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SKZ: Abbé Donzé, am 20. November 2023 öffnete das «Espace Maurice Zundel» in Lausanne seine Türen. Die Kapelle wird Ende April 20242 eingeweiht. Was ist die Leitidee dieses Espace?
Marc Donzé: Zwei Leitgedanken führten zu seiner Entstehung. Der erste hat mit dem Standort zu tun: Dieser liegt 100 m südlich des Bahnhofs Lausanne, in der Nähe einer U-Bahn-Station, an einem sehr belebten Ort. Daher war es naheliegend, für Menschen einen offenen Ort des Willkommens, des Zuhörens, der Innerlichkeit und des Feierns zu schaffen. Wir liessen uns auch von spirituellen Orten in der Nähe von Bahnhöfen, wie St-Louis d‘Antin in der Nähe des Gare St-Lazare in Paris, inspirieren. Der zweite Leitgedanke betrifft Maurice Zundel, der die letzten 30 Jahre seines Lebens in diesem Quartier verbrachte. Zundel war Priester. Papst Paul VI. bezeichnete ihn als «geistliches Genie mit blitzartigem Glanz». Zundel lebte und entwickelte eine sehr offene Denkweise, die die Würde jedes Menschen anerkennt und die Grösse des Menschen in Richtung Grosszügigkeit betrachtet. Gleichzeitig hörte er nie auf, von Gott zu sprechen, der ganz Liebe, ganz Herz, ganz Geschenk ist; ein Gott, der ein Freund des Menschen ist. Zundels Ausstrahlung inspirierte die pastorale Ausrichtung des «Espace».
Wie kam es zur Errichtung dieses Zentrums?
Es gab vorher eine Kapelle und Räume auf dem Gelände Mon-Gré, in der Nähe des Bahnhofs Lausanne. Die Pfarrei Sacré-Cœur d‘Ouchy, Eigentümerin des Geländes, beschloss, hier einen innovativen Ort zu schaffen, an dem Menschen von heute ihrem Bedürfnis nach Stille, Spiritualität und Sinn nachkommen können. Das «Espace» ist nach Meinung vieler Menschen schön geworden. Es ist ein vollständig verglastes, helles Gebäude mit einem Dach in Form eines Segels oder eines Bootes. Freiwillige sind stets anwesend und pflegen eine Willkommenskultur. In der unteren Etage befindet sich eine runde Kapelle. Diese weist einen nüchternen Grundriss auf und strahlt eine Offenheit aus, so wie Jesus Christus sie gezeigt hat – er hat sein Leben mit ausgestreckten Armen und unermesslicher Liebe für alle Menschen hingegeben. Es gibt auch einen «Raum der Innerlichkeit», in dem Menschen verschiedene Formen der Meditation erleben und pflegen können. Weiter gibt es Besprechungsräume für Austausch, Schulungen und kulturelle Aktivitäten. Zwei Räume sind speziell für Maurice Zundel reserviert, einer für die Aufbewahrung seines Archivs, der andere für die Workshops und Seminare rund um sein Leben und Werk.
Ich höre zum ersten Mal von Maurice Zundel.3 Wer war er? Zeichnen Sie kurz sein Leben nach.
Maurice Zundel wurde 1897 in Neuenburg geboren. 1919 wurde er Priester der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg. Er war der erste Priester aus der Stadt Neuenburg seit der Reformation. Von 1919 bis 1925 war er Pfarrer an der Pfarrei St-Joseph in Genf. Er zeichnete sich durch originelle Initiativen aus: Er unterrichtete den Katechismus auf sehr biblische Weise, wobei er auch Kunstwerke oder Romane wie Victor Hugos «Les Misérables» verwendete. Den jungen Mädchen eines Internats, dessen Kaplan er war, hielt er Vorträge über das Gefühls- und Sexualleben, damit sie besser auf das Leben vorbereitet seien. Er predigte auch, dass die Kirche nicht sparen, sondern arm werden solle. Denn das Geld der Kirche sei mit der Pflicht verbunden, zu teilen, damit es allen Menschen möglich sei, ein menschenwürdiges Leben aufzubauen. Diese Originalität gefiel nicht. Der Bischof beschloss, diesen Freischärler, «franc-tireur», zu entfernen. Von 1925 bis 1946 lebte Zundel im Exil. Er verbrachte zuerst zwei Jahre in Rom, wo er eine Doktorarbeit in Philosophie schrieb. 1927 fand er sich allein und arbeitslos in Charenton, einem Vorort von Paris, wieder. Am Tiefpunkt seiner Verzweiflung hatte er eine entscheidende Begegnung mit dem heiligen Franz von Assisi und mit ihm mit dem armen Gott, der gekommen war, um alle Menschen in ihrer Armut zu besuchen. Danach fand er eine Anstellung bei den Benediktinerinnen in Paris, wo er sich mit Giovanni Battista Montini, dem späteren Paul VI., anfreundete. Bis 1939 lebte er von Gelegenheitsjobs als Kaplan von Mädcheninternaten in London, in La Tour-de-Peilz am Ufer des Genfersees, in Neuilly bei Paris. Von Ende 1939 bis 1946 hielt er sich in Kairo auf, wo er tausend Ämter ausübte, in grosser Armut unter den Karmeliten lebte und zahlreiche Kontakte zu den Kopten, den Griechisch-Katholischen, den Orthodoxen sowie auch zu den Muslimen pflegte. 1946 kehrte er in die Schweiz zurück. Er wurde auf das bescheidenste Amt berufen, das man sich vorstellen kann: als Assistent in der Pfarrei Sacré-Cœur d‘Ouchy in Lausanne. Bis zu seinem Tod im Jahr 1975 führte er ein Leben als Wanderprediger und hielt Konferenzen und Exerzitien in Paris, Beirut, Kairo und vielen anderen Orten. Er schrieb auch 20 Bücher. Diese sind von grosser mystischer, philosophischer und theologischer Tiefe. 1972 wurde er von Paul VI. eingeladen, die Exerzitien im Vatikan zu halten. Er starb 1975 in Lausanne. Seitdem wächst seine Bekanntheit.
Sie haben sich intensiv mit seinem Werk befasst. Was ist charakteristisch für sein Denken und Schaffen?
Für mich ist das erste Merkmal von Zundels Denken, dass es in der Tiefe seines Wesens geboren wurde. Es handelt sich um mystisches Denken, nicht um akademisches Denken, auch wenn Zundel mit sehr präzisem philosophischem und theologischem Wissen schrieb. Es ist dieser mystische Ursprung, der seinem Denken einen neuen und leidenschaftlichen Ton verlieh. Ausserdem war Zundel mehr Redner als Schriftsteller, und wenn man ihm zuhörte, spürte man, dass seine Worte aus der Tiefe seines Wesens aufstiegen. Zundel begann immer mit der Frage nach dem Menschen. Was soll der Mensch werden, der am Anfang nichts gewählt hat, der aber die Fähigkeit erhalten hat, sein Menschsein in Freiheit, Liebe, Grossherzigkeit zu entfalten? Zundel betonte stark die Suche nach Innerlichkeit. Dazu zitierte er gerne Augustinus: «Ich suchte dich draussen, und du warst drinnen.» Er beschäftigte sich intensiv mit der Frage der Freiheit, denn «es gibt keine Liebe ohne Freiheit». Wenn nun die Berufung des Menschen mit Liebe und Grossherzigkeit verbunden ist, so ist sie es auch mit der Freiheit. Noch origineller bekräftigte er, dass die Berufung des Menschen die «Armut» sei. Er verstand sie im franziskanischen Sinn, dem entsprechend sie keineswegs ein Mangel bedeutet, sondern ein Merkmal der Liebe ist. Zundel definierte sie als Enteignung und Geben oder Offenheit des Seins und Grosszügigkeit. Ob explizit oder implizit, Gott ist immer mitgegenwärtig – mitgegeben – auf diesem Weg des Menschen. Zundel war überzeugt und legte grossen Wert auf den Gott im Inneren. Vor allem sprach er von der Armut Gottes, die die wahre Farbe der Liebe sei: Gott ist alle Gabe, alle Grosszügigkeit, alle Barmherzigkeit, das ist Seine Armut. Zundel sprach leidenschaftlich vom Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit, gerade weil dieses Geheimnis offenbart, dass Gott in seinem Wesen die Liebe ist – vom Vater zum Sohn, vom Sohn zum Vater im Geist. Und was Gott in seinem Wesen ist, das ist er auch in seinem Wirken für uns Menschen.
Interview: Maria Hässig