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Grundlagen der Straussenzucht
Entstehung:
Die Straussenvögel entstanden vor ca 55 Mio. Jahren in Zentralasien. Von hier aus breiteten sie sich, wie fossile Eischalenfunde belegen, vor etwa 2,5 Mio. Jahren nach Westeuropa aus. Nach Afrika sind die Vorfahren des heutigen Strausses vor etwa einer Million Jahre „eingewandert”.
Wann der Strauss in Europa ausgerottet wurde bzw. keinen Lebensraum mehr hatte, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass er während und nach der bisher letzten Eiszeit in Europa bis etwa 50° nördlicher Breite vorkam. Noch vor rund 10.000 Jahren und ähnlichen Klimabedingungen wie heute waren z.B. im Raum Wien grosse Bestände heimisch. Und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kamen Strausse noch wildlebend in Arabien, Palästina und Syrien vor.
Systematik des Strausses:
Der Strauss gehört zur Ordnung der Ratitae (rates = latein. Floss) oder Flachbrustvögel. Die Ordnung der Strausse ist heute noch durch 4 Unterarten vertreten: den Nordafrikanischen Strauss (Struthio camelus camelus), den Ostafrikanischen Strauss (S.c. massaicus), den Somalistrauss (S.c. molybdophanes) und den südafrikanischen Strauss (S.c. australis).
Der Farmstrauss ist eine Kreuzung aus S.c. camelus und S.c. australis. Der in den meisten Farmen Südafrikas gezüchtete Strauss wird in der internationalen Literatur als „African Black” bzw. „S.c. domesticus” bezeichnet. In Folge seiner züchterischen Veränderung unterscheidet er sich durch seine Federqualität- und -anzahl (bester Feder-Strauss), durch eine um zwei Jahre vorverlegte Geschlechtsreife und eine erhöhte Legeleistung deutlich von den vier wildlebenden Arten.
Dies gilt auch für die später in Botswana, Namibia und Zimbabwe gezüchteten Rassen. Sie haben zwar nicht die prächtigen Federn des „African Black”, doch wachsen sie schneller und werden teilweise auch wesentlich grösser und schwerer (25% - Zimbabwe Blue = bessere Fleischrasse). Sie unterscheiden sich auch in der Körperform vom traditionellen südafrikanischen Farmstrauss („tropfen”-förmig statt „kasten”-förmig).
Farmhaltung:
Die erste Kunstbrut beim Strauss gelang im Jahr 1850 in Florenz, Italien. In Südafrika werden die Tiere seit dem 19. Jahrhundert auf Farmen gehalten. Anfang des 20. Jahrhunderts breitete sich die Straussenzucht nahezu weltweit aus. Farmen wurden u.a. in Australien, Nord- und Südamerika, Asien und Europa (u.a. Ukraine, Italien, Spanien und Deutschland) gegründet. Die meisten dieser Projekte scheiterten jedoch, da sie mit Beginn des 1. Weltkriegs (Zusammenbruch des Federmarktes) ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt waren. Seit ab ca. 1985 vor allem Leder und Fleisch des Strausses in den Vordergrund der Nutzung getreten sind, hat sich die Straussenzucht weltweit etabliert. Auch für Federn besteht wieder ein wachsender Bedarf.
Verhalten:
Strausse sind, sofern der Halter ruhig und freundschaftlich mit ihnen umgeht, anhänglich, neugierig und kaum je aggressiv. Mit einer Ausnahme: Der erwachsene Hahn während der Brutzeit verteidigt sein Revier und seine Hennen. Er mag ungern Störungen und schon gar nicht Fremde in seiner Nähe.
Bei der Planung und Anlage von Gehegen sollte man berücksichtigen, dass der Strauss ein „Fluchttier” ist. Plötzliche, laute Geräusche können ihn in Sekundenschnelle in panikartiges Rennen versetzen. Hindernisse werden dabei entweder einfach umgerannt bzw. bergen ein erhebliches Verletzungsrisiko. Ausserdem kann Lärm vor allem Küken so sehr stressen, dass sie sterben.
