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In den aktuellen Diskussionen rund um das Thema Vorsorge erhält man das Gefühl, dass sich alle irgendwie betrogen fühlen. Ob Junge, bereits Pensionierte, bald Pensionierte, Frauen oder Männer – viele Schweizerinnen und Schweizer empfinden das aktuelle System als ungerecht. Wie definieren Sie eine gerechte Vorsorge?
Mia Mendez: Die gerechte Vorsorge wird es nie geben. Mir scheint es jetzt jedoch, dass die Medien massgebend dazu beitragen, dass sich alle benachteiligt fühlen. Es gibt, insbesondere bei der zweiten Säule, ein richtiges «Bashing».
Nehmen wir das Beispiel Vermögensverwaltungskosten in der beruflichen Vorsorge: Bei 1200 Milliarden Franken Vermögen sind ausgewiesene Vermögensverwaltungskosten von 5,5 Milliarden Franken eben nicht viel. Oder wie viel bezahlen Sie in Ihrer dritten Säule für einen aktiv verwalteten Anlagefonds? Richtig, weit mehr als die durchschnittlichen 0,5 Prozent, die Pensionskassen bezahlen.
Oder der Gender-Pension-Gap: Wieso vergleicht man verheiratete Frauen mit Kindern mit dem durchschnittlichen Mann, der immer noch häufiger Vollzeit arbeitet? Wieso nicht ledige Frauen mit ledigen Männern (alle ohne Kinder)? Dann gäbe es keinen solchen Gap mehr.
Markus Theunert: Die Ursache des Benachteiligungsempfindens zwischen den Geschlechtern liegt in der ungleichen Arbeitsverteilung: Männer wie Frauen arbeiten zwar insgesamt gleich viel. Bei Eltern kleiner Kinder sind es weit über siebzig Wochenstunden. Jedoch unterscheidet sich die Art der Arbeit: Männer leisten mehr Erwerbsarbeit, Frauen mehr unbezahlte Betreuungsarbeit. Wenn Erwerbsarbeit und unbezahlte Care-Arbeit fair – also hälftig – zwischen den Geschlechtern verteilt wäre, würde sich die Frage erübrigen, welche Transferleistungen in der Vorsorge angemessen sind – sofern für gleichwertige Arbeit auch gleichwertige Löhne bezahlt werden.
Natürlich haben Frauen Anspruch auf eine gute Altersvorsorge, letztlich betreibt jedoch jedes Modell Symptombekämpfung. Um das Problem an der Wurzel zu lösen, müssten Politik, Arbeitgeber und Gesellschaft noch viel deutlicher auf eine egalitäre Verteilung aller gesellschaftlichen Ressourcen und Belastungen hinarbeiten.
Die Gesprächspartner
Wie weit ist das Schweizer System von Ihrer persönlichen «Idealvorstellung» entfernt?
Mia Mendez: Das Dritte-Säulen-Konzept in der Schweiz ist gut diversifiziert, braucht aber Reformen, um neuen Arbeitsmodellen gerecht zu werden. Sich nur auf Umlage oder nur auf Kapitaldeckung zu verlassen, macht keinen Sinn. Andere Länder zeigen, dass es nicht sinnvoll ist, sich nur auf das eine oder andere zu konzentrieren. Und mit der dritten Säule stärken wir die Eigenverantwortung.
Die Politiker sind jedoch gefordert, unsere Sozialwerke moderner auszurichten. Das bedeutet auch, Kompromisse einzugehen. Die Vorschläge von Bundesrätin Keller-Sutter zur Angleichung der Leistungen für Witwen an jene der Witwer unterstütze ich voll.
Markus Theunert: Junge Paare heute wünschen sich mehrheitlich eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und Haus-/Familienarbeit. Mit der Familiengründung schlägt aber die Traditionsfalle zu: Männer erhöhen tendenziell ihr Erwerbspensum, Frauen reduzieren oder unterbrechen ihre berufliche Laufbahn. Die damit verbundene Einkommens- und Vorsorgeschere schliesst sich nie mehr.
Die Praxis zeigt: Junge Eltern unterschätzen, wie viel Kraft es braucht, sich gegen all die traditionellen Normalitätserwartungen zu behaupten. Wenn das nicht beide aktiv wollen und verteidigen, werden sie dort landen, wo sie nie hinwollten: Beim – allenfalls modernisierten – Ernährermodell ihrer Eltern.
Was müsste auf gesellschaftlicher Ebene und auf Systemebene geschehen, dass Ihre Vorstellung real wird?
Mia Mendez: Bei der ersten Säule ist die Umverteilung akzeptiert und sollte jetzt aber nicht weiter ausgebaut werden. Bei der zweiten Säule gehört der Umwandlungssatz aus dem Gesetz gestrichen. Es macht keinen Sinn, einen Wert in einem Gesetz zu regeln, dessen Grundlagen man nicht beeinflussen kann.
Weder Lebenserwartung noch die zukünftigen Erträge lassen sich über das Gesetz bestimmen. Letztlich sind wir alle für unsere Vorsorge verantwortlich. Wie sich eine Familie organisiert, sollte nicht vom Staat diktiert werden. Es zählt das Familieneinkommen, nicht nur das Einkommen des Mannes oder der Frau allein.
Die Ausgestaltung der aktuellen BVG-Reform ist meiner Meinung nach sehr sozial ausgefallen mit den Rentenzuschlägen für 50 Prozent der Versicherten, ohne zu prüfen, ob sie überhaupt von der Reform betroffen sind oder nicht. Im Weiteren würde die Reform tatsächlich helfen, Teilzeitmitarbeitende oder Mehrfachbeschäftigte besser zu versichern. Doch nun wurde von linker Seite bemerkt, dass eine Versicherung auch etwas kostet, und es wurde das Referendum ergriffen. Das ist für mich nicht nachvollziehbar.
Markus Theunert: Es braucht echte Wahlfreiheit, eine freie Wahl zwischen gleichwertigen Alternativen. Dafür müssten die politischen Rahmenbedingungen konsequent so gestaltet sein, dass egalitäre Aufgabenteilungen zumindest nicht benachteiligt werden. Beim Steuersystem, aber auch bei Krankenkassenvergünstigungen, Kita-Subventionen und Co. sabotiert die Politik – bewusst oder unbewusst – das egalitäre Modell, weil sich eine stärkere Erwerbsorientierung für viele Familien schlicht nicht auszahlt. Das ist umso stossender, wenn wir uns vor Augen führen, wie wichtig Fachkräfte für die Volkswirtschaft Schweiz sind.
Völlig aus der Zeit gefallen ist auch der Koordinationsabzug bei der beruflichen Vorsorge, der Teilzeitarbeitende benachteiligt und Vollzeitarbeitende – also oft Männer – privilegiert. Er gehört endlich abgeschafft.
Das Interview wurde schriftlich geführt.