zwischen 2 und 1 durchbricht sie das Kristallin des Aiguilles-Rouges-Massives, weiter östlich des Mont-Blanc-Massives.
2. Am Rhoneknie Martigny.
3. Bei Sion greifen die Bündnerschiefer auf den nördlichen Talhang bis gegen 4.
4. Von 4 bis 5 nördlicher Rhonetalhang in autochthonen Kalkalpen.
5. Bei Gampel, Ausgang der Lonzaschlucht, dringt Kristallin des Aarmassives bis ins Tal vor.
6. Brig. Von Brig ostwärts tritt Kristallin der Zentralmassive südlich über die Rhone.
7. Die Bündnerschiefer ziehen sich südwärts zurück, die Rhone ist im Zentralmassivkomplex eingegraben, ungefähr parallel der noch nicht sichtbaren Grenze des Aar-und Gotthardmassives.
8. Talboden des Goms. Die Aar- und Gotthardmassiv trennenden Sedimente werden sichtbar.
9. Gletschboden. Die Rhone fliesst im Aarmassiv.
10. Andermatt. Östlich davon Beginn des Tavetscherzwischenmassives mit Disentis.
11. Ostende des Gotthardmassives. Beginn der Verrucanomassen zwischen Truns und Ilanz ( Ilanz links von 12 ).
12. Die penninischen Bündnerschiefer treten bei Ilanz an den Rhein.
13. Flimserbergsturzkomplex.
14. Absinken des Aarmassives nach Osten mit den Sedimenten des Calanda. Chur. Rhein-durchbruch nach Norden.
Rouges-Massiv, besonders aber vor der Depression dieser Massive und dem Aarmassiv. Sie sind von ihren Wurzeln völlig abgerissen und wohl ( nach älterem aktiven Vorstoss auf penninisch-helvetisches Sedimentgebiet ) beim Vorrücken der höheren penninischen Decken, beim Aufstau der Zentralmassive und bei Bildung der helvetischen Decken passiv nordwestwärts weiterverfrachtet worden, unter starker Deformation durch die unter ihnen neu sich bildenden Falten. In die Gesteinsfolge selbst bieten die Talwände des breiten unteren Rhonetales zwischen Bex und St. Gingolph-Villeneuve den besten Einblick. Die liasischen Kalksteinbrüche von Arvel bei Villeneuve, die Zementsteinbrüche in Malm und Kreide bei Roche, die schwarzen Muschelkalke von St. Triphon, die Gips-, Anhydrit- und Steinsalzgewinnung bei Bex zeigen die technische Bedeutung der Gesteinsformationen.
Oberhalb Bex gegen St. Maurice verengert sich das Tal. Auf kurze Strecken werden Hochgebirgskalke durchbrochen, die zum Aiguilles Rouges-Massiv in ähnlicher Beziehung stehen wie die Malmkalke zwischen Altdorf und Erstfeld zum Aarmassiv. Die Dents du Midi und Dents de Morcles haben tektonisch ähnlichen Bau wie die Windgälle. Auch hier steigt der von Flysch und Teildecken überlagerte autochthone Kalkstein rasch in die Höhe, werden darunter die Gneise und Schiefer ( und bei Vernayez eine Carbonmulde ) sichtbar. Ein grosser Unterschied besteht jedoch. Der an sich schmale Südwestsüd-Nordostnord verlaufende Massivkomplex Aiguilles Rouges-Mont Blanc wird nur an seinem Ende, kurz vor dem Untertauchen nach Norden, durchbrochen, gerade an der Stelle, wo der Zentralmassivbogen beginnt, in die Westsüdwest-Ostnordost-Richtung umzubiegen. So entsteht lediglich ein kurzes steilwandiges Talstück, und schon von Martigny an wird die durch den helvetischen Zentralmassivkomplex bedingte bis Chur vorherrschende Westsüdwest-Ostnordost-Richtung der Talböden erreicht. Das Rhoneknie bei Martigny, da wo in der Mulde zwischen Aiguilles Rouges- und Mont Blanc-Massiv der Alpenpass des Grossen St. Bernhard von Süden her den Talboden erreicht, bildet daher, neben der engsten Stelle von St. Maurice, einen günstigen Abschluss des nun bis Brig relativ breiten Rhonetales.
