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Was tut man, wenn man Klimagase reduzieren und das auch nachvollziehen will? Man kann sie messen oder ihre Menge berechnen. Wenn beides nicht zusammenpasst, kann es an der Methode liegen, an den Daten, die zur Berechnung herangezogen werden. Oder an beidem.
Ein solches Problem haben die USA mit dem nationalen Methanausstoss. Direkte Messungen in der Luft deuten auf viel höhere Mengen hin als im nationalen Treibhausgas-Inventar der Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Ageny, EPA) angegeben. Methanemissionen aus der Viehhaltung werden systematisch zu tief eingeschätzt, stellte eine Metastudie der Johns-Hopkins-Universität und der New York University 2021 fest.
Ein Fünftel der Methanemissionen stammt aus der Viehhaltung
Eine umfassende Berichterstattung ist aber grundlegend zur Einhaltung der Klimaziele. Dafür zu sorgen, dass weniger Methan in die Atmosphäre gelangt, ist nach derzeitigem Verständnis einer der schnellsten und effektivsten Wege, die Klimakrise abzubremsen. Methan ist zwar um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid, baut sich aber innerhalb eines Jahrzehnts ab.
Etwa drei Fünftel der globalen Methanemissionen werden, grob gesagt, von Menschen verursacht. Diese 60 Prozent bestehen zu je einem Drittel aus Methan aus der Tierhaltung, aus fossilen Brennstoffen und aus der Abfallwirtschaft.
Das erklärt Stefan Schwietzke, Methan-Experte des Environmental Defense Fund, gegenüber n-tv. Nach anderen Schätzungen entfallen 37 Prozent der weltweiten Methanemissionen auf die Landwirtschaft, grösstenteils auf die Viehzucht.
Es gibt einige Länder, die ihre Methanemissionen schätzen, Rumänien beispielsweise. Laut Schwietzke gleicht das einer Art Blindflug. Gleichzeitig gibt es Fortschritte beim Erfassen der tatsächlichen Mengen per Satellit. In den USA deutet aber einiges darauf hin, dass die Vereinigten Staaten gar nicht so genau wissen wollen, wie viel Methan die Viehherden produzieren.
Zum Beispiel: ein wiederkehrendes Blockadegesetz
Trotz der klimapolitischen Dringlichkeit blockieren Viehzüchter und ihre Lobbys beharrlich die Meldepflicht. Durch Vorgänge wie diese zum Beispiel: Am 3. November 2023 wurde im US-Repräsentantenhaus der Gesetzesentwurf H.R.4821 mit 213 zu 203 Stimmen verabschiedet, am 7. November ging er an den Senat. Dort wird er sehr wahrscheinlich ebenfalls bestätigt und damit Gesetz.
Ein Absatz verhindert jedoch, dass die US-Regierung im kommenden Fiskaljahr die Realisierung eines anderen Gesetzes finanziert. Dieses zwingt Viehzuchtbetriebe, ihre Methanemissionen zu melden. Ein Teil von H.R.4821 ist also ein Gesetz, das ein anderes Gesetz blockiert.
Es war das 14. Mal, dass eine solche Sperrvorlage verabschiedet wurde. Das US-Parlament wolle zwar, dass vor allem grosse Viehzuchtbetriebe ihre Methanemissionen offenlegen. Es wolle und werde aber kein Geld dafür ausgeben, ordnet «Inside Climate News» ein.
Schlechte Daten ergeben keine guten Schätzungen
Das Methanaufkommen der grossen Viehzuchtfarmen wird stattdessen von der Umweltschutzbehörde EPA geschätzt. Sie benötigt dafür die Anzahl der Tiere und Informationen über die Art des Güllemanagements.
Kritiker heben die Unzulänglichkeit des Inventars hervor. Zur Schätzung der Emissionen aus grossen Tierhaltungsanlagen stützt sich die EPA auf Daten der Bundesstaaten, die oft unvollständig sind. «Wir wissen nicht einmal, wie viele Tiere auf diesen Farmen gehalten werden», sagt Chloe Waterman, leitende Programmmanagerin bei der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth, zu «Inside Climate News».
Die Land- und Viehwirtschaft produziert immer mehr Methan statt weniger
Nach einer Analyse von offiziellen Daten der EPA durch «Inside Climate News» verursachten Rinder in den USA 2020 mehr als doppelt so viel Methan wie alle Öl- und Gasbohrlöcher des Landes zusammen. Das sind – natürlich – nur Schätzungen.
Während die Methanemissionen anderer US-Wirtschaftssektoren sinken, wachsen diejenigen der Viehwirtschaft. Zwischen 1990 und 2021 sind sie um 60 Prozent gestiegen. Land- und Viehwirtschaft der USA produzieren nach Schätzungen der EPA 11 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen. Die Hälfte davon ist Lachgas aus Dünger, ein Viertel Methan aus Kuhrülpsern, weitere 10 Prozent Methan aus Gülle und Mist.
Das Umweltministerium kämpft seit Jahrzehnten dafür, Umweltverschmutzung durch Landwirte zu regulieren. Genauso lange konnten die Lobbyisten des Agrarsektors und ihre Verbündeten im Kongress Ausnahmen durchsetzen, legt «Inside Climate News» dar.
Genaue Angaben sind anscheinend nicht zumutbar
2007 urteilte der Supreme Court als Oberster Gerichtshof der USA, dass das Umweltministerium Treibhausgase regulieren müsse. Im gleichen Jahr gelang es zwei kalifornischen Senatorinnen, 3,5 Millionen Dollar zu sichern, um das Erfassen von Klimagasen zu verbessern.
Davon müssten eigentlich rund 50 bis 100 grosse Viehzuchtbetriebe betroffen sein. Trotzdem berücksichtigte die EPA deren Emissionen in ihrem neuen Reporting-Programm nicht. Sie verlangte lediglich, dass die Betriebe Emissionen aus ihren Güllesystemen meldeten. «Praktische Berichterstattungsmethoden zur Schätzung von Emissionen auf Betriebsebene» seien «für diese Quellen schwierig zu implementieren und könnten unsichere Ergebnisse liefern», begründete das Ministerium 2009.
Horrorszenario «Cow Tax»
Zur selben Zeit zeigte sich die Agrarlobby zum ersten Mal besorgt über eine drohende «Cow Tax». Ein Thema, das seither regelmässig wiederkehrt. Sie führte eine Kampagne, um sicherzustellen, dass «der Kongress keine Kuhfürze besteuert». Den vermeintlichen Gesetzesvorschlag der EPA, an dem sich die Kampagne abarbeitete, gab es jedoch nie.
Die Agrarlobby wehrt sich auch weiterhin gegen jede Berichterstattung, weil sie diese als Voraussetzung für Verbote sieht. Die Einführung eines Zertifikatsystems wie in Europa zur Reduzierung von Emissionen (Cap and Trade) konnten die Lobbyisten ebenfalls verhindern.
Da ist man global schon weiter. 150 Länder haben sich auf der letzten Klimakonferenz COP28 in Dubai dazu verpflichtet, ihre Agrar- und Lebensmittelemissionen zu reduzieren. Sogar die Lebensmittelindustrie kündigte Massnahmen an: Sechs der weltweit grössten Molkereiunternehmen (Bel Group, Danone, General Mills, Kraft Heinz, Lactalis USA, Nestlé) kündigten an, Methanemissionen aus ihren Lieferketten im Rahmen der Dairy Methane Action Alliance öffentlich zu machen. Bis Ende 2024 wollen die Unternehmen einen Plan vorlegen, wie sie diese Emissionen reduzieren wollen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.