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Doyle muss als 20-Jähriger über eine ungeheuer robuste Konstitution verfügt haben. Jener Tag, der den Eintrag provozierte, und der der deutschen Ausgabe zum Titel diente, war ja nicht der einzige Tag, an dem er ins eiskalte Wasser fiel. Schon gleich am ersten Tag, an dem die Mannschaft auf Robbenjagd auf die Eisschollen gelassen wurde, geschah es: Der Kapitän verbot Doyle mitzugehen, weil er fürchtete, dass der Rookie, der sich noch nie auf Eis bewegt hatte, sofort ins Meer fallen würde. Schmollend setzte sich Doyle an den Bordrand, um wenigstens zuzuschauen. Was er nicht beachtet hatte: Er setzte sich nicht auf Holz, sondern auf eine dünne Eisschicht. Als die Wellen nun das Schiff auf der andern Seite anhoben, rutschte Doyle auf seiner Seite ins Wasser. Nachdem er zurück und umgekleidet war, erhielt er auch die Erlaubnis, mit den andern auf Jagd zu gehen, da er offenbar so oder so ins Meer plumpsen würde. Ein anderes Mal hatte er sich auf der Jagd ziemlich weit vom Schiff entfernt, als er auf einer Scholle durchs Eis brach. Triefend nass machte er sich auf den Weg zurück zum Schiff. Als er endlich dort war, war seine Kleidung an ihm festgefroren. Er konnte nicht mehr die Strickleiter hinaufklettern, sondern man musste ihm ein Seil unter den Armen durch binden und ihn hochziehen. In der Kajüte musste er einige Zeit warten (und frieren!), bis seine Kleider aufgetaut war und er sie ausziehen konnte. Andere, altgediente Matrosen, denen Ähnliches geschah, waren von solchen Anstrengungen derart erschöpft, dass sie zwei oder drei Tage an Bord bleiben mussten, um wieder zu Kräften zu kommen. Doyle zog sich um und marschierte wieder los. In all der Zeit an Bord des Walfängers hatte er nicht einmal so etwas wie einen kleinen Schnupfen, einzig eine Magenverstimmung quälte ihn ein paar Stunden. Und dass er an jenem Tag, als er dreimal ins Wasser fiel, danach das Bett hüten musste, lag ganz einfach daran, dass nun alle seine Kleider nass waren und erst mal trocknen mussten, er schlecht im Unterhemd herumlaufen konnte. Kein Wunder nannte ihn der Kapitän bald nach einem arktischen Raubvogel den „Grossen Eistaucher“.
Doyles Logbuch von seiner Fahrt an Bord der Hope ist mit viel Humor und Selbstironie verfasst. Der Student der Medizin war nur durch Zufall an den Job eines Schiffsarztes gekommen. Die Mannschaft eines Walfängers war in sich streng ständisch-hierarchisch gegliedert. Nie wäre es einem Offizier in den Sinn gekommen, in seiner freien Zeit sich mit Mitgliedern der Mannschaft herumzutreiben – und der Kapitän nicht einmal mit seinen Offizieren. Da die medizinischen Fähigkeiten eines Schiffsarztes in der Regel wenig gefragt waren, war es Usus (wenn auch eigentlich verboten), Medizinstudenten dafür anzustellen. Ihre hauptsächliche Tätigkeit an Bord war dann auch eher die eines Sekretärs des Kapitäns. Vor allem aber war der Schiffsarzt der einzige, der dem Kapitän beim Essen Gesellschaft leisten durfte. Der Arzt stand nämlich ausserhalb der ständisch-hierarchischen Ordnung und durfte sich in allen Quartieren aufhalten – etwas, das Doyle weidlich ausnützte. Und ich vermute, dass die später Sherlock Holmes verliehene Fähigkeit, sich in allen Gesellschaftsschichten zu bewegen, als wäre er darin zur Welt gekommen, auch eine Reminiszenz Doyles an seine Zeit als Schiffsarzt ist. Doyle kam nämlich auch mit der Mannschaft blendend zu Gang, was vielleicht nicht zuletzt an der Tatsache lag, dass er zu jener Zeit begeisterter Amateur-Boxer war. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, dass er sich, als der Steward beim Auspacken Doyles Box-Handschuhe sah, mit eben diesem Steward boxen musste. Der Steward war zwar bedeutend kräftiger als Doyle, aber auch bedeutend kleiner, so dass der Schiffsarzt das Kräftemanko mit seiner grösseren Reichweite mehr als nur wett machte. Ja, er musste den Steward, der offenbar mehr als nur ein Sparring wollte, mit einem Uppercut zu Boden schicken. Das Resultat war, dass der Steward, kaum war er wieder bei Bewusstsein, dem Kapitän anvertraute, das Schiff hätte dieses Jahr einen erstklassigen Schiffsarzt – der habe ihm nämlich ein blaues Auge verpasst. Der Steward wurde denn auch einer der besten Freunde Doyles auf dem Schiff. Und nicht immer verliefen die weiteren Sparrings zwischen den beiden so ungleich: Vor allem, wenn das Schiff rollte oder stampfte, war der Steward besser an solche Bewegungen des Bodens gewöhnt und mit seinen kräftigen Säbelbeinen im Vorteil.
