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85 wäre er diesen Sommer geworden: der schwierigste Dirigent des 20. Jahrhunderts. Was hat man nicht alles für Superlative für ihn gefunden: der teuerste und scheueste und einer der rätselhaftesten. Der leidenschaftlichste. Der mit dem kleinsten Repertoire und den seltensten Auftritten. Phantom der Oper. Carlos Kleiber.
Aus, Ende, keine Vorstellung
Ich habe ihn nie getroffen, leider, aber mich vor vielen Jahren in seine Aufnahmen verliebt. Denn erst einmal hatte ich gar nicht verstanden, was eigentlich los ist mit diesem Dirigenten. Da gab es diese Geschichten über horrende Gagen. Ober über ausgefallene Konzerte, zum Beispiel im Dezember 1982 in Wien. Knapp vor Ende der letzten Probe für ein Philharmonisches Abonnementkonzert stürmte er davon und liess das Orchester verstört zurück – der Tropfen, der Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war die rhythmische Anfangsfigur im zweiten Satz der Vierten Symphonie von Beethoven gewesen. Sie sollte, das war Kleibers Vision, den Namen der «Unsterblichen Geliebten» wiedergeben, aber es war ihm nicht gelungen, das zu vermitteln. Aus, Ende, keine Vorstellung.
Dann fing ich an, mich mit diesem Mann auseinanderzusetzen – und entdeckte einen, der keine halben Sachen machte.
Der lange Schatten des strengen Vaters
Klar, gross war sein Repertoire wahrlich nicht. Mit fast zwanghafter Besessenheit dirigierte Kleiber immer wieder dieselben Werke. Keine Bruckner- und keine Mahlersymphonien, die er doch alle auswendig kannte, keine Eroica, keine Neunte von Beethoven. Aber die Vierte und die Fünfte, Brahms' Zweite, Schuberts Dritte, Tristan, La Traviata und die Fledermaus, den Rosenkavalier und den Freischütz.
Meister der Leichtigkeit, Meister der Präzision. Wenn er mit dem Taktstock locker aus dem Handgelenk den Rhythmus mitschlägt. Im Kampf um den Ausdruck. Tja, dieser Kampf. Er hat ihn schliesslich verloren. Je älter er wurde, desto seltener stellte er sich vors Orchester. Die Konzerte, die er in den letzen zehn Jahren gab, kann man an zwei Händen abzählen. Dass Kleiber so enorme Schwierigkeiten hatte, vor ein Orchester zu treten, hing wohl mit dem Vorbild des strengen Über-Vaters Erich Kleiber zusammen. Aber das war wohl kaum alles. War des Vaters Schatten derart verstörend? Oder war es Angst? Vor sich selber? Vor der eigenen Courage, vor dem eigenen Genie, vor seinem eigenen, allerhöchsten künstlerischen Anspruch?
Gepackt von einer kindlichen Freude
Jahrelang blieb Carlos Kleiber verschwunden und trat er dann doch einmal auf, tat er das nur, wenn daheim wieder mal der Kühlschrank leer war. Dann bekam er eine horrende Gage und hatte wieder ein Auskommen für die nächste Zeit. Soweit das Gerücht. Sicher, seine Gagen waren enorm. 1996 gab er ein Konzert in in Ingolstadt für den Autokonzern Audi. Die Gage, die er sich ausgehandelt hatte, war ein Luxusschlitten.
Natürlich, die Limousine war ein schöner Lohn. Aber es ging doch um was anderes. Wenn es lief, wie es laufen sollte und sich Kleiber absolut sicher war, das erreicht zu haben, was er wollte, wenn es ihm gelungen war, mit unerbittlicher Liebenswürdigkeit, mit Charme und Feuer, Finesse und Eleganz die Musiker in seine Welt hineinzuziehen, dann war er gelöst und von einer kindlichen Freude, wie man das kaum für möglich halten würde. Das aber war ein Spass, den zu erreichen eine ungeheure und immer grössere Anstrengung war.
Am Ende seines Lebens hatte Carlos Kleiber den immer schwierigeren Kampf aufgegeben, trat gar nicht mehr auf, sass traurig zuhause herum. Um wieviel heller strahlen dadurch die wenigen dokumentierten Sternstunden. Das waren lauter Ausrufezeichen. Ja – es gibt viele andere fantastische Dirigentinnen und Dirigenten.
Aber bei keinem fand ich dieses Feuer so hinreissend und überzeugend.
Florian Hauser
Der promovierte Kulturwissenschaftler ist seit vielen Jahren beim Radio: erst bei DRS2, dann beim Bayerischen Rundfunk, dann wieder bei SRF2 Kultur. Er macht Features, Gespräche, aktuelle Beiträge und kümmert sich um die Neue Musik. «Musik unserer Zeit» ist «seine» Sendung. Er schreibt auch und macht Einführungen.