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ein größeres
fließendes Gewässer, welches durch die Vereinigung mehrerer Bäche entsteht und im weitern
Verlauf entweder selbst zum Strom wird, oder sich in einen Strom oder See, nicht selten auch ins offene
Meer (Küstenfluß) ergießt. Die ersten Ursprünge der Flüsse sind Quellen, bisweilen Seen. Diese befinden sich an den Abhängen
oder am Fuß eines Gebirges, auf dem Boden von Seen, in Sümpfen, auch in der Ebene, kurz überall da, wo das atmosphärische Wasser
sich hat ansammeln und an die Oberfläche treten können.
Quellen, Bäche, Flüsse und Ströme nennt man fließende Landgewässer zum Unterschied von Weihern, Teichen und Seen, die man
stehende Landgewässer nennt. Zum Strom wird der Fluß, wenn er nach der Aufnahme mehrerer andrer Flüsse eine bedeutende Breite
[* 4] und Tiefe erlangt und größere Flußschiffe oder Kähne trägt. In der Regel führen die Flüsse ihren
Namen aufwärts bis zu derjenigen Quelle,
[* 5] welche von der Mündung am weitesten entfernt ist; doch sind die Ausnahmen von dieser
Regel zahlreich. So wird der Inn als Nebenfluß der Donau betrachtet, obgleich er am Einmündungspunkt einen längern Lauf
hinter sich hat und eine größere Wassermenge führt als die Donau selbst.
Die größern Flüsse oder Ströme mit ihren gesamten Neben- und Zuflüssen bilden Stromsysteme oder Flußnetze.
Der Landstrich, aus welchem einem Fluß das Wasser aller Quellen zugeführt wird, heißt sein Gebiet (Fluß- oder Stromgebiet);
derjenige Teil desselben, welcher die ihm zugehörigen Quellenin sich faßt, sein Quellenbezirk. Die Tabelle S. 409 gibt (nach
Wichmann) Stromlänge und Stromgebiet für die bedeutendsten Ströme der Erde an, wobei aber betont werden
muß, daß selbst für gut erforschte, in Kulturländern liegende Ströme die Angaben bedeutend differieren. Nur wenige Länder
sind in dieser Beziehung so musterhaft durchmessen wie Württemberg
[* 7] (vgl. Regelmann, Die Stromgebiete Württembergs, Stuttg.
1884).
Es spielt sich ferner in Süddeutschland eine die mitteleuropäische Wasserscheide durchbrechende Bifurkation
der Donau ab. Zwischen Immendingen und Möhringen in Baden,
[* 15] hart an der württembergischen Grenze, versinkt in zerklüfteten
Jurakalken ein Teil der Donauwasser, in trocknen Jahren das ganze Wasserquantum, um, wie Knop durch Versenken großer Kochsalzmassen
nachgewiesen hat, in 11 km Entfernung und 160 m tiefer als die Quelle der Aa, die dem Bodensee zufließt,
also dem Stromgebiet des Rheins angehört, wieder zu Tage zu treten.
Wie hier ein Teil des Donauwassers unterirdisch versinkt, so verschwinden mitunter die Flüsse auf eine Strecke ihres Laufs,
um gewöhnlich unterhalb in nachweisbarem Zusammenhang mit dem Oberlauf wieder zum Vorschein zu kommen.
Am zahlreichsten treten diese verschwindenden Flüsse im Kalkplateau von Krain
[* 16] auf. Hier hat z. B. die Recca, die bei Duino
mündet, einen unterirdischen Lauf von 38 km Länge. Ähnliche Verhältnisse spielen sich bei mehreren Flüßchen der Schwäbischen Alb
ab. Berühmt ist die sogen. Perte du Rhône bei Bellegarde unterhalb Genf,
[* 17] wo der 68 m breite Strom, im Engpaß
von Lécluse bis auf 5 m zusammengedrängt, sich in einen engen Felsentrichter stürzt und dann etwa 50 m lang in einem von
steilen Höhen eingefaßten und
von Felsblöcken überdeckten Kanal
[* 18] fließt.
Im Oberlauf haben die Flüsse ein bedeutenderes Gefälle als weiter unten; die Uferränder sind meist
hoch und steil, die Flußbetten selbst schmal und oft sehr tief. Eine eigentliche Thalsohle ist noch nicht vorhanden,
und oft stürzt sich der junge Strom als Gießbach (Murre) von Fels zu Fels. Schluchten und Spalten begünstigen den Abfluß der
atmosphärischen Niederschläge; der Zusammenfluß der Quellen und Bäche findet innerhalb der Gebirgsabhänge
statt und ist von der Struktur des Gebirges abhängig. Wo diese Abhängigkeit aufhört, da beginnt der Mittellauf des Flusses
und zwar bei seinem Eintritt in das niedrigere Hügelland, wo die Berge mehr und mehr von den Ufern des Flusses sich entfernen
und die Gewässer desselben ihr Bett
[* 19] frei auszuarbeiten vermögen.
Eine Folge des verringerten Gefälles ist die verminderte Schnelligkeit des Flußlaufs, und diese wieder hat zur Folge, daß
der Fluß nicht mehr den kürzesten Weg wählt, um tiefer herab zu gelangen, sondern in dem nachgebenden, von ihm
selbst und seinen Nebenflüssen angeschwemmten Boden je nach dem größern oder geringern Widerstand, den
er bei seiner Fortbewegung findet, größere oder kleinere Windungen (mäandrische Krümmungen oder Serpentinen) macht, welche
für den Mittellauf charakteristisch sind.
GroßeKrümmungen schneidet der Fluß manchmal später selbst ab, indem er sich im angeschwollenen Zustand durch eine
zwei nahegelegene Stellen seines Laufs trennende LandengeBahn bricht. Auf diese Weise entstehen Sandbänke,
Inseln, Werder und Auen, welche insbesondere für den Mittellauf größerer ozeanischer Ströme charakteristisch sind und an
die Stelle des alten Laufs der Flüsse (Altwasser) treten. Die Technik weiß durch Stromregulierungen, durch Anlage von Kanälen
und Durchstichen, welche die Krümmungen abschneiden, sowie durch Uferbauten dem Flusse sein bestimmtes
Bett anzuweisen und dadurch die Benutzung der Flüsse auch in ihrem Mittellauf für den Verkehr zu erleichtern.
Manchmal finden sich im Mittellauf Einschnürungen des Bettes, infolge deren der breite Strom auf einmal beträchtlich schmäler
wird, so z. B. der Rhein bei Bingen.
[* 20] Wo der Wasserspiegel eines Flusses kaum oder nur noch um weniges höher
liegt als der Meeresspiegel, beginnt sein Unterlauf, der sich oft mannigfach gabelt und verästelt, ehe er sich ins Meer ergießt.
Durch die dem Mittel- und Unterlauf eines Flusses eigentümlichen Windungen wird der Lauf desselben oft bedeutend verlängert,
so daß bei geringer direkter Entfernung der Mündung von der Quelle die ganze Flußlänge doch beträchtlich
ist. Das Verhältnis zwischen jener direkten Distanz und der wirklichen Flußlänge kann als Maß für die größere oder geringere
Entwickelung eines Stroms dienen.
v. Baer glaubte eine Abhängigkeit der Uferbildung der Flüsse von der Rotation der Erde nachweisen zu können.
In der Richtung des Meridians fließende Ströme sollten ein hohes rechtes Ufer und ein niedriges linkes haben, weil nordsüdlich
fließende Gewässer mit einer geringern Rotationsgeschwindigkeit in die südlichern Breiten kommen, deshalb retardierend
gegen das westliche, ihr rechtes Ufer andrücken müssen, das hierdurch erodiert und steil erhalten wird.
Südnördlich fließende kommen mit größerer Rotationsgeschwindigkeit in Breiten, in welchen dieselbe
geringer ist, müßten also voreilend das östliche, wiederum ihr rechtes Ufer vorwiegend erodieren. Auf der südlichen Halbkugel
müßte hiernach bei in der Richtung des Meridians fließenden Flüssen das linke Ufer das steilere, das rechte das flachere
sein. Während sich dieses sogen. Baersche Gesetz bei einer Mehrzahl namentlich russischer Flüsse zu bestätigen
schien, haben sich doch zu viele Ausnahmen auffinden lassen, so daß, wenn überhaupt dieser Faktor mitspricht, sein Einfluß
als ein minimaler im Vergleich zu dem der Bodenbeschaffenheit nicht nachweisbar ist.
Die Wassermenge eines Stroms hängt ab von dem Umfang seines Quellgebiets, von dem
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Kommt ein Strom aus dem Hochgebirge, welches die Schneelinie überragt, so wird er am wasserreichsten sein,
wenn der Schnee
[* 27] und das Gletschereis des Hochgebirges recht im Tauen begriffen sind, was z. B. auf den Alpen
[* 28] im Juni, Juli und
August infolge des Vorherrschens südlicher Winde
[* 29] einzutreten pflegt. Den Wasserstand der Flüsse geben die sogen. Pegel an,
d. h. vertikal in denselben aufgerichtete Maßstäbe mit einer von einem willkürlich bestimmten tiefsten
Punkt beginnenden Einteilung, die bessern mit einem selbstregistrierenden Schwimmer versehen. An manchen Strömen, wo man dergleichen
Messungen schon seit langer Zeit vorgenommen, wird eine allmähliche Abnahme der Wassermenge bemerkt, die z. B.
beim Rhein von 1808 bis 1838: 21 cm, bei der Oder (bei Küstrin)
[* 30] von 1745 bis 1835: 40 cm, bei der Elbe (bei
Magdeburg)
[* 31] von 1730 bis 1830: 55 cm beträgt.
Je geschwinder ein Fluß fließt, desto tiefer wird er in den nachgebenden Boden einschneiden, desto beträchtlicher wird also
die durch ihn bewirkte Erosion
[* 33] oder Auswaschung sein, wobei Druck und Stoß auf gleiche Weise mitwirkend sind. Sie entsteht da,
wo durch Verwitterung an der Luft eine Zersetzung des Gesteins vorangegangen ist und die mürbe gewordenen und zerfressenen
Gesteinsteile durch fließende Gewässer in Bewegung gesetzt werden. Wo ein Fluß über eine steile oder senkrecht abfallende
Stufe seines Bettes hinabstürzt, bildet er einen Wasserfall.
Solche Wasserfälle sind besonders für den Oberlauf der aus Hochgebirgen kommenden Flüsse charakteristisch,
doch
finden sie sich zuweilen auch noch in dem nicht völlig entwickelten Mittellauf. In denDeutschenAlpen zählt man allein 250 größere
Wasserfälle. Fallen dieselben in Absätzen herab, so heißen sie Kaskaden; niedrigere, aber sich mehrfach nacheinander wiederholende
Fälle pflegt man als Katarakte zu bezeichnen. Durch Abreißen und Abwaschen der scharfkantigen Felsstufen
entsteht bei regelmäßigerm Flußbett eine Stromschnelle, gleichsam ein in die Länge gezogener Wasserfall.
Vermöge seiner Geschwindigkeit führt ein Strom Schlamm und Gerölle mit sich fort; wird diese Geschwindigkeit aber gehemmt,
indem sich entweder das Gefälle vermindert, oder das Wasser auf festen Widerstand trifft, oder indem es
sich in eine andre Wassermasse ergießt, so läßt es die mitgeführten Körper sinken, zuerst die schwerern, dann auch die
leichtern. Der gleichen Ablagerungen finden sich längs des ganzen Flußlaufs und müssen das Flußbett nach und nach erhöhen.
So hat sich aus dem immer weiter fortgeschobenen Gerölle und den darüber abgelagerten feinern Sedimenten
allmählich eine trockne Thalsohle gebildet, in welcher sich das Wasser durch seine in der Mitte am stärksten treibende Strömung
sein Rinnsal, seine Stromrinne, offen erhalten hat. Je näher der Mündung, desto mehr verliert ein an Geschwindigkeit und
an Tragkraft; er ist zuletzt nur noch im stande, Sand und feinen Schlamm mit sich zu führen, den er vor
seinem Mündungsgebiet ablagert (vgl. Delta).
[* 34]
Das Flußwasser enthält in der Regel weniger chemische und mehr mechanische Beimengungen als das Quellwasser und ist nicht
selten weicher als dieses. Fein zerteilte schlammige Bestandteile trüben die Flüsse oft, z. B. die Alpenflüsse,
so daß dieselben erst klar werden, wenn sich in einem See, den sie durchströmen, jene Beimengungen zu Boden gesetzt haben.
Aber auch sonstige Färbung des Flußwassers wird durch diese mechanischen Beimengungen bedingt. Am reinsten sind aus gletscherlosen
Urgebirgen kommende Gewässer, daher ihre klare, grünblaue Farbe.
Der Tarn im südlichen Frankreich und einige andre kleinere Gewässer sind rötlich, der Rio Branco in Amerika
[* 35] und nicht wenige
andre weiß. Als Beispiel für die Menge der vom Flußwasser transportierten gelösten und suspendierten Stoffe seien die Untersuchungen
Breitenlohners gewählt, die sich auf Elbwasser beziehen, welches bei Leitmeritz, also nahe dem Punkt entnommen
wurde, wo die ElbeBöhmen
[* 36] verläßt. Den 48,400 qkm (880 QM.), welche in Böhmen auf das Elbgebiet entfallen, stehen nur 1265 qkm
(23 QM.) gegenüber, die andern Stromgebieten, dem der Donau und Oder, angehören, oder Nebenflüssen der Elbe,
welche sich erst außerhalb des Landes mit derselben vereinigen, und da anderseits nur Eger
[* 37] und Luschnitz einen kurzen Teil
ihres Laufs außerhalb des Landes zurücklegen, so sind die folgenden Zahlen mit deshalb gewählt, weil sie sich zugleich auf
ein auch politisch gut abgegrenztes Stromgebiet beziehen. Nach Breitenlohner enthält das Kubikmeter
Elbwasser an Grammen in fester Substanz:
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