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BeobachterNatur: Sir Attenborough, Sie reisen seit 50 Jahren um die Welt und bringen die exotischsten Tiergeschichten in unsere Stuben. Spüren Sie noch keine Ermüdungserscheinungen?
Sir David Attenborough: Ach was! Es gibt nichts Spannenderes als den Job, den ich mache. Zu Hause herumzusitzen und die Hände in den Schoss zu legen ist nicht meine Sache. Schluss ist erst, wenn ich im Rollstuhl sitze.
BeobachterNatur: Gibt es überhaupt noch weisse Flecken auf Ihrer Landkarte?
Attenborough: Ja, die gibt es. In Zentralasien und in der Wüste Gobi war ich noch nicht. Wüsten sind ein schwieriges Feld: Man muss enorme Strecken zurücklegen, bevor man ein Tier vor die Linse kriegt. Ich glaube nicht, dass ich es noch bis dorthin schaffe, die Strapazen sind mir einfach zu gross.
BeobachterNatur: Sie sind jedes Jahr mehrere Monate unterwegs. Ist das ständige Herumreisen nicht fast schon zwanghaft?
Attenborough: Nun, die meiste Zeit des Jahres verbringe ich ja zu Hause in England. Im Übrigen ist das Reisen an sich nicht etwas, was ich geniesse. In einem Flugzeug zu sitzen ist sterbenslangweilig.
BeobachterNatur: Sie berichten aus den entlegensten Winkeln dieses Planeten, wohin es Normalsterbliche nie schaffen.
Attenborough: In dieser Hinsicht fühle ich mich ausserordentlich privilegiert und glücklich.
BeobachterNatur: Für Ihren nächsten Dokumentarfilm, «The Frozen Planet», der 2011 ausgestrahlt wird, reisen Sie in die Antarktis und die Arktis das ist auch nicht gerade ein Spaziergang für einen über 80-Jährigen.
Attenborough: Reisen ist eine lästige Sache, vor allem, seit ich zu Fuss nicht mehr so gut unterwegs bin. Zum Glück gibt es Schneemobile und Helikopter. Heute gelangt man ja innerhalb von zwei Tagen überallhin: in den Amazonas, zum Nord- oder zum Südpol. Vorausgesetzt, man verfügt über das nötige Kleingeld.
BeobachterNatur: Das klingt nicht sehr umweltfreundlich.
Attenborough: Nun ja, die Reiserei ist Bedingung für meine Arbeit.
BeobachterNatur: Sie zählen wohl zu den am weitesten gereisten Menschen dieses Planeten. Was bedeutet das für Sie abgesehen von einem riesigen ökologischen Fussabdruck?
Attenborough: Absolut gar nichts. Ich bin auch nicht stolz darauf. Es bedeutet einzig, dass ich für ein Rundfunkunternehmen – die BBC – tätig bin, das bereit ist, diese Forschungsreisen zu finanzieren.
BeobachterNatur: Wenn bald jeder in die Arktis reist was macht eine solche Expedition für Sie noch erstrebenswert?
Attenborough: Am Nordpol lassen sich dramatische Prozesse beobachten, etwa das Abschmelzen der Polkappe. Früher war es unmöglich, mit einem Schiff vom Pazifik in den Atlantik zu gelangen. Mittlerweile ist das Polareis so brüchig, dass ein Eisbrecher hindurchgelangt. Das ist alarmierend.
BeobachterNatur: Sind Sie vom Tierfilmer zum Umweltaktivisten geworden?
Attenborough: Keine Angst, in meinem neuen Film geht es nicht in erster Linie um das schwindende Polareis, sondern um die Tiere, die in diesen extremen Klimazonen leben. Man wird also genug Pinguine, Robben, Wale und Eisbären sehen. Im Übrigen lässt sich das eine nicht vom anderen trennen: Umweltschutz und Artenschutz gehen Hand in Hand. Die Verletzlichkeit der Erde hat massiv zugenommen – nur schon deshalb, weil die Zahl der Menschen zugenommen hat. Seit ich auf der Welt bin, hat sie sich bereits verdreifacht. Das bedeutet, dass die Menschheit immer mehr Platz und Ressourcen für sich beansprucht – auf Kosten der Natur, die dadurch zunehmendem Druck ausgesetzt ist.
BeobachterNatur: Sie sehen im Bevölkerungszuwachs das grösste Problem?
Attenborough: Natürlich. Die stetig wachsende Menschheit ist heute der Hauptgrund, weshalb Tiere vom Aussterben bedroht sind – ja weshalb der ganze Planet gefährdet ist.
BeobachterNatur: Ihre Erlebnisse in der Wildnis füllen Bände. Gibt es Momente, die sich besonders tief in Ihr Gedächtnis eingebrannt haben?
Attenborough: Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern ... (lacht). Es gibt natürlich Tausende solcher Erlebnisse. Aber wie wollen Sie das Tauchen an einem Korallenriff mit dem Beobachten von Berggorillas vergleichen? Das sind alles wunderbare Dinge, die ich nicht werten will.
