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Wer im Schweizerischen Idiotikon krass nachschlägt, wird wohl ziemlich erstaunt sein: Im Band 3, der im Jahr 1895 abgeschlossen wurde, findet sich unter dem Stichwort krass einzig die befremdende Definition ‘Nachahmung des Geschreis der Raben’. Die Bedeutung wird mit einem Beleg aus Johann Wilhelm Simlers Regentenspiegel aus dem 17. Jahrhundert illustriert, wo zu lesen ist: «Die Raben zu Nichts als krass zu schreien taugen.» Dokumentiert wird dadurch das bereits im 12. Jahrhundert verwendete Bild, dass die Raben mit cras cras davor warnen, nicht alles leichtsinnig auf den nächsten Tag zu schieben (lateinisch cras ‘morgen’) – fürs eigene Seelenheil.
Krass, wie wir es heute vor allem von jüngeren Leuten kennen, stammt hingegen von lat. crassus ‘dick, grob’ ab. Es war ursprünglich im Deutschen bloss aus der Wendung crassa ignorantia ‘grobe Unwissenheit’ bekannt, wurde dann aber seit Ende des 18. Jahrhunderts allgemeiner gebraucht. Daneben war krass vor allem ein Wort der Studentensprache, in welcher der krasse Fuchs wohl einen ‘jungen Studenten ohne Manieren’ bezeichnete – und krass laut dem Grimm’schen Wörterbuch ein «beliebtes superlativisches Kraftwort» war. Der Studentensprache hat das Wort vermutlich seine heutige Bekanntheit zu verdanken.
Im Idiotikon taucht das Wort krass – nicht als Laut des Raben – im Band 5 (1905) auf, allerdings in einer hochdeutschen Bedeutungsangabe beim Stichwort pfëffere: Die Wendung Säb isch doch afe pfäfferet wird erklärt mit ‘allzu stark, krass, von irgendeiner Sache, von einem Vorkommnis’. Zu erkennen ist dabei die Bedeutungsentwicklung weg von ‘grob’ hin zu ‘in seiner Art besonders extrem’. Im Band 16 (2010) findet sich im Artikel wisse dann auch ein Mundartbeleg aus dem Tages-Anzeiger, der scherzhaft den Balkanslang imitiert: Sch voll krass, Mann, weisch! Je nach Situation wird damit etwas besonders Gutes oder etwas besonders Schlechtes bezeichnet.
Was das Idiotikon (noch) nicht dokumentiert, ist die Verwendung von krass als blossem Verstärkungswort, wie beispielsweise im Ausruf Dasch krass tüür!, was so viel wie ‘sehr teuer’ bedeutet. Diese Verwendungsweise markiert das Ende einer Bedeutungsentwicklung, die sich auch bei anderen Verstärkungswörtern wie schampar (ursprünglich ‘ehrlos, schamlos’) oder sehr (ursprünglich ‘verletzt, schmerzlich’) beobachten lässt.