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Bernhard Giger
12. Februar 2019
Pio Corradi während der Dreharbeiten zu «Der Kongress der Pinguine». © Hans-Ulrich Schlumpf
Sie redet, die alte Frau, die im Zürcher Pfrundhaus am Fenster steht und den Vorhang ein wenig zur Seite gezogen hat, um hinauszuschauen. Vielleicht redet sie zu uns, vielleicht zu sich selbst, vielleicht fragt sie sich, was der Mann da draussen überhaupt macht mit seinem Fotoapparat, der werde doch nicht etwa sie fotografieren wollen. Wieso auch?
Doch, er wollte sie fotografieren. Die 1966 entstandene Reportage über das Bürgerasyl Pfrundhaus steht exemplarisch für Pio Corradis Schaffen. Er fühlte sich genau zu denen hingezogen, die glauben, an ihnen gebe es nichts, worüber zu reden sich lohnen würde. Pio Corradi hat mit ihnen geredet, er hat das Leben lang immer wieder mit ihnen geredet, und er hat sie fotografiert und gefilmt und ihnen so ein Gesicht und eine Stimme gegeben.
Soziale Reportagen
1940 in Buckten im Baselbiet geboren, besuchte er zwei Jahre in Basel die Kunstgewerbeschule und liess sich, weil er zum Film wollte, zum Fotografen ausbilden. Nach seinem Umzug nach Zürich, wo er bis zu seinem Tod lebte, arbeitete Corradi als Kameraassistent, neben anderen für Nicolas Gessner und für Grigori Alexandrow, der einst für Eisenstein Drehbücher geschrieben hatte und mit dem er in den Wald Cervelat bräteln ging. Er fotografierte soziale Reportagen – im gleichen Jahr wie jene über das Pfrundhaus entstand «Die schwarze Feuerwehr» über den städtischen Bestattungsdienst von Zürich, die mit dem Eidgenössischen Stipendium für angewandte Kunst ausgezeichnet wurde – und arbeitete von 1972 an als freischaffender Kameramann. Die Fotografien entstanden von nun an grösstenteils im Rahmen von Filmprojekten und blieben grösstenteils lange unveröffentlicht.
Fast pausenlos am Drehen
Bei weit über 100 Dokumentar- und Spielfilmen stand er an der Kamera, er drehte mit Fredi M. Murer, Robert Frank, Xavier Koller, Richard Dindo, Fischli/Weiss, Hans-Ulrich Schlumpf, Ulrike Koch und Friedrich Kappeler. Er war fast ununterbrochen am Rekognoszieren und Drehen, am Vorbereiten eines Films oder am Abschliessen; der Wechsel von der einen zur anderen Produktion verlief zuweilen nahtlos. Das Bild des Schweizer Films hat er Jahrzehnte geprägt wie kein anderer. Der Schweizer Film von den Siebzigerjahren bis in die Gegenwart wäre bildärmer, wäre trostlos ohne ihn.
Pio Corradi und ich haben bei acht Filmen zusammengearbeitet, langen und kürzeren, Dokumentar- und Spielfilmen. Vor dem ersten, «Winterstadt», den wir im Januar 1981 in Bern gedreht hatten, sagte er: «Du musst uns sagen, was du dir vorstellst, was du willst. Den Rest machen wir.» So hat er gearbeitet. Auch wenn ihm bei zahlreichen Projekten eine Co-Autorenschaft zukommt, allein schon deshalb, weil den Filmen sonst ganz einfach die atmosphärische Dichte und die funktionale Eleganz fehlen würde: Pio Corradi war der Kameramann, er setzte um, was ihm vorgegeben wurde, auch wenn er oft sehr viel mehr Erfahrung in die Filmarbeit einbrachte als die Autorinnen und Autoren, mit denen er arbeitete, einen Blick vor allem, der viel sicherer und geübter war. Er suchte die Bilder, wenn nötig lange und stets von Neuem, die sie sich vorstellten. Das war leitend für ihn, nichts Anderes.
Bis ans Ende der Welt
Neben seiner Arbeit als Kameramann ist er stets auch Fotograf geblieben. 2004 ist der Bildband «Die Leute von Soglio» erschienen, aber erst spät, 2015, wurde sein fotografisches Schaffen in einer Retrospektive, deren Realisation er selber eng begleitet hat, im Kornhausforum Bern in seiner ganzen Breite präsentiert. In Corradis Arbeit verbanden sich Fotografie und Film immer wieder. Robert Frank führte ihn 1987 in New York durch sein Haus und damit auch ein wenig durch sein Leben – Pio Corradi liess die Videokamera laufen. Im gleichen Jahr war er Kameramann beim Spielfilm «Candy Mountain», der von der Suche eines jungen Musikers nach dem besten Gitarrenbauer der Welt erzählt. Bulle Ogier und Tom Waits spielen mit, Frank führte zusammen mit Rudy Wurlitzer Regie.
Pio Corradis Fotografien folgen den Wegen langer Reisen, wörtlich, bildlich. Aus dem Zürich der Sechzigerjahre hinaus in die Welt, auf einem der letzten Linienschiffe von Genua nach Südamerika, eindringen in die Antarktis, monatelang unterwegs sein durchs Himalaja-Hochplateau. Pio Corradi ist, so scheint es, ein paar Mal bis ans Ende der Welt gekommen.
Die Fotografien wurden zu Standbildern seines eigenen, nie, nur im Kopf gedrehten Films, eines langen, lebenslangen Films über seine Durchquerung der Welt. Jetzt ist er ausgelaufen.
▶ Originaltext: Deutsch
Bernhard Giger ist Leiter des Kornhausforums Bern; Journalist, Fotograf, Filmemacher.