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Integrale Theorie
Die integrale Weltsicht - Perspektiven einer "Theorie von allem"
Der Begriff "integral" ist die Verdeutschung des lateinischen Wortes integralis , was soviele bedeutet wie "ein Ganzes ausmachend". Gemeint ist damit eine alles umfassende Sicht auf das Menschsein, auf die kulturelle Entwicklung, auf die Natur, auf den Kosmos und auch auf die inneren Welten des Seelischen und Geistigen.
In der Integralen Theorie werden verschiedene natur-, human- und geisteswissenschaftliche Ansichten vereint. Nichts sollte ausgeklammerten werden. Deshalb entsteht ein Weltbild, das Materie und Geist, Naturwissenschaft und Spiritualität nicht trennt oder als Gegensätze betrachtet, sondern wie die zwei Seiten einer Münze als notwendige und sich gegenseitig ergänzende Teile untrennbar sind.
Die heutige moderne Integrale Theorie hatte Vorläufer: Genannt werden vor allem der Schweizer Jean Gebser (1905 - 1973), der Inder Aurobindo Ghose (1872 - 1950), die Amerikaner Clare W. Graves (1914 - 1986), Don Edward Beck (geboren 1937) und Christopher Cowan (1914 - 1986) und ganz besonders Ken Wilber (geboren 1949), der die integrale Theorie und Praxis zu einem einzigartigen umfassenden theoretischen Modell zusammengefasst und weiterentwickelt hat.
Diese Grundlagen werden heute von vielen anderen Menschen aus unterschiedlichen Berufen propagiert und in fachlichen Disziplinen angewendet.
Im Interessenkreis dienen diese von Ken Wilber herausgearbeiteten "Landkarten der Bewusstseinsentwicklung" zur Orientierung und Grundlage der Integralen Lebenspraxis. Ihre wesentlichen Elemente sind:
1. Stufen oder Ebenen der Bewusstseinsentwicklung
Ken Wilber begann seine Theorie mit seinem Erstlingswerk "Das Spektrum des Bewusstseins" (1977), das ihn über Nacht weltberühmt mache. Diese Theorie, dass sich das Bewusstsein in Stufen entfaltet und die Evolution des GEISTES zur Manifestation bringt, differenzierte er in den Folgejahren die bestehenden Modelle weiter. Er benutzte dazu zunächst die Entwicklungsstufen von Graves und der Spiraldynamik von Beck und Cowan. Die Farbgebungen behielt er zunächst bei, änderte sie aber als er weitere Differenzierungen vornahm.
Die Entwicklungsstufen beginnen sich individuell mit der Geburt zu entfalten und folgen dabei der körperlichen und seelischen Entwicklung in bestimmten Phasen. Jedes Kind wird aber auch in eine bestimmte Familie und einer bestimmten Umwelt hineingeboren, die ihrerseits einer bestimmte kollektive Entwicklungsstufe der Kultur, Bildung und den Werten einer Gesellschaft entspricht. Diese kollektiven Entwicklungsstufen sind in der heutigen Welt unterschiedlich ausgeprägt. In der heutigen modernen westlichen Welt sind sind die meisten Menschen auf der rationalen Ebene, ein Teil davon auf der nächst höheren pluralistischen Stufe und ein geringer Anteil hat schon die nächste Stufe des Integralen erreicht.
Jede höhere Stufe schliesst die darunterliegenden ein, deshalb kann es in Krisenzeiten auch einen Rückfall auf niedere Stufen geben. Das gilt für ganze Kulturen wie persönlich, wenn Sie z.B. bedroht und angegriffen werden.
Auf dem Weg zu höheren Entwicklungsstufen kann keine Stufe übersprungen werden, sondern langfristig muss sich der Einzelne und die Kultur zu den höheren Stufen bewusst hin entwickeln. Das ist eine Aufgabe für Erzieher und die Bildungssysteme. Ein Bypass ist also ausgeschlossen! Für die individuelle wie kollektive Entwicklung ist eine Lebenspraxis notwendig. Die Modelle der Entwicklungsebenen sind so etwas wie Landkarten, die zur Orientierung und Information dienen. Mit ihnen kann jeder selbst überprüfen, wo er gerade steht und wohin die Reise geht.
2. Bewusstseinszustände
Unter dem Einfluss des amerikanischen Bewusstseinsforschers Allan Combs (geboren 1942) entstand später das Modell, das sie Wilber-Combs-Gitter nannten. Auf der x-Achse sind nun die Bewusstseinszustände, auf der y-Achse die Bewusstseinsebenen dargestellt, woraus sich viele Kombinationsmöglichkeiten ergeben.
Drei Bewusstseinszustände kennen alle Menschen: Wachen, Träumen und Schlafen. Es gibt aber höhere bzw. aussergewöhnliche Bewusstseinszustände, die erlebt werden können. Zum Beispiel Luzides Träumen ("wach im Traum") und "wach im Tiefschlaf", wie sie von Meditierende, Yogis und Schamanen berichtet werden. Schon seit der frühindischen Philosophie ist dieser 4. Zustand des Bewusstseins (Sanskrit turiya = das Vierte) bekannt. Und auch ein Zustand, der darüber hinausgeht (turiyatita). Mystiker und Meditierende können vorrübergehend die Erfahrung von All-Einheit (Nondualität) machen in der alle Gegensätze aufgehoben sind und die Trennung von Materie und Geist aufgehoben ist. Jeder Mensch kann kurzzeitig solche Erfahrungen machen, vermag sie aber gewöhnlich nicht zu verstehen und in sein Weltbild und Verstehen zu integrieren. Sie werden deshalb meist auf der jeweils erreichten Bewusstseinsstufe interpretiert.
Mystiker interpretieren es z.B. auf der mythischen Bewusstseinsstufe und vermeinen eine Verschmelzung von sich mit dem Göttlichen erreicht zu haben. Zen-Mönche interpretieren es als Satori oder Kensho, Yogis als Erleuchtung und moderne Menschen auf der rationalen Bewusstseinsstufe interpretieren es als veränderte Bewusstseinszustände neuronaler Aktivitäten, z.B. kohärenter Hirnwellen. Auch Menschen, die dem Tod nahe waren und z.B. nach einem Herzstillstand wiederbelebt wurden, berichten von solchen Erfahrungen erweiterten Bewusstseins von Nondualität, Leidensfreiheit, Unsterblichkeit, Zeitlosigkeit, Licht und Mitgefühl mit allen Lebewesen.
Aufgrund eigener Erfahrungen und der umfangreichen Literatur bezeichne ich solche Erfahrungen von nondualer Einheit als "Realisation von GEWAHRSEIN". Das Ich scheint sich dabei in ein grösseres universales Selbst zu verwandeln und das Leben ist in ein lebendiges Sein transformiert worden. GEWAHRSEIN kann in zwei Formen auftreten: Erstens als "Reines" GEWAHRSEIN mit Abwesenheit jeglicher Inhalte im Bewusstsein, wie es z.B. als ein gewisses Bewusstsein im Tiefschlaf und in tiefer Meditation erlebt werden kann, und zweitens als nonduales GEWAHRSEIN während des vollen Wachseins und Erlebens der inneren und äusseren Welt. Zeitlich können diese Erfahrungsweisen von wenigen flüchtigen Momenten bis zu Stunden und Tagen reichen oder sogar zum ununterbrochenen Dauerzustand werden. Diese Realisation ist wohl die Sehnsucht und das höchste Ziel menschlicher Existenz. Ein solches GEWAHRSEIN ist kein Zustand des Bewusstseins, sondern die Grundlage aller Zustände. Ohne GEWAHRSEIN hätten wir kein Bewusstsein.
GEWAHRSEIN ist unsere ganz normale Seinsweise und damit erklärtes Ziel des Lebens, das allein wahre Freiheit, Verstehen, Frieden und ein gutes Leben bietet und uns auch angstfrei in den Tod begleitet.
3. Die vier Quadranten als Dimensionen der Gesamtwirklichkeit
Alles was wir von der Welt kennen, kann man grundsätzlich auf vier verschiedene Bereiche des Daseins zuordnen. Es sind zugleich auch die vier grossen Dimensionen oder Perspektiven des Lebens, welche die innere und äussere und die individuelle und kollektive Welt umfassen. Im Verlauf der Geschichte und Evolution finden auf jedem dieser Quadranten Entwicklungen statt und treten dort in Erscheinung.
Ken Wilber schrieb, dass die Zuordnung von oben, unten und rechts und links willkürlich erfolgt sei. Wer sich aber schon mit der Mandalasymbolik und er Astrologie beschäftigt hat, weiss, dass die vier Quadranten in einem Kreis schon seit Urzeiten bekannt sind und folglich ein Archetyp, ein Urbild darstellen.
Einfach gesehen steht das Ich jeweils dem Du gegenüber (linker oberer und unterer Quadrant) und die beiden rechten Quadranten sind einem jeweiligen "Es" zugeordnet. Dort tritt die manifeste Welt in Erscheinung, z.B. der Entwicklung der Lebewesen (vom Einzeller zum Menschen) und die Erscheinung kultureller Errungenschaften (z.B. vom Clan zur Staatengemeinschaft und globalen Netzwerken).
Jede Veränderung auf einem Quadranten bedingt auch eine Veränderung auf den anderen drei Quadranten mit sich. Deshalb ist es wichtig, dass alle Quadranten ins Gleichgewicht gebracht werden sollten, um eine harmonische Entwicklung zu erreichen. In der Abbildung rechts ist als Beispiel der Zusammenhang der vier Quadranten im Bereich von Krankheit/Gesundheit gezeigt.
Um nicht die Urquelle der Manifestation zu vergessen habe ich im Zentrum des Quadranten einen gelben Kreis eingefügt. Unser wahres SELBST und GEWAHRSEIN ist also ebenso ein Faktor, der nicht vernachlässigt werden darf.
Aus der Landkarte der vier Quadranten lassen sich die ethischen Konsequenzen und Zielsetzungen im individuellen und kollektiven Leben ableiten. Auf jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins können sie anders aussehen und müssen diesen Stufen angepasst werden. Wenn wir uns heute auf die integrale Entwicklungsstufe zubewegen führt dies mit der Zeit zu einer integralen Wissenschaft, einer integralen Kunst, einer integralen Medizin, einer integralen Politik, einer integralen Rechtsprechung, einer integralen Spiritualität, einer integralen Psychologie und Psychotherapie, einer integralen Pädagogik und zu integralen Beziehungen (in der Partnerschaft, Ehe, Freundschaften, Arbeitskollegen) usw.
Daran können wir erkennen und ermessen, was getan werden muss, um von einer zur anderen Stufe getan werden muss, um der Entwicklung und Harmonisierung im besten Sinne zu genügen.
4. Entwicklungslinien
In Anlehnung an die Publikationen des Erziehungswissenschaftlers Howard Gardener (geboren 1943) über die multiplen Intelligenzen hat Ken Wilber die Entwicklungslinien dieser Intelligenzen auf das System der Bewusstseinsebenen übertragen. Jede menschliche Fähigkeit oder Intelligenz (Entwicklungslinie) folgt der Entwicklung der Bewusstseinsebenen. Alle Linien können folglich eine unterschiedliche Ausprägung haben. Einige können hoch entwickelt sein, andere zur wenig. In der Psychologie hat C.G. Jung z.B. schon auf eine Hauptfunktion und verschiedene minderen Funktionen der Psyche unterschieden. Im Modell von Gardener wurden bis heute etwa 12 verschiedene Linien unterschieden.
Angewandt auf die Spiritualität entstand dabei die Frage, ob es auch eine eigene spirituelle Entwicklungslinie gibt. Ken Wilber hat dabei noch keine eindeutige Antwort gegeben, sondern verschiedene Fragen aufgeworfen, z.B. die, ob es die höchste Ebene aller Linien sei oder die höchste Zustandsstufe.
Mit dem Modell der Entwicklungsebenen kann man z.B. erklären, warum hoch geistige Menschen eine mindere moralische Entwicklung haben. So z.B. Gurus, die ihre Anhänger abhängig machen und ausbeuten oder Anhängerinnen sexuell missbrauchen oder sich von ihnen verführen lassen. oder wie im 3. Reich Mediziner, die Juden, Minderheiten und Behinderte für Versuche missbrauchten oder töteten.
Auch die Linien sind wie die Bewusstseinsebenen (Meme) in den verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Epochen unterschiedlich entwickelt. Darüber wurden schon statistische Untersuchungen gemacht. Die Abbildung zeigt die Entwicklung in den gegenwärtigen führenden Nationen und in der ganzen Welt. Wie zu sehen ist, leben gegenwärtig die meisten Menschen auf der konformistischen Bewusstseinsebene (blau) und der rationalen (orange). Die pluralische Ebene (grün) ist in der führenden Gesellschaftsschicht mit etwa 15% vertreten, die integrale (gelb) mit ca. 5% und die derzeit höchste Stufe des Transpersonalen (Korall) ) weniger als 0.1%.
Die drei grossen Landkarten der integralen Theorie sind die Basis für eine Integrale Praxis, die transformierend ist, wenn man alle Faktoren berücksichtigt und mit der Zeit einübt. Im Interessenkreis lernen Sie diese Landkarten zu interpretieren und für sich und andere zu nutzen.