Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03319.jsonl.gz/1357

Sommernächte sind in unserer Vorstellung lau, vom Mond beschienen und von einem knisternden Feuer begleitet. Nicht so in der Phantasie romantischer Künstler. Da wimmelt es von Kobolden, Feen, Elfen. Der dunkle Wald ist die Bühne für wundersame Vorkommnisse, das stille Meer steht für die Sehnsucht nach der Ferne und ein mondbeschienener Friedhof weckt das Heimweh nach der Vergangenheit. «Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück» seufzt der Wanderer der Romantik.
Aber diese Aufzählung ist noch lange nicht erschöpfend. Berlioz schildert zum Beispiel auch die nächtliche Erscheinung einer toten Rose, die einen Sommerabend lang am Busen der Dame, die sie gepflückt hatte, liegen durfte, die Trauer eines Seefahrers, dessen schöne Freundin gestorben ist und der nun aller Liebe bar aufs Meer fahren muss, oder diesen andern Seefahrer, der einer jungen Schönen sagen muss, dass es im Land der Liebe kein festes Ufer gibt, wo man auf immer liebt.
Wild und stürmisch geht es dagegen in der Johannisnacht (23. Juni) auf dem kahlen Berg bei Mussorgsky zu. Der Komponist schreibt in einem Brief dazu: «Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, pflegten die Hexen auf diesem Berg zusammenzukommen, trieben ihren Schabernack und erwarteten ihren Herrn – Satan. Bei seiner Ankunft bildeten sie einen Kreis um den Thron, auf dem er in Form eines Ziegenbocks sass, und sangen sein Lob. Als Satan durch ihren Preisgesang genügend in Leidenschaft versetzt worden war, gab er den Befehl für den Sabbat, wobei er für sich selbst die Hexen auswählte, die seinen Sinn fesselten».
Berührend in Mendelssohns Musik zu Shakespeares Sommernachtstraum das Intermezzo nach dem 2. Akt, das die verzweifelte Suche Hermias nach Lysander schildert, dargestellt durch den ruhelosen Wechsel zwischen Streichern und Bläsern. Schliesslich verliert sich Hermia im gleichen Wald, in welchem die Handwerker aus Athen zu ihrer köstlichen Besprechung der Besetzung ihres Theaterstücks erscheinen. Im Notturno haben sich alle Liebespaare gefunden und schlafen ein. Dazu meint der freche Puck in der Übersetzung von Ludwig Tieck: «Hans nimmt sein Gretchen/ jeder sein Mädchen/ find’t seinen Deckel jeder Topf/ und allen gehts nach ihrem Kopf.» Dann wird es wieder Tag und es wird zur Hochzeit ein Marsch musiziert. Damit schliesst sich der Kreis zum ersten Lied Berlioz’, das noch ganz unschuldig über einen Waldspaziergang und das damit einhergehende Beerenpflücken eines Liebespaares berichtet.
Aber halt! Einer schert aus diesem romantischen Kreis aus: Erik Satie. Dieser französische Querdenker, 16 Jahre vor Strawinsky geboren, komponiert seine «Cinque grimaces pour ‹Un songe de nuit d’été›» für Jean Cocteau in einem völlig gegensätzlichen Stil zu der ihn noch umgebenden Romantik. Das fängt schon bei der Dauer an: Knapp vier Minuten dauern diese fünf Stücke insgesamt. Das Kürzeste, ein Marsch, besteht aus lediglich 17 Takten und ist nach 24 Sekunden bereits zu Ende! Bekannte Akkorde werden übergangslos neben solche mit unaufgelösten Dissonanzen gestellt. Der Rhythmus wird auf das Einfachste reduziert und die Melodien sind allesamt Versatzstücke aus schon Gehörtem. Man fühlt sich in ein mechanisches Kabinett versetzt, bewusst weitab jeglicher Gefühlsregung.
Beinahe alle Kompositionen dieses Konzertabends hören Sie in einer bearbeiteten Version: Berlioz hat seine Lieder ursprünglich für Gesang und Klavier komponiert und erst später orchestriert. Rimsky-Korsakow hat Mussorgskys Musik zum kahlen Berg nach dessen Tod überarbeitet und daraus eines der populärsten Werke der russischen Orchesterliteratur gemacht. Und Darius Milhaud, dessen Grab ich auf dem riesigen Friedhof von Aix-en-Provence vergeblich gesucht habe, hat die fünf Grimassen Erik Saties vom Klavier aufs Orchester übertragen.