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© 1996 Markus Kappeler
Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko - Christinus guentheri
Lord-Howe-Insel-Schlankskink - Pseudemoia lichenigera
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Im Südwestpazifik zu Hause
Die Norfolk-Inselgruppe, ein australisches Aussenterritorium, liegt sehr isoliert im Südwestpazifik, von Neuseeland im Süden und Neukaledonien im Norden je etwa 750 Kilometer und vom australischen Festland im Westen sogar rund 1500 Kilometer entfernt. Die abgeschiedene Inselgruppe besteht zur Hauptsache aus der Norfolk-Insel selbst, welche eine Fläche von 34,5 Quadratkilometern aufweist und sich bis zu einer Höhe von 318 Metern erhebt. Etwa sieben Kilometer weiter südlich befindet sich sodann die Phillip-Insel, deren Fläche 1,9 Quadratkilometer misst und deren maximale Höhe 280 Meter ü.M. beträgt. Zur Inselgruppe gehört ferner eine ganze Reihe kleiner und kleinster Eilande, von denen einzig die unweit der Südküste der Norfolk-Insel gelegene Nepean-Insel mit etwa zehn Hektaren eine nennenswerte Fläche aufweist. Das lokale Klima hat angenehmen subtropischen Charakter: Die Lufttemperaturen fallen selten unter 10°C und steigen kaum je über 27°C; die Niederschlagsmenge beträgt im Jahresdurchschnitt 135 Zentimeter.
1774 war die Norfolk-Inselgruppe vom legendären Kapitän James Cook entdeckt worden, und schon 1788 liessen sich die ersten europäischen Siedler nieder. Die Inselgruppe war damals unbewohnt, doch haben Archäologen inzwischen Hinweise darauf gefunden, dass die Insel bereits im Mittelalter von Polynesiern besucht und zumindest zeitweise auch besiedelt worden war. Jene frühen polynesischen Seefahrer hatten die Angewohnheit, auf allen Inseln, die sie erreichten, die Polynesische Ratte (Rattus exulans)
freizusetzen, damit sich dieser anpassungsfähige Nager vermehren würde und später als Nahrungsquelle dienen konnte. Auf der Norfolk-Insel geschah dies nachweislich vor rund 800 Jahren.
Aufgrund der Abgeschiedenheit der Norfolk-Inselgruppe war die lokale Landtierfauna nie sehr reichhaltig gewesen - und sie ist im Zuge der Urbarmachung der Insel durch den Menschen weiter verarmt. So sind von den ursprünglich vierzehn endemischen Landvogelarten und -unterarten fünf bereits ausgestorben und vier vom Aussterben bedroht - eine für kleine Ozeaninseln leider nur allzu typische Bilanz. Auch die beiden einheimischen Reptilienarten, der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko (Christinus guentheri)
und der Lord-Howe-Insel-Schlankskink (Pseudemoia lichenigera)
, von denen auf diesen Seiten die Rede sein soll, haben unter den Einflüssen des Menschen gelitten: Sie sind von der Norfolk-Insel selbst verschwunden und kommen heute nur noch auf den kleinflächigen Nebeninseln vor.
Der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko
Der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko gehört innerhalb der Sippe der Echsen (Sauria) zur Familie der Geckos (Gekkonidae). Mit mehr als 900 Arten ist diese - hinter der Familie der Skinke (Scincidae) mit über 1300 Arten - die zweitgrösste Echsenfamilie.
Geckos sind im allgemeinen kleingewachsene Echsen: Die grössten von ihnen erreichen eine Gesamtlänge von höchstens 40 Zentimetern. Der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko ist somit ein mittelgrosses Mitglied seiner Familie: Erwachsene Männchen weisen eine Kopfrumpflänge von ungefähr 8 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 6 Zentimetern und ein Gewicht von 12 bis 18 Gramm auf. Die Weibchen sind durchschnittlich etwas kleiner und leichter.
Auf der Norfolk-Insel selbst kommt der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko wie erwähnt heute nicht mehr vor. Man findet ihn aber ziemlich zahlreich auf der Phillip-Insel, auf der Nepean-Insel und auf ein paar der kleineren küstennahen Eilande der Norfolk-Inselgruppe. Ferner kann man ihm - wie sein Name erraten lässt - auf der Hauptinsel und mehreren Nebeninseln der rund 1000 Kilometer südwestlich gelegenen Lord-Howe-Inselgruppe begegnen, wenn auch dort in ziemlich geringen Beständen.
Hinsichtlich seines Lebensraums ist der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko wenig anspruchsvoll. Auf der Phillip-Insel kommt er deshalb fast in jedem Gelände vor, wo er genügend Schutz vor der Mittagssonne findet, selbst in praktisch vegetationslosen Steilhängen. Wie viele andere Geckos ist er hauptsächlich nachts aktiv. Den Tag verbringt er versteckt unter Steinen, in Baumhöhlen und an anderen schattigen Unterschlüpfen. Bei der Nahrungssuche ist er nicht nur am Boden unterwegs, sondern klettert auch gern auf Büschen und Bäumen umher - auf der Phillip-Insel beispielsweise auf den endemischen Weisseichen (Lagunaria patersonia)
und den eingeführten Olivenbäumen (Olea africana)
.
Wie die meisten Geckos ernährt sich der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko zur Hauptsache von Insekten, die er zeitlupenartig anschleicht und dann in blitzschnellem Sprung packt. Interessanterweise zeigt er aber auch eine ausgeprägte Vorliebe für Blütennektar. Als australische Wissenschaftler 1978 des öfteren Geckos beobachteten, die ihren Kopf tief in die Blüten der Weisseichen steckten, nahmen sie an, dass sie dort Jagd auf Insekten machten, die von den Blüten angelockt wurden. Später entdeckten die Forscher jedoch, dass die kleinen Echsen einen zu ihrem Proviant gehörenden Zuckerbeutel aufgebissen hatten und sich am Zucker gütlich taten. Da wurde ihnen klar, dass die Lord-Howe-Insel-Blattfingergeckos offensichtlich einen für Geckos unüblichen Gefallen an Süssem haben.
Die Fortpflanzung der Lord-Howe-Insel-Blattfingergeckos ist saisonal gebunden: Die Weibchen legen ihre ein bis drei Eier jeweils während des südlichen Frühsommers (November/Dezember), im lockeren Erdreich unter Steinen oder Fallholz ab. Die Entwicklungszeit der Keimlinge ist mit rund 90 Tagen bemerkenswert lang. Beim Schlüpfen haben die Geckobabys eine Kopfrumpflänge von rund drei Zentimetern und ein Gewicht von etwa 0,8 Gramm.
Ob die Lord-Howe-Insel-Blattfingergeckos territorial sind, also Eigenbezirke besetzen und ihresgleichen daraus vertreiben, ist bislang nicht untersucht. Mit grosser Wahrscheinlichkeit dürfte dies aber der Fall sein, denn es scheint beträchtliche Rivalität - verbunden mit aggressivem Verhalten - zwischen den Individuen zu bestehen. Darauf lässt jedenfalls die Tatsache schliessen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der erwachsenen Individuen noch ihren ursprünglichen Schwanz besitzt.
Viele Echsenarten sind in der Lage, bei Bedarf ihren Schwanz an einer vorbestimmten «Schwachstelle» gewollt abreissen zu lassen. Dies kann besonders bei Angriffen durch Fressfeinde, mitunter aber auch bei Rivalenkämpfen sehr hilfreich sein. In den meisten Fällen wächst innerhalb weniger Wochen ein neuer Schwanz nach. Allerdings ist der Ersatzschwanz in den meisten Fällen deutlich kürzer als der Originalschwanz und überdies kaum gemustert.
Bei den meisten Echsenarten ist das Schwanzabwerfen ein verhältnismässig seltenes Ereignis, so dass die grosse Mehrzahl der erwachsenen Tiere im Besitz ihres Originalschwanzes ist. Nicht so beim Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko: Sowohl auf der Phillip-Insel als auch auf der Nepean-Insel leben mehr als 90 Prozent der Männchen und mehr als 70 Prozent der Weibchen mit einem Ersatzschwanz! Auf beiden Inseln sind die Geckos aber bei ihren nächtlichen Aktivitäten kaum durch natürliche Fressfeinde gefährdet. Nur hie und da mag ein unvorsichtiges Individuum einer Landkrabbe oder einem grossen Hundertfüsser zum Opfer fallen. Als Erklärung für das ungewöhnliche Phänomen bleiben somit einzig Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Individuen.
Der Lord-Howe-Insel-Schlankskink
Die zweite Echsenart, die in grauer Vorzeit die entlegene Norfolk-Inselgruppe (vermutlich auf Treibholz von Australien her) zu erreichen und zu besiedeln vermocht hat, ist der Lord-Howe-Insel-Schlankskink. Wie sein Name sagt, kommt auch er ausser auf der Norfolk-Inselgruppe noch auf der Lord-Howe-Inselgruppe vor. In der Norfolk-Inselgruppe ist sein Vorkommen stärker begrenzt als das des Blattfingergeckos: Man findet ihn weder auf der Norfolk-Insel noch auf der Nepean-Insel oder einem der anderen kleinen Eilande, sondern einzig auf der Phillip-Insel.
Der Lord-Howe-Insel-Schlankskink ist eine recht zierliche Echse: Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 6 bis 7 Zentimetern, eine ähnliche bemessene Schwanzlänge und ein Gewicht von gewöhnlich 4 bis 5 Gramm auf.
Über die Lebensgewohnheiten des Lord-Howe-Insel-Schlankskinks auf der Phillip-Insel ist kaum etwas bekannt. Wie die meisten Skinke hält er sich vornehmlich am Boden auf, wo er sich gern zwischen Steinen, unter Fallholz und im Laub versteckt. Er scheint im südlichen Winter hauptsächlich tagsüber, im Sommer hingegen nachts rege zu sein und sich auf seinen Streifzügen überwiegend von Insekten und anderen kleinen wirbellosen Tieren zu ernähren.
Soweit wir wissen, pflanzt sich der Lord-Howe-Insel-Schlankskink ebenso wie der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko während des südlichen Sommerhalbjahrs fort, doch ist die Entwicklungszeit der Embryonen mit rund 70 Tagen etwas kürzer als beim Gecko. Das Gelege des Skinkweibchens umfasst gewöhnlich zwei bis drei Eier, und die Jungen weisen beim Schlüpfen eine Gesamtlänge von etwa 5 Zentimetern und ein Gewicht von 0,4 Gramm auf.
Rattenplage auf der Hauptinsel
Sowohl der Lord-Howe-Insel-Blattfingergecko als auch der Lord-Howe-Insel-Schlankskink kommen im Bereich der Norfolk-Inselgruppe und der Lord-Howe-Inselgruppe teils in gesunden Beständen vor und gelten deshalb derzeit nicht als vom Aussterben bedroht. Dennoch müssen sie als in ihrem längerfristigen Fortbestand gefährdet betrachtet werden. Das hat damit zu tun, dass ihre Populationen aufgrund des beschränkten Platzangebots in ihrer ozeanischen Heimat recht klein sind und darum durch Störungen des ökologischen Gleichgewichts, wie sie der moderne Mensch leichtfertig verursacht, rasch und unwiederbringlich vernichtet werden können. Das Verschwinden der beiden vorgestellten Echsen von der Norfolk-Insel zeigt dies unmissverständlich.
Tatsächlich ist das Ökosystem der Norfolk-Insel durch die europäischen Siedler im Verlauf der letzten zweihundert Jahre massiv beeinträchtigt worden. Besonders augenfällig ist dies daran zu erkennen, dass der einstmals die ganze Insel überwuchernde Urwald zwecks Gewinnung von Bau- und Brennholz sowie zur Schaffung von Ackerland und Viehweide beinahe vollständig gerodet wurde. Mit der Vernichtung der natürlichen Lebensräume allein lässt sich der Niedergang des Blattfingergeckos und des Schlankskinks auf der Norfolk-Insel allerdings nicht ausreichend erklären. Denn auf der Phillip-Insel, wo beide Echsen durchaus gedeihen, ist die Vegetation im Laufe der menschlichen Siedlungsgeschichte noch ärger geschädigt worden als auf der Norfolk-Insel.
Entscheidend für das Überleben der beiden Echsen ist offensichtlich ein anderer «Schadfaktor». In der Tat besteht ein erheblicher «faunistischer» Unterschied zwischen der Norfolk-Insel und der Phillip-Insel: Erstere wird von Hausratten (Rattus rattus)
bewohnt, welche von den Europäern unabsichtlich eingeschleppt wurden (und welche die Polynesischen Ratten alsbald ausmerzten), während die Phillip-Insel - ebenso wie die Nepean-Insel und die anderen kleinen Eilande, die zur Norfolk-Inselgruppe gehören - rattenfrei ist. Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass die Hausratten oder wahrscheinlich sogar schon die Polynesischen Ratten die beiden Echsen von der Norfolk-Insel verdrängt haben. Der Fortbestand der beiden Echsen auf der Norfolk-Inselgruppe dürfte also weitgehend davon abhängen, ob es gelingt, den ihnen verbleibenden Lebensraum auch zukünftig rattenfrei zu erhalten.
Man darf diesbezüglich zuversichtlich sein, denn von seiten der australischen Naturschutzbehörde werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um auf der Norfolk-Inselgruppe zu schützen, was an Natur noch vorhanden ist. Die Nepean-Insel ist als Naturreservat ausgewiesen, und die Phillip-Insel hat vor kurzem sogar Nationalpark-Status erhalten. Auch stehen 450 Hektaren der Norfolk-Insel im Bereich der beiden Berge Mount Bates und Mount Pitt als Nationalpark unter wirksamem Schutz. Dort befinden sich die letzten Urwaldreste, und es wird versucht, die Naturwaldfläche durch ein Aufforstungsprogramm allmählich auszuweiten. Auch wird im Mount Bates/Mount Pitt-Nationalpark ein aufwendiges Rattenbekämpfungsprogramm durchgeführt, weil diese als eifrige Nestplünderer der Vogelwelt enormen Schaden zufügen. Ob es gelingen wird, die Ratten vollständig auszurotten, ist allerdings sehr fraglich. Und deshalb ist die Chance eher gering, dass die beiden kleinen Echsen jemals auf der Norfolk-Insel wiedereingebürgert werden können. Denn in der «Gesellschaft» der Ratten würden ihre Bestände zweifellos stets klein, örtlich begrenzt und gefährdet bleiben.
Umso wichtiger ist es, die Gefahr zu bannen, dass Ratten auf die übrigen Inseln der Norfolk-Inselgruppe gelangen - was angesichts der sehr zahlreich gewordenen Touristenbewegungen bestimmt kein leichtes Unterfangen ist. Die Norfolk-Insel hat sich in jüngerer Zeit zu einer besonders bei den Festland-Australiern beliebten Ferieninsel entwickelt. Der Fremdenverkehr bringt den Einheimischen Geld und Arbeit und bildet mittlerweile das Rückgrat der Inselwirtschaft. Glücklicherweise stehen die Inselbewohner aber einer weiteren Zunahme des Tourismus inzwischen skeptisch gegenüber: Sie befürchten - sicher nicht zu Unrecht - negative Auswirkungen auf ihre überlieferten gesellschaftlichen Werte ebenso wie auf die Inselnatur. Sie haben deshalb beschlossen, durch eine Begrenzung der Gästebettenzahl auf maximal 1200 Stück einer «Überschwemmung» ihrer Insel durch Touristen vorzubeugen.
Die Gefahr, dass Ratten von der Norfolk-Insel auf die anderen Inseln der Gruppe verschleppt werden, bleibt trotz dieser Beschränkung des Fremdenverkehrsaufkommens bestehen. Es ist vordringlich - und für die beiden faszinierenden Inselechsen überlebenswichtig - dass diesbezüglich konkrete Schutzvorkehrungen getroffen werden.
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