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Datierung
1995
Objektmasse
200 x 140 x 0.5 cm
Technik/Material
Graviertes Glas
Nennung
Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung des Künstlers
Inv.-Nr.
SK98027
Binär - Dezimal
Nach seiner Ausbildung zum Textilentwerfer in St. Gallen und dem Besuch der Académie André Lhote sowie der Académie de la Grande Chaumière in Paris liess sich Tagwerker (1942, Speicher, CH) in St. Gallen nieder, wo er sich in der Kunstszene der Ostschweiz rasch profilierte. In den Jahren 1975/1976 übermalte er sein gesamtes bisheriges gegenständliches Werk mit weisser Lackfarbe – eine radikale Zeichensetzung für den künstlerischen Neubeginn. 1976 übersiedelte Tagwerker nach New York. Bis 1985 dort wohnhaft, begann er, von John Cage inspiriert, sich mit der Aleatorik auseinanderzusetzen. Resultat war ab 1977 eine konsequente Anwendung des programmierten Zufalls: im Sinne einer Infragestellung der künstlerischen Autorschaft, zur Überwindung tradierter visueller Lösungen und zur Erweiterung der visuellen Programme ins Unvorsehbare. Die Integration des Zufalls fand zunächst unter Einsatz von Würfeln oder Losen statt, auch wurden die Bild- und Zeichenserien manuell ausgeführt. Seit 1985 wird die Zufallsgenerierung dem Computer und die Ausführung dem daran angeschlossenen Flachbettplotter überlassen; ein Programm generiert gesteuerte und sich selbst organisierende Formen. Durch die Entwicklung verschiedenster Vorrichtungen für die Montage von Pinseln oder Stiften etwa steht Tagwerker ein breites Spektrum an technischen Möglichkeiten zur Verfügung. Ab den 1990er-Jahren weitete er (seit 2007 von einem Quantenzufallsgenerator unterstützt) seine wissenschaftsbasierte Forschung von der zufallsgenerierten Visualisierung von Linien- und Flächenstrukturen auf Ziffernsysteme aus. Die 1995 entstandene Glasarbeit «Binär-Dezimal» z. B. listet in gleichförmiger Horizontal-/Vertikalordnung Zufallszahlen zwischen 0 und 999 auf, auf die in der Computertechnik angewandte Binär-/Dezimal-Codierung gestützt. Die Verwendung der Ziffer auf der Basis der Buchstaben-Codierung ist ein weiterer Ansatz in Tagwerkers neuerem Schaffen; so hat er u.a. Textfragmente von Robert Walser in verschiedene Codes transformiert.
Der Zufall als Inhalt – auch dieser Arbeit inhärent – manifestiert sich in Tagwerkers Schaffen als weit gespanntes wissenschaftlich-künstlerisches Feld. Die Radikalität seiner Tätigkeit wurde mehrfach ausgezeichnet: 1999 mit dem Preis der max bill/georges vantongerloo stiftung, Zürich, und dem Kulturpreis des Kantons Appenzell-Ausserrhoden, 2014 mit dem Kulturpreis der Stadt St. Gallen und 2016 mit dem Grafikpreis der Peter Kneubühler-Stiftung, Zürich.
Elisabeth Grossmann