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Er kam aus Österreich und lebte auch dort. Doch an sein Begräbnis fuhr eine ganze Anzahl Schweizer Jenischer. Denn für Jenische haben die Landesgrenzen wenig Bedeutung. Er gehörte auch zu den Jenischen hierzuland.
Er kam aus Österreich und lebte auch dort. Doch an sein Begräbnis fuhr eine ganze Anzahl Schweizer Jenischer. Denn für Jenische haben die Landesgrenzen wenig Bedeutung. Er gehörte auch zu den Jenischen hierzuland.
Als Rangierarbeiter kuppelte er hinter sieben Gleisen Waggons zusammen. Daneben erforschte er seit Jahren seine Herkunft und wurde ein Gelehrter dabei.
Aufgewachsen war er in Zams in einer hölzernen Hütte in der Überschwemmungszone direkt am Inn. Nur zwei Räume umfasste der Bau, auf zwei Etagen verteilt. «Da haben wir geschlafen wie in einer Sardinenbüchse; wir waren zehn Kinder», erzählte der 1953 geborene Romedius Mungenast.
Man sprach eine eigene Sprache in seiner Familie. «Heut hat der Pari zwei Schottelen pflanzt.» Das heisst: Heute hat der Vater zwei Körbe geflochten. Die Mutter verkaufte sie, bei Bauern und im nahen Kloster. Den Kindern solch bitterarmer Leute war keine steile berufliche Karriere vorgezeichnet. Romed wurde Rangierarbeiter und kämpfte als Gewerkschafter für Seinesgleichen.
Spass machte es ihm, nächtens die abgestellten Erstklasswaggons der internationalen Züge aufzuräumen. Die Zeitungen, die zerfleddert herumlagen, nahm er nach Hause und riss heraus, was er interessant fand. Er fand vieles interessant: Criminalia, Soziales und die Geschichte der Karrner.
Karrner, das waren jene Wanderhändler, die einst mit Handkarren oder Ross und Wagen durchs Tirol zogen bis hinüber nach Graubünden, wo sie Jenische heissen. Er war ein Nachfahre dieses Volkes. Leute wie er galten in seiner Jugend als «minderwertig», und der Lehrer sagte ihm das auf den Kopf zu.
Statt seine Herkunft, wie es gefordert wurde, abzustreifen, begann er steifohrig zu sagen: «Ich bin ein Jenischer» oder schlimmer: «ein Zigeuner». So etwas war ungewohnt und unanständig. Mungenast kümmerte das nicht. Er hatte sich ein dickes Fell zugelegt; eine eindrückliche Postur war sein Schutz. Ohnehin liebte er, was das Leben bot; er sollte sich viermal verheiraten.
Die Zeitungsartikel und Fotos, die er sammelte, füllten Ordner, dann Schränke, dann die Wohnung. Eine Dokumentationsstelle entstand. Bald wusste er mehr als jeder Volkskundler über Karrner, Fahrende, Jenische.
Dem Wasser als Element blieb er stets verbunden. Wenn es regnete, schrieb er auch gern Verse; eines Tages hatte er es einfach in seiner Sprache versucht: «A biberisch Negert war, der Kohldampf grandig.» Das heisst: Die Nacht war kalt und der Hunger gross. Er schrieb nicht über Abendrot und Mondschein, sondern über arme Schlucker, Behinderte, Ausgegrenzte. Einige Verse publizierte er später in seinem Buch «Jenische Reminiszenzen, Geschichte(n), Gedichte».
Nimmermüde leitete er eine Renaissance des jenischen Selbstbewusstseins ein. An den Schulen entstanden Diplom- und Magisterarbeiten. Ein jenisches Theaterstück. Schweizer Jenische luden ihn zu Vorträgen ein. Es schmeichelte ihm, in seiner Heimatstadt jemand geworden zu sein. Er nahm die Wertschätzung stellvertretend entgegen für jene, die solches nie geniessen konnten. Und er freute sich wie ein Kind über ein Lebkuchenherz, als der Präsident der Republik ihm 2004 den Professorentitel verlieh. Ein «Professor» hatte er immer sein wollen, einer, der sich bekennt zu seiner Sache. Romed Mungenast starb 2006 im Alter von 52 Jahren.