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Als Kind war sein Leben geprägt von Armut. An gewissen Tagen wusste Mark Selby morgens nicht, wo er abends schlafen sollte. Nun ist er zum vierten Mal Weltmeister und mehrfacher Millionär.
Mark Selby war damals gerade 16 Jahre alt und bereits ein talentierter Snookerspieler. Als ihn in seiner schwierigen Jugend der nächste Schicksalsschlag ereilte. Sein Vater David lag im Sterben, erst zwei Monate zuvor war bei ihm Krebs diagnostiziert worden. Kurz vor seinem Tod sagte der Papa noch: «Ich möchte, dass du Weltmeister wirst.» Mark Selby versprach, alles daran zu setzten. 2014 erfüllte er seinem Vater diesen letzten Wunsch erstmals und seither erspielte er sich noch drei weitere Male den WM-Pokal.
Der letzte Streich gelang am Montagabend, als er im legendären Crucible Theatre in Sheffield Shaun Murphy in einem dramatischen Final mit 18:15 besiegte. «Als ich das erste Mal gewann, war es ein Traum – es ist immer noch ein Traum», sagte der Engländer sichtlich gerührt. Sein neuerlicher Triumph brachte dem Engländer einen Siegercheck von einer halben Million Pfund (rund 630'000 Franken) ein.
Als Selby acht war, machte sich die Mutter aus dem Staub
Durch seinen vierten WM-Titel zog er mit John Higgins gleich. Nur Stephen Hendry (7), Steve Davis und Ronnie O'Sullivan (je 6) liegen nun noch vor ihm. Wenn man bedenkt, dass Selby erst 37-Jährig ist, was im Snookersport noch jung ist, dann scheint für ihn noch vieles möglich, vielleicht sogar der WM-Rekord.
Ja, dieser Mark Selby ist in diesem edlen Sport, der in Anzug, Hemd, Weste, Fliege und Lackschuhen ausgetragen wird, in den letzten Jahren zum Mass aller Dinge geworden. Dabei deutete als Kind noch wenig darauf hin, dass er sich dereinst in solch noblen Kreisen würde bewegen können. Der Champion wuchs in einer Arbeitersiedlung in Leicester auf. Die ärmlichen Verhältnisse prägten sein Leben, am Morgen war oft noch nicht klar, wo die Familie am Abend nächtigen würde. Und als Mark acht Jahre alt war, machte sich auch noch die Mutter auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub.
Ausgerechnet Snookertische und sein Talent mit Queue, Kugeln und Strategien (Selbys Safety-Qualitäten haben schon so viele Gegner zermürbt) wurden zum Ausfahrtticket in ein besseres Leben. Nach dem Tod seines Vaters setzte er mit dessen letzten Wunsch im Ohr ganz auf die Karte Snooker. Bei Selbys Vorgeschichte ist es daher umso bemerkenswerter, dass der Mann mit dem Dreitagebart ein äusserst sonniges Gemüt hat, für jeden Spass zu haben ist und deshalb auch «The Jester from Leicester» (der Spassvogel aus Leicester) genannt wird.
Zum glücklichen Mann haben ihn aber nicht nur die Erfolge am Snookertisch, sondern primär auch die Gründung einer eigenen Familie werden lassen. Und so passte es dann auch ins Bild, dass Selby am späten Montagabend seine Frau Vikki und die sechsjährige Tochter Sofia Maria auf die Bühne holte, um den vierten WM-Triumph mit ihnen gemeinsam auszukosten.
Dunkle Tage nach den ersten drei WM-Titeln
Dies war ihm beim vierten Titel besonders wichtig. Denn nach seinem zuvor letzten WM-Triumph 2017 fiel Selby in ein sportliches Loch und war plötzlich ratlos. «Ich habe mich damals gefragt, ob ich jemals wieder ein Turnier gewinnen würde. Zwischenzeitlich habe ich die Freude am Snooker völlig verloren.» Am Montag sagte er im Beisein seiner Liebsten und mit dem WM-Pokal in den Händen: «Ich hatte in den letzten Jahren dunkle Tage. Meine Familie weiss, was ich durchgemacht habe.»
Wieder aufwärts ging es mit Selby, als er vor zehn Monaten bei Chris Henry anheuerte, der sich als Trainer vor allem mit den mentalen Aspekten des Snookersport befasst und früher unter anderem auch mit WM-Rekordhalter Stephen Hendry zusammengearbeitet hat. «Zuvor war ich sehr fragil, jetzt verfüge ich dank Chris wieder über viel Selbstvertrauen», so der vierfache Weltmeister.
Sehr speziell machte den WM-Final, dass auch Gegner Shaun Murphy ein Kunde von Henry ist und dieser dadurch in seltsamer Doppelfunktion in den Pausen jeweils zwischen den beiden Spielergarderoben hin und her lief. «Wir konzentrierten uns nicht auf den jeweils anderen Spieler. Es ging darum, dass ich da bin und sie an die wenigen kleinen Schlüssel erinnerte, die sie umsetzen müssen, um ihr jeweils bestes Spiel zu spielen», erklärte Henry seine Vorgehensweise. Selby war dann offensichtlich der Schützling, der die Ratschläge besser umsetzen konnte.