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Der Begriff des Selbst ist nicht einheitlich definiert, weder im philosophischen noch im psychologischen Bereich. Im folgenden sollen einige moderne Selbstkonzepte kurz zur Sprache kommen und die Vielfalt des westlichen Selbstbegriffes illustrieren.
Die Selbstpsychologie hat sich, neben Ich-Psychologie und Objektbeziehungspsychologie, im Zusammenhang mit den narzisstischen und Borderlinestörungen als ein weiterer Zweig aus der Psychoanalyse entwickelt.
Sie versteht das Selbst als zentrale Repräsentanz des Individuums, die sich in der Frühkindheit entwickelt, das 1979 erschienene Buch «Heilung des Selbst» von HEINZ KOHUT gilt als Klassiker dieser Richtung. KOHUT spricht darin vom «Selbst» des neugeborenen Kindes als von einem virtuellen Selbst wie auch von einem Kernselbst.
Er postuliert sehr frühe schädigende Einwirkungen auf die Psyche, die, falls sie nicht durch spontane Selbstheilungsprozesse neutralisiert werden, zu Störungen im Bereich des Selbst führen. Zu den frühen Störungen der psychischen Entwicklung gehören insbesondere die narzisstische Persönlichkeitsstörung und das Borderline-Syndrom.
Der Psychiatrieprofessor Raymond BATTEGAY definierte das Selbst so:
«Das Selbst ist die narzisstische Besetzung von Ich, Es und Überich und des Körpers, die dem Menschen im Normalfall das Gefühl vermittelt, eine lustvoll erlebte Einheit zu bilden und ihm kompassartig eine – dauerhafte – Richtung gibt. Es ist jene Repräsentanz, die dem Individuum den Eindruck vermittelt, bei allen Veränderungen, die es erfährt, gestern, heute und morgen das Gleiche und ein ganzes Zusammengehöriges zu sein sowie eine unveränderte Subjektivität zu besitzen.» Gleichzeitig ermöglicht dieses Selbst die Erfahrung «dass es mich gibt».
Wohl nicht zufällig finden sich in der klassischen indischen Lebensphilosophie Lebensziele oder -bereiche, die dem Dreiersystem Es-Ich-Überich entsprechen: Kama (Liebe und Lust) Artha (Macht und Erfolg) sowie Dharma (Ordnung und Tugend). Der vierte Bereich (turya) geht allerdings über unsere westliche Vorstellungswelt hinaus: Das höchste Ziel ist Moksha, die Befreiung von der Täuschung, das was ich im Zusammenhang mit den Gefühlsebenen als Ebene der Zenrealität bezeichne. (D.h. die Auflösung des Ich im «Nicht-Selbst» und schliesslich im «All-Eins».)
Im Verständnis von C. G. JUNG ist das Selbst der zentrale Archetyp. Es ist Zentrum der psychischen Totalität und wirkt als zentraler Regulator der Selbstorganisation; es ist aber nicht nur der Kern des psychischen Systems, sondern umfasst gleichzeitig die beiden Teilsysteme des Bewusstseins und des Unbewussten.
Das Ich dagegen ist «das Subjekt des Bewusstseins», «ein Komplex von Vorstellungen, der das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ausmacht und mir von hoher Kontinuität und Identität mit sich selber zu sein scheint». Das Selbst ist also eine dem bewussten Ich übergeordnete Grösse, unser eigentlicher Mittelpunkt.
«Die Anfänge unseres seelischen Lebens scheinen unmittelbar aus diesem Punkt zu entspringen und alle höchsten und letzten Ziele scheinen auf ihn hinzulaufen.»
Deshalb ist die Selbstwerdung – der Individuationsprozess – ein zentrales Anliegen der JUNGSchen Psychologie. Die Ich-Entwicklung und Anpassung an die gesellschaftliche Realität betrachtete JUNG als Aufgabe der ersten Lebenshälfte, während die Verbindung mit dem Selbst in seiner Sicht vor allem eine Aufgabe der zweiten Lebenshälfte ist.
Mit der «Geburt des Selbst» tritt eine entscheidende Wandlung im Leben eines Menschen ein, die Bedeutung des Ich tritt zugunsten des Selbst zurück. Dieses wird als «zentrales Feuer», als «unser Anteil an Gott» oder als «das Fünkchen Meister Eckkeharts» erfahren.
Neurobiologisch-philosophische Modellvorstellungen schliessen immer mehr das Vorliegen einer Entität «Selbst» im Sinne einer übergeordneten Einheit der Psyche aus. Begriffe wie Selbst, Seele, Geist und Ich werden als austauschbar hingestellt und schliesslich als «reine Information», als ein Ereignis von gleichzeitig aktivierten Neuronengruppen und von Synapsenvernetzungen erklärt.
Noch deutlicher spricht es der deutsche Philosoph THOMAS METZINGER auf Grund einer Zusammenstellung der Zeitschrift FACT aus:
«In der neueren Literatur der wirklich guten Philosophen geht es nur noch darum, welche Variante des Materialismus nun die richtige ist. … Niemand glaubt noch im Ernst an eine Seele oder gar ein Leben nach dem Tod.»
Wenn METZINGER sagt, dass das menschliche Gehirn in jedem Moment ein Selbstmodell entwirft, das in sich möglichst geschlossen und logisch konsistent ist, «doch genau genommen gibt es das Ich nicht; das Ich ist eine besondere Art der Illusion – und zwar die beste, die die Natur je erfunden hat», dann bestätigt er das, was Erleuchtete östlicher Traditionen seit Jahrtausenden gesagt haben: Das Ich und seine Konstrukte sind eine Illusion (Maya).
Mit dem Unterschied allerdings, dass es im östlichen Denken ein (Bewusst-)Sein hinter dem im westlichen psychologischen Sinn verstandenen (Ich-)Bewusstseins gibt – das ich im Zusammenhang mit dem spirituellen «Bewusstsein» der Zenrealität erwähnt habe – .
DAMASIO schliesst aus der Fülle seiner ärztlichen Erfahrung, dass die neuronale Grundlage des Selbst auf der ständigen Reaktivierung mindestens zweier Kategorien von Repräsentationen beruht: Erstens auf Repräsentationen von Schlüsselereignissen in der Autobiographie des Individuums.
Dazu gehören: Vorkommnisse aus der Vergangenheit und rezente Ereignisse aus dem Frischgedächtnis wie auch Imaginiertes und Zukunftspläne. «Eine Kombination aus Erinnerungen an die Vergangenheit und die Zukunft bildet einen erheblichen Teil des Selbst-Zustandes.»
Als zweite Kategorie nennt DAMASIO die Urrepräsentation des Körpers:
«Frühe Körpersignale tragen zu einem Grundbegriff des Selbst bei, der das fundamentale Bezugssystem für alles, was dem Organismus zustiess liefert. Jeden Augenblick wird der Selbstzustand von Grund auf neu rekonstruiert. … Unser Meta-Selbst erfährt von diesem ‹Jetzt› erst einen Augenblick später. .. Die Gegenwart ist niemals anwesend … unser Bewusstsein ist hoffnungslos verspätet.»