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Soziologische Argumentation zur Abstimmung über die «Ehe für alle». Der Artikel von Michael Ruppen erschien Ende August im Magazin „Zukunft CH“ (5/2021), das unter Bestellformular oder Tel. 052 268 65 00 kostenfrei bestellt werden kann.
„Entferne nie einen Zaun, bevor du nicht weisst, warum er überhaupt errichtet wurde“, meinte der Schriftsteller und Journalist G.K. Chesterton. Denn Zäune wachsen weder aus dem Boden, noch werden sie im Schlaf oder in einem Anfall von Wahnsinn gebaut. Solange wir den Grund für den Zaun nicht festgestellt haben, haben wir kein Recht, eine Axt daran zu legen. Der Grund muss nicht unbedingt ein guter oder relevanter sein; wir sollten uns aber bewusst machen, was der Grund ist. Wie ein Zaun grenzt die bisherige gesellschaftliche Definition der Ehe – wie jede andere Definition – sowohl ein als auch aus. Die Idee der traditionellen Ehe ist: Ein Mann und eine Frau gehen den Bund einer exklusiven lebenslangen Beziehung ein, mit der einzigartigen Möglichkeit, gemeinsam Nachwuchs zu schaffen und grosszuziehen.
Über die Vorteile eines solchen Arrangements wurde bereits in der Antike nachgedacht. So sann beispielsweise Plato über ein Gesetz nach, welches die Sexualität auf den „natürlichen Gebrauch“ innerhalb der Ehe beschränken sollte. Dies habe den Vorteil, dass „es in der Liebe alle leidenschaftliche Wut und Raserei, alle Ehebrüche und alles übermässige Schwelgen in Speise und Trank verbannen und die Ehemänner ihren Frauen ergeben und zugetan machen wird. Und noch viele andere segensreiche Folgen werden aus der Beobachtung dieses Gesetzes entspringen“ („Nomoi – Die Suche nach der bestmöglichen Staatsverfassung“). Die hier vermuteten segensreichen Folgen konnten jedoch in den wenigsten Kulturen beobachtet werden, da aussereheliche Sexualität – inklusive Homosexualität – weitgehend toleriert, wenn nicht sogar hochgehalten wurde. Mit seinem Werk „The Construction of Homosexuality“ hat Dr. David E. Greenberg die wohl gründlichste historische Studie über Homosexualität vorgelegt und kommt zum Schluss, dass Homosexualität in fast allen Kulturen „nicht stigmatisiert oder unterdrückt wurde, solange sie den Normen bezüglich des Geschlechts und des relativen Alters und Status der Partner entsprach“. Die einzigen grösseren Ausnahmen entstanden da, wo nicht länger Götter verehrt wurden, welche der Welt innewohnend waren, sondern welche die Welt transzendierten – und zwar allein im Judentum und Christentum. Den Islam zählt Greenberg interessanterweise nicht zu den Ausnahmen. So können wir anhand der judeo-christlichen Kultur über 3000 Jahre Wirkungsgeschichte studieren. Wir können den Vergleich zu anderen Kulturen ziehen und uns fragen: Was sind die von Plato vermuteten „segensreichen Folgen“, wenn die sexuelle Energie der Männer durch monogame Ehebeziehungen kanalisiert wird?
Leider ist es so, dass wir durch unsere christliche Sozialisierung den Wald vor lauter Bäumen gar nicht mehr sehen. Da hilft mitunter die eine oder andere Sicht von aussen: Als zum Beispiel die chinesische Akademie der Sozialwissenschaften zwanzig Jahre lang untersucht hatte, was für die Vorherrschaft des Westens in der ganzen Welt verantwortlich sei, kamen sie zum Schluss, dass allein „die christlichen moralischen Grundlagen des sozialen und kulturellen Lebens“ den Unterschied ausmachten.[1] Es waren diese Grundlagen, welche „Konzepte wie Freiheit, Menschenrechte, Toleranz, Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Universalität und Umweltschutz“ möglich machten.[2] Als weiteres Beispiel erklärt uns der indische Philsosophie- und Rechtsprofessor Vishal Mangalwadi, dass Reformer in Indien anstelle der Polygamie die christliche Definition der Ehe für ihr Land übernahmen, weil sie erkannten, dass diese Definition der Ehe „den westlichen Frauen eine einzigartige Macht über ihre Männer und Kinder gab. Körperlich, intellektuell, gesellschaftlich und moralisch starke Frauen zogen starke Kinder, starke Männer, starke Gemeinschaften und starke Nationen heran.“. Mangalwadi hebt in seinem Werk „Wahrheit und Wandlung“ zudem die zivilisierende Wirkung der Kanalisierung der sexuellen Energie der Männer durch ihre Ehefrauen hervor: „Wenn er in die richtigen Bahnen gelenkt wird, baut der Sexualtrieb Individuen, Familien und Gemeinschaften auf. Wird er aber ohne die Zügel der Moral und der Weisheit losgelassen, so wirkt er zerstörerisch“. Kaum jemand hat dies eindrücklicher demonstriert als Camille Paglia in ihrem magnus opum „Sexual Personae: Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson“. Auf ihrer Reise durch mehrere tausend Jahre an Literatur- und Kunstgeschichte kommt die sich selber als lesbisch und transsexuell bezeichnende Professorin in ihrem Vortrag „Lessons from History“ zum Schluss, dass ein Drang zur Aufhebung der Geschlechter stets in „der späten Phase einer Zivilisation zu beobachten sei, kurz bevor eine Gesellschaft auseinanderfällt“. Zum gleichen Schluss kam bereits Jahrzehnte zuvor der Cambridge Ethnologe und Anthropologe Joseph Unwin. Er untersuchte achtzig Volksgruppen bezüglich ihres Sexualverhaltens und kam in seinem Buch „Sex and Culture“ zu dem für ihn unerwarteten Schluss, dass mit jeder Erweiterung der sexuellen Gelegenheiten eine Abnahme der sozialen Energie und ein Abstieg des kulturellen Niveaus erfolgt. Die volle Wirkung ist jeweils spätestens mit der dritten Generation bemerkbar. Wenn wir in der Schweiz nun mit dem Begehren konfrontiert sind, die Ehe als „Ehe für alle“ so zu erweitern, dass das Geschlecht der Partner austauschbar ist, so ist das historisch gesehen kein Zeichen des Fortschritts, sondern des wiederkehrenden Zerfalls.
Gemäss den geistigen Vordenkern der Regenbogenbewegung – darunter Horkheimer, Adorno und Butler – ist das Anliegen hinter der „Ehe für Alle“ die Entstigmatisierung jeglicher Art von sexuellen Verbindungen und geschlechtlicher Ausdrucksweise. Daher ist zu erwarten, dass die Ehe erst dann „für alle“ sein wird, wenn alle anderen denkbaren Formen des Zusammenlebens der traditionellen Ehe gleichgestellt sind (Polyamorie, Polygamie, Päderastie, Inzestbeziehungen, Ehe auf Zeit usw.). Wir können davon ausgehen, dass diese Art von Gleichstellung unsere Gesellschaft fundamental verändern wird – denn aus der Arbeit von Greenberg und anderen geht hervor, dass es viel mehr die Werte einer Gesellschaft und weniger individuelle Tendenzen sind, welche das Ausmass von Homosexualität in einer Gesellschaft bestimmen.[3] Die auf judeo-christlichen Werten basierende westliche Kultur ist gewiss alles andere als vollkommen – aber jede bisherige Alternative ist weit davon entfernt, die einzigartige Kombination von persönlicher Freiheit und gesellschaftlichem Wohlstand hervorzubringen. So kommen wir zurück auf die eingangs gestellte Frage: Was haben wir zu verlieren, wenn wir den Zaun der traditionellen Ehe niederreissen? Die Antwort: Wir geben ein zentrales Merkmal der westlichen Zivilisation preis, welches massgeblich zur deren mühseligen Errichtung und Erhaltung beigetragen hat. Daher sollte es unsere Haltung sein, dass wir dem von der Norm abweichenden Individuum grosse Sympathie entgegenbringen, während wir die gesellschaftliche Sonderstellung der Ehe als exklusivem, lebenslangen Bund zwischen einem Mann und einer Frau aufrechterhalten. Auf der persönlichen Mikro-Ebene ist Mitgefühl gefragt – auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene sind klare Standards gefragt.
Natürlich mag jemand einwenden, wie denn heute noch erwartet werden kann, dass sich eine freiheitlich säkulare Gesellschaft judeo-christlichen Werten verpflichten sollte. Auch wenn längst nicht mehr alle im christlichen Sinn gläubig sind, so wird doch zunehmend das historische Verdienst der biblischen Lehre gewürdigt. Kürzlich legte Tom Holland in «Herrschaft – die Entstehung des Westens» ein eindrückliches Zeugnis davon ab und schrieb am Schluss: «Humanistische Werte hatten ihren Ursprung nicht in der Vernunft, nicht in evidenzbasiertem Denken, sondern in der Geschichte». Die Schweiz im Speziellen und die westliche Kultur im Allgemeinen sind ein Glücksfall der Geschichte. Lasst uns diesen nicht leichtsinnig verspielen durch Ideologien, welche Glück versprechen, aber erfahrungsgemäss nur Unglück hervorbringen.
[1] Aikman, David: The Beijing Factor: How Christianity is Transforming China and Changing the Global Balance of Power
[2] Zhuo Xinping: The Significance of Christianity for the Modernization of Chinese Society
[3] Greenberg gibt zu bedenken: „Biologen, die die meisten Merkmale als vererbt betrachten, und Psychologen, die glauben, dass sexuelle Präferenzen grösstenteils in der frühen Kindheit festgelegt werden, schenken der Erkenntnis, dass viele schwule Menschen umfangreiche heterosexuelle Erfahrungen gemacht haben und dass eine ganze Reihe von Heteros einige homosexuelle Erfahrungen gemacht haben, wenig Beachtung“ .