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Kultur
Gründliche Historiker und ein Eclat
ZÜRCHER KULTURSKANDALE (6)
Der Quellenband "Schweizerische Arbeiterbewegung" bewirkte 1974/75 Turbulenzen bis in die Suhrkamp-Zentrale und führte zur Gründung des Limmat Verlags.
Noch heute muss Jean-Pierre Kuster schmunzeln beim Gedanken, dass ausgerechnet Zürcher Geschichtsstudenten in den Siebzigerjahren einen Skandal verursachten. "Wir Historiker galten unter den Linken an der Uni als pragmatisch, als Sozialdemokraten, im Gegensatz zu den lupenreinen Revolutionären wie Jürg Wildberger zum Beispiel."
Bereits 1972 hatte ein zwölfköpfiges Autorenkollektiv der Basisgruppe Geschichte an die Tradition der Masch angeknüpft, der marxistischen Arbeiterschule des Buchhändlers Theo Pinkus, und ein 50-seitiges Vortragsmanuskript und Quellen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung zur Diskussion gestellt.
Erfolgreiche Ausstellung
Gleichzeitig kam eine Anfrage vom Sozialarchiv: Dessen Leiter, Miroslav Tucek, organisierte 1972 in Zürich die Jahrestagung der International Association of Labour History Institutions, und um die Gäste über die Arbeiterkämpfe in der Schweiz ins Bild zu setzen, plante er zusammen mit der Präsidialabteilung und der Zentralbibliothek eine Ausstellung im Stadthaus. In Ermangelung von einschlägiger Literatur griff Tucek gerne auf die Vorarbeiten der Studenten zurück. Die Ausstellung wurde nach Zürich auch in Basel, Luzern, Winterthur und St. Gallen gezeigt, erfolgreich mit über 30 000 Besuchern, was Manfred Vischer vom Huber Verlag in Frauenfeld auf die Idee brachte, die studentische Arbeitsgruppe mit ihrer weit gediehenen Quellensammlung für eine Publikation zu gewinnen.
Das Autorenkollektiv war inzwischen auf 39 Personen angewachsen, in sieben Untergruppen sammelten und diskutierten sie Tausende von Dokumenten, und zudem hatten die Studenten es fertiggebracht, dass im Wintersemester 1973/74 Georges Haupt von der Pariser Ecole pratique des hautes études als Gastdozent nach Zürich eingeladen wurde. Damit öffneten sich nicht nur inhaltlich neue Horizonte, wie sich Jean-Pierre Kuster erinnert: "Erstmals erlebten wir, dass ein Professor auch anders mit seinen Schülern umgehen konnte. Haupt kam zu uns auf die Studentenbude, wir kochten Spaghetti zusammen und diskutierten nächtelang unsere Arbeiten."
Der Druck des Geldes
Pünktlich zum 1. Mai 1974 hatte das Autorenkollektiv das über 400-seitige Manuskript in Frauenfeld abgeliefert. Dieses war bereits gedruckt, als im August der Verwaltungsrat entschied, das Buch dürfe nicht erscheinen. Ähnliches ereignete sich kurz darauf in der neuen Zürcher Filiale des Suhrkamp Verlags, der das von Huber abgelehnte Manuskript gerne übernommen hätte. Im Oktober wurde publik, dass es in beiden Fällen zu enormem Druck gekommen war: Aufgescheucht von den Professoren Marcel Beck und Hans Conrad Peyer, hatte Hans Huber, damals Chef der EMD-Abteilung "Heer und Haus", sein Gewicht im Frauenfelder Verwaltungsrat geltend gemacht und bald darauf den Verlagsleiter Manfred Vischer entlassen. Ebenso intervenierte die Winterthurer Familie Reinhart, zu fünfzig Prozent am Suhrkamp Verlag beteiligt, direkt bei Siegfried Unseld in Frankfurt, mit dem dringlichen Rat, die Publikation des Quellenbandes zu unterbinden. Auch die Schweizer Reportagen des jungen Niklaus Meienberg sollten sang- und klanglos aus dem Programm gestrichen werden.
So diskret wie gewünscht lief es allerdings nicht. Das kleine Team der Suhrkamp-Filiale, Dieter Bachmann, Anna Stolz und Hans-Ulrich Zbinden, trat geschlossen zurück. In der "Weltwoche" erschienen Protestbeiträge von Adolf Muschg und Max Frisch, der seinerseits mit Uwe Johnson ausführlich über die Affäre korrespondierte, wie dem kürzlich veröffentlichten Briefwechsel zu entnehmen ist: "Am 5. November, auf dem Rhein/Main-Flughafen und unterwegs nach Berlin, rief ich Frau Zeeh im Suhrkamp Verlag an", rapportierte Johnson seinem Freund nach Küsnacht, "und sie brachte mir zwanzig Minuten später den Verleger Unseld an den Flughafen, damit er mir die bedrohliche Entwicklung in Zürich haarklein auseinander setzen konnte." Unseld sollte noch eine Zeit lang grollen, dass ihm der 50. Geburtstag mit lästigen Fragen zum Zürcher Skandal versaut worden sei.
Unterdessen hatte das verschmähte Manuskript der Zürcher Geschichtsstudenten derart viel internationale Publizität ausgelöst, dass das Autorenkollektiv unter rund zwanzig Verlagsangeboten auswählen konnte. Schliesslich stimmte man darüber ab, ob man zu Luchterhand gehen oder den etwas verschlafenen Limmat Verlag von Theo Pinkus neu beleben wollte. Die Entscheidung fiel mit 11:7 Stimmen für den Limmat Verlag aus. "Es war die Zeit", resümiert Jean-Pierre Kuster, "als man versuchte, autonome Strukturen zu schaffen, um unabhängig zu sein."
Biografische Auswirkungen
Die Erstauflage von 5000 Exemplaren im Mai 1975 war bald vergriffen, und so konnte der Limmat Verlag das Startdarlehen von 30 000 Franken rasch zurückzahlen. 1979 erschien eine aktualisierte Fassung, unter den neu zugezogenen Mitarbeitern figurierten der spätere Professor Jakob Tanner sowie Ruedi Christen, heute Medienreferent im Aussenministerium.
Und als zehn Jahre später die vierte Auflage herauskam, waren einige Mitglieder des ursprünglichen Autorenkollektivs bereits im Begriff, sich als staatstragend zu etablieren: Josef Estermann als Zürcher Stadtpräsident, Paul Huber als Justizdirektor im Kanton Luzern, Peter Hablützel als oberster Personalchef des Bundes. Auch Hans-Jürg Fehr, Werner Sieg, Hans Conrad Daeniker hatte es damals in die Politik gezogen, als aufrechte Sozialdemokraten, wie die lupenreinen Revolutionäre das prophezeit hatten.
Ebenso interessant ist der Drang zur Selbstständigkeit, sagt Jean-Pierre Kuster, der heute in Uster ein genossenschaftliches Wohnbaubüro führt. Tatsächlich fallen auf der Autorenliste einige Namen auf, die sich ausserhalb von universitären Hierarchien ihren Freiraum für wissenschaftliche Arbeit geschaffen haben: Mario König, Thomas Huonker, Markus Bürgi etwa oder Heidi Witzig, die sich seit den Achtzigerjahren mit Quellen der Schweizer Frauengeschichte beschäftigt.