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GC ist im 276. Zürcher Derby lange Zeit die bessere Mannschaft. Der FCZ geht durch zwei Fehler des Gegners trotzdem früh mit 2:0 in Führung. Stürmer Rodrigo Pollero erzielt nach einem Omeragic-Vorstoss sein erstes Ligator, nachdem Noah Loosli das Offside aufgehoben hatte. Der FCZ nutzt bei diesem Treffer also einen ähnlichen Fehler aus, wie schon beim Siegtreffer gegen Lugano. Beim 2:0 durch Blerim Dzemaili in der 10. Minute (erstes Tor für seinen Stammklub nach beinahe 15 Jahren!) macht Christian Herc bei einem Zuspiel von Georg Margreitter hinten heraus im falschen Moment einen Richtungswechsel.
Brecher und Dzemaili nicht parat
Dass GC danach die Partie bis zur 35. Minute auf 3:2 dreht, entspricht eher dem Gezeigten, auch wenn drei Standards dafür verantwortlich sind. Nach Leo Bonatinis Penaltytreffer ist auch der hervorragend ausgeführte Eckball von Petar Pusic und das Kopfballtor von Margreitter am nahen Pfosten für den FCZ fast nicht zu verteidigen, auch wenn Yanick Brecher im Moment des Abschlusses für diesen nicht bereit ist. Der Eckball war aus einem Pass Mirlind Kryezius ins Mittelfeld entstanden, bei dem Blerim Dzemaili im lockeren Rückwärtsschritt ebenfalls nicht genügend parat für das Zuspiel war.
Déjà vu aus dem ersten Derby
Das 3:2 der Grasshoppers war dann wiederum eine stark umgesetzte Einwurf-Situation, die an den 2:1-Siegtreffer Assan Ceesays im ersten Derby der Saison erinnerte. Der Einwurf entstand im Anschluss an einen Ballverlust von Marchesano gegen Kawabe in der eigenen Hälfte. Das Gegentor wäre wohl verhindert worden, wenn Fidan Aliti Petar Pusic ausserhalb des Strafraumes so in den Rücken gestossen hätte, wie das die “Hoppers“ in dieser Partie umgekehrt häufig ungestraft praktizieren durften. Unverständlich, dass zur Zeit mehrere Liga-Schiedsrichter auch in Partien mit Beteiligung von anderen Klubs Mühe damit haben, das Verletzungsgefahr mit sich bringende und dem gepflegten Offensivspiel abträgliche Stossen mit den Händen in den Rücken von einer normalen (und erlaubten) Körpercharge zu unterscheiden.
Adrian Guerrero als Antreiber des FCZ-Spiels
Erst ab der 60. Minute unmittelbar nach der Einwechslung Wilfried Gnontos, kam der FCZ endlich ins Spiel. Der Italiener sorgte für viel Bewegung in der Spitze. Antonio Marchesano rückte ins Mittelfeld zurück. Auch der zehn Minuten vor Schluss eingewechselte Ante Coric war ein Gewinn. Aus der Startformation spielte vor allem Adrian Guerrero stark. Nach einer gewissen Delle seiner Leistungskurve in den letzten Partien war der Spanier gerade in der 2. Halbzeit der eigentliche Antreiber des Zürcher Spiels. Auch Nikola Boranijasevic auf der anderen Seite spielte (vor allem defensiv) gut. Aus dem Zentrum kam hingegen etwas zu wenig. Aktuell ist Marchesano nicht mehr ganz in seiner Topverfassung. Sturmpartner Pollero hatte viele Ballverlusten – erzielte aber auch zwei Tore und hatte nach Vorarbeit von Gnonto am Ende noch die Chance zum Siegtreffer.
Erstes Saisontor auf eine Flanke
Auch Guerreros Standards und Flanken (mit beiden Füssen) kamen wieder gut – eine davon fand den Kopf von Rodrigo Pollero zum 3:3- Ausgleich in der 66. Minute. GC rückte in dieser Situation in der Mitte nicht raus, der Rechte Aussenläufer Dominik Schmid sah sich deshalb bemüssigt an die Mittellinie ins Forechecking zu stürmen, und liess dabei seine Seite für Guerrero frei. Der 3:3-Ausgleich war auch das erste Saisontor des FCZ auf eine klassische Flanke und erst das zweite auf eine Hereingabe von der Seite nach dem 1:1-Ausgleich im ersten Derby, als Marchesano durch Ceesay von der Seite bedient worden war. Positiv beim FCZ herauszuheben sind sicherlich die einstudierten Varianten bei Cornern von Krasniqi und Coric.
FC Zürich mit Abschlusseffizienz
Insgesamt war das Derby zwar spannend, intensiv und torreich, aber die Anzahl guter Offensiv- und Defensivaktionen war kleiner, als in anderen Spielen. Es wurde speziell von FCZ-Seite viel mit Hohen Bällen agiert. Beim Ballbesitz (58%) gab es beim FCZ eine weitere Steigerung. Bezüglich Abschlüssen insgesamt war das Breitenreiter-Team (dank der letzten halben Stunde) etwas im Vorteil, GC hatte statistisch hingegen die besseren Möglichkeiten bei einer Expected Goals-Quote von 0,64 : 1,78 aus FCZ-Sicht. Selbst wenn man den Penalty (Expected Goals: 0,76) nicht miteinberechnet, ist das Verhältnis immer noch 0,64 : 1,02. Auch der Fakt, dass der FC Zürich in der 66. Minute seinen dritten Treffer mit dem erst sechsten Abschluss erzielte, spricht für die hohe Effizienz in dieser Partie.
GC hat in den letzten Partien nicht nur resultatmässig, sondern auch personell und taktisch grosse Konstanz gezeigt. Trainer Giorgio Contini scheint seine Stammelf gefunden zu haben. Aus dieser fällt neben dem schon eine Weile verletzten Amir Abrashi für das Derby nur der gesperrte Toti Gomes aus. Ersatz Alan Arigoni ist im Verlauf des bisherigen Saisonverlaufes allerdings auch schon regelmässig als einer von vier Optionen für die drei Innenverteidigerpositionen zum Zuge gekommen.
GC kann auf einen aktuellen Toptorschützen Kaly Sène zählen, der sich zudem gut mit Leo Bonatini zu verstehen scheint. Beim FCZ fällt hingegen Assan Ceesay nach einer harten Gelben Karte in der Partie gegen Lugano gesperrt aus. Für ihn läuft Rodrigo Pollero auf. Vasilije Janjicic sitzt erstmals seit langer Zeit auf der Ersatzbank.
Der FCZ hat bei der Auslosung zur 1. Cup-Runde den zweit- bis drittbesten Gegner erwischt (hinter Luzern mit Cham und vergleichbar wie St. Gallen mit Münsingen) und erledigte die Aufgabe mit einem 10:0-Auswärtssieg souverän. Es ist der höchste Sieg in einem Wettbewerbsspiel seit dem mit dem gleichen Resultat gewonnenen Erstrundenspiel (5x Cavusevic, 3x Dwamena, 2x Koné) beim FC Chippis (2. Liga Interregional) vor vier Jahren – zu Beginn der letzten Saison, die mit einem Cuptitel endete. Solothurn (mit dem einheimischen Ex-Nationalspieler Marco Mathys) trat mit einer offensiv orientierten Aufstellung an, mit Flügelspieler Mzee auf der Linksverteidigerposition und Stürmer Mast auf dem Flügel. Entscheidend für den Spielerverlauf aus Zürcher Sicht war, dass man von der ersten Sekunde an fokussiert ans Werk ging, die ganze Mannschaft viel in Bewegung war und die frühe Vorentscheidung suchte. Die Erste Halbzeit begann mit dem ersten FCZ-Tor von Rodrigo Pollero per Kopf nach einem Eckball von Antonio Marchesano und endete mit einem weiteren erfolgreichen Marchesano-Standard (wie in Luzern direkt verwandelter Freistoss). Mit einer herausgespielten 6:0-Führung im Rücken durften Marchesano, Guerrero und Boranijasevic zur Pause bereits Feierabend machen. Ein weiterer entscheidender Faktor für den klaren Sieg neben der eigenen Konsequenz war der fehlende Spielrhythmus beim Gegner. In Normalform wäre Solothurn ein deutlich zäherer Gegner.
