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Meine Knochen sind noch steif und ich entsteige nach einem unruhigen Schlaf dem Hotelbett. Der Wecker zeigt 0517 Uhr, draussen ist es stockdunkel und ich stelle mit Genugtuung fest, dass ich über 9 Stunden geschlafen habe. Weder Montréal noch der Warmwasserboiler scheinen wach zu sein. Ich verschiebe meine Morgendusche auf einen späteren Zeitpunkt, blicke aus meinem Fenster auf die Stadt und sammle meine Gedanken.
Diese Stadt zu meinen Füssen muss man einfach mögen!
Montréal und die Schweiz verbindet so einiges. Im Jahre 1988 haben uns die Québécois Céline Dion hinübergeschickt, damit die Schweiz für einmal am Eurovision Song Contest den letzten mit dem ersten Platz tauschen konnte und wir übernahmen als Gegenleistung den arbeitslosen Formel 1 Rennfahrer Villeneuve ins Sauber Team. Letztes Jahr belagerten Eishockeysöldner aus der Stadt am Fusse des Mont Royal die Schweizer Stadien und heute spielt Mark Streit bei den Canadiens mit der Nummer 32.
Die Chemie zwischen Montréal und der Schweiz scheint zu stimmen. Speziell erwähnt werden muss die besondere Situation bei den Landessprachen. Montréal pflegt Französisch zu sprechen und das will akzeptiert werden. Als Schweizer hat man hier gegenüber anderen Gästen einen uneinholbaren Vorsprung. Selbst wenn man wie ich nach der ersten Lektion in der Sekundarschule das Interesse an der Sprache Molières verloren hat, wird nur schon der Versuch, den accent aigu richtig zu betonen, mit Wohlwollen belohnt.
Als Deutschschweizer, der wie mein Jahrgang mit dem Lehrbuch von Staenz (où est la clef - voici la clef – elle est ici…) gepeinigt wurde, ist die Sprachtoleranz der Einheimischen ein Segen. Nicht wie unsere Freunde aus dem Welschland, die bei einer Annäherung eines Deutschweizers sofort auf die superschnelle und unverständliche Variante des Französischen wechseln, gibt sich der Bewohner Montréals richtig Mühe, deutlich und l a n g s a m Antwort zu geben.
Innerhalb Kanadas können die Québécois aber richtig auf stur schalten. Gemäss einer Verordnung aus dem Jahre 1977 müssen sämtliche Beschriftungen in öffentlichen Gebäuden, im Strassenverkehr und an privaten Gebäuden strikte Französisch beschriftet werden.
So kaufe ich meine Wasserflaschen beim Dépanneur, der Autofahrer hält vor einem Arrèt und nicht vor einem Stopp Schild und sogar die Fastfoodkette KFC (Kentucky fried Chicken) musste innerhalb Québéc’s auf PFK (Poulet frit Kentucky) umgetauft werden. Irgendwie erinnern mich die Québécois an unsere Jurassier, die dieses Jahr den Unspunnenstein einmal mehr entwendeten und das Ungetüm damit unfreiwillig vor den Augusthochwassern retteten.
Bei dieser Liebe zu der eigenen Muttersprache verwundert auch nicht, dass selbst im ach so regulierten Luftverkehr innerhalb der Sonderregion nicht selten Französisch am Flugfunk zur Anwendung kommt. Doch auch hier haben wir Schweizer einen uneinholbaren Vorsprung. Hinter dem Mikrofon am Flughafen Pierre Elliott Trudeau sitzt nämlich ein weiterer Kulturexport aus Schweizer Landen. Während wir die Flugzeugnase Richtung Nordatlantik drehen, werden wir von einer weichen, weiblichen Stimme mit einem ‚tschau zäme, händ na en schöne Flug!’ in die dunkle Nacht entlassen. Noch bevor der Pulsschlag sich beruhigt, bin ich einmal mehr davon überzeugt, dass Montréal eine Reise wert und Züridüütsch eine Weltsprache ist.