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Obwohl das Erscheinungsbild unserer Trachten erst vor ca. 100 Jahren geprägt worden ist – ebenso wurde die Trachtenbewegung in dieser Zeit gegründet – lassen sich deren geschichtliche Wurzeln weit tiefer in die Geschichte zurückverfolgen.
Die Bedeutung des Kleides bis zum 18. Jh.
Schon sehr früh hat es der Mensch verstanden, das Kleid, das eigentlich in erster Linie eine schützende Funktion hätte, zu einem Bestandteil der seiner Kultur zu machen. Treibender Faktor war der Wunsch, der Persönlichkeit durch die Kleidung zu besonderer Wirkung zu verhelfen, eine Motivation, der sich unsere heutige Modeindustrie in besonderem Masse zu bedienen versteht. Im Mittealter kam dem Kleid überdies eine gesellschaftliche Aufgabe zu.
Die Menschen waren einer strengen gesellschaftlichen Gliederung unterwarfen und das Kleid wurde zum sichtbaren Ausdruck der Standeszugehörigkeit. Grundsätzlich unterschied man zwischen drei Ständen: Adel, Bürgertum und Bauern. Jeder Stand verkörperte eine gesellschaftliche Rangstufe mit besonderen Ansprüchen und Gesetzmassigkeiten. Je höher der Stand, je höher war das Recht und je prachtvoller die Kleidung. In klaren Verordnungen (Mandaten) wurde definiert, was dem einzelnen Stand zur Bekleidung gestattet war. So bewirkte beispielsweise die Auseinandersetzung um die Kleiderordnung in Bern, anlässlich des Twingherrenstreites (1470/71), eine richtige Staatskrise, als das politisch aufstrebende Bürgertum dem Adel in den Grenzen der Stadt die standesgemässe Kleidung verbieten wollte. Der unterste Stand, die Bauern, machten zwar ca. 90% der Gesamtbevölkerung aus, konnten aber nur wenig Rechte für sich beanspruchen konnten. Entsprechend zeichnete sich ihre Kleidung durch ausgesprochene Einfachheit aus. "Selbstgewebte Leinwand, Költsch, grobes Wollen- und Chudertuch' (1) waren für den Bauern vorgesehen. Feinere Stoffe und Materialien blieben ihm weitgehend verboten. Im Übrigen bewirkte das Fehlen eigentlicher Territorialeinheiten, dass der Bauernstand in ganz Mitteleuropa praktisch gleich gekleidet war. Seit der bernischen Reformation, die das Volk zu neuer Sittlichkeit erziehen wollte, wachten die Chorgerichte scharf über die Einhaltung der Chleidermandate.
Darüber liefern uns alte Chorgerichtsmanuale aufschlussreiche Zeugnisse (2). Für diese Zeit ist überdies zu berücksichtigen, dass die Warenzufuhr in die Landgebiete äusserst spärlich war und sich die Landbevölkerung in erster Linie durch Selbstversorgung helfen musste. Im Übrigen war diese Zeit durch eine breite Armut geprägt.
Entwicklung im 18. Jahrhundert
Neue Akzente setzte das 18 Jh., welches geistespolitisch unter dem Gesichtspunkt der Aufklärung in die Geschichte eingegangen ist. Es waren Jahrzehnte eines verhältnismässigen Wohlstandes und eines Zeitgeistes, der sich durch vermehrte Lebensfreude und einem verfeinerten Kulturempfinden auszeichnete. Dazu kamen Fortschritte in der Herstellung aller Produkte, die für die sog. "Putz- und Leibeszierde" verwendet wurden. Hier sei u.a. auch die Seidenbandfabrikation erwähnt.- Feinere Stoffe fanden den Weg aufs Land, und der liberalere Geist bewirkte eine Lockerung der Sitten- und Kleiderverordnungen. Ein zunehmender Wohlstand liess die bäuerliche Bevölkerung ebenfalls ein ausgeprägtes Standesbewusstsein entwickeln. Sie begann die neuen Möglichkeiten zu nutzen und sich ihrem Schönheitsempfinden entsprechend zu kleiden. Dabei übernahm sie gerade im Kanton Bern teilweise städtische Kleiderformen, entwickelte aber auch eigenständige Stilrichtungen, die sich nach geographischen, politischen oder religiösen Gesichtspunkten kleinräumig ausdehnten. Besonders bemerkenswert war in diesem Zusammenhang der Einfluss der Kirche. In katholischen Regionen finden sich besonders reich ausgestattete Trachten, während sich die reformierten Frauenkleider mehr durch Schlichtheit und einer gewissen Strenge auszeichneten. Im Kanton Bern unterscheiden wir einerseits zwischen der typischen und eigenständigen Landschafts- und Bauernkleidung, so die Oberhasli- oder Guggisbergertracht, und andererseits den verschiedenen Formen, die sich an die Bürgerkleidung anlehnten. Ihr Kennzeichen ist das feste "Schnabelmieder". Aus andern Kantonen, (zB. VS, ZH usw.) sind uns überdies sog. Patriziertrachten überliefert.
Entwicklung im 19. Jahrhundert
Es war das Jahrhundert der Helvetik, der Mediation und Restauration wie dem Übergang zum bürgerlich aufgeklärten Staat. Es war aber auch das Jahrhundert der ersten Unspunnenfeste, der zunehmenden Industrialisierung mit aufkommendem Sozialismus wie andererseits aber auch eines neu aufkeimenden Pietismus. In den verschiedenen Trachtengebieten soll sich so etwas wie eine richtige Mode, wenn auch nur im kleinräumigen Rahmen entwickelt haben. Gemäss einem Schriftsteller des beginnenden 19. Jh. soll beispielsweise der reiche Flecken Langenthal für die Tracht im Kanton Bern die gleiche tonangebende Rolle gespielt haben, wie Paris für die internationale Welt (3). Trotz der lokalen Eigenständigkeit, folgten auch die verschiedenen Trachtenmoden Grundgesetzen, wie sie in der ganzen Kleiderentwicklung erkennbar sind. Auch die Bernertracht unterstand im Laufe der Zeit einem starken Wandel. Während sie uns in Zeugnissen aus dem 18. Jh. und der ersten Hälfte des 19. Jh. in farbiger Aufmachung begegnet, erscheint sie ab der Mitte des Jahrhunderts vornehmlich in strengem Schwarz und auch zunehmend schwer fälliger. Auch die Form und die Art sie zu tragen veränderten sich. So nahm beispielsweise das Mieder während der Empirezeit eine für diese Epoche charakteristische Form an oder die Krinolinenmode schlug sich in der Form der Röcke nieder usw. Das fortschreitende 19. Jh. hatte für die Trachten einen Niedergang zur Folge. Die patrizisch/patriarchalische Staatsgestaltung wurde von einer durch das aufklärerische Gedankengut geprägte Ordnung abgelöst. Dazu vermochte die Industrialisierung das Handwerk mehr und mehr zurückzudrängen. Auf verschiedenen Gebieten der Kultur setzte sich die kosten günstigere Serienproduktion gegenüber der soliden Handwerksarbeit durch. Diesem Trend unterlag angesichts der billigeren Konfektionsware auch die Tracht. Dazu sagt Laur: "Als das Jahrhundert sich wiederum wendete, war die Umstellung auf den internationalen Allerweltsstil grösstenteil vollzogen. Der schweizerische Bauernstand hatte, ohne dass er sich dessen recht bewusst wurde, all das, was er im Laufe von Jahrhunderten an eigenen Kulturgütern geschaffen hatte, gegen das "Linsengericht" der modernen Zivilisation eingetauscht" (4). Zum sukzessiven Verschwinden der Tracht führte gerade im Kanton Bern auch die Tatsache, dass sie zunehmend im Gastgewerbe der Fremdenorte eingesetzt wurde und dadurch sogar in Verruf geriet. Julie Heierli berichtet von der sog. "Kellnerinnentracht", welche zum Niedergang der Bernertracht ausgesprochen beitrug, da sie nicht nur zunehmend verunstaltet, sondern auch unwürdig verwendet wurde (5). Mit solchen Auswüchsen setzte sich der Berner Heimatschutz in einer Schrift von 1914 in Wort und Bild auseinander und stellt darin fest, "die Bernertracht sei zur schweizerischen Kellnerinnentracht geworden" (6).
