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Am Freitag ist die Frist abgelaufen, die US-Anwalt Edward Fagan der UBS gestellt hat, um auf seine Klage im Zusammenhang mit der IG Farben einzutreten.
Die Schweizer Grossbank sieht keinen Grund, auf die Forderung einzugehen.
"Die Klage entbehrt jeder Grundlage", sagte UBS-Sprecher Christoph Meier am Freitag gegenüber swissinfo. "Erstens haben deutsche Gerichte 1988 ähnliche Klagen abgewiesen. Zweitens wurde die Geschichte der Interhandel von der Unabhängigen Experten-Kommission zur Schweiz während des Zweiten Weltkrieges (Bergier-Kommission) unabhängig und gründlich untersucht", so Meier.
Die Historiker seien zum Schluss gekommen, dass es keinen Hinweis für eine Verbindung der IG Farben mit der Interhandel nach 1940 gebe. In ihrer Antwort an Fagan tritt die UBS deshalb nicht auf die Forderung ein.
Erneut gegen Schweizer Grossbank
Fagan hatte am 29. Dezember 2003 von der UBS eine Zahlung in der Höhe von mehr als 2 Mrd. Franken gefordert. Dies als Entschädigung für die Aneignung des Vermögens der einstigen IG-Farben-Tochter Interhandel. Falls die Schweizer Grossbank nicht auf seine Forderungen einsteige, werde er Klage einreichen, hatte Fagan vor den Medien in Zürich erklärt.
Der umstrittene Anwalt, der durch Holocaust-Sammelklagen gegen Schweizer Banken und Versicherungen bekannt wurde, hatte dabei UBS-Chef Peter Wuffli ein schriftliches Ultimatum überreicht. "Die Forderungen beruhen auf Dokumenten, die erst kürzlich zugänglich gemacht worden waren", so Fagan.
Sollte die UBS nicht auf einen Vergleich einsteigen, würde er Ende Januar beim US-Gericht des Southern District of New York gegen die UBS klagen.
Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter
Die deutsche IG Farben war während des Dritten Reichs der weltweit grösste Chemie-Konzern und mit dem Nazi-Regime eng verflochten. Das Unternehmen hatte Zehntausende von deportierten Zwangsarbeitern beschäftigt. Die Überlebenden forderten bisher vergeblich eine Entschädigung für das erlittene Unrecht.
Historisch äusserst komplexe Verflechtungen
Die unternehmensrechtlichen Verhältnisse von IG Farben und Interhandel sind äusserst komplex, weshalb die Historiker der Bergier-Kommission diesem Thema eine separate Studie widmeten.
Darin kamen sie zum Schluss, dass die Interhandel 1940 formell vom Konzern losgelöst worden war. In den 50er Jahren kaufte dann die Schweizer Bankgesellschaft (SBG) sukkzessive Aktienpakete der Interhandel auf. 1967 schliesslich ging diese völlig in die Hand der SBG, der heutigen UBS, über.
Rückblende
Der deutsche IG-Farben-Konzern hatte 1928 in Basel die Finanzholding IG Chemie gegründet, die 1945 in Interhandel umbenannt wurde. Zweck: Die nazifreundliche IG Farben lagerte in den 30er Jahren zentrale Teile ihrer Tochtergesellschaften in die schweizerische Filiale aus. So auch die amerikanische GAF, welche 1942 von den USA als feindlicher Besitz beschlagnahmt worden war.
Die heutigen Forderungen ergeben sich aus dieser Beschlagnahmung von 1942: Interhandel und somit die SBG hatte 1965 mit dem Argument, bei der GAF habe es sich um eine schweizerische Firma gehandelt, bei einem Vergleich mit der US-Regierung 122 Mio. Dollar als Entschädigung für die Beschlagnahmung erhalten.
Fagan ist nun der Meinung, dass diese Summe, die inzwischen 1,8 Mrd. Euro entsprechen würde, aufgrund heute nachweisbarer Treuhandabreden nicht der UBS, sondern der IG Farben respektive der IG Farben Aktionärsvereinigung zustehen würde.
Im Gegensatz zu 1988, als die IG-Farben-Nachfolgerin gegen die UBS erfolglos prozessiert hatte, seien heute Dokumente zugänglich, die vor 1989 in den Archiven der DDR oder UdSSR lagerten. Diese würden beweisen, dass die IG Farben den Einfluss auf die Interhandel niemals aufgegeben habe, so Fagan in Zürich.
Klage auch von IG-Farben-Liquidatoren abgelehnt
Selbst die Liquidatoren des Restkonzerns IG Farben halten die geplante Milliarden-Klage von Edward Fagan gegen die UBS für nicht seriös. Sie werfen ihm Eigennutz vor.
Eine Klage gegen die UBS könnte theoretisch eine neue Chance für die ehemaligen Zwangsarbeiter des Konzerns bedeuten. Solche Möglichkeiten müssten jedoch "mit Sachlichkeit und Sachkunde" geprüft werden, erklärten die Liquidatoren der IG Farbenindustrie AG i.A., der deutsche Rechtsanwalt Volker Pollehn und der deutsche Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt, am Donnerstag in Frankfurt.
Der historische Hintergrund der IG Farben sei zu ernst, um ihn "für vordergründige selbstsüchtige Ziele zu missbrauchen", sagten die Liquidatoren.
swissinfo und Agenturen
Fakten
Die IG Farben wurde 1925 gegründet
Der Konzern war bis 1945 weltweite Nr. 1 in der Chemiebranche
IG Farben hat das Nazi-Regime aktiv unterstützt
Der Konzern beschäftigte in Auschwitz 80'000 Zwangsarbeiter
IG Farben wurde nach der Kapitulation der Deutschen 1945 zerschlagen
In Kürze
Ed Fagan hat bereits mehrmals Schweizer Unternehmen mit Milliarden-Klagen eingedeckt.
2002: Sammelklage u. a. gegen UBS und Credit Suisse, weil diese Geschäfte mit dem südafrikanische Apartheid-Regime getätigt und Schwarze ausgebeutet hätten. Im Mai 2003 wurde ihm das Mandat entzogen.
2000: Nach der Feuer-Katastrophe in einer Bergbahn in Kaprun (Österreich) mit 155 Opfern klagte er den Schweizer Bekleidungs-Hersteller Intersport ein, der am Unglückstag im Wintersportort einen Snowboard-Wettbewerb organisiert hatte. Die Klage wurde im letzten August zurückgezogen.
1998: Sammelklagen gegen Schweizer Grossbanken, weil diese nachrichtenlose Vermögen den rechtmässigen Besitzern, d. h. Überlebende des Holocaust und Nachfahren von dessen Opfern, nicht ausbezahlt hatten. In einem Vergleich zahlten die Banken schliesslich 1,56 Mrd. Fr.