Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/26

Die Studie „Global Retail Banking“ der Immobilienfirma Jones Lang LaSalle prognostiziert für Europa eine radikale Veränderung der Filialnetze von Banken. Europa und Amerika sind gemäss James Brown, dem Leiter des Europa-Research, gnadenlos «over-banked». Er erwartet, dass in den nächsten 10 Jahren rund 50% der Filialen in der heutigen Form verschwinden werden. Internetbanking und die mobile Verbindung zum Bankkonto machten Bankfilialen in der herkömmlichen Form überflüssig.
Filialen ohne Schalter
Da gerade im Privatkundengeschäft der persönliche Kontakt zu Kunden wichtig sei, wird es die klassische Filiale gemäss der Studie auch weiterhin brauchen. Die Banken werden sich jedoch noch genauer überlegen müssen, welche Art von Filiale sie wo platzieren möchten. Gemäss Studie könnte es beispielsweise in Zukunft neue Hightech-Filialen mit 24-stündiger Erreichbarkeit geben, die von Callcentern über Videotelefone betrieben werden. Diese virtuellen Hightech-Filialen würden vermutlich vor allem für den „kleinen“ Kunden entwickelt. Entsprechend würden sich die Bankberater der Bankfilialen vor allem auf die Befriedigung der rentabelsten Kundenbedürfnisse konzentrieren.
Entwicklung in der Schweiz?
Auch in der Schweiz ist das von Jones Lang LaSalle prophezeite Wegschrumpfen von Filialen zu beobachten. In der untenstehenden Abbildung wird die Entwicklung des Geschäftsstellenbestands von Schweizer Retailbanken zwischen 1987 und 2011 ersichtlich (Quelle: SNB). Für die Entwicklung wurden nur die Bankengruppen berücksichtigt, welche aktiv in der Schweiz das Retailgeschäft anbieten. Darunter fallen die Kantonalbanken, Grossbanken, Regionalbanken und Sparkassen sowie die Raiffeisenbanken.
Bis im Jahre 1992 hielt sich die Anzahl der Geschäftsstellen in der Schweiz konstant bei 3‘500. In den 90er Jahren, speziell von 1993 bis 2000, gab es grosse strukturelle Veränderungen im Bankensektor, die zu Produktivitätsteigerungen führten. Neben dem technologischen Fortschritt lösten die Fusionen der Grossbanken und der Zusammenschluss der Regionalbanken und Sparkassen zur RBA-Holding in den Jahren 1994 bis 1998 umfangreiche Umstrukturierungen aus. Diese strukturellen Veränderungen und Fusionen führten zu einer Abnahme der Anzahl Geschäftsstellen. Ab dem Jahre 2001 pendelte sich diese Anzahl bei ca. 2‘000 Geschäftsstellen ein. Sie ist bis heute ziemlich konstant, auch wenn die Tendenz in den letzten fünf Jahren weiter nach unten zeigte und einige Banken auch im vergangenen Jahr wieder vermehrt Filialen geschlossen haben. So hat beispielsweise auch die Valiant Bank zehn kleine Geschäftsstellen auf Ende November 2011 geschlossen.
Angesichts der Sparbemühungen der Schweizer Banken, die sich verändernden Kundenbedürfnisse (mehr Banktransaktionen im Internet; weniger Filialbesuche) wird das Filialnetz voraussichtlich weiter ausgedünnt. Geschäftsstellen werden in der Schweiz aber nicht nur abgebaut, sondern vor allem auch umgebaut.
Der beschriebene Trend hat bereits eingesetzt. Nicht zuletzt aufgrund des hohen Kostendrucks werden sich auch die kleinen und mittelgrossen Retailbanken dem Trend hin zu einer immer kleineren Bedeutung von Filialnetzen nicht entziehen können. Welche Folgen dies für deren Geschäftsmodell mit einem ausgebauten Filialnetz als zentralem Vertriebskanal hat, ist schwer abzuschätzen. Berechtigt ist die Frage: Gehören die Marketing-Konzepte rund um „Die Bank Ihrer Region“ oder „Ihre nahe Bank“ vielleicht bald der Vergangenheit an?