Hatten im 3. Jahrhundert v. Chr. die damals keltischen Stämme des Wallis über den Grossen St. Bernhard ( Passhöhe = Summus Poeninus ) ihre Kriegszüge nach Süden ausgeführt, so war es nach der Besiegung der Helveter durch Cäsar eine der ersten Taten dieses Feldherrn, durch Galba versuchen zu lassen, die zentralmassivische Sperre von Martigny ( damals Octodurus ) in eigenen Besitz zu bringen. Dieser erste Versuch im Jahre 57 v. Chr. misslang. Erst Kaiser Augustus konnte von Süden und Norden her den wichtigen Alpenpass erobern und damit das nach dem Pass genannte Rhonetal « Vallis Poenina » dem Reich einverleiben. Wenn auch in bezug auf Unpassierbarkeit die geologisch bedingte Talsperre von St. Maurice-Martigny mit derjenigen der Schöllenen nicht verglichen werden kann, so ist sie doch von grosser Bedeutung. In dem hinter ihr gelegenen breiten Tal, flankiert von der mächtigsten Ansammlung von Viertausendern, und in den langen südlichen Nebentälern konnten sich älteste Kulturzeugnisse bis auf unsere Zeit erhalten. Vor, wäh- rend und nach der Römerzeit gelang es den Bewohnern, immer wieder eine gewisse Selbständigkeit zu bewahren, ein Grundelement des schweizerischen Staates, « Selbstverwaltung innerhalb natürlicher Grenzen », hochzuhalten.
Bei Saxon und Saillon sinkt das Kristallin der westlichen Zentralmassive in die Tiefe, die Grundgebirgsschwelle selbst biegt nach Osten um. Sie ist etwa in der Gegend nördlich von Sion am tiefsten gesunken, im Mittel vielleicht 3 km unter den Talgrund. Die mittleren penninischen Decken, besonders die St. Bernharddecke mit ihren Sedimenthüllen ( Glanzschiefer, schistes lustrées entsprechend den Bündnerschiefern ) brandete nordwärts über die verschuppte Grundgebirgszone empor, die helvetischen ( den Zentralmassiven normal aufliegenden ) kalkigen Sedimente in Schuppen und Deckfalten nach Norden auspressend. Von Leytron bis gegen Sion bilden helvetische ( die hohen Kalkalpen des Grand Muveran, der Diablerets, des Sanetschhornes, des Wildhornes aufbauende ) Gesteine die nördlichen Talhänge; die penninische Überschiebung streicht am südlichen Talrande aus, das Tal ist in die Narbe eingegraben. In der tiefsten zentralmassivischen Depression des Zentralmassivwalles in der Umgebung von Sitten reichen die penninischen Schubfetzen mit ihrer bizarren Verschuppung von Triaskalken und Bündnerschiefern an den nördlichen Talhang bis nach Lens hinauf. Das Tal liegt im penninischen Bündnerschiefer und deren normal Liegendem, die selektive Erosion schuf die Sittener Hügellandschaft. An den südlichen Talhängen zeigen die kohligen Ablagerungen des Carbons der St. Bernharddecke aufs deutlichste die intensive Verschuppung. Da alle Gesteine Südfallen aufweisen, treten am südlichen Abhange die Schichtköpfe, an den nördlichen die Schieferplatten in Erscheinung.
Von Sierre an aber beginnt das Aarmassiv rasch nach Osten unter den nördlichen Talhängen anzusteigen. Das Tal fällt wieder mit der penninischen Überschiebungslinie zusammen, die helvetischen aus der Rhonetalnarbe emporgepressten Kalksteine bilden nördlich den Wildstrubel und die Wände der Gemmi.
Der axiale Aufstieg des Aarmassives lässt zum erstenmal kurz vor Gampel das gneisige Grundgebirge des Aarmassives zutage treten. Der Gesteinswechsel ist ein ebenso überraschender wie bei Erstfeld, beim nördlichen Eintritt ins Aarmassiv. Der starke Südabfall des nun nach Osten immer mehr emporgestauten Aarmassives mit seiner Verschuppung wird dadurch verdeutlicht, dass in der Umgebung von Raron nach Süden fallende Kalkkeile eingeklemmt sind. Südlich des Tales aber bleiben die Gesteine der St. Bernharddecke treue Begleiter bis Visp. Von hier an macht sich der zunehmende Widerstand des vorgelagerten Aarmassives auch in den penninischen Gesteinen bemerkbar, zunächst als mächtige Anhäufung des Sedimentmantels, der Bündnerschiefer, dann aber auch durch das Herauspressen und Emporsteigen der unteren penninischen Decken, die ja, wie in II erwähnt, hinter der Maximalentwicklung des helvetischen Zentralmassivkomplexes als Simplon- und Tessinerdecken zur höchster Entfaltung gelangen.
