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Im ersten Teil der Serie «Beeinflussen Wetter und Witterung unsere Zugvögel» ging es vor allem um den Zeitpunkt, wann die Zugvögel ihre Reise antreten (FN vom 25. Oktober). In diesem Teil geht es darum, wie sie die Reise zurücklegen. Jedes Jahr ziehen Milliarden von Zugvögeln in kleinen oder grossen Schwärmen von ihrem Sommeraufenthalt in ein Winterquartier. Man unterscheidet, je nach Länge der Flugdistanz, zwischen Kurz-, Mittel- und Langstreckenzieher.
Tausende von Kilometern
Die Kurzstreckenzieher überwintern maximal 2000 Kilometer entfernt von ihrem Brutgebiet. Sie fliegen aus Nord- und Mitteleuropa meistens an die Atlantikküste, in den Mittelmeerraum oder nach Nordafrika. Zu den bekanntesten unter ihnen gehören die Rotkehlchen, die Stare und die Buchfinken.
Unter Mittelstreckenziehern versteht man die Vogelarten, die zwischen Brutgebiet und Winterquartier Distanzen bis zu 6000 Kilometer zurücklegen. In diese Gruppe gehören die Kraniche, Graugänse und Singdrosseln. Sie überwintern in Nord- und Zentralafrika.
Harte Flugbedingungen
Alle Zugvögel, die die grosse Distanz von 6000 bis 20 000 Kilometer und mehr zurücklegen, nennt man Langstreckenzieher. In dieser Gruppe finden wir zum Beispiel Rauch-schwalben, Mauersegler, Gartenrotschwänzchen, Störche und als extreme Langstreckenzieher die Küstenseeschwalben. Sie fliegen von Nordskandinavien bis nach Südafrika oder sogar an die Küsten der Antarktis.
Oft sind viele Zugvögel gezwungen, grosse Hindernisse wie die Alpen, das Himalaja-Gebirge, das Mittelmeer oder die Wüste Sahara zu überfliegen. Da kann man sich wirklich fragen, wie es den Vögeln gelingt, diese hohen Gebirgsbarrieren zu überqueren. Die Bedingungen, die sie dort antreffen, sind nämlich äusserst hart. Je nach Höhe können die Temperaturen in den Alpen bis auf minus 15 Grad Celsius sinken, im Himalaja-Gebirge sogar bis auf minus 40 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem niedrig, und der Sauerstoffgehalt der Luft ist auf 5000 Metern Höhe noch halb so gross, auf 7000 bis 8000 Metern Höhe nur noch ein Drittel bezogen auf Meereshöhe.
Spezielle Lunge
Im Himalaja-Gebirge muss sich ein Alpinist über Tage hinweg auf verschiedenen Höhenniveaus akklimatisieren. Diese Möglichkeiten haben zum Beispiel die Streifengänse nicht. Ihre Brutstätten liegen in Zentralasien, Tibet oder der Mongolei und ihre Winterquartiere in Indien. Wenn immer möglich meiden alle Zugvögel hohe Gebirgszüge, denn die dünne Höhenluft setzt auch ihnen sehr zu. Die Streifengänse zählen zu den schwersten Zugvögeln. Ihr Gewicht beträgt durchschnittlich 2,8 Kilogramm.
Die Möglichkeit, grosse Höhen und dünne Luft zu überwinden, verdanken die Zugvögel einer ganz speziellen Lungenanordnung. Sie unterscheidet sich wesentlich von der menschlichen Lunge oder der Lunge von Säugetieren. Die Lunge der Vögel ist wie ein kompaktes Rohr, das sich kaum zusammenpressen lässt. An beiden Enden des Rohres wirken Luftsäcke wie Blasebälge, die die Atemluft hin und her bewegen. Das Ein- und Ausatmen der Luft funktioniert über diese Luftsäcke, und dort wird auch die kalte Luft beim Einatmen auf Körpertemperatur erwärmt. Aus den Luftsäcken strömt der Sauerstoff der Luft in das Lungenrohr, ganz nahe an den Blutgefässen vorbei, die ihn dort, selbst in kleinsten Mengen, effizient aufnehmen. Die Atemfrequenz und die Lungenventilation passen sich der niedrigen Sauerstoffmenge an.
Durch die Wüste
Nun fragt sich noch, wie die Zugvögel die 2000 Kilometer der Wüste Sahara überwinden. Da macht doch sicher die Hitze und die äusserst trockene Luft den Tierchen zu schaffen. Man weiss, dass es für die Singvögel zwei Möglichkeiten gibt: Entweder fliegen sie auf 2000 bis 3000 Metern Höhe, finden dort angenehme Temperaturen und eine höhere Luftfeuchtigkeit, aber auch meistens Gegenwind oder sie wählen eine Höhe knapp unter 1000 Metern über Boden. Sie fliegen dann bei einer Temperatur von 25 bis 30 Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von ungefähr 30 Grad, profitieren aber von einem energiesparenden Rückenwind (Nordost-Passatwind).
Wissenschafter rätseln noch
Felix Liechti von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach hat mit seinen Mitarbeitern Pionierarbeit geleistet und die Vogelzüge in der Sahara genauer untersucht. Für ihn waren folgende Kriterien wichtig: Flughöhe, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tageszeit und Wasserverlust. Die Gartengrasmücke diente als «Modellvögelchen».
Das Team staunte, als es herausfand, dass zirka 60 Prozent der Singvögel in der ersten Nachthälfte auf einer Höhe von etwa 1000 Metern über Boden flog. Die Temperatur betrug 30 Grad und die relative Luftfeuchtigkeit 27 Prozent. Die Tierchen profitierten von einem Rückenwind, dem Nordost-Passat. Besonders interessant war der Wasserverlust der Vögel. Dieser wurde im Labor bei 0,62 Gramm pro Stunde ermittelt. Beim Überfliegen der Wüste Sahara lag der Wasserverbrauch aber nur bei etwa 0,29 Gramm pro Stunde, also nicht einmal die Hälfte. Die Forscher hatten den Wasserverlust gegenüber den Laborexperimenten also deutlich überschätzt. Heute vermuten sie, dass die Zugvögel ein bisher noch unbekanntes System im Körper versteckt halten, mit dem sie durch einen geeigneten Mechanismus Wasser einsparen können.
Bei diesen «Out-door»-Forschungsarbeiten ist aber auch klar geworden, dass die Zugvögel die Wüste Sahara nicht in einem Non-Stopp-Flug, sondern in mehreren Etappen überqueren und dabei genügend Pausen einschalten. Immerhin zeigen die Untersuchungen deutlich, dass noch einige Forschungsarbeiten anstehen, bis alle Geheimnisse der Mittel- und Langstreckenflüge unserer Zugvögel entschlüsselt sind.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS- Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».