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Ein leerer Raum. Zwei Stiefel stehen etwas abseits. Mehrere Scheinwerfer, die von der Decke ein bisschen weiter runterhängen. Ganz hinten eine Treppe, die in den Boden hineinführt.
Plötzlich ein Mann, gekleidet in einem weissen Hemd und grauen Hosen. Es ist Mithkal Alzghair, der Choreograph des Stückes «Déplacement».
Den Blick ins Publikum gerichtet, geht er auf die Stiefel zu, zieht sie an. Einige Minuten bleibt er einfach so stehen, bis er anfängt auf den Boden zu stampfen. Zuerst leise, dann immer lauter, immer schneller. Es entsteht ein dynamischer Tanz, ganz ohne Musik, ohne Worte. Der Raum füllt sich ganz mit dem Geräusch seiner Stiefel, die auf dem schwarzen Parkett hüpfen und tanzen, dann leise den Boden streicheln. Sein ganzer Körper scheint von den Bewegungen erfüllt, obwohl er nur seine Beine braucht, während seine Arme neben seinem Körper herabhängen und sein Blick immer noch starr ins Publikum schaut.
Die wohl markanteste Bewegung ist schon gleich von Anfang an da. Mithkal, der beide seiner Arme in die Luft streckt, mit den Handflächen nach vorne, als würde er sich ergeben. Lange tanzt er in dieser Position, hüpft mit seinen Beinen von einem Ort zum anderen, während seine Arme oben bleiben, sein Blick unverändert. Seine Bewegungen werden immer grösser, bis er mit seinem ganzen Körper tanzt und den Raum vollständig ausfüllt. Irgendwann wird mir klar, dass sich die Choreographie immer wiederholt, jedes Malt ein bisschen schneller. Der Tanz ist ein ständiges auf und ab, Mithkal wird grösser, lauter und ist dann wieder ganz klein und leise. In einem dieser leisen Momente zieht er sein Hemd aus, den Blick immer noch starr ins Publikum gerichtet. Er legt es vor sich auf den Boden und beginnt dann darauf zu tanzen. Irgendwann zieht er auch noch seine Stiefel aus, zieht die Hose zu seinen Knöcheln runter. Es folgt ein Tanz, plötzlich mit Musik begleitet, in dem er einen verzweifelten Eindruck macht. Immer wieder fällt er zu Boden, rafft sich auf, nur um im nächsten Moment wieder hinzufallen. Er streckt die Arme aus, bewegt sich in einer bettelnden – gleichzeitig betenden – Haltung. Sein Blick wirkt nun nicht mehr starr, sondern ganz verzweifelt.
Er verlässt den Raum über die Treppe. Es erklingt Musik. Sie klingt jedoch fern ab, als wäre sie in einem anderen Raum. Drei Männer betreten dann den Raum, Mithkal Alzghair, Rami Farah und Samil Taskin. Sie tragen normale Alltagskleidung und schauen alle mit demselben, starren Gesichtsausdruck in die Zuschauerreihen.
Eng beieinander tanzen sie mit erhobenen Armen, genau wie Mithkal etwas früher. Sie bewegen sich zuerst mit kleinen Schritten, werden immer grösser, hüpfen und tanzen in synchronen Figuren. Ich spüre die Tränen in meinen Augen. Die Bilder, die die drei mit nichts ausser ihrer Präsenz schaffen, berühren mich.
Als sie ein weisses Tuch vor ihre Körper halten, und darauf ihre Schatten reflektiert werden, raubt es mir ganz kurz den Atem. Ich vergesse mein Notizbuch, Julius auf meiner rechten und den leeren Stuhl auf meiner linken Seite. Der Anblick ist so schön, dass ich mich für einen Moment sogar selbst vergesse. Sie tanzen nebeneinander, zu sehen nur ihre Köpfe und die Schatten ihrer Körper auf dem weissen Tuch. Es wirkt wie ein Friedensangebot, so rein und unschuldig, doch enorm aufgeladen mit Negativität.
Der Tanz verflüssigt sich langsam, sie nehmen immer mehr Abstand zu einander, tanzen eher für sich selber. Bis sie nur noch leise die Füsse bewegen und langsam in den Schatten treten.
Bevor ich klatschen kann, muss ich mich kurz sammeln und über die Performance nachdenken. Durch die Wiederholung der Choreographie, wird mir ein Teufelkreis aufgezeigt. Situationen im Leben, die sich immer wiederholen, immer schlimmer werden. Man versucht alles, um nicht noch einmal von vorne anfangen zu müssen und endet trotzdem immer wieder am Ausgangspunkt. Ihre Herkunft und Geschichte verstärkt das. Unmöglich können sie nach Syrien zurück gehen, sie sind gleicherweise irgendwie frei und gefangen. Genau diese Emotionalität bringen sie in ihre Choreographie ein. Sie tanzen einerseits voller Emotion und Motivation, bringen ihren ganzen Körper in Bewegung und springen durch den Raum. Gleichzeitig ist ihr Blick leer, immer starr an einen Ort gerichtet, ohne die Mimik zu verändern.
Mithkal Alzghair hat genau das verkörpert, was er wollte. Man versteht, was er sagen will und er benötigt nicht mal Worte dafür. Ein wunderschönes, emotionales Stück, das mir sehr imponiert hat.