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Dieter Koch, Der Stierkampf des Gilgamesch, S. 16-22.
© 2007 Dieter Koch, Josefstr. 137, 8005 Zürich
Es scheint, daß alle Völker, die sich mit dem Sternenhimmel beschäftigen und Sternbilder kennen, seien es Jäger- und Sammlervölker oder seien es Ackerbauernvölker, die Sternbilder u.a. zur Bestimmung der Jahreszeiten benutzen. Dies geschieht vorwiegend und am einfachsten in der Weise, daß die Aufgänge und Untergänge von Sternbildern unmittelbar vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang beobachtet werden. Dieses Verfahren ist auch bei Urvölkern weltweit bekannt. Auf den Admiralitätsinseln nördlich von Papua-Neuguinea lebt etwa das Fischervolk der Manus. Ihr Himmel ist bevölkert mit Sternbildern, die Fischer in einem Boot, verschiedene Fischarten und andere Tiere darstellen. Nun gibt es in dieser Weltgegend je nach Jahreszeit viele oder wenige Fische. Wenn die Fische rarer werden, beginnen sie im Osten am Himmel als Sternbilder aufzusteigen. Wenn die Fische zurückkehren, tauchen gleichzeitig die Fisch-Sternbilder im Westen wieder in das Meer ein.[1] Ein anderes Beispiel: die Arawak und Warrau in Südamerika sahen im Sternbild Orion das Buschhuhn, das sie als ihre „Vogelmutter“, d.h. ihren Schutzgeist betrachteten. Zu der Jahreszeit, als dieses Sternbild morgens aufging, waren auch die Schreie der Buschhühner zu hören.[2]
Michael Rappenglück schreibt in seiner Arbeit über die Höhle von Lascaux:
Immer wieder verknüpfen die Völker den Aufgang, die Stellung und den Untergang der Sterne und Sternbilder über dem Horizont in den verschiedenen Jahreszeiten mit den parallel dazu verlaufenden Lebenszyklen der Tiere (und Pflanzen) und Menschen sowie klimatische Erscheinungen. Im ersten Auftauchen des himmlischen Urbilds des irdischen Tieres am frühen Morgen sah man ein himmlisches Zeitzeichen für den Beginn des Fortpflanzungszyklus (Brunst, Paarung, Brut) oder die Bejagung des Tieres.[3]
Die große Bedeutung solcher Verfahren zur Jahreszeitenbestimmung wird uns sofort begreiflich, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der gregorianische Kalender und das Sonnenjahr, wie wir es heute kennen, keineswegs selbstverständlich war, ja bei Moslems und Juden noch nicht einmal heute ist. Ohne solaren Jahreskalender konnte man die Jahreszeit am einfachsten durch Beobachtung der Sternbilderaufgänge feststellen. Auch in Mesopotamien, wo Lunisolarkalender verwendet wurden, die nur durch Einfügung von Schaltmonaten mit dem Sonnenjahr in Einklang gebracht werden konnten, konnte diese Schaltung durch die Beobachtung von Sternaufgängen gesteuert werden. Diese Methode beschreibt der berühmte astronomische Keilschrifttext MUL.APIN. Allerdings leidet sie darunter, daß die Korrelation von Sternbildern und Jahreszeiten sich infolge der Präzession des Frühlingspunktes im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert. Zuverlässiger, wenn auch aufwendiger, war die Einrichtung von Sonnenobservatorien, von denen aus beobachtet werden konnte, in welcher Richtung die Sonne auf- und unterging. Speziell in der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit war dieses Verfahren in weiten Teilen Europas bekannt. Als schöne Beispiele hierfür sind in den letzten Jahren die Kreisanlage von Goseck in Sachsen-Anhalt sowie diejenige von Schletz nördlich von Wien ausgegraben worden. Bereits um 4800 v.Chr. wurden an diesen Orten die Wintersonnenwende und andere Jahreshauptpunkte mit Hilfe der Beobachtung von Sonnenauf- und Untergangsrichtungen bestimmt.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß auch im alten Mesopotamien, und wohl schon lange vor der Entstehung der ersten Keilschrifttexte, Sternbilder zur Jahreszeitbestimmung verwendet wurden. Bildliche Darstellungen und die erhaltenen Mythen enthalten jedenfalls bei genauer Betrachtung jede Menge astronomischer Anspielungen. Ein eindrückliches und sehr augenfälliges Beispiel ist der altbabylonisch-sumerische Mythos „Die Rückkehr Ninurtas nach Nibru“[4]. Ninurta erschafft die Sternbilder, hängt sie an seinen „himmlischen Streitwagen“ und bittet seinen Vater, den Götterkönig Enlil, ihm einen Sockel für diesen Wagen zu geben. Nun entsprach der „Himmelswagen“, wie man weiß, dem Sternbild Ursa Minor, und stand somit in der Nähe des Himmelsnordpols. Es ist unmittelbar klar, was der Mythos meint. Der Wagen des Ninurta war am Himmelspol festgemacht, die Sternbilder hingen an diesem, und während der Wagen sich drehte, schleuderte er alle Sternbilder im Kreise herum – einerseits im Verlaufe des Tages, aber anderseits auch im Verlaufe des Jahres.
Die astronomische Jahreszeitbestimmung war unter anderem für den Ackerbau sehr wichtig. Ausdrücklich sagt dies der sumerische Text „The Farmer’s instructions“, wenn er lehrt, daß man dann, wenn die Himmelskonstellationen stimmen, mit Ochsen und Pflug aufs Feld hinaus muß.[5] Dieser Text wird durch das Astronomiekompendium MUL.APIN erhellt. Dort begegnen wir u.a. folgenden Sternbildern, die sich alle nahe beieinander befinden: dem Pflug (das nördliche Dreieck), dem Ackermann (Widder) und dem Pflugochsen (Stier). All diese Konstellationen standen im 3. Jt. v.Chr. zum Herbstanfang vor Sonnenaufgang nebeneinander über dem Westhorizont, während über dem Osthorizont die Ackerfurche (Jungfrau) und die durch den Fixstern Spica dargestellte Ähre zu sehen waren. Damit war die Jahreszeit angezeigt, zu der man pflügte und säte. Auf das Problem des Alters der in MUL.APIN aufgezeichneten Himmelsbeschreibungen werden wir sogleich noch zurückkommen. Eines meiner Ziele besteht nun darin, zu demonstrieren, wie die morgendlichen Auf- und Untergänge der Sternbilder die Jahreszeiten, das Ackerbaujahr, die Mythologie und das Denken der Ackerbaukultur abbildeten. Mein Schwerpunkt und Leitfaden wird dabei das Gilgamesch-Epos sein, wobei andere Mythen nur zur Ergänzung beigezogen werden.
Eine astronomische Entschlüsselung des Gilgamesch-Epos haben bereits zu Beginn des 20. Jh. Vertreter des sogenannten Panbabylonismus versucht, also Vertreter der Auffassung, daß alle Mythen und Religionen der Welt – oder zumindest der „alten Welt“ – auf eine babylonische Astralmythologie zurückgehen. Besondere Erwähnung verdient hier Peter Jensen mit seinen beiden Werken „Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur“ (1906/1928) und „Moses, Jesus, Paulus: drei Varianten des babylonischen Gottmenschen Gilgamesch“ (1906-1909). Jensen versuchte nachzuweisen, daß die gesamte Bibel nichts weiter als ein Nachhall babylonischer Astralmythologie sei, und bestreitet, daß ihren Geschichten auch nur ein Körnchen historischer Wahrheit innewohne. Dieser Versuch war nur schon wegen seiner übertriebenen Zielsetzung und seiner radikal antibiblischen und antichristlichen Tendenz – und erst recht zur damaligen Zeit – zum Scheitern verurteilt. Zudem trug er der Tatsache nicht genügend Rechnung, daß die keilschriftlichen Quellen zu seiner Zeit noch ungenügend verstanden waren und man auch wenig darüber wußte, wie man sich im Mesopotamien des 3. Jt. v.Chr. den Sternenhimmel vorstellte. So kam das Thema „Gilgamesch und die Sternbilder“ bald in Verruf.
Erst 1989 wagte es wieder einer, mit einer astralmythologischen Deutung des Gilgamesch-Epos an die Öffentlichkeit zu treten. Es war der Wissenschaftshistoriker und Assyriologe Werner Papke mit seinem Buch Die Sterne von Babylon.[6] Doch die Fachwelt reagierte kühl, denn auch Papkes Arbeiten sprengen auf ihre Art vorgegebene Rahmen. Papke begann seine Laufbahn als Assyriologe mit einer Dissertation[7], in der er den astronomischen Keilschrifttext MUL.APIN auf 2300 v.Chr. datiert – somit 1300 Jahre früher als das heute von der Mehrheit der Gelehrten akzeptierte Datum von etwa 1000 v.Chr.[8] Dies war ein kapitaler Frevel gegen vorherrschende Meinungen und Autoritäten. In der Folge war auch Papkes nächstem Schritt wenig Anerkennung beschieden: Da der erwähnte Keilschrifttext sehr konkreten Aufschluß über das mesopotamische Sternbildersystem zur Zeit seiner Abfassung gibt, versuchte Papke, das Gilgamesch-Epos, dessen Wurzeln ebenfalls im ausgehenden 3. Jt. liegen, u.a. als epischen Ausdruck desselben Sternbildersystems zu interpretieren. Mitschuld an der schwachen Rezeption von Papkes Arbeiten trägt allerdings auch der Umstand, daß Spezialisten in mesopotamischer Mythologie und Religion an möglichen astronomischen Hintergründen dieser Texte schon traditionell desinteressiert sind. Ein weiterer Grund mag sein, daß Papkes im Internet zu findende Texte stark von seinen religiösen Ansichten geprägt sind.[9]
Es wäre jedoch ein unverzeihlicher Fehler, aus irgendeinem dieser Gründe die Arbeiten Papkes nicht zu lesen. Seine Dissertation ist gut fundiert und bis heute nicht widerlegt worden. Sie fand auch Anerkennung bei dem Wissenschaftshistoriker B.L. van der Waerden.[10] Auch Papkes Buch „Die Sterne von Babylon“ ist m.E. ein sorgfältiges Studium wert. Besonders interessant finde ich die Art und Weise, wie Papke verschiedene Episoden des Epos mit Erstaufgängen von Sternbildern oder Untergängen, also mit Jahreszeiten, verknüpft. Hier verdanke ich ihm wichtige Anregungen. Weiter bringt Papke in seiner Deutung des Epos die Bewegungen des Mondes (= Enkidu) und der Planeten, insbesondere des Merkur (= Gilgamesch), ins Spiel. Unter anderem versucht er, das Geschehen von der Erschaffung Enkidus bis zu seiner Ankunft in Uruk mit einem Umlauf des Mondes auf der Ekliptik gleichzusetzen, wobei dieser Umlauf mit der Neulichtsichel bei den Plejaden beginnt, also am Neujahrsabend im Frühling. Diese Idee ist insofern interessant, als das Epos hiermit tatsächlich am Anfang des Jahreskalenders beginnen würde. Zudem wurde die Ekliptik in der babylonischen Astronomie ja auch als der „Pfad des Mondes“ (harrān Sin) betrachtet.[11] Schwieriger scheint – zumindest auf Anhieb – die Identifikation Gilgameschs mit dem Merkur, da dieser Planet in der Astronomie und im Kalender keine vergleichbar wichtige Rolle spielt. Wir werden darauf im geeigneten Moment zurückkommen.
Den jüngsten mir bekannten Versuch einer astralmythologischen Deutung des Gilgamesch-Epos hat der französische Archäologe Jean-Daniel Forest in seinem Werk L’Épopée de Gilgamesh et sa postérité unternommen.[12] Auch diese Arbeit ist revolutionär in ihrer Art und sprengt vorgegebene Rahmen. Er versucht das Epos aufgrund eines symbolischen Systems zu deuten, von dem er meint, daß es bereits im Neolithikum weit verbreitet war. Sein Ausgangspunkt sind dabei Untersuchungen zu den Ausgrabungen in der prähistorischen Siedlung von Çatal Hüyük in der Türkei. Gerade dieser Teil von Forests Arbeit scheint mir sehr interessant. In vielen Fällen bin ich auf ganz anderem Wege auf ähnliche Schlüsse gekommen wie er, und die Art und Weise, wie er denkt und assoziiert, ist der meinigen in der vorliegenden Arbeit ähnlich.[13]
Weiter versucht Forest, das Epos als Abbildung des Jahreslaufs der Sonne zu deuten, wobei dieser zwölf Phasen durchläuft, die den zwölf astrologischen Tierkreiszeichen entsprechen. Hier sehe ich in Forests Werk trotz vieler interessanter Details gewisse Schwächen. Das System der zwölf Tierkreiszeichen ist nachweislich jünger als das Epos, auch wenn der zwölfteilige Tierkreis aus dem uralten Kalenderjahr zu zwölf Monaten (Monden) hervorgegangen ist. Weiter scheint mir, daß Forest die Beschreibungen, die er selbst für die Tierkreiszeichen gibt, mit den Handlungsphasen des Epos m.E. nicht wirklich prägnant in Deckung zu bringen vermag.[14] Prüfenswert scheint mir allerdings Forests Plazierung der Äquinoktien und Solstitien im Handlungsverlauf. Ich werde darauf zurückkommen.
Ein gemeinsamer problematischer Charakterzug der bisherigen astralmythologischen Deutungen unseres Epos muß noch zur Sprache kommen: ein Hang zum Extremismus, zum Revolutionären und teilweise auch zur Maßlosigkeit. Der Panbabylonist Jensen versuchte, wie gesagt, nachzuweisen, daß die ganze Bibel sich aus mesopotamischen Mythen ableitet. Gleichzeitig sprach er ihr jegliche historische Gültigkeit ab und stieß damit erwartungsgemäß auf harten Widerstand. Auch Papke stellt fest, daß manche biblischen Motive sich in mesopotamischen Mythen wiederfinden, doch glaubt er gerade umgekehrt beweisen zu können, daß gewisse religiöse Vorstellungen Mesopotamiens bloß „Perversionen“ biblischer Wahrheiten seien. Es ist klar, daß solche Ansprüche ebenfalls auf Ablehnung stoßen müssen.[15] Forest schließlich versucht im zweiten Teil seiner Arbeit, der etwa doppelt so viel Raum einnimmt wie der erste, zu zeigen, daß die Struktur eines Zyklus von zwölf Phasen, wie er sie dem Gilgamesch-Epos zugrunde legt, auch in ägyptischen, biblischen, griechischen, skandinavischen und indischen Mythen, ja sogar in Voltaires Candide zu finden sei. Auch Forest ist also eine Art von Panbabylonist. Es scheint, als erläge jeder, der die astralen Hintergründe unseres Epos erforschen will, dem Zwang, seine Perspektive übermäßig auszudehnen, und gleichzeitig dem „Fluch“ einer Zielsetzung, die schon auf Anhieb zu hoch erscheint. Und ein Blick auf den Umfang der vorliegenden Arbeit und in ihr Inhaltsverzeichnis wird bei den Lesern wohl den Verdacht erwecken, daß auch ich mich diesem „Fluch“ nicht entziehen kann. Im zweiten Teil meiner Untersuchung versuche ich nämlich im Detail zu zeigen, wie ein Motiv unseres Epos, der Kampf mit dem Himmelsstier, auf einen weltweit verbreiteten, aus dem Neolithikum stammenden Göttin-Stier-Helden-Kult zurückgeht. Man könnte sagen, ich versuche Jacques Cauvins Theorie anhand der Mythologien der Völker und archäologischer Tatsachen so weit als möglich zu konkretisieren. Ich will diese Tendenz zu interkulturellen Vergleichen, der man sich auf diesem Gebiet offenbar nur schwer entziehen kann, den „Fluch des Panbabylonismus“ nennen.
Das Schicksal aller erwähnten Arbeiten – meine eigene, noch „jungfräuliche“ natürlich ausgenommen – war, daß sie bis heute kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn in gerechter Weise gewürdigt werden. In der ausführlich kommentierten Ausgabe des Gilgamesch-Epos von Andrew George aus dem Jahre 2003 fehlt z.B. jeder Hinweis auf diese astralmythologischen Deutungsversuche. Papke fehlt sogar in der Bibliographie! Doch bereits die Tatsache, daß begabte Gelehrte sich immer wieder auf derart vergleichbare Art und Weise in das Epos verbissen haben, müßte Anlaß zur Frage geben, ob nicht doch irgend etwas an der Sache dran sein muß. In Wahrheit muß man geradezu blind sein, um das zu übersehen. Dies gilt sowohl für die astronomischen Andeutungen im Epos als auch für die interkulturellen Analogien. Der Himmelsstier ist nun einmal ein Himmelsstier! Der Orion als „wahrer Hirte des Himmels“ (mulsipa-zi-anna) assoziiert unweigerlich den König von Uruk. Und wenn im Epos einerseits Ischtar zum Himmel hinaufsteigt und den Stier herabschickt, und wenn anderseits das Sternbild Skorpion, das mit Ischchara-Ischtar identifiziert wurde,[16] zur gleichen Zeit heliakisch aufgeht, zu der das Sternbild Stier untergeht, so muß man doch den Schluß ziehen, daß der Mythos auch einen astronomischen Hintergrund hat. Nicht weniger offensichtlich sind die Analogien zwischen Episoden des Gilgamesch-Epos mit Mythen aus anderen Kulturen – sobald man nur den Schritt zu interdisziplinärer Forschung wagt. Leuten wie Jensen, Papke und Forest gebührt das Verdienst, auf derartige Sachverhalte hingewiesen zu haben.
Papkes Verdienste gehen aber noch weiter. Ein großer Stein des Anstoßes ist, wie erwähnt, Papkes Datierung des Textes MUL.APIN – oder zumindest der diesem zugrundeliegenden Himmelsbeobachtungen – auf 2340 v. Chr. statt, wie allgemein angenommen, etwa 1000 v.Chr. Der Text würde damit in eine Epoche fallen, die ihm große Relevanz für die Deutung des Gilgamesch-Epos geben. Nun behandeln zwar die Gegner von Papkes Theorie diese entweder mit Schweigen[17] oder mit Polemik[18]. Dennoch steht Papke – wenigstens was die Datierung von MUL.APIN angeht – keineswegs allein. Der angesehene Wissenschaftshistoriker B.L. van der Waerden hat sich ihm angeschlossen.[19] Ulla Koch weist auf die Problematik ebenfalls hin.[20] Pettinato, dem Papkes Arbeiten anscheinend unbekannt sind, erwähnt einen Artikel des Astronomen Vladimir Tuman, der die Tafel I von MUL. APIN mit Papke auf das Jahr 2048 datiert und dafür auch noch ein zusätzliches Argument findet, auf das ich noch kommen werde.[21]
Aber wie immer die Frage der Datierung von MUL.APIN am Ende entschieden werden mag – man sollte bei alledem auch nicht verkennen, daß einige der astralmythologischen Deutungen der erwähnten Autoren guten Sinn ergeben. Papke hat z.B. die Himmelsstierepisode sehr einleuchtend auf die Saatzeit und den morgendlichen Untergang des Himmelsstiers gedeutet.[22]
Bleibt die Frage, wie ich selbst dem „Fluch des Panbabylonismus“, übertriebenen und „unkonformen“ Ansprüchen und Zielsetzungen zum Opfer zu fallen, entgehen will. Ich weiß tatsächlich nicht, ob mir dies gelingen kann. Immerhin ist meine Deutung des Epos im Grunde sehr einfach. Es handelt – als ganzes! – von den Mysterien der feuchten Jahreszeit, die im Herbst beginnt und mit den Überschwemmungen im Frühling endet. Ich glaube auch, daß dieser Aspekt meiner Arbeit jeden offenen Geist überzeugen muß. Anspruchsvoller ist meine Absicht, diese Mysterien in umfassender Weise zu verstehen und verständlich zu machen. Wie weit mir dies gelingt, darüber wird sich die Rezeption vermutlich am stärksten auslassen.
aus:
Dieter Koch, Der Stierkampf des Gilgamesch, S. 16-22.
© 2007 Dieter Koch, Josefstr. 137, 8005 Zürich
[1] Hoeppe, „Leben mit den Sternen. Die Astronomie der Manus in Papua-Neuguinea“, in: Sterne und Weltraum, 12/1999, S. 1046ff.
[2] Rappenglück, Eine Himmelskarte aus der Eiszeit?, S. 245.
[3] Rappenglück, Eine Himmelskarte aus der Eiszeit?, S. 114.
[4] ETCSL 1.6.1. (“The Return of Ninurta to Nibru”).
[5] ETCSL, „The Farmer’s instructions“, http://www-etcsl.orient.ox.ac.uk/section5/tr563. htm, 38f.
[6] Papke, Werner, Die Sterne von Babylon. Die geheime Botschaft des Gilgamesch – nach 4000 Jahren entschlüsselt, Bergisch Gladbach, 1989 (Gustav Lübbe).
[7] Papke, Werner, Die Keilschriftserie MUL.APIN, Dokument wissenschaftlicher Astronomie im 3. Jahrtausend, Dissertation, Tübingen, 1978.
[8] Hunger/Pingree, MUL.APIN, S. 10ff. Johannes Koch, Rezension von Werner Papke, S. 213-222.
[9] Online-Artikel Papkes und Hinweise auf seine Bücher finden sich unter: http://www.dr-papke.de/.
[10] van der Waerden, AHES 29, S. 109-112.
[11] MUL.APIN I iv 31; 38; II i 1ff. Als „Pfad der Sonne“ dagegen in MUL.APIN II i 49-57.
[12] Forest, Jean-Daniel, L’Épopée de Gilgamesh et sa postérité – Introduction au langage symbolique, Paris 2002 (Paris-Méditerranée).
[13] Erste Hälfte des Buches bis S. 84.
[14] Man vergleiche die von Forest gegebenen Beschreibungen der Tierkreiszeichen von S. 84-91 mit seiner Darstellung der Handlungsphasen des Epos auf S. 101-194.
[15] Z.B. kommt Papke in seinem Artikel Mithras oder Jesus zu dem Schluß: „Folglich ist Tammuz kein anderer als der Pseudo-Messias von Babylon, die fast perfekte Imitation und Perversion des verheißenen Erlösers. … Natürlich kannte man auch in Sinear (= Sumer, D.K.) die Verheißung des Erlösers vom Tod, das sogenannte Ur-Evangelium (Proteuangelion), das Noah und seine Söhne aus der Zeit vor der Sintflut herübergerettet hatten, und das uns auf den ersten Seiten der Bibel getreulich überliefert ist.“ (http://www.kahal.de/036-WP-B00.pdf).
[16] MUL.APIN I.ii.29.
[17] Hunger/Pingree, Astral
Sciences in
[18] Johannes Koch, Rezension von Papke; derselbe, Neue Untersuchungen zur Topographie des babylonischen Fixsternhimmels.
[19] van der Waerden, AHES 29, S. 109-112.
[20] Ulla Koch et alii, „Eine neue Interpretation der Kudurru-Symbole“, S. 94, Fußnote 2.
[21] Tuman, „Astronomical Dating of MUL.APIN tablets“; s. Pettinato, La scrittura celeste, S. 85ff.
[22] Papke, Die Sterne von Babylon, S. 44ff.; Jensen, Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur, S. 92.