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Kindheitserinnerungen
Volker Reiche: “Kiesgrubennacht” (Graphic Novel)
Im Nachkriegsdeutschland siedelt eine Familie mit fünf Kindern vom Osten über in die junge Bundesrepublik. Die Eltern waren engagierte Nazis und versuchen ihren Platz in der neuen Heimat zu finden. – Eine kindliche Sicht auf schwierige Situationen, Kindheitserinnerungen. Eine schöne, oft sprunghafte und fragmentarische Graphic Novel.
Von Andrea Müller-Schmuki.
Die Nachkriegszeit aus Sicht eines kleinen Jungen beschrieben, der nichts vom Krieg oder der Schuld seiner Eltern mitbekommen hat, wohl aber die Gewalt, die Brutalität, die Sorgen, die in seinem eigenen Leben immer wieder vorkommen. Der Vater prügelt die Mutter zu Boden, die fünf Kinder weinen dabei, die Mutter nicht. Die Mutter hat zu wenig Haushaltsgeld, um Essen für die ganze Familie zu kaufen, doch der Vater beklagt sich nur über das schlechte Essen und geht stattdessen ins Wirtshaus. Der Vater ärgert die Mutter und fordert die Kinder dazu auf, ihre Mutter auszulachen. Solche und ähnliche Szenen werden manchmal nur beiläufig, wie am Rande erzählt und auch grafisch so dargestellt. Es ist eben die Sicht des kleinen Jungen, der versucht, mit diesen Situationen klar zu kommen.
Kunstgriffe
Im Buch wechseln sich Szenen von Erinnerungen – für die Volker Reiche nach eigenen Angaben im Buch nicht einmal seine Geschwister zur Hilfe gebeten hatte – mit solchen des älteren Comic-Reiche ab, der gerade dabei ist, “Kiesgrubennacht” zu zeichnen und zu schreiben. Beide Arten von Szenen sind sehr aufschlussreich und hilfreich für das Verständnis des oft sprunghaften Geschehens; es sind eben viele Erinnerungen und Erinnerungen folgen selten einer strengen Logik.
Immer wieder gibt es ausgiebige Dialoge zwischen dem “jetzigen” Comic-Reiche und seinen Figuren, die ihn so bekannt gemacht haben, allen voran dem Kater Herrn Paul aus “Strizz”. Dieser bezeichnet zum Beispiel Reiches Vorhaben, einen autobiographischen Comic-Roman zu machen, als widerwärtigen Egotrip. Und später – nach einem Liter Walnusseis und Diskussionen über ein illustriertes Völkermord verherrlichendes Gedicht von Reiches Vater – möchte sich der Kater nicht etwa auf den Wohnzimmerteppich übergeben, wie zunächst geplant, sondern gibt sich einer antifaschistischen Kundgebung hin und würgt über den Gedichtseiten – den Originalen versteht sich.
Kiesgrubennacht
“Kiesgrubennacht” handelt von Volker Reiches Leben: davon, wie Reiche zum Künstler wurde, davon, wie viel Gewalt er miterlebt hat, davon, wie schwierig es war nach dem Krieg. Der Vater war Kriegsberichterstatter, die Mutter Gauleiterin. Mit den Kindern sprechen sie fast nie über den Krieg, doch ein Erlebnis wird den Kindern immer wieder erzählt: Wie der Vater Zeuge einer Massenhinrichtung wurde – in einer Kiesgrube – eine ganze Nacht lang. Es war eine Kiesgrubennacht.
Am ausdrucksstärksten wird die Graphic Novel da, wo das Kind der Realität zu entfliehen versucht und in die Welt der Bücher – und auch der Comics – abtaucht. Es ist eine Flucht vor der Gewalt und Brutalität des Vaters, der auch graphisch stets hinter seiner Brille verborgen und undurchschaubar bleibt.
Illustration
Farbig, aber nicht zu bunt, detailliert, aber nicht detailverliebt, nie überladen; emotional, aussagekräftig, tiefgreifend, so kommt sowohl die ganze Graphic Novel als auch die einzelnen Panels daher – wobei man oft kaum von Panels reden kann, da die Rahmen, wie bei Reiche üblich, komplett fehlen. Die Grafik überzeugt durchgehend, sowohl bei den Reiche-typischen Comic-Bildern, als auch bei den von Reiche illustrierten Nazi-Gedichten, die karikiert in “Kiesgrubennacht” abgebildet sind.
“Kiesgrubennacht” ist eine wundervolle Graphic Novel, bei der einem manchmal das Lachen fast im Halse stecken bleibt; es gibt nämlich komische und lustige Szenen, doch werden sie immer wieder von der Brutalität und Gewalt überschattet. – Tiefgründig und mit viel Substanz.
Titel: Kiesgrubennacht
Autor: Volker Reiche
Illustrator: Volker Reiche
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 232
Richtpreis: CHF 32.90