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Die Kuikuro sind heute das Volk mit dem schnellsten Wachstum am Oberen Xingu. Sie bilden eine Untergruppe der Karib-Familie mit anderen Gruppen, die Dialekt-Varianten derselben Sprache sprechen (den Kalapalo, Matipu und Nahukuá) und nehmen teil am multilinguistischen System unter der Bezeichnung „Alto Xingu“ (Oberer Xingu) im südlichen Abschnitt des IT „Parque Indígena do Xingu“.
Kuikuro
|Andere Namen: Kuikuru, Cuicuro

Sprache: aus der Familie Karib
Population: 522 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
|INHALTSVERZEICHNIS

Namen
Lebensraum und Bevölkerung
Sprache
Geschichte
Das Dorf
Produktive Aktivitäten
Gesellschaft und politische Organisation
Verwandtschaft
Kosmologie, Schamanimus und Heilung
Ende des 19. Jahrhunderts registrierte der deutsche Ethnologe Karl von den Steinen, unter den verschiedenen Völkern an den Ufern des Rio Kuluene, auch die Existenz der „Guikuru“ oder „Puikuru“ oder „Cuicutl“. Er bemerkte die Schwierigkeit, einen speziellen Laut der Karib-Sprachen vom Oberen Xingu, den sie häufig benutzten, schriftlich festzuhalten: eine Art von „g“, den sie mittels eines Klickens des Zäpfchens produzierten. Die Kuikuro schreiben diesen Laut heutzutage mit einem „g“, aber die Weissen setzen dafür gewöhnlich ein „r“.
Das Wort „Kuikuro“ hat seine eigene Geschichte. Der Name, den Karl von den Steinen zu registrieren versuchte, war der einer lokalen Stammesgruppe, die zu jener Zeit ein Dorf mit Namen „Kuhikugu“ bewohnte – eine Zusammenfassung von „kuhi“ und „kugu“ (das wahre Kuhi) am Ufer einer Lagune mit vielen Fischen (kuhi). Die Bewohner von „Kuhikugu“ bildeten das erste Dorf einer neuen lokalen Gruppe, die sich von anderen Gruppen der Karib-Familie getrennt hatte – in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren die Begründer eines Volkes, welches die Weissen bis heute „Kuikuru“ nennen. Die Deformation des antiken Namens „Kuhikugu“ hielt sich dann als Kollektiv-Name für seine Nachfahren und wird heute als individueller Familienname für jedes Stammesmitglied gebraucht.
Ihre Selbstbezeichnung richtet sich stets nach dem Namen des Ortes oder des Dorfes, in dem sie leben, und diesem Ortsnamen folgt dann die Bezeichnung „ótomo“, was so viel bedeutet wie „Herren oder Meister“. Also sind die gegenwärtigen Kuikuro zum Beispiel „Ipatse ótomo“ oder „Ahukugi ótomo“ oder „Lahatuá ótomo“ – die „Herren von Ipatse, von Ahukugi oder von Lahatuá“ – das heisst, von den drei heute existierenden Kuikuro-Dörfern. Viele ältere Stammesmitglieder benutzen immer noch den Namen des antiken Dorfes „Lahatuá ótomo“, das sie wegen einer Masern-Epidemie 1954 fluchtartig verlassen haben, die Krankheit raffte die Hälfte seiner Bevölkerung dahin.
Die Kuikuro sind Teil einer Gruppe, die man als Karib-Untergruppe des Oberen Xingu bezeichnet. Sie setzt sich aus vier Stämmen zusammen: ausser den Kuikuro, die Matipu, die Nahukuá und die Kalapalo. Ihr traditionelles Wohngebiet ist die orientale Region des hydrografischen Beckens, welches von den Quellflüssen des Rio Xingu gebildet wird (die Flüsse Kuluene, Buriti und Kurisevu). Die Kuikuro verteilen sich heute auf drei Dörfer. Das bedeutendste und grösste ist „Ipatse“, in geringer Entfernung vom linken Ufer des Mittleren Kuluene – hier leben mehr als 300 Personen. 1997 errichteten sie das Dorf „Ahukugi“ am rechten Ufer des Kuluene, oberhalb von „Ipatse“, heute mit zirka 100 Personen. Erst vor kurzer Zeit bauten sie ein weiteres Dorf auf demselben Platz des antiken „Lahatuá“ – bisher besteht es nur aus einer familiären Wohngemeinschaft von zirka zehn Personen.
Einige Kuikuro leben im Dorf der Yawalapiti. Starke und intensive politische und eheliche Verbindungen zwischen Kuikuro und Yawalapiti halfen letzteren sich als Dorfgemeinschaft neu zu formieren (und auch als Volk neu zu beginnen) – mit Beginn der 50er Jahre. Ebenfalls in Konsequenz von Einheiraten leben andere Kuikuro in anderen Dörfern des Oberen Xingu – vor allem bei anderen Karib der Region.
Ende des 18. Jahrhunderts fertigte der deutsche Ethnologe Karl von den Steinen Listen von Worten aus dem Sprachgebrauch des Oberen Xingu an, unter ihnen auch die Sprache der Nahukwá. Steinen traf auf die Nahukwá während er den Rio Xingu hinab fuhr und übertrug ihren Stammesnamen auf alle Karib-Völker des Oberen Xingu – inklusive der damaligen Kuhikugu (Steinen 1940). Er war es auch, der die Sprache „Nahukwá“ korrekt klassifizierte, nämlich als zur Karib-Familie gehörig. Das „Kuikuru“ ist demnach eine „meridionale Karib-Sprache“.
Kuikuro, Kalapalo, Nahukwá und Matipu sprechen alle Dialiekt-Varianten derselben Sprache (Carib alto-xinguano). Die linguistische Identität ist eine der bedeutendsten Charakteristika zur gesellschaftlichen Klassifizierung der lokalen Gruppen. Kalapalo und Nahukwá sprechen dieselbe Variante. Die Matipu sind bereits im Begriff, ihre Variante zu vergessen – die nur noch von den Älteren gesprochen wird. Das Matipu scheint eine Untervariante der Kuikuru-Variante zu sein.
Aus der Sicht der genetischen Klassifikation im Innern der Karib-Familie, ist die Karib-Sprache des Oberen Xingu eine Art einsame Insel, was ihre syntaktischen und phonologischen Strukturen betrifft. Aus der Sicht der morphosyntaktischen Typologie ist sie eine erogative Sprache. Ein erster Vergleich der Karib-Sprache des Oberen Xingu mit den setentrionalen Karib-Sprachen (nördlich des Amazonas) und mit anderen meridionalen (Bakairi, Ikpeng, Arara, Yaruma und Apiaká – die beiden letzten ausgerottet) erlaubt uns, ein prähistorisches Szenarium zu projizieren, in dem eine erste Trennung des Proto-Karib stattfand, welches die Proto-Sprache der gegenwärtigen Stämme vom Oberen Xingu begründete – und eine zweite Trennung, später, welche die Proto-Sprache der anderen meridionalen Karib-Völker begründete.
Einheiraten sind der Grund, dass sich der Monolinguismus in der Kuikuru-Sprache bei vielen, aber nicht bei allen, Bewohnern der Kuikuru-Dörfer Ipatse, Ahukugi und Lahatuá langsam wandelt. Inzwischen gibt es nicht wenige bi- und trilinguistische Mitglieder, die auch noch weitere Sprachen der Region, wie Aruak oder Tupi beherrschen. Im Dorf der Yawalapiti hat das Kuikuru sogar die eigene Sprache verdrängt. Die Beherrschung des Portugiesischen ist unterschiedlich – hängt meistens mit dem Alter und dem Geschlecht der Person zusammen. Einige Männer mit persönlicher Geschichte (Häuptlinge, politische Führer) und die Jüngeren (heute unter dreissig Jahren) sprechen Portugiesisch mit unterschiedlicher Flüssigkeit. Frauen, die portugiesisch sprechen, sind noch selten, aber ihre Zahl wächst.
Das Kuikuru ist immer noch eine lebendige, integrierte Sprache, von allen benutzt und von allen in ihren Feinheiten beherrscht – allerdings nicht gebraucht zur Kommunikation mit Weissen oder anderen Indianern. Die Schule, die wachsenden Kontakte mit der Aussenwelt, die konstanten Reisen in die Stadt, die Präsenz des Fernsehens und anderer Medien in den Dörfern, bewirken, dass Kenntnis und Gebrauch der portugiesischen Sprache schnell wachsen. Das Kuikuru ist, wie alle Eingeborenen-Sprachen, eine Minoritäts-Sprache oraler Tradition, die in einem für ihre Vitalität und ihre Erhaltung ungünstigen Umfeld zu überleben versucht.
