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Die Schriftstellerin Katja Petroswkaja, geboren 1970 in Kiew, wurde durch den Roman "Vielleicht Esther" 2014 international. Auch im deutschen Sprachraum lobten zahlreiche Kritiker die Sensibilität und behutsame Schreibkunst der Autorin, die seit 1999 überwiegend in Berlin lebt und publizistisch tätig ist. In ihrem neu erschienenen Band schildert sie Empfindungen und Überlegungen, äußert mit Blick auf die Gegenwart: "Dieses Buch handelt nicht vom Krieg, aber es wird vom Krieg umklammert." Der grausame Krieg in der Ukraine liegt wie ein Schatten über diesen so vielfarbigen Impressionen und schwebenden philosophischen Gedanken.
Mit einem Foto, das einen rauchenden Bergarbeiter aus dem Donbass zeigt, beginnt das Buch. Katja Petroswskaja notiert: "Das Foto schaute mich an." Die Bergleute gingen "stur zur Arbeit", auch wenn in Krasnoarmijsk seit dem letzten Oktober kein Gehalt mehr gezahlt worden sei, "aber sie arbeiteten, denn Arbeit war Frieden, und der Krieg absurd". Die "Normalität des Friedens" stellten sie dadurch wieder her, "dass sie zur Arbeit gingen" – trotzdem, gerade deswegen? Der Blick der Schriftstellerin bleibt an das Foto geheftet, und sie weiß selbst nicht, warum: "Ich las Kommentare eines Gewerkschafters und dann die Nachrichten über den Krieg in der Ukraine, als wäre mein Lesen und Schauen ein Akt des Waffenstillstands, als würde nicht geschossen, solange ich läse."
Nach den Notizen über die Menschen in dem Krieg, der rat- und sprachlos macht, lesen wir bald einen ganz anderen Text, den "Versuch über das Weibliche" und sehen Fotos von schönen Frauen, von Carroll Baker und Sophia Loren, ausgestellt in einer Berliner Galerie im Jahr 2015: "Pure Besessenheit. Der Fotograf saß jahrelang Tag und Nacht am Fernseher und fotografierte Hunderte Frauen in einem Moment von Erregung, Angst und Überraschung." Warum nur? Der Fotograf bleibt anonym. Eine Sammlung von 950 Polaroidbildern wurde bei einer Wohnungsauflösung gefunden, irgendwo in New York. Er suchte, so scheint es, nach dem Flüchtigen und Instabilen, nach dem "Weiblichen an sich": "Er versucht, das Flüchtige zu fangen, eine weibliche Flüchtigkeit, die nur von Frauen beherrscht und wiedergegeben wird; er versucht, etwas Unfassbares zu fassen, das jenseits der Emotion liegt, und dies in der Zeit vor dem Videorekorder, als man den Moment noch nicht mit der Pausentaste festhalten konnte." Wir sehen unscharfe Bilder, "etwas, das man in der statisch inszenierten Weiblichkeit der Illustrierten nicht findet". Im Gegenteil dazu, nicht weniger schön, doch ganz anders, zeigt ein Foto einen weißen Schwan und eine schlanke Frau, "graziös, ihrer weiblichen Attribute fast enteignet, im weiß schimmernden Gewand": "Die Körper sind körperlos, in vager Erinnerung an Androgynität vielleicht, oder im Streben nach Reduktion, so dass nur die destillierte Seele bleibt. Die Liebe bildet hier ein gewölbtes Ornament, das keine Fortsetzung braucht. Dabei rinnt aus dem Bild eine solche Traurigkeit, als wäre hier etwas Unmögliches dargestellt. Als wenn es doch eine Begierde gäbe? Nimmt man hier Abschied?" Die Künstlerin Francesca Woodman war keine zwanzig Jahre alt, als sie dieses Bild schuf. Petrowskaja schreibt, es sei, als versteckte sie ihren Körper, "um ihn zu entblößen, ihn sprechen zu lassen, wie sie ihn entblößt, um ihn zu verstecken oder sogar verschwinden zu lassen". Das Bild deutet nahezu ihre eigene Geschichte an, schwermütig und voller Tragik: "Schwäne ahnen ihren Tod voraus. Auch wenn wir eine merkwürdige, mythologische Logik in diesem Absturz zu sehen meinen, als die junge Frau in New York aus dem Fenster sprang, vor ziemlich genau fünfunddreißig Jahren, bleibt am Ende diese eine Tatsache, die in der stillen Betrachtung aus der Zeit heraustritt: eine Frau, die einen Schwan berührt." Auf Bildern öffne sich bisweilen "Neues in den Gesichtern", ja "unauffindbare Übergänge der Emotion". Sie erzählen eigene, mitunter ganz andere Geschichten, die fotografisch festgehalten werden, wie Nahaufnahmen, die in ferne Länder oder in die große Weite deuten, die sich erst dem Betrachter erschließt, wenn er über die Fotografien zu sinnieren beginnt.
Eine Schallplatte zu Franz Schuberts "Der Tod und das Mädchen" zeigt eine nackte, ruhige Frau, die sich im Wald entblößt und verbirgt. Katja Petrowskaja schreibt, dass in ihrer Jugend "Nacktheit der Antike" gehörte, "aber nicht ins Reich der Fotografie". Sie sieht eine Frau, deren Hände den "meinen so ähnlich waren". Stundenlang sitzt sie vor diesem Bild und grübelt: "Ihre Pose, ihr Körper konstruierte ein rätselhaftes Ornament, ein Labyrinth, ich drehte den quadratischen Umschlag in meinen Händen, während die Schallplatte sich drehte, im Versuch, eine Lösung, eine Erklärung für diese Linien, diese Biegungen und Ecken zu finden." Ihr Körper bildete bei der Autorin "ein Puzzle", das sie selbst nicht lösen konnte, gebannt vom Titel der Schallplatte, fasziniert, irritiert und wie magisch in dieses Spiel hineingezogen. Sie versuchte, "dem Geheimnis näherzukommen": "Trotzdem sah ich kein Mädchen, sondern eine Frau, die sich in der Natur auflöst, ich sah hier keinen Tod. Sie war eine Frau, das Mädchen war ich." Dreißig Jahre später entdeckt Katja Petrowskaja die Schallplatte wieder: "Ich traute meinen Augen nicht, sie leuchtete, diese Wald-Nymphe, ich war froh, sie wieder zu sehen, sie war jetzt viel jünger als ich: neue Begegnung, über die Erinnerung hinaus."
Von der Erinnerung führt der Weg wieder in die Gegenwart. Katja Petrowskaja, die hochbegabte Literatin, feinfühlig und stilsicher, schließt mit einem Bekenntnis, erschüttert über Russland, das mit der Ukraine den Faschismus besiegt hatte, nun "selbst zum Aggressor" geworden sei: "Es ist ein Angriff auf alles, was wir sinnvoll finden. Er erscheint uns absurd und unbegreiflich und zugleich hat er eine fatale Logik, denn es gab die russischen Verbrechen in Tschetschenien, den Krieg in Georgien, den Krieg in Syrien. Krieg tötet, negiert Sinn, Normalität und Vielfalt, alles, was wir lieben. Krieg möchte unsere leisen Worte löschen. Ich möchte diese Miniaturen, diese kleinen Fragmente, dem Krieg entgegenstellen, auf der Suche nach Stimme." Von der Wucht des Politischen wird nicht nur die Schriftstellerin Katja Petrowskaja in diesen Zeiten geradezu bedrängt. Auch wir beobachten fassungslos und traurig die Geschehnisse in Europa. Ja, die "leisen Worte" dürfen nicht verstummen. Insoweit ist dieses vielschichtige, reichhaltige und lesenswerte Buch ein einfach schönes, lichtreiches Stück Literatur in nicht einfachen Zeiten.