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Klettern in Jordanien
Claude und Yves Remy, Lutry ( VD )
Zu Fuss durch die Wüste. Im Hintergrund der Jabal Ramm Es ist halb drei Uhr morgens. Der Hahn kräht schon! Zum Teufel mit ihm! Dann ist die Reihe an den Hunden, sie beginnen zu heulen. Mir ist heiss, zur grossen Freude der Mücken schwitze ich sehr stark. Tausende von Sternen glitzern am unendlich weiten Himmel. Der Mond zeichnet hellere und dunklere Schatten auf der riesigen Fläche der schweigenden Wüste.
Eine lange Nacht, weil ich wenig oder schlecht schlafe; eine kurze Nacht dagegen, weil der Tag früh anbricht und ich noch müde bin.
Unser Freund Jamal As'hab hat schon -pünktlich wie eine Schweizer Uhr - auf seinem kleinen, nach Mekka gerichteten Teppich mit lauter Stimme sein Gebet begonnen. Wir sind im Reich des Islam.
Halb sechs Uhr. Die Sonne tönt jetzt leicht den oberen Teil der Ostwand des Jabal Ramm. Dann übergiesst sie langsam, aber unaufhaltbar die herrliche Wand, die 350 Meter senkrecht über dem Tal des Ramm und unserm Lagerplatz aufragt, mit ihren feurigen Farben.
Mein Bruder, ein Frühaufsteher, bereitet das Morgenessen. In der Ferne hört man die Beduinen bei ihren täglichen Verrichtungen; sie führen ein einfaches, aber glückliches Leben.
Der Tag könnte lang und hart werden: Wir hoffen, einen Riss mitten in der Südwand zu durchklettern. Entgegen meiner Gewohnheit nehme ich den Photoapparat nicht mit, sondern stattdessen eine zweite Feldflasche -man kann nie wissen. Und Wasser ist hier lebenswichtig!
Einige hundert Meter lang durchqueren wir die flache Wüste des Wadi Ramm. Seit Lawrence von Arabien sich hier Anfang des Jahrhunderts aufhielt, ist die Gegend berühmt. Aber die Berge, die aus den grossen Sandebenen aufragen, sind schon sehr viel länger da. Sie wirken wie gewaltige, in einem erstarrten Meer gestrandete Schiffe. Die Eroberung dieser Gipfel hat schon zu Beginn der biblischen Zeit begonnen - oder doch beinah. Ehe wir die Basis des Jabal - des Berges - in Angriff nehmen, kommen wir an einem Militärlager vor- In der tief eingeschnittenen Zugangsschlucht nach Petra, der roten Wüstenstadt bei. Die Männer sind beim Exerzieren, man hört ihre sehr lauten und fast ununterbrochenen Rufe.
In rund zwanzig Minuten sind wir dann am Ausgangspunkt unserer Klettertour, am Fuss eines gradlinigen Risses, der fast in einem Zug in einer der steilsten Wände des Massivs aufsteigt. Eine Art Ulla dieser Gegend \ Im Morgenlicht kommt das Relief der Flanke gut zur Geltung, es zeigen sich beunruhigende Schatten: Anscheinend gibt es zahlreiche und erhebliche Wülste und Überhänge!
Wir befinden uns in einem Siq, einem jener engen, von hohen Wänden gesäumten tiefeingeschnittenen Täler, wie sie für diese Gegend charakteristisch sind. Die gellenden Schreie dort nistender Vögel hallen in solch düsteren Schluchten lange wieder.
Wir bereiten uns schnell und schweigend vor; das notwendige Material ist dasselbe wie jeden Tag. Felsbänder führen uns auf die linke Seite des Risses, dessen unteres Ende sich in ausgedehnten gelben Überhängen verliert, ein Anzeichen für nahezu unüberwindbare sandige Zonen. Eine Verschneidung, die sich links öffnet, aber nirgends hinführt, bringt uns weiter von dem Riss weg. Auf jeden Fall folgen wir einer Aufstiegslinie - wobei wir ständig nach rechts schauen. Wie und wo werden wir dieses Labyrinth aus senkrechten Platten traversieren, um wieder den Riss zu erreichen? Die dritte Seillänge, plötzlich ist die gute Lösung des Problems vor uns: Ein richtiges Felsband, eine Art Balkon ohne Geländer, der in die Leere gesetzt hier seit Jahrhunderten wartet. Die Verbindung ist hergestellt. Wir versuchen über diese Route - bald Riss, bald Kamin - zu entkommen. Die Sonne folgt uns, unerbittlich und allgegenwärtig.
Besser jetzt aus der Feldflasche trinken, ehe ihr Inhalt verdunstet!
Manche Passagen, gelegentlich stark überhängende Partien, sind viel leichter zu durchklettern, als vorauszusehen war, dies dank der prächtigen Formationen, die Wasser, Wind und Zeit aus diesem Gestein geschaffen haben, aber auch dank der Fähigkeiten meines Bruders Yves. Sehr leicht und schnell, mit ver- 1 Die Ulla ist ein berühmter Riss in den Gorges du Verdon ( Frankreich ).
bluffender Sicherheit, bringt er die Seillängen hinter sich. Der Sandstein am Wâdï Ramm ist im grossen Ganzen solide, erfordert aber dennoch Aufmerksamkeit, denn manchmal bricht ein Griff oder ein Felszacken aus. Das erschreckt, und man muss sich erst daran gewöhnen. Ohne Geräusch tauchen zu unsrer Rechten vier schwarze horizontale Striche am Himmel auf. Adler! Jetzt sind sie uns nahe, man könnte meinen, sie beobachteten uns aufmerksam. Dann kreisen sie über unsern Köpfen, ohne sich zu entfernen. Uns ist, als hörten wir von hoch oben ihre höhnische Frage:
Diese Stärkung gibt uns neuen Schwung, und wir setzen unsern Aufstieg fort. Während Yves weiter oben ( kämpft ), sitze ich auf dem als Stand dienenden Felsband und denke über das Privileg nach, in Jordanien klettern zu dürfen. Zunächst die erste ( Beziehung ): Renée Van Hasselt, eine holländische Freundin, die im Königlichen Palast von Amman arbeitet, hat uns - mit Hilfe des Ministeriums für Tourismus - die Einreise in das Land ausserordentlich erleichtert. Im Süden Jordaniens konnten wir dann ein ausgedehntes gebirgiges Gebiet entdecken, das noch wenig erkun- Eine phantastische Route in bestem Fels am noch unberührten Grossen Nassraniyyah-Turm, der die Wüste um 800 m überragt!
det ist und in dem vor allem noch nie in modernem Stil geklettert wurde!
Die Beduinen sind allerdings schon an allen für sie irgend erreichbaren Orten gewesen. Diese Menschen sind in ihren Bergen ausserordentlich gewandt.
... Halt, was tue ich denn auf diesem Band? Oh, ich bin eingeschlafen! Merkwürdig, das Seil bewegt sich gar nicht mehr.
Bei der nächsten Seillänge haben wir es mit einem senkrechten Riss zu tun, der in einem Zug die Wand durchfurcht. Zum Glück steigen wir auf und blicken nach oben! Mit einem Schlag kommen wir auf die Gipfelfläche2, immer noch in der vollen Sonne und mit total ausgetrockneter Kehle.
Als ich Yves vorschlage, diese Route dem ( unvergleichlichen ) Georges Livanons zu widmen, antwortet er mir: ( Gute Idee, nennen wir die Route'Le Grec'b ('der Grieche '; das ist sein Übername ).
Über eine einige Tage vorher durchstiegene Route ( auf einem herrlichen Pfeiler ) nehmen wir den Abstieg durch Abseilen in Angriff. Es sei noch bemerkt, dass es in diesen Sand-steinwänden viele löcherige Felsformationen gibt, die manchmal sogenannte Sanduhren bilden. Sie sind sehr nützlich, um sich während einer Seillänge oder am Stand zu sichern. Die fünfte Abseillänge nehmen wir von einer starken Sanduhr von 40 Zentimeter Durchmesser aus in Angriff. Yves ist schon zwanzig Meter die glatte Wand hinuntergekommen, da höre ich ein merkwürdiges Geräusch und sehe entsetzt, dass sich der Fels spaltet und dann bricht. Ich bin mit derselben Schlinge, die zum Abseilen dient, gesichert und schreie Yves zu: ( Der Fels bricht, alles geht zum Teufel, halte dich !) Alles geschieht im Bruchteil einer Sekunde, viel schneller, als man es sagen oder schreiben kann.
Nur das ungewöhnliche Können meines Bruders hat ihm ermöglicht, sich ( im Fluge ) an 2 Die Gipfel sind im allgemeinen gewaltige, von mehr oder weniger grossen Siqs durchschnittene Kuppen. Die Siqs sind oft nur schwer, manchmal auch gar nicht zu überwinden. Die Situation ähnelt damit ein wenig der auf manchen Gletschern.
3 Impfvorschriften ändern sich häufig. Wenden Sie sich darum rechtzeitig an Ihren Hausarzt, der Zugang zu den jeweils neuesten Verordnungen der Weltgesundheitsorganisation ( who, Genf ) hat. Die Red.
Griffen mitten in der Wand anzuklammern. Ein Wunder ?!
Dass er sich halten kann, entlastet sofort die Schlinge, die ich jetzt, auf das unter diesen Umständen sehr schmal gewordene Felsband gestemmt, am Abseilgurt blockiere. Die Situation würde zu manchen Abenteuern während der dreissiger Jahre unseres Jahrhunderts in den grossen Nordwänden der Alpen passen.
In diesem Augenblick äusserster Anspannung beherrscht uns nur ein Gedanke: Retten wir unsere Haut! Mit zitternder Hand versuche ich, einen Haken anzubringen, einen Klemmkeil mit Hammerschlägen in einen Riss einzutreiben - vergeblich. Mein Blick trübt sich, ich schwitze ( noch stärker !), das macht die Angst. Und Yves wird ungeduldig, seine Kräfte lassen nach. Endlich gelingt es mir, mit Hammerschlägen an einer geeigneten Stelle eine Sanduhr auszuschlagen. Dieser weiche Fels hat nicht nur seine Nachteile, sondern auch seine Vorteile! Fieberhaft bringe ich - zur grossen Erleichterung meines Bruders-eine Schlinge und das Seil zum Abseilen an.
Ich atme auf. Wir sind noch einmal davongekommen!
Wir wollen nicht sterben, auch nicht für den schönsten aller Aufstiege!
Dann seilen wir ohne weitere Zwischen-spiele ab. Dies eine hat uns genügt!
Weiter unten treffen wir auf eine Gruppe Soldaten. Nach den üblichen Begrüssungen fordern sie uns auf, uns zu ihnen zu setzen. Während ein lebhaftes Gespräch in einem Durcheinander aus Arabisch, Englisch und Französisch beginnt, reichen sie jedem von uns eine Tasse sehr starken und sehr süssen Tee.
Trinken - ist das nicht wunderbar?
Praktische Hinweise Amman, die Hauptstadt von Jordanien, erreicht man von Genf aus in fünf Flugstunden. Für die Einreise ist ein Visum nötig, das man aber auch an Ort und Stelle erhalten kann. Um einen Mietwagen zu fahren, braucht man einen Internationalen Führerschein.
Impfungen werden zurzeit nicht verlangt. Es ist jedoch geraten, sich gegen Tetanus, Hepatitis und Typhus impfen zu lassen3.
Einige Ratschläge für das tägliche Leben in Jordanien Jordanien ist ein islamisches Land, Kultur, Sitten und Lebensrhythmus sind also sehr verschieden von denen in unsern westlichen Ländern.
Die Beachtung der Gebräuche des Gastlandes ist ein Gesetz der Höflichkeit. Man sollte daran denken, dass in manchen Fällen noch das Wiedervergeltungsrecht angewendet werden kann!
Zum Grüssen und zum Essen wird stets und ausschliesslich die rechte Hand benutzt. Eine Einladung darf niemals abgelehnt werden.
Ehe man jemanden photographiert, sollte man ihn um Erlaubnis bitten, das ist eine reine Frage des Anstandes. Frauen gegenüber sollte 173 Die mächtige Ostwand des Jabal Ramm man auf diese Bitte verzichten, denn es ist den Landessitten gemäss praktisch ausgeschlossen, sie zu photographierez Man sollte also nicht auf einem solchen Wunsch bestehen. Das gilt ganz besonders für die Beduinen am Wâdï Ramm.
Unserem Wochenende entsprechen in Jordanien der Donnerstag nachmittag und der Freitag.
Hinweise für das Klettern Man erreicht den WädT Ramm mit dem Auto, kann aber auch mit dem Bus bis in die Nähe fahren. Es gibt am Ort bereits eine grosse Auswahl an Kletterrouten.
Klettern ist in diesem Land ein sehr junger Sport. Das bringt, wie man sich vorstellen kann, Vorteile und Nachteile mit sich. Bis jetzt ist nur ein einziges Massiv einigermassen erkundet, nämlich das am Wadi Ramm, das in der Wüste im Süden des Landes liegt und nicht allzu weit von Al-'Aqabah entfernt ist. Es scheint, dass dieses Massiv das für Felskletterei jeden Grades bedeutendste und interessanteste ist.
Die Höhenunterschiede in diesem Gebirge -das häufig den Dolomiten ähnelt - betragen in einigen Fällen 800 Meter, steile Wandpartien erreichen maximal 500 Meter.
Der höchste Punkt des Gebirges ist der Jabal Ramm ( 1754 m ). Man erreicht das Gebiet am Wadi Ramm von Amman aus in fünf Autostunden ( 330 km ), von Al-'Aqabah aus in einer Stunde ( 70 km ).
In dem Beduinendorf Wadi Ramm am Ende der Strasse gibt es einen Polizeiposten, einen kleinen Laden und viel Trinkwasser. Zelten ist ohne Einschränkung erlaubt.
Im Gebiet des Wadi Ramm gibt es, jedenfalls bis jetzt, keine so wirksamen und schnellen Bergrettungsmöglichkeiten wie in den Alpen. Darum sollte man unter allen Umständen Klettertouren nur in Gruppen - mindestens zwei Zweierseilschaften, also vier Personen -unternehmen.
Manche der Berge machen den Eindruck von Türmen, so - von Westen her gesehen - Blick auf den mächtigen Gebirgsstock des Jabal Ramm der Nassraniyyah und der Traif Al-Maragh, deren Ähnlichkeit mit den Drei Zinnen in den Dolomiten bemerkenswert ist.
Material und Sicherung: Das übliche Material eines Kletterers und natürlich weiche Schuhe. Die üblichen Seillängen messen 45 Meter, doch wegen der zahlreichen Abseilpisten ist ein Seil von 90 Metern praktisch.
Klemmkeile: Ein Spiel Rocks und Hexs. Friends können immer von Nutzen sein, doch wegen ihrer geringen Berührungsfläche an Fels sind sie weniger zuverlässig als Hexs.
Zum Abseilen sollte man mehrere Schlingen mitnehmen, darunter einige sehr lange ( 2-3 m ).
Die Routen erfordern zurzeit angesichts der Abgelegenheit des Massivs einen gewissen Einsatz, der noch spürbarer wird, je weiter man in die Wüste vordringt.
Wir mussten zudem eine starke Seilabnut-zung feststellen und raten darum allen, die dort lange und intensiv klettern wollen, ein Er-satzseil mitzunehmen.
Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern Mohamed Mosa, der Beduine vom Wädi Ramm