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Das Wichtigste in Kürze
- Im US-amerikanischen Ort Berne leben Nachfahren von Schweizer Auswanderern.
- Sie sind Amische, die viele technologische Entwicklungen ablehnen.
- Viele sprechen Berndeutsch, obwohl sie nur einen geringen Bezug zur Schweiz haben.
Es ist ein seltsamer Anblick: der Zytgloggeturm, alleine auf einem Platz im mittleren Westen der USA. Die Glocken erklingen täglich fünfmal aus einem Lautsprecher. Das Figurenkarussell, das dann zu drehen beginnt, zeigt Menschen in Trachten, Cowboys und Indianer.
Wir sind in Berne, Indiana. Die Regierung dieser 4000-Seelen-Gemeinde hat den Turm 2010 bauen lassen. Hier erinnert man sich gerne an die Schweizer Vergangenheit.
Einwanderer aus Bern
Entlang der Hauptstrasse gibt es eine Swiss Plaza, eine Bank of Berne und eine Bank of Geneva, einen Möbelladen im Berner Bauernhausstil und beim McDonald’s stehen Schilder mit der Aufschrift «Willkomme» und «Uf Widersehe». Viele Einwohner hier heissen Lehmann, Hilty, Wenger oder Graber.
Noch etwas ist ungewöhnlich für eine Gemeinde in den USA. Zwischen Lastwagen und Autos fahren immer wieder Kutschen vorbei, gesteuert von Männern mit Hüten, Bärten, weissen Hemden und Hosenträgern, oder von Frauen in Röcken mit Hauben auf dem Kopf.
Sie sind Amische. Sie gehören einer Gemeinschaft von Täufern an, die im 18. Jahrhundert in die USA auswanderten. Sie stammten vor allem aus dem Emmental und dem Berner Jura.
Die Amischen leben zurückgezogen auf ihren Bauernhöfen. Sie verzichten auf die meisten Errungenschaften der modernen Welt: Elektrizität, Fernsehen, Radio und Autos etwa.
Kinder lernen Schweizerdeutsch
Auch was die Sprache angeht, sind sie traditionsbewusst. Sie pflegen in ihrer Gemeinschaft noch eine Art Schweizerdeutsch: «Well, mini Mueter und Vater heis üs gleert und mir heis nie verlore», sagt Andy Hilty. Der Angestellte eines Lebensmittelladens trägt ebenfalls ein weisses Hemd, Hosenträger, Bart.
«I ha nid gwüsst, wie me Änglisch schwätzt, bis i id Schuel gange bi», sagt Hilty. Er nennt seine Muttersprache wie deren Ursprungsland: «Di erschti Sprach isch Schwyz.»
Der Mittvierziger ist einer der wenigen Amischen, die Auto fahren. Er ist auch einer der wenigen, die bereit sind, ins Mikrofon zu sprechen. Hilty hat neun Kinder und bringt ihnen ebenfalls Schweizerdeutsch bei.
«Meh Zyt mit Chinder»
Die Amischen haben ihre eigene Schule, in der sie die Kinder auf Englisch und Deutsch unterrichten. Er würde seine Kinder nie in die öffentliche Schule schicken, erklärt Hilty, weil ihnen dort die Evolutionslehre vermittelt würde.
Zur Kultur in den USA sagt er: «Es isch nid, dass mir abeluege uf sie, aber mir hei e desire uf en andere Wäg loufe», sagt er. «Wenn mir simple chöi sy, hei mir meh Zyt mit Chinder, und d Familie isch am nächschte zäme. Es isch e guete Heritage.»
Die amische Identität ist stärker
Das abgeschottete Dasein der Amischen hält den Schweizer Dialekt am Leben. Eine erstaunliche Leistung inmitten der USA, die ihrerseits ihre Lebensweise in die ganze Welt exportieren.
Noch erstaunlicher ist die Sprachbewahrung, wenn man bedenkt, dass die Gemeinschaft keine Kontakte mehr in die alte Heimat pflegt. Auf die Frage, was ihm die Schweiz bedeute, antwortet Hilty: «I weiss nid was säge.»
Eine typische Antwort auf eine solche Frage. Die amische Identität ist stärker als die schweizerische. Ihre Geschichte der Verfolgung hat gewiss nicht zur Heimatverbundenheit der Amischen beigetragen.
Keine Teilnahme an der amerikanischen Demokratie
Die Amischen bildeten sich während der Reformation und entzogen sich jeglicher Obrigkeit. Sie verweigerten den Militärdienst und anerkannten keine Regierung. Die Obrigkeit bekämpfte sie deshalb erbarmungslos. Einige Amische wurden im 16. Jahrhundert in der Stadt Bern hingerichtet.
Sie flohen über Umwege in die USA, wo sie auf ihre Weise leben durften. Hier müssen sie weder Militärdienst leisten noch Renten- und Krankenkassen-Beiträge bezahlen. Ihre Sozial- und Altersversicherung ist die Gemeinschaft.
Sie zahlen zwar Steuern, wenn sie Geschäfte führen, aber sie nehmen an der amerikanischen Demokratie nicht teil. Sie wählen nicht, und sie lassen sich nicht wählen.
Kein Strom, dafür Mobiltelefone
Elisabeth Wengert, genannt Liz, sitzt mit Rock und Haube am grossen Holztisch und jodelt ein Lied auf Berndeutsch. Drei ihrer Kinder singen leise mit. Sie leben in einem der geräumigen weissen Bauernhäuser, wie sie in der Landschaft rund um Berne stehen.
Das Haus ist wie die meisten amischen Häuser nicht ans Stromnetz angeschlossen. Doch die Wengerts haben Mobiltelefone.
Jede Kirchgemeinschaft – manchmal sind das nur ein paar Familien – entscheidet für sich, welche technologischen Entwicklungen sie annimmt und welche nicht.
Jodeln verbindet mit der Schweiz
Liz holt ein Buch, auf dem «Ausbund» steht. Es ist das Gesangsbuch der Amischen: Lieder in altdeutscher Schrift. Auch dieses Buch liess die US-Amischen ihre Sprache über 150 Jahre bewahren. Im Gottesdienst, der alle zwei Wochen bei jemandem zuhause stattfindet, beten sie auf Hochdeutsch – «Ditsch».
Die Schweiz ist für sie in die Ferne gerückt. Doch die Sprache und das Jodeln verbinden die Amischen und ihre Nachkommen noch heute mit der alten Heimat.