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Hochtouren im Bergell im Sommer 1893
f Anton v. Rydzewsky.
Von
Vorbemerkung der Redaktion.
Im nachfolgenden veröffentlichen wir aus dem Nachlass eines langjährigen Mitgliedes der Sektionen Davos und Bern einen stark gekürzten und streng auf das Sachliche beschränkten Auszug aus einem sehr umfangreichen Manuskripte des 1913 verstorbenen Verfassers, das dieser zum Zweck einer Veröffentlichung in Buchform zusammengestellt hatte unter dem Titel: « In den Hochalpen Graubündens und des Veltlin. Das Bergell. Erlebnisse aus den Jahren 1891 bis 1900. » Das gesamte Manuskript, einschliesslich ein über 40 Originalaufnahmen des Verfassers umfassendes Bildermaterial, wurde uns zur Prüfung und beliebiger Verwendung zugestellt von dem frühern Präsidenten der Subsektion Bregaglia, G. Torriani, Arzt in Chur, der uns seinerseits eine Druckerlaubnis der Witwe des Verstorbenen vorgewiesen hat.
Bei der Auswahl war ausser dem beschränkten Raum, welchen das Jahrbuch zur Verfügung stellen konnte, der Umstand massgebend, dass die Kampagnen von 1891 und 1892 in diesem Jahrbuch, Band XXVII bis XXIX grösstenteils, und aus der des Jahres 1893 die Besteigung der Scioranadel in Band XXXI zur Darstellung gekommen waren. Anderseits bot die Kampagne von 1893 insofern ein geschlossenes Bild, als Herr von Rydzewsky dabei von Christian Klucker und Emil Rey begleitet war, eine Führerkombination, die sich später für ihn nicht wiederholt hat.
Aber es wäre ungerecht und einseitig, wollten wir nicht den Verdiensten des Autors um die Erschliessung des Bergells, die er sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, in der Weise gerecht zu werden suchen, dass wir aus seinen übrigen Manuskripten und Veröffentlichungen ein Gesamtbild der von ihm in den Jahren 1889 bis 1900 ausgeführten, grossenteils neuen Besteigungen und Passüberschreitungen im Silvrettagebiet, in der Berninagruppe und in den Bergelleralpen entwerfen. Zum bessern Verständnis schicken wir eine kurze Lebensskizze des Verfassers voraus, welche wir in der Hauptsache Herrn Torriani verdanken. Einige Ergänzungen, namentlich über die bergsteigerische Tätigkeit v. Rydzewskys ausserhalb des Bergells, entnehmen wir seinen gelegentlichen Aussagen im Manuskript.
Anton von Rydzewsky wurde geboren am 20. Juli 1837 als Sohn des Generals Nikolai von Rydzewsky und seiner Frau Rosa geb. von Schweder. Seine Gymnasialausbildung erhielt er von 1851 bis 1855 in der Privaterziehungsanstalt von Hörschelmann zu Werro in Livland. Von 1856 bis 1860 studierte er in Dorpat Philosophie, Rechtslehre, Psychologie, russische Geschichte und Staatslehre.Von 1861 ab war er einige Jahre Verwaltungsbeamter in Petersburg, siedelte dann aber nach Deutschland über und liess sich dauernd in Dresden nieder, wo er die 40 letzten Jahre seines Lebens zubrachte. Er gehörte der evangelisch-lutherischen Kirche an. In diesem langen Zeitraum besuchte er fast jeden Sommer die Schweiz und im besondern das Bergell, wo er sein Standquartier gewöhnlich im Bergellerhof in Promontogno nahm. A. von Rydzewsky war zweimal verheiratet, aber kinderlos. Er starb am 24. August 1913 in Klotzsche bei Dresden und ist auf dem Trinitatis-friedhof in Dresden begraben.
Rydzewskys alpine Karriere begann beinahe zufällig im Jahre 1886, wo er sich an den Gestaden des Léman aufhielt, mit einer Besteigung des Mont Blanc, die er mit Führern und in Gesellschaft zweier Engländer ausführte. Es schlössen sich in den darauffolgenden Jahren Besteigungen in den Dolomiten und im Silvrettagebiet an. Erwähnt werden in den erstem der Pelmo mit dem Grohmann-schen Weg und die Führer Michele Bettega und Mansueto Barbaria, in dem letztern u.a. eine Traversierung des Verstanklahorns, mit den Führern Leonhard Guler und Christian Jann. Von 1891 hinweg wendet er sich dem Bergell zu, und nun können wir ihn fast auf Schritt und Tritt verfolgen, wie die nachfolgende Liste zeigt.
1891. Pizzo Grande oder Alto 6. VI. Cacciabellapass 13. VI. Führer: Chr. Klucker und Mansueto Barbaria. Cacciabellapass = Passo Cacciabella di dentro sud des Bündnerführers. Monte di Zocca 15. VI. Zweite Besteigung auf neuem Wege von Norden. Cima di Cantone 18. VI. Erste Besteigung. Der Piz Bacone und sein Ostgrat 26. VI., auf neuem Weg über den Fornogletscher. Cima del Largo, Mittlere Spitze 27. VI. Eine Erstlingstour auf die Cima del Largo = Cima del Largo Ostgipfel des Bündnerführers 30. VI. Der Torrone Centrale 8. VII. Erstersteigung. Der Jägerpass 9. I. Passo dei Cacciatori des Bündnerführers. Sciora di Fuori 12. VII. Erste Ersteigung. Sciora di Dentro 17. VIL, auf neuem Wege.
1892. Eine Erstlingstour auf die Gemelli oder die Zwillinge 9. VI. = Pizzi Gemelli des Bündnerführers. Forcola di Sciora und der Ago di Sciora 11. VI. Erste Besteigung der Punta Rasica 27. VI. Die Cima di Cantone über ihren Nordostgrat 28. VI. Die erste Ersteigung der Cima di Vazzeda und die Cima di Rosso über ihren Nordostgrat 29. VI. Zweiter Versuch auf den Ago di Sciora 4. VII. Die Sciora di Fuori 6. VII. Der Cengalo von Norden 9. VII. = Piz Cengalo des Bündnerführers.
1893. Ago di Sciora 4. VI., erste Ersteigung. Cima di Rosso von Norden. Der Torrone Occidentale von Norden. Die Cima di Castello von Osten. Der Piz Badile über seinen Ostgrat. Ein missglückter Versuch auf den Monte della Disgrazia. Der Pizzo di Ferro orientale von Norden.
1894. Der Dente del Lupo oder Wolfszahn.
1895. Der Cacciabellapass 31. V. = Passo Cacciabella di dentro sud des Bündnerführers. Das Cengalojoch 22. VI. = Colle del Cengalo des Bündnerführers. Die Cima di Vazzeda 10. VIL, auf teilweise neuem Wege. Zoccapass, Colle della Rasica und Passo di Castello 16. VII. = Passo di Zocca oder di San Martino des Bündnerführers.
1896. Versuch auf die Punta Pioda oder Plattenspitze vom Bondascatal aus 19. VI. Cima di Sdora 22. VI., auf teilweise neuem Wege. Das Trubinasca-tal. Der Pizzo Trubinasca 29. VI. = Piz Trubinasca des Bündnerführers. Eine Rekognoszierung des Badilecouloirs von der Schweizerseite aus 2. VII. Ein Versuch, den Piz Badile über seinen Westgrat zu besteigen 4. I. Die Traversierung des Badilewestgrates und was sich vom 5. bis 9. VII. exklusive auf dem Sassfora zutrug. Zweiter Versuch an der Eiswand des Badilecouloirs 6. VII. Eine Traversierung der Gletscher des Bondascatals und die des Ago-Scioragrates 9. VII.
1897. Die Cima della Bondasca oder der Ferro Centrale 6. VI. = Pizzo del Ferro Centrale des Bündnerführers. Der Pizzo Grande 7. VI. = Piz Grande des Bündnerführers. Die Ersteigung der Punta Pioda oder Plattenspitze vom Bondascatal aus 8. VI. = Punta Pioda di Sciora des Bündnerführers. Auf dem Sassforà 10. bis 14. VI. Die Ersteigung des Piz Badile, der Schaufelspitze, über den Westgrat. 14. VI. Der Monte della Disgrazia von Süden 23. VI. Eine Ersteigung der nördlichen Cacciabella oder Theobaldpyramide = Piz Cacciabella nord des Bündnerführers.
1898. Die erste Besteigung und Traversierung des Piz Tremoggia über seine Nordwand. Die Fuorcla da Roseg.
1899. Eine erste Ersteigung des Badilet 12. VI. = Piz Badilet des Bündnerführers, von der Schweizerseite aus. Führer: Klucker und Angelo Dandrea. Im Forno- und Porcellizzotal. Eine Expedition in die Val Duana 1. VII. Die Val und der Passo della Neve 4. VII. Erste Ersteigung der Punta Alessandra 9. VII. = Torrone Centrale ovest des Bündnerführers. Führer: Klucker und Joh. Eggenberger.
1900. Versuch auf die unbenannte Spitze 16. VI. Erste Ersteigung der Punta Rydzewsky 20. VI. = Ago di Trubinasca. Eine erste Traversierung des Torrone Centrale 24. VI.
Während es Herrn von Rydzewsky nicht vergönnt war, das im Eingang seiner Manuskripte in Aussicht genommene Hauptwerk über die Bergelleralpen veröffentlicht zu sehen, hatte er, welcher 1886 der Sektion München des D. u. Ö.A.V. und 1890 der Sektion Davos, später der Sektion Bern des S.A.C. als Mitglied beigetreten war, Gelegenheit, in deren Vereinsschriften während eines Jahrzehnts über seine Bergfahrten zu berichten. Bekannt sind mir folgende Aufsätze in chronologischer Reihenfolge:
1886. Eine Mont Blancbesteigung. Mitteil, des D. u. Ö.A.V. 1886, S. 241 ff.
1889. Der Pelmo und der Grohmannsche Weg. Mitteil, des D. u. ö. A. V. 1889, S. 191 ff.
1890. Touren in der Silvretta-Gruppe. Mitteil, des D. u. Ö.A.V. 1890, S. 294 ff.
1891. Traversierung des Verstanklahornes. Mitteil, des D. u. Ö.A.V. 1891, S. 15 ff.
1891. Touren in den Bergeller Alpen. Mitteil, des D. u. Ö.A.V. 1891, S. 269 ff.
1891. Im Hochgebirge des Bergell. Erste Besteigung des Pizzo Bacone über den Südostgrat. Die erste Ersteigung der Cima del Largo und ihre Westwand. Eine Erstlingstour auf den Pizzo Torrone Centrale. Ein Jägerpass ( Passo di Cantone ). 1891, Jahrbuch S.A.C., XXVII, S. 184—205.
1892. Pizzi Gemelli ( erste Ersteigung ), Passo di Sdora, Colla della Rasica, Passo di Val Buona, Punta Rasica ( erste Ersteigung ), Passo di Cantone, Cima di Cantone ( neuer Weg ), Cima Vazzeda ( erste Ersteigung ), Cima di Rosso ( neuer Weg ), Sdora di Fuori IV, Piz Cengalo ( neuer Weg ). Chronik der Sektion Davos aus Jahrbuch S.A.C., XXVIII.
Die Gletschertäler und Höhen der Albigna und Bondasca, Cacciabellapass, Monte di Zocca, Die Cima di Cantone, Eine Erstlingstour auf die Punta Pioda di Sciora ( d. Plattenspitze ), Die Cima di Sciora auf neuem Wege. Jahrbuch S.A.C., XXVIII, S. 149—170.
1892. Im Hochgebirge des Bergell: Eine Erstlingstour auf die Gemelli oder Zwillinge, Die Punta Rasica, Der Nordgrat der Cima di Cantone, Eine erste Ersteigung der Cima di Vazzeda und der Cima di Rosso über den Nordostgrat. Jahrbuch S.A.C., XXIX, S. 135—163.
1893.Albigna-Disgraziagruppe. Il Dent di Sciora, Torrone occidentale, Cima di Rosso, Cima di Castello, Piz Badile, Bagni del Masino, Bondopass, Pizzo di Ferro orientale. Alpina, Bd. I, S. 31 u. 38, 1893.
1894. Piz Gemelli, Passo di Sciora, Forcola della Rasica, Passo di Val Buona, Punta Rasica, Cima di Cantone, Passo di Cantone, Cima Vazzeda, Sciora di Fuori, Piz Cengalo. Alpina, S. 33, 1894.
1895. Eine Hochtour im Bergell. Die erste Ersteigung der Scioranadel. Jahrbuch S.A.C., XXXI, S. 53—72.
1898. Ersteigung des Piz Badile über den Westgrat. Zeitschr. des D. u. Ö.A.V., 1898, XXIX, S. 190.
1* Cima di Rosso von Norden.
Am 7. Juni 1893, um 2 Uhr 20 Minuten, trat ich vom Hotel Malojakulm aus mit Emil Rey, Christian Klucker und einem Träger den Marsch zur Fornohütte an. Auf der kleinen Anhöhe gegenüber dem Pian Canino ist in einem grossen Felsblock ein kleines Kreuz eingelassen. Rechts vom Wege an der westlichen Felswand geriet vor ein paar Jahren ein Hirtenknabe ins Rutschen und fand im Absturz seinen Tod. Ihm zum Andenken ist das Kreuz errichtet.
An der Quelle unterhalb des Pian Canino hielten wir — es war gegen 4 Uhr — eine Rast, und 2 Stunden später standen wir auf dem kleinen Plan vor der Fornohütte. Uns empfing hier eine Flühlerche mit ihrer ansprechend klangreichen und sanften Stimme. Der Ton ihrer lieblichen Weise inmitten der Eis- und Schneewüste sprach um so mehr zu Herzen, als in diesen Höhen gegen die Zeit des Sonnenunterganges — es war 6 Uhr — der Lärm des Tages mit seinen Lawinenstürzen und Steinschlägen und dem Rauschen der Gletscherwasser bereits erstorben war. Es schien, als ob diese Vogelstimme einem das: « grossmächtig ist hier im Hochgebirge die Natur in ihrer Schöpfung und du, Wanderer, bescheide dich, der du deine Schritte hier herauf lenkst », zurufen wollte.
An jenem 7. Juni stand es wohl anders um die Fornohütte als damals, wo die nichtsnutzige Schmugglerbande, ein wahrhaft teuflisches Gesindel, mit vandalischer Wut in der sonst so stillen Behausung umhertobte, alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich fortschleppte und, was sie nicht mitnehmen konnte, demolierte, die Fensterläden aus ihren Angeln riss, eine widerwärtig-greuliche Verwüstung anrichtete und selbst ein der Hütte geschenktes Thermometer verschwinden liess.
In den stillen und schönen Abend jenes 7. Juni wob der Gesang der kleinen Lerche einen heitern Frieden und eine noch grössere Ruhe. Über den Gletscher zogen langsam bald dorthin, bald dahin leichte Nebel. Dazwischen schaute der blaue Äther durch das Gewoge, und dann und wann erglänzte der schwache Schimmer eines freundlichen Sterns. Im Osten jedoch, über der blendend weissen Schneelinie des Valbuonapasses, spannte sich rein und klar diesseits des Berninastockes ein Stück des italienischen Himmels aus. Lange stand ich vor der Hütte und blickte, in Gedanken versunken, in den dämmernden Abend hinaus. Inzwischen hatte mir Rey mein Lager zurechtgemacht. Ich schlief die Nacht sehr schlecht.
Die den ganzen Winter über verschlossenen Räume, besonders das Touristenzimmer, konnten in der kurzen Zeit bis zu unserem Schlafengehen weder ordentlich durchlüftet noch erheizt werden. Mich fror trotz dreier Decken, und so stellte sich eine Verschlimmerung meines gichtischen Zustandes ein. Ich bekam heftiges Reissen in den Händen.
Es schien fast, als ob es meine spezielle, durchaus nicht beneidenswerte Aufgabe sei, der ich aus verschiedenen Gründen früh im Jahr in die Berge ziehe und so auch diesmal das Fornotal als erster Tourist besuchte, die Fornohütte, dieses winterliche Sommerpalais, einzuwohnen.
Wenden wir uns jetzt dem Berge zu, dessen Ersteigung ich im folgenden schildern will.
Die Cima di Rosso ist die höchste Erhebung der vom Monte Sissone ( 3363 m ) nach Norden streichenden Fels- und Schneemauer, die das Fornotal im Osten abschliesst und deren Kammlinie von mehreren tiefen Einschartungen und zwei Pässen durchsetzt wird. Dieser Gratzug weist ausser der Cima di Rosso und dem Monte Sissone noch vier höhere Gipfel auf. Von der dem Hauptgrat aufsitzenden höchsten Spitze, einer in ihrer blendenden Weisse weit sichtbaren Calotte, der 3367 m hohen Cima di Rosso, senkt sich in streng westlicher Richtung ein 1 km langer Grat ab. Dieser Grat besteht in zwei Drittel seiner Gesamtlänge aus einem von einzelnen Klippen durchsetzten, fast in horizontaler Linie fortlaufenden Schneekamm. Durch zwei steile Abstürze bildet jener Grat zwei gewaltige Treppenstufen-Terrassen, deren zweite, untere Steilwand dem Fornogletscher selbst aufsteht. In die für uns in Betracht kommende, nach Norden orientierte Breitseite der Cima di Rosso ist ein stark zerklüfteter, sekundärer Gletscher, der mit seinen untern Partien auf den Fornoeisstrom hinunterreicht, eingeschachtelt. Sein westliches Ende wird durch den erwähnten obern Treppenabsatz, sein östliches teilweise durch einen vom Vorgipfel der Cima niedergehenden Grat begrenzt. Ich erwähnte eben nur teilweise, weil der übrige untere Teil des sekundären Rossogletschers in steilen Firn- und Felswänden niedergeht.
Ein zweiter vom Westfusse der Rossocalotte abfallender Hoch- oder Hängegletscher kommt für den von uns eingeschlagenen Weg nur insofern in Betracht, als sich unsere Strasse an seiner westlichen Einfassungsleiste oder dem früher erwähnten Grat hinaufzog.
Der von uns zur Ersteigung der Rosso eingeschlagene Weg ist, mit kurzen Worten beschrieben, folgender:
Die erste Etappe umfasst die Strecke bis zur Randkluft der Cima di Rosso, über die sich am Fusse des Vazzedapasses hinaufziehenden Schneehänge. Dann längs den in einer steilen Mauer abstürzenden Ostabfällen des Eis- und Firnrückens des sekundären Cima di Rossogletschers und der in jäh abfallenden Wänden zur Tiefe gehenden Einfassungsleiste des kleinen, höher oben befindlichen Cima di Rossohängegletschers, bei deren untern Teil die Cima di Rossorandkluft ansetzt und mit dem diese zusammenfällt. Hinauf längs der Cima di Rossorandkluft bis zu ihrer Umsetzungsstelle, wo sie ein Knie bildet, dann dem Westgrat des Berges konform weiterzieht und an der steilen Wand des obern Treppen-ansatzes der Rosso ihr Ende findet.
Die zweite Etappe bildet das Stück Weg von der Randkluft der Rosso bis zu ihrem Vorgipfel. Über die Randkluft an die Stelle, wo sie das Knie bildet, gekommen, steigt man längs der bereits erwähnten Firn- und Felsleiste des kleinen Rossohochgletschers, welche Leiste mit ihrer mehr im Osten gelegenen Schwester-leiste den zwischen ihnen an 100 m breiten, eingeschachtelten Hängegletscher umsäumen und umfassen, bis zu dem sich im Westen der Cima di Rossocalotte erhebenden Vorgipfel unseres Berges.
Die dritte und letzte Etappe ist das Stück vom Vorgipfel der Rosso bis auf ihren 3367 m hohen Gipfel.
Es ist nicht ohne Interesse durch eine kurze Reflexion den Gründen nachzugehen, warum ein Berg für gewöhnlich auf einem Umwege, in unserem Fall von Süden her, erstiegen worden ist, wenn man von Norden auf ihn bequem hinaufgelangen kann. Dieser Anomalie liegt die einfache Tatsache zugrunde, dass in der Hochsaison der Besteigungen, im Hochsommer also, wenn die den Firnbruch und das Eis des steilen, kleinen Cima di Rossogletschers schützende Schneedecke geschmolzen ist und die Séracs und Eisnadeln blossgelegt worden sind, die Zerklüftung der Firnbrüche und das Zusammenbrechen der Firn- und Eisnadeln eine derartig bedeutende ist, dass der von uns eingeschlagene Weg beschwerlich und gefahrvoll wird und dass der weiter oben gegen den Gratrücken der Cima di Rosso klaffende Bergschrund, die Randkluft und die vereiste Wand über ihr ein schwer zu überwindendes Hindernis bilden. Unser Weg scheint bei flüchtiger Betrachtung schwieriger zu sein, als er es in Wirklichkeit ist.
Die Summe der von mir eben angeführten Faktoren wird es dem ersten Ersteiger des Berges haben plausibel erscheinen lassen, den Weg von'Süden her zu wählen, wo die von mir angeführten Hindernisse in Wegfall kommen oder doch nur in geringerem Masse vorhanden sind. Das Vorhergehende kurz resümierend, gelte folgende Charakteristik. Die Cima di Rosso ist ein im Drittel ihrer Gesamtlänge mit einer Schneekuppe anhebender, sich von Ost nach West mit scharfem Schnee und Felsgrat lang hinziehender, auf den Fornogletscher in zwei gewaltigen Treppenstufen oder Terrassen niedergehender, prachtvoll individualisierter Berg, in dessen Nordflanke zwei Firnbrüche und ein grösserer und kleinerer Gletscher eingelassen sind. Von Monotonie keine Spur. In reicher Abwechslung ist der Bau unseres Berges gegliedert. Jedesmal, wenn ich die Cima di Rosso wiedersehe, ergötze ich mich an ihrer Pracht.
Die Schmalheit und übergrosse Länge der durch die Randkluft vom Kammgrat abgeschnittenen Schneewand mögen wohl in etwas der Schönheit des Berges Abbruch tun, aber etwas Vollkommenes gibt es ja auf Erden nicht.
Jetzt zu unserer Besteigung selbst.
In schon vorgerückter Stunde, zwanzig Minuten nach 4 Uhr, brachen wir den B. Juni zur Besteigung des Cima di Rosso auf und stiegen am Südfusse des kleinen Plateaus, auf dem die Fornohütte steht, auf den sie umfliessenden Gletscher, den Monte Rosso- oder Hüttengletscher hinab. Die schmale Sichel des abnehmenden Mondes stand über dem Grat des Monte Rosso. Ein stiller, klarer, wunderschöner Morgen war es. Ihn ganz und voll zu geniessen, war uns jedoch nicht vergönnt. Wir hatten es allzu schwer, vorwärts zu kommen. Die Schneedecke des kleinen Monte Rossogletschers, den wir zu kreuzen hatten, hielt nicht. Bei jedem Schritt, den wir taten, brachen wir durch die Kruste durch und versanken bis ans Knie in dem unter ihr befindlichen pulverig-lockern Gemengsei. Längs der über einen Kilometer langen Monte Rossowand, an deren Fuss wir in südlicher Richtung hinmarschierten, trafen wir es etwas besser. An dem Ende der Wand angelangt, gerieten wir, wenn auch auf nicht langer Strecke, in den Strich des vom Vazzedapass herabkommenden eisigen Luftzuges, und unterhalb der den Pass säumenden Firnbrüche brachen wir wieder durch die schwache Kruste tief in den lockern Schnee unter ihr ein. Wenige Minuten nach halb 6 Uhr stieg die Sonne über dem Vazzedapass empor, und 10 Minuten später hielten wir am Fusse des von dem langen Gratrücken der Cima di Rosso herabkommenden sekundären Gletschers. Hier verbanden wir uns durch das Seil, und um 5 Uhr 55 Minuten begann der Anstieg.
Auf unserem Marsch, auf dem sich bis zum Bergschrund ( der Randkluft ) emporziehenden breiten Firnrücken, dessen hohe Schnee- und Firnschicht den unter ihm befindlichen Firnbruch überdeckte, hatten wir links östlich die zum Fusse des Vazzedapasses abstürzenden Eis- und Felswände der Rosso und nach rechts zu im Westen sich an unsern Weg anschliessend die Séracs und Eiskaskaden ihres Gletschers.
Weiter oben, nicht weit über uns, befand sich die westliche Einfassungsleiste des kleinen, vom Vorgipfel der Rosso herabkommenden Schnee- und Felsgrates, die die Abstürze nach links zu begrenzte und mit ihrer östlichen Felsrippe oder Leiste den mit gewaltigem Absturz abschliessenden, wild zerklüfteten Firnbruch des erwähnten kleinen Hängegletschers eingeschachtelt hält.
Hier, an der Grenze Italiens, ist die Luft von einer Milde und Weichheit, wie sie es im Engadin und auf der Nordseite der Alpen wohl selten ist. Auch der B. Juni war so ein glücklicher Tag.
Der Hang, an dem wir aufstiegen, besass in seinen untern Partien einen Neigungswinkel von 40, weiter aufwärts einen solchen von 46 Grad. Nach einem Anstieg von einer halben Stunde, um 6 Uhr 25 Minuten, passierten wir ohne Schwierigkeit einen grossen Schrund und stiegen in den von Klucker eingestampften Tritten gemächlich höher und höher. Der Schnee des Firnrückens, an dem wir hinaufkamen, war von vorzüglicher Beschaffenheit. Gegen 6 Uhr 40 Minuten gelangten wir auf den Kamm einer Firnwelle, an deren Südseite wir auf den Boden einer breiten Kluft, der eine feste und gute Brücke bildete, hinabstiegen und über die wir ohne Gefahr hinwegkamen.
Auf unserem Firnrücken hatten wir es ausschliesslich mit sanft gewölbten, bald steilem, bald flachem Firnwellen zu tun. Nach rechts jedoch ging unser Gletscher in steilen Abstürzen in einem Chaos, einem wirren Durcheinander von mit Schnee bedeckten Firneisblöcken, Würfeln, Türmen und Nadeln nieder.
Nachdem wir einen flachen Schrund, den dritten in der Reihe, gekreuzt hatten, stiegen wir erst an einem steilen Schneehange empor und wandten uns dann auf längerer Strecke in schräg nach links, nach Osten ansteigender Linie über einen verschneiten Riss dem von dem obersten Schrund ( der Randkluft ) gebildeten Knie zu.
Aus der Beschreibung der nähern Umgebung unserer Marschroute wird der Leser zur Genüge ersehen haben, auf was für spaltenreichem und zerklüftetem Terrain wir uns auf der ersten Strecke unseres Weges fortbewegten.
Noch unterhalb des grossen sich längs dem Rossograt hinziehenden Schrundes ( der Randkluft ) erblickte ich, mich umwendend, es war kurz vor 7 Uhr, in gerader Linie nach Norden den gewaltigen Aufbau des Kurhauses Maloja und nach Ostsüdost den in sich zusammengefassten, massigen Granitstock der Berninagruppe.
In jenem Teil der Alpen, dem Berninastock, halten sich die Firnkessel und Gletscher der Nord- und Südseite des Gebirges längs dessen 25 km langem Zug das Gleichgewicht. Hier ist auch die italienische Seite reich an Gletschern. Dieser eben erwähnte Vorzug geht unserer Albigna-Disgraziagruppe ab.
Hier weist nur die Nordseite des Gebirges grössere Gletscher auf. Dafür bringt jedoch unsere Gruppe auf der Strecke zwischen dem Piz Badile und dem Monte Sissone, auf einer Distanz von ungefähr 15 Kilometer, eine Reihe von Gegensätzen, zwischen den Polarlandschaften im Norden und den Felsszenerien im Süden, an pittoresken Schönheiten der Struktur der Berge und ihrer Farbe so unvermittelt zum Ausdruck wie in keinem andern Teile der Alpen.
Was jedoch die Albigna-Disgraziagruppe noch vor dem stolz schimmernden Berninastock voraus hat, ist die Einsamkeit, die Möglichkeit, fern von dem Getriebe und Gewoge der eleganten Welt und ohne auf Tritt und Schritt partienweise hin- und herziehenden Touristenscharen zu begegnen, in den geliebten Bergen umherwandern zu können.
Das ist es, was mich Courmayeur und Chamonix, Zermatt und das Berner Oberland und die Dolomiten meiden lässt.
Wie es einst den Rittern des Mittelalters nach der Erfindung des Schiess-pulvers und der Einführung der Feuerwaffe ging, so geht es jetzt den Alpinisten. Was half den Rittern ihr kühner Mut und ihre Tapferkeit? Ein Feigling konnte sie aus weiter Ferne durch einen Fingerdruck niederstrecken. Wozu führen jetzt Klettergewandtheit und Gletscherkenntnis? Zu nichts. Was einst das Pulver tat, tut jetzt der Dampf. Auf hohe Aussichtspunkte und schwer zugängliche Schneefesten führt die Lokomotive Tausende: Alte und Junge, Dicke und Dünne und besonders die Dicken! Korpulenz und Dampf, innig gesellt, beherrschen die Berge, beherrschen die Weltl Und du, arme alpine Seele, wie steht es mit dir? Dir bleibt nichts übrig, als dich in ein Sandloch, wie es einst des Rotjacks nackte Seele, Vitzliputzlis Hohepriester, tat, zu verkriechen ( H. Heine ).
Wir konnten von der Höhe, auf der wir uns befanden, die Hauptrepräsentanten des Berninastockes übersehen, und Klucker zeigte mir unter anderem den Piz Corvatsch, Capütschin, Tschierva, Morteratsch, Bernina, Piz Fora, Roseg, Crast'agüzza, Bellavista und Zupo.
An der Stelle, an der sie das Knie bildet, kamen wir auf sicherer Brücke um 7 Uhr 15 Minuten über die Randkluft. Wenngleich es noch früh im Jahre war, so hatte die Kluft bereits eine Breite von über 11 Meter. Jetzt hatten wir noch die Strecke, ausser der letzten, bis zum Vorgipfel der Rosso durchzusteigen. Oberhalb des Schrundes nahm der Hang bedeutend an Steile zu. Sein Abfallwinkel betrug 50 Grad.
Nachdem wir etwas nach links zu an der Böschung des Hanges hinaufgekommen waren, stiegen wir auf der den Hängegletscher der Rosso auf dessen Westseite begrenzenden Firnleiste, die sich kühn gebogen bis zum Vorgipfel aufschwang, in gerader Richtung hinauf. Die gleiche Szenerie, die wir auf der ersten Teilstrecke unseres Weges zu unserer Rechten hatten, hatten wir jetzt, wenn auch in ihren Einzelheiten weniger ausgesprochen, zu unserer Linken: ein zerschrundetes Revier mit prachtvoll ausgebildeten Séracs. Im letzten Drittel seiner Höhe nahm der schmale Firnrücken, an dem wir emporkamen, so an Steilheit zu, dass ich mein wohlerprobtes Verfahren, auf Händen und Füssen mich fortzubewegen, mit bestem Erfolg in Anwendung bringen konnte. Gegen den Sattel zu, der den Vorgipfel mit der Cima di Rosso verbindet, glättete sich der Firnbruch uns zur Seite immer mehr und mehr aus.
Über dem kleinen Hochgletscher und unterhalb des Vorgipfels der Rosso traversierten wir um 7 Uhr 55 Minuten in tiefem, lockerem Hochschnee in schräg nach links aufsteigender Linie zu der Einsattelung, die die höchste Erhebung unseres Berges mit der ihr vorgelagerten Schneehaube, dem Vorgipfel, verbindet, hinauf, und sieben Minuten später, um 8 Uhr 2 Minuten, betraten wir über einen kurzen Schneehang den nach Osten mit einem Schneeschild ausladenden, einer Kuppel ähnelnden Grat, die höchste Erhebung der Cima di Rosso ( 3367 m ). Von der Fornohütte bis auf den Gipfel hatten wir 3 Stunden 42 Minuten gebraucht.
Von der italienischen Seite her strich ein mildes Lüftchen über uns weg. Dann ward alles still.
Was nun den Ausblick anbelangt, so konnten wir den von dem Ventina-und Disgraziagrat und dem Sissone- und Cima di Rossograt umspannten Sissonegletscher, den Vedretta-Sissone, seiner ganzen Ausdehnung nach übersehen. Er besitzt einen Umfang von über 15 km. Die hellgelblichen, zart angehauchten Schraffierungen, die man am Fusse des Disgrazia-Firnmeeres erblickt, sind Schmutzbänder, deren Anzahl jedoch bei der grossen Entfernung, die uns von ihnen trennte, sich nicht mit Sicherheit feststellen liess.
Alle Phasen, die eine auf einer der den Disgrazia-Sissonegletscher umgebenden Höhen gefallene Schneeflocke bis zu ihrer schliesslichen Umwandlung in ein Molekül, ein Eispartikelchen der zutal ziehenden Eiszunge des Gletschers durchzumachen hat und in den Erscheinungsformen von Schneehängen und Firnfeldern, von Firn- und Eisbrüchen, von Eiskaskaden und Eisabstürzen, mit ihren Tausenden von Spalten und Schrunden, zutage tritt, alle diese Formen boten sich vom Gipfel der Cima di Rosso in weitester Ausdehnung und mannigfaltiger Fülle dem Auge des Naturfreundes dar.
Der der kurzen Gletscherzunge des eben beschriebenen grossen, nach Nordosten geöffneten Disgrazia-Sissonefirnbassins enteilende Sissonebach entwässert jenes Gebiet.
Kaum glaublich klingt es, und doch ist es wahr! In nicht mehr als 36 Minuten waren wir auf unserem Rückwege vom Gipfel der Cima di Rosso aus bis an den Fuss des sekundären Rossogletschers, bei unserem Anseilplatz vom Morgen früh Hochtouren im Bergell im Sommer 1893.um 9 Uhr 24 Minuten angelangt. Im Lauf und meist stehend abfahrend hatten wir die Strecke auf einem Wege, der etwas mehr nach Westen ausbog, zurückgelegt. Mit solch einer Schnelligkeit wie die eben beschriebene führt Rey. Auf die Dauer unmöglich! Die Niveaudifferenz zwischen dem Gipfel der Rosso und der Stelle, an der wir uns ans Seil banden, betrug gegen 607 Meter.
Um 10 Uhr befanden wir uns weiter unten auf dem Fornogletscher, am Fusse des Vazzedapasses, und ruhten hier, ohne uns zu setzen, ein paar Minuten aus. Ich trank einige Schluck Wasser und ass ein Stück Kalmuswurzel, deren Bitterkeit sehr wohl tat. Dann ging es über den Schnee des Fornogletschers, der leidlich gut trug, weiter. Erst mehr unten auf dem Gletscher stiessen wir auf unsere alte Fährte. Um 11 Uhr 10 Minuten waren wir wieder in der Hütte zurück. Die ganze Besteigung, die Rasten mit inbegriffen, hatte nicht mehr wie 6% Stunden in Anspruch genommen. Bis an den Fuss der Cima di Rosso war der Schnee nicht einmal gut, ja stellenweise schlecht gewesen.
In dem für Touristen reservierten Zimmer der Fornohütte wies das Thermometer nicht mehr wie 4 Grad R., und dazu herrschte in dem Gelass eine wahre Eiskellerluft. Sollte ich nicht wirklich ernstlich erkranken, so musste Wandel geschaffen werden. Das blosse Lamentieren führte zu nichts. Ich liess die Fenster öffnen und sorgte für gehörigen Zugwind. Marode, wie ich von der schlecht verbrachten Nacht war, setzte ich mich, um frische Luft zu schöpfen, auf eine Bank vor der Hütte ins Freie. Es war hier draussen warm und still, und nur ab und zu strich ein leichtes Lüftchen über die Terrasse, auf der die Hütte steht.
Auf der Terrasse und ihren Hängen ging ein kleiner Trupp Alpenflühvögel seinem gewohnten Tagewerk nach. Mit grosser Behendigkeit huschten und glitten die anmutigen Vögel über Steine und Blöcke. Meist war ihrer ein Häuflein von zwei bis drei beisammen, bisweilen auch mehr, die ihrer Atzung nachgingen und zeitweilig, wenn auch nicht für lange, ein und dieselbe Richtung einschlugen und bald hierhin, bald dorthin flogen. Aber immer zeigten sie ein gewandtes und munteres Wesen. Dann und wann drang der leise liebliche Gesang der einen oder anderen Flühlerche an mein Ohr. Dazwischen ertönte das tiefe Gesumme geschäftig arbeitsamer Hummeln, die den Blumen ihre Besuche abstatteten. Primeln und punktierter Enzian wuchsen in Menge in der Umgebung der Hütte und lieferten hinreichende Arbeit den honigsuchenden Immen. Das warme Leben und Treiben der niedlichen Vögel und Insekten sprach einen um so mehr an, als es sich inmitten der so abweisend starren und eisgepanzerten Hochgebirgswelt abspielte.
Im Freien konnte ich leider nicht immer bleiben und mich im Führergelass am Feuerherd nicht allzu lange aufhalten, ohne die beiden Leute in ihrem Tun und Treiben zu beeinträchtigen oder zu stören. So musste ich denn in mein kaltes Zimmer zurück und, in jeder freien Bewegung gehemmt, wurde ich schliesslich ganz mutlos, und es bemächtigte sich meiner eine tiefe Niedergeschlagenheit, die bei mir jeden energischen Entschluss im Keime erstickte.
Der 9. Juni war ein Ruhetag. Da das Wetter besser sein konnte, als es war, und ein flotter Gänger, früh 5 Uhr von der Fornohütte aufgebrochen, im Hotel Malojakulm so zeitig eintreffen konnte, um eine Depesche nach Promontogno aufzugeben, die dem Adressaten oder der Adressatin die Möglichkeit bot, bis zum Abgang der Post, 10 Uhr, das Nötige an Provisionen usw. zu besorgen und abzusenden, so schickte ich Klucker nach Malojakulm mit dem Auftrage, die Depesche aufzugeben und das an meine Adresse im Hotel Angelangte in Empfang zu nehmen und hereinzuschaffen. Von meinen beiden Führern war Klucker jedenfalls der zuverlässigere und mit den einschlägigen Verhältnissen vertrautere. Während Klucker den Botengang ausführte, schlief ich mich aus. Durch gutes Heizen des im Führergelass befindlichen Ofens ( die Hütte hat nur diesen einen ) brachten wir die Temperatur im Touristenzimmer bis auf 9 Grad. Eine achtbar anerkennenswerte Leistung. Klucker war, wie verabredet, um 6 Uhr zurück.
Das Briefchen, das meine Gattin der mir zugeschickten Sendung beigefügt hatte, trug die Adresse: « Rue des glaciers ».
Gegen Abend klärte sich das Wetter auf. Im Touristenzimmer stand das Thermometer auf 10 Grad R. über Null. Ich konnte mit einiger Zuversicht einer ruhigen Nacht entgegensehen. So stellte sich denn das Prognostikon für den 10. Juni im grossen und ganzen günstig.
2* Torrone Occidentale von Norden.
( 3300 in Siegfriedatlas, 3349 m Lur.; 10. Juni 1893. ) Der Torrone Occidentale wird auf seiner Nordflanke rechts und links von breiten Schneehängen flankiert. Der Schneehang im Westen geht von der Rasicascharte, an die sich nach jener Himmelsgegend zu die Punta Rasica ( 3307 m Lur .) anschliesst, auf den Fornogletscher herab. Der Hang im Osten des Torrone senkt sich von einer namenlosen Scharte, die zu der Punta Alessandra gehört, nieder. Der von der Gipfelzacke unseres Berges nach Westen abfallende Torronegrat wird in zwei Drittel seiner Länge von einer in den Kamm tief eingelassenen Einkerbung durchsetzt. Die höchste Spitze des Torrone Occidentale erhebt sich als eine nicht hohe Zacke nur wenig über die westliche, sich lang hinziehende Gratlinie der Torronekette. Das gleiche ist auch in Hinsicht des östlichen steiler ansteigenden, sich in ihr treffenden Grates derselben Kette zu sagen.
Der Torrone Occidentale wurde am 12. August 1882 zum erstenmal, und zwar von der italienischen Seite, und fast 10 Jahre später, den 30. August 1891, über seinen Westgrat von der Nordseite, der Schweizerseite aus, erstiegen.
Es war die Rasicascharte, die bei dieser Ersteigung den Ausgangspunkt bildete und von der aus man sich nach Osten wandte.
Wir packten den Stier bei den Hörnern und erklommen den Berg von Norden her auf einem Wege, der der kürzeste unter den dreien, bisher bekannten ist. Erst unterhalb des Gipfels kamen wir auf kurzer Strecke auf den Ostgrat des Torrone heraus, und nur die Beschaffenheit des Schnees liess uns beim Abstiege nicht den gleichen Weg wie beim Aufstieg benutzen. Die Gefahr, eine Lawine loszutreten, war eben eine nur allzu drohende und eminente, ja sichere geworden.
Die Decken, das Ess- und Kochgeschirr, der Führer leichte Habe usw., das alles wurde in das Touristenzimmer geschafft und dort verschlossen. Trotz der zeitraubenden Aufräumungsarbeiten in der Hütte gelang es mir, morgens 5 Minuten nach 3 Uhr, am 10. Juni, auszurücken.
Das Hintergehänge des Fornotales bietet uns, besonders in den frühen Morgenstunden, eine Szenerie, bei der durch mannigfache Abstufungen von grellem Licht und tiefem Schatten Effekte erzielt werden, die, was insonderheit die Zartheit der Farben anbelangt, geradezu ans Feenhafte grenzen. So war es auch heute. Nach einem Marsch von einer halben Stunde zeigte sich gegen uns zu der Vordergrund des Hintergehänges im Fornotal nach der Seite des Monte Rosso und der Cima di Rosso in tief dunkle, schwarzblaue Schatten gestellt, während hinter der Cima di Rosso, zum Teil wie hinter einem Vorhang versteckt, die Strahlen der uns unsichtbaren Sonne über das Malencotal und über die \y2 Kilometer breite Einsattelung zwischen der Cima di Rosso und dem Monte Sissone hinweg, die sich am Fusse dieser Einsattelung hinziehenden, hie und da durch zarte Nebelschleier verdeckten Firnterrassen wie mit goldenem Glänze überzogen erscheinen liessen. An die Terrassen schlössen sich gegen Westen die dunklen Gipfelzacken und Wandpartien der drei Torrone, der Rasica und die wie Silber glänzenden Eispyramiden der Cima di Castello und Cantone an. Und über dieser Herrlichkeit thronte als etwas Werdendes, noch nicht zu seiner ganzen Pracht Gewordenes, weil hie und da leicht bewölkt, der tiefblaue Himmel Italiens!
Die Befürchtung, dass der Schnee nach den Erfahrungen, die ich am 30. Mai beim Überschreiten des Cacciabellapasses gemacht hatte, im gesamten Albigna-Disgraziagebiet ein schlechter sein würde und uns dadurch ein grosser Verlust an Zeit und eine Vermehrung der Schwierigkeiten erwachsen würden, bewahrheitete sich bei der Besteigung des Torrone Occidentale am 10. Juni in vollem Masse. Bei jedem Schritt, den wir taten, versanken wir, durch die harte Schneekruste durchbrechend, bis weit übers Knie in den feinen Schneestaub. Aber noch fataler als das einfache Durchbrechen war für uns, dass, wenn die trügerische Decke auch anfangs die Last des Körpers trug und man dann beim Vorwärtsschreiten den Standfuss, um ihn von neuem aufzusetzen, hob, man im nächsten Augenblick mit beiden Füssen zugleich in die pulverige Masse zurücksank. Die drei Kilometer von der Hütte bis an den Fuss der Cima di Rosso legten wir in eineinhalber Stunde und die eineindrittel Kilometer lange Strecke von jenem Berge bis an den Fuss des Torrone Occidentale, auf der der Weg noch schlimmer war, in der gleichen Zeit zurück. Für eine Distanz von vier und einem Drittel Kilometer brauchten wir im ganzen nicht weniger als drei volle Stunden.
Wir waren um 4 Uhr 30 Minuten am Fusse der Cima di Rosso vorübergekommen, und erst um 6 Uhr befanden wir uns unterhalb der Randkluft des Torrone Occidentale in einer Höhe von beiläufig 2875 m. Hier ruhten wir eine halbe Stunde aus und genossen etwas.
Gewitzigt durch die Sisyphusarbeit des Schneetretens, liess ich mir später Schneereifen kommen, die mir denn auch in der Folge vorzügliche Dienste geleistet haben.
Von der Mitte des Grates zwischen dem Torrone Occidentale und der ihm im Osten vorgelagerten Punta Alessandra kommt ein Schneehang herab, aus dessen Mitte und ungefähr im ersten Drittel von dessen Gesamthöhe ein mächtiger Felskopf hervorragt, dem, wie man es auf fast allen aus einer Schneewand hervorstehenden grossen und kleinen felsigen Kanzeln bemerken kann, jene allbekannte prismatisch-kegelförmige Schnee- oder Firnkante aufstand.
Wir beabsichtigten, am Hang der Linie des steilsten Falles folgend, längs dem Felskopf und der sich keilförmig zuspitzenden Schneekante den Ansatzpunkt des sich zur Scharte der Punta Alessandra absenkenden Schneegrates, der aus der Nähe des Torronegipfels nach Osten herabkam, zu gewinnen und von jenem Ansatzpunkte aus über den Torronegrat nach Westen zur Torronespitze vorzudringen. Um 6 Uhr 30 Minuten von unserem Rastplatz am Fusse des Torrone aufgebrochen, gelangten wir nach viertelstündigem Anstieg auf guter Brücke über die weit auseinanderklaffende Randkluft und kamen dann an dem über ihr ansetzenden Firnhang, der einen Abfallwinkel von 51 bis 52 Grad hatte, in zirka 280 teils getretenen, teils geschlagenen Stufen bis zu einem aus dem Hang herausstehenden kleinen Felszahn hinauf. Hier mussten wir jedoch den weitern Anstieg in der Richtung des steilsten Falles aufgeben. Der nur mit dünner Kruste bedeckte und staubartig feine Hochschnee wich unter unsern Tritten aus, und auf dem so sehr breiten Hang hätten wir leicht eine Lawine lostreten können. So schwenkten wir denn von der geraden Linie nach links gegen den grossen Felskopf zu ab. An der Westseite des Kopfes, auf den wir zusteuerten, fast parallel mit seinem sich kegelförmig verjüngenden Gratrücken, ragte uns zur Linken eine Kette kleiner Felsenriffe hervor, die den Gratrücken in schräg aufsteigender Linie flankierten. Es stand nun zu hoffen, dass zwischen den einzelnen Klippen des Riffs der Schnee von festerer Konsistenz, zugleich aber auch die dem Felskopf mit ihrer breiten Basis aufsitzende prismatische Firnschneide durch die in verschiedenen Reihen aus dem Schnee herausragenden Klippen vor dem Abrutschen hinlänglich gesichert sein würde.
Eine couloirartige, gegen den von uns eben verlassenen Hang abfallende Runse, die mit Schnee gefüllt war und auf der einen durch die Wand des Felskopfes, auf der andern Seite durch eine mit ihr gleichlaufende Reihe von Klippen begrenzt wurde, ermöglichte uns den Aufstieg auf den Rücken des Felskopfes und über ihn weg nach Süden zu der sich auf ihn wie auf einen Strebepfeiler aufstützenden, keilförmig spitz zulaufenden Firnleiste.
Durch die Runse, die sehr steil war und einen Abfallwinkel von 55 Grad besass, kamen wir in 58 Stufen auf die Rückenschneide des Felskopfes in ungefähr V » von dessen Gesamtlänge heraus.
Von der Stelle, an der sich die Runse von dem Felskopf absenkte, stiegen wir hierauf auf der prismatischen Firnleiste steil und gefährlich in 296 teils getretenen, teils geschlagenen Stufen gegen die Scharte im Torronegrat weiter nach oben. Unsere Voraussetzung, der Schnee werde — wie gewöhnlich auf solch einer Firnleiste — gut halten, erwies sich als irrig. Im Beginn des Aufstieges ging es noch leidlich; aber weiter oben wich der Schnee, wie wir es bereits auf dem Hang oberhalb der Randkluft erfahren hatten, unter dem ihn zusammentretenden Fusse aus, so dass ich, als letzter in der Reihe, in die von den voransteigenden Führern getretenen und gerissenen Höhlungen meine Knie einzusetzen und statt auf den Füssen auf den Unterschenkeln, mich dabei bald links bald rechts wendend, weiterzurutschen und fortzuschieben gezwungen war. Dadurch, dass ich die Unterschenkel aufsetzte, verteilte ich den Druck meiner Körperlast auf eine grössere Fläche. So nur konnte ich weiterkommen! Trotz alledem kam es aber doch vor, dass ich bei meinen Bemühungen, mich weiterzuarbeiten, total zurückfiel oder zurücksank und das Manöver wieder von vorne anfangen und wiederholen musste. Die Eisaxt zu gebrauchen, führte zu nichts. Ihre Schaufel riss die dünne Kruste, die den Schnee bedeckte, einfach durch und bot dem sich an ihr Emporziehenden auch nicht den geringsten Halt. Das eine Mal sah ich Klucker bis fast zur Schulter wie in einer Sappe über mir im Schnee stehen und gegen die Wand zu fortarbeiten. Es ging ihm nicht besser wie mir. Auch mussten wir einmal, um einigen aus der Wand herausragenden Klippen auszuweichen, auf kurzer Strecke von der Firnschneide auf die östliche, linke Seite des Hanges hinunter.
Nachdem wir die wenigen Schritte abgestiegen waren, traversierten wir unterhalb des weit über uns hinausragenden, fast durchscheinenden Schneekammes des Kammgrats des Torrone auf der nach Osten gerichteten Seite des Hanges hin.
Um 8 Uhr 15 Minuten befanden wir uns wieder auf dem scharfen Rücken der Firnleiste und stiegen nach Südsüdwest, unsere bisherige Richtung beibehaltend, gegen die Scharte im Kammgrat des Torrone weiter hinauf. Auf der Firnschneide begann von neuem das Durchbrechen durch die Schneekruste, und ich musste wieder meine Knie zu Hilfe nehmen.
Um 9 Uhr, nach fast zweistündigem, schwerem Mühen, hatten wir das Ende der scharfen und langen Schneekante oder Firnleiste erreicht, und für einen Augenblick hielt hier unsere kleine Karawane still.
Uns mit seinem Absturz bedrohend und gegen den Schneehang, an dem wir emporgekommen waren, weit ausladend, hing ein gewaltiger Schneeschild vom Kammgrat des Torrone über uns hinaus.
Die Führer waren unschlüssig, welchen von den beiden Wegen wir, ob nach links, Osten, den Eishang zur Scharte bei der Punta Alessandra hinauf oder nach rechts, Westen, gegen den Ansatz des Schneehanges, der vom Grat des Torrone Occidentale längs dessen Schroffen herabkam und sich gegen den Fornogletscher hinunterzog, einschlagen sollten.
Angesichts des über uns befindlichen Überhanges, der bei seinem Sturze, sich vom Grat lostrennend, uns mit in die Tiefe reissen konnte, war für vieles Wort-machen keine Zeit. Es musste gehandelt werden. Da zum Glück Führer keine Anhänger langer Palavers sind, so wechselten sie auch nur ein paar Worte miteinander und kamen so meinem still gehegten Wunsche, uns dem Torronegrat zuzuwenden, entgegen.
Wir hielten unsere einmal eingeschlagene Richtung ein, stiegen zunächst ein kurzes Stück an dem Schneehang über uns bis zu einer Stelle, an der ich mit eingerammter Eisaxt einen guten Stand fand und Rey das Seil halten konnte, um Klucker, der sich über den Hang hin Stufen zu schlagen anschickte, für alle Fälle die nötige Hilfe angedeihen zu lassen, gerade aufwärts.
Der Weg nach links zur Scharte hinauf lag doch gar zu abseits von unserer bisher eingehaltenen Richtung I Und doch wollten wir jetzt gerade das ausführen, was mit zu dem Schlimmsten gehört, was die Bergsteigerei aufweisen kann: wir wollten einen Eishang traversieren, d.h. ihn in fast gerader Linie queren.
Unter spitzem Winkel, in schräg aufsteigender Linie, erreichte Klucker über den Eisfall weg in ungefähr 30 Stufen die nächsten, aus dem Hang herausragenden, stark vereisten Klippen. Zwischen diesen Klippen hatte Klucker nach nicht langem aber heiklem Klettern eine Stelle gefunden, auf der er fest stehen konnte. Hie und da musste das nur dünn aufliegende Eis aus den Fugen und zwischen den Klippen heraus und von den Felsen heruntergeschlagen werden. Mein 40 Meter langes Seil, dessen Ende der vorangehende Führer entweder um die Schulter geschlungen oder im Rucksack mit sich trug, erleichterte uns durch seine Länge auch an dieser wie an so mancher anderen heiklen Stelle deren Überschreiten oder Überklettern. Nachdem die für mein Vorwärtskommen nötige Menge Seil von Klucker ausgegeben worden war, stieg Rey in den von Klucker geschlagenen Stufen bis an die Felsen hinan. Die Strecke, die wir in den 30 Stufen zu durchmessen hatten, mag 18 Meter betragen haben. Während ich, ohne den Körper bewegen zu dürfen, in zweien der weit voneinander entfernten Stufen wie festgebannt stehen und mit beiden Händen der grössern Sicherheit wegen den Schaft der in das Eis getriebenen Eisaxt halten musste, hatte nur mein Kopf einigermassen die Freiheit der Bewegung, und ich konnte mich, während Rey und Klucker die nötigen Vorbereitungen für das Überschreiten der Eisfläche trafen, wenn auch mit Vorsicht, in der Umgebung etwas umsehen. Wie das an den Eiswänden so oft geschieht, musste ich an die Stelle eines mutvollen Vorgehens einen leidenden Zustand treten lassen. Zur Passivität gezwungen, durfte ich mich von den Schrecknissen der Tiefe unter mir nicht übermannen lassen und musste den Kopf oben behalten. Hier war alles gegeben, was eine üppige Phantasie zu etwas Schaurigem verflechten konnte: eine bodenlose Tiefe, ein weit überhängender Schneeschild, ein jäh abschiessender, graulich schimmernder Eishang, an ihm in schräger Linie nach aufwärts gleich grossen Löchern die Stufen und schliesslich das durch die drohend aufziehenden, schwarzgrauen Nebelballen verbreitete Dunkel. Es fehlte nur der obligate Schmetterling der kritischen Situation mit seinem gefälligen Flattern, um ein vollständiges Bild einer dem Abstürze entgegengehenden Bergsteigergesellschaft vor dem geistigen Auge des Lesers erstehen zu lassen.
Da ich meine Eisen nicht an den Füssen hatte, musste ich beim Traversieren der Eiswand desto umsichtiger vorgehen. Die sich an die Eiswand anschliessende Passage des Uberkletterns der vereisten Felsklippen und Köpfe machte uns ziemlich viel zu schaffen. Klucker hatte auch einige Stufen in das Eis zu schlagen.
Von den Klippen fort stiegen wir an einer vereisten Schneewand ein kurzes Stück lotrecht in die Höhe und gelangten so zu dem über uns vorragenden Felsvorsprung, einer Art kleiner Bastion, die den Zugang zum Torronegrat zugleich vermittelte und hemmte. An dem Felsvorsprung hinaufzukommen, fiel mir, der ich kein Turner bin und keine grosse Stärke in den Händen besitze, recht schwer. Zu guter Letzt gab es eine kurze, verzweifelte Kletterei und eine exzentrische Gymnastik in der Art, wie die Dr. Güssfeldts an der Pointe des Ecrins, nur dass wir die Leibesübung hier an der Wand des Torrone mit besserem Erfolg ausführten.
Zuerst kam Klucker an die Reihe. Gleich eisernen Klammern packten seine nervigen Fäuste den Fels an. Ruckweise zog und arbeitete er sich an der vereisten Wand und weiter oben in den Schnee hinein fassend hinauf. Er löste seine Aufgabe zu seiner und unserer Zufriedenheit, ohne irgendwelche Unterstützung oder einer Nachhilfe von Seiten Reys zu bedürfen und erfahren zu haben.
Rey machte, bevor er sich Klucker zu folgen anschickte, aus dem freien Seilende eine Schlinge, die ich festhalten musste, legte die Schlinge dicht vor mir über einen Felsvorsprung und, indem er so für den Fall eines Ausgleitens meinerseits mir die Möglichkeit bot, mich durch meine eigene Kraft zu halten, nahm er unsere Eisäxte an sich und erkletterte mit Kluckers Nachhilfe wohlbehalten das kleine Schneeplateau, das sich oberhalb der Felsstufe und auch weiter nach oben hinaufzog. Die Hilfe, die mir Rey bei der Überwindung des Überhanges der Felsstufe zuteil werden liess, war eine so ausgiebige, dass mein linker Unterarm, durch den Zug des Seils an eine vorstehende Felskante gepresst, der- massen gescheuert wurde, dass er noch einige Tage nach unserer Besteigung aussah, als ob ich einen Masernausschlag hätte.
Während Rey und später ich den Überhang der Felsstufe erkletterten, hatte Klucker in sitzender Stellung sich am obern Rand des kleinen Schneeplateaus festgemacht, die Füsse gegen eine dort befindliche Firnschneide gestemmt und uns durch das Seil gehalten.
Vom Schneeplateau, das am Torronegrat ansetzte, bogen wir nach rechts, Westen, auf den abenteuerlich mit Wächten und Schneeschildern gekrönten Kammgrat des Torrone Occidentale ab und zogen auf der italienischen Südseite, guten Schnee unter den Füssen, in dichten Nebel gehüllt, langsam auf den Gipfel des Berges zu. Bei der an jenem 10. Juni hier oben herrschenden hohen Temperatur fühlten wir uns wie in einem Dampfbade. Glücklicherweise blieben trotz der feuchtwarmen Atmosphäre alle Niederschläge aus. Nach links, Süden zu, verhinderten dichte Nebelmassen allen Ausblick. Nach rechts, Norden, jedoch glitt unser Auge wohl 500 Meter tief an senkrechten Felswänden bis tief auf den Fornogletscher hinab. Die gespensterhaft aussehenden weissen Schneeschilde, die den dunkelfarbigen Felszacken und Felskanten des Torrone auflagen und über die leeren Abgründe weit hinausragten; die lautlose uns umgebende Stille; die hohe Temperatur; das Halbdunkel, in das wir uns und unsere Umgebung vorübergehend durch das langsam hin- und herwogende Nebelmeer versetzt sahen; die grausige Tiefe, längs der wir hinzogen; und schliesslich der Anblick der graugrün gefleckten Felsmassen, der Blöcke, Tafeln, Platten und des übrigen Getrümmers, die wie die scheckigen Riesenleiber der böcklinschen Meeresunge-heuer aussahen, die, von der salzigen Flut halb verdeckt, dem Auge noch grosser, als sie waren, erschienen, nur mit dem Unterschied, dass hier oben an Stelle der grünen Flut grauer Nebel getreten war: das alles war so traumhaft und schattenhaft, so unglaublich phantastisch, dass man, um sich zu vergegenwärtigen, wo man sei, seine Sinne zusammennehmen musste und auf den gefährlichen Weg, den man wandelte, sein schärfstes Augenmerk zu richten hatte.
Bei unserem Weitermarsch über den Grat des Torrone Occidentale wechselten nun leicht zu überkletternde Felspartien mit gut zu begehendem Schnee.
Um 10 Uhr 30 Minuten, genau 4 Stunden nach dem Verlassen unseres Rastplatzes am Fusse des Torrone und eine halbe Stunde nach unserem Aufstieg auf den Torronegrat, befanden wir uns auf der höchsten Erhebung des Torrone. Dieser höchste Gipfel des Berges bietet ein Agglomérat von übereinander-gehäuften, teilweise mit Schnee bedeckten Blöcken und Tafeln, auf denen wir uns, so gut es eben gehen wollte, lagerten. Der Unterschied der Höhe, zwischen dem Fuss des Torrone Occidentale und seiner höchsten Spitze mag 425 Meter betragen. In stilvoll meisterhafter Darstellung und in echt italienischen, liebenswürdigen Hyperbeln schildert Lurani in seiner Broschüre: « Le montagne di Val Masino » auf Seite 30 die von ihm am 12. August 1882 ausgeführte erste Ersteigung des Torrone Occidentale. Zugleich erfahren wir, welch panischer Schrecken sich der Gesellschaft bemächtigte, als ein Felsblock, den wohl irgendeine boshafte Fee vom Felsmassiv des Torrone Occidentale losgelöst hatte, mit demonstrativem Gekrach auf den Fornogletscher abstürzte. Der Effekt war ein phänomenaler! Der leitende Führer Antonio Baroni, dem, wie er später seinem Herrn mitteilte, bei dem furchtbaren Gepolter das Blut in den Adern erstarrt war, bestand auf dem sofortigen Abmarsch vom Gipfel des Berges. Er fürchtete, dass sich die ganze Felsmasse auf der sich die Gesellschaft befand, vom Grat loslösen und sie, mit sich reissend, in die Tiefe stürzen könnte!
Unsere Frühstücksrast auf dem Gipfel des Torrone hielten wir im Nebel. Sie dauerte ungefähr 40 Minuten.
Schon während unseres Aufstieges erklärte ich Klucker, den Abstieg nicht auf dem gleichen Wege ausführen zu wollen, und so brachen wir denn nach eingenommenem Mahl nach Westen, gegen die Rasicascharte zu, auf. Vor unserem Abmarsch vom Gipfel des Torrone stellte mir Rey, der sich manchmal in der Rolle eines Spassvogels gefällt, die Frage, welche Richtung wir jetzt einzuhalten hätten, und als ich, in meine Notizen vertieft, nicht gleich das Richtige traf, meinte er mich anlachend: « mais comment, moi je le sais? » Da kämen wir, d.h. die von mir angegebene Richtung einschlagend, schliesslich nach Italien, meinte Klucker ganz gutmütig.
Gleich hinter dem Gipfel des Torrone schwenkten wir nach rechts, Norden, ab, und hier hatte der vorangehende Rey an steiler, vereister Schneewand nach abwärts Stufen zu schlagen.
Bei der Gelegenheit sah ich, was das Abwärtsschlagen der Stufen für eine schwierige Arbeit ist, und musste die verbissene Energie des Mannes bewundern, der bei der Scerscentraversierung Dr. Güssfeldts an steiler Eiswand in noch exponierterer Stellung als hier an 140 Stufen in das harte, blanke Eis hatte schlagen müssen. Von der Wand weg setzten wir unsern Marsch an kolossalen Schneeschildern vorbei weiter fort und befanden uns um 11 Uhr 45 Minuten an dem Rande der in den Torronegrat tief eingelassenen, von der Fornohütte aus gut sichtbaren, spitzkeilförmig zulaufenden Scharte.
Der Niederblick in den tiefen und weiten Gratsprung jener Scharte war ein grausiger. Das Ganze bot ein schönes Gemälde alpiner Wildheit. Nach Süden ging es vom Boden der Einschartung weg ins Ungewisse hinab. Nach Norden, gegen die Schweizerseite zu, stiessen die Wände an ihrer Basis unter spitzem Winkel zusammen und stürzten in fast lotrechtem Abfall auf den am Fusse der Torronekette sich ausbreitenden Fornogletscher hinunter.
Um über den Boden der Scharte weg ihre jenseitige Wand zu erreichen, stiegen wir, mit der Achse des Torronegrates parallel, gegen den Grund der Schlucht zu und schräg nach links, weiter unten längs einer Felswand mit sehr losen Griffen hinab. Da der Aufstieg an der uns zugekehrten jenseitigen Wand der Scharte oder Schlucht nichts weniger als einladend aussah, sagte ich zu Klucker, ob nicht der Einschnitt rechts in der Scharte mehr Chancen als die schlimme Wand gerade vor uns für einen Übergang böte. Klucker bat nun Rey, nachzusehen, wie es damit stünde, fand jedoch bei diesem kein rechtes Gehör, weil Rey der Meinung war, dass an der Wand uns gegenüber der einzige praktikable Weg aus der Scharte herausführe. Auf meine Aufforderung, Kluckers Vorschlag auszuführen, unternahm Rey die Rekognoszierung, brachte uns jedoch sehr bald unter Kopfschütteln den Bescheid, dass dort kein Weg sei: « point du tout, non la moindre idée d' un chemin! » Wir mussten also dran, und binnen wenigen Minuten standen wir am Fusse der ominösen Wand.
An ihr zog sich eines jener Gebilde der Gebirgsarchitektur in die Höhe, das die alpine Sprache mit dem Namen « Kamin » bezeichnet. Ein Riss, der die Wand in mehr oder weniger lotrechter Linie durchsetzt und so breit ist, dass man in ihm auf- und niederklettern kann. In der Mehrzahl der Fälle bilden in den Dolomiten diese Kanäle die einzigen Verbindungswege zwischen Fuss und Gipfel der Berge Das Wort « Kamin » erweckt draussen, am traulichen Teetisch, so auch im Salon der gebildeten Welt, mit Recht eine gewisse Heiterkeit, und unwillkürlich tritt uns dabei die dunkle Gestalt eines Essenkehrers vor Augen. Das mag gelten I Ich wurde jedoch beim Anblick der hohen Wand und des sich in ihr hinaufziehenden Kamins nicht weniger als heiter gestimmt.
Seit 5 Jahren, seitdem ich die Dolomiten nicht mehr besuche, hatte ich keine ernstere Klettertour mehr ausgeführt. Ein Gefühl nervöser Aufregung bemächtigte sich meiner beim Anblick der Wand. Über scharfe firn- und schneeschilder-besetzte Felsgrate zu kommen, lange und steile Eis- und Schneehänge zu überwinden, ist an sich mühsam und gefahrvoll. Ein gutes Stehvermögen jedoch und ein klarer Kopf helfen die Schwierigkeiten der Lage besiegen. Dabei bleibt aber das Verhalten des Touristen immer ein mehr oder weniger passives. Die Führer leisten die Hauptsache.
Anders verhält es sich mit den Klettertouren I Diese stellen an den Touristen, an sein selbständiges Handeln, an seinen Mut und überhaupt an seine virtus weit höhere Anforderungen. Über einen Überhang hinweg in die Leere hinauszuklettern, ist keine Kleinigkeit.
Die Periode der Klettertouren in den Dolomiten, die Periode des Kletterns um des Kletterns willen, lag hinter mir. Wem das Vergnügen macht, besteige jene schönen Berge, die Dolomiten 1 Ich suche seit Jahren die Einsamkeit und ziehe es vor, statt auf Dolomit auf Granit zu wandeln und nicht mit drei oder vier Partien zugleich eine Besteigung auszuführen und mit ihnen auf dem Gipfel des Berges zusammentreffen zu müssen!
Reys Angriff war, wie immer, scharf, stürmisch und verwegen. Da Rey sich nicht die Zeit nahm, das lose Gestein abzuwerfen, musste ich mich doppelt in acht nehmen, um gegen den hinter mir herkommenden Klucker keine Steine loszumachen. Die Kletterei, die nun folgte, war, wenn auch keine sehr schwierige, so doch nicht leicht. Unter anderem mussten wir uns, weit hinausbiegend, in gebückter Stellung um eine Felsecke herumwinden, uns in schmalem Kamin emporarbeiten, ein Stück einer altanartig hinausragenden Felsrippe umklettern, eine schwierige Traversierung ausführen und das alles in und auf dem glatt abgespaltenen, scharfkantigen und erbarmungslosen Granit! Im obera Teil der Wand hatten wir einen zweiten langen und schmalen Kamin, dessen Seiten stark abgewaschen waren und der auf einen Schneefleck mündete, zu durchklettern.
Nachdem wir noch um eine zweite Felsrippe herumgekommen waren, standen wir in der ungefähr gleichen Höhe mit dem Rande der von uns verlassenen entgegengesetzten Seite der Schlucht oder Scharte.
Die Durchkletterung des Torronegrateinschnittes hatte uns etwas über eine Stunde an Zeit gekostet, und mit ihr lag der schwierigste Teil unserer Wanderung hinter uns. Von einem Felsenriff gelangen wir über Schnee wieder auf den Kamm des Torronegrates. Über Blöcke und an einer kleinen Wandstufe hinunter waren wir in 25 Minuten zu einem länglichen, sich steil absenkenden Schneeplateau gekommen, einer mit Schnee bedeckten, plattigen Bildung des Grates von ungefähr 25 Meter Länge und 10 Meter Breite, das gegen Süden, also nach innen zu, von einem Felsenriff, einem Teil des Gratkammes, begrenzt, nach Norden mit einem Schneeschild besetzt, sich gegen den Colle della Rasica verjüngend abfiel und auf ihn auslief. In dem obern Teil dieses temporären Schneeplateaus zeigte sich eine einen Fuss lange und einen halben Fuss breite Öffnung, ein Guckloch, durch das man über einen kleinen Felskopf hinweg ins Freie und auf die sich tief unten ausbreitenden Firnfelder des Fornogletschers blicken konnte.
Um 1 Uhr 15 Minuten waren wir in der Rasicascharte, und da Rey unseren Zug anführte, so ging es im Galopp vorwärts, und ohne Zaudern wurde der Abstieg an der sich von der Scharte absenkenden, steilen Schneewand angetreten. In 300 getretenen und gestossenen Stufen und Tritten und in der Zeit einer halben Stunde ( um 1 Uhr 45 Minuten ) erreichten wir am Hang hinunter den obern Bergschrund. Ohne Schwierigkeiten über ihn hinweggekommen, passierten wir die zweite, die grössere Firnzerreissung oder die eigentliche Randkluft auch leicht. Den Raum zwischen der obern und untern Spalte durchmassen wir in 5 Minuten und 26 Stufen. Zum Glück hatte hier, unterhalb der Rasicascharte, der Schnee eine hinreichende Weichheit und Festigkeit. Schlimmer als an der Nordwand des Torrone Occidentale konnte man ihn sich kaum denken, und unter den gleichen Verhältnissen wäre ein Abstieg an der Schneewand unterhalb der Rasicascharte einfach eine Unmöglichkeit gewesen.
Mit dem Überschreiten der beiden Schrunde an der Schneewand der Rasicascharte hatten wir alle Fährlichkeiten hinter uns gelassen. Eine etwas schlimmere Kluft in den Firnbrüchen am Fusse der Schartenwand der Rasica, über die drei Miniaturbrücken aus Schnee führten, passierten wir ohne viele Mühe. Um 2 Uhr 25 Minuten trafen wir etwas unterhalb der Stelle ( 2878 m ), an der wir am Morgen früh meinen Alpenschirm und einen Teil von Kluckers Gepäck zurückgelassen hatten, auf unsere alten Spuren und hielten an jenem Platz am Fusse des Torrone Occidentale eine halbstündige Rast. Um 3 Uhr zogen wir weiter.
Auf dem Fornogletscher war der Schnee bis unterhalb des Vazzedapasses leidlich, weiterhin schlecht und sehr schlecht. Bei jedem Schritt sanken wir tief ein. Nicht früher als um 4 Uhr 45 Minuten, nach anderthalbstündigem Marsch, waren wir wieder in der Fornohütte zurück. Inzwischen hatte sich das Wetter aufgeklärt. Wenn die Rückkehr von den Expeditionen in den Jahren 1891 und 1892 am späten Nachmittage eine Ausnahme bildete, so wurde sie im Jahre 1893 des schlechten Zustandes des Schnees wegen zur Regel.
Bei mehr normaler Beschaffenheit der Schneedecke an der Nordwand des Torrone Occidentale hätten wir den Abstieg vom Gipfel dieses Berges auf dem gleichen Wege wie den Aufstieg bewerkstelligen können und damit zugleich den Beweis geliefert, dass unsere Anstiegsroute derjenigen über den Colle della Rasica, bei der man die Durchkletterung der Torronescharte mit in den Kauf nehmen muss, vorzuziehen und wegen der Richtung des bei der Besteigung einzuschlagenden Weges die natürlichere sei.
So aber, da wir den Rückweg über die Torronescharte nehmen mussten, geschah es, dass unser Unternehmen in den Augen meiner Führer eine Bedeutung gewann, die weit über das richtige Mass hinausging.
Denn nachdem wir es uns in unserem Heim bequem gemacht hatten ( sehr bald nach unserer Rückkehr ), trat Klucker in das Touristengemach und wandte sich an mich, tief gerührt und bewegt, mit den Worten, dass: « die von uns ausgeführte Tour allerersten Ranges sei und man auf Eis und Schnee nicht bald so was mache! »
3. Die Cima di Castello von Osten.
Die Nacht vom 10. auf den 11. Juni verbrachten wirrecht gut. Ich schlief bis 7 Uhr. Im warmen Sonnenschein sass ich auf der Südseite der Hütte und betrachtete durch das Fernrohr längere Zeit die Wege, die wir am gestrigen Tage gewandert. Aus einem kleinen Trupp in meiner Nähe umherstreichender Alpenflühvögel liess bald der eine, bald der andere der kleinen Sänger sein leises, klangreiches Liedchen ertönen, dessen liebliche Weisen inmitten unseres winterlichen Frühlings hier oben in meinem Herzen einen ganzen Strauss schöner Erinnerungsblumen an den in den deutschen Gauen längst dahingeschwundenen, wahren Frühling erstehen liessen.
Es war ein herrlicher Morgen! Während Klucker sich, den Rücken der Sonne zugekehrt, in einer mit Rasen ausgepolsterten Mulde des nach Westen abfallenden Abhanges vor der Hütte der Ruhe überliess und Rey, der Nimmermüde, Holz spaltete, ging ich in unser Asyl und machte mich an die Berechnung der von mir in den letzten Tagen ausgeführten Höhenmessungen.
Gegen halb 4 Uhr ballten sich dichte Nebelmassen, während der übrige Teil des Himmels fast klar blieb, über dem Fornogletscher zusammen, und es begann zu schneien. Eine Verschlechterung des Wetters stellte sich ein. Der Himmel umzog sich, und zugleich geriet die Luft in Bewegung.
Erst in einzelnen, dann in öfter sich wiederholenden und heftiger werdenden Stössen kam der Wind heran. Es dauerte nicht lange, und er ward zum Sturme, dessem furchtbaren Anprall unsere kleine Hütte kaum widerstehn zu können schien. Trotz des Sturmes blieb es jedoch warm, und noch um halb 8 Uhr abends hatten wir + 2° R. im Schatten.
Das zunehmende schlechte Wetter stellte ein wenig günstiges Prognostikon für unser Unternehmen des nächsten Tages: die Ersteigung der Cima di Castello über ihre Nordflanke.
Was in der Nacht von Sonntag auf Montag draussen vor sich gegangen sein mochte, weiss ich nicht. Als wir jedoch Montag, den 12. Juni, um 3 Uhr 15 Minuten wohl ausgerüstet vor die Hütte traten, stand es um das Wetter noch lange nicht gut.
Nach dem Monte della Disgrazia ist die Cima di Castello die höchste Erhebung in der Albigna-Disgraziagruppe. Ihr Gipfel liegt 3400 m über Meer.
Die westliche Flanke des Berges gehört dem Albignatal, ihre östliche dem Fornotal an. Zwei in den eben angegebenen Richtungen sich vom Gipfel unseres Berges absenkende Kammgrate nebst deren Fortsetzungen, die verschiedene Namen tragen, stossen unter fast rechtem Winkel mit den das Forno- und Albignatal im Osten und Westen abschliessenden Gebirgsketten zusammen und bilden das Hintergehänge dieser Täler.
Mit der Cima di Cantone, die der Cima di Castello im Norden vorgelagert ist, verbindet sie ein einen Kilometer langer Fels- und Schneegrat, dessen tiefste Einsenkung eine leichte und bequeme Verbindung zwischen dem Albigna- und Fornotal bildet. Die in nördlicher Richtung verlaufende Fortsetzung des Castello-Cantonegrats, ein schartig ausgezackter Gratzug, der verschiedene Seitenstrahlen aussendet und einige markante Gipfel aufweist, trennt das Albigna- und Fornotal bis weit über ihre Mündungen hinaus voneinander. In kaum nahbaren Wänden fällt die Cima di Castello mit ihrer Stirnwand gegen die italienische Südseite steil ab. Wohl selten hat ein Berg einen zutreffenderen Namen erhalten.
Von der Fornohütte aus gesehen, gleicht der Aufbau unseres Berges einem Kastell oder einer Festung mit den diesen Bollwerken zugehörigen Bastionen und Konterforts aufs täuschendste. Mit vollem Recht finden wir sie auf den alten Karten auch Cima di Largo, d.h. die grosse, breite, weite, benannt. Ihr jetziger Name ist prägnanter. Ganz unverständlich dagegen, weil unmotiviert, ist es, wenn diese Benennung « Largo » für einen vom Baconegrat gegen Westen sich abzweigenden Seitenast, dessen höchste Erhebung ein schlanker Felsturm ist, zur Geltung gebracht wird. Die 3188 m hohe Cima di Largo und die nach Nordwesten von ihr sich absenkende Schlucht des Vallone del Largo sind alles andere, nur nicht « larghi », d.h. breit oder weit! Unser Zug galt auch einem Passübergang, einer Einsenkung zwischen der Cima di Castello und der ihr im Osten angereihten Punta Rasica. Von diesem Pass oder Sattel aus wollten wir von Norden her den Gipfel der Cima di Castello erreichen.
Wir hielten am 12. Juni die gleiche Route ein wie am 10. Juni, und da der Schnee von ausgezeichneter Beschaffenheit war, legten wir die Strecke von der Fornohütte bis zum Fusse des Torrone Occidentale ( unserem Rastplatz vom 10. Juni ) statt wie damals in drei in einer Stunde und 40 Minuten, der Hälfte der Zeit, zurück.
Bei unserem Marsch sahen wir, dass der an sich unbedeutende Schneesturm vom gestrigen Tage unter den von ihm überraschten, weniger widerstandsfähigen Besuchern des Fornotais arg gehaust hatte. Auf nicht grosser Distanz voneinander lagen in der Richtung gegen den Wind vier grössere Nachtfalter tot auf dem Schnee des Gletschers. Vergeblich war ihr Bemühen gewesen, das warme Italien zu erreichen! Der aufgehenden Sonne lange voraus strich wie am 10. Juni vom Vazzedapass ein kalter, scharfer Luftzug herunter. Uns in die Seite fallend, machte er uns frieren.
Im Verlaufe unseres Marsches trafen wir auf Hermelinspuren. Es scheint fast, dass diese kleinen Raubritter ihre erstaunlich weiten Wanderungen ( denn weit und breit waren keine Felsen, die den Tierchen als Unterschlupf dienen konnten, zu sehen ) mit Vorliebe bei und nach schlechtem Wetter unternehmen, um eines ermatteten Vogels oder sonstiger Beute habhaft zu werden.
Um 5 Uhr weniger 5 Minuten trafen wir auf unserem Rastplatz vom 10. Juni, am Fusse des Torrone Occidentale, ein. Um die gleiche Zeit trat in ihrer vollen Pracht die glanzvoll strahlende, siegesbewusste Sonne, dem neuen Tage neues Leben schenkend, hinter dem Cima di Rossogipfel hervor! Vom Rastplatz weg folgten wir unsern Spuren vom 10. Juni, bis wir an den Fuss des von der Rasicascharte herabkommenden Schneehanges kamen. Hier in den Firnbrüchen der Rasica banden wir uns, es war 20 Minuten nach dem Verlassen unseres Rastplatzes, ans Seil. Nach rechts abschwenkend, verliessen wir bald unsere alte Fährte, bogen um die Nordostwand der Rasica herum und gelangten so in das Revier der am Fusse der Cima di Castello sich ausbreitenden Firnbrüche. Über diese, die einen Neigungswinkel von gegen 20 Grad hatten, allmählich anstei- gend, näherten wir uns mehr und mehr der ersten Etappe unseres heutigen Marsches, dem Passo di Castello.
Im Norden der Cima di Rosso erhob sich in bläulich-weissem Lichte bezaubernd schön die Berninagruppe. Am Fusse der gegen Norden und Nordwesten gerichteten Felsen der Rasica nahm die Steilheit der Firnhänge zu, und ihr Abfallwinkel betrug 33 Grad. Ein kleiner, sich uns in den Weg stellender Eisabsturz, ein vereister Schneehang, wurde von uns in 15 geschlagenen Stufen überstiegen.
Nachdem wir kurz vor 6 Uhr einen breiten Schrund auf guter Brücke überschritten hatten, schwenkten wir in flachem Bogen eine Viertelstunde später nach links, Osten, ab und marschierten auf die sich am Fusse des Castellopasses hinziehende Randkluft zu.
Inzwischen hatten leichte Schleier die Sonne verdeckt und die grossartige Szenerie um uns her ein mehr nüchternes Gepräge angenommen. Um 6 Uhr 10 Minuten hatten wir die Randkluft des Passes unschwer überschritten und stiegen in dem weichen Schnee der vom Castellopass abfallenden, steilen Wand bei einem Neigungswinkel von 46 Grad langsam in den vom vorangehenden Klucker getretenen Stufen — ich habe ihrer 206 gezählt — gegen den Pass zu hinauf. Um 6 Uhr 25 Minuten waren wir oben.
Wie in der Scharte der Rasica und auf dem Passo di San Martino und an so mancher andern Stelle des Grates zwischen dem Monte Sissone und der Forcella Teggiola der Albigna-Disgraziagruppe, so auch heute auf dem Castellopass wurde unsere Aufmerksamkeit durch das Eigenartige der landschaftlichen Gemälde gefesselt, die sich hier auf der Grenze des ewigen Eises und Schnees auf der schweizerischen und den so heiter glänzenden Fluren und der sommerlich warm angehauchten Gefilde und der blauen Berge auf der italienischen Seite der Val di Mello und des Veltlins treffen.
Tief unten, uns zu Füssen, senkte sich in steilem Fall das Zoccatal gegen Süden ab. Nach rechts, Westen, führt von einigen hell smaragdgrün schimmernden Grasflecken weg um die vorspringenden Felszungen herum der den Schmugglern wohlbekannte Pfad zur Forcella di San Martino. Nur ziehen ihn ihre Banden nicht hinauf, sondern vom Pass herunter. Ganz nach rechts, im Westen, am Fusse des Monte Legnone ( 2611 m ), lag, für die Aussicht von unserem Pass leider verdeckt, der schöne Comersee! Über dem breiten Schneesattel zwischen der Cima di Rosso und dem Monte Sissone zeigte sich im Osten in weiter Ferne der weiss blinkende Gipfel des Pizzo Scalino. Auf dem Pass empfing uns eine behagüche Wärme. Nicht der geringste Luftzug war zu spüren. Wo war er, der auch von der Fornohütte herabkommende, sich in so unangenehmer Weise fühlbar machende, schneidend kalte Wind geblieben?
Es müsste ein eigenartiges Schauspiel abgeben, in so koupiertem Terrain, wie es die Berge bieten, die verschiedenen Luftschichten, verschieden gefärbt, sich in ihren Gewichtsverhältnissen ausgleichend, übereinander gleiten, hinwegziehen oder durcheinanderwirbeln und -wogen zu sehen.
Christian Klucker war der Ansicht, dass unser Pass, den ich den Passo di Forno-Mello nennen will, den leichtesten und besten Übergang aus dem Forno-in das auf italienischer Seite liegende Mellotal und vice versa bilde, und demnach mögen wir die ersten Sterblichen, wenn auch nicht die ersten sterblichen Wesen, die den Pass betraten, gewesen sein. Die vielen Mäusespuren, die wir hier oben trafen, sprachen für das letztere.Vielleicht war das des flinken Hermelins, dessen Spuren wir auf dem Fornogletscher getroffen hatten, ureigenes Jagdgebiet?
Die Messung der Höhe des Fornopasses ergab 3174 m über Meer, somit einen Niveauunterschied von 228 m gegen den kulminierenden Punkt der Cima di Castello.
Wir führten die Besteigung der Cima di Castello über ihre Nordostwand nicht deshalb aus, weil wir diesen Weg für den bessern hielten, sondern weil wir uns sowieso auf dem Fornopass befanden und der Gedanke, den Versuch zu machen, den Gipfel des Berges von dessen Nordostseite zu gewinnen, nahe lag. Der bei den Besteigungen der Cima di Castello für gewöhnlich eingeschlagene Weg führt auf den Kamm des Nordgrates und, nach links, Süden, abschwenkend, über ihn zur Spitze. Er ist dem unsrigen entschieden vorzuziehen. Eine erste Besteigung aber und eine solche auf neuem Wege, falls die Ersteigung auf dem neuen Wege nicht auf eine Haarspalterei, bei der man sich lächerlich macht, hinausläuft, haben ihre eigenen Reize. Es geht da, wenn auch nicht gerade ins Blaue, so doch ins Ungewisse hinein und hinauf. Der Gedanke, abgeschlagen zu werden, ist einem immer gegenwärtig. Alles verfügbare Kräftematerial wird herausgeholt und das Nervensystem in fortwährender Spannung erhalten. « Wird es gelingen? » ist die stumme Frage, die man sich stellt. Wird es gelingen, hinaufzukommen? oder ist alles, Zeit, Geld und Mühe, umsonst geopfert worden?
Im Fall des Gelingens ist nach dem eben Ausgeführten eine erste Ersteigung oder eine solche auf neuem Wege ihres Lohnes wert, und das im buchstäblichen Sinne des Wortes, denn die guten Führer sind teuer.
Vom Passe konnten wir den einzuschlagenden Weg nicht übersehen. Wir mussten, um auf die Ostfront des Berges zu gelangen, sozusagen um die Ecke biegen. Von der Fornohütte aus aber hatte sich der wahrscheinliche Erfolg einigermassen feststellen lassen. Nur im grossen und ganzen war es möglich gewesen, die Linie zu trassieren, die wir, wollten wir unser Vorhaben ausführen, einzuhalten hatten: nämlich, vom Pass aus nach Westen traversierend, in die den Berg durchsetzende Schneerunse gelangen und in ihr hinauf die Depression im Grat unterhalb des Gipfels der Cima di Castello zu gewinnen suchen. Ob die Voraussetzung richtig und die Ausführung möglich sei, sollte die Tat beweisen.
Die Ostfront der Cima di Castello fällt in nackten Wänden auf den Passo di Forno, auf dem wir an jenem 12. Juni standen, ab. Sie hat die Gestalt eines gleichschenkligen Dreiecks. An dem der Basis gegenüberliegenden Eckpunkt des Dreiecks, an seinem Scheitel also, setzt ein Schneegrat an, der, sanft ansteigend, bis zu der nach Westen zurückliegenden, flach gewölbten Kalotte unseres Berges hinaufführt. Von diesem Schneegrat kommt dicht hinter dem Scheitel des eben erwähnten, nach Osten gerichteten Frontdreiecks der Castello eine lange, von oben nach unten spitz zulaufende Schneezunge in einer Runse, die nach Norden orientiert ist, herab. Ihr steht, von der Kalotte selbst sich absenkend und mit der Felswand des nach Osten gerichteten Frontdreiecks gleichlaufend, nach Westen jedoch mehr zurücktretend, eine gleichfalls nackte Felswand auf. Ihre nördliche Kante senkt sich mit derjenigen des östlichen Frontdreiecks parallel herab und bildet ein mit dem Scheitel nach unten stehendes, gleichschenkliges Dreieck, dessen Basis einen Teil des von dem Scheitel des östlichen Frontdreiecks nach der Kalotte der Castello sich erstreckenden Grates bildet und dessen beide andern Schenkel die westliche Begrenzung der Runse und die gen Norden gerichtete Kante des Dreiecks formieren. An dieses zweite, mit seinem Scheitel nach unten gestellte, gleichschenklige Dreieck schliesst sich ein drittes, wie eine Giebelfront anstehendes, dessen Spitze nach oben gerichtet und nach Norden orientiert ist und mit jähen, nackten Wänden abfällt. Mit seinen je zwei, im ganzen vier miteinander gleichlaufenden, geraden, von der horizontalen Gratlinie der Cima di Castello wie von einem Dachfirst abfallenden Felskanten, mit seiner flachliegenden, dem Ende der Gratlinie aufgesetzten Kalotte, dann durch die Symmetrie in der gesamten Anordnung seiner geraden Linien und glatten Flächen gleicht unser Berg auffallend einem mit Brustwehren und Wällen armierten, grössern Werk, einer Festung, und die Bezeichnung Cima di Castello findet ihre volle Begründung.
Während der ersten Hälfte der Besteigung bewegten wir uns längs der Basis der nach Osten gerichteten Wand des Frontdreiecks der Cima di Castello und später auf der an ihrem First mit breiter Grundlinie ansetzenden und nach unten spitz zulaufenden Schneezunge, an der dem Fornotal zugekehrten Stirnseite unseres Berges.
Wir blieben auf dem Passo di Forno etwas über eine halbe Stunde, brachen dann um 7 Uhr auf und traversierten in westlicher Richtung, in gleicher Linie mit der sich unterhalb des Passes hinziehenden Randkluft, gegen die Basis der Nordostwand der Cima di Castello zu. Schon näher gegen die Stelle unseres Einstiegs in die Felsen der Castello wurde der Hang, an dem wir hintraversierten, immer steiler und steiler. Sein Neigungswinkel betrug bereits über 50 Gradi Der Schnee war weich, und nur langsam kamen wir vorwärts. Stets bewegte sich von uns dreien nur einer zur Zeit. Ich ging als letzter am Seil, Klucker war der erste. Es kam öfters vor, dass, wenn die Schneewand sich mehr der Senkrechten näherte und, dem anliegenden oder anstehenden Terrain sich anschmiegend, zum Überhang auswölbte, wir den Oberkörper nach hinten überbiegen, das Gesicht der Wand zukehren und uns seitwärts fortbewegen mussten. Unter uns gähnte die Randkluft. Rutschen wir, so fallen wir in die Kluft, sagte ich mir! Wie es so oft geschieht, dass in den kritischsten Momenten uns das banalste Zeug in den Kopf kommt, so gedachte ich hier an der steilen Schneewand des Passo di Forno der Stelle im Buche Professor Rattis: « I pericoli del Alpinismo », wo er erzählt, wie die beiden Herren Guillemin und Salvador de Quatrefages bedauern, dass beim Traversieren der Eiswand an der Nordflanke des Monte Viso unter ihnen sich auch nicht eine einzige jämmerliche Spalte befände, die sie für den Fall eines Sturzes verschlucken und verschlingen könnte!
Der Charakter unserer Besteigung an der Nordostwand der Cima di Castello blieb sich im grossen und ganzen gleich.
In schmalen Rissen längs glatt gepanzerten Wänden mussten wir uns den Weg suchen und bahnen. Dazwischen hatten wir den einen oder andern Schneefleck zu passieren. Unter uns Überhang: eine mit der Luft abschneidende Linie. Über sie hinaus: das Nichts! Uns zu Häupten Steilwände und der Himmel weiss, was da von oben auf uns nicht alles herunterkommen konnte! Schneeklumpen und Eisbrocken, Steine und Blöcke. Es kam auch einiges gegen uns zu geflogen. Glücklicherweise nichts von Belang. Unsere lange Linie bot auch eine allzu gute Zielscheibe! Wurde das Seil oder der eine von uns getroffen, so konnten wir alle mit hinuntergerissen werden. Klucker sprach sich mir gegenüber späterhin f Anton o. Rgdzewsky.
darüber aus, dass er nicht geglaubt hätte, dass die Besteigung der Castello sich in der Art schwierig gestalten würde!
Es fragt sich, ob die Reihenfolge, in der wir am Seil gingen, die richtige war. Um mich besser überwachen und für den Fall eines Fehltritts sicherer halten zu können, hätte Rey den Platz hinter mir einnehmen sollen. Dass er sich öfter nach mir umsah, war mir ein Beweis für meine Ansicht.
Trotz der Länge der Zeit bekamen wir die Runse, über deren Schneezunge wir hinauf mussten, noch immer nicht zu Gesicht! Selbst bei der Besteigung des Torrone Occidentale am 10. Juni befand ich mich in nicht so exponierter Lage wie an jener Nordostwand der Cima di Castello!
Höchst ungern nehme ich meinen Weg über Schneeflecke, die steilen Platten aufliegen und nach unten zu durch keine Klippen und Riffe gestützt sind. Nur allzu leicht lösen sich jene Schneeflecke von ihrer Unterlage und können den über sie Hinwegschreitenden mit sich in die Tiefe reissen.
Der Einstieg in die Felsen der Nordostwand der Castello, der um 7 Uhr 20 Minuten vor sich ging, war ein nicht ganz leichter. Wir mussten auf einem schmalen, schräg aufsteigenden Band, das von den Bruchkanten schiefgestellter, bröckliger Gneistafeln und Platten gebildet wurde, bald hinaufgehen, dann aber auch kriechen und zu klettern suchen. Nach rechts, Norden zu, stürzten die steilen Wände fast lotrecht zur Firnmulde des Fornogletschers ab. Über sie hinweg flog der Blick unvermittelt in das Luftmeer, in das gähnende Nichts hinaus. Das weitere Ausmalen der sich gleichbleibenden Einzelheiten könnte den geneigten Leser nur ermüden. Da es jedoch kein unbeschriebenes Blatt bleiben soll, so will ich mich so kurz als möglich fassen und nur das mehr Charakteristische, das Prägnantere, was in jener langen Stunde vor sich ging, hervorheben.
Von den Kanten der schiefgeneigten, unter einem Winkel von über 40 Grad vom Felskörper abstehenden Platten weg gelangten wir auf schmalem Schneeband in 30 Stufen steil aufwärts wiederum auf Fels. Es wechseln schmale Platten-leisten und nicht allzu breite Schneebänder miteinander ab. An sie schloss sich unter einem Abfallwinkel von über 50 Grad ein 20 bis 25 Meter langer Schneefleck, eine Schneewand, die so steil war, dass der vorangehende Klucker in dem Bewusstsein und der richtigen Erkenntnis, dass ein noch so geringer Halt des öftern den Bergsteiger vor dem Sturz bewahrt, ausser den Stufen auch kleine Vertiefungen, Löcher für die Finger, in den Schnee zu drücken und zu hacken für gut fand. Zugleich schützen auch diese Öffnungen beim Hineinfassen die Hände vor dem Nasswerden, indem der zusammengepresste Schnee in weit geringerem Masse wie sonst an den wollenen Handschuhen haften bleibt und sie durchnässt. Als wir von der Schneewand weg wieder auf Fels gelangt waren, überkam mich das Gefühl grösserer Sicherheit.
Ab und zu fliegt ein Stück eines Eiszapfens oder ein kleiner Stein über unsere Köpfe weg. Wir folgen flüchtigen Blicks so einem blitzschnell verschwindenden Schmetterling unwillkürlich nach und sehen dann wie auf Kommando an den Wänden über uns nach oben, um uns zu vergewissern, ob nicht ein weit ausladender Schneeschild oder ein terrassiertes Gemäuer uns noch schlimmere Gäste senden könnte. Wir treffen in Eis und Schnee gebetteten, noch nicht aufgeblühten Ranunculus glacialis ( Gletscherhahnenfuss ). Es folgte in wechselnder Steile ein längerer Gang auf schmalem Felsband und dann das schlimmste, wenn auch nicht gefährlichste Stück der ganzen Strecke: Wir mussten auf einer Distanz von über drei Meter längs der Felswand auf einer nicht mehr wie 10 cm breiten Kante des geborstenen Gesteins hinüberbalancieren.
Ein nicht allzu gewagtes Unternehmen an und für sich, man war ja am Seil! Das Schwierige an der Sache war jedoch, dass die neben einem aufragende Felswand oder Platte so steil aufstieg, dass sie in ihrer Steile der Lotrechten nahe kam und sich gegen das Ende zu auswölbte, eine leichte Biegung aufwies, infolgedessen der an der Wand Dahinschreitende über den Abgrund weg gegen die grausige Tiefe unter ihm im buchstäblichen Sinne des Wortes hinausgedrängt wurde I Dazu kam noch, dass an dem glatten Panzer der Wand auch nicht der kleinste Riss vorhanden war, um wenigstens die Finger hineinstecken zu können. Keiner, auch nicht der geringste Halt!
Ich trat den heiklen Gang an. Rey, der Tapferste der Tapfern, der sich am Ende der schlimmen Stelle befand, stand mir zugewandt und hatte das Seil, um mich im Fall eines Sturzes halten zu können, in Bereitschaft. Klucker hinter ihm blickte über die Schulter nach mir zurück.
An dergleichen Stellen muss man ohne Hast und Überstürzung mit Ruhe und Besonnenheit vorgehen. Ich nahm mich zusammen, und ruhig und sicher gelangte ich hinüber. Nur als ich merkte, dass Rey sich anschickte, das Seil strammer anzuziehen, rief ich ihm zu, er solle es sein lassen: « Ne tirez pas! » An so exponierten Passagen will ich mir ganz selbst überlassen bleiben. Auch der leiseste Zug des Seils wirkt störend ein und kann einen aus dem Gleichgewicht bringen. Werden diese Bedingungen erfüllt, gehe ich wie ein Nachtwandler bei Mondschein sicher längs den grausigsten Abgründen hin. Nur vor mich auf meine Füsse sehend, passe ich auf, wohin ich zu treten habe, und blicke weder nach rechts noch nach links.
Es war etwas nach 8 Uhr, als unser Traversieren ein Ende nahm und wir den Ostrand der von der Gratschneide der Castello herabkommenden, mit Schnee erfüllten Runse betraten und nun nach links aus der von uns bis jetzt eingehaltenen Richtung abzuschwenken hatten.
Klucker hob den Kopf und sah in der von uns bisher eingehaltenen Richtung zum Gipfel der Castello hinauf. Dahin, nach Westen zu, konnten wir nicht weiter. Im Rahmen dieses zweiten, mit seinem Scheitel nach unten gestellten Dreiecks war kein Vorwärtskommen möglich. Seine glatten Felswände spotteten jedes Angriffs. Die Schneerunse bot uns den einzigen praktikablen Weg. In sie stiegen und kletterten wir jetzt hinein. Die Schneezunge der Runse reichte bis zu uns und noch ein Stück weiter hinunter. In ihr kamen wir bei unserem Vordringen mit wenig Ausnahmen über Schnee. Die Runse war steil. Ihr Abfallwinkel überstieg im Durchschnitt 50 Grad. Die Richtung, die wir in ihr einhielten, ging von Nordwest nach Südost. Eine steile Schneewand benötigte bei unserm Vordringen das Schlagen von 47 Stufen. An die Wand schloss sich eine kurze Kletterei über Fels, dann folgte wieder Schnee ( 14 Stufen ). Einen Augenbück war hier Klucker seiner Sache nicht ganz sicher, an welche der beiden Seiten der Runse, ob wir uns an ihre Ost- oder Westseite zu halten hätten. Ohne ersichtlichen Grund traversieren wir, und noch dazu an schlechter Stelle, von rechts nach links an 50 Schritt weit seitwärts.
Unser Anstieg nahm jetzt einen mehr gleichmässigen Verlauf. Nachdem wir in 127 Stufen, uns dabei mehr an die linke Seite der Schlucht haltend, an einer Schneewand, die einen Neigungswinkel von 52 Grad besass, emporgekommen waren, verflachte sich die Schlucht, und das nackte anstehende Gestein trat wieder zutage. Über diese Felsen, die vereist waren und über die uns eine kurze, wenn auch schwierige Kletterei führte, gelangten wir wieder auf Schnee. Dieser obere, durch die Klippen von dem untern getrennte Teil der Schlucht war kürzer, und in 86 in den harten Firnschnee geschlagenen Stufen kamen wir bis dicht unter den Gipfelgrat der Cima di Castello, an die Stelle, an der ihr Grat am Scheitelpunkt des nach Osten gerichteten Frontdreiecks ansetzt. Von der westlichen Kante des Frontdreiecks, also von uns nach links zu, ragte ein langer, unheimlich aussehender Schneeschild in die Lüfte. Nach rechts stand eine steile Wandstufe, ein Felskopf weit vor. Über diesen und seine vereinzelten Trümmer erstiegen wir um 8 Uhr 45 Minuten den aus Schnee bestehenden First der Castello, und zwar in der Depression, die sich zwischen ihrem Vorgipfel im Osten und ihrer sich im Westen erhebenden Kuppe befand.
Bis auf den Sattel ( die Depression ) hinauf hatte Klucker 274, und falls wir das 50 Schritt lange Traversieren im Beginn der Schlucht hinzurechnen wollen, rund 325 Stufen, jedoch keine eigentlichen Eisstufen, zu schlagen gehabt. Oben angelangt, ergriff mich ein Gefühl erhöhten Wohlseins. Alle Fährlichkeiten waren überwunden I Bei dem klaren Wetter beeilte ich mich, Rey über seine heimatlichen Berge zu orientieren.
Dann wandten wir uns westwärts und eilten muntern Schrittes über den breiten, sanft ansteigenden Schneegrat auf dessen höchste Erhebung: die Cima di Castello zu, auf deren flacher, dreikantiger Kalotte wir 10 Minuten später, um 8 Uhr 55 Minuten, Halt machten und uns an der ungemein schönen, weitumfassenden und mannigfaltigen Rundsicht erfreuten. Es bot sich uns ein Panorama sondergleichen dar. Wohin man auch blickte, überall reihte sich Gipfel an Gipfel.
Der 12. Juni war trotz des am Morgen früh unsichern Wetters mit der diesem Sommermonat ureigensten Pracht und Herrlichkeit aufgezogen und noch in den spätem vorgerücktem Morgenstunden, wo sonst leichtes Gewölk sich zu zeigen pflegt, ganz klar geblieben.
Im Vergleich zu einer verhältnismässig nicht bedeutenden Höhe dieses Teils der Alpen, bot die Nahsicht manch interessantes Bild. Schön und stattlich nahmen sich der Albignagletscher, so wie die Pizzi di Sciora mit ihren Firnschründen und die Firnzerreissungen und die Abstürze der verschiedenen Bassins des Fornogletschers aus.
Gegen Norden, uns gegenüber, erhob sich mit ihren weichgezogenen Linien und in glänzendem Weiss die gegen unsern Standpunkt um 68 m niedrigere, 3334 m hohe Cima di Cantone.Von dem von mir Passo Forno-Mello benannten Übergang ( 3174 m ) bis auf die Spitze des Domes der Cima di Castello ( 3402 m ) hatten wir 2 Stunden gebraucht und dabei eine Höhendifferenz von 228 m durchstiegen.
Etwas Ruhe durften wir uns schon gönnen. Da aber weder auf dem Gipfel der Castello noch in dessen nächster Nähe, irgendwelches Gestein zutage tritt und wir uns auf dem Schnee nicht niederlassen wollten, so kehrten wir zu dem kleinen Sattel, der Depression, in dem Gipfelgrat der Castello auf dem gleichen Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück und richteten uns in den Felsen des sich im Osten des Sattels erhebenden Vorgipfels unseres Berges, zu denen uns ein Gang von kaum 10 Minuten führte, für fast anderthalb Stunden häuslich ein.
Der Vorgipfel der Cima di Castello oder der Scheitel ihres gleichschenkügen, östlichen Frontdreiecks ist eine zackige, zerrissene Felsspitze, das Gestein Granit. Der Niederblick von ihr ins Zoccatal hinunter ist ein grausiger. An lotrechten Wänden gleitet das Auge ungehindert bis in unendliche Tiefen hinab. Vom Passo di Forno-Mello steigt die Südkante des Frontdreiecks zu dessen Spitze unter 75 bis 80 Grad gegen die Horizontalebene an.
Das Wetter blieb schön!
Durch Reys trockene Witze noch heiterer gestimmt, befand sich unsere kleine Gesellschaft bei guter Laune. Nur Klucker wollte nicht so recht dran und verschwand, wenn auch nicht für lange Zeit, hinter der Ostfront unseres Vorgipfels. Er liebt es, nach beendeter Besteigung sich in eine Art lethargischen Zustandes zu versetzen, und zugleich hatte er die Möglichkeit, durch eine Erkundung der italienischen Seite des Fornopasses seine topographischen Kenntnisse zu bereichern.
Kluckers Reiseflasche, ein Andenken eines seiner vielen Herren, mit denen er gegangen, spielte uns einen kleinen Streich. Durch eine unvorsichtige Bewegung ihres Besitzers geriet die Flasche ins Gleiten, und einen Augenblick darauf war sie auch in der Tiefe des den Felsen umgebenden Abgrundes verschwunden.
Auf dem Rückwege wollte ich, dass Klucker sich doch die Mühe geben möge, nach ihr zu suchen. Er jedoch protestierte und gab sie verloren. Der Wert der Flasche mochte kein grosser gewesen, aber für ihren Besitzer musste deren Verlust fatal genug sein! Dieser kleine Zwischenfall mit der Flasche störte zwar unsere gute Laune nicht, verbesserte sie aber auch nicht.
Dazu stiegen von der italienischen Seite zu unserem Felsensitz Nebelwolken empor, und ein Umschlag des Wetters schien sich vorzubereiten. Noch aber war die Aussicht schön. Im Osten weit draussen erblickte man in seiner immer strahlenden Schöne den Monte della Disgrazia. Und näher nach uns zu den furchtbar zerhackten, dünn abgesplitterten, nach Norden abfallenden und so jäh als nur möglich ansteigenden, messerscharfen Grat der Punta Rasica. Hier konnte man wohl mit Recht sagen: « tel maître, tel valet », wie der Gipfel, so der ganze Grat!
In unsern alten Spuren vom Morgen früh unsern Rückweg zu Tal zu nehmen, daran war bei der mehr vorgerückten Tageszeit nicht zu denken. So traversierten wir denn die Cima di Castello von Ost nach Nordwest und vollführten den Rückweg auf dem, wie man sich in der alpinen Sprache ausdrückt, « gewöhnlichen Wege », d.h. wir stiegen nach Norden ab und wandten uns dann unter rechtem Winkel nach Osten.
Um 10 Uhr 20 Minuten brachen wir auf, liessen unsere Einstiegsstelle auf den First der Kalotte rechts liegen und schritten auf die Kalotte unseres Berges zu. Ich zählte von dem kleinen Sattel im Schneefirst der Castello auf dem unsere Trasse vom Morgen früh endete bis auf den Gipfel des Berges 137 Schritte, rund 103 m, den Schritt zu 75 cm.
Von einem tiefern Punkt unseres Berges unterhalb des Gipfels der Cima di Castello nahmen sich unsere drei auf der Kalotte von uns am Morgen zurück- gelassenen und in den sie umgebenden Schnee eingerammten Eisäxte gar wundersam aus. Frei gegen den Horizont aufragend, boten sie ein Bild wie das eines Waffenplatzes oder einer Richtstätte dar!
Gern wäre ich auf dem schönen, über zwei Kilometer langen Schnee- und Felsgrat der Cima di Castello ein Stück gegen das Albignatal zu hinuntergestiegen. Es muss sich da über jenen Grat ausgezeichnet marschieren lassen. Er endet gegen das Albignatal mit einem 2926 m hohen und 800 m breiten Konterfort, das den Namen Castello führt und dem Albignagletscher aufsteht. Zu dem Abstecher war jedoch keine Zeit vorhanden.
Um 10 Uhr 30 Minuten machten wir uns an den Abstieg. Die teilweise Bewölkung des Horizontes hinderte mich nicht, Rey, bevor wir uns in Bewegung setzten, die Monte Rosagruppe, das Matterhorn und den Gran Paradiso nochmals und eingehender als vordem zu zeigen.
Auf dem vom Gipfel der Castello nach Norden abfallenden, schönen Schneegrat ging es raschen Schrittes hinab. Aber bald gerieten wir zwischen die in Reihen aus dem Schnee herausragenden, mit dem Hauptkamm der Castello sich parallel hinziehenden Klippen und Rippen. Zugleich wurde der Schnee pulverig, so dass ich mich bei den scharfen Wendungen in den von den einzelnen Klippen gebildeten Kanälen vor dem Ausgleiten und Stürzen sehr in acht zu nehmen hatte. In einiger Entfernung unter uns zog sich die Randkluft hin.
Von unterhalb der Klippen hatte ich einen guten Überblick über die Ostwand der Castello und konnte unsere Fährte vom Morgen früh in der Schneerunse ganz deutlich sehen. Die Steilheit der Runse kam mir geradezu exorbitant vor, und doch betrug ihr Abfallwinkel nicht mehr wie 50 Grad.
Da fehlen ja noch, wird der Leser denken, 40 Grad bis zur Senkrechten; also kann das gar nicht so steil sein! Da muss ich jedoch sagen, auf dem Papier vielleicht nicht, aber in der Wirklichkeit ungemein steil, so steil, dass es schwierig war, zu glauben, dass eines Menschen Fuss dort haften und hinaufkommen könnte.
Kurz vor 11 Uhr waren wir auf dem Schneegrat der die südlichen Firnbecken des Forno- und Albignagletschers voneinander trennenden Felsbarriere und über eine scharfe Firnschneide hinweggekommen und hatten den Sattel erreicht, von dem man scharf nach Osten abbiegt, um auf den Fornogletscher zu gelangen. In der Schlucht, die von dem Sattel hinabführte und einen Abfallwinkel von über 50 Grad aufwies, stieg ich in dem weichen Schnee mit dem Gesicht gegen die Wand ab. Wie Rey die Sache vornahm, weiss ich nicht. Des schnellem Fortkommens wegen, und weil wir dann alle drei zu gleicher Zeit in Bewegung bleiben konnten, verliessen wir die Schlucht mit ihrem tiefen Schnee oberhalb ihrer Mündung auf den Fornogletscher, wandten uns nach Norden und setzten unsern Weg an ihrer linken Seite erst über den anstehenden Fels ( ein locker-schaliges Gestein ) und weiter unten über grosse Blöcke nach der Tiefe zu fort.
Um 11 Uhr 20 Minuten, eine Stunde nachdem wir den Castellogipfel verlassen hatten, waren wir bei der Randkluft der Schlucht angelangt, die wir leicht übersprangen. Zuerst flog meine Eisaxt hinüber und ich hintendrein.
Während unserer fünfstündigen Abwesenheit in den obern Firnregionen des Fornobeckens hatten Sonne und zunehmende Wärme das Ihrige getan und den Schnee selbst in den höhern Lagen des Firnkessels der Cima di Castello so auf- geweicht, dass wir bereits dicht unterhalb der Randkluft bei jedem Schritt, den wir taten, in das erweichte Gemengsei bis ans Knie einsanken.
Während unseres Marsches hatte sich ein Umschlag des Wetters vollzogen. Der Himmel verdüsterte sich, und von der italienischen Seite, von Süden, drang zu uns das dumpfe Grollen eines fernen Gewitters herüber, und zugleich begann es zu schneien. Als wir weiter marschierten, folgte dem ersten ein zweiter Donnerschlag, und diesmal ein stärkerer.
Der weitere Abstieg bis zu unserem Lagerplatz am Fusse des Torrone Occidentale bot nichts der Aufzeichnung besonders Wertes. Auf einem Schneerücken, der frei von Spalten war, passierten wir die Firnbrücke am Fusse der Castello und des Forno-Mellopasses, und um 11 Uhr 50 Minuten befanden wir uns an jener Stelle, an der Klucker die 15 bis 20 Stufen in den Eishang, den obern Rand einer Firnspalte, geschlagen hatte. Zehn Minuten darauf, punkt 12 Uhr, brachte uns eine Glissade an den Fuss der Schneewand der Rasicascharte und zu unsern alten Spuren vom 10. Juni, und um 12 Uhr 15 Minuten waren wir auf unserem Rastplatz vom Morgen früh angelangt, etwas unterhalb der Stelle, an der wir bei der Besteigung des Torrone Occidentale eine kurze Rast gehalten hatten.
