Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03608.jsonl.gz/1067

Der Karneval von Rio de Janeiro ist eine Weltberühmtheit. Grundsätzlich fällt er auf dieselben Tage, gegen Ende Februar, wie in Europa. Aber in Rio ist er eine Angelegenheit für Profis, die sich in so genannten Samba-Schulen organisiert haben – den “Escolas de Samba”. Wie beim Fussball, sind diese Schulen in 4 Ligen aufgeteilt. Die Spitzengruppe “Grupo Especial” – sie besteht heute aus 12 Escolas, darf ihre Karnevals-Parade im eigens dafür errichteten “Sambódromo” dem Publikum und den Preisrichtern am Sonntagabend (6 Gruppen) und Montagabend (6 Gruppen) präsentieren. Die Erste und die Zweite Liga – sie bestehen aus insgesamt 10 Escolas – präsentieren ihre Parade am Samstag, ebenfalls im Sambódromo. Die Dritte Liga dagegen, paradiert auf der “Avenida Rio Branco”, der rund zwei Kilometer langen Hauptgeschäftsstrasse der City – in der Regel am Sonntag.
Jede “Escola de Samba” wählt jährlich ein bestimmtes Thema, unter dem ein “Samba-Canção” komponiert – die Festwagen dekoriert, und die Kostüme entsprechend abgestimmt werden – Arbeit für ein ganzes Jahr! Nach diesen einzelnen Komponenten wird die Parade – neben einer Portion anderer Einzelheiten, wie Rhythmus, Choreographie, Präsentation, Harmonie der Gruppe etc. – dann auch von den Preisrichtern beurteilt. Jedes Jahr steigt eine Escolas mit den besten Punktzahlen aus der Ersten Liga in die Grupo Especial auf – und dafür eine Escolas, mit den wenigsten Punkten, aus der Grupo Especial in die Erste Liga ab. Genauso tauschen sich die entsprechenden Gewinner und Verlierer zwischen Erster und Zweiter Liga jährlich aus – sowie zwischen Zweiter und Dritter. Für die Gewinner der Grupo Especial gibt es auch einen Geldpreis, der aus den Zuschauer- und Werbeeinnahmen des “Sambódromo” gestaltet wird. Die Ehre allerdings, Mitglied einer Gewinner-Escola der Grupo Especial zu sein, ist unbezahlbar
Die Reihenfolge der einzelnen Paraden der Grupo Especial wird durch das Los bestimmt. Jede dieser Escolas tritt mit 3.000 bis 5.000 Teilnehmern an, aufgeteilt in 40 Gruppen mit 30 Festzugs-Wagen – die jeweils genau 82 Minuten Zeit für ihre Parade bekommen – ein Überschreiten dieses Zeitlimits kostet sie wertvolle Punkte. Auf den Tribünen haben 80.000 Zuschauer Platz. Die Paraden beginnen in der 700 Meter langen Arena des Sambódromo jeweils um 21.00 Uhr und dauern pro Festtag etwa 12 Stunden. Das bedeutet, dass die letzten zwei Paraden bereits im Licht des folgenden Morgens durchgeführt werden und solange halten die meisten Touristen nicht durch. Wohl aber die einheimischen Fans, die natürlich dabei sein wollen, wenn ihre Escola den Laufsteg betritt, denn von ihrem Beifall und ihren Anfeuerungsrufen hängt weitgehend deren Performance ab.
Am Aschermittwoch, um 16:00 Uhr Ortszeit, wird es ernst: da findet nämlich im Sambódromo die Punkte-Auszählung statt, das heisst, die verschlossenen Couverts, mit der Beurteilung von mehr als einem Dutzend Juroren, werden, unter den kritischen Blicken der obersten Führung jeder beteiligten Escola de Samba, von einem Notar geöffnet – und dann liest der Sprecher der Dachvereinigung “Liga Independente das Escolas de Samba do Rio de Janeiro” (LIESA) vor einem Mikrofon die Ergebnisse vor, die auf einer elektronischen Anzeigetafel erscheinen und von den TV-Kanälen im ganzen Land live übertragen werden. Denn nicht nur im Sambódromo von Rio hängen die Mitglieder der beteiligten Escolas an den Lippen des Sprechers, um keinen einzigen Punkt zu verpassen und in ein Freudengeheul auszubrechen, wenn er ihrer Escola gehört – im ganzen Land sitzen Fans vor dem Fernseher und vibrieren mit den langsam steigenden Punktzahlen ihrer Lieblings-Escola!
Die Auszählung dauert Stunden, denn die Parade jeder Escola wird nach mehr als einem Dutzend unterschiedlicher Kriterien beurteilt. Für jedes Kriterium ist ein Jury-Mitglied zuständig, Mann oder Frau, die mindestens Hochschulstudium haben, vom Fach sind (z.B. Musiker, Balletteuse oder Choreograph) und keiner der zu beurteilenden Escolas angehören dürfen. Sie können bis zu 10 Punkten pro Escola vergeben – jedes Jury-Mitglied hat also, in seinem speziellen Fach, 12 paradierende Escolas zu beurteilen, auf einem vorgedruckten Formular, das nach dem Durchgang aller Paraden verschlossen und einem Notar übergeben wird, bei dem es bis Aschermittwoch, unter Verschluss, aufbewahrt wird.
Wenn dann der Jahressieger feststeht, das heisst, im Moment des letzten Punkte-Durchgangs hochgerechnet werden kann, bricht nicht nur ganz Rio, sondern das ganze Land in einen Freudentaumel aus. Die siegreiche Escola de Samba veranstaltet noch am gleichen Mittwochabend ein Freudenfest in ihrem “Barracão”, dem Sitz des Vereins, zu dem es Freibier gibt, für jeden, der mitfeiern möchte!
Auch den zweiten oder dritten Platz belegt zu haben, ist eine grosse Ehre und bedeutet schliesslich auch wieder Geld in der Vereinskasse. Und um die Vereinskassen der Sieger noch ein bisschen mehr zu füllen, hat die Dachorganisation LIESA eine “Zweitpräsentation der Sieger” eingeführt, das heisst: die Escolas des ersten, zweiten und dritten Platzes dürfen noch einmal, am Samstag derselben Woche, vor dem Publikum im Sambódromo paradieren – mit allem was sie haben! Diese Veranstaltung wird “Desfile dos Campiões” genannt – die Parade der Champions.
Die Karnevalsvorbereitungen für das nächstfolgende Jahr beginnen bereits direkt nach der jährlichen Parade und nehmen in jedem Verein Tausende von Mitgliedern als professionelle Mitarbeiter in Anspruch. Getragen werden die zweifellos hohen Produktionskosten auch durch private Sponsoren – ihre persönlichen Kostüme, die von jedem Träger gekauft werden müssen, sparen sich die einzelnen Teilnehmer der Paraden allerdings buchstäblich vom Munde ab.
Ein kleines Karnevals-Museum innerhalb des “Sambódromo”, der übers ganze Jahr besichtigt werden kann, ist mit seinem englisch sprechenden Personal eine gute Hilfe, Tradition und Einzelheiten des Karnevals von Rio besser verstehen zu können.