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Stadttheater Chur, Chur GR
Gastspielbetrieb, alle Sparten
Seit dem 18. Jahrhundert sind in Chur Auftritte von wandernden Theatertruppen an verschiedenen Spielorten nachweisbar, unter anderem derjenigen von →Philipp Walburg Kramer. 1876 gastierten die Brüder →Carl Faust und →Julius Faust mit ihrem Ensemble erstmals in der Schweiz. Sie zogen ins alte Churer Casino am Kornplatz; mit ihnen begann in Chur ein regelmässiger Spielbetrieb. Ab 1895 führten Julius Faust, dessen Tochter →Minna Senges-Faust und deren Mann →Carl Senges, der seit längerem als Schauspieler in Fausts Theatertruppe engagiert war, das Theater. Nachdem Faust 1929 und Senges 1940 gestorben waren, leitete Minna Senges-Faust den Betrieb bis 1945. Unter der Direktion von Faust/Senges spielte die Truppe von November bis April in Chur, im Sommer im →Stadttheater Rheinfelden und im Herbst in Aarau. Während der Churer Saison fanden Gastspiele in Davos und Glarus statt. Das Theater wurde auf eigene Rechnung geführt, Rechtsträger waren der Direktor beziehungsweise die Direktorin. 1924 wurde die Bühne in den neuen Saal des Kinos "Rätushof" an der Bahnhofstrasse verlegt. Ab 1923 war die neu gegründete Theater-Genossenschaft Chur die Rechtsträgerin des Theaters. Sie berief die Direktoren, die bis 1971 weiterhin auf eigenes finanzielles Risiko arbeiteten. 1945–48 hatte →Hans Curjel mit seiner Theater- und Tournéegenossenschaft Zürich die Leitung des S. inne. Er legte auf ein ausgewogenes Verhältnis von Lustspielen, Klassikern und zeitgenössischen Stücken wert. 1948 ermöglichte er →Bertolt Brecht und →Caspar Neher die Uraufführung von Brechts "Die Antigone des Sophokles". →Markus Breitner leitete 1949–71 das S., parallel dazu das →Sommertheater Winterthur und ab 1955 auch das →Städtebundtheater Biel-Solothurn. In den Produktionen wirkten oft Ensemblemitglieder aller drei Theater mit. Den Spielplan prägten erfolgreiche Inszenierungen von Schauspielklassikern, modernen Dramen und Unterhaltungsstücken. Opern- und Kabarettgastspiele ergänzten das Repertoire. 1955 zog die Bühne übergangsweise ins Churer Volkshaus. Am 10.1.1959 wurde das aus dem umgebauten Zeughaus entstandene neue S. mit Shakespeares "Wie es euch gefällt" eröffnet. 1961–65 übernahm Breitners Mitarbeiter Jakob Guggi interimistisch die Leitung des S., dessen Spielzeit jetzt von Januar bis April dauerte. Seit der Direktion von →Reinhart Spörri (1971–75) wurde das Theater als gemeinnütziger Betrieb geführt und die Theater-Genossenschaft übernahm das finanzielle Risiko. Spörri, der bereits unter Breitner am S. tätig gewesen war, zeigte neben etwa fünf Eigenproduktionen regelmässig Gastspiele des →Theaters für den Kanton Zürich, das er parallel dazu leitete. Im Austausch wurden die Stücke des S. auch im Kanton Zürich aufgeführt. Auf dem Spielplan standen Klassiker, moderne Stücke und einige Boulevardkomödien. Die Spielzeit wurde verlängert und dauerte nun von Oktober bis Mai. Unter der Direktion von →Hans Henn (1975–87), der bereits unter Breitner als Schauspieler und später als Vertreter Spörris am S. gewirkt hatte, wurde die Spielzeit nochmals verlängert, das Jugendtheater gegründet, und es wurden Gastspiele mit Jugendstücken und Werken für Erwachsene im Kanton Graubünden durchgeführt. Gespielt wurden klassische und zeitgenössische Stücke, auch Boulvardkomödien sowie Musicals. Neben den Eigenproduktionen wurde das Angebot regelmässig durch Gastspiele erweitert. Der Direktor Georg-Albrecht Eckle (1987–92) konnte wegen finanzieller Schwierigkeiten kein festes Ensemble engagieren und schloss daher nur Stückverträge ab. Auf dem Spielplan standen vorrangig zeitgenössische Dramen, Unterhaltungs- sowie einige Jugendstücke. Zudem fanden zahlreiche Gastspiele statt. Seit den siebziger Jahren kam es immer wieder zu grossen finanziellen Problemen. Konnte der Konkurs 1975 durch die Initiative des seit 1948 bestehenden Theatervereins Chur noch abgewendet und der temporäre Produktionsbetrieb mit einem eigenen Ensemble gesichert werden, entschieden die Churer Stimmberechtigten am 15.3.1992, das S. nur noch als Gastspielhaus zu führen, wobei fortan die Stadt Chur die Rechtsträgerin des Hauses war. 1992–2000 leitete Breitners ehemaliger Mitarbeiter →Hans Heinrich Rüegg das umstrukturierte S. und parallel dazu das Sommertheater Winterthur. Ebenso wie sein Nachfolger Andreas Berger pflegte er ein breit gefächertes Programm mit in- und ausländischen Produktionen aller Sparten. Gezeigt werden vor allem klassische und moderne Stücke, Opern, Operetten, Musicals, Tanz, Kabarett, Kleinkunst und Kinderstücke. Die Spielzeit dauert nun von Oktober bis Juni. Daneben wird das S. für Theateraufführungen, Konzerte und Kongresse vermietet. Berger hat seinen Vertrag auf Ende der Spielzeit 2005/06 aufgelöst. Verbandsmitglied: →SBV.
Spielstätte
Grabenstrasse 6, 7000 Chur. 1958 Umbau des ehemaligen Zeughauses durch Martin Risch und Walter Sulser ins S. Eröffnung: 10.1.1959. 1998/99 Teilrenovation. Platzkapazität: 493 Plätze. Bühne: 15,7 m breit, 12 m hoch, 10,5 m tief. Portal: 9 m breit, 6 m hoch. Absenkbarer Orchestergraben (50 Plätze), 23 Gegengewichtszüge.
Literatur
- Fünfzig Jahre Direktion Stadttheater Chur 1895–1945, 1945 [Broschüre].
- 25 Jahre Stadttheater Chur an der Zeughausstrasse, 1984 [Broschüre].
- Gojan, Simone: Spielstätten der Schweiz, 1998.
Autor: Marco Badilatti
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Badilatti, Marco: Stadttheater Chur, Chur GR, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1723–1724, mit Abbildung auf S. 1724.