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Es begann mit einer kleinen Autoreparaturwerkstätte und endete in einem Scherbenhaufen: 2003 ging die Erb-Gruppe Konkurs. Es war die zweitgrösste Firmenpleite in der Schweiz nach dem Niedergang der Swissair. Die Pleite markierte den Auftakt zu einem der spektakulären Justiz-Krimis der Schweiz. Der Protagonist: Rolf Erb, Nachfolger der Erb-Dynastie und verurteilter Betrüger. Am Wochenende nahm seine Geschichte ein tragisches Ende.
Zunächst sieht alles nach einer Erfolgsgeschichte aus: Als Rolf Erbs Grossvater 1953 stirbt, hinterlässt er seinem Sohn eine florierende Autogarage, erwachsen aus nur einer kleinen Reperaturwerkstatt in Winterthur. Hugo Erb junior, ein talentierter Verkäufer mit einem ausgezeichneten Riecher fürs Geschäft, baut das Unternehmen in kurzer Zeit zu einem Milliardenimperium aus.
Während der Autohandel seine Hochzeit erlebt, schwingt sich Erb zum Alleinimporteur verschiedener Automarken auf. Bald investiert der Winterthurer in Nebengeschäfte; kauft Firmen auf, Fenster- und Küchenhersteller, eine Kaffehandelsfirma, und Immobilien. In der Blütezeit gehören zum Erb-Imperium weltweit über 80 Firmen, die mit 5000 Angestellten einen Umsatz von 4,5 Milliarden Franken erwirtschafteten. Ein spektakulärer Aufstieg.
In diese Erfolgsgeschichte hinein wird 1951 Rolf Erb als zweiter von drei Söhnen geboren. Als sein älterer Bruder, der seinen Vater hätte beerben sollen, in jungen Jahren bei einem Autounfall verstirbt, wird Rolf Erb ins Familienunternehmen eingeführt, besucht Management-Kurse im Ausland und übernimmt eine Garage in Luzern.
Mit seiner zweiten Frau zieht Erb in den 90er-Jahren ins Schloss Eugensberg – 82 Hektar, Parkanlage, über 45 Zimmer und eine stattliche Oldtimer-Sammlung repräsentieren den Wohlstand Rolf Erbs.
Rolf Erb eifert seinem Vater nach und spekuliert im grossen Stil mit Devisengeschäften. Das geht anfänglich gut, doch in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre erleidet das Erb-Imperium Verluste in Millionenhöhe: Allein an die deutsche Immobilienfirma CBB Holding, an der sich die Erb-Gruppe beteiligt, geht ab 1996 mehr als eine Milliarde Franken, um die Ausstände der Firma zu stopfen.
Statt den entstandenen Schuldenberg abzuarbeiten, versteckt ihn Erb hinter geschönten Bilanzen – was dank der undurchsichtigen Firmenstruktur hervorragend gelingt: Trotz roter Zahlen gelangt das Unternehmen immer wieder zu Krediten: Während die Erb-Gruppe 1998 schon auf 1,5 Milliarden Schulden sitzt, schiessen Banken – darunter die UBS, CS und ZKB – nochmals 700 Millionen nach. Und Rolf Erb bezieht weiterhin einen jährlichen Lohn von über einer Million Franken.
1998 kommt es zum ersten Knall: Nachdem der Erb-Finanzchef Hans Vögeli zur ZKB wechselt, trocknet die Bank den Geldfluss aus: Statt 400 Millionen Franken fliessen nur noch wenige Millionen ins defizitäre Unternehmen, schliesslich kündigt die Bank Erb überraschend einen 30-Millionen-Franken-Kredit. Es ist der Anfang vom Ende: Andere Banken folgen dem ZKB-Beispiel und kündigen Kredite. Auch hastige Sanierungsaktionen nützen nichts mehr.
