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Fritz Schaub, Neue Luzerner Zeitung (09.06.2009)
Trotz Ehrenmord und Eifersuchtsdrama: In Zürich klaffen «Cavalleria rusticana» und «Pagliacci» trotz Stargast José Cura auseinander.
Wie Zwillinge werden Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Leoncavallos «Pagliacci» seit ihrer Uraufführung vor 120 Jahren gemeinsam aufgeführt. Jetzt in Zürich, wo beide Kurzopern nach langem wieder am selben Abend geboten werden, springt trotz aller Gemeinsamkeit der beiden - hier tödliches Eifersuchtsdrama, dort Ehrenmord - auch ihre Verschiedenheit in Auge
.
Zu dick aufgetragen
In der Inszenierung von Hausregisseur Grischa Asagaroff werden beide Opern durch das Bühnenbild vereint. Dunkle, festungsähnliche Wohntürme sind auf halber Höhe durch eine Galerie verbunden. Während im Mascagni-Einakter ein Kirchenportal auf den religiösen Hintergrund verweist, dominiert in Leoncavallos «Pagliacci» ein Podest mit einem überdimensionierten Leuchtrahmen in der Mitte: Handlungsort für das «Theater im Theater», in dem das Eifersuchtsdrama sich bis zum blutigen Ausgang Bahn bricht.
Dabei liess die Wiedergabe der Leoncavallo-Kurzoper jene der «Cavalleria» um Längen hinter sich. Der Verismo drückt sich ja vor allem dadurch aus, dass er den «Stoff aus dem wahren Leben holt», wie es Tonio im Prolog der «Pagliacci» formuliert. Aber auch in der Direktheit der Musiksprache, im unverhüllten Ausdruck der Gefühle, wobei leicht die Gefahr besteht, dass zu laut gesungen und zu dick aufgetragen wird.
Diese Gefahr war in Mascagnis «Cavalleria» kaum gebannt, und selbst der Stargast, der Tenor José Cura, liess sich als anfänglich etwas unbeteiligter Turiddu davon anstecken. Der Klang des Orchesters unter der Leitung von Stefano Ranzani tendierte zu Massigkeit. Die leidenschaftliche, durch starkes Vibrato beeinträchtigte Santuzza der Paoletta Marrocu und der in seiner Mafiaboss-Pose steif wirkende Alfio des Cheyne Davidson erwischten nicht ihren besten Tag. Nicht unschuldig war die Regie, welche ein wuchtig-archaisches Drama allzu episch anlegte.
Endlich der grosse Auftritt
Das änderte sich mit dem Prolog bei Leoncavallos Drama schlagartig. Hier setzte der Bariton Carlo Guelfi allein schon stimmlich ein hohes Niveau fest, das von den übrigen Akteuren gehalten werden konnte, allen voran von José Cura. Der argentinische Startenor machte aus der Titelrolle ein singschauspielerisches Charakterporträt allerhöchsten Ranges. Sein betrogener Canio ist von Anfang an ein ruinierter Spassmacher, der seine Enttäuschung darüber, dass Nedda, die er einst als Waisenkind auflas, sich von ihm abgewendet hat, im Alkohol ertränkt.
Faszinierend, wie beim Ausbruch des wahren Gefühls im Commedia-dell'Arte-Spiel die Stimme bei sich steigernder Strahlkraft eine dunkel glühende Farbe annahm. Auch das Orchester spielte befreiter auf, setzte präziser auf Zielstrebigkeit, ohne die vielfältigen Farben der Partitur zu vernachlässigen. Der Chor profitierte von der Bewegungsfreiheit auf der weiten Piazza, und das Ensemble, in dem Fiorenza Cedolins als Nedda und Gabriel Bermúdez als Silvio glänzende Rollendebüts boten, bewährte sich bis in die kleine Rolle des Peppe (Martin Zysset) hinein.