Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03489.jsonl.gz/1778

Dunkelheit
Heute
Wie konnte es so weit kommen?
Du willst die Worte in die in Dunkelheit gefasste Welt hinaus schreien, aber alles, was deine strapazierten Lungen hergeben, ist ein Röcheln und ein Hauch, der sofort gefriert.
Du presst den Jungen an dich, obwohl du weißt, dass es zu spät ist. Selbst wenn dein Körper irgendwelche Wärme innehätte, die er abgeben könnte, derjenige in deinen Armen nimmt keine mehr auf. Schwach wie du auch bist, schaffst du es trotzdem, den viel zu leichten Körper aus dem Schnee zu heben – das wirkliche Gewicht ist der Parka und das Eis, das in dicken Klumpen am Fellkragen klebt.
Du drückst den Körper weiter an dich und hebst den Blick in den Himmel. In der allumfassenden Schwärze suchst du nach der letzten, spärlichen Lichtquelle, dem fahlen Schein des sterbenden Sterns. Doch da ist nichts mehr. Alles was bleibt, ist die Dunkelheit, die Kälte und der Tod.
Eine Woche zuvor
»Wie ist es so weit gekommen, Mama?«
Die Stimme deines Sohnes ist dünn und bricht beim letzten Wort, zusammen mit deinem Herz.
Du schüttelst nur den Kopf, zu schwach, ihm die Wahrheit zu sagen und zu erschöpft, dir eine Lüge auszudenken.
Du willst weitergehen, doch die kleine, behandschuhte Hand in deiner leistet minimalen Widerstand. Du drehst dich zu ihm um. Er hat den Kopf weit in den Nacken gelegt und sein blasses Gesicht ist dem Himmel zugewandt. Im fahlen Licht siehst du wie seine Lippen beben. Die weit aufgerissenen Augen sind umrahmt von zu Eis erstarrten Wimpern.
»Vorsicht!«, raunst du heiser und streifst ihm die Kapuze über den Kopf.
Die zitternden Lippen verziehen sich zu einem müden Lächeln.
»Ich spür die Kälte schon gar nicht mehr, Mama.«
Drei Monate zuvor
»So weit ist es also gekommen«, wehklagt der Mann neben dir.
Seine Arme enden in amputierten Stümpfen, doch das ist es nicht, was er meint. Gemeinsam wie alle anderen Bewohner des Hospitals hat er den Blick in den Himmel gerichtet. Blassoranges Licht fällt auf seine angespannten Züge und in seinen Augen glänzt der Irrsinn, dem so viele bereits zum Opfer gefallen sind.
Es wird Zeit, dass du den Ort verlässt. Bald wird sich hier jeder nur noch sich selbst der nächste sein.
Du drückst deinen Jungen an dich und er vergräbt sein Gesicht in deinem Parka.
»Wo ist Papa?«, nuschelt er.
»Er ist fortgegangen«, sagst du ihm.
Du wendest den Blick von dem Mann ab und richtest ihn ebenfalls in den Himmel, auch wenn die eisige Luft dein Gesicht schmerzen lässt.
Eine leise Stimme in dir lacht zynisch auf. Was bringen Eltern ihren Kindern bei? Bloß nie direkt in die Sonne schauen, das macht die Augen kaputt!
Wenn es nur so wäre.
Das Lachen der Stimme in dir erlischt zur selben Zeit wie der Feuerball am Himmel und der orangene Schein, der über Wochen auf der Welt gelegen hat, schwindet in ein endloses blaugrau.
Ein Jahr zuvor
»Konnte es wirklich so weit kommen?«, sagt der Mann, den du liebst am anderen Ende der Leitung.
»Ich bitte dich, sei nicht so dramatisch«, erwiderst du, aber du spürst, dass er es ernst meint.
Er lacht freudlos auf.
»Es geht zu weit und das weißt du. Ich kann nicht weiter hinter dir stehen.«
»Du verlässt uns? Einfach so?« Du zwingst dich, deine Stimme so emotionslos zu halten, wie möglich und hoffst, dass ihm das Zittern darin entgeht.
»Einfach so? Ich kämpfte seit Monaten um sein Sorgerecht! Und noch viel länger darum, dich zur Vernunft zu bringen. Aber du …«
Du beendest das Telefonat. Das hast du nicht nötig.
Wenn er sich aus deinem Leben stehlen will, soll er. Viel zu lange hat er versucht, dich zurückzuhalten. Du stellst dich ans Fenster und beobachtest, wie die Sonne langsam am Horizont untergeht und die Dämmerung Einzug nimmt.
Die Entscheidung ist gefallen, auch wenn er und die Öffentlichkeit das noch nicht wissen. Es liegt längst nicht mehr in deinen Händen.
Zwei Jahre zuvor
»Es darf nicht so weit kommen!«, schreit eine junge Frau durch ein Megaphon über die Menge.
Die versammelten Menschen wiederholen den Aufruf und schwenken ihre Banner.
Du kannst sie nicht lesen, denn sie sind alle in Richtung des Bürokomplexes gerichtet, dessen Tiefgaragenausfahrt hinter der Meute liegt.
Du musterst die Leute durch die getönten Scheiben deines Wagens hindurch. Zu einem gewissen Grad bewunderst du ihre Energie, auch wenn sie sie in eine falsche Richtung steuern. Gewisse Menschen sind einfach nicht zufriedenzustellen.
Fünf Jahre zuvor
»Wie konnte es nur soweit kommen?«
Dein Boss hat den Kopf zwischen die Ellenbogen geklemmt und rauft sich die Haare. Hinter ihm auf dem Bildschirm laufen die neusten Nachrichten.
»Das Verbot fossiler Brennstoffe war abzusehen«, erwiderst du nüchtern.
»Aber so schnell schon?«
Mit zwei langen Schritten stehst du bei seinem Tisch und knallst ihm eine Dokumentenmappe hin.
»Meine Forschungsabteilung arbeitet schon lang nach einer Alternative.«
Du übst dich in Geduld, bis dein Boss die ersten paar Seiten überflogen hat und die Furchen in seiner Stirn nicht mehr tiefer werden können.
»Solarenergie?«, fragt er langsam und lässt die Mappe sinken.
Du setzt ein künstliches Lächeln auf.
»Ein Begriff der Marketingabteilung. Im Grunde genommen ist es Energie aus Wasserstoff.«
»Wasserstoff… aus der Sonne?«, fragt er langsam.
Dein Lächeln sitzt weiterhin makellos.
»Die Sonne verfügt über ein unvollstellbar großes Lager an Wasserstoff. Wir haben einen Weg gefunden, dieses Lager anzuzapfen.«
Die Furchen in der Stirn deines Bosses verschwinden und er hebt die Augenbrauen.
»Und das ist sicher?«
»Jede Art der Energiegewinnung birgt Risiken.«
Dein Boss macht eine wegwerfende Handbewegung. »Ich meine… die Sonne braucht diesen Wasserstoff oder etwa nicht?«
Nun lachst du spitz auf. »Natürlich. Ohne Wasserstoff, keine Sonne. Die Menge, die wir abzweigen würden, ist im Verhältnis jedoch unbedeutend.«
»Hm«, macht dein Boss und blättert weiter in der Mappe.
»Lassen Sie mich wissen, wenn Sie Fragen haben«, sagst du und verlässt das Büro.
Du weißt, du hast ihn bereits in der Tasche.
Zufrieden trittst du aus dem Bürogebäude und schirmst die Augen gegen das grelle Sonnenlicht ab, bevor du deine Sonnenbrille aus der Tasche ziehst.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.