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Von Andreas Villiger
Am Donnerstag, 17. Mai 2018, fand in der Aula des BiZE die Première eines Stücks statt, das wegen seines langen Titels berüchtigt ist: «Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade». Peter Weiss (1916-1982), ein deutsch-schwedischer Erneuerer der Bühnenkunst und des Romans, hat dieses komplexe Stück über die Französische Revolution und die Psychiatrie in den Sechzigerjahren geschrieben.
Patienten des Hospizes zu Charenton, in dem der berühmte Marquis de Sade interniert ist, spielen unter seiner Leitung die Ermordung des Jakobiners Jean Paul Marats. Der Mord liegt 15 Jahre zurück. Napoleon Bonaparte ist längst Kaiser der Franzosen und de Sade lässt mit seiner Truppe die Vergangenheit, die Illusionen der Revolution und ihre Blutopfer wieder auferstehen.
«Hier wird eine aseptische Welt gezeigt, in der die Verse von Weiss’ Drama wie Kettenreaktionen detonieren.»
Auch wenn sich heute nur mehr wenige an den historischen Marat erinnern, das Gemälde von Jacques-Louis David hat diesen Agitator der Sansculotten, der von der Adeligen Charlotte Corday in der Badewanne ermordet wurde, zur Ikone gemacht. Und es ist naheliegend, dass Regisseur Klaus Nürnberg in seiner 20. Inszenierung für die Theatergruppe der KME dieses Gemälde auf der Bühne zitiert.
Sein Marat (herrlich gespielt von Marco Baumann) liegt freilich im Plastikzuber, umringt von Menschen mit Plastikhandschuhen und Labor-Overalls. Hier wird eine aseptische Welt gezeigt, in der die Verse von Weiss’ Drama wie Kettenreaktionen detonieren. Der blutbesudelte Weltverbesserer Marat und der resignierte Pornosoph (gekonnt dargestellt von Soheyl Nateghi) werden zum Mittelpunkt dieser enigmatischen Inszenierung.
Während Weiss’ Stück für über 10 Schauspieler und doppelt so viele Statisten geschrieben ist, arbeitet Nürnberg mit nur acht Darstellerinnen und Darstellern. Aber die haben es in sich. Das Grossdrama über die Revolution und ihre Nachwirkungen wird zum Kabinettstück des Wahnsinns, in dem die Studierenden ihr Talent zur Geltung bringen können. Zwar vermisst man gelegentlich den mehr oder minder kohärenten Handlungsverlauf des Originals, staunt dafür aber umso mehr über die atemberaubenden Momente, die jeder im Ensemble zu schaffen weiss.
Klaus Nürnberg hat mit seiner Inszenierung viel Mut bewiesen und verdient für diese Parforceleistung unsere ungeteilte Bewunderung.