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Kleine Kulturgeschichte der Furkastrasse
Beat Bernd, Zug
DAS FURKAGEBIET IN PRÄHISTORISCHER UND RÖMISCHER ZEIT Von all den vielen Touristen und Reisenden, die jedes Jahr über die gewundene alte Passstrasse die 2436 Meter über Meer gelegene Furka-Pass-höhe erreichen, wissen wohl die wenigsten, dass sie sich auf einer der ältesten Alpenhandelsrouten unseres Landes befinden, deren Geschichte bis zu den frühesten Anzeichen menschlicher Siedlung im Alpenraum zurückreicht.
Tatsächlich gibt es Indizien, die vermuten lassen, dass das Rhonetal Richtung Furka bereits im späten Neolithikum, also in der Jungsteinzeit ( um 2000 v. Chr. ), besiedelt war und dass auch die Pässe damals schon begangen wurden. Zur eigentlichen Handelsroute wurde die Furka allerdings erst später, während der Bronzezeit, um das erste vorchristliche Jahrtausend. Grosse Bronzehals-ringe, die von den Archäologen ausschliesslich im Oberwallis und im Alpenrheintal gefunden wurden, lassen darauf schliessen, dass der Verkehr über die Pässe Furka und Oberalp zu jener Zeit intensiviert wurde. Als wiederum tausend Jahre später, um 15 v. Chr., die Truppen des römischen Kaisers Augustus zum letzten Schlag gegen die sich der Unterwerfung noch immer widersetzen-den Alpenvölker ausholten, fanden die Legionäre über Furka und Oberalp bequem begehbare Wege vor. Nur so ist es zu erklären, dass die beiden durch diese Pässe getrennten Alpenprovinzen Wallis und Rätien damals verwaltungstechnisch einem Prokurat unterstellt wurden. Wie Felix Staehelin in seinem bekannten Werk « Die Schweiz in römischer Zeit » schreibt, kann man annehmen, dass zu jener Zeit ein direkter durchgehender Verkehr durch die gewaltige Längsfalte zwischen den beiden Alpenketten nördlich des Gotthard von der Rhone zum Rhein hinüberführte.
DIE ERSTEN NACHCHRISTLICHEN JAHRHUNDERTE Im Gegensatz zum zu Rätien gehörenden Urserental wurde dem Wallis schon sehr früh von den römischen Mittelmeerstädten der Provence aus der Stempel lateinischer Kultur und Bildung aufgeprägt. Das Gallorömische verdrängte die alten Sprachformen; als eines der ersten Gebiete erhielt das Rhonetal von Süden her die christliche Offenbarung. Das Bistum Sitten und die Abtei St-Mau-rice waren die frühen Zentren des Christentums.
Diesseits des Furkapasses, im Urserental, lebten Kurkastrasso.
Aus dem Geographischen Lexikon der Schweiz; Neuenburg, Verlag der Gebrüder Attinger, 1904.
. 5Ì4&1&JÌWiu in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten noch die Räter. Es ist anzunehmen, dass das Tal zu jener Zeit nicht sehr dicht besiedelt war, da das dort immer recht harte und rauhe Klima den Siedlern das Leben schwer gemacht haben dürfte. Noch im 11 .Jahrhundert schrieb ein unbekannter Mönch, der über die Furka wanderte, das Tal sei eine vollkommene Wildnis.
Immerhin gründeten frühe christliche Missionare bereits im 8.Jahrhundert ein Kloster zu Ehren des hl. Sigisbert, einem Schüler des hl. Kolumban, der ein Jahrhundert zuvor das Christentum ins Urserental gebracht hatte. Knapp dreihun-dertjahre später entstand am Rande des Hochtales in geschützter Stellung eine erste grössere Kirche für die rätoromanischen und Walser Siedler, die zu jener Zeit in immer grösserer Zahl ins noch unerschlossene Urserental zogen. Diese Rätoromanen gründeten mitten im Tal, am Fusse des Gotthardberges, die Siedlung Hospental. Von dem zentral gelegenen Orte aus begannen bald auch die Ministerialen des Abtes von Disentis, dem die Gegend unterstand, das Tal zu verwal- ten. Für diese Verwaltungsbeamten und nicht zuletzt wohl auch zum Schutz der Furkastrasse baute man um zoo den noch heute als Wahrzeichen des Tales geltenden Turm zu Hospental.
DIE ALEMANNEN KOMMEN!
Zu Beginn des 8.Jahrhunderts begannen die Alemannen ins Oberwallis einzudringen, zuerst wohl als vereinzelte Ansiedler, dann in immer grösseren Scharen. Mit ihrer Einwanderung begann im Furkagebiet eine sprachliche Umwälzung, die Philologen und Historiker bis auf den heutigen Tag zu faszinieren vermag. Wo eindeutige historische oder archäologische Dokumente fehlen, bietet oft die Toponomastik, welche die Herkunft der Ortsnamen untersucht, eine willkommene Hilfe, etwas Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen. Das Wissen um die Herkunft der Ortsnamen gewährt dem Reisenden Rückblicke in primitive, längst verschwundene Kulturzustände. So erinnert beispielsweise Hospental, die volksetymologische Umdeutung des lateinischen « hospitaculum » ( Asylstätte ) an die Schutzstätte, in welche sich die Säumer der Furka vor den Bären, die es damals in jener Gegend reichlich gab, in Sicherheit brachten. Urserental ist nichts anderes als eine Verdeutschung des römischen « vallis ursaria », was « Bärental » heisst.
Wo die Alemannen, die mit Zähigkeit an ihrer Sprache hingen, hinkamen, wechselten die alten galloromanischen Flurnamenbezeichnungen. Ein historisches Dokument aus dem Wallis bezeugt fürs Jahr 1273, dass damals die Sprachgrenze « a Leuca suprius », also oberhalb von Leuk, durchging. Die höher gelegenen Bezirke Raron und Visp haben wenige romanische Flurnamen mehr und sind daher früher alemannisch geworden. Noch höher, in den Bezirken Brig, Morel und Goms, sind nahezu keine romanischen Flurnamen mehr zu finden. Der Name Goms ist erst seit dem 16. Jahrhundert überliefert und leitet sich ab vom lateinischen concha = Talmulde.
Die Germanen sind also, vor mindestens tausend Jahren, über die Grenze hereingebrochen.
Sie besetzten zunächst das oberste Talbecken, das durch den Felsenriegel von Deisch gesperrt ist. Dann rückten sie langsam talwärts vor.
Im Urserental sind die vordeutschen Namen gering, aber doch noch erkenntlich: Pazzola-Alp, Guspis, Nätschen und andere sind romanischen Ursprungs. Diese Namen zeigen, dass das Tal auch vor dem Eindringen der Alemannen schon besiedelt war.
FURKAPASS - BINDEGLIED ZWISCHEN WALLIS UND BÜNDEN Zu Beginn des Mittelalters begann eine rege Wanderung vom Oberwallis aus über die Furka ins Urserental und von dort noch weiter über die Oberalp in die bündnerischen Täler. Von der Verbundenheit der Auswanderer mit ihrer ursprünglichen Walliser Heimat zeugen noch heute viele Dorfnamen. Diepoldingen, Schmiedingen weisen auf Oberwalliser Dörfer wie Reckingen, Gluringen und andere hin. Die grösste Siedlung entstand in Andermatt, das urkundlich erstmals 1309 als « an der Matte » erwähnt wurde und dessen Name ja auch an ähnliche Walliser Namen gemahnt ( z.B. Zermatt ).
Doch es gibt auch noch andere Zeugen einstiger Beziehungen zwischen Bünden und Wallis. So bezog beispielsweise von alters her das alte Bündner Oberland seine Glocken aus dem Oberwallis, wo noch heute in Reckingen eine renommierte Glockengiesserei besteht. Ein anderes kulturhistorisches Kriterium liefert das Studium der Haustiere. Auch hier findet man deutliche Übereinstimmung zwischen Graubünden und Wallis. Gegenüber den Hauptrassen, Fleck- und Braunvieh, gibt es in beiden Gebieten Überreste einer besonderen Rasse, die im Wallis reiner erhalten ist als in Graubünden. Dieser Schlag hat ein besonderes psychisches Merkmal: die Neigung der Kühe zum Kampf um die Führung auf dem Weg zur Alp oder auf der Weide. Diese Kämpfe sind fast nur im Wallis und in Bünden bekannt.
Noch viele andere Zeugnisse der engen Verbindung zwischen Wallis, dem Urserental und Grau- bünden wären anzufügen: Walliser Mönche fanden Aufnahme im Kloster Disentis, nach 1200 sind die ersten Äbte aus dem Wallis nachgewiesen. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um die wichtige und zentrale Stellung der Furka Oberalp—Route bereits im frühen Mittelalter zu dokumentieren.
DAS FURKAGEBIET UND DIE EIDGENOSSENSCHAFT Nachdem durch die langjährige Besiedlung des Urserentales nun östlich und westlich der Furka die Walser sassen, war es nur natürlich, dass sich Ursener und Oberwalliser mit der Zeit immer enger zusammenschlössen. Bereits 1285 trat der Walser Nikolaus von Gluringen als Vertreter des Tales Ursern in passpolitischen Belangen auf. Nur wenig später, um 1288, schloss Ritter Thomas von Gluringen als Beauftragter Urserns, zusammen mit andern Feudalherren des Rhonetales, mit dem Abt von Disentis und dem Bischof von Chur einen antihabsburgerischen Vertrag auf fünf Jahre. Die Herren an Reuss, Rhone und Rhein gedachten sich rechtzeitig abzusichern gegen eventuelle Territorialgelüste des ländergierigen Rudolf von Habsburg.
Oft führten aber auch wirtschaftliche und rechtliche Interessen die Vertreter des Oberwallis nach Hospental und Andermatt. Denn dank der Verbindung über den Furkapass gelang es den Gomsern, Anschluss an die erstarkende Urschweiz zu finden. Aber auch den Eidgenossen lag daran, sich diesen wichtigen Übergang nach Süden offenzuhalten. Im « ewigen Bund mit Zürich » ( 1351 ) wurde das ganze Gebiet des Gotthard, vom Deischerberg zum Monte Piottino bis zur Burg Rinderberg bei Truns, als Zone gegenseitiger Hilfeleistung bezeichnet. Dass dieser Bei-standspakt im Zuger Brief ( 1351 ) und auch in späteren Verträgen ausdrücklich wiederholt wurde, zeigt, wieviel den Urkantonen an einer Sicherung der für ihren Handel so wichtigen Furkaroute lag.
Zu Anfang des 15.Jahrhunderts schlössen die Kantone Luzern, Uri und Unterwaiden mit dem Wallis ein Landrecht, das die gemeinsame Eroberung des Eschentales durch die Eidgenossen und Walliser vorbereitete. Die Visconti von Mailand verloren damals das Tal bis unterhalb Domodossola.
Weit gefährlicher für die Oberwalliser war allerdings die zu jener Zeit übermächtige Zähringerstadt Bern. Durch ihr Bündnis mit Luzern, Uri und Unterwaiden gelang es den Gomsern, die im Herbst 1419 ins Oberwallis eingefallenen Berner bei Ulrichen zu schlagen. Schon der Zähringer Berchtold V. erlitt hier 121 I eine Niederlage. Ein steinernes Kreuz zwischen Ulrichen und Obergestelen erinnert heute noch an diese beiden Siege der Gomser.
Weniger erfreuliche Zeiten machten damals die Ursener durch. Auf Grund seiner verkehrspolitisch so wichtigen Lage sah sich das Hochtal immer wieder im Interessenbereich fremder Mächte, erst der Hohenstaufen, später des deutschen Königs selbst, des Habsburgers Rudolf I. Anfangs des 14. Jahrhunderts begannen die benachbarten Urner einen immer stärkeren Druck auf die Talschaft auszuüben. Das Urserental galt als einer der strategisch wichtigsten Punkte der Eidgenossenschaft, denn wer das Tal beherrschte, war gleichzeitig Herr der zwei bedeutendsten Nord-Süd- Übergänge: Gotthard und Furka. Trotz der 1382 in einem Freibrief des deutschen Königs garantierten Souveränität sahen sich die Ursener schon 1410 genötigt, mit Uri Verträge abzuschliessen. Wenig später stand die Talschaft gänzlich unter urnerischem Einfluss. Damit kam das Hochtal automatisch ins Schlepptau der urnerischen und eidgenössischen Politik. Bei allen künftigen Kämpfen der jungen Eidgenossenschaft waren nun auch die Urserentaler mit von der Partie. Sie zeichneten sich besonders im Schwabenkrieg 1499 aus, wo ihr Landsmann Heini Wolleb ihre Scharen anführte, den Umgehungsmarsch bei Frastenz leitete und den Sieg mit seinem Tode bezahlte. Auch beim Pavierzug, 1512, in der berühmten Schlacht bei Marignano, marschierte eine stattliche Zahl von Urserentalern unter der Führung von Ammann Martin Wolleb in den Tod.
In der folgenden Zeit nahm das Tal, nicht zuletzt dank des sich immer mehr entwickelnden Passverkehrs, einen gewaltigen Aufschwung, was die prächtigen Barockkirchen in Andermatt und Hospental aus jener Zeit bezeugen. Dass der Handel über die Furka auch im Winter nicht zum Erliegen kam, mag folgende Anekdote zeigen: Auf seiner zweiten Schweizer Reise zog der dreissigjährige Goethe mit Herzog Karl August von Weimar und einem Diener das ganze Rhonetal hinauf, um über Furka und Realp—Hospental auf den Gotthard zu gelangen. Als sie am 12. November 1779 im tiefen Schnee über die Furka wanderten — « in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgswüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiss » -, erzählten ihnen die beiden Führer aus Oberwald, « dass sie den ganzen Winter durch drüber gehen, um Ziegenfelle aus dem Wallis auf den Gotthard zu tragen, womit ein starker Handel betrieben wird. » Das Kriegsjahr 1799 brachte noch einmal böse Zeiten in das Furkagebiet. Zuerst mussten die Bauern die Franzosen bei sich einquartieren, dann die Österreicher, die später wiederum von den Franzosen vertrieben wurden. Dann eroberten die Russen unter General Suworow das Gebiet, mussten aber nur wenig später von neuem der jakobinischen Gewalt weichen.
STRASSEN- UND BAHNBAU Seit alters her brachte die günstige Lage als Drehscheibe des Nord-Süd-Handels den Talbewohnern mannigfaltige Verdienstmöglichkeiten. Auch als im 19. Jahrhundert der Gotthardverkehr auf Kosten der Furka immer stärker zunahm, wussten die Urserentaler diese neue Verdienstquelle zu nutzen. Der Bau der Gotthardbahn beeinträchtigte die Einnahmen allerdings gewaltig, doch schuf der militärische Ausbau des Gotthard seit 1887 neue Arbeitsmöglichkeiten. Zudem entwickelte sich Andermatt zu einem beliebten Sport- und Winterkurort. Auch der Verkehr über die Furka kam nicht zum Erliegen. 1864-1866 bauten Uri und Wallis mit kräftiger Bundesbei-hilfe die alte Furkastrasse. Später kam der Bau der Furkabahn hinzu, die das Gebiet auch touristisch erschliessen half.
Dem Historiker erscheint dieser Bahnbau wie das letzte Glied einer langen Kette, die zurückreicht bis in die graue Vorzeit - das letzte Kapitel aus einer fast viertausend Jahre alten Passgeschichte, in deren Verlauf die Völker diesseits und jenseits der Furka sich bemühten, miteinander in Verbindung zu treten.
Literatur:
Illustrierte Geschichte der Schweiz, Band t, Verlag Benziger, Zürich/Köln 1958.
Gauchat, L.: Sprachgeschichte eines Alpenübergangs. Sonderabdruck aus dem « Archiv für das Studium der neueren Sprachen », Braunschweig 1907.
Furkastrasse. Generaldirektion PTT, Bern 1951.
Volmar, F.A.: Die Furka-Oberalp-Bahn. Direktion der FOB, Brig 1965.
Stähelin, Felix: Die Schweiz in römischer Zeit. Schriftenreihe der Stiftung von Schnyder von Wartensee, Band 25. Schwabe, Basel 1948.
Wolf, F. O.: Von der Furka bis Brig. Europäische Wanderbilder 81/82, Verlag Orell Füssli & Co. Zürich 1884.
Aus dem Geographischen Lexikon der Schweiz, Furkastrasse. Neuenburg, Verlag der Gebrüder Attinger, 1904.