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Zusätzlich zur Corona-Krise wird Ostafrika von einer weiteren Katastrophe heimgesucht. Derzeit wütet der grösste Wüstenheuschreckenausbruch seit Jahrzehnten in der Region. Und wie so oft trifft es jene Menschen am härtesten, die bereits infolge von lang anhaltenden Dürreperioden oder Überschwemmungen um ihre Ernährungssicherheit kämpfen.
Die Entwicklung der Heuschrecken kann auf günstige Brutbedingungen im Jahr 2018 in abgelegenen Regionen der Arabischen Halbinsel zurückgeführt werden. In der zweiten Hälfte des letzten Jahres verbreiteten sich die ersten in Jemen formierten Schwärme auch nach Äthiopien und Nord-Somalia, von wo sie gegen Ende des Jahres nach Eritrea, Djibouti, Ost-Äthiopien und Nordost-Kenia wanderten. Anfang dieses Jahres wuchsen die Schwärme kontinuierlich weiter und erreichten bald auch die Länder Uganda und Südsudan.
Die Vereinten Nationen haben bereits im November 2019 vor einem enormen Heuschreckenbefall gewarnt. Mittlerweile sind Monate vergangen und der Prozess des Eierlegens, Brütens und der Formierung neuer Schwärme schreitet unweigerlich voran. Und dies, obschon die betroffenen Länder seit Monaten grosse Anstrengungen unternehmen, um die Invasion einzudämmen. Die Lokalbevölkerung versucht die Heuschrecken mit Stöcken, Rauch und Lärm zu vertreiben; die Landesregierungen in Zusammenarbeit mit den Agrarministerien setzen auf Flugzeuge, um ganze Landstriche mit Pestiziden zu besprühen – mit meist limitierten Ressourcen und häufig auftretenden Lieferengpässen aufgrund der weltweiten Covid-19-Pandemie.
Rasende Vermehrung
Die charakteristischen Zahlen sind beängstigend: Heuschreckenschwärme können pro Tag eine Strecke von bis zu 150 Kilometer zurücklegen und ein durchschnittlicher Schwarm mit etwa einer Tonne Heuschrecken vernichtet die gleiche Nahrungsmenge wie 10 Elefanten, 25 Kamele oder 2500 Menschen. Die rasende Vermehrung der Tiere verdeutlicht die Komplexität der Bekämpfungsmassnahmen. Eine einzelne weibliche Heuschrecke kann mindestens drei Mal in ihrem Leben in Zeitabständen von sechs bis elf Tagen zwischen 95 und 158 Eier legen. Es ist keine Seltenheit, dass auf einer Fläche von einem Quadratmeter bis zu 1000 Eier gefunden werden.
In ländlichen Gebieten hat die Heuschreckeninvasion dramatische Auswirkungen auf den Lebensunterhalt von Kleinbäuerinnen und -bauern, Viehhirten und ihren Familien. Enorme Schäden an Feldern und Ernte und die Zerstörung von Weideland zählen zu den sichtbarsten Folgen. Auch der Viehbestand ist in Gefahr: Die Gesundheit der Tiere wird stark beeinträchtigt und die Sterblichkeitsraten steigen erschreckend rasch. All dies verstärkt den bereits bestehenden prekären Zustand tausender Haushalte.
Äthiopien ist ein Epizentrum
Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bezeichnet Äthiopien aktuell als ein Epizentrum der Heuschreckeninvasion. Allein hier befinden sich bereits rund achteinhalb Millionen Menschen in einer akuten Ernährungsunsicherheit und benötigen humanitäre Hilfe. Sechs Millionen von ihnen leben in Regionen, in denen die Heuschreckenschwärme Schrecken und kahle Felder hinterlassen. Betroffen ist zunehmend auch der Südsudan. In Uganda wurde die nationale Armee eingesetzt, um die Bekämpfung der Heuschrecken zu unterstützen. Im krisengeschüttelten Somalia leben über 2,6 Millionen Menschen in von Heuschrecken befallenen Gebieten, davon wird über eine halbe Million bereits im September auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sein.
Caritas Schweiz hilft in Äthiopien im Auftrag der FAO mit einem im Juni gestarteten Nothilfeprojekt den am härtesten getroffenen Familien im Südosten des Landes. Sie erhalten einerseits Bargeldbeträge, damit sie kurzfristig die notwendigsten Güter wie Nahrungsmittel und Schutzmaterial für ihre Tiere besorgen können. Andererseits gibt die Caritas Weizensaatgut ab, damit die Menschen bald wieder ernten und Ausfälle in Zukunft besser kompensieren können.
Trotz anhaltender Kontrollbemühungen herrscht grosse Besorgnis über die Situation in Ostafrika. Gemäss FAO besteht die Gefahr, dass sich der gegenwärtige Aufschwung bis Ende 2020 zu einer Plage auf der höchsten Stufe der Klassifizierung entwickelt. Interventionen zur Sicherung der Lebensgrundlage werden gerade auch angesichts der Corona-Krise immer wichtiger, um möglichst viele der in Not geratenen Menschen zu unterstützen.
Bild: Borana, Äthiopien, Heuschreckenplage 2020 (c) Caritas Schweiz