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Ich denke zwar, dass die Aufteilung der Briefe einfach dem Umstand geschuldet war, dass ungefähr zwei gleich dicke Bände entstehen sollten, aber sie folgt auch inhaltlichen-biografischen Kriterien. So ungefähr ab 1810 verschwindet nämlich das Spielerische praktisch völlig aus Hebels Briefen, auch aus denen an seine Freunde. Er schreibt nicht mehr in Versen (schon gar nicht in alemannischen!), und der „Parmenides“ aus Jugend-Zeiten ist bloß noch eine manchmal (und schon fast melancholisch) zitierte Chiffre. Das Jean-Paulisieren früherer Briefe ist ebenfalls weg – Jean Paul erscheint nur noch als Adressat eines einzigen, und dazu noch recht trockenen, Briefes.
Das mag daran liegen, dass Johann Peter Hebel nun drei oder vier Tätigkeiten aufs Mal ausübt, von denen praktisch jede nach heutigen Begriffen einen 100%-Job bedeutet. So kommt es auch immer und immer wieder vor, dass er gegenüber Freunden einen Mangel an Zeit und Ruhe beklagt, der ihn daran hindert, sich wirklich sammeln zu können und einen Brief zu schreiben, der mehr ist, als ein Lebenszeichen einer überarbeiteten Seele.
Mit Cotta geht der Briefwechsel zur Veröffentlichung des Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes weiter; auch die Biblischen Geschichten bietet Hebel dem Stuttgarter Verleger an, und auch die werden dort publiziert. Perthes aus Hamburg schickt Hebel Bücher, für die sich dieser bedankt; zu einem engeren geschäftlichen Kontakt ist es aber nicht gekommen. Daneben finden wir von heute noch bekannten Namen nur Jacobi (dieses Mal den anderen!) und Ernst August Friedrich Klingemann, der sich – warum auch immer – an Hebel in Sachen Aufführung eines seiner Stücke in Karlsruhe gewandt hatte. (Ernst August Friedrich Klingemann? Je nun – heute kennt man von ihm nur noch die Nachtwachen, die er unter dem Pseudonym Bonaventura 1805 veröffentlichte. Jedenfalls schreibt die Germanistik diesen kleinen satirisch-romantischen Roman seit ein paar Jahren Klingemann zu. Das Pseudonym wurde nie offiziell gelüftet.)
Der Briefwechsel der Jahre 1815/16 zeigt auch, dass Hebel nach dem Eklat um eine seiner Geschichten im Rheinländischen Hausfreund, die ihn zur Niederlegung seiner Redaktionsarbeit veranlasste, durchaus noch Lust gehabt hätte, einen anderen Kalender zu redigieren. Aber diesbezügliche Pläne und gedanklichen Projekte zerschlugen sich oder verliefen im Sand. Hebel – der selber von sich sagte, dass er sich zu einer Änderung oder auch zur Streichung der Geschichte Der fromme Rat durchaus hätte bereit erklären können, und der nur darüber erzürnt war, dass man ihm die Geschichte gestrichen hatte, ohne mit ihm Rücksprache zu halten – Hebel also bekam bereits zu Lebzeiten den raueren Wind der Restauration zu spüren. Noch sollte auch die katholische Kirche im Breisgau seine Biblischen Geschichten ebenfalls verwenden wollen. Einzig Hebels Hinweis darauf, dass er sich um eine zwar einfache, kindergerechte Sprache bemüht habe, aber doch wo möglich die Formulierungen von Luthers Übersetzung beibehalten wollte, musste gestrichen werden – womit Hebel durchaus einverstanden war. Aber schon die Szene, die die wieder erstarkte katholische Kirche dem Protestanten über den Frommen Rat machte, weist darauf hin, dass – wie die Herausgeber dieser Ausgabe in einer Lebensbild genannten Kurzbiografie (auch in diesem Band zu finden) herausstreichen – Hebels aufklärerisch-rationalistische Herangehensweise an die biblischen Geschichten, die viele Wunder den Kleinen als natürliche Vorgänge darstellte, bald nach Hebels Tod auch der protetantischen Obrigkeit suspekt werden sollte. 1855 wurde das Buch – nicht einfach nicht mehr weiter verwendet, nein: gleich ganz verboten. (Womit wahrscheinlich auch das literaturgeschichtliche Todesurteil über die Geschichten ausgesprochen worden war, verschwanden sie doch so gänzlich aus dem Blick nicht nur des breiteren Publikums, sondern auch der breiteren Germanistik.) Mag sein, man verübelte Hebel auch, dass er sein Fähnchen nicht so unbedingt und wetterwendisch in den neuen patriotisch-deutschen Wind hängte, nachdem Napoléon – zu diesem und zu Frankreich äußert er sich kaum mehr in der hier vorgestellten Zeit – nachdem Napoléon also endgültig zur Abdankung gezwungen worden war.
Ansonsten schließt der zweite Briefband als sechster Band der Werkausgabe diese auch in vielen Hinsicht ab. Das Lebensbild habe ich bereits angesprochen. Es bringt in kurzer, geraffter Form die wichtigsten Informationen zu Hebels Leben, ohne den Versuch zu machen, irgendetwas daraus irgendwie interpretieren zu wollen – und ist somit eine wahre Wohltat biografischen Schreibens. Daneben, wie schon beim ersten Band der Briefe angesprochen, der Kommentar zu beiden Briefbänden. (Leider hat man die Seiten der beiden Bände je separat gezählt, was nun jedes Mal ein längeres Blättern im Kommentar erfordert, wenn man eine bestimmte Stelle nachschlagen will, da dort nur Seiten und Zeilen angegeben sind, und man sich zuerst vergewissern muss, ob man nun bei Seite 55 des ersten oder des zweiten Briefbandes steht.) Editionsbericht, Siglen- und Literaturverzeichnis (auch weiterführende Literatur für Studenten der Literaturwissenschaft), sowie Inhaltsverzeichnis und Personenregister über alle sechs Bände runden die Edition ab, und machen sie als Leseausgabe ebenso geeignet wie als zitierfähige Ausgabe für die Germanistik.
Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke. Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden. Herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Band 6. Göttingen: Wallstein 12019

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