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Aegidius Tschudi – Pionier des Alpinismus Ausstellung im Freulerpalast in Näfels
Eine Sonderausstellung zum 50O. Geburtstag des Gelehrten Aegidius Tschudi, 1505–1572, präsentiert das Glarner « Multitalent » von verschiedenen Seiten, unter anderem auch als Pionier des Alpinismus in der Schweiz.
Aegidius Tschudi wurde in eine Epoche des wissenschaftlichen Aufbruchs hineingeboren. Die Bewegung des Humanismus, mit dem in Basel tätigen Erasmus von Rotterdam an der Spitze, erfasste damals nicht nur die Städte, sondern auch Randregionen wie das Glarnerland. Ein wichtiges Prinzip dieser Strömung war, sich nur auf die eigene Anschauung zu verlassen und alles zu überprüfen, was an Wissen aus älterer Zeit vorhanden war. Auf diese Weise machten damals die Medizin, aber auch die Naturwissenschaften grosse Fortschritte. Als Pfarrer von Glarus unterrichtete Huldrych Zwingli den jungen Tschudi. Obwohl Letzterer nie eine Universität besuchte, machte er sich die Grundsätze des Humanismus zu Eigen.
Aegidius Tschudi verschrieb sich der Geschichte und der Geograﬁe. Er suchte in Archiven und Bibliotheken nach den ältesten Handschriften und Urkunden und erforschte als Erster systematisch die Schweizer Alpen. Knapp 20-jährig, machte er sich 1524 auf den Weg und durchwanderte die Alpen von Osten nach Westen. Dabei überquerte er die Pässe Septimer, Splügen, San Bernardino, Lukmanier, Gotthard, Furka, Grimsel und Grosser St. Bernhard. Im Wallis wagte er sich bis ins ewige Eis des Theo-dulgletschers vor – eine Pionierleistung, denn Höhen von über 3000 m zu besteigen war für die damalige Zeit etwas ganz Aussergewöhnliches, wie der Alpinist und Historiker William A. B. Coolidge bereits 1904 im Zusammenhang mit Tschudi betonte. Aus dem Valpelline ( Aostatal ) berichtete Tschudi, es sei im Frühjahr verboten, laut zu schreien oder zu singen, um keine Lawinen auszulösen, und versicherte sogleich: « Das habe ich selber erfahren 1524, als ich dort war. »
Mit Tschudi ist der Anfang des Mythos vom Gotthard als ein besonderer Berg eng verbunden. Er identiﬁzierte nämlich die « summae alpes » – das « höchste Alpengebirge » – aus Julius Cäsars Schrift Vom Gallischen Krieg als Gotthardmassiv. Höhenmessungen waren im 16. Jahrhundert noch nicht möglich. Weil aber in der Umgebung des Gotthards mit Reuss, Rhein, Ticino und Rhone Flüsse entspringen, die in alle vier Himmelsrichtungen abﬂiessen, war für Tschudi der Beweis erbracht, dass sich hier die höchste Erhebung der Alpen beﬁnden müsse.
Die Erkenntnisse seiner Alpenexpeditio-nen veröffentlichte Tschudi 1538 im Buch Alpisch Rhaetia, dem eine grossformatige Schweizer Karte beigelegt war. Diese war nach damaligem Brauch nach Süden ausgerichtet und nicht wie heute üblich nordorientiert. Die Veröffentli- chung von Buch und Karte machte Tschudi rasch über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Alpisch Rhaetia, zugleich das älteste Werk der in der Zentralbibliothek Zürich deponierten SAC-Bibliothek, ist gegenwärtig in der Sonderausstellung zum 50O. Geburtstag von Aegidius Tschudi zu sehen – aus konser-vatorischen Gründen nur bis 1O. Juli. Auch in den Bibliotheken des Deutschen Alpenvereins in München und des Alpine Club in London ist das Buch als wichtiges Frühwerk des Alpinismus vorhanden. Von der Karte hingegen existiert nur noch ein einziges Exemplar aus der zweiten Auﬂage von 1560, das in Basel aufbewahrt wird. Als Faksimiledruck ist die mit neun Druckstöcken hergestellte Karte allerdings noch immer erhältlich.