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Bezeichnung für überaus zahlreiche, in ihrem anatomischen Sitz, ihrem Ablauf,
[* 3] ihren Krankheitserscheinungen
und ihren Ausgängen verschiedene Gelenkübel. Die Gelenkentzündung des Kniegelenks heißt Gonitis, die der Hüfte Coxitis; der allen
Gelenkentzündungen gemeinschaftliche NameArthritis ist eigentlich für eine ganz bestimmte Form, die Gicht, vorbehalten, so
daß die wissenschaftliche Bezeichnung meist direkt an den vorliegenden Prozeß anknüpft und von einer Gelenkhautentzündung
(Synovitis) oder Gelenkzerstörung (Karies) handelt, wofern nicht besondere durch uralten Gebrauch sanktionierte Bezeichnungen,
wie Tumor albus, Malum senile etc., vorliegen, deren weiter unten Erwähnung
geschehen wird. - Die Ursachen, welche eine Gelenkentzündung bedingen können, wurden früher sehr einfach in die beiden Gruppen der traumatischen
(Verletzungen) und rheumatischen (Erkältungen) zusammengefaßt.
Die erste Gruppe besteht unangefochten auch heute zu Recht, wir wissen, daß ein leichter Stoß gegen das
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mehr
Knie, ein Fall auf das Ellbogengelenk eine Entzündung hervorbringen kann, und daß zwischen diesen leichtesten Graden bis zur
Zerschmetterung der Gelenke durch Sprenggeschosse oder Granatsplitter eine ununterbrochene Kette von Übergängen beobachtet
wird. Die zweite Gruppe der Entstehungsursachen, die Erkältung, umfaßt zunächst eine ganz eigenartige Gelenkentzündung, den akuten Gelenkrheumatismus,
welcher sich mehr und mehr als eine miasmatische Krankheit ausweist, bei welcher das Gelenk nur die Ansiedelungsstelle
eines im Körper allgemein verbreiteten Giftstoffes pflanzlich-parasitischer Natur ist.
Derselbe gehört in die Gruppe der zu Kettenform aufgereihten Mikrokokken (ganz ähnlich der
[* 4]
Fig. 1 auf Tafel »Bakterien«)
und ist, wie alle Bakterien, vermehrungsfähig. Da diese Kokken sich nicht selten an den Herzklappen ansiedeln
und daselbst schwere Zerstörungen bedingen, so ist der früher immer rätselhafte Zusammenhang von Gelenkentzündung und
Herzklappenfehler nunmehr verständlich. Ob durch Erkältung eines Gelenks auch für andre Bakterien, z. B. die gewöhnlichen
Eiterkokken und die Tuberkelbacillen, die Möglichkeit einer Ansiedelung gegeben wird, ist noch nicht
bestimmt ermittelt; jedenfalls ist die Erkältung, wo sie unzweifelhaft nachgewiesen ist, nur als prädisponierende Ursache
für die Entstehung einer Gelenkentzündung zu betrachten.
Als fernere Klasse von Fällen wären dann diejenigen anzureihen, welche ursprünglich als Entzündungs- oder Neubildungsvorgänge
neben dem Gelenk in den Weichteilen oder im Knochen
[* 5] (z. B. Syphilis) begonnen haben und erst später auf
die Gelenkteile fortgekrochen sind. Sodann bleibt noch eine umfassende Kategorie übrig, welche im weitesten Sinn als metastatische,
d. h. durch Versetzung eines Krankheitsstoffes entstandene, aufgeführt werden kann. Hierher gehört die Gicht (Arthritis vera),
bei der eine krankhafte Anhäufung harnsaurer Salze im Blut stattfindet und eine Entzündung durch Ablagerung
dieser Salze in die Gelenkauskleidungen hervorgerufen wird.
