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Die Rhonegletscher-Vermessung, verglichen mit den Vermessungen anderer Alpengletscher
verglichen mit Vermessungen anderer Alpengletscher,
L. Held ( Section Bern ).
Die Rhonegletscher-Vermessung, verglichen mit Vermessungen anderer Alpengletscher, Ton Die Bedeutung der Gletscherforschung gehoben zu haben, ist wesentlich ein Verdienst der kleinen, aber gedankenreichen Schrift des Walliser Straßeninspectors J. Venetz: „ Mémoire sur les variations de la température dans les Alpes de la Suisse ", welche im Jahr 1822 der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft vorgelegt wurde.
Indem Venetz der Wissenschaft die großartige Perspective auf die Existenz einer ehemaligen Eiszeit eröffnete, wies er ihr mit dem Studium der Gletscher-Phänomene bisher ungeahnte Wege zur Aufklärung über wichtige Epochen der Erdgeschichte. Die Arbeit des Herrn Professors L. Rütimeyer ( Section Basel ) im XVI. Bande dieses Jahrbuches: „ Ein Blick auf die Geschichte der Gletscherstudien in der Schweiz " x ), zeigt uns, in welch intensiver Weise seither Gelehrte aller Gebiete der Naturwissenschaften an der Lösung-der Gletscherfragen mitwirkten. Sie zeigt uns auch — wie die ganze Geschichte des menschlichen Wissens — daß Probleme dieser Tragweite nicht im Sturm gelöst werden, sondern wie man Schritt für Schritt zur Kenntniß der Grundlagen gelangt, auf welchen die unverrückbaren Gesetze aufgebaut sind.
Die inductive Methode heutiger Forschung verlangt vor Allem die genaue Registratur derjenigen Erscheinungen, welche wir ;ils Aeußerungen bestimmter Naturgesetze zu erkennen glauben. Die Erfahrung zeigt aber, daß diese Art wissenschaftlicher Erhebungen eine Summe von Ausdauer und Geld erfordert, welche in der Regel die Leistungsfähigkeit eines Einzelnen übersteigt.
Diese üeberzeugung erhält man auch, unbeschadet der Hochachtung, welche man den Pionieren der Gletscherforschnng zollen muß, wenn man kritisch in deren Arbeiten eingeht.
gehaltenen Vortrags über dieses Thema diese identischen Stellen ohne wesentliche Kürzung beibehalten hat, so geschah dies auf den ausdrücklichen Wunsch der Unterzeichneten. Es ist für die XJebersichtlichkeit der vergleichenden Zusammenstellung durchaus nothwendig, daß sämmtliche auf geodätischer Grundlage fußende Gletscherbeobachtuugen im Rahmen eines Aufsatzes zusammengestellt seien und nicht umständlicherweise aus zwei Jahrbüchern zusammengesucht werden müssen, von denen das ältere vielleicht der jungem Generation des S.A.C. nicht überall leicht zugänglich ist.
Die Red.
Wir lassen es dahingestellt, ob es auch ein ähnliches Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit war, welches Ende der fünfziger und während der sechziger Jahre ein Nachlassen in dem Studium der Gletscher-Phänomene bewirkte. Ein solches Nachlassen muß wenigstens für die Schweiz, welche bisher die größten Leistungen aufzuweisen hatte, constatirt werden, trotz dem Interesse, welches die, damals im Aufschwung begriffene, Alpinistik gerade den Erscheinungen der Gletscherwelt zuwandte.
Es ist daher als eine patriotische und in allgemeinem Sinne verdienstvolle That zu bezeichnen, daß der Schweizer Alpen-Club zu dieser Zeit seine Mittel in den Dienst der Wissenschaft gestellt hat, um in systematischer Weise Material für die Lösung der Gletscherfragen beizubringen.
Inwieweit es ihm gelungen ist, durch seine Beobachtungen am Rhonegletscher Lücken früherer Forschungen auszufüllen, zeigt am besten eine Vergleichung mit anderweitigen Gletscheruntersuchungen. Es kann sich dabei nur um diejenigen Beobachtungen handeln, welche, auf geodätischer Grundlage fußend, die Darstellung der Bewegungserscheinungen und der Formveränderungen der Gletscher in präcisen Werthen geben. Die physikalischen Untersuchungen im engeren Sinne gehören nicht zum Programm der vom S.A.C. subventionirten Arbeiten am Rhonegletscher.
Die erste eigentliche Vermessung eines Gletschers, mit der Absicht, eine exacte Grundlage für die wissenschaftlichen Beobachtungen zu schaffen, wurde aus- 31 geführt von dem Geistlichen und Lehrer Franz Joseph Hugi aus Solothurn.
Dieser Naturforscher, bekannt als erster Beobachter des Gletscherkorns, begab sich, nachdem er schon etliche Gletscherreisen ausgeführt hatte, im Jahr 1829 mit dem schweizerischen Genieofficier Walker ( dem nachherigen Ersteller der Solothurner Karte ) auf den Unteraargletscher. Dort wurde in der Nähe des Abschwungs, auf dem Finsteraarfirn selbst, eine Standlinie von ca. 3400 m Länge gemessen und von dieser ausgehend eine topographische Aufnahme des Gletschers und des Firnes hergestellt. Die Karte, welche seinem Werke: „ Naturhistorische Alpenreise, Solothurn 1830 ", beigelegt ist, ist eine Reduction der Aufnahme.
Auf dem untern Ende des Gletschers wurde ein Block der Mittelmoräne mit einem eingemeißelten Kreuz versehen und derselbe von 2 Marken des Ufers-aus eingemessen, um daran in späteren Jahren die Eisbewegung bestimmen zu können. Eine weitere Marke'für Beobachtung der Bewegung bildete die Unterkunftshütte, welche Hugi auf der Mittelmoräne selbst nahe am Abschwung errichten ließ. Andere Signale sollen später von seinem Assistenten fflr weitere Beobachtungen bestimmt worden sein, doch fehlen Nachrichten darüber.
Es geschah hier also zum ersten Mal, daß Steine auf dem Gletscher als Controlmarken für Messung der Eisbewegung angewendet wurden.
Es ist keine Frage, daß die geodätischen Arbeite » Hugi's nicht die nöthige Präcision für Wissenschaft- liehe Beobachtungen boten und daß auch die Vorkehren zur Bestimmung der Eisbewegung zu wenig ausgedehnt waren. Doch muß hervorgehoben werden, daß das angewandte System ein richtiges war, und der Ausspruch Rütimeyers, daß die Arbeiten Hugi's ihren Einfluß auf Agassiz'Organisation der Gletscherbeobachtungen ausübten, ist gewiß ein berechtigter.
Der Neuenburger Gelehrte L. Agassiz hatte in den Jahren 1835-1840 einige schweizerische Gletscher besucht und die dabei erhobenen Beobachtungen in dem Werk: „ Études sur les glaciers 1840u niedergelegt. Dabei drängte sich ihm, wie er selbst sagt, die Ueberzeugung auf, daß ein Fortschritt in der Lösung der Gletscherfragen nur erzielt werden könne, wenn auf Grund geodätischer Vermessungen eine systematische und exacte Erforschung eines Gletschers unternommen werde.
Durch die Munificenz des Königs von Preußen mit den financiellen Hülfsmitteln versehen, wählte Agassiz als Studienobject den Unteraargletscher, der von 1841-1846 das klassische Operationsgebiet schweizerischer und ausländischer Naturforscher, die sich um Gletscherfragen interessirten, bildete. Die „ Nouvelles études et expériences sur les glaciers actuels ", welche 1847 erschienen, enthalten die Resultate der sechsjährigen Untersuchungen.
Als Mitarbeiter von Agassiz führte Ingenieur Jean Wild, der noch lebende, letztes Jahr zurückgetretene Professor der Geodäsie des eidg. Polytechnicums, im Jahr 1842 eine Triangulation des Gebietes zwischen Abschwung und Gletscherende aus. Er maß eine Ausgangsbasis von 600 m am oberen Ende auf dem Eis und eine Controlbasis von 672 m unterhalb der Gletscherzunge und verband beide durch ein Netz von Dreiecken, das er zudem an das eidgenössische trigonometrische Netz anband. Für die Höhen wurde vom Finsteraarhorn, nach der Berechnung von Eschmann, ausgegangen.
Wild bestimmte auf diese Art 15 Fixpunkte längs dem Ufer des 8 km. langen Eisstromes und 18 Punkte auf dem Eis selbst. Für diese letzteren waren hervorragende Steine der Mittelmoräne gewählt, welche dazu dienen sollten, die Bewegung des Gletschers zu messen. Von den trigonometrischen Fixpunkten aus wurde darauf durch Einschneiden eine Karte des Gletschers im Maßstab 1: 10,000 aufgenommen. Von dieser Karte existiren in oben citirtem Werke 2 Ausgaben. Die eine soll die Formen des Gletschers, die Moränenbildungen, Wasserläufe, Spalten u. s. w. geben und ist in Schraffenmanier sehr schön gezeichnet. Die andere, für uns wichtigere ist wesentlich zur Verdeutlichung der Controlmessungen, welche darin angegeben sind, von Ingenieur R. Stengel umgearbeitet worden.
Auffallender Weise sind die Höhenverhältnisse in diesen Karten weder durch Horizontalkurven noch durch Höhenzahlen ausgedrückt. Bei einem Studium der Beobachtungen wird dieser Mangel, wie auch das beinahe vollständige Fehlen von Höhenangaben im Texte sehr empfunden.
Da es Agassiz schien, daß der Maßstab 1:10,000 nicht gestatte, die Gletscheroberfläche in genügend Die Bhonegletscher-Vermessung.185 detaillirter Weise darzustellen, so ließ er einen Querstreifen von 150 m Breite in der Nähe des Pavillon Dollfus im Maßstab 1: 1000 aufnehmen, damit spätere Veränderungen mit Hülfe dieses Planes genau nachgewiesen werden könnten. Agassiz übersah bei dieser minutiösen Art von Registratur nur eines, nämlich daß sich später Niemand mehr einfinden werde, um durch eine neue Aufnahme Veränderungen zu constatiren. In der systematischen Anordnung seiner Untersuchungen ging Agassiz mit großer Umsicht zu Werke. Er gliederte die Beobachtungen derart, daß die Controlmessungen, welche die Einflüsse der Zeiten, und die, welche die Einflüsse der Oertlichkeit nachweisen sollten, für sich getrennt vorgenommen wurden.
Die allgemeinen Bewegungserscheinungen des Gletschers wurden an den schon erwähnten 18 Steinen, welche, an verschiedenen Stellen des Gletschers ausgewählt waren, von 1842-1846, also in 4 Jahres-bewegungen, eingemessen. An 2 vereinzelten Blöcken zwischen Abschwung und Grunerhorn konnte der dreijährige Fortschritt dieser an den Firn grenzenden Gletscherpartie gemessen werden.
Um das Verhältniß der Bewegung zwischen Ufer-und Mittelpartien des Gletschers zu erhalten, wurden in 3 Reihen quer über den Gletscher Pfähle in 50 und 100 m Abstand eingebohrt und deren Fortschreiten gemessen, nämlich: in 2480 m Höhe an 20 Pfählen 5 Messungen zwischen 21. Juli und 29. October 1845; in 2240 m Höhe an 11 Pfählen 3 Messungen zwischen 8. August und 13. September 1845; in 2050 m Höhe an 7 Pfählen 3 Messungen zwischen .28. Juli und 23. September 1845.
Die Bewegung des dem Ufer zunächst liegenden Eises wurde mittelst eines besonders construirten Apparates an 2 Stellen beobachtet.
Die Geschwindigkeit von 5 Seitengletschern ließ Agassiz in den Jahren 1844, 1845 und 1846 untersuchen und fand, daß dieselbe trotz einer Neigung der Oberfläche bis zu 30° viel geringer sei als diejenige des Hauptgletschers.
Agassiz organisirte eine Beobachtung, um die Eisbewegung während verschiedener Perioden eines Jahres kennen zu lernen, und ließ daher einen Punkt nahe beim Hôtel des Neuchâtelois ( 2480 m ) zwischen dem 21. Juli 1845 und dem 18. Juli 1846 neunzehn Mal, auch während des Winters, einmessen. Einen andern Punkt beim Pavillon Dollfus 17 Mal., Auffallend ist, daß die Oscillationen der Gletscherzunge so sehr vernachlässigt wurden. Einer Messung am 3. August 1843 folgte eine Contrôle am 17. Juli 1845 und constatirte ein Vorstoßen von 6.02 m. Das ist Alles.
Der Ablation schenkte Agassiz große Aufmerksamkeit, und der Werth der erhobenen Daten wird erhöht durch die Resultate der gleichzeitig vorgenommenen meteorologischen Beobachtungen. Der Ausfluß des Gletschers, die Aare, wurde vom 9. bis 27. August 1844 und vom 20. Juli bis 4. August 1845 täglich gemessen und damit festgestellt, daß der Gletscher ein gewisses Retentionsvermögen besitzt, eine Thatsache, die im Großen durch die neueren hydrographischen Messungen der Schweiz bestätigt wird.
Die Ablation selbst wurde an Stangen, welche in das Eis eingesenkt waren, gemessen. So wurde das Jahresresultat der Abschmelzung von 1840 — 1841 in 2480 m Höhe an 2 Stangen beobachtet. In Intervallen von Monaten, in täglichen und sogar in stündlichen, wurden andere Pfähle eingemessen. Schließlich wurden, um die örtlichen Unterschiede zu constatiren, an den Pfählen der 3 oben genannten Querprofile 2 bis 6 Sommerbeobachtungen angestellt.
Agassiz erhielt dabei das Resultat, daß zwischen dem Abschwung und der Gletscherzunge eine beinahe gleichmäßige Abschmelzung von ca. 3 m per Jahr stattfinde. Dieses Ergebniß, wonach ein Höhenunterschied von 400 m ohne Einfluß wäre, konnte nur infolge localer Umstände, wie Moränenbedeckung, erhalten werden und gibt keine Normen für allgemeine Schlüsse.
Agassiz versuchte auch, den Gletscher in der Nähe des Abschwunges bis auf den Grund zu durchbohren; allein nach 6 Wochen Arbeit häuften sich die Kosten und die Hindernisse derart, daß er bei €0 Meter Tiefe auf hörte. Er benutzte den Schacht zu Temperaturmessungen, woraus sich ergab, daß während der Sommermonate schon bei wenigen Metern unter der Oberfläche die Temperatur nicht mehr schwankt.
Mit Ausnahme von 2 Nivellements, welche 1842 und 1843 auf den beiden Querlinien, die die 150 m breite Specialaufnahme begrenzen, von Wild ausge- führt worden sind, wurde die wichtige Beobachtung-der absoluten Höhe des Eisstandes gänzlich vernachlässigt. Es scheint, daß Agassiz erst gegen das Ende seiner Untersuchungen den Satz erkannt hat, welchen er als der Erste aufstellte, nämlich daß die Geschwindigkeit der Eisbewegung mit der Mächtigkeit des Gletschers an gleicher Stelle zunehme.
Es wäre ungerecht, die Organisation der Untersuchungen von Agassiz nach dem heutigen Standpunkt der Gletscherkenntniß beurtheilen zu wollen. Viele seiner Schlüsse sind seither durch weitere Beobachtungen bestätigt worden, einzelne andere auch umgestoßen. Mit Sicherheit kann behauptet werden, daß die Untersuchungen am Unteraargletscher in Bezug auf zeitliche Ausdehnung nicht genügten.
Agassiz beobachtete während eines Anwachsens des Gletschers. Im Jahr 1884 fand Prof. Forel den Stein Nr. II 2400 m abwärts seines ursprünglichen Standortes und konnte daraus dessen mittlere Jahresbewegung zu 55 m berechnen, während Agassiz in der Periode des Gletscherwachsens 1842—1846 für diese Strecke eine solche von 73 m konstatirt hatte.
Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe für einzelne Clubisten, wenn sie sich bemühen würden, noch weitere von Agassiz gezeichnete Steine aufzufinden und einzumessen. Die heutige Generation könnte den grundlegenden Untersuchungen von Agassiz und Genossen keinen besseren Ausdruck von Hochschätzung entgegenbringen, als dnrch diese Fortsetzung seiner Beobachtungen, welche die Gletscherkenntniß um werthvolle Daten bereichern würde.
Der englische Physiker J. D. Forbes, der im Jahre 1841 mit Agassiz den Unteraargletscher besucht hatte, stellte zwischen 1842 und 1850 am Mer de glace bei Chamonix Untersuchungen an, die sich in ihrer Organisation mit denjenigen von Agassiz beinahe decken, an Schärfe der Beobachtung sie wohl übertreffen. Neben einer Reihe von rein physikalischen Untersuchungen wandte auch er seine Aufmerksamkeit speciell den Bewegungserscheinungen des Gletschers zu.
Forbes begnügte sich damit, eine Karte des Gletschers im Maßstab 1: 25,000 zu erstellen. Er beabsichtigte dabei nicht, dieselbe für die Einzeichnung des Details zu benutzen, sondern wollte mehr die Beziehungen der topographischen Verhältnisse zu den Beobachtungsresultaten darstellen.
Seine Untersuchungen gliederte er auch wieder nach örtlichen und zeitlichen Abschnitten und beobachtete daher stündlich, täglich, periodenweise ( auch während des Winters 1844-1845 ) und jährlich; sodann längs dem Ufer, in der Mitte, am Fuß und in der Höhe des Gletschers, hauptsächlich an sieben Querprofilen.
Forbes bestätigte schon im ersten Jahre seiner Untersuchungen den von Bischof Rendu im Jahr 1839 aufgestellten Satz, daß ein Gletscher in seiner Bewegung eine vollständige Analogie mit dem Fließen eines Flusses zeige, daß das Eis also eine plastische Masse sei. Damit war eine Grundlage geschaffen, auf der mit einiger Zuversicht weitere Erhebungen zur Kenntniß der Gletschererscheinungen angeordnet werden konnten.
L. Beld.
Eine Anzahl von beschränkteren Gletscherbeobachtungen während und nach diesen größeren Arbeiten von Forbes und Agassiz beweisen, welches Interesse nicht nur die Gelehrten von Fach, sondern auch die gebildete Welt im Allgemeinen an der Gletschererforschung nahm.
So beobachtete Pfarrer M. Ziegler in Grindelwald im Winter 1842—1843 die Bewegnng des Eises 65 m oberhalb der Zunge des Grindelwaldgletschers in 4 Messungen.
Martins untersuchte die Bewegung des Faulhorn-gletschers.
Der Pfarrverweser M. Ilaid in Rofen maß das rapide Vorstoßen des Vernagtgletschers zwischen dem 13. November 1843 und 19. Mai 1845 in 5 Beobachtungen und constatirte das außerordentliche Vorrücken von 1123 m während 1 Va Jahren auf einer Fläche von durchschnittlich 20° Neigung.
Die Gebrüder Herrmann und Adolph Schlag-intwe.it zogen auch die Gletscher in den Bereich ihrer Untersuchungen über die physikalische Geographie der Alpen, welche sie in erster Folge in den Jahren 1846 — 1848 in den Ostalpen vornahmen.
Sie erstellten eine Karte des Pasterzengletschers, in den Tauern am Osthang des Großglockners gelegen, im Maßstab 1: 14,400, indem sie die österreichischen Originalaufnahmen mit Hülfe einer ausführlichen Triangulation und durch à vue Einzeichnungen ergänzten. Das angewandte Instrument ( Porrhometer ) wie auch das Verfahren waren nach Die Bhonegletscher-Vermessung.191 heutigen Begriffen allerdings ungenügend für den großen Maßstab.
Für ein zweites Beobachtungsgebiet, die Oetz-thaler-Gletscher, wurde die Karte des österreichischen Generalstabes im Maßstab 1: 72,000 ergänzt und zur Bestimmung von Fixpunkten auf dem Vernagtgletscher und dem Hintereise kleine Triangulationen ausgeführt. Das ausgewählte Gebiet war wohl für 2 Beobachter, oder eigentlich nur einen, da sich speciell Herrmann mit den Gletschern beschäftigte, zu ausgedehnt, um genügend intensive Untersuchungen anstellen zu können.
Der Pasterzengletscher, aus dem eigentlichen Eisstrom von 5400 m Länge und dem Firn von 9400 m Länge bestehend, besitzt einen Eissturz von 800 m Höhe, hat also einige Aehnlichkeit mit dem Rhonegletscher. Die Bewegung des Eises wurde in 3 Profilen gemessen, nämlich: 5300ln vom Gletscherende an 1 Block und 1 Pfahl zwischen 27. August und 7. September 1848 = 2 Mal; 3400 m vom Gletscherende an 2 Blöcken und 5 Pfählen zwischen 15. August und 7. September 1848 = 1—5 Mal; 900 m vom Gletscherende an 1 Block und 1 Pfahl zwischen 26. August und B. September 1848 = 2 Mal.
Dies sind für einen so ausgedehnten Gletscher zeitlich wie örtlich sehr beschränkte Beobachtungen. Es ist zu bemerken, daß die Unterschiede von einer Messung zur andern durchschnittlich nur 20—50om und selten über 1 m betrugen und daß die großen Schwankungen in der Bewegung, welche die Gebrüder Schlagintweit glaubten constatiren zu können, großentheils auf die Unvollkommenheit des Meßverfahrens zurückzuführen sind.
Die Gletscherzunge zeigte zwischen 26. August und 8. September 1848 ein Zurückschmelzen bis zu 4 m. Die Ablation wurde direkt an 5 Pfählen des Profils ob dem Sturz, sodann an Gletschertischen vom 15. August bis 6. September 1848 gemessen. Ebenso wurde die Abflußmenge des Pasterzengletschers bestimmt In der Gruppe der Oetzthalergletscher wurden im Jahr 1847 ähnliche Messungen ausgeführt, und zwar die Bewegung des Hintereisgletschers an 1 Pfahl und 1 Block, des Vernagtgletschers an 5 Pfählen, ferner das Rücktreten der Zungen von Marzell, Hintereis und Vernagtgletscher und endlich die Abflußmengen vom Hintereis-Hochjoch und vom Vernagtgletscher bestimmt.
Zu erwähnen ist, daß die Gebrüder Schlagintweit als die ersten die Bewegung des eigentlichen Hochfirnes an zwei Stellen in offenen Hängen beobachteten, allerdings nur in ganz kurzen Zeiträumen, so daß auch diese Ergebnisse nur wenig Anhaltspunkte bieten.
Wie man sieht, bewegen sich die Untersuchungen der Gebrüder Schlagintweit vollständig in dem Rahmen von Agassiz'Vermessungen des Unteraargletschers, deren Ergebnisse sie auch vollständig bestätigen.
