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Augenpflege
oder Diätetik des Auges. Der Zustand der Augen ist zum Teil vom Zustande der Ernährung im allgemeinen, vom Nerven- und Blutsysteme abhängig. Besondere Beziehungen, die auf die Gesundheit des Auges Einfluß haben, finden noch mit dem Gehirn, [* 3] den Verdauungswerkzeugen, den Zeugungsteilen, den Nieren, der Haut [* 4] und der Nasenschleimhaut statt. Jede körperliche Schwäche, besonders wenn sie mit Aufregung des Nervensystems verbunden ist, bedingt erhöhte Empfindlichkeit der Augen gegen Anstrengung, gegen helles Licht [* 5] und gegen helle Farben.
Man vermeide deshalb nach starken Blutverlusten und in der Rekonvalescenz nach schweren Krankheiten anhaltendes Lesen, Schreiben, Nähen u. s. w. und sorge für gemäßigtes Licht und sanfte Farben in den Zimmern. Nervenschwache, Hysterische, Hypochonder müssen besondere Aufmerksamkeit auf die Schonung ihrer Augen verwenden, weil bei ihnen infolge allgemein erhöhter Nervenreizbarkeit auch die des Auges gesteigert ist, und sie nicht selten an andauernden Blendungsbildern und andern krankhaften Gesichtserscheinungen leiden.
Erhaltung eines regelmäßigen Blutumlaufs trägt sehr viel zur Gesundheit der Augen bei. Man vermeide darum alles, was Blutanhäufung im Kopfe hervorrufen könnte, also enge Kleidungsstücke, besonders zu enge Halskragen. Man halte auf leichtverdauliche Kost, auf regelmäßige Leibesöffnung, unterlasse den unmäßigen Genuß geistiger Getränke und des Tabaks, verbinde mit der Sorge für warme Füße die hinreichende Bewegung im Freien und beobachte aufrechte Haltung beim Arbeiten.
Russische [* 6] oder Dampfbäder, ferner warme Vollbäder von mehr als 26° R. und 10 Minuten langer Dauer sind bei solchen, die zu Blutandrang nach den Augen geneigt sind, zu vermeiden. Die Abhängigkeit der Augen vom Gehirn verbietet geistige Anstrengungen, wenn die Augen schwach sind. Zu langer Schlaf schadet den Augen, noch mehr aber zu kurzer. Übermäßiger oder unzeitiger Geschlechtsgenuß schwächt selbst das gesündeste Auge. [* 7] Erkältung und Störung der Hautthätigkeit ist als eine der allgemeinsten Schädlichkeiten für das Auge zu betrachten; kaltes Waschen bei schwitzendem oder ausdünstendem Gesicht, [* 8] wie des Morgens unmittelbar nach dem Erwachen, ist deshalb zu vermeiden; auch trage man dafür Sorge, daß zur Gewohnheit gewordene Fußschweiße nicht plötzlich durch Erkältung der Füße unterdrückt werden.
Ein notwendiges Erfordernis zur Erkaltung gesunder Augen ist es ferner, sie von Schmutz und getrocknetem Schleim rein zu erhalten. Leute, die viel im Rauch oder unreiner Luft, z. B. in Pferdeställen, Gerbereien u. s. w., zubringen, sollen sich die Augen öfters mit reinem Wasser auswaschen. Ist ein fremder Körper ins Auge eingeflossen, so reize man es nicht zu lange durch eigene Versuche, ihn zu entfernen, sondern ziehe sobald als möglich einen Arzt zu Rate. Besonders erheischt das Einfliegen von ätzenden Substanzen, wie Kalk, ferner von Glas- oder Eisensplittern, ärztliche Hilfe.
Von der größten Wichtigkeit ist die Regelung der Lichteinwirkung aufs Auge, indem zu starkes und zu schwaches Licht, ungleiche Verteilung des Lichtes und der schnelle Wechsel zwischen starkem und schwachem Lichte nachteilig sind. Zu starkes Licht überreizt, schwächt, lahmt selbst die Sehkraft. Man vermeide deshalb, im freien Sonnenlichte zu arbeiten. In Bezug auf künstliche Beleuchtung [* 9] ist zu bemerken, daß die Lichtquelle möglichst hoch angebracht werden und den zu erleuchtenden Raum möglichst intensiv und gleichmäßig erhellen muß.
Von einzelnen Beleuchtungsarten ist das elektrische Bogenlicht [* 10] wegen seiner großen Intensität nur im freien und in Räumen zulässig, wo die Beleuchtungskörper in solcher Höhe angebracht werden können, daß ein direktes Hineinschauen der Augen möglichst vermieden wird. In allen andern Fällen ist das gut abgeblendete Glühlicht [* 11] zu verwenden. Für öffentliche Lokale, Comptoirs, größere Wohnräume, Schulzimmer u. s. w. ist zur Zeit die Gasbeleuchtung noch am vorteilhaftesten, nächstdem die Beleuchtung durch mit Photogen, Solaröl, Petroleum und ähnlichen Ölen gespeiste Lampen. [* 12] Das Licht der Wachs-, Stearin-, Paraffinkerzen steht dem Lichte einer gutbrennenden Lampe [* 13] nach, da es viel geringere Leuchtkraft besitzt, unruhig brennt und nicht auf gleicher Höhe gehalten werden kann.
Für die Pflege des Auges von großer Wichtigkeit ist auch die rechtzeitige und zweckmäßige Anwendung der Brillen. Sie sind notwendig bei Weit-, Kurz- und Übersichtigkeit, ferner bei Astigmatismus (s. d.). Für gesunde und fehlerfreie Augen ist der Gebrauch jeder Brille [* 14] verwerflich, und die Meinung ist irrig, daß durch den Gebrauch einer solchen das Auge länger konserviert werden könne. Für den Bedürftigen dagegen kann man eine passend gewählte Brille in Wahrheit als Konservationsbrille bezeichnen, denn sie bewahrt sein Auge vor Überanstrengung und erhält es dadurch gesund.
Der Weitsichtige soll sich dann einer Brille bedienen, wenn er bemerkt, daß er am Tage Druckschrift nicht mehr so bequem und in derselben Entfernung vom Auge, wie sonst, zu lesen vermag, und daß der Druck zeitweise zu verschwimmen scheint. Gewöhnlich treten diese Zeichen noch früher abends bei künstlicher Beleuchtung ein, weil diese, weit schwächer als das Tageslicht, eine größere Annäherung der Druckschrift an das Auge als am Tage erfordert. Weitsichtige pflegen deshalb wohl auch, um die Beleuchtung möglichst intensiv zu machen, das Licht zwischen Gesicht und Buch, nahe an letzteres, zu ¶
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schieben. Ist dieser Zustand eingetreten, so säume man nicht, sich eine passende Konvexbrille zu verschaffen, da man sonst Gefahr läuft, das Auge wirklich zu schwächen. Kurzsichtige haben sich, um das schädliche, zu Kongestionen Veranlassung gebende Vorbeugen des Kopfes zu umgehen, einer passend gewählten Konkavbrille beim Lesen und Schreiben zu bedienen, wenn sie das Buch dem Auge näher als 30 cm bringen müssen, um deutlich zu sehen, und gewöhnlich noch einer zweiten stärkern zum deutlichen Sehen [* 16] in die Ferne.
Schwach Kurzsichtige, die in etwa 80 cm Entfernung und weiter gewöhnlichen Druck noch lesen, doch auf Stubenlänge nicht mehr deutlich sehen können, bedürfen bloß einer Brille, eines Klemmers oder einer Lorgnette für die Ferne. Übersichtigkeit ist ein angeborener Fehler, den der Arzt zu erkennen und zu beurteilen hat. Dieselbe kann indes an Kindern dann vermutet werden, wenn deren Augen, bei äußerlich gesundem Aussehen, Druckschrift nur nahe am Auge, aber dennoch nur mühsam und unter baldiger Ermüdung zu lesen vermögen, oder wenn sie beim scharfen Sehen (periodisch) nach innen zu schielen beginnen. Beiden Störungen kann vom Augenarzt durch Verordnung geeigneter Konvexgläser begegnet werden. (S. Brille.)
Vor dem Gebrauch irgend eines der zahlreichen als Universalmittel angepriesenen Augenwasser kann nicht genug gewarnt werden. Oft versäumen die Kranken im Vertrauen auf die Heilkraft derselben die Zeit, in der ärztliche Hilfe sie noch retten könnte.
Vgl. Ritterich, Anweisung zur Erhaltung des Sehvermögens (2. Aufl., Lpz. 1852);
Arlt, Die Pflege der Augen (3. Aufl., Prag [* 17] 1865);
Heymann, Das Auge und seine Pflege (3. Aufl., bearbeitet von Schröter, Lpz. 1887);
Klein, Das Auge und seine Diätetik (Wiesb. 1883);
Cohn, Lehrbuch der Hygieine des Auges (Wien [* 18] 1892);
Katz, Der Augen Pflege (Berl. 1893).