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Sucht
Trunksucht, Medikamente, Rauschgiftsucht
BGE 124 V 265 E. 3c vom 16.06.1998 (Volltext): Keine Invalidität
Alkoholismus, Medikamentenmissbrauch und Drogensucht begründen keine Invalidität im Sinne des Gesetzes begründen. Vielmehr wird eine solche Sucht invalidenversicherungsrechtlich erst bedeutsam, wenn sie ihrerseits eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder aber wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist, welchem Krankheitswert zukommt.
BGE 99 V 28 E. 2 vom 21.03.1973 (Volltext): Keine Invalidität bei Rauschgiftsucht
Wie in ständiger Rechtsprechung bezüglich der Trunksucht entschieden worden ist, begründet diese, für sich allein betrachtet, keine Invalidität im Sinne des Gesetzes (EVGE 1968 S. 278 Erw. 3 a), ebensowenig wie der suchtbedingte Missbrauch von Medikamenten (ZAK 1964 S. 122). Dem Bundesamt für Sozialversicherung ist in der Feststellung beizupflichten, dass von der Rauschgiftsucht gleiches gilt; denn es gibt keinen entscheidenden Grund, diese Sucht invalidenversicherungsrechtlich anders zu behandeln.
Alkoholsucht / Alkoholismus
Urteil 8C_906/2013 E. 2.2 vom 23.05.2014 (Volltext): Wechselwirkung Begleiterkrankung
Dabei ist das ganze für die Alkoholsucht massgebende Ursachen- und Folgespektrum in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen, was impliziert, dass einer allfälligen Wechselwirkung zwischen Suchtmittelabhängigkeit und psychischer Begleiterkrankung Rechnung zu tragen ist.
Was die krankheitsbedingten Ursachen der Alkoholsucht betrifft, ist für die invalidenversicherungsrechtliche Relevanz der Abhängigkeit erforderlich, dass dem Alkoholismus eine ausreichend schwere und ihrer Natur nach für die Entwicklung einer Suchtkrankheit geeignete Gesundheitsstörung zugrunde liegt, welche zumindest eine erhebliche Teilursache der Alkoholsucht darstellt.
Mit dem Erfordernis des Krankheitswerts einer allfälligen verursachenden psychischen Krankheit wird verlangt, dass diese die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit einschränkt. Wenn der erforderliche Kausalzusammenhang zwischen Alkoholsucht und krankheitswertigem psychischem Gesundheitsschaden besteht, sind für die Frage der noch zumutbaren Erwerbstätigkeit die psychischen und die suchtbedingten Beeinträchtigungen gesamthaft zu berücksichtigen.
Die Frage nach der objektiv zu verstehenden Zumutbarkeit [einer Tätigkeit] beurteilt sich entscheidend nach dem, was der Arzt, im Kontext der Psychiater als Facharzt, dazu sagt.
Drogensucht
Urteil 8C_701/2014 E. 4.4. vom 04.03.2015 (Volltext): Keine Invalidität bei primärem Drogenkonsum
Keine Invalidität bei primären Drogenkonsum, welcher weder bei der Entstehung noch bei der Persistenz durch eine psychische Störung in relevanter Weise beeinflusst wurde.
Urteil 9C_856/2012 E. 2 vom 19.8.2013 (Volltext): Prüfung Gesundheitsschaden mit Krankheitswert
Nach der Rechtsprechung führt Drogensucht als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Dagegen wird sie im Rahmen der Invalidenversicherung relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 99 V 28).
- Die zitierte Praxis setzt vielmehr den Grundsatz um, dass funktionelle Einschränkungen nur anspruchsbegründend sein können, wenn sie sich als Folgen selbstständiger Gesundheitsschädigungen darstellen.
- Wo der Gutachter im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in der Drogensucht ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in dieser aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben. Dies trifft zu, wenn davon auszugehen ist, dass sich beispielsweise ein depressives Zustandsbild bei einer (angenommenen) positiven Veränderung der suchtbedingten psychosozialen Problematik wesentlich bessern (und die damit verbundene Beeinträchtigung des Leistungsvermögens sich entsprechend verringern) würde.
Irrelevant:
Angesichts der insoweit finalen Natur der Invalidenversicherung ist nicht entscheidend, ob die Drogensucht Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist oder ob die Sucht ausserhalb eines Kausalzusammenhangs mit dem versicherten Gesundheitsschaden steht. In beiden Konstellationen sind reine Suchtfolgen IV-rechtlich irrelevant, soweit sie als solche allein leistungsmindernd wirken.
Relevant:
Hingegen sind sie gleichermassen IV-rechtlich relevant, soweit sie in einem engen Zusammenhang mit einem eigenständigen Gesundheitsschaden stehen. Dies kann der Fall sein, wenn die Drogensucht - einem Symptom gleich - Teil eines Gesundheitsschadens bildet; dies unter der Voraussetzung, dass nicht allein die unmittelbaren Folgen des Rauschmittelkonsums, sondern wesentlich auch der psychiatrische Befund selber zu Arbeitsunfähigkeit führt. Sodann können selbst reine Suchtfolgen invalidisierend sein, wenn daneben ein psychischer Gesundheitsschaden besteht, welcher die Betäubungsmittelabhängigkeit aufrecht erhält oder deren Folgen massgeblich verstärkt. Umgekehrt können die Auswirkungen der Sucht (unabhängig von ihrer Genese) wie andere psychosoziale Faktoren auch mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der Folgen eines Gesundheitsschadens beeinflussen.
Opiat- bzw. Benzodiazepinabhängigkeit
Urteil 8C_663/2017 vom 12.12.2017 (Volltext): Invalidität liegt vor
5. ... Die Gutachter des ABI attestieren der Versicherten eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit auch aus psychiatrischer Sicht, im Wesentlichen aufgrund einer Opioid-Analgetika-Abhängigkeit. Diese ist klarerweise aufgrund der Medikamente entstanden, welche die Versicherte zur Behandlung der als somatisch imponierenden, allerdings offensichtlich psychisch überlagerten Schmerzen erhielt. Damit ist die Abhängigkeit als krankheitsbedingt entstanden und als invalidenversicherungsrechtlich relevant zu betrachten (vgl. auch E. 3.3 hievor).
Urteil 8C_913/2013 vom 11.04.2014 E. 4.3 (Volltext): Keine Invalidität
Der 51-jährige Liegenschaftsverwalter ist bei folgenden Diagnosen zu 80 % arbeitsfähig:
- Benzodiazepinabhängigkeit, gegenwärtiger Substanzgebrauch ICD10: F13.25
- Alkoholabhängigkeit, gegenwärtiger Substanzgebrauch ICD-10: F10.24
- Unerwünschte Nebenwirkungen bei therapeutischer Anwendung (Antidepressivum und Benzodiazepin) ICD-10: Y49.0
- Psychiatrische Nebendiagnose: Neurasthenie ICD-1: F48.0
Es besteht keine Invalidität im Sinne des IVG.
Multipler Substanzmissbrauch
Urteil 9C_74/2013 vom 07.06.2013 (Volltext) : 1/4-Invalidenrente
4.3.1. In Anbetracht der von einer aussergewöhnlichen Häufung an schweren Schicksalsschlägen geprägten Kinder- und Jugendzeit des Versicherten ist in der Tat nachvollziehbar, dass er darauf mit " depressiven Zuständen " und Verhaltensauffälligkeiten reagierte. Es erscheint plausibel, dass er - auch - deswegen den (erfolgreichen) Eintritt ins Berufsleben nicht bewerkstelligen konnte. ... Indes können die dargelegten Ursachen, welche in ihrer extremen Ausprägung zum Abgleiten des Versicherten in die Drogensucht geführt oder diese zumindest begünstigt hatten, nicht als lediglich psychosozial begründete Entwicklung bezeichnet werden, die der Versicherte, namentlich auch mit Blick auf sein damaliges jugendliches Alter, durch zumutbare Veränderung seiner Lebenssituation hätte bessern können. ...
Trotz Drogenverzicht (Entzug) arbeitsunfähig
Urteil 4A_517/2013 vom 02.04.2014 (Volltext): Abhängigkeiserkrankung (Krankentaggeld)
Trotz Drogenverzicht von Alkohol und Kokain war der Versicherte arbeitsunfähig und es bestand eine Abhängigkeitserkrankung. Dies unterstreicht, dass die Beeinträchtigung in diesem Zeitpunkt nicht von seinem Willen abhängig war. Mit dem Entzug ist er seiner Schadenminderungspflicht nachgekommen (E 4.3).
Die vom Versicherer verwendete Formulierung schliesst bei Suchtproblemen die Leistung aus, wenn die Abstinenz zumutbar wäre und bei Abstinenz keine gesundheitliche Beeinträchtigung mehr bestehen würde.
Die Versicherung kann die Leistung verweigern,
- wenn der Versicherte die toxischen Substanzen einnimmt, um den Versicherungsfall herbeizuführen,
- und wenn er es in der Hand hätte, durch Abstinenz die gesundheitliche Beeinträchtigung umgehend zu beseitigen.
- wenn der Versicherte, obwohl die Abstinenz zumutbar wäre, weiter toxische Substanzen eingenommen hätte, und deswegen eine gesundheitliche Beeinträchtigung vorliegen würde.
- wenn dem Versicherten hätte zugemutet werden können, auch ohne Übertritt in die Klinik für Suchtkranke abstinent zu sein und er diesfalls in seiner körperlichen Verfassung nicht mehr beeinträchtigt und voll arbeitsfähig gewesen wäre.
Stellt hingegen eine Suchterkrankung eine initial nicht willentlich verursachte und damit unbeabsichtigte Gesundheitsbeeinträchtigung dar, die durch eine zumutbare Willensanstrengung überwunden werden kann, und unternimmt der Versicherte diese Willensanstrengung, besteht der Taggeldanspruch, solange trotz der Anstrengung eine relevante gesundheitliche Störung verbleibt (E. 4.4).