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1. Die Corona-Infektion bedeutet eine schwerwiegende, gefährliche Krise für den ganzen Planeten Erde und ist in mancher Hinsicht singulär. Darum braucht es neue Überlegungen zur Bewältigung dieser Krise.
2. Gefragt sind angesichts dieser Krise ethische Überlegungen. Ethische Überlegungen setzen eine Ordnung, eine Wertordnung voraus, welche allen menschlichen Tätigkeiten vorausgeht, sich also jenseits dieser befindet.
Es geht um eine „Ordnung des Seins“ (Havel), um ein „ethisches Reservoir“ (Röpke), um eine „Grammatik“ (Höffe). Diese ethische Ordnung wird hinsichtlich des Status unterschiedlich verortet.
– Quasi-metaphysisch als Ordnung des Seins;
– Als Erfahrungsschatz einer Menschheitsgruppe beziehungsweise der Menschheit;
– Theologisch als von Gott gegeben.
3. Inhaltlich gelten, vor allem in unserer Kultur, die folgenden Werte respektive Normen: Ehrfurcht vor dem Leben; niemandem schaden; Verantwortung für das Gemeinwohl; Ausgleich unverschuldeter Ungleichheiten; Solidarität; Schutz der Schwachen; Recht auf freie Gestaltung des Lebens; Recht des Lebens zukünftiger Generationen; Partizipation; Menschenwürde; Nachhaltigkeit.
4. Diese Ordnungswerte beanspruchen Gültigkeit in jeder Lage. Insbesondere in schweren Krisen und Konflikten geht es um deren begründete Anwendung, Zuordnung, Abwägung und Präferenzierung. Theologische beziehungsweise christliche Werte und Normen decken sich weitgehend mit den genannten kulturphilosophischen. Sie sind allerdings zum Teil deren Radikalisierung, zum Beispiel:
Feindesliebe, Gewaltfreiheit, Verzicht, Versöhnung.
5. Angesichts der Corona-Krise sieht sich die heutige Weltgesellschaft (respektive jede Gesellschaft) einem gewaltigen Schadens- und Gefährdungspotenzial gegenüber. Essentiell gefährdet sind
a. grundsätzlich alle Menschen, besonders Ältere und Kranke;
b. das Gesundheitswesen, beziehungsweise die Menschen, die darin tätig sind;
c. die Wirtschaft, beziehungsweise wirtschaftliche Unternehmen und all die Menschen, die darin tätig sind, ihr Einkommen und Auskommen finden und deren Bedarf an Gütern und Dienstleistungen dort gedeckt wird;
d. der gesellschaftliche Zusammenhalt;
e. die freie Gestaltung von Lebensmöglichkeiten.
6. Das Problem ist, dass es bei den Schutz- und Lösungsmassnahmen für die genannten Punkte a. bis e. schwere Diskrepanzen, Konflikte und Gegensätze gibt. So kann die Präferenz für a. schwere negative Konsequenzen haben für b. oder c. und so weiter.
Keine Strategie für a., b. oder c. ist zu hundert Prozent durchsetzbar, ohne dass die anderen schwerwiegend gefährdet werden. Damit sind schwere Konflikte unvermeidlich. Wir müssen also ein Konzept entwickeln für die Abwägung von Massnahmen. Man kann hier die Frage stellen, ob es in Geschichte und Gegenwart sinnvolle, ethisch begründete und praktikable Lösungen gibt, die sich in Konflikten bewährt haben.
Beispiele sind: Strassen- oder Flugverkehr, industrielle Produktion, Bauwesen, Tourismus, Freizeitgestaltung, Lohnsysteme (die Lebenserwartungen hängen massiv von Lohnsystemen ab), Verteilung von Vermögen, Umweltverhalten, Naturkatastrophen, Krieg.
Bei all diesen Lagen haben sich Lösungsmuster eingespielt. Diese sind unterschiedlich akzeptiert und befriedigend. Sie sind auch ethisch gesehen unterschiedlich gerechtfertigt.
