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Klimawandel
Seit dem 23.02.2024 gelten für eine Reihe von ISO-Managementsystem-Normen zwei neue Anforderungen im Abschnitt 4.1 über den Kontext der Organisation und in 4.2 über Erfordernisse und Erwartungen interessierter Parteien. Es sollen Überlegungen zum Klimawandel einbezogen werden.
Die Normergänzungen können im ISO-Store gratis bezogen werden (s. u.).
Kontakt
Heinrich A. Bieler
Head of Division Certifications
E-Mail: <email-pii>
Veranlassung
Die Londoner Erklärung zur Bekämpfung des Klimawandels durch Normen, wurde von allen ISO-Mitgliedsorganisationen auf der Generalversammlung 2021 angenommen und definiert die Verpflichtung der ISO zur Umsetzung der globalen Klima-Agenda.
Auf der Sitzung des Technischen Lenkungsausschusses der ISO am 19. September 2023 stimmte das TMB (Technical Management Board) zu, dass in den übergeordneten ISO/IEC-Direktiven Anhang SL ein Zusatz zum Klimawandel eingetragen wird (genau: Teil 1, Konsolidierter ISO-Zusatz, Anhang SL, Anlage 2 (Harmonisierte Struktur für MSS (Managementsystemnormen)). Das bedeutet, für alle ISO-Normen für Managementsysteme wird ein Amendment veröffentlicht, um diese Änderung des Anhangs SL bekannt zu machen.
Am 23.02.2024 hat ISO zusammen mit IAF ein Kommuniqué über den Einbezug des Klimawandels in Managementsystem-Normen publiziert. Der Zweck dieses Kommuniqués ist es, auf die Veröffentlichung der «Climate Action Amendments» zu bestehenden und neuen ISO-Normen für Managementsysteme (MSS) aufmerksam zu machen.
Damit soll sichergestellt werden, dass Fragen des Klimawandels von der Organisation im Zusammenhang mit der Wirksamkeit des Managementsystems berücksichtigt werden, zusätzlich zu allen anderen Aspekten. Diese ergänzten Aussagen in jeder Managementsystemnorm stellen sicher, dass dieses Thema nicht übersehen, sondern von allen Organisationen bei der Gestaltung und Umsetzung des Managementsystems berücksichtigt wird.
Die Änderungen
Die Änderungen bestehen aus zwei hinzugefügten Aussagen:
Ab sofort müssen bei einem Audit von Managementsystemen durch Zertifizierungsstellen, diese zwei Punkte zusätzlich auditiert werden.
Die zusätzlichen Anforderungen betreffen 31 bestehende Normen. Dazu gehören die oft angewendeten Normen:
ISO 9001:2015, ISO14001:2015, ISO 20000-1:2018, ISO 21001:2018, ISO 22000:2018, ISO 22301:2019, ISO/IEC 27001:2022, ISO 45001:2018, ISO 50001:2018.
IAF wird für Zertifizierungsstellen noch Weisungen erlassen.
Erläuterungen
Es handelt sich nicht um neue Anforderungen, sondern um eine Präzisierung. Die allgemeine Absicht der Anforderungen der Abschnitte 4.1 und 4.2 bleibt unverändert. Diese Abschnitte beinhalten bereits die Notwendigkeit für die Organisation, alle internen und externen Aspekte zu berücksichtigen, die die Wirksamkeit ihres Managementsystems beeinflussen können.
Die neuen Elemente sollen sicherstellen, dass der Klimawandel im Managementsystem berücksichtigt wird. ISO will damit zum Ausdruck bringen, dass der Klimawandel ein externer Faktor ist, der für die Gesellschaft wichtig genug ist, um von den Organisationen zu verlangen, ihn zu berücksichtigen.
Es ist zu beachten, dass sich der Klimawandel auf jede Art von Managementsystem anders auswirken kann. Die Auswirkungen auf ein Qualitätsmanagementsystem können beispielsweise ganz anders sein als die auf ein Arbeitssicherheits-Managementsystem.
Die Änderungen zielen nicht darauf ab, beispielsweise ein Audit des Managementsystems für Arbeitssicherheit oder ein Audit des Sicherheitsmanagementsystems im Strassenverkehr zu einem Audit zu machen, das den Klimawandel unverhältnismässig stark berücksichtigt, womit natürlich die Bedeutung des Klimawandels nicht unterschätzt werden soll.
IAF und ISO möchten betonen, dass der Klimawandel ein wichtiges Thema ist, und dass die Hinzufügung von Klimaaspekten sehr wichtig ist. Die Normen für Managementsysteme haben bisher schon die Notwendigkeit beinhaltet, dass alle Themen, die das Managementsystem betreffen, von der Organisation berücksichtigt werden müssen. Daher haben viele Organisationen, die ein Managementsystem implementiert haben, den Klimawandel bisher bereits in Betracht gezogen.
