Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/1922

Flugmeeting 24.8.1930 in Willisau
A
B
C
B1
D
C1
E
Auszug aus dem Artikel von Pius Schwyzer erschienen in Heimatkunde Wiggertal 2011, 68. Ausgabe, Buchverlag Heimatvereinigung Wiggertal, Willisau 2010.
1930 druckte die damalige Willisauer Volksblatt AG eine Ansichtskarte, welche die Westansicht der katholischen Pfarrkirche von Willisau und einen Teil der alten Stadtmauer zeigt. Darüber schwebt ein grosser Doppeldecker (B + C). Das Bild erinnert an die Flugschau, die am 24. August 1930, auf dem Ettiswilerfeld stattfand. Die beiden Willisauer Lokalzeitungen („Willisauer Bote“ und „Willisauer Volksblatt“) warben für den Anlass (B + C) und berichteten nachher eingehend darüber.
Es verwundert aus heutiger Sicht, wie sich die Bevölkerung von Willisau und Umgebung vor rund 90 Jahren für die Fliegerei begeistern liess und von einem eigentlichen Flugfieber befallen war. Gegen 10‘000 Zuschauer sollen von allen Seiten zum Flugmeeting angereist sein.
Die Pioniere der Luftfahrt vertrauten kühn der Technik und liessen sich durch Misserfolge und Abstürze nicht von ihren Träumen und Visionen abhalten. Die Bevölkerung staunte über die gewaltigen technischen Möglichkeiten, und der Staat scheute sich nicht, finanzielle Mittel bereitzustellen.
Der Flugtag von Willisau war vorerst auf den 17. August 1930 vorgesehen, musste dann aber wegen schlechter Witterung um eine Woche verschoben werden. Man fürchtete, auf regennassem Boden könnten die Flugzeuge Schaden nehmen oder überhaupt nicht landen oder starten. Das folgende Wochenende brachte ideales Flugwetter. Schon am Samstag trafen zwei Maschinen ein, die von den Piloten Rudolf Herzig und Walter Eberschweiler gesteuert wurden. Zwei weitere Flugzeuge landeten am Sonntag 24. August. Der berühmte Luftfahrtpionier Walter Mittelholzer setzte mit seiner Maschine erst am Sonntagnachmittag um vier Uhr auf. Er musste auf seinen vorgesehenen Akrobatikflug verzichten, da sein Flugzeug von den Behörden für diesen Zweck nicht zugelassen war. Als illustrer Gast traf in Begleitung von Major Hermann Nabholz der englische Vice-Marshal Sir Sefton Brancker ein. Aus Luzern kam Pilot Gloggner, aus Bern Dr. Rubin von Müllenen und ein Vertreter des Eidgenössischen Luftamts. Letztlich befanden sich auf den Ettiswilerfeld zehn Flugzeuge. Leider finden sich in den Berichten keine genauen Angaben über die Flugzeugtypen. Rudolf Robert Boehlen glänzte als Fallschirmspringer. Mehrmals liess er sich mit einem Motorflugzeug hinauftragen und sprang aus der Maschine uns landete zielgenau auf dem Flugfeld unter tosendem Applaus der Zuschauer.
Pilot Herzig vollführte gewagte Akrobatikfiguren: Trudeln, Looping, Rollen und Rückenflug. Die Zuschauer schrien vor Angst auf, klatschten dann Beifall und bewunderten die Kühnheit des Fliegers. Die Willisauer Stadtmusik und die Feldmusik Ettiswil füllten die Programmpausen mit ihren Musikvorträgen.
Passagierflüge wurden schon am Samstagnachmittag angeboten. Über 60 Personen nutzten die Gelegenheit und wagten den Flug. Den ganzen Sonntag drängten noch mehr Leute zur Billettkasse. Wer dem Flugverkehr nur zuschauen wollte, musste für den Zutritt zum abgesperrten Flugfeld einen Franken bezahlen. Kinder bis zwölf Jahre hatten freien Zugang. Verschiedene Wettbewerbe füllten die Kasse der Veranstalter. Man konnte die Flughöhe und Geschwindigkeit bestimmter Flugzeuge schätzen und Preise gewinnen. Auch ein Flugpostbüro war eingerichtet worden. Viele Anwesende kauften Ansichtskarten und adressierten sie an Verwandte oder Bekannte. Die Willisauer Flugpostkarten werden heute unter Philatelisten gehandelt.
Der grosse gelbe Ballon „Rigi“ der von Oberst Ernst Theodor Santschi pilotiert wurde, stieg am Sonntagnachmittag auf, fuhr nach Osten Richtung Buttisholz, überquerte knapp den Sempachersee und landete in Rothenburg. Der Touringclub Luzern hatte für die Autofahrer eine Verfolgungsjagd organisiert. Dutzende Automobilisten versuchten, auf Haupt- und schmalen Nebenstrassen der Fahrt des Ballons zu folgen. Wer als erster auf dem Landeplatz eintraf, erhielt eine Auszeichnung. Der Aufstieg von tausend kleinen Luftballons, der Abwurf von Flugblättern und Fähnchen sorgten für weiteres Spektakel. Die Lokalzeitungen meldeten in der folgenden Woche die Namen der verschiedenen Wettbewerbsgewinner. Darunter finden sich Personen, die sogar von Ballwil, Zug, Zofingen, Schöftland, Root, Langenthal oder Horgen angereist waren. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass dieser Flugtag unfallfrei verlief. Am Schluss dankten die Organisatoren über die installierte Lautsprecheranlage dem Publikum für Disziplin und Ordnung. In den umliegenden Gaststätten klang der denkwürdige Tag fröhlich aus.
Für Sonderflüge konnten die Linien ab Bern oder Zürich, seltener auch Basel und ganz selten Genf benutzt werden. Das Porto war für Karten im Inland 25 Rp., eingeschrieben 65 Rp., Briefe im Inland 35 Rp., ins Ausland 50 Rp. Es gibt zwei verschiedene Karten (B + C) die sich durch die unterschiedliche Platzierung des Druckereinamens (siehe B1 + C1) unterscheiden. Bei der Karte C handelt es sich wahrscheinlich um eine zweite Auflage. Auf allen Karten und Briefen befindet sich der violette oder blaue Zusatzstempel A („Flugmeeting Willisau, August 1930“). Zu Werbezwecken wurde wahrscheinlich von privater Hand eine Etikette mit der Aufschrift „Flugmeeting auf den 24. August verschoben“(D) abgegeben. Besucher mussten eine Eintrittskarte (E) für CHF 1.00 kaufen.
Brief Drucksachen Nachnahme, vermutlich ein privater Zettel, der auf die Verschiebung des Flugtages um eine Woche auf den 24.8.1930 aufmerksam machen sollte.
Gewöhnliche Karte 25 Rp. nach Bern
Gewöhnliche Karte 15 Rp. mit Strafporto
Gewöhnliche Karte 25 Rp. nach Horgen
Karte zuerst nach Stuttgart frankiert, dann von Zürich-St. Gallen nach Emmishofen
Gewöhnliche Karte 25 Rp. nach Seelisberg
Eingeschriebene Karte nach Luzern 65 Rp.
Flugpostbrief 35 Rp. nach Willisau
Flugpostbrief nach Zürich 35 Rp.
Seltene Linie ab Genf 25 Rp. nach Ballwil
Karte München via Karlsruhe nach Konstanz. Ankunftsstempel Konstanz auf der Rückseite
Karte Zürich via Stuttgart nach Konstanz
Karte Zürich - Innsbruck, Österreich
Karte Zürich via Mannheim nach Freiburg
Flugpostbrief 50 Rp. ins Ausland
Flugpostbrief Linie Zürich - Basel und weiter nach New York, USA via Le Havre mit dem Schiff
Gewöhnliche Karte vom Flugtag Willisau (24.8.1930) eine Woche später verwendet für Sonderflug St. Gallen - Vaduz (31.8.1930) mit Sonderstempel nach Zürich Wiedikon.
Karte zuerst Sonderflug Ettiswil – Friedrichshafen und weiter mit Zeppelin auf die Bielefeldfahrt mit Landung in Bielefeld. Dies ist die einzig bekannte Zeppelinverwendung im Zusammenhang mit dem Flugtag Willisau.
Quellen: