Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03309.jsonl.gz/1433

Während der Begrüssung heisst es: «Bitte alle Natels ganz ausschalten.» Ok, wird brav ausgeschaltet. Fotos gibt es also keine. Anstelle von Fotos folgt am Schluss dieses Textes ein lustiges Bild ohne jeglichen Bezug zum Stück, damit die Leserinnen und Leser dieses Artikels wenigstens etwas zu lachen haben. Die Theaterschaffenden wussten selber nicht, was sie da genau tun. Diesen Abschnitt mal bitte lesen (aus dem Programmheft): «Der Inhalt eines einst als Psyche, als Privates, als Intimität bezeichneten Gebietes geht in die soziale Umgebung über. Aus dieser extravertierten Innerlichkeit wird eine sich gerade neu bestimmende, von Netzwerken durchzogene Öffentlichkeit, die aussieht, als werde sie getragen von Freundschaften. Sie besteht aus veröffentlichtem Privatem, sie ist das allgemeine Alleinsein.» Hä? Es wird einem vom blossen Überfliegen schwindlig. Sinnvolles Lesen ist unmöglich, als Leserin oder Leser fühlt man sich dumm. Eine Aneinanderreihung von klugen Fremdwörtern und syntaktische Gymnastikübungen macht sich wohl gut als Programmtext und irgendeinen Sinn wird man da schon hineininterpretieren können.
Leider ist das Problem von vielen philosophisch angehauchten Theatern oder Performances, «dass es schwerfällt, die Verständlichkeit zu steigern, ohne die Begeisterung zu verlieren», wie es Donald Davidson formulieren würde. Ist das Stück selber verständlicher? Nein. In der mittleren Halle des Südpols ist ohne Erhöhung und rundum (bis auf eine Seite) in zwei Reihen gestuhlt. Es befinden sich etliche aufeinandergestapelte Kick Drums, ein halb ausgebautes, altes Transistorradio, einige Karton-Holz-Gebilde und ein Mischpult mit etwas Synth-Gear im Raum und an einer Wand hängen beinahe transparente Planen. Zu Beginn werden eine gefühlte Ewigkeit Texttafeln aus der griechischen Mythologie projiziert. Der Raum bleibt lange dunkel und als Zuschauer schaltet man drei, vier Gänge herunter, der Alltagsstress verblasst langsam. Dieser Modus ist eigentlich recht angenehm.
Es folgen rhythmische Wiederholungen, Variationen, Akzentuierungen mittels Lichtspiel, Geräuschen, einzeln gestreuten Sounds, Bässen, mysteriösen Melodien, welche die drei Performer stets unabhängig voneinander vornehmen. Sie treffen sich in ihrem Tun plötzlich, finden den Takt und werden danach weitergeweht. Zurück in ihr Alleinsein. Zugegeben: Der Sound ist extrem gut, aber performanceisch freigeschaufelt wird schlussendlich nur eines: Langeweile. Irgendein weiterer Funke, irgendein weiterer Ansatzpunkt muss doch kommen, eine Verbindung mit dem Publikum, ir-gend-et-was! Aber da ist nichts. Ein Scheinwerfer fällt hinunter. Die Hoffnung bleibt, dass dies geplant war. Es ist der Höhepunkt des Abends. Im Südpol erlebt man sonst selten einen schlechten Abend (sage und schreibe 63’462 Besucherinnen und Besucher im Jahr 2015 können nicht irren) und: Nina Langensand, Orpheo Carcano et al. – das sind grosse Kaliber, talentierte Kulturschaffende, deren Wirken in der Regel vollends überzeugt – und das letztjährige Ultra war gelungen! Aber das heute Abend «war nix» (O-Ton des Sitznachbars), Wischi-Waschi, das an allen Ecken und Enden bröckelt und am Ende in sich zusammenfällt. Ein anderer Kulturjournalist wünscht mir Glück und ist froh, nicht selber darüber schreiben zu müssen. Nach der knapp einstündigen Performance gibt es warme Suppe für alle. Ein kleiner Trost? Nein, danke. Kein Appetit mehr. Ab nach Hause.
Ultra mit «Wind» kann man sich noch heute Freitagabend um 22 Uhr und morgen Samstagabend um 20 im Südpol Luzern anschauen. Eine Produktion von ultra: Martin Bieri, Orpheo Carcano, Thomas Köppel, Nina Langensand und Corina Caviezel / Ko-Produktion: Südpol Luzern / Unterstützt von: Stadt Luzern FUKA-Fonds, Kanton Luzern Swisslos, Migros Kulturprozent, Ernst Göhner Stiftung, RKK. Das restliche Jahrfrüh’-Programm hat es in sich und lohnt den Gang in den Südpol absolut! Alle Infos auf der Südpol-Webseite. Ah, genau, hier noch das versprochene Bild: