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Jahreswechsel – die Zeit für Vorsätze und andere mit lediglich heisser Luft gefüllte Kracher. Die Zeit von viel Lärm um nichts. Die Zeit von grossen Worten mit wenig Inhalt.
Man tritt der Menschheit sicherlich nicht zu nahe, wenn man bemerkt, dass sie sich in der langen Zeit der Pandemie wieder auf ältere abendländische Tugenden besonnen hat. Junge Doppelbelastungseltern kneteten plötzlich Brotteig mit ihrem Nachwuchs, fanatische Porsche-Piloten lobten auf einmal die Freude des Spazierengehens, und Menschen, die zuvor Bäume ausschliesslich in Form einer Designer-Kommode ertrugen, wandelten – oh Wunder – beglückt in Wäldern umher. Und oft erinnerte einen nur das verwackelte Beweisfoto auf Instagram daran, dass wir uns nicht im, sagen wir, bürgerlichen Freizeitkanon des 18. Jahrhunderts befanden. Zu jener Zeit wurde im Übrigen noch vermehrt ein Geräusch zelebriert, das heute wieder mehr als nötig wäre, im Öffentlichen und Privaten, und wenn es einen Vorsatz für 2023 geben müsste, dann vielleicht diesen: mehr seufzen.
Seufzen – zum Beispiel, wenn sich die Basler Stadtplaner zusammen mit den – wir lachen uns kaputt – Experten von StadtKonzeptBasel vornehmen, in der Liegenschaft des ehemaligen Restaurants «Schlüsselzunft» einen Ableger der britischen Heimtierbedarf-Kette «pets at home» einzuquartieren, um der Internationalisierung der quarzsandstein-gepflasterten Freien Strasse weiter Nachachtung zu verschaffen.
Seufzen – zum Beispiel, wenn sich die Regierungen der Schweizer Bergkantone vornehmen (müssen), die Angestellten von Bergbahnen und Skiliften aufgrund des akuten Schneemangels als Bettler-Kolonnen in die Grossstädte Bern, Zürich und Basel abzudelegieren. Ausgerüstet mit einer warmen Decke, einem Sammelbecher und einem Karton, auf dem uns in zittriger Schrift verraten wird: «meine Frau und meine drei Kinder – nichts zu essen…». Unterzeichnet – «Heiri von der Wengernalp».
Seufzen – zum Beispiel, wenn sich in irgendeiner Suite im «Mar-A-Lago» in Palm Beach, Florida ein realitätsentfremdeter Pensionär vornimmt, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen die nordamerikanische Demokratie weiter untergraben zu wollen und seinen republikanischen Parteifreunden damit droht, seine Kandidatur allenfalls auch mit Waffengewalt durchzusetzen.
Seufzen – zum Beispiel, wenn sich ein völlig Empathie- und Intelligenz-freier, selbsternannter Fussball-König in seinem Regierungs-subventionierten Penthouse in Doha vornimmt, sich ab sofort unter einer Million Dollar nicht mehr bestechen zu lassen, und künftig Weltmeisterschaften an jenen Kandidaten zu vergeben, der sich das Stimmenkaufen am meisten kosten lässt.
Seufzen – zum Beispiel, wenn sich die Anhänger von «Extinction Rebellion» in einem Video-Call vornehmen, sich in Zukunft nicht mehr an Strassen und Kunstwerke kleben zu wollen, sondern Meteorolog*innen und Klimaforscher*innen zu teeren und zu federn – ganz nach der altertümlichen Gepflogenheit, dass die zur Rechenschaft gezogen werden, die schlechte Nachrichten verbreiten.
Seufzen wird heute leider oft nur als lebenserhaltende Körperfunktion angesehen, nötig, damit unsere Lungen nicht zusammenfallen, was in der Wissenschaft an Mäusen bewiesen wurde, die bis zu 40-mal pro Stunde seufzen. Abgesehen davon, dass dies natürlich eine entzückende Vorstellung ist und man sogleich gern mehr über die Seufzfrequenz weiterer Tiere wüsste, verkennt es doch den anderen Zweck des Seufzens, nämlich als bewusste, lebensnotwendige Kulturtechnik.
Seufzen ist schliesslich weit mehr als der Ausdruck groschenromanhafter Hinfälligkeit, der einer höheren Tochter entfährt, wenn ihre Eltern sie mit einem Baron «Puffi von und zu… weiss-nicht-was» verheiraten wollen. Spätestens von Heinrich von Kleists «Alkmene» wissen wir, dass ein «Ach!» weiterhin sowohl Generationen von Germanistikstudent*innen beschäftigen kann, als auch unsere hochsubventionierten Stadttheater. Seufzen ist ja in Wahrheit das komplizierteste Geräusch, zu dem ein Mensch in der Lage ist. Was ausgezeichnet zu unserer Gegenwart passt, von der es ja andauernd wichtigtuerisch heisst, sie werde ebenfalls «immer komplexer». Johann Gottfried Herder schrieb deshalb. «Das matte Ach! Ist sowohl Laut der zerschmelzenden Liebe als der sinkenden Verzweiflung: das feurige O sowohl Ausdruck der plötzlichen Freude als der auffahrenden Wut…»
In den sozialen Medien, den Sammelgrüften unseres täglichen, spontanen Gefühlshuschihuschis, lässt sich bereits ein zaghafter Anstieg dieser dahingeseufzten Vieldeutigkeit erkennen. Es wird langsam wieder geacht, gehacht und geot: Ach, Alain Berset. Hach, Fenchel. O, Baustellen-Chaos. Und all dies steht zauberhaft verrätselt vor einem, dass man zum Gebrüll und zum schwülstigen Herumwüten gar nicht mehr zurückkehren, sondern vielmehr von allen Seiten angeseufzt werden möchte. Und da inzwischen immer mehr «Ambivalenz» (Zwiespältigkeit, Zerrissenheit) gewünscht wird und mehr «Ambiguität» (Doppeldeutigkeit), sollte das Seufzen eben der Gefühlsausdruck des gerade angebrochenen Jahres werden, in dem nicht nur Verzweiflung erklingt, nicht nur Resignation oder dumpfe Verzückung, sondern der spielerische, glamouröse Wille zur Mehrdeutigkeit, die einem zugleich die verschwendete Lebenszeit erspart, die in der meisten Erregung und emotionalen Unausgeglichenheit unserer Debatten steckt. Neumodisch gesprochen, Seufzen ist auch Resilienz in diesen nachrichtenirren Zeiten: Die deutsche Universität Marburg schliesst einen HIV-positiven Studenten mitten in seinem Zahnmedizin-Studium von den Kursen aus – O! Die frühere erfolgreiche Skirennfahrerin Rosi Mittermaier erliegt mit 72 Jahren einem Krebsleiden – Ach! Der Grossverteiler «Coop» steigert seinen Gesamtumsatz 2022 auf 34, 2 Milliarden Franken, was einem Plus von 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht – O! Die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) warnt vor einem möglichen Engpass an Methadontabletten in den kommenden Wochen – Ach!
Dies schon als Gleichgültigkeit zu bezeichnen, übersieht, was Christian Fürchtegott Gellerts (selbst von hoher Seufzqualität) schwedische «Gräfin von G***» bereits wusste: «Ich seufzte; doch dieses war genug gesagt.»
So gesehen: 2023, ach.