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Der österreichische Grossmeister Ernst Grünfeld bereitete sich akribisch auf seine Gegner vor. Er sammelte alle Partien aus Zeitschriften und Büchern in Sammelmappen, ordnete sie nach Eröffnungen und versah sie mit Anmerkungen. Er pflegte die Eröffnung sehr schnell zu spielen und verliess sich auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Seine Kollegen nannten diese Aufzeichnungen den „Variantenkoffer“ und prägten damit diesen Begriff. Der Schachhistoriker Michael Ehn hat den ersten Band einer Grünfeld-Biographie so benannt. Ein zweiter Band ist nie erschienen.
Ich – Er, Blitz 3+0, Januar 2021
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Sf6 7.Lg2 Sc6 8.O-O Le7 9.Te1 d6 10.Sxc6 bxc6 11.e5 Sd5 12.exd6 Lxd6 13.Se4 Le7 14.c4 Sf6 15.Lf4 1-0
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Sc6 7.Lg2 Sf6
Auf die Gefahr hin dass ich mit meinem g3-Paulsen nerve, ich komme noch einmal darauf zurück. Es ist eine der Eröffnungen, die ich relativ gut kenne. Ich möchte mit diesem Aufsatz meine Ideen betreffs der Eröffnungsvorbereitung erläutern.
Vorsichtigere Gemüter spielen hier 7..d6, um nach 8.O-O entweder 8…Le7 oder 8…Ld7 zu ziehen. Sie möchten den Springer auf f6 nicht einem direkten Angriff des e-Bauern aussetzen, siehe unten. In den ersten zwei Partien, 1997, in denen ich 6.g3 anwandte, kam 7…d6 8.O-O Le7.
In der ersten versuchte ich 9.Le3 was nicht gerade schlecht, aber deplatziert ist. Der Läufer muss nämlich nach c1 zurück wenn Schwarz einen Springer nach c4 bringt. Am besten geht er das gleich an: 9.Le3 Se5 10.f4 Sc4 11.Lc1.
In der zweiten Partie hatte ich wenigstens dies gelernt. Ich versuchte 9.a4, was aber auch nichts brachte. Der logische und einzig vernünftige Zug wäre 9.Te1 gewesen. Allerdings sollte diese Partie dann meine wohl wichtigste überhaupt werden. Ich spielte gegen den Schweizer IM und heutigen Kognitionswissenschaftler und Psychologie-Professor der Universität Liverpool, Fernand Gobet. Es ging für meinen Verein SK Musegg Luzern um den Aufstieg von der zweithöchsten in die oberste Liga. Nach 5 oder 6 Stunden stand es 3,5 zu 3,5 und ich musste zum Aufstieg ein ausgeglichenes Endspiel gewinnen. Ein Remis hätte nicht gereicht, dann wäre die gegnerische Mannschaft Fribourg wegen besserer Einzelpunkte aufgestiegen. Ich gewann die Partie, indem ich das kurz vorher zufällig gelernte „Zwei-Schwächen-Prinzip“ anwandte.
7.Lg2 Sc6 8.O-O Le7
Das ist ist der meist gespielte Zug an dieser Stelle. Vermutlich ist aber 8…d6 9.Te1 Sxd4 10.Dxd4 Ld7 solider. Weiss bekommt in manchen Varianten mit dem Abtausch Sxc6 leichten Vorteil. Diese Abwicklung vermeidet das.
9.Te1 d6?!
Damit bringt sich Schwarz in eine schwierige Lage. Ich habe diese Stellung öfters im Blitz, und praktisch jeder macht diesen Zug. Auch in den Datenbanken ist 9…d6 mit 45% klar der meist gespielte Zug, obwohl Schwarz damit die miese Erfolgsquote von 33% hat.
Ungefähr gleich häufig wird im Turnier mit je 27% entweder 9…O-O 10.Sxc6 dxc6! 11.e5 Td8 12.Df3 Sd5 oder 9…Sxd4 10.Dxd4 Lc5 gespielt, beides bessere Alternativen. Von diesen Alternativen schneidet die 9…O-O-Variante mit 43% klar besser ab als 9…Sxd4 mit nur 35%.
Bei Spielern über 2200 kommt immer noch 9…d6 knapp am häufigsten vor, und auch dort schneidet 9…O-O mit 41% relativ am besten ab. Die stärkeren Paulsen-Spieler kennen eben die Gefahren ihrer Eröffnung. Ich will hier nicht über die Eröffnungswahl debattieren. Es steht jedem frei in einer zweifelhaften Eröffnung ums Überleben zu kämpfen. Aber wenigstens sollte man die spielbaren Züge kennen.
Bisher hatten wir es mit allgemeinen Erwägungen zu tun. Die einzige grössere Sorge des Schwarzen betrifft im Allgemeinen dieses Sxc6 und er tut gut daran mit seinen Zügen diese Option zu respektieren.
Jetzt aber kommt der konkrete Teil. Bisher musste ich als Weiss-Spieler neben dem erarbeiteten Allgemeinwissen wenig Konkretes kennen. Ab sofort ändert sich dies, und weil ich die folgenden Kombinationen ausgiebig studiert habe gewinne ich auch fast jede Partie aus dieser Stellung. Gut, im Blitz, werden Sie sagen. Dem muss ich entschieden widersprechen. Es ist besser, Varianten spielerisch verstehen zu lernen, als sie mühsam zu büffeln. Im einen Fall bleiben sie nämlich hängen, im andern Fall gehen sie alsbald wieder vergessen.
Das bedingt natürlich, dass ich variantentreu bleibe, was durchaus zu Langweile führen kann. Dem wirke ich entgegen indem ich gelegentlich Schrott-Sessions spiele. Ich eröffne dann z.B. mit 1.f3 und 2.Kf2 oder 1.b3, 1.a3 oder 1.g4 usw. Mit Schwarz genügt es übrigens, auf 1.e4 1…c5 zu antworten. Für die paar wenigen, die dann wirklich Sizilianisch spielen wollen, habe ich rudimentäre Najdorf-Kenntnisse zur Hand.
10.Sxc6 bxc6 11.e5 Sd5?
Der Verlustzug. Diese Partie habe ich um halb acht Uhr morgens gegen einen Libanesen gespielt. Das hat nicht gereicht um aufzuwachen. Die nächsten drei Partien verlor ich dann durch Einsteller. Aber 11…dxe5 12.Txe5 hätte ich im Schlaf aufsagen können.
12…Dxe5 13.Lxc6+ Ld7 14.Lxa8 verliert einen Bauern.
auf 12…Ld6 kommt 13.Lf4, was Txe6+ droht und z.B. auf 13…O-O folgt: 14.Txe6 Lxf4 15.Txc6. Auf 13…Lxe5 14.Lxe5, wenn er 14…Dxe5 15.Lxc6+ Ke7 16.Lxa8 nicht sehen will kann er 14…Dd7 versuchen. Die Computervariante lautet 15.Lxf6 gxf6 16.Df3 O-O 17.Se4 Dd4 18.Sxf6+ Kg7 19.Sh5+ Kh8 20.Td1 De5 21.Dxf7!! Diese Variante bringt ein durchschnittlich begabter Schachspieler am Brett nicht zuwege. Er muss sie gelernt und verstanden haben.
Auf GM-Niveau wurde 12…Lb7 13.Lf4 Ld6 14.Txe6+ fxe6 15.Lxd6 Dd7 öfters gespielt. Nach z.B. 16.Lc5 Dxd1+ 17.Txd1 Td8 18.Te1 hat Weiss grossen Vorteil.
Das einzig Vernünftige ist 12…O-O 13.Te1, wonach Schwarz auf der langen Diagonale so seine Probleme hat und für seine Dame kein rechtes Plätzchen findet, wenn sie mit Lf4 angegriffen wird. Konkret könnte das so aussehen: 13…Td8 14.De2 Lb7 15.Lf4 Dc8 16.Sa4 Sd7.
12.exd6 Lxd6 13.Se4
Was soll daran so schlimm sein? werden Sie sich fragen. Nun es steht +4 für Weiss. Auf einen zweiten Blick leuchtet das ein. Weiss vertreibt den Springer, greift die Dame an und pflanzt auf d6 seinen eigenen Springer.
13…Le7 14.c4 Sf6 15.Lf4 1-0
Hier gab mein Gegner auf. Wahrscheinlich hatte er vorher die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sich selber einen Idioten genannt, weil er den Trick eigentlich kannte.
15…e5 16.Lxe5 Dxe5 17.Sd6+ verliert die Dame.
Nach 15…Dd7 gewinnt Weiss mit 16.Sd6+ primitiv. Er hat aber auch eine kleine Kombination. 16.Sxf6+ Lxf6 17.Da4 gewinnt entscheidend Material, weil 17…Lb7 18.Tad1 Dc8 19.Ld6 verheerend wäre. Ähnliches kam übrigens in einer Partie Mestel-Woodhams, London 1973 vor. Dort geschah 16.Sxf6+ gxf6 17.Da4 Lb7 18.Tad1 Dc8 19.Ld6 Ld8 20.c5 h5 21.Te3 a5 22.Tb3 Ta6 23.Tbd3 La8 24.Df4 a4 25.Le5 Le7 26.Lxf6 1-0
Paulsen ist eine ‚halb konkrete‘ Eröffnung. Was heisst, es gibt nicht allzu viele Abweichungen und es sind immer kleine Tricks in der Stellung. In der 6.g3-Variante ist 10.Sxc6 bxc6 11.e5 der bekannteste. Wie die Statistik zeigt laufen aber insgesamt immerhin 45% der Schwarz-Spieler in ihn hinein. Über 2200 Elo sind es ’nur‘ noch 40% (200 von 500 Partien). Die Quote sinkt mit der Spielstärke kontinuierlich und pendelt sich bei etwa einem Drittel ein. Noch auf 2600-er Niveau ist es jeder Dritte (3 von 9).