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1963
1963, als ich in Basel geboren wurde, war Willy Spühler Bundespräsident der Schweiz. Nicht, dass dies eine zentrale Rolle in meiner Biographie spielen würde...aber immerhin gut zu wissen. In Deutschland war Konrad Adenauer (der dankt aber im Oktober ab und Ludwig Erhard wird zweiter Bundeskanzler der BRD), im Iran Shah Reza Pahlavi, in Frankreich Charles de Gaulle, in den USA John F. Kennedy (der sagt im Juni: «ösch bönn äiinn Börlinör» und im November wird er in Dallas erschossen), Paul VI im Vatikan und in Äthiopien Kaiser Haile Selassie am Ruder. Heinrich Bölls Roman Ansichten eines Clowns erscheint und Alfred Hitchcocks Vögel laufen im Kino.
Und im Januar war das letzte Mal der Zürichsee zugefroren («Seegfröörni») und das Farbfenseh-System PAL wird patentiert. Im April geht das ZDF auf Sendung: die Mainzelmännchen werden geboren. Wurzel, der Zeitungs-Comic-Hund, wird zum ersten Mal in der Daily Mail gedruckt. Die erste Folge von Doctor Who wird von BBC ausgestrahlt.
Nelson Mandela wird im Juli festgenommen und der Porsche 911 wird vorgestellt. Georg Baselitz hat seine erste Einzelausstellung und prompt werden zwei Bilder wegen Unsittlichkeit beschlagnahmt und Dinner for One wird in Hamburg aufgezeichnet. In Lengede passiert ein Grubenunglück, bei dem nach zwei Wochen 11 Bergleute gerettet wurden (100 starben).
In England findet im August The Great Train Robbery statt und Martin Luther King hält in Washington seine berühmte Rede I Have a Dream. Und Jim Clarke wird zum ersten Mal Formel 1-Weltmeister.
Im September wird Singapur von Grossbritannien unabhängig und im Dezember Kenia. Und die Compact Cassette wird von Philips erfunden.
Und - eben - ICH komme zur Welt.
Am gleichen Tag wie Till Lindemann, 10 Tage vor Steven Soderbergh und genau einen Monat vor Pirmin «National» Zurbriggen. Auch Gildo Horn - o Schreck - ist aus diesem Jahr! Und Michael Jordan, Seal, Charles Barkley, Thomas Anders, Thomas Hermanns, John Andretti, Marc Jacobs, Doris Leuthard, Garri Kasparow, Brian Nash, Mike Myers, Maria Walliser, Johnny Depp, Helen Hunt, Eric Weber, George Michael, Anne-Sophie Mutter, Ute Lemper, Brigitte Nielsen, Marc Girardelli, Coolio, Steve Lee, Whitney Houston, Mohammed IV König von Marokko, Tori Amos, Eros Ramazotti, Anthony Kiedis, Katja Riemann, Tatum O'Neal, Masako Kronprinzessin von Japan, Bärbel Schäfer, Brad Pitt, Til Schweiger, Nino de Angelo, Jennifer Beals und Mats Gren wurden auch 1963 geboren...während Patsy Cline, Pabst Johannes XXIII, Georges Braque, Gustav Gründgens, Edith Piaf, Jean Cocteau, John F. Kennedy (wie gesagt nicht freiwillig), Lee Harvey Oswald (ebenfalls unfreiwillig) und Theodor Heuss das Zeitliche segneten.
Die Beatles trällerten ab dem 11. Januar Please Please Me und starteten am 2. Februar in Bradford als Vorgruppe von Helen Shapiro ihre erste professionelle Tournee. Ab dem zweiten Tag waren die Beatles der Haupt-Act und Helen Shapiro die Vorgruppe. Ihre erste LP Please Please Me hatten sie innert 12 Stunden in den Abbey Road-Studios aufgenommen und sie stieg wie alle LPs - ausser Yellow Submarine - auf Platz 1 der britischen Charts. Am 4. April trafen sich die Beatles zum ersten Mal mit den Rolling Stones im Crawdaddy Club in London. John Lennon und Paul McCartney schenkten den Stones den Titel I Wanna Be Your Man. Auch Roy Orbison trat nach der ersten Show der zweiten Tournee der Beatles in diesem Jahr als Headliner zurück. Nach der Veröffentlichung von She Loves Me wurden die Konzerte der Beatles zu Massenveranstaltungen, die der Band sehr zu schaffen machte. Am 13. Oktober, während einer Fernsehsendung der ATV, wurde der Begriff Beatlemania kreiert, weil kreischende Fans vor dem TV-Studio ein Verkehrschaos verursachten. Um den Fans zu entkommen, verkleideten sich die Beatles in Birmingham als Polizisten. In Plymouth gelang die Flucht durch das Kanalsystem der Stadt, während die Polizei auf den Straßen Wasserwerfer einsetzte.
Am 4. November 1963 spielten die Beatles im Rahmen der alljährlichen Royal Variety Performance vor der britischen Königinmutter Elizabeth, Lord Snowdon und Prinzessin Margaret im Londoner Prince of Wales Theatre. Zum Programm gehörten auch Auftritte von Marlene Dietrich und Harry Secombe. Das letzte Stück, Twist and Shout, kündigte John Lennon mit den Worten an:
“For our last number I’d like to ask your help: Would the people in the cheaper seats clap your hands? And the rest of you, if you’ll just rattle your jewellery!”
Die ersten Jahre in Basel an der Dalbenaalaag | 1963 - 1969
Wir wohnten damals im Chauffeur-Häuschen der Villa Lotz an der St. Alban-Anlage im noblen Basler Innenstadtquartier «Dalbe». Heute steht dort ein Versicherungs-Neubau, der dem heimeligen Vorgarten mit Weg und genügend Platz für die Spiele kleiner Jungs von damals keine Ehre macht. Aber wie will ein Versicherungsgebäude das auch.
In diesem Haus lernte ich gehen, dort hatte ich meine ersten Albträume, die mich nächtelang nicht richtig schlafen liessen, dort lernte ich erste Spielzeugautos auseinander zu nehmen, dort wurde ich Zeuge, wie sich mein kleinerer Bruder Andres im Gartentor seinen Finger übel einklemmte und dort brach ich auf dem Heimweg vom Kindergarten 1968 das erste Mal meinen linken Unterarm. Ein grosser Junge war hinter einer Ecke hervorgeragt gekommen und mein Arm brach als ich mich abstützen wollte. Die Mutter des Jazz-Gitarristen Oscar Klein nahm mich zu ihr in die Wohnung und fragte mich dauernd: «Tut's noch fix weh?»
Das verstand ich nicht.
Ausserdem hatte an diesem 7. Mai mein Vater Geburtstag und Mami war zur Feier des Tages daran, Pommes Frittes zu machen.
Den gleichen Arm brach ich noch einmal im gleichen Jahr - das geschah im Bottminger Gartenbad. Auch wieder wurde ich umgerannt.
Die Sommerferien verbrachten wir meistens im Tessin in Gerra und im Winter waren wir im Chalet Holzwurm meiner Grosseltern mütterlicherseits in Grindelwald.
Unbeschwerte Kinderjahre in Biel-Benken | 1969 - 1978
Als wir in das Doppeleinfamilienhaus an der Spittelhofstrasse zogen, war die Strasse vor dem Haus noch nicht geteert, was für mich als passionierten Tretautofahrer eine grosse Herausforderung war. Es waren die Jahre des Baubooms, noch vor der Ölkrise und das vormals verschlafene Bauerndorf entwickelte sich unter unserer Beobachtung zu einer mondänen Vorortsgemeinde. Es gab vor allem Baustellen zuhauf, was unsere Freizeit enorm spannend machte.
Es war das Paradies für Kinder!
Wir zertrampelten den Bauern die Wiesen, stiebitzten Kirschen und Trauben, trieben uns verbotenerweise in der Sandgrube herum, bastelten an unseren Fahrrädern, suchten Verwertbares in der Abfallgrube im Wald, fingen Frösche in der Spittellache, bekämpften uns mit Handgranaten aus Erdkugeln mit Frauenfürzen, zeigten uns im hohen Gras die Geschlechtsteile, spielten ungeliebten Nachbarn derbe Streiche, bewarfen neue weisse Fassaden mit Lehm und waren nach einem Nachmittag im Wald so schmutzig, dass unsere Mütter uns im Garten mitsamt der Kleider mit dem Gartenschlauch vorreinigten.
Stephanie hiess meine erste und lange grösste Liebe. Das war in Kindergarten und Primarschule. Im Garten hielten wir Kaninchen, in der Küche pfiffen die Meerschweinchen und im Drahtkäfig erhängte sich mein Hamster beim Ausbruchsversuch. Die Tapete im Dachstock-Kinderzimmer war braun-orange-gelb mit Blumenmuster als hätte sie Verner Panton hingeklebt und auf der steilen, langen, engen Treppe hatte ich immer Angst vor einem Hund oder Wolf, der mir von hinten zu folgen schien.
Grosse Ereignisse wie die erste Mondlandung, die ich im Wohnzimmer der Grosseltern von Bruno Stanek moderiert live im Fernsehen sehen durfte, der Vietnamkrieg, die Studentenrevolte, Woodstock, die Ölkrise und vieles mehr nahmen wir zwar zur Kenntnis - sie berührten uns als Kinder jedoch nicht sehr. Mein Bruder Andres nahm sich ein Seil und ging Mädchen fangen. Mami verkohlte unsere Appenzeller-Sonntagshemden beim Auskochen auf dem Herd, Papi liebte meine extrascharfen Bouillons und ich las erotische Leserbriefe in der Brigitte. Und mein Freund Daniel Mäusezahl überlebte einen schrecklichen Unfall mit dem Fahrrad und einige Wochen Koma. Ich drückte dafür eine Tür auf dem Mädchenklo der Primarschule ein, weil sich ein paar nervige Girls dorthin geflüchtet hatten.
Behütete Jugend in Basel | Studienjahre |1978 -1983
1978 kauften meine Eltern im Holbeinquartier ein altes Herrschafts-Reihenhaus mit grosszügigem Garten. Wir renovierten es sanft und füllten es in der Folge mit schönen Dingen, Antiquitäten, Bildern, Sammlungen und Raritäten an. Ich wechselte vom Progym in Oberwil ans Realgymnasium in Basel, wo ich eine unbeschwerte und lockere Schulzeit erleben durfte. Die Themen und deren Schwierigkeitsgrad machten mir keinerlei Mühe, so dass ich mich neben der Schule um meine Hobbies und Freundschaften kümmern konnte.
Mein Bruder Andres und ich hatten einen grossen Teil des zweiten Stockwerks für unsere Bedürfnisse zur Verfügung...ich hatte mir im alten Labor der Ärztin, die vor uns im Haus gewohnt und praktiziert hatte, ein Schwarzweiss-Fotolabor eingerichtet. Die Filme, meist Ilford PanF, FP4 oder HP5, kauf ich in 30-Meter-Rollen und fülle sie in die Büchsen ab, entwickle die Filme selber nach der Belichtung und vergrössere die Fotos dann auf Multigrade-Papier von Ilford. Viele Versuche mit Reprofilmen, verschiedenen Techniken und Materialien machten mir grossen Spass. Mit meiner Canon A1, der ersten Spiegelreflex, die über Zeit-, Blenden- und Programmautomatik verfügte, und meiner gebraucht gekauften F-1, der alten Profikamera von Canon, war ich viel unterwegs, stellte mir selber Aufgaben, nahm an Wettbewerben teil und verbrachte einen grossen Teil meiner Freizeit am Okkular oder Vergrösserungsgerät.
1982 verliess ich das Gymnasium mit der Matura Typ B (Latein) und rückte unterbrechungsfrei in die Rekrutenschule der Fliegertruppen in Payerne (VD) ein. Nach diesen 17 Wochen begann ich im Herbst 1982 das Studium der Mathematik, Physik, Astronomie und später noch Informatik an der Universität Basel. Mein Ziel war, Oberlehrer an einem Gymnasium zu werden.
Während der Studienjahre fuhr ich abends und nachts oft Taxi, wodurch ich eine Welt kennenlernte, die bisher an mir vorbeigegangen war. Nachtvögel, Prostituierte, Drogenabhängige, Alkoholiker, aber auch Kellner, Buschauffeure, Babysitter, einfach all die Menschen, die spätabends noch unterwegs sind, habe ich erleben und fahren dürfen. Viele von ihnen erzählten von ihrem Tag, ihrem Leben, manch einen musste ich mit Mühe aus meinem Wagen scheuchen.
Ich arbeite um zu leben und lebe nicht um zu arbeiten | 1983 - 2018
Meine Berufswahl fiel unter dem Einfluss des Elternhauses auf den Lehrerberuf.
Zuerst meinte ich, Mathematiklehrer werden zu müssen und studierte deshalb an der Universität Basel Mathematik, Physik, Astronomie und Informatik. Nach sieben Semestern musste ich die Flinte ins Korn werfen, denn die Materie überstieg mein damaliges Bedürfnis an Abstraktion, meine Auffassungsgabe und meinen Hang zur Selbstkasteiung.
Ein Praktikum in der Generaldirektion des Bankvereins SBV als Mitarbeiter in der Abteilung Controlling festigte meinen Entschluss, nicht in der Privatwirtschaft und schon gar nicht auf einer Bank meinen Weg zu machen.
Das Basler Primarlehrerseminar schien die Lösung zu sein. Es folgten zwei Jahre der Ausbildung und die Übernahme einer Sekundarklasse im Frühling 1990.
Nach vier Leidensjahren mit einer sehr unruhigen und fast nicht unterrichtbaren Klasse wechselte ich an die Orientierungsschule, an der ich bereits seit einem Jahr als Schulhausleiter zusammen mit zwei Kollegen arbeitete. Der verheissungsvolle Wechsel an diese neue Schule entpuppte sich für mich schnell als Falle und Stolperdraht. Ohne «nein» sagen zu können übernahm ich fast jeden Job, der im Schulhaus anstand und überforderte mich komplett.
Das erste Burnout folgte 1997. Und im Sommer 1998 die Kündigung als Lehrer, um einem guten Freund beim Supporten von Apple Macintosh-Computern zu unterstützen. Eine strenge und spannende Zeit folgte, in der die kleine IT-Firma schnell wuchs.
Als ich 1999 wieder an die Schule wechselte hoffte ich auf einen Neuanfang und auf eine gute Entwicklung. Aber die ursprünglich als gute Idee vom Volk angenommene Orientierungsschule war in der Zwischenzeit von der Politik mit Sparmassnahmen und Fehlentscheiden komplett herunter gewirtschaftet worden, was mich ohne mit der Wimper zu zucken bewog, das Angebot IT-Manager an der Schule für Gestaltung zu werden, anzunehmen.
In dieser Funktion arbeitete ich drei Jahre streng und unter Hochdruck bis mich ein zweites Burnout aus der Bahn warf.
Die folgende Zeit der Arbeitslosigkeit nutzte ich, um mich neu zu orientieren, denn ich wollte nicht weiter von einem Burnout zum nächsten arbeiten.
«Not am Mann» hiess und heisst die Lösung, die ich mir auf mich selber zuschnitt. Dienstleistungen persönlicher Natur in Haus und Hof für Private und KMUs erfüllten mich in der Folge sehr.
Seit 2013 führe ich an der Sekundarschule Oberwil / Biel-Benken mit einer Kollegin zusammen eine Fremdsprachenklasse und wirke in anderen Klassen als sogenannter ISF-Lehrer unterstützend für Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten jeglicher Art in der Schule bekunden. Diese Tätigkeit erfordert meinen vollen Einsatz, so dass nur noch wenig Kapazitäten für einzelne Dienstleistungen bleibt.
Meine depressive Veranlagung und die dadurch immer wiederkehrenden schwierigen Phasen erschweren mir jedoch immer mehr meinen Alltag. Zwar kann ich die Unterrichtstätigkeit ohne Einschränkungen wahrnehmen, aber die Belastung für meine Psyche und damit verbunden für meinen gesamten Organismus ist beträchtlich. So falle ich immer wieder aus, weil mich mein Körper mit seinen Reaktionen auf die Belastung zum Kürzertreten zwingt. Kopfschmerzen, komatöse Schlaforgien, Verdauungsschwierigkeiten und die depressionsbedingten Einschränkungen wie Antriebs- und Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Traurigkeit tun das Ihre dazu.
Mit dem Entscheid, mit Lorenz, einem langjährigen und guten Freund, auf eine grosse Reise gen Osten zu gehen, ist zum 55. Geburtstag eine willkommene Zäsur auf mich zugekommen, die es mir ermöglichen wird, Abstand zu nehmen und mir in grosser Distanz zum gewohnten Alltag Gedanken darüber zu machen, wie ich die - hoffentlich - letzten zehn Jahre meines Arbeitslebens verbringen möchte.
Per Semesterwechsel im Januar 2019 künde ich deshalb meine Stelle als Lehrkraft an der Sekundarschule Oberwil Biel-Benken. Da diese Schule grundsätzlich keinen unbezahlten Urlaub gewährt, muss ich mir diesen Schritt nicht lange überlegen. Die Kündigung erzeugt in mir entgegen meiner Annahme keine Angst, sondern befreit mich von einer Last, die ich schon lange mit mir herumtrage. War es bisher meist so, dass ich mein Arbeitsleben nach den Notwendigkeiten des täglichen Lebens gestaltete statt meinen innersten Wünschen und Talenten nachzugehen, so bewirkt der Entscheid eine Auszeit zu nehmen in mir grosse Energien und eine starke Vorfreude.
Wie es im Herbst kommenden Jahres weiter gehen wird, weiss ich noch nicht. Es wird weiter gehen, das steht nicht zur Diskussion. Aber ich möchte eine Arbeit und eine Lebensweise finden und leben, die es mir ermöglicht, das grosse Feuer in mir wieder zum Lodern zu bringen und mich motiviert, mit Freude und viel Energie gute Arbeit zu leisten.
Die grosse Reise | 2019
Das Jahr 2019 wird im Zeichen der grossen Reise stehen, die ich zusammen mit Lorenz geplant habe.
...wenn denn alles klappt.