Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03647.jsonl.gz/2404

Jules Spinatsch, Fabre n'est pas venu, 2006
Die grossformatige Arbeit von Jules Spinatsch "Fabre n'est pas venu" zählt zum Projekt der "Surveillance Panoramas 1–6", die zwischen 2003 und 2012 mit computergesteuerten Netzwerkkameras entstanden sind. Auf dem Panorama ist der Prunksaal mit seinen aufwändig gestalteten Wand- und Deckengemälden des Rathauses Capitole von Toulouse zu sehen, in dem der Gemeinderat gerade tagt. Das Bild setzt sich aus 3960 Einzelbildern zusammen, die zwischen 11:33 und 18:01 Uhr am 30. Juni 2006 während der Parlamentssitzung von einer Überwachungskamera aus aufgenommen wurden. Der bildgebende Titel bezieht sich auf eine Aufnahme, welche von der Webcam um 12:06 Uhr gemacht wurde. Es zeigt eine möglicherweise vertrauliche, handschriftliche Notiz eines Stadtrats mit der Aufschrift "Fabre n'est pas venu", die er in seiner rechten Hand hält. Monsieur Pierre Fabre ist der Chef eines grossen Pharmaunternehmens im Südwesten Frankreichs. Er ist der Sitzung ferngeblieben. Der Standort der Netzwerkkamera befindet sich etwas ausserhalb der Mittelachse des langgezogenen Ratssaals. Auf dem Panorama sind nicht nur der Bürgermeister und die Ratsmitglieder zu sehen, sondern auch die Besuchenden im Hintergrund. Aufgrund der zeitlichen Länge der Sitzung umfasst die rotierende Webcam 400 Grad.
Das Panorama ist ein Auftragswerk der Stadt Toulouse. Auch wenn es die politische Machtzentrale repräsentiert, bedient sich Jules Spinatsch eines demokratischen Mittels, einer Art objektiver Wiedergabe des Geschehens. Der Künstler lässt die Bilder über die automatische Kamera der Webcam machen, dabei gibt er als Fotograf die Kontrolle ab. In seinen Fotoarbeiten und raumgreifenden Video- und Bildinstallationen hinterfragt Jules Spinatsch (*1964) die Voraussetzungen dokumentarischer Medien und die Macht des Bildes sowie die Bedingungen der Bildproduktion selbst. Im Fokus stehen dabei politisch, technisch oder ökonomisch brisante Schauplätze, die er mit den Strategien Langzeitbelichtung, Serialität oder maschinellem Zufall künstlerisch verarbeitet. Neben einigen Fotografien aus der Werkgruppe "Snow Management Complex" (2001–2009), eine Langzeitstudie zum Wintertourismus, und dem WEF-Panorama "Pulver Gut, Davos" (2003) aus "Temporary Discomfort Chapter I–V" (2001–2003) ist diese Schenkung eine bedeutende Ergänzung zum international bekannten Werk des gebürtigen Bündner Künstlers und einen wichtigen Zuwachs für den Sammlungsschwerpunkt zur zeitgenössischen Fotografie im Bündner Kunstmuseum.
Jules Spinatsch (*1964)
Fabre n'est pas venu. Surveillance Panorama Project No. 3. Conseil Municipal de Toulouse, 2006
Inkjet Print auf Dibond, Holzkasten Rahmen graubraun, Mirogard Glas, 2004
Bündner Kunstmuseum Chur, Schenkung Dr. Thomas Spielmann und Esther Zumsteg Spielmann (2019)