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Umfangreiche Schäden, enormer Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter, ständiger Beschuss: Seit Monaten ist das Atomkraftwerk Saporischja an der Kriegsfront im Süden der Ukraine umkämpft. Nun hat die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) einen Bericht veröffentlicht, der Zündstoff enthält. Die UNO-Behörde bezeichnet die Situation als «unhaltbar» und fordert eine demilitarisierte Zone um das grösste europäische AKW.
Wie steht es derzeit um das von Russland kontrollierte AKW in Saporischja? Wie gefährlich ist die Lage? Könnte es sogar zum Super-GAU kommen? Annalisa Manera, Professorin für Nuklearforschung an der ETH Zürich, ordnet ein.
Annalisa Manera
Professorin für nukleare Sicherheit ETH Zürich
Seit Sommer 2021 ist Manera Professorin an der ETH Zürich für Nuclear Engineering.
SRF News: Wie wahrscheinlich ist ein Atomunfall in Saporischja?
Annalisa Manera: Ich mache mir natürlich Sorgen. Die Situation ist unberechenbar.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall passiert, ist nicht sehr hoch.
Aber wir wissen: Es gibt eine Serie von Barrieren, welche ein solches Szenario verhindern können. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall passiert, ist daher nicht sehr hoch.
Können Sie das ausführen? Was ist denn ein mögliches Szenario?
Nehmen wir an, die Stromleitungen würden stark beschädigt. Der Reaktor würde dann zwar abgeschaltet, aber der Brennstoff würde weiterhin Wärme erzeugen. Dann bestünde die Möglichkeit, für zehn Tagen notfallmässig die Dieselmotoren zu starten. Geht der Diesel aus und können die Stromleitungen gleichzeitig nicht repariert werden, funktioniert die Kühlung nicht mehr. Dann wäre eine Kernschmelze möglich.
Gelangt bei einer Kernschmelze automatisch radioaktives Material in die Umwelt?
Nein. Der Brennstoff befindet sich in einem 25 Zentimeter dicken Edelstahlbehälter. Dieser Behälter ist in einem Containment-Gebäude eingebaut. Dieses wiederum besteht aus einer Edelstahlwand sowie einer 1.6-Meter-dicken Stahlbetonwand. Ausserdem ist das AKW in Saporischja so gebaut, dass eine Wasserstoffexplosion wie in Fukushima nicht möglich ist.
Essenziell für Stromversorgung
Das Atomkraftwerf Saporischja ist 38 Jahre alt und das grösste Atomkraftwerk Europas. Es liegt im Süden der Ukraine und ist essenziell für die Stromversorgung des Landes – auch für die östlichen Gebiete, welche Russland kontrolliert. Im März haben russische Truppen das Kernkraftwerk eingenommen und kontrollieren dieses seither. Betrieben wird es allerdings noch immer von der ukrainischen Belegschaft. Gemäss der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA musste diese teilweise ohne Pausen durcharbeiten. Seit Anfang September sind von der UNO-Behörde zwei Inspektoren vor Ort.
Bei einer Kernschmelze müsste also zusätzlich diese Hülle beschädigt werden. Das AKW steht aber regelmässig unter Beschuss.
Das Containment-Gebäude ist darauf ausgelegt, einem Flugzeugabsturz standzuhalten. Eine einzelne Rakete kann es nicht beschädigen. Es braucht eine längere, gezielte Bombardierung. Daher steht derzeit die Stromleitung im Visier.
Laut IAEA stehen die Mitarbeitenden in Saporischja unter enormen Stress. Können menschliche Fehler allein zu einer Kernschmelze führen?
Wenn im Reaktor etwas passiert, wird dieser normalerweise automatisch ausgeschaltet. Natürlich ist die Situation nicht ideal. Aber wie die IAEA-Inspektoren berichtet haben, leisten die Mitarbeitenden unglaubliche Arbeit.
Nun ist die IAEA dauerhaft vor Ort, was zu einer Normalisierung der Lage beitragen sollte. Wir haben eine bessere Kommunikation und wissen in Echtzeit, was passiert.
Trotzdem: Wie wäre die Schweiz vom unwahrscheinlichen Fall eines Super-GAUs betroffen?
Die Konsequenzen würden in erster Linie die Ukraine, Russland und dann die Nachbarländer tragen. Aber wenn man die Lage von Saporischja ansieht, erkennt man, dass der Wind hauptsächlich in Richtung Russland weht. Ich denke aber nicht, dass die beiden Kriegsparteien ein Interesse daran haben, den Reaktor zu beschädigen.
Das Gespräch führte Corina Heinzmann.