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Zwei Originalversionen?
Man ist versucht, beim Schweizerischen Robinson von zwei Originalversionen zu sprechen. Da ist einerseits das handschriftliche, eigentliche Original, von Johann David Wyss verfasst zwecks pädagogischer Belehrung seiner vier Söhne. In diesem Original tragen die vier Söhne des schiffbrüchigen Schweizer Predigers denn auch dieselben Namen wie die vier Söhne Johann David Wyss‘. Dann ist da die erste Druckfassung, herausgegeben von Johann Rudolf Wyss, einem der Söhne. Zumindest bei den ersten Bänden (Der Schweizerische Robinson erschien in vier Bänden) unterschlug Johann Rudolf den Namen seines Vaters als Verfasser. Diese ersten Bände erschienen noch zu Lebzeiten seines Vater; ich weiss aber nicht, ob der Vater je von der Veröffentlichung erfahren hat. Erst nach dem Tod seines Vaters setzte Johann Rudolf dessen Namen aufs Vorsatzblatt. Johann Rudolf änderte auch Namen und Alter der vier Söhne des Schweizerischen Robinson – es ist, als ob er möglichst wenig Hinweise auf den realen Verfasser hinterlassen habe wollen. Dabei wurde das Buch sofort ein Riesenerfolg. Übersetzungen ins Englische, Italienische und Französische folgten schon, als noch nicht einmal alle Bände veröffentlicht waren. Im Übrigen hat Johann Rudolf vor allem an der Sprache seines Vaters gefeilt: Veraltete Verbformen (vor allem Präterita) wurden modernisiert, dialektale Wendungen und Ausdrücke eliminiert (dies zum Glück nicht ganz – es macht einen schönen Teil des Reizes dieses Textes aus, diese Ausdrücke zu lesen).
Einflüsse
Es ist bezeichnend, dass das handschriftliche Original keinen Titel trägt. Der Schweizerische Robinson ist eine nachträgliche Hinzufügung von Johann Rudolf Wyss. Defoes Robinson Crusoe steht natürlich hinter allen Robinsonaden, die folgen sollten, aber Wyss stand mehr unter dem direkten Einfluss jener andern, pädagogisch angehauchten Robinsonade von Camper. Auch Schnabels Insel Felsenburg stand, vor allem bei der Ausgestaltung des Schlusses, wohl Pate.
Die damals bekannten Reiseberichte wird Wyss ebenfalls gekannt haben, allen voran Cook und Forster.
Big in Japan
Wyss‘ Buch war ein sofortiger Erfolg, ein Erfolg, der bis heute angehalten hat. Allerdings weniger in seiner Heimat, weniger im deutschsprachigen Raum, sondern vor allem in den USA. Bis heute gibt es immer wieder Adaptionen in Buch, Film oder TV, die sich auf die Swiss Family Robinson beziehen. (Wobei dann meist Robinson als Familienname gehandelt wird. Im Original – bei beiden Wyss – hat die Familie keinen Nachnamen.) Dass die erste englische Übersetzung nicht nach dem deutschen Original, sondern nach der französischen Übersetzung angefertigt wurde, die erschien, nachdem die ersten beiden Bände des Schweizerischen Robinson auf dem Markt waren, und die dann – wie damals nicht unüblich – die Geschichte einfach auf eigene Faust weiterführte, mag den Erfolg sogar eher befördert denn behindert haben.
Die belehrenden naturwissenschaftlichen Gespräche zwischen dem Vater und seinen Söhnen erinnerten mich des öftern an ähnliche Gespräche, die Kara Ben Nemsi mit seinem Hadschi Halef Omar führt. Ich vermute, dass Karl May seinen Schweizerischen Robinson kannte. (Was nebenbei eine weitere Interpretationsmöglichkeit der Figur Hadschi Halef öffnet: Der Hadschi als der Sohn, den Karl May im wirklichen Leben nicht haben konnte.) Dass Arno Schmidt, so weit ich sehe, nirgends auf Wyss hinweist, halte ich für erstaunlich. Immerhin kannte er Schnabel…
Inhalt
Eigentlich geschieht auf rund 1’150 Seiten sehr wenig. Der Schweizer Prediger, der mit seiner Familie unterwegs ist nach Indonesion, um dort als Missionar tätig zu werden, erleidet unterwegs Schiffbruch. Es gelingt ihm, sich und seine Familie (seine Frau und seine vier Söhne) an Land zu retten. Das Buch ist dann eine recht detaillierte Beschreibung, der Art und Weise, wie sich die sechs Personen ihr Leben einrichten. Es ist dabei ganz interessant, zu verfolgen, wie die erzählte Zeit immer rascher verfliesst. Die ersten drei Tage folgen wir der Familie fast Schritt um Schritt, Stunde um Stunde. Dann wird schon mal ein Tag überschlagen, dann auch eine Woche, ein Monat. Ganz am Ende machen wir dann einen grossen Sprung: Nachdem Wyss ungefähr drei Jahr relativ ausführlich geschildert hat, springt er um sieben Jahre nach vorn, ins zehnte Jahr des Aufenthalts der Schweizerischen Robinsons in ihrem Asyl.
Es geht Wyss in seinem Text vor allem darum, seine Kinder zu belehren. Der Pfarrer hält sich dabei mit pädagogisch-theologischen Exkursen angenehm zurück – auch wenn natürlich das Morgen- und das Abendgebet nicht vergessen werden dürfen. Aber der Aufenthalt an dieser fremden Küste gibt Wyss vor allem die Möglichkeit, in der Gestalt des Vaters ein grosses naturwissenschaftliches und technisches Wissen auszukramen. Ob es nun die Herstellung von Porzellan betrifft oder die Verarbeitung von Pelzen – der Vater kann’s. Ebenso kennt er all‘ die Tiere, die sich in jenem Landstrich aufhalten. (Und Wyss ist da nicht mäkelig: Aus aller Herren Länder lässt er die Tiere sich auf jener Insel – oder einsamen Küste, so genau erfährt das der Leser nicht – einfinden. Löwen, Känguruhs oder Boas: Sie sind alle da.)
Je länger das Buch wird, umso mehr tritt der paradiesisch-utopische Gehalt des zunächst unfreiwilligen Exils unserer Familie in den Vordergrund. Es handelt sich dabei um eine rückwärts gewandte Utopie, wie so oft. Was Wyss vorschwebt, ist ein Leben nach Art der biblischen Patriarchen: einfach und gottesfürchtig.
Der Schluss
Der Schluss, von dem ebenfalls zwei Versionen existieren, ist vielleicht der irritierendste Bestandteil dieses Textes. Zunächst springen wir, wie gesagt, ein paar Jahre nach vorn. Da wir davon ausgehen können, dass Wyss seinen Text im selben Zeitraum verfasste, den er im Buch vergehen liess, stellt sich die Frage, was ihn bewog, nach Jahren den Text nochmals aufzunehmen. Der pädagogische Impetus musste schon lange verflogen sein: Seine Söhne waren unterdessen erwachsen und brauchten keine Belehrung mehr. Allerdings ist unterdessen der älteste der Söhne gestorben, und so haben wir im Schluss wohl auch eine Art Epitaph auf diesen zu sehen. Er ist es, der im Buch nun hochoffiziell als volljährig und der Belehrung des Vaters entwachsen deklariert wird. Musste Wyss also schon vorher, um die ideale Familie beieinander zu haben, die Mutter seiner vier Söhne wieder zum Leben erwecken (in Tat und Wahrheit war sie schon verstorben, ebenso wie drei im Schweizerischen Robinson gar nie erwähnte Töchter), so lässt er jetzt seinen ältesten (und wohl liebsten) Sohn weiterleben. Schreiben als Realitätsflucht.
Im Übrigen können wir beim Ende des Romans noch einmal eine starke Bearbeitung durch Johann Rudolf feststellen. In Johann Davids Original werden die Robinsons zwar auch gefunden, der älteste Sohn verliebt sich ebenfalls in eine andere Schiffbrüchige, hier will aber keiner der Robinsons zurück nach Europa. Wyss schrieb in den Wirren der Napoleonischen Kriege, wo gerade Pfarrer kein leichtes Leben hatten, waren doch der französische Staat und alle nach seinem Vorbild gebildeten Vasallenstaaten stark laizistisch geprägt. Diesen Wirren durch die Flucht auf die Insel entkommen zu sein, kann den Schweizer Prediger nur freuen. Als Johann Rudolf den letzten Teil veröffentlicht, hat sich die politische Landkarte wieder geändert. Da Johann Rudolf als Professor an der Berner Akademie unterdessen wohlbestallter Staatsangestellter war, konnte er seines Vaters Ausfälle gegen den Staat nicht stehen lassen – in Tat und Wahrheit sind sie völlig unterdrückt. So sehen wir denn den ältesten Sohn gen England fahren, um beim Vater seiner Jenny um deren Hand anzuhalten. Mit ihm reist der jüngste, um sich in Europa weiterzubilden. Beide schliessen eine Rückkehr nicht aus, beide versprechen, geeignete Leute als Kolonisten zurückzuschicken. Neu-Schweizerland soll nämlich unter britischer Protektion weiter blühen.
Meine Ausgabe
Vor mir liegt die 2016 erschienene Ausgabe des Schweizerischen Robinson bei der Anderen Bibliothek. Versehen mit Reproduktionen der dem handschriftlichen Original beigefügten Bilder, die vom dritten Sohn Johann David Wyss‘ stammen. Auch sonst ist das Buch schön gestaltet, die Zeichnungen, rot abgesetzt, dienen auch zwischendurch als Verzierung einzelner Seiten.
Leider kann die Andere Bibliothek nicht auf ihre seltsamen Karton-Bauchbinden ums Buch herum verzichten, da die nun einmal zum Markenzeichen geworden sind. Dabei sind sie weder schön noch praktisch.
Schlimmer ist allerdings die Tatsache, dass der Text einige störende Druckfehler enthält. Der Text folgt Johann Rudolfs Ausgabe. Ich weiss nun nicht, ob die Transkription von Hand oder über eine OCR-Engine erfolgte. Jedenfalls scheint der Korrektor einige Male geschlafen zu haben. Irgendwo in meiner Ausgabe wird davon gesprochen, dass Johann Rudolfs Original in Fraktur gesetzt sei. Man weiss heutzutage nie, ob, wer von ‚Fraktur‘ schreibt, auch ‚Fraktur‘ meint oder einfach irgendeine gebrochene Schriftart. Ich habe Johann Rudolfs Original nicht zur Hand, kann es also nicht beurteilen. Es könnte sich aber wirklich um Fraktur gehandelt haben – jedenfalls weisen die Verleser darauf hin. Es ist tatsächlich so, dass in Fraktur N, R und B einander sehr ähneln. Das ist aber kein Grund, aus einem Vorrath einen Borrath zu machen. Und wenn das Reittier Nasch seinem Namen alle Ehre macht, dann nicht, weil es unterwegs von allen Pflanzen am Wegesrand nascht, sondern weil es seinen Reiter in kürzester Zeit zu dessen Bestimmungsort gebracht hat – das Tier heiss nämlich Rasch. (Was ein paar Seiten weiter auch richtig geschrieben wurde.)
Am Schluss der Ausgabe befinden sich noch zwei Essays, einer von Hannelore Kortenbruck-Hoeijmans und einer von Stefan Zweifel. Der erste bezieht sich auf Johann David Wyss‘ Original, gehört also eigentlich nicht hieher. Der zweite bietet ein weniges an sachlicher Information und ganz viel an jenem unverständlichen Lingo, der mit Barthes, Lacan und Co. auch in der deutschen Literaturwissenschaft Einzug gehalten hat. (Und den ich eigentlich, ehrlich gesagt, für bereits wieder tot gehalten habe.) Schade, hier hätte ein einziger, dafür sachlicher und verständlicher einführender Text der Ausgabe gut getan.