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Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Empathie und Mitgefühl oft gleichbedeutend verwendet. Experten unterscheiden zwischen den beiden. «Empathie ist kein Gefühl, es ist ein innerer Prozess», erklärt Raschle. Es ist die Fähigkeit, jede Art von Emotion, sei sie negativ oder positiv, nachempfinden zu können. Mitgefühl dagegen ist eine Konsequenz aus Empathie, geht aber darüber hinaus. «Da geht es darum, die negativen Gefühle einer anderen Person zu erkennen und sich zu sorgen.» Beides, Empathie und Mitgefühl, wird häufig einem prosozialen Verhalten wie beispielsweise Teilen, Trösten oder Helfen vorausgesetzt.
David Lätsch, Psychologieprofessor am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, hält auch die Unterscheidung zwischen zwei unterschiedlichen Formen von Empathie für wichtig: affektiver und kognitiver Empathie.
Empathie und Mitgefühl werden häufig prosozialem Verhalten wie Teilen, Helfen oder Trösten vorausgesetzt.
Bei der affektiven Empathie empfindet man mit, was das Gegenüber fühlt. Das ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten Gefühlsansteckung, die es häufiger in Krabbelgruppen gibt: Ein Säugling weint, alle anderen stimmen ein. Dahinter steckt kein Hineinfühlen oder Mitfühlen, den Babys ist in diesem Alter noch nicht klar, dass es um den anderen geht. Das ist erst möglich, wenn Kinder ein Bewusstsein für das eigene Selbst entwickeln und ausserdem zu verstehen beginnen, dass andere Menschen möglicherweise etwas anderes denken als sie selbst. Entwicklungspsychologen untersuchen seit Jahrzehnten, wann diese Fähigkeit, die sogenannte «Theory of Mind», ausgebildet wird.
Eine Möglichkeit dazu ist der «False-Belief-Test»: Er überprüft, ob ein Kind erkennt, ob andere etwas glauben, von dem es selbst weiss, dass es falsch ist. Beim «Schokoladentest» wird einem drei- bis sechsjährigen Kind etwa gezeigt, wie die Schokoriegel in einer Packung durch Stifte ersetzt werden. Dann wird es gefragt, was wohl ein anderes Kind in der Packung vermuten würde. Die meisten drei- bis vierjährigen Kinder antworten darauf: Stifte. Ihnen ist noch nicht klar, dass ein anderes Kind nicht wissen kann, dass der Inhalt der Verpackung ausgetauscht wurde.
Die Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen
Diese Erkenntnis setzt in der Regel bei vier- bis sechsjährigen Kindern ein, die dann auch in der Lage sind, affektive Empathie zu empfinden. «Sie verstehen zum Beispiel, dass ein anderes Kind traurig ist, sind sich aber bewusst, dass sie selbst nicht in der Situation sind», sagt David Lätsch. Die kognitive Empathie ist die Fähigkeit zu entschlüsseln, was der andere in dem Moment denkt oder vorhat. Man braucht sie auch, um die richtigen Schlüsse für das eigene Verhalten ziehen zu können.
Mitgefühl folgt zwangsläufig weder aus der einen noch der anderen Form von Empathie. «Es gibt viele Situationen, in denen wir affektiv und kognitiv empathisch sind, aber kein Mitgefühl empfinden. Wenn wir bei einem Fussballspiel sehen, wie die gegnerische Mannschaft verliert, können wir zwar empathisch nachempfinden, wie sich deren Fans fühlen. Aber Mitgefühl haben wir nicht, im Gegenteil, wir freuen uns.»
Kinder müssen nun mal experimentieren. Manchmal auch mit den Gefühlen anderer.
Für diese Erkenntnis reichen, das wissen die meisten Eltern, auch Szenen aus dem Familienalltag: Der Sohn lacht lauthals, als seine Schwester sich Tomatensauce über das Lieblingsshirt schüttet. Die weint zwar fast, das sieht er auch. Aber endlich ist er mal nicht derjenige, der kleckert. Die Zwölfjährige spielt am Klavier das Stück fehlerfrei, an dem der Sechsjährige stunden und tagelang vergeblich geübt hat. Obwohl sie sieht, wie wütend ihn das macht. «Das gehört dazu», sagt ihr Vater, und dass ich ihnen solche Aussetzer zugestehen muss. Kinder müssen nun einmal experimentieren, manchmal auch mit den Gefühlen anderer.
Soll ich deshalb hinnehmen, wenn mein Sohn beim Spielen ein anderes Kind ausschliesst? Soll ich meine Tochter allein entscheiden lassen, ob sie eine einzige Klassenkameradin nicht zum Geburtstag einlädt und alle anderen schon? Für mich sind solche Situationen immer ein Grenzgang. Ich möchte, dass meine Kinder wissen, was für Konsequenzen ihr Verhalten hat. Also mische ich mich ein und rede mit ihnen darüber. «Wie fühlst du dich, wenn dir etwas sehr wichtig ist und ich dir dann absichtlich vorführe, dass ich es besser kann?», frage ich die Grosse. «Wie hast du dich neulich gefühlt, als du der Einzige warst, der nicht mitspielen durfte?», frage ich den Sohn. Der Effekt ist oft: Meine Kinder sind zunächst wütend auf mich, weil sie sich «wegen mir» schlecht fühlen. Aber das hält nicht lange an. Fast immer ändern sie direkt nach so einem «empathischen Augenöffner» ihr Verhalten und beziehen die Perspektive des anderen mit ein.
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