Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03419.jsonl.gz/424

«Was haben Sie denn gerade Tolles erlebt?» Fragend sah Oliver Lena an, die soeben durch die Glastüre hereinwirbelte. «Ich war vorhin mit einem Jungen aus der Schulklasse in der Küche eines 5-Sterne-Palastes.» Oliver hatte immer noch Fragezeichen im Gesicht. «Stellen Sie sich einen 10-Jährigen vor, der durch die Küche läuft. Er weiss noch nicht, was er gleich mit dem Chefkoch machen wird, aber er sucht sich ganz klar schon mal die Töpfe aus, die ihm gefallen. Und dann braucht er sowieso erst einmal einen Stuhl, damit er auf der hohen Tischfläche mitmischen kann. Den hat er sich übrigens gleich selbst organisiert. Die beiden überlegen sich ein Menü, das sie anschliessend auch gleich zum Testen im Restaurant servieren. «Und daraus machen Sie jetzt einen Artikel?» «Ja, genau.» Lena schüttelte sich irritiert. «Warum kucken Sie immer noch so fragend? Das war doch Ihre Idee. Ich meine, Sie haben mich inspiriert. Haben Sie unser Gespräch denn schon vergessen? Sie haben mir erzählt, dass Sie als kleiner Junge am liebsten in einen Topf voller Eiscreme gesprungen wären.» «Ich werde es lesen, wenn es fertig ist.» Olivers stoische Ruhe machte Lena ungeduldig. Wenn er sich erinnerte, liess er sich das nicht im Geringsten anmerken. «Ich werde es lesen, und bin mir sicher, Sie werden mich überzeugen.» Jetzt hatte Lena Fragezeichen im Gesicht. «Ich bin ein Mann. Ich lese Fachliteratur oder Comics. Bücher sind selten und eine Frauenzeitschrift gehört zu den Raritäten.» «Warum wollen Sie die Geschichte dann lesen?» «Weil Sie den Text geschrieben haben.» Unvermittelt lächelte Oliver Sonnenstrahlen. «Ah ja.» Lena musste wider Willen schmunzeln. Sie wusste nicht, was sie von Oliver halten sollte. Wollte er die Geschichte tatsächlich lesen? Oder flirtete er mit ihr? Irgendetwas an diesem Mann zog sie an. Dabei war er schlicht seltsam. Was den Zettel nach dem Sandwich-Intermezzo betraf, hatte er nie mehr ein Wort darüber verloren. Charmant, kritisch und irgendwie unbestechlich. Sammle dich, Mädel, sonst wird das heute nichts mehr, rief sie sich selbst zur Ordnung. Lena atmete tief durch und sah Oliver an. «Damit Sie wirklich etwas zu lesen bekommen, muss ich jetzt aber arbeiten.» «Das ist gut. Um fünf habe ich Feierabend. Dann komme ich und lese die Geschichte.» «Und die hab ich dann einfach fertig?» Oliver liess sich nicht beirren. «Wenn sie heute nicht fertig ist, lese ich sie morgen.» Er schien ihre Gedanken zu lesen. Lassen Sie sich Zeit, egal, wann der Text fertig ist, ich werde da sein, um ihn zu lesen.» Lena nickte bereits leicht abwesend. Sie hatte sich inzwischen an ihren PC gesetzt und war mit ihren Gedanken zurück in der 5-Sterne-Küche.