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«Lassen sie uns über Sex sprechen», sagt Nikolai, als ich ihn in der Galerie Gmurzynska am Zürcher Paradeplatz treffe. «Gut», sage ich. Also erzählt er mir ohne Unterbruch von der prüden amerikanischen Gesellschaft, dem Ort, an dem er mit seinem Bruder Simon aufwuchs, ihre gemeinsame Arbeit und ihre neusten Projekte, die gerade in der Schweiz ausgestellt werden. Neben uns steht eine beängstigend grosse Liege mit zotteligem schwarzem Schaffell auf goldenen Messingbeinen mit grossen Krallen. Zwei spitze Hörner aus dem gleichen Material stehen angriffslustig in die Höhe, und auf der Unterseite der Liegefläche verstecken sich zwischen dicktem Haar die blanken primären Geschlechtsorgane eines Schafbocks. Mit mulmigem Gefühl entdecke ich Zeichnungen an der Wand, die Nikolai heute morgen dorthin gekritzelt hat. In verspielter, komikhafter Manier gemalte Szenen, die natürlich wieder nur das eine zeigen, einem aber ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Wir gehen weiter zu einem Objekt, das eine Mischung aus Beistelltisch und Stehleuchte darstellt. Sein Name: «Romy».
Ich frage, was das darstellen soll. Die Antwort: «Eine Frau von hinten nehmen, wenn sie wissen was ich meine.» Natürlich weiss ich. So viel geballte Sinneslust. «Warum?», frage ich und erfahre, dass es den Brüdern um weit mehr geht, als nur den reinen Akt. Ihre Arbeit sei eine Form der Liberalisierung von Sexualität. «Mein Bruder Simon ist schwul. In unserer Jugend war das sehr schwer für ihn, weil wir in einem kleinen Ort im Süden aufwuchsen, und es unmöglich war, sich zu outen. Aber auch für Mädchen ist es in den USA schwierig, Sexualität zu leben. Warst du mal mit einem Jungen im Bett, bist du gleich eine Nutte.» Wir kommen zu einem weissen Würfel, auf dem eine Gruppe von Vasen mit amorphen Bäuchen und rüsselartigen Hälsen steht. Die Betrachterin kann sich nicht entscheiden, ob sie diese Auswüchse eher dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen soll. Genauso sei es gemeint, erfahre ich. Alle Objekte entstanden im Atelier der Zwillingsbrüder in Los Angeles, das sie seit einigen Jahren führen. Bis zu zwanzig Personen arbeiten hier an den Entwürfen, die Simon meist in Worte fasst, und Nikolai mit dem Zeichenstift zu Papier bringt. Längst hat sich der verrückte, von jedem Design-Dünkel befreite Stil der beiden in der kreativen Szene herumgesprochen. Donatella Versace bat die Haas Brothers um eine exklusive Home Collection, und für Lady Gaga statteten sie ein Video aus. Los Angeles sei momentan das heisseste Pflaster. Viel freier und angenehmer als New York. Immer mehr Künstler kämen hierher.
Wir verabschieden uns. Ich verspreche, in der kommenden Woche eine weitere Haas-Installation zu besuchen. Auf der Design Miami Basel ist Simon schon mit deren Aufbau beschäftig. Auch Nikolai wird heute Abend Zürich den Rücken kehren, um seinem Bruder zu helfen. Zur Vernissage der Design-Messe flanieren die geladenen Gäste durch die Gänge der Messehalle. Auch ich lasse mich treiben. Schon von weitem sehe ich die Haas Brothers vor einem rosa Pavillion mit Vagina-Vorhang zwischen zwei monströsen Penis-Leuchten posieren. Mehrere Fotografen drängeln sich, um ein Bild zu bekommen. «Sympathische Jungs», denke ich und winke kurz. Als die Gruppe den Weg frei macht, darf ich eintreten. Was mich erwartet? Jede Menge Dinge zum Anfassen - aus Marmor, Plüsch, Messing, Gummi, in eindeutigen Formen, Farben und Kombinationen. Auf dass wir alle unsere Scham verlieren mögen. Die Hass Brothers haben das wohl schon geschafft.