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Beim Auftakt der berühmten Paraden im Sambódromo do Anhembi in São Paulo 2020 haben die Elite-Sambaschulen das Publikum zu Begeisterungsrufen und zum Mitsingen gebracht. Geprägt war die erste Paradennacht aber nicht nur von phantasievoll und auf beeindruckende Weise umgesetzte Samba-Enredos, sondern ebenso von einem Stau allegorischer Wagen. Der wurde verursacht, weil sich bei der Ausfahrt aus dem Sambódromo die hohen Aufbauten eines der Wagen in Stromkabeln verheddert haben. Endgültig gelöst werden konnte das Problem erst gegen fünf Uhr morgens. Der Stimmung im Sambódromo konnte dies nichts anhaben, auch wenn dort wegen des Zwischenfalls teilweise der Strom ausgefallen war.
Mit der Geschichte über das Leben und Wirken der Tereza de Benguela hat Barroca Zona Sul den Auftakt gegeben. Tereza wurde von Afrika nach Brasilien verschleppt und versklavt. Mit ihrem Mann hat sie einen Quilombo gegründet und diesen später geführt. Sie hat ein Parlament gegründet, den Quilombo zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit gebracht und den entflohenen, versklavten Afrikanern und Indios ein Leben in Freiheit geboten, bis es 1770 von den vermeintlichen Herren der Region zerstört worden ist. Eindrucksvoll wurde dies mit den Allegorien dargestellt. Die gelungene Parade des Vorjahres-Aufsteigers war zudem ebenso eine Hommage an die Frauen und den Tag der schwarzen Frauen, der gleichzeitig der Todestag Terezas ist.
Auch bei der zweiten Sambaschule der Paraden standen die Afrobrasilianer im Mittelpunt. “É coisa de preto“ lautete das Thema von Tom Maior. Frei übersetzt bedeutet dies in etwa “das ist die Arbeit der Schwarzen“. In Brasilien wird der rassistische Ausspruch auch heute noch abwertend verwendet. Tom Maior hat ihn umgedreht und gezeigt, wie die Schwarzen, die Afrobrasilianer, zum Aufbau des Landes und zur Kultur beigetragen haben und beitragen. Präsentiert wurden Persönlichkeiten wie der Ex-Präsident des Obersten Gerichtes STF, Joaquim Barbosa oder einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, Machado de Assis (1839-1908). Es fehlte aber auch nicht an Kritik, wie an der sozialen Ungleichheit, Vorurteilen und einer einschlägigen Justiz, bei der mehr Schwarze als Weiße verurteilt werden. Der letzte Wagen war der 2018 ermordeten, schwarzen Menschenrechtlerin und Politikerin Marielle Franco gewidmet.
Dragões da Real hat die Freude und das Lachen auf die Samba-Avenida gebracht. Präsentiert wurde ein großartiges Fest der Fröhlichkeit. Mit viel Humor und Phantasie hat Dragões da Real Zirkus, Komödien und Lachsalven präsentiert, hat gezeigt, dass Humor heilt und es hat das Publikum begeistert und mitgerissen. Das hat den Refrain des Sambas “Qua qua ra qua qua“ gleich lautstark mitgesungen. Ihr Chor war auch dann noch zu hören, als die Sambaschule schon längst die Avenida verlassen hatte.
Dann war es allerdings plötzlich still im Sambódromo. Die Aufbauten eines der allegorischen Wagen der Dragões da Real hatte sich bei der Ausfahrt in Stromkabeln verfangen und den nachfolgenden Wagen den Weg versperrt. Das Problem konnte erst nach dem Anrücken der Truppe des Elektrizitätswerkes und dem Abbau einiger Aufbauten gelöst werden.
Der Vorjahressieger Mancha Verde konnte deshalb erst mit einer Stunde Verzögerung einziehen. Die Wartezeit hat allerdings nicht Motivation und Perfektion der Mancha Verde beeinflusst. Wie schon 2019 hat sie auch dieses Jahr wieder eine eindrucksvolle Parade geliefert und dabei nicht mit Kritik an Gesellschaft und Politik gespart. Mit herausragenden Kostümen und Allegorien hat sie gezeigt, welche Welt Jesus heute vorfinden würde, wenn er auf die Erde käme. In Anspielung auf die hohe Gewaltrate Brasiliens wurden um ihre getöteten Kinder weinende Mütter gezeigt. Der brennende Amazonas-Regenwald und soziale Ungerechtigkeit waren ebenso Themen. Ganz verloren scheint die Welt in den Augen der Mancha Verde dennoch nicht, weil die Liebe die Welt heilen kann, wie die letzte ihrer Allegorien zeigte.
Acadêmicos do Tatuapé hat mit seiner Parade die ländliche Stadt Atibaia geehrt und damit einen Streifzug durch die Kolonial- und Siedlungsgeschichte sowie die Kultur der ländlichen Regionen Brasiliens präsentiert. Gesorgt hat sie mit ihren farbenprächtigen und detaillreichen Allegorien und Kostümen für einen wahren Augenschmaus.
Der Libanon und mit ihm der Nahe Osten standen im Mittelpunkt von Império de Casa Verde. Die traditionsreiche Samba-Schule hat unter anderem mit technischen Rafinessen für überraschende Sondereffekte gezeugt und die Geschichte des Libanons sowie der libanesischen Einwanderer Brasiliens erzählt. An Libanons Küste gemachte Unterwasseraufnahmen wurden auf den ersten Wagen projiziert, der das Mittelmeer und die Seefahrernation Libanon verkörperte.
X-9 Paulistana hat mit ihrer Parade die vielen Trommelrhythmen Brasiliens anschaulich gemacht und den Samba zum König der Könige gekrönt. Präsentiert hat X-9 Paulistana die Einflüsse der indigenen Völker, der Afrikaner und Europäer, deren Verbindung beim Trommelschlag Brasiliens den Ton angibt, sowie die unterschiedlichen Trommelschläge vom Süden bis zum Norden des Landes. Pech hatte die Sambaschule allerdings mit dem Wetter, das sie mit Wind und Regen bedacht hat. Darüber hinaus hatte sich bei einem der allegorischen Wagen der vordere Teil gelöst, so dass beide Teile einzeln über die Avenida gezogen werden mussten. Davon abgesehen ist X-9 jedoch eine überzeugende Parade gelungen.