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Der Bürger hat jegliches Vertrauen in die Banken verloren.
Selbst in liberalen Medien häufen sich in jüngerer Zeit kritische Artikel über die Finanzindustrie. Es geht dabei nicht nur um die Sparmassnahmen angesichts schrumpfender Margen, sondern auch ganz allgemein um strategische Ausrichtung, Unternehmenskultur und die Rolle der Banken im Rahmen der Wirtschaft.
In der Wirtschaftskunde haben wir gelernt, dass der 1. Sektor (Urproduktion) und der 2. Sektor (Industrie) unterstützt werden durch den 3. Sektor, die Dienstleistungen. Dieser Rolle sind die Banken längst entwachsen; sie bilden heute eine eigentliche Finanzindustrie, die unter minimalem Einsatz eigener Mittel mit Geld aus den beiden anderen Sektoren spekulative Geschäfte betreibt.
Ursprünglich waren die Banken das Bindeglied zwischen privaten und institutionellen Anlegern einerseits und privaten, industriellen und staatlichen Kreditnehmern andererseits. Weiter stellten die Banken ein effizientes Zahlungssystem zur Verfügung. Der Bankier fühlte sich verantwortlich für seine Kunden und behandelte deren Geld so, als ob es sein eigenes wäre. Dieses Rollenverständnis haben heute nur noch mittlere und kleine Institute; die grossen Banken bilden eine eigenständige Industrie, deren Ziel es ist, mit dem Geld der Einleger ihren eigenen Gewinn zu maximieren.
Diese Entwicklung hat eingesetzt mit dem Vordringen des amerikanischen Kapitalismus nach Europa. Ich erlebte in den 80er Jahren, wie Investmentbanken, Unternehmensberater und einige Ökonomen den Shareholder- Value-Gedanken geradezu verherrlichten. Kurzfristige Gewinnmaximierung zwecks Steigerung des Börsenkurses war die Losung. Investmentbanken drängten Unternehmen zu aberwitzigen Akquisitionen, Desinvestitionen und Fusionen bar jeder industriellen Logik, um Bewegung in die Börsenkurse zu bringen und weil sie damit riesige Provisionen und Beratungshonorare kassieren konnten. Wer nicht mitmachte und wer beharrlich das langfristige Wohlergehen des Unternehmens als Ziel verfolgte, wurde von den liberalen Finanzmedien als «Softy» belächelt.
Das Geschehen an der Börse änderte sich mit der Übernahme amerikanischer Sitten ebenfalls radikal. Früher war die Börse ein Marktplatz: Käufer waren Anleger – private und institutionelle –, die je nach Einschätzung der Zukunft eines Unternehmens bereit waren, einen gewissen Preis für dessen Aktien zu bezahlen; Verkäufer dieser Aktien waren Investoren, die anderer Ansicht waren oder flüssige Mittel brauchten. Daraus bildete sich ein fairer Preis, der die Zukunftsaussichten eines Unternehmens spiegelte. Im Jahr 1980 betrug die durchschnittliche Haltedauer für Aktien in Deutschland ungefähr 10 Jahre, im Jahr 2000 noch ein knappes Jahr.
Heute dominiert der sogenannte Hochfrequenz-Handel den Takt an der Börse; sie ist eigentlich ein Wettbüro geworden. Es geht nicht mehr darum, die Zukunft eines Unternehmens zu beurteilen, sondern darum zu erraten, wie andere Banken in einem bestimmten Papier agieren, um sofort dagegen zu wetten oder mitzulaufen. Das geschieht in Millisekunden mittels raffinierter Computer-Programme. Eine Grossbank ging so weit, dass sie ihre Computer ganz nah an der New Yorker Börse plazieren wollte, um die weiter entfernte Konkurrenz um ein paar Millisekunden elektronische Wegstrecke schlagen zu können. So beträgt heute die Haltezeit für Aktien laut Professor Chesney noch 22 Sekunden. Das hat mit Unternehmensfinanzierung und solider Geldanlage nichts mehr zu tun. Die Börse ist zu einem Riesen-Casino geworden.
Angetrieben wird das Casino zusätzlich durch Analysten und Finanzmedien. Analysten glauben, dass sie das Ergebnis einer Firma für das nächste Quartal voraussagen können, und die Finanzmedien kommentieren an erster Stelle Abweichungen gegenüber dieser Prognose. Ob ein Unternehmen für die Zukunft gut aufgestellt ist oder ob es zum Beispiel Marktanteile gewonnen hat, interessiert weniger. Ursprünglich erarbeiteten Analysten neutrale Empfehlungen für nachhaltige Geldanlagen zuhanden der Kundenbetreuer; heute sorgen sie mit kurzfristigen Gewinn-Prognosen und gezielten Gerüchten für Bewegung in den Börsenkursen. Das fördert den Gewinn im Eigengeschäft und bringt Kommissionserträge für die Bank. Entgegen den Behauptungen der Banken, dass Analysten durch «chinese walls» abgeschirmt seien, sind sie heute auch Zuarbeiter für Trader und Manager, die den Kundenbetreuern täglich Vorgaben machen, welche Titel forciert verkauft oder gekauft werden sollen. Ziel dieser Vorgaben ist die Steigerung des Ertrags für die Bank, nicht das Wohl des Anlegers.
Die Invasion des amerikanischen Neokapitalismus bewirkte mit der Zeit eine Erosion der ethischen Grundhaltung in den grossen Banken. Keine Spur mehr von «Ownership» und «Accountability» gegenüber Einlegern. Für die Kader und das Management geht es nur noch darum, dank der neuen Anreiz-Systeme absurd hohe Boni auf dem Buckel der Anleger zu erzielen. Sogenannte «Financial Innovation» produzierte dafür unter Nutzung moderner IT täglich neue Derivate, von der einfachen Anleihe, deren Zinssatz von der Höhe des jährlichen Hagelschadens in der Schweiz abhing, bis hin zu dreifach verpackten amerikanischen Junk-Hypotheken und dazugehörigen Versicherungen. Solche Instrumente wurden unbedarften Kunden angedreht, die nicht ahnten, dass damit möglichst viel Verlustrisiko auf den Einleger geschoben wird, während die Gewinnchancen bei der Bank bleiben.
Fast zwangsläufig führte die Degeneration der Unternehmenskultur in den Grossbanken und die Gier nach immer mehr Gewinn und noch höherem Bonus zu Betrug und Skandalen: LIBOR-Absprachen, Manipulation von Devisenkursen, Geldwäscherei, Beihilfe zu Steuerbetrug usw. Aus der endlosen Liste von Vergehen seien nur einige Beispiele erwähnt: Für die Manipulation von Devisenkursen zahlten die sechs grössten Banken Bussen von total 5,8 Milliarden US-Dollar; HSBC, CS, ING und Standard Chartered zahlten für Geldwäscherei Bussen in Höhe von 3,7 Milliarden US-Dollar, JP Morgan hat eine drohende Anklage wegen Täuschung von Anlegern mit Hypo-Derivaten, die laut Generalstaatsanwalt Holder nie hätten verkauft werden dürfen – wie in USA üblich «ohne Eingeständnis einer Schuld» mit einer Zahlung von 13 Milliarden US-Dollar abgewendet. Im gleichen Jahr aber hat Chairman Jamie Dimon sich eine Erhöhung seines Gehalts um 74 % zugebilligt! Die Deutsche Bank sieht sich für dasselbe Vergehen einer Busse von 14 Milliarden US-Dollar gegenüber und ist damit existentiell bedroht. Kundenbetreuer von Wells Fargo haben Einlegern ohne deren Wissen Zusatzprodukte eingebucht, um die «Cross-selling»-Vorgaben ihrer Vorgesetzten zu erfüllen; der aussergerichtliche Vergleich wird Milliarden kosten.
Alle diese riesigen Beträge begleichen die Banken aus den Reserven und haben damit das Eigenkapital massiv geschwächt. Wer seine Ersparnisse in Bankaktien angelegt hat, sieht deren Substanz dahinschmelzen. Nur wenige der Top-Manager wurden deswegen zur Rechenschaft gezogen oder mussten den Hut nehmen. Im Gegenteil, Josef Ackermann, der zur Zeit des dubiosen Geschäfts mit Hypo-Derivaten die Deutsche Bank leitete und somit die 14 Milliarden US-Dollar-Busse zu verantworten hat, bekleidet heute den ehrenvollen Posten des Chairman der Bank of Cyprus. Strafrechtlich verfolgt wurden nur einige mittlere Kader.
Die Finanzkrise 2008, als Dutzende von Banken mit Steuergeldern vor dem Zusammenbruch gerettet werden mussten, machte deutlich, welche Gefahr das Gebaren der Finanzindustrie für unsere Gesellschaft bedeutet. Es wird mit unserem Geld im Casino gespielt. Einlagen von Sparern und institutionellen Investoren werden nur zum Teil als Kredite an die Wirtschaft vergeben; ein grosser Teil wird an andere Banken ausgeliehen oder dient als sogenannter Hebel für riskante Produkte, in denen nur wenig eigenes Geld steckt. Die Finanzbehörden haben versucht, das Risiko einer erneuten Krise einzudämmen, aber der mächtigen Finanzlobby ist es bis heute gelungen, eine echte Reform zu verhindern. So ist es beim Drehen an einigen Stellschrauben geblieben, zum Beispiel einer sanften Erhöhung des Eigenkapitals oder der Schaffung von Bankanleihen, die im Notfall in Eigenkapital umgewandelt werden. So wird das höchste Ziel der Banken – die Eigenkapitalrendite – geschont, aber das Risiko einer erneuten Krise ist damit nicht gebannt.
