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Der italienische Maler Giorgio Morandi (1890-1964) war eine singuläre
Erscheinung. Abgesehen von einer Reise an die Ausstellung seiner Werke in
Winterthur im Jahr 1956, einem Tagestrip von Mailand nach Lugano zur Sammlung
Thyssen in der Villa Favorita sowie dem Besuch der Cézanne-Ausstellung 1956
im Kunsthaus Zürich verliess der Maler nie seine italienische Heimat.
Der 1890 in Bologna als Sohn eines Kaufmanns geborene Künstler orientierte
sich vor allem an Cézanne, während einer kurzen Phase auch an der
metaphysischen Malerei de Chiricos und Carrà sowie am Futurismus und
Kubismus. In der Zurückgezogenheit seines Ateliers beschäftigte er sich mit
den immer gleichen Gegenständen, die er in seinen Stillleben in immer neuen
Kompositionen darstellte. 1930 wurde er zum Professor für die Technik der
Radierung an der Akademie von Bologna, wo er zeitlebens wohnte, ernannt. Er
starb 1964 in seinem Atelier an Lungenkrebs.
Eine der ersten Museumsausstellungen seines Werkes fand 1956 in Winterthur
statt, wo sich heute sechs seiner Gemälde befinden - normalerweise in einem
Raum den Werken von Alberto Giacometti gegenüber gestellt. Es entspricht
deshalb einer gewissen Logik, dass die jetzige Übersicht über sein Schaffen
erneut an diesem Ort zu sehen ist: 55 Gemälde, 10 Aquarelle, 18 Zeichnungen
und 12 Radierungen aus öffentlichen und privaten Schweizer Sammlungen sowie
zwei deutschen Privatsammlungen.
Neben einem einsamen Portrait (Ritratto femminile, um 1921, Kat. 1)
und einigen wenigen Landschaften sind Stillleben Giorgio Morandis aus den
Jahren 1920 bis 1964 zu sehen. Abgesehen von einer Natura Morta (1928,
Kat. 56), die den Maler durchaus in Richtung Kitsch hätte führen können,
bilden die Stilleben eine stilistisch ungewöhnliche Einheit.
Hervorragend sind die Zusammenstellungen verwandter Sujets an je einer Wand
des Museums, so die Katalognummern 24, 25 und 27 oder die Nummern 48, 49 und
50. Den Einfluss des Rahmens auf die Wirkung von Morandis Werken illustriert
exemplarisch die Natura Morta aus dem Jahr 1963 (Kat. 54, wobei im
Katalog der Rahmen natürlich nicht abgebildet ist). Der dunkle Rahmen gibt
dem Stillleben Farbe und Kraft. In der Regel wirken seine Gemälde blass und
zerbrechlich, was durch die weissen Wände noch verstärkt wird. Dabei gilt es
zu bedenken, dass Morandis Werke in seinem Atelier ohne Rahmen hingen und die
Wahl desselben vom jeweiligen Sammler abhängt, was die Ausstellung ebenfalls
illustriert.
Wer sich für das Zusammenspiel der Wirkung von Abstraktion, Komposition,
Farbe, Licht und Formen interessiert, wird im Kunstmuseum Winterthur von
Morandi bestens bedient.
Giorgio Morandi. Kunstmuseum Winterthur. Katalog und Ausstellung von Dieter
Schwarz. 134 S. Störend am Katalog sind die nicht immer
gewährleistete farbliche Übereinstimmung der Fotos mit den Originalen sowie
die vielen weissen Punkte auf dem Paesaggio (1927, Kat. 2), die auf dem
Original nicht zu finden sind. Ausstellung: noch bis am 1. Juli 2000.
Morandi: Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen - Druckgraphik. Mit Beiträgen von
Dieter Schwarz, Heinz Keller, George Floresheim. Kunstmuseum Winterthur, 2000,
136 Seiten. Bestellen bei
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