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Auswandern und Weinbauern werden– das war der gemeinsame Traum der Familie Marty aus dem Thurgau. 1999 kaufte die Familie ein altes Weingut in Südfrankreich und stürzte sich ins Abenteuer.
"Unsere drei Töchter standen damals jede für sich vor einem neuen Lebensabschnitt", erzählt Irma Marty. "Sie hatten die obligatorische Schulzeit, die Kantonsschule oder die Primarschule beendet. So oder so hätten sie ihren Freundeskreis wechseln müssen."
Dazu kam, dass Vater Balz Marty im Alter von 56 Jahren seinen Job verloren hatte. "Jetzt noch einen Neuanfang wagen in der Schweiz, das ist sehr schwierig, haben wir uns damals gesagt", so Irma Marty. "Wenn jemand 50 gewesen ist, dann ist er auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr Wert. Für uns war klar, dass das ein Signal für einen Wechsel zum Auswandern war."
"Ich wollte schon im Alter von 13 Jahren in die Landwirtschaft einsteigen", sagt Alexandra Marty, die jüngste Tochter. - "Weinbau und Auswandern, das war für die Kinder ein Abenteuer, sie haben sich darauf gefreut", bestätigt ihre Mutter Irma.
1999 kaufte die Familie ein heruntergekommenes Weingut in Südfrankreich, genauer im Languedoc-Roussillon, in der Nähe des Dorfes Lézignan-Corbières. "Wir kannten die Gegend von unseren Ferien her und haben uns im Dorf nach geeigneten Objekten erkundigt", erzählt Irma Marty. "Es war nicht einfach, etwas zu finden. Im Dorf hatte es zwar viele Treuhandbüros, doch die hatten fast nur Ruinen im Angebot."
Ausbildung zu Winzerinnen
Die "Domaine des Espérances" bestand damals aus Reben und einem baufälligen Stall. Es hatte weder Strom, noch Wasser. Die ersten Jahre verbrachte Balz Marty allein mit seinen Töchtern auf dem Weingut. Sie bauten den Stall zu einem Wohnhaus aus, rodeten einen grossen Teil des erworbenen Terrains, pflanzten neue Reben, lernten Traktor fahren, suchten und fanden eine Quelle. Irma Marty blieb in der Schweiz und kehrte in ihren angestammten Beruf als Krankenschwester zurück, "damit ich die Familie unterhalten konnte".
Zwei der Marty Töchter, Chantal und Alexandra, besuchten in Carcassonne das Landwirtschafts-Technikum und liessen sich zu Winzerinnen ausbilden, die älteste Tochter, studierte an der Universität Montpellier Biologie mit Schwerpunkt Weinbau.
Maschinen machen Mus
Balz Marty habe am Anfang "keine Ahnung vom Weinbau" gehabt, erzählt seine Frau. "Wir waren auf die Weinbauern in der Nachbarschaft angewiesen. Ein Nachbar hat meinem Mann gezeigt, wie man Traktor fährt, mit den andern Maschinen umgeht, die Reben schneidet und erntet. Das theoretische Wissen hat er sich angeeignet, indem er sehr viele Bücher gelesen hat."
Von Beginn weg setzte die Familie auf biologischen Weinbau. "In der Schule haben sie unsere Töchter deswegen manchmal ausgelacht. Für die Leute hier ist klar: Wer Bio-Weinbau betreibt , ist Ausländer", sagt Irma Marty: "Wir lesen unsere Trauben zudem ausschliesslich von Hand. Bio und Maschinenlese, das ist ein Fauler Trick, ein Witz. Das regt uns auf. Das kann man lange schön reden. Bei der Maschinenlese werden die Stöcke gerüttelt und geschüttelt, dass es einem leid tut. Mehr als die Hälfte der Trauben bleibt hängen. Die Andern werden zu einem Mus zerdrückt, und es ist unmöglich, die Trauben zu sortieren."
Verkauf von der Schweiz aus
Seit einigen Jahren hat sich der Familienbetrieb eingespielt. "Chef ist der Vater. Er ist die zentrale Figur und hat das Ganze in den Fingern. Im Alltag teilen wir die Arbeiten jedoch spontan auf", sagt Alexandra Marty. "So langsam haben unsere Weine einen Namen. Der Kundenkreis wird immer grösser und breiter", so ihre Mutter Irma, die seit Frühjahr 2010 auch auf dem Weingut lebt.
Zurück in die Schweiz gezogen ist vor fünf Jahren hingegen die älteste Tochter, Chantal. Sie betreut den Verkauf, denn die meisten Kundinnen und Kunden sind Schweizer.
Hinderliche AOC-Regeln
Grundsätzlich gefalle ihnen die Freiheit hier mitten in der Natur, in einem wenig besiedelten Gebiet, sagt Irma Marty. "Das haben wir auch gesucht und wir halten uns aus dem Trubel raus. Stressig sind höchstens die geschäftlichen Aspekte des Weinbaus, der Papierkram und der Umgang mit den Behörden. Die Bürokratie ist enorm, viele Regeln entbehren jeglicher Logik, das empfinden wir zuweilen als eine Schikane."
Die Region Lézignan-Corbières ist immer noch von den Genossenschaften und ihren billigen Massenweinen geprägt. Entsprechend sehen die Vorschriften für die kontrollierte Ursprungsbezeichnung (AOC) eine gewisse Anzahl an Rebstöcken pro Hektare vor, was den Ansprüchen des Qualitätsweinbaus diametral entgegensteht. "Wir halten uns nicht an diese Regeln, denn unsere Rebstöcke sind zu wenig dicht gesetzt. Darum wird unser Wein deklassiert und darf nicht als AOC-Wein verkauft werden, obschon er besser ist", sagt Alexandra Marty.
Domaine des Espérances
Das Weingut umfasst 30 Hektaren Land, wovon 14 Hektaren Rebfläche.
Mittlerweile produziert das Familienunternehmen rund 19'000 Flaschen Wein jährlich. Der Schwerpunkt liegt beim Rotwein.
Es liegt rund 50 Kilometer vom Mittelmeer entfernt auf einem Hochplateau auf 140 Metern über Meer oberhalb des Dorfes Lézignan-Corbières.Infobox Ende
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