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Wie hat sich eine derartige Humanökologie bisher entwickelt? In den 70er und 80er Jahren kam es in verschiedenen Ländern zur Gründung von humanökologischen Gesellschaften. Dabei zeichnete sich insbesondere Helmut Knötig in Wien durch eine rege Tätigkeit aus. Er gründete die International Organisation for Human Ecology (IOHE) und organisierte verschiedene Tagungen. Einige dieser Anstrengungen sind allerdings seither wieder versandet; zu den weiterhin aktiven Organisatonen gehören die Deutsche Gesellschaft für Humanökologie (DGH) und The Society for Human Ecology (SHE) in den USA, die regelmässig Tagungen abhalten und Publikationen produzieren. Allerdings kommen bei diesen Konferenzen (vorläufig?) vorwiegend solche Leute zusammen, die sich zwar mit einer Forschungsrichtung beschäftigen, die mit der Mensch-Umwelt-Thematik zu tun hat, sich dabei aber in erster Linie als VertreterInnen einer der herkömmlichen Fachdisziplinen verstehen und kaum explizit von Humanökologie reden oder sich gross für eine übergeordnete Perspektive interessieren. Immerhin wird gemeinsam diskutiert und gemeinsam in den Tagungsbänden publiziert, aber dies ist natürlich noch weit entfernt von einem echt integrativen Zugang zum Thema. In der Schweiz ist in der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie (SAGUF) - die als Novum Mitglied sowohl bei der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften (SANW) wie auch der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) ist - eine gewisse gemeinsame Sichtweise auf die Umweltproblematik entstanden, die als humanökologisch bezeichnet werde könnte. Im Rahmen der Schweizerischen Geographischen Gesellschaft (heute Verband Geographie Schweiz, ASG) existierte in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine Arbeitsgruppe "Theorie und integrative Ansätze", in der Leute aus der Gruppe "Quantitative Geographie und Humanökologie" des Geographischen Institutes der ETH federführend tätig waren. Sie organisierte 1987 einen Workshop und 1989 eine internationale Konferenz, aus denen je eine Publikation resultierte,153
Siehe Steiner, Carlo Jaeger und Pierre Walther 1988 bzw. Steiner und Markus Nauser 1993.
stellte danach aber ihre Tätigkeit auch wieder ein.
An verschiedenen Hochschulen sind in den 80er Jahren umwelt- bzw. ökologisch orientierte Studiengänge eingeführt worden. Dabei herrscht aber oft die in 4.1 technologisch genannte Perspektive noch vor, so z.B. - wen wundert es? - an der ETH Zürich. Entsprechend ist hier von "Umweltnaturwissenschaften" die Rede und zwar wird die Bedeutung der Sozial- und Geisteswissenschaften anerkannt, ihnen aber bloss die Rolle einer Begleitung zugewiesen. Am "humanökologischsten" ist hier vermutlich die "Allgemeine Ökologie" an der Universität Bern, die nicht nur selbst Lehrangebote macht, sondern darüber hinaus die Rolle einer interfakultären Koordinationsstelle hat. Ein Unikum, mindestens für die USA, wenn nicht für die ganze Welt, ist das College of the Atlantic in Bar Harbor, Maine, und zwar deshalb, weil an dieser Hochschule ausschliesslich ein Studienprogramm mit einem Abschluss in Humanökologie angeboten wird, wobei unter Humanökologie eine breite, alle Aspekte der Mensch-Umwelt-Beziehung einschliessende Ausrichtung verstanden wird.154
Vgl. Steiner und Corine Mauch 1998.
Konkreter: Einer der drei Blöcke Umweltwissenschaften, Humanwissenschaften und Kunst/Gestaltung kann zwar als Schwerpunkt gewählt werden, aber in jedem Fall ist ein Minimum von interdisziplinären Veranstaltungen und von Kursen aus allen drei Gebieten zu besuchen. Das Studienprogramm umfasst 4 Jahre und führt zu einem "Bachelor of Arts in Human Ecology", in zwei weiteren Jahren zu einem "Master of Philosophy in Human Ecology". Die Gründung des College geht auf das Jahr 1969 zurück und war damals ein wagemutiger, abenteuerlicher Entscheid, da die Umweltproblematik, geschweige denn die Verantwortung des Menschen dafür, noch kaum einen Platz im öffentlichen Bewusstsein einnahm.
Die neue Humanökologie, eben als umfassende Perspektive verstanden, kann durch vier Dimensionen oder Aspekte charakterisiert werden, die ich transdisziplinär, transwissenschaftlich, evolutionär und transpersonal nenne.155
Vgl. mit der ausführlichen Darstellung in Steiner 1997b und der zusammenfassenden Schilderung in Steiner 1995.
Dabei ist zu beachten, dass es sich nicht um voneinander unabhängige, sondern um miteinander verknüpfte Dimensionen handelt. Insbesondere ist der Aspekt der Transpersonalität, der einen persönlichen Bildungsvorgang bezeichnet, bei den anderen Aspekten, die sich eher mit strukturellen Fragen der Erweiterung des Blickwinkels beschäftigen, eigentlich schon vorausgesetzt. Im folgenden wenden wir uns den vier Aspekten kurz zu; auf Details kommen wir ausführlicher später zu sprechen.