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Kochi, die Stadt im südlichen Kerala, ist ein historischer Ort. Hier wurde der Seefahrer Vasco da Gama beerdigt, von hier aus handelten die portugiesischen, holländischen und schliesslich die englischen Besatzer mit Gewürzen.
Und hier, im historischen Zentrum von Kochi, suchten einst Juden aus der ganzen Welt Zuflucht sowie gute Geschäfte. Heute leben nur noch sieben Juden in Kochi.
Leben in der Vergangenheitsform
Eine von ihnen ist Sarah Cohen. «Wir Juden in Kochi haben die Lieder geliebt, mehr als die Tora-Studien», sagt die 93-Jährige. Singen sei immer Teil des Lebens in der jüdischen Gemeinde von Kochi gewesen. Wenn Sarah Cohen spricht, dann tut sie das immer in der Vergangenheitsform, als ob die Gegenwart nicht mehr zählte und die Zukunft nichts mehr für ihre Gemeinschaft bereit halten würde.
Und wahrscheinlich hat sie Recht. Sechs der sieben verbleibenden Juden in der historischen Altstadt sind über 70. Jahre alt. Die jüngste, um die 40 Jahre, ist unverheiratet und kinderlos.
Mit Israels Staatsgründung nahm der Exodus seinen Lauf
Dabei lebten vor siebzig Jahren noch beinahe 2000 Juden in Kochi. Sie waren vor Jahrhunderten als Händler oder Verfolgte aus Europa und dem Nahen Osten an die Malabar Küste gekommen. Mit der Staatsgründung Israels 1948 setzte eine Gegenbewegung ein. Die meisten Juden aus Kerala wanderten nach Israel ab.
In Kochi, unserer kleinen Juden-Stadt, ist es schöner.
Sarah Cohen war nur ein einziges Mal zu Besuch im neu gegründeten Staat. «Israel hat mich nicht wirklich berührt», sagt sie. «Die Leute waren neugierig und haben mich ausgefragt, das mochte ich nicht. In Kochi, unserer kleinen Juden-Stadt, ist es schöner.»
Heute kommen die Juden als Touristen nach Kochi
Seit Jahrzehnten wohnt Sarah Cohen im gleichen Haus, nur wenige Schritte von der Synagoge entfernt. Ihr Mann war Anwalt und arbeitete im Steueramt. Das Ansehen der Familie war gross. Cohen führte ihren kleinen Hausladen, «Sarahs Embroidery shop», in der sie selbst gehäckelte Kippas, bestickte Tischdecken und Ansichtskarten verkaufte.
Noch heute pilgern Touristen aus Israel und der ganzen Welt zu Sarahs Laden, der in jedem Reiseführer erwähnt ist. Meist schauen sie auch gleich noch in Sarahs Wohnzimmer, wo die alte Frau normalerweise am Fenster sitzt, den Blick auf das geschäftige Treiben gerichtet.
Wenn sie die Touristen dann auf Hebräisch ansprechen, wendet sich Sarah verwirrt an ihren Haushälter Taha Ibrahim. Sie spricht nur Englisch und die Lokalsprache Malayalam, genau wie Taha. Dieser macht alles, was Sarah nicht mehr kann. Er häckelt die Kippas, verkauft die Tischtücher und hilft ihr im Haushalt.
Neben- und Miteinander der Religionen
Dass er Muslim und Sarah Jüdin ist, spielt für die beiden keine Rolle: «Muslime und Juden leben seit Jahrhunderten hier friedlich zusammen», sagt Taha. Natürlich seien ihre Religionen unterschiedlich, aber sie respektierten sich. «Als Sarahs Mann noch lebte, konnten wir stundenlang darüber diskutieren, wie man im Judentum oder im Islam eine Kuh schlachtet. Der Kompromiss war: Hier im Haus der Cohens essen wir nur Gemüse und Fisch, kein Fleisch.»
Die Geschichte Keralas ist weitgehend frei von religiösem Hass. Religiöse Toleranz gehöre bis heute zur DNA Indiens, gerade weil es mehrheitlich hinduistisch geprägt sei, sagt der Journalist Rajan Haneef. Die Vielfalt sei hier kein Problem, sondern erwünscht.
Im Hinduismus haben wir hunderte von Göttern und die existieren friedlich nebeneinander. Im Christentum oder Islam geht es um die Vorherrschaft des einzigen richtigen Gottes.
Natürlich gebe es auch in Indien Intoleranz, wirft Rajans muslimischer Freund Haneef ein. Jedoch finde man diese vor allem im Norden und nicht im Süden des Landes. Das habe mit der Geschichte zu tun: «Nach Kerala kamen die Muslime bereits zur Zeit des Propheten – als Händler und Geschäftsleute. In den Norden fielen sie später ein und zwar als Eroberer. Das hat hier niemand vergessen.»
Muslimische Läden im jüdischen Viertel
Im kleinen jüdischen Viertel von Kochi locken heute Muslime aus Kaschmir die Touristen in ihre Läden.
Und um die Synagoge kümmert sich nicht ein Jude, sondern der Christ KJ Joy, der diese Aufgabe von seinem Vater und Grossvater geerbt hat. Gottesdienste würden hier kaum noch abgehalten, weil meist die dafür nötigen zehn jüdischen Männer fehlten.
In 15 oder zwanzig Jahren würden wohl nur noch Touristen das jüdische Gotteshaus besuchen, glaubt Joy: «Die Synagoge wird ein blosses Monument, ein Erinnerungsstück sein.» So sei das eben, meint Sarah Cohen auf ihrem Bett sitzend. «Ich bin schwach geworden», sagt sie und streckt Taha die Hand entgegen. Er hilft ihr sich hinzulegen. Im Hause Cohen ergänzen sich Islam und Judentum wortlos.