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Um 1890 war die soziale Frage brennendes Tagesthema. Der Schub der Industrialisierung, der im letzten Viertel des Jahrhunderts auch die Niederlande erfasst hatte, zog zahlreiche Fragen nach sich (Verstädterung, Verelendung, Veränderungen in der Bildungslandschaft). 1891 wurde die päpstliche Enzyklika Rerum Novarum veröffentlicht. Abraham Kuyper hielt auf demselben Kongress wie Bavinck seine Rede „Die soziale Frage und die christliche Religion“. Bavincks Beitrag befasste sich mit biblischen Grundsätzen zur sozialen Frage. Im ersten Teil ist die Rede festgehalten, im zweiten sind seine Resolutionen, die während des Kongresses überarbeitet wurden, aufgeführt.
Die Rede enthält fünf Teile: Die ersten drei Stücke beschäftigen sich mit der heilsgeschichtlichen Perspektive auf den Menschen und seine Arbeit. Teil 4 und 5 widmen sich den Bestimmungen des Alten Testaments und der Frage nach ihrer Relevanz nach der Ankunft von Christus.
Der Mensch und seine ursprüngliche Aufgabe
Bavinck eröffnet höchst interessant. Er legt nämlich zuerst dar, dass der irdische Berufung des Menschen zuerst komme. „Das Geistliche kommt nicht zuerst, sondern das Natürliche. Der erste Mensch war irdisch, von der Erde genommen (1Kor 15,45-47); ihm wurde eine Berufung für diese Erde zugeteilt. Dank seinem Körper ist der Mensch mit der Erde verbunden, für seine Existenz von ihr abhängig. Er teilt in mancher Hinsicht ihr Leben. … Diese irdische Berufung ist von der ewigen Berufung des Menschen zu unterscheiden, wovon die Institution des Sabbats neben der Arbeitswoche Zeugnis ablegt. Diese stehen jedoch nicht in Konflikt zueinander, noch bilden sie einen Widerspruch. Die wahre Erfüllung unserer irdischen Berufung ist exakt das, was uns für die ewige Berufung vorbereitet und unsere Sinne auf diejenigen Dinge richtet, die droben sind. Dies rüstet uns zu echten Zufriedenheit bezüglich unserer irdischen Begehren aus.“
Bavinck betont zudem, dass die Ungleichheit in der Schöpfung begründet sei. Die zwei Geschlechter enthielten im Kern alle sozialen Beziehungen „zwischen Ehemann und –frau, Eltern und Kindern, Bruder und Schwester, zivilen Herrschern und Untertanen“. Diesen Unterschieden liegt auch die in der Schöpfung verankerte Ungleichheit zugrunde. Sie ist nicht Folge der Sünde, sondern in Gottes Plan angelegt! „Ungleichheit ermöglicht gerade die Ausführung der menschlichen Aufgabe.“
Arbeit und Ruhe sieht Bavinck als doppelte Aufgabe des Menschen. Unsere Arbeit ist eine göttliche Institution. Dieser hat jedoch den siebten Tag hinzugefügt und geheiligt, „damit der Mensch von seiner Arbeit ruhen kann“.
Die Veränderung durch den Sündenfall
Der Sündenfall veränderte unsere Zielsetzung radikal. Er lässt uns die himmlische Dinge und die ewige Bestimmung vergessen. Anstelle dessen suchen wir Heil und Glück in sichtbaren Dingen. Zudem hat die Sünde den Frieden in sämtlichen zwischenmenschlichen Beziehungen gestört. Es herrscht Krieg unter verschiedenen Gruppen. Unterschiede sind zu Gegensätzen geworden, die Arbeit ist zum Überlebenskampf. „Das Paradies ist hinter uns geschlossen.“ Wir sind schutzlos in die rauhe Welt ausgesandt.
Doch die Sünde wird durch Gottes Gunst begrenzt. Der zerstörerische Pfad der Sünde wird nicht gänzlich beschritten, weil Gott den Menschen vor der letzten Konsequenz zurückhält. Gott hat einige „Reste“ – Bavinck bedient sich hier Calvins Vokabular – der Gottesebenbildlichkeit im Menschen zurückgelassen. Zudem hat Gott die Strukturen von Familie, Gesellschaft und Staat etabliert.
Gesetze für Gottes Volk
Bavinck fasst den Korpus an Gesetzen für sein irdisches Volk Israel zusammen: Volk und Land gehörten Gott als sein Eigentum. Gott sorgte dafür, dass die einzelnen Stämme und ihre Familien sowie der Erbbesitz über die Generationen geschützt wurden. Die Verteilung des Landes wurde speziell durch das Jubeljahr, an dem die verkauften Gebiete an den ursprünglichen Besitzer zurückfielen, vor Verschiebung und Umverteilung bewahrt. Israel war so gegen Verarmung und Anhäufung von Grundeigentum und Kapitel geschützt. Der Notlage der Armen wurde durch zahlreiche Schutzbestimmungen (Abgaben für Arme, Recht auf Nachlese, Auszahlungspflicht des Tageslohnes, Aushändigung von Kompetenzstücken) Rechnung getragen.
Das Gesetz nach der Ankunft von Christus
Bavinck meint, dass wir für die „ewigen Prinzipien“ für Familie, Gesellschaft und Staat ins Alte Testament blicken müssten. Dieselben Grundsätze würden heute den erlösten Menschen aufs Herz geschrieben und durch die Kirche Jesu Christi der Welt vermittelt.
kam jedoch nicht, um die Unterschiede zwischen Reichen und Armen, Sklaven und Freien, Eltern und Kindern, Herrschern und Untertanen zu verändern. Er beliess die soziale Ordnung. Dafür änderte der Glaube diese Beziehung, indem er sie der ursprünglichen wieder zuführte. Wer das Erbarmen vondurch Christus erfahren hat, der zeigt dieses Erbarmen seinem Nächsten.
Fazit
Dieser Aufsatz gehört zu den wichtigsten Beiträgen Bavincks zur sozialen Frage. Auf knappem Raum stellt er ausgewogen ein heilsgeschichtliches Verständnis von Arbeit und das Verhältnis zwischen den Bestimmungen des alten und neuen Bundes dar. Diesen Fragen haben sich Christen zu jeder Zeit zu stellen.