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dann ein zahlreicher Ministerialadel heran, der im 13. Jahrhundert in Verbindung mit den mercatores, der Bürgerschaft im engeren Sinn, sich allmälig von der äbtischen Herrschaft emanzipierte, wodurch das Rittertum als zweiter Hauptfaktor im Bilde des städtischen Lebens hervortrat. Den Höhepunkt erreichte dieses Element in der österreichischen Zeit (1330-1415), und zwar um so leichter, als im angrenzenden Hegau eine zahlreiche Reichsritterschaft ihre Sitze hatte, die mit den österreichischen Herzögen immer gern in der nahen Reichsstadt gastierte.
Aber schon gegen Ende dieser Zeit wusste sich das aufstrebende Gewerbe, welches den Grundstock der Bürgerschaft repräsentierte, durch Ertrotzung der Zunftverfassung die ihm gebührende Geltung zu verschaffen, so dass im 15. Jahrhundert die Reichsstadt Schaffhausen das getreue Bild eines rührigen, in Arbeit und Handel tätigen und eines schönen Wohlstandes sich erfreuenden Bürgertums darstellte, wozu der neue Adel, d. h. die durch Reichtum hervorragenden «Geschlechter», den äusseren Glanz hinzufügte.
Diesem Bürgertum fehlte auch der kriegerische Sinn nicht, der besonders durch die Loslösung von Oesterreich und den damit verbundenen Frontwechsel der umwohnenden Ritterschaft stets wach erhalten wurde. Trotz dem Anschluss an die Eidgenossenschaft blieb die Stadt das Zentrum eines weit ins Schwabenland und in den Schwarzwald hinausreichenden wirtschaftlichen Interessenkreises, der sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein in dem lebhaften Handel und Verkehr kundgab.
Der politische Schwerpunkt lag selbstverständlich seit dem ewigen Bund von 1501 jenseits des Rhein; wie schon vorher, so nahm jetzt die Stadt in noch erhöhtem Grade als eidgenössischer «Ort» an den Schicksalen und an der Kulturentwicklung der Eidgenossen, besonders ihrer Städte, teil. In der kirchlichen Frage trat sie nach längerem Zaudern entschieden der Reformation bei und schloss sich immer enger an Zürich an. Der reformierte Typus wurde streng durchgeführt nach seinen Lichtseiten und Schroffheiten.
Auch Schaffhausen machte in den italienischen Kriegen mit und teilte mit den Eidgenossen Freud und Leid. Die französischen Religionskriege und die Söldnerdienste an Frankreich warfen ihre schwarzen Schatten auch in unser Gemeinwesen hinein; das Pensionenwesen untergrub des Bürgers Vertrauen. Schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts zeigten sich die Spuren einer aristokratischen Tendenz im Verfassungsleben. Der Staat benützte namentlich die von ihm beherrschte Kirche zur Unterdrückung der Freiheit in dem durch Erwerbung der Dorfvogteien ihm zugefallenen Landgebiet, und allmählig bildete sich jene Stadtherrschaft aus, in deren straffer Handhabung Patrizier und Plebejer zur Bedrückung des Landvolks wetteiferten, bis schliesslich im 18. Jahrhundert das Regiment vollständig in der Hand weniger Familien lag, worüber nicht nur der Bauer auf dem Land, sondern auch der Bürger in der Stadt zu murren begann.
Dies war die Zeit des schroffen Ständeunterschieds, das Eldorado der Junker und Herren, wobei der französische Sonnenkönig manchem kleinen Stadtmagistrat als Vorbild vorschwebte; das parler français war die allein hoffähige Sprache, und die französische Frivolität galt als Gipfel der Bildung. Aber andererseits brachte diese Zeit auch tüchtige Staatsmänner hervor. Die politische Selbständigkeit, welche die schweizerischen Kantonshauptorte in dem eidgenössischen Staatenbund eifersüchtig bewahrten, führte den Verkehr mit Kaisern und Königen mit sich, worin mancher dieser kleinen Staatsmänner eine vortreffliche Schulung fand und eine Stärkung des Selbstbewusstseins erfuhr, die sich auf die kleine Stadt selbst übertrug. Dies, verbunden mit der Selbstsucht des Zunftwesens, worin der gemeine Bürger seinen Hort erkannte, hielt das kleine Staatswesen beisammen, bis die Stürme von aussen sowohl das Junkerregiment, das in unserer Stadt durch die zahlreichen Adelsgeschlechter in besonders ausgeprägter Gestalt zur Erscheinung kam, wie auch die Protzen vom Handwerk hinwegfegte.
Wir haben in der Geschichte des Kantons dargestellt, wie die neuen Grundlagen, welche die Revolution von 1798 schuf, auch in unserm Staatswesen im Anschluss an die verschiedenen Phasen der allgemeinen schweizerischen Entwicklung sich durchsetzten, und wie die schliessliche Umwandlung des schweizerischen Staatenbundes in einen Bundesstaat u. das dadurch herbeigeführte Herabsinken der politischen Bedeutung der Kantone sich auch in Schaffhausen aufs stärkste fühlbar machte.
Wie gross ist z. B. der Unterschied zwischen den «Gnädigen Herren» des 18. Jahrhunderts u. den Regierungsräten der Gegenwart! Auch der Ständeunterschied ist gefallen; der Name «Junker», der in der Restaurationszeit noch eine Nachblüte erlebte, ist definitiv zum Spottnamen geworden. Schon dadurch ist die Physiognomie der Stadt Schaffhausen eine total andere geworden. Aber auch der Unterschied im Bildungsstand und in der Lebensweise ist im Schwinden begriffen.
Die allgemeine Bildung ist durch die rasch ansteigende Blüte des Unterrichtswesens bei allen Bevölkerungsklassen eine viel umfassendere geworden. Der Antagonismus zwischen Stadt und Land besteht nicht mehr. Die alten städtischen Bürgergeschlechter sind im Aussterben begriffen; der Charakter Schaffhausens als einer Grenzstadt hat eine zahlreiche fremde Bevölkerung herbeigezogen, deren Verschmelzung mit den alten Bürgern durch Erleichterung der Aufnahmsbedingungen Vorschub geleistet wird.
Die Stadt hat neue Bahnen eingeschlagen, und die hervorstechendsten Züge in ihrer heutigen Physiognomie sind Industrie, Handel und Verkehr. Diese mit allem Fleiss zu fördern, wozu schon die geographische Lage auffordert, wird von der jungen Generation je länger je besser als ihre erste Lebensbedingung erkannt; möge die sprichwörtlich gewordene «Schaffhauser Gemütlichkeit» sich diesen Bestrebungen nicht als ein allzu schweres Gewicht an die Fersen hängen! Mögen aber auch andererseits die alten Anziehungspunkte, wie der schöne Rhein mit seinem weltberühmten Fall, treulich festgehalten und nicht selbstmörderisch den neuen Zielen zum Opfer gebracht werden!
[Dr. C. A. Bæchtold.]