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Das Herzzentrum des Zürcher Kinderspitals schneidet im Vergleich zu anderen Spitälern schlecht ab: Kinder mit einem bestimmten Herzfehler sterben laut einer Studie doppelt so oft. Heftige Konflikte im Spital sollen laut Insidern die Qualität der Behandlung beeinflussen.
Eine wissenschaftliche Studie lässt Zweifel an der Qualität des Herzzentrums des Zürcher Kinderspitals aufkommen. Es geht um das sogenannte Hypoplastische Linksherzsyndrom. Babys, die mit diesem schweren Herzfehler auf die Welt kommen, müssen kurz nach der Geburt operiert werden. Es braucht drei Eingriffe am baumnussgrossen Herzen der Neugeborenen. Während der ersten Operation und in der Zeit bis zur zweiten ist das Risiko am grössten, dass die Kinder sterben.
Wie viele überleben, ist einer der Indikatoren dafür, wie gut ein Kinderherzzentrum ist. Das Herzzentrum des Kinderspitals sieht in einer Studie, die das Krankenhaus selber veröffentlich hat, nicht gut aus: Gemäss diesen Zahlen starben mehr als doppelt so viele Kinder wie in anderen Spitälern. Zugleich erzählen Insider von «Extremzuständen» in der Klinik, von jahrelangen Streitereien, die die Behandlung der Kinder beeinflussen würden.
57 operierte Kinder wurden in der Studie erfasst. Davon starben 22 bis zur zweiten Operation. Das heisst: 39 Prozent der Eltern mussten ihr Baby beerdigen. Die Zahlen stammen aus den Jahren 2001 bis 2014, und sie sind nicht gut.
Das Kinderherzzentrum Giessen (D) hat eine Studie mit Zahlen von 1998 bis 2013 durchgeführt, die in Datenbanken mit medizinischer Literatur abrufbar ist: In Giessen starben lediglich 15 Prozent der Kinder. Das Kinderspital im holländischen Utrecht weist zwischen 2004 und 2010 eine Todesrate von 19 Prozent aus.
Ein Teil der Unterschiede mag durch Unterschiede in den Studien erklärbar sein, doch eine doppelt so hohe Sterblichkeitsrate wirft Fragen auf.
Kinderherzchirurg René Prêtre war bis 2012 Chefchirurg des Herzzentrums und hat einen signifikanten Teil der Operationen durchgeführt. Er sagt: «Ich gebe gerne zu: Bei der Behandlung dieses Syndroms gibt es Spitäler, die eine grössere Erfahrung haben und besser sind als wir.» Giessen beispielsweise sei ein Kompetenzzentrum für diese Operation.
Zudem behauptet Prêtre, dass die Sterblichkeitsrate beim Hypoplastischen Linksherzsyndrom nicht der beste Indikator für die Qualität eines Herzzentrums sei. Ohnehin gäbe es verschiedene Ausprägungen des Syndroms. Dann fügt er an: «Bei Operation dieser Art ist nicht nur der Chirurg wichtig. Die Kardiologie und die Intensivstation haben einen grossen Einfluss darauf, wie viele Kinder überleben.»
Die Herzchirurgie, die Kardiologie und die Intensivstation im Kinderspital arbeiten aber kaum zusammen. Sie fechten massive Auseinandersetzungen aus. Insider berichten von «Extremzuständen».
Die Öffentlichkeit erfuhr bisher nur wegen zwei merkwürdiger Episoden, dass im Herzzentrum vieles im Argen liegt: Vor drei Wochen drohte der entlassene Herzchirurg A.S.* dem Kinderspital via Titelseite des «Tages-Anzeigers» mit Suizid durch Hungerstreik, wenn er kein korrektes Arbeitszeugnis erhalte.
Er zeigte drei seiner Vorgesetzten an und beschuldigte einen, ihn bei Operationen absichtlich mit dem Skalpell verletzt zu haben. Das Kinderspital bestritt die Vorwürfe. Für die Ärzte gilt die Unschuldsvermutung. Fünf Monate zuvor war Knall auf Fall Michael Hübler, Chef der Herzchirurgie, vor die Türe gestellt worden. Auf eine offizielle Erklärung für die Trennung vom international renommierten Spitzenchirurgen wartet die Öffentlichkeit bis heute.
Fakt ist: Konflikte wie jener, dem Hübler zum Opfer fiel, bestehen schon seit fast zehn Jahren. Es gab sie bereits, als noch René Prêtre Chef der Herzchirurgie war, wie Recherchen von CH Media ergaben. Prêtre, drei Jahre vor seinem Kispi-Weggang zum Schweizer des Jahres gekürt, verneint das.
