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Kuba ist ein Paradies für Touristen. Das Land ist jedoch im Wandel und verliert langsam aber stetig seinen Status als sozialistische Insel. Ein Kommentar zur jetzigen Situation in Kuba.
Die geschichtsträchtige karibische Insel ist seit einigen Jahren vermehrt Besuchern ausgesetzt, welche das ursprüngliche Kuba kennenlernen wollen. Nicht ohne Grund, denn die abwechslungsreiche Insel lockt mit weissen Stränden, charmanten Städtchen und einem Flair aus kolonialistischen Jahrzehnten. Mobiles Internet sowie grossflächige Kommerzialisierung sucht man vergebens. Jedoch befindet sich die Insel im Umbruch und immer mehr verschwinden sozialistische Züge und machen einer seichten Kapitalisierung Platz. 2018 wird Raul Castro als Regierungschef abtreten und nach dem Tod von Fidel Castro im vergangenen Jahr ist das ein Zeichen, dass das Kuba sozialistischer Zeiten einem Ende entgegensieht. Problematisch sehen viele Leute die Öffnung gegenüber den USA, die Aufhebung des Embargos.
Von Kolonie zu Sozialismus
Während des zweiten Unabhängigkeitskrieges Kubas Ende des 19. Jahrhunderts stürzten amerikanische Truppen die spanische Kolonialmacht. Formell war Kuba unabhängig, jedoch durch einige Verträge und Abkommen stark von den USA abhängig. Zucker und Tourismus waren die Grundpfeiler der kubanischen Wirtschaft, jedoch brachen diese mit der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 ein. Das politische System unter amerikanischem Einfluss wandelte sich zu einer Diktatur, dessen Regime schliesslich von den USA gebrochen wurde und erst Ende der 30er-Jahre wieder zu einer stabilen politischen Lage führte. Neue humanistische rechtliche Grundlagen sollten weitere Aufstände verhindern, jedoch liess Armeechef Batista in seiner neuen Rolle als Diktator diese 1940 abschaffen, und Kuba wurde zu einem investitionsfreundlichen Land für die USA mit desolaten Bedingungen für die Bevölkerung.
Kommunistische Bewegungen riefen nach einer Revolution, bei dem zweiten Anlauf waren als Anführer der kubanische Rechtsanwalt Fidel Castro und der argentinische Arzt Ernesto ‚Che‘ Guevara erfolgreich. Die Lebensbedingungen für die Bevölkerung verbesserten sich erheblich, jedoch verschlechterten sich die Beziehungen zu den USA, was in einem Ausschluss Kubas aus der Organisation Amerikanischer Staaten und in der Intensivierung von Handelsbeziehungen mit der Sovietunion resultierte. Trotz einiger Fehlplanungen konnte Kuba ein beachtliches staatliches Versorgungssystem aufbauen. Doch als schwerer wirtschaftlicher Schlag kam Anfang der 90er-Jahde der Zusammenbruch des sozialistischen Handelsblocks. In Folge wurden Beziehungen mit anderen Ländern und deren Investitionen in Kuba intensiviert. Abgesehen von dem staatlich gelenkten Binnenmarkt entstanden somit exportorientierte Devisenenklaven im Tourismus, Tabak und Rohstoffförderung.
Zwischen Devisen und nationaler Währung
Umgeben von Felsformationen aus Kalkstein erstreckt sich in einem schönen Tal das Dorf Viñales im Westen Kubas. Pferdekarren und amerikanische Oldtimer aus den 50er-Jahren transportieren Touristen durch die Strassen. Neben der Kirche auf dem Platz ist Wifi verfügbar, auf der gegenüberliegenden Seite reiht sich ein Reisebüro an das andere. Taxifahrer und Reiseleiter sprechen Touristen an und verkaufen Ausritte oder Wanderungen in die umliegende Region.
In Kuba kursieren durch die duale Wirtschaft zwei Währungen: CUP und CUC. Der Peso Convertible (CUC) ist die Devisenwährung und an den Dollar gekoppelt. 1 CUC wird in 25 CUP (moneda nacional) umgewechselt. Touristen zahlen mit dem Peso convertible (CUC), wohingegen Löhne in CUP ausgezahlt werden. In Viñales bietet unser Vermieter eine Tour an; einen ganzen Tag für 50 CUC an. Pro Stunde werden 5 CUC veranschlagt und wir sind zehn Stunden unterwegs. Mit Übernachtung und Verpflegung zahlen wir der Familie zu fünft gut 480 CUC für zwei Nächte inklusive Aktivitäten.
Der Tourismus ist ein wichtiges Standbein der kubanischen Wirtschaft, denn die Löhne sind sehr tief. Amaury, der uns im Taxi auf eine vorgelagerte Insel fährt, ist Arzt. Diesen Beruf hat er an den Nagel gehängt und ist seit drei Jahren als Taxifahrer tätig. Obwohl Ärzte und Ingenieure in Kuba am besten bezahlt werden, beläuft sich ein ärztliches Gehalt auf 1480 CUP pro Monat, umgerechnet sind das 62 CUC. Wir zahlen für die Taxifahrt für eine Strecke von 100 km gleich viel. Amaury erzählt, dass er dabei ist eine Casa particular zu konstruieren. Kubanern ist es verboten, Touristen ohne Lizenz aufzunehmen, dies kann mit Gefängnisstrafen enden. Seit einigen Jahren ist es allerdings zulässig, Touristen unter der Auflage in seinem Heim aufzunehmen, dass man sich beim Staat anmeldet und Abgaben pro Zimmer errichtet. Man erkennt die «Casas particulares» durch einen blauen Anker am Haus. Es sei nicht einfach, den Anbau für die casa aufzuziehen, seit drei Jahren schon baut er. Man darf auf privatem Grundstück alles bauen, jedoch sind Rohstoffe knapp und dadurch verzögert sich der Prozess.
Touristen verboten
Auffällig ist, dass nur wenige Supermärkte zu finden sind, denn der sozialistische Staat verteilt Essensmarken an die Familien; jede Person hat Anrecht auf Grundnahrungsmittel wie etwa sieben Pfund Reis, eine Handvoll Bohnen, etwas Öl, Zucker und Salz. Für eine ausgewachsene Person reicht dies nicht und Lebensmittel müssen dazugekauft werden. Da ein immer grösserer Anteil aller Produkte im Land in Devisen bezahlt werden müssen, ernährt ein normales Einkommen nicht eine ganze Familie, und viele Kubaner engagieren sich im Tourismus oder erhalten Überweisungen aus dem Ausland. Das Schlachten von Kühen und anderen grösseren Tieren wie Pferden wird mit einer Gefängnisstrafe von bis zu 30 Jahren geahndet, wohingegen ein Mord in bis zu gut 15 Jahren enden kann. Bittere Armut herrscht in tourismusarmen Regionen. Touristen ist der Zutritt verboten. Thomas aus Deutschland erzählt mir davon, wie er auf der Südküste das Dörfchen Júcaro besuchte, aus ihrem Mietwagen ausstieg und eine Casa suchte. Zurück beim Auto wurde er von Polizisten erwartet, welche ihn auf die Wache eskortieren. Touristen sind einfach zu erkennen, denn Mietwagen haben spezielle Kennzeichen, welche mit einem «T» anfangen, wohingegen private kubanische Autos mit einem «P» gekennzeichnet sind. Schnell wird auf der Fahrt zur Wache klar, dass Touristen unerwünscht sind, da die Leute auf der Strasse in einem desolaten Zustand und viele auf der Strasse unterernährt und teils verkrüppelt sind.Eineinhalb Stunden später und um 30 CUC Bearbeitungsgebühr ärmer darf Thomas gehen – unter der Bedingung, dass er nicht mehr zurückkommt.
All-inclusive-Paradies
Im krassen Gegensatz dazu findet man auf der Insel ausgereifte All-inclusive-Paradiese, vor allem auf Cayo Coco (Nordostküste) und in Varadero (in der Nähe von Havanna). In diesen abgeschotteten Tourismushochburgen reihen sich Hotels am Strand aneinander und werben mit entspannter Atmosphäre und kristallklarem Wasser. In Cayo Coco, am berühmten Playa Pilar, kommen wir mit Rettungsschwimmer Ernesto ins Gespräch. Sein Arbeitstag fängt um 8:30 Uhr an, wenn die ersten Touristen in dem Touribus an den Strand gekarrt werden und endet um 18:30 Uhr, wenn alle Touristen wieder in ihren Hotelburgen dinieren. Jedoch werden alle Angestellten der Hotels und sonstiger Anlagen morgens über den Damm aus den umliegenden Provinzen hergefahren und kehren abends wieder zurück. Für Ernesto sind das drei Stunden Fahrt hin und zwei Stunden zurück. Als studentische Backpacker sind die illustren Preise der Hotels in weiter Ferne für uns, und wir teilen uns für einen Bruchteil dieser Preise zu dritt ein Zimmer in einem Aparthotel in zweiter Reihe – einige Kilometer vom Strand entfernt. Am Nachmittag laufen wir zum Strand durch Müllberge, welche zwischen der Hauptstrasse und dem Strand aufgeschichtet sind; für die Touristen somit nicht sichtbar. Wir verweilen in einem Hotel bis spät abends, werden Zeuge vom allabendlichen Unterhaltungsprogramm, in welchem gelenkige junge Kubaner zu feurigen Salsarhythmen den Hotelgästen den Abend versüssen. Um 22:30 Uhr wollen wir ein Taxi heimnehmen, doch an der Rezeption wird uns gesagt, dass keine Taxis mehr fahren um diese Uhrzeit. Wir überlegen uns, zu laufen und merken, dass drei Kilometer auf einer unbeleuchteten Strasse viel sind. An einer anderen Hotelrezeption wird uns gesagt, dass um 23:30 Uhr ein Bus mit Angestellten vor dem Hotel losfährt und dieser uns zu unserem Hotel führen kann. Touristen sei der Zutritt verboten, jedoch sollen wir den Fahrer mit 10 CUC bestechen, woraufhin er auch einwilligt. Langsam treffen die Angestellten ein, welche ihren Arbeitstag beendet haben. Hotelangestellte haben einen geringen Lohn von etwa 30 CUC pro Monat, jedoch treiben sie die lukrativen Trinkgelder in diese Branche. Die Stimmung ist gelöst, wozu auch der Alkohol beiträgt, den sie sich in Plastikbechern von der Bar mitgenommen haben. Vor dem Damm, welcher auf die vorgelagerte Insel führt, werden rigorose Kontrollen durchgeführt auf Hin- und Rückfahrt, sodass sichergestellt werden kann, dass unbefugte Kubaner keinen Zutritt zu den Hotelburgen haben und somit grösste Sicherheit für die Touristen gewährt ist.
Zukunftsträume
In Viñales besichtigen wir eine Tabakfabrik. Die Leiterin erzählt, dass Kubas Wirtschaft stark auf Agrikultur basiert und daher sehr klimaabhängig sei. Sie meint, dass eine Wiederaufnahme von amerikanisch-kubanischen Handelsbeziehungen für Kuba profitabel wäre. Der Grundtenor seitens der Bevölkerung bezüglich Kubas Aussenpolitik ist sehr einheitlich: Sie wünschen sich bessere Beziehungen zu den USA. Ein Taxifahrer meint, dass Kuba stark von den USA profitiert habe Anfang des 20. Jahrhunderts und somit eine weitere Öffnung Kuba zu gute kommen würde und protektionistische Massnahmen wenig sinnvoll sind. Trotz vermehrter Öffnung sind die Ideologien von Che und Fidel immer noch stark in den Denkweisen verankert, letzten November versank das Land in Trauer wegen Fidel Castros Tod. Auf den Strassen sind Schilder mit sozialistischen Parolen aufgestellt und Che Guevaras Konterfei ist allgegenwärtig. Seit neun Jahren steht jedoch an Kubas politischer Spitze Raul Castro, Fidels weniger charismatischer und rationalerer Bruder, welcher eingesteht, dass Kubas wirtschaftliche Defizite nicht alleine nur auf das US-Embargo zurückzuführen sind, auf innenpolitische Aspekte eingeht und auch die Etablierung kleiner privater Firmen fördert. Er wird nächstes Jahr abtreten, jedoch wird der jetzige Vizepräsident nachfolgen und die kommunistische Partei an der Macht bleiben. Kuba wird sich in den folgenden Jahren auf jeden Fall verändern, alleine die Ereignisse der letzten Monate und Jahre sprechen dafür. Taxifahrer Amaury zitiert den Papst und bringt Kubas Zukunft auf den Punkt: «Cuba debe abrirse al mundo y el mundo debe abrirse a Cuba» (Kuba muss sich der Welt öffnen, und die Welt muss sich Kuba öffnen).