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Passt dieses Thema in die Weihnachtszeit? Ja. Sollte man da nicht über etwas Unbeschwertes schreiben/reden? Nein. Mit Fragen dieser Art fühlen sich Personen, die von Kindsverlust betroffen sind, konfrontiert. Es wird angenommen, dass das Thema Kindsverlust heute stigmatisierter ist denn je. Dies wird darauf zurückgeführt, dass die rasante Weiterentwicklung der entsprechenden medizinischen Fachgebiete (Reproduktionsmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe) in den letzten Jahrzehnten zu der impliziten Annahme geführt hat, dass Kindsverluste nicht mehr geschehen dürfen/können. Diese gesellschaftliche Stigmatisierung führt heute dazu, dass das Thema ausgeklammert wird, dass sich betroffene Personen alleine fühlen und die dringend nötige Unterstützung nicht erhalten.
Im Folgenden werden Begrifflichkeiten geklärt und ein paar Grundsätze in der sozialen und fachlichen Unterstützung aufgeführt.
Fehlgeburt / Abort:
10 bis 25% aller klinisch nachgewiesenen Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Eine Fehlgeburt oder ein Abort ist ein ungewollter Schwangerschaftsverlust, bei dem das Gewicht des Embryos nicht mehr als 500g beträgt. 80% aller Aborte geschehen vor der 12. Schwangerschaftswoche (Frühaborte), während Spätaborte im Vergleich deutlich weniger häufig vorkommen. Bis zur 14. Schwangerschaftswoche kann das gestorbene Kind medikamentös oder mittels einer Ausschabung (Curettage) abgetrieben werden, wenn es nicht von selbst abgeht. Ab dem zweiten Trimenon werden medikamentös Wehen eingeleitet und das tote Kind wird geboren. Das Erleben eines Aborts und die Reaktion darauf ist sehr individuell, hängt von vielen Faktoren ab und sollte nie verallgemeinert werden. Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, nach einem Abort depressive und Angst-Symptome zu entwickeln, deutlich erhöht ist. In unserer Sprechstunde beobachten wir auch akute und/oder posttraumatische Belastungsreaktionen. Dabei stelle ich häufig fest, dass das Erleben der Fehlgeburt an sich als primäre Traumatisierung, und mögliche Behandlungsschwierigkeiten und Stigmatisierungen als sekundäre Traumatisierung eingeordnet werden können.
Totgeburten / stille Geburten / perinataler Kindstod:
Wenn Babys mit mehr als 500g oder nach der 24. Schwangerschaftswoche sterben, wird dies als Totgeburt oder stille Geburt bezeichnet. Unter „perinatalem Kindstod“ werden Totgeburten miteingeschlossen, zudem Neugeborene, die innert 7 Tagen nach Geburt sterben. Die Wahrscheinlichkeit für einen perinatalen Kindstod beträgt rund 0,5%. Untersuchungen zeigen, dass die Reaktionen nach einem perinatalen Kindstod bezüglich psychischer Symptomatik sehr vergleichbar sind mit Reaktionen nach dem Tod von engsten Angehörigen. Und doch sind die Umstände nicht zu vergleichen. Die meist unterschiedliche Verarbeitung kann bei Paaren zu zusätzlichen Belastungen innerhalb der Partnerschaft führen. Höchst belastend ist auch hier die Stigmatisierung und teilweise auch Distanzierung/Überforderung des sozialen Umfelds, sodass Betroffene mit (gut gemeinten) Tipps und Bewertungen konfrontiert sind. So wird ein perinataler Kindstod häufig als weniger „schlimm“ gewertet als der Tod von Angehörigen: „Komm, das wird schon, Du bist ja schnell schwanger geworden, kannst es ja bald wieder versuchen“, „Mein Vater ist auch kürzlich verstorben, das war sehr hart, vor allem weil ich ihn ja mein Leben lang gekannt habe“, „Du musst loslassen!“, „Es war ja noch nicht eine richtige Person“. Nicht zuletzt ist die Klärung von rechtlichen Fragen äusserst belastend: Ob und wie ein Kind, das perinatal gestorben ist, eingetragen wird und Anrecht hat auf eine Bestattung, wie der Mutterschutz und weitere Versicherungen geregelt sind.
So kann hilfreiche Unterstützung aussehen:
- Fragen Sie nach, wie Sie am besten unterstützen können, bevor Sie Ratschläge geben (auch wenn sie gut gemeint sind).
- Wenn Zuhören oder Reden schwierig ist, können konkrete Hilfestellungen sehr unterstützend sein: Kochen? Administrative Entlastung? Ablenkung? Nachrichten schreiben?
- Keine Angst etwas Falsches zu tun – Zuhören und nachfragen ist nie falsch! Falsch ist nur, gar nichts zu tun und sich zu entfernen.
- Lassen Sie Betroffene selbst bestimmen, was für sie am besten ist und unterstützen Sie sie auf diesem selbst gewählten Weg.
- Es ist genauso schlimm und traurig wie Betroffene es empfinden. Die Empfindung ist nicht abhängig davon, wie früh oder spät in der Schwangerschaft das Kind verloren wurde. Vermeiden Sie Einteilungen in Schweregrade oder Stadien.
Quellen:
Ines Fuchs. Früher Kindsverlust und Folgeschwangerschaft. Psychotherapie und psychologische Begleitung. Ernst Reinhardt Verlag München: 2021.
Fachstelle Kindsverlust (für Betroffene und Fachpersonen): https://www.kindsverlust.ch/
Eigene klinische Erfahrungen aus dem Schwerpunkt „Gynäkopsychologie und unerfüllter Kinderwunsch“ am Klaus-Grawe-Institut
Lic. phil. Misa Yamanaka-Altenstein