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Reisende Atmosphären Reflektionen über Zugreisen, atmosphärische Schäume und die Schaffung von uns umhüllenden Blasen (bevor sie platzen) Die Landschaft zieht langsam am Fenster vorüber. Mein Blick ist unbewegt und doch prasseln unentwegt neue Bilder auf meine Netzhaut: Bäume und Büsche, ein schmaler Pfad, Wälder, dann Häuser ... , eine Lagerhalle, ein Dorf mit Kirche, Felder, dann wieder Wälder ... . Mein Körper ist ausgestreckt, meine Schuhe ausgezogen, der Duft von Kaffee hängt in der Luft. Mein Nachbar, der nachdenklich an seinem Getränk nippt, sieht müde aus. Meine Frage, ob es im Englischen einen Unterschied zwischen den Begriffen „ambience“ und „atmosphere“ gäbe, verneint er. Er ist sich auch ziemlich sicher, dass Landschaften gewöhnlich nicht mit diesen Begriffen beschrieben werden. Stattdessen verwendet man eher das Wort „character“ um die Stimmung einer Landschaft zu beschreiben. Wenn wir an Atmosphären denken, dann stellen wir uns meist Innenräume vor, Orte, die uns umhüllen: Cafés, Kirchen, aber auch Wälder und Nebelwolken haben diese Qualität. Atmosphären, so Peter Sloterdijk (2004), können ganz wörtlich als klimatische Zonen begriffen werden, die wie Blasen einen Innenraum von ihrer Umwelt abgrenzen. Sloterdijk macht diese Blasen (oder Sphären) zur Grundeinheit seiner Sozialphilosophie und beschreibt, wie unser Zusammenleben als das Verknüpfen vielfältiger Blasen zu Konglomeraten verstanden werden kann. Dementsprechend konzipiert er die moderne Gesellschaft nicht als Einheit, sondern als komplexe „Raum-Vielheiten“, die auch als „Schäume“ beschrieben werden können. Als Reisende bewegen wir uns von einer Sphäre zur nächsten, z. B. von München nach St. Gallen, von der Konferenz-Sphäre zurück in unsere Privatsphäre. Dabei reisen wir wiederum im Schutze einer Vielfalt von Sphären, die uns auf unterschiedliche Weise umhüllen und das Verhältnis zu unseren Mitreisenden organisieren. Der weichen, Frottee-artige Bezug der Sitze, die in Vierergruppen zu einem Abteil arrangiert sind, ist die Haut einer ersten Blase. Die Sitzoberfläche erlaubt das Gefühl einer erstklassigen Reiseatmosphäre, in der – begleitet von vornehmen Geräusper – Zeitungen, Taschentücher und Mintpastillen reibungslos zwischen den Reisenden zirkulieren. Eine zweite Blase entsteht durch den rhythmische Klang der Wagonräder, das leichte Ruckeln des Zuges, die meist unverständlichen Ansagen des Zugführers, sowie das unstet durch das Panoramafenster einfallende Sonnenlicht. Diese Sphäre umschliesst den gesamten Wagon und verbreitet eine wohlige und etwas dumpfe Stimmung, in der unnötiges Herumlaufen unangemessen wirkt und Reisende nur zum Toilettengang ihre Sitzplätze verlassen. Ein Türblatt regelt den Übergang zu dieser dritten Sphäre, in der die weichen Bezüge klebrigen Kunststoffen weichen und das leichte Ruckeln zu einem gefährlichen Schwanken wird. Zwar sind Blasen und Schäume in der Regel dergestalt organisiert, dass sie uns reibungslos und konfliktfrei umhüllen, doch geraten wir gelegentlich in Situationen, die von (atmo)sphärischen Zusammenstössen geprägt sind. Beispielsweise können durch unterschiedliche Inszenierungen eines Ortes Spannungen entstehen, die entweder eine Blase platzen lassen oder zu Teilung dieser in zwei oder mehr Blasen führen können. Zunächst fast unmerklich, doch dann zunehmend penetrant dringen die hohen Frequenzen eines Heavymetal Beats in meinen Gehörgang. Sie stammen offenbar von den Kopfhörer eines Herrn, der ein paar Reihen hinter mir Platz genommen hat. Der leise Klang breitet sich rhythmisch in unserer Sitzblase aus. Mein Gehör wird unweigerlich von ihm