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Öffentlichkeit und soziale Bewegungen
Roman Schaffhauser
1997
1. Einleitung
Öffentlichkeit und soziale Bewegungen sind seit dem Beginn der Moderne eng miteinander verbunden. Die Öffentlichkeit ist ein Produkt der Aufklärungs-bewegung, die man als erste moderne soziale Bewegung bezeichnen kann. Was die Aufklärungsbewegung erreichte, die bürgerliche Öffentlichkeit, wird in der Folge zum Referenzraum der sozialen Bewegungen der Moderne. Das Öffentlichkeits-verständnis der Aufklärung beruht auf dem Ideal der Versammlungsöffentlichkeit, wo die Meinungsbildung durch direkte Rede und Gegenrede erfolgt. Die Öffentlichkeit gilt als Voraussetzung für Vernunft und Tugend. Nur was öffentlich, durch herrschaftsemanzipiertes Raisonnement, debattiert wird, kann vernünftig und gleichzeitig moralisch richtig sein. Die Aufklärungsöffentlichkeit verstand sich als Verkörperung des Volkes. Diese Versammlungsöffentlichkeit bezieht sich auf die klassich-griechische Philosophie, wo auf der "agora", dem Stadtplatz des antiken Athens, die zugangsberechtigten Bürger (Frauen hatten keinen Zugang) aus ihrer Privatheit heraustraten, um über die gemeinsamen Dinge des Lebens frei zu bestimmen. Damit wird die Öffentlichkeit "zudem politischen Begriff der Aufklärung." (Imhof 1996a: 113) Diese bürgerliche Öffentlichkeit schiebt sich immer mehr zwischen die staatliche Herrschaft und die Privatleute.
Für moderne Industriegesellschaften ist diese Versammlungsöffentlichkeit nicht mehr adäquat. Öffentlichkeit wird vor allem durch die Massenmedien konstituiert. Die staatsbürgerliche Öffentlichkeit wird nicht mehr physisch, sondern virtuell über Massenmedienkommunikation erzeugt. Öffentlichkeit stellt dabei ein intermediäres System dar, das zwischen dem politischen System und den BürgerInnen vermitteln soll. Im 2. Kapitel werde ich Funktionen, Strukturen und die verschiedenen Akteure von moderner Öffentlichkeit darstellen.
Da soziale Bewegungen keinen direkten Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen besitzen, müssen sie versuchen, ihren Einfluss über das vermittelnde System der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Nachdem ich im 3. Kapitel verschiedene theoretische Konzepte zu sozialen Bewegungen dargestellt und zu einem Mehrebenenmodell (vgl. Neidhardt und Rucht 1993) zusammengefasst habe, geht es im 4. Kapitel darum, welche Funktionen die Öffentlichkeit für soziale Bewegungen erfüllen kann, und welche Öffentlichkeitsstrategien soziale Bewegungen verfolgen können.
Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften stellt ein relativ frei zugängliches Kommunikationsfeld dar, in dem verschiedene Öffentlichkeitsakteure versuchen, bei einem unbekannten, unabgeschlossenen Publikum Aufmerksamkeit und Zustimmung für bestimmte Themen zu finden. Da die Öffentlichkeit prinzipiell für alle Mitglieder einer Gesellschaft offen ist, ist öffentliche Kommunikation "Laienkommunikation" (Gerhards/Neidhardt 1991: 46). Gesellschaft ohne Öffentlichkeit ist nicht denkbar. Sie ist die Arena, die die Selbstreferenz der Gesellschaft sichert. Ohne Öffentlichkeit wäre sich die Gesellschaft ihrer selbst nicht bewusst. (vgl. Neidhardt 1994; Gerhards/Neidhardt 1991; Imhof 1996b)
In einem normativen Modell von Öffentlichkeit, bildet sich diese durch Kommunikation unter Akteuren, die aus ihrem Privatleben heraustreten, um allgemeine, öffentliche Angelegenheiten zu regeln . (Peters 1994: 45)
Imhof beschreibt Öffentlichkeit als Kommunikationsstruktur, die das Produkt eines Ausdifferenzierungsprozesses ist, der mit der Moderne begonnen hat. Öffentlichkeit wird konstituiert durch mediale, politische und ökonomisch-kommerzielle Kommunikationszentren und ergänzt durch semi-autonome Sphären (Wissenschaft, Religion, Kunst) und separierte Milieus (autonome Öffentlichkeiten und soziale Bewegungen). (Imhof 1993; Imhof 1996b)
Öffentlichkeit ist ein Bestandteil der verfassungsrechtlichen Grundausstattung der modernen Demokratien, und daraus resultieren die politischen Funktionen, die man ihr zurechnet.
Gerhards und Neidhardt betrachten die Funktion von Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften im Zusammenhang mit der Sonderstellung des politischen Systems in der Grundstruktur moderner Gesellschaften. (vgl. Gerhards/Neidhardt 1991: 35ff) Moderne Gesellschaften sind in ihrer Grundstruktur funktional differenzierte Gesellschaften. Funktionale Differenzierung meint die Differenzierung einer Gesellschaft in verschiedene Teilsysteme, die auf verschiedene Bezugsprobleme der Gesellschaft ausgerichtet sind. Dem politischen System kommt dabei eine übergeordnete Sonderstellung zu. Die Funktion des politischen Systems liegt in der Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen. Dabei kommt dem politischen System eine doppelte Sonderstellung zu: "Politik kommt sowohl eine besondere, übergeordnete Stellung als Problemadressat zu (Input), als auch eine Sonderstellung als Problemlösungssystem, als Steuerungsakteur der Gesamtgesellschaft (Output)." (Gerhards/Neidhardt 1991: 37)
Politik ist für alle Probleme zuständig, die von den anderen Teilsystemen nicht gelöst werden können oder nicht gelöst werden wollen. Das politische System ist der potentielle zentrale Problemadressat der anderen Teilsysteme.
Um dieser Sonderstellung gerecht zu werden, benötigt die Politik spezielle Kompetenzen und Ressourcen. Sie hat ein besonderes Zugriffsrecht auf alle anderen Teilsysteme. Im Konfliktfall kann sie Entscheidungen verbindlich durchsetzen. Dadurch setzt sie die Rahmenbedingungen der anderen Systeme.
Durch diese Sonderstellung des politischen Systems ergibt sich das Problem, wie das politische System selbst kontrolliert werden soll. "Die in der politischen Theorie und in der Praxis entwickelte Antwort lautet: durch Demokratie, durch Bindung der Entscheidungsträger an die Meinungen und Wünsche der Bürger." (Gerhards/Neidhardt 1991: 38) Das politische System wird also von "unten", von den BürgerInnen kontrolliert.
Die Bindung des politischen Systems an die Interessen der BürgerInnen ergibt sich durch freie Wahlen. Ohne Öffentlichkeit wären freie Wahlen aber nicht vorstellbar. BürgerInnen beobachten die um Regierungspositionen konkurrierenden Parteien und bilden ihre Wahlpräferenzen in der Öffentlichkeit. Durch Wahlen werden Regierung und Opposition für eine längere Zeit festgelegt. Dazwischen lassen sich keine Interessen direkt vermitteln.
Öffentlichkeit ist sowohl während als auch zwischen den Wahlen der Ort, wo die BürgerInnen ihre Meinungen und Themen artikulieren können. Durch die Selektion von Kommunikation definiert die Öffentlichkeit die Agenda der politisch zu verarbeitenden Probleme mit. Durch ihre Funktion Themen zu definieren und Meinungen zu bilden, stellt die Öffentlichkeit ein umkämpftes Gebiet dar. Mehrere Akteure beteiligen sich an diesem Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit. Öffentlichkeit nimmt dabei eine ähnliche Funktion war wie der Markt für die Wirtschaft.
Die Öffentlichkeit ist also ein vermittelndes Medium zwischen dem politischen System und der Gesellschaft. Dabei soll sie nach beiden Seiten Orientierung und Kontrolle leisten.
Gerhards und Neidhardt leiten daraus ein Öffentlichkeitsmodell ab, das durch zwei Grundannahmen bestimmt ist. "1. Wir gehen davon aus, dass Öffentlichkeit ein intermediäres System darstellt, das zwischen dem politischen System einerseits und den Bürgern und den Ansprüchen anderer Teilsysteme der Gesellschaft vermitteln soll. 2. Wir begreifen Öffentlichkeit als ein Kommunikationssystem, in dem die Erzeugung einer bestimmten Art von Wissen stattfindet: Es entstehen öffentliche Meinungen mit mehr oder weniger allgemeinen Einstellungen zu bestimmten Themen." (Gerhards/Neidhardt 1991: 41f) Unter öffentlicher Meinung verstehen sie eine Meinung, die sich in der Arena der öffentlichen Meinungsbildung durchgesetzt hat, die in der öffentlichen Kommunikation mit breiter Zustimmung rechnen kann. Wer von ihr abweicht, löst Widerstand aus. Dabei ist öffentliche Meinung nicht mit Bevölkerungsmeinung gleichzusetzen. Es geht nicht um individuelle Meinungen, sondern um Meinungen, die in öffentlicher Kommunikation geäussert werden.
Anspruchsvoller ist das normative Modell von Öffentlichkeit. Es betont deren diskursives Potential. Öffentliche Kommunikation soll zu reflektierten Überzeugungen und Urteilen über Problemdefinitionen und Lösungsvorschlägen führen. "Öffentliche Meinung in diesem anspruchsvollen Sinn gilt als rational oder aufgeklärt, weil oder insofern sie aus öffentlichen Diskursen hervorgeht." (Peters 1994: 47) Auseinandersetzungen werden mit Argumenten ausgetragen, um einen "vernünftigen" Konsens zu erreichen.
Diese Konzeption von Öffentlichkeit soll ein altes Problem der Demokratietheorie lösen. Demokratie als kollektive Selbstregierung muss Entscheidungen treffen, die zugleich freiwillig und vernünftig sind. Wie kommt man zu einer volonté générale, die die egozentrischen, individuellen Perspektiven überwindet, dem einzelnen aber nicht oktroyiert wird? Durch die Kultivierung der Meinungs- und Willensbildung der StaatsbürgerInnen infolge öffentlicher Diskurse. (vgl. Peters 1994: 47f)
Betrachtet man Öffentlichkeit als ein Kommunikationssystem, so kann man drei Prozessstufen unterscheiden: Themen und Meinungen werden gesammelt (Input), verarbeitet (Throughput) und weitergegeben (Output). (vgl. Gerhards/Neidhardt 1991: 42; Neidhardt 1994: 8)[1]
Aufgrund dieser drei Prozessstufen unterscheidet Neihhardt drei Funktionen von politischer Öffentlichkeit: (vgl. Neidhardt 1994: 8f)
Tansparenzfunktion: Öffentlichkeit soll offen sein für alle gesellschftlichen Gruppen und für alle Themen und Meinungen von allgemeinem Interesse. Erfüllt sie diese Bedingung, leistet die Öffentlichkeit Transparenzfunktionen.
Validierungsfunktion: Öffentlichkeitsakteure sollen mit Themen und Meinungen anderer diskursiv umgehen. Eigene Meinungen müssen unter Umständen aufgrund anderer Argumente revidiert werden. Wenn das Prinzip der Diskursivität beachtet wird, leistet öffentliche Kommunikation Validierungsfunktionen.
Orientierungsfunktion: Diskursive öffentliche Kommunikation erzeugt "öffentliche Meinungen", die vom Publikum als überzeugend wahrgenommen und akzeptiert werden können. Wenn "öffentliche Meinungen" diese Autorität besitzen, leisten sie Orientierungsfunktionen.
Aufgrund dieser drei Funktionen lassen sich verschiedene Modelle politischer Öffentlichkeit nach dem Anspruchsniveau ihrer Massstäbe unterscheiden.
Öffentlichkeit ist ein in mehrere Ebenen differenziertes System, die sich zum einen nach der Menge der Kommunikationsteilnehmer, zum anderen nach dem Grad der strukturellen Verankerung unterscheiden. Gerhard und Neidhardt unterscheiden drei Öffentlichkeitsebenen: einfache Interaktionssysteme, öffentliche Veranstaltungen und Massenmedienkommunikation. (vgl. Gerhards/Neidhardt 1991: 49ff)
Einfache Interaktionssysteme bilden sich, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft mehr oder weniger zufällig aufeinander treffen und miteinander kommunizieren. Sie weisen den geringsten Grad der strukturellen Verfestigung auf. Solche Formen von Öffentlichkeit entstehen fast zwangsläufig. Ihre Häufigkeit hängt von makrostrukturellen Kontextbedingungen ab, vor allem von der "Dichte" einer Gesellschaft. Durch ihre Voraussetzungslosigkeit weisen einfache Interaktionssysteme eine hohe Offenheit und Umweltsensibilität auf. Die Strukturlosigkeit verhindert aber eine Kontinuität der Themenführung. Einfache Interaktionssysteme weisen normalerweise nur Episodencharakter auf, und die einzelnen Episoden sind untereinander nicht verbunden, so dass zwischen ihnen kein Kommunikationsfluss stattfindet. Hinzu kommt, dass durch die Voraussetzung der Anwesenheit die Anzahl der Kommunikationsteilnehmer beschränkt ist. Die Möglichkeit der Beeinflussung von öffentlicher Meinung ist daher klein. In totalitären Herrschaftssystemen werden die Schwächen der einfachen Interaktionssysteme allerdings zu ihrer Stärke, da eine politische Kontrolle sehr schwierig und aufwendig ist.
Öffentliche Veranstaltungen sind thematisch zentrierte Interaktionssysteme. Sie benötigen einen Veranstalter (Personen, Gruppen oder Organisationen), der Ort, Thema, ReferentInnen und Mobilisierung eines Publikums organisiert. Die Kommunikation ist strukturiert. Es findet eine Rollenausdifferenzierung statt. ReferentInnen und DiskussionsleiterInnen geben Beschreibungen des Themas und Meinungen zum Thema vor. Im Gegensatz dazu entwickeln sich Publikumsrollen, deren Äusserungsmöglichkeiten beschränkter sind (Beifall, Pfeifen, Raunen, frühzeitiger Weggang). Wenn sich jemand zu Wort meldet, muss er oder sie sich auf die Äusserungen der ReferentInnen beziehen. "Strukturbildend für öffentliche Veranstaltungen ist das Thema." (Gerhards/Neidhardt 1991: 52) Das Thema steuert die Auswahl der ReferentInnen, die Rekrutierung des Publikums und den Ablauf der Veranstaltung. Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung setzt Themeninteresse voraus. Dadurch steigen die Chancen, dass sich eine homogene öffentliche Meinung bilden kann.
Kollektive Proteste stellen eine Sonderform von öffentlichen Veranstaltungen dar. Protest ist nicht mehr Diskussion, sondern kollektive Aktion und stellt eine eindeutige Meinungsäusserung zu einem Thema dar. Für nichtetablierte Öffentlichkeitsakteure, die keinen direkten Zugang zu den Massenmedien haben, besitzt kollektiver Protest eine erhebliche Bedeutung; zum Beispiel für soziale Bewegungen.
Mit den Massenmedien betritt neben Sprechern und Publikum eine dritte Grösse die Arena der Öffentlichkeit. "Sprecher und Publikum werden über Kommunikateure vermittelt und verlieren ihren interaktiven Zusammenhang." (Neidhardt 1994: 10) Dies steigert sowohl die Reichweite der Sprecher, wie auch die Grösse des Publikums. Öffentliche Kommunikation entwickelt sich zur Massenkommunikation.
Massenmedien sind in modernen Gesellschaften die wichtigsten Kanäle, über die sich die Öffentlichkeit konstituiert. Um ihre Funktion zu bestimmen, dient auch die Bezeichnung "vierte Gewalt".
Massenkommunikation unterscheidet sich von den anderen Ebenen der Öffentlichkeit in verschiedenen Punkten. So setzt sie eine entwickelte technische Infrastruktur voraus, die eine breitflächige und kontinuierliche Beeinflussung der öffentlichen Meinung ermöglicht. Massenkommunikation ist mit einer Professionalisierung der Medienproduktion und der Ausdifferenzierung von Journalistenrollen verbunden. Auch die Publikumsrolle verändert sich wesentlich. Das Publikum ist für die Sprecher unbekannt und viel grösser. Gleichzeitig sind deren Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.
Im Bereich der Öffentlichkeit bilden die Massenmedien "ein eigenes, spezialisiertes Teilsystem mit komplexen Strukturen der Produktion und Distribution kultureller Produkte und Dienstleistungen, die auf Märkten abgesetzt oder auch einem Publikum kostenfrei angeboten werden, dessen Aufmerksamkeit aus kommerziellen oder anderen Gründen gewonnen werden soll." (Peters 1994: 58) Dabei spielen die Massenmedien eine Doppelrolle. Sie produzieren eigene Beiträge und nehmen Beiträge, die von Akteuren ausserhalb des Mediensystems produziert werden, auf. Daraus ergibt sich eine Differenzierung in die Rolle des "gatekeepers" und in die eigentliche Rolle des Journalisten. Gatekeeper entscheiden, welche der externen Beiträge aufgenommen, und wie sie bearbeitet und dargestellt werden. (vgl. Peters 1994)
Misst man die Offenheit der Massenmedienöffentlichkeit an der Anzahl aktiver Sprecherrollen, so stellt sie ein relativ geschlossenes, unsensibles System dar. Die modernen Massenmedien, und damit die Bedingung einer grossen Öffentlichkeit, sind allerdings ohne spezialisierte Kommunikationsrollen nicht denkbar. Das Gleichheitsprinzip muss daher revidiert werden. Es geht nicht mehr um die reale, eigene Präsenz, sondern um Repräsentanz der eigenen Meinung. Damit hängt die Offenheit von der Pluralität und dem Spektrum der vermittelten Themen und Meinungen ab. (vgl. Gerhards/Neidhardt 1991; Peters 1994)
In modernen Gesellschaften wird die Öffentlichkeit in erster Linie durch die Massenmedien hergestellt. Auch die auf den anderen Öffentlichkeitsebenen artikulierten Themen und Meinungen erreichen erst eine stärkere Resonanz, wenn sie von den Massenmedien aufgenommen werden. Gleichzeitig müssen die Massenmedien, wollen sie die öffentliche Meinung beeinflussen, bei den einfachen Interaktionssystemen ankommen. Öffentliche Meinung entsteht im Zusammenspiel der drei dargestellten Öffentlichkeitsebenen. Diese drei Ebenen stellen besondere Stufen im Ausdifferenzierungsprozess der Öffentlichkeit dar. Einfache Interaktionssysteme sind die frühesten und einfachsten Formen von Öffentlichkeit. Öffentliche Veranstaltungen sind voraussetzungsvollere Zwischenformen. Mit der Massenmedienkommunikation wird die Öffentlichkeit zu einer dauerhaften, bestimmenden Grösse. Mit jeder höheren Ebene steigt die Leistungsfähigkeit in bezug auf die oben dargestellten Prozessstufen von Informationssammlung, -verarbeitung und -weitergabe.
Mit der Ausdifferenzierung der Öffentlichkeit zur Massenmedienöffentlichkeit ist eine Rollendifferenzierung in Sprecher und Publikum verbunden. Je grösser eine Öffentlichkeitsebene ist, desto ausgeprägter ist diese Rollendifferenzierung, und desto kleiner ist die Anzahl der Sprecher. Öffentlichkeit als soziale Grösse ist also vor allem Publikum. Dies trifft für Massenkommunikation mehr zu als für einfache Interaktionssysteme und öffentliche Veranstaltungen. Für die Repräsentationsfunktion des Gesamtsystems Öffentlichkeit ist es also wichtig zu wissen, wie Kommunikationen von den unteren Ebenen in die Ebene der Massenkommunikation vermittelt werden. Da die Massenmedien auf die Akzeptanz des Publikums angewiesen sind, spielen Marktmechanismen sicher eine zentrale Rolle. Diese Rollendifferenzierung wird häufig auch mit Arena (Sprecher) und Galerie (Publikum) ausgedrückt. Über den Erfolg der Arenaakteure entscheidet dabei die Galerie. Da Aufmerksamkeit ein knappes Gut darstellt, ist das Verhältnis unter den Sprechern durch Konkurrenz bestimmt. Sie versuchen ihre Themen und Meinungen gegen andere durchzusetzen. Über den Erfolg entscheiden dabei unter anderem auch Ressourcen und Sponsoren, die ihnen zur Verfügung stehen. Ressourcen und Kontakte zu Vertretern der Massenmedien beeinflussen die Chancen, Zugang zur Öffentlichkeit zu erhalten. Etablierte, organisierte, kollektive Akteure, die eine Öffentlichkeitsabteilung ausdifferenziert haben, können die Öffentlichkeit stärker beeinflussen als Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen, die nicht über diese Ressourcen verfügen. Die Frage ist, ob über die in der Öffentlichkeit auftretenden Akteure auch Minderheitenpositionen hinreichend zur Geltung kommen. Es bleibt aber auch die Frage, ob es überhaupt eine genügende Öffentlichkeitsbereitschaft der BürgerInnen gibt. Kommunikationsbereitschaft setzt bestimmte Fertigkeiten und Motive voraus. Diese sind in der Gesellschaft ungleich verteilt, was zu einer selektiven Rekrutierung und einer Repräsentationsverzerrung führt. Weiter wird die Öffentlichkeitsbereitschaft durch selektive Betroffenheit beeinflusst. Eine grosse Bereitschaft ist zu erwarten, wenn eigene Interessen verletzt werden. Öffentliche Kommunikation ist in einem hohen Masse Problemkommunikation. (vgl. Gerhards/Neidhardt 1991)
Neidhardt bezeichnet Sprecher und Medien als die zentralen Akteure von Öffentlichkeit. Das Publikum als Adressat ihrer Kommunikation ist dabei die öffentlichkeitskonstituierende Bezugsgruppe. (Neidhardt 1994: 12)
Angesichts der Reichweite der Massenmedien erscheint das Publikum potentiell als die Gesamtheit der BürgerInnen einer Gesellschaft. Es bildet sich allerdings erst durch die tatsächliche Beteiligung am öffentlichen Kommunikationsprozess. Ein Mindestmass an Aktivität wird vorausgesetzt. Die Publikumsbeteiligung schwankt in Abhängigkeit von Sprechern, Medien, Themen und Meinungen. Mit der Grösse verändert sich auch die Zusammensetzung des Publikums. Normalerweise ist das Publikum nicht bevölkerungsrepräsentativ.
Neidhardt beschreibt drei Merkmale, die jedes Publikum kennzeichnen: (vgl. Neidhardt 1994: 12ff)
a) Je grösser das Publikum ist, um so höher ist der Anteil von Laien. Die Öffentlichkeitsakteure müssen sich also auf eine begrenzte Verständnisfähigkeit des Publikums einstellen um erfolgreich zu sein.
b) Auch wenn die Zusammensetzung des Publikums nicht repräsentativ ist, muss man sich doch auf ein heterogenes Publikum, in dem verschiedene Bezugsgruppen vertreten sind, einstellen.
c) Der Organisationsgrad des Publikums ist nur schwach ausgeprägt und erfüllt daher nicht die Organisationsbedingungen eines kollektiven Akteurs. Soziale Bewegungen stellen allerdings eine Ausnahme dar.
Peters beschreibt die interne Differenzierung des Publikums. Die Öffentlichkeit ist aus einer Vielzahl von Kommunikationszusammenhängen zusammengesetzt. Um aktuelle Themen bilden sich soziale Kommunikationsnetze von InteressentInnen. Einzelne dieser Teilöffentlichkeiten finden den Weg in größere Öffentlichkeiten. Diese Pluralisierung von Öffentlichkeit ist überlagert von bestimmten Stratifikationsmustern. Die Mitglieder unterscheiden sich im Hinblick auf Kompetenzen, Interessen, Einfluss und den Grad der Aktivität in öffentlichen Debaten. Diese Differenzierung des Publikums führt zur Herausbildung von spezialisierten Kommunikations- oder Sprecherrollen. Repräsentanten, Experten, Advokaten und öffentliche Intellektuelle sind die wichtigsten Typen. (vgl. Peters 1994: 56f)
Wenn sich Massenmedien vor allem als Nachrichtenträger verstehen, gewinnen die öffentlichen Kommunikationsbeiträge der Akteure, die vermittelt werden, an Bedeutung. Sprecher lassen sich danach unterscheiden, was oder wen sie vertreten. Peters beschreibt folgende Rollen: (vgl. Peters 1994: 57f)
a) Repräsentanten sind Vertreter zahlreicher sozialer Gruppierungen und Organisationen (Interessenverbände, Parteien, Verbände, soziale Bewegungen usw.)
b) Advokaten repräsentieren soziale Gruppen, die nicht in der Lage sind ihre eigenen Interessen adäquat zu erkennen und zu artikulieren. Die fehlende Möglichkeit der Kontrolle der Advokaten durch die Repräsentierten schafft besondere Probleme.
c) Experten sind Vertreter spezialisierter Professionen oder wissenschaftlicher Disziplinen.
d) Intellektuelle nehmen sozial-moralische Sinnfragen auf und machen allgemeine Zeitdeutungen.
Neidhardt fügt noch eine fünfte Rolle hinzu:
e) Kommentatoren sind Journalisten, die sich zu öffentlichen Angelegenheiten nicht bloss berichterstattend, sondern mit eigenen Meinungen zu Wort melden. (vgl. Neidhardt 1994: 14)
Öffentliche Kommunikationsprozesse werden durch ökonomische, politische und soziale Austauschbeziehungen strukturiert. Das Publikum besitzt in marktwirtschaftlich verfassten Demokratien als Kundschaft und Elektorat strategische Bedeutung. Die Sprecher haben politische und ökonomische Interessen, öffentliche Aufmerksamkeit und Zustimmung zu erhalten. Dazu benötigen sie die Medien. Sprecher und Medien stehen in einer Tauschbeziehung. Die Sprecher erwarten Publizität für ihre Themen und Meinungen, die Medien benötigen Themen und Meinungen, um ihrerseits beim Publikum Aufmerksamkeit und Interesse zu gewinnen.