Der Physiker J. Tyndall, ein hervorragendes Mitglied des englischen Alpenclubs, erkor sich wie Forbes das Mer de glace von Chamonix zum Ver-suchsobject. Dort beobachtete er im Jahr 1857 Sommer und Winter die tägliche Bewegung auf 9 verschiedenen Linien. Viele vereinzelte Beobachtungen nahm er auf seinen Alpenreisen an mehreren Schweizergletschern vor. Im Wesentlichen operirte er mit Berücksichtigung einer speciellen Bewegungstheorie.
Dies thaten auch Grad und Dupré 1869 « un Aletschgletscher. Immer mehr gipfelten sich die Arbeiten der Physiker von Fach im Suchen und Be-gründen von Bewegungstheorien. Ueberraschende Resultate von experimentellen Versuchen im Laboratorium, anderseits Ergebnisse rechnerischer Anwendung allgemeiner Gesetze auf die Gletscherbewegung forderten Erprobung durch neue Untersuchungen an den Gletschern selbst. In dem Widerstreit der verschiedenen Theorien zeigten sich die Lücken früherer Forschungen, welche hauptsächlich darin bestanden, daß die Messungen zu wenig ausgedehnt waren und daß die drei Factoren: Bewegung, Ablation und absolute Höhe des Eisstandes nicht stets gemeinsam in Betracht gezogen wurden.
Gegenüber einzelnen, sich widerstrebenden Ergebnissen früherer Beobachtungen durfte man von verbesserten Methoden und Instrumenten entscheidende Resultate erwarten.
Dieser Art war die innere Begründung, welche einige hervorragende Mitglieder der beiden großen schweizerischen Vereine Alpenclub und Naturforschende Gesellschaft veranlaßte, dem Alpenclub eine Betheiligung an den Gletscherforschungen vorzuschlagen.
Die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens wurde der Gletschercommission, aus der Mitte obengenannter Vereine gewählt, übergeben. Das technische Personal stellte das eidgenössische topographische Bureau. In finanzieller Beziehung gestaltete sich die Sache derart, daß heute S.A.C. und topographisches Bureau mit beinahe gleich großen Summen betheiligt sind.
Als Operationsgebiet wurde der Rhonegletscher bestimmt, der so ziemlich alle typischen Formen eines Alpengletschers in sich vereinigt und leicht zugänglich ist.
Im Jahre 1874 begannen die Vermessungen auf Grund einer sehr allgemein gehaltenen Instruction unter der Leitung von Ingenieur Ph. Gösset, zweiter Topograph des eidgenössischen Stabsbüreau, der auch die Controlmessungen bis und mit dem Jahr 1880 dirigirte.
Die Grundlage für die topographische Aufnahme bildete eine graphische Triangulation, welche, von einer auf der Moränenebene bei Gletsch gemessenen Basis von 1130 m Länge ausgehend, 59 Fixpunkte längs dem Ufer des 3200 m langen eigentlichen Gletschers bestimmte. Für die Höhen wurde an das eidgenössische Präcisionsnivellement, das über die Furka führt, angeschlossen. Die Fixpunkte sind auf das Solideste durch Einmeißeln von Kreuzen in den Fels in einer Art versichert, daß sie auch nach Jahrhunderten wieder aufgefunden werden können.
Technisch genommen war es ein Fehler, daß die Triangulation nur auf graphischem Weg ausgeführt wurde. Man muß indessen bedenken, daß damals roch nicht das weitgehende Programm bestand, das sich im Laufe der Jahre entwickelte. Daher wurde an dem Beschlüsse festgehalten trotz wiederholtem gegenteiligen Verlangen des leitenden Ingenieurs.
Die topographische Aufnahme des Gletschers im Maßstabe 1 :5000 wurde anno 1874 so weit gefördert, daß der Gletscher selbst bis oberhalb des Sturzes und die Ufer beinahe vollständig aufgenommen waren. Die Figuration des Eises und des Bodens ist mittelst Horizontalcurven von 5 m zu 5 m Vertical -abstand ausgedrückt. Mit großem Verständnis gibt die Zeichnung die charakteristischen Erscheinungen des Gletschers und seines ehemaligen Gebietes wieder. Es ist bekannt, in welcher Weise noch im gleichen Jahre die Contrôle der Eisbewegung angeordnet wurde. In 4 Querlinien, deren Enden durch trigonometrische Punkte bestimmt sind, wurden Steinreihen über den Gletscher gelegt, das heißt Stein an Stein gereiht und in 20 m Abstand größere Steine mit eingemeißelten Nummern eingefügt. Jede dieser Steinreihen wurde mit anderer Oelfarbe angestrichen und nach ihrer Farbe benannt, nämlich: Die schwarze Reihe in 1800 m Höhe = 474 m lang mit 25 Nr.Steinen Die grüne Reihe in 1890 m Höhe = 531 m27 „ Die gelbe Reihe in 2420 m Höhe = 1155 m n 51 „ Die rothe Reihe in 2550 "'Höhe =1067 m53 Total 3227 m Länge 156 Nr.Steine Zwischen der grünen und der gelben Reihe befindet sich der Eissturz. Die Numniernsteine bilden die Marken, an welchen der Weg und die Richtung, die das Eis zurückgelegt hat, eingemessen werden können.
Hier sind es also 156 Steine in 4 Reihen, während Agassiz an 39 Pfählen in 3 Reihen und 18 zerstreuten Steinen die Bewegung des dreimal längeren Unteraargletschers beobachtete.