Bei Brig ist die petrographische und strukturell-tektonische Trennungslinie, der das Rhonetal im grossen bis Martigny folgt, besonders deutlich.
Südlich die typischen Bündnerschieferberge, Glishorn, die Hänge gegen Rosswald-Klenen und Faulhorn mit den Gneisdecken des Simplon im Hintergrund, nördlich gegen Beialp und Aletschhorn die relativ massigen Felsköpfe des Aarmassives, an den untersten Talhängen Dolomit und Gipsauf-schlüsse besonders in der Talausweitung « Weissensand ».
Das im ganzen enge Talstück Brig-Fürgangen, auch tektonisch und morphologisch ein Übergangsgebiet, trennt das breitere Gomsertal der oberen Rhone vom breiten Rhonetal von Brig bis Martigny. Jede Karte zeigt, wie oberhalb Brig an Stelle der einen grossen Längslinie morphologisch und tektonisch eine ganze Schar solcher Westsüdwest-Ostnordost-Linien bemerkbar wird, das Streichen des Aarmassives hat dem südlichen Hinterland den Stempel aufgedrückt. Hinter dem Tunetschhorn verbindet der Saflischpass das Tal des Schiessbaches mit dem Saflischtal und dem Binnental. Dem Binnental vorgelagert ist das gleichfalls erst im Unterlauf nach Norden umbiegende Rappental. Der Nufenenpass führt vom Oberlauf des Eginentales in das wieder längsgerichtete Bedrettotal. Die Stirne und die Muldenzüge der unteren penninischen Decken laufen dem Zentralmassivrand parallel; der Zentralmassivkomplex selbst ist durch tiefgreifende Mulden in längsgerichtete Schuppen zerlegt. Die wichtigste Trennungslinie zwischen Grengiols und Andermatt ist diejenige, welche den südlichen Teil als selbständiges Gotthardmassiv vom Aarmassiv im engeren Sinne abspaltet. Aber es ist durchaus begreiflich, dass nördlich des Saflisch-Binnen-Rappentales das Rhonetal, einer von mehreren parallel sich ablösenden tektonischen Linien folgend, nicht zur gleichen Breite auswachsen konnte wie unterhalb in der einzigartigen Längsfuge Penninisch-Helvetisch und oberhalb in der tiefen Trennungsmulde Aar-Gotthardmassiv. Schon bei Mörel reichen zentralmassivische Gesteine südlich über die Rhone, treten die Bündnerschieferberge zurück. Im Grundgebirge bilden sich an widerstandsfähigen Gesteinen die Talstufen von Teisch und Fiesch, bis im Talboden des Goms die zwischen-massivische Sedimentmulde erreicht ist. Sie bleibt allerdings bis Ulrichen unter den AUuvionen verdeckt.
Wieder war diese geologisch bedingte teilweise, jedoch nicht vollständige Abgeschlossenheit des gut zu Siedelungen sich eignenden oberen Rhonetales von grösster Bedeutung. Hier konnten sich über die Grimsel eindringend ( vielleicht zur spätfränkischen Zeit ) die Alemannen festsetzen. Dadurch aber erwuchs dem von Westen drängenden burgundisch-savoyischen Machtwillen ein aus dem Kern der Alpen stammender Gegenstrom. Die Oberwalliser oder, wie man sie nannte, die Walser, die bereits im 13. Jahrhundert der deutschen Sprache bis gegen Leuk Geltung verschafft hatten, besassen einen erstaunlich initiativen Geist. Nicht nur, dass sie an dem Walliser Freiheits-kampfe grössten Anteil hatten, etwas von der Wanderlust und dem Koloni-sationsbedürfnis der Völkerwanderungszeit steckte ihnen im Blut. Beredtes Zeugnis dafür sind die vielen Walsergemeinden südlich der Alpen und in Graubünden. Nach dem Prinzip: « Angriff ist die beste Verteidigung » war dieses Verhalten für die Sicherheit der um den Gotthardpass sich bildenden Eidgenossenschaft von grösster Wichtigkeit, die beste Entlastung für die am meisten gefährdete Stelle des Gotthardpasses, für das mit Ost und West durch gute Pässe kommunizierende Urserental.
