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Die Agonie des Schmetterlings Böse Geschichten
Als die 55-jährige Helen Meier mit Trockenwiese debütierte, wusste niemand, dass sie schon zwischen 1955 und 1980 Texte geschrieben hatte, die in ihrer Direktheit, ihrem rebellischen Impetus und ihrer unzimperlichen weiblichen Radikalität dem ab 1984 Publizierten ebenbürtig waren.
Der vorliegende Band vermittelt erstmals Zugang zur frühen Helen Meier, und die 25 kürzeren oder längeren Texte bestechen nicht nur durch die Konsequenz, mit der bereits ihr ureigenstes Thema – die Unmöglichkeit der Liebe und das unablässige Suchen danach – variiert ist, sondern auch durch die schier unerschöpfliche Vielfalt an Situationen, Schauplätzen und Konstellationen. Da ist die todessüchtige Frau, die über eine Brücke geht und sich den Absturz wie einen Orgasmus ausmalt; da ist das Paar, das in ein enges Tal hinein wandert und immer mehr in eine tödliche Sackgasse gerät; da ist die Frau, der in ihrer Vereinsamung eine luxuriöse Villa zur Hölle wird; der Maler, der seine Partnerin mit erotischen Fantasien verrückt macht; die Bäuerin, die im Spital ihr armseliges Leben Revue passieren lässt; der Arzt, der sich nach Jahrzehnten für die Treulosigkeit seiner Frau rächt; die Behinderte, die sich auf animalische Weise einem Bergbauern hingibt, oder die Schriftstellerin, die nichts so sehr hasst wie die Geschichte, die sie vorlesen soll.
Was die frühen Texte den späteren gleichstellt, sind aber nicht nur Themen und Figuren, das ist vor allem Helen Meiers unverwechselbar eigene Sprache, die dem Erzählten Authentizität, Kraft und Eindringlichkeit schenkt.
(Buchpräsentation Edition Xanthippe)
Gift und Gegengift
Geschrieben hat Helen Meier, geboren 1929 im sanktgallischen Mels, seit frühen Jahren schon. Erst 1984 jedoch erschien ihr vielbeachteter, erster Prosaband Trockenwiese. Mittlerweile umfasst Helen Meiers Werk zahlreiche Erzählbände, drei Romane und verschiedene essayistische Titel. Mit dem jüngsten Prosaband Die Agonie des Schmetterlings wagt sie Ausserordentliches: Sie publiziert unveröffentlichte frühe Texte. Es sind nicht gerade Jugendwerke, aber sie stammen doch aus der Zeit vor Trockenwiese.
Keine der dreiundzwanzig Geschichten hiess übrigens «Trockenwiese». Der Titel bezeichnete ein Wesensmerkmal von Helen Meiers Art zu schreiben, das nun auch in den frühen Texten der Agonie des Schmetterlings schon zu finden ist: nicht üppig, aber kräftig. Helen Meier deckt die Dinge, bei aller Farbigkeit ihres Stils, nicht zu mit Voralpengrün, sondern bleibt stets durchlässig für Überraschungen. Auch für scharfe, giftige Pflänzchen – die dann in ihren Texten aber auch immer wieder ganz unerwartet eine heilende Wirkung haben.
Die Agonie des Schmetterlings enthält Texte von unterschiedlicher Qualität, wie könnte es anders sein, aber die besten haben bereits die Helen Meiers Schreiben auszeichnende rebellische Eigenwilligkeit. Nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Bauweise, die keine Rücksicht nimmt auf fürsorgliche Leserführung. Ansatzlos beginnen sie, schlagen abrupte Haken und öffnen sich selbst da, wo sie zu einem Schluss finden, einem unabgeschlossenen Deutungshorizont. So erscheinen sie auch heute nicht als alte, sondern eben als frühe Texte, die die Anziehungskraft von noch nie gelesenen haben. Einige von ihnen sind in ihrer Komplexität gar dem aktuellen Erzählen, sofern es wieder eher auktorial geprägt ist, meilenweit voraus.
Die ganze Tonalität Helen Meiers von bissiger Lakonik bis zu expressiver, schwärmerischer Orgiastik lässt sich in der Agonie des Schmetterlings schon entdecken. Und der ganze Themenkomplex, dem sie sich in ihrem Werk so enragiert gewidmet hat, ist schon vorhanden: Jugendverlust, Altern, Sterben. Der Ekel, «la nausée». Und in allem die Frage der (fehlenden) göttlichen Gerechtigkeit. Die religiöse Dimension, die niemals eine konfessionelle, kirchliche Formatierung bekommt, darf nicht unterschätzt werden. Und alles geschrieben aus einer konsequent weiblichen Perspektive.
Wichtiger noch, in der Art einer Naturforscherin, die das Verhalten der Menschen wie das wilder Tiere mit einem Teleskop beobachtet: aus der Ferne und gleichzeitig aus einer Nähe, die nichts verzeiht. Man kann darin die «Bosheit» der Texte sehen. Die Agonie des Schmetterlings heisst ja im Untertitel, der einer Gattungsbezeichnung gleichkommt: «Böse Geschichten». Fast immer zerfällt etwas, geht kaputt, wird zerstört, verschwindet. Die Beziehungen der Menschen befinden sich, auch wenn sie scheinbar unauffällig sind, in einer Krise, verstrickt in Machtkämpfe, Neid, Betrügereien. Und zermürbt von bodenloser Hilflosigkeit, die selbst die «starken» Figuren nicht überdecken können. Aber mögen die Menschen noch so schlecht, gnadenlos und brutal sein, Helen Meier lässt sie kommentarlos agieren. Sie lässt sie mit sich selbst allein und ist gerade so «bei» ihnen. Das «Böse» in Helen Meiers Texten hat viele Formen, oft sogar die der Empathie.
«Frühe» Texte interessieren wohl auch, weil sie versprechen, uns dem Geheimnis der Kreativität näherzubringen. Wir hoffen, dass sie uns einen schwindelerregenden Blick ermöglichen in das Nichts, ins finstere Chaos der Sprachlosigkeit, aus dem sie doch entstanden sein müssten. Dass sie uns noch das Naive, Unerzogene, Hilflose eines Neugeborenen miterleben lassen, das seine ersten taumelnden Schritte unternimmt. In Helen Meiers frühen Texte kommt da noch eine wichtige Erkenntnis hinzu: zum Ungesicherten – auch zur Sprachlosigkeit – muss sie selber erst finden in einer rundum sich sicher gebenden Welt. So heisst es (mit philosophischem Pathos freilich) im Text «Fresken» überraschend: «In Rom, in der Stadt des Nichts, überkommt mich das Bewusstsein des Nichts und damit das Bewusstsein des Etwas.» Aber es ist genau diese Erfahrung der Nähe von Destruktivität und Konstruktivität, die bei Helen Meier dann zur Kreativität führte – und das nicht nur am Anfang ihres Werks.
Helen Meiers sozusagen nachgetragener «Erstling» unterscheidet sich von vielen heutigen Debuts auch dadurch, dass er weder einem Zeitgeist verpflichtet ist noch von einem autobiographischen Schicksal zu berichten hat. Es handelt sich vielmehr um Texte, die noch nicht so recht wissen, wohin sie gehen sollen. Nur der Wille zum Sprechen und Schreiben ist ihnen gewiss: «Sprache ist der alleinige Beweis des Daseins» («Fresken»). Dabei bleibt immer unmissverständlich: Dasein heisst noch nicht Leben. Zum Leben braucht es das andere grosse «L» in Helen Meiers Texten, die Liebe. Liebe ist die Gegengabe (oder das Gegengift) zum Sterben, das uns an allen Ecken und Enden sein «böses» Gesicht zeigt.