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Jeden Samstagnachmittag stürmten sie das Lokal und deckten sich mit Dingen des täglichen Bedarfs ein. Zu den Kleidern kamen bald Haushaltartikel, Einrichtungsgegenstände und Möbel hinzu. Schon während meiner Lehrzeit machte ich mit einem Kollegen und dem Lieferwagen meines Vaters am Abend die Transporte und holte vor allem die Möbel bei Spendern ab. Der Erlös der Brocki kam dem Passantenheim zugute, welches unmittelbar neben dem Heilsarmeegebäude steht und unterschiedlichste Menschen in prekären Situationen beherbergte. Beide Betriebe, die Brocki wie das Passantenheim, wurden ausschliesslich mit freiwilligen Mitarbeitenden auf unentgeltlicher Basis geführt.
Als ich 1984 zum Blauen Kreuz stiess, habe ich mich sowohl als Heilsarmee-Mitglied als auch als Blaukreuz-Angestellter um die Belange des Passantenheims gekümmert und für eine bessere Finanzierung und Führungsstruktur gesorgt. Dazu gehörte auch, die Brocki in neuen Lokalen neu aufzubauen und zu professionalisieren. Ich hatte damals Sorge bezüglich des Images beider Institutionen, die in den 80er-Jahren aus meiner Sicht sehr unprofessionell arbeiteten. Ausserdem wuchsen in beiden Bereichen die Ansprüche der Klientel wie auch der Öffentlichkeit sprunghaft. Ich war daran interessiert, professionelle Arbeit in beiden Gebieten zu leisten. Dazu gehörte insbesondere eine professionelle Leitung in beiden Betrieben. Zu diesem Zweck suchte ich den Kontakt mit der Stadt, die seither und bis heute einen fixen Beitrag an die Betriebskosten des Passantenheims leistet. Die Brocki war ein wichtiger Betrieb einerseits für die Mitfinanzierung, aber zunehmend auch für die Beschäftigung von Menschen in schwierigen Verhältnissen, die in der Brocki eine Möglichkeit zur sozialen Wiedereingliederung fanden.
In dieser Zeit wurde Markus Doyon, der heutige Leiter, angestellt. Mit seinem beruflichen Hintergrund und als ehemaliger Filialleiter einer Coop- Zweigstelle war er für diesen Job die Idealbesetzung. Unter seiner Führung wurde der Betrieb ein weiteres Mal gezügelt und fand in der ehemaligen Coop-Bäckerei an der Seestrasse eine neue Bleibe. Danach habe ich die Führung der Betriebskommission in andere Hände übergeben und den Kontakt zur Heilsarmee etwas verloren.
Jahre später, im Dezember 2007, kontaktierte Markus Doyon dann das Blaue Kreuz mit dem Anliegen, die Brocki zu übernehmen. Die Heilsarmee habe die Absicht, im Rahmen einer allgemeinen Restrukturierung den Betrieb zu schliessen. Er war überrascht, im Zentralsekretariat am Lindenrain gleich wieder auf mich zu treffen. Der Kreis schien sich zu schliessen.
«Mein» Vorstand war anfangs – und nach einer schlechten Erfahrung mit einem Betrieb in Thayngen – eher skeptisch, beauftragte mich aber, über die Weihnachtstage einen Businessplan zu erstellen und in der Januarsitzung mit Zahlen aufzuwarten, was den Vorstand dazu bewog, das Wagnis einzugehen. Wir haben den Betrieb für symbolische CHF 2.– von der Stiftung Heilsarmee Schweiz übernommen, CHF 1.– für die Infrastruktur, CHF 1.– für die Waren. Der Vertrag enthielt auch eine Vereinbarung, die vorsah, sich während fünf Jahren auf einem definierten Gebiet keine Konkurrenz zu machen.
Nach einer kleinen Renovation konnte der Betrieb am 1. Mai 2008 in Anwesenheit des Stadtpräsidenten, unter der Flagge des Blauen Kreuzes und unter dem neuen Label BrockiShop starten. Ich habe damals allen Mitarbeitenden eine Weiterbeschäftigung
garantiert und die Arbeitsverträge übernommen. Ausserdem habe ich allen den damals gültigen gewerkschaftlichen Mindestlohn von CHF 3500.– (auf 100 %) garantiert. Die regelmässigen Kontakte, der Aufbau und die Pflege eines soliden, zufriedenen Teams hat mir über die Jahre, in denen ich für den Betrieb verantwortlich war, viel Freude und der Verbandskasse steigende Rendite eingebracht. In dieser Zeit fanden im Brocki-
Shop permanent zwölf Personen mit insgesamt 580 Stellenprozenten eine sinnvolle und befriedigende Arbeit.
Das Erfolgsrezept für die ersten Jahre bestand aus diesen wichtigen Elementen: ein stabiles Kernteam, klare arbeitsrechtliche Verhältnisse, vmarktwirtschaftliche Begleitung der Brocki-Führung sowie die Motivation der Mitarbeitenden durch externe Schulungen. Während zwölf Jahren arbeitete der Betrieb unter der Leitung von Markus Doyon im Rahmen des Blauen Kreuzes der Deutschschweiz (ab 2013 BKCH). Im Juli 2020 wurde der BrockiShop mitsamt Team vom Blauen Kreuz Bern-Solothurn- Freiburg übernommen.
Walter Liechti (1984 – 1999 Fachmitarbeiter Beratung im BK Bern,
2000 – 2013 Geschäftsführer Blaues Kreuz der Deutschschweiz
Der BrockiShop Thun heute
Aktuell finden acht Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien Beschäftigungsund Integrationsmöglichkeiten. Sie werden von zwei Festangestellten begleitet und von einem tatkräftigen Team von Freiwilligen unterstützt.
Aus engagiert 3/21