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Ab und zu erreichen mich E-Mails von Leserinnen, die sich mit dem Gedanken tragen, ebenfalls nach New York zu ziehen. Die sympathischen, persönlich gehaltenen Zuschriften enthalten Sätze wie «Ach, Herr Ziauddin, wie ich Sie um Ihren Wohnort beneide!» Oder: «In einem Café sitzen und an einem Buch schreiben: Das würde mir auch gefallen!»
Ich gratuliere den Leserinnen jeweils zu ihren Plänen und ihren Ambitionen. Und ich bestätige, dass die Kombination aus dem, was ich tun darf und wo ich es tun darf, ein schwer zu überbietendes Privileg darstellt. Die weniger glamourösen Aspekte des Autorenlebens (die Einsamkeit des Schreibprozesses, die Angst, Schrott zu produzieren) verschweige ich. Ebenso wie die Alltagssorgen, von denen man auch in der Stadt der Städte nicht verschont bleibt.
Dann folgt der diffizile Teil. Er besteht aus dem Versuch, den Enthusiasmus dieser Leserinnen nicht zu schmälern, ihre netten Grüsse nicht mit einem Bedenkenträger-Abtörn-Sermon zu beantworten, bei gleichzeitigem Bestreben, auf das hinzuweisen, was vermutlich ohnehin allen klar ist: Es gibt den Sehnsuchtsort New York mit den in der Abendsonne funkelnden Hochhäusern, der Central-Park-Romantik und den flamboyanten Gestalten, die Tribeca, Williamsburg oder den Meatpacking District bevölkern; und es gibt eine Stadt gleichen Namens, in der das Leben für viele Einwohner hart ist. Manchmal furchtbar hart. So wie für Dasani, ein 11-jähriges Mädchen, das mit seinen sieben Geschwistern und den ehemals cracksüchtigen Eltern in einer Notunterkunft haust: ein Raum, 50 Quadratmeter, zehn Personen, zwei Kinder pro Matratze, Schimmel, Ratten und eine Gemeinschaftstoilette, die das Mädchen aus Furcht vor sexuellen Übergriffen nicht mehr allein betritt. Dasanis Geschichte wurde von der «New York Times» erzählt. Eine Woche lang täglich auf mehreren Seiten, immer auf der Frontseite beginnend. Was für eine Zeitung, die sich so etwas traut!
In besagtem Blatt ist beinah täglich nachzulesen, wie die Härte der Stadt nicht nur Bettler, Obdachlose und sonst wie Gestrandete trifft, sondern auch Menschen, die in die Gesellschaft integriert sind. So wie jene ehemalige Krankenschwester, die an Diabetes leidet und zu den 50 Millionen Amerikanern zählt, die keine oder eine unzureichende Krankenversicherung haben. Die Frau deckt ihren Insulinbedarf durch Spenden ihrer Kirche und Gratismüsterchen, die sie den Ärzten abschwatzt.
Oder die alleinerziehende Mutter aus Queens, die vier verschiedene Busse nimmt, um ihren Sohn in die Schule zu bringen und danach zur Arbeit als Aufseherin in einem Casino zu gelangen. In einer Stadt, in der ein Tomaten-Mozzarella-Sandwich 8 Dollar kostet (7.50 Franken), hat die Frau, wie sie findet, den Jackpot geknackt: Dank ihrer Gewerkschaft erhält sie künftig den doppelten Lohn – 18 statt wie bis anhin 9 Dollar pro Stunde.
Oder Felipe Vergara, ein mexikanischer Gastarbeiter. Der passionierte Marathonläufer steht jeden Morgen um 4.30 Uhr auf und rennt 15 Kilometer. Um 7 Uhr ist er auf der Baustelle, wo er als Spengler arbeitet. Nach der Arbeit rennt er nochmals 10 Kilometer. Danach geht er heim, nein, nicht zu Frau und Kind, denn die leben in Mexiko. Der 49-jährige Mann teilt sich in Brooklyn eine Dreizimmerwohnung mit seinem besten Freund, dessen Ehefrau und ihren drei Mädchen. «Wenn ich einen Marathon renne», sagt er, «habe ich das Gefühl, ich müsse sterben. Das ist der Moment, in dem ich mich richtig lebendig fühle.»
Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an: <email-pii>
Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor der annabelle, Buchautor und ab dieser Nummer «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.