Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/895

Bern 12 Juli 1864.
Hochgeachteter Herr Regierungsrath!
In Beilage beehre ich mich, Ihnen ein Schreiben1 des Hr. Oberingenieur Beckh2 mitzutheilen, welches für Sie Interesse haben dürfte. Ich habe Herrn Bahningenieur Seitz3 die nöthigen Aufträge ertheilt, damit er Herrn Beckh das technische Personal, dessen er bedarf, zur Verfügung stelle.
Für Ihren geschätzten letzten Brief4 bin ich Ihnen sehr verbunden. Ich bin mit dem Inhalte desselben vollkommen einverstanden.
Pioda hat vertraulich an ein Mitglied des Nationalrathes5, mit dem ich befreundet bin, gemeldet, der für den neu creirten Gesandtschaftsposten Badens in Turin ernannte Gesandte Baron Schweitzer6 habe die Instruction von seiner Regierung, sich für den Gotthardt zu verwenden & eine erhebliche Subsidie Badens für diesen Alpenpaß in Aussicht zu stellen.
Es wünscht, wie es scheint, Jacini7, sobald als | möglich ein Exemplar der Brochüre8 über die commerzielle Bedeutung des Gotthardt zu erhalten. Jacini spricht deutsch: es kann ihm daher ein Exemplar in deutscher Sprache übersandt werden. Sie wissen, daß die Brochüre mit deutschem Texte in den nächsten Tagen vollendet sein wird: es kann daher dem Wunsche Jacini's ohne Verzug entsprochen werden. Es dürfte angemessen sein, wenn Sie als Präsident des Ausschusses zwar nicht offiziell (da der Italienischen Regierung die Brochüre erst, nachdem sie in französischer Sprache erschienen sein wird, zugestellt werden kann), aber doch officiös die Brochüre Hrn. Jacini übersenden würden. Bei der hervorragenden Stellung, die Jacini in Italien einnimmt, & bei dem großen Interesse, das er für den Gotthardt beurkundet, dürfte ein derartiges Procédé angezeigt sein.
Ich bin, obgleich es mir schwer fiel, mich von meiner armen Frau zu trennen 9, auf die heutige Sitzung der Bundesversammlung, in welcher die Bundesrathswahl vorgenommen wurde, hieher gekommen. Das Resultat ist ihnen bereits bekannt. Ich habe für Vonderweid10 gestimmt. Meine Stimmgabe konnte keine | enthusiastische sein. Sie war lediglich auf die Überzeugung basirt, daß man sich mit Vonderweid am besten aus der Verlegenheit ziehe, welche die Wahl unter den obwaltenden Umständen mit sich bringen mußte. Mein Programm war zunächst ein sachliches: Ein Welscher, ein Katholik, kein Abenteurer in Fragen der auswärtigen Politik, ein Freund des Gotthardt. Innerhalb dieses Rahmens konnten sehr wenige Personen in Betracht kommen. Ein Tessiner wäre mir am erwünschtesten gewesen: aber Fogliardi11, der allein etwelche Chancen hatte, ist voller Schulden, was für ein Mitglied des Bundesrathes in meinen Augen höchst bedenklich ist, & überdieß halte ich F.12 für einen Springinsfeld in Fragen der auswärtigen Politik. So blieb nur Vonderweid übrig; denn Jul. Schaller13 hatte keine Chancen. Vonderweid ist freilich ein Conservativer, aber ein gemäßigter: er steht in lebhaftem Kampfe in seinem Canton mit der Fraction Vuilleret14-Charles15, welche die Klöster wieder herstellen will u. s. f. Der conservativen Partei der Schweiz einen Repräsentanten von gemäßigter & loyaler Gesinnung unter 7 Mitgliedern des Bundes| rathes zuzugestehen, scheint mir ein Act der Billigkeit & auch einer weisen Politik zu sein. Eine in kleiner Minderheit stehende Repräsentation der conservativen Partei in dem Bundesrathe & in den Regierungen der Cantone schwächt diese Behörden nicht, sondern stärkt sie im Gegentheile. Sie haben ja Segesser16 in Ihrer Regierung; wir haben Ziegler17 in der unsrigen; in der Bernerregierung sitzt Kurz18, in der St. Gallerregierung Höfliger19 u. s. f. – Ich höre, daß von den Luzerner liberalen nur einer für Vonderweid gestimmt habe. Der Gotthardt wird sich wahrscheinlich besonderer Unterstützung Seitens des Hrn. Challet-Venel20 zu erfreuen haben!! Ich enthalte mich aller weitern Betrachtungen. Sie sind wohl Ihnen gegenüber ganz überflüssig. Darf ich Sie bitten, den auf die Bundesrathswahl bezüglichen Theil dieses Briefes Herrn N. Dula21 mitzutheilen & ihn von mir herzlich zu grüßen. 22
Heute Nachmittag reise ich mit dem Schnellzuge nach Baden (Aargau) zu meiner armen Frau. Ich habe Prof. Pfeufer23 von München zu ihr berufen, um ihn auch noch zu consultiren. Er wird diesen Abend eintreffen. In den nächsten Tagen werde ich in Baden & Zürich sein.
Empfangen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von Ihrem freundschaftlich ergebenen
Dr A Escher