Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03348.jsonl.gz/1834

Aus dem Bulletin Rettungsdienst Bielersee, geschrieben von Rebekka Schenkel:
Ich bin ein durchschnittlicher ausgewachsener Biber, bin 80 bis 102 cm lang und habe eine Schwanzlänge von bis zu 35 cm. Ich wiege zwischen 23 und 30 kg. Ich kenne Biber, welche bis zu 45 kg schwer sind. Kurz gesagt, bringe ich mehr Kilogramm auf die Waage als ein Reh. Wisst ihr, ich bin das grösste Nagetier in Europa. Meine Pfoten benötige ich zum Festhalten von Nahrung zum Fressen oder als An-trieb beim Schwimmen. Mein Schwanz dient mir als Ruder beim Schwimmen, als Fettreserve oder als Sitzkissen.
Meine Vorfahren wurden vor circa 200 Jahren in ganz Westeuropa ausgerottet. Dafür gab es drei Gründe. Sie haben mich getötet, weil ich eine Drüse habe, welches ein Sekret produziert. Die Menschen gaben diesem Sekret den Namen Bibergeil. Sie nennen es so, weil sie dachten, dass es potenzfördernd ist. Das ist aber ein kompletter Unsinn. Dieses Sekret dient mir dazu, dass ich mich mit den anderen Bibern, sei es Männchen oder Weibchen, verständigen kann. Denn ich rieche sehr gut und kommuniziere auf diese Weise mit meinen Artgenossen. Ähnlich mit dem Zeichnen einer Katze oder dem Markieren eines Hundes. Auch wurde ich im Mittelalter wegen diesem Sekret getötet, weil durch mein Fressen von Weichhölzern ein natürliches Aspirin/Salicylsäure entsteht. Was ja bekanntlich schmerzlindernd ist. Ich bin sehr froh, können die Menschen heute Aspirin synthetisch herstellen. Zusätzlich wurde ich gejagt wegen meinem sehr dichten Fell. Menschen haben auf einer Fläche von einem Fingernagel circa 500 Haare. Mein Fell hingegen hat 20`000 Haare, auf der gleich grossen Fläche. Aus diesem Grund weist mein Fell eine sehr hohe Isolation auf. Es dient mir, dass ich auch im Winter im Wasser nicht friere. Der dritte Grund für das bejagen war mein Fleisch, welches angeblich sehr schmackhaft sein soll. Die Menschen im Mittelalter glaubten, dass ich ein Fisch sei. Deshalb erlaubte die Kirche den Gläubigen, mich an Freitagen zu essen. Aus all diesen Gründen, bejagte mich der Mensch, bis es keine Biber mehr gab.
1950 / 1960 wurden meine Ahnen, der europäische Biber, aus Russland und Norwegen im Raum Genf ausgesetzt. Entgegen der Vermutung, waren es keine Tierschützer, sondern es waren ein Kunstmaler und ein Philosoph. Die beiden Menschen haben meine Vorfahren zurück in die Schweiz gebracht. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass ich auf diese Weise den Weg zurück in die Schweiz finden konnte. 1979 lebten etwa 100 Biber in der Schweiz. 1992 wurde der erste Biber im Seeland, in Dotzigen gesichtet. Im Jahr 2000 schwamm der erste Biber von der alten Aare herkommend nach Aarberg. Zählungen zur Folge, lebten im Jahr 2008, 2500 Exemplare von mir in der Schweiz und 2021 geht die Schätzung von 3500 bis 4000 Bibern aus. Ein Drittel aller Biber in der Schweiz leben zurzeit im Kanton Bern. Die genaue Anzahl der letzten Zählung ist noch nicht bekannt.
Ich bin ein reiner Veganer. Fische oder Fleisch schmeckt mir überhaupt nicht. Am liebsten habe ich Wasserpflanzen. Ein Konfliktpotential mit den Menschen ist meine Vorliebe für Feldfrüchte, welche in Wassernähe angebaut werden. Rüben oder Mais stehen auf meiner Speisekarte. Wenn ihr Glück habt, könnt ihr mich auch wie eine Kuh grasen sehen. Viele fragen mich, warum ich eigentlich Bäume fälle. Die Antwort ist ganz einfach, weil ich nicht klettern kann. Ich muss den Baum fällen, damit ich an die zartere Rinde und an die Blätter komme. Die Bäume dienen mir vor allem im Winter als Nahrung oder für meine Bauten oder Staudämme als Baumaterial. Ich brauche den Baum auch für meine Zahnpflege. Meine Zähne wachsen mein ganzes Leben. Durch das Raspeln an den Stämmen, kann ich die Zähne in Form halten. Wenn ich einen Baum gefällt habe, lasst ihn doch bitte liegen. Ich mag am liebsten Weichhölzer wie Espen, Pappeln oder Erlen. Die Hölzer, vor allem Harthölzer, welche der Mensch mehrheitlich als Industrieholz verwendet, nage ich nur an, wenn es keine bessere Wahl gibt. Ich mache keinen Winter-schlaf. Deshalb brauche ich für die kalte Jahreszeit einen Vorrat. Wenn die Gewässer zufrieren sollten, lege ich unter Wasser ein Depot für mich und meine Familie an. Ich stecke Äste in den Grund und verankere diese. Mein Revier erstreckt sich über 500 m bis 2 km Fluss oder Uferlänge. Da ich mich an Land eher plump bewege, suche ich meine Nahrung in der Regel nur maximal 20 m von dem Gewässerrand entfernt. Alles was weiter weg ist, lasse ich unberührt.
Ich lebe monogam, habe das ganze Leben nur eine Partnerin/Partner. Falls das eine oder andere stirbt, brauche ich sehr lange, um mich auf ein anderes Tier einzulassen. Das Biberweibchen bringt jedes Jahr 2 bis maximal 3 Junge zur Welt. Diese leben die ersten 6 Wochen alleine mit dem Weibchen. Es säugt die jungen im separaten Bau. In dieser Zeit müssen das Männchen und die Jungtiere vom letzten Jahr, in einen anderen Bau umziehen. Ein Revier einer Biberfamilie hat oftmals mehrere Bauten. Wie schon erwähnt für die Aufzucht, aber auch, dass wir noch eine Ausweichmöglichkeit haben, wenn ein Bau zerstört wurde.
Die Gefahr besteht nicht, dass die Jungen in den ersten Wochen gefressen werden. Denn der Bau hat jeweils nur einen Unterwassereinstieg und ist vor Raubtieren geschützt. Die grösste Gefahr geht von einem Frühlingshochwasser aus. Die kleinen bis 6 Wochen alten Biberjungen haben so viel Luft in ihrem Fell eingeschlossen, dass sie nicht tauchen können. Sie kommen einfach nicht unter Wasser. Wenn das Hochwasser über den Bau steigt, ertrinken die Jungen darin, weil sie durch die Öffnung unter Wasser nicht flüchten können. Natürliche Feinde meines Nachwuchses sind im ersten halben Jahr auch grosse Hechte oder Welse oder an Land ausgewachsene Füchse. Die Biberjungen bleiben zwei Jahren in der Obhut der Eltern. Danach werden sie, meist ziemlich forsch, vertrieben. Sie schwimmen meistens Fluss aufwärts und suchen sich ein eigenes Revier.
Meine grössten Feinde sind meine Artgenossen. Wenn ein Biber ein neues Revier sucht, treffen sie oftmals auf andere Biberclans. Diese sind gegenüber Eindringlinge sehr aggressiv. Biberkämpfe enden nicht selten tödlich, für das eine oder andere Tier. Wenn ich ausgewachsen bin, ist mein grösster Feind in der Wildnis der Wolf. Aus diesem Grund bitte ich alle Hundebesitzer beim Spazieren, ihre Hunde nicht in meine Nähe zu lassen. Ich sehe nicht gut. Daher verlasse ich mich auf mein Gehör oder meine Nase. Wenn die Hunde aus Neugier an mir schnuppern oder mich angreifen, ist es verständlich, dass ich Angst bekomme. Ich werde mich verteidigen und würde auch angreifen, wenn ich in die Enge getrieben werde. Grundsätzlich bin ich ein sehr friedliebendes Tier. Ich greife keine Menschen oder andere Tiere grundlos an. Wenn ich Angst bekomme und mir ein Lebewesen zu nahe kommt, schlage ich erst mit meinem Schwanz auf die Wasseroberfläche oder den Boden, um euch zu warnen. Wenn mir dann doch jemand zu nahe kommt, würde ich zur Verteidigung auch zubeissen. Das tue ich aber nur sehr selten.
Mein Lebensraum ist im Wasser und maximal 20 m vom Ufer entfernt. Ich baue für meine Familie Biberbauten, indem ich Holz aufschichte oder ich mich ins Ufer eingrabe. Für mein Zuhause benötige ich eine Wassertiefe von mindestens 60 cm für den Unterwassereinstieg. Bei tieferen Gewässern staue ich in der Regel nicht, weil mir die Wassertiefe ausreicht. Wenn ich an einem Wasserlauf bin, der nicht sonderlich tief ist, fange ich an das Gewässer zu stauen, damit der Einstieg in den Bau immer unter Wasser ist. Ich liebe Auengebiete und mag das Wasser, ich gestalte meinen Lebensraum nach meinen Vorstellungen. Denn nur hier fühle ich mich sicher und geborgen. Wenn ich an Land gehe, ist das nicht mein Element. Ich verlasse das Wasser nur, wenn es sein muss. Für die Nahrungsbeschaffung, für das Baumaterial oder wenn ich auf Reviersuche bin.
Ihr Menschen möchtet die Natur am liebsten wie einen Garten gestalten. Ich hingegen, liebe das schöne Chaos eines Auengebietes. Ihr gebt viel Geld aus, um einen Flusslauf zu renaturieren, bedenkt doch, dass ich für euch gratis arbeiten würde. Ich erstelle mit meiner Arbeit wunderschöne Auenlandschaften. Einen Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen. In dem von mir gestalteten Gebiet entsteht eine ganze Lebensgemeinschaft und sorgt für eine natürliche Biodiversität. Bedrohte Arten finden in meinem Revier ihren Platz. Für mein Tun brauche ich als Gegenleistung nicht viel. Ich brauche lediglich nur 10 - 20 m Land um mein Wasserrevier herum. Es gibt in der Region viele Experten, welche wissen, wie wir gemeinsam leben können und es für alle Beteiligten nur Vorteile hat. Zum Schutz von Bäumen könnt ihr diese mit Gitter schützen. Wenn ich zu viel Wasser stauen sollte und eine Überschwemmung droht, kann eine künstliche Drainage in den Staudamm gezogen werden. Die Drainagerohre sollten lange genug sein. Ich höre unter Wasser das Rauschen des Wassers und werde alle Löcher in der Nähe meines Staudamms umgehend stopfen.
Meine Bitte an euch. Wenn ihr mich seht, habt einfach Freude, dass ihr mich zu Gesicht bekommt. Haltet einen gebührenden Abstand und geniesst die Begegnung mit mir.
Wenn ich euch in irgendeiner Weise stören sollte oder das Zusammenleben mit mir schwierig ist, meldet euch beim Wildhüter. Er kennt geeignete Lösungen und Ansprechpartner. Vergesst bitte nicht, dass im Grunde das Zusammenleben mit mir ganz einfach ist.
Der Text wurde von dem Redaktionsteam des Bulletins des RDB verfasst. Einen grossen Dank an den Bibervater des Seelands, Peter Hässig. Er hat mir eine Stimme gegeben. Herzlichst, euer Biber aus dem schönen Seeland.