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Die Auktion dauerte 19 Minuten. Bei 300 Millionen boten nur noch zwei am Telefon mit: ein arabischer Prinz und ein chinesischer Investor. Bei 355 Millionen zögerte der Chinese. Bei 370 Millionen erhöhte der Prinz um satte 30 Millionen.
Ein Aufschrei des Erstaunens ging durch den Saal, bevor der Auktionator den Kauf mit einem Hammerschlag besiegelte. 400 Millionen Dollar, bezahlt für ein Bild von Leonardo da Vinci.
Für den Autoren Ben Lewis, der ein Buch über das teuerste Bild aller Zeiten geschrieben hat, war die Bieterschlacht eine Art Pinkelwettbewerb unter Milliardären. Wie kam es, dass ein Altmeister Gemälde für einen horrenden Preis versteigert wurde?
Buchhinweis
Ben Lewis: «The Last Leonardo: The Making of a Masterpiece». Harper Collins, 2019.
Das Auktionshaus Christie’s witterte seine Chance, als das Gemälde auf den Markt kam. In einer noch nie dagewesen Marketing-Kampagne wurde das Bild als der letzte noch unentdeckte Leonardo beworben.
Die ultimative Seltenheit ist im Bietergeschäft alles. Denn es braucht nur zwei Leute, die etwas haben wollen, das es nur einmal gibt. Und ein Gemälde des vor 500 Jahren verstorbenen Malergenies, der nur etwa 15 Bilder gemalt hat, gibt’s heute keines mehr zu kaufen.
Nur ein Dekorationsobjekt?
Entdeckt wurde das Bild in New Orleans an einer kleinen Auktion für antike Möbel und Bilder im Jahr 2005. Es stammte aus dem Nachlass eines lokalen Möbelhändlers. Zwei New Yorker Kunsthändler, die im Internet auf der Suche nach unterschätzten Meisterwerken waren, waren auf das Bild aufmerksam geworden.
Aufgeführt war es als «Salvator Mundi», Christus als Erlöser der Welt, gemalt nach Leonardo da Vinci. Auf den ersten Blick eine Kopie, ein Bild als Dekorationsobjekt. Zu haben für 1200 Dollar.
Keiner wollte den «Salvator Mundi»
Ben Lewis beschreibt, wie die beiden Händler das Bild via Telefon ersteigerten. Sie erhielten den Zuschlag für etwas weniger als den Schätzwert. Ihr Investment: Jeweils 578 Dollar und 50 Cents.
Einer der Käufer, der Kunsthändler Robert Simon, sagte, er sei froh gewesen, dass es sich wirklich um ein Gemälde und nicht um ein Foto oder eine neugemalte moderne Kopie handelte. Das Bild war über die Jahrhunderte mehrmals übermalt worden. Erst nach einer ersten Reinigung sah man die darunterliegenden Schichten.
Es folgte ein jahrlanger Restaurationsprozess, der bis heute umstritten ist. Da das das Originalbild sehr beschädigt war, stellt sich immer wieder die Frage, wieviel bei der Restaurierung interpretiert, wieviel dazu erfunden, wieviel korrigiert wurde.
Von der Kopie zum gefeierten Original
Im Jahr 2008 begann die National Gallery im London, eine grosse Leonardo-Ausstellung zu organisieren. Ziel war ein Blockbuster. Doch die wenigen Bilder von da Vinci zu kriegen, war nicht genug. Das versuchten alle Museen.
Da kam ein neuentdeckter Leonardo gut gelegen. Bei einem heimlichen Treffen wurde der «Salvator Mundi» von Experten geprüft. Als die Ausstellung drei Jahre später eröffnete, war die Sensation perfekt. Auch wenn nicht alle Da-Vinci-Kenner die Meinung der National Gallery teilten: Ein authentischer echter Leonardo war geboren.
Mit der Adelung eines der grössten Museen Englands stand dem Verkauf des letzten Leonardo nichts mehr im Weg. Erster Käufer war der russischer Oligarch Dimitri Rybolowlew. Vermittelt durch den Schweizer Kunsthändler Yves Bouvier, kaufte er es für 127 Millionen Dollar. Nach ein paar Jahren wollte er jedoch weiterverkaufen.
Auktion als Bühne der Weltpolitik
Für das Auktionshaus Christie's war klar: Ein solches Bild braucht einen potenten Käufer. Und diese boten alle bei der klassischen Moderne oder der Gegenwartskunst mit. Obwohl es ein Bild aus der Renaissance war, wurde «Salvator Mundi» zur Nummer 9B in der Auktion für Gegenwartskunst.
Für Ben Lewis wurde die Auktion zur Machtdemonstration. Laut der New York Times war der Käufer der Saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman, MBS genannt.
Sah da ein zukünftiger Herrscher seine Chance etwas zu kriegen, was es nur einmal gab? Sollte das ein Beweis für seine Vormachtstellung am Golf sein? Für den Autor Ben Lewis alles Möglichkeiten, wieso der Preis fast ins Unermessliche stieg.
Jeder der Supermächte besitzt einen Leonardo, das war angeblich der letzte. In der Golfregion rüsten die Staaten auf in Sachen Kulturprestige, bauen Museen von Stararchitekten und kaufen die Meisterwerke westlicher Kunst. Es wird eine Zeit nach dem Öl geben. Da will man attraktiv bleiben.
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