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Nr. 30, 21. Dezember 2001
Gedanken aus ärztlicher
Sicht
Drogen-Legalisierung: Verantwortbar?
Von PD Dr. Jean Henri Dunant, Nationalrat, Basel
Illegale Drogen sind gefährlich und verursachen eine Vielfalt von medizinischen und sozialen Problemen. Der Konsum von Drogen (inklusive Alkohol und ärztlich verschriebener sowie frei erhältlicher Medikamente) hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem Gesundheitsproblem ersten Ranges entwickelt.
Mehrere zehntausend Schweizerinnen und Schweizer sind schwer abhängig von Alkohol und Drogen, was jährlich 2500 Todesfälle verursacht. Die Gesamtkosten für Folgen von Alkohol- und Drogenkonsum dürften sich pro Jahr auf vier Milliarden Franken beziffern. Dies sind grobe Schätzungen von Fachstellen, weil die Schweiz in der Gesundheitspolitik immer noch nicht über verlässliche Statistiken verfügt.
Von den Befürwortern einer offiziellen Legalisierung von Drogen wird immer wieder behauptet, dass Nikotin, Koffein, Sonneneinstrahlung, Waffen, Flugzeuge, Automobile und andere potentiell gefährliche Elemente in unserer Umwelt ebenso schwere Schäden verursachen können wie Drogen und auch Alkohol.
Die Befürworter der Legalisierung von Drogen bagatellisieren dies und lassen in angeblicher Wissen- schaftlichkeit Zweifel aufkommen, dass Heroin und Kokain gefährlich seien, und sind überzeugt, dass Haschisch harmlos ist. Sie sind der Ansicht, dass eine Lösung des Problems nur über eine Legalisie- rung dieser Stoffe möglich ist, unter kontrollierter Abgabe, wie das auch mit Heilmitteln geschieht.
Legalisierung und Konsum
Eine Legalisierung oder «Entkriminalisierung» von Drogen, welche heute illegal sind, würde nur deren Gebrauch steigern und als Folge davon die Zahl der Drogenabhängigen ansteigen lassen. Die meisten illegalen Drogen, über die wir jetzt sprechen, waren zu früheren Zeiten einmal legal. Sie sind jetzt mit guten Gründen illegal. Die Gesellschaft hat wiederholt feststellen müssen, dass diese Drogen nicht frei erhältlich sein sollten, weil deren Nebenwirkungen für den einzelnen und die Gesellschaft äusserst schwerwiegend sind. Verschiedene europäische Länder haben mit der Legalisierung und Entkriminali- sierung von illegalen Drogen experimentiert.
Diese Experimente führten zu einer Zunahme der Süchtigen und einer entsprechenden Zunahme der Verbrechen. Aufgrund ihrer Misserfolge bei der Legalisierung von Drogen haben sich Grossstädte wie Stockholm, London, Paris, Berlin und Madrid zu einer Gruppe «Europäische Städte gegen Drogen» zusammengetan mit dem Ziel, die Legalisierung von illegalen Drogen abzulehnen. Drogen sind nicht eine Bedrohung der Gesellschaft, weil sie illegal sind, sie sind illegal, weil sie eine Bedrohung der Gesellschaft darstellen.
Ziele
Unsere Gesellschaft muss Drogenkonsum als medizinisches und soziales Problem anerkennen, das mit medizinischen und sozialen Lösungen angegangen werden muss. Sucht ist eine Krankheit und sollte genau wie alle anderen chronischen Krankheiten behandelt werden. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Suchtverhalten vielfach erblich ist. Die Neigung, unter dem Einfluss von Drogen süchtig zu werden, kann nicht durch den Willen der betreffenden Person beeinflusst werden. Je leichter Sucht verursachende Drogen erhältlich sind, desto leichter werden Menschen süchtig, und um so mehr wird die Gesellschaft darunter leiden. Vielfach ist das einzige, was einen unkontrolliert Drogen konsumieren- den Abhängigen in eine Therapie zwingt, die Drohung oder gar Realität der Freiheitsentziehung. Durch Aufhebung des Verbotes, harte Drogen zu verkaufen, wird einer Grosszahl von Süchtigen, welche nicht aus eigener Kraft aussteigen können, jede Hoffnung auf dauerhafte Hilfe genommen. Selbstverständlich genügt eine Einschliessung süchtiger Patienten nicht, um deren Krankheit zu überwinden. Bedeutend wichtiger ist Aufklärung, Erziehung und Behandlung.
Der Standpunkt des
Arztes
Drogensucht ist ein chronisch sich wiederholendes Leiden. Durch Bestrafung allein ist das Drogenpro- blem nicht zu lösen. Drogensüchtige sollten wie alle anderen Kranken behandelt werden. Dies setzt eine entsprechende Ausbildung der Ärzte voraus. Die Gründe für die Drogensucht sollten besser er- forscht werden. Drogensucht eines einzelnen schadet seinem ganzen Umfeld (Familie, Arbeitgeber, Staat). Bessere Kenntnisse der Symptome des Drogenmissbrauchs könnten zu früherem Einschreiten und rechtzeitiger Therapie führen. Drogensucht ist eine Krankheit, welche jeden von uns täglich direkt oder indirekt betreffen kann. Als Ärzte haben wir die Verantwortung für eine bessere Bekämpfung dieser Krankheit durch die Gesellschaft. Dieser Kampf kann aber nicht allein durch bessere medizinische Behandlung geführt werden, er muss auch die Gesetze beinhalten, welche unsere Gesellschaft vor der sehr realen Gefahr durch illegale Drogen beschützen müssen.
PD Dr. Jean Henri Dunant