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Der ursprüngliche Guru
von Shrila B.R. Shridhara Deva Goswami
Der ursprüngliche geistige Meister ist Nityananda Prabhu. Er stellt die umfassendste Verkörperung des guru dar. In der geistigen Welt steht er für das Prinzip des guru-tattva in den ersten vier Entwicklungsstadien der liebevollen Hingabe, die Stufe der ehelichen Liebe ausgenommen. Die Entsprechung von Baladeva auf der Stufe des madhurya-rasa ist Ananga Manjari, die Schwester von Radharani.
Nityanandas Stellung ist sogar höher als die von Baladeva. Warum ist das so? Weil er prema verteilt, göttliche Liebe. Und was ist prema? Sie ist wertvoller als alle anderen Errungenschaften. Wenn jemand wirklich göttliche Liebe schenken kann, dann müssen alle anderen ihm untergeordnet sein. Wenn sogar Krishna unter Mahaprabhu steht, dann muss natürlich auch Balarama hinter Nityananda zurückstehen. Sie sind einander sehr ähnlich, aber wenn man Grossmut hinzufügt, dann wird Balarama zu Nityananda. Jener Balarama, der die göttliche Liebe austeilt, der diese bedeutende Aufgabe vollbringen kann, der ist hier als Nityananda erschienen. Das Fundament auf dem wir stehen, muss stabil sein. Erst dann sollte das Gebäude darauf errichtet werden. Sonst wird das ganze Gebilde zusammenbrechen (heno nitai vine bhai radha krsna paite nai). Von Nityananda Prabhu können wir eine solch stabile Grundlage erhalten.
Eines Tages kam Nityananda Prabhu zu Shri Chaitanya Mahaprabhus Haus in Mayapura. Mahaprabhus Mutter Sachidevi und Seine Frau Vishnupriya Devi waren ebenfalls anwesend und noch einige Seiner Verehrer. Da platzte überraschend Nityananda herein und zwar ganz nackt. Es gelang Mahaprabhu ihm ein Tuch umzuhängen. Aufgrund des Vorfalls war Er vielleicht etwas besorgt darüber, dass Seine Schüler einen falschen Eindruck von Nityananda Prabhu haben könnten. Um das zu verhindern, bat Er Nityananda um sein kaupina, sein Lendentuch. Er zerriss es in Stücke und verteilte diese unter den anwesenden Haushältern, wobei Er sie anwies: "Behaltet ein Stück von diesem Lendentuch als kavaca, als Amulett, und bindet es mit einer Schnur am Arm fest oder tragt es um den Hals. Tragt es bitte immer bei euch. Dann werdet ihr sehr bald fähig werden, Sinneskontrolle zu erlangen."
Nityananda Prabhu kann seine Sinne bis aufs äusserste beherrschen; diese Welt hier, die kennt er überhaupt nicht. Seine vairagya, die Gleichgültigkeit gegenüber dieser Welt der irdischen Betriebsamkeit, ist so stark, dass er sogar völlig nackt gleichermassen unter Männern wie Frauen erscheinen kann. Deshalb wird die Barmherzigkeit von Nityananda Prabhu ein sicheres Fundament für uns bilden. Und wenn ein sicheres Fundament da ist, dann können wir darauf ein grosses Bauwerk errichten. Wenn wir an Nityananda glauben, dann kann dieser Glaube jede noch so schwere Belastung aushalten. Er wird uns nicht im Stich lassen.
Deswegen hat Shrila Bhaktivedanta Prabhupada im Westen soviel Wert auf die Hingabe zu Nityananda gelegt. Zuallererst müssen wir seine Barmherzigkeit erringen. Und danach erst können wir die Gnade von Radha-Krishna erlangen. Shri Chaitanya Mahaprabhu bedeutet Radha-Krishna (sri krsna caitanya radha-krsna nahe anya). Zuerst also erringt die Barmherzigkeit von Nityananda Prabhu, dann die von Gauranga Mahaprabhu und schliesslich die Gnade von Shri Radha-Govinda. In dieser Reihenfolge müssen wir uns selbst erheben.
Schüler: Wie kann man die Barmherzigkeit von Shri Nityananda erlangen?
Shrila Shridhara Maharaja: Jemand, der eine starke Neigung entwickelt, Gauranga zu dienen, Seinem dhama, Seinem transzendentalen Reich und auch Seinen Dienern, der kann die Barmherzigkeit von Nityananda Prabhu erlangen. Nityananda ist ganz besonders demjenigen zugetan, der sich vom gaura-lila angezogen fühlt.
"Nimm den Namen von Gauranga!"
Nityananda Prabhu ging in Bengalen von Tür zu Tür und sagte: "Nimm den Namen von Gauranga! Dann will ich dein Diener sein. Du kannst mich ganz leicht haben, wenn du nur den Namen von Gauranga annimmst. Ich werde dann bedingungslos dein Eigentum, ohne dass es dich irgendetwas kostet." Das war seine Wesensart. Als sich Mahaprabhu in Puri aufhielt, sandte Er Nityananda Prabhu nach Bengalen. Und Er gab ihm folgenden Rat mit auf den Weg: "Ausser dir gibt es niemanden, der in Bengalen Krishnas Heiligen Namen oder den hingebungsvollen Dienst für Krishna verbreiten könnte. Die Leute dort beschäftigen sich mehr mit der tantrischen Methode und der smrti. Sie machen zuviel Aufheben um diese unbedeutenden Dinge. Sie sind aufgeblasen und denken, dass sie alles Wissen erworben hätten. Deshalb ist Bengalen ein schwieriges Feld für Predigtarbeit. Niemand ausser Dir ist imstande, die Menschen dort wachzurütteln. Halte Dich fern von den Angehörigen der höheren Kasten und wende Dich mit dem Heiligen Namen Krishnas an das einfache Volk. Du bist der geeignetste Mann für dieses Werk."
Nityananda Prabhu ging daraufhin nach Bengalen. Aber ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, die Herrlichkeit des Gottesnamens 'Krishna' zu verkünden, predigte er von Anfang an den Namen von Gauranga. Nityananda Prabhu erkannte eine gewisse Gefahr darin, zu denken, dass Krishnas Spiele den irdischen Ausschweifungen, dem Lügen und Stehlen einer entarteten Seele sehr ähnlich seien. Krishnas Spiele sind ihrem Wesen nach äusserst vertraulich. Es ist sehr schwierig für die breite Masse die Reinheit des krsna-lila zu verstehen. Sie kann nicht begreifen, dass krsna-lila das Höchste ist, was man erreichen kann. Nityananda Prabhu erkannte also, dass es schwierig wäre krsna-lila zu predigen. Stattdessen fand er es einfacher, gaura-lila zu predigen, in dem Krishna herabgekommen war, um Sich Selbst an die ganze Welt zu deren Nutzen zu verschenken. Gauranga gleicht einer unerschöpflichen Kraftquelle, die Krishna an alle verteilen will, durchdrungen von einem unvorstellbar tiefen Mitgefühl und voll der edelsten Liebesempfindungen für die gewöhnlichen Menschen, ja ausgestattet mit der allerstärksten Zuneigung sogar zu Verbrechern. Nityananda Prabhu wollte alle in Verbindung mit Gauranga bringen, denn dadurch würde krsna-lila ganz von selbst innerhalb ihrer Reichweite sein. Deshalb begann er über Gauranga zu predigen und nicht über Radha-Krishna, wie es ihm Mahaprabhu aufgetragen hatte. Nityananda Prabhu predigte also: "Verehre Gauranga, sprich nur über Gauranga und singe den Namen von Gauranga" (bhaja gauranga kaha gauranga, laha gauranga nama).
Im Chaitanya-Bhagavata wird noch ein anderes Beispiel für die Beziehung zwischen Krishna und Balarama auf der einen, und Gauranga und Nityananda auf der anderen Seite, beschrieben. Sachidevi hatte einen Traum, in dem Krishna und Balarama auf einem Thron sassen und Nityananda mit Balarama kämpfte: "Komm herunter von deinem Thron. Die Zeit des dvapara-yuga ist um. Das Zeitalter des kali ist gekommen und mein Gebieter, Gauranga, muss jetzt deine Position auf diesem Thron einnehmen. Komm also herunter!" Balarama fing an, sich zu verteidigen: "Nein, warum sollten wir heruntersteigen? Wir sind doch die ganze Zeit auf diesem Thron gesessen." Da begann Nityananda Prabhu ihn mit Gewalt vom Thron zu zerren, und schliesslich gab Balarama nach. Nityananda Prabhu sagte: "Mein Herr Gauranga will jetzt diese Position einnehmen. Die Zeit für Ihn ist jetzt gekommen." Nityananda zeigt also eine besondere Vorliebe für Gauranga. Er sagt: "Krishna ist weit weg. Mein Gebieter ist Gauranga."
Wir müssen also Nityananda Prabhu sehr dankbar sein, denn er ist unser guru. Und die Barmherzigkeit des guru ist so wichtig, dass Ragunatha Dasa Goswami betet: "Oh Radharani, schenk mir Deine Barmherzigkeit. Krishna allein ohne Dich will ich nicht haben. Niemals möchte ich Krishna ohne Dich haben." So sollte die gesunde Haltung eines Gottgeweihten aussehen.
Aus dem Buch "Shri Guru und Seine Barmherzigkeit"
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