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Peter Handke trifft keine Schuld. Es wird ein ganz bestimmt fähiger Marketingverantwortlicher bei Suhrkamp Insel die Idee gehabt haben, das Werk des umstrittenen österreichischen Nobelpreisträgers als «Peter Handke Bibliothek» zu Markte zu tragen. Mit viel Trara – aber ohne einen einzigen Bindestrich.
Ich genehmige mir gerade eine Tasse «Matcha Tee» und frage mich, warum dem «Universitäts Spital Zürich» etwas fehlt. Rein sprachlich – das Medizinische kann ich leider schlecht beurteilen.
Spätestens seit dem letzten Besuch im Restaurant, wo mich aus der «Speise Karte» ein köstlicher, aber karger «Blatt Salat» anlächelte, war klar: In der neueren deutschen Schriftsprache grassiert ein grosser Mut zur kleinen Lücke, die anderen auch schon sauer aufgestossen ist.
Vorboten des Verderbens
«Deppenleerschlag» nennt man das kleine Nichts, das zunehmend zwei Wörter voneinander trennt, die man früher noch zusammenklebte – ob sie es nun wollten oder nicht.
Die Leerstelle hat längst ihren eigenen Hashtag. Im Internet wird sie nicht als Denkpause beklatscht, sondern als kleiner Bruder des «Deppenapostrophs» belächelt – dem vermutlich vorletzten Vorboten des untergehenden Abendlandes deutscher Sprache.
Leerzeichen und Bindestriche im Laufe der Zeit
In der Antike und bis ins 7. Jahrhundert war es nicht üblich, Einzelwörter mit einem Leerraum optisch hervorzuheben.
Entsprechend mühsam war das Lesen. Die für das Deutsche so typischen Nominalkomposita, also zusammengesetzte Wörter, schrieb man bis weit in die Neuzeit in parallel existierenden Varianten (Feuereifer, Feuer eifer, feuer eifer, feuereifer, FeuerEifer).
Seit dem 16. Jahrhundert wurden Komposita auch mit Bindestrich oder Doppelbindestrich geschrieben (Feuer-eifer, Feuer=Eifer). Bis auf Sonderfälle verschwanden diese Bindestrichvarianten bis Ende des 18. Jahrhunderts wieder. Es setzte sich für normale Komposita die Zusammenschreibung ohne Binnenmajuskel, also ohne Grossbuchstaben im Wortinnern durch (Feuereifer). (Markus Gasser)
Den Durchmarsch des «Deppenleerschlags» zu verantworten haben die üblichen Verdächtigen, sagen die Linguisten. Schuld ist etwa der Dauerdruck des Englischen, das Wörter ohne Bindestrich zu einem grösseren Ganzen verkuppelt. Manche schieben ihn den Suchmaschinen in die Schuhe, die liebend gerne Einzelwörter vorschlagen.
Eine Hauptrolle spielt das Schreiben auf dem Smartphone, das einen Leser im Auge hat, der keine Zeit hat für lange Wörter. Und dann wäre da noch die gut gemeinte Pragmatik, die das Nicht-Völlig-Falsche, aber Un-Schöne durchwinkt. Stichwort Rollkoffer.
Hauptsache Ich
Es gibt Schlaumeier, die hochangesehene Hochkulturanstalten wie den Suhrkamp Verlag oder das Thalia Theater Hamburg dafür verantwortlich machen, dass immer öfter kein Bindestrich zwei deutsche Wörter im Innersten zusammenhält.
Wann braucht's einen Bindestrich?
Der Bindestrich steht zwingend in Zusammensetzungen mit Abkürzungen oder mit Buchstaben und Ziffern (mp3-Format, i-Punkt, x-beliebig, 17-jährig, 100-prozentig). Ausnahmen sind gewisse Endungen nach Zahlen (68er, 32stel, 8fach ODER 8-fach).
Bindestriche setzt auch man bei Namenzusammensetzungen (Wilhelm-Tell-Denkmal, Sankt-Martins-Kirche, Rhein-Rhone-Kanal) ein. In vielen Fällen ist der Bindestrich nicht zwingend, aber erlaubt, um die Bedeutung hervorzuheben (Ich-Sucht statt Ichsucht), um Missverständnisse zu vermeiden (die Hoch-Zeit der Renaissance ist kein Hochzeitsfest, das Druck-Erzeugnis ist kein Drucker-Zeugnis) oder um die Lesbarkeit zu erleichtern (Mehrzweck-Küchenmaschine, Shopping-Center, Kaffee-Ersatz statt Kaffeeersatz).
Ausserdem halten Bindestriche feste Begriffe zusammen, die aus einer Wortgruppe bestehen (das Sowohl-als-auch, die A-Dur-Tonleiter, das Aus-der-Haut-Fahren). (Markus Gasser)
Gerade das Theater, meine ich, muss so etwas tun dürfen, wenn nicht sogar tun müssen. Die Dinge auseinandernehmen. Neue Zusammenhänge schaffen. Sich von Bindestrichen und anderen Sachzwängen frei machen. Aber was ist mit der «Klassen Zusammenkunft»? Und wem wird «Grossmutters Apfel Kuchen» schmecken?
Vielleicht ist es ein Zeichen unserer Zeit, dass die Wörter – genau wie die Menschen – nicht mehr Händchen halten, sondern mehr so nebeneinander dasitzen. Ego neben Ego, und alle brauchen sie viel Platz und zuhause ihr eigenes Zimmer. Hauptsache Ich, hoffentlich wichtig.
Wir sind zwar dauernd alle mit allen verbunden, höre ich den Kulturpessimisten in mir mosern, aber so richtig ja nur mit dem Smartphone. Nur logisch also, schreiben Leute von heute wenigstens den Gegenstand aller Gegenstände nach wie vor in einem Wort – genau wie die Streicheleinheiten, mit denen sie es verwöhnen.
Handke, andersgelb
Wäre die «Peter-Handke-Bibliothek» nun orthographisch korrekter gewesen? Ein Duden-fester Schriftsteller müsste die Frage mit einem «Ja» beantworten. Denn, so lautet die Regel, das Deutsche kennt keine Wortverbindung, deren Einzelteile unverbunden nebeneinander stehen können.
Nicht einmal Nobelpreisträger Handke würde dem widersprechen, der «andersgelb» einst in einem Wort zu schreiben beliebte.