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Dr. Pop, warum klatschen wir?
Wir tun es überall. Im Zirkus, an Hochzeiten, im Flugzeug, am Konzert und bei Sportanlässen. Warum ist das Applaudieren für uns so selbstverständlich?
Wann genau der Mensch zu klatschen begonnen hat, ist ungewiss. Fest steht lediglich, dass es in grauer Vorzeit keine künstlerischen Darbietungen gab, die man hätte beklatschen können. Allerdings dürfte schon der Neandertaler darauf gekommen sein, dass das Zusammenschlagen der Handflächen die praktischste Art der menschlichen Geräuscherzeugung ist – schliesslich drücken sich auch unsere nächsten Verwandten durch diese Technik aus.
Evolutionsforscher spekulieren gegenwärtig darüber, ob Menschenaffen lediglich klatschen, um zu kommunizieren oder ob sie dies vielleicht auch aus Freude am Beat tun. Wie tief das Klatschen im Menschen verwurzelt ist, beweist zudem die Tatsache, dass das rhythmische Klatschen bei verschiedensten Naturvölkern eine zentrale Induktionsmethode für religiöse Rituale ist. Dass der Mensch durch das Klatschen zum Rhythmus gefunden hat, liegt auf der Hand.
Ähnlich wie das rhythmische Klatschen der Naturvölker hat auch der Applaus der zivilisierten Gesellschaft rituellen Charakter. Seit der Antike ist das Applaudieren (lat. applaudere = etwas an etwas schlagen) fester Bestandteil von öffentlichen und privaten Zeremonien. Obwohl die Klangfacetten des Klatschens sehr beschränkt sind, kann ein Applaus verschiedenste Nuancen der Anerkennung zum Ausdruck bringen. Bei Familienfesten klatschen wir aus Nächstenliebe, bei politischen Debatten aus Einverständnis und an Konzerten aus Begeisterung. In China begrüsst man sich mit einem respektvollen Applaus, auf dem Petersplatz verabschiedet man den verstorbenen Papst mit einem ehrfürchtigen Beifall.
Die ersten Belege einer Beifallskultur finden sich bei den Griechen. Beim alljährlichen Tragödienwettbewerb im Dionysostheater siegte derjenige Dramatiker, der den grössten Applaus erntete. Die Römer ergänzten das Repertoire der Publikumsreaktionen durch weitere Gesten: Wer sich im Amphitheater langweilte, wedelte mit seiner Toga. Wer sich mässig unterhalten fühlte, schnippte mit den Fingern. Bei herausragenden Leistungen wurde gejubelt und mit den Händen geklatscht.
In der Römerzeit liegen auch die Wurzeln der Claqueure. Kaiser Nero hielt sich eine Gruppe mit 5’000 „Plausores“, die er durch eine Applaus-Schule schickte, in der die Berufsjubler die zwei wesentlichen Klatschtechniken erlernten; das Applaudieren mit hohlen Händen und das Klatschen mit flachen Händen. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte die Kunst der Claque einen zweiten Frühling. Claqueure wurden zu einem festen Bestandteil der Theater- und Opernhäuser, und das Geschäft mit dem Applaus florierte. Der Preisplan einer Claque umfasste verschiedenste Jubeltarife, vom kurzen Tusch über anschwellenden Beifall bis hin zu Applaus-Salven, die auch im Dreierpack erhältlich waren.
Mittlerweile haben die Claqueure in die Fernsehbranche gewechselt, wo sie ein Studio voller Jubelperser zum Klatschen animieren. Doch auch bei Anlässen, an denen es keine Applausanimateure gibt, fühlen wir uns zum Klatschen gezwungen. Insbesondere anhand von Standing Ovations lässt sich gut beobachten, welcher Gruppendruck sich in einem Publikum entfalten kann. Steht erst mal die Hälfte des Saals, kann der Rest nicht einfach sitzen bleiben. Doch auch wenn die hinteren Reihen nur aus Anstand oder vielleicht gar aus Erleichterung mitklatschen, ist der Applaus der aussagekräftigste Gradmesser der künstlerischen Leistung. Tobt das Publikum, kann der Kritiker die Aufführung schlecht verreissen.
Bei besonders frenetischem Beifall lässt sich das interessante Phänomen der Synchronisierung beobachten: Unkoordinierter Applaus geht am Ende einer gelungenen Performance häufig in rhythmisches Klatschen über. Bei einer Studie in verschiedenen Opernhäusern hat ein osteuropäisches Team von theoretischen Physikern festgestellt, dass die Klatschfrequenz des Publikums beim Übergang vom asynchronen zum synchronen Klatschen ziemlich genau auf die Hälfte abfällt. Gleichzeitig nimmt aber auch die Lautstärke ab, was das Publikum veranlasst, wieder schneller zu klatschen. Es entsteht ein Interessenskonflikt: Das Bestreben des Publikums nach hoher Laustärke konkurriert mit dem Wunsch nach einem einheitlichen Rhythmus.
Applaus erzeugt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, genauso wie das rhythmische Klatschen im Gospelchor oder am Rockkonzert. Im Gegensatz zu anderen Arten der Beifallsbekundung wie Pfeiffen, Schreien oder Poltern wird das Publikum durch das Klatschen zu einer Einheit. Nur durch den gemeinsamen Applaus kann die Fanschar als Kollektiv mit dem Künstler kommunizieren. Der Applaus ist das effizienteste Druckmittel, das die Fans gegen den übermächtigen Star in der Hand haben. Deshalb klatschen wir um eine Zugabe, bis uns die Hände schmerzen. Die Fans von Elvis haben die Hoffnung auf ein Encore jeweils auch erst begraben als die obligate Durchsage ertönte: Elvis has left the building!.
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