Im Quellgebiet der Rhone selbst, von Oberwald bis zur Gratschlucht, verlaufen Passtrasse und Bahn ganz im Aarmassiv. Deutlich ist aber auch hier durch den Längisbach und den westlichen Seitenbach des Muttbaches die tektonische Grenze Aar- und Gotthardmassiv gekennzeichnet. Der Längisgrat trennt diese Furche vom Gletschboden. Das kurze Zwischenstück gewährt übrigens dem Wanderer und Reisenden einen prachtvollen Einblick in die massigen Gesteine und in das Gletschergebiet des Aarmassives. Die vom nur 2431 m hohen Furkapass ostwärts fliessende Reuss ist wieder völlig in der Zwischenzone der älteren kristallinen Gesteine von Aar- und Gotthardmassiv, also tektonisch in eine Muldenzone eingegraben.
Das Urserental ist tatsächlich eines der charakteristischen innermassi-vischen Längstäler. Im Norden steigen die aarmassivischen Granitwände der Schöllenen, des Bäzbergs, der Spitzberge empor, im Süden die Gneis-und Granitwände des Gurschenstocks, Gamsstocks und Winterhorns des Gotthardmassives. An den untersten Talhängen und im Talabschluss gegen Oberalp stehen, senkrecht eingekeilt, Marmore der Jurazeit, Triasgesteine und Permocarbon an als Zeugen der tiefgreifenden Trennungslinie beider Massive.
In diese Fuge schiebt sich vom Oberalppass nach Osten der das ganze Vorderrheintal bis Truns erfüllende Schubfetzen, das Tavetscher oder Somvixer Zwischenmassiv, ein. Wie kam er zustande? Heutiges Aar- und Gotthardmassiv besassen schon zur Carbonzeit Gebirgscharakter; sie wurden unmittelbar darauf im sogenannten Perm intensiv denudiert und später vom Meer überflutet, von jungen Sedimenten zugedeckt, um erst wieder im Tertiär während der Alpenfaltung emporgestaut zu werden. Diese alten Hauptgebirge aber divergierten nach Osten, und in die breite Mulde lagerte sich der Schutt des zur Permzeit abgetragenen Gotthardmassives ab. Er bildete die Gesteine, die wir heute Verrucano nennen. Während der jüngeren Faltung wurde nun auch diese Zwischenzone mit den darüberliegenden Sedimenten zusammengepresst zur nach Norden überfallenden Antiklinale, dem Kern der unteren helvetischen Decken, insbesondere der Mürtschen-und Glarnerdecke, die wir nordwärts des Aarmassives als Hauptaufbau-elemente zwischen Linth- und Weisstannental finden 1 ). Das Tavetscher Zwischenmassiv ist so nichts anderes als die Wurzelzone dieser Decken, zum grossen Teil bestehend aus Glimmerschiefern und Glimmergneisen mit vielen kleinen massigen Einlagerungen. Im Gegensatz zu den Graniten und feldspatreichen Gneisen des Aar- und Gotthardmassives boten diese Gesteine der Erosion nicht sehr starken Widerstand dar, so dass sich in ihnen der Rhein eingraben konnte. Aber es fehlt infolge der Gesteinsmannigfaltigkeit dem Vorderrheintal der geradlinige Verlauf des Gomser- oder Urserentales, die breite, ebene Talsohle. Es ist ein winkliges, durch Schluchten unter- brochenes, hügeliges, dann wieder zu breiten Schuttkegeln ausgeflachtes Hochtal.
Zwei Talstücke verursachen eine teilweise Abschliessung gegen den Unterlauf. Erstens die Schlucht zwischen Truns und Ilanz, zweitens der Canon und die Wälder von Flims zwischen Ilanz-Kästris und Reichenau. Die Schlucht zwischen Truns und Ilanz kam dadurch zustande, dass hier am Ostende des untertauchenden Gotthardmassives und des bereits stark abfallenden Aarmassives die Verrucanomasse des nordöstlichen Gotthardmassives über die Wurzeln unterer helvetischer Decken flach an das Aarmassiv angepresst wurde. Denn bereits in dieser Region beginnen die penninischen Decken infolge des geringeren massivischen Widerstandes vorzuprellen, um mit ihren Bündnerschiefern von Ilanz an bis Chur die Südosthänge des Rheintales zu bilden. In die flachliegenden quarzreichen Verrucanogesteine konnte sich der Rhein aber nur mühsam eingraben. Auf der südlichen Verrucanoterrasse selbst, vor dem Anstieg zu den gotthardmassivischen Bündnerschiefern des Mundaun, siedelten sich Walser an, ist eine deutsche Sprachinsel erhalten; ein deutliches Zeichen dafür, wie schwer zugänglich von Westen hier die Südhänge waren.
