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Starke Gewerkschaften und gute Gesamtarbeitsverträge (GAV) sind positiv für die Arbeitnehmenden. Das weiss jede Gewerkschafterin und jeder Gewerkschafter. Weil sie für höhere Löhne und sicherere Arbeitsplätze sorgen. In den Wirtschaftswissenschaften wurde das jedoch lange bestritten. Um an den Prüfungen eine gute Note zu erhalten, haben die Studierenden an vielen Universitäten sagen müssen, dass die Gewerkschaften zwar den Angestellten («Insidern») nützten. Doch die Stellensuchenden und Arbeitslosen würden benachteiligt («Outsider»).
UMDENKEN. Von Benachteiligung zu reden ist natürlich Unsinn. Denn die Gewerkschaften haben immer alle vertreten – ohne Unterschied, ob sie eine Stelle haben oder ob sie arbeitslos sind. So haben sie in der Schweiz und in zahlreichen anderen Ländern Europas die ersten Arbeitslosenkassen gegründet.
Nun scheint an den Universitäten ein Umdenken stattzufinden. In den letzten Jahren haben viele Forscher positive Studien zu Gesamtarbeitsverträgen und Gewerkschaften präsentiert. Viele dieser Studien kamen aus den USA, wo die Gewerkschaften unter Präsident Ronald Reagan (im Amt 1981 bis 1989) sogar von der Regierung bekämpft wurden.
KLEINERE LOHNSCHERE. Die Studien zeigen, dass es in Branchen und Firmen mit starken Gewerkschaften und guten Gesamtarbeitsverträgen eine geringere Lohnschere, aber auch bessere berufliche Möglichkeiten gibt. Arbeitgeber können dann keine überhöhten Gewinne auf Kosten der Beschäftigten machen. Denn laut den Forschern haben zahlreiche Arbeitgeber eine gewisse Marktmacht. Unter anderem in Branchen mit dominanten Firmen oder in ländlichen Gebieten, wo es für die Arbeitnehmenden schwierig ist, anderswo eine gute Stelle zu finden. Gewerkschaften und gute Gesamtarbeitsverträge geben hier Gegensteuer.
HÖHERE ERWERBSQUOTE. Diese Erkenntnisse sind auch bei den grossen Organisationen OECD und IWF angekommen. Diese haben sich in früheren Jahren gegenüber starken Gewerkschaften und guten Gesamtarbeitsverträgen eher kritisch geäussert. In den neuen Berichten klingt es anders. Ein OECD-Bericht von Ende Mai zeigt, dass Gesamtarbeitsverträge zu einer geringeren Lohnschere führen. Und dass die Erwerbsquote in Ländern und Branchen mit guten Gesamtarbeitsverträgen höher ist. Die Arbeitslosigkeit ist hingegen tiefer.
Daniel Lampart ist Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB).