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Der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist im vergangenen Jahr die Wiener Minoritenkirche – eine der ältesten und bedeutendsten Gotteshäuser der Stadt – übertragen worden. Ab dem 12. Juni 2022 übernimmt sie auch ganz offiziell die Seelsorge an dieser kirchengeschichtlich bedeutsamen Kirche.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist seit 1974 in Österreich präsent, in Wien wurde 1981 ein Haus eröffnet und eine Kapelle in der Bernhardgasse für den überlieferten römischen Ritus der hl. Messe eingerichtet. Dieses ursprüngliche Provisorium war vielen treuen Katholiken eine Heimat geworden. Aber es war nur eine Notlösung.
Durch Gottes Fügung sind wir Patres der Bruderschaft mit der Italienischen Kongregation in Kontakt gekommen, die 2021 den Beschluss fasste, die seit 1784 in ihrem Eigentum befindliche Minoritenkirche an die Bruderschaft zu übergeben.
Die Minoriten, die noch zu Lebzeiten des hl. Franz von Assisi (1181/82–1226) nach Wien gerufen wurden, legten 1274 den Grundstein für die jetzige Kirche, eine der ersten gotischen Kirchen Österreichs, deren Bau sich an französischen Baumustern orientierte. Ursprünglich war es eine zweischiffige Hallenkirche mit einem Langchor für das Chorgebet der Franziskaner. Im 14. Jahrhundert wurde durch die Gattin des Herzogs Rudolf III. (1282–1307) eine Kapelle zu Ehren ihres Großvaters, des hl. König Ludwig IX. von Frankreich (1214–1270), angebaut. Dadurch erhielt die Kirche ihre heutige Gestalt mit einem dreischiffigen Kirchenraum und zwei Chören.
Typische Bettelordenskirchen hatten eigentlich keinen Turm. Vielleicht war die Nähe zur Hofburg der Grund, mit dem imposanten Turm, der während der Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 allerdings von Geschossen getroffen wurde, eine architektonische Markierung zu setzen. Es sind nur wenige Minuten bis zum Stephansdom.
Ab dem 3. Juni 1784 war die Minoritenkirche im Besitz der Italienischen Kongregation. 1786 wurde sie auf den Titel Maria Schnee neu konsekriert. Ihr Patrozinium ist damit der 5. August.
Nach 1900 wurde die Kirche „entbarockisiert“ und der Langchor wurde durch ein Sakristeihaus ersetzt sowie ein Arkadengang angebaut.
Die Minoritenkirche liegt heute nicht nur in der Wiener Innenstadt, sondern auch im politischen Herzen Österreichs. Die unmittelbaren Nachbarn der Minoritenkirche sind Bundespräsidial- und Bundeskanzleramt sowie mehrere Ministerien. Damit erhält die katholische Tradition einen würdigen Platz in einer prächtigen Kirche und – im wahrsten Wortsinne – in der Mitte der Gesellschaft.
Was wird sich in der Minoritenkirche ab dem 12. Juni ändern?
Auf den ersten Blick nicht viel, denn die Priesterbruderschaft St. Pius X. pflegt ihre eigene „Art des Vorgehens“ in der Seelsorge. Im Mittelpunkt ihres Wirkens steht immer das hl. Messopfer – die überlieferte Liturgie der römischen Kirche – „und alles, was daraus fließt“.
Wir werden täglich die heilige Messe im überlieferten Ritus anbieten, dazu Beichtgelegenheiten. Wie unser Name – „Priesterbruderschaft“ – andeutet, ist unser Apostolat immer ein „gemeinsames Apostolat“ mehrerer Priester.
„Moderne Seelsorge“ setzt viel auf „Events“ und „Aktionen“. Die überlieferte lateinische Messe entzieht sich einer solchen „Verzweckung“. Ein Gotteshaus ist in erster, zweiter und dritter Linie ein Haus des Gebetes.
Papst Franziskus hat unserem Generaloberen im Jahr 2015 mit der Erteilung der weltweiten Beichtvollmacht den Auftrag erteilt, verstärkt das Beichtsakrament anzubieten.
Wer mit uns ins Gespräch kommen möchte oder einen geistlichen Rat braucht, der findet uns.
