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Der von 1258 an erw. T. ist der wichtigste Wasserlauf des Kt. T., der sich 1803 auf einen Vorschlag Napoleon Bonapartes nach ihm benannte (wobei diese Namensgebung schon im Schweizer Teilungsplan des Generals Guillaume Brune vorgesehen war). Franz. und rätorom. T., ital. Ticino. Vom insgesamt ca. 250 km langen Flusslauf liegen 91 km auf dem Gebiet des Kantons T.; die Hauptquelle entspringt auf über 2'000 m auf dem Nufenenpass, eine Nebenquelle auf derselben Höhe am Gotthardpass. Die beiden Zweige vereinen sich in Airolo, dann durchquert der Fluss die Leventina, die Riviera, den Bez. Bellinzona und die Magadinoebene, bevor er in den Langensee mündet, dessen grösster Zu- und Abfluss er darstellt. Ab Sesto Calende fliesst er auf ital. Gebiet weiter bis zur Mündung in den Po bei Linarolo südlich von Pavia. Das Becken des T.s sammelt die meisten kant. Gewässer; Hauptzuflüsse sind der Brenno, die Moesa und die Morobbia.
Im MA mieden die Handelswege die Schluchten des T.s in der Leventina, nämlich den Monte Piottino, der 1351 in den sog. Hilfskreis des Zürcher Bundes einbezogen wurde (gegenseitige Hilfe und gemeinsame Verteidigung der Eidgenossenschaft), und die Biaschina-Schlucht. Versch. Wege wurden angelegt, um sie zu überwinden. Nach der Annexion der Leventina 1441 öffneten die Urner ab der 2. Hälfte des 16. Jh. die letzte dieser Routen durch den Piottino, an dessen Ende sie den Dazio Grande errichteten (heute Gem. Rodi), und später auch durch die Biaschina-Schlucht. Wegen seiner reissenden Strömung war der Fluss auf Tessiner Gebiet nie schiffbar. Die häufigen Überschwemmungen und Überflutungen durch den T. und seine Zuflüsse forderten viele Opfer und verursachten grosse Schäden (z.B. 1515 Buzza di Biasca). Sie behinderten zusammen mit den Verlagerungen des Flussbetts die ackerbaul.- und viehwirtschaftl. Nutzung der Uferzonen und schufen Sumpfgebiete, v.a. in der Magadinoebene, wo sich die vom 15. Jh. an bezeugte Malaria ausbreitete. In der Zeit der Schneeschmelze wurde der T. hingegen von Giornico an flussabwärts bis in die 1. Hälfte des 19. Jh. für die Flösserei von Holz genutzt, ein wichtiger Rohstoff der Tessiner Wirtschaft. Abnehmerin des Holzes war primär die Lombardei. Bürgermeinden und Körperschaften hatten jeweils die Fischereirechte inne.
Die Vorschläge zur Korrektur des Flusslaufs gehen bis auf das frühe 19. Jh. zurück. Die verheerende Überschwemmung von 1868 mit 41 Toten und Schäden von über 6 Mio. Fr. sowie die Eröffnung der Bahnlinie Locarno-Bellinzona 1874 gaben den Anstoss zur Aufnahme der Planungen. Das Volk lehnte zunächst zwei vom Staatsrat vorgelegte und vom Gr. Rat knapp angenommene Projekte zur Korrektur und Eindämmung bzw. zur Bildung eines Konsortiums für die Flusskorrektur ab; dabei zeigte sich eine Spaltung zwischen der zustimmenden Bevölkerung des Sopra- und der ablehnenden des Sottoceneri. Trotzdem setzte der Staatsrat 1886 das Konsortium ein; die Arbeiten zogen sich von 1888 bis 1939 hin und umfassten Investitionen von mehr als 11 Mio. Fr. Die Kanalisierung des Flusses und die im 1. Weltkrieg begonnene Urbarmachung der Magadinoebene ermöglichten deren Nutzung durch eine moderne Landwirtschaft, die vielen ein Auskommen bot. Diese Nutzung stand allerdings in Konkurrenz zu anderen, ebenfalls viel Raum beanspruchenden Nutzungen (Wohnhäuser, Verkehrswege, Geschäftszentren usw.) der gewonnenen Landfläche.
Das Wasser des T.s und einiger seiner Zuflüsse dient auch der Produktion elektr. Energie. Das erste, 1889 erbaute Kraftwerk war jenes an der Piumogna, eines Zuflusses, der in Faido in den T. einmündet. Mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit folgten weitere Anlagen; 2010 erzeugten 14 Werke (im ganzen Kanton gibt es 27) ca. 750 Megawatt, etwas mehr als die Hälfte der kant. Gesamtproduktion.
Literatur
– Flussbau in der Schweiz, hg. von H.-E. Minor, W.H. Hager, 2004, 74-91
– Lo scorrere del fiume, l'opera dell'uomo, hg. von P. Piffaretti, C. Luchessa, 2011
Autorin/Autor: Ruggero Crivelli / CN