Diese 4 Steinreihen sind nun von 1874 bis 1888 jährlich, also 14 Mal, eingemessen worden. Die unterste, die schwarze, hat vollständig gestrandet, weil die Gletscherzunge so weit zurückgeschrnolzen ist. Die grüne ist bis auf wenige Steine, welche am linken Rande im Moränenschutt stecken, ebenfalls über die Gletscherzunge hinaus gestrandet. Die gelbe ist im Jahre 1882 mit ihrer Spitze in den Gletschersturz gerathen, durchlief denselben mit einer mittleren Geschwindigkeit von 210 m per Jahr und konnte im Jahr 1885 in vollständig geordneter Lage unter dem Sturze aufgenommen werden. Heute sind 20 von den 51 Nummernsteinen unter dem Sturze angelangt und die Spitze der Reihe hat die ursprüngliche Lage der grünen Reihe erreicht. Die rothe Reihe hat im Jahr 1886 die gelbe Linie von 1874 überschritten Die größte erreichte Geschwindigkeit derselben beträgt 119 m per Jahr.
Nach den Erfahrungen am Rhonegletscher gibt es keine einfachere und sicherer functionirende Markirung der Eisbewegung als mittelst Steinreihen. Es fielen natürlich sehr oft Nummernsteine in Spalten, so daß in einzelnen Jahren nur 40°/o der Gesammtzahl aufgenommen werden konnten; allein die Lage der Reihen konnte immer an anderen Steinen bestimmt werden, und nach wenig Jahren erschienen die verlorenen Nummern wieder an der Oberfläche und fanden sich an ihrem Platze in der Reihe ein. Die Steinreihen haben nun ihre Aufgabe erschöpft und werden nicht weiter beachtet. Das Resultat ihrer jährlichen Einmessung ist, daß wir den Weg und die Geschwindigkeit eines jeden Eistheiles des Gletschers kennen, unter bisherigen Verhältnissen brauchte das Eis im größten Stromstrich 31 Jahre, um den 1950 m langen Weg vom rothen Profil bis zur jetzigen Gletscherzunge zurückzulegen.
Eine weitere Beobachtung bezieht sich auf die Höhe des absoluten Eisstandes. Es wurden zu diesem Behufe die geraden Linien der ursprünglichen Steinreihen, also 4 Querprofile des Gletschers, jährlich nivellirt und auf Plänen dargestellt.
Im schwarzen Profil war das " Eis schon im Jahr 1882 vollständig abgeschmolzen. Die Eisabnahme betrug hier in 8 Jahren 58 m, also 7.2 m per Jahr. Im grünen Profil beträgt die größte Abnahme in den 15 Jahren 70 m, also 4 6 m per Jahr. Im gelben und rothen Profil schwanken die Eisstände nur sehr wenig, bald in positivem, bald in negativem Sinne. Größere Differenzen sind hier erst beim Anwachsen des Gletschers zu erwarten.
Der Stand der Gletscherzunge wurde jährlich durch eine genaue Aufnahme des Eisrandes bestimmt. Um aber die Veränderungen, welche der Eisrand erleidet, 32 im Zusammenhang mit der Gestaltung der Zunge beurtheilen zu können, wurde seit 1881 letztere jährlich topographisch aufgenommen. Es liegen nun 11 Aufnahmen der Gletscherzunge vor.
Während der bisherigen Beobachtungszeit hat sich der Eisrand immer mehr zurückgezogen, so daß dadurch der Strandboden auf eine Länge von 600ro bloßgelegt worden ist. Noch größeres Interesse gewinnen diese Darstellungen der Gletscherzunge, wenn, einmal die Zunge des vorstoßenden Gletschers aufgenommen werden kann, wozu sich sehr wahrscheinlich bald Gelegenheit bieten wird. Im Jahr 1887 wurde auch der Eisrand des ganzen Gletschers bis zum rothen Profil aufgenommen, um eine Vergleichung mit der Aufnahme von 1874 zu erhalten.
Infolge eines Vertragsabschlusses zwischen dem eidgenössischen topographischen Bureau und dem S.A.C. wurde im Jahr 1881 das Rhonegletscher-Unternehmen auf neuen Boden gestellt. Aus Auftrag des damaligen Chefs des topographischen Büreau's, Oberst J. Dumur, fand eine Untersuchung über die bestehende Triangulation, über Ausdehnung der Aufnahmen und Erweiterung der Beobachtungen statt.
Das Resultat war, daß in den Jahren 1882 und 1883 die gesammte Triangulation durch Ingenieur Rosenmund neu erstellt wurde, indem direkt von der Linie Basodino — Six Madun der schweizerischen Triangulation für die mitteleuropäische Gradmessung ausgegangen und auf Grund genauer Winkelbeobachtungen die Coordinateli von 68 Punkten berechnet wurden. Davon befinden sich 27 Punkte im Firn- gebiet, dessen höchste Erhebung der Dammastock mit 3633 m bildet.
In den gleichen Jahren wurden der obere Gletscher vom Sturzrand bis 500 m oberhalb des rothen Profils im Maßstab 1: 5000 und das gesammte Firnbecken, einschließlich der Nebengletscher am Gersten- und Furkahorn, im 1: 25,000 topographisch aufgenommen.
Die Aufnahme des Firngebietes geschah in der Absicht, die Beobachtungen auch auf dasselbe auszudehnen. Seit dem Jahr 1882 werden dort jährlich 4 Querprofile in einer Totallänge von 5700 m nivellirt. Zwei davon befinden sich im Großfirn in Höhen von 2830 m bis 3300 1!, die andern im Thälifirn in 2800 m und 3100 m Höhe.
Für die Messung der Firnbewegung können nicht Steine als Controlmarken dienen, weil dieselben nach dem ersten Winter nicht mehr ausapern würden. Es wurden daher in den Linien der Querprofile 16 fünf Meter hohe Stangen eingestellt, um an denselben sowohl die Bewegung als auch das Abschmelzen, resp. die Zunahme des Firnes beobachten zu können.
Von diesen Stangen konnten mit großer Mühe noch 9 bis heute erhalten werden. Die an den steileren Seitenhängen aufgestellten wurden schief gedrückt, abgebrochen und im Schnee begraben, so daß nur wenige Jahresmessungen erhoben werden konnten. Auch die Erhaltung der Stangen in der Firnebene erfordert einige Besuche während des Sommers. Die in den höheren Gebieten befindlichen müssen jeden Herbst durch Aufstecken einer neuen Stange vor dem Einschneien gesichert werden, so daß dort nun schon 5 Stangen über einander stehen.
Die Messungen ergaben: Die Geschwindigkeit beträgt in der Ebene des Großfirns bei 2950 m Höhe 57 » per Jahr, bei 2830 m Höhe 89 m; im unteren Thäliprofil bei 2740 m Höhe 25 m und bei 3000 m Höhe 10 m per Jahr. An den viel steileren Firnhängen beträgt die Bewegung 4—6 m per Jahr. Man darf aus diesen Beobachtungen schon jetzt den Schluß ziehen, daß auch hier die Mächtigkeit der Firnschichte für die Größe der Geschwindigkeit maßgebend ist Die Zunahme des Firnes beträgt in der Höhe von 3000 m zwei bis vier Meter per Jahr, im untern Großfirn bei 2830 m halten sich Zu- und Abnahme die Waage. Die Eisschmelzung der Gletscheroberfläche wird seit 1884 an je 3 Stellen eines jeden der 3 Gletscherprofile gemessen. Zu diesem Zwecke sind 3 m lange Stangen in das Eis eingebohrt. Jede Stange wird eingemessen, sobald der Winterschnee geschmolzen ist, und sodann einige Male bis zum folgenden Winter beobachtet. Es wurden auf diese Art Ablationen ermittelt: Im rothen Profil 2550 m Höhe durchschnittlich 31 » jährlich; Im gelben Profil 2420 m Höhe durchschnittlich 4-4.5 m jährlich; Im grünen Profil 1860 m Höhe durchschnittlich 12 —13 » jährlich.
Dies sind gewaltige Differenzen gegenüber dem gleichmäßigen Abschmelzen, welches Agassiz am Aaregletscher beobachtete.
Auch in Bezug auf die Bewegungserscheinungen wurde der Kreis der Beobachtungen erweitert. Das Verfolgen der großen Steinreihen ergab keinen Anhaltspunkt zur Vergleichung der Geschwindigkeiten in verschiedenen Jahren, aber an gleicher Stelle. Diese Messungen sind seit 1883 im gelben und rothen Profil ausgeführt. ( Die Steilheit des Eises erlaubte eine gleiche Beobachtung im grünen Profil nicht, weil die Steine in 's Gleiten geriethen. ) Hier sind von 40 m zu 40 m Abstand Nummernsteine über den Gletscher gelegt. Nachdem sie im folgenden Jahre eingemessen sind, werden sie wieder in die ursprüngliche Linie zurückversetzt und beginnen so die Bewegung an gleicher Stelle wieder.
So viel als möglich werden die Controlmessungen immer am gleichen Tag des Jahres wiederholt, doch gibt es unvermeidliche Hindernisse, wie zum Beispiel das Verschneien der Steine, welche die Beobachtungen um einige Tage vorschieben. Um dies in Rechnung bringen zu können, wurde die 8-14tägige Bewegung Ende August, zu welcher Zeit die Controlmessungen stattfinden, ermittelt. Es ergab sich in Uebereinstimmung mit Forbes und Agassiz, daß die Geschwindigkeit dieser Periode beinahe genau der mittleren Bewegung des ganzen Jahres entspricht.
Nachdem verschiedene Anzeichen darauf hinwiesen, daß der Gletscher vorstoßen werde, schien es von Interesse, das Verhalten des Eisrandes der Gletscherzunge genauer zu beobachten. Zu diesem Zweck werden seit Juli 1887 die Bewegungen des Eisrandes monatlich an 5 Punkten gemessen und zwar auch im Winter.
Diese Beobachtungen ergeben 1887-1889 per Winter ein Vorstoßen von 3 m im Maximum, während 02L. Held.
schon jetzt vom October 1889 bis Mai 1890 ein solches von 17nl constatirt ist.
Diese Oscillationen der Gletscherzunge unmittelbar vor dem nun wahrscheinlich andauernden Vorstoßen bieten großes Interesse.
Der Beobachtung der Firnaperung wird in neuester Zeit von Meteorologen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Das Maß derselben bietet uns immerhin ein Jahresresultat von Niederschlagsmenge in Schneeform und Abschmelzung derselben in Regionen, wo directe Messungen nicht mehr möglich sind. Für den Rhonefirn ist der Stand der Ausaperung seit 1882 jährlich auf einer Oleate dargestellt. Ueberraschend sind die großen Schwankungen von einem Jahr zum andern.
Von einer Reihe von Specialbeobachtungen sollen hier nur wenige angeführt werden.
Die größte Tiefe der Spalten wurde zu 33 « * bestimmt.
Bis zur Tiefe von 30 m konnte kein Unterschied in der Schnelligkeit der Eisbewegung mit der Oberfläche ermittelt werden. Zu diesem Zwecke sind Gegenstände neben Nummernsteinen in Spalten versenkt worden. Nach einigen Jahren fanden sie sich in genau gleichem Abstand neben dem Stein an der Oberfläche ein. Die Zeit ihres Erscheinens läßt sich an der Abschmelzung, wie sie an den Stangen gemessen wird, berechnen. Der Ausdruck des Volksmundes: „ Der Gletscher stößt fremde Gegenstände aus ", ist also nicht strikte zu nehmen.
An einer Ausbuchtung des Gletschers, der sogenannten Moränenbucht, wurde durch Anlage einer besondern Farblinie gemessen, daß das Eis derselben eine sehr schwache, von dem eigentlichen Strom abgetrennte Bewegung besitzt, also auch hier die Analogie mit einem Flusse gegeben ist.
Fast als selbstverständlich wird man es betrachten, daß auch die Photographie zur Darstellung von charakteristischen Erscheinungen angewandt wird. Wenn man die oft uncorrecten Reproductionen der Handzeichnungen früherer Gletscherforscher betrachtet, so wird man die Dienste, welche heute die Photographie leistet, zu schätzen wissen.
Aus Gesagtem geht hervor, daß die Beobachtungen am Rhonegletscher als historisch-topographische Nachweise der Gletscherveränderungen die Untersuchungen an andern Gletschern an Vollständigkeit übertreffen. Einige der Beobachtungen sind neu, so diejenigen im Firngebiet. Alle Messungen werden so ausgeführt, daß sich die Genauigkeit des Verfahrens nachweisen läßt, ein Gebot, das bei wissenschaftlichen Untersuchungen in erster Linie stehen soll.
Als ein Mangel der Rhonegletscher-Beobachtungen muß empfunden werden, daß keine parallelen meteorologischen Beobachtungen ausgeführt werden. Ein Versuch, solche in Gletsch einzuführen, scheiterte, obgleich die schweizerische meteorologische Centralanstalt die Instrumente installirt hatte.
Seit Beginn des Rhonegletscher-Unternehniens sind nun auch die Eisströme der Ostalpen, welche bisanhin in auffallender Weise vernachlässigt wurden, in mehrfacher Richtung beobachtet worden. Auch hier hat das Aufblühen des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereins in anregendem Sinne gewirkt, wenn sieb auch bis vor Kurzem der Centralverein nicht entschließen konnte, für Gletschererforschung finanzielle Opfer zu bringen. Um so mehr mußte das Interesse für Gletscher erwachen, nachdem neuere deutsche Forscher die historisch-geologische Seite der Frage in vortrefflicher Weise bearbeitet und damit, wie bei uns Venetz, Charpentier u. A., die wissenschaftliche Bedeutung derselben hervorgehoben hatten.
Von den vielen kleineren Untersuchungen seien einige hier hervorgehoben.
Im Jahre 1879 beobachteten Dr. F. Klocke und Dr. Koch von Freiburg in Br. auf dem Morteratschgletscher, ob die Eisbewegung eine in gleicher Richtung-continuirliche sei, und erhielten dabei Resultate, welche in Bezug auf Geschwindigkeit und Weg der einzelnen Eistheile während der verschiedenen Tag- und Nachtstunden ganz überraschende waren. Indessen ergab die Prüfung des angewandten Meßverfahrens, daß die Ungenauigkeit desselben allein schon zu den innert dem Rahmen der bisherigen Gletscherkenntniß unerklärlichen Ergebnissen führen konnte.
Dies erkannte auch Dr. I-faff aus Erlangen bei gleichen Versuchen am Pasterzengletscher.
Bergrath F. Seeland in Klagenfurth wandte bei seinen Beobachtungen am Pasterzengletscher wieder die gewohnten Verfahren an, benutzte aber leider die Erfahrungen früherer Forscher zu wenig, so daß die ersten Ergebnisse seiner Registratur lückenhaft ausfielen. 1879 bezeichnete er 4 Marken an der Gletscherzunge und maß von denselben aus den Eisrand jähr- lieh ein. 1882 ging er weiter und steckte mit Pflöcken eine Gerade quer über den Gletscher ab, um die Eisbewegung zu beobachten. Im folgenden Jahr konnte er die Pflöcke nicht mehr finden und legte Steine in gleicher Linie. Im Jahr 1885 fand er einen Pflock und 1886 sechs derselben und maß daran die Eisbewegung, welche laut seiner Mittheilung mit der von Schlagintweit beobachteten übereinstimmte. Nach ungefähren Angaben des Gletscherstandes von 1856 berechnete Seeland den seitherigen Eisverlust am Pasterzengletscher zu 328 Millionen Cubikmeter. Dabei ist natürlich der Nachschub des Gletschers nicht berücksichtigt.
Professor Ed. Richter in Salzburg begann seine Untersuchungen, deren Ergebnisse er in dem Werke: „ Die Gletscher der Ostalpen " niederlegte, im Jahr 1880 mit der topographischen Aufnahme der Gletscherzungen des Karlinger- und Untersulzbachgletschers im Maßstab 1: 5000. Er legte eine kleine Triangulation zu Grunde, versicherte die Fixpunkte in leichter Weise behufs späterer Nachmessungen und erhob das Detail mittelst des Meßtisches, ging also technisch sehr richtig vor.
Im Jahr 1886 wurde der Rückgang des Karlinger-gletschers und 1885 und 1887 derjenige des Obersulzbachgletschers eingemessen.
Später, bei den Beobachtungen der Oetzthaler-gletscher, verzichtete Richter auf die Erstellung einer Karte und maß direkt das seit dem letzten hohen Gletscherstand bloßgelegte Terrain ab.
Die Hauptarbeiten Richters beziehen sich auf die geologische Untersuchung betreffend Ausdehnung und Wirkung der ehemaligen Gletscher.
Dr. Karl Diener in Wien maß den Rückzug der Gletscherzungen 1881-1884 am Schwarzensteinkees an 3 Punkten, am Hornkees an 1 Punkt und am Waxeckkees an 1 Punkt. Alle diese Gletscher sind in den Zillerthaler Alpen gelegen.
Dr. L. Pfaundler in Innsbruck nahm 1886 die Zunge des Alpeingletschers im 1: 10,000 auf in der Absicht, spätere Veränderungen des Gletschers an dieser Karte konstatiren zu können, aber ohne eigentliche Beobachtungsmarken anzubringen. Die Section Innsbruck des D. und Oe. A. V. betheiligte sich mit einem Beitrag an seiner Vermessung.
Auch die Centralleitung des großen Alpenvereins begann nun, Subventionen für Gletscherbeobachtungen zu gewähren.
So nahmen die Herren S. Finsterwalder, Dr. H. Schmuck und Dr. Blümke in München mehrere Gletscherzungen und selbst größere Partien von Gletschