Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03568.jsonl.gz/1214

Fehlplanung mit Langzeitwirkung
Um die Zukunft des Papierwerd-Areals an der Zürcher Bahnhofbrücke wird seit Jahrzehnten gerungen. Einst wollte das Volk die ‹Freie Limmat›. Doch als die Bauten aus dem Fluss geräumt waren, entpuppte sich dies als Fehler.
Papierwerdinsel heisst das Areal, Globus-Provisorium das Gebäude, das darauf steht. Doch eine Insel sucht man vergeblich, und einen «Globus» gibt es hier ebenfalls nicht, der steht am Löwenplatz. Vor über siebzig Jahren war noch alles anders: Auf einer Insel im Fluss standen die «Magazine zum Globus» und im Flussraum reihte sich ein Gebäude ans andere. Das Hin und Her um die Bebauung des Papierwerd-Areals beginnt 1912, als Globus einen Wettbewerb für einen Warenhausneubau veranstaltet. Diese Pläne münden ab 1915 in die Bestrebungen der Stadt, die Regulierung des Seeabflusses von der Bahnhofbrücke weg weiter flussabwärts zu verlegen. Die Planung zieht sich hin, und 1935 legt die Stadt ein Projekt vor, das anstelle des Limmatarms eine Strassenunterführung vorsieht. Zwei Jahre später gewinnt Robert Landolt mit einem Flachdachbau den Wettbewerb für einen Warenhausneubau.
«Freie Limmat», ruft das Volk
1941 stimmt die Bevölkerung der neuen Seeabflussregulierung zu, kurz darauf beginnen bei der Rudolf-Brun-Brücke die Bauarbeiten. Anstatt Landolts Projekt zu bauen, erteilt Globus Anfang der Vierzigerjahre einen neuen Auftrag an den Landi-Chefarchitekten Hans Hofmann. Dieser schlägt ein viergeschossiges Gebäude mit Walmdach vor, das die Grundlage für die Verträge zwischen Stadt, Kanton und Globus bildet. Ein Ausschuss ‹Alt-Zürich› wettert: «Der Warenhaus-Neubau vermauert den Limmatraum!» Dennoch nimmt das Volk 1948 auch die Verbreiterung von Bahnhofbrücke und Limmatquai, den Abbruch der übrigen Bauten im Fluss und den Umbau des Bahnhofquais an, womit auch der Vertrag zwischen der Stadt und Globus rechtskräftig wird. Während der Bauzeit darf Globus im Linthescher-Schulhaus am Löwenplatz ein Provisorium einrichten.
Als die Bauarbeiten rund um die Papierwerdinsel in vollem Gang sind, reicht Globus sein Projekt zur Bewilligung ein. Architekt ist nicht mehr Hofmann, sondern Karl Egender, der einen fünfgeschossigen Bau vorschlägt – höher und voluminöser als Hofmanns Entwurf. Die Stadt verweigert die Bewilligung, und ein Aktionskomitee reicht die Motion ‹Freie Limmat› ein. Sie fordert, die Stadt solle das Papierwerd-Areal kaufen und dauerhaft von Bauten freihalten. Globus zieht inzwischen in das provisorisch hergerichtete Linthescher-Schulhaus und reicht ein abgeändertes Projekt für den Neubau an der Bahnhofbrücke ein. Doch 1951, kurz nach Abbruch des alten Globus, wird in der Volksabstimmung die Motion ‹Freie Limmat› angenommen. Erst nach langwierigen Verhandlungen einigen sich Stadt, Kanton und Globus auf das weitere Vorgehen: Globus tritt das Papierwerd-Areal an die Stadt ab und erhält das Linthescher-Schulhaus, um dort einen Neubau zu erstellen. Auf dem Papierwerd-Areal erstellt die Stadt eine zweigeschossige Garage, um darauf einen kleinen Park anzulegen.
Für die Bauzeit des Warenhauses am Löwenplatz baut Karl Egender 1960/61 für Globus ein Provisorium auf der städtischen Garage am ursprünglichen Standort der ‹Magazine zum Globus›. Als Globus 1967 sein neues Haus am Löwenplatz bezieht, müsste das Provisorium unverzüglich abgebrochen werden. Doch 18 Jahre nach der Volksabstimmung hat die Bevölkerung genug von der ‹Freien Limmat›. Sie hat erkannt, dass die Bauten nicht störende Objekte waren, sondern dass sie die beiden Ufer auf eine lebendige Weise miteinander verbunden hatten. Das Provisorium bleibt ‹vorerst› stehen, und eine erneute Volksabstimmung legt fest, dass das Areal nun doch überbaut werden darf. Als der Stadtrat im Sommer 1968 das leer stehende Warenhausprovisorium nicht als Jugendhaus zur Verfügung stellen will, entzünden sich die Globus-Krawalle. Die Stadt vermietet das Haus schliesslich an den Lebensmittelverein Zürich (LVZ, heute Coop) und die ETH, die – nach Plänen von Professor Werner Jaray – bis zum Bau der ETH Hönggerberg im Obergeschoss Zeichensäle für die Architekturabteilung einrichtet. Nach Auszug der ETH nutzt der LVZ für einige Jahre das ganze Haus als Warenhaus.
