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Das lebhafte Interesse, welches die wichtige, mit kritischem Scharfblick abgefasste Abhandlung des HerrnProf. Ghillany über die Erdgloben von Martin Behaim und Johann Schöner in mir erregt haben, musste mich aufdie Untersuchungen zurückführen, welche ich selbst über Behaim und Schöner in meinem Examen critique del’Histoire de la Géographie du Nouveau Continent aux 15me et 16me siècles (terminé 1833) bekannt gemacht habe,T. I. p. 256 — 308; T. II. p. 26 und T. V. p. 170. Es ist mir eine Freude, hier zur Publicirung die chronologischenResultate mitzutheilen, welche in der noch ungedruckten dritten Section den letzten Abschnitt meiner Schrift aus-machen sollten. Ich citire, als Beweisstellen, immer nur das Französische Originalwerk (die Ausgabe in 8°, die erstdrei Jahre nach der Ausgabe in Folio erschien), nicht die Deutsche Uebersetzung, die ich nicht kenne und in derdie 1832 von mir entdeckte Weltkarte von Juan de la Cosa (6 Jahre älter als des Columbus Tod) gänzlich fehlt.
Alle Forschungen über die ältesten Karten von Amerika müssen bekanntlich mit den Ausgaben der Geo-graphie des Ptolemaeus beginnen wegen der Gewohnheit, die seit 1482 (Ausgabe von Nicolas Donis) und 1486 (operaac expensis Justi de Albano de Venetiis) eintrat, neuere Karten den älteren von Agathodaemon beizufügen. Diegrösseste und vollständigste Sammlung von Ausgaben des Ptolemæus ist die des ausgezeichneten Geographen BaronWalckenaer zu Paris; sie zählt mehr als 30 Editionen, von denen einige in verschiedenen Jahren wiederholte abergleichartige Abdrücke sind; sie enthält viele Ausgaben mehr, als Raidel’s Commentatio critico-literaria de ClaudiiPtolemæi Geographia 1737 darbietet. Ich habe die Walckenær’sche Sammlung mehrere Monate lang bearbeitet undmeine Bearbeitung ist durch den gelehrten Besitzer vervollständigt worden. Die editio princeps des Ptolemæus istdie Bologneser Ausgabe von Dominicus de Lapis, welche durch einen Druckfehler das Jahr 1462 auf dem Titelführt, aber, wie De Burc (Bibliographie instructive 1768 T. I. p. 32 — 45) und Bartolomeo Gamba (Osser-vazioni sulla Geografia di Tolomeo; Bassano 1796 p. 132) gründlich erwiesen haben, dem späteren Jahre 1472angehört. Die nächst folgenden Ausgaben des Ptolemæus von 1475 (durch Jacobus Angelus aus Vicenza); von 1478(auctore Arnoldo Buckinck e Germania, in Rom gedruckt); von 1482 (durch Nicolaus Donis, zwei Abdrücke aus Romund Ulm); von 1486 (von Justus de Albano de Venetiis, gedruckt in Ulm) von 1490 (Romae, arte et impensis Petride Torre); und von 1507 (Roma, edirt von Bernardinus de Vitalibus aus Venedig und Evangelista aus Brescia) ent-halten zwar mehrmals moderne Karten, aber Nichts, das sich auf den neuen Welttheil bezieht. Der südliche Theildieses Welttheils und die Antillen finden sich zum ersten Male auf einer Kupferplatte dargestellt (ohne den Na-men Amerika) in der Römischen Ausgabe des Ptolemæus von 1508, correcta a Marco Beneventano et Joanne CottaVeronensi. Ehe wir aber von dieser Ausgabe reden, in welcher die Weltkarte von Joh. Ruysch enthalten ist,muss die älteste gezeichnete Karte erwähnt werden, welche bisher bekannt ist.
Es ist dies die Weltkarte, welche 1500 der grosse Seefahrer Juan de la Cosa (bisweilen auch schlechthinJuan Biscaino genannt) in der Puerto da Sta. Maria gezeichnet hat, da er eben erst von der Reise mit Alonso deHojeda und Amerigo Vespucci (eine Reise, die nur vom 20. Mai 1499 bis Mitte Juni 1500 dauerte und sich dochschon bis 3° nördl. Breite an die Ostküste von Südamerika erstreckte) zurückgekommen war. Von dieser Karte,der wichtigsten, die es für die früheste Geschichte der Geographie des Neuen Welttheils gibt, ist nur bisher daseinzige Exemplar bekannt, welches sich in der kostbaren Bibliothek des Baron Walckenaer zu Paris befindet undvon der ich in 3 Blättern die Haupttheile zuerst habe stechen lassen. Man hatte sie für eine Portugiesische Welt-karte gehalten von ganz unbekanntem Alter, bis ich während der Cholerazeit bei fleissigen Arbeiten in den PariserBibliotheken im Jahre 1832 die Worte entdeckte: Juan de la Cosa la fizo en el Puerto de Sta. Maria en añode 1500. Diese Inschrift steht neben einem kleinen farbigen Bilde, den grossen Christoph vorstellend, wie er das
|2| eine Weltkugel in der Rechten haltende Christuskind durch das Meer trägt — eine sinnige Anspielung auf denNamen Christophorus Columbus und die Hoffnung, welche seine Entdeckung des festen Landes von Südamerika(1. August 1498) für die Verbreitung des Christenthums gab. Juan de la Cosa, der Zeichner der Weltkarte, wardes Columbus Gefährte auf seiner zweiten Expedition (25. Sept. 1493 bis 11. Juni 1496) gewesen. Er hat an fünfgrossen Expeditionen Theil genommen (von 1493 bis 1509), von denen er zwei anführte (Exam. crit. T. V. p. 163).Aus dem Prozesse des Spanischen Fiscus gegen Don Diego Colomb über das Verdienst der ersten Entdeckung lernenwir, durch die Aussage des Bernardo de Iharra: „Christoph Columbus, den man immer schlechthin den Admiral
(wie Hernan Cortez den Marquès) nennt, habe sich darüber beklagt, dass Juan de la Cosa umherginge und be-haupte, Mehr zu wissen als er, der Admiral. Cosa, hombre habil andaba diciendo que sabia mas que el“.Auch Petrus Martyr de Anghiera spricht mit grosser Achtung von Juan de la Cosa. Als er zu dem Marineminister,dem Bischof von Burgos Juan de Fonseca ging, um ihn 1514 über den Zusammenhang neu entdeckter Küsten zuconsultiren, „fand er in dem Studirzimmer des Bischofs die trefflichen Seekarten des Juan de la Cosa, des Andrès deMorales aus Triana, und eine Portugiesische Karte, von der man glaubt, sie sei das Werk des überaus sachkundigenAmerigo Vespucci, der in seiner Schifffahrt die Aequatorial-Linie durchschnitten hat.“ Exam. crit. T. IV. p. 130.
Die Weltkarte von Juan de la Cosa stellt in ziemlich richtiger Configuration, aber viel zu nördlich vor die grossenund kleinen Antillen, die nördliche Küste von Südamerika (von der Bocca del Drago bis Cabo de la Vela und MonteSan Eufemia, dem östlichsten Berggehange der Sierra de Sta. Marta, damals Sierras nevadas da Citarma genannt), auchdie östliche Küste von Südamerika, auf welcher die Mündung des Orinoco (Rio de la Possession y Mar dulce), diedes Amazonen-Flusses (Costa Plaida) und das Vorgebirge San Augustin (südliche Breite 8° 19′) angegeben sind. Beidiesem Vorgebirge, etwas südlich, wo der Name Puerto Hermoso steht, ist als Entdecker im Jahr 1499 Vicente YañezPinzon genannt. Die frühesten Namen des Cabo San Augustin waren Rostro Hermoso, Cabo Sta. Maria de la Con-solacion und Cabo de Sta. Cruz. (Exam. crit. I. p. 314 – 316). Eine Küstenlinie ohne alle Namen, von Cabo dela Vela bis zum äussersten Norden, verbindet durch festes Land Venezuela mit Labrador. Man glaubt die Mündungdes Rio Magdalena oder des Atrato zu erkennen, Nichts aber deutet auf eine Kenntniss der Configuration derStrecke von Puerto de Mosquitos am westlichsten Ende des Isthmus von Panama bis Honduras, eine Strecke, dieChristoph Columbus erst auf der vierten oder letzten Expedition entdeckte (von Mai 1502 bis Nov. 1504); Nichtsauf die Configuration des Golfs von Mexico, wohin Cortez erst 1519 schiffte, obgleich die Existenz der MexicanischenKüste durch die Eingeborenen von Cuba früh schon bekannt war, eben so wenig ist das Littoral der jetzigen VereinigtenStaaten von Nordamerika speciell bezeichnet, obgleich Sebastian Cabot auf seiner zweiten Expedition für England dieganze Küste von dem Parallel von 67° ½ und der Terra de Bacalaos (Neufundland) bis zur Spitze von Florida,Cuba gegenüber, bereits im Sommer 1498 beschifft hatte. (Petr. Martyr. de Anghiera, Oceanica Decas III. lib. 6p. 267 und Biddle Memoir of Sebastian Cabot p. 34). In den nördlichen Regionen, in einer Mar discubierta perYngleses, im Nordosten von der Insel Cuba, gibt aber die Weltkarte von Juan de la Cosa, durch viele Namen be-zeichnet, die Entdeckungen Englischer Schifffahrer auf einer Küste an, die genau von Osten gegen Westen läuft,unter 53° Breite, wenn man den von Cosa dargestellten Abstand des nördlichen Wendekreises vom Aequator zumMassstabe nimmt. Das Stück Küste, welches in dieser ostwestlichen Richtung dargestellt wird, ist wahrscheinlichdie den St. Lorenzbusen nördlich begränzende Küste, gegenüber der jetzt so genannten Insel Anticosti. Die IslaVerde, nordöstlich von dem Cabo d’Inglaterra, wäre dann wohl Neufundland und nicht Grönland (Greenland). DieKüste, die sich plötzlich gegen Norden wendet, wird nur bis 70° ½ Breite verzeichnet und in Osten so weit vorge-streckt, dass sie die Inseln Frieslanda der Brüder Zeni und Tille (Thule des Ptolemaeus, wahrscheinlich Island, Exam.crit. II. p. 113 — 116) umfasst.
Von der frühesten Entdeckung des festen Landes von Amerika durch die von Bristol absegelndenJohann und Sebastian Cabot, an der Küste von Labrador, zwischen 56° und 58° Breite, den 24. Juni 1497(also volle 13 Monate vor des Columbus Entdeckung des festen Landes in Südamerika, im östlichen Theileder Provinz Cumana bei Punta Redonda; Exam. crit. T. I. p. 309) findet sich auf Cosa’s Karte kein ursprüng-liches Zeugniss. Der von den Cabots berührte Punkt wurde von denselben immer mit dem Namen PrimaVista (terra primum visa) bezeichnet, gegenüber einer gleichen Insel, welche sie St. John nannten. Auf derWeltkarte von Juan de la Cosa finde ich unter den, den Engländern (d. h. den Cabots) zugeschriebenen Entdeckun-gen blos das Wort Cabo de San Johan neben einer grossen Isla de la Trinidad, etwa 3° südlicher als Cabot’sAngabe, wenn man überhaupt auf Cosa’s Breitenangaben viel fussen dürfte. Es ist hier der Ort zu erinnern, dassdiese sogenannten ersten Entdeckungen des festen Landes von Nordamerika durch Johann und Sebastian Cabot, vonSüdamerika durch Christoph Columbus doch nur ein Wiederauffinden des Neuen Continents genannt werden müssen.
|3| Ohngefähr ein halbes Jahrtausend früher, um das Jahr 1000, betrat schon Leif, der Sohn Erik’s, des Rothen, dasFestland des Staates Masachusetts, welches zu der Küstenstrecke Winland (so nannten die Amerikanischen Scandina-vier nie Neufundland, sondern die Küste zwischen Boston und New-York) gehörte. Nach den ältesten Sagen unddem Isländischen Landnamabuche sind selbst die südlichen Küsten zwischen Virginien und Florida unter dem Namendes Weissmännerlandes oder Gross-Island beschrieben worden. Zwischen Grönland und Neu-Schottland (Mary-land) gab es noch Verbindungen bis 1347, zwischen Grönland und Bergen in Norwegen bis 1484, also bis siebenJahre nach dem Zeitpunkte, wo Columbus Island besucht hatte. (Kosmos, Bd. II. S. 269 — 277 und S. 457 — 461.)
Der Karte von Juan de la Cosa bleibt ihr Vorrang , und wenn in Italien, wie sehr zu wünschen wäre,eine Karte von den frühesten Entdeckungen aufgefunden würde, die Bartholomè Colon gezeichnet und die später nochin den Händen des Venetianischen Cosmographen Alessandro Zorzi, Herausgeber und Sammler (raccogglitore) desMondo novo (der Raccolta Vicentina von 1507) sich befand. Diese bis jetzt für uns verlorene Seekarte war von1505, also doch fünf Jahre neuer als Cosa (Exam. crit. T. IV. p. 80.). Eben so sind für uns verloren: die von ChristophColumbus 1498 gezeichneten Karten der Insel Trinidad und der Küste Paria, deren in dem berühmten Processe gegendie Erben Erwähnung geschieht (Exam. crit. T. I. 188); die Karte der Entdeckungen von Amerigo Vespucci, dieTrithemius (der Benedictiner-Abt von Trittenheim) klagt wegen grosser Theuerkeit nicht haben kaufen zu können(Exam. crit. T. I. p. 87 und T. IV. 141); die Seekarte, welche nach einem Briefe von Angelo Trivigiano, vom21. August 1501, Columbus für diesen seinen „grossen“ Freund in Palos durch Domenico Malpiero zeichnen liessund die alle bis dahin im Westen neu entdeckten Länder darstellte (Exam. crit. T. IV. p. 71). Das Wappen selbst,welches nach der ersten Entdeckungsreise dem Christoph Columbus von Ferdinand und Isabella den 20. Mai 1493als Admiral gegeben wurde (para sublimar su persona), enthielt auch eine kleine Seekarte. Man sieht darineine Gruppe von Inseln in einem Golf, der, wie Oviedo sagt, von einer tierra firme de las Indias gebildet wird.Die Insel Cuba selbst wurde nämlich gleich Anfangs für ein Festland (tierra firme) angesehen, und auf der zweitenReise liess Columbus den 12. Juni 1497 diesen Glauben in einem eigenen Documente von 80 Mitreisenden als eineunumstössliche Wahrheit beschwören . Juan de la Cosa (maestro de hacer Cartas) war einer dieser Zeugen.(Exam. crit. T. IV. p. 239.)
Diese Notiz über die bisher entdeckten ältesten gezeichneten Karten der Neuen Welt ist noch mit der Be-trachtung zu beendigen, dass man, bis zu meiner Veröffentlichung (1832) der Weltkarte von Juan de la Cosa aus derBibliothek des Baron Walkenaer zu Paris, für die ältesten gezeichneten Karten zwei in der Militär-Bibliothekzu Weimar aufbewahrte von 1527 und 1529 hielt. Sie sind 21 bis 23 Jahre neuer als des Columbus Todesjahr undwesentlich von einander verschieden, obgleich Sprengel in der Deutschen Uebersetzung der „Geschichte der NeuenWelt von Muñoz“ (Th. I. p. 429) sie irrthümlich für identisch hielt. Beide bezeugen den Reichthum des Materials,der dabei angewandt worden ist, da die Configuration von Nord- und Südamerika und beider Zusammenhang durchdie Landenge von Panama im Allgemeinen unseren jetzigen Karten sehr ähnlich sind. Die Weltkarte von 1527stammt aus der Ebner’schen Bibliothek zu Nürnberg her. Ebner hatte geglaubt, sie sei erst in der Bibliotheca Colom-biana zu Sevilla gewesen, deren Stifter des Christoph Colon gelehrter Sohn, Don Fernando Colon, war. Ich habeGelegenheit gehabt, diese Karte von 1527 mehrfach in Weimar genau zu untersuchen. Sie ist genannt in Murr,Memorabilia Bibl. Norimb. T. II. p. 97. und genau beschrieben von Baron von Lindenau in Zach’s Monatl. Cor-respondenz, October 1810. Der vollständige Titel heisst: Carta universal en que se contiene todo lo que delMundo se a descubierto hasta aora, hizola un Cosmographo de Su Magestad MDXXVII. In der anderenWeltkarte ist der Cosmograph, der sie verfasst hat, deutlich genannnt; es ist Diego Ribero, Cosmographo de S.M. und (seit 1523), maestre de hacer Cartas, Astrolabios y otros instrumentos, ein Mann, der nie in Amerikawar, aber wohl mit Don Fernando Colon, dem zweiten Sohne des grossen Admirals, mit Sebastian Cabot und JohannVespucci, Neffen des Amerigo, dem berühmten, geographisch-astronomischen Congress an der Puente de Caya(zwischen Bajadoz und Yelves) beiwohnte, ein Congress, in welchem die Längengrade festgesetzt wurden, welchedie Territorial-Grenzen zwischen den Kronen von Spanien und Portugal in den neu entdeckten Ländern werdensollten. (Exam. crit. T. II. p. 180 — 186.) In der anonymen Karte von 1527 sind die Küsten der Südsee bloss imGolf von Panama angedeutet, man sieht nichts vom Littoral des Choco oder dem von Quito: in der Karte von Ribero(1529) erkennt man dagegen die Südseeküsten von Panama an bis zu 10° südlicher Breite.
