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Jean-Dominique Bauby, genannt Jean-Do, Chefredakteur von „Elle“, 42 Jahre alt, ist nach einem Schlaganfall gelähmt. Er leidet an dem seltenen Locked-in-Syndrom, einer fast vollständigen Lähmung, bei der jemand zwar bei Bewusstsein ist, sich aber nicht sprachlich oder durch Zeichen verständigen kann.
Julian Schnabel („Bevor es Nacht wird“, 2000) inszenierte die Geschichte dieses Mannes, der am 8.12.1995 einen Schlaganfall mit derartigen Folgen erlitt, im Krankenhaus von Berck-sur-mer drei Wochen im Koma lag, danach ein Buch schrieb (wie, dazu weiter unten) und nur drei Tage nach Veröffentlichung des Buches am 9.3.1997 an Herzversagen starb.
Schnabel inszenierte seinen Film wie eine Art Tagebuch von Jean-Do, zunächst – die ersten 40 Minuten des Films – rein aus der Perspektive Baubys. Man hört Jean-Do, wie er die Aufmunterungsversuche insbesondere der Ärzte mit leicht sarkastischen „Worten“ kommentiert, wie er in Kontakt mit der Logopädin Henriette und der Physiotherapeutin Marie tritt, in dem er sein linkes Auge (zunächst) nur für „Ja“- (einmal zwinkern) und „Nein“-Antworten (zweimal zwinkern) benutzt.
Seine von ihm getrennt lebende Frau Céline besucht ihn, sein Freund Laurent, später auch seine Kinder. Obwohl er zunächst angesichts seiner hoffnungslosen Situation sterben will, bringen ihn vor allem Marie und Henriette dazu, an etwas ganz anderes zu denken: an den Aufbau einer einfachen, aber wirksamen Kommunikationsstruktur: Sie sortieren das Alphabet nach den am häufigsten vorkommenden Buchstaben in der französischen Sprache und sagen sie immer in derselben Reihenfolge auf, jeweils bis Jean-Do zwinkert. Nach einer Weile können sie auf diese Weise die Worte teilweise raten, die Jean-Do meint. Dieses Verfahren ist zwar zeitaufwändig, aber derart effektiv, dass Bauby später sein Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ diktiert, in dem er sein Leben nach dem Schlaganfall erzählt, aber eben vor allem auch seine Erinnerungen und seine Gefühle preisgibt, die er in den letzten Monaten seines Lebens hatte.
„La mer
Qu'on voit danser le long des golfes clairs
A des reflets d'argent
La mer
Des reflets changeants
Sous la pluie
La mer
Au ciel d'été confond
Ses blancs moutons
Avec les anges si purs
La mer bergère d'azur
Infinie“
(Charles Trenet, 1946)
Schnabel gelang etwas Wundervolles. Ohne die Spur von Rührseligkeit zeigt er in der ersten Hälfte des Films einen Mann, der am Leben hängt. Nur durch die Erinnerung und die Phantasie kann er, so Bauby selbst, seiner „Taucherglocke“ entkommen und wie ein Schmetterling eine eigene, neue Welt kreieren. Die zweite Hälfte des Films zeigt uns Bauby aus unserer Perspektive, und dieser Perspektivwechsel ist selbstverständlich gewollt. Dieser Wechsel erscheint mir so natürlich und klar und überzeugend wie der Film insgesamt.
Mathieu Amalric („James Bond 007 - Ein Quantum Trost“, 2008; „La Vénus à la fourrure“, 2013) präsentiert uns „seinen“ Jean-Do plausibel. Auch wenn wir in dessen Erinnerung Bauby gesund sehen, ist die Darstellung des gelähmten Bauby, in der auch Amalric ja nur das linke Auge bewegen kann, eindrucksvoll. Es ist überhaupt erstaunlich, dass man einem Menschen in diesem Zustand noch ansehen kann (jedenfalls in mehreren Situationen im Film), was er empfindet. Und Amalric gelingt dies.
Die Gedanken Baubys – dem Buch entnommen – „sitzen“ in jeder Szene des Films. Als ihn seine Kinder besuchen, hören wir ihn denken: „Selbst ein Stückchen von einem Papa ist wohl noch ein Papa.“ Auch seine sarkastischen, aber wirklich nie bösartigen gedanklichen Kommentare zu Vergangenem oder den Äußerungen seiner Besucher sind vortrefflich. Bauby hat sein Schicksal irgendwann in diesen letzten Monaten seines Lebens jedenfalls soweit akzeptiert, dass er damit leben kann.
Schnabel zeigt Bauby in seinem vergangenen Leben, das was für ihn wichtig war, u.a. auch seinen Vater, gespielt von dem großartigen Max von Sydow, der einen über 90jährigen Mann spielt, den das Schicksal seines Sohnes in einer Weise betrübt, die man kaum beschreiben kann.
Neben von Sydow (in zwei Szenen) überzeugen auch Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Anne Consigny und Olatz López Garmendia.
Die Traurigkeit, diese schier unendliche Hilfslosigkeit und das vollständige Ausgeliefertsein an andere zeigt Schnabel nur als die eine Seite dieser Geschichte. „Schmetterling und Taucherglocke“ ist auf der anderen Seite und vor allem anderen eine Hommage an das Leben, eine uneingeschränkte Liebeserklärung im Angesicht des Todes. Und es ist gerade die wunderbar „hineinkomponierte“ Musik – etwa „La Mer“ von Charles Trenet, „All The World Is Green“ und „Green Grass“ von Tom Waits, „Pale Blue Eyes“ von Lou Reed oder auch „Don't Kiss Me Goodbye“ von Ultra Orange & Emmanuelle –, die dieser Hommage die entsprechende Stimmung verleiht.
Dieser Film ist einer der seltenen seiner Art, der die Tragik einer solchen Lebensgeschichte in einer ganz und gar nicht kitschigen oder rührseligen Art direkt in die Herzen des Betrachters transportiert. „Der Mond ist gelbes Silber, all die Dinge, die der Sommer bringt, es ist eine Liebe, für die man töten würde. Und die ganze Welt ist grün, er balanciert einen Diamanten auf einem Grashalm. Der Tau wird sich auf unserem Grab niederlassen, wenn die ganze Welt grün ist“ (Tom Waits).
Frankreich, USA 2007 - 112 min.
Regie: Julian Schnabel
Drehbuch: Ronald Harwood
Darsteller: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Anne Consigny
Produktion: Kathleen Kennedy, Jon Kilik
Musik: Paul Cantelon
Kamera: Janusz Kamiński
Schnitt: Juliette Welfling