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Es sieht aus wie ein Gemälde: ein karg eingerichtetes Zimmer mit weiss übertünchten Einschusslöchern an der braunen Wand, Kendrick Lamar im weissen Shirt, die Tochter auf dem Arm, im Hosenbund eine Schusswaffe, auf dem Kopf eine Dornenkrone. Im Hintergrund sitzt seine Frau Whitney Alford im ebenfalls weissen Tanktop auf dem Bett und stillt ein Baby. Familie, Waffe, Gott: ein US-amerikanisches Tableau.
Es ist das Cover von «Mr. Morale & The Big Steppers», dem fünften Studioalbum von Kendrick Lamar, fünf Jahre nach «Damn» erschienen. Dafür erhielt der Rapper damals den Pulitzer-Preis, als erster Interpret überhaupt, der nicht aus dem Jazz oder der klassischen Musik kommt. Mit dem Hip-Hop ist in den letzten ein, zwei Jahrzehnten viel passiert – natürlich musikalisch, aber auch gesellschaftlich: Dass ein Schwarzer Rapper aus dem Armenvorort Compton bei Los Angeles mit einem Literaturpreis geehrt wird, ist dafür nur ein Indiz. Ein weiteres: Die Halftime-Show beim Super Bowl, jenem megalomanischen Musikzwischenspiel beim Final der National Football League, wurde 2022 zum ersten Mal ausschliesslich von Rap- und R-’n’-B-Künstler:innen bestritten. Lamar teilte sich die Bühne mit einigen Rap-Urgesteinen: Dr. Dre, Eminem, Snoop Dogg, Mary J. Blige, 50 Cent, alle gut fünfzehn Jahre älter als er. Lamars Part war ein Ausschnitt aus seiner Black-Lives-Matter-Hymne «Alright». Obwohl hinterher zu reden gab, ob eine gegen die Polizei gerichtete Zeile absichtlich zensiert worden war, ist das immerhin bemerkenswert – und die Show wohl der Beweis, dass auch Lamar auf dem Weg zum Urgestein ist. Wenn Hip-Hop Mainstream ist, dann sind es auch seine Geschichten – und Kendrick Lamar kann sie mit einer lyrischen, performativen Wucht erzählen, es ist unfassbar gut.
«Mr. Morale & The Big Steppers» ist ein für Lamar gewohnt dichtes Werk. Es verarbeitet Gewalt, Trauma, Sex, Familie, Gemeinschaft, und er wagt sich selbstbewusst gleich an ein ganzes Bündel von Identitätsfragen, spart auch nicht mit grossen Gesten und Worten. Anders gesagt: Dieses Doppelalbum ist eine Zumutung, zweimal neun Songs auf insgesamt 73 Minuten, die ähnliche Themen wiederholt aufnehmen und doch immer neue Wege einschlagen. Es könnte einen, passt man nicht auf, beinahe erdrücken.
Sag ihnen die Wahrheit!
Fünf Jahre hat Kendrick Lamar für «Mr. Morale» gebraucht, er habe, wie er gleich im Introtrack «United in Grief» sagt, Depressionen, eine Schreibblockade gehabt, dann eine Therapie gemacht und Gott gebeten, durch ihn zu sprechen, voilà. Aber eigentlich ist es seine Frau Whitney Alford, die fast das erste Wort hat, als sie sagt: «Tell ’em, tell them the truth», bevor sich Lamar schnell und exakt durch diesen unberechenbaren Song hangelt. Sag ihnen die Wahrheit – aber was heisst das schon?
Die Familie ist auf «Mr. Morale» der Ausgangspunkt, und ja, das ist durchaus therapeutisch, wie er sich an Vater und Mutter, an weiteren Verwandtschaften abarbeitet. Am beeindruckendsten gelingt das in «Mother I Sober», einem Stück über die sexuelle Gewalt, die seiner Mutter angetan wurde und die er als Kind miterlebt hat. Über einem einfachen, zarten Pianobeat erzählt Lamar von der Gewalt in der eigenen Familie und von Angst und Trauma und vor allem auch davon, wie darüber in Schwarzen Gemeinschaften kaum gesprochen wird. Hier wird die eigene Geschichte zu einer von vielen, und die Stimme wird lauter und wütender, weil so viele Einzelfälle schliesslich bedeuten, dass die Gewalt auch strukturell ist. Der Song endet mit der Beschwörung der Community, sich zu befreien – sich gemeinsam zu heilen, um dem Druck einer rassistischen Gesellschaft standhalten zu können. Dazwischen singt Beth Gibbons von Portishead den zerbrechlichsten Refrain, und vielleicht kann man über «Mother I Sober» sagen, was man über das ganze Album sagen kann: Es ist dick aufgetragen, und es ist sehr gut.
