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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Zwar hatte sie seit über einem Jahr nichts mehr von ihrem Sohn gehört – kein Telefonanruf. Kein Brief aus Australien hatte sie erreicht. Aber das focht die 87-jährige Mutter nicht an. Er hat wohl zu viel Arbeit und deswegen keine Zeit zum Telefonieren oder Briefeschreiben, dachte sie. Schon vor einem Vierteljahr hatte sie ihm einen Brief in ihrer noch immer schönen, doch zittrigen Schrift geschrieben. Die ganze Familie mitsamt ihren 2 Enkelkindern hatte sie zu Weihnachten eingeladen. Das soll ein Fest werden, nach so vielen Jahren!
Thérèse Tailler wohnte im 4. Stock eines baufälligen Hauses im Pariser Aussenquartier Levallois-Peret. In diesem Haus war sie als einziges Kind geboren worden und aufgewachsen. Ihr Mann war im Krieg gefallen. Liebevoll hatte sie ihren Sohn Eric umhegt. Als Marinebiologe war er nach Australien ausgewandert und lebte mit seiner Familie irgendwo im „Outback“. Zuletzt hatte Thérèse jahrelang ihre bettlägerige Mutter gepflegt.
Das Appartement im alten Haus war geräumig. Aber die altmodische Heizung mit den verkalkten Leitungen wärmte schlecht, und die halb verstopften Wasserhahnen tropften unablässig. Die Tapeten waren abgeschossen. Der Deckenverputz war rissig geworden. Aber sonst war ihre Wohnung blitzblank. Die Papierblumen in den verschnörkelten Vasen auf dem Kaminsims erneuerte sie, sobald die Farben verblassten. Hinter einer gewölbten Glasvitrine im Salon prunkten ihre „Capo di Monte“-Figuren. Die Tischchen waren mit viel Nippsachen beladen. Sie verweilte gern in diesem Salon, wenn die Sonne nachmittags den Raum erhellte und ihre Erinnerungen heraufbeschworen. Koste es was wolle, sollte es ihre Familie gut bei ihr haben und nicht frieren.
Ein modriger Duft hing im Treppenhaus mit den schiefgetretenen und knarrenden Stufen. Ausser ihr wohnte nur noch ein älteres Paar temporär in der Portierloge im Parterre; denn das Haus sollte nicht unbewacht bleiben. Die übrigen Wohnungstüren waren mit Brettern vernagelt. Das Haus stand auf der Abbruchliste. Wegen der alten Dame musste sich der neue Eigentümer jedoch gedulden. Er war nicht verpflichtet, mehr zu tun als die Glühbirnen im Treppenhaus zu ersetzen und die Zentralheizung und Wasseranschlüsse zu warten.
Als 70-Jährige, nach dem Tod ihrer Mutter, raffte sich Thérèse auf und fuhr mit der Métro regelmässig zum Auktionshaus „Maison Drouot“, besuchte Ausstellungen und ging in der „Galerie Lafayette“ zum Mittagsessen. Vor Jahren hatte sie als Rentnerin ihr Kapital, im Korsett transportiert, in einer Schweizer Bank in Genf deponiert. Ihr Anlageberater, Monsieur Besançon, brachte ihr persönlich einmal im Jahr den Zinsertrag, von dem sie spärlich lebte. Hin und wieder musste sie vom Kapital zehren. Dieses Jahr war es ein grösserer Betrag, schon im Juli abgehoben, in Vorbereitung des Weihnachtsfests.
Alle Tage brachte ihr die Sozialfürsorgerin das Essen und wärmte die in Plastikschalen vorbereitete Mahlzeit im „bain marie“ auf. Seit 4 Jahren verliess sie ihre Wohnung kaum mehr. Aber jetzt hatte sie etliche Gänge zu den Läden um die Ecke zu tun: Sie bestellte Wein, wählte schon Ende November das festliche Essen beim Traiteur und bestellte Kuchen und Gebäck in der Konditorei. Thérèse hatte ausgiebig „Rouge“ aus der alten Puderdose über ihre Wangen verteilt und trug ihren alten Persianermantel, wiewohl er ihr schwer auf die Schultern drückte. Wirklich, sie hielt auf sich. Sie werde die Rechnungen bei der Auslieferung am 23. Dezember begleichen, sagte sie heiter. Die Händler kannten sie und trauten ihr. Thérèse hatte wieder die Hände voll zu tun, so sehr, dass sie dabei ihre Rückenschmerzen nicht mehr beachtete. Die Leute erfuhren, dass sie Familienbesuch erwartete und sie zum 1. Mal ihre Enkelkinder sehen werde. Ihre Vorfreude war grenzenlos.
Abends sass sie gerne in ihrem alten „Louis Philippe“-Plüschsessel. Immer wieder betrachtete sie das einzige Foto von Irène und Georges im Silberrähmchen auf dem Tischchen neben ihrem Sessel. Ihre Enkelkinder nahmen Gestalt an. „Na ja, Kinder, es ist jetzt höchste Zeit, um ins Bett zu gehen“, wandte sie sich an sie, aber liess sich erweichen: „Also noch 10 Minuten, wenn Mama und Papa es erlauben.“ Mehr als sonst verlor sie sich in Selbstgespräche, wie es alten Leuten, die allein leben, eigen ist.
Die Betten für die Familie waren schon längst gerichtet. Unter jedem Kissen duftete ein Lavendelsäckchen. Die Kacheln beim Schüttstein in der Küche blinkten wieder. Frische Kernseife lag in der Porzellanschale unter dem halbblinden Spiegel im Badezimmer. Der Fensterputzer hatte die Scheiben wieder auf Hochglanz gebracht. Die Putzfrau hatte die Dielen gebohnert. Die Vorhänge waren allesamt gewaschen, die Bilderrahmen abgestaubt, die Kerzenständer aufpoliert. Das heisse Wasser gurgelte durch die massiven Heizkörper. Alles war bestens für den Besuch vorbereitet.
„Sie werden ganz gewiss spätestens am 23. Dezember in Orly eintreffen, schliesslich hatte sie dies Eric in ihrem Brief geschrieben“, beruhigte sie sich. Aber ein Telegramm hätte er ihr schon schicken dürfen. Vielleicht kommt es morgen oder übermorgen. Sie wusste nicht, dass inzwischen die Flüge im „Charles de Gaulle“ landeten. Noch immer rechnete sie mit „Anciens Francs“. Die Zeit hatte für sie immerwährenden Bestand und war unverrückbar wie die Möbelstücke in ihrer Wohnung, allesamt an ihrem angestammten Platz. Eines muss gesagt sein: Thérèse hatte eine heillose Angst vor dem Tod. Das erhielt sie am Leben.
Am 23. Dezember lieferte die Post ein Riesenpaket aus Australien für sie aus. Thérèse jubelte und trug es in die den Geschenken vorbehaltene Salonecke, wo schon viele schön verpackt für den Heiligen Abend bereit lagen. Auf dem langen Eichentisch im Esszimmer nebenan verteilte Thérèse das Limoges-Service Teller um Teller auf dem Tisch, auch die Wein- und Wassergläser, das Silberbesteck und die mit Stickereien verzierten Servietten. Alles war genau dort, wo es sein musste. Ein Strauss Lilien in der Kristallvase stand zwischen den Kerzenständern.
Wie versprochen, brachte ihr am 23. Dezember – oder war es schon der 24. Dezember? – der Portier Eisstücke, die er in den Kühlkasten schüttete. Die Händler lieferten ihre Teile zum Festmahl und verstauten sie im Kühlkasten. Der Wein fand sich zu den Karaffen auf der Anrichte im Esszimmer. Es begann zu dunkeln. Thérèse war erschöpft, aber keineswegs von der verzögerten Ankunft ihrer Familie beunruhigt. Um die Weihnachtszeit gibt es immer Verspätungen … Sie werden jeden Augenblick eintreffen. Der Portier würde ihr sofort Bescheid geben, sobald ihre Gäste im Taxi vorfuhren.
Ihr Rücken schmerzte nach all den Mühen. Sie humpelte diesmal, schwer auf ihren Stock gestützt, in den Salon und schüttelte das Kissen auf ihrem Sessel zurecht. Warum nicht die Nadel des Plattenspielers auf das Weihnachtsoratorium von Bach legen und die Kerzen anstecken? Endlich sank sie in den Sessel und genoss das Blinzeln der Kerzen, als Bach ihr aufspielte. Thérèse nickte ein. Sie hörte Kinderlachen im Treppenhaus. Das Weihnachtsfest konnte beginnen.
„Die Geschenke könnt ihr nach dem Essen auspacken“, beruhigte sie Irène und Georges. Der Wein war chambriert. Eric füllte die Weinkelche und goss Limonade in die Gläser für die Kinder. Sie stiessen aufs Wohl an und küssten und umarmten einander. Tränen der Rührung strömten aus Thérèses Augenwinkeln. Dieses Weihnachtsfest hatte sie seit Jahren erhofft – und jetzt erfüllte sich ihr Traum!
Um die Mittagszeit erschien ihre Sozialfürsorgerin – es war tatsächlich der 24. Dezember –, und wollte ihr das Weihnachtspaket von der „Mairie“, für betagte Leute gestiftet, überreichen. Sie fand Thérèse leblos im Sessel. Die Kerzen waren ausgebrannt. Der Plattenteller kreischte ringsum weiter. Ein glückseliges Lächeln lag um Thérèses Mund.
Erst viel später, beim Räumen ihrer Wohnung, wurde ihr Brief an ihren Sohn in ihrer Nachttischschublade gefunden. Sie hatte vergessen, ihn auf die Post zu bringen.
Hinweis auf weitere Weihnachtsgeschichten: von Emil Baschnonga