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Roland Baines ist noch ein Kind, als er 1958 im Internat der Person begegnet, die sein Leben aus der Bahn werfen wird: der Klavierlehrerin Miriam Cornell. Roland ist junger Vater, als seine deutsche Frau Alissa ihn und das vier Monate alte Baby verlässt. Es ist das Jahr 1986. Während die Welt sich wegen Tschernobyl sorgt, beginnt Roland, nach Antworten zu suchen, zu seiner Herkunft, seinem rastlosen Leben und all dem, was Alissa von ihm fortgetrieben hat.
Ian McEwan entfaltet in seinem neuen Roman das Leben eines ganz gewöhnlichen Mannes. Geboren wird Roland Baines 1948 als Sohn eines britischen Offiziers. Seine frühe Kindheit verbringt er in Libyen, wo sein Vater stationiert ist. Mit elf Jahren kommt er nach England in ein Internat. Die Trennung von der Mutter fällt dem sensiblen Jungen schwer, doch das Internatsleben erweist sich als weniger schlimm wie befürchtet. Dagegen wird die Begegnung mit der mehr als zehn Jahre älteren Klavierlehrerin prägend für sein weiteres Leben. Belässt sie es bei dem elfjährigen Jungen noch bei sonderbaren körperlichen Übergriffen, entwickelt sich drei Jahre später daraus eine obsessive sexuelle Beziehung. Erst als Erwachsener wird Roland erkennen, welche seelischen Narben dieser Missbrauch bei ihm hinterlassen hat. „ Diese Klavierlehrerin….Die hat dein Hirn neu verdrahtet.“ So wird seine spätere Ehefrau Alissa darüber urteilen.
Nur mit der Flucht von der Schule schafft es Roland, sich aus diesem Verhältnis zu befreien. Doch er wird ruhelos sich durch sein weiteres Leben treiben lassen, wird nichts aus seinen Talenten machen. Kein Dichter, sondern Verfasser von Gebrauchstexten, keine Karriere als klassischer Pianist, sondern nur einen Job als Barpianiist. Auch privat scheitert er.
In der Anfangsszene des Romans befindet sich der Enddreißiger Roland sitzengelassen von seiner Frau Alissa mit dem 7 Monate alten Baby in seiner Londoner Wohnung. Alissa hat ihn verlassen, weil ein Familienleben mit Kleinkind sich nicht mit ihren Vorstellungen eines Schriftstellerlebens vereinbaren ließ. Nun versucht Roland völlig überfordert von seiner neuen Rolle als alleinerziehender Vater, seinen Sohn von der drohenden atomaren Wolke aus dem fernen Tschernobyl zu schützen.
McEwan begleitet seinen Protagonisten bis in sein 7. Jahrzehnt. Sein Anliegen ist es, ein individuelles Leben zu beschreiben und gleichzeitig die politischen Hintergründe und die gesellschaftlichen Entwicklungen in die Biographie einzuarbeiten. So treibt die Angst vor einem dritten Weltkrieg Roland in die offenen Arme seiner Klavierlehrerin. ( „ Was, wenn du stirbst, bevor die < es> getan hast?“). Vom Nachkriegsdeutschland über die Suez- Krise, vom Dissidentenleben in Ostberlin bis zum Fall der Berliner Mauer, vom Brexit bis zum Lockdown in Corona- Zeiten, all das beeinflusst mal mehr, mal weniger das Schicksal seines Protagonisten. Dabei kann Roland ein privilegiertes Leben führen, keines, das von Krieg und Verfolgung überschattet ist, sondern die geschichtlichen Ereignisse streifen ihn nur, lassen ihn kurz innehalten. „ Sein zufälliges Glück entzog sich aller Berechnung - 1948 im beschaulichen Hampshire geboren, nicht 1928 in der Ukraine oder in Polen, nicht 1941 von den Stufen der Synagoge herabgesetzt und hierher gebracht. Seine weiße Zelle - eine Klavierstunde, eine zu frühe Affäre, die abgebrochene Schule, die verschwundene Ehefrau - vergleichsweise eine Luxussuite. Falls er im Leben bisher gescheitert war, wie er oft fand, dann im Angesicht der Großzügigkeit der Geschichte.“
McEwan greift in diesem Roman viele Fragen auf. Was bestimmt unser Leben? Sind es die Prägungen, die man durch Eltern und das soziale Umfeld erlebt? Sind es Zufälle, die ihre Spuren hinterlassen und was entscheidet man dabei selbst? Und wann gilt ein Leben als gelungen und erfolgreich? Wenn man, wie Alissa ein großes literarisches Werk hinterlässt, dafür aber Mann und Kind geopfert hat und nun einsam und krank in der Wohnung sitzt. Oder kann nicht Roland die bessere Lebensbilanz aufweisen, obwohl er nichts aus seinen Talenten gemacht hat, eher planlos durchs Leben gestolpert ist, dafür aber am Ende seinen Frieden gefunden hat und glücklich im Kreis seiner Familie lebt?
