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Ein Beitrag der kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugresic, entnommen aus der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 23. Mai 2009:
Die Heimat ist ein Faktum im Leben eines Menschen, genauso wie der Ort seiner Geburt eine unverrückbare Tatsache ist. Die Begegnung mit der Heimat findet schon im Kindergarten statt. Eines der ersten Dinge, die man dort einem Kind beibringt, ist der berühmte Satz: «Meine Heimat ist . . .» In diesem zarten Alter beginnt das Briefing über die Heimat, das sich in der Schule im Unterricht der Geschichte, der Muttersprache und der Literatur sowie ähnlicher Fächer fortsetzt. Auf der Ebene des Unbewussten wird das Verhältnis zur Heimat von patriotischen Dichtern geformt. Sie suggerieren uns, die Heimat sei unser «angestammtes Vaterland, der heimische Herd, die Heimatscholle, die goldenen Kornfelder, das blaue Meer, die Berge, die Täler» und anderes mehr. Heute, vor allem unter dem allgemein verbreiteten Aspekt der Exzesse des Neoliberalismus, lesen sich die abertausend vaterländischen Verse, in denen es um die Aneignung der heimatlichen Berge, Flüsse, Häuser, des Himmels und der Sonne («mein Himmel, meine Sonne, meine Berge und Täler») geht, wie ein Katalog von auf zweifelhafte Weise erworbenen Immobilien. Um ihren Besitzanspruch auf sie zu bekräftigen, berufen sich die Dichter auf eine direkte verwandtschaftliche Linie und behaupten, die Heimat sei ihre «Mutter», was aus der Geschlechterperspektive diskriminierend, jedoch verständlich ist. Denn die Heimat ist Mutter hauptsächlich für die Söhne; lyrisch angehauchte Töchter hingegen nennen die Heimat nie ihre Mutter. Wie auch immer, die Heimat und der Staat sind eine Legierung, zwei zu einem zusammengeschmolzene Begriffe, eine traditionelle Ehe: Die Heimat trägt weiblich emotionale, der Staat männlich rationale Züge. Diese Legierung wird noch erkennbarer bei der Einberufung zum Militärdienst und bei der ersten Steuererklärung. Eine Scheidung von Heimat und Staat ist nicht zulässig. Der Gedanke, Heimat könne ein utopistisches Projekt sein, kommt nicht in Frage. So wird etwa das bekannte Gedicht des kroatischen Poeten Silvije Strahimir Kranjčević («Ich habe eine Heimat, sie, ihre Berge und Täler trage ich im Herzen / Wohin mit diesem Paradies, frage ich vergebens die Welt und trage meine Schmerzen») in der Schule immer noch als ein Dokument interpretiert, welches beweist, dass ausschliesslich die Kroaten das Copyright auf die Berge und Täler, den Schmerz und das Paradies haben. Ich habe reichlich Erfahrung mit dieser «Legierung», denn ich hatte deren drei: Jugoslawien, Kroatien und Holland. Bis ich jedoch mein Verhältnis zu vielen Dingen, so auch zu der Verschmelzung Heimat – Staat definieren konnte, musste ich einen mühsamen Weg zurücklegen. Die grossen Erkenntnisse fallen eben nicht vom Himmel wie die aus den Märchen bekannten gebratenen Tauben. Als ich Anfang neunziger Jahre meine Heimat Kroatien verliess, die sich aus meiner Heimat Jugoslawien herausgeschält hatte, und mich in Holland wiederfand, waren meine Gefühle anfangs wirr. Ich wusste nicht, wie ich über die Heimatfrage denken sollte. Aber dann – bis zu dieser Selbsterkenntnis mussten allerdings etwa zehn Jahre verstreichen – stellte ich bei mir eine seltsame Neigung fest: Sobald ich in ein neues Land beziehungsweise in eine neue Stadt kam, war das Erste, was ich aufsuchte – ein Coiffeursalon! Ich lasse mich nicht frisieren, sondern gehe zum Coiffeur ausschliesslich zum Haareschneiden, aber da mein Haar langsam wächst, kann man meine Coiffeurneurose schwerlich mit gewöhnlicher weiblicher Eitelkeit erklären. Ich will hier nicht aufzählen, in wie vielen Städten und Ländern ich mir bisher die Haare schneiden liess. Als einen kleinen Nachweis meiner Erfahrung auf diesem Gebiet merke ich nur an, dass man die Haare am billigsten in New York geschnitten bekommt, und zwar bei den Usbeken und nicht mehr bei den Russen, wie vor vielen Jahren. In Brooklyn schneidet ein Usbeke Ihnen die Haare für nur zehn Dollar. Für diesen Preis nimmt nicht einmal im serbischen Čačak ein Friseur die Schere in die Hand.
Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte, ob mein Bedürfnis, mir an jedem neuen Ort die Haare schneiden zu lassen, eine Form von Masochismus oder eine Art ritueller Busse ist, deren Grund ich nicht kenne. In Holland spürte ich lange Zeit, dass mir etwas fehlte. Es gelang mir zwar, Freunde zu gewinnen, eine Steuernummer und einen Steuerberater zugeteilt zu bekommen, einen Zahnarzt zu finden, viele Dinge zu erobern, die den Alltag alltäglich werden lassen. Doch wegen der erwähnten Neurose machte ich mich daran, mein Inneres mühsam zu erforschen, und da offenbarte sich mir in einem freudigen Augenblick mein Lebenslauf als die Chronik aller meiner Haarschnitte. In Amsterdam probierte ich zwar viele Coiffeure aus, berühmte, teure, auch billigste – das sind Herrencoiffeure und meist Marokkaner –, aber keiner von ihnen passte mir wie ein bequemer Schuh an einen müden Fuss. Bis eines Tages Lisbeth den Coiffeursalon in meiner Nachbarschaft übernahm . . .
Lisbeth ist eine grosse und stämmige junge Frau mit heller Haut, offensichtlich mit holländischem Käse und Milch grossgezogen. Sie hat blaue Augen und einen etwas melancholischen Gesichtsausdruck, der wohl von ihrer wie Porzellan anmutenden Blässe herrührt. Ihr insgesamt hübsches Gesicht erscheint klein im Verhältnis zu ihrem grossen Hintern. Lisbeths Hintern kann man nicht übersehen, zumal sie ihn nicht verbirgt, sondern in hautenge Hosen steckt. Lisbeth wechselt oft ihre Frisur und Haarfarbe. Manchmal hat sie einen platinblonden Pony, während das restliche Haar schwarz gefärbt ist. Sie weiss, das Haar der Inhaberin ist die beste Werbung für den Coiffeursalon.
Lisbeth hat einen Freund, der auch gross und stämmig ist, beide sehen Seehunden ähnlich, vergöttern einander, und zusammen vergöttern sie einen kleinen Pudel. Lisbeth besitzt den kleinsten Pudel der Welt, ein Hündchen von der Grösse eines Eichhörnchens, nur ohne den langen, buschigen Schweif. Das Hündchen bellt nie, ist ausgesprochen brav und lieb. Die Zeit verbringt es meistens in seinem Körbchen, das Lisbeth ins Schaufenster stellt, damit es ihm nicht langweilig wird. Merkwürdigerweise ist Lisbeths Salon immer leer. Ich pflege mich telefonisch anzumelden, sie zögert jedes Mal, schaut angeblich im Kalender nach, nein, um zehn gehe es nicht, aber um elf. Wir verhandeln noch ein wenig, denn ich weiss, dass Lisbeth frei ist sowohl um zehn als auch um elf und auch sonst, wann immer ich möchte. Ihr Salon ist bunt: die Tür violett, die Fensterrahmen hellgrün, die Wände rosa.
Ein Opfer bringen
Jedes Mal, wenn ich auf dem Fahrrad durch Lisbeths stets leere Strasse fahre, sehe ich, wie sie auf dem Rasen neben ihrem Salon an einer dünnen Leine den kleinen Pudel spazieren führt. Lisbeth ist gross, der Pudel winzig, und so kommt es mir vor, als führe sie an der dünnen Leine eine Maus aus. Wir beide reden ausschliesslich über den Haarschnitt, soll er so sein oder anders, etwas kürzer oder etwas länger. Diese Unterhaltung ist aber sinnlos, denn Lisbeth schneidet immer gleich und immer gleich schlecht.
Ich weiss nicht, warum mich gelegentlich eine Angst packt, Lisbeth könnte sich eines Tages samt Coiffeurschere und Hündchen in nichts auflösen. Dieser unerklärliche Stachel treibt mich dazu, ihre Telefonnummer zu wählen.
«Also, wann möchten Sie kommen? Um elf?»
«Wäre es möglich um zwölf?»
«Nein, das geht nicht. Um Viertel nach zwölf?»
«In Ordnung.»
Erleichtert lege ich auf.
Was indes das Haar anbetrifft, habe ich neulich etwas erfahren: Das Schneiden der Haare bedeutete in uralten Kulturen, für das Glück seines Volkes symbolisch Opfer zu bringen. Langes Haar trugen in der Geschichte Märtyrer, Einsiedler, fromme Männer, Könige, Krieger, Edelleute, Würdenträger. Die Diener und die Untertanen hatten kurzes Haar. Das Abschneiden der Haare gehörte zum Ritual der Unterwerfung, Opferung, Trauer, Demütigung, Bestrafung und Selbstbestrafung.
Und so, nachdem ich über Jahre hinweg durch den Besuch verschiedenster Coiffeursalons eine grosse und geografisch mannigfaltige Erfahrung gesammelt hatte, zeigte sich mir endlich das Wesen von Heimat – Staat in vollem Licht. Ja, ich bin eine ideale Untertanin. Eine solche kann sich jede Mutter – Heimat nur wünschen.
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