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Die erste Besteigung des Eiger
Nach Originalbericht des BesteigersVon Paul Montandon
( Thun ) Die erste Besteigung des Eiger erfolgte bekanntlich am 11. August 1858 durch Charles Barrington ( nicht Harrington ), einen jungen Engländer, dem jegliche alpine Erfahrung abging. Seine Führer waren die Grindelwaldner ( Christen ) Almer und ( Peter ) Bohren1. Die Partie hatte sich immerhin vorher durch Übergang über die Strahlegg und Besteigung der Jungfrau vom Faulberg aus eingelaufen und gegenseitig aneinander gewöhnt. In Grindelwald machte Barrington, nach seiner Rückkehr, nicht viel Wesens aus diesen zwei Touren und erhielt im Hotel Bären die Entgegnung: « Nun, so probieren Sie den Eiger oder das Matterhorn », die beide noch unbestiegen waren. Er sagte « all right » und entschloss sich kurzerhand für den Eiger, der so gewaltig zum Fenster hereinschaute. Nach einer Nacht mit aufgelegtem Beefsteak auf dem verbrannten Gesicht, vereinbarte er sich mit den genannten Führern, und so stiegen denn die drei am Nachmittag des 10. August zur Wengernalp hinauf, unterwegs eine Stunde mit Kartenspielen verbringend. In Grindelwald war die Unternehmung von verschiedenen Seiten als « Gefährdung von Familienangehörigen » scharf getadelt worden, wie Ch. Barrington in einem Brief an seinen jüngeren Bruder Richard ( reproduziert im « Alpine Journal » XI von 1882 ) berichtet.
Als das Trio endlich um Mitternacht auf Wengernalp anlangte, war das Haus vollständig besetzt. Barrington warf sich für kurze Zeit auf ein Sofa, und um 3% Uhr früh machte sich seine Partie, unter Mitnahme einer Flagge, auf den Weg. Unterwegs beschied sich unser Freund keineswegs in der Rolle eines willenlos Geführten. Mit Hilfe eines Fernglases wählte er seinen Weg selber! « Als wir zur Stelle kamen ( schreibt er ), wo man in eine kleine Untiefe absteigt, suchte ich mit dem Glas sorgfältig die Felshänge in unserer Nähe ab. Ich beschloss sodann, diese Felsen anzugehen, statt auf der anderen Seite emporzusteigen, welch letztere Route zweimal vergeblich versucht worden war. Almer und Bohren sagten aber, mein Weg sei nutzlos, und lehnten ab, ihn einzuschlagen. „ All right ", sagte ich, „ Ihr möget hier bleiben, ich will 's probieren. " ( Hatte B. einen Pickel oder wohl nur einen Bergstock ?) So stieg ich denn 300 oder 400 Yards über einige glatte Felsen aufwärts bis zu einer senkrechten Stufe. Hier rief ich laut, schwang die Fahne und forderte die Führer auf, nachzukommen. Dies taten sie, nach etwa fünf Minuten mich einholend. Auch hier erachteten sie das Weitergehen als unmöglich und ich, entgegnend: „ Ich will 's versuchen !" Das Seil um die Schultern geschwungen, machte ich mich also allein auf den Weg. Wie eine Katze klammerte ich mich an die Felsen. Sie schnitten mir in die Finger, aber ich gelangte auf diese Weise 50 oder 60 Fuss in die Höhe. Mit Hilfe des Seiles folgten auch hier die Führer.
1 Ch. Barringtons Originalbericht enthält keine Vornamen. Die Alpen - 1946 - Les Alpes4 DIE ERSTE BESTEIGUNG DES EIGER Wir markierten nun unsere Route mit Kreidestrichen und kleinen Steinen als Merkmal für den Abstieg. Im weiteren folgten wir genau der Bergkante gegen Grindelwald und warfen dort öfters grosse Steine hinab, deren Aufprall unter den Wolken jeweils vernehmend.
Den Gipfel erreichten wir um Mittag, wobei mir die Führer in freundlicher Weise den Vortritt überliessen. » ( Über die Aussicht sagt C. B. nichts, und auch der Blick in den ungeheuren Abgrund gegen Grindelwald hinab scheint ihn nicht aufgeregt zu haben !) « Nach einem Aufenthalt von bloss etwa 10 Minuten ( wegen drohenden Wetters ) machten wir uns auf den Rückweg. Er nahm vier Stunden in Anspruch. Wir umgingen dabei die steilste Stelle unter Benützung eines Couloirs, in welchem wir aber mit knapper Not einer Lawine entgingen.
Am Fuss des Berges erwarteten uns bei 30 Gäste, und in deren Begleit wanderten wir zum Hotel. Dort zweifelten die Leute daran, dass wir den Gipfel wirklich erreicht hatten. Aber ein Blick durch das Fernglas gegen die aufgepflanzte Gipfelflagge hoch oben belehrte sie sogleich eines Besseren. Der Gastwirt feuerte nun einen dröhnenden Schuss ab zu unseren Ehren, und wir blieben wohl die „ Löwen " des Abends.
So endigte meine erste und einzige Schweizer Reise. Mangels genügend vorrätigen Gelds musste ich das Matterhorn unversucht lassen: ich reiste heim. Nichts hatte die Freundlichkeit Almers und Bohrens überbieten können, und ich bedaure den Hingang des letzteren. Beide waren grossartige Berggänger. Wäre ich nicht disponiert gewesen wie mein Pferd „ Sir Robert Peel ", als ich mit ihm den „ Irish Grand National"-Preis gewann, hatte ich aber nicht die Hälfte meiner Unternehmung erreicht. » Soweit Charles Barringtons Schreiben. In dem Brief, den sein Bruder Richard'Anno 1882 dem Alpine Club schrieb, fügte der Bruder folgendes bei: « Charles sagt, er habe sogleich die Felsen angegriffen und sei im Beginn nirgends über Schnee gegangen.Anno 1876 stieg auch ich mit Peter Bohren auf den Eiger. Bohren zeigte mir bei diesem Anlass einen dem Abgrund entragenden Felskopf, wohl das sogenannte Känzeli, der zirka 3 Yards vom Weg absteht. Charles B. habe diese Kluft seinerzeit übersprungen und seitdem niemand mehr. Auf meine Anfrage sagte mir mein Bruder, er erinnere sich dieses Felskopfs sehr wohl, nicht aber, ob er ihn seinerzeit im Sprung erreicht habe. » Dies ist der authentische, trockene Tatsachenbericht einer siegreichen Unternehmung, die in der Geschichte des Alpinismus wenig Ähnliches aufweist. Ein junger Mann, ohne jede Kenntnis der Alpen, ihrer Gefahren und der Mittel ihrer Bezwingung, kommt nach Grindelwald. Er vernimmt von Landsleuten, zwei der grossen Gipfel, Eiger und Matterhorn, seien noch unbezwungen. Mit zwei Führern geht er übungshalber und versuchsweise über die Strahlegg und sodann vom Faulberg auf die Jungfrau. Dann geht es ohne weiteres los auf den wohl schon versuchten, aber noch unbestiegenen Eiger — trotz Protest von Gästen und Einheimischen. Der Mann muss betreffs körperlicher Veranlagung, Furchtlosigkeit, Schwindelfreiheit, rücksichtslosen Unternehmungsgeists ein draufgängerisches Phänomen gewesen sein, das sogar einem Christen Almer imponierte und diesen wohl verblüffte. Die beiden Führer waren an solche Unabhängigkeit ihrer Herrschaft nicht gewöhnt. Es war der Stadtherr, der Erfahrungslose, welcher von Anfang an und in der Folge den Weg bestimmte, anbahnte und gegen die Führer durchsetzte. Es war der « Herr », welcher an schwierigen Stellen, das Seil umgeschwungen, mit einer Flagge belastet, voranging und dann den zwei erstklassigen Führern das Seil zuwarf!
Der Abstieg in vier Stunden verrät bedeutende Trittsicherheit von Seiten Barringtons. Ob dieser wegen seines raschen Sieges schliesslich zu beneiden war? Ich glaube nur teilweise. Er kam nachher, wie es scheint, nicht wieder in die Berge zurück und liess auch das damals noch unbestiegene Matterhorn unversucht. Ansonst hätte die. Geschichte dieses Berges vielleicht etwas re\idiert werden müssen. Die ganze Unternehmung, mit ihrem glücklichen Abschluss, wurde für Charles Barrington keineswegs ein Antrieb zu weiteren alpinen Taten. Er zog die Aufregungen der Pferderennen in England vor, und der gewaltige Eiger war für ihn wohl bloss eine Episode.
Unter teilweiser Benützung des « Alpine Journal » XI 1882.