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Paul Rechsteiner und Karin Keller-Sutter, 24. Juni 2014
Metropolitanregionen existieren in der Raumentwicklung des Bundes seit den 1990er-Jahren. Definiert werden sie als verdichtete Siedlungsräume mit urbaner Zentrumsfunktion. Metropolitanräume gelten als Motoren der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes. Sie sind weiter gefasst als Agglomerationen und schliessen auch ländliche Gebiete ein. Wesentlich sind die wirtschaftlichen Verflechtungen und die Pendlerströme.
Ohne weiteres als Metropolitanregion anerkannt wurden in der Schweiz Zürich (mit Winterthur und Zug), die Region Genf-Lausanne und der trinationale Metropolitanraum Basel. Später kamen die Hauptstadtregion Bern (mit Biel und Fribourg) und das Tessin bzw. Lugano mit der Region Como-Chiasso-Mendrisio hinzu. Eine entsprechende Forderung gab es für die Ostschweiz und für St.Gallen bis heute nicht.
Die neue Studie des Wirtschaftsgeografen (und früheren Standortförderers im Staatssekretariat für Wirtschaft) Dr. Karl Koch zeigt, dass die Region St.Gallen alle Voraussetzungen erfüllt, um nach schweizerischen Massstäben als Metropolitanregion anerkannt zu werden. Massgebend dafür sind die Siedlungsräume und die Pendlerstatistiken. Unter Einbezug des grenznahen Vorarlberg, insbesondere der Agglomeration Dornbirn, überschreitet der Metropolitanraum St.Gallen die Schwelle von 500‘000 Einwohnern klar.
Nicht nur die Zahlen, sondern insbesondere auch qualitative Aspekte sprechen für eine Metropolitanregion St.Gallen. Die Region verfügt über eine stark diversifizierte Wirtschaft (als typisches Kennzeichen und Stärke von Metropolen). Unter Einbezug des Rheintals ist die Region eine der am stärksten industrialisierten Regionen der Schweiz auf hohem technologischem Niveau. Beim öffentlichen Verkehr ist St.Gallen der Knotenpunkt für eine ganze Region. Die Anbindung ans Autobahnnetz ist ausgezeichnet. Auch als zentraler Bildungsstandort ist St.Gallen stark positioniert (Universität, Fachhochschule etc.). Das Kantonsspital ist eines der bedeutenden Zentrumsspitäler des Landes. Offensichtlich ist schliesslich die kulturelle Zentrumsfunktion (Museen, Stadttheater als Mehrspartenhaus etc.).
Der Zeitpunkt für die Forderung nach einer Metropolitanregion St.Gallen ist günstig. Das Bundesamt für Statistik ist daran, neue Definitionen zu Agglomerationen und Städten zu entwickeln. Darauf aufbauend werden dann auch die Metropolitanräume definiert.
Zwar sind Metropolitanregionen heute noch nicht gesetzlich festgeschrieben. Dies im Gegensatz zu den Agglomerationen, auf denen beispielsweise die finanziell teils gewichtigen Agglomerationsprogramme beruhen. Für die Standortpolitik, aber auch für nationale Investitionen in die Infrastruktur ist es aber wichtig, welche Regionen sich als Metropolitanräume verstehen. Dies gilt auch für Entscheide wie jenen über ein Innovationszentrum. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung geht von urbanen Räumen aus.
Bleibt es bei der bisherigen Definition der Metropolitanräume, so liegen St.Gallen und die Ostschweiz in der Wahrnehmung des Bundes weiterhin zwischen den Metropolitanregionen Zürich und München, ohne sich als eigenständiges Zentrum zu verstehen. Nicht nur die Geschichte, sondern auch das Potenzial der Ostschweiz mit dem Zentrum St.Gallen weisen weit darüber hinaus. Die Schweiz ist polyzentrisch aufgebaut. Eine Metropolitanregion St.Gallen als Zentrum der Ostschweiz ist die logische Ergänzung zu den bisherigen fünf schweizerischen Metropolen. Eine eigenständige Metropolitanregion St.Gallen kann eine neue Dynamik erzeugen, von Verkehrsinvestitionen bis hin zu Standortentscheiden. Die landschaftlichen Qualitäten des Bodenseeraums sind gross und müssen erhalten werden. Sie sind aber kein Ersatz für die Urbanität des Zentrums der Ostschweiz.
Fazit: Die Nähe zu Zürich mit seinem Flughafen ist zwar auch eine Stärke der Ostschweiz. Trotzdem ist die Region St.Gallen nicht Teil der Agglomeration Zürich, sondern ein lebendiges und eigenständiges Zentrum im Herzen der Ostschweiz und der internationalen Region Bodensee. St.Gallen hat eine starke und eigenständige historische, wirtschaftliche und kulturelle Identität. Wenn das aktuelle Raumkonzept des Bundes dies verkennt und die Ostschweiz lediglich als «Vorhof» von Zürich auf dem Weg nach München sieht, dann besteht Revisionsbedarf.
Der Zeitpunkt für eine eigenständige Positionierung der Ostschweiz ist reif – und günstig. Die Neuberechnungen des Bundesamts für Statistik bieten die einmalige Chance, die Ostschweiz im künftigen Raumkonzept des Bundes als eigenständigen Metropolitanraum zu definieren. Damit schaffen wir die Grundlage für eine bessere Anbindung der Ostschweiz an die anderen Zentren der Schweiz und an das benachbarte Ausland. Das ist für unseren Wirtschafts- und Lebensraum entscheidend, wenn wir den Wohlstand und die Arbeitsplätze in der Ostschweiz erhalten und fördern wollen.