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Mit Witz und Empathie erzählt die Autorin und Juristin Petina Gappah in ihrem Buch «Die Schuldigen von Rotten Row» von menschlichen Abgründen.
Als Petina Gappah im September 2017 zu Gast am internationalen Literaturfestival in Berlin war, sass Robert Mugabe noch auf dem Regierungssessel in Simbabwe. Irgendwann, in einer Zeit «nach Mugabe», wolle sie dorthin zurückkehren, gab sie Auskunft. Vielleicht käme sie dabei auch in die Rotten Row in Salisbury (seit 1982 Harare), eine geschichtsträchtige, quirlige Hauptverkehrsstrasse, die einst das Stadtzentrum mit der ersten schwarzen Township Harare verband. Ein Stück weiter befindet sich auch das Strafgericht von Harare, an das laut der 1971 noch im damaligen Rhodesien geborenen Autorin die meisten Leute denken, wenn sie «Rotten Row» hören.
Kindness ist «heimgegangen»
«Die Schuldigen von Rotten Row» heisst deshalb der Band mit Erzählungen, der die LeserInnen mitten in den lebendigen, sowohl von Freude als auch Gewalt gezeichneten Alltag Simbabwes führt und der den drei Spitzenanwälten Simbabwes – Kollegen der selbst als Juristin tätigen Gappah – gewidmet ist. Die zwanzig, in den Unterkapiteln «Kapitales» und «Kriminelles» zusammengefassten, locker miteinander verwobenen Storys spielen auf und am Rande dieser Strasse: in einem Minibus, der zwischen dem Vorort Chisipite und dem Stadtzentrum verkehrt, in einem Frisiersalon, auf Märkten, in Schulen und in den Häusern schwarzer Familien. Es sind Orte, an denen die Konflikte der zerrissenen Gesellschaft Simbabwes aufscheinen, aber auch der Zusammenhalt und die tragischen Fluchtlinien menschlicher Existenz.
In «Schneewittchen Hairstyling» trifft Pepukai fünf Friseurinnen, aber Kindness, mit der sie eigentlich verabredet ist, nicht. Die traurige Wahrheit: Kindness ist «heimgegangen», wie eine Mollige versichert – sie wurde ermordet. Und während die fünf weiter Zöpfchen in der Art von Rihanna flechten, spekulieren sie wild darüber, mit wem es Kindness getrieben und wer sie erschossen haben könnte. Sie kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, tratschen über Gott und die Welt, kaufen einem fliegenden Händler seinen Räucherfisch ab und hecheln den Besuch einer Kundin – «Tennistussi» – durch.
Die Rede geht kreuz und quer, hat keinen Anfang und kein Ende. Eingeflochten werden dabei Begriffe aus dem Shona, einer verbreiteten Bantusprache, irritierende Haltepunkte für hiesige LeserInnen. Im englischen Original, erklärt Petina, die ihre ersten drei Jahre selbst in einer Township verbrachte, sei dies im Vergleich zur deutschen Ausgabe noch viel ausgeprägter: «Die Deutschen mögen kein Shona, es hat viele Beschwerden gegeben.»
Kennzeichnend für Gappahs Kurzgeschichten sind pralle Szenerien, die eine fremde Welt so nahe rücken, dass man sich hineinversetzt fühlt und Teil davon wird. Im Sammeltaxi Gizdans etwa, der bei jeder Station «Cocacabana, Cocacabana, Cocacabana» brüllt und in genau dreiundvierzig Minuten und dreizehn Sekunden sterben wird. Oder im Mercedes, in dem sich Washingtons Frau («Washingtons Frau hat die Nase gestrichen voll») weigert, sich auf den Vordersitz zu setzen, und stattdessen in einem Barbara-Taylor-Bradford-Roman liest. Man befindet sich auf der Fahrt zu einer Hochzeitsparty, bei der sich zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter ein fulminantes Drama entspinnt, das mit der Schlagzeile endet: «Strippende Omi schockiert Hochzeitsgäste», und in dem Mitbürger aufgefordert werden, «bei familiären Auseinandersetzungen auf Gewalt zu verzichten».
Selbstgespräch eines Henkers
In fast allen Geschichten geht es der Juristin untergründig – und manchmal auch sehr explizit – um Recht und Gerechtigkeit, aber auch um das Verhältnis von Religion und Aberglauben. Viele der Konflikte landen vor Gericht, weshalb Gappah auch korrupte oder skrupulöse Rechtsanwälte auftreten lässt, an denen nachts im Bett die Verbrechen des Tages vorbeiziehen. In manchen Geschichten liefert die Justiz auch die Form, sei es in einem gerichtlichen Aufnahmeverfahren («In der Sache Goto gegen Goto») oder in der Untersuchung «Anna, Bonifatio, Cecilia, Dickson».
Immer aber sind die Erzählungen geprägt von tiefer Empathie und Verständnis für menschliche Abgründe – und viel Witz sowie Selbstironie der Autorin. In «Der weisse Waisenjunge» nimmt Gappah auch ein Thema aus ihrem vor zwei Jahren erschienenen brillanten Roman «Die Farben des Nachtfalters» wieder auf. Jack, ein weisses Kind aus Britannien, verliert plötzlich seine Eltern und wird von seinen schwarzen Verwandten in Simbabwe adoptiert. Wie Memory im Roman – eine Albina – ist er Aussenseiter in einer schwarzen Gesellschaft. Farbe ist bei Gappah nicht nur Motiv, sondern eine Existenzweise.
In dem sich von den übrigen zwanzig Erzählungen stark unterscheidenden Selbstgespräch eines Henkers, der Rechenschaft ablegt über sein Tun, wechselt Gappah die Seiten. Es bildet den Auftakt des Bandes und zollt selbst dem noch ein gewisses Mitgefühl, der in staatlichem Auftrag gemordet hat: «Der Strick war das A und O. Mir war Sisal lieber als Nylon. Zweieinhalb Zentimenter dick, nicht mehr, nicht weniger. Sisal ist stark und natürlich. Von Nylon bekommt man Blasen an den Händen.»