Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03150.jsonl.gz/2385

mehr
Typus. Immerhin haben kraniologische Studien gezeigt, dass die Mehrzahl der Bewohner des Waadtlandes keltischen Ursprungs ist. Die Bürger von Lausanne sind weniger kosmopolitisch angehaucht als diejenigen anderer grösserer Städte der Schweiz, wie hier auch die Standesunterschiede zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten keine bedeutende Rolle spielen und im täglichen Verkehr ganz verschwinden. Es gibt in Lausanne weder eine sich von der übrigen Bevölkerung absondernde Aristokratie noch sehr reiche Leute. Das geistige Leben ist ein durchweg sehr reges, wovon die grosse Zahl der jedes Jahr veröffentlichten Werke und Arbeiten ein beredtes Zeugnis ablegt. Es wirken hier eine Reihe von hervorragenden Männern der Wissenschaft und Kunst, sowie mehr als ein Journalist von Ruf. Es dürfte nicht viele Städte geben, die im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl einer so grossen Anzahl von Tageszeitungen sich erfreuen, wie gerade Lausanne.
Militärisches.
Lausanne ist seit 1882 Waffenplatz der 1. eidgenössischen Armeedivision. Die mit einem Aufwand von 1 Million Fr. erbaute Kaserne steht im Quartier La Pontaise, das ihr seinen Aufschwung in erster Linie zu verdanken hat. Nachdem sie 1903 vergrössert worden, bietet sie jetzt Raum für 1200 Mann und 32 Pferde und gehört mit denjenigen von Zürich, Bern und Thun zu den grössten der Schweiz. Sie umfasst etwa 60 schön eingerichtete, hohe und luftige Zimmer mit prachtvoller Aussicht auf den See und die Alpen, Schlafsäle für etwa 1000 Soldaten, ein Lazaret mit etwa 30 Krankenbetten und alle für einen Militärbau von dieser Grösse notwendigen Nebenbauten.
Der Exerzierplatz liegt auf Boden der Gemeinden Lausanne, Romanel und Le Mont und ist mit seinen 11989,91 Aren Fläche der grösste der ausschliesslich für Infanterie bestimmten Exerzierplätze der Schweiz. Dazu gesellen sich eine günstige Lage und eine allen taktischen Anforderungen entsprechende Abwechslung der Geländeformen. Der Schiessplatz befindet sich seit 1892 9 km nö. Lausanne in Mauverney (nahe dem Chalet à Gobet). Es werden in Lausanne neben verschiedenen Unteroffiziers-, Schiessschulen etc. in der Regel jährlich drei Rekrutenschulen einberufen.
Geschichte.
Reste von Pfahlbauten in Vidy und Cour;
Steingräber mit Skeleten in hockender Stellung (sog. Hockergräber) in Pierra Portay und Chamblandes;
Grab aus der Bronzezeit mit Skelet in Villars (unter Montbenon);
mehrere Grabhügel aus der Eisenzeit bei Vernand und in Vernand Dessous.
Fund einer Bronzestatuette (Gallier) und gallischer Münzen in Lausanne; Schalenstein in Vernand. Die hiesige römische Kolonie trägt auf den Inschriften den Namen Lausonna und stand zwischen Vidy, der Maladeire und dem Bois de Vaud bis gegen Malley. Man hat von, ihr Reste von Bau werken, Statuetten, Münzen, Inschriften und viele Gegenstände aller Art aufgedeckt. Römische Gräber hat man im Bois de Vaud und in Contigny, römische Inschriften im Bois de Vaud, in Vidy und Malley gefunden. Burgundergräber im Quartier La Mercerie, auf dem Champ de l'Air, in Chavannes und Vidy und namentlich in Bel Air bei Cheseaux.
Nach den Berichten alter Autoren soll die Gründung Lausanne's, wie diejenige so mancher andern Stadt, schon in uralter Zeit erfolgt sein. Neuere Untersuchungen haben dann gezeigt, dass die erste Siedelung dieser Gegend unterhalb der jetzigen Stadt in der zu beiden Seiten des Flon und nahe dem See liegenden Ebene von Vidy gestanden hat und - je nach den verschiedenen Urkunden - Lousonna, Lousena, Lausanna, Lausonium, Losonne oder Losene hiess, welcher Name bis heute noch nicht befriedigend erklärt ist. (Der Flon wurde noch 1761 «Laus» genannt).
Man vermutet, dass dieser Ort gallischen oder keltischen Ursprunges war und schon vor der Eroberung Helvetiens durch die Römer existierte. Nach Fr. Guillimann (1598) war er eine der 12 von den Helvetiern vor ihrem Auszug nach Gallien (58 v. Chr.) verbrannten Städte. Ganz ohne Stütze ist dagegen die Ansicht, die den Ort mit dem Pfahlbauerdorf vor Vidy in Beziehung setzen will. 1739 hat man in Vidy eine heute im Rathaus aufbewahrte Votivtafel mit Inschrift aufgefunden, die dieses Lousonna einen vicus nennt, d. h. eine offene Ortschaft von nicht ausgesprochen städtischem Charakter, wo etwa Reisende in einer mansio über Nacht bleiben und die Pferde wechseln konnten.
Die Bewohner waren anfangs wohl hauptsächlich Fischer und Bauern. Dieser vicus bestand mehrere Jahrhunderte, während welcher er sich derart vergrösserte, dass er schliesslich den ganzen Raum zwischen dem See, dem Flon und der jetzigen neuen Strasse nach Morges umfasste. Dass er zu dieser Zeit von einer gewissen Bedeutung war, zeigt der Umstand, dass er dem See, an dem er lag, auf eine Dauer von mehreren Jahrhunderten seinen Namen gegeben hat: Lacus Lausonius (Itinerar von Antonin 138-161), Lacus Losanne, Lacus Lausannensis (Peutingersche Tafel des 4. Jahrhunderts).
Die das Land überschwemmenden Alemannen überfielen ums Jahr 379 diesen Ort Lousonna, steckten ihn in Brand und metzelten seine Bewohner nieder. (Die Ansicht, das der Ort von der durch den Bergsturz von Tauretunum erzeugten Flutwelle des Sees zerstört worden sei, ist unhaltbar). Einige dem Gemetzel entkommene Bewohner flohen im Thal des Laus (Flon) bergaufwärts und siedelten sich auf einem der das Thal dieses Flusses beherrschenden Hügel an, einer steilwandigen natürlichen Festung, die zudem noch durch einen Sumpf (palus) geschützt war.
Diese neue Siedelung erhielt den gleichen Namen wie die eben untergegangene Stadt in der Ebene. Sie war zunächst wenig mehr als ein befestigtes Lager (castrum), entwickelte sich aber später, als der Bischof Marius oder Saint Maire ums Jahr 593 seinen Sitz von dem verwüsteten Aventicum hierher verlegte, zu einer civitas, dem ersten Vorläufer der späteren Cité. Diese Uebersiedelung beweist zugleich, dass die neue Anlage zu jener Zeit schon wieder zu einem Ort von einer gewissen Bedeutung sich aufgeschwungen hatte. Es entstanden nun Kirchen, eine Propstei und eine Kathedrale.
Die ursprünglich gallisch-helvetischen Bewohner werden von Marius in den Urkunden stets «Bürger» (cives) genannt. Das bischöfliche Schloss am N.-Ende der Cité entstand zu Ende des 14. Jahrhunderts. Unterdessen war auf einem Hügel gegenüber der Cité eine neue Siedelung (der Bourg) entstanden, die von Burgundern gegründet worden sein soll. Beide Städte waren von Mauern umgeben, aber sowohl in der Art und Zeit ihrer Gründung, als in Bezug auf ihre abweichenden Rechte, Freiheiten etc. von einander stark verschieden.
Die Cité hatte 6 Tore (Saint Etienne, Escalier de la Grande Roche, Couvaloup, Cunay oder La Barre, Saint Maire, Degrés du Marché), der Bourg deren vier: Saint Pierre, Condémine (Rive oder Rive d'Ochie), Saint François und die Porte du Pont. Es dauerte aber nicht lange, bis beide Städte über ihre Mauern hinauswuchsen: zu beiden Seiten des Flon entstanden Korn- und Walkmühlen, sowie andere Bauten, und bald war auch ein dritter Höhenrücken, der von Saint Laurent, besiedelt. Es konnte nicht ausbleiben, dass zwischen den beiden Städten viele Streitigkeiten entstanden, die oft dahin führten, dass man gegenseitig die feindlichen Aussenquartiere in Brand steckte und plünderte und ihre Bewohner niedermetzelte.
Der rührigen Handel treibende Bourg gewann immer mehr an Boden und wusste die Interessen der neuen Quartiere derart mit den seinigen zu verknüpfen, dass er sich bald zu einer 4 Panner - Bourg, Pont, Palud, Saint Laurent - umfassenden, bedeutenden Stadt auswuchs, während die Cité isoliert blieb. 1481 schloss sich dann diese zum grossen Aerger des Bischofes als fünftes Panner den andern an, sodass ein einziges grosses Gemeinwesen, die Civitas Lausannensis communitas, entstand. Es dauerte aber noch lange Zeit, bis die Unterschiede zwischen den beiden einst so verschiedenen Altstädten völlig verwischt waren.
