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Es war der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson, der 1952 den Begriff des «entscheidenden Augenblicks», des «decisive moment», in der Fotografie prägte. «The Decisive Moment» lautet auch der Titel eines Teils der Ausstellung über die Geschichte der Sportfotografie, die noch bis zum 19. November im Olympischen Museum in Lausanne zu sehen ist. Die Schau macht deutlich, wie sehr Cartier-Bressons Ausspruch gerade in der Sportfotografie gilt. Es passt, dass die Ausstellung eine Bilderserie von Cartier-Bresson vom Pariser Sechstagerennen von 1957 zeigt – und damit eine weniger bekannte Seite des «Meisters des Augenblicks» präsentiert, der vor allem mit seinen Reportagen und Strassenfotografien unsterblich wurde.
«Mehr als das Siegestor»
Die Ausstellung «Who Shot Sports» ist im Brooklyn Museum in New York entstanden und in Lausanne erstmals in Europa zu sehen. In 180 Bildern zeichnet sie die Geschichte der Sportfotografie von 1843 bis in die Gegenwart nach. Kuratorin Gail Buckland ging es dabei weniger um die grössten Momente der Sportgeschichte als um die visuelle Kraft der Bilder. «Die besten Sportfotografen machen viel mehr, als das Siegestor, den entscheidenden Dunk oder das beste Tackling festzuhalten», so Buckland. «Sie zeigen menschliche Dramen, halten den Körper in Bewegung fest, die Emotionen von Sieg und Verzweiflung, den Geist des Spiels und die Grösse der athletischen Leistungen.»
Die Ausstellung setzt in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte und die Sportfotografie sich auf Athletenporträts und andere gestellte Aufnahmen beschränkte. 1872 entwickelte der britische Fotograf Eadweard Muybridge ein Verfahren, um die Bewegung eines galoppierenden Pferdes einzufangen, und zwar mit mehreren Kameras mit neuartigen Verschlüssen. Muybridges Entdeckung inspirierte in den folgenden Jahren nicht nur Fotografen, sondern auch Wissenschaftler, die damit die Bewegungsabläufe von Sportlern analysierten. Wohin diese Entwicklung in der Gegenwart führte, zeigt die Ausstellung am Beispiel eines zusammengesetzten Bildes des britischen Fotografen Howard Schatz von 2001, das bis ins letzte Detail aufzeigt, wie der US-amerikanische Hürdensprinter Allen Johnson über das Hindernis fliegt.
Vor und hinter den Kulissen
Durchtrainierte Athletenkörper in Aktion, überbordende Emotionen, konzentrierte, nachdenkliche, stolze Gesichter, Momente höchster Spannung, Schnappschüsse voller Humor: Die Ausstellung zeigt in neun thematischen Teilen alles, was den Sport und die Sportfotografie ausmacht. Da finden sich spektakuläre Aufnahmen von Basketball-, Football-, oder Tennisspielen, in denen sich alles um den «entscheidenden Augenblick» dreht, für die Fotografen ebenso wie für die Sportler. Da finden sich Athletenporträts wie jene Aufnahme des französischen Rugbyspielers Serge Betsen, der völlig erschöpft im Schlamm liegt, aufgenommen von Gérard Rancinan, oder auch das berühmte Bild des amerikanischen Basketball-Stars Magic Johnson der Fotografin Annie Leibowitz. Da finden sich Schnappschüsse, die hinter den Kulissen von grossen Sportereignissen entstanden sind, etwa ein Bild von Kobe Bryant bei seinem legendären Ritual vor dem Wettkampf: Hochkonzentriert sitzt der US-amerikanische Basketballer da, mit den Füssen in einem Eisbad – und mit seinem rechten Zeigefinger in einer Tasse, ebenfalls gefüllt mit Eis. Der Rundgang endet mit einem Teil zu den Olympischen Spielen, angefangen mit Fotos und Filmsequenzen der norwegischen Eiskunstläuferin Sonja Henie, aufgenommen 1924 in Chamonix. Aber auch Szenen, die den meisten Besuchern noch in Erinnerung sein dürften, erwachen in den Bildern zu neuem Leben, so etwa der spektakuläre Sturz des österreichischen Skirennfahrers Hermann Maier in Nagano 1998.
Solche Bilder seien es, die sich ins kollektive Gedächtnis einprägten, schreibt Kuratorin Gail Buckland zur Ausstellung. Zu Unrecht sei die Sportfotografie lange Zeit vernachlässigt worden. Die Ausstellung wolle das ändern und auch die Urheber der Bilder zu ihrem Recht kommen lassen: «Nicht nur die Fotografien verdienen die Aufmerksamkeit, sondern auch die Fotografen, die sie gemacht haben.»
Olympisches Museum, Lausanne. Bis zum 19. November. Tägl. 9 bis 18 Uhr (bis 14. Oktober). Di. bis So. 10 bis 18 Uhr (ab dem 15. Oktober).
Ergänzende Ausstellungen
Noch mehr Sportfotografien
Parallel zu «Who Shot Sports» zeigt das Olympische Museum noch drei weitere, kleinere Ausstellungen zur Sportfotografie: Noch vor dem Eingang empfangen historische Fotografien aus der Sammlung des Museums die Besucherinnen und Besucher, von den Olympischen Spielen 1896 bis 1948.
Im Museum lässt eine Sektion die Spiele von Rio 2016 Revue passieren, mit rund 60 Bildern der drei amerikanischen Fotografen David Burnett, Jason Evans und John Huet sowie der Türkin Mine Kasapoglu Puhrer. Schliesslich ist eine ganze Wand den Akteuren hinter den Kameras gewidmet: Hier sind Sportfotografen bei der Arbeit zu sehen, jeweils zusammen mit den Bildern, die in der jeweiligen Situation entstanden sind.