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verbindlich April 2013
«Und sie bewegt sich doch», flüsterte Galileo Galilei gerade noch so hörbar, dass eine taktische Verbeugung zur Legende wurde. Mit «sie» meinte Galilei die Erde und mit «bewegen», dass sie sich drehe, und zwar um die Sonne, was er von der unterschiedlichen Grösse der Himmelskörper ableitete. Wie wir wissen, widerliefen diese Überlegungen der geozentrisch ausgerichteten Optik der Inquisition, worauf sich Galilei zeitlebens selbst den Stecker zog: «Sorry, aus Versehen aufs falsche Weltbild gesetzt.»
verbindlich Februar 2013
Kürzlich hat mein Mann in Italien ein Hemd gekauft. Auf der Innenseite des Kragens war aufgenäht: God save the stylist. Doch Gott täte wohl besser daran, Italien zu retten. Denn ohne Italien keine italienischen Modeschöpfer, keine italienischen Schuhe, Kleider, Handtaschen, und ohne Italien kein Land, das wie kein anderes auf die schönen Dinge setzt.
verbindlich Januar 2013
Und plötzlich bricht Panik aus im Zusammenhang mit dem Familienartikel. Die SVP spricht von Staatskindern und die Wirtschaft von Kosten, die uns glauben machen, wir seien im Begriff, uns in der Dimension von Griechenland zu verschulden.
verbindlich Juli 2012
Mit ihrer eben eingereichten Familieninitiative will die CVP die finanzielle Diskriminierung verheirateter Paare gegenüber Konkubinatspaaren aufheben. Schwulen- und Lesbenorganisationen stören sich daran, dass die Definition der Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau erstmals in der Verfassung verankert wird. Doch: die Definition ist bereits heute darin verankert.
verbindlich Mai 2012
Es gibt eine Fremdsprache, die mit allen Regeln bricht und alle Normen sprengt. Gehalten ist sie in Deutsch, in Englisch, in Japanisch, in Chinesisch und trotzdem versteht sie kaum jemand, in keinem Land der Welt. Es ist diejenige des eigenen Computers.
verbindlich April 2012
Eine Freundin aus meiner Kinderzeit wohnt seit kurzem wieder in der Schweiz. Mit fünf Jahren zog die Familie weg und lebte in den USA, danach über 25 Jahre in Norddeutschland. Als meine Freundin ankam, hatte sie einen Kulturschock. Sie behauptete, die Schweiz sei ein Paradies.
verbindlich März 2012
Man kann sich glücklich schätzen, wenn weiter nichts ist, aber ich stosse mich seit längerem an einem neuen mundartlichen Plural. Angefangen hatte es mit «Ideeene» und «Skizzene». Unterdessen greift die Form aber auch aufs Hochdeutsche über und die Moderatorin im Kulturplatz spricht von «Ideeenen» und «Skizzenen ». Ebenfalls der Präsident einer Jury, der eine Autorin ehrt und ihr Schaffen in verschiedenen «Phasenen» schildert.
verbindlich Januar/Februar 2012
Auf dem Schweizerischen Finanzplatz sind innerhalb kürzester Zeit zwei hausgemachte Bomben detoniert. In beiden Fällen fehlte es den prominenten Opfern an Vorsehung. Da wurden amerikanische UBS-Kunden mit unversteuerten Geldern leichtfertig übernommen, dort wurde auf höchst unsensible Weise mit Devisen gehandelt. Doch die Unterschiedlichkeit, mit welcher die beiden Sachverhalte von gleicher Warte aus interpretiert werden, nimmt groteske Formen an.
verbindlich Juli/August 2011
Bakterien sind klein und machen grosse Schlagzeilen, so der neue Stamm von EHEC-Bakterien in Norddeutsch land. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass eine möglichen Quelle vermeldet wird. Protokoll der Resultate: ein falscher Bakterienstamm bei den spanischen Gurken, ein Lübecker Restaurant, Tomaten und Salatköpfe, und dann die Sprossen.
verbindlich im Juni 2011
Die SVP-Initiativen nehmen immer pathologischere Züge an. Solange sie der Allgemeinheit keinen Schaden zufügen, mag dies hingehen, aber das neueste Ansinnen schlägt dem Fass den Boden aus. Die Zuwanderung soll durch Kontingente beschränkt werden, was das Ende der bilateralen Verträge bedeutet.
verbindlich im April 2011
Es rief mich kürzlich jemand an aus der Verkaufsabteilung eines Zeitungsverlages und fragte, ob wir interessiert seien im Wahljahr Inserate zu platzieren. Werbetechnisch sei dies ideal. Ich antwortete, dass ich es werbetechnisch noch idealer fände, wenn in seiner Zeitung etwas ausgewogenere Artikel über uns erscheinen würden.
verbindlich im März 2011
Wer keine Ahnung hat, wo er politisch steht, holt sich in der Onlineplattform Smartevote eine Einschätzung. Anhand von 66 Fragen wird ein politisches Profil in der Form einer Spinne erstellt mit kurzen oder langen Beinen für mehr oder weniger Law and Order, Sozialstaat, aussenpolitische Öffnung, Umweltpolitik, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Liberalisierung. Des weiteren wird eine virtuelle politischeLandschaft konstruiert, auf welcher man sich findet. Rechts, links, liberal, konservativ.
verbindlich Januar/Februar 2011
Es gibt Theorien, die besagen, dass Leute, welche im Januar geboren wurden, andere Eigenschaften aufweisen als solche, welche im August auf die Welt gekommen sind. Es kommt auf das Sternzeichen an. Es kann aber sein, dass zwei Steinböcke völlig verschieden sind, weil sie einen anderen Aszendenten haben, ebenso einen anderen Deszendenten.
verbindlich November/Dezember 2010
In unserem Land ist es nach wie vor so, dass wer heiratet, in steuerlicher Hinsicht benachteiligt wird. Das ist zwar klar verfassungswidrig, stört aber offenbar den Gesetzgeber nicht mehr. Nachdem sich das Parlament auf Druck der CVP vor ein paar Jahren bemüht hat, dieser Ungerechtigkeit mit Sofortmassnahmen zumindest ein wenig beizukommen, ist es wieder still geworden um die Anliegen der verheirateten Paare. Kein Wunder. Die FDP und die SP bevorzugen die Individualbesteuerung. Das beschränkt die freie Wahl des Familienmodells.
verbindlich im Oktober 2010
Nicht, dass ich etwas dagegen haben kann, wenn ich «Sehr geehrte Damen und Herren» lese oder «Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», aber da ich eine Frau bin, erlaube ich mir auszusprechen, was viele von uns denken: beschränken wir die kumulative Erwähnung der weiblichen Form doch hauptsächlich auf die Anreden. Sonst gefährden wir unsere Sprache.
verbindlich Juni/Juli 2010
Ich bin eine Anhängerin des biologischen Gärtnerns und ökologischen Ackerbaus. Wer Boden kultiviert, soll ihn nicht gleichzeitig verseuchen. Diese Haltung bedingt Toleranz gegenüber Schädlingen. Doch manchmal kann ich mich der Auseinandersetzung nicht entziehen und bekämpfe beispielsweise den Dickmaulrüssler.
verbindlich im Mai 2010
Ich bin so aufgewachsen, dass die Frage, wer was glaubt, kein Thema war. Das ist kein Ausdruck von Gleichgültigkeit, sondern eher dafür, dass der Glauben zwar von persönlicher Relevanz ist, aber kein Gegenstand allgemeiner Erörterungen. Eine Form von Toleranz.
verbindlich im April 2010
Einmal stolperte ich in einer andalusischen Stadt über einen Plastikbecher. Er war mit Münzen gefüllt und gehörte drei Bettlern, die auf der Strasse hockten. Als ich das Geld wieder aufgesammelt hatte, entdeckte ich weitere volle Becher, und jeder hatte ein Schild.
«Für Bier»
«Für einen IPod»
«Für neue Schlafsäcke»
«Für einen Porsche»
verbindlich im März 2010
Um Wähler anzulocken, ist eine simple Botschaft von Nutzen. So zu tun, als ob sie richtig wäre, erfolgreiches Marketing. Ausländer sind Verbrecher, die Abzockerinitiative bekämpft die Abzocker, das Bankgeheimnis ist schlecht, die Klimaerwärmung inexistent, der EU-Beitritt Einzug ins gelobte Land und die Finanzierungsquellen des Sozialstaates sprudeln ebenso unerschöpflich wie die erneuerbaren Energien, man muss nur den Hahn endlich finden.
verbindlich im Februar 2010
Von einem Ökonomen, der sich damit beschäftigt, Glück zu messen, habe ich gehört, die Schweiz sei das zweitglücklichste Land in Europa. Deutschland beispielsweise besetzt Platz zweiundzwanzig.
Neben der hohen Kaufkraft, der tiefen Arbeitslosenquote, den gut ausgebauten Sozialwerken und der hohen Qualität des Bildungssystems liege ein Grund auch in der direkten Demokratie.
verbindlich im Januar 2010
Die Schlacht von Sempach lernten wir mit einem Lied. Der Musiklehrer liess uns hören aus alter Zeit, von kühner Ahnen Herrlichkeit, von Speerwucht und wildem Schwertkampf, von Schlachtstaub und heissem Blutdampf und liess uns singen so ein heilig Lied, es galt dem Struthan Winkelried.
verbindlich November/Dezember 2009
«So bedauerlich es einem erscheinen mag: naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, zur Bildung gehören sie aber nicht,» erklärt der deutsche Autor und Literaturprofessor Dietrich Schwanitz. Dies in seinem Handbuch, welches Orientierung bieten sollte über all das, was man heutzutage wissen muss, um passabel Konversation zu betreiben. Bei Tischgesprächen kommen die Naturwissenschaften tatsächlich zu kurz.
verbindlich Oktober 2009
Beim Stöbern im Parlamentsarchiv finde ich ein Postulat aus dem Jahr 1988, das den Bundesrat zu prüfen ersucht, ob das von Überbauung bedrohte Schlachtfeld von Marignano zu erwerben sei. Finanziert werden solle es mit einem Teil des Prägegewinns für die Sondermünzen, welche die Eidgenossenschaft zur 700-Jahrfeier ausgebe.