Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03578.jsonl.gz/1493

Normative Ethik
Die verschiedenen Ansätze der Normativen Ethik
Der Praxistest für Ethiker: Dilemmasituationen
– Abschuss eines von Terroristen gekaperten Flugzeugs
– Massnahmen zur Eindämmung von Covid-19
Im Rahmen der Normativen Ethik gibt es verschiedene Ansätze, wie nach Antworten auf die Frage nach dem 'richtigen Handeln' in ethisch relevanten Fragestellungen gesucht werden kann:
- Deontologische Ethik (Gesinnungsethik, Pflichtethik): Das Handeln als solches und die ihm zugrundeliegende Gesinnung werden beurteilt, und zwar unabhängig von den möglichen Folgen. Leitlinie ist der 'Kategorische Imperativ' ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" Immanuel Kant). » mehr...
- Teleologische Ethik (Verantwortungsethik, Utilitaristische Ethik): Das Handeln wird aufgrund seiner Folgen beurteilt. Eine Handlung wird dann als gut bezeichnet, wenn die positiven Folgen voraussichtlich überwiegen. » mehr...
- Diskursethik: In der Diskursethik einigen sich die Betroffenen (Stakeholder) mittels eines kontrollierten Verfahrens auf einen Konsens. » mehr...
- Tugendethik: Aus der Erkenntnis, dass im praktischen Leben letztlich das Verhalten des Einzelnen zählt und dieses von der eigenen Wertebasis abhängt, wird im Ansatz der Tugendethik schwergewichtig an dieser Wertebasis und am eigenen Verhalten gearbeitet. Dies kann, muss aber nicht in einem religiösen Kontext erfolgen. » mehr...
- Religiöse bzw. Theologische Ethik: Das Nachdenken über 'richtiges' bzw. 'gutes' Handeln aus einer religiösen Perspektive. Auf der Basis des jeweiligen Glaubenssystems mit seinen Schriften und deren Auslegung werden entsprechende Schlussfolgerungen für das moralisch 'richtige' Handeln abgeleitet. » mehr...
- Spirituelle Ethik: Basiert auf Anerkennung, Respekt und Liebe zu allen Wesen, ja der ganzen Schöpfung. » mehr...
Die Welt ist komplex und selten schwarz-weiss. Auch mit der besten Absicht ist es oft nicht einfach herauszufinden, was in einer gegebenen Situation das angemessenste Verhalten wäre. Wir stehen häufig vor Dilemmasituationen. Wie die folgenden Beispiele zeigen, haben wir oft nur die Wahl, das kleinere Übel zu wählen. Die verschiedenen Ansätze der Ethik werden im Folgenden auf diese beiden Beispiele angewendet.
Flugzeugabschuss
Stellen Sie sich vor: Terroristen entführen ein Flugzeug mit über 200 Passagieren und steuern damit auf eine dicht besiedelte Innenstadt zu, mit der Absicht, Tausende in den Tod zu reissen. Darf das Flugzeug notfalls abgeschossen werden, bevor es die Stadt erreicht? Darf der Staat bzw. eine staatliche Institution das Leben von 200 Passagieren 'opfern', auf die Möglichkeit hin, so das Leben von vielleicht tausenden von Menschen zu retten? Darf man die Leben der 200 Passagiere gegen diejenigen der Stadtbewohner aufrechnen?
Das oben stehende Extrembeispiel einer Dilemmasituation zeigt exemplarisch auf, mit welcher Art von Fragen sich die Ethik auseinanderzusetzen hat. Das Beispiel ist übrigens durchaus konkret: Die Frage wurde in Deutschland im Jahr 2006 kontrovers diskutiert und hat zu einem » Entscheid des Bundesverfassungsgerichts geführt.
Covid-19 Pandemie
Ein aktuelles Beispiel für Dilemmasituationen ist die Covid-19 Pandemie. Auch in diesem Fall mussten bei der Festlegung von Massnahmen zur Bekämpfung verschiedene Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden.
