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Der erste Sklavenhändler der Eidgenossenschaft
Im strahlenden Sommer 2018 hätte man ein düsteres Jubiläum begehen können: 500 Jahre transatlantischer Sklavenhandel. Im August 1518 schloss nämlich König Karl I. von Spanien (der zwei Jahre später unter dem Namen Karl V. «erwählter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation» wurde) mit Lorenzo de Gorrevod einen Vertrag. Der flämische Edelmann erwarb sich einen sogenannten «asiento de negros», das Monopol zur «Lieferung» von 4000 afrikanischen Sklavinnen und Sklaven auf die amerikanischen Märkte. So weit, so bekannt.
Kaum bekannt ist hingegen: Lizenznehmer des dritten «asiento de negros» überhaupt war – ein St. Galler. 1528 erwarb sich der Kaufmann Hieronymus Sailer zusammen mit dem Konstanzer Heinrich Ehinger von Karl V. Recht und Verpflichtung, 4000 versklavte Menschen in die Kolonien zu «exportieren» und dort zu verkaufen, wobei bei den 4000 eine Frauenquote von einem Drittel galt. Sailer war im Januar 1528 in Burgos zu den Verhandlungen bevollmächtigt worden, die er wohl im Auftrag oder in Absprache mit dem Augsburger Handelshaus der Welser geführt hatte.
Neben dem Sklavenhandelsvertrag schloss er noch zwei weitere ab: einen über die Anwerbung von 50 Bergleuten, die nach Santo Domingo überführt werden sollten, und einen über die Erschliessung der Provinz Venezuela. Schliesslich war auch der «Indianersklavenhandel» Teil der Abmachungen mit der spanischen Krone.
Ein hochkompliziertes Geschäft
Sailer war kein Aussenseiter in St. Gallen, sondern in seiner Heimatstadt gut vernetzt. Mitglieder seiner Familie beteiligten sich an der Konquista in Venezuela oder tätigten umfangreiche Finanzgeschäfte mit europäischen Höfen; Melchior Grübel (Mitglied der Gesellschaft zum Notenstein) verteidigte Sailer im Prozess vor dem Consejo de Indias wegen Verbrechen gegen die indigene Bevölkerung; Bürgermeister Vadian nannte ihn «Vetter».
Ob die beiden tatsächlich verwandt waren, ist Gegenstand von weiteren Forschungen. Sicher ist, dass sie in regem Briefwechsel standen und Vadian, selber aus einer reichen Fernhandelsfamilie stammend, sich für Sailer einsetzte, als es zu einem Streit mit Schwiegervater Welser kam.
Hat Sailer vom Sklavenhandel profitiert? Der deutsche Sklavereihistoriker Michael Zeuske sieht beim «gigantischen und hochkomplizierten Geschäft» noch Forschungsbedarf, geht aber davon aus, dass es Gewinn gegeben haben muss. Die Sklavenhandelsgeschäfte der Welser wurden nämlich nach 1528 nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch ausgeweitet. An der Universität Konstanz befasst sich jedenfalls eine aktuelle Dissertation unter der Leitung von Prof. Dr. Kirsten Mahlke mit der «El Dorado»-Blase und der europäischen Kapitalmarktentwicklung, zudem ist auf 2021 eine Ausstellung über die Konquistadoren und Sklavenhändler vom Bodensee geplant.
Sailer genoss «grosse freyhait»
Die Frage nach möglichen Profiten ist im Übrigen gar nicht so relevant. Für die versklavten Menschen spielte es jedenfalls keine Rolle, ob sie mit Gewinn oder mit Verlust in die Neue Welt deportiert und dort zu Tode geschunden wurden. Spannender scheint die Frage, ob die finanzielle Beteiligung eines Geschäftsmannes aus der kleinen Schweiz bei riskanten europäischen Grossprojekten schon damals ein Vorteil gewesen sein könnte. Immerhin heisst es im Kontext eines späteren Kreditgeschäfts mit Holland, der Name Sailer sei verwendet worden, weil «ain aydgenoss vnd die aidgenossen grosse freyhait auch verbündnus mit dem könig zu haben fürgeben».
Bis anhin ging man in der postkolonialen Geschichtsschreibung davon aus, dass die Verstrickungen der Schweiz mit der Sklaverei und dem europäischen Kolonialprojekt Ende 17. Jahrhundert begannen, als in Surinam erste Plantagen in Genfer Händen und auf Jamaika Basler und Zürcher Sklavenbesitz nachgewiesen sind. Mit Hieronymus «Jerónimo» Sailer aus St. Gallen muss man den Eintritt unseres Landes in den atlantischen Sklavenhandel gut 150 Jahre vordatieren.