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Protestantismus,
Gesamtbezeichnung für die aus der
Reformation des 16. Jahrh. hervorgegangenen
Kirchengemeinschaften,
im Unterschiede sowohl von der röm.-kath. als der griech.-orient.
Kirche. Die
Bekenner des
Protestantismus heißen
Protestanten. Seinen
geschichtlichen Ursprung hat dieser
Name von der feierlichen
Protestation, die die evang.
Stände
auf dem
zweiten
Reichstage zu
Speyer
[* 2] gegen den alle kirchlichen
Reformen verbietenden Beschluß der Mehrheit eingereicht
hatten. Seit dieser Zeit wurden sie als die protestierenden
Stände bezeichnet, daher der
Name
Protestanten zuerst im Munde
der Gegner für alle
Anhänger der deutschen
Reformation aufkam, von diesen selbst aber als Ehrenname aufgenommen
wurde. Allmählich ging derselbe auch auf die
Evangelischen der außerdeutschen
Länder über.
Das Wesen und die ursprüngliche Gestalt des
Protestantismus stehen im engsten kulturgeschichtlichen Zusammenhange
mit einer Reihe verwandter Erscheinungen auf andern Gebieten des geistigen Lebens. Überall machte sich am Ende
des Mittelalters ein Erwachen zu geistiger Selbständigkeit geltend, das sich zunächst in dem Bestreben äußerte, sich
durch erneute Vertiefung in die ursprünglichen
Quellen von der Herrschaft eines verunreinigten Herkommens und unklassischer
Autoritäten zu befreien.
Wie die Renaissance in Kunst und Litteratur auf das klassische Altertum, so ging die religiöse Reformation auf die Urkunden des Christentums, die heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments zurück, um auf ihrem Grunde die kirchlichen Lehren [* 3] und Ordnungen zu erneuern. Diese Tendenz ging in der Reformation aber wiederum aus dem Streben nach persönlicher religiöser Gewißheit und Selbständigkeit des frommen Subjekts hervor, das schon längst den Anstoß zur Bekämpfung aller äußern kirchlichen Heilsvermittelung gegeben hatte.
Wie nachmals die neue, mit
Cartesius anhebende
Philosophie den ganzen
Bestand unsers wirklichen oder vermeintlichen
Wissens untersuchte
und mit
Energie dahin strebte, im unmittelbaren Selbstbewußtsein des denkenden
Ich
die erste schlechthin unumstößliche Gewißheit
zu finden, so suchte die
Reformation persönliche Gewißheit des
Heils in der unmittelbaren innern Erfahrung
des frommen Gemüts. Als das Princip des
Protestantismus ergiebt sich infolgedessen in erster Linie die ihrer selbst
gewisse evang. Frömmigkeit, die sich in dem durch die
Heilige Schrift bezeugten ursprünglichen
Christentum als in ihrem Urbilde
wiedererkennt und sich so durch die geschichtliche Offenbarung in Jesu Christo objektiv begründet weiß.
Erst hieraus leitet der
Protestantismus die sog. negative Seite seines Princips her,
das
Recht der frommen Subjektivität nämlich, gegen alles äußere
Traditions- und Autoritätswesen und jeden kirchlichen
Gewissenszwang zu protestieren, sofern dieselben vor dem religiösen Gewissen ihr
Recht nicht darzuthun vermögen. Dieses
in sich einheitliche Princip (die Redeweise von einem zwiefachen Princip, dem Materialprincip der
Rechtfertigung
und dem Formalprincip der Schriftautorität, kam erst im Anfang des 19. Jahrh. aus) hat sich
nicht bloß gegenüber dem
Katholicismus, sondern auch innerhalb der eigenen kirchlichen
Entwicklung des
Protestantismus als deren vorwärts
treibender
Faktor zur Geltung bringen müssen. Der ältere
Protestantismus gewann zunächst nur eine
der kath.
Kirche noch ähnliche kirchliche Gestalt. Er stimmte mit jener nicht bloß in der Festhaltung der in den ersten
fünf bis sechs Jahrhunderten festgestellten Lehrformeln, sondern auch in der Wertschätzung des ganzen dogmatischen
Christentums
überhaupt und in dem Zurückgreifen auf eine unantastbare äußere Lehrnorm überein. Nur fügte er
dem alten
System die
Lehre
[* 4] von der
Rechtfertigung
¶
mehr
als neues Dogma ein und sah als Lehrnorm nicht mehr die Kirche, sondern die Heilige Schrift an. Diese wurde von Anfang bis Ende unmittelbar als Gottes Wort, also alles in ihr Enthaltene als unantastbare Wahrheit betrachtet, ein Standpunkt, dessen Inkonsequenz allerdings den kath. Gegnern mehr als einen Angriffspunkt bot. Denn nicht nur gelangte man so zu einer neuen kirchlichen Lehrtradition, die, in den Bekenntnisschriften niedergelegt, als schlechthin verbindliche Auflegung der Schriftlehre galt; sondern durch die Rechtfertigungslehre war auch eine weit durchgreifendere Neugestaltung der altkirchlichen Lehrartikel geboten, als man sie damals wagte.
Indessen war dieser dogmatische
Protestantismus mit seiner «reinen Lehre», mit seinen theol. «Kontroversen» und mit
seiner Vergötterung des Bibelbuchstabens nur die erste und für die Zeit seiner Entstehung einzig mögliche Weise, in der
das neue, in der Reformation zum Durchbruch gekommene Princip sich Geltung verschaffte. Später hat dann Georg Calixtus gegenüber
der scholastischen Spitzfindigkeit, die überall bei andern Kirchen fundamentale Abirrungen von der «luth.
Wahrheit» sah, das Gemeinsame in allen christl. Konfessionen
[* 6] betont, der Pietismus an die Stelle dogmatisch-kirchlicher Lehrkorrektheit
die persönliche Herzensfrömmigkeit der Einzelnen gesetzt, die Leibniz-Wolfsche Schule das Recht des Verstandes im Christentum
und die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Begründung der kirchlichen Glaubensartikel vertreten.
Allmählich hatte sich die allgemeine Bildung und Wissenschaft immer mehr von der kirchlichen Bevormundung befreit und im sog. Aufklärungszeitalter zu Ergebnissen geführt, die mit dem ganzen dogmatischen Christentum zugleich die bisher von allen Kirchenparteien festgehaltene Meinung von seiner übernatürlichen Entstehung erschütterten. Der Rationalismus (s. d.) lenkte diese geistige Strömung mitten hinein in die prot. Theologie, indem er vom sog. positiven Christentum nur die moralischen Wahrheiten stehen ließ, die Wunder aber möglichst durch natürliche Deutung beseitigte.
Ihm gegenüber suchte der Supranaturalismus wenigstens den Wunderglauben mühsam zu retten, während er von dem altprot. Dogma ein Stück nach dem andern preisgab. Das Werk des Rationalismus führte sodann die neuere Philosophie durch Kant, Fichte [* 7] und Hegel weiter. Aus ihren Arbeiten ging die moderne Weltanschauung hervor, die alles natürliche und geistige Geschehen, statt auf einen außerordentlichen Machtwillen, auf die der Welt innewohnende vernünftige Gesetzmäßigkeit zurückführte und folgerichtig mit dem Gottesbegriffe auch die Vorstellungen von Religion, Offenbarung u. s. w. wesentlich umgestaltete.
Der Gefahr, mit der unrettbar verlorenen Form auch den lebendigen Gehalt des christl. Heilsbewußtseins zu verlieren, trat Schleiermacher mit seinen Untersuchungen über das Wesen der Religion und seiner Neugestaltung der Dogmatik aus dem frommen Bewußtsein der Christen heraus, aber mit den Mitteln der modernen Wissenschaft und im Geiste der freiesten, durch keine dogmatische Fessel gebundenen Forschung gegenüber und begründete so als der erste eine den wissenschaftlichen und künstlerischen Tendenzen des 19. Jahrh. vollkommen ebenbürtig zur Seite tretende, ebenso prot. als evang. Theologie.
Dennoch führte die Neubelebung der christl. Frömmigkeit zunächst zu einer Wiederholung der ältern Vorstellungsformen, die zuerst im neuerwachten Pietismus die philos. und die histor. Kritik, danach in der durch die polit. Reaktion ermutigten neu-alten Orthodoxie jede Abweichung vom Buchstaben der Schrift und des altkirchlichen Bekenntnisses proskribierte. Dagegen arbeitet die freie prot. Theologie der Gegenwart an der Aufgabe, in Schleiermachers Bahnen eine tiefere Versöhnung des Christentums mit der modernen Kultur zu gewinnen.
Der prot. Charakter dieser Richtung erweist sich im allgemeinen in dem Streben, das reine Wesen des Christentums im Unterschied von jeder unfreien Gebundenheit an irgend welche geschichtliche Erscheinungsform desselben immer lauterer auszumitteln, also einerseits seinen ewigen religiösen und sittlichen Gehalt in den wechselnden Formen herauszufinden, andererseits durch fortgesetzte sorgfältige Forschung über die geschichtlichen Ursprünge des Christentums überhaupt und der prot.
Kirche insbesondere eine wirklich geschichtliche Auffassung derselben zu ermöglichen. In letzterer Beziehung sind namentlich die Schriften von Strauß, [* 8] Ferdinand Christian Baur und der Tübinger Schule, ferner von Credner, Holtzmann, Keim, Hausrath, Holsten u. a., in ersterer die von Hase, [* 9] Rothe, Schenkel, Alex. Schweizer, Biedermann, Lipsius, Pfleiderer u. a. zu nennen, während Ritschl und seine Schüler eine eigentümliche Mischung von rationalistischer und offenbarungsgläubiger Richtung vertreten.
Was die äußere kirchliche Gestaltung des
Protestantismus anbelangt, so findet sich von Anfang an eine große Mannigfaltigkeit
nicht nur von Kultus- und Verfassungsformen, sondern auch von Gestaltungen des dogmatischen Lehrbegriffs.
Der bedeutendste dieser Unterschiede, der bereits in der Reformationszeit hervortrat, ist der zwischen den Lutheranern (s. d.)
und Reformierten. Derselbe ruht nicht sowohl auf principieller Differenz, als vielmehr auf einer verschiedenartigen Ausprägung
des prot.
Grundprincips. Indessen hat sich trotz der kirchlichen Trennung im Laufe der Zeit eine so durchgreifende Mischung reform. und luth. Elemente vollzogen, daß die ursprünglichen Unterschiede erst durch die gelehrte Forschung der Gegenwart klar erkannt und in ihre feinern Beziehungen verfolgt werden konnten. Die Union (s. d.) beider Kirchen, die sich im 19. Jahrh. zuerst in Preußen, [* 10] danach auch in einigen kleinern Staaten vollzog, war daher nicht bloß durch die Indifferenz der Zeit, sondern durch die kirchliche und theol.
Entwicklung selbst veranlaßt. Außerhalb Deutschlands
[* 11] hat namentlich der reformierte
Protestantismus eine große Mannigfaltigkeit von kleinern
Kirchenparteien erzeugt, besonders in England und in den Vereinigten Staaten
[* 12] von Amerika.
[* 13] Nährend die lebendige geschichtliche
Entwicklung des
Protestantismus ihre eigentliche Heimat in Deutschland,
[* 14] in der Schweiz
[* 15] und in den Niederlanden hat, ist
der angloamerikanische
Protestantismus von der geistigen Bewegung in der Theologie erst in neuerer Zeit berührt worden. Über die äußere
Geschichte des
Protestantismus s. Reformation.
Vgl. Dorner, Das Princip unserer Kirche (Kiel [* 16] 1841);
Der deutsche
Protestantismus (von C. B. Hundeshagen, 3. Aufl., Frankf. a. M.
1850);
Schweizer, Die prot. Centraldogmen (2 Bde., Zür. 1854-56);
Gaß, Geschichte der prot.
Dogmatik (4 Bde., Berl. 1854-67);
Baur, Das Princip des
Protestantismus und seine geschichtliche Entwicklung
(in den «Theol. Jahrbüchern», Jahrg. 1855);
Schenkel, Das Wesen des
Protestantismus (2. Aufl., Schaffh.
1862);
Frank, Geschichte der prot. ¶
mehr
Theologie (3 Bde., Lpz. 1862-75);
Schenkel, Christentum und Kirche im Einklange mit der Kulturentwicklung (2 Bde., Wiesb. 1867; neue Ausg. 1871);
Dorner, Geschichte der prot.
Theologie (in «Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit», Bd. 5, Münch. 1867).