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In Deutschland machte er Zarah Leander zum Star, in den USA wurde er zum grossen Kritiker eines Landes, das ihm zunächst Sehnsuchtsort gewesen war. Mit Filmen wie Imitation of Life oder All That Heaven Allows schuf Douglas Sirk (1897-1987) in den 1950er-Jahren meisterhafte Melodramen, die Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Todd Haynes oder Wong Kar-wai massgeblich beeinflussten.
Amerika hat seine Biografie bestimmt. Zuerst als Sehnsucht, dann als Ort des Exils und des Wiederanfangs, zuletzt in der Distanzierung und dem Bruch. Douglas Sirk war so alt wie das 20. Jahrhundert: 1900 kam er als Detlef Sierck in Hamburg zur Welt. In seiner Jugend las er «diese aufregenden Bücher von diesen Giganten», wie er später sagte, Hemingway, Faulkner, Scott Fitzgerald, Dreyer, Sinclair Lewis, «eine grosse Generation von Kritikern eines grossen Landes im Aufbruch». Über das Theater kam er zur Ufa. Er drehte Bauern- und Gesellschaftsdramen und einen Operettenfilm. 1937 entstanden die beiden Melodramen, die Zarah Leander zum Star machten: Zu neuen Ufern und La Habanera. Dessen Schlussbild zeigt die Diva schwarz gekleidet an der Reling eines Dampfers – der Blick geht schwermütig zurück, hinter ihr öffnet sich der Atlantik. Die Schlusseinstellung war auch Detlef Siercks letztes Bild für die Ufa. Er verliess Deutschland und kam über Frankreich und die Schweiz nach Holland.
Auf dem letzten Passagierdampfer, der 1939 in Rotterdam auslaufen konnte, reiste er in die USA. Zunächst lebten Douglas Sirk – wie er sich nun nannte – und seine Frau Hilde in Kalifornien in ländlichen Gegenden und Kleinstädten. Diese Erfahrung hat sein Amerikabild geschärft. Sirk kannte die US-Provinz, deren Menschen die Ideale des amerikanischen Traums sehr viel stärker verinnerlicht hatten als die Massen der Grossstädte. Aber er hat kein «grosses Land im Aufbruch» mehr gefunden, sondern eine materialistische, selbstsüchtige, politisch reaktionäre Nachkriegs-Gesellschaft, in der erfolgreich war, wer die besten Cocktails mischte. Wie unendlich traurig und einsam dieses Leben sein konnte: Sirk zeigte es berührend in All That Heaven Allows, wo die Witwe Cary Scott den Gärtner liebt und «Walden» liest, während im Country-Club über sie gehetzt wird und die eigenen Kinder sie verleugnen.
Das Cocktailparty-Prinzip galt auch in Hollywood. Es gab Regeln, und an denen wurde nicht gerüttelt. «Wir Europäer nannten damals Hollywood ein Gefängnis, und es war eins», sagte Sirk. Da gab es, neben den Eintrittszahlen und den Launen der Studiobosse, den strengen Kodex des «Hays-Office», eine von konservativen Publikumsverbänden durchgesetzte Selbstzensur der Filmindustrie, es gab die militante antikommunistische Hetze des Komitees gegen unamerikanische Umtriebe von Senator McCarthy, für den Hollywood der Hauptschauplatz der Unterwanderung war, und es gab – ab Mitte der 50er-Jahre – die Konkurrenz des Fernsehens. Dennoch gelang es Hollywoods Drehbuchautoren und Regisseuren immer wieder, in Zwischentönen, manchmal im eigentlichen Grundton eines Films, den gesellschaftlichen Brüchen entlang zu filmen. Der Kriminalfilm eignete sich dafür speziell, Nachtfilme über Liebe, Geld und Tod. Douglas Sirks Milieu lag in der Mitte der Gesellschaft, Mittelstand, Oberschicht, und den Problemen, die man in diesen Kreisen so hat: Enttäuschung, Leere, Rache. Die kritischen Noten setzte er subtil, fast subversiv. Das falsche «Happy-End» ist legendär – dass die Welt wieder im Lot ist, aber die Katastrophe damit eigentlich erst richtig beginnt. Sirk zeigte den American Way of Life – so wollten es die Drehbücher – in seiner ganzen Bandbreite, aber zugleich in geradezu exzessiver Üppigkeit. Seine Filmbilder, Inszenierungen glänzender Prospektwelten, sind frühe Pop-Art.
