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Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Juli kämpften zwei Gruppierungen um die Macht: Die Partei des China-treuen Ministerpräsidenten Hun Sen, der seit bald dreissig Jahren unangefochten die Regierung führt und sein Herausforderer, der liberale Politiker Sam Rainsy.
Offensichtlich sind die Leute mit ihrer Regierung nicht mehr zufrieden, denn dieses Mal gingen 45% der Stimmen an Sam Rainsy und nur 55% an den gegenwärtigen Machthaber.
Unabhängige Beobachter haben festgestellt, dass das Wahlresultat wahrscheinlich manipuliert wurde und dass der Wahlsieger nicht Hun Sen, sondern Sam Rainsy heissen müsste. Aus Protest bleiben die Abgeordneten der Partei von Sam Rainsy den Parlamentssitzungen fern. Die verbleibenden Ratsmitglieder kümmern sich nicht darum und haben Hun Sen als Staatschef bestätigt.
Seither finden jede Woche Demonstrationen zu Gunsten von Sam Rainsy statt. Gewaltsame Zusammenstösse mit Polizei und Militär haben Todesopfer gefordert. Vermittlungsversuche von König Norodom Sihamoni sind gescheitert und Sam Rainsy hat die UNO vergeblich um eine Intervention gebeten.
Wir selber haben während unseres Aufenthaltes in Kambodscha kaum etwas von den Unruhen bemerkt.
Im Sommer 1998 wurde am Stadtrand von Phnom Penh die HOPE FOR ALL Clinic eröffnet. Ein Arzt, ein Zahnarzt, zwei Krankenschwestern und zwei Helfer begannen mit der Versorgung der meist sehr bedürftigen Menschen aus der Umgebung.
Die erste Einrichtung der Clinic bestand aus gebrauchten Geräten und Instrumenten von Schweizer Spitälern und Arztpraxen, die wir nach Kambodscha transportieren liessen.
Aus bescheidenen Anfängen entstand ein modernes Zentrum mit einer Arztpraxis und vier zahn-ärztlichen Behandlungsplätzen, die den Vergleich mit hiesigen Zahnarztpraxen nicht zu scheuen brauchen. Vor drei Jahren wurde die Clinic ein selbstständiges Unternehmen mit einem Dutzend ausschliesslich einheimischen Mitarbeitern. Der Verein HOPE FOR ALL sorgt dafür, dass bedürftige Patienten weiterhin umsonst behandelt werden und übernimmt die anfallenden Kosten.
Dank ihres guten Rufes werden die Zahnärzte der Clinic auch von betuchten Patienten aus der Hauptstadt aufgesucht. Ihr Behandlungshonorar trägt wesentlich zur Verbesserung der Betriebsrechnung der Clinic bei.
Die HOPE FOR ALL Clinic dient zugleich als Praktikums-Stelle für drei angehende Zahnärzte, die an der Universität von Phnom Penh studieren. Eine Schweizer Firma richtet ihnen Stipendien aus.
Als die Clinic vor 15 Jahren eröffnet wurde, existierten in der Umgebung keine anderen medizini-schen Einrichtungen. Heute bieten weitere Institutionen kostenlose Behandlungen an und das etwa drei Kilometer entfernte staatliche "Sihanouk Hospital" betreibt eine gute Poliklinik. Dies zeigt Auswirkungen auf die Patientenzahlen unserer Clinic. Während die Zahnärzte fast überrannt werden, haben die ärztlichen Konsultationen stark abgenommen. Manche Patienten nutzen die Wartezeit auf die Zahnbehandlung für einen unnötigen Arztbesuch und ergattern Medikamente, die sie bei nächster Gelegenheit verkaufen.
Der Arzt der Clinic hat das Pensionsalter erreicht. Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, ihn nicht zu ersetzen und uns auf Zahnbehandlungen zu konzentrieren, für die ein ungleich grösseres Bedürfnis besteht.
Zusammen mit dem einheimischen Leiter des Sponsoring-Programms haben wir einen Teil der 80 Kinder besucht, die dank dem Sponsoring-Programm von HOPE FOR ALL die Schule besuchen können. Die Kinder wohnen oft bei einer Grossmutter oder bei Nachbarn, weil ihre Eltern an AIDS gestorben sind oder weil sich ihre Eltern ohne ihren Nachwuchs an einem andern Ort niedergelassen haben.
Wir sahen unglaubliche Armut. Die Menschen hausen in notdürftigen Verschlägen aus Holz, Blech, Karton und Tüchern. Viele haben ihre letzte Habe verloren, als im vergangenen Sommer der Mekong über die Ufer trat und ganze Quartiere unter Wasser setzte.
Vor vier Jahren trafen wir in den Slums auf ein 3-jähriges Zwillingspaar, das sich auf der Strasse herumtrieb. Ihre alleinstehende Mutter war als Abfallsammlerin unterwegs. Wir wollten der Frau einen Platz vermitteln, wo sie mit ihren Kindern wohnen und einen Beruf erlernen könnte, doch sie lehnte ab. Sie tat sich mit einem neuen Partner zusammen und gebar in kurzer Folge zwei weitere Kinder. Der Mann entpuppte sich als Säufer, der die Kinder verprügelte.
Vor einem Jahr ist die Frau tödlich verunfallt und ihr Partner hat sich abgesetzt. Jetzt leben die vier Geschwister bei Verwandten. Diese sind selber bettelarm und werden von HOPE FOR ALL regelmässig unterstützt.
Wenn Kinder aus dem Sponsoring-Programm nach der obligatorischen Schulzeit fähig und willens sind, eine höhere Schule oder die Universität zu besuchen oder einen Beruf zu erlernen, werden sie von uns weiter unterstützt. Wir haben unsere Beziehung zur „Don Bosco Technical School“ vertieft und diese vorbildliche Institution mit einer Zuwendung bedacht.
Im Spätsommer trat der Mekong über die Ufer und überschwemmte grosse Teile von Kambodscha. Mehr als dreissig Menschen sind ertrunken. Besonders betroffen wurden wieder die Ärmsten, die in tiefer gelegenen Gegenden wohnen und sich keine Häuser auf Pfählen leisten können. Der Leiter des Sponsoring-Programms hat uns erschütternde Bilder geschickt.
Im Sommer 2013 waren Parlamentswahlen in Kambodscha. Sie ergaben eine knappe Mehrheit zugunsten der Regierungspartei. Doch die unterlegene Partei klagt auf Wahlbetrug und ist über ein Jahr lang allen Sitzungen des Parlaments ferngeblieben. Auf den Strassen gibt es immer wieder heftige Protestaktionen, die von Polizei und Armee unterdrückt werden. Die Menschen hoffen, dass die Parteien endlich die Interessen des Landes wahrnehmen statt sich zu bekriegen. Denn viele wichtige Aufgaben des Staates, wie beispielsweise der Unterhalt der Strassen, werden vernachlässigt.
Kambodscha ist das korrupteste Land Asiens. Es belegt auf dem globalen Korruptionsindex zusammen mit Eritrea und Venezuela Platz 160 von 177 Ländern. Ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin berichtet, dass dringend erwünschte ausländische Investitionen in Kambodscha vor allem durch korrupte Beamte behindert oder verhindert werden. Da wird einfach eine neue Vorschriften erfunden und die entsprechende Bewilligung erst erteilt, wenn ein dicker Briefumschlag unter dem Tisch die Hand gewechselt hat.
Selbst die Schulkinder werden jeden Tag mit Korruption konfrontiert, wie unser Mitarbeiter Meas Thavy erzählt. Als Leiter des Sponsoring-Programms von HOPE FOR ALL ist er dafür besorgt, dass ungefähr 80 Kinder aus ärmsten Verhältnissen die Schule besuchen statt sich auf der Strasse herumzutreiben oder einer Arbeit nachzugehen. Er besucht diese Kinder jeden Monat zuhause und vergewissert sich anhand von Zeugnissen und kleinen Tests, dass sie wirklich regelmässig zur Schule gehen. Dann zahlt er an ihre Eltern oder an ihre Erzieher einen Unterstützungsbeitrag.
Dieses Geld geht vorwiegend an die Lehrer, die eine neue Methode praktizieren, um ihren wirklich ungenügenden Lohn aufzubessern. Statt die ganze Klasse gleichermassen am Unterricht teilhaben zu lassen, verkaufen sie den Lerninhalt als Fotokopien an ihre Schüler. Je höher die Klasse, desto mehr Kopien müssen gekauft werden. Arme Kinder können diese Unterlagen nicht bezahlen, bleiben zurück und verlassen nicht selten die Schule. Um dies zu verhindern, haben wir die monatlichen Unterstützungsbeiträge erhöht. Je nach Klasse richten wir pro Schüler zwischen 20 und 40 US-Dollars aus.
Zwei Schülerinnen und ein Schüler aus dem Sponsoring-Programm haben es bis in die Universität geschafft. Wir übernehmen ihre Studiengebühren und steuern an ihre Lebenskosten bei. Zwei weitere Studenten und eine Studentin der Zahnmedizin erhalten durch Vermittlung von HOPE FOR ALL ein Stipendium von einer Schweizer Firma.
Was für eine Gesellschaft wächst heran, wenn Kinder schon in der Schule lernen, dass man ohne Schmiergeld nicht weiter kommt?
In der HOPE FOR ALL Clinic gibt es keine Korruption. Die gut bezahlten Mitarbeiter der Clinic haben es nicht nötig, von den Patienten einen zusätzlichen Obolus zu verlangen und in die eigene Tasche zu stecken. Die Clinic selber ist offiziell im Besitz von einheimischen Mitarbeitern und darum auch nicht im Visier von irgendwelchen Funktionären, die bei ausländischen Institutionen immer wieder Begehrlichkeiten zeigen.
Ende 2012 wurde in der Clinic ein digitales Panorama-Röntgengerät eingerichtet. Wir haben uns diese teure Anschaffung reiflich überlegt, denn sogar in der Schweiz verfügen längst nicht alle Zahnarztpraxen über eine solche Einrichtung. Doch die Rechnung geht auf. Im vergangenen Jahr wurden über 1'000 und im laufenden Halbjahr bereits gegen 800 Aufnahmen angefertigt. Sogar auswärtige Zahnarztpraxen überweisen Patienten für Panorama-Röntgenaufnahmen an die Clinic. Die entsprechenden Einnahmen und die Honorare von eigenen Patienten reichen aus, um das Gerät zu amortisieren.
Die Qualität der Behandlungen an der Clinic kann sich durchaus mit dem Standard von Schweizer Zahnarztpraxen messen. Im letzten Jahr fanden 9'100 Konsultationen statt, die Hälfte davon bei bedürftigen Patienten, die für ihre Behandlung gar nichts oder höchstens drei USD bezahlt haben.
Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh liegt nur 16 Meter über dem Meeresspiegel und der Mekong, der träge durch die Stadt fliesst, ergiesst sich erst 230 Kilometer weiter ins südchinesische Meer. Während der Regenzeit braucht es wenig, bis der Fluss nicht mehr alles Wasser aufnehmen kann und über die Ufer tritt.
In Phnom Penh (die Stadt zählt 1.5 Millionen Bewohner) herrscht eine enorme Bautätigkeit.
Um die neuen Häuser vor dem Hochwasser zu schützen, schüttet man die Baugrundstücke auf, doch im gleichen Masse verkleinert sich das Areal, wo das Wasser versickern kann. Als Folge davon werden zunehmend Strassen überschwemmt und schwer beschädigt.
Helfe ich ausgebeuteten Fabrikarbeiterinnen, indem ich ihre Produkte kaufe oder indem ich sie boykottiere?
Auf diese Frage gibt es je nach Standpunkt eine unterschiedliche Antwort. Einerseits ist es stossend, wenn ein Hemd bei uns 70 Franken kostet und die kambodschanische Arbeiterin für das Nähen dieses Hemdes keine fünfzig Rappen verdient hat. Anderseits warten hunderte Bewerberinnen vor dem Tor einer Kleiderfabrik, die neue Arbeitskräfte einstellt. In Kambodscha gibt es ungefähr 300 Textilbetriebe, die rund 350'000 Näherinnen beschäftigen. Bei 6 bis 7 Arbeitstagen pro Woche kann eine Näherin monatlich gegen 100 US-Dollars verdienen. Das ist mehr als das Salär eines Lehrers oder eines Polizisten. Als die Kleiderfabriken im vergangenen Sommer wegen Unruhen still standen, hatten viele Familien kein Einkommen mehr.