Nach den neueren archäologischen Untersuchungen (Heckenberger 1996, 2001) beginnt die prähistorische Geschichte des Oberen Xingu vor rund eintausend Jahren. Radiokarbonische Datierungen geben die erste menschliche Besetzung von Völkern der Aruak-Sprache zwischen 950 und 1050 nach Christus an. Während jener Periode stabilisierte sich der kulturelle Standard der Oberen-Xingu-Tradition, archäologisch erkennbar durch eine kennzeichnende Keramik-Herstellung und die Bildung von Runddörfern mit einem zentralen Platz. Dieser Standard hat sich bis heute intakt erhalten. Der Obere Xingu ist die einzige Region im brasilianischen Amazonasgebiet, in der man deutlich die Kontinuität der eingeborenen Besetzung von prähistorischer Zeit bis zur Gegenwart demonstriert findet. Um 1400 nach Christus, wenn nicht schon früher, erreichten die prähistorischen Dörfer erstaunliche Proportionen (20 – 50 Hektar) – die grössten, im Vergleich mit jeder anderen Region des südamerikanischen Tieflands in der Vorgeschichte – und sie wurden errichtet mit unterschiedlichen Strukturen, inklusive schnurgeraden Dämmen, welche die wichtigsten Wege markierten, zentralen Plätzen und breiten Gräben, ohne Zweifel auch verbunden mit höheren Strukturen über dem Boden, wie Palisaden, Brücken und Eingangstoren. Man schätzt, dass solche Dörfer um die eintausend Personen beherbergten, und dass im Westen des Rio Kuluene, am Oberen Xingu, wahrscheinlich mehr als 10.000 Indianer lebten.
Nach der Forschung von Heckenberger und denen über die oral übermittelte Geschichte (Franchetto, 1992 und 1990), können wir die Hypothese aufstellen, dass die Karib-Völker des Oberen Xingu diese Region in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts betraten, sie kamen aus dem Osten. Im Westen des Rio Kuluene trafen sie auf die Aruak-Völker. Die Tupi-Völker erreichten die Region erst später. Es gibt archäologische Beweise einer einmaligen Besetzung zwischen 1400 und 1500 im Westen des Kuluene, mit zwei oder drei Bevölkerungs-Blöcken: Das Dorf von Tehukugu, mit einem Rundhaus von 55 Metern Durchmesser, datiert aus dem Jahr 1510 – es wurde später von den Kamayurá und auch von ausser-xinguanischen Gruppen besetzt. Noch im Osten, an der Tahununu-Lagune, lag das Dorf Kuguhí von 1610. Dabei handelt es sich um eine Epoche, in der man deutlich den Komplex orientaler Karib erkennen kann – der auch die verschwundenen Yarumá (oder Jaruma) einbegreift und einen okzidentalen Aruak-Komplex – getrennt voneinander durch den Kuluene-Fluss. Wir nehmen an, dass in der Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Karib-Gruppen derselben Sprache die Region im Westen des Rio Kuluene besetzten und die dort ansässigen Aruak-Gruppen gegen Norden und Westen vertrieben.
Die Kuikuru selbst erzählen, dass ihre Gruppe nach einer Trennung von einer anderen entstanden sei, die von ein paar Häuptlingen des antiken Komplexes der Dörfer von „Oti“ (Feld) geführt wurden, gelegen am Oberlauf des Rio Burití, wahrscheinlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Diejenigen, welche in „Oti“ verblieben, waren die Vorfahren der heutigen Matipu (Wagihütü ótomo). Ihre Sprache hat sich ein wenig verändert und so den beiden Varianten oder Dialekten Matipu und Kuikuro den Weg bereitet. Die neue Gruppe (Kuikuro) besetzte dann verschiedene Orte, mit Dörfern an den Ufern der Lagunen zwischen den Flüssen Burití, Kuluene und Kurisevu. Das erste wurde Kuhikugu benannt. Die antiken Dörfer waren gross und ihre Bevölkerung zahlreich.
Hinsichtlich schriftlicher Dokumentationen war der erste Ethnologe, der den Oberen Xingu besuchte, jener uns bereits bekannte Karl von den Steinen – und zwar auf zwei Reisen 1884 und1887 – der die Karib vom Oberen Xingu erwähnt, und unter ihnen die Kuikuro des Rio Kuluene. In den mündlichen Überlieferungen der Kuikuro wird er als „Kalusi“ erwähnt, der erste Weisse (Kagaiha), der „in Frieden“ kam, und der Geschenke und Güter zum Tauschen mitbrachte. Durch von den Steinen wissen wir, dass am Oberen Xingu gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehr als 3.000 Indianer in 31 Dörfern lebten, sieben davon waren Dörfer der Karib-Gruppen. Das orale Gedächtnis der Kuikuro geht aber noch über den Besuch von den Steinens zurück und erinnert sich an die ersten Begegnungen mit Weissen am Oberen Xingu – in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der Bandeirantes-Epoche, die in ihren Expeditionen durch das brasilianische Interior die Indianer einfingen und töteten (siehe Aussage Kuikuro: Die Begegnung mit den „Caraíbas“).
