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Es gibt zwei Bilder von Philosophie, die zueinander in Spannung zu stehen scheinen: Da ist einerseits der Elfenbeinturm, in dem ein einsamer Denker sitzt, umgeben von dicken Büchern, auf der Suche nach Antworten auf höchst abstrakte Fragen. Und da ist andererseits Sokrates, der auf den Marktplatz von Athen geht, und die Bürger aufschreckt, sie aus dem Schlummer ihrer festgesetzten Meinungen mit seinem insistierenden Nachhaken aufrüttelt, das oft genug zu scheinbar ergebnislosen Diskussionen führt.
Die Philosophie ist einerseits eine akademische Disziplin mit ihren eigenen Spielregeln und Qualitätsstandards, die die Objektivität ihrer Antworten sichern sollen. Andererseits ist sie das fortwährende Reflektieren von Fragen, die aus dem menschlichen Alltag kommen, und die Suche nach Antworten, die auch eine sehr subjektive Seite haben können. Manche professionellen Philosophen würden den Begriff lieber für die akademische Tätigkeit reservieren (und ärgern sich, wenn z.B. auf der Homepage eines Friseursalons von dessen "Philosophie" die Rede ist). Dagegen würde ich die These setzen, dass es gerade die Spannung zwischen Elfenbeinturm und Marktplatz ist, die die Besonderheit, die Schwierigkeiten, aber auch den Reiz der Philosophie ausmachen. Das heißt nicht, dass jede einzelne Philosophin ständig zwischen beiden Orten wechseln muss. Aber die Zunft als ganze muss diesen Balanceakt bewältigen, sonst würde etwas für die Philosophie Wesentliches verloren gehen.
Die Philosophie setzt dort an, wo die Einzelwissenschaften aufhören, und das Denken "ohne Geländer" (Hannah Arendt) beginnt. Insofern ist sie keineswegs für alle Fragen zuständig, die sich aus dem Alltag ergeben. Manchmal ist es angemessener, sich an bestimmte Einzelwissenschaften zu wenden, um Antworten zu finden. Allerdings gerät man doch schnell wieder auf philosophisches Terrain, z.B. wenn es darum geht, wie sicher bestimmte Formen des Wissens sind, und was die Möglichkeiten und Grenzen des Wissens überhaupt sind. Und die Philosophie kommt ins Spiel, wenn es um normative Fragen geht: darum, was wir tun sollen, an welchen Werten unser Handeln als Individuen und als Gemeinschaften sich orientieren soll. Keine Einzelwissenschaft kann darauf Antworten geben, es sei denn, sie hat normative Werte in ihre Prämissen eingeschmuggelt – dies aufzuzeigen, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe der Philosophie.
Die Stellung zwischen Elfenbeinturm und Marktplatz erklärt auch, was einige der Schwierigkeiten der Philosophie sind, die davon kommen, dass eine Seite die Überhand gewinnen kann. Idealerweise werden Fragen vom Marktplatz in den Elfenbeinturm getragen, und Erkenntnisse aus dem Elfenbeinturm bereichern die Menschen auf dem Marktplatz. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass philosophische Forschung eine praktische "Anwendung" besitzen muss. Der Marktplatz von Athen war nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch des Gesprächs, des Beisammenseins, kurz, des gemeinsamen Lebens (wenn auch damals hauptsächlich des Lebens männlicher Athener, nicht der Sklaven, Frauen, und Ausländer). Philosophie darf sich nicht in dem Sinne an den Marktplatz anpassen, dass sie den Leuten nur sagt, was sie ohnehin hören wollen, geschweige denn, was sich gewinnbringend "vermarkten" ließe. Eine andere Gefahr ist, dass sie sich in oberflächlichen Beobachtungen des Zeitgeists verliert, ohne die Stärken, die sie aus dem Elfenbeinturm ziehen kann, zu nutzen: die Fähigkeit zur präzisen begrifflichen und logischen Analyse, und dazu, aus dem Fundus der Philosophiegeschichte relevante Argumente zu finden, die aktuelle Fragen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Aber es wäre auch problematisch, wenn sie völlig den Kontakt verlöre zum Leben außerhalb des Elfenbeinturms. Sie liefe dann Gefahr, eben jenes Moment der Freiheit, jenseits aller disziplinären Methode, zu verlieren, das eines ihrer Wesensmerkmale ist. Philosophie muss der Versuchung widerstehen, "science as usual" zu werden, die nur noch um die eigenen internen Debatten kreist.
Der Reiz der Philosophie ist, im Wechsel zwischen Elfenbeinturm und Marktplatz immer wieder Neues zu entdecken - und sich von den Fragen und Argumenten dahin tragen zu lassen, wohin der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" (Jürgen Habermas) einen führt. Das kann schmerzhaft sein, aber auch befreiend – und es bedeutet, dass mit der philosophischen Arbeit oft auch Selbsterkenntnis einhergeht, vor allem über all die unhinterfragten Annahmen, die man bislang geteilt hatte.
Philosophie und Alltag sind insofern für mich zwei Pole, die notwendig aufeinander bezogen sind. Philosophische Fragen können einen aus allen Ecken des Alltags anspringen. Gerade die praktische Philosophie, in der ich selbst arbeite, ist nah dran an den Problemen unserer Gesellschaft, die sich auch im Alltag offenbaren. Ist es gerecht, dass ein Finanzmanager viel mehr verdient als eine Kindergärtnerin? Was bedeutet es für unser Verständnis von Gleichheit, wenn sich Städte immer mehr nach sozialen Schichten sortieren. Oder – das ist das Thema, mit dem ich mich derzeit beschäftige - was bedeutet es für uns als moralische Akteure, dass in komplexen Organisationen als das berüchtigte "Rädchen im System" agieren?
Die wichtigste Eigenschaft, die Philosophen brauchen? Neugier, und die Bereitschaft, lieb gewonnene Denkgewohnheiten über Bord zu werfen - sowohl im Elfenbeinturm als auch im Alltag. Der Kontrast zwischen beiden Orten hilft, Dinge in einem neuen Licht zu sehen, und macht die Sache so spannend.
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