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Der Winter im Jahr 1572 war in Europa bitterkalt. Tagelang herrschte härtester Frost: minus 20 bis minus 30 Grad Celsius. Rhein, Aare und Thur froren zu. In der Schweiz hungerten viele.
Ein Chronist aus Grindelwald schrieb: «Der Schnee türmte sich so hoch auf, dass viele Menschen und Vieh in den Häusern erdrückt wurden, aus Mangel an Luft darin erstickten oder aus Hunger starben.»
Kleine Eiszeit, grosse Folgen
Im Rückblick war die Zeit zwischen 1560 und 1730 in weiten Teilen Europas kalt und nass. Heute spricht man von der Kleinen Eiszeit.
Für die Menschen der frühen Neuzeit hatte das drastische Folgen: In den Alpen stiessen die Gletscher vor und bedrohten Höfe und Dörfer. Island war vom gefrorenen Meer eingeschlossen. Die Landwirtschaft auf der Insel brach zusammen und die Bevölkerungszahl sank um die Hälfte. In ganz Europa starben viele Menschen.
Die Erbsünde
Wissenschaftler um den Klimaforscher Alexander Koch vom University College in London wollen eine unerwartete Ursache für die Kleine Eiszeit gefunden haben: die Entdeckung Amerikas – und das Massensterben der amerikanischen Ureinwohner.
Bevölkerungszusammenbruch der amerikanischen Ureinwohner
1492 war Christoph Kolumbus mit seinen Schiffen zum amerikanischen Kontinent gelangt und hatte damit angefangen, diesen zu kolonialisieren.
Für die amerikanischen Ureinwohner hatte das fatale Folgen: Die Europäer versklavten sie und führten blutige Eroberungszüge. Vor allem aber starben Unzählige an Seuchen, gegen die ihr Immunsystem nicht gerüstet war – etwa Masern oder Pocken.
Der spanische Hoflehrer Pietro d’Anghiera schrieb nur acht Jahre nach der ersten Landung der Europäer: «Die Zahl dieser armen Teufel hat enorm abgenommen. Viele sagen, es habe einmal 1'200’000 von ihnen gegeben. Wie viele werden es jetzt noch sein? Ich wage nicht, darüber nachzudenken.»
Die Zahl, die d’Anghiera für Teile der damals bekannten Karibik angibt, ist heute schwer zu überprüfen, da es wenige schriftliche Quellen aus dem Amerika vor 1492 gibt. Klimaforscher Alexander Koch geht aber aufgrund von archäologischen Funden, geschätzten Todesraten und einigen wenigen Volkszählungen, die die Kolonisatoren durchgeführt hatten, heute von einer deutlich höheren Bevölkerungszahl aus: Vor Kolumbus sollen etwa 60 Millionen Menschen in ganz Nord- und Südamerika gelebt haben.
«Von 60 Millionen Menschen, die wir 1492 sehen, waren im 16. Jahrhundert nur noch 6 Millionen übrig», sagt Koch. Das entspricht einem Bevölkerungsrückgang von 90 Prozent in 100 Jahren.
Dieses Massensterben führte laut den Klimaforschern zu einer Wirkungskette, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
Das Sterben der Ureinwohner liess unzählige Äcker und Gärten herrenlos werden. Die Natur eroberte sich diese Gebiete zurück. Die neu wachsenden Pflanzen benötigten CO2, um zu wachsen.
Weil die Gebiete, die sich die Natur zurückeroberte, so gross waren, sank die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. CO2 ist ein Treibhausgas und so führte seine Abnahme zu einem schwächeren Treibhauseffekt. Die globale Temperatur sank. Und die Welt rutschte in die Kleine Eiszeit.
War es doch ein Vulkan?
Manche Forscher bezweifeln diese These allerdings. Zwar ist es ziemlich unstrittig, dass zur Zeit der Kleinen Eiszeit die CO2-Konzentration in der Atmosphäre geringer war – das lässt sich bei Bohrungen im antarktischen Eis messen. Fraglich ist aber, welche Vorgänge es waren, die die CO2-Konzentration haben sinken lassen.
Klimaforscher Mauro Rubino von der britischen Keele University bei Newcastle-under-Lyme sagt, es sei nicht die Tragödie in Amerika gewesen, sondern vermutlich grosse Vulkanausbrüche oder eine temporär schwächere Sonne, die den Rückgang bewirkt habe.
Schwierige Wechselwirkung
Sein Team habe ebenfalls das antarktische Eis untersucht und darin Hinweise dafür gefunden, dass die Erdvegetation zur Zeit der kleinen Eiszeit nicht stark zugenommen, sondern im Gegenteil sogar abgenommen habe.
Erst die Abkühlung durch Vulkanausbrüche oder die schwächere Sonnenstrahlung habe über komplexe Prozesse im Erdsystem das CO2 in der Atmosphäre absinken lassen. «Es ist sehr schwierig, die gegenseitige Wirkung von CO2 auf Temperatur und von Temperatur auf CO2 zu entknoten», sagt Rubino.
Es bleibt spannend
Allerdings liesse sich seine Hypothese mit jener des Massensterbens vielleicht doch vereinen: Etwa, wenn die Wälder in Amerika wegen des Massensterbens stark wuchsen, die riesigen Wälder Sibiriens aber wegen der Kälte ihr Wachstum drosselten.
Diese Geschichte ist also komplex – aber sie macht auch vieles deutlich. Noch hält das Klima viele Rätsel bereit. Der Mensch prägt seine Umwelt seit Langem. Oft genug ist er dabei grausam.