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B.M. AY
„Wir gehen jetzt hier raus, mindestens eine Runde um den Block und danach in den Supermarkt auf der anderen Straßenseite“, sagte Ahmet mit fester Stimme.
Horst holte tief Luft und setzte zum Protest an.
„Keine Widerrede!“ beharrte Ahmet. „Das ist alternativlos. Die einzige Wahl, die ich dir gerade eben noch lasse, ist, ob du mit oder ohne Jacke nach draußen gehst.“
„Kaffee oder Tee?“ fragte Ahmet fröhlich als sie von ihrem Rundgang kommend zurück in Horsts Küche waren.
„Lass mich erst mal hier ankommen“, antwortete Horst. Während er sich in kurzen Abständen immer wieder die Schweißperlen von der Stirn wischte, starrte er eine ganze Weile geräuschvoll atmend auf die Tischplatte vor sich.
Ahmet schaltete den Wasserkocher ein, setzte sich ans andere Ende des Küchentischs, nahm Papier und Stift zur Hand und begann den Rand des weißen Blattes mit allerlei Ornamenten zu verzieren.
„Tee!“ sagte Horst plötzlich. „Schau mal nach was noch im Schrank ist: Kamille, Salbei, Pfefferminze. Nimm irgendwas, nur keinen Schwarzen.“
„Besser jetzt?“ fragte Ahmet vorsichtig, als sie sich schließlich gemeinsam bei einer Kanne Kräutertee am Küchentisch gegenübersaßen.
„Geht so“, antwortete Horst leise. Dann nahm er einen großen Schluck Tee aus seinem Humpen und fuhr fort: „Danke, dass du mich gezwungen hast mit dir diesen Ausflug nach draußen zu machen. – Sagt mein Verstand.“
„Und der Bauch?“ wollte Ahmet wissen. „Mach das nie wieder mit mir, Ahmet!?“
„Jetzt wo du es so offen aussprichst, kann ich genauso offen sagen, dass mein Bauch genau das gesagt hat. Immerfort, die ganze Zeit, die wir unterwegs waren“, antwortete Horst erstaunt und erleichtert zugleich. „Kannst du Gedanken lesen?“
„Ganz sicher nicht“, entgegnete Ahmet. „Aber ich habe auch einen Bauch, einen menschlichen, einen voller Gefühle. Selbst wenn wir als Kinder eine andere Muttersprache gelernt haben und kulturell sehr verschieden geprägt wurden, die Gedanken, die unser Kopf mit seinem Verstand produziert sehr unterschiedlich sein mögen; das Grummeln und Unbehagen im Bauch, die Signale, die er in unser Bewusstsein sendet, sind doch bei allen Menschen ziemlich gleich, wenn sie voller Ängste und Sorgen sind. Das jedenfalls ist meine Meinung. Und auch die Gedanken, die unser Kopf spontan aus diesen Gefühlen und Signalen macht, sind – jedenfalls bevor sich der Verstand einschaltet – wahrscheinlich in allen Kulturen sehr ähnlich.“
„Ist Freude nicht auch eins von den Gefühlen, das uns über alle Grenzen hinweg verbindet?“
„Ganz sicher“, bestätigte Ahmet. „Und wir teilen sie jederzeit gerne und sehr offen mit Freunden, aber auch mit Fremden.“
„Warum dann nicht die Angst?“
„Weil, die zu den „negativen“ Gefühlen gehört, die absolut keiner haben will! Mir jedenfalls haben sie austrieben über meine Ängste zu sprechen. Da war ich noch ein ganz kleiner Bub. Wann immer ich mich damit an die Erwachsenen wandte, taten die alles, um mich möglichst schnell davon zu überzeugen, dass meine Angst völlig unbegründet sei.“
„Bei uns war das doch nicht anders. Sogar untereinander haben wir in der Clique die verhöhnt, die Angst zeigten. Das taten wir umso lauter je größer unsere eigene Angst war. Aber wird sie nicht immer größer, penetranter und verstörender, je verbissener wir versuchen sie aus unserem Leben zu verbannen?“
„Richtig, und genau deshalb funktioniert die Steuerung ganzer Völker über die Angst so bemerkenswert gut.“
„Nimm eine Portion universeller Angst und pflanze sie in die Seelen deiner Untertanen ein. Weise gleichzeitig unmissverständlich darauf hin, dass diese Angst unter keinen Umständen mit anderen zu besprechen oder öffentlich einzugestehen ist. Denn wer grundlos Angst hat, gehört im Interesse der Allgemeinheit weggesperrt. Und wer wirklich berechtigte Angst hat, der hat sie, weil er sich wohl tatsächlich etwas zu Schulden hat kommen lassen. Diese wiederum werden weggesperrt, im Interesse des Systems und dessen Verbleib an der Macht. So oder so hat man immer einen Grund aufmüpfige Geister hinter Gitter zu bringen. Die verbleibende Mehrheit wird gelähmt sein von der Angst, dass man ihr ihre Angst anmerken könnte. Wenn das mal nicht eine sehr effektive Art ist, sich Macht zu verschaffen und auch zu erhalten.“
„Lass uns die Runde morgen wieder gehen“, unterbrach Horst.
„Gerne.“
„Meinst du, du kannst das mit mir durchzuziehen, bis ich es schaffe wieder regelmäßig alleine nach draußen zu gehen“, fragte Horst zaghaft.
„Sicher, wenn es nichts weiter ist, als dich raus zu treiben und spazieren zu führen. Aber versprich mir, dass du dir zusätzlich und zeitnah professionelle Hilfe suchst.“
„Wie meinst du das?“
„Ich habe weder die Ausbildung noch die Erfahrung, um dich in jeder Situation so aufzufangen und zu versorgen, dass du keinen Schaden nimmst“, antwortete Ahmet mit fester Stimme.