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| Hieronymus († 420) - Dialog gegen die Pelagianer (Dialogi contra Pelagianos libri III)

I. Buch
20.
C. Du gehst zu weit in einer und derselben Frage, wo du versuchst, den Nachweis zu erbringen, daß der Mensch nicht alles zugleich besitzen könne, gleichsam als sei Gott neidisch oder als könne er es nicht einrichten, daß sein Ebenbild und Gleichnis in allem seinem Schöpfer entspreche.
A. Gehe ich zu weit oder du, der du schon Erledigtes von neuem vorbringst und dabei übersiehst, daß ein Unterschied besteht zwischen Ebenbild und Gleichheit? Jenes ist nur ein Bild, diese ist Wahrheit. Ein wirkliches Pferd jagt dahin über den Tummelplatz, ein gemaltes hängt samt dem Wagen an der Wand. Die Arianer streiten dem Sohne Gottes ab, was du jedem Menschen zusprichst. Andere wagen es nicht, Christus einen Menschen im vollen Sinne des Wortes zu nennen, damit sie nicht gezwungen seien, die Sünden der Menschen auf ihn zu übertragen1 . Sie möchten vermeiden, daß das Geschöpf gleichsam mächtiger sei als der Schöpfer, daß der, welcher nur Sohn eines Menschen ist, dasselbe sei wie der Sohn Gottes. Bringe also etwas anderes vor, worauf ich antworten soll, oder höre auf mit deinem Übermute und gib Gott die Ehre!
C. Du denkst nicht mehr an deine Antwort, und während du Beweis an Beweis reihst und durch die weiten Gefilde der Schrift mit der Freiheit eines ungezügelten Pferdes dahinstürmst, hast du dich über die wichtigste Frage, welche du deiner Ankündigung gemäß im folgenden beantworten wolltest, ausgeschwiegen. Du hast dich gestellt, als hättest du sie vergessen, um der Notwendigkeil, zu antworten, überhoben zu sein. Ich aber habe dir törichterweise bis jetzt das zugestanden, worum du batest, da ich dachte, du würdest von selbst auf die gestellte Frage antworten und unaufgefordert erwidern, wie es deine Pflicht gewesen wäre.
A. Wenn ich mich nicht täusche, war die Rede von den möglichen Geboten, als meine Antwort vom Gegenstande abwich. Stelle also deine Thesen nach Gutdünken auf!
1: Die Arianer hielten den Sohn für ein Geschöpf des Vaters, das diesem an Vollkommenheit weit nachstehe, und leugneten so die Gleichwesentichlkeit dieser beiden Personen. — Nach gnostischer Auffassung ist die Materie etwas absolut Böses. Deshalb umgaben verschiedene gnostische Systeme [Bardesanes, Marcion] Christus mit einem ätherischen Scheinleib, damit die Berührung mit der Materie, d. h. mit dem Bösen, von ihm ferngehalten werde.