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Der Zugang ist nicht ganz einfach zu finden. Ein Pfeil mit der Bezeichnung «Abguss-Sammlung» und dem Hinweis «Vorsicht! Auch dies ist ein Museum» weist den Besucher in Richtung einer dunklen Treppe. Der Abstieg in den Hades, denke ich mir in einem Anflug von Galgenhumor, als ich sie behutsam hinabsteige.
Zürich war vor bald 150 Jahren die erste schweizerische Universität, die sich eine Sammlung von Gipsabgüssen nach antiken Originalwerken leistete, wie ich später von Elena Mango, der Konservatorin der Sammlung erfahre. 1852 beschloss die Vereinigung der Zürcher Universitätsdozenten, die Einnahmen aus öffentlichen Vorträgen für den Ankauf von Abgüssen zu verwenden. Denn die antiken Götterbilder galten als die Verkörperung des Idealschönen schlechthin. Sie waren ein unentbehrliches Mittel für die Ausbildung des Schönheitssinnes in Künstlerateliers und Akademien. Es gebe dafür kein geeigneteres Mittel «als die stets gebotene Anschauung jener Statuen und Gruppen aus dem griechischen Alterthum, die in Bezug auf Reinheit und Fülle der Schönheit von der modernen Kunst noch unerreicht sind», begründete der Zürcher Kunsthistoriker Daniel Fehr die Ankäufe. Aber auch als wissenschaftliches Illustrationsmaterial für den archäologischen Unterricht wurden und werden sie geschätzt.
Zwei kolossale Häupter empfangen mich Torwächtern gleich, als ich den lang gezogenen Ausstellungsraum betrete. Das eine, eine majestätische «Juno Ludovisi», war Goethes «erste Liebschaft in Rom». Sein kleines Zimmer teilte er sich mit einem Abguss von ihr. Der Schmerz war gross, als der Dichter die unhandliche Gefährtin bei seiner Rückkehr nach Deutschland zurücklassen musste.
Ein erster würdiger Ort für die Präsentation der Sammlung bot 1865 der zentrale Innenhof des ein Jahr zuvor erbauten Polytechnikums. Entsprechend der absoluten Gültigkeit, die die Antike für ihn besass, hatte Gottfried Semper ihr diesen repräsentativsten aller Räume zugedacht. Im Hauptgebäude der Universität, wohin die Abgüsse 1914 gelangten, bildeten sie einmal mehr den sinnträchtigen Mittelpunkt. Über den ganzen Lichthof verteilt, verwandelten sie diesen in einen «Göttergarten». Als Bildungssymbole ersten Ranges entsprachen sie dem Repräsentationsbedarf von Hochschule und Bürgertum.
Wenige Schritte weiter reihen sich in mehreren Ablagen übereinander Büsten antiker Dichter und Philosophen, alle scheinen sie hier auf geheimnisvolle Weise zu einem stillen Dialog vereint. Mit den Ganzkörperbildern sind es über tausend Stück. In diesem realen Musée imaginaire aus Gips finden alle bedeutenden Antiken an einem Ort zusammen, die armlose «Venus von Milo» aus Paris, der leichtfüssige «Apoll von Belvedere» aus Rom, die Giebelfiguren des Parthenons auf der Akropolis von Athen, heute im British Museum.
Es ist seine fast grenzenlose Verfügbarkeit, die die grosse Beliebtheit des Gipsabgusses gestern wie heute ausmacht. Gerade früher waren Abgüsse oft die einzige Möglichkeit, antike Meisterwerke auch nördlich der Alpen zugänglich zu machen. Massstabsgetreue Kopien ermöglichen den direkten Vergleich von Skulpturen aus verschiedensten Museen und Sammlungen. Anhand dieser Quellen ist auch die Universität Zürich in der Lage, einen detaillierten Überblick über die antike Kunst- und Kulturgeschichte zu bieten.
Aber schon Anfang des 20. Jahrhunderts schwand die Begeisterung für die «weissen Gespenster», wie sie nun despektierlich genannt wurden. Die künstlerischen Avantgarden wandten sich vom klassischen Ideal ab, das Naturvorbild verlor an Verbindlichkeit, Deformation und Abstraktion traten in den Vordergrund. Die Antiken waren zum Symbol einer verkrusteten akademischen Lehre geworden.
Die veränderte ästhetische und geistige Grundhaltung hatte auch für die Zürcher Abgusssammlung Folgen. 1970 musste der Göttergarten profanen Mensatischen im Lichthof weichen. Zurück blieben die in die Wände eingelassenen Reliefabgüsse des Parthenons, des Grossen Altars von Pergamon und andere mehr, eine ihrem Inhalt beraubte Hülle. Ein grosser Teil der ins Archäologische Institut übersiedelten Plastiken wurde magaziniert, bis schliesslich eine Renovation des Gebäudes 1984 Abhilfe schuf. Seither stehen an der Rämistrasse 73 wieder Räumlichkeiten zur Verfügung, die eine Präsentation der Sammlung nach musealen Kriterien erlauben.
Die Zeiten indes, als die Götter im Lichthof thronten, scheinen nicht endgültig vorbei. Die Befreiung aus den Zwängen der bürgerlichen Bildungstradition hat bewirkt, dass die Gipse aus dem Schussfeld ideologischer Kritik geraten sind und sogar eine neuartige Beliebtheit erleben. Dies kommt zumindest der Nike zugute. Die vor dem Staub der Baumaschinen in Schutz gebrachte Siegesgöttin soll bald wieder auf ihren angestammten Platz vor dem Rondell zurückkehren. Dort erinnert sie daran, dass einst die Götter die alleinigen Herrscher im Lichthof waren.