28 Filme drehte Douglas Sirk in den USA. In den frühen 1940er-Jahren waren es kleine, relativ
unabhängig produzierte, meist schwarzweisse Werke wie Summer Storm und A Scandal in Paris. In den späten 40er-Jahren wurde er von Columbia unter Vertrag genommen. Es waren die vielleicht schwierigsten Jahre seiner Hollywoodzeit: Aus dem europäischen Regisseur wurde ein amerikanischer, zumindest was den Blick und die Erzählweise betrifft. Für Columbia, später für Universal, drehte er Komödien, Gesellschaftsdramen, Historienfilme. Bei Universal war er Hausregisseur für Filme mit mittleren Budgets, die für das Publikum in Kleinstädten und auf dem Land produziert wurden: Week-End With Father, No Room for the Groom oder Has Anybody Seen My Gal?, in dem der damals noch wenig bekannte James Dean zwei Sätze sagen durfte.
Bei Universal blieb Sirk bis zum Schluss seiner amerikanischen Jahre. Und wurde selber, was er an den «Giganten» seiner Jugend bewunderte: ein grosser Kritiker eines grossen Landes, unterwegs in dieser «weiten epischen Landschaft» USA. Die Filme dazu waren Written on the Wind und The Tarnished Angels – beide mit Rock Hudson, Dorothy Malone und Robert Stack in tödlichen Dreickecksgeschichten – und Imitation of Life, Sirks letzter, 1959 gedrehter US-Film und sein letzter Kinofilm überhaupt. Er erzählt die Geschichte einer erfolgreichen Schauspielerin, die an sich selbst zerbricht, ist aber vor allem ein Film über alltäglichen Rassismus und krankhaften Ehrgeiz. Lana Turner, damals Superstar des US-Kinos, spielt die Hauptrolle. Den Vertrag unterschrieb sie, weil sie das Geld brauchte. Vom Filmstoff, der für Hollywood bemerkenswert offenen Thematisierung von Rassenfragen, war sie weniger angetan. Sie befürchtete, die Darstellung dieser keineswegs nur positiv besetzten, modernen Frauenfigur könnte ihr schaden. Aber Imitation of Life wurde zu einem der erfolgreichsten Universal-Filme dieser Jahre.
Sirk sollte keinen weiteren Film mit Lana Turner machen. Stattdessen kehrte er, enttäuscht und krank, nach Europa zurück, ins Tessin, in die Nähe von Lugano. Dort lebte er mit seiner Frau bis zu seinem Tod 1987. Die USA hatten ihn aufgenommen, als er auf der Flucht war, und ihm die Chance gegeben, noch einmal anzufangen. Dafür empfand er Amerika gegenüber tiefe Dankbarkeit. Aber es blieb stets ein Rest von Distanz, ein sich Wehren gegen das endgültige Sesshaftwerden. Im Tessin entdeckten ihn in den frühen 70er-Jahren die Regisseure des jungen Kinos. Rainer Werner Fassbinder sagte, Sirk habe die zärtlichsten Filme gemacht, die er kenne. Er wurde verehrt als Meister des Melodramas, und die späte Würdigung hat ihm gutgetan. Für die, die ihm zuhören wollten – er hat sich nie aufgedrängt –, wurde Douglas Sirk zum väterlichen Freund und zum Lehrmeister.
Bernhard Giger
Der Autor ist Leiter des Kornhausforums Bern und Filmemacher.
Am 7. Januar um 20.00 Uhr wird Bernhard Giger eine Einführung ins Werk von Douglas Sirk halten, gefolgt von Imitation of Life.