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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (18.02.2007)
Nikolaus Harnoncourt, der Dirigent der gestrigen „Zauberflöte“ hält grosse Stücke auf Martin Kusej, mit dem er schon einige Male (erfolgreich) zusammengearbeitet hat. Beide sind zweifellos intelligente Menschen mit interessanten, bisweilen unorthodoxen Sichtweisen. So weit, so gut. Ich denke aber, dass es für normale Zuschauer wie mich immer schwierig ist, ein Stück vorgesetzt zu bekommen, an dem sie nicht mitgewirkt haben. Sänger, Dirigent, Regisseur erarbeiten sich das Stück in mindestens 6 Wochen; der gemeine Besucher muss sich innerhalb von dreieinhalb Stunden einen Reim auf die Inszenierung machen – und war gestern in den meisten Fällen überfordert. Zweifellos beherrscht Kusej sein Handwerk, hat eine sorgfältige Personenführung zustande gebracht – aber muss ich mir wirklich eine Produktion der „Zauberflöte“ anschauen, die im Basement (Waschküche? Heizungskeller?) eines Betongebäudes stattfindet, das vor Hässlichkeit nur so strotzt (Bühnenbild: Rolf Glittenberg, der sonst meist für sehr ästhetische Kulissen verantwortlich zeichnet)? Muss ich mir Slapstick-Komik (ich mag keinen Holzhammer!) antun, damit ich auch ja die Deutung verstehe? Im Magazin des Opernhauses standen zwar viele interessante Ansatzpunkte der Interpretation Harnoncourts / Kusejs, alleine ich konnte sie auf der Bühne nur in den wenigsten Fällen entziffern. Der exzessive Gebrauch der Drehbühne mit all den Türen (und dem forcierten Türenschlagen) ermüdete nur; und wie kann eine der – gemäss dem Libretto – „wichtigsten Versammlungen“ der Eingeweihten in einer Art Umkleidegarderobe stattfinden? Warum muss die Königin der Nacht aus einem Rauchschwaden verströmenden Kühlschrank herauskommen (zweifellos ein starkes Bild – aber macht es auch Sinn?), um ihre zweite Arie zu singen? Und was sollen die sonnenbebrillten, offensichtlich blinden „Drei Damen“? Und, und, und… Davon, dass der „Bruch“ der Charaktere (Königin der Nacht zuerst „gut“, dann „böse“; Sarastro umgekehrt) gar keiner ist, sondern Mozart nur die Selbstwahrnehmung („gut“) der jeweiligen Personen sowie die Wahrnehmung der anderen (eben doch nicht so gut) zeigen wollte, war auch nach dem Lesen des Magazins nicht wirklich etwas auf der Bühne zu sehen… Kurzum: für mich (aber die Kritiker werden vermutlich ganz anders urteilen!) eine absolut unausgegorene, ärgerliche Produktion! Zugegeben: Die „Zauberflöte“ zu inszenieren ist nicht einfach. Aber entweder lässt man es sein, oder man versucht es halt doch eher mit dem „Märchen“… Von den „Ideen“ gewisser Regietheater-Regisseure bekomme ich langsam genug…
Immerhin war die Aufführung musikalisch auf einem beachtlichen Niveau. Es dürfte wohl an Majestätsbeleidigung grenzen, wenn ich zugebe, dass mich Harnoncourts Dirigat nicht sonderlich befriedigte. Wie häufig bei ihm waren die Tempi gewöhnungsbedürftig. Obwohl einige Passagen äusserst bestechend waren (z.B. die Vogelsängerarie, die sehr lyrisch und zart angegangen wurde), fehlten mir die Spannungsbögen, bei der Ouvertüre – die sehr langsam begann, dann aber umso schneller wurde – vermisste ich den Schmelz und vielfach versank ich in Langeweile. Man möge mir verzeihen: Für mich war dies keine Offenbarung, auch wenn das Orchester – bis auf einige Patzer bei den Hörnern – auf dem üblichen guten Niveau spielte. Ich bin mir von Harnoncourt Besseres gewohnt! Selbstverständlich war das Ganze bis ins Kleinste durchdacht und ausgearbeitet… Aber was habe ich persönlich davon, wenn mir die „Zauberflöte“ ellenlang vorkommt?
Eine absolut tolle Leistung als Papageno vermochte Ruben Drole zu vollbringen. Er begeisterte mit seinem warmen, lyrischen Bariton sowohl sängerisch wie auch darstellerisch und verkörperte einen sympathischen, natürlichen Burschen (und nicht nur den plumpen „Natur-Burschen“) mit einem überaus zarten Herzen, was er vor allem sängerisch auszudrücken vermochte. Auch Julia Kleiter war die Idealbesetzung für eine mädchenhafte Pamina. Ihre Stimme ist klar, warm und überaus gut geführt; sie hat in keiner Situation auch nur die kleinsten Probleme, der Rolle gerecht zu werden. Pech für Christoph Strehl: Der „Tamino“ musste am Morgen des Premierentages krankheitshalber absagen. Für ihn sprang Jonas Kaufmann in die Bresche. Und es ist schon eine unglaubliche Leistung, mit welcher Sicherheit er sich in dieser kurzen Zeit in die Rolle und die komplizierte Inszenierung einlebte und diese auszufüllen vermochte. Man hatte nie das Gefühl, einen „Ersatzmann“ auf der Bühne zu sehen! Dadurch, dass er in letzter Zeit vermehrt das Charakterfach anstrebt, ist seine Stimme zwar schwerer geworden; er ist jedoch absolut in der Lage, das Mozartfach bestens zu bestehen.
Elena Mosuc gab der Königin der Nacht die nötigen Konturen, auch wenn sie – vor allem bei ihrer zweiten Arie nach dem Auftritt aus dem Kühlschrank – etwas gar viel Druck auf die Stimme ausüben musste und wohl leicht mit den langsamen Tempi von Harnoncourt zu kämpfen hatte, der sie zum Atemholen an ungewohnten Stellen zwang.
Schon im Laufe der Proben hatte Matti Salminen den ursprünglich vorgesehenen László Polgár als Sarastro ersetzt. Die Interpretation seiner Rolle als in feinen Zwirn gewandeter „Sektenguru“ der Eingeweihten hätte er zwar schauspielerisch etwas mehr betonen können (Ansätze dazu zeigten sich z.B. in der Szene, in der Sarastro Monostatos mit sadistischer Freude „siebenundsiebenzig Sohlenstreich’“ als Strafe zuteilt), aber stimmlich blieben – wie meist bei diesem Ausnahmesänger – keine Wünsche offen.
Die vielen kleineren Rollen waren adäquat besetzt und rundeten mit dem Chor das homogene Ensemble ab.
Fazit: Es bleibt die Frage, warum die Miller’sche „Zauberflöte“ nach knapp 7 Jahren dieser Inszenierung weichen musste, wo doch so viele Werke der Neudeutung in Zürich harren? Ein zweites Mal werde ich diese Produktion bestimmt nicht besuchen; aber der Fairness halber sei gesagt, dass es doch etliche „Bravo“-Rufe gab, wiewohl die „Buh“-Rufer deutlich die Oberhand behielten.