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Vor 200 Millionen Jahren waren alle Kontinente zu einem riesigen Urkontinent vereint. So war das heutige Indien mit der Ostküste Afrikas verbunden. Als Indien sich im Prozess der Kontinentaldrifte immer weiter von Afrika entfernte, näherte es sich aus südlicher Richtung dem asiatischen Kontinent an, bis es mit diesem verschmolz. Einige Landmassen, sogenannte kontinentale Überreste, blieben auf ihrem Weg im Meer zurück. Sie zählen heute zu den ältesten, schönsten und einzigartigsten Granitinseln der Welt – der Seychellen-Archipel, welcher aus 115 Inseln besteht, die etwa 800 Kilometer vor der Ostküste des afrikanischen Landes Kenia liegen.
Reise in eine Postkarte
Brütende Hitze liegt über dem wolkenlosen Samstagmorgen, als wir an Bord der «Sea Bird» einchecken. Um 10.30 Uhr werden wir ablegen und mustern neugierig die restlichen Passagiere. Drei Paare aus Deutschland, darunter Flitterwöchner, ein Ehepaar aus Frankreich und eine ältere Amerikanerin, die auf der Karibikinsel Saba lebt und eine 36-Stunden-Reise hinter sich hat. Das anfängliche Misstrauen meiner Tochter weicht zunehmender Aufgeschlossenheit. Die Vorstellung darüber, mit
einer Gruppe unbekannter Menschen sieben Tage und sieben Nächte auf kleinstem Raum und ohne Fluchtmöglichkeit über das Meer zu schippern, hatte sie verunsichert. Unsere Reisebegleiter entpuppen sich als angenehmes und lustiges Grüppchen, von dem wir uns am Ende der Reise unter Tränen verabschieden werden. Erwartungsvoll stehe ich am Bug, als das Segelboot den Anker einfährt und aus dem Hafen gleitet. Langsam entfernen wir uns vom Festland und steuern die Beau-Vallon-Bucht an, wo das Schiff über Nacht ankern wird. Die Entfernung und die Betrachtungsweise vom Wasser her bieten eine komplett andere Kulisse als von einem Strand aus. Die Sonnenstrahlen tanzen auf der grünen Wasseroberfläche, während sich hinter dem Sand dicht bewachsene Berge in den Himmel erheben. Wir sind nicht nur die Betrachter einer Postkarte, wir sind mittendrin.
Robinson Crusoe
Der kleine Strand in der Bucht ist menschenleer und paradiesisch. An einer der Palmen baumeln unsere Shirts und Shorts. Wir sind die neuen Robinsons und dieser Flecken Erde gehört uns. Faul dümpeln wir im seichten Wasser, während Angelika, eine Lehrerin, lustige Anekdoten aus ihrem Alltag erzählt, «Und als ich sagte, > ‹fest drücken›, stürmten alle Schüler der ersten Klasse auf mich zu und umarmten mich, dabei meinte ich, dass sie die Türe zur Sporthalle fest drücken müssen, um sie zu schliessen.» Ich brauche weder ein Buch noch Musik, die malerische Kulisse aus Blau- und Grüntönen, das sanfte Rauschen der Wellen, die plätschernd an den Strand spülen, die Abgeschiedenheit und die Stille beleben meinen Geist. Ich geniesse die Ruhe und Gelassenheit in meinem Kopf. Lächelnd betrachte ich mein-iPhone-iPad-Kindle-virtual-life-Kind, das verträumt über den Strand spaziert, Muscheln betrachtet und die einzigartigen Granitfelsenformen studiert.
Riesenschildkröten und erotische Früchte
Die Atmosphäre an Bord ist locker und ungezwungen. Vielleicht liegt es am Gefühl der Freiheit, das ein Schiff ausströmt, oder der Vorahnung, Zeugen von etwas Besonderem zu werden. Der Trip in eine Gegend, die lange vor unserer Zeit entstanden ist, wird uns zu verschiedenen Inseln führen. Curieuse Island ist gänzlich unbewohnt und beheimatet uralte und gefrässige Riesenschildkröten, die nach jedem Blatt schnappen, das man ihnen entgegenstreckt. Zwei Theorien erklären das Vorkommen der Riesentiere auf diesen abgelegenen Inseln. Die eine besagt, dass kleinere und mit Treibgut angeschwemmte Tiere sich auf der Insel zu Riesenformen entwickelt hätten. Laut der zweiten Theorie handelt es sich wahrscheinlich um die letzten Überlebenden, möglicherweise sogar Verkleinerungsformen ihrer einst weltweit verbreiteten Art aus Urzeiten. Im Naturschutzgebiet Vallée de Mai auf der zweitgrössten Insel Praslin wuchern dicht aneinander gedrängt riesige Seychellen-Palmen und bilden ein Sonnenschutzdach. Zwischen den fächerartigen Blättern flattern seltene Vogelarten wie der Rabenpapagei oder der Dickschnabel-Fluchtvogel. Die endemische Palmenart wächst nur auf den Seychellen-Inseln Praslin und Curieuse und trägt entweder männliche oder weibliche Blüten. Die weibliche Frucht der Seychellen-Palme, die Coco de Mer, ist die weltweit grösste Kokosnuss und in ihrer Form einzigartig.
Emmanuelles Insel & flauschige Vogelbabys
Cousin Island wurde 1968 vom Internationalen Rat für Vogelschutz erworben, um den Erhalt des weltweit letzten Seychellen-Rohrsängers, von dem es damals nur noch 30 Stück gab, zu gewährleisten. Die Insel ist total ökologisch, Rauchen und sorglose Abfallentsorgung sind strengstens untersagt. Besucher der Insel dürfen mit ihren Yachten und Booten nicht selber an der Insel anlegen, sondern werden von den Mitarbeitern des Reservats mit Schnellbooten abgeholt. Flauschige, knuddelige Jungvögel, die wie Wattebausche aussehen, sitzen zwischen den Baumwurzeln und Einbuchtungen der Baumstämme. «Fasst die Babys bloss nicht an, sie sehen zwar harmlos aus, aber sie sind sehr leicht reizbar und picken euch die Finger wund», warnt uns der Führer. La Digue ist die kleinste der drei bewohnten Hauptinseln der Seychellen und eine Schönheit der besonderen Art. Wie gemalt neigen sich Palmen schräg über die schönsten Strände der Welt. Pointe Source d’Argent und Anse Source à Jean mit ihren Granitfelsen im Sand und kristallklarem Wasser gehören zu den Traumstränden der Erde. Ochsenkarren und Fahrräder ersetzen auf der Insel Autos. Wir entscheiden uns für Fahrräder und fahren einen Teil der Insel ab, bevor wir uns in den Sand und die Einbuchtungen einiger Granitblöcke legen. Nebst der atemberaubenden Optik, die sich einem Besucher täglich offenbart, sind es die Emotionen, die auf so einer Reise aktiviert werden. Es ist die Sehnsucht danach, die Zeit anzuhalten und zu verharren, stundenlang ins Meer zu blicken und Erfüllung zu fühlen. Der Einklang mit der Natur ist Balsam für westliche und industrialisierte Seelen.
Abschied
«Logbook entry, Day 7: SY Sea Bird – 29th June. 05.45 hrs: picking up anchor from Ste Anne Marine Park, approaching Victoria Harbour, heading into base. Wind: blowing from southeast @ 10 knots. Sea conditions: calm. 6.30hrs: drop anchor at base. Lat: 04 degrees 37’.2 S / Long: 055 degrees 27’.5 E.» Ein bisschen verloren und tief bewegt von all den Impressionen stehen wir am Pier im Hafen von Victoria. Vor einer Woche haben wir uns auf eine Reise begeben, ohne Fernseher, SMS, Internet oder WiFi, ohne Bezug zum Rest der Welt. Sieben Tage und sieben Nächte waren wir so weit weg von allem und doch so nah bei uns selbst. Der Abschied fällt uns sichtlich schwer und ich kämpfe gegen aufsteigende Tränen und Traurigkeit an. Ich kann nicht einordnen, weshalb genau. Weil sich unsere Wege mit wundervollen Menschen wieder trennen, oder ist es der Weggang aus einem Stück Ewigkeit?