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Die musikalisch-szenische Lesung «Ein russischer Sommer » zog am Freitagabend viele Zuhörer in die evangelisch- reformierte Kirche Wollerau in Wilen. Organisiert wurde dieser Anlass durch den Kirchenmusiker Alexander Seidel.
Drei Stühle, drei Notenpulte, eine Kerze im Hintergrund – mehr Requisiten brauchte es nicht, um die zahlreichen Zuhörer der musikalischszenischen Lesung «Ein russischer Sommer. Sofia und Lew Tolstoj – Szenen einer Ehe» in den Bann einer Liebesbeziehung zweier starker Persönlichkeiten zu ziehen. Die Lesung begann ganz einfach mit einem Liebesbrief, den Lew Tolstoj (Alexander Seidel) an die deutschstämmige Sofia Andrejewna Behrs (Valérie Cuénod) mit der Bitte schrieb, ihn zu ehelichen, doch nur dann, wenn sie aus vollem Herzen Ja dazu sagen könne. 1862 heirateten die beiden und zogen insgesamt 13 Kinder gross.Während Lew Tolstoj viel reiste und in politischen Salons einen regen Austausch pflegte, war Sofia Tolstoj für die Erziehung der Kinder zuständig.
Können in den Dienst anderer gestellt
Ihr eigenes literarisches Können stellte die hochintelligente Frau ganz in den Dienst ihres Mannes, indem sie all seine Romane gegenlas und als Verlegerin arbeitete. NachdemTolstoj mit seinenWerken Weltruhm erlangt hatte, verzichtete er in reiferen Jahren auf viele Konsumgüter und zog sich zurück. In einem der letzten Briefe dankt er Sofia für ihr treues Eheleben, gibt ihr jedoch nicht bekannt, wo er leben wird. Sofia dagegen bittet ihn innig, zu ihr zurückzukehren, und verspricht, auf Luxus zu verzichten. Mit den Worten «Lebe wohl, vielleicht für immer» von Sofia an Lew Tolstoj endete der Briefwechsel und somit auch die eindrückliche Lesung.
Briefe mit viel Leidenschaft
Die Lesung hatte Alexander Seidel aus mehreren Hundert bekannten Briefen zwischen den Ehepartnern Tolstoj zusammengestellt. Sie galt als ein Dankeschön an die Mitglieder des Projektchors, die in den letzten zwei Jahren immer wieder mit viel Engagement an verschiedenen Projekten mitwirkten. Den Künstlern Seidel und Cuénod gelang es, die Figuren einfühlsam zu präsentieren, und sie brachten mit ihrem Können die ganze Tragik des Briefwechsels zum Ausdruck. Man spürte die verschiedenen Phasen der intensiven Beziehung: zuerst das grosse Liebesglück, dann eine Phase des inneren Zorns, der gegenseitigen Vorwürfe und des Unverständnisses, dann zum Schluss die Vergebung. Besonderen Glanz und Tiefgründigkeit fügte der Cellist Ivan Turkalj der Lesung bei. Mit dem warmen, fast melancholischen Klang des Cellos brachte er in seinen Improvisationen musikalisch die Stimmung der Briefe zum Ausdruck und gab dabei den Zuhörern die Gelegenheit, das Gehörte zu verinnerlichen.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger
Autor
Höfner Volksblatt & March Anzeiger
Kategorie
- Literatur
Publiziert am
Webcode
schwyzkultur.ch/Q4YXM6