Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03475.jsonl.gz/1309

«Die Stärke des Romans, der sich angenehm liest, liegt in der Kombination des Scheidungsthemas mit der Zeitgeschichte [...].»
Ein Zeitroman
Luzern, Ende der 1930er-Jahre: Hans Anmatt, ein Schweizer Kunstmaler, ist mit Sohn Peter und Ehefrau Hanna aus Deutschland in die Schweiz zurückgekehrt und wohnt mit anderen Emigranten im sogenannten Hungerturm, dem heruntergekommenen Hotel Bristol. Seine Freude an der heimatlichen Landschaft wird getrübt von der Erkenntnis, dass das nationalsozialistische Gedankengut auch in der Schweiz seine Anhänger hat, und von der Tatsache, dass Peters leibliche Mutter ihren Sohn mit materiellen Verlockungen zu verführen sucht. Anmatts Freund, den Schriftsteller Max Lorenz, plagen ebenfalls Sorgen, obwohl sein neuestes Theaterstück ein grosser Erfolg ist: Seine Frau ist mit dem gemeinsamen Kind ausgezogen.
Der Thurgauer Paul Ilg (1875–1957), unehelicher Sohn einer Fabrikarbeiterin, kam nach einer Kindheit als Verdingbub weit herum: Er lebte als Redaktor in Berlin, war der Geliebte einer deutschen Adligen und feierte mit seiner Tetralogie «Das Menschlein Matthias» grosse Erfolge, an die er danach nie mehr richtig anknüpfen konnte. Im bisher unveröffentlichten Romanfragment «Der Hungerturm» gibt Ilg einen Einblick in das Leben der Emigranten aus Deutschland und porträtiert zugleich zwei Männer, die einen erbitterten Kampf um ihre Kinder ausfechten.
«Die Stärke des Romans, der sich angenehm liest, liegt in der Kombination des Scheidungsthemas mit der Zeitgeschichte [...].»
«Ergreifend ist die Situation von feinfühligen kunstschaffenden Menschen aufgezeichnet, die zwischenzeitlich oder für immer in Unsicherheit leben müssen. Paul Ilg versuchte sich in der Bekenntnisdichtung, weil er in realer Notlage war. Das betreffende Manuskript gab er nie zur Veröffentlichung frei. Im bruchstückartigen Roman hat er den Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit und Erhaltung der Familie verdeutlicht. Der konstante finanzielle Engpass führte dazu, dass jede Möglichkeit, einen Text zu publizieren, wahrgenommen wurde. Persönliche Gedanken über Partnerschaft, Ehe, Mutterschaft, Kinder, Scheidung konnte der Dichter Paul Ilg in Form von Gesprächen sowie Auseinandersetzungen mit einem Künstlerfreund, der auch um sein Kind kämpfen wollte, einbringen. Selber wurde der Schriftsteller als uneheliches Kind im Thurgau geboren. Nach dem Tod der Grosseltern, bei denen er die ersten Jahre verbrachte, landete er als Verdingbub im Appenzellerland und dann bei der Mutter in Rorschach. – Sein Fremdsein im Leben machte ihn zum Beobachter, zum Schreibenden. Seine Texte bewirken eine einzigartige Wechselwirkung von Nähe zwischen ihm und der Leserschaft.»
«Als Fragment überliefert, erfährt dieser Text von Paul Ilg (1875–1957) seine erste Veröffentlichung. […] Der Text enthält […] genug Substanz, um als literarisches Kunstwerk zu bestehen.»