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Film
Der ärmste Präsident der Welt
Die Legalisierung von Abtreibungen und von Marihuana sowie das Eherecht für Homosexuelle – dies sind nur drei Errungenschaften des ehemaligen uruguayischen Präsidenten José Mujica während seiner Amtszeit von 2010 bis Ende Februar 2015. Mujica, von seinen Landsleuten liebevoll «El Pepe» genannt, wurde auch als «der ärmste Präsident der Welt» bezeichnet. Während seiner Amtszeit gab er den grössten Teil seines Einkommens an karitative Vereine und Nichtregierungsorganisationen weiter, fuhr privat einen alten VW und lebte auch als Präsident noch auf seinem kleinen Bauernhof in der Nähe von Montevideo.
Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna («Das Schiff des Torjägers») porträtiert in ihrem Film «Pepe Mujica. El Presidente» den wohl eigenwilligsten Präsidenten der Welt. Wie seine Frau Lucía Topolansky, die heute Senatorin ist, gehörte auch Mujica ab den sechziger Jahren zur Guerillagruppe Tupamaros, beide verbrachten während der Diktatur in Uruguay (1973–1985) mehrere Jahre im Gefängnis. Specogna hat die beiden bereits in ihrem Film «Tupamaros» (1997) porträtiert, in dem sie ehemalige GuerillakämpferInnen zu Wort kommen lässt. Jahre später wandten sich der Präsident und seine Frau in einem Brief an die Filmemacherin und fragten, ob sie nicht nochmals filmen kommen möge – was sie machte. Nun ist der Film in Anwesenheit der Regisseurin in den Kinos zu sehen.
«Pepe Mujica. El Presidente». Ab 7. Mai 2015 im Kino. Premieren in Anwesenheit der Regisseurin in: Zürich Kino Arthouse Le Paris, Do, 7. Mai 2015, 12.15 Uhr; in: St. Gallen KinoK, Do, 7. Mai 2015, 20 Uhr; in: Basel Kult.Kino, Fr, 8. Mai 2015, 18.30 Uhr.
Silvia Süess
Ausstellung
Wie war es denn damals?
Kindertagesstätten, freier Zugang zu Verhütungsmitteln, Frauentreffpunkte, Mutterschaftsversicherung und der straflose Schwangerschaftsabbruch – dies waren Forderungen der Frauenbefreiungsbewegung (FBB). Die Bewegung ging Ende 1968 aus den StudentInnenrevolten hervor. Gegründet wurde sie in Zürich, doch bald schon folgten Gründungen in anderen Städten. So auch in Bern. Drei Aktivistinnen von damals haben nun eine Ausstellung konzipiert. «Frauenbewegung Bern – aufmüpfig und lustvoll» zeigt mit Fotos, Texten und Originaldokumenten, wie die Frauen in den siebziger und achtziger Jahren auftraten und was sie forderten und auslösten. Die Fotos stammen von der Fotografin Helga Leibundgut, die Texte von Regula Keller und Therese Wüthrich. Die Wanderausstellung, die im Frauenraum der Reitschule ihren Auftakt macht, wurde von Beatrix Nicolai gestaltet.
«Frauenbewegung Bern – aufmüpfig und lustvoll» in: Bern Frauenraum in der Reitschule, Vernissage: Di, 12. Mai 2015, 19 Uhr. Um 20 Uhr: Gespräch zwischen jungen und älteren Aktivistinnen. Weitere Veranstaltungen: www.frauenraum.ch
Silvia Süess
Konzert
Kraft und Melancholie vereint
«Herzblutigen Halbfolk» nennt die Band Comebuckley ihre Musik, die sich einst als Hommage an den legendären Tim Buckley (1947–1975) verstand, sich aber längst davon emanzipiert hat.
Comebuckley treten sporadisch auf und veröffentlichen noch sporadischer CDs. Gegenwärtig besteht die Band aus Andi Czech (Gesang und Gitarre), Martin Sturzenegger (Gitarre, Mundharmonika und Gesang) sowie Larsen Genovese an der Geige.
«Was soll man zu Andis Stimme sagen?», fragte vor ein paar Jahren eine Konzertbesprechung und fuhr fort: «Tonsicher, biegsam, tragfähig, modulationskräftig. Etlichen ZuhörerInnen gingen erstmals die Ohren auf. Es bleibt ein Ereignis, wie da konzentriert und zugleich schwebend die Oktaven gewechselt werden, wie die Stimmungen wechseln, doch Kraft und Melancholie vereint bleiben.»
Es besteht jede Zuversicht, dass sich eine solche Stimmung beim jüngsten Zürcher Konzert wieder einstellt.
Comebuckley in: Zürich Sphères, Mi, 13. Mai 2015, 20.30 Uhr.
Stefan Howald
Diskussion
Und dann noch dies
Kurz – also etwa 274 Tage – vor dem hundertjährigen Jubiläum des Dadaismus organisiert das Cabaret Voltaire in Zürich eine Podiumsdiskussion zu ebendiesem Dadaismus: mit Nick Hayek (CEO Swatch Group), Peter von Matt (Literaturprofessor), Adrian Notz (Direktor des Cabaret Voltaire) sowie Elmar Ledergerber. Illustriert ist die Pressemitteilung mit einem Bild des damaligen Stadtpräsidenten Ledergerber bei der Eröffnung des Cabaret Voltaire 2004 mit Dadahut. Na dann.
Podiumsdiskussion in: Zürich Cabaret Voltaire, Mi, 13. Mai 2015, 19.30 Uhr. www.cabaretvoltaire.ch
Stefan Howald
Buchvernissage
Ein weites Feld
Seit 1952 arbeitet die mittlerweile 86-jährige Lilly Keller als freie Künstlerin. In Bern gehörte sie in den fünfziger Jahren dem Zirkel um Daniel Spoerri, Meret Oppenheim und Jean Tinguely an. Nach Anfängen als Malerin begann sie, mit den verschiedensten Materialien zu arbeiten. Grosse Tapisserien entstanden ebenso wie Metallplastiken oder Kunstwerke aus geblasenem Glas; seit neustem verarbeitet sie auch LED.
Früh griff Lilly Keller Anregungen natürlicher Formen auf und schuf Landschaftsskulpturen; ebenso integrierte sie in den achtziger Jahren kulturelle Anregungen durch weite Reisen in Asien und Nordwestafrika.
Neben ihrem vielfach ausgestellten Werk arbeitet sie seit 1957 an einer als unverkäuflich deklarierten Werklinie in Form selbst gestalteter Bücher. Inzwischen sind weit über siebzig Bände entstanden. Noch stärker als im plastischen Werk geht es dabei um feministische Fragen und um den Kampf für die Gleichberechtigung von Künstlerinnen im nationalen und internationalen Kunstbetrieb.
Dieses eigenwillige Künstlerinnenleben präsentiert der Journalist und Schriftsteller Fredi Lerch jetzt in einer Biografie und Werkmonografie. Er hat intensive Gespräche mit der Künstlerin geführt und breitet ebenso einfühlsam wie authentisch ein vielfältiges Leben aus. Das reich illustrierte Buch erscheint im St. Galler Vexer-Verlag, die Vernissage mit der Künstlerin und dem Autor findet in Bern statt.
Fredi Lerch: «Lilly Keller. Literarisches Porträt» in: Bern Kunsthalle, Buchvernissage: Mi, 13. Mai 2015, 18 Uhr.
Stefan Howald
Festival
Schmuck und kokett
Ein kleines Jubiläum lässt sich in Albisrieden bei oder in Zürich feiern: Bereits zum 15. Mal findet am übernächsten Wochenende das Festival Vorstadt Sounds statt. Es bietet einen Querschnitt durch das Schweizer und insbesondere das Zürcher Musikschaffen; dass es sich als «schmuckes Festival am Stadtrand» betitelt, lässt sich unter ein wenig Koketterie abbuchen. Rund zwanzig Bands treten auf, und die Palette ist breit. Rizzoknor und Paul das Pausenbrot laden zum Tanz, Myself when young um die Sängerin Sina Chiavi werden das Publikum eher mit Melancholie heimsuchen, Huck Finn kommen aus dem tiefen US-Luzern, und Zebra hüpfen zu Electronic-Pop.
Das Festival Vorstadt Sounds fördert auch jedes Jahr zwei Bands, indem sie diese fünf Monate lang bei Aufnahmen und Liveauftritten coacht. Diesmal sind die Rockband Loophole sowie das Hip-Hop-Duo Abraxas Axents auserwählt worden.
Vorstadt Sounds in: Zürich Albisrieden, Fellenbergstrasse 231, Fr/Sa, 15./16. Mai 2015. www.vorstadtsounds.ch
Stefan Howald
Theater
Die Zoogler kommen
Im Dezember hat Google bekannt gegeben, 50 000 Quadratmeter an der Europaallee hinzugemietet zu haben. Erst vor zehn Jahren hatte der Internetriese das erste Büro in Zürich am Limmatquai bezogen. Heute betreibt Google auf dem Hürlimann-Areal sein grösstes Forschungszentrum ausserhalb der USA mit über 1500 MitarbeiterInnen aus 75 Nationen.
Eine Produktion des Theater Neumarkt stellt jetzt diese GooglerInnen von Zürich – pardon, die ZooglerInnen – in den Mittelpunkt. Es gibt bessere Kalauer, aber immerhin kann man dabei auch noch an Zocker denken.
Dabei ist es höchste Zeit, der Firma einen Besuch abzustatten. Heimgesucht wird der Google-Sitz in Zürich vom Berliner Kollektiv andcompany&Co. Dieses bringt Recherche als Dada oder Dada als Recherche. Auf den dunklen Pfaden des Netzes wird Jagd gemacht auf abgesprungene ZooglerInnen, ausgesonderten Digitalmüll, verlorenes Wissen und mächtige DatengärtnerInnen. Wer sucht, dem kann geholfen werden, verspricht die Truppe ganz in Google-Manier, nur mit umgekehrter Absicht.
«Archipel Google. Big Dada Revue» in: Zürich Theater Neumarkt, Premiere: Do, 7. Mai 2015, 20 Uhr. Weitere Aufführungen unter www.theaterneumarkt.ch.
Stefan Howald