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Dr. med., Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF
Daniel Defoe (1660–1731) ist weltberühmt wegen seines ersten Romans Robinson Crusoe. Er lebte als Kaufmann und Journalist in London. Im Jahr 1722 erschien das Buch A Journal of the Plague Year, eine Chronik der Pestepidemie des Jahres 1665, die halb als Reportage und halb als Roman verfasst ist – eindrücklich, anschaulich und immer wieder mit verblüffenden Parallelen vor allem zu dem, was wir heute an menschlichen Reaktionen erleben [1]. Ich lasse ihn selbst sprechen.
Aus den Verordnungen des Lord Mayors und der Stadträte:
Jeder Hausbesitzer hat, sobald jemand in seinem Haus entweder über Beulen oder Scharlachfieber oder Schwellung an irgendeinem Körperteil klagt oder sonstwie ohne deutliche Ursache einer anderen Krankheit gefährlich erkrankt, binnen zwei Stunden nach dem Auftreten besagter Anzeichen dem Gesundheitsexaminator Anzeige zu machen.
Sobald irgendjemand von diesem Examinator oder Wundarzt für pestkrank befunden wird, ist er noch an demselben Abend in demselben Haus abzusondern; und ist er dann so abgesondert, muss das Haus, in dem er erkrankte, einen Monat verschlossen bleiben [...]
Jedes befallene Haus ist mit einem deutlich sichtbaren roten Kreuz in der Länge von einem Fuss in der Mitte der Tür zu kennzeichnen [...]
Die Konstabler müssen dafür sorgen, dass jedes befallene Haus verschlossen ist und von Wächtern bewacht wird. Das Verschliessen muss vier Wochen lang bestehen bleiben, bis alle gesund sind [...]
Alle Unterhaltungsspiele, Bärenhetzen, Geldspiele, jedes Balladensingen, alle Schildspiele oder dergleichen Veranstaltungen, die Menschenansammlungen zur Folge haben, sind durchaus zu verbieten und Zuwiderhandelnde durch jeden Stadtrat in seinem Bezirk streng zu bestrafen.
Aus den Schilderungen von Daniel Defoe über die Realitäten des Epidemie-Alltags:
Allerdings war jeder Hauseigentümer verpflichtet, dem Examinator der Gegend innerhalb zwei Stunden nach der Feststellung, dass eine Person in seinem Haus Anzeichen der Ansteckung habe, Anzeige zu machen; aber sie fanden so viele Wege, das zu umgehen und ihre Unterlassung zu entschuldigen, dass sie diese Anzeige selten erstatteten, ehe sie dafür gesorgt hatten, dass jeder aus dem Hause entschlüpfen konnte, der die Absicht hatte zu entschlüpfen, ob er nun krank oder gesund war; und so lange das so war, war es leicht zu sehen, dass das Häuserverschliessen kein Mittel war, auf das man sich als eine Methode hätte verlassen können, die der Seuche Einhalt gebot [...]
Hier sollte ich auch eine weitere Bemerkung über die gegenseitige Ansteckung machen, nämlich, dass es nicht nur die Kranken waren, von denen sich die Pest unmittelbar auf andere, die gesund waren, übertrug, sondern auch die, welche als gesund galten. Unter den als gesund Geltenden verstehe ich solche, die der Ansteckung verfallen waren und sie tatsächlich an sich hatten, aber doch die Folgen davon in ihrem Äusseren nicht zeigten, ja sich selbst der Krankheit nicht bewusst waren. Diese atmeten auf jedermann, dem sie nahe kamen, den Tod aus. Nun war es unmöglich, diese Leute zu kennen, und manchmal wussten sie auch selbst nicht, dass sie angesteckt waren [...]
Ich erinnere mich, das mein Freund, der Doktor, zu sagen pflegte, es gebe eine Art Drogen und Zubereitungen, die alle im Fall der Ansteckung nützlich seien; aus diesen könnten die Ärzte eine unendliche Reihe von Medizinen herstellen, wie die Glöckner durch den Wechsel der Töne mit nur sechs Glocken hundert verschiedene Tonfolgen hervorbringen können. Einige glauben, dass Pill. Rufi., die sich selbst Antipestpillen nannten, das beste Präparat sei; andere meinten, dass venezianischer Theriak ausreiche, der Ansteckung zu widerstehen [...]
In der Veranlagung unseres Volkes liegt eine derartige Neigung zur Voreiligkeit, dass sie sich beim ersten Erscheinen der Ansteckung gegenseitig auswichen und einer aus des anderen Haus mit einem Schrecken floh; und so gaben sie sich, als sich jetzt diese Wahrnehmung verbreitete, dass nämlich die Krankheit nicht so ansteckend wie früher war und dass sie nicht so tödlich war und als sie eine Menge wirklich kranke Menschen täglich wieder gesund werden sahen, einem so voreiligen Mut hin und wurden so unachtsam gegen sich selbst und die Ansteckung, dass sie sich aus der Pest nicht mehr als aus einem gewöhnlichen Fieber und auch noch nicht einmal soviel daraus machten.
Korrespondenzadresse
werner.bauer[at]saez.ch
Literatur
1 Daniel Defoe. Die Pest in London. Salzburg: Jung und Jung; 2020 (1722).
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