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Über 60 Jahre dauerte die Karriere von Agnès Varda. Mehr als 30 Filme hat sie gedreht. Mit «Vogelfrei» erhielt sie als erste Frau 1985 den Goldenen Löwen von Venedig. Sie gewann einen Ehren-Oscar, einen Ehren-César, die Goldene Palme und wurde 2014 in Locarno mit einem Ehren-Leoparden ausgezeichnet.
Eine «bekannte Unbekannte»
Trotz ihres grossen Lebenswerks war sie in der deutschsprachigen Schweiz nur eine «bekannte Unbekannte».
Dafür machte sie andere Menschen bekannt. Mehrere französische Filmstars haben ihre ersten Schritte in Vardas Filmen gemacht: Philippe Noiret verdankt ihr seine allererste Filmrolle (in «La Pointe Courte», 1955), Gérard Depardieu seine erste wichtige Rolle (Nausicaa, 1970). Auch Catherine Deneuve begann bei ihr.
Die Kamera wie ein Stift in der Hand
Agnès Varda war Teil der «Nouvelle Vague», jener Bewegung um Claude Chabrol oder Jean-Luc Godard, die in den 60er Jahren gegen das herkömmliche Erzählkino Sturm lief.
Mit ihren Werken, die zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Poesie schwanken, gehörte sie zu den eigenwilligsten Filmemacherinnen dieser Zeit. Auf der Suche nach einem Selbstausdruck als Künstlerin hielt die eigensinnige Filmemacherin ihre Kamera wie einen Stift in der Hand.
Sie erarbeite sich deshalb den inoffiziellen Ehrentitel der «Grossmutter der Nouvelle Vague».
Das Bild als Gefühl
Ihr selbst definierter Begriff «Cinécriture» (eine Wortmischung aus «cinéma» und «écriture» – «Kino» und «Schrift») zieht sich sichtbar durch ihr ganzes Werk:
Als gelernte Fotografin kümmerte sie sich nicht um traditionelles Storytelling, sondern nutzte lieber die Möglichkeiten einer Kamerabewegung, um ein Gefühl auszudrücken, als wäre es ein literarischer Text.
Sie war eine Meisterin im Zeigen und Verbergen, um Spannung zu erzeugen. Dabei glaubte sie nicht an die Trennung der verschiedenen Rollen beim Filmemachen wie Drehbucharbeit, Regie, Montage oder Kamera. Sie machte und überwachte stets alle Schritte, so dass ein Werk entstand, das genau dem entsprach, was sie auf der Leinwand zeigen wollte.
Ein Kino der Sehnsucht
Sex, Freiheit, Alter und gesellschaftliche Tabus sind Hauptthemen in Vardas Werk. Gleichzeitig wird ihr Schaffen von einem tiefen Respekt gegenüber ethischen Fragen, der Familie und Werten wie Verbindlichkeit, Loyalität und Treue getragen.
Varda blieb bis zu ihrem Tod aktiv. Zuletzt reiste sie mit dem Street-Art-Künstler JR durch die französische Provinz und tapezierte mit ihm Gesichter grossflächig auf Gebäudefassaden. Entstanden ist der Dokfilm «Visages villages» (2017), ein poetisches Roadmovie.
Agnès Vardas Kino ist ein Kino der Sehnsucht – eine Liebeserklärung an das Leben. Jeder ihrer Filme kann so für das Publikum auch zum Spiegel ihres eigenen Lebens werden.
Agnès Varda starb am 22. März 2019 im Alter von neunzig Jahren.
Dieses Porträt erschien ursprünglich 2014 anlässlich des Filmfestivals Locarno. Hier liegt es in gekürzter und ergänzter Form vor.