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In unserem Sprachgebrauch nutzen wir häufig die Adjektive kompliziert oder komplex, um ein Problem oder eine Situation zu beschreiben, welche wir nicht genau verstehen. Wenn wir nicht ganz durchblicken, verwenden wir oft Aussagen wie «Die Situation in der Unternehmensführung ist halt kompliziert» oder «dieses IT-System ist sehr komplex».
Doch ist kompliziert und komplex wirklich dasselbe? Gerhard Wohland und Matthias Wiemeyer unterscheiden in ihrem Buch «Denkwerkzeuge der Höchstleister: Wie dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen» in die Problemklassen «komplizierte Aufgaben» und «komplexe Aufgaben».
Komplizierte Probleme
Aufgaben oder Probleme sind kompliziert, weil wir sie nicht verstehen. Weil uns das Wissen fehlt. Technische Probleme sind häufig komplizierte Probleme. Diese können gelöst werden, indem ich mir das notwendige Wissen aneigne oder zukaufe. Beispielswiese ist eine mechanische Uhr ein sehr kompliziertes Werk. Wenn Sie defekt ist, kann ich die Uhr wohl kaum selbständig reparieren. Aber mit der entsprechenden Ausbildung kann ein Uhrmacher die Uhr zerlegen, die Fehlerursache eruieren und die Uhr reparieren.
Komplexe Probleme
Komplexe Systeme sind nicht vorhersehbar und zeichnen sich durch Überraschung aus. So ist beispielsweise das Wetter, trotzt aller Forschung und Technologie, nicht abschliessend vorsehbar. Komplexe Situationen zeichnen sich also durch Unsicherheit oder Unvorhersehbarkeit aus und entstehen aus einer hohen Dynamik heraus. Komplexe Situationen sind lebendige Systeme, wie beispielsweise Lebewesen oder Organisationen.
Im Buch «Komplexithoden: Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität» zwischen «kompliziert und komplex» unterscheidet Niels Pfläging zwischen «kompliziert und komplex», zwischen «tot oder lebendig» oder zwischen «Blau und Rot»:
Das Cynefin-Framework
Ein Modell, um zwischen einfach, kompliziert, komplex und chaotisch zu unterscheiden, ist das Cynefin-Framework. Das Cynefin-Framework wurde ursprünglich im Jahr 1999 im Kontext von Wissensmanagement und Organisationsstrategie von Dave Snowden entwickelt (siehe auch The Origins of Cynefin).
Einfach
Einfache Systeme oder Probleme sind geordnet und unterliegen allgemein bekannten Ursachen und Wirkungen. Für simple Probleme reicht es, die vorliegende Situation zu erkennen, diese zu kategorisieren und entsprechend der Kategorie die Best Practice auszuwählen.
- Wiederholbare Muster und eindeutige Ereignisse
- Klare Ursachen und Wirkungen
- Klare Beziehungen
- Es gibt richtige Antworten
Kompliziert
Viele technische Systeme sind kompliziert, da sie viele Elemente und Beziehungen beinhalten, die für Laien nicht ersichtlich sind. Es werden Experten benötigt, um sie zu analysieren.
- Das System ist vorhersehbar
- Ursache und Wirkung sind vorhanden, aber nicht für jeden ersichtlich
- Expertenrat ist nötig
- Es gibt oft mehr als eine richtige Antwort
Komplex
Komplex sind offene und lebendige Systeme wie Lebewesen und Organisationen. Ursachen und Wirkungen sind nur teilweise bekannt. Sie unterliegen Zeitverzögerungen, Nichtlinearitäten und Rückkopplungen. Sie haben eine Geschichte und sind nicht reversibel. Man kann sie nicht auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Sie zeigen charakteristische Eigenschaften und Muster, sind aber instabil und nicht vorhersagbar. Komplexe Probleme lassen sich auch mit viel Fachwissen und umfangreichen Analysen nicht einfach lösen. Hier muss man Schritt um Schritt vorgehen. Nach jedem Schritt kann die Situation betrachtet und dann reagiert werden.
- Alles ist im Fluss und nicht vorhersehbar
- Keine richtigen Antworten
- Etliche Unbekannten
- Erkennbare Organisationsmuster
- Viele konkurrierende Ideen
- Kreative und innovative Ansätze sind nötig
Chaos
Chaotische Systeme weisen hohe Unsicherheit und Turbulenz auf. Alles kann sich von Moment zu Moment ändern. Sie sind nur schwer abzugrenzen. Es ist schwierig, Muster zu erkennen. Kleinste Wirkungen können grosse und unvorhersehbare Auswirkungen haben. Für die Bewältigung von chaotischen Problemstellungen hilft nur schnelles Handeln und reagieren.
- Hohe Turbulenz
- Keine Ursachen-Wirkungsbeziehungen
- Viele Unbekannte
- Viele Entscheidungen unter hohem Zeitdruck
Agile Methodenelemente als Antwort auf komplexe Problemstellungen
Kompliziert und komplexe Problemstellungen müssen also mit unterschiedlichen Methoden, Vorgehensweisen oder Lösungsansätzen angegangen werden. Technische, komplizierte Problemstellungen lassen sich gut mit traditionellen Methoden bearbeiten. Eine Maschine kann man beispielsweise nach einem genauen Plan und nach strukturierten Prozessen zusammenbauen. Die Einführung dieser Maschine in einer Unternehmung kann aber ein komplexes Vorhaben sein, bei welchem man mit Überraschungen und unvorhergesehen Situationen rechnen muss. Vielleicht wollen die Mitarbeitenden die neue Maschine gar nicht einsetzen, weil damit ihr Einflussbereich tangiert oder sogar ihr Arbeitsplatz gefährdet wird. Solche Situationen sind oft nicht vorhersehbar und können meist nicht mit strukturierten, vorgegebenen Prozessen bereinigt werden.
Leider neigen wir dazu, simple Lösungen auf komplexe Probleme zu stülpen. Doch weder Best Practices noch vorgegebene starre Prozesse funktionieren für die Behebung von komplexen Problemstellungen. Je komplexer die Herausforderung, desto grösser ist die Gefahr mit klassischen Methoden zu scheitern. Als Antwort auf komplexe Problemstellungen können agile Methodenelemente in Betracht gezogen werden. Agile Methoden basieren auf zwei Grundannahmen: Die Welt verändert sich und wir akzeptieren, dass wir nichts mit Sicherheit wissen. Sie ermöglichen ein kontrolliertes, iteratives Vorgehen (Schritt für Schritt), eine Beurteilung der aktuellen Situation und ein darauf abgestimmtes, situatives reagieren.