Ferner gehören hierhin die sogen. Trippergicht und alle Arten der Gelenkentzündung, welche im Verlauf schwerer Wundkrankheiten, des Wochenbettes
und ähnlicher fieberhafter Allgemeinleiden zur Beobachtung gelangen. Ihnen allen liegt (ähnlich dem Rheumatismus) die Aufnahme
mikroskopischer Keime ins Blut zu Grunde, bei allen sind es diese Pilze
[* 6] (Bakterien), welche als Ansiedler
und als örtliche Entzündungserreger in den Gelenkhäuten vorgefunden werden. Schließlich bilden eine zusammengehörige
Quelle
[* 7] für Gelenkentzündungen diejenigen Ernährungsstörungen, welche im höhern Alter auftreten, besonders den knorpeligen
Überzug betreffen und sich vor allen genannten durch einen besonders schleichenden Verlauf auszeichnen (Arthritis deformans).
Aus dieser Fülle ursachlicher Momente geht zur Genüge hervor, daß eine Einteilung aller Fälle weder auf
Grund der Ätiologie erfolgen kann, noch daß hierzu die bloße Dauer des Übels ausreichend ist, sondern daß wir am besten
das anatomisch Zusammengehörige gruppieren und so eine größere Zahl abgerundeter Krankheitsbilder vorführen werden:
1) Die Gelenkentzündung bei Eröffnung der Gelenkhöhle. Sobald durch eine Verletzung der bedeckenden Weichteile ein
bis dahin gesundes Gelenk eröffnet wird, fließt die Gelenkschmiere (synovia) aus, und Luft tritt in die Höhlung ein. Dieses
Ereignis wurde bis vor wenigen Jahren in der Chirurgie für ein äußerst gefährliches angesehen, da man der Anwesenheit
der Luft als solcher eine sehr reizende Wirkung zuschrieb und nun alle Gefahren einer schweren Gelenkentzündung für unvermeidlich hielt.
Es waren nur einzelne Fälle, bei denen kleine Schnittwunden sofort genäht wurden und zur Überraschung der Ärzte und Kranken
heilten, ohne daß je eine Gelenkentzündung dabei zur Entwickelung kam.
Diese Ausnahmen wurden immer zahlreicher, seit die fäulniserregenden Keime, welche die Luft mit sich führt,
als die eigentliche Schuld an den Entzündungen erkannt waren, und seit durch die Listersche Verbandmethode dem Eindringen
dieser Pilze der Weg gewaltsam gesperrt werden konnte. Jetzt fallen alle diese Verletzungen in das Gebiet der Wundbehandlung,
es werden bei Schuß- und Quetschwunden nur im äußersten Fall ganze Glieder
[* 8] abgesetzt, vielmehr die Gelenke
als einfache Höhlen behandelt, mit Karbolsäurelösungen ausgespült und ihre Heilung ohne Fieber erzielt, sofern irgend rechtzeitige
Hilfe zur Stelle ist. - 2) Die Gelenkentzündung leichtern Grades bei geschlossener Gelenkhöhle, wie sie bei Stoß und Fall, bei
einfachen Erkältungen und in sehr schwachen Anfällen des Gelenkrheumatismus vorkommt, hat ihren Sitz in der Auskleidungshaut
(Synovialmembran) und gibt sich in einer wässerigen Ausschwitzung derselben kund.
Das Gelenk ist dabei äußerlich geschwollen, gerötet, bei Bewegungen schmerzhaft; zuweilen besteht Fieber in mäßiger Höhe.
Meistens ist nur ein Gelenk leidend, beim Rheumatismus zuweilen deren mehrere (Polyarthritis rheumatica).
Diese Krankheit verläuft entweder gutartig, so daß bei absoluter Ruhigstellung des Gliedes im festen Verband
[* 9] die Wasseransammlung
in einigen Wochen aufgesogen wird, oder sie geht durch Steigerung der Entzündung in Eiterung über, oder sie nimmt einen chronischen
Charakter an. Im letzten Fall dehnt sich die Gelenkkapsel mehr und mehr aus, die Schmerzen lassen nach,
und es entwickelt sich eine chronische Gelenkwassersucht (Hydrops articuli chronicus oder Hydarthrosis). Am häufigsten ist
dies mehr lästige als gefährliche Übel im Knie, demnächst im Ellbogen-, Fuß- und Handgelenk lokalisiert. Am Knie nimmt die
Wasseransammlung zuweilen derart zu, daß der Wassersack über die halbe Höhe des Oberschenkels hinaufreicht,
daß die Gelenkflächen voneinander gedrängt werden und das Gehen absolut unmöglich wird.