Das durch den Schneefall eingeleitete Unwetter erreichte jetzt seinen Höhepunkt. Wenn sich das Gewitter auch auf der italienischen Seite entlud, so hatten wir bei uns einen Schneefall wie mitten im Winter. Indem die Eisnadeln und Schneeflocken, von dem heftigen Luftzug getrieben, schräg herunterkamen, trafen sie doppelt unangenehm die entblössten Stellen der Haut, wie z.B. Gesicht und Hals. Zu allem dem trat vollständige Dunkelheit ein! Auf mich übte das über uns hereingebrochene Wetter einen hohen Reiz aus.
Wunderbar! Im Juni ein so heftiges Schneegestöber wie sonst in Deutschland kaum in der kältesten Jahreszeit und in das uns umgebende Dämmerlicht hinein das Grollen und Rollen des fernen Gewitters mit seinen dumpfen und harten Schlägen! Der Gedanke, dass die Möglichkeit vorhanden, binnen wenigen Stunden den Winter der Schneeregionen des Hochgebirges mit der milden Luft und den Reizen einer südländischen Landschaft vertauschen zu können, das ist es, was mir den Aufenthalt in Promontogno so ungemein wertvoll macht!
Von unserm Rastplatz am Fusse des Torrone zogen wir nach 5 Minuten weiter. Der Wind hatte an Heftigkeit zugenommen. Er wehte ziemlich scharf, und seine Stösse wurden stärker und stärker. Für einen Augenblick schien die Sonne durch das wirbelnde Drehen der Flocken, und es ward heller. Dann aber kam der Schnee noch dichter als zuvor.
Im Bergell ziehen die Gewitter, wie Klucker sich ausdrückte, aus der Richtung der Cima di Cantone gegen die Fornohütte zu, d.h. von Südwest nach Nordost. Das von heute blieb in Italien.
Am Fusse der Cima di Rosso waren wir um 1 Uhr 5 Minuten und um 2 Uhr 15 Minuten in der Fornohütte. Während unseres Marsches heiterte sich das Wetter auf. Wie wir nun so dahinschritten, brachte ich das Gespräch auf die Gewitter. Klucker war anfangs, wie das so seine Art ist, still und einsilbig gewesen. Jetzt spitzte er die Ohren und fiel ab und zu mit dem einen oder andern Wort ein. Als ich aber sagte, Luthers Freund Alexis sei dicht neben dem Reformator vom Blitz erschlagen worden, wurde Klucker ganz lebendig, und in lebhaftem Tone wandte er sich an Rey und setzte ihm die nähern Umstände des Unglücksfalles auseinander.
Bei unserer Rückkehr wurden wir wieder von einer der Flühlerchen unterhalb der Fornohütte mit freundlichem Gesang begrüsst. Wie ich bereits des öftern erwähnt habe, spricht ihre milde Weise so ungemein zu Herzen.
Trotz Wetter, Sturm und Graus bleibt dies Vögelchen sich immer treu!
4. Der Piz Badile ( 3307 m ) über seinen Ostgrat
( 19. Juni 1893 ).
Nachdem das Wetter sich am 12. Juni, am Besteigungstage der Cima di Castello, fast ganz aufgeklärt hatte, begann es gegen 4% Uhr nachmittags wieder von neuem zu stürmen und zu schneien.
Da es im Fornotal wenig mehr zu tun gab, das Wetter unbeständig blieb und im Bondascatal eine der Befähigung und den Kräften meiner Führer mehr entsprechende Aufgabe zu finden war, so verliessen wir den 13. Juni, 5 Uhr früh, die Fornohütte und brachen nach Maloja-Kulm auf.
Am Pian Canino angekommen, sagte ich Rey, er möchte auf Klucker warten, während ich selbst raschen Schrittes weiterzog. Um 5 Uhr früh waren Rey und ich von der Fornohütte abmarschiert und um 7% Uhr war ich in Maloja, und ich wäre noch zeitiger dort gewesen, wenn ich nicht unterwegs eine Stelle, an der man vom Wege abbiegen muss, verfehlt und dadurch einen kleinen Umweg gemacht hätte.
Den 13. Juni nach Promontogno zurückgekehrt, hatten wir den Tag darauf alles zum Ausrücken bereitgemacht, mussten aber des eingetretenen schlechten Wetters wegen davon abstehen, die Hütte auf der Sassforàalp im Bondascatal zu beziehen. Das gleiche war am 15. und 16. Juni der Fall. Das ungünstige Wetter und eine Erkältung, die ich mir im Albignatal zugezogen hatte, wollten nicht weichen. Ich litt an Schlaflosigkeit und konnte selbst des Nachts nicht die nötige Ruhe finden.
Den 16. Juni machte ich einen Spaziergang nach dem Dorfe Bondo. Auf dem Fussstege dahin beobachtete ich zwei in wütendem Kampf befindliche Wespen. Zu einem Knäuel verschlungen, wälzten sich ihre schwarz und gelb geringelten Leiber auf dem Fusspfad hin und her, wobei die Kerfe ihre Beisswerkzeuge in der ausgiebigsten Weise gebrauchten.
Trotz ihrer Kleinheit machte doch die Erbitterung der beiden Kämpfer, die Leidenschaft und Wut, mit der sie ihre Sache ausfochten, auf mich einen überwältigenden Eindruck. Ich liess sie ruhig gewähren und ging meines Wegs. Bei diesen kleinen Bestien den Friedensvermittler spielen zu wollen, ist ein eitles Beginnen und ein vergebliches Bemühen. Ihre Stachel hätten mir sicherlich dafür den Beweis geliefert, und das wäre der Dank der Kämpfer für meine Liebesmühe gewesen.
Verschiedene Gründe hatten mich bewogen, Dr. Güssfeldts bewährten Führer Emil Rey in meine Dienste zu nehmen. Unter anderm wollte ich den Versuch machen, den Piz Badile über seinen Nordgrat zu ersteigen und damit meine Unternehmungen im Bergell zum Abschluss zu bringen. In 6 bis 8 Tagen musste sich die Sache entscheiden, falls der Schnee mehr abschmelzen würde. Wer Klucker und Rey kannte und mit diesen Führern gegangen war, musste wissen, dass mit ihnen das scheinbar Unmögliche möglich war. Noch aber bedeckte zu viel Schnee den Grat des Piz Badile, und so machte ich mich denn an ein anderes nicht minder interessantes Unternehmen.
Es lag nahe, einer Ersteigung des Cengalo über seinen Westgrat eine solche des Badile über seinen Ostgrat folgen zu lassen, besonders da beide Besteigungen das gleiche Joch, das Cengalojoch ( 3049 m ), zum Ausgangspunkt hatten. Für den Fall des Gelingens war Klucker eine grössere Belohnung in Aussicht gestellt worden.
Die Ersteigung des Piz Badile vom Cengalojoch aus war das schwierigere Unternehmen. Und so war ich denn der festen Überzeugung, dass Klucker, als er den 9. Juli 1892 bei Gelegenheit unserer Frühstücksrast auf dem Cengalojoch von hier aus die Ostflanke des Badile, d.h. die Turmseite, einer längern Erkundung unterwarf und keine Bedenken über eine Ersteigung des Berges von dieser Seite mir gegenüber äusserte, seiner Sache sicher war und alles in bester Ordnung sei.
Sonnabend, den 17. Juni, zogen wir im Bondascatal den Weg gegen die Sassf orà-alp zu aufwärts. Auf die Alp hinauf kamen wir in 3 Stunden weniger 10 Minuten. Mir, der ich den Führern voranging, bereitete es einiges Vergnügen, auf der Erta, dem langen, mit Steinen übersäten Grashang oberhalb des Dorfes Lombardoi, der eine Steile von über 35 Grad aufwies, auch nicht einen Stein losgemacht und in Bewegung gesetzt zu haben.
Oben auf der Alp kamen wir in Regen. Die Nacht schlief ich nicht schlecht auf meiner Pritsche, trotz des nicht enden wollenden Gegrunzes und Gequiekes eines in der Nähe der Hütte eingepferchten Ferkels.
Während unser armer konzertierender Wühler es in seinem Steinhause zu einsam hatte, konnten wir Hüttenbewohner trotz unserer zahlreichen Gesellschaft ( wir waren unserer fünf Mann ) des engen Raumes wegen es dennoch zu keiner rechten Freude bringen.
Am Morgen hatte ich das Vergnügen, den nächtlichen Musikanten zu Gesicht zu bekommen. Unbekümmert um mich und meine Führer, an denen er sich doch durch sein Gequieke so schwer versündigt hatte, ging er, ab und zu wie im Selbstgespräch kurz aufgrunzend, seiner gewohnten Beschäftigung, der Füllung seines Magens, nach.
Im Gegensatz zu den übrigen Alpen des Bondascatals, der Naravedro- und Scioraalp, ist jene Alm ein anheimelnd-traulicher Ort. Verschiedene Vögel, wie Amseln und Finken, die den andern Alpen fehlen, halten sich auf ihr auf, und den 18. Juni, Sonntag früh, vernahm ich ganz in der Nähe die das Echo der Berge weckende und in meinem Herzen eine wunderbare Sehnsucht wachrufende Stimme des Kuckucks. Da der 18. Juni bei Tagesanbruch trübes Wetter brachte, so unterblieb die von uns beabsichtigte Besteigung des Piz Badile, und statt dessen führten wir am späten Morgen des genannten Tages eine scharfe Rekognoszierung in der Richtung gegen den Fuss des genannten Berges aus. Das Hauptergebnis dieser scherzhaft scharfen Rekognoszierung bildete eine längere Siesta der beiden Führer, von der wir erst um lls/4 Uhr ziemlich missvergnügt heimkehrten und die Alphütte zugleich von allerlei Volk in noch höherem Grade als am Morgen früh angefüllt fanden.
Durch das anfangs trübe Wetter jenes Tages irregeführt, waren wir in den Fehler verfallen, auf den Herr Dent in seinen Hochtouren mit den Worten hinweist, « dass die meisten erfahrenen Bergsteiger zugeben werden müssen, dass sie sich so manches Mal um 1 oder 2 Uhr vom Wetter haben täuschen lassen und um 7 oder 8 Uhr erkennen mussten, dass sie, soweit es sich um Hochtouren handelte, einen vollständigen Tag verscherzt hatten ».
Früh 1 Uhr standen wir am Montag auf, und als wir uns an jenem 19. Juni an die Besteigung des Piz Badile über seinen Ostgrat machten, wandelten wenigstens wir zwei, d.h. Klucker und ich, noch von der am 9. Juli 1892 mit Mansueto Barbaria ausgeführten Besteigung des Cengalo her auf uns wohlbekannten Wegen.
Die schlimmen Erfahrungen, die wir an jenem 9. Juli im Cengalocouloir, wo wir dem Steinschlag ausgesetzt waren, gemacht, und der lange Weg, der uns heute bis zu den Masinobädern im Veltlin führen sollte, liessen uns so früh als möglich aufbrechen, und so rückten wir denn auch schon um 2 Uhr bei Laternenschein in die schöne Juninacht hinaus. 23/é Uhr ward die in den Fuss des Badilenordgrates eingelassene, mit einer kleinen Mauer vermachte Lücke auf der Ostseite des Grates erreicht, von der der Schafsteig auf den von den Wänden des Cengalo und Badile eingeschlossenen kleinen Gletscher hinabführt. Von uns in ihrem nächtlichen Treiben gestört, huschte im Zwielicht der Dämmerung und dem Schein unserer Laterne dicht vor meinen Füssen eine Maus unter die am Wege liegenden Platten.
Noch um 3 Uhr graute kaum der Tag, aber um 3 Uhr 30 Minuten, als wir über den Schafsteig an der Ostwand des Badile hinunter auf den Boden der von den Cengalo- und Badilewänden umschlossenen und sich hier verbreiternden Schlucht angekommen waren, unsere Gamaschen angelegt und uns ans Seil gebunden hatten, war die Erde von ihrem nächtlichen Schlummer erwacht und sah mit froher Hoffnung dem Erscheinen des lichten Sonnengottes und seines feurigen Gespannes entgegen.
Wie die grossen Hochtäler, so hat auch das am Fusse des zum Cengalojoch ( 3049 m ) führenden Cengalocouloirs gelegene kleine Tal seinen Gletscher, wenn auch einen sehr kleinen, und seine noch kleinere Moräne ( einen Gletscherwall oder Damm ), eine Moräne en Miniature, auf deren Kamm wir jetzt, es war 4 Uhr weniger 10 Minuten, längs der Badilewand in südlicher Richtung auf das eben erwähnte Cengalocouloir zuschritten.
Wie den 9. Juli 1892, war auch heute die Luft mild und weich, so mild und weich, wie man sie des öftern nur am Südfusse der Alpen haben kann. Uns umgeben wohlbekannte Bilder einer grossartigen Natur. Wir schreiten gleichsam, wie in das Innere der Erde versenkt, zwischen den himmelhohen, uns einschliessenden Wänden des Piz Cengalo und Piz Badile dahin. In unserem Rücken weiter zurück und uns zur Seite hatten wir die Doppelpyramide der Cacciabella und die Scioragruppe; uns gegenüber die Ausläufer des massigen Cengalo; uns zu Füssen den kleinen, massig zerschrundeten Cengalogletscher und nach rechts, Westen, die schwarzen Wände des Piz Badile. An ihnen rannen in einem kaminartigen Riss die Schmelzwasser des hoch oben unter dem Badilegrat befindlichen Schneefeldes rauschend herunter, ein kurzes, bald stärkeres, bald schwächeres Echo wachrufend. Auch die Staffage des 9. Juli 1892 ( an welchem Tage wir hier mit M. Barbaria durchkamen ), die schrill kreischenden Bergdohlen fehlten nicht und flogen mit langsamem Flügelschlag längs dem Badilegrat nach oben. Nur die auf der grün angehauchten Cengalomoräne weidende Schafherde war nicht zu sehen. Erst schritten wir längs einer Wand von weichem Schnee entlang, hierauf über eine sanft ansteigende Firnfläche und über die uns von der Besteigung des Cengalo her bekannte steingefährliche Stelle, die heute weniger bedrohlich aussah, und kamen schliesslich zu einem Firnbruch heraus.
Hier, gegen das Cengalocouloir zu, tiefer hinein, floss Wasser in kleinen Kaskaden, laut plätschernd, an den Wänden des Piz Badile herunter.
An den oben erwähnten Firnbruch schloss sich ein steiler Anstieg über weichen Schnee, sodann stiegen wir an einem Hang aus Schnee hinauf. Um 4 Uhr 35 Minuten hatten wir den ersten sich an derMündung desCengalocouloirs hinziehenden Schrund, die eigentliche Randkluft, ohne Schwierigkeit überschritten.
Zehn Minuten nach dem Überschreiten der Kluft erhob sich die Sonne, die Spenderin alles Lebens, über dem Cacciabellapass, und ihre goldigen Pfeile flogen, alles erhellend, in den blauen Äther hinaus. In die uns umgebende Szenerie kamen Farbe und Leben, und der Sonne lichter Glanz Hess uns mit frohem Mute in das Tor der düster-unheimlichen Cengaloschlucht einziehen, um durch sie auf den Cengalopass hinaufzukommen und, falls sich das Wetter gleich blieb, in das doppelt froh zu begrüssende Licht der Morgenfrühe eines glanzvoll schönen Tages blicken und treten zu können. So geschah es denn auch.
Der Schnee der Schlucht war ausgezeichnet. Man konnte ihn kaum besser haben. Das zeitraubende Schlagen der Stufen kam ganz in Wegfall.
In beschleunigtem Tempo und in rasch gestossenen Tritten stiegen wir in dem einen Fallwinkel von 40 Grad aufweisenden Cengalocouloir stetig und schnell empor. Binnen 25 Minuten war der, von unten gerechnet, zweite Schrund im Couloir erreicht, und wir gelangten über ihn, es war gegen 5 Uhr, noch leichter als über die Randkluft hinüber. Ein Schritt genügte, um an geeigneter Stelle ganz bequem über den zweiten Schrund hinüberzukommen.
Nach rechts von unserm Wege aber traten die Ränder der Kluft weit auseinander, und der obere hing weit über den untern Rand hinüber und hinaus. Während unseres Aufstieges von der untern zur obern Kluft des Couloirs hüpften an uns in der sich rechts, im Westen, hinziehenden, vereisten und breiten Lawinenrinne in weiten Sprüngen und mit leisem, kaum hörbarem Aufschlag dicht hintereinander zwei winzig kleine Steine mit solch reissender Schnelligkeit vorüber, dass sie uns nur als zwei kleine, graue Punkte vorkamen. Ein zu so früher Morgenstunde in der uns umgebenden Starre unheimliches Leben! Waren dies vielleicht die leichten Vorboten eines weit schwereren Nachtrabs?
Wir hatten einst in diesem Couloir nicht wenig durch Steinschlag zu leiden gehabt. Klucker hatte die Steine gesehen und beobachtet, ich hatte sie auch bemerkt. Mir jedoch kam ihr Erscheinen nicht als das, was sie sein sollten, als die Anzeichen eines möglichen Steinfalls, zum Bewusstsein. Wir wurden auch diesmal, da wir das Cengalojoch in aller Frühe erreichten, nicht durch Steinschlag inkommodiert. In tiefem Schweigen und gut markierten Tritten arbeiteten wir uns einer hinter dem andern und in den gleichen Fussstapfen verhältnismässig rasch hinauf, gegen das Cengalojoch zu.
Der sich in unserer Schlucht bis zum Halbdunkel verdichtende Dämmerschein, die lautlose Stille, die in ihr herrschte, und das kurze und hohle Echo, das durch ein von den Führern dann und wann rasch und hastig gesprochenes Wort oder durch einen von den Wänden herunterfallenden und in tausend Stücke zerstäubenden Eiszapfen hervorgerufen wurde, das monotone Gleichmass und Einerlei in unserer Fortbewegung, wobei die Führer, die dicht über mir standen, mir bei der Enge und Länge der Schlucht jeden Ausblick nach vorne zu benahmen und ich mit meinen Gedanken ganz auf mich selbst angewiesen war, das nicht enden wollende Zählen der Tritte, dann das Grossartige der Umgebung und der gigantische Massstab, mit dem das hier Gewordene zu messen war, die vielen tiefen und vereisten Furchen und Rinnen, in denen jetzt das Leben nur zeitweise durch die nächtliche Kälte gebannt und erloschen war, die links und rechts über mir und neben mir jäh aufsteigende Sohle der Schlucht und ihre grauweissliche Farbe; die steilen, glatten, dunkelfarbigen, zu meinen Seiten eng zusammengestellten Felswände, an denen das Auge kaum flüchtigen Blickes emporzusehen wagte, das alles waren Momente, die Seele und Geist in einen traumhaften Zustand versetzten, gleich dem der im Reiche der Schatten Versammelten.
Dieser Geisteszustand liess die Gefahren, denen wir doch bei unserem Aufstieg entgegengingen, nicht zum vollen Bewusstsein kommen, sondern sozusagen latent bleiben. Von dem obern Schrund begann das Zählen der Tritte. Jedesmal, wenn ich ihrer 500 gezählt hatte, liess ich Halt machen und notierte ihre Anzahl. Viermal trug ich den Vermerk in mein Notizbuch ein und am Ende unserer Wanderung noch die Zahl sechzig, macht 2060 Schritte.
Bei unserem schnellen Aufstieg vom 19. Juni ist der Niveauunterschied zwischen zwei Stufen nicht gut mit mehr wie 30 cm anzunehmen, woraus sich die Länge des Couloirs mit 618 m berechnet.
In dem gleichen Augenblick, als ich die ersten 500 in mein Notizbuch eintrug, flog rechterhand von uns ein Stein gegen den Cengalogletscher hinunter. Nachdem ich die zweiten 500 notiert hatte, folgte dem ersten laut aufheulend ein zweiter Stein und hinter ihm drein einige Eisschollen und Eiszapfen. Zum Glück blieb es bei dieser kurzen Begrüssung und folgte keine weitere. Jetzt wurde der Fallwinkel der Schluchtsohle steiler. Er betrug 53 Grad.
Wir ziehen uns dicht an die Cengalowand hinüber und bleiben auch, kurz bevor wir das Joch selbst betreten, auf der gleichen, der östlichen Seite der Schlucht. Es war eine Freude, mit anzusehen, wie hurtig und flink und mit welchem Feuereifer sich die Führer an dem steilen Hang der Schlucht emporarbeiteten. Wie ganz anders ging es heute auf leichten Schwingen als an jenem 9. Juli 1892, dem Tage, an dem wir den gleichen Weg gingen und Mansueto Barbaria mit betrübten Sinnen und verdrossenen Mutes, wie hinwelkend, seinen Verpflichtungen als Führer nachkam.
Um 6 Uhr waren wir so hoch im Couloir, dass wir über den Nordgrat des Badile hinwegsehen konnten und den stattlichen Bergellerhof zu Gesicht bekamen. Der Hang wies jetzt einen Neigungswinkel von 51 Grad auf. Kurz bevor wir auf das Cengalojoch selbst kamen, mussten wir uns noch nach rechts, näher an den Fuss der Badilewand, an einem Schneehang von über 57 Grad Steile, unter einem über die Sohle des Couloirs hinausragenden Schneeschild durch hinaufarbeiten. Um 6 Uhr 30 Minuten standen wir auf der Höhe des Cengalojoches.
Von der untersten, grössten Firnzerreissung der Randkluft an gerechnet, hatten wir das Couloir in zwei, von dem obern Schrund aus in anderthalb Stunden durchstiegen! So günstig lagen diesmal die Verhältnisse, dass wir zu unserm Aufstieg nur die Hälfte der Zeit wie im vergangenen Jahre nötig hatten. Auch nicht eine einzige Eisstufe war geschlagen worden! In den obern Partien der Schlucht war es während unseres Aufstieges ruhig und still geblieben. Kein Stein, kein Eisfragment durchschwirrte die Luft!
Dem Pass selbst lag eine hohe, weit ausladende Schneecorniche auf.
Wir umgingen den Turm des Piz Badile, um unser Unternehmen nicht zum Scheitern zu bringen, in der Richtung von Nord nach Südwest, von links nach rechts herum. Als wir den Pass verliessen, schlugen wir eine rein südliche Richtung ein und marschierten über Schnee am Fusse des Badileturmes hin. Dann traversierten wir längs einer Felswand und einem kurzen, steilen Hang auf einem schmalen Band aus brüchigem, schottrigem Gestein und auf noch schmäleren Gesimsen bis zu einem kleinen Felskopf, der wie eine Kanzel weit hinausragte und dessen Seiten in unendliche Tiefen niedergingen. Auf diesem, am Südfusse also des Badileturmes, liessen wir uns, da es ein Viertel nach 7 Uhr war und wir seit 2 Uhr nichts genossen hatten, zu einer Frühstücksrast nieder.
Erst assen wir alle drei in derselben Zeit zusammen. Der vollblütige Rey jedoch hatte seinen Hunger sehr bald gestillt, und nachdem er einen langen Zug aus seiner Feldflasche und dann noch einen zweiten noch längern getan hatte, begann er mit grosser Geschwindigkeit und in gebückter Stellung um den Rand und unterhalb des Randes unserer in der Luft schwebenden Insel, der Kanzel, und über der grauenvollen Tiefe unter ihr auszuspähen, herumzujagen und hin und her zu rasen! Was er da ausführte, war alles andere als eine Kletterei.
Während Rey die Abgründe unter uns durchmusterte, beendeten Klucker und ich unsere Mahlzeit. Mit dem Kopfe gegen den Badileturm hinweisend, meinte Klucker: « Den lassen wir lieber in Ruh ' », und machte dazu ein Gesicht als ob er sagen wollte: « Sollten wir es dennoch versuchen, so werden wir sicher abgeschlagen. » Ich sagte darauf nichts, muss aber gestehen, dass diese Erklärung mir auf dem Cengalojoch von Klucker hätte abgegeben werden müssen. Zugleich ward ich durch die Worte ziemlich niedergeschlagen und mutlos.
Das stolze Gebäude, das Hoffnung und Phantasie vor mir aufgebaut hatte ( den Piz Badile direkt vom Joch ersteigen zu können ), war zusammengestürzt und gebrochen. An seiner Stelle stand wie ein Riese oder Hüne der unangreifbare Badileturm finster dräuend da! Ich nahm eine möglichst unbefangene Miene an und bückte an dem Felszahn, dem Badileturm, hinauf. Klucker mochte Recht haben, aber den Versuch, den Turm zu ersteigen, wollte ich doch noch einmal machen. Von unserm kleinen Felskopf aus, auf dem wir uns wie auf einer Insel mitten im Luftmeer rings von Abgründen umgeben befanden, bot sich unsern Blicken etwa folgendes dar:
Im Norden dicht vor uns, nur durch einen schmalen Grat mit unserm Sitz verbunden, der sich mehr als haushoch über unserm Niveau erhebende, 3198 m über Meer messende Badileturm und seine langen, glatten, abgesplitterten Bruchflächen, die ohne irgendwelche nennenswerte Risse und Sprünge an seinen Seiten niedergingen. Weiter hinaus, im Nordwesten und nach links zu in der Richtung, die wir eingeschlagen hatten, der Piz Badile.
Dieser Berg bildete mit seinem südwestlichen Ausläufer und demjenigen, auf dem wir uns befanden, d.h. dem südöstlichen, ein nach Süden weit geöffnetes Amphitheater von riesigen Dimensionen, das im Vergleich zu seinem Umfang einen verhältnismässig kleinen Gletscher einschloss.
Von unserm Felsensitz stürzten nach links, d.h. nach Westen zu, die Wände mit Überhang steil ab, und nach der östlichen Wand des Amphitheaters tiefer hinein stand glattes, abgewaschenes Gestein dem Gletscherrand auf.
Wo hinaus, wo hinauf sollten wir uns nun wenden? Einen, aber auch nur einen Augenblick schien es mir, als ob wir auf dem oberen der beiden sich an der Ostwand des Felsenzirkus parallel hinziehenden Schneebänder gegen den Fond des Halbmondes tiefer hinein und in die zwischen unserm Turm und dem Ostgrat des Badile eingelassene Scharte vordringen könnten. Bei näherem Zusehen erwies sich eben diese Hoffnung als trügerisch, indem die sich über das Band weiter hinaus erstreckenden Wände glatt und unzugänglich wurden. Die Führer hatten es ebensogut wie ich heraus, dass es mit unsern Chancen, in die Scharte im Badilegrat gelangen zu können, ohne dabei eine grössere tote Steigung zu überwinden, verteufelt schlecht stünde!
Als Rey von seiner luftigen Exkursion, die schneller beendet war, als das Niederschreiben dieser Zeilen in Anspruch nahm, zurückkehrte, meinte er, dass wir, wenn auch nicht so ganz leicht, auf das untere der beiden sich schräg unter uns hinziehenden Schuttbänder und von ihm aus in die nordöstliche Ecke des Badile-ostgrates gelangen könnten. Das Band, das Rey meinte, ist auf einer der der Luranischen Broschüre « Le montagne di Val Masino » beigegebenen Kartenskizze ganz vortrefflich zu sehen.
Von Dachdeckern und Schornsteinfegern ( es bringt das ihr Beruf mit sich ) und der höhern Kletterschule in den Dolomiten, der das Waghalsige erst den haut-goût liefert, abgesehen, bleibt es für einen gewöhnlichen Sterblichen doch eine eigene Sache, so ohne weiteres in die Luft hinauszuklettern und sich wie an den Schnörkeln und Zieraten eines Kirchturms in eine Ungewisse und sich verlierende Tiefe hinabzulassen.
Rey kletterte als erster über den Rand unserer Insel hinab und verschwand unter deren Überhang. Ich folgte ihm. Hinter mir kam Klucker am doppelt genommenen Seil. Das Ganze liess sich weit besser an, als ich erwartet hatte. Der Fels war fest und gut, und ich kam bald in das Güssfeldtsche Tempo des eins, zwei, drei hinein.
Langbeinigen Spinnen vergleichbar, bewegten wir uns stetig gegen die Tiefe zu. Allmählich überkam mich bei dieser Art Fortbewegung ein Wohlgefühl, das man die Kletterfreude nennt. Sie steigerte sich bis zum Frohsinn, ja bis zur Lustigkeit. Es ging schon allzu gut!
Unser gleichmässig stetiger Abstieg an den Wänden der sich vom Piz Badile vorstreckenden Gratrippe erfuhr durch die folgende Durchkletterung eines sich nach links, Norden, hinabziehenden Kamins eine Unterbrechung.
Ich stieg in ihm, das Gesicht der Wand zugekehrt ab. Von der Felsspalte, dem Kamin aus, traversierten wir in mehr südlicher Richtung an den Wänden unseres Bollwerks hin und her und gelangten so auf Schnee, auf dem wir schräg nach abwärts weiterzogen und, tiefer abgestiegen, wiederum längs plattigen, abgewaschenen Wänden, die stellenweise von Schmelzwasser überronnen und von flachen Rinnen und Rillen durchfurcht waren, nur ein beschwerliches Fortkommen fanden. In vorwiegend westlicher Richtung waren wir um 9 Uhr an den Felsen der Gratrippe des Badileturmes herab auf dem breiten, im Grunde des Badileamphi- theaters sich hinziehenden Schneeband angekommen, dessen ich bereits früher Erwähnung getan.
Seit dem Verlassen unseres luftigen Rastplatzes ( es war um 8 Uhr gewesen ) war eine Stunde verflossen, und es hatte uns unser Abstieg einen Höhenverlust von mindestens 300 Metern eingetragen. Wie dem Leser erinnerlich, hatten wir uns zu dieser toten Steigung entschliessen müssen, um überhaupt in die Scharte des Ostgrates unseres Berges gelangen zu können. Unsere nächste Aufgabe bestand nun darin, den uns aufgezwungenen Verlust an Höhe wieder einzubringen. Wir befanden uns jetzt in einem Revier, das Jahrtausende hindurch unter Eis und Schnee begraben gewesen war und nur in den jüngsten Zeitepochen direkt dem Tageslicht und der Einwirkung der Sonnenstrahlen zugänglich geworden war. Daher die geringe Zahl von Spalten und Rissen und das glatte, abgewaschene Gestein! Von unserer Terrasse, dem breiten Schneeband, auf dem wir uns befanden, bogen wir nicht gleich in die nördliche Ecke des Badileamphitheaters ein, sondern blieben des weichen Schnees wegen auf dem schneefreien Rand des Bandes und marschierten gegen 10 Minuten, eine mehr nordwestliche Richtung einschlagend, gegen die Mitte des Felsenzirkus zu und schwenkten dann erst scharf nach rechts, Nordosten, ab und gelangten so um 9 Uhr 25 Minuten über das weite, sich in massiger Steigung vor uns ausbreitende Schneefeld bequem in den innersten Winkel der sich hier durchsetzenden Wände ( der Süd- und Ostwand ) des Amphitheaters des Piz Badile.
Die helle, grauweissliche Farbe der sich vor uns erhebenden Wände liess darauf schliessen, dass deren Bruch ein frischer und das Gestein ein homogenes, gleichartiges sei, d.h. keine Risse und Sprünge aufweise und das Hinaufkommen an diesem Fels keine leichte Arbeit sein werde.
Von unserm Rastplatz auf dem Felskopf ( der Badileturmrippe ) glaubte ich wahrgenommen zu haben, dass linkerhand von dem von uns zuletzt eingeschlagenen Weg die Felsen auch gangbar seien. Als wir jedoch im Grunde des Badileamphitheaters angekommen waren, meinte Klucker: « Wir wollen es von der Ecke aus versuchen! » Da diese Einstiegsstelle in die Felsen näher lag als die von mir ausersehene nach Osten zu gegen die Scharte im Badilegrat, so vertrat ich meine Meinung dem Führer gegenüber nicht weiter.
Wir standen jetzt vor einer neuen Anstiegsroute, einem Wege, der uns auf den dem gewöhnlich benutzten Südwestgrat entgegengesetzten Südostgrat führen sollte.
Seiner Natur nach zerfällt der Anstieg auf den Piz Badile auf dem Wege, den wir nahmen, in drei Abschnitte oder Teile: a ) in das Überschreiten und Überklettern einer glatten Wand, im Anschluss an diesen Übergang ein verhältnismässig leichter Aufstieg bis in die vom Badileturm flankierte Scharte im Ostgrat unseres Berges, b ) in die schwierige Kletterei über den Ostgrat des Badile und schliesslich c ) in den herrlichen Gang auf dem breiten Felsband am Fusse der sich gegen Norden erhebenden Riesenmauer jenes Berges und vom Band auf die höchste Erhebung des gegen Westen streichenden Gipfelgrates des Piz Badile.
Wie so oft im Urgebirge, so vermittelte auch diesmal ein Riss, eine Felsspalte von beiläufig 20 m Länge den Einstieg vom Boden des Amphitheaters weg in dessen Wände.
Aus dem Riss heraus gelangten wir auf ein kurzes Band, eine Granitplatte, und von jenem an die Stelle, längs der wir zu traversieren hatten.
In den Dolomiten wäre der Gesteinsformation wegen, die dort eine zu glatte und bröcklige ist, unser Vorgehen an jener abgewaschenen Stelle einfach eine Unmöglichkeit gewesen. Kein vernünftiger Tourist noch Führer hätte in jenen Bergen den Versuch, an solch einer abgescheuerten Wand durchzukommen, gemacht. Im Urgestein, dem Granit jedoch, bei dessen verhältnismässig rauher Oberfläche durfte man immerhin so etwas noch mit einiger Aussicht auf Erfolg wagen. Einige kleine, im Durchmesser gegen 6 cm haltende, schalenförmige Vertiefungen und zwei längere, schmale, von unten nach oben in von rechts nach links schräg aufsteigender Linie führende Risse, deren Ränder sich in verschiedener Höhe befanden, so dass die untern über die obern vorstanden, vermittelten die Passage an dieser mehr als 100 m langen, anfangs unter einem Winkel von 40, später, in der Nähe der Risse, wohl unter 45 Grad Neigung abfallenden Wand.
Ohne die mehr als zweifelhaften, um nicht zu sagen imaginären Stützpunkte, die diese Risse boten, wäre das Passieren jener Wandstufe schwerlich ausführbar gewesen. Besonders gegen ihr Ende zu, in der Nähe der die Wandstufe abschliessenden Felskante, erwies sich das Hinüberkommen als äusserst anstrengend und schwierig. Es hiess da ohne Hast, mit grösster Kaltblütigkeit und Umsicht vorgehen. An jener heiklen Stelle besass das Gestein die bekannte hell fleischgelbliche, ins Grauweissliche spielende Färbung.
Mit der sich in die Höhe ziehenden, unsere plattige Wandstufe begrenzenden Felskante lag, mit ihr gleichlaufend, ein über einen Meter langer Schaft aus Syenitgestein, eine gerade, rhombische Säule, ein fertiger Meilenstein, leider nur ganz lose auf und konnte so dem an dieser heiklen Stelle empor Kletternden auch nicht den geringsten Halt bieten. Zuerst passierte Klucker die Stelle. Nachdem er am Ende der Wandstufe angekommen war und oberhalb des eben erwähnten Syenitschaftes einen etwas sichereren Stand gewonnen hatte, kletterte und schob ich mich, von den Führern am straff gezogenen Seil gehalten, langsam und vorsichtig hinüber. Dann musste ich auf nichts weniger als sicherem Stand ruhig warten, bis Klucker an einer bereits früher erspähten Stelle mehr oben angelangt war, da er ausser mir auch Rey zu halten oder, wie der technische Ausdruck lautet, zu « versorgen » hatte.
Bei seinem Aufwärtsklettern zog Klucker, indem er immer höher und höher stieg, das Seil, da das Stück zwischen ihm und mir nicht lang genug war, bis zur höchsten, von mir kaum noch zu ertragenden Spannung an, so dass ich jeden Augenblick aus meiner Stellung gerissen zu werden fürchten musste. Um den weitern Gang der Besteigung nicht zu stören, liess ich, ohne zu protestieren, diese Art Tortur ruhig über mich ergehen.
Rey, der auch meine Eisaxt bei sich hatte, fiel jetzt die nicht ganz leichte Aufgabe zu, die gleiche Passage zu forcieren. Er erledigte sich ihrer ohne den geringsten Zwischenfall mit viel Geschick und Gewandtheit. Kaum war er herüber, so setzten wir uns auch wieder in Bewegung und stiegen in den Wänden des Badileamphitheaters bis zu einem Felsabsatz, auf dem wir bequem stehen konnten, hinauf.
Über gut gangbaren Fels, kleine bandartige Wandstufen und dazwischen über Schnee strebten wir jetzt dem weit sichtbaren, in den Ostgrat des Badile tief eingelassenen Grateinschnitt zu.
Diese Scharte wird gebildet durch den hier steil und schroff abfallenden Teil des Badileostgrates, der an dem breiten, sich am Fusse der Nordmauer des Gipfelaufbaues hinziehenden Felsbande ansetzt, und den aus dem Grunde der Scharte kühn ansteigenden, zweiteiligen Badileturm ( 3198 m ), dessen Ostseite in unnahbaren Wänden gegen das Cengalojoch ( 3049 m ) 150 m tief abfällt.
Um 10 Uhr 30 Minuten standen wir in der Scharte und konnten unsere Blicke bis auf den Bondascagletscher hinabgleiten lassen.
Eine zweiundeinhalbstündige, harte Arbeit lag hinter uns, deren einziges greifbares Resultat in der Überwindung einer ganz bedeutenden toten Steigung bestand. Nach all diesem befanden wir uns jetzt in einem nicht viel höhern Niveau, als es um 8 Uhr der Fall war, da wir unsern Rastplatz auf der weit vorspringenden Gratrippe am Fusse des Badileturms verliessen. Fürwahr ein Werk, des Schweisses der Edlen nicht wert!
Aus der Scharte wandten wir uns nach links, Westen, und blieben jetzt für einige Zeit auf der Nordflanke, der dem Bondascatal zugekehrten Seite des Berges.
Der Blick an den Ostwänden des Piz Badile hinunter ist grauenerregend, und dennoch konnte man ihn trotz seiner Wildheit schön nennen. Glatt, ohne irgendwelchen Absatz, fallen hier die Wände an 700 m tief ab. Lässt man sein Auge in jene unbarmherzigen Abgründe hinabgleiten, so überkommt einem das Gefühl des Schauderns Schon der blosse Gedanke, dort abstürzen zu können, ist entsetzlich.
Auf schmalem Schneekamm traversierten wir dann längs der Nordostwand des Badile, unter uns zur Rechten einen steil abschiessenden Schneefleck, 40 Schritt um einen sogenannten Gendarm, einen Gratturm, herum.
Darauf wandten wir uns mehr nach links und dann, über eine grössere Menge Schnee scharf nach rechts abschwenkend, gelangten wir zu einem schmalen, mit lotrecht stehenden, meterhohen und dicht übereinandergestellten Platten erfüllten Riss, aus dem diese Tafeln wie regellos zusammengeworfene, säbelartig zugeschärfte Palisaden nach rechts über den Abgrund hinausragten und ein in bester Form ausgeführtes Verhau darstellten. Während Klucker, der Mann mit der eisernen Faust, das uns entgegenstehende Hindernis zu nehmen sich anschickte und auszog, wartete ich und blieb an sicherer Stelle auf dem Schnee in der Nähe des Risses stehen. Kein Lüftchen regte sich, und in der uns umgebenden lautlosen Stille konnte ich klar und deutlich die ächzenden Laute hören, die sich der Brust des schwer arbeitenden Mannes entrangen. Es musste eine ungemein schwierige Stelle sein. Und wenn eine dieser granitenen Palisaden nachgibt, der Haufe nach-drückt und dem Mann Hand oder Fuss zerquetscht oder ihn selbst zermalmt? Oder wenn so eine Tafel ausbricht und die ganze Masse nachstürzt und ihn, den kühnen, unerschrockenen Führer, mit sich in die Tiefe reisst? Alles das riskierte in jenem Augenblick und an jener Stelle Klucker!
Mag auch der Tourist des öftern moralische Quetschungen davontragen, so hat der Führer doppelt acht darauf zu geben, dass er seine Knochen heil und ganz nach Hause bringt. Sein Lebensunterhalt und Verdienst hängt einzig und allein von dem unbehinderten Gebrauch seiner Gliedmassen ab.
Er riskiert viel mehr und setzt seine Person ein zum Gelingen des Unternehmens.
Solange Klucker sich mühte, das vor uns stehende Hindernis zu nehmen, sah ich mir die Umgebung an. Alles um mich herum hatte eine exorbitante Steile, und fiel der Blick in die Tiefe, so musste man sich sagen, dass so glatte, wie abgehobelte Flächen und Wände nur der Granit darbietet.
Mit dem Anblick dieser furchtbaren Schroffen erwacht in unserer Seele die Vorstellung der Erbarmungslosigkeit, der schrecklichen Härte und Gefühllosigkeit dieser Massen. Mir gerade gegenüber stieg ein Gratturm kerzengerade wie ein Bildstock in die Lüfte. Wohin auch das Auge blickte, all überall die wildeste Zerstörung und alles ringsum wie zersägt und zerhackt.
Eine vor mir am 22. Juni 1895 an Ort und Stelle aufgenommene Photographie gibt einen Begriff von der Steilheit der Ostwand des Badile und der diese Wand krönenden Mauer.
Jetzt bedeutete mir Rey, dass Klucker fest sei, d.h. er könne mir jetzt, ohne seine eigene Sicherheit zu gefährden, beim Überklettern des Verhaues durch das Anziehen des Seils die nötige Unterstützung gewähren. So gelangte denn auch ich an den Tafeln des Risses hinauf und über sie hinweg.
Nachdem wir über jene granitenen Palisaden hinübergekommen waren, taten wir mit dem Badilegrat in gleichlaufender Linie einige Schritte über Schnee, und bald darauf steigt vor uns ein Turm, der von einem 10 Meter langen Riss, einem sogenannten Kamin, durchsetzt war, in die Höhe.
Durch den Riss hinauf führte der uns vorgezeichnete Weg. Nach links zu waren die Felsen ungangbar, und nach rechts stürzten sie in gleicher Weise jäh ab. Unsere Aufgabe war, wenn irgendmöglich auf dem Ostgrat selbst oder in seiner unmittelbaren Nähe zu bleiben, wo das Gestein in Trümmern lag und so ein besseres Fortkommen versprach. Während Klucker sich in der Spalte ohne sonderliche Mühe emporarbeitete und auch binnen kurzem ihr Ende erreicht hatte, warteten Rey und ich unten am Fusse des Turmes.
Als Klucker oben angelangt war, wurde gleich darauf mein Rucksack hinaufgehisst. Da er einen ziemlichen Umfang besass und der Riss sehr schmal war, so beanspruchte das Aufseilen des Sackes schon bedeutend mehr Mühe und Geschick als das eigene Hinaufklettern Kluckers. Auf den Rucksack folgte Rey und dann ich ohne irgendwelche Schwierigkeiten den vorangestiegenen Führern.
Vor mir in einiger Entfernung stand mit ausgespreizten Beinen auf der hier in zwei Äste gabelnden Spalte am Ende des Kamins Rey, und wir warteten, bis Klucker auf dem sich links über uns erhebenden Grat des Badile angelangt war. Als das geschehen, rückten wir vor, und es traf ein von Klucker losgemachtes Felspartikelchen Reys Hut und erinnerte dessen Besitzer daran, dass bisweilen auch geschickte Führer Steine losmachen können. Rey wandte jetzt pflichtschuldigst Kopf und Augen nach oben. Es kamen aber keine Steine mehr!
Um 11 Uhr 5 Minuten war der Sieg unser, d.h. waren wir auf der Süd-, der italienischen Seite des Badilegrates angekommen. Das Ersteigen des Grates war leicht gewesen.
Unser Blick konnte jetzt frei über das weite, steinbesäte, von grünen Matten durchsetzte Gefilde uns zu Füssen ( das Porcellizzotal ) und weiter bis an den fernen Horizont schweifen. Voll und ganz überliess ich mich den Eindrücken der mich umgebenden grossartigen Szenerie.
« König ist der Hirtenknabe, Grüner Hügel ist sein Thron, Über seinem Haupt die Sonne Ist die grosse, goldene Krön '. » Ein herrliches Gefühl ist es, in solcher Höhe, es waren 3250 m, auf einem Felsband wie auf einer grossen Heerstrasse wandeln zu können, wobei man die ganze Welt zu Füssen hat. Mit um so grösserm Vergnügen ruhte unser Auge auf dem Grün der Matten, den braunen Bergen und den nur wenig beschneiten und eisgepanzerten Gipfeln der italienischen Lande, als uns noch vor kurzem die Bilder der Nordseite der Alpen mit ihren unendlichen Eis- und Schneefeldern und ihren weissen Bergen vor Augen gewesen waren.
Die gigantische Mauer des Piz Badile, längs deren Fuss wir hinschritten, hatte sich zwischen uns und die unendlichen Reihen der schneeigen Häupter jener arktischen Welt gelegt. Wir hatten es jetzt auf der italienischen Seite des Badilegrates mit einem ungemein zerfallenen, zerrissenen und mit verschiedenen Trümmern besäten Grat zu tun.
Von ihm gelangten wir auf ein Band von riesigen Dimensionen, auf dessen Eis- und Schneedecke grosse, massige Felsblöcke hervorsahen, über die wir hinwegschritten und die wir überkletterten. Das Band zog sich, von Ost nach West horizontal fortlaufend, längs dem Fusse einer Mauer hin, der Nordwand des Piz Badile, die eine Höhe von beiläufig 40 bis 60 m und eine Länge von 150 bis 200 m besass. Diese, von dem anstehenden Gestein des Piz Badile gebildete Riesenmauer zeigte einen verhältnismässig frischen Bruch mit gleichmässig glatten Flächen, die wie durchsägt aussahen und eine hellgelbe, ins Lichtgraue überspielende Farbe besassen. Je unerwarteter uns diese Felsbildung vor Augen trat, desto berauschender und mit um so grösserem Zauber wirkte sie auf unsere Sinne und um so erhebender auf das Gemüt. Ich hätte vor Freude und Bewunderung laut aufjauchzen mögen. Hoch in den Lüften eine breite, gigantische Heerstrasse! « Regel wird alles, und alles wird Wahl und alles Bedeutung, Ordnung, Gesetz und Verhältnis zugleich! » In der Sommersaison dreier Jahre habe ich fast täglich die Nordseite des Piz Badile vor Augen gehabt und mir nicht träumen lassen, dass dieser Berg auf der Südseite seines Gipfelgrates ein solches Unikum in der Architektur des Gneises und Granites berge.
Und wie oft ist der Badile von der Südseite erstiegen worden, sicher über ein halbes dutzendmal, aber keinem der Ersteiger fiel es ein, den westlichen, 200 m langen Gratkamm des Gipfels mehr nach Osten zu verfolgen.
Der dem Badile benachbarte Cengalo weist unterhalb seiner Spitze ein schwaches Analogon der Felsbildung des Piz Badile auf.
Von dem Felsband des Piz Badile stürzen die Wände zur Südseite fast lotrecht ab. Hin und wieder zogen Wolken auf, die, aus grösserer Nähe betrachtet, oder falls wir von ihnen eingehüllt wurden, sich als das, was sie waren, als Nebelbildungen zeigten. Sie verschleierten uns auch etwas den Blick in die Tiefe.
Die von Cavalcorto, von der italienischen Seite aus, aufgenommene Panorama-ansicht des Herrn von Lurani in seinen Montagne di Val Masino zeigt uns die Gratwand, wenngleich die Gesamthöhe des Piz Badile auf dem Bildchen nur 8 mm beträgt, ganz deutlich.
Die Begehung unseres schönen Felsbandes nahm leider nicht mehr wie eine Viertelstunde in Anspruch. Durch den Genuss, den sie bot wog sie die Mühen der gesamten Badilebesteigung auf. Ohne die Auffindung dieses Bandes, dieser grossartigen Bergterrasse, wäre die Tour des 19. Juni ein reines Fiasko gewesen.
Vom Ende des Bandes mussten wir über breite Bruchkanten abgesplitterter Granitpilaster und verschiedene Trümmer eine kurze Kletterei gegen die Scharte im Westgrat unseres Berges ausführen, wobei wir das Bergellertal und das kleine Promontogno tief unten uns zu Füssen hatten.
Klucker blieb in der Scharte wie festgebannt stehen. Es schien fast, dass er am hellen, lichten Tage Gespenster sah. Ich wusste, was ihn an die Stelle bannte und liess ihn, weil es auch in meinem Interesse lag, dass er den Nordgrat des Badile aus nächster Nähe erkunde, ruhig gewähren. Rey jedoch, der als zweiter am Seil ging, verlor die Geduld und trieb ihn an, rascher vorzugehen.
Während unseres Weitermarsches ging an der Wand, die zwischen dem Ost-und Nordgrat des Piz Badile eingebettet ist, eine Schneelawine ab. Nach der italienischen Seite zu verdeckten uns grössere Wolkenballen jeglichen Ausblick. Die Uhr war 20 Minuten nach 11. Zwischen riesigen Blöcken, durch eine Spalte hindurch, wandten wir uns nach links und traten auf den gegen 200 m langen, sich horizontal hinziehenden Schneegrat des Gipfelaufbaues des Piz Badile heraus. Auf ihm, dem Schneegrat, schritten wir, wobei wir auch über Fels kamen, ein Stück, da er sehr exponiert war, behutsam weiter und auf das Gefelse der italienischen Seite hinüber und hinunter, wo wir längs einem langen Schneeschild unsern Marsch fortsetzten.
Als die Felsen ungangbar wurden, mussten wir auf die scharfe Schneide des Gipfelschneegrates selbst hinaus, und wie in den Lüften schwebend, bewegten wir uns, den Kamm des Grates mit den nach aussen gebogenen Fussspitzen zusammen-tretend, langsam und vorsichtig weiter.
Führer Rey, den Dr. P. Güssfeldt den Berserker nennt und dem Kluckers bedächtiges Vorgehen ganz und gar nicht nach dem Sinne war, rief diesem, ungeduldig geworden, mit unwirschem Ton ein « eh bien, allez » zu. Wie mir schien, wollte Rey durch verdoppelte Energie die Scharte des Unglückstages auf der Scioranadel wieder auswetzen, an dem mein Aneroidbarometer durch seine Unvorsichtigkeit in die Tiefe rollte und er beim Abstieg über den Grat unterhalb des Gipfels abzusteigen zögerte.
Um 11 Uhr 40 Minuten hatten wir die höchste Erhebung des Gipfelgrates des Piz Badile erreicht. Wie bereits erwähnt, besteht jene höchste Erhebung des Piz Badile aus einem zirka 200 m langen, um jene Jahreszeit, es war im Juni, mit Schneeschildern gekrönten, wagrechten und gleichmässig verlaufenden Schneegrat, dessen höchster, die Gleichförmigkeit der Gratlinie kaum unterbrechender Punkt 3308 m hoch ist.
Zwei wie die eines Vogelkopfes mit Schnabel abenteuerlich geformte, weit ausladende Schneeschilde unterbrachen in etwas die Einförmigkeit der Kammlinie. In seiner Skizze « Die Berge des Masinotals » hat uns Lurani eine genaue Beschreibung des Badilegrates gegeben.
Der auch von Promontogno aus sichtbare, in der Depression zwischen dem Ost- und Nordgrat des Piz Badile eingebettete, nicht grosse Schneefleck ist vom Badilegrat, also aus der Nähe betrachtet, ein über 200 Meter an Länge und Breite haltendes Feld von Schnee, das einer einzigen, gleichförmig ebenen Platte aufliegt. Während wir uns unterhalb des Gratkammes, der italienischen Seite des Piz Badile, auf den aus dem Schnee herausragenden Blöcken gelagert hatten und unser frugales Mahl einnahmen, kroch eine Spinne langsam und bedächtig über den Schnee gegen den Grat zu aufwärts. Sie wollte wohl wie wir ihr Mittagsmahl halten und befand sich auf der Suche nach einer korpulenten, von ihrer nächtlichen Starre noch nicht ganz munter gewordenen Fliege, die sie gemählich auszusaugen beabsichtigte.
Mit der Aussicht erging es uns an jenem 19. Juni wie Lurani im August des Jahres 1880: wir bekamen auch nicht allzuviel zu sehen. Nach Italien zu stand gegen uns eine Nebelwand auf. Die Schweizerseite hatte besseres Wetter. Das Bondascatal aufwärts war der Blick noch klar, und ab und zu tauchten die Engadiner Seen auf.
Nachdem einer der Führer die dem Leser von den verschiedenen Besteigungen her nur zu bekannte Visitenkarte in dem vorgefundenen Steinmann so gut es ging geborgen hatte, brachen wir auf. Zuerst gingen wir ein kleines Stück längs dem Badilegrat nach Osten zurück und bogen hierauf scharf in die das Massiv des Piz Badile in der Richtung von Nord nach Süd durchsetzende Schneeschlucht nach Südwesten ab. Diese im Osten und Westen von je einer Felsrippe begrenzte, flache Schlucht wird weiter unten durch eine Felsleiste wieder in zwei Teile geschieden, in deren westlichem wir im weiteren Verlauf unseres Abstieges hinunterkamen. Weiter unten verflacht sich die sich absenkende Leiste abermals, um in einer Depression, einem mit Schnee erfüllten, ziemlich langen und steilen Couloir, zu enden, das weit in die Tiefe hinunterführte.
Schon gleich im Beginn unseres Abstieges verhinderten Vereisung und Schnee ein rascheres Fortkommen. Das über das apere, d.h. vom Schnee freie Gefelse stellenweise kaskadenartig herabkommende Schmelzwasser erschwerte ganz bedeutend das Traversieren des obern Teils des Schneekars, dessen Westseite wir zustrebten. Nachdem wir das Schneekar oder die Schlucht gequert hatten und an die aus ihrer Westseite sich herabziehende Felsrippe näher herangekommen waren, stiegen wir am Fusse der von ihr gebildeten, steilen Wand hinab, wobei Rey, der voran war, einige Stufen in den hier von Eis durchsetzten Schnee schlug. Das in die nur flüchtig geschlagenen Stufen nachsickernde Wasser, das sie ausfüllte und zum Teil auswusch, zwang mich, um nicht auszurutschen und mich der Länge nach auszustrecken, zu äusserst behutsamem Vorgehen. An der Wand noch nicht ganz vorübergekommen, krochen und rutschten wir auf einer plattigen und niedrigen Felsleiste, uns mit den Händen stützend, in halb sitzender Stellung ab, zu der früher erwähnten, flachen, grössern Schneeschlucht, zu der ein schmaler Riss führte, den wir durchklettern mussten.
Mit dem Gesicht gegen die Schneewand, stiegen wir in der Schlucht zu einem weit tieferliegenden Niveau, zu einer Felspartie von plattigem Gefüge, rasch und bequem hinab. Über die Felsen und einen schwindligen Grat gelangten wir auf ein grosses und breites Band, das wir dann für längere Zeit zu unserm Weiterkommen benutzen konnten. Dieses Bandes tut Lurani in seiner bereits öfter genannten Broschüre Erwähnung.
Rey war über den schwindligen Felskamm, ohne dabei im geringsten aus dem Gleichgewicht zu kommen, hinüberbalanciert. Mir, der ich hinter ihm her kam, wurde die Sache nicht so leicht, und ich hatte mich, um mich aufrechtzuerhalten, das eine und andere Mal bücken müssen.
Von diesem Felskamm aus machte mich Klucker auf den zwei- und langohrigen Trabanten des Piz Badile, den Badilet, einen barock und hässlichaussehenden Berg, aufmerksam. Dieser, ein Badile im kleinen, ist eine Karikatur des grossen Badile.Von Norden sieht dieser Berg so hässlich aus, dass ich es bei meiner spätem photographischen Aufnahme nach Möglichkeit vermied, ihn mit auf die Platte zu bringen.
