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Bildnerei,
im allgemeinen die Kunst, aus Stein, Erz, Elfenbein oder auch aus andern Stoffen Gegenstände körperlich nachzubilden, deren Vorbilder in der Natur vorhanden sind oder der Phantasie ihren Ursprung verdanken. Diese Nachbildung geschieht, indem die Gegenstände teils in vollkommen freier, abgeschlossener Körperlichkeit dargestellt, teils nur durch geringere oder stärkere Hervorhebung aus der Fläche angedeutet werden (Relief, Basrelief, Hautrelief).
Nach dem Material, dessen man sich zur Herstellung bildnerischer Werke bedient, und nach dessen Behandlungsweise teilt man
die ein in die eigentliche
Bildhauerkunst
[* 2] (s. d., Plastik,
Skulptur), in die
Bildgießerei (s. d.), in die
Kunst getriebener Metallarbeiten oder
Toreutik (s. d.), in die
Bildschnitzerei (s. d.), in die
Glyptik oder
Steinschneidekunst
[* 3] (s. d.), in die
Stempelschneidekunst (s. d.) u. s. w. Der
Ursprung der
Bildnerei im weitern
Sinne geht in sehr frühe
Zeiten zurück.
Charakteristische Versuche, zu einer bildnerischen
Darstellung zu gelangen, sind besonders in den Denkmälern
auf mehrern
Inseln des
Großen Oceans, namentlich auf den Sandwichinseln, erhalten. Weitere
Stufen der
Entwicklung gewahrt man
bei den Bildwerken der alten
Völker im südl. und namentlich im mittlern
Amerika.
[* 4] So zeigen die Werke der mexikanischen
Skulptur
schon volkstümliche Unterschiede, verschiedene Entwicklungsgrade,
ja selbst schon die
Ausartung einer
national-altertümlichen
Richtung. (S.
Amerikanische Altertümer.) Eine höhere umfassende Anwendung der
Bildnerei zeigt sich zuerst,
und zwar sehr früh, bei den Ägyptern (s.
Ägypten,
[* 5] Bd. 1, S. 245a).
Ferner hat das westliche
Asien
[* 6] in den Überresten des Altchaldäischen, Assyrischen und
Babylonischen
Reichs seit
einem halben Jahrhundert massenhafte
Bildnerei-Denkmäler
Mesopotamiens der Forschung dargeboten (s.
Babylonien, S. 234 b).
Für die bildende Kunst bei den Persern sind die
Denkmäler von
Persepolis das Merkwürdigste; sie bestehen aus flachen Reliefs
an
Mauern und an Façaden der Felsgräber. In der Kunst der alten
Inder erscheint mehr geistige
Bewegung,
mehr poet. Leben; einzelne von den
Skulpturen der dortigen Felsentempel stehen auf einer hohen
Stufe technischer Durchbildung.
Alle übrigen
Völker des
Altertums wurden in der
Bildnerei durch die Griechen weit übertroffen. (S.
Griechische Kunst.) Die
Richtung
des griech. Volksgeistes, welcher das Irdische als unmittelbaren
Ausdruck des Göttlichen nahm und durch
Läuterung oder Idealisierung des ersten das letztere anzudeuten strebte, fand in dieser Kunst ein vorzüglich angemessenes
Feld zur Thätigkeit. Auch in ihr läßt sich eine stetige Fortentwicklung vom
Typischen zum
Erhabenen und Naturwahren, schließlich
sogar zum Sinnlichen nachweisen.
Die griech. Kunst in ihrer spätern Gestaltung wurde nach
Italien
[* 7] übertragen, nachdem bereits die
Etrusker
ihren poesielosen unschönen Realismus nach dem Vorbilde der griech. Kunst zu überwinden gestrebt
hatten. (S.
Etruskische Kunst.) An
Stelle der etrusk. Künstler traten dann in
Rom
[* 8] griech. Künstler in ihrer Nachblüte. So
bezeichnet das 1. Jahrh. der röm. Kaiserzeit diejenige
Periode, in der auch für den Luxus edle und geistvolle
Werke im griech.
Stile gearbeitet wurden, obgleich bei diesen
Skulpturen die griech. Naivetät mehr und mehr zu verschwinden
beginnt. In der Zeit Hadrians finden wir noch einen hellenistischen Aufschwung der
Bildnerei, nach ihm sinkt sie schnell,
und unter
Konstantin erscheint sie bereits völlig entartet.
Gleichzeitig treten die ersten Leistungen christlicher
Bildnerei hervor. Da in der altchristlichen
Kunst (s. d.) sich von vornherein die Malerei als die eigentlich monumentale
Kunstgattung zeigt, so spielt die
Bildnerei eine mehr untergeordnete Rolle und wird mehr zu dekorativen Zwecken verwandt.
In den Kulturländern des Mittelalters entwickelte sich meist aus antiken Anregungen eine nach den
nationalen Eigenschaften der Hauptvölker sich verschiedenartig äußernde
Bildnerei. Im 12. und 13. Jahrh.
erreichte diese sowohl in
Frankreich (s.
Französische Kunst), in
Italien (s.
Italienische Kunst) als auch in
Deutschland
[* 9] (s.
Deutsche Kunst)
[* 10] einen Höhepunkt, der teils mit dem roman., teils mit dem got.
Stile der
Baukunst
[* 11] zusammenfällt. Im 15. Jahrh. nahm die
Bildnerei einen
lebhaften Aufschwung, wobei sie im Norden
[* 12] einstweilen noch in den bisherigen Formen beharrt, in
Italien aber an antiken Formen
sich aufrichtend zur Renaissance (s. d.) übergeht und nun bei kräftigem
Individualismus der Künstler schnell jene höchste
Stufe des neuern Schaffens erreicht, welche durch
Michelangelo Buonarroli bezeichnet wird.
Der individualistische Künstlergeist steigerte sich schnell zu einer starken Willkür in den Formen und zu unerquicklicher Formenüberladung, indem seit ¶
mehr
dem 17. Jahrh. der Barockstil (s. Barock) in Italien sich der
Bildnerei bemächtigt, als dessen glänzendster Vertreter Lorenzo Bernini
(s. d.) und Alessandro Algardi (s. d.) zu nennen sind. Die gleiche Entwicklung nimmt die in der franz., deutschen, niederländ.
Kunst, wobei die letztere namentlich im 17. Jahrh., die deutsche durch Schlüter
um 1700 ihren Höhepunkt erreichte, während die französische
Bildnerei seit dem 17. Jahrh.
der italienischen die Führerschaft abnahm, an Stelle des Barock ein zierliches Rokoko (s. d.) und weiterhin den Klassicismus
(s. d.) durchführte. Dieser, namentlich durch Canova und Thorwaldsen zur Vollendung gebracht, hat im 19. Jahrh. alle Nationen
beherrscht. In neuerer Zeit wurde er erst durch den romantischen Stil und dann durch den Naturalismus abgelöst.
- Außer der Litteratur bei den Artikeln der einzelnen Kunstgebiete vgl. Lübke, Geschichte der Plastik (3. Aufl.,
Lpz. 1880); Ad. Hildebrand,
Das Problem der Form in der bildenden Kunst (Straßb. 1893).