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Hilfsbereitschaft
Meinen Mitmenschen half ich wo ich nur konnte. Ich hatte stets ein offenes Ohr und mich konnte man um alles bitten. In Vereinen besetzte ich mehrere Ämter und war immer beschäftigt. Ich half gerne und freute mich darüber, Gutes zu tun. Mir gab es das Gefühl wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Gefühle, nach denen ich mich unbewusst sehnte, die mich glücklich machten und mein Übergewicht vergessen liessen. Gefühle, die das Leben lebenswert machen und mich glauben liessen, doch kein schlechter Mensch gewesen zu sein. Ablenkung half enorm um mich besser zu fühlen. Ablenkung war aber auch Mittel zum Zweck, um nicht meine Probleme anpacken zu müssen und meine Traurigkeit zu verdrängen. Ich übernahm Verantwortung für andere, konnte aber meine eigene nicht wahrnehmen. Ich half anderen, war aber unfähig, mir selber zu helfen. Ich löste Probleme anderer, verzweifelte aber an meinen eigenen. Hilfesuchenden stand ich mit Rat und Tat zur Seite, war jedoch nicht im Stande meine eigenen Ratschläge umzusetzen.
Ich war immer irgendwie beschäftigt, sei es am Computer, vor dem Fernseher oder sonstwie. Einfach, um den Gedanken nicht auf mein Übergewicht zu lenken. Am Computer bastelte ich an Webseiten rum und kreierte kurze Videos, Sachen in denen ich gut war. So hatte ich das Gefühl doch etwas wert zu sein.
Wer bin ich?
Die Frage konnte ich jahrelang nicht so recht beantworten. Ich wusste nie wirklich, wer ich bin oder was ich sein möchte, nur das ich nicht der sein wollte, der ich damals war. Mehr und mehr tauchte ich in eine Traumwelt ab, versank in Sci-Fi Filme, Fantasy Geschichten und Videospielen. Ich stellte mir vor, einer dieser Helden zu sein, der alle Probleme mit Leichtigkeit lösen konnte und am Ende das Mädchen kriegt. Mein Zuhause gestaltete ich düster, Totenköpfe und Drachenfiguren zierten meine Wohnräume. Ich mochte Horror, Fantasy, Sci-Fi, alles Unreale und Mystische. Welten, in die ich mich gedanklich eintauchen konnte um der wahren Welt zu entfliehen. Die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt waren verschwommen und nicht mehr genau zu erkennen. Ich baute mir meine eigene Welt, nach meinen Wünschen, nach meinen Vorstellungen. Gegen aussen gab ich den humorvollen und lustigen Kumpel Typ, der für Alle und alles ein offenes Ohr hatte und stets glücklich zu sein schien. Zuhause, in meinem eigenen Reich, legte ich die erschaffene Fassade ab, hervor kam eine völlig andere Person. Meine eigenen vier Wände waren mein Reich, mein Rückzugsort. Fremde Menschen waren unerwünscht. Ich fühlte mich unwohl, wenn Fremde mein Reich betraten und hatte Angst mein wahres Ich könnte durchsickern. Ich wäre dann in meiner letzten Bastion verwundbar gewesen.
Was will ich?
Ich wusste nur eins: „Ich will schlank sein!“. Schlank würde sich schlagartig alles ändern und besser werden. Doch was wäre dann? Mit dem eigentlichen Wunsch „schlank zu sein“ beschäftigt, hatte ich mir die Frage nach dem danach gar nie gestellt. Ich wusste bis anhin nicht recht, was ich im Leben erreichen wollte und machte mir keine Gedanken über die Zukunft. Wo will ich hin, was will ich erleben? Ich fühlte mich alleine und vegetierte vor mich hin, ohne Ziele, ohne einen sogenannten Masterplan fürs Leben. Mich beschäftigte nur ein Gedanke: endlich schlank zu sein.
In meinem Kopf wurde plötzlich ein Schalter umgelegt und mein Leben änderte sich schlagartig. Dazu mehr im nächsten Kapitel „Abnehmen beginnt im Kopf„