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Die Geschichte des Hochtals Avers reicht weit zurück. Obwohl der Fund einer spätsteinzeitlichen Lochaxt im Averser Obertal und zweier frühmittelalterlicher Gräber in Avers-Cresta und Avers-Bach noch keine Rückschlüsse auf eine dauernde Besiedlung in dieser Zeit zulassen, wird das Tal infolge seiner Lage am Alpenhauptkamm schon sehr früh als Durchgangsgebiet benützt worden sein. Der untere Talabschnitt (Campsut, Campsur, Cröt und Platta) war jedenfalls im 10. Jahrhundert bereits von Romanen besiedelt, währenddem das Obertal zwischen Cresta und Juf nur als extensives Alpgebiet diente. Einen Hinweis auf diese Besiedlung geben heute noch die zahlreichen romanischen Flurnamen, besonders im Gebiet von Juf. Das alpenreiche Seitental Madris nutzten die Gemeinden des Südens (Chiavenna und Plurs) wobei aber kaum Dauersiedlungen bestanden haben dürften.
Die erste urkundliche Erwähnung von Avers (in alpibus valli avere) findet sich in einem Eintrag im Statutenbuch der Stadtgemeinde Como vom Jahr 1289 im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Walliser Söldnern im Hochtal Avers. Darin werden diese Leute für Schäden, die sie durch eine Fehde in den Alpen des Bergells erlittene hatten, mit der Befugnis zu einer befristeten Zollerhebung (1292 - 1307) von den mit Tieren oder Waren transitierenden Leuten aus Churrätien ausgestattet.
Es ist davon auszugehen, dass Avers bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts zumindest teilweise zur Grafschaft Schams gehörte. Bereits im Jahr 1377 wird mit Joannes Ossang der erste Ammann der Gerichtsgemeinde Avers genannt und 1396 führt die Gerichtsgemeinde Avers ein eigenes Siegel. Dieses zeigt einen springenden Steinbock womit auf die Zugehörigkeit zum Gotteshausbund hingewiesen wird.
Zwischen 1520 und 1525 traten die Averser zur Reformation über und vertraten während der Zeit der Bündner Wirren die französich-venezianischen Parteiinteressen, wobei die im Avers stark begüterte Familie von Salis aus Soglio, von denen einzelne auch das Averser Bürgerrecht besassen, politischen Einfluss ausübte.
Vor dem Bau der Kantonsstrasse von der Abzweigung der Splügenstrasse in der "Rofla" nach Avers-Cresta in den Jahren 1890-1895 bestand zwischen dem Schams und Avers nur ein mangelhafter Saumweg, der bis nach Ausserferrera hinaus von den Aversern auf Grund einer Konvention mit der Landschaft Schams zu unterhalten war. Vor allem der Bezug von Lebensmitteln erfolgte aber bis dahin während Jahrhunderten über den Stallerberg (2'581 m.ü.M.), die Forcellina (2'672 m.ü.M) und den Madrisberg (2'649 m.ü.M.). Auch das Vieh verkauften die Averser Bauern vor dem Bau der Talstrasse auf den oberitalienischen Märkten.
In kirchlicher Hinsicht gehörte die Talschaft Avers vor dem Bau der ersten Kirche in Avers-Cresta in der Mitte des 14. Jahrhunderts zu Bivio und im Madris befand sich bis 1965 eine im Jahr 1415 erbaute Marienkapelle. Die heutige Gestalt erhielt die Kirche in Cresta durch einen Umbau im Jahre 1786, wobei der freistehende Campanile auf der Südseite abgebrochen und an der Nordwand des Kirchenschiffes ein neuer Turm errichtet wurde.
In den Jahren 1958 bis 1962 erfolgte der Bau der Staumauer und der Kraftwerkanlagen im Val di Lei, verbunden mit dem Ausbau der Averserstrasse bis nach Avers-Juf zu einer wintersicheren Verbindung. Durch diese verbesserte Erschliessung blühte auch der Tourismus auf, welcher bereits vor dem ersten Weltkrieg eingesetzt hatte, und bildet heute nebst der Landwirtschaft einen wesentlichen Wirtschaftszweig. Die aus dem Kraftwerksbetrieb anfallenden Wasserzinsen und Kraftwerksteuern ermöglichten der Gemeinde die Verbesserung der Infrastruktur in den verschiedenen Weilern und Höfen und haben damit indirekt auch der Abwanderung Einhalt geboten, indem sich die Bevölkerung auf ca. 180 Einwohner stabilisiert hat.
Als Folge der Abgeschiedenheit blieb das Avers seit dem 14. Jahrhundert vor Kriegszügen und Verwüstungen verschont und die kulturhistorisch wertvolle, z.T. bis ins 16. Jahrhundert zurückgehende Bausubstanz, sowie die ursprünglichen Siedlungsstrukturen sind weitgehend erhalten geblieben. Sie geben dem Tal nebst den zahlreichen Naturschönheiten einen besonderen Reiz.
Jürg Stoffel