Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03219.jsonl.gz/794

Chantal Steiner, mittelloge (02.11.2006)
Im Mozartjahr wird ja vielerorts die "Oper aller Opern" gespielt; neu auch in St. Gallen. Musikalisch lohnte sich die Aufführung, die Inszenierung möchte ich mit dem Prädikat "ärgerlich" beurteilen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß die Oper von einer Frau (Aurelia EGGERS) inszeniert wurde: Zu plakativ, zu konventionell, zu lüstern waren die Frauen gezeichnet. Es fehlte der Inszenierung an Feingefühl und an Stringenz, zu viele Ungereimtheiten schlichen sich ein, und manchmal erschien sie gar hilflos.
Die Oper spielt auf einer Baustelle (ein heruntergekommenes Hotel wird renoviert, bleibt aber für seine Gäste weiterhin offen). Bis auf die Ballszene spielt sich alles in diesem Innenraum ab, manchmal macht das durchaus Sinn, manchmal weniger. Leporello wird karikiert als Clown (mit roten Bäckchen); er erscheint mir eher als (schlechter) Papageno denn als ein opportunistischer, devoter und feiger Diener seines Herrn. Bei der Registerarie bemalt er Elvira mit Farbe - und die läßt sich das gefallen. Daß das keine Frau tun würde, sondern sich wohl mittels Ohrfeige o.ä. zu wehren wüßte, ist eines der Dinge, die ich von einer Frau als Regisseurin zu wissen erwarte.
Don Giovanni - es sang die B-Besetzung - ist diesmal ein Mann mit Glatze, der sehr geschmeidig, aber wenig verführerisch seine Opfer umgarnt. Warum er während der ganzen Oper maskenhaft schwarz umrahmte Augen hat (macht allenfalls in der ersten Szene Sinn; im "normalen Leben" fällt er damit auf wie ein bunter Hund), ist mir nach wie vor schleierhaft. Anna hat sich in dieser Inszenierung offensichtlich in Don Giovanni verguckt, und ihr Rezitativ "Don Ottavio, son morta", als sie Don Giovanni "erkennt", singt sie erst, als sie entdeckt, daß letzterer mit Elvira in einem Zimmer verschwindet (diese Deutung hingegen macht für mich wieder Sinn). Ottavio ist - wie leider häufig gezeigt - ein eher unbedeutender Zeitgenosse, der schöne Passagen zu singen hat (aber leider nicht "Dalla sua pace", da die Prager-Fassung zur Aufführung gelangte), aber sonst eher unbeholfen agiert. Kommt hinzu, daß er nicht sonderlich vorteilhaft eingekleidet wurde. Das Paar Masetto/Zerlina liefert sich einen körperbetonten "Kampf", der seinen Reiz hat.
Elvira ist (leider auch vokal) die übliche hysterische Frau, die einem die Oper eher vergällt - bei ihr waren wir froh, daß die Prager-Fassung gespielt wurde, und uns so ein "Mi tradí" mit übermässigem Vibrato erspart blieb. Schwach fand ich, daß die Regisseurin sich beim Maskenball nichts anders zu helfen wußte, als die Festgesellschaft (mit Ausnahme von Don Giovanni) in - wenn auch abgetakelte - Rokoko-Kostüme zu stecken. Hätte man das noch als Parodie auf die dekadente Gesellschaft verstehen können, so verliert das dann seinen Sinn, wenn Masetto und seine Gehilfen sich in eben diesen Kleidern auf die Suche nach Don Giovanni machen. Da erscheint mir dieser "Kunstgriff" doch eher hilflos.
Der Schluß ist gänzlich unverständlich: Der Komtur, gestützt von Ottavio, der von den anderen begleitet wird, wankt ins Zimmer, Giovanni gibt ihm die Hand, da löst sich ein Schuß aus seiner Waffe, der Komtur verschwindet wieder in seinem (offen auf der Bühne stehenden) Sarg und die anderen Protagonisten (inkl. Don Giovanni) sind ebenfalls niedergestreckt. Wenn nun die Oper zu Ende wäre, so könnte man das wie folgt verstehen: Ohne Giovanni sterben auch die anderen, macht das Leben für sie keinen Sinn (ohne Mann, ohne Sehnsuchts-Objekt, ohne Feind…). Aber nein, die Oper endet wie üblich mit der "Moral von der Geschicht". Die Protagonisten stehen zum Sextett auf, um anschließend wieder zu "sterben"; zwischenzeitlich steht sogar Don Giovanni (der keine Höllenfahrt erlebt, sondern auf der Bühne zusammenbricht und dort liegen bleibt) auf und gibt Elvira einen Kuss, bevor sie davon singt, ins Kloster zu gehen. Dann legt er sich wieder hin…
Nun, so wirr meine Gedanken, so wirr die Inszenierung. Einzig eine einigermassen gute Personenführung konnte man entdecken: Stereotype Opernbewegungen waren selten.
Musikalisch, wie gesagt, war es durchaus ansprechend. Das SINFONIEORCHESTER ST. GALLEN unter der Leitung von Peter TILLING spielte transparent und klar auf. Die Tempowahl konnte bisweilen vielleicht erstaunen, machte aber durchaus Sinn und vermochte Hörgewohnheiten zu hinterfragen.
Von den Sängern bestach vor allem Vladimir BAYKOV (Leporello) mit seinem warmen, gut geführten Baß. Wenn ihn auch die Inszenierung eher plump zeichnete, so hatte seine Stimme durchaus die nötige Differenziertheit. Auch Jörg SCHNEIDERs Don Ottavio verfügte über die nötige Durchschlagskraft, gepaart mit Schmelz und Samt. Der Masetto von Thierry FELIX war aufmüpfig, jedoch nicht polternd und auch stimmlich kein Trottel.
Don Giovanni (David MAZE) verfügt über eine geschmeidige, virile Stimme, die jedoch (wenn er sich im hinteren Teil der Bühne befand) nicht immer durchkam, obwohl das Orchester wahrlich nicht laut war. Der Schmelz für seine Verführungskünste ("Là ci darem la mano") fehlte mir jedoch schmerzlich.
Von den Frauen vermochte mich einzig Andrea LANG als Zerlina zu berühren und zu bezaubern. Angela FOUTs (Anna) Stimme ist an sich zwar schön. Ihre Stimmkultur hat aber nichts mit Mozart zu tun, zudem ist die Vokalverfärbung bisweilen ärgerlich. Wie schon oben erwähnt, fiel Gergana GELEVA (Elvira) stark ab, da sie ein übermäßiges Vibrato zum Besten gab und auch sonst eher schrill wirkte. Ganz schwach war auch der Komtur von Petar NAYDENOV.
Der Schlußapplaus (den stärksten Beifall erhielt bezeichnenderweise der Dirigent!) war durchaus "enden wollend", das St. Galler Publikum konnte offenbar nicht schnell genug den Saal verlassen…