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Das Eis vor den Küsten der Antarktis schmilzt langsamer als bisher angenommen. Bild: Shutterstock
Der Anstieg des Meeresspiegels gehört zu den am meisten gefürchteten Folgen des globalen Klimawandels. Wenn der steigende Ozean Küstenregionen und Inseln überflutet, könnten im schlimmsten Fall Millionen Menschen zur Flucht gezwungen sein. Die ursprünglichen Warnungen, der Pegel könne gleich um mehrere Meter in die Höhe steigen, werden sich dabei allerdings kaum bewahrheiten – zumindest nicht bis Ende des 21. Jahrhunderts: Der Weltklimarat geht heute von einem Anstieg des Meeresspiegels um noch 29 bis 110 Zentimeter bis 2100 aus, je nach Entwicklung des Treibhausgas-Ausstosses.
Die niederländischen Forscher Henk Dijkstra und René van Westen haben nun berechnet, dass die Pegelerhöhung nochmals deutlich geringer ausfällt als bisher angenommen. Sie stützen sich auf eine hochauflösende Computersimulation zu den Wassertemperaturen im südlichen Ozean, der die Antarktis umgibt. Die Resultate sind kürzlich im Fachmagazin «Science Advances» erschienen.
Zum Anstieg des Meeresspiegels tragen drei Faktoren bei: Erstens schmelzen in der ganzen Welt Gebirgsgletscher, wie man das etwa in den Alpen beobachten kann. Zweitens verlieren die Inland-Eisschilde in Grönland und in der Antarktis an Masse. Und drittens dehnt sich das Meerwasser wegen der höheren Temperaturen aus, was zu einem grösseren Volumen führt.
Schelfeis wirkt als Barriere
In der Studie von Dijkstra und van Westen geht es um das Abschmelzen von Gletschern in der Antarktis, die vom Inlandeis gespeist werden und ins Meer münden. Eine zentrale Rolle, wie rasch diese Gletscher fliessen können, spielt das Schelfeis, das vor den Küsten des Südkontinents liegt. Es handelt sich um Eis, das auf dem Meer schwimmt und eine Barriere gegen das Abrutschen des Gletscher bildet. Schmilzt das Schelfeis weg, so erhöht das die Abfliessgeschwindigkeit der Gletscher, und entsprechend verringert sich auch das Inlandeis schneller.
Der Bestand des Schelfeises wiederum hängt von den Temperaturen des Ozeans in diesen Gegenden ab. Wärmeres Wasser lässt das Schelfeis allmählich verschwinden. Welche Temperatur das Wasser hat, wird wesentlich durch Meeresströmungen bestimmt.
Die niederländischen Forscher führten nun eine Simulation der Meeresströmungen um die Antarktis in höherer Auflösung durch, als es bisher möglich war. Sie benutzten dazu einen Supercomputer mit einer hohen Rechenleistung. Die Simulation berücksichtigte insbesondere Ozeanwirbel in einer Grösse von 10 bis 200 Kilometer. Die Einbeziehung solcher Wasserwirbel in die Simulation führte zu einer realistischeren Darstellung der Ozeantemperaturen, die die Antarktis umgeben.
Keine Temperaturerhöhung wegen der Wirbel
Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass sich der südliche Ozean um die Antarktis stark erwärmen würde. Doch die neue Simulation zeigt, dass sich die Temperatur des entsprechenden Wasser kaum erhöhen wird – insbesondere wegen dieser Wasserwirbel. Einige Gebiete des Ozeans sollen bis Ende des Jahrhunderts sogar kälter werden.
Die Eisschmelze an den Küsten der Antarktis, so errechneten Dijkstra und van Westen, beträgt damit nur ein Drittel von dem, was frühere Simulationen der Meerestemperaturen mit geringerer Auflösung suggeriert haben. Im neuen Modell ist auch mit verstärkten Schneefällen in der Antarktis zu rechnen. Zusammengenommen bedeutet das, dass die Eismasse der Antarktis bis Ende des Jahrhunderts sogar unverändert bleiben könnte.
Entsprechend fällt der globale Zufluss an Schmelzwasser in den Ozeanen deutlich geringer aus. Der Pegel des Ozeans steigt damit bis Ende des Jahrhunderts nur um 33 Zentimeter, statt um 42 Zentimeter, wie eine analoge Berechnung der Wassertemperaturen um die Antarktis ohne Berücksichtigung des Wirbel ergibt. «Obwohl der Meeresspiegel weiter ansteigen wird, ist dies eine gute Nachricht für tief liegende Regionen», kommentierte René van Westen die Studienresultate.
Fällt der Anstieg des Meeresspiegels um fast ein Viertel geringer aus, können sich tief liegende Küstengegenden einfacher schützen. Insbesondere die Niederlande demonstrieren, wie das geht. Das Land weist Gebiete auf, die bis zu sieben Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Dank dem Bau von Dämmen können Überschwemmungen aber weitgehend verhindert werden.
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