Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/368

Von Stéphanie Cudré-Mauroux
Von Stéphanie Cudré-Mauroux
In den Beständen des Schweizerischen Literaturarchivs kommen öfters auch nicht literarische Schätze zum Vorschein, da etliche Autoren enge Kontakte mit Malern und Künstlern pflegten. Dies trifft auch auf Georges Borgeaud zu, dessen Fähigkeit des poetischen Schauens ihn früh zum Freund von Malern werden liess. Dass er viel über sie schrieb, bezeugen die diversen Artikel in seinen vierbändigen Mille Feuilles. Denn das Geheimnis ihrer Kunst ermöglichte es Borgeaud, sich dem anzunähern, was er selbst in seinem Schreiben zu fassen suchte, indem er - wie der Kunsthistoriker Florian Rodari es ausdrückte - „sein eigenes Unbehagen in den Spiegel eines parallelen, wortlosen, in seinen Augen freieren Schaffens stellte". Von Hans Seiler bis Pierre Lesieur, Maurice Estève bis Pierre Boncompain, von Gino Severini, Théophile Bosshard bis Germaine Richier: die Gruppe der im Leben und Archiv von Georges Borgeaud präsenten Künstler evoziert eine ganz bestimmte Sicht der französischen und schweizerischen Kunst der Nachkriegszeit. Neben Werken wie einer kleinen Skizze von Chagall oder einem von Braque finden sich im Nachlass rund dreissig Radierungen, Aquarelle sowie ein Ölgemälde von Gérard de Palézieux, den Borgeaud vielleicht am beständigsten, eifrigsten und mit der grössten Empathie verfolgt hat.
Die beiden Männer begegnen sich bereits in jungen Jahren, vermutlich zu Ende des Krieges, denn die Radierung Finges - Les Millières von 1946 eröffnet ihre Korrespondenz. Der erste von Palézieux aufbewahrte Brief von Anfang 1947 zeugt bereits von einer tragfähigen Freundschaft mit Begegnungen und gemeinsamen Ausstellungsbesuchen, so in Paris, wo sich der Autor 1946 niederliess; auch Philippe Jaccottet ist dabei. Der Ton ist vertraut, die Treffen finden - vor allem in der Schweiz - regelmässig statt. Das stillschweigende Einverständnis ist offensichtlich und bestätigt sich besonders in der Achtsamkeit der Natur gegenüber, die „vor der Verwüstung durch die Menschen bewahrt" werden soll, dem Charme einer kargen Schönheit wie auch Italien gegenüber, dem Garten Eden für die beiden Freunde.
Gérard de Palézieux ist in Italien bereits heimisch, nachdem er sich während des Krieges von 1939 bis 1943 dort aufgehalten hat, um Maltechniken zu studieren, die noch zugänglichen Museen zu besuchen und ins Hinterland zu reisen, wo das Landleben auf wundersame Weise stillgelegt schien. Auf der Suche nach dem Licht des Südens muss sich Borgeaud bis 1947 gedulden, bevor er mit Palézieux‘ Unterstützung eine erste Reise unternehmen kann. Auf dessen Empfehlung stellen florentinische Freunde Borgeaud ein Fahrrad für seine Ausflüge bereit, „alt und gebraucht", aber mit Reifen, die noch „in sehr gutem Zustand sind" (Brief vom 9.6.1947). Der Maler schlägt eine Exkursion in das „weite Tal von Mugello" im Norden von Florenz vor. Borgeaud aber lässt sich vorerst südlicher nieder, um dort einen Teil des Sommers in der Einsamkeit von Cortona zu verbringen und an seinem ersten Roman Le Préau (1952) zu arbeiten.
Mit Palézieux gemeinsam hat Borgeaud zwei Texte veröffentlicht: neben einem kleinen Bändchen anlässlich einer Ausstellung 1992 in der Galerie Bonafous-Murat in Paris Regards von 1977. Voll „einfühlsamer Identifikation" (Rodari) verkörpert der Text von 1977 diesen, für Borgeaud so teuren,
„liebevollen, geschärften Blick, glücklich über nichts, über alles, über ein Glas frisches Wasser auf dem Tisch, über ein Veilchen in der Böschung, über eine Gondel auf dem venezianischen Moiré, über die Stille des Schnees".
Weitere Informationen
Verschwörerische Blicke (PDF, 8 MB, 23.08.2017)Der kleine Bund, Dienstag, 18. Juli 2017