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Die inzwischen weitgehend verlassene Hormonersatztherapie basierte auf der Annahme, dass die Menopause das Herzkreislaufrisiko von Frauen steigert. Dies wird jetzt von einer Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2011; 343: d5170) bezweifelt.
Die geringe Zahl von Herzinfarkten bei jüngeren Frauen verglichen mit gleichaltrigen Männern wurde in der Vergangenheit mit einer protektiven Wirkung der Östrogene erklärt. Dies war ein bedeutendes Argument für die Hormonersatztherapie, die diese Schutzwirkung nach den Wechseljahren erhalten sollte.
Dass dieser Ratschlag, der sich auf die Resultate von zweifelhaften Beobachtungsstudien gründete, schlichtweg falsch war, haben ab dem Jahr 2002 die nach und nach eintreffenden Ergebnisse der Women’s Health Initiative klar gemacht. Die Frauen erkrankten nicht seltener, sondern häufiger an Herzinfarkten, wenn sie die Hormone substituierten, die vor der Menopause in den Eierstöcken gebildet wurden. Dass unter der Hormonersatztherapie außerdem das Brustkrebsrisiko sich erhöhte, hätte man eigentlich vorhersehen müssen, da die Hormone schließlich als Wachstumsfaktoren für das rezeptorpositive Mammakarzinom bekannt waren.
Doch weshalb sterben Frauen nach der Menopause häufiger an Herzinfarkten? Die Antwort, die Dhananjay Vaidya von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore nach der Analyse der Sterberegister in England, Wales und den USA fand, lautet einfach: Das Alter. Wer hätte das gedacht: Frauen sind nach der Menopause älter als vorher und mit jedem Lebensjahr steigt die Herzinfarktmortalität bei Frauen um fast 8 Prozent.
Dass Männer in den 40er-Lebensjahren häufiger von Herzinfarkten betroffen sind liegt laut Vaidya an einem steilen Anstieg der Mortalität vor dem 45. Lebensjahr, wo die Zahl der Herzinfakttodesfälle sich um bis zu 30 Prozent pro Jahr erhöht.
Nach dem 45. Lebensjahr kommt es zu einer starken Verringerung des Anstiegs auf 5,2 Prozent pro Jahr. Dadurch werden sich Männer und Frauen betreffend Herzinfarkt ähnlicher, ohne dass hierbei Hormone eine Rolle spielen. Eine mit der Menopause der Frau vergleichbare „Andropause“ des Mannes gibt es als punktuelles Ereignis jedenfalls nicht. Die Testosteronbildung sinkt bei Männern schon ab den 30er-Lebensjahren stetig.
Auch die Tatsache, dass die meisten Brustkrebserkrankungen nach der Menopause auftreten, kann leicht fehlinterpretiert werden. Auch hier gibt es laut den Resultaten von Vaidya eine „Entschleunigung“.
Vor den Wechseljahren erhöht sich die Sterberate um fast 19,3 Prozent pro Jahr, später aber nur noch um 2,6 Prozent. Es liegt nahe, diese Entwicklung auf den Wegfall der Bildung krebsfördernder Hormone in den Ovarien zurückzuführen.
Quelle:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/47241/Menopause_kein_kardiales_Risiko.htm
http://www.bmj.com/content/343/bmj.d5170.abstract
Kommentar & Ergänzung:
Diese im BMJ publizierte Studie bestätigt einmal mehr, auf welch fragwürdigen Vorannahmen die jahrzehntelang gängige Hormonersatztherapie gründete. Die jahrzehntelange fast „flächendeckende“ Behandlung von Frauen in den Wechseljahren mit einer „Hormonersatztherapie“, die wenig Nutzen hat und sogar das Risiko für gewisse Formen von Brustkrebs steigert, ist sehr kritikwürdig.
Allerdings muss man – um nicht in tumbe, einseitige Feindbilder zu verfallen – dem medizinisch-wissenschaftlichen System zugute halten, dass es über ein Instrumentarium verfügt, um solche fundamentalen Irrtümer (mit der Zeit) aufzudecken. Auch wenn dies im Falle der Hormonersatztherapie lange – zu lange – gedauert hat.
Beobachtungsstudien und klinische Studien haben nach und nach Risiken dieser Behandlung aufgezeigt und den versprochenen Nutzen in Frage gestellt.
Heute werden Vorteile und Nachteile einer Hormonersatztherapie differenzierter dargestellt.
Die Fähigkeit, Irrtümer mittels Studien zu korrigieren – auch wenn es manchmal lange dauert – ist ein wesentlicher Grund für Fortschritte in der Medizin.
Das ist ein Vorteil der Medizin gegenüber vielen Konzepten der Komplementärmedizin, die sich aufgrund von Dogmatisierungen (z. B. durch Gründerfiguren, Gurus) sehr schwertun mit der kritischen Überprüfung von tradierten Glaubenssätzen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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