Unser Vorbild ist der hl. Klemens Maria Hofbauer (1751–1820), der Stadtpatron Wiens, der in der Minoritenkriche als Seelsorger wirkte und dessen Denkmal hinter der Kirche steht. Er hatte den richtigen Blick auf das „Wesentliche“ der Seelsorge.
Der Grundstein für die gotische Minoritenkirche wurde im 13. Jahrhundert gelegt. Ist der Unterhalt für die Piusbruderschaft überhaupt zu stemmen?
Natürlich haben wir die großen finanziellen Opfer bedacht, die das Eigentum an einer gotischen Kirche mit sich bringt. Es sind ja nicht nur die Baulasten zu stemmen, sondern auch die Heizkosten und die weiteren Unterhaltsaufwendungen. Wir erhalten dafür keine offiziellen Kirchenmittel. Wir sind also auf das „Scherflein der Witwe“ angewiesen. Wir vertrauen in vernünftiger Weise auf die Fürbitte des hl. Josef, den die Katholiken in zeitlichen Nöten und Angelegenheiten als Fürbitter anzurufen wissen.
Aber vor allem kennen wir unsere Gläubigen, die ein großes Herz haben und mit Eifer für die Tradition kämpfen. Wir hoffen also auf ausreichend Spenden, um die Finanzierungslücke zu schließen. Aus unserer Erfahrung heraus kann ich sagen, dass das mit Hilfe des hl. Josef klappen wird.
Bislang haben auch Konzerte zur Finanzierung beigetragen…
Wie schon gesagt, ist die Kirche für uns kein „Multifunktionsraum“. Als „Konzerthalle“ wird das Gotteshaus nicht benutzt werden. Wissen Sie, wir Katholiken glauben, „hier“ konkret wohnt Jesus im Allerheiligsten Sakrament. In jeder heiligen Messe ist das Opfer Christi auf Golgatha Gegenwart und Wirklichkeit. Ein größeres „Event“ kann es nicht geben.
Ein Gotteshaus ist konsekrierter Grund, heilige Erde. Das heißt nicht, dass nicht jede Kunst zur höheren Ehre Gottes verwendet werden sollte, besonders die Musik. Die berühmten Messkompositionen – auch mit Orchester – werden natürlich die Liturgie begleiten. Einer der Seelsorger an der Minoritenkirche ist ein ausgebildeter Musiker.
Eine Besonderheit wird es allerdings geben: Wir werden besonders die Italiener-Seelsorge im Blick haben, denn die Minoritenkirche ist historisch das Nationalheiligtum der italienischen Bürgerschaft in Wien. Diese Tradition ist Erbe und Auftrag. Unser Patron, der hl. Pius X., war, bevor er auf den Stuhl Petri erhoben wurde, viele Jahre ein „waschechter italienischer“ Pfarrer – ich glaube, ein gutes Vorbild für die konkrete Seelsorge.
Ein Besuch der Minoritenkirche wird in jedem Wien-Reiseführer empfohlen. In ihr finden sich mit dem Abendmahlsmosaik und der Familienmadonna bedeutende Kunstschätze. Passt der touristische Verkehr zu Ihren Plänen mit der Kirche?
Kirchen sind steinerne Zeugnisse Gottes und tragen damit auch zu seiner größeren Verehrung bei. Allein aus diesem Grund sind uns Touristen sehr willkommen. Aber die Kirche soll nicht bloß Sehenswürdigkeit, sondern ein Ort der Kontemplation und der Ruhe sein. Darauf werden wir achten.
Wird sich mit der seelsorgerischen Übernahme der Kirche auch etwas für die Gläubigen der Tradition ändern?
Wir wollen der katholischen Kirche dienen. Die Minoritenkirche soll weiter ein Segen sein für die Stadt und das Erzbistum. Ich hoffe, wir können gewisse Ressentiments überwinden. Indem wir aus einer provisorischen Kapelle in eine Innenstadtkirche gezogen sind, hoffen wir auch darauf, dass die Tradition stärker in das Bewusstsein der Wiener Gläubigen rückt, wir viele neue Kontakte knüpfen können und die Menschen vor Ort die Schönheit der überlieferten Liturgie kennenlernen können. Seien Sie uns herzlich willkommen!