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Liebe Gemeinde
Als Ende des letzten Jahrtausends ein neues Gesangbuch für die reformierten Kirchen der Deutschschweiz eingeführt werden sollte, da war sich die Herausgeberkommission einig. Wie im alten Gesangbuch sollte auch im neuen auf den Abdruck des Schweizerpsalms verzichtet werden. Die Nationalhymne sei, aus kirchenmusikalischem Blickwinkel, nicht für den Gemeindegesang geeignet. Die Melodie von Alberich Zwyssig sei zwar solide, aber dem Text fehle es an theologischer Tiefe. Dies, so meine ich beim Lesen über die Nationalhymne verstanden zu haben, liege daran, dass der Text aus einer starken Bearbeitung des Gedichtes «Schweizerpsalm» von Leonhard Widmer entstanden ist. Diese Bearbeitung wurde notwendig, nach dem Alberich Zwyssig mit einer Vertonung beauftragt wurde.
Als Mönch hatte er bereits einige Kirchenlieder komponiert. Doch zur Zeit der Beauftragung mit der Vertonung des Schweizerpsalms hatte er ganz andere Sorgen. Das Kloster Wettingen, in dem er lebte, wurde gerade auf Beschluss des Grossen Rates des Kanton Aargaus aufgelöst. Alberich Zwyssig und seine Mitbrüder waren heimatlos geworden. Wie sollte er in dieser Lage ein neues Werk schaffen? Doch der Auftrag war im wichtig. Kam er doch von einem Reformierten. In einer Zeit der Auseinandersetzung war ein solcher Auftrag auch ein Zeichen der Hoffnung. Ein Katholik und ein Reformierter, die in der Musik eine gemeinsame Sprache fanden und so den konfessionellen Graben überbrückten! So schlug er vor den Notensatz seiner Komposition «Diligam te Domine (Ich will Dich lieben Herr) zu verwenden. Dazu musste der Text aber stark bearbeitet und vereinfacht werden. So entstand in der Zusammenarbeit beider Männer aus dem Gedicht der Liedtext. Jener Text, der 150 Jahre später der Gesangbuchkommission zu einfach schien.
Darüber hinaus sprachen weitere, theologische Gründe gegen eine Aufnahme der Nationalhymne ins Gesangbuch. So klingt im Schweizerpsalm ein Nationalpathos an, der gerade auch in kirchengeschichtlichem Licht und dem Kampf während dem Nationalsozialismus zwischen Bekennender und Deutscher Kirche, zumindest fragwürdig ist. Liedzeilen, wie «betet, freie Schweizer betet» kann man als nationale Vereinnahmung Gottes lesen. Diese stehen im Widerspruch zu Gottes Selbstanspruch, Gott der ganzen Schöpfung und damit aller Menschen zu sein.
Auch muss aus theologischer Sicht gefragt werden, wer dieser Gott sei, der im Schweizerpsalm angerufen wird. Liest man das Originalgedicht von Leonhard Widmer und weiss man um seine Biographie, so wird deutlich, dass jener Gott des Gedichtes, der als Morgenlicht durch die Wolken bricht, nicht der biblische Gott ist. Vielmehr scheint es sich um die personifizierte Vernunft zu handeln. Leonhard Widmer stand als Zürcher Kaufmann und Lithograph auf Seiten der liberalen Partei. Er war ein Kind der Aufklärung, die sich gerade in ihrer französischen Ausprägung als zu tiefst kirchenfeindlich zeigte.
Für die Kommission war klar: Die Nationalhymne kann und soll nicht im Rahmen eines Gottesdienstes gesungen werden. Ein Abdruck im Kirchengesangbuch wurde daher deutlich abgelehnt.
Dennoch findet sich heute der Schweizerpsalm unter der Nummer 519 im Gesangbuch. Wie kam es dazu?
In der Vernehmlassung des Gesangbuches wurde die Kommission schlichtweg überstimmt. Für die Kirchenpolitikerinnen und -Politiker sprachen mehrere Gründe für eine Aufnahme. So war der Schweizerpsalm vornehmlich bei Männerchören längst im Repertoire, er lässt sich in allen vier Landessprachen singen und das katholische Gesangbuch hatte in längst aufgenommen. Im Zeichen der Ökumene sollte er an gemeinsamen Gottesdiensten gesungen werden können.
