Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03320.jsonl.gz/994

Der kulturelle Wandel des Generationenverhältnisses im Licht des Inzesttabus
Informationen
Aktuelle gesellschaftliche Phänomene wie der Fortschritt in den Reproduktionstechniken, die Trennung von Sexualität und Genealogie, die Dominanz des Sexuellen im öffentlichen Raum, die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch, die Integration des Kindes und Jugendlichen in die Logik des Marktes bezeichnen und unterstützen die kulturelle Dissoziation von Sexualität und Fortpflanzung sowie die damit einhergehende Transformation des Generationenverhältnisses. In der Auseinandersetzung um die Neubestimmung und Modellierung der Generationenbindung spielen die Diskurse über den sexuellen Missbrauch und über die Reproduktionstechniken eine entscheidende Rolle: der Missbrauchsdiskurs entwirft ein Bild von Genealogie als Schuldzusammenhang, die postsexuellen Reproduktionstechniken lösen den Zusammenhang von biologischer Elternschaft und sozialer Verantwortung, um neue Ge¬nealogien zu generieren. Neben der Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen sollen die historischen Voraussetzungen, insbesondere die Diskursivierung des Inzesttabus seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts skizziert werden. Während im psychoanalytischen und im ethnologischen Diskurs (Freud, Lévi-Strauss) seine fundamentale Bedeutung für die Organisation der Kultur und die soziale Differenzierung und Integration betont wird, verliert das Inzestverbot seit den 60er Jahren an symbolischer Substanz. Ursache und Folgen des Bedeutungsverlust sollen vor dem Hintergrund der psychoanalytischen Konzeptualisierung des Verhältnisses von Subjekt und Genealogie beleuchtet werden.Was gewinnt/verliert eine Gesellschaft, die das genealogische Modell von Reziprozität und die aus der Anerkennung des Generationenunterschieds resultierenden Verantwortlichkeiten und Selbstbescheidungen verabschiedet? Diese Frage soll am Beispiel von zwei filmischen «Fallgeschichten», «American Beauty» (1999) und «Irina Palm» (2007), beantwortet werden.Dr. Irene Berkel: Viele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin. Promotion bei Klaus Heinrich. Anschliessend Lehrbeauftragte u.a. am Kulturwissenschaftlichen Institut und am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit Lehrbeauftrage an der Universität Innsbruck und der Ruhr-Universität Bochum. Arbeit an der Habilitation über den Wandel der genealogischen Ordnung im Zeitalter biotechnischer Reproduzierbarkeit. Zuletzt erschienen: Missbrauch als Phantasma. Zur Krise der Genealogie, Wilhelm Fink München 2006. Sigmund Freud, UTB-Profile, Wilhelm Fink Paderborn 2008. Herausgabe: Postsexualität, Psychosozial-Verlag (erscheint im Herbst 2008).