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Wenn die Funken fliegen
Foto © Jacques Schumacher
Auszug aus dem Gespräch von Alain Claude Sulzer mit Autorin Eva Gesine Baur. (Das ganze Interview ist im Magazin 02 | Sommer 2019 erschienen.)
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Autorin Eva Gesine Baur vermittelt als DAVOS FESTIVAL Scintilla (Funke) in „Schnittstelle. Der Talk vor dem Konzert“ Wissenswertes, Skurriles, Heiteres und Trauriges zu ausgewählten Konzerten. Ein Gespräch über ihre Beziehung zu Wort und Musik.
Wie muss ich mir dein tägliches Leben mit der Musik vorstellen?
Es fängt an mit Musik im Kopf, die ich über den snare drum meiner elektrischen Zahnbürste höre. Während des täglichen Lauf im englischen Garten höre ich Naturmusik, Vögel, Hunde, den Wind. Dann geht es weiter mit einem Los: Ich ziehe, was Br Klassik mir anbietet, während ich Saft presse, Tee koche, Früchte tranchiere und frühstücke. Und dann wird es still. Während des Arbeitens höre ich nichts, es sei denn, durchs offene Fenster käme von irgendwo die Musik der anderen. Abends erst ist die Musik ganz da, im Konzertsaal, in der Musikhochschule, manchmal open air, bei Freunden oder zu Hause in jeder konservierten Form, auch von alten Vinylplatten.
Wie gerne würdest du Musik selbst machen? Bereust du, es nicht (mehr) zu tun?
Ich würde es gerne und lasse es noch lieber. Ich habe zu lange pausiert und müsste drei Stunden am Tag üben, um so zu spielen, dass ich es ertragen könnte. Aber ich habe diese Konjunktive in der tiefen Freude versenkt, Musik zu erleben, ohne sie zu machen.
Erinnerst du dich an den allerersten Text, den du gelesen oder gehört hast, der von Musik handelte?
Ja, es war die Geschichte von Odysseus und den Sirenen, die meine Mutter mir vorlas. Mir kam Odysseus plötzlich ganz nah. Davor war er ein Held, der mordete und sich dabei grossartig vorkam, nun war er ein Mann, der eine Macht fürchtete, die stärker war, als er: die Musik. Er hatte Angst, ihr zu erliegen, wollte sich ihr aber dennoch unbedingt aussetzen. Deswegen liess er nur seiner Mannschaft die Ohren verstopfen, sich selbst aber mit offenen Ohren am Mast festbinden, um den verführerischen Gesang der Sirenen zu erleben. Und immer, wenn über das Aussehen von Sängern, meist weiblichen, diskutiert wird, denke ich daran, dass die Sirenen wuchtige Vogelleiber hatten und dennoch unwiderstehlich waren.
Über Musik zu schreiben, sie gar in Worte zu transformieren, ist mindestens so schwierig, wie über Sex zu schreiben. Wie löst du das Problem? Indem du es gar nicht erst versuchst oder indem du dich dem Problem stellst?
In einem Sachbuch kann ich beschreiben, was rein musikalisch geschieht, was der Komponist macht, aber das bringt wenig. Wenn in Musiker-Biografien seitenlange Werkanalysen eingeschoben sind, überblättert der Musiker die, weil er sie nicht braucht, und der Laie, weil er sie nicht versteht. Im Roman lass ich es bleiben oder die Romanfiguren an meiner Stelle an dem Versuch scheitern. Es ist wie beim Sex. Billy Wilder hat über Ernst Lubitsch gesagt: «Der kann mit einer geschlossenen Tür mehr andeuten, als andere mit einem offenen Hosenlatz.» Ich bin, was Musik angeht, mittlerweile ganz für die geschlossenen Türen.
Worüber wirst du aber dann reden, wenn du als Scintilla in Davos über die Werke sprichst, die gespielt werden? Scintilla bedeutet Funke. Wie kann der Funke von der Musik aufs Wort überspringen? Ist es einfacher, darüber zu reden als darüber zu schreiben, weil das Sprechen wie der Klang flüchtig ist?
Es ist nicht einfacher, aber ich fühle mich den Musikern und auch der Musik näher, wenn ich frei und ohne jeden Notizzettel spreche. Vielleicht wegen der Flüchtigkeit, von der du redest, aber auch, weil das höchste Gegenwärtigkeit verlangt. Beschreiben werde ich das Gehörte auch mündlich nicht. Wozu? Ich möchte es nur mit den anderen Sinnen verbinden, mit dem, was dahinter an Geschichte und Geschichten, Bildern, Gefühlen, Gerüchen, Erinnerungen und Assoziationen steckt. Musik ist für alle, die dort sein werden, sowohl für die Musiker als auch für die Zuhörer, Teil ihres Lebens. Ich bin fürs Leben da. Und Leben ist, wenn die Funken fliegen.
Menschen wollen über Musik sprechen. Eigentlich ein Widerspruch in sich, da Musik der Sprache ja nicht bedarf. Erwarten wir dennoch eine Erklärung für das Unerklärliche oder Unerklärbare? Wie könnte diese Erklärung idealerweise aussehen?
Wenn uns Musik oft heftiger bewegt, als wir erwartet haben, wenn sie uns – auch dann, wenn wir sonst nicht nah am Wasser gebaut haben – zu Tränen rührt, wenn sie uns ergreift und mitschleift, wollen wir wissen, wie das geschehen kann. Wie macht das die Musik?
Das Aufregende ist: Sie macht es bei jedem anders. Sie holt herauf, was im Unbewussten gespeichert ist, und das ist ein Keller, der bei keinen zwei Menschen gleich aussieht oder sich gleich anhört. Die Stimme der Mutter, die Intervalle des Martinshorns, das von Land zu Land anders tönt, Kinderlieder, die Geräusche des Alltags, der Hubschrauber, die Werkstatt nebenan, aber auch der Kriegslärm, die Katzentatzen auf dem Parkett, die Partymusik, der Hahnenschrei oder das Stadiongeschrei, die Kirchenorgel, das erste Live-Konzert, der Schritt des Liebsten.
Es kann also keine Erklärung zu finden sein, die für alle stimmt. Reden über Musik ergibt nur Sinn, wenn es andeutet, was sich alles dahinter verbergen könnte. Wenn man Möglichkeiten aufscheinen lässt.
Improvisation ist die wahrhaftigste Form der Musik und bannt die Aufmerksamkeit am stärksten. Mozart und Chopin haben so Klavier gespielt, dass es, selbst wenn sie von Noten spielten, klang als improvisierten sie, als suchten sie erst den Ton, den Gedanken, die Idee. Wenn wir es riskieren, auch beim Reden über Musik zu improvisieren, haben wir die besten Chancen, alle, die dabei sind, im Jetzt zu verbinden. Das ist etwas, was sonst nur die Musik vermag.
‘Music is a part of everyone’s life. I am here for life. And life happens when sparks fly.’ Writer Eva Gesine Baur associates DAVOS FESTIVAL with the ‘scintilla’ (spark) in public discussions, ‘hearing with other senses, what lies behind the histories and the stories, the images, emotions, scents, memories and associations.’