2003 überschlagen sich die Ereignisse: Im Juli stirbt Rolf Erbs Vater an Krebs. Ende Oktober holen die Erb-Erben widerwillig den Firmensanierer Hans Ziegler an Bord. In einem Communiqué erklären sie, künftig als Verwaltungsräte zu fungieren. Im Dezember lädt Ziegler die Presse ins Casinotheater Winterthur. Er verkündet die Zerschlagung des Erb-Imperiums. Hunderte Angestellte verlieren ihre Jobs, die Banken erleiden Verluste in Milliardenhöhe. Der Niedergang des Giganten gilt als zweitgrösste Pleite in der Schweiz nach dem Konkurs der Swissair zwei Jahre zuvor.
Kurz nach der Pleite nimmt die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchung auf. Erb wird des gewerbsmässigen Betrugs, Urkundenfälschung und Gläubigerschädigung verdächtigt. Er soll für die geschönten Bilanzen verantwortlich sein, die die Firma in den Ruin trieben und den Banken massive Verluste bescherten. Zudem soll Erb das Schloss, das er von der Aktiengesellschaft für 27 Millionen hätte kaufen sollen, nie abbezahlt haben.
Trotzdem überschreibt Erb sein Anwesen, inklusive Oldtimer-Sammlung und seiner Villa in Wülflingen kurz vor der Pleite seinen zwei einjährigen Zwillingen.
2012 nimmt der Justiz-Krimi seinen Lauf; es kommt zum Prozess am Bezirksgericht Winterthur. 2014 bestätigt das Obergericht Zürich das Urteil der ersten Instanz: Erb wird wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Gläubigerschädigung (weil er Teile seines Vermögens kurz vor der Pleite seinen Söhnen überschrieben hatte) zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt.
Vor dem Obergericht bezeichnet Staatsanwältin Susanne Leu die Causa Erb als astreinen Kriminalfall. Der letzte Patron des Familienimperiums habe eine Vielzahl von Kreditgebern hinters Licht geführt, getrieben von Profitgier. Er habe über Jahre ein Lügenkonstrukt erstellt und dieses mit seinem weltmännischen, eloquenten Auftreten sorgsam gepflegt. Erb selber nimmt sich weiterhin aus der Verantwortung. Den Zusammenbruch hätten sein Vater Hugo und dessen langjähriger Buchhalter zu verschulden.
Rolf Erb wehrt sich weiter gegen die Verurteilung. Doch die Banken sitzen ihm im Nacken. Mit dem Urteil durch das Obergericht beschliesst die Zürcher Justiz, Erbs Schloss Eugensberg und die Villa in Wülflingen zwangszuversteigern. Zudem sollte Erbs Oldtimersammlung in die Konkursmasse fliessen.
Das letzte Kapitel von Erbs Abstieg schreibt das Bundesgericht: 2015 lehnt die oberste Instanz den Rekurs von Erb ab und bestätigt das Urteil des Obergerichts. Das Zürcher Amt für Justizvollzug legt den Strafantritt auf November 2016 fest. Erb macht gesundheitliche Probleme geltend, doch auch das bringt nicht viel mehr als eine kleine Verzögerung: Im Februar 2017 stützt das Zürcher Verwaltungsgericht den Entscheid und legt das Datum auf den 5. April.
Im gleichen Monat beschliesst das Bundesgericht, dass Erb, seine Partnerin sowie seine zwei Kinder das Schloss verlassen müssen – der zweite herbe Rückschlag innert kürzester Zeit.
Drei Tage nachdem Rolf Erb die Haft hätte antreten sollen, findet ihn seine Partnerin am Samstagabend tot im Schloss Eugensberg. Ein Drittverschulden wird ausgeschlossen – ob Erb sich das Leben genommen hat oder eines natürlichen Todes gestorben wird, wird nun abgeklärt. Vieles deutet auf ersteres hin: Erb hatte sich selber als akut suizidgefährdet bezeichnet.