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Ein unwiderstehliches Angebot ihrer Verlegerin führt die Schriftstellerin nach Venedig, eine ihr bisher unbekannte Stadt. Dort soll sie eine Nacht im Museum verbringen und darüber einen Text verfassen. Für sie ist das Faszinierendste daran: eingeschlossen zu sein.
Die Blumen der Nacht waren für sie schon in ihrer Kindheit der Nachtjasmin. Dieser befand sich vor der Eingangstüre ihres Zuhauses in Rabat, wo sie mit ihren Eltern aufwuchs. Wenn sie sich nachts davon stahl, war dieser Nachtjasmin das letzte und das Erste, das sie roch. Auch vor dem Museo Punta della Dogana in Venedig befindet sich so ein Busch und zu spät entdeckt sie, dass die Türe dahinter, die sie verschlossen glaubte, von innen jederzeit hätte geöffnet werden können. "War diese Türe die ganze Zeit nicht verschlossen? Hätte ich, wenn ich gewollt hätte, mitten in der Nacht entfliehen können? Hätte ich ausbrechen können?" Leïla, ihr arabischer Name bedeutet "Nacht", erkennt, dass die meisten Gefängnisse jene sind, die man sich selbst baut und die Türen dieser Gefängnisse bleiben stets unverschlossen. Ihr Aufenthalt nachts im Museum wird zu einem Spaziergang durch die eigene Vergangenheit und zur Aufarbeitung ihrer Beziehung zu ihrem Vater, wegen dem sie eigentlich Schriftstellerin geworden ist. Seine Geschichte wollte sie erzählen. Denn er saß zu Unrecht im Gefängnis und sie wollte ihn reinwaschen. "Ich höre das Geräusch des Wassers, das an die Kaimauern klatscht. Das ist es, sage ich mir im Halbschlaf. Das ist es, was dein Vater dir geraten hätte, wenn du ihm zugehört hättest:`Brich aus! Fliehe aus diesem Gefängnis, zu dem du dich selbst verurteilt hat. Geh die Welt erobern."
Ein wunderbares Buch voller poetischer Einfälle und Streifzüge durch die (französisch-arabische) Literaturgeschichte. Immer wieder nimmt Slimani einen Gedanken eines anderen Schriftstellers auf, während sie durch die Hallen der altehrwürdigen Dogana spaziert. Und wie diese weiß sie, dass sie eine geheime Zauberkraft besitzt, die allen Schriftsteller:innen eigen ist: "Ich kann mühelos durch Wände gehen", zitiert sie etwa Ahmet Altan. In jedem von uns gibt es einen Ort, wo die Freiheit möglich ist. Dieses "innere Leben" ließ auch ihren Vater seine dunkelsten Stunden überleben. Leïla Slimani überrascht immer wieder mit unkonventionellen Gedanken, schließt etwa Marilyn Monroe in ihre Überlegungen zur Authentizität mit ein. "MM kann man nicht auf Männerfantasie reduzieren. Sie bringt die Frauen zum Träumen. (...) Sie hat etwas Monströses. Sie ist ein Lockvogel, eine Falle, eine Marionette, eine beinahe mythologische Figur...". Und immer wieder definiert Slimani auch ihr Zuhause, die Literatur. "Nicht den Mut verlieren, obwohl man weiß, dass man unterliegen wird, und sich dem Kampf stellen: Das ist Literatur." (Roberto Bolano) Mit dem Duft des Nachtjasmins, der Blume der Nacht, in der Nase formuliert Leïla Slimani das Glaubensbekenntnis eines freien Menschen: "Ihr könnt mich nicht einsperren. Ich bin Schriftsteller."