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Warum kommen bei denen die Grosseltern und nicht die Eltern?» Das fragte sich der kleine Marcel manchmal, wenn in der Schule Besuchstag war. Das war in den Siebzigerjahren. Marcel Jäggis Mutter war Anfang zwanzig, die anderen Eltern gut zehn Jahre älter. «Irgendwann», sagt Jäggi, «habe ich realisiert, dass es nicht die Grosseltern waren», sagt Marcel Jäggi (52), «sondern dass meine Eltern sehr jung waren.»
Seine Mutter, Susanne Leimgruber, war 16, als Marcel zur Welt kam. Sie lebte damals mit Claudio Jäggi in Davos GR in der Wohnung von dessen Vater. Susanne Leimgrubers Mutter hatte das junge Paar dorthin geschickt, aus Angst, dass man ihnen in ihrem Wohnkanton St. Gallen das Kind nach der Geburt wegnehmen würde. Nachdem der Kindsvater seinen Sohn nach der Geburt amtlich anerkannt hatte, war diese Gefahr gebannt.
Der 18-jährige Claudio Jäggi arbeitete in Davos als Mechaniker. Susanne Leimgruber hatte eine Stelle im Spital und ging abends zu ihrem Freund in die Wohnung. Das Baby wurde mangels Alternativen auf der Säuglingsstation liebevoll betreut. «Leider durfte ich es wegen der Krankheitserreger nicht aus dem Spital nehmen», sagt Leimgruber. Um dem Kleinen trotzdem frische Luft zu verschaffen, stellte die junge Mutter ihn manchmal mit Kinderwagen auf den Balkon.
Trotz dieser umständlichen Lebensbedingungen waren die beiden Teenager glücklich, denn sie hatten sich das Kind gewünscht. «Eigentlich hätten wir zuerst heiraten wollen», sagt Susanne Leimgruber, «aber das durften wir nicht, weil ich noch nicht volljährig war.» Kaum war Marcel da, bekam das junge Paar eine Heiratserlaubnis. Die kleine Familie kehrte nach ein paar Monaten nach St. Gallen zurück, und kurz darauf kam Jacqueline zur Welt.
Seine Eltern waren sehr entspannt
Entgegen aller Vorurteile hatten die jungen Eltern das Familienleben ganz gut im Griff. Die Mutter war inzwischen Hausfrau, der Vater verdiente das Geld als Mechaniker. «Sie legten viel Wert auf Ordnung, Anstand und Respekt», erinnert sich Marcel Jäggi, «uns verband immer ein klares Eltern-Kind-Verhältnis und nicht so etwas wie Freundschaft.» Und doch merkte er, dass seine Eltern etwas unbesorgter waren als andere. Er und seine Schwester durften länger draussen bleiben als andere Kinder, allein in den Wald gehen, in den Ferien unbeaufsichtigt im Meer baden, schon im Vorschulalter abends allein zu Hause bleiben. Auch Letzteres organisierten die lebenslustigen Eltern eher unkonventionell: Sie setzten den Buben zum Beispiel ins Laufgitter und liefen so lange drumherum, bis dem Kleinen vom Zuschauen schwindlig wurde. Dann verschwanden sie. Marcel Jäggi lacht: «Meine Eltern waren definitiv entspannter als viele andere. Die hatten einfach noch nicht so viele Ängste.»
Die Gspänli beneideten die Geschwister um ihre coolen Eltern. «Auch wir fanden das alles super», resümiert Marcel Jäggi. Dennoch wusste er schon bald, dass er sich mit der Familiengründung Zeit lassen würde: «Ich wollte nicht in jungen Jahren schon so viel Verantwortung tragen.» So wurde er mit 35 Vater, die Söhne sind jetzt 15 und 17. So locker wie Jäggis Eltern damals sind er und seine Frau nicht – «eher übervorsichtig», sagt Marcel Jäggi, «man macht sich mehr Sorgen, je älter man wird.»
Seine Mutter (68) bestätigt: «Man hat einfach weniger Angst, wenn man jung ist.» Und sie räumt ein: «Früher ist auch nicht so viel passiert.» Zumindest habe man nicht immer alles erfahren. «Und», sagt sie zu ihrem Sohn, «du warst sehr verantwortungsbewusst.» Marcel Jäggi erinnert sich auch an die weniger vernünftigen Momente. Etwa daran, dass er einmal im Winter ein Eisengeländer ableckte und mit der Zunge kleben blieb. «Es war normal, dass hie und da etwas passierte», sagt Susanne Leimgruber.
Sie redete viel mit ihren Kindern, das verschaffte ihr Vertrauen. Und sie hörte gemeinsam mit ihnen Musik. «Radio 24 wurde damals grad gegründet», sagt Marcel Jäggi zu seiner Mutter, «weisst du noch, wie wir das gemeinsam verfolgt haben?» Allerdings mussten sie das Gerät abschalten, sobald sich der Vater näherte. Er mochte dieses moderne Zeugs nicht. Der wortkarge Mann verstand es auch nicht, als der jugendliche Marcel um jeden Preis die Adidas-Turnschuhe haben musste, die gerade in waren. Die Mutter verstand das und besorgte die Schuhe.
Die Lebenslust, die Musik, die Gespräche: Was Mutter und Sohn verband, trennte die Eltern, und nach 17 Jahren kam es zur Scheidung. «Darüber konnte ich mit Marcel auf Augenhöhe sprechen», sagt Susanne Leimgruber. Heute noch bewegen sich Mutter und Sohn «auf ähnlichem Level», wie Marcel Jäggi sagt. Seine Mutter erzählt ihm manchmal, was sie im Internet entdeckt hat, oder sie tauschen sich über ihre Tablets aus.
Und dann lernte die Mutter ihren inzwischen verstorbenen letzten Partner kennen: Er war 14 Jahre jünger als sie – gerade mal zwei Jahre älter als ihr Sohn. Für den war das irgendwie normal. «Bei meiner Mutter muss man mit allem rechnen», sagt Marcel Jäggi und lacht, «das habe ich immer gewusst.»
Fotograf: Sophie Stieger