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Basel, um 1500
Goldschmied: Herman Ruissel
Pergament, Aquarell.
Rechnung und Quittung (11. Oktober und 24. November 1398) für den Anhänger in Dijon Archives départementales de Côte-d'Or erhalten (zitiert bei Kovacs S. 388f.; zum Goldschmied S.329f.)
H 21 cm, B. 18 cm
Inv. 1916.475.
Die Basler Miniaturen sind die frühesten bekannten Beispiele der zeichnerischen Dokumentation herrschaftlicher Kleinodien, die zu Werbe- und Verkaufszwecken angefertigt wurden (Walker 2008, S. 176–177). Die Objekte sind dementsprechend im Massstab 1 : 1 wiedergegeben. Die Diamanten erscheinen nach der bis ins 18. Jahrhundert geltenden Konvention in dunkler Brillanz. Der unbekannte Miniaturmaler versieht die Schmuckstücke mit einer Scheinaufhängung mit schwarzen Schnüren und verleiht ihnen damit zusätzlich zu den gemalten Schatten eine stärkere Präsenz. Die Bedeutung der vier Miniaturen war bei ihrer Übergabe 1870 aus dem Basler Rathaus an das Museum (Mittelalterliche Sammlung) offenbar nicht mehr geläufig. Dieses Faktum steht mit der Herkunft der dargestellten Kleinodien, nämlich mit ihrem Erwerb als Kriegsbeute und mit der diskreten Veräusserung der kostbaren Beutestücke durch die Stadt Basel im Zusammenhang. Es handelt sich nach der Identifizierung durch Rudolf F. Burckhardt 1931 um Darstellungen jener persönlichen Schmuckstücke aus dem Besitz Karls des Kühnen, die von den Eidgenossen in der siegreichen Schlacht von Grandson 1476 erbeutet und auf verschlungenen Wegen in den Besitz der Stadt Basel gelangt waren. Die Miniaturen überliefern uns detailgetreu das Aussehen der Goldschmiedearbeiten. Die im Staatsarchiv Basel-Stadt erhaltenen Archivalien mit dem Kaufbrief von 1505 bestätigen die Bildquellen und ergänzen sie mit der Taxierung der Edelsteine und der Perlen (Karatgewicht) und Angaben zu ihrer Bearbeitung. Sie nennen auch die beteiligten Akteure: Den aus Venedig beigezogenen Gutachter Hanns Walther von Wurms, die im Auftrag der Stadt als Strohmänner fungierenden Ratsherren Junker Michael Meyer und Hans Hiltbrant sowie Hans Gerster, Stadtschreiber. Wir erfahren daraus auch die Käufer und den Kaufpreis (Burckhardt 1931, S. 247–259). Der unschätzbare Wert der Beutestücke – und damit indirekt auch der heutige Stellenwert der Basler Miniaturen – wird erst mit diesem Verkauf offenbar: Um dem Vorwurf der Unterschlagung zum Nachteil der verbündeten Miteidgenossen zu entgehen, wickelte die Stadt Basel den Handel über Mittelsmänner ab. In nicht zuletzt wohl auch spekulativer Absicht erwarben der vermögendste Kaufmann und Bankier seiner Zeit, Jakob Fugger «der Reiche» (1459–1525), und seine Brüder Ulrich und Georg die Kleinodien für 40'200 Gulden. Aus dem Besitz der Familie Fugger wurden sie während 40 Jahren vergeblich Kaiser Karl V. und Kaiser Ferdinand I. angeboten. Eingang in die Geschichtsschreibung fand die sensationelle Provenienz der von Basel verkauften Kleinodien in der 1555 fertiggestellten Prachthandschrift Österreichisches Ehrenwerk, die von Hans Jakob Fugger intendiert wurde und die 1668 in der Überarbeitung von Sigmund von Birken in Nürnberg auch im Druck erschien (Himmelheber 2008). Die letzten Spuren der Schmuckstücke aus der Basler Burgunderbeute verlieren sich um 1630 in England (Kóvacs 2004). Das Gürtelin: Die Miniatur zeigt das Abzeichen des englischen Hosenbandordens mit seiner bekannten Devise «Honny soit qui mal y pense» (ehrlos, wer schlecht darüber denkt) in natürlicher Grösse in seiner stattlichen Länge von knapp 39 cm. Im Gutachten von Basel von 1505 werden die Steine beschrieben und taxiert: Danach hatte das Gürtelin an goldgefassten Steinen acht blassrote Rubine (Ballasse), einen Rubin und vier Diamanten, vier Perlen und 20 Diamantbuchstaben, aus dünnem und nicht reinem, sondern schwarzem Stein. Der grosse herzförmige blassrote Rubin in der Mitte wog 40 Karat, die anderen sieben waren gelocht, der längliche Rubin war «von einer nebligen Farb» und wog 10–12 Karat. Der längliche Diamant, links der Mitte, hatte, wie auch die Zeichnung bestätigt, einen Facettenschliff, der Stein oben war spitz geschliffen, vom dritten heisst es «ist an der Spitz ab, mer ein demant tafel». Die Drei Brüder: Die Zeichnung zeigt das kostbarste der verlorenen Kleinodien. Kostbar aufgrund der Seltenheit grosser Rubine und des grossen Diamanten, aber auch aufgrund