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Dienstag, Oktober 10, 2006
sPINner
Vor genau 13 Jahren erhielt ich eine Uniform aus dem Hause «Schild» mit dicken goldenen Streifen und einem Hut, der übrigens nie auf meinen grossen Kopf passte. Diese Uniform war das Eintrittsticket in ein Experiment, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.
Schnell habe ich gespürt, dass ich anscheinend Glück hatte und in eine ziemlich heile Welt hinein geraten bin.
Meine Kollegen schienen glücklich, hatten ausser einigen Scherereien mit der Ehefrau und ein paar hübschen Mädchen aus dem Experiment keine Probleme, trugen goldene Pins am Revers die sie als Sportwagenfahrer und Mitglieder exklusiver Gilden auszeichnete und zusammen erstiegen wir jeden Morgen eine sauteure Aluminiumröhre, die Menschen an Orte verfrachtete, an denen sie etwas Glück und Abwechslung suchten.
Die Jahre vergingen wie im Fluge, aus den zwei goldenen Streifen wurden deren Drei und auch bei mir häuften sich die Scherereien mit Lebenspartnerin und hübschen Mädchen aus dem Experiment. Kurz, ich integrierte mich prächtig.
Der Versuchsleiter beobachtete meine Fortschritte mit Wohlwollen und als Überraschung stand plötzlich eine viel grössere Aluminiumröhre vor der Garage, ich musste nur noch viel Mal im Monat antreten und statt 127 Glückssucher, verfrachtete ich fortan 400 Probanden in ferne Länder.
Nicht alles wendete sich aber zum Besten. Die hübschen Mädchen in der grösseren Röhre waren deutlich älter als die in der Kleinen, meine Kollegen trugen Pins von Oldtimern statt von schnittigen Sportwagen und die an einer Handtasche einer Kollegin prangerte der Spruch «I'm here to safe your ass, not to kiss it».
Überhaupt nahm das Bedürfnis der Experimentteilnehmer sichtbar zu, Botschaften über kleine Ansteckknöpfe an der Uniform mitzuteilen. Mitgliedschaften in Gewerkschaften wurden ebenso stolz zur Schau gestellt, wie die Nationalität des momentanen Lebenspartners. Man zeigte Solidarität mit allerlei Völkergruppen und stand tapfer Pate, für die im Wochentakt neu erscheinenden Managementslogans.
Von gut informierten Quellen weiss ich, dass die oben beschriebene Pinflut im direkten Zusammenhang mit der langsamen Verschärfung der Rahmenbedingungen im geschlossenen Experiment stehen. Die Leute fühlten sich zunehmend unwohl und spürten die subtilen Foltermethoden der Versuchsleitung immer deutlicher. So werden wir regelmässig in enge Karbäuschen gesperrt, schauen stundenlang ins direkte Sonnenlicht, bekommen dabei Kopfweh, unterhalten uns in einer in einem Buch festgeschriebenen Geheimsprache (fully left – fully right – neutral – CHECKED), müssen danach literweise Gerstensaft trinken damit die Niere nicht zur Kiesgrube wird und verbringen als Abwechslung eine weitere Nacht im stockdunklen Karbäuschen mit Schlafentzug.
Logisch, dass die Teilnehmer aufmüpfig werden und logisch, dass sie diesen Unmut kommunizieren wollen. Aber auch die Experimentsleitung hat die Zeichen der Zeit erkannt und lässt Pins kiloweise an die Teilnehmer verteilen. Fähnchen vom neuen Allianzpartner, Fähnchen vom noch neueren Allianzpartner mit einem Beilagezettel, den Pin des alten Allianzpartners doch bitte zu zerstören, Fähnchen von der neuen Besitzerin, die liebevoll «Mutti» genannt wird, Fähnchen von der nationalen Ferienagentur und für die Experimentsteilnehmer mit den dicken goldenen Streifen als Zugabe ein Flügelsymbol aus Gold, das bitteschön mit Stolz getragen werden soll.
Ohne es zu merken, hat die ganze Pinproduktion die Experimentsleitung in finanzielle Schwierigkeiten gebracht und es musste gespart werden. Vergütungen wurden kleiner und die Folter in den Karbäuschen länger. Produktivitätssteigerung war das richtige Wort dafür.
Und wie haben die Experimentsteilnehmer darauf reagiert? Natürlich mit Pins! Eine Gruppe aus dem Experiment schmückte sich mit einem gelben Band im Knopfloch. Was für eine Provokation bei einer dunkelblauen Uniform, grünem Lidschatten und einem rot-weiss-blauen Foulard! Die nächste Berufsgruppe befestigte eine orange-rote Plakette über das mit Stolz zu tragende goldene Flügelsymbol und beobachtete richtig: «on board».
Nicht besonders grosses Fingerspitzengefühl zeigten die Teilnehmer der Gruppe der kleinen Aluminiumröhren. Sie waren derart stolz auf ihre neuen roten Pins mit der Aufschrift «STOP», dass sie dies der ganzen Welt zeigen wollten und dabei vergassen, ihre Arbeitsgeräte zu besteigen.
Es folgte umgehend eine Aktion einiger der Gruppe der goldenen Flügelträger. In einer Nachtschicht wurde ein dunkelschwarzer Pin mit schlecht sichtbarem Aufdruck «NO» produziert.
So sitze ich noch immer pinlos und leicht resigniert in einem Starbucks in Manhattan und suche Trost in einer grossen Tasse Milchkaffee. Schon geschlagene 13 Jahre mache ich bei diesem Experiment mit, habe mich stets geweigert irgendeine Plastikplakette an meine Uniform zu heften und habe langsam die Schnauze voll von all den sPINnern.
Ach fast vergessen, vorhin bin ich ausgerechnet an einem Pinshop vorbeigelaufen und habe mir fast einen mit der Aufschrift «need new Job» gekauft.