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«Liebeszauber oder Fata Morgana»
Sie war nicht hübsch und passte nicht in sein gewohntes Beuteschema. Nur ihre wohlgeformten Beine zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Füsse mit lila lackierten Zehennägeln steckten in einfachen Sandalen. Er liess die Augen lustvoll über ihre ungewöhnlich langen Gliedmassen wandern bis zum Rocksaum. Eine Enttäuschung. Die Frau trug ein braunes, sackartiges Teil, das kaum etwas von ihren Kurven preisgab, vorausgesetzt sie hatte welche. Aus den weiten Ärmeln ragten nur schlanke Finger hervor, welche die Henkel von zwei riesigen Einkaufstaschen umkrallten. Er versuchte, einen Blick auf das Gesicht der Unbekannten zu werfen. Es gelang ihm nicht. Ein orange-weiss gestreiftes Halstuch verdeckte Hals und Mund, ihre Augen verschwanden hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille. Einzig ihre langen, schwarzen Haare waren sichtbar, sie fielen in grossen Locken auf den schmalen Rücken.
«Hey, Sie. Können Sie mir tragen helfen? Nur bis zum Auto. Es ist nicht weit.» Die tiefe, rauchige Stimme traf ihn wie ein Schlag und ein seltsames Gefühl von Ausgeliefertsein erfasste ihn.
«Ja, ja, klar», konnte er nur stottern. Er ergriff die beiden Einkaufstaschen. Sie waren wirklich sehr schwer. Wie hatte diese Frau sie nur tragen können? Er folgte ihr, als sie leichtfüssig vor ihm her ging. Wieder fielen ihm die schlanken, wunderschönen Beine auf. Nur allzu schnell erreichten sie das Auto. Sie öffnete den Kofferraum und er wuchtete die gewaltigen Taschen hinein.
«Danke schön!» Das seltsame Wesen drehte sich um und nahm die Sonnenbrille ab.
Die Augen waren tiefgrün und goldene Sterne funkelten um die Iris. Er versank in diesem Meer, verloren wie durch Zauberhand. Er bewegte die Lippen, um etwas zu sagen, doch kein Laut verliess seinen Mund. Er wollte ihr die Autotür öffnen. Es gelang ihm nicht, seine Glieder fühlten sich steif und unbeweglich an. War er verhext?
Die Frau lachte, mit dunkler und geheimnisvoller Stimme. Die Töne berührten ihn, liessen tief in ihm eine Saite schwingen.
Im letzten Augenblick erwachte er aus der Schockstarre. Da schlug schon die Autotür zu, der Motor heulte auf und die Erscheinung war weg. Er suchte sie jahrelang, vergebens.
Mit der Zeit glaubte er, sie sei nur ein Traum gewesen.
Mehr zur Autorin:
Susanne Gantner, in Zürich geboren, hat nach der Dolmetscherschule als Übersetzerin und Sachbearbeiterin für Markenrecht gearbeitet. Sie leitete kirchliche und weltliche Chöre und ist neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Organistin tätig.
Sie lesen gerne Krimis? Wie wunderbar. Susanne Gantner hat die folgenden Kriminalromane veröffentlicht.
«Mit spitzer Nadel» (ISBN 978-3-7345-9066-5)
«Ein Gloria zum Sterben» (ISBN 978-3-7439-0992-2)
«Fatales Treffen am Elefantenbach» (ISBN 978-3-347-05197-3)