Aber der grosse Unterschied zur heutigen Krise besteht darin, dass sich diese Lösungsmuster in längeren Prozessen entwickelt und eingespielt haben. Das Neue in der heutigen Lage besteht also darin, dass wir in ganz kurzer Zeit Lösungen entwickeln müssen, für die es eigentlich keine echten und naheliegende Vorlagen gibt.
Angesichts dieser Lage und Umstände braucht es für den Weg zu einem sinnvollen Konzept eine öffentliche Debatte und grundsätzliche Überlegungen. (Die hier gemachten Überlegungen verstehen sich als Beitrag dazu.)
7. Umriss eines Konzepts: Das oberste Ziel ist die Sicherung und Erhaltung der nachhaltigen Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten möglichst vieler Menschen. In der Corona-Krise braucht es für das Erreichen dieses Zieles
a. ein ausgebautes und intaktes Gesundheitswesen, beziehungsweise Gesundheitssystem;
b. ein funktionierendes Staatswesen;
c. eine funktionierende Wirtschaft;
d. die Bereitschaft aller, sich auf das oberste Ziel auszurichten.
Das maximale Erreichen des obersten Zieles setzt die maximale Durchsetzung der Punkte a. bis d. voraus.
Dies ist praktisch und psychologisch nicht möglich. So ist es in dieser Krisenlage nicht möglich, gleichzeitig den maximalen Gesundheitsschutz, ein voll funktionierendes Gesundheitssystem und eine voll funktionierende Wirtschaft zu haben, beziehungsweise zu unterhalten.
Es braucht also ein Konzept der Abwägung und Präferenzen. Der Hauptkonflikt besteht zwischen Erhaltung von Leben und Gesundheit für möglichst viele und dem Funktionieren der Wirtschaft, dort inklusive der Sicherung von Existenzen.
Vorschlag: Nach wie vor gelten der verhängte Lockdown, die Quarantäne für alte und kranke Menschen sowie die Hygienevorschriften. Die Akteure bei den Punkten a. bis d. setzen sich und ihre Ressourcen voll ein für das Erreichen des obersten Zieles bis zu einem kritischen Punkt, den man als Systemkrise oder Existenzkrise bezeichnen kann.
Dieser Punkt ist dann erreicht,
– wenn das Gesundheitswesen total überfordert ist;
– wenn irreversible Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft drohen;
– wenn Existenzverluste in grossem Ausmass drohen;
– wenn der Zusammenhalt der Gesellschaft auseinanderzubrechen droht;
– wenn sich ein totaler Verlust der gesellschaftlichen Steuerung abzeichnet;
– wenn die Zukunft einer Gesellschaft hoch gefährdet ist.
Wenn also dieser Punkt erreicht ist (beziehungsweise der eine oder andere davon), braucht es einen veränderten Einsatz der wirtschaftlichen, technischen und medizinischen Ressourcen.
Zudem braucht es neue ethische und praktische Entscheide und Überlegungen vor allem hinsichtlich des Umgangs mit Risiken.
Zu den möglichen Massnahmen gehören
– die etappenweise Wiederöffnung der Schulen sowie die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Tätigkeiten, wo notwendig unter Inkaufnahme von Risiken, die mit denjenigen im Gesundheitswesen vergleichbar sind;
– Konzentration auf das Erkennen von Personen, die immun oder kaum gefährdet sind, damit systemrelevante Wirtschaftsunternehmen wieder mit der Arbeit beginnen können;
– Arbeits- und Produktionserlaubnis für Unternehmen, welche die geforderten Schutzmassnahmen einhalten können;
– eine öffentliche Debatte über würdiges Leben und Sterben;
– Inkaufnahme von schwerwiegenden ethischen Entscheiden: Vorzug bekommen Menschen mit Aussicht auf ein sinnvolles Überleben;
– Verstärkung der palliativen Seelsorge;
– Beibehaltung der Quarantäne für alte und kranke Menschen.
Aus christlicher Sicht sind diese Überlegungen und Massnahmen mitzutragen. Allenfalls können Christen und auch andere diese überbieten, zum Beispiel durch Verzicht von Leistungen im Gesundheitswesen oder in der Wirtschaft.
Im Blick auf die gesamte Gesellschaft, und zwar national und international, ist eine stärkere Solidarität erforderlich.