Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03534.jsonl.gz/2639

Dominic Stricker: Vom Thunersee im Schnellzug Richtung Weltspitze19.10.2023 Sport-Reportagen
Im Sommer 2022 schlug Dominic Stricker, die derzeit grösste Schweizer Tennishoffnung, noch für den TC Thun im Nationalliga-B-Interclub auf. Heute, rund 16 Monate später, ist der Mann aus Grosshöchstetten die Nummer 90 der Welt, hat am US Open Stefanos Tsitsipas (Setznummer 7) geschlagen und die Achtelfinals erreicht.
An die Zeit im TC Thun, wo er noch heute – vorausgesetzt der dicht gedrängte Terminkalender erlaubt es – hin und wieder mit seinen ehemaligen Teamkollegen zum Racket greift, erinnert sich Dominic Stricker gerne. «Es war eine äusserst coole Zeit. Wir hatten einen hervorragenden Teamgeist, jeder unterstützte den anderen und freute sich mit ihm über jeden Punkt-, Game- und Satzgewinn.»
Jetzt an die Swiss Indoors
Strickers kometenhafter Aufstieg soll nächste Woche an den Swiss Indoors in Basel eine Fortsetzung erfahren. Dort, wo Roger Federer zehn seiner insgesamt 103 Turniersiege erspielt hat, muss Stricker im Ranking die Punkte verteidigen, die er sich im Vorjahr in Runde 1 mit seinem Erfolg über den Amerikaner Maxime Cressy geholt hat. Eine schwierige Aufgabe, denn viel wird auch von der Auslosung abhängig sein, sind doch in Basel mit Carlos Alcaraz (ATP 2), Holger Rune (5) und Casper Ruud (9) nicht weniger als drei Top-Ten-Spieler in der «Entry-list» aufgeführt.
Vor sechs Jahren war Stricker noch die Nummer 126 der Schweiz, seit dem 11. September dieses Jahres zählt er zu den besten hundert Spielern der Welt. Vor dem Grand Slam-Turnier im Mai in Paris hatte sich der Linkshänder zwei grosse Ziele für den weiteren Verlauf des Jahres gesteckt.
Zwei grosse Ziele erreicht
Die Qualifikation für das Haupttableau eines Grand Slam-Turniers und das Vorrücken unter die Top-100 im ATP-Ranking. In der Zwischenzeit hat er das erste Ziel bereits dreimal erreicht. In Wimbledon und am US Open spielte er sich zweimal erfolgreich durch die Qualifikation, hatte in Paris das Glück des «Lucky Losers» und stand im Haupttableau. In Roland Garros scheiterte er noch in Runde 1 am Amerikaner Tommy Paul, in Wimbledon gewann er erstmals einen Match in einem Haupttableau der Königsklasse und in New York kam der endgültige Durchbruch. Nach drei Siegen in der Qualifikation bezwang er im Auftaktspiel wie schon in Paris den Australier Alexei Popyrin und in der nächsten Runde gelang der grosse Wurf: Fünf-Satz-Sieg gegen den haushohen Favoriten, den Griechen Stefanos Tsitsipas (im Moment ATP-Nummer 6). In den Sechzehntelfinals musste Stricker nochmals über fünf Sätze, ehe er den Franzosen Benjamon Bonzi gebodigt hatte. In den Achtelfinals bedeutete der Amerikaner Taylor Fritz trotz starker Gegenwehr Endstadion, aber den Platz unter den Top 100 hatte sich das Talent aus Grosshöchstetten gesichert, Ziel Nummer 2 erreicht. Dominic Stricker: «Das ist wunderschön, doch ich werde weiterhin hart arbeiten und nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Platz 90 soll nicht Endstation sein.» Den 11. September 2023 wird Dominic Stricker nie vergessen. Als er am Morgen aufwachte und einen Blick auf das ATP-Ranking wagte, ging ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Geschafft! Erstmals tauchte sein Name unter den besten Hundert in der Tennis-Bibel auf – Platz 90. Doch das soll nur eine Zwischenstation sein.
