Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03533.jsonl.gz/487

Man stelle sich vor: Für rund sechseinhalb Jahrhunderte war die Mittlere Brücke die einzige Verkehrsverbindung zwischen Gross- und Kleinbasel. Das Anwachsen der Bevölkerung und der damit zunehmende Verkehr machten einen zweiten Übergang notwendig. Erste Entwürfe für eine neue Brücke datieren aus dem Jahr 1843, doch erst im Februar 1876 legte das Baudepartement das realisierbare Projekt einer geneigten Harzgrabenbrücke (benannt nach dem heutigen St. Alban-Graben) vor, mit dessen Umsetzung ein Jahr später begonnen wurde. Das Modell der Brücke wurde an der Pariser Weltausstellung 1878 sogar mit einem goldenen Diplom ausgezeichnet. Obwohl – oder vielleicht gerade weil es sich um die «Schiefe Brücke zu Basel» gehandelt hatte. Die Brücke wies nämlich vom Kleinbasler- zum Grossbasler Ufer eine Steigung von 2,67 Prozent auf. Die starke Neigung gab zu heftigen Diskussionen Anlass. Allen Widerständen zum Trotz wurde die neue Verbindung am 7. Juni 1879 feierlich dem Verkehr übergeben und erhielt im Herbst 1880 – quasi als krönenden Abschluss – auf den Pfeilern vier monumentale, je drei Meter hohe und fünfzig Zentner schwere Basilisken aufgesetzt.
Die Brücke war ein Werk des damaligen Stadtbaumeisters Amadeus Merian. Ein Experte, der bereits zu Beginn der Diskussion, 1848, die Idee einer schiefen Brücke vertreten hatte, war übrigens Henri Dufour.
Erst 1881 erhielt die Harzgrabenbrücke ihren offiziellen Namen «Wettsteinbrücke», im Gedenken an den Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein (1594-1666), der als Meister des diplomatischen Brückenschlags galt: Von 1645 bis zu seinem Tode hatte er bei Auseinandersetzungen zwischen katholischen und protestantischen Orten innerhalb des schweizerischen Bundes vermittelt. Heute ist er vor allem bekannt für seine Verdienste um die Loslösung der Eidgenossenschaft vom Heiligen Römischen Reich, wozu er nach dem 30-jährigen Krieg 1648 an die Friedensverhandlungen nach Westfahlen gereist war. Ihm war die Gegend am Münsterplatz – wo wir unseren Spaziergang begonnen haben – übrigens sehr vertraut, besuchte er doch ganz in der Nähe des Rheins die «Schule auf Burg» – das heutige Gymnasium am Münsterplatz.
Auch die Wettsteinbrücke musste wegen des stark anwachsenden Strassenverkehrs verbreitert und die Strassenbahn auf zwei Spuren ausgeweitet werden. Die «zweite» Wettsteinbrücke wurde am 4. Juni 1939 eingeweiht. Mit dem Brückenumbau mussten aber die vier wuchtigen Basilisken entfernt werden. Die Fabeltiere fanden im Erlenpark, im Hof Schützenmattstrasse 35 in Basel, am Vierwaldstättersee in Meggen und am Genfersee in Nyon neue Standplätze.
Der Zahn der Zeit nagte auch an diesem Bauwerk. Und wie bei früheren Brückenprojekten wurde auch diesmal über den sich aufdrängenden Neubau heftig diskutiert. Nach zähem Ringen entschieden sich die Basler Bürgerinnen und Bürger im Mai 1990 für eine Sanierung der Brücke und gegen einen vom spanischen Architekten Santiago Calatrava vorgeschlagen Neubau. Realisiert wurde schliesslich ein Entwurf des Architekturbüros «Bischoff+Rüegg». Unter Verwendung der beiden Strompfeiler kam ab 1991 eine neue Verbindung zwischen Kunstmuseum und Wettsteinplatz zustande. Der Basilisk aus den Langen Erlen fand den Weg zurück zur Wettsteinbrücke und ist am Brückenkopf auf Grossbaslerseite zu sehen.
Über 20 Jahre nach Eröffnung wird die Wettsteinbrücke, bzw. die nicht realisierte Brücke von Calatrava noch diskutiert:
Mehr zur Geschichte der Wettsteinbrücke.