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Wie kam das Unterwasserrestaurant in Norwegen ins Meer?
Im vergangenen März wurde im norwegischen Lindesnes mit dem «under» das weltgrösste Unterwasserrestaurant eröffnet. Die Betonkonstruktion wurde auf einem Schwimmdock vorgefertigt, dann zu seinem Bestimmungsort gezogen und dort im Meer versenkt.
In Lindesness, nahe der Südspitze Norwegens, haben die Brüder Stig and Gaute Ubostad neben ihrem Havhotell im vergangenen März mit dem «under» das erste Unterwasserrestaurant von Europa eröffnet. Entworfen und umgesetzt wurde es von dem weltbekannten, in Oslo ansässigen Architekturbüro Snøhetta, das bereits das Museum am Ground Zero in New York oder die Oper von Oslo gebaut hat.
Ein Restaurant wird «versenkt»
Der fertige, etwa 34 Meter lange und insgesamt gut 15 Meter hohe Bau erinnert – insbesondere die Ansicht der Ostseite – stark an ein um 20 Grad gekipptes Element eines Senkkastentunnels, und damit an eine Bauweise, mit der etwa die submarinen Abschnitte der Øresundbrücke oder auch die jüngst fertiggestellte Hongkong-Macao-Brücke realisiert wurden. Dabei werden diese Elemente im Trockenen erstellt, an ihre vorgesehene Position auf See geschleppt, dort millimetergenau abgesenkt und dann wie gigantische Kanalrohre unter Wasser ineinander gesteckt. Sind alle Tunnelelemente verlegt, wird die gesamte Röhre leer gepumpt.
Tatsächlich wurde auch der Rohbau des 495 Quadratmeter grossen «under» auf einem Schwimmdock, jedoch in unmittelbarer Nähe seines Standortes, im Winter 2017/18 errichtet. Nach dem Richtfest im Frühsommer 2018 wurde der Rohbau auf seinem Ponton von einem annähernd 70 Meter hohen Schiffskran nahe an den geplanten Standort geschleppt. Danach flutete man den Ponton, so dass die Betonkonstruktion erst zu sinken und dann zu schwimmen begann.
Um dies zu gewährleisten, waren im Vorfeld beide Fenster eingesetzt worden, was den Rohbau wasserdicht wie ein Schiffsrumpf machte. So löste sich der weiter absinkende Ponton von dem aufschwimmenden Gebäude und konnte von dem Kran unter diesem hervorgezogen werden. Das schwimmende Restaurant manövrierte man sodann unmittelbar über seine vorgesehene Position. Danach füllte man im Gebäude aufgestellte, leere Kunststofftanks langsam mit Wasser, um das «under» auf den Meeresgrund zu drücken. Gesichert wurde alles durch den Schiffskran, der das Kippen der oberen Öffnung verhinderte, was ein unkontrolliertes «Wassernehmen» des Baukörpers ausschloss.
Das grosse Acrylglasfenster wurde aus drei Einzelteilen gefertigt.
Zuvor hatte man am finalen Standort eine grosse Betonfertigteilgrundplatte mit einer Negativ-aussparung des Restaurantgrundrisses ins Meer abgelassen. Diese besitzt aufgehende Gewindestangen, auf die Ösen passen, die an das Restaurant angeformt sind. Es oblag Tauchern, die Gewindestangen durch besagte Ösen zu führen und das «under» anschliessend mit grossen Schrauben an der Grundplatte zu fixieren. Danach wurden die temporären Wassertanks leer gepumpt und entfernt, da die Fixierung des Gebäudes an der Betonplatte ein Aufschwimmen unmöglich macht. Der Innenausbau konnte beginnen.
Ein Bau wie eine Flasche
Die Form ergab sich aus der Notwendigkeit der Schaffung eines landseitigen, gut drei Meter über dem Meeresspiegel liegenden Zugangs und einem Restaurant in rund fünf Metern Meerestiefe. Angesichts des Küstenverlaufs blieb letztlich nur eine gerade, um 20 Grad ins Wasser geneigte Linie. Das röhrenartige Grundkonzept ist eine logische Folge daraus: Stirnseitig zum Land ist der Eingang, am anderen Ende der rund 33 Meter langen Röhre sitzt die grosse Glasfläche für einen Blick in die maritime Unterwelt. Andreas Nygaard, Projektleiter bei Snøhetta, vergleicht den Bau gerne mit einer Flasche: Das Glas bildet den Flaschenboden und der Eingang den Hals. Die Metapher beschreibt auch treffend den Innenausbau, der sich nach oben verengt und in den oberen Bereichen mit Holz ausgekleidet ist. Letzteres stellt dann den Korken der Flasche dar.
Der Weg ins Gebäude
Das «under» betritt man über eine feuerverzinkte Metallbrücke mit geschlossenen Geländerwangen und gelangt zu einer holzbeplankten Terrasse – beides soll maritime Assoziationen wecken. Hier findet sich eine Glastür zu einem Vorraum mit rückwärtiger Garderobe. Eine einläufige Holztreppe aus norwegischer Eiche führt hinab in ein gallerieartiges Zwischengeschoss knapp unter dem Meeresspiegel. Ein seitliches, spaltartiges Fenster, das bis in das Geschoss darunter reicht, zeigt den aktuellen Gezeitenstand wie bei einem Fieberthermometer an. Hier findet sich die Bar mit einer Sitzlounge.
