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Hier geht’s um Mütter, die «Mutter der humoristische Bergliteratur» und «la mère de Glace». Also wiedermal ein Stück fürs Französischstudium, so nebenbei. Die Komödie rund ums Mer de Glace gibt es auch als Hörspiel in Deutsch, tröstet unser Rezensent alle Franz-Banausen.
LE COMMANDANT, apercevant le registre ouvert dans l’auberge au Montanvert.
Ah! Ah! le livre des voyageurs! voyons?… (Lisant.) «Que l’homme est petit quand on le contemple du haut de la mère de Glace!…» signé Perrichon… mère! Voilà un monsieur qui mérite une leçon d’orthographie.
Ein sehr schöner Schreibfehler: mère statt mer! Zudem ein passender: Der Mer de Glace genannte Gletscher, der grösste der französischen Alpen, steht am Anfang des Tourismus in den Alpen. Den Namen erhielt er von den britischen Touristen Richard Pococke und William Windham, die 1741 Montenvers ob Chamonix besuchten, einen Aussichtspunkt beim Gletscher, der an ein Eismeer erinnert. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte man noch bequem vom Gasthaus den Eisstrom erreichen, heute liegt er steilgeröllige 200 Meter unter der Panoramaplattform. Wahrscheinlich aber war sich Monsieur Perrichon seines geschichtsträchtigen Verschreibers nicht bewusst, als er den hochtrabenden Satz ins Fremdenbuch des Montenvers-Gasthauses schrieb. Noch viel weniger konnte er die Konsequenzen ahnen: Er und der Kommandant geraten nämlich aneinander, was fast zu einem Duell führt. Mais oui!
Mehr noch: Monsieur Perrichon ist die Hauptfigur in der Komödie „Le voyage de Monsieur Perrichon“ von Eugène Labiche und Édouard Martin, die am 10. September 1860 im Théâtre du Gymnase in Paris uraufgeführt wurde. „Le premier écrit humoristique sur la montagne“ nennt Jaques Perret das Theaterstück im wegweisenden „Guide des livres sur la montagne et l‘alpinisme“. Es ist also sozusagen die Mutter der humoristischen Bergliteratur, deren bekannteste Werke „Tartarin sur les Alpes“ von Alphonse Daudet, „A Tramp Abroad“ von Mark Twain und „The Ascent of Rum Doodle“ von William Ernest Bowman sind.
Zu meiner Beschämung muss ich sagen, dass ich erst vor einer paar Wochen über „Le voyage de Monsieur Perrichon“ gestolpert bin. Doch dann habe ich das Stück gleich gekauft und mit Amusement gelesen. Wunderbar, wie der aufkommende Eisenbahn- und Bergtourismus ins Spiel gebracht wird, kombiniert mit Wirtschafts- und Hochzeitgeschäften. Um Henriette, die bezaubernde Tochter von Herrn Perrichon, buhlen Armand und Daniel, den Papa miteinbeziehend, insbesondere beim Ausflug auf das Mer de Glace. Perrichon wird von Armand gerettet, der Vater zieht Daniel aus einer Gletscherspalte, in die sich dieser – die Leser vermuten es schon bald – extra hat gleiten lassen. Geschickt, aber vielleicht nicht geschickt genug, denn am Schluss entscheidet sich Henriette (mit Maman) für – halt, das sei hier nicht verraten! Selber lesen. Oder hören und anschauen. Denn die Komödie gibt es auch als Film und als Hörspiel (auf Deutsch). Viel Vergnügen!
Eugène Labiche et Édouard Martin: Le voyage de Monsieur Perrichon. Calmann-Lévy, Collection Nelson, Paris 1860. Als Taschenbuch erhältlich.
Digital:
http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6502486x/f11.image.
Hörspiel:
https://www.srf.ch/radio-srf-musikwelle/hoerspiel-klassiker/hoerspiel-klassiker-im-august-monsieur-perrichons-reise