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René Burri, was macht die Kunst?
Die Kunst macht viel Arbeit. (lacht) Der Burri muss es wissen, schliesslich hat er schon ganz früh, als kleiner Junge, an jede Wand gekritzelt. Wo immer ich ein Stück Papier fand, habe ich gezeichnet. Meine Hand hat sich von Kindsbeinen an selbständig gemacht.
Das war während des Zweiten Weltkriegs in Bern, nicht?
Richtig. Wir waren Abkömmlinge von Bauern. Mein Grossvater, auf dessen Knien ich noch sass, war so ein Berner Patriarch mit grossem Bauernhof und eigener Kneipe. Er hatte zwölf Söhne und Töchter, meine Onkel und Tanten und meinen Vater. Meine Mutter war Deutsche, kam aus der Nähe von Freiburg im Breisgau, war aber schon früh nach Genf ausgewandert.
Wie haben Sie die Kriegsjahre erlebt?
Ich habe viel Zeit auf dem Bauernhof meines Grossvaters verbracht, da alles rationiert war – wenn auch nicht so wie in Deutschland. Ich habe die Verdunkelungen sehen können, wenn die Amerikaner jenseits der Grenze ihre Bomben abwarfen. Ich
erinnere mich auch noch daran, dass man in meiner Familie recht bald munkelte: Der René, der diesen komischen französischen Namen hat, mit dem stimmt etwas nicht. Der wird nichts Anständiges, sondern Künstler. Ich war das schwarze Schaf der Familie, wenn Sie so wollen: Zwischen angehenden Lehrern, Soldaten, gar Offizieren machte sich der junge Zeichner nicht so besonders gut. Ich erinnere mich noch genau an den Stolz meines Vaters, wenn jemand aus der Familie in der Armee Karriere machte.
Das wollten Sie aber nicht?
Echtes Interesse an einer solchen Laufbahn hatte ich nie. Interessanterweise war es dann mein Vater, ein Amateurphotograph, der mir auf die Sprünge half. Am 19. September 1946 sagte er zu mir: «Mein Sohn, du musst heute in die Stadt. Es kommt ein wichtiger Mann nach Zürich.» Er meinte Winston Churchill, der dort die beste europäische Rede nach dem Krieg halten sollte und damals sagte: «Let Europe arise!» Ich war bei der eigentlichen Rede nicht anwesend, muss mich verlaufen haben zwischen all den Menschen, stand aber danach am Bürkliplatz und wartete mit der Kamera meines Vaters auf den Tross Churchills. Und siehe da, er fuhr in einem offenen Wagen an mir vorbei – und ich knipste ihn. Ein Schnappschuss.
Was ist mit dem Photo passiert?
Ich dachte lange, es sei verschwunden. Zwar hatte ich es entwickeln lassen und erinnerte mich genau an das Sujet. Aber mit der Zeit glaubte ich beinahe, dass ich mein erstes Photo nur erträumt hatte, weil ich es nicht wiederfand. Irgendwann tauchte es dann wieder auf, aber vom Photographen Burri gab es damals noch keine Spur. Nach der Sekundarschule bin ich an die Kunstgewerbeschule Zürich gegangen. Dort machten zunächst alle Schüler ein Jahr Zeichnen. Johannes Itten, ein Bauhaus-Mitstreiter Paul Klees und damaliger Direktor der Lehranstalt, brachte uns in diesem Jahr viel bei, ich hatte Farbunterricht bei ihm. Nach diesem Jahr ging es in die Graphik, die Modeklasse, die Silberschmiede und so weiter. Und irgendwann kam dann die Photoklasse. Da war ich 17 Jahre alt. Und mit 17, Sie erinnern sich bestimmt, macht man natürlich noch andere Dinge als Malen.
Man geht mit Mädchen aus?
So ist es. Auch ich zog mir also hin und wieder lange Hosen an und ging ins Kino, obwohl das damals eigentlich erst mit 18 erlaubt war. Dort sah ich die ersten französischen Liebesfilme. Und ich sage Ihnen: diese Emotionen! Damals, ich weiss es noch genau, dachte ich: Film, das wäre ein Beruf für mich.
Nun ist Film kein Beruf. Rolf Lyssy, der erfolgreiche Schweizer Regisseur, meinte kürzlich zu mir, man brauche eine «psychopathische Ader», wenn man es im hiesigen Betrieb aushalten wolle.
Ja, Ähnliches sagte man mir damals…