Schwierige Frage: Wie spielte Zivko Kostadinovic?
Die deutschen Neuverpflichtungen Hornschuh, Leitner und Gogia erhielten genauso wie Gnonto und Pollero die Chance, sich zu zeigen. Erstmals liess Trainer André Breitenreiter den FCZ in einem Wettbewerbsspiel im 4-3-3 antreten. Angriffe über die Flügel mit Gogia und Gnonto klappten allerdings nicht wie gewünscht, beide zog es in der Regel auch eher Richtung Zentrum. Erst mit dem eingewechselten Rohner kam man in der 2. Halbzeit über die rechte Seite durch. Der 23-jährige Flügelmann half auch in der einen oder anderen Szene effektiv hinten aus, als es mal brenzlig wurde. Dies führte dazu, dass Zivko Kostadinovic obwohl 90 Minuten auf dem Platz, der erste Fall darstellt von einem Spieler, der eigentlich nicht bewertbar ist (darum erhält er die „Default“-Note „5“). Der Waadtländer hatte nichts abzuwehren und im Aufbauspiel (ebenfalls selten) ging er jeweils auf „Nummer Sicher“. Vor vier Jahren in Chippis war dies noch anders gewesen – Yanick Brecher hatte damals durchaus etwas zu tun gehabt.
Leitner stört die Balance der Mannschaft
Moritz Leitner erhielt von Solothurn genug Platz und Zeit, um ein paar elegante Pässe zu spielen. Es unterliefen ihm aber auch einige unkonzentrierte Fehlzuspiele und im Spiel gegen den Ball agierte er zu passiv und ausweichend. Vor allem aber schien das Positionsspiel der Mannschaft insgesamt mit Leitner durcheinanderzugeraten. Speziell Bledian Krasniqi nahm er in der 2. Halbzeit den Raum weg – die beiden sind als Spielertyp zu ähnlich. Zu viele Ballverluste hatten auch Rodrigo Pollero (Defizite im Antritt und bei der Durchsetzungsfähigkeit) und Akaki Gogia (technische Mängel) zu verzeichnen, während sich Wilfried Gnonto nach sehr schlechtem Start in die Partie mit der Zeit langsam steigerte. Marc Hornschuh spielte aufmerksam auf der Sechserposition und später in der Innenverteidigung und konnte auch im Spiel nach vorne Akzente setzen. Das Chriesi auf die Schwarzwäldertorte setzte dann der formstarke Assan Ceesay mit einem herrlichen Absatztor und einem ebenfalls schönen Weitschusstreffer obendrauf.
Assan Ceesay lief als einzige Spitze auf und entschied auch quasi im Alleingang das 275. Zürcher Derby. Es war ansonsten der bisher schlechteste Auftritt des FCZ in dieser Saison. Aber das Team wurde für die Devise, keine unnötigen Risiken einzugehen (selbst in Überzahl nicht), am Ende erneut belohnt – weil man die entscheidenden Fehler des Gegners konsequent auszunutzen wusste. Zu Beginn verbarrikadierte man sich und versuchte vor allem den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten, und als man dann das Spieldiktat übernahm, trug man zum Ball so sehr Sorge, dass kaum gute Tormöglichkeiten resultierten. Ganze drei Steilpässe spielte der FCZ in dieser Partie – dafür gab es viele Hereingaben von der Seite. Mit drei Gegentreffern in vier Partien ist man nach vier Runden das defensiv beste Team der Liga.
Fehlende Dynamik aufgrund von taktischen und personellen Änderungen
Der rekonvaleszente Blaz Kramer wurde durch den Mittelfeldspieler Moritz Leitner ersetzt, der mit Ousmane Doumbia die Doppel-Sechs bildete, wovor sich Marchesano und Krasniqi in einem nach vorne verbreiternden Trapez im Halbfeld auf den beiden 10er-Positionen postierten. Gegner GC spielte mit dem genau gleichen Spielsystem. Durch die Mitte war so in der Regel auf beide Seiten kein Durchkommen. GC versuchte speziell in der Anfangsphase, als die Mannen von Giorgio Contini deutlich mehr Ballbesitz als der FCZ hatten, durchaus erfolgreich mit Seitenwechseln von rechts nach links hinter die Abwehr zu kommen. Der FCZ mit Omeragic / Rohner war auf dieser Seite defensiv nicht immer sattelfest. Trotzdem: die vier Zentrumsspieler beim FCZ waren einer zu viel. Die grosse Dichte an Akteuren in diesem Raum führte zu Unterforderung und fehlender Dynamik: man stand sich gegenseitig auf den Füssen rum. Die Konfiguration machte jeden Einzelspieler schlechter – auch Doumbia und Marchesano, die normalerweise eine „Bank“ sind. Leitner nahm speziell Krasniqi quasi aus dem Spiel – und umgekehrt. Schon im Cup in Solothurn deutete sich an, dass sich diese zwei auf dem Platz nicht gut verstehen – zu ähnlich ist ihre Spielweise. Das pure Gegenteil davon sind schon seit Jahren Antonio Marchesano und Assan Ceesay. Das ungleiche Paar hat sich schon kurz nach dem Transfer des Gambiers nach Zürich fussballerisch gefunden und gegen GC setzten Marchay / Ceesesano in Sachen „blindes“ gegenseitiges Verständnis noch einen drauf – nicht nur beim 1:1-Ausgleichstreffer, sondern unter anderem auch bei der durch GC-Keeper Moreira glücklich und gleichzeitig mirakulös abgewehrten Topchance Marchesanos nach erneuter Vorarbeit Ceesays über die Seite in der 37. Minute.
Grosse Frage: wer stürmt neben Ceesay?
Assan Ceesay gelang erneut eine formidable Leistung und war auch an der Gelb-Roten Karte gegen Amir Abrashi innerhalb minutenfrist kurz nach der Pause entscheidend beteiligt (Ballgewinn zusammen mit Doumbia vor der ersten Gelben Karte und gefoulter Spieler bei der zweiten). Gegen Lugano und Lausanne hatte der FCZ jeweils mit zwei Sechsern und einem Zehner, gegen Luzern mit einem Sechser und zwei Zehnern gespielt – in allen drei Fällen mit einem Dreieck. Mit vier zentralen Spielern fehlte nun im Derby während einer Stunde ein zweiter Stürmer neben Ceesay. Der danach eingewechselte Pollero ist dafür allerdings zur Zeit nicht die ideale Besetzung, da er ausserhalb des Strafraumes zu viele Bälle verliert. Positiv wirkte sich aber der taktische Effekt der Einwechslung Polleros aus, die Umstellung auf ein System mit zwei Stürmern. Angesichts der verletzten / im Aufbau befindlichen Tosin und Koide, wären Gnonto, Gogia und Rohner Optionen für die zweite Sturmposition. Akaki „Andy“ Gogia beging im Gegensatz zu seinem ersten Teileinsatz in Luzern diesmal praktisch keine Fehler und trug im Gegenteil sowohl offensiv wie auch defensiv viel Entscheidendes dazu bei, dass am Ende die Partie noch auf die Seite des FCZ kippte.
Yanick Brechers schlechte Angewohnheit
Yanick Brecher wehrte den Ball beim Herc-Eckball zum frühen 0:1 für die Grasshoppers ungenügend ab, wurde gleich im Anschluss daran aber auch von Arigoni gefoult und konnte beim Rebound von Margreitter nicht mehr richtig eingreifen. Die Hoppers-Führung war daher irregulär. Der einzige grobe Schnitzer des Zürcher Schlussmannes blieb dies aber nicht. In der 37. Minute trat bei einem von Kryeziu seitlich abgefälschten Pusic-Schuss seine für einen Torhüter sehr schlechte Angewohnheit zutage, bei einem Richtungswechsel sich um die eigene Achse und dem Ball den Rücken zuzudrehen. Glücklicherweise schoss Herc unplatziert auf die Mitte des Tores und Brecher kam so noch rechtzeitig an den Ball.
Szene des Spiels – 95. Minute, Andy Gogia macht den Alain Nef
Über die 93. Minute gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Ein Befreiungsschlag von Bruno Berner fliegt in grosser Höhe über die Seitenlinie. Für die Einen hat Alain Nef den Einwurf deutlich zu weit vorne ausgeführt, Andere meinen, Berners Befreiungsschlag sei ziemlich genau dort über die Seitenlinie geflogen, wo er danach auch eingeworfen wurde. In Bezug auf die 95. Minute im 275. Zürcher Derby kann es hingegen keine zwei Meinungen geben: nach dem Befreiungsschlag von Djibril Diani aus dem GC-Strafraum wirft Andy Gogia den anschliessenden Einwurf rund 15 Meter zu weit vorne ein – auf Strafraumhöhe, anstatt irgendwo im mittleren Bereich zwischen Strafraumgrenze und Mittellinie. Daraus entsteht der 2:1-Siegtreffer von Assan Ceesay. Florian Stahel heisst diesmal Wilfried Gnonto, der mit einer tollen Aktion und letztem Einsatz im Strafraum den Ball vor dem anstürmenden Momoh noch präzis Richtung Ceesay spitzelt.
Davor hatte Gnonto bereits den Einwurf Gogias auf den Deutschen zurückgelegt und dieser mit einem hervorragenden Direktpass Becir Omeragic eingesetzt. Dass Omeragic dann aber das Zuspiel auf Gnonto so einfach spielen konnte, und Torschütze Ceesay nicht im Offside stand, war der Naivität des spät zur „Sicherung des 1:1“ eingewechselten Verteidigers Aleksandar Cvetkovic zu verdanken, der somit in diesem Stück die Rolle des Boris Smiljanic einnahm. Andy Gogia hatte wie einst Alain Nef sofort nach dem Befreiungsschlag den nächststehenden Balljungen avisiert und den Ball auf der Höhe dieses Balljungen eingeworfen. Das Schiedsrichterquartett merkte davon nichts, weil es durch die Verletzung des GC-Ungaren Bendegoz Bolla abgelenkt war, dessen Pflege bis zur Ausführung des Einwurfes eine volle Minute in Anspruch nahm. Und dann passierte noch etwas: Ballannahme mit links, sofortige Drehung und Ball mit rechts unwiderstehlich über die Linie geschoben. Ein Tor wie eine Hommage an den eine Woche davor verstorbenen Gerd Müller. Und das von Assan Ceesay, dem viele so etwas nie im Leben zugetraut hätten. Siegtreffer! Im Derby! In der letzten Minute der Nachspielzeit! Was für ein Schlussakkord!
Der FCZ tritt im 275. Derby mit einem verstärkten Zentrum an. Moritz Leitner gesellt sich bei seinem Super League-Début zu Doumbia, Krasniqi und Marchesano hinzu. Verschiedene taktische Variationen sind möglich – unter anderem eine Viererabwehr mit Raute im Mittelfeld.
Bei GC darf der eigene Junior Florian Hoxha von Anfang an ran. Ebenso beginnt Petar Pusic, der vor fünf Jahren im U18-Final Fabian Rohner gegenüberstand (siehe Derby-Vorschau).
