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Pascal Salin, emeritierter Professor für Ökonomie an der Universität Paris-Dauphine und Mitglied des Akademischen Beirats des Liberalen Instituts
Es ist unbestritten, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten und Austauschbeziehungen der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten eine Internationalisierung erfahren haben. Die Globalisierung ist zweifellos ein wichtiger Charakterzug unserer Zeit. Sie ist weitgehend das Ergebnis diverser Anstrengungen, den Handel zu liberalisieren – sei es durch den multilateralen Ansatz des GATT und später der WTO, durch bilaterale Liberalisierungsabkommen, die immer häufiger angewandt werden, oder durch regionale Integrationspolitiken, insbesondere in Europa.
Darüber hinaus hat auch die technische Entwicklung in den Bereichen Verkehr und Information zur Internationalisierung beigetragen. Nicht immer werden diese wichtigen Veränderungen richtig verstanden und akzeptiert. So betrachten viele in Europa die Globalisierung als schädlich, weil sie aufgrund angeblicher Konkurrenz aus Niedriglohnländern zum Verlust von Arbeitsplätzen in entwickelten Ländern führe, oder auch, weil sie eine „Standardisierung“ der Lebensstile und Kulturen (was manche geradezu eine „Amerikanisierung“ nennen) herbeiführe. Angesichts solcher vermeintlicher Gefahren wird dann bemängelt, dass die Globalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten nicht durch eine „Globalisierung“ der Wirtschaftspolitiken flankiert würde, das heisst durch eine Koordination oder gar eine Harmonisierung dieser Politiken. Doch diese Einschätzung beruht auf einem fundamentalen Irrtum.
Da sich die globale politische Kooperation tatsächlich als schwierig erweist, erscheint die regionale Wirtschaftsintegration gegenüber der Globalisierung vorteilhaft. Auf regionaler Ebene sei es eher möglich, „organisierte Märkte“ (sprich: regulierte Märkte) zu errichten. Erstaunlich ist dabei, dass die meisten Menschen – insbesondere die Politiker – eine äusserst unscharfe Vorstellung davon haben, was eine Integration eigentlich ausmacht. Dennoch wird ihre Umsetzung als absolute Notwendigkeit und einziges Mittel betrachtet, den ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit Herr zu werden. Nicht selten dient die europäische Integration den Regierungen auch schlicht als ein Alibi: Einerseits wird behauptet – nach meiner Auffassung zu Unrecht –, dass die Zugehörigkeit zur Eurozone den Ländern verunmögliche, die Geld- oder Wechselkurspolitik zu betreiben, die ihnen eine Lösung ihrer ökonomischen Probleme erlauben würde. Gleichzeitig wird aber andererseits behauptet, dass dieses oder jenes Problem ohne „europäische Antwort“, das heisst ohne die Ausarbeitung von gemeinsamen Politiken und zentralisierten Entscheidungen, nicht gelöst werden könne. Angesichts dieser unscharfen Auffassung der Wirtschaftsintegration (und der Globalisierung) ist es wichtig, die Bedeutung dieser Phänomene und deren Folgen zu klären.
Beginnen wir also damit, die Bedeutung der Handelsfreiheit und des Wettbewerbs zu veranschaulichen. Anschliessend werden wir zwei grundsätzlich gegensätzliche Auffassungen der Integration vorstellen, und schliesslich werden wir vor dem Hintergrund der so geklärten Verständnisse die heutigen europäischen Projekte betreffend die Besteuerung, die Regulierung, die Währungsintegration und die Bankenunion analysieren.
Der Freihandel: Vorteile und Besorgnisse
Die Vorteile des Freihandels sind so offenkundig, dass man sich wundern könnte, warum sie nicht allgemein anerkannt werden. Die Menschen haben die Eigenschaft, verschieden voneinander zu sein: Sie sind unterschiedlich in ihren Fähigkeiten, aber auch in ihren Bedürfnissen und Zielsetzungen. Auf dieser Unterschiedlichkeit beruht der Nutzen des Handels, des Austausches zwischen Individuen. Jeder von uns wäre vielleicht fähig, wie Robinson Crusoe allein auf einer Insel zu überleben. Es liegt aber im Interesse jedes Einzelnen von uns, sich auf jene Aktivitäten zu spezialisieren, die er oder sie besser beherrscht als andere. Aus den so gewonnenen Einkünften können wir dann von Anderen erkaufen, was wir brauchen oder wollen oder vergleichsweise weniger gut in der Lage sind, selbst herzustellen. Dieser Grundsatz, auch das Prinzip des „komparativen Vorteils“ genannt, ist in der internationalen ökonomischen Theorie gut etabliert, seit es von David Ricardo ausgearbeitet wurde.
Tatsächlich ist die internationale Handelstheorie lediglich eine Anwendung der allgemeinen Austausch- und Spezialisierungstheorie auf Menschen, die sich in unterschiedlichen nationalen Territorien befinden. Der internationale Handel folgt damit der menschlichen Rationalität: Sobald eine Person ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse spezifizieren kann, kann sie auch beurteilen, inwiefern es in ihrem Interesse liegt, mit Anderen zu handeln. Wenn zwei Personen (oder zwei Personengruppen) frei entscheiden, miteinander Handel zu treiben, so tun sie dies offenkundig, weil sie beide einen Vorteil darin erkennen. Die Tatsache, dass sich die Handelspartner auf zwei unterschiedlichen nationalen Territorien befinden, ändert grundsätzlich nichts daran, dass beide durch den Tausch einen Vorteil erlangen. Und genau dies rechtfertigt unwiderruflich die Handelsfreiheit.
[…]
Man kann nicht ausschliessen, dass Unwissenheit oft der Ursprung des Protektionismus ist: die Ignoranz der Politiker oder der Bürger, die dessen Kosten nicht wahrnehmen. Es ist erstaunlich festzustellen, dass Menschen, die das Prinzip des komparativen Vorteils im Hörsaal erlernt haben, dennoch unfähig sind, daraus konkrete Schlussfolgerungen für die Praxis abzuleiten. Die bessere Erklärung für die Verbreitung des Protektionismus liegt aber wohl eher im erfolgreichen Versuch, kurzfristige individuelle oder sektorielle Interessen politisch zu verteidigen. Der Protektionismus ist demnach das Ergebnis des „politischen Marktes“, das heisst, des Verfahrens, durch welches das politische Personal seine Ziele verfolgt. Wie insbesondere Mancur Olson gezeigt hat, versuchen Politiker in einem demokratischen System, die Anzahl Stimmen zu maximieren, die sie in den Wahlen erhalten. Es ist darum in ihrem Interesse, Privilegien zu verleihen, die gezielt wirken und bei mobilisierbaren Wählergruppen einfach vorzunehmen sind, deren Kosten aber diffus und individuell betrachtet relativ schmerzlos bleiben. […]
Umgekehrt stösst eine Liberalisierung des Handels auf den Widerstand der organisierten Interessen, die bisher vom Schutz profitierten. Darum ist ihre Umsetzung schwierig, insbesondere, wenn sie schrittweise erfolgt: Sobald die Liberalisierung beginnt, reagiert jeder Produzent empfindlich auf den kurzfristigen Verlust, der ihm die Liberalisierung verursacht. Weniger spürbar sind für ihn die langfristigen Gewinne aus der Liberalisierung des Handels – die Preissenkungen jener Güter, die er als Käufer erwirbt.
Aus diesem Blinkwinkel sind Abkommen, die eine Freihandelszone oder einen „gemeinsamen Markt“ anstreben, wirksame Liberalisierungsstrategien. Durch ihre allgemeine Gültigkeit ermöglichen Sie eine Überwindung der Widerstände der sektoriellen Interessen: Auch wenn sich manche Produzenten gegen das Liberalisierungsverfahren sträuben, finden Andere neue Absatzmärkte, und die Konsumenten erhalten vielfältigere und günstigere Güter angeboten. Keiner Regierung fällt es leicht, die Zolltarife schrittweise abzubauen oder abzuschaffen, denn kein Produzent ist bereit, der erste zu sein, der die Folgen einer Tarifsenkung oder Liberalisierung zu tragen hat. Gleichermassen würde wohl keine Regierung einen unilateralen Tarifabbau versuchen, obwohl dieser notwendigerweise zu einem Wohlstandsgewinn für die Bürger führen würde! Indem eine Regierung ein multilaterales und globales Liberalisierungsverfahren antritt, macht sie sich bei den Produzenten beliebter, da mindestens manche von ihnen als Exporteure oder Käufer von importierten Gütern profitieren werden. Es kann daher zu einem Ausgleich zwischen Gewinnen und kurzfristigen Verlusten kommen.
Als der gemeinsame europäische Markt geschaffen wurde, befürchteten viele Produzenten die Gefährdung ihrer nationalen Märkte durch neue europäische Konkurrenten. Die Gewinne des gemeinsamen europäischen Marktes waren aber spürbar und schnell genug, sodass eine grosse Zustimmung zum Liberalisierungsverfahren entstand und eine Rückkehr zum Protektionismus zwischen den europäischen Ländern heute ausgeschlossen erscheint.
Die Vorzüge des Wettbewerbs
Ganz im Gegensatz zur Handelstheorie ist der heute vorherrschende Ansatz der Wettbewerbstheorie verfehlt und führt gezwungenermassen zu fragwürdigen Politiken. Denn heute dominiert hier eine Theorie unter dem Namen des „reinen und perfekten Wettbewerbs“. Nach dieser Theorie muss es für die Produktion eines gegebenen Gutes unter anderem eine grosse Anzahl Produzenten geben, die dieses Gut mit denselben Techniken und unter den gleichen Produktionsbedingungen herstellen, damit der Wettbewerb als rein und perfekt betrachtet werden kann. Wenn dem nicht so ist – wenn es zum Beispiel nur einen einzigen Produzenten, ein Monopol, gibt – besteht das Risiko, dass die Anbieter ihre „Marktmacht“ ausnützen und den Käufern einen höheren als den „Wettbewerbspreis“ abknöpfen. Diese theoretische Auffassung führt paradoxerweise genau zum Gegenteil dessen, was in der Umgangssprache unter Wettbewerb verstanden wird. Danach stehen zwei Sportler nämlich im Wettbewerb, wenn jeder von ihnen versucht, besser als der andere zu sein – und nicht, wenn sie versuchen, die exakt gleiche Leistung zu erbringen. Tatsächlich hat die Welt, die von der Theorie des reinen und perfekten Wettbewerbs beschrieben wird, schlicht keinen Bezug zur menschlichen Realität.
Produzenten stehen nicht dann im Wettbewerb zueinander, wenn sie möglichst identisch sein wollen, sondern im Gegenteil, wenn sie versuchen, bessere und günstigere Produkte zu verkaufen als andere und so einen grösseren Marktanteil erlangen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sie einen freien Marktzutritt haben und über ihre Produktionsverfahren frei entscheiden können. […]
Wenn ein Produzent – durch den Wettbewerb angespornt – besonders innovativ ist, kann er bis zu 100 Prozent Marktanteil erringen – zum Beispiel, wenn er der Erste ist, der ein neues Produkt lanciert. Eine solche Situation wird jedoch durch die Theorie des reinen und perfekten Wettbewerbs als schädlich betrachtet – und entsprechend von der Wettbewerbsgesetzgebung. Doch der einzigartige Produzent und Innovator beutet die Käufer keineswegs aus, im Gegenteil, er eröffnet ihnen neue Optionen und Vorteile durch Innovation. Schädliche Monopole entstehen dagegen durch politischen Zwang, wenn nämlich verfügbare Optionen oder Alternativen verdrängt oder verboten werden. Eine gute Wettbewerbspolitik sollte darum staatliche Monopole bekämpfen, die einem Verbot des Wettbewerbs gleichkommen.
[…]
Zwei Auffassungen von Integration
Zu Beginn des europäischen Integrationsprozesses wurde die Liberalisierung des Handels zwischen den Ländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – zu Recht – als die wichtigste Zielsetzung definiert. Darum wurde damals vom „gemeinsamen Markt“ gesprochen. Der Abbau protektionistischer Handelsschranken wurde erfolgreich umgesetzt, er ermöglichte die Intensivierung des Wettbewerbs zwischen europäischen Produzenten. Diese Anfangsphase der europäischen Integration war also für die Europäer doppelt vorteilhaft: Einerseits durch die Innovation, die aus einem intensiveren Wettbewerb entstand, andererseits durch den Austausch der spezialisierten Aktivitäten.
Schritt für Schritt kam es dann in der Folgezeit aber zu einer Entgleisung im Integrationsprozess: Das Ziel des gemeinsamen Marktes – das heisst eines Wettbewerbsraums, in dem freier Zutritt zu den Märkten herrscht – wurde mehr und mehr zugunsten des Ziels gemeinsamer und vereinheitlichender Politiken aufgegeben. Gewiss, die Erarbeitung gemeinsamer Politiken begann schon zu Beginn der „europäischen Einigung“; manche von ihnen waren schon in den Römer Verträgen vorgesehen, welche die EWG begründeten. Jedoch fand eine Verschiebung der relativen Gewichtung der Ziele statt: Von der Schaffung eines gemeinsamen Marktes weg ist man heute zur Erarbeitung gemeinsamer Politiken übergangen, deren Anwendungsbereiche und Zielsetzungen sich kontinuierlich erweitern.
Eine wirtschaftliche Integration zwischen Ländern ist insofern wünschenswert, als dass sie den Märkten ermöglicht, sich frei und ohne Einmischung der nationalen Regierungen zu entfalten. Gemeinsame Politiken haben jedoch nicht selten das Ziel, den freien Wettbewerb zu beeinträchtigen. Der Begriff „Integration“ kann also zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen haben: Eine politische Integration muss nichts mit der Integration der Märkte zu tun haben und ist sogar oft ihr Gegenteil. Die europäischen Behörden sind sehr geschickt darin, Verwirrung um die beiden Bedeutungen des Wortes zu stiften. Sie benutzen ein unklares Verständnis in der öffentlichen Meinung, um Zustimmung für „harmonisierende“ Verträge zu erlangen. „Harmonisierung“ – schon das Wort lässt an eine Art gesellschaftliche Harmonie denken. Ein integriertes soziales System bedeutet allerdings nicht, dass all seine Teile identisch sind, sondern dass ihre Interaktionen miteinander eine kohärente (oder „harmonische“) Funktionsweise ermöglichen. Damit das so ist, muss jeder Bestandteil des Systems den Aktivitäten, den Bedürfnissen der anderen entsprechen, also spezialisiert sein. Es sind gerade der Wettbewerb und die damit verbundene Diversität, die im besten Sinne zu dieser Kohärenz (oder Harmonie) führen.
Um die Unterscheidung zwischen den beiden Verständnissen des Wortes „Integration“ nochmals zu verdeutlichen, soll eine weitere beliebte Verwechslung beleuchtet werden: jene zwischen dem Wettbewerb und der Harmonisierung der Wettbewerbsbedingungen. Wettbewerb bedeutet Wahlfreiheit, sei es seitens der Produzenten oder der Konsumenten. Er bedeutet nicht, dass sich alle Produzenten im gleichen Umfeld befinden oder dass sie den gleichen „Wettbewerbsbedingungen“ ausgesetzt sind.
[…] So benutzen der spanische Tomatenproduzent und der holländische Tomatenproduzent sehr unterschiedliche Produktionstechniken, weil sie in einer unterschiedlichen Umgebung agieren. Der spanische Produzent verfügt etwa über eine kostenlose Besonnung über eine längere Zeit. Dennoch kann der holländische Produzent mit durch Naturgas geheizten Gewächshäusern den spanischen Produzenten konkurrenzieren. Es wäre absurd zu verlangen, die „Wettbewerbsbedingungen“ zu harmonisieren, so dass beispiels- weise der spanische Produzent gezwungen würde, seine Tomatensetzlinge mit einer Plane abzudecken, um auf dieselbe Sonneneinstrahlung zu kommen wie der holländische Produzent. Wichtig ist hingegen allein die Sicherstellung des Wettbewerbs, sowohl auf der Ebene der fertigten Produkte als auch auf jener der Produktionsfaktoren.
Diese Unterscheidung lässt uns die grundsätzliche Kursabweichung der europäischen Integration zwischen den 1950er Jahren und heute verstehen: Der Prozess begann mit dem Wunsch nach mehr Wettbewerb zwischen europäischen Produzenten, nach und nach drängte sich jedoch die Harmonierung der Wettbewerbsbedingungen immer mehr in den Mittelpunkt. Diese Verschiebung der Prioritäten kommt im Streben nach gemeinsamen europäischen Politiken und Regulierungen in allen Tätigkeitsbereichen zum Ausdruck. Der lokale oder nationale Rechtsrahmen kann als ein Element des Umfelds der Produzenten und Konsumenten verstanden werden. Natürlich spielt er eine wesentliche Rolle in der Entscheidungsfindung der Wirtschaftsakteure. Folglich unter- liegen Produzenten, die unterschiedlichen Rechtssystemen unterstellt sind, nicht denselben Produktionsbedingungen. Dies hindert sie jedoch nicht, einander Konkurrenz zu machen.
Es gibt zwei Mittel, um diese Sachlage zu ändern:
Man kann – wie die Europäische Union – anstreben, die Gesetzgebungen zu „harmonisieren“, so dass sich alle Produzenten unter den gleichen rechtlichen „Wettbewerbsbedingungen“ befinden.
Oder man kann entscheiden, auch den Rechtsrahmen dem Wettbewerb auszusetzen: Jeder Produzent, jeder Vertragspartner wäre damit frei, sich dem Rechtssystem seiner Wahl zu unterstellen. Die Auswahl des passenden Rechtssystems unterliegt genauso der Verantwortung des Unternehmers wie die Auswahl der passenden Produktionstechniken. Wir haben gesehen, dass sich Unternehmen sehr wirksam konkurrenzieren können, indem sie sehr unterschiedliche Produktionstechniken verwenden. Nicht anders ist es auch bei den Rechtssystemen. Der internationale Wettbewerb findet ja bereits heute zwischen Produzenten statt, die unterschiedlichen nationalen Rechtssystemen unterstehen.
Der Wettbewerb der Rechtssysteme kann auf vielfältige Art behindert werden. So kann der Staat vorschreiben, dass die Bürger nur unter staatlichen Rechtssystemen auswählen dürfen. Ein wirklicher Wettbewerb würde hingegen bedeuten, dass die Produktion von Rechtssystemen liberalisiert würde. Insofern ist schon die Auswahl zwischen den bestehenden nationalen und lokalen Rechtssystemen ein sehr beschränkter Wettbewerb.
Doch die europäische Politik geht noch weiter: Anstatt den Bürgern eine Auswahl zumindest zwischen den bestehenden Rechtssystemen zu gewähren, strebt sie die Herstellung eines neuen supranationalen Rechts an, dem alle Europäer unterstehen. Die Regierungen aller Länder versuchen selbstverständlich zu bewirken, dass dieses supranationale Recht ihrem nationalen Recht so ähnlich wie möglich ist. Dies führt zu einem internationalen, sprich: interstaatlichen Verhandlungsprozess.
Kurzum: In der Diskussion um die europäische Integration bedarf es grösster Aufmerksamkeit gegenüber Sprachfallen. Das Ziel der „Integration“ kann zu zwei unterschiedlichen Realitäten führen: In einem Fall geht es um die Ausdehnung des Wettbewerbs – die Integration der Märkte; im anderen Fall geht es um die Reduzierung des Wettbewerbs, da die Differenzierung und Spezialisierung zwangsweise vermindert werden soll.
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Die Harmonisierung der Wirtschaftspolitiken
Um diese allgemeine Analyse zu veranschaulichen, sollen einige wichtige Beispiele der europäischen Harmonisierungspolitik unter die Lupe genommen werden: die Steuer- und Regulierungspolitik [Anm. Hayek Club Zürich: vorliegend wird nur dieses Thema wiedergegeben], die monetäre Integration und die Bankenunion.
- i) Steuerliche und regulatorische Harmonisierung
Eine der wichtigsten Bereiche der wirtschaftlichen Integration ist die „Steuerharmonisierung“. Es erscheint vielen Beobachtern offensichtlich, dass das Funktionieren eines einheitlichen europäischen Marktes einer „Angleichung der Wettbewerbsbedingungen“, insbesondere der Besteuerung bedarf. Wie schon betont wurde, ist es aber völlig absurd, in einer freien Marktwirtschaft die „Wettbewerbsbedingungen“ harmonisieren zu wollen, so dass alle Produzenten eines Landes oder irgendeiner geographischen Zone unter genau den gleichen Bedingungen, mit der gleichen Kostenstruktur, produzieren sollen.
Welcher Unterschied aber besteht zwischen der Harmonisierung der Besonnungsbedingungen für Tomatenproduzenten oder der Harmonisierung der Besteuerungsbedingungen? Die Besteuerung ist eines der vielen Elemente des unternehmerischen Umfelds. Unternehmer müssen sich den Steuern anpassen, genauso wie sie sich unterschiedlichen Klimakonditionen, Bevölkerungen oder Rechtsrahmen anpassen. Die Harmonisierung der Steuersätze zwischen Ländern ist nicht sinnvoller als die Harmonisierung irgendwelcher anderer Elemente der Produktionskosten. In Ländern, in denen die Steuerlast besonders hoch ausfällt, fürchten sich die Regierungen vor dem Steuerwettbewerb anderer Länder und scheuen keine Anstrengung, um die Steuern zu „harmonisieren“ – natürlich unter dem Vorwand der Errichtung „fairer“ Wettbewerbsbedingungen. Sie haben die Hoffnung, dass die Harmonisierung zu einer Angleichung der anderen Steuersysteme an ihre eigenen führt. Eine dumme Steuer wird aber nicht weniger dumm, wenn sie harmonisiert wird, ganz im Gegenteil! Viele europäische Länder sind leider wahre Steuerhöllen. Doch statt ihre Fehler zu korrigieren, führen die Regierungen einen Krieg gegen die „Steuerparadiese“, darunter natürlich diejenigen, die ausserhalb der Grenzen der Europäischen Union liegen, etwa die Schweiz. Es ist eindeutig zu bedauern, dass die Verhandlungsmacht der grossen europäischen Staaten ihnen schrittweise Siege sichert, so dass der (intra- und extraeuropäische) Steuerwettbewerb zugunsten der Steuerhöl- len an Boden verliert.
Der gleiche Gedankengang gilt für die Gesetze und Regulierungen. In einem Land wie Frankreich, wo der Arbeitsmarkt „organisiert“ ist, das heisst, in einer Vielzahl von lähmenden, komplexen und oft unverständlichen regulatorischen und legislativen Texte verstrickt ist, die weitgehend die hohe Arbeitslosigkeit erklären, wird über den „unlauteren Wettbewerb“ vernünftigerer Länder geklagt. Anstatt die Fehler des eigenen Systems zu korrigieren, verlangt man die Harmonisierung der „sozialen Gesetzgebung“ in Europa (oder gar, wenn möglich, in der Welt).
- ii) Die monetäre Union
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iii) Die Bankenunion
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Schlussfolgerung
Die nationalen Regierungen, aber auch die europäischen Behörden in Brüssel verfügen über erhebliche Mittel, um das Meinungsklima zu beeinflussen. So ist wohl zu erklären, dass an die Behörden der EU gedacht wird, wenn über Europa gesprochen wird – und nicht an die europäischen Bürger und ihre Freiheiten. Leider kehrt man damit dem gemeinsamen Erbe der Europäer den Rücken: der Entdeckung und Verteidigung der individuellen Freiheit.
Der europäische Integrationsprozess, so wie er sich derzeit entwickelt, birgt zahlreiche Gefahren. Dazu gehören das Risiko eines intensiveren europäischen Interventionismus und das Risiko eines neuen europäischen Protektionismus. Die Festung Europa rechtfertigt sich durch den Mythos, nach dem alles, was im Namen Europas geschieht, gut sei, und wonach sich Europa vor der äusseren Welt schützen sollte.
Wesentlich sinnvoller als dieser europäische Integrationsprozess wäre jedoch die Realisierung eines gemeinsamen weltweiten Marktes. Daher wäre es auch viel sinnvoller zu liberalisieren statt zu harmonisieren. Die Liberalisierung verlangt übrigens lediglich eine unilaterale Initiative, die jedes Land leicht für sich entscheiden kann, ohne auf die europäischen Nachbarn warten zu müssen. Die Besessenheit mit internationalen Verhandlungen verdrängt die Tatsache, dass die Liberalisierung gleichzeitig konzeptionell unkompliziert und leicht umsetzbar ist.
Es bedarf keiner Harmonisierung, um die besten zu sein. Betrachten wir nur den Erfolg der vier sogenannten asiatischen „Tiger“ (Südkorea, Hong Kong, Singapur und Taiwan): Diese Länder hatten keine harmonisierte, sondern eine niedrige Besteuerung und hohe Ersparnisse (gerade aufgrund ihrer Steuer- und Vorsorgesysteme). Sie bedurften keines einheitlichen asiatischen Marktes und keiner „Kommission der asiatischen Union“. Ihr Wirtschaftsraum war und ist die Welt. Dies gilt auch für die Schweiz, und es ist zu hoffen, dass sie ihre Einzigartigkeit bewahren kann und ein Raum der relativen Freiheit bleibt in einem Europa und einer Welt, die zu stark politisiert und „harmonisiert“ werden und die Vielfalt und den Wettbewerb zu sehr bedrohen. Dieses Europa und diese Welt brauchen das Beispiel der Schweiz und den Wettbewerb der wirtschaftlichen Systeme mehr denn je.
Dieser Text ist ein Auszug aus dem LI-Paper «Das Janusgesicht der europäischen Integration», September 2016, veröffentlicht vom Liberalen Institut, www.libinst.ch. Mit freundlicher Genehmigung.