Die waldbedeckte Hügellandschaft von Flims, in die der Rhein nur eine enge Rinne mit wundervollen Erosionsformen eingraben konnte, beherbergt den grössten Bergsturz der Alpen. Vom Flimserstein sind schon in der Eiszeit unter stärkster Zertrümmerung die riesigen Kalkmassen in dieses Talstück abgebrochen, es zunächst völlig sperrend. Die Bedeutung dieser Zone für das Vorderrheintal kommt in der Bezeichnung « Surselva » für alles Gebiet über dem Bergsturzwald zum Ausdruck.
So blieb trotz aller Kommunikationsmöglichkeiten das Vorderrheintal von Reichenau bis zur Oberalp in gewissem Sinn eine Einheit, bei in sich stark gegliederter, zu selbständigen Gemeinwesen disponierter Landschaft. Zusammen mit den nach Süden zugänglichen Seitentälern schlössen seine Bewohner sich zum Grauen oder Oberen Bund zusammen. Und auch hier war unter den Drei Bünden Graubündens oft der vom Gotthard, von Disentis her sich entwickelnde, der aktivste. Talauswärts gerichtet war die Stosskraft, zunächst entgegenwirkend den Bestrebungen vom Unterland, dadurch die Verteidigung der eidgenössischen Querverbindung über den Gotthard gegen Osten entlastend. Bedenken wir schliesslich, dass die Leventina im Süden des Gotthards in rechtlicher Beziehung schon frühzeitig ein einheitliches Gemeinwesen gebildet hat, das gegen Unterwerfung von Süden her sich höchst aktiv zur Wehr setzte und das freiwillig den Anschluss an die Eidgenossen jenseits der Berge suchte, so erkennen wir, wie das Gebiet um den Gotthard nicht nur hydrographisches Quellgebiet war, wie recht eigentlich von hier aus längs der Nord-Südlinie und der Ost-Westfurche die Bestrebungen zur Geltung kamen, die schliesslich im Bunde der nördlichen und westlichen Eidgenossenschaft mit Wallis, Graubünden und Tessin ihre Krönung fanden. Graubünden aber umfasste auch die Lande des Gotteshausbundes und des Zehn-Gerichten-Bundes, deren Zentren Chur, Prättigau und Engadin wurden. Denn bei Reichenau öffnet sich das Domleschg, das durch Albula und Julier mit dem Engadin in Verbindung steht, und bei Landquart das Prättigau, das zu den Waisern von Davos den Zugang bildet.
Sinkt schon bei Truns und endgültig bei Banz das Gotthardmassiv in die Tiefe, den penninischen Bündnerschieferbergen zwischen Lugnez und Domleschg und Prättigau die südliche Talflanke überlassend, so reicht das Aarmassiv mit seinem Sedimentmantel bis westlich von Chur, noch den gesamten Calanda aufbauend. Erst von hier an kann sich der Rhein nach Norden wenden, ähnlich wie von Martigny an die Rhone.Von Reichenau bis Chur wird übrigens die schon breite Talebene weiterhin durch Hügel von Bergsturzmaterial, die aus der Aufschüttungsebene ragen, unterbrochen ( Tomalandschaft ).
In der Luftlinie beträgt die Entfernung Martigny-Chur über 200 km, eine der eindrucksvollsten Längsfurchen der Alpen. Es sind verschiedene sichere Anzeichen vorhanden, dass sie mit ihren Abzweigungen nach Süden bereits in den frühesten historischen Zeiten benutzt wurde.
