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Je weiter der technische Fortschritt voranschreitet, desto mehr Möglichkeiten stehen auch dem Einzelnen alltäglich zu seiner oder ihrer Verfügung (sofern er oder sie denn auch von diesem Fortschritt profitiert). Der technologische Fortschritt versetzt den Menschen in die Lage, Dinge zu vermögen, die er zuvor nicht oder nur durch sehr viel höheren Aufwand vermochte. Aber die Erweiterung seiner Möglichkeiten hat auch ihren Preis: Der Mensch kann immer mehr, indem er zugleich immer mehr von dem, was er kann, selbst nicht mehr zu können braucht. Indem er die ihm durch Technologien bereitgestellten Fähigkeiten in Anspruch nimmt, macht er sich von all demjenigen abhängig, was diesen Möglichkeiten ihrerseits ermöglichend zugrunde liegt: dem Wissen, auf dem sie beruhen, den Rohstoffen, aus denen sie bestehen, der Art und Weise, wie sie produziert werden.
Er macht sich von diesen Dingen abhängig, ohne sich im alltäglichen Undsoweiter seiner Gewohnheiten und Routinen auch nur einen Augenblick bewusst mit ihnen befassen zu müssen. Hinter jeder in Anspruch genommenen Technologie schlummert in diesem Sinne eine Latenz von ermöglichenden Bedingungen (ganz zu schweigen von der Latenz der Konsequenzen ihrer Verwendung), um die der sie verwendende Mensch sich nicht zu kümmern braucht, so lange alles funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat. Das betrifft die plastikverschweiste Fleischauslage im Supermarkt, die äußerlich nichts von den Gräueln ihrer Produktion verrät, ebenso wie den Umstand, dass alle elektronischen Geräte, die GPS in Anspruch nehmen, zu ihrem Funktionieren Erkenntnisse der Relativitätstheorie voraussetzen.
Der Essayist und Kulturphilosoph José Ortega y Gassett hat diese Situation einmal so treffend wie polemisch wie folgt zusammengefasst:
„Der neue Mensch will das Automobil und genießt es, aber er glaubt, es wächst von selbst an einem Paradiesbaum. Im Grunde seiner Seele weiß er nichts von dem künstlichen, fast unwahrscheinlichen Charakter der Zivilisation und wird niemals seine Begeisterung für die Apparate auf die Theorien ausdehnen, die sie ermöglichen.“1
Wie viel mehr gilt dies in einer Zeit, in der Kinder schon in sehr jungen Jahren nicht nur Lichtschalter, sondern auch Tablets und Smartphones zu bedienen lernen, als handele es sich dabei – und das tut es ja inzwischen auch vielerorts – um das Natürlichste von der Welt.
Man gäbe sich hier allerdings keinen Illusionen hin: Auch ohne die Fortschritte der modernen Technologien verließ sich der Mensch bereits auf eine gewaltige Latenz von Bedingungen, die dem, was er natürlicherweise und alltäglich in Anspruch nahm, ermöglichend zugrunde lagen. Auch der Landwirt verlässt sich darauf, dass die Pflanzen zur kommenden Ernte wieder wachsen, ohne dass er dazu im Detail wissen müsste, welches gewaltige Ensemble biologischer, chemischer und physikalischer Prozesse diesem Wachstum letztlich zugrunde liegen. Ebenso geht es noch heute Menschen, die auf dem sogenannten „natürlichen Weg“ Kinder zeugen: Sie haben Großteils keine Ahnung, wie die entsprechenden natürlichen Prozesse das machen, dass aus einer befruchteten Eizelle ein lebendiges Wesen heranwächst, und verlassen sich einfach auf die Zuverlässigkeit dieser Prozesse. Es gab also historisch keinen Augenblick, in dem der Mensch gänzlich Herr der latenten Bedingungen seiner eigenen Möglichkeiten gewesen wäre.
Was sich allerdings verändert hat ist der Charakter dieser latenten Bedingungen, sofern der technische Fortschritt dazu geführt hat, dass der Mensch selbst große Teile dieser Bedingungen mitkonstruiert und -gestaltet, denen er sich dann in der Verwendung seiner Technologien proaktiv unterwirft oder passiv unterworfen findet. War die Angewiesenheit auf latente Bedingungen seiner eigenen Möglichkeiten früher noch in dem Sinne unselbstverschuldet, als der Mensch an der Konstruktion dieser Bedingungen keinen oder nur geringen Anteil genommen hatte, ihnen vielmehr einfach ausgeliefert und anheim gegeben war, stellen die in der Gegenwart von ihm in Anspruch genommenen Technologien eine Form der selbstverschuldete Unmündigkeit dar, in die sich der Mensch heute proaktiv immer weiter hinein verwickelt. Tatsächlich wächst die Latenz der nichtberücksichtigten Bedingungen und Konsequenzen des eigenen Tuns mit dem technologischen Fortschritt immer weiter.
In ihren wesentlichen Zügen ist diese Dynamik so dem entgegen gerichtet, was man in früheren Zeiten pathetisch „Aufklärung“ genannt hat, nach Kants berühmtem Diktum, dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Heute können wir beobachten, dass der Mensch sich in selbsterschaffene Unmündigkeiten gerne und willentlich weiter verwickelt, sofern er sich dadurch hier und jetzt Möglichkeiten erschließt, die ihm wahlweise komfortabel, praktikabel, profitabel oder sonst wie reizend erscheinen.
Nun ist abzusehen, dass dieser Trend nicht bei der Verwendung von Alltagstechnologien halt macht, sodass die proaktive Selbstentmündigung des Menschen letztlich nur die Otto Normalverbraucher von Technologien beträfe. Wie unter anderen etwa auch Daniel Dennett betont, zeichnet sich so heute etwa auch in den Wissenschaften eine Entwicklung ab, die zu dem führt, was man „black box science“ nennen kann. Zu einer Wissenschaft, deren Ergebnisse zwar verbrieftermaßen vertrauenswürdig sind, sofern sie auf ihre Reliabilität hin geprüft sind, deren Zustandekommen aber keiner – auch die Wissenschaftlerin selbst nicht – wirklich im Detail nachvollziehen kann, sofern die Ergebnisse selbst – im metaphorischen Sinne – auf „black boxes“ beruhen, die aus den rohen Daten auf die gewünschten Ergebnisse kommen:
„Du kaufst die neuste Hightech-Black Box, fütterst sie mit deinen rohen Daten, und heraus kommt die Analyse; die Diagramme sind druck- und publikationsfertig, nur könntest du nicht im Detail erklären, wie sie funktioniert, sie reparieren, wenn sie kaputt geht, und es ist nicht klar, dass irgendwer anders dies könnte.“2
Es zeichnet sich also ab, dass die menschliche Zivilisation sich im Ganzen mehr und mehr in selbstverschuldete Unmündigkeiten verstrickt. Zugleich erscheint es unwahrscheinlich, dass moralisierende Hinweise auf das Größerwerden der ohne genaueres Wissen in Anspruch genommenen Latenz, welche ihm seine Möglichkeiten erst ermöglicht, den Menschen dazu verleiten werden, den Komfort moderner Technologien gegen ein wenig mehr Autonomie einzutauschen.
Eine solche Situation erfordert die Übernahme von Verantwortung, und vor allem die Übernahme der brachliegenden Verantwortung all derjenigen, die sich der latenten Bedingungen und Konsequenzen ihres eigenen Handelns – ob selbstverschuldet oder nicht – nicht bewusst sind. Deren – von ihnen selbst häufig nicht einmal gesehene – Verantwortung ist heute von all denen zu übernehmen, die an der Gestaltung und Konstruktion derjenigen Technologien beteiligt sind, die den Menschen zu immer mehr befähigen, von dessen Bedingungen er immer weniger Ahnung hat. Sonst übernimmt sie keiner.
1José Ortega y Gasset, Die Hauptwerke. Der Aufstand der Massen. Über die Liebe, Ullstein, Stuttgart 1983, 97.
2 Daniel Dennett: From Bacteria to Bach and Back Again. The Evolution of Minds. New York 2017, S.386 [Meine Übersetzung, d.V.].
Frage an die Leserschaft
Was meinen Sie, laufen wir tatsächlich in eine selbstverschuldete Unmündigkeit? Wenn ja, was können wir dagegen tun?
Oder ist uns unsere Welt mit der fortgeschrittenen Technologie schlichtweg über den Kopf gewachsen?