Auch wir sangen ihn heute Morgen.
Ich meine, dies sei trotz der Bedenken der Gesangbuchkommission theologisch zu verantworten. Denn ein Text, einmal etabliert, löst sich von den ursprünglichen Absichten seines Dichters. Er kann neu gelesen werden. Er kann neu interpretiert werden. Im Folgenden möchte ich ihn auslegen, wie ich den Schweizerpsalm verstehe und mit welchen Gedanken ich ihn gerne singe.
In der ersten
Strophe heisst es:
«Trittst im Morgenrot daher, seh ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener, Herrlicher!»
Dies bedeutet für mich: Gott tritt mir entgegen. Er kommt auf mich zu. Seine Herrlichkeit strahlt über mir, wie der Lichtglanz des anbrechenden Tages die Finsternis der Nacht vertreibt. Wo Gott auf mich zu kommt, da vertreibt er die Sorgen und Nöte meiner Nacht. Ich darf in seiner Gegenwart neue Hoffnung schöpfen.
Die zweite Strophe beginnt mit dem entgegengesetzten Gedanken: «Kommst im Abendglühn daher, find ich dich im Sternenheer, dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!»
Nun stehe ich am Ausgang des Tages. Die Nacht bricht über mich herein. Doch sie kann mir Gottes tröstende Gegenwart nicht nehmen. Es wird dunkel um mich. Doch die Sterne am Himmelszelt werden mir zum Zeichen des begründeten Vertrauens. Wie sie auch in mondloser Nacht prangen, so funkelt mir auch in tiefster Finsternis der Nacht Gottes Liebe entgegen. Ja, die letzte Nacht, der Tod, mag ganz schwarz und voller Schmerz sein. Gott mag mir darin fern scheinen, wie die Sterne am Nachthimmel. Und dennoch: Seine Liebe kann nie ganz schwinden. Treu streckt er mir die Hand entgegen. Nicht er ist fern, sondern die Finsternis hat mich von ihm entfernt, aber nie ganz getrennt. Nur einen Schritt, nur einen Augenblick und Gott reisst mich aus dem Abgrund.
Darin zeigt Gott sich als menschenfreundlicher, barmherziger Gott. Die Finsternis des Todes kann mich niemals ganz verschlingen. Auch im Tod ist er da. Er nimmt mich an der Hand. Selbst da, wo ich ihn nicht fühle.
Am Morgen, wie am Abend bin ich gehalten in seiner Hand. So lässt sich auch der Beginn der dritten Strophe aushalten.
«Ziehst im Nebelflor daher such ich dich im Wolkenmeer, dich, du Unergründlicher, Ewiger! Aus dem grauen Luftgebilde bricht die Sonne klar und milde»
Im Leben kann ich Gott nicht fassen. Ich kann ihn suchen, doch verbirgt sich die volle Erkenntnis seiner vor mir. Wie im Nebel ist mir seine Gegenwart. Als Geschöpf kann ich mir seiner nie ganz gewiss sein. All meine menschlichen Anstrengungen können ihm nicht habhaft werden.
Doch wo er mir gnädig ist, da reisst der Himmel auf. Wie die Sonne durch die Wolken bricht, bricht Gottes Gegenwart in mein Leben ein. Es ist reine Offenbarung. Er verbindet sich mit mir. Diese Erfahrung nannten die Mystikerinnen und Mystiker Vereinigung. Gott ergreift von mir Besitzt. Nicht mehr ich lebe, sondern er in mir! Seine Wahrheit leuchtet mir wie die Sonne klar und milde.
Nichts kann mich mehr erschüttern. Ich erfahre seine Gegenwart auch in der Unbill des Lebens. So singe ich:
«Fährst im wilden Sturm daher, bist du selbst uns Hort und Wehr, du, allmächtig Waltender, Rettender! In Gewitternacht und Grauen lasst uns kindlich ihm vertrauen!»
Der Sturm ist nicht Gott. Aber im Sturm ist Gott ein Ort der Sicherheit. Er bewahrt mich nicht vor dem Gewitter und dem Grauen, das mich als Kind bei Blitz und Donner ergriff. Er bewahrt mich nicht vor jedem Schmerz. Aber er ist mit mir in jedem Leiden, das meinen Lebensweg kreuzt. Ihm darf ich vertrauen, wie ein Kind seiner Mutter vertraut. Vor seiner Herrlichkeit darf ich wieder zum Kind werden, von dem Jesus sagt: «Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.» Mk 10,15
Als sein Kind, darf ich vertrauen, träumen und beten. Das Vertrauen auf Gott führt zum Traum vom friedlichen Zusammenleben unter den Menschen. In dieser Hoffnung auf den von Gott getragenen Frieden wird das Beten möglich. Von ihm heisst es im Schweizerpsalm:
«Wenn der Alpenfirn sich rötet, Betet, freie Schweizer, betet!»
Vielleicht die schwierigste Textzeile, denn sie stellt mich vor zwei Fragen: Wann ist es Zeit zu beten und wer darf beten?
«Betet, freie Schweizer, betet!» In jener Zeit, als der Text des Schweizerpsalms entstand, gab es noch keine freien Schweizer. Nicht, dass die Schweizerinnen und Schweizer Gefangene gewesen wären, sondern sie existierten überhaupt noch nicht. Was wir heute als Schweiz kennen und unsere Heimat nennen, war damals ein Staatenbunden. Man war Aargauer, Zürcher, Genfer, Tessiner, Urner und so weiter, aber nicht Schweizer. Die Idee Schweiz war noch nicht Realität, sondern ein Traum. Erst mit der Verfassung von 1848 wurde die Schweiz als Bundesstaat zum Land.
Wer damals davon sprach, dass freie Schweizer beten sollen, der dachte gross. Er überschritt Grenzen. Er träumte davon, dass aus Aargauern, Zürchern, Bernern, Wallisern, Appenzellern eine Nation wurde. Eine Gemeinschaft!
Es war ein radikaler Gedanke. Vielleicht in etwa so, als würde man heute sagen: «Betet, freie Europäer, betet!» Oder gar von Weltbürgern spricht!
Es geht nicht um nationale Abgrenzung, sondern um eine neue Form des Zusammenlebens. Es war ein heisser Gedanke, hoben sich doch darin die Unterschiede der Stände auf. Fortan sollte niemand eines anderen Untertan sein. Alle Bewohnerinnen und Bewohner sollten gleich an Rechten sein, unabhängig von konfessioneller und kantonaler Zugehörigkeit – unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, sexueller Orientierung, Bildung und Besitz sollte man im Geiste des Verfassers heute ergänzen.
Als Gleichgestellte unter Gleichgestellten sollten sie vor Gott treten, wenn der Alpenfirn sich rötet. Als Gleichwertige unter Gleichwertigen dürfen auch wir heute beten.
Jederzeit, denn der Alpenfirn rötet sich zwei Mal am Tag. Am Morgen und am Abend. Am Anfang und am Ende des Tages. Bei der Geburt und im Sterben. Wie eine Klammer umschliesst das Bild des Alpenfirns das Ganze. So ist auch jede Zeit eine Zeit des Gebetes. Jederzeit und überall darf Gott angerufen werden.
«Eure fromme Seele
ahnt»
«Denn die fromme Seele ahnt»
«Und die fromme Seele ahnt»
«Ja, die fromme Seele ahnt»
Unser Wissen um Gott ist kein Wissen im üblichen Sinn. Es ist eine Spezialform des Wissens. Es ist Ahnung. Ahnung lässt Gott die Freiheit zu wirken, gerade auch im Verborgenen. Gerade auch an demjenigen, der nicht beten will oder kann. Die Ahnung überlässt sich ganz Gott. Sie ist damit im höchsten Sinn religiöses Wissen.
In diesem wissenden Nichtwissen darf Gott angerufen werden, wie es jeweils zum Schluss der vier Strophen wie ein Refrain geschieht.
«Gott im hehren
Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.»
Im Schluss, der beim Singen manchem Mühe bereitet, steckt für mich die theologische Pointe. Gott wird zweifach bekannt. Zuerst als derjenige, der Heimat bewirkt und mir meinen Raum in der Welt gibt. Im zweiten um die Worte «den Herrn» ergänzt, als derjenige, unter dem mein ganzes Leben steht. Er ist der Herr über meinem und über unser allem Leben!
Denn
«Der HERR ist der Gott der Heerscharen,
als HERR ruft man ihn an!»
Hos 12,6
Amen