Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03449.jsonl.gz/446

Euro 08 Als im Juli 2004 der eben zum Bundestrainer ernannte Jürgen Klinsmann seinen Vertrauensmann Löw zum Assistenten machte, nahm man das in Deutschland mit Gelassenheit hin. «Von einem sympathischen Typ» schrieb die «Frankfurter Rundschau» und führte aus, «Löw wird, daran besteht kein Zweifel, seinen Job ganz im Sinne seines Vorgesetzten ausüben». Klinsmann sah sich gezwungen, den «netten Herrn Löw» der Öffentlichkeit «zu verkaufen». Löw sei kein «Hütchenaufsteller», also keiner, der sich im Training nur darum kümmert, dass genug Bälle vorhanden sind.
Fünf Siege zum Start
Nach und nach wurde klar, dass Löw tatsächlich mehr als ein ordinärer Nebenmann war. Er liess seinen Chef in mancherlei Hinsicht gut aussehen. Er arbeitete die Trainingsinhalte aus, setzte sie um und bestimmte die Taktik mit. Löw wurde je länger, je mehr als wesentlicher Teil des «Sommermärchens 2006» wahrgenommen.
Und als nach dem dritten WM-Platz Klinsmann auf eine Vertragsverlängerung verzichtete, konnte es für seinen ehemaligen Chef nur einen Nachfolger geben: Joachim Löw.
Bisher ist Löw mit der Last des Bundestrainers gut umgegangen. Der in Schönau im Schwarzwald geborene ehemalige Stürmer startete mit fünf Siegen in sein neues Amt, so gut wie keiner seiner neun Vorgänger. Dabei hatte er im Vergleich zu den meisten früheren Bundestrainern nur wenige Erfolge vorzuweisen. Als Spieler kam er in der 1. Bundesliga gerademal zu 52 Einsätzen. Immerhin gewann Löw während seiner zweijährigen Zeit als Coach beim VfB Stuttgart den Cup und erreichte 1998 den Final im Europacup der Cupsieger.
Lehrjahre in der Schweiz
Begonnen hatte Löws Trainerkarriere in der Schweiz. Hier machte er die Mehrheit seiner Trainerdiplome, unter anderem unter Urs Siegenthaler, der heute Chefscout der deutschen Nationalmannschaft ist. Hier tat er die ersten Schritte als Coach bei den Winterthurer Junioren und beim Erstligisten Frauenfeld, bevor ihn Rolf Fringer 1995 als Assistenten zu Stuttgart holte. Fringer, der ehemalige Schweizer Nationalcoach, wusste genau, was er an Löw hatte: «Ich war sein Trainer beim FC Schaffhausen und bemerkte bereits dort, dass er sich mehr als andere für den Gesamtzusammenhang interessierte.»
Oft sass Fringer mit dem interessierten Spieler und angehenden Trainer Löw zusammen und diskutierte das Pressing oder die Zonendeckung, Taktiken, die damals in Deutschland unüblich waren. Fringer ist über den Weg, den Löw gegangen ist, nicht überrascht. «Ich habe ihm das zugetraut. Auch die freche, offensive Spielweise, die Deutschland unter ihm praktiziert, passt zu seinen Vorstellungen vom Fussball.» Nicht nur Fachverstand zeichnet den jetzigen Bundestrainer aus. «Er ist loyal und ein Leader mit einem grossen Siegeswillen», sagt Fringer, und Deutschlands Teammanager Oliver Bierhoff beschreibt Löw, als eine Person, «die auch andere Menschen in den Arm nimmt».
EM-Titel im Visier
Löw kann Verantwortung teilen, er kann sich zum Wohl der Mannschaft zurücknehmen und hat klare Entscheidungen zu fällen. Er tritt dominanter und selbstsicherer auf als noch vor einigen Jahren, haben langjährige Wegbegleiter erkannt. In dieser Beziehung hat der früher oft unentschlossen wirkende «Jogi» auch vom forschen und zielstrebigen Klinsmann.
Allerdings, das weiss Löw selbst am besten, lebt ein deutscher Nationaltrainer im Zwei-Jahres-Rhythmus. An Grossereignissen wird sein Wert gemessen. Die erste Bewährungsprobe hat er mit der problemlos geschafften EM-Qualifikation bestanden. Die nächste steht nun an: Er muss ohne den grossen Motivationskünstler Klinsmann und ohne Rückendeckung die deutsche Nationalmannschaft zum EM-Titel führen. Si