Haltungsbedingungen:
Der Strauss passt sich den verschiedensten Klimabedingungen problemlos an. Er kann selbst in Regionen mit erheblichen winterlichen Minusgraden in Offenstallhaltung leben. Halter in Deutschland müssen die beim Bundes-Landwirtschaftsministerium herausgegebenen „Mindestanforderungen an die Haltung von Straussenvögeln” erfüllen. Auf europäischer Ebene hat der „Ständige Ausschuss des Europäischen Übereinkommens zum Schutz von Tieren in Landwirtschaftlichen Tierhaltungen” („Standing Committee Of The European Convention On The Protection Of Animals Kept For Farming Purposes”) die „Empfehlung für die Haltung von Straussenvögeln” („Draft Recommendation concerning ratites”) formuliert, die in Deutschland jedoch nur in ihren "Muss-Bestimmungen" rechtsverbindlich ist.
Haltungsgenehmigungen:
Wer Strausse in Deutschland halten oder züchten will, bedarf nach § 11 Tierschutzgesetz einer Erlaubnis. Diese Genehmigung wird vom zuständigen Veterinäramt nur erteilt, wenn der Antragsteller nicht wegen eines Verstosses gegen das Tierschutzgesetz vorbestraft ist, die Haltebedingungen entsprechend dem Gutachten „Mindestanforderungen an die Haltung von Straussenvögeln” erfüllt und seine Sachkunde nachweist. Letzteres kann er durch die Teilnahme am Sachkundeseminar von artgerecht e.V., dem Berufsverband Deutsche Straussenzucht, dessen Prüfung von den zuständigen Behörden anerkannt wird.
Ausser dieser “Haltegenehmigung” wurde in der Vergangenheit nach dem Naturschutzgesetz auch eine Gehegegenehmigung gefordert. Inzwischen liegt die Zuständigkeit in dieser Frage bei den Ländern, die jedoch sehr unterschiedlich verfahren.
Haltungspraxis und Fütterung:
Zuchtstrausse werden üblicherweise als Trios (1 Hahn, zwei Hennen) gehalten. Da sie sich in unseren Breiten ihr Futter überwiegend selber suchen und auch nicht ständig in neue „Territorien” versetzt werden wollen, sollte man ihnen soviel Weideland wie möglich zur Verfügung stellen. Während der Brutzeit (etwa Februar bis September) erhalten die Tiere bei ausreichender Grünfuttergrundlage zusätzlich etwa ein Kilo Lege-Mischung für Strausse (= Getreidemischung mit hohem Faseranteil). Während der winterlichen „Ruhezeit” werden, je nach Weidemöglichkeit, ein bis zwei Kilo „Erhaltungsmischung” sowie eventuell Heu oder Grassilage angeboten. Wichtig ist, dass das Zusatzfutter immer auf den jeweiligen Nährstoff-Gehalt des natürlichen Futters abgestimmt sein muss.
Legeleistung:
Eine Straussenhenne kann im Jahr bis zu 100 Eier (durchschnittliches Gewicht 1600g) produzieren. Um die Tiere nicht zu überfordern und auch eine gute Kükenqualität zu gewährleisten, empfiehlt es sich jedoch, die Eizahl pro Henne und Saison auf 50-60 zu reduzieren. Bei sachgemässer und hygienischer Brut und guter Befruchtungsrate kann man pro Henne mit 25 bis 35 Küken rechnen.
Kunstbrut:
Strausseneier können vor Brutbeginn in einem gut belüfteten und weniger als 20 Grad warmen Raum bis zu 14 Tage gelagert werden. Die Brutzeit beträgt sechs Wochen, Bruttemperatur 36,4 Grad, relative Luftfeuchtigkeit 25 bis 30 Prozent. Strikte Hygiene ist Voraussetzung für den Bruterfolg. Aus diesem Grund sollte der Schlupf in einem separaten Raum und separaten Brüter erfolgen.
Kükenaufzucht:
Küken werden vom vierten Lebenstag an ad libitum mit einem guten Straussen-Kükenstarter gefüttert und langsam auch an (kurzgehaltenes) Grün gewöhnt. Sie sollten bei gutem Wetter bereits vom dritten oder vierten Lebenstag an Auslauf ins Freie geniessen, von der vierten Lebenswoche an auch bei Regen, allerdings sollte ihnen der etwa 20 Grad warme Stall jederzeit zugänglich sein. Kleine Strausse brauchen für Wohlbefinden und gutes Wachstum den häufigen Kontakt zu ihrem Betreuer. Sie sollten nie lange Zeit alleingelassen werden. Vom dritten Lebensmonat an erhalten sie zusätzlich zu Weide unbegrenzt eine Straussen-Aufzuchtmischung. Für die Aufzucht von Schlachttieren setzt man idealerweise hofeigenes, möglichst günstiges Futter ein.
Schlachtung:
Das optimale Schlachtalter von Straussen liegt, je nach Rasse, bei neun bis 16 Monaten. Die traditionellen südafrikanischen Farmstrausse „African Black” oder „Schwarzhals-Strausse” erzielen bei einem Schlachtalter von 14 bis 16 Monaten und einem Lebendgewicht von ca. 90 kg durchschnittlich knapp 30 kg ausgebeintes Fleisch mit folgenden Qualitätsanteilen: Filet ca. 25 %, Steak und Braten ca. 45 %, Gulasch ca. 15 %, Wurstfleisch ca. 15 %.
Der als optimale Fleisch-Rasse geltende „Zimbabwe Blue” oder „Zimbabwe-Blauhals” erzielt bei einem Schlachtalter von etwa 10 Monaten und einem Lebensgewicht von mindestens 100 kg durchschnittlich über 40 kg ausgebeintes Fleisch. Andere Rassen wie der „Namibian Blue” erreichen diese Werte bei meist höherem Schlachtalter von mindestens 12 Monaten ebenso wenig wie verschiedene Kreuzungen, die auf vielen Farmen ausserhalb Afrikas gehalten werden.
Die Schlachtung selbst ist völlig unproblematisch. Strausse werden in der Regel elektrisch betäubt (Schweinezange) und nur ausnahmsweise bzw. bei Hofschlachtung durch Bolzenschuss. Nach dem Ausbluten werden die Tiere gerupft, mit Wasser abgespritzt und dann gehäutet. Dabei ist es sehr wichtig, die Haut nicht zu beschädigen. Danach wird der Schlachtkörper ausgenommen und in zwei Hälften geteilt.
Auch das Entbeinen der Schlachthälften stellt für einen Metzger kein Problem dar. Schwierig ist dagegen das fachgerechte Zerlegen, da aus jeder Hälfte 17 Muskel einzeln herausgelöst werden müssen, die den Qualitäten Filet oder Steak bzw. Braten zugeordnet sind. Hinzu kommt, dass Straussenfleisch im Hinblick auf seine Struktur mit keiner anderen Fleischart verglichen werden kann. Der Bundesverband Deutscher Straussenzüchter e.V. bietet daher spezielle Schlacht- und Zerlegeseminare an.
Vermarktung:
Der Strauss wird so vollständig verwertet wie kein anderes Nutztier. Das Fleisch ist nicht nur sehr schmackhaft, sondern auch extrem fettarm. Die Haut wird zu einem der teuersten Leder gegerbt, die Federn finden Käufer beispielsweise in der Modebranche, in der Kfz- und Computer-Industrie und im Floristikbereich. Unbefruchtete Eier können voll als Speise- oder ausgeblasen als Schmuckeier verkauft werden; Scherben von Schlupfeiern werden zu Modeschmuck oder gemahlen in der Therapie eingesetzt. Verwertet werden schliesslich auch Schnabel, Zehenkralle, Fett und Knochen.
