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|Von Helmut Bachmaier|

|© Claudia Paulussen - Fotolia.com|
|In vielen Zeugnissen der vergangenen und der gegenwärtigen Literatur werden das Frauen- und das Männeraltern eigens thematisiert.

In Bertolt Brechts Geschichte der „Unwürdigen Greisin“ (1949 in den „Kalendergeschichten“ veröffentlicht) bricht eine Frau im Alter aus. Sie rebelliert gegen das traditionelle Rollenbild als sich aufopfernde Mutter und treusorgende Gattin, das sie jahrzehntelang, bis zum Tod ihres Mannes, erfüllt hat. Mit dieser Zäsur beginnt für sie ein neues Leben: Sie geht allein ins Kino (damals für eine alte Frau nicht selbstverständlich, es sind die 30erJahre, Kinos waren in jener Zeit für Liebespaare Räume für heimliche Liebeleien, dort musste sie auffallen), sie besucht Pferderennen, trifft sich mit anderen beim Rotwein bei einem aufmüpfigen Sozialdemokraten – ihr Familienersatz („sie war keineswegs vereinsamt“, heisst es bei Brecht), sie speist im Restaurant, nachdem sie vorher zumeist nur die Reste der Mahlzeiten zu sich genommen hatte, und sorgt sich um ein behindertes Mädchen. Die Familie ist zutiefst irritiert, man denkt daran, sie zu entmündigen.
Aufbruch und BefreiungBrecht hat hier zum Teil das späte Leben seiner eigenen Grossmutter beschrieben, deren Biographie in zwei ganz verschiedenen Phasen verlief: Zuerst die strikte Erfüllung eines Rollenschemas, dann im Alter die Befreiung zu sich selbst, der Sprung aus der Knechtschaft in die Freiheit, in die Selbstgestaltung des Alters. „Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau und als Mutter, und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln. Das erste Leben dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre. [...] Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.“ So Brecht am Ende der Geschichte.
KlimakteriumWohl der erste literarische Text, der sich näher mit dem Klimakterium und seinen physischen und psychischen Auswirkungen befasst, ist der Roman von Karin Michaëlis „Das gefährliche Alter“ – 1910 erschienen und nicht nur damals ein Tabubruch. Auch hier ist es eine Frau, die den Ausbruch wagt, allerdings mit ganz anderen Folgen als bei Brecht.
Von Karin Michaëlis wurde Simone de Beauvoir zu ihrer Studie über „Das andere Geschlecht“ angeregt und zu ihrem Buch „Das Alter“. Die Altersanalyse wird bei Simone de Beauvoir aus existentialistischer und aus sozialhistorischer sowie zivilisationskritischer Perspektive betrieben. Mit ihrer umfassenden Materialsammlung will sie den Nachweis erbringen, dass Altern und Alter vor allem gesellschaftliche und zivilisatorische Ergebnisse sind. „Die Situation der alten Menschen zeigt deutlich das Scheitern unserer Zivilisation auf“, schreibt sie. Kennzeichnend für diese Situation sei die Isolation des alten Menschen, der in „verstümmelten Lebensbedingungen“ nur noch seinem Ende entgegenwarte. Den Grund dafür sieht sie in den Strukturen der liberal-kapitalistischen Gesellschaften, die das kollektive Leben ihrer Mitglieder vernachlässigt haben und sie stattdessen von Kindheit an „atomisieren“. In „Eine gebrochene Frau“ (1967) schildert Simone de Beauvoir ausführlich das Älterwerden aus der Perspektive der Frau.
Ausbruch oder VerweigerungFrauenAltern in der Geschichte Brechts, in der Darstellung Michaelis: ein Ausbruch, ein Aufbruch zu einer neuen Identität; die Verweigerung der (von Männerseite) zugewiesenen gesellschaftlichen Rollensets. Es ist Befreiung und spät erlangte authentische Lebensform und Identität – oder auch das Zerbrechen des Selbstbewusstseins.
Abdankung und MachtverlustWenn wir einige der älteren Männer der Literatur betrachten, dann geschieht deren Alterungsprozess auf andere Weise. Es sind Abdankungen und Machtverlust nach einer Liebesprobe (exemplarisch in Shakespeares „King Lear“, 1604/5), Schwinden des Selbstvertrauens infolge Schwäche (der männliche Looser in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, dt. 1950), verlorene Kämpfe (der Fischer Santiago in Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“, dt. 1952 - Santiagos Credo: „Man kann verlieren, darf aber niemals aufgeben“) - oder Jammerarien in den letzen Romanen von Martin Walser, die vorherrschen. Nicht zu sprechen von den trostlosen, verlorenen, verstummten alten Männern und ihrer ausgelöschten Existenz bei Samuel Beckett, in „Molloy“, „Malone stirbt“ oder „Der Namenlose“ (1951-53).
Am Ende verlieren sie alle ihren sozialen Rang, ihre Bedeutung oder ihr Ansehen in der Gesellschaft und gefallen sich zuweilen in Melancholie: Alter ist in diesen Zeugnissen bei den Männern eine absteigende Lebenslinie und Verlustgeschichte. Während bei Goethe in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (11. Kapitel: Der Mann von 50 Jahren) noch die Illusion erotischer Attraktivität verbreitet wird, hat Hermann Hesse in einem parodistischen Gedicht („Mann von 50 Jahren“) dieser Illusion abgeschworen. Es bleibt nur die vage Hoffnung auf ein letztes Liebesabenteuer.
Exemplarisch für den Prozess des MännerAlterns können einige Stellen bei Max Frisch in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ (1964), „Der Mensch erscheint im Holozän“ (1979) oder in seinem Stück „Biographie“ (Neufassung 1984) herangezogen werden. Dort geht es um den allmählichen Verfall, um die Verdeckungsarbeit, um den Versuch, wenigstens im Imaginären nochmals in seinem Leben zurückgehen zu können und es anders zu gestalten. Jedoch ist ein Leben als „Entwurf“ und dann als „Reinschrift“ nicht möglich.
DifferenzierungenDiese wenigen literarischen Zeugnisse, die nicht unbedingt repräsentativ, aber symptomatisch sind, zeigen an, dass die biographischen Verläufe, die sozialen Merkmale und die mentalen Einstellungen bei Männern und Frauen im Alterungsprozess sich ganz verschieden darstellen. Ähnliche Befunde liefern auch die einschlägigen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Frauen- und MännerAltern. Zum MännerAltern schreibt etwa François Höpflinger („Männer im Alter“, 2002, S. 25): „Männer gehören auch in der Altersforschung und –arbeit zu den ‚unsichtbaren Gruppen’. Weil viele ältere Männer sozial unauffällig und gut integriert sind, bleiben männliche Probleme oft unbehandelt. – Eine allzu einseitige Orientierung an traditionellen Männerbildern erschwert den Übergang ins höhere Lebensalter. Erfolgreiches Altern bedeutet bei Männern, sich auch mit ihrer Männlichkeit auseinander zu setzen. – Eine ‚Androgynie’ [...] heisst nicht ‚Verweiblichung’ älterer Männer, sondern die Ergänzung gelebter männlicher Werte durch mehr so genannte weibliche Aspekte, etwa bezüglich Umgang mit Gefühlen, sozialem Verhalten usw.“
Dies sind einige Hinweise, die eine differentielle Betrachtung und Behandlung des Themas erforderlich machen, was wohl neue Aufgaben für die Sozial-, Gesundheits- und Altersberufe zur Folge haben kann.