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Es gibt in der Kriminalliteratur nur wenig serielle, also immer wieder verwendete Detektive, die lupenreine Amateure sind. Bei einem lupenreinen Amateur als Detektiv stellen sich dem Autor / der Autorin zwei Probleme: Woher nimmt der Detektiv überhaupt die Zeit, um sich Kriminalfällen widmen zu können? Und weshalb lassen ihn die Profis, also die Polizei, immer wieder in ihren Fällen herumschnüffeln? Dorothy L. Sayers hat das Problem bei Lord Peter Wimsey elegant gelöst. Lord Peter ist von Haus aus reich und geht keinem Job nach, der seine Zeit auffressen würde. Das löst Problem eins. Und die Profis lassen ihn ran, weil er schon einmal eine grosse Hilfe war. Wann und wie erfährt der Leser nicht. In diesem zweiten Punkt schwächelt Sayers’ Logik ein bisschen, aber ich gebe zu, mir fällt auch keine bessere Lösung für das Problem ein. Nur so kann sie erklären, warum ein Amateur immer wieder in und über Mordfälle stolpert. (Es gibt denn auch bei Lord Peter nichts Vergleichbares zu Sherlock Holmes’ erstem Fall, obwohl der Lord ansonsten immer wieder mal – auch im Text – mit dem Vorbild eines jeden literarischen Detektivs verglichen wird.)
Nachdem Lord Peter schon in vier Romanen die Hauptrolle gespielt hatte, veröffentlichte Dorothy Leigh Sayers 1928 unter dem Titel Lord Peter Views the Body eine Sammlung von Kurzgeschichten mit ihm als Helden – Kurzgeschichten, die allesamt schon in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Darin finden wir Sachen wie The Abominable History of the Man with Copper Fingers [Der Mann mit den Kupferfingern, der einer deutschen Übersetzung der Sammlung den Titel gegeben hat], die im Grunde genommen eine reine Horrorgeschichte ist, wie sie Poe oder Bierce nicht besser zu Stande gebracht hätten, oder Uncle Meleager’s Will [Onkel Meleagers Testament], wo Lord Peter ein komplexes Kreuzworträtsel zu lösen hat, um das Testament von Onkel Meleager zu finden (der Leser kann das Kreuzworträtsel auch selber zu lösen versuchen, Dorothy L. Sayers hat es in extenso beigefügt, und am Schluss des Bandes findet man auch die Lösung). Alle Geschichten zeichen sich durch kleinere oder grössere Exzentrität im Plot aus. Viele löst Peter Wimsey durch sein phänomenales Gedächtnis, das ihm erlaubt, sich Details, die er nur nebenbei wahrgenommen hat, wieder in Erinnerung zu rufen. Anders als andere Vertreter des Cosy-Mystery-Genres kann Dorothy L. Sayers auch recht blutig werden, so, wenn einem Mordopfer mit einer zerbrochenen Glasflasche das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten wird.
Nicht alle Stories sind gleich interessant und funktionieren gleich gut. Ein Kriminalfall als Kurzgeschichte leidet ja immer darunter, dass der Autor / die Autorin zu wenig falsche Fährten legen kann, und so ist die Lösung des Falles das eine oder andere Mal zu offensichtlich. Manchmal mangelt es dem Fall auch einfach an und für sich an Interesse, so in The Fantastic Horror of the Cat in the Bag [Die Katze im Sack – auch als Titel einer andern Übersetzung der Sammlung verwendet] oder The Bibulous Business of a Matter of Taste [in etwa: Die trunksüchtige Geschmackssache]. Lord Peter ist immer amüsant; wenn er mehr Seiten zur Verfügung hat, um sich zu entwickeln, ist er halt noch amüsanter. Aber eine süffige Lektüre für zwischendurch ist sind seine Abenteuer allemal.