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In der Sonntagszeitung und einigen weiteren Publikationen (dem sog. "klein report") wurde dem Verein bzw. dem Portal Philosophie.ch vorgeworfen, eine sog. "Cancel Culture" zu betreiben, dh. politisch oder ideologisch unerwünschte Meinungen nicht zu Wort kommen zu lassen.
Genau das Gegenteil ist der Fall: das Portal ist allem dem, was unter "Cancel Culture" verstanden wird, diametral entgegengesetzt (der Diskussionsverweigerung, jeder Einschränkung der Rede- oder Meinungsäusserungsfreiheit, die Priorisierung politischer Korrektheit oder bestimmter Formen des Ausdrucks über den Inhalt des so (möglicherweise falsch und kritisierwürdig) Ausgedrückten, die illiberale Grundhaltung, Menschen abhängig von ihrer Wortwahl oder ihren Überzeugungen mehr oder weniger Gehör zu leihen). Mit all diesen höchst bedauerlichen, aber leider zunehmend verbreiteten Tendenzen unserer Gesellschaft (oder zumindest ziemlich isolierter und gesamtgesellschaftlich relativ bedeutungsloser Fragmente davon) haben wir nicht nur nichts zu tun, sondern wir stemmmen uns mit allem, was wir haben, gegen sie, unter anderem mit unserem an der Generalversammlung unseres Vereins vom 5.6.2021 einstimmig akzeptierten "Credo", das uns auf die bedingungslose Hochhaltung der Meinungsfreiheit verpflichtet.
Natürlich ist es so, dass der Verein Philosophie.ch keinerlei Verantwortung trägt für den jeweiligen Inhalt und die Kuratierungs- und Einladungspolitik der über 80 Veranstaltungen, die in der ganzen Schweiz zwischen dem 6. und dem 15. Mai stattfinden und durch das Projekt des Vereins "philExpo22", das von der Loterie Romande und der Stadtberner Kulturförderung unterstützt und von Ilaria Fornacciari geleitet wird, beworben und koordiniert werden. Um zu einer der "im Rahmen der philExpo22" stattfindenden Veranstaltungen zu gehören, reicht es aus, einen einigermassen philosophischen Inhalt zu haben und ein weiteres, auch nicht-akademisches Publikum anzusprechen - Bedingungen, die das geplante Projekt "PhiloSOPHIA" zweifellos erfüllt.
Als Geschäftsführer von Philosophie.ch, aber auch als Philosoph und Verantwortlicher für das Portal Philosophie.ch, möchte ich allerdings dafür um Entschuldigung bitten, dass es mir gründlich misslungen ist, selbst unsere eigenen (z.T. ehemaligen) Mitarbeitenden davon zu überzeugen, dass genuin philosophische Fragen in Artikeln, Essays, Blogbeiträgen und Buchnotizen auf eben unserem Portal abgehandelt werden sollen, mit Argumenten und Gegen-Argumenten, und nicht durch Anfeindungen, Ein- und Ausladungen und dem Hinweis, durch andersartige Meinungen in irgendeiner Weise "verletzt" zu werden. Diese Offenheit für die Argumente des anderen ist eine nicht verhandelbare Voraussetzung von Philosophie und damit ein Grundbekenntnis dieses von mir verantworteten Philosophieportals. Wer damit nicht einverstanden ist, soll öffentlich dagegen Stellung beziehen.
Damit soll nicht gesagt werden, dass "deplatforming" nicht eine mögliche politische Taktik ist, dass "woke" wirklich ein Schimpfwort ist, dass wir nicht daran arbeiten sollten, "Frau" zu einem anderen Begriff zu machen. Dies sind alles Fragen, die in der gegenwärtigen Philosophie kontrovers diskutiert werden.
Genau für solche Diskussionen ist dieses Portal da. Deshalb versuchen wir, so gut wir es können, philosophische Stimmen von Geflüchteten, Kindern, Literaten, jüngeren Philosoph:innen und philosophische Kommentare zu Corona, dem Krieg in Europa und Mensch+Natur zu Wort kommen zu lassen.
Helfen Sie uns dabei! Jede Meinung ist willkommen.