Der Orientierung der ersten Treppe folgend führt ein zweiter Abgang hinab auf die unterste Ebene, dem Speisebereich. Hier wechselt das Interieur: während oben eine helle Fichtenholzverkleidung das Volumen prägt, sind in diesem Bereich nun dunkle, blau-graue, eng gelochte Akustikpaneele angeordnet, die auch über die geneigte Deckenfläche hinweg laufen. Den Übergang von der hölzernen Deckenverkleidung zu den blau-grauen Paneelen bildet eine gut 20 Meter lange, straff gespannte Akustikmembran. Sie ist direkt vom Rohbau abgehangen und mit breiten pastellweissen und pinkfarbenen Querstreifen strukturiert.
Sowohl die akustischen Elemente – Paneele und Membrane – wie auch die Naturholzverkleidung sind an einer rund 15 Zentimeter breiten, hinterlüfteten Metallunterkonstruktion aufgebracht. Eine mechanische Lüftung bläst beständig Luft durch diesen Hohlraum. So wird jede Art von Gebäudefeuchtigkeit, hauptsächlich durch Gäste und Küche gebildetes Kondenswasser, das sich an der meerwassergekühlten Rohbauwand von innen niederschlägt, nach oben zu sieben schiessschartenartigen Lüftungsschlitzen oberhalb des Eingangs transportiert.
Keine Ankerlöcher
Der Rohbau weist zwei Wandstärken auf: 40 Zentimeter misst der Beton oberhalb der durchschnittlichen Wasserlinie, 50 Zentimeter darunter. Gearbeitet wurde mit wasserundurchlässigem Beton der Güte B45 und einer Festigkeit von Fck,cube = 55 MPa. Ein wasserdichter Betonbau darf natürlich keine Ankerlöcher aufweisen; diese wurden vermieden durch ein spezielles, wasserdichtes Kunststoff-Distanzrohr mit Konus. Dies ist aussen aufgeraut für einen guten Betonverbund. Auch besitzt das Rohr in seiner Mitte eine Umfassungsmanschette, die zusätzlich einen Kapillarfluss im Übergang zwischen Kunststoff und Beton verhindert. Nach dem Ausschalen wurde das Rohrinnere ausgespritzt, mit einem zum System gehörenden Dichtstopfen verschlossen und beigeputzt. Die Ankerlochansätze lassen sich gut in der Sichtbetonoberfläche erkennen.
Diese wurde mit einer üblichen sägerauen Nadelholzbrettschalung erstellt und nach dem Ausschalen in keiner Weise nachbehandelt: nicht gestrichen, nicht gesäuert, nicht hydrophobiert. Die gewollte Oberflächenrauheit soll das Ansiedeln von Algen und Muscheln begünstigen, so dass sich in wenigen Jahren der Betonrücken des «under» nicht gross von der weiteren Küstenlinie unterscheidet.
Ausblick auf Meereswelt
Beide Fenster des Restaurants bestehen aus Acrylglas. Sie wurden noch auf dem Schwimmponton von aussen in ihre Fensteröffnungen gesetzt. Das hatte nicht nur logistische Vorteile bei der 3,43 Meter x 10,80 Meter grossen Panoramascheibe. Von grossem Vorteil ist der Umstand, dass so der Wasserdruck die Scheiben fest in ihre Leibungen presst.
Die rund 37 Quadratmeter grosse und 27 Zentimeter starke Hauptscheibe konnte nirgendwo auf der Welt in einem Stück produziert werden. Sie wurde aus drei Einzelteilen gefertigt und diese dann werkseitig zu einer durchgehenden Fläche miteinander verschweisst. Die zweite Scheibe, zwar zweigeschossig, aber nur knapp einen Meter breit, besitzt hingegen nur eine Dicke von 8 Zentimetern. Der optische Eindruck der Meereswelt war den Planern extrem wichtig. Sie begrüssten daher den «ungeplanten Acryleffekt», der die Unterwasserlandschaft unmittelbar hinter der sichtbaren Glasoberfläche beginnen lässt.
Einer intensiven Planung bedurfte jedoch die Vermeidung von Innenraumreflexionen auf der Scheibe. Deshalb werden grundsätzlich in dem Restaurant keine Tischdecken verwendet und keine Kerzen aufgestellt. Auch das Buffet in der Raummitte ist schwarzes Mobiliar, und alle Bediensteten erscheinen in schwarzer Livree. Insgesamt ist der Raum nur spärlich ausgeleuchtet. Dabei folgen die LED-Deckenspots der Neigung der Decke und wenden sich so von der grossen Panoramascheibe ab. Neben der Lichtreflexion ist natürlich auch die Scheibenreinigung ein wichtiges Thema. Hier gab es einen fehlgeschlagenen Versuch mit einem Reinigungsroboter, daher putzen aktuell Taucher die Scheiben zweimal die Woche per Hand.
Die Jahrhundertwelle
Im Vorfeld untersuchte man auch die maritimen Anforderungen, denen das Objekt standhalten muss. Schlüsselkriterium ist dabei eine «Jahrhundertwelle», deren potentielle Aufschlagkraft bei dem oberhalb der Wasserlinie sichtbaren Gebäudedesign berücksichtigt werden musste. Die geneigte fensterlose Betonfläche erlaubt ein Anbranden der Welle, und hält damit deren Aufschlag stand. Die auslaufende Welle kann über den Körper hinweg laufen, weshalb die landseitigen Eingänge und die Lüftungsöffnungen besonders wasserdicht ausgeführt wurden. Auch die markant abgerundeten Gebäudekanten ergaben sich aus diesen Untersuchungen. Sie bewirken ein Brechen der Wellen in zwei Richtungen. Insgesamt liegt das Restaurant aber so tief im Wasser, dass die grosse Glasfläche selbst bei grösster Sturmflut nicht in den Wellentälern zu Tage treten kann.
Das fertiggestellte «under» von Westen, vom Felsgrat des kleinen Riffs aus gesehen.