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Es ist ein kleiner, gebrechlich wirkender Mann, der da 1984 in New York auf der Bühne steht und sein Publikum mit russischen Romanzen und Gaunerliedern verzaubert. Zwei Jahre vor seinem Tod ist der grosse Aljoscha Dimitriewitsch zum ersten Mal in seinem Leben in die USA gereist. Im Publikum sitzen vorwiegend sowjetische Emigranten. Wie die sich fühlen, weiss Aljoscha Dimitriewitsch genau, er ist selbst Emigrant.
Ein Leben auf der Bühne, von dem kaum etwas überliefert ist
Abgesehen von einer langen Unterbrechung lebte er seit Ende der 20er-Jahre in Paris. In Russland hatte er nur ein paar Jahre verbracht, vielleicht fünf oder sechs, als Kind. Das war 1984 schon sehr lange her. Doch für das Publikum in New York war Aljoscha Dimitriewitsch der Inbegriff uralter russischer Musik- und Lied-Traditionen. Zum Glück für die Nachwelt wurde das Konzert auf Video mitgeschnitten und später auch als CD veröffentlicht. Aljoscha Dimitriewitsch stand zwar sein Leben lang auf der Bühne, doch nur wenige Ton und Videoaufnahmen sind überliefert.
Glaubt man den Lexika, so wurde Aljoscha Dimitriewitsch am 23. März 1913 geboren. Genau weiss das allerdings niemand. Sein Vater gehörte zu den so genannten Kelderar, ursprünglich auf dem Balkan beheimatete Roma. Die Mutter entstammte einer berühmten russischen Roma-Familie. Nach den Revolutionen von 1917 verliess der Klan der Dimitriewitschs Russland in Richtung Osten. Über Peking, Hongkong, Java und Kalkutta gelangten sie Ende der 20er-Jahre nach Paris.
Immer mit der ganzen Familie
Dort hatten sich zu dieser Zeit mehrere zehntausend Flüchtlinge aus Russland niedergelassen, darunter auch Sänger wie Alexander Wertinskij, Jurij Morfessij, Njura Massalskaja, Nastja Poljakowa oder Wolodja Poljakow. Sie alle waren schon in Russland Stars.
Die Dimitriewitschs kannte in Russland niemand. Doch in den russischen Cabarets und Restaurants von Paris machte sich der Chor der Dimitriewitschs, wie die Truppe offiziell hiess, schnell einen Namen. Die Dimitriewitschs bezauberten das vergnügungssüchtige, champagnerselige Publikum mit leidenschaftlichen Romanzen und wilden Tänzen. Schon 1934 traten sie erstmals in einem Kinofilm auf, viele weitere folgten.
1940 waren es erneut welthistorische Ereignisse, die Aljoscha Dimitriewitsch und seinen Klan vertrieben. Aus Angst vor den Nazis emigrierten die Dimitriewitschs nach Argentinien. Es heisst, Aljoscha habe dort mit Pferden gehandelt, es heisst, er sei in Rodeos aufgetreten, es heisst, er habe als Alexandro El Russito im Polo brilliert. Ende der 50er-Jahre waren er und seine Schwester Walja zurück in Paris. Und erst jetzt, mit fast 50, sang Aljoscha Dimitriewitsch.
Er sang seine alten Lieder wie Tangos
Mit ihm spielte Konstantin Kasansky, der in der 70er- und 80er-Jahren mit Dimitriewitsch befreundet war. Kasansky produzierte auch sein einziges Soloalbum. Für ihn begründete Dimitriewitsch eine ganz neue Art, russische Zigeunerromanzen zu singen: «Er hat wahrscheinlich in Argentinien angefangen zu singen. Das war der grosse Moment! Hören Sie sich an, wie der argentinische Tangosänger Roberto Goyeneche «Piazzolla» singt – das ist genau die Art, wie Aljoscha singt. Er singt seine russischen Romanzen wie Tangos – nicht Tangos zum Tanzen, sondern T-A-N-G-O! Achtung, mit Texten! Und was für welche!»
Ein ganz neuer Stil
Aljoscha Dimitriewitsch war in den Pariser Cabarets der 60er- und 70er-Jahren ein fest gebuchter Star, der Nacht für Nacht auftrat. 1968 begleitete er seinen alten Freund Yul Bruner auf einer LP, 1972 folgte ein Album mit seiner älteren Schwester Walja. Die Gelegenheit, eine Solo-LP aufzunehmen, kam 1976.
Konstantin Kasansky produzierte die Platte, schrieb die Arrangements und spielte selbst mit. Der junge, damals schon weltberühmte Maler Michail Schemjakin finanziert das Projekt. «Es hat alles gut geklappt, aber es hätte auch nicht klappen können. Ich weiss nur eins: wenn ich damals alles so gemacht hätte, wie die Leute es erwarteten, dann wäre das alles längst vergessen. Nicht Aljoscha, aber diese Aufnahmen. Die russischen Zigeuner haben ja gesagt: ‹Was macht er da?› Und ich verstehe sie! Das ist ihr Recht. Aber aus Sicht der Kunst ist Aljoscha Dimitriewitsch der abolsute Gipfel dessen, was russische Zigeuner erreicht haben in der Interpretationskunst.»