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Als der Maler Hércule Florence während der Expedition des Barons von Langsdorf in den Jahren 1825–1829 die Apiaká portraitierte, waren sie noch als ein zahlreiches und kriegerisches Indiovolk bekannt. Nach zwei Jahrhunderten des Kontakts mit der Zivilisation und einem heftigen Bevölkerungsrückgang, ist ihnen weder ihre traditionelle Lebensweise noch ihre eigene Sprache geblieben.
Apiaká
|Andere Namen: Apiacá

Sprache: Portugiesisch
Population: 192 (2001)
Region: Bundesstaaten Mato Grosso und Pará
|INHALTSVERZEICHNIS

Name und Sprache
Lebensraum und Demografie
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche Organisation und Politik
Lebensunterhalt und wirtschaftliche Aktivitäten
Ernährung und Küche
Kunsthandwerk
Religion
Quellenangaben
Die Bezeichnung, unter der die gegenwärtigen Bewohner des IT (Indianer-Territoriums) Apiaká bekannt sind, hat man ihnen seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts angehängt. Es ist eine Variante des Tupi-Wortes “Apiaba”, welches “Person” – “Leute” oder auch “Mensch” bedeutet, ist aber wohlgemerkt kein Etnonym! Ihre Nachbarn, die Kayabi, nennen sie Tapy’iting oder auch Tapii’sin, was in etwa “Leute mit heller Hautfarbe” bedeutet.
Die Sprache der Apiaká gehört der Familie Tupi-Guarani an – so wie die ihrer Nachbarn, der erwähnten Kayabi. Aber die Apiaká sprechen sie nicht mehr, sondern bedienen sich des Portugiesischen – während die Mundurukú und Kayabi, die mit ihnen zusammen leben, sich noch ihrer eigenen Sprachen bedienen.
Die Apiaká leben im Norden des Bundesstaates Mato Grosso. Man findet sie verteilt entlang der grossen Ströme Arinos, Juruena und Teles Pires. Ein Teil von ihnen wohnt auch in Kleinstädten wie Juara, Porto dos Gaúchos, oder Grossstädten wie Belém und Cuiabá. Man weiss auch von einer noch nicht kontaktierten “wilden” Splittergruppe. Der grösste Teil ihres Volkes lebt in den Dörfern des IT Apiaká-Kayabi, welches vom Rio dos Peixes durchquert wird. Die Apiaká leben auf der rechten Seite des Flusses und die Kayabi auf der linken.
Einst waren die Apiaká ein zahlreiches Volk – ein Dorf konnte damals bis zu 1.500 Bewohnern Platz bieten – und es gab mehrere davon! Aus den Archiven in Cuiabá geht hervor, dass die Apiaká in der Mitte des 19. Jahrhunderts 2.700 Personen stark waren. Schon 1912 waren davon nur noch 32 Stammesmitglieder übrig (Curt Nimuendajú, 1948, Seite 311) – durch ein Massaker und wegen dem konsequenten Rückzug eines Teils der Überlebenden, die wahrscheinlich jene erwähnte “wilde” Apiaká-Gruppe gebildet haben, deren Zahl unbekannt ist. Nach Aussage des ältesten Stammesmitglieds weiss der Medizinmann und Führer jener isolierten Gruppe, dass die andern einen Kontakt mit ihren Genossen suchen – aber sie zeigen sich nur, wenn es ihnen gefällt.
Im Jahr 1978 lebten im TI Apiaká 71 Personen – reduziert auf 52 im Jahr 1984 wegen Abwanderung verschiedener Mitglieder in die Orte Juara und Porto dos Gaúchos. 1990, nach dem Zuzug neuer Familien aus dem Bundesstaat Pará, erhöhte sich ihre Gesamtziffer auf 92 Personen in drei Dörfern.
Die Apiaká waren ein kriegerisches Volk in der Vergangenheit, und sie waren gefürchtet im Tal des Rio Tapajós. Als sie den mittleren und unteren Verlauf des Rio Arinos und den mittleren und oberen Lauf des Rio Juruena besetzten – am Anfang des 19. Jahrhunderts, waren die Bakairi und die Tapayúna am Arinos ihre Nachbarn und am Juruena die Bororo, Oropia, Cauairas und die Sitikawa (die letzten drei Völker sind inzwischen ausgestorben).
Während des 19. Jahrhunderts benutzten verschiedene Reisende die Route Arinos-Juruena-Tapajós, welche die Zentren Ciabá und Belém miteinander verband. Jene Reisende entwickelten friedliche Kontakte mit den Apiaká, tauschten mit ihnen Produkte und nahmen sie auch als Führer und Paddler in ihre Dienste.
Diese Dienstleistungen der Apiaká entwickelten sich auf eine Art und Weise, dass sich die Indianer zur Zeit des Wechsels vom 19. ins 20. Jahrhundert bei den Latex-Ausbeutungsfronten als Mannschaften wiederfanden – als Träger, Fischer, Jäger oder selbst als Gummizapfer, versuchten sie ihr angestammtes Leben mit dem der regionalen Weissen zu verquicken. Dann wurden sie plötzlich zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Gummibaronen und ihren Ergebenen grausam massakriert, was ihnen auch sämtliche Möglichkeit nahm, ihr angestammtes Leben wieder aufzunehmen. Von da an mischten sie sich unter die Mitglieder diverser ihnen fremder Ethnien – wie den Kokama, Kayabi, Munduruku, Maué und Pareci. Obwohl die Kokama, zum Beispiel, am oberen Rio Solimões leben, wurden Ehen zwischen ihnen und den Apiaká geschlossen, indem diese den Tapajós hinunterfuhren, und jene den Amazonas.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wechselten die Apiaká ihren Lebensraum vom Zusammenfluss Arinos und Juruena: ein Teil von ihnen ging in den Norden – immer noch im Bereich des Juruena – ein anderer Teil wandte sich nach Osten bis zum Rio São Manoel (auch Teles Pires genannt), wo sie dann Ende des 19. Jahrhunderts als Pari-bi-teté bekannt wurden – ein Ausdruck aus der Sprache der Munduruku, welcher sich damit auf die Tätowierung um die Lippen herum bezieht (Nimuendaju, 1948, Seite 312).
Anfang des dritten Viertels des 20. Jahrhunderts begab sich eine Gruppe von Apiaká-Familien zurück in südlichere Breiten auf der Suche nach einem “guten Patron”. Der Jesuit João Dornstauder begegnete ihnen und lud sie ein, sich in der Nähe der Kayabi, am Rio dos Peixes, niederzulassen. Von da an begannen auch die restlichen Familien, in verschiedenen Abschnitten, ihre Rückwanderung vom Norden in den Süden und errichteten die Dörfer Nova Esperança (1968), Mayrob (1982) und Tatuí (1986), alle im Gebiet, welches dann in das IT Apiaká verwandelt wurde.
Seit man von den Apiaká weiss, bestanden ihre Dörfer jeweils nur aus einem einzigen Gebäude in gigantischen Dimensionen, mit hunderten von Bewohnern – es hatte einen zentralen Korridor, flankiert von drei Reihen Balken, die das Dach mit einem Giebel abstützten. Den lateralen Raum teilten die diversen Kernfamilien unter sich auf. Ihre Dörfer befinden sich, bis in unsere heutige Zeit, in der Nähe von grossen Flüssen – jetzt mit mehreren Häuschen in einer Reihe entlang dem Verlauf des Flusses. Jede Kernfamilie wohnt in einem Haus, das in der Regel von den mit dem Vater oder Schwiegervater verwandten Männern gebaut wird – je nach Wohnort der Eheleute – demnach ist der Grundriss eines Dorfes ein Spiegelbild verwandtschaftlicher und gesellschaftlicher Beziehungen.
Häuser und Küchen werden mit Materialien aus der näheren Waldumgebung angefertigt. Ihrem architektonischen Stil liegt heutzutage das Modell der brasilianischen Gummizapfer zugrunde, und als Alternative zur ehemaligen Dachbedeckung mit Palmblättern, benutzen sie jetzt Holzschindeln. Die Küche besteht aus einem Anbau von reduzierten Ausmassen, der eventuell von halbhohen Wänden umgeben ist.
Jedes Individuum, ob Mann oder Frau, besitzt Objekte seines persönlichen Bedarfs, als Früchte seiner Arbeit oder aus Tauschgeschäften, die werden im Falle seines Ablebens vernichtet. Inzwischen macht man aber mit Objekten aus Geschäften mit Weissen – Töpfe, Feuerwaffen – eine Ausnahme: die fallen an den Ehepartner, einen Sohn oder eine Tochter die am nächsten zum Dorf des Verstorbenen wohnen. Das Haus des Verstorbenen wird zerstört, aber ein Teil des Baumaterials kann für einen Neubau mitverwendet werden.
Die Apiaká haben die portugiesische (brasilianische) Verwandtschafts-Terminologie insgesamt übernommen, inklusive der Bezeichnungen Pate und Taufkind aus der katholischen Religion.
Die monogame Ehe war auch in der Vergangenheit vorherrschend üblich – obwohl ein Reisender des 19. Jahrhunderts Fälle von Polygamie registriert hat: jeder Apiaká hätte zwei Frauen und nur der Häuptling drei! Heute sind sämtliche Ehen monogam – überwiegend interethnisch, sowohl mit anderen Indianern als auch mit Weissen – und zu ihrem Vollzug bedarf es keines vorherigen Initiationsritus. Die Frauen sind heiratsfähig nach ihrer ersten Menstruation – die Männer ab dem 16. Lebensjahr in etwa. Die bevorzugte innerdörfliche Ehe ist die zwischen “diagonalen Cousins” – also zum Beispiel eine Cousine aus der Verwandschaft der Mutter der Kernfamilie und ein Cousin aus der des Vaters. Die Wohnung, im Fall eines Ehepaares aus demselben Dorf, ist “patrilocal” (sie bleiben im Haus des Vaters) und “uxorilocal” im Fall einer interethnischen Heirat (sie ziehen ins Haus des Schwiegervaters). Wenn einer der beiden Ehepartner stirbt, regt man eine erneute Heirat an – selbst wenn sich ein grosser Altersunterschied zwischen den Ehepartnern ergeben sollte. Die Situation der ledigen Mutter ist eine unwürdige!
Die Kinder werden zuhause erzogen und in der Schule der katholischen Mission. Das Kleinkind verbleibt im Aufsichtsbereich der Mutter, der eine Halbwüchsige zur Seite steht. Der Vater nimmt sein Kind ebenfalls bei Gelegenheit auf den Schoss, aber wenn es etwas braucht, wird das von der Mutter erledigt. Das Baby wird in Tücher gewickelt nach Art und Weise der Zivilisierten – kleinere Kinder tragen lediglich einen Short, oder sie sind nackt, solange sie noch krabbeln oder ihre ersten Schritte tun. Von Anfang an werden sie daran gewöhnt, sich in respektvoller Form im Umgang mit ihren Eltern, Paten und anderen Erwachsenen zu verhalten. Parallel dazu entwickelt man ihre Selbstachtung und ihr Freiheitsgefühl.
Die Erwachsenen legen grössten Wert auf die formelle Erziehung der Schule, das besondere Interesse aller konzentriert sich auf Lesen und Schreiben der Portugiesischen Sprache und auf die Arithmetik – die wichtigsten Instrumente für ihre zukünftige Beziehung zur nationalen Gesellschaft.
Die Apiaká bilden eine gleichberechtigte Gesellschaft, in der den älteren Männern eine Führungsrolle zukommt. Der eigentliche Stammesführer ist jene Person, welcher die Wünsche und Ziele der Gesellschaft zu vereinen weiss und sich an die Spitze der Aufgaben stellt, welche der Gemeinschaft zugute kommen. Sie selbst bestätigen: “Unter uns gibt es niemand, der befiehlt”. Obwohl die Frauen nicht direkt an politischen Entscheidungen teilnehmen, geben sie doch ihrer Meinung durch den Ehemann Ausdruck. Was die Situation des Kontakts mit der nationalen Gesellschaft, den “aussenpolitischen Beziehungen” betrifft, so sind dafür meist jüngere Leute zuständig, die sich auf diesem Gebiet bewährt haben. Alle erwachsenen Personen haben uneingeschränkte Beziehungen zu der Jesuiten-Mission und zu ihren Nachbarn, den Kayabí.
Es bestehen bestimmte Verhaltensregeln gegenüber den verschiedenen gesellschaftlichen Bindungen. Vater und Schwiegervater werden von ihren Söhnen, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern gleichermassen respektiert, unabhängig von ihrem Altersunterschied. Unter Verwandten derselben Generation wird die Beziehung von weniger strengen Regeln bestimmt, gemischt mit Spass und Spiel. Die Kayabí, welche in den letzten Jahren durch Einheirat aufgenommen wurden, verhalten sich ihren Schwiegervätern gegenüber unterwürfig – so wie es in ihrem Volk traditionell üblich ist. Dies steht im Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung der Kayabí, sich als “mehr als Herren des Territoriums” zu fühlen, weil die Apiaká erst nach ihnen zugezogen sind. Geteilte Meinungen zwischen Stammesführern führen zu Auseinandersetzungen und Drohungen – die Lösung ist, ein neues Dorf an einem anderen Ort anzulegen – wer zuletzt kam zieht sich zurück. Die Gegenwart der Missionare mildert oder unterdrückt inzwischen den offenen Ausbruch eines Konflikts in den meisten Fällen. Untreue zwischen Eheleuten wird lediglich verstärkt kommentiert, mit einer gewissen Böswilligkeit. Es gibt keinerlei Schuldgefühle oder Scham, sondern Selbstwertgefühl und Freiheitswille überwiegen.
Die politische Struktur wird von den verwandtschaftlichen Beziehungen bestimmt, indem sich die einzelnen Mitglieder um ihre ältesten Verwandten gruppieren. Nach diesem Schema hat derjenige mit den meisten verheirateten Töchtern um sich, sowie Söhnen, welche ihre Häuser in seinem Umfeld errichtet haben, die grösste Macht. Auf diese Weise vereint er eine machtvolle Partei um sich, welche sich in Opposition zu einer anderen Untergruppe der Apiaká oder der Kayabí zu stellen vermag.
Während ihrer Kriegszüge in der Vergangenheit waren die Apiaká, ausser mit Pfeilen und Bogen, auch mit einer Lanze ausgerüstet, welche mit vielen Ara-Federn geschmückt war und eher einem Schmuckstück denn einer Lanze ähnlich sah. Die Mundurukú, Tapayuna und Nambikwára waren ihre traditionellen Feinde. Die Apiaká opferten ihre erwachsenen Kriegsgefangenen, welche innerhalb eines Rituals aufgefressen wurden – während man die Jüngeren und Kinder aufzog bis zum Erwachsenenalter – und sie dann ebenfalls festlich opferte! Das Recht, Menschenfleisch zu geniessen, hatten ausschliesslich jene Krieger mit einer charakteristischen Tätowierung um ihren Mund herum – ein Merkmal dafür, dass sie sich einem so genannten Initiations-Ritual (Mannbarkeits-Ritual beim Wechsel vom Knaben zum erwachsenen Mann) unterzogen hatten. Die Apiaká als Krieger unter anderen Indianerstämmen gefürchtet, unterhielten mit den Brasilianern friedliche Beziehungen.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts rodeten die Apiaká ihre Felder noch, indem sie den Wald mit ihren Steinäxten lichteten – einem scharfkantigen Stein, der in einen Holzstiel eingelassen war – und es ging ihnen der Ruf voraus, gute Ackerbauern zu sein, die zum anderen auch von der Jagd und dem Fischfang ihre Existenz bestritten. Heute benutzen sie Hacke, Haumesser, Stahläxte und Motorsäge zur Rodung. Sie pflanzen in erster Linie Maniok und Mais. Darüber hinaus kultivieren sie Reis, Bananen, Süsskartoffeln, Ananas und Dutzende von verschiedenen Fruchtbäumen. Die Produktion wird mit Jagd, Fischfang und dem Sammeln verschiedenster Waldfrüchte in ihrer Umgebung ergänzt – inzwischen auch von verschiedenen Haustieren.
Es gibt eine Regel unter ihnen, nach der Jagdbeute und gefangene Fische proportional zu ihrer Menge und dem entsprechenden Verwandtschaftsgrad unter der Wohngemeinschaft verteilt werden. Objekte aus dem lokalen Kommerz werden mittels Lohngeldern aus verschiedenen Service-Leistungen auf benachbarten Fazendas, dem Verkauf von Kunsthandwerk oder extrahiertem Latex angeschafft. Schon seit langer Zeit kaufen sie Salz, Zucker, Kaffee, Stoffe, Seife, Feuerwaffen, Munition, Utensilien zum Fischen, Kerosin und Werkzeuge aus Stahl – eventuell auch Radios und Plattenspieler mit Batteriebetrieb. Während die auf der Jagd, beim Fischen oder Sammeln und auf dem Feld gewonnen Produkte der traditionellen Regel der Verteilung unterliegen, wird diese aber für im lokalen Kommerz erworbene Produkte nicht angewendet!
Die Feldarbeit teilen sich Mann und Frau – und eventuell werden die kleineren Kinder ebenfalls dazu herangezogen, allerdings nur für leichtere Aufgaben. Der Mann übernimmt das Entfernen der Bäume sowie das Abbrennen des abgeernteten Feldes. Das Pflanzen, Unkrautjäten und die Ernte selbst sind Aufgaben der Frau und der ganzen Familie, die dazu mit eingesetzt wird. Während die Jagd eine exklusive Aufgabe des Mannes darstellt, wird der Fischfang von allen Mitgliedern praktiziert. Der Haushalt, die Kinder, die Kleidung und die Küche sind exklusive feminine Aufgaben, zu denen auch halberwachsene Töchter herangezogen werden. Die Männer erstellen Häuser, Kanus, Bogen, Pfeile und Körbe. Alle anderen Teile des Kunsthandwerks, sowohl für den persönlichen Bedarf wie für den lokalen Kommerz werden von der Frau angefertigt.
Von einem Landbesitz kann man im Fall der Apiaká nicht sprechen. Jemand, der ein Feld anlegen möchte, gibt der Allgemeinheit seine Absicht bekannt und definiert zusammen mit ihnen die entsprechenden Grenzen. Der Apiaká betrachtet sich dann als Besitzer seines Feldes und auch nach der Abernte desselben, noch als Besitzer dieses Stückes Land. Es kann an eine andere Person weitergegeben werden oder, im Fall eines definitiven Verlassens desselben, einfach von einer anderen Person übernommen werden. Die Feldprodukte gehören demjenigen, der sie gepflanzt hat – eventuell können sie teilweise an jemanden weitergegeben werden, der sie nötig braucht und damit ein “Darlehen” aufnimmt. Es gibt auch ein Besitzrecht über Bäume des Waldes, nachdem jemand seine Absicht öffentlich erklärt hat, dieselben für die Konstruktion seines Kanus benutzen zu wollen, oder für das Gerüst seines Hauses – oder er interessiert sich für seine Früchte oder für den Honig eines Bienenstocks in seinem Stamm.
Jeder Jäger oder Fischer benutzt bestimmte Wege und Örtlichkeiten immer wieder, aber diese Tatsache führt nicht zu deren Besitz durch den Benutzer – obwohl man sie als “den Weg eines bestimmten Mannes” durchaus anerkennt. Was allerdings die Extraktion des Latex (Hevea brasiliensis) betrifft, so ist jeder Apiaká Besitzer seiner “Baumstrasse” – das heisst: des Pfades, den er in den Wald geschlagen hat, um eine bestimmte Gruppe von Gummibäumen anzapfen zu können – zwischen 50 und 100 Stück in der Regel. Die Benutzung seiner “Strasse” kann er allerdings einem anderen Stammesmitglied übertragen!
Die Ernährung der Apiaká enthält eine bedeutende Variation von Zutaten und Zubereitungsarten. Aber normaler Alltag wird geprägt von einer auch “alltäglichen” Ernährung: eine Kombination aus Fisch und/oder Fleisch von Wild – gekocht oder gebraten und gegessen zusammen mit Maniok-Mehl. Statt schnell gebraten oder in Wasser und Salz gekocht, der “Alltagszubereitung”, nimmt man sich an bestimmten Festtagen mehr Zeit auch für die Zubereitung der entsprechenden Speisen – dann werden Stücke Wild zum Beispiel langsam, als eine Art Hack, gebraten – oder in Paranuss-Milch gekocht, mit einer Reihe von feinen Gewürzen. Nüchtern, am frühen Morgen, gibt es einen Brei aus Süsskartoffeln oder Bananen (gekocht und dann gestampft), der ebenfalls in Paranuss-Milch gekocht wird.
Die “Castanha-do-Pará” (Paranuss) ist eine sehr häufige Frucht in ihrem Gebiet und deshalb auch in ihren Küchenrezepten reichlich vertreten. Sie wissen aus ihr die so genannte “Milch” zu gewinnen als auch ihren Schrot zusammen mit Maniok zu einem nahrhaften Kuchen zu verarbeiten, den sie in “Pacova”-Blätter eingepackt, garen. Sie verzehren eine grosse Menge von Wald- und auch Feldfrüchten. Ihre Aussage “wir haben nichts zu essen” bezeichnet das Fehlen an Wildfleisch oder Fisch. Ihre Vorliebe für die verschiedensten (fleischlichen) Nahrungsmittel ergibt eine Aufstellung, welche von der Ausschliessung bestimmter Tiere und Fische (aus rituellen Gründen) über “sempre serve” (geht immer) – in der Not essen sie schon mal (verbotene) “Traíra”-Fische und in Krisen den “Jaú” (grosser Hautfisch) – bis zu gutem Wild, wie Tapir, Wildschwein oder Kapuzineraffe reicht. Was sie aber am liebsten mögen ist – mit ihren eigenen Worten “Apiaká mag vor allem Tracajá – und auch ihre Eier” (Wasserschildkröte).
In der Vergangenheit benutzten die Apiaká die verschiedensten Vogelfedern zur Anfertigung von Diademen, Ohrschmuck, Zeptern, und zur Dekoration ihrer schon erwähnten Lanze. Am Körper verwendeten sie Materialien wie Bast und Baumwolle. Die Männer trugen breite Gürtel aus selbstgewebter Baumwolle um die Hüften und schützten sich mit einem Penis-Schaft. Streifen desselben Materials wurden von beiden Geschlechtern an Armen und Beinen getragen. Die Frauen trugen ausserdem noch ein Baumwollband um die Haare. Ketten aus Fruchtkernen, Tierzähne und Muschelschalen vervollständigten den männlichen Körperschmuck.
Ausserdem bemalten und tätowierten sie ihren Körper, wie die Zeichnungen von Hércule Florence zeigen – die Farbe bestand aus Urucum (rot) und/oder Jenipapo (schwarz). Arme und Beine wurden mit menschlichen oder tierischen Motiven geschmückt. Die Tätowierung war sozusagen das Stammesabzeichen. Heute führen sie keine Tätowierungen mehr aus, auch keine Körperbemalung und fertigen keinen Federschmuck mehr an – ausgenommen die Befiederung von Pfeilen. Die Teilchen, aus denen sie ihre Ketten und Armbänder zum Eigengebrauch zusammensetzen sind stilisierte Tierfigürchen – Affen, Fische und Vögel . . . Heute tragen sie lokal übliche Kleidung.
Noch heute stellen die Apiaká allerdings gewisse Objekte her, die für ihren Eigengebrauch wichtig geblieben sind, wie Kanus – aus einem mit Axt und Feuer ausgehöhltem Baumstamm – Paddel, Pfeil und Bogen, Transportkörbe, Siebe, Fächer für Feuer, Hängematten aus Industrie-Kordel, Armbänder und Ringe aus Tucum-Schalen. Aus Rindenbast weben sie einen Gürtel zum Tragen von Kleinkindern. Die Keramik wurde durch Aluminium-Töpfe ersetzt. Armbänder, Ringe, Ketten, Pfeil und Bogen sind Artikel zum Eigengebrauch – dieselben Teile werden in vereinfachter (nur dekorativer) Form für Touristen angefertigt.
Die Apiaká glaubten traditionell an einen Gott der Schöpfung des Himmels und der Erde, der seinem Zorn durch Donner Ausdruck gab. Die Zwillinge, kulturelle Helden, befinden sich heute in der Milchstrasse, in Gestalt von Tieren, die sich in Form eines dunklen Flecks im Bereich des Kreuzes des Südens abheben. Gegenwärtig ist es schwierig einzuschätzen, wieviele von ihnen noch ihre traditionellen Götter anhängen und wieviele den katholischen Glauben angenommen haben. Früher haben sie getanzt – zum Klang von gigantischen Flöten aus Bambus, die von den Männern geblasen wurden. Sie formierten sich in zwei konzentrischen Kreisen – die Männer innen, aussen die Frauen. Heutzutage sind solche Zeremonien erloschen – sie haben den nationalen Festkalender übernommen.
Die Schamanen sagten die Zukunft voraus und behandelten die Kranken. Sie hatten Macht und waren Respektspersonen, die man für ihre Heilungen zu “bezahlen” hatte. Sie benutzten das Feuer und Heilkräuter – bliesen über die kranken Körperteile den heiligen Rauch ihrer Pfeife oder saugten die Krankheit heraus – je nach Situation. Nach Auffassung der Apiaká gibt es Krankheiten der “Zivilisierten” und ihre eigenen. Um die Krankheiten der Brasilianer zu bekämpfen, wenden sie sich an die Apotheke der Jesuiten-Mission. Die anderen Gesundheitsprobleme werden durch Diäten, Kräutertees, Rindensud und Wurzeln behoben. Die Erwachsenen sind die Träger dieses Wissens, ohne dass es dafür einen Spezialisten gibt. In gewissen schwierigen Situationen ersuchen sie auch um Hilfe bei den Schamanen der Kayabí, denn unter ihnen selbst scheint es inzwischen auch keinen Schamanen mehr zu geben.
In uralter Zeit verblieb der Witwer oder die Witwe solange in einer Hängematte über dem Grab des oder der Verstorbenen liegen – mit schwarz bemaltem Gesicht und abrasiertem Haar, als einzige Nahrung Maisbrei – bis zur Exhumierung der Gebeine, die in der Regel ein Jahr nach dem Tod des Ehepartners stattfand. Heutzutage wird die Leiche in der Nähe des Hauses begraben – und damit basta. Man vermeidet allerdings, je wieder den Namen des (der) Verstorbenen auszusprechen und bezieht sich auf ihn (sie) als “der (die) Dahingegangene(r). Als einzig sichtbarer Ausdruck der Trauer ist die Sitte geblieben, das Haus des (der) Toten zu verlassen und niederzureissen.
Die Literatur über die Apiaká ist sehr begrenzt. Ein Text der Dissertation des Eugenio Wenzel “Em Torno da Panela Apiaká” (Rund um den Kochtopf der Apiaká) vermittelt historische und bibliografische Daten und präsentiert einführende Informationen hinsichtlich ihres Lebens im Indianer-Territorium Apiaká/Kayabí in Juara, Mato Grosso, im Jahr 1980.
Der Besuch einer Gruppe von Apiaká in Cuiabá im Jahr 1818 brachte die Gelegenheit einer ersten Aufzeichnung über dieses Volk – die “Memoria sobre os uzos, costumes e linguagem dos Appiacá“ (Sitten, Gebräuche und Sprache der Apiaká) geschrieben von José da Silva Guimarães. Wenige Jahre später registrierte Hércule Florence, Teilnehmer der Expedition des Barons von Langsdorf, schriftlich und mit Illustrationen, in dem Werk “Flussreise vom Tiete bis zum Amazonas”, seine Eindrücke in bezug auf die Apiaká, die er im Verlauf dieser Reise an den Flüssen Arinos und Juruena, auf der Route von Cuiabá nach Santarem, antraf.
Es lohnt sich, das Werk von Georg Grünberg “Beiträge zur Ethnographie der Kayabí Zentralbrasiliens” zu konsultieren. Obwohl darin die Apiaká erst an zweiter Stelle erscheinen, enhält das Buch wertvolle Informationenüber ihre Geschichte und ihre Beziehung zu den Kayabí.
Ausser den genannten Werken sind die Berichte und Konferenzen des Generals Cândido Mariano da Silva Rondon zwischen 1910 bis 1922 interessant, der unter anderen Informationen auch die tragischen Konsequenzen der Massaker aufgezeichnet hat, welche die Apiaká während der Periode intensivster Ausbeutung des Latex (Gummi) erlitten haben.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther