Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/801

Interview mit Naxhi Selimi, November 2014
von Thomas Mäder (5. Semester PS)
Guten Tag Herr Selimi,
seit Beginn des Herbstsemesters leiten Sie den Fachbereich Deutsch an der PHSZ. Ihr Name wie ihre Reputation lassen eine spannende und farbige Lebensreise erahnen. Im Sinne von: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er....“.
Woher kommen Sie und wie haben Sie den Weg in die Schweiz gefunden?
Ich stamme aus Mazedonien, ging aber 1984 zum Studieren nach Prishtina. Nach einem Hochschulstudium in Wirtschaft kam ich 1987 mit einem dreimonatigen Touristenvisum in die Schweiz, um in den Sommermonaten ein wenig Geld für die Fortsetzung meines Studiums zu verdienen. Die politische Situation im damaligen Jugoslawien begann sich zu verschlechtern. Aus dem Provisorium wurde dann ein Dauerverbleib.
Wie ist es dann dazu gekommen, dass Sie Lehrer geworden sind?
Das war nicht von Anfang an so geplant. Ich träumte lange davon, Schauspieler zu werden. In der Primarschule hatte ich einen Lehrer, der ein Theaternarr war und jede Unterrichtsstunde zur Schauspielstunde machte. Ich liebte diese Stunden, und meine Schauspielbegeisterung wurde immer grösser. Unmittelbar nach dem Gymiabschluss in Mazedonien stieg ich eines Tages in den Zug und machte mich auf den Weg zur Schauspielakademie in Prag. Zu meinem Pech wiesen mich die Beamten an der damaligen jugoslawischen Grenze zurück, weil ich angeblich zu wenig Geld für die Reise hatte. Mein Schauspieltraum platzte, diese Abenteuerreise ist aber bis heute eine der schönsten Erinnerungen meiner Jugend.
Hier in der Schweiz habe ich zu Beginn typische Handlangerjobs gemacht, parallel dazu aber bin ich abends immer in die Schule gegangen. Zuerst, um Deutsch zu lernen, später, um mich weiter zu bilden. Da Sprachen schon immer meine Stärke waren, begann ich in den 1990er-Jahren ein Studium in Germanistik und Pädagogik an der Uni Prishtina und spezialisierte mich in vergleichender Sprach- und Literaturwissenschaft. An der Uni Zürich qualifizierte ich mich 2007 zum Gymnasiallehrer für Deutsch. Als ich im Kanton Zürich mehrere Jahre als Primarlehrer unterrichtete, absolvierte ich zudem nebenberuflich die Primarlehrerausbildung als Stufenumsteiger an der PH Zürich.
2004 trat ich eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich an, wo ich während zehn Jahren im Sprach- und Unterrichtsbereich tätig war. Parallel dazu arbeitete ich während zwei Jahren als Oberassistent und Forschungsmitarbeiter an der Uni Fribourg. Um mich im Bildungsbereich weiterzuentwickeln, machte ich an der Uni Oldenburg eine Dissertation in Erziehungswissenschaften. Mein Berufsweg in der Schweiz ist natürlich eher untypisch, entspricht aber demjenigen eines Menschen mit Migrationshintergrund, der es in der neuen Heimat mit Fleiss, Disziplin, Ausdauer und Neugier weitergebracht hat: Hilfskraft, Übersetzer, Lehrer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Oberassistent, Dozent.
Meine Themen aus dem Sprach- und Bildungsbereich sind meine Leidenschaft; selbst wenn ich nicht mehr berufstätig wäre, würde ich mich mit Sprachen, Spracherwerb und Bildung befassen. Ausserdem habe ich grosse Freude an der Lehre. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als die nächste Generation von Lehrkräften auszubilden.
Sie kommen aus einem nicht deutschen Sprachidiom. Was fasziniert Sie an der deutschen Sprache? (oder für Sprachen überhaupt)
Für mich sind Sprachen eine der schönsten Künste überhaupt. Die deutsche Sprache mit all ihren Facetten, mit ihrer enormen Phraseologie, den zahlreichen Metaphern, Literatur, Dichtung hat mich gepackt und lässt mich nicht mehr los (oder treffender: Ich lasse sie nicht mehr los). Die Sprache – ähnlich wie die Bildung – ist eine der zentralen Säulen der Gesellschaft. Für mich ist es deshalb ein Privileg, im Sprach- und Bildungsbereich arbeiten zu können.
Sie haben Deutsch von der Pike auf gelernt. Welche Elemente haben Sie im Erwerb der Sprachen unterstützt und welche waren eher kontraproduktiv?
Ich wuchs in Mazedonien mehrsprachig auf und kannte die Vorteile der Mehrsprachigkeit. Dies motivierte mich, mit der deutschen Sprache meinen Sprachschatz zu bereichern. Ich habe das Erlernen einer Sprache nie als kontraproduktiv empfunden, sondern stets als Vorteil. Natürlich muss man dranbleiben, wenn man eine Sprache vertiefen will. Zuerst braucht es immer viel Disziplin, später kommt dann die Lust.
Welche Aspekte erscheinen Ihnen wichtig in Bezug auf den Unterricht mit DaZ-Lernenden?
Es ist eine Chance, mehrsprachig zu sein und als solche sollte man es auch sehen und die sprachlich-kulturelle Vielfalt der Schweiz fördern. Aufgrund der Ausbildung, aber auch aus persönlicher Erfahrung weiss ich, wie wichtig gute Sprachkompetenzen in jedem Lebensbereich, insbesondere aber im Bildungskontext sind. Lehrpersonen spielen hierbei eine zentrale Rolle und können die Lernenden wesentlich dabei unterstützen, zu sprachkompetenten Heranwachsenden zu werden, die in der Schule und später im Beruf erfolgreich sind und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Dies gelingt, wenn sie die sprachliche Vielfalt ihrer Schüler/innen als Potenzial sehen, das es zu fördern gilt.
Was sind Ihre Ziele an der PH Schwyz?
Mein Ziel ist es, unsere Studentinnen und Studenten in ihrem Ausbildungsprozess so zu begleiten, dass sie später als Lehrer/innen und Sprachvorbild ihre Lernenden kompetent unterrichten und zur Unterrichtsentwicklung in ihrer Schule beitragen. Zudem möchte ich dazu beitragen, dass der Deutschbereich innerhalb unserer Hochschule zu einem beliebten und intern wie extern hochangesehenen Bereich wird.
Herzlichen Dank