Es war im Grossen und Ganzen eine unbeschwerte Zeit für Doyle an Bord der Hope. Es gab keinen grösseren Unfall und nur einen Todesfall: einen älteren Matrosen, der offenbar an einem Darmverschluss litt und dann auch an einem Darmdurchbruch starb. Doyle diagnostizierte die Krankheit richtig; aber nicht nur war er (noch) nicht ausgebildet für die notwendige Operation: die medizinische Station des Schiffs wäre auch dafür gar nicht ausgerüstet gewesen. Als Arzt beschäftigungslos, verbrachte Doyle viel Zeit mit Wal- und Robbenjagd oder schoss Vögel. Natürlich war Doyles Schiff nicht das einzige Walfangschiff, das dort nördlich von Schottland bis Spitzbergen auf der Jagd war. Neben weiteren Schiffen von Peterhead, von wo Doyle gestartet war, konkurrierten norwegische Walfänger und – besonders unbeliebt den Peterheadern – Schiffe aus dem etwas südlicher gelegenen Dundee um die Beute.
Doyle legt in seinem Logbuch auch Wert auf die Feststellung, dass nicht nur gejagt oder getrunken wurde. Gottesdienste mit anschliessenden ‘theologischen’ Diskussionen fanden statt, und auch gelesen und übers Gelesene diskutiert wurde. Selbst ins Logbuch haben sich einige Bemerkungen Doyles über die von ihm gerade gelesene Johnson-Biografie Boswells eingeschlichen.
Auf den Abdruck des Logbuchs folgen Reproduktionen einiger Seiten des Originals, vor allem aus dem Grund, weil Doyle viele von ihm beschriebene Szenen zusätzlich auch noch im Logbuch zeichnet. Ebenfalls angehängt sind Arthur Conan Doyles Schriften über die Arktis – darunter zwei seiner fiktiven Werke. Der Kapitän der Pole-Star ist eine romantische Kurz-Gruselgeschichte über einen Walfangkapitän, der von einem Dämon gejagt wird. Nicht in der Form eines weissen Wals allerdings, sondern in der Form eines weissen Nebels – bzw. des Geistes seiner verstorbenen Verlobten. Der Schwarze Peter ist eine klassische Sherlock-Holmes-Novelle, in der sich der Mörder als Harpunier entpuppt. Doyle kann sich nicht enthalten, eine augenzwinkernde Verneigung vor dem Connaisseur zu machen: Der Mörder kommt aus – Dundee… (Doyle gehört mit Herman Melville, James Fenimore Cooper und Joseph Conrad zu den wenigen, die aus eigener Erfahrung über die Arbeit auf einem Hochseeschiff erzählen konnten; und zusammen mit Melville ist er der einzige, der den Walfang aus eigener Erfahrung kennt.)
Eine höchst amüsante Lektüre also.
Arthur Conan Doyle: »Heute dreimal ins Polarmeer gefallen«. Tagebuch einer arktischen Reise. Herausgegeben von Jon Lellenberg und Daniel Stashower. Aus dem Englischen übersetzt und erweitert von Alexander Pechmann. Hamburg: mareverlag, 52016.