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Robert E. Konrad
Im Septemberheft 1945 publizierte die Zeitschrift DU eine Erzählung mit dem seltsamen Titel Reiten, Liebe, Abschied, Reiten ... Ein ausserordentlich dichtes, poetisches Stück Prosa, das auf engstem Raum zwei Liebesbegegnungen skizziert, die beide etwas mit Pferden zu tun haben: mit den Karussellpferdchen der Kinderzeit, als die Liebe erst ein Spiel war, und mit den Reitpferden eines deutschen Gutshofes, Jahre später, als alles ernst gilt und die Liebe den Schmelz der Unschuld verloren hat. Robert E. Konrad nannte sich der Verfasser. Er war eben erst neunzehn geworden, arbeitete als Handlanger in einer Zürcher Fabrik und hatte bereits unsäglich Schweres hinter sich. Sohn eines Schweizers und einer deutschen Mutter, die er mit drei Jahren durch den Tod verlor, hatte er sich weder mit der helvetischen Enge noch mit dem vorgezeichneten Lebensweg abfinden können, bis er mit sechzehn überstürzt nach München abgehauen war, wo er studieren und Künstler werden wollte. 1944, als ihm dämmerte, worauf er sich da eingelassen hatte, war er krank und resigniert nach Zürich zurückgekommen und musste fortan zufrieden sein, wenn er dableiben und sein Leben fristen durfte. Ausgerechnet in jenem Jahre 1944 aber waren die 28 Lieder für U. entstanden, die den Achtzehnjährigen als glänzend begabten Lyriker ausweisen, gleichzeitig jedoch erkennen lassen, wie verbissen er sich vor der bedrohlichen Gegenwart in die intakte Welt einer an grossen Vorbildern geschulten Dichtung zu flüchten versuchte.
Zwischen 1945 und 1947 schrieb er neben der Fabrikarbeit an der Tessiner Erzählung Tandaradei, seinem umfangreichsten Prosatext, der sich stellenweise fast zum Roman ausweitet und doch immer wieder den Lyriker verrät. Anfang 1949 gab Konrad seine Stelle auf und zog mit seinem kleinen Buben und seiner jungen Frau, die als Sekretärin verdienen half, in ein Maleratelier nach Zürich-Witikon hinauf.
Dort entstanden in den folgenden zwei Jahren über 70 Ölgemälde: eigenartige, manchmal an Munch, dann wieder an Rousseau erinnernde Bilder, in denen er der Angst und der Verzweiflung offener Ausdruck gab als in den literarischen Versuchen. Beide Bereiche vereinte er schliesslich in der grossformatigen Kunstzeitschrift Essence, die er ab Dezember 1949 als sein eigener Verleger, Redaktor und Drucker produzierte und die es auf nur gerade acht Nummern bringen sollte.
»Halten Sie aus! Ich glaube, Sie sind zu etwas berufen«, schrieb ihm Hermann Hesse aus dem Tessin. Aber genau dort, im Land seiner unstillbaren Sehnsucht, fand Robert E. Konrad bereits am 8. August 1951 mit 26 Jahren bei einer Überschwemmung den Tod. Was zurückblieb, ist ein quantitativ bescheidenes, qualitativ aber durchaus schon bemerkenswertes künstlerisches und literarisches Werk. Albert Bettex, der es 1961 in einem Band des Arche-Verlags dokumentierte, urteilt jedenfalls nicht zu Unrecht, dass hier »eine in ungewöhnlich gültigen Gleichnissen niedergelegte Selbstaussage eines hochbegabten jungen Mannes« vorliege, »der einsam seinem künstlerischen Auftrag diente, als Europa am Ende des Zweiten Weltkriegs weithin in Trümmern lag ...«
(Literaturszene Schweiz)