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Im Moment gehen in den USA die Ski-Weltmeisterschaften über die Pisten. Im Kontext unserer Leitkultur logisch, dass an so einem Anlass nur die Leistung zählt. Nein, nicht die Leistung, diese steilen Hänge überhaupt hinunterfahren zu können, sondern die gemessene Leistung in Form von Sekunden und Hundertselsekunden. Und als ob das nicht schon allen Zuschauerinnen und Zuschauern – Familienmitglieder und andere Verwandte am Pistenrand und vor den TV inbegriffen – klar ist, hat der bereits viel dekorierte Schweizer Medaillenanwärter Carlo Janka es nach seinem Kombinations-Slalom-Lauf noch einmal in eine Nussschale verpackt: «Ich wäre lieber Siebter, dann müsste ich den Zauber am Abend nicht durchmachen. So muss ich allen Mist mitmachen.»
Was war passiert? Carlo Janka hatte soeben an der Ski-Weltmeisterschaft in der Disziplin Kombination (Abfahrt/Slalom) den sechsten Rang herausgefahren. Für ihn bedeutete dies die Teilnahme an der feierlich inszenierten Siegerehrung, an welcher die ersten sechs Athleten namentlich aufgerufen und geehrt werden. Doch offenbar – das ist nur meine Vermutung – ist das für Carlo Janka lediglich eine lästige Pflichtübung, an der er eigentlich nicht teilnehmen möchte. Natürlich kann ich eine Seite in Carlo Janka verstehen, die sich nicht dieser innerlich empfundenen Schmach und der damit verbundenen Scham aussetzen möchte, da er ja nicht, wie von sich selbst erwartet, zuoberst auf dem Treppchen stehen wird, sondern als Sechster «sogar» an der Ledermedaille vorbeigeschrammt ist.
Mir kommt in diesem Zusammenhang eine Geschichte in den Sinn. Ich war bei meinem Onkel in den USA zu Besuch. Es war Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Seine Ehe schien bereits etwas in Gefahr, als er mir an einem Morgen sein Leid klagte. Er selbst war übrigens ein erfolgreicher Unternehmer, der im Laufe seiner Kariere mindestens vier Mal bankrott war. Also, eines Morgens erzählte er mir seine Sicht der Dinge, und etwas habe ich bis heute nicht vergessen. Er berichtete mir von einem sportlichen Anlass in der Schule, an welchem auch sein Sohn mitlief. Sein Sohn beendete das Rennen auf dem zweiten Platz. Der Stolz meines Onkels funkelte aus seinen Augen. Doch das wollte mir mein Onkel nicht erzählen. Er wollte mir klagen, wie meine Tante auf den zweiten Platz reagiert hatte, nämlich gar nicht, mit keiner Geste. Mein Onkel fühlte sich während des Erzählens noch einmal in seinen Sohn ein, für den die Reaktion seiner Mama eine bittere Enttäuschung gewesen sein muss.
Veröffentlicht unter Kolumne