Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03317.jsonl.gz/2947

Man schreibt dem “Hann. Cour.” aus Zürich: Hoch oben über dem wildromantischen Wallensee, an den Hängen des siebenzackigen Churfirsten, klebt das Bergdorf Amden, das dem Kanton St. Gallen angehört. Sieht man von den gegenüberliegenden glarnerischen Höhen herüber, so begreift kein Mensch, wie man überhaupt nach dem zlemlich stark bevölkerten Dörflein hinaufgelangt; nirgends ist an den steilen Felswänden und Triften ein Zugang ersichtlich, und es muß tatsächlich die Poststraße – eine solche gibt es immerhin – in weitem Umweg von hinten herauf das Nest zu erreichen suchen.
Auf diesem weltverlorenen Fleck Erde hat sich in letzter Zeit eine geheimnisvolle deutsche Kolonie angesiedelt, welche den Landeseinwohnern viel Kopfzerbrechens verursachte. Man konnte aus den Leuten nicht klug werden und wußte nicht, wer sie waren und was sie wollten. Sie schienen über große Geldmittel zu verfügen und kauften den Bauern manche schöne Liegenschaft zu anständigen Preisen ab. Alles deutete darauf hin, daß es auf eine dauernde Niederlassung in unserem Lande abgesehen war. Ihr Korrespondent hat sich nach der Herkunft und den Plänen der geheimnisvollen Fremden etwas näher erkundigt und in Erfahrung gebracht, daß der Gründer der Kolonle ein deutscher Herr namens Klein, angeblich aus Bremen zugereist, sein soll[.] Unter seinen Genossen befinden sich verschiedene Deutsch-Amerikaner, und es handelt sich bei dieser Ansiedlung offenbar um eine der zahllosen Sekten, die das in dieser Spezialität so fruchtbare Nordamerika hervorgebracht. Herr Klein kaufte schon vor zwei Jahren die Liegenschaft “Krappenhof” [sic!] in Amden, welche als die Heimstätte der Sekte anzusehen ist. Das Glaubensbekenntnis der Leute ist ein kurioses Gemisch von mystischen, katholischen und kommunistischen Ideen. Die Mitglieder müssen ihr Besitztum der Gemeinschaft übergeben, welche dafür lebenslang für sie sorgt; sie verwerfen die Sakramente, haben dafür aber die Heiligen- und Marienverehrung und wollen eine Marienkapelle bauen. Sie erwarten die Wiederkunft Christi auf Ostern 1904, und zwar soll er in Amden erscheinen und von dort aus sein Reich erobern etc. Man weiß nun also von dieser “deutschen Kolonie” wenigstens soviel, daß man es mit konfusen, aber harmlosen Leuten zu tun hat, die keine Landesgefahr für uns bilden werden.
Neue Zürcher Zeitung, 124. Jahrg., 1. September 1903, Nr. 242, S. 2. Online