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1990 war ein Jahr der Verheißung nach dem langen Kalten Krieg. Die liberalen Demokratien hatten sich scheinbar endgültig gegen ihre totalitären Feinde durchgesetzt. Demokratie und Rechtsstaat ermöglichten dem freien Individuum, auf weltweiten Märkten den allgemeinen Fortschritt zu befördern. Dauerhaftes Wirtschaftswachstum, wachsender Wohlstand und soziale Gerechtigkeit zählten zu den Versprechungen. Das Wohlergehen der Nationen würde den Weltfrieden in einer gemeinsamen Völkerrechtsordnung begründen, in der jeder Mensch das Recht auf Verwirklichung und Anerkennung erhielt.
Doch wie lassen sich die hehren Prinzipien des liberalen Universalismus für 8 Milliarden Menschen umsetzen? Schützt die Berufung auf allgemeine Rechte nicht gerade die Privilegierten, die ihren Zugriff auf beschränkte Ressourcen sichern wollen?
Die laufenden und künftigen Verteilungskämpfe orientieren sich nur noch bedingt an herkömmlichen Kategorien etwa der Linken und der Rechten. Über die nationalen Grenzen hinweg bilden sich Lager, die man als Kollektivisten und Individualisten erfassen kann. Sie stehen sich bei schnell zunehmender Polarisierung in einem nicht nur kulturellen »Weltbürgerkrieg« gegenüber.