Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/1898

Aargauer Landidylle. Ein Bauernhaus im Dorfzentrum von Ammerswil, dazu 2000 Quadratmeter Umland. Es riecht nach frisch gemähten Wiesen und nach Pferden. Hier, in ihrem Elternhaus, hat Janine Freis fast ihr gesamtes Leben verbracht. Hier hat sie einen Gnadenhof aufgebaut. Hier ist ihr Sohn aufgewachsen.
«Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind über die Wiesen rannte und dachte, nichts könne mir etwas anhaben», erzählt sie, die zweijährige Tochter Mina auf dem Schoss. «Mein Sohn hat hier auf dem Vorplatz seine ersten Schritte gemacht.»
Doch nun ist alles anders. Das Bauernhaus gehört nicht mehr Freis’ Familie, und der Gnadenhof steht vor dem Aus. Die Misere begann, als Arthur Freis, Janines Ehemann, erkrankte. «Sein Leiden und die Ignoranz der Behörden haben unsere Familie und all unsere Pläne zerstört.»
«Ich habe nicht gesehen, wie zerrissen er war»
Arthur und Janine Freis lernen sich 1999 über Freunde kennen. Einige Jahre später werden sie ein Paar. «An Arthur hat mir seine bodenständige, loyale Art gefallen. Ich fühlte mich bei ihm sicher.» 2004 kommt David zur Welt. In dieser Zeit hat Arthur Freis eine schwere depressive Episode, hat Suizidgedanken .
Das war für seine Frau ein Schock. Sie habe zwar gewusst, dass er aus einem sehr restriktiven Elternhaus kommt und keine einfache Kindheit hatte. «Aber wie zerrissen er innerlich war, habe ich nicht gesehen», sagt Janine Freis. Sie sei sich sicher gewesen, dass sie seine Depressionen gemeinsam würden besiegen können.
Die schönen Jahre
2009 kann das Paar Janine Freis’ Elternhaus kaufen. Da Arthur Freis der Hauptverdiener der Familie ist, lautet der Kaufvertrag auf ihn. Er enthält aber eine Klausel, die Janine Freis 300'000 Franken in bar sichert, falls sie das Haus verkaufen sollten. Festgehalten ist auch, dass jeglicher Gewinn aus dem Verkauf an Janine Freis geht. «Meinem Vater war es wichtig, dass ich abgesichert bin.» Wenige Monate später heiratet das Paar.
Arthur Freis ist Mechatroniker, er hat einen guten Lohn. «Das waren schöne Jahre. Ich hatte das Gefühl, dass Arthur stabil war. Wir waren zufrieden mit unserem Leben.» Janine Freis beginnt in dieser Zeit, einen Gnadenhof aufzubauen. Heute leben vier Pferde, vier Ziegen, drei Katzen und zwei Hunde auf dem Betrieb. «Ich wollte mich schon als Kind um vernachlässigte Tiere kümmern.» Sie gründet zudem den Verein «Raum für Begegnung», mit dem sie Menschen in schwierigen Lebenssituationen betreut.
Sehstörungen, Krampfanfälle, Amnesie
Im Herbst 2014 wird Arthur Freis wegen seiner Depressionen krankgeschrieben . Einige Wochen später erleidet er über Nacht einen Visusverlust – er kann von einem Tag auf den anderen nichts mehr sehen.
«Das war einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. Wir konnten uns nicht erklären, woran es lag.» Arthur Freis hat auch Krampfanfälle und verliert sein Gedächtnis. Er leide an einer dissoziativen Störung, verbunden mit Amnesie, Seh- und Bewegungsstörung, steht in den medizinischen Unterlagen. Er einigt sich mit seinem Arbeitgeber, den Arbeitsvertrag aufzulösen, und meldet seine Ansprüche Mitte 2015 bei der Invalidenversicherung an.
«Sie holen auch noch meinen letzten Batzen. Ich wollte damit eine neue Zukunft aufbauen.»
