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Was geschieht nach 2050?
Die Welt muss nicht nur Netto-Null erreichen, sondern auch bei Netto-Null bleiben. Wenn wir Netto-Null nicht rechtzeitig erreichen, müssen wir sogar zu negativen Emissionen übergehen. Es ist sehr wichtig, eine Innovationspipeline an Technologien zu haben, die in fünf, zehn Jahren und darüber hinaus bereit sein werden und weitere Möglichkeiten bieten werden. Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Kernfusion in der Pipeline ist. Ich kann den Zeitplan für die Kernfusion nicht abschätzen, aber ich bin zuversichtlich, dass sie kommen wird. Die Kernfusion kann einen wichtigen Beitrag leisten und wir werden sehen, ob dies geschieht, bevor wir Netto-Null erreichen, oder ob es danach geschieht und sie uns dabei helfen wird, bei Netto-Null zu bleiben und die Wirtschaft auf der ganzen Welt weiter wachsen zu lassen.
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Energieerzeugung aus SMRs finanziell attraktiv ist und sich SMRs auf dem Markt durchsetzen können?
Die erste Grundvoraussetzung ist eine Verpflichtung zur Dekarbonisierung. Unabhängig davon, ob es sich um eine politische oder gesetzliche Vorgabe oder nur um eine freiwillige Verpflichtung zur Dekarbonisierung handelt, zwingt dies zu einer ernsthaften Diskussion. Wenn man grundsätzlich keine Kohle mehr nutzen will, dann spielt es keine Rolle mehr, ob Kohle die kostengünstigste Option ist. Der erste Einflussfaktor für die Wirtschaftlichkeit von SMRs ist also der politische Rahmen, der die Dekarbonisierung erforderlich macht.
Dort wo Strom aus Wasserkraft in grossem Umfang und zu niedrigen Kosten zur Verfügung steht, ist die Kernenergie vielleicht niemals wettbewerbsfähig. Wo es keine Wasserkraft gibt, könnte man auf variable erneuerbare Energien zurückgreifen. Aber man muss die variablen erneuerbaren Energien entweder durch Batterien, Speicher oder Kernenergie unterstützen. In diesem Zusammenhang kann die Kernenergie ein wichtiger Bestandteil des Energiemix werden.
Es gibt mehrere Ansätze, um die Wirtschaftlichkeit von SMRs zu verbessern. Ob dies gelingt, wird sich zeigen, es ist aber ein sehr spannendes Versprechen. Möglichkeiten zum Senken der Kosten von SMRs sind eine fabrikbasierte Produktion zumindest der grossen Komponenten oder sogar des gesamten SMR, eine modulare Bauweise, vereinfachte Auslegungen, aber auch Kosteneinsparungen durch eine Serienproduktion. Die erste Anlage ist überall die teuerste. Und dann lernt man durch Erfahrung. Mit dem Wissen, das man bei der zweiten Anlage gewinnt, sinken die Kosten für die dritte Anlage und so weiter.
Irgendwann kommt man in einen sehr effizienten Fertigungs- und Baurhythmus, aber das erreicht man nur, wenn man aufeinanderfolgende Projekte hat. Wenn man etwas baut und dann 20 Jahre lang nichts mehr baut, verliert man das Wissen und die Erfahrungen, und dann steigen die Kosten wieder an. In einigen Ländern, die in letzter Zeit keine Kernkraftwerke termingerecht und unter Einhaltung des Budgets gebaut haben, mussten und müssen wieder viele Dinge von Grund auf neu gelernt werden. Viele dieser Länder haben in der Vergangenheit zwar pünktlich und im Rahmen des Budgets gebaut, aber das war immer in einer Zeit aufeinanderfolgender Projekte. Zwischen 1975 und 1990 hat Frankreich zum Beispiel 52 neue Kernreaktoren gebaut und ans Netz gebracht. Aus wirtschaftlicher Sicht war es grossartig, dass sie es so schnell geschafft haben. Wir können es auch heute wieder lernen und die Kosten senken. Aber wir benötigen dafür einen programmatischen Ansatz.
Darüber hinaus gibt es digitale Innovation und fortschrittliche Fertigungsverfahren und all die wunderbaren Erkenntnisse, die in anderen Branchen im Hinblick auf Projektmanagement und Beschaffungsstrategien gewonnen wurden. Wir müssen all diese Erfahrungen einbringen und wiederholen, wiederholen, wiederholen.
Gibt es grössere Herausforderungen, welche die Kommerzialisierung von SMRs behindern könnten?
Es gibt sicherlich einige Herausforderungen, die überwunden werden müssen. Eine der Herausforderungen ist der Mangel an Fach- und Arbeitskräften. Viele der erfahrensten Mitarbeiter des Sektors gehen in den Ruhestand. Wir müssen junge Leute ausbilden, und wir brauchen eine gute Talentschmiede. China und Russland bilden viele Ingenieure aus und ergreifen Massnahmen, um sicherzustellen, dass sie über einen Talentpool für ihre Sektoren verfügen. Europa und Nordamerika sollten ebenfalls darauf hinwirken, ihren Talentpool zu erweitern und sicherzustellen, dass die jüngere Generation ausgebildet wird.
Die Lieferkette ist ein weiterer Faktor. Wir wissen, dass wir die Lieferketten wieder aufbauen können, aber es wird in Ländern, die früher eine Lieferkette hatten und sie dann durch fehlende Investitionen über viele Jahre verkümmern liessen, einige Zeit dauern. Wir wissen, was getan werden muss. Wir müssen einfach anfangen zu bauen, und dann wird die Lieferkette effizienter werden. Auch bei der Brennstofflieferkette, also bei High-assay low-enriched uranium (HALEU), gibt es einen Aspekt, dem Beachtung geschenkt werden muss. Viele der Projekte, die HALEU benötigen, haben anfänglich geplant, HALEU aus russischer Herkunft zu verwenden. Diese Projekte suchen nun nach alternativen Quellen. Kapazität und Zuverlässigkeit der Brennstoff-Lieferkette müssen aufgebaut werden. Aber nicht alle SMR-Auslegungen benötigen HALEU, sodass nicht alle davon betroffen sind.
Die Welt hat sich wieder auf das Thema der Sicherung der Energieversorgung zugewandt und betrachtet die Energieversorgungsketten als strategische Werte. Es gibt einige sehr ernsthafte Gespräche darüber, wie man die Brennstoffversorgungsketten diversifizieren und eine sichere Versorgung mit Brennstoffen gewährleisten kann.
Die Bereitschaft der Regulierungsbehörden bezüglich Zulassung von SMRs ist ebenfalls Teil unseres Dashboards. Wir sehen, dass die Aufsichtsbehörden sich auf den Einsatz in ihren eigenen Ländern vorbereiten. Es gibt viele Befürworter der SMR-Technologie, die auf eine stärkere Harmonisierung oder Zusammenarbeit zwischen den Aufsichtsbehörden in den verschiedenen Ländern hoffen, damit eine Technologie, die in einem Land zugelassen wurde, auch in anderen Ländern eingesetzt werden kann, ohne dass die Aufsichtsbehörden in jedem Land wieder bei Null anfangen müssen. In der Nuclear Energy Agency finden Gespräche statt, und bei der IAEO gibt es eine Initiative, die darauf abzielt, die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zwischen den Aufsichtsbehörden zu verbessern. Dies ist eine grosse Herausforderung, die sich auf Kosten und Zeitpläne auswirken wird. Wir können die Effizienz verbessern und Kosten senken, wenn die Aufsichtsbehörden zusammenarbeiten können. Das sind die wichtigsten Themen, mit denen wir uns intensiv beschäftigen.
Sie sprechen von der Nuclear Harmonization and Standardization Initiative (NHSI) der IAEO?
Ja, das ist ein Teil davon: Die IAEO organisiert im Rahmen der NHSI eine Art multilaterales globales Gespräch zwischen den Regulierungsbehörden. Es gibt bei den Ländern aber auch bilaterale Gespräche, trilaterale Gespräche und – in der EU – regionale Gespräche. Es wird eine Mischung sein: Einige Dinge können auf multilateraler Ebene behandelt werden, andere wiederum werden auf bilateraler oder regionaler Ebene diskutiert werden. Das wird für eine Reihe von Technologien, die in mehreren Ländern eingesetzt werden müssen, sehr hilfreich sein.
Wenn es um die Akzeptanz der Kernenergie geht, sehen wir hier in der Schweiz Unterschiede in der Meinung von Frauen und Männern. Unser Ziel ist es, das Interesse von Frauen für unser Thema zu wecken und mehr Frauen für die Nuklearindustrie zu gewinnen. Was sind Ihre Gedanken und wie könnte das geschehen?
Das ist eine wunderbare Frage! Es gibt ein grundlegendes Konzept zur Vertrauensbildung. Um Vertrauen zu einer Interessengruppe aufzubauen, muss man sich mit dieser Gruppe auseinandersetzen, und ich denke, dass der Nuklearsektor in der Vergangenheit nicht immer sehr gut darin war, sich diesbezüglich zu engagieren. Inzwischen gibt es Beispiele dafür, dass der Nuklearsektor lernt und es besser macht. Der häufigste Fehler in der Vergangenheit – und er wird vereinzelt auch heute noch gemacht – ist, dies als Kommunikations- oder Marketingproblem zu betrachten. Als ob ich nur erklären müsste, wie es funktioniert, und dann würde die Person, der ich es erkläre, mir zustimmen, sofern sie es so verstehen kann, wie ich.
Es darf aber keinen einseitigen Informationsfluss geben, sondern es muss ein Gespräch geführt werden. Unterschiedliche Gruppen haben unterschiedliche Denkweisen über die Welt, unterschiedliche Prioritäten und unterschiedliche Arten der Informationsaufnahme. Wenn wir wirklich verstehen wollen, warum Frauen andere Ansichten zu diesem Thema haben als Männer, müssen wir mit Frauen sprechen und ihnen zuhören.
Es geht nicht nur darum, Informationen und Daten zu verbreiten. Es geht darum, auf das Gegenüber einzugehen und ein Gespräch zu führen. Wir wissen, dass Menschen, die mehr direkte Erfahrungen mit dem Nuklearsektor haben, ein höheres Vertrauen in den Nuklearsektor haben. Da es sich bei der Nukleartechnologie um eine sehr komplexe Technologie handelt, kann sie einschüchternd wirken. Je mehr man weiss, desto vertrauter ist man mit dem Nuklearsektor – sei es durch einen Job im Nuklearsektor oder durch Besichtigungen von Kernkraftwerken. Je vertrauter man ist, desto weniger einschüchternd ist es. Wir müssen das Thema auf eine menschliche Ebene bringen. Wir müssen Menschen, Gemeinden und Schulen zu Besichtigungen einladen, und zwar bereits in sehr jungen Jahren in Grundschulen, aber auch in Universitäten. Wir müssen auch an höheren Schulen präsent sein und Gespräche führen.
Wir können auch besser daran arbeiten, Frauen für Wissenschaft und Technik, für das Ingenieurwesen und den Nuklearsektor zu gewinnen. Die von der NEA gesammelten Daten zeigen, dass Frauen seltener in den Nuklearsektor einsteigen und häufiger auf Hindernisse stossen, die sie daran hindern, in Führungspositionen aufzusteigen. Mehr Frauen im Nuklearsektor werden enorme Auswirkungen auf das Vertrauen der Öffentlichkeit haben, weil Frauen sich nicht nur selbst wohler fühlen werden, sondern auch mit ihren Familien darüber sprechen werden. Die Kernenergie wird zu einem Thema, über das man zu Hause mit einem gewissen Mass an Leichtigkeit sprechen kann.
