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Die wissenschaftliche Methode im russischen Formalismus und bei de Saussure entwickelt wird. Sie hat den Systemgedanken und die oppositionelle Relation als Kernidee. Dieser Kernidee setzt das klassische, dualistische Erkenntnismodell fort und systematisiert es für Linguistik, Semiotik und Literaturtheorie.
Weiterentwicklung: Weiterentwicklung des Formalismus durch den Strukturalismus bis hin in Post- und Neostrukturalismus sowie in der Dekonstruktion vertreten, wobei diese Methode genau dieses zweiwertige Erkenntnismodell in den Mittelpunkt ihrer Kritik nehmen, da es eine Seinslogik vertritt, die darauf ausgerichtet ist, Dinge zu identifizieren. Mit der Kritik an dem seinslogischen Erkenntnismodell wird dann allerdings auch notwendigerweise die wissenschaftliche Strenge dekonstruiert.
Das Problem, mit dem Semiotik und Literaturwissenschaft seither beschäftigt sind besteht dann allerdings darin, auf der Grundlage des dualistische Erkenntnismodells wissenschaftliche Theorien zur Erklärung von solchen Phänomenen zu entwickeln, die ihrerseits den Gesetzen des zweiwertige Denkens nicht mehr gehorchen.
Konkret wird das dann problematisch, wenn anstelle von statischen Zustands- oder Phänomenbeschreibungen dynamische Phänomene der Entwicklung dargestellt werden sollen. Denn das dualistische Erkenntnismodell liefert nur den Rahmen für die Bearbeitung seins- und identitätslogischer Probleme. Es ist auf das Thema "Sein" fixiert und kann daher nur behandeln, was aus abgeschlossener Prozess vorliegt. Es kann weder Prozessualität konzeptionell fassen noch Neues erklären oder hervorbringen, sondern nur auf "Sein" reflexiv reagieren.
Versuche, Prozessualität auf der Grundlage des dualistische Erkenntnisprozess darzustellen, münden daher notwendigerweise in Widersprüche und Paradoxien. Dass die Schwierigkeiten, Prozessualität und Entwicklung darzustellen, mit dem zu Grunde liegenden zweiwertige Erkenntnismodellzusammenhängen, wird indessen kaum wahrgenommen.
Die Frage, wie damit für das vorliegende Forschungsprojekt aufgeworfen ist, lautet: wie kann der wissenschaftliche Anspruch an eine Zeichen- und Literaturtheorie, wie er im Russischen Formalismus formuliert wurde, beibehalten werden, wenn man sich aus dem engen Korsett des dualistischen Erkenntnismodells und damit von den Regeln der klassischen Logik löst? Und die Antwort, die ich vorschlage, lautet: Indem man das zu Recht als unzulänglich empfundene dualistische klassische Erkenntnismodell um ein weiteres, das heißt, umfassenderes, nicht-klassisches, aber ebenso formal geschlossenes Erkenntnismodell ergänzt.
Ein solches nicht-klassisches, reflexionslogisches, und das heißt, mehrwertiges Erkenntnismodell hat Gotthard Günther zu entwickeln begonnen - dies stellt nun die vierte der von mir unterschiedenen Positionen dar. Es soll in der vorliegenden Arbeit im Zusammenhang mit der Semiotik von Peirce weiter entwickelt werden. Das Werk dieser beiden Denker bildet somit den Ausgangspunkt für ein Theoriemodell das eine Alternative zu den hier geschilderten Strömungen insgesamt anbietet. Dieses Theoriemodell besteht in der reflexionlogischen Erweiterung der Semiotik von Peirce.
Hiermit ist zugleich eine damit unmittelbar zusammenhängende, komplexe Problematik angesprochen. Denn Günthers Kritik an dem klassischen Erkenntnismodell und an der klassischen Logik ist in den Geisteswissenschaften ausgerechnet durch eine paradigmatisch zweiwertige
Theorie bekannt gemacht worden, nämlich durch die Luhmannsche Systemtheorie.
Die Systemtheorie konnte sich in der Literaturtheorie und -wissenschaft erfolgreich etablieren, was ich nicht zuletzt auf deren Ähnlichkeiten
mit solchen zweiwertigen Theorien zurückführe, die aus dem Russischen Formalismus, dem Strukturalismus und der de Saussureschen
Semiologie erwuchsen. Salopp ausgedrückt, finden sich hier insbesondere
der Systemgedanke und die Idee der Oppositionen wieder, diesmal als
Binärunterscheidungen oder binäre Codierung bezeichnet. Gleichwohl
versucht auch die Systemtheorie der Tatsache Rechnung zu tragen, dass
»uns die Welt der zweiwertigen Logik verloren gegangen sei«.5 Um diese
Annahme zu stützen und deren Konsequenzen auszuarbeiten, beruft sich
Luhmann auf das Werk Günthers und übernimmt einige seiner zentralen
Begriffe in die Systemtheorie. Auf diese Weise hat unter anderem der Günthersche Begriff der Polykontexturalität Karriere gemacht. Aus den Debatten um den Poststrukturalismus, die Dekonstruktion und der
Postmoderne übernimmt Luhmann die Auffassung, dass Wirklichkeit
multiperspektivisch beobachtet werden kann. Hierfür verwendet er den
Begriff der Polykontexturalität: »Das Problem besteht offensichtlich darin,
mit der Mehrfachcodierung (oder: Polykontexturalität) der modernen
Gesellschaft zurechtzukommen, wenn man noch an der Einheit des
(menschlichen) Subjekts und an der zweiwertigen Logik festhält.«6 Diese
Begriffs- und Konzeptübernahmen tragen allerdings eher zu Verwirrungen
bei, als zur Problemlösung, denn die Gemengelage ist hier noch
verzwickter. Die Übernahme dekonstruktivistischer Ideen kann hierbei
nämlich zunächst nicht mehr bedeuten, als Zweiwertigkeit aufzugeben, was jedoch der gesamten Systemtheoriearchitektur widerspricht. Die
dekonstruktivistische »Multiperspektivität« kann andererseits jedoch
nicht mit dem Güntherschen Begriff der Polykontexturalität in Übereinstimmung
gebracht werden, der ein logisches Konzept repräsentiert, das die Systemtheorie weder behandelt noch behandeln kann.
Die vorliegende Arbeit setzt sich daher zu einem ersten Ziel, die Günthersche
Kritik am zweiwertigen Erkenntnismodell sowie dessen Vorschlag eines nicht-klassischen Systems zu rekonstruieren und zu systematisieren, und insbesondere den Begriff der Polykontexturalität als einen wesentlich präziseren Begriff vorzustellen, der etwas grundlegend anderes beschreibt, als es die Texte Luhmanns suggerieren. Es geht in diesem nicht-klassischen Modell nicht um die mögliche Vielfalt formulierbarer Differenzen oder relationierbarer Kontexte.
Das wesentliche an der Polykontexturalität ist, dass sie dem reflexionslogischen Denken folgt, das Mehrdeutigkeiten erzeugt, die sich aus logischen Gründen der Objektivierung und Identifizierung des klassischen Erkenntnismodells notwendigerweise entziehen. Der subtile Unterschied zum klassischen System liegt mit anderen Worten darin, dass es bei polykontexturalen Reflexionsverhältnissen nicht darum geht, dass es etwa keine einheitliche Beschreibung von »Welt« mehr gibt, oder dass nun eine Pluralität
von divergierenden Beobachtungen Objekte oder »Welt« beschreiben – es geht ganz im Gegenteil darum, dass Objekte als Objekte nicht mehr
eindeutig beschrieben werden, dass Objekte nicht mehr identifiziert werden können, da sich die Günthersche Reflexionslogik nicht mehr mit »statischen« Objekten beschäftigt, sondern mit Prozessen. Das nicht-klassische, reflexionslogische System, das mit dem Begriff der Polykontexturalität
charakterisiert wird, so wird zu zeigen sein, muss also wesentlich radikaler gedacht werden, und zwar nicht als Multiperspektivität, sondern als Multinegationalität. In dieser Multinegationalität werden Objekte oder Sein als klassische Themen nicht mehr reflektiert – aus der Dimension dieser Multinegationalität werden Objekte jedoch als Neues erzeugt.
5 Vgl.: Luhmann, Niklas (1995): Dekonstruktion als Beobachtung zweiter
Ordnung. In: Henk de Berg, Matthias Prangel (Hg.): Differenzen. Systemtheorie
zwischen Dekonstruktion und Konstruktivismus. Tübingen, Basel: Francke. S. 9-35. Hier S. 32.
6 Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main:
Suhrkamp. S. 308.
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Das nicht-klassische, reflexionslogische System Günthers ist ein prozessuales System, mit dem dargestellt werden kann, dass auf Wirklichkeit nicht nur reaktiv reflektiert, sondern auch aktiv, gestaltend und kreativ zugegriffen werden kann. Soweit ich die Theorielage überblicke, ist es das einzige philosophisch-erkenntnistheoretische Modell, das einen derart radikalen, aber ebenso überzeugenden und in sich konsistenten Entwurf für die Darstellung evoluierender, prozessualer, das heißt, nicht-klassischer, also lebendiger Systeme liefert.
Nina Ort