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Bei den „Wasserfällen von Slunj“ handelt es sich um den letzten Roman, den Doderer vollenden konnte. Als erster Teil des vierteiligen „Romans No. 7“ gedacht, spielt dieser Roman in einer früheren Zeit als Doderers ‚Grossromane‘ „Die Strudlhofstiege“ und „Die Dämonen“. Dementsprechend treffen wir natürlich auch nicht auf das von dort gewohnte Personal.
Die Hauptpersonen dieses Romans sind für Doderer’sche Verhältnisse sogar recht aussergewöhnlich. Es handelt sich nämlich um zwei „englische Brüder“, die in Kakanien leben und arbeiten. Die „Brüder“ sind zwar Engländer, aber keine Brüder, sondern eigentlich Vater und Sohn: Robert und Donald. Robert ist seinerzeit von England nach Kakanien gekommen, um hier eine Zweigstelle der Fabrik seines Vaters zu eröffnen und ist als Fabrikleiter hier geblieben. Er hat hier geheiratet, in Kakanien auch seine Hochzeitsreise gemacht. Diese führte das Paar über den Semmering und auch an die Wasserfälle von Slunj. Die Zugsfahrt über den Semmering war zu jener Zeit noch fast ein Abenteuer, die beim Anlegen der Strecke verwendete Ingenieurs- und Baukunst wurde noch bewundert. Vor allem natürlich von Robert, der selber Ingenieur ist.
Jahre später – der Ehe ist nur ein Sohn entsprosssen, eben jener Donald, der nun seinerseits bereits erwachsen ist, und die Mutter ist schon lange tot, erlebt der Leser, wie Donald am Leben scheitert. Zwar ist er wie sein Vater ein durchaus fähiger Ingenieur und die Fabrik prosperiert nach wie vor, auch dank tüchtiger Manager. Doch Donald ist nicht fähig, Monica, einer vier Jahre älteren Frau, ebenfalls Ingenieurin, aber für einen Verlag tätig, seine Liebe zu zeigen. Verhält sich Monica zuerst recht kühl, ist sie dann schlussendlich doch bereit, mit Donald zu schlafen. Doch Donald sieht das Zeichen, das sie ihm beim Rückzug in ihr Schlafzimmer gibt, nicht. Damit ist die Beziehung zu Ende – allerdings ohne dass es Donald merken würde.
Dafür erlebt der Leser, wie Monica nun – zuerst langsam, dann immer schneller – zu Robert, dem Vater, hingravitiert. Als Robert bei einer Tea-Party von den Bauten der Semmering-Bahn schwärmt und Monica in der Lage ist, jedes Bauwerk sofort zu benennen, wird dem Leser klar, dass hier der Ältere, der Vitalere gewonnen hat. (Diese Vitalität zeigt sich nur schon darin, dass Robert noch immer keine grauen Haare hat, während Donald bereits stark ergraut ist.) Die Heirat und die Anzeige der Heirat an den Sohn ist da nur noch Formsache.
Der Sohn ist von diesem Moment an aber praktisch nur noch eine wandelnde Mumie. Er wird vom Manager der Fabrik (wie wir heute sagen würden: CEO) auf eine Verkaufstour in den Süden Kakaniens mitgenommen. Diese Tour ist im Grunde genommen ein Erfolg. Schon auf dem Heimweg, werden noch die Wasserfälle von Slunj besucht. Donald rutscht auf den schmalen Wegen aus, wie er schon einmal ausgerutscht ist, damals, als er von dem merkwürdigen Besuch bei Monica heimkehrte. Diesmal aber kann er sich nicht auffangen, und er stürzt. Er stirbt, offenbar durch den Schreck.
Doderers letztes Werk zeichnet sich dadurch aus, dass sich Doderer wieder zurücknimmt. Weniger Personal, weniger zeitliche und örtliche Sprünge. Allerdings wird dadurch auch die Konstruktion so durchsichtig, dass spätestens nach jener Tea-Party klar ist, wer wo den Tod finden wird. Doch ansonsten kann Doderer auch hier seine Stärken ausspielen: gesellschaftliches Plaudern und dessen Analyse spielen auch hier eine grosse Rolle. Und natürlich die Geografie. Hier steht weniger Wien im Mittelpunkt, die Handlung spielt zu grossen Teilen auch in England und eben im Süden Kakaniens. Man hat den Eindruck, Doderer hätte im ersten Teil seines geplanten Vierteilers quasi eine Bewegung aus Wien in die Weite vorgesehen, im zweiten dann eine Bewegung aus der Weite (dort dann: Sibirien) nach Wien und in jene Clique, die der Leser auch sonst kannte.
Es ist schade, konnte Doderer seinen geplanten Vierteiler nicht beenden.