Die Schilderungen sind heftig: «Anstatt gemeinsam zu entscheiden, wurden klare Linien gezogen und gesagt: Ab hier ist das unser Patient, ihr habt hier nichts mehr zu sagen», erzählt ein Beteiligter. «Ich hatte so etwas in meiner medizinischen Karriere noch nie erlebt.»
Dass sich Ärzte am Bett von Patienten stritten, wie die Eltern eines verstorbenen Mädchens in der SRF-Sendung «10vor10» berichteten, sei «mehrmals» vorgekommen. Eine Person vergleicht die Zustände mit einer Seilschaft, die nach links und rechts zieht, anstatt gemeinsam den Gipfel zu erklimmen: «Die dauernden Streitigkeiten waren wirklich schwer zu ertragen.»
Die Spannungen zwischen den Abteilungen wurden irgendwann so stark, dass Chefchirurg Michael Hübler seine Patienten nach der Operation nicht mehr auf der Intensivstation besuchte. Vertreter der einzelnen Abteilungen gingen nicht mehr an gemeinsame Sitzungen. «Wenn nie jemand auf Sie hört, dann macht es ja irgendwann keinen Sinn mehr, da hinzugehen», rechtfertigt das ein Beteiligter. Auch der entlassene Assistenzarzt A.S. bestätigt, dass es massive Konflikte gab.
Das Kinderspital schreibt auf Anfrage hingegen, die Zusammenarbeit unter den Abteilungen sei anspruchsvoll, weil die Behandlungsteams Entscheide fällen, bei denen es um Leben und Tod gehe: «Es gibt viele Schnittstellen und Diskussionen, die aber konstruktiv und im Ergebnis zielführend geführt werden.»
Die Insider hingegen sind sich einig: Die massiven Streitereien beeinflussten die Qualität der Behandlung der Patienten, mindestens bei schwierigen Fällen. «Die Medizin in diesem Bereich ist äusserst kompliziert. Ohne Teamwork leidet zwangsläufig die Qualität», sagt eine Quelle. «Die persönlichen Konflikte waren manchmal wichtiger als die Behandlung der Kinder», sagt eine weitere. Mehrere Beteiligte bestätigen diese Einschätzung. «Das Streiten hat einen beträchtlichen Teil des Tages eingenommen», sagt eine der Quellen. Das Kinderspital schreibt auf die konkrete Frage, ob die Streitereien die Behandlung der Kinder beeinflusste: «Diese Schilderungen sind uns nicht bekannt.»
Seit 2014 haben 18 Ärzte im Rang eines Oberarztes oder höher die drei Abteilungen verlassen. Freiwillig und unfreiwillig. Das Kispi sagt, die Fluktuation von elf Prozent liege massiv unter dem Durchschnitt im Gesundheitsbereich.
Viele der Kispi-Ärzte wollen sich auch unter Zusicherung von Anonymität nicht zu den Vorgängen äussern. «Das ist mir zu heiss», heisst es dann. Oder: «Die Szene ist klein. Wenn jemand herausfindet, dass ich geredet habe …» Die Angst vor dem langen Arm des Zürcher Kinderspitals geht um in der Schweizer Kindermedizin.
Bei denen, die reden, ist der Fall jeweils klar: Vertreter der Intensivstation sehen die Fehler bei den Herzchirurgen und umgekehrt. Ein Beteiligter sagt: «Das Traurige ist: Die Leute wollen nur das Beste für den Patienten. Doch die Rädchen der Maschine greifen einfach nicht ineinander.»
Die wichtigste Frage ist offen: Warum brachte die Leitung des Kinderspitals den Konflikt in all den Jahren nicht unter Kontrolle? Das Spital antwortet darauf nichts; es möchte nicht mal sagen, wem die Chefärzte der drei Abteilungen unterstellt waren. Chefchirurg Hübler arbeitet zwar jetzt nicht mehr im Kinderspital, steht aber noch bis im Jahr 2020 auf der Lohnliste. Für die schwierigen Fälle muss nun René Prêtre aus Lausanne kommen. Die anderen Chirurgen haben keinen in der Schweiz anerkannten Facharzttitel.
Und was sagt das Kinderspital zur Studie? Nachdem es sich über Tage geweigert hatte, zu den Sterblichkeitszahlen öffentlich Stellung zu beziehen, liess es sich am Montagabend dann doch noch zitieren: Gemäss Generalsekretär Urs Rüegg sei es ohne qualifizierte Kenntnisse der Herzchirurgie nicht möglich, Vergleiche aus den Studien abzuleiten: «Dieses Vorhaben ist höchst fragwürdig.»
*Name der Redaktion bekannt.