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Editorial
Es ist traurig, feststellen zu müssen, dass die Friedensaufrufe – die nach den Gräueltaten der beiden Weltkriege in übersteigerter Form erhoben wurden – uns abgesehen von den mehr als lobenswerten, aber ergebnislosen und teilweise gescheiterten Versuchen (was die seither fortbestehenden, wenngleich nicht planetarischen bewaffneten Konflikte wie die Kriege in Korea, Vietnam, Irak, im Balkan etc. gezeigt haben) angesichts der Entwicklung unserer Gesellschaft vom humanitären und moralischen Gesichtspunkt aus nicht das gebracht haben, was man sich aus einer längeren Friedensperiode erhoffen konnte.
Eine Inflation von «Luxusproblemen»
Unter diesem Begriff verstanden unsere Vorväter alle an sich überflüssigen Probleme, die einem in den Sinn kommen, wenn es nichts anderes Ernsthaftes gibt, das all unsere Zeit und unsere Energie abverlangt. Ohne jede nostalgische Note sei klar gesagt: In den Kriegszeiten gab es wenige, aber lebenswichtige Probleme; alles in allem könnte man diese, mit diversen Nuancen, zu einem einzigen zusammenfassen: das Überleben. Obschon wir in der Schweiz – dank unserer Neutralität – nie Kriegsopfer zu beklagen hatten, mussten auch unsere Grosseltern und Eltern mühsam dafür sorgen, dass etwas Essbares auf den Tisch kam. Dies erforderte ihre gesamten Kräfte und liess keinerlei Spielraum aufkommen für allenfalls psychologisch und moralisch aufgeworfene Probleme, weil sie angesichts der tagtäglich anfallenden realen lebenswichtigen Probleme absolut irrelevant erschienen. Oder denken Sie etwa, dass es in den 40er Jahren irgend jemanden gekümmert hätte, ob Djokovic in Australien das Tennisturnier bestreiten dürfe oder nicht, oder dass man mit einer Anschrift mit «Herr und Frau» jemanden beleidigen könnte, der sich über seine sexuelle Orientierung nicht im Klaren ist? Neben diesen beispielhaft aufgeführten Problemen bestehen vielerlei andere, es gibt wahrlich eine wahre Inflation von heute toll herumgebotenen «Luxusproblemen» – oft aus politischer oder medialer Warte listig manipulierte, um damit die Zustimmung des Volkes zu anderswie nicht mehr erhältlichen Machtansprüchen zu erlangen. Man hackt mit Slogans und prahlerischen Sätzen auf einem bestimmten Thema herum, bis man dann schlussendlich die Herde von Staatsbürgern davon überzeugt hat, dass es nötig sei, sich für die Durchsetzung des vorausgesetzten Einheitsgedankens zu engagieren; dies tun die Bürger dann auch, in der irrigen Meinung, es sei ihr spontaner und überlegter Wille; aber in Tat und Wahrheit ist es das Resultat einer eigentlichen Gehirnwäsche.
Eine Generation von Schwachen und Abhängigen
Im Gegensatz zu einer Generation – jene der beiden Kriege – welche die «Luxusprobleme» entweder ignorierte oder ohne grosses Tamtam selber löste, entstand mittlerweile eine Generation von Schwachen und von anderen Abhängigen, um Probleme zu lösen, die es gar nicht gäbe, wenn denn noch ein Bewusstsein für vernünftige Prioritätensetzungen vorhanden wäre. Aber man ist dermassen zu einer Abhängigkeit gelangt, dass man heutzutage um «psychologische Betreuung» nachsucht, wenn man unglücklicherweise jemanden kennt, der sich selber umgebracht hat oder bei einem Unfall ums Leben kam, weil man bei dessen gewaltsamen Tods zufällig zugegen war (wohlverstanden: selber nichts damit zu tun hatte). Es fehlt noch wenig, und man schickt gar auch die Kinder zum Psychiater, die vom Velo fallen. Ich selber wurde im Alter von 16 Jahren Opfer der Explosion in der Selectochimica in Locarno, die 6 Tote zur Folge hatte. Ich rettete mich durch Flucht aus den Trümmern des Labors, in dem ich mich befand. Nun, es gab danach (gottlob!) noch keine «psychologische Betreuung», mein Hausarzt verschrieb mir lediglich eine vorübergehende Einnahme von Benzodiazepin (ein damals übliches Beruhigungsmittel), und dennoch bin ich noch da, um hier über «Luxusprobleme» zu sprechen. Das war 1964, der Zweite Weltkrieg war längst vorüber, aber die Generation war noch dieselbe. Die Jugendlichen genossen ihre Jugend, die Vergnügungen, und sie trachteten danach, einen guten Lehr- oder Studienabschluss zu erlangen, der ihnen den künftigen Lebensunterhalt sichern würde. Man beschäftigte sich nicht grossmäulig mit «missions impossible» zwecks Rettung des Planeten; ihren Anteil an Ökologiebestrebungen leisteten die damaligen Jugendlichen dadurch, dass sie tagtäglich praktizierten, was ihnen durch gute Erziehung seitens der Eltern und Lehrer auch für kleine Dinge beigebracht worden war: Keine Abfälle auf den Boden werfen, das Licht abstellen wenn man das Haus verlässt, den Schnee vor dem Haus wegräumen etc.
Leider hat man angesichts dieses einzigen «Vorteils» der Weltkriege – womit man die Kriege in keiner Weise als gut hinstellen will, aber immerhin ist dieser «Vorteil» nicht zu unterschätzen – seither keine friedliche Alternative gefunden. Im Gegenteil: Der seit Mitte des letzten Jahrhunderts unaufhaltsam gewachsene Wohlstand hat zu einer irrsinnigen Zunahme von «Luxusproblemen» geführt. Die Argumente Ökologie und Klimawandel haben – dank politisch und medial meisterlich gesteuerter (und via Internet übermässig potenzierter) Inszenierung – die Grenzen der Vernunft längst überschritten und sind in eine kollektive Hysterie ausgeartet. Auch beim Auftreten ernsthafter und nicht abzustreitender Probleme, die man mit Vernunft angehen sollte, ist eine unnötige und störende Portion von «Luxus» hinzugekommen, was nicht nur in keiner Weise zu deren Lösung beiträgt, sondern uns tagtäglich das Leben vergiftet. Und wie wenn das alles nicht schon genügte, kam nun auch die Pandemie hinzu.
Allzu viel ist ungesund. Auch wenn es um Frieden geht?