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Die Reisen der Lina Bögli
Unter den Titeln «Forward/Vorwärts» (1905) und «Immer vorwärts» (1915) schrieb Lina Bögli zwei Bücher über ihre Reisen nach Australien, Neuseeland, Samoa, Hawaii, Amerika, England, Japan, China – und ihr Leben dort. Die erste Reise dauerte auf den Tag und die Stunde genau 10 Jahre. Von 1892 bis 1902. Der Grund zur Abreise liegt – so notierte Lina Bögli selbst in den Tagebüchern – in Polen.
Lina Böglis Biografin Elisa Strub schrieb dazu: «Es trat ein Erlebnis in ihr Leben, das ihr Innerstes aufwühlte. Sie begegnete ihrer einzigen und grossen Liebe. Ihr Freund Juljus Bijak war polnischer Offizier, mit Leib und Seele seinem Beruf ergeben. Wenn sie sich heiraten wollten, musste er eine Kaution von 50 000 Kronen hinterlegen oder seinen Beruf aufgeben. Er war bereit, letzteres zu tun und gab deshalb dem Ministerium seine Entlassung ein. Lina aber hatte an anderen Verhältnissen in Polen beobachten können, dass der Verzicht eines Mannes auf seine Laufbahn um der Liebe willen nicht zum beiderseitigen Glück führte. Ihre Liebe war zu gross, als dass sie ein solches Opfer annehmen konnte. So verzichtete sie. Er aber wollte nicht – und da legte sie die halbe Welt und einen Zeitraum von 10 Jahren zwischen sich und ihn, in dem sie den Entschluss fasste, eine Weltreise zu unternehmen, dabei an den Orten, wo sie Station machen würde, ihr Leben zu verdienen und erst nach 10 Jahren wieder nach Krakau zurückzukehren. Im Verlaufe dieser langen Zeit würde die Glut der Liebe gelöscht sein. So entschloss sie sich, nach dem fernen Australien zu fahren. Sie wusste, dass ihr Freund ihr dorthin nicht nachkommen konnte. Für sie bedeutete ihr Entschluss die Flucht vor ihrem Gefühl.»
Lina Bögli selbst erwähnte ihre grosse Liebe Julius Bijak in ihrem 1905 auf deutsch erschienen Reisebericht «Vorwärts» mit keinem Wort. Bögli reiste von 1892 bis 1902 zuerst nach Australien und Neuseeland, dann weiter über Samoa, Hawaii und Amerika nach England. Sie war auf den Tag genau 10 Jahre unterwegs, wie sie es sich vorgenommen hatte.
Ihre Rückkehr nach Krakau beschreibt Elisa Strub so: «Als Lina Bögli am 12. Juli 1902 nach 10-jähriger Abwesenheit in Krakau ausstieg, wer stand auch da in Zivil? Bijak, mit dem sie gemäss Vereinbarung in diesen 10 Jahren nie in schriftlichem Verkehr gestanden war. Er war da und erneuerte seine Werbung. Aber Lina hatte nicht während 10 Jahren mit diesem Problem gekämpft, um dann doch noch schwankend zu werden. Ihr Opfer war ein für allemal gebracht worden, aber nicht vergeblich. Auf dem selbstgewählten Weg wollte sie weiterziehen, weiter allein. Der Abschied der beiden wurde ein endgültiger. Auch wenn Lina das – wie wir aus ihren späteren Tagebüchern wissen – schwer fiel.»
Das Buch zur Reise schrieb sie in Polen. 1906/07 bewarb sie sich als Lehrerin für Französisch am Paulinenstift in Friedrichshafen und wurde angestellt. Sie unterrichtete bis 1910. Ihre Biografin Elisa Strub: «Nach den Jahren als Lehrerin am Paulinenstift in Friedrichshafen reifte in Lina Bögli 1910 der Plan, noch einmal in die weite Welt hinauszuziehen, auch diesmal nicht als Touristin, sondern als berufstätige Frau. Ihr Ziel war der ferne Osten: Japan und China. Als dieser Plan bekannt wurde, erregte er allgemeines Aufsehen. Lina wurde sogar an den königlichen Hof eingeladen, um von ihren Japanplänen zu erzählen. Man bestaunte sie, dass sie allein und unbeschützt in all diese Unsicherheit einer beschwerlichen Reise durch Russland und Sibirien und des Ringens um eine neue Existenz begeben wollte. Aber Lina war eben aus dem zähen und widerstandsfähigen Holz der Buchsiberge geschnitzt. Als ihr Billett Berlin-Tokio via Sibirien eintraf, schrieb sie in ihr Tagebuch: «Die Würfel sind gefallen. Von jetzt an steure ich tapfer aufs Ziel los. Der liebe Gott wird mir auch diesmal beistehen. Ich fühle mich wieder ganz jung bei meinen Plänen». Hatte sie auf ihrer vergangen Weltreise in Ländern und auf Inseln britischer und amerikanischer, also westlicher Prägung gelebt, bei Nationen, die im Fühlen und Denken, wie in den Erziehungsgrundsätzen ihr verwandt waren, so fuhr sie jetzt zu ganz anders gearteten Völkern mit anderen Religionen, Sprachen, Lebensauffassungen, Familienverhältnissen. Würde sie es bei den Asiaten aushalten? Es war alles so fremd und unbekannt, was ihrer warten würde. 55-jährig kehrte sie 1913 nach Europa zurück. Wiederum schrieb sie in Polen bei ihren treuen Freunden ihre Erinnerungen nieder, gab ihnen den Titel «Immer vorwärts».
Textquelle: Elisa Strub: Lina Bögli (1858-1941) – Ein reiches Frauenleben.
Elisa Strub (1879-1960) war eine Sekundarlehrerin und Schriftstellerin aus Interlaken. Ihr Text ist 1949 als Heft Nr. 1 der «Schriftenreihe für junge Mädchen» im Schweizer Spiegel Verlag erschienen.