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Auf das Erdbeben im italienischen Amatrice folgt der Wiederaufbau. Die üblichen Verdächtigen reiben sich mal wieder die Hände.
Schon die grossen Philosophen stritten über die Frage der Verantwortung: Nach dem Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 fiel François-Marie Arouet, genannt Voltaire, endgültig vom christlichen Glauben ab. «Wie einen Gott sich denken, der, die Güte selbst, den Kindern, die er liebt, die Gaben spendet, und doch mit vollen Händen Übel auf sie giesst?», schrieb er. Jean-Jacques Rousseau widersprach: «Gestehen Sie mir, dass nicht die Natur zwanzigtausend Häuser von sechs bis sieben Stockwerken zusammengebaut hatte! Und dass, wenn die Einwohner dieser grossen Stadt gleichmässiger zerstreut und leichter beherbergt gewesen wären, so würde die Verheerung weit geringer, und vielleicht gar nicht geschehen sein.»
Zu viel Sand, zu wenig Zement
Bei dem Erdbeben vom 24. August in Amatrice und Umgebung, bei dem 291 Menschen ums Leben kamen, sind sich die ExpertInnen einig: Die katastrophalen Folgen des Bebens sind von Menschen zu verantworten.
Von «Korruption und Schlamperei» spricht Carlo Meletti vom Institut für Geophysik und Vulkanologie. So sei die Zerstörung des Krankenhauses und der erst 2012 renovierten Schule von Amatrice nur durch Baupfusch zu erklären: etwa die Verwendung von zu viel Sand und zu wenig Zement, wodurch der Beton brüchig wurde. In anderen von Erdbeben geplagten Ländern – etwa Chile, Japan oder den USA – hätte ein Beben von der gleichen Stärke wie in Amatrice (6,2 auf der Richterskala) sehr viel weniger Schaden angerichtet, weil dort aus vorangegangenen Katastrophen die richtigen Schlüsse gezogen wurden.
Auch in Italien hätte man es besser wissen können. Im Oktober 1980 starben bei einem Erdbeben in der süditalienischen Bergregion Irpinia mehr als 2900 Menschen. Im Oktober 2002 stürzte in San Giuliano in Apulien ein Schulgebäude ein; 27 GrundschülerInnen und ihre Lehrerin starben, obwohl das Haus das leichte Beben eigentlich hätte überstehen müssen – wenn es denn solide gebaut worden wäre. Im April 2009 kamen in und um L’Aquila, der Regionalhauptstadt der Abruzzen, 309 Menschen ums Leben. Aufgrund der Plattenverschiebungen muss man hier im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr rechnen.
Nach dem Beben in Irpinia wurden, mit der landesüblichen mehrjährigen Verspätung, zwar schärfere Bauvorschriften erlassen. Die wesentliche politische Hinterlassenschaft der Katastrophe aber war «Irpiniagate», der Skandal um die Veruntreuung der Hilfsgelder. Nur ein Viertel davon erreichte die Angehörigen der Todesopfer, die 10 000 Verletzten und die mehr als 300 000 Obdachlosen. Den Löwenanteil kassierten korrupte Politikerinnen und Beamte, Bauunternehmerinnen und Mafiosi. Es dauerte zwanzig Jahre, bis der Wiederaufbau abgeschlossen war.
Wiederaufbau an gleicher Stelle?
Nach dem Erdbeben von L’Aquila versprach Premier Silvio Berlusconi 2009 umgehend Abhilfe, verlegte den G8-Gipfel medienwirksam in die geschundene Region und versprach, die Stadt moderner und schöner wieder aufzubauen: als New Town. Das Ergebnis dieser Showpolitik: Prestigeobjekte für wenige, während viele immer noch in Notunterkünften leben.
Anders als Berlusconi wollen die heute verantwortlichen PolitikerInnen, allen voran Ministerpräsident Matteo Renzi, auf die Wünsche der Bevölkerung hören. Die möchte einen Wiederaufbau ihrer Dörfer an gleicher Stelle. Dies sei möglich, sagt der Architekt Mario Ciammiti, der seit Jahren in L’Aquila arbeitet. Auch alte Häuser könnten – für geschätzte 300 Euro pro Quadratmeter – erdbebensicher gemacht werden. Die dafür nötigen staatlichen Zuschüsse liessen sich aufbringen, wenn der Staat dafür auf teure, ökologisch schädliche Grossprojekte verzichtete: die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin–Lyon, das Ilva-Stahlwerk in Taranto oder die immer mal wieder ins Spiel gebrachte Brücke zwischen Sizilien und dem süditalienischen Festland. Für eine solche Umverteilung fehlt allerdings der politische Wille.
In und um Amatrice soll nun der Wiederaufbau zügig beginnen. Und die politischen BegleiterInnen der Bauindustrie reiben sich öffentlich die Hände, wie etwa der Minister für Infrastruktur und Verkehr, Graziano Delrio (Partito Democratico), in der Talkshow «Porta a Porta» auf dem Staatssender Rai 1. «Heute schon ist L’Aquila die grösste Baustelle Europas», sagte er, und auch die Emilia, wo im Mai 2012 zwei Beben 27 Menschenleben forderten, sei eine riesige, noch wachsende Baustelle. «Das steigert das Bruttoinlandsprodukt.»
Die Katastrophe als wirtschaftliche Chance – solcher Zynismus kam in der Öffentlichkeit nicht gut an. Das Misstrauen gegenüber den ProfiteurInnen des Wiederaufbaus ist gross. Ohne strenge Kontrolle dürfte in Amatrice das Gleiche passieren wie in Irpinia und L’Aquila.