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| Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen.

Ps. 52
Abhandlung über den Psalm
12.
Gott aber, welcher seiner immer unveränderlichen Natur zu Folge allein gut ist, war kein sehr strenger Richter dieser unserer Veränderlichkeit, indem er unserer Schwäche, wegen welcher wir nicht immer gut bleiben, nach dem Verdienste unsers Willens, vermöge dessen wir Freude daran haben, daß wir gut sind, Nachsicht angedeihen ließ, und indem er mehr durch das, was wir wollen, zur Gnade sich bewegen, als durch das, was wir nicht können, zum Zorne sich reizen ließ. Denn da er zu Moses, der wahrhaft sein treuer Freund war, und den er dem Pharao zum Gotte gesetzt hatte, gesprochen:1 „Weil du mich nicht verherrlichet hast bei dem Gewässer des Streites, so steige auf den Berg und stirb;“ hat er diesen nachher, ohne daß Jemand den Ort seines Grabes wußte, ihn, welcher mit Elias von den Aposteln auf dem Berge gesehen wurde, zum Genossen und Zeugen seines seligen und ewigen Reiches aufbehalten. Und um nicht an Aaron, David und Salomon und mehrer andern Beispiele dieser Güte Gottes aufzuzählen, welchen, obgleich ihnen die Schuld der Veränderung vorgeworfen ward, doch wegen des Verdienstes des Glaubens schnelle Verzeihung zu Theil wurde; so hat der Herr, welcher die menschliche Schwachheit wohl kannte, da er ja zu den Aposteln gesagt hatte:2 „Ihr werdet euch alle an mir ärgern in dieser Nacht;“ und den Petrus, nicht so fast um ihm die Verdammung der Verläugnung anzukünden, sondern weil er wegen der Furcht des Fleisches ein veränderlicher Mensch war, daran erinnert hatte, daß er ihn dreimal verläugnen würde, ihm doch, obgleich er verläugnete, die Schlüssel des Himmelreiches nicht genommen; weil, obwohl sich die [S. 107] Verläugnung aus Furcht eingeschlichen hatte, ihm doch der feste Glaube und der Wille, bis zum Märtyrertode zu bekennen, nicht fehlte. Und etwas anderes ist es, nicht wollen, etwas anderes, nicht können. Denn obwohl Petrus erschrack, und in Folge der Empfindung des Fleisches die Standhaftigkeit in seiner Antwort nicht beibehalten konnte, so vergoß er doch sogleich wegen des Glaubens seines Herzens Thränen. Und da er erkannte, daß er von dem, was er wollte, abgebracht worden sey, goß er die Wärme seines Glaubens in Thränen des Schmerzens aus. Und eine und dieselbe war die Zeit des Läugnens und des Weinens, weil nämlich in Bezug auf die Veränderung aus Furcht die Festigkeit des Willens stärker war. Denn sogleich beweinte der standhafte Glaube die furchtsame Unbeständigkeit, und in der Folge bewies er durch das mit dem Märtyrertode verbundene Bekenntniß die im höchsten Grade bewährte unerschütterliche Standhaftigkeit des Apostels. Dieses haben wir deßwegen an dieser Stelle angeführt, damit man nicht glaube, folgender Ansspruch gelte im Allgemeinen: „Keiner ist, der Gutes thut, auch nicht Einer;“ indem diese so vielen und so großen Gott wohlgefälligen Männer, obschon sie durch die Veränderung der Natur von dem Vorsatze des Glaubens ein wenig abgewichen waren, doch durch ihre sehr großen und sehr schönen guten Werke ein herrliches himmlisches Urtheil über sich erlangt haben.
1: Deut. XXXII, 49.
2: Matth. XXVI, 31.