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Mit Karton gegen Not
Temporäre Architektur aus Karton von Shigeru Ban
Eine Ausstellung im Kunst Raum Riehen versammelt die «Disaster Relief Projects» von Shigeru Ban. Der japanische Architekt hat hauptsächlich aus dem Baumaterial Karton Raumteiler, Notunterkünfte und sogar temporäre Konzertsäle gebaut.
«Wie Strohhäuser», «als ob sie aus Papier wären»: In der Berichterstattung über Erdbeben oder Tsunamis werden in Sekundenschnelle zerstörte Bauten wegen ihrer Unfähigkeit, den Naturgewalten ihre Tragkraft entgegenzusetzen, gerne mit filigraner Spielzeugarchitektur verglichen. Umso spannender ist es, dass der japanische Architekt Shigeru Ban auf intuitiv wenig tragfähige Materialien setzt, wenn er temporäre Unterkünfte für Krisenzonen wie Ruanda oder Haiti entwirft. Grad aus Papier sind die Gebäude darunter auch ein Schulhaus und eine Kirche zwar nicht, obwohl das die Beschriftungen in einer Ausstellung zu den «Disaster Relief Projects» im Kunst Raum Riehen suggerieren. Dickwandige Kartonrohre sind aber Hauptbestandteil der in der Schau vorgestellten Projekte. Der 1957 geborene Ban ist beim Entwickeln der Szenografie einer Ausstellung zu seinem Vorbild Alvar Aalto auf das Material gestossen, hat aber bald auch dessen Potenzial für humanitäre Zwecke entdeckt. Etwa für Ruanda 1994: Weil die Uno kurzfristig nur Plastikplanen zur Verfügung stellen konnte, rodeten die Genozidflüchtlinge für Baumaterial die umliegenden Wälder. Um das zu verhindern, lieferte die Uno Aluminiumstangen, die aber rasch verkauft wurden. Wie Shigeru Ban in der materialreichen Publikation zu den Projekten schreibt, sei er damals einfach ohne Termin in den Genfer Uno-Hauptsitz geplatzt, um seine Idee der Kartonröhrenarchitektur vorzustellen mit Erfolg. Tatsächlich sprechen viele Gründe für Karton: Er ist günstig und leicht, kann nicht zur Herstellung von Waffen missbraucht werden und ist rezyklierbar. In der Folge hat Ban die Röhren für diverse Projekte eingesetzt. Im Kunst Raum Riehen einer Institution, die hauptsächlich Kunstausstellungen zeigt, aber kurzfristig ein Zeitfenster für die Schau öffnen konnte sind nun etwa Raumteiler aus Kartonröhren zu sehen, die zuletzt auch beim Erdbeben im März 2011 in Japan zum Einsatz kamen. Nicht nur von oben vor der Witterung ist nämlich Schutz nötig, sondern auch von der Seite, wenn hunderte von Menschen in einer Turnhalle Unterschlupf suchen und dennoch ein Minimum an Privatsphäre ermöglicht werden soll. Vor dem Kunst Raum steht zudem ein Notzelt, wie es beim Erdbeben in Haiti 2010 zum Einsatz kam. Die übrigen Projekte sind ähnlich reduziert, wie es die Unterkünfte sind in auf die Wand gekleisterten Fotos und Plänen präsentiert. Am spektakulärsten ist dabei die temporäre Konzerthalle, die Ban immer in Zusammenarbeit mit dem von ihm gegründeten «Voluntary Architects' Network» 2010 im italienischen L'Aquila errichtete. In einer ovalen Tragstruktur aus mit Sandsäcken gefüllten Stahlgerüsten und einem von Kartonrohren gestützten Foyer sollten in der für ihre Musikszene berühmten, aber von einem Erdbeben stark zerstörten Stadt wieder Konzerte möglich werden. Interessanterweise ist Ban, der für die Tamedia gerade einen Holzbau im Zentrum Zürichs baut, nicht der Einzige, der auch Musik als «Disaster Relief Project» begreift. Im Auftrag des Lucerne Festival entwickelt Bans japanischer Architektenkollege Arata Isozaki zusammen mit dem britisch-indischen Künstler Anish Kapoor gerade eine aufblasbare Konzerthalle, die ab Frühling 2012 durch vom Erdbeben zerstörte Gebiete Japans touren wird (www.ark-nova.ch). Bleibt zu hoffen, dass der sonst so monumental arbeitende Kapoor sich ähnlich zurücknimmt wie Shigeru Ban bei seinen funktionalen und doch immer sauber gestalteten «Paper Houses».