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Das Indianer-Territorium (IT) in dem heute die Aikanã leben, entspricht nicht ihrem traditionellen Lebensraum. Sie wurden vom Indianerschutzdienst im Jahr 1970 dorthin gebracht und angesiedelt – zusammen mit zwei anderen Indianervölkern. Und weil der Boden dort nicht viel hergab, begannen sie ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Latex zu bestreiten, weil der Marktpreis dieses Produkts jedoch zunehmend fiel, sind sie heutzutage in grossen Schwierigkeiten, ihr angestammtes Leben und ihre Kultur aufrecht zu erhalten. Jedoch haben sie sich durch diese Situation nicht entmutigen lassen, sondern entwickeln Projekte zur Erhaltung ihrer Kultur und Ihrer Sprache mittels einer Zweisprachen-Schule.
Aikanã
|Andere Namen: Massaca, Tubarão, Columbiara, Mundé, Huari, Cassupá

Sprache: Aikanã
Population: 180 (nach Vasconcelos 2005)
Region: Bundesstaat Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Bevölkerung und Lebensraum
Geschichte
Name
Sprache und Schule
Kulturelle Aspekte
Kontemporäre Aspekte
Quellenangaben
Aikanã ist der Name eines Stammes von etwa vierzig anderen, welche im Bundesstaat Rondônia ansässig sind – in erster Linie innerhalb der bekannten Guaporé-Region, den so genannten „Terras Baixas“ von Amazonien. Der Rio Guaporé bildet die bedeutendste Grenze zwischen diesem Bundesstaat und dem Nachbarland Bolivien.
Die Mehrzahl der Aikanã verteilt sich auf drei Dörfer innerhalb des IT Tubarão-Latundê – ein Gebiet, welches den Indianern vom INCRA (staatliche Organisation der Landverteilung) im Jahr 1970 zugeteilt wurde. Dieses Gebiet, sandhaltig und von Erosion verwüstet, befindet sich im Südosten Rondônias, zirka 180 km von der Stadt Vilhena entfernt und etwa 100 km von der brasilianisch/bolivianischen Grenze. Die nächsten Flüsse sind der Rio Chupinguaia und der Rio Pimenta Bueno, aber der Zugang zu ihnen ist äusserst schwierig. Es gibt ausserdem noch eine Menge Aikanã, die in umliegenden Orten und auch in der Stadt Vilhena wohnen. Als die Verfasserin dieser Studie im Dezember 1988 zum ersten Mal mit den Aikanã zusammentraf, zählte sie ein Gesamt von 85 Individuen – heute, im Jahr 2005, sind es zirka 180.
Nach Informationen von den Aikanã selbst, bewohnten sie, bevor man sie umgesiedelt hat, ein sehr fruchtbares Gebiet im Umfeld des Rio Tanaru, einem der kleineren Flüsse der Region, im Westen des Rio Pimenta Bueno.
Als man sie dann zum gegenwärtigen IT transportierte, tat man dies auch mit zwei ebenfalls stark reduzierten Völkern, den Koazá (oder auch Kwaza) – damals bekannt unter dem Namen Arara – und den Latundê. Wichtig zu erwähnen, dass dies ganz unterschiedliche Völker waren, jedes mit seiner eigenen Kultur und Sprache! In den Erzählungen ihrer Vorfahren werden die Koazá von den Aikanã als blutgierige Krieger beschrieben – mit gefährlichen Schamanen und als ihre Erzfeinde.
Nach Informationen des Anthropologen und Forschers Price (1981) hat der staatliche Indianerschutz SPI im Jahr 1940 einen Posten am Igarapé Cascata eröffnet, einem Zufluss des Pimenta Bueno, und dann verschiedene eingeborene Völker dorthin versetzt, unter ihnen auch die Aikanã. Prompt brach eine Masern- und Grippe-Epidemie unter ihnen aus, welche die Mehrheit der Indianer dahinraffte. Diese Tatsache wird von den Ältesten der Aikanã bestätigt.
Anscheinend wurden die ersten Kontakte zwischen den Aikanã und der nicht-indianischen Bevölkerung, von denen man weiss, am Anfang der 40er Jahre geknüpft – und zwar durch den Ingenieur und Geologen Vitor Dequech, den ich bei Gelegenheit um 1990 persönlich kennenlernte. Mit einer trainierten Equipe zum Aufspüren von Mineralien, eingesetzt von General Rondon, kommandierte Dequech die „Expedition Urucumacuan“, die jene Region auf der Suche eventueller Goldlager am Rio Pimenta Bueno und seiner Nebenflüsse durchstreifte. Zu jener Zeit hatte er regelmässigen Kontakt mit Indianern der Gegend, inklusive der Aikanã – er bezeichnete sie als „Massacá“ und dokumentierte detailliert alle Kontakte und Aktivitäten, die sich während seiner Reisen ergaben. Dieser Kontakt ist in alten Exemplaren der Zeitung „Alto Madeira“ registriert, die zu jener Zeit in Porto Velho (Hauptstadt von Rondônia) herausgegeben wurde.
Sie nennen sich selbst Aikanã und bezeichnen ihre Sprache auch mit diesem Namen. In der Literatur, die sich mit diesem Volk befasst, erscheinen sie allerdings auch noch unter anderen Namen. Die ältesten Aufzeichnungen stammen von Becker-Donner (1955: 275-343 apud Cestmír Loukotka, 1968:163) in denen die Aikanã als „Masaca“ und als „Aicana“ aufgeführt werden. Eine weitere interessante Registrierung ist die von Erland Nordenskiöld (apud Voort 2000), von 1915. Nach Berichten von Voort war dieser Ethnograph der erste Wissenschaftler, der die Aikanã fotografiert und eine Liste mit Worten aus ihrer Sprache angelegt hat – er nannte sie „Huari“. Andere Namen, welche man diesem Volk gegeben hat, sind: „Corumbiara, Kasupá, Mundé“ und schliesslich „Yubarão“ (Rodrigues, 1986: 94).
Obwohl die Worte „Mundé“ und „Mondé“ im Allgemeinen als maskuline Eigennamen von den Aikanã verwendet werden, haben die beiden Vokabeln für sie weiter keine besondere Bedeutung. Es gibt einen anderen Namen, „Winzankyi“, der vom Ex-Häuptling Luíz Aikanã erwähnt wurde, und der sich ebenfalls auf sein Volk bezieht, aber unter den Angehörigen existiert hinsichtlich dieser Bezeichnung kein Konsens.
Obwohl der Name dieses Volkes in der Literatur „Aicana, Aikana“ und „Aikaná“ geschrieben erscheint, wird er von den Angehörigen selbst auf dem letzten Vokal nasal betont ausgesprochen, also „Aikanã „.
Was die Namensgebung der Aikanã betrifft, so beachte man, dass „Huari“ nicht mit „Wari“ (oder „Orowari“) verwechselt werden darf – letztere beziehen sich auf die Pacaás-novos aus der Familie der Txapakura. Auserdem beachte man, dass die Termini „Mundé“ und „Mondé“ in diesem Fall nicht mit der Sprachfamilie „Mondé“ aus dem Tupi-Stamm assoziiert werden dürfen.
Heute gibt es je eine Schule in jedem der drei Dörfer, welche von der Präfektur in Vilhena unterhalten werden – mit Aikanã- und Nicht-Aikanã-Lehrern. Die Lehrerin Luzia Aikanã, mit Unterstützung der Autorin dieser wissenschaftlichen Studie, begann mit dem Unterricht der Stammessprache im Jahr 1992. Von diesem Zeitpunkt an hat diese Lehrerin an verschiedenen pädagogischen Meetings teilgenommen, die sich mit der schulischen Erziehung der indigenen Völker der Region von Rondônia befassten.
„Aikanã“ gehört zu den noch unklassifizierten Sprachen. Bis jetzt hat man noch keine genetische Verbindung mit anderen indigenen Sprachen Brasiliens entdecken können – auch nicht mit jenen, die von ihren Nachbarn der Guaporé-Region gesprochen werden. Alle Aikanã sprechen Portugiesisch, und einige sprechen auch „Koazá“. In zwei der drei Dörfer werden die Schüler auch in ihrer Muttersprache alphabetisiert – trotzdem ist sie vom Aussterben bedroht.
Die Kinder aus Ehen mit Personen, die keine „Aikanã“ sprechen, tendieren dazu, nur die nationale Sprache zu benutzen – und jene, die ihr Dorf verlassen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, sind natürlich ebenfalls gezwungen, nur Portugiesisch zu sprechen. Eine Segment-Analyse der Fonologie dieser von den Aikanã Sprache zeigt, dass sie sechzehn Konsonanten und zehn Vokale besitzt – von denen sechs oral und vier nasal ausgesprochen werden.
Ein von den Aikanã erwähnter interessanter Mythos ist der des Kiantô. Hierbei handelt es sich um eine Riesenschlange mit den Farben des Regenbogens. Nach der Aikanâ-Mythologie gibt es, so wie das Erdenreich mit allen seinen Bewohnern, auch ein Wasserreich mit seinen eigenen Bewohnern, dessen Vorsitz die Kiantô einnimmt. Ein anderer Mythos ist der des „Tages, an dem die Sonne stirbt“ (ya imeen). An diesem Tag werden diejenigen Personen, die sich nicht in ihren eigenen Häusern aufhalten, von den Geistern des Waldes angegriffen. Mit dem „Tod der Sonne“ (ya) ist eine Sonnenfinsternis gemeint: „Die Sonne stirbt, und die Welt versinkt in Dunkelheit“.
Heutzutage ist eine Zeremonie unter den Aikanã äusserst selten. Während eines Festes, dem die Autorin beiwohnte, brauten sie Chicha, sangen ihre Lieder und, an einem abseits gelegenen Ort, verborgen vor den Frauen, spielten die Männer ihre Melodien auf grossen Bambusflöten.
Der älteste Aikanã der Gruppe ist mehr als 80 Jahre alt und stellt Pfeile und Bogen in traditionellem Stil her, zu verschiedener Verwendung. Wie er sagt: Pfeile, um auf Menschen zu zielen, Pfeile, um grössere und kleinere Tiere zu schiessen – in und ausserhalb vom Wasser. Das Kunsthandwerk der Aikanã, welches sie regelmässig herstellen und verkaufen, besteht aus Ohrschmuck, Armreifen, Ketten, geflochtenen Taschen, Ringen und einigen Objekten aus Holz.
Die lokale Regierung folgt dem von der FUNAI für die meisten Indianergruppen festgelegten System: Es existiert ein Häuptling, der die Kommune repräsentiert, und dieser versteht sich gleichzeitig auch als Chef des FUNAI-Postens – ein von der FUNAI eingesetzter Agent, der für das gesamte Indianer-Territorium (IT) verantwortlich ist.
Gegenwärtig gibt es eine Vereinigung, in der José Luiz Kasupá den Vorsitz führt, der sich um verschiedene indigene Fragen kümmert und Aktionen im Interesse der Kommune anführt. Wie Kasupá angibt, bereitet man gerade ein „Demonstratives Projekt der Indianervölker“ vor mit dem Ziel, die Geschichte und die kulturellen Werte seiner Gruppe zu retten. Ausserdem bestätigt er noch, dass die Mehrheit der Aikanã in Dörfern des IT wohnen.
Auf der anderen Seite gibt es andere, nicht so optimistische Informationen über das Volk der Aikanã. Während der 90er Jahre, als die Verfasserin dieses IT besser kennenlernte, waren fast alle erwachsenen Männer der Kommune als Latexsammler tätig. Der Unterhalt ihrer Familien fusste auf dieser Arbeit, und es gab ihnen eine gewisse Stabilität. Heute jedoch, nach einer drastischen Entwertung jenes Produkts versuchen die Indianer sich auf verschiedene Art und Weise zu durchzubringen: mit Arbeit in der Stadt, Ausbeutung von Holz, Zucht von Haustieren und anderem. Ausserdem ist es eine Tatsache, dass immer mehr junge Leute die Dörfer ihres Stammes verlassen, um sich mit Personen von ausserhalb zu verheiraten um einer Inzucht vorzubeugen, denn die verwandtschaftlichen Bande werden zusehends enger. Und so löst sich dieses Eingeborenenvolk langsam auf.
Wie man sieht, so wie es den meisten eingeborenen Völkern auf brasilianischem Gebiet ergangen ist, werden auch die Arikanã von jenen negativen und destabilisierenden Konsequenzen nicht verschont bleiben, welche durch den Kontakt mit der sie umgebenden zivilisierten Gesellschaft ausgelöst worden sind.
Die jüngsten Untersuchungen, welche das Volk und die Sprache der Aikanã zum Inhalt haben, stellen zwei Doktorarbeiten dar. Die erste, im Jahr 2000 von Hein van der Voort, befasst sich mit dem Volk und der Sprache der Kwaza – jedoch wegen der geografischen Nachbarschaft und den familiären Verbindungen zwischen den beiden Gruppen, präsentiert seine These auch substanzielle Informationen über das Volk der Aikanã und deren Geschichte. Die zweite These stammt von der Verfasserin dieses Textes selbst aus dem Jahr 2002, und sie behandelt speziell die Phonologie und Morphologie der Aikanã-Sprache. Bemerkenswert ist auch die Arbeit des Ingenieurs Vitor Dequech, der freundlicherweise dem Forscher Hein van den Voort einige seiner Interviews überliess. Seine Arbeit, die auf ihre Veröffentlichung wartet, wird für alle diejenigen hoch interessant sein, die sich mit dem Studium von Eingeborenensprachen der Region Guaporé und ihrer Geschichte befassen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther