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Literatur
Kleinkrieg im Blätterwald
Honor Tait, 80, ist Journalistin, "eine übelwollende Fremde" also, die man einst dem New Journalism (subjektiv, mit Sachverstand, engagiert) zurechnete, der mittlerweile von einem noch neueren abgelöst worden ist, die auf Tamara Sim, 27, trifft, ebenfalls Journalistin, welche sie für ein Magazin porträtieren soll. Da treffen ganz verschiedene Welten aufeinander: die beiden verstehen sich nicht und mögen sich auch nicht.
Doch stellt sich dann heraus, dass gar nicht Tamara, sondern eine ihrer Konkurrentinnen mit dem Porträt der Journalistenlegende Tait beauftragt worden ist, was wiederum Tamara, die mit dem detektivischem Spürsinn der Boulevard-Journalistin hinter ihrem Opfer her ist, dazu bewegt, ihre eigene Tait-Geschichte umso mehr voranzutreiben. Dabei hilft ihr, dass sie bei ihrem drogensüchtigen Bruder Ross auf Dave trifft, in dem sie den jungen Gigolo von Frau Tait zu erkennen glaubt. Sie macht sich an ihn ran, kriegt die Story, auf die sie gehofft hat und die dann (mit der Autorenzeile eines anderen) um die Welt geht ... jedoch nicht wahr ist ... Das alles ist spannend erzählt und leicht zu lesen. "Zeilenkrieg" ist ein witziges, informatives, intelligentes und unterhaltendes Buch.
Dabei erfährt man über den Medienbetrieb (man kriegt unter anderem ganz wunderbare Einblicke darüber, wie es auf Redaktionskonferenzen zu und her geht) und darüber, wie Journalisten arbeiten:
"Es war eine alte Masche: sich auf ein scheinbar unbedeutendes Objekt stürzen und es zum Schlüssel für die Psyche des Besitzers erklären."
"Sogar die Grünen hätten noch von ihren Energiespartechniken lernen können. Manchmal recycelte sie dieselbe Geschichte vier- oder fünfmal und verkaufte sie an mehrere Abnehmer."
"Ich dachte, die Zeitungen reissen sich heute geradezu um Interviews von Nullen mit anderen Nullen."
Zu erwähnen ist auch, dass die Autorin nicht mit Anspielungen geizt. "Simon zufolge war Honor bedeutender als Martha Gellhorn und dermassen eingebildet, dass sie Snowdon beauftragt hatte, ihr Passfoto zu machen." Es steigert den Lesegenuss, wenn man weiss, dass Lord Snowdon ein berühmter englischer Fotograf und der Ex-Mann von Prinzessin Margaret ist. "Vertreter aus anderen Etagen, denen es gelang, zur Audienz bei Wedderburn empfangen zu werden - und das war höchstens eine Handvoll - bezeugten, er gleiche einem Eskimo: Er kannte fünfzig Ausdrücke für Nein." Man liest das natürlich mit besonderem Genuss, wenn einem die weitverbreitete, doch bestrittene Auffassung, die Eskimos hätten zwischen fünfzig und hundert Wörter für Schnee, bekannt ist.
Einen Roman zu schreiben, bedeutet natürlich immer auch, die Protagonisten Meinungen, Überzeugungen und Einschätzungen äussern lassen zu können, für die man in einem Meinungsartikel womöglich heftig gescholten würde und Annalena McAfee, so scheint es mir, macht ausgiebig Gebrauch davon. Und mir gefällt das, denn ich teile diese Einschätzungen, jedenfalls diese beiden hier: "'Und jetzt auch noch der psychoanalytische Ansatz?' Honor lachte. Sie hatte oft gestaunt, wie unverwüstlich die grösste Pseudowissenschaft des 20. Jahrhunderts war." "'Sie gehören zur Pflichtlektüre in Medienwissenschaften.' 'Ich habe das schon immer für einen Widerspruch gehalten. Medien. Wissenschaften ...'".