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Da kann die Fassade noch so gut, divers und nett sein, dahinter ist auch ein «Ort des Glücks» wie die «Ellen DeGeneres Show» rassistisch und sexistisch. Für die Marke Ellen ist das fatal.
Ellen DeGeneres ist 62 Jahre alt, besitzt laut «Forbes» ein Vermögen von geschätzten 330 Millionen Dollar und hat allein letztes Jahr 84 Millionen Dollar verdient. Sie ist damit eine der reichsten Self-Made-Unternehmerinnen Amerikas.
Sie und ihre Gattin Portia de Rossi leisten sich ein kostspieliges und reichlich unstetes Hobby: Sie ziehen gerne um. Seit sie zusammen sind, haben sie laut «Architectural Digest» gut 20 Wohnsitze ge- und wieder verkauft, Letzteres mit beträchtlichen Gewinnen. Sie kauften schon von Brad Pitt und verkauften an Will Ferell und Heath Ledger. Ihre derzeitige Residenz erwarben sie für 45 Millionen Dollar.
Ellen DeGeneres, Tochter eines streng christlichen Versicherungsmaklers und einer Sprachtherapeutin, hat sich mit ihrem Lustigsein in eine Sphäre von Privilegiertheit hochgearbeitet, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Flugzeuge, sagt sie in ihrem aktuellen Comedy-Programm, würde sie nur bis Reihe 10 kennen. Alles dahinter sei ihr fremd. Es ist da wohl auch was Wahres dran.
Denn am 30. April 1997 hatte sie ihr Coming-out vor 42 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern in ihrer Sitcom «Ellen». Weil sie nicht mehr lügen wollte. Danach war sie nicht mehr Ellen, danach war sie sowas wie die einzige Lesbe Amerikas. Absolvierte gefühlte tausende von Auftritten, begegnete geduldigst Fragen wie «Ich habe ja nichts gegen Leute wie euch, aber wieso könnt ihr euer Privatleben nicht für euch behalten?» Vielleicht, weil Heteros dies auch nicht müssen?
Laura Dern, die Schauspielerin, mit der sie ihr Coming-out gespielt hatte, die sich zu Ellens Verbündeter gemacht hatte, bekam danach lange Zeit keine Rollen mehr. Ebenso Ellens damalige Freundin Anne Heche. ABC versah ihre Sitcom mit dem Label «Parental Advisory Warning», das konservative Amerika schaltete nicht mehr ein, die LGBTQ-Community kritisierte sie, weil sie nicht politisch genug war. Elton John sagte, sie solle aufhören, über Sexualität zu reden und besser einfach nur wieder lustig sein, davon verstehe sie mehr.
Aber Ellen DeGeneres war noch nie eine harte Politaktivistin gewesen, ihr politisches Engagement war genau so nett und adrett, so blond und geföhnt wie ihre TV- und Bühnen-Figur. Und genau das machte sie langfristig so stark. Denn sie war ein Zeichen, dass da etwas die Chance hatte, Mainstream zu werden, was bisher ausgegrenzt gewesen war. Zudem war sie Vegetarierin, Tierschützerin, allgemein eine Ikone des guten, bewussten, gleichberechtigten Lebens. Für Menschen und für Tiere. Aber immer ein bisschen weichgespült.
2003 gab sie Dorie, der Fischdame mit Amnesie in «Finding Nemo» ihre Stimme. Und 2003 begann sie auch mit der «Ellen DeGeneres Show», jenem Format, dass sie sofort in die Moderations-Stratosphäre von Oprah Winfrey katapultierte und zigfach mit Emmys dekorierte. Die Show war eine Wohlfühlzone. Es ging um Fun und Positivität, um verspielte Annäherungen an grosse Themen, es wurde getanzt und gesungen, und tatsächlich waren die Promis ausserhalb der britischen «Graham Norton Show» nirgendwo so entspannt und amüsant.
Und man dachte sich, dass das auch hinter den Kulissen so sein müsse. Weil eine, die gegen vorne so allumarmend agierte, doch irgendwie auch für das perfekte Arbeitsklima stehen müsse. Doch es war anders.
Nur war es hier nicht wie bei Miramax, wo Harvey Weinstein, also der Chef, sich die Freiheiten nahm und alle anderen weggeschaut hatten. Bei Ellen DeGeneres war es umgekehrt: Die Chefin schaute weg und interessierte sich gar nicht so sehr für ihre Schutzbefohlenen, wie man ob ihres Engagements vielleicht – vorurteilsgeladen – erwartet hatte. Und viele andere nutzen ihre Privilegien schamlos aus. Und all dies immer hinter dem Motto der Show, das da heisst: «Be kind to one another.» Seid nett zueinander.
Bekannt ist bisher dies:
Ellen DeGeneres entschuldigte sich mit folgenden Worten bei ihrem Team:
«Am ersten Tag unserer Show sagte ich bei unserem ersten Treffen allen, dass die Ellen DeGeneres Show ein Ort des Glücks sein würde – niemand würde jemals seine Stimme erheben, und jeder würde mit Respekt behandelt werden. Offensichtlich hat sich etwas geändert, und ich bin enttäuscht zu erfahren, dass dies nicht der Fall war. Und das tut mir leid.
Ohne all eure Beiträge könnte ich nicht den Erfolg haben, den ich gehabt habe. Mein Name steht in der Show und in allem, was wir tun, und ich übernehme die Verantwortung dafür. Zusammen mit Warner Bros. haben wir sofort eine interne Untersuchung eingeleitet, und wir unternehmen gemeinsam Schritte, um die Probleme zu korrigieren.
Da wir exponentiell gewachsen sind, war ich nicht in der Lage, den Überblick zu behalten und habe mich darauf verlassen, dass andere ihre Arbeit so erledigen, wie sie wussten, dass ich sie erledigt haben wollte. Offensichtlich taten das einige nicht. Das wird sich jetzt ändern, und ich setze mich dafür ein, dass sich so etwas nicht wiederholt.»
Das klingt wie die Entschuldigung einer Chefin, die wegen der schieren Grösse ihres Imperiums die Details aus dem Blick verloren hat. Oder die den Blick für Details vielleicht noch nie hatte. Schliesslich gehören Leman und Glavin zu den Wenigen, mit denen sie sich tagtäglich eng umgibt, die Anderen haben die Anweisung, sie weder anzusprechen noch anzuschauen. Die Zusammenarbeit mit Glavin wurde nun jedenfalls beendet, weitere Entlassungen auf höherer Ebene stehen an.
Ellen DeGeneres verlängerte ihren Vertrag für die Talkshow vor zwei Jahren bis zum Sommer 2020. Sie tat dies damals widerwillig, sie hatte keine Lust mehr. Sie wolle lieber noch ein paar Filme drehen und vielleicht Radio machen, sagte sie der «New York Times». Vor einem Jahr verlängerte sie bis 2022. Die Show muss also weitergehen.
Erst im März hatte der Comedien Kevin T. Porter getwittert, dass Ellen DeGeneres «one of the meanest people alive», einer der fiesesten Menschen, sei. Jedes Beispiel ihrer Fiesheit belohnte er mit zwei Dollar für die Coronahilfe. Es kamen tausende von Dollar zusammen.
Grund für Porters Tweet war, dass das Team der Show über Wochen im Ungewissen gelassen wurde, was während Corona mit ihrem Anstellungsverhältnis geschehen würde. Schliesslich informierten die Produzenten, dass sich alle auf eine Gehaltseinbusse von 60 Prozent gefasst machen müssten, während gleichzeitig produktionstechnische Aufgaben outgesourct wurden.
Und im April verärgerte DeGeneres ihre Fans, indem sie ihre eigene Multimillionen-Dollar-Villa wegen Corona als «Gefängnis» bezeichnete. Vielleicht wäre es ganz gut, sich mal wieder um die hinteren Reihen in den Flugzeugen zu kümmern.
Quellen für diesen Artikel: New York Times, Washington Post, BuzzFeed, Süddeutsche Zeitung, Variety.
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