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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.
28. Frage darüber, daß die Vergießung von Thränen nicht in unserer Gewalt sei.
Germanus: Dieser Affekt der Zerknirschung ist zum [S. 568] Theil auch meiner Wenigkeit nicht unbekannt. Denn oft, wenn mir beim Andenken an meine Sünden Thränen kommen, werde ich durch Heimsuchung Gottes von jener unaussprechlichen, vorerwähnten Freude so belebt, daß gerade die Größe der Fröhlichkeit mich versichert, ich dürfe an der Verzeihung derselben nicht verzweifeln. Ich glaube, daß Nichts höher wäre als dieser Zustand, wenn seine Wiederholung in unserer Macht läge. Aber zuweilen, wenn ich wünsche, mich zu einer solchen thränenreichen Zerknirschung mit aller Kraft zu erwecken, und mir alle meine Fehler und Sünden vor Augen stelle, kann ich doch diesen reichlichen Thränenstrom nicht wieder hervorrufen, und es sind meine Augen nach Art eines ganz harten Kiesels so verhärtet, daß durchaus kein Tropfen Feuchtigkeit aus ihnen träufelt. So sehr ich mich also in jener Thränenvergießung freue, so sehr schmerzt es mich, daß ich sie nicht je nach meinem Willen wieder hervorrufen kann.