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1884 nahm die Zwangsarbeits- und Strafanstalt Gmünden in Appenzell Ausserrhoden ihren Betrieb auf. Eingesperrt wurden hier gerichtlich Verurteilte und Personen, die ihre Bussen nicht bezahlen konnten. In erster Linie war Gmünden jedoch für die administrative Versorgung von «liederlichen» und «arbeitsscheuen» Menschen bestimmt, die der kommunalen Armenfürsorge «zur Last» fielen oder in den Armenhäusern «die Ordnung störten».
Wie kam es zur Gründung der Anstalt? Wie viele Männer und Frauen wurden auf Antrag der Gemeinden vom Regierungsrat für bis zu drei Jahre in Gmünden administrativ versorgt? Wer waren diese Menschen, und was wurde ihnen vorgeworfen? Woher kamen sie? Welche rechtlichen Grundlagen ermöglichten die Internierung von Personen, die den Behörden aufgrund ihres nichtkonformen Lebenswandels ein Dorn im Auge waren? Wie gestaltete sich der Alltag in Gmünden für die Internierten und das wenige Personal? Wie veränderte sich die Infrastruktur der Anstalt im Lauf der Zeit? Welche Arbeiten der «Detenirten» sollten garantieren, dass Gmünden kostendeckend war? Wie wirkte sich eine administrative Versorgung auf das familiäre Umfeld und den Lebenslauf der Betroffenen aus?
Die gute Quellenlage, ergänzt um mündliche Aussagen von Zeitzeuginnen und -zeugen, erlaubt es, die Entwicklung von Gmünden über ein Jahrhundert nachzuzeichnen. Ausgewählte Biografien gewähren überdies Einblicke in den Werdegang von administrativ Versorgten.
«Das Werk ‹Versorgt in Gmünden›, das über 300 Seiten umfasst, behandelt Details zu den administrativen Versorgungen in der ehemaligen Zwangsarbeitsanstalt. So wird beispielsweise bekannt, dass zwischen 1884 und 1976 1252 Personen eingesperrt wurden - aus heutzutage schwer nachvollziehbaren Gründen: ‹Armut, Alkoholismus, Krankheit, Leben am Rande der Gesellschaft - das sind Beispiele von Eigenschaften der Personen, die dazu führten, dass sie ‹versorgt› wurden›, erklärt Meier. [...] Diese Entscheidungen und Handlungen der damaligen Behörden könne der Regierungsrat heute nicht mehr korrigieren oder gar ungeschehen machen, so Biasotto. Aber man nehme seine Verantwortung in der Gegenwart wahr.»
«Da ist der Familienvater mit einem Alkoholproblem, der elf Kinder zurücklassen musste. Da sind die drei schwangeren Frauen, welche die Straf- und Zwangsarbeitsanstalt für die Geburt ihres Kindes verlassen durften und danach sofort wieder zurückgeschafft wurden oder ein Ehepaar, das wegen ‹schlechten Betragens› administrativ versorgt wurde, während ihr Kind in ein Waisenhaus gesteckt wurde. Es sind solche Geschichten, ‹die während langer Zeit im Konsens der Gesellschaft als rechtmässig angeschaut worden sind, die betroffen machen, beeindrucken und schockieren›, sagte der Ausserrhoder Landammann Dölf Biasotto gestern an der Medienorientierung im Herisauer Kantonsratssaal. Der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden hatte die Beratungsstelle für Landesgeschichte (BLG) Zürich damit beauftragt, die Geschichte der administrativen Versorgungen in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden zwischen 1884 und 1981 aufzuarbeiten. Entstanden ist eine wissenschaftliche Studie in Form eines Buches von rund 350 Seiten.»
«Er ist eine mächtige Stimme in dieser Zeit. Carl Albert Loosli, unehelich geboren, hat in der Jugend mehrere Jahre in Jugendanstalten verbracht. Die Öffentlichkeit ist empört über die Konzentrationslager in Nazideutschland, in die Menschen ohne Gerichtsverfahren gesperrt werden, da greift der Journalist und Schriftsteller zu einem gewagten Vergleich. Es gebe auch in der Schweiz ‹Konzentrationslager›, und ihre Insassen seien ‹Staatssklaven›, schreibt Loosli 1939 in einer Streitschrift und meint damit die ‹organisierte Willkür› jener ‹Administrativjustiz›, wie sie auch in Appenzell Ausserrhoden noch über Jahrzehnte in der Zwangsarbeitsanstalt Gmünden praktiziert wird.»
«In der ehemaligen Zwangsarbeitsanstalt Gmünden in Niederteufen AR sind bis Anfang der 1980er-Jahre 1252 Personen interniert worden. Darunter auch Frauen und Jugendliche, gegen ihren Willen. Am Freitag präsentierte der Kanton die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie.»