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«Pfadi dihei», «CoronAufbau mit Masken», abgesagte und dezentralisierte Anlässe: Die Corona-Pandemie zwang 2020 auch zu grossen Veränderungen im Pfadibetrieb. Doch wie war das eigentlich bei der letzten grossen Pandemie, der «spanischen Grippe» 1918? Diese massive Grippewelle, hatte ihren Ursprung nicht in Spanien (dort wurde lediglich offen darüber berichtet) sondern wohl in den USA, in Kansas. Sie forderte weltweit zwischen 27 und 50 Millionen oder noch mehr Todesopfer, mehr als der damals zu Ende gehende 1. Weltkrieg. Die Schweiz hatte 25’000 Grippetote zu beklagen, fast jede zweite Person in der Schweiz erkrankte an dieser Grippe, hart traf es vor allem 20- bis 40-jährige.
Die erste Welle im Frühsommer 1918 hatte einige Einschränkungen für die Pfadi in Zürich zur Folge, Grossanlässe wie die «Pfadfinder-Landsgemeinde» wurden verschoben, «Social Distancing» galt schon damals als wirksam.
Eine Grippeimpfung existierte nicht, lindernde Medikamente gab es kaum, entsprechend wurde viel Merkwürdiges angeboten wie dieser Heimschwitzapparat:
Zum Teil wurde auch Rauchen und Alkohol empfohlen, um der Grippe den Garaus zu machen oder Gurgelmittel.
Im Oktober und November, gleichzeitig mit dem Landesstreik und der Angst vor einer Revolution, die eine Truppenstationierung in Zürich zur Folge hatte, explodierte die Zahl der Erkrankungen förmlich. Der Bericht des Stadtrates von damals zeigt, dass allein in der Stadt fast 40’000 Personen erkrankten:
In dieser Situation wurden die Schulen geschlossen, viele Schulhäuser und z.B. auch die Tonhalle wurden zu Notspitälern umfunktioniert. Das damalige Protokollbuch des «Feldmeisterkonventes» des Gloggi ist in unserem Archiv erhalten. Aus den Absenzenlisten ist ersichtlich, dass auch viele Führer, wie man damals sagte, wegen Grippe abwesend waren. Der Pfadibetrieb (hier der Oberpfadi-Kurs O’Pf.) wurde aber weitergeführt und andererseits hatten viele Pfadi «Hilfsdienst» zu leisten. Sie wurden von der Frauenzentrale und der Pflegerinnenschule, die die Arbeiten koordinierten, eingesetzt.
Der damals 16-jährigen Pfadi Eduard Seiler (er war wohl nicht im Gloggi) hat damals ein Tagebuch geschrieben, das 2008 und 2009 auszugsweise veröffentlicht wurde. Hier der 2008 erschienende Beitrag aus dem Tages-Anzeiger:
Die zweite Veröffentlichung findet sich in einem Buch über das „Soldatenleben im 1. Weltkrieg“: Otto Wicki/ Anton Kaufmann/ Erwin Dahinden: Oh wär ich doch ein Schweizer, Schüpfheim 2019.
Aus diesem Tagebuch wissen wir, dass diese Hilfsdienste sehr hart waren: Eduard Seiler berichtet, wie die Pfadi einerseits eingesetzt wurden, um Betten und andere Utensilien wie Spucknäpfe und Urinflaschen mit Velos und Anhängern in die Lazarette zu transportieren und dort aufzustellen. Sie wurden auch für Botengänge eingesetzt, wenn Patienten z.B. dringen Sauerstoff brauchten. Er berichtet von einem Soldaten, der grässliche Atemnot hatte: «Oft mussten wir in die Apotheken springen um schnell wieder eine neue Sauerstoffbombe für den langsam erstickenden Aregger zu holen. Etwas so Entsetzliches habe ich nie gesehen.» Eduard Seiler beschreibt das Sterben des Soldaten, er schreibt auch von berührenden Besuchen von Angehörigen, die ihre Lieben bis in den Tod pflegten.
Dass die Patienten nicht isoliert werden konnten, zeigt dieses Bild aus der Tonhalle, die in ein Lazarett umgewandelt worden war:
Den Landesstreik und das Truppenaufgebot schildert Eduard Seiler ebenfalls und versucht sich einen Reim daraus zu machen: «Heute trugen alle Stahlhelme, wahrscheinlich erwartete man Strassenkämpfe. Die Regierung musste wichtige Dokumente über das Wühlen der Bolschewiki in den Händen haben, dass sie sich zu solch einem grossen Aufgebot entschloss. Die ganze Stadt war voll mit Militär und besonders viele Maschinengewehre wurden bereitgestellt. Gestern zogen Tausende vor die Kaserne und forderten den Militärminister Regierungsrat Wettstein heraus».
Der Rationierungsbrunnen an der Trottenstrasse in Zürich erinnert an die damalige Teuerung, die den Streik mit auslöste. 1914 erhielt man für einen Franken z.B. 20 Kilo Kohle, 1918 dann nur noch 3 ½ Kilo.
(Bild W. Gallas, Baugeschichtliches Archiv Zürich)
Der Landesstreik hat keine Spuren im Gloggi-Archiv hinterlassen. Im Protokollbuch ist aber festgehalten, wo überall Gloggi-Pfadi eingesetzt wurden:
Das von der Frauenzentrale geführtes Notspital im Schulhaus Münchhalden galt als eigentliches Vorzeigenotspital, es wird in Berichten immer wieder erwähnt, vermutlich weil das nun umgenutzte Schulhaus noch sehr neu war. Man sieht es auf dem Luftbild von Mittelholzer (1920) unten rechts, gerade darunter den Tunnel zwischen Tiefenbrunnen und Stadelhofen.
Auch ausserhalb der Notspitäler war man mit der Arbeit der Pfadi zufrieden. Die Frauenzentrale schreibt in ihrem Jahresbericht von einer sehr grossen Arbeit:
Das Engagement der Zürcher Pfadfinder wurde auch von der Presse gewürdigt, auf dem Bild der Helferinnen und Helfer im Tonhalle-Lazarett, das damals in der Schweizer Illustrierten erschien, sind die Pfadi im Vordergrund deutlich sichtbar:
Für die Pfadi von damals war ihr «Hilfsdienst» während der Pandemie von 1918 ein prägendes Erlebnis, viele haben sich das ganze Leben daran erinnert. Eduard Seiler ist später Arzt geworden.