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2021 und 2022 waren bei Joseph Anspruch und Wirklichkeit nicht im Einklang. Sowohl bei den Olympischen Spielen in Tokio wie auch an der letztjährigen WM in Eugene wurde er im Halbfinal den eigenen Erwartungen bei weitem nicht gerecht. Auch der 4. Platz an der EM im vergangenen August München war für ihn eine grosse Enttäuschung.
Seine Bestmarke 2022 über 110 m Hürden betrug 13,25 Sekunden. In der Saison zuvor stellte der 24-jährige Basler mit 13,12 Sekunden zwar einen Schweizer Rekord auf, jedoch profitierte er in La Chaux-de-Fonds von der Höhe und einem starken Rückenwind. Sonst lief er nie schneller als 13,28 Sekunden.
Die Leistungen waren umso enttäuschender, als er sich im Herbst 2020 der Gruppe um den amerikanischen Startrainer Rana Reider angeschlossen hatte. In Florida profitierte er unter anderen von Omar McLeod, dem Olympiasieger von 2016 und Weltmeister von 2017 im Hürdensprint, mit dem er sich angefreundet hat. Joseph wurde zwar schneller und kräftiger, es wirkte sich jedoch negativ aus, dass dort zu wenig an der Hürdentechnik gefeilt wurde. So gelang es ihm nicht, die grössere Explosivität optimal umzusetzen.
Lohnender Wechsel
Nach der enttäuschenden vergangenen Saison wollte Joseph während fünf Wochen nichts mehr von der Leichtathletik wissen. Er entschloss sich, nicht mehr zu Reider zurückzukehren, sondern wieder voll und ganz auf die frühere Siebenkämpferin und Sportwissenschaftlerin Claudine Müller zu zählen, die ihn so gut wie kaum jemand kennt. Das zahlte sich aus. «Er hat den Start verbessert, ist über den Hürden schneller und kann das Tempo kontrollierter halten», sagt Müller im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Trotz der guten Zeiten hat Joseph allerdings noch keinen sehr guten Lauf gezeigt, was umso verheissungsvoller ist. Die Zeit in den USA will er nicht missen, seine Einstellung ist nun eine komplett andere. «Er ist professioneller geworden», so Müller. Es habe ihm einen Kick gegeben zu sehen, wie die Topathleten alles aufs Training ausrichten würden. «Er hat eine gute Mitte gefunden, zwischen Spass zu haben und professionellem Training.»
Positiv wirkt sich zudem aus, dass er einige Trainings in Basel mit Ditaji Kambundji absolviert. «Sie ist noch lockerer als er. Das hat ihm gutgetan», sagt Müller. Im Weiteren arbeitet Joseph mit einem Mentaltrainer zusammen, er lässt nichts unversucht, um es ganz an die Spitze zu schaffen.
Physisch und mental bereit
In der ungarischen Hauptstadt scheint für Joseph vieles möglich zu sein, mit den 13,10 Sekunden ist er die Nummer 8 in der Meldeliste. An den letzten drei Weltmeisterschaften hätte er mit seiner Bestzeit stets eine Medaille gewonnen. Die Zuversicht bei Müller ist jedenfalls gross: «Er ist physisch und mental bereit. Wenn konstant gute Zeiten gelaufen werden, macht es das für einen Grossanlass einfacher.» Und natürlich hilft die Goldmedaille an den Hallen-Europameisterschaften.
Jedoch ist es über 110 m Hürden so eine Sache, und angesichts der Leistungsdichte in dieser Disziplin ist bereits das Erreichen des Finals eine grosse Herausforderung - der Vorlauf steht am Sonntag auf dem Programm. «Schon ein falscher Schritt ist meistens verheerend», sagt Müller. Von daher wird spannend zu sehen sein, ob es Joseph auch auf dieser Bühne schafft, sich komplett auf sich selber zu konzentrieren und den Flow-Zustand zu erreichen. Dass er eine Zeit von unter 13 Sekunden in den Beinen hat, steht ausser Frage. Vielleicht hat er sich das Beste ja für den Saisonhöhepunkt aufbewahrt.