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El otro
[…] Er besteht aus einem Körper und zwei Geistern. Man erfährt nicht, ob seine Lebensweise eine Folge dieser Spaltung ist oder umgekehrt. Gesprochen darüber wird jedenfalls nicht; die Zeit wird zum Lesen und zum Arbeiten benötigt.
[…] «El otro» ist der gelungene und überaus poetische Versuch, zu dokumentieren, was mit blossem Auge nicht sichtbar ist. Eine Art Geistergeschichte also, oder eine psychologische Studie, was ja fast das Gleiche ist.
Es ist schon zur etwas abgenutzten Phrase geworden: dass es hier oder dort etwa im selben Masse um ein bestimmtes Thema gehe, wie Moby Dick ein Buch über den Walfang sei. Melvilles Buch, so die implizite Annahme, enthalte so etwas wie die ganze Welt, weshalb sich mit diesem Vergleich in aller Bescheidenheit einem Werk Bedeutung zuschreiben lässt, ohne dies ausformulieren zu müssen. Dabei wird ja eigentlich auf nichts anderes verwiesen als auf den Graben zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen Form und Inhalt oder zwischen Text und Subtext, der jedem künstlerischen Werk irgendwo eingebrannt ist. Doch weder kann die Tiefe dieses Grabens etwas über die Qualität des Werkes aussagen, noch ist an dessen Grund zwangsweise etwas Interessantes zu sehen. Es lässt sich höchstens etwas unoriginell feststellen, dass je tiefer der Graben erscheint, desto höher das Risiko ist, unsanft auf seinem harten Boden aufzuprallen.
Verlassen wir nun diese etwas konstruierte Metapher gleich wieder, die vor allem von der Tatsache inspiriert ist, dass einer der Protagonisten von Francisco Bermejos El otro während des ganzen Filmes in die Lektüre von Moby Dick vertieft ist – selbst als am steinigen Strand unweit seiner spärlich eingerichteten Hütte ein realer Walkadaver angeschwemmt wird. Ein zweiter Protagonist wird sich dessen aber annehmen, untersucht ihn mit einem Messer sanft auf seine Bestandteile hin. Auch in seiner Ausgabe von Moby Dick wird jenes Schema aufgeführt sein, das zeigt, welche Teile des Wales sich für welche Zwecke verwenden lassen.
Zwei Protagonisten also, am Ende der Welt, wobei am Anfang noch nicht eindeutig ist, ob dieses Ende zeitlich oder geografisch zu verorten ist. Auf alle Fälle handelt es sich, trotz der rauen Schönheit, um einen einsamen Ort, die Zivilisation – oder was man darunter versteht – fast ausschliesslich in Form einzelner kultureller Artefakte vertreten. Kassetten in Plastikschachteln, zerlesene Bücher über das Meer, ein ärmlich wirkendes Bett und ein Spiegel.
Zuschauern ohne gutes Auge für Gesichter wird erst nach und nach auffallen, dass bei diesen zwei alten Männern – dem Leser und dem Arbeiter – etwas nicht mit gewöhnlichen Dingen zugeht. Sind sie Brüder, oder gar Zwillinge? Weshalb sind sie nie in derselben Einstellung zu sehen? Wenn sie sich streiten, etwa wenn der Arbeiter dem Leser einmal mehr vorwirft, ein Parasit zu sein und nichts Nützliches zur gemeinsamen Existenz beizutragen, stellt der Film dies in einer Schuss-Gegenschuss-Konstellation dar. Die Versöhnung folgt in der Regel sofort, meist indem sich der eine zurückzieht. «Wir lieben uns, wir brauchen uns.» Geteilt wird aber, ausser dem gemeinsamen Körper, nichts. Es ist ja auch nicht so, dass sie mehr als ein Bett benötigen würden.
«Der Mensch lebt nicht vom Fisch allein. Oder sollen wir etwa Vegetarier werden?» Wie sich die vollkommene Einsamkeit anfühlt, konnte man in Two Years at Sea (2012) von Ben Rivers erleben. Der Mann hier aber, gespielt oder verkörpert von Oscar Garrido Bastías, ist nicht allein. Er besteht aus einem Körper und zwei Geistern. Man erfährt nicht, ob seine Lebensweise eine Folge dieser Spaltung ist oder umgekehrt. Gesprochen darüber wird jedenfalls nicht; die Zeit wird zum Lesen und zum Arbeiten benötigt. Und sowieso findet man den anderen etwas anstrengend. «L’enfer, c’est les autres» gilt auch, wenn Ich ein Anderer ist oder der Andere das Ich. Erst wenn dieser verschwindet, kommt die Angst. Die Möglichkeit des existenziellen Horrors ist konstant, wird vielleicht auf eine sonderbare Weise vom toten Wal verkörpert, den es in seine Einzelteile zu zerlegen gilt, bis nur noch eine klebrige Masse auf den unwirtlichen Steinen beim Wasser zurückbleibt. Sie gleicht der Qualle, die einmal – das Bild steht auf dem Kopf – gerade unter der Oberfläche treibt, sich unscharf an dieser spiegelnd.
Dem Film ist es im Grunde – selbst unter Verwendung aller ihm zur Verfügung stehenden Tricks – nicht möglich, eine Realität zu konstruieren, die nicht bereits irgendwo existiert. El otro begnügt sich mit dem Schnitt und dem Ton, um nicht nur aus einer Existenz zwei zu machen, sondern auch um die Regeln von Raum und Zeit aufzuheben. Oder passt er diese vielmehr der Wirklichkeit an? Welche Rolle spielt die Abfolge der Zeit, wenn man allein ist? Ist es nicht wertvoller, in einen Dialog mit dem Anderen treten zu können, wenn der Preis dafür bloss darin besteht, das Axiom der Unmöglichkeit aufzuheben, zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten zu sein? Und sich halt wohl oder übel von der Türe aus als Arschloch beschimpfen lässt, weil man nichts tut ausser lesen, während der andere die ganze Arbeit allein machen muss?
Kein Bild von El otro widerläuft den Regeln des Dokumentarfilms. Die abgebildete Realität ist jene, die stattfinden würde, wenn keine Kamera anwesend wäre. Würde Bermejo nichts anderes tun, als seine Kamera hinstellen und den Leser und den Arbeiter allein bei ihren Tätigkeiten zeigen – ohne «Manipulation» von Zeit und Raum –, das Ergebnis würde zwar der Wahrnehmung eines unbeteiligten Betrachters entsprechen, kaum aber der Realität. El otro ist der gelungene und überaus poetische Versuch, zu dokumentieren, was mit blossem Auge nicht sichtbar ist. Eine Art Geistergeschichte also, oder eine psychologische Studie, was ja fast das Gleiche ist.
Nie wirkt Oscar Garrido Bastías einsamer als dann, wenn er seine Isolation verlässt und in die Stadt läuft, um dort eine Cola zu trinken und ein Buch zu kaufen. Sich den fremden Blicken auszusetzen, kostet ihn fast die Gemeinschaft des Anderen, der sich mittels Überblendungseffekt unwillkürlich auflöst. Bermejo und sein Protagonist wagen sich hier gefährlich nahe an den Graben heran. Doch dann blicken sie wieder nach oben, erkennen auf der gegenüberliegenden Seite den Anderen, und die Welt ist wieder in Ordnung.
Text: Dominic Schmid
First published: February 02, 2021
El otro | Film | Francisco Bermejo | CHL 2020 | 77’ | Visions du Réel Nyon 2020, Black Movie Genève 2021
Best Feature Film – Burning Lights at Visions du Réel Nyon 2020