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Viele KMU leiden unter der Aufwertung des Franken. Mit einigen Strategien bleiben die negativen Folgen im Rahmen.
Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die Kursuntergrenze aufzuheben, hat zu einer starken Aufwertung des Franken geführt. Unmittelbar darauf wurden die Wachstumsprognosen für das Schweizer BIP nach unten korrigiert. Während das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) im Dezember für 2015 mit einem BIP-Wachstum in Höhe von 2% rechnete, wird bei den im März veröffentlichten Zahlen nur noch von 0,9% Wachstum ausgegangen.
Es gibt derzeit keine Zahl, mit der sich die Auswirkungen des starken Franken auf die Wirtschaft präzise beziffern liessen, doch in einem Punkt sind sich die Experten einig: "Einige Exportunternehmen leben von Verträgen, die vor dem SNB-Entscheid unterzeichnet wurden. Seit dem 15. Januar verzeichnen sie allerdings weniger Aufträge und die Verhandlungen mit den Kunden sind härter", erklärt Sylvain Jaccard, Direktor von Switzerland Global Enterprise (S-GE) für die Westschweiz. Die Schwere der Auswirkungen hängt von der jeweiligen Branche ab. Der Grosshandel, der seine Produkte teilweise aus dem Ausland bezieht, ist im Vorteil. Dagegen sind Wirtschaftszweige, deren Wertschöpfungskette in der Schweiz angesiedelt ist, zum Beispiel der Tourismus oder die Werkzeugmaschinenindustrie, sehr stark betroffen.
Kosten reduzieren
"Man sollte auf jeden Fall vermeiden, Massnahmen zur Kompensation der Frankenstärke zu treffen, ohne eine langfristige Vision von der zukünftigen Entwicklung des Unternehmens zu haben", erklärt Reto Brunner von der Wirtschaftsprüfung PricewaterhouseCoopers (PwC). Er rät davon ab, die Preise zu senken, um wettbewerbsfähiger zu werden. "Die Preispolitik ist ein strategisches Element einer Firma. Es ist meist einfacher, seine Preise zu erhöhen als sie zu senken."
Reto Brunner empfiehlt, alle Bereiche des KMU zu betrachten und eine kohärente Politik der Kostensenkung umzusetzen, beispielsweise indem die Effizienz der Marketing-Ausgaben geprüft wird oder die Personalkosten gesenkt werden. "Es kommen viele Optionen in Betracht: Man kann die Entlöhnungen an die Ergebnisse koppeln, die Zahl der Arbeitsstunden erhöhen oder auf Kurzarbeit zurückgreifen." Die Zahlung von Entschädigungen bei Kurzarbeit aufgrund von Wechselkursschwankungen wurde vom SECO genehmigt. Ende Februar 2015 hatten bereits mehr als 600 Unternehmen diese Beihilfe in Anspruch genommen.
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, lohnen sich Überlegungen in sämtliche Richtungen. Die KMU können mit ihren Zulieferern in einen Dialog treten und sie um Preisnachlässe bitten. "Wenn das Überleben des Unternehmens auf dem Spiel steht, darf es keine Tabus geben!" Reto Brunner berichtet vom Fall eines Unternehmers, der versucht hat, die Besteuerung seiner Firma mit der Gemeinde neu zu verhandeln. Aus strategischer Sicht kann der starke Franken auch eine Chance sein, das eigene Angebot auf den Prüfstand zu stellen. Eine Firma, deren Produkte aufgrund der Frankenstärke nicht mehr rentabel sind, kann überlegen, deren Produktion einzustellen und sich auf Produkte mit hohem Mehrwert zu konzentrieren.
Neue Märkte erschliessen
S-GE rät den KMU, ihre Abhängigkeit von der Eurozone zu verringern, indem sie andere Absatzmärkte ins Visier nehmen. "Unseren Analysten zufolge dürfte der Euro in den kommenden Jahren schwach bleiben. Darum sollte man sich anderen Märkten zuwenden." Sylvain Jaccard empfiehlt, sich auf diejenigen Staaten zu konzentrieren, mit denen die Schweiz ein Freihandelsabkommen geschlossen hat. So profitieren die Firmen von einem Wettbewerbsvorteil, der die Frankenstärke ausgleichen kann.
Es gibt einige Länder, die sich besonders gut als neue Absatzmärkte eignen. Die Türkei hat zum Beispiel einen doppelten Vorteil: die geographische Nähe und das mit der Schweiz geschlossene Freihandelsabkommen. Das Gleiche gilt für die skandinavischen Länder. Südostasien, insbesondere Indonesien und Malaysia, bietet ebenfalls interessante Perspektiven: Die Länder zeichnen sich durch ein kräftiges Wachstum bei zugleich schwacher Inflation aus.
Informationen
Zum Thema
3 Fragen an Chantal Robin, Präsidentin der Vereinigung der Freiburger Industrie (VFI)
Welche Auswirkungen hat der SNB-Entscheid auf die Unternehmen der VFI?
Nicht alle sind gleichermassen betroffen, aber die Folgen sind drastisch. Es ist zu befürchten, dass es zu einem Domino-Effekt kommt, der auch die Zulieferer und den Detailhandel betreffen wird. Die Exportindustrien haben Sofortmassnahmen ergriffen, indem sie beispielsweise in der Eurozone einkaufen. Das wird sich auf dem einheimischen Markt bemerkbar machen. Noch vor Kurzem sah der Kunde ein, dass es angemessen war, für ein Schweizer Produkt 10% mehr zu bezahlen (wegen der Nähe, der Flexibilität und der Qualität), doch heute vergleicht er nicht mehr und konzentriert sich sofort auf das Ausland.
Welche Strategien kann ein KMU annehmen?
Die Unternehmen mussten sich bereits anpassen, als der Euro von 1,6 auf 1,2 abrutschte. Sie haben ihre Produktivität um rund 25% gesteigert. Heute wenden sie sich an Zulieferer aus dem Ausland oder lagern sogar einen Teil ihrer Produktion aus. Wir befürchten, dass es zu einem Verlust an Wissen und Know-how und somit zu einer allmählichen Deindustrialisierung kommt. Die Strategien sind stets die gleichen, es geht um Kosteneinsparungen. Eine Möglichkeit ist die Erhöhung der Arbeitszeiten.
Haben Sie Einblicke darin, welche Massnahmen getroffen wurden, um die Folgen des starken Franken einzudämmen (Lohnsenkungen, Entlassungen, Absicherung gegen Wechselkursrisiken)?
Die meisten der genannten Massnahmen stehen auf der Tagesordnung. Die Unternehmen der VFI stellen bei natürlichen Abgängen meist kein neues Personal mehr ein, aber Lohnsenkungen sind mir bisher nicht bekannt. Andere Firmen suchen verstärkt nach Märkten ausserhalb der Eurozone oder konzentrieren sich auf Produkte mit hoher Wertschöpfung.
Letzte Änderung 06.05.2015