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Leserfrage: «Meine Therapeutin will mir Psychopharmaka verschreiben. Aber die machen süchtig, oder?»
Wenn ich Menschen mit einer psychischen Belastung berate, weise ich auf verschiedene Hilfsmöglichkeiten hin, darunter auch mal auf Psychopharmaka. Häufig kommt dann sofort die Frage, ob denn Psychopharmaka nicht alle süchtig machen . Ich kann daher Ihre Angst gut nachvollziehen, sie ist weit verbreitet bei uns.
Doch ist die Angst berechtigt? Können Psychopharmaka süchtig machen? Die Antwort ist komplex, es gibt ein Ja, ein Jein und ein Nein.
Der Gassentest zeigt das Suchtpotential
Beginnen wir mit dem Nein. Die meisten Psychopharmaka haben klar kein Suchtpotenzial. Man kann wissenschaftliche Studien konsultieren, die zeigen, ob ein Medikament das sogenannte Sucht- und Belohnungszentrum des Hirns aktiviert. Man kann Tausende von Betroffenen befragen, ob sie bei einem Medikament eine Sucht entwickelt haben, also plötzlich immer mehr davon benötigten und eine Art Verlangen danach entwickelten.
«Wenn ein Medikament auf dem Drogenmarkt gehandelt wird, hat es in der Regel Suchtpotenzial.»
Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Präsident von Pro Mente Sana
Es gibt aber ein anderes Indiz, das ich fast noch verlässlicher finde: Wenn ein Medikament auf dem Drogenmarkt gehandelt wird , hat es in der Regel ein Suchtpotenzial. Je höher der Preis, umso grösser ist es. Valium lässt sich «auf der Gasse» gut verkaufen, Antidepressiva wären aber absolute Ladenhüter und nicht verkäuflich. Die meisten Psychopharmaka sind dort nicht verkäuflich, haben also kein Suchtpotenzial.
Absetzphänomene bei Antidepressiva können Sucht gleichen
Zur Antwort «Jein»: Es gibt Medikamente, die machen nicht süchtig, verursachen aber Absetzphänomene, wenn sie gestoppt werden. Wenn Sie jahrelang ein Blutdruckmittel einnehmen und plötzlich damit aufhören, fällt eine Bremse weg, und der Blutdruck schiesst in die Höhe. Niemand würde aber bei einem Blutdruckmittel von Sucht sprechen.
Ähnliches kann bei Psychopharmaka passieren. Das betrifft vor allem die Antidepressiva Venlafaxin (Efexor), Duloxetin (Cymbalta) und Paroxetin (Deroxat). Wenn jemand etwa Venlafaxin absetzt, entwickelt er plötzlich grippeähnliche Symptome. Seltsame Temperaturempfindungen, ein Gefühl, als sei man in Watte gepackt, Gereiztheit, Unwohlsein. Körper und Psyche reagieren auf das plötzliche Fehlen eines solchen Antidepressivums.
«Die Absetzphänomene dauern oft nur kurz, manchmal aber auch Monate.»
Thomas Ihde
Daher ist es wichtig, dass man die meisten Psychopharmaka sehr langsam ausschleicht. Sehr langsam heisst über zwei Monate, vier Monate oder noch langsamer, je nachdem, wie lange man das Medikament genommen hat.
Ich habe bewusst drei Antidepressiva erwähnt. Bei ihnen zeigt die wissenschaftliche Evidenz, dass es Absetzerscheinungen gibt. Befragungen zeigen aber, dass das Phänomen wohl viel weiter verbreitet ist, dass es bei den meisten Psychopharmaka dazu kommen kann. Oft dauern die Absetzphänomene kurz, ein paar Tage, manchmal aber Monate.
Manche Antidepressiva haben klar Suchtpotential
Zur Antwort «Ja»: Es gibt Psychopharmaka, die klar ein Suchtpotenzial haben. Das sind Medikamente, die den Schlaf anstossen, Angst lösen, die Muskulatur entspannen, aber eben auch das Suchtzentrum aktivieren – vor allem die sogenannten Benzodiazepine, etwa Temesta, Seresta, Xanax oder Valium.
Auch diese nehmen viele ein, ohne dass eine Suchtproblematik entsteht. Andere schlucken am ersten Tag eine Tablette, und die löst ein wohliges Gefühl im Bauch aus. Am zweiten Tag nehmen sie bereits zwei, weil sich das so gut anfühlt. Am fünften Tag braucht es dazu fünf. Diese Gefahr besteht vor allem bei Menschen, die schon früher eine Suchtproblematik hatten.
Die Benzodiazepine haben viel beigetragen zum schlechten Ruf der Psychopharmaka. Früher wurden sie sehr breit und über Jahrzehnte hin verordnet, bei Schlafstörungen oder «für die Nerven». Das Absetzen war dann oft enorm schwierig, führte zu Schlaflosigkeit, Unruhe oder gar Verwirrtheitszuständen.
Manchmal gibt es keine Alternative zu Medikamenten mit Suchtpotential
Es gibt aber Leute, die diese Medikamente einfach benötigen , und es gibt leider keine gute Alternative. Die Patienten leiden darunter, dass sie zigmal darauf hingewiesen werden, dass sie etwas einnehmen, was süchtig machen kann. Krebspatienten hilft es auch nicht, wenn sie immer wieder zu hören bekommen, dass ihre Chemotherapie zu Haarausfall führen könnte (oder dass sie so teuer ist).
Was würde ich Ihnen also raten? Die Frage nach dem Suchtpotenzial ist wichtig. Informieren Sie sich bei der behandelnden Person, wie genau das bei dem vorgeschlagenen Präparat ist. Fragen Sie aber auch nach Absetzphänomenen. Und vermeiden Sie ein zu rasches Absetzen des Medikaments.