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„ETH Zürich gehört zur Weltspitze“ – so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen in Schweizer Medien, wenn Resultate eines Hochschulrankings veröffentlicht werden[1]. Die vermeintlich klaren Zahlen lassen sich gut medial vermitteln. Sie bestätigen, dass es um die Bildung – den von PolitikerInnen verschiedener Seiten oft bemühten, einzigen Rohstoff der Schweiz – nicht allzu schlecht steht.
Rankings entstanden nicht als gut verwertbare Zahlenspielerei der Medienbranche (obwohl verschiedene Rankings von grossen Medienkonzernen erstellt werden), sondern auf dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierungstendenz in verschiedenen Gesellschaftsbereichen[2]. Mit dem Instrument des New Public Managements werden nach dem Paradigma des Marktwettbewerbes beispielsweise im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich künstliche Wettbewerbe geschaffen. Solche Wettbewerbe versprechen scheinbare Effizienz, Messbarkeit und höhere Motivation der in den betroffenen Sektoren beschäftigten Personen.
In der Bildung und in der Wissenschaft lässt sich diese Entwicklung in verschiedenen Bereichen beobachten:
- Damit Forschende in einen gegenseitigen Wettbewerb treten können, muss ihre wissenschaftliche Leistung quantifiziert werden. Einfach und effizient ist es, die Anzahl Publikationen und deren Zitationen zu messen. Über die Qualität der Forschung sagen solche Kennzahlen kaum etwas aus, und die Qualität der Lehre kann damit nicht gemessen werden. Hingegen entspricht es ganz dem Wettbewerbsparadigma, dass WissenschaftlerInnen zunehmend dazu tendieren, viele keine Aufsätze an Stelle einer umfassenden Publikation zu veröffentlichen, da sie so ihren scheinbaren wissenschaftlichen Output beeinflussen können[3]. Rückwirkend beeinflusst die Messmethode das Publikationsverhalten.
- Die Leistung von Universitäten wiederum lässt sich aus den einzelnen quantifizierten Leistungen ihres wissenschaftlichen Personals berechnen. Wenn dazu noch Budgetzahlen, eingeworbene Drittmittel, Studierendenzahlen und gewonnene Nobelpreise in die Berechnung miteinbezogen werden, dann hat man bereits die Datengrundlage eines durchschnittlichen Hochschulrankings beisammen[4]. Diese Daten sind frei zugänglich, und lassen sich leicht verrechnen und vergleichen. Die daraus abgeleiteten Rankings bilden die Basis für den Wettbewerb zwischen Hochschulen, auch wenn bei einer leichten Umgewichtung der einzelnen Indikatoren, die Rangliste oft ganz anders aussehen würden.
Aus Effizienzgründen beschränkt sich die Datenbasis meist auf die englischsprachigen Publikationen in den grossen naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen. Für diese sind umfassende Zitationsindexe (z.B. Web of Science von Thompson Reuters) zugänglich und einfach auswertbar. Trotz dem Anspruch auf weltweite Gültigkeit werden Rankings durch die Auswahl dieser Indikatoren zu Gunsten der englischen Sprachregionen verzerrt.
Nicht zuletzt genügen die Rankings auch wegen oft intransparenten Verrechnungsmethoden kaum wissenschaftlichen Ansprüchen. Umso gefährlicher wird es, wenn nun gemäss Ökonomisierungsparadigma per Ranking die „besten“ Hochschulen gesucht werden um die beschränkten staatlichen Beiträge und privaten Drittmittel entsprechend zu verteilen und den „Rohstoff Bildung“ so möglichst effizient zu produzieren. Auf Grundlage der zweifelhaften Datenbasis von Hochschulrankings werden Investitionsentscheide getroffen, welche die wahre Qualität der Forschung und Bildung sehr real betreffen.
Zu Recht setzt sich eine wachsende Front aus WissenschaftlerInnen, Studierenden und Universitätsangehörigen gegen dieses eigentlich „unwissenschaftliche“ Vorgehen zur Wehr. [5]
– Emmanuel Schweizer ist Co-Präsident der Kommission für Internationales und Solidarität (CIS) des VSS. Er studiert seit 2007 interreligiöse Studien an der Universität Bern. Zwischen November 2011 und April 2013 war Emmanuel Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB).
Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.
[2] Kritisch beschreibt der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger diese Entwicklung in „Sinnlose Wettbewerbe -Warum wir immer mehr Unsinn produzieren“, 2010.