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| Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)

1. Dialog
4.
Ich ging also zu jener Hütte, die ich von der Ferne erblickt hatte. Dort fand ich einen Greis; er war mit Fellen bekleidet und drehte an einer Handmühle. Er grüßte uns und nahm uns freundlich auf. Wir erklärten ihm, wir seien an dieses Gestade geworfen worden und würden jetzt durch die Seestille an der sofortigen Weiterfahrt gehindert; wir seien ans Land gegangen, um dem natürlichen Wissensdrange nachzugeben, die Bodenbeschaffenheit wie die Kultur der Einwohner kennen zu lernen. Wir seien Christen und deshalb möchten wir vor allem in Erfahrung bringen, ob es in dieser Einöde auch Christen gebe. Jetzt warf sich jener uns mit Freudentränen zu Füßen; immer und immer wieder küßte er uns und lud uns zum Gebete ein. Er breitete Hammelfelle auf den Boden aus und ließ uns Platz nehmen. Dann setzte er uns ein wahrhaft reichliches Mahl vor, ein halbes Gerstenbrot, Wir waren unser vier, er der fünfte. Er brachte auch ein Büschel Kräuter herbei, deren Name mir entfallen ist; sie glich der Minze, hatte viele Blätter und den Geschmack von Honig. Uns mundete dieses süße und wohlschmeckende Gericht gar sehr, und wir aßen uns satt".
Da sprach ich lachend zu unserem Gallus: "Gallus, was hältst du von einem solchen Mahl? Ein Büschel Kräuter und die Hälfte eines Brotes für fünf Männer!" Schüchtern, wie er ist, errötete er bei diesem Necken von meiner Seite und sagte: "Du bleibst immer derselbe; du lassest keine Gelegenheit, die sich dir bietet, vorübergehen, ohne mich wegen meines guten Appetits aufzuziehen. Aber das ist grausam von dir, daß du von uns Galliern verlangst, wir sollten wie Engel leben. Ja, bei meiner Vorliebe fürs Essen kommt mir der Gedanke, auch die Engel müßten essen. Denn was dieses halbe Gerstenbrot betrifft, so würde ich mich schämen, es auch nur für mich allein anzurühren. Jener Cyrenäer allerdings mag damit zufrieden sein; ihn zwingt ja die Not wie die Natur zum Hungern. Schließlich mögen damit auch jene vorlieb nehmen, denen das Schaukeln auf dem Meere alle Lust am Essen benommen hat. Wir sind weit weg vom Meere und, was ich dir schon oft versichert habe, wir sind eben Gallier1 , Doch dieser möge lieber mit seiner Erzählung von dem Cyrenäer weiterfahren". "Natürlich werde ich mich", entgegnete Postumianus, "in Zukunft in acht nehmen, irgend jemand wegen seiner Enthaltsamkeit zu loben, damit ein so unerreichbares Beispiel ja nicht bei unseren Galliern Anstoß errege. Ich wollte zwar von dem Mahle jenes Cyrenäers und auch von den folgenden Mahlzeiten noch mehr erzählen; denn wir blieben sieben Tage bei ihm.Doch ich will davon absehen, damit nicht Gallus den Eindruck bekomme, als wollte ich ihn zum besten halten. Als am folgenden Tage einige der Einwohner uns besuchten, erfuhren wir, daß unser Gastgeber Priester sei; er hatte uns das sorgfältig zu verheimlichen gewußt. Wir gingen dann mit ihm zur Kirche, die unserm Auge verborgen war, weil sie in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen2 hinter einem Berge lag. Sie war in Fachwerk aus gewöhnlichen Zweigen und Ästen hergestellt und sah nicht viel größer aus als die Hütte unseres Gastgebers, in der man nur gebückt stehen konnte. Als wir uns nach den Sitten der Einwohner erkundigten, machten wir die auffallende Wahrnehmung, daß sie von Kauf und Verkauf nichts wissen. Betrug und Diebstahl sind ihnen unbekannte Begriffe. Gold und Silber, das die Menschen als das Höchste preisen, besitzen sie nicht und haben auch kein Verlangen darnach. Als ich nämlich jenem Priester zehn Goldstücke anbot, wies er sie zurück und erklärte in hoher Weisheit, Gold errichte nicht die Kirche, sondern vernichte sie. Wir schenkten ihm dafür einige Kleidungsstücke. Er nahm sie dankbar an. Hierauf riefen uns die Schiffsleute ans Gestade zurück; so schieden wir von ihm. Nach glücklicher siebentägiger Fahrt langten wir in Alexandrien an. Hier lagen Bischöfe und Mönche in schimpflichem Zwiste miteinander3 . Veranlassung oder Ursache davon war: die Bischöfe hatten auf mehreren Versammlungen durch verschiedene Dekrete verboten, die Schriften des Origenes zu lesen oder zu besitzen. Dieser Origenes galt zwar als der gelehrteste Ausleger der Hl. Schrift, allein die Bischöfe wiesen auf manche Stellen in seinen Büchern hin, die ungesunden Geist verrieten; seine Anhänger wagten nicht, diese Sätze zu verteidigen, behaupteten vielmehr, sie seien von den Häretikern in betrügerischer Weise eingeschoben worden4 ; man dürfe daher der Stellen wegen, die mit Fug und Recht getadelt werden, nicht auch alles andere verwerfen. Der Glaube der Leser könne ja leicht soweit unterscheiden, daß er keine Fälschung annehme und das beibehalte, was im katholischen Geiste geschrieben sei. Man dürfe sich aber nicht darob wundern, daß häretischer Betrug sich an neue, unlängst geschriebene Bücher gewagt habe; er habe sich ja mancherorts nicht gescheut, sich an der Wahrheit des Evangeliums zu vergreifen. Indes die Bischöfe blieben hartnäckig bei ihrem Widerstand und zwangen kraft ihrer Amtsgewalt dazu, mit dem Schlechten und mit dem Verfasser selbst auch alles Gute zu verwerfen; es gebe ja noch Bücher mehr als genug, die in der Kirche Aufnahme gefunden hätten. Eine Lektüre, die den Unverständigen mehr Schaden, als den Verständigen Nutzen bringe, sei daher zu unterdrücken. Als ich manche Teile jener Werke mit mehr Aufmerksamkeit las, fand ich an sehr vielem Gefallen, an manchem stieß ich mich. Origenes ist an diesen Stellen ohne Zweifel nicht richtiger Ansicht; allein seine Verteidiger erklären diese Stellen für gefälscht. Ich muß mich wundern, daß ein und derselbe Mann solche Gegensätze in sich vereinigen konnte. Da wo er Billigung verdient, hat er nicht seinesgleichen seit den Aposteln; dagegen behauptet man, da wo er mit Recht Tadel finde, sei niemand auf schimpflichere Irrwege geraten5 .
1: Ammian. Marcell. 1. XY, 12, 4 nennt die Gallier "vini avidum genus" und 1. XVI, 8, 8: "ad lautum convivium . . qualia sunt in his regionibus plurima". Sidonius, Lib. I epist ep. 2: "abundantiam gallicanam".
2: Gegen 3 km.
3: Hiermit sind die origenistisehen Streitigkeiten gemeint, zu denen eine Predigt des Bischofs Epiphanius von Salamis in der Grabkirche zu Jerusalem die nächste Veranlassung war [394]. Der Streit wurde zuerst zwischen Epiphanius und Hieronymus als Gegnern und dem Bischof Johannes von Jerusalem mit Rufinus als Verteidigern des Origenes geführt. Theophilus von Alexandrien sprach sich auf einer Bischofsversammlung [399 oder Anfang 400] in Nitrien, wo Origenes unter den Mönchen begeisterte Anhänger hatte, gegen Origenes aus. Dasselbe tat er im Osterfestbrief 401. Die Mönche beruhigten sich nicht. Deshalb ließ Theophilus im August 401 gegen 300 Mönche mit Militärgewalt aus ihren Klöstern vertreiben.
4: Gegen diese Ausflucht wendet sich Hieron. Ep. 97. 2 Ep. 84, 10.
5: Vgl. Cassiodor, De instit. div. litt. 1: "ubi bene, nemo melius, ubi male, nemo peius."