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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1995 von Max Stoop
Vor Jahresfrist habe ich im Jahrbuch einige Zustände und Episoden aus dem Wädenswil meiner Jugend geschildert. Ich stellte dabei eine Fortsetzung in Aussicht und versprach, unter anderem auch der Südostbahn einen Abschnitt meiner Erzählungen zu widmen.
VON DER SCHWARZEN ZUR WEISSEN KOHLE
Schon in meiner frühen Kindheit galt dieser Bahn mein waches Interesse. Sehr oft führte mein Vater mich Dreikäsehoch an einem Sonntagmorgen an der Hand hinunter zum Bahnhof. Dort war auf dem Gleis 1 die Südostbahn eine ganz besondere Attraktion, fuhr sie doch noch mit Dampf!
Damals, in den dreissiger Jahren, bildeten in der Schweiz − im Gegensatz zu unseren Nachbarländern − Dampflokomotiven im normalen Bahnbetrieb bereits die Ausnahme. Die SBB waren, bedingt durch den Kohlemangel während des Ersten Weltkriegs, bereits früh dazu übergegangen, den Löwenanteil ihres Netzes zu elektrifizieren. Der Dampfbetrieb blieb lediglich auf einigen Nebenlinien bestehen. Und viele Privatbahnen hielten vorläufig nur deshalb an der alten Traktionsart fest weil ihnen das Geld für die teure Umstellung fehlte. Zu diesen gehörte auch die Südostbahn.
Kleine E-3/3-Lokomotiven mit seitlich des Dampfkessels angeordneten Wassertanks bildeten den Grundstock der SOB-Triebfahrzeugparks. Neben dieser altertümlichen Nassdampfmaschinchen besass aber die Bahn noch zwei kräftige 1910 angeschaffte Heissdampfloks Ed 4/5 von ausnehmend schöner Gestalt. Diese waren meine Lieblinge, und ich freute mich jeweils besonders, wenn eine dieser beiden Maschinen in den Bahnhof einfuhr, ein Rangiermanöver durchführte und sich schnaubend und zischend an die Spitze des später wieder bergwärts rollenden Zügleins stellte. Auf der Strecke Wädenswil−EinsiedeIn wurden die Lokomotiven nicht gewendet: sie fuhren rückwärts (mit dem Führerstand an der Spitze des Zuges) zu Tal und vorwärts den Berg hinauf.
Mein Vater kannte viele SOB-Angestellte persönlich. Zum Beispiel Betriebschef Albert Sieber, die Lokomotivführer Kleiner Senior und Leuthold sowie den freundlichen Zugführer Kälin mit seiner glänzend roten Tasche. Einmal wollte mir einer der Lokomotivführer den Führerstand seines Dampfrosses zeigen, und Vater hob mich zu ihm hinauf. Doch ich, damals erst drei oder vier Jahre alt, fürchtete mich ob dem feurigen Schlund dort oben, und auch das Zureden des mir sonst keineswegs fremden, aber russgeschwärzten Lokführers nützte nichts; ich strampelte mit den Beinen und wollte wieder auf den sicheren Perron hinunter.
Auch an eine Fahrt hinauf zur Station Burghalden erinnere ich mich noch dumpf. Das Gerüttel des alten Zweiachser-Wagens mit seinen Holzbänken und das angestrengte Stampfen und Schnauben der kleinen E-3/3-Lokomotive sind in meinem Gedächtnis haften geblieben.
Besseren Komfort und schnelleres Reisen brachte dann die Elektrotraktion, die auf den Sommerfahrplan 1939 hin eingeführt wurde. Da die neuen SOB-Trieb-Fahrzeuge auf dieses Datum noch nicht abgeliefert waren, versahen die stubsigen Be-4/4-Lokomotiven der Bodensee-Toggenburg-Bahn aushilfsweise den Dienst auf der Linie von Wädenswil nach Einsiedeln. Ich Knirps spürte deutlich, dass es nun vorbei war mit der altväterischen, aber so geräuschvollen Dampfromantik. Die surrenden Triebfahrzeuge der BT vermochten mich nur wenig zu begeistern.
Dies änderte sich, als die Triebwagen der SOB eintrafen. Die niedrigen, für die damalige Zeit äusserst modernen Fahrzeuge mit ihren breiten Fenstern (die ihnen später den Übernamen «Glaskästen» eintrugen) gewannen mein Herz im Sturm. Meine Eltern benützten die SOB nun recht häufig für Ausflüge ins nahe Erholungsgebiet des Etzels oder der Einsiedler Gegend, und ich fand bald heraus, dass der bevorzugte Platz für einen bahnbegeisterten Buben jener auf dem Bänklein links vom Wagenführer war. Als auf diesen Platz erpichter Schlaumeier postierte ich mich jeweils lange bevor der Zug eintraf genau an jener Stelle des Perrons 1, wo sich die vordere Türe des bergwärts fahrenden Motorwagens befand. Und wenn der Zug dann kam und der Triebwagen sein Rangiermanöver beendet hatte (Pendelzüge gab es vorerst bei der SOB noch nicht), so stürmte ich regelmässig als erster den Wagen und eroberte mir den «Ehrenplatz» links neben dem Lokführer!
HUGO HÜRLIMANN, DER DAMPFBAHNFAN
Ein Mann darf in der ganzen Geschichte rund um die Südostbahn nicht unerwähnt bleiben: Hugo Hürlimann. Mein Vater arbeitete als Speditionschef in der Firma Ernst Hürlimann, Öle und Fette, an der Oberdorfstrasse. Und hinter der Speditions- und Fakturierabteilung befand sich das Laboratorium des betriebseigenen Chemikers Hugo, dem jüngeren Sohn des Firmeninhabers.
Ich fand bald heraus, dass Hugo Hürlimanns Herz nicht so sehr für die Petrochemie schlug, sondern vielmehr für die Dampflokomotiven! Die Wände seines Labors, des angrenzenden Packraums und des Büros meines Vaters und seiner engeren Mitarbeiter waren voll behangen mit Lokomotivbildern. Das Spektrum reichte von schweren amerikanischen Hudson-Type-Lokomotiven mit ihren typischen Kuhfängern bis hin zu englischen Baumustern der Southern, LMS und Great Western Railways. Übrigens waren − man staune − all die Bilder der britischen Dampfrösser schon damals perfekte Vierfarbendrucke!
Dass ich Hugo Hürlimanns Begeisterung für Dampflokomotiven teilte, erfüllte ihn mit Freude. Noch selten habe ich ein Gesicht so strahlend lachen gesehen wie jenes des gut gelaunten Hugo Hürlimann, und eines Tages schenkte er mir zwei Fotos von den SOB-Dampflokomotiven. Er hatte die Aufnahmen als ausgezeichneter Fotograf am Pfingstsonntag morgen des Jahres 1937 selber gemacht.
Hugo Hürlimann gehörte zu den besten Dampflokomotiv-Kennern seiner Generation, und das Spezialgebiet des im Richterswiler Lindenhof, nahe beim Reidholz aufgewachsenen Mannes war − wen wundert's − die Südostbahn!
Pfingstsonntag 1937: Angesichts eines strengen Feiertagesbetriebs stehen die SOB-Lokomotiven bereits angeheizt vor dem Depot in Samstagern. Zwischen drei E 3/3 bemerkt man eine der beiden stolzen Ed 4/5.
ZWISCHENFALL MIT DER ALTEN «THALWIL»
Mich selber interessierten damals neben den Lokomotiven die Kursschiffe auf dem Zürichsee fast ebenso sehr. Auch sie fuhren noch in überwiegender Zahl mit Dampf. Neben den heute Gott sei Dank erhaltenen Salon-Raddampfern «Stadt Zürich» und «Stadt Rapperswil» gab es an der Schwelle zu den vierziger Jahren noch die mächtige alte «Helvetia» sowie die mittelgrossen Schraubendampfer «Speer» und «Albis».
Zu den kleinen Einheiten zählten die Dampfschwalben «Goldbach», «Küsnacht» und «Bendlikon» sowie die etwas grösseren und moderneren «Ufenau: und «Lützelau». Mit Dieselöl fuhren damals einzig «Uto», «Wädenswil» und «Thalwil» (alle aus ehemaligen Schraubendampfern umgebaut) sowie die Neuanschaffungen «Etzel» und «Stäfa».
Hochsommer-Sonntag 1955: Die 80jährige «Helvetia» hat am Wädenswiler Schiffsteg angelegt. Man beachte die altertümlichen Jalousieläden am Vorschiff-Salon.
Meist wurden die Motorschwalben «Thalwil» und «Stäfa» zwischen Wädenswil, Männedorf, Stäfa und Richterswil eingesetzt. Ich war zusammen mit meinen Eltern oft Passagier in diesen Schiffen, denn meine Gotte (die Schwester meiner Mutter) wohnte mit ihrer Familie in Stäfa, und das gab uns Anlass für einen Besuch an ungezählten Sonntagnachmittagen.
Eine Fahrt mit der «Thalwil» ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben. Es war an einem trüben Sonntag im Februar; ich war damals ein Zweitklässler. Pünktlich begaben wir uns zum Seeplatz an den Schiffsteg und stiegen ein. Die Luke zum Maschinenraum mittschiffs war offen, und dort unten «noderte» ein Mechaniker im Überkleid. Auch fuhr das Boot nicht fahrplanmässig um Viertel vor zwei los, sondern erst nach ein paar Startversuchen mit etlicher Verspätung. Bis Männedorf ging alles gut, und vom Motorraum her klang das vertraute Taadagg-Taadagg des Dreizylinder-Diesels.
Doch kaum hatte das Schiff den Männedörfler Steg verlassen, stellte der Motor seinen Dienst ein. Der Experte im Überkleid stieg wieder hinunter in seine Gruft und machte sich dort die Hände ölig. Der Wind trieb uns langsam ab in Richtung Halbinsel Au, und ich Hasenherz bekam es mit der Furcht vor Unheil zu tun. In kindlicher Angst befürchtete ich, das Schiff sinke, und wir alle ertränken ... Ein paar übermütige junge Männer hatten die zwei langen Ruder (!), die man wohl vorsorglicherweise längs des Daches angebracht hatte, heruntergeholt und begannen zu rudern. Sie hatten es lustig dabei was mich aber in meinem Schmerz nicht aufzuheitern vermochte, umso mehr als ihre Anstrengungen begreiflicherweise nichts fruchteten.
Dann endlich, endlich sprang der Motor wieder an und hielt durch bis Stäfa. Doch ich misstraute nun seinem Taadagg-Taadagg! Beim Aussteigen versicherte mir Schiffskassier Lehmann, dass man an Abend für unsere Rückfahrt dann ein anderes Schiff bringen werde, und er schmunzelte um die Mundwinkel. Meine Ängste stellten sich erneut ein, als die «Thalwil» abends prompt wieder erschien, um uns von Stäfa nach Wädenswil zu bringen. Also nichts von Ersatzschiff! − Wie war ich heilfroh, als wir ohne weitere Zwischenfälle in Wädenswil anlegten! Fortan zweifelte ich an der Zuverlässigkeit der alten «Thalwil» noch lange und befürchtete insgeheim, die miterlebte Motorpanne könne sich unverhofft wiederholen ...
DER RAUSCHMANN IM SCHUBKARREN
Rund ums alte Schützenhaus auf der Fuhr, dort, wo seit 1954 die Oberstufen-Schulanlage steht, besass der Wädenswiler Verein für Familiengärten eine grosse Anlage. Auch mein Vater hatte dort zwei Parzellen gemietet und war praktisch jeden Samstagnachmittag in seinem «Pflanzblätz» anzutreffen. Ich begleitete ihn sehr oft und durfte ihm hie und da auch bei leichteren Gartenarbeiten, die er mir zutraute, helfen.
Schrebergärten beim 1952 abgebrochenen Schützenhaus an der Fuhrstrasse. Aufnahme aus dem Jahre 1935. Im Hintergrund rechts der Hof Rötiboden, im Vordergrund links Gebäude der Molkereigenossenschaft.
Einmal an einem solchen Sommernachmittag wurden wir in unserem Pflanzgarten durch einen merkwürdigen Lärm, der vom Rotweg herüber tönte, in unseren Tätigkeiten unterbrochen. Irgendein Tumult war dort drüben los. Als sensationshungrige Wundernase rannte ich sofort los an den Ort des Geschehens. Da torkelte ein Mann quer über die Strasse, der sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte und immer wieder lautstark lallte, man solle ihn in Ruhe lassen. Offenbar war dies ein Taglöhner, der wohl irgendwo bei einem Bauern gearbeitet und wegen der Hitze oder auch aus Gewohnheit einige Glas Most über den Durst getrunken hatte.
Doch von in Ruhe lassen war nun keine Rede mehr. Ein Polizist war bereits zugegen, jemand hatte einen grossen Schubkarren herbeigeholt, und ein paar Männer versuchten, den renitenten Rauschmann in den Karren zu laden. Doch immer wieder riss er aus, kam aber nicht weit und stürzte zu Boden, wo er an Armen und Beinen ergriffen und endlich doch noch in den Karren verfrachtet wurde. Der seltsame Zug bewegte sich nun den alten Rotweg (die Strasse vom Farbhof her existierte damals noch nicht) hinunter in Richtung Spritzenhäuschen. Wir Buben natürlich hinterher.
Seltsamerweise wurde die Feuerwehr vielerorts in engen Zusammenhang mit dem Looli − wie ältere Leute den örtlichen Knast auch nannten − gebracht, und «Sprützehüüsli» war gleichbedeutend mit Arrestlokal.
Im Feuerwehrhaus − hier in einer Aufnahme aus dem Einweihungsjahr 1909 − befand sich auch das Arrestlokal der Gemeinde.
Auf dem Vorplatz des Feuerwehrhauses war Feuerwehrwart Hunziker wie an Samstagen üblich mit dem Waschen des ehrwürdigen Saurer-Löschfahrzeuges und des Packard-Pikettwagens beschäftigt. Als er den Menschenauflauf mit dem Übeltäter im Schubkarren kommen sah, holte er rasch den Schlüssel für das berüchtigte Lokal, und unter Getöse und Gepolter wurde nun der Trunkenbold dort hinein gestossen, wo er seinen «Rausch ausschlafen» konnte, wie es so schön heisst.
Irgendwie tat mir dieser Mann leid. Vielleicht hatte er niemanden, keine Familie. Und hier nun war er zum Gespött geworden, und manch einer wurde seine Aggressionen an ihm los. Ein bedauernswerter Kerl, dieser mir unbekannte Rauschmann, dem ich später nie mehr begegnet bin.
DER KRIEG IST VORBEI
Am 8. Mai 1945 läuteten vormittags die Kirchenglocken. Hitler-Deutschland hatte kapituliert, und in Europa war endlich wieder Frieden. Man hatte dieses Ereignis erwartet, und schon Tage vorher bastelten wir in der Schule Sammelbüchsen. Denn an diesem Tag X wurden nach dem Kirchengeläute die Schulen geschlossen, und wir Kinder begaben uns ins Dorf, um überall für die Kriegsversehrten Geld zu sammeln. Auch die Post hatte ihre Pax-Marken bereits druckfertig und brachte sie nun in den Handel.
Wenn man in den vergangenen fünfeinhalb Jahren auch vom Kriegsgeschehen, das rund um die Schweiz tobte, verschont geblieben war, so hatte man doch auch als unbeschwertes Kind die Randerscheinungen des Krieges zu spüren bekommen. Die Väter und die Lehrer weilten oft viele Wochen hintereinander im Militärdienst, die wichtigsten Lebensmittel waren rationiert, und auch Heizmaterial und Treibstoffe gab es nur spärlich.
Auch Vergnügungen wie die Fasnacht waren von der Obrigkeit verboten worden. Meine Mutter hatte allerdings noch ein paar Wädenswiler Fasnachtszeitungen aus den zwanziger und dreissiger Jahren aufbewahrt, die jedes Mal, wenn ich wegen einer Magenverstimmung oder einer Influenza (Grippe sagt man dem heute) das Bett hüten musste, meine Lieblingslektüre bildeten. Vielleicht leisteten diese mit viel Lokalkolorit durchsetzten Humorblätter ihren Beitrag zu einer schnelleren Genesung ...
1946 war es endlich wieder soweit, dass in Wädenswil − das sich über die Fasnachtszeit Klein-Paris nannte − ein Narrenumzug durchgeführt wurde. Und was für einer! Sämtlicher während der Kriegsjahre in der Bevölkerung aufgestauter Witz fand darin seinen sichtbaren Ausdruck. Fast alle Dorfvereine machten mit, und selbstverständlich die Harmonie Musik in entsprechenden Kostümen Zahlreiche Pferdefuhrwerke sowie Last- und Personenwagen wurden als Begleitfahrzeuge in Anspruch genommen.
Auch mein Nachbar Huldreich Schmid, der ehemalige Drogist zur «Alpina», machte mit. Und zwar am Lenkrad seines Cabriolets vom Typ Röhr Junior (heute wäre dieser offene Vierplätzer ein begehrenswerter Oldtimer seltenster Sorte!). Neben und hinter Herrn Schmid sassen verschiedene Narren. Und als Mittelpunkt auf dem Rücksitz der als mannstolles Superweib verkleidete Paul Brauchli. Noch heute sehe ich ihn vor mir mit seinem Wogenbusen unter der knallroten Bluse und den auffälligen Netzstrümpfen an den Beinen.
Den 1994 verstorbenen Paul Brauchli, der damals wie mein Vater in der Firma Ernst Hürlimann tätig war, traf man gerne dort, wo es lustig zu und her ging. Als geborener Spassmacher gab er dann seine Sprüche von sich.
In jene unmittelbare Nachkriegszeit fiel auch die Revue «Reise um die Welt» des Turnvereins Wädenswil. Sie wurde einige Male in der Glärnischhalle aufgeführt, und ich machte als Mitglied der Jugendriege bei den allgemeinen turnerischen Darbietungen mit, die der Revue vorausgingen. Unsere Beiträge bestanden in Freiübungen und einigen Purzelbäumen und Hechtrollen.
Und ich Jugendriegler kam als Zuschauer auch in den willkommenen Genuss sämtlicher Revue-Aufführungen. Zwischen den einzelnen Programm-Nummern, die alle von Mitgliedern der Damenriege, der Turnersektion usw. dargeboten wurden, bildeten zwei Weltenbummler die Überleitung, dargestellt von Dölf Hiestand und Sekundarlehrer Richard Aerne. Die beiden wurden von einem Kofferträger begleitet, dessen dankbaren Part der eben erwähnte Paul Brauchli mit seiner ganzen humoristischen Begabung spielte. Die Globetrotter nannte er «Genosse Richi» und «Sir Dölf», und Sprüche wie «ich würd no gärn hocke zum Ässe, wenn i chönt ligge bim Schaffe» habe ich bis heute nicht vergessen ...
Diese Turner-Revue wurde mir Sechstklässler nur durch ein am Rande liegendes Ereignis ein wenig getrübt. Die benötigten Requisiten und Kulissen lagen und standen während jener Zeit auf der Bühne der Glärnischhalle herum, in der wir auch unser Schulturnen hatten. So kam es, dass wir Buben einmal nach der Pause auf dieser Bühne zwischen all dem Zeugs herumrannten, in der kurzen Zeit, bis unser Lehrer, der hochbegabte und von mir verehrte Oskar Schudel Junior, das Feld betrat und mit dem Turnunterricht beginnen wollte.
Wie der Lehrer uns so auf der Bühne herumtollen sah, pfiff er uns energisch zurück. «Ihr wüssed ganz genau, das er nöd deet ufe törffed. Chömed sofort obenabe!» Er war sichtlich erbost und in Sorge darüber, wir hätten die Revue-Requisiten beschädigt. Zur Strafe bekamen wir alle eine saftige Ohrfeige verpasst, die wohl jeder von uns hinterher als berechtigt empfand. Ich hatte allerdings gemeint, als Jugendriegler eine Art Sonderstatus zu geniessen und war nun von meinem Lehrer in die harte Wirklichkeit zurückgeholt worden.
PRIMARSCHULJAHRE
Ja, damals war ein Lehrer noch Respektsperson und durfte solch leichte Körperstrafen aus dem Handgelenk austeilen, ohne gleich ein Verfahren an den Hals zu kriegen. Und eine Ohrfeige oder «en Chlapf ufs Füdli» sind meines Erachtens als Erziehungsmittel oft noch immer wirksamer als ein Schwall vieler Worte.
Meine ersten Schuljahre absolvierte ich bei Fräulein Hedwig Merki. Schon während meiner Kindergartenzeit lernte ich sie im Mercerieladen von Frau Furrer-Rusterholz (im Seehof) kurz kennen, als meine Mutter dort Knöpfe oder etwas Ähnliches kaufte. Die junge Lehrerin war mir auf Anhieb sympathisch, und ich erklärte: «Zu dere wetti!» Meine Eltern erklärten mir allerdings, es sei aber gar nicht sicher, dass es mich zu Fräulein Merki «preiche». Doch das Schicksal war − wie meist auch in meinem späteren Leben − auf meiner Seite.
Bei Fräulein Merki im Eidmattschulhaus ging ich also in die erste und zweite Klasse. Und da ich sehr gerne und für mein Alter recht gut zeichnete, lud sie mich für einen Mittwochnachmittag zu sich nach Hause nach Männedorf ein. Denn ihr Vater − ein pensionierter Lehrer − war im Zeichenunterricht Experte, und der Besuch eines auf diesem Gebiete wissbegierigen Primarschülers bedeutete für ihn sicher eine willkommene Abwechslung.
Eines schönen Tages gegen Ende des zweiten Schuljahres hiess es, die Klasse werde aufgeteilt. Da wir zu viele Schüler seien (die Klasse zählte gut über 40 Kinder!), habe man im Glärnischschulhaus zwei sogenannte Sammelklassen gebildet, in denen je ein Lehrer Dritt- und Viertklass- bzw. Fünft- und Sechstklassunterricht erteile. Unsere Lehrerin hatte zusammengefaltete Zettel in ein Gefäss gelegt, und jedes von uns musste ein solches Los ziehen. Jene, bei denen beim Auseinanderfalten des Papiers ein Kreuzlein zum Vorschein kam, mussten am Ende des Schuljahres die Klasse verlassen und zum neuen Lehrer ins Glärnischschulhaus wechseln.
Ausgerechnet mein Zettel hatte so ein verflixtes Kreuz − und für mich versank eine Welt. Nun sollte ich die geliebte Lehrerin verlassen! Ein Mitschüler bemerkte meine Enttäuschung und sagte kurzentschlossen: «Chumm mer tuusched; mir isch das gliich !» Gesagt, getan; doch schon vertäfelten uns ein paar Mädchen und riefen: «Fröilein Merki, de Seppli und de Max händ tuuschet!»
Die Lehrerin war bestürzt und verlegen ob unseres Manövers. Am Abend suchte sie meine Eltern auf und sagte ihnen, dass sowas natürlich nicht gehe; ich hätte die Klasse zu verlassen, denn das Los habe nun mal so entschieden.
So begann ich mein drittes Schuljahr mit sehr gemischten Gefühlen bei Lehrer Schudel Junior, der eine der beiden neugebildeten Sammelklassen führte. Doch ich schloss ihn bald in mein Herz und fand es zudem interessant, dem Unterricht der Viertklässler zu lauschen, während dem wir «Kleinen» schriftliche Arbeiten zu erledigen hatten. − Doch auch hier gab's bald wieder einen Wechsel: Die beiden Sammelklassenlehrer, die Herren Schudel und Walder, tauschten ihrerseits untereinander ab. Hans Walder übernahm nun die Dritt- und Viert- und Oskar Schudel die Fünft- und Sechstklässler.
Also besuchte ich meine vierte Klasse bei Lehrer Walder, einem herzensguten Menschen, der aber auch streng und konsequent sein konnte. Einmal beim Turnen gab's einen Hindernislauf über die Barren, die im Freigelände des Glärnischschulhauses installiert waren. Ich war ein ungeschickter Turner, der überdies bei solchen Läufen schnell die Übersicht verlor. Und prompt stürzte ich von solch einem Barren und wollte mich mit der linken Hand am Boden abstützen, was von einem starken Schmerz im Arm quittiert wurde.
Ich blieb am Boden liegen und fing an zu weinen, denn ich merkte, dass wegen der heftigen Schmerzen etwas nicht mehr in Ordnung war und befürchtete, wegen meines Armes in das Spital eingeliefert zu werden. Das hätte mir überhaupt nicht gepasst, denn es war Chilbi-Samstag, ich hatte mich so auf das Karussellfahren und den ganzen Betrieb gefreut, und nun das!
Sofort kam Lehrer Walder herbei, tröstete mich in seiner lieben Art und zerstreute meine Bedenken. Mit einem die Schulversicherung betreffenden Unfallschein bewaffnet, musste ich nun unseren Hausarzt aufsuchen, der auch als Schularzt amtete. Er stellte eine starke Verstauchung fest und band mir den Arm ein.
Nein, auf das Chilbi-Vergnügen musste ich gottlob nicht verzichten! Auf der Weidauer‘schen Autoscooterbahn schaffte ich das Lenken sogar einhändig und präsentierte stolz meinen hellen Verband am linken Arm. So stolz, wie Buben halt in solchen Fällen sein können.