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Ähnlich wie Kant, dessen Erstauflage der Kritik der reinen Vernunft im Publikum weitestgehend unbeachtet blieb, der dies der Komplexität von Thema und Herangehensweise zuschrieb und deshalb die (vermeintlich) leichter zugänglichen Prolegomena verfasste, musste auch Berkeley erleben, dass die Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis bei ihrem Erscheinen kaum rezipiert wurde. Auch Berkeley schrieb deshalb eine Art Einführung in sein Opus magnum, die Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous.
In der Dialogform orientiert sich Berkeley zweifellos an Platon – bei einem Professor für Griechisch, der er damals, 1713, (auch) war, kein Wunder. In den Drei Dialogen verwendet Berkeley nur zwei Dialogpartner. Deren Namen sind schon Programm. Da ist Hylas, der eine Art materialistischer Position vertritt, und Philonous, der Liebhaber des Geistes, der Berkeleys idealistische Position einnimmt. Geist darf hier selbstverständlich nicht im Sinne eines Gespensts verstanden werden, sondern als Verstandeswesen, das die Welt zu erkennen und begreifen sucht – letzteres in fast wörtlichem Sinn. Hylas’ Materialismus seinerseits darf nicht ganz im heutigen Sinn verstanden werden. Berkeley orientiert sich an der Antike; Beispiele für einen Materialismus, wie er ihn versteht, sind bei den alten Atomisten zu finden, bei Epikur und bei Lukrez. Deren Position ist es, die er unter dem Deckmantel des Hylas angreift.
Philonous’, also Berkeleys, Position wiederum entsteht aus einer konsequenten Fortführung der Ansätze von Descartes und Locke. Ausgangspunkt ist die erkenntnistheoretische Kernfrage, wie das Bewusstsein (Nous) zur Gewissheit adäquater Erkenntnis der Wirklichkeit gelangen könne. Berkeley kommt zum Schluss, dass das Bewusstsein sich nur seiner eigenen Inhalte (Phänomene, Ideen, ideas) gewiss sein könne. Man könnte seine erkenntnistheoretische Position Phänomenalismus nennen, oder eben Idealismus. Berkeley selber nennt sie in Abgrenzung zu seinen Gegner Immaterialismus. Berkeleys Immaterialismus ist kein Solipsismus. Das Nous erkennt zwar nur seine eigenen Inhalte; allerdings sind ein paar dieser Inhalte so ‘konstruiert’, dass das Nous aus deren Verhalten schliessen muss, dass es hier ein anderes Nous vor sich hat. Sein ist Erkannt-Werden oder Selber-Erkennen. Vor allem den zweiten Punkt macht Berkeley in den Drei Dialogen tatsächlich klarer als in der Abhandlung.
Berkeleys Erkenntnistheorie ist nicht Selbstzweck. Im Materialismus sieht der Theologe Berkeley auch das Schreckgespenst des Atheismus aufscheinen. Das ungeordnete Chaos der Atome, das er bei Lukrez zu finden glaubt, macht ihm offenbar Angst. Somit sind die Drei Dialoge als Mittel der Bekämpfung der Atomisten, die es im 18. Jahrhundert immer noch oder schon wieder unter den Philosophen und Wissenschaftern zu finden gab, auch ein Instrument zur Bekehrung derselben zum Glauben. Berkeley führt dafür eine Art Gottesbeweis. Wenn die Dinge nur im Bewusstsein existieren, ihnen keine materielle Realität zukommt, können sie ja konsequenterweise nur existieren, so lange sie vom Bewusstsein wahrgenommen werden. Dreht er sich von seinem Bürostuhl weg, so, dass er ihn weder sieht noch sonst spürt, existiert der Stuhl für einen konsequenten Idealisten im Grunde genommen nicht mehr. Wenn er sich zurückdreht, steht der Bürostuhl allerdings immer noch genau so und genau dort, wo ihn seine Erinnerung zurück gelassen hat. Für Berkeley ist diese Schwäche der idealistischen Position genau deren Stärke. Esse est percipi – wenn also die Dinge noch genau so sind, wo und wie sie das Bewusstsein vor 5 Sekunden, 5 Stunden oder 5 Jahren erkannt hat, ist das für Berkeley der Beweis, dass sie in der Zwischenzeit als Inhalt eines andern Nous weiter existiert haben müssen. Bei der grossen Anzahl Phänomene, die offenbar weiter existieren, auch wenn kein menschliches Nous sie gerade zu ihrem Inhalt hat, kann das nur bedeuten, dass es ein ganz grosses Nous geben muss, das sie immer erkennt. Dieses ganz grosse Nous kann nur Gott sein: Gott schläft nicht, Gott umfasst alles. Q.e.d.
Natürlich leiden Berkeleys Drei Dialoge darunter, dass die gegnerische Position von von einem merkwürdig wankelmütigen und offenbar nicht sehr intelligenten Mann vertreten wird, was den Sieg Berkeley-Philonous’ einfach macht. Die Bedeutung der Drei Dialoge, und Berkeleys ganz allgemein, liegt m.E. vor allem darin, dass er David Hume dazu angeregt hat, seinerseits über das Skandalon der menschlichen Erkenntnis nachzudenken. Hume hat versucht, die Frage der Existenz und Kohärenz der Aussenwelt psychologisch aufzulösen: Die Natur hat dem Menschen keine andere Wahl gelassen, als aus seinen Sinnesdaten eine kohärente Aussenwelt zu konstruieren. Humes Theorie zufolge empfinden Menschen die Tatsache, dass alle Wahrnehmungen unterbrochen erscheinen und dann in nahezu gleicher Form wieder aufgenommen werden, als Widerspruch, und sie versuchen, diesen Widerspruch durch die ihnen glaubwürdige Vorstellung (Imagination) einer realen unabhängigen Existenz des Objekts aufzulösen. Ohne Berkeley kein Hume, ohne Hume kein Kant, denn der wäre, wie er selber zugab, ohne Hume nicht möglich gewesen.
Womit wir den Kreis geschlossen haben.