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Ort des aufgerissenen Himmels?!
Symbol Christi oder Bild der Kirche? "Ort des aufgerissenen Himmels", "Opferaltar" und "Tisch des Herrn" oder "Schwelle"? Über einen hoch symbolischen Ort.
Die Wortbedeutung Altar, lateinisch altare von adolere = verbrennen, hilft in der Frage nach dem theologischen Sinngehalt des christlichen Altars nicht weiter: Auf heidnischen Ältaren wurden Opfer verbrannt, auf dem christlichen konnte es keine Verbrennung von Opfermaterie geben, waren doch mit Tod und Auferstehung Christi alle Opfer hinfällig. Der Abend vor seinem Tod und der Abend des Auferstehungstages sind jedoch durch eine bestimmte Handlung zusammengebunden: Er, Christus, nahm das Brot, sprach den Lobpreis darüber, brach es und gab es den Seinen (Lukas 22,19 und 24,30). An dieser Handlung erkennen ihn die Emmausjünger wieder. Jetzt merken sie, dass er in ihre Mitte getreten ist.
Mitte der Versammlung: Tisch des Herrn
Das Brechen des Brotes gehört schon zu den Versammlungen der ersten christlichen Gemeinden. Weil sie keine Nomaden waren, die Brot und Wein auf einem Teppich auf dem Boden ausbreiten, brauchten sie einen Tisch für Brot und Wein. Einen Tisch grenzt Paulus scharf vom Altar mit Götzenopferfleisch ab (1 Korintherbrief 10,14-22): „Ihr könnt nicht Gäste sein am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen." (1 Korintherbrief 10,21) Dieser Tisch versammelt keineswegs eine rein menschliche Gemeinschaft, eine nur horizontal verstandene Tischgemeinschaft, sondern er ist Gemeinschaft mit dem zum Vater erhöhten Herrn. Die neutestamentliche Wendung „Tisch des Herrn" ist damit eine theologische Aussage über den Ort der Eucharistie, die in den offiziellen Dokumenten zur Liturgie immer wieder auf den christlichen Altar bezogen wird. Auch wenn der Altar in den ersten Jahrhunderten die Form und Gestalt eines Tisches hatte, war er keineswegs nur der Küchentisch der frühchristlichen Gemeinde! Ein horizontalistisches Verständnis verhindert gerade die Wendung "Tisch des Herrn."
Der Kelch, über den der Lobpreis gesprochen ist, und das gebrochene Brot – sie gelten Paulus als Teilhabe an Leib und Blut Christi (1 Korintherbrief 10,16). Dieses Essen und Trinken stiftet Gemeinschaft mit Christus (1 Korintherbrief 10,17). ER ist die Mitte. ER verbindet zu einem Leib - damals und auch heute in jeder Messfeier. Den hier deutlich werdenden Unterschied zum nichtchristlichen Kult formulierte Joseph Kard. Ratzinger/Benedikt XVI. so: „Den ‚Kult' vollzieht Christus selbst in seinem Stehen vor dem Vater, er wird der Kult der Seinigen, indem sie sich mit ihm und um ihn versammeln." Räumlicher Ausdruck dieser Versammelung mit und um Christus wurde die Versammlung der Kirche um den Altartisch. Von daher empfängt der Altartisch seine Würde. Deshalb küsst ihn der Priester zu Beginn der Messe, deshalb verneigen sich katholische Christen vor dem Altar.
Symbol Christi und Bild der Kirche
Erst als Christen Kirchen als dauerhafte öffentliche Gebäude errichten konnten, trat an die Stelle eines tragbaren Tisches aus Holz ab dem 4. Jahrhundert mehr und mehr ein dem Boden fest verbundener Altar mit einer steinernen Tischplatte. Die Mitte der Versammlung, die von den Anfängen an Christus bildete, zog mit der Etablierung fester Steinaltäre eine biblische Metapher für den Altar an: Christus ist lebenspendender Fels (1 Korintherbrief 10,4), er ist Eckstein (1 Petrusbrief 2,7f), Schlussstein (Epheserbrief 2,20) oder lebendiger Stein (1 Petrusbrief 2,4). Natürlich hiess dies nicht, dass man einen Findling als Altarstein in der Mitte des Kirchenraums plaziert hätte!