angezogen und es scheint unmöglich, nicht Teil dieser leisen Inszenierung zu werden. Es fällt mir immer schwerer, mich weiterhin auf meinen Text zu konzentrieren und für einen Moment überlege ich, ob ich aufstehen und die Konfrontation mit dem Emittenten suchen soll. Ein Pieks würde möglicherweise reichen, um die neu hervortretende Phonosphäre zum Platzen zu bringen bevor sie sich vollständig ausgedehnt und stabilisiert hat. Stattdessen entscheide ich mich, meinen eigenen iPod auszupacken und meine Ohren ebenfalls mit Musik zu verschliessen. Ariel Winzman hat den Begriff des „guerre des ambiences“ (den Krieg der Atmosphären) geprägt und ich frage mich, ob ich soeben in einen solchen verwickelt wurde. „Krieg“ mag im Kontext meiner Reise vielleicht etwas übertrieben klingen, aber sicherlich kann man von einem Ringen um die Atmosphäre dieses Ortes sprechen. Durch die ästhetischen Inszenierungen werden wir in bestimmte Stimmungen versetzt, die uns dazu anhalten das eine zu tun und das andere zu lassen. Gernot Böhme (2006) hat diese politische und manipulative Macht von Atmosphären aufgezeigt, indem er die Politik der ästhetischen Strategien des NS-Regimes analysiert. Diese Strategie basierte zum grössten Teil auf der perfekten Kenntnis um die Funktionsweisen der modernen Medien sowie der Architektur und zielte auf die Inszenierung kollektiver Emotionen im Volkskörper. In der sogenannten „Ästhetischen Ökonomie“ sieht Böhme ähnliche Strategien am Werk, der gemäss Einkaufszentren und Ladenwelten zunehmend zu kontrollierbaren Orten der Konsumentenmanipulation werden. In Zeiten der zunehmenden Mobilwerdung elektronischer Technologien gewinnen Böhmes Beobachtung jedoch auch jenseits der Grenzen fixierter Verkaufswelten an Bedeutung. Atmosphäre und ihr verführerische Macht können nun wie Kleider an unsere Körper und ihre Bewegungen gebunden werden. So verwundert es nicht, dass Hersteller von Kommunikations- und Unterhaltungselektronik zunehmend die auf ihren Geräten abspielbaren Inhalte – neben Musik und Video auch GPS-Informationen – zu kontrollieren versuchen und somit ihren Einfluss auf unsere alltägliche Lebenswelt ausweiten. Während mein Blick wieder über die Landschaft schweift, merke ich wie sich diese kontinuierlich verändert. Es fällt mir schwer zu sagen, wie sie sich verändert, da es eine fliessende Transformation ist: die Übergänge haben keine klaren Grenzen. Die Wolken ziehen langsam vorüber, verdichten sich und lösen sich wieder auf. Die Sonne kommt durch, dann wieder Schatten. Wenn Landschaften Atmosphären haben – diesbezüglich bin ich mir immer noch nicht sicher –, dann sind diese weniger kontrolliert und stabil als jene von Innenräumen. Es ist offensichtlich, dass das Wetter, Wolken, der Himmel und die Sonne einen wesentlich Bestandteil einer landschaftlichen Atmosphäre ausmachen. Aber von hier, sicher verpackt in dieses Sitzabteil, eingehüllt in die melodischen Klänge aus meinem iPod, scheint das Wetter fast nebensächlich. Die Landschaft wird zum Effekt meiner Playlist: ... Chic, Chopin, Coldplay, ... Atmosphären auf Knopfdruck. Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Denkanstösse“, die darauf abzielt eine Debatte über Forschung, das Universum und alles, was dazwischen liegt, zu befördern. Das Fragment wurde von Christoph Michels verfasst. Er ist Assistenzprofessor des Forschungsbereichs „Kulturen Institutionen Märkte“ (KIM) an der Universität St. Gallen. Er erforscht die Produktion von Affekten in Kultur- und Bildungsräumen. Seine Reflexion entstand auf der Rückreise von der dritten „International Ambience Network Conference“ in München. Er freut sich über Ihre Denkanstösse oder Nachfragen zum Thema.