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Ich bin daran, einen längeren Text zum Thema “Lernen und Sünde” für die Veröffentlichung zu überarbeiten. Hier der Einstieg:
Ich bekenne, Herr, und sage Dank, dass Du in mir dieses Dein Bild erschaffen hast, auf dass ich, Deiner eingedenk, Dich denke, Dich liebe. Aber so sehr ist es durch das nagende Laster zerstört, so sehr durch den Rauch der Sünden geschwärzt, dass es nicht bewirken kann, wozu es gemacht ist, wenn Du es nicht wieder neu machst, und wieder herstellst. (Anselm von Canterbury)
Der Mensch ist nicht nur Subjekt der Sünde, sondern auch Objekt; weil die Sünde ihn in der Hand hat, hat er es nicht in der Hand, sich von ihr zu befreien, muss er allein durch die Gnade von ihr befreit werden. … Die Gnade kann nur radikal verstanden werden, wenn auch die Sünde radikal verstanden wird. (Horst Georg Pöhlmann)
Wer im Kreuze Jesu die tiefste Gottlosigkeit aller Menschen und des eignen Herzens erkannt hat, dem ist keine Sünde mehr fremd. (Dietrich Bonhoeffer)
Niemand ist einem anderen so gut bekannt wie sich selbst; und dennoch kennt sich niemand selbst so gut, dass er sich seines Verhaltens am folgenden Tage sicher wäre. (Aurelius Augustinus)
Als ich einem Studienkollegen davon erzählte, dass ich untersuche, welche Auswirkungen es auf den Lernprozess hätte, wenn die Ursprungssünde geleugnet wird, erntete ich einen verständnislosen Blick. Das Befremden und die Stille, die in jenem Moment auf dem Bordstein von Scotts Valley, Kalifornien, entstand, werde ich nicht vergessen. Dass ein Zusammenhang zwischen Sünde und Lernen besteht, und dazu noch ein sehr gewichtiger, darüber habe zumindest in den frommen Kreisen, in denen ich mich bewege, noch nie etwas gehört.
Wenn ich etwas von Sünde höre, dann eher im Sinn von „Fehler“. Damit ist aber gleich die Entschuldbarkeit verknüpft, denn gut und förderlich ist ja, wie wir in Westeuropa alle wissen, eine „Fehlerkultur“. Als ich in meiner Kirchgemeinde eine Predigt über „Sünde“ hielt, notierte ich auf einem Flipchart die Begriffe, die das Alte Testament für „Sünde“ gebraucht. Sie zeigen auf, wie ernst Gott diese nimmt. Da ist die Rede von Schuldverpflichtung, Verfehlung, Entweihung, Gewalttat und Unrecht, Treuebruch und Abfall, Widerspenstigkeit, Abweichen vom Weg, Frevel und Vergehen, Halsstarrigkeit, Bosheit und Gottlosigkeit. Wenn wir eine solche Aufzählung vor unseren Augen vorbeiziehen lassen, taucht eine zweite Assoziation fast zwangsläufig auf: Mit Sünde verbinden wir eine Tat und kein Sein. Es geht um Verhalten, nicht um einen Zustand.
Als ich meiner Mutter von meinen Untersuchungen erzählte, fragte sie mich: „Warum sprichst du von Ursprungssünde?“ Dieser Ausdruck ist uns in der Tat nicht geläufig. Noch eher sind wir mit dem Begriff Erbsünde vertraut. Diese Ausdrucksweise hat im allerdings im Lauf der Kirchengeschichte eine problematische Färbung bekommen: Er suggeriert, dass Sünde durch die Zeugung weitergegeben wird. Dieses Denken führte u. a. dazu, dass der Zeugungsakt an sich in ein schiefes Licht geriet.
Neben dieser historischen Hypothek gibt es eine aktuelle Assoziation von „Erbsünde“, die von der eigentlichen Bedeutung wegführt. Helmut Thielicke arbeitet sehr klar heraus, dass die Vorstellung von Erbsünde als Erbkrankheit Schuld schnell in Schicksal umdeutet:
Der Begriff “Erb-”Sünde ist freilich insofern fatal, als er abwegige Assoziationen auslöst: Er lässt das Missverständnis aufkommen, als ob es hier um genealogisch bestimmte Vorgänge im Sinne einer vererbten Krankheit gehe. Damit aber wäre das, was der Begriff meint, gerade in seiner Pointe verfehlt. Ebenso wie eine Erbkrankheit ein Verhängnis ist, das mich von aussen, von meinen Vorfahren trifft, an dem ich also ganz unschuldig bin, würde auch die Erbsünde aus einer Schuld in Schicksal verwandelt und ins Ausserpersönliche abgeschoben.(Hervorhebung von mir) Doch weil gerade das eben nicht gemeint ist, sollte man lieber die lateinische Vorlage des Begriffs, peccatum originale, Ursünde, als Bezeichnung wählen. In diesem Sinne meint das Wort einen Schuldzusammenhang, in dem ich mich immer schon vorfinde. (Hervorhebung von mir) Es meint Prozesse, in die ich mich verwickelt sehe, die ich aber gleichwohl so mitvollziehe, dass ich mich nicht von ihnen als einem artfremden Andern distanzieren kann, sondern dass ich sie als Subjekt verantworten und von ihnen sagen muss: mea culpa, meine Schuld.
Ich verwende konsequent den Ausdruck „Ursprungssünde“, weil er einerseits auf den Ursprung der Menschheit und andererseits auf die Quelle der Tatsünden zurückverweist. Mit Ursprungssünde meine ich die Verderbnis, die durch Adam das ganze Menschengeschlecht betroffen hat. Paulus setzt im Schlüsseltext Römer 5,12-21 unsere Schuld in direkte Beziehung zur Ursprungssünde:
Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist, weil sie alle gesündigt haben… (Römer 5,12 Schlachter 2000)