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Aktuelle Forschung in Kürze
Hundegestützte Therapie hinter Gittern
Hintergrund
Bis zu 50 % der Insassen von Gefängnissen leiden an einer psychischen Erkrankung wie Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Substanzkonsumstörungen und Persönlichkeits-störungen. Die gängigen Programme für Gefangene sind oft nicht auf unmittelbare Erfahrungen und Feedback ausgerichtet und weiter setzt ihre Anwendung häufig voraus, dass die Gefangenen motiviert sind eine Veränderung und Behandlung anzustreben. Ungünstige Bindungserfahrungen, lange kriminelle Karrieren und Misstrauen gegenüber dem Gefängnissystem als Institution und dem dort arbeitenden Personal können die Motivation der Gefangenen für eine Behandlung und Veränderung verringern und verhindern, dass sich die Gefangenen auf die Behandlung einlassen. Tiergestützte Programme in Gefängnissen stellen einen alternativen Ansatz dar, der mehr auf unmittelbare Erfahrung ausgerichtet ist und bei denen die Interaktion mit einem Hund die Gefangenen motivieren kann.
Die meisten der bisherigen Studien haben sich mit Hundeerziehungs-programmen befasst, bei denen Gefangene Hunde aus Tierheimen für die Adoption vorbereiten oder sie zu Assistenzhunden ausbilden. Hundegestützte Programme im Strafvollzug mit therapeutischen Zielen sind noch sehr spärlich beforscht. Ziel dieser Studie war es, die Wirkung eines hundegestützten Gruppentrainings zur Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenz von Gefangenen im Vergleich zur üblichen Behandlung zu untersuchen.
Methode
An der Studie nahmen männliche Gefangene von zwei Justizvollzugsanstalten in Deutschland teil. Die Teilnehmenden waren wegen Sexual- und Gewaltdelikten inhaftiert. Sie erhielten entweder ein 6-monatiges, hundegestütztes, psychotherapeutisches Programm oder die Standardbehandlung ohne hundegestützte Therapie. Vor, nach und bei der Nachuntersuchung vier Monate nach dem Gruppentraining füllten die Teilnehmenden und ihre zuständigen Psychotherapeut:innen jeweils Fragebögen zu sozialen und emotionalen Kompetenzen aus. Zudem füllten die Studienteilnehmenden jeweils vor und nach jeder Sitzung einen Fragebogen zu ihrer Stimmung aus.
Bei der Intervention handelte es sich um ein hundegestütztes, psychotherapeutisches Programm, das mit dem Ziel entwickelt wurde, die sozio-emotionalen Fähigkeiten von Gefangenen langfristig zu verbessern. Das Programm war manualisiert, dauerte sechs Monate und war in zwei Module unterteilt: ein Basismodul und ein Kleingruppenmodul. Im Basismodul näherten sich die Teilnehmenden den Themen nonverbale Kommunikation, Körpersprache, Sender- und Empfängerrolle, Kritik und Feedback sowie Wahrnehmung und Interpretation an. Zu Beginn hatte der Hund vor allem die Rolle, die Motivation der Teilnehmenden für Veränderungen zu fördern und als sozialer Katalysator zu wirken. Im Kleingruppenmodul nahmen maximal vier Teilnehmende an einer Sitzung teil und das Ziel war, individuelle Handlungsstrategien zu entwickeln. Die Übungen bezogen die Teilnehmenden möglichst oft aktiv mit ein und wurden so weit wie möglich auf die einzelnen Teilnehmenden abgestimmt. Um das Einfühlungsvermögen zu erhöhen, forderten die Therapeut:innen die Teilnehmenden auf, das Verhalten des Hundes nach Motiven zu bewerten und die Interaktion der anderen Gruppenmitglieder zu beobachten.
Resultate und Diskussion
Die 53 Teilnehmenden waren zwischen 24 und 67 Jahre alt (M = 41,66) und setzten sich aus 27 Gefangenen in der Interventionsgruppe (Durchschnittsalter 38,07 Jahre) und 26 Gefangenen in der Kontrollgruppe (Durchschnittsalter 45,38 Jahre) zusammen. Die Gefangenen, die an dem hundegestützten Gruppentraining für soziale und emotionale Kompetenz teilnahmen, schätzten ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen nach dem Training nicht höher ein als die Gefangenen der Kontrollgruppe, die eine Standardbehandlung erhielten. Allerdings schätzten die Psychotherapeut:innen die emotionalen Kompetenzen der Gefangenen in der Interventionsgruppe bei der Nachuntersuchung höher ein. Darüber hinaus schätzten die Psychotherapeut:innen die Gefangenen der Interventionsgruppe nach dem Training weniger aggressiv und bei der Nachuntersuchung als selbstregulierter ein. Es wurden keine Auswirkungen des Programms auf das Einfühlungsvermögen, das Selbstwertgefühl, die psychosozialen Probleme oder die Unsicherheit der Gefangenen gefunden. Die Teilnehmenden der Interventionsgruppe gaben an, dass sie nach den einzelnen Trainingssitzungen schlechter gestimmt waren, sich weniger wach und sich stärker aktiviert fühlten als vor den Sitzungen.
Die positiven Auswirkungen auf die gesamte emotionale Kompetenz wurden nicht unmittelbar nach dem Training, sondern erst bei der Nachuntersuchung festgestellt. Dies lässt darauf schließen, dass Veränderungen in den sozialen und emotionalen Funktionen der Gefangenen einige Zeit in Anspruch nehmen könnten. Darüber hinaus wurden die Auswirkungen nur in den Bewertungen der Psychotherapeut:innen und nicht in den Selbsteinschätzungen der Gefangenen gefunden. Es könnte sein, dass die Gefangenen durch das Programm ihre eigenen Fähigkeiten kritischer einschätzten. Es war ein wichtiger Bestandteil des Programms, die Selbsteinschätzung zu trainieren, was zu einer realistischeren Sichtweise auf sich selbst geführt haben könnte. Dies könnte auch eine Erklärung für das Ergebnis sein, dass die Gefangenen ihre Stimmung nach den Einzelsitzungen als schlechter einschätzten als vor den Sitzungen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Psychotherapeut:innen ein Stück weit befangen waren. Sie waren jedoch nicht an der Studie beteiligt. In jedem Fall ist diese Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdeinschätzung ein interessantes Ergebnis, das in künftigen Forschungsarbeiten weiter untersucht werden muss.
Diese Studie deutet darauf hin, dass hundegestützte Programme mit einem spezifischen therapeutischen Ziel für Gefangene von Nutzen sein könnten. Die widersprüchlichen Ergebnisse zeigen jedoch, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um das Potenzial und die Grenzen von tiergestützten Programmen im Justizvollzug zu ermitteln. Ein Schwerpunkt sollte dabei auf der Identifizierung von Personen liegen, die von tiergestützten Interventionen mehr profitieren als von Standardbehandlungen.
Quelle
Hediger, K., Marti, R., Urfer, V., Schenk, A., Gutwein, V., & Dörr, C. (2022). Effects of a Dog-Assisted Social-and Emotional-Competence Training for Prisoners: A Controlled Study. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(17), 10553. https://www.mdpi.com/1660-4601/19/17/10553