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- Die Stiftung «Innocence Project» aus New York ist Pionierin in DNA-Analysen bei Strafprozessen.
- Rund 3000 Bittbriefe aus Haftanstalten aller Landesteile treffen jährlich beim «Innocent Project» in Manhattan ein.
- Seit ihrem 24jährigen Bestehen hat sie 178 Unschuldige aus den Gefängnissen geholt – jüngst John Nolley – nach 20 Jahren Haft.
1994, während des O.J. Simpson-Prozesses, sah Michael Morton im Aufenthaltsraum seiner Haftanstalt einen jungen Anwalt namens Berry Scheck im Fernsehen. Der New Yorker Jurist erklärte DNA und deren Bedeutung für die Ermittlung von Straftaten so gut, wie er es noch nie zuvor gehört hatte. Morton wusste, dass Scheck einer jungen Gruppe angehörte, die sich das «Innocence Project» nannte und für Menschen arbeitete, die unschuldig hinter Gittern sassen. Von diesem Tag an wünschte er sich nichts sehnlicher als die Hilfe dieser gemeinnützigen Organisation.
Stossgebet nach sieben Jahren erhört
Morton sass damals bereits seit sieben Jahren in einem texanischen Gefängnis. Ein Gericht hatte ihn zu lebenslänglicher Haft verurteilt – für den Mord an seiner Frau, den er nicht begangen hatte. Doch es dauerte sieben Jahre, bis Mortons Stossgebet erhört wurde und das «Innocence Project» seinen Fall übernahm. Es vergingen weitere zehn Jahre, bis die Stiftung den Unschuldigen gegen alle Widerstände der Justiz endlich aus der Gefangenschaft befreien konnte – nach einem Vierteljahrhundert hinter Gittern.
DNA-Befund als zweifelsfreier Unschuldsbeweis
Rund 3000 Bittbriefe aus Haftanstalten aller Landesteile treffen jährlich beim «Innocent Project» in Manhattan ein. Hinzu kommen Gesuche von Anwälten, wie jenem von Morton, die am Ende ihres Lateins sind und sich vom «Innocent Project» die Rettung für ihre Mandanten erhoffen. Die Organisation ist Pionierin in DNA-Analysen bei Strafprozessen. Seit ihrem 24jährigen Bestehen hat sie damit 178 Unschuldige aus den Gefängnissen geholt. Erst vor drei Tagen vermeldete sie die Freilassung ihres Mandanten John Nolley – nach 20 Jahren Haft. Unter den Justizopfern, die meisten männlich und dunkelhäutig, befanden sich auch 20 Hinrichtungskandidaten.
«Ich liebe diese Leute!», schwärmt die amerikanische Nonne Helen Prejean, prominente Gegnerin der Todesstrafe. Auch Douglas Morris, New Yorker Pflichtverteidiger in Strafprozessen auf Bundesebene, ist von der Arbeit der Organisation tief beeindruckt. In hundert Jahren werde das «Innocent Project» in jedem Geschichtsbuch zur amerikanischen Strafjustiz einen «prominenten Platz inne haben: als kleiner Verbund von Anwältinnen und Anwälten, der innovativ, erfindungsreich und unermüdlich auf den Einsatz wissenschaftlicher Befunde beharrt, um zu beweisen, dass Verurteilter um Verurteilter in Wirklichkeit unschuldig ist.»
Reformen des maroden Systems
Doch so lohnend und dankbar der Einsatz für Justizopfer auch ist: die 7 Anwältinnen und Anwälte des «Innocence Project» möchten mit ihrer Arbeit auch Reformen in der amerikanischen Strafjustiz vorantreiben. Wie genial und beharrlich sie dabei vorgehen, veranschaulicht die «Nachbearbeitung» des Justiz-Skandals Morton: Um herauszufinden, wie es überhaupt zu diesem Fehlurteil kommen konnte, befragten sie Beamte, die im besagten Zeitraum bei der Polizei und Staatsanwaltschaft tätig waren.
Den Befund, ein 140-seitiger Bericht, übergaben sie dem Obersten Gerichtshof von Texas mit der Bitte, zu prüfen, ob der damalige Staatsanwalt mit seiner manipulierten Anklage texanisches Recht und ethische Grundsätze verletzt habe. Das Vorgehen war ein absolutes Novum in den USA und hatte nicht nur Gesetzesänderungen zur Folge. Es kostete dem damaligen Staatsanwalt (er war inzwischen Bezirksrichter) und seinem befreundeten Nachfolger auch Amt und Reputation.
Tote Schlange zur Begrüssung
Heute leitet eine Frau die Staatsanwaltschaft in Morton’s einstigem Wohnbezirk. Als sie das Büro ihres Vorgängers bezog und die oberste Schublade des Schreibtischs öffnete, lag darin eine tote Schlange. Wohl als Warnung gedacht. Denn die Arbeit des «Innocence Project» in ihrem Amtskreis ist noch nicht abgeschlossen. Die Unermüdlichen untersuchen seit drei Jahren alle weiteren Gerichtsurteile aus der Amtszeit ihrer beiden Vorgänger. Wann das Resultat vorliegt, ist noch nicht bekannt. Aber offensichtlich fürchten sich einige schon jetzt davor.