Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03198.jsonl.gz/580

Das Hotel liegt in einem Wohnquartier. Vom Balkon aus sieht man die Gebirgsketten rund um Almaty, russisch Alma Ata, gut. Die Stadt wurde erst 1854 als Grenzfestung von Russland gegründet. Die auf Schlammlawinen folgenden Überschwemmungen zerstörten 1963 einen Grossteil der Stadt. Almaty war früher die Hauptstadt Kasachstans und wurde dann durch das im Norden des Landes in der Steppe neu (und geht man von den Fotos aus: kitschig-pompös) gebaute Astana abgelöst. Vermutlich ein richtiger Schachzug, damit sich auch der Norden des Landes mit Kasachstan identifiziert und nicht Verhältnisse wie in der Ostukraine entstehen.
Ich gehe zur Kathedrale, die anfangs 20. Jahrhundert erbaut wurde. Es ist gerade ein Gottesdienst im Gang, goldene Messgewänder, Weihrauch, Einzug und dann wieder Auszug von Priestern und Diakonen. Kerzen, die von Messdienern auf hohen goldenen Stangen getragen werden. Das Abendmahl wird mit langen goldenen Löffeln gereicht, die Gemeinde singt, betet, bekreuzigt sich. Im Hintergrund all die Ikonen auf goldenem Grund. „Die Orthodoxe Kirche ist eine Kult- und Mysterienkirche. [ … ] Der Umgang mit Gott vollzieht sich im sakramentalen Handeln, in der Liturgie.“ zitiert Carsten Goehrke in seiner Strukturgeschichte (S. 367).
Ich muss auch an die in vielen Reiseführern erwähnte Entscheidung Wladimirs I. denken, 988 das Christentum nach byzantinischem Ritus als Staatsreligion in Russland einzuführen. Seine Experten, die Islam, Judentum und Christentum beobachtet hatten, empfahlen das Christentum nach byzantinischem Ritus mit folgender Begründung: „Wir wussten nicht, ob wir [beim Gottesdienst in Byzanz] im Himmel waren oder auf Erden. Denn auf Erden gibt es solche Schönheit nicht, und ihr, der Griechen, Gottesdienst ist besser als der in allen andern Ländern.“ (Ingold, Felix Philipp: Russische Wege. Zürich: NZZ, 2007. S. 390)
Danach schlendere ich durch die Stadt. Sie wirkt offener als Taschkent, man sieht keine Polizisten, viel kommerzielle Werbung neben der auch hier vorhandenen Staatswerbung (Präsident Nasarbajew wünscht auf riesigen Transparenten einen schönen Frühling, auf anderen preist er seine Strategie 2050 an).
Einzelne Strassenzüge erinnern mich an das Glattbrugg der frühen 1960-er Jahre. Im Parterre kleine Detailhandelsgeschäfte, in den oberen Stockwerken wird gewohnt. Auf der Strasse der Bus und einige Autos. (Unsere Tochter, die dieses Semester ein Seminar über Reiseberichte belegt, hat erzählt, dass solche Berichte mehr über die Autoren und ihre Herkunft aussagen als über das Land, über das berichtet wird. Das stimmt wahrscheinlich auch für diese Beobachtung.)
Russisch ist auch hier auf dem Rückzug, es hat (dem Aussehen und den Statistiken nach) aber viel mehr russischstämmige und Russisch sprechende Einwohner als in Usbekistan, wo viele das Land nach 1991 verliessen. Die Stadtbevölkerung hier wirkt auch städtisch, ganz anders als die wettergegerbten Leute mit ihren zerfurchten Gesichtern, die auf der Orenburgbahnstrecke in Kasachstan ein- und ausgestiegen sind. Ich lese bei Jürgen Paul, dass entlang der Orenburger Eisenbahn (Orenburg-Taschkent) und der Turksib, die ich die nächsten Tage befahren werde (Alma Ata – Novosibirsk) die verhungernden Nomaden 1931 Nahrung suchten. Dürre und die unmenschliche Politik der Sowjetregierung, die sie sesshaft machen wollte und sie zwang, die letzten Tiere und das letzte Getreide abzugeben, forderten damals etwa 1.4 Millionen Tote (Pos. 5238). Die überlebenden Kasachen wurden sesshaft, da es keine Alternative mehr gab, Neusiedler, Verbannte und Vertriebene wurden nach Kasachstan gebracht, was eine bis heute sehr multiethnische Bevölkerung ergab. Der Präsident legt seinen Eid auf den „multinationalen Staat“ Kasachstan ab.
Obwohl Kasachstan seit 23 Jahren autokratisch von Naserbajew und seinen Leuten regiert wird, sind hier die Berührungsängste der Hochschulen kleiner als in Usbekistan, was ich bei der offenen, fast westlich geprägten Atmosphäre nachvollziehen kann. Es gibt z.B. eine Deutsch-Kasachische Universität und eine von Tony Blair und Nursultan Naserbajew initiierte kasachisch-britische technische Universität mit einem beeindruckenden Gebäude:
Was Timur für Usbekistan, ist der Goldene Mann (Mitte; ein Grabfund, ca. 500 v.Chr.) für Kasachstan. Hier scheinen sich aber – den Leuten, die sich vor seinem Denkmal fotografieren lassen nach zu schliessen – verschiedene Ethnien damit identifizieren zu können.
Auch im Nationalmuseum ist neben einem Saal zur kasachischen Kultur mit Jurten und allem, was dazu gehört auch ein Saal den anderen Ethnien gewidmet. Ihre Geschichte wird wie mir scheint recht unvoreingenommen gezeigt. Ein weiterer Saal über die Geschichte nach der Unabhängigkeit bringt aber auch viel Personenkult um Naserbajew.
Die Lemoncurdtorte im Strassenkaffee scheint nicht eine so gute Idee gewesen zu sein, zum Znacht gibt’s Coci und Schoggi – und morgen nehme ich dann den Zug nach Sibirien, wo ich am Mittwoch ankommen werde. Keine Ahnung, wie es dort mit Netzverbindung aussieht, ich werde in einer Gastfamilie wohnen.
>