Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03410.jsonl.gz/1646

Kulinarische Macho-Rituale
Es ist kalt, Schnee und Eis auf der Strasse, der Atem gefriert. Der richtige Zeitpunkt um sich mit etwas richtig Scharfem aufzuwärmen. Schliesslich ist im Englischen «hot» gleichbedeutend mit «scharf». Unser Autor hat sich auf die Suche nach dem schärfsten Take Away gemacht. Ihm wurde der «Kôrry Art of Wurst» Currywurst-Stand am Ende der Langstrasse, beim Limmatplatz, empfohlen. «Da ist es richtig scharf», hiess es bei Bekannten.
«Das da wird etwa 10 bis 15 Mal pro Woche bestellt», sagt der junge Mann am Tresen lakonisch. «Das da» ist die schärfste Currywurst der Stadt. Mit einer Chili-Salsa, die annähernd 100 000 Scoville, der Masseinheit für Chili, vorweisen kann (Zum Vergleich: Tabasco-Sauce hat ca 5000 Scoville). Ich bin mich einiges gewohnt, ich hab eine Weile in Südostasien gelebt, und echtes Thai-Essen ist auch schon ziemlich scharf. Aber der junge Mann hinter der Theke warnt mich: «Versuch erst mal ganz nur eine Wursträdchen, du kannst nachher immer noch mehr Salsa auf deine Wurst haben.» (Anmerkung der Redaktion: Der Autor dachte erst, er probiere etwas mit 10 000 Scoville)
Vernünftigerweise folge ich seinem Rat. Der Wurststand musste schon zwei oder dreimal die Sanität rufen, weil Gäste wegen dieser Sauce Schwächeanfälle erlitten.
Ich nehme also ein Wurstscheibchen. Und das wars dann auch schon. Ich brauchte ca 10 Minuten, um sicher zu sein, dass ich weder erblindet, noch sonst irgendwie gesundheitlich geschädigt war. Und dann nochmals 10 Minuten, bis ich wieder sprechen konnte. Der junge Mann bot mir ein Glas Milch an, das ich sicher auch angenommen hätte, wenn ich mich koordiniert hätte bewegen können.
Wie sich 100 000 Scoville anfühlen? Hm, wie soll man das beschreiben? Stellen Sie sich vor, sie rösten die schärfsten Chilischoten, die sie sich vorstellen können, in einer rotglühenden Pfanne. Und dann halten sie sich diese rotglühende Pfanne an die Zunge. So fühlt sich das an.
Wieso tun sich Leute das an? Es gibt Männer (sehr selten Frauen), die Saucen mit bis zu 500 ooo Scoville essen. Ich hab schon bei 100 000 Scoville nichts mehr vom eigentlichen Geschmack des Essens wahrgenommen. Die Schärfefreaks meinen, dass man sich daran gewöhnt. Aber warum um Himmelswillen sollte ich sowas tun? Ich hau mir ja auch nicht mit dem Hammer auf die Finger, bis ich mich daran gewöhnt hab. Vielleicht ist es für gewisse Männer die einzige Möglichkeit, wenigstens ab und zu Tränen zu zeigen. Wer weiss …
Chili ist ein Macho-Ritual. »Weichei» und «Anfänger» wurde ich gestern Abend von Bekannten genannt, die als harte Männer natürlich ohne mit der Wimper zu zucken, eine Flasche dieser Salsa runtergrurgeln würden. In der Pubertät haben wir uns unsere Männlichkeit beweisen müssen, indem wir schauten, wer mehr Shots trinken konnte, ohne zu erbrechen. Oder wer weiter pinkeln kann.
Nun, mit den Chilis haben erwachsene Männer eine Möglichkeit gefunden, Penisvergleiche zu machen, ohne die Hosen herunterlassen. Für mich ist das nichts. Ich muss meine Männlichkeit nicht anhand meines Essens beweisen.
Ich esse gerne scharf. Aber ich verstehe unter «scharf» eine Form des Würzens, die den Geschmack des Essens unterstützt, nicht etwas, dass sämtliche Geschmacksnerven auf Stunden abtötet. Nennt mich «Weichei», damit kann ich leben. Dafür schmecke ich, was ich esse.
PS: Der junge Mann am Tresen isst übrigens nach eigenen Angaben die Sauce auch nicht: « Ich könnte, aber warum sollte ich?», waren seine Worte.
Wo haben Sie schon zu scharf gegessen? Warnungen bitte in die Comments.