Wie der Abstieg der frühern Ersteiger des Piz Badile, so erfolgte auch der unsrige auf dem Kamm des westlichen Bogens, von den zwei weit nach Süden vorgestreckten Felszungen, der westlichen und östlichen, durch die das Amphitheater gebildet wird, das sich tief in das Innere unseres Berges ausbiegt und aus-wölbt. Wenn man auf einem der Schuttbänder des Pelmo ( 3169 m ) im Dolomit auf ein und demselben Niveau bleiben kann, so mussten wir nach dem Verlassen des bereits erwähnten, grössern Bandes auf dem Piz Badile jetzt vielfach auf kleinen Bändern auf- und niedersteigen, wobei wir, um auf das tieferliegende Band zu kommen, Rutschpartien im wahren Sinne des Wortes ausführen mussten und die Nägel des vordem Teils der Schuhsohle eine weit grössere Rolle als sonst zu spielen hatten. Dabei mussten wir, um das Rutschen nicht in ein Abstürzen übergehen zu lassen, bald mit der einen, bald mit der andern Hand in einen der vielen Risse der Wand, an der wir abstiegen, greifen. Kluckers nervige Rechte musste, mir zu Hilfe kommend, dazu beitragen, unsern Rutschpartien den Stempel des Heitern aufzudrücken. An einer besonders heiklen Stelle bei dem Abstieg von einen höhere auf ein niedrigeres Band bot mir der unter mir kletternde Rey als ritterlicher Paladin sein Knie als Stützpunkt an. Mit aufrichtigem Dank gedenke ich an dieser Stelle seiner sowie der beiden Führer Christian Jann und Alessandro Lacedelli, die öfter in gleich uneigennütziger Weise ihr Knie und Beinkleid dem nicht gerade sanften Druck meines genagelten Schuhes preisgegeben haben. Sich so in den Dienst einer Dame zu stellen, hat noch einen Beigeschmack von Poesie, bei mir kam dieses Moment jedoch ganz in Wegfall und bleibt als Residuum nur der blosse, nicht gerade sanfte Druck! Es stellt sich so das Vorgehen der Führer in ein um so helleres Licht.
Uns auf kleinen Schuttbändern fortbewegend, langten wir um 1 Uhr 55 Minuten bei einem in die Tiefe führenden Riss an, der wohl das von Professor Minnigerode. zum Abstieg benutzte Couloir gewesen sein mag.
Hierauf liessen wir uns in breitere und schmälern Spalten und Rissen auf eine Reihe kleiner Schutt- und Rasenbänder hinab, und indem wir in ziemlich gleichem Niveau blieben, schritten wir in südlicher Richtung auf ihnen so weit, bis wir um 2 Uhr 15 Minuten ( zwanzig Minuten, nachdem wir das Minnigerodesche Couloir zu Gesicht bekommen hatten ) vor einem dunklen und breiten Riss, einem sogenannten Kamin, Halt machten, der steil und ausgezackt sich in schräg von links nach rechts aufsteigender Linie hinaufzog und, sich dann erweiternd, das ganze Massiv des westlichen Gratausläufers des Piz Badile zu durchsetzen schien.
Ob der Riss, vor dem wir hielten, der « famoso Canale », wie Lurani etwas spöttisch den Minnigerodeschen Kamin benannte, gewesen sei, lasse ich dahingestellt. Wahrscheinlich war er es nicht. Vielmehr ist anzunehmen, und das. glaubte auch Klucker, dass sich von unserm damaligen Haltepunkt vor dem Kamin mehr nach oben die Stelle befand, über die an jenem 9. August 1880 bei ihrer Besteigung des Piz Badile der genannte italienische Herr und sein Gefährte « carpone », zu deutsch « auf allen Vieren », hinübergekrochen und mit einiger Anstrengung hinaufgeklettert waren.
Ein in den Riss eingeklemmter Felsblock erleichterte uns das Hinüberkommen. In von rechts nach links schräg aufsteigender Linie kamen wir an der jenseitigen Wand des Kamins ein Stück ziemlich schwierig vorwärts. Bald jedoch gelangten wir auf den Kamm des Grates heraus, der vorgeschobenen Felszunge des Piz Badile.Vorsichtig auf dem Kamm fortschreitend, näherten wir uns seinem Ende und standen eben im Begriff, entgegen der Meinung Reys, der gerade hinuntergestiegen wissen wollte, nach rechts, Westen, über die Felswand auf das Schneefeld unter uns abzubiegen, als sich das Stück Seil, das mich mit dem hinter mir herkommenden Klucker verband, in dem Gefelse des Grates verfing und mich fast aus dem Gleichgewicht riss, und das an sehr exponierter Stelle.
Das Gefühl, das mich in jenem Augenblick durchzuckte, war schrecklich! Ruckweise wie Nervenschmerz ging es durch meinen Körper. Das Kreuz wurde mir wie gebrochen, und das Blut schoss mir zum Herzen. Ein heftiger Schreck erfasste mich. Wie erstarrt und gelähmt war ich! Der Gedanke, hinausgeschleudert zu werden, ist ein entsetzlicher, und das Ganze war doch nur das Werk eines Augenblicks.
Ganz leicht gelangten wir binnen wenigen Minuten am Westhange des Grates auf den Schnee des kleinen Gletschers hinunter, der aus dem vom Piz Badile und der Punta Torelli ( 3137 m ) eingeschlossenen Sammelbecken abfliesst. Gegen Süden, in der Richtung des Weges, den Rey von uns eingeschlagen wissen wollte, fällt der Grat des Piz Badile, der den Felsenzirkus dieses Berges im Westen begrenzt, jähwandig ab. Dafür, dass wir bei unserem Abstieg fast drei Viertelstunden länger als Lurani unterwegs gewesen waren, sind verschiedene Gründe massgebend. In erster Linie waren es nasser Schnee und Vereisung. Dann waren wir unser drei. Bekanntlich steht die Schnelligkeit, mit der eine Tour ausgeführt wird, im umgekehrten Verhältnis zu der Anzahl ihrer Teilnehmer, d.h. je mehr Personen an einem Seil gehen, desto langsamer die Bewegung. Und dann bin ich seit einer Reihe von Jahren vom Rennen und hastigen Klettern überhaupt abgekommen. Hätte ich es in der Art wie in den Dolomiten und dem Tödigebiet weiter getrieben, so würde ich heutigen Tages überhaupt gar nicht mehr gehen können.
Mein damaliges Vorgehen, bei dem von einem wirklichen Naturgenuss kaum die Rede sein konnte, besass eine bedenkliche Ähnlichkeit mit dem in seinen Hochalpen von Dr. Güssfeldt gegeisselten Akrobatentum und dem Läuferwahnsinn, dessen Dr. med. Reimer in seinem Werke « Die Sommerkurorte » Erwähnung tut. Schliesslich vollführten wir, ohne den Weg zu kennen, d.h. ohne den Aufstieg gemacht zu haben, einen Abstieg, und last not least ist mit den funken Söhnen Italiens ( das weiss ich durch die Märsche der Alpenjäger ) schwer zu konkurrieren.
Auf dem Schnee am Fusse der Wand des westlichen Gratausläufers des Piz Badile befanden wir uns um 2 Uhr 30 Minuten, und 7 Minuten darauf standen wir auf der Stirnmoräne am Ende des kleinen Badile-Torelligletschers und banden uns vom Seile los, das uns während 11 Stunden aneinandergebunden hatte.
Den weitem Abstieg zu den Bagni in der Val Masino führten wir in streng südlicher Richtung durch das Porcellizzotal aus.
Eine halbe Stunde nach dem Verlassen der Stirnmoräne des Badile-Torelli-gletschers waren wir bereits bei der Badileschutzhütte ( 2538 m ) der Sektion Mailand des Italienischen Alpenklubs angelangt. Die Hütte steht inmitten eines Trümmerfeldes, über dessen einzelne Blöcke wir im Laufschritt hinwegkamen. Etwas weiter unterhalb des von der Hütte sich absenkenden Hanges stiessen wir auf einen grössern Fusssteg, der, stellenweise ganz grob gepflastert, einen schlimmen Weg bildete und dessen Kehren wir nach Möglichkeit abkürzten.
Man kommt an zwei grössern Sennereien vorüber. In der höhergelegenen ( 1895 m ) hatte die Kampagne noch nicht begonnen. In ihrer nächsten Nähe und Umgebung vermisste man den obligaten, breitgetretenen, schlammigen Schmutz ( den Sennhüttenmorast ), die meckernden Ziegen, die blockenden Schafe und das brüllende Vieh, das Geklingel und Geläute der Schellen und Kuhglocken. Wenn die Pracht der Blumen und Kräuter im Porcellizzotal auf italienischem Grund und Boden in wohltuendem Gegensatz zu der Armut der Alpenflora in den Hochtälern und auf den Vorbergen des Bergells steht und unser Auge erfreut, so bietet dagegen der Anblick des sich zwischen dem Veltlin und dem Bergell hinziehenden Höhenzuges von Süden, der italienischen Seite, lange nicht das grossartige Bild, das man von der Schweizerseite aus geniesst. Es fehlen der Südseite unserer Berge die grossen Gletscherströme, die schneebedeckten Gipfel, die kräftigen Wasserläufe, die Matten und das dicht bewaldete Vorgebirge und Vorland.
Während unseres Abstieges im Porcellizzotal an dem späten Nachmittage jenes 19. Juni sah ich am Wege in dem kurzen Grase unweit der Alp Cortevecchia, wie sich ein über Zoll langer, behäbiger und feister Nachtfalter mit schwirrenden, aber leider ohnmächtigen Flügelschlägen den wilden und wütenden Angriffen einer Mord- oder Wegwespe zu entziehen suchte. Oder gebrauchte unsere Wespe den Falter als Brutstätte? Vergeblich war dein Bemühen, den Stichen deines Erzfeindes zu entgehen! Du armer, dicker, dem Tode verfallener Gesell.
Gegen halb 7 Uhr abends, fast 17 Stunden nach dem Verlassen der Sassforàalp, langten wir in den Masinobädern an, wo wir eine gastliche Aufnahme fanden und uns nach den Strapazen des Tages den nicht hoch genug anzuschlagenden Genuss eines warmen Bades gönnen durften.
Besonders Rey sah, nachdem er dem Nachen Neptuns entstiegen war, kreuz-fidel aus und die von ihm entwickelte, ungeheure Heiterkeit steckte sogar den sonst etwas reservierten Klucker an, so dass auch er eine vergnügte Miene aufsetzte.
Wenn ich, wie es mit den Führern besprochen worden war, am Morgen des 20. Juni, ohne die geringste Müdigkeit zu spüren, früh 7 Uhr aufbrechen konnte, so verdankte ich das in erster Linie diesem warmen Bade.
Um 8 Uhr, eine Stunde nach unserm Abmarsch von den Masinobädern, kamen wir bei einer wahren Prachtquelle, an der wir für einen Augenblick Halt machten, vorüber.
Ein zerlumpter, sonderbar aussehender Kauz von Italiener erzählte hier Klucker eine längere Geschichte von einer Giftschlange, von der er in den Fuss gebissen, doch mit dem Leben davongekommen war. Der Refrain seines Rezi-tativs bestand darin, dass er Klucker um etwas Tabak zum Kauen bat, um, wie mir schien, das zerkaute Zeug später hinunterzuschlucken.
Ich marschierte in unserem Zuge als letzter. Unterhalb der Casera ( Alp ) Cortevecchia sass hart am Wege ein junges, vielleicht 16jähriges Mädchen.
Wie mir schien, ruhte sie mit ihrer Last, einem Tragkorb, den sie auf dem Rücken hatte, ein Weilchen aus, wobei sie den Korb auf einen hinter ihr befindlichen Stein ein wenig aufstützte. Um den Kopf trug sie ein nach slawischer Art gebundenes Tuch und blickte aus ihren schönen, dunklen Augen still vor sich hin. Ihr zu Füssen kauerte ihr kleiner Bruder. Der Liebreiz und der milde Ausdruck ihres Gesichtes und die Harmonie und Ruhe in der schlanken Gestalt übten einen eigenen, auf mich geradezu bannenden Zauber aus. Hier war das Motiv zu einem Madonnenbilde gegeben!
Ich blieb stehen und bewunderte sie ohne Hehl ganz aufrichtig. Sie schien das ganz natürlich zu finden. Weder begann sie zu kokettieren, noch machte sie Grimassen, wandte sich nicht ab und änderte in nichts den freundlichen Ernst in ihrem holden Angesicht.
Reichlich floss ihr die Gabe. Das schmelzende wie hingehauchte « grazie signore » hörte sich gar zu lieblich an und tönte mir noch lange in meinem Herzen nach. Es war wie ein Traum!
Erst stiegen wir in nördlicher, hierauf in nordöstlicher Richtung im Porcellizzotal, ohne uns zu hasten, aufwärts und erreichten nach einer kurzen, um die Mittagszeit gehaltenen Siesta die Frontmoräne des vom Passo di Bondo ( 3110 m ) herabkommenden Gletschers, auf der wir einen kurzen Halt machten, um uns ans Seil zu binden. Nachdem das geschehen war, zogen wir weiter. Klucker war der erste, Rey der letzte am Seil.
Als ich meine Gletscherbrille aufsetzen wollte, erwies es sich, dass der Bügel gebrochen war, und ich musste in meiner Alltagsbrille weitermarschieren. Um nicht schneeblind zu werden, schloss ich während des Marsches öfters die Augen und stellte an dem breiten Rücken des vor mir einherschreitenden Klucker und seines grünen Rucksackes, als ob das Dinge von grösserem Interesse wären, von Zeit zu Zeit längere Studien an. Bevor wir noch das Eis des vom Bondopass herabkommenden Gletschers erreicht hatten, schlug das Wetter um. Vom Höhenzug des Prato Baro und des Corno Bruciato stiegen im Südsüdost, schauerlich anzusehn, gleich dem vom Winde fortgetragenen Rauch und Qualm einer grossen Feuersbrunst, lange Zungen schwarzgrauer Wolken auf, dicht nebeneinander, schräg gegen das Firmament. Es war das ein Gemälde von tief ergreifender, grossartig ernster Wirkung und erinnerte mich lebhaft an den Brand des Tempels auf Kaulbachs herrlicher Schöpfung, die « Zerstörung Jerusalems ».
Auf dem Passo di Bondogletscher war der Schnee ziemlich weich, und wir hatten öfters der Spalten wegen nach links und rechts grössere Umwege zu machen.
Der dicht einfallende Nebel liess mich den Mangel meiner Gletscherbrille weniger stark empfinden. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass Klucker mir die seinige noch auf der Moräne, unserm Anseilplatz, angeboten hatte. Im Hinblick auf die Kürze der bevorstehenden Gletscherwanderung hatte ich jedoch von seinem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch gemacht.
In Regen und Schneegestöber langten wir um 3 Uhr nachmittags auf dem Bondopass an. Während der Saison dreier Jahre stand ich nun zum drittenmal auf dem Pass. Auf der Höhe des Bondopasses ( 3110 m ) angelangt, hatten wir, von den Masinobädern ( 1168 m ) an gerechnet, einen Niveauunterschied von 2 km durchstiegen. Der Nebel verdichtete sich immer mehr und mehr, hinderte jeglichen Ausblick und machte uns frösteln. Bei dem neblichtkalten Wetter froren selbst dem wetterfesten Klucker die Hände. Nur Rey spielte den Spartaner.
Eine halbe Stunde blieben wir auf dem Pass und sprachen den von uns mitgenommenen Vorräten zu. Dabei hatte ich Gelegenheit, nach den mir vom maître d' hôtel der Masinobäder mit auf den Weg gegebenen und im übrigen sehr appetitlich in Ahornblätter eingewickelten Provisionen ein Urteil zu bilden über das, was sich Italiener unter dem Appetit eines Nordländers und dessen Magen vorstellen.
Nach unserm frugalen Mahl stiegen wir auf den Bondascagletscher hinunter, überschritten auf unsicherer Brücke die am Fusse unseres Passes sich hinziehende, weit klaffende Randkluft, und nun begann zwischen den weitverzweigten und kapriziösen Schrunden des kleinen, bösen Bondascagletschers ein langwieriges Hin- und Herlavieren. Zum erstenmal unter 4 Malen, zeigte sich der Bondascagletscher mir gegenüber recht ungnädig. Seine Spalten machten uns ziemlich viel zu schaffen. Wir stiessen auf alte Gemsspuren, denen wir aber nur zum Teil folgten. Klucker verstand den Weg noch besser als die Gemsen herauszufinden.
Nach dreiviertelstündigem Marsch, schon mehr auf dem untern Teil des Gletschers, machten wir vor einer Spalte, die nicht gut zu umgehen war, Halt und entschlossen uns, was bei Gletscherwanderungen eher vermieden als gesucht wird, sie zu überspringen.
Klucker sprang über den Riss als erster. Ich als zweiter unter Beihilfe eines kräftigen Ruckes durch das »Seil. Wie so oft, so auch in diesem Falle hatte Klucker des Guten etwas zuviel getan. Ich flog, was ihn höchlich zu amüsieren schien, weit über die Stelle, die er im Sprung erreicht hatte, hinaus. Als dritter kam Rey. Er sprengte wie im Galopp heran. Trotzdem ihm der schwere Rucksack, den er auf dem Rücken trug, dabei abschnellte und mit um so grösserer Wucht wieder auftraf, setzte der sehnige, starke Mann mit Leichtigkeit über die Spalte. Bei diesem Manöver traten der Ernst und die Entschiedenheit, die sich in seinem glattrasierten Gesicht aussprachen, mit dem auf seinem Rücken auf und niederhüpfenden Rucksack in wirkungsvollsten Gegensatz.
Ce sont les contrastes qui se touchent.
So ist es denn sehr natürlich, wenn bei Beschreibung seiner Besteigungen ( die eine Variation der bekannten alpinen Grundmelodie bilden ) so mancher Tourist dem Genre des komischen Heldengedichts nur allzu sehr huldigt. Das Überspringen der Spalte mit dem, was drum und dran war, hatte uns so viel Spass bereitet, dass das Waten in dem überaus weichen Schnee, das nun gegen das Ende des Gletschers folgte, unserer heitern Stimmung durchaus keinen Abbruch tat. Schliesslich wurde uns die Sache dennoch ungemütlich. Ich sah wie Klucker, der der erste am Seil war, nach rechts und links Ausschau hielt. Soweit man aber den Gletscher hinuntersehen konnte, allüberall die gleichen, breiten, halb vom Schnee verdeckten Spalten, Schrunde und Eisbrüche! Während wir dann weitermarschierten, machten die Führer Halt und sprachen ab und zu miteinander. Klucker sondierte, und langsam und vorsichtig ging es wieder vorwärts.
Auf der östlichen, der rechten Seite unseres Gletschers konnten wir der dort drohenden Séracs und der etwa abstürzenden Eis- und Felsblöcke wegen nicht gut fort. Wir mussten uns einen andern Ausweg suchen. Vorsichtig weitermarschierend, gelangten wir um 4 Uhr 30 Minuten auf eine durch Spaltengabelung gebildete Eiszunge heraus, die mit Schnee bedeckt und sehr schmal war. Ein breiter, von links nach rechts, von Westen nach Osten den Gletscher durchsetzender Schrund teilte sich hier ungefähr in der Mitte unseres Eisstromes in zwei Arme, von denen der eine, die Hauptspalte, den Gletscher seiner ganzen Breite nach durchriss, der andere, unter spitzem Winkel am Hauptschrund ansetzend, die Bifurkation bildete und, nachdem er sich eine Strecke nach Osten weitergezogen, sein Ende fand. Auf der keilförmig spitz zulaufenden, sich aus dem Grunde der Hauptspalte wie der Bug eines Ozeandampfers an 10 Meter hoch erhebenden Eiszunge stand nun unser Häuflein dicht gedrängt beisammen. An ihren Seiten und nach vorne zu fiel die Zunge steil ab. Das Abseilen wäre an und für sich, um so auf den Boden der grossen Spalte hinabzukommen, nicht allzu schwierig gewesen. Es fragte sich jedoch, ob dieser Boden, der aus einer gleichmässigen Schicht Schnee bestand, nicht unter unserer Last zusammengebrochen und wir in die Tiefe gestürzt wären. Als echte Gletschermänner fühlten sich meine beiden Führer so recht in ihrem Element Klucker war ordentlich lebhaft geworden, und ungesäumt machten sich beide an ihre Arbeit.
Das erste, was sie taten, war, zwei unserer Eisäxte dicht am obern Rande der Eiszunge bis fast zur Haue tief ins Firneis einzurammen. Nachdem das Seil um die Äxte geschlungen war, schlug Klucker, von Rey am Seil gehalten, erst ein paar Stufen in die scharfe Kante ( den Bug unseres Phantasiedampfers ), machte dann Kehrt, und indem er langsam nach abwärts stieg, stiess er mit seinen schwer genagelten Schuhen kleine Tritte in das mit Schnee bedeckte Firneis des Buges und kam so wohlbehalten auf den Boden der Spalte dicht am Fusse der spitz zulaufenden Eiswand zu stehen. Der Boden trug!
Ich langte als zweiter bei Klucker unten an, indem ich erst in den Stufen abstieg und dann an der Schneide der Eiszunge hinabrutschte. Bei meiner freiwilligen Rutschpartie kam ich im ganzen noch ziemlich glimpflich davon, mit etwas Schnee zwischen Rockkragen und Hals. Mit meinem Rucksack wurden weiter keine Umstände gemacht. Der Sack ward, wenn auch der Griff des auf ihm befestigten Alpenschirms wie verzweifelt an der Wand der Eiszunge hinunter-kratzte und ich jeden Augenblick erwartete, dass der Schirm vom Rucksack abgerissen werden würde, glücklich in die Spalte hinuntergelassen. Nun kam Rey daran. Ich war gespannt, zu sehen, wie er es, um zu uns zu kommen, machen würde, und dachte in der Art, wie Klucker es gemacht hätte. Es kam jedoch anders. Die Sache hatte fast den Anschein, als ob in den Augen Reys dem Absteigen Kluckers die rechte Eleganz und der rechte Schick gefehlt hätten und der Piemontese ein Beispiel statuieren wolle, wie so etwas auszuführen sei. Das Vorgehen Reys war aber nur erklärlich und möglich, weil er schon wusste, dass der Boden der Spalte ihn tragen würde. Erst zog er die beiden Eisäxte heraus. Als er sie dann hinabwarf, bohrten sie sich tief in den Schnee des Fusses der jenseitigen Wand der Spalte ein. Hierauf kletterte er, das Gesicht dem Schrund zugekehrt, erst ein Stück in den von Klucker geschlagenen Stufen herunter, stemmte hierauf den Rücken gegen die Eisschneide, umfasste diese mit seinen nach rückwärts zu-sammengebogenen und in den Ellenbogen gekrümmten Armen und rutschte, so die Reibung vergrössernd, den grössten Teil der Höhe an der Firnschneide der Eiszunge blitzschnell herab und sprang dann das letzte Stück herunter. « Ce sont des aventures, monsieur Rey », rief ich ihm, als er unten angekommen war, zu. « Ah, oui », meinte er. Da der unterste Rand auf der andern Seite der Spalte nicht verworfen und keinen Überhang hatte und mit Schnee bedeckt war, so kamen wir an ihm aus unserm Schrund gut heraus und oben auf den Gletscher hinauf. Damit waren aber noch nicht alle Hindernisse unserer Gletscherwanderung als überwunden anzusehen.
Wir konnten unsere bisherige Richtung der klaffenden und tiefen Schrunde unseres Gletschers wegen nicht weiter einhalten und mussten uns näher an die von den Pizzi di Sdora gebildete Umfassungsmauer des Bondascagletschers hinüberziehen, wo sich das einem Gottesacker ähnliche, mit Felstrümmern und Firnklumpen bedeckte Blachfeld ausbreitet.
Im Laufschritt passierten wir das eben erwähnte Schneefeld. Schon weiter unten, in der Nähe der südlichen, der uns näherstehenden Felsecke, am Lawinentor der Scioranadel und dicht an der Wand der Ecke mussten wir noch durch das Schlagen einiger Stufen auf schmaler Eisleiste fortzukommen suchen.
Auf der Leiste weiter hinunter gelangten wir auf mit Schnee bedecktes Eis und, längs der Wand der Scioranadel nach links biegend, über eine Spalte weg auf Lawinenschnee und über den Schnee mehr auf die Mitte unseres Gletschers hinaus. Es währte nicht lange, und wir waren dicht an die Frontmoräne des Gletschers herangekommen, und vorsichtig schritten wir in schräger Richtung über die Längsspalten von dessen Zunge hin.
Um 5 Uhr 50 Minuten, 3 Stunden nachdem wir vom Bondopass abgerückt waren, standen wir auf dem Grat jener Moräne, und unsere an Abwechslung reiche Wanderung über den Bondascagletscher fand ihr Ende. Wir lösten uns vom Seil und sprachen dem Rest unserer mitgenommenen und mitbekommenen Provisionen zu. Mein Anteil fiel nicht gerade opulent aus, und mit sehr gemischten Gefühlen betrachtete ich die leeren, grünen Ahornblätter, in die die dienstbaren Geister des Hotels der Masinobäder die wenigen Fleischstücke und Schinkenschnitte, den Mundvorrat für einen ganzen Tag, eingewickelt und verpackt hatten.
Oliven, Salat und Radieschen, sagt ein spanisches Sprichwort, seien die Speisen eines Ritters. Herr Arrigoni, der Hotelier der Masinobäder, dachte wohl, ich sei ein spanischer Ritter und Repräsentant eines Brudervolkes der Italiener. Oder waren die Blätter dazu da, als Zugemüse von mir, als Vegetarier, mit verspeist zu werden?
Bei unserem Abstieg von der Stirnmoräne des Bondascagletschers liessen wir die Scioraalp ( 2068 m ) rechts liegen. Auf der Naravedroalp ( 1843 m ) trafen wir den Pächter der beiden ebengenannten Alpen, Pietro Snider aus Villa Chiavenna, einem Dorfe im italienischen Bergell.
Mein Führer Rey und der Pächter begrüssten sich als Landsleute aufs herzlichste. Nicht ohne einen gewissen Sarkasmus betrachtete ich ihre glattrasierten Gesichter. Aus ihnen sprach die gleiche Lebhaftigkeit, Verschmitztheit, Weichheit und zugleich eine ans Theatralische grenzende Energie. Der Pächter Snider ist kein grosser Freund der Bergsteiger und Touristen. Wie er sagt, bereiten sie ihm « del disturbo », d.h. Unbequemlichkeiten.
Jemand, der nicht weiss, wie die Verhältnisse im Bergell liegen, könnte zu dem Glauben verleitet werden, dass die Dolomiten einen Teil ihres Überflusses an Fremden dem stillen Bondascatal überlassen könnten. Dem ist aber durchaus nicht so. Um durch unsere Gegenwart dem Pächter und Sennen Snider nicht vielleicht lästig zu fallen, gab ich, ohne seiner Einladung, bei ihm vorzusprechen, Folge zu leisten, das Zeichen zum Aufbruch. Schon mehr unten auf der Sohle des Bondascatals, in der Nähe der Lärchenoase, überfiel uns ein heftiger Regen. Nicht ohne meine Worte etwas schärfer zu akzentuieren, bedeutete ich Klucker, er möchte doch seinem Kameraden Rey, der meinen Rucksack trug, bei seinen Bemühungen, den Wettermantel über Sack und Schultern zu ziehen, behilflich sein! Bei dem strömenden Regen leistete mir, wie schon so oft, mein Alpenschirm vorzügliche Dienste. Kopf und Oberkörper blieben trotz der so reichlich herabstürzenden Wassermassen trocken. Gleich hinter der Alp Laretto bedeutete ich den Führern, dass sie, falls es ihnen recht sei, den Regen in der Alm abwarten könnten. Ich selbst holte tief Atem, und wie ein Senner ( ein ausgezeichneter Schlag Pferde im Lippe-Detmoldischen ) ansetzend, stürmte ich im Donnergaloppschlag, dass Kies und Funken stoben, nach Promontogno hinunter.
Mich trieb die Sehnsucht nach meiner Frau! Es goss in Strömen, und immer dunkler und dunkler wurde es um mich her. Der Wald war aber gar zu finster!
Trotz des stellenweise steinigen Weges und der eingetretenen Dunkelheit, legte ich die Strecke bis Promontogno ( eine Distanz von annähernd 5 Kilometer ) in einer halben Stunde zurück und war um 9 Uhr zu Hause.
Oberhalb der Marionebrücke, im Schütze einer mächtigen Fichte an wohlbekannter Stelle, leuchtete mir von dem grossen dort stehenden Felsblock das milde Licht zweier Leuchtkäfer, der stellae volantes der alten Römer, entgegen.
Die Führer langten mit ihrer Laterne eine kleine Viertelstunde nach mir im Hotel an. Die Höhendifferenz zwischen dem Bondopass und Promontogno beträgt 2290 m.
Wie der Titel dieses Aufsatzes besagt, war die Tour hinauf zum Gipfel des Piz Badile über seinen Ostgrat auf neuem Wege ausgeführt worden.
Es wird wohl das erste und auch das letzte Mal gewesen sein, dass jener Berg in der Richtung, in der wir die Tour ausführten, traversiert worden ist. Denn das Resümee unserer Unternehmung vom 19. Juni können wir, wie es der Leser aus deren Schilderung ersehen haben wird, in dem russischen Sprichwort zusammenfassen, dass das Spiel ( das Kartenspiel ) die dabei verbrannten Kerzen nicht wert war.
5. Der Pizzo di Ferro Orientale von Norden ( 3198 m ).
28. Juni 1893.
Von einem missglückten Versuch auf den Monte della Disgrazia am 27. Juni nach Promontogno zurückgekehrt, beschloss ich, da ich wegen der plötzlichen Abreise Reys nur über Klucker disponierte und keine Träger in Promontogno aufzutreiben waren, die von mir geplante Besteigung des Ferro Orientale, eines Berges am Hintergehänge des Albignatales, in einem Zuge, und zwar von Promontogno aus, zu bewerkstelligen. Da ich den Berg von Ansehen kannte und er einer Ersteigung keine allzu grossen Schwierigkeiten in den Weg stellen konnte, so glaubte ich, trainiert, wie ich war, den weiten Weg von Pisnana an der Chaussee bis auf die Spitze des Berges, einen Niveauunterschied von zirka 2000 m, überwinden und die weite Strecke zurück nach Promontogno ( Höhendifferenz 2383 m ) ohne allzu grosse Anstrengung bewältigen zu können. Eine Stunde nach Mitternacht war es, als wir in langsamem Schritt über das holprige Pflaster Promontognos in die dunkle Nacht hinausfuhren.
An der Stelle, an der der Fusspfad bei einem Heustadel vorbei in das Albignatal führt hielten wir. Noch war es ganz dunkel.
Erst schritten wir, Klucker voran, über die hinter dem Heustadel gelegene Wiese in das Dunkel der Nacht hinein. In den obern Regionen der Motta Chiurella angekommen, des die Westseite des Albignatals abschliessenden Höhen-rückens, war es bereits so hell geworden, dass das Licht der Laterne überflüssig war.
Bei der Albignaschäferhütte waren wir um 5 Uhr weniger 5 Minuten.
Nach einer halben Stunde ( um 5 Uhr 30 Minuten ) brachen wir wieder auf. Bei den Rundhöckern oberhalb des Albignafalls angekommen und längs dem Westrand des sich an die Rundhöcker anschliessenden, halbkreisförmig ausgerundeten Talzirkels weitermarschierend, gelangten wir bis zu der diese Talstufe weiter begrenzenden Zunge des Albignagletschers. Das Wetter liess nichts zu wünschen übrig. Ein klarer, wolkenloser Himmel wölbte sich in unendlicher Reinheit über uns. Man spürte kaum einen Hauch. Über der Natur lag ein göttlicher Friede ausgebreitet. An die Gletscher näher herangekommen, sah ich mit Staunen, was für Veränderungen seit der Zeit unseres letzten Durchkommens hier mit dem Eise vor sich gegangen waren.
Der Schnee war ganz weggeschmolzen, Risse und Klüfte aufgesprungen und da unzugängliche Eiswände entstanden, wo vor ungefähr 3 Wochen eine gleichmässig gewölbte, von Schnee bedeckte Eismasse zur Talstufe hinunterführte. Geradezu ins Unglaubliche hatte besonders die den Rücken des Gletschers krönende Mittelmoräne an Höhe gewonnen durch Ablation, durch das Wegschmelzen der sie umgebenden Schnee- und Eismassen.
Wie zum Beweise dessen, dass wir trotz unseres nächtlichen Aufbruchs doch etwas verspätet in die Regionen der Eis- und Schneewelt gelangt seien, löste sich in unserer Nähe einer der vielen, eine Eiswand krönenden Blöcke, indem er erst ein Stück an ihr herunterglitt, damit ins Rollen kam, um dann mit dumpfem Krachen das eine oder andere Mal auf die am Fusse der Wand liegenden Blöcke der Stirnmoräne unseres Gletschers aufzuschlagen und zur Ruhe zu kommen.
Sechs Uhr war es, als wir an der Eiszunge des Albignagletschers hinaufstiegen. Der etwas vorgerückten Tageszeit wegen, und weil es sehr warm war, mussten wir bei unserem Aufstieg sehr behutsam und vorsichtig zu Werke gehen.
Unsere gewöhnliche Anstiegsroute über die Zunge des Gletschers führt längs dem obern Rande einer an 10 Meter hohen, mit Blöcken verschiedensten Kalibers krenelierten, der Talstufe aufstehenden Eismauer hin. Auch heute zogen wir die gleiche Strasse, mussten aber, um aus dem Bereiche der Schurfbahn zweier nach rechts hin über uns auf schmaler Eisleiste an der Wand ruhender, kaum gestützter, über einen Meter hoher Blöcke zu gelangen, so schnell und leise wie nur irgendmöglich unter ihnen fortzukommen suchen. Was wir auch in gebückter Stellung und mit tunlichster Eile taten.
Bis zur Zoccamoräne, d.h. bis ungefähr 5/8 seiner Gesamtlänge, erwies sich der Albignagletscher als aper, so dass das Eis zutage trat. An jener Moräne, es war um 7 Uhr 30 Minuten, legten wir unsere Schneegamaschen an.
Hinter der eben erwähnten Zoccamoräne, gegen das Hintergehänge des Gletscherbassins zu, begannen wir in den Schnee einzusinken. Weiter gegen das Ende der Firnmulde unseres Gletschers deckte den Firnschnee eine harte Kruste, durch die wir durchzubrechen anfingen und die uns das Gehen sehr erschwerte. Jetzt bekamen wir auch das Ziel unseres Marsches, den Ferro Orientale, voll und ganz zu Gesicht.
Als einzelnes Bergindividuum spielt der Ferro Orientale kaum eine Rolle. Er tritt aus dem zwischen der Zocca und dem Ferro Centrale sich hinziehenden Gratzug nur wenig hervor, somit kann ihm auch als Ersteigungsobjekt nur eine untergeordnete Rolle zuerkannt werden. Von der italienischen Seite, von der Cima del Cavalcorto ( 2765 m ) aus gesehen, bietet der Ferro Orientale eine von einem kleinen Felsaufsatz gekrönte, nach West und Ost flach abfallende Kuppel dar. Wie auf der italienischen, liegen auch auf der Schweizerseite den Flanken dieses Berges ziemlich grosse Schneemassen auf, und doch fällt auf der Schweizer-, der Nordseite, der Berg steil zutal. Die Gesamtstruktur, der Aufbau des Ferro Orientale, erinnert ungemein an die des Torrone Centrale im Fornotal. Die zwei auf der Nordseite des Berges scharf hervortretenden, gewaltigen Gratrippen, von denen die westliche den Gipfel trägt, weisen, besonders wieder die westliche, auf ihren seitlichen Böschungen grössere Schneemassen auf. Die Schnittlinien dieser Böschungen mit den ihnen gegenüberstehenden Seitenwänden bilden an ihrem Grunde die Schurfrinnen für die hier reichlich niedergehenden Lawinen.
Die östliche Seite der östlichen Gratrippe macht eine Ausnahme und ist eine kahle und so steile Felswand, dass an ihr kein Schnee haften bleibt.
Am Fusse des Ferro Orientale breiten sich denn auch die abgerutschten und zum Stillstand gelangten Schnee-, Eis- und Steinlawinen fächerförmig aus.
Von dem an den kahlen Schroffen des Ferro Orientale ansetzenden, nach Osten streichenden und gegen die Zocca wiederum ansteigenden Grat stehen zwei Felsrippen wie Strebepfeiler in das Albignatal herein. Von ihnen gehört der eine Pfeiler zum Massiv der Zocca, der andere ist dem Ferro Orientale angegliedert.
Diese beiden Strebepfeiler flankieren und umschliessen eine Depression, ein Firnbassin. Dieses Firnbassin oder diese Firnmulde mussten wir jetzt bei der Besteigung des Ferro queren. Sie kam zuerst an die Reihe.
Weiter oben stiegen wir an der Schneewand dieser Depression oder Mulde, die von einem scharfen Rand begrenzt und nach Westen in einer Felsmauer abfiel, auf den Verbindungsgrat zwischen der Zocca und dem Ferro Orientale hinauf, um dann über diesen Grat und die aus dem Schnee herausragenden Felsköpfe, die. höchste Erhebung des Grates, den Gipfel des Ferro Orientale zu gewinnen.
Zweierlei war es, was mich in das Albignatal führte.
Einmal war der Ferro Orientale ein von Norden, von der Schweizerseite noch nicht erstiegener Berg, und dann wollte ich mich überzeugen, ob der zur Ferrogruppe kartographisch gehörende und doch so weit nach Osten vorgeschobene Ferro Orientale in Wirklichkeit die Ferrogruppe ( die Pizzi di Ferro ) und das Ferrotal in jener Richtung abschliessen, oder ob er als eine Erhebung des von West nach Ost streichenden, mit dem Monte della Disgrazia endenden Hauptgrates der Albigna-Disgraziagruppe anzusehen sei. Da unser Berg zwei das auf italienischer Seite befindliche Qualivotal einschliessende Seitenkämme aussendet, der Ferro Orientale als solcher diesem Tal angehörend ( falls das wirklich der Fall ) den Namen Punta Qualivo und nicht den eines Ferro Orientale führen müsse.
Ihrer Natur nach zerfiel unsere Besteigung in zwei Abschnitte: in den Aufstieg über die Firnmulde und die Schneeböschungen der Nordseite des die Zocca mit dem Ferro Orientale verbindenden Gratkammes und in die Wanderung bis auf die höchste Erhebung dieses Kammes, unseren Ferro Orientale.
Es war bereits halb neun, als wir uns dem Spaltengewirr des Firnbruchs unterhalb der Randkluft des Ferro-Zoccagrates näherten. Hier, in einer Höhe von 2670 m, banden wir uns ans Seil. Der jetzt bereits wieder weicher werdende Schnee war unserem raschen Vorwärtskommen hinderlich. Über unsern Bemühungen, aus dem Spaltengewirr des Firn- und Gletscherbruchs der früher besprochenen Mulde heraus und an die Randkluft der Schneewand unterhalb des Ferro-Zoccagrates heranzukommen, verstrich eine und eine Viertelstunde.
An die erste grosse Spalte, über die wir hinwegkamen, schloss sich ein Schneehang von über 49 Grad Neigung. Dann kam eine Firnspalte, über die uns ein Sprung hinüber und an den Hang, der sich an sie anschloss, hinunter auf die Schneefläche an seinem Fusse brachte. Ich sank, unten angelangt, so weit in den tiefen und weichen Schnee mit meinen Füssen ein, dass ich wie eingekeilt dastand und mich zuerst gar nicht rühren konnte. Mit wirklich verzweifelter Anstrengung kam ich los, und wir zogen weiter.
Wie bei Gelegenheit der Besteigung des Torrone Occidentale am 10. Juni, so musste ich auch heute bei der des Ferro Orientale an seiner Wand, die sich unserm Vordringen entgegenstellte, des weichen Schnees wegen, um überhaupt weiterzukommen, auf den mit der Spitze des Fusses zusammengedrückten Firnschnee Knie und Unterschenkel auflegen und so die Unterstützungsfläche, die die Last meines Körpers zu tragen hatte, zu vergrössern suchen.
Während wir an den Wänden des Zocca-Ferrogrates emporstiegen, vernahmen wir zu unserer Rechten das dumpfe Aufschlagen und das ihm folgende zischende Geräusch der an den Wänden der Cima di Sciora und des Ferro Orientale sich in unheimlicher Schnelle folgenden und zutal stürzenden grossem und kleinern Lawinen. Wir erreichten die Randkluft ( 2940 m ) des Schneehanges um 9 Uhr 50 Minuten und hatten uns so in ein und einer Viertelstunde um nicht mehr als ungefähr 210 m gehoben. Der Schnee war so unerträglich weich, dass ich über ein Stück der Fläche des Hanges buchstäblich auf meinen Knien fortrutschen musste. Nun blieb uns noch das Stück, von der Randkluft des Schneehanges bis auf den Gratkamm hinauf und, genauer angegeben, auf den Sattel ( 3120 m ) des Schneekammes, im Osten des Ferro Orientale zu kommen. An Schneehängen sucht der erfahrene Steiger in der Richtung des steilsten Falles emporzukommen. In unserem Fall war das Vordringen über die Randkluft geradeaus ein Ding der Unmöglichkeit.
Wir mussten auf dem untern Rand der Kluft erst 10 Meter nach links, Osten, nehmen, um die Randkluft an einer Stelle, wo eine feste Schneebrücke einen guten Übergang bot, kreuzen zu können. Hierauf traversierten wir in geschlagenen und getretenen Stufen oberhalb der Randkluft erst ein Stück parallel mit dieser zurück und stiegen dann allmählich in schräg aufsteigender Linie näher an die den Hang und das Firnbassin begrenzende Felsrippe heran, in deren Nähe der Schnee tiefer zu sein und mehr Halt zu haben schien und wo die Spitzen eines der Felsrippe vorgeschobenen Riffs zutage traten und dem den Hang deckenden Schnee eine festere Unterlage boten. Hier, oberhalb der Randkluft, gesellte sich zu den den gedeihlichen Fortgang unseres Unternehmens erschwerenden Umständen noch ein weiteres Moment, das das Zünglein der Wage leicht auf die Seite des Misslingens hätte herabdrücken können: Es zeigte sich unter dem Schnee blankes Eis.
Die Chancen, eine Lawine loszutreten und mit ihr gegen die Tiefe zu fahren, wuchsen mit der vorrückenden Tageszeit in gleichem Verhältnis. Es dauerte denn auch nicht lange, so fuhr dicht neben uns eine kleine Lawine am Hang hinunter. Selbst so eine unscheinbare in Bewegung gesetzte Masse Schnee hat, wie auch Dr. Güssfeldt bemerkt, noch immer eine grosse Gewalt.
In der Nähe der Riffe lag der Schnee dem Hang ziemlich tief auf. Klucker schlug und stiess, unsern Abstieg im Auge behaltend, hier grosse Stufen und Tritte in den Hang. In nächster Nähe der Riffe, an einer besonders steilen Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, tat er das in ausgiebigster Weise und stellte Tritte her, wahrhaft riesengrosse Löcher, von über einem halben Meter Tiefe. Um den Führer für den Fall seines Ausrutschens besser halten zu können, legte ich um einen der ganz nahe von mir aus dem Schnee herausragenden kleinen Felsköpfe eine Seilschlinge. Unterhalb der Gratschneide, auf einer Strecke von ungefähr 10 Meter, hatten wir es mit aus dem Schnee herausstehenden, von Schneeflecken durchsetzten Fels zu tun.
Bei einer dem Grat aufsitzenden, kleinen Schneekuppe erreichten wir um 10 Uhr 35 Minuten dessen Schneide und machten uns ohne Verzug an die Ausführung unserer zweiten Aufgabe: Über den Gratkamm weg dessen höchste Erhebung, den Ferro Orientale, zu erreichen. An geeigneter Stelle liessen wir hier meine Eisaxt, die mir beim Überklettern etwaiger Gratzacken nur hinderlich sein konnte, zurück.
Bei unserer Gratwanderung wechselten leicht zu nehmende Felspartien mit kurzen Schneeschneiden ab. Bei dem Übergang von der niedern auf die höhere Spitze des Ferro Orientale querten wir auf italienischer Seite in 235 Schritten ein sich tief absenkendes Schneefeld. Über dieses leicht geneigte Schneefeld hinauf muss sich eine Ersteigung unseres Berges von der italienischen Seite sehr leicht ausführen lassen. Der das Schneefeld im Norden umsäumende Grat war von hellbraungelber Farbe und besass ein ruinenhaftes Aussehen. Es wäre kein Wunder, wenn an diese luftige Stelle die Phantasie eines Reisenden die Ruinen eines verfallenen Schlosses oder einer Burg hinzauberte.
Eine Stunde weniger 5 Minuten hatte die Gratwanderung in Anspruch genommen. Ich folgte, trotzdem wir so rasch vorwärts gekommen waren, doch mit halbem Widerstreben dem Führer. Ich gedachte unserer Rückkehr. Bei dem weichen Schnee und der vorgerückten Tageszeit war sie jeden grössern Gefahren ausgesetzt.
Auf dem Gipfel des Ferro fand sich ein grösserer Steinmann vor. Er tat uns zu wissen, was wir bereits wussten, dass bei der Leichtigkeit, mit der sich der Berg von der italienischen Seite aus ersteigen liess, schon andere vor uns oben gewesen waren. Auf der Nordseite des Berges machen die jäh abfallenden Fels- mauern und die auf grössere Strecken sich hinziehenden längern und kürzern Schneeschilde ein Vorwärtskommen unmöglich.
Um 11 Uhr 30 Minuten waren wir auf dem Gipfel des Ferro Orientale.Von Südwesten her zieht sich unser Gipfel, flach zulaufend, zu der höchsten Höhe. Die Aussicht ist eine beschränkte, mehr lokale. Im Südosten erkannte ich weiter draussen den dreigipfeligen Corno Bruciato ( 3112 m ). Da mir selbst die nötige Kenntnis der Gegend abging, muss der geneigte Leser auf eine mehr detaillierte Angabe der Aussicht verzichten. Wir verweilten fast eine Stunde oben, genossen etwas, und um 12 Uhr 20 Minuten traten wir den Rückweg an. Auf dem Rückwege war ich voran.
Um keinen falschen Schritt zu machen, blickte ich mit verdoppelter Aufmerksamkeit auf meinen Weg. Um 1 Uhr 15 Minuten waren wir an der Stelle angelangt, an der wir meine Eisaxt geborgen hatten, und ich nahm sie wieder an mich.
Die Prüfung der Zeitdauer, die wir auf den Abstieg verwandten, ergab das überraschende Resultat, dass dieser Minute für Minute genau ebenso viel Zeit wie der Aufstieg in Anspruch genommen hatte. Doch ist für gewöhnlich das Tempo beim Abstieg im Fels wie an Schneewänden ein rascheres als das des Aufstieges.
Um die Zahl der in das gleichmässige Tempo des Niederstieges eingeflochtenen und eingeschalteten Pausen, bei denen nur der eine von uns beiden der grössern Sicherheit wegen in Bewegung sein durfte und dann auf den Abstieg seines Gefährten zu warten hatte, auf das geringste Mass zu beschränken, wurde jetzt, als wir an dem Schneehang oberhalb der Randkluft oder des Bergschrundes hinunter mussten, das Seil seiner ganzen Länge von 20 Meter nach ausgegeben.
Zugleich war auf diese Art dem Führer, der hinter mir her kam, die Möglichkeit gegeben, dass er, falls er auf dem Abstiegswege an einer sehr sichern Stelle angelangt war, von diesem Punkt aus seinen Touristen ein nach Möglichkeit tieferes Niveau erreichen lassen konnte und so den Abstieg zu beschleunigen imstande war.
Wie beim Aufstieg, so auch jetzt mussten wir vom Grat weg ganz oben in einer zwischen Felsklippen eingebetteten, schmalen, mit Schnee ausgefüllten Runse, einer Art Kamin, hinunter. Von ihr heraus begann der eigentliche Abstieg an der Schneewand des Hanges über der Randkluft.
Bei unserem Abstieg fürchtete Klucker am meisten für die Stelle unterhalb der Riffe, an der er die lochartigen Stufen in den Schnee getreten hatte, dass wir an ihr eine Lawine losmachen könnten. Ich war für eine andere Stelle, falls wir den gleichen Weg wie beim Aufstieg benutzten, besorgt, dass wir an der Traversierstelle, oberhalb der Randkluft nämlich, mit den von Klucker dort am Morgen geschlagenen und getretenen Stufen ausbrechen und in die Randkluft stürzen könnten. Dieser, mein stiller Gedankengang wurde durch Kluckers Geste unterbrochen, der, mit der Hand nach unten weisend, zu mir sagte, dass wir lieber gerade hinunter wollten. Er war inzwischen zu mir, der ich etwas oberhalb der Randkluft hielt, an der Schneewand heruntergestiegen und über meiner Haltestelle stehengeblieben. Ich drehte mich jetzt um, da ich bis dahin mit dem Gesicht gegen die Wand abgestiegen war.
Um so nahe als möglich an den Schrund unter mir ( die Randkluft ) heranzukommen und so die Strecke, über die ich hinüberzurutschen hatte, zu verkürzen, stiess ich, als ich mich in Bewegung setzte, bei jedem Schritt, den ich tat, die Hacken und meine Eisaxt tief in den Schnee hinein und gelangte so in langsam vorsichtigem Abstieg, den Körper vorn weit übergebeugt, bis dicht an den obern Rand des Schrundes heran.
Dann setzte ich mich hin, und mit nach hinten geneigtem Oberkörper rutschte ich in fast liegender Stellung auf der an dieser Stelle die beiden Ränder verbindenden Schneebrücke über die Kluft hinüber und ein kleines Stück weiter am Hang hinunter.
Klucker übersprang den Schrund. Nach meinem Vorgehen wusste er wie breit jener war.
Die Uhr wies auf zwei, als wir die Randkluft passierten.
Nun wechselten wir die Rollen. Klucker war jetzt voran. Unsere Anstiegsroute vom Morgen früh liessen wir rechts liegen.
Auf unserer Linken stürzten die Felswände jäh zur Tiefe ab. Auf ihrem Kamm, der gegen uns zu abfiel, und über ihn etwas hinauslag, wulstartig aufgetrieben, der dem Leser vom Morgen früh her bekannte Firnbruch, ein kleines Labyrinth von mit Schnee überdeckten Séracs. Wir kamen auch auf unserem neuen Wege doch wieder durch den Bruch.
An einer Stelle hatten die Séracs eine förmliche Grotte ( eine Firneisgrotte ) gebildet, deren Inneres märchenhaft schön ein bläulich-mildes Licht mit sanftem Schein erhellte.
Der Genuss, den diese Grotte bot, blieb jedoch ein ephemerer, denn es war spät am Tage. Gar zu leicht konnte dieser feenhafte Bau über uns zusammenbrechen und uns unter seinen Trümmern begraben. Eiligst zogen wir weiter.
Wir horchen! Die Luft erfüllte ein Ton wie fernes Gewitter, ein Ton gleich einem dumpf grollenden Donnerschlag. Hinter der kahlen, nach Westen vorgeschobenen, kulissenartig vorspringenden Wand am Fusse des eben von uns verlassenen Ferro Orientale quollen und ergossen sich wie die Wasser eines Riesenstromes die ungeheuren, nicht enden wollenden Massen einer gewaltigen Lawine, sich trichterförmig ausbreitend, auf den Gletscherfirn.
Klucker, der sich nach mir umgewandt hatte, sah mich mit seinen klaren, braunen Augen an, als ob er sagen wollte: « Siehst du, dass, wenn wir uns jetzt in jenem, uns unsichtbaren Couloir, durch das du vielleicht den Aufstieg ausführen wolltest, befänden und in dem nun die Schneemassen niedergehen, es um uns geschehen und wir unrettbar verloren wären! » Und als die Lawinen noch immer nicht zum Stillstand kommen wollten, immer neue Massen den vorangegangenen folgten, da kam, kaum hörbar, wie selbstvergessen, das Wort « Donnerwetter » über seine Lippen.
Um 2 Uhr 40 Minuten standen wir bei unsern zurückgelassenen Sachen unterhalb der ersten grossen Firnzerreissung.
Hier ruhten wir ein paar Augenblicke aus. Ich trank den Rest Wasser aus der von Klucker mitgenommenen Flasche.
Um 3 Uhr 30 Minuten, eine kleine Stunde darauf, befanden wir uns am Ende der Castellomoräne, auf dem hier aperen Gletscher, lösten uns vom Seil und entledigten uns unserer Gamaschen.
Am Rande des Absturzes der Zunge des Albignagletschers, nahe der Stelle, wo die Riesenblöcke gehalten hatten, bemerkten wir, dass der eine der beiden Blöcke fehlte. Er war von der Eisfläche, der er aufgestanden, abgerutscht und zu den übrigen Blöcken der Stirnmoräne am Ende der Gletscherzunge hinuntergestürzt. Zu Schnee zerriebenes Eis, fein zerbröckeltes und zerriebenes Gestein und tiefe Schrammen in der Eiswand unterhalb der Blöcke zeigten die Bahn, die der Riese auf seinem Wege eingeschlagen hatte. Der Eisrand des Absturzes der Gletscherzunge war abgedrückt.
Was musste das für eine Last gewesen sein, die da hinabgefahren war! Ein Stück des Eisfusses, als Wahrzeichen der Stelle, an der der Block gestanden, war noch zu sehen.
In der Entfernung von reichlich einem halben Kilometer, auf der Höhe des Rückens des Albignagletschers, also weit über dem Anfang des Gletscherabfalles, hatte ich ein sich kurz wiederholendes, dumpfes Krachen vernommen. Jetzt, wo wir sahen, dass der eine der beiden Blöcke seinen Standort verlassen hatte, ward es mir klar, was der Grund jener von mir gehörten, dumpf dröhnenden Aufschläge gewesen war. Das andere der beiden Steinungetüme hielt sich noch kaum auf seinem Piédestal, dem schmalen Eisfuss, auf dem es stand. Wir mussten gewärtig sein, dass es, seinem Gefährten folgend, jeden Augenblick zur Tiefe fahren könnte.
Klucker wandte sich denn auch, nachdem er den Block mit flüchtigem Blick gestreift hatte, nach mir um, der ich mich in Erwartung dessen, was da kommen sollte, nur langsam von der Stelle bewegte, und gab mir durch Zeichen zu verstehen, ihm, der so rasch als möglich nach vorwärts eilte und dabei den gefährlichen Gesellen nicht aus dem Auge liess, zu folgen.
Wie Scharfschützen, die, von Busch zu Busch eilend, vor dem fern treffenden Feind Deckung suchen, so wanden wir uns jetzt lautlos und rasch von Block zu Block und entrannen so der Bahn der uns dräuenden Vernichtung.
Bei der Albignaschäferhütte waren wir um 5 Uhr. Hier entnahm ich meinem Rucksack einiges, was er an Mundvorrat noch enthielt. Nachdem ich meine Mahlzeit beendet und Socken gewechselt hatte, brachen wir auf. Flüchtigen Schrittes ging es zu Tal. Endlich hatten wir, es war 10 Minuten nach sieben, die grosse Landstrasse erreicht. Die Strecke von Pisnana nach Promontogno legte ich in anderthalb Stunden zurück.
Nachdem sich Klucker Ende Juni von mir verabschiedet hatte, fühlte ich das Bedürfnis, mich ohne irgendwelche Begleitung in der stillen Einsamkeit einer freien Natur, fern von den Leidenschaften des Tages, dem Zank und Streit der grossen Welt, ihrem Jagen nach Geld und Gut, zu ergehen. War mir doch der Aufenthalt in Promontogno und der Genuss jenes ländlichheitern Idylls mit seinem Frieden und seinen schönen Bergen fast verleidet worden.
Durch meine Spaziergänge in die nächsten Umgebungen des Ortes trat ich zugleich meiner Absicht näher, einen Wegweiser für die Besucher Promontognos herauszugeben.