Tabellensituation: für FCZ-Anhänger in 20/21 ein Déjà Vu. Wie immer seit dem Wiederaufstieg konnte man sich erst gegen Ende der Saison aus der Abstiegsgefahr retten. Alles wie gehabt? Nein, denn bezüglich Jugendförderung in der 1. Mannschaft hat der FCZ gleichzeitig einen brutalen Absturz erlebt. In der Magnin-Ära hatte man sich kontinuierlich wie schon zu Favre-Zeiten oder zu Beginn der Meier-Periode zum grössten Jugendförderer der Liga entwickelt. In der Saison «danach» fällt der Stadtclub nun aber auch in dieser Wertung abrupt zurück ins biedere «abstiegsgefährdete» Mittelfeld.
Langzeitbetrachtung der „Big6“ seit der Saison 10/11
Dies ergibt das Update der im letzten Oktober gestarteten Auswertung der Einsatzminuten von U21-Spielern von Züri Live. Der Fokus liegt dabei auf der Langzeitbetrachtung seit der Saison 10/11 und den «Big6» des Schweizer Fussballs: GC, Basel, Servette, YB, FCZ und Lausanne-Sport. Diese sechs Klubs stammen aus den fünf grössten Städten der Schweiz (logischerweise zwei davon aus Zürich, welches doppelt so gross ist wie die zweitgrösste Stadt Genf) mit dem grössten Einzugsgebiet für Zuschauer und Talenten. Diese Klubs haben nicht nur in der obersten Liga am meisten Erfolge gefeiert, sondern über die Jahrzehnte hinweg auch am meisten Talente für die Schweizer Nationalmannschaften entwickelt. Die anderen Super League-Klubs werden in der Betrachtung der aktuellen Saison allerdings mit einbezogen. Gemessen wird einerseits die Gesamtzahl der Einsatzminuten aller U21-Spieler und andererseits der U21-Spieler, welche aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Als U21-Spieler werden nach UEFA-Standard für die Saison 20/21 Fussballer mit Jahrgang 1999 und jünger bezeichnet. «Eigene Junioren» werden hier definiert als Talente, die mindestens in einem Juniorenteam des gleichen Vereins (bis und mit U18) gespielt haben.
Ist Massimo Rizzo kein Jugendförderer?
Nur weil ein Trainer in der Vergangenheit im Juniorenbereich aktiv war, heisst das noch lange nicht, dass er auch bei den Profis auf den Nachwuchs setzt. So tendiert beispielsweise der ehemalige FCZ-Nachwuchstrainer Urs Fischer eher dazu, auf Erfahrung zu setzen. Gilt dies also ebenso für Massimo Rizzo? Dies kann man nicht abschliessend beurteilen. Wenn Daten über mehrere Saisons vorliegen, sind klare Aussagen möglich. In einer einzelnen Saison können hingegen auch Sonderfaktoren wie Verletzungen oder schlechte Jahrgänge eine Rolle spielen. Oder wie beim FCZ, dass die viel eingesetzten Domgjoni, Rohner (und Tosin) als 98-er Jahrgang auf die Saison 20/21 hin aus der U21-Wertung herausgefallen sind. Die Frage stellt sich trotzdem, warum zuletzt zu wenig (gute) Talente aus dem Nachwuchs nachrücken konnten.
Bei Peter Zeidler kriegt jeder seine Chance
Würde der FCZ die Jungen so forcieren, wie aktuell St. Gallen, dann wären auf jeden Fall sehr viel mehr aus dem eigenen Nachwuchs zum Einsatz gekommen. Die Ostschweizer stehen diese Saison an der Spitze der Juniorenförderungsrangliste mit dem Einsatz von nicht weniger als 14 U21-Spielern, davon neun aus dem eigenen Nachwuchs. Und dies obwohl die Ostschweizer immer noch eine deutlich kleinere Anzahl an Spitzentalenten hervorbringen, als der FCZ und alle anderen Klubs der «Big6». Peter Zeidler setzte wirklich jeden ein, der auch nur im Entferntesten ein gewisses Potential für den Profibereich mitbringt.