Marktsituation:
Farmstrausse werden heute in aller Welt gehalten. Aktuelle Schwerpunkte der Produktion ausserhalb der südafrikanischen Länder sind neben Europa vor allem Australien und China. Hier werden jährlich rund 350.000 bis 400.000 Schlachttiere aufgezogen. Haupterzeuger ist Südafrika, wo sich die Produktion 2001 auf ca. 330 000 Tiere belief, in den Folgejahren aber wegen der unbefriedigenden Ertragslage im Lederbereich auf 230 000 Tiere reduziert wurde. In der Vergangenheit wurden in Südafrika mit der Haut etwa 75 % des gesamten Tierwertes erlöst. Etwa 80 % aller Häute bzw. Leder wurden in den Fernen Osten exportiert, wo das sehr teure Straussenleder nach wie vor Statussymbol ist. Nachdem sich jedoch die gesamtwirtschaftliche Situation in Japan und Korea nachhaltig verschlechtert hat, rächt sich die nur schwer nachvollziehbare Konzentration der Südafrikaner auf ein sehr begrenztes Marktsegment. Der Haut- bzw. Lederverkauf nach Asien ist inzwischen dramatisch eingebrochen und gefährdet die betriebswirtschaftliche Basis vieler Farmen und Verarbeitungsbetriebe im südlichen Afrika, aber auch in Australien und Israel, wo die Zemach-Gruppe 2003 schliessen musste. Ein weiteres Problem vor allem in Süd- und Osteuropa, aber auch in Asien, den USA und Südamerika ist die Tatsache, dass Investoren mit völlig unrealistischen Versprechungen (z.B. Export nach Europa) gelockt werden und der Aufbau eines Absatzmarktes vernachlässigt wird. Dies hat bereits zu zahlreichen Pleiten geführt.
In Mitteleuropa spielt Straussenleder noch eine eher untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht hier Straussenfleisch, das allein eine wirtschaftliche Betriebsführung sicherstellen kann, wenn direkt ab Farm vermarktet wird. Dennoch muss natürlich auch in Mitteleuropa das gesamte Potential der Tiere ausgeschöpft werden, da angesichts der Überproduktion herkömmlicher Fleischarten nur eine möglichst vollständige Verwertung (auch Federn, Haut, Fett usw.) die Haltung und Schlachtung von Straussen rechtfertigt. Eine erfolgreiche Straussenhaltung setzt ausserdem voraus, dass die Wertigkeit aller Straussenprodukte für den Menschen erhalten bleibt. Dies bedeutet Verzicht auf eine industrielle Tierhaltung, die grundsätzlich das Zufüttern von Antibiotika erforderlich macht. Verzichtet werden muss ausserdem auf ein Mästen der Tiere und jedes Zufüttern von Wachstumsförderern oder Tierkörperprodukten, deren Einsatz seit der BSE-Krise ohnehin verboten ist und bei Straussen aufgrund deren ernährungspysiologischen Abläufen nahezu wirkungslos wäre. Stattdessen muss eine art- und tierschutzgerechte ganzjährige Weidehaltung mit Offenstall praktiziert werden, bei der nur in geringem Umfang zugefüttert wird. Nur wenn dies gewährleistet ist, kann das Interesse des Verbrauchers an den heute noch weitgehend unbekannten Straussenprodukten geweckt, sein Vertrauen gewonnen und auf Dauer gefestigt werden.
Wirtschaftlichkeit:
Straussenhaltung bzw. -zucht kann unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgreich betrieben werden. Allerdings nur, wenn die Produktionskosten den derzeitigen weltweiten Durchschnittsbetrag von € 150,00 bis € 175,00/ Schlachttier nicht übersteigen. Andernfalls muss der Ertrag etwa durch Direktvermarktung deutlich über dem Erlös durch Schlachttierverkauf von derzeit ca. € 300,00 liegen. Aus diesen Zahlen ergibt sich auch die erforderliche Grösse bzw. Tierproduktion von Betrieben, die sich ausschliesslich auf Strausse spezialisieren und in diesem Fall mindestens 500 Schlachttiere/ Jahr erzeugen sollten.
Obwohl sich die Zahl dieser Betriebe in Mitteleuropa schon wegen der erforderlichen Fläche von mindestens 20 Hektar Weideland in Grenzen halten wird, werden sie künftig den Binnenmarkt prägen. Kleinere Produktionen im Nebenerwerb oder als zusätzlicher Unternehmenszweig werden in der Regel nur bei Direktvermarktung oder als Zulieferer der grossen Vollerwerbsbetriebe eine wirtschaftliche Grundlage haben.
Grundsätzlich aber gilt in jedem Fall: Nur wer seine betrieblichen Kapazitäten voll auslastet, kann wirtschaftlich arbeiten. Denn der Aufwand für Grundinvestition und Arbeit ist bei 50 Jungtieren nur unwesentlich geringer als bei 500. Der jeweilige Ertrag unterscheidet sich dagegen ganz erheblich.
Ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Basis eines Betriebs ist auch die Bereitschaft bzw. Möglichkeit zur Kooperation. So können etwa ein Brutbetrieb im Vollerwerb und mehrere Aufzuchtbetriebe im Nebenerwerb ein befriedigendes Wirtschaftsergebnis erzielen, wenn sie ihr Produkt gemeinsam vermarkten. Ein Vollerwerbsbetrieb dagegen, der alle Bereiche von Eiproduktion über Brut und Aufzucht bis zur Vermarktung abdecken will, muss wegen der Vielzahl der Arbeitsfelder entweder Abstriche bei der Qualität seiner Arbeit akzeptieren oder aber so hohe Umsätze erwirtschaften, dass er sich die entsprechenden Mitarbeiter leisten kann.
Was ist das Besondere am Strauss
Würde der Strauss Milch geben, hätte er längst als geflügelte Variante der legendären "eierlegenden Wollmilchsau" Geschichte gemacht. Doch auch ohne Milch schlägt er alle anderen landwirtschaftlich genutzten Tiere um Längen: Kein anderes Tier wird so umfassend verwertet und liefert so vielfältige und einzigartige Produkte wie der grösste Vogel der Welt.
Dass der Strauss ein faszinierendes Tier mit aussergewöhnlichen Produkten ist, wussten die Menschen schon lange vor dem 20. Jahrhundert. Im alten Ägypten galten seine gleichmässig geformten Federn als Symbol für Gerechtigkeit, römische Leginonärsoffiziere schmückten ihre Helme damit und überzogen ihre Brustpanzer mit Straussenleder. Und die heilige Hildegard von Bingen pries im frühen Mittelalter zartes Fleisch, Leber und Fett vom Vogel Strauss als äusserst heilsam. Es ist eines der vielen Rätsel unserer Geschichte, warum all dies vergessen und erst im 19. bzw. Ende des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.
Auch in der Neuzeit weckten zunächst die Federn das Interesse der Menschen - vor allem der Damenwelt. Und zwar so sehr, dass die flauschige Pracht zeitweise nicht nur in Gold aufgewogen wurde, sondern der Strauss nahezu ausgerottet war. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Erfindung von Draht und Brutmaschinen bzw. der Anbau von Luzerne in Südafrika eine Haltung in Farmen ermöglichte, gab es dort gerade noch 80 wildlebende Hähne.
Nachdem der Federboom durch den ersten Weltkrieg beendet war, eroberte Straussenleder in den 20-er Jahren die Welt der Vornehmen und Reichen, bis die Weltwirtschaftskrise auch diesen Traum beendete. Erst mit dem neuen Wohlstand der Aufbaujahre nach dem 2. Weltkrieg erlebte Straussenleder eine Renaissance. Zentrum der Verarbeitung war in den 50-er Jahren vor allem Deutschland, von wo aus edle Handtaschen, Schuhe und Gürtel für Höchstpreise in die ganze Welt verkauft wurden. Und erst um 1985 fanden in der Schweiz die ersten Gourmets wieder Gefallen am Straussenfleisch. Heute werden in aller Welt Jahr für Jahr rund 500.000 Tiere geschlachtet und verarbeitet.
