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Der mittelalterliche Wohnturm von Oberwangen, Kanton Bern, Schweiz
Die Anlage der Ruine Oberwangen heute
Über dem Wangental bei Oberwangen in der Gemeinde Köniz, an einem Südhang, auf dem sogenannten Kehrhübeli gelegen finden wir heute noch die Grundmauern eines mittelalterlichen Wohnturms. Die Anlage ist auf einem länglichen
Hügel oder Sporn gelegen der nach Norden, Osten und Süden hin recht steil abfällt. Nach Westen hin ist der Hügel mit dem dahinter gelegen Forst verbunden. Ein, früher sicher vorhandener, Halsgraben kann heute nicht mehr
erkannt werden, da in diesem Bereich heute ein Wohnhaus und die Zufahrtsstrasse ist.
Diese Grundmauern wurden im Herbst 1935 zufällig bei Grabungen nach Steinen für Baumaterial entdeckt und dem örtlichen Lehrer Herrn Santschi gemeldet. Dieser wiederum informierte das Historische Museum Bern. Unter der Leitung
von Otto Tschumi vom Historischen Museum Bern und unter der Aufsicht von Herrn Santschi wurde noch im Spätherbst 1935 mit den Ausgrabungen und Untersuchungen begonnen. Bis zum Grabungsende im Februar 1936 konnten doch einige
Erkenntnisse gemacht werden. Zum Vorschein kamen Grundmauern eines rechteckigen Gebäudes. Die Aussenmasse des Gebäudes waren mit einer Länge 13.85m und einer Breite von 10.5m doch recht gross. Die Mauerdicke betrug im Schnitt 2.2m
und an den vier Ecken war das Gebäude mit Ecksockeln verstärkt. Daraus lässt sich schliessen dass das Gebäude doch auch eine beachtliche Höhe gehabt haben muss. Diese lässt sich natürlich nun nicht mehr feststellen. Damit muss es
sich aber um ein turmartiges Gebäude gehandelt haben. Ein reiner Wehrturm oder doch ein Wohnturm?
Die Grabungen im Gebäude Innern brachten als erstes Mauerschutt an den Tag und gleich darunter eine fast 20cm dicke Brandschicht. Was natürlich den Schluss nahe legt, dass das Gebäude einem Brand zum Opfer fiel und danach aufgegeben
wurde und verfiel. Ob der Brand,und damit das Ende des Gebäudes, durch Kampf verursacht wurde oder nur ein Unglücksfall war lässt sich heute nicht mehr bestimmen.
Bei weiteren Grabungen im Innern des Turms bis zum ursprünglichen gewachsenen Boden kam dann sehr Interessantes zum Vorschein! An den Fundamenten der Südmauer kam ein Skelett zum Vorschein, ein weiteres beim Fundament der Nordmauer.
Im Inneren wurde eine Herdstelle freigelegt sowie eine rundes Zisternenloch und ein weiteres Skelett welches durch das Zisternenloch zum Teil durchbrochen war! Im Weiteren kamen viele Nahrungsmittel-Vorräte zum Vorschein. Grösstenteils
Getreide und eine Menge Tierknochen. Die Getreidefunde waren so gut erhalten das sogar noch dessen Arten bestimmt werden konnte. Unteranderem konnte Weizen, Gerste, Hafer, Hirse Linsen und Erbsen und andere festgestellt werden!
In dieser 20-60cm mächtigen Kulturschicht konnte noch verschiedenste Sachen geborgen werden. Pfeil- und Lanzenspitzen, Messer, Wetzsteine, Schlüssel, Nadeln, Spinnwirbel, Münzen, eine Steinlampe und eine Zierscheibe
An der Ostwand befand sich eine Ausgussöffnung davor eine Art Schüttstein mit Trockenmauerwerk und Lehmboden.
Die Planskizze die 1935 bei den Grabungen erstellt wurde. (Quelle: Die Burgruine von Oberwangen bei Bern, O.Tschumi 1936)
Die renovierte Ruine um 1941(aus Burgen und Schlösser der Schweiz 1946) Teile der Fundgegenstände (O.Tschumi 1936)
Erkenntnisse der Grabungen von 1935
Otto Tschumi und sein Team kamen zum Schluss, dass sie hier eine Küche und einen Vorratsraum eines Wohngebäudes ausgegraben haben. Daraus ergibt sich das Bild eines Wohnturms anstelle eines reinen Wehrturm mit separatem Wohnteils. Die über der
Küche und dem Vorratsraum gelegenen Wohngeschosse sind natürlich nicht mehr erhalten. Deshalb kann die ursprüngliche Höhe des Turmes nicht mehr bestimmt werden, sicher aber war er Mehrgeschossig. Der Turm hatte aber auch einen Wehrzweck,
einen Eingang wurde keiner gefunden, er muss sich in einem Obergeschoss befunden haben. Einem Hocheingang, wie üblich bei Wehrtürmen. Weitere Mauern um das Gebäude gab es keine. So dass der Rest der Anlage wohl komplett aus Holz bestand.
Der Wohnturm wurde auf einem älteren Friedhof erbaut. Das erklärt die Skelettfunde die zum Teil von den Grundmauern überdeckt waren. Und auch der Skelettfund im inneren wo die Zisterne buchstäblich durch das Skelett gegraben wurde! Im
Innern der Südseite wurde auch ein Kinderskelett gefunden. Alle Knochen wurden vom Ausgrabungsteam geborgen und nach Zürich ins Anthropologische Institut gebracht. Resultate dieser Untersuchungen sind leider nicht bekannt. Das Historische
Lexikon der Schweiz bezeichnet das Cheerhübeli im Artikel über die Gemeinde Köniz, zusammen mit der Sonnhalde als frühmittelalterliches Gräberfeld des 7.Jahrhunderts.
Es wurden auch Münzen gefunden die die zeitliche Stellung der Anlage eingrenzen lässt. An Hand aller Funde legt die Vermutung nahe, dass sie im 12.Jahrhundert entstanden ist und sicher bis ins 13.Jahrhundert bestanden hat. Die Anlage hatte nur diesen
steinernen Wohnturm ,alle anderen Teile der Anlage bestanden aus Holz und lassen sich heute nicht mehr nachweisen. Es ist aber anzunehmen dass es Nebengebäude hatte. Stallungen, Wohnhäuser, etc. Auch hatte es sicher, entsprechend einer Wehranlage,
einen Palisadenzaun und eine Hals-oder Abschnittsgraben um die Anlage vom anschliessenden Hügelkamm zu trennen.
Zur Geschichte des Wohnturms von Oberwangen
Um das Jahr 1142 wird erstmals ein Geschlecht von Oberwangen erwähnt. Die Ritter von Wangen schenken dem Kloster Hauterive Güter. Es ist anzunehmen dass der Wohnturm von Oberwangen ihr Stammhaus war.
Das Geschlecht von Oberwangen wird um 1304 das letzte Mal in Schriften erwähnt, sie haben sich unbenannt und wohnen nicht mehr in Oberwangen sondern waren Burger von Freiburg. Heinrich von Wangen,später Henricu à Brulles war von Herkunft und Heirat
mit freiburgischer Politik verbunden. Diese starke Beziehung zu Freiburg wurde wahrscheinlich auch zu ihrem Verhängnis. Nach dem Bern und Freiburg lange eng verbündet waren kam es am Ende des 13.Jahrhunderts zum Bruch. Viele des umliegenden Landadels
verbündeten sich mit Freiburg gegen Bern. Es kam zu verschieden Kämpfen die zeitlich und örtlich nicht genau überliefert sind. Jedenfalls soll Bern daraus als Sieger hervor gegangen sein. Im Gegenzug zerstörte Bern viele Burgen des untreuen Landadels.
So ist anzunehmen, dass der Wohnturm zu Oberwangen in diesem Zuge eingeäschert und geschleift wurde. Jedenfalls verschwand er zu diesem Zeitpunkt aus der Geschichte und wurde erst wieder entdeckt als der arbeitslose Maurer Dauwalder auf dem Cheerhübeli
nach Steinen grub und dabei auf das mächtige Mauerwerk stiess und weiter meldete was schlussendlich zur Ausgrabung von 1935/36 führte. Heutzutage ist die Anlage im Besitz des Ortsverein Oberwangen und öffentlich zugänglich.
Wie könnte der Wohnturm von Oberwangen ausgesehen haben?
Besucht man heute die Ruine Oberwangen sieht man ausser den rechteckigen Grundmauern des Turms auf dem Burghügel nichts mehr. Es fällt schwer sich eine Burganlage vorzustellen zu können. Ich habe versucht aus den vorhandenen Informationen und mit viel
Burgenromantik den Wohnturm wieder erstehen zu lassen. Das könnte dann so ausgesehen haben:
Hier ein Video dazu: Oberwangen Video.wmv
Natürlich sind die, von mir gemachten, 3D Ansichten nur ein Versuch einer Rekonstruktion des Wohnturm von Oberwangen. Viele Merkmale des Turms, z.B. die oberen Stockwerke des Turms, die ganze Toranlage,
Ruine Oberwangen aus der Luft( Quelle: Internet)
Dächer, Schuppen, etc. sind verschwunden und unbekannt. Sie lassen sich nur mit Fantasie ersetzen!
Literatur:
Otto Tschumi, Die Burgruine von Oberwangen bei Bern, 1936
Burgenkarte der Schweiz-West
Die Burgen und Schlösser der Schweiz Lieferung Xb Schmid/Moser 1942
Historisches Lexikon der Schweiz
Die Seite von Oberwangen mit dem Link zur Ruine Oberwangen ist hier:
http://www.oberwangen-bern.ch/ruine.ch
Last updated: 5.März 2013
2012
erstellt im Juli 2012
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