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|Peter Meier-Classen im
Gespräch mit

Bertrand Russell
über Gott und die Sterblichkeit der Seele.

Russell: Der christlichen Religion, ja. Aber man kann nicht behaupten, dass Unsterblichkeit wie auch Gott für eine Religion wesentlich seien. Für den Buddhismus beispielsweise sind beide fremd. Wir im Westen haben uns jedoch daran gewöhnt, sie als unentbehrliches Grundelement der Religion zu betrachten. Zweifellos werden die Menschen weiterhin an diesem Glauben festhalten, einfach weil es angenehm ist, wie es auch angenehm ist, uns selbst für tugendhaft und unsere Feinde für verworfen zu halten.
Meier-Classen: Sie können sich mit keinem dieser Dogmen anfreunden?
Russell. Ich behaupte ja nicht, beweisen zu können, dass es keinen Gott gibt. Vielleicht gibt es einen christlichen Gott wirklich, vielleicht die Götter des Olymps, des alten Ägyptens oder Babylons.
Meier-Classen: Da ist ein ironischer Unterton nicht zu überhören.
Russell: Überhaupt nicht! Keine dieser Hypothesen ist wahrscheinlicher als die andere: Sie liegen ausserhalb des Bereichs eines auch nur wahrscheinlichen Wissens, und es gibt daher keinen Grund, eine davon gelten zu lassen.
Meier-Classen: In gleicher Weise würden Sie wohl auch gegen die Unsterblichkeit argumentieren?
Russell: Nein, die Frage der persönlichen Unsterblichkeit ist etwas anderes. Hier kann es Beweise für beide Möglichkeiten geben. Nehmen Sie einen Wassertropfen: erist nicht unsterblich, er kann zerlegt werden.
Meier-Classen: In Sauerstoff und Wasserstoff, ja.
Russell: Würde daher ein Wassertropfen behaupten, er besitze eine Art von Wässrigkeit, die seine Zerlegung überdauere, dann würden wir zur Skepsis neigen. Ebenso wissen wir, dass das Gehirn nicht unsterblich ist. Alle Beweise deuten darauf hin, dass das, was wir als Geistesleben betrachten, an die Gehirnstruktur gebunden ist. Es ist daher vernünftig, anzunehmen, dass mit dem körperlichen Leben auch das geistige Leben aufhört.
Meier-Classen: Dieses Argument stützt sich nur auf die Wahrscheinlichkeit.
Russell: Aber es hat ebensoviel Gewicht wie die Argumente, die die Grundlage der meisten wissenschaftlichen Schlussfolgerungen bilden.
Meier-Classen: Es gibt verschiedene Gründe, aus denen man diese Folgerung angreifen könnte. Die parapsychologische Forschung -
Russell: Ich halte die Beweise, die bisher von der Parapsychologie für das Weiterleben nach dem Tode angeführt wurden, für viel schwächer als die physiologischen Beweise auf der anderen Seite. Ich gebe aber ohne weiteres zu, dass sie jederzeit beweiskräftiger werden könnten, und in diesem Fall wäre es unwissenschaftlich, nicht an ein Weiterleben glauben zu wollen.
Meier-Classen: Ein Weiterleben nach dem körperlichen Tod ist ja auch etwas anderes als Unsterblichkeit.
Russell: Ja. Es kann nur eine Verzögerung des psychischen Todes bedeuten. Die Menschen wollen jedoch an Unsterblichkeit glauben. Wer an Unsterblichkeit glaubt, wird physiologische Argumente, wie ich sie verwendet habe, mit der Begründung bekämpfen, dass Leib und Seele vollkommen voneinander getrennt seien, und dass die Seele etwas ganz anderes sei als ihre empirische Manifestation durch unsere Körperorgane. Ich halte dies für einen metaphysischen Aberglauben. Sowohl Geist als auch Materie sind für gewisse Zwecke bequeme Ausdrücke, aber keine letzten Realitäten.
Meier-Classen: Worin denn könnte die Grundlage des religiösen Dogmas der Unsterblichkeit liegen?
Russell: Die Angst ist hier die Grundlage, wie auch in so vielen anderen Dingen des menschlichen Lebens. Unser soziales Leben wird zum grossen Teil von der Angst vor einzelnen Menschen oder vor der Masse beherrscht, aber es ist die Angst vor der Natur, die die Religionen entstehen lässt.
Meier-Classen: Mit dem Fortschritt der Wissenschaft aber gelingt es dem Menschen offensichtlich, Kontrolle und Herrschaft über die Natur mehr und mehr auszudehnen.
Russell: Trotzdem bleiben gewisse Dinge auf der anderen Seite. Unsere Macht ist sehr begrenzt. Vor allem können wir den Tod nicht verhindern, wenn wir ihn auch in vielen Fällen hinausschieben können. Die Religion ist ein Versuch, diesen Gegensatz zu überwinden. Wenn die Welt von Gott gelenkt wird und wir Gott durch Gebete rühren können, erringen wir einen Anteil an der Allmacht.
Meier-Classen: Der Glaube an die Unsterblichkeit nimmt dem Tod zwar seinen Schrecken, doch was bedeutet der Tod für die uns so wichtigen Werte wie Glück oder Liebe?
Russell: Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es ein Ende finden muss. Auch das Denken und die Liebe verlieren nicht ihren Wert, weil sie nicht ewig währen. Selbst wenn uns die offenen Fenster der Wissenschaft nach der gemütlichen Wärme der traditionellen, vermenschlichenden Mythen zunächst vor Kälte erschauern lassen, so macht uns die frische Luft am Ende stark, und die unermesslichen Weiten besitzen eine eigene Grossartigkeit.
Meier-Classen: Ein erfrischender Blick in die Unendlichkeit - auch
bei Endlichkeit unseres Geistes und unserer Seele. Bertrand Russell, ich
danke Ihnen für dieses Gespräch.