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Vom Kirchenbund zur Kirchengemeinschaft
Im 100. Jahr seines Bestehens wird der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) zur Evangelisch-reformierten Kirche (EKS). Die aufgrund einer Verfassungsrevision erfolgte Änderung ist mehr als ein blosser Etikettenwechsel; sie formuliert den Ausdruck des gemeinsamen Kirche-Seins der evangelisch-reformierten Kirchen auf nationaler Ebene-
Simon Hofstetter
Als die reformierten Kirchen vor 100 Jahren den Kirchenbund ins Leben riefen, so waren dessen Gründungsväter in erster Linie daran interessiert, auf nationaler Ebene eine Interessenvertretung zu installieren, um ein Gegenüber und einen Ansprechpartner für die Bundesbehörden zur Verfügung zu haben. Fragen nach der ekklesialen Gestalt dieses neuen Organismus standen kaum in Zentrum, d.h. der Kirchenbund basierte nicht etwa auf dem «Bundes»konzept nach biblischem Leitbild, sondern war als «Bund freier Kirchen», der das Gegenüber zu den nationalen politischen Instanzen bilden sollte, konstruiert. Die Begriffe der «Verfassung» (als Benennung der Vereinsstatuten) sowie der Eigenname in französischer Sprache («fédération» als Gegenüber zur «confédération») zeugen von der Anlehnung an die politischen Strukturen. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte wurde es immer wieder kritisiert, dass die Grundlagen des Kirchenbundes nicht geeignet seien, um das Verständnis des gemeinsam Kirche-Seins unter den beteiligten Kirchen angemessen zum Ausdruck zu bringen. Der Weg hin zur neuen Verfassung nahm dies auf und verband es mit dem Anliegen, geeignete Strukturen zu finden, damit die reformierte Gemeinschaft auf nationaler Ebene in ihren vielfältigen Bezügen gelebt werden kann.
Die EKS als Kirchengemeinschaft
Per Anfang 2020 ist nun aus dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) die Evangelisch-reformierte Kirche (EKS) geworden. Gemäss Verfassung versteht sie sich als «Gemeinschaft der evangelisch-reformierten und weiterer protestantischer Kirchen in der Schweiz». D.h. die in der EKS verbundenen Kirchen bilden ekklesiologisch gesprochen eine Kirchengemeinschaft, die sich um das gemeinsame Verständnis der Glaubensgrundlage, um möglichst grosse Gemeinschaft in Zeugnis und Dienst und um öffentliche Sichtbarkeit bemüht. Dass sich diese Kirchengemeinschaft selbst als Kirche versteht, verbindet sie mit ihrem Geschwister in Deutschland, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die in ihren Grundlagen formuliert: «Die Kirchengemeinschaft der EKD ist selbst ebenso Kirche wie die ihr zugehörenden Mitgliedkirchen».
Neu in der Konzeption ihrer Gemeinschaft ist, dass sich die EKS zukünftig nicht mehr allein an den parochial organisierten Kantonalkirchen orientiert, sondern auch auf andere Gemeindeformen zugeht, die ein verbindlicheres gemeinsames christliches Leben verwirklichen (Gemeinschaften, Kommunitäten, Missionsgemeinden, u.a.m.). Sie alle sind eingeladen, im Status einer Assoziierung an der EKS mitzuwirken, wobei diese Assoziierung nicht als mindere Form einer Mitgliedschaft zu verstehen ist, sondern den besonderen Bedürfnissen von Gemeinschaften und Kommunitäten entsprechend eine eigenständige Form der Beteiligung ermöglichen soll.
Die EKS als synodal verfasste Kirche
Wenn versucht wird, die Eigenheiten einer Synode zu beschreiben, wird oft der Begriff eines «Kirchenparlaments» herangezogen, zumal Strukturen und Verfahren in reformierten Synoden und politischen Parlamenten analog eingerichtet sind. Die bestehenden Analogien sind mitunter auf mannigfache Wechselwirkungen zwischen den politischen und kirchlichen Leitungsformen seit der Reformation zurückzuführen. Trotz aller Ähnlichkeiten sind jedoch fundamentale Wesensunterschiede zu betonen: Während ein Parlament die Repräsentation der Volksherrschaft darstellt, so ist die Synode hingegen eine «compagnie des fidèles», die durch das verkündigte Evangelium entsteht und lebt.
Wenn das oberste Leitungsgremium der EKS zukünftig Synode genannt wird (früher: Abgeordnetenversammlung), so wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die Synode der nationalen Ebene direkt in eine Verbindung mit den Kirchen und ihren synodalen Systemen gestellt ist und so der Einheit der Kirche und der weltweiten Kirche dient.
Der Verfassung Leben verleihen
Der Anspruch der EKS, die Gemeinschaft der Kirchen auf nationaler Ebene stärker zum Ausdruck zu bringen, kann freilich mit der neuen Verfassung allein nur unzureichend verwirklicht werden. Sie ist auf die Mitwirkung und das kritische Mitdenken von Ordinierten und Laien, professionellen Angestellten, Ehrenamtlichen und Freiwilligen sowie Menschen jeglicher Herkunft angewiesen, die alle das gemeinsame Interesse vertreten, der Gemeinschaft auf nationaler Ebene durch gemeinsames Handeln und gemeinsames Zeugnis ihre sichtbare Gestalt zu verleihen.