Die Behandlung hat dann die Entfernung des Wassers zur Aufgabe; da dieses kaum je von selbst verschwindet, so muß es mittels
eines Trokars entleert werden und zwar meistens zu wiederholten Malen. Um seine erneute Ansammlung zu verhüten,
hat man reizende Flüssigkeiten, Jodlösungen oder gar Jodtinktur, in den entleerten Sack eingespritzt, um ihn zum Schrumpfen
zu bringen, oder man hat diese Reizmittel äußerlich auf die Haut
[* 10] gepinselt. Da das erste Verfahren nicht ohne Bedenken ist
und das bloße Pinseln sehr langsam zum Ziel führt, so wendet man neuerdings bei diesem Leiden
[* 11] die Knetkur
(s. d.) an, welche oft in überraschend kurzer Zeit die Wasserausschwitzung gründlich
zu beseitigen vermag.
4) Die chronisch beginnende fungöse Gelenkentzündung (weiße Gelenkgeschwulst, Gliedschwamm, Tumor albus). Auch diese Form nimmt ihren Ausgang
von der weichen Synovialhaut; diese erfährt eine langsame Verdickung durch Bildung eines schwammigen Granulationsgewebes ohne
reichlichere Eiterabsonderung, ohne Fieber und entzündliche Rötung, aber mit weißer, teigiger Schwellung
der ganzen Umgebung. Der Tumor albus ist eine Krankheit jüngerer skrofulöser Personen und wird jetzt allgemein als echt tuberkulöse
Gelenkentzündung betrachtet.
Anatomisch wird das Bild bald recht verwickelt, da sich nach einigem Bestehen der wulstigen Verdickung der Gelenkmembran der
knorpelige Überzug der Gelenkenden beteiligt; er geht zu Grunde, aus dem bloßgelegten Knochen schießen
neue Fleischwärzchen auf, welche mit den Ausfüllungsmassen der Gelenkhöhle verwachsen und Steifigkeit bedingen können
oder zur tiefer greifenden Knocheneiterung (Karies) mit Knochenauftreibung, Nekrose und Fistelbildung (Arthrocace) führen.
5) Die deformierende Gelenkentzündung (Arthritis deformans oder nodosa) beginnt gleich von Anfang an in dem Knorpelüberzug und den knöchernen
Gelenkenden und ist dadurch von allen vorgenannten Arten der Gelenkentzündung unterschieden. Sie ist ein Leiden des Greisenalters
und heißt, da ihr gewöhnlichster Sitz im Hüftgelenk ist, auch wohl Malum senile coxae. Ohne Eiterung, ohne Gelenkschwellung
und Fieber verläuft die Krankheit schleichend Jahre hindurch und gibt sich nur durch Gehstörungen kund, welche durch Abschleifung
des Gelenkkopfes in seiner Pfanne bedingt werden.
Die Gestaltveränderungen der knöchernen Gelenkteile erreichen dabei oft hohe Grade, an Stelle der schwammigen Textur
tritt
ein Knochengewebe von elfenbeinerner Härte, aber die Synovialmembran wird nur sekundär in einen chronischen Entzündungsprozeß
einbezogen. Gerade hier ist es nicht so selten, daß sich verdickte Zotten der Membran oder gewucherte
knorpelige Gewebsstücke beim Bewegen ablösen und dann als freie Körper, sogen. Gelenkmäuse (s. d.), in der Höhle liegen
bleiben.
Sie bewirken oft durch ihr Hineingeraten zwischen die gleitenden Flächen plötzliche schmerzhafte Störungen beim Gehen und
müssen durch Einschnitt entfernt werden. Jede der früher erwähnten Formen kann später in das Krankheitsbild
dieser schleichenden Gelenkentzündung übergehen, so daß die aufgezählten Übel zuweilen nach überstandenen Gelenkleiden
auch vor dem Greisenalter zur Erscheinung kommen. Die Behandlung verspricht nur mäßige Erfolge. Das Gelenk muß täglich mäßig
gebraucht werden, warme Bäder und passende künstliche Bandagen (TaylorsMaschine)
[* 15] erleichtern wesentlich die in ihren Ursachen
nicht angreifbaren Funktionsstörungen.