Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/2095

Artikelinhalte
Vom Städtischen und vom Ländlichen.
Text: Manuel Herz
Auch wenn die Grenzen zwischen Stadt und Land durchlässiger werden, von einer allgemeinen Urbanisierung aller Regionen der Welt sind wir weit entfernt.
Schauen wir uns die berühmte Basler Stadtansicht von Matthäus Merian aus dem Jahr 1615 an, so sehen wir augenscheinlich Vertrautes: eine dicht bebaute Stadt, die von einer Stadtmauer eingegrenzt ist. Ausserhalb dieser Stadtmauer sehen wir eine von Landwirtschaft bestimmte, ländliche Struktur. Dieser Gegensatz zwischen dem Urbanen und dem Ruralen, der im Stich von Merian so deutlich wird, dominiert bis heute unser Denken über die Stadt. Das Städtische steht für ein dichtes, vibrierendes Leben, das durch Austausch, Veränderung, Entwicklung und Heterogenität gekennzeichnet ist. Das Rurale hingegen steht für eine dünne Besiedlung, Beständigkeit und Tradition sowie für landwirtschaftliche Produktion.
Wenn wir uns Merians Stich aber genauer anschauen, sehen wir, dass dieser Gegensatz keineswegs eindeutig ist. Das Stadtgebiet ist nicht komplett bebaut. Wir sehen diverse freie Gebiete, in denen sogar Landwirtschaft betrieben wird, beispielsweise im Bereich zwischen der Aeschenvorstadt und der St.Alban-Vorstadt. Die Felder ausserhalb der Stadtmauer hingegen sind überwiegend rechteckig und von einer grossen Regelmässigkeit gekennzeichnet. Sie scheinen geplant angelegt. Wir identifizieren also Qualitäten des Städtischen im ruralen Gebiet und Elemente des Landschaftlichen als Teil des Stadtgebiets.
Gegenseitige Abhängigkeit
Auch in der zeitgenössischen Schweiz und darüber hinaus verschwimmen diese Kategorien. Durch die gegenseitige Abhängigkeit helfen die polaren Gegensätze von Stadt versus Landschaft nicht mehr, die gebaute Realität zu erklären: Ehemals landwirtschaftlich geprägte Dörfer und Gemeinden haben sich zu Logistikzentren gewandelt. Die Schweizer Alpenregion: Auch wenn kaum mit Gebäuden bebaut, so ist sie dennoch mit einem dichten Netz von Infrastruktur – Strassen, Eisenbahntrassen, Stromleitungen, Mobilfunkantennen, Radio & TV, Wasserleitungen usw. – durchsetzt. Durch das dichte Verkehrsnetz beträgt die zeitliche Distanz in die nächste Stadt meist nur wenige Minuten. Von einer grundsätzlich unterschiedlichen Lebenswelt kann nicht mehr gesprochen werden. Andererseits finden sich Entwicklungen in der Stadt, wie zum Beispiel das «Urban Farming» (urbane Landwirtschaft), die jene Aktivitäten, die wir mit dem Ruralen verbinden, in den urbanen Raum bringen. Die Verflechtung ist extrem dicht geworden.
Die binäre Sichtweise von Stadt versus Land ist nicht nur problematisch, weil sie die gebaute Realität und die gegenseitige Verflechtung nicht zu erklären vermag, sondern auch, weil sie zudem häufig Wegbereiter für andere polare Auffassungen und Bewertungen ist. Wenn man in dem Dualismus die Städte als Orte der Entwicklung und der Moderne versteht, dann sind es nicht nur die ruralen Gebiete, die davon abgegrenzt werden, sondern häufig auch implizit die Städte ausserhalb der westlichen Welt. Neben den Gegensatz von Stadt und Land gesellt sich dann ein Gegensatz zwischen den angeblich modernen Städten der westlichen Welt, die die Norm darstellen, und den angeblich unterentwickelten Städten der restlichen Welt, die dieser Norm nicht entsprechen und Entwicklungsdefizite aufweisen.
Neue Formen von Urbanisierung
Der afrikanische Kontinent ist etwa eine der Regionen, wo wir diese Dualismen hinterfragen können. In den letzten Jahren haben sich die ländlichen Gebiete, beispielsweise in Kenia, durch den Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur rasant gewandelt. Es wurden neue Bewässerungssysteme sowie Ernte- und Silotechnologien aufgebaut. Diese technisierte Landwirtschaft ist eingebunden in einen internationalen Waren- und Rohstoffhandel, der zum Beispiel China mit Weizen oder Reis versorgt. Der Bau einer neuen Eisenbahnstrecke zwischen Nairobi und Mombasa sowie einer multimodalen Infrastrukturtrasse im Norden des Landes, die Autobahn, Bahnstrecke, Ölpipeline und Glasfaserkabel umfassen wird, geht einher mit der Planung von neuen Städten entlang der Strecken, in Gebieten, die diese Form der Urbanisierung bislang nicht gekannt haben.
Die Dörfer Kenias werden mit Mobilfunkantennen versorgt, und insgesamt gilt der afrikanische Kontinent als führend in der Entwicklung von Micropayment-Technologien, der Nutzung des Telefons für Zahlungswesen und den bargeldlosen Geldverkehr. In den Städten wie Nairobi, Abidjan, Lagos oder Dakar führt dies zu einem regen Handel, der es ermöglicht, mit Menschen in entfernten Dörfern Waren und Dienstleistungen auszutauschen; und dies schneller und zuverlässiger als an vielen andern Orten dieser Welt.
Ganz im Gegensatz zu dem Bild der Rückständigkeit nehmen Städte des «globalen Südens» mit ihrer Kreativität, ihrem Umgang mit Ressourcen, ihrer urbanen Kultur und ihrem Verständnis von Gemeinschaft häufig Entwicklungen vorweg, die erst später im Westen einen Widerhall finden. Es sind Städte, von denen wir neue Formen des Urbanen lernen können. Die neuen Verkehrssysteme in Kenia und andern Ländern Afrikas erlauben auch eine neue Art von periodischer Migration: Menschen ziehen immer wieder jeweils für einige Monate in die Städte, um dort Waren aus den Dörfern zu verkaufen, und kehren danach wieder in die Dörfer zurück. Auch hier verschmelzen die Grenzen zwischen Stadt und Land.
Städte und Globalisierung
Das bedeutet nicht, dass Stadt und Land identisch geworden sind – auch wenn manche Wissenschaftler wie der US-Stadttheoretiker Niel Brenner von einer allumfassenden Urbanisierung aller Regionen der Welt sprechen. Wir erkennen aber, dass wir urbane Kulturen, Warenströme, Ökonomien, Planungspraxen und Infrastrukturen an Orten erwarten können, die nicht die dichte Bebauung von Städten aufweisen. Das Hinterfragen der Dualismen bedeutet auch nicht, dass sich alle Städte unter dem Einfluss der Globalisierung angleichen. Wie eine Binsenweisheit wird häufig deklariert, dass mit der globalen Reichweite von internationalen Marken und dem sich Ausbreiten von «Nicht-Orten» wie Shopping-Malls, Flughäfen, internationalen Hotelketten oder Vergnügungsparks unsere Städte immer verwechselbarer werden. Auch wenn es diese Tendenzen gibt, möchte ich im Gegenteil behaupten, dass gerade unter dem Einfluss der Globalisierung Städte immer spezifischer werden.
Lebendige Handelsplätze
Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Nahe dem Zentrum Nairobis hat sich der Stadtteil Eastleigh entwickelt, in dem somalische Flüchtlinge seit den frühen 1990erJahren Handelshäuser und Einkaufszentren aufgebaut haben. Aufgrund der globalen Vernetzung der somalischen Diaspora, die in Dubai, Hongkong, Minneapolis und London sitzt, können sie Waren günstiger nach Nairobi importieren als die Kenianer. Dies führt nicht nur dazu, dass sich Eastleigh zu einem Handelsplatz entwickelt hat, zu dem Käufer aus ganz Kenia und sogar dem benachbarten Uganda und Tansania kommen, sondern dass sich auch eine ganz eigene Typologie von Einkaufszentren entwickelt hat, die baulich auf die finanziellen Möglichkeiten der somalischen Flüchtlinge ausgerichtet ist.
Es sind lebendige Orte, die in einer dreidimensionalen Dichte eine unglaubliche urbane Kultur ausstrahlen. Obwohl die «Zutaten»– Flüchtlinge, internationale Warenströme und die Präsenz der Vereinten Nationen, um nur einige zu nennen –, die zu dieser städtischen Transformation von Eastleigh geführt haben, Ausdruck und Konsequenz der Globalisierung sind, sind die Märkte und die urbane Kultur von Eastleigh einzigartig und konnten in dieser Form nur in Nairobi entstehen. Dies zeigt nicht nur die faszinierenden Lebenswelten, die uns in Städten wie Nairobi erwarten können, sondern auch die akademische Pflicht, sie auf Augenhöhe mit anderen Orten dieser Welt zu studieren und zu versuchen, sie zu verstehen. Es zeigt auch, ob bewusst oder nicht, das vorausschauende Wissen, das in Matthäus Merians Stadtansicht steckt.
Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.