Die Wirkung einer Kommunikation hängt aber nicht nur von deren Inhalt ab, sondern auch von der Prominenz und dem Prestige des Sprechers. Daher werden die ökonomischen und politischen Austauschbeziehungen von sozialen Beziehungen überlagert. Sprecher, die das Publikum wirksam beeinflussen wollen, müssen versuchen, das soziale Kapital von Prominenz und Prestige zu erlangen. Prominenz ist die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erregen. Prestige erzeugt neben Aufmerksamkeit auch noch Zustimmung. Da die von den Massenmedien verbreiteten Erklärungen, Bewertungen und Folgerungen vom Publikum oft nur begrenzt auf ihre Richtigkeit beurteilt werden können, stellt Vertrauen in die Kompetenz und Glaubwürdigkeit der Sprecher und Kommunikateure eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz dessen, was diese sagen, dar. Da Prominenz und Prestige knappe Güter darstellen, entstehen zwischen den Akteuren Konkurrenzen um den Gewinn dieser sozialen Güter. Der Ausgang dieser Konkurrenzen wird dabei vom Publikum entschieden. (vgl. Neidhardt 1994: 15ff)
Peters beschreibt ein idealisiertes normatives Modell von Öffentlichkeit mit drei grundlegenden Strukturmerkmalen: Gleichheit und Reziprozität, Offenheit und adäquate Kapazität sowie Diskursivität (vgl. Peters 1994)
a) Gleichheit und Reziprozität. Die Beteiligung an öffentlicher Kommunikation steht prinzipiell allen offen. Wer will und wer fähig dazu ist, kann sich in der Öffentlichkeit äussern. Diese Kompetenz kann niemandem ohne spezielle Gründe abgesprochen werden. Eingeschlossen darin ist auch eine Reziprozität von Hörer- und Sprecherrollen. Nicht nur die Möglichkeiten zuzuhören, sondern auch sich zu äussern und Gehör zu finden, sollen gleich verteilt sein. In der Realität existieren natürlich verschiedene Faktoren, die die Teilnahmechancen beeinflussen. Das normative Öffentlichkeitsmodell impliziert die Forderung, solche Einflüsse möglichst zu neutralisieren.
b) Offenheit und adäquate Kapazität. Eine generelle Offenheit für Themen und Beiträge stellt eine weitere Grundbedingung dar. Als Kriterium gilt, dass Themen von allgemeinem Interesse behandelt werden sollen. Das Publikum soll aber alle wichtigen öffentlichen Fragen nicht nur thematisieren, sondern auch kompetent und sachlich behandeln können. Vorausgesetzt wird also eine adäquate Kompetenz und Verarbeitungskapazität der Öffentlichkeit.
c) Diskursivität. Kommunikationsabläufe in diesem Idealmodell von Öffentlichkeit haben eine diskursive Struktur. Auseinandersetzungen werden mit Argumenten ausgetragen. Lösungsvorschläge erheben den Anspruch kollektiver Akzeptanz. Überzeugungen werden zwanglos erzielt. Einwände und Kritik sind jederzeit möglich. Eine solche Kommunikationsform setzt die gegenseitige Achtung der Kommunikationspartner voraus.
Peters gibt diesem normativen Idealmodell der Öffentlichkeit eine heuristische Funktion. Anhand von dem idealisierten, hypothetischen Schema lässt sich beschreiben, wo und wie stark die realen Verhältnisse von diesem Modell abweichen.
Gerhards und Neidhardt gehen in ihrer systemtheoretischen Betrachtung davon aus, dass öffentliche Kommunikationen auf allen Ebenen des Öffentlichkeitssystems bestimmten, mehr oder weniger stabilen, sozialen Mustern folgen und daher eine gewisse soziale Ordnung besitzen. "Jedes System konstituiert sich mit Ordnungsversuchen auf mindestens drei Ebenen. Es müssen ständig Entscheidungen getroffen werden (1) darüber, wer und was dem System zugehören soll und was nicht, (2) darüber, wer (von denen, die dazugehören) was zu tun hat, und (3) darüber, wer wie viel gilt und was zu sagen hat. Auf diese Weise werden Grenzen zwischen System und Umwelt eingerichtet, Arbeitsteilung geregelt sowie Schichtung und Herrschaft etabliert." (Gerhard/Neidhardt 1991: 60)
Imhof beschreibt in seiner Theorie des sozialen Wandels die Öffentlichkeit als Kommunikationsstruktur, die das Produkt eines Ausdifferenzierungsprozesses seit Beginn der Moderne ist. Die Kommunikationsstruktur moderner Gesellschaften gibt Auskunft darüber, wie die Intersubjektivität der Lebenswelten hergestellt wird. Die wichtigsten Bestandteile dieser Kommunikationsstruktur sind der "Sinnzirkel" mit den politischen, medialen und ökonomisch-kommerziellen Kommunikationszentren auf der einen Seite, und die "autonomen Öffentlichkeiten" auf der anderen Seite. Ergänzt wird diese Kommunikationsstruktur durch die semiautonomen Sphären Wissenschaft, Religion und Kunst.
Der Sinnzirkel wird durch die Kommunikationszentren moderner Gesellschaften gebildet. Politische Kommunikationszentren (Verbände, Parteien, Behörden), mediale Kommunikationszentren (öffentlich-rechtliche und private Medienunternehmen) und ökonomisch-kommerzielle Kommunikationszentren (PR-Agenturen, Marketingabteilungen, Presse- und Medienstäbe) generieren und bearbeiten die "öffentliche Meinung".
Autonome Öffentlichkeiten (marginalisierte politische Gruppierungen, Avantgarde- und Intellektuellenzirkel, subkulturelle Milieus) stabilisieren vom Sinnzirkel abweichende Weltinterpretationen.
In strukturzentrierten Phasen herrscht ein hoher Konformitätsdruck und eine klare Zukunftsorientierung. Der Sinnzirkel regeneriert und stabilisiert laufend die Realitätskonstruktion der Gesellschaftsmitglieder. "In ihm reproduziert sich eine allgemeine Deutungsperspektive mit einem hohen Mass an intersubjektiv geteilten Selbstverständlichkeiten und Erwartungshaltungen, die die Welterfahrung der Beteiligten auf eine Weise durchsetzen, die nicht die Zielrichtung gesellschaftlicher Entwicklung konflikthaft erscheinen lässt, sondern allenfalls die Mittel zur Zielrealisierung." (Imhof 1996: 246) Autonome Öffentlichkeiten entziehen sich in strukturzentrierten Phasen dem herrschenden Konformitätsdruck. Sie erhalten abweichende Konstruktionen der Wirklichkeit aufrecht. Trotz ihrer starken Marginalisierung erfüllen sie zwei wichtige Funktionen. Sie dienen indirekt dem herrschenden Grundkonsens, da ein hoher Konformitätsdruck einen klar definierbaren Gegner benötigt (der Feind im eigenen Lager wirkt identitätsstiftend), und sie erhalten marginalisierte Deutungskonfigurationen aufrecht, die sich in Krisenphasen ausbreiten können.
Krisenphasen sind geprägt durch die Expansion der autonomen Öffentlichkeiten. Die Peripherie drängt ins Zentrum. Gleichzeitig zerfällt der Sinnzirkel. Die in ihm stabilisierten Deutungskonfigurationen verlieren an Geltung. Unsicherheit über den zukünftigen Lauf der Dinge verbreitet sich. Autonome Öffentlichkeiten können sich zu sozialen Bewegungen entwickeln. "Krisenphasen bedeuten in diesem Sinne die Umkehrung der gesellschaftlichen Deutungsproduktion, die in der strukturzentrierten Phase von oben nach unten, von den etablierten Parteien und Organisationen via Massenmedien zum "Staatsvolk" verläuft. (Imhof 1993: 36) In Krisenphasen findet ein Wettbewerb von neuen Weltinterpretationen statt. Die Krisenlösung ergibt sich in der Durchsetzung und Stabilisierung eines neuen Sinnzirkels.
In dieser Theorie des sozialen Wandels als Abfolge von strukturzentrierten Phasen und Krisenphasen, spielen die Öffentlichkeit und soziale Bewegungen eine zentrale Rolle. Die Öffentlichkeit ist der Ort, wo der bestehende Grundkonsens durch neue Weltinterpretationen sozialer Bewegungen entlegitimiert wird. (vgl. Imhof 1993; Imhof 1996b)
Eine soziale Bewegung weist folgende Merkmale auf: (vgl. Raschke 1985: 76ff; Raschke 1987: 20ff; Rucht 1994a: 76ff; Rucht 1994b: 338f; Brand/Büsser/Rucht 1983: 35ff)
- Eine soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur.
Die Mobilisierung von Unterstützung gehört zur Existenzbedingung von sozialen Bewegungen. Die dauernde und aktive Bemühung um Unterstützung stellt daher ein Merkmal von sozialen Bewegungen dar.
- Soziale Bewegungen weisen eine gewisse Kontinuität auf.
- Soziale Bewegungen sind durch eine kollektive Identität abgestützt.
Personen und Gruppen, die sich einer sozialen Bewegung zurechnen, weisen ein ausgeprägtes "Wir-Gefühl" auf, das zur Abgrenzung gegenüber anderen (v. a. der Gegner) dient.
- Soziale Bewegungen besitzen zumindest ein Minimum an organisatorischer Struktur.
