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MX Story von Ernst Wilhelm Häusler.
Mein Leben ist seit über 50 Jahren aufs Engste mit dem Motocross Sport verbunden. 1956 importierte mein Vater die ersten englischen Velocette MX- Motorräder 500 ccm.
1959 kamen die englischen Greeves MX- Motorräder dazu mit 250 ccm 2 Takt Villiers Motoren. Meine Aufgabe war, diese MX- Maschinen zusammenzubauen und rennbereit zu stellen. Mit meiner Velocette LE 200 (192 ccm, 8 PS, 90 kmh Spitze!) bin ich in der ganzen Schweiz an die MX- und Rasenrennen gefahren, habe unsere Kunden betreut und Ersatzteile verkauft oder Bestellungen aufgenommen.
1960 bis 1976 habe ich den Motorradsport aktiv betrieben, Motocross und Rasenrennen in der Kat.Nat.250/500 und Trial/Geländefahrten ( Enduros ) in der Kat. Inter FMS.
1964 konnte ich das MX-Geschäft von meinem Vater übernehmen, da er sich ganz dem Reliant 3-Rad Autoimport widmete. Damit wurde ich geachteter Chef einer Gruppe von Aussenseitern, den Velocette und Greeves waren an den Rennen immer in der Minderzahl. Bei den seltenen Siegen meiner Fahrer fühlte ich mich wie Napoleon nach einer gewonnenen Schlacht. Niederlagen und Demütigungen meiner Fahrer (hetsch besser ä Husqvarna, CZ, Maico, Montesa oder Bultaco kauft!) machten mich nur noch stärker.
1967 am MX Winterthur sagte ein Begleiter zu mir : Du, dä deht isch dä Kalberer, dä SAM MX -Meister. Kalberer stand im Rennpark, ich kannte Ihn nicht persönlich, hatte aber schon von Ihm gehört. „Dä fahrt s’nächscht Jahr FMS“ sagte mein Begleiter. Der soll nur kommen, dachte ich. Der wird sein blaues Wunder erleben! Die blauen Wunder erlebten Kalberers Gegner in den kommenden Jahren! 1968 wurde Walti durch seine guten Resultate im FMS Verband bekannt und ich lernte ihn persönlich kennen. Am Ende der Saison war er 2-facher MX- Schweizermeister der Kat.Nat. 250 / 500 ccm.
1969 hatte ich ein starkes Greeves Team, René Rossi, Daniel Wermeille, Lorenz Stocker und Rolf Nater, doch meistens waren sie Walti nicht gewachsen. Er wurde der kommende Star der Inter 500 ccm Klasse. Ich hätte ihn gerne für Greeves verpflichtet. Seine sportlichen Leistungen und seine Startgagen gingen stets aufwärts.
Greeves Siege wurden immer seltener und ich begann, englische Greeves Fahrer für Internationale Veranstaltungen in der Schweiz zu engagieren. Der Fahrer Vic Allan auf Greeves siegte am Motocross Tavannes. Walti nahm mir das nicht übel, nie hat er sich über zu starke Gegner beklagt. 1970 war Greeves in der Inter 500 ccm Klasse wieder gut vertreten. Von 22 Inter Lizenzierten wählten 6 Greeves! René Rossi, Daniel Wermeille, Samuel Wuillemin, Lorenz Stocker, Rolf Baumann und Rolf Nater waren beachtliche Gegner, doch Ende Saison war Walti erstmals Schweizermeister der Kat. Inter 500 ccm.
Der von mir verpflichtete englische Greeves Werksfahrer Arthur Browning siegte an den 3 Motocross Frauenfeld, Regensdorf und Tavannes. 1971 war kein gutes Jahr für mich, die Fahrer Rossi, Baumann und Wermeille wechselten zu Husqvarna, Vic Allan, Vizemeister 1969 / 1970 auf Greeves zu BSA.
Man hat mich angefragt, ob ich etwas über den im Herbst 2006 zu früh verstorbenen MX-Spitzenfahrer Walter Kalberer berichten will. Gerne will ich dies tun, um Walti zu gedenken .Der deutsche MX GP 500 1971 fand am 18.Juli in Bielstein statt. Dieses Datum habe ich nie mehr vergessen, dieser Tag ist mein Geburtstag !
Ich entschloss mich, diese Veranstaltung zu besuchen. Leider war kein Greeves Fahrer am Start, die im Programm aufgeführten Engländer Bryan Goss ( 1970 engl.Meister ) und Keith Hickman fehlten, ebenfalls Vic Allan, er hatte am MX GP 500 in Italien mit der BSA einen Oberschenkelbruch erlitten. Da die BSA Rennabteilung im Mai wegen Geldmangel aufgelöst wurde, startete der 2-fache Vizeweltmeister 1968 / 1969 John Banks in Bielstein auf einer Husqvarna.Die englische Flagge wehte auf Halbmast und ich fragte mich, was ich noch auf dem Rennplatz tun sollte. Es ist schwer, sich mit Niederlagen abzufinden. Über ein Jahrzehnt war ich es gewohnt, Greeves auf allen Rennplätzen Europas anzutreffen, nun spürte ich den Niedergang von Greeves im MX- Sport. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause zurück gekehrt. Doch halt, war da nicht Walter Kalberer im Programm aufgeführt ? Ich traf Ihn im Rennpark, er arbeitete an seinem Motorrad und freute sich einen Landsmann zu sehen. Bei der Montage eines neuen H.Rad Reifens vor dem Rennen bot ich Ihm meine Hilfe an, als mehrfacher Teilnehmer an der ISDT (Sechstage Geländefahrt, heute Enduro WM genannt) war ein Reifenwechsel für mich ein Kinderspiel. Walti war beeindruckt von meiner Arbeitsmethode. Ich später von seinem fahrerischen Können. Nach einem guten 1.Lauf ( 13.Rang ) steigerte sich Walti noch und erreichte im 2. Lauf den ausgezeichneten 9.Rang hinter John Banks ( 8.Rang ) Schnell rechnete ich die Rangpunkte zusammen und dies ergab den 10.Gesamtrang! Ich gratulierte Walti zu seiner Spitzenleistung inmitten der Weltklasse und zu seinem ersten WM Punkt in der GP 500 Klasse!
Der verschwitzte Walti lächelte und reichte mir seine Hand, runzelig, voller Schwielen, wie ein Schraubstock, kein Nivea Händchen! Noch nach Jahren, wenn ich Walti traf, sagte ich spasseshalber : Walti, weisch no wod am 18.Juli 1971 gsi bisch? In Bielstein habe ich von Dir das Reifenwechseln gelernt, war dann seine Antwort.
1973 im Herbst konnte ich die Vertretung der englischen 4 Takt CCM MX- Motorräder übernehmen. Eine Aussenseitermarke, zuerst belächelt, dann gefürchtet ! Gerne hätte ich Walti für CCM verpflichtet. Einmal sass Walti bei mir in der Küche und wir unterhielten uns über die Verdienstmöglichkeiten im MX-Sport. Ich rechnete Ihm vor, wie viel er zum einmaligen Verkaufserfolg der Husqvarna MX- Motorräder beigetragen habe. Er lächelte verschmitzt. Sein Traum war der Bau eines eigenen Hauses, den er sich später auch erfüllte. Die aufstrebende Marke KTM konnte Walti ein besseres Angebot machen, Walti auf CCM blieb mein unerfüllter Traum.
Doch mein Kampfgeist blieb unerschrocken !
1974 konnte ich 14 CCM MX- Motorräder verkaufen ! Martin Wichser war der erste CCM Fahrer in der Inter 500 ccm Klasse.Ich hatte Ihn schon 1973 mit einer Greeves 250 ccm in der Nat.Klasse unterstützt. Er erreichte den 3.Rang in der Meisterschaft und qualifizierte sich für die Inter Klasse.
Für mich begann ein neuer Aufstieg mit einer neuen Marke. Walti bin ich noch an vielen Rennen begegnet, wir brauchten keine grossen Worte, eine gegenseitige Achtung war immer spürbar.
Eine Begebenheit bleibt mir stets in Erinnerung. In Bülach fand 1977 eine Motorradausstellung statt, an der ich mit einer CCM teilgenommen habe.Auf einer Tafel waren die techn. Daten angegeben : 1 Zyl. 4 Takt,498 ccm, 45 PS, 108 kg, 3-Gang Getriebe! Karl Utzinger, ehemaliger SAM MX- Meister 1960- 1962 auf Velocette betrachtete ausgiebig die CCM und fragte zweifelnd: jä gaht dänn das mit drü Gäng ?
Da trat Walti hinzu und sagte: und wie! In Frankreich habe er an einem Rennen teilgenommen und nach dem Start geführt, dann habe es Brumm gemacht und Vic Eastwood,der CCM Werksfahrer sei an Ihm vorbeigeschossen! Der alte Utzinger runzelte die Stirne.
Walti hatte es nie nötig, andere Marken zu kritisieren. Er holte immer das Beste aus seinem Maschinenmaterial heraus. Zusammen mit Fritz Graf hat er in den 70er Jahren schweizerische Motocross- Geschichte geschrieben. Unmöglich, dass Ihn seine Fans und Mitkonkurrenten je vergessen werden.
Er starb zu früh, aber ich hätte Ihn mir nie als Greis vorstellen können.
Danke Walti !
Aufgezeichnet am 08.07.2007 – Ernst Wilhelm Häusler junior