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Was Harry Truman und die Gebrüder Wright verbindet
Der Zolliker Walter Hediger leitet Gallet Genève 1466, die älteste Uhrenfirma der Welt, die 25 Jahre, bevor Kolumbus Amerika entdeckte, entstanden ist.
Als Walter Hediger die Türe zu seinem Büro öffnet, trägt er gleich zwei Armbandchronographen, beide natürlich aus dem Hause Gallet. Am linken Arm ist es das neue Modell «Heritage», am rechten der allererste Armband-Fliegerchronograph überhaupt, welcher auf Bestellung der British Royal Air Force vor dem Ersten Weltkrieg von Gallet entwickelt wurde. Damit mussten die Piloten nicht länger Taschenuhren hervorkramen. In der Grundkonstruktion basiert dieser zwar noch auf einer Taschenuhr, wurde jedoch so «miniaturisiert», dass er am Arm getragen werden konnte. Über 100 Jahre alt, läuft der Chronograph dennoch so genau, dass Walter Hediger ihn weder vorwärts, noch rückwärts neu richten muss.
Dies ist nur eine Geschichte aus der 552 Jahre langen Tradition des Uhrenherstellers. So wurde unter anderem 1903 der erste Flug der Wright Brothers mit einer Stoppuhr von Gallet gemessen. «Wir wissen deswegen, dass dieser Flug 59 Sekunden gedauert hat», erzählt der Zolliker. Im Jahre 1939 wurde der mittlerweile legendäre «Flight Officer» Fliegerchronograph entwickelt, welcher unter anderem vom damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman von 1939 bis zu seinem Tod 1972 getragen wurde. Auch Jim Clark trug einen Gallet-Chronographen, als er 1963 und 1965 Formel-1-Weltmeister wurde. Die Tradition der Zeitmessung im Automobilrennsport geht jedoch bereits auf das Jahr 1894 zurück, als mit einer Gallet-Stoppuhr die Zeiten am ersten Autorennen in Frankreich gemessen wurden. Dies war auch anlässlich des ersten Automobilrennens 1903 auf Long Island bei New York der Fall. Heute ist das Unternehmen Sponsor für «Timekeeping» auf den Rennstrecken Hockenheimring und dem britischen Silverstone, ebenso wie in Hilton Head, South Carolina, USA, anlässlich des grössten Oldtimer-
Events der Welt.
Die Fussball-WM 1994
Dass das Unternehmen nun von Walter Hediger geleitet wird, ist – wie so oft im Leben – Ergebnis eines Zufalls. Im Jahr 1992 erwarb der Zolliker von einer Uhrenfirma in La Chaux-de-Fonds die Lizenzrechte für die sogenannte Fussballuhr. Die Firma war zu diesem Zeitpunkt in Kurzarbeit, der Verkäuferin der Lizenz ging es nicht gut. Anschliessend erwarb Walter Hediger von Time Warner in New York die weltweiten Lizenzrechte für den Fussball World Cup USA 94. Dank dem Erfolg dieser Uhren konnte die Lizenzgeberin die Kurzarbeit praktisch sofort beenden und musste sogar Überzeit einführen, denn sehr schnell mussten rund 30 000 Uhren pro Monat in die ganze Welt geliefert werden. Bis nach dem Ende der Fussball-WM waren es über 600 000 ausgelieferte Exemplare. In dieser Zeit sei er mehr als 100 Mal im Jahr weltweit geflogen, schmunzelt der Unternehmer, der zuvor im Bankwesen tätig gewesen war. «Das war mein Lehrlingsstück.»
Er orientierte sich in der Welt der Uhr und stiess dabei auf den Namen Gallet, einen Unternehmer, dessen Kinder nicht in seine Fussstapfen treten wollten und der auf der Suche nach einem Nachfolger war. «Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort», urteilt Walter Hediger. Dass er diesen Job seitdem mit Herzblut macht, ist offensichtlich. In den Büroräumen liegen unzählige Fotos von grossen Anlässen, Erinnerungen, alte Aufzeichnungen. So auch ein Bild des Schiffes, mit Passagierliste, auf dem Lucien Gallet aufgeführt ist, als er nach Amerika reiste, um dort 1864, also vor über 150 Jahren, eine Tochtergesellschaft zu gründen. Das hat sich gelohnt. Gallet zählte schnell zu den renommiertesten Uhrenmarken in den USA und diese sind nach wie vor ihr Hauptabsatzmarkt.
Vor mehr als zehn Jahren wurde auf Ebay ein Gallet-Fliegerchronograph, welcher vor dem 1. Weltkrieg an die Britische Royal Air Force geliefert wurde, angeboten. «Ich habe mitgeboten, jedoch anfänglich einen Betrag eingegeben, welcher vom System nicht akzeptiert wurde, weil dieser zu hoch war», lacht er. Schritt für Schritt bot er mit einem kleineren, aber immer noch einem hohen Betrag mit, sodass er schlussendlich den Zuschlag bekam. Anschliessend stellte er fest, dass der Verkäufer in Florida wohnte. «So eine Uhr lässt man sich nicht mit der Post schicken. Die holt man persönlich ab.» Er flog hin und der damalige Verkäufer – ein Uhrmacher – ist heute sein CEO in den USA.
Niemals digital
«Vintage Gallet-Uhren sind bei Auktionen sehr gesucht. Manchmal werden über 50 Gebote eingegeben, da diese vor allem bei Uhrensammlern sehr begehrt sind. Gallet-Uhren werden in der Regel nicht verkauft, sondern vererbt.» Ob er sich vorstellen könnte, eine Digitaluhr zu tragen? «Niemals», antwortet er mit Inbrunst, dies auch weil er selber keine im Sortiment führt. Ein anderer Grund ist einfach: Eine mechanische Uhr bleibe in der Regel stehen, wenn sie defekt ist. Eine digitale Uhr gehe dann unter Umständen einfach langsamer. «Aus dem Grund habe ich schon mal einen Flug verpasst. Das passiert mir nicht mehr», lacht er.
«Als Verantwortlicher bin ich immer voll an der Arbeit. Den ‹Schaukelstuhl› gibt es bei mir nicht. Kürzlich war ich für zwei Nächte in Los Angeles, dann mehrere Tage als Sponsor an den diesjährigen Autorennen am Hockenheimring.» Müde wirkt er wirklich nicht. Im Gegenteil: Er schwärmt vom Mitschreiben des Buches «550 Jahre Zeitmessung, Familiengeschichte Gallet». Das Buch soll kein Fachbuch für Uhrmacher werden, sondern für jeden, der an der Geschichte der Zeitmessung interessiert ist, lesbar sein. Zum Beispiel: Als Pearl Harbor bombardiert wurde, fand anschliessend die Mobilmachung in Amerika statt. Jim Hoel, ein Bankangestellter aus Chicago, wurde in die Luftwaffe einberufen und dort als Navigator auf B-29-Bombern ausgebildet. Als Abschiedsgeschenk durfte er sich zulasten seiner Arbeitgeberin einen Gallet-Chronographen kaufen. Auf einer der ersten Bombermissionen auf das europäische Festland wurde der Bomber über Holland von der Fliegerabwehr abgeschossen und stürzte in einen Kanal ab. Jim überlebte, konnte ans Ufer schwimmen und geriet anschliessend in Kriegsgefangenschaft. Beim Absturz verlor er seinen Chronographen. Nach dem Krieg kehrte er nach Hause zurück, wo er über 60 Jahre später einen Anruf aus England bekam. Sein Chronograph mit dem eingeprägten Namen sei gefunden worden. Dieser war ihm so wertvoll, dass er ihn persönlich in England abholte. Der Chronograph wurde dann von den Gallet-Uhrmachern in den USA gereinigt und läuft seither wieder tadellos. Vor zwei Jahren ist Jim im Alter von 92 Jahren gestorben. Sein Sohn hat den Chronographen geerbt. Der Erfolg von Walter Hediger beruht wohl auch auf seiner Diskretion. So nennt er unter anderem nicht sein Alter. Warum auch? Er ist einfach zeitlos. (bms)