Sie stehen zwischen homogenen Kleingruppen und formalen Organisationen. Im Vergleich zu formalen Organisationen weisen sie eine geringe Ausdifferenzierung und Festschreibung von Rollen auf. Eine gewisse Rollenspezifikation ist aber notwendig, damit sie strategisch handeln können.
- Soziale Bewegungen wollen sozialen Wandel herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen.
- Soziale Bewegungen versuchen ihre Ziele durch öffentlichen Protest zu erreichen.
Da der institutionelle Weg für soziale Bewegungen (zumindest am Anfang) blockiert oder wenig erfolgsversprechend ist, versuchen sie ihre Anliegen durch direkte Protestaktionen zu vermitteln.
Es gibt drei Formen, wie eine soziale Bewegung zu einem Ende kommen kann: (vgl. Raschke 1987: 24; Brand/Büsser/Rucht 1983: 37)
- Auflösung der Bewegung
Die Auflösung einer sozialen Bewegung kann durch Repression verursacht sein. Sie kann sich aber auch selber auflösen, wenn sie ihr Ziel erreicht hat oder ihr Thema an öffentlicher Aufmerksamkeit verliert.
- Transformation in eine Nachfolgebewegung
Soziale Bewegungen oder Teile von ihr können in eine Bewegung mit neuer Identität überführt werden.
- Institutionalisierung der Bewegung
Die soziale Bewegung kann sich zu einer formalen Organisation (Interessengruppe oder Partei) entwickeln.
Die klassischen Theorien von kollektivem Verhalten stammen aus der Sozialpsychologie. Die wichtigste klassische Arbeit ist die aus dem Jahre 1903 stammende "Psychologie der Massen", von Gustave LeBon. Kollektives Verhalten wird als eine pathologische Erscheinungsform des Sozialen betrachtet.
Der Begriff "collective behavior" wurde von Robert E. Park und Ernest W. Burgess geprägt. Die älteren "collective behavior" - Theorien waren noch stark von der europäischen Massenpsychologie beeinflusst. Die "collective - behavior" - Tradition wurde durch Blumer, Turner, Killian und Gusfield in der amerikanischen Soziologie weitergeführt. Ebenfalls in diese Tradition kann man den Parsons-Schüler Smelser stellen. Er bezeichnet kollektives Verhalten als Handlungsmobilisierung zur Beseitigung von strukturgegebenen Spannungen.
Die klassische Tradition kollektiven Verhaltens trennt institutionelles - konventionelles von nichtinstitutionellem - unkonventionellem Verhalten. Kollektives Verhalten wird als unstrukturiert und irrational beschrieben. Ursache sind eine unvollständige normative Integration oder Versagen der Organe sozialer Kontrolle. (vgl. Turner 1981; Oberschall 1973; Ahlemeyer 1989; Eder 1990: 9)
Naive Deprivationstheorien, die einen direkten Zusammenhang zwischen objektiven Belastungen und Bewegungsmobilisierung herstellen, gelten als überwunden. Vielmehr spielt die Wahrnehmung von Deprivation eine Rolle. Unter relativer Deprivation versteht man die von einem Individuum subjektiv empfundene Diskrepanz zwischen der eigenen Lage und der Situation vergleichbarer Bezugsgruppen. Diese Diskrepanz stellt die Quelle von Unzufriedenheit dar. Handlungsmotivierend wirkt diese Unzufriedenheit, wenn der angestrebte Zustand als realisierbar angesehen wird. Theorien relativer Deprivation stellen zwar keine hinreichende Erklärung für das Zustandekommen einer sozialen Bewegung dar, trotzdem darf man ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Es existieren zwar viel mehr Unzufriedenheiten in einer Gesellschaft als soziale Bewegungen, aber ohne Unzufriedenheiten kann sich keine soziale Bewegung entwickeln. Die Unzufriedenheit muss in einer sozialen Gruppe durch Interaktion und Kommunikation definiert und vermittelt werden. Theorien relativer Deprivation müssen auf den sozialstrukturellen Kontext der vorhandenen Unzufriedenheiten verweisen. Dadurch werden sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil für eine komplexe Erklärung der Ursachen sozialer Bewegungen. (vgl. Raschke 1985: 146ff; Rucht 1994b: 339f)
Der "resource mobilization"-Ansatz entstand als Reaktion auf die "collective behavior" - Theorien. Er hat vor allem "social movement organizations" im Auge und operiert mit "rational choice"-Überlegungen. Soziale Bewegungen werden als rational kalkulierende, kollektive Akteure beschrieben, deren Mobilisierungspotential abhängig ist davon, dass sie bestimmte Ressourcen wie Geld, Zeit, Qualifikation, Beziehungen, Aufmerksamkeit usw. mobilisieren können. Betont wird auch die Bedeutung von zentralen, formal strukturierten Bewegungsorganisationen die für soziale Bewegungen kennzeichnend seien. Ebenfalls wichtig sind die Beziehungen zwischen verschiedenen Bewegungen. Die Gesamtheit dieser Organisationen wird als "social movement industry" bezeichnet. Der Mobilisierungserfolg sozialer Bewegungen ist vor allem auch abhängig davon, dass sie in ihrem Umfeld auf günstige Bedingungen, vor allem im politischen Bereich, treffen. So hat sich als Erweiterung des Ressourcenmobilisierungsansatztes das Konzept der "political opportunity structures" entwickelt. Unterschiedliche Mobilisierungschancen ergeben sich aufgrund unterschiedlicher politischer Gelegenheitsstrukturen. Die Aufmerksamkeit wird auf die Umweltbedingungen sozialer Bewegungen gelenkt.
Der Ressourcenmobilisierungsansatz stellt einen erheblichen Fortschritt gegenüber den "collective behavior" -Theorien dar, indem er die Organisation von sozialen Bewegungen betont. Ohne organisatorische Anstrengungen würden Deprivationen als solche bestehen bleiben und nicht die Form von sozialen Bewegungen annehmen. Das Konzept der politischen Gelegenheitsstrukturen erweitert den Blick auf die Umweltbedingungen von sozialen Bewegungen als intervenierender, bewegungsexterner Variablenkomplex. (vgl. McCarthy/Zald 1977; Turner 1981; Rucht 1994b: 340ff; Kriesi 1992; Hellmann 1996: 11ff)
Das "framing"-Konzept steht in der Tradition des symbolischen Interaktionismus und knüpft an Arbeiten von Goffman an. Im Zentrum steht dabei der Aspekt der sozialen Konstruktion von Problemen. Der Ansatz betont die Rolle von Deutungsstrategien, mit denen eine Frage überhaupt als Problem definiert wird. Unter "framing" versteht man bewusste Strategien, mit denen Bewegungsakteure versuchen, sich selbst und ihre Thematik darzustellen, und damit für bestimmte Aktivitäten zu motivieren und diese gleichzeitig zu legitimieren. "Frames" sind "kollektive Deutungsmuster in denen bestimmte Problemdefinitionen, Kausalzuschreibungen, Ansprüche, Begründungen und Wertorientierungen in einen mehr oder weniger konsistenten Zusammenhang gebracht werden, um Sachverhalte zu erklären, Kritik zu fundieren und Forderungen zu legitimieren." (Neidhardt/Rucht 1993: 308)
Es können drei elementare "framing"-Strategien unterschieden werden: "Diagnostic frames" definieren das Problem, um das es einer Bewegung geht. Dazu gehören auch die Zuweisung von Schuld und Ursache. "Identity frames" beziehen sich auf den Prozess der Ausbildung eines "Wir-Gefühls". Eingeschlossen ist auch die Benennung von Gegnern. Damit werden Motive für Beteiligung und Solidarität begründet und auch interne Organisation und Arbeitsteilung geregelt. Bei "agency frames" geht es um die Erfolgbedingungen kollektiven Handelns. Sie sind notwendig, um Strategien, Taktiken und Ziele zu definieren, um die vorhandenen Bedingungen durch gemeinsame Aktionen zu verändern. Daneben gibt es verschiedene Formen der Verbreitung, Wirkung und Veränderung von frames: "frame bridging", "frame amplification", "frame extension" und "frame transformation". (Snow et. al. 1986)
Das "framing"-Konzept ist wichtig, da es, im Gegensatz zu "political opportunity structure" - Theorien und dem Ressourcenmobilisierungsansatz, die aktive Rolle der Teilnehmer einer Bewegung betont. Schon der Begriff "framing" weist darauf hin, dass Mobilisierungen von bestimmten Akteuren hergestellt werden müssen. Ob ein bestimmtes strukturelles Potential auch ausgeschöpft wird, hängt von den Aktionen bestimmter Menschen und Gruppen ab. (vgl. Snow et al. 1986; Gamson 1992; Gerhards/Rucht 1992; McAdam 1994; Neidhardt/Rucht 1993: 308; Rucht 1994b: 343f)
Die oben dargestellten Ansätze stellen alle wichtige Teile einer komplexen Analyse von sozialen Bewegungen dar. Jeder dieser Ansätze leistet einen Beitrag zur Erklärung von sozialen Bewegungen, kann diese aber allein nicht geben. Sie alle stellen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für die Entstehung sozialer Bewegungen dar. Erst mit ihrer Verbindung lassen sich die zentralen Bedingungen für die Entstehung und Stabilisierung von sozialen Bewegungen angemessen erfassen. Dies haben Neidhardt und Rucht in einem Mehrebenenmodell, das Bedingungskonstellationen sozialer Bewegungen in mehreren Dimensionen erfasst, dargestellt. (vgl Neidhardt/Rucht 1993)
Sie greifen dazu auf das Mikro/Meso/Makro-Schema zurück. Sie unterscheiden die unmittelbar wirksamen Mikro- und Mesobedingungen der Entstehung und Stabilisierung sozialer Bewegungen von den gesellschaftlichen Strukturmerkmalen, die als Makrobedingungen für Faktoren auf der Mikro- und Mesoebene wirksam werden.
