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Jenseits des Privateigentums
Am Kongress «Reclaim Democracy» fiel uns ein Workshop besonders auf: «Demokratie und Commons: Eine Alternative zum Markt und Staat?» des Zürcher Forschers Lukas Peter. Das uralte Konzept der Gemeingüter (Commons), das in den 1980er-Jahren wiederentdeckt wurde, erweist sich für eine Gewerkschaft des Service public als sehr fruchtbar. Eine Einführung.
Wikipedia, freie Software, die Creative-Commons-Lizenz und das Betriebssystem Linux sind die bekanntesten Beispiele funktionierender digitaler Gemeingüter oder «Commons». Eine analoge, heute in den Städten angesagte Form von Commons sind Gemeinschaftsgärten. Weitere Formen, beispielsweise die Walliser «Wasserleiten», die Holzgerechtigkeit oder die Allmendweiden, sind schon Jahrhunderte alt.
Tradition der dörflichen Allmend
Der amerikanische Forscher und Aktivist David Bollier beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Commons. Er fasst die Hoffnungen, die mit dem Konzept verbunden sind, so zusammen: «Commons sind eine Vision, sie helfen, sich konkrete, erfolgreiche Alternativen vorstellen und umsetzen zu können. Dabei kann man anknüpfen an eine reiche Geschichte und vielfältige Traditionen, ehrwürdige Rechtsgrundsätze und unzählige Erfahrungen mit alternativen Formen der Produktion und der Steuerung. Die Commons helfen, uns vom Joch der neoliberalen Wirtschaft und deren Welt des Individualismus und Privateigentums zu befreien.»
Feindseligkeiten vom Zaun bis zum Patent
Bekämpft werden die Commons seit je von «Enclosures». Enclosure (Umzäunung) ist die Privatisierung und Vermarktung von Ressourcen, auf welche die «Commoner» – die Nutzer eines Gemeinguts – zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse angewiesen sind. Die Enclosure-Bewegung begann im 16. Jahrhundert in England: Gemeinschaftlich genutzte offene Felder und Weiden wurden von reichen Grundeigentümern eingehegt und in Schafweiden umgewandelt. Heute entstehen neue Enclosures beispielsweise durch Patente auf Leben.
«Kreaturen des Marktes»
«Wenn Unternehmen öffentliches Land aufkaufen, Einkaufszentren auf städtischen Flächen errichten, die zuvor als öffentliche Treffpunkte dienten, das menschliche Genom patentieren oder Land erwerben, das seit Generationen von der indigenen Bevölkerung genutzt wird, handelt es sich nicht um eine ‹Privatisierung› im klassischen Sinn des Worts», sagt David Bollier. «Das ist einfach Diebstahl, häufig mit Zustimmung der Regierungen, bei dem die moralischen Überzeugungen der Leute mit Füssen getreten werden. Enclosures können Kultur und Identität einer Gemeinschaft zerstören. Sie führen dazu, dass sich Gruppen mit einem Sinn für die Gemeinschaft in isolierte Individuen, in Angestellte und in Konsumenten verwandeln: in Kreaturen des Marktes.»
Spannungsfeld zwischen Teilen und ausbeuten
Natürlich kann die Idee der Commons im Gegensatz stehen zur Idee des geistigen Eigentums. Fotografinnen und Journalisten kämpfen – unterstützt von ihren Gewerkschaften – dafür, von ihrem Beruf angemessen leben zu können. Somit stellen sie sich auch gegen die Verleger, die wollen, dass sie auf ihre Rechte verzichten. Das Problem: Es gibt immer noch keine Vergütungsregeln für die Akteure der Commons.
Wie immer, wenn man über Alternativen zur Lohn-Logik spricht, steht die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens zur Debatte. Und die Sharing-Economy wird auf der einen Seite durch die Commons-Bewegung gefördert, auf der anderen Seite von neuen disruptiven Akteuren wie Uber und Airbnb zweckentfremdet.
«Ein tiefes Bedürfnis»
Die Zukunft der Commons-Bewegung ist also offen. Sie ist für die Gewerkschaftsbewegung, die den Begriffen Genossenschaft, Selbstverwaltung und Gegenseitigkeit Gestalt verliehen hat, von grossem Interesse. «Commons entsprechen einem tiefen Bedürfnis», sagt der Soziologe Christian Laval. «Es genügt nicht mehr, mithilfe der herkömmlichen Mobilisierung zu protestieren. Jetzt muss gehandelt und anders gelebt werden: indem man neue Verbindungen schafft, die Art der Tätigkeit verändert, das Verhältnis zum Eigentum anpasst.»
ReclaimDemocracy.org
Neustartschweiz.ch
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