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Baumeister Solness
Henrik Ibsen wird 1828 in Skien in Norwegen geboren. In seiner Kindheit macht er die Erfahrung extremer Armut, bedingt durch den Bankrott der väterlichen Handelsfirma. Nach einer Apothekerlehre (1844–1850) wendet er sich dem Beruf des Schriftstellers zu und schreibt Gedichte und Dramen. 1851 übernimmt er im Alter von nur 23 Jahren die künstlerische Leitung des neugegründeten Theaters in Bergen, von 1857 bis 1862 leitet er das Norske Teatret in Christiania (heute Oslo). 1864 verlässt Ibsen gemeinsam mit seiner Frau Suzannah Norwegen und lebt als Schriftsteller an wechselnden Orten in Deutschland und Italien. Sein freiwilliges Exil währt 27 Jahre, erst 1891 kehrt er nach Norwegen zurück und lässt sich in Christiania nieder, wo er 1906 stirbt.
Ibsens Erfolg als Dramatiker beginnt mit seinen Versdramen „Brand“ (1866) und „Peer Gynt“ (1867). Es folgen die dem Naturalismus verpflichteten gesellschaftskritischen Gegenwartsstücke, darunter „Die Stützen der Gesellschaft“ (1878), „Nora oder Ein Puppenhaus“ (1879), „Gespenster“ (1881), „Die Wildente“ (1884) und „Hedda Gabler“ (1890). und „Wenn wir Toten erwachen“ (1899) zu den letzten Dramen Ibsens, in denen er sich stärker dem Symbolismus zuwendet.
In seiner Laufbahn als Dramatiker perfektionierte Ibsen die Form des analytischen Dramas mit seiner straff komponierten Struktur. Er erlangte schon zu Lebzeiten Weltruhm und gehört bis heute neben William Shakespeare zu den meistgespielten Autoren der Theaterliteratur. Schonungslos genau analysierte er in seinen Dramen die Lebenslügen hinter den bürgerlichen Fassaden und die Verunsicherung seiner Figuren im Angesicht sich wandelnder Weltanschauungen.
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
|Solness||Robert Hunger-Bühler|
|Aline||Friederike Wagner|
|Hilde Wangel||Franziska Machens|
|Knut Brovik||Siggi Schwientek|
|Ragnar Brovik||Milian Zerzawy|
|Doktor Herdal||Roland Kenda|
|Kaja Fosli||Yanna Rüger|
|Regie||Barbara Frey|
|Bühne||Bettina Meyer|
|Kostüme||Bettina Walter|
|Licht||Rainer Küng|
|Dramaturgie||Katja Hagedorn|
|Regieassistenz||Sophia Bodamer|
|Bühnenbildassistenz||Lisa Dässler|
|Kostümassistenz||Ramona Müller|
|Souffleuse||Gabriele Seifert|
|Inspizienz||Aleksandar Sascha Dinevski|
Pfauen
Premiere am 13. September 2012
Unterstützt von Swiss Re
Baumeister Solness steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, aber ein Ereignis aus der Vergangenheit belastet sein Leben und seine Ehe: Bei einem Hausbrand, der indirekt Solness’ Karriere beförderte, starben die gemeinsamen Kinder. Als die junge Hilde Wangel in die erstarrte, sprachlose Atmosphäre platzt, begibt sich Solness auf einen Höhenﬂug, den er immer weniger ausbalancieren kann.
Inszeniert hat dieses Künstler-, Generationen- und Ehedrama Intendantin Barbara Frey. 2005 war von ihr am Schauspielhaus Zürich bereits Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“ zu sehen.
Baumeister Solness steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, aber glücklich ist der nach aussen hin so brillante und erfolgreiche Architekt nicht. Zu gross sind die Bedrohungen durch die aufstrebende jüngere Generation, zu belastet ist seine Ehe mit Aline. – Vor Jahren ist das Haus des Ehepaars abgebrannt; dieser Vorfall legte den Grundstein für die Karriere von Solness, der das Grundstück parzellieren und neu bebauen liess, ist aber auch der Grund für den Tod der gemeinsamen Kinder und die Depressionen Alines. In die erstarrte, sprachlose Atmosphäre im Hause Solness platzt die 22-jährige Hilde Wangel. Sie hat Solness vor zehn Jahren bei der Einweihung eines Kirchturms bewundert und kommt, um von Solness die Erfüllung eines Versprechens einzufordern, das er dem Mädchen gegeben hatte. Lang verdrängte Lebenslügen, aber auch Lebensgeister bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche. Berauscht von Hilde begibt sich Solness auf einen Höhenflug, den er immer weniger ausbalancieren kann.
Kreatives Schaffen und schuldhafte Zerstörung gehen Hand in Hand in „Baumeister Solness“ (1892), das Künstler-, Generationen- und Ehedrama in einem ist. Solness gehört zu Ibsens zutiefst einsamen Figuren: Rücksichtslos und zerstörerisch, besticht er doch durch seine unbedingte Sehnsucht nach dem authentischen Ausdruck seiner Wünsche und seines Selbst. Henrik Ibsen (1828–1906) gehört nach William Shakespeare zu den meistgespielten Dramatikern der Theaterliteratur. Schonungslos genau analysiert er in seinen Dramen die Doppelmoral hinter den bürgerlichen Fassaden und die Verunsicherung seiner Figuren im Angesicht sich wandelnder Weltanschauungen.
„Weil Ibsen seine horrenden Verstrickungen in gute Storys verpackt und nur schrittweise herausschält, bleibt er stets spannend; wobei freilich heute, über hundert Jahre nach der Entstehung, manches Drama etwas gar symbollastig wirkt. Die Psychoanalyse ist unterdessen Allgemeingut zumal der Literaturwissenschaftler geworden; was „Baumeister Solness“ angeht, kommt ein Interpret deshalb leicht darauf, der finale Fall des Titelhelden vom Turm sei ein Turm-„Phall“: eine Kastration.
Doch keine Sorge. Den Turm lässt Barbara Frey am Schauspielhaus Zürich, wo sie mit ebendiesem Dreiakter fulminant die Saison eröffnet, im Hintergrund. Ein grossflächiger Studiotisch, beladen mit Büchern, Papier, Schreibzeug, Proviant, dominiert die Bühne (Bettina Meyer); dahinter zieht sich eine Kletterwand – ihre vorspringenden Elemente sind kleine Architekturmodelle – empor. Sie wird, nehmen wir’s vorweg, bis zum Schluss unbenützt bleiben: Auch davon, das „Drama der Verstiegenheit“ bildlich umzusetzen, sieht Barbara Frey ab.
Sie konzentriert sich auf die Dreiecksgeschichte zwischen Halvard Solness, diesem beruflich schwer erfolgreichen Mann in den besten Jahren, seiner verstockt-verstörten Frau Aline und der blutjungen Draufgängerin Hilde Wangel. Die Besetzung mit Robert Hunger-Bühler, Friederike Wagner und Franziska Machens ergibt ein schauspielerisches trio infernal, das bei allem Gerede von Gott und anderen metaphysischen Mächten – den Trollen! – auf völlig irdischem Boden bleibt.“ NZZ
„Was Frey, die ehemalige Schlagzeugerin, an der Geschichte vom Erfolgsarchitekten mit den Leichen im Keller zu faszinieren scheint, ist die Dynamik dieses Untergangs, der den Untergang des modernen Künstlergotts überhaupt widerspiegelt – dem die Postmoderne endgültig den Garaus machen wollte. Für diese Dynamik, fürs anschwellende Grollen und abschwellende Hoffen, fürs hineingewisperte Winseln und ruppig einfallende Schreien hat sie ein Ohr und für die Bildmusik ein Auge.“ Tages-Anzeiger
„„Solness“ ist das Alterswerk eines verunsicherten Künstlers, der sich von der ungestüm drängenden Jugend nach unten und oben gezogen fühlt, ein Drama von Schwindel und Höhenkoller, Angstlust, Trauer und jubelndem Neuanfang. Barbara Frey, die gerade ihren Vertrag bis 2016 verlängert hat, macht daraus das Seelendrama eines alternden Künstlertrolls: Solness ruft eine gute Märchenfee, die ihn noch einmal steigen lassen soll, und trifft eine Naturgewalt, die ihn endgültig in den Abgrund reisst und triumphierend zerschmettert.
Die verquaste Höhenmetaphorik am Ende hat Frey in Zürich gestrichen. Hunger-Bühlers Solness steigt nicht aufs hohe Gerüst, sondern macht nur reinen Tisch und bettet sich daselbst mit einem Blumensträusschen vor der Brust zur letzten Ruhe: ein Selbstbegräbnis erster Klasse. Wenn im Schweizer Kinderfernsehen Bob, der Baumeister, mit seinem Team zum Baggern, Basteln und Bauen anrückt, ruft er immer: „Chönd mers flicke? Sicher klar!“ Frey hat Ibsens doch schon etwas verstaubten Baumeister mit handwerklichem Geschick auseinander genommen und stilsicher und klar wieder zusammengebaut.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Ein Künstler in der Lebens- und Ehekrise: Ibsen hat bei der Figur des Halvard Solness sicher auch an sich gedacht. Doch in Barbara Freys zupackender Zürcher Inszenierung betrifft das Stück uns alle.“ NZZ
„Unter der Regie der Schauspielhausherrin Barbara Frey gelang ein faszinierender Theaterabend, der knapp zwei Stunden das Publikum in seinen Bann zieht. Die hohe Qualität der Inszenierung und die schauspielerische Leistung des Ensembles wurden am Premierenabend mit viel Applaus bedacht.“ seniorweb.ch
„Die Milch ist vergossen, das Leben verpatzt, und Solness sitzt da wie angewurzelt, sehnt sich nach seiner Jugend, als alles noch Chance war statt Besitzstandswahrung und Angriff statt Verteidigung auf verlorenem Posten; als sein Samen noch Frucht trug, künstlerisch wie körperlich, statt in sterilen Ritzen zu versickern. Und auch wir sitzen wie angewurzelt, sehnen uns aber nach gar nichts in diesem Augenblick, denn alles stimmt.“ Tages-Anzeiger
„Er, Stararchitekt, Zweifel an sich, am Werk, an der Zukunft, einfach an allem in seinem frigide gewordenen, von Schuldgefühlen und Versagensängsten belasteten Arbeits- und Ehealltag. Er ist eitel, schroff, zynisch, anmassend. Doch dann plötzlich steht sie da, Rucksack, kurzes Strubbelhaar, eine Trollin ganz und gar – und vergöttert ihn. Fasziniert redet er nun – nur – von sich und bekennt seine Ängste.
Aber bei Ibsen geht es nicht um Verführung, Ehebruch und Schuldgefühle. Solness’ Traumata sind die Träume, seine Hölle besteht aus Einbildungen. Und in Robert Hunger-Bühlers facettenreicher Verlangsamung erweist er sich als ein Meister dieses selbstquälerischen Virtuosentums.“ Deutschlandfunk
„Der eigentliche Dialog findet nuancenreich zwischen den Körpern statt, die ein aufgestautes, trotz Solness’ beachtlichen analytischen Versuchen hartnäckiges Schuldgefühl quält. Da, plötzlich, erscheint Hilde Wangel – und schlagartig wird alles anders. Franziska Machens, brünett, androgyn, salopp, die langen Beine sehr sichtbar, ist kein laszives Wesen. Sondern eine Urkraft, frisch, direkt, unbändig stark. Eine Wucht. Und wenn sie Hunger-Bühlers Solness verbal traktiert, bis er lang verdrängte Erinnerungen hervorkramt – exakt zehn Jahre liegt seine Begegnung mit dem damals 12-jährigen Mädchen zurück –, nimmt das Schlüsselerlebnis einer kindlichen Verliebtheit so langsam wie unabweisbar die Gestalt einer Liebesgeschichte an. Das Unmögliche möglich machen: Diesen tief verschütteten Willen deckt Hilde, notabene ohne Rücksicht auf Aline und sonstige Verluste, in Solness auf. Wie das geschieht, muss man allerdings gesehen haben. Robert Hunger-Bühler und Franziska Machens führen das emotionale Frühlingserwachen nach seelischem Winterschlaf als einzige Befreiung vor. Und – trotz tragischem Ausgang – als erlösendes Happy End.“ NZZ
„Kein anderer hätte Solness so besessen von seiner Selbstermächtigung geben können wie Robert Hunger-Bühler, so zerrissen zwischen der Gier, der grösste, ja einzige Baumeister weit und breit zu sein, und der Schuld, dafür das Glück von Frau und Familie geopfert zu haben.“ Tages-Anzeiger
„Franziska Machens ist das Epizentrum des Abends. Mit jugendlicher Selbstverständlichkeit, selbstbewusster Unbefangenheit bringt sie die Dinge ins Rollen, hilft Aline so gut wie Ragnar Brovik auf die Beine und hält stur an dem versprochenen phantastischen Königreich fest, in dem sie von Solness ein Luftschloss gebaut will. Die wahre Künstlerin ist wohl sie.“ Nachtkritik.de
„Auch Friederike Wagner als erstarrte Baumeisterfrau, von deren Zügen die Minusgrade der verstörten Seele ablesbar sind, überzeugt.“ Tages-Anzeiger
„Mit gewohnter Souveränität mimt Robert Hunger-Bühler den Baumeister, um den alle anderen Figuren wie Trabanten kreisen: Der alte Brovik, (mit solcher Verlorenheit kann wohl nur Siggi Schwientek spielen), sein Sohn Ragnar (von Milian Zerzawy mit feinen Nuancen versehen) mitsamt der Verlobten Kaja (Yanna Rüger) und schliesslich Solness unglückliche Frau Aline (Friederike Wagner) ja selbst der alte Doktor (umwerfend komisch getroffen von Roland Kenda) vermag nicht mehr an Solness heranzukommen. Die Nebenfiguren, sie alle sind in Barbara Freys Inszenierung meisterhaft geführt und fein ausgestaltet.“ Aargauer Zeitung