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Project Info
Project Description
Ziegen, die das Überleben sichern
Das Kernstück vom Besitz einer nomadischen Familie ist weltweit die Herde und sie ist es, welche den Rhythmus des Wanderns bestimmt. So ziehen marokkanische Nomaden auch heute noch im Abstand von einigen Tagen oder Wochen zusammen mit ihren Dromedaren, Ziegen, Schafen, Eseln und ihrem Zelt von einem Weidplatz zum nächsten.
Doch die nomadischen Gemeinschaften in der Sahara sind in ihrer Existenzgrundlage und Lebensform bedroht: Seitdem die nationalstaatlichen Grenzen Afrikas Ende der 50-er anfangs der 60-er Jahre geschlossen wurden, sind die Bewegungsräume für die Herden und ihre Besitzer enger geworden. Zudem brachten anhaltende Dürrezeiten oder Stürme für viele Familien den Verlust von Tieren mit sich. Deshalb sahen sich viele gezwungen, sich irgendwo am Rande eines Siedlungsgebiets provisorisch niederzulassen und ihren Wohnraum schweren Herzens vom beweglichen Zelt in ein lehmgestampftes Haus zu verlagern. Da die meisten Nomaden keine formale Schulbildung absolviert haben und es in Südmarokko praktisch nur in den touristischen Zentren und zum Teil in der Landwirtschaft saisonale Arbeitsplätze gibt, ist es für eine zugezogene Familie sehr schwierig, am Wüstenrand zu überleben, geschweige denn, eine Schulbildung für die Kinder zu finanzieren.
Im Mai 2012
hat Moula Moula Suisse den 6 ärmsten Familien aus dem Dorf je 2 trächtige Ziegen und einen Bock finanzieren können. Die Projektfamilien sind auf alle 6 lokalen Stämme und Fraktionen verteilt worden. Ausgewählt wurden sie zusammen mit dem Dorfvorsteher von Ifinirir und Abdellah Naji, unserem lokalen Projektverantwortlichen in Marokko.
Als die Ziegen anfangs Mai ins Dorf gebracht worden waren, hatten die meisten Muttertiere bereits geworfen. Um Streitigkeiten zu vermeiden wurden die Ziegen per Los an die Familien verteilt. Pro trächtige „Projekt-Ziege“ wurde durchschnittlich 250 Euro bezahlt. Das ist für lokale Verhältnisse ein stattlicher Betrag. Eine klassische trächtige „nomadische“ Ziege kostet zwischen 70 und 150 Euro, braucht aber viel Auslauf, trägt pro Jahr nur einmal und gibt nur sehr wenig Milch. Die „Projekt- Ziegen“ hingegen geben gut Milch, sodass die Familien mit der Zeit auch Butter und Käse herstellen können. Ausserdem werfen die Ziegen durchschnittlich zweimal pro Jahr. Die Ziegenrasse stammt ursprünglich aus den Kanarischen Inseln und ist heute aber auch in der West-Sahara verbreitet. Dort wurden die Ziegen für Ifinirir denn auch auf dem Markt gekauft und Mitte Mai in einem Camion ins Dorf transportiert.
Ifinirir liegt auf einer alten nomadischen Wanderroute ungefähr 140 Kilometer nordöstlich von Zagora und rund 25 Kilometer südlich von Rissani. Das Dorf ist eine Siedlung ehemaliger Nomaden, welche seit rund 25 Jahren existiert. Dort leben Familien aus verschiedenen Stämmen und Stammesgruppen.
Das Dorf besteht im Moment aus ungefähr 100 bewohnten und etwa 10 verlassenen Lehmhäusern. Einige Kinder gehen bis zur 5. Klasse in die Dorfschule. Später müssen sie bis nach Rissani reisen, um ein Collège oder ein Lycée zu besuchen. Doch dafür reicht den meisten Dorfbewohnern das Geld nicht mehr. In den vergangenen Jahren hat Ifinirir immer wieder ein bisschen Regen erhalten, sodass im Süden des Dorfes ein Grüngürtel aus Tamarisken und Oscherbäumen (Hassaniya: Turza) vorhanden ist. Gefüttert werden die Ziegen deshalb mit den fleischigen Blättern des Turza-Baumes und etwas Tamarisken und aufgeweichten Brot, sowie, wenn genügend Regen fällt, auch mit Ruccola und Luzerne.
Im April 2013
reisten Iren und Alessandra nach Süd-marokko. Von den 6 ersten Projekt-familien hatten drei inzwischen eine ansehnliche Herde von 9-12 Ziegen. Damit war ihre Lebensgrundlage für die nächsten 2 Jahre einigermassen gesichert, sodass sie sich das Notwendigste für ihren Alltag nun selbstständig finanzieren konnten. Für Alessandra, Iren und Abdellah war es berührend, die Freude der Familien an ihrer Herde mitzuerleben.
Zwei Familien aus Ifnirir hatten im April erst 5 Tiere, da bei ihnen überdurchschnittlich viele männliche Zicklein zur Welt gekommen sind, wobei aber noch je eine Ziege trächtig war. Eine dieser Familien ist in der Zwischenzeit ins 60 km entfernte Rissani umgezogen und hat aber ein Jungtier ins Dorf zurückgeschickt.
In einer der Projektfamilien berichtete uns eine Frau, dass ausser einem männ-lichen Jungtier alle an einer Krankheit gestorben seien. Ähnliches hat sie bereits vorher zweimal mit anderen Tierarten und Rassen erfahren.
