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Mit erstmals präsentierten Blättern reagiert Valentin Magaro auf die in letzter Zeit gebetsmühlenartig heruntergeleiterten Corona Massnahmen, -verhaltensregeln. Vorgaben, Pflichten, Verbote. Es sind rätselhafte Schriftbilder, die aus je sechzehn breiten, in verschiedenen, gedämpften Farben gemalten Buchstaben bestehen und schwer zu entziffern sind. Die repetitiv eingehämmerten Corona Messages hat Magaro in teppichartige Buchstabenkompositionen umgesetzt, die Klangkombinationen evozieren. Bei näherer Betrachtung ergeben sich die Begriffe <Handdesinfektion>, <Pandemieexperten> oder <Ansteckungswelle>. Auch das Bild einer rennenden gestiefelten Nonne, über welches abstrahierte Buchstaben projiziert sind, übermittelt den Slogan <Lockdown, Shutdown>, der als Warnschild vor einer erneuten Sperrung interpretiert werden kann. Ein skurriles anthropo- und zoomorphes Figurenbild lässt sich als <Socialdistancing> enträtseln. Ähnlichen bizarren Figuren begegnen wir auch in Magaros <Nonnenleporello> sowie in den acht orangerot-, blau-, grün-, türkis- und rotfarbenen Einzelblättern, die aus übereinandergelegten Druckplatten hervorgegangen sind.
Welttheater
Damit entwirft Magaro eine Art Welttheater, in dem gestiefelte, schwangere oder nackte Nonnen agieren. Sie sind oft in ungewohnten, auch unziemlichen Szenen und Handlungen dargestellt. Da rast eine Nonne in einem von Gleichgesinnten besetzten Bus durch die Gegend. Auf dem Dach hocken zwei Schimpansen in vertrauter Eintracht, am hinteren Ende ist eine einem Garuda ähnliche Figur festgemacht und auf der Führerkabine prangt das Konterfei eines Nonnenkopfes. In der darauf folgenden Szene sieht man eine in einem Baukran sitzende, vergnüglich rauchende Nonne. Sie steuert den Arm des Krans, der eine Nonnenstatue auf den benachbarten Treppengiebel versetzt. Ein katzenartiges Fabelwesen ist im Begriff, sie in Empfang zu nehmen. Der Kran wälzt sich vorwärts auf einem Berg von Totenköpfen. Darauf thront der Sensemann in rotem Damenhut und hält ein rotes Buch — vielleicht eine Liste der noch Heimzuholenden — in Händen. Anschliessend sieht man eine Nonne vor einem Altar knien in Anbetung einer schwangeren nackten Nonne. Diese hält als Symbol ihrer Reinheit eine Lilie in der linken Hand wie ein Siegerpokal empor. Daneben sieht man in einer Art Rückblende die Nonne ihr Kleid hochhaltend, um ihre Reize einem Einhorn zu präsentieren. Wie wir wissen, fungiert das Einhorn seit seiner Erwähnung im frühchristlichen Volksbuch «Physiologus» als Symbol für Reinheit, Unschuld und Freiheit. Die Schrift ist eine frühchristliche Naturlehre samt alttestamentlicher Tiersymbolik in griechischer Sprache, welche die christliche Ikonografie wesentlich geprägt hat. Darin steht, dass nur Jungfrauen die wilden Einhörner einfangen, respektive domestizieren können und deutete damit an, dass die Jungfrau Maria und das Einhorn Jesus Christus repräsentieren. Dabei versinnbildlicht das eine Horn den Monotheismus und die Menschwerdung Gottes. Als krönender Abschluss hält eine halbnackte Nonne ein Vanitassymbol in Form eines geschmückten Totenschädels in Siegerpose hoch, während sich in der rechten oberen Bildecke der Künstler mit seinen Malutensilien klammheimlich und verschmitzt lächelnd aus dem Bildgeschehen stiehlt.
Skurriler, assoziationsreicher Bilderkosmos
Das in äusserster Verdichtung komponierte Leporello entspringt weitgehend Valentin Magaros Vorstellungskraft, auch wenn er sich durch alltägliche Situationen inspirieren lässt. Aus imaginierten und vorgefundenen Elementen, namentlich aus der Pop Art, den Comics und Versatzstücken aus Horror- und Science-Fiction-Filmen hat er im Laufe der Jahre ein Rohstofflager an akribisch gezeichneten Formen und Mustern angelegt. Er wählt aus und integriert sie in seine collagenhaft arrangierten Kompositionen oder Kulissenskulpturen, variiert sie permanent, verschiebt den Kontext und erzeugt mit wenigen Veränderungen neue, überraschende Bedeutungen. Aus diesem Humus an Puzzleteilen entwirft der Künstler einen skurrilen, assoziationsreichen Bilderkosmos, der vor Fabulierlust vibriert.
Die Kompositionen sind durch gegensätzliche Bildfragmente aus figürlichen und abstrakten Elementen gekennzeichnet, indem Magaro strenge Formen und Konstruktionen mit traumwandlerischen Szenen verknüpft. Dass diese zuweilen ins Alptraumhafte kippen, ist Magaros psychologischem Sinn zuzuschreiben, die räumliche und gleichzeitig psychische Gefangenschaft als unausweichlich erscheinen zu lassen. Aus der Gefangenschaft von überkommenen weiblichen Rollen- und Kultbilder scheinen die Nonnen, die hier ganz allgemein Frauen vertreten, mit ihren teils provokativen Handlungen ausbrechen zu wollen. Gewannen doch ihre Anliegen gerade in der Coronakrise Auftrieb, angesichts der ausgebeuteten und gesellschaftlich wenig geschätzten, medizinischen weiblichen Fach- und Pflegekräfte.
Mit seinem Collage-Prinzip und den Fantasiefiguren antwortet der Künstler auf eine komplexe, krisenanfällige Welt, die aus zerstückelten Wirklichkeiten, den Zwängen des Marktes, der Macht von Big Data und «Fakenews» besteht und uns immer mehr entgleitet. Symptomatisch dafür ist, dass die Figuren oft in keinerlei Bezug zueinander stehen. Sie weilen in verwirrend ineinander verschachtelten Architekturfragmenten, welche wohl ihre Gedankenräume verkörpern. Gegenwärtig mögen sich viele Menschen ihrer Freiheit beraubt fühlen, engen uns doch neben der prekären wirtschaftlichen Situation zunehmend die Corona Massnahmen, Regelungen und Einschränkungen ein; während der Ausgang ungewiss ist.
Katalogtext für Ausstellung von neuen Werken von Valentin Magaro bei Sam Scherrer contemporary Zürich:
14. – 28. November 2020.