Schema: Stabilisierungsbedingungen sozialer Bewegungen
(vgl. Neidhardt/Rucht 1993: 307)
Auf der individuellen Erfahrungsebene, also auf der Mikroebene, können sozialpsychologische Deprivationstheorien erklären, unter welchen Umständen Individuen Unzufriedenheit und Handlungsbereitschaft entwickeln.
Soziale Bewegungen setzten voraus, dass bestimmte gesellschaftliche Sachverhalte von einer grösseren Menge von Personen als Probleme wahrgenommen werden. Ohne Deprivationen fehlt den sozialen Bewegungen der Grundstoff für individuelle Mobilisierungsgründe. Diese individuellen Problemwahrnehmungen dürfen aber nicht als selbstverschuldet oder als Einzelschicksal gedeutet werden. (A1)
Damit sich diese individuellen Deprivationserfahrungen zu kollektiven Aktionen entwickeln, müssen sie sich über Kommunikation mit gleich oder ähnlich Betroffenen zu Gemeinschaftsgefühlen entwickeln. Die Erfahrung gemeinsamer Betroffenheit und die Ausbildung von Solidarität sind unverzichtbare Voraussetzungen für kollektive Aktionen sozialer Bewegungen. (B1)
Für die Stabilisierung kollektiver Aktionen müssen diese Aktionen zur Lösung der wahrgenommenen Probleme als nützlich und zweckvoll angesehen werden. Die Wahrnehmung von Erfolgsaussichten ist erforderlich, um kollektive Mobilisierung zu sichern. (C1)
Auf der Mesoebene, der kollektiven Deutungsebene, geht es darum, zu erklären, welche gemeinsamen Alltagstheorien wirksam werden, wenn es um die Definition von Deprivationen, Solidarisierungschancen und Erfolgsaussichten geht. Subjektive Erfahrungen und Einstellungen unterliegen einem kollektiven Deutungsprozess. Diese kollektiven Konstrukte, die sich als Ideologien von den subjektiven Erfahrungen ablösen können, werden von "Bewegungsunternehmern" ständig bearbeitet, damit sie nach innen integrierend wirken und nach aussen politischen Druck entfalten. Kollektive Handlungen grösseren Ausmasses und längerer Dauer bedürfen organisatorischer Anstrengungen. Der Ressourcenmobilisierungsansatz hat auf die Notwendigkeit solcher organisatorischen Ressourcen hingewiesen. Er tendiert aber dazu, objektive Problemlagen und ihre sehr unterschiedlichen kollektiven Deutungsmöglichkeiten zu vernachlässigen. Hier setzen konstruktivistische Ansätze an, die das "framing" gesellschaftlicher Probleme betonen. "Frames" sind kollektive Deutungsmuster. Die oben bereits erwähnten drei elementaren "framing"-Strategien, können problemlos in das Schema integriert werden.
Skandalisierungsmuster oder "diagnostic frames" definieren individuelle Deprivationen als Bestandteile eines gesellschaftlichen Problems. Es findet eine mobilisierungsförderliche Dramatisierung des Problems statt. Dadurch werden kollektive Protestaktionen legitimiert. (A2)
Ingroup/Outgroup-Konzepte oder "identity frames" beziehen sich auf die Herausbildung eines "Wir-Gefühls". Dazu gehört eine Gruppenidentität wie auch die Benennung der Gegner. Das schafft Motive für die Beteiligung und Solidarität und regelt auch interne Organisation und Arbeitsteilung. (B2)
Bei Strategieprogrammen oder "agency frames" geht es um die Erfolgsbedingungen kollektiven Handelns und damit auch um ihre Stabilisierbarkeit. Strategien, Taktiken und Ziele werden definiert, um die vorhandenen Bedingungen durch gemeinsame Aktionen zu verändern. (C2)
Ansätze, die auf objektive Problemlagen, auf organisierte Mobilisierungsversuche und kollektive Deutungsstrategien ausgerichtet sind, schenken dem strukturellen Handlungskontext sozialer Bewegungen keine systematische Beachtung. Auf der Struktur- oder Makroebene müssen der Realitätsgehalt sozial wirksamer Deutungsmuster, an Indikatoren, die ausserhalb des Verständnisses der Handelnden liegen, überprüft werden. Diese Realitätskontrolle vollzieht sich über die Reaktionen der sozialen Umwelt. Daran müssen sich die Wirklichkeitskonstruktionen der Akteure bewähren, oder sie scheitern. Daher ist auch der strukturelle Kontext der Handlungen und Handlungszusammenhänge von Bedeutung.
Hinter Deprivationen und problemdefinierenden Skandalisierungsmustern ist nach strukturellen Spannungen zu suchen. Strukturelle Spannungen sind eine Folge der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften und äussern sich als Folgeprobleme gesellschaftlicher Integration. (A3)
Hinter Gemeinschaftserfahrungen und Ingroup/Outgroup-Konzepten ist zu fragen, ob strukturell angelegte Vergemeinschaftungs- und Organisationspotentiale vorhanden sind, die die Funktion von Mobilisierungsstrukturen erfüllen können. Hier geht es um Netzwerke, die als Basis von sozialen Bewegungen mehr oder weniger vorhanden sind. (B3)
Hinter den Erfolgswahrnehmungen und den Strategieprogrammen ist nach den gesellschaftlichen Gelegenheitsstrukturen zu fragen. Welche relevanten Bezugsgruppen bestimmen das Handlungsfeld sozialer Bewegungen? (C3)
Mit diesem Mehrebenenmodell wurden verschiedene Theorieangebote und die Variablen, auf die sie sich konzentrieren, zu einem komplexen Erklärungsansatz zusammengefasst. Das ist notwendig, da soziale Bewegungen nicht von einzelnen Variablen, sondern nur durch bestimmte Variablenkonstellationen erklärt werden können. Die einzelnen Komponenten stehen dabei in einem Verhältnis der Wechselwirkung. Veränderungen bei einer Komponente haben in der Regel Veränderungen bei den anderen Komponenten zur Folge. Neidhardt und Rucht gehen aber nicht von Kausalfolgen (zuerst x, dann y) und linearen Funtionszusammenhängen (je mehr x, desto mehr y) aus. Insgesamt ergeben sich sehr komplexe Variablenzusammenhänge. (vgl. Neidhardt/Rucht 1993)
Das politische System ist der zentrale Problemadressat in modernen, demokratisch verfassten Gesellschaften. Daher sehen auch soziale Bewegungen im Staat ihren wichtigsten Adressaten. Da sie aber keinen institutionalisierten Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen besitzen, müssen sie versuchen, ihren Einfluss über das vermittelnde System der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Da sich die Öffentlichkeit in modernen Industriegesellschaften hauptsächlich über die Massenmedien konstituiert, stellen sie die wichtigste Referenzgruppe für soziale Bewegungen dar.
Die grosse Bedeutung die der Öffentlichkeit und vor allem den Massenmedien für soziale Bewegungen zukommt, ist unbestritten. Am deutlichsten hat es Raschke auf den Punkt gebracht. "Eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, findet nicht statt." (Raschke 1985: 343)
Soziale Bewegungen verfügen im Gegensatz zu anderen kollektiven Akteuren (Parteien, Verbände) nicht über direkte Mittel, am politischen Entscheidungsprozess teilzunehmen. Sie sind gezwungen, auf nicht-institutionalisierte Einflusstechniken auszuweichen. Soziale Bewegungen müssen daher versuchen, über die Öffentlichkeit bei einem möglichst grossen Publikum Aufmerksamkeit und eine positive Resonanz zu erzielen. Wenn ihnen dies gelingt, können sie Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben, da diese Resonanz ein "politisches Kapital", in Form von potentiellen Wählerstimmen, darstellt. Nur die Öffentlichkeit in Form der Massenmedien verfügt über die Möglichkeiten, Informationen so breit zu streuen, dass eine so starke Resonanz entsteht. Die Resonanzfähigkeit von sozialen Bewegungen ist also vor allem durch ihr Verhältnis zu den Massenmedien bestimmt. Öffentlichkeit, und speziell die Massenmedien, werden zum entscheidenden strategischen Ansatzpunkt von sozialen Bewegungen. "Soziale Bewegungen, die nicht die Zustimmung von zumindest Teilen der massenmedial präsenten Öffentlichkeit finden, können auch kaum mit der Zustimmung von grösseren Teilen des Publikums rechnen, das durch öffentliche Meinung beeinflusst wird." (Rucht 1994b: 348) Wenn dieser Druck der öffentlichen Meinung fehlt, werden politische Entscheidungsträger kaum auf Forderungen sozialer Bewegungen eingehen. Soziale Bewegungen sind also auf die Öffentlichkeit, und vor allem auf die Massenmedien, angewiesen.
Es lassen sich vier Grundfunktionen der Massenmedienberichterstattung für soziale Bewegungen unterscheiden: (vgl. Schmitt-Beck 1990: 644ff)
1. Medienpräsenz bietet die Chance, neue Mitglieder für die Bewegung zu mobilisieren. Da soziale Bewegungen nicht über genügend Ressourcen verfügen, sämtliche Mitglieder einer Gesellschaft über sich und ihre Ziele zu informieren, haben sie ein grosses Interesse daran, diese über die Massenmedien an ein breites Publikum zu vermitteln. "Die unspezifisch an ein disperses Publikum gerichtete Vermittlung von Deutungsangeboten und Handlungsmodellen durch die Massenmedien bildet daher ein funktionales Äquivalent für direkte Kommunikations- und Rekrutierungskanäle." (Schmitt-Beck 1990: 645)
2. Publizität in den Massenmedien trägt zur Stabilisierung bereits mobilisierter Bewegungen bei. Medienberichterstattung erleichtert sozialen Bewegungen die Bildung einer kollektiven Identität, eines "Wir-Gefühls". Dies trägt zur Stabilisierung der Bewegung bei.
3. Berichterstattung der Massenmedien erleichtern es sozialen Bewegungen, Bündnispartner zu gewinnen. Kooperationen mit anderen kollektiven Akteuren - Verbände, Parteien, andere soziale Bewegungen - erhöhen die Chancen sozialer Bewegungen, politischen Einfluss zu gewinnen, erheblich. "Aufbau und Ausweitung eines Allianzsystems aus kooperierenden Organisationen vergrössern nicht nur den Fundus an verfügbaren Ressourcen wie Finanzkraft, Erfahrung, Führung, Reputation und Legitimität, sondern versorgen Bewegungsunternehmer auch mit erweiterten Kommunikations- und Rekrutierungskanälen in Gestalt der organisatorischen Infrastrukturen dieser "befreundeten" kollektiven Akteure." (Schmitt-Beck 1990: 645)
4. Medienpräsenz zwingt die politischen Herrschaftsträger, die soziale Bewegung zur Kenntnis zu nehmen und auf sie zu reagieren. Das Problem wird auf die politische Agenda gesetzt. Die Chancen der Behandlung und Lösung des Problems steigen mit der Zahl der Mitglieder einer Bewegung und mit der Dauer der Proteste, aber auch mit der wohlwollenden Berichterstattung.
Aktive soziale Bewegungen finden nicht automatisch den Zugang zu den Massenmedien. Sie sind auch nicht die einzigen Akteure, die den Zugang zu den Massenmedien suchen. Da die Aufmerksamkeit ein knappes Gut darstellt, kämpfen soziale Bewegungen mit anderen Akteuren um Medienaufmerksamkeit. Verschiedene politische Akteure versuchen, durch Kommunikationsstrategien die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Durch Interaktionen zwischen politischen Akteuren und den Massenmedien entstehen politische Medieninhalte. (Schmitt-Beck 1994: 107) Über die massenmediale Verbreitung dieser politischen Medieninhalte können potentiell alle Mitglieder einer Gesellschaft an einer gemeinsamen politischen Realität teilnehmen. Diese Medienrealität ist allerdings nach eigenen Gesetzmässigkeiten strukturiert. Ziel der politischen Akteure ist es, auf diese massemmediale Realitätskonstruktion so einzuwirken, dass diese für die eigenen Ziele möglichst positiv ausfällt.
Politische Akteure müssen sich diesem Konstruktionsmechanismus der Medienrealität, also den Gesetzmässigkeiten der Informationsauswahl und der Themenstrukturierung, anpassen. Zwei Stufen der Selektion lassen sich unterscheiden: Thematisierung und Strukturierung. Durch die primäre Selektion der Thematisierung wird entschieden, ob über ein Geschehnis überhaupt berichtet wird. Die Medien thematisieren ein Ereignis aber nicht nur, sie strukturieren auch dessen Wahrnehmung durch die Art wie es dargestellt wird, auf welche Gesichtspunkte fokussiert wird. Neben der Selektion steht die Bearbeitung der Information. Umfang, Darstellung, Plazierung, Kontext usw. beeinflussen erheblich wie die Inhalte von den Rezipienten wahrgenommen werden. Schliesslich können die Medien auch noch eine genuine Bewertungsfunktion, in Form von Kommentaren und Stellungnahmen, wahrnehmen. Massenkommunikation entfernt sich zunehmend von "Tatsachendarstellungen", und es entsteht eine verselbständigte Medienrealität.
Die Frage ist nun, welche Faktoren eine Rolle spielen, dass soziale Bewegungen Zugang zur massenmedialen Berichterstattung finden. Schmitt-Beck unterscheidet vier Typen von Einflussgrössen, die bei der Gewinnung von Medienpräsenz wichtig werden können: (vgl. Schmitt-Beck 1990: 648ff)
1. Nachrichtenfaktoren
Das Konzept der Nachrichtenfaktoren geht davon aus, dass die Selektionsfilter der Medienberichterstattung bevorzugt auf bestimmte Arten von Ereignissen reagieren. Bestimmte Merkmale ziehen die Medienaufmerksamkeit eher auf sich als andere. Diese Merkmale werden als Nachrichtenfaktoren bezeichnet. Je mehr Nachrichtenfaktoren ein Ereignis aufweist, desto grösser ist sein Nachrichtenwert.
Prominenz von Akteuren stellt ein wichtiger Nachrichtenfaktoren dar. Soziale Bewegungen weisen hier einen Nachteil gegenüber den etablierten Öffentlichkeitsakteuren auf. Wollen sie diesen Nachteil wettmachen, müssen sie versuchen, prominente Persönlichkeiten anzuwerben, die öffentlich für sie Stellung beziehen. Das können Politiker, aber auch Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft oder Religion sein.
Personalisierung (Konzentration auf das Handeln von Personen statt auf abstrakte Zusammenhänge) ist ein weiterer wichtiger Nachrichtenfaktor. Das stellt für soziale Bewegungen, die häufig basisorientiert ausgerichtet sind, ein Problem dar. Massenmedien stellen soziale Bewegungen häufig über Führungspersonen dar, was zu Identitätsbelastungen und zur Entfremdung der Führungspersonen von ihrer Bewegung führen kann. (Raschke 1985: 345)
Der für soziale Bewegungen wichtigste Nachrichtenfaktor stellt die Orientierung am Neuen, Ungewöhnlichen und Konflikthaften dar. Daher müssen soziale Bewegungen ihre Anliegen durch die Transformation von komplexen Sachverhalten in Ereignisse für das Mediensystem attraktiv machen. "`Symbolische Politik` durch `Ereignisinszenierung` ist die erfolgsversprechendste Strategie, die sozialen Bewegungen zur Verfügung steht, um von den Medien wahrgenommen und zum Gegenstand ihrer Berichterstattung zu werden." (Schmitt-Beck 1990: 651) Spektakuläre "Pseudoereignisse" sind deshalb ein wichtiger Bestandteil im Handlungsrepertoire von sozialen Bewegungen. Pseudoereignisse sind Geschehnisse, die politischen Akteuren ausschliesslich dem Zweck dienen, die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen und Berichterstattung zu simulieren. Spektakuläre Protestaktionen von sozialen Bewegungen stellen solche Pseudoereignisse dar.
2. Produktionsbedingungen der Massenmedien
Der Produktionsprozess der Massenmedien ist durch enormen Zeitdruck gekennzeichnet. Nachrichtenrohstoffe die sich mit geringem Aufwand in Nachrichten umwandeln lassen, haben daher grössere Chancen veröffentlicht zu werden. Etablierte politische Akteure kommen dem mit Pressekonferenzen, Presseerklärungen und professionellen Presseabteilungen entgegen. Soziale Bewegungen haben prinzipiell ebenfalls die Möglichkeit, sich diesen Produktionsbedingungen anzupassen. Sie verfügen aber, mit Ausnahme vielleicht von sehr grossen und mächtigen Bewegungen, über deutlich weniger Ressourcen.
3. Inter-media "agenda setting"
Mediensysteme in demokratischen Gesellschaften haben komplexe Strukturen und sind nicht zuletzt nach politischen Ausrichtungen plural gegliedert. Es gibt also wahrscheinlich Medien, die den Anliegen von sozialen Bewegungen näher stehen als andere. Vor allem für soziale Bewegungen aus dem links-grün-alternativen Bereich steht mit der "alternativen Öffentlichkeit" ein Teil des Mediensystems ihren Anliegen offen gegenüber. Da die alternativen Medien von den etablierten Medien als Informationsquelle benutzt werden, können so "Bewegungsthemen" über Alternativmedien Zugang zum gesamten Medienspektrum finden. Ein solcher Prozess wird als inter-media "agenda setting" bezeichnet. Themenstrukturierung findet zwischen den Medien statt.
4. "Gatekeeper"
Journalisten nehmen durch ihre Entscheidungen, welche Ereignisse in der Zeitung oder auf dem Bildschirm erscheinen eine "Gatekeeper"-Funktion wahr. Soziale Bewegungen können versuchen, über sympathisierende Journalisten in den Massenmedien, diese Entscheidungen zu beeinflussen.
Es genügt aber nicht, wenn soziale Bewegungen nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erlangen. Sie müssen auch versuchen, in einem möglichst positiven Licht dargestellt zu werden.
Die erste Voraussetzung für eine positive Wahrnehmung von sozialen Bewegungen ist, dass ihre Aktionen als sozialer Protest betrachtetet werden. Turner hat dies in bezug auf die amerikanischen Reaktionen auf die Rassenunruhen beschrieben. (vgl. Turner 1969) Eine Protestaktion muss eine Beschwerde über Ungerechtigkeit ausdrücken, die die Protestierenden nicht selber beseitigen können. Die Protestaktion dient dazu, die Aufmerksamkeit auf die Beschwerden zu richten und über eine Zielgruppe Schritte zur Verbesserung hervorzubringen. Die Protestierenden hängen dabei von einer Kombination aus Sympathie und Furcht ab, um die Zielgruppe in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wenn eine Aktion als sozialer Protest definiert wird, bildet sie mehr eine Art von Kommunikation als eine Form direkter Aktion. Eine Protestaktion drückt immer sowohl "appeal" wie auch "threat" aus. (Turner 1969: 820ff) Eine optimale Kombination zwischen "appeal and threat" ist notwendig, damit eine Protestaktion genügend Aufmerksamkeit erzielt, aber nicht eine zu starke Bedrohung darstellt. Wenn die Bedrohungskomponente überwiegt, besteht das Risiko, dass nicht die Motive und Gründe des Protests, sondern die Verwerflichkeit der Protestformen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Allzu harmlose Proteste drohen hingegen unbeachtet zu bleiben. Diese optimale Kombination ist aber nicht leicht zu erreichen. Um sie zu erreichen sind vor allem die richtige Wahl von Taktiken und "Framing"-Strategien entscheidend. "Gegner zu bedrohen, den Staat unter Druck zu setzten und dennoch der Medienöffentlichkeit als sympathisch und ungefährlich zu erscheinen. Das ist ein schwieriger Balanceakt, der aber, wenn er gelingt, ein enormes politisches Druckmittel darstellen kann." (McAdam 1994: 399) Mc Adam beschreibt, wie es der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King gelang, diesen Balanceakt eine gewisse Zeit durchzuhalten. Durch die Rahmung ihrer Aktionen mit Hilfe von bewusst eingesetzten Taktiken (z.B. durch Provokationen des Gegners zu Gewaltanwendungen), gelang es dieser Bewegung ihr Bild in der Öffentlichkeit zu steuern und damit ihre politischen Durchsetzungschancen zu verbessern.
Von Beyme beschreibt, wie soziale Bewegungen das "Agenda-Setting" beeinflussen können. (vgl. von Beyme 1994: 329f) Soziale Bewegungen müssen:
Viele soziale Bewegungen sind nicht zuletzt durch die Versuche der etablierten politischen Akteure, bestimmte Probleme von der politischen Agenda fernzuhalten, stark geworden. Hat sich ein Problem aber einmal etabliert, wird es von den etablierten Institutionen sofort aufgenommen. Den sozialen Bewegungen kommt also vor allem eine wichtige Anregungsfunktion zu.
Soziale Bewegungen benutzen aber die Öffentlichkeit nicht nur, sie verändern sie auch. Mit erfolgreichen sozialen Bewegungen etablieren sich neue Themen und Meinungen und auch neue Sprecher, die die Agenda öffentlicher Kommunikation erweitern. Dadurch leisten sie einen wichtigen Beitrag für eine offenere und flexiblere Öffentlichkeit. Nicht zuletzt hat sich auch durch die sozialen Bewegungen eine "Alternative Öffentlichkeit" etabliert.[2] Hier wirken die sozialen Bewegungen als Produzenten einer neuen Form von Gegenöffentlichkeit. Diese alternativen Öffentlichkeiten kamen aber nie über eine marginale Randerscheinung der etablierten Öffentlichkeit hinaus. Allenfalls über inter-media "agenda setting" (siehe oben) können sie einen gewissen Einfluss geltend machen. Die Grundstrukturen und Marktgesetze von moderner Öffentlichkeit werden aber durch soziale Bewegungen nicht verändert. Sie zeigen aber, dass das Publikum, wenn es sich von der passiven Rezipientenrolle löst, durchaus die Öffentlichkeit innerhalb der bestehenden Grundstrukturen und Marktgesetzen beeinflussen kann.
Ich habe die zentrale Rolle der Öffentlichkeit für soziale Bewegungen in modernen Industriegesellschaften betont, und dargestellt, welche Funktionen die Öffentlichkeit für soziale Bewegungen übernimmt und wie sich soziale Bewegungen an die Grundstrukturen und Marktgesetzte moderner Öffentlichkeit anpassen müssen um erfolgreich zu sein. Vielen sozialen Bewegungen sind diese Anpassungsleistungen gelungen, und sie "bedienen" sich erfolgreich der Massenmedien, um ihre Anliegen in die Agenda der zu bearbeitenden Probleme einer Gesellschaft zu bringen. Soziale Bewegungen haben sich als Akteure der Öffentlichkeit etabliert.
Dass ihnen dies gelungen ist, hat nicht zuletzt mit der Ausdifferenzierung des Mediensystems zu tun. Durch den Niedergang der Parteipresse nach dem zweiten Weltkrieg haben sich die Medien von den politischen Parteien emanzipiert, und die etablierten politischen Akteure haben ihren unmittelbaren Zugang zur öffentlichen Arena verloren. Dadurch haben sich auch die Aufmerksamkeitsstrukturen verändert, die sich vermehrt nach den Aufmerksamkeitsbedürfnissen des Publikums richten. Die neuen Aufmerksamkeitsstrukturen bieten den sozialen Bewegungen mit ihren spektakulären Protestaktionen bessere Resonanzchancen als die Ära der Parteimedien. Darauf weist auch eine Verstetigung des Phänomens sozialer Bewegungen seit den 60er Jahren hin. Damit leisten soziale Bewegungen einen Beitrag zu einer flexibleren und offeneren Öffentlichkeit, indem sie von politischen Entscheidungsträgern nicht wahrgenommene Probleme über Medienresonanz in die Agenda der zu bearbeitenden Probleme bringen. Das trägt zu einer besseren Kontrolle des politischen Systems durch die Öffentlichkeit bei.
Seit einiger Zeit ist nun ein neues Phänomen beobachtbar. Herkömmliche Parteien neigen dazu, Strategien von sozialen Bewegungen zu kopieren oder sich mit sozialen Bewegungen zu verbinden. Das Ergebnis sind sogenannte "Bewegungsparteien". Diese partizipieren über das politischen System an der Macht und opponieren gleichzeitig als Protestbewegung dagegen. Sie sind gleichzeitig Partei und soziale Bewegung und nutzen daher auch beide Partizipationsmöglichkeiten an der Öffentlichkeit. In der Schweiz stellt die Verbindung der "Schweizerischen Volkspartei" (SVP) mit der "Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz" (Auns) eine bisher äusserst erfolgreiche "Bewegungspartei" dar. Aber auch im Ausland sind solche Tendenzen vor allem im rechten politischen Spektrum feststellbar. Wie sich dieses Phänomen weiterentwickelt, und ob die Grenzen zwischen klassischen Parteien und sozialen Bewegungen generell durchlässiger werden, ist schwierig vorauszusagen. Auf jeden Fall muss dieses Phänomen und die allfälligen Auswirkungen auf die Öffentlichkeit, auf soziale Bewegungen und das politische System, genau beobachtet werden.
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[1] Sie beziehen sich dabei auf die Theorie der "kybernetischen Fähigkeiten" von Amitai Etzioni
[2] Karl-Heinz Stamm hat diese unterschiedlichen Formen von alternativer Öffentlichkeit der Studenten-, Alternativ-, Ökologie- und Friedensbewegung anhand der Bundesrepublik Deutschland ausführlich dargestellt. (vgl. Stamm 1988)
Last update: 01 Feb 15

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