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Keine Insel für Giganten
Die Insel St. Helena bringt Giganten wenig Glück: Zuerst hatte sie den 1815 hierher verbannten Napoleon in die Knie gezwungen. Nun hat sie einen Giganten unter Seinesgleichen ebenfalls zu Fall gebracht: Der St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana) gilt laut der Internationalen Naturschutzunion IUCN neuerdings definitiv als ausgestorben. Das Insekt war auch bekannt als „Dodo der Dermaptera“. Wie der sagenumwobene, ausgestorbene Vogel lebte er auf einer sehr eingeschränkten und kleinen Fläche auf einer winzigen Insel. Zuletzt hatte ihn eine belgische Expedition 1967 gesichtet. Bis dieser Tage hatten Wissenschafter allerdings gehofft, Labidura herculeana würde wieder auftauchen. Hauptverantwortlich für das Verschwinden des Ohrwurms scheint der Mensch: Die Zerstörung seines Lebensraums und eingeschleppte Arten waren für die ohnehin seltene und gefährdete Art wohl zu viel.
Bis zu acht Zentimeter lang
Der St.-Helena-Riesenohrwurm ist – oder besser gesagt war – die grösste bekannte Ohrwurm-Art. Labidura herculeana wurde bis zu acht Zentimeter lang. Erstmals benannt hat das Insekt 1798 der dänische Zoologe Fabricius. Der Ohrwurm war endemisch auf St. Helena, kam also nur hier vor. Er lebte im ariden Osten der Insel. Der einzige bekannte Ort, an dem lebende ausgewachsene Tiere gefunden wurden, ist die Horse Point Plain. Die adulten Ohrwürmer wurden meist in Grabgängen neben Steinen gefunden, wo sie anscheinend Schutz vor Trockenheit und Hitze suchten.
„Bis dieser Tage hatten Wissenschafter allerdings gehofft, Labidura herculeana würde wieder auftauchen."
Die Erdhöhlen verliessen sie nur nachts oder bei Regen. Der Ohrwurm war nachtaktiv und xerophil, bevorzugte also trockene Standorte. Die zweite Erkenntnis ist vor allem auch für Naturhistoriker interessant: Sie sehen darin ihre Hypothese bestätigt, dass die Insel nie komplett bewaldet war. Weltweit sind über 2000 Ohrwurm-Arten beschrieben. Ihnen ist wohl durchwegs – so vermuten Wissenschafter – eine besondere Eigenschaft gemein: Die Mütter pflegen Eier und Erstlarven.
Zerstörter Lebensraum, Fressfeinde und Konkurrenz
Im Mai 1967 wurde das letzte erwachsene Individuum von Labidura herculeana lebend gesichtet. Es waren Mitglieder einer Expedition des königlichen belgischen Museums für Zentralafrika, welche die letzten Exemplare seiner Art sammelten. In den Jahren danach folgten einige unbestätigte Sichtungen. Gleich 40 Exemplare hatten die Belgier während dieser und einer Expedition von 1965 gesammelt; dem Erhalt der Art wahrscheinlich auch nicht gerade zuträglich. Heute würde man wohl einige Exemplare einfangen und sie in Gefangenschaft in einem Zuchtprogramm halten – damit wenigstens einige Exemplare überlebten.
Wie so oft in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden scheint auch im Fall von Labidura herculeana der Mensch hauptverantwortlich für dessen Verschwinden. In den letzten 50 Jahren wurde sein Lebensraum stark degradiert: Fast alle Oberflächensteine wurden zu Bauzwecken entfernt. Ausgerechnet unter diesen Steinen lebte das Insekt. Zudem sind ihm warhscheinlich dieselben Tiere zum Verhängnis geworden, wie so manch anderem Bewohner einsamer Inseln: Eingeschleppte oder eingeführte Ratten, Mäuse und Mangusten. Zudem machten wohl nicht einheimische, invasive Spinnen Jagd auf Labidura herculeana und ein Hundertfüsser konkurrierte den Ohrwurm.
Einsames Eiland
St. Helena wurde nicht umsonst als Exilort Napoleons bestimmt. Die Insel ist extrem abgelegen; sie liegt mitten im Atlantik zwischen den Küsten Angolas und Brasiliens. Wer die Abgeschiedenheit St. Helenas begreifen möchte, der wähle die Insel bei Google Maps an und zoome langsam scrollend heraus. Es dauert Ewigkeiten, bis ein anderes Fleckchen Erde erscheint. Diese Abgeschiedenheit ist mitunter auch ein Hauptgrund, dass auf St. Helena sehr viele endemische Arten beheimatet sind. Tiere und Pflanzen also, die nur hier vorkommen. Die Insel hat mehr endemische Arten wirbelloser Tiere pro Quadratkilometer hervorgebracht als die Galapagos-Inseln. Wer mit Insel-Biogeographie vertraut ist, weiss jedoch auch, dass die Aussterbe-Wahrscheinlichkeit umso grösser ist, je isolierter und kleiner eine Insel ist. St. Helena – eigentlich der stark erodierte Gipfel eines Schichtvulkans – erstreckt sich über gerade einmal 122 Quadratkilometer. Nebst den anderen Einflüssen war dies sicher auch ein Grund für das Verschwinden von Labidura herculeana.
Noch gibt es allerdings Wissenschafter, die weiterhoffen, dass der St.-Helena-Riesenohrwurm wieder auftaucht. „A watching brief should be maintained for this species“, schreiben die Autoren der IUCN. Vielleicht, ja vielleicht leben einige Exemplare noch an einer abgelegenen Stelle der Insel.