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1968 das Jahr der Revolutionen – erster Gedanke hierzu ist sicherlich die Studentenbewegung, die 68er, doch auch in der kantonalen Verwaltung in St.Gallen fand zeitgleich eine revolutionäre Änderung statt:
"Der Kanton St.Gallen hat vor einigen Wochen eine moderne Datenverarbeitungsanlage in Betrieb genommen."
Mit diesen grossen Worten beginnt die Pressemitteilung vom 14. November 1968 über die Eröffnung des kantonalen Rechenzentrums (KRZ). Zugleich stellte der Chef der Finanzkontrolle (Kurt Schmidinger) fest, "dass es sich bei diesem Computer um ein sehr leistungsfähiges Organisations-, Informations- und Arbeitsinstrument handle, das aber trotz seiner verblüffenden Eigenschaften vom menschlichen Geist und Willen abhängig sei." Mit dieser Einrichtung stehe "dem Kanton St. Gallen ein Instrument zur Verfügung, das allen Ansprüchen einer modernen Verwaltung mit ihren vielseitigen Arbeitsgebieten entspricht." Ergänzt wurde der Zeitungsbericht mit Bildern, die einen Eindruck der Anlage vermitteln sollten:
Jene Anlage hatte eine Speicherkapazität von 32kB, mit einer Option der Verdopplung auf 64kB – das entspricht ungefähr der Speichermenge, die heute ein kleineres Word-Dokument benötigt.
Doch der Weg zu dieser Neuerung, welche die kantonale Verwaltung langfristig komplett verändert hat, verlief alles andere als gerade – vielmehr vollzog sich der Prozess über mehrere Jahre hin und wies zahlreiche Hürden auf. 1962 hatte das Lochkartenverfahren Einzug in die kantonale Verwaltung gehalten (die städtische Verwaltung betrieb hingegen bereits seit 1950 eine von IBM gemietete Lochkartenanlage). Hierbei wurden Dateninhalte durch einen Lochcode auf einer meist aus Karton bestehenden Lochkarte abgebildet. Die Erzeugung und Auslesung des Codes geschah mittels elektromechanischer Geräte.
Den direkten Dienst an der Maschine verrichtete die sogenannte Locherin oder Prüferin – in allen Unterlagen wird stets nur die weibliche Form der Berufsbezeichnung verwendet.
Anwendungsgebiete dieser Anlage waren im Kanton u.a. die Besoldung des Staatspersonals, Steuerstatistiken oder die Motorfahrzeugkontrolle. Erst 1962 eingeführt, geriet die Locherei bereits schnell an ihr Auslastungslimit, und es folgten Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und Konzeptionsplanungen für den Übergang zur elektronischen Datenverarbeitung. Zugleich erweiterte vor allem der Hersteller IBM ab Mitte der 1960er sein Angebot durch leistungsfähigere und zugleich billigere Maschinen (Computer). Besonders das Baukastenprinzip wird in den zeitgenössischen Unterlagen hervorgehoben.1965 legte das Finanzdepartement (FD) einen Bericht über die betriebswirtschaftliche Untersuchung für den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung vor, und die Firma Textilwerke Gugelmann & Cie. AG in Langenthal stellte ihre IBM 360/30-Anlage für eine Demonstration zur Verfügung. Nach diesem Besuch äusserte der Verwaltungsrat der St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) Zweifel an der Anschaffung eines Computers, da die bisherige Organisation bereits zweckmässig und wirtschaftlich sei und er sich um den Verlust des persönlichen Kundenkontakts sorge. Der Austritt der SAK blieb jedoch für das Voranschreiten des Projekts folgenlos. Die Idee, die Anlage der Stadt St.Gallen mit zu nutzen, wurde schnell wieder verworfen, da der Nutzungsumfang und die Zahl der Überschneidungen zu gering erschien.
Im Herbst 1966 folgte deshalb die erste Botschaft der Regierung an den Grossen Rat über die Beteiligung an einer selbständigen Trägerschaft unter dem Namen TELETRON. Nach einigem juristischem Hin und Her stimmte das Kantonsparlament der Vorlage im Mai 1968 schliesslich in modifizierter Form zu. Die Trägerschaft befand sich nun beim Kanton, und die Datenverarbeitung erfuhr eine Eingliederung in die kantonale Verwaltung. Der hierfür bewilligte Kredit von knapp 2.7 Millionen Franken konnte vor allem auch dadurch eingehalten werden, dass die Kantonalbank dem Kanton zu günstigen Konditionen ihre ausrangierten Geräte verkaufte.
Dass mit der Inbetriebnahme der Datenverarbeitungsanlage entgegen der fast euphorischen Ausführungen bei der Eröffnung keineswegs alle Schwierigkeiten beseitigt waren, zeigt der Amtsbericht der Regierung von 1968. Demnach war die Arbeitsbelastung des für die Anlage zuständigen Personals zu Beginn dermassen hoch, dass Nacht- und Sonntagsschichten sowie hohe Überzeiten angeordnet werden mussten. Im Folgejahr war nun zwar der Personalbestand gemäss Stellenplan erreicht, doch erschwerte die nur provisorische Unterbringung am Oberen Graben 32, wo die Anlage auf zwei Stockwerke verteilt stand, die Betriebsabläufe. Erst im Oktober 1971 konnte der Neubau an der Moosbruggstr. 9/11 bezogen werden.
Das Gebäude an der Moosbruggstrasse verliess das inzwischen in Abteilung für Datenverarbeitung und Organisation (ADO) umbenannte Rechenzentrum im Juni 1983 durch den Umzug in den Klosterhof 6a. Heute sorgt der Dienst für Informatikplanung (DIP) gemeinsam mit der Abraxas AG für eine technische Infrastruktur, die es den Mitarbeitenden auch erlaubt, ihre Arbeit zu Hause am Laptop zu verrichten.
Quellen:
A 119/02.2510
A 160/00059
A 190/27
A 472
RRB
Mareike Hartmann
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