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«Doch, geahnt haben wir es schon, eigentlich haben wir es sogar gewusst. Aber wir konnten es einfach nicht glauben. Dass sie wirklich so weit gehen würden.» Anita Lasker-Wallfisch sitzt ruhig rauchend im Lehnstuhl in ihrem Londoner Haus, der Blick geht nach draussen in den herbstlichen Garten und doch weit darüber hinaus.
Genauso unergründlich hat sie tags zuvor geschaut, auf einem Mäuerchen sitzend und dem Rauch ihrer Zigarette hinterherschauend, weit hinein in die wogende Schilflandschaft rund um Snape, einem Dorf in der englischen Grafschaft Suffolk.
Button statt Britten
Anita Lasker-Wallfisch ist nach vielen Jahren an eine wichtige Wirkungsstätte des von ihr mitgegründeten English Chamber Orchestra zurückgekehrt. Die historische Mälzerei von Snape ist untrennbar mit Benjamin Britten verknüpft. Das Publikum der öffentlichen Veranstaltung lauscht gebannt, als die hochbetagte Zeitzeugin von der legendären Zusammenarbeit des Orchesters mit Englands berühmtem Komponisten erzählt. Unerzählt bleibt allerdings, wo und wann die erste Begegnung der beiden stattfand. Dabei verrät die Geschichte so viel ...
August 1945, einige Monate nach Kriegsende. Die 19-jährige Anita Lasker ist als KZ-Überlebende im deutschen Belsen untergebracht. In einem sogenannten DP-Lager («displaced persons», englisch für «nicht an diesem Ort beheimatete Personen») der britischen Truppen, als der berühmte Geiger Yehudi Menuhin ein Konzert für die Lagerinsassen gibt.
Nach diesem Erlebnis schreibt die junge Frau einer Cousine in London, dass sie vom grossen Geiger viel weniger beeindruckt war, als vom Spiel seines Klavierbegleiters Benjamin «Button» – die Veranstalter hatten den Namen falsch geschrieben.
Erschütternde Details
Ein Vierteljahrhundert später – Britten war mittlerweile Chef des English Chamber Orchestra – gab Anita Lasker-Wallfisch ihm den Brief zu lesen. Ausgerechnet an dem Abend, da die Konzerthalle von Snape Maltings durch einen Brand vernichtet wurde. Das einzige, was gerettet wird, ist der Brief. Britten war noch einmal ins brennende Gebäude gerannt.
Anita Lasker-Wallfisch erzählt erst einen Tag später in privatem Rahmen davon. Ich habe sie in Snape spontan um ein Interview gebeten und erfahre so erschütternde Details ihres Schicksals, dass der angebotene Tee in der Tasse kalt wird.
Ein Schumann-Lied für Lagerarzt Josef Mengele
Sie erzählt, wie sie als 17-Jährige in Auschwitz ankam und nach der üblichen Eingangsprozedur mit kahlrasiertem Kopf, nackt und eintätowierter Nummer («69388») plötzlich vor Alma Rosé stand, der Nichte des Komponisten Gustav Mahler. Diese leitete das Mädchenorchester von Auschwitz und brauchte dringend eine Cellistin.
Lasker-Wallfisch erzählt, dass die Mädchen im Lager vor allem Märsche spielen mussten, oft als letztes Geleit für die Unglücklichen auf dem Weg in die Gaskammern. Wie sie selbst dem Lagerarzt immer wieder sein Lieblingsstück – die «Träumerei» von Robert Schumann – vorzuspielen hatte. Es war Josef Mengele.
«Für Sie immer noch Frau Lasker!»
Wie ihre Mutter im Angesicht von Deportation und Ermordung es gleichwohl wagte, dem «Lasker!» bellenden Soldaten höflich entgegenzuhalten: «Für Sie immer noch Frau Lasker!». Und dass sie vor ihrer eigenen Deportation nach Auschwitz zwar von den Gaskammern wusste, aber nicht glauben konnte, dass «sie» wirklich soweit gehen würden.
Anita Lasker-Wallfisch hat «sie» überlebt und nach einer langen Zeit des Schweigens und Vergessenwollens ihre Botschaft an deren Nachkommen formuliert: «Benehmt Euch so, dass Ihr es wert seid, ein Mensch genannt zu werden.»
Buchhinweis
Anita Lasker-Wallfisch: «Ihr sollt die Wahrheit erben», Rowohlt, 2007.