Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/1022

25. August 1991: Weil Jordan-Stammfahrer Bertrand Gachot wegen eines Tränengas-Angriffs auf einen Polizeibeamten in London verhaftet wird, kommt der 22-jährige Michael Schumacher unverhofft zu seinem Formel-1-Debüt. Der Kerpener überzeugt sofort, obwohl er im Rennen nicht weit kommt.
Wenn Michael Schumachers Karriere mit einer Rennstrecke in Verbindung gebracht wird, dann fällt fast immer der Name Spa-Francorchamps. Mit sechs Siegen beim GP von Belgien ist der siebenfache Weltmeister Rekordsieger in den Ardennen. Dass seine Formel-1-Karriere aber ebenfalls in Spa beginnt, das wissen nur eingefleischte Schumi-Fans.
Dass das 22-jährige Talent, das sich beim Kart und in den diversen Formel-Serien einen Namen gemacht hat, bereits 1991 in der Formel 1 debütiert, ist einer äusserst kuriosen Geschichte zu verdanken. Jordan-Stammpilot Bertrand Gachot hatte sich im Dezember 1990 nach einem Unfall mit Blechschaden mit einem Londoner Taxifahrer gezofft und diesen mit Tränengas kampfunfähig gesprüht.
Weil der Belgier dabei einen Reizstoff benutzte, der im Königreich ihrer Majestät strikt verboten ist, hatte der Vorfall ernste Konsequenzen. Zwei Wochen vor seinem Heim-GP in Spa wird Gachot zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Revision wird erst für den 19. September angesetzt und auch alle Appelle von Fahrerkollegen, die mit T-Shirts mit dem Aufdruck «Lasst Gachot frei» auftreten, helfen nichts. So muss sich der smarte, irische Teamchef Eddie Jordan urplötzlich und ziemlich kurzfristig auf die Suche nach einem Ersatzfahrer machen.
Erste Wahl ist zunächst der 34-jährige Schwede Stefan Johansson, der in bis dato 79 Formel-1-Rennen allerdings nur Erfahrung und keine Podestplätze gesammelt hat. Doch Jordan wird umgestimmt – von keinem Geringeren als Peter Sauber. Der Schweizer Rennstall-Besitzer empfiehlt den jungen Deutschen, der damals in Saubers Sportwagen-Team Sauber-Mercedes fährt, mit Nachdruck und so nimmt Jordan Kontakt mit Schumachers Manager Willi Weber auf.
Um seinem Schützling das Formel-1-Debüt zu ermöglichen, bedient sich dieser dann einer Notlüge. Gegenüber dem Jordan-Teamchef behauptet Weber, Schumacher kenne die Strecke von Spa sehr gut, weil sie nicht allzu weit von seinem Wohnort Kerpen liege. Doch Schumi ist noch nie zuvor dort gefahren, als einzige Vorbereitung auf das Rennen fährt er die Strecke noch mit dem Velo ab. Formel-1-Simulationen auf dem Computer gibt es damals noch nicht.
Damit Schumacher das zweite Jordan-Cockpit schliesslich bekommt, muss wieder Peter Sauber aushelfen. Er stellt Teamchef Eddie Jordan einen Scheck über 150'000 Dollar aus, im Gegensatz erhält die Schumacher-Crew Werbeflächen auf Rennoverall und Auto. Mit diesem finanziellen Risiko kann verhindert werden, dass Jordan, der einen Riecher für junge Talente hat, Schumacher mit einer Knebel-Klausel langfristig an sich binden kann. Der Vertrag gilt nur für ein Rennen.
Fünf Tage vor dem GP von Belgien zieht sich Schumacher in Silverstone erstmals den grünen Jordan-Overall über und dreht im Wagen mit der unverkennbaren 7up-Werbung die ersten Runden. Am Ende liegt er nur 0,4 Sekunden hinter der bis dato besten Zeit seiner Teamkollegen.
Auch im Qualifying vom Samstag kann Schumacher, der mit Manager Willi Weber in einer Jugendherberge nächtigt, sofort überzeugen. Er fährt die siebtschnellste Zeit und ist damit sogar schneller als der routinierte Stammfahrer De Cesaris. Die Konkurrenz ist beeindruckt: «Der hat Mumm», lobt der spätere Weltmeister Nigel Mansell.
Im Rennen hat Schumacher dann aber grosses Pech. Schon in der Aufwärmrunde wird ihm angezeigt, dass auf die Kupplung des Jordan Öl träufelt, offenbar durch ein Leck im Getriebe. Er funkt an seine Box – doch es ist zu spät, um noch etwas unternehmen zu können.
Trotz des Kupplungsschadens prescht Schumacher am Start auf Rang 5 vor, doch 550 Meter weiter vorne endet sein kometenhafter Aufstieg. Zumindest vorläufig. Während der Rest des Feldes über die Strecke rast, rollt Schumachers Jordan mit der Startnummer 32 lautlos an den Rand.
Sein erstes Formel-1-Abenteuer in Spa ist gleichzeitig sein letzter GP im Jordan. Beim zweiten Grand Prix fährt der Wunderknabe bereits für Benetton. Mit Hilfe von Bernie Ecclestone, der den deutschen Formel-1-Markt stärken will, wird Schumacher in einer Nacht- und Nebelaktion vom kleinen Jordan-Rennstall zu Benetton transferiert. Beim angehenden Top-Team waren nicht nur seine Einkünfte besser, sondern auch seine sportlichen Aussichten.
«Zu Benetton zu gehen, war eine grosse Chance für die Zukunft», sagt Schumacher später dazu. «Obwohl es nicht gerade angenehm war, nach gerade mal 550 Metern mit einem Team, das dir die Möglichkeit zum Einstieg gegeben hatte, sofort zu wechseln. Aber damals war es das, was ich machen musste.»
Schon beim nächsten Grand Prix in Monza fährt Schumacher im Benetton. Ein Jahr nach seinem abrupten Wechsel – Jordan zieht gar vor Gericht – gewinnt der Deutsche am Ort seines Debüts auch seinen ersten GP. Benetton hält er bis 1995 die Treue und holt für das Team von Flavio Briatore 1994 und 1995 seine ersten beiden von sieben WM-Titeln. Dann folgt der Wechsel zu Ferrari, wo sich Schumacher endgültig unsterblich macht.