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Unser interdisziplinäres Projekt erforscht die klinische Praxis der Diagnose und Behandlung von Kindern und Jugendlichen, die wegen Störungen der Geschlechtsentwicklung am Kinderspital Zürich im Zeitraum von 1945-1970 betreut wurden. Das Projekt konzentriert sich einerseits auf eine medizinhistorische Analyse auf Basis der Krankenakten. Aufbauend auf einer existierenden Pilotstudie sollen die verschiedenen Diagnose- und Behandlungsformen genauer untersucht werden. Andererseits plant das Projekt, Interviews mit Menschen zu führen, die während des Untersuchungszeitraums wegen Störungen der Geschlechtsentwicklung behandelt wurden, bzw. in deren Betreuung involviert waren. Auf diesem Weg soll sichergestellt werden, dass die Erfahrungen der Betroffenen voll in die Untersuchung mit einbezogen werden.
Das Projekt stellt die engere Thematik in den Kontext der wissenschaftlichen Medizin nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige Diagnosen, die auch heute unter Intersexualität fallen, haben in diesem Zeitraum einen Bedeutungswandel erhalten oder sind erst eingeführt worden. Neu aufkommende Behandlungsmöglichkeiten wie die Cortisontherapie beeinflussten nicht nur die diagnostischen Möglichkeiten, sondern auch die Definition von Krankheiten. Die wichtigsten Diagnosekategorien, die in dem Projekt vertieft untersucht werden, sind das adrenogenitalen Syndrom, das Klinefelter-Syndrom sowie das Syndrom der testikulären Feminisierung.
Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, die aktuelle Debatte um den Umgang mit intersexuellen Menschen historisch zu untersetzen und die Bandbreite der Lebens- oder Überlebensformen in all ihren Facetten zu beschreiben. Damit wird auch ein wichtiger Beitrag geleistet zur Geschichte der medikalen Kultur in den 1950er und 1960er Jahren.