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Hygiene und andere Katastrophen
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Hygiene auf Baustellen ist immer wieder ein wichtiges Thema. Gerade der Bau des Gotthardtunnels hat auf tragische Weise gezeigt, dass man damit keine Experimente machen sollte. In der heutigen Zeit sind wir soweit, dass wir mangelnde Hygiene sogar als Umweltverschmutzung ansehen. 1872 war das nicht so, jedoch wusste man zu gut, was mangelnde Hygiene anstellen konnte, denn die Zeiten der Pest waren noch nicht vergessen.
Hätte man damals diesem Thema von Anfang an grössere Bedeutung geschenkt, hätte sich der Ancylostoma duodenale nicht so verbreiten können. Selbst andere Krankheiten, die aufgetreten sind, hätten mit etwas mehr Aufwand durchaus bekämpft werden können. Da jedoch nichts gemacht wurde, verkamen die Baustellen zu einem verseuchten von Ratten geplagten Sumpf. Es war grosses Glück, dass es überhaupt überlebende Mineure gab.
Sehen wir uns die Situation anhand eines Arbeitstages eines Mineurs im Nordstollen aus dieser Sicht an. Dieser bestand aus einer Arbeitsschicht und einer Ruheschicht. Jeweils nach getaner Arbeit wurden die Arbeiter bezahlt. Damit konnten sie ihre Freizeit, aber auch Besorgungen erledigen. Was genau das bedeutete, werden wir gleich erfahren. Es sei so viel erwähnt, dass es kaum zum Leben reichte und so gespart werden musste.
Um aufzustehen, benötigte ein Mineur keinen Wecker. Vielmehr wurde er von seinem Bettnachfolger geweckt. Dieser war müde und wollte sich ins Bett legen und so musste unser Mineur notgedrungen aufstehen. Somit wurde ein normales Bett im dreischichtigen Betrieb der Baustelle benutzt. Bei einer üblichen Schlafdauer von acht Stunden war das Bett daher nie leer. Man könnte, wenn es nicht zu tragisch wäre, von einer effizienten Ausnutzung sprechen.
Freiwillig war das jedoch nicht. Die Arbeiter mussten sich selber um eine Unterkunft bemühen, denn es wurden von der Unternehmung keine geeigneten Räume zur Verfügung gestellt. Spekulanten und andere, die gerne gewinnbringende Geschäfte machten, witterten daher ein Geschäft. So wurde der Preis für ein Bett erhöht, damit sich dieses niemand mehr leisten konnte. Einen Tag konnte sich ein Arbeiter schlicht nicht mehr leisten.
Um überhaupt in einem Bett schlafen zu können, teilten sich drei Mineure die Kosten und damit das Bett. Wobei der Vermieter jetzt natürlich nicht jedem einen Drittel, sondern die Hälfte des normalen Preises abknöpfte. Die Not der Arbeiter wurde daher schonungslos ausgenutzt. Zudem von einem Bett zu sprechen war auch etwas übertrieben. Die Liegemöglichkeiten bestanden weder aus einem Gestell, noch einer stabilen Unterlage.
Geschlafen wurde auf einfachen Betten mit Matratzen, die aus einem mit Stroh gefüllten Tuch bestanden. Die Decken waren einfache Tücher, die über den Körper gezogen wurden.
Die Kissen unterschieden sich von den Matratzen eigentlich nur in der Dichte des Strohs. Jedoch müssen wir wissen, dass auch die Bewohner kaum mehr Komfort kannten. Nur wurden dort die Betten nicht dauernd benutzt und konnten so gelüftet werden.
Natürlich wurden die Kissen und Decken nicht jeden Tag gewechselt und so begann das Stroh, bedingt durch die ausgedünstete Feuchtigkeit, in der Hülle zu schimmeln.
Wenn das Laken gewechselt wurde, kam das gleiche Stroh wieder in die Decke. Oft wurden die Betten auch mit der alten Füllung der eigenen Betten gefüllt.
So konnten sich dort Läuse und Milben wunderbar vermehren, was sich dann durch die Schicht positiv auf deren Verbreitung auswirkte.
Auf jeden Fall ist unser Mineur nun wach und hat das Bedürfnis nach einer Morgenwäsche. Dazu stand ihm einzig die durch den Werkplatz fliessende eiskalte Reuss zur Verfügung. Für den Weg dorthin zog er die schmutzigen, eventuell von der letzten Schicht noch feuchten Kleider an. Regelmässiger Kleiderwechsel gab es schlicht nicht, denn die Arbeiter kamen wirklich nur mit dem Nötigsten auf die Baustelle.
Durch das eiskalte Wasser wurde man wach, jedoch fehlten Seifen um sich wirklich zu waschen. Diese waren zwar erhältlich, aber ein Arbeiter konnte sich diese mit seinem kargen Lohn schlicht nicht leisten, denn das Geld wurde für wichtigere Dinge benötigt. So entfielen oft die morgendlichen Waschungen und der Arbeiter machte sich mit Sack und Pack auf den Weg zur Arbeit. Das heisst, vor das Portal, wo dann die Arbeit zugewiesen wurde.
Mit Beginn der Arbeit fuhr der Mineur auf den leeren Loren in den Stollen. Dabei führte er natürlich auch die selber gekauften Getränke und Nahrungsmittel mit. Jedoch auch die Öllampe war dabei.
Das Öl musste der Arbeiter ebenfalls selber bezahlen. Man konnte den Stollen weder für die Einnahme einer Mahlzeit noch für neues Lampenöl verlassen. So hatte man die Lebensmittel und das zusätzliche Öl in einem Beutel.
Angekommen wurde der Beutel einfach in eine Ecke geworfen und mit der Arbeit begonnen. Dort lag der Beutel nun und wartete, bis die Mahlzeit eingenommen wurde.
Niemand kümmerte sich darum und so gingen immer wieder Flaschen in Brüche. Spezielle Kühlbehälter für die Nahrungsmittel gab es schlicht nicht und meistens enthielt der Beutel lediglich etwas Brot und Wasser. Ab und zu auch mit etwas Alkohol durchsetzt.
Es muss gesagt werden, dass keine Pausen eingeteilt wurden. In den meisten Fällen nahmen die Mineure eine kleine Mahlzeit ein, wenn gesprengt wurde.
Dazu musste man sich zurückziehen und die Zündung abwarten. Zeit, die man für ein paar Bissen nutzen konnte. Zumindest bis es knallte und der Staub sich etwas gelegt hatte. Es konnte weiter gearbeitet werden und so blieb der Beutel zurück, wo sich Bakterien daran zu schaffen machten.
Dabei herrschten an der Tunnelbrust Temperaturen von bis zu 33°C und die Luftfeuchtigkeit betrug nahezu 100%. Zudem war gerade hier eine sehr schlechte Belüftung vorhanden. Frische Luft kam nur von den Druckluftleitungen der Bohrmaschinen. Es herrschte somit im Tunnel ein tropisches Klima. Wie Sie wissen, bei schwülwarmen Wetter schwitzt der Körper sehr stark um die Kühlung aufrecht zu halten.
Stellte sich ein menschliches Bedürfnis ein, verzog sich der Mineur in eine dunkle Ecke und verrichtete seine Notdurft einfach auf den Boden. Pech für den Kollegen, der dort sein Beutel mit den Lebensmitteln parkiert hatte. Zum heissen tropischen Tunnelwetter kamen dann noch die stinkigen Exkremente dazu. Gemischt mit den giftigen Gasen des Dynamits und dem Staub des Gesteins waren die Bedingungen schlicht unmenschlich.
Da sich die Arbeiter vor der Staublunge fürchteten, versuchten sie sich vor dem Staub mit einfachen Tüchern zu schützen. Diese Methode war durchaus möglich und sie funktionierte noch recht gut. Zumindest so lange, wie das Tuch vor Nase und Mund war. Bei der Arbeit verrutschte es und so konnte der Staub in die Atemwege gelangen. Nicht umsonst hatte man bei der Mineurskrankheit lange Zeit die Staublunge im Verdacht.
Nach getaner Arbeit ging es verschwitzt und schmutzig mit dem nächsten Lorenzug wieder aus dem Tunnel. Draussen war es gerade im Winter bitterkalt und auch die Sommer waren in der Höhe nicht gerade warm.
So verschwitzt in den nassen Kleidern kein glücklicher Umstand. Die Gefahr von üblichen Infektionskrankheiten war daher latent vorhanden. So gab es immer wieder Lungenentzündungen und andere Krankheiten, wie die gefürchtete Grippe.
Die einzige Möglichkeit, sich den Schmutz abzuwaschen, war der Fluss. Dort wurde mit dem kalten Wasser eine kurze Wäsche gemacht. Ein Bad, wie wir es heute nehmen würden, gab es nicht.
Wir bevorzugen dazu heute eine warme Dusche oder nehmen ein wohlriechendes Bad. Hand aufs Herz, wer würde auch heute freiwillig in einen reissenden Fluss mit vier Grad kaltem Wasser springen? Ich denke niemand macht das freiwillig.
Da der Mineur nun nicht in die Unterkunft konnte, vertrieb er sich die Zeit auf dem Installationsplatz und im Dorf. Mit viel Alkohol, der angebotene billige Fusel war finanzierbar und so wurde der Frust ertränkt. Das Geld dazu war leider vorhanden, da nach der Arbeit der Lohn bezahlt wurde. Nicht jeder Mineur dachte daran, dass Ausgaben getätigt werden mussten. Dann kam in der Not ein noch grösseres Problem auf den Arbeiter zu.
Betrunken pöbelte der Arbeiter schliesslich. Die Folge waren wilde Schlägereien. Oft griff die Staatsgewalt mit Schlagstöcken ein und schickte die Mineure weg. Es war daher nicht überraschend, dass die Arbeiter von der Bevölkerung als bedrohliche wilde Rabauken wahrgenommen wurden. Um sich davon zu schützen, reagierte man oft unverhohlen mit Hass und Abweisung. Das Gesindel hat hier nichts verloren und soll sich verziehen.
Um den Mineuren noch das letzte Geld aus dem Sack zu ziehen, wurden natürlich auch deren sexuelle Bedürfnisse befriedigt. Die netten Damen vom horizontalen Gewerbe boten dabei überall ihre Dienste an. Dabei stammten diese Damen auch aus den Reihen der Bevölkerung. Auch sie suchten, wenn der Mann verstorben war, in der Not zu etwas Geld zu kommen. Die damit verbundenen Seuchen, waren deshalb auch vorhanden.
Letztlich stand wieder die Schicht im Bett an und der Arbeiter konnte erschöpft, vielleicht noch blutend in das feuchte Bett liegen. Der nächste Tag stand bevor und dieser sollte sich vom beschriebenen Tag nicht unterscheiden. Mit etwas weniger Glück kam dann noch der Unfall und der Mineur durfte, sofern er diesen Tag überlebte, die Baustelle verlassen. Kranke und verletzte Mineure wurden von der Firma schlicht nicht mehr bezahlt.
Alleine mit diesen Bedingungen war die Situation nicht gerade schön um nicht zu sagen katastrophal. Mit Fremdenhass und schlechten Bedingungen waren es wirklich arme Kerle, die da den Tunnel bauten. Dabei geht jedoch unter, dass sehr viele Arbeiter, auch aus dem Ausland, gute und zuverlässig arbeitende Menschen waren, die sich kaum etwas zu Schulden kommen liessen. Sie versuchten sich mit der Situation so gut es ging zu arrangieren.
Jetzt kommt der Parasit noch ins Spiel und damit wird aus diesen misslichen Verhältnissen eine wahre Katastrophe biblischen Ausmasses. Eingeschleppt konnten sich die Larven im feuchtwarmen Tunnel in den Exkrementen ernähren und auf den nächsten Pechvogel warten. In dessen Körper gelangte der Parasit durch die Haut, oder noch einfacher durch nicht versorgte Wunden. Damit begann der Teufelskreis, denn die Larven wurde auch verschleppt.
So drangen diese Larven über die Betten und durch die Besuche bei den netten Damen des horizontalen Gewerbes auch in andere Wirte in der Gemeinde Göschenen. Da nie eine richtige Wäsche erfolgte, wurden auch die verseuchten Exkremente überall hin verschleppt. Der einzige, der diese Verhältnisse als Paradies empfand, war Ancylostoma duodenale. So konnte er sich prächtig verbreiten und sein Unheil anrichten.
Natürlich wussten die Arbeiter, dass diese Situation alles andere als gut war. So forderten sie schon sehr früh vergeblich Verbesserungen bei der Belüftung und im Bereich von sanitären Anlagen. Gehör fanden sie nicht und wer sich zu laut beschwerte, durfte seine sieben Sachen, sofern er so viel hatte, packen und wurde von der Baustelle verwiesen. Das war es dann und die Vertriebenen lungerten in der Gemeinde herum.
In der Not kam es zu einem Brief, der von einem Mineur in seiner Verzweiflung an den Bundesrat geschrieben wurde. Dabei verfasste er dieses Schriftstück in deutscher Sprache und äusserst höflich. Die Not konnte man daraus jedoch erkennen. Verbesserungen auf der Baustelle konnten damit nicht erreicht werden. Die Arbeiter fühlten sich daher selbst von der Regierung verraten. Die Stimmung wurde daher immer aggressiver.
Ich denke, dass sich die verantwortlichen Stellen durchaus auch über die Situation im Klaren waren. Jedoch fehlten schlicht die finanziellen Mittel um in diesem Punkt Verbesserungen zu ermöglichen. Daher wurde die Intervention des Bundesrates bei der Gotthardbahn schlicht ignoriert. In Göschenen, aber auch Airolo, kam es daher zu keinen Veränderungen, so dass die Arbeiter nur noch einen Ausweg aus der Misere sahen und das war der Streik.
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