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In Thun gab es schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Möglichkeiten, sich die freie Zeit auf unterhaltsame Weise zu vertreiben. Schausteller präsentierten ihre Künste auf den Märkten und in den Sälen der Gasthöfe, vor allem im Falken, im Sädel oder im Freienhof. So unterhielt beispielsweise 1841 ein Herr Rode, angekündigt als «erster Grotesk Europa’s», das Publikum im Falkensaal mit «noch nie übertroffenen Grotesk- und Körperspielen» und «ausgezeichneten Körperspaltungen»; 1853 war auf der Militär-Reitbahn ein «Cirque olympique» mit 50 Pferden zu bestaunen; 1861 gastierte eine Tierschau beim Schützenhaus – gemäss «Thuner Blatt» war das Publikum besonders überrascht von den «gewagten Exerzizien, welche Fräulein Grubhofer im Käfich mit den gefährlichsten Raubthieren vornimmt.» 1870 kündigte die seit längerem bekannte «Künstler- und Seiltänzergesellschaft Knie» eine Vorstellung auf dem Marktplatz an, «wobei Karl Knie mit seiner 90-jährigen Grossmutter über das grosse Seil hinaufspazieren (...) wird.»25
Sonntags fanden in den Gastwirtschaften Tanzveranstaltungen und Kegelschieben statt; in den umliegenden Dörfern konnten weitere Unterhaltungsangebote konsumiert werden, wie Schwingen, Wettschiessen um Schafe, Wettklettern auf Tannen oder «Gänseköpfen», ein Brauch, der in der frühen Neuzeit in weiten Teilen Europas verbreitet war. Ab 1800 verwendete man dazu meist tote, an einem Seil aufgehängte Gänse.26 In Thun war gemäss der Polizeiordnung von 1830 normalerweise um 20 Uhr Schluss mit Tanzen, und um 22 Uhr mussten die Wirtschaften schliessen, ab 1915 um Mitternacht. Überhaupt sorgten strenge Bestimmungen dafür, dass die Festfreude nicht überbordete: Das Abbrennen von Feuerwerk und vor allem «das sogenannte Hochzeitsschiessen»27 waren untersagt; nach 22 Uhr duldete die Polizei keinen Lärm mehr in den Strassen, Betrunkene wurden arretiert und gebüsst, nicht in Thun ansässige Frauen aus der Stadt fortgewiesen.
Der «Fulehung» am «Ausschiesset». Die Fotografie ist unbeschriftet und undatiert, doch die Bekleidung des Publikums lässt auf die Zeit um 1950 schliessen. Bei der Jagd durch die Innenstadt stehen dem «Fulehung» viele Türen offen: Er verschwindet in ein Haus und kommt etwas später an einem unerwarteten Ort wieder zum Vorschein.
Durch die Fenster wirft er Süssigkeiten in die Menge, doch erwischt der «Fulehung» einen allzu kecken Verfolger, setzt es Schläge mit der Brätsche oder den Schweinsblasen ab.
Im 19. Jahrhundert veranstalteten Gasthofbesitzer, die Casinogesellschaft und die Stadtmusik gelegentlich Maskenbälle, die bis weit in die Nacht hinein dauerten. Der Maskenball der Stadtmusik im Falken endete 1901 gar erst morgens um 7 Uhr. Die ganze Nacht über habe eine «ungebundene Fröhlichkeit» geherrscht, «allerdings in allen Formen des Anstandes», wusste der «Tägliche Anzeiger» zu berichten.28 Ab 1908 organisierte die Stadtmusik jeweils im März, später dann im Februar einen Maskenball und publizierte eine Narrenzeitung. Eine 1930 gegründete Faschingszunft stellte ihre Aktivitäten schon 1935 wieder ein. 1948 versuchte die neu entstandene Thuner Fastnachts-Gesellschaft eine Fasnacht aufleben zu lassen, was in kirchlichen und pädagogischen Kreisen auf starke Ablehnung stiess. Selbst der Gemeinderat bedauerte 1954, «dass eine öffentliche Fastnacht durchgeführt wird, die (...) in keiner Weise im Volks- oder Ortsgebrauch verankert ist».29 Erst in den 1990er-Jahren fasste die Fasnacht in Thun tatsächlich Fuss und erhielt nun auch die Unterstützung der Politik: Seit 2004 übergibt der Gemeinderat während der Fasnachtstage symbolisch die Regierungsgewalt an den «Obergring», den Präsidenten der Fasnachtsfreunde Thun. Heute ist die Fasnacht in der Stadt etabliert und zieht jedes Jahr Tausende von fasnachtsbegeisterten Menschen an.30
Werbeplakat für das zehnte Thuner Seenachtfest von 1949, gestaltet von der Künstlerin Ursula Schaer.
Das Fest bestand aus dem Gondelkorso – einer Parade mit fantasievoll dekorierten Schiffen – und dem darauffolgenden Feuerwerk.