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Im Ohr-Inneren versteckt sich ein ausgetüftelter Hörapparat. Er ist in zwei Bereiche aufgeteilt: Mittelohr und Innenohr. Das Mittelohr beginnt am Trommelfell und reicht bis zur Hörschnecke (Cochlea). Zwischen diesen beiden Enden sitzen die Gehörknöchelchen. Sie leiten die Schwingung der Schallwellen, die das Trommelfell von aussen erreichen, an die Hörschnecke weiter. Die Hörschnecke kann man sich wie einen aufgerollten Schlauch vorstellen, der mit Flüssigkeit (man nimmt an: Lymphe) gefüllt ist. Die Anschläge der Gehörknöchelchen verursachen kleine Schockwellen, die flink durch die Hörschnecke flitzen. Jede Schockwelle überträgt dabei eine bestimmte Frequenz, abhängig davon, ob es ein hoher oder tiefer Ton ist, der von aussen kommt.
Entlang der Hörschnecke sitzen die Haarzellen, das sind hauchfeine Sinnenssensoren. Für jede hörbare Tonhöhe ist ein Abschnitt dieser Haarzellen reserviert. Erreicht nun die Schockwelle den vorgesehenen Bereich, versetzt sie die aus der Zelle ragenden Sinneshärchen in Bewegung. Dadurch wird die Zelle erregt. Sie gibt einen Botenstoff ab, der zu einem elektrischen Impuls führt. Dieser Impuls wiederum erzeugt im Gehirn dann einen Geräuscheindruck. Jede Haarzelle steht mit bis zu 20 nachgeschalteten Nervenfasern in Kontakt. Und sie stattet ihre Kontaktstellen verschieden mit Kalziumkanälen aus, um nachgeschaltete Nervenfasern unterschiedlich stark zu aktivieren und so das gesamte Lautstärkespektrum abzudecken.
Was die Haarzellen so kostbar macht: Sie sind (bis dato) weder zu reparieren noch zu ersetzen. Der menschliche Körper kann – im Gegensatz zu Arten aus dem Tierreich – die zarten Sensoren nicht nachbilden. Ihre Zahl nimmt bedauerlicherweise langsam und stetig ab – je häufiger man seine Ohren überlastet, desto schneller. «Die Haarzellen reagieren auf gefährdende Stressreize jeglicher Natur mit einer metabolischen (stoffwechselbedingten) Stressantwort», erklärt Privatdozentin Dr. Vesna Petkovic, Department Biomedizin/Innenohrforschung an der Universität Basel. Es komme zur Aktivierung zellulärer Automatismen, daraufhin folgen kaskadenartige, synchron auf mehreren zellulären Ebenen ablaufende biochemische Prozesse, die zum Zelltod führen können.
Das menschliche Ohr besitzt je eine Reihe innerer und eine Reihe äusserer Haarzellen, insgesamt zwischen 16 000 und 24 000 der feinen Sinnessensoren.
Diese biochemischen Vorgänge sind gut untersucht. «Im Tiermodell konnte man das Cortische Organ isolieren und erkennen, welche molekularen Vorgänge bei der Schädigung und beim Absterben der Zellen eine Rolle spielen. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage für neue propyhlaktische und therapeutische Massnahmen», so Dr. Petkovik: Forscher stimulieren Faktoren zum Überleben der Haarzellen und blockieren mit relevanten Substanzen den Stressweg, um so die Zellen zu schützen.
Interessant dabei sind die Antioxidanzien: «Das sind wirksame Blockatoren. Sie fangen toxische freie Radikale und reaktive Sauerstoffspezies (ROS) ab, wodurch Schädigung und Verlust der Haarzellen reduziert werden können. Zu diesen sogenannten Radikalfängern gehören u.a. Vitamin E, Alpha-Liponsäure, Resveratrol, CoQ10, Omega-3, Quercetin, Phenyl-N-tert-butylnitron (PNB) und mitochondriale Biogenese-Verbindungen wie Acetyl-LCarnitin.»
In klinischen Studien werden die Wirkstoffe unter anderem als gelbasiertes Medikament angewendet und mittels Injektionen durchs Trommelfell im Mittelohr platziert, wodurch sie in direkten Kontakt mit dem ovalen Fenster der Cochlea respektive den Haarzellen kommen. «Auch bei akuten Fällen, z.B. bei einem Knalltrauma, hat sich die Applikation von Antioxidationsmitteln bewährt», so Dr. Petkovic.
Die Wirkung von oralen Gaben, also der Einnahme dieser Substanzen, sei wohl nicht so effizient. «Es ist noch nicht so ganz klar, ob die Wirkstoffe dann auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden», gibt Dr. Petkovic zu bedenken.
Seit Jahren forschen Wissenschaftler zudem an der Möglichkeit, verlorene Haarzellen im Innenohr durch Stammzellen zu ersetzen: Entweder mittels Gen-Therapie, bei der benachbarte Stützzellen in Haarzellen umgewandelt werden respektive deren Funktion übernehmen oder mithilfe Transplantation von Stammzellen ins Corti-Organ (was aus ethischer Sicht fragwürdig ist). «Die Probleme dabei sind das Überleben der Zellen, ihre Integration und Differenzierung», so Dr. Petkovic, zudem könne es theoretisch zu Tumorbildungen kommen. «Aufgrund dieser Einschränkungen sind weitere Forschungsansätze notwendig», betont sie.
Das Tückische am Verlust der Haarzellen ist, dass dieser Prozess schleichend verläuft: «Lange Zeit merkt man nichts davon und gewöhnt sich an die langsam abnehmende Hörfähigkeit», so Dr. Petkovic, «das ist quasi ein schleichender Tod im Ohr». Gerade Kinder und Teenager seien kaum in der Lage, einen Hörschaden zu erkennen. Alarmierend: Bei jungen Menschen zwischen 15 und 35 Jahren hat die Hörhilfeversorgung zwischen 2010 und 2017 um beinahe ein Drittel zugenommen. «Der Prävention kommt darum eine ganz wichtige Rolle zu», sagt die Wissenschaftlerin. Während für die meisten Menschen ein Sehtest Routine sei, kümmerten sich viel zu wenige regelmässig um ihr Gehör. «Je früher man einen Hörverlust feststellt, desto besser sind die Chancen, weiteren Schäden vorbeugen zu können.» Empfehlenswert findet Dr. Petkovic im Hinblick darauf z.B. die App «Mimi»: Die Nutzer können einen Hörtest machen und auch gleich die Musik auf dem Smartphone ans eigene Gehör anpassen.
Hören ist natürlich mehr als eine rein akustische Angelegenheit – es ist ein kognitiver Prozess, der nicht nur im Ohr stattfindet. Und so geht es bei der Behandlung von Hörverlusten sinnvollerweise nicht nur um besseres Hören, sondern auch um ein besseres Verstehen des Gehörten. Üben lässt sich das mittels Hörtraining und Lerncomputer. Solch ein Programm wird in der Schweiz z.B. von einem Institut für Gehörtherapie angeboten; dabei werden auch mehrere Hörgeräte ausprobiert.
Einen anderen Ansatz verfolgt der in Deutschland lebende Schweizer Unternehmer Anton Stucki, Entwickler des «Naturschallwandlers»* und eines therapeutischen Verfahrens zur Hörregeneration («Besser hören, leichter leben», AT Verlag, 2018). Ihm geht es darum, die natürliche Hörfähigkeit wiederherzustellen. Dazu hat er verschiedene Übungen konzipiert, welche auf die Eigenregulation des menschlichen Körpers zielen. «Der Ansatz geht über die rein mechanische Vorstellung hinaus, dass Schädigungen... im Ohr, z.B. geknickte Härchen im Innenohr, verantwortlich für den Hörverlust sind und diese Schädigung eine Hörverbesserung unmöglich macht», schreibt er in seinem Buch.
«Wir können den Hörsinn wieder aufbauen, indem wir die akustische Ortung und Verarbeitung der Hörinformationen im Gehirn trainieren», so Stuckis These. Durch geführte Bewegungen sowie Ausrichtung und Balancierung der Körpergeometrie lernt man in einem «Basisverfahren», die eigene Hörwahrnehmung zu justieren.
Als Bezugspunkt und natürliche Schallquelle dient ein laufender Wasserhahn, an dessen Rauschen es sich während diverser Übungen zu orientieren gilt. Später kommt Gesang als Klangquelle hinzu. Geübt wird jeweils mit Unterstützung einer Begleitperson.
Anton Stucki verfolgt mit seiner Methode das ehrgeizige Ziel, «das Hörfeld, die Hörschwelle wieder so weit aufzubauen, dass Hörgeräte nicht mehr gebraucht werden ... Ziel ist es, wenn irgend möglich, auf das Hörgerät ganz zu verzichten und wieder die eigene natürliche Hörfähigkeit aufzubauen.» Dass dies ein langwieriger Prozess sein kann, der kontinuierlicher Arbeit bedarf, ist Stucki bewusst.
Was für ihn zählt, ist, selbst aus der reduziertesten Hörfähigkeit noch das Maximum herauszuholen: «Lerne ich, aus diesem so gut wie immer vorhandenen Restimpuls oder der Restinformation der geknickten Härchen die Eindrücke vollständiger zu verarbeiten, dann höre ich wieder besser.»
*Klangsystem, mit dessen Hilfe künstlich erzeugter Schall genauso verbreitet wird wie Schall in der Natur. Während Lautsprecherboxen flächig abstrahlen, breitet sich der Schall in der Natur immer von einem Punkt in alle Richtungen aus. Durch einen «Naturschallwandler» lasse sich ein geschwächtes Gehör gezielt trainieren und verbessern. Anton Stucki arbeitet mit Medizinern und Akustikern daran, die Therapieerfolge durch Versuchsreihen auch wissenschaftlich belegen zu können.