seiner Geschichte. Es lässt sich über drei Generationen im Besitz der burgundischen Herzöge nachweisen und wurde, wie erst jüngst von Eva Kóvacs recherchiert, in Paris 1389 von dem Goldschmied Hermann Ruissel geschaffen. Seine Ästhetik und die Materialien sind kennzeichnend für die hochstehende Pariser Goldschmiedekunst um 1400. Die Basler Miniatur ist die früheste und getreueste Wiedergabe dieses Kleinods, dessen Masse nach der Darstellung 1 : 1 mit 8,7 cm auf 6,9 cm angegeben werden können. Als kleine Unregelmässigkeit fällt die leicht aus der Achse gedrehte Montage des zentralen Diamanten auf. Das mit der Miniatur entstandene Gutachten, das 1505 datiert ist, erlaubt es, die bildliche Darstellung mit der Angabe der Karatgewichte zu konkretisieren: Drei rechteckig geschliffene Rubine von je 70 Karat umschliessen einen zum halben Oktaeder geschliffenen Diamanten von 30 Karat, das Ensemble ergänzen vier gelochte Perlen von 10–12 bzw. 18–20 Karat. Die im Auftrag von Hans Jakob Fugger 1555 entstandene Chronik mit der ruhmreichen Geschichte des Hauses Habsburg, das Österreichische Ehrenwerk, rühmt die Drei Brüder als in der ganzen Christenheit bekanntes Kleinod. Sie berichtet ferner, dass die Fugger auf Möglichkeit der Veräusserung an den türkischen Sultan Suleiman den Prächtigen zur Bestückung von dessen Krone nicht eingetreten sei. Stattdessen gelangten die Drei Brüder im Jahr 1543 an König Heinrich VIII. von England. Die Wertschätzung des Schmuckstücks dokumentieren über dessen Tod hinaus königliche Porträts: Königin Elisabeth I. von England trug es am Kleid, König Jakob I. als Hutschmuck, bis sich seine Spuren um 1630 verlieren. Die weisse Rose: Die Zeichnung zeigt über sechs Dornen eine Rosenblüte mit zwei weiss auf Gold emaillierten Blattkränzen und einem unbearbeiteten dunkelroten Spinell in einer goldenen Fassung im Zentrum. Im Basler Gutachten des Hanns Walther von Wurms von 1505 wird der Stein «als spynnel, […] frohlich von farben gantz rein» beschrieben. Der Miniaturmaler hat die Materialität des Spinells von den Rubinen in den anderen Miniaturen durch den Auftrag eines farblosen Lacks unterschieden. Solche Rosen waren als Schmuckmotive für Broschen oder Anhänger beliebt. Karl der Kühne besass davon mehrere. Der burgundische Hof war ein Zentrum für die um 1400 in Paris entwickelte exklusive Technik, unregelmässige Oberflächen vollständig mit Email zu überschmelzen. Die Spur der weissen Rose verliert sich mit der Abbildung im Österreichischen Ehrenwerk 1555. Das Federlin: Zum Hut Karls des Kühnen gehörte als kostbares Schmuckstück diese stilisierte Feder, wie sie ähnlich auch auf dem Pergament mit der Darstellung des Hutes (s. u.) in ihrer Funktion als Halterung für die Hutfedern erkennbar ist. Die Miniatur gibt diese verlorene Hutagraffe in ihrer Originalgrösse (Höhe 20,8 cm) mit allen Details des Steinbesatzes wieder. Dieser stimmt mit dem Basler Gutachten von 1505 überein, wo die Feder als drittes Kleinod beschrieben wird. Das Federlin ist mit fünf blassroten Rubinen von unterschiedlicher Reinheit und Farbintensität und vier facettierten, schwarz unterlegten Diamanten sowie 73 Perlen verziert. Der Schliff der Diamanten ist auf der Zeichnung erkennbar, ebenso die Eiform und z.T. gelbliche Färbung der grossen Perlen, wie sie das Gutachten erwähnt. Der grosse Rubin ist mit weiss-emaillierten Blättern unterlegt. In der Rechnung von Karls Hofgoldschmied Gerard Loyet, der für die Feder 1476 bezahlt wurde, ist erwähnt, dass die kleinen Perlen frei in Goldringen befestigt waren, so dass sie bei Bewegung ein Lichtspiel auslösten. Die Feder auf dem Pergamentblatt mit dem Hut Karls des Kühnen weicht von dieser genauen Darstellung ab. Die dort verkleinerte und vereinfachende Darstellung, die erst 40 Jahre später entstand, zeigt die Feder in Seitenansicht und betont die Diamanten mit hohem spitzen Zuschliff. Karl der Kühne war 1469 vom englischen König Edward IV. in den Hosenbandorden aufgenommen worden, nachdem er seinerseits im Jahr zuvor diesen zum Ordensritter des Goldenen Vlieses ernannt hatte. 1468 hatte Karl Eduards Schwester, Margarethe von York geheiratet. Das Ordensband aus der Burgunderbeute war – im Gegensatz zu den üblichen Stoffausführungen mit aufgestickter Devise – eine ausgesprochene Luxusausführung, die sich Karl wohl von seinem Hofgoldschmied Gerard Loyet hat anfertigen lassen.