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Dieser kurze Text ist eine Anmerkung zu unserem Beitrag zur Zimmerwald-Kampagne
Wir haben den Vorteil und den Anspruch, unsere inhaltlichen Beiträge nicht einfach ins Leere hinaus zu richten, sondern sie möglichst innerhalb der Praxis und der Diskussionen der revolutionären Bewegung einzubetten. So beispielsweise den Beitrag zum chinesischen Strategiebegriff, den wir innerhalb der Dynamik der Zimmerwald-Kampagne 2015 vorstellen konnten. Auf diese Weise führt das, was wir als Impuls formulieren und zur Diskussion stellen, glücklicherweise rasch zu Rückmeldungen und neuen Anregungen. Auf eine dieser Rückmeldungen, die unter anderem von unserem belgischen Genossen T. Derbent geäussert wurde, möchten wir an dieser Stelle nochmals eingehen. Es geht dabei um die Frage, ob wir in unserem Beitrag nicht einen zu starken Gegensatz zwischen einem chinesischen und einem westlichen strategischen Denken aufgemacht hätten und dadurch vielleicht auch zwischen chinesischem und westlichen Denken allgemein.
Als erstes lässt sich sagen, dass dieser aufgemachte Gegensatz sicher auch einer rhetorischen Taktik geschuldet ist; Überspitzungen regen Widerspruch und damit Diskussionen an. Zudem geht die Tendenz in Strategiediskussionen – und nicht nur da – eher dahin, nur die europäische Tradition zu betrachten und die chinesische weitgehend zu ignorieren. Es war Lenin der die Metapher von der Wahrheit als einem Stab geprägt hat: Ist der Stab zu stark in eine Richtung gebogen, so muss er zuerst in die entgegengesetzte Richtung überbogen werden, um wieder gerade zu werden. Allerdings würde es von einer gewissen Blauäugigkeit zeugen, diesen aufgemachten Gegensatz nicht tiefer zu reflektieren. Denn hier entsteht die Möglichkeit, missverstanden zu werden und die die Nähe des Denkens gebracht zu werden, das Edward. W. Said als Orientalismus kritisierte. Er bezeichnete damit die westliche Konstruktion eines Orients als gegensätzlicher Ort eines völlig Anderen, der im Gegensatz zum aufgeklärten, fortschrittlichen und vernunftorientierten Westen von Sinnlichkeit, Trägheit aber auch Despotie und Unmündigkeit geprägt sei. Dieser imaginäre Ort des Orients, der zudem eine konstruierte Vereinheitlichung verschiedenster Lebensräume, Kulturen und Religionen beinhaltete, diente nicht nur dazu, die eigene, westliche Identität zu festigen, sondern ist insbesondere auch als Werkzeug der kolonialen Unterdrückung anzusehen. Auch wenn China eher am semantischen Rand des Orientbegriffes zu verorten ist, sind doch auch zahlreiche Chinabilder von ebendieser Denkweise geprägt und die Frage, ob wir nicht einem solchen Bild unterliegen, ist allemal berechtigt.
Wir haben uns in unseren Ausführungen mehrmals auf den Sinologen und Philosophen François Jullien bezogen, dem bereits ähnliche Vorwürfe gemacht wurden. Tatsächlich praktiziert Jullien eine Gegenüberstellung eines fernöstlichen oder chinesischen Denkens gegenüber einem europäischen „damit sie einander genau betrachten können.“ Dabei geht es ihm darum, das europäische Denken von Aussen oder von Anderswo zu sehen, um es einer Prüfung zu unterziehen und verborgene Selbstverständlichkeiten und Voreingenommenheiten zu entdecken. Denn in China hat das Denken oft andere Wege als in Europa eingeschlagen, hat zentrale Begriffe und Konzepte des europäischen Denkens kaum entwickelt, dafür andere um so stärker, welche auf europäischer Seite weitgehend fehlen. So hat der Begriff der Wahrheit als zentrales philosophisches Konzept der europäischen Philosophie in der chinesischen Tradition nie eine solche Rolle gespielt und wir finden in der chinesischen Sprache kaum eine entsprechende Übersetzung. Auch Begriffe wie Zeit oder Glück beschreibt Jullien in China als ganz anders gedacht. Im Gegensatz dazu lassen sich aus dem chinesischen Denken Begriffe und Konzepte wie diejenigen von Wirksamkeit, Situationspotential oder Transformation entnehmen, die im europäischen Denken nie eine entsprechende Ausprägung gefunden haben. Es waren unter anderem diese Begriffe, mit denen wir bisher versucht haben, den europäisch geprägten Marxismus zu bereichern.
Jullien betont jedoch in seinen Ausführungen, dass er keineswegs von einer Alterität, einer gegenübergesetzten Andersartigkeit ausgeht, die er als eine dem Denken vorausgehende Konstruktion ablehnt und sich davon distanziert. Vielmehr geht er von einer Exteriorität, einem Anderswo aus. Diese sieht er nicht als etwas Konstruiertes, sondern als etwas Feststehendes an, das durch Geographie, Sprache und Geschichte gegeben ist. Tatsächlich entwickelte sich China, abgesehen von seltenen Tauschgeschäften, bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahezu ohne Kontakt mit Europa (Im Gegensatz zum arabischen Raum) und ein richtiger Austausch begann erst Ende des 19. Jahrhunderts. Die Tatsache, das China, dessen Produktivkräfte übrigens über lange Zeit weiter entwickelt waren als die europäische, ein textualisiertes, kommentiertes und in unterschiedliche Schulen aufgeteiltes Denken und Philosophieren entwickelte, das sich vom europäischen unterscheidet, sollte daher unaufgeregt zur Kenntnis genommen werden. So gehört für Alain Badiou die Setzung, dass nur eine einzige Welt existiere, zu den Grundlagen seines Denkens. Über François Jullien schreibt er jedoch, dass dieser die wichtige Hypothese aufstelle, dass diese eine Welt sich aus unterschiedlichen Denkweisen zusammensetzt. Das nicht-anerkennen-wollen dieser Tatsache bedeutet für uns eine falsch verstandene absolute Gleichmacherei (Mao) in der Unterschiedlichkeiten per se kritisch beäugt werden. Eins teilt sich in Zwei sagen die Chinesen und das bedeutet auch Vielfalt, Kampf der Gegensätze und Dialog und nicht harmonische Uniformität. Diesen Ansatz wählten wir nicht nur, weil wir ihn für produktiver halten, sondern gerade auch weil uns die Alternative dazu fürchterlich langweilig erscheinen muss.