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Düfte bestimmen unser Leben. Düfte bestimmen, ob zwei Menschen zueinander passen. Kann aber ein Tropfen Parfüm die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen? Ja, sagt Professor Karl Schlögel, seines Zeichens Osteuropa-Historiker. Mit seinem Buch „Der Duft der Imperien“ eröffnet er uns einen ungewöhnlichen Zugang zur Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts. Wer hätte gewusst, dass Frankreichs Parfum Coco Chanel No 5 und sein sowjetisches Pendant Rotes Moskau den Stoff liefern, um die europäische Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts neu zu erzählen?
Das Parfum Chanel No 5. „Im Tropfen eines Parfums kann die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts enthalten sein“, schreibt der Autor Karl Schlögel in seinem Buch „Der Duft der Imperien“. Auf französischer Seite erlangte Coco Chanel zwar Berühmtheit wegen ihres Parfums Chanel No 5, der exquisite Duft verhalf ihr aber auch zu einem Aufstieg in die Welt von Theater und Film. Coco Chanel war es, die der französischen Kultur zu weltweiter Bekanntheit verhalf, besonders auch bis nach Moskau und bis nach Los Angeles. Und nicht genug damit. Tatsächlich hat die Parfumindustrie im Gefolge von Coco Chanel auch immer wieder Frauen installiert, die der Industrie ihres Landes den Stempel aufgedrückt haben. Als Coco Chanel dann jedoch mit den deutschen Besatzern kollaborierte, fiel sie in Frankreich in Ungnade.
Das Parfüm Rotes Moskau. Auch das russische Pendant zum betörenden Duft der Französinnen soll die Weltgeschichte mitbestimmt haben. Wie in „Der Duft der Imperien“ nachzulesen ist, soll die Formel für einen Duft, der zum 300. Kronjubiläum der Romanows kreiert worden war, durch die Turbulenzen der Revolution nach Frankreich gelangt sein. Die Parfüm-Formel lieferte die Grundlage sowohl für Chanel No 5 wie auch für sein sowjetisches Pendant Rotes Moskau, das bis heute unter diesem Namen weiter produziert wird. Auf sowjetischer Seite zeichnete die Frau des Aussenministers Molotow verantwortlich für die Parfümindustrie. Sie hiess Polina Schemtschuschina. Ihr Mann war nach Stalin der zweitwichtigste Befehlshaber im Kreml. Polina Schemtschuschina, die Erfinderin des Parfüms Rotes Moskau, schaffte es als einzige Frau in der Geschichte der UdSSR zur Volkskommissarin für die Lebensmittelindustrie. Sie war überdies auch eine wichtige Kontaktperson zwischen der sowjetischen Welt und den westlichen Alliierten. Der russische Staat verbannte dann jedoch die Erfinderin von Rotes Moskau nach Sibirien. Ihr wurden ihre Verbindungen zu jüdisch-zionistischen Kreisen zum Verhängnis.
Der Duft der grossen weiten Welt. Heute haben die beiden Parfüms Chanel No 5 und Rotes Moskau weltweit Symbolcharakter. Sie verbreiten eine Atmosphäre von internationaler Weite. Ursprünglich standen die kostbaren Düfte für den Kalten Krieg zwischen Ost und West. Heute jedoch stehen sie für eine weltweite Annäherung. Die Parfüms zeigen, dass es für eine Annäherung manchmal gar nicht so viel braucht. Die Düfte vermitteln einerseits das Fluidum von Freiheit und Ungebundensein. Sie vermitteln andererseits den Duft der grossen weiten Welt. Tatsächlich tut es oftmals ein verführerisches Düftchen auch schon. Dies gilt für die grosse Weltgeschichte ebenso wie für das Zusammenleben in einer Beziehung.
Hören Sie hier meine Sendung Literaturwelle zum Buch „Der Duft der Imperien“.
Text und Foto: Kurt Schnidrig