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Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise galt Stockton als «elendeste» Stadt der USA. Obwohl sie im erweiterten Einzugsgebiet von Bay Area und Silicon Valley liegt, sind die Lebensbedingungen schwierig. Das Einkommen in der mehrheitlich von Nichtweissen bewohnten Stadt ist deutlich tiefer und die Armutsquote höher als in San Francisco und selbst in Oakland.
Den Tiefpunkt erreichte Stockton mit seinen 300'000 Einwohnern vor fünf Jahren. Es musste Konkurs anmelden, als bislang grösste Stadt in der Geschichte der USA. Hauptgrund waren hohe Ausfälle bei der Immobiliensteuer, einer zentralen Einnahmequelle kalifornischer Städte. Während des Baubooms in den Nullerjahren hatte Stockton auf grossem Fuss gelebt. Nach dem Platzen der Subprime-Blase konnte die Stadt trotz Sparbemühungen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen.
Unter den Folgen der Pleite leidet Stockton bis heute. Und doch herrscht Aufbruchstimmung. Die Stadt soll als Versuchslabor für ein bedingungsloses Grundeinkommen dienen. Treibende Kraft ist Michael Tubbs, der letztes Jahr mit 26 Jahren zum ersten schwarzen Bürgermeister von Stockton und zum jüngsten Oberhaupt einer US-Stadt mit über 100'000 Einwohnern gewählt wurde.
Tubbs stammt selber aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater sitzt im Gefängnis aufgrund der berüchtigten «Three Strikes»-Regel, die nach der dritten Straftat automatisch eine lebenslange Haftstrafe vorsieht. Seine Motivation für das Grundeinkommen bezieht er vom Bürgerrechtler Martin Luther King, der sich in seinem letzten Buch dafür stark gemacht hatte.
Zum eigentlichen Auslöser wurde eine Anfrage des Economic Security Project, das sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt und von Facebook-Mitgründer Chris Hughes finanziert wird. Michael Tubbs liess sich nicht zweimal bitten. In den nächsten Monaten sollen die Voraussetzungen für das Experiment abgeklärt werden. Der Start ist für August 2018 geplant.
Dem Bürgermeister schwebt ein dreijähriger Versuch mit 100 Personen vor, die 500 Dollar pro Monat erhalten sollen. Er wolle herausfinden, wie die Empfänger mit dem Geld umgingen, sagte Tubbs der Website Vox: «Sie können mehr Zeit als Elternteil oder mit Freiwilligenarbeit verbringen, zurück zur Schule gehen und sich weiterbilden oder in ein neues Geschäft investieren.»
Die Kosten allein für das Experiment betragen 1,8 Millionen Dollar. Eine Million stellt das Economic Security Project zur Verfügung, der Rest soll unter anderem mit Crowdfunding beschafft werden. Im Erfolgsfall möchte Michael Tubbs die Zahl der Empfänger ausweiten, was angesichts der nach wie vor angespannten Finanzlage kaum ohne auswärtige Investoren möglich wäre.
Allerdings ist das Grundeinkommen im Silicon Valley ein grosses Thema. Mark Zuckerberg, Elon Musk und Richard Branson gehören zu seinen Befürwortern. Es gilt als Gegenmittel für mögliche Jobverluste aufgrund der digitalen Disruption. Das Unternehmen Y Contributor, das Startups Anschubhilfe gewährt, plant ein deutlich grösseres Experiment als jenes in Stockton.
In Oakland, der «armen» Nachbarstadt von San Francisco, sollen 3000 Personen einbezogen werden, berichtet der Fernsehsender CNBC. 1000 Leute sollen 1000 Dollar pro Monat erhalten, und das während bis zu fünf Jahren. 2000 weitere Personen sollen als Kontrollgruppe 50 Dollar erhalten. Mit diesem «Feldversuch» soll der Effekt des Grundeinkommens erforscht werden. (pbl)