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Ganz am Ende des Alphabets finden sich kaum mehr Komödien, die den Weg in die allgemeine Überlieferung der Literaturgeschichte geschafft hätten. Das liegt nur zum Teil an der Qualität dieser Stücke (ähnlich mediokre sind durchaus aufgenommen worden). Zum Teil ist meiner Meinung nach die Tatsache schuld, dass jene, die die antiken Komödien plünderten, ganz einfach nicht die Geduld hatten, sich bis ans Ende des Plautus’schen Konvoluts durchzulesen, wenn sie schon vorher fündig wurden, und der Tatsache, dass es in allen vier hier versammelten Stücken nirgends die Rolle des intriganten und gescheiten Sklaven gibt, die für Schauspieler immer eine Paraderolle sein musste und fürs Pulikum ein Schmankerl. Immerhin bilden vor allem zwei deutsche Autoren eine Ausnahme und haben auch von diesen Stücken Plautus’ aufgenommen.
Stichus
Ist zwar nach einem im Stück vorkommenden Sklaven benannt, aber der spielt nicht einmal eine Hauptrolle. Diese Komödie hat keine Intrige, die Handlung wird nicht durch die Akteure vorwärts getrieben, vielmehr plätschert sie so dahin, völlig unabhängig von dem, was gesagt oder geplant wird. Es ist die Geschichte zweier Schwestern, die mit zwei Brüdern verheiratet sind. Verarmt sind diese auf Handelsreise ausgefahren, und seit Jahren ist ihre Rückkunft überfällig. Ihr Vater will sie bereits – was nach griechischem wie nach römischem Recht möglich gewesen wäre – scheiden und neu verheiraten lassen. Die Schwestern können es ihm aber problemlos ausreden. Und, siehe da: Die beiden Brüder kommen als reiche Leute zurück. Angesichts dessen ist der Schwiegervater natürlich endgültig versöhnt. Es wird ein Fest gefeiert. Auch die mit ihren Herrn heimgekehrten Sklaven Stichus und Sangarinus feiern mit ihrem gemeinsamen Liebchen Stephanium.
Was spannend sein könnte – die Intrige um die geplante Scheidung – wird sehr rasch abgebogen; der Rest ist Schilderung eines Geschehens, für das die Personen wenig selber tun. Man will kaum glauben, dass das Stück auf eines von Menander zurückgeht (Adelphoe A – Die Brüder – nicht zu verwechseln mit Adelphoe B, das von Terenz nachgedichtet wurde). Entsprechend wenig Echo fand Stichus bei der Nachwelt; einzig in Lessings theatralischem Nachlass findet sich ein Fragment names Weiber sind Weiber.
Trinummus
Bis weit ins Stück hinein stellt der Titel dieses Stücks den Zuschauer vor ein Rätsel. Wir haben einmal mehr den verschwenderischen Sohn, der hier den Vater in den Ruin getrieben hat, bzw. dazu, noch einmal auf Handelsfahrt zu gehen, um den alten Wohlstand wiederherzustellen. Der Vater lässt Sohn und Tochter in der Obhut eines Freundes zurück, dem er auch anvertraut, dass er im Haus einen Goldschatz vergraben habe, der zur Aussteuer der Tochter dienen solle, wenn die sich verheirate. Der Sohn, um weiter Geld ausgeben zu können, verkauft das väterliche Haus; nur im letzten Moment kann der Freund das Haus selber kaufen, um den Goldschatz zu retten. Dass die öffentliche Meinung ihn nun bezichtigt, die Notlage des Sohnes ausgenützt zu haben, ficht ihn nicht an. Nun allerdings wird um die Tochter gefreit; und obwohl sie der junge Freier auch mittellos nehmen will, lässt dies die Ehre des Freundes nicht zu. Eine Intrige wird gesponnen. Denn offen darf er das Geld nicht aus dem Schatz nehmen; der Sohn könnte es als Teil des Patrimoniums für sich in Anspruch nehmen. So wird ein Kleinganove angeheuert, der das Geld überbringen soll – angeblich im Namen des Vaters. Nur dumm, dass der – wieder zu Geld gelangt – unterdessen ebenfalls in der Stadt ist, und der Kleinganove genau auf ihn trifft. Selbstverständlich endet das Ganze in einem Happy Ending; selbst der Sohn bereut seine Verschwendungssucht, wird aber zur Strafe noch verheiratet. (Trinummus ist der Lohn, den der Ganove für seine Rolle in der Intrige erhalten soll, was der Zuschauer erst im 4. Akt erfährt.)
Hier ist schon ein bisschem mehr los. So wundert es nicht, dass der Italiener Cecchi im 16. und der Franzose Destouches im 18. Jahrhundert Trinummus wieder aufgenommen haben. Vor allem aber beruht Lessings Jugendwerk Der Schatz von 1750 darauf.
Truculentus
Eigentlich keine Komödie, sondern, wie es der Herausgeber Rau nennt, ein Sittenbild um eine Hetäre. Der Titel geht zwar auf einen Sklaven, der aber nur eine Nebenrolle hat, als zuerst rabiater Bekämpfer des Hetären-Unwesens, das sein Herr betreibt. Er wird dann aber – recht unmotiviert – vom Paulus zum Saulus (Rau) und buhlt nun ebenfalls um die Gunst der Hetäre und ihrer Sklavinnen. Ansonsten besteht das Stück darin, dass gezeigt wird, wie sich die Männer nachgerade darum reissen, von einer Hetäre ausgenommen zu werden.
Aus einer Erwähnung bei Cicero ist zu schliessen, dass Truculentus ein Spätwerk Plautus’ ist, ca. 187/186 v.u.Z. uraufgeführt. Dramaturgisch (und für gewisse Zeiten wohl auch moralisch!) nicht unproblematisch, hat das Stück wenig Resonanz gefunden – bezeichnenderweise mit der Ausnahme eines Sturm-und-Drang-Autors: Lenz hat es 1774 als Die Buhlschwester nachgedichtet.
Vidularia
Dieses Stück (auf Deutsch: Die Kofferkomödie) ist nur als Fragment überliefert. Vom Inhalt her erinnert es sehr an Rudens: Schiffbruch, verschleppte Kinder, Wiedererkennungen etc. Nur ist hier, anders als im Rudens, nicht das Mädchen mit seiner Zofe schiffbrüchig, sondern der Jüngling mit seinem Koffer. Viel mehr lässt sich zu einem Fragment von 110 Zeilen nicht sagen.
Plautus: Komödien. Band VI. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Peter Rau. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009.