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Überlebenswichtig sind Hütten. Die Lektüre darüber ist so überraschend wie überzeugend.
«Sich einen Ort schaffen, über den der Mensch bestimmt. An dem er der Natur nicht mehr ausgeliefert ist, sondern sich aus ihr nimmt, was er braucht. Ein Zuhause. Adams und Evas Hütte stellt nichts dar, sie ist nicht groβ, sie ist Bauen in seiner grundlegendsten Form: Sie schafft ein Drinnen, wo vorher nur Drauβen war. Sie ist ein Anfang.
Etwas von diesem Anfang scheint noch in jeder Hütte zu stecken, bis heute.»
Reflektiert Petra Ahne in „Hütten. Obdach und Sehnsucht“. Die Hütte, die Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies bauen, findet sich als Zeichnung am Seitenrand einer italienischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Die Hütte besteht aus in den Boden gesteckten Ästen mit darübergelegten belaubten Zweigen. Sie wird nicht die erste gewesen sein. In Nizza wurden in den 1960er Jahren Spuren einer Urhütte entdeckt, 400‘000 Jahre alt. Eine Reihe tiefer Löcher im Boden interpretierten die Archäologen als Fundament einer mit Holzstämmen errichteten Hütte. Im Jahr 2000 fand man bei Tokio Pfostenlöcher und Werkzeuge, nochmals 100‘000 Jahre weiter zurück. Wie Hütten freilich heute aussehen, kann auf cabinporn.com eingesehen werden; 12‘000 Objekte auf der ganzen Welt wurden hochgeladen.
In dem schlicht und schön gebauten Buch mit 132 Seiten und 36 Abbildungen entwirft Petra Ahne Geschichte und Gegenwart der Hütten, anhand der vier Wände Ursprung, Obdach, Abseits und Sehnsucht. Das Dach sozusagen bildet der Bau einer eigenen, 34 Quadratmeter grossen Hütte an einem See in Brandenburg. Le Corbusiers Holzhütte an der Côte d’Azur wird eingehend und kritisch besichtigt wie diejenige von Henry David Thoreau am Walden Pond. Der Mythos von der (falschen) Hütte von Präsident Abraham Lincoln steht etwas schief zum Unterschlupf aus zwei umgedrehten Booten, unter denen 22 Männer der gescheiterten Shackleton-Expedition im Südpolarmeer vier Monate auf Rettung ausharrten. Wie die Autorin die Hütten von Heidi und Alp-Öhi, Lady Chatterley und ihrem Liebhaber und der Hexe im Märchen „Hänsel und Gretel in Beziehung setzt, hat Klasse. Nur einen ganz kurzen Seitenblick gibt es zu Hütten, welche die Bergsteiger am besten kennen.
Zu diesen Bauten ist dieser Tage die Nummer 88 der französischen Bergkulturzeitschrift „L’Alpe“ erschienen: „Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude“. Ein wie immer grossartig und überraschend illustriertes Heft zu diesem Thema, mit einer Vielfalt von Themen, von altertümlichen Gebäuden bis zu den modernsten Biwakschachteln, von Uli Wiesmeiers heimeligen Interieurs bis zu Marco Volkens nicht immer ganz so heimeligen stillen Orte (dort verweilt man ja auch nicht zu lange). Von ihm stammt auch das grossartige Frontispitz von der Jenatsch-Hütte, hell erleuchtet von einem letzten Abendsonnenstrahl. Im hinteren Teil des Heftes wird über Ausstellungen, Begegnungen und Bücher informiert. Dass das Forum Schweizer Geschichte Schwyz die Ausstellung „Joggeli, Pitschi, Globi… beliebte Schweizer Bilderbücher“ zeigt (nur noch bis 15. März), erfuhr ich erst in einer Publikation von Grenoble…
Doch zurück zu den Hütten. Vor kurzem erstand ich im Buchantiquariat Daniel Thierstein in der Berner Altstadt „Im Gebirg und auf den Gletschern“ von Carl Vogt. Der deutsche und später in der Schweiz eingebürgerte Naturwissenschaftler und Politiker gehörte ab 1840 zu den Neuenburger Glaziologen um Louis Agassiz, die auf dem Unteraargletscher ihre bahnbrechenden Studien machten und die mit ihren Führern einige grosse Gipfel wie Lauteraarhorn und Rosenhorn erstmals bestiegen. 1863 veröffentlichte Vogt, 1874-75 erster Rektor der neugegründeten Uni von Genf, eine schlimm rassistische Schrift – auch Agassiz wurde ja zum Rassisten. Ein schaler Nebengeschmack also, wenn man heute Vogt liest. Dabei macht die Lektüre wirklich Spass. So wie hier über die von den Führern erbaute Hütte auf dem Sidelhorn ob dem Grimselpass, in der im Sommer 1841 eine Nacht verbracht wurde:
„Unsere Hütte war fertig, ein Meisterstück alpinischer Baukunst. Wenn diese Blätter und unser Andenken einst modern unter dem Staube der Vergessenheit, dann, hoffe ich, werden redliche Alterthumsforscher die Spuren einer cyclopischen, ohne Mörtel noch Kelle aufgeführten Mauer auf jenen Höhen entdecken und daraus die erstaunenswerthesten Schlüsse ziehen über frühere Bewohnbarkeit der Alpengipfel und die zunehmende Erkältung der Erde. Kann eine rohe Mauer von einigen Fußen Höhe und etwa 12 Fuß Länge, ein Geviert einschließend, nicht Stoff zu den längsten antiquarischen Abhandlungen geben? Jetzt ist sie freilich zerfallen, allein damals war sie doch solid genug, ein paar Alpenstöcke und ein Wachstuch zu tragen; jetzt mag ihr innerer Raum mit nieschmelzendem Schnee erfüllt fein; damals deckte ein reiner Wollteppich den steinigen Boden, ein dunkles Wachstuch das niedrige Dach. Als wir so hineinsahen in die reinliche Höhle, freuten wir uns auf die Nacht, welche wir darin zubringen sollten, und freuten uns des Gewitters in der Nähe, dessen vielstimmige Tafelmusik unseren Murmelthierbraten würzte, den wir als ein zu solchem Lager passendes Nachtessen von der Grimsel mit uns genommen. Wir wußten nicht was uns erwartete, sonst hätten wir noch jetzt den Rückzug angetreten!“
Petra Ahne: Hütten. Obdach und Sehnsucht. Naturkunden N° 53, Matthes & Seitz, Berlin 2019, CHF 35.60.
L’Alpe: Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude. Printemps 2020. Édition Glénat, Musée Dauphinois, CHF 26.-
Carl Vogt: Im Gebirg und auf den Gletschern. Verlag von Jent & Gassmann, Solothurn 1843. www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2235630