Entwicklung im 20. Jahrhundert
Der erste Weltkrieg führte zu einem Prozess der Rückbesinnung. Die Menschen erkannten, dass sie sich von ihren ursprünglichen Wurzeln entfernt hatten. In diesem Kontext erwachte eine neue Liebe zu den eigenständigen Werten, welche sich gerade in der heimatlichen Kultur ausgeprägt kristallisierten. Das neue Selbstverständnis manifestierte sich in einer neuen Begeisterung für die heimatliche Kultur. Dabei sei auch an die Herausgabe der Volksliedersammlung "Röseligarte" oder an das Entstehen des Jodelliedes erinnert. Im Zuge dieses Umdenkungsprozesses erlebte auch die Tracht eine wahre "Renaissance". Die alten Trachten wurden hervorgeholt und erneuert. Nach alten Mustern, Bildern und Stichen wurde neues geschaffen. Dabei fanden die neuen Erkenntnisse der Kleiderfabrikation auch in den Trachten ihren Niederschlag, so dass diese leichter, hygienischer und dem Körper angepasster wurden. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Anforderungen an neue bernische Trachten (1927): "das Kleid sollte von einer Person, wo irgend möglich, allein und ohne Hilfe angezogen werden können" (7), ein deutlicher Hinweis auf vorangegeangene Verunstaltungen.
Im Kanton Bern wurden im Zuge dieser Entwicklung die schwarze Bernertracht und das "Tschöpli" angepasst, die Freudenbergertracht nach einem Stich von Sigmund Freudenberg von 1792 neu geschaffen und die neue bzw- farbige Berner Tracht (Müngertracht) von Kunstmaler Münger in Anlehnung an überlieferte Dokumente über die ursprünglich farbige Bernertracht neu entworfen. Die Gotthelftracht entstand nach Albert Ankers Illustrationen der Werke Gotthelfs und die Landfrauentracht wurde als Arbeitstracht ganz neu geschaffen. Diese wenigen Beispiele seien nur stellvertretend für die ganze Trachtenvielfalt hervorgestrichen. Im Übrigen erfuhr das Trachtenkleid eine neue Sinngebung, indem es vom bäuerlichen Standeskleid generell zum äussern Ausdruck einer neu erwachten Liebe zur Heimat und deren Werte und damit allen Gesellschaftsschichten zugänglich wurde. In den Dreissigerjahren und während der Grenzbesetzung stand der Gedanke der Tracht, unter dem Eindruck der militärischen Bedrohungslage, stark im Dienste der geistigen Landesverteidigung. Freilich wurzelt dieser Aspekt auch heute noch im Heimatgedanken. Doch sind die Bedürfnisse der Heimat immer neu zu erforschen und zu erkennen. Dabei stehen in diesem Zusammenhang zurzeit nicht mehr ausschliesslich die äussern Gefahren im Vordergrund. Vielmehr müssten vermehrt auch Fragen und Probleme wie zB. bedrohte Ökologie, Vereinzelung der Menschen, Bedeutung der heimatlichen Werte im Spannungsfeld des aufbrechenden Europas usw. im Kontext eines konsequent verstandenen Engagements für die heimatlichen Werte ins Zentrum rücken! lm Rahmen der neuen Begeisterung für die Trachten wurden die Trachtenorganisationen ins Leben gerufen (Schweiz. Trachtenvereinigung (1926); Bernische Trachtenvereinigung (1929) usw). Diese verstanden sich im Sinne von Bewegungen, deren Aufgaben wachsen und die Stossrichtung beweglich bleibt. Die vielfältigen Tätigkeiten dieser Organisationen stehen im Dienst der Bewahrung, Förderung und Erneuerung der heimatlichen Kultur. Ihre -vornehmste Aufgabe ist es, die Tracht und deren Anliegen lebendig zu erhalten und nicht im Musealen erstarren zu lassen!
1) Dr. E. Laur: "Bäuerliche Kleidung in Vergangenheit und Gegenwart"; S. 5
2) aus "Kirche Dürrenroth"; Zitate aus Chorgerichtsmanualen i.60 ".24. Juli 1652;... erschinen ist der alt Bösisberger, weil er an seines Sohns Hochzeit ein weisse lange Fäderen an dem Hut in der Kilchen getragen, und als ein alter Thor grosse Ergernus geben" oder "1704 Maria Schär(...) aus der Gemeind Rohrbach. Weilen es nicht Ehrbahrlich dahergekommen, Zöpfen nicht aufbinde, wie ein Weib thun solle".
3) Dr. E. Laur: "Bäuerliche Kleidung in Vergangenheit und Gegenwart"; S. 8
4) Dr. E. Laur: "Bäuerliche Kleidung in Vergangenheit und Gegenwart"
5) J. Heierli: "Die Volkstrachten von Bern, Freiburg und Wallis"; S. 63f
6) Bernische Vereinigung für Heimatschutz: "Die Bernertracht"; S. 3
7) Schweizerischer Heimatschutz: "Berner Trachten"; S. 5