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|Franz Hohler über Ursus & Nadeschkin (Laudatio zum Reinhart-Ring)

Die Laudatio hielt Franz Hohler anlässlich der Verleihung des Reinhart-Ringes
im Theater Basel
Der Text erschien am 6. Oktober 2008 im Tages-Anzeiger
Unsere Nationalclowns und ihr Dompteur
Liebe Ursus und Nadeschkin, lieber Tom Ryser, liebe Gäste!
Vor etwa 20 Jahren bekam ich einen Brief, in dem sich ein junges Clownpaar vorstellte und sagte, sie suchten für ihr Programm einen Cellokasten und ob ich, der ich doch Cello spiele, einen übrig hätte, den ich nicht mehr bräuchte. Tatsächlich hatte ich einen in Reserve, und da ich fand, es sei auch für einen Cellokasten lustiger, gebraucht zu werden, als bei mir im Estrich auf der Ersatzbank zu hocken und sowieso nie zum Einsatz zu kommen, sagte ich den zweien, sie könnten ihn gerne haben, wenn sie dafür an einem Strassenfest auftreten würden, das ich in der Strasse, an der ich wohne, organisierte. Der Deal kam zustande, die zwei, die ich noch nie gesehen hatte, kamen ans Fest und hatten einen frisch-frech-fröhlichen Auftritt, der das sehr gemischte Publikum begeisterte, ich weiss nur noch, dass Nadeschkin einmal vor Schreck eine Strassenlaterne hochkletterte.
Seither habe ich die beiden im Auge behalten und ihre Arbeit mitverfolgt. Etwas skeptisch war ich schon, als ich dann im Zürcher Theater Stok als einer der nicht sehr zahlreichen Zuschauer sass und ihr erstes Bühnenprogramm sah, das sie nach ihren Anfängen als Strassenkünstler präsentierten. Was ich davon in Erinnerung habe, sind vor allem Standortfragen in der Art von (ich zitiere aus dem Gedächtnis, also falsch):
«Wieso stehst du jetzt hier?» - «Wieso soll ich nicht hier stehen?» - «Weil wir abgemacht haben, dass ich hier stehe und du dort!» - «Mir war einfach extrem unwohl dort!» - «Und hier ist es dir wohl?» - «Ja, hier ist es mir wohl.» - «Also wäre ich jetzt dort?» - «Logisch, wo sonst?» - «Hier.» - «Da bin ja ich.» - «Eben, das hättest du mir vorher sagen können.» - «Ich hab dirs ja grad gesagt.» - «Aber nicht vorher.» - «Doch, das war grad vorher.» - «Aber noch vorherer wäre besser gewesen.» - «Du, sorry, das kam einfach ganz spontan.» etc. etc.
Stellungsspiele eines Clownpaars
Ich glaube, wir waren ein liebes Publikum an jenem Abend und haben gelacht, wo man lachen musste, aber auf dem Heimweg dachte ich, wie es für dieses sympathische und durchaus bühnenfähige Duo nun wohl weitergehen würde, und war nicht allzu optimistisch. Dem Programm fehlte für mein Gefühl ein Inhalt, ein erkennbares Motiv, ein Gravitationszentrum. Ich hatte Mühe, mir vorzustellen, dass sie damit ein grösseres Publikum mobilisieren konnten.
Wie Sie sehen, hatte ich mich getäuscht, sonst wären wir heute Abend nicht hier. Denn das Clowneske besteht gerade und vor allem darin, den Fokus auf etwas zu richten, das nebensächlich ist, die Menschen für etwas zu interessieren, das in keiner Weise interessant ist.
Wieso heisst es «Semmelknödel» und nicht «Semmelnknödel?» oder gar «Semmelnknödeln?» Wenn sich Karl Valentin dieser Un-Frage annimmt, wird sie zu einer Ur-Frage, die uns den Teppich der Vernunft unter den Füssen wegzieht.
Das Clowneske ist fast immer ein Spiel um nichts, nicht umsonst sind Becketts Figuren so nahe bei den Clowns, denn sie warten auf etwas, das sich immer mehr als nichts entpuppt, oder sie warten überhaupt nicht mehr, sondern sind nur noch da, im «Endspiel», in dem eine der Figuren Clov heisst, da fehlt nur ein n zum Clown, und so klingen auch seine Antworten. «Wie viel Uhr ist es?» fragt ihn Hamm, und er antwortet «So viel wie gewöhnlich.»
