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24.03.2019 - Fritz Vollenweider
24.03.2019
Fritz Vollenweider
"Es ist eine alte Geschichte..."
… diesmal nicht von Heinrich Heine. Hochgepeitschter Skandal im Zürich des 19. Jahrhunderts, mit Beziehungsspiel und Machtmissbrauch: «Ein Bild von Lydia» im Effingertheater Bern.
Der prominentesten Schicht in Zürich und in der ganzen Eidgenossenschaft gehören sie an: Lydia Welti-Escher (1858-1891), Tochter des reichen und mächtigen «Eisenbahnkönigs» Alfred Escher (1819-1882), Schwiegertochter des einflussreichen Bundesrates Emil Welti (1825-1899). Ihren Mann Friedrich Emil Welti (1857-1946) heiratet die reiche Erbin Lydia 1883 vor allem, weil sie ihn für einen der wenigen hält, der nicht an ihrem Geld interessiert sei, worin sie sich wohl irrte.
Zürcher Skandalgeschichte, schweizweit kolportiert
Die Geschichte, die Lukas Hartmann in seinem 2018 erschienenen Roman «Ein Bild von Lydia» erzählt, ist historisch und gesellschaftlich berühmt geworden, vor allem aller Beteiligten wegen. Der im Versicherungsgeschäft renommierte Bundesratssohn, die Tochter des «Eisenbahnkönigs» und der angesehene Portraitmaler und Radierer Karl Stauffer-Bern als Hauptfiguren, Bundesrat Welti, der im Hintergrund zugunsten seines Sohnes und zur «Skandalvermeidung» alle seine Beziehungen und seine Macht wirken lässt – sie gäben auch als erfundene Personen eine grossartige Staffage für ein Drama ab.
Doch es ist keine Fiktion, es ist Realität, schweizweit kolportiert und je nach Stellung und Haltung verschiedenartig aufgenommen und kommentiert. Friedrich Emil Welti-Escher ruft seinen Studienfreund Karl Stauffer-Bern ins Haus, damit er Lydia portraitiere; die beiden verlieben sich und finden sich trotz dem Versuch, diese Gefühle zu verbannen. Sie fliehen nach Rom. Die bundesrätlich gezogenen Drähte vor allem führen zur Verhaftung Stauffers und zur Einweisung von Lydia in eine psychiatrische Privatklinik. Es folgt die Scheidung, die Emil Welti vier Fünftel des Vermögens einträgt, und als tragischer Schluss die Selbstmorde, Stauffers im Januar, Lydias im Dezember 1891.
Lukas Hartmann hat daraus einfühlsame, spannende Literatur geschaffen, und Markus Keller hat die breit angelegte Geschichte in nicht knappen, aber vorteilhaft gerafften Handlungszügen zur Uraufführung auf die Bühne gebracht. Der Roman erzählt das Geschehen aus der Sicht der Kammerzofe Luise, die von der anfänglich eher schüchternen Bediensteten zunehmend zur Vertrauten der Lydia wird. Das verdankt sie ihrer Aufgeschlossenheit, Intelligenz, Empathie und zunehmenden Reife. Das alles bringt Larissa Keat überzeugend zur Geltung. Interessant dabei: Die Figur ist nicht vom Autor erfunden, sondern existierte als Dienstbote der Frau Welti tatsächlich. Auch ihr späterer Verlobter Henri und die gemeinsame Beziehung sind real.
Markus Keller hat diese beiden Personen als paralleles dramatisches Element zum Dreieck Welti – Lydia – Stauffer eingesetzt. Luise erzählt, was von Szene zu Szene im Hause Welti-Escher und in Florenz, Rom und Genf geschieht.
Von rechts: Lydia Welti-Escher (Nicola Trub), Karl Stauffer-Bern (Simon Käser) Luise (Larissa Keat), Henri (Fabian Guggisberg)
Geschickt eingesetzte formale Elemente
Neben den intensiven dialogischen Auseinandersetzungen und der ausdrucksvollen Körper- und Mienensprache aller Beteiligten interessieren die formalen Elemente. Dominant ist der Topos «Weiss in Weiss». Karl Stauffer-Bern versteht ihn als Hauptmerkmal seiner Künstlerschaft. Bildhaft auf der Bühne wirkt er in der Kleidung der beiden Protagonisten (Kostüme: Sarah Bachmann). Die kommentierenden Gestalten Luise und Henri bilden schon farblich den Kontrast. Deren Kleidung ist alltäglich, wirkt geschmackvoll gewöhnlich. Immer wenn Luise mit Lydia, mit Stauffer oder mit beiden allein ist, fällt deshalb ihre einfache Erscheinung irgendwie auf. Die Begegnung des Pragmatischen, Realen mit dem nicht nur künstlerisch Vornehmen, Idealistischen? In diesem Zusammenhang ist der gediegene grau-braune Alltagsanzug von Friedrich Emil Welti (Oliver Daume) ebenfalls von einigem Aussagewert: Der Gatte passt als Persönlichkeit kaum zum «Weiss in Weiss», weniger noch zum bescheidenen, vielleicht gar ärmlichen Alltagsleben.
Dass ein bekanntes Zitat von Heinrich Heine im Titel dieses Berichts verwendet wird, kommt nicht von ungefähr. Dem Ensemble der fünf Darsteller gelingt eine Interpretation, die berührt, zu Herzen geht. Es sind gesellschaftskritische, historische, aber auch intuitive, emotionale Facetten, die fesseln. Es sind auf allen Seiten, auch auf der etwas spröden des Friedrich Emil Welti, Macht und Differenziertheit des sprachlichen Ausdrucks, der Mimik und Gestik, die zum Publikum sprechen und es erreichen.
Lukas Hartmann mit der Erzählung, Markus Keller – und das ganze Backstage-Team – mit der Bühnenfassung und der hellen, einfachen Spielraumgestaltung, sie haben die besten Voraussetzungen dazu geschaffen.
Von links: Karl Stauffer-Bern (Simon Käser), Lydia Welti-Escher (Nicola Trub)
Aufführungen bis 19. April 2019.
Alle Bilder: © Severin Novacki