Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/237

Das alte Gelterkinden
Daniel Bruckner beschrieb 1755 Gelterkinden wie folgt: «Das Gelände ist sehr fruchtbar Korn und Wein wächst mehr als die Einwohner nöhtig haben das Mattland kan in der Ebene aller Orten gewässert werden und ihre Viehweiden seyn auch gut daher die Viehzucht nicht nur an Horn und dem kleinen Viehe stark ist sondern auch viele junge Pferde gezogen werden.»
Gelterkinden war bis ins 19. Jh. agrarisch geprägt, das heisst es wurde seit jeher viel Getreidebau betrieben. Grosse Bedeutung gewann im 19. Jh. aber auch die Obstproduktion. Anfangs des 20. Jh. existierten noch 18 Hektaren Reben. Danach verschwanden sie. Seit 1998 werden nun wieder auf der Allersegg Reben angepflanzt.
Das Dorf selbst hat sich äusserlich im Zeitraum 17.–19. Jh. kaum verändert. Die meisten Häuser lagen damals noch innerhalb des Etters.
Zentrum war der Dorf- und Marktplatz mit der steil ansteigenden Kirchgasse. Von diesem führten fünf Gassen strahlenförmig weg. Landschaftsprägend überragt wurden der Platz und das Dorf vom Kirchturm auf dem Kirchhügel. Die Veränderungen fanden äusserlich unsichtbar im Inneren statt: Schon 1786 standen in den Bauernhäusern 59 Bandwebstühle bei einer Einwohnerzahl von 700 Personen. In der ersten Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich Gelterkinden zu einem ausgesprochenen Posamenterdorf mit 290 Bandstühlen und zwei Seidenfabriken (1846 De Bary, 1859 Fiechter, beide aus Basel).
Der Eisenbahnbau bringt grosse Veränderungen
Schon seit der Römerzeit stellte die Strasse Basel–Gelterkinden–Tecknau–Wensligen–Oltingen–Schafmatt–Aarau eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Rhein und Mittelland dar. Deshalb war Gelterkinden bis Mitte des 19. Jh. das bedeutendste Dorf im Bezirk Sissach. Erst mit der Verlagerung des Verkehrs auf die beiden Hauensteinstrassen und dem Bau der Centralbahn 1857 durch das Homburgertal verlor es diese Rolle an Sissach. Gelterkinden hoffte damals vergeblich auf den Bau einer Schafmatteisenbahn. Auf Gemeindegebiet befand sich zwar in Sommerau im Homburgertal ein eigener Bahnhof. Der Weg dorthin war aber beschwerlich.
Die fehlende Anbindung an das regionale Eisenbahnnetz führte zum Bau der Sissach–Gelterkinden–Bahn, des «Gelterkinderli». Die Eisenbahn nahm 1891 ihren Betrieb auf und war, nach der Strassenbahn von Vevey, die zweite elektrisch betriebene Bahn in der Schweiz. Der Bau der Hauenstein-Basislinie von 1914–1916 prägte Gelterkinden sehr stark.
Die Eisenbahn wurde in Hochlage um den damaligen Ortskern herum geführt. Dadurch musste man für den Bau des Bahnhofs eine grosse Aufschüttung vornehmen sowie einen grossen Viadukt bauen. Dies führte einerseits zu einer beträchtlichen optischen Beeinträchtigung des Ortsbildes, aber auch zum heutigen unüberhörbaren Lärm von rund 400 Zügen pro Tag. Damals brachte die Linienführung der Bahn von Sissach über Gelterkinden nach Tecknau wirtschaftlich für die Talschaft grosse Vorteile. In Gelterkinden fand ein reger Güterumschlag statt. Vor allem landwirtschaftliche Güter wurden umgeschlagen, aber auch Güter der Industriebetriebe, wie etwa der Schuhfabrik Bally oder der Pneu- und Gummifabrik Maloya.
Strukturwandel und dessen Folgen
Die ausgezeichnete Verkehrslage war eine wesentliche Ursache für die in der zweiten Hälfte des 20. Jh. stark wachsende Bevölkerung. Um 1965 fanden in den drei wichtigsten Industrien Bally, Maloya und Seidenbandfarbik Seiler rund 1000 Personen ihre Arbeit. Damals gab es etwa 600 Zupendler und etwa gleich viele Wegpendler.
Die Schliessung der grossen Industriebetriebe bedeutete für Gelterkinden eine grosse Herausforderung und führte zu einem Strukturwandel. In der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurden dann zahlreiche Stellen in den Sektoren Gewerbe und Dienstleistungen geschaffen. Ausserdem erhöhte sich die Zahl der Wegpendler.
Parallel dazu erfolgte ein Einfamilienhäuserboom. Dabei dehnte sich die Siedlung entlang der Strassen aus und wuchs mit den beiden Nachbargemeinden Böckten im Westen und Ormalingen im Osten zu einem Siedlungsband zusammen. Ebenso breiteten sich die Häuser in Richtung der Rickenbachstrasse und der Tecknauerstrasse aus. Weiter wurden die Südhänge Richtung Sunnehof und Allersegg, aber auch die Nordhänge Richtung Neuhof und Stigmatt überbaut. Heute ist die planerisch ausgewiesene Bauzone mehr oder weniger überbaut.
HPM
Tabellen und Diagramme
Obstbäume Gelterkinden 1864 und 1961
Quellen: Bundesamt für Statistik 1850–2000 eidg. Volkszählung, Statistisches Amt Kanton Basel-Landschaft ab 2001 Fortschreibung
Quelle: Statistisches Amt Kanton Basel-Landschaft