Nach von den Steinen drangen andere wissenschaftliche und sogar militärische Expeditionen in diese Region ein und registrierten die Gegenwart ihrer Bewohner: Hermann Meyer (1896), Max Schmidt (1900-01), Ramiro Noronha (1920); Vicente de Vasconcelos (1924-25); Vincent Petrullo (1931). Ab den 40er Jahren öffnet sich ein neues Kapitel der Geschichte der Xingu-Völker, die sich mit der Gründung des National-Parks mischt.
Von 1915 an intensivierte man die Erforschung der Quellflüsse des Oberen Xingu, unter der Beteiligung der Militärs der Kommission Rondon. Die Karib-Gruppen befanden sich immer noch an denselben von Steinen und Meyer registrierten Orten. Allen Berichten gemeinsam war ein Prozess unglaublich schnellen Bevölkerungsrückgangs. Agostinho (1972) hat uns eine tragische Schätzung des bakteriologischen und virotischen Schocks mit der Zivilisation hinterlassen. Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte der 50er Jahre ist demnach die Bevölkerung dieser Region von 3.000 auf 1.840 Personen im Jahr 1926 zurück gegangen – und auf etwas mehr als 700 Personen gegen Ende 1940. Im Jahr 1943 wurde die Expedition Roncador-Xingu (ERX) geschaffen, Vorläufer der „Fundação Brasil Central“, für die Besetzung der Region von Zentralbrasilien. Die Gebrüder Villas-Boas erreichten das Gebiet der Xingu-Quellflüsse. Und sie beobachteten ebenfalls, dass die Völker, die sie den Rio Kuluene abwärts bis zu seiner Mündung in den Rio Xingu antrafen, dieselben waren, die schon der Ethnologe von den Steinen beschrieben hatte.
In den 40er Jahren begannen auch die wissenschaftlichen Expeditionen des „Museu Nacional“, welche ein Bild enormer Wandlungen aufzeichneten. Im ersten Jahrhundert nach der berühmten Reise Cabrals zur brasilianischen Küste, erlitten die Xingu-Kommunen katastrophale Bevölkerungsverluste, höchst wahrscheinlich als Resultat der ersten Epidemien durch ansteckende Krankheiten aus der Alten Welt, die ihnen durch erste Kontakte mit den Eroberern übertragen wurden. Ein drastischer demografischer Rückgang nach 1500 bis 1884, als die geschriebene Geschichte des Oberen Xingu begann, wird deutlich durch die signifikative Verkleinerung und abnehmende Zahl von Dörfern innerhalb der gesamten Region – angefangen von der späten prähistorischen Epoche bis zum 20. Jahrhundert. Zwischen 1884 und 1960, als man mit systematischen Impfprogrammen am Oberen Xingu begann, war die Bevölkerung fast um 80% zurückgegangen. Die Viren von Grippe und Masern hatten gründlich aufgeräumt – der Bevölkerungsverlust erreichte seinen Tiefstpunkt durch eine Masern-Epidemie im Jahr 1954. Wegen der Impfung waren die Karib-Gruppen des Rio Kulisevu und Kuluene gezwungen, sich in der Nähe des „Postens Leonardo“ anzusiedeln, nördlich ihres traditionellen Territoriums, und auch die Kalapalo, Kuikuro, Matipu und Nahukwá, ebenfalls dezimiert durch die Grippe, die sie sich von der ERX eingefangen hatten, waren abhängig von der medizinischen Versorgung der Posten der FBC. Später, als man wieder auf dem Weg eines Bevölkerungswachstums war, dank der Impfkampagnen der 60er Jahre, fingen die verschiedenen lokalen Gruppen an, sich zu organisieren und in ihre traditionellen Territorien zurückzukehren. Eigentlich hatten sie diese nie richtig verlassen, sondern immer wieder besucht und die Felder bestellt, denn dies waren ihre historischen Orte, dort befanden sich die Gräber ihrer Toten und auch die gewohnten natürlichen Ressourcen. Anfang der 80er Jahre beobachtet man dann eine gegenläufige Tendenz: lokale Gruppen beginnen sich zu teilen und neue Dörfer einzurichten – ein Prozess demografischen Wachstums hat begonnen, die Indianer streben nach der Wiedereinrichtung eines Originalzustands, wie er gegen Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert wird.
Der Grundriss des Parks, wie er 1961 festgelegt wird, mit einem Zehntel der Fläche, die man noch 1952 für das Projekt vorgesehen hatte, schliesst die Wohngebiete verschiedener eingeborenen Gruppen aus – unter ihnen die Aruak (Waurá und Mehinaku) und die Karib (Kuikuro, Kalapalo, Matipu und Nahukwá). Das Dekret von 1968 verändert dann die meridionalen Grenzen und anerkennt teilweise den Irrtum des vorhergehenden Dekrets. Trotzdem bleiben die Territorien der Aruak und Karib nach wie vor ausgegrenzt, werden dann aber endlich 1971 von einem dritten Dekret einbegriffen, welches die neue Grenze auf den 31. südlichen Breitengrad festlegt – oberhalb des Zusammentreffens der Flüsse Tanguro und Sete de Setembro. Historische Dorfplätze und die Pequi-Pflanzungen der Karib-Stämme liegen aber immer noch ausserhalb der südlichen Grenze des „Parque Indígena do Xingu“ (PIX).
Die Dörfer der Kuikuro gleichen denen anderer Xinguaner. Ihre Organisation, ihr kreisrundes Layout mit einem zentralen Platz und ihr Muster regionaler Dorfkonstruktion, sind typische Elemente der Xingu-Kultur, die eine deutliche Kontinuität aus historischer Epoche bis in die Gegenwart demonstrieren. Die Runddörfer mit zentralem Platz werden in Übereinstimmung mit Prinzipien der politischen und gesellschaftlichen Organisation strukturiert. Die Plätze und radialen Wege (so wie die breiten Strassen der prähistorischen Dörfer), die alle vom zentralen Platz ausgehen, sind in den vier Himmelsrichtungen angelegt – Nord/Süd und Ost/West – oder auch mal in Richtungen, die zu wichtigen Anlagen führen, wie Kanu-Anlegestellen oder Brücken und Nachbardörfer. Diese Orientierung verrät nicht nur die Integration verschiedener Dörfer im gleichen Territorium, sie demonstriert auch ein höheres Verständnis für Architektur, Astronomie und Geometrie. Die Häuser der Kuikuro sind grosse Malocas auf ovaler Basis – wie bei den meisten Völkern des Oberen Xingu – ihre Struktur und Konstruktion verrät eine extrem komplexe architektonische Kenntnis.
Die Keramikfragmente, welche über die Oberfläche der antiken und neueren Xingu-Dörfer verteilt sind, liefern deutliche Beweise der kulturellen Kontinuität während fast eintausend Jahren, nicht nur in der Technologie, sondern auch in der wirtschaftlichen Orientierung aller Völker vom Oberen Xingu: Anbau von Maniok und Fischfang. Andere Feldfrüchte sind Süsskartoffeln, Mais, Baumwolle, Pfeffer, Tabak und Urucum (aus der man den roten Farbstoff gewinnt). Heutzutage kommen noch Bananen, Wassermelonen, Papayas und Limonen hinzu.
Der Obere Xingu ist ein gutes Beispiel dafür, wie einfache indianische Techniken vielköpfige, sesshafte Populationen ernähren können. Obwohl die Nutzung des Territoriums in prähistorischer Zeit scheinbar intensiver gewesen ist, vermitteln uns die Indianer vom Xingu ein wichtiges Modell zur intensiven landwirtschaftlichen Nutzung des Bodens in einer amazonensichen Umwelt – durch eine rotative Bodenbearbeitung und Nutzung, komplex und von langer Dauer. Ein Modell, das eine echte Alternative darstellt für alle destruktiven Modelle der Bodenausbeutung, die in der Regel mit der Anwendung okzidentaler Technologien in Amazonien einhergehen.
Die kultivierten Pflanzen, vor allem die Maniok, machen 85 bis 90% der Ernährung aus. Die Kuikuro kennen 46 Varianten der Maniok, alle giftig, aber nur 6 Varianten machen 95% ihrer Ernten aus. Die „Pequi“ (Caryocar brasiliense) wird in der Umgebung der Felder gepflanzt und ist ein saisonbedingtes, wichtiges Nahrungsmittel – aus ihr presst man auch das Pequi-Öl, das zum Verschönern und zum Schutz der Haut verwendet wird. Urucum, Jenipapo, weisser Lehm, pflanzliche Kohle und Harze benutzt man, um daraus Farben für den Körper und auch für Gebrauchsartikel zu gewinnen.
Die Felder werden in unterschiedlichen Entfernungen vom Dorf angelegt, in der Regel am Waldrand – und sie werden drei bis vier Jahre genutzt. Um die Blausäure der giftigen Maniok zu entfernen, haben die Kuikuro, wie alle anderen Xingu-Stämme auch, eine komplizierte Technik zum Waschen der geraspelten Masse entwickelt. Mit dem Mehl und der Stärke der Maniok fertigen sie Fladenbrot und verschiedene fermentierte Getränke an. Das Sammeln von Honig und, saisonbedingt, auch von Waldfrüchten, von Schildkröten- und Ameiseneiern, vervollständigt den traditionellen Speisenplan. Die Jagd ist nicht so wichtig. Die Indianer vom Oberen Xingu essen „kein Tier, das auf der Erde läuft oder ein Fell hat“, mit Ausnahme einer bestimmten Affenart (Cebus). Fasanen und Auerhühner, ein paar Taubenarten, Wasserschildkröten und Affen ersetzen den Fisch, wenn dessen Genuss wegen einem zeremoniellen Anlass untersagt ist. Der Fischkonsum macht 15% der Ernährung bei den Kuikuro aus – und sie kennen zirka 100 verschiedene, essbare Spezies.
Der Obere Xingu ist eine Welt des Wassers, zwischen Flüssen, Bächen und Lagunen. Zu den traditionellen Methoden des Fischfangs, wie Pfeil und Bogen, Lanzen und verschiedene Arten von Fallen und Dämmen oder Lianengift, kommen inzwischen Haken und Angelschnur, Harpune und Netz dazu. Die traditionelle Produktion von Gebrauchsartikeln, wie Sitzbänken, Matten, Körben und Federschmuck diente, und dient noch, dem täglichen wie dem zeremoniellen Gebrauch, zur Bezahlung von Diensten – wie zum Beispiel der Inanspruchnahme des Medizinmannes – oder um eine versprochene Heirat zu besiegeln, aber auch für den rituellen Tauschmarkt zwischen verschiedenen Dörfern, den die Kuikuro „Ulukí“ nennen. Die Kuikuro, genau wie andere Karib-Gruppen, nehmen am wirtschaftlichen und rituellen System des Oberen Xingu teil. Sie sind Spezialisten in der Herstellung von Halsketten und Gürteln aus Schneckenhäusern – Güter von hohem Wert. Diese Schmuckutensilien werden oft als Bezahlung von Keramiktöpfen benutzt, welche von den Aruak-Völkern derselben Region angefertigt werden.
Heutzutage ist das Kunsthandwerk der Indianer – welches Objekte ihres traditionellen Gebrauchs rekonstruiert – eine fundamentale Erwerbsquelle zum Kauf von Gütern, die auch bei den Indianern inzwischen zu den unabdingbaren Dingen des täglichen Gebrauchs zählen, wie Benzin, Angelmaterial, Munition, Keramikperlen, einige Lebensmittel, die inzwischen zum Haushalt gehören (Reis, Salz, Zucker, Öl etc.), um nur die wichtigsten zu nennen. Eine nicht unbedeutende Zeit wird heute zur Produktion von „ethnischen Objekten“ verwendet, die dann im Grosshandel der „Arte Indígena“-Märkte der Städte verkauft werden oder an Aufkäufer, die bis in die Dörfer vorstossen.
Aus der Kontinuität räumlicher Organisation des Dorfes rund um den zentralen Platz, entsteht auch die Kontinuität der politischen und rituellen Organisation. Auf dem Dorfplatz finden die zeremoniellen Aktivitäten statt – vor allem jene, welche die Häuptlinge und führenden Mitglieder des Clans einführen oder ehren. Das komplexe System der „Hausherren“ und „Stammesführer“ regelt die politische und rituelle Dynamik – beziehungsweise die Existenz und die Reproduktion der lokalen Gruppe (des Dorfes).
Es gibt mehr als nur einen Häuptling und mehr als nur eine Kategorie von Führung im Dorf – zum Beispiel einen „Herrn (Oto) des Platzes“ – einen „Herrn des Dorfes“ – einen „Herrn des Weges“ etc. Auch Frauen können Führungsrollen übernehmen. Häuptling zu werden, oder ein Führer, ist einerseits die Folge bilateraler Abstammung – mit anderen Worten: hat eine ererbte Komponente – aber andererseits sind dafür eine individuelle politische Karriere, das Prestige einer Person durch persönliche Grosszügigkeit bei der Verteilung seiner Reichtümer, seine Geschicklichkeit als Vertreter und Unterhändler des Dorfes, seine rituellen Kenntnisse und die Überzeugungskraft seiner Rede bei zeremoniellen und politischen Anlässen, massgebend. Führungspersönlichkeiten und deren Familien gehören zu einer Art „nobler Gesellschaftsschicht“ zum Unterschied zu den „Niederen“.
Jedes Haus hat seinen „Hausherrn“ (Oto) – der Mann, der es gebaut hat, und der in ihm seine Familiengruppe untergebracht hat. Auch die Felder haben einen „Herrn“ – Mann oder Frau der (die) sich verantwortlich erklärt hat und die Arbeiten zum Jäten des Unkrauts, der Vorbereitung des Bodens und des Pflanzens dirigiert. Auch die Pequi-Haine haben einen „Herrn“ – nämlich der, welcher sie angepflanzt hat. Jedes Fest hat seinen „Herrn“ – den, der seine Veranstaltung sponsert, je nach Wünschen der Dorfbewohner oder nach besonderen Gelegenheiten. „Herr“ eines Festes zu sein, heisst die Kapazität zu besitzen, familiäre und kollektive Vorbereitungen zu mobilisieren und zu steuern, grosse Mengen an Nahrungsmitteln für die Gäste und auch für die Bezahlung von verschiedenen Dienstleistungen aufbringen zu können.
Die Grundeinheit ist die Kern-Familie, die erweitert werden kann, indem man andere Verwandte hinzuholt, wie Witwer und verheiratete Söhne. Regel ist es, dass ein frisch verheirateter Sohn bei den Schwiegereltern wohnt und an allen täglichen und produktiven Aktivitäten derselben teilnimmt. Nach einigen oder mehreren Jahren kann dann das Paar seine eigene Wohnung konstruieren.
Die Abstammung ist bilateral. Vererbte Stellungen, inklusive der Status eines Häuptlings, werden zu gleichen Teilen durch die väterliche und die mütterliche Linie beeinflusst. Die Weitergabe von Eigennamen wird von den Grosseltern auf die Enkel vorgenommen – ebenfalls bilateral – auf diese Weise trägt eine Person alle Namen mit denen sein Vater ihn ruft und alle Namen mit denen seine Mutter ihn ruft. Namen, die kurz nach der Geburt vergeben wurden, ändern sich in bestimmten Momenten des Lebenszyklus: bei der männlichen oder weiblichen Initiation, bei der Geburt von Kindern und Enkeln. Neue Namen können gekauft oder, seltener, auch geschenkt werden.
Das Verwandtschaftssystem präsentiert ein Kuriosum in Hinsicht auf die Klassifikation der so genannten „gekreuzten Cousins“. Unter „parallelen Cousins“ versteht man die Söhne einer Schwester der Mutter und Söhne eines Bruders des Vaters – und diese werden wie Brüder behandelt. Unter „gekreuzten Cousins“ dagegen versteht man die Söhne eine Bruders der Mutter oder einer Schwester des Vaters. Die Unterscheidung dieser unterschiedlichen Cousins ist besonders relevant, weil die bevorzugten Heiraten zwischen „gekreuzten Cousins und Cousinen“ ausgerichtet werden. Daher stammt auch die Terminologie einer Heirat zwischen „bilateralen gekreuzten Cousins“.
Die traditionellen Erzählungen, welche von den Weissen „Mythen“ genannt werden und von den Kuikuro „Akinhá ekegu“ (wahre Erzählungen), berichten vom Universum, wie es in ihrer Vorstellung aussieht und erklären die Herkunft von Gesängen, Festen, Ritualen, kulturellen Gütern, kultivierten Pflanzen, Kategorien von Lebewesen. Alles, was existiert und eine Erklärung verdient, ist in einer oder mehreren Erzählungen festgehalten. „Giti“, die Sonne, (bei den Kuikuro männlich) ist der Held par excellence – der Schöpfer, zusammen mit seinem Bruder Aulukuma (dem Mond – bei den Kuikuro ebenfalls männlich). Ihre Gottheiten insgesamt ergeben eine Galerie von Vorfahren der Sonne und des Mondes, und sie stammen alle aus einer Verbindung zwischen „Atsiji“ – einer Fledermaus und „Uhaku“ – einem Baum. Die Epoche der Schöpfung war die Zeit, in der menschliche und nicht menschliche Wesen miteinander kommunizierten, als alle sprachen und die Menschen noch inmitten der „Itseke“ lebten. Dies sind übernatürliche Wesen, welche den Wald und den Grund des Wassers bevölkern, sie sind gefährlich, Verführer, verursachen Krankheit und Tod, haben die Macht, sich in menschliche oder tierische Wesen zu verwandeln. Viele Tiere und auch „Até“ – Gegenstände besitzen eine reale Existenz, aktuell, angemessen und eine monströse Existenz, exzessiv, wie die „Itseke“. Andererseits können sie auch als „Geistwesen“ den Schamanen (hüati) behilflich sein, in deren Rolle als Heiler, in ihren Visionen und Reisen, die normale Leute nicht sehen und auch nicht ausprobieren können. Nur die Schamanen haben die Macht, sich mit den „Itseke“ einzulassen (gefährlich) – die Krankheit und der Schlaf sind Stadien, die trotz alledem auch normale Sterbliche mit den „Itseke“ in Verbindung bringen können.
Masken repräsentieren verschiedene Typen von „Itseke“ in Ritualen, die zur Wiederherstellung der Ordnung, des Gleichgewichts oder der Gesundheit ausgeführt werden. Schamane zu werden, ist eine individuelle Entscheidung und auch eine übernatürliche Berufung anlässlich gewisser Krankheits-Episoden oder als Ergebnis eines Traums. Der Schamane erhält seine speziellen Kräfte im Verlauf einer langen und schwierigen Initiation – er lernt von einem älteren Schamanen, unterwirft sich gewissen Restriktionen in der Nahrungsaufnahme, auf sexuellem Gebiet und anderen Enthaltungen, welche bestimmte Stadien der Reklusion charakterisieren. Er kann dann ein Heiler werden, mit einer aussergewöhnlichen Weitsicht, kann die Ursachen von Krankheiten, Tod, Diebstahl, natürlichen Desastern diagnostizieren, um die „Kugihe oto“ – die „Herren des Zaubers“ zu identifizieren. Der Preis für seine Dienste ist hoch und wird mit wertvollen Gütern bezahlt. Es gibt einen Unterschied zwischen den Schamanen (Medizinmännern) – übrigens können auch Frauen Schamanen sein – und den „Kehegé oto“ – den „Herren des Gebets“. Letztere lernen und gebrauchen „Gebete“ um verschiedene Arten von Krankheiten zu heilen oder eine Geburt leichter zu machen.
Die „Gebete“ sind Formeln, welche von Generation zu Generation überliefert werden – teilweise in der Aruak-Sprache und teils in der Karib-Sprache – sie werden ins Ohr des Patienten geflüstert. Die „Batismos“ sind den Gebeten ähnlich und dienen dazu, die ersten Früchte bestimmter Nahrungspflanzen, wie des Mais oder der Pequi zu „taufen“. Eine Heilung kann auch mittels der Naturmedizin erfolgen, dank der bemerkenswert umfangreichen Kenntnis von Pflanzen, welche innerhalb der unterschiedlichen Ökosysteme des Oberen Xingu vorkommen. Heilmittel (Embuta) sind nicht nur für die Heilung allein, sondern die Indianer vom Oberen Xingu produzieren und benutzen stimulierende, antiseptische und den Organismus stärkende Substanzen – letztere werden besonders für Personen eingesetzt, die sich im Stadium der Reklusion befinden.
Es gibt eine himmlische Welt (Kahü, deren „Herr“ der doppelköpfige Geier ist), in der die Toten zusammen mit den „Itseke“ in Dörfern wohnen. Die „Akunga“ (Schatten, Seele) des Toten löst sich vom Körper, irrt während einer bestimmten Zeit zwischen den Lebenden herum, um sich dann auf eine lange Reise mit Begegnungen und Kämpfen gegen Vögel und Monster zu machen, die manchmal die „Akunga“ auch zerstören können. Die Toten haben unterschiedliche Schicksale, die von der Art und Weise ihres Todes abhängen.
Die Kuikuro besitzen eine überragende Kenntnis der Sterne und ihrer Konstellationen, sie erkennen am Himmel die Projektionen von Persönlichkeiten und mythologischen Ereignissen. Ihre Beobachtung der Geburt eines neuen Sterns reguliert produktive und rituelle Aktivitäten, strukturiert die Trockenperiode (von Mai bis Oktober) und die Regenperiode (von November bis April).
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther