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Am Beispiel von Bern und Langnau lässt sich aufzeigen, wie anforderungsreich die Arbeit der sportlichen Führung in Zeiten der Krise ist. Ben Maxwell soll der neue «DiDomenico» werden und der SC Bern hätte eigentlich gerne Vinni Lettieri.
Die alten Bauern im Bernbiet pflegten zu sagen: Der «Sötti», «Wetti» und «Hätti» waren drei Brüder. Alle tüchtig, fleissig und voll guten Willens. Aber am Ende standen sie stets mit leeren Händen als Verlierer da. Das Trio steht für die berndeutschen Redewendungen «I sött» (ich sollte/wir sollten), «i wett» (ich möchte/wir möchten) und ein bedauerndes «hätti» (hätte ich doch/hätten wir doch).
Diese alte Bauernweisheit steht in Zeiten der Virus-Krise ein wenig für die Schwierigkeiten im bernischen Hockeybusiness. Die SCL Tigers und der SCB wollen konkurrenzfähig sein, möchten eigentlich mit fünf Ausländern antreten, sollten allerdings nicht zu viel Geld ausgeben.
Aber der Meister hat erst drei ausländische Spieler unter Vertrag. Neben dem finnischen Torhüter Tomi Karhunen die Stürmer Ted Brithén und Dustin Jeffrey. Würde das Geschäft brummen, hätte der SCB fünf Ausländer: neben Karhunen vier Feldspieler. Trainer Don Nachbaur sollte ja auch dann alle vier Ausländerpositionen besetzen, wenn ausnahmsweise Philip Wüthrich im Tor steht. Die SCL Tigers würden in normalen Zeiten die Saison ebenfalls – wie in den letzte beiden Jahren – mit fünf Ausländern beginnen. Sie haben aber erst einen unter Vertrag (Robbie Earl).
Die Suche nach ausländischen Spielern ist in Zeiten der Krise interessant. Einerseits schwierig, andererseits ergeben sich neue Chancen. Der SC Bern und die SCL Tigers sind die einzigen Klubs in der höchsten Liga, die in den letzten Jahren schwarze Zahlen geschrieben haben. Langnau seit dem Abstieg von 2013, der SCB seit dem zweiten Jahr unter dem Management von Marc Lüthi (seit 1999). Weil nicht mehr Geld ausgegeben wird als hereinkommt.
Die Vernunft verbietet es also, ausländische Spieler unter Vertrag zu nehmen und zu löhnen, wenn nicht klar ist, wieviel Geld hereinkommt, wann und unter welchen Bedingungen die Meisterschaft beginnen kann. Aber andererseits sollte man parat sein, wenn gespielt werden kann. Und man möchte trotz allem gute ausländische Spieler, um sportliche zu Hoffnungen wecken und Saisonabos zu verkaufen. Eine Quadratur des Kreises.
Aber auch für die Agenten, die für ihren Klienten gute Verträge aushandeln sollten, ist die Situation nicht einfach. Einer sagt es so: «Wenn alle besser als letzte Saison oder sogar Meister werden wollen, ist die Zeit der guten Verträge. Aber wenn alle sparen wollen, ist nicht die Zeit für gute Verträge …» Nun leben wir in ungünstigen Zeiten für gute Verträge.
Am SCB und den SCL Tigers lassen sich die Besonderheiten der neuen Zeit gut aufzeigen.
In Langnau hat der neue Sportchef Marc Eichmann inzwischen die Bewilligung erhalten, neben Robbie Earl wenigstens einen zweiten ausländischen Stürmer zu verpflichten. Geschäftsführer Peter Müller sagt: «Durch den Abgang von Harri Pesonen haben wir beim Budget etwas Spielraum bekommen.» Der neue Mann sollte ein Leitwolf sein, in der Kabine hoch respektiert, auf dem Eis fähig, das Spiel zu prägen und nach den Erregungen des letzten Winters um den kapriziösen Chris DiDomenico wäre man um einen pflegeleichten Star froh. Denn ein Risiko kann, darf und will Langnaus neuer Sportchef nicht eingehen.
Der neue Mann könnte ein alter Bekannter sein. Marc Eichmann versucht, den Vertrag mit Ben Maxwell doch noch zu verlängern. Der 32-jährige Kanadier war letzte Saison der stille Leader der Mannschaft. Stark in der Tat, sanft in der Art. In der Kabine respektiert, auf dem Eis einer der meistunterschätzten Spieler. Als drittbester Skorer hinter Harri Pesonen (wechselt in die KHL) und Chris DiDomenico (zu Gottéron) schulterte er pro Spiel am meisten Eiszeit. Sozusagen ein pflegeleichter «Billig-DiDo».
Ein erster Versuch, den Vertrag zu prolongieren, ist im Frühjahr gescheitert. Nun sind die Gespräche wieder aufgenommen worden.
Entspannt sich die wirtschaftliche Situation, wird Marc Eichmann sogar einen dritten Ausländer verpflichten dürfen. Um die junge Mannschaft zu stabilisieren, sucht er neben Wunschkandidat Ben Maxwell einen zweiten spielstarken Mittelstürmer.
Ein sehr interessanter Markt ist Finnland. Es gibt inzwischen mehrere finnische Spieler, die nicht mehr in die KHL können oder wollen und einen neuen Arbeitgeber suchen, bei dem sie etwas mehr als in der heimischen Liga verdienen können.
Gewährsleute aus Finnland nennen zum Beispiel (aber ohne Gewähr) Joonas Nättinen (29), den Bruder von Ambris Julius Nättinen (23). Er ist zwar nicht so treffsicher wie sein jüngerer Bruder, der letzte Saison in Finnland der beste Torschütze der Liga war. Aber ein kräftiger Stürmer, der auf allen drei Positionen die offensive befeuern und die Defensive stabilisieren kann und weiss, wie man Bullys gewinnt. Eigentlich eine ideale Verstärkung für die jungen Langnauer. Und dazu kommt: Mit jedem Tag ohne Vertrag wird Eero Elo (30) billiger und bald wird es möglich sein, mit dem finnischen Stürmer für weniger als 150'000 Franken netto zu verlängern. Die finnische Versuchung für die Langnauer.
Eine weitere finnische Versuchung für Langnau und für Bern heisst beispielsweise Jesse Puljujärvi (22), ein finnisch-schwedischer Doppelbürger. Der kräftige, schnelle, wuchtige Flügel war letzte Saison viertbester Skorer der finnischen Liga. Er wäre eigentlich die perfekte Ergänzung für die eher kleinen, jungen und leichten Langnauer oder er würde zum SCB passen.
Beim SC Bern wird trotz Anstellungstopp ein rechtsschiessender rechter Flügel gesucht. Um beim Saisonbeginn wenigstens vier Ausländerpositionen besetzen zu können. Interessant ist dabei die Vorgehensweise. Nach übereinstimmenden Berichten aus dem In- und Ausland telefoniert und «spioniert» in Sachen Ausländer weiterhin auch der abgesetzte Sportchef Alex Chatelain (er ist zum strategischen Sportchef und Chefscout «wegbefördert» worden). Die neue Sportchefin Florence Schelling kann also auf die reiche Erfahrung ihres Vorgängers zurückgreifen und wird sozusagen durch ein sporttechnisches «Schattenkabinett» unterstützt. Das ist gut so: Vier Augen sehen und vier Ohren hören mehr als zwei und zwei Hosentelefone erfahren mehr als eines.
So war es in den letzten Tagen Alex Chatelain und nicht seine Chefin, der Informationen über Vinni Lettieri (25) gesammelt hat. Der kräftige rechte Flügel hat das Profil so vieler guter ausländischer Spieler in unserer Liga: Viel zu gut, um in den Farmteams zu schmoren, nicht gut genug für eine dominierende offensive Rolle in der NHL. Er buchte letzte Saison bei Hartford in der AHL in 61 Partien 25 Tore und 22 Assists.
Die SCL Tigers und der SCB möchten («wetti») gute ausländische Spieler, sollten («sötti») dafür aber nicht zu viel Geld ausgeben. Immerhin dürfen sich die Vorsitzenden in Langnau und Bern das bedauernde «hätti» («hätten wir doch») ersparen: Sie müssen sich nicht sagen lassen, sie hätten halt nach der enttäuschenden letzten Saison den Sportchef auswechseln müssen, um es jetzt in Zeiten der Krise bei der Suche nach Ausländern leichter zu haben. Sie haben es getan.
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