Es ist höchste Zeit, dass die Politik sich aufrafft und endlich eine gründliche Reform der Finanzindustrie durchsetzt. Kernpunkt einer Reform muss die Aufteilung in Geschäftsbanken einerseits und Investmentbanken (das Casino) andererseits sein. Geschäftsbanken erfüllen wieder die ursprüngliche Rolle als Dienstleister für den 1. und 2. Sektor der Wirtschaft: Sie verwalten Vermögen, sind Drehscheibe zwischen Sparern/Investoren und Kreditnehmern und betreiben Zahlungsverkehr.
Risikofreudige Anleger können ihr Geld bei Investmentbanken plazieren, sei es in Form von Anlagen aller Art oder als Aktionäre. Sie können dort spekulieren, soviel sie wollen, aber sie müssen sich bewusst sein, dass weder von Geschäftsbanken Kredit noch vom Staat Hilfe kommt, falls etwas schiefgeht. Wenn aus praktischen Gründen die Börsen nicht getrennt werden können, müssen gewisse Praktiken wie zum Beispiel Leerverkäufe und Hochfrequenzhandel massiv eingeschränkt werden.
Ein solches Trennbankensystem wurde nach der Krise 1933 in den USA in Form des Glass-Steagall-Acts eingeführt und brach nach einer schrittweisen Aushöhlung unter dem Druck der mächtigen US-Finanzindustrie 2008 endgültig zusammen. Zweifellos ist eine Trennung heute eine äusserst komplexe Aufgabe, aber sie muss gelöst werden, wenn eine erneute Krise der Weltwirtschaft vermieden werden soll.
Die Finanzindustrie hat das Vertrauen endgültig verspielt. Sie hat aus der Krise nichts gelernt und fährt mit wenigen kleinen Einschränkungen auf dem alten Geleise weiter. Sie arbeitet weiter mit falschen Bonus-Systemen, und das Top-Management kassiert weiter exorbitante Gehälter für miserable Leistung. Unsere Politiker müssen im Interesse der ganzen Volkswirtschaft endlich handeln.
Viele Bürger in Europa sind besorgt über die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen des angelsächsischen Kapitalismus. Seit den achtziger Jahren hat Europa Praktiken aus den USA übernommen, die rücksichtslos auf die Maximierung von kurzfristigem Gewinn ausgerichtet sind. Die jüngste Variante sind die sogenannten «shareholder activists»: riesige US-Investmentfonds wie Blackrock, die grosse Aktienpakete halten. Sie versuchen zur Steigerung des eigenen Gewinns, den europäischen Unternehmen Strategien aufzuzwingen, die nicht der Sicherung der langfristigen Zukunft dienen. Wir Europäer sind dabei, Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft – das heisst neben finanziellem Erfolg auch Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt – aufzugeben, und sehen schon die ersten Folgen: Wie in den USA geht der in den letzten 25 Jahren erwirtschaftete Einkommenszuwachs überwiegend an die Reichen: In dieser Periode ist das Realeinkommen der Top-10 % mehr als doppelt so stark gestiegen wie dasjenige der unteren Einkommensklassen.
Die Diskussion um die Freihandelsverträge mit Kanada und den USA zeigt, dass sich nicht nur im Finanzbereich Opposition regt gegen die automatische Übernahme amerikanischer Praktiken: Der europäische Konsumentenschutz soll nicht mit liberaleren US-Regeln aufgeweicht werden. Auch im Kulturbereich beginnt Europa sich zu wehren gegen die mächtigen US-Medienkonzerne, die mit ihrer seichten Massenware unseren Markt überschwemmen. Wir müssen unsere eigene Kulturproduktion gegen diese Flut schützen.
«Just because we have seen off communism does not mean that capitalism has won!» – Nur weil wir den Kommunismus gebodigt haben, heisst das noch lange nicht, dass der Kapitalismus gewonnen hat. Ganz bestimmt kann der Kapitalismus amerikanischer Prägung nicht gewinnen. Europa muss sich auf seine Stärken besinnen und sein Modell des Kapitalismus – eine Marktwirtschaft, welche finanzielle Ziele unter Wahrung der Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt anstrebt – mit aller Kraft verteidigen. Wenn unsere Politik nicht entschlossen handelt, wird früher oder später ein sozialistischer «Backlash» unsere politische Ordnung kräftig nach links rücken. •
* Heini Lippuner begann seine Berufslaufbahn im Bankwesen und im internationalen Grosshandel, wechselte dann zu Geigy bzw. Ciba-Geigy. Nach verschiedenen Tätigkeiten für den Konzern im In- und Ausland wurde er 1986 Mitglied der Konzernleitung. 1988 wurde er zum Vorsitzenden der Konzernleitung berufen, die er bis zur Fusion von Ciba mit Sandoz zu Novartis 1996 innehatte. Danach war er bis 2004 Mitglied des Verwaltungsrates von Novartis; weitere Verwaltungsratsmandate unter anderem bei Bühler AG, Winterthur-Versicherungen und Credit Suisse.
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