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Das Paradies als «Himmel auf Erden» – eine Spurensuche
Wo liegt bloss das Paradies?
Das Wort «Paradies» haben die Israeliten aus ihrem Exil in Babylon übernommen; es geht auf persische Wurzeln zurück und fand auch Eingang in die griechische Sprache.
Die hebräische Bibel spricht von «gan eden», zu Deutsch «Garten Eden». Dieser Garten wurde in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments mit parádeisos en Edem, Paradies in Eden, wiedergegeben. Bei der Vertreibung aus dem Paradies wurde mit parádeisos tês tryphês, Paradies der Wonne, übersetzt. Damit sollte wohl hervorgehoben werden, dass das Paradies ein Ort jenseits der irdischen Mühsale war. Adam und Eva wurden erst nach der Vertreibung aus dem Paradies mit Gebären und mit dem Tod konfrontiert. Ein Engel versperrte fortan den Zugang zum Baum des Lebens.
Das Paradies als jenseitige Welt
In den Jahrhunderten vor Christus wurde das Paradies mehr und mehr als jenseitige Welt verstanden. Dies war auch bedingt durch die Mythologie und Metaphysik der Griechen, die ein himmlisches Elysion kannten und die sichtbare Welt als Abbild einer unsichtbaren deuteten. Weil die himmlische Urheimat verloren und nicht mehr zugänglich war, interessierte man sich mehr an der Wiederbringung des
Paradieses als himmlischer Ort für die Rechtschaffenen, vor allem für Märtyrer, die im Kampf gegen Rom ihr Leben verloren hatten.
In den neutestamentlichen Schriften dominiert dieses jenseitige Verständnis des Paradieses. Paulus hält den Ekstatikern in Korinth entgegen, dass auch er bis in den dritten Himmel, das Paradies, entrückt wurde und dort Dinge vernahm, die er hier nicht aussprechen könne. Nach Lukas sprach der gekreuzigte Jesus zu dem neben ihm gekreuzigten Räuber, dass er noch heute mit ihm im Paradies sein werde.
In der Apokalypse wird die künftige Welt als Stadt, als Neues Jerusalem, umschrieben, doch im letzten Kapitel folgt die Wiederbringung des Paradieses mit Bäumen des Lebens, die monatlich Frucht tragen: «Und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.»
In der frühen Kirche standen sich zwei Auslegungstraditionen gegenüber, eine eher allegorische und eine wörtliche. Die allegorische Sicht interpretierte das Paradies als ideale Welt, welche durch den Sündenfall verloren ging. Die andere sah im Paradies den historischen Anfang der Menschheit. Für die westliche Kirche wurde die Verbindung dieser Sichtweisen durch Augustinus massgebend. Er deutete die Sieben-Tage-Schöpfung von Genesis 1 als geistig- ideale Schöpfung, welche Gott dann in Gene---
sis 2 mit dem Garten Eden und der Erschaffung Adams, der Tiere und Evas real werden liess. Das Paradies musste sich also irgendwo auf der Erde befinden, sodass ab dem 5. Jh. in der westlichen Christenheit auch geografisch nach dem Ort des Paradieses gefragt wurde.
Das Paradies am Rand der Erde
Die Weltkarten im Mittelalter waren allerdings noch keine bloss geografischen Bestandauf-nahmen der Erde. Sie sind eher als Schaubilder für die in der Schöpfung wirkenden Kräfte anzusehen. Die aufgrund der antiken Schriftsteller bekannten Kontinente Afrika, Asien und Europa prägten die Geografie, welche zusätzlich mit der christlichen Heilsgeschichte ergänzt wurde. Die Schöpfung war gehalten von Christus, dem Schöpfungswort. Das Paradies und der Sündenfall wurden meist am Rand der Erde lokalisiert; im Zentrum stand Jerusalem, da ausgehend vom Ort der Auferstehung Christi sich die Kräfte für die Heilung entfalten.
Mit Kolumbus und der Erschiessung der Weltmeere kam in Europa ein neuer Typus von Kartografie auf. Vom Anfang des 15. Jhs. bis zur Reformation war man bestrebt, möglichst exakte Weltkarten zu entwerfen. Das Paradies platzierte man – wenn überhaupt – ausserhalb der irdischen Sphäre in ein Medaillon. Die Geografie sollte nicht mehr mit der Geschichtsentwicklung der Menschheit vermischt werden.
Spuren des Paradieses am Euphrat
Interessanterweise brachte die Reformation das Interesse an der Lokalisierung des Paradieses zurück. Daran hatten Luther wie auch Calvin wesentlich Anteil. Auch der St.Galler Reformator Vadian hat mit grosser Leidenschaft eine rationale Genesisinterpretation mit dem geografischen Wissen seiner Zeit verbunden.
Für Luther war die ganze Erde als Paradies erschaffen worden. Dann aber sei diese paradiesische Erde durch den Sündenfall und die
Sintflut so weit verändert und zerstört worden, dass vom Paradies der Wonne nichts mehr
übrig blieb. Die vier Paradiesesströme wurden trüb und die Natur und der Mensch dem Verfall preisgegeben. Seither seufzt die ganze Schöpfung (Römer 8). Sie warte auf ihre Erlösung und Wiederherstellung. Luthers wörtliche Interpretation der Bibel liess jedoch ein Tor offen für eine neue Kartografie des Paradieses.
Im 16. Jahrhundert tauchten neue Paradieseskarten auf – ausgehend von Calvins Auslegung der Schöpfungsgeschichte. Der Genfer Reformator war überzeugt, dass nicht nur im Menschen Spuren der Gottebenbildlichkeit auffindbar sind, sondern auch in der Schöpfung Spuren des Paradieses. Um auf diese Spuren aufmerksam zu machen, bildete er in seinem Genesiskommentar die Paradiesesströme ab. Er liess sie so durch Mesopotamien fliessen, dass sich zwei Flüsse vor dem ehemaligen Paradies vereinten und danach wieder entzweiten. So fand er den einen Strom, der sich in vier Flüsse teilte.
Eine dem Bibeltext angemessenere Andeutung findet sich auf dem St.Galler Globus von 1570. Aber auch diese scheinbar aus einem Quell entspringenden vier Flüsse haben mit der realen Geografie wenig zu tun. Kritiker von Calvins Theorie legten das Paradies eher in die Berge nach Armenien, andere nach Äthiopien.
Das Paradies als Wonne und Utopie
Eine Wende brachten die Aufklärung und die frühen Ausgrabungen in Mesopotamien. Durch die Entschlüsselung babylonischer Reliefs und Keilschriften wurde bewusst, dass weniger das Paradies selbst hier zu verorten ist als vielmehr die Traditionen, welche die biblische Schöpfungsgeschichte beeinflusst haben. Während bibeltreue Gelehrte das Paradies weiterhin im Zweistromland suchen, forschen moderne Anthropologen nach dem geografischen Ort der ältesten menschlichen Schädelformen.
Jenseits ungebrochener Bibelgläubigkeit und materialistischer Anthropologie zeigen sich heute durch die Zusammenarbeit von Theologie, Mythenforschung, Tiefenpsychologie usw. neue Ausblicke auf das, was Genesis 2 vom Urzustand des Menschen berichtet. Neben wissenschaftlichen Erklärungen interessieren neu auch praktische Anleitungen, wie der Mensch «paradiesische» Erfüllung erlangen kann, sei es im materiellen oder im inneren Leben.
Das verheissene Paradies hat biblisch gesehen auch mit einer besseren Welt zu tun, wie sie Jesus mit dem kommenden Reich Gottes verkündet hat. Von kollektiven Utopien und deren politischer Umsetzungen gab Hölderlin allerdings zu bedenken: «Immer noch haben jene die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen.»
Text: Andreas Schwendener | Bilder: Aus «Vermessung des Paradieses» von Alessandro Scafi und as – Kirchenbote SG, April 2016
Das Paradies in der Bibel, Zitaten und bei andern Völkern
In der Bibel
«Dann pflanzte der HERR, Gott, einen Garten in Eden im Osten, und dort hinein setzte er den Menschen, den er gebildet hatte. Und der HERR, Gott, liess aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Und in Eden entspringt ein Strom, um den Garten zu bewässern, und von da aus teilt er sich in vier Arme.
Der eine heisst Pischon. Das ist jener, der das ganze Land Chawila umfliesst, wo es Gold gibt, und das Gold jenes Landes ist kostbar. Dort gibt es Bdellionharz und Karneolstein.
Und der zweite Fluss heisst Gichon. Das ist jener, der das ganze Land Kusch umfliesst.
Und der dritte Fluss heisst Chiddekel.
Das ist jener, der östlich von Assur fliesst. Und der vierte Fluss, das ist der Eufrat.
Und der HERR, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte.»
Bei den Griechen
Wie die Inder kannten auch die Griechen vier Weltalter, die einander ablösen. Demnach lebten die Menschen einst in einem goldenen Zeitalter wie in einem ewigen Frühling in Einklang mit allem. Diese Harmonie ging mit jedem weiteren Weltalter verloren, bis hin zu Materialismus und Gesetzlosigkeit. Die Rede ist auch von versunkenen Kontinenten wie Lemurien oder Atlantis, wo Menschen noch mit höheren Kräften ausgestattet gewesen sein sollen. Neben geschichtlichen Ursprungs- und Endzeitmythen kennen die Religionen auch aktuell zu erlangende «Paradiese», sei es durch Mediation wie im Buddhismus oder in den monotheistischen Religionen durch Glaubenspraktiken schon im Diesseits oder durch ein gutes Leben später im Jenseits.
Zitate
«Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat.»
Aus Persien
«Vier Menschen schauten das Paradies. Der eine sah es und starb. Der andere schaute und wurde irrsinnig. Der dritte schaute und wurde ein Verräter. Der vierte ging in Frieden und kam zum Frieden.»
Talmud
«Den Garten des Paradieses betritt man nicht mit den Füssen, sondern mit dem Herzen.»
Bernhard von Clairvaux, (1091–1153)
«Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: Sterne, Blumen und Kinder.»
Dante Alighieri (1265–1321)
«Heut schliesst er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür.» Weihnachtslied von N. Herman (1500–1561)
«Immer noch haben jene die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen.» Johann Chr. Fr. Hölderlin (1770–1843)
«Adam und Eva konnten das Paradies nur verlieren, weil es ihnen geschenkt war.»
Christian Friedrich Hebbel (1813–1863)
Jung einst, sang ich dies,
sang’s durch Wald und Wiese:
Gibt’s kein Paradies,
gibt’s doch Paradiese!
Heimlich manches Plätzchen
mahnte mich daran,
wo ich durch mein Schätzchen
holde Gunst gewann.
Friedrich Martin von Bodenstedt (1819–1892)
Die Furcht vor der Hölle ist die Hölle selbst, und die Sehnsucht nach dem Paradies ist schon das Paradies.
Khalil Gibran (1883–1931)