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(zoon politicon) “Disposition” kommt als Begriff in verschiedenen Wissenschaften vor. Die Medizin gehört genauso dazu wie die Psychologie. So wie ich den Begriff für die Analyse der Meinungsbildung bei Volksabstimmungen, politikwissenschaftlich für die Abstimmungsforschung verwendet also, einsetze, bedeutet er: Entscheidungsabsicht.
Grundgedanke der Informtionsverarbeitung aufgrund von Prädispositionen, die zu einer Entscheidung führt, wie er durch den Dispositionsansatz für die individuelle politische Meinungsbildung postuliert wird (Quelle: gfs.bern)
Entscheidungsabsichten gehen einer Entscheidung zuvor, wenn diese nicht spontan gefällt werden. Ist dies der Fall, kann eine Entscheidung kaum unter dem Aspekt der Meinungsbildung analysiert werden. Denn das ist nur dann der Fall, wenn es, wie in einem Abstimmungskampf angenommen, zur Verarbeitung von Informationen kommt, die, meist massenmedial verbreitet, seltner personal vermittelt, in die Entscheidfindung miteinbezogen werden. Die Informationsverarbeitung wiederum geschieht auf der Basis der Alltagserfahrungen, mit der die BürgerInnen versucht sind, die Fragestellung der Volksabstimmung auch ohne Meinungsbildungsprozess zu beantworten. Alltagserfahrungen, die politische relevant werden können, nenne ich “Prädispositionen”.
Meinungsbildung, die einer politischen Entscheidung zuvor geht, besteht damit aus Prädispositionen einerseits, verarbeiteten Informationen anderseits, die zu einer vorläufigen Entscheidungsabsicht führen, Dispositionen genannt, welche in der Entscheidung selber zu einer Zustimmung oder Ablehnung (allenfalls auch zu einer Stimmenthaltung) führen.
Die Informationsverarbeitung ihrerseits kann in verschiedene weitere Elemente zerlegt werden; hier sind sie nicht von Belang. Denn es geht mir um die Eigenheiten des Dispositionsbegriffes gegenüber dem Einstellungsbegriff:
Analytisches Modell der Meinungsbildung auf kollektiver Ebene, wie es der Dispositionsansatz für Volksabstimmungen postuliert (Quelle: gfs.bern)
Zunächst: Der Dispositionsbegriff ist dynamischer als jener der Prädisposition; dieser ist dem Einstellungsbegriff in den Sozialwissenschaften verwandt, wird aber nur soweit verwendet, als er auch entscheidungsrelevante Reaktionen auf Fragestellung beinhaltet.
Sodann: Der Einstellungsbegriff wird aus einem Grund für die Analyse der Meinungsbildung nicht direkt verwendet, denn er unterstellt definitorisch, dass die Reaktionsweisen auf Objekte jeglicher Art, die zu den Einstellungen zählen mehr oder weniger konstant sein müssen.
In der Abstimmungsforschung kann man das eigentlich nur unterstellen, wenn man Meinungsbildung einzig akteurszentriert auf der Mikro-Ebene untersucht, und bei der Informationsverarbeitung eine reine Verstärkerwirkung vorhandener Einstellungen unterstellt. Beides hat sich in der Forschung zur Meinungsbildung bei Wahlen als mögliches Modell erwiesen, bei Sachabstimmungen als sehr unwahrscheinliches. Deshalb ziehe ich den Begriff der (Prä)Disposition vor, weil er Veränderungen in der Entscheidungsabsicht gegenüber offener ist, und das, anders, als in der Einstellungsforschung, als “Nicht-Einstellung” abqualifiziert.
Ich habe meine Ueberlegungen und Analysen mit dem Dispositionsansatz in verschiedenen Schritten und für verschiedene Zwecke entwickelt; die zentralen Publikation daraus sind in den nachstehenden Sammelbänden publiziert worden:
. Schiller, Theo (Hg.): Direkte Demokratie — Forschungsstand und Perspektiven, Opladen 2002.
. Donges, Patrick (Hg.): Politische Kommunikation in der Schweiz. Bern 2005.
. Blum, Roger / Meier, Peter / Gysin, Nicole (Hg.): Wes Land ich bin, des Lied ich sing? Medien und politische Kultur, Bern 2006.
Eine schnell greifbare e-Fassung des Dispositionsansatzes für die Abstimmungsforschung findet man hier.
Claude Longchamp