Ende 2019 geriet in Wuhan, China, ein Virus in Umlauf, das sich im Laufe der Monate zu einer weltweiten Pandemie entwickelte. Die Sterbestatistik zeigt, dass das Virus, von Ausnahmen abgesehen, v.a. für ältere Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich ist. Die Anzahl der auf Covid-19 zurückgeführten Todesfälle lag in der Schweiz für die Monate März bis Mai 2020 bei rund 1'660 Personen, bei einem Altersmedian von 84 Jahren. Zum Vergleich: Im Normalfall sterben in der Schweiz pro Jahr rund 1'500 Menschen an den Folgen der Grippe. Dabei ist zu beachten, dass sich die Anzahl der Todesfälle aufgrund von Covid-19 nur über einen Zeitraum von rund drei Monaten erstreckt und ohne die einschneidenden Massnahmen zur Eindämmung des Virus vermutlich wesentlich höher ausgefallen wäre.
Um die durch Covid-19 gefährdeten Personen zu schützen und um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, wurden unter dem Begriff 'Lockdown' praktisch in allen Ländern der Welt umfassende Massnahmen ergriffen. Verfassungsmässig garantierte Grundrechte wie die Versammlungs- und Gewerbefreiheit wurden teilweise stark eingeschränkt und grosse Teile der Wirtschaft heruntergefahren. Die Massnahmen haben die Sozialsysteme an den Anschlag gebracht, die Schuldenlast der öffentlichen Hand stark erhöht und viele Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht oder gar in den Konkurs getrieben. Viele Menschen haben ihre wirtschaftliche Basis verloren, wurden entlassen oder mussten mindestens temporär Lohneinbussen in Kauf nehmen. Die Mehrzahl der Länder dürfte noch über viele Jahre an den Folgen der Krise und deren Bewältigung zu leiden haben. Die Massnahmen wurden i.d.R. durch die Regierungen per Dekret verordnet und – wenn überhaupt – erst nachträglich demokratisch legitimiert. In der Schweiz wurden die vom Bundesrat ergriffenen Massnahmen im Rahmen einer Ausserordentlichen Session der Eidgenössischen Räte vom 4. bis 6. Mai 2020 nachträglich genehmigt.
Im Zusammenhang mit den staatlich verordneten Massnahmen stellen sich die folgenden ethischen Fragen:
- Inwiefern war die (vorübergehende) Aushebelung der demokratischen Entscheidprozesse durch die Anwendung von Notrecht ethisch vertretbar?
- War die starke Einschränkung der verfassungsmässig garantierten bürgerlichen Bewegungs- und Freiheitsrechte gerechtfertigt durch den erhöhten Schutz einer Bevölkerungsgruppe vor einer potenziell lebensgefährlichen Erkrankung?
- Waren die erheblichen Einschränkungen der verfassungsmässig garantierten Gewerbefreiheit und der entsprechenden hohen sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten vertretbar?
Im Weiteren wäre auch die Rolle der Medien während der Krise unter ethischen Gesichtspunkten zu beleuchten:
- Haben sie eine unabhängige, kritisch-neutrale und informative Berichterstattung zu Covid-19 gewährleistet?
- Waren Art und Umfang der Berichterstattung angemessen oder haben sie zu einer unnötigen Manipulation, Verängstigung und Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen?
Zu hinterfragen wären in diesem Zusammenhang insbesondere folgende Themen:
- Das zeitweise überproportional grosse Gewicht einer oft wenig reflektierten und dramatisierenden Berichterstattung zu Covid-19 in allen Medien.
- Unpräzise, irreführende und teilweise manipulative Aussagen und Statistiken (z.B. Vergleiche von Zahlenwerten die auf jeweils unterschiedlichen Kategorisierungen bzw. Messmethoden beruhten).
- Die boulevardeske Präsentation von Sterberaten und tragischen Einzelfällen (z.B. der Tod von Kindern und jungen Menschen durch Covid-19).