BeobachterNatur: In der Wildnis sind Sie Tieren begegnet, die Normalsterbliche höchstens im Zoo zu Gesicht bekommen. Verspüren Sie bei Ihrer Arbeit eigentlich nie Angst?
Attenborough: Doch, natürlich. Ich bin kein mutiger Mensch. Mein Ziel war nie, Tiere zu zeigen, die besonders wild und aggressiv sind. Ich will Tiere und ihr natürliches Verhalten zeigen. Ich habe die Gefahr nie gesucht und zähle mich auch nicht zu den Personen, die Adrenalinkicks brauchen, sondern zu denen, die einschätzen können, ob ihnen ein Tier gefährlich werden kann oder nicht. Denn man muss verstehen, was sich abspielt, wenn man sich wilden Tieren nähert. Zudem ist die Wildnis gar nicht so gefährlich, vorausgesetzt, man kennt sich ein bisschen aus. Im Zentrum Londons eine Strasse überqueren – das ist wirklich riskant!
BeobachterNatur: Trotzdem: Ganz ungefährlich war zum Beispiel Ihre berühmte Begegnung mit Gorillas in Ruanda nicht. In der Fernsehserie «Life on Earth» sieht man Sie umzingelt von einer Gruppe Berggorillas.
Attenborough: Wir haben uns ihnen nicht aufgedrängt; die Tiere waren es, die auf uns zukamen. Im Vorfeld hatten wir uns Verhaltensregeln wie «Nicht in die Augen schauen» oder «Nicht grunzen» eingebläut. Und dann war alles ganz anders, sehr friedlich.
BeobachterNatur: Wie fühlt es sich an, mit dem Gorilla-Nachwuchs «herumzulümmeln»?
Attenborough: Mit den Gorillababys zu spielen war schon aussergewöhnlich. Besonders, weil die erwachsenen Tiere stets ein wachsames Auge auf uns richteten. Als ein Baby mir meine Schuhe auszog, liess ich es geschehen. Das war wohl besser so ...
BeobachterNatur: Viele Menschen sind der Ansicht, dass die Natur unschuldig, schön und gut ist. Teilen Sie diese Auffassung?
Attenborough: Nein, wie sollte ich! Die Romantisierung der Natur basiert auf einer verzerrten Wahrnehmung, die mit der Realität wenig gemein hat. In der Wildnis kommt man damit nicht weit. Wer an die Unschuld der Natur glaubt, überlebt nicht lange: Er wird aufgefressen. Wir zeigten einmal Schimpansen, die kleinere Affen jagten – eine aufwühlende Szene. Die Zuschauer reagierten empört: Es sei eine Zumutung, etwas so Gewalttätiges zu zeigen.
BeobachterNatur: Hat der Hang zur Verklärung der Natur damit zu tun, dass sich unsere moderne Welt von der Umwelt entfremdet hat?
Attenborough: Bestimmt. Bereits die Hälfte der Menschheit lebt in Städten, ist von der Natur abgeschnitten und hat kaum Kenntnis von den Vorgängen in der Natur. Es gibt Kinder, die noch nie ein Tier zu Gesicht bekommen haben – ausser einer Taube oder Ratte vielleicht.
BeobachterNatur: Sie wurden von den Anhängern der Schöpfungslehre immer wieder dazu aufgefordert, den Anteil Gottes am irdischen Werk nicht zu unterschlagen.
Attenborough: Ich bin jemand, der sich gerne an Fakten hält, an die Tatsache der Evolution etwa. Das Moralisieren überlasse ich anderen. Die Kreationisten – die der Schöpfungslehre anhängen und die Evolutionstheorie ablehnen – haben immer nur die schönen Dinge, zum Beispiel Kolibris, im Kopf, wenn sie an die Schöpfung denken. Doch derselbe Gott hat auch den Parasiten erschaffen, der sich im Augapfel eines afrikanischen Kindes einnistet und es langsam erblinden lässt.
BeobachterNatur: Tun Sie sich schwer mit der Religion?
Attenborough: Ich bin nicht Atheist, sondern Agnostiker. Ich glaube das, was ich sehe. Im Übrigen ist die Genesis mit ihrer Botschaft, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, mit ein Grund für den desolaten Zustand unseres Planeten.
BeobachterNatur: Sie bezeichnen sich auch als Naturalisten. Wann haben Sie Darwin für sich entdeckt?
Attenborough: Sehr früh. Ich kann mich jedenfalls nicht mehr daran erinnern, wie die Welt ohne seine Theorie für mich ausgesehen hat.
BeobachterNatur: Die Evolution für Sie bloss eine Theorie?
Attenborough: Nein. Evolution ist ein historisches Faktum wie beispielsweise der Zweite Weltkrieg. Man muss schon ziemlich blind sein, wenn man die Faktenlage ignoriert. Jedes Kind kann schliesslich sehen, wie sich Fossilien über Millionen von Jahren verändert haben. Aber die Erklärung, die Darwin lieferte, nämlich die, dass die Evolution auf natürlicher Auslese basiere, ist eine Theorie, die bis heute nicht widerlegt worden ist.
BeobachterNatur: Sie selber sammelten als Junge Fossilien. War das der Grundstein zu Ihrer naturwissenschaftlichen Karriere?
Attenborough: Nein, ich wollte eigentlich Bergsteiger werden. Ein richtiger Mann, dachte ich, müsste es mindestens auf den Mount Everest schaffen oder in die Antarktis wie Captain Scott...
BeobachterNatur: Wie haben Sie es geschafft, über all die Jahre Ihr kindliches Interesse an der Natur zu bewahren?
Attenborough: Ich hatte das Glück, mit meiner Passion meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Es hätte genauso gut sein können, dass ich mein Leben damit verbringe, in einem Labor Reagenzgläser anzuschauen.
BeobachterNatur: Wenn Sie die Wahl hätten würden Sie nochmals dasselbe tun?
Attenborough: Bestimmt! Der Fundus der Natur ist so reich, so mannigfaltig, so aufregend, dass einem die Beschäftigung damit nie verleidet. Es gibt ja noch so viel Unerforschtes, Tausende von Mysterien zu lüften! Wir verstehen ja nicht einmal so simple Dinge wie den Grund, weshalb die Blätter der Bäume unterschiedlich geformt sind.
BeobachterNatur: War das der Auslöser für Ihre intensive Beschäftigung mit der Natur: das Bedürfnis zu wissen, wie die Dinge funktionieren und zusammenhängen?
Attenborough: Das war sicher ein Grund, aber nicht der einzige. Die Natur hält ein grosses Mass an Trost bereit, sie ist eine Quelle der Schönheit, des Friedens und der Spiritualität.
BeobachterNatur: Wie bringt man die Menschen dazu, diese Schönheit zu schützen?
Attenborough: Um die Natur schützen zu wollen, muss man sie kennen. Es ist schwierig, eine emotionale Bindung zu etwas aufzubauen, von dem man noch nie etwas gehört hat, Nähe zu einem Tier zu empfinden, das man noch nie gesehen hat.
BeobachterNatur: Gibt es ein Tier, dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
Attenborough: Nun ja, wir wissen, dass wir Menschen den Menschenaffen sehr nah sind, dass wir mit ihnen verwandt sind. Sie sind sozusagen unsere Cousins. Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn wir uns den Affen speziell verbunden fühlen. Mit einem Gorilla einen Blick zu tauschen ist voller Bedeutung: Er sieht, schmeckt, riecht gleich wie wir – kurz: Er nimmt die Welt ähnlich wahr wie wir. Aber es wäre falsch, einen Gorilla oder einen Wal gegen einen Vogel auszuspielen: Jede Art hat ihren besonderen Wert.
BeobachterNatur: Neuerdings wird der Wert von Tieren und Pflanzen in Franken und Rappen beziffert. Was halten Sie von dieser Monetarisierung der Natur?
Attenborough: Das ist blanker Unsinn, ein komplett falscher Ansatz. Der Wert der Natur lässt sich nicht quantifizieren.
BeobachterNatur: Letztes Jahr wurde eine riesige fleischfressende Pflanze in Südostasien entdeckt und nach Ihnen benannt. Freut Sie das?
Attenborough: Natürlich habe ich Ja gesagt und mich bedankt, als die Kollegen anriefen und fragten, ob sie der Pflanze meinen Namen geben könnten. Ich fand fleischfressende Pflanzen schon immer faszinierend.
BeobachterNatur: Es gibt bereits einen Saurier, einen fossilen Fisch und einen kleinen Ameisenbär, die Ihren Namen tragen. Sie werden unsterblich sein...
Attenborough: Von wegen. Solche Namensgebungen haben wenig zu bedeuten: Es braucht immer wieder neue Bezeichnungen für neu entdeckte Arten – und die Namen gehen halt bekanntlich irgendwann einmal aus.
Seit über 50 Jahren realisiert der Zoologe David Attenborough Tierfilme für die britische Rundfunkanstalt BBC. 1954 ging der heute 83-Jährige mit «Zoo Quest» auf Sendung — eine Serie, für die er in exotische Weltgegenden reiste und die den Grundstein für seine Berühmtheit legte.
Von 1965 bis 1972 war Attenborough bei der BBC in verschiedenen Funktionen tätig, zuletzt als Programmdirektor. In den Jahren darauf konzentrierte er sich wieder auf eigene Produktionen. Die von ihm geschriebene und präsentierte 13-teilige Serie «Life on Earth» sahen laut Schätzungen 500 Millionen Menschen weltweit. 1997 produzierte Attenborough die preisgekrönte Sendung «Wildlife Specials» zum 40-jährigen Bestehen der BBC Natural History Unit. 2011 wird sein neuster Film, «The Frozen Planet», zu sehen sein.
Für seine Verdienste wurde Attenborough 1985 zum Ritter geschlagen, und 2004 erhielt er den Descartes-Preis für Wissenschaftskommunikation.