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06.04.2020, 05:00 Uhr
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Seit 2004 hat sich die weltweite Kleiderproduktion verdoppelt. Unter der Billigproduktion leiden die Arbeitnehmenden der Textilindustrie in den Produktionsländern. Nordea Asset Management hat Möglichkeiten eruiert, wie Modekonzerne fairere Löhne bezahlen könnten.
Das Wachstum von "Fast Fashion“, kostengünstige Kleidung, die schnell von Einzelhändlern für den Massenmarkt hergestellt wird, hat in den letzten 15 Jahren zu einer Verdoppelung der weltweiten Kleiderproduktion beigetragen, während gleichzeitig die Dauer, über die ein Kleidungsstück in Gebrauch ist, um 36% gesunken ist. Gemäss Olena Velychko, ESG Analystin bei Nordea Asset Management wird dieser Überkonsum von Kleidung durch mehr Kollektionen, eine schnellere Abwicklung und niedrigere Preise angetrieben.
Die Kleidung verliert schnell an Wert, da sie aufgrund neuer Kollektionen schnell aus der Mode kommt. Zudem erleichtern tiefe Preise, die mittlerweile Standard sind, den Verbrauchern den ständigen Austausch der Kleidung. Das Ergebnis ist ein Verkaufskreislauf, der die gesamte Bekleidungsindustrie durchdringt und nachteilige Folgen für die Arbeitnehmenden hat.
Velychko erklärt die Umstände, die Fast Fashion erst ermöglichen: "Um den Zyklus zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen, wie Kleidung überhaupt so günstig produziert werden kann. Die Verkaufspreise spiegeln nicht die vollen Umwelt- und Arbeitskosten der Produktion wider". Fast-Fashion-Unternehmen, die auf der Suche nach billigen Märkten sind, beziehen ihre Kleidung aus Ländern wie Bangladesch, Myanmar und Äthiopien, von denen einige aufgrund ihres Status als 'Least Developed Country' niedrige Handelszölle für Bekleidung zulassen.
In vielen dieser Länder reichen die gesetzlichen Mindestlöhne nicht aus, um davon zu leben. Auf diesen Märkten gibt es ein grosses Angebot an gering qualifizierten Arbeitskräften, aber wenig vertraglich geregelte Arbeitsmöglichkeiten. Dies bedeutet in der Konsequenz, dass die Arbeitnehmenden bei den Löhnen weniger Verhandlungsmacht gegenüber den Unternehmen haben.
Das Responsible Investments Team von Nordea hat die Auswirkungen geschätzt, die die Erhöhung der Löhne auf ein existenzsicherndes Niveau auf die Fabrikpreise haben würde. Unter Fabrikpreise werden die von den Modekonzernen an die Hersteller gezahlten Preise verstanden.
Die grösste Lücke besteht zwischen den bezahlten Durchschnittslöhnen und den Schätzungen der existenzsichernden Löhne in Bangladesch. Die Löhne müssten sich hier verdoppeln, um ein Niveau über der Armutsgrenze zu erreichen. Nach Bangladesch folgt Indien, wo die Löhne je nach Region um 40% steigen müssten. In Indonesien und Kambodscha wären es 15% bis 25%. China ist das einzige Land in der Studie, in dem die Löhne für Arbeiter in der Bekleidungsfabrik höher sind als das geschätzte Existenzminimums (ca. 35% höher).
Die möglichen Auswirkungen existenzsichernder Löhne auf die Preise, die an die Zulieferfabriken gezahlt werden müssen, hängen stark vom Mix der Beschaffungsländer ab. Unternehmen, die nicht mit ihren Lieferanten über existenzsichernde Löhne verhandeln und nur Mindestlöhne verlangen, müssten gemäss Nordea mit einem Anstieg der Fabrikpreise um 6 bis 13 % rechnen.
Wenn die Mindest- oder Tariflöhne steigen, wirken sie sich auf alle Käufer gleichermassen aus und zwingen selbst Marken, die sich nicht zu existenzsichernden Löhnen verpflichtet haben, mehr an die Fabriken zu zahlen. "Wir sehen darin einen Faktor, der den Gewinnpool der Branche nachhaltig belasten wird, insbesondere für Unternehmen, die sich nicht mit dem Thema befassen", sagt Velychko.
Unternehmen haben nach Meinung der Nordea-Analystin mehrere Möglichkeiten, sich mit der Frage des existenzsichernden Lohns zu befassen. Sie können beispielsweise weitere Länder mit noch tieferen Lohnkosten suchen, doch die Risiken sind hier sehr hoch. Zudem kann dies erhebliche Ressourcen in Anspruch nehmen, zum Beispiel für die Schulung der Mitarbeitenden oder für das Management möglicher kultureller Konflikte. Unternehmen könnten auch daran arbeiten, ihre betriebliche Effizienz zu verbessern, um die steigenden Kosten zu senken. Oder sie könnten ihre Bemühungen auf die Lieferanten konzentrieren, indem sie Standards auf Werksebene einführen, die Arbeitsbedingungen verbessern, die Fluktuation reduzieren und die Gesundheit und Motivation der Mitarbeiter verbessern. Dies würde die Produktivität und Qualität steigern.
Modekonzerne könnten sich auch darauf konzentrieren, das Bewusstsein der Verbraucher zu schärfen und sie darauf vorzubereiten, mehr für Kleidung zu bezahlen. Schliesslich könnten sie in Forschung und Entwicklung investieren, um teure und nicht nachhaltige Elemente ihrer Lieferketten zu ersetzen und Produkte effizienter auf ihren Märkten anzubieten .
"Bekleidungsunternehmen müssen sich mit den ESG-Risiken auseinandersetzen, die mit Löhnen unter dem Existenzminimum einhergehen. Sie sollten sich Brancheninitiativen anschliessen und die Einkaufspraktiken anpassen, und damit ihren Lieferanten die Zahlung von existenzsichernden Löhnen ermöglichen. Wir glauben auch, dass Unternehmen zusammen mit den Lieferanten die Produktivität und Qualität verbessern können, insbesondere in Ländern, in denen Fabriken Schwierigkeiten haben, Mehrwertprodukte anzubieten", meint die ESG-Expertin.
Insgesamt könnte eine nachhaltige Reaktion auf die Herausforderung der nicht-existenzsichernden Löhne dazu beitragen, die Effizienz des eigenen Betriebs und der Lieferanten zu verbessern. Diese Massnahmen würden gemäss Nordea die Transparenz der Produkte und Dienstleistungen gegenüber ihren Kunden erhöhen. Da die Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigeren Bekleidungsangeboten wächst, werden die Bemühungen zur Lösung der Frage des existenzsichernden Lohns nicht unbemerkt bleiben und könnten den Prozess der Unternehmen zur Anpassung ihres Markenwertversprechens an die Nachhaltigkeit beschleunigen.