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«Die Olympischen Spiele müssen das Gipfeltreffen jeder Sportart sein»
Frauenboxen wird in London 2012, Rugby und Golf in Rio de Janeiro 2016 zum ersten Mal olympisch sein. Als Mitglied der «Sports Commission & IF Relations» des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist Pierre Ducrey für die Gestaltung der Olympischen Spiele zuständig. Im Interview erklärt er, wie es neue Sportarten oder Events ins olympische Programm schaffen.
Herr Ducrey, Golf und Rugby sind in Grossbritannien stark verwurzelt. Weshalb wurden die beiden Sportarten nicht schon für London 2012 ins olympische Programm aufgenommen?
Die olympische Charta verlangt, dass neue Sportarten innerhalb einer Frist von sieben Jahren im Voraus bestimmt werden. Die lange Vorbereitungszeit ist einerseits nötig, damit der Austragungsort genügend Zeit hat, Sportstätten zu erstellen, um ein olympisches Turnier durchzuführen zu können. Andererseits wird so den nationalen olympischen Komitees und den nationalen Verbänden genügend Zeit zur Vorbereitung ihrer Athleten und zur Ausbildung ihrer Funktionäre gewährleistet. Golf und Rugby hätten also 2005 gewählt werden müssen, damit es für London 2012 reicht. Die beiden Sportarten wurden damals zwar berücksichtigt, die IOC-Vollversammlung war aber der Meinung, dass die beiden Sportarten noch nicht bereit für Olympia sind.
Weshalb war es dann möglich, Frauenboxen für London 2012 aufzunehmen?
Man muss zwischen Sportarten und Events unterscheiden. Frauenboxen ist ein Event, der zur Sportart Boxen gehört, welche bereits Bestandteil des Programms ist. Im olympischen Wortlaut ist ein Event gleichzusetzen mit einem Wettkampf respektive einer Medaille. Es ist deshalb viel einfacher, einen neuen Event zu einer bestehenden Sportart zu integrieren, als eine neue Sportart aufzunehmen. Und zwar, weil sich das erwähnte Problem der Sportstätten nicht stellt und weil auch kein neuer Verband aufgenommen werden muss, der an den olympischen Gewinnen beteiligt ist. Die Aufnahme eines neuen Events hat einen weit geringeren Einfluss auf die Sportstätten, die für eine Sportart bereits vorgesehen sind.
Frauenboxen ist in der breiten Bevölkerung eher unbekannt. Was waren die Beweggründe des IOC, Frauenboxen aufzunehmen?
Eines der Ziele des IOC ist die bestmögliche Gleichstellung von Frau und Mann an den olympischen Spielen. Weil Boxen die einzige Sportart war, die in Beijing 2008 keine Frauenwettkämpfe hatte, unterbreitete der internationale Boxverband dem IOC einen Vorschlag, wie die Boxerinnen bei den Olympischen Spielen aufgenommen werden könnten. Anschliessend wurde der Vorschlag von uns im Detail geprüft. Dabei legten wir Wert darauf, dass die Menge der Athleten nicht erhöht wird, denn wir haben bereits die Anzahl erreicht, die ein olympisches Dorf noch aufzunehmen vermag. Nun haben wir einen Männerevent durch zwei Frauenevents ersetzt. Dadurch erreichen wir bei den Spielen in London mit der gleich bleibenden Anzahl Athleten neu eine Frauenquote von 45 Prozent. Aufgrund dieser Änderungen sowie bereits realisierten Anpassungen, wie beispielsweise im Bahnradfahren, konnte im Hinblick auf London 2012 die Prozentzahl der Athletinnen auf diese Zahl erhöht werden.
Golf und Rugby hatten erst die Möglichkeit, ihr olympisches Comeback zu geben, nachdem sich Baseball und Softball aus dem olympischen Programm zurückgezogen haben. Sind die Kapazitätsgrenzen - nicht nur in Bezug auf die Anzahl Athleten - erreicht?
