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Lebendige Gewässer sind entscheidend für eine intakte Artenvielfalt und auch wir Menschen profitieren unmittelbar. Doch wie sieht ein solches Gewässer überhaupt aus? Zur Veranschaulichung lohnt ein Blick in die Vergangenheit – beispielsweise an die Thur. Einst war sie ein breiter und landschaftsprägender Wildbach. Zwischen Schwarzenbach und Bischofszell floss sie um 1825 auf über 300 Meter Breite in bis zu sechs Seitenarme aufgeästelt. Innerhalb eines derart breiten Gewässerraums konnte sich der Fluss dynamisch entwickeln und ständig neue Strukturen schaffen. Im Flussbett gab es Kiesbänke, auf denen Pionierpflanzen wuchsen, Uferanrisse, in denen Eisvögel nisteten, ruhige Hinterwasser, in die sich Fische zurückzogen und im Uferbereich wuchs Auwald. Die Artenvielfalt war intakt und Fische wie der Lachs stiegen aus den Unterläufen auf, um in den Oberläufen zu laichen.
Nicht nur entlang der Thur, sondern an den meisten Fliessgewässern im Mittelland zeigt sich heute leider ein anderes Bild. 22 Prozent der Schweizer Fliessgewässer sind künstlich begradigt oder stark verbaut, im Mittelland sogar 50 Prozent (WWF 2016). Rund 101 000 künstliche Hindernisse mit einer Höhe von über 50 Zentimetern trennen die Schweizer Gewässer in unzählige Teilstücke (BAFU 2017). Die für Fische im Durchschnitt frei durchwanderbare Länge eines Baches oder Flusses beträgt lediglich 650 Meter (ebd.). An rund 1400 Stellen leiten Kraftwerke Wasser aus Bächen und Flüssen ab. Es resultieren über 2700 Kilometer Restwasserstrecke mit keiner oder stark reduzierter Wasserführung. Hinzu kommen über 1000 Kilometer Fliessstrecke mit künstlichen Abflussschwankungen (Schwall-Sunk), welche die Gewässer im Takt der Stromproduktion fluten (WWF 2016). Insgesamt gelten heute weniger als fünf Prozent des Schweizer Fliessgewässernetzes als vollständig intakt (ebd.).
Die durch Wasserkraftnutzung, Landwirtschaft oder Siedlungsentwicklung verursachten Probleme beeinträchtigen aber nicht nur unsere Fliessgewässer, sondern auch deren unmittelbares Umfeld. Seit 1850 sind über 90 Prozent der Schweizer Auen verschwunden (Eawag 2013). Auengebiete bedecken heute nur noch 0.55 Prozent der Landesfläche (WWF). Trotzdem lebt die Hälfte aller in der Schweiz vorkommenden Pflanzen in Auengebieten – rund 1500 Pflanzenarten. Die grosse Vielfalt an land- und wasserbewohnenden Wirbeltieren, Insekten und Weichtieren umfasst gegen 1020 Auenarten, wobei 270 Arten ausschliesslich oder vorwiegend in Auen vorkommen (BUWAL 2005).
Nur selten stehen die zahlreichen stehenden Kleingewässer im Fokus der Öffentlichkeit. In der Schweiz gibt es ungefähr 32000 solcher zwischen 0,01 und fünf Hektar grossen Gewässer (EPCN 2010) – ein unschätzbarer Wert für die Artenvielfalt. Eine englische Studie, die die Biodiversität von Flüssen, Strömen, Gräben, stehenden Kleingewässern und Seen vergleicht, hat ergeben, dass Kleingewässer am stärksten zur regionalen Biodiversität bezüglich Feuchtgebietspflanzen und Makroinvertebraten beitragen. Ähnlich wie bei den Auen hat jedoch auch die Anzahl der Kleingewässer während des letzten Jahrhunderts dramatisch abgenommen. In der Schweiz werden die Verluste auf rund 90 Prozent geschätzt (ebd.).
Neben den Beeinträchtigungen der Gewässermorphologie leidet auch die Wasserqualität. Bäche in Ackerbaugebieten sind durchschnittlich mit 34 Wirkstoffen belastet (Spycher 2019). Besonders betroffen sind vor allem sehr kleine und kleine Bäche, die insgesamt 75 Prozent des Gewässernetzes der Schweiz ausmachen (Eawag 2011). Und auch bei den Nährstoffen liegt vieles im roten Bereich: Von den landwirtschaftlich genutzten Flächen der Schweiz gelangen pro Jahr insgesamt mehr als 150 000 Tonnen überschüssiges Nitrat in die Gewässer (Spiess & Liebsch 2020). Davon betroffen sind auch zahlreiche Seen im Mittelland. Damit der Baldegger-, Hallwiler-, Sempacher- und der Greifensee nicht im Algenmeer ersticken, müssen sie sogar künstlich belüftet werden.
Kaum überraschend wirken sich diese massiven Beeinträchtigungen auch auf die Artenvielfalt aus. Wir erleben heute einen dramatischen Artenrückgang am und im Gewässer. Über ein Fünftel der vom Aussterben bedrohten oder in der Schweiz ausgestorbenen Arten sind an Gewässer gebunden, ein weiteres Fünftel an Ufer und Feuchtgebiete (BAFU 2017). 60 Prozent der Wasserpflanzen gelten als bedroht (ebd.). Nur rund ein Viertel der Fische und Rundmäuler gelten als «nicht gefährdet» (ebd.). Und 70 Prozent der Amphibien stehen auf der Roten Liste (BAFU 2005). Nicht nur im Verhältnis zur kleinen Fläche, sondern auch in absoluten Zahlen liegen die Aussterberaten im Wasser damit deutlich höher als auf dem Land (Eawag).
Viele der genannten Probleme wurden bereits erkannt und die Schweiz verfügt seit 1992 über ein solides Gewässerschutzgesetz. Rund 30 Jahre nach dessen Inkraftsetzung droht dieser Erfolg jedoch zu verblassen: Die Vollzugsdefizite bei der Umsetzung sind enorm. Besonders deutlich wird dies anhand der Gewässerraumausscheidung. Laut Gesetz hätte diese bis 2018 vollständig umgesetzt sein müssen. Ende 2019 hatten jedoch weniger als 15 Prozent aller Gemeinden diese Vorgabe erfüllt. Mit der vollständigen Zielerreichung wird erst im Jahr 2035 gerechnet. Dabei bildet die Gewässerraumausscheidung eine wichtige Voraussetzung für eine weitere Vorgabe des Gewässerschutzgesetzes: Die Revitalisierungsplanung, die auf ausreichend Raum entlang der Gewässer angewiesen ist. Bis 2090 sollen 4000 Kilometer revitalisiert werden. Schweizweit wurden zwischen 2011 und 2019 jedoch erst 160 Kilometer umgesetzt.
Doch statt die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zur Gewässerraumausscheidung, der Revitalisierung oder Wasserkraftsanierung konsequent voranzutreiben, gibt es immer wieder politische Vorstösse, um diese zu verwässern. Umweltverbände wie Aqua Viva und eine kleine Zahl engagierter Politiker:innen sind immer häufiger damit beschäftigt, Angriffe auf die ohnehin geschwächte Gesetzeslage abzuwehren. Aktuell kämpfen wir an vielen Fronten, um zu verhindern, dass aus kurzfristigen Überlegungen heraus unsere Gewässer immer stärker beeinträchtigt werden.
Wie sehr die Interessenabwägungen bereits heute und in der Vergangenheit zu Ungunsten unserer Gewässerlebensräume ausgefallen sind, zeigen die aktuellen Konflikte um Grimsel und Trift. Laut dem am 26. November 2020 veröffentlichten Bundesgerichtsurteil zur Erhöhung der Grimselstaumauer hat es der Kanton Bern – in einem nun rund 20 Jahre laufenden Verfahren – bislang verpasst, die Interessen des Landschafts- und Naturschutzes angemessen zu berücksichtigen. Der Kanton muss dies nun auf Ebene des Richtplans nachholen und das Projekt mit dem geplanten Stausee in der Trift abstimmen. Das Bundesgericht bestätigt damit die Befürchtung, dass ökologische Interessen häufig keine Rolle spielen, wenn es um den Zubau der Wasserkraft geht. Es ist unbestritten, dass die Herausforderung einer CO2 -neutralen Energiegewinnung Engagement und Zugeständnisse von uns allen erfordert. Die Schweizer Gewässerlebensräume haben jedoch ihren Beitrag geleistet. Weltweit nutzt kein Land die Wasserkraft so intensiv wie die Schweiz. 94 Prozent des verfügbaren Wasserkraftpotentials sind ausgeschöpft und der Anteil der Wasserkraft an der gesamten Stromproduktion liegt bei rund 57 Prozent (BFE). Der ökologische Schaden ist enorm und die Wasserkraft ist auch keine Lösung für die Winterstromlücke. In den Wintermonaten liefern Flusskraftwerke nur wenig Strom. Der Peak der Wasserkraft ist etwa zur gleichen Zeit wie der Peak von Fotovoltaikanlagen. Deren Potenzial ist riesig und liegt weitgehend brach: Ohne ökologische Schäden könnten Scheunen, Fassaden und Industriedächer genutzt werden.
Wir haben unseren Gewässerlebensräumen bereits viel abverlangt. Die Folgen des Klimawandels werden die genannten Probleme weiter verschärfen. Häufigere Hochwasserereignisse, Niedrigwasser im Sommer und höhere Wassertemperaturen setzen die Artenvielfalt zusätzlich unter Druck und verursachen enorme gesellschaftliche Kosten. Gelingt es uns nicht, die gesetzlichen und planerischen Rahmenbedingungen bezüglich Ökologie, Raumplanung, Energienutzung, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes zu koordinieren, werden unsere Gewässer durch die Nutzungskonflikte zerrieben. Darum müssen Schutz und Nutzung endlich gleichwertig berücksichtigt werden. Nur so können wir unsere Gewässer fit machen für die Zukunft.