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Regional
Dienstag, 8 Uhr, im Erdgeschoss des Sekundarschulhauses Ruopigen, wie die Stadt Luzern schreibt.
Ukrainische Wörter seien zu hören. Die Lernenden der Aufnahmeklasse treffen ein, in Gruppen und einzeln.
Punkt 8.15 Uhr beginnt der Unterricht von Natalia Roppel. Auf dem grossen Bildschirm sei ein Querschnitt eines Schulhauses eingeblendet.
Mit ruhiger, fast schon leiser Stimme beginnt Natalia Roppel, den Wortschatz zum Thema «Schulanlagen» abzufragen: «Wo liegt die Bibliothek?», «In welchem Stockwerk sei die Toilette?», «Kannst du das Verb ‹liegen› noch einmal konjugieren?» Auch gegenseitig müssen sich die Jugendlichen Fragen stellen. Es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre.
Die Hälfte der 20 wöchentlichen Lektionen für die ukrainischen Jugendlichen sei im Fach Deutsch. Daneben gibt es Unterricht in Mathematik, Englisch, Gestalten, Sport und Musik.Natalia Roppel sei Russin.
Sie habe an einer sibirischen Universität studiert und in Deutschland einen Masterabschluss in germanistischer Linguistik erworben. Seit 2016 lebt sie in der Schweiz.
Als sie erfuhr, dass die Schule Ruopigen eine Ukrainisch oder Russisch sprechende Lehrperson sucht, habe sie nicht lange gezögert. «Ich will mich nützlich machen und den Kindern, die traumatisiert aus den Kriegsgebieten kommen, helfen, sich ins neue Leben zu integrieren.» Aufgrund ihrer Herkunft spricht Natalia Roppel mit den Lernenden nebst Deutsch auch Russisch.
Die Jugendlichen helfen sich gegenseitig, wenn die Russischkenntnisse nicht ausreichen. Der 15-jährige Igor, der mit seiner Familie aus einem Dorf in der Nähe von Charkiw flüchtete, spricht Russisch ebenso gut wie Ukrainisch.
Auch in Deutsch macht er gute Fortschritte.Die meisten Jugendlichen in Natalia Roppels Klasse besuchen den Unterricht seit den Sommerferien – immer vormittags. Die Klasse sei eine von vier Aufnahmeklassen für ukrainische Kinder im Schulhaus Ruopigen.
Nach Kriegsbeginn im Februar 2022 habe die Stadt Luzern schnell reagiert und stadtweit Aufnahmeklassen für geflüchtete Kinder eröffnet. Neu ist, dass die Kinder in einer Klasse alle aus demselben Herkunftsland stammen.
«Die rein ukrainischen Aufnahmeklassen seien nicht optimal, da die Lernenden sich in der eigenen Sprachgruppe und Kultur bewegen», sagt Lukas Keiser, als Prorektor veranwortlich für die Organisation der ukrainischen Klassen.Besser wären gemischte Aufnahmeklassen, in denen die Kinder und Jugendlichen verschiedene Sprachen sprechen und sich auf Deutsch verständigen müssen. «Die grosse Menge an Kindern habe uns aber keine andere Möglichkeit gelassen», sagt Andrea Scheuber, Geschäftsleitungsmitglied der Volksschule.
«Mit den 200 ukrainischen Kindern könnten wir ein eigenes Schulhaus füllen.»Ruopigen-Schulleiter Sacha Furrer sei zufrieden, wie es läuft, auch wenn viele Herausforderungen zu meistern sind. «Es gibt immer wieder Kinder, die nicht mehr im Unterricht erscheinen», sagt er.
«Wir erhalten oft keine Informationen über ihren Verbleib und erfahren erst später von anderen Lernenden: ‹Sie haben die Schweiz verlassen.›» Herausfordernd sei auch die nachvollziehbare Haltung der Eltern, auf die schnelle Rückkehr in die Ukraine zu hoffen. «Zwei Drittel der Lernenden in unseren Klassen besuchen deshalb auch den ukrainischen Onlineunterricht oder lösen ukrainische Aufgaben im Selbststudium», sagt Sacha Furrer.
