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Kontroverse
Das Flugblatt "Kontaktforum Zabriskie Point" vom 12. März 1972 brachte erstmals den Begriff "Schwulen-Gewerkschaft" in einem auch nach aussen gerichteten Manifest. Damit benannten die Studenten den Zweck ihrer Organisation.
Im ersten HAZinfo vom Juni 1972 verwendeten die Aktivisten der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich demonstrativ die neue Bezeichnung "schwul". Dies mochte, wie auch das erwähnte Flugblatt, in Anlehnung an Rosa von Praunheim und seinen Film geschehen sein.
Martin Jäggi setzte das Wort ebenso konsequent in seinen Leserbrief an den Tages-Anzeiger, der aber nie dort publiziert wurde und daher im zweiten HAZinfo erschien.1 Dieser Leserbrief war die Entgegnung auf einen Artikel zur Vorführung des Praunheim-Films durch die HAZ, veröffentlicht im Tages-Anzeiger.
Erstmals in einer Tageszeitung erschien in der Zürcher AZ (Abend-Zeitung) vom 27. September 1972 das Wort Schwule als Selbstbezeichnung: "[sie, die Mitglieder der HAZ] bezeichnen sich als Schwule". Dies in einem Bericht über die HAZ, geschrieben von Sibylle Herzfeld: "Nachrichten über eine nach wie vor diskriminierte Minderheit, Homosexualität ist keine Perversion". Die einleitende Passage hiess (vom SOH-Blatt hey übernommen):2
"Man nennt sie beflügelt von wissenschaftlicher Distanz Homosexuelle, Homophile oder Homoerotiker. Im weniger zimperlichen Jargon spricht man von Schwulen, Warmen oder Tunten.
Die Mitglieder der homosexuellen Arbeitsgruppen (HAZ) bezeichnen sich trotz oder gerade wegen des pejorativen Inhalts des Wortes als Schwule; sie wollen sich nicht hinter feinen Vokabeln verstecken, um so als Stein des Anstosses eines sich nur vordergründig liberal gebenden Bürgertums an Schrecken zu verlieren, sie treten für ihr Recht ein, offen und undiskriminiert als Homosexuelle leben zu können."
Zuvor allerdings hatte sich Werner Tanner, Präsident der SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) im Editorial des hey-Heftes vom Juni 1972 negativ geäussert, auch wenn er den Titel setzte "Vom Stolz, schwul zu sein".3 Er argumentierte, dies sei nur ein modisches Schlagwort, das weder den Prozess der Bewusstwerdung unsererseits noch die Verständnisbereitschaft der anderen Seite fördere und nur von einem Ghetto ins andere führe, nämlich
"aus dem Ghetto der Frustrationen, der Minderwertigkeits- und Schuldkomplexe in das Ghetto elitärer Kastenbildung, eigener Überbewertung und des unberechtigten Stolzes auf einen Zustand, für dessen Herbeiführung der Betroffene nicht das Geringste getan hat und auch nicht tun konnte."
Ein Jahr später setzte die hey-Redaktion unter dem Titel "Schwule und andere Minderheiten" ein dezidiertes Zeichen:4
"Mit der Übersetzung eines verpönten Ausdruckes wie das Schimpfwort 'schwul' in wohlklingende Fachwörter wie 'homosexuell' oder gar 'homophil' erreichen wir bestenfalls eine Verschleierung von Problemen unserer Gesellschaft. [...] Wenn Schwule einmal weder als Verbrecher noch als Kranke empfunden werden, wird 'schwul' zweifellos kein Schimpfwort mehr sein. Ob dieser Zustand je erreicht wird, hängt allerdings nicht von einer geschickten Wortkosmetik ab, sondern zuerst von unserem eigenen Engagement."
Ernst Ostertag, Juli 2006