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Wenn ich mein Ich als etwas denke, das von meiner Seele getrennt existiert, kann ich tatsächlich versuchen, mit meiner Seele zu reden: als einer Instanz, die mich übersteigt. Und die vielleicht ewig, womöglich sogar göttlich ist. Oder zumindest ein Friendly Alien.
Wenn das so ist, dann wäre ich niemals allein. Dann wäre mit mir immer zugleich ein anderer oder etwas anderes; etwas, das mit mir und allem tief verbunden ist, seelisch verbunden. Oder mit dem Dichter Rainer Maria Rilke gesprochen: Etwas, das Anteil hat an «Mythe, Mai und Meer».
Als du mich einst gefunden hast
«Als du mich einst gefunden hast, / da war ich klein, so klein, / und blühte wie ein Lindenast / nur still in dich hinein», heisst es in einem Rilke-Gedicht, und weiter:
«Vor Kleinheit war ich namenlos / und sehnte mich so hin, / bis du mir sagst, / dass ich zu gross / für jeden Namen bin:
Da fühl ich, dass ich eines bin / mit Mythe, Mai und Meer, / und wie der Duft des Weines / bin ich deiner Seele schwer…»
Ich bin viele
Wenn ich aber das Gefühl habe, dass ich eine Seele nicht habe, sondern eine Seele bin, wird es mit dem Dialog schwieriger. Es sei denn, ich begnüge mich mit Selbstgesprächen, oder meine Seele spaltet sich und die abgespaltenen Seelenteile beginnen sich zu unterhalten.
Ich erinnere mich an einen Patienten in einer psychosomatischen Klinik. Er steckte sehr deutlich in einer manischen Phase. Er sass in der Cafeteria der Anstalt und kartografierte auf einem Blatt Papier sein multiples Ich.
In ihm gab es «den Lehrer», «den Feigling», «das Kind» etc. Das Kind habe ich mehrfach erlebt. Der Mann konnte wegen scheinbarer Kleinigkeiten (z. B. seltener Ballerhalt beim Volleyball) in Tränen ausbrechen.
«Ist Selbstzergliederung nicht riskant?», fragte ich ihn. Er erklärte mir:
«Nein, die Ärzte haben es mir geraten und es macht einen Riesenspass.»
Jenseits von Natur und Kultur
Der französische Anthropologe und Amazonasforscher Philippe Descola zeigt in seinem viel beachteten Buch «Jenseits von Natur und Kultur» eine Spannung auf zwischen westlich-naturalistischen Vorstellungen und animistischen Weltbildern indigener Völker.
Naturalisten halten die Seelen für verschieden und die Körper für einheitlich.
Für Naturalisten ist daher die Idee einer seelischen Verbindung zwischen den Wesen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Geister, Götter) eine Illusion.
Animisten seien dagegen der Ansicht, dass die Körper verschieden, aber die Seelen gleich seien. Animisten sähen sich umfassend mit allen und allem verbunden.
Geister, Götter, Tote
Sogar manche Dinge nehmen teil an der umfassenden seelischen Kommunikation, zum Beispiel Transformationshocker oder bestimmte Steine.
Von einem First-Nations-Schamanen aus den USA ist überliefert, dass er auf die Frage eines Anthropologen, ob auch Steine lebendig seien, salomonisch antwortete:
«Manche Steine sind lebendig, manche nicht.»
Vor dem Hintergrund des menschengemachten Ökozids und dekolonialer Theorie erfolgt heute ein Umdenken. Indigene Philosophien und mit ihnen der lange Zeit als Kinderei (und von christlichen Missionaren als Teufelszeug) abgewertete Animismus werden als Alternative zum modernen Weltbild entdeckt und rehabilitiert.
Im New Materialism, der Queer Ecology oder im Ökofeminismus werden u.a. indigene Ansätze aufgegriffen und zeitgenössisch weitergedacht. Von James Lovelock, einem Atomphysiker und Umweltschützer ausgehend wird sogar die Erde als eine Art von beseeltem Wesen oder zumindest als organische Einheit gedacht (Gaia-Hypothese).
Die Erde hält sich selbst im Gleichgewicht. Die Balance aber kann kippen.
Schöpfung, Gott und Seele
Ist Seele, naturalistisch verstanden, dasjenige, was mich als Individuum in meiner Besonderheit charakterisiert, wie mein Fingerabdruck oder die Zeichnung der Iris meines Auges? Oder ist Seele umgekehrt das alles Verbindende? Oder ist Seele beides: individuell und universal?
Was denkt ihr?
Im dritten Teil der Serie geht es in einer Woche um Seele als tiefe Metapher.
Foto von Dustin F Owen auf Unsplash