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Waren die Verlängerung des Kyoto-Protokolls und die Beschlüsse für ein neues Abkommen ab 2020 als Ergebnisse der UN-Klimakonferenz aus Ihrer Sicht ein Erfolg oder hätten Sie sich klarer definierte Klimaziele gewünscht?
Das kommt ganz auf den Blickwinkel an. Aus politischer Sicht muss man die Beschlüsse in Durban als Erfolg bezeichnen. Bis zum letzten Moment war unklar, ob die Verhandlungen ganz scheitern würden. Man hat sich nun zum ersten Mal geeinigt, dass es ein Abkommen geben muss, das Industrie-, Schwellen und Entwicklungsländer einschliesst. Ebenso hat man das 2°C-Ziel bestätigt, und akzeptiert, dass die heute versprochenen Emissionsreduktionen bei weitem nicht genügen. Und nicht unwichtig, man hat sich auch auf einen Zeitplan für das neue Abkommen geeinigt. Für die internationale Klimapolitik sind das wichtige Schritte. Allerdings ist die rechtliche Verbindlichkeit noch unklar, es gibt keine konkreten Zahlen für die Emissionsreduktionen, und der Zeitplan wird dem Klimaproblem nicht gerecht. Aus der Sicht des Klimas ist also noch nichts erreicht, im Sinne, dass es keine verbindlichen Zahlen für CO2 Emissionsreduktionen gibt.
Die Verhandlungen in Durban zeigen, dass der globale Klimaschutz zwar vorankommt, aber nur langsam. Kann mit solch kleinen Schritten das Weltklima gerettet werden, oder muss es zukünftig schneller vorangehen?
Die Frage ist, was unser Ziel sein soll. Das ist nicht eine rein wissenschaftliche Frage, sondern eine gesellschaftliche, die Werturteile erfordert. Was ist der Wert einer aussterbenden Tierart? Der Nutzen von höheren landwirtschaftlichen Erträgen in Sibirien gegenüber eine Dürre in Afrika? International hat man sich auf das Ziel geeinigt, dass die Temperatur nicht mehr als 2°C gegenüber vorindustriell ansteigen sollte. Das neue Abkommen, mit dem das 2°C erreicht werden soll, muss bis 2015 ausgehandelt werden und soll erst 2020 in Kraft treten. Dann wird das 2°C Ziel aber vielleicht nicht mehr zu erreichen sein, oder nur mit enormen Kosten. Es wäre aber falsch, angesichts dieser Tatsache das Handtuch zu werfen. Es ist immer noch besser, die Erwärmung auf 2.5°C zu begrenzen als auf 4°C oder 5°C.
Was muss passieren, um das international vereinbarte Ziel einer globalen Erwärmung von höchstens 2 Grad überhaupt noch zu schaffen? Oder ist das bereits aussichtslos?
Die CO2 Emissionen haben in 2010 einen neuen Höchststand von 33.5 Milliarden Tonnen erreicht. Eine ungeheuer grosse Zahl. Die Zunahme gegenüber dem Vorjahr war auch grösser als je zuvor, fast 6%, und dies trotz des Kyoto Protokolls. Wir bewegen uns im Bereich der pessimistischsten Szenarien. Ohne Intervention zum Klimaschutz würden die CO2 äquivalenten Emissionen, also Methan und Lachgas eingeschlossen, bis 2020 um etwa 20% zunehmen. Weltweit müssten sie um rund 10% abnehmen, in den Industriestaaten um 20-40%, je nach Lastenverteilung. Mit anderen Worten, wir sollten den höchsten Punkt der Emissionen vor 2020 überschritten haben. Studien zeigen, dass das technologisch und wirtschaftlich machbar ist. Aber mit dem Entscheid für ein neues Abkommen bis 2020 ist es politisch unwahrscheinlich geworden. Wenn wir verzögert handeln, ist es vielleicht immer noch möglich, aber es wird teuer. Eine neue Studie der internationalen Energieagentur hat gezeigt, dass schon heute 80% der erlaubten CO2 Emissionen in bestehender Infrastruktur wie Kohlekraftwerken oder Autos stecken, bis 2017 werden es 100% sein. Das bedeutet, dass irgendwann Infrastruktur teuer umgerüstet oder verschrottet werden muss, bevor sie amortisiert ist.
Das 2-Grad-Ziel zeigt, dass sich die Länder im Endeffekt einig sind, dass es Massnahmen zur CO2-Minderung geben muss. Warum ist es trotzdem so schwierig, genaue Klimaziele festzulegen?
Das 2°C-Ziel gibt uns ein totales CO2 Budget vor, das wir noch zur Verfügung haben. Dem Klimasystem ist es egal, woher das CO2 kommt. Jede Tonne ist eine Tonne, ob hier oder in Indien, ob heute oder in 20 Jahren. Es geht also um eine gerechte Aufteilung dieses Budgets, und die gestaltet sich sehr schwierig. Da ist einerseits die Aufteilung zwischen den Ländern, von denen einige heute sehr viel CO2 ausstossen, andere noch fast nichts. Aber genau diese wollen zu Recht auch einen gewissen Wohlstand erreichen, und unter keinen Umständen ihr industrielles Wachstum behindern. Andererseits muss eine Aufteilung über die Zeit gefunden werden. Brauchen wir am Anfang mehr, macht das die Aufgabe für die Generationen nach uns schwieriger und teurer. Weiterhin besteht die Tatsache, dass nicht alle Länder von den Auswirkungen des Klimawandels gleich betroffen sind, und sich gleich gut anpassen können. Meist sind die Entwicklungsländer am stärksten betroffen, und sie haben weder Geld noch Technologie noch Wissen und Strukturen um sich dagegen zu wehren oder sich anzupassen. Gleichzeitig haben sie die Probleme nicht selber verursacht.
Wird das Problem der Klimaerwärmung von vielen Staaten nicht ernst genug genommen?
Das würde ich nicht so pauschal sagen. Natürlich gibt es wirtschaftliche Probleme, die heute höhere Priorität haben. Aber mein Eindruck ist, dass die Regierungen es ernst nehmen. Es ist einfach sehr schwierig, eine faire Lastenverteilung zu finden. Stellen Sie sich vor, einen Kuchen im Kindergarten aufzuteilen. Es ist klar, wie gross der ganze Kuchen ist, aber trotzdem möchte jeder natürlich möglichst ein grosses Stück davon. Das Problem ist, der halbe Kuchen ist schon gegessen, das sind die vergangenen Emissionen. Und ein Viertel der Kinder haben drei Viertel davon gegessen, und sie sind süchtig nach mehr, weil der Kuchen so fein schmeckt, das sind wir. Die anderen Kinder haben noch fast nicht gegessen und haben entsprechend Hunger, das sind die Entwicklungs- und Schwellenländer. Mit dem Argument der historischen Verantwortung bekämen wir keinen Kuchen mehr. Aber wenn das das einzige Essen für die nächsten drei Wochen ist, dann ist das auch nicht realistisch. Zudem müssen wir noch etwas Kuchen für nächste Woche sparen. Wer in dieser Situation wie viel bekommt, ist eine schwierige Frage. Im Kindergarten kann die Lehrperson entscheiden, aber wenn man die Kinder allein verhandeln liesse, käme es fast unweigerlich zu Streit. Ich sage nicht, dass die Klimaverhandlungen in Durban ein Kindergarten sind, aber die Problematik einer fairen Aufteilung ist etwa die gleiche wie beim Kuchen.