Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/3111

Warum gibt diese Zeitung Anfang Jahr eigentlich keine Aktientipps, wie das andere Zeitungen tun?
Man bräuchte sich als Finanzredaktor nicht einmal gross aus dem Fenster zu lehnen. Man könnte diesen Job den Banken überlassen. Sie würden fünf Aktientipps geben, und nach einem Jahr würden wir abrechnen. Die «Finanz und Wirtschaft» macht das seit über 25 Jahren. Es wäre nicht konsequent, diese und jene Aktie als heissen Tipp zu empfehlen, wenn man doch dauernd davor abrät, auf einzelne Aktien zu setzen.
Ich halte es mit dem amerikanischen Börsenguru John C. Bogle: «Suche nicht die Nadel im Heuhaufen. Kaufe das ganze Heu.» Vor allem die Rangliste nach zwölf Monaten finde ich besonders problematisch. Nehmen wir an, ein Banker tippt auf die Valiant-Aktie. Der Kurs dieser Aktie verdoppelt sich innert zehn Monaten, nur um dann Ende Oktober mehr als die Hälfte zu verlieren. Ende Jahr sieht der Banker mit diesem Aktientipp schlecht aus – und doch hat er ins Schwarze getroffen. Man hätte nur die Aktie vorher verkaufen müssen. Um also bei solchen Tipps gut dazustehen, müsste man eine Punktlandung per Ende Jahr anstreben.
Man könnte das Ganze als ein Spiel betrachten. Wird das aber vom Leser auch als Spiel betrachtet? Oder erwartet man vom Banker, dass er die Perlen herauszupicken vermag, die eine höhere Rendite erzielen als der Marktdurchschnitt? Eine solche Erwartung wäre vermessen: Fünf Banker gaben vor einem Jahr in der «Finanz und Wirtschaft» je fünf Aktientipps zum Besten. Der beste, Patrik Lang von der Bank Julius Bär, erzielte mit seinen fünf Aktien eine Performance von minus 11,6 Prozent. Der schlechteste schaffte ein Minus von 31,5 Prozent. Diplomatie gebietet, seinen Namen zu verschweigen.
Weniger schlecht gefahren wäre man mit einem Indexfonds, der den SMI abbildet. Dieser notierte in der gleichen Zeitspanne ein Minus von 11 Prozent. Keiner der fünf Experten erzielte mit seinen heissen Tipps eine Performance, die über dem Marktdurchschnitt liegt. So viel zur Kunst, weiser zu sein als der Markt.
Erschienen in der BZ am 3. Januar 2012