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Aktualisiert: 4. Apr.
Es gibt in Wollishofen, am Abhang des Entlisberges, einen Weitlingweg und einen Owenweg. Beide Wege durchqueren genossenschaftliches Stammland, beide Namensgeber, Wilhelm Weitling und Robert Owen, waren sogenannte Frühsozialisten. Männer, die sich angesichts des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert mit der Frage nach der Verteilung des neuen Reichtums auseinandersetzten.
Owen und Weitling hatten nicht direkt miteinander zu tun. Owen war mit Jahrgang 1771 über dreissig Jahre älter als der 1808 geborene Weitling. Owen lebte in England und war «englischer Sozialpolitiker und Förderer des Genossenschaftswesens», wie es auf der blauen Strassentafel heisst. Bei Weitling heisst es dagegen: «deutscher Schneidergeselle, Vertreter eines Sozialismus von eigener, religiös-idealistischer Ausprägung, 1843 in Zürich wegen Atheismus bestraft und ausgewiesen.»
Ich habe mich gefragt, wie die Strassenbenennungskommission um 1930 – der Owenweg erhielt seinen Namen 1929, der Weitlingweg 1931 – dazu gekommen ist, diese beiden Frühsozialisten für einen Strassennamen für Wollishofen auszuwählen und weshalb gerade die beiden. Bei Weitling ist der Zürcher Bezug, den die Autoren des Strassennamenbuchs Zürichs als wichtige Voraussetzung für die Wahl eines «ehrenden» Namens bezeichnen, relativ leicht zu erkennen. Weitling war ein junger Schneider, der auf seiner Wanderung als Geselle mit neuen Theorien in Berührung kam, die im deutschen Sprachraum, geschweige denn im Biedermeier-Zürich, noch unbekannt waren. Sein Pech war es, dass 1843, als er in Zürich vor den Richter gezogen wurde, eine konservative Regierung am Ruder war, die sich aufgrund der konfessionellen politischen Probleme des Straussenhandels und weiterer Opposition gegen die liberale Regierung 1839 an die Macht «geputscht» hatte. Sein Vergehen war «Atheismus», und das war Gift für die Konservativen, wurde doch der als Theologie-Professor berufene David Friedrich Strauss eben auch des Atheismus verdächtigt – und kurz nach der Wahl auf Druck der Konservativen noch vor Amtsantritt pensioniert!! Die Wahl Weitlings für einen Zürcher Strassennamen im frühen 20. Jahrhundert kam deshalb einem späten Eingeständnis gleich – und war so etwas wie eine Wiedergutmachung.
Ein deutscher Schneidergeselle: Wilhelm Weitling, 1808-1871.
Ganz anders Robert Owen. Der hat mit Zürich nichts zu tun, als einziges Argument ist sein Einsatz für das Genossenschaftswesen zu erkennen, das die Strassennamenkommission auch auf die blaue Tafel setzte. Das wundert im Vorzeigequartier Wollishofen für florierende Baugenossenschaften nicht. Weshalb aber kein einheimischer Genossenschaftssupporter? Allen voran Karl Bürkli, der einheimische Vordenker des Genossenschaftswesens und Utopist wie er im Büechli steht? Karl Bürkli erhielt – fast gleichzeitig mit Owen – in Zürich eine Strasse zugesprochen: die Karl Bürkli-Strasse in Aussersihl. Dies mit der Begründung: «Vorkämpfer des Sozialismus, Gründer des Konsumvereins Zürich». Nicht in Wollishofen, aber immerhin eine Ehrung! Unbeantwortet bleiben muss aber die Frage, weshalb Robert Owen in Wollishofen? Weil ich keine Antwort weiss, zeige ich hier das Bild des ersten «autochthonen» Schweizer Frühsozialisten, den Zürcher Karl Bürkli:
Karl Bürkli, 1823-1901 – erster «autochthoner» Frühsozialist der Schweiz.
Sucht man in Wollishofer Strassennamen Ehrungen für auswärtige Politiker, so fällt einem vor allem die Renggerstrasse auf. Albrecht Rengger, 1764-1835, war von Brugg. Er war Arzt in Bern und «Staatsmann der Helvetik». Gut. Aber wo ist der Bezug zu Zürich, gar zu Wollishofen? Natürlich habe ich nichts gegen Rengger, der sich für die Helvetische Republik, und auch für unseren Nachbarkanton Aargau grosse Verdienste erworben hat, aber näher gelegen wäre ein zürcherischer helvetischer Staatsmann, allen voran Paul Usteri, 1768-1831, der liberale Führer des frühen Kantons Zürich und erste liberale Bürgermeister.
Paul Usteri, 1768-1831.
Arzt, Politiker, Redaktor, Bürgermeister.*
Usteri war liberal, als die Liberalen im aristokratischen Zürich noch um ihr Seelenheil und auch um ihre soziale Existenz fürchten mussten. Als Namensgeber einer Zürcher Strasse hatte er bisher das Pech, ein Stadtbürger gewesen zu sein: sein Name ist bereits als Strassenname vergeben. Die Usteristrasse «gehört» seit 1863 Johann Martin Usteri , 1763-1827, Dichter und Schöpfer des Liedes «Freut euch des Lebens». Gleichwohl, wie bei Karl Bürkli, der trotz Bürkliplatz noch eine eigene Strasse erhielt, könnte auch bei Paul Usteri einfach eine Paul Usteri-Strasse benannt werden. Dafür könnte auch noch ein zweiter Grund vorgebracht werden: Der grosse Gegenspieler von Paul Usteri war der konservative Hans von Reinhard, 1755-1835, der 1803 die ersten Wahlen im neuen Kanton Zürich für seine aristokratische Partei gewann und das Ruder als Bürgermeister bis zur Regeneration 1830 nicht mehr aus der Hand gab! Er hat seine Strasse bekommen, die Reinhardstrasse, seit 1895, in Riesbach. Auch diese Ungerechtigkeit Usteri gegenüber könnte man mit einer Paul Usteri-Strasse elegant berichtigen.**
Und ein Wollishofer Spätsozialist...
In Wollishofen, einem Quartier mit vielen Baugenossenschaften, sind die beiden oben vorgestellten Frühsozialisten Weitling und Owen – mit oder ohne Bezug zu Zürich – längst heimisch geworden. Einheimische Sozialisten, die etwas später gelebt haben und auch durch eine Strasse geehrt wurden, sind Robert Seidel und Otto Lang. Seidel leiht seit 1947 dem Robert Seidel-Hof in Altstetten seinen Namen. Otto Lang, der sozialdemokratische Stadtrat, Oberrichter und Genossenschafter, steht indes seit 1939 dem Otto-Lang-Weg Pate – im Stammgebiet des Klassenfeindes: in Fluntern.
Widmerstrasse 64. Foto von Wolf Benders Erben (Ausschnitt mit Café Aeschlimann). 1935.
Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Womit schliesst man einen Wollishofer Blog über Frühsozialisten sinnvollerweise ab? Mit einem Sprung in die jüngere Geschichte – mit einem Wollishofer Spätsozialisten! Dazu erschien im Tages-Anzeiger vom 28. August 2021 unter dem Vertrauen einflössenden Titel Im Wollishofer Tea-Room arbeitete er für die DDR ein Porträt über Harry Gmür, wohnhaft in Wollishofen, im Neubühl, Journalist und überzeugter Sozialist. Gmür gründete nicht nur die PdA, die Partei der Arbeit, sondern er arbeitete offenbar auch – in gewisser Weise nachrichtendienstlich – für die sozialistischen Brüder in der DDR. Und das eben von Wollishofen aus. Seine «Lieblingsbeiz» war indessen nicht eine Arbeiterkneipe, sondern das unscheinbare Café Aeschlimann an der Widmerstrasse, in den Räumlichkeiten der heutigen Pizzeria Grappolo. Was Gmür genau schrieb, was da drin stand, in den im Wollishofer Café geschriebenen Texten, von Harry Gmür nach Osten geschickt, gibt der TA-Journalist Thomas Wyss leider nicht preis. Und so bleiben auch betreffend der jüngeren Geschichte, betreffend der Wollishofer Spätsozialisten, noch einige Fragen offen!
Café Aeschlimann, Innenansicht vor 1950. Foto: H. Grau.
Sammlung MZ. Gelaufen 10.12.1949.
(SB)
* Lithographie, aus: Bürgermeister Paul Usteri, Aarau 1924.
** Für Paul Usteri gibt es nicht einmal ein Denkmal oder eine Büste in Zürich! Nach seinem Tod 1831 gab es den Plan, für Paul Usteri als Staatsmann und Botaniker eine Büste im (alten) Botanischen Garten aufzustellen. Der Plan wurde aber nicht verwirklicht. Ich meine, es wäre Zeit für eine Ehrung!