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Der Schweizer Rohstoffhandel hat sich im Weltgefüge etabliert. Besonders Genf hat es den Rohstoffhändler angetan. Die Erklärung von Bern bezeichnet den Rohstoffmarkt als „Das gefährlichste Geschäft der Schweiz“. Was steckt dahinter?
Bereits im 18. Jahrhundert begannen die ersten Schweizer Rohstoffgeschäfte. Es wurde mit Kaffee, Zucker, Baumwolle, aber auch mit Sklaven gehandelt. Unter Einbezug der Schweizer Investitionen wurden schätzungsweise 172’000 SklavInnen aus Afrika verschleppt. Der uns heut bekannte Handel mit Rohstoffen begann erst nach der Gründung des Bundesstaates. Keine dieser ersten Rohstofffirmen überlebte bis heute.
Die Schweiz war stets ein Magnet für Rohstofffirmen. Gründe dafür gibt es einige. Die Nichtmitgliedschaft in der UNO war sicher einer davon. Die weltweit verhängten Boykotte hatten in der Schweiz keine Wirkung; de ist teilweise noch heute so. Diese Verweigerung der Schweiz ermöglichte den lukrativen Handel mit sich in Embargo befindenden Staaten. Das Paradebeispiel war Südafrika. Zudem konnte man bis Anfang des Jahrhunderts völlig legal ausländische Beamte bestechen. Die Bestechungsgelder durfte man selbstverständlich als Geschäftsaufwande von den Steuern abziehen. Im Rohstoffmarkt ist dies ein entscheidender Vorteil, denn sehr viel wird über gute Beziehungen geregelt oder durch kleine Zuwendungen. Das Unternehmen Mark Rich + Co verschaffte sich beispielsweise Zugang zu spottbilligem Öl aus der UDSSR, indem sie die Zahnbehandlung eins Ölraffinerie-Direktors bezahlten. Nach Ende des zweiten Weltkriegs gab es ein Totschlag-Argument für den Handelsplatz Schweiz, da als eine der wenigen Währungen der Schweizer Franken unbegrenzt in andere Währungen konvertiert werden konnte. Zu dieser Seltenheit kam noch hinzu, dass der Kapitalein- und Ausfuhr keine Grenzen gesetzt waren. Selbstverständlich sprachen die kriminell tiefen Steuern stets für die Schweiz. Im Kanton Zug sind Holding- und Domzielgesellschaften (Briefkastenfirmen) von der Gewinnsteuer befreit. Sie zahlen lediglich eine pauschale Abgabe von 0.5 – 1.5? auf ihr Kapitel. Die gemischten Firmen zahlen die übliche Gewinnsteuer für inländisch erwirtschafteten und einen Viertel davon auf den im Ausland erwirtschafteten Gewinn. Die Schweiz ist aber auch ein sehr verschwiegener Ort. Niemand fragt woher das Geld genau kommt, solange brav die Steuern gezahlt werden. Die Intransparenz hat System. Wie das Bankgeheimnis wird sie gezielt gefördert und zum Wohle ?aller“ verteidigt. Den hinter eisernen Vorhängen des Schweigens versteckten Rohstoffriesen kommt dies gerade recht.
Heute sind unter den zwölf umsatzstärksten Unternehmen der Schweiz sieben im Rohstoffbusiness tätig. Ihr Gewinn konnten sie zwischen den Jahren 1998 und 2010 verfünfzehnfachen. Der Umsatz der Schweizer Rohstoffhändler ist weit grösser als die Hälfte des Schweizer BIPs, welches immerhin 500 Milliarden US-Dollars beträgt. Dazu kommen die Unternehmen und Dienstleister, welche für den Handel nötig sind. Die Schweiz beherbergt dadurch ebenfalls die grösste Warenprüfungsgesellschaft, SGS. Für den Rohstoffhandel sind immer auch riesige Kredite notwendig. Diese bekommt man in der Schweiz von der Credit Suisse, welche die Nummer drei in der Vergabe von rohstoffspezifischen Krediten (Akkreditive) ist; oder in einer der Filialen der französischen Marktführerin BNP Paribas.
Die verschwiegene Schweizer Rohstoffbranche hat sich klammheimlich zu weltweiter Bedeutung gemausert: Am Genfer- und am Zugersee stehen ohne Zweifel die mächtigsten Rohstofffirmen der Welt. Die Genferseeregion ist eine wichtige Rohstoffdrehsscheibe; hier werden 50% des weltweiten Kaffees und des Zuckers gehandelt. Die Metropole London wurde von Genf als wichtigste Ölhandelsstadt abgelöst; es wird mit 35% des weltweiten Erdöl gehandelt. Zum immensen Handelsvolumen der Genfer Rohstoffbörse kommen die Zuger Schwergewichte im Metall- und Kohlehandel hinzu. So kommt es, dass von der kleinen Schweiz aus mit 25% des weltweiten Rohstoffes gehandelt wird.
„Glenstrata“
Im Kanton Zug, sind zwei der grössten Rohstoffirmen ansässig, Glencore und Xstrata. Die Beiden Firmen standen unter dem Einfluss von Marc Rich. Noch heute sind sie eng mit einander verbandelt, wollen sogar fusionieren. Glencore besitzt über eine Briefkastenfirma in den Niederlanden ca. 34% von Xstrata. Bis im Mai 2011 hatten die beiden sogar den gleichen Verwaltungsratspresident: Willy Strothotte. Als wäre dies nicht genug sitzt Ivan Glasenberg, CEO von Glencore im Verwaltungsrat von Xstrata.
Der weltgrösste Rohstoffhändler und das grösste Schweizer Unternehmen ist Glencore. Der Erfolg liegt in ihrer breiten Produktpalette. Der Konzern ist längst nicht mehr nur ein Händler. Glencore versucht die gesamte Wertschöpfungskette zu besitzen, vom Rohstoffabbau über die Verarbeitung bis zu Transport und Handel. Das Unternehmen arbeitet vorwiegend in drei Bereichen. Alle bestehen aus Handel und Rohstoffgewinnung. Die Metalle sind meist der profitabelste Sektor, gefolgt von den Energieprodukten und dem immer abgeschlagenen, umsatzschwächsten Agrarbereich. Der Agrarbereich macht nur wenige % des gesamten Gewinns des Konzerns aus, trotz der beträchtlichen Fläche von 280 000 Hektar Ackerfläche, welche sich in Glencores Besitzt befindet. Dies ist ungefähr gleich viel Ackerfläche wie die Schweiz insgesamt hergibt.
Niemand auf der Welt verschiebt mehr Transportmasse als Glencore, weder die US-Army noch die riesige Supermarktkette Wallmart. Dies ermöglicht die eigene Hochseeflotte mit ungefähr 200 Schiffen. Ivan Glasenberg selbst bezeichnet Glencore als ?DHL der Rohwaren“. Der ?Erfolg“ und die Riesengewinne (ca. 10 Milliarden US-Dollars im 2011) werden vor allem durch die Skrupellosigkeit, mit welcher das Unternehmen wirtschaftet, verursacht. Wo die führenden Bergbaukonzerne der Konfliktsituationen oder extremer Korruption wegen nicht mehr schürfen wollen, ist nun Glencore am Werk. 70% der Minen des Unternehmens befinden sich in solchen Ländern. Dies rechtfertigte sicher auch den Public Eye Award des Jahres 2008. Glencore ging erst letztes Jahr an die Börse. Der Wert des Unternehmens an der Börse beträgt momentan ungefähr 40 Milliarden. Der späte Börsengang ist darauf zurückzuführen, dass börsenkotierte Unternehmen gewisse Zahlen veröffentlichen müssen; dies gefiel Glencore gar nicht. Die Marktmacht wurde in den letzten Jahren stark ausgebaut. Inzwischen kann der Zuger Weltkonzern sogar den Rohstoffhandel manipulieren!
Xstrata hiess bei der Gründung 1929 Südelektra. Anfangs war die Firma eine Finanzgesellschaft, welche in die Produktion und Verteilung von Strom in Lateinamerika investierte. Im Jahr 1990 wurden eine 53%-Beteiligung der PBZ Privatbank an Marc Riche + Co, heute Gencore, verkauft. Von da an kaufe das Unternehmen etliche Rohstofffirmen auf. Um die Jahrhundertwende war Xstrata eine gefestigte Rohstofffirma. Der Umsatz stammte vollständig aus der Produktion von Metallen, welche für die Herstellung von Edelmetallen nötig sind und dem Rohstoffabbau. Die Zuger Firma ist absolut unersättlich. Im Jahr 2010 besass sie 63 Tochterunternehmen, 21 Joint Ventures, 8 Holdingunternehmen und 6 Hauptbeteiligungen. Der geschätzte Besitzwert: 35 Milliarden Dollar. Am Hauptsitz in Zug sind gleichzeitig nur 50 Mitarbeiter beschäftigt. Möglich ist dies da Glencore ein Grossteil des Handels für Xstrata übernimmt. Der Gewinn des Unternehmens betrug im Jahr 2010 vor Zinsen und Steuern 7,6 Milliarden Dollar.
Durch die Fusion von Glencore und Xstrata entsteht der viertgrösste Rohstoffkonzern. Der neue Konzern wird Glencore Xstrata International heissen, der Börsenwert wird ungefähr 90 Milliarden Dollar betragen und der Umsatz wird der grösste Europas sein. Die Marktmacht ist gewaltig. Durch die Fusion schliesst Glencore zu den anderen Marktgrössen auf. Die Wertschöpfungskette der neuen Firma reicht vom Abbau des Rohstoffs über dessen Verarbeitung bis zum Handel und Transport. Das Unternehmen wird zum weltgrößten Exporteur von Kohle für Kraftwerke und zudem einer der führenden Kupferkonzerne.
Rohstoffabbau und andere Kriminalitäten
Der Abbau von Rohstoffen wirft riesige Gewinne ab. Um diesen Profit zu erzielen, findet enorme Ausbeutung und Betrug satt. Es unzählige Vorfälle, die gegen jegliche Menschlichkeit verstossen. Die bekannten sind leider nur die Spitze des Eisbergs.
Das von Glencore betriebene Bergwerk Los Quenuales in Peru wurde durch seine antigewerkschaftliche Haltung bekannt. Über die Beschwerden und Forderungskataloge der Gewerkschaft weigerte sich Glencore zu verhandeln. Es wurde darauf ein unbefristeter Streik ausgerufen; dieser wurde von der Polizei angegriffen. Dies ist ein Beispiel für die Haltung der multinationalen Rohstoffkonzerne zu Gewerkschaften. Ein aktueller Fall zu diesem Thema ist sicherlich die Ermordung eines kolumbianischen Gewerkschafters, in welche Nèstle verwickelt ist.
Die Gewinnmaximierung basiert aber nicht nur auf miserablen Arbeitsbedingungen, sondern auch durch bewusste Steuerhinterziehung. Würden in der Mopani Copper Mines in Sambia beim Verkauf von Kupfer an die Muttergesellschaft Glencore dieselben Kupferpreise wie auf dem Weltmarkt üblich bezahlt, würden zusätzliche Steuern von 29 Milliarden anfallen. Die hinterzogenen Steuern betragen das doppelte Bruttoinlandprodukt von Sambia. Dieses Geld landet nun als Gewinn bei Glencore. Wer denkt dies passiere nur in Drittwelt-Ländern, der irrt sich. Die Australische Regierung unter Premierminister Rudd wollte eine 40%-Steuer auf Rohstoffprofite einführen. Prompt wehrten sich die Rohstofffirmen und brachten es fertig, dass Rudd zurücktrat. Die Nachfolgerin von Rudd, Julia Gillard, strich die Pläne für die Steuer, führte gar eine Steuersenkung für die Rohstoffbranche durch. Die Entwürfe für die neue Steuerregelung wurden direkt vom Rohstoffkonzern BHP Billiton an die Regierung gemailt.
Dies ist das unübliche Vorgehen der Rohstofffirmen. Dies zeigt deutlich, wieso rohstoffreiche Länder nicht von ihrem Reichtum profitieren.
Mit den Rohstoffkonzernen und Kartellen ist nicht zu spassen. Der Profit ist das wichtigste. Umwelt, Menschlichkeit und Grundrechte müssen sich hinten anstellen. Die Strukturen der Rohstofffirmen ermöglichen es ihnen die Gewinne zum Hauptsitz zu schieben. Dies ist nichts anderes als moderner Kolonialismus.
Rohstoffkontrolle
Die Schweiz und viele andere Länder sind mit riesigen multinationalen Konzernen konfrontiert. Diese Unternehmen besitzen die für unser aller Leben notwendigen Rohstoffe. Die Profitlogik des Marktes bestimmt die Bedingungen des Rohstoffabbaus. Die Profite der Firmen sind entsprechend hoch. Die riesigen Profite führen zu einer immer stärkeren Monopolisierung. Die Macht über die weltweiten Rohstoffe wird in den Händen weniger Firmen konzentriert. Die Konsequenz ist, dass diese Unternehmen nicht mehr kontrolliert werden können. Die Politiker sind durch ihre Verstrickungen mit diesen Konzernen nicht in der Lage, die nötigen Gesetze zu schaffen.
Sollte die Grundlage zur Kontrolle trotzdem geschaffen werden, stellt sich die Frage, wie ein Staat oder eine Staatenvereinigung (EU, UNO usw.) Firmen in die Schranken weisen kann, welche die Finanzkraft der Hälfte ihrer Mitgliedstaaten haben? Wie kann man jemanden stoppen, der seinen sechs höchsten Managern so viel Lohn zahlt, dass sie zusammen den Platz 94 im Bruttoinlandprodukt-Ranking erreichen? Klar, es können entsprechende Gesetze erlassen werden. Das Resultat ist aber auf keinen Fall, dass sich ein solches Unternehmen beispielsweise an Menschenrechte halten würde. Die Firmen und das in sie investierte Kapital werden neue Arten und Wege finden, um erneut mit der gnadenlosen Ausbeutung von Mensch, Boden und Umwelt fortzufahren.
Jeder ernsthafte Versuch diese Unternehmen in den Griff zu bekommen läuft unweigerlich auf eine Frontalkonfrontation mit dem Weltkapital hinaus. Der einzige Weg, diesen global und extrem flexibel agierenden Firmenkonstrukten Einhalt zu gebieten, ist sie zu vergesellschaften und unter demokratische Kontrolle zu stellen. Ein derart wichtiges Gebiet der Wirtschaft, der heutigen Produktion, muss mit Bedacht verwaltet werden, besonders wenn es sich um endliche Ressourcen handelt. Der Abbau und die Produktion von Rohstoffen und ebenso deren Verteilung muss in den Dienst der Menschheit gestellt werden.