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Unsere Kirche
Antonierkirche
Das Gebäude, in dem die Evangelisch-Lutherische Kirche Bern zu Hause ist, wird im allgemeinen Antonierhaus genannt. Es muss aber richtigerweise Antonierkirche heissen, denn als eine Kirche ist sie gebaut worden. Eine lange, sehr wechselhafte Geschichte hat dieser Kirche übel mitgespielt, und doch sagen Experten heute: "Nicht jeder Gemeinde steht ein kunsthistorisch so bedeutendes Gebäude zur Verfügung. Es ist neben Münster und Nydeggkirche eines der wichtigsten spätgotischen Baudenkmäler Berns."
Die Antonierkirche wurde ohne Turm geplant und fügt sich fast unscheinbar in die Postgassenhäuser ein. Man glaubt kaum, dass sie die Ausmasse der Nydeggkirche hat. Sie unterscheidet sich von der Gasse aus lediglich durch spitzförmige Lauben und Fenster. Ein genaues Hinsehen lohnt sich.
Der Bau der Antonierkirche
Die Arbeit der Antoniter im Kanton Bern ist an mehreren kleinen Ordenshäusern nachzuweisen, doch verhindert zunächst in der Stadt Bern der Deutschorden die Konventbildung der Antoniermönche. Sie unterhalten nur eine kleine Kapelle und ein Haus mit einem Ordensbruder (1444) an der heutigen Postgasse (damals keine abgelegene, sondern belebte und wichtige Gasse).
In den folgenden Jahren büssen die Deutschherren erheblich an Einfluss ein, die Antonier können entsprechend ihre Aktivitäten erhöhen. Sechs Ordensbrüder und mehrere Laienpfleger versorgen die Kranken im mehrmals erweiterten und umgebauten Haus, zu dem auch Felder zur Aare hin und Stallungen (im heutigen Antoniergässchen) gehören. Doch scheinen die Räume für die Kranken- und Siechenpflege weiterhin unzureichend zu sein, denn ein Neubau wird geplant und durch Stiftungen und Spenden an den angesehenen Orden ermöglicht. Bei Baubeginn um 1494 (zeitgleich mit der Nydeggkirche, 30 Jahre nach Beginn des Münsterbaus) wird sehr gutes Material verwendet. Spätere Geldknappheit (die Begeisterung der Spender lässt nach; Bern ist in Kriege verwickelt) bedingt, dass die Kirche weniger prächtig als geplant beendet wird. Sogar fehlerhafte Steine der Münsterbaustelle werden verwendet.
Im Laubengang sieht man heute noch leere Wappen an den Sockeln. Vielleicht trugen sie niemals Gravuren, die irgendwann zerstört wären, sondern waren leer in Erwartung von Spendern, die ihre Wappen dann einhauen lassen durften - und diese Spender blieben aus.
(Im Flur des heutigen Untergeschosses übrigens sind Reste eines Sockels zu sehen, der ein eingemeisseltes Stifterwappen zeigt.)
1505 ist die Kirche "unter Dach". Für den Innenschmuck wie Altar und Wandmalereien kann ganz offenbar viel Geld aus Spenden aufgewendet werden.
Die Spitalkirche der Antonier
Spätmittelalterliche Abhandlungen über Krankenpflege fordern: Hohe Räume, gute Lüftung, ständige Überwachung (in der Regel aus der Höhe, d.h. von Emporen oder hochgelegenen Laufgängen). In Spitalkirchen ermöglichte man den Kranken zudem den Blick auf den Hochaltar und Miterleben der Gottesdienste, um die seelischen Kräfte zu stärken, wohl auch in der Hoffnung auf ein Wunder.
Der Neubau der Antonierkirche 1494 trägt diesen Forderungen Rechnung. Die Pflegebedürftigen werden im südlichen Teil des Kirchenschiffes in hölzernen Alkoven untergebracht. Es gibt etwa 20 Bettstellen, durch Vorhänge getrennt, von oben einsehbar, mit Blick auf den Hochaltar. Über dem Laubengang wird ein schmaler erhöhter Gang zur Beaufsichtigung der Kranken gebaut. Zwei grosse Fenster zur Postgasse hin spenden dem Spitalteil des Kirchenschiffes und dem Gang Licht. Sie sind heute die Freskensaalfenster. Früher waren sie nicht so schlicht, sondern enthielten Masswerk. Im nördlichen Teil des Kirchenschiffes finden die Gottesdienste der Antoniter statt, die beiden Kirchenteile sind durch einen Triumphbogen getrennt.
Beide Teile sind wahrscheinlich wie heute flach gedeckt. Eine Sakristei nahe dem Altarraum zu bauen, kann aus Platzgründen nicht gelingen; die Kirche ist eingezwängt zwischen Bürgerhäusern. Der (uns nicht bekannte) Baumeister verlegt daher die Sakristei ins Untergeschoss, vom Altarraum aus nur rechts durch eine Wendeltreppe zu erreichen. Dass dieser achteckige Raum im Untergeschoss eine Sakristei und nicht eine Krypta war, zeigt die noch vorhandene Sakramentsnische, die im Altarraum fehlt. Eine zweite Nische findet sich übrigens im Laubengang. Wahrscheinlich trug sie eine Statue des Heiligen Antonius und wäre der einzige erhaltene Strassenaltar in Bern aus katholischer Zeit.
Die Ausschmückung der Spitalkirche
1518-1520 malt Niklaus Manuel die vier Tafeln des Hochaltars, sein letztes und reifstes Werk. In den Wirren der Reformation gelangen die Tafeln in Familienbesitz. Sie werden erst nach Jahrhunderten wiederentdeckt. Heute sind sie wertvolle Ausstellungsstücke des Berner Kunstmuseums.
Die vier Tafeln sind Vorder- und Rückseite der zwei Türen eines geschnitzten Mittelschreins, der selbst wahrscheinlich in der Reformationszeit verbrannt wurde. Sie zeigen Szenen aus dem Leben des Heiligen Antonius. Im geschlossenen Zustand (werktags) zeigt der rechte Türflügel die Versuchung des Antonius durch eine Frau, der linke die Peinigung des Heiligen durch Dämonen. Geöffnet (sonn-und feiertags) zeigen die Türflächen die wichtigen Aufgaben des Ordens: linke Innenseite: der Heilige Antonius heilt Kranke und Besessene, rechte Innenseite: das Brotwunder, Raben bringen zwei Brote zu den Einsiedlern Antonius und Paulus. Dass das Brotwunder so zentral und auffällig dargestellt ist, hat sicher mit den Heilerfolgen zu tun, die die Antonier durch mutterkornfreies Brot erzielen.
Die Parallelen zum Isenheimer Altar, gemalt 1512-1515 von Grünewald für eine Ordenskirche der Antoniter, sind unverkennbar. Manuel hat ihn gekannt. In geöffnetem Zustand hatte der Hochaltar eine Breite von ca.6m und muss den 8,5m breiten Altarraum beherrschend aus-gefüllt haben. Vor dem Hochaltar gab es einen weiteren Altar in der Antonierkirche, von dem jedoch nichts erhalten ist. Ausserdem gab es mindestens ein grosses Bild in der Kirche: "Christus unter dem Kreuz schmachtend", das zusammen mit den Tafeln des Hochaltars gefunden wurde.
Im vorderen, dem Gottesdienst vorbehaltenen Teil der Kirche lassen die Antoniter beide Längswände vom Berner Nelkenmeister mit Fresken bemalen, die Szenen aus der Antoniuslegende zeigen.
Die erhaltenen Reste der Fresken wurden bei der Renovierung 1940 abgelöst und in der 1. Etage des Gebäudes an die Wand gebracht. Weiteres verschollenes Ausstattungsgut: Man weiss durch Rechnungen von einem vergoldeten Kreuz (1518) und dass 1529 in den Wirren der Reformation das Silbergeschirr (Kelche) "vermünzt" wurde. Verschwunden sind auch Heiligenstandbilder und Malereien an der Aussenfront.
Die Antonierkirche während der Reformation
Die Antonier können sich nur weniger als 25 Jahre an ihrer neuen Spitalkirche freuen. Die Reformation in Bern beendet ihre Arbeit radikal. 1528 wird der Konvent der Antoniter von der Berner Regierung aufgehoben. Der letzte Ordensbruder, mit dem die Stadt vorher schon viele Schwierigkeiten hatte, wird des Landes verwiesen. Auch gegen die Antoniusbrüder, wie gegen alle Mönche, hat sich in den Jahren vor der Reformation Hass angesammelt; man schimpft über ihre schamlose Bettelei, über den Zerfall der Sitten, über den wenig vorbildlichen Lebenswandel. Der Hass entlädt sich jetzt. Lynchjustiz an Mönchen ist keine Seltenheit.
1528 wird der Innenschmuck aus der Antonierkirche gerissen und z.T. verbrannt. Der Staat verkauft die Liegenschaften (Matten, Reben; Gärten) der Tönnierherren ebenso wie Haus und Stall an Privatleute. Die Kirche bleibt Staatsbesitz und wird fünf Jahre später zum Kornhaus umgebaut.
Die Antonierkirche von 1528 bis 1940
Die Stadt macht die Kirche zum obrigkeitlichen Kornhaus. Zwei bis drei Kornböden werden ins Kirchenschiff eingezogen. Dafür müssen kräftige Balken in den Seitenwänden verankert werden, was Teile der Fresken zerstört. Man sieht heute die Lage der Balken in den Fresken im 1. Stock sehr gut. Treppenaufgänge zu den Kornböden entstehen etwa da, wo auch heute das Treppenhaus ist. Nach 1770 gab es sogar vier Kornböden.
Später, als Poststelle und Postkutschenhalt wichtiger Mittelpunkt der Gasse werden, dient die Antonierkirche als Postwagenremise und enthält auch die posteigene Sattlerwerkstatt, beides bis 1831. Nach dieser Zeit versucht der Antiquarische Verein, die Kirche unentgeltlich für seine Sammlung zu bekommen. Das gelingt 1837. Der Verein saniert das Gebäude auf eigene Kosten (dabei werden die alten Fresken entdeckt) und eröffnet 1839 die Antiquarische Sammlung. Die Ausstellung findet aber kaum Anklang, und so sieht die Stadt wenig Anlass, die Kirche weiter zu unterhalten.
1843 versteigert die Stadt daher die Antonierkirche, trotz Intervention des Vereins, der bis zu 8000.- Franken bieten kann. Doch der Kronenwirt, schräg gegenüber an der Postgasse, bietet 19000.- Franken und erhält den Zuschlag. Der Umbau 1843/44 durch den Kronenwirt ist radikal. Er braucht einen Pferdestall mit Stalltür zur Postgasse, eine Heubühne und einen Misthaufen, den er zum Ärger der Nachbarn hinter der Kirche anlegt. Der ehemalige Altarraum erhält gerade Stallfenster, ein flaches Dach und im Untergeschoss (der ehemaligen Sakristei, die bei diesem Umbau überhaupt erst wiederentdeckt wird) eine Tür nach aussen.
Seit 1860 gehört die Antonierkirche wieder der Stadt Bern. Das Erdgeschoss wird als Löschgerätemagazin der Feuerwehr benutzt. Die Obergeschosse sind vermietet an die Fürsorgedirektion, die dort die "fahrende Habe aufgelöster Familien" unterbringt. In der ehemaligen Sakristei stehen in dieser Zeit die Utensilien, die man zur Reinigung der städtischen Pissoirs braucht. An der hinteren Aussenseite der Kirche wird ein "Steigerturm" für die Feuerwehr gebaut, in dem die Feuerwehrleute den "Stockleiterdienst" üben. Doch es gibt Bestrebungen, die Antonierkirche vor dem Verfall zu retten. Erstmals 1908 wird sie in das "Verzeichnis der geschützten Kunstaltertümer" aufgenommen. Allerdings dauert es bis 1939, bis die Sanierung mit staatlichen Mitteln beginnen kann.
Die Wiederherstellung der Antonierkirche 1939/40
Dass die Kirche schliesslich gerettet wird, ist Ergebnis von Zeittendenzen und geschickten Verhandlungen:
Man unternimmt insgesamt vermehrt Anstrengungen, die "untere Altstadt" vor dem Verfall zu bewahren die Arbeitslosigkeit in Bern ist sehr hoch; die Kirchensanierung ist eine willkommene Arbeitsbeschaffungsmassnahme die reformierte Landeskirche erklärt sich bereit, das renovierte Gebäude zu übernehmen Kanton und Stadt stellen Mittel zur Verfügung
Während des Umbaus werden die Kornböden entfernt; einer ihrer Eichenpfosten ist heute im Flur des Untergeschosses zu sehen. Der Kirchraum ist wieder ein hoher Raum, allerdings ohne den verlorenen Triumphbogen. Der Treppenbereich wird renoviert; in diesem Teil entstehen neue Räume (Freskensaal, Teeküche, Toiletten, Nähstübchen, Abwartwohnung), zu deren Gunsten der Kirchraum verkürzt ist. Auch die Einteilung im Untergeschoss ist neu; erhalten bleibt die Sakristei (heutige "Krypta"), die nun dort einen eigenen Eingang bekommt. Im Altarraum werden die Stallfenster wieder durch Kirchenfenster ersetzt, der Steigerturm der Feuerwehr wird abgebrochen, das Dach in die ursprüngliche Form gebracht.
Die Fresken an den Längswänden der Kirche treten wieder zutage. Ihre Sanierung in der Kirche erscheint unmöglich. In einem Spezialverfahren werden sie auf die Wände des Saales im 1.Stock übertragen. Für die kahlen Wände der Kirche wird Fritz Pauli (CH) mit neuen Fresken beauftragt. Nach der Renovierung bleibt die Kirche im Besitz der Stadt. Die reformierte Münstergemeinde übernimmt das Gebäude als Gemeindehaus. Die heutigen Stühle und das Geschirr stammen aus dieser Zeit. Man baute in der Kirche seitlich sogar ein "kleines Büfett" ein, das bei gesellschaftlichen Anlässen verwendet werden konnte und durch einen Geschirrfahrstuhl mit der Teeküche im 1.Stock verbunden ist. Gut zehn Jahre später braucht die Münstergemeinde dies Gemeindehaus nicht mehr. Es wird an die Lutheraner vermietet, die es seitdem als Kirche und Gemeindehaus nutzen. Die Lutheraner ihrerseits stellen die Räumlichkeiten bei Bedarf an Ungarn und Finnen für protestantische Gottesdienste zur Verfügung. Die "Krypta" ist als Gottesdienstraum seit 1944 an die Russisch-Orthodoxe Gemeinde vermietet.
Die spätgotischen Fresken (1496-1500) der Antonierkirche
Mehr als 300 Jahre lang werden die alten Fresken vergessen. Da sie erst in 2,50m Höhe begannen, gelangten sie beim Umbau zum Kornhaus in den 1. Oberstock, der sicher schlecht beleuchtet war. Sie wurden dort nie übertüncht, aber auch nicht gepflegt. Als sie 1839 vom Antiquarischen Verein entdeckt werden, ist die ursprüngliche Farbigkeit erstaunlich frisch erhalten: Purpur, Karmin, Ziegelrot, Grün, Schwarz, Braun, Ockergrün und Hellgrau. Doch die Kunstgeschichtler interessieren sich nur kurz für die Wandmalereien. Erst 100 Jahre später (1939/40) werden die Fresken wieder richtig sichtbar, sind allerdings in viel schlechterem Zustand als 1839 beschrieben.
Die Längsseiten des Kirchenschiffes tragen je 4 Reihen von je 8 hohen Rechtecken (120 x 112 cm), in denen Szenen aus Antonius- und Jakobslegende dargestellt und die mit dreizeiligen Unterschriften versehen sind. Man findet von den 64 Feldern 26 völlig beschädigt, 7 mit nur geringen Farbresten, 31 mit erkennbaren Resten. Keine der Bildunterschriften ist voll erhalten. Die Malerei stimmt so genau mit Malereien im ehemaligen Dominikanerkloster über-ein, die die Signatur des Berner Nelkenmeisters tragen, so dass man auch diese Fresken der Nelkenmeister-Gruppe zuordnet.
Die neuen Fresken in der Antonierkirche
1939/40 soll die renovierte Antonierkirche nicht schmucklos bleiben. Der Architekt benennt Fritz Pauli, einen fast als Einsiedler lebenden Maler. Pauli nimmt an der Ostwand die Antoniuslegende auf: rechts Versuchung des Heiligen, in der Mitte Antonius bei Paulus, das Brot-wunder, links Antonius deckt den toten Paulus zu.
An der Westwand wird der Mensch zwischen Gut und Böse dargestellt. Von links kommen böse und versuchende Mächte, von rechts gute Geister. In der Mitte sitzt der nachdenkliche Mensch, von einem Engel ermahnt, seinem Glauben treu zu bleiben.
An der südlichen Stirnwand entsteht das grosse Weihnachtsbild (1945 beendet), damals weit über Berns Grenzen hinaus bekannt. Karl Barth schrieb im 3.Band seiner Dogmatik dazu: "...es ist eine wahre Wohltat, die Engel auf dem Weihnachtsbild von Pauli endlich wieder einmal als hohe, dunkle, strenge Gestalten dargestellt zu finden."
Die Pauli-Fresken stehen heute wie die ganze Antonierkirche unter Denkmalsschutz.