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Nuklearanlagen im Krieg : Daran wollte man nicht denken
Im AKW Fukushima Daiichi schmolzen 2011 drei Reaktoren durch. Ein Ereignis, das sprachlos machte. Nun ist die Welt wieder so weit. Alle können zusehen, wie sich in der Ukraine eine neue nukleare Katastrophe anbahnt. Vielleicht kommen die, die Waffen in der Hand haben, zur Vernunft. Vielleicht auch nicht.
Dramatisch war es in der Nacht auf Freitag. Russische Truppen attackieren das AKW Saporischschja. Ein Nebengebäude brennt. Tags darauf tritt Rafael Mariano Grossi, Direktor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), aufgewühlt vor die Medien. Was da passiert sei, hätte nie passieren dürfen, sagt er. Er werde am Montag nach Tschernobyl fahren, um mit beiden Seiten zu verhandeln. Es brauche dringend eine verbindliche Vereinbarung, um sicherzustellen, dass es zu keiner nuklearen Katastrophe komme.
Am Montag tritt Grossi wieder vor die Presse. Das Treffen fand nicht statt, Grossi hatte keinen Erfolg – im Gegenteil. Er sagt, es gebe «täglich neue besorgniserregende Episoden»: In Mariupol steht eine Einrichtung, die Radioisotope hergestellt hat. Die IAEO weiss nicht, ob sie überhaupt noch existiert, der Kontakt ist abgebrochen. Grossi sorgt sich, weil das radioaktive Material, das sich dort befinde, schwere Schäden verursachen könne, wenn nicht sachgerecht damit umgegangen werde. In Charkiw ist eine Forschungseinrichtung zerstört worden, die auf medizinische Therapien spezialisiert war und über ein beachtliches radioaktives Inventar verfügte; laut der IAEO ist es aber zu keiner Freisetzung gekommen.
Grossi wirkt ratlos, verzweifelt. Er erinnert immer wieder an die «sieben unverzichtbaren Säulen der nuklearen Sicherheit»: Die Anlagen dürfen nicht beschädigt werden; die Angestellten müssen ihre Aufgaben ohne Druck erledigen können; die Anbindung ans externe Stromnetz, die allgemeine Versorgung, die Kommunikation gegen aussen sowie die radiologische Überwachung müssen zu jeder Zeit uneingeschränkt gewährleistet sein.
Nichts von dem ist zurzeit in den AKWs von Tschernobyl und Saporischschja garantiert. In Tschernobyl wurde der letzte Reaktor im Jahr 2000 abgeschaltet. Über 200 Personen arbeiten zurzeit noch dort. Die Crew wurde seit zwei Wochen nicht ausgewechselt, Nahrungsmittel und Medikamente werden knapp. Anscheinend wurde auch die Stromzuleitung unterbrochen. Man kann nur hoffen, dass sie genug Notstromaggregate und Diesel haben. In Saporischschja sollen die Teams immerhin wieder in normalen Schichten arbeiten. Die Kommunikation ist aber in beiden AKWs massiv beeinträchtigt. In Saporischschja muss das Personal die russischen Militärs um Erlaubnis fragen, wenn es etwas tun will, auch wenn es um reaktortechnische Fragen geht. Zwei der sechs Reaktoren sind nun wieder voll hochgefahren worden, warum, ist unklar. Die Versorgung scheint auch hier prekär. Womit auch externes Material, das nötig wäre, um einen Notstand zu beherrschen, nicht mehr angeliefert werden kann. Grossi sorgt sich sehr über diese gestörten Lieferketten, da niemand weiss, wie lange der bedrohliche Zustand andauert.
Dieser Krieg setzt die IAEO schachmatt. Ihr Ziel: die zivile Nutzung der Atomenergie zu fördern. Ihre Aufgabe, zu verhindern, dass radioaktives Material freigesetzt wird. Deshalb wurde die Nukleare Sicherheitskonvention geschaffen, die alle Länder mit AKWs unterzeichnet haben. Die Wörter «Krieg» oder «bewaffneter Konflikt» kommen darin aber nicht vor. Das wollte man nicht denken. Man hoffte wohl, die Genfer Konvention würde es richten. Dort steht: Staudämme, Deiche, AKWs dürfen im Kriegsfall nicht angegriffen werden.
Im nächsten Absatz steht aber auch: «Der besondere Schutz vor Angriffen endet bei Kernkraftwerken, wenn sie elektrischen Strom zur regelmässigen, bedeutenden und unmittelbaren Unterstützung von Kriegshandlungen liefern.» Darauf werden sich die russischen Kriegsherren berufen. Womit sie das Kriegsvölkerrecht pervertieren, die Nukleare Sicherheitskonvention pulverisieren und die Welt mit einer völlig neuen Form von Nuklearkatastrophe konfrontieren.