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13.Oktober 2011
Am 19. Februar 1908 erfolgte der Aufbruch von Frederik Cook mit 10 Eskimos und elf, von 107 Hunden gezogenen Schlitten zur Entdeckung des Nordpols.
Kaum zu glauben, dass dies gerade mal etwas mehr als 100 Jahre zurückliegt. Heute hat man am Nordpol selbstverständlich eine Webcam installiert und kann im polaren Sommer das Tag und Nacht gleissende Licht über dem Eis auf dem Bildschirm in Echtzeit beobachten. Allerdings in diesem Sommer 2011 versank die Kamera plötzlich im Meer – zu beobachten auf dem von NOAA produzierten Video.
Vielleicht sollte man sich erinnern, was Karl Kraus (Schriftsteller und Satiriker) seinerzeit zu der Entdeckung des Nordpols schrieb: “Der Fortschritt, der den Kopf unten und die Beine oben hat, strampelt im Äther und versichert allen kriechenden Geistern, daß er die Natur beherrsche. Er belästigt sie und sagt, er habe sie erobert. Er hat Moral und Maschine erfunden, um der Natur und dem Menschen die Natur auszutreiben, und fühlt sich geborgen in einem Bau der Welt, den Hysterie und Komfort zusammenhalten.”
Rekordminimum beim Meereis
In der Arktis zeigt sich der Klimawandel auf besonders dramatische Weise. Das Meereis erreichte diesen Sommer ein Rekordminimum, siehe folgendes Bild aus KlimaLounge. Dirk Notz schreibt dazu: Während in Mitteleuropa die vergleichsweise niedrigen Sommertemperaturen die allgemeine Diskussion über das Wetter beherrschen (Belfast meldet am 19.08. 3°C Lufttemperatur!), schwindet in der Arktis bei überdurchschnittlich hohen Sommertemperaturen das Meereis weitestgehend unbemerkt dahin. Kaum jemand scheint mitbekommen zu haben, dass die durchschnittliche Ausdehnung der Meereisdecke im Juli ein neues Rekordminimum erreicht hat – niemals zuvor seit Beginn zuverlässiger Messungen wurde für diesen Monat eine geringere Meereisausdehnung gemessen siehe Abbildung.
In einem weiteren Beitrag in KlimaLounge wird auf die möglichen Folgen dieser Entwicklung eingegangen. Die Autorin Olivia Serdeczny schreibt dazu: Der Rückgang des arktischen Meereises kann als mahnender Indikator des Klimawandels gelten – in den Polregionen übertrifft die Erwärmung nicht nur den globalen Durchschnitt sondern auch alle gerechneten Szenarien und resultiert in vergleichsweise schnell sichtbaren Folgen. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern dadurch über ozeanographische und atmosphärische Prozesse großskalige Auswirkungen andernorts hervorgerufen werden können. Laut Biologen reagieren vor allem die Ökosysteme, die sich im Verlauf der Evolution in der Arktis entwickelt und entsprechend an das Eis und seinen Rhythmus angepasst haben, besonders empfindlich die auf die Abnahme der Eisbedeckung. Dazu zählt zunächst das pflanzliche Plankton. Die Planktologen hier vermuten, dass sich unter der schwindenden Eisdecke das Gleichgewicht der Populationen von größeren Algen zu sehr kleinen Arten verschiebt. Für mich selbst bleibt dabei unklar, ob hier in der Arktis die Größenordnung der möglichen Konsequenzen menschlichen Handelns oder unser Unwissen um dieselben besorgniserregender ist.
Auch auf das Klima hat der Rückgang der Meereisbedeckung eine Rückwirkung. Die Abnahme des Eisalbedos führt zu einer erhöhten Erwärmung des Meeres. Der erhöhte Wärmeaustausch zwischen Meer und Atmosphäre zu Veränderungen der Wetterphänomene: Erderwärmung könnte Winter kälter werden lassen.
Beschleunigter Eisverlust in Grönland
Neben der Meereisbedeckung ist der Eisschild auf Grönland für die Klimaentwicklung von zentraler Bedeutung. In einem neu erschienenen Buch “The Fate of Greenland” von Richard Alley, Wallace Broecker, Philip Conkling und George Denton, die selber massgeblich an diesen Forschungen beteiligt waren wird die geschichtliche Entwicklung bis zum heutigen Stand auf sehr verständliche und spannende Weise beschrieben. Der Bildband enthält ausserdem viele wunderschöne Aufnahmen der Eislandschaften der Arktis von Gary Comer. Das Bild links zeigt den Buchumschlag, rechts eines der vielen Bilder aus dem Buch.
Dansgaard-Oeschger Ereignisse, Heinrich-Ereignisse, Younger Dryas, sind Beispiele aus der Klimageschichte, die zeigen, dass im Zusammenspiel der Eismassen in der Arktis mit den nordatlantischen Ozeanströmungen zu abrupten Temperaturänderungen, die sich auf der ganzen Erde auswirken, führen können. In einem früheren Beitrag haben wir darüber ausführlich berichtet. Diese bewegte Klimageschichte zeigt die enorme Bedeutung der Arktis fürs Klimageschehen.
Dementsprechend gross sind die Forschungsanstrengungen, um die Prozesse des grönländischen Eisschilds im Detail zu verstehen. Auf Grönland wurde dazu eine neue Forschungsstation eingerichtet.
Die Messung der Eisbilanz ist schwierig, da in der Mitte des Eisschilds durch die Schneefälle ein Zuwachs erfolgt, am Rand dagegen schmelzen die Gletscher. Die GRACE- Satelliten-Messungen ermöglichen die Messung der Bilanz. Das folgende Bild aus Skeptical Science. zeigt, dass das Eisvolumen nicht nur abnimmt, sondern sich die Abnahme auch noch berschleunigt.
Das folgende Bild aus demselben Artikel von Skeptical Science zeigt, dass die GRACE Messungen sehr detailliert die lokalen Veränderungen der Eisdicke bestimmen können.
Was würde Karl Kraus wohl dazu sagen, dass die Erdölfirmen sich inzwischen mit riesigen Investitionen und Kooperationen (z.B. Exxon mit Rosneft) positionieren, um die infolge der Eisverluste zugänglich werdenden Erdöl- und Erdgasquellen in der Arktis auszubeuten. Gleichzeitig bestreiten sie Erkenntnisse der Klimaforschung, fördern Klima-Skeptiker und verhindern über politisches Lobbying jeden Ansatz einer Klima-Gesetzgebung. Ein sehr aufschlussreicher Artikel dazu findet sich in Climate Progress.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima