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Die meisten von uns auf dem Schiff waren wohlerzogen und überzeugt, dass sie gute Ehefrauen sein würden. Wir konnten kochen und nähen. Wir konnten Tee servieren und Blumen arrangieren und stundenlang still auf unseren flachen, breiten Füßen sitzen, ohne je etwas von uns zu geben, das von Belang war. Ein Mädchen muss sich einem Zimmer anpassen: es muss anwesend sein, ohne den Anschein zu erwecken, dass es existiert.
Wir wussten uns auf Beerdigungen zu benehmen und konnten kurze, melancholische Gedichte über das Verstreichen des Herbstes schreiben, die genau siebzehn Silben lang waren. Wir konnten Unkraut jäten und Kleinholz hacken und Wasser holen, und eine von uns – die Tochter des Reismüllers – konnte mit einem achtzig Pfund schweren Reissack auf dem Rücken zwei Meilen zu Fuß in die Stadt laufen, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal ins Schwitzen kam. Es kommt nur auf die richtige Atmung an.
Die meisten von uns hatten gute Manieren und waren überaus höflich, außer wenn sie wütend wurden und fluchten wie die Bierkutscher. Die meisten von uns redeten vornehmlich wie echte Damen, mit hoher Stimme, und gaben vor, weit weniger zu wissen, als es in Wahrheit der Fall war; und wenn wir an den Deckarbeitern vorbeiliefen, achteten wir darauf, kleine Tippelschritte zu machen, die Zehen ordentlich nach innen gerichtet. Denn wie oft hatten unsere Mütter uns eingeschärft: Lauf wie die Stadt, nicht wie der Bauernhof!
Warum dieser Auszug?
Wovon wir träumten startet mit einer Bootsreise in den 1920er Jahren von Japan nach Amerika. Zwar herrschen an Bord elende Bedingungen – es gibt kaum zu Essen, ist fürchterlich schmutzig und unter Deck, wo die Gruppe junger japanischer Mädchen für die Wochen der Überfahrt hausen muss, gibt es nicht einmal Fenster – aber ihre Gedanken drehen sich um die strahlende Zukunft, zu der sie auf dem Weg sind.
Sie haben sich Heiratsagenturen angeschlossen und wurden an junge Japaner vermittelt, die sich bereits in den USA etwas aufgebaut haben und den American Dream leben. Schöne Männer mit genug Geld, um die jungen Frauen von Hunger, Feldarbeit und Aussichtslosigkeit zu befreien. In der Passage oben schleicht sich das erste Mal das Gefühl ein, dass das nicht gut gehen kann. Dass diese kulturelle Kluft zwischen den Vorstellungen der Mädchen, was eine gute Ehefrau ausmacht, und der amerikanischen Realität der 20er Jahre, völlig auseinandertriftet. Dass ihre Vorstellungen bestenfalls korrigiert, schlimmstenfalls ihre Träume platzen werden.
Man möchte sie in den Arm nehmen und warnen, so unschuldig ist das Bild, das die Autorin bis dahin von ihnen gezeichnet hat. Die Jüngste unter ihnen sei gerademal 14 Jahre alt, die Älteste 37, doch ihre Gedanken, die konsequent homogen wie in der Passage oben zusammengefasst werden als würden sie als Einheit denken und fühlen, sind sich allzu ähnlich. Sie drücken ein kollektives Gefühl der nervösen Vorfreude aus, das in einem krassen Kontrast zur Situation auf dem Schiff steht: man weiss nicht genau wie es kommt, aber alles kommt gut.
Bis zu dieser Stelle im Buch fiebert man mit, teilt zwar ihre Bedenken, die sie Tag und Nacht wälzen, aber glaubt dieser inneren Aufregung trotz allem ein bisschen mehr. Sie erinnern mich an diese Zeit im Leben, in der man schon so viel von der Welt weiss, um zu erkennen, wie naiv die eigenen Träume sind, aber noch nicht genug Schlechtes erlebt hat, um die Dinge zu erahnen, die sie zerschmettern werden.
Mit der Ankunft im neuen Leben, wachen die Mädchen auf: wer da auf sie wartet, sind nicht die wunderschönen Herren, die sie als ihre Ehemänner von den Fotos kennen. Und es kommt noch schlimmer.
Melancholisch und zart erzählt Otsuka diese Geschichte der sogenannten “Picture brides”, die Anfang des 20. Jahrhunderts in grosser Zahl in die Vereinigten Staaten immigrierten. Das abstrakte Phänomen bekommt nicht nur ein Gesicht, sondern das einer ganzen Gruppe von jungen Frauen, die von ihrer Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnten, aber sich alle auf diesem schicksalhaften Schiff in ihr neues Leben wiederfinden. Die Handlung und das “wir”, das Otsuka als Erzählstimme nutzt, fliesst wie ein einziger Fluss aus unzähligen verschiedenen Tropfen. (Herrje, die Sprache des Buchs steckt an!)
Interessiert?
Julie Otsuka (*1962) ist Amerikanerin mit japanischen Wurzeln und erzählt einfühlsam ein Kapitel der amerikanischen Geschichte, in der Fremde eine neue Heimat suchen. Genauso wenig, wie es um einzelne Figuren und ihre persönlichen Schicksale geht, sind die Eindrücke und Erlebnisse auf dieses eine Kapitel Einwanderungsgeschichte reduzierbar. Wer sind wir, wer sind die anderen und was unterscheidet uns voneinander; all das wird in Wovon wir träumten auf stilistisch höchstem Niveau angeschnitten ohne je didaktisch oder vorwurfsvoll zu klingen.
Sehr spannend: Mit dem Angriff auf Pearl Harbor nimmt das Buch nochmal stark an Fahrt auf und endet mit einem Perspektivenwechsel. Plötzlich ist das “wir ” nicht mehr die Stimme der immigrierten Japaner, sondern des Kollektivs der amerikanischen “Einheimischen”. Unglaublich stark!
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