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Diop: Wenn man von Aktivität spricht, so kann man eigentlich nur sagen, dass unser Denken aktiv ist, ich meine unser Denken, das absichtlich herbeigeführt wird.
WW: Das ist richtig. Das Bewusstsein selbst ist nicht aktiv, genauso wenig wie ein Spiegel aktiv ist, der eine Blume widerspiegelt. Aber vielleicht gibt uns das nächste Koan darauf eine genauere Antwort: Kyozan fragte einen Mönch: „Wo bist du geboren?“ Der Mönch antwortete: „Ich bin aus Yushu.“ Kyozan fragte ihn: „Bist du dir dessen von innen bewusst?“ Der Mönch antwortete: „Ja, durchaus.“ Kyozan sagte: „Das, was denkt, ist Bewusstsein. Das, worüber gedacht wird, ist Umgebung. Darin sind Berge, Flüsse und die weite Erde, Türme, Paläste, Menschen, Tiere und anderes. Nun denke über das Bewusstsein nach, das denkt. Sind dort auch viele Dinge?“ Der Mönch sagte: „Ich sehe da überhaupt nichts.“ „Auf der Stufe des Glaubens ist es richtig, aber auf der Stufe des Menschen ist es nicht ausreichend“, sagte Kyozan. „Ehrwürden, habt Ihr einen besonderen Rat für mich?“ fragte ihn da der Mönch. Kyozan antwortete: „Es stimmt nicht, solange du sagst, da ist nichts Besonderes. Betrachte ab jetzt von innen das Hinsetzen und das Tragen von Kleidung.“
Diop: Über Kyozan haben Sie doch schon früher erzählt. War das nicht der mit dem Spitznamen „der kleine Shakyamuni?“
WW: Ja. Und Kyozan war Schüler und Dharma-Nachfolger von Isan. Doch zurück zum Koan. Da kommt also ein neuer Mönch in das Kloster und Kyozan fragt ihn sofort nach dem Geburtsort. Kyozan prüft sofort den Bewusstseinszustand des Ankömmlings. Der Mönch antwortete: „Ich bin aus Yushu.“ Was glauben Sie, ist dieser Mönch erleuchtet oder nicht?
Diop: Ich weiß es nicht.
WW: Kyozan fragt weiter, ob er sich dessen auch von innen her bewusst ist. Der Mönch antwortete: „Ja, durchaus.“
Diop: Worauf will Kyozan hinaus?
WW: Kyozan durchschaut sofort den Bewusstseinszustand des Mönches und sagt: „Das, was denkt, ist Bewusstsein. Das, worüber gedacht wird, ist Umgebung. Darin sind Berge, Flüsse und die weite Erde, Türme, Paläste, Menschen, Tiere und anderes. Nun denke über das Bewusstsein nach, das denkt. Sind dort auch viele Dinge?“
Diop: Kyozan unterscheidet zwischen Bewusstsein und dem, was gedacht wird.
WW: Nun, lassen Sie mich es einmal genauer unter die Lupe nehmen. Unser Organismus reagiert auf alle von außen kommenden Herausforderungen. Wir leben in einer Welt, in der Millionen von Empfindungen unseren Körper bombardieren. Unsere Sinne rennen herum wie wilde Pferde und es gibt keinen Augenblick, in dem nicht die eine oder andere Empfindung bestünde, auf die wir reagieren. Den natürlichen Zustand ohne Ursache zu erreichen, liegt nicht in unserer Hand und kann nicht durch eigene Anstrengung erreicht werden. Er ist aber auch nicht besonderes oder das Privileg Auserwählter. Der natürliche Zustand ist in jedem Menschen vorhanden. Es gibt keine Macht außerhalb des Menschen. Ein verwirklichter Mensch hört einfach auf, jemand anderer zu sein. Er ist, was er ist. ES beginnt, sich durch ihn auszudrücken. Danach gibt es keine Biographie mehr.
Diop: Aber ist es dazu nicht notwendig, dass wir uns auch von der Last der Vergangenheit befreien?
WW: Das geschieht von ganz allein, wenn wir uns hinsetzen und uns auf den gegenwärtigen Augenblick vollkommen einlassen. Dabei sollten wir jedoch nicht nur unsere individuelle Vergangenheit vergessen, sondern auch die ganzen angehäuften Weisheiten vorangegangener Zeiten, also die Vergangenheit der ganzen Menschheit.