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Wenn acht Jahre nach der Entdeckung von Amerika durch Christoph Columbus die von Juan de la Cosagezeichnete Weltkarte schon ein allgemeines Bild der Antillen, eines grossen Theils von Südamerika und der nördlichenEntdeckungen der Cabote darlegte, so gehörte dieselbe Zahl von Jahren wieder dazu, um in der mit modernen KartenEuropäischer Länder bereits längst bereicherten Geographie des Ptolomäus endlich einmal Theile des Neuen Continentsauf Kupferplatten abgebildet zu sehen. Nichts davon, wie wir bereits oben bemerkt, war vorhanden in der RömischenAusgabe von 1507, edirt von Bernardinus de Vitalibus und dem Brescianer Evangelista. Theile des Neuen Continents,nämlich das noch nicht ganz umschiffte und anonyme Cuba, Haiti, die kleinen Antillen und ein beträchtliches Stückvon Süd-Amerika (hier Terra Sanctae Crucis sive Mundus Novus genannt), bis 40° südlicher Breite, findensich zuerst in einer Weltkarte von Johannes Ruysch (Germanus), die in der Römischen Ausgabe des Ptolemäusvon 1508 erscheint. Der Text derselben ist von dem der Ausgabe von 1507 gar nicht verschieden, er ist wieein blosser Nachdruck, und dazu noch ein päpstliches Privilegium vom 28. Julius 1506 beigefügt. (Ueber diesewichtige Karte von 1508 s. Walkenaer, in den Recherches géographiques sur l’Interieur de l’Afrique septen-trionale p. 186, wie auch in der Biographie universelle, T. VI. p. 207.) Der Titel der Karte ist: Universaliorcogniti Orbis Tabula ex recentibus confecta observationibus. Von Nordamerika ist Nichts zu sehen, weil Neufundlandunter dem Namen Terra Nova und Bacalauras mit Grönland (Gruentland) zu dem nordöstlichen Theile von Asiengerechnet sind, zu dem Theile, in dem man „Desertum Lob und Judaei inclusi“ unter dem Polarkreise; Gog undMagog, Karocoam (die Mongolen-Hauptstadt Karacorum) und Tibet findet. In den Asiatischen Bergi extremis wirdangegeben, „dass der Seecompass nicht mehr weist,“ eine Vermuthung über die Lage des Magnetpols. Eine andereAnmerkung sagt, dass die Insel Haiti (Spagnola) das goldreiche Zipangu (Sipangus) des Marco Polo sei und dassdieser Identität wegen man Zipangu weggelassen. Der abgebildete Theil von Südamerika, Terra Sanctae Crucis,ist gegen Westen unbegrenzt geblieben. Dort ist keine Südseeküste angegeben. Die östliche Küste hat vielePositionen mit Namen, deren südlichste (lat. 32° und 33° austr.) Rio de St. Vincent und Rio de Cananor sind.Wir werden weiter unten zeigen, welches Interesse sich an diese Namen, wegen des von Herrn Professor Ghillany
beschriebenen Schöner’schen Globus von 1520, knüpft. Was man von Südamerika in der Karte von Johann Ruysch(1508) sieht, von der ich ein Amerikanisches und Ostasiatisches Fragment im fünften Theile meines Examen critiquede la Geographie du Nouveau Continent habe stechen lassen, endet keineswegs pyramidalisch in einem spitzen Winkel.Die von Rio de Cananor an unbenamt bis 40° südlicher Breite fortlaufende Küste ist von Norden gegen Süden ge-richtet. Sehr merkwürdig ist es, dass in dieser Ausgabe des Ptolemäus von 1508 (gedruckt von Evangelista Tosino undbearbeitet oder vielmehr commentirt von Marcus aus Benevent und Johann Cotta) zweimal deutlichst gesagt ist: diePortugiesen seien in ihrer Schifffahrt bis 50° südlicher Breite gekommen und hätten noch kein Ende des Landesgefunden. „Nautae Lusitani partem hanc terrae (Sanctae Crucis) observarunt et usque ad elevationem poli antarctici50 graduum pervenerunt, nondum tamen ad ejus finem austrinum. Terra Sanctae Crucis (setzt dieser Bemerkungvon Ruysch, die auf der Karte selbst gestochen ist, Marcus Beneventanus im 14. Capitel seiner Nova Orbis descriptio
hinzu) decrescit (also Verschmälerung!) usque ad latitudinem 37° austr., quamque Archiploi usque ad lat. 50° austr.navigaverint, ut ferunt; quam reliquam portionem descriptam non reperi. Dies führt bis 2° ½ nördlichvon der Magellanischen Meerenge und beweist, dass Ruysch sich entweder auf Vespucci’s Behauptung, er sei in derdritten Reise (1501 und 1502) vom Cap San Augustin an auf offener See bis 50° oder 52° südlicher Breite gelangt(Ex. crit. T. IV. p. 121. und T. V. p. 20.), gründet, oder dass zwischen 1500 und 1508 heimliche Expeditionenvon den Portugiesen unternommen wurden, deren bestimmte Epochen und Anführer uns unbekannt geblieben sind(Examen crit. T. V. p. 5 — 9.).
Wir kennen genau nur die Chronologie der Spanischen Entdeckungen an der Ostküste von Südamerika.Nachdem Christoph Columbus den 1. August 1498 die Nordostküste der Provinz Cumana, nicht den bergigen Theilvon Paria, sondern bei Punta Redonda, nahe dem Caño Macareo als das erste Festland von Amerika
seit den Scandinaviern entdeckt hatte, gelangten Alonzo de Hojeda (mit Juan de la Cosa und AmerigoVespucci) 1499 bis 3° nördlicher Breite; Vicente Yañez Pinzon im Jahr 1500 bis zum Vorgebirge San Augustin in8° 20′ südlicher Breite und, wenige Wochen darauf, Diego de Lepe eben dahin. Dieser bemerkte, was für dieVermuthungen über die pyramidale Gestaltung von Südamerika nicht ohne Wichtigkeit gewesen ist, dass vom CapSan Augustin die Küste Nordost — Südwest läuft. Ohne von Vicente Yañez Pinzon und von Lepe etwas wissenzu können, berührte, von König Emanuel von Portugal ausgesandt, um auf dem von Gama eröffneten Wege nachCalicut zu segeln, Pedro Alvarez Cabral, wie zufällig, am 24. April 1500 die Brasilianische Küste unter 10° südlicher
|5| Breite, nur 25 geographische Meilen südlicher als das Vorgebirge San Augustin, zwischen der jetzigen Porto Francesund der Mündung des Rio San Francisco. Um die Windstillen des Golfs von Guinea und die Südwest-Winde zuvermeiden, die zwischen den Caps Palmas und Lopez wehen, hatte Cabral auf der Fahrt nach dem Vorgebirge derguten Hoffnung den Aequator zu weit westlich durchschnitten und war dadurch, wie Rennell’s Karten der Meeres-strömungen deutlich zeigen, durch den mittleren Aequatorialstrom in den gefürchteten Brasilianischen Stromgelangt. Aus einem Briefe des Königs Emanuel an Ferdinand, den Katholischen, (29. Juli 1501) wissen wir, dassman damals das von Cabral entdeckte Land für eine abgesonderte Insel und gar nicht mit dem von Columbus ent-deckten Paria zusammenhängend hielt, aber gleich erkannte, wie nützlich die Lage derselben für die Schifffahrt nachOstindien sein würde. „La qual tierra pareció que milagrosamente quiso nuestro Señor que se hallase, porque esmuy conveniente y necessaria para la navegacion de la ludia, porque alli Pedro Alvarez (Cabral) reposò sus naviosy tomi agua.“ Als Cabral von seinem Landungsplatze noch längs der Brasilianischen Küste bis 16° ½ südlicher Breite,ohngefähr bis Porto Seguro, weiter vorgedrungen war, wandte er sich, begünstigt von Rennell’s southern con-necting Current, in Ostsüdost nach der Lagullas-Bank bei dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Die nächstfolgendeSpanische Expedition war die von Vicente Yañez Pinzon und Juan Diaz de Solis, welche die Küsten vom VorgebirgeSan Augustin bis Rio Colorado, also auch nur bis 40° südl. Breite besuchte. Es war dieselbe erst den 29. Juni 1508von San Lucar ausgelaufen, als schon in der oben beschriebenen Ausgabe des Ptolomäus die Weltkarte von Ruyschund der Commentar von Marcus Beneventanus zu Rom erschienen waren, in denen „von Portugiesischen Entdeckungenbis 50° südl. Breite geredet wird.“ (Exam. crit. T. I. p. 315 — 322.) Selbst in der zweiten Expedition, in der JuanDiaz de Solis den Tod fand, gelangte man im Jahr 1515 von der damals zuerst erkannten Mündung des La Plata-Stromes (Mar dulce, Rio de Solis) südlich kaum weiter als 35°. Erst in der Expedition von Magellan erreichte den in derWeltkarte von Johann Ruysch (1508) erwähnten 50. Grad südl. Breite der Capitän Juan Serrano bei der Mündungdes Rio de Santa Cruz (lat. austr. 50° 18′) im October 1520. (Exam. crit. T. II. p. 23.) Endlich in der Expeditionvon Fray Garzia de Loaysa, also 5 Jahre nach Juan Serrano, fand Francisco de Hoces, der die Caravela S. Lesmescommandirte, 1526, was er „die Südspitze des Amerikanischen Continents“ (acabamiento de tierra
nennt, nachseiner Beobachtung in 55° südl. Breite. (Exam. crit. T. V. p. 254.) Das Cap Horn, der südlichste Hornblend-schieferfels einer kleinen Insel, liegt in lat. 55° 58′ 41″.
Die Römische Ausgabe des Ptolemäus von 1508 enthält, wie wir bereits bemerkt, die erste gestocheneKarte von Theilen des Neuen Continents, doch ohne den Namen Amerika. Dieser Name erscheint in keinerAusgabe des Ptolemäus vor dem Jahre 1522, wohl aber schon, wie wir bald hier zeigen werden, 1507 imIlacomylus; 1509 in dem anonymen Strassburger Werke: Globus mundi declaratio; 1512 im Commentar von Vadianuszum Pomponius Mela; 1520 in der gestochenen Weltkarte des Petrus Appianus, die der Ausgabe des Solinus vonCamers beigefügt ist. Wie ist der Name Amerika entstanden? Wer hat ihn gegeben?
Christoph Columbus starb zu Valadolid den 20. Mai 1506, und ein Jahr darauf erscheint in einem Werke:Cosmographiae Introductio cum quibusdam Geometriae ac Astronomiae principiis ad eam rem necessariis. Insuperquatuor Americi Vespucii navigationes, gedruckt ohne Namen des Verfassers in den Vogesen, in der kleinen Lothrin-gischen Stadt Saint Dié (Diey) an der Meurthe, der auf einem blossen Irrthum beruhende Vorschlag, dem neuenWelttheil „zu Ehren seines Entdeckers, Vespucci“ den Namen Americi terra vel America zu geben. Dieser erstenAusgabe vom Mai 1507, dem Kaiser Maximilian im Namen des Gymnasium Vosagense zu Saint Dié gewidmet, folgtezu Strassburg eine andere von 1509, in der der Verfasser sich ex Sancti Deodati oppido in der Vorrede als
Martinus Ilacomylus unterschreibt. Noch 2 andere Editionen erschienen in Venedig 1535 und 1554. Trotz dieserVervielfältigung ist dies Werk, welches den wahren und ersten Ursprung des Namens Amerika erweist, so seltengeblieben, dass 1832 in Paris nur ein einziges Exemplar und nicht einmal auf der königlichen Bibliothek existirte(Ex. crit. T. IV. p. 104). Robertson und selbst Muñoz haben sein Dasein gar nicht gekannt. Der gründlichsteForscher der geograph. Entdeckungen im Neuen Continent, Navarrete, hielt das Oppidum divi Deodati für die StadtTata oder Dotis in Ungarn und den Hylacomylus (er schrieb sich bald mit, bald ohne H) für einen Ungar. MeineUntersuchungen haben unwidersprechlich gelehrt, dass Hylacomylus ein Deutscher, Lehrer der Geographie am Gym-nasium zu Saint Dié und aus Freiburg im Breisgau gebürtig war. Sein Name war Martin Waldseemüller (oderWaltzemüller). Er hatte wenig vor 1507 in St. Dié selbst eine Buchhandlung gestiftet, war ein genauer Freund vonPater Reisch, dem Karthäuser-Prior bei Freiburg, Verfasser der encyclopädischen Margarita philosophica und des
|6| berühmten Philologen Mathias Philesius (Ringmann); er bearbeitete zugleich Handschriften des Ptolomäus unddie Reiseberichte, welche Amerigo Vespucci an den grossen Beschützer der Geographie, Herzog Renatus II. vonLothringen, Grafen von Provence (Enkel des Renatus I. von Anjou, und dadurch Anspruch machend auf den zwei-fachen Titel der Königthümer von Sicilien und Jerusalem) richtete. Der Munificenz dieses Fürsten verdankt mandie schöne Strassburger Ausgabe des Ptolemäus von 1513, die, wie ausdrücklich darin gesagt wird, sechs Jahre
früher in den Lothringischen Vogesen (Lotharingiae terrae latebris, Vosagi rupibus) begonnen war. (Ex. crit. T. IV.p. 109.) In diesem Ptolemäus von 1513 findet sich, dieses fürstlichen Einflusses wegen, unter den Regionen extraPtolemäum eine Karte von Lotharingia, vastum Regnum. Die Karten im Ptolemäus von 1522 aus Strassburg(bei Johann Grüninger) sind alle, wie Phrisius ausdrücklich sagt, von der Hand des Ilacomylus (sunt tabulae enovo a Martino Ilacomylo pie defuncto constructae). Ex. crit. T. IV. p. 116. Forschungen, die auf meineBitte in den Universitäts-Archiven von Freiburg im Breisgau angestellt wurden, haben endlich 1836 dahin geführt,dass der Herr Professor und Bibliothekar Schreiber in den wohl aufbewahrten Universitäts-Matrikeln des 15. Jahr-hunderts die Worte aufgefunden hat, die ich habe lithographiren lassen: „Martinus Waltzemüller de Friburgo,
Constantiensis dyœcessis wurde als Student eingeschrieben unter dem Rectorate des Conrad Knoll von Grüningen,den 7. Dec. 1490.“ Schon Ortelius hatte im Theatrum Orbis terrarum 1570 die Vermuthung ausgesprochen, „dassder Geograph Martinus Ylacomilus Friburgensis, Verfasser einer Karte von Europa, und Martin Waldseemüller, Ver-fasser einer Weltkarte (tabula navigatoria oder marina) eine und dieselbe Person sei.“
Die endliche Ergründung der persönlichen Verhältnisse des Mannes, der den Namen Amerika dem neu ent-deckten Welttheile zu geben anrieth, und die sichere Bestimmung des Jahres (1507), in dem dieser geographischeName entstand, sind um so wichtiger, als sie den zuerst (1533) von Schöner angeregten, später von Fray Pedro Simonin den Noticias historicas de las Conquistas, von Solorzano und Herrera verbreiteten Verdacht widerlegt, als habe AmerigoVespucci als Piloto major in Karten, die er in Sevilla zeichnen liess, das Wort Amerika auf die neu entdecktenKüsten gesetzt. Vespucci wurde erst am 22. März 1508, also ein Jahr, nachdem in Lothringen die Quatuor Navi-gationes (übersetzt de vulgari Gallico in Latinum) erschienen, zum Piloto major ernannt. (Ex. crit. T. IV. p. 157.T. V. p. 167. 173. 206 u. 207.) Der Gedanke, einen neuen Welttheil entdeckt zu haben, ist nie bei Vespucci, sowenig wie bei Columbus entstanden. Beide sind in dem festen Glauben gestorben, Theile von Asien entdeckt zuhaben. Nur vier Jahre vor seinem Tode schreibt Columbus noch an den Pabst Alexander VI.: „ich habe Besitzgenommen von 1400 Inseln und habe entdeckt 333 Leguas von dem Festlande von Asien.“ (Ex. crit. T. IV. p. 9.234. 257 u. 299. T. V. p. 181.) Vespucci ist gestorben den 22. Februar 1512 (nicht 1508, wie Robertson, nicht1516, wie Bandini und Tiraboschi wollen), ohne zu erfahren, welche Ehre die Geographen seinem Namen angethan.Auf Karten erschien der Name erst 8 Jahre nach seinem Tode. Merkwürdig ist es, dass Ferdinand Columbus, derals Biograph des grossen Vaters mit unerbittlicher Strenge Alles verfolgt und widerlegt, was den Ruhm des Vatersschmälern konnte, in seinem erst 1533 beendigten Werke nie Unwillen gegen Vespucci bezeigt, ja der so ungerechtenund schon damals weit verbreiteten Benennung „Amerika“ nie erwähnt. Dieser Umstand hat schon die Verwunderungdes berühmten Bartolomé de las Casas, Bischof de la Ciudad Real de Chiapa oder Cacatlan, erregt, der in seinemlangen Werke, das leider! immer nur noch handschriftlich existirt, in den verschiedenen Epochen der Redaction von1527 bis 1559 allmälig heftiger und heftiger gegen Vespucci auftritt, je nachdem er den Namen des neuen Welttheils,Amerika, mehr und mehr sich verbreiten sieht.
Ich habe in zwei Epochen meines Lebens, in Paris 1838 und in Berlin 1847, die vier Folio-Bände der
Abschrift von des Las Casas Historia general de las Indias, die Jahre 1492 bis 1520 enthaltend, gründlich zuuntersuchen Gelegenheit gehabt. Die Abschrift hat ursprünglich Herrn Ternaux-Compan gehört und ist wahr-scheinlich dieselbe, welche ich im Mai 1799 vor meiner Einschiffung nach Amerika in Madrid in den Händendes ausgezeichneten Geschichtsschreibers Don Pedro Muñoz gesehen. Fray Bartolomé de las Casas war 1474 ge-boren und starb 60 Jahre nach dem Tode seines Freundes Christoph Columbus in dem Alter von 92 Jahren. Indem lib. I. cap. 140. pag. 693 heisst es noch mit einiger Schonung: „Auch ist hier zu erwähnen la injusticia yel agravio, welche gegen den Admiral (Columbus) begehen, sei es jener Americo Vespuccio selbst, seien es die,welche seine vier Seereisen drucken liessen (que aquel Americo Vespucio parece aver hecho al Almirante),indem sie dem Vespucio in ihren Lateinischen Schriften oder in modernen Sprachen, wie auch in Landkarten, dieEntdeckung des Welttheils zuschreiben.“ Die Wendung parece, „es hat das Ansehen“, ist sehr mildernd und zeigtden Zweifel an, ob wohl Vespucio selbst an dem Uebel schuld sein möge. Nachdem in demselben Capitel pag. 696die wahren Verhältnisse von Amerigo, der als Lootse (Piloto), oder als Kaufmann (mercador), oder vielleicht alsActionär an der Expedition des Alonso de Hojeda betheiligt, sich im Mai 1499 eingeschifft hatte, entwickelt wordensind, setzt Las Casas hinzu: die falsche Angabe der Abreise in 1497 ist eine grosse Bosheit, wenn die Angabe eine
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geflissentliche (nicht aus Versehen entstandene) ist. War sie auch wirklich keine absichtliche, so scheint siees doch. Wahr ist freilich, dass die Zahl 97 vielleicht nur ein blosser Schreibfehler sei und dass nichts Strafbaresdarin liege. („Que partió Amerigo a 20 de Mayo 1497 parece falsedad: y si fué de industria hecha maldad grande fue:y ya que no lo fuese al menos parecelo. — Verdad es que parece aver avido yerro y no malicia en esto.“) DieseUnklarheit des Styls, diese Schwankungen zwischen dem, was absichtlicher Betrug oder zufällige Verwirrung derEpochen sei, findet sich wieder pag. 699: „Tambien se pudo errar la pendola en poner el año de nueve por el deocho al fin quando trata Amerigo de la vuelta á Castilla y si asi fuera era cierta la malicia. Desta falsedad o yerrode pendola o lo que aya sido han tomado los escriptores extrangeros de nombrar la nuestra tierra firme America,como si Amerigo solo y no otro que el, y antes, la oviera descubierto, parece pues quanta injusticia se hizo si deindustria se le usurpó lo que era suyo al Almirante Don Christobal Colon.“ In dem 164. Capitel des ersten Buchesp. 827 hört aber alle Scheu auf, den Vespucci, welchen Columbus fast bis zum Tode seinen Freund nennt, ungerechtzu beschuldigen. Das Buch de las quatro Navegaciones (pag. 693 und 695) mit dem Prologo: „que hizo Amerigoal Rey Renato de Napoles“ hat mit vielen anderen Schriften, (z. B. dem Novus Orbis des Grynacus von 1532,der lib. II. cap. 2. p. 32 citirt ist) welche alle dem Columbus die erste Entdeckung rauben, den Bischof allmäligauf’s Aeusserste gereizt. Er sagt ausdrücklich: es gereue ihn, in dem Cap. 140 die malicia des Amerigo fürzweifelhaft gehalten zu haben. Er hat sich von der gran falsedad y maldad jetzt überzeugt, ohne uns seineGründe anzugeben. („En el capitulo 140 del libro I. trabage de poner por dudoso si el Amerigo avia de industria
negado tacitamente este descubrimiento primero aver sido hecho por el Almirante y aplicado á si solo, porqué noavia mirado lo que despues colegi de los mismos escriptos del Amerigo con otras escripturas que de aquellos tiempostengo y he hallado. Por lo qual digo aver sido gran falsedad y maldad la de Amerigo queriendo usurpar contrajusticia el honor devido al Almirante y la prueva desta falsedad por esta manera y por el mismo Americo quedaraclarificada.“) Seite 826 wird derselbe Ausspruch: „de industria lo hazia Vespucio“ wiederholt. Lib. I. cap. 165.p. 829; Lib. II. cap. 2. p. 23 und 26.
Kritischer und nicht ewig verwechselnd, was Andere dem Amerigo zuschreiben und was er von sich selbstbehauptet hat, verfuhr des Columbus Sohn, Don Hernando, der sich doch überall sonst so eifersüchtig auf denRuhm seines Vaters zeigt. Auffallend genug ist es, dass jener Mangel aller Anschuldigung des Amerigo imMunde des Don Hernando Colon dem eifernden Bischof selbst unerklärlich scheint und dass dieser Umstand ihndoch nicht in seinem Irrthum wankend gemacht. Ich finde Lib. I. cap. 164. p. 828 die merkwürdige Stelle: „Ame-rigo glaubte um so leichter zu betrügen, als er in Lateinischer Sprache (was, wie ich oben bewiesen, ganz falschist!) und weit ausserhalb Spanien an den König Renatus von Napolis schrieb, wo Niemand war, der ihm wider-sprechen konnte (enguañando al Mundo, como escrivia en latin y al Rey Renato de Napoles y para fuera de España,y no avia cubiertos? los que entonces esto sabian quien lo resistiese y declarase.) Um so mehr setzt es mich in Er-staunen, dass Hernando Colon, Sohn des Admirals, der doch ein Mann von so gutem Verstande und vieler Bedacht-samkeit war und der, wie ich bestimmt weiss, die oft genannten (vier) Navegaciones des Amerigo selbst besass,Nichts von dem Diebstahl und der Usurpation, welche Amerigo Vespucio gegen seinen erlauchten Vater begangen,gemerkt hat. („Maravillome yo de donde Hernando Colon, hijo del mismo Almirante: que siendo persona de muybuen ingenio y prudencia y teniendo en su poder las mismas Navegaciones de Amerigo, como lo sé yo:
no advertié en este hurto y usurpacion que Amerigo Vespucio hizo a su muy illustre padre.“) Eben so verwunderthätte der Bischof über das Stillschweigen von Petrus Martyr de Anghiera sein können, eines innigen Verehrers undpersönlichen Freundes von Christoph Columbus, dessen Oceanica 24 Jahre früher (1533) erschienen, als der Bischofsein Amerikanisches Geschichtswerk vollendete. Petrus Martyr, der so streng die Anmassungen von Cadamostorügt, spricht nur mit Lob von Amerigo Vespucci und von dessen Neffen (Johannes Vesputius Florentinus, AmericiVesputii nepos, cui patruus hereditatem reliquit artem polarem, graduum calculi peritiam). Ex. crit. T. IV. p. 125— 135. T. V. p. 188.
Der Ruhm von Christoph Columbus wurde seit seiner Rückkunft von der dritten Expedition durch die folge-reichen Unternehmungen von Vasco de Gama, Vicente Yañez Pinzon, Gaspar de Cortereal, Alvarez Cabral und Solis,durch die Entdeckung der Südsee, die Balboa zuerst sah, dermassen verdunkelt, dass zufällige Umstände, wie die Vor-liebe eines Deutschen Gelehrten für Amerigo Vespucci, erregt durch des Seefahrers Correspondenz mit Renatus vonLothringen, hinreichend waren, nicht bloss einem ganzen Welttheil den Namen Amerika zu geben, sondern auch,eben so wie jetzt oft Ross und Parry verwechselt werden, die Entdeckung des tropischen Festlandes bald dem Co-lumbus, bald dem Vespucci zuzuschreiben.
