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Problemlösen in komplexen Systemen erfordert systemisches Denken, Verständnis für dynamische Systeme und hohes Systemwissen. Um dieses Wissen und Verständnis aufzubringen, muss laufend gelernt werden. Lernen ist eine zentrale Komplexitätsbewältigungsstrategie. Dabei ist aber nicht in erster Linie das passive Lernen „on the job“ gemeint, sondern das aktive, bewusste Lernen, das die ganze Aufmerksamkeit erfordert.
In einem Fernstudenten-Blog habe ich folgendes gelesen:
Zu meinem Leidwesen rückt die Klausur immer näher und ich bin natürlich mal wieder hinten dran. Ich habe es zwar in Summe auf 100 Lernkarten gebracht, welche ich versuche noch in den Kopf zu kriegen….
Mein Körper signalisiert [mir] etwas sorgsamer mit ihm und den mit 43 doch langsam abnehmenden Ressourcen umzugehen…..
Es sieht dann so aus , das ich mich die nächsten Tage versuche mich mit Kausaldiagramm, Netzplan und Co ein wenig zu befassen. Dieses werde ich vertieft auch anhand der Kontrollaufgaben üben. zusätzlich werde ich versuchen einen möglich großen Teil der Karten in den Kopf zu kriegen.
Wie Lernen funktioniert
Obwohl der Text grammatikalisch und stilistisch verstümmelt und daher nur schwer verständlich ist, verstehe ich ihn so, dass hier ein 43jähriger den Inhalt eines Moduls über Planungsmethoden auf 100 Lernkarten zusammengefasst hat und diese nun auswendig lernen will.
Genau so funktioniert Lernen in den wenigsten Fällen. Leider wird es unserem Freund möglicherweise gelingen, an der Prüfung mit einigen Fakten, die er auswendig gelernt hat, eine genügende Note zu leisten, aber gelernt hat er trotzdem nichts. Lernen ist insbesondere nicht Auswendiglernen. Lernen funktioniert nur, durch eigenes Forschen, Hinterfragen, Ausprobieren, Experimentieren, Rückschläge erleiden, kreativen Ideen nachgehen, etc.
In unserem Beispiel würde unser Freund nach der Lektüre des Abschnitts über Netzpläne vorzugsweise einmal einen Netzplan von einem kleinen Projekt seiner Arbeitsumgebung selbstständig erstellen und z.B. mit der Detailtiefe spielen. Er würde den Plan mit der Realität vergleichen und sich fragen, in welchen Bereichen er funktioniert, bzw. wo nicht und was man verbessern könnte. Er würde vielleicht auf die Idee kommen, dass es besser ist, Vorgänge als Knoten statt als Pfeile darzustellen (oder umgekehrt) und hätte dabei gleich ein wichtiges Fakt gelernt, das er sonst bloss abgelesen, auf eine Lernkarte geschrieben, auswendig gelernt und wieder vergessen hätte.
Eine Lernmetapher
Das Web ist eine grossartige Lernhilfe. Man findet zu fast allen Gebieten viele Aufgaben, die man lösen kann. Allerdings verleitet das Web, zu jeder Aufgabe, zu jeder Frage und zu jedem Problem schnell und effizient nach einer Lösung zu suchen. So lernt man aber nichts! Lernen funktioniert so, wie das Erkennen des Objekts auf diesem Bild:
Einige sehen den Gegenstand sofort. Das ist vergleichbar mit denen, die das Wesen und die Funktion eines Netzplans sofort begreifen und verstehen, um beim Beispiel zu bleiben. Die Meisten sehen jedoch auf dem Bild nur weisse und schwarze Flecken. Nun geht es darum, das Gehirn dazu zu bringen, das Bildobjekt zu erkennen. Dazu habe ich eine Woche lang Kopien des Bildes in allen Räumen meiner Wohnung aufgehängt und sie laufend angeschaut. Ich habe mir Mühe gegeben, die bisher zentralen Flecken und Muster in den Hintergrund zu drängen und meinen Blick zu ändern. Immer und immer wieder. Nachdem man tage- und vielleicht wochenlang mit dem zu lösenden Problem gekämpft hat, macht es „klick“ und die Lösung springt einem an. Erst dann hat man gelernt.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Lernen hat nichts mit dem Alter zu tun. Zwar ist Lernen mühsam und manchmal fast schmerzhaft, aber es geht nicht an die Substanz. Wenn unser Freund meint, dass er neben dem Studium noch andere Dinge zu tun hat – mit 43 hat er vielleicht Familie, einen anspruchsvollen Job, etc. – dann muss er sich seiner Prioritäten bewusst werden. Lernen ist immer zeitaufwändig und geht nicht nebenbei. Aber Lernen ist vielleicht die wichtigste Tätigkeit im Leben. Wer die zunehmende Komplexität der Welt verstehen will, kommt nicht um echtes Lernen herum.
Aktives Lernen ist eine permanente Übung. Es ist nicht möglich, 14 Tage vor einer Prüfung noch schnell den Stoff auswendig zu lernen, u.U. durch nächtliche Gewaltsanstrengungen. Vielmehr muss täglich geübt werden, dafür nur eine halbe Stunde. Niemand bezweifelt, dass die Fähigkeit, ein Musikinstrument spielen zu können, nur durch tägliches Üben möglich wird, und wenn’s täglich nur 10 Minuten sind. Genauso ist es mit den Erlernen einer Sprache. Es nützt nichts, wöchentlich 2 Stunden in eine Sprachschule zu gehen, ohne täglich ein paar Sätze zu sprechen. Mathematik und Programmieren lernt man nur, wenn man täglich je eine halbe Stunde übt und experimentiert.
Lassen Sie ein Jahr lang jede Minute einen Tropfen (=0.0625 ml) Wasser aus 10 Meter Höhe auf einen Kalkstein fallen. Dort, wo die Tropfen auf den Stein auftreffen, wird bereits Erosion sichtbar sein. Jede Minute einen Tropfen entspricht fast 33‘000 Litern Wasser. Lassen Sie diese Menge Wasser auf einmal auf den Stein fallen. Es wird dem Stein nichts ausmachen.
Dialoge unterstützen Disziplin
Zunehmend gewinnt die konnektivistische Dimension des Lernens an Bedeutung. Suchen Sie im Web nicht nach der Lösung, sondern nach gleichgesinnten Personen, die sich ebenfalls für Ihr Problem interessieren, und diskutieren Sie es mit ihnen. Erzählen Sie, welche Fragen Sie sich gestellt haben und welche Antworten Sie schon gefunden haben. Diskutieren Sie Variationen des Problems und neue Zusammenhänge zu Problemen aus anderen Gebieten.
„Einsam Lernen und Arbeiten war gestern“. Heute lernt man partizipativ und kollaborativ. Bei solchen Dialogen, die gleichermassen in einem Forum oder über Social Media geführt werden können, befassen Sie sich automatisch täglich mit dem Problem, ohne zuhause alleine über einer Formel zu brüten, nicht weiter kommen und höchstens Frustrationen und Kopfschmerzen einfahren. Die schmerzliche Disziplin täglichen Lernens lagern Sie so in das Web aus. Dialoge bedeuten allerdings nicht oberflächliches Geschwätz. Ab und zu müssen Sie dennoch zum Griffel greifen und ein paar Dinge entwickeln oder nachrechnen, um den Dialog wieder mit neuen Erkenntnissen zu befruchten.