Ich habe darüber gesprochen, dass der Nuklearsektor Humanressourcen brauchen, dass wir mehr Menschen ausbilden müssen, dass wir einen Pool an Fachkräften benötigen. Wir können diesen Pool ausbauen, indem wir Frauen einstellen, was sich auch positiv auf das Vertrauen der Öffentlichkeit auswirken dürfte. Das ist sehr wichtig und diese Prioritäten gehen Hand in Hand.
Ich freue mich sehr über die jüngsten Fortschritte in diesem Bereich: Die 38 OECD-Mitgliedstaaten haben im Juni den Empfehlungen der NEA zugestimmt, die sich darauf konzentrieren, mehr Frauen für den Sektor zu gewinnen, zu halten und zu fördern.
Wie sind Sie selbst zur Nuklearindustrie gekommen?
Ich bin Ingenieurin von Beruf. Mein Grund- und Aufbaustudium habe ich im Ingenieurwesen absolviert, aber zum Nuklearsektor bin ich erst durch den Klimawandel gekommen. Ich hatte viele Jahre lang im privaten und im öffentlichen Sektor aus verschiedenen Blickwinkeln an der Eindämmung des Klimawandels gearbeitet. Und schliesslich führte mich die Faktenlage zur Kernenergie. Die Wege zu Netto-Null sind mit der Kernenergie schneller, einfacher und kostengünstiger zu erreichen und ohne sie vielleicht gar nicht. Das habe ich zunächst nicht akzeptiert, denn ich wollte unbedingt einen Weg zu Netto-Null sehen, der ausschliesslich auf variablen erneuerbaren Energien beruht. Vor 30 Jahren, als ich als Ingenieurin anfing, war ich mit der Kernenergie nicht sehr vertraut, aber je mehr ich lernte, desto klarer wurde mir, dass die Welt die Kernenergie braucht. Also begann ich mehr darüber zu lernen, und als ich das tat, begann ich zu verstehen, welche Rolle sie spielen könnte. Die Kernenergie ist eine grosse Leidenschaft von mir geworden.
Zum Werdegang von Diane CameronDiane Cameron ist Leiterin der Abteilung «Nuclear Technology Development and Economics» bei der Nuclear Energy Agency (NEA) der OECD. In dieser Funktion leitet sie ein Expertenteam aus Ökonomen und Wissenschaftlern, das die Energiepolitik und die Entwicklung der Kernenergiepolitik in den NEA-Mitgliedsländern unterstützt, indem es evidenzbasierte, massgebliche Bewertungen und Analysen in den Bereichen Kernenergiewirtschaft, Finanzierung und Kostenreduzierung sowie Kerntechnik, Innovation und Brennstoffkreislauf vorantreibt.
Von 2014 bis 2021 war sie Direktorin der Abteilung für Kernenergie bei der kanadischen Regierung. Als Direktorin leitete sie die Abteilung, die für die Führung und Koordinierung der kanadischen Kernenergiepolitik zuständig ist, und war Vorsitzende des «Canada’s Small Modular Reactor (SMR) Roadmap and Action Plan». Im Jahr 2007 trat sie in die kanadische Regierung ein und arbeitete dort in den Bereichen Energie-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik einschliesslich internationaler Beziehungen und Verhandlungen. Vor ihrer Tätigkeit bei der kanadischen Regierung war sie in der Unternehmensberatung und im Ingenieurwesen in der Privatwirtschaft tätig und spezialisierte sich auf globale Wertschöpfungsketten und internationale Logistik.
Die kanadische Staatsbürgerin hat einen Master-Abschluss in Technologiepolitik vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo sie zum Alfred Keil Fellow for Wiser Uses of Science and Technology ernannt wurde. Diane Cameron hat ausserdem einen Bachelor of Applied Science in Systems Design Engineering von der University of Waterloo.