Von der IV gibts keine Rente
Die Familie lebt in den kommenden Monaten von der Krankentaggeldversicherung und Janine Freis’ Einkommen. Sie arbeitet 20 Prozent in einem Aquaristik-Fachgeschäft und putzt auf Stundenlohnbasis Aquarien in Arztpraxen. Pro Monat verdient sie damit rund 1000 Franken – «das reichte nicht». Die Familie musste auf ihre Ersparnisse zurückgreifen. «Das war bitter. Mehr arbeiten konnte ich nicht, da ich mich um den Hof und meinen Sohn kümmern musste.» Im Oktober 2016 teilt die IV-Stelle mit, Arthur Freis’ Antrag sei abgelehnt. Er bekomme keine Invalidenrente.
Das zog Janine Freis den Boden unter den Füssen weg. «Wir hatten noch Geld für drei Monate.» 2017 muss sie für ihre Familie bei der Gemeinde Sozialhilfe beantragen . «Das war ein schwerer Gang. Ich bin nicht der Typ, der vom Staat abhängig sein will.» Im April wird Janine Freis erneut schwanger. «Ungeplant. Ich freute mich einerseits, aber ich fragte mich auch, was wohl die Leute von der Gemeinde sagen würden. Ein Kind bedeutet ja auch höhere Kosten.»
Harte Trennung
Arthur Freis erhebt gegen den Beschluss der IV-Stelle Einspruch, im Februar 2018 wird er erneut von einem Psychologen begutachtet – und erhält im Juli einen zweiten negativen Bescheid. Er legt gegen beide Verfügungen Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons Aargau ein. Die Gemeinde sei bis zu diesem Zeitpunkt sehr kulant gewesen. «Sie sagten, das sei ja eine Übergangszeit, und die IV werde schon zahlen», erzählt Janine Freis.
Im September 2018 geht Arthur Freis in die Klinik . «Er teilte mir mit, dass er nicht mehr nach Hause kommen werde. Der Druck von aussen sei zu gross. Er könne nicht mehr», sagt seine Frau. Es ist das Ende ihrer 16 Jahre dauernden Beziehung. «Die Krankheit und das IV-Verfahren haben uns unser gemeinsames Leben gekostet.»
Die Trennung sei sehr hart gewesen. Plötzlich steht sie mit den Kindern allein da. Im November verfügt die Gemeinde, dass Arthur Freis seine Liegenschaft per Ende Juni 2019 verkauft. Unterstützte Personen hätten im Kanton Aargau grundsätzlich keinen Anspruch auf die Erhaltung von Grundeigentum, steht im Protokoll des Gemeinderats. «Ich war bestürzt. Mir war es auch nicht recht, dass wir der Gemeinde auf der Tasche liegen mussten, aber ich bin da unverschuldet reingerutscht.»
Der Mann verkauft das Haus
Ein Verkauf könnte für die Gemeinde von Vorteil sein. «Das Grundstück ist Bauland. Da haben sicher einige ein Auge daraufgeworfen», meint Janine Freis. Sie sorgt sich um die Zukunft ihrer Kinder . «Ich wollte sie nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reissen. Vor allem mein Sohn hatte sehr zu kämpfen. Ihm geht der Zustand seines Vaters sehr nahe.» Sie weiss auch nicht, wo sie die Tiere unterbringen soll. «Ich hatte mir hier über Jahre etwas aufgebaut.»
Im Juni 2019 weist das Versicherungsgericht die Einsprache von Arthur Freis ab, mit der Begründung «Aggravation seines Gesundheitszustands» – also: Er übertreibe. Er reicht daraufhin beim Bundesgericht eine Beschwerde ein. Einen Monat später verkauft er das Haus für 1'050'000 Franken an einen Bekannten. «Dieser Kollege wollte uns helfen. Er lässt mich und die Kinder zur Miete im Haus leben. Wir hatten grosses Glück», sagt Janine Freis.
Sie mag nicht mehr kämpfen
Einen Gewinn kann Arthur Freis nicht erzielen. Der Grossteil wird für die Hypothek, Notariatskosten und Steuern benötigt. Janine Freis erhält 415'000 Franken. Damit bezahlt sie ihren Anteil der Sozialhilfeschulden an die Gemeinde zurück, rund 54'000 Franken. Zudem habe sie über 100'000 Franken wegen Nachlassangelegenheiten bezahlt, weitere Rechnungen beglichen und für 25'000 Franken das Aquaristik-Fachgeschäft gekauft, um ihr Einkommen aufzubessern. «Ich war sehr glücklich, dass ich mir nicht mehr so bedürftig vorkam.»
Im Oktober 2019 gibt das Bundesgericht Arthur Freis teilweise recht und verfügt die Anfertigung eines neuen Gutachtens . Kurz darauf erhält Janine Freis von der Gemeinde die Aufforderung, auch den Schuldenanteil ihres Mannes zu begleichen. Die ausstehenden 37'500 Franken soll sie im Sinn der solidarischen Verpflichtung bezahlen.
«Für mich ist das reine Schikane. Sie holen auch noch meinen letzten Batzen. Mit dem Geld wollte ich eine neue Zukunft aufbauen.» Janine Freis verweigert die Zahlung. «Wo bleibt die Solidarität mit einer alleinerziehenden Mutter , die ihren Mann an eine heimtückische Krankheit verloren hat?», fragt sie.
Keine Zeit, um etwas aufzubauen
Janine Freis kann auch keine Alimente geltend machen. Ihr Mann ist noch immer als nicht leistungsfähig eingestuft. Auch deshalb kann sie nicht verstehen, warum die Gemeinde nicht den Entscheid der IV-Stelle abwarten konnte.
Janine Freis’ Blick wandert über die Wiese. Die dunklen Haare fallen ihr ins Gesicht. Unter den Augen zeichnen sich Ringe ab. «Das hätte mir Zeit gegeben, etwas aufzubauen.» An der Sehbehinderung ihres Mannes habe sich nichts geändert. «Bekäme Arthur eine IV-Rente, könnte er seine Schulden vielleicht selber bezahlen.» Die Eheleute, die eine Trennungsvereinbarung unterzeichnet haben, pflegen noch immer ein gutes Verhältnis miteinander.
«Ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen»
Janine Freis verdient mit ihrem Aquaristik-Geschäft um die 2000 Franken pro Monat. «Das ist nicht viel. Ich muss jeden Monat auf das verbliebene Geld aus dem Hausverkauf zurückgreifen.» Im Dezember reicht die Gemeinde ein Arrestbegehren gegen sie ein. Es wird abgelehnt. Als sie den Schuldenanteil ihres Manne noch immer nicht bezahlen will, leitet die Gemeinde eine Betreibung ein.
Im April bezahlt Janine Freis die Rechnung schliesslich. «Ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen.» Die Gemeinde Ammerswil wollte sich auf Anfrage des Beobachters dazu nicht äussern.
Auf dem Konto von Janine Freis liegen nun noch 20'000 Franken. Wenn dieses Geld aufgebraucht sei, müsse sie wieder auf das Sozialamt. «Ich muss meinen Kopf für ein IV-Verfahren hinhalten, das kein Ende nehmen will. Es kann doch nicht sein, dass ein einzelner Krankheitsfall die Existenz einer ganzen Familie bedroht.»
Unterstützen auch Sie die Stiftung SOS Beobachter mit Ihrer Spende!
In der Rubrik «Der Fall» geht es um Geschichten von Menschen, die eine Phase durchmachen, in denen es das Leben nicht gut meint mit ihnen. Auch die Stiftung SOS Beobachter unterstützt Menschen, die einen Schicksalsschlag verkraften müssen – mit einer Spende können Sie mithelfen.