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Die Sehnsucht, ja sogar der Wille zu einer Erneuerung der anthroposophischen Gesellschaft, die in einen realen Zusammenhang mit ihrem geisteswissenschaftlichen und sozialen Gründungsimpuls zu treten vermöchte, regt sich in letzter Zeit in einer wachsenden Anzahl von Seelen. Dabei werden sie durch die Tatsache einer weltweit operierenden Gesellschaft konterkariert, deren Repräsentanten den Besitz des gesuchten geistigen Zusammenhanges in einer unbezweifelbaren, schicksalverhafteten Verbindung der Gesellschaft mit ihrem Begründer voraussetzen und gleichzeitig Gedanken äussern und Massnahmen ergreifen, die mit der ursprünglichen Konstitution der Gesellschaft unverträglich sind.
Auch wenn das Erkennen dies nicht zu bestätigen vermag, so soll es durch das daraufhin interpretierte Handeln geschehen. Dabei besteht ein starkes, wenn nicht gar das stärkste Argument im bewunderten und rege benutzten Goetheanumbau (man kann sich die Ausstrahlung derselben Hochschule hypothetisch vor Augen führen, wenn sie ohne museale Reminiszenzen zum Wirkensort Rudolf Steiners etwa in einem Industriebau von Duisburg angesiedelt wäre). - Rückblicke auf die tragische Gesellschaftsgeschichte wie auch Standortbestimmungen als Voraussetzung für illusionsfreie Initiativen geistiger Erneuerung werden den Sorgen ernsthafter Schüler Rudolf Steiners um den Schutz und die Substanz des anthroposophischen Kulturimpulses einher gehen müssen.
In den letzten Jahren wurden im Zusammenhang historischer Aufarbeitung suggestiv wirkende Äusserungen Rudolf Steiners in Umlauf gebracht, obwohl sie bereits vor vielen Jahren als Fälschungen nachgewiesen wurden (etwa jene, dass Kaspar Hauser badischer Kronprinzip gewesen sei oder dass es sich beim Norweger Marcelo Haugen um den wieder inkarnierten Faust gehandelt habe u.a. - Zu letzterem siehe Trapp, Wiesberger, Kugler in "Das Problem der Authenzitität von im Umlauf befindlichen und Rudolf Steiner zugeschriebenen Texten" in "Beiträge zur Gesamtausgabe Rudolf Steiners" N°105, Michaeli 1990). -
Die groteske Abwesenheit eines gesunden Wahrheitsempfindens zeigt sich dann, wenn eine ganze Reihe von Schriften in anthroposophischen Verlagen erscheint, welche die unbezweifelbaren Fälschungen Rudolf Steiners als hypothetische Lieblingskonstrukte weiterhin mit in ihre Überlegungen und Forderungen einbeziehen. Die Fälschungsnachweise wurden dabei entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder nach ihrer Kenntnisnahme verdrängt, wenn sie der "esoterischen" Ausrichtung des Autors, das heisst seiner subjektiven Vorlieben, entgegen standen. Hier sollen diese Schriften keine Erwähnung finden. Im Dunst der erzeugten und fortlebenden Lügen werden sogar Tagungen zum gesellschaftlichen Neustart der anthroposophischen Gesellschaft durchgeführt, wofür regelmässig ein Erzengelwesen als Schirmherr aufgerufen wird. Ungesicherte, hypothetische Vorstellungen lähmen den Blick auf das Wesentliche im "Esoterikspielen" aufgrund ungeprüfter und unprüfbarer Angaben des Typus "Rudolf Steiner soll zu diesem oder jenem geäussert haben ...".
Die "Aufschreibungen" von Gesprächen zwischen Ludwig Polzer-Hoditz und Rudolf Steiner bestimmen dabei manche der programmatischen Vorstösse in ein erträumtes "michaelisches" Zeitalter, obwohl auch bei ihnen der Nachweis, dass es sich um plumpe Fälschungen handelt, nicht schwer fällt. Er wurde bereits vor vielen Jahren im Nachrichtenblatt "Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht" vom 9. Febr.1997 von Heinz Matile und Andreas Meister erbracht.
Aus gegebenem Anlass sei an dieser Stelle der Fälschungsnachweis nochmals in Erinnerung gerufen.
Ich stehe mitten in den Reisevorbereitungen zu einem längeren Aufenthalt nach Südindien, was dazu führt, dass ich nicht im einzelnen auf einzelne Erscheinungen des gesuchten Neuaufbruchs innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft einzugehen vermag. Zu einem entscheidenden Phänomen (das viele unter der irrtümlichen Vorstellung "Verkauf der Bücher Rudolf Steiners waren im Goetheanum bis 1968 verboten" ansprechen) besteht eine erläuternde Verständnishilfe in meiner 3-bändigen Dokumentation der Tätigkeit von Herbert Witzenmann am Goetheanum, welche in der Buchhandlung am Goetheanum vorliegt.
Vielleicht zeigt sich nach meiner Rückkehr von Indien die Notwendigkeit, konkreter auf die angedeute Aufgabe einzutreten. Es wird dies im Zusammenhang mit der Notwendigkeit stehen müssen, das gemeinsame Bewusstsein derjenigen zu stärken, die im Blick auf das epochale Wagnis eines neugestifteten Bildungs- und Rechtslebens, das Rudolf Steiner an der Jahreswende 1923/1924 einging, ihre schicksalsschwere Verantwortlichkeit zu erkennen vermögen. Dabei kann auch Albert Steffens Tagebucheintrag vom 3. April 1925, dem Jahrestag des Golgotha-Geschehens, da dieser nunmal bereits vor sieben Jahren von Heinz Matile von der Albert Steffen Stiftung zur Veröffentlichung freigegeben wurde, nicht übergangen werden, wie unerträglich sein Inhalt auch für viele Anthroposophen sein mag.