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Der argentinische Künstler David Lamelas (*1946), dem die Kunsthalle Basel eine Einzelausstellung widmet, ist heute vor allem für seine strukturalistischen Filme und Medieninstallationen bekannt. Seine Einzelausstellung V wird mit einem plastischen Werk eröffnet, das an sein skulpturales Frühwerk aus den 1960er Jahren erinnert und doch den Ansatz, die Bildhauerei aus dem traditionellen Verhältnis von Masse und Volumen zu lösen, verkörpert. Für den Künstler ist Skulptur nicht nur das Zusammenspiel ästhetischer Faktoren, sondern auch ein Zusammentreffen räumlicher und sozialer Interaktionen. Der Ort des Kunstwerks – als Entstehungsort ebenso wie als Ort der Präsentation – spielt im konzeptuellen Ansatz seiner Arbeiten eine wichtige Rolle. Der luftleere Raum wird durch ein scheinbar unsichtbares Material – Zeit – erweitert, das gebunden ist an die Erfahrung des Betrachters.
Bevor man die von Ruth Kissling kuratierte Ausstellung von David Lamelas im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel betritt, erblickt man schon auf dem Treppenabsatz die Skulptur Study of Relationships between Volume, Space and Gravity (1965/2008). Das V-artige, hölzerne Objekt leiht der Ausstellung in seiner Form ihren Titel und leitet die Besucher um die Skulptur herum in den Saal 10. Das V kann als umgekehrtes Prisma gelesen werden, das den Raum um die Skulptur nach oben hin öffnet und so das Volumen und die Architektur des Ausstellungsraums in den Vordergrund rückt. Der assoziative Titel spiegelt Lamelas erweitertes Verständnis für den Skulpturenbegriff wider, der eine reine Formanalyse übersteigt.
Betritt man den historischen Oberlichtsaal, wirkt der Raum im ersten Moment „leer“. Die Arbeit Time (1970/2014) besteht aus zwei Fotografien, einer weissen Linie auf dem Boden sowie einer Museumsaufsicht, die sich zu bestimmten Zeiten im Ausstellungsraum befindet. Die weisse Linie soll die Besucher der Ausstellung dazu auffordern, sich nebeneinander in eine Reihe zu stellen und verweist auf den damit verbundenen körperlichen Hauptakt: Die Performance Time, die im Jahr 1970 das erste Mal in den Französischen Alpen aufgeführt wurde. (Bitte lesen Sie dazu die vom Künstler geschriebene Anleitung in der Mitte dieses Saalblatts.)
David Lamelas wendet sich mit dieser Arbeit von dem tradierten Begriff objekt–orientierter Arbeiten ab und beschliesst, den Raum und die Zeit, welche ein Mensch benötigt um eine Skulptur zu umgehen und zu betrachten, zum eigentlichen Werk zu erheben. Die Idee ist, Zeit als Objekt ohne jegliches Volumen zu sehen. Die partizipierenden Besucher verpflichten sich der Zeit, indem sie sich auf die weisse Linie stellen und selbst zum Teil des Werkes werden. Der Künstler beschreibt die Arbeit wie folgt: „(…) Und eine der grossen Qualitäten von Kunst ist, denke ich, dass sie nicht mit Zeit messbar ist und auch noch in tausenden von Jahren besteht. Menschen werden im Jahr 3010 in der Lage sein, das Werk von heute als Performance durchzuführen. Es geht um die Unvergänglichkeit eines Konzepts, eigentlich um die Unvergänglichkeit von Kunst.“1
Zusätzlich wird im Foyer der Kunsthalle Basel auf einem Monitor die Arbeit Time (2007) präsentiert. Der Film dokumentiert die Präsentation der Performance im STUK kunstencentrum in Leuven, Belgien, während der Ausstellung Living Currency, die von Pierre Bal-Blanc kuratiert wurde. David Lamelas lud das Publikum ein, die Performance mit ihm durchzuführen, so wie es die Aufsichten der Kunsthalle ebenfalls tun werden. Der Film lässt den Besuchern der Kunsthalle die Möglichkeit, sich über die Performance zu informieren, wenn sich die Aufsicht nicht im Raum befindet. Er hat einerseits einen dokumentarischen Charakter, andererseits dient er dazu, die mögliche, eigene Performance zu hinterfragen und zu verarbeiten.
Am Sonntag, 21. September 2014 wird die Arbeit 1416 m3 (2014) im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel vor Publikum uraufgeführt, danach wird sie als Audio Aufnahme in der rechten Ecke des Saals 10 auf einem MP3-Player präsentiert. Das Stück Tausendvierhundertsechzehn wurde vom mexikanisch-amerikanischen Komponisten Gavin Gamboa (*1984, Mexico) nach dem Konzept von David Lamelas geschrieben. Das situationsbedingte Kammerstück für Tenor und Streichquartett (interpretiert von dem österreichisch-mexikanischen Tenor León de Castillo und dem Marcel Rubin Quartett in der Kunsthalle Basel) zeugt von einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Raum.
Der Tenor beschreibt die Architektur, in der das Konzert stattfindet und führt so dem Besucher und Zuhörer sein architektonisches Umfeld zu Bewusstsein. Der Titel 1416 m3 ist ein Hinweis auf das innerhalb des historischen Oberlichtsaals bestehende Raumvolumen, das durch dieses Werk mit Ton gefüllt wird.
In Saal 11 wird der 16mm-Film Film 18Paris IV.70 (1970) gezeigt. Die Arbeit, welche für die Ausstellung 18Paris IV.70 (kuratiert von Michel Claura und Seth Siegelaub) in Paris von Lamelas produziert wurde, zeigt 3 Freunde des Künstlers, die für jeweils 3 Minuten und an 3 verschiedenen Orten in Paris im Bild zu sehen sind: Raúl Escari (17:19-17:21 Uhr), ein in Paris lebender, argentinischer Schriftsteller, Pierre Grinberg (12:10-12:13 Uhr), ein französischer Filmemacher und gleichzeitig Kameramann des Films sowie der französische Künstler Daniel Buren (16:25-16:28 Uhr), der bereits für die Performance Time mit Lamelas zusammengearbeitet hatte. Die 3 Akteure geben dem Kameramann jeweils die Start- und Endzeit der 3 Minuten an und bestimmen so Anfang und Ende der Shootings. So erfahren sie vor der Kamera das Vergehen von Zeit ohne jede weitere Bedeutung ausser der Zeit selbst. Ebenfalls spielt die performative Natur des Films eine wichtige Rolle, da sie einen direkten Bezug zur in Saal 10 gezeigten Arbeit Time schafft und das Konzept des Zeit-Zählens wiederaufnimmt.
In der Vitrine neben dem Projektor liegt aufgeschlagen der Katalog A three Minute Film taken in a certain place in the following cities (1970). In 25 Städten der Welt, von Amsterdam über Moskau nach Santiago de Chile, soll ein 3-minütiger Film an einem vorbestimmten Ort irgendwann zwischen 10 Uhr morgens und 10:55 gedreht werden. Die Vorgabe des Werks dient vielmehr als Konzept und mentale Realisation und verlangt nach keiner tatsächlichen Umsetzung.
A Study of Relationships between Inner and Outer Space (1969) in Saal 12 ist David Lamelas zweite Filmarbeit und entstand während seines Studiums der Bildhauerei an der Central St. Martins School of Arts in London. Der Künstler entwickelte die Arbeit für die von Peter Carey kuratierte Ausstellung Environments Reversal von 1969 im Camden Arts Center, London. Während sich seine Mitstudenten im Feld der klassischen Bildhauerei bewegten, galt Lamelas Interesse nicht der Skulptur selbst, sondern der Gesamterfahrung des Betrachters und so begann er vermehrt mit dem Medium Film zu arbeiten. Mit A Study of Relationships between Inner and Outer Space (1969) analysiert Lamelas die architektonischen, sozialen, infrastrukturellen, klimatischen und soziologischen Gegebenheiten der Institution selbst und der Stadt London. Der erste Teil des Films analysiert den Raum, in dem der Film projiziert wird (Innenraum). Der zweite Teil des Films führt den Betrachter über die innerstädtischen Verkehrsregelungen und öffentlichen Transportmittel, medialen Informationsübermittlungsformen wie Zeitungskioske und Radiostationen bis hin zu den klimatischen Bedingungen in den ländlichen Raum Londons (Aussenraum). Der Film endet mit einer Umfrage über die bevorstehende Mondlandung, dem zu diesem Zeitpunkt wichtigsten medialen Ereignis. A Study of Relationships between Inner and Outer Space schafft einen inhaltlichen Verweis zur Audioinstallation 1416 m3 (2014) in Saal 10, denn auch hier werden Innen- und Aussenraum des Gebäudes zur Metapher für das psychologische Innen und Aussen des Betrachters sowie für den Raum als Struktur hinter dem Kunstwerk.
David Lamelas gilt als einer der Pioniere der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre und ist heute vor allem durch seine strukturalistischen Filme und Medieninstallationen bekannt. Bereits während seines Studiums an der Academia des Bellas Artes in Buenos Aires zeigte er seine Arbeiten am progressiven Instituto Torcuato di Tella, einem der wichtigsten Zentren der künstlerischen Avantgarde in Argentinien. Zu internationaler Bekanntheit gelangte er 1968, als er Argentinien mit seiner Arbeit Office of Information about the Vietnam War on Three Levels: The Visual Image, Text and Audio auf der Biennale in Venedig vertrat. Er war Teil der wegweisenden, konzeptuellen Ausstellung Information im Museum of Modern Art, New York, kuratiert von Kynaston McShine, gefolgt von seiner Teilnahme an der von Harald Szeemann organisierten documenta V (1972) in Kassel. Angeregt durch die Bekanntschaften mit Marcel Broodthaers und den Gründern der Antwerpener Galerie Wide White Space zog David Lamelas 1968 nach Europa und begann, Bildhauerei an der Central St. Martins School of Arts in London zu studieren. Hier führt sein Interesse an skulpturalen Formen ohne physisches Volumen zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Medien Fotografie, Text und schliesslich Film. Trotz der vielen unterschiedlichen Richtungen, die Lamelas mit seinen Werken einschlägt, zeichnet sich bereits hier das zentrale Thema ab, das viele seiner Arbeiten verbindet: die Beschäftigung mit Zeit, Raum und der Vermittlung von Information.
1 „(…) And one of the great qualities of art, I think, is that it goes trough time and is alive in a thousand years from now. And especially this work, because a thousand years from now people from 3010 will be able to perform a piece of today. So it’s about that, you know, in a way, it’s about immortality of concepts. The immortality of art, really.“ David Lamelas, spricht über die Performance Time, die im Rahmen der Ausstellung The Living Currency in der Tate Modern, London, vom 26.-27.Januar 2008 gezeigt wurde. Quelle: www.youtube.com/watch?v=fbv9VesTUU4, Stand 16.09.2014
Die Ausstellung wurde ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von artEDU Stiftung