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Lead
Erinnerung funktioniert nicht nach dem Modell von Speicherung und Abruf des Gespeicherten, sondern als Prozess der Rekonstruktion. Dieser hinterlässt Spuren sowohl in mündlichen Erinnerungserzählungen (Oral-History-Interviews) als auch in bestimmten literarischen Texten von Autoren wie Claude Simon und Jorge Semprún. Beide Textsorten beziehen sich schwerpunktmässig auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen Gewalterfahrungen und Traumatisierungen.
Lay summary
Dieses interdisziplinäre Projekt verbindet Linguistik und Literaturwissenschaft. Es setzt sich zum Ziel, die genannten Textkorpora (mündliche Erinnerungserzählungen und literarische Erinnerungstexte) vergleichend zu untersuchen. Dabei soll sichtbar gemacht werden, dass trotz grundlegender Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie zwischen Lebenserzählung und literarischer Stilisierung beide Korpora eine grundlegende Gemeinsamkeit besitzen: Es lassen sich in ihnen auf sprachlicher Ebene analoge Prozesse der allmählichen Entstehung von Erinnerung (Emergenz des Erinnerns) nachweisen. Dabei werden bestimmte Techniken wie Prozessualität, Perspektivität, Handlungsbeteiligung (Agency) und Aushandlung angewendet.
Das zentrale Ziel des interdisziplinären Projekts besteht in der Darstellung des Erinnerns als eines sozial-interaktiven, sprachlich hergestellten Emergenzprozesses. Ein besonderer Mehrwert liegt darin, bislang unentdeckte Gemeinsamkeiten zwischen literarischen und mündlichen autobiographischen Erinnerungstexten herauszuarbeiten. Der gesellschaftliche Kontext ist die seit etwa 20 Jahren zu beobachtende Konjunktur des Nachdenkens über Erinnerung in einer Zeit, in der die Zahl der noch lebenden Zeugen des Zweiten Weltkriegs immer kleiner wird.