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Kleingemeinden
Reise nach Sluzk
Die Stadt Sluzk mit einer der ältesten jüdischen Gemeinden Weissrusslands besuchten wir schon mehrmals, zuletzt im Mai 2019. Besonders beeindruckend ist das Projekt eines Lapidariums für wiedergefundene und gerettete jüdische Grabsteine.
Die hundert Kilometer südlich von Minsk gelegene Stadt Sluzk ist eine der ältesten Städte Weissrusslands mit heute rund 60'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren 77 Prozent der Bevölkerung von Sluzk jüdisch. 1943 errichteten die deutschen Besatzer in der Stadt und der Umgebung drei Ghettos. Sie ermordeten über 70’000 Jüdinnen und Juden und zerstörten den Grossteil der historischen Gebäude.
Heute leben etwa 100 Jüdinnen und Juden in der Stadt, und es gibt wieder eine jüdische Gemeinde. Mit unserer Hilfe sollen die Mitglieder ein aktives Gemeindeleben gestalten und jüdisches Wissen erwerben und vermitteln können.
Das Gemeindeleben findet in einem liebevoll eingerichteten Raum im Untergeschoss eines Gebäudes statt. Unter den rund 80 Mitgliedern sind viele verwitwete Frauen. Aber auch rund zwanzig junge Familien nehmen regelmässig am Gemeindeleben teil. Die Gemeinde organisiert Treffen, an denen die Teilnehmenden basteln, singen oder stricken. Auch Holocaust-Überlebende treffen sich regelmässig. Jeden Freitagabend findet ein Kabbalat-Schabbat-Gebet mit anschliessenden Abendessen statt. Rosch Haschana feiert die Gemeinde mit einem Festessen und Gesängen in Jiddisch, Ivrit und Russisch.
Während des Zweiten Weltkriegs entfernten die Nazis Grabsteine vom jüdischen Friedhof und benützten sie unter anderem für den Bau von Häusern. Die Juden aus dem Ghetto mussten die Steine vom Friedhof zu den Baustellen schleppen. Vor ein paar Jahren wurde ein Haus renoviert, und man entdeckte zum Teil sehr alte Grabsteine (17./18. Jahrhundert). Die 264 Steine wurden gereinigt und sind heute an einem Ort gelagert. Von 70 Steinen sind die Inschriften noch lesbar, vom grossen Rest leider nicht mehr.
Die Gemeinde musste eine Lösung für diese Grabsteine finden und wandte sich an die Behörden der Stadt. Die Stadtverwaltung bot ein Stück Land neben dem einzigen übriggebliebenen Friedhof an, damit die Steine in einem Lapidarium ihre letzte Ruhe finden können. Rund zwanzig Offizielle der Stadt unterstützen diese Idee und helfen bei der Realisierung. Es wäre das erste Lapidarium auf weissrussischem Boden. Die Architektin Galina Lewina entwarf dafür einen Bau, doch es fehlt zurzeit noch das Geld (ca. 5´000 Dollar) für die Realisierung.
Sluzk entwickelte sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem touristischen Ort. Nun hoffen alle, dass das Lapidarium in Zukunft Juden aus der ganzen Welt anziehen könnte, die ihre Wurzeln suchen und ihre Familiengeschichte erforschen wollen. Es gibt in Sluzk bereits eine Holocaust-Gedenkstätte, die Leonid Lewin schon vor Jahren im Zentrum der Stadt geschaffen hat.
Natascha leitet das Kinderprogramm der Gemeinde für Kinder von 6 bis 16 Jahren. Viele Kinder besuchen den Kinderclub regelmässig. Natascha hat mit ihnen ein Album über die jüdische Geschichte von Sluzk angefertigt und zeigt uns Fotos, auf denen Jugendliche mithelfen, die kürzlich geretteten Grabsteine zu reinigen. Die Jugendlichen machten sich auch in Form von Zeichnungen Gedanken, wie die Steine für die Zukunft gestaltet werden könnten.