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Skulptur von St.Martin und dem Bettler am Münster

Frau F. / 07. November 2010:
Am Martinsturm vom Münster fehlt (seit der Reformation?) bei der Martins-Statue der Bettler. Aus welchem Grund hat man ihn entfernt und durch diesen Baumstrunk ersetzt?
Antwort von altbasel.ch:
Die originale Skulptur des heiligen Martin am Münster war vermutlich ein Werk aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie zeigte St.Martin zu Pferd beim Teilen seines Mantels, während am Boden der kniende Bettler dankbar zu ihm aufschaute. Hinter dem Pferd steht ein Baumstrunk mit abgehauenen Ästen. Man deutete diesen schon als Symbol für die von St.Martin in seiner weiteren Laufbahn gefällten heiligen Bäume der Heiden. Vielleicht wurde da zuviel hineingedeutet.
Die Skulptur des St.Georg am anderen Münsterturm weist nämlich ebenfalls zwei solche Baumstrünke auf. Eventuell handelt es dabei eher um ein stabilisierendes Element der Skulpturen, die ansonsten nur auf den vier Beinen der Pferde ruhen würden. Der Bettler vor St.Martins Pferd sei um 1600 verschwunden. Mit der Reformation entledigte sich die evangelisch gewordene Stadt der Heiligendarstellungen im öffentlichen Raum wo immer sich die Gelegenheit dazu bot.
So wurde 1608 an der Rathausfassade die Statue der Jungfrau Maria mit Jesusknaben so umgearbeitet dass daraus die heutige Justitia entstand (allerdings nach wie vor mit der goldenen Marienkrone auf dem Haupt). Den grossmütigen Ritter St.Martin liess man, wie den heiligen Georg am anderen Turm stehen. Allerdings wurde ein Detail an der Martinsskulptur verändert. Den Bettler gestaltete man zu einem weiteren Baumstrunk am Hinterlauf des Pferdes um. Doch wieso musste der Bettler weichen?
Die Martinsskulptur von Ferdinand Schlöth. Seit 2006 restauriert an ihrem alten Platz. Erkennbar der Baumstrunk beim Hinterlauf, den Schlöth im 19. Jahrhundert anstelle des mittelalterlichen Bettlers sinnfrei wiedergegeben hat.
Toni Arnet vertritt in seinem 2000 erschienen Werk über das Basler Münster die Meinung, dass der Bettler zu sehr "ans Katholische" erinnert habe, ohne konkret darauf einzugehen wieso. Der Bettler war der Heiligenlegende gemäss eigentlich Jesus. Er erschien Martin in der nächsten Nacht mit der umgehängten Mantelhälfte die der Bettler erhalten hatte. Meine Vermutung ist, dass der Bettler von der Münsterfassade verschwinden musste weil er eine indirekte Jesusdarstellung war.
Die heutige Martinsskulptur geht auf eine Neufassung des Bildhauers Ferdinand Schlöth (1818-1891) zurück. Die brüchig gewordene Originalskulptur wurde 1883 durch eine Kopie von Schlöth ersetzt. Da man nicht Willens war den verschwundenen Bettler wieder in das Werk einzubringen, entstand an dessen Stelle getreu wieder der zweite Baumstrunk. Das Standbild wurde aus einem wenig geeigneten Buntsandstein geschaffen - ein Stein der viel Wasser aufnahm aber es nur langsam wieder ausschied.
Diese Kombination sorgte dafür dass im Winter Wasser im Stein gefror und Sprünge verursachten, die stetig grösser wurden. Schliesslich war nach 80 Jahren deutlich geworden, dass die Martinsskulptur ersetzt werden musste. Diese zweite Kopie wurde von Fritz Behret unter Mithilfe seiner Söhne Kurt und Rolf Behret erstellt und zu Beginn der 1970er Jahre am Martinsturm angebracht. Sie wich in ihrer vereinfachten Ausführung bewusst von Schlöths Fassung aus dem Jahr 1883 ab.
Die technischen Mittel liessen keine Restaurierung von Schlöths Skulptur zu. Dies änderte sich im 21. Jahrhundert. Mit Injektionsharzen, Steinfestiger und zeitgemässem Mörtel konnte der St.Martin von 1883 wiederhergestellt werden. Am 11. November 2006 wurde er um 11.30 Uhr an seinem alten Platz am Münster enthüllt. Die Kopie von Fritz Behret lagert in einem Depot um kommenden Generationen erhalten zu bleiben. Die mittelalterliche originale Martinsskultur steht indes im Klingentalmuseum.
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Beitrag erstellt 06.12.10 / Flüchtigkeitsfehler korrigiert 03.01.11
Quellen:
Toni Arnet, Das Basler Münster, Eigenverlag c/o Ch. Jung-Arnet, Basel, 2000, ISBN 3-9521939-8-4, Seite 51 ("Der heilige Martin, 1270, als Skulptur")
Peter de Marchi, Artikel "Kopie muss der Kopie weichen", publiziert in der Basler Zeitung vom Freitag 10. November 2006, Seite 17
François Maurer, Beitrag "Erdbebenstimmungen", publiziert in Das Basler Münster, herausgegeben von der Münsterbaukommission, Verlag Peter Heman, Basel, 1982, ISBN 3-85722-005-8, Seite 78 (Legende zu Bild Seite 79)