«Ein toller Tag»
Blickt Dominic Stricker mit etwas Distanz auf den Sensationssieg gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas zurück, sagt er: «Es war wirklich ein cooler Tag. Ich lag mit 1:2 Sätzen zurück, er servierte zum Matchgewinn und ich konnte das Rad noch drehen.» Eigentlich unfassbar, ein kleines Wunder, doch der mental starke ehemalige Juniorensieger von Paris steckte nicht auf. Es ist bekannt, dass Überraschungssieger oft in der nächsten Runde einbrechen und klar verlieren, nicht so Dominic Stricker. «Es war in der Tat nicht einfach, doch es gelang mir, mich schnell zu erholen und die Konzentration aufrechtzuhalten», sagt Stricker. So bezwang er auch den Franzosen Benjamin Bonzi erneut in fünf Sätzen und meinte nach dem Match: «Zu Beginn tat ich mich noch schwer, doch es kam mir entgegen, dass der Match über fünf Sätze ging und ich immer besser ins Spiel kam – die Kräfte liessen kaum nach, ich kann mittlerweile mit der Belastung von Fünfsätzern gut umgehen.»
Nach den Einsätzen im Daviscup und den Turnieren in Mouilleron-le-Captif (ATP 100), Bratislava (ATP 125) und Antwerpen (ATP 250) steht für Stricker nun mit den Swiss Indoors in Basel (21.– 29. Oktober) ein weiterer Höhepunkt bevor. Im Vorjahr gelang ihm gegen den Amerikaner Maxime Cressy ein Startsieg, heuer dürfte es nicht minder schwierig werden zu punkten. Stricker: «Ich freue mich riesig auf dieses Turnier, die Stimmung ist immer grossartig und wir Schweizer werden besonders lautstark unterstützt.»
Die Rolle des neuen Coachs
Seit April trainiert Dominic Stricker auch unter einem neuen Coach, dem Deutschen Dieter Kindlmann, einst als Spieler selbst auf der Tour unterwegs. «Wir trainieren meistens im Nationalen Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel. Viel geändert hat sich im Training nicht, doch Kindlmann bringt neue Ideen und Übungen ein. Seine Erfahrung ist ein grosser Vorteil, ebenso wichtig ist aber für mich, dass wir uns auch ausserhalb des Platzes ausgezeichnet verstehen. Die Stimmung ist immer gut, wir arbeiten hart, doch zwischendurch wird auch immer wieder gelacht.»
Pierre Benoit
Dominic Stricker wurde am 16. August 2002 in Münsingen geboren. Er gewann 2020 im Einzel und Doppel das Junioren-Grand-Slam-Turnier von Roland Garros. 2021 verbesserte er sich in der Weltrangliste um 922 Ränge, derzeit belegt er im ATP-Ranking Platz 90. Bei den Next Gen ATP-Finals, wo die acht besten unter 21-Jährigen teilnahmen, erreichte er im November 2022 in Mailand den Halbfinal. Am US Open stiess er bis in die Achtelfinals vor. Gewann bisher fünf Challenger-Turniere.
Schweizer in den Top 100
Dominic Stricker ist der 13. Schweizer, der seit der Einführung des ATP-Rankings 1973 den Sprung in die Top 100 schafft. Hier die Liste der Erfolgreichen (in Klammer beste Klassierung).
Roger Federer (1)
Stan Wawrinka (3)
Jakob Hlasek (7)
Marc Rosset (9)
Heinz Günthardt (22)
Claudio Mezzadri (26)
Michel Kratochvil (35)
Marc-Andrea Hüsler (47)
Marco Chiudinelli (52)
Roland Stadler (68)
George Bastl (71)
Henri Laaksonen (84)
Dominic Stricker (88)