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HistCollaboratory Debatte
Die Ausgangshypothese ging davon aus, dass sich die herkömmlichen Formen des geschichtswissenschaftlichen Schreibens nicht in den ICT-gestützten Publikationen anwenden lassen. Dabei gehe vor allem die wichtige Ebene der Deutung verloren, welche die Analyse und Interpretation von historischen Quellen und den daraus ermittelten Sachverhalten udn Prozesse in einen grösseren Verständniszusammenhang stelle. Non-lineare Texte, die von den Leser/innen beliebig zusammengesetzt werden, oder gar von ihnen verändert werden, können diese Deutungsleistung nicht erbringen. Zudem gehe sowohl in den modularen, in sich geschlossenen Informationseinheiten von Hypertexten, als auch in ICT-gestützten Formen kollaborativen Schreibens die Autor/innen als erkennbare Gestalter/innen von Aussagen verloren. Können unter diesen Voraussetzungen geschichtswissenschaftlich valide Publikationen entstehen? Oder zugespitzt formuliert: kann ein Projekt wie Wikipedia jemals verlässliche Informationen anbieten, die für die Geschichtswissenschaften relevant sind?
Bei der Antwort muss wie so oft differenziert werden.
- Kollaboratives Schreiben ist in den Geschichtswissenschaften nicht so selten und auch das Verfassen von Texten, die nicht vollständig linear aufgebaut sind, wird beispielsweise in Lexika (Historisches Lexikon der Schweiz) oder in Ausstellungen durchaus auch praktiziert - auch wenn diese Texte im engeren Sinnen nicht unbedingt als non-lineare Texte bezeichnet werden können.
- Wikis sind immer so gut, wie die Personen, die sich daran beteiligen. Die Beteiligung entscheidet sowohl über die Qualität als auch über die Frage, wie kollaborativ das Schreiben eigentlich ist.
Andererseits zwingt das non-lineare, kollaborative Schreiben von Hypertexten tatsächlich zu neuen Formen, um jene wissenschaftliche Qualität zu erreichen, die in den Dimensionen Historischer Online-Kompetenz umschrieben sind. Neben dem Lesen (Analyse) und Schreiben (Synthese) ist dies auch Reden (Reflexion). Um den Trend zum autorlosen, dekontextualisierten Texte-Konglomerat zu verhindern, ist einerseits ein sorgfältiger und bewusster Umgang mit den Verknüpfungen im Hypertext nötig (für Leser/innen und Autor/innen gleichermassen). Andererseits sind die Elemente der Reflexion und der Synthese in geeigneter Form in die Hypertexte einzubringen, beispielsweise, in dem der Entstehungsprozess oder unterschiedliche Interpretationen oder auch Deutungen von Interpretationen deutlich gemacht werden. Im kollaborativen Schreiben ist dann eine (explizite) Einigung auf eine "Lesart" genauso möglich wie die Gegenüberstellung von Varianten.
Das Faszinierende an Wiki, als bekannteste Software für ICT-gestützes kollaboratives Schreiben, ist die Flexibilität der Software, dank der nicht nur der Einsatz in Forschungsprojekten sondern auch in Lehrveranstaltungen möglich ist. Die Informalität von Wiki ermöglicht, anders als in LernManagement-Systemen, unterschiedliche Anwendungen und Vorgehensweisen, die von den Nutzer/innen und/oder Initiant/innen festgelegt werden können. Kollaborativ bezieht sich hier tatsächlich nicht nur auf den eigentlichen Akt des Verfassens von Text, sondern auf die Festlegung des gesamten Prozesses der Wissensgenerierung und -explikation.
Somit hat ICT-gestütztes kollaboratives Schreiben für die Geschichtswissenschaften, wie es im Modell hist.collaboratory vorgestellt wird, sowohl mit Forschung als auch mit Lehre zu tun, es umfasst auch die Dimensionen der Analyse, Synthese und Reflexion, berührt also sowohl das "Lesen", wie das "Schreiben" und den Austausch, die Reflexion und die Auseinandersetzung ("Reden")
--Jan Hodel 01:20, 11. Feb 2006 (CET)