Das Thema wird in den Audits angesprochen. Die Normversion ändert nicht. Es werden keine neuen Zertifikate ausgestellt.
Schlussfolgerungen
Die Massnahme erscheint etwas hektisch und unkonventionell, wenn man das Verfahren für die Weiterentwicklung der ISO-Normen betrachtet. Aufgrund der «ISO London Declaration» (24.09.2021), sah man sich wohl aufgefordert sichtbare Massnahmen zu ergreifen.
Es ist keine Übergangsfrist vorgesehen.
Die angefügten Anforderungen verlangen nicht den Einsatz einer bestimmten Methode und sind vage formuliert.
Grundsätzlich sind Einflüsse durch den Klimawandel aus dem Kontext und den Forderungen von interessierten Parteien bisher schon in den Normen eingeschlossen, falls diese relevant sind. Durch die Ergänzungen muss der Klimawandel namentlich erwähnt werden.
Den Einfluss auf die Organisationen allein daran auszurichten, was die Zunahme der durchschnittlichen Temperatur um mehr als 1,5 °C für direkte Folgen hätte, greift sicher zu kurz. Andererseits, hinter jeder Tätigkeit einer Organisation einen Einfluss auf das Klima zu sehen, geht zu weit. Die Einflüsse durch das Umfeld insgesamt und die interessierten Parteien sind vielfältig. Es ist mit neuen Gesetzen zu rechnen (Klimaschutzgesetz), Lieferanten können Produkte verändern (Circular Economy, Recycling, Upcycling), Transportkosten können steigen, Transportwege können beeinflusst werden. Kunden können Anforderungen stellen (CO2 neutrale Produktion) etc.
Millionen von Organisationen haben eine oder mehrere der ISO-Managementsystemnormen in einer Vielzahl von Wirtschaftszweigen, in verschiedenen Arten und Grössen von Organisationen, die unter unterschiedlichen geografischen, kulturellen und sozialen Bedingungen tätig sind, eingeführt und sind nach diesen zertifiziert. Der Klimawandel ist ein Thema, das sich auf viele verschiedene Bereiche einer Organisation auswirken kann: Lieferketten, Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeitenden, Verfügbarkeit und Nutzung von Ressourcen und Energie, Geschäftskontinuität und Widerstandsfähigkeit, Anlagenmanagement und Erfüllung von Kunden-, Verbraucher- und Vertragsanforderungen sowie anderer Erwartungen der relevanten Interessengruppen.
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Überlegungen zum Klimawandel auf Organisationen beschränkt sind, die sich für die Einführung eines Umweltmanagementsystems wie ISO 14001 entschieden haben. Tatsächlich sind die meisten Organisationen wahrscheinlich auf die eine oder andere Weise vom Klimawandel betroffen und müssen sich möglicherweise an ihn anpassen, um ihre Ziele und ihren strategischen Zweck weiterhin zu erfüllen. Organisationen können sich auch dafür entscheiden (oder von relevanten interessierten Parteien dazu aufgefordert werden), Massnahmen zur Abschwächung des Klimawandels im Rahmen ihrer Tätigkeiten zu ergreifen. Beide Elemente, Anpassung an den Klimawandel und Abschwächung des Klimawandels, werden nun in der harmonisierten Struktur für Managementsysteme behandelt.
Für die Anwender von Managementsystemnormen ist die Bestimmung der Themen, die für ihren Anwendungsbereich und Zweck relevant sind, keine neue Anforderung. Viele Organisationen haben bereits darüber nachgedacht, wie sich der Klimawandel auf ihr Geschäft auswirken kann, und haben festgestellt, ob es sich um ein relevantes Thema handelt, das in ihrem speziellen Kontext behandelt werden muss oder nicht. Dies wird wiederum in ihre Richtlinien und Ziele eingeflossen sein und als Teil ihrer Risiko- und Chancenmanagementprozesse umgesetzt werden.
Für Organisationen, die jetzt zu verstehen beginnen, wie sich die Anpassung an den Klimawandel und die Abschwächung des Klimawandels auf ihre Tätigkeiten auswirken könnten, wird diese Änderung im Text der Harmonisierten Struktur zusätzliche Motivation sein.
Umsetzung
Die Konsequenzen aus den Ergänzungen sind für jede Organisation unterschiedlich. Es geht darum mit geeigneten Massnahmen die Situation zu analysieren, um die Relevanz der Themen zu bestimmen und anschliessend Massnahmen umzusetzen:
4.1 Verstehen der Organisation und ihres Kontextes
Die Organisation muss ermitteln, ob der Klimawandel ein relevantes Thema ist.
Vorgehen: Die Organisation schliesst den Klimawandel als externes Thema in die Analyse ein. Die Organisation macht dazu eine Aussage in der Managementbewertung.
4.2 Verstehen der Erfordernisse und Erwartungen interessierter Parteien
ANMERKUNG: Relevante interessierte Parteien können Anforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel haben.
Vorgehen: In der Analyse der Anforderungen der interessierten Parteien müssen auch die Bedürfnisse und Forderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel berücksichtigt werden.
Aus der Analyse ergibt sich die Notwendigkeit von Massnahmen, die festzulegen und umzusetzen sind. Das entspricht dem bekannten Vorgehen im Verbesserungsmanagement (Stichwort: PDCA).
Die Organisation macht eine Aussage in der Managementbewertung.
Ergänzende Leitlinien
Die Auseinandersetzung mit dem Kontext und den interessierten Parteien ist Aufgabe der Führung einer Organisation. Sie gehört zu den grundlegenden Überlegungen und liefert Informationen zum Festlegen der Vision, der Mission, dem Leitbild/der Politik und der Strategie. Die Erfahrung der letzten Jahre aus vielen Audits zeigt, dass sich viele Organisationen mit diesen zwei Themen schwertun. Kontext und interessierte Parteien werden vermischt. Der Kontext wird kaum beachtet, obwohl dazu sicher in jeder Beschreibung über die Strategie etwas steht. Das Thema der interessierten Parteien wird zu wenig umfassend analysiert und die daraus abgeleiteten Massnahmen sind nicht erkennbar verbunden. Es wird zu wenig erkannt, dass es um zwei Themen geht, die von der Führung zu behandeln sind und die sich auf viele Tätigkeiten in der Organisation auswirken sollten.
Wenn man z. B. zu Lieferanten ein gutes Verhältnis pflegen will, sollte das in der Kommunikation und in der Interaktion erkennbar sein. Lieferanten sollten pünktlich bezahlt werden und als Folge davon in der Liquiditätsplanung entsprechend berücksichtigt sein. Wenn behördliche Vorschriften einen grossen Einfluss haben, sollten Entwicklungen so verfolgt werden, dass Veränderungen früh erkennbar werden und man sich darauf einstellen kann. Es gibt noch viele weitere Beispiele.
Kontext
Die Organisation muss externe und interne Themen bestimmen, die für ihren Zweck und ihre strategische Ausrichtung relevant sind und sich auf ihre Fähigkeit auswirken, die beabsichtigten Ergebnisse ihres Managementsystems zu erreichen.
Die Organisation sollte bestimmen, welche externen und internen Themen zu Risiken für ihren nachhaltigen Erfolg oder Chancen zur Verbesserung des nachhaltigen Erfolgs führen können.
Die Organisation muss Informationen über diese externen und internen Themen überwachen und überprüfen.
Die Absicht ist es, für ein grundsätzliches konzeptionelles Verständnis wichtiger Themen zu sorgen, die, in positiver wie negativer Hinsicht, die Art und Weise beeinflussen können, wie eine Organisation ihre auf das jeweilige Managementsystem bezogenen Verpflichtungen steuert und umsetzt. Themen sind etwa Schwerpunkte für die Organisation, Probleme, die zur Debatte und Diskussion stehen oder sich verändernde Umstände, die sich auf die Fähigkeit einer Organisation auswirken, die beabsichtigten Ergebnisse zu erreichen, die sie für ihr Managementsystem festgelegt hat.
Beispiele für interne und externe Themen, die im Kontext der Organisation bedeutend sein können, umfassen z. B. für Umweltmanagementsysteme: Umweltzustände mit Bezug auf Klima, Luftqualität, Wasserqualität, Bodennutzung, bestehende Kontamination, Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen und Biodiversität, die entweder den Zweck der Organisation beeinflussen können oder durch die Organisation beeinflusst werden.
Ein Verständnis vom Kontext einer Organisation dient dem Aufbau, der Verwirklichung, Aufrechterhaltung und der fortlaufenden Verbesserung ihres Managementsystems. Die internen und externen Themen, können zu Risiken und Chancen für die Organisation oder für das Managementsystem führen. Die Organisation bestimmt diejenigen, die betrachtet sowie gesteuert und überwacht werden müssen.
Es ist nicht mit der Darstellung des Kontextes getan. Es müssen die daraus folgenden Massnahmen umgesetzt werden. Der Kontext hat einen Einfluss auf die Betrachtung der Risiken und Chancen, auf die Planung von Massnahmen, auf die Ziele, auf die Unterstützung (Ressourcen, Kompetenzen, Bewusstsein und Kommunikation) sowie den Betrieb, die Managementbewertung und auf Verbesserungsprozesse.
Bei der Betrachtung externer und interner Themen sollte die Organisation relevante Informationen aus der Vergangenheit, ihre aktuelle Situation und ihre strategische Ausrichtung berücksichtigen.
Basierend auf der Bestimmung dieser Themen sollte die oberste Leitung entscheiden, welche dieser Risiken und Chancen angegangen werden sollen, und die Einrichtung, Umsetzung und Aufrechterhaltung der notwendigen Prozesse einleiten.
Die Organisation sollte sich überlegen, wie sie ein Verfahren zur Überwachung, Überprüfung und Bewertung externer und interner Risiken und Chancen einrichtet, um sich vor Überraschungen zu schützen und Chancen zu nutzen.
interessierte Parteien
Interessierte Parteien sind diejenigen, die von einer Entscheidung oder Tätigkeit der Organisation betroffen sind oder sich davon betroffen fühlen können. Die Organisation sollte bestimmen, welche interessierten Parteien relevant sind. Diese relevanten interessierten Parteien können sowohl extern als auch intern sein, einschliesslich Kunden und können sich auf die Fähigkeit der Organisation auswirken, nachhaltigen Erfolg zu erzielen.
Die Organisation sollte bestimmen, welche interessierten Parteien ein Risiko für den nachhaltigen Erfolg der Organisation darstellen, wenn deren Bedürfnisse und Erwartungen nicht erfüllt werden und welche Möglichkeiten diese Parteien zur Verbesserung des nachhaltigen Erfolgs bieten können.
Sobald die relevanten interessierten Parteien identifiziert sind, soll die Organisation ihre relevanten Bedürfnisse und Erwartungen ermitteln und bestimmen, welche davon erfüllt werden sollen, um dann die notwendigen Prozesse einzurichten, um die Bedürfnisse und Erwartungen der interessierten Parteien zu erfüllen.
Die Organisation sollte überlegen, wie sie dauerhafte Beziehungen zu interessierten Parteien aufbauen kann, um Vorteile wie verbesserte Leistung, gemeinsames Verständnis von Zielen und Werten und erhöhte Stabilität zu nutzen.
Von einer Organisation wird ein allgemeines Verständnis (d. h. grundsätzlich, nicht detailliert) der geäusserten Erfordernisse und Erwartungen der von der Organisation als massgeblich bestimmten internen und externen interessierten Parteien erwartet. Die Organisation berücksichtigt das erlangte Wissen, um zu bestimmen mit welchen dieser Erfordernisse und Erwartungen sie übereinstimmen muss oder sich entscheidet, übereinzustimmen, das sind ihre bindenden Verpflichtungen.
Die Bedürfnisse und Erwartungen einzelner interessierter Parteien können unterschiedlich sein, mit denen anderer interessierter Parteien übereinstimmen oder in Konflikt stehen und sich schnell ändern. Die Art und Weise, wie die Bedürfnisse und Erwartungen der interessierten Parteien zum Ausdruck gebracht und erfüllt werden, kann eine Vielzahl von Formen annehmen, zum Beispiel Zusammenarbeit, Verhandlung, Outsourcing oder Beendigung einer Tätigkeit, daher sollte die Organisation die Beziehungen zwischen den interessierten Parteien berücksichtigen, wenn sie deren Bedürfnisse und Erwartungen anspricht. Die Zusammensetzung der interessierten Parteien kann sich im Laufe der Zeit und zwischen Organisationen, Branchen, Kulturen und Nationen erheblich verändern.
Anforderungen interessierter Parteien sind nicht notwendigerweise Anforderungen der Organisation. Einige Anforderungen der interessierten Parteien spiegeln Erfordernisse und Erwartungen wider, die verbindlich sind, weil sie in Gesetzen, Vorschriften, Genehmigungen und Lizenzen durch Regierungs- oder Gerichtsentscheidungen verankert sind. Die Organisation darf anderen Anforderungen interessierter Parteien freiwillig zustimmen oder diese übernehmen (z. B. in eine Vertragsbeziehung eintreten, eine freiwillige Initiative unterzeichnen). Wenn die Organisation sie übernimmt, werden sie zu Anforderungen der Organisation (d. h. zu bindenden Verpflichtungen) und sie trägt diesen bei der Planung des Managementsystems Rechnung.
Die Organisation muss sich bewusst sein, dass Beziehungen zu interessierten Parteien über Personen laufen. Ansprüche der Corporate Governance und Compliance sind dabei zu berücksichtigen.