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Sven Trakulhun: Ja, die Soziologie hat so genannte harte Kriterien für Modernität herausgearbeitet: Volker H. Schmidt von der Universität Singapur zum Beispiel nannte auf der Tagung fixe Kennwerte wie funktional ausdifferenzierte rechtliche und politische Institutionen, Kapitalismus, Säkularisierung oder eine ausgeprägte publizistische Öffentlichkeit. Als Soziologe wendet Schmidt diese Massstäbe interkulturell an. Da er in Singapur lebt und arbeitet, nennt er den Stadtstaat als Paradebeispiel für einen modernen asiatischen Staat und meint, dass man nur lange genug warten müsse, dann differenziere sich eine Gesellschaft in diese Richtung aus.
Auf der Tagung haben Sie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Geisteswissenschaften zusammengebracht. Arbeiten alle in ähnlicher Weise wie Schmidt mit dem Begriff der Moderne?
Sven Trakulhun: Nein, Asienforscher, Rechtswissenschaftler und Historiker gehen das Thema Moderne jeweils anders an. Es betrifft jedoch alle, denn die Frage der Modernität rückt immer dann ins Zentrum der Wissenschaften, wenn Kultur- oder Gesellschaftsvergleiche angestellt werden. Parameter wie Fortschritt und Zivilisation oder, anders ausgedrückt, Rückständigkeit und Rückwärtsgewandtheit werden von allen gebraucht – manchmal ganz offen, manchmal implizit.
Da es zwischen den Ländern Asiens und dort wieder zwischen einzelnen Regionen erhebliche kulturelle und gesellschaftspolitische Unterschiede gibt, plädieren einige Forscher dafür, ganz auf den Begriff der Moderne zu verzichten oder ihn ausschliesslich in Zusammenhang mit jeweils einem Land oder einer Region anzuwenden, sozusagen eine Vielfalt von Modernen zu generieren. Die meisten Asienwissenschaftler tendieren in diese Richtung.
Sven Trakulhun: Meine Kollegin Andrea Riemenschnitter von der Universität Zürich hat auf der Tagung gezeigt, dass sich Elemente der chinesischen Mythologie über alle Modernisierungsversuche der chinesischen Gesellschaft seit Mao Tse-tung hinweg erhalten haben oder heute wieder neu belebt werden, etwa in der Literatur. Soll man diese Elemente des alten Volksglaubens als rückständig bezeichnen, wie es zum Beispiel das Regime unter Mao getan hat? Oder sollte man nicht besser danach fragen, warum diese Formen mythischen Denkens so wichtig sind für die chinesische Gesellschaft und von einer spezifisch chinesischen Moderne sprechen?
Ihr Vater ist Thailänder, Sie selbst kennen die thailändische Gesellschaft gut. Ist sie eine moderne Gesellschaft?
Sven Trakulhun: Schnell gerät man in die Gefahr, bei einer solchen Beurteilung historische und kulturelle Entwicklungen aus ethnozentrischer Sicht zu beschreiben. Thailand ist in mancher Hinsicht ein moderner Staat, der sich seine Religiosität und seine Familientraditionen bewahrt hat. Es gibt natürlich Adaptionen aus dem Westen.
Ein Beispiel: Buddhistische Mönche verkaufen Anhänger, eine Art Talismane, anstatt sie – wie die Tradition vorschreibt – zu verschenken. Das kann man auf westliche, kapitalistische Einflüsse zurückführen. Jedoch spielt der Buddhismus in Thailand nach wie vor eine zentrale Rolle, auch wenn westliche Elemente aufgenommen wurden. Nicht alles wird ja ähnlich angesichts der Globalisierung: Traditionelle Formen der Sakralisierung haben sich hier mit modernen Formen des Wirtschaftens zu einer «hybriden Moderne» verbunden.
Oder nehmen wir die Medizin. Buddhistische Heilpraktiken, bioethische Grundhaltungen oder Meditationstechniken haben sich als höchst anschlussfähig auch für die westliche Medizin erwiesen. Auch auf anderen Ebenen scheinen globale Entwicklungen dem thailändischen Buddhismus auf halbem Wege entgegenzukommen, etwa in Fragen der Ethik und des Umweltschutzes.
Andere Forscher würden jedoch, im Gegensatz zu mir, die thailändische Gesellschaft als rückständig bezeichnen, auch angesichts des politischen Systems, das zwar nicht konstitutionell, aber faktisch stark auf den König ausgerichtet ist.
Kurz: Welche Aspekte des Modernen jeweils wo und wie adaptiert werden, hängt immer vom historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext ab, und oftmals laufen diese Prozesse nunmehr in beide Richtungen.
Sven Trakulhun, Assistenzprofessor für Neuere Geschichte Asiens am Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa, organisierte mit Ralph Weber vom Forschungsschwerpunkt Asien und Europa Anfang September an der Universität Zürich eine interdisziplinäre Tagung über den Begriff der Moderne. Eine Publikation wird folgen.
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