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Von Beginn an lässt der Film keinen Zweifel daran, dass sie im Mittelpunkt steht: Während die siebzehnjährige Georgiana Spencer im Park des Anwesens ihrer Familie einen Wettlauf zwischen sechs jungen adligen Männer verfolgt und dabei übermütig auf den Sieg von Lord Charles Grey setzt, wird sie aus der Ferne beobachtet. William Cavendish, der Herzog von Devonshire, verfolgt sie mit unverwandten, schmalen Augen, die Kamera ahmt seinen Blick nach. Während er auf die Gruppe junger Menschen starrt, wird das Mädchen immer zielsicherer von der Tiefenschärfe erfasst. Alle anderen um sie herum verblassen. Georgiana ist das Zentrum der Erzählung.
The Duchess erzählt die Geschichte der Herzogin von Devonshire (1757–1806), die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts der britischen Gesellschaft ihren Stempel aufdrückte. Eine aussergewöhnliche, schillernde Frau: Sie war liberal, eine Befürworterin der amerikanischen und französischen Revolution, sie engagierte sich politisch, ausserdem wurde sie mit ihren kunstvoll hochgesteckten Perücken, phantasievollen Hüten und extravaganten Kleidern zur Mode-Ikone.
Nach dem Bestseller von Amanda Foreman, 1997 mit dem Whitbread Prize für die beste Biografie ausgezeichnet, inszenierte Saul Dibb (Bullet Boy) ein Historiendrama, das vor allem die unglückliche Ehe Georgianas schildert. Dabei hatte sich das Mädchen so gefreut, als ihre Mutter von den erfolgreichen Verhandlungen mit dem wesentlich älteren, überaus reichen Cavendish berichtet. Doch schon bald nach der Hochzeit stellt sich Ernüchterung ein. Der Herzog bringt kaum Interesse für seine Frau auf. Lieber kümmert er sich – in einem etwas zu stark geratenen Kontrast – um seine Hunde. Seine grösste Obsession gilt der Zeugung eines männlichen Erben. Schon in der Hochzeitsnacht hatte er Georgiana ungeduldig mit einer Schere aus dem Korsett befreit. Doch die bringt erst ein Mädchen zur Welt, später ein zweites.
Die Kluft zwischen Herzog und Herzogin provoziert ein packendes Schauspieler-Duell. Keira Knightley – sie war schon in Pride and Prejudice in einem period piece zu sehen – verleiht ihrer Figur Anmut und Intelligenz, Schönheit und Lebensfreude. Ihren Niederlagen begegnet sie mit unterdrücktem Zorn, den grössten Verletzungen mit weiser Nachsicht, bei politischen Kundgebungen bezaubert sie die Menschen mit Charisma und Natürlichkeit. Anders Ralph Fiennes: gefühlskalt, arrogant, zweckorientiert. Wenn sein Gegenüber ihn langweilt, verdreht er unwillig die Augen, seine Unterhaltungen beschränkt er auf geflüsterte Befehle. Der Wutausbruch, mit dem er Georgiana im letzten Drittel des Films in die Schranken weist, kommt darum umso erschreckender. Beim Abendessen sitzen Mann und Frau, durch Etikette und Kleidung in ihre Rollen gezwängt, an den Enden des überlangen Tisches – die Distanz könnte nicht grösser sein.
Zwischenzeitlich hat sich Georgiana mit Lady Elizabeth Foster angefreundet, ihrer einzigen Vertrauten. Durch sie ermuntert, beginnt die Herzogin eine Affäre mit Charles Grey, dem späteren Premierminister. Doch dann geschieht etwas, was sie zutiefst verletzt: Der Herzog macht Elizabeth zu seiner Mätresse, lässt sie sogar in Chatsworth wohnen und holt ihre drei Söhne zu sich. Sie hatten bislang beim geschiedenen Vater gelebt, der jeden Kontakt zur Mutter kategorisch verbat. The Duchess ist auch ein Film darüber, wie sehr die Frauen im achtzehnten Jahrhundert ihrer Rechte beraubt sind und auf Umwegen ihre Chancen ergreifen müssen. Zum emblematischen Bild wird das Wiedersehen von Elizabeth und ihren Söhnen, dazu der Herzog als Vaterersatz: eine glückliche Familie, die Georgiana ihm nicht geben konnte.
Mit bewundernswerter Genauigkeit rekonstruiert The Duchess das achtzehnte Jahrhundert: Parks, Feudalsitze, Möbel, Requisiten, Bezüge, Kerzenhalter und vor allem die Kleidung. Besonders Georgiana drückt durch das Äussere ihre Gefühlswelt aus. Hohe Perücken und enge Korsetts: Selbstbewusst macht sie in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam und schuf so einen Menschen, der sie privat nicht sein durfte. Dabei haben die Georgiana-Porträts von Thomas Gainsborough den Filmbildern Pate gestanden. Das Drehbuch profitiert von der peniblen Recherche Amanda Foremans. Trotzdem haben sich die Autoren Freiheiten erlaubt. Die lesbische Beziehung zwischen Georgiana und Elizabeth wird im Film nur vage angedeutet. Sie dient als Gegenentwurf zu der Gefühlskälte und der Entfremdung, die an The Other Boleyn Girl, aber auch an Stanley Kubricks Barry Lyndon erinnern. So wie sich dort Marisa Berenson Zigarettenrauch ins Gesicht blasen lassen muss, wird auch Georgiana Opfer der Gleichgültigkeit ihres Mannes. Von den zahlreichen Jane-Austen-Verfilmungen, von Sense and Sensibility bis Pride and Prejudice, Filme, in denen Mann und Frau nach einigem Hin und Her wieder zueinander finden, ist The Duchess weit entfernt. Hier geht es um Pragmatiker, die – eingezwängt in ein starres gesellschaftliches Korsett – ihren eigenen Vorteil suchen. Man hätte gern mehr erfahren über die politischen Hintergründe, die sich in der Figur des Charles Grey niederschlagen. Und doch wird deutlich, dass sich England am Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Wandel befindet. Die Aufklärung verdrängt das Rokoko, das Bürgertum wehrt sich gegen die feudalen Ordnungen, die Frauen werden selbstbewusster. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war.