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Am Sonntag, den 07. November 2021, besuchte ich um 10:30 Uhr den wöchentlichen Gottesdienst der GvC Winterthur, ehemals GvC Chile Hegi. Diese befindet sich in Winterthur Neuhegi. Die Räumlichkeiten präsentierten sich als modern und gemütlich. Dies empfanden wohl auch die ca. 250 – 300 Personen unterschiedlichen Alters so, welche – aufgrund Corona – auf drei Räume aufgeteilt am Gottesdienst teilnahmen. Die Ankunft in der Parkarena, wo die meisten Personen mit Zertifikat sassen, empfand ich als einladend. Der gedimmte Saal, erhellt von blauem und pinkem Licht sowie die beleuchtete Bühne hatten etwas Vielversprechendes und die ruhige Worship-Pop-Musik, die im Hintergrund lief, wirkte beruhigend. Die Gottesdienstbesuchenden durften sich auf die Stühle direkt vor der Bühne verteilen sowie in die erhöht hintereinander gestaffelten Sitzreihen, welche sich in einem offenen Halbkreis um die Bühne befanden. Während die Besucher eintrafen und sich setzten, lief vorne bereits eine Powerpoint-Präsentation, welche Informationen zu kommenden Veranstaltungen, Angeboten und Projekten enthielt, darunter eine Päckliaktion (Essenspakete für Menschen in Bulgarien), eine Einladung zu einem Männer-Weekend sowie die Frage «Was ist eine Freikirche?» mit Link zur Webseite freikirchen.ch. Auch ein sogenannter «Visionskurs» wurde angeboten, um die Gemeinde kennenlernen zu können.
Fünf Minuten vor offiziellem Gottesdienstbeginn startete ein Countdown mit Video. Zu sehen war eine junge Frau, welche sich müde und abgekämpft durch einen Winterthurer Stadtteil bewegte, schliesslich zusammenbrach und auf dem Boden liegenblieb. Dabei wurden die Worte «Tempo», «Power» und «Dynamik» eingeblendet. In Ergänzung zur Frau auf dem Boden wurden Szenen einer weiteren Frau eingeblendet, die auf einer Bühne lag und ähnlich erschöpft wirkte. Im Gegensatz zur Frau auf der Strasse begann diese sich langsam zu regen und zur kraftvollen Musik zu tanzen. Der Videoclip wurde dabei von einem Ladezeichen überlagert, welches von 0% auf 100% anstieg.
Im Anschluss daran wurde das Publikum von Simone Siddiqui durch ein Gebet begrüsst. Darin dankte sie Gott für die anwesenden Personen, für seine Liebe zu den Menschen und forderte die Besuchenden zur gemeinsamen Anbetung auf. Diese gestaltete sich durch ein modernes, mitreissendes Lied, es handelte von Gottes vielen Eigenschaften. Schlagworte in diesem waren «almighty», «victorious», «only King» und «forevermore». Das Schlagzeug wirkte trotz Schallschutz lauter als die Sänger und anderen Instrumente, was dem Lied einen mächtigen Aspekt gab.
Vor der Predigt durften vier Familien ihre Neugeborenen «einsegnen» lassen. Dies bedeute, dass das Leben dieser jungen Menschen von dem Guten begleitet werden solle, welches man «über ihnen ausspreche». Die vier Familien durften nacheinander je einen Bibelvers für ihre Sprösslinge ziehen. Die Bibelverse und nachfolgenden Gebete handelten von den kostbaren und einzigartigen neuen Leben, dass die Kinder zu Personen mit starken Charaktern heranwachsen mögen, sie ein Segen für ihre Familien und Mitmenschen sein dürften, aber auch davon, dass Gottes Schutz und Gegenwart mit ihnen sei und die Kinder ein tiefes Gottvertrauen erleben dürften. Die Eltern sollten Liebe, Weisheit und Weitsicht erhalten in der Erziehung. Bis auf die Aussage, dass der Mensch grundsätzlich eine Sehnsucht nach Gott besitzt – es gibt Menschen, die nicht so empfinden – konnte ich den Einsegnungen nichts Negatives abgewinnen.
Die darauffolgende Predigt war Teil der Serie «Generations». Am Sonntag zuvor wurde über die sogenannte «Boomer»-Generation gesprochen, ich durfte der Predigt über die nachfolgende Generation X, kurz GenX, zuhören. Zu Beginn wurde eine kurze Radiosendung eingespielt, welche über das Zeitgeschehen in den Jahren 1965-1980 berichtete. Angetönt wurden unter anderem die Sowjetunion, die Berliner Mauer, Tschernobyl, die Opernhauskravalle und auch der Platzspitz. Diese Ereignisse wurden aber nicht genauer thematisiert. Der Prediger Timon Studler versuchte daraufhin, eine Definition der GenX zu geben. Sie sei die Generation gewesen, die ihn den Glauben gelehrt und vorgelebt habe. Eigenschaft der GenX sei eine frühe Selbständigkeit gewesen («Schlüsselkinder»), sie habe sich eine grosse Freiheit erkämpft und sich von den damaligen starren Gesellschaftsregeln befreit. Sie sei gebildet, lebe nicht wie ihre Eltern nur für die Arbeit und der Begriff «Work-Life-Balance» sei von ihr geprägt worden. Die heutigen Jugendlichen würden der GenX viel verdanken, auch wenn die GenX selbst Schwierigkeiten gehabt hätte, mit der grossen Freiheit umzugehen. Timon Studler sprach daraufhin von der GenX heute und der Sinnfrage, die sich nun vor der Pensionierung wieder stelle. Da die nachfolgenden Generationen die GenX nun entlasten, müsse sie sich mit Achtsamkeit und Selbstfindung beschäftigen. Er verglich die aktuelle Lebenssituation der GenX mit den Jüngern, welche nach Jesus’ Tod nicht weiterwussten. In der Bibel sei Jesus den Jüngern in dieser Leerlaufphase erschienen und habe Petrus den Auftrag gegeben, sich von nun an von jemand anderem führen zu lassen. Früher habe Petrus, als er noch jung war, selbst entschieden, was er tun wolle, nun sei es an der Zeit, den Auftrag von jemand anderem auszuführen. Genau so solle sich auch die «erfahrene, kreative und auf ihren ehrlichen Glauben geprüfte GenX» – die den Mitmenschen deshalb nichts vormache – erneut dafür entscheiden, «Jesus nachzufolgen.» Was diese Nachfolge beinhaltet, wurde nicht genauer definiert. Am Ende wurden alle Personen im Saal mit Jahrgang 1965-1980 aufgerufen aufzustehen, und es wurde ein Gebet speziell für diese Generation gesprochen. Im Gebet wurde der Generation unter anderem für ihre Fragen an die Welt, die Kirche und den Glauben gedankt und es wurde ein Bibelvers erwähnt, der auf das Neue verweist, das Gott in Zukunft tun wolle. Man solle nicht in der Vergangenheit verweilen.
Die Predigt war informativ, aber auch allgemein gehalten. Der Fokus lag auf der Wertschätzung der Besuchenden und während den fast eineinhalb Stunden sind viele aufbauende Worte gefallen. Dies ist attraktiv, denn jeder hört gern ein Lob. Ansonsten wurden grosse Fragen des Lebens angetönt, diese jedoch nicht konkret beantwortet. Man könnte sagen, den Besuchenden wurde der Freiraum gelassen, sich selbst eine Antwort zu geben. Die GenX sollte sich fragen, ob sie «versöhnt sei mit Gott» und wo sie momentan stehe. Die anderen Generationen sollten sich fragen, was sie von der GenX lernen könnten, ob sie etwas mit der GenX zu bereinigen hätten und ob sie mit der GenX mehr «connecten» sollten.
Die darauffolgenden Lieder besagten, Gott sei ein Tröster, ein Hirte, und für den Menschen «zum Äussersten» bereit. Ansonsten zeige sich Gott in der Schöpfung und sei von Allem der Ursprung. Man solle Gott in jeder Situation danken, egal wie schwer sie sein mag. Die Lieder waren mehrheitlich Mundart-Worship, wenige auf Hochdeutsch oder auf Englisch. Ganz zum Schluss gab es einen Spendenaufruf und einen Verweis auf den «Next Step Desk», falls man noch Fragen zur Kirche oder spezifischen Angeboten habe.
Alles in allem war es ein moderater Gottesdienst, der es vermochte, die Menschen in eine geborgene Atmosphäre mitzunehmen. Diese Stimmung wurde jedoch vertrieben, als am Ende die Rolläden hochgingen und das helle Tageslicht in den Raum einfiel. Der Kontrast zwischen «heiler Welt» und Alltag war spürbar.
Lilian Zwygart, 9. November 2021