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Vom Anschlagbrett heruntergerissene Hausordnungen, mutmasslich beschädigte Inneneinrichtungen, gegen die Obrigkeit gerichtete Graffitis, Studentenversammlungen, Sit-ins während Vorlesungen, kollektiver inszenierter Massen-Austritt von Studierenden. Was nach Studentenrevolte 1968 klingt, sind in Wirklichkeit Vorgänge am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) aus dem Jahre 1864.
ETH-Bibliothek, Archive, SR2: 1864. Offizieller Bericht des Schweizerischen Schulrathes an das Schweizerische Departement des Innern über die Vorfälle am Eidgenössischen Polytechnikum vom 1. August 1864, S. 53.
In jenem Jahr zogen die Schüler des 1855 gegründeten Polytechnikums in das neue Sempergebäude. Zuvor waren sie in über die Stadt verteilten provisorischen Hörsälen unterrichtet worden. Die Überwachungsmöglichkeiten durch Schulleitung und Lehrerschaft stiegen schlagartig an. Zudem wurde der eine Flügel des Gebäudes von der Universität Zürich genutzt, deren Studenten von den Schülern des Poly um ihre akademischen Freiheiten beneidet wurden.
Auslöser der Eskalation war ein Aushang des Direktors, Pompejus Alexander Bolley, mit dem er die Studentenschaft nach zahlreicher Beschädigungen an der neuen Einrichtung zur Ordnung gemahnte. Der Aushang wurde abgerissen. Danach platzierte Bolley den Aushang im Glaskasten, aber auch dieser wurde bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Glaskasten entfernt. Verhandlungen mit einer Studentendelegation wurden aufgenommen und wieder abgebrochen. Der Direktor des Polytechnikums drohte den Studierenden mit Ausschluss. Endlich erkannte der Schulratspräsident die Notwendigkeit eine Gesamtkonferenz der Professorenschaft einzuberufen. Die Unruhen gipfelten in der Drohung rund der Hälfte der Studenten, sie würden aus der Schule austreten, falls Bolley nicht von seinem Direktorenamt zurücktrete. Der Schulrat konterte mit dem Argument, ein Kollektivaustritt werde nicht anerkannt und auch der individuelle Austritt bedürfe der Zustimmung der Eltern. Dennoch reichten laut der Online-Festschrift ETHistory 325 Studenten ihre Exmatrikulation ein und feierten sie mit einem Auszug aus Zürich per Schiff nach Rapperswil.
Der Schweizerische Schulrat sah sich gezwungen, die Lage in einem „Bericht an das schweizerische Departement des Innern über die Vorfälle am Eidgenössischen Polytechnikum“ zu erklären.
Links:
Andrea Westermann. Berufliche Sicherheit oder Persönlichkeitsbildung? „Studienfreiheit“ im 19. Jahrhundert: http://www.ethistory.ethz.ch/besichtigungen/touren/vitrinen/studieren/vitrine32
Schulratsprotokolle online: http://www.sr.ethbib.ethz.ch/digbib/view?did=c1:18855&p=54