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Eine alte Debatte von verblüffender Aktualität
Wer nach vernünftigen und gerechten Lösungen durch staatliche Gesetzgebung strebt, muss sich Effekte vorhalten lassen, die kontraproduktiv sind. Wer wiederum diese Effekte kritisiert, gilt als herzlos und reaktionär. Es ist, als tappe die Gesellschaft immer wieder in dieselben Fallen.
1786 erschien in England die „Streitschrift eines Menschenfreundes“, die wie keine zweite das Thema der Armut auf den Punkt brachte. Ihr Autor, Joseph Townsend, war ein Zwei-Meter-Mensch. Sein Geist entsprach seiner körperlichen Grösse. Er interessierte sich lebhaft für die Naturwissenschaften und verfasste ein bahnbrechendes Werk über Mineralien und ihre Bedeutung bei der Altersbestimmung von Erdschichten.
Frucht einer Spanienreise waren detaillierte Beschreibungen in zwei Bänden, die bis heute als Meisterwerk gelten. Gleichzeitig war er Theologe und zeitweilig eifernder Methodist. Zeit seines Lebens bekleidete er ein Pfarramt. Und weil ihm die Not der Menschen auf den Nägeln brannte, liess er sich zum Mediziner ausbilden. Seine Erfahrungen als Arzt fasste er 1781 im „Physician`s Vade Mecum“ zusammen, einem medizinischen Ratgeber, der in mehreren Auflagen erschien und vielfach übersetzt wurde.
Die Königin ist entsetzt
Elisabeth I. soll bei einer Rundreise durch ihr Königreich einmal schockiert ausgerufen haben: „Hier sind ja überall nur Arme!“. Die Folge war, dass um die Wende zum 17. Jahrhundert zahlreiche Gesetze erlassen wurden, die die Versorgung der Armen regelten. Dabei gingen Fürsorge und Disziplinierung Hand in Hand. Es gab für alle Gesunden im Alter zwischen 20 und 60 Jahren seit 1563 eine Arbeitspflicht, die in sogenannten Arbeitshäusern in aller Schärfe durchgesetzt wurde.
Leistungen von der jeweiligen Gemeinde zu beziehen, war kein Zuckerschlecken, und die Zuwendungen sollten nur für das absolut Lebensnotwendigste reichen. Doch die weitere Ausgestaltung der Armengesetze führte dazu, dass aus den ursprünglichen Almosen Unterstützungen wurden, auf die es gesetzlich verbriefte Ansprüche gab. 1796 wurden Tabellen eingeführt, die dazu dienten, an Hand der Brotpreise die Zuschüsse zu berechnen, die den unteren Einkommensschichten zur Sicherung der Existenzgrundlage zu zahlen seien. Diese „Speenhamland-Tabellen“ wurden bis 1833 genutzt.
An dieser sukzessiven Ausgestaltung der Armengesetze hat sich die Polemik von Joseph Townsend entzündet. Es war nicht nur die moralische Empörung des Theologen, der die Umdeutung von Bedürftigkeit in Ansprüche missbilligte. Vielmehr meldete sich bei ihm auch der neugierige Wissenschaftler. Ist es nicht ein Naturgesetz, so fragte er, dass weniger lebenstüchtige Tierarten von den stärkeren Rivalen verdrängt werden? Liegt hierin nicht ein unumstössliches Gesetz der Schöpfung?
Natur und Gesellschaft
Es war die Zeit, in der Denker wie Adam Smith die Wirtschaft und die Gesellschaft nach dem Vorbild der Naturwissenschaften neu analysierten. Sie wollten herausfinden, nach welchen Mechanismen Wirtschaft und Gesellschaft ablaufen. Eine wesentliche Entdeckung dabei war, dass zum Beispiel der Markt unabhängig von den subjektiven Motiven der Akteure funktioniert. Der Bäcker, so das berühmte Beispiel von Adam Smith, backt sein Brot nicht aus Philanthropie, sondern aus Eigennutz – und dient damit ganz unabsichtlich dem Gemeinwohl.
Empirisch liess sich beobachten, dass die Ausgestaltung der Armengesetze die Zahl der Armen nicht etwa verringert hatte, ganz im Gegenteil. Das war auch für den Staat ruinös. Im Jahr 1830 waren die Ausgaben für die Armen in England höher als alles anderen kommunalen Ausgaben. So konnte es nicht weitergehen. Die Befürchtung, dass die Kosten der Fürsorge den Wohlstand der Nation auffressen würden, wurde unabweisbar.
In seiner Schrift bezieht sich Townsend ausführlich auf das Beispiel einer Südseeinsel. Auf der Insel Juan Fernandez seien Ziegen ausgesetzt worden, die sich, weil sie keine natürlichen Feinde hatten, übermässig vermehrt hätten. Um dem zu begegnen, wurden wiederum Hunde ausgesetzt, die sich an den Ziegen gütlich taten. Irgendwann wurde diese Nahrung für die sich ebenfalls übermässig vermehrenden Hunde knapp, so dass sich am Ende eine Art Gleichgewicht herstellte.
Überzeugende Parallelen
Jede Störung dieses natürlichen Gleichgewichts, auch in bester Absicht, sei von grösstem Übel. Sehen könne man dies auch daran, dass die Armengesetze nur dazu führten, dass sich die Wohlfahrtsempfänger in ihrer Situation einrichteten und keinerlei Anstrengung unternähmen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Ohne natürliche Feinde oder Grenzen vermehrten sich die „Krüppel“, „Trinker“, „Unverschämten“, „Faulen“ und „Kränklichen“, wie es in einer auf sein Geheiss hin erstellen Liste im Jahre 1797 hiess.
Mit dieser Meinung stand Townsend nicht allein, ganz im Gegenteil. Der berühmte Schriftsteller Daniel Defoe, Verfasser von Robinson Crusoe, sah das ganz ähnlich. Auch Jeremy Bentham, der als Utilitarist eine Ethik kreiert hatte, die für das „grösste Glück der grössten Zahl“ die geeigneten Kriterien bereit stellte, sprach sich ebenso gegen die Armengesetze aus wie Edmund Burke, der kurz und bündig feststellte, dass es nicht Aufgabe des Staates sein könne, für die Wohlfahrt des Einzelnen zu sorgen. Diese Stimmung fand 1834 im „Poor Law Commisioner´s Report“ ihren Niederschlag, der der 200jährigen Tradition der Armengesetze in England ein Ende bereitete und weit in das 20. Jahrhundert hinein die sozialpolitischen Diskussionen beeinflusste.
Die Schrift Townsends und die hervorragende Einleitung und Kommentierung von Philipp Lepenies verblüffen durch ihre Aktualität. Es ist, als würde man heutigen Debatten folgen, und Lepenies zieht überzeugende Parallelen. Es seien damals wie heute konservative Denkmuster, die zu einer Ablehnung der gesetzlichen Unterstützung der Armen führten. Göttlicher Wille oder vermeintlich eherne der Natur entlehnten Gesetze lassen die Armut als unaustilgbares Phänomen erscheinen. Wie tief das – konservative - Misstrauen gegen den Menschen auch im aufgeklärten Denken verankert sein kann, zeigte sich bei Bentham daran, dass er Fabriken und Gefängnissen entwarf, in denen jeweils von einem zentralen Punkt aus ein einzelner Mensch alle anderen überwachen konnte: Panopitikum.
Was kann der Staat?
Mit besonderer Lust stürzte sich Karl Marx auf die Schrift Townsends. Im ersten Band des Kapital zerriss er sie nicht nur in der Luft, sondern machte auf eine besondere Pointe aufmerksam: Erstaunlich schnell nämlich war Townsend vergessen. Statt dessen wurde Thomas Malthus mit seinem zweibändigen Werk, „An Essay on the Principle of Population“, berühmt. Dieses wiederum war in weiten Teilen, wie Marx minutiös an Hand seiner Exzerpte nachwies, der Schrift Townsends entliehen. Jahre später gab Malthus in einer späteren Ausgabe seine Quelle an, nicht ohne zu bemerken, dass er zu seiner eigenen Überraschung erst nachträglich auf seinen Vorgänger aufmerksam geworden sei. - Auch dazu gibt es in der Gegenwart erstaunliche Parallelen.
Es mag sein, dass sich Geschichte nicht wiederholt, aber manche Denkmuster kehren immer wieder zurück. Philipp Lepenies, Ökonom an der KfW Entwicklungsbank in Frankfurt am Main, zeigt seine Sympathien zu Theoretikern unserer Zeit wie Albert O. Hirschmann und Paul Krugman, die gegen die Meinung ankämpfen, „dass die von staatlicher Seite eingeleiteten Massnahmen genau das Gegenteil von dem erreichen, was eigentlich ihr Ziel sei.“
Es ist ein grosses Verdienst des Suhrkamp Verlags, die lange vergessene Schrift Joseph Townsends mit der vorzüglichen Kommentierung von Philipp Lepenies herausgebracht zu haben.
Joseph Townsend, Über die Armengesetze. Streitschrift eines Menschenfreundes, herausgegeben und mit einem Nachwort von Philipp Lepenies, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1982, Berlin 2011