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Energieanwendung
15.09.2019
Der Walliser Wein kommt per Kanal
Die alten Bewässerungssysteme im Wallis gewinnen wieder an Bedeutung, und
die jahrhundertealten Rechtssysteme, die sie regeln, gelten noch immer.
Das Bächlein läuft in die falsche Richtung – fast um 90 Grad falsch. An einem Ufer geht es steil hoch und am andern steil hinunter, und der Bach fliesst parallel zum Hang. Der Bach ist eine «Suone» – oder «Bisse» auf Französisch – und bringt Wasser aus dem Hochgebirge in Richtung Anzère und die tieferen Regionen im Wallis. Alle paar Dutzend Meter gibt es kleine Öffnungen, meist oberhalb von Weiden oder landwirtschaftlich genutzten Grundstücken. Die Leitung quert aber auch Felswände und Tobel mit überhängenden Felswänden. Mittlerweile führt hier die «Grand Bisse d’ Ayent» durch einen Tunnel. Doch früher zirkelten Holzkanäle das Wasser aussen um die Felswände herum. «Le Bisse suspendu», hängende Wasserleitung, heisst dieser Abschnitt.
Die einzelnen Komponenten waren so konstruiert, dass sie an Ort und Stelle nur noch zusammengesteckt werden konnten. Gefährlich war die Arbeit trotzdem. Diese Leitungen waren so aufwendig wie empfindlich. Noch heute haben einzelne Abschnitte vollamtliche Wärter. Sie liefen die Leitungen, die heute kilometerlange, lauschige Wanderwege mit kaum merklicher Steigung bilden, täglich ab und übernachteten unterwegs in winzigen Häuschen. Bei jedem Häuschen gab es ein Hammerwerk. Ein kleines Wasserrad liess dort mit einem gut hörbaren «Tok, Tok, Tok» einen Holzhammer auf ein Brettchen schlagen. Hörte das Geräusch auf, gab es ein Problem mit der Leitung.
Ohne die alten Bewässerungssysteme wäre Landwirtschaft im Wallis kaum möglich. Die hohen Berge im Süden und im Norden schirmen das Haupttal von Niederschlägen ab. In Sitten fällt nur ein Drittel der Niederschlagsmenge der meisten Regionen in der Deutschschweiz. Die interaktive Karte im Suonen-Museum in Anzère, auf der die einzelnen Kanäle gelb aufleuchten, sieht deshalb aus, wie wenn jemand einen Teller Nudeln über den Kanton geschüttet hätte. Leitungen ziehen sich durch alle Seitentäler hinaus ins Haupttal. Die ersten Kanäle legten schon die Römer an. Doch vor allem im Mittelalter begann der grosse Ausbau. Die Grand Bisse d’ Ayent wurde im Jahr 1442 gebaut. Damals erhielt eine noch heute existierende «Consortage», eine Art Bürgergenossenschaft, vom Bischof von Sitten das Recht, eine Wassermenge von knapp 400 Litern pro Sekunde aus der Lienne zu beziehen. Als in den 1950er-Jahren die Staumauer von Tseuzier gebaut wurde, ignorierte das Projekt anfangs dieses Recht. Doch die Genossenschaft prozessierte bis vor Bundesgericht und gewann. Der Bundesgerichtsentscheid war wegweisend dafür, dass auch jahrhundertealte Regelungen nach wie vor Bestand haben. Diese Rechte wurden penibel kontrolliert. Die Consortage markierte die Wasserbezüge mit Kerben auf «Tesseln» genannten Holzstäben, jede mit dem Hauszeichen der betreffenden Familien.
In den letzten Jahren wurden viele Wasserrechte nicht mehr so genutzt, wie man könnte. Meist hat man das Recht, einmal pro Woche drei Stunden am Tag oder sechs Stunden in der Nacht zu bewässern, und zwar eine Fläche, die so gross ist, dass man sie an einem Tag mit der Sense mähen kann. Weil das Recht an Zeiten gebunden ist und sonst verfällt, spritzen im Wallis die Bewässerungsanlagen auch, wenn es in Strömen regnet.
Mit steigenden Temperaturen und trockener werdendem Klima werden die Leitungen wieder wichtiger. Die Weinberge unterhalb von Anzère nutzen ihre Wasserrechte wieder sehr sorgfältig. Sie sind durch viele Erbteilungen in winzige Parzellen zerfallen. Jede hat eine andere Rebsorte und ihr altes Wasserrecht. Und da diese Rechte vom Bundesgericht geschützt werden, sind auch alle Änderungen am System oder andere Nutzungen des Wassers kaum durchführbar, zumal es nicht einmal ein allgemeines Verzeichnis dieser alten Regelungen gibt.
«Bis vor Kurzem sah man hier die Bisses als Bürde», sagt Pierre-Armand Dussex vom Suonen-Museum in Anzère. Sie waren teuer im Unterhalt, die Administration der Wasserrechte war aufwendig und führte immer wieder zu Streit. Erst vor wenigen Jahren und insbesondere mit der Eröffnung des Museums im Jahr 2012 hat man hier realisiert, dass die Bisses ein wichtiges Kulturgut sind. Laut Damian Indermitte von Anzère Tourisme haben die Leitungen heute mehrere Aufgaben: die Wasserversorgung, die Erhaltung der Kulturlandschaft und die Erhaltung der Biodiversität. Sie sind aber auch selbst baukulturelle Denkmäler, und Anzère will sie nun vermehrt als leise touristische Attraktion vermarkten. Eine Wanderung im Halbschatten der Bäume entlang eines leise gurgelnden Wasserlaufs erscheint als höchst verlockender Sommerausflug.
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Ein Museum für die «heiligen Wasser»
Die 100-Franken-Suone
Auf der eben erst präsentierten neuen 100-Franken-Note der Schweizerischen Nationalbank ist der legendäre Abschnitt der «Bisse suspendu» bei Anzère verewigt. Im Wallis ist deshalb die Freude über den neuen Hunderter gross, und das Suonen-Museum in Anzère widmet der Produktion der Noten und der Nationalbank eine spezielle kleine Ausstellung. Verewigt wurden die Suonen aber auch im Film: «An heiligen Wassern» von 1960 mit Gustav Knuth erzählt die Geschichte eines Dorfs, dessen Wasserversorgung von einer Suone abhängig ist.