Es ist hier nicht der Ort, von Neuem zu zeigen, wie ich schon am Ende des 5. Bandes des Examen critique
de la Geographie gethan (p. 180—225), mit welcher Ungründlichkeit in der Erforschung der Thatsachen und mit
|8| welchem Mangel an historischer Kritik die Streitfrage über die Schuld oder Unschuld des Amerigo Vespucci bisherbehandelt worden ist. Es erhellt aus der Zusammenstellung aller Verhältnisse, dass Amerigo während seines Lebens(1451 — 1512) und mehr als 15 oder 20 Jahre nach seinem Tode für einen sehr ehrenwerthen Mann gehalten wordenist, dass er wegen seiner seemännischen Kenntnisse zu dem bedeutenden Range eines Piloto major en la nave-gacion de Indias ernannt wurde und mit den berühmtesten Seefahrern und Gelehrten seiner Zeit befreundet war.Die öffentliche Meinung erklärte sich erst dann gegen ihn, als man ihm Entdeckungen zuzuschreiben begann, welcheihm nicht zugehörten, ja selbst, was er nie veranlasst und wahrscheinlich nie erfahren hat, seinen Namen aufWeltkarten gesetzt hatte oder setzen wollte. Letzteres war dreimal vorgeschlagen worden: zuerst von Hyla-comylus (Waldseemüller) in Lothringen, Verfasser der Cosmographiae Introductio 1507, bald darauf (1509) vondem anonymen Verfasser des kleinen Buches Globus, Mundi declaratio, sive descriptio totius orbis terrarum,
gedruckt bei Grüniger zu Strassburg ; endlich (1512) in der Epistola Vadiani ab eo pene adolescente (geboren1484 war er doch schon 28 Jahre alt) ad Rudolphum Agricolam juniorem scripta, begleitend des VadianusAusgabe von Pomponius Mela de situ Orbis, die erst 1522 erschien. Zur wirklichen Ausführung kam aber derVorschlag erst auf der Weltkarte des Petrus Apianus (Bienewitz), die der Ausgabe des Camers von Sólini Polyhistoriades Jahres 1520 angehängt ist. Auf dieser von einer Kupferplatte abgezogenen Karte ist zum ersten Male, alsoacht Jahre nach dem Tode von Amerigo Vespucci, der Name Amerika gesehen worden. Der Minorite Camers (seineigentlicher weltlicher Name war Giovanni Rienzzi Vellini, aus Camerino in Umbrien gebürtig und Lehrer in Wien)datirt seine Vorrede zum Solinus Viennae Pannoniæ VI. Calendas Febr. anno post Christi natalem MDXX. Apianus(Peter Bienewitz, geb. 1495 zu Leissnig bei Meissen), gibt folgenden Titel seiner Karte, auf der zuerst der Name
Amerika in dem südlichen Theile des Neuen Kontinents eingeschrieben ist: Typus Orbis universalis juxta PtolomeiCosmographi Traditionem et Americi Vespucii aliorumque lustrationes a Petro Apiano Leysn. elaboratus, Anno Do.MDXX. Der Isthmus von Panama ist auf der Karte des Apianus von einer Meerenge durchschnitten, was um somerkwürdiger ist, als dieser, bis in die neuesten Chinesischen Weltkarten fortgepflanzte offene Isthmus sich auch aufdem Globus von Johann Schöner findet, der dasselbe Alter hat. Dazu fügt die Karte des Apianus in der Ausgabedes Camers über den am grössten geschriebenen Namen Amerika die Inschrift hinzu: Anno 1497 haec terracum adjacentibus insulis inventa est per Columbum Januensem ex mandato Regis Castillae.
Eine wundersame Ideenverwirrung! Der südliche Theil des Neuen Continents wird nach Vespucci Amerikagenannt und doch eingestanden, dass das Land zuerst von Columbus entdeckt worden sei und zwar in dem gemein-hin der ersten Expedition des Vespucci fälschlich zugeschriebenen Jahre 1497, statt 1. August 1498 in des Colum-bus dritter Reise. Derselbe Apianus schreibt aber in seinem Cosmographicus Liber Landshutii 1524 fol. 69: „Ame-rica, quae nunc quarta pars terrae dicitur, ab Americo Vespucio eiusdem inventore nomen sortita est.“ Soleichtsinnig und wechselnd wurden damals Jahrzahlen und Namen der ersten Entdecker aufgestellt. (Humboldt inBerghaus Annalen der Erdkunde 1835 Bd. 1 Seite 211.)
Die Aehnlichkeiten, welche ich seit meinen frühesten Untersuchungen zwischen der Karte des Apianus und demGlobus von Schöner, beide aus dem Jahr 1520, bemerkt habe, veranlassen mich nun in ein näheres Detail einzu-gehen. Die freundschaftliche Mittheilung, welche mir Herr Professor Ghillany von einer schönen und genauenCopie der Ostküste von Südamerika vom Aequator bis zur Südspitze des Landes, wie sie der Globus von Schönerenthält, mit allen darauf befindlichen Namen gemacht, hat es mir erleichtert, zu erkennen, welche frühere KarteSchöner für Südamerika benutzt hat. Ich beginne die Vergleichung mit diesem Theile des Neuen Kontinents.
|9| Die Configuration der nördlichen und östlichen Küste von Südamerika ist bei Schöner richtiger, als bei Apianus indem Solinus von Camers (1520), am ähnlichsten ist sie aber der Karte von Johann Ruysch im Ptolemæus von 1508,der ersten in Kupfer gestochenen Karte der Neuen Welt, doch ohne den Namen Amerika. Eine grosse Verschie-denheit zeigt sich indess darin, dass in Ruysch keine Spur der westlichen Küste, so wenig als etwas vom Isthmusvon Panama und dem ganzen nördlicheren Theile des Kontinents angedeutet ist, während in Schöner und Apianusdie westliche Küste von Südamerika dargestellt wird zwar ohne alle Ortsnamen, doch aber so, dass man in Schöner diewichtige Einbiegung der Küste bei Arica erkennt. In Apianus ist die Configuration beider Küsten überaus schlechtund Südamerika bis 50° südlicher Breite, besonders vom Wendekreise des Steinbocks an, viel zu schmal in eine ein-fache Spitze ausgehend. Schöner hält den Kontinent breiter, lässt ihn aber schon bei dem Rio de Cananor endigen,wo jenseits einer Meerenge, als wäre es die Magellaens-Strasse, statt des Archipel des Feuerlandes ein ungeheures,vom 43° bis 55° südlicher Breite sich erstreckendes, auch von Ost nach West weitgedehntes Südland vorliegt. Esheisst dasselbe Brasilia inferior, zum Unterschiede von „America vel Brasilia sive Papagalli Terra.“ Im Ptolemaeusvon 1508 sieht man keine pyramidale Zuspitzung. Der graduirte Rand schneidet das Land schon 8° südlich vomRio de Cananor ab und bis zu diesem Rande läuft die Küste fast ganz von Nord gegen Süd. Die Ortsbenennungenauf der östlichen Küste sind auf beiden Karten, denen von Ruysch (1508) und Schöner (1520), wesentlich gleich,nur sind sie, wohl wegen des grösseren Massstabes, auf dem Globus zahlreicher. Die südlichste Angabe von Schö-ner ist auch die südlichste und letzte 12 Jahre später bei Ruysch. Dieser hat Rio de Cananor, Schöner Rio deCananorum. Im Ptolemæus liegt diese Flussmündung lat. austr. 30°, in der von Herrn Professor Ghillany publicirtenReduction des Globus wenigstens 10 — 12 Breitegrade südlicher. Dann folgen in beiden Karten von Süden ge-gen Norden: Rio de St. Vincent (Porto de Sct. Vincentia); Rio de S. Antonio; Rio Jordan; Bahia de Rees; Riode Sta. Lucia; Monte Pasquale (Pascoal) nach dem Briefe eines Begleiters des Cabral, Yaz de Caminha, anKönig Emanuel von Portugal, der erste Landungsplatz des Cabral an der Brasilianischen Küste, südlich von PortoSeguro, nach Ruysch lat. 15°, auf der Karte in Ptolemaeus cura Joannis Schottii (1513) unter 24° Br., nach sicherenCombinationen nahe an lat. 17° 1′; Rio de Brasil; Rio de S. Hieronymo und Caput S. Crucis bei Ruysch unter 5°, beiSchöner unter 10° südlicher Breite. Dieses Vorgebirge, als der gegen Osten am meisten vorgestreckte Theil desSüdamerikanischen Kontinents, verdient schon deshalb, als charakteristischer Theil der Gestaltung, die grösste Auf-merksamkeit. In der Geschichte der frühesten Entdeckungen nahm diese Wichtigkeit noch durch zwei andere Ver-hältnisse zu; durch die grosse Nähe der päpstlichen Demarkationslinie, welche die gegenseitigen Rechte zweierKronen bestimmte und durch den Umstand, dass von dort aus Diego de Lepe zuerst die veränderte Richtung derKüste gegen Süd-Süd-West (eine pyramidale Gestalt des ganzen Landes verkündigend) erkannte. Man ist zuerstverwundert, an diesem Punkte in beiden Karten weder den Namen: Vorgebirge des heil. Augustinus, noch dendes heil. Rochus, sondern einen sehr unbekannten Namen, C. Stac. Crucis zu lesen. Vicente Yañez Pinzon nahmzuerst Besitz (indem er Zweige abbrach und Seewasser trank!) von dem östlichsten Vorgebirge (20. Jan. 1500) undnannte es Cabo Santa Maria de la Consolacion; wenig später gab ihm Diego de Lepe den Namen Rostrohermoso. Vespucci erwähnt in seiner dritten Reise, in dem Briefe an den König Renatus nach der Ausgabe desIlacomylus, allerdings des Caps des Heil. Augustinus, aber er sagt keineswegs, wie Gomara will, dass die Benen-nung seine Erfindung sei. Nach demselben Texte aus St. Dié wird von Vespucci auch das östlichste Vorgebirgemit der Bemerkung, dass es unter 7° Breite liege, Cap des Heil. Vincent genannt, also nach Vergleichung mitden anderen Texten ein viertes Synonymon für Cap St. Augustin.
Der Mons S. Vincenti, den ich nördlicher (lat. 3°) in der Karte von 1508 (Ruysch) finde, hängt, wie dereben genannte Name des Vorgebirges mit dem Vornamen des ersten Entdeckers, Vicente Yañez Pinzon zusammen.Auf der Karte von Juan de la Cosa (1500) ist das Vorgebirge unbenannt geblieben. Es enthält aber doch eine bestimmteBezeichnung als: Este Cabo se descubriò en el año de mil y IIIIXCIX por Castilla, syendo su descubridor
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Vicenti ans.
Nahe dabei gibt Cosa einen Puerto Fermoso an, ein Name, der an den dem Diego de Lepe (von ande-ren aber dem Pinzon) zugeschriebenen Namen des Vorgebirges Rostro hermoso erinnert. Das fünfte Synonymon, umdas es sich in der Vergleichung der beiden Karten von 1508 und 1520 am meisten handelt, ist das Wort: Caput S.Crucis. Ich finde die deutlichste Erläuterung in dem Zeugenverhör, welches der Fiscus in dem Prozesse gegen dieErben des Columbus (1513 — 1515) führte. Manuel de Valdovinos aus Lepe, Begleiter des Pinzon in der Expedition,welche im Anfang 1499 aus Palos auslief, sagt: „Das Vorgebirge Rostro Hermoso, von dem man behauptet, dass esjetzt von Santa Cruz und von S. Augustin genannt wird.“ (per nombre Rostro hermoso que agora diz que seIlama Santa Cruz e San Augustin)
. Da Juan de la Cosa schon im Oktober 1500 (in der Reise von Rodrigode Bastidas nach dem Golf von Uraba und dem Isthmus von Panama) Europa wieder verliess, so konnte seine Kartenichts von den Brasilianischen Entdeckungen von Alvarez Cabral enthalten, von deren Wichtigkeit erst im Julius 1501Kunde nach Portugal kam. In dem Briefe des Königs Emanuel von Portugal an den Spanischen Monarchen (29. Juli1501) — ein umständlicher Bericht über die ganze Reise des Cabral —, heisst das neue Land noch nie Brasilien,
sondern Terra Sanctae Crucis. Eben so bedient sich Cabral’s Begleiter, Vaz de Caminha, nur derselben Benen-nung, doch wird das Wort Santa Cruz von ihm bisweilen in Terra da Vera Cruz verwandelt. Erst als die vermehrteAusfuhr des Färbeholzes den Namen Brasilienland gebräuchlicher gemacht hatte, findet man (z. B. in der Chronik vonGoës) beide Benennungen mit einander verbunden als Terra de Santa Cruz do Brasil. Die Bezeichnung desVorgebirges C. S. Crucis ist also wohl neuer, als die von C. San Augustin, und kann Beziehung auf Terra SanctaeCrucis haben, die freilich einem südlicheren Landestheile ursprünglich zugehörte. Sonderbar genug setzt Juan dela Cosa etwas westlicher die Mündung eines Flusses, in dem man ein Kreuz will gefunden haben: Rio do se hallouna Cruz! Die grosse Verschiedenheit der Breitenangaben für ein vielnamiges Vorgebirge lässt sich durch dieGestalt der weitausgedehnten vortretenden Convexität erklären, über deren wahre Gestaltung erst die hydrographischeAufnahme von Roussin und Givry (1826) Licht verbreitet hat. Nachdem die Küste des Pra Maranham vom Ausflussdes Amazonenstromes an (180 geographische Meilen lang) in der Richtung WNW. — OSO., ja in den Basses deSt. Roque selbst 20 Meilen lang W. — O. gelaufen ist, wendet sie sich bei der Pta. Toiro (lat. 5° 9′) und Bom Jesus 20′nördlich vom Cap S. Roque plötzlich NNW. — SSO. und bildet eine Convexität, bis sie, unter 8° Breite, von Olindade Pernambuco aus die Richtung NO. — SW. annimmt. Diese Convexität (zwischen den Parallelen von 5° 9′und 8° 0′) beträgt also etwas über 2° ¾′, eine Grösse, die noch um 21′ zu vermehren ist, wenn man den ganzenBreiten-Unterschied zwischen den Untiefen (Basses) von St. Roque (5° 9′) und Cap S. Augustin (8° 21′) in Anschlagbringt. Die wahre Lage des letztern Vorgebirges fällt schon ausserhalb der Convexität, also südlich von Pernambuco,aber, der geographischen Länge nach, doch noch 20′ östlicher als Cap S. Roque. Diese numerischen Bestimmungenverdienen deshalb einige Aufmerksamkeit, weil sie wegen der so verschiedenen, in den Karten von 1500, 1508, 1513,1520 und 1557 angegebenen Breiten vielnamiger Caps beweisen, dass die Seefahrer oft an ganz anderen Punktender Küste landeten und ihnen doch dieselben Benennungen ertheilten. Pinzon z. B. gibt dem Vorgebirge Rostrohermoso, das er zuerst in Besitz nahm, in seinem Reise-Journal 8° Breite; eben so die im Ptolemaeus von 1513copirte und etwas veränderte Karte von Ruysch. Hier ist also wirklich unser jetziges Cap S. Augustin (lat. 8° 21′)gemeint: ja Sebastian Cabot hat in der wegen der Lage der Demarkationslinie 1515 gepflogenen Berathung bestimmtZeugniss davon abgelegt, „dass Vespucci für das Vorgebirge des heil. Augustinus die Breite von 8° festgestellt habe.“Viel südlicher (auf 10°) scheint das Vorgebirge Sanctae Crucis auf dem Globus von Schöner zu fallen; dagegen liegtC. S. Crucis auf der Karte von Ruysch (1508) in lat. 4° ½, also dem Cap des heil. Rochus (5° 9′) nahe. An derStelle des letzteren findet man den Namen C. St. Augustin in der Karte von Brasilien, die der „Wahrhaftigen
Historia und Beschreibung einer Landschaft der wilden, nacketen und grimmigen Menschenfresser in der NeuenWelt“ des Hans Stader von Homburg (Marpurg 1575) angehängt ist. Denselben Namen gehört also nicht dieselbeBreite zu, keineswegs wegen Fehler der Breitebestimmungen, die damals nicht 3° betrugen, sondern weil anderePunkte gemeint sind.
Am wunderbarsten ist in beiden Karten von Schöner und Apianus (im Solinus von Camers), in Karten ausdemselben Jahre 1520, die eigenthümliche ganz gleiche schmale und ärmliche Darstellung von Nordamerika. Esführt dasselbe im südlichen Ende (in der Gegend von Nicaragua) den Namen Parias, den man dort wohl eben sowenig erwarten würde, als auf Schöners Globus die Worte Terra de Cuba zwischen dem 40sten und 50sten Gradnördlicher Breite, in den Staaten von Neu-England, während die Insel Cuba bloss Isabella genannt wird!
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Alles das zeugt nur von der Unwissenheit und Sorglosigkeit der Kartenzeichner, da in derselben Zeit schonin gedruckten Schriften viel genauere Materialien zum Gebrauch offen lagen. Bei der Willkür der Kartenzeichnerstehen die Karten oft im klarsten Widerspruche mit dem Zustande des geographischen Wissens in der Epoche, inder sie construirt sind. Ich habe Karten von Südamerika mit meinem Namen bezeichnet gesehen, in denen das Fa-belmeer, Laguna Parime, dargestellt ist, dessen Nichtexistenz ich erwiesen habe. Die wunderbar abnorme Gestaltvon Nordamerika (Mexico und den Vereinigten Staaten) als ein schmales Parallelogramm, das unter 50° Breite durcheine O—W. laufende Küste scharf abgeschnitten ist, habe ich ausser in den Arbeiten von Apianus und Schöner (1520)auch wiedergefunden auf einem unedirten Globus der Weimarschen Militairbibliothek, welcher für vieles älter als 1534gehalten wird; dann im Orbis Novus des Grynaeus (Baseler Ausgaben von 1532 und 1555), zuletzt in einemPtolemaeus von 1511 aus Venedig cura Bernardi Sylvani Eboliensis, den die Bibliothek des Arsenal zu Paris besitzt.Die letzte Angabe ist mir aber zweifelhaft; vielleicht ist die Karte nur durch Zufall eingeklebt, denn in dem Exem-plar dieser schlechten Venetianischen Ausgabe von 1511, welche sich in dem überreichen geographischen Schatzedes Baron Walckenaer befindet, fehlt dieselbe. Man findet statt ihrer zwei gekuppelte, herzförmig projicirte Welt-karten, deren eine den Neuen Kontinent darstellt ohne den Namen Amerika, aber mit der einzigen Ortsinschrift:Terra Sanctae Crucis et Cannibales. So unförmlich auch dieses Bild von Nordamerika als schmales Parallelogrammist, so erkennt man doch darin die Halbinseln Florida und Yucatan; besonders, als weiten Rachen, mit vielen klei-nen Inseln gefüllt, den Mexicanischen Meerbusen. Die nördliche Küste ist ganz einförmig von N. gegen S. ge-richtet. Ueberall, wo diese schmale parallelogrammartige Gestaltung von Nordamerika sich zeigt, ist die Landengevon Panama als geöffnet abgebildet. Auf dem Weimarschen Globus sieht man sogar ein Schiff durch die Meerenge,von den Antillen kommend, nach Zipangri (Japan) „ubi auri copia“ segeln. Eben solchen Durchbruch zeigt eineKarte von Isolario di Benedetto Bordone in der ersten Venetianischen Edition von 1528 — und doch hatten VascoNuñez de Balboa und Alonzo Martin de San Benito, im September 1513 in das Stille Meer vordringend, schondie trennende Landenge überschritten.
Am Schlusse dieser Untersuchung der Quellen, aus denen Schöner zur Anfertigung seines Globus von 1520geschöpft hat, muss ich den Ausdruck der Verwunderung wiederholen, wie 13 Jahre später derselbe Schöner in dem
Opusculo geographico Norimb. 1533 (T. II. cap. 1 und 20) wieder die Neue Welt für einen Theil von Asien er-klären, die Stadt Temistitan (Mexico) für das von Marco Polo beschriebene Quinsay in China halten und (T. I.cap. 2) die Alten (wahrscheinlich Hicetas und Aristarch von Samos?) tadeln konnte, die Rotation der Erde anzu-nehmen und diese wie in einem Bratenwender zu bewegen, damit sie von der Sonne gebraten werde.
Die Capita rerum aller Untersuchung über die Geschichte der Karten des Neuen Kontinents lassen sich auffolgende 4 Fragen reduciren:
1) Welches ist die älteste aufgefundene Karte von Amerika unter den gezeichneten?
2) Wann und durch Wen ist vorgeschlagen worden, dem Neuen Welttheil den Namen Amerika zu geben?
3) Welche ist die älteste gestochene Karte des Neuen Welttheils ohne den Namen: Amerika?
4) In welchem Jahre und wo ist zuerst eine Karte mit dem Namen Amerika erschienen?
Folgendes ist meine Beantwortung auf jene vier Fragen:
- ad 1) Die älteste Karte des Neuen Welttheils, die bisher unter den gezeichneten Karten aufgefunden worden, istdie des Juan de la Cosa von 1500, die ich im Jahre 1832 erkannt und theilweise zuerst edirt habe (s. obenSeite 1). Bis 1832 wurden für die ältesten Karten von Amerika gehalten: zwei in der vortrefflichen Mili-tair-Bibliothek zu Weimar aufbewahrte Welttafeln von 1527 und 1529. Die letztere, ein Werk des grossenCosmographen Diego Ribero, ist 1795 von Sprengel und Güssefeld publicirt worden.
- ad 2) Der Vorschlag, dem Neuen Welttheil den Namen Amerika zu geben, ist von Martin Waltzeemüller (Hylacomy-lus), aus Freiburg im Breisgau gebürtig, Lehrer der Geographie am Gymnasium zu Saint Dié in Lothringen,1507 ausgegangen, ganz ohne Theilnahme und Wissen des Amerigo Vespucci. Der Vorschlag ist enthaltenin der ersten anonymen, dem Kaiser Maximilian Namens des Gymnasium Vosagense zu St. Dié gewidmeten
|12| Ausgabe des Werkes: Cosmographiae Introductio cum quibusdam Geometriae ac Astronomiaeprincipiis ad eam rem necessariis. Insuper quatuor Americi Vespucii Navigationes. Am Endeliest man: Finitum VII. kl. Maji anno supra sesquimillesimum VII.
- ad 3) Die erste gestochene Karte von einem Theile des Neuen Kontinents, aber ohne den Namen Amerika, ist dievon Ruysch gezeichnete, und der Römischen Ausgabe des Ptolemaeus von 1508 (correcta a Marco Beneven-tano et Joanne Cotta) angehängte Weltkarte.
- ad 4) Die erste gestochene Karte des Neuen Welttheils mit dem Namen Amerika ist die Weltkarte des PetrusApianus 1520, welche der Camers’schen Ausgabe des Solinus von 1522 beigegeben ist. Auch auf dem merk-würdigen Globus, den in demselben Jahre 1520 (mit pecuniairer Unterstützung seines Freundes Johann Sey-ler’s) zu Bamberg Johann Schöner zeichnete und der gegenwärtig in der Nürnberger Stadtbibliothek aufge-stellt ist, liest man die Benennung Amerika. Unter allen Ausgaben der Geographie des Ptolemæus ist, wieschon der Baron Walckenaer bemerkt hat, die Strassburger Ausgabe von Laurentius Phrisius im Jahr 1522edirt, die erste, welche auf dem Orbis typus universalis iuxta hydrographorum traditionem denNamen Amerika enthält. Es ist überaus merkwürdig, dass diese Ausgabe von 1522 auch diejenige ist,in welcher (Liber VIII. cap. 2) der Martinus Hylacomylus (Waldseemüller), jam pie defunctus, als Zeich-ner und Bearbeiter eines grossen Theils der zu dieser Ausgabe gehörigen Karten genannt wird. Lauren-tius Phrisius, in Colmar geboren, war im Dienst des Herzogs von Lothringen und lebte zu Metz, also St.Dié nahe. Er konnte sich schon dieser Nähe wegen nicht zuschreiben, was dem Hylacomylus gehörte. Ersagt deshalb mit grosser Freimüthigkeit in der oben bezeichneten Stelle der Ausgabe von 1522: Et ne nobisdecor alterius elationem inferre videatur, has tabulas a Martino Ilacomylo pie defuncto con-structas et in minorum quam prius unquam fuere formam redactas esse notificamus. Huic igi-tur et non nobis, si bonae sunt, pacem et custodiam in caelesti Ierarchia .... Caetera veroquae sequuntur nos perfecisse scias. Man kann also mit grosser Sicherheit annehmen, dass der Deutsche,aber in Lothringen lebende Gelehrte, der die Benennung Amerika zuerst vorschlug, dieselbe auch in eineKarte des Ptolemæus von 1522 (2 Jahre nach der des Apianus im Solinus von Camers) eingetragen habe.
Alexander v. Humboldt.
(Mai 1852.)