Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/1460

Der Landesstreik von 1918 wird von Historikern oft mit den ökonomischen Umständen der damaligen Zeit erklärt. Die Versorgungslage war am Ende des Ersten Weltkriegs zwar tatsächlich angespannt, und die Realeinkommen vieler Angestellten waren in der Schweiz unter anderem aufgrund der Teuerung deutlich gesunken. Doch dies traf auch auf andere europäische Länder zu. Gleichwohl erlebte kein anderes Land eine derartige Eskalation des Konflikts zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum.
Martin A. Senn und Tobias Straumann legen deshalb den Fokus auf die politische Lage und vergleichen die Ereignisse mit jenen in ähnlichen Staaten, namentlich Dänemark, Schweden, Norwegen und den Niederlanden. In allen war die Linke anfangs des 20. Jahrhunderts erstarkt und drängte auf mehr Einfluss. In Dänemark und Schweden wurden die Sozialdemokraten an der Regierung beteiligt, in den Niederlanden bestand eine informelle Zusammenarbeit. In Norwegen und der Schweiz hingegen blieben sie von der Macht ausgeschlossen. In der Folge wurden radikale Elemente innerhalb der Linken zunehmend stärker. In der Schweiz übernahmen sie eine dominierende Rolle, während in Norwegen ein Patt innerhalb der Arbeiterbewegung resultierte.
Senn und Straumann beschreiben detailliert den Machtkampf innerhalb der Linken, der sich 1918 parallel zum Machtkampf mit dem politischen Gegner zuspitzte. Die radikale Zürcher Arbeiterunion lehnte sich gegen den aus ihrer Sicht zu gemässigten Kurs des Oltener Aktionskomitees auf und handelte auf eigene Faust, etwa mit dem Streik der Bankangestellten Ende September. Die Radikalisierung führte nicht nur zu sinkender Kompromissbereitschaft der Arbeiterbewegung, sondern erhöhte auch die Furcht der bürgerlichen Parteien vor einem revolutionären Aufruhr.
Die Verhärtung der Fronten und das gegenseitige Misstrauen mündeten in den Landesstreik, der vom 12. bis 14. November dauerte. Der Vergleich mit dem Ausland und die Analyse der Konflikte im Hintergrund bieten neue Erkenntnisse zu den Tagen, als die Schweiz vor der Revolution stand. Sie hätten, so bilanzieren die Autoren, womöglich verhindert werden können, wenn die Sozialdemokraten politisch früher eingebunden worden wären.
Martin A. Senn und Tobias Straumann: Unruhe im Kleinstaat. Der schweizerische Generalstreik von 1918 im internationalen Vergleich. Basel: Schwabe, 2021.