Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03191.jsonl.gz/1678

Jahrelang ergaunerte er im Saanenland, Pays-d’Enhaut und der Riviera von Geschäften, Banken und Privatleuten Dienstleistungen und Geld – sehr viel Geld. Nun wurde er im Waadtland zu einer Freiheitsstrafe und anschliessender Ausweisung verurteilt. Die Rede ist von Simon Welsh alias Louis. Wie war das möglich und wie kann man sich schützen?
MARTIN GURTNER-DUPERREX
«Ich betrachtete ihn als Freund, wir sind zusammen öfters mal für ein Bier ausgegangen», sagt Paul Andrews, Inhaber einer lokalen Immobilienagentur. Alles habe begonnen, als ihn Louis, wie er sich nannte, in Panik anrief, er sei idiotischerweise ohne gültige Versicherung mit dem Auto seiner kürzlich verstorbenen Frau ausgefahren und prompt von der Polizei erwischt worden – er brauche dringend Geld, um die Busse zu bezahlen. Er und seine Frau Jane hätten sich noch gefragt, ob das nicht ein Schwindel sei, erzählt Paul Andrews kopfschüttelnd. Sie entschieden schliesslich, ihm auszuhelfen, weil ihr Sohn, der mit 15 Jahren einem Krebsleiden erlag, mit Louis’ Tochter zur Schule gegangen war und die Familie offensichtlich auch in Gstaader Kreisen als reich galt. Die freundschaftliche Verbindung war vor zwei Jahren entstanden, als Louis für seine zwei Kinder ein Chalet kaufen wollte, was er seiner Frau auf dem Sterbebett versprochen hatte. Das Haus gefiel dem Briten, aber da das Familienvermögen scheinbar im Ausland angelegt war – die Rede war von Monaco, Marbella, Dubai, Barbados, Moldawien – war die Finanzierung sehr kompliziert und undurchsichtig. Doch als der Kaufvertrag endlich unterschrieben werden sollte, verreiste der Notar plötzlich, weil er an der Beerdigung des Königs von Rumä- nien teilnehmen musste. Und das war noch nicht alles: Nach einem heftigen Sturm gab es mehrere Erdrutsche in der Region und der Deal platzte endgültig. «Dann begannen Louis’ gesundheitlichen Probleme», erzählt Jane Andrews weiter. Atemprobleme, eine Herzklappe machten ihm zu schaffen. Medikamente, Arztbesuche, Spitalaufenthalt, ein ausgeliehener Wagen, mehr Reisen, um Geld in die Schweiz zu transferieren, seien nötig geworden. Immer wieder hätten sie ihm Geld vorgeschossen. Dann nistete er sich mit seiner Familie in einem Chalet ein, das einem ihrer Kunden gehörte – die Miete hat er nie bezahlt. Von immer grösseren Zweifeln geplagt, riefen Andrews schliesslich eine Freundin an, welche Louis näher kannte. Schlechte News: Sein richtiger Name war nicht Louis, sondern Simon Welsh. Es genügte nun, den Namen zu googeln, um zu wissen, um wen es sich wirklich handelte ... Wegen des Wagens schalteten sie sofort die Polizei ein. Dieser konnte später auf einem englischen Flughafen von Interpol sichergestellt werden.
«Was für ein guter Mensch!»
«Er war eine lustige, sympathische und überzeugende Persönlichkeit», unterstreicht Paul Andrews. Obwohl sie manchmal sehr zweifelten, glaubten sie ihm doch immer wieder. «Die Familie tat uns sehr leid, umso mehr als wir gerade einen Sohn verloren hatten.» Simon Welsh nützte diesen Umstand emotional und kaltblütig aus. «Wir dachten: Was für ein guter Mensch! Er wollte doch etwas für seine Kinder tun, deren Mutter gestorben war», ergänzen Andrews bitter. «Die Tatsache, dass sich unsere Kinder kannten und einander schätzten, war entscheidend, dass wir ihm vertrauten.» Sie hätten ihm keinen Penny gegeben, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, so Jane Andrews.
«Schau, ich bin zwar nicht ganz Milliardär, sagte er mir manchmal», erzählt Paul Andrews weiter. Und schliesslich wäre sein Vater ja unglaublich reich, ein grosses Erbe konnte auch mütterlicherseits erwartet werden. Ein Heim für todkranke Kinder zu stiften, ja sogar die Bergbahn La Braye im Andenken an seine Frau zu kaufen, von Immobilienprojekten in Dubai, davon war die Rede ... Ob er wohl selbst daran geglaubt hat? Meine Gesprächspartner winken ab: «Er wusste ganz genau, was er tat. Es war sein Job, gutgläubige Leute zu hintergehen.»
Unglaubliche «Zufälle»
«Welsh’ Aussagen und Schwierigkeiten mit Geldtransaktionen sind durch seinen Notar und andere Anwälte immer wieder gestützt und bestätigt worden», so der perplexe Immobilienhändler. Unglaubliche «Zufälle» wie der Tod des Königs oder der Sturm hätten ihm in die Hände gespielt – eigentlich war es ja nicht seine Absicht, ein Chalet zu kaufen, sondern durch sein Geschäftsinteresse Vertrauen zu erschleichen. Dass reiche Ausländer hier manchmal mit momentanen Liquiditätsproblemen zu kämpfen hätten, sei wegen der restriktiven Bankgesetze nicht unüblich. «Wir glaubten bis am Schluss, dass er ein Haus kaufen würde, sogar dann noch, als seine wahre Identität aufgeflogen war», sagt Paul Andrews. Auch der Versuch, seine Rolex-Uhren zu verkaufen, um uns das Geld zurückzuzahlen, zerstreute Andrews Zweifel vorübergehend. Sein Versprechen, über die Absichten von Welsh absolute Diskretion zu wahren, hinderten ihn daran, frühzeitig Erkundigungen einzuziehen. «Ich fliege nach Monaco und hole Cash» oder «Mein Anwalt kommt aus Dubai zurück, er bringt Geld», beteuerte Simon Welsh immer wieder.
Einträgliche Jagdgründe
«Alle paar Jahre wieder kommt ein solches Individuum ins Saanenland und treibt hier sein Spielchen, weil es sich hier gut leben lässt und die Jagdgründe einträglich sind», bestätigt ein Freund von Andrews, der ebenfalls geschädigt worden ist und nicht namentlich genannt werden möchte. «Was Welsh in dieser Region getan hat, hätte er in London nicht ohne Weiteres tun können, weil die Menschen hier vertrauensvoll und gut sind», unterstreicht er. Es wäre schade, wenn sie aus diesem Grund das Vertrauen verlören, dies sei nicht die Absicht seiner Aussagen. Er rät aber dazu, wachsam zu sein. Besonders wenn es um grössere Beträge gehe oder es Ungereimtheiten gebe, Ungewöhnliches auffalle, sei Diskretion fehl am Platz. «Ich möchte allgemein vor solchen Typen warnen, aber auch davor, dass Simon Welsh nach der Freiheitsstrafe und dem Ablauf seiner Ausweisung in zehn Jahren noch nicht im Ruhestand ist», mahnt er. Und Paul Andrews schlussfolgert: «Ich war jahrelang im Business tätig, hier und anderswo. Normalerweise fühlt man, wenn mit einer Person etwas nicht stimmt. In diesem Fall war es besonders schwierig, weil Freundschaft, Schicksalsschläge, die uns verbanden, und Vertrauen im Spiel waren. Da ist es nicht leicht, einen guten Ratschlag zu geben, wie man sich besser schützen könnte. Aber eines ist sicher: Wenn wir bei den ersten Zweifeln sofort ein paar Freunde angerufen hätten, wäre das nicht passiert.»
30 Monate Haft für Simon Welsh
Das Regionalgericht in Vevey hat im Dezember Simon Welsh wegen gewerbsmässigen Betrugs zu 30 Monaten Gefängnis, abzüglich 20 Monate Untersuchungshaft, und zehn Jahren Landesverweisung verurteilt. Der 49-jährige Brite war in seiner Heimat schon wegen ähnlicher Delikte verurteilt worden. Das Strafmass ist deutlich unter den sechs Jahren ausgefallen, die der Staatsanwalt gefordert hatte. Der Angeklagte profitierte davon, dass gewisse Tatbestände wegen fehlender Beweise fallengelassen werden mussten und nur die Betrügereien seit 2016 beurteilt werden konnten. Gemäss der Tageszeitung «24 heures» erschwindelte er während mehr als 10 Jahren im Saanenland, Pays-d’Enhaut und der Riviera von Geschäften, Banken, Hotels, einer Privatschule und Privatleuten Dienstleistungen und Bargeld im Wert von fast zwei Millionen Franken.
PD/MARTIN GURTNER DUPPEREX