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1941: Die Leseratte
Ruth, 7 Jahre: Ich war zwei Jahre jünger als meine ältere Schwester. Im Gegensatz zu mir war sie sehr ruhig und hatte immer Bücher vor der Nase. Sie hatte andere Interessen und spielte praktisch nie mit mir. Weil sie eine Brille trug, durften wir uns auch nicht raufen.
1955: Er weinte den ganzen Weg
Brigitte, 10 Jahre: Mein zwei Jahre jüngerer Bruder war der Liebling meiner Mutter, er war ein guter Schüler, bekam ihre ganze Aufmerksamkeit, musste nie im Haushalt oder Garten helfen. Ich war trotzdem nicht eifersüchtig auf ihn, im Gegenteil – ich hatte ihn sehr gern.
Als ich in die dritte Klasse ging, bekam ich einen einjährigen Pflegebruder. Er lebte bei der Frau Pfarrer, doch weil diese in die Kur musste, bat sie meine Mutter, sich um den Buben zu kümmern. Er wohnte unter der Woche bei uns, am Samstag musste ich ihn jeweils im Kinderwagen zu seinen Eltern bringen. Kaum waren wir bei uns losgefahren, begann er zu weinen, weinte den ganzen Weg lang, weinte, wenn ich ihn aus dem Wagen hob und zur Wohnung hochtrug. Die Treppe war schrecklich dreckig, die Hauswand mit Pech verschmiert und es stank nach Schweinen. Am Sonntag, wenn ich ihn wieder abholte, weinte er immer noch.
Die Frau Pfarrer kehrte aus ihrer Kur zurück, doch der Bub blieb bei uns. Ich musste aus dem Zimmer ausziehen, das ich mit dem Bruder teilte, und in die Mansarde zügeln, die meine Eltern zur Wohnung dazugemietet hatten. Sie lag am Ende eines langen Gangs mit vielen Estrichabteilen und war nicht geheizt. Ich versuchte, mich dort wohl zu fühlen, aber ich war ja erst zehn, hatte Angst und wollte in die Wohnung zurück. Doch die Mutter sagte: «Du hast erklärt, du wollest, wenn du grösser seist, in der Mansarde wohnen. Jetzt bist du dort und bleibst auch dort.»
1961: Geburtstage ohne Geschenke
Margrit, 1 Jahr: Bis auf die Jüngste hat die Mutter alle zehn Kinder zu Hause auf dem Bauernhof geboren, alle problemlos. Es kam immer dieselbe Hebamme. Die Nachbarn holten sie mit dem Jeep ab. Wir waren sechs Jungen und vier Mädchen.
Geburtstage wurden bei uns nicht gefeiert, vermutlich weil wir einfach zu viele waren. Die Eltern gratulierten uns, aber es gab keinen Kuchen und keine Kerzen. Die Mutter schenkte uns immer eine Tafel Schokolade.
1983: Mein Bruder, der Held
Daniel, 8 Jahre: Ich und mein Bruder haben viel gemeinsam gemacht, lernten sogar denselben Beruf, Maurer. Im Winter haben wir uns jeweils an einem Hang Skipisten präpariert: Mein Bruder, ich und die Nachbarskinder sind mit den Ski an den Füssen hochgestampft, alle hintereinander her, um den Schnee anzudrücken. Dann fuhren wir runter und stiegen wieder hoch. Bis wir eine Piste hatten. Wir haben Schanzen gebaut und Skirennen veranstaltet, die Eltern kamen als Zuschauer. Ich habe nie gewonnen, obwohl mir das gefallen hätte.
Mein Leben fand draussen statt. Wir gingen in den Wald und haben auch bei Regen ein Feuer hinbekommen. Die Schwester war damals schon in der Pubertät und nicht so oft dabei. Wir hatten das Paradies rund um unser Vorstadthaus: Es gab Apfelbäume und Haselstauden, wir haben Baumhütten gebaut, die man nur mit Strickleitern erreichte, wir spielten Versteckis und Zinggi, also Fangen. Es gab Kinderbanden, und es kam auch mal zu Scharmützel, zum Beispiel dann, wenn man sich Hütten gegenseitig zerstörte.
Wir bauten Pfeilbogen aus Hasel, später aus Fiberglasstengeln. Waffen mochte ich sowieso, ich hatte Wurfsterne aus dem Laden und baute mir Steinschleudern. Zu meinem Arsenal gehörten auch Gummiband und Agraffe und Blasrohre aus Filzstiften: Man nahm die Spitze weg und steckte ein Wattestäbchen rein, das mit einer Nadel versehen war. Passiert ist nie etwas.
Als ich zehn war, bekamen wir den ersten Plattenspieler. «The Final Countdown» von Europe lief die ganze Zeit. Mit dem Kassettenrecorder meines Bruders nahmen wir auch Musik aus dem Radio auf. Wenn er einen besonders guten Song erwischt hatte, kopierten wir ihn, indem wir zwei Kassettengeräte vis-à-vis aufstellten. Wir hörten Pop. Die Nachbarn Härteres, Metallica und so. Aber auch Beatles und Pink Floyd.
1993: Sneakers aus Amerika
Alex, 11 Jahre: Als meine grosse Schwester aus ihrem Auslandsjahr in Amerika zurückkam, hat sie mir meine ersten Sneakers geschenkt. Ich habe sie getragen, bis sie Löcher hatten. Eines Tages warf Mami sie weg – mittlerweile habe ich ihr verziehen. Später wurde aus meiner Liebe zu diesen Schuhen eine richtige Sammelwut: Im Jahr 2000 besass ich 215 Paar Turnschuhe.
1997: Zwei Schubladen voller Schätze
Fabian, 10 Jahre: Mein grosser Bruder und ich hatten beide je eine Schublade, in der wir unsere Schätze aufbewahrten. In meiner lagerten schöne Steine, Münzen, lauter kleine Dinge. Wir hatten ein Casino-Brettspiel mit so einem Drehding drauf, ein Pfeil wie ein Glücksrad. Wer gewonnen hatte, durfte etwas aus der Schublade des anderen auswählen. Das konnte ja nicht gut kommen. Natürlich hatten wir dann Streit deswegen. Ich habe heute noch so eine Schublade. Als mein Bruder vor drei Jahren dreissig wurde, habe ich ihm seine geschenkt, gefüllt mit all den Sachen, die ich ihm damals abgenommen hatte.
1998: Der Bruder kommt
Lara, 2½ Jahre: Ich fand es cool, einen jüngeren Bruder zu haben, ich hatte ihn mega gern. Aber der Chnorzi wollte von mir weder umarmt noch geküsst werden. Bis wir in die Schule kamen, spielten wir viel zusammen, häufig durfte er bestimmen, was wir machten, weil er sonst nicht mitgespielt hätte. Doch beim Theäterlen, sagen meine Eltern, hätte jeweils ich Regie geführt. Und wenn wir die Puppenküche zum Auto umfunktionierten, war ich die Prinzessin und er der Chauffeur.
Als wir älter waren, er acht, ich fast elf, nervte er mich manchmal extrem. Meistens dann, wenn die Eltern einkaufen gingen und wir alleine zu Hause blieben. Dann führte er sich total rechthaberisch auf, machte ein Tohuwabohu, und innert Kürze stritten wir miteinander. Oder beim Essen: Erst sassen wir vis-à-vis voneinander, doch weil er mich unter dem Tisch immer trat, setzten uns die Eltern nebeneinander. So sitzen wir noch heute am Tisch.
Weshalb wir jeweils stritten, weiss ich nicht mehr. Vielleicht hatte er nicht aufgeräumt, oder mit mir war mein Gerechtigkeitssinn durchgegangen.
2000: Die Schwester geht
Eva, 14 Jahre: Es geschah am ersten Tag der Sommerferien. Ich war in der Stadt unterwegs, als mich meine Mutter anrief und sagte, meine älteste Schwester sei nicht nach Hause gekommen, ob ich eine Ahnung hätte, wo sie sein könnte. Ich fand das auf Anhieb irgendwie komisch, meine älteste Schwester war die Zuverlässigkeit in Person, und ging üblicherweise sofort nach Hause.
Von zu Hause aus riefen wir alle ihre Freundinnen an, aber niemand wusste, wo sie war. Irgendwann läutete es an der Tür, ich öffnete, zwei Polizisten in Zivil standen draussen, zeigten ihren Ausweis. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmten konnte. Als sie uns mitteilten, was geschehen war, war meine Mutter am Boden zerstört. Für mich war es zunächst wie ein böser Traum. Ich rannte zum Nachbarn und rief alle Freundinnen an, die am Suchen waren.
Niemand hatte damit gerechnet, dass sich meine Schwester etwas antun könnte. Es gab keinerlei Anzeichen dafür. Sie studierte damals bereits Medizin in Freiburg, war eher introvertiert, blitzgescheit und eine ambitionierte Schwimmerin. Sie war fünf Jahre älter als ich, und meine Beziehung zu ihr war nicht so eng wie zu meiner anderen Schwester.
Natürlich fragt man sich immer, ob man es hätte verhindern können. Aber ich habe bis heute keine Erklärung gefunden. Klar ist: Ihr Suizid hat unser Leben auf den Kopf gestellt und uns alle verändert, vor allem die Eltern. Welche Schmerzen ihnen dieser Verlust zugefügt hat, ist mir erst so richtig bewusst geworden, als ich selber Mutter wurde.
2012: Gemeinsam nach Bollywood
Jasmin, 12 Jahre: Ich habe mit meiner Schwester gespielt, bis ich 12 war und sie 17. Wenn wir nicht spielten, dann tanzten wir: Wir stellten uns vor den Fernseher und lernten die Choreographien aus indischen Filmen. Es waren DVD, die unser Onkel mitbrachte. Er kam oft am Wochenende zu Besuch und verkündete: «Ich habe neue Filme, schaut mal!» Es waren tamilische Werke, in Indien produziert. Wir wählten jeweils die möglichst kitschige aus. Mein Lieblingsfilm war «Panchathanthiram», eine Liebeskomödie, die sich um einen Piloten dreht. Wenn wir die Choreographien übten, überliessen uns die Eltern die Stube. Vorgeführt haben wir ihnen die Tänze nie, das machten wir nur für uns.
2013: Nur Halbgeschwister
Samuel, 12 Jahre: Natürlich hätte ich es wissen müssen. Es war kein Geheimnis, dass meine zwei älteren Schwestern einen anderen Vater hatten als ich. Aber bis zu diesem Tag, als ich ein Heft zum Malen suchte und das Tagebuch meiner Schwester fand, hatte ich das offenbar nie richtig verstanden – oder es nicht wahrhaben wollen. Wir haben immer alle zusammengelebt. Das Tagebuch lag also im Büro auf dem Tisch, und ich schlug es ausgerechnet auf jener Seite auf, auf der stand: «Samuel ist nicht mein richtiger Bruder ...» Meine Schwester war da schon über zwanzig und von zu Hause ausgezogen. Ich bin fast durchgedreht und schrie meine Mutter an, dass ich mega enttäuscht sei von ihr. Dann legte ich mich in meinem Zimmer ins Bett mit meiner hellblauen Pingu-Bettwäsche, hässig auf die ganze Welt. Nach ein paar Tagen war wieder alles okay. Schliesslich hatte sich ja auch nichts verändert.