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Im Haus seiner Eltern hingen die Bilder von Cuno Amiet, dem Genie von Oschwand BE. Der kleine Urs Jaeggi träumte davon, Kunstmaler zu werden. Wie Cuno Amiet.
Es kam vorläufig anders. Urs machte eine Banklehre, holte im Abendstudium die Matura nach und studierte Soziologie an der Universität Bern. Er habilitierte beim Entwicklungssoziologen Richard Behrendt, erhielt einen Lehrauftrag und veröffentlichte 1966 zusammen mit Willy Wyniger und Rudolf Steiner das Buch: «Der Vietnamkrieg und die Presse».
IN BERN VERJAGT. In Bern gehörte die Soziologie damals noch zur Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Diese wurde beherrscht von ein paar hochkompetenten, stockkonservativen Juristen, mehrere davon Oberst im Generalstab. In seinem Buch dokumentierte Urs Jaeggi die Söldnermentalität der Schweizer Presse, namentlich der NZZ, die blind die nordamerikanische mörderische Terrorstrategie in Vietnam verteidigte. Die Juristen jagten Urs Jaeggi von der Fakultät.
Er ging nach Deutschland, zuerst an die neu gegründete Ruhr-Universität in Bochum, dann für zwanzig Jahre an die Freie Universität Berlin (1972 bis 1992). Unter seinen Doktoranden befand sich dort auch Studentenführer Rudi Dutschke.
Sein Meisterwerk, «Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland», erschien 1969. Zusammen mit Herbert Marcuses «Der eindimensionale Mensch» wurde das Buch so etwas wie eine Bibel der Studentenbewegung. Es verkaufte sich über 400’000 Mal!
Frauen bewirken zuweilen in Männern ungeahnte Wunder. Eva, eine kluge Psychologin, war Jaeggis erste grosse Liebe. Ihre gemeinsame Tochter Rahel lehrt heute Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Eva gelang es, Jaeggis Jugendtraum zum Leben zu erwecken.
Die künstlerische Kreativität Urs Jaeggis durchbrach die Betondecke der soziologischen Realität.
DER JUGENDTRAUM. Urs Jaeggi wurde Bildhauer, Schriftsteller, Dichter. Seine künstlerische Kreativität durchbrach die Betondecke der soziologischen Realität. Seine Erfolge als Künstler sind äusserst eindrücklich. Seine massiven Eisenskulpturen begeisterten das Publikum berühmter Galerien in Berlin, Mexiko Stadt und New York. Er erhielt 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis für Dichtung. Seine Romane, insbesondere die Autobiographie «Brandeis», fanden ein grosses Publikum.
UNVERGESSLICH. Urs war mein unvergesslicher, warmherziger Freund. Sein Kampf für Vernunft und Gerechtigkeit, seine revolutionäre Geduld und sein blitzgescheites analytisches Talent haben mich stets beeindruckt. Ich schulde ihm Bewunderung und tiefe Dankbarkeit.
Urs Jaeggi verstarb 89jährig am Samstag, dem 15. Februar, in Berlin.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Im letzten Jahr erschien im Verlag C.Bertelsmann (München) sein neustes Buch: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.