Das Quartier der Cité, das sich als Bischofssitz zahlreicher Vorrechte und Freiheiten erfreute, behauptete von Anfang an ein gewisses Uebergewicht, das ihm nicht zu unterschätzende Vorteile bot. Der kirchliche Schutz, den der Bischofssitz gewährte, erstreckte sich nicht nur auf die Kathedrale und ihre unmittelbaren Annexe (Kloster, Friedhof), sondern auf die ganze Cité überhaupt, wo Jedermann - Diebe, Fälscher und Verräter ausgenommen - eine sichere Zuflucht fand. Die Vorrechte des Bourg waren anderer Art und bestanden hauptsächlich darin, dass ihm die eigene Gerichtsbarkeit, sowie Tavernen-, Herbergs- und Marktrecht zustanden, und dass er von allen Mess- und Marktgebühren befreit war. Seine Bürger hatten allein die Erlaubnis, auf ¶
mehr
öffentlichem Boden vor ihren Häusern Waren feilzubieten. Da der Bourg an der Kreuzung der Handelsstrassen nach Deutschland, Italien, Frankreich und der Provence lag, wies er einen lebhaften Verkehr auf, der den zahlreichen Herbergen reichlichen Verdienst brachte. Die öffentlichen Rechte, Freiheiten und Befugnisse der Stadt Lausanne und ihrer Ländereien wurden 1368 endgiltig im sog. Plaid général niedergelegt, der später den Namen des Code oder Coutumier de Lausanne erhielt.
Jedes der fünf städtischen Quartiere bildete ein eigenes Panner, deren Namen bis in unsere Zeit hinein sich erhalten haben. Das Panner des Bourg führte Rot mit silbernem Haupt, darüber zwei gekreuzte schwarze Schlüssel; unter ihm marschierten die Bürger des Bourg von den Toren von Martheray und Etraz bis zur Porte du Chêne, ferner die Leute von Chailly, Belmont, Pully, Échissiez und Épalinges. Das Panner der Cité war gespalten von Silber und Rot, darin ein offenes Stadttor, flankiert von zwei gezinnten Türmen in wechselnder Farbe; unter ihm marschierten die weltlichen Bürger der Cité, ferner die Leute von La Barre, Le Mont, Cugy, Morrens und Bretigny.
Das Panner von La Palud war Rot mit silbernem Haupt, darüber ein schwarzer Doppeladler; unter ihm marschierten alle Männer, die zwischen der Porte Saint Étienne, der Markttreppe (Escaliers du Marché), den Häusern von Etienne Chandelier und Jaquette Angéline, dem Tor beim Bach und dem Haus dou Gerdil wohnten, ferner die Leute von Jouxtens, Mézery, Prilly, und - in gewissen Fällen - die von Romanel. Das Panner von Le Pont war Rot mit silbernem Haupt, darauf ein schwarzer Brückenbogen; unter ihm marschierten die Bürger des Quartiers Le Pont, ferner die Leute von Cour, Ouchy, Rive, Saint Sulpice und Chavannes.
Das Panner von Saint Laurent war ebenfalls Rot mit silbernem Haupt, mit einem schwarzen Rost darüber; unter ihm marschierten alle Männer, die von den Brücken von Saint Jean bis zum Tor von Saint Laurent wohnten, ferner die Leute von Renens und Crissier. Diese ganze wehrfähige Mannschaft war dem Bischof zu einer jährlichen unentgeltlichen Diensleistung (chevauchée) von einem Tag verpflichtet; wünschte der Bischof diese Truppen für längere Zeit aufzubieten, so musste er sie um ihre Zustimmung ersuchen und ihnen zugleich einen angemessenen Sold ausrichten.
Diesen fünf städtischen Pannern oder Militärkreisen, denen auch die wehrfähige Mannschaft der benachbarten Gemeinden zugeteilt war, schlossen sich in Zeiten der Gefahr ferner die Panner der vier Kirchgemeinden von Lavaux und diejenigen von Avenches, Lucens, Villarzel, Curtilles, La Roche und Bulle an, sodass die gesamte Wehrkraft auf 15 Panner stieg.
Ziemlich verwickelt war die gerichtliche Organisation der Stadt: neben dem bischöflichen Offizial, der in Angelegenheiten der Kirche und ihrer Besitzansprüche, sowie in Ehe- und Erbschaftsstreitigkeiten Recht sprach, amteten noch besondere Gerichte für das Kapitel, die Dekanate und Priorate;
dazu kamen das allgemeine Stadtrecht (der Plaid général), die Schöffengerichte des Bourg, das Reichsgericht und verschiedene niedere Gerichte, deren Vorsitzende als Sénéchal, Sautier, Mayor, Mestral etc. bezeichnet wurden.
Eine geordnete Stadtverwaltung wurde erst nach der Vereinigung von 1481 eingeführt.
Die Geschichte der Stadt Lausanne ist eng mit derjenigen ihrer Bischöfe verknüpft und wechselt zwischen Zeiten der Grosse und solchen des Verfalles. Die im frühen Mittelalter beträchtliche Macht der damals den Titel eines Grafen der Waadt (Comte de Vaud) führenden Bischöfe wurde in der Folge immer weiter eingeschränkt, je mehr Freiheiten und Rechte sich die Bürger auf gütlichem oder gewaltsamem Wege zu verschaffen wussten. Das so sich allmählig herausbildende Stadtrecht wurde 1368 im Plaid général zusammengefasst, der der Stadt Lausanne eine für die damalige Zeit schon recht ansehnliche Selbständigkeit sicherte. In der untern Stadt regierte ein Rat mit zwei Vorsitzenden, sogenannten Prioren (prieurs), der ursprünglich von der Gesamtheit der Edeln und Bürger (citoyens et bourgeois) gewählt wurde.
Dieser allgemeinen Wählerversammlung stand überdies das Recht zu, auch über wichtige Gemeindeangelegenheiten zu beraten. Später erfolgte die Wahl des Rates und seiner Vorsitzenden durch besondere Abgeordnete der einzelnen Panner oder Quartiere der Stadt. Daneben hatte auch die Cité oder obere Stadt ihren eigenen Rat mit seinen zwei Prioren, der oft stark von der Geistlichkeit beeinflusst wurde. Diese Ausnahmsstellung der Cité verschwand mit der Vereinigung beider Städte von 1481. Neben den beiden Prioren und dem aus 12-20 Mitgliedern bestehenden obern oder kleinen Rat erscheinen seit 1494 ein sog. Rière Conseil (unterer Rat) mit stark schwankender Mitgliederzahl und seit 1517 ferner noch ein Rat der Zweihundert. 1529 ersetzte man die beiden Priore durch einen auf 3 Jahre gewählten Syndikus, der seit 1533 den Titel eines Bürgermeisters führte. Von dieser Zeit an bestand die städtische Behörde bis zur Revolution von 1798 aus dem Bürgermeister, dem obern Rat (24 Mitglieder), dem untern Rat oder Rière Conseil (60 Mitglieder) und dem Rat der Zweihundert. Damit nahm Lausanne unter den übrigen Gemeinden der Waadt eine Sonderstellung ein.
Die Stadt war nicht reich. Noch im Jahr 1512 bezog sie als einzige Einkünfte die den Juden und Lombarden oder Cahorsiens (d. h. den gegen übertrieben hohe Zinsen Geld ausleihenden Wuchern) auferlegten Steuern. Die schlecht bezahlten Stellen in der städtischen Verwaltung waren nur wenig begehrt. Sitz der Stadtverwaltung war zunächst das alte Rathaus an der Place du Pont; 1458 begann man mit dem Bau des neuen Rathauses an der Place de la Palud, das zehn Jahre später vollendet wurde.
Während der ganzen Dauer des Mittelalters blieb Lausanne vor grösseren kriegerischen Verwicklungen verschont. Dagegen waren seine Bürger stets bestrebt, ihre Rechte und Freiheiten zu erweitern. Willkommenen Anlass dazu boten ihnen die häufigen Streitigkeiten zwischen den Fürstbischöfen und dem Haus Savoyen, wobei sie sich je nach ihrem augenblicklichen Vorteil bald auf die eine oder auf die andere Seite stellten. Zu Ende des 15. Jahrhunderts erlangte die Stadt Titel und Rechte einer freien Reichsstadt und führte seit dieser Zeit den doppelköpfigen Reichsadler im Wappen. Da eine auf diese Ernennung bezügliche Urkunde im Stadtarchiv nicht vorhanden ist, nimmt man an, sie sei entwendet oder zerstört worden. Dagegen befindet sich im Archiv ein vom 5 Juli 1536 (also kurz vor der Einführung der Reformation) datierter Brief Kaiser Karls V., der ausdrücklich von der «Reichsstadt» ¶