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Kurz nach ihrem zwölften Geburtstag beschloss Michelle Keller (Name geändert), nichts mehr zu essen. Sie hatte bemerkt, dass ihr Körper weibliche Rundungen annahm. Die Primarschülerin fühlte sich zu dick. Zuerst verzichtete Michelle auf Fetthaltiges, dann begann sie, Kalorien zu sparen. Dazu tanzte sie stundenlang für sich allein im Zimmer. Irgendwann hörte sie ganz mit dem Essen auf - heimlich. Innert weniger Wochen nahm sie so fünf Kilogramm ab. «Es war kinderleicht, nichts zu essen, anstrengend war nur das ständige Lügen», erklärt Michelle. Ihrer Mutter erzählte sie jeweils, sie hätte bereits in der Schule gegessen.
Doch in den gemeinsamen Herbstferien konnte Michelle ihren abgemagerten Körper nicht mehr verstecken. Ihre Mutter reagierte alarmiert und schickte sie zur Abklärung ins Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich. Schnell war klar, dass Michelle die klassischen Symptome einer Magersucht zeigte: starkes Untergewicht, Körperwahrnehmungsstörungen und ein sehr selektives Essverhalten. Zudem blieb die Menstruation aus. Michelle begann mit einer Therapie.
Schon Fünfjährige finden sich zu dick
Die folgenden Wochen waren eine Qual für die ganze Familie. Michelle wurde gezwungen zu essen. Das Mädchen erinnert sich an diese schreckliche Zeit: «Alle machten sich Sorgen. Die Eltern redeten nur noch über mein Essen, sie kontrollierten mich total, verboten mir sogar das Tanzen im Zimmer.» Zuerst widersetzte sie sich der Therapie, fand alle «blöd», die sie auf ihre Krankheit ansprachen. Wenn niemand hinsah, landete das Essen im Abfall, und zu den wöchentlichen Therapiesitzungen erschien Michelle mit schweren Pullis, um möglichst viele Kilos auf die Waage zu bringen. Sie weinte viel: «Ich wusste ja selber, dass ich so nicht weitermachen kann. Aber ich wusste gleichzeitig auch, dass ich nicht essen will.»
Die Wende kam in den Weihnachtsferien. Die Therapeutin und die Familie erhöhten den Druck und stellten ein Ultimatum: Michelle durfte nur Snowboard fahren, wenn sie mindestens 44,5 Kilogramm wog. Sie musste täglich auf die Waage. Das Mädchen überwand sich und begann, häppchenweise wieder zu essen. Heute wiegt Michelle 49 Kilogramm bei einer Körpergrösse von 1,66 Metern. Das ist nicht viel für eine Zwölfjährige. Doch Michelle isst am Familientisch, treibt Sport und trägt wieder figurbetonte Kleider. Alles deutet darauf hin, dass sie bald aus der Therapie entlassen werden kann.
Studien belegen, dass 70 Prozent der jungen Frauen zwischen 15 und 20 Jahren ihr Gewicht reduzieren möchten. In der Schweiz leidet jede 20. Frau zwischen 15 und 25 Jahren an Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Besonders alarmierend: Die Betroffenen werden immer jünger. Waren Diäten früher höchstens in der Oberstufe ein Thema, setzen sich heute bereits Primarschülerinnen kritisch mit ihrem Körper auseinander. Auch in ihrer Klasse werde über Diäten gesprochen, erzählt Michelle: Viele Mädchen fühlten sich zu dick. Dann würden sie über Mittag nur Bananen essen - oder gar nichts.
Eine australische Untersuchung aus dem letzten Jahr zeigt, dass knapp die Hälfte der befragten fünf- bis achtjährigen Mädchen gern dünner wäre und 45 Prozent bei einer Gewichtszunahme eine Diät machen würden. Auch Dagmar Pauli, Oberärztin an der Poliklinik des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich, behandelt immer jüngere Patientinnen: «Die Pubertät beginnt heute früher als vor 20 Jahren. Entsprechend beschäftigen sich auch schon neun- oder zehnjährige Kinder mit ihrer Figur», erklärt die Expertin.
Laut Pauli haben auch die Modehäuser diesen Trend erkannt und ihre Strategie gezielt auf dieses Publikum ausgerichtet - mit teils absurden Methoden. So kommen Studien zum Schluss, dass 70 Prozent der Schaufensterpuppen wegen ihres schmalen Körpers gar nicht gebärfähig wären. Pauli spricht vom unrealistischen Ideal der Gesellschaft, immer noch dünner sein zu wollen, und verweist auf Casting-Shows mit dürren Models: «Solche Einflüsse erzeugen einen enormen sozialen Druck auf Kinder. Da ist es schwierig, ein gesundes Körperbewusstsein zu entwickeln.»
Gerade in der Pubertät beobachten sich die Mädchen ständig selber. Sie orientieren sich an superschlanken Models und sind zutiefst verunsichert, wenn ihnen plötzlich alle Jeans zu eng werden. In dieser Phase der Veränderung können bereits unsensible Bemerkungen verheerende Auswirkungen haben. Wie bei Lisa Kunz (Name geändert). Sie war 13, als ihr Klassenlehrer im Sportunterricht zu ihr sagte: «Du bist ja wie ein Rammbock.» Die ehrgeizige Lisa war zutiefst verletzt, hatte Angst, nicht mehr zu genügen. Um aus dem Schatten der anderen zu treten, entschied sie sich, nicht mehr zu essen: «Das konnte mir keiner wegnehmen.» Lisa versteckte fortan ihr Essen, sah aus Furcht vor zu geringem Kalorienabbau im Stehen fern und musste ein halbes Jahr später wegen Magersucht ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Christoph Rutishauser behandelte am Zürcher Kinderspital bereits Achtjährige wegen Symptomen einer Magersucht. Für den Leiter der Sprechstunde für Essstörungen ist klar, dass die Medien das Körperbild der Kinder beeinflussen: «Es ist erstaunlich, wie viele Kinder bereits im Primarschulalter Jugend- und Frauenzeitschriften lesen. Selbst Berichte über Magersucht schrecken die Kinder nicht ab, sondern bringen sie erst auf die Idee, auf diese Art abzunehmen.» Es werde immer klarer, dass die präventive Aufklärung über die Gefahren von Essstörungen bei jungen Mädchen eher das Gegenteil bewirke.
Wichtig: der gemeinsame Familientisch
Auch die seit Monaten geführte Debatte um Übergewicht birgt die Gefahr, «dass sich auch Kinder unter Druck gesetzt fühlen, die gar kein Gewichtsproblem haben», sagt Bettina Isenschmid, Leiterin der Sprechstunde für Essstörungen in Bern. Die Eltern würden penetrant auf die Essgewohnheiten ihrer Kinder achten, statt ihnen gesunde Ernährung vorzuleben.
Isenschmid und Rutishauser sind sich einig: Gegen den Schlankheitswahn hilft einzig indirekte Prävention, die bereits kleinen Kindern Sicherheit und ein gesundes Selbstwertgefühl gibt. «Am wichtigsten sind regelmässige Mahlzeiten, die gemeinsam am Familientisch eingenommen werden», so Christoph Rutishauser. Die wirklichen Vorbilder für Primarschüler seien nach wie vor die Eltern.