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Vielleicht hat die Frage nach der «Grösse» per se etwas Philosophisches an sich. Dann darf es nicht verwundern, dass auch die Entschlüsselung des Rätsels, weshalb in der einen Spezies die Männchen und in der anderen die Weibchen grösser sind, von Pontius zu Pilatus führt – beziehungsweise von der Dungfliege zur Seerobbe und zurück.
Nur wer eine möglichst grosse Artenpalette betrachtet, erkennt Gesetzmässigkeiten (und die Ausnahmen), die dazu geführt haben, dass beispielsweise bei den Gottesanbetern die Weibchen und bei den Walfischen die Männchen grösser sind. «Letztlich ist das Ziel der organistischen Biologie, wie wir sie an der Universität Zürich betreiben, die Erforschung der Diversität», sagt Wolf U. Blanckenhorn, der soeben ein Buch zu «Sex, Size & Gender Roles» mit herausgegeben hat. Darin versammelt sind zahlreiche Aufsätze zur Evolution der Körpergrösse von Männchen und Weibchen bei Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Insekten.
In anderen Zweigen der Biologie wie etwa der Molekularbiologie oder der Genetik, so Blanckenhorn, werde mit einer Handvoll Arten gearbeitet, die sich besonders eignen. Die Verhaltens- und Evolutionsbiologen jedoch überprüfen ihre Hypothesen immer möglichst breit, oft über viele Generationen hinweg, um Muster zu erkennen und Theorien zu bilden. Und um herauszufinden, ob ein gefundenes Muster «generell gilt».
Eines der Muster, das für alle gilt, ist der Fortpflanzungstrieb. Jede Art kennt vor allem ein Ziel im Leben: möglichst viele Nachkommen erzeugen (wenn man den ganzen Globus betrachtet, gilt das sogar für den Menschen). Ein anderes Muster, das für Insekten ebenso gilt wie für Säugetiere, ist der Sinn und Zweck des Nachwuchses: die Gene von Mutter und Vater zu kombinieren. Sobald eine Art zwei Geschlechter aufweist, pflanzt sie sich mittels Gen-Austausch fort. Sich ungeschlechtlich fortpflanzende Spezies wie die Erdbeere oder Gräser können sich dagegen auch mittels «Ableger» fortpflanzen. Bei ihnen kann man oft auch gar nicht sagen, wo das Mutter-Individuum aufhört und der «Nachwuchs» anfängt. Bei Tieren hingegen erkennt man meistens klar Weibchen und Männchen, und auch deren Eier beziehungsweise Spermien sind unterschiedlich.
Schaut man sich die Tierklassen an, lassen sich weitere Muster erkennen: Bei den Säugetieren sind die Männchen in der Regel grösser (mit ganz wenigen Ausnahmen). Bei den wechselwarmen Tieren wie Amphibien, Reptilien oder Fischen sind dagegen meist die Weibchen grösser; ebenso bei den Insekten – hier gilt: je grösser die Weibchen, desto mehr Eier legen sie. Bei Vögeln finden sich alle drei Möglichkeiten: Männchen grösser, gleich gross oder kleiner als Weibchen. Daneben unterscheiden sich bei vielen Tieren die Geschlechter nicht nur über die Grösse, sondern über die Färbung: so sind Vogelmännchen in der Regel bunter als die Weibchen.
Wie finden die Geschlechter trotz teils immenser Unterschiede zueinander? Die Männchen haben ein ureigenstes Interesse, möglichst viele Weibchen zu begatten. Doch die Evolution hat zu einer «feministischen» Lösung des Problems geführt: die Weibchen wählen in den allermeisten Fällen die Männchen aus. Und zwar mit Vorliebe die Grössten, Farbigsten, Lautesten, Flinksten, Stärksten (ausser die Weibchen wollen die Männchen bei der Aufzucht des Nachwuchses dabei haben, dann müssen die auserwählten Väter auch entsprechende Fähigkeiten haben, etwa treu und damit anwesend sein, erzählt Blanckenhorn mit Bezug auf den Menschen).
Das Gesetz, dass die grössten und farbigsten Männchen bei den Weibchen den höchsten Fortpflanzungserfolg haben, basiert auf biologischen Gründen: Die Weibchen sind deshalb wählerisch, weil es ihnen reicht, sich mit wenigen Männchen zu paaren. Denn sie brauchen für ihre vergleichsweise grossen, «teuren» und raren Nachkommen nicht viele, sondern die besten Spermien, und die besten Samenspender erkennen sie an auffälligen äusseren Merkmalen wie bunte Federn, farbige Schuppenpunkte oder grosser Körpermasse. Die Männchen hingegen möchten mit ihren kleinen, «billigen» und zahlreichen Spermien möglichst viele Weibchen beglücken.
«Die Weibchenwahl läuft gar im Körper weiter, indem selbst die Eier unter vielen Spermien 'auswählen'», erklärt Blanckenhorn. «So sehr sich die Männchen und ihre Spermien abmühen, die Weibchen und ihre Eier haben meist das letzte Wort, wen sie an sich heranlassen.»
Die Männchen können nun aber nicht einfach beliebig bunt und gross werden, unbeschränkt laut röhren oder mit allen Rivalen kämpfen, um von den Weibchen auserwählt zu werden. Ab einem bestimmten Punkt verkehrt sich Stärke in lebensbedrohliche Schwäche. Die farbigsten Fischmännchen werden zum Beispiel eher von Feinden gefressen; überbordendes Balzverhalten braucht zu viel Energie, die den Männchen später fehlt, Körpergrösse hat ihre physiologischen Grenzen. Blanckenhorn hat bei den Insektenarten die Vor- und Nachteile des Grossseins erforscht und dabei die Kräfte gemessen, die das Grössenwachstum von Männchen und Weibchen im Equilibrium halten. Gemessen wird dieses fragile Gleichgewicht der optimalen Grösse mit der Anzahl Nachkommen, die ein Individuum in seinem Leben reproduziert. «Die Zahl der Nachkommen ist die darwinistische 'Währung', in der wir rechnen», sagt Blanckenhorn. So müssen die Nachkommen überlebens- und fortpflanzungsfähig sein. «Sonst hat ein Individuum evolutionstechnisch gesehen eine Fitness von Null», erklärt Blanckenhorn.
Der Vorteil von grossen Insektenweibchen liegt nun vor allem darin, dass sie mehr und grössere Nachkommen gebären, die zudem eher überlebensfähig sind. Pro Millimeter Grössenzuwachs sind das bei den Dungfliegenweibchen immerhin drei zusätzliche Eier; bei den Dungfliegenmännchen verdoppeln fünf Millimeter Grössenzuwachs die Chancen, eine Partnerin zu finden.
Und wie sieht der Nachteil aus, der das Grössenwachstum der Geschlechter in Grenzen hält? Die Überlebensrate. Ab einer gewissen Grösse brauchen die Individuen von allem zu viel, um am Leben zu bleiben. «Der Gegenselektionsdruck, der die Grösse beider Geschlechter in Grenzen hält, ist viel schwerer zu untersuchen», sagt Blanckenhorn. Nun kann man die neusten Erkenntnisse dazu im Buch «Sex, Size & Gender Roles» nachlesen.