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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (17.10.2005)
Und wieder einmal kam ich enttäuscht aus einer Premiere. Dass das Zürcher Opernhaus „das nördlichste Opernhaus Italiens ist“, hat es mit dieser Inszenierung von Giuseppe Verdis „La Forza del Destino“ eindrücklich bewiesen… Üppige, realistisch-folkloristische Dekorationen (einzig im 1. Bild des 4. Aktes schien das Geld ausgegangen zu sein), stereotype Operngesten, null Personenführung, keine Deutung, bisweilen Abdriften ins Musical-Genre („Les Misérables“ lassen grüssen)! Man fühlte sich wirklich entweder in die späten 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück oder nach Italien versetzt!
Zugegeben: Das Stück ist sperrig. Wieso Verdi überhaupt ein solches Libretto vertont, ist für mich nicht nachvollziehbar. Über die konfuse und unrealistische Handlung könnte ich noch hinwegsehen; aber kann Verdi den Krieg verherrlichenden Text wirklich Ernst genommen haben? Wenn ja, müsste diese Oper George W. Bushs Lieblingsstück sein (sofern er so ein Genre überhaupt goutiert)! Dass Verdi dies ironisch gemeint haben könnte, kann ich mir nur beim „Rataplan“-Chor vorstellen; ansonsten erscheint mir die Musik zu grandios, zu durchdacht zu sein. Vielleicht kann man es nur im Kontext der politischen Lage, des „Risorgimento“ zu verstehen versuchen?
Nichtsdestotrotz hätte ich mir eine Inszenierung gewünscht, bei der ich „mein Hirn nicht an der Garderobe hätte abgeben müssen“. Und wenn doch nur eine bebildernde, konventionelle Inszenierung, dann bitte aber eine musikalische Umsetzung, die es mir erlaubt, mich ganz einfach fallen zu lassen und in der Musik zu schwelgen. Leider war auch dies an diesem Abend nicht der Fall.
Lag es an mir selbst oder hatten die Protagonisten Mühe mit der Umsetzung? Auf alle Fälle sprang der berühmte Funke in keinem Moment über.
Nello Santi begann die Oper mit dem 1. Akt und setzte die Ouvertüre kurzerhand zwischen den 1. und 2. Akt! Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte sich ein Regisseur „erdreistet“, so etwas zu tun! Für mich schlichtweg nicht akzeptabel von einem Mann, der sich unter den Konventionellsten der Sparte befindet. Und dies alles nur mit der lapidaren Begründung, „nach dem ersten Akt hätte sich das Orchester soweit eingespielt, dass es die schwierige Ouvertüre bewältigen kann“. Was für ein Orchester ist das Zürcher Orchester denn, dass es nicht fähig sein soll, eine Ouvertüre an ihrem angestammten Platz zu spielen?
Das Orchester spielte hervorragend (auch schon vor der Ouvertüre!), von wenigen Patzern bei den Bläsern und einigen Koordinationsschwierigkeiten mit der Bühne abgesehen. Sensationell waren die Sololeistungen der Konzertmeisterin Hanna Weinmeister und des Klarinettisten Robert Pickup. Die Chöre bestachen durch Homogenität, Genauigkeit und Brillanz. Nello Santi dirigierte gewohnt routiniert, vermochte jedoch keine Überraschungen zu vermitteln und war für mein Empfinden bisweilen sehr laut.
Die schwierige Partie der Leonora bewältigte Joanna Kozlowska ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Für mich verfügt die Stimme jedoch über zuviel Metall und zuwenig Schmelz und Sinnlichkeit. Intonationsschwierigkeiten trübten bisweilen das Bild, und ich habe selten ein so dramatisches „Pace, pace, mio Dio“ gehört, das so wenig zu berühren vermochte. Weiss Frau Kozlowska eigentlich, was sie da singt? Vincenzo La Scola in der nicht minder schwierigen Partie des Don Alvaro überraschte mich; ich hätte nicht erwartet, dass er sie so bewältigen würde. Allerdings bleibt noch ein langer Weg bis zur perfekten Umsetzung. Seine angenehm timbrierte Stimme wirkt noch arg forciert, auch wenn er sehr schöne Ansätze zeigt, und die Intonation ist auch nicht die sicherste. Das Ganze bleibt in der Darstellung noch sehr eindimensional. Das Gleiche gilt für Leo Nuccis Don Carlo. Vor der Pause war Nucci schlichtweg langweilig (die Zeiten, wo er einen Studenten verkörpern konnte, dürften langsam vorbei sein), nach der Pause trumpfte er jedoch auf. Leider verfiel er aber bisweilen wieder in seine Unarten (ich nenne das Singen dann eher „Bellen“): Laut, stakkatohaft, mit Anschleifen der Töne. Die Auseinandersetzung im Kriegslager in Italien zwischen Nucci und La Scola entwickelte sich zu einem Duell nach dem Motto „Wer kann lauter?“. Paolo Rumetz, der kurzfristig für den erkrankten Carlos Chausson als Fra Melitone einsprang, chargierte leider übertrieben stark und verfügt weder über den Charme noch die Stimme Chaussons. Er erledigte sich seiner Aufgabe routiniert, ohne aber einen Glanzpunkt setzen zu können. Blieb als einziges wirkliches Highlight der Padre Guardiano von Matti Salminen. Auch wenn er von der Aussprache her an diesem Abend wohl eher die „finnische Fassung“ vortrug, so vermochte er doch vom ersten Augenblick – schon alleine durch seine Bühnenpräsenz – zu packen. Er war auch der Einzige, der mich mit seinem Wohlklang, seiner minimalistischen, aber prägnanten Darstellung, seinem Mitgefühl verströmenden, profunden Bass zu berühren vermochte. Die Oper endete mit einem ins Nichts aushauchenden Pianissimo dieses Ausnahmekünstlers und einem nicht weniger eindrucksvollen Pianissimo des Orchesters. Die Nebenrollen waren - wie immer - adäquat besetzt.
Fazit: Schade um die verpatzte Chance, ein musikalisch wirklich eindrucksvolles Werk richtig umzusetzen. Die Reaktionen im Publikum waren gemischt. Für ein Verdi-Werk eher verhaltener Applaus; Buhs und Bravos für das Regieteam hielten sich in etwa die Waage.