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Aus der Ferne beobachtete ich, wie ein kleiner Bursche, der mit seiner Mutter unterwegs war, plötzlich zu weinen begann. Je länger, je mehr, steigerte er sich in seinen Unmut hinein. Wie wild fuchtelte er mit seinen Händen umher, und stampfte mit den Füssen abwechselnd in den Boden. Schliesslich setzte er sich auf den Gehweg, und verschränkte seine Arme vor sich, weiterhin bitterlich und lauthals weinend. Dann legte er sich bäuchlings hin, sein Körperchen bebte richtiggehend von seinen Ausbrüchen, und vergrub den Kopf in seinen Händen. Die Beine schwenkte er angewinkelt im luftleeren Raum auf und ab. Während dem Drama in fünf Akten wartete ich inständig darauf, dass die Mutter irgendetwas Deeskalierendes tut, was jedoch nicht geschah. Er schrie sich regelrecht die Seele aus dem Leib, und sie sass einfach seelenruhig neben ihm. Situativ legte sie ihre Hände schützend um ihn. Mein anfängliches Entsetzen wandelte sich im weiteren Verlauf in tiefe Berührung. Denn irgendwann, nach gefühlten Stunden (in Wirklichkeit waren es zehn Minuten), löste er seinen Kopf von den Händen, und erwiderte den Blick seiner Mutter, der stets auf ihn gerichtet war. Immer noch schluchzend, aber deutlich leiser, kroch er mit zerzausten Haaren und verquollenen Augen zu ihr, und umklammerte sie. Die Mutter hielt ihn fest, küsste behutsam seinen Kopf, und schaukelte ihn sanft hin und her. Es schien mir, als würde sie ihn damit im (Wieder)Finden seiner Mitte unterstützen. Er wurde ganz ruhig, und liess sich schmiegsam bei ihr nieder. Fast so, als würde er einschlafen. Jegliche Anspannung, Wut und Traurigkeit wich von ihm.
Eines der wertvollsten Geschenke, die wir einem anderen machen können, ist unsere volle und ungeteilte Aufmerksamkeit - manchmal ohne die (egoistische) Notwendigkeit, zu reagieren, zu unterbrechen, oder zu kommentieren. Es sei denn, wir werden darum gebeten. «Raumhalten» basiert auf die Erlaubnis, dass gelebt werden darf, was empfunden wird. Es bedeutet nicht, irgendetwas zu kontrollieren, sondern zuzulassen, dass diese Erfahrung die Form annimmt, die zum Ausdruck gebracht werden will, und den anderen mit unserem Bewusstsein einfach darin zu halten. Meine schicksalshafte Anteilnahme an diesem Geschehnis hat mich nicht nur in meinem Tun bestärkt, für andere Menschen eine Raumhalterin zu sein, sondern mir auch die Augen für den Umgang mit mir selbst geöffnet. Beide, die Mutter wie auch das Kind, verkörpern mit diesem «Sinnbild» nämlich folgendes: Versuchst du manchmal auch, deine Traurigkeit, Angst, oder Wut durch exzessive Handlungen zu vertreiben? Und hast du auch schon festgestellt, dass du dadurch alles nur noch schlimmer machst? Dass die Schwere bleibt und sich verhärtet? Und dass sich bisweilen sogar noch andere Baustellen auftun? Vielleicht, oder ziemlich sicher, hast du dann irgendwann auch zwangsläufig nachgegeben, und die Erfahrung gemacht, wie erleichternd es sein kann, allem einfach Raum zu geben. Ich komme mir in solchen Momenten manchmal vor wie jemand der, umgeben von Wasser, viel zu lange laut aufschreit vor Durst. Und ich glaube, dass wir uns vermehrt ermächtigen sollten, uns wirklich jederzeit ernst zu nehmen - mit all unseren Abgründen und all unseren Ecken und Kanten - und einfach fliessen zu lassen, was fliessen will. Genau so wie Kinder das tun, die sich diesen Raum einfach geben. Und genau so wie jene Mutter, die diesem Kind den geschützten Raum dazu hielt, sodass es sich wandeln und transformieren durfte.
Falls du dir Raum für Angestautes geben willst, dir jedoch die Sicherheit fehlt, um deine Schutzmechanismen fallen zu lassen, so reiche ich dir gerne meine Hand. In meiner Praxis biete ich dir einen geschützten Raum, in dem du dich ehrlich, offen und verletzlich zeigen darfst. Ich halte diesen Raum für dich, ohne zu urteilen, ohne zu kontrollieren, und ohne zu unterbrechen. Für alle Formen und Farben, die sich in dir zeigen, und zum Ausdruck gebracht werden möchten. Denn ich wünsche mir für uns allen, dass wir die Erfahrung machen dürfen, die dieser Junge gemacht hat; dass alles nach und nach von uns weicht, was uns erschwert, wenn wir es nur lassen. Und dass wir in diesem (Wieder)Finden unserer Mitte letztlich wahrnehmen dürfen, dass wir jederzeit ganz fest und sicher gehalten werden. An dieser Stelle unbekannterweise ein grosses DANKE an jene Mutter, dass auch ich von dieser kraftvollen Erfahrung profitieren, und dieses Bild in mein Herz nehmen durfte. Auf dass es möglichst viele Menschen dazu animiert, für andere und sich selbst Raumgeber/in (Kind) und gleichwohl Raumhalter/in (Mutter) zu sein.