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Kunst und Architektur
Auf dem Territorium des heutigen Belarus waren in der Vergangenheit viele hervorragende Künstler und Architekten beheimatet, die bis heute weltweit Anerkennung genießen. Durch das jahrhundertelange Verschieben der Grenzen zwischen verschiedenen Staaten und Imperien werden jedoch nicht alle Künstler, die auf diesem Territorium lebten, zu belarussischen Künstlern gezählt.
Die ersten belarussischen Künstler waren vor allem Architekten und Ikonenmaler, ihre Namen wurden allerdings im Mittelalter zum Großteil nicht überliefert. Manche wollten auch ganz bewusst namentlich nicht in Erscheinung treten. So weiß man heute beispielsweise, dass die Sophienkathedrale in Polozk (1030 – 1060) von den Architekten David, Toma, Mikula und Kapes erbaut wurde, diese aber selbst ihre Namen auf einem Fundamentstein entfernen ließen.
Ein weiterer wichtiger Name in der belarussischen mittelalterlichen Kunst ist Lazar Bogscha. Er war ein geschickter Goldschmied aus Polozk und schuf zu Ehren der Heiligen Euphrosyne im Jahr 1161 ein bedeutendes Altarkreuz, das leider im Zweiten Weltkrieg verschwand. Im Jahr 1997 schufen Goldschmiede eine Kopie des Kreuzes. Die Kopie befindet sich heute in der Christi-Verklärungskirche in Polozk, sie gilt als wichtiges geistiges Symbol des Landes.
Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert machten vor allem Architekten aus Polozk und Grodno von sich reden. Die Architekturschulen in diesen Städten brachten viele Talente hervor, die mit Ihrer Architektur die damalige Zeit maßgeblich prägten.
Im Barock jedoch begannen belarussische Adelsfamilien vermehrt ausländische Architekten einzuladen und zu beschäftigen. So erbaute der Italiener Giovanni Maria Bernardoni die erste belarussische Kirche im Barockstil, die katholische Farn-Kirche in Njaswisch. Sie wurde 1593 fertig gestellt. Ein weiteres wichtiges Projekt von Bernardoni ist die Farn-Kirche in Grodno, die heute zu einer der schönsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt.
Im Kontext des späten Barock fand das sogenannte Vilniuser Barock Verbreitung (auch Barock der unierten Kirchen genannt). Für diesen Stil sind hohe, mehrstufige Türme mit durchbrochenen Umrissen, durchsichtige Formen der Giebel und viele Öffnungen bezeichnend. Mit diesem spezifischen Barock verbindet man vor allem den Namen des preußischen Architekten Johann Christoph Glaubitz, der in Vilnius, Polozk und Lida wirkte. Sein wichtigstes Projekt in Belarus war die Rekonstruktion der Sophienkathedrale in Polozk (1748 – 1765). Zur Verbreitung des Vilniuser Barock in Belarus trugen ebenso der Italiener Giuseppe Fontana III. und der Belarusse Alexander Ossikewitsch bei. In dieser Zeit wurden einige Kirchen in diesem Stil umgebaut, viele wurden in den Regionen Witebsk und Polozk neu errichtet.
Durch den Einfluss westeuropäischer, vor allem italienischer und französischer Architektur, hielten zudem Einflüsse des barocken Klassizismus in die belarussische Architektur Einzug. Der bekannte italienische Architekt Giuseppe de Sakko (Hofarchitekt des polnischen Königs Stanislaus II. August) widmete einen Großteil seiner Schaffenszeit dieser Region. Seine Werke sind heute in Grodno und Umgebung zu sehen. Im Bereich der Malerei sind allerdings kaum Namen von Barockkünstlern überliefert, üblicherweise signierten diese ihre Werke zu dieser Zeit nicht. Mitarbeiter des belarussischen nationalen Kunstmuseums konnten jedoch einige Werke bestimmten Künstlern zuordnen. So kennen wir heute beispielsweise die Maler Wasilij Markijanowitsch aus Sluzk und Foma Silinitsch aus Mogiljow, die Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten und arbeiteten.
Anfang des 19. Jahrhunderts kam der Eklektizismus in der belarussischen Architektur auf. Neben der klassischen traten nun neuere Formen wie Neobarock, Neoklassizismus, Neugotik und Neoromantik auf. Ein hervorstechendes Beispiel dafür ist das aus roter Ziegel gemauerte Mogiljower Schauspielhaus und ein benachbartes, von Peter Kamburow im pseudorussischen Stil erbautes Gebäude. Nach der Angliederung der belarussischen Territorien zum Russischen Imperium beeinflussten vor allem zwei russische Architekturschulen, die Moskauer- und die Petersburger Schule, die belarussische Architektur. Darunter befanden sich so bekannte russische Architekten wie Wassilij Stassow und Awraam Melnikow. Der russische Architekt Nikolaj Lwow entwarf die Sankt-Joseph-Kathedrale in Mogiljow, Iwan Storow gestaltete das Schloss des Fürsten Potemkin in Kritschew und das Schloss der Adelsfamilie Rumjanzew-Paskewitsch in Gomel. Dies rührte daher, dass die russische Kaiserin Katharina II. ihren Günstlingen großzügig Landgüter in den belarussischen Territorien geschenkt hatte. Diese Grafen und Fürsten luden zum Bau ihrer Palais und Schlösser ausschließlich russische Architekten ein, belarussische Meister waren zu jener Zeit nicht gefragt.
Im 19. Jahrhundert wurden belarussische Maler hauptsächlich in Moskau und Sankt Petersburg ausgebildet, ihr Schaffen entwickelte sich darum vorwiegend im Rahmen der russischen Kunst und Architektur. Einige belarussische Maler unterlagen in ihrem Schaffen allerdings auch litauischen und polnischen Einflüssen. Die bekanntesten belarussischen Maler des 19. Jahrhunderts sind Iosif Oleschkewitsch, Iwan Chrutskij, Andrej Chrutskij, Sergej Zorjanko, Apollinarij Gorawaskij und Fiodor Jasnowskij.
Der Belarusse Iwan Chrutskij war einer der Begründer des russischen Stilllebens. In seinen ersten Werken ahmte er holländische Meister nach. Alle seine Bilder hatten ein betontes Zentrum und waren stets symmetrisch. Heute kennt jeder in Belarus das bekannteste Stillleben von Chrutskij, es war auf dem alten 1000 Rubel Schein abgedruckt, der im Jahr 2016 im Zuge einer neuen Währungseinführung abgeschafft wurde.
Der Maler Sergej Zarjanko demonstrierte dies ebenfalls in besonders plastischer Gestaltungsweise in seinen Bildern, sie gelten heute als Vorbild des klassischen russischen Porträts des 19. Jahrhunderts.
Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und der Moderne, markierte einen Wendepunkt in der belarussischen und der weltweiten Architektur. So veränderten sich Gebäudetypologie und Bautechnik und durch Elektrifizierung und neue Möglichkeiten des Bauens kamen in der Architektur neue Formen auf.
Einer der herausragenden Architekten des 20. Jahrhunderts in Belarus war Iosif Langbard, dessen Gebäude bis heute die belarussische Hauptstadt prägen. Aus seinen Entwürfen entstanden das Regierungsgebäude, das Operntheater, die Akademie der Wissenschaften und das Haus der Offiziere.
Am architektonischen Mammutprojekt der Nachkriegszeit, dem quasi-Neubau der Hauptstadt Minsk, arbeiteten zahlreiche talentierte Architekten aus der ganzen Sowjetunion mit, unter anderem Michail Parusnikow, Alexander Woenow, Jurij Egorow, Georgij Zaborskij, Naum Trachtenberg, Michail Barschtsch und Wladimir Korol. Letzterer entwickelte beispielsweise zusammen mit Abram Duchan den Entwurf des architektonisch sehr interessanten Hauptpostamts in Minsk.
Trotz zweier Weltkriege entwickelte sich im 20.Jahrhundert auch die Malerei in Belarus und brachte viele begabte Maler von Weltrang hervor. Witold Bjalynitskij-Bilula war ein sehr talentierter Landschaftsmaler und Lyriker. In seinem Schaffen dominierte das sogenannte „reine Landschaftsgemälde“, die Darstellung der Natur „in abstracto“ ohne weitere Figuren.
In der nachrevolutionären Zeit um 1917 wurde die Stadt Witebsk zum wichtigen Kunstzentrum. Dort wurde 1918 die Volkskunstschule eröffnet. Ihr Begründer war der weltberühmte Maler Marc Chagall, einer der Vorreiter der Avantgarde und der bildenden Kunst. In seiner Bildkunst wurde Chagall von Jehuda Pen beeinflusst. Dieser war Chagalls Lehrer und ein prominenter Vertreter der jüdischen Renaissance.
Die Witebsker Volkskunstschule besuchten auch andere bekannte Maler wie Lasar Lisitskij, Wera Ermolaewa, Zair Azgur, und nicht zuletzt Kazimir Malewitsch. Letztgenannter entwickelte eine neue Richtung in der Malerei, den Suprematismus. Der Maler und Bildhauer Zair Azgur wurde durch seine zahlreichen Skulpturen bekannt, die heute Minsk und andere belarussische Städte schmücken.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Malerei in Belarus weiter und wurde vor allem durch Künstler wie Nikolaj Selischtschuk, Michail Sawitskij, Wladimir Towstik, Felix Januschkewitsch und Walerij Schkarubo geprägt.
Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler ist Michail Sawitskij. In seinen Bildern verarbeitet er zumeist historische Themen. Seine bekannteste Bilderreihe heißt „Ziffern am Herzen“, die die Gräueltaten in den Konzentrationslagern in den Blick nimmt.
Die gegenwärtig bekanntesten und erfolgreichsten Architekten in Belarus sind Wiktor Kramarenko und Michail Winogradow. Sie sind die Autoren der Entwürfe der belarussischen Nationalbibliothek und des Minsker Hauptbahnhofs. Die Architekten bevorzugen in ihren Konstruktionen viel Glas und verbinden dies mit raffinierten Metallkonstruktionen.