Die Herkunft der Räter ( Etrusker ?), die vor der römischen Besitzergreifung die östliche Schweiz besiedelten, ist noch in Dunkel gehüllt, aber es zeigt uns doch der Umstand, dass die damals das Wallis bewohnenden keltischen Stämme mit den Lepontiern des oberen Tessin und den Rätern Graubündens durch Augustus in einen Verwaltungsbezirk zusammengefasst wurden, dass über Oberalp und Furka und vom Urserental in die Leventina bereits Verbindungen bestanden haben. Sprachlich scheinen sie auch nachgewiesen vom Tessin über die Greina in das bündnerische Lugnez. In Graubünden selbst sind übrigens später, wohl nicht nur vom Unterland her, sondern auch von Osten, Kelten eingewandert, eine Art Oberschicht bildend. Die Romanisierung hat die ganze heutige Schweiz umfasst, war aber im Süden, Westen und Südosten intensiver als in der von Alemanneneinfällen bedrohten Nordschweiz. Da diese Alemannenwanderungen an die inneralpine Verbindungslinie zunächst nicht heranrücken konnten, wurden die Bergtäler Graubündens mit der rätoromanischen Sprache zum Hort der Überlieferungen; aber auch im Wallis hat sich in dem burgundisch beeinflussten, französisch-provenza-lischen Dialekt, in Ort- und Sachbezeichnungen und in der Kultur manches Alte erhalten. In Einzelheiten weist das Romanische des Tavetsches Anklänge an die einst über das ganze Rhonetal herrschenden französischen Dialekte auf, so wiederum zeigend, dass bereits lange vor der Entstehung der Eidgenossenschaft enge Verbindungen über das früher gleichfalls romanisierte Urserental bestanden haben. Erst etwa gegen 900 drangen ( die Schöllenen war damals noch kaum passierbar ) vom Haslital über die Grimsel, vielleicht auch über den Lötschenpass, die Alemannen in das Oberwallis, die romanische Sprachgemeinschaft des Unterwallis vom Rätoromanisch sprachlich trennend. Indem sie aber auch über die Furka das Urserental alemannisierten, während es über die Oberalp im Abhängigkeitsverhältnis zum Kloster Disentis blieb, übernahmen sie die Vermittlerrolle zwischen burgundischer Westschweiz und rätoromanischer Ostschweiz. Andererseits lag das Urserental von der Leventina her in der Einflusssphäre des Lombardischen, so dass nach der Öffnung der Schöllenen die Anlage einer viersprachigen Schweiz in allen ihren Elementen gegeben war. Der Schnittpunkt der Nordsüd-Linie über den Gotthard mit der inneralpinen Längslinie von Lac Léman zum Bodensee ist deshalb recht eigentlich das Zentrum unseres Staates, geologisch, morphologisch, verkehrspolitisch und kulturell. Haben wir die Gotthardlinie die Querachse genannt, so ist die Rhone-Rheintallinie die Längsachse; der helvetische Zentralmassivkomplex, dessen Bildung die Gliederung schuf, der Rückgrat. Die morphologische Oberflächenstruktur führte zum Zusammenschluss im kleinen, die mit ihr teilweise verbundene tektonische Anlage im grossen schloss die Gemeinwesen zur freien Eidgenossenschaft zusammen und umgrenzte den natürlichen Raum, in dem die zentrifugal aus den Tälern des helvetischen Zentralmassives strömenden Ideen der Volksgemeinschaft, Selbstverwaltung und verantwortungsbewussten Freiheit sich Geltung verschaffen konnten. Die Bewohner der Täler der Innerschweiz, des Wallis, Graubündens und des Livinentales, sie alle haben nach verschiedenen Richtungen, in verschiedene Sprachgebiete und Kulturkreise den gleichen Willen zum Staat getragen. Der Geist hat über Stammes- und Sprachunterschiede gesiegt, ohne sie in den Dingen zu verwischen, die der Tradition heilig sind. Wenn uns auch die Betonung der geologisch-geographischen Voraussetzungen Bescheidenheit lehrt, wollen wir doch stolz darauf sein, dass unsere Väter das ihnen anvertraute Pfund getreu verwaltet haben, dass sie bereits vor 400 Jahren im wesentlichen die natürlichen Grenzen einer allen Wirrnissen trotzenden Staatsgemeinschaft gefunden haben. So kriegerisch sie waren und sein mussten, seitdem ist kein Nachbarstaat von den Landen der Eidgenossen bedroht worden. Der Wille zur Einheit in der Mannigfaltigkeit aber ist lebendig geblieben, denn dieser Wille hat ein hohes geistiges Ziel: « freier, verantwortungsbewusster Mensch zu sein in einer zum Wohle aller errichteten demokratischen Gemeinschaft » — und es dient ihm als kraftvolle Rückendeckung die Struktur des zentralen Alpengebirges.