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Ein Brief aus Kairo
Das Globale Dorf
Liebe Freunde, als ich unlängst von Athen nach Kairo flog, saß ein japanischer Geschäftsmann neben mir. Wie sich im Gespräch herausstellte, vertritt er in der ägyptischen Hauptstadt ein japanisches Unternehmen. Auf die Frage, was er in Athen gemacht habe und wie lange er dort gewesen sei, antwortete er: "Ich war nur für ein paar Stunden da, um mit meiner Frau und meiner Firma in Japan zu telefonieren. Kairo ist nämlich die Stadt der toten Telefone."
Von Kairo ins Ausland zu telefonieren ist in der Tat so gut wie unmöglich. Wer es trotzdem versucht, bekommt vom Fräulein vom Amt die Auskunft, daß die Wartezeit zwei bis drei Tage beträgt. Meist wartet man jedoch vergeblich. In Kairo wird schon der Versuch, von einem Nilufer ans andere zu telefonieren, zur Geduldsprobe.
Kalro ist zwar mit fast zehn Millionen Einwohnern die größte Stadt Afrikas, es gibt aber nur etwa 80.000 Telefonanschlüsse. Das behauptet zumindest das zuständige Ministerium für Kommunikation. Wie viele von den vorhandenen Anschlüssen tatsächlich funktionieren, weiß allerdings kein Mensch zu sagen. An Apparaten herrscht offenbar kein Mangel. In Geschäften, Büros und komfortablen Wohnungen befindet sich fast immer ein häßliches schwarzes Telefon. Wenn man danach fragt, ob man es mal kurz benützen dürfe, dann erhält man fast immer die Antwort: "Im Moment geht es leider nicht". Was die liebenswürdigen Ägypter als Moment bezeichnen, das kann in Wirklichkeit eine Zeitspanne von Wochen, Monaten oder Jahren sein.
Als ich in Kairo einmal auf Wohnungssuche ging, machte ich dem Makler von Anfang an klar, daß ich als Journalist auf ein Telefon angewiesen sei. Das sah er auch ein. Als wir tagelang von ihm ausgekundschaftete Wohnungen besichtigten, stürzte ich mich immer sofort auf das Telefon, das - wie versprochen - auch vorhanden war. Die Hälfte der ausprobierten Apparate war jedoch tot. "Das kann nur einen Moment dauern", versuchte der Makler zu trösten - ein schwacher Trost.
Das Kairoer Telefonnetz wurde vor dem zweiten Weltkrieg von einer britischen Firma gelegt. Seither geschah so gut wie nichts mehr. Die Leitungen wurden nie mehr überprüft, instand gesetzt oder gar erneuert. Das Wort Instandhaltung ist den Agyptern völlig unbekannt. Dies trifft übrigens nicht nur auf Telefone zu, sondern auch auf Aufzüge, Autos und andere technische Anlagen. Solange sie funktionieren, sind die Ägypter glücklich und zufrieden. Wenn sie kaputtgegangen sind, dann war es ein böser Streich Allahs, der mit ein paar kräftigen Hammerschlägen oder einem Stück Klebestreifen behoben wird. Im Ministerium oder beim Kairoer Fernmeldeamt scheint jedenfalls nie jemand dran gedacht zu haben, daß die Telefonleitungen aus billigem Vorkriegsmaterial im Laufe der Jahrzehnte mürbe und erneuerungsbedürftig werden könnten. Manche behaupten sogar, daß inzwischen niemand mehr weiß, wo die Kabel liegen. Fest steht jedenfalls, daß viele Leitungen in Abwässerkanäle abgesackt sind und unbrauchbar wurden. Andere sind von Ratten und Mäusen im Kairoer Untergrund angenagt und stillgelegt worden.
Auch wenn man von Telefontechnik nichts versteht, dann sagt einem ein Blick in einen Kairoer Kabelschacht - die dazugehördenden Eisen- oder Betondeckel sind längst gestohlen worden - alles, worüber man sich oft gewundert hat. Er ist fast immer mit Abwässern und Abfällen voll. Dazwischen befindet sich eine bunte Vielfalt von dünnen Drähten. Nicht einmal die Techniker des Telegrafenamtes, die sich gelegentlich in solchen Schächten zu schaffen machen, scheinen zu wissen, wie dieser Drahtverhau zusammengehört. Diese Techniker sind übrigens in Kairo äußerst gefürchtet. Wenn sie es nämlich schaffen, einen gestörten Anschluß instand zu setzen, dann legen sie bei dieser Arbeit zehn andere lahm. "Wenn sie wieder anrücken, dann sind schon hundert Telefone tot", erklärt ein Kairoer Telefonbesitzer, dessen Apparat noch funktioniert.
Die Kairoer Telefonmisere kostet Nerven und nicht zuletzt Zeit. In Geschäften, Büros und Banken verbringen die Angestellten manchmal Stunden damit, eine einzige Nummer anzurufen. Sie sitzen vor dem Telefon, blicken verträumt aus dem Fenster und warten auf den erlösenden Summton, der eine freie Leitung verspricht. Andere trommeln ununterbrochen wütend auf den Apparat und glauben, daß sie damit mehr erreichen. Hat man als Kairoer Telefonbenützer endlich ein Freizeichen erhalten, dann beginnt eigentlich erst der richtige Nervenkitzel. Nun muß sich nämlich herausstellen, ob der Apparat des Teilnehmers funktioniert, den man erreichen will. Vielleicht ist er auch besetzt oder es meldet sich ein anderer Teilnehmer, weil der Anschluß bei einer Reparatur vertauscht wurde.
Nach meinen Erfahrungen spielt sich der Versuch, in Kairo jemanden telefonisch zu erreichen, so ab: Ich wähle die Nummer zwanzig mal. Dazu brauche ich zwei Stunden, weil das Freizeichen auf sich warten läßt. Bei zehn Wählversuchen tut sich nichts, bei sieben anderen ertönt das Besetztzeichen. Dreimal meldet sich ein falscher Teilnehmer. Ich gebe auf, setze mich ins Taxi und fahre durch den chaotischen Kairoer Verkehr zu meinem Gesprächspartner.
Viele ägyptische und ausländische Firmen verzichten inzwischen auf die Dienste des Telefons. Sie beschäftigen Boten, die schriftliche Nachrichten überbringen und mit der Antwort zurückkommen. Damit sie nicht im Verkehrsgewühl so leicht steckenbleiben, werden sie mit Fahrrädern oder Mopeds losgeschickt.
Das bruchstückhafte Fernsprechnetz hat nur eine
gute Seite. Man hat immer eine glaubhafte Ausrede
zur Hand, wenn man Leuten aus dem Weg gehen
will, und die Abschiedsfloskel "Wir rufen uns in den
nächsten Tagen an" ist nicht ernst gemeint.
(aus: Frankfurter Rundschau, 13.5.78)
[HaBi 2]
Ein Brief aus Kairo