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Im Blickpunkt …
Weihnachten ist eng verbunden mit dem Frieden. Um Frieden zu erhalten oder zu erreichen braucht es dies: eine gute Gesinnung und lautere Absichten (soweit zum schwierigen Wort «eudokia» im Lukasevangelium). Wenige Tage vor Weihnachten 1481 war jedoch Unfriede über dem Land der Eidgenossen und dem Dorf Stans. Dahin waren die Gesandten der acht Orte angereist, um über das Fortbestehen der Eidgenossenschaft zu beraten und zu entscheiden. Zwei Parteien befanden sich im Streit: Luzern, Zürich sowie Bern waren im Burgrecht verbunden und mit ihnen die Städte Freiburg und Solothurn sowie weitere; auf der anderen Seite waren Uri, Schwyz und Unterwalden sowie Glarus und Zug in einem Landrecht zusammengeschlossen. Die beiden Rechtsformen schienen einander auszuschliessen. Dazu gab es ein System von komplexen Allianzen einzelner Ort mit Aussenstehenden. Zürich hatte zum Beispiel ein Burgrecht mit der Stadt St. Gallen, Schwyz war Schutzmacht von Rapperswil usw.
Die Unstimmigkeiten dauerten nun schon einige Jahre. Die ganze politische Lage war jedoch seit Bekräftigung des Burgrechts im Wandel. Um das Zustandekommen des Stanser Verkommnis’ am 22. Dezember 1481 und den letzen Abschnitt der Tagsatzungen verstehen zu können, muss der weitreichende zeitliche und räumliche Kontext miteinbezogen werden.
1478 planten die Entlebucher unter ihrem Anführer, Peter Amstalden (einst Hauptmann der Entlebucher Truppe in der Schlacht bei Grandson), einen Staatsstreich gegen ihre Herren in Luzern. Sie wollten sich von der Herrschaft befreien und dem zweiteiligen Ort Unterwalden als dritter Teil beitreten. Etliche Leute in Obwalden waren in den so genannten «Amstaldenhandel» involviert (Quelle 014), allen voran Landammann Heinrich Bürgler und Ratsherr Hans Küenegger. Der Aufstand wurde jedoch vereitelt. Peter Amstalden wurde verhaftet und im Wasserturm gefoltert. Es wurde versucht aus ihm Angaben über weitere hochrangige Beteiligte herauszubekommen. Der Luzerner Schultheiss, Kaspar von Hertenstein (Schlossherr von Buonas am Zugersee und Ritter des Königs von Frankreich), wollte eine bereits vorgefasste Information aus ihm herauspressen lassen. Adrian von Bubenberg, Schultheiss von Bern, sollte beschuldigt werden, die Entlebucher und Obwaldner in ihrem Vorhaben bestärkt zu haben. Seit den Burgunderkriegen gab es zwischen den beiden Politikern eine persönliche Aversion. Von Hertenstein wollte nun den Berner Kollegen diskreditieren und verunglimpfen. Wegen dieser haltlosen, unwahren Beschuldigung gab es über etliche Jahre grosse Spannungen zwischen Luzern und Bern. «pacta sunt servanda» (Verträge sind zu halten), Bern wollte trotzdem am Burgrecht festhalten, und zwar wegen Freiburg und Solothurn und nicht wegen Luzern. An der Tagsatzung schienen aber dessen Gesandte nur auf ein Stichwort zu warten, um das Burgrecht fallen zu lassen.
Im Winter 1480/81 tauchte in Bern der apostolische Abbreviatator, Nicolao Garriliati, auf. Er präsentierte dem Rat von Bern einen Brief mit Siegel aus Rom, wonach ihm das Priorat Rüeggisberg zustehe. Der Rat war für die Vergabe der Pfründe zuständig und lehnte das Begehren ab. Darauf setzte Garriliati den Rat unter Druck, indem er auf eine latente Exkommunikation Adrians von Bubenberg hinwies, der kürzlich, im August 1479, verstorben war. Der römische Notar sagte, es hätte diesem keine ehrenhafte Bestattung zugestanden, der Leichtnahm müsse aus dem Münster St. Vinzenz entfernt und draussen vor der Stadt hingeworfen werden. Einen triftigen Grund nannte er nicht. Die Menschen in Bern und draussen in der Eidgenossenschaft waren darob entsetzt. Wann sollte sich Adrian von Bubenberg eine solche Strafe zugezogen haben? Etwa am 27. April 1469, als er den Einsiedler im Ranft bei der Inquisition beschützen wollte (Quelle 004)? Darüber sprach eigentlich niemand. Das war die zweite Verunglimpfung des Berner Ritters. Diese hatte zur Folge, dass kaum jemand mehr dessen Namen in den Mund nehmen wollte. Was hätte er zum Gegenstand der Tagsatzung in Stans zu sagen gehabt? Wer mochte sich seine Meinung dazu noch vorstellen? Bruder Klaus etwa?
Bruder Klaus wurde bereits in den Jahren vor dem Stanser Verkommnis mehrmals von Boten des Rates von Luzern aufgesucht, um auf seine Landsleute in Obwalden besänftigend einzuwirken, einmal kam der Luzerner Schultheiss sogar selbst; der Einsiedler erhielt zudem im März 1481 von den Luzernern eine neue Kutte (Quelle 013 und Quelle 019). Der Einfluss des Einsiedlers auf seine Landsleute in Obwalden war jedoch sehr gering, sie hörten nicht auf ihn.
Am Freitag, 21. Dezember 1481, waren die Verhandlungen an der Stanser Tagsatzung ins Stocken geraten. Keiner glaubte noch an eine friedliche Lösung, ausser Heimo Amgrund, Pfarrer von Stans. Er machte sich Abends auf den Weg in den Ranft, um von Bruder Klaus einen Rat zu erbitten. Am nächsten Morgen war er wieder in Stans zurück, als sich die Gesandten gerate anschickten, den Tagungsort zu verlassen. Pfarrer Amgrund bat diese, die Worte des Einsiedlers anzuhören. Diese Worte waren zwar knapp, mussten aber doch sehr eindrücklich gewesen sein. Der Inhalt der Botschaft wurde auf Wunsch des Waldbruders nicht öffentlich preisgegeben. Auch der spätere Chronist, Diepold Schilling der Jüngere, der als Sohn des Luzerner Stadtschreibers zwar in Stans weilte, aber nicht an den Sitzungen teilnehmen durfte (Quelle 208), kannte die geheimen Worte nicht. Die einfache Lösung für eine Neuordnung des Bundes der Eidgenossen war nicht irgendein Kompromiss sondern eine Synthese zwischen Burgrecht und Landrecht. Zuerst musste aber mindestens die Vertretung eines Stadtortes das Burgrecht aufgeben. Bern hatte ein gutes Verhältnis zu Obwalden aber wegen der Verunglimpfung Adrians von Bubenberg ein arg belastetes zur Stadt Luzern. Beim Ausbleiben einer Einigung aller acht Orte hätte es nicht Krieg gegeben, es gab bereits einen Kalten Krieg zwischen Luzern und Obwalden und zwischen Luzern und Bern. Bern gab nun als erste der drei Städte das Burgrecht auf, stimmte der Synthese einer neuen Rechtsordnung zu und plädierte weiterhin für die Aufnahme der Städte Freiburg und Solothurn in den Bund. Alle Sonderverträge einzelner Orte mit Aussenstehenden mussten aufgegeben, beziehungsweise durch Abkommen mit der ganzen Eidgenossenschaft ersetzt werden – es gab nun die «Zugewandten Orte». So bewegte sich alles sehr schnell auf die Einigung aller Beteiligten zu. Das bewirkte die imaginative Gegenwart von Bruder Klaus und wahrscheinlich auch die des verstorbenen Berner Ritters und Ratsherrn, Adrian von Bubenberg.
Der Frieden war hergestellt. Wirklich ganz? Nein, die Spannungen zwischen Luzern und Obwalden schwelten noch über Jahre weiter. Der Obwaldner Ratsherr Küenegger ging trotz Verbot zweimal nach Luzern und wurde dort verhaftet (Quelle 051).
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