Heute ist das Fleisch wichtigstes Erzeugnis. Es zeichnet sich aus durch sehr geringen Fettgehalt (0,7 bis 2 %), nur ca. 114 Kalorien/ 100 g, Cholesterinwerte um 68 mg/ 100 g, einen hohen Proteingehalt (etwa 26 %), sehr viel Eisen und mehrfach ungesättigte Fettsäuren, dagegen besonders wenig Natrium. Straussenfleisch gilt daher als ideales Diätlebensmittel für Menschen mit koronaren Herzerkrankungen bzw. Bluthochdruck und auch als besonders hochwertige Nahrung für sportliche Menschen. Dazu ist es aussergewöhnlich zart und delikat, was vor allem für deutsches Straussenfleisch gilt. Während in Afrika oder südeuropäischen Ländern zu 100 Prozent zugefüttert werden muss, können deutsche Strausse - wie auf den Mhou®-Weiden - das ganze Jahr über grasen und so besonders mageres und zartes Fleisch mit feinen Fasern entwickeln.
Straussenleder wird heute vor allem nach Japan und Korea verkauft. Doch auch der europäische Verbraucher begeistert sich immer mehr für das weiche Leder mit der einzigartigen Noppenstruktur, das nahezu unverwüstlich erscheint. Besonders gefragt sind Häute aus mitteleuropäischen Zuchtbetrieben, deren Tiere ("Zimbabwe Blauhals") ganzjährig auf der Weide ernährt werden, schneller wachsen als ihre kleineren Verwandten in Afrika oder Südeuropa ("Schwarzhals" bzw. "Namibian Blauhals") und dabei eine wesentlich gleichmässigere und weichere Haut entwickeln. Leder aus den Häuten dieser Tiere ist eine Rarität und zählt zum teuersten Leder überhaupt.
Genutzt werden natürlich auch die Straussenfedern. Auch wenn die riesigen Federn auf einem grossen Damenhut selbst die Dimensionen jeder Nobellimousine sprengen. Gefragt sind die flauschigen Flügel-, Schwanz- und Körperfedern heute weniger von Hutmachern als von den Kostümschneidern der Cabarets, Theater oder auch südamerikanischen Tanzgruppen. Allein Brasilien importiert für den Strassenkarneval jedes Jahr Straussenfedern im Wert von über 30 Millionen US-Dollar.
Gefragt sind Straussenfedern aber auch in Computer- und Automobilindustrie, im Friseur-Handwerk oder im normalen Durchschnittshaushalt - und zwar zum Staubwischen. Antistatische Straussenfedern verteilen Staub nicht auf der Oberfläche, sondern nehmen ihn in den millionenfachen Federästchen ohne jede statische Ladung auf, was besonders Computer- oder Automobilhersteller zu schätzen wissen. Oder all die leidgeprüften Menschen, die jeden Tag gegen Staubpartikel auf Glasflächen und glänzendem Möbellack kämpfen.
Einzigartig ist auch das Fett, das der Strauss unter der Haut als Schutz gegen Kälte speichert. In den USA, in Südafrika und in Australien ist Straussenfett oder "Straussenöl" als Heilmittel gegen Schuppenflechte anerkannt; es hilft bei Akne, Herpes und allergischen Hautreaktionen.
Der Kalk der Strausseneischale gilt - wie schon die heilige Hildegard von Bingen wusste - als wirkungsvollstes natürliches Entwässerungsmittel, das bei Wasserödemen Linderung verschafft; die Fusssehnen finden u.a. in der pharmazeutischen Industrie beispielsweise als Herzvenenklappen Verwendung.
Ganz zu schweigen von den vielfältigen Möglichkeiten, Straussenprodukte im kunsthandwerklichen Bereich zu veredeln. Hier setzt nur die menschliche Phantasie Grenzen...!
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