- Die meist unkritische Publikation von zahlreichen, nicht immer fundierten Einschätzungen und Spekulationen verschiedener Experten sowie die Verbreitung von wissenschaftlichen Studien mit offensichtlich erheblichen methodischen Mängeln (z.B. nach 2 Monaten Erfahrung bereits Aussagen über die Langzeitfolgen einer Covid-19 Infektion, die Prognose der Anzahl von Toten einer zweiten Welle oder die Übersterblichkeitsstudie in Italien für den März 2020).
Siehe dazu auch den Artikel aus dem » Infosperber vom 08.06.2020: » 13 irreführende und falsche Behauptungen zur Corona-Epidemie vom 08.06.2020 (pdf).
Eine Studie des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich kommt in ihrer » Medienmitteilung (pdf) zwar zum Schluss, dass die Qualität der Berichterstattung zur Corona-Pandemie "relativ hoch" war, stellt aber ebenfalls Defizite im Umgang mit Zahlen und Statistiken fest. Zudem erwiesen sich viele Medien in der sensitiven Phase vor dem Lockdown als zu wenig kritisch. Die Boulevard- und Pendlermedien seien "in ihrer Berichterstattung weniger vielfältig und neigen zu einer Vermittlung von Zahlen zur Pandemie ohne Einordnung." Eine "alarmistisch-dramatisierende, nur auf Bedrohung beruhende Berichterstattung" bleibe jedoch auch hier aus. Der letzte Punkt mag zwar auf die einzelnen Artikel bezogen stimmen, nicht jedoch im Hinblick auf die Gesamtwirkung der Berichterstattung, die durch die Menge, Auswahl und die Präsentation der Themen sehr wohl einen alarmistisch-dramatisierenden Effekt hatte. Der häufig unprofessionelle Umgang mit Zahlen und Statistiken auch in seriösen Medien stellt zudem einen ernsthaften Mangel dar. Von einer "relativ hohen Qualität" zu sprechen ist vor diesem Hintergrund eine zu wohlwollende Beurteilung.
Kommentar. Die Medien nehmen, neben Legislative, Exekutive und Judikative, als faktisch vierte Kraft im Staat eine wichtige Rolle wahr. Damit ist jedoch, gerade bei staatlich subventionierten Medien, auch eine gewisse Verantwortung für einen qualitativ hochstehenden, unabhängigen und kritisch-neutralen Journalismus verbunden. Angesichts der bevorstehenden Herausforderungen, u.a. durch den Klimawandel, ist es unabdingbar, dass sich die Bürger auf die Medien verlassen können. Geht das Vertrauen in die Medien verloren, besteht die Gefahr, dass sich die Menschen anderweitig informieren. Die Folge wäre, dass manipulierte Informationen und Verschwörungstheorien an Gewicht zunehmen. Das wäre keine gute Entwicklung, denn unsere direkte Demokratie baut darauf, dass sich die Bürger im Vorlauf zu Abstimmungen und Wahlen umfassend, faktenbasiert und neutral über die verschiedenen politischen Vorlagen informieren können. Totalitäre Staaten wie Russland und China haben jedoch alles Interesse daran, unser freiheitliches System zu diskreditieren und möglichst zu zerstören. Ihnen käme eine solche Entwicklung entgegen. Schaut man sich die Berichterstattung während der Covid-19 Krise an, kommen gewisse Zweifel auf, ob sich die Medien ihrer Verantwortung immer bewusst waren. Man hatte manchmal den Eindruck, als würde die Krise dazu genutzt, sich durch eine möglichst dramatische Berichterstattung zu profilieren, um damit Reichweite bzw. Klickzahlen und damit letztlich Werbeeinnahmen zu optimieren. Das gilt insbesondere für notorische Trash-Medien wie '20 Minuten', aber nicht nur.
Version vom 03. August 2020
|espirit.ch|