Diop: Sie meinen alles, was Menschen vor uns gedacht und gefühlt haben?
WW: Ja. Im Herz-Sutra heißt es: „Sariputra, Form ist nichts anderes als Leere, Leere nichts anderes als Form. Das Gleiche gilt für Empfindung, Wahrnehmung, Wollen und unterscheidendes Denken.“ Was hier geschrieben steht, können wir natürlich verstandesmäßig nicht nachvollziehen. Jegliches Analysieren würde uns lähmen. Wir müssen das finden, was hinter den Abstraktionen steht. Aber mit unserem Denken haben wir uns einen Panzer geschaffen, der es uns unmöglich macht, von den Dingen ergriffen zu werden.
Diop: Aber wie soll ich das beim Sitzen realisieren? Da ist doch ständig Empfindung und Wahrnehmung.
WW: Versuchen Sie einmal herauszufinden, was mit Ihren Sinnen geschieht, wenn Sie gar nichts mehr tun. Schauen Sie. Unsere Augen sind wie ein sehr empfindlicher Fotoapparat aufgebaut. Das reflektierte Licht trifft auf unser Auge und gibt diesen Reiz an den optischen Nerv im Gehirn weiter. Dabei macht es für ihre Augen keinen Unterschied aus, ob sie auf einen Sonnenuntergang oder einen Hundehaufen blicken. Sie schauen einfach auf alles und jedes, ohne zu unterscheiden oder zu beurteilen. Schönheit und Hässlichkeit liegt also nicht in den Augen des Betrachters und auch nicht im Objekt, sondern wird einzig und allein vom Denken hervorgerufen. Unsere Augen verweilen einfach an diesem oder jenem Gegenstand, weil das Denken beschlossen hat, dass er schön ist.
Diop: Gilt das gleiche auch für unser Hören?
WW: Ja. Alles, was wir hören, sind letztlich nur Schwingungen, die vom Trommelfell aufgenommen werden und zum Gehirn weitergeleitet werden. Da wir aber aus dem, was wir hören, einen Nutzen für uns ziehen wollen, filtern wir das Gehörte durch unser Denken.
Diop: Sie meinen, wir hören in Wirklichkeit nur unsere eigene Umsetzung?
WW: Ja. Was immer wir mit unserem Hören machen, es ist nicht unser eigentliches Hören und nicht das, was ich sage. Würden wir nicht verstandesmäßig umsetzen oder interpretieren, würden alle Sprachen gleich klingen.
Diop: Sie meinen, wenn wir das Hören sich selbst überlassen würden?
WW: Ja. Dann wären da nur Schwingungen von Tönen, die sich im Inneren wie in einer Echokammer wiederholen. Es gäbe nur einen Widerhall in uns. Fände keine Interpretation mehr statt, wären wir vom Außen nicht mehr getrennt und das Bellen des Hundes wäre unser eigenes Bellen. Auf die gleiche Weise funktioniert auch der Vorgang der Berührung. Erst durch die Interpretation durch das Gehirn werden Gegenstände als hart, weich, angenehm oder unangenehm empfunden. Ob Ihnen etwas gefällt oder nicht gefällt, ob Sie der Musik oder der Literatur den Vorzug geben, ist also in Wirklichkeit nur ein Produkt Ihres Denkens.
Diop: Sie meinen, mein Körper ist also in Wirklichkeit nichts anderes, als ein Bündel von Sinneswahrnehmungen, interpretiert durch mein Denken?
WW: Ja. Darum geht es in diesem Koan. Wären wir vollkommen eingestimmt auf alle gefühlsmäßigen Aktivitäten, wäre kein Platz mehr für Sorgen oder Spekuationen über Gott und die Welt. Aber unsere Bemühung, das Leben zu kontrollieren, hält uns ab, in diesem natürlichen Zustand zu sein. Denken ist wie ein Eindringling, der sich ständig in die Angelegenheiten der Sinne einmischt. Wenn jedoch niemand mehr im Hintergrund agiert, werden auch keine Empfindungen mehr miteinander verknüpft oder interpretiert. Dann sehe ich einfach nur, wie sich meine Hände bewegen, ohne dass ich dies benenne. Es ist dann ein Tun, das völlig unberührt vom Denken ist. Sobald das Ziel wegfällt, fehlt uns nichts. Dann verschwinden Vergangenheit und Zukunft, und übrig bleibt ein anstrengungsloses Dasein. Es ist nicht die Tätigkeit, die wegfällt, sondern der, der tut, der Handelnde.
Diop: Was hätten Sie an Stelle des Mönches gemacht?
WW: Ich hätte ich vermutlich Kyozan das Kissen unter dem Hintern weggezogen. Der Mönch aber sagte: „Ich sehe da überhaupt nichts.“
Diop: Aber was soll er denn sehen?
WW: Genau! Es ist doch alles da! Kyozan sagt: „Auf der Stufe des Glaubens ist es richtig, aber auf der Stufe des Menschen ist es nicht ausreichend“. Form und Leere sind noch nicht eins geworden.
Diop: Was meint er damit?
WW: Er will damit zum Ausdruck bringen: Hört auf zu glauben und euch Vorstellungen zu machen über Erleuchtung oder Nicht-Erleuchtung, über heilig oder weltlich oder „ich würde gerne so sein oder so“. Auf der Stufe des Glaubens ist es, als befänden wir uns in einem Raum, dessen Vorhänge geschlossen sind und wir mutmaßen, ob die Sonne scheint oder ob es regnet. Warum nicht einfach die Vorhänge öffnen? Dann brauchen wir nicht mehr an dies oder jenes zu glauben, dann wissen wir es! Noch besser wäre es, hinauszugehen und die Sonne zu spüren oder die Kälte der Nacht. Deswegen sagt Kyozan: „Auf der Stufe des Menschen ist es nicht ausreichend.“ Das bedeutet: Finde heraus, wer du bist, finde heraus, wer du wirklich bist! Wenn du es herausgefunden hast, wirst du erkennen, wie sehr du dich als Mensch reduziert hast, wie sehr dich dein Denken eingeschränkt hat. Hast du herausgefunden, wer du wirklich bist, wirst dich in einer grenzenlosen Weite wiederfinden, in einer Weite, die alle Möglichkeiten enthält, in einer Grenzenlosigkeit, die dich erzittern lässt, weil sie so neu ist. Gefühle werden dich nicht mehr verwirren und selbst das Denken wirst du als Instrument erfahren, so wie der Schreiner den Hobel benützt, um das Holz zu glätten. Aber der Mönch hat es immer noch nicht begriffen, dass bereits alles Wesentliche gesagt wurde, und er fragt: „Ehrwürden, habt Ihr einen besonderen Rat für mich?“ Kyozan antwortete: „Es stimmt nicht, solange du sagst, da ist nichts Besonderes. Betrachte ab jetzt von innen das Hinsetzen und das Tragen von Kleidung.“ Kyozan verweist den Mönch auf das Betrachten der Dynamik, auf das ganz Alltägliche, das Hinsetzen, das Aufstehen, das Tragen von Kleidung.
Diop: Komme ich auf diese Weise zur Transzendenz von Form und Leerheit?
WW: Ja. Er könnte auch gesagt haben: Esse, wenn du isst, trinke, wenn du trinkst, frühstücke, wenn du frühstückst. Tu einfach nur das Eine. Lass dich durch nichts ablenken! Sei ganz bei der Sache! Plane, wenn Zeit zum Planen ist und esse, wenn Zeit zum Essen ist. Aber verwechsle beides nicht miteinander. Mache einfach eins nach dem anderen.
Diop: Ich muss dabei an eine Geschäftsfrau denken, die mir einmal gesagt hat, sie müsse stets viele Dinge gleichzeitig machen: Telefonieren, Rechnungen schreiben, neue Termine vereinbaren - und das alles gleichzeitig! Jeden Abend war sie völlig geschafft. Sie konnte überhaupt nicht mehr abschalten.
WW: Wir sollten uns Zeit nehmen, Zeit für uns selber. Wir sollten uns bewusst sein, dass diese Zeit des Lebens eine sehr kostbare ist. Sie ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Dabei ist es wichtig, Glauben und Nicht-Glauben beiseite zu lassen und uns unserer inneren Wirklichkeit zuwenden, einer Wirklichkeit, die immer da ist, Augenblick für Augenblick.
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