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Bevorstehender Besuch von Feldmarschall Montgomery in der Schweiz: Erkundungen des britischen Militärattachés bei einem ranghohen Schweizer Offizier zur schweizerischen Position gegenüber der Westunion.
Printed in
dodis.ch/4321
AKTENNOTIZ ÜBER EIN GESPRÄCH MIT DEM ENGLISCHEN MILITÄRATTACHÉ OBERSTLT. SITWELL2
Am 18. 12. abends traf ich an einer Soirée den englischen Militärattaché, Oberstlt. Sitwell. Er benützte einen Augenblick, da sich niemand in der Nähe befand, um ziemlich unvermittelt auf militärpolitische Fragen zu sprechen zu kommen. Ich gebe den Inhalt des Gespräches nachstehend in verkürzter Form wieder, wobei ich vorbehalten muss, dass mir vielleicht, da wir englisch sprachen, die eine oder andere Einzelheit seiner Darlegungen entgangen sein könnte.
Oberstlt. Sitwell erklärte, er wolle mir etwas mitteilen, was mich sicher interessieren werde. Er fügte bei – und wiederholte es übrigens während des Gespräches mehrmals – es handle sich um streng vertrauliche Mitteilungen. Er sagte dann, Feldmarschall Montgomery werde einen Ferienaufenthalt in der Schweiz machen und zwar werde er am 19. 2. 49 hier eintreffen, drei Wochen in Mürren, 5 Tage in Gstaad und zwei in Bern verbringen und wünsche bei dieser Gelegenheit den Generalstabschef zu sehen, vorausgesetzt, der Bundesrat autorisiere diesen Besuch. Er, Sitwell, befürchte, dass bei diesem Anlass Missverständnisse entstehen könnten. Er nehme an, Feldmarschall Montgomery werde bei dieser Gelegenheit den Generalstabschef über unsere Einstellung zur westlichen Union3 befragen, so z. B. über die Frage, ob uns Truppen der westlichen Union im Falle eines Krieges zwischen dem Ost- und dem Westblock helfen könnten. Wenn ich recht verstanden habe, sprach er in diesem Moment noch nicht von einem Angriff des Ostblockes auf die Schweiz.
Ich erklärte sofort, dass wir uns in einem solchen Fall nach wie vor strengster Neutralität befleissen würden. Unsere Neutralität sei nicht nur eine vierhundertjährige Tradition, sondern ein dauernder Staatsgrundsatz; sie sei daher mit der Neutralität von Fall zu Fall und aus opportunistischen Gründen, wie sie bei andern Staaten vorkomme, keinesfalls zu vergleichen. Die Schweiz sei dank ihrer Neutralität in zwei Weltkriegen von der Verwicklung in den Kampf bewahrt geblieben, und wenn dies auch keine Gewähr dafür biete, dass dies auch ein drittes Mal geschehe, so bestehe auch keinerlei Grund dafür, dass wir unfehlbar in einen allfälligen dritten Weltkonflikt hineingezogen würden. Die militärgeographische Lage der Schweiz sei von derjenigen Belgiens und Hollands total verschieden. Diese Länder, die hindernislose Korridore darstellten, seien der Natur der Sache nach geeignet, als natürliche Flussbeete kriegerischen Handelns zu dienen, weshalb sie ja auch jedes Jahrhundert den Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Ost und West geworden seien. Die Schweiz hingegen sei eine Festung, die anzugreifen zahlreiche Kräfte und sehr viel Zeit beansprüche; zwei Weltkriege hätten übrigens bewiesen, dass man Operationen grössten Ausmasses in Europa durchführen könne, ohne dabei das schweizerische Gebiet zu benützen. Jomini habe es übrigens seiner Zeit als Fehler bezeichnet, dass die Franzosen 1798/99 die Schweiz besetzt hätten; dies hätte keinerlei Vorteil, sondern nur eine unnötige Verlängerung der Front bedeutet. Wir hätten daher nicht die mindeste Lust, uns durch Aufgabe der Neutralität einen Kriegführenden auf den Hals zu ziehen, der, zum mindesten in einer ersten Periode des Krieges strategisch keineswegs genötigt sei, uns anzugreifen. Wir seien übrigens überzeugt, dass wir mit der bewaffneten Neutralität und unserem selbstverständlichen Willen, uns gegen jeden Angreifer mit äusserster Kraft zu wehren, den Kriegführenden am besten dienen; er solle sich hiezu nur die Lage der westlichen Union ausmalen, wenn an der Stelle unseres schwierigen Berglandes eine flache, hindernislose Ebene läge. Zu Offensivaktionen ausserhalb des Landes sei unsere Armee ohnehin nicht geeignet; unsere Organisation sei ganz auf die Verteidigung des eigenen Landes eingestellt. Ich betonte dann, es wäre sicher nützlich, Feldmarschall Montgomery schon vor der Besprechung mit dem Generalstabschef auf diese Punkte aufmerksam zu machen.
Ich fügte bei, die westliche Union sei ja übrigens militärisch schwach und wir müssten daher befürchten, dass sie gar nicht imstande wäre, Hilfe zu leisten, wenn wir uns unvorsichtigerweise verleiten liessen, durch Aufgabe unserer Neutralität uns den Ostblock auf den Hals zu laden. Ich erinnerte dabei an die britische Hilfe an Griechenland im letzten Krieg.
Daraufhin sagte Oberstlt. Sitwell, die westliche Union besitze eine Art Fünfjahresplan, nach welchem jährlich eine bestimmte Anzahl Divisionen neu aufgestellt werden, so dass der Zeitpunkt kommen werde, da sie imstande wäre, uns zu helfen, wenn wir angegriffen würden. Ob wir dann – vielleicht in 4, 6 oder 10 Jahren – eine solche Hilfe auf unserem Gebiet annehmen würden.
Ich erklärte sofort, dass niemand bei uns eine derartige grundsätzliche Erklärung geben könne. Ob wir im Falle eines Angriffes auf die Schweiz durch den Ostblock Hilfe auf unserem Gebiet annehmen wollten oder nicht, könnte erst im Augenblick beurteilt werden und würde ganz von der militärpolitischen Lage im gegebenen Zeitpunkt abhängen. Grundsätzlich stehen wir auf dem Standpunkt, dass wir ohne Not fremde Truppen, selbst Alliierte, nicht auf unserem Gebiet sehen wollten, da dies bekanntlich nie besonders gefreut sei. Es lasse sich aber gar nichts Bestimmtes darüber sagen. Ich erwähnte dann die Abmachungen mit den Alliierten einerseits und mit den Deutschen anderseits im Jahr 19164, betonte aber gleichzeitig, dergleichen könne nur die Frucht des Augenblickes sein. Ich erwähnte gleichzeitig, der Generalstabschef könne selbstverständlich über derartige Dinge keinerlei Erklärungen abgeben, da er nicht dieselbe Stellung habe, wie die Generalstabschefs anderer Länder; das Armeekommando werde bekanntlich bei uns im Frieden durch die Landesverteidigungskommission dargestellt, die aber ebenso wenig in der Lage wäre, darüber zu entscheiden, denn hiefür stände die Kompetenz nur dem Bundesrat zu. Allein auch der Bundesrat könne keinesfalls derartige Verpflichtungen auf lange Sicht auf sich nehmen, ohne die Neutralität zu verletzen und werde es bestimmt nicht tun.
Darauf fragte Oberstlt. Sitwell weiter, wie es denn mit den Kommandoverhältnissen wäre, falls wir bei einem Angriff durch die Russen doch in den Fall kämen, westliche Hilfe anzunehmen. Ich wiederholte darauf, alle diese Dinge könnten erst entschieden werden, wenn ein solcher Fall sich wirklich einstellen würde; von irgendwelchen Bindungen auf lange Sicht könne nicht die Rede sein.
Schliesslich sagte Oberstlt. Sitwell, er müsse noch etwas sehr Indiskretes fragen. Die Engländer lieferten uns ja gegenwärtig Radargeräte5, und da erhebe sich die Frage, ob wir wenigstens in der Lage wären, ihnen dann Nachrichten zur Verfügung zu stellen. Ich erwiderte, die Schweiz habe es sich immer zur Pflicht gemacht, in ihren internationalen Beziehungen loyal zu sein; eine solche Massnahme wäre aber eine illoyale Auffassung der Neutralität. Wir werden aber nach wie vor uns bestreben, eine gerade und ehrenhafte (honest) Politik zu führen.
In diesem Zusammenhang erwähnte Oberstlt. Sitwell die Überfliegungen unseres Landes durch alliierte Flieger im letzten Krieg6; es schien mir, als wollte er dadurch andeuten, dass wir diese Neutralitätsverletzung ja auch geduldet hätten, worauf ich lachend erklärte, wenn wir die Mittel dazu gehabt hätten, hätten wir sie alle abgeschossen.
Schliesslich sagte ich, meine Auffassungen seien zwar meine persönliche Überzeugung, aber wie ich genau wisse, auch die des Generalstabschefs, sie entsprächen jedoch genau der offiziellen Richtlinie unserer Politik.
Oberstlt. Sitwell erklärte dann noch, er wisse ja, dass die Schweiz 200%ig antirussisch sei und wiederholte unmittelbar nachher nochmals diese Behauptung, offenbar um mich zu einer Zustimmungsäusserung zu bewegen. Ich fand mich aber nicht veranlasst, seine Feststellung zu bestätigen.
Abschliessend betonte ich nochmals, es wäre sicher vorteilhaft, Feldmarschall Montgomery schon vor seinem Besuch über diese unsere Auffassung zu orientieren.
Von dem ganzen Gespräch hatte ich folgenden Eindruck: Oberstlt. Sitwell ist offenbar orientiert, was Montgomery beim Generalstabschef will. Ob er Auftrag hatte, zu sondieren, oder ob er aus eigener Initiative gehandelt hat, ist nicht sicher. Ich hatte etwas den Eindruck, dass er und wahrscheinlich auch Minister Snow, die unsere Verhältnisse besser kennen als Montgomery, Befürchtungen haben, der Besuch des Feldmarschalls beim Generalstabschef könnte mehr Schaden als Nutzen stiften.
Anscheinend begriff Oberstlt. Sitwell meinen Standpunkt. Auf alle Fälle geht aus dem Gespräch hervor, dass ein Versuch gemacht werden soll, uns so oder so in die westliche Union hineinzuziehen. Die Bemerkung wegen der Nachrichtenlieferung in Verbindung mit der Lieferung von Radargeräten sah verdächtig nach etwas Erpressung aus; es ist wohl möglich, dass wir Schwierigkeiten in der weiteren Lieferung bekommen, wenn wir, wie es doch unbedingt notwendig ist, auf diesem Gebiet keine Konzessionen machen. Interessant ist noch, dass Oberstlt. Sitwell bei Erwähnung des Besuches von Feldmarschall Montgomery beim Generalstabschef mehr als einmal sagte, «falls ihn der Bundesrat erlaubt».
Mit einem allfälligen negativen Bescheid wird also gerechnet7.
- 1
- E 27/9594.↩
- 2
- Diese Notiz wurde von H. Frick am 20. Dezember 1948 an den Chef des EMD, K. Kobelt, gesandt. Ich beehre mich, Ihnen in Beilage eine Aktennotiz über ein Gespräch mit dem englischen Militärattaché zu übermitteln, dem m. E.grosse Bedeutung zukommt. Ich lege ein zweites Exemplar zur allfälligen Weiterleitung an den Chef des Eidg. politischen Departementes bei. Der Generalstabschef hat eine Abschrift erhalten. Die Notiz wurde anschliessend den anderen Mitgliedern des BR mitgeteilt.↩
- 4
- Vgl. DDS, Bd. 6. Thematisches Verzeichnis: VI. Politique militaire.↩
- 5
- Vgl. E 27/19027/2.↩
- 6
- Vgl. DDS, Bd. 13, Thematisches Verzeichnis: V.3. Guerre aérienne, DDS, Bd. 15, Dok. 114, dodis.ch/47718, Dok. 227, dodis.ch/47831, Dok. 230, dodis.ch/47834, Dok. 376, dodis.ch/47980, Dok. 412, dodis.ch/48016.↩
- 7
- Am 20. Dezember schrieb K. Kobelt an M. Petitpierre: […]Es stellt sich die Frage, ob und wie eine Berührung des Feldmarschalls Montgomery mit militärischen oder politischen In- stanzen ermöglicht werden soll, wenn diese nachgesucht werden sollte. Eine offizielle Kontaktnahme sollte meines Erachtens vermieden werden. Doch wäre es wohl ebenso verfehlt, einer gewünschten Begegnung auszuweichen. Die 2. Frage ist wohl leichter zu beantworten, wie allfällige Fragen im Gespräch zu beantworten sind. Ich schlage Ihnen vor, diese Angelegenheit vorerst gemeinsam zu besprechen. Vgl. E 2800(-)1990/106/16 (dodis.ch/6762).↩
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