Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/3536

Zwar sind seine zahlreichen von antiken Autoren erwähnten Schriften heute verloren. Dennoch wissen wir heute einiges über Protagoras (Πρωταγόρας Prōtagóras; * vermutlich um 490 v. Chr. in Abdera; † vermutlich um 411 v. Chr.), weil wir uns auf Quellen anderer berufen können, die bis in die Antike zurückreichen. Einer dieser «Nachlässe» stammt von Sextus Empiricus (Sextus Empiricus Σέξτος Ἐμπειρικός; ca. 160 – 210 n.Chr.), der neben Platon (Theaitetos 152a, Theaitetos 167c) den Homo-Mensura-Satz (Ἄνθρωπος μέτρον ἁπάντων – Der Mensch ist das Mass aller Dinge) kommentierte: «Der Mensch ist das Mass aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.» [Hermann Diels, Walther Kranz (Hrsg.): Fragmente der Vorsokratiker 80B1 = Platon, Theaitetos 152a.]
BERLIN WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 1912
Von Quellen über Ellen…
Von diesen Quellen zu den Ellen diversen Ausmasses ist es nicht weit. Die Elle, hergeleitet vom menschlichen Unterarm, gilt als eines der ältesten Naturmasse. Ellenlang sind auch die unterschiedlichen Massgebungen im Verlauf der Geschichte – von der königlichen Elle Ägyptens (0,52 m) über die antike griechische Elle πῆχυς (0,474 m) und die unzähligen Werte im Heiligen Römischen Reich bis hin ins 19. Jahrhundert zu den berühmt-berüchtigten kantonal-schweizerischen Unterschieden (Zuger Elle: 0,6104 m, Berner Elle: 0,5417 m, Luzerner Elle: 0,498 m).
…zu Dauerwellen
Bei derlei Ellen-Schwankungen durch die Historie drängt sich der Begriff der Welle geradezu auf, die heutzutage fatalerweise ins nachgerade Pandemische überschwappt: Nach der ersten folgt die zweite und danach die Furcht vor der dritten, vierten, fünften… Wellen aber zeichnen sich dadurch aus, dass sie so gut wie nie überschau-, geschweige denn völlig losgelöst, quasi einzelsprungweise abzählbar, daherkommen. Sie sind vielmehr Teile von komplexen Prozessen, demzufolge auch nicht einfach und einzeln auf Knopfdruck, sprich Impfung, zu eliminieren. Philanthropische Kurzdenker dieser Tage gehen davon aus, dass – sollte die Pandemie demnächst mithilfe von Impfstoffen bezwungen sein – alles wieder so sein wird wie zuvor. Es handle sich ja lediglich um eine einmalige Erfahrung, hört man gönnerhaft labern; immerhin eine Jahrhundertpandemie, aber die können wir ebenso locker wie souverän «besiegen». Oder vermutet etwa jemand den Beginn eines «Jahrhunderts der Pandemien», als das es sich abzeichnen könnte.
Wenn das Mass aller Dinge kritische Massen missachtet
Offensichtlich hat es der Mensch heute in seinem Fortschrittswahn so weit gebracht, dass er sich als selbsternanntes Mass aller Dinge in einem Ausmass überschätzt wie selten zuvor; ja sich anmasst, kritische Massen zu überschreiten, die den Globus im ohnehin labilen Gleichgewicht im inneren (nicht mehr allzu stabil) zusammenhalten. Hatte das Verschwinden vergangerer Kulturen (Rapanui, präkolumbisches Mesoamerika, Ἀτλαντὶς νῆσος Atlantìs nḗsos, Insel des Atlas) noch lokales Ausmass, nimmt heute egozentrisches Handeln aus Homo-sapiens-Perspektive globale Dimensionen an. Von daher mögen Nachrichten wenig erstaunen, wonach die von Menschen produzierte Masse die weltweite Biomasse übersteigt. Beispiele für von Menschen hergestellte Dinge sind Plastik, Gebäude, Strassen, Maschinen und all die 20000 Dinge, die durchschnittlich ein Zeitgenosse sein Eigen nennt. Als Biomasse definiert wird «alles, was lebt», einschliesslich Tiere, Pflanzen, Pilze, Mikroben, Bakterien. Betrug zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Masse von Menschenhand hergestellter Objekte gerade mal drei Prozent der Biomasse, hat sie sich in den vergangenen 100 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt, ist in einer im Fachjournal «Nature» veröffentlichten Studie vom 9. 12. 2020 nachzulesen.
Global human-made mass exceeds all living biomass Emily Elhacham, Liad Ben-Uri, Jonathan Grozovski, Yinon M. Bar-On & Ron Milo in Nature 588, 442–444 (2020) ✉
Elhacham, E., Ben-Uri, L., Grozovski, J. et al. Global human-made mass exceeds all living biomass. Nature 588, 442–444 (2020).
Seit der ersten landwirtschaftlichen Revolution hätten Menschen die pflanzliche Biomasse von rund zwei Teratonnen (2000000000000 Tonnen) auf gegenwärtig rund eine Teratonne reduziert. Auf der anderen Seite steht die wachsende Produktion und Anhäufung von Objekten. Dies habe zu einer «Verschiebung des Gleichgewichts zwischen der lebenden und der von Menschen geschaffenen Masse» geführt.
Während die Biomasse schrumpfe, wachse die «anthropogene Masse» immer schneller an. Gegenwärtig werde sie in einem Umfang von mehr als 30 Gigatonnen (30000000000 Tonnen) im Jahr produziert. Dies bedeute, dass für jeden Menschen auf der Welt in einer Woche Objekte geschaffen werden, die etwa seinem Gewicht entsprechen.
Bereits im Jahre 2016 war eine andere Studie zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Vielfalt technologischer Dinge – vom Bleistift bis zum Atomkraftwerk – inzwischen vermutlich die Zahl der Arten von Lebewesen auf der Erde übersteigt. Die Arbeitsgruppe um Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester schätzte die «Artenzahl» der Technosphäre auf mehr als eine Milliarde – mehr als lebende Organismen-Arten auf der Erde. Kurz: Der globale «Fussabdruck» von Menschen übersteigt die Biomasse.