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Wie ein Lastwagen mit einem riesigen Anhänger: Interview
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Wenig Kohlenhydrate, viel Fett: Ariella Kaeslin wollte vom Ironman-Triathleten Jan van Berkel wissen, warum er sich seit drei Jahren nach dem Prinzip von «Low carb, high fat» ernährt.
Ariella Kaeslin: Herzlichen Glückwunsch zu Platz 11 bei den Ironman-Weltmeisterschaften auf Hawaii, Jan! Wir treffen uns eineinhalb Wochen nach deiner Rückkehr – was hast du in dieser Zeit gegessen?
Jan van Berkel: Nur das Falsche. Aber in voller Absicht. Das kennst du sicher: Wenn du deine Vorgaben mal nicht einhalten musst, schlägst du grad extra über die Stränge. Nicht weil du’s brauchst, sondern weil du’s kannst.
Die Lust am Falschen! Kenne ich gut. Was heisst das in deinem Fall konkret?
Pizza, Schokolade, Hamburger. Und Red Bull.
Ich wollte dich treffen, weil ich nach deinem Ironman-Sieg in Zürich im Sommer vielenorts gelesen hatte, der Erfolg sei auch auf deine Ernährung zurückzuführen. Erzähl mir bitte mehr davon!
Also so kompliziert ist das gar nicht. Ich ernähre mich nach dem Prinzip von «Low carb, high fat», was bedeutet, dass ich 70 bis 80 Prozent meines Energiebedarfs mit Fett decke, pro Tag aber nur etwa 80 bis 120 Gramm Kohlenhydrate zu mir nehme. Bei einer normalen Ernährung, wie sie vielen Leuten empfohlen wird, ist es genau umgekehrt.
80 bis 120 Gramm Kohlenhydrate – das ist sozusagen nichts, richtig?
Es bedeutet, dass klassische Kohlenhydratquellen wie Reis und Pasta wegfallen. Die Kohlenhydrate, die ich benötige, nehme ich über Beeren, Gemüse, Erdnüsse zu mir.
Woher stammt das Fett?
Aus tierischen ebenso wie aus pflanzlichen Quellen, etwa aus Eiern, Speck, Käse, Öl, Avocados.
Klingt aufwändig, aber erstmal interessiert mich, was dich dazu gebracht hat, deine Ernährung komplett umzustellen.
Weil die Energiebereitstellung einer der limitierenden Faktoren beim Ironman ist. Das Rennen dauert acht, neun Stunden. Die Glykogen-Speicher reichen nicht bis zum Schluss, aber man kann auch nicht so viel aufnehmen, wie man verbraucht. Während eines Ironman verbrenne ich mehr Kohlenhydrate, als ich zu mir nehmen kann. Irgendwann muss ich also zwingend einen gewissen Prozentsatz meiner Energie über Fett decken. Doch das fällt dem Körper unter normalen Umständen nicht leicht.
Deinem schon?
Ja, weil er fettadaptiert ist.
Was heisst das?
Stell es dir so vor: Wir Menschen sind wie ein Lastwagen mit einem kleinen Tank und dahinter einem riesigen Anhänger. Der kleine Tank – das sind die Kohlenhydrate. Der riesige Anhänger – das ist das Fett. Was geschieht, wenn dein Körper nicht fettadaptiert ist? Du fährst mit deinem Lastwagen auf dem Queen K Highway, der Velostrecke des Ironman Hawaii, und irgendwann ist dein Tank leer. Du hast noch den ganzen Anhänger voll Benzin, aber kommst nicht mehr voran. Mit meiner Ernährung erreiche ich, dass ein Schlauch in diesen Anhänger führt und ich auch dieses Benzin noch anzapfen kann.
Du hast deinem Körper sozusagen beigebracht, den Energiebedarf nicht primär aus Kohlenhydraten, sondern aus Fett zu decken?
Genau. Die Umstellung dauerte etwa drei Monate, also gar nicht so lang – aber in dieser Zeit zweifelte ich jeden Tag.
Wann war das?
Ende 2016. Ich haderte sogar noch im April 2017, bei meinem ersten Ironman mit veränderter Ernährung. Ich kam mit der Spitzengruppe vom Velo, und auf der abschliessenden Marathonstrecke dachte ich: Jetzt macht sich der Aufwand dann bezahlt. Aber die ersten fünf Kilometer waren eine Qual, ich brachte kaum einen Fuss vor den anderen, wurde ständig überholt. Erst dann setzte die Wirkung ein, ich fühlte mich mit jedem Kilometer besser, überholte nun meinerseits dauernd Triathleten – am Ende war’s der beste Ironman, den ich bis dahin absolviert hatte.
Als nach dem Ironman-Sieg in Zürich überall von deiner Ernährung zu lesen war, gab es auch kritische Stimmen.
Weisst du was? Das ist mir egal. Aber ich möchte trotzdem drei Dinge dazu sagen.
Bitte!
Erstens: Viele, die sich den Mund zerreissen, bringen etwas durcheinander. «Low carb, high fat» ist nicht gleichzusetzen mit der sogenannten ketogenen Diät. Ich bin nicht «keto», wie mich einige fragten. Das wäre ich, wenn ich weniger als 50 Gramm Kohlenhydrate pro Tag zu mir nehmen würde. Dann isst du noch knapp eine Tomate und eine Handvoll Beeren…
Zweitens?
Ich ernähre mich so, weil es mich schneller macht, aber es ist keine Religion für mich, kein Kult. Ich merke, dass diese Ernährung mir gut tut. Wenn ich einmal die Karriere beende, werde ich nicht einfach alles wieder umstellen.
Drittens?
Es ist ein unglaubliches Privileg, auswählen zu dürfen, was ich essen will. Das ist mir wirklich wichtig, denn es geht in der Diskussion immer wieder unter.
Wie ernährt sich deine Frau, die ehemalige Eiskunstlauf-Europameisterin Sarah van Berkel?
Zum Glück ganz ähnlich wie ich.
Zum Glück?
Als Spitzensportler ist man vielleicht eine Maschine, aber kein Roboter. Wenn all die verlockenden Lebensmittel, die ich nicht zu mir nehmen darf, in Hülle und Fülle bei uns in der Wohnung rumstehen würden – ich weiss nicht, ob mir meine Ernährungsweise dann immer so leicht fallen würde, wie sie es jetzt tut.
So viel Fett, so wenig Kohlenhydrate – ist das nicht schrecklich eintönig?
Im Gegenteil. Es ist wie mit allem, das von der Norm abweicht: Du musst einfach damit umzugehen lernen. In meinem Fall hiess das: Ich musste mich mit neuen Rezepten auseinandersetzen, neuen Zutaten. Es war eine spannende Reise, ich habe viel entdeckt.
Aber es bedeutet, dass du bei einer Pizza nicht zuallererst denkst „Aaah, das könnte lecker sein“ – sondern: „Kohlenhydrate!“. Du isst kopfgesteuert.
Richtig. Ich sehe nichts Schlechtes darin. Ich weiss, wie viel besser es mir dadurch geht.