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Sonja Riesen kennen viele aus dem Film «Der Goalie bin ig», in dem sie Kellnerin Regula spielt. Privat ist sie selbstbewusster als diese Figur und erklärt, warum Kunst und Mutterschaft schwierig zu vereinbaren sind.
Als Sonja Riesen während des Seminars in Shakespeares Sommernachtstraum mitspielte, ist ihr, wie sie sagt, «eine Welt aufgegangen». Sie verkörperte gemeinsam mit einer Kollegin die doppelt besetzte Figur «Puck», den Hofnarren des Elfenkönigs. «Ich bekam viele positive Rückmeldungen», so Riesen. Die Schauspielerei liess sie fortan nicht mehr los. Der Musiker Pudi Lehmann sagte zu ihr: «Wenn du etwas hast, was dich jeden Tag beschäftigt, muss du dem nachgehen.» Sie schloss das Seminar ab. Aber: «Der Kopf war nicht mehr dabei.» Schliesslich wurde sie an der Schauspielschule Zürich (ZhdK) aufgenommen. Im letzten Studienjahr konnte sie im Schauspiel Frankfurt vorsprechen und bekam prompt eine Rolle in Dea Lohers RAF-Stück «Leviathan» (1993). «Ich spielte eine radikalisierte Göre», so die Schauspielerin, die damals die Jüngste im Ensemble war. «Frisch ab Presse», wie sie sagt.
Kellnerin Regula
Zurück in der Schweiz ging Riesen als Regula im Film «Der Goalie bin ig» (2014) in die Schweizer Filmgeschichte ein. Die Literaturverfilmung des gleichnamigen Mundart-Romans von Pedro Lenz gewann den Schweizer Filmpreis, Riesen selbst war nominiert. Die Hauptfigur, «Goalie» (Marcus Signer), hat mit Drogenproblemen und Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Er verliebt sich in die Kellnerin Regula, die einer gewalttätigen Beziehung zu entkommen versucht. «Ich hätte mir für diese Figur gewünscht, dass sie sich noch etwas mehr hätte befreien können», meint Riesen. Sie mag starke Frauenfiguren und ist Mitglied des von Schweizer Schauspielerinnen gegründeten Vereins Female Act, der sich für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne einsetzt. «Wir Frauen müssen wachsam sein und versuchen, Klischees zu vermeiden», sagt Riesen. Die Dreharbeiten und das gemeinsame Spiel mit Marcus Signer haben ihr indes grosse Freude bereitet. Um sich auf ihre Rolle vorzubereiten, hat sie unter anderem das Hörbuch rauf und runter gehört. «Wir alle liebten den Text von Lenz.»
Kunst und Muttersein
Ein weiteres Herzensprojekt steht an. Im Tojo Theater der Reithalle wird Riesen gemeinsam mit Anna Blöchlinger und anderen Künstlerinnen aus den Sparten Tanz, Musik und Theater das Stück «KUNST MUTTER» inszenieren. Das Frauenkollektiv, bestehend aus Müttern, die alle Kunstschaffende sind, präsentiert einen bildstarken Reigen, der den Spagat zwischen Kindererziehung und Bühnenpräsenz thematisiert. «Als Künstlerin brauchst du das Chaos, die Familie braucht einen Rahmen», fasst Riesen, die zwei Kinder im Alter von 16 und 11 Jahren hat, die Herausforderung zusammen. Entstanden ist ein Stück in Form einer Collage, die Textzitate, Tanz, Musik und eigene Geschichten verbindet. «Ich träume eher von Projekten statt von bestimmten Rollen.» 2010 hat Riesen mit anderen Theaterschaffenden die Gruppe VOR ORT gegründet. Die Truppe inszeniert aufwändige Projekte an speziellen Schauplätzen der Stadt Bern, wobei die Historie der bespielten Orte jeweils mit in die Handlung der Stücke einfliessen. Alles begann mit «Die Sage vom Schlachthausstier», als die Gruppe das Schlachthaus, den Rathausplatz und die Schütte mit einem Stück für Kinder bespielte. Für weitere Projekte wurden das Gaswerkareal, die Monbijoubrücke oder das Alte Tramdepot zu Schauplätzen.
Auf hoher See
2017 spielte Riesen im Stück «Moby Dick» den Steuermann des berühmt-berüchtigten Kapitän Ahabs. VOR ORT wählte als Ort des Geschehens den Wohlensee. Die Jagd nach dem weissen Walfisch wird zum Sinnbild für die ungebremste Gier und Zerstörung eigener Ressourcen. «Meine Figur hat den Einfluss auf den Kapitän verloren», erklärt Riesen, die ausführt, dass sie beim Spielen keine besondere Methode anwendet. Bühne und Film findet sich gleichsam spannend. «Wenn du im Theater spielst, braucht es viel Körpereinsatz, während es im Film oft genügt, sich etwas vorzustellen, innere Bilder abzurufen.» Im Tatort «Schutzlos» (2015) gab sie eine Sozialarbeiterin, die mit minderjährigen Asylsuchenden zu tun hat. «Es ist ein ganz anderes Spielen, wenn eine Kamera im Spiel ist und Close-ups möglich sind.» Entscheiden möchte sie sich weder für das eine noch das andere.
Helen Lagger