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Geschichte von Nidelbad und Brahmshaus
Das Nidelbad (Neydelbad) über Rüschlikon mit weitem Fernblick über den Zürichsee wurde bereits im 16. Jahrhundert als Mineralbad gerühmt. Der Ertrag einer Heilquelle im Nidelbad wird im Jahre 1549 dokumentiert. Der Name „Nidel-Bad“ ist auf die über dem sonst klaren Quellwasser schwimmende gelbliche Haut, derjenigen der Milch gleichend, zurückzuführen.
Die erste Würdigung erfolgte durch Conrad Gessner, den Wissenschafter und Stadtarzt von Zürich, in seinen „Heilquellen der Schweiz“ (1553). Infolge der grassierenden Pestepidemie des Jahres 1611 nahm der Badebetrieb während den folgenden fast 100 Jahren stark ab. Leutnant Hans Fehr aus Rüschlikon eröffnete nach Ende der grossen Pestepidemien 1709 den Badebetrieb wieder, nachdem er das Wasser hatte neu fassen lassen. Innert weniger Monate gelangte das Bad zu neuer Blüte und Fehr wandte sich 1710 mit einer „Supplication“, einer Bitte um staatliche Subvention zum Ausbau der Kuranstalt, an den Rat von Zürich.
Bevor dieser jedoch die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellte, beauftragte er die Ärzte Johann von Muralt und Johann Jakob Scheuchzer, ein Gutachten auszuarbeiten, „wie und wo ein Badhaus und Zugehörden zu bauwen“ sei sowie die Heilqualität des Wassers zu untersuchen. Trotz dem angeordneten Gutachten, in welchem der Quell des Nidelbades als einer der kräftigsten Heilwasser der Schweiz bezeichnet wird, wurde das Ansinnen offenbar abgewiesen.
Um 1710 interessierte sich der Amtmann Bernhard Esslinger aus Winterthur für den Abbau des Torfvorkommens im Moos beim Nidelbad, wofür er von der Gemeinde Rüschlikon einen Turbenschopf in der Nähe des Nidelbades erhielt. Zwischen 1713 und 1716 baute er diesen zu einem neuen Gast- und Badehaus um, das nach dem benachbarten Torfvorkommen „Zum Turbenberg auf Oberrüthi“ genannt wurde, und welches heute allgemein unter dem Namen „Brahmshaus“ bekannt ist. Darin wurden auch Badegäste des Nidelbades aufgenommen. Da das Haus aber über keine eigene Heilquelle verfügte, musste das Badewasser vom „untern Bad“, dem heutigen Nidelbad, abgekauft werden.
Die folgenden 40 Jahre waren geprägt durch endlose Reibereien und Animositäten zwischen den jeweiligen Inhabern der beiden Betriebe. Bald brach der erste Prozess aus wegen Bewirtung und Halten von Badegästen im Haus „Zum Turbenberg“ (1729). 1740/41 kam es zum Streit zwischen dem unteren und oberen Bad, offensichtlich wegen Abgraben der alten Nidelbad-Quelle. In der Folge wurde es dem Besitzer des oberen Bades, Hans Ludwig Forrer, verboten, weiterhin Turben zu stechen.
In der Zwischenzeit hatte das Haus mehrfach die Hand gewechselt: vom Erbauer Amtmann Bernhard Esslinger von Winterthur zum Rathsprokurator David Forrer von Winterthur, seinem Schwiegersohn; von diesem zu seinem Sohn Hans Ludwig Forrer, und schliesslich zum Strumpfweber Heinrich Trümpler von Rüschlikon. Im Jahre 1758 wurde der Betrieb des oberen Bades „Zum Turbenberg“ von Hans Heinrich Trümpler zugunsten eines Umbaues des Gebäudes zu einem Privat-Wohnhaus mit drei Besitzern, den Familien Fehr, Gattiker und Leuthold aufgegeben.
Im Sommer 1874 verbrachte der Komponist Johannes Brahms anlässlich einer Aufführung seines „Triumphliedes“ die Sommermonate in Zürich. Während einer Schiffahrt mit dem Zürcher Dirigenten Friedrich Hegar entdeckte Brahms das Anwesen hoch auf dem Hügel und äusserte den Wunsch, dort wohnen zu wollen. Tatsächlich fand sich in dem Gebäude eine Wohngelegenheit, und Brahms wurde während dreier Monate beherbergt (eine Tochter des Hauses hat ihre Erinnerungen „Brahms im Nidelbad“ im „Bund“ vom 27.12.1931 veröffentlicht). Zu den Kompositionen, die damals entstanden sind, zählen einige Vokalwerke sowie eine Hochzeitskantate nach einem Text des befreundeten Dichters Gottfried Keller. Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus an den Aufenthalt von Johannes Brahms.
1899 zog der Maler Hermann Gattiker mit seinen Schülern in das Haus ein. Hierher kam Fritz Widmann, der Sohn des Dichters Josef Viktor Widmann, oft zu seinem Malerfreund Hans Sturzenegger auf Besuch. Die Atmosphäre des Hauses schien ihn angezogen zu haben, und als sich die Malschule Hermann Gattikers aufgelöst hatte, liess er sich mit seiner Frau, ihrerseits Malerin, im Gebäude nieder. Später zog die mit seiner Gattin befreundete Malerin Anna Hug zu ihnen, und so bildete sich im Brahmshaus zum zweiten Mal eine kleine Malergemeinschaft.
Nach dem Tode von Fritz Widmann schliesslich wurde ein Teil der grossen Liegenschaft 1937 wieder von einem Maler, nämlich Werner Weber, erworben, und alsbald zog der Künstler ins Brahmshaus und ins Atelier hinter dem Nidelbad ein, wo er während vierzig Jahren leben und arbeiten durfte und seine Freundschaften pflegte (u.a. reger Briefwechsel mit dem Maler Albert Welti). Während seinem jahrhundertelangen Bestehen diente das ehrwürdige Haus somit immer wieder manchen Künstlern als Herberge und Heimat.