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Gleichstellung 2021 – was Frauen (und Männer) wollen
Vor 20 Jahren konnte der chauvinistische Protagonist im Film «Was Frauen wollen» nach einem Stromschlag die Gedanken der Frauen lesen … und sie so besser verstehen. Heute enthüllen zwei deutschsprachige Studien, wie Frauen die Gleichstellung wahrnehmen und wie sich der mediale Diskurs über die Männer entwickelt hat. Aus Sicht der Frauen ist die Gleichstellung in der Arbeitswelt 2021 noch immer nicht erreicht. Der «Gender Care Gap» ist kein punktuelles konjunkturbedingtes Phänomen. Und das Parlament müsste hinsichtlich der Bedürfnisse der beiden Geschlechter besser hinhören.
Der Film «Was Frauen wollen», lässt sich einfach zusammenfassen: Nick Marshall, Führungskraft in einer Werbeagentur, schafft es nicht, die Erwartungen der Frauen zu erfüllen, weil er sie schlicht nicht versteht. Seine Werbekampagnen entsprechen nicht mehr dem, was die Frauen erwarten. Nach einem Stromschlag kann er die Gedanken der Frauen plötzlich lesen. Das ist die Magie des Kinos. Um mehr über die Erwartungen von Frauen und Männern zu erfahren, ist es gewiss besser, sich auf seriöse Studien zu verlassen. Etwa auf die im Februar 2021 veröffentlichte Befragung « annajetzt » des Instituts Sotomo, die von der Zeitschrift annabelle in Auftrag gegeben worden war.
Die Gleichstellung hat sich laut 6000 Frauen in der Deutschschweiz, die an der Befragung teilgenommen haben, zwar insgesamt gut entwickelt, doch der grösste Handlungsbedarf besteht nach wie vor in der Arbeitswelt. Lohngleichheit, Möglichkeiten zur Vereinbarkeit, Vorteile der Männer: Diese Begriffe zeigen hauptsächlich auf, wo es – 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts – noch immer hakt.
Zwei Drittel der Frauen meinen, dass der Stand der Gleichstellung im privaten Umfeld, in der Politik oder in der Öffentlichkeit eher gut ist. Hingegen stellen 60 Prozent der Befragten fest, dass das im Berufsleben nicht der Fall ist. Die jungen berufstätigen Frauen (25–34 Jahre) sind am wenigsten zufrieden: Sie haben die Einführung der früheren Massnahmen nicht direkt erlebt, wie ihre Mütter oder Grossmütter (Stimmrecht, Gleichstellung in der Ehe, Recht auf Abtreibung usw.). Schliesslich sind fast drei Viertel (72 %) der Frauen der Ansicht, dass Männer in der Schweiz insgesamt mehr Vorteile haben.
Mental Load – weit mehr als ein feministisch geprägter Begriff
Der Begriff des «Mental Load» tritt in der öffentliche Debatte neu auf. Konkret steht «Mental Load» dafür, an alles zu denken, jederzeit, damit alles für die Familie rundläuft. Der Begriff bezeichnet die Organisation, die Planung im Haushalt und in der Familie, aber auch das Pflegen sozialer Beziehungen (Geburtstage, Einladungen, Feste usw.), das Erkennen von Bedürfnissen bei Personen aus dem gleichen Haushalt und natürlich die Kindererziehung und die Care-Arbeit. Gemäss der Studie über den medialen Diskurs über Männer, die vom Schweizerischen Institut für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG) publiziert wurde, haben nur die Westschweizer Medien diesen Begriff verbreitet. Das liegt daran, dass das Konzept der «charge mentale» 2017 in Frankreich von Comicautorin Emma unter die Leute gebracht wurde. Ihr Comic «Fallait demander» erlebte in den sozialen Medien einen überwältigenden Erfolg.
Die Medien spiegeln nicht die ganze Realität wider. Der Begriff «charge mental»/«Mental Load» wird in der Studie des SIMG nur kurz erwähnt, während die Befragung annajetzt dem Begriff ein ganzes Kapitel widmet und damit belegt, dass die Frage die Frauen in der Schweiz, auch in der Deutschschweiz, beschäftigt. «Mental Load» bleibt offenbar den Frauen vorbehalten: 81 Prozent der Frauen geben an, dass sie wesentlich mehr leisten als ihr Partner. Solange der «Mental Load» nicht geteilt wird, erstaunt es nicht, dass das Phänomen vom SIMG als «feministisch geprägter Begriff» abgetan wird.
Um diesen «Mental Load» zu verteilen, muss sicherlich ein Elternurlaub verabschiedet werden, damit die Männer lernen «sich für ihren Haushalt verantwortlich zu fühlen», wie die Comicautorin Emma treffend sagt. In diesem Punkt kann Travail.Suisse stolz sein, den Kampf für den Vaterschaftsurlaub, der seit 1. Januar 2021 in Kraft ist, geführt und gewonnen zu haben. Gleichzeitig hat sich Travail.Suisse für den von Nationalrat Marco Romano 2013 vorgeschlagenen Adoptionsurlaub eingesetzt, der im September 2020 vom Nationalrat verabschiedet wurde (Parlamentarische Initiative 13.478). Der Dachverband beteiligt sich nun an Diskussionen, die zur Verabschiedung eines mehrmonatigen Elternurlaubs führen sollen. Weitere Massnahmen sind denkbar, etwa das Recht auf Teilzeitarbeit oder die Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit.
Die ideale Lebensweise der Frauen impliziert Ungleichheit
Im Rahmen von annajetzt wurden die Frauen über ihre Werte und ihre bevorzugten Lebensweisen befragt. Die inkonsistenten Äusserungen werfen Fragen auf. Effektiv verdient nicht einmal die Hälfte der erwerbstätigen Frauen genug, um den Lebensunterhalt alleine zu bestreiten, weshalb sie auf finanzielle Unterstützung durch den Partner oder die Partnerin angewiesen ist. Dies ist eine Folge der Teilzeitarbeit, die die Mehrheit der erwerbstätigen Frauen betrifft. Doch das ideale Erwerbsmodell, das von den meisten Frauen genannt wird, ist traditionell geprägt: Laut ihnen müssten die Männer Teilzeit arbeiten, jedoch mit einem 80-Prozent-Pensum, während die Frauen sich mit einer 50-Prozent-Stelle begnügen könnten. Damit sind wir weit von einem egalitären Modell entfernt, bei dem Männer und Frauen sich die Verantwortung für die Beschäftigung und das Einkommen des Haushalts fair teilen, aber gleichzeitig auch die Belastung der Haus- und Familienarbeit (und den Mental Load).
Entspricht dieses überraschende Ergebnis dem Phänomen des «Maternal Gate Keeping», das von der SIMG-Studie hervorgehoben wird? Würde es seitens der Frauen Widerstand geben, wenn sie ihre «häusliche Vormachtstellung» aufgeben müssten? Das lässt der Diskurs der Print- und Onlinemedien durchblicken. Im Mittelpunkt der Debatten steht der «Gender Care Gap» oder die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen. Für den Autor der SIMG-Studie ist klar, dass diese Frage nur wegen der Coronakrise und den Nachwirkungen des «Frauenstreiks 2019» so stark in den Medien vertreten ist. Die Statistiken zeigen klar, dass die Frauen während der Schliessung der Schulen und Kindertagesstätten im Frühjahr 2020 mehr unter den Tagen mit Dreifachbelastung litten als die Männer. Die ungleiche Verteilung der unentgeltlichen Arbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird und die in den Wirtschaftsdaten nicht auftaucht, hat sich während der Coronakrise sicherlich verschärft. Allerdings handelt es sich dabei um ein sehr altes Problem, das nicht in nur einem Jahr entstanden ist.
Die Erwartungen der Frauen 2021: Lohngleichheit, Rentenalter und Vereinbarkeit
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das ist die wichtigste Forderung: 85 Prozent der befragten Frauen sehen hier dringenden Handlungsbedarf. Die 2020 von Travail.Suisse und seinen Mitgliedern lancierte Plattform respect8-3.ch bleibt daher hochaktuell. Travail.Suisse hat dieses Instrument entwickelt, nachdem feststand, dass die jüngste Revision des Gleichstellungsgesetzes viel zu lasch war. Ganz offensichtlich hat das Parlament die Forderungen der Männer und Frauen anlässlich des Frauenstreiks nicht ausreichend wahrgenommen. Solange die Schweiz nicht über die notwendigen Kontroll- und Sanktionsinstrumente verfügt, um das Gesetz und den verfassungsmässigen Grundsatz der Gleichstellung von Frau und Mann durchzusetzen, und solange die Lohndiskriminierung anhält, wird sich die Politik damit befassen müssen.
Die Befragung annajetzt zeigt auf, welche Themen neben der Lohngleichheit ein rasches Eingreifen erfordern: Die finanzielle Absicherung der Frauen im Alter (69% der Befragten) liegt gleichauf mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie (68 %), gefolgt von der Wertschätzung für Care-Arbeit (64 %) und der Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt (54%).
Die jüngsten Debatten im Parlament über die AHV und das Rentenalter der Frauen zeigen erneut, dass die Mehrheit die Forderungen der heutigen Frauen noch immer nicht zur Kenntnis genommen hat. Gleiches gilt für die Ablehnung der Motion von Travail.Suisse-Präsident Adrian Wüthrich, der die Erarbeitung eines Rahmengesetzes für eine schweizweite familienergänzende Kinderbetreuung sowie eine stärkere Finanzierung durch den Bund forderte (Motion 19.3190). Travail.Suisse unterstützt das Anliegen, dass die familienergänzende und die ausserschulische Kinderbetreuung sowie die Betreuung abhängiger Personen vom Staat übernommen werden sollen. Doch noch ist nichts verloren, und das Parlament wird sich mit der parlamentarischen Initiative der WBK-N (21.403) vom Februar 2021, die dasselbe Ziel verfolgt, revanchieren können. Dieser Vorstoss wurde übrigens von der Schwesterkommission des Ständerats angenommen. Travail.Suisse ist guter Hoffnung, dass die Fortführung der familienergänzenden Betreuung auf Bundesebene endlich sichergestellt wird.