Für manche eine Doppelbelastung. Nicht so für Lisa, die vor sechs Monaten aus Kiew in die Schweiz kam.
«Ich mache immer am Nachmittag Hausaufgaben für die ukrainische Schule», sagt die 15-Jährige auf Englisch. «Ich mache das gerne!»Eine weitere grosse Herausforderung sei die Integration der Kinder und Jugendlichen in die Regelklassen, sagt Prorektor Lukas Keiser.
«Wir arbeiten darauf hin, dass die Kinder und Jugendlichen integriert werden, und klären zurzeit, wann und wie dies am sinnvollsten geschieht. Schulleiter Sacha Furrer gibt zu bedenken, dass vieles nicht planbar sei: «Wir können die Integration zwar auf einen bestimmten Zeitpunkt organisieren.
Dann kehren aber vielleicht kurz zuvor viele Familien in die Ukraine zurück. Oder es kommen noch viel mehr Flüchtlinge.» Er könne der Krise aber auch Positives abgewinnen: «Es sei toll, zu sehen, was in der Not möglich ist.
Es braucht hauptsächlich kompetente und wohlwollende Lehrpersonen.» Viel Kreativität sei beim Organisieren der Klassen gefragt gewesen, auch hinsichtlich Stundenplan. «Frei zu denken und einen sinnvollen, abwechslungsreichen Unterricht zu gestalten, habe Spass gemacht.»Der geordnete Unterricht in der Sekundarklasse im Schulhaus Ruopigen erstaunt, zumal immer wieder von schwierigen Situationen zu hören ist.
Die Nachfrage in einer Primaraufnahmeklasse im Schulhaus Mariahilf bestätigt: Es geht nicht überall so ruhig und geordnet zu und her. Die 1./2. Klasse mit 14 Kindern werde von Ruslana Dziama unterrichtet, die vor dem Krieg Dozentin an einer Pädagogischen Fachhochschule in der Ukraine war.
Jedes Kind erfordere intensive Betreuung, Geduld und Liebe, sagt sie. Obwohl die Kinder motiviert sind, habe sie mit Verhaltensauffälligkeiten wie Wut-, Angst- und Weinanfällen umzugehen.
In diesem Umfeld einen guten Unterricht aufrechtzuerhalten, sei schwierig. Kommt hinzu: «Manche Kinder haben wenig Erfahrung mit der regulären Schule, weil sie in der Ukraine den Unterricht aufgrund der Coronapandemie und des Kriegsausbruchs nur online besucht haben.» Trotz aller Schwierigkeiten stellt Ruslana Dziama sehr zu ihrer Freude positive Tendenzen und Veränderungen fest.Derweil nimmt der Unterricht in Natalia Roppels Klasse ihren Lauf.
Der 14-jährige David erzählt, dass er vor den Sommerferien bei einer Schweizer Familie gewohnt hatte und gelegentlich Deutsch sprechen konnte. Jetzt sei er mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung untergekommen und sagt höchstens auf der Strasse gelegentlich «Grüezi».
Er sagt, es gefalle ihm hier. Seine Lehrerin aber weiss, dass viele Kinder ihre Väter und andere Familienmitglieder sehr vermissen.
Auch 1./2.-Klass-Lehrerin Ruslana Dziama sagt: «Den meisten Lernenden geht es in der Schule gut, weil sie durch das Lernen abgelenkt werden.» Nebst Familienangehörigen fehlen den Kindern vor allem ihre Haustiere, ihr Spielzeug, ihre Betten, das gewohnte Essen – alltägliche Dinge, die für uns selbstverständlich sind.Sie besuchen unseren Webauftritt mit dem Internet Explorer. Dieser veraltete Browser stellt die Webseiten möglicherweise nicht korrekt dar und könne Sicherheitsprobleme verursachen.
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