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Landschaftsdarstellungen ziehen sich durch die gesamte Kunstgeschichte und waren mal mehr und mal weniger ein beliebtes und angesehenes Motiv. Zwar wurden in der Antike und auch im Mittelalter bereits Landschaften dargestellt, diese dienten jedoch lediglich als Schauplätze und Hintergründe für (mythische oder biblische) Szenen. Erst durch die Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance eröffneten sich neue Möglichkeiten, um die Wirkung einer Bildtiefe in einer Landschaftsdarstellung zu erzeugen. So wurde die Landschaftsmalerei erst im 16. Jahrhundert als eigenständige Gattung anerkannt, allerdings wurde ihr zunächst keine grosse Bedeutung beigemessen. Die Landschaftsmalerei erlangte schließlich im späten 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Romantik an Bedeutung, wobei sie oft weiterhin eine religiöse Bedeutung hatte. Im späten 19. Jahrhundert entstand die frühe moderne Landschaftsmalerei, die mit dem Impressionismus begann. Durch die Erfindung transportabler Farben und Leinwände waren die Künstler nicht mehr an ein Atelier gebunden. Infolgedessen wurde die Landschaftsmalerei en plein air populär und ermöglichte es den Künstlern, in jedem Moment der Inspiration draussen in der Natur zu malen. Gegen Ende des Jahrhunderts läuteten Künstler wie Vincent van Gogh oder Paul Cézanne die Moderne mit zunehmend expressiven Werken ein. Die Landschaftsmalerei wurde dabei farbenprächtiger und abstrakter. Insgesamt hat sich die Landschaftsmalerei im Laufe der Zeit immer stärker von einer sehr realitätsnahen zu einer individuellen und von den Eindrücken der Künstlerinnen und Künstler geprägten Darstellung einer Landschaft entwickelt. So auch bei den Expressionisten im 20. Jahrhundert, denen die Landschaftsdarstellungen einerseits der Erprobung neuer künstlerischer Ausdrucksmittel dienten, andererseits aber auch das Verhältnis der Künstler und Künstlerinnen zu ihrer Umwelt und zur Natur widerspiegelten. Die Naturdarstellungen geben Auskunft über ihre Geisteshaltung sowie Weltanschauung und vermögen auf diese Weise etwas von der Mentalität und Befindlichkeit der Epoche ihrer Entstehung zu vermitteln.
Die Brücke-Künstler, rund um Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), waren in ihrer Arbeit stark mit der Natur verbunden und so entstanden auch viele der Werke im Freien. Während der schaffensreichen Jahre, im Sommer 1909, 1910 und 1911, hat die Künstlergruppe an den Moritzburger Teichen gearbeitet. Die Aufenthalte dort dienten vorrangig dem Studium des Aktes in der Natur. In diesem Sujet sahen sie ein Symbol für das freie Leben und die von allen akademischen Zwängen befreite Kunst. Als Ernst Ludwig Kirchner 1917 erstmals nach Davos kam, übernahm er sogleich die neue Umgebung in sein Bildrepertoire. Er widmete sich in allen zur Verfügung stehenden Techniken, in Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen, der Druckgraphik und in Gemälden der Davoser Landschaft mit Wäldern und Bergen. Zunächst in seinem nervösen Pinselduktus, später in seinem mehr und mehr flächiger werdenden Stil, hielt er auf Papier und Leinwand Ausschnitte aus seiner Umgebung fest, die ihn ebenso stark beeindruckte wie zuvor das Grossstadtleben in Berlin. Er schuf 1921 das grossformatige Gemälde «Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen)», in dem er die gelben Ziegen gestaffelt auf einem Berg im Hintergrund zeigt, den rosarote Felder zieren und über dem ein tiefblauer Himmel mit violetten Wolken zu sehen ist – ein Musterbeispiel für die Darstellung einer expressiven Landschaft.
Ebenso fasziniert blieb Erich Heckel (1883-1970) auch nach Auflösung der Brücke-Gruppe von der Natur. Die Darstellung von Bergen und Dünen, von Meer und Flüssen zieht sich bis zum Lebensende durch das Oeuvre des Künstlers. Er schuf einen veritablen orbis pictus von Landschaften, die meist auf seinen häufigen Reisen entstanden. Dies verbildlicht das Gemälde «Berghänge (Berghänge bei Corviglia)» von 1957, welches anlässlich seiner zahlreichen Aufenthalte in den 50er Jahren im Engadin entstand. Er zeichnete und aquarellierte direkt vor der Natur. Die Gemälde dürften anschliessend aufgrund dieser Erfahrungen im Atelier entstanden sein. In seinen Engadiner Gebirgslandschaften ging es Erich Heckel nicht um heroische Berge und grandiose Steilwände, sondern um die Einsamkeit und Verlassenheit, um die grosse Ruhe und die Reflexe der Witterung in der Landschaft, ihr Farbenspiel auf den Felsen, Halden, Alpen, Gewässern und vor allem auf Eis und Schnee, die er wie keiner mit den nachexpressiven Mitteln der Moderne zu gestalten wusste.
Auch bei den anderen Brücke-Künstlern erfreuen sich die Landschaftsdarstellungen an grosser Beliebtheit. Otto Mueller (1874-1930) schuf zahlreiche Naturszenen mit viel Vegetation, wie etwa «Dünenlandschaft 1» oder «Landschaft mit Baum und Wasser», die beide 1920 entstanden. Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) speiste seine Inspiration zu Landschaften dagegen aus dem Ausland: Er war während des Ersten Weltkriegs zunächst als Soldat und später Mitarbeiter der Pressestelle in Kowno, im heutigen Litauen stationiert. In seinen Briefen in die Heimat äußert er sich begeistert über die Landschaft. Es entstehen einige Holzschnitte, welche dies bezeugen, wie etwa «Landschaft (Russischer Wald)» von 1918.
Inspiration in Italien fand Hans Purrmann (1880-1966), der nach dem Krieg zwischen 1922 und 1926, immer wieder dort auf Studienreisen war, wo er schliesslich ab 1935 die Leitung der Deutschen Künstlerstiftung Villa Romana in Florenz ehrenamtlich übernahm. 1943 malt Hans Purrmann in Florenz den «Blick auf die Boboli-Gärten»: Die Flora im Vordergrund befindet sich zu Füssen des Betrachters, dessen Augenlinie sich auf Höhe der bewaldeten und deswegen in der Ferne dunkel-bläulich schimmernden Bergketten des Apennins befindet, die fast mit dem wenig helleren Blau des Himmels und den Schleierwolken verschwimmen.
Lyonel Feiningers (1871-1956) «Notizen nach der Natur», wie er sie nannte, kann man als erste Skizzen vor Ort, das erste Festhalten des Gesehenen, sei es Landschaft oder Architektur, oft auch mit menschlichen Figuren, ansehen. Er schuf eine grosse Anzahl solcher kleinformatigen Zeichnungen auf Papier mit Bleistift, Kohle, Feder oder farbigen Kreiden in einem Format das selten die 20 cm übertrifft. Sie dienten dem Künstler als Fundgrube, als Archiv, auf das er immer wieder auch nach langer Zeit zurückgriff. Fünf solcher «Notizen nach der Natur» sind in der Ausstellung zu sehen.
Auch Christian Rohlfs (1849-1938) malt das Gesehene – die Landschaft – während seiner jährlichen Aufenthalte in Ascona, die 1927 beginnen. Während dieser Aufenthalte schuf er vor allem grossformatige Wassertempera-Arbeiten auf Papier von der ihn umgebenden Landschaft zu allen Tages- und Jahreszeiten, bei unterschiedlichem Wetter und Stimmungen. Im besagten ersten Jahr in Ascona entsteht «Mondnacht über Dorf und See (Ascona)“, die die südliche Nacht über dem Lago Maggiore einfängt.
In George Grosz’ (1893-1959) Gemälde «Rocks at Bornholm, Denmark (Das Meer, die Felsen und der immerwährende Mond)» (1940) findet sich hingegen eine nostalgische Landschaft, welcher der Künstler während seiner letzten Europareise 1935 vor dem Zweiten Weltkrieg sah und ihm nachhaltig im Gedächtnis blieb. Eine Aufschrift von Grosz auf der Rückseite eines Fotos dieses Gemäldes lautet: «Zur Erinnerung an das letzte Mal, als ich Europa Schrecken und Krieg brüten und aushecken sah, 1935.»
Die im Expressionismus neu angelegten Landschaftsdarstellungen, welche realistisch-ideellen Vorbildern der Kunstgeschichte endgültig entsagen und stattdessen farbintensive, flächige und kantige Kompositionen hervorbringen, finden nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer noch stärker ungegenständlichen Bildsprache. Die Informelle Kunst («l’Art Informel») löst ab den 1940er Jahren gar klassische Form- und Kompositionsprinzipien gänzlich auf, bis zur völligen «Formlosigkeit». Dabei treffen in Eduard Bargheers (1901-1979) fulminanten Werk malerische Abstraktion auf das traditionsreiche Genre der Landschaftsmalerei und hinterlassen die «umfassendste und eindringlichste Deutung des Mittelmeerischen, die ein nordischer Künstler verwirklicht hat.» Die Zerlegung in einzelne Muster, die sich in scheinbar unendlicher Vielfalt über die Bildfläche erstrecken, und das Zusammenspiel warmer Erd-, Grün- und Blautöne ergeben eine spannungsreiche Neuinterpretation des Landschaftsmotivs. Gemälde wie «Vulkanische Landschaft mit Kap» (1955) oder «Morgenlandschaft» (1968) vermitteln trotz ihrer «losen» Formen ein konkretes Bild: Ein südliches Lebensgefühl ist immer spürbar.
In Francis Botts (1904-1998) Bildwelten tritt die Form hinter Farbe: im grossformatigen, in Öl geschaffenen Werk «Paysage bleu» (1964) verschwindet die Landschaft in beinah geometrisch geschichteten Formen unter einem Himmel in leuchtendem Kobaltblau, auch als «Bott-Blau» bekannt. Eine ähnliche Bildmotivik zeigt das kleinere Öl-Gemälde «Paysage» (1962) auf: Hier rückt die Landschaft in das unterste Drittel der Leinwand und ergibt in ihren unterschiedlichen Braun-, Ocker-, Rot- und Weisstönen eine kompositorische Spannung zum einfarbigen, bräunlichen Grund bzw. Himmel. Diese markanten, von Bott ab den 1950er Jahren entwickelten, abstrakt-expressiv aufgetragenen Farben regen im Zusammenspiel vielmehr zu einer eigenen Vorstellung von «Landschaft» an, als mit konkreten Darstellungen ein konkretes Bild vorzugeben.
Diesen abstrakten Positionen von Bargheer und Bott werden in der Ausstellung zwei Werke aus der Serie «Détrompe-l’oeil. Hintergrundbilder» des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri (*1930) entgegengesetzt. In diesen unterläuft Spoerri, Mitbegründer des Nouveau Réalisme und Erfinder der EAT-ART, die in der Renaissance entwickelte illusionistische Malerei, den sogenannten Trompe-l’œil-Stil (deutsch: «täusche das Auge»). Auf naturalistisch gemalte Bilder, welche Spoerri auf Flohmärkten erwirbt, fügt er reale Objekte an. Das führt in «Détrompe-l’oeil. Hintergrundbilder. (mit zwei Lamafoeten aus Bronze)» (1988) sowie «Détrompe-l’oeil. Hintergrundbilder. Le Chemin de la Forèt» (1998) zu perspektivisch und Dreidimensionalität vorgebenden Landschaftsgemälden, aus welchen jedoch tatsächliche Tierschädel herausragen – die optische Täuschung wird aufgehoben, das Reale und Nicht-Reale werden vermischt.
Exklusiv in unserem Showroom: Darío Alvarez Basso & Paolo Serra
Während die Mitte des 20. Jahrhunderts geschaffenen Bildwelten Bargheers oder Botts in der Ausstellung den Gegenstand auflösen, wendet sich der spanische Künstler Darío Alvarez Basso (*1966) in seinem zeitgenössischen Werk mitunter wieder klareren Konturen zu. Dafür nutzt er in der 2004 geschaffenen Werkreihe «Orizzonte» eine Mischung aus Aquarell, Lack und Acryl und kreiert in dieser Zusammensetzung unterschiedliche, auf Papier eingefangene Eindrücke des Horizontes. Manchmal erscheint dieser klar und deutlich, wie im Werk «Orizzonte doble», und manchmal hinter einem Nebelvorhang nur noch schemenhaft erkennbar, wie «Orizzonte de nebla» illustriert. Sie alle zeigen jedoch das besondere Gespür des Künstlers, seine Umgebung feinfühlig zu beobachten. So wird die scheinbare Trennungslinie zwischen Erde und Himmel, die den Horizont ausmacht und welche abhängig von Landschaft oder Wetter zackig, gerade oder verschwommen aussehen kann, in Bassos Kunst reflektiert und ihre faszinierende Stimmung eingefangen.
Gleichzeitig wird in Paolo Serras (*1946) effektvollen Malerei deutlich, dass sich dem Thema «Landschaft» in der Zeitgenössischen Kunst auch auf abstrakte Art gewidmet und diese nur durch «Licht» symbolisiert werden kann. In den 2000ern geschaffenen, unbetitelten Werkreihen setzt der Künstler einfarbige geometrische Quadrate und Rechtecke vor monochromen Grund. Mehrere Hundert hauchdünne, mit dem Pinsel fein übereinander aufgetragene Farbschichten aus Lack erzeugen dabei eine solch raumperspektivische Wirkung, dass die Quadrate und Rechtecke über und unter der Fläche wie schwebend erscheinen. Diese Tiefenwirkung wird zudem durch den zart hervorschimmernden Grund verstärkt. In diesem Netz aus hauchdünnen Farbschichten und Lichteffekten verliert sich die Horizontlinie – was bleibt, ist die Unendlichkeit des Lichtes, der Sonnenstrahlen, welche Natur und Landschaft erst entstehen lassen. Beiden zeitgenössischen Künstlern, Basso und Serra, widmen wir einen exklusiven Showroom in Riehen.
So essentiell das Licht für die Landschaftsentstehung ist, so bedeutsam ist für sie auch die Naturgewalt. Mit Positionen von Basso, welcher auf die Landschaft anhand ihrer Horizontlinie verweist, und von Serra, der die Landschaft auf ihr Licht reduziert, öffnet die Ausstellung eine weitere zeitgenössische Betrachtung auf das Thema durch Jürgen Brodwolf (*1932). Dem Schweizer Künstler gelingt es, in seiner «Fels»-Serie (2005) einen eindrücklichen Moment für den Menschen in der Natur festzumachen. In seiner Bronzeskulptur «Figur vor Felskopf» trifft der von Erosion und Verwitterung aus seiner Umgebung steil herausragende Körper aus Festgestein auf den Körper eines Menschen. In leicht gebeugter, zaghaft oder auch schutzsuchenden Haltung nähert sich dieser dem landschaftlich gewaltigen und überlegenden Gegenüber. Der Mensch ist ganz im Stile des Künstlers als «Tubenfigur» gearbeitet, eine Entdeckung im Atelier, die Brodwolf seit den 1950er Jahren durch sein künstlerisches Schaffen begleitet. Mensch und Felskopf werden in ihrer Gegenüberstellung zueinander in gewisser Weise vereint. Gleichzeitig weisen die in zwei eigenständigen Bronzen gearbeiteten Figuren auch auf eine mögliche Distanz hin: der Mensch erscheint so in einem nicht eindeutigen Verhältnis zur Natur, er sucht zwar ihre Nähe, doch verharrt auch in Abstand zu ihr.
Diesen vielfältigen Beobachtungen und Interpretationen des Themas «Landschaft» im letzten Jahrhundert der Kunstgeschichte bis zum heutigen Tage möchten wir in der Ausstellung «EXPRESSIV! Landschaft in der Moderne» nachgehen. Unser exklusiver Showroom greift mit zeitgenössischen Positionen der Kunst parallel zur Ausstellung ebenfalls das traditionsreiche Thema auf und bietet einen spannenden Ausblick zum Hier und Jetzt. Wir laden Sie herzlich ein, überraschend neue Blickwinkel auf die uns umgebende Umwelt entstehen zu lassen und die abwechslungsreichen künstlerischen Landschaftswelten zu erkunden.
Die Ausstellung ist Teil unserer neuen Ausstellungsreihe «EXPRESSIV!». Hier stellen wir unter einem bestimmten Thema verschiedene Künstler:innen, Bildmotive und Schaffensperioden des Deutschen Expressionismus und von ihm beeinflussten Kunstströmungen vor.
Die Ausstellung wurde kuratiert von Katharina Schindler (Sagel) & Susanne Kirchner.