Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03511.jsonl.gz/929

Feeling Christ's Feelings: the Polish Catholic Sources of Sensibility in Europe
In meiner Dissertation schlage ich eine neue Perspektive auf die Geschichte der Sensibilität in Europa vor. Durch die Analyse der Gedichten und Lieder aus dem Jahr 1707 aus Warschau—mit ihren Wurzeln in der mittelalterlichen zisterziensischen Mystik, der Marienverehrung, dem gregorianischen Gesang und den volksmusikalischen Praktiken—möchte ich argumentieren, dass der polnische Katholizismus und seine Behandlung der Emotionen zur Aufstieg der Sensibilität beitrug.
Ich versuche, den Austausch der Denkgewohnheiten zwischen dem „religiösen“ und dem „säkularen“ Bereich um 1700 und im Laufe des 18. Jahrhunderts zu erforschen. In diesem Zusammenhang habe ich vor, die wichtigste Neuerung der Quelle von 1707 aufzuzeigen: die Transformation des Verständnisses der Europäer von der Mensch-zu-Gott-Beziehung. Es änderte sich von einer vertikalen Beziehung, in der Gott an der Spitze der Grossen Kette des Seins stand, in eine horizontale, in der der leidende Gott ein Mitglied der Gemeinschaft der Laien wurde. In dieser katholischen Vorstellung könnte Christus wie ein zeitgenössischer Mitmensch mitgefühlt werden. Ich habe vor zu beweisen, dass die Philosophie des Zeitalters der Sensibilität ihre Definitionen von Sympathie, Mitgefühl und Mitleid von den Vorbildern der 1707 Lieder übernommen hat. Meine historische Hypothese lautet daher: „Das Zeitalter der Sensibilität konnte sich von den früheren philosophischen Modellen lösen und seine eigenen etablieren, weil es sich die katholischen Denk- und Gefühlsgewohnheiten aneignete.“
In diesem Projekt beabsichtige ich, dass das Studium von Musik und Poesie ein Mittel ist, um die Kulturgeschichte der Sensibilität zu schreiben. Durch eine musikwissenschaftliche und literarische Analyse der historischen Quelle versuche ich, die darin enthaltenen Informationen über die Zeit aufzudecken. Ich folge dabei dem Gelehrten Jean-Pierre Vernant, der „Kontext“ als „Untertext“ behandelt, den nach Vernants Worten „eine wissenschaftliche Lektüre innerhalb der Struktur des Werkes entschlüsseln muss“ (Vernant: 1990, 31). Daher behandle ich die Worte und Noten meiner historischen Quelle als eine oberflächliche Manifestation der Kultur des 18. Jahrhunderts mit ihren sakralen und weltlichen, emotionalen und intellektuellen Sphären.
Kontakt:
Martyna Wlodarczyk
<email-pii>