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Zum Einkommen von Künstlern
Die Resultate jener Umfrage, die vergangenes Jahr von Suisseculture Sociale durchgeführt wurde, sind nun publik: In der reichen Schweiz lebt mehr als die Hälfte der Kunstschaffenden unter prekären Umständen…
Genau zehn Jahre nach einer ersten Umfrage konnten die professionellen schweizer Künstler wiederum einen Internet-Fragebogen zu ihrem Einkommen und ihrer sozialen Sicherheit ausfüllen. So liessen sich die beiden Resultate vergleichen. Die traurige Feststellung: Das Durchschnittseinkommen hat sich – alle Aktivitäten zusammengenommen – nicht nur nicht erhöht, sondern noch schlimmer: Die Erträge aus der eigentlichen künstlerischen Tätigkeit gingen sogar zurück, obwohl ihr mehr Arbeit gewidmet wurde.
Während das jährliche schweizer Durchschnittseinkommen auf rund Fr. 75'000 geschätzt wird, beläuft sich jenes der 1720 professionellen Künstler, die den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben (um nicht jene 702 mitzuzählen, die ihn angefangen, aber nicht beendet haben), auf gerade Fr. 40'000. Man muss die Situation jedoch differenziert betrachten, je nach Branche, über die man spricht: Während Zirkusartisten, bildende Künstler oder Photographen nur ein mittleres Jahreseinkommen von Fr. 30'000 erreichen, verdienen Musikerinnen und Musiker im Durchschnitt ungefähr Fr. 50'000.
Allerdings darf man die Tatsache nicht übersehen, dass sich diese Einkünfte aus jenen sowohl der künstlerischen Tätigkeit als auch aus anderen Beschäftigungen zusammensetzen. So unterrichten zahlreiche Musiker, was bei Zirkusartisten zum Beispiel nur sehr selten der Fall ist. Wenn man allerdings den rein kreativen Aspekt (Komposition oder Projektkonzeption) betrachten würde, wäre das mittlere Einkommen der Musiker sicherlich viel tiefer. Tatsächlich befindet sich das mittlere künstlerische Jahreseinkommen allein bei nur Fr. 20'000 (eine Zahl, die bei Musikern ganz leicht höher liegt), das heisst nur bei der Hälfte des Totaleinkommens, wohingegen die betreffenden Tätigkeiten oft einen viel gewichtigeren Teil in der Gesamtheit der Aktivitäten einnehmen.
Der Vergleich zwischen den Erträgen aus künstlerischer Arbeit und dem gesamten Einkommen deutet bei den Musikern eine Abwärtstendenz an: die Zahl jener, bei denen zwischen 70 und 100% ihres Gesamteinkommens aus der Ausübung von Euterpes Kunst stammt, verringert sich im gleichen Masse wie die Erhöhung der Zahl jener, für die die Musik nur bei 50-60% ihrer Ressourcen in Betracht kommt. Das gleiche lässt sich feststellen zwischen der Verminderung der Kategorie von 30-40% der künstlerischen Einkünfte und der Erhöhung jener von 10-20%.
Diese prekäre Situation zeitigt offensichtlich negative Folgen für die soziale Sicherheit, besonders für die Pension. Fast die Hälfte der Kunstschaffenden kann nur für die AHV einzahlen, nicht aber für eine zweite oder dritte Säule.
Kommentar
Man kann wohlverstanden die oft sehr unterschiedlichen Berufssituationen, wo der Medienwert oft die Extreme verdeckt, kaum miteinander vergleichen, vor allem in einer Periode, wo die sozialen Ungleichheiten explodieren, manchmal sogar innerhalb derselben Berufsgattung. Aber die Feststellung verdeutlicht, was in diesem Bereich bereits zu verspüren war: Wir erleben nicht nur eine Stagnation der Löhne bei den kulturellen Akteuren, sondern sogar einen Niedergang, der mehr oder weniger durch verwandte Aktivitäten kompensiert wird. Parallel dazu tragen die massiven Erhöhungen der öffentlichen Transportkosten oder der Krankenkassenprämien, um nicht von den Mieten zu sprechen, dazu bei, dass das Leben vieler Kulturschaffender in unserem Land immer schwieriger wird. Was für die Zukunft noch beunruhigender ist: Der erbitterte Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen generiert weitere Budgetkürzungen und einen breiten sozialen Abbau, der sich in vielen Kantonen insbesondere auf eine Senkung der individuellen Prämienverbilligung bei den Krankenkassen oder die Überwälzung der Schulkosten auf die Eltern auswirkt. Dieses wachsende Prekariat droht nun noch durch neue Steuerentlastungen verschärft zu werden (vgl. unseren Artikel zur Unternehmenssteuerreform III auf den Seiten des SMV).
Mit voller Wucht also sind die Kunstschaffenden durch die Folgen gleich mehrerer Faktoren betroffen, die ihren Ursprung oft in ein und derselben Ideologie haben: einem Sparkult und einem Weniger-Staat (einer Haltung, die für gravierende Einschnitte im Kulturbereich verantwortlich ist), tiefen Zinsen für Bankguthalten (was viele Stiftungen dazu zwingt, ihre Beiträge zu reduzieren oder ihr Grundkapital anzuzapfen), einem immer weniger engagierten Mäzenatentum, das sich dafür von der utilitaristischen Vision eines «return on investment» leiten lässt, ja sogar der Spekulation mit Kunstobjekten (so sind im Jahrzehnt zwischen den beiden Umfragen von Suisseculture Sociale die Verkaufspreise gewisser Kunstwerke explodiert). Eine vertiefte Reflexion darüber, ob ein politisches Engagement der Kunstschaffenden denn heute notwendig sei, bleibt uns also nicht erspart: Sie selber sind oft genug Opfer des Sozialabbaus!
Weitere Details auf:
http://www.suisseculturesociale.ch/index.php?id=151&L=0