Gemäss der olympischen Charta muss das Programm der olympischen Spiele aus einem Kern von mindestens 25 und im Maximum 28 Sportarten bestehen. Mit 25 Sportarten können wir den Organisatoren, unseren Partnern und den Medien eine gewisse Konstanz und Kohärenz des Programms gewährleisten. Mit mehr als 28 Sportarten wäre es sehr schwierig, die operationelle Komplexität der Spiele in einem Zeitraum von 16 Tagen zu meistern. In «Beijing 2008» beinhaltete das Programm 302 Events in 28 Sportarten. In London wird es dieselbe Anzahl an Events in 26 Sportarten sein. Dies ist gleichbedeutend mit 5000 Stunden Wettkämpfen. Mehr lässt sich in diesem Zeitraum schlicht und einfach nicht produzieren.
Zum Thema Medien: Es war immer wieder zu lesen, dass Golf und Rugby vor allem aus kommerziellen Aspekten olympisch wurden. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
In einem ersten Schritt wurden von der Exekutivkommission des IOC sieben Sportarten selektioniert. Neben Rugby und Golf waren dies Baseball, Softball, Squash, Karate und Inline. Diese wurden in einem zwei Jahre dauernden Verfahren bis ins Detail analysiert. Jede dieser Sportarten wurde durch dieselben 33 genau definierten Kriterien (siehe Kasten) von der IOC-Session geprüft. Während der Analyse wurde keines dieser Kriterien bevorzugt behandelt oder im Bericht der olympischen Programmkommission speziell hervorgehoben. Es ist grundlegend, dass der Evaluationsprozess äusserst transparent ist, und dass jeder involvierte Verband der Überzeugung ist, dass jeder Schritt gleich gewertet wird.
Aber der Vorwurf besteht.
Jede Person, die an einer Abstimmung teilnimmt, muss selbst entscheiden, welches die vernünftigsten Kriterien sind, auf denen ihr Entscheid basiert. Man kann effektiv aus dem Entscheid, der in Kopenhagen gefällt wurde, zum Schluss kommen, dass die Kriterien betreffend der kommerziellen Aspekte der Sportarten eine wichtige Rolle gespielt haben. Man darf aber nicht vergessen, dass die zwei Sportarten, welche durch die Session gewählt wurden, auch viele andere Pluspunkte besitzen, die anhand einer grossen Menge an Kriterien ermittelt wurden und die nichts mit den kommerziellen Aspekten des Sports zu tun hatten.
Populäre Sportarten leben stark von ihren Aushängeschildern. Wie wichtig war es für den Entscheid, dass im Golf und Rugby Top-Athleten antreten werden?
Selbstverständlich ist für jede Sportart, die zu den olympischen Spielen gehören möchte, die Teilnahme der besten Athleten fundamental. Sämtliche von uns evaluierten Sportarten mussten uns diesbezüglich Garantien liefern. Die Struktur, wie zum Beispiel der Wettkampfkalender, kann es den Verbänden manchmal erschweren, diese Garantien einzuhalten. Golf und Rugby haben sich dazu entschieden, klare Massnahmen zu treffen, damit sie garantieren können, dass die Weltspitze an den Olympischen Spielen 2016 teilnehmen kann. Eine Grosszahl dieser Athleten war ausserdem während jeder Etappe der Kandidatur, einschliesslich der Schlusspräsentation vor der IOC-Session in Kopenhagen, als Botschafter eingebunden.
Wie wird eine Sportart olympisch?
Artikel 46 der olympischen Charta reglementiert die Überprüfung des olympischen Programms. Der Prozess wird grundsätzlich jeweils im Jahr nach den Olympischen Spielen durchgeführt. Auf Basis der 33 Kriterien, die von der IOC-Session aufgestellt wurden, führt die Programmkommission die Analysearbeit durch. Die 33 Kriterien ergeben sich aus folgenden sieben Bereichen:
- Geschichte und Tradition der Sportart
- Universalität
- Popularität
- Image einer Sportart
- Athleten-Gesundheit (Antidoping)
- Entwicklung der Sportart
- Kosten
Die von der Programmkommission erstellten Berichte bezüglich neuer Sportarten und neuer Events werden anschliessend dem Exekutivrat und der IOC-Session vorgelegt. Betreffend Events hat der Exekutivrat die Entscheidungsmacht und was die Sportarten anbelangt, fällt die IOC-Session den letzten Entscheid.
Das Olympische Programm hat sich seit dem Beginn der Spiele ständig weiterentwickelt. Wie sich das Programm seither verändert hat, sehen Sie hier.