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Ngor, der Heimatort des senegalesischen Filmemachers Djibril Diop Mambéty, ist ein kleines Fischerdorf nördlich von Dakar. Frühmorgens sind wir mit dem zum Wohnmobil umgebauten Peugeot-Bus auf den großen Platz vor dem Dorf gefahren und haben, umringt von neugierigen Kindern, begonnen, das immens große Gerüst für die Leinwand aufzubauen. Jetzt ist es Abend, und die versammelte Dorfbevölkerung wartet auf die Projektion von Hyènes, dem Film ihres Filmemachers, den sie bis anhin noch nicht zu sehen bekommen haben. Ein starker Wind hindert uns daran, die Leinwand hochzuziehen. Doch die über zweitausend Dorfbewohner warten geduldig - Zeit hat hier eine andere Bedeutung. Einige kommen dennoch zaghaft auf uns zu, um zu wissen, wieso wir denn den Film nicht zeigen. Wir versuchen zu erklären, daß der starke Wind die Leinwand zerreißen und das Gerüst umkippen könnte. Doch sie wollen unsere technischen Erklärungen nicht akzeptieren und meinen, sie hätten die Götter beschworen und Grigris, glücksbringende Amulette, plaziert; es würde mit Bestimmtheit alles gutgehen. Gegen elf Uhr nachts endlich wagen wir einen Versuch. Die Leinwand bläht sich auf wie ein pralles Segel, doch Rahmen und Gerüst halten der Belastung stand, und so beginnen wir, von lautstarkem Applaus begleitet, mit der Projektion des Films.
Bei mehreren längeren Aufenthalten in Senegal habe ich im Gespräch mit Senegalesen und Senegalesinnen feststellen müssen, daß all die afrikanischen Filme, die in der Schweiz normalerweise den Weg ins Kino finden, dort völlig unbekannt sind. In der Tat waren in den letzten zwei Jahren in den Kinos von Dakar gerade zwei afrikanische Filme zu sehen. Es drängt sich also die Frage auf, warum afrikanische Filme in Senegal nicht ins Kino kommen.
Das Hauptverschulden dafür liegt sicher beim senegalesischen Monopolverleih, der sich paketweise mit Billigfilmen aus den USA, aus Hongkong und Indien eindeckt und sich nicht um die Verbreitung der einheimischen Produktionen kümmert. Zudem bremst Mißwirtschaft und Korruption jegliche Initiative; vor kurzem ist zum Beispiel der Direktor des Verleihs mit der Kasse durchgebrannt. Resultat ist, daß immer weniger neue Filme eingekauft werden und sich die Kinobesitzer mit der Vorführung des schrottreifen Stocks an Billigfilmen begnügen müssen. Daß dann doch noch zwei neuere senegalesische Filme den Weg ins Kino fanden, liegt einzig an der Initiative der beiden Filmemacher. Im Falle von Hyènes hat Djibril Diop Mambéty dem Verleih temporär eine Kopie zur Verfügung gestellt. Bei Toubab bi ist es Moussa Touré dank der Unterstützung seines Koproduzenten, eines Pay-TV-Kanals, der in Senegal einen Ableger betreibt, gelungen, seinen Film für eine Woche im „Le Paris“, dem Aushängeschild-Kino im Stadtzentrum, zu plazieren.
Es wäre nun aber verfehlt anzunehmen, daß die breite Bevölkerung diese beiden Filme gesehen hätte. Die Vorführungen im „Le Paris“ sind aufgrund der hohen Eintrittspreise nämlich nur einer zahlungskräftigen Elite zugänglich. Man muß sich vor Augen führen, daß der überwiegende Teil der Bevölkerung in sogenannten „quartiers populaires“ lebt, die weit vom Stadtzentrum entfernt liegen. Abends, wenn die Bewohner dieser Stadtviertel von der Arbeit nach Hause zurückgekehrt sind, bleiben sie dort. Sie haben weder Lust noch die Mittel, ins Stadtzentrum zu fahren, um sich einen Film anzusehen. Kinos in Außenbezirken gibt es nur vereinzelt, und meistens sind sie, abgesehen von den immergleichen Billigfilmen, die dort gespielt werden, in einem derart lamentablen Zustand, daß sie außer auf einige Halbwüchsige keine große Anziehungskraft ausüben. Das kulturelle Leben der breiten Bevölkerung spielt sich deshalb in Form von angeregten Gesprächen vor ihren Häusern oder bei Tanz- und Sportveranstaltungen in der Nachbarschaft ab.
Vor gut zwei Jahren begann ich mich aufgrund dieser Beobachtungen für ein Wanderkino zu engagieren, das inmitten der Wohnviertel Station machen sollte. Mit dem Vorschlag eines zu gleichen Teilen aus Schweizer und afrikanischen Filmen bestehenden Programms gelang es mir, die schweizerische Kulturstiftung Pro Helvetia für das Projekt zu gewinnen. Wichtig war aber auch, in Senegal die geeigneten Partner zu finden. Von den senegalesischen Behörden war wenig zu erwarten. Der fürs Kino zuständige Chefbeamte war zwar zuvorkommend freundlich und am Projekt interessiert, doch auf ein Bewilligungsgesuch bekam ich erst in letzter Minute, nach der Intervention des Schweizer Botschafters, einen positiven schriftlichen Bescheid.
Keinesfalls wollte ich mit einem Bewilligungsschreiben der Regierung in irgendeinem Viertel Dakars oder einem Dorf im Landesinnern aufkreuzen und - ohne die betroffene Bevölkerung einzubeziehen - Filme vorführen. Ich wußte nur zu gut, daß die Bevölkerung offiziellen Regierungsveranstaltungen mit viel Mißtrauen begegnet. An diesem Punkt half mir mein senegalesischer Mitarbeiter, der die dortigen Verhältnisse natürlich besser kennt als ich, entscheidend weiter. In jedem Viertel oder Dorf gibt es sogenannte „Associations sportives et culturelles“, die im kulturellen Leben der Bevölkerung eine wichtige Rolle einnehmen. Die meisten jugendlichen Mitglieder organisieren Fußballturniere, Tanzabende, Diskussionsrunden und sorgen nicht zuletzt auch für die Reinhaltung der öffentlichen Plätze. Diese „Associations sportives et culturelles“ waren für uns die idealen Partner, da sie eine perfekte Einbettung des Wanderkinos in ihre Viertel garantieren konnten.
Nach dem Auftakt in Ngor besuchen wir vier Stadtviertel in Dakar. Besonders eindrücklich sind die beiden Abende in Grand Yoff, einem Viertel, das viele vom Land neu zugezogene Leute beherbergt; Leute, die hoffen, in der Metropole ihr Glück zu finden und sich dann mit den harten Bedingungen einer Großstadt konfrontiert sehen. Für viele bedeuten unsere Projektionen das erste Kinoerlebnis in ihrem ganzen Leben. So strömen abends über dreitausend Personen auf den breiten zentralen Straßenzug, den wir für die Vorführungen ausgewählt haben. Natürlich ist der Platz zwischen Leinwand und Bus, der immerhin 75 Meter Länge und 20 Meter Breite aufweist, innert Kürze zum Bersten voll. Um vom Kinospektakel nicht völlig ausgeschlossen zu sein, postieren sich etliche Personen hinter der Leinwand und verfolgen so die durch die Leinwand durchschimmernden Bilder. Andere haben sich, um am Genuß dieser Kinoabende teilzuhaben, weit hinter dem Bus in Gruppen zusammengefunden. Am eindrücklichsten aber sind die unzähligen Kinder, die dicht vor der Leinwand gedrängt ihre Augen gebannt auf die übergroßen Bilder gerichtet haben.
Am ersten Abend zeigen wir als Vorfilm den senegalesischen Kurzfilm Picc mi. Anders als in der Schweiz wird der Film laufend kommentiert. Empörtes Aufbegehren oder schallendes Gelächter geht durch die Reihen, sobald die Zuschauer an gewissen Stellen des Films besonders gut ihre eigene Realität wiedererkennen. Les petites fugues, der Hauptfilm dieses Abends, wird vom Publikum aufmerksam verfolgt. Der alte Knecht Pipe gibt eine gute Identifikationsfigur ab, doch müssen wir feststellen, daß die Konzentration bei längeren aktionslosen Sequenzen eindeutig nachläßt. Sind die Senegalesen schon zu sehr auf schnellgeschnittene Fernsehserien und aktionsgeladene Karatefilme konditioniert? Oder ist es die allzu fremde Schweizer Realität, die sie nicht zu interessieren vermag? Beides wird wohl zutreffen, doch haben wir am zweiten Abend, an dem wir den auf einer komplizierten Erzählstruktur basierenden kamerunischen Film Quartier Mozart zeigen, feststellen müssen, daß die Leute, sobald sie den Bogen zur eigenen Kultur spannen können, sich durchaus für einen unkonventionellen Film zu begeistern vermögen.
Mit vollgeladenem Bus verlassen wir nach einmonatiger Freiluftkinoerfahrung Dakar in Richtung Khombole, unserer ersten Station im Landesinnern. Wegen des technisch delikaten Materials können wir nur langsam fahren. Auch wissen wir, daß unser ungewöhnlicher Konvoi die Aufmerksamkeit der Verkehrspolizei erregen wird. Es dauert dann auch nicht lange, bis wir zum ersten Mal angehalten werden. Schon von ferne wittern die oft korrupten Polizisten eine Möglichkeit, ihre knappen Gehälter aufzubessern. Doch dank unseren offiziellen Papieren und dank geduldigem Diskutieren lassen sie uns nach geraumer Zeit unbehelligt weiterziehen. So erreichen wir den etwa einhundert Kilometer von Dakar entfernten Ort Khombole erst mit Verspätung. Vor zehn Jahren ist hier das einzige Kino geschlossen worden. Während wir am nächsten Morgen auf dem zentral gelegenen Marktplatz unser Leinwandgerüst aufbauen, spricht sich herum, daß Filme vorgeführt werden sollen. Den ganzen Tag über sind wir von neugierigen Kindern umringt. Sie sind es auch, die sich als erste zur abendlichen Projektion einfinden. Die Erwachsenen kommen erst, nachdem der Film bereits läuft. Unser Konzept, mit Animationsfilmen für Kinder zu beginnen, bewährt sich also bestens. Bis zum Beginn des Hauptfilms ist dann die ganze Kleinstadtbevölkerung anwesend. Es war uns selbstverständlich nicht möglich, für zwei- bis dreitausend Personen Stühle zu organisieren. Das hat allerdings nie zu Problemen geführt. Die ersten setzen sich auf die Stühle, die Kinder auf den Boden, und die andern verfolgen in Gruppen stehend den Film. Zur großen Überraschung wird unser Aufenthalt in Soum, einem im Delta des Sine-Saloum-Flusses gelegenen Dorf. Wegen einer Reifenpanne des Busses haben wir uns verspätet. Dennoch finden wir bei unserer Ankunft die gesamte Dorfbevölkerung auf den Beinen. Sie haben ein Empfangskomitee an den Eingang des Dorfes entsandt, das geduldig auf uns wartet. Umringt von Reitern auf geschmückten Pferden und Eseln, trommelnden, singenden Frauen und unzähligen Kindern, wird unser Konvoi auf den Dorfplatz begleitet. Völlig überwältigt verfolgen wir die festlichen Theater- und Tanzdarbietungen, die uns zu Ehren abgehalten werden. Die beiden Filmabende finden auf dem Schulplatz statt, da der Dorfplatz der vielen Bäume wegen für Projektionen nicht geeignet ist. Mit der Bitte, auch uns etwas bieten zu dürfen, werden wir einen weiteren Tag in Soum zurückgehalten. Für den frühen Abend haben die Frauen eine Theater- und Tanzvorstellung geplant. Begleitet von Trommeln, spielen sie uns ein Theaterstück vor, das ihren Alltag und die traditionellen Rituale darstellt. Wir sehen, wie sie Hirse ansäen, Fische fangen und zubereiten, Stoffe weben, oder Fruchtbarkeitsrituale, die anläßlich der Geburt des ersten Kindes abgehalten werden. Der zweite Veranstaltungsteil wird von den Jugendlichen bestritten. Besonders eindrücklich sind die Ringkampfszenen der jungen Männer, die ihre Kämpfe mit viel Anmut austragen.
Unsere Tournee führt weiter zu zwei Fischerdörfern und dann nach Saint Louis, der ehemaligen Hauptstadt Senegals; ihren Abschluß findet sie in einem dichtbesiedelten Vorort von Dakar. Trotz der inzwischen begonnenen Fußballweltmeisterschaft kommen die Leute zahlreich, und immer wieder werden wir gefragt, ob wir nicht noch einige Tage bleiben können und wann wir wiederkämen.