GC und Lausanne bisher deutlich besser als ihr Ruf
Die beiden Klubs mit ausländischen Besitzern, GC und Lausanne, werden mit dem Vorurteil oder der Befürchtung verbunden, sich zu wenig um die Nachwuchsentwicklung zu kümmern. Genau das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Fosun-GC und Ineos-Lausanne Sport stehen an der Spitze bei der Anzahl eingesetzter U21-Spieler. Und: sogar bezüglich der Einsatzminuten von Junioren aus dem eigenen Nachwuchs liegt GC 20/21 an dritter und Lausanne an vierter Position der elf untersuchten Teams (Super League plus Aufsteiger) – auch wenn dieser Indikator sowohl bei Lausanne wie auch bei GC in der letzten Saison gesunken ist. Bei den Hoppers waren es 20/21 vor allem Petar Pusic, Fabio Fehr, Giotto Morandi und Robin Kalem, die forciert wurden – bei Lausanne Gabriel Barès, Marc Tsoungui, Isaac Schmidt oder Josias Lukembila. Die Top 4 in beiden Wertungen mit GC, Lausanne und St. Gallen wird komplettiert durch den FC Luzern mit Ugrinic, Burch, Emini… Der FCL hat zuletzt ein, zwei sehr gute Jahrgänge hervorgebracht. Ob sich die Innerschweizer im Jugendbereich dauerhaft auf diesem hohen Niveau werden halten können, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Serienmeister YB Schlusslicht in der Juniorenförderung,…
Schlusslicht bezüglich Einsatzminuten und Anzahl eingesetzter junger Spieler ist YB. Der Erfolg wirft in einer oberflächlichen Betrachtung seinen Glanz auf alle Aspekte und Elemente in einem Verein. So erhält man beim Konsumieren der deutschschweizer Sportmedien den Eindruck, YB sei der grosse Juniorenförderer – diese Saison vor allem mit Stories über den Debütanten Fabian Rieder. Komplett unter geht dabei, dass bei den Bernern 20/21 neben Rieder mit Felix Mambimbi nur ein einziger weiterer U21-Spieler regelmässig zu Liga-Einsätzen kam. Nico Maier und Joshua Neuenschwander hatten auch noch ein bisschen Einsatzzeit. Insgesamt ganze vier Spieler in einer Saison! Trotz souveräner Führung in der Tabelle. Selbst Lugano oder Vaduz setzten mehr junge Spieler ein und gaben ihnen auch mehr Spielzeit. Bei den gegen den Abstieg kämpfenden Liechtensteinern konnten sich sechs junge Spieler in der Super League-Saison beweisen, bei Lugano neun, beim bezüglich Juniorenförderung stark unterschätzten Sion gar zehn. Und dies ist kein Zufall oder ein Ausnahmejahr. Seit Christoph Spycher als Sportchef übernommen hat, rasselte die unter Vorgänger Fredy Bickel vorbildliche Integration des eigenen Nachwuchses in der 1. Mannschaft in den Keller. Und dies obwohl parallel die Juniorenteams der YB Academy unter Ernst Graf als zuständigem Verwaltungsrat immer erfolgreicher wurden.
…und gleichzeitig in der Ausbildung mittlerweile mit an der Spitze
In den beiden wichtigsten Juniorenkategorien (U18 und U16) stand YB am Ende der Saison 20/21 an der Spitze – und die Reserve-Mannschaft (U21) stieg in die Promotion League auf. Sie komplettiert nun also das maximal erlaubte Quartett an U21-Teams auf dieser Stufe mit dem FCB, FCZ und Sion. Nur wenn einer dieser vier absteigt, darf ab jetzt ein anderes U21-Team aufsteigen. Nachdem YB II in den letzten Jahren den Aufstieg jeweils knapp (unter anderem in den Playoffs) verpasst hatte, klappte es nun in einer verkürzten Saison mit einem kurzfristig angepassten Modus ohne Playoffs, in welcher am Ende die U21-Teams gegenüber den Amateurteams klar bevorteilt waren, weil sie in einer kurzfristig organisierten U21-Runde in der COVID-Pause im Spielrhythmus hatten bleiben können.
Mancher Super League-Trainer nähme einzelne YB U21-Spieler mit Handkuss
In jedem anderen Super League-Klub wären einige Spieler aus der YB U21 bereits vor Monaten zu ihren ersten Einsätzen im Profibereich gekommen. Peter Zeidler hätte gar die halbe Mannschaft bei sich integriert. Denn diese Jungs sind im Schnitt talentierter, als diejenigen, welche der Deutsche Coach aus dem Ostschweizer Nachwuchs (von einzelnen Ausnahmen wie Alessio Besio abgesehen) zur Verfügung hat. Ein Kwadwo Duah, Linus Obexer, Elia Alessandrini, Léo Seydoux, Yannick Touré, Samuel Kasongo oder Breston Malula hätten unter einem Sportchef und Kaderplaner wie Fredy Bickel in den letzten Jahren sicherlich gute bis sehr gute Chancen auf einen Stammplatz in der Super League-Mannschaft von YB gehabt. Und beispielsweise ein Shkelqim Vladi, Jonathan De Donno, Mischa Eberhard, Benjamin Kabeya oder Markus Wenger aus dem aktuellen U21-Team würden fest zum Kader gehören. Sie mussten / wollten sich nun aber alle anderweitig orientieren, oder werden erst mal wieder ausgeliehen.
FCB: abrupter Kurswechsel mitten in der Ära Burgener
Beim FC Basel wurde in den ersten zwei Jahren der Ära Burgener der eigene Anspruch des stärkeren Einbaus von eigenen Junioren voll erfüllt, die Kurve stieg steil an und bereits in der Saison 18/19 war der FCB unter den «Big6» diesbezüglich auf der Spitzenposition. Die letzten zwei Saison zeigte der Trend dann aber wieder klar in die entgegengesetzte Richtung. Die Einsatzminuten eigener Junioren nahmen trotz gleichzeitigem Sparkurs wieder stark ab. Ganz allgemein ist erstaunlich, dass trotz COVID-Zeiten und knapper Budgets mehrere Klubs in der Saison 20/21 deutlich weniger eigene Junioren eingesetzt haben, als in den Saisons davor. Von den sechs grossen Schweizer Vereinen hatten nur Servette und YB eine leichte Steigerung zu verzeichnen – allerdings beide von einem sehr tiefen Niveau ausgehend. Bei den Genfern lässt sich ein ähnlicher Trend wie bei den Bernern feststellen. Mit der Übernahme des Vereins durch Kreise um die Hans Wilsdorf Stiftung kehrte Ruhe in den Verein ein, man baute Stück für Stück eine erfolgreiche Mannschaft auf – und die Juniorenförderung in der 1. Mannschaft ging gleichzeitig den Bach runter.
Ist André Breitenreiter ein Jugendförderer?
Stand heute beschränkt sich das Kontingent an U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs im Kader der kommenden Saison beim FCZ auf Bledian Krasniqi, Stephan Seiler, Henri Koide, Nils Reichmuth, Silvan Wallner und dem Dritten Goalie Gianni De Nitti. Kommt noch ein Kedus Haile-Selassie hinzu? Lenny Janko? Oder gar ein Fabian Gloor? Der neue Trainer André Breitenreiter betreute mit Hannover und Paderborn die ältesten Teams ihrer damaligen Ligen. Dazwischen hatte er bei Schalke eine Saison lang ein junges und unfassbar talentiertes Team aus der «Knappenschmiede» zur Verfügung. Leon Goretzka (damals 20), Leroy Sané (19) oder Max Meyer (19) spielten regelmässig, während Thilo Kehrer (18) und Alexander Nübel (18) unter Breitenreiter in der Liga nicht zum Einsatz kamen. Kann er das Ruder in Richtung stärkerer Jugendförderung beim FCZ wie zu Favres oder Magnins Zeiten wieder herumreissen? Denn über das letzte Jahrzehnt betrachtet liegt der FCZ unter den „Big6“ immer noch klar an der Spitze bezüglich Einsatzminuten und Anteil von U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs.