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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

11. Buch
25. Die Dreiteilung der Philosophie.
Deshalb, so viel ich sehe, haben die Philosophen die Lehre von der Weisheit für dreiteilig erklärt oder, genauer, konnten sie darauf kommen, daß sie dreiteilig sei [denn sie haben das nicht eingeführt, sondern es vielmehr so vorgefunden], in der Weise, daß der eine Teil als Physik, der zweite als Logik, der dritte als Ethik bezeichnet werden kann1 . Nicht als würde daraus folgen, daß man bei dieser Dreiheit irgend gottgemäß über die Dreifaltigkeit gedacht hätte, obwohl der erste, der diese Einteilung entdeckt und empfohlen hat, Plato gewesen sein soll, dem kein anderer denn Gott als Urheber aller Wesen, als Spender der Einsicht und als Quell der Liebe galt, durch die ein gutes und glückliches Leben bewirkt wird. Aber immerhin, so verschieden auch die Ansichten sein mögen über die Natur der Dinge, über die Methode der Wahrheitsforschung und über das höchste Gut, zu dem wir all unser Handeln in Beziehung setzen sollen, so dreht sich doch ihr ganzes Bemühen um diese drei großen und allgemeinen Fragen. Obwohl sonach die mannigfachste Meinungsverschiedenheit besteht darüber, woran man sich in jeder dieser Fragen zu halten habe, so ist doch niemand darüber im Zweifel, daß es überhaupt eine Ursache der Natur, eine Form der Wissensvermittlung und ein letztes Ziel des Lebens gebe. Drei Dinge sind es auch, auf die es bei jedem menschlichen Künstler ankommt, damit er etwas zustande bringt: natürliche Anlage, Theorie und praktische Übung; die natürliche Anlage ist an der Geisteskraft, die Theorie am Wissen, die Übung an der Frucht zu erkennen. Ich weiß wohl, daß genau genommen die Frucht Gegenstand des Genusses, die Übung Sache des Gebrauches ist und zwischen beiden der Unterschied zu obwalten scheint, daß wir von einer Sache sagen: „Wir genießen sie“, wenn sie uns durch sich selbst, nicht durch ihre Beziehung auf etwas anderes ergötzt; dagegen: „Wir gebrauchen sie“, wenn wir sie einer andern Sache wegen fordern [daher muß man die zeitlichen Dinge mehr gebrauchen als genießen, damit wir die ewigen zu genießen verdienen; nicht wie verkehrte Leute, die das Geld genießen, Gott aber nur gebrauchen wollen; sie wenden das Geld nicht an im Hinblick auf Gott, sondern wenden sich an Gott im Hinblick auf das Geld]. Jedoch nach einer ganz gebräuchlich gewordenen Redeweise „gebrauchen wir die Früchte“ und „genießen wir die Gebrauchsmittel“. Man spricht ja auch im eigentlichen Sinne von Feldfrüchten, deren wir uns alle doch gewiß nur zeitlich bedienen. In diesem herkömmlichen Sinne also möchte ich das Wort „Übung, Gebrauch“ angewendet wissen, wenn von den drei Dingen die Rede ist, die, wie erwähnt, beim Menschen in Betracht kommen: Naturanlage, Theorie, Übung. Durch solche Wahrnehmung sind die Philosophen darauf gekommen, daß ihre auf Begründung eines glücklichen Lebens gerichtete Wissenschaft dreiteilig sei: Naturlehre im Hinblick auf die Naturanlage, Vernunftlehre im Hinblick auf Theorie und Methodik, Sittenlehre im Hinblick auf die Ausübung. Stammte demnach unsere Natur von uns selbst, so hätten wir sofort auch unsere Weisheit selbst erzeugt und brauchten uns nicht zu bemühen, sie uns erst anzueignen auf dem Wege der Theorie, d. i. durch Lernen von anderen; und unser Streben, nähme es von uns seinen Ausgang, würde, auf uns bezogen, zu einem glücklichen Leben hinreichen und bedürfte keines anderen Gutes, zum Genuß zu gelangen; so aber, da unsere Natur ihr Dasein Gott verdankt, brauchen wir ihn ebenso gewiß als Lehrer, um das Wahre einzusehen, und nicht minder, um glücklich sein zu können, als Spender des innigsten Behagens.
1: Namen, für die die lateinischen Bezeichnungen durch zahlreiche Schriften bereits eingebürgert sind, so daß man von philosophia naturalis, rationalis und moralis spricht, von denen schon im achten Buche [Oben Band 1, S. 391-93; 397-402.] kurz die Rede war