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Dieser Artikel erschien am 30. Dezember 2012 in der Südostschweiz am Sonntag.
"Leben, Karma, was auch immer."
Apple-CEO Steve Jobs hatte sich für einmal sich angepasst. Roter Kragen, schwarzer Umhang. Edles Gewand, kein Rollkragenpullover. Er wirkte gesund und schaute auf ein schwarz-weisses Meer junger Menschen in Talaren und mit Baretten. Die Diplomfeier der Elite-Uni im kalifornischen Stanford im Sommer 2005. Unter gleissender Sonne erzählte er übers Mikrofon des Football-Stadions von seinem Kalligrafieunterricht und von der Kündigung durch Apple.
Dann, nach etwa neun Minuten, begann er vom Tod zu sprechen: „Als ich 17 war, las ich ein Zitat. Es lautete in etwa so: „Wenn du jeden Tag lebst, als wäre es dein letzter, wirst du irgendwann sicherlich richtig leben“. Es beeindruckte mich und seither habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: „Wäre heute mein letzter Tag, würde ich tun wollen, was ich heute tun werde?“ Wann immer mir auffiel, dass ich diese Frage an zu vielen aufeinanderfolgenden Morgen mit „Nein“ beantwortet hatte, wusste ich, dass ich etwas ändern musste.“
Ein Jahr zuvor war bei Jobs Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden. Er habe noch wenige Monate zu leben, hiess es, bevor er doch geheilt werden konnte. Jobs schloss daraus: Vor der Tatsache unserer Sterblichkeit sei das allerwichtigste, den Mut zu haben, der eigenen Leidenschaft und Intuition zu folgen. Sie wüssten, was wir wirklich werden wollten. „Alles andere ist sekundär“, sagte er. Die Absolventen klatschten höflich. Jobs gönnte sich einen Schluck aus der Wasserflasche. Etwas mehr als sechs Jahre später starb er als einer der erfolgreichsten Unternehmer aller Zeiten doch an Krebs.
Ob Steve Jobs tatsächlich so erfolgreich war, weil er jeden Morgen den Spiegel fragte und so seine Leidenschaft fand, ist kaum zu ergründen. Interessant ist vielmehr, dass Jobs wohl nichts auf Neujahrsvorsätzen hielt. Die Idee, dass wir uns nur zum Jahresende „besinnen“ und uns vornehmen, etwas in unserem Leben zu ändern, musste ihm lächerlich erschienen sein. Ganz besonders im Bewusstsein, dass – rein hypothetisch – jeder Tag unser letzter sein könnte. Krebs, Unfall, das Herz.
Evaluieren, ob man das Richtige tut, kann man nur, wenn man eine Vorstellung vom Richtigen hat. Wenn man weiss, was man will. Die Idee, dass wir Menschen selber mit einem derartigen Sinn ausgestattet sind, entstand im 18. Jahrhundert. Jean-Jacques Rousseau sprach von einem „Gefühl des Daseins“, Johann Gottfried Herder schrieb: „Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigne Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.“ In der Philosophie heisst diese Idee Authentizität. Kurz: Es gibt für uns als Menschen eine bestimmte Weise, uns selbst zu sein. Eine Weise, die nur unsere jeweils eigene ist.
Wie finden wir denn nun diese bestimmte Weise? Und wie nutzen wir sie als Ziel unserer persönlichen Entwicklung, sofern wir das Ideal der Authentizität als anstrebenswert erachten? Tatsache ist, dass wir nur einen Teil unseres Selbst mitentwickeln können. Dass wir durch Gene und Erziehung geprägt sind. Und dass uns auch fremde Einflüsse im Alltag in Richtungen zerren, uns ständig verändern. Ein Jobangebot, Avancen eines Unbekannten. Doch selbstverständlich können wir zu einem bestimmten Grad auch, was Steve Jobs angeblich konnte: Wir können uns zu einem gewissen Grad selbst werden. Entwicklungspsychologen sprechen von „gezielten Entwicklungshandlungen“.
Der Mann, welcher sich vornimmt, abzunehmen und deshalb einer Turngruppe beitritt, welche zweimal wöchentlich Sport treibt, nimmt seine Entwicklung in die Hand. Die junge Frau, welche im Abendkurs Schwedisch lernt und die Senioren, welche Gedächtnisübungen machen, tun das ebenfalls. Diese Entwicklungshandlungen führen häufig und im Idealfall ans Ziel. Der Mann verliert Gewicht, die Frau lernt Schwedisch, die Senioren vergessen seltener, die Haustür abzuschliessen.
Alle sollten sie jedoch davon ausgehen, dass ihre Handlungen auch Nebenwirkungen haben, wie der Schweizer Entwicklungspsychologe August Flammer schreibt. Ja sogar, dass diese Nebenwirkungen ganz sicher zahlreicher sind als die beabsichtigten Wirkungen. So lernt der Mann in der Turngruppe vielleicht endlich eine Frau kennen. So entdeckt die junge Frau eventuell ihr Sprachtalent und entscheidet sich für ein Hochschulstudium. So wecken die Kreuzworträtsel möglicherweise die Reiselust der Senioren. Häufig sind diese unbeabsichtigten Nebenwirkungen gar bedeutender als das Erreichen des ursprünglichen Entwicklungsziels.
Vor dem Hintergrund dieser Ungewissheit gewinnt die eigene Überzeugung an Bedeutung. Wer daran glaubt, dass bewusste Entwicklungshandlungen Positives bewirken, wenn auch nur als ungewisse Nebenwirkung, hat eher den Mut etwas zu ändern, wenn der Blick in den Spiegel unbefriedigend ausfällt. Psychologische Studien aus den Achtzigerjahren ergaben, dass die Befragten weniger an die eigene Veränderbarkeit glaubten, je älter sie waren. Gleichzeitig nahmen resignative, depressive Haltungen mit dem Alter zu. Das könnte aber auch nur eine Momentaufnahme, ein Generationenphänomen gewesen sein.
Entscheidender als das Alter sei in dieser Frage deshalb die Kultur. Das sagt der niederländische Psychologe Geert Hofstede. Mittels unzähliger Befragungen auf der ganzen Welt versuchte er, Kulturen nach festgelegten Charakteristika zu unterscheiden. Eines davon nennt er Unsicherheitsvermeidung. Wir Schweizer seien da zurückhaltend, meint er. Sicherheit und Pünktlichkeit genössen einen hohen Stellenwert. Innovation würde so gehemmt. Anders Steve Jobs’ Geburtsland USA. Etwas Neues zu versuchen sei dort viel stärker akzeptiert.
Wichtig ist also die Einsicht, dass die persönliche Entwicklung in erheblichem Mass davon abhängt, wie stark man davon überzeugt ist, seines eigenen Glückes Schmied sein zu können. Und dass diese Überzeugung von unserem soziokulturellen Umfeld geprägt ist. Die Suche nach dem eigenen „Gefühl des Daseins“ wird so zur harten Kopfarbeit, wäre es doch wirklich viel bequemer, man hätte moralische Leitplanken, ein klares Menschenbild, eine bereits fertige Vorstellung dessen was wir sein sollten.
Für die Entwicklungspsychologen ist Entwicklungsarbeit eine Frage der Dosis, der Balance. Im Idealfall sind wir erfolgreiche Tänzer auf dem Hochseil unseres eigenen Lebens. Trauen wir uns zu viel zu, vergrämen wir möglicherweise unsere Liebsten, frustrieren uns durch den Misserfolg selbst. Sind wir zu ängstlich, zu bequem, gelten wir als faule Langweiler und bereuen möglicherweise später, nicht mehr Risiken eingegangen zu sein. Sei es in der Ausbildung, im Job, in der Liebe, der Freizeitgestaltung.
Um diesen Balanceakt zu beherrschen, bedarf es nach dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler William Deresiewicz zweier Dinge: Abgeschiedenheit und Freundschaft. Als Abgeschiedenheit meint er das Alleinsein mit den eigenen Gedanken. Nur so könnten innere Überzeugungen entstehen, welche uns dabei stützten, für uns richtige Entscheidungen zu treffen. Dazu müssten wir einfach lernen, uns lange genug auf etwas zu konzentrieren, um eine eigene Vorstellung davon zu bekommen. Konzentrieren. Sich zusammennehmen. Das Gegenteil von Zerstreuung.
Mit Freundschaft meint Deresiewicz die tiefe Freundschaft intimer Konversation. „Lange, ununterbrochene Gespräche mit einer anderen Person.“ Gespräche, in welchen man sich sicher genug fühlt, sich Eingeständnisse zu machen, Zweifel zu äussern, oder sensible Fragen zu stellen. Für Deresiewicz ist das nichts anderes als laut zu denken. Lautes und leises Denken, Freundschaft und Abgeschiedenheit, würden uns helfen, eigene Überzeugungen zu entwickeln, sagt er.
Gute Hochseiltänzer haben solche eigenen Überzeugungen als Balancierstangen. Diese helfen ihnen, ihre Schritte zu stabilisieren. Und sie wissen: Wie stark sie diese ausbalancieren müssen, zeigt sich immer erst im Rückblick. Was Steve Jobs an diesem heissen Junitag im 2005 in Stanford noch sagte: „Ihr müsst einfach vertrauen. In euer Bauchgefühl, Schicksal, das Leben, Karma, was auch immer.“
Albrecht Koschorke, Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Konstanz hat eine Allgemeine Erzähltheorie formuliert. Im aufschlussreichen Gespräch mit Kolja Mensing von Deutschlandradio Kultur erklärt er, weshalb Literaturwissenschaftler gesellschaftliche Phänomene analysieren können und weshalb Aussagen und ganze Geschichten als Kausalzusammenhänge immer auch als “wahr” oder “falsch” markiert werden können. Sehr hörenswert!
Mich nervt, dass gewissen Familienmitgliedern ihr Platz streitig gemacht wird, als hätten sie den Namen nicht verdient.
Julian Schmidli, Redaktor Sonntagszeitung, wird am Reporterforum in Hamburg seinen Frust über verknöcherte Strukturen in den Medien los. (via medienwoche).
Ich kann mich Julian nur anschliessen. Mehr Mobilität! Mehr Demokratie! Mehr Offenheit! Im Kern heisst das: Ein breiteres Verständnis von Journalismus, etwa als Sammlung pointierter Aussagen über die Wirklichkeit.
There’s never been much love lost between literature and the marketplace. The consumer economy loves a product that sells at a premium, wears out quickly or is susceptible to regular improvement, and offers with each improvement some marginal gain in usefulness. To an economy like this, news that stays news is not merely an inferior product; it’s an antithetical product. A classic work of literature is inexpensive, infinitely reusable, and, worst of all, unimprovable.
The process of turning oneself into a character is not self-absorbed navel-gazing but a potential release from narcissism: You have achieved sufficient distance to begin to see yourself from the outside. Doing so can be liberating.
In einem Video starrte der Mann finster auf die Gläubigen in den Kirchenbänken und forderte eindringlich “Do not eat raw potatoes”. In einem anderen Filmchen verursachte der selbe Mann bei jungen Studenten Lachkrämpfe, indem er die Bibel mit einem guten Wodka verglich. Joel Bedetti und ich wollten herausfinden wer dieser Mann – ein katholischer Priester mit Namen Reto Nay – ist. Denn Nay spricht metaphorisch nicht nur von Gemüse und Spirituosen. Die News-Beiträge auf Gloria TV – obschon nicht von Nay gesprochen – sind vielmehr reale Angriffe auf geistige Gegner, ausgegrabene Kriegsbeile quasi. Wie passte das zusammen? Unsere Recherche über Reto Nay und Gloria TV ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Der Artikel erschien am 18. April 2013, auf den Schweizer Seiten der ZEIT.
Ich hatte vor nicht ganz einem Jahr meinen Freunden von ALSO von Gloria TV erzählt und Joel, der zu dieser Zeit als einziger freie Kapazitäten hatte, begann mir bei der Recherche zu helfen. Während Joel sofort Schweizer Kirchenleute kontaktierte, forschte ich mehrheitlich online nach und las alte Posts und Artikel von und über Reto Nay. Heute ist klar: Ohne meine Arbeit hätten wir die Recherche nie begonnen. Ohne Joels Arbeit hätten wir sie unmöglich zu Ende führen können. Denn irgendwann ging uns dabei allmählich die Luft aus. Beide waren wir mit unseren Studien an der Uni beschäftigt und brachten die Energie, alles zusammenzustellen und einer Publikation anzubieten, neben weiterer Erwerbstätigkeit nicht auf. Wir waren jedoch sicher, dass der Zeitpunkt dafür irgendwann kommen würde. Als sich die Ereignisse nach dem Besuch eines Spiegel TV-Teams in Sedrun im März 2013 überschlugen, war die Zeit für einen weiteren Effort reif. Nachdem wir von Peer Teuwsens ZEIT grünes Licht erhalten hatten, knieten wir uns nochmals rein. Joel hatte eben sein Geschichtsstudium an der Uni Zürich erfolgreich abgeschlossen und ich fand dank der Osterferien ebenfalls Zeit für weitere Recherchen. Es folgten eineinhalb Wochen Emailen, Telefonieren, Lesen und Schreiben.
Insgesamt haben wir über 40 Interviews geführt und unzählige Stunden mit weiterer Recherche verbracht. Gerne hätten wir auch mit Reto Nay gesprochen. Joel erreichte zwar Nays Mutter, doch sie gab an, nicht zu wissen, wo sich ihr Sohn befand. Wir verweisen hier deshalb auf seine Stellungnahme zu den Vorkommnissen rund um seine Entlassung in Tujetsch. Neben den vielen Leuten, die bereit waren, uns Auskunft zu geben, fanden sich auch solche, die sich weigerten. Beim ITI in Trumau hiess es, man spreche nicht mit Journalisten und kath.net-Chefredaktor Roland Noé, den wir wiederholt schriftlich kontaktierten, hat nie auf unsere Anfragen reagiert.
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Pascal Sigg: <email-pii>
Joel Bedetti: <email-pii>
Art exists so that one may recover the sensation of life; it exists to make one feel things, to make the stone “stony”. The purpose of art is to impart the sensation of things as they are perceived and not as they are known. The technique of art is to make objects unfamiliar”, to make forms difficult… Art is a way of experiencing the artfulness of an object. The object itself is not important.