Clov muss den gelähmten Hamm im Sessel herumschieben. Hamm will in die Mitte des Raumes und sagt zu Clov: «Ich fühle mich etwas zu weit links.» Clov schiebt den Sessel unmerklich weiter. Hamm: «Jetzt fühle ich mich etwas zu weit rechts.» Dasselbe Spiel. Hamm: «Jetzt fühle ich mich etwas zu weit zurück.» Dabei sind sie in einem Bunker, und es ist egal, ob er 30 cm weiter links oder rechts ist - und da sind wir wieder beim Stellungsspiel des jungen Clownpaars: Ich bin jetzt da, aber da war doch ich, vorher ja, aber jetzt bin ich da, warum gerade da - wo sind wir überhaupt?
Unsinn macht Sinn
Diese sinnlosen Spiele kreisen ebenso um nichts wie um unsere Hilflosigkeit, um die Grundfragen unserer Existenz.
Wo der gängige Sinn verweigert wird, wird ein Platz frei, ein Platz für Komik, aber auch ein Platz für einen andern Sinn.
Die Situation, dass jemand anderer dort steht, wo eigentlich ich sein sollte, ist, wenn sie gut gemacht ist, ein komisches Geplänkel, aber es schleicht sich auch eine Metapher ein, in der sich alle wiedererkennen müssten, die z. B. ihre Stelle verloren haben, mehr noch, es ist eine Metapher für Besetzung, es ist eine Metapher für Krieg. Der Nonsense ist ein Zweig der Philosophie, weil er den Blick auf den Sense von einer anderen Richtung freigibt, von hinten. Im grossen Gelächter über das Absurde sitzt in der letzten Zuschauerreihe die Realität und lacht mit.
Damit wir uns jedoch für solche Standortspiele interessieren, und jetzt kommen wir zum frühen Bühnenprogramm unseres Duos zurück, damit diese Metaphern überhaupt aufscheinen und nicht von der Vordergrundskomik verdeckt bleiben, müssen die Figuren zugleich vom Gewicht der Welt und der Schwerelosigkeit der Kinder durchdrungen sein.
Lockenkopf und Kurzhaarschnitt
Diese Mischung zu finden, ist eine Kunst, und für Ursus und Nadeschkin war es ein Glücksfall, schon in ihren Anfängen dem Regisseur Tom Ryser zu begegnen, der begann, mit ihnen zu arbeiten, am Selbstbewusstsein, am Selbstverständnis, an der Dramaturgie ihrer Figuren. Es ist ein grosses Verdienst von ihm, dass er den zweien, die immer an sich geglaubt haben, dazu verhalf, dass sie zwei wurden, an die auch das Publikum glaubt.
Kennen gelernt haben sich Urs Wehrli und Nadja Sieger an einem Clownkurs in Wiesbaden, eine Maturandin aus Zürich und ein Schriftsetzerlehrling aus Aarau. Die Maturandin hatte die Aufnahmeprüfung in die Schauspielschule Zürich gemacht, wo sie nicht angenommen wurde, dann machte sie die Prüfung in Bern und wurde auch nicht angenommen, und als sie mit dem Schriftsetzerlehrling eine Nummer erarbeitete, hatte sie das Gefühl, das wird etwas, und der Schriftsetzerlehrling hatte dasselbe Gefühl, und zwar so stark, dass er seine Lehre abbrechen wollte, um sich unverzüglich und ungebremst ins Clownleben zu stürzen. Doch Nadja war ein Jahr älter und somit auch ein Jahr weiser und sagte zu ihm, mach deine Lehre fertig, ich warte auf dich.
Und so geschah es. Sie jobbte, gab Nachhilfestunden in Mathematik, Deutsch und Französisch. Sobald er pflotschnass aus dem Brunnen herauskam, in den man nach vollendeter Schriftsetzerlehre geworfen wurde, stiess er, ohne einen Tag in seinem erlernten Beruf gearbeitet zu haben, zu Nadja und sagte, ich heisse jetzt Ursus, und sie sagte, schön, ich heisse Nadeschkin.
Und in beharrlicher Arbeit entwickelten sie sich zu dem Paar, wie es uns vertraut ist: aus Nadeschkins Lockenkopf wurde das wohlorganisierte Chaos einer Rastamähne, aus Ursus’ Mähne wurde ein chaosfreier Kurzhaarschnitt, die Farben Gelb und Schwarz ordneten sich ihnen zu, und heute gehören sie zur kulturellen Nationalmannschaft, wir erkennen sie überall, auf der Bühne sowieso, aber auch im Zirkus Knie oder in einer Samstagabend-Show des Fernsehens oder als Präsentatoren des Humor-Festivals Arosa, und sogar wenn sie uns blau gewandet von einem Plakat für die Schweizer Bauern entgegenblicken, merken wir sofort, dass es sich nicht um Doris Leuthard und Pascal Couchepin handelt.
Ihre Dialoge sind so präzis geworden, dass sie jederzeit eine Improvisation zulassen, und ihr Sprachwitz ist ein wesentliches Element ihrer Komik. Als Ursus im Zirkus Knie einen toten Fisch in der Manege fand und kurz danach ein Seehund aufs Podest kletterte, fragte er Nadeschkin: «Wer ist denn das?» Ihre Antwort «Ein Extremfisch» ist unvergesslich. Wenn Ursus die Leute zu einer Fernsehaufzeichnung im Casino Winterthur begrüsst und sagt, sie möchten sicher gern einen Blick hinter die Kulissen werfen, und dann einen «Blick» aus der Jacke zieht und diesen hinter die Kulissen wirft, hat er die Sprache und den «Blick» und unsere Neugier parodiert.
Eine Spezialität ihrer Sprachakrobatik ist das Synchronsprechen, das sie bis zur atemberaubenden Perfektion beherrschen. Wenn eine Grussformel wie «Guten Abend, meine Damen und Herren, wir heissen Sie herzlich willkommen» zu zweit gesprochen wird, wird ihre Leere entlarvt, und dahinter taucht das Bild der Anpassung und der Uniformität auf. Aber eine monströse Stotterblase wie «Grüezi mit . . . ööh . . . wir sind hü . . . mir wetted Sie . . . eehm, ääh . . . vor allem au, ööh . . . wills hütt zobig . . . hm . . . ganz e bsun . . . ohni jetz . . . doch, doch . . . ähm . . . z verrote», von zwei Menschen ernst und deckungsgleich einem Millionenpublikum eines «Benissimo» vorgetragen, stellt unsere ganze Kommunikationskultur aufs Schwerste in Frage und macht bewusst, dass das Clowneske ein enger Verwandter der Anarchie ist. Es ist für mich kein Zufall, dass Urs als junger Mensch den Militärdienst verweigert und dafür sieben Monate Gefängnis abgesessen hat, eine lange Zeit, wenn man daran ist, eine Bühnenkarriere aufzubauen.
Weit ist er, der Bogen ihrer Komik, extrem weit.
Erkenntnis als Gelächter vermitteln
Am Ende der «Weltrekord»-Vorstellung vor ein paar Tagen im Zürcher Schauspielhaus balancierten alle 700 Zuschauer zu ihrer Überraschung ein Mineralwasser auf dem Kopf, streckten die Hände aus und sprachen gemeinsam den tiefsinnigen Satz: «Ich habe eine recyclebare Pet-Flasche auf dem Kopf und mache einen Weltrekord.» Als letzte Woche bei der Verleihung des Prix Courage die Dirigentin der Camerata Schweiz nicht auftauchte, fragte Nadeschkin: «Könnte das nicht jemand von Ihnen machen? Ist ein Dirigent im Saal? Man denkt immer, der andere machts, dann schau doch den andern mal an, und wenn ders nicht ist, dann bist du der andere.»
In den abstrusesten Aktionen und den leichtesten Sätzen von Ursus und Nadeschkin schwingt stets ein Nachdenken über unsere Zeit und über unsere Art zu leben mit, und ich bin froh, dass die beiden, die uns da Erkenntnis als Gelächter vermitteln, keine zerstörten Beckett-Figuren sind, sondern lebendige, warmherzige Menschen, und ich gratuliere ihnen und ihrem Spiritus Rector Tom Ryser zu den drei goldenen Reinhart-Ringen.
Reinhart-Ring
Der Hans-Reinhart-Ring wird seit 1957 jedes Jahr von der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur (SGTK) verliehen. Die Auswahl der Ringträger überträgt die SGTK einer Jury, welche die undotierte Auszeichnung in eigener Kompetenz vergibt. Der Preis ist der einzige und damit automatisch der wichtigste gesamtschweizerische Theaterpreis. Er ist nach seinem Stifter, dem Winterthurer Schriftsteller, Übersetzer und Mäzen Hans Reinhart (1880-1963), benannt.
Zu den bisherigen Preisträgern gehören u. a. die Schauspielerin Margrit Winter (1957), der Choreograf Heinz Spoerli (1982), die Clownin Gardi Hutter (1990), der Schauspieler Bruno Ganz (1991), der Regisseur Luc Bondy (1997) und die Tänzerin und Choreografin Anna Huber (2002). (TA)