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Über die Ursachen der Krankheiten und die Wege zur Heilung
„Es bedarf in der Medizin jenes Menschlichen (…) wie es bei Paracelsus vorhanden war“ (Rudolf Steiner)
Zu den wichtigsten Schriften des Paracelsus (1493 – 1541) gehört das „Buch Paramirum“ über die „Fünf Entien“ oder die fünf Ursachen jeder Krankheit.
„Merket wohl, es gibt fünf Entia, die alle Krankheiten schaffen und verursachen. So wisset denn, dass es fünferlei Pestilenz gibt, nicht mit Bezug auf ihre Natur, ihr Wesen, ihre Form oder Gestalt, sondern bezüglich ihrer Entstehung, mögen sie sich auch später in jeder beliebigen Weise äußern. Es gibt so fünf Arten jeder Krankheit“ (Paracelsus1).
Die Kenntnis der Krankheitsursachen ist die Voraussetzung für eine sinnvolle Diagnostik und Therapie. Wenn wir dies mit einer Pfeilwunde vergleichen, dann ist die Diagnose die Kenntnis von dem Geschehen, das der Pfeil im Körper verursacht, die Therapie wäre das Entfernen des Pfeils und die Wundversorgung.
Aber wer hat den Pfeil geschossen und warum? Laut Paracelsus gibt es fünf mögliche Antworten, die ein Therapeut gleichermaßen berücksichtigen sollte, denn sie geben ihm die entscheidenden Hinweise für die richtige Therapie.
„Ich muss besonders darauf aufmerksam machen, dass nicht die Krankheiten so behandelt werden müssen, als stammten sie aus einer Quelle, sondern man hat je nach den fünf Entien ein verschiedenes Verfahren anzuwenden. Denn kein Ens nimmt das Heilmittel eines anderen an. Der Arzt aber, der das nicht versteht, ist blind.“ Es gibt somit nicht nur fünf Ursachen jeder Krankheit, sondern auch fünf unterschiedliche Heilwege zu deren Behandlung.
Was ist ein Ens?
Ein Ens ist das Wesen, die Idee, das Sein von Etwas. Es geht Paracelsus also um die Darstellung der Idee oder des Wesens der Krankheiten und nicht um ein spezifisches Medizinsystem, dem er alles unterordnet.
„Es (das Ens) ist ein Ursprung oder Ding, das die unbeschränkte Macht über den Leib besitzt. Sie verderben den Leib und verursachen die Erkrankungen. Nicht der entartete Saft ist die Ursache der Krankheit, sondern die Ursache, die zur Erkrankung führt.“
Paracelsus unterteilt die fünf Entien in zwei Gruppen (siehe Tabelle 1).
Die erste umfasst drei Ursachen von Krankheiten, die auf den Leib wirken:
Ens Astrale – über die Kraft und das Wesen der Gestirne und ihre Gewalt über den Leib (Umweltfaktoren).
Ens Veneni – über die Wirkung von Giftstoffen (Ernährung und die Funktion der Ausscheidungsorgane).
Ens Naturale – wenn unser eigener Leib uns krank macht durch seine Verwirrung und dadurch, dass er sich selbst schädigt (Konstitution, Diathese, Disposition).
Die zweite Gruppe umfasst zwei Entien, die auf den Geist wirken:
Ens Spirituale – über die Geister, die unseren Leib krank machen (Psychosomatik und Psychologie).
Ens Dei – über das Wirken Gottes (Schicksal und Karma).
Das Ens Astrale
Niemand kann bestreiten, dass der Mensch mit der Geburt eine im Kosmos eingebettete Welt betritt, mit vielen angenehmen, manchmal aber auch unangenehmen Eigenschaften. Paracelsus geht nur einen Schritt weiter, wenn er sagt, „dass Firmament und Sterne solcher Art sind, dass die Menschen und alle empfindlichen Geschöpfe ohne sie nicht sein können.“
Das Astrale als Lebensessenz
Die Gestirne bilden die uns bekannte Welt mit ihren physikalischen Eigenschaften und sie bilden die Essenz, die wir zum Leben brauchen. „Das Ens Astrale sollt ihr in dem Sinne verstehen: Es ist etwas Unsichtbares, das uns und alle empfindsamen Lebewesen am Leben erhält.“
Die Chinesen nennen dies Unsichtbare Chi, die Inder Prana, die Griechen nannten es Pneuma, Wilhelm Reich Orgon und Freiherr von Reichenbach Od. Paracelsus nannte es „Meteoron“, von dem er sagt, dass es das Höchste in der ganzen Schöpfung darstellt.
Dieses Meteoron beseelt unsere Umwelt und es ist verantwortlich für alle klimatischen, geographischen und geologischen Gegebenheiten. Daraus leitet sich unter anderem die Idee der Feldphänomene ab, die besonders Radiästheten interessiert. Auch die Ergebnisse der bioklimatischen Forschung nach Curry, der systematisch die Beziehung von Wetterlagen und innerer Befindlichkeit des Menschen untersuchte, sind hier einzuordnen.
Krankheit aus Sympathie mit dem Gestirn
Das Meteoron, das zunächst wertfrei zu beurteilen ist, kann sich unter bestimmten Umständen verändern und als Gift auf uns Menschen wirken, also z. B. geopathische Zonen erzeugen, deren Strahlung bei längerem Aufenthalt vor allem das Immunsystem schädigt. In dem Zusammenhang ist es interessant, dass Pflanzen und Tiere, die sich auf geopathischen Zonen besonders wohlfühlen, günstig auf unser Immunsystem wirken, z. B. Efeu, Eiche, Mistel, Wasserdost oder die Rote Waldameise.
Eine weitere Folge des Ens Astrale sind Krankheiten durch verschiedene Wetterlagen wie Föhnkopfschmerz, Allergien, oder Rheuma. Auch die „Pestilenz“ lässt sich so erklären, die meistens bestimmte klimatische Bedingungen bevorzugt; unter Pestilenz verstand man zu Zeiten des Paracelsus ansteckende Krankheiten.
Die Vergiftung des Meteorons geschieht durch die Gestirne, die es einst gebildet haben. „Diejenigen Gestirne, welche vergiftet sind, verunreinigen die Luft mit ihrem Gift. Wohin nun diese gelangt, dort entstehen Krankheiten, entsprechend den Eigenschaften des betreffenden Sternes. Das Ens Astrale ist der Geruch, Dunst oder Schweiß der Sterne mit Luft gemischt.“
Wie Paracelsus beschreibt, hat ein Gestirn einen solchen Einfluss beispielsweise in der „Exaltation“, d.h. ein Planet steht in einem Sternzeichen, das seiner Natur entspricht, z. B. Mars im Zeichen Widder. Aber auch andere Konstellationen können dafür verantwortlich sein, vor allem die Stellung des Saturns.
Um dieses Ens in seiner Gesamtheit zu begreifen, braucht es also einige astrologische Kenntnisse, aber ohnehin war Paracelsus der Ansicht, dass der Heiler ohne die Kunst der Astrologie weitgehend hilflos ist.
Allerdings ist wichtig zu wissen, dass uns nicht das Gestirn krank macht, sondern das vergiftete Meteoron, in dem wir leben müssen. Paracelsus war nie der Meinung, dass die Gestirne einen direkten Einfluss auf den Menschen haben. Sein Leitsatz lautete: Die Sterne machen allenfalls geneigt, keineswegs zwingen sie den Menschen. „Die Sterne beherrschen nichts in uns und können in uns keinerlei Eigenschaften hervorbringen, noch uns beeinflussen. Sie sind frei für sich und wir sind frei für uns. Doch merket, dass wir nicht ohne das Gestirn leben können, denn Kälte und Wärme und das Digest (Qualität) der Dinge,die wir essen und verwenden (damit auch alle Heilmittel), kommt von ihnen. Doch nicht der Mensch.“
Nach seiner Auffassung ist der Mensch ein Spiegelbild des Kosmos, das nach den gleichen Gesetzen funktioniert und genauso aufgebaut ist. Warum manche Menschen am Ens Australe erkranken, liegt an ihrer individuellen Beschaffenheit, die sie für den „Schweiß der Sterne“ empfänglich macht. Diese Beschaffenheit kann der Therapeut am besten dem Geburtshoroskop entnehmen. Der Mensch erkrankt zum Beispiel, wenn im Leben eine ähnliche Konstellation am Himmel auftritt wie zum Zeitpunkt der Geburt (Beachtung der Transite als Auslöser). Der Mensch leidet also aus Sympathie mit dem Gestirn, weil sein Zustand dem des vergifteten Meteorons ähnlich ist. Daraus ergibt sich automatisch eine Erklärung, warum Menschen immun gegen bestimmte Krankheiten sind, eben weil ihre Beschaffenheit antipathisch zum herrschenden Meteoron ist, also keine Beziehung zwischen Geburts- und Transithoroskop besteht.
Wie man das Ens Astrale beeinflussen kann
Jeder Therapeut kennt zudem das Problem, dass eine gut gewählte Therapie nicht anschlägt. Dies liegt daran, „dass die Arznei den verfälschten Dünsten der Oberen widersteht.„Der Heiler darf nicht glauben, „eine durch die Sterne bewirkte Krankheit heilen zu können, wenn gerade dieser Stern regiert.“
Und dennoch braucht man als Therapeut in einem solchen Fall nicht zu verzweifeln. Durch Räucherungen ist es beispielsweise möglich, das Meteoron in seiner Eigenart zu verändern. Paracelsus nutzte hierzu unter anderem eine Mischung aus Baldrian, Galbanum, Myrrhe und Safran, die allgemein vor Ansteckung schützt. Auch Wacholder, der schon in der Antike zum Ausräuchern von Kranken- und Sterbezimmern diente, schätzte er sehr. Im gleichen Sinne kann man eine Räuchermischung aus Engelwurz, Rosmarin, Salbei, Wacholder und Wermut verwenden. Auch eine unspezifische Anregung der Abwehrkräfte (z. B. Pascotox Tropfen), oder eine Reiz- und Umstimmungstherapie mit Eigenblut, sollte man in Erwägung ziehen.
Das Ens Veneni
Beim Ens Veneni liegt die Ursache von Krankheiten in der Wirkung von Giften, zu denen auch alle Nahrungsmittel gehören. „Der Leib ist uns ohne Gift gegeben, und in ihm ist kein Gift. Doch das, was wir dem Leib zur Nahrung geben müssen, darin ist Gift.“ Dieses Gift kann potentiell alle Krankheiten verursachen. In der Nahrung ist aber auch die notwendige Essenz enthalten, die wir zum Leben brauchen. Jede Nahrung ist also Essenz und Gift in einem. Sollen wir nun ewig fasten, um diesem Dilemma zu entgehen? Dies wäre nicht im Sinne eines Paracelsus, der bekanntlich kein Kostverächter war.
Der Alchimist im Bauche
„Doch für das Unvollkommene, das wir zu unserem Schaden gebrauchen müssen, hat er (Gott) uns einen Alchimisten gegeben, damit wir das Gift, das wir mit dem Guten einnehmen, nicht als Gift verzehren, sondern von dem Guten scheiden können.“ Dieser Alchimist trennt das Feine vom Groben, so wie sich das Ätherische vom Stofflichen bei der Destillation trennt. „Das Gift steckt er in einen Sack und das Gute gibt er dem Leib. Dieser Alchimist hat im Bauche seinen Sitz, der sein Instrument ist, worin er kocht und arbeitet.“ Gemeint ist vor allem die Leber, aber auch alle weiteren Entgiftungs- und Ausscheidungsorgane. Solange sie ihre Funktionen ausführen, kann der Mensch nicht am Ens Veneni erkranken. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!
Die Dyskrasie – Mutter aller Krankheiten
„Wenn der Alchimist krank ist, dass er das Gift nicht mit vollkommener Kunst vom Guten zu scheiden vermag, dann geht Giftiges und Gutes gemeinsam in Verwesung über und dann entsteht eine Digestio (Dyskrasie = Säfteentartung). Das ist dann die Mutter aller Krankheiten.“
Die Möglichkeiten, durch die der innere Alchimist erkranken kann, sind vielfältig; hierzu drei Beispiele:
- Einseitige und falsche Ernährung: Paracelsus war einer der ersten, der erkannte, dass eine Diät bei Stoffwechselerkrankungen wie Gicht oder Diabetes helfen kann und auch konkrete Ernährungsvorschläge machte.
- Altersschwäche: Die meisten Geriatrika regen auch den Stoffwechsel an und helfen bei chronischen Darmleiden und mangelnder Entgiftung wie Engelwurz, Galgant, Ingwer oder Kalmus.
- Die „Verstopfung“ und die Unterdrückung körpereigener Entgiftungsmechanismen; diese führt zur weiteren Schwäche des Alchimisten, ein Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Die Entgiftung – Mutter aller Therapien
„Wenn die Natur irgendwo im Körper einen Schmerz erzeugt, so will sie dort schädliche Stoffe anhäufen und ausleeren.“
Eine Therapie muss die Krankheit immer von den edlen (inneren) Organen zu den unedlen (Haut, Schleimhaut) treiben, alles andere hat fatale Folgen. Um eine Krankheit des Ens Venen zu behandeln, braucht man also weder eine Wünschelrute, noch ein Horoskop wie vielleicht beim Ens Astrale, sondern eine Entgiftung, die wichtigste Therapiemethode überhaupt. Die meisten Mittel mit Wirkung auf den inneren Alchimisten sind sulfurischer Natur, d. h. sie schmecken scharf, bitter oder senfig, sind gelb gefärbt (Blüte und Säfte) oder sie haben Stacheln und Dornen; Beispiele wären: Berberitze, Brennnessel, Brunnenkresse, Gelber Enzian, Gelbwurz, Goldrute, Knoblauch, Löwenzahn, Mariendistel, Meisterwurz, Schlehe, Schöllkraut, Wermut, Zitrone.
„So ist jeder Sulfur ein unsichtbares Feuer, das auch die Krankheit verzehrt. Daher ist das Element Feuer bei allen Krankheiten ein großes Arkanum (wahrhaftiges Heilmittel).“
Sulfurische Mittel verzehren aber nicht nur die Krankheit, sie regen auch den Lebensfunken an und sie unterstützen die körpereigenen Entgiftungsvorgänge. Ferner eignen sich zur Entgiftung alle Ausleitungsverfahren nach Dr. Ascher sowie alle harn-, schweiß- und galletreibenden oder menstruationsfördernden Mittel. Aber damit nicht genug, muss man den Alchimisten selber heilen, z. B. durch Leberaufbaupräparate, Regeneration der Entgiftungsorgane oder eine Symbioselenkung des Darms und nicht zuletzt durch eine gesunde Lebensführung, womit aber keine Möhrchenkur auf Lebenszeit gemeint ist.
Das Ens Naturale
Dieses Ens bezieht sich auf den Menschen als Mikrokosmos sowie auf die Elemente, Temperamente und Körpersäfte. Einerseits geht Paracelsus damit auf die Bedeutung der Konstitution und die daraus resultierenden Dispositionen ein, andererseits bezieht er sich auch auf die antike Humorallehre (Humores = Säfte).
Um das Ens Naturale zu verstehen, ist nochmals ein Ausflug in die Vorstellungen der Astrologie notwendig, da die Gestirne maßgeblich an der Entstehung von Erkrankungen aus dem Ens Naturale beteiligt sind.
… wird fortgesetzt
Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „Naturheilpraxis“
Anmerkungen
1Nachfolgend werden alle Zitate nach Paracelsus ohne Namensnennung kursiv dargestellt.
Literatur
Aschner Bernhard: „Befreiung der Medizin vom Dogma“, Heidelberg 1962
„Technik der Konstitutionstherapie“, Heidelberg 1961
Braun Lucien: „Paracelsus, eine Bildbiographie“, Zürich 1988
Golowin Sergius: „Paracelsus“, München 1993
Jütte Robert (Hrsg): „Paracelsus heute – im Lichte der Natur“, Heidelberg 1994
Madejsky Margret / Rippe Olaf: „Heilmittel der Sonne“, München 1997
Nettesheim Agrippa von: “ De occulta Philosophia“, Nachdruck Nördlingen 1987
Paracelsus: „Sämtliche Werke“ Nachdruck, Anger 1993
Selawry Alla: „Metallfunktionstypen in Psychologie u. Medizin“, Heidelberg 1985
Simonis Werner-Christian: “ Erde, Mensch und Krankheit“, Stuttgart 1974
Surya: „Paracelsus – richtig gelesen“, Bietigheim 1980