Provisorium wird zum Providurium
1979 veranstaltet die Stadt einen Wettbewerb zur Neubebauung des Papierwerd-Areals. Die erste Runde gewinnen Rudolf und Esther Guyer, in der Überarbeitung schwingt das Projekt ‹Spatium-Turicum› von Max P. Kollbrunner und Bruno Gerosa oben aus. Da die Stadt das Projekt nicht alleine realisieren will, bietet sich als Baurechtsnehmerin die Papierwerd AG an, eine AG, in der sich Geschäftsleute der Innenstadt zusammengeschlossen haben. Doch angesichts der grossen Ladenflächen, die Ende der Achtzigerjahre im Hauptbahnhof im Bau sind, fragt sich die Stadt, ob ein Grossverteiler an diesen Ort gehört.
Anfang 1989 steht der Vorschlag eines ‹Hauses am Fluss› zur Diskussion, einem «öffentlichen Begegnungsort, wo über Vergangenheit und Zukunft von Arbeit und Zusammenleben informiert und nachgedacht wird». Eineinhalb Jahre später ist daraus das ‹Stadtlabor› geworden, der Gegenvorschlag zu einer Initiative der Humanistischen Partei, die ein Begegnungszentrum verlangt. Projektiert oder gar gebaut wird jedoch nichts. Anfang der Neunzigerjahre baut Coop seinen Laden im Provisorium ein erstes Mal um, die Stadt saniert die Gebäude-hülle und die Büros. Immer wieder regt das Papierwerd-Areal zu Fantasien an: So schlägt der serbelnde Landesring 1993 den Bau eines 100 Meter hohen Hochhauses vor, und das Areal ist Gegenstand von Aufgaben an der Architekturabteilung der ETH. Die SP schlägt vor, hier ein Rathaus zu bauen, das Grundstück kommt ins Gespräch für ein Kongresszentrum oder die Erweiterung des Landesmuseums. Derweil verlängert Coop seinen Mietvertrag bis 2010 und investiert 1997 weitere 4,5 Millionen Franken in sein Geschäft.
Neben den zahlreichen Stimmen, die von einem ‹Schandfleck für Zürich› sprechen, gibt es auch solche, die das Provisorium unter Denkmalschutz stellen möchten. Obschon der Bau bloss als Provisorium für wenige Jahre gedacht war, setzte Karl Egender ein sorgfältig gestaltetes Haus präzise ans Flussufer. Dessen Qualität zeigt sich vor allem beim Blick vom Mühlesteg. Der dunkelgraue, dreigeschossige Bürotrakt folgt dem langen Schwung der Quaimauer, hinter der sich die beiden Untergeschosse verbergen. In diesen Block eingeschoben ist der zweigeschossige Baukörper des Warenhauses. Dieser folgt dem rechten Winkel, kragt über den Fluss aus und betont so die Differenz zwischen der Ufermauer und dem Baukörper. Immer wieder kreidet man dem Haus an, dass es keinen direkten Zugang zum Fluss habe. Doch gerade weil sich das Gebäude nicht zum Fluss hinunterlässt, sondern über diesen auskragt, erinnert es so stark an ein Schiff, das an der Bahnhofbrücke angelegt hat.
1999 hatte die Stadt erwogen, das Globus-Provisorium ins Inventar der Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung aufzunehmen, und vor gut zehn Jahren hat sich der Stadtzürcher Heimatschutz für den Erhalt eingesetzt. Karl Egender hätte sich das seinerzeit nicht träumen lassen.
Dieser Artikel erschien 2004 im Hochparterre-Themenheft «Zwei Brennpunkte: Elf Projekte in Stahl und Holz für Zürich». Für diese Online-Publikation wurden einzig die zeitlichen Bezüge aktualisiert. Ansonsten hat er seine Gültigkeit bewahrt.
«Architektonische Eleganz, alltägliche Vertrautheit»: Die «NZZ» sammelt Reaktionen zum Vorschlag des Zürcher Stadtrats, das Globusprovisorium auf dem Papierwerdareal abzubrechen.