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Diese Ausgabe enthält folgende Themen:
- Vor 80 Jahren neu: Der Kreis - Le Cercle
- schwulengeschichte.ch technisch komplett aktualisiert
eos. Zwar unter diversen Namen, aber ununterbrochen seit 1932 bestand eine Zeitschrift für Lesben und Schwule in der Schweiz. Nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland war sie ab 1933 die einzige ihrer Art im deutschsprachigen Raum (in Österreich gab es nichts dergleichen). Die Zeitschrift und die aktive Gruppe dahinter spielten u.a. rasch eine wichtige Rolle im Vorfeld der Abstimmung über das erste gesamtschweizerische Strafgesetzbuch, das 1938 knapp angenommen wurde. Per 1. Januar 1942 trat es in Kraft. Homosexuelle Prostitution blieb verboten, aber homosexuelle Akte unter Erwachsenen ab dem 20. Lebensjahr waren nun erlaubt. Eine der Begründungen dieser Änderung hiess: "Wenn wir das zulassen, haben die Homosexuellen keinen Grund mehr, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen." Sie durften also ihre Art zu leben im Verborgenen, im Getto ausüben. Homosexualität war und blieb in der damaligen Gesellschaft ein absolutes Tabu.
Die Frauen machten da nicht mit. Sie zogen sich gänzlich ins Private zurück. Männer übernahmen die Zeitschrift allein und befolgten die Vorgabe. Der bisherige progressive und gemischte Verein "Menschenrecht" wandelte seinen Namen und wurde nun zum "Lesezirkel Der Kreis", eine geschlossene Runde von Männern mit gemeinsamen - literarischen - Interessen.
Diskrete Kontakte zu Fachpersonen
Ab 1943 gab der KREIS auch der zweisprachigen bisherigen Zeitschrift den Namen Der Kreis - Le Cercle. Die Arbeit in der Öffentlichkeit und Politik überliess man "verständigen" Fachpersonen wie Ärzten, Psychiatern, Künstlern, Literaten, bekannten und allgemein angesehenen Persönlichkeiten. Sie alle waren natürlich heterosexuell, denn niemand hätte etwas Anderes durchschimmern lassen. Es wäre das gesellschaftliche und meist auch berufliche Aus gewesen. Zu diesen Personen pflegten die Leiter des Lesezirkels regelmässig diskrete Kontakte.
Eine solche Strategie war in jener Zeit die einzig mögliche. Sie war auch insofern erfolgreich, als Zeitschrift wie Lesezirkel bis 1960 nie angefeindet oder belästigt wurden. Man traf sich jeden Mittwochabend im Clublokal zu Gespräch und Tanz, an gewissen Wochenenden zu Festlichkeiten mit Theater, Chansons und Ballnächten, die ab 1952 internationales Publikum und bis weit über 600 Personen anzogen. Den Behörden war das bekannt. Die Mitglieder selbst übten strenge Kontrolle aus, nie gab es eine Verletzung der Gesetze. Der Lesezirkel war mit seinen privaten Anlässen geduldet, "weil dort diese Art Leute Ruhe und Ordnung nicht störten" und dadurch dem unstatthaften Treiben auf Bahnhöfen und gewissen Toiletten oder in Anlagen und Parks der Stadt fernblieben. Zudem musste jede Ausgabe der Zeitschrift vor der Veröffentlichung von einer Stelle der Sittenpolizei begutachtet werden. Zu einer Beanstandung kam es nie.
Glücklich, wenigstens diesen Ort zu haben
Darum fühlte sich jeder von uns im Getto sicher. Es gab keine Spitzel. Hier, nur einmal wöchentlich während den paar Abendstunden von acht bis zwölf konnte jeder die sonst sorgsam verdeckten Seiten seiner Persönlichkeit frei und offen leben, hier war jeder anerkannt, ein Mitglied der grossen Familie.
Von heute gesehen ist das eine unmögliche Situation, etwas kaum Vorstellbares. Auch etwas, das wir uns gar nicht vorstellen wollen. Denn dorthin zurück will niemand. Dies auch, weil alle wissen, was wir uns erkämpft haben - und weil wir zudem wissen, was in vielen nicht einmal weit von uns entfernten Ländern (noch) nicht existiert, oder schlimmer, nicht mehr existiert. Genau hier liegt ein Grund, warum unsere Geschichte zu kennen wichtig ist. Denn daraus wachsen Kraft und Überzeugung zum steten Einsatz für vollständige Gleichberechtigung. Damals im Getto war ein solcher Gedanke undenkbar. Wir waren glücklich, wenigstens diesen Ort zu haben. Mehr dazu ist hier unten per Link und im Newsletter Nr. 37 zu finden.
Aber zuerst noch eine weitere Bemerkung zur Situation von heute. Von Aktivisten vernehme ich immer wieder vorwurfsvoll, der KREIS habe sich nie wirklich für Schwulenrechte und die Veränderung der Gesellschaft eingesetzt. Keiner der Abonnenten habe sich je öffentlich geoutet. Es sei ihnen einfach (zu) wohl gewesen in ihrem Getto. Um solchen Aktivisten die Augen für jene ganz andere Zeit und deren Umstände zu öffnen, wurden die obigen Zusammenhänge - einmal mehr - geschildert.
Als Minderheit Teil der Gesellschaft sein
Wir queere Menschen waren immer Teil der Gesellschaft. In jahrzehntelangem Einsatz gelang es, eine Mehrheit unserer Gesellschaft in ihrer Einstellung uns gegenüber zu verändern. Wir schafften es, der Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, dass offenes, akzeptierendes Denken sich für alle positiv auswirkt. Eine Minderheit wie wir muss diese allgemeine Einsicht pflegen und lebendig erhalten. Das bedeutet einerseits, gewisse religiöse Kreise im Land und ebenso die faschistischen Gruppierungen mit ihrem Tun stets genau im Auge zu behalten. Andererseits bedeutet es auch, Grenzen unserer Forderungen zu erkennen, Grenzen des Outings, des Emanzipiert-seins, des Bestimmens der eigenen Persönlichkeit und auch Grenzen der sprachlichen Ausdrucksweise.
Es gibt heute Tendenzen zum Ausschliessen jener, die solchen Trends nicht folgen wollen. Doch Ausschliessen ist immer gefährlich, es gefährdet das offene Denken. Denn zur Offenheit gehört auch das Recht auf Privatsein, und vor allem das Recht auf andere Meinung. Wenn es beispielsweise zum "Canceln der Nicht-woken" kommt, erinnert das an die Diktatur des "Richtigen Verhaltens". Es kommt einem Kippen in den Faschismus gleich. Und dieser - die Geschichte lehrt es - eliminiert zu allererst Minderheiten wie uns. Der Schutz des Privatseins und der freien Meinung ist die nötige andere Seite jeder Befreiungsbewegung. Auch der unseren.
hpw. Neben den häufigen kleinen Updates, die bei schwulengeschichte.ch durch unsere Webagentur Taywa regelmässig durchgeführt werden, gibt es von Zeit zu Zeit auch grosse Aktualisierungen, die anstehen. In diesem Winter konnten wir erfolgreich und ohne Auswirkungen auf den laufenden Betrieb von schwulengeschichte.ch eine solche Migration auf die neueste Version des Systems vornehmen. Falls keine Veränderungen beim Stöbern durch unsere Website auffallen, dann haben wir gute Arbeit geleistet.
Die technischen Änderungen sollten nämlich genau das bewirken. Eine Neuerung wurde bei dieser Migration umgesetzt. Der Newsletter wird ab jetzt über einen Dienst der Schweizer Firma infomaniak ausgeführt. Sie hat sich auf die Fahne geschrieben, Online-Dienste im Gegensatz zu den internationalen Marktführern nach ethischen Grundsätzen anzubieten - Grund genug für den Verein schwulengeschichte.ch dieses Unternehmen als Partner zu wählen. So können wir also vom Verein schwulengeschichte.ch zu Beginn des Jahres 2023 guten Mutes sagen: Wir sind gerüstet für die Zukunft!