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Ein Baum überspannt Raum und Zeit
Das bekannteste und grösste Symbol für den Baum als Sinnbild der Weltordnung ist der von verschiedensten Völkern verehrte Weltenbaum. Er gilt als Symbol des Zentrums, der Mitte der Welt. Er überspannt mit seiner Grösse und Präsenz Raum und Zeit. Er verbindet seiner Gestalt entsprechend den Himmel und die Erde, die unterirdischen, irdischen und himmlischen Reiche, sozusagen die Materie mit dem Äther. Durch die damit verbundene Überbrückung von Leben und Tod ist er eines der erhabensten Sinnbilder für die kosmische Einheit.
Ein wunderschönes Beispiel dieser Symbolik findet sich in der isländischen Mythologie. In der Lieder-Edda, einer Sammlung von Götter- und Heldenliedern des 13. Jahrhunderts und der isländischen Snorra-Edda, einer Art von Dichterlehrbuch, in dem die wichtigsten Mythen des Heidentums zusammengefasst sind, ist ausführlich von einem kosmischen Baum die Rede. Was die Deutung des in der Edda geschilderten Baumes betrifft, so ist sich die Forschung weitgehend einig, dass hier von einer Esche die Rede ist. Dieser riesenhafte Baum, der in der isländischen Überlieferung Yggdrasil genannt wird, überdeckt mit seinen Zweigen die ganze Erde und stützt zugleich das Himmelsgewölbe. Als lebendiges Zentrum der Welt verbindet er mit seinem Stamm die Mitte (Erde) mit der Unter- und der Oberwelt und garantiert durch die Trennung von Himmel und Erde die kosmische Ordnung. Seine drei Wurzeln reichen ins Reich der Götter (Asgard), ins Land der Riesen (Jotunheim) und in die Unterwelt (Niflheim). Als Zeichen des Bundes zwischen Menschen und Göttern ist am Himmel ein Regenbogen sichtbar. Dieser dient den Göttern als Brücke, über die die Götter jeden Tag zum Weltenbaum kommen, um Gericht zu halten.
Die Esche als Weltenbaum spielt auch in der germanischen Mythologie eine zentrale Rolle. In Wagners Oper „Götterdämmerung“ wird gezeigt, dass Wotan einen Ast von diesem heiligen Baum, an dessen Fuss die Nornen (Schicksalsgöttinnen) sitzen, abbricht und daraus den Schaft seines Speers fertigt. Darauf siecht die Weltesche dahin. Der von Wotan begangene Frevel am Weltenbaum führt letztlich zu einer Katastrophe von kosmischen Ausmassen. Den zahlreichen Interpretationen von Wagners Bühnenwerk wird heute eine „grüne“, ökologische Deutung hinzugefügt mit der Frage, was mit der Welt geschähe, würden die Wälder verschwinden und die Quellen versiegen. Die Weltesche steht hier für die Bewahrung der Natur und ihres ökologischen Gleichgewichts.
Erklärungsmodelle für die mythische Vorstellung eines Weltenbaums liefern die Evolution und die Tiefenpsychologie. Bäume dienten unseren Vorfahren als Lebensraum. Für manche Menschen sind sie bis in die heutige Zeit eine wichtige Lebensgrundlage. Künstler wie Hieronymus Bosch stellten das menschliche Selbst denn auch als Baum dar, sichtbar in einer Handzeichnung mit dem Titel „Wälder haben Ohren, Felder haben Augen“. Denn wie der Baum wurzelt auch der Mensch in der Erde und ragt gleichzeitig in den Himmel. Durch die über ihn hinausreichenden Blätter und Wurzeln wird der Mensch gar zum Element des Kosmos. Diesen Gedanken hatte bereits Plato, wobei er den Mensch als umgekehrten Baum sah (der Weltenbaum wird ebenso oftmals als arbor inversa dargestellt). Oder wie Aristoteles sagte: „Ist der Kopf des Menschen wie die Wurzel eines Baumes: Von ihm hängt das Gedeihen des Ganzen ab.“.
Quellen:
Kühn, Stefan; Ullrich, Bernd und Kühn, Uwe (2002): Deutschlands alte Bäume. München, BLV Verlagsgesellschaft mbH.
Laudert, Doris (2000): Mythos Baum. Geschichte, Brauchtum, 40 Baumporträts. 5., überarb. Aufl., 2003. BLV-Verlag.
Lurker, Manfred (1960): Der Baum in Glauben und Kunst: Unter bes. Berücks. d. Werke d. Hieronymus Bosch. Heitz, Baden-Baden.
Beitragsbild: Yggdrasil | WestlyLaFleur | deviantart.com