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Städte wie Zürich, New York oder London verwandeln sich von Horten der Kreativen zu Festungen der Superreichen und ziehen den Hass der anderen auf sich.
Der Zürcher Freisinn will wieder einmal einen Anlauf nehmen. Um die SVP nicht zu verärgern, verzichtet er darauf, drei Kandidaten ins Rennen um den Stadtrat zu schicken. Man ist bereit, dicke Kröten zu schlucken, um endlich wieder eine bürgerliche Mehrheit in der Exekutive zu erringen. Der Leidensdruck der Bürgerlichen ist hoch: Zürich wird seit mehr als einem Vierteljahrhundert rot-grün regiert.
Dabei ist die linke Dominanz paradox. Zürich gehört zu den reichsten Städten der Welt. Richard Florida, Ökonom und Städtespezialist, setzt die Limmatstadt auf Platz 13 der «Superstar-Cities» der Welt. Zürich ist eine so genannte Winner-Take-All-Stadt wie New York, Paris, London, San Francisco oder Singapur. Diese Städte beherrschen zunehmend nicht nur die globalisierte Wirtschaft, sie werden zu Brutstätten eines sich verschärfenden Kampfes zwischen Arm und Reich.
Vor 30 Jahren hätte diese Entwicklung kaum jemand geahnt. Damals versank New York in der Kriminalität und London im Dreck. Auch Zürich gehörte zu den AAA-Städten, und das war nicht als Kompliment gemeint: Die drei As standen für arm, arbeitslos und Ausländer.
In dieser Zeit flüchteten junge Familien in die Vorstädte. Den Metropolen hingegen drohte eine dystopische Zukunft. New York war damals am Rande der Unregierbarkeit und wurde in Hollywood-Filmen wie «Escape from New York» als eine Art urbane «Mad Max»-Welt dargestellt.
Der scheinbare Zerfall der Innenstädte sollte sich jedoch bald als Glücksfall erweisen. Er bildete den Humus für den «Triumph of the City», wie es der Harvard-Professor Edward Glaeser nannte. Wohnraum wurde bezahlbar. Junge und gut ausgebildete Menschen zogen in die Städte und fanden in nicht mehr benötigten Fabrikhallen und Büros eine ideale Umwelt, um neue Projekte zu verwirklichen.
Künstler, Studenten, Designer, IT-Ingenieure, Architekten, Handwerker und Beizer bildeten bald neue und dynamische Netzwerke. Es entstand, was Richard Florida 2002 in seinem gleichnamigen Buch die «kreative Klasse» nennt.
Aus dem Propheten der kreativen Klasse ist inzwischen ein Mahner geworden. Floridas jüngstes Buch trägt den Titel «Urban Crisis» und seine Tonlage hat sich ins Gegenteil verkehrt. «Scheinbar über Nacht hat sich das ersehnte urbane Revival in eine neue urbane Krise verwandelt», klagt er. Mehr noch: «Es ist auch eine Krise der Vorstädte, der Urbanisation und des kontemporären Kapitalismus.»
Was ist schief gelaufen? Die kreativen urbanen Biotope der Jahrhundertwende drohen zu veröden, sie sind Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Das hat zwei Gründe: Die kreative Klasse ist inzwischen wohlhabend geworden und hat ihren Lebensstil den neuen Vermögensverhältnissen angepasst.
Zudem sind die Städte für Reiche weltweit attraktiv geworden. Ob Araber oder Chinesen, ob Hedge-Fund-Manager oder Banker – Luxusappartements in den Super-Cities gehören nicht nur zum guten Ton, sie sind auch eine begehrte Geldanlage. Immobilienpreise und Mieten sind deshalb explodiert. Quartiere mit pulsierendem Leben werden zu toten Reichen-Gettos.
Aus der einst relativ harmlosen Gentrifizierung der Städte ist so schleichend eine bösartige «Plutokratisierung» geworden. Städte wie Zürich oder Berlin verwandeln sich von Horten der Kreativen zu Festungen der Superreichen.
Politisch ist diese Entwicklung paradox. Ausgerechnet in den Super-Cities ist eine linke Elite entstanden, denn die kreative Klasse versteht sich als progressive Kraft. Auch in Zürich tut sich die SVP viel schwerer als auf dem Land. In den USA ist dieser Gegensatz noch ausgeprägter: «Je linker die Politik einer Stadt ist, desto höher ist die Ungleichheit», stellt Edward Luce in seinem Buch «The Retreat of Western Liberalism» fest. «Die bedeutendsten Beispiele wie San Francisco und New York werden von den Konservativen als Hochburgen einer äusserst linken Politik verteufelt.»
Die progressiven Stadtregierungen stehen dieser Entwicklung weitgehend machtlos gegenüber. «Natürlich ist die Ungleichheit keine direkte Folge der progressiven Politik», stellt Florida fest. «Es ist vielmehr so, dass Ungleichheit und linke Politik ganz einfach zu Attributen von grossen Wissens-Metropolen geworden sind.»
Progressive Politiker können jedoch nicht verhindern, dass sich der Charakter dieser Städte zu verändern beginnt. Wie einst das alte Rom werden sie zunehmend zu Orten, an denen eine Oligarchie den Reichtum der anderen verprasst. Das macht sich beim Rest der Welt äusserst unbeliebt. «Die globalen Städte des Westens werden zu tropischen Inseln, die von einem Ozean des Hasses umgeben sind», warnt Edward Luce.
Zum gleichen Schluss gelangt auch Richard Florida: «Unsere Superstar-Städte werden so teuer, dass sie zu vergoldeten und gut bewachten Orten werden, ihre innovative und kreative Kraft wird schwinden und sie werden die Dienstleistungsberufe, die sie am Leben erhalten, ausschliessen», schreibt er.
Das darf und muss nicht sein. Ein menschenwürdiges Leben für alle ist im 21. Jahrhundert nur in grünen Städten machbar. Deshalb muss das Übel an der Wurzel angepackt werden, an der Ungleichheit. Städte müssen für den Mittelstand erschwinglich bleiben. Zürich hat dazu gute Voraussetzungen. Nach wie vor sind rund ein Drittel der Wohnungen im Besitz von Genossenschaften oder gehören der Stadt. Junge Familien müssen daher nicht in Vorstädte oder aufs Land vertrieben werden.