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Edwin Austin Abbey (1852–1911): Das Bild zeigt Galahad und das «Sehnsuchtsobjekt» Gral

Nach Emmanuel Lévinas strebt die mystische Sehnsucht «nach dem ganz Anderen, dem absolut Anderen». Feuer und Wasserstrom sind zwei Symbole, mit denen Mystiker und Mystikerinnen ihre Sehnsucht nach diesem Anderen in Worte fassten:
Du berührtest mich und ich entbrannte […].
(Augustinus von Hippo: Bekenntnisse, Buch X/27)
Ich trank von Deiner Quelle und fühlte, wie die Strömung mich erfasste
(Jelaluddin Rumi, 13. Jh.)
Mystische Sehnsucht ist ein besonders ausgeprägter Individuationsdrang. Kennzeichnend ist das Paradox, dass das Abwesende, nach welchem sich die Sehnsucht richtet – sonst wäre sie keine solche – von Beginn an anwesend ist: als göttlicher Funke, als alchemischer Mercurius, der das innere Feuer entfacht, als Quelle, aus welcher der mystische bzw. der Individuations-Prozess entspringt:
[Gott sagte:] Ich war ein verborgener Schatz und sehnte mich danach, erkannt zu werden. So erschuf ich Geschöpfe, um in ihnen erkannt zu werden.
ausserkoranischer islamischer Spruch (Hadith)
Menschliche Sehnsucht nach Gott wurzelt in Gottes Sehnsucht nach Selbst-Verwirklichung als Bewusstwerdung seiner selbst durch das menschliche Bewusstsein:
Gott hat Sehnsucht nach dem Menschen […] Das Bewusstsein ist die Wiege, in der Gott im Menschen geboren wird.
C.G. Jung, in: R. Evans, Conversations with Carl Jung
Die Sehnsucht selbst entpuppt sich somit als göttliche Geburt im menschlichen Bewusstsein. Diese Geburt bedeutet das Leiden, von Gegensätzen zerrissen zu sein: zwischen tiefster Liebessehnsucht nach dem göttlich-unendlichen «Du» und schmerzlichster Realität des menschlich-begrenzten «Ich»; zwischen dem Wunsch, das Göttliche zu «finden», und der Erfahrung, dass die göttliche Essenz – das absolut Andere – für das Ich-Bewusstsein nie fassbar ist. Doch die Mystiker(innen) wissen, dass das Herz fähig ist, das Göttliche zu erfassen: Sich dieser inneren Zerrissenheit liebend und leidend hinzugeben, kann zu einer unio mystica führen.
So wird eine tiefgreifende Erfahrung der Zugehörigkeit oder des Einsseins (unus mundus) mit dem Schöpfer und seiner Schöpfung möglich. Solche Erfahrung tut not in einer Zeit, die äusserlich-objektiv von Umweltzerstörung und innerlich-subjektiv für viele von Gefühlen der Unerfülltheit und der Sinnleere geprägt ist. Wenn wir uns (wieder) als Teil einer als göttlich erkannten Natur erleben, fühlen und begreifen, ist dies sowohl für den Planeten Erde als auch für den einzelnen Menschen heilsam.
Musikalische Einrahmung durch Ad-hoc-Vokalensemble:
Susanna Bucher, Sopran
Almut Jödicke, Mezzosopran
Regina Kobe Théato, Alt
Fortunat Schmid, Tenor
Claude Théato Kobe, Bass
Eintritt: Fr. 20, Studenten 15.
Für Mitglieder und stat. Gäste frei