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Günter Grass ist tot, seine Werke aber werden weiter zum Kanon der deutschen Literatur gehören, sofern es einen solchen auch in Zukunft geben wird.
Der letzte, der uns diesen Kanon in voluminösen Kassetten vorgelegt hatte, war Grass‘ Zeitgenosse und Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der von der Notwendigkeit eines solche Kanons felsenfest überzeugt war: „Die Frage, ob wir einen solchen Katalog benötigen, ist mir unverständlich, denn der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten.“ Ein wahrhaft erstaunlicher Satz für einen Juden, der nur mit knapper Not das Warschauer Ghetto überlebt hat.
Es war das auf seine Bildung so stolze deutsche Bürgertum, das Hitler auf den Thron gehoben hat. Die Funktionäre des Dritten Reiches hatten das humanistische Gymnasium durchlaufen und damit jene Instanz, in der eine unerschütterlichen Gewissheit darüber herrschte, welche Kulturgüter dem zukünftigen Bürger zu seiner Bildung verhelfen und welche nicht.
Und Bildung bedeutete selbstverständlich immer auch eine Veredelung des ganzen, das heisst: auch sittlichen Menschen.
Natürlich behauptet niemand, dass das Dritte Reich möglich wurde, weil die Deutschen Schiller und Goethe lasen, dass es trotzdem möglich war, ist schon schlimm genug.
Die Idee des Kanons aber war nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere in der Zeit nach 1968 aus umfassenderen Gründen diskreditiert. Es war das Prinzip der Auswahl selber, das fragwürdig wurde. Wer auswählt, übt Herrschaft aus. Und die Kriterien seiner Auswahl erweisen sich bei näherem Hinsehen als die Vorurteile einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Gesellschaftsklasse und eines bestimmten Geschlechtes, die dann natürlich die Herrschaft eben dieser Kultur, dieser Klasse und dieses Geschlechtes perpetuieren.
So das Argument, das in seiner radikalen Fassung die Möglichkeit eines Werturteils überhaupt verneint und sich damit ad absurdum führt. Wer möchte behaupten, jeder Beitrag zur Philosophie sei so wichtig wie Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ oder jeder Roman so gut wie Thomas Manns „Die Buddenbrooks“?
Gegen einen Kanon ist wenig einzuwenden, solange man ihn als ein bescheidenes Hilfsmittel begreift, das Anfängern auf einem Kulturgebiet – seien das nun Schüler, Studenten oder bildungsbeflissene Kleinbürger – eine erste Orientierung bietet, die sie dann hoffentlich, wenn ihr Geschmack und Kritikvermögen einmal entwickelt ist, wieder kräftig über den Haufen werfen.
Im Begriff des Kanons schwingt aber sein Erbe mit und damit ein viel weiter gehender Anspruch, der im 19. Jahrhundert noch kräftig am Wirken war und bis heute nicht verschwunden ist.
Vorbild jedes Kanons und allen Kanonisierens ist die Arbeit der Kirchenväter, die darüber bestimmten, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden sollten und welche nicht. Damit ging es damals um nicht weniger als die Scheidung der göttlichen, der inspirierten, der unsterblichen Schriften von den nur von Menschen gemachten, zweitrangigen, zum Vergessen bestimmten oder gar vom Teufel eingegebenen (obwohl letztere natürlich schon wieder interessant wären).
Genau diesen Ewigkeitshauch und alles Päpstliche braucht es beim Kanonisieren nicht, dafür aber gerne viel vom Bewusstsein für die Beschränktheit jedes Blickwinkels, aus dem heraus solche Kataloge fabriziert werden.