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Forschung zu Bildungs- und Unterrichtsqualität hat eine lange Tradition. Einerseits wurden Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler getestet, andererseits wurden Merkmale des Unterrichts beschrieben. In jüngster Zeit werden beide Perspektiven im Bewusstsein der Komplexität von Bildungsprozessen vorsichtig verknüpft und über den nationalen Horizont hinaus verglichen.
Schulleistungsvergleiche
Internationale Schulleistungsvergleiche wie PISA (Programme for International Student Assessment) oder TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) haben schulisches Lernen vor allem mit Blick auf dessen Ergebnisse ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Diese Studien zeigen, dass Schüler und Schülerinnen aus der Schweiz im Vergleich mit jenen anderer Länder in Mathematik sehr gut abschneiden, während sie sich mit ihren Leistungen im naturwissenschaftlichen Bereich und im Lesen eher im Mittelfeld befinden. Über solche allgemeinen Einschätzungen der Leistungsfähigkeit hinaus erlauben internationale Leistungsvergleiche aber auch differenziertere Aussagen über die Bildungswirkungen eines Schulsystems, indem spezifische Stärken und Schwächen deutlich werden.
Internationale Schulleistungsvergleiche liefern somit wertvolle Informationen über die Qualität des Bildungswesens in Bezug auf die Bildungswirkungen. Sie geben jedoch kaum Aufschluss über die Ursachen der nachgewiesenen Leistungsprofile. Hierzu bedarf es einer Ergänzung durch weitere Untersuchungen, die auch über die Qualität der Voraussetzungen und Prozesse schulischen Lehrens und Lernens Aufschluss geben können. Der Qualität des schulischen Unterrichts kommt dabei eine wichtige Rolle zu.
Unterrichtsvergleiche
Bereits in der TIMSS-Leistungsstudie wurden Merkmale des Unterrichts durch schriftliche Befragungen der Lehrpersonen und der Lernenden erfasst. Zusätzlich wurde 1995 im Rahmen von TIMSS die erste international vergleichende Video-Unterrichtsstudie zum Mathematikunterricht auf der Sekundarstufe I durchgeführt (TIMSS 1995 Video-Studie). Diese Studie ermöglichte vergleichende Unterrichtsanalysen anhand von repräsentativen Stichproben von Unterrichtslektionen aus den drei Ländern USA, Japan und Deutschland.
Aus den Ergebnissen dieser vergleichenden Unterrichtsanalysen geht hervor, dass sich die Gestaltung von Mathematiklektionen zwischen den drei Ländern teilweise beträchtlich unterscheidet, während sich innerhalb der Länder viele Ähnlichkeiten zeigen.
Basierend auf diesem Ergebnis sprechen die Autoren der Studie, J. Stigler und J. Hiebert, von einem Skript, das den typischen Mathematikunterricht innerhalb eines Kulturkreises weitgehend vorhersehbar macht. Gemäss der Video-Studie vermitteln die japanischen Lektionen das Bild eines wesentlich auf das Problemlösen und das Verstehen ausgerichteten Unterrichts, der auch anspruchsvolle und intelligente Formen des Anwendens und Übens ermöglicht. Charakteristisch für den deutschen Unterricht ist, dass mathematische Konzepte mehrheitlich im fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch eingeführt werden, gefolgt von Übungsaufgaben. In den amerikanischen Lektionen werden neue Konzepte mehrheitlich von der Lehrperson demonstriert und anschliessend geübt, zuerst mit der Klasse und dann in selbständiger Arbeit.
Insgesamt deuten diese Unterrichtsanalysen darauf hin, dass in den japanischen Lektionen vieles von dem realisiert wird, was gemäss dem aktuellen fachdidaktischen und allgemeindidaktischen Wissensstand "guten" Mathematikunterricht kennzeichnet.
Zusammenhänge
Da japanische Schüler und Schülerinnen im TIMSS-Mathematiktest ausgezeichnet abgeschnitten haben, legt dieses Ergebnis auf den ersten Blick nahe, die guten Leistungen der japanischen Schüler und Schülerinnen auf die besondere Qualität des japanischen Unterrichts zurück zu führen. Dieser Schluss ist jedoch nicht zulässig, denn auf der Basis der verfügbaren Daten lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen den Ergebnissen des Leistungstests und den Merkmalen des Unterrichts nicht herstellen, und Schulleistungen sind nie nur das Ergebnis von Unterricht allein. Die Ergebnisse erlauben jedoch die Bildung von Hypothesen über mögliche Ursachen von Unterrichtserfolg und stellen zudem wichtige Impulse für die Unterrichtsreflexion und -entwicklung dar.