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In den letzten Jahrzehnten stieg die Zahl von DoppelbürgerInnen beträchtlich. Viele Staaten akzeptieren heute offiziell die Tatsache, dass einige ihrer BürgerInnen einen weiteren Pass haben und viele Menschen nutzen die Gelegenheit, ihre mehrfache Zugehörigkeit zu formalisieren. Die Schweiz ist eine Vorreiterin in dieser Hinsicht. Doppelte Staatsbürgerschaft wurde bereits 1992 akzeptiert. Heute haben mehr als ein Viertel der Schweizer Bevölkerung nicht nur einen Pass.
Die Konsequenzen dieses Trends sind jedoch umstritten und wenig verstanden. Im öffentlichen Diskurs werden in diesem Zusammenhang vor allem Gefahren für den nationalen Zusammenhalt und die Demokratie thematisiert. Im Gegensatz dazu sehen viele Intellektuelle und Forscher DoppelbürgerInnen als Vorreiter von Staatsbürgerschaftspraktiken jenseits des Nationalstaats, und als wichtige Akteure einer Demokratisierung der globalisierenden Weltordnung. Allerdings finden die Debatten um nationale Integration und die Diskurse über kosmopolitane und transnationale Demokratie nicht nur in unterschiedlichen diskursiven Feldern statt, sondern beide Aspekte wurden in der empirischen Forschung bisher wenig verbunden. Das Forschungsprojekt möchte dazu beitragen, diese Lücke zu schliessen, indem es das politische Engagement von DoppelbürgerInnen in der Schweiz sowie ihre transnationalen und kosmopolitanen Staatsbürgerschaftspraktiken untersucht.
Da die Begriffe kosmopolitane und transnationale Bürgerschaft häufig unscharf verwendet werden, ist es das erste Ziel des Projekts eine theoriebasierte und kohärente Typologie verschiedener Räume politischen Engagements jenseits des Nationalstaats zu entwickeln. Auf dieser theoretischen Grundlage besteht unser zweites und eigentliches Hauptziel darin, empirisch zu untersuchen, ob transnationale Verbindungen und Mitgliedschaft in mehreren nationalen Gemeinschaften politisches Engagement im Aufenthaltsland verhindern, und/ oder die Entwicklung supranationalen Engagements erleichtern. Der Fokus unserer Analyse ist somit die Frage, ob die formale Mitgliedschaft von BürgerInnen in mehr als einer politischen Gemeinschaft (ihr mehrfacher Bürgerschaftsstatus) ihr politisches Engagement (ihre Bürgerschaftspraktiken) innerhalb und jenseits des Aufenthaltslandes beeinflusst. Indem wir den Einfluss des formalen Status auf tatsächliche Bürgerschaftspraktiken untersuchen, werden wir einschätzen können, ob verschiedene Dimensionen von Bürgerschaft (Status, Rechte, Beteiligung und Identität) disaggregiert und verschiedenen territorialen Räumen zugeordnet werden können.
Unsere empirische Studie benutzt eine Mischung quantitativer und qualitativer Methoden. Zum Einen werden wir quantitative Umfragedaten erheben und analysieren. Grundlage hierfür wird eine repräsentative Umfrage unter DoppelbürgerInnen und relevanten Kontrollgruppen in der Schweiz sein. Zum Anderen werden wir kausale Konfigurationen, Pfade und Mechanismen durch qualitative Methoden ausfindig machen, indem wir narrative und halbstrukturierte Interviews mit ausgewählten DoppelbürgerInnen durchführen werden.
Unsere Analyse von Schweizer DoppelbürgerInnen und ihrer Bürgerschaftspraktiken in der Schweiz, anderen Ländern und auf der supra-nationalen Ebene ermöglicht Antworten auf die theoretisch und praktisch hoch aktuelle Frage, ob politisches Engagement in einer Gemeinschaft politisches Engagement in anderen Gemeinschaften erschwert oder nicht. Dadurch werden wir auch abschätzen können, ob DoppelbürgerInnen eine Gefahr für die politische Gemeinschaft ihres Aufenthaltslandes darstellen und/oder Vorreiter politischer Gemeinschaftsbildung jenseits nationaler Grenzen sind.