Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03284.jsonl.gz/2572

11. November 2013 von mattern
„Er hat alle Aufgaben im Allgemeinen zu unserer Zufriedenheit erledigt. Das Verhalten gab keinen Grund zur Beanstandung.“ Was sich durchaus nach einem positiven Urteil anhört, ist nicht in wenigen Fällen das genaue Gegenteil eines Lobs und lediglich das Produkt einer Rechtssprechung aus dem Jahre 1963. Der Arbeitsgeber ist verpflichtet, das Arbeitszeugnis nicht nur wahrheitsgemäß, sondern auch wohlwollend zu formulieren, um das berufliche Fortkommen des Arbeitnehmers auch nach Ausscheiden aus dem Betrieb nicht unnötig zu erschweren. Wer bei diesem Zeugnis nun einen angesehenen Mitarbeiter vermutet, irrt sich erheblich. Im Gegenteil, hinter den scheinbar harmlosen Floskeln versteckt sich ein abwertendes Urteil, über das sich kaum ein Arbeitnehmer freuen würde. Hat jemand seine Aufgaben so im Allgemeinen zufriedenstellend erfüllt, entspricht dieses Urteil der Schulnote Mangelhaft und obgleich das Verhalten keinen Grund zur Beanstandung gab, impliziert diese Formulierung eine Abwertung des Arbeitnehmers. Es gab keinen Grund zur Beanstandung, ebenso wenig gab es jedoch Grund zu Lob oder Anerkennung. Letztere Formulierungsweise wird auch als Negationstechnik bezeichnet, bei der die Verwendung von Negationen auf mangelhafte Leistungen verweist.
Verschlüsselungstechniken im Arbeitszeugnis
Doch die Negationstechnik ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um schlechte Leistungen im Arbeitszeugnis zu verdeutlichen. Eine eigene Geheimsprache hat sich entwickelt, um Kritik an ausgeschiedenen Mitarbeitern zu üben und kommende Arbeitgeber zu warnen. Auch die Leerstellentechnik ist eine weitere Verschlüsselungstechnik, um das Verhalten des Mitarbeiters im Arbeitszeugnis zu kritisieren. Bewusst wird bei dieser Methode auf bestimmte Aussagen verzichtet. Diese „Leerstellen“, die vom Arbeitnehmer selbst in der Regel nicht also solche identifiziert werden, implizieren dann das Fehlen bestimmter Fertigkeiten oder Kompetenzen. Wird so im Arbeitszeugnis darauf verwiesen, dass das Verhalten gegenüber Kollegen einwandfrei war, so kann die Formulierung gleichzeitig implizieren, dass das Verhältnis zu den Vorgesetzten weniger vorbildlich war. Und auch eine scheinbar gute Bewertung à la „ Aufgaben, die ihm/ihr übertragen wurden, führte er/sie zielstrebig aus“ trügen. Eine Methode, die häufig und so auch hier zum Einsatz gekommen ist, ist die sogenannte Passivierungstechnik. In der Leistungsbewertung wird eine bewusst passive Formulierung gewählt, um zum Beispiel mangelnde Eigeninitiative zu verdeutlichen. Und es gibt noch weitere Verschlüsselungstechniken, die so manchen Arbeitnehmer vor ein Rätsel stellen. So auch die Ausweich-Technik, bei der Selbstverständlichkeiten wie Pünktlichkeit oder Freundlichkeit in den Fokus gerückt werden. Arbeitnehmer werden dann insbesondere für ihre „vorbildliche Pünktlichkeit“ gelobt.
Schlechtes Arbeitszeugnis? – Sicherheit dank Zeugnisanalyse
Was ursprünglich das Ziel hatte, Arbeitnehmer vor schlechten Beurteilungen durch den Vorgesetzten zu schützen, hat sich zu einem wahren Risiko entwickelt. Denn nicht selten kann das Nichtwissen um die Geheimsprache dem Arbeitnehmer zum Verhängnis werden, weiß der neue Arbeitgeber den Code zu entschlüsseln. Mögen manche Arbeitnehmer aus diesen Gründen ganz auf ein Arbeitszeugnis verzichten, so ist es doch der Rat von Experten, nicht auf das Arbeitszeugnis zu verzichten. Denn trotz Geheimcodes und Verschlüsselung ist dieses noch immer die Visitenkarte des Bewerbers. Wer Zweifel an den verwendeten Formulierungen im Arbeitszeugnis hat, kann eine professionelle Zeugnisanalyse in Anspruch nehmen und sich so versichern, dass ihm das Zeugnis keine Nachteile verschafft.
Dieser Artikel wurde geschrieben von Luisa Solms