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Irgendwann, vor einigen Jahren, erzählte mir mein Bruder von folgendem Experiment:
Wissenschaftler warfen Ratten einzeln in ein halb mit Wasser gefülltes Aquarium. Die Glaswände an der Seite waren nicht erklimmbar. Die Ratte kämpfte nun um ihr Leben, und die Wissenschaftler massen die Zeit, bis sie aufgab und ertrank. Im Schnitt hielt eine Ratte neunzig Minuten durch.
In der zweiten Versuchsreihe setzten die Wissenschaftler nach dreissig Minuten eine kleine Insel aus Holz ins Aquarium. Die Ratte kletterte drauf und erholte sich fünf Minuten. Dann zogen die Forscher die Insel wieder weg. Und obwohl sie vorher schon eine halbe Stunde gekämpft hatte, paddelte die durchschnittliche Ratte noch einmal fast drei Stunden, bevor sie aufgab und ertrank.
Sie paddelte, weil sie die Hoffnung hatte, dass die Insel wieder auftauchen würde.
«Wie diese Ratten», schloss mein Bruder, «so sind die Leser.»
Und er hat Recht. Man muss ihnen in jedem Text früh eine Insel Hoffnung geben. Je länger der Artikel ist, je härter, je ernster und abstrakter das Thema, desto dringender ist der Einbau von Ratteninseln. Nicht als Option, sondern als Notwendigkeit. Denn Seriosität ohne Unterhaltung ist keine ernsthafte Seriosität. Die Unterhaltung muss keines Falls durchgehend sein. Sondern sie muss zu Anfang ein, zwei Mal zuschlagen. Dann kann man den Lesern fast alles zumuten: komplexe Argumentationen, Volkshochschule, Statistiken, Predigten, Differenzierungen, welchen harten Stoff auch immer. Denn die Leser werden bis zum Ende folgen, weil sie die Hoffnung haben, dass die Insel wieder auftauchen wird.
Deshalb ist es Pflicht jedes Journalisten, schon bei der Recherche des Artikels über die Insel nachzudenken. Viele glauben, Witze, Anekdoten, Showeinlagen seien bei wichtigen Themen bestenfalls ein Schnörkel. Das stimmt nicht. Sie gehören zum Zentrum des Artikels: so wie die Würmer zum Angelausflug. Selbst wenn die Insel im Text scheinbar nur flüchtig aufblitzt, ohne sie kann man sich die Mühe sparen.
Das Risiko: Der Spiegelanfang
Am cleversten steht die erste Ratteninsel irgendwo in den ersten drei Absätzen des Artikels. Technisch ist es am einfachsten, einen Witz, eine Szene oder Anekdote gleich am Anfang des Artikels einzubauen: im ersten Satz oder Absatz. Das ist legitim, aber ein Risiko. Denn der erste Satz (oder der erste Absatz) setzt den Ton des Artikels. Die Leser erwarten dann mehr vom Gleichen.
Es entsteht dann oft eine Disharmonie, die man in vielen «Spiegel»-Artikeln findet, die fast zwanghaft mit einem szenischen Einstieg beginnen – aber dann enttäuschend konventionell weiterrattern. Aber falls einem nichts Besseres einfällt: besser eine Ratteninsel zum Start als keine. (Und es gibt eine Notfall-Möglichkeit, die Disharmonie wieder aufzuheben. Und zwar dadurch, dass man am Ende des Artikels, im Schlussabsatz, wieder darauf eingeht: Dann wirkt der Artikel wie ein Bonbonburger für Vegetarier: ein riesiges Stück Tofu zwischen zwei Lakritzscheiben. Nicht die perfekte Form, aber eine mögliche.)
Die zweite Ratteninsel platziert man am Besten etwas später, spätestens nach dem ersten Drittel des Artikels. Danach kommt man lange ohne Showeinlage aus, denn der Leser hat genug Hoffnung geschöpft.
Nach diesen einleitenden Worten nun zur Praxis der Ratteninsel. Oder doch nicht. Es ist Freitag, Sie spüren schon das Wochenende. Ich auch.
Treffen wir uns Montag wieder in diesem Labor.