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Der Anwalt Richard Spoor kommt Ende Monat in die Schweiz. Er fordert Entschädigungen für die Opfer der Asbest-Minen.
Stephan Schmidheinys Vertreter verweigert die Diskussion nicht, ist aber gegen eine kollektive Entschädigung.
Richard Spoor kann einen schönen Erfolg verbuchen: Der südafrikanische Anwalt, spezialisiert auf Asbestfragen, hat jüngst die Schaffung eines Entschädigungs-Fonds erwirkt, mit dem Tausenden ehemaligen Bergwerksarbeitern geholfen werden soll, die krank sind.
Nach jahrelangen Diskussionen unterzeichneten zwei Bergwerksgesellschaften, die englische Cape und die südafrikanische Gencor, einen Vertrag, der Entschädigungs-Zahlungen an ihre ehemaligen Angestellten in Südafrika vorsieht.
Die beiden Verträge betreffen rund 13'500 Personen, die in den Asbest-Minen arbeiteten oder in deren Nähe wohnten. Insgesamt hat Gencor nach eigenen Angaben 460,5 Millionen südafrikanische Rand (rund 83 Millionen Schweizer Franken) für den Fonds bereitgestellt. Dafür wird der Konzern bei Krankheiten oder Todesfällen von jeder weiteren Verpflichtung befreit.
Die Arbeit von Richard Spoor ist aber noch nicht beendet: Ende April kommt er in die Schweiz, um sich mit Vertretern des früheren Multis Eternit, der heutigen Anova, zu treffen, deren gleichnamiger Zement während Jahrzehnten in der ganzen Welt ein Spitzenprodukt war.
Eternit sehr präsent
Die Eternit war in Südafrika über ihre Filiale Everite Ende der 70er-Jahre sehr aktiv. Ein Teil dieser Firma ging zunächst an Cape, welche sie an Gencor weiterverkaufte, während ein weiterer Teil der multinationalen Group Five verkauft wurde.
Inzwischen wurde Eternit International, die im Besitz von Stephan Schmidheiny ist, in Anova umgetauft, während Eternit Schweiz, die seinem Bruder Thomas Schmidheiny gehört, in die Firma Holcim integriert wurde.
Spoor ist nur an Anova interessiert. Letzten Sommer trat Stephan Schmidheiny aus deren Verwaltungsrat aus und wurde vom Ständerat und Unternehmensberater Hans-Rudolf Merz (FDP/AR) abgelöst.
Der südafrikanische Anwalt strebt Hilfe für die Arbeiter der Everite während der Zeit an, als die Eternit deren Hauptaktionärin war. Mit den Entschädigungen könnten ferner die Halden zugedeckt und die Bergbaustädte saniert werden.
Keine Drohungen
"Wir wollen die Diskussion aufnehmen, ohne zu drohen", so Spoor. Der Anwalt wirft den Bergwerks-Gesellschaften vor, die Gesundheit der (zu 90% schwarzen) Arbeiter und Anwohner vernachlässigt zu haben, obwohl die Gefahren, von Asbest ausgehen, bekannt waren. Laut Spoor hatte ein Ingenieur der Eternit die Risiken systematisch heruntergespielt.
"Es ist ein abgekartetes Spiel zwischen der Industrie und den Behörden, um jede Massnahme zur Verbesserung der Gesundheit der Arbeiter zu verhindern", so Spoor.
"Der Anova-Konzern müsste eine Art soziale Verpflichtung übernehmen, ähnlich jener für die Umwelt, die sein ehemaliger Präsident Stephan Schmidheiny so hoch hält."
Büchse der Pandora
Hans-Rudolf Merz bestätigt aus seinem Büro in Herisau (AR), dass Spoor erwartet wird. Aber am Treffen mit dem Anwalt wird er nicht teilnehmen. "Für meine Mitarbeit ist es noch zu früh", erklärt Merz.
"Wir sind offen für die Diskussion. Ich sehe aber nicht, wie Anova rechtlich verantwortlich gemacht werden kann, da die Eternit vor 20 Jahren die Kontrolle abgegeben hat."
Eines scheint aber klar: "Ich will eine Lösung für alle geschädigten Opfer finden", so Merz, "aber für jeden Fall einzeln. Ich kann keinen Gesamtbetrag akzeptieren. Das würde eine Büchse der Pandora öffnen und eine Welle von Forderungen in der ganzen Welt nach sich ziehen."
Die Eternit war in gut zwanzig Ländern aktiv, darunter in Griechenland, Italien, Brasilien und Nicaragua. In diesen Ländern wurden gerichtliche Verfahren eröffnet.
Der Präsident der Anova will "die Kläger einzeln identifizieren und ermitteln, wer wo und wie lange gearbeitet hat". Im Budget ist noch kein Betrag für Entschädigungen vorgesehen.
Sündenbock?
"Mir scheint, dass man die Schuld nur bei Stephan Schmidheiny sucht. Weil er Schweizer ist, weil er reich ist, versuchen einige, ihn für all ihr Unglück verantwortlich zu machen."
Dabei habe man sich vor über 20 Jahren über Stephan Schmidheiny lustig gemacht, als er sich damals dafür eingesetzt habe, aus dem Asbest-Geschäft auszusteigen, so Merz.
Die Zeitschrift "Bilanz" veröffentlichte in ihrer Aprilausgabe einen ersten Teil der Geschichte der Schmidheiny-Dynastie. Darin steht, der Beschluss, "aus dem Asbest auszusteigen", sei 1976 gefallen. Laut der Zeitschrift wurde er aber erst Mitte der 90er-Jahre endgültig umgesetzt.
Vor den ersten Kontakten mit Spoor bereitet sich Merz vor. Er hat das südafrikanische Justizsystem studiert, in dem offenbar die Zulässigkeit von "Sammelklagen" nicht klar festgelegt ist.
"Wenn die Krankheitsfälle erwiesen sind, sehe ich nicht ein, warum wir unserer Verpflichtung nicht nachkommen sollten", schliesst Merz.
Stephan Schmidheiny seinerseits hat sich nach Costa Rica zurückgezogen, wo er sich um Avina kümmert, eine Stiftung für Entwicklungshilfe.
Sein Bruder Thomas kündigte Anfang April an, er unterstütze die vom Holcim-Verwaltungsrat geplante Einführung der Einheitsaktie und verzichte damit auf seine bisherige Stimmenmehrheit. Berreits im Februar war Thomas Schmidheiny wegen Insiderdelikten in Spanien als VR-Präsident von Holcim zurückgetreten.
swissinfo, Ariane Gigon Bormann, Zürich, und Valérie Hirsch, Johannesburg
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)