Ort der Hingabe an den Vater
Vom Geschehen auf dem Altar, der Feier der Eucharistie, abgeleitet, zieht der christliche Altar also völlig legitim verschiedene Bedeutungen an sich. Vom Tisch des Herrn über den Altar als Christussymbol reichen die Bedeutungen weiter bis zum Geheimnis der Trinität: Jenes Gebet, das am Altar gesprochen wird, das Eucharistische Hochgebet, richtet sich nicht an Christus, sondern durch ihn im Heiligen Geist an den Vater. Christus selber hatte seinen Lobpreis über Brot und Wein an den Vater gerichtet. Die Hingabe Christi am Kreuz zum Heil der Menschen ist seine Hingabe an den Vater, das letzte und endgültige Einswerden mit seinem Willen. Als Hingabe des Lebens war das ein Opfer. Die Eucharistie ist Gedächtnis an diese Hingabe, sie wird in der Feier als Gedächtnis des Kreuzes gegenwärtig. In dieser Hinsicht kann man den Altar als Opferaltar bezeichnen, was allerdings mit dem heidnischen Opferaltar und seiner immer wieder nötigen Wiederholung von Opfern rein gar nichts zu tun hat. Vielmehr zieht die Eucharistie die feiernde Versammlung in die Hingabebewegung Christi an den Vater durch den Heiligen Geist hinein. Der Altar ist damit nicht nur Mitte, die Christus repräsentiert, sondern Ort der Hinwendung zum Vater – wie sich ja auch das am Altar gesprochene Hochgebet an den Vater richtet, durch Christus, aber nicht an Christus.
Schwelle
Sind Fels und Leib eher statische Metaphern, so beschreibt der Architekt Rudolf Schwarz (1897-1961) den Altarort in dynamischen Kategorien. Er findet dabei ein weiteres, aussagekräftiges Bild für den christlichen Altar, die Schwelle: „Nicht miteinander haben wir es zu tun beim Gottesdienst, sondern alle zusammen haben wir es mit Gott zu tun und Gott mit uns allen zusammen, und zwar ‚durch Christus': Ort des Durchgangs, des Überschritts von den Menschen zum Vater ist der Altar. Das Ziel dieser heiligen Bewegung ist der Vater, ihr Weg aber führt durch den Herrn, den Durchgang, die Schwelle, den Mittler, die offene Stelle im Gefüge der Welt." Christus ist Mittler zwischen Gott und den Menschen (1 Timotheusbrief 2,5). Auf den Altar als Symbol Christi und Bild der Kirche übertragen, erscheint dieser nun als Schwelle: Hier begegnen sich Gott und Mensch durch und in Christus.
Überschritt zum Himmel
Zum Versammeln um die Mitte, die Christus ist und die der Altar symbolisiert, kommt am selben Ort also die Ausrichtung nach oben. Im Hinblick auf diese Ausrichtung nach oben heisst es bei Joseph Kard. Ratzinger: „Der Altar ist gleichsam der Ort des aufgerissenen Himmels; er schliesst den Kirchenraum nicht ab, sondern auf – in die ewige Liturgie hinein." Er ist Schwelle zwischen Erde und Himmel. Was einst sein wird, das himmlische Gastmahl, reicht in der Feier schon jetzt in menschliche Zeit hinein.
Gunda Brüske

Stichwort
Beispiel
"Der Altar ist ein Glasschrein, an dem Kinder und Mitarbeiter der Gemeinde aktiv mitgebaut haben, indem sie Glasbrocken, einen oder mehrere, hineinlegten und den transparenten Quader verschlossen. Der Altar aus Glas, gewissermassen zusammengefügt aus Materie und Licht, ist ein starkes Zeichen für die Inkarnation Gottes, in der sich Himmel und Erde verbinden."
Heimo Kaindl
Geistlicher Impuls"Der Altar ist der Tisch, zu welchem uns der Vater im Himmel lädt. Durch die Erlösung sind wir Sohne und Töchter Gottes geworden, und sein Haus nimmt uns auf. Am Altar sind wir Genossen seines heiligen Tisches. Die Hand des Vaters reicht uns hier das ‚Brot vom Himmel', nämlich das Wort der Wahrheit und, jede erdenkbare Gabe übersteigend, seinen menschgewordenen Sohn, den lebendigen Christus. (Joh 6) Was uns gegeben wird, ist also leibhaftige Wirklichkeit und sinnhafte Wahrheit zugleich, Leben und Person, Gabe schlechthin."
Romano Guardini (1885-1968)
Beispiel
Altar der Sophienkirche (evangl.) München-Riehm 2005
"Der Altar besteht aus 4 quadratischen Stahlhohlkörpern, in denen gerissene Tonstücke eingelassen sind. Sie bilden zusammengestellt ein Kreuz, das durch die Architektur des Kirchendaches von oben natürliches Licht erhält. Das Kreuz liegt der Sonne, dem Licht, aber auch der Dunkelheit gegenüber."
"Der Altar, auf dem das Kreuzesopfer unter sakramentalen Zeichen gegenwärtig wird, ist auch der Tisch des Herrn, an dem das Volk Gottes in der gemeinsamen Messfeier Anteil hat. Er ist zugleich Mittelpunkt der Danksagung, die in der Eucharistiefeier zur Vollendung kommt."
Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 259
Links
Das klassiche, zweibändige Standartwerk von Joseph Braun ist online zugänglich bei der Universitätsbibliothek Heidelberg: