Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/1831

Nik Douglas über LSD, die Rolling Stones und Tantra in den 60er Jahren
Nik, ich habe in deiner Biografie gelesen, dass Tantra 1964 ins Zentrum deiner Aufmerksamkeit rückte. Was war damals genau?
Nik Douglas: Ich kam bereits in meiner Kindheit mit mystischen Traditionen in Berührung. Meine Mutter war ein Trance-Medium und interessierte sich für Theosophie, Gurdjieff, Ouspensky usw. Mein Vater, der Wissenschaftler war, interessierte sich für Buddhismus und praktizierte Hatha Yoga. Es hatte eine Menge Bücher über Mystik im Hause meiner Eltern in Zypern, wo ich in den 50er Jahren aufwuchs. Darunter war ein Buch "Die Schlangenkraft" und auch andere Bücher von Arthur Avalon bzw. Sir John Woodroffe. Diese Bücher interessierten mich sehr, ich habe sie regelrecht verschlungen.
Später beschäftigte ich mich mit Ägyptologie und hätte sie beinahe zum Beruf gemacht. Es gab einen Zeitpunkt, da ich die östliche Mystik regelrecht "entdeckte" und fast alles las, was mir in die Hände kam.
In den frühen 60er Jahren, lebte ich mit einer Gruppe von Künstlern auf Ibiza, und wir hatten Zugang zu reinem LSD der Firma Sandoz. Die Firma gab es damals zu einem symbolischen Preis an "qualifizierte Personen" ab – an Künstler, Schriftsteller usw. So habe ich 1962 zum ersten Mal LSD genommen und dabei Tantra gewissermassen wiederentdeckt, das mir die einzige Lehre zu sein schien, die auf sinnvolle Art und Weise eine Verbindung von Innen und Aussen schaffen konnte. Die Leute um mich, die mit LSD experimentierten, dachten genau gleich. Es war keine intellektuelle Auseinandersetzung, sondern eher eine "ganzheitliche Körper-Geist-Erfahrung".
Für uns war Tantra der "Stoff", aus dem wir und das Universum zu bestehen schienen. Sexuelle Energie, die Verbindung von Männlich und Weiblich, Energiezentren, also die Chakren, ein höheres oder erweitertes Bewusstsein, mystische Erfahrungen und Kräfte, Siddhis – all das bedeutete Wirklichkeit für uns während und auch nach dem LSD-Trip. Wir beschäftigten uns stark mit den Fragen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Tantra gab Antworten darauf. Es war der einzige "Lebenstil", der für uns attraktiv war.
Und 1964, was ist in diesem Jahr Besonderes passiert?
In diesem Jahr etablierten sich die Psychedelia in der Avantgarde. Wenn ich mich recht erinnere, erschien damals Tim Learys Ausgabe des "Tao Te Ching". Leary kannte Lama Anagarika Govinda und Dr. Bindu Joshi, zwei gute Freunde von mir in Indien. Beide lebten in Almora, im Himalaja.
Damals erschien auch das "Tibetische Totenbuch" – der Führer durch die psychedelische Kultur – von Leary und Ralph Metzner. Tim Leary interessierte sich sehr für Tantra, genauso wie sein "Initiator" Michael Hollingshead, der Autor des Buches "The Man who Turned on the World".
Auch die Schriftsteller der Beat-Generation wie Lawrence Ferlingetti, Gregory Corso und selbstverständlich Allen Ginsberg zeigten Interesse an Tantra. Vielleicht wegen der grossen Bedeutung der sexuellen Energie und wegen seiner kompromisslosen Haltung bei etlichen Themen. Tantra passte gut zum Lebensstil der Beatniks und der entstehenden Protest-Bewegung. Im Jahr 1964 kam das alles zusammen. Es war das Jahr, in dem Tantra "abhob".
Übrigens, als unsere "Magical Mystery Tour" nach Bengalen zum Tarapith Great Cremation Ground kam, und wir im Gästehaus in Dharamasala logierten, war allerdings als einziger Westler Allen Ginsberg im Gästebuch eingeschrieben.
Das war vier oder fünf Jahre später, als du 1968 während der Kumbh Mela in Hardwar gefilmt hast. Hat das, was du dort aufgenommen hast, Eingang in deinen Film "Tantra – Indian Rites of Ecstasy" gefunden?
Ich war bereits 1966 in Indien, reiste viel herum und kam mit zahlreichen Yogis, tibetischen Lamas und Mystikern in Kontakt. Ich verbrachte ein Jahr bei Ajit Mookerjee. Er war Direktor des Craft Museum in New Delhi und hatte zu Hause eine Tantra-Kunstsammlung. Ich war eine Art unbezahlter Assistent. Ich machte Notizen, stellte Fragen und half ihm, Ordnung in die Sammlung zu bringen. Sein erstes Buch über Tantra-Kunst stand kurz vor der Drucklegung bei einem Schweizer Verlag. Herausgeber war Ravi Kumar, dessen älterer Bruder Virendra eine Kunstgalerie in New Delhi führte. In New Delhi arbeitete ich also mit Ajit und mit Virendra Kumar zusammen sowie mit einigen seiner Künstler. Viele von ihnen, etwa Biren De, waren Anhänger der tantrischen Philosophie und malten in einem zeitgenössischen tantrischen Stil.
Die Kumbh Mela stand bevor und Ajit schlug vor, einen Film darüber zu drehen – eine Mischung von Kunst und Sadhu-Lifestyle. Er meinte, es sollte sogar möglich sein, auf dem grossen Verbrennungsplatz, wo die Tantriker leben, Aufnahmen zu machen. Ich kehrte nach London zurück mit Ajits Versprechen, dass er alles daran setzen würde, mich bei dem Projekt zu unterstützen, wenn ich einen Sponsor für den Film fände.
Als ich nach London kam, erschien gerade Mookerjees Buch "Tantra Art". Es war eine Sensation unter den Avantgarde-Künstlern. John Lennon bat mich, Ajit Mookerjee um die Erlaubnis zu fragen, Yantras aus dem Buch als Dekoration auf seinem Mini verwenden zu dürfen - später wollte er auch welche im Hauptquartier von Apple verwenden.
In dieser Zeit lernte ich den Kunsthändler Robert Fraser kennen, der eng mit den Beatles und den Rolling Stones befreundet war. Wir beschlossen, mit Ajit den Film zu machen. So gründeten Robert und ich "Shakti Films".
Wir erzählten den Stones von unserer Idee und insbesondere Brian Jones zeigte sich sehr interessiert. Er hatte damals sein Plattenlabel "Mother Earth" gegründet, das auf einer Art "World Music"-Konzept basierte, und hatte dafür schon einige Aufnahmen in Marokko gemacht. Keith Richards zeigte ebenfalls Interesse, und Mick Jagger schien das Potenzial des Films zu erkennen. So haben zuerst die Stones, schliesslich nur Mick, die Zusicherung gegeben, das Projekt unter zwei Bedingungen finanziell zu unterstützen. Erstens sollten wir soviel Musik wie möglich aufnehmen, wobei ein High-Tech-Equipment zum Einsatz kommen sollte, und zweitens sollte Kenneth Anger die Regie übernehmen.
Kanntest du Kenneth Anger zu diesem Zeitpunkt schon?
Robert Fraser hatte mich mit Kenneth Anger bekannt gemacht. Ein- oder zweimal pro Woche brachte Kenneth ungewöhnliche 16-mm-"Kunst"-Filme in Roberts Wohnung an der Mount Street im Londoner Stadtteil Mayfair, wo sie im Freundeskreis vorgeführt wurden. Mitglieder der Beatles und der Stones, verschiedene Künstler und Schriftsteller wie etwa William Burroughs waren zugegen. Kenneth hatte zu jener Zeit grossen Einfluss auf Mick. Deshalb kamen wir überein, dass Mick den Film finanzieren, Kenneth Regie führen und und ich zusammen mit Robert ihn produzieren würde. Das Geschäft wurde besiegelt und schriftlich festgehalten von Sandy Lieberson, der damals eine Art Agent von Mick war und heute ein bekannter Filmproduzent ist.
Ursprünglich wollten sich uns die Stones in Indien anschliessen, um gemeinsam in Rishikesh die Beatles zu treffen – diese waren damals beim Maharishi Mahesh Yogi. Wir wollten einen Bus oder mehrere Busse mieten und dann zusammen eine Art "Mystery Tour" durch Indien machen, mit Kenneth Anger als Regisseur des Films. Es gab kein Drehbuch, und ich war der einzige in unserer Gruppe, der schon einmal in Indien gewesen war.
Robert und ich stellten die Crew zusammen. In letzter Minute stiess noch Michael Cooper hinzu – ebenfalls ein Freund und ein Geschäftspartner von Robert Fraser. Er hatte die Fotos für das Cover des Beatles-Albums "Sergent Pepper's" gemacht, das Ideen von Peter Blake verwendete, einem von Roberts Künstlern, und in einem Studio entstanden war, das zur Hälfte Robert gehörte.
Kurz vor Beginn der Kumbh Mela flogen wir, das Team von "Shakti Films", nach Delhi, wo wir Ajit Mookerjee trafen. Aus der Begleitung der Stones wurde nichts – Mick hatte begonnen am Film "Performance" zu arbeiten. Und auch aus dem Treffen mit den Beatles, die sich damals in Maharishis Ashram aufhielten und von den Medien belästigt wurden, wurde nichts.
Wir fuhren mit einem Tross von Limousinen nach Hardwar, wo wir rechtzeitig zum Beginn der Kumbh ankamen. Zur Gruppe gehörten nun auch Ajit Mookerjee und Ashish Ganju, der eine Art von Road-Manager war.
Zu Beginn haben wir alles aufgenommen, was interessant oder bedeutungsvoll schien. Kenneth Anger hatte eine Kamera, und ebenso Michael Cooper. Es wurden einige Szenen gedreht, aber die Arbeitsbedingungen waren schwierig wegen der grossen Menschenmenge – es wurden sogar Leute zu Tode getrampelt – oder wegen der Polizei, die alles zu kontrollieren versuchte. Dazu kam auch noch ein grosser Sturm, viele Leute wurden vom Blitz getroffen und erschlagen. Auch unser Camp wurde in Mitleidenschaft gezogen.
Was waren die Folgen für den Film?
Kenneth spielte verrückt und wollte abreisen. Robert und ich diskutierten darüber und waren schliesslich damit einverstanden, dass er "sein eigenes Ding durchziehen" könne. Er nahm eine Kamera mit, eine Menge Filmmaterial, kehrte nach Delhi zurück und flog von dort direkt nach Ägypten, wo er einige Aufnahmen für seinen Film "Evocation of My Demon Brother" machte. Sie zeigen ägyptische Szenerien, Pyramiden usw., aufgenommen mit liegender Kamera – entstanden sind so Bilder in Hochformat.
Nach Kenneths Abreise wurde ich "Director" des Projekts, aus dem später der Film "Tantra" werden sollte. Für die endgültige Fassung verwendeten wir nur sieben Einstellungen, die an der Kumbh gedreht worden sind. "Künstlerische" Sequenzen, die während des Sturms in Michael Coopers Kamera durch die Einwirkungen von Licht und Wasser auf das Filmmaterial zustande gekommen waren. Ich schnitt sie in eine Szene der Shiva-Lingam-Puja im Goldenen Tempel von Benares. Diese war eine Premiere: eine versteckte Kamera, geheime Rituale...
Das Material, das in Hardwar gedreht worden ist, habe ich immer noch. Es reichte nicht für einen eigenen Film und schien mir nicht von Bedeutung für den Tantra-Film.
Kenneth und ich haben uns nach diesem Abenteuer nicht mehr oft gesehen. Doch war er bei der Vorpremiere des Films in London anwesend und sagte mir, ich hätte gute Arbeit geleistet. Besonders schätzte er, dass ich keinen Dokumentarfilm gemacht hatte und der Film nicht didaktisch geworden war.
Um was geht es in dem Film?
Es geht dabei um Bewusstsein – um die Reise der Kundalini-Energie durch die Chakren – künstlerisch gestaltet. Musik und Bilder. Mantras und Yantras. Shiva und Shakti. Es ist eine Art Gewebe. Ohne Dialog. Im Zentrum stehen ein Tag und eine Nacht an einem Verbrennungsplatz, mit der Fütterung von Schakalen, dem Bhairavi-Chakra-Ritual und einer Gruppe von tantrischen Sadhus mit ihrem Guru. Und es gibt eben eine Sequenz mit einer authentischen "Maithuna"-Vereinigung um Mitternacht. Der Film hat einen sehr bewegenden Soundtrack, besonders zu erwähnen sind die Lieder von Kanhai Banerjee, ein tantrischer Sänger und Freund von Ajit.
Besonderen Anklang fand der Film bei Leuten, die ihn während eines LSD-Trips anschauten. Der Film wurde zuerst in verschiedenen Colleges in den USA gezeigt und auch häufig in Filmclubs und Ähnlichem in London, in Amsterdam, in Schweden, aber auch an anderen Orten vorgeführt. John Lennon sagte mir, dass es sein Lieblingsfilm sei. Und Mick Jagger gratulierte mir dafür.
Aber ehrlich gesagt wussten damals nur wenige genug über Tantra, um wirklich zu verstehen, worum es ging. Es war einfach eine Erfahrung: 40 Minuten totales Eintauchen in Tantra. Ich habe dann mein erstes Buch "Tantra-Yoga" geschrieben, gewissermassen um den Film in einen Kontext zu stellen. Das Buch ist 1971 in Delhi erschienen.
Hat sich Mick Jagger für Tantra interessiert?
Mick war daran seinen Weg zu machen, ein Superstar zu werden. Er interessierte sich für "Power", kraftvolle und magische Dinge. Er schätzte Ajit Mookerjes Buch "Tantra Art" sehr. Und er sah, dass Leute, die ihm wichtig waren, sich für Tantra interessierten – es war radikal und sinnlich und hatte mit Bewusstsein zu tun, alles Dinge, die ihn interessierten. Du müsstest Mick selber fragen, ob sein Interesse an Tantra tiefer ging oder nicht.
Und John Lennon? Ihn kann ich leider nicht mehr fragen...
John stand zu jener Zeit stark unter dem Einfluss von Robert Fraser. Robert machte ihn mit Künstlern, Schriftstellern, Poeten und Filmemachern der Londoner Szene bekannt, und half ihm so, sich von seinen provinziellen Wurzeln zu lösen. John war ein kluger Mensch und wurde von Tantra sicher sehr angezogen. Aber ich bezweifle, dass er viel darüber wusste. Er stellte mir Fragen zu Yogis und Magiern. Aber dann kam er mit dem Maharishi in Kontakt und wurde auf ein Nebengeleise von Tantra gelenkt. Da der Maharishi Initiationen mit tantrischen Keimsilben-Mantren vornahm, ist die Transzendentale Meditation tantrisch eingefärbt.
Leider warf die puritanische "brahmanische" Richtung des Hinduismus, von Leuten wie dem Maharishi populär gemacht, auf Tantra ein negatives Licht und entwertete es. Brahmanische Lehrer – eben Yogis wie der Maharishi – galten als "Brahmacharis", was soviel heisst wie zölibatär Lebende. Aber natürlich fanden wir später alle heraus, dass sie sich mit ihren Anhängerinnen vergnügt hatten. Abgestossen von all der Heuchelei ging John Lennon dann seinen eigenen Weg.
Er fand durch Kunst wieder zu sich selber – er machte seine Ausstellung "You are Here" zusammen mit Yoko Ono in der Galerie von Robert Fraser. Ich glaube nicht, dass Yoko sich sehr für Tantra interessierte – vielleicht fühlte sie sich dadurch belästigt. Was, wie mir schien, immer der Fall war, wenn sie etwas nicht kannte. Und das beeinflusste John. In der ersten Zeit ihres Zusammenseins trafen wir uns, John, Yoko, Robert und ich, einige Male zum Lunch. Und wann immer das Gespräch auf Tantra kam – was sehr oft der Fall war, weil wir es durch Ausstellungen usw. bekannter machen wollten – versuchte Yoko, das Gesprächsthema zu wechseln.
Jahre später führte ich verschiedentlich Gespräche mit John über Tantra, und er sagte mir, dass er denke, dass es "eine gute Idee" sei. Aber zu der Zeit war er bereits ein Idol der Popmusik, ein Superstar und sein Lebenswandel wurde genau beobachtet.
Es ist bekannt, dass Mick Jagger und Robert Fraser 1967 wegen Drogenbesitz festgenommen wurden – es gibt davon ein Bild des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton nach einem Pressefoto. Du hast LSD bereits erwähnt, gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Heroin und dem Interesse an Tantra in dieser Zeit?
Die Leute experimentierten damals mit allen möglichen Substanzen. Vor allem aber schienen Haschisch und LSD mit Tantra in Beziehung zu stehen.
Robert Fraser war eine überaus empfängliche Person, mit offenen Augen, vielen Interessen und ausserordentlich guten Beziehungen. Wir waren damals gute Freunde. Ich selber habe ihn nie Heroin konsumieren sehen, auch wenn ich mitbekam, dass Leute aus seinem Umkreis es konsumierten. Heroin zu nehmen war zu jener Zeit eine Art Mutprobe, und ich denke, dass Robert so damit in Kontakt kam. Er wurde einfach von verschiedenen Richtungen angezogen.
Dass Robert wegen der Heroin-Sache verhaftet wurde, war gewissermassen schlechtes Timing, Pech. Wenn ich mich recht erinnere, hatte Mick ein oder zwei Speed-Tabletten auf sich. Die Presse wartete draussen, um Mick und Robert abzupassen. Keith Richards und Marianne Faithful hätte es ebenso erwischen können, wie etliche andere Personen in der Szene damals auch. Ich habe das Haus ein paar Stunden vorher verlassen! Es war eine Zeit des Experimentierens, ans Limit zu gehen und auszuprobieren, wie verrückt wir sein konnten.
Noch einmal zurück zu Anger: Er ist vor allem bekannt geworden als Anhänger der Ideen von Aleister Crowley, der als Magier berühmt-berüchtigt ist – er erscheint auch auf dem Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". Gibt es Einflüsse von Crowley auf das moderne Tantra?
Ich hatte hitzige Diskussionen mit Kenneth über Crowley und Tantra. In den frühen 60er Jahren hatte ich mich durch Crowley gelesen und einen Abriss seiner Ideen im Zusammenhang der "Magie" im Westen geschrieben. Doch dann begann ich mich mit Tantra zu beschäftigen. Was ich aber herausgefunden habe, ist, dass Crowley tatsächlich von zumindest einem tantrischen Yogi in Indien initiiert worden ist.
Mein letztes Buch "Spiritual Sex: Teachings of Tantra from the Ice Age to the New Millenium" enthält ein ganzes Kapitel über Crowley und Tantra. Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, habe ich noch mehr über die Beziehungen zwischen Crowley und der Tradition des Tantra herausgefunden. Vielleicht werde ich einmal eine Ergänzung veröffentlichen. Übrigens hat Bill Breeze, ein hohes Tier der Crowley-Bewegung, die Video-Edition des Tantra-Films finanziell unterstützt.
Du hast bereits deine Zusammenarbeit mit Ajit Mookerjee erwähnt und das Interesse der Avantgarde an tantrischer Kunst. Was interessierte sie daran?
Ich arbeitete intensiv mit Ajit Mookerjee zusammen, an seinem ersten Buch "Tantra Art" und später an seinem zweiten Buch "Tantra Asana". Ein drittes Buch "Tantra Sadhana" war geplant, aber Ajit überwarf sich mit seinem Verleger und gab später in einem anderen Verlag andere Bücher heraus.
"Tantra Sadhana" hätte Tantra als eine Form der Anbetung zeigen sollen. Die Idee war, dass das Schaffen wirklich tantrischer Kunst eine Art von Gottesdienst ist – ein Zwiegespräch mit höheren Mächten, dem Göttlichen. Weil das Göttliche nicht beschrieben werden kann, kann es am besten in abstrakten Formen zum Ausdruck gebracht werden. Deshalb enthält tantrische Kunst abstrakte Qualitäten. Dieser Aspekt war selbstverständlich äusserst interessant für zeitgenössische Künstler. Künstler wie Karel Appel, Paul Jenkins und viele andere verstanden tantrische Kunst als Bestätigung dessen, was sie selbst machten.
Als ich aus Indien zurückkehrte mit meiner Begeisterung für Ajit und die Tantra-Projekte, brachte mich Robert Fraser als führender Händler für zeitgenössische Kunst in London und Mann mit den richtigen Beziehungen mit Hugh Shaw vom Arts Council zusammen und die erste grosse Tantra-Ausstellung wurde geplant. Sie wurde zum grössten Teil in Delhi zusammengestellt, in Ajits Haus. Ich unterstützte Ajit bei der Auswahl, Dokumentation und half das ganze Zeug für den Transport zu verpacken. Robert war unsere Kontaktperson in London, und um den Ausstellungskatalog des Arts Councils zusammenzustellen, kam Philip Rawson dazu. Später gab Rawson einige populäre Bücher über tantrische Kunst bei Thames & Hudson heraus, für die er vorwiegend Ajit Mookerjees Material verwendete.
Ebenfalls in den späten 60er Jahren hat Osho oder Bhagwan Shree Rajneesh begonnen, Diskurse über Sex und Spiritualität zu halten. Wie wichtig ist er deiner Meinung nach für das moderne Tantra?
Ich lernte Bhagwan Rajneesh kennen, als er Professor für Philosophie war. Er war ein Parse, sehr intellektuell, und befasste sich damals vor allem mit westlichen Hypnosetechniken, aber auch den Lehren von Gurdjieff, Ouspensky und anderen westlichen Mystikern. Dagegen hatte er keinen Hintergund, was indische Mystik betraf, und er hatte sicher keinen Guru. Aber er las sehr viel.
Später nahm er als Themen auf, was Indien-Reisende an Tantra interessierte, insbesondere Sexualität und die im Westen sich verändernden Lebenshaltungen.
Ich habe keine Ahnung, ob Bhagwan Rajneesh in Tantra initiiert worden war, aber ganz sicher war er eine beeindruckende Persönlichkeit und hatte sich ganz seinem Ziel verschrieben. Sein Einfluss jedenfalls ist bemerkenswert.
Für mich ist er ein Phänomen, und er lehrt eher "Neo-Tantra" oder "New-Age-Tantra" als das traditionelle Tantra.
Times they are a-changin'... Wie hat sich Tantra seit den 60er Jahren verändert und welche Zukunft hat es?
Tantra ist die Zukunft. Es ist eine Lebensart für diejenigen, die sich darauf einlassen. Aber sie ist nichts für die Ängstlichen, für diejenigen, die sich hinter ihren Schatten verstecken und die Ketten der Vergangenheit als Ausrede benützen. Tantra ist die Gegenwart und ein Versprechen für die Zukunft, dass sich das Bewusstsein weiterentwickelt. Es ist Männlich und Weiblich im Gleichgewicht, eine wahrhaft demokratische Spiritualität. Heute spreche ich von einer "spirituellen Software". Getestet seit Tausenden von Jahren, aber ständig aufdatiert.
Interview: Edi Goetschel (Übersetzung: Edi Goetschel und Regula Schenkel)
Erschienen in YABYUM Nr. 10, Dezember 2003.
© Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen.