Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03519.jsonl.gz/2634

Annette Frei
Die Welt ist mein Haus. Das Leben der Anny Klawa-Morf
1991
Aus: Annette Frei. Die Welt ist mein Haus. Das Leben der Anny Klawa-Morf. 1991
Es war kein leichter Winter im Jahr 1918. Die Arbeiterfamilien litten grosse Not, es herrschte nichts als Elend. Nicht einmal Kartoffeln waren zu kaufen, oder nur zu übersetzten Preisen. Die Bauern verfütterten sie lieber dem Vieh, als sie billiger an die Bevölkerung abzugeben. Die Frauen demonstrierten an vielen Orten gegen die Teuerung. In Bern leerten sie den Bauern die Körbe aus, weil diese die Kartoffeln zu teuer verkauften.
Manchmal beschlagnahmte die Polizei Waren in den Läden. Die Händler hatten anfangs des Krieges billig eingekauft, warteten darauf, dass die Preise stiegen, und hielten die Ware zurück. Weil die Lebensmittel immer rarer wurden, konnten sie später viel teurer verkauft werden Aber die Arbeiterfamilien konnten das nicht bezahlen. Dann wurden Suppenanstalten aufgemacht. Als ich einmal in der Volksküche eine Suppe und ein Stück Brot ass, setzte sich ein Arbeiter in der Überhose neben mich. In meiner Suppe schwammen kleine Dinger obenauf, die ich an den Tellerrand schob. Da sagte der Arbeiter zu mir: «Tun Sie nur nicht so heikel, Fräulein, das ist ein bisschen Fleisch, und das isst man.» Es waren Würmer.