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Als sie noch jung und wild war, transportierte Ludmilas Cousine Marihuana über die Grenze. Eine Aktion, die um ein Haar im serbischen Knast endete. Und Ludmilas Schwester fast ein Herz-Chriesi bescherte.
Ich war dabei, als Rada vor knapp zehn Jahren schwor, dass sie kein Gras mit nach Serbien nehme. Wir flogen damals zu dritt von Zürich nach Belgrad. Unsere Eltern reisten ein paar Tage vor uns an. Auf dem Programm stand die Hochzeit unseres Hass-Onkels. Nicht mal seine Braut mochte ihn. Warum sie ihn dennoch heiratete, schnallen wir bis heute nicht.
Rada steckte damals in der Spätpubertät. Das Kiffen war ihre Religion. Rada ist drei Jahre älter als ich. Und eines jünger als meine Schwester. Wie das so in jeder Sippe ist, hat jeder seine Rolle. Rada die des Enfant terrible.
Radas Bruder ist ein Streber, ihre Eltern streng. Wir wuchsen Tür an Tür auf. So kam's, dass Rada viel mehr bei uns abhängte als bei ihrer eigenen Familie. Rada ist für meine Schwester und mich mehr als eine Cousine. Sie ist unsere Sister from another Mister.
Ich weiss noch genau, dass meine Schwester, die Vernünftige bei uns im Haus, von Anfang an ein ungutes Gefühl hatte. Noch während des Boardings hakte sie bei Rada nach. «Gell, du hast wirklich nirgends Gras dabei!?». «Nein!», versicherte diese.
Nach 1,5 Stunden landeten wir in Belgrad. Am Gepäckband kämpften wir uns durch die Menschenmasse, um zuerst den Koffer meiner Schwester und dann meinen vom Band zu hieven.
Wir standen so lange da, bis auf dem Gepäckband nur noch ein verwaister Rucksack seine Runden drehte. Von Radas Koffer keine Spur. Sie wurde leicht nervös. Meine Schwester schleppte uns zum Lost&Found-Schalter.
Rada füllte ein Formular aus. Dann konnten wir gehen. Rada würde angerufen werden, sobald man wisse, wann ihr Koffer in Belgrad ankommt.
Mein Vater holte uns ab. Auf der Fahrt Richtung Kuhkaff war Rada erstaunlich ruhig. Auf Fragen antwortete sie mit Fragmenten. Als sie in der Ferne ihre Mutter strahlen sah, schluckte sie drei Mal leer.
Meine Schwester und ich schauten uns an. Der Fall war klar: Rada hatte ihr Versprechen gebrochen. Im verschwundenen Koffer muss sie Gras versteckt haben. Wir nahmen sie zur Seite. Rada gab alles zu. Es war nicht so, dass die Kacke nur am Dampfen war, nein, sie kochte über.
Gegen 22 Uhr klingelte Radas Handy. Sie könne ihren Koffer morgen ab 13.30 Uhr abholen. Sie möge sich doch beim Schalter der Flughafenpolizei melden. FLUGHAFENPOLIZEI. Radas Gesichtszüge entwichen. So wie die meiner Schwester und meine.
In dieser Nacht machten wir kein Auge zu. Zu gross war die Angst, dass Rada auffliegen und verhaftet wird. Und wir dann ihrer hysterischen Mutter und ihrem strengen Vater erklären müssen, dass sie im Belgrader Knast sitzt und nie mehr rauskommt, sofern wir keine Million Euro Schmiergeld tuggen.
Es war mein unwissender Papa, der Rada an den Flughafen fuhr. Wir wussten, dass er derjenige ist, der am ruhigsten bleibt, falls es zum Äussersten käme. Meine Schwester und ich fuhren zur seelischen Unterstützung mit. Papa drehte die Musik auf, sang, feierte das Leben. Wir machten gute Miene zum bösen Spiel.
Am Flughafen begleiteten wir Rada zum Polizeischalter. Die Frau schaute eeeeewig in den Computer. Und sagte rein gar nichts. Irgendwann rief sie zwei Kollegen. «Komm mit in diesen kleinen Raum da drüben», sagten die Polizisten zu Rada.
Da trottete sie nun davon. Den Blick zu Boden gerichtet. Sie drehte sich noch einmal um, während ihr unser Vater fröhlich hinterher winkte. Rada verschwand im Raum.
Zwei lange Minuten später kam sie raus. Ihren Koffer zog sie hinter sich hier. Sie hatte ihr Strahlen wieder. In diesen zwei Minuten, in denen sie ihren Koffer identifizieren musste, sah sie ihr Leben an sich vorbeiziehen.
Fünf Jahre später weihten wir in einem schwachen Moment meine Eltern ein. Mein Hippie-Dad hat gelacht. Meine Mutter nicht. Heute kann aber selbst Mama der Story eine amüsante Komponente abgewinnen. So wie meine Schwester. Und Rada. Ich sowieso.
Apropos Rada: Sie hat seither nie wieder Gras im Koffer versteckt.
Apropos Rada zum Zweiten: Da es das Gras anno dazumal dann aber doch noch über Umwege ins serbische Kuhkaff geschafft hat, nutzte Rada die Gunst der Stunde, eine Nacht lang das halbe Dorf zu dopen. Dazu mehr in der nächsten Kolumne.
Eure Ludmila