«As I get a little older, I realize life is perspective / And my perspective may differ from yours» – im Auftakt zur Single «The Heart Part 5», die kurz vor «Mr. Morale» erschien und nicht auf dem Album ist, weist Lamar auf seine Subjektivität hin, die ihm beim Älterwerden erst bewusst wurde. Um dann im Video gleich mehrere Positionen einzunehmen: Mittels Deepfake verändern sich seine Gesichtszüge, etwa zu jenen von O. J. Simpson, Kobe Bryant oder Kanye West, allesamt schillernde Biografien aus der afroamerikanischen Popkultur, die er sich für einige Takte aneignet. Der Körper bleibt derselbe, während einer einzigen Einstellung performt Lamar scheinbar schlingernd, aber präzis und voller Spannung. Das Sample von Marvin Gayes «I Want You» im Refrain markiert hier vielleicht die Sehnsucht nach, vielleicht die Hoffnung auf mehr. Und apropos Samples: Auch das ist eine Möglichkeit für Lamar, auf eine gemeinsame Schwarze (Musik-)Geschichte hinzuweisen – etwa in «Worldwide Steppers», in dem elegant ein Stück der nigerianischen Siebzigerfunkband The Funkees eingewoben ist.
«Fuck me»
Bei all der Virtuosität ist es ein wenig erstaunlich, dass Lamar im Track «Auntie’s Diaries», der von seinem Onkel und seiner Cousine handelt, die beide ihr Coming-out als trans hatten, die Pronomen dermassen achtlos durcheinanderbringt. So wahnsinnig kompliziert wäre das ja nicht. Um «Auntie’s Diaries» ist eine Kontroverse entbrannt, aus besagtem Grund und auch, weil Lamar darin mehrmals das F-Wort sagt, eine wüste Beleidigung für Queers. Trotzdem ist es leider immer noch überhaupt nicht selbstverständlich, dass ein heterosexueller cis Rap-Superstar sich mit seiner Homo- und Transphobie auseinandersetzt und sich – wiederum anhand der eigenen Familiengeschichte – für die Rechte von trans Menschen ausspricht.
Es ist nicht leicht, dieses Album zu lieben. Sich über die inflationäre Verwendung von «bitch» aufzuregen, ist auch ein bisschen langweilig. Dass aber das eigentlich schlaue «We Cry Together», in dem sich Lamar mit der Schauspielerin Taylour Paige zu einem üblen Beziehungsstreit aufschaukelt (der Refrain: «Fuck you», «No, fuck you», ständig hin und her), mit einem unterwürfigen «Fuck me» von Paige endet, ist da schon enttäuschender. Fragwürdig ausserdem, wie das eindringliche «Mother I Sober» neben einem Feature mit Kodak Black stehen kann, der letztes Jahr wegen eines sexuellen Übergriffs verurteilt und dessen Strafmass als eine der letzten Amtshandlungen von Donald Trump herabgesetzt wurde. «Pro-Black» zu sein, sei ja gut, rappt Lamar im Song «Savior», aber er sei mehr Kodak Black. Klar, Schwarze Solidarität auch für jene, die Scheisse bauen – aber wo bleibt die Solidarität für die betroffene Frau?
Es geht vieles gleichzeitig, könnte man sagen. Etwa auch, dass Lamar sich mit Dornenkrone ablichten lässt, sich wahlweise als Sprachrohr Gottes oder der Community sieht und am Ende, in «Savior», dann doch unterstreicht, dass er nicht der Retter sei, bloss: «Kendrick made you think about it», er hat dich drüber nachdenken lassen. Vielleicht Koketterie von einem, der sehr genau weiss, welche Wirkung und Reichweite er mittlerweile hat, und dessen neues Album auch jetzt wieder von allen Seiten als Meisterwerk bejubelt wird. Bleibt zu hoffen, dass er sich tatsächlich nicht als Retter sieht. So viele Fragen aufzuwerfen, ist doch eigentlich genug.
Kendrick Lamar: Mr. Morale & The Big Steppers. Interscope/Universal. 2022