In Im April 2013 wurden in Ifinirir wiederum 4 neue Familien ins Projekt aufgenommen. Ausserdem kamen drei weitere Familien aus Mellal (ebenfalls eine Spontansiedlung für ehemalige nomadische Familien zirka 9 km von Tizergate Richtung Ourazazate) und zwei aus einem Quartier ehemaliger Nomaden ausserhalb von Tinzouline dazu. Neu wurden in dieser 2. Projektetappe auch 4 nomadisierende Familien ins Pro-jekt aufgenommen, welche ihre Zelte in der Umgebung von Fium Zguid aufge-schlagen hatten. Mit Hilfe von Machschub und seiner Frau Aicha, unserer nomadi-schen Koordinationsfamilie in der Umge-bung von Fium Zguid, fanden Abdellah, Alessandra und Iren die vier weit ver-streuten Zelte, um auch bei ihnen die Situation vor Ort zu besichtigen.
Auch in der 2. Projektetappe wurden verschiedene Stämme berücksichtigt: 3 Familien amen aus dem Nouaji-Stamm, 6 aus dem Stamm der befreundeten Krsäbi sowie 4 Familien aus dem Stamm der Ait Chabäsch.
Im Februar 2014
haben Abdellah und Iren alle Projektfamilien aus der 1. Projektphase besucht, um zu überprüfen, wie nachhaltig das Projekt ist. 5 von 6 Familien waren nach knapp zwei Jahren in der Lage, für das Notwendigste bezüglich Haushalt und Gesundheit der Familie selbständig aufkommen zu können. Obwohl in vielen Gegenden Südmarokkos nur sehr spärlich Regen gefallen war und es dementsprechend wenig Grünfutter für die Ziegen gab, konnten alle Familien den Nahrungsbedarf für die Tiere gut abdecken. Dies war ausser den klar ersichtlichen Bemühungen der einzelnen Familien auch dem Umstand zu verdanken, dass der marokkanische Staat angefangen hatte, subventionierten Hafer als Zusatzfutter an Familien mit Tieren abzugeben.
Im Februar 2015
Anfangs Februar sind Alessandra und Iren nach Südmarokko gereist. Es war eine spezielle Erfahrung, die ganze Fahrt von Ouarzazate bis nach Tizergate strömendes Wasser im Draa zu sehen. In allen Dörfern stiegen die Familien mit ihren Eseln in die höchsten Felsen hinauf, um die Lieblingskräuter und Blumen ihrer Tiere zu sammeln. Auf der Strecke zwischen Zagora und Foum Zguid standen überall Zelte und grasten Dromedare, Schafe und Ziegen.
Beim Besuch der Projektfamilien wurde schnell klar, dass die unerbittliche Härte des vergangenen dürren Jahres, die eine oder andere Familie veranlasst hatte, einzelne Tiere vorzeitig zu verkaufen, d.h. bevor eine Ziege ans Projekt zurück-gegeben werden konnte. Dazu muss man wissen, dass in nomadischen Familien Ziegen, Dromedare und Schafe nur unter sehr grossem finanziellen Druck verkauft werden.
Eine der nomadische Familie hatte jedoch alle Ziegen verkauft und / oder geschlachtet. Alessandra und Iren einigten sich zusammen mit Abdellah, dass keine weiteren Schritte in dieser Sache unternommen werden, denn sowohl in Mellal als auch in Tinzouline, also in einem Umkreis von rund 200 Km vom Zelt der besagten Familie weg, war spürbar, dass man sich für die besagte Familie schämte (die Leute vom gleichen Stamm) oder über sie lachte (die Leute anderer Stämme), und entrüstet war, dass diese sich so dreist über die mündlichen Abmachungen hinweggesetzt hatte.
Auch Familien mit grösseren Herden hatten während der langen Zeit vor dem Dezemberregen arg zu leiden gehabt: Als Ersatz für die fehlenden Gräser und Kräuter im letzten Jahr haben sie grosse Mengen Hafer dazu kaufen müssen, womit sich nicht wenige von ihnen ziemlich hoch verschuldeten. Machschub und seine Familie hatten beispielsweise während der Futterknappheit für 20’000 Dirham, das sind rund 2000 Euro, Getreide einkaufen müssen.
Während ihres Aufenthalts konnten Alessandra und Iren in Zusammenarbeit mit Abdellah insgesamt 15 neue Projektfamilien aus 4 verschiedenen Dörfern aufnehmen:
1. -2 junge Familien aus Tinzouline,
2. -4 aus Mellal,
3. -eine Familie aus Tizergate, welche vor wenigen Wochen erst dort angekommen war und weitere
4. -3 Familien aus Ifinirir.
In der Region zwischen Foum Zguid und Tata wurden 5 neue nomadische Familien ins Projekt integriert. Da diese in einem Umkreis von mehr als 100 Kilometern ihre Zelte aufgestellt hatten, wäre es zu aufwendig geworden, jede einzeln zu besuchen. Wir vertrauten den Berichten von Machschub und Aicha über die Lebenssituation in den einzelnen Zelten.
Bis jetzt konnten insgesamt 34 Familien von diesem einkommensschaffenden Projekt profitieren. Im Februar 2016 wird in Zusammenarbeit mit Abdellah Naji die nächste Projektetappe umgesetzt werden können.