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Eine koreanische Familie lässt sich Anfang der Achtzigerjahre in den ländlichen USA nieder. Diese autobiografisch angehauchte Einwanderungsgeschichte, die Lee Isaac Chung in «Minari» aufzieht, ist eine meisterhafte, jegliche Klischees unterlaufende Mischung aus nuanciertem Familiendrama und poetischer Hommage an jene Menschen, die Amerika zur sprichwörtlichen «nation of immigrants» machen.
Nach Jahren der harten Arbeit in Kalifornien hat es Jacob Yi (Steven Yeun) endlich geschafft, sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen: ein Haus auf Rädern inmitten eines wild überwucherten Feldes irgendwo im Nirgendwo des US-Bundesstaates Arkansas, eine Autostunde vom nächsten Krankenhaus entfernt. Hier sollen er und seine Ehefrau Monica (Han Ye-ri), die einst voller Hoffnung aus Südkorea auswanderten, gemeinsam mit ihren Kindern, der schweigsamen Anne (Noel Kate Cho) und dem vorwitzigen, am Herzen erkrankten David (Alan Kim), tiefe Wurzeln schlagen und sich etwas Eigenes aufbauen.
Tagsüber arbeiten Jacob und Monica zwar noch in der örtlichen Industriefarm, wo sie Küken nach Geschlecht sortieren, doch bald schon verbringt Jacob jede freie Minute damit, sein neu erstandenes Land urbar zu machen. Der Plan: im grossen Stil jene Gemüsesorten anpflanzen, die in der stetig wachsenden ostasiatischen Community in Arkansas und Oklahoma besonders beliebt sind, und damit von einer Marktlücke profitieren.
«Life began for me, when I ceased to admire and began to remember.»
Regisseur und Drehbuchautor Lee Isaac Chung («Munyurangabo») hat sich in seinem fünften Film von seinen eigenen Kindheitserinnerungen leiten lassen: Seine Eltern waren koreanische Einwanderer der ersten Generation; die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in den Grossstädten Denver und Atlanta, bevor sein Vater ein «Mobile Home» im weitaus ländlicheren Arkansas kaufte, um sich fortan als Farmer zu verdingen. Das Motto, nach dem Chung bei der filmischen Aufarbeitung seiner Kindheit verfuhr, fand er in einem Zitat der Schriftstellerin Willa Cather: «Life began for me, when I ceased to admire and began to remember.»
Folgerichtig ist «Minari» – trotz Lachlan Milnes betörenden Aufnahmen von Sonnenuntergängen und spriessenden Pflanzen, trotz den verträumt-sphärischen Klängen von Emile Mosseris grandiosem Musikscore, trotz den Momenten, in denen Anne und David aufgrund ihres Aussehens mit rassistischer Ignoranz konfrontiert werden – weder eine nostalgische Verklärung von Jacobs Unternehmergeist noch ein didaktisches Lehrstück, das den Alltag der Yis auf einen einzigen langen Kampf gegen amerikanischen Rassismus reduziert.
«Folgerichtig ist ‹Minari› weder eine nostalgische Verklärung von Jacobs Unternehmergeist noch ein didaktisches Lehrstück, das den Alltag der Yis auf einen einzigen langen Kampf gegen amerikanischen Rassismus reduziert.»
Chung interessiert sich vielmehr für die Spannungen, die innerhalb der Familie entstehen. So bekundet etwa gerade der siebenjährige David Mühe damit, sein Elternhaus, in dem Koreanisch gesprochen und gegessen wird, mit der amerikanischen Kultur, von der er in der Schule und vor dem Fernseher geprägt wird, in Einklang zu bringen. Ein Identitätskonflikt, der zu eskalieren droht – und zugleich als zartes komödiantisches Element eingesetzt wird –, als Monicas Mutter Soon-ja (die wunderbare Youn Yuh-jung) aus Südkorea anreist, um auf Anne und David aufzupassen.
Und auch die beiden Eltern hadern mit ihrer Lage: Für den optimistischen Sturkopf Jacob, der vom herausragenden Steven Yeun («The Walking Dead», «Burning») gespielt wird, als könnte seine All-American-Pioniergeist-Fassade jederzeit zu bröckeln beginnen, wird das mühsame Beackern seines kargen Landes sehr schnell zu einem Sinnbild für die Schwierigkeiten seiner Familie, sich an das Leben in Arkansas zu gewöhnen. Yeun gegenüber steht die kongeniale Han Ye-ri («My Unfamiliar Family»), deren Monica zwar oft im Hintergrund von Szenen bleibt, in den herzzerreissenden emotionalen Höhepunkten jedoch das Dilemma der Yis auf den Punkt bringt: Warum scheint es Jacob wichtiger zu sein, in Amerika Fuss zu fassen, als den Zusammenhalt seiner Familie sicherzustellen?
Daraus leitet Chung zum einen eine berührende, intime, in lebhaften Episoden erzählte Geschichte über Immigrant*innen in Ronald Reagans USA ab. Zum anderen gelingt ihm damit aber auch eine geradezu hoffnungsvolle Vision für Amerika. «Something bad happened here», murmelt Jacobs Erntehelfer, der exzentrische Koreakriegsveteran und selbsternannte Priester Paul (ebenfalls brillant: Will Patton), als er das Land mithilfe eines Gebets von seinen bösen Geistern befreien will. Damit ist vordergründig das traurige Schicksal von Jacobs erfolglosem Vorgänger gemeint, doch der Satz ist auch getränkt von der blutigen Geschichte des Landes, auf dem er steht: ein Land, das mit der brutalen Vertreibung der indigenen Bevölkerung seinen Anfang nahm und in dem in der Folge eine Sklavengesellschaft errichtet wurde – Landraub und Zwangsarbeit im Namen des «American Dream». Es ist fraglich, ob dieses historische Übel je überwunden werden kann; doch wenn, dann wird das nicht zuletzt das Verdienst von Menschen wie den Yis sein – jenen, die zur Diversifizierung des Begriffs «American» beigetragen haben.
Über «Minari» wird auch in Folge 23 des Maximum Cinema Filmpodcasts diskutiert.
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Kinostart Deutschschweiz: 8.7.2021
Filmfakten: «Minari» / Regie: Lee Isaac Chung / Mit: Steven Yeun, Han Ye-ri, Alan Kim, Noel Kate Cho, Youn Yuh-jung, Will Patton / USA / 115 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Titelbild: Photo by Melissa Lukenbaugh, Courtesy of A24 / Im Verleih von PATHÉ FILMS AG
Berührend, intim, lebendig, manchmal witzig und immer zutiefst menschlich: «Minari» ist ein grossartiges Drama über den Zusammenhang und die Konflikte zwischen Heimat und Familie.