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Pat stammt aus dem US-Bundesstaat Nebraska und hat das „mittlere Alter“ überschritten, wie sie selbst sagt. Die Amerikanerin hat vier erwachsene Kinder und mehrere Enkel. Mit ihnen könnte sie in der Heimat gemütlich ihren Lebensabend geniessen. Doch Pat hat sich anders entschieden: «Vor sieben Jahren packte ich die Koffer und zog nach Guatemala.»
In Guatemala, wo Pat meine Freundin Lea, meinen Kumpel Tschügge und mich am Strassenrand aufliest, leidet die Bevölkerung noch immer unter den Folgen des blutigen Bürgerkriegs, der hier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über 30 Jahre lang tobte. Die hohe Kriminalitätsrate, der organisierte Drogenhandel sowie die weit verbreite Korruption behindern die Guatemalteken auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Zudem gibt es in Guatemala nur ganz wenige, die viel haben. Der Reichtum ist so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Land.
Wer in Guatemala nicht zu den Privilegierten gehört, hat es schwierig. Noch schwieriger haben es aber diejenigen, die in dem zentralamerikanischen Land mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben müssen. «Für Behinderte interessiert sich hier niemand», sagt Pat. Sowohl die Regierung als auch die Menschen hätten andere Probleme. Vor allem in ländlichen Gebieten seien viele Familien damit beschäftigt, genügend Essen auf den Tisch zu bekommen. Sie hätten deshalb keine Zeit, sich um ein Familienmitglied mit Behinderung zu kümmern. Pat: «Viele Behinderte werden von ihren Familien sogar verstossen.»
Um solchen Menschen eine Perspektive zu bieten, hat Pat in der Kolonialstadt Antigua die «Casa de Esperanza» («Haus der Hoffnung») aufgebaut. Mittlerweile leben in dem Gebäude vier junge Männer, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Sie werden rund um die Uhr betreut, erhalten einen geregelten Tagesablauf und können eine Ausbildung machen. «Das Ziel ist, dass die Jungs eines Tages ein möglichst selbstständiges Leben führen können», so Pat.
In Guatemala ist das leider eine absolute Seltenheit. Studien zufolge haben weniger als zwei Prozent der Menschen mit Behinderung eine Arbeit. Zum Vergleich: In der Schweiz beteiligen sich gemäss Bundesamt für Statistik 75 Prozent der Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt, bei stark eingeschränkten Personen sind es 50 Prozent. Pat: «Die guatemaltekische Regierung setzt den Firmen keinerlei Anreize, Menschen mit Behinderung einzustellen. Wieso auch, schliesslich gibt es hier auch unzählige gesunde Leute, die keinen Job haben.»
Bevor uns Pat im Zentrum von Antigua absetzt, schlägt sie uns vor, am nächsten Morgen in der «Casa de Esperanza» zum Frühstück vorbeizukommen. Wir nehmen die Einladung gerne an. Anfangs sind die Jungs etwas schüchtern, beim Plaudern über Filme, Fussball und die guatemaltekische Küche tauen sie aber immer mehr auf. Robert lässt schliesslich sogar seinen Latino-Charme aufblitzen: Er sagt Lea, wie hübsch sie sei.
Vor dem Essen spricht Cesar, einer der zwei festangestellten Betreuer, ein Gebet. Es ist das einzige Mal, dass wir bei unserem Besuch merken, dass die «Casa de Esperanza» einen christlich-religiösen Hintergrund hat. Als uns Pat zu unserem Hostel zurückfährt und wir ihr sagen, wie toll und bewundernswert wir es finden, was sie hier tut, erwidert sie jedoch: «Ich tue gar nichts. Das ist alles Gottes Werk. Er hat mich hierher gesandt. Ich leihe nur meine Arme und Beine.»
Als wir diese Worte hören, geht Lea, Tschügge und mir ungefähr dasselbe durch den Kopf: „Aber es bist doch du, die den Jungs eine Perspektive bietet! Du verzichtest doch auf ein gemütliches Leben in den USA mit Kindern und Enkeln – und nicht Gott!“ Aber wir sagen natürlich nichts. Schliesslich dürfte es den Jungs egal sein, wieso ihnen geholfen wird. Hauptsache, sie haben wieder Hoffnung in ihrem Leben.