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Intro
Irène Rose Jenny Merz, geb. Am 26. Juni 1940 in Basel, studierte an der Musikakademie Basel. Ihr Hauptfach Gesang studierte sie bei der bekannten Wagnersängerin, der Baslerin Annie Weber. Schauspielunterricht nahm Irène Jenny an der Schauspielschule des Goetheanums in Dornach. Frühe Mutterschaft und familiäre Verpflichtungen beendeten den Versuch, «auf den Brettern die die Welt bedeuten» länger Fuss zu fassen. Nach der Scheidung vom Vater ihrer drei Kinder arbeitete sie zwölf Jahre in der Verwaltung der Basler Theater. Ihre Kenntnisse in Geschichte und Kunstgeschichte, ihre Freude an Sprachen, ebneten den Weg, um mehr als zwanzig Jahre als Reiseleiterin, in mehreren Ländern Europas, tätig zu sein. Ihre Memoiren «4 mal 20 Jahre» erzählen aus einem spannenden, vielfältig gestalteten Leben.
Leseprobe: «Wie ich zu meinem Namen kam»
«Wie ich zu meinem Namen kam»
Die Tage waren sonnig und warm, als ich, ein kleines Krebsmädchen, das Licht der Welt erblickte. Mutter wollte mich mit dem schönen Namen Katharina willkommen heissen, doch es soll die Familie, bestehend aus Grosseltern, Tanten und Onkeln, laut und deutlich Einspruch erhoben haben. Grossvater kannte seine eigenwillige Tochter, die so gar nicht ins Bild eines fürsorglichen Hausmütterchens passen wollte. Er kannte ihre Begeisterung für historisch bedeutende Persönlichkeiten, ihre Begeisterung für kluge Frauen, zu welchen Mutters Favoritin, die russische Zarin Katharina die Grosse, gehörte. Grossvater soll gefragt haben: «Soll das kleine Wesen, das eben den Start ins Leben wagt, sich mit einem solchen Namen messen müssen?»
Mutter erinnerte sich an eine weitere besondere Frau, die sie nicht aus Büchern kannte, sondern der sie in den Strassen unserer Stadt begegnete. Es war die Kunstmalerin Irène Zurkinden, auch sie eine Grosse! Ihr verdanke ich meinen Namen, mit welchem ich glücklich und zufrieden durchs Leben ging. Dass mein Name schon im alten Griechenland gebräuchlich war, wusste von meinen Lieben sicher niemand, auch nicht, dass dieser, in unsere Sprache übersetzt, so etwas wie die «Friedfertige» bedeutet. Ein Glück, dass auch ich dies lange nicht wusste, es wäre hin und wieder recht hinderlich gewesen!
Besonders fand ich die kleine Anekdote, die Mutter von einer persönlichen Begegnung mit der Malerin zu erzählen wusste: «Es war in Colmar, weit nach Mitternacht, als ich einer feucht-fröhlichen Dame geholfen habe, sich nach einem unglücklichen Sturz in den Strassengraben unbeschadet wieder zu erheben.» Auf meine neugierige Frage, was Mutter in jungen Jahren, zu nächtlicher Stunde, auf Colmars Strassen verloren hatte, bekam ich lediglich ein schelmisches Lächeln zur Antwort. Mutter behielt ihre Geheimnisse stets für sich.
Zu meinen Lebenserinnerungen
Es ist mir ein freudiges, spannendes Bedürfnis, den vielen aufmunternden Worten: «Du solltest schreiben!» zu vertrauen. Auf den ersten Seiten der Memoiren von Louis Buñuel findet sich der Satz: «Mit den Jahren, wenn unser Leben dahingeht, gewinnt das früher verachtete Gedächtnis an Wert.» Und es gehen die Jahre unaufhaltsam vorbei, bald werden es vier Mal zwanzig Jahre sein, an welche es sich zu erinnern gilt! Gute Zeiten in Worte zu fassen fällt nicht schwer; schwerer fällt, sich an dunkle Stunden zu erinnern. Lange habe ich viel getragen, aber auch viel, unendlich viel erhalten. Auf die Idee, ich könnte irgendwann nicht mehr tragen, kam niemand, denn ich befolgte ein Leben lang die Worte meiner Mutter: «Reiss dich zusammen!»
«Reiss dich zusammen», sprach Mutter immer dann, wenn ich mich vertrauensvoll nach tröstenden Worten sehnte. Den wunderschönen Begriff «Elternhaus» kannte ich nicht. Das Glücksgefühl, sonntags ins Bett meiner Eltern zu schlüpfen, an der Hand von Vater und Mutter durch Wald und Wiesen zu streifen, war mir fremd.
Mutter schickte Vater in die Wüste, als ich drei Jahre zählte. Schuld war ein Gesetz, in der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkrieges verfasst, das einer verheirateten Frau verbot, eine feste Arbeitsstelle zu bekleiden. Diesem Gesetz wollte sich meine stolze Mutter nicht beugen. Eigene Bedürfnisse zu übersehen, sich «nur» für das Wohl ihres Kindes zu entscheiden, schien ihr kein verpflichtender Gedanke. Doch nebst Beruf und aktiver Teilnahme am politischen Geschehen nahm Mutter ihre Verantwortung mir gegenüber wahr. Mit kindlichem Staunen bemerkte ich, dass es in den schwierigen Nachkriegsjahren nicht allen Kindern vergönnt war, in die Ferien zu fahren; wir verbrachten Sommer und Winter Ferientage in den Bergen.
Den Platz meines abwesenden Vaters übernahm Grossvater, der Vater meiner Mutter. In seiner Nähe war ich mir sicher, ein glückliches, behütetes Kind zu sein. Der Allschwilerwald war Ausgangspunkt unserer Erlebnisreisen; Blumen, Sträucher und Bäume, sie alle hatten Namen, die Grossvater kannte. Im Garten meiner Grosseltern stand ein riesiger Zwetschgenbaum, an seinen Ästen war die Schaukel befestigt, die mich dem Himmel nahe sein liess. Senta, die Schäferhündin, bewachte meine Schritte und das Konfibrot, das Zvieri, das Grossmutter grosszügig mit selbstgemachter Butter beschmierte, schmeckte herrlich.
Den Kleinkinderschuhen entwachsen, sass ich mit Grossvater am Stubentisch, vor uns Bücher mit Geschichten und Gedichten, aus welchen Grossvater mir vorlas. Insbesondere der Gedichtband «Des Knaben Wunderhorn» lag ihm am Herzen. Ich konnte sie bald auswendig, all die Gedichte der grossen deutschen Romantiker. Grossvater streute leise Samenkörner!
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