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Der geheimnisvolle Graf und sein Festival
Um Giacinto Scelsis Leben und Wirken ranken sich Mythen und Legenden wie kaum bei einem anderen Komponisten. Ein kleines Festival in Basel kümmert sich seit ein paar Jahren um seinen Nachlass.
1905 in einer adeligen Familie geboren und aufgewachsen auf Schloss Valva in der Nähe von Neapel, trägt er den Titel Conte d’Ayala Valva. «Schon als Dreijähriger pflegte er stundenlang mit Füssen, Armen und Ellbogen auf dem Klavier zu improvisieren und wollte dabei unter keinen Umständen gestört werden», erzählt die Pianistin Marianne Schroeder, die Scelsi persönlich gekannt und mit ihm gearbeitet hatte.
Als Pianist war er weitgehend Autodidakt. Später studierte er bei drei Lehrern Komposition, beim Debussy-Spezialisten Giacinto Sallustio in Rom, bei Egon Köhler, einem Skrjabin-Anhänger, in Genf und Zwölftontechnik beim Schönbergschüler Walter Klein in Wien. Diese Studien vollzogen sich ausserhalb des akademischen Betriebs, von dem er sich geflissentlich fernhielt und daher mitunter verachtet oder belächelt wurde. Marianne Schroeder berichtet voller Begeisterung von einem Konzert 1979 im Hans-Huber-Saal in Basel, in dem Jürg Wittenbach Werke von Scelsi aufführte. Mit dabei war die japanische Sopranistin und Scelsi-Spezialistin Michiko Hirayama. 2014 lud Schroeder die inzwischen 90-jährige Sängerin an ihr erstes Scelsi-Festival im Gare du Nord ein. «Es war unglaublich: Sie sang ein anderthalbstündiges Programm mit den Canti del Capricorno, die ihr gewidmet waren.»
Während des Zweiten Weltkriegs hatte Scelsi mit nervlichen Problemen zu kämpfen und beschäftigte sich verstärkt mit Spiritualismus, wandte sich fernöstlichen Lehren zu und betrieb intensiv Yoga. Er glaubte, dass er seine Musik als Botschaften aus dem Jenseits, etwa von hinduistischen Gottheiten, empfange: «Ich bin nur ein Medium im Dienst von etwas viel Grösserem als ich», sagt er im Filmporträt Die erste Bewegung des Unbewegten aus dem Jahr 2018.
Er war auf der Suche nach Mikrotonalitäten, suchte immer Reibungen, kleine Sekunden und Septimen. 1965 hörte er auf, auf dem Klavier zu improvisieren, und begann sich mit der Ondiola zu beschäftigen, dem ersten elektronischen Instrument, auf dem man Tonhöhen einstellen konnte.
«Jetzt muss ich Scelsi spielen»
Marianne Schroeder, zu Beginn ihrer Laufbahn Klavierlehrerin an der Musikschule Basel, stellt fest: «Ich fühlte mich erst glücklich, als ich anfing, moderne Musik zu spielen. Damit hatte ich immer Erfolg». Sie setzte sich mit Bartók, Stockhausen, Feldman und Cage auseinander. «Scelsi war eine logische Folge davon», ist sie überzeugt. Nach dem Initialerlebnis des Scelsi-Konzerts in Basel dauerte es noch 5 Jahre, bis sie den Mut fasste, den Meister anzurufen: «1984, ich war gerade in Darmstadt, kam es wie ein Blitz: Jetzt muss ich Scelsi spielen.» Im Jahr darauf traf sie den Meister in Rom. Er stellte drei Fragen: «Wie alt sind Sie? Was für Musik spielen Sie? Machen Sie Yoga?» Yoga machte sie nicht, fing aber bald nach Scelsis Tod (1988) damit an und betreibt es bis heute intensiv: «Scelsi war äusserst liebenswürdig und ruhig, jemand, der nur das Gute für einen möchte.» Da er immer nachts arbeitete, konnte man ihn erst ab 16 Uhr treffen. Scelsi fragte oft: «Hast du heute improvisiert?» Es war ihm äusserst wichtig, dass ein Musiker die Musik aus sich heraus entstehen lassen müsse.
Man könne seine Musik nicht länger als zehn Minuten am Stück anhören, sagte Scelsi, sie sei zu eruptiv. Heute sind wir da weiter, meint Schroeder: «Bei Scelsi gibt es etwas, das emotional stimmt. Es ist etwas Natürliches, Fundamentales und Ungekünsteltes dabei.»
«Jetzt mach ich ein Festival»
Nach einem Konzert in Rom hatte Schroeder ihre zweite wichtige Eingebung: «Jetzt mach ich ein Festival.» In Anja Wernicke fand sie eine Projektleiterin, und im Januar 2014 ging die erste, dreitägige Ausgabe erfolgreich über die Bühne. Mit Ausnahme von 2015 war das Festival immer Gast beim Gare du Nord. Der erste Tag findet aber traditionellerweise im Fachwerk Allschwil statt, so geschehen auch dieses Jahr am 2. Februar. Zunächst stand ein Gesangs-Workshop mit Amit Sharma auf dem Programm, gefolgt von einer Lesung aus dem autobiografischen Werk Scelsis, Il sogno 101. Die Musik war ganz dem Klavier gewidmet. Zur Aufführung gelangten Cinque incantesimi (1953), vorgetragen von Marija Skender. Diese Stücke gehören zu den bekanntesten Klavierwerken des Komponisten. Sie entstanden über mehrere Jahre in nächtlichen Improvisationen, die auf Tonband aufgenommen wurden. Action Music 1-4 (1955), interpretiert von Giusy Caruso, stammt aus der Zeit, als sich Scelsi in New York durch das Action-Painting unter anderem von Jackson Pollock inspirieren liess. Den Schlusspunkt setzte Marianne Schroeder mit I Capricci di TY, Suite Nr. 6 (1938-39), die die Capricen seiner Frau Dorothy beschreiben sollen.
Vom 7. bis 9. Mai sind in Allschwil (der Gare du Nord steht diesmal aus organisatorischen Gründen nicht zur Verfügung) drei weitere Festivaltage geplant. Fest steht eine Masterclass unter dem Titel «The Art of Scelsi Singing» mit der Sopranistin und Schülerin von Michiko Hirayama, Maki Ota. Marianne Schroeder sprudelt vor Begeisterung und Programmideen, bedauert aber auch, dass sie aus Überlastung im Moment nur kurzfristig planen könne: «Ein Traum wäre Scelsis monumentales Frühwerk La nascita del verbo mit Orchester und Chor, aber das braucht mindestens zwei Jahre Vorbereitung.»