Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03213.jsonl.gz/686

Das Birchermüesli ist als vegetarische Speise weltweit bekannt. Es wurde von einem Arzt um 1900 in Zürich erfunden. Welche Ansichten hatte dieser Mediziner und in welcher Beziehung steht das Müesli zum damals vorherrschenden Fleischkonsum?
Als der junge Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867–1939) gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Arbeiterquartier Zürich-Aussersihl seine erste Praxis eröffnet hatte, war er mit Fabriken, Lagerhallen, engem Wohnraum, hohem Alkoholkonsum, familiärem Streit und viel Fleischverzehr konfrontiert. Die mechanische Logik der Fabrik gab den alltäglichen Speisezettel vor: Kohle für die Maschinen, Proteine für die Muskeln, und ewig qualmt der Schornstein. Den harmoniebedürftigen Arzt packte ein Unwohlsein: etwas schien aus den Fugen geraten, Korrektur war nötig.
Eine neue Ernährungslehre
Im 19. Jahrhundert galt ein ernährungswissenschaftliches Eiweissdogma, nach dem der Mensch dann besonders gesund lebe, wenn er viele Proteine verzehre. Den Eiweissen wurden optimale Kraftzufuhr zugesprochen. Aufgrund seiner Erfahrungen mit erfolgreichen Rohkost-Diäten bei erkrankten Personen kamen dem Arzt bald Zweifel an diesem fleischlastigen Glaubenssatz und er entwickelte eine eigene Ernährungslehre, die sich am «Sonnenlichtwert» als qualitativen Massstab für die Bewertung von Nahrungsmitteln orientierte. Qualität statt Quantität sollte nach Bircher im Zentrum der Ernährungslehre stehen. So wiesen rohes Gemüse und Früchte die höchste Qualität auf, da in diesem Speisen die Sonnenenergie noch am unverfälschtesten erhalten sei. Würde Gemüse gekocht, gehe diese Energie sukzessive verloren, so der Arzt. Fleisch sei gänzlich tote organische Materie. Das Tier habe während seines Lebens in Form von Grünfutter Sonnenenergie aufgenommen, doch dieses für sein eigenes Leben verwertet. Daher verfüge das Fleisch, das aus dem Tier gewonnen werde, über keine qualitative Energie mehr und sei als qualitativ schlechtestes Nahrungsmittel zu betrachten.
Ein Müesli für die Welt
In seinem Sanatorium am Zürichberg entwarf Bircher entlang seiner Ernährungslehre eine Apfeldiätspeise, die er schlicht als «d’Spys» bezeichnete: Man nehme einen Esslöffel gezuckerter Kondensmilch, Zitronensaft von einer halben Zitrone, einen Esslöffel aufgeweichter Haferflocken, einen Esslöffel geriebene Nüsse und einen grossen Apfel und reibe diesen mit Haut, Kernen und Gehäuse unter die Haferflocken, den Zitronensaft und die Kondensmilch. Am Schluss kann die Nussmischung aufgestreut werden.Dieses Gericht soll, so der Arzt, den gleichen Protein-, Fett- und Kohlehydratanteil wie Muttermilch aufweisen und ferner verwandt sein mit der Nahrung der Schweizer Alphirten, denen − spätestes seit Johanna Spyris «Heidi» − robuste Gesundheit zugesprochen wird.
Das um 1900 erfundene «Birchermüesli» scheint nach den Aussagen seines Erfinders ein Superfood allererster Güte zu sein. Tatsächlich trat das «Birchermüesli» in der Folge einen internationalen Siegeszug an. Das schweizerdeutsche Wort «Müesli» hat als Einziges in zahlreiche Sprachen der Welt Eingang gefunden.
Rohkost und «gutes Leben»
Die Entdeckung der Vitamine im frühen 20. Jahrhundert sollte Birchers Ansatz wissenschaftlich stützen, doch im 19. Jahrhundert hatte die Schulmedizin für den vegetarischen Arzt nur Spott übrig. Allerdings erfreute er sich innerhalb der Lebensreformbewegung grosser Beliebtheit.
Die zivilisationskritische Ansicht, dass die mechanisch-industrielle Welt die Gesellschaft ins Chaos und in die Krankheit stürze, war um die Jahrhundertwende weit verbreitet. Ein bunter Haufen von Vegetariern, Bodenreformern, Abstinenten, Freiwirtschaftlern, Anarchisten, bisweilen völkisch und okkultisch gesinnten Menschen fanden in der Lebensreformbewegung zusammen, um dem vorherrschenden Materialismus den Kampf anzusagen – eine Art grüne Bewegung avant la lettre.
Hier fand Bircher eine geistige Heimat. Sein Hauptwerk «Der Menschenseele Not» (1927−1933) ist ein psychologisch-philosophisches Werk, das zwischen Weltklage und hoffnungsvollem Reformwunsch mäandriert. Im Zentrum steht seine physiologische Grundüberzeugung, wonach «der Mensch ist, was er isst».
Literatur und Quellen
Letzte Änderung 22.02.2021