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Sascha erwachte mit dem ersten Vogelgezwitscher und der Sonne im Gesicht. Er brauchte eine Weile, bis er begriff, welcher Tag heute war. Freudig schlüpfte er unter der Decke hervor, zog sich an und eilte die Treppe hinunter in die Küche, wo seine Mutter bereits auf ihn wartete. Heute war der erste Tag seiner Sommerferien und davon wollte er keine einzige Sekunde verpassen. Schon seit Wochen konnte er an nichts anderes mehr denken. Der lang ersehnte Ausflug mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Emily würde in wenigen Stunden starten.
«Hast du schon gepackt?», fragte ihn seine Mutter und beäugte ihn mit einem skeptischen Blick. «Natürlich», antwortete er zwischen zwei Bissen Toastbrot und setzte sein Mahl eilig fort. Er hatte bereits am Vorabend von seiner Badehose bis zu Wanderschuhen und Lesebrille alles Wichtige zusammengesucht. Was auch immer sie unternehmen würden, er war vorbereitet.
Während der Fahrt im Auto beschäftigte sich Sascha mit einem Buch, das ihm sein Vater gegeben hatte. Es handelte von der Stadt Bülach, zu der sie nun unterwegs waren. Darin wurde beschrieben, wie sich das einstige Landgut über die Jahrhunderte zu einem der schönsten Orte der Region entwickelt hatte. Angeblich wurde in dem Buch sogar irgendwo sein Urgrossvater erwähnt. Der alteingesessene Bülacher hatte in dieser Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt. Viel mehr interessierten ihn jedoch die Ausführungen über die zahlreichen archäologischen Funde, die keltische Siedlung auf dem Rhinsberg und der römische Gutshof, der sich einst auf dem heutigen Stadtgebiet befand. Sascha war fest davon überzeugt, eines Tages ein grosser Archäologe und Forscher zu werden. Wie sein Vorbild Indiana Jones würde er mit einer Peitsche bewaffnet auf die Jagd nach wertvollen Artefakten gehen. So vertieft in seine Recherchen und Tagträumereien bemerkte er nicht, wie es nach und nach zu regnen begann.
Erst am Ziel angekommen fielen ihm die dicken Wassertropfen auf, die sich in Strömen auf die Strasse und über seinen Kopf ergossen. Enttäuscht realisierte er, dass sie bei diesem Wetter kaum noch etwas unternehmen würden und er den Rest des Tages wohl im Hotel verbringen würde. Das Hotel Restaurant «Zum Goldenen Kopf» sah auf den ersten Blick sehr einladend aus. Aber nach der langen Fahrt hatte er sich auf ein Abenteuer an der frischen Luft gefreut. Als sein Vater am Schalter eingecheckt hatte und das Gepäck auf dem Zimmer versorgt war, wurde die Familie in den geräumigen Speisesaal des Restaurants geführt. Dort angekommen wurde Sascha sogleich vom betörenden Geruch verschiedenster Speisen willkommen geheissen. Ihm fiel plötzlich auf, dass er seit seinem spärlichen Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Freudig stellte er fest, dass sein Lieblingsgericht, Schnitzel mit Pommes, auch auf der Speisekarte stand. Doch gerade als er eben jenes bestellen wollte, meinte sein Vater zum Kellner: «… und für den Jungen das Wienerschnitzel.»
Überrascht schaute Sascha zu seinem Vater hinüber. Der lächelte jedoch nur und meinte: «Vertrau mir, mein Sohn, das MUSST du probiert haben!»
Wie sich herausstellte, hatte er Recht. Dieses Schnitzel musste man wirklich probiert haben. Es war absolut köstlich, genau wie die üppigen Beilagen, die dazu serviert wurden. Insgeheim hoffte er, dass sie während ihres Aufenthaltes in Bülach immer hier essen würden. Dann hätte er die Gelegenheit, noch mehr Gerichte zu probieren. Nach dem Essen setzten sich dann zwei Personen mit an den Tisch. Sie schienen die Besitzer des Hotels zu sein und es machte den Eindruck, als ob sie seine Eltern bestens kannten. Das darauffolgende Gespräch verschaffte Sascha die Möglichkeit, sich unbemerkt davonzuschleichen und auf Erkundungstour zu gehen.
Fast eine halbe Stunde lang konnte er ungestört jeden Winkel und jede Ecke des Gebäudes in Augenschein nehmen. Er entdeckte unter anderem einen Weinkeller, einen zweiten Speisesaal mit einem eigenen Klavier und einen kleineren Raum, dessen Wände und Decke mit wunderschönen Bildern geschmückt waren. Sascha ahnte, dass die Bilder schon sehr lange dort gewesen sein mussten. Trotzdem hatten sie offensichtlich nur wenig von ihrer einstigen Schönheit eingebüsst. Nachdem er sich sattgesehen hatte, machte er sich auf den Weg zurück zu seinen Eltern. Als ihn dieser Weg wieder in den Eingangsbereich führte, bemerkte er zum ersten Mal eine steinerne Tafel an der Wand. Interessiert untersuchte er sie genauer und studierte die Inschrift, die sich offenbar mit der Geschichte des Hotels befasste. Ganz am unteren Rand, gerade noch tief genug, dass er sie mit den Fingerspitzen erreichen konnte, war eine knopfartige Kerbe in den Stein eingelassen. Von der Neugier gepackt liess er seinen Zeigefinger über die Vertiefung im Stein gleiten.
Zuerst geschah gar nichts. Nach kurzer Zeit jedoch bildete sich unter lautem Knirschen eine kleine Öffnung unter der Tafel und offenbarte eine Treppe, die steil nach unten in die Wand führte. Erschrocken blickte Sascha in Richtung Speisesaal. Offensichtlich hatte aber trotz des Lärms niemand etwas von den seltsamen Geschehnissen bemerkt. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnerte er sich an eine ganz ähnliche Szene aus «Indiana Jones» und von Abenteuerlust gepackt betrat er den Geheimgang. Am Ende der Treppe befand sich ein kleiner Raum, in dessen Mitte eine Büste auf einem Podest thronte. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass es sich dabei um einen goldenen Kopf handelte, nicht unähnlich dem, den er im Wappen des Hotels gesehen hatte. Er war staubig, wodurch man die Gesichtszüge bei dem ohnehin schon schlechten Licht kaum erkennen konnte. Als Sascha versuchte, der Büste den Staub aus dem Gesicht zu wischen, begann sie sich auf einmal zu bewegen und sprach mit tiefer Stimme: «Ich grüsse dich, Freund.»
Ende des 1. Teils.