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Verwirrt schaute ich langsam nach hinten, doch da war niemand. Er musste also tatsächlich mich ansehen. Irritiert versuchte ich, weiterzulesen, doch ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Ich wollte das alles ignorieren, doch ich war ganz durcheinander. Der Zug hielt nun in Chur und ich musste aussteigen. Den ganzen Tag in der Uni fühlte ich mich seltsam. Seltsam aber gut. So, als stünde ich vor einer Klausur, wegen der ich zwar nervös war, auf welche ich mich aber gut vorbereitet hatte. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass nur so etwas Winzigkleines mich für einen ganzen Tag zum Lächeln brachte, doch dieser Moment im Zug war schon etwas Magisches.
Die nächsten Tage waren wieder vollkommen normal. Mein stinknormales, langweiliges Leben. Ich sass wieder im Zug und las. Als der Zug nach einer Haltestelle weitergefahren war, nahm ich erneut den Geruch des Rasierwassers wahr. Tatsächlich sass der junge gutaussehende Mann wieder am exakt gleichen Platz wie letztes Mal. Ich richtete meine Augen zwar auf mein Buch, konzentrierte mich aber darauf, was im Rest meines Blickfeldes passierte. Ich fühlte mich beobachtet. Ich war mir zwar nicht sicher, aber ich spürte, wie er mich musterte.
An den nächsten Tagen achtete ich darauf, was ich anzog und kontrollierte öfters in meinem Handspiegel, wie meine Haare sassen. Seit unserer Begegnung war nun schon ein Monat vergangen. Am Dienstag, 13. Juni 1965 war ein besonderer Tag. Als er in den Zug einstieg, setzte er sich direkt vor mich hin und begrüsste mich. Noch nie habe ich so ein herzliches Lächeln gesehen. Seine Zähne waren blitzweiss und rechts an der Backe bildete sich ein Grübchen. „Dein Buch muss sehr gut sein. Wie heisst es?“, fragte er mich. Ich schämte mich, „Liebe passiert halt“ zu sagen. Ich schämte mich, überhaupt etwas zu sagen. Stotternd antwortete ich: „Ach, das… ist ein so richtiges Frauenbuch… Das würde dich langweilen.“ Wieder lächelte er. Er sah so gut aus. Und ich? Ich wollte am liebsten im Erdboden versinken. Aber wenn ich ganz ehrlich war, wollte ich irgendwie auch bleiben. Er musste wohl spüren, dass ich nicht recht wusste, was ich sagen soll, deshalb begann er zu erzählen. „Ich bin Diego. Meine Eltern liebten den Film „Im Zeichen des Zorro“ so sehr, dass sie mich nach der Hauptfigur benannten. Naja, immerhin konnte ich mich gut ausreden, wenn ich als Kind nachts maskiert umherirrte und Unsinn plante.“ Ich hielt inne und musste kurz laut auflachen. Die Tatsache, dass sich jemand so banal vorstellte, jagte mir Tränen in die Augen.