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Die Rechtspopulistin Marine Le Pen spielt in Frankreich das Zünglein an der Waage.
Sie ist die eigentliche Gewinnerin des Abends: Marine Le Pen (43), die Tochter von Scharfmacher Jean-Marie Le Pen (83) erhält rund 20 Prozent der Stimmen in der ersten Runde des französischen Wahlkampfs. Damit fährt die zweifach geschiedene Juristin und Vorsitzende des Front National mehr Stimmen ein als ihr Vater Jean-Marie Le Pen im Jahr 2002. Le Pen senior, der den Holocaust als «Detail» der Geschichte abtut, hatte damals unerwartet die Stichwahl erreicht und Frankreich in einen Schock versetzt.
Tochter Le Pen hat jetzt mit dem Traumresultat bewiesen, dass es ihr gelungen ist, die Partei ihres Vaters aus der rechtsextremen Schmuddelecke zu holen. Unter ihrem Vorsitz hat sich der Front National entdämonisiert und als rechtspopulistische Vorzeigepartei und dritte politische Kraft im Land etabliert. Grosse Genugtuung dürfte die 43-Jährige auch angesichts der entscheidenden Rolle ihrer Wähler im zweiten Wahldurchgang am 6. Mai empfinden.
Nicolas Sarkozy (57) kam gestern gemäss Hochrechnungen auf 25,5 bis 27 Prozent, Sozialist François Hollande (57) auf 28,4 bis 29,3 Prozent.
Damit ist Sarkozy vor allem in der Stichwahl am 6. Mai auf die Wähler von Marine Le Pen angewiesen. Auf die konnte sich Sarkozy bereits 2007 verlassen, als ihm 80 Prozent von ihnen ihre Stimme gaben.
Auch dieses Jahr wollen die Rechten und Bürgerlichen Frankreichs nichts mehr, als eine Wahl des Sozialisten Hollande verhindern. Und so dürfte Sarkozy dank dieser Wähler ein grösseres Stimmenreservoir erben als Herausforderer Hollande aus dem linken Lager.
Marine Le Pens Wahlkampfleiter Florian Philippot aber machte deutlich, dass alte Muster sich nicht zwingend noch einmal bewähren müssen: Er kündigte nach den ersten Hochrechnungen umgehend an, man werde den konservativen Amtsinhaber nicht unterstützen. «Nicolas Sarkozy ist erledigt», sagte er. Le Pen werde nun zur Chefin der Opposition. Später hiess es, Le Pen werde ihre Haltung zur Stichwahl am 1. Mai bekannt geben.
Insgesamt brachten die Franzosen gestern ihre Vorbehalte gegenüber den beiden Spitzenkandidaten zum Ausruck: Sarkozy verlor als erster amtierender Präsident den ersten Wahlgang, während Hollande die Protestwähler nicht ausreichend überzeugte.
Seit Einführung der direkten Wahl des französischen Präsidenten vor 50 Jahren hat noch kein Kandidat in der ersten Runde die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht. Die Entscheidung fiel immer erst in der zweiten Runde, die diesmal am 6. Mai stattfindet. Drei Mal musste sich der Sieger der ersten Runde in der Stichwahl geschlagen geben. 1974 passierte dies dem Sozialisten François Mitterrand, der in der ersten Runde deutlich besser abschnitt als der Konservative Valérie Giscard d'Estaing, in der Stichwahl dann aber knapp unterlag. Entscheidend bei der Stichwahl ist, wie sich die Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten verteilen. Der sozialistische Kandidat bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen, François Hollande, kann mit der Unterstützung vieler Wähler rechnen, die im ersten Durchgang für einen anderen Bewerber des linken Lagers gestimmt haben - etwa für Jean-Luc Mélenchon, der laut Umfragen rund 14 Prozent der Stimmen holen wird. Für den konservativen Staatschef Nicolas Sarkozy könnten am 6. Mai Anhänger der rechtsextremen Front National stimmen, die vor allem einen Sieg der Sozialisten verhindern wollen. Eher offen ist Meinungsforschern zufolge, wie sich die Wähler des Zentrumspolitikers François Bayrou in der Stichwahl verhalten werden. (SDA)