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Viele Redensarten sind ja nicht wirklich logisch, egal, wo sie gebräuchlich sind. Ein heutiger Mathematiker regte sich, so wird erzählt, schon als Kind auf, wenn Erwachsene sagten: „Das ist die grössere Hälfte“. Wie kann eine Hälfte grösser sein als die andere? (Von der dämlichen Wendung „meine bessere Hälfte“ wollen wir mal schweigen.)
Und das grössere Mehr? In zwei Schweizer Kantonen, Appenzell Innerrhoden und Glarus, treffen sich noch Landsgemeinden – eine der ältesten Demokratieformen überhaupt. Einmal im Jahr stimmen die Bürgerinnen und Bürger öffentlich ab. (In Appenzell Innerrhoden sind die Frauen übrigens erst seit 1990 dabei, und das auch nur durch einen Entscheid des Bundesgerichts – dass das nicht an der Abstimmungsform lag, zeigte Glarus 1971, siehe Video.) Alle Abstimmungen auszuzählen würde zu lang dauern, deshalb schätzte traditionell der Landammann (also der Ministerpräsident) „das grössere Mehr“. Wie Schiedsrichterentscheide im Sport führt das gelegentlich zu Unzufriedenheit und Diskussionen. Immerhin wird bei Zweifelsfällen mehrfach abgestimmt und zu mehreren beraten.
Zumindest gibt es kein spezielles Wahlrecht wie in den USA, wo das kleinere plötzlich zum grösseren Mehr wird, weil eine Minderheit der Wähler zu einer Mehrheit im Wahlmännergremium führt. Einzige Gemeinsamkeit: Auch die amerikanische Wahlmännerversammlung stammt noch aus einer Zeit, in der man die Entfernungen ohne Auto oder Flugzeug zurücklegen musste. Aber in der Schweiz sind die Entfernungen so gering, dass auch heute die meisten Teilnehmer zu Fuss zur Landsgemeinde kommen – aus alter Tradition.
PS: Der sehenswerte Film „Die göttliche Ordnung“, der kürzlich auch in deutschen Kinos angelaufen ist, spielt in Appenzell Ausserrhoden. Der Unterschied ist nicht banal: Innerrhoden ist katholisch, Ausserrhoden reformiert – die Trennung fand 1597 statt. Und in Ausserrhoden führten die Männer 1989 das kantonale Frauenstimmrecht ein, als es dort noch eine Landsgemeinde gab, und mussten nicht wie in Innerrhoden vom Bundesgericht dazu gezwungen werden.
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