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Oft wird behauptet, im Christentum wären die Frauen ganz besonders unterdrückt worden. In Wahrheit erlebten die Frauen durch das Christentum einen steilen Aufstieg. Ganz im Gegensatz zu anderen Kulturen. Und der Aufstieg begann bereits im Mittelalter, das fälschlicherweise immer wieder als Inbegriff von Rückständigkeit geschildert wird.
Indem sich im Mittelalter das Christentum in Europa immer mehr durchsetzte, wurde auch das biblische Menschenbild Grundlage des gesellschaftlichen Aufbaus. Die Bibel lehrt, dass Gott Mann und Frau geschaffen und ihnen gleiche Würde verliehen hat. Jesus hat die Einehe begründet, indem er sagte, dass Mann und Frau in der Ehe „ein Leib“ sind, also eine innige Gemeinschaft bilden. Indem sich das Christentum in Westeuropa immer mehr durchsetzte, wurde auch die Monogamie zur anerkannten und gesetzlich verankerten Norm. Zwar kam es noch im 12. Jahrhundert vor, dass Bischöfe in Schriften und Predigten sich gegen die Vielehen von Fürsten wandten. Aber als Herzog Miesko I. von Polen eine christliche Fürstin heiraten wollte, musste er zuerst seine sieben heidnischen Frauen entlassen. Wenn heute die Monogamie für die westliche Welt eine Selbstverständlichkeit darstellt, so ist das dem Einfluss des biblischen Menschenbildes auf die mittelalterliche Gesellschaft zu verdanken.
Keine Zwangsehe
Dasselbe gilt für die Tatsache, dass schon im Mittelalter jede Form von Zwangsehe ungültig war. Denn das Christentum spricht der Frau eine eigene Würde und damit eigene Persönlichkeitsrechte zu. Unsere heutige Auffassung, in der die freie Zustimmung der Frau so selbstverständlich ist, dass niemand darüber nachdenkt, hat ihre Wurzel in der katholischen Lehre von der Ehe. Papst Alexander III (1159-1181) hält fest: „Die Ehe kommt nur durch beiderseitige Zustimmung zustande“.
Frauen in politischer Verantwortung
Die aus dem römischen und germanischen Recht übernommene patriarchalische Struktur der Ehe und Familie wurde durch die grundlegend neue Einschätzung der Würde der Frau im Christentum wesentlich umgeformt. Im römischen Recht war der Vater (pater familias) uneingeschränkter Herr über die ganze Familie, auch über die Söhne und Töchter. Er konnte sogar entscheiden, ob ein Neugeborenes aufgezogen oder aus irgendwelchen Gründen getötet wurde. In der christlichen Welt waren Frauen nie Besitz des Mannes, sondern sie kamen z.T. zu grossem politischem Einfluss. Als im Jahr 972 Kaiser Otto I. in Rom die Nichte eines armenischen Generals mit dem Namen Theophanu heiratete, erhielt sie den Titel „Mitkaiserin“ (coimperatrix). Tatsächlich hat sie nach dem frühen Tod ihres Mannes für ihren dreijährigen Sohn das Reich mit zäher Willenskraft und Klugheit verwaltet, bis er volljährig war. Überhaupt war es für die Frauen des Hochadels bei Abwesenheit, Verhinderung oder Tod des Mannes selbstverständlich, in jeder Weise für den Mann einzuspringen oder eben für unmündige Kinder die Regentschaft zu führen. Nicht selten waren Frauen selber Landesfürstinnen und Lehensherrinnen. Schliesslich gab es noch Königin Isabella von Kastilien. Sie vollendete die Wiederoberung Spaniens von den muslimischen Mauren (Reconquista) und gehört zu den herausragenden Herrscherpersönlichkeiten ihrer Zeit.
Frauen in der Gesellschaft
Auch im Alltag erlangten Frauen führende Stellungen, übten viele Berufe aus, führten Geschäfte und konnten ihre Angelegenheiten vor Gericht vertreten. Das bayrische Stadtrecht von 1347 hält ausdrücklich fest, „dass eine Marktfrau gleiches Recht wie ihr Mann hat.“ In der Stadt Köln lag ein guter Teil des Gewürz- und Metallhandels in den Händen von Frauen. Andernorts waren sie erfolgreiche Geldwechslerinnen und Gastwirtinnen und handelten mit Tüchern und Wein. In Paris gab es sechs verschiedene Zünfte der Seidenverarbeitung, die den Frauen vorbehalten waren. In Frankfurt sind nicht weniger als 65 Berufe bezeugt, welche Frauen ausüben konnten. Dank stetig wachsendem Wohlstand entwickelte sich auch eine sehr aufwendige Kleidermode. Eine raffinierte Frisier- und Schminkkunst wurde gepflegt. Der Luxus trieb derartige Blüten, dass verschiedene Stadträte sich gezwungen sahen, Antiluxusgesetze zu erlassen. So wurden in Köln 1439 Frauenkleider mit Schleppen verboten. In Gottesdiensten und Schriften wurde die Hofart der Frauen angeprangert. Dass bei der Mode im Spätmittelalter das Décolleté immer tiefer ausgeschnitten wurde, sei nur am Rande vermerkt.
Zum Vergleich
Im Islam gilt die Frau noch heute gemäss der Scharia weniger als der Mann und muss sich teilweise oder ganz verhüllen. Vor Gericht und beim Erben hat sie nur halb so viele Rechte. Es gibt Steinigung von Ehebrecherinnen und Ehrenmorde. Eine Studie hat festgestellt, dass im türkischen Anatolien 62 Prozent der Mädchen verheiratet wurden, ohne nach ihrer Meinung gefragt worden zu sein. In gewissen islamischen Ländern können der Vater oder auch ein Onkel durch ihre Unterschrift ein Mädchen verheiraten, ohne dass es überhaupt davon erfährt. Und ebenso wie im Islam ist auch im Hinduismus und in verschiedenen Regionen Afrikas Polygamie erlaubt. Die Missachtung von Mädchen in anderen Kulturkreisen zeigt sich noch heute, indem in Indien und in China mehr Mädchen als Knaben abgetrieben werden und nepalesische Mädchen oft für ein paar Dollar in Bordelle nach Indien verkauft werden.
Unantastbarkeit der Menschenwürde
Die Gesellschaft und die Politik des Mittelalters sind entscheidend vom christlichen Glauben bestimmt. Ohne diese christliche Prägung ist unser westeuropäisches freiheitliches Gesellschaftssystem nicht denkbar. Die hohe Würde und die Rechte, welche im Mittelalter den Frauen auf Grund der kirchlichen Lehre zugeordnet wurden, wirkten sich fortschrittlich auf die Wirtschaft und die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung aus. Sie hatten, im Verbund mit anderen vordemokratischen Einrichtungen des Mittelalters, wesentlich dazu beigetragen, dass in Europa die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen in Staatsverfassungen festgeschrieben ist. In anderen Kulturkreisen haben die rechtliche Unterdrückung und die damit verbundene Behinderung der kreativen und produktiven Kräfte der Frau zur wirtschaftlichen Stagnation beigetragen. Sie ist noch heute in vielen Ländern ein Hauptgrund für die Verarmung der Bevölkerung, an der auch milliardenschwere Entwicklungshilfe wenig geändert hat. Es ist das biblische Verständnis von der gottgegebenen Würde der Frau, welches dazu beigetragen hat, dass die Entwicklung in Europa anders verlief.
Buchtipp: Edith Ennen: „Frauen im Mittelalter“, Beck Verlag, 320 S., Fr. 43.70/€ 24.90
Von Pfr. Hansjürg Stückelberger