Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03376.jsonl.gz/536

(2008/09) für Sopran & Altus; Blockflöte, Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Viola, Violoncello, Bandoneon, Schlagzeug
Das Hauptstück der 'Annunciazione – ánemos Vom Wehen des Windes im Vorhang' gliedert sich in drei Teile: In der Mitte steht die Verkündigung mit dem originalen, in Griechisch geschriebenen Text aus dem Lukas-Evangelium. Davor und Danach stehen sich gegenüber. In diesen beiden, die Verkündigung rahmenden Abschnitten habe ich drei Stränge zusammengeflochten. Der gewichtigste Strang kreist wie eine Spirale um die elementaren, existentiellen Bedeutungen der folgenreichen Begegnung zwischen dem Engel Gabriel und Maria: Berufung/Vokation. Aus den mannigfaltigen Texten begleiten uns diejenigen von Rainer Maria Rilke, Hilde Domin und Virginia Woolf wie einen roten Faden durch die Komposition. Für den zweiten Strang habe ich zentrale Worte und Begriffe aus den Texten herausgeschält und in sieben Wortfeldern zusammengefasst. Diese führen uns in einen nicht-narrativen, poetischen Raum:
Der dritte Strang artikuliert die Zeit. Im Lukas-, sowie im Matthäus-Evangelium findet sich zu Beginn je ein Stammbaum. Bei Matthäus besteht er aus 42, bei Lukas aus 77 Namen. Offenkundig sind die beiden Genealogien keine realen Stammbäume. Die Zahlen eröffnen eine symbolische Bedeutungsebene, die die göttliche Herkunft versinnbildlicht. Im Davor gliedert die Ahnenreihe von Matthäus – von Abraham hin zu Jesus – gleichmässig die Zeit der Musik, im Danach führt uns Lukas’ Namenreihe ebenso gleichmässig wieder zu Adam zurück.
Zwei musikalische Aspekte möchte ich nicht unerwähnt lassen. Im Davor arbeite ich wesentlich mit dem musikalischen Krebs, also dem Rückwärts-Musizieren eines gegebenen Verlaufes. Man könnte auch von Spiegelungen sprechen, die in der Musik jedoch nicht so ohne weiteres zu erfassen sind wie in den visuellen Bereichen. Einfacher wahrzunehmen ist die musikalische Übersetzung des „Fluchtpunktes“, die im Danach eine wichtige Rolle spielt. Der Begriff stammt selbstverständlich aus der bildenden Kunst der Renaissance. Und gerade in den unzähligen Darstellungen der 'Annunciazione' kommt die perspektivische Bildkonzeption zur Anwendung. Nun wird die Idee des Fluchtpunktes auch in der Szenografie für meine 'Annunciazione' von Christian Kathriner sichtbar. Es berühren sich der Klang und das Bild mittels ihrer Strukturen.
Proscenium meint im ursprünglichen Sinn den Raum oder die Schwelle zwischen dem Vorhang und der Rampe einer Bühne, hier ist es als eine Art Vorspiel verstanden. Darin blicken wir in einer historischen Tiefenperspektive auf den Mythos der Leda, welcher im Keim zwar verwandt ist mit der Zeugung Marias Sohn in Gestalt der Taube, im Kern jedoch eine Gegengeschichte darstellt, geprägt von der Gewalt des in einen Schwan verwandelten Zeus’. In einem zweiten Blick entdecken wir im Mithras-Kult, entstanden um 100 v. Chr. und später weit verbreitet im römischen Reich, Wurzeln von zentralen christlichen Kulten. Im grossen Ausschnitt aus einem liturgischen Text wird der astrale Kern dieses Kultes beleuchtet: Mithras wird dargestellt als Herrscher über die Fixstern-Sphäre, genauer über die sogenannte Präzession, die langsame Verschiebung der Position der Sterne am Nachthimmel als Folge der taumelnden Rotationsbewegung der Erde. Man stelle sich die Unruhe über diese Entdeckung unter den Gelehrten der Antike vor, die den Fixsternhimmel als unveränderlich betrachteten! Vermutlich wurde die Präzession um 100 v. Chr. in der kyllikischen Stadt Tarsos gefunden, genau in der Stadt, in der später Paulus gross werden sollte.
Hans-Jürg Meier