McEwan liefert keine eindeutigen Antworten. Es gibt keine direkten Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Dafür zeigt er, wie Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt, welche Konsequenzen einmal getroffene Entscheidungen haben können.
Das ist dramaturgisch höchst kunstvoll gelöst. McEwan erzählt nicht streng chronologisch, sondern springt vor und zurück in der Handlung. Dabei verbinden sich die verschiedenen Ebenen sehr organisch, die einzelnen Erzählfäden werden immer wieder aufgegriffen. Er erzählt in einer klaren und präzisen Sprache, nüchtern und schnörkellos. Dabei entwickelt das Buch einen Lesesog, dem ich mich kaum entziehen konnte.
Roland Baines ist eine Figur, die mir am Ende richtiggehend ans Herz gewachsen ist. Mag er gesellschaftlich eher auf der Verliererseite stehen, so ist er menschlich gereift. Seinem Sohn gegenüber hat er sich stets bemüht, ein verlässlicher Vater zu sein. Und in seiner Rolle als Großvater findet er eine letzte Erfüllung.
Der Roman wirft mich in vielem auf eigene Erfahrungen zurück. Wie habe ich selbst die großen historischen Umbrüche erlebt? Welche Ideale mussten einer Ernüchterung weichen? „ Wie - … - waren wir alle, Stunde um Stunde, innerhalb einer Generation vom erregenden Optimismus des Berliner Mauerfalls zum Sturm auf das US- Kapitol gelangt?“ Diese Frage in seiner Resignation stelle ich mir auch.
Aber auch die ganz privaten Themen, die im Leben dieses Anti- Helden eine Rolle spielen, sind von allgemeiner Gültigkeit. Über Kindererziehung, Beziehungsfragen, dem Verhältnis zu den Eltern, über das Alter, Krankheit und Tod macht sich Roland seine Gedanken und der Leser vergleicht mit seinen eigenen Erfahrungen.
Dies ist McEwans umfangreichster Roman, aber auch sein persönlichster. Nicht nur teilen der Autor und seine Hauptfigur dasselbe Geburtsjahr und denselben Geburtsort, es lassen sich zahlreiche weitere Parallelen zu McEwans eigener Biographie finden. Seine Kindheit in Libyen als Sohn eines Offiziers, seine Jahre im Internat, seine Erfahrungen beim Fall der Berliner Mauer fließen in den Roman ein. Auch McEwan erfuhr erst nach dem Tod seiner Mutter, dass es einen älteren Bruder gab, der bei Adoptiveltern aufgewachsen ist. Nur eine solche Klavierlehrerin gab es nicht.
Durch die Schriftstellerin Alissa erklärt der Auto , wie Schreiben funktioniert : „ Ich borge mir hier was und da. Ich erfinde. Ich schlachte mein eigenes Leben aus. Ich bediene mich überall, verändere, biege es mir so zurecht, wie ich es brauche.“
Der Roman ist für mich ein klassisches Alterswerk. McEwan hat hier alles reingepackt, was ihm das Leben als Lektionen erteilt hat. Dazu passt der versöhnliche Ton im Privaten und die Skepsis, was die Weltlage betrifft. Ein Meisterwerk!
Reise durch das Leben eines Mannes
Bewertung am 29.11.2022
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Rolands Baines Vater ist Major und schickt seinen Sohn auf ein englisches Landinternat. Es ist eine prägende Erfahrung. Roland lernt die Klavierlehrerin Miriam Cornell kennen, die sein Leben für immer verändert. Später, Mitte der 1980er Jahre, verlässt Rolands deutsche Frau Alissa ihn und den gemeinsamen kleinen Sohn abrupt, um ihren literarischen Ambitionen nachzugehen - und Roland gerät unter Mordverdacht: Die Polizei glaubt, dass er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte. Aber "Lektionen" ist eigentlich die Geschichte von Rolands Leben vor dem Hintergrund der turbulenten europäischen Geschichte, einschließlich des Falls der Berliner Mauer. Es endet mit den Folgen des Brexit. Es ist ein Versuch, das Leben eines Mannes durch das Geschehen der Weltgeschichte erzählen. Aber es ist auch eine Liebesgeschichte. Und stellenweise ein bisschen wie ein Thriller. Diese außergewöhnliche Mischung macht den Roman für mich total besonders, außerdem fesselnd und bezaubernd. Ich kann den Roman allen McEwan Fans empfehlen und denen, die es gerne werden wollen!