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Basel zur Zeit der Münsterweihe 1019: Rätsel Nr. 4 Warum hat sich Heinrich II. in Basel engagiert?Veröffentlicht am 18.11.2020, zuletzt geändert am 31.1.2024 #Mittelalter
Die Münsterweihe am 11. Oktober 1019 in Anwesenheit von Kaiser Heinrich II., König des ostfränkischen Reichs, gilt als Sternstunde in der Basler Geschichte. Heinrich und seine Gemahlin Kunigunde statteten das Basler Münster mit kostbaren Geschenken aus und erlangten damit eine Art Kultstatus in der Stadt am Rhein. Unter diesen Gaben befanden sich ein Leuchter, ein Messbucheinband, ein Messgewand, ein Weihrauchfass und weitere Kostbarkeiten. Leider sind nur eine goldene Altartafel – das sogenannte Basler Antependium – und ein Reliquienkreuz – das sogenannte Heinrichskreuz – bis heute erhalten geblieben. Doch aus welchem Grund zeigte Heinrich gerade in Basel ein so grosses Engagement?
Die Münsterweihe
Aus der Zeit um 1019 sind keine Schriftquellen zur Basler Münsterweihe überliefert. Die Bischofschronik des Domherrn/Stiftskaplans Nicolaus Gerung, genannt Blauenstein, wurde erst im 15. Jahrhundert verfasst. Doch dank ihr wissen wir, dass Kaiser Heinrich II. (reg. 1002-1024) bei der Weihe anwesend war. Die Quelle berichtet ausserdem davon, dass der damalige Basler Bischof Adalbero II. und sechs “Gastbischöfe” teilnahmen: Der Erzbischof von Trier, die Bischöfe von Strassburg, Konstanz, Genf und Lausanne sowie ein Bischof namens Erico. Letzterer war in der kaiserlichen Kanzlei tätig. Die anderen fünf Bischöfe stammten aus benachbarten Bistümern, wobei die Bischofssitze Genf und Lausanne zum Herrschaftsgebiet des burgundischen Königs gehörten und die Bischofssitze Trier, Strassburg und Konstanz zum Ostfrankenreich, beziehungsweise zum Kaiserreich von Heinrich.
Reiche Geschenke
Die Stadt Basel gehörte im 10. und 11. Jahrhundert zum Königreich Burgund. Das Bistum Basel jedoch zählte sowohl zum Burgunder- als auch zum Ostfrankenreich. Basel galt somit als Schnittstelle zwischen diesen beiden Herrschaftsgebieten. Burgunder Bischöfe wie Bischof Adalbero besuchten Hoftage und Synoden im ostfränkischen Reich. Adalbero genoss bei König Rudolf III. von Burgund und Kaiser Heinrich II. gleichermassen Ansehen und erhielt von beiden Geschenke.
Rudolf übergab ihm im Jahr 999 das reich begüterte Kloster Moutier-Grandval, das die Kontrolle über die Juraübergänge in der Region Passwang-Weissenstein sicherte. Heinrich überliess ihm Güter im Elsass, Grundbesitz und Jagdrechte im Breisgau und eben die reichen Geschenke zur Münsterweihe. Mit diesen Gaben an die Kirche hofften die beiden Schenker auf Gnade und Milde im Jenseits. Zugleich sicherten sie sich die Unterstützung des Beschenkten.
Der Kaiser als “Mitbischof”
Dass Heinrich bei der Weihung eines Sakralbaus anwesend war, war nicht ungewöhnlich. Während seiner Regentschaft nahm er an mindestens fünfzehn Kirchenweihen teil, so beispielsweise in Worms, in Merseburg, in Utrecht und in Bamberg. Spannend ist jedoch, dass Heinrich gemäss der Bischofschronik das Basler Münster gemeinsam mit Adalbero segnete. Es ist eher unüblich, dass ein Kaiser weiht. Dieser Akt verdeutlicht Heinrichs Nähe zum Basler Bischof und macht Heinrich zu einer Art “Mitbischof”.
Tatsächlich war die Zeit der Basler Münsterweihe geprägt vom Zusammenwirken von König und Bischof. Seit dem 9. Jahrhundert fühlten sich Bischof und König gleich verantwortlich für Welt und Kirche. Bischöfe regierten das Reich mit. Sie waren als Gesandte oder als Berater des Königs tätig. Heinrich stützte sich während seiner Herrschaft auf Bischöfe und bedachte sie wiederholt mit wertvollen Privilegien und Geschenken. Zudem förderte er Kirchenbauten. In seinem geliebten Bamberg wie auch an der Peripherie seines Reiches entstanden monumentale Kirchenbauten wie das Münster in Strassburg, der Neubau des Mainzer Doms und eben das Münster in Basel.
Politik und Seelenheil
Nebst der Sorge um das Seelenheil gaben politische Ambitionen den Ausschlag für Heinrichs Engagement für Basel. An der Münsterweihe demonstrierte der Kaiser seinen Herrschaftsanspruch. Heinrich wollte seine Macht auf das Burgunderreich ausdehnen. Mit seiner aktiven Rolle im Weiheritus, die über eine schlichte Präsenz hinausging, und mit seinen kostbaren Geschenken setzte er hierfür ein Zeichen.
Quellen
Literatur
Blauenstein 1915a Gerung gen. Blauenstein, Nicolaus: Chronik der Basler Bischöfe (238-1475), in: Basler Chroniken, Bd. 7, bearb. v. August Bernoulli, Leipzig 1915, S. 93-159.
Dendorfer, Jürgen: Basel zwischen Burgund und dem ostfränkischen Reich, in: Fehlmann, Marc; Matzke, Michael; Söll-Tauchert, Sabine (Hg.): Gold und Ruhm. Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II., München 2019, S. 60-66.
Dendorfer, Jürgen: Der König und die Bischöfe in seinem Reich, in: Fehlmann, Marc; Matzke, Michael; Söll-Tauchert, Sabine (Hg.): Gold und Ruhm. Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II., München 2019, S. 176-181.
Lohse, Tillmann: Welche Rolle spielte Heinrich II. bei der Basler Münsterweihe im Jahr 1019?, in: Fehlmann, Marc; Matzke, Michael; Söll-Tauchert, Sabine (Hg.): Gold und Ruhm. Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II., München 2019, S. 224-227.
Nowak, Jessika; Rüdiger, Jan: Das Königreich Burgund, in: Fehlmann, Marc; Matzke, Michael; Söll-Tauchert, Sabine (Hg.): Gold und Ruhm. Kunst und Macht unter Kaiser Heinrich II., München 2019, S. 56-59.
Sennhauser, Hans Rudolf; Courvoisier, Hans Rudolf: Das Basler Münster. Die frühen Kathedralen und der Heinrichsdom. Ausgrabungen 1966, 1973/74, Ostfildern 2018.
Abbildungen
Titelbild: Standfigur Heinrich II. Basler Münster [Ausschnitt]: 01/02/2018 | © 2018 TuK Bassler.
Abb. 1: Standfigur Heinrich II. Basler Münster: Bildarchiv Monheim GmbH / Alamy Stock Photo, Bild-Nr. OY46267849.
Autor*in
Catherine Morgenthaler ist Lehrerin für Geschichte und Französisch an einer Bezirksschule im Kanton Aargau. Neben ihrem Beruf absolviert sie den Masterstudiengang «Europäische Geschichte in globaler Perspektive» an der Universität Basel. Die Studienreise “La Bourgogne ducale – eine hochmittelalterliche Geschichtslandschaft” im Herbst 2019 weckte ihr Interesse für das mittelalterliche Burgunderreich. Zurzeit vertieft sie sich im Rahmen einer Seminararbeit in dieses Thema. Sie untersucht und diskutiert die unterschiedlichen Forschungsmeinungen zu den Geschehnissen im Jahr 1016, dem Jahr, das eine Zäsur zwischen dem Burgunder- und Ostfrankenreich markiert.