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Die offene Drogenszene in Zürich
Mit der Räumung des Letten-Areals endeten 1995 zwei Jahrzehnte der offenen Drogenszene in Zürich. Die Drogenkrise hat die Stadt Zürich nachhaltig geprägt und führte in weiten Teilen der Schweiz zu einer liberaleren Drogenpolitik.
Von Barbara Kieser, Stab Stadtpräsidentin
Seit den frühen 70er-Jahren nahm der Konsum von illegalen Substanzen und besonders von Heroin in Zürich stetig zu. In diesen Jahren bildeten sich in der Stadt erste kleinere Drogenszenen, wo offen gedealt und konsumiert wurde, etwa an der sogenannten Riviera beim Bellevue, am Stadelhofen oder beim Hirschenplatz. Die Polizei löste diese Szenen immer wieder auf, aber die repressiven Massnahmen waren letztlich wirkungslos.
Mitte der 80er-Jahre verschob sich die Drogenszene auf den Platzspitz neben dem Landesmuseum. Dort wurde die Szene vorerst toleriert. Die Zustände auf dem Platzspitz verschlechterten sich aber rasant. Immer mehr Süchtige hielten sich im Park auf, zeitweise waren es mehrere Tausend Personen pro Tag. Ein Grossteil der Süchtigen kam dabei nicht aus der Stadt Zürich, sondern aus den umliegenden Gemeinden und der restlichen Schweiz. Während viele Süchtige weiterhin Arbeit und Wohnung hatten, lebten einige auch permanent auf dem Platzspitz und hielten sich mit Drogenhandel, Prostitution oder Diebstählen über Wasser.
Der «Needle Park» wird international bekannt
Verschlimmert wurde die Situation 1985 durch das Verbot der Spritzenabgabe, das unter den Süchtigen zur starken Verbreitung von HIV und Hepatitis führte. Das Verbot wurde nach einem Jahr wieder aufgehoben und die Stadt richtete eine Spritzenabgabestelle auf dem Platzspitz ein.
Der starke Preiszerfall auf dem illegalen Drogenmarkt zu Beginn der 90er-Jahre befeuerte den Drogenhandel und -konsum noch weiter. In welchem Masse illegale Drogen in Zürich konsumiert wurden, zeigt die Zahl der abgegebenen Spritzen: An Spitzentagen stieg der Verbrauch auf bis zu 15 000 Spritzen. In dieser Zeit starben in der Schweiz jährlich bis zu 400 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums. Das Elend wurde so gross, dass der Platzspitz unter dem Namen «Needle Park» international Schlagzeilen machte.
Auflösung der offenen Drogenszene
1992 wurde der Platzspitz geschlossen. Die Schliessung löste das Problem allerdings nicht, denn es fehlte an flankierenden sozialen und medizinischen Massnahmen, um die Tausenden von Süchtigen aufzufangen. Die Szene verschob sich zuerst in die Wohnquartiere der Kreise 4, 5 und 6, was enorme Belastungen für die Anwohnerinnen und Anwohner, das Gewerbe und die Schulen mit sich brachte.
Ab 1993 etablierte sich die Szene auf dem stillgelegten Bahnhof Letten, wo die Zustände noch unhaltbarer und brutaler waren als auf dem Platzspitz. 1995 wurde schliesslich auch der Letten geschlossen, womit die offene Drogenszene in Zürich ein Ende fand.
Die Auflösung der Letten-Drogenszene verlief im Gegensatz zur Platzspitz-Räumung erfolgreich, weil sie sowohl von präventiven als auch repressiven Massnahmen begleitet war – und weil die Stadt diesmal von Kanton und Bund unterstützt wurde. So hatte der Bund unterdessen die kontrollierte Heroinabgabe erlaubt. Die umliegenden Gemeinden hatten auf Druck des Bundes und der Stadt Einrichtungen geschaffen, um «ihre» Süchtigen zu unterstützen. Und der Kanton und die Stadt Zürich hatten drei neue Gefängnisse erstellt, die genug Platz boten für die Inhaftierung der Dealer.
Umdenken in der Drogenpolitik
Der erfolgreichen Auflösung der offenen Drogenszene war ein Umdenken in der Drogenpolitik vorausgegangen. Gegen Ende der 80er-Jahre begann die Stadtverwaltung, neben Repression, Prävention und Therapie auf Überlebenshilfe für die Süchtigen zu setzen. So wurden erste «Fixerstübli» (Kontakt- und Anlaufstellen für Süchtige, in welchen selber mitgebrachte Drogen unter hygienischen Bedingungen konsumiert werden können), Notschlafstellen, Krankenzimmer für Obdachlose und Arbeitsintegrationsprojekte eingeführt. Die Stadtzürcher Stimmbevölkerung unterstützte das Prinzip der Überlebenshilfe und stimmte 1990 einem Sozialhilfepaket für Drogensüchtige zu. Das Recht auf soziale Hilfe war fortan nicht mehr an den Verzicht auf den Drogenkonsum gebunden.
Die Vier-Säulen-Strategie mit Prävention, Repression, Überlebenshilfe und Therapie ist heute selbstverständlich, damals war sie eine Pioniertat. Basierend auf den Erfahrungen in Zürich wurde sie in der ganzen Schweiz eingeführt und seither von mehreren Ländern kopiert.
Situation heute
Die Vier-Säulen-Strategie bewährt sich nach wie vor: Polizei, Gesundheitsdienste, Präventionsangebote und Sozialdienste arbeiten in der Drogenpolitik mit einer grossen Selbstverständlichkeit Hand in Hand. Es gibt weiterhin Drogenkonsumierende, aber ihre Zahl in den Hilfseinrichtungen nimmt ab und das Durchschnittsalter steigt kontinuierlich an, d. h. es kommen weniger junge Drogenkonsumentinnen und -konsumenten nach. Die Verelendung von Süchtigen und die schädlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung und das Gewerbe durch illegalen Drogenkonsum konnten praktisch gestoppt werden. Der Drogenkonsum aber ist beständig, findet in neuen Formen statt und bleibt eine gesellschaftliche Herausforderung.
Quellen: Sozialdepartement Stadt Zürich, Schweizerisches Sozialarchiv