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Happle, Hardy
Abb.: Charles Crodel, Wilhelm Worringer und Herbert Koch, Farbholzschnitt 1922
Gegenstand
Wilhelm Worringer gehörte zu den bedeutenden Kunsthistorikern der frühen Moderne in den deutschsprachigen Ländern und darüber hinaus. Seine über Jahrzehnte hinweg bis heute in zahlreichen Auflagen erschiene Dissertation Abstraktion und Einfühlung (Bern 1907, die aktuellste Neuauflage für Juni 2007 geplant), in der die gesamte Kunstentwicklung der Menschheit im Widerstreit der beiden im Titel genannten psychologisch motivierten alleinigen Anschauungsformen betrachtet wird, erlangte immense Bedeutung vor allem unter schaffenden Künstlern und Architekten. Beginnend mit dem Expressionismus beriefen sich in allen Phasen der Moderne zahlreiche Künstler auf Worringers Publikation. Den sich aus der Einzeldisziplin Kunstgeschichte lösenden programmatischen formpsychologischen Zugang zur Kunst vertiefte und differenzierte Wilhelm Worringer in den folgenden Publikationen, in denen er sich zudem für die Ausweitung des bisherigen europazentrischen Blick auf die Kunst einsetzte und seine kulturelle Verantwortung als Wissenschaftler angesichts der nationalistischen Auswüchse in Europa auch in gesellschaftspolitische Stellungnahmen münden liess.
Worringer steht in der Tradition der Kritiker des späten 19. Jahrhunderts, die die Krisis der Geisteswissenschaften in der Diversifikation der Einzelwissenschaften erkannt hatten und zu überwinden suchten mit dem Ziel einer neuen Einheit. Der (stil-) psychologische Ansatz, dem er folgt, wird auf sämtliche Gebiete angewendet, auf die Kunst genauso wie auf Mathematik, Philosophie, Musik, Architektur, Literatur und Brauchtum, die gleichgewichtet jeweils als symbolischer Ausdruck von Kultur und Epoche verstanden und mit schöpferischem Impuls verbunden werden. Diese seine Methode des Verbindens musste Wirkung zeigen, da sie nicht eine synthetische blieb, sondern eng an den künstlerischen Schaffensprozess gebunden war. Alle seine Schriften kennzeichnet insbesondere eine kritische, aber ungebrochene Anteilnahme an der Gegenwart, insbesondere an der zeitgenössischen Kunst. Dabei gelang es Worringer in einer Zeit des vielfältigen eruptiven Aufbruchs der Kunst, die sich unterdessen immer weiter von der Gesellschaft entfremdenden Künstler mittels seiner frühen Schriften Abstraktion und Einfühlung sowie Formprobleme der Gotik (1911) sowohl an die Geschichte als auch an das Leben selbst wiederum zurückzubinden und mit der Neudefinition von Kulturgeschichte ein letztes Mal der für das 20. Jahrhundert so charakteristischen Autonomie der Kunst entgegenzuwirken.
Worringer war dabei eher interessiert an der Methode zur Erfassung eines Ganzen, des in allem aufscheinenden Wesens in seiner sinnreichen Entwicklung als Versöhnung der zersplitterten Kunst als Verdichtung des Lebens, als an einer tatsächlichen Apotheose der Gotik als wortwörtliche Stilvorlage. Dass er sich für die Gotik als Brennpunkt seiner Darstellungen entschied, hatte zum einen den Grund, dass diese als Kunstepoche zwar unterdessen archivalisch erfasst war, einer vorurteilsfreien kunstgeschichtlichen Bewertung aber nach wie vor entbehrte, als Projektionsfläche also taugte, zum anderen, wie er selbst 1916 über seine frühen Arbeiten sagt, dass die radikal umgewertete schematische Polarisierung des Gotischen versus des Klassischen als ergebnisbezogenes forciertes Mittel zur neuen Erkenntnis innerhalb eines verhärteten Feldes begriffen werden konnte, in dem bislang immer noch die klassische Kunst einseitige Hochschätzung erfuhr.
Die gotische Kunst – um hiermit ein konkretes Beispiel zu geben für Worringers Terminologie – bot sich als Folie an, anhand derer sich etwa die zentrale Kategorie des Ausdrucks explizieren liess. Der Ausdruck sollte demnach der Kunst zur Überwindung der Dualität von Erscheinung und Begriff, zum Kondensat einer kulturellen Ganzheit, zum relevanten Konversationsmittel in der Ansprache des Wahrnehmenden gereichen, der Akzent lag eher auf der Betonung eines geistig intellektuellen Anschauens als auf der sinnlichen Wahrnehmung, die den klassischen Kunstepochen zugeschrieben wurde – auch damit trug Worringer entscheidend bei zur Entstehung und Verbreitung eines Topos der Moderne.
Weil die Fachkollegen Worringers den der Disziplin gegenüber kritischen Ansätzen eher ablehnend gegenüberstanden, fand sein Werk, das zudem immer auch an ein interessiertes Laienpublikum gerichtet war, bis heute wenig wissenschaftliche Beachtung. Demgegenüber entstand in jüngerer Zeit von Seiten der Sprachwissenschaft und der Philosophie, initiiert durch Gilles Deleuze, ein neuerwachtes punktuelles Interesse an Worringers frühen Schriften.
Zielstellung
Auch wenn Wilhelm Worringer seine Positionen zur tatsächlich ersten fundamentalen Bewertung der Gotik etwa mit gespielter Naivität zuweilen gerne als Neuansatz verstanden wissen wollte und wenn überhaupt aus einer gewissen Vorliebe heraus nur Aussenseiter seiner eigenen Disziplin sowie Autoren aus fremden Disziplinen namentlich erwähnt und zitiert, basieren seine Forschungen in Inhalt und Methode offensichtlich auf den gängigen, aber auch mehreren unorthodoxen Quellen der Kunstgeschichte, der Philosophie, der Psychologie und den Geschichtswissenschaften, vor deren Hintergrund allein der Beitrag Worringers zur Geschichte der Moderne in Ergebnis und Bedeutung überhaupt zu verstehen ist. Seine assoziative und zuweilen erstaunlich kreative, mitunter sogar gewollt oberflächliche Lesart jener Quellen gab Worringer Anlass zu eigener Schlussfolgerung. Mit dieser Lesart konnte es ihm gelingen, Schlüsselthemen der neueren Kunstgeschichte reduktiv zusammenfassen, zu transformieren und dabei nicht selten so umzuwerten, dass sie erst auf diese Weise auch für den Schaffensprozess für Künstler und Architekten fruchtbar werden konnten.
Zwar hat von Seiten der Kunstgeschichte Magdalena Bushart in ihrer verdienstvollen Dissertation 1990 (Der Geist der Gotik und die expressionistische Kunst. Kunstgeschichte und Kunsttheorie 1911-1925) den Einfluss und die Wirkungsweise der frühen Schriften Worringers auf den Expressionismus und die frühe Moderne beleuchtet, doch bezieht sich diese, wie mir scheint, verkürzende, allein auf die Worringer-Rezeption fokussierende Darstellung im wesentlichen nur auf zwei der zahlreichen Werke und Beiträge Worringers, so dass die Einordnung der worringerschen Positionen in den kunsthistorischen sowie auch den grösseren geistes- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kaum fundiert stattfinden kann.
Es ist an der Zeit, eine eingehende Neubearbeitung von Wilhelm Worringers Schriften und seines bislang nicht aufgearbeiteten Nachlasses vor dem Hintergrund der Kunst und der Kunstliteratur seiner Zeit sowie insbesondere der prägenden Quellen, in eine abschliessende Analyse der kunsttheoretischen Positionen Worringers münden zu lassen, um anhand dieses wirkungsmächtigen Exponenten weiteren Einblick in die Gründe für die Entstehung und den Durchbruch der Moderne in Kunst und Architektur aus den Bedingungen der Geschichte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, heraus zu gewinnen und damit letztlich auch den zu Recht umstrittenen Positionen Worringers innerhalb des noch immer auf diese Moderne rekurrierenden aktuellen Diskurses.
Laufzeit: Forschungsprojekt seit 2004