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Eine Staumauer ist ein Monument für den Umgang des Menschen mit einer Kraft der Natur, mit dem Wasser. In der alpinen Landschaft wird das Wasser von Europa in Gletschern und Grundwasserströmen gespeichert und schrittweise den Flüssen übergeben.
2015 hat das MediaLab des Institut für Landschaftsarchitektur (Girot) mit Studenten des Departement Architektur der ETH Zürich begonnen uns dem Morteratsch Gletscher anzunähern. Ein vages Unterfangen, dieses landschaftsprägende Phänomen zu erfahren und unsere Vorstellungen davon zu überdenken. Es ist der Geburtsort eines Flusses dessen Wasser durch Mittel- und Osteuropa ins schwarze Meer fliesst, und von da schliesslich ins Mittelmeer. Der Gletscher war es auch, der das Tal geformt hat und die Menschen mit seiner Kraft beeindruckt und verängstigt hat. Heute betrachten wir das langsame Verschwinden und beginnen zu verstehen, dass ein für die Schweizer Landschaft immanentes Bildobjekt verschwinden wird und mit lauten, ungewohnten Geräuschen die Wasserspeicher zerfallen.. Mit einem Kolloquium (Schmelzende Landschaften), einer Ausstellung und Publikation (Melting Landscapes) wurde dieses Thema 2018 abgeschlossen.
In der Folge sind wir dem Fluss des Gletschers gefolgt, mit der Frage, wo der Mensch beginnt maßgeblich und gewollt in dieses System einzugreifen und dabei auf die Staudämme von Punt dal Gall und Ova Spin gestossen. Mit dem Ziel sich am Strommarkt zu beteiligten, wurde in den 1960 Jahren die Umwelt und die Erscheinung der Landschaft tiefgreifend verändert.
Dieses Pumpspeicherkraftwerk umfasst nebst den beiden Mauern ein erstes, an die Mauer von Ova Spin gebautes, Kraftwerk, Wasserfassungen, ein weitverzweigtes Netzwerk aus unterirdischen Leitungen und Stollen, sowie weitere, im Tal liegende, Anlagen. Sichtbar ist die weitläufige In- frastruktur nur punktuell, vieles liegt im Verborgenen, tief unter der Oberfläche oder versteckt hinter dicken Betonmauern. Da wo die Mauern scheinbar hart auf den Felsen prallen, verästelt sich die Anlage weiter in den Berg, dort wo das natürliche Flussbild beginnt, enden die unterirdischen, betonierten Kanäle und Rohre, die mit streng kontrollierten Mengen von Wasser den Fluss speisen. Das System der Technik vermischt sich mit dem natürlichen und die Grenzen verwischen. Im Frühling 2017 haben wir begonnen diese Struktur, dieses System, mit Laserscannern, akustischen Aufnahmegeräten und Fotokameras zu vermessen. Dabei blieb die Fragestellung wie beim Gletscher: wie können wir diesen Ort mit unseren Techniken Erfahren, Vermitteln, neu entdecken?
Laserscanner arbeiten mit einem lichtbasierten Messverfahren, bei dem Millionen von Impulsen in festgelegten Winkeln in alle Richtungen ausgesendet werden und mit Hilfe des reflektierten Strahls und der dazu benötigten Zeit die exakten Koordinaten im Raum bestimmt werden. Position um Position wird das Gerät aufgestellt und in der Folge am Computer in eine räumli- che Relation gesetzt. So haben wir uns langsam entlang der Mauer, durch die Räume, Gänge, Treppen und Stollen bewegt und das Modell mit jeder Position weiter ausgebaut.
Während dieses Prozesses verbringt man viel Zeit am Ort, betrachtet das Bauwerk aus allen möglichen Perspektiven und Winkeln. Um “Scanschatten” im Modell möglichst gering zu halten, beginnt man zu verstehen, wie stark die eigene Bewegung im Raum die Sicht verändert. Unsere subjektive Wahrnehmung lässt uns gewisse Dinge klarer sehen als andere, der Laserscanner jedoch bewertet die für ihn sichtbaren Oberflächen nicht und zeichnet alles in seinem Wirkungsbereich auf. Zusätzlich werden die Messpunkte mit Fotografien eingefärbt. Es entsteht ein Modell aus farbigen Punkten, das die Geometrie und Textur der Oberflächen zeigt ohne selbst eine Geometrie zu haben; Es sind lediglich Informationen zu Position und Farbe. Auch die Unterscheidung von Elementen existiert nicht. Wände, Decken, Felsen, Schnee, Vegetation, sie alle werden gleichermassen aufgezeichnet und dargestellt.
Es ist eine Wolke aus Informationspunkten, deren Ursprung in der Realität liegt und deren Herstellung sowie Verwendung unsere Wahrnehmung verändert. Dabei bleibt das Modell immer unvollständig, die Komplexität der Realität unerreicht. Doch in der Darstellung der Punktwolken scheinen wir Lücken in den Oberflächen, wenn die Abstände zwischen Punkten sich vergrössern, besser zu akzeptieren als in konventionellen digitalen Modellen. Die dabei entstehende Transparenz ist für uns ein gewinnbringender Aspekt: Es entsteht eine Gleichzeitigkeit räumlicher Ebenen, die uns unmögliche Blicke, ähnlich einer anatomischen Darstellung, ermöglicht und räumliche Zusammenhänge verstehen lässt. Mit der Bewegung im Modell, im digitalen Raum, verändert sich diese Darstellung permanent und erlaubt uns so eine unerwartete neue Erfahrung eines Ortes, dessen Dimension nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Wir bewegen uns vom territorialen Blick bis hin zum Detail einer Schraube ohne dabei auf gewohnte Maßstab Konditionen Rücksicht zu nehmen.
Zur visuellen Arbeit kommt die parallele Aufnahme von geopositionertem Klang und dessen Verortung im Punk- twolken Modell. Die eingefrorene Umgebung wird so wieder mit einer Zeitlichkeit versehen. Der Klang ergänzt und erweitert unsere Wahrnehmung des Ortes, der Materialität und der räumlichen Erfahrung. So entsteht schliesslich ein Modell, dass die Landschaftswahrne- hmung in eine Dimension überführt, in der die Ober- flächen transparent werden und Blick und Klang Wände und Böden durchdringen. Im Prozess der audiovisuellen Komposition werden die präparierten Klangaufnahmen präzise im Punktwolken Modell positioniert und der digitale Avatar zentimetergenau durch Raum und Zeit gesteuert. Es ist eine Suche nach einer neuen Ästhetik, die eine subjektive, körperliche Erfahrung zulässt ohne dabei die Präzision zu verlieren.
Das MediaLab der ETH Zürich (Professur Christophe Girot) beschäftigt sich mit Fragen der Landschaftswahrnehmung durch audiovisuelle Medien und wie sich unsere Wahrnehmung beim Verwenden derselben verändern und erweitern kann. (alternativ: Dabei steht zugleich die Kombination sowie das Hervorheben der jeweils spezifischen Aspekte von Klang, Fotografie und Laserscanning im Vordergrund.) Dabei steht die Kombination von Klang, Fotografie und Laserscanning, und wie die jeweiligen Techniken spezifische Aspekte hervorheben können, im Vordergrund. Das Team ist spezialisiert auf verschiedene Disziplinen der audiovisuellen Komposition wobei Laserscanning ist in allen Bereichen des Lehrstuhls zu einem wichtigen Instrument geworden ist und fortlaufend weiterentwickelt wird.
MediaLab Team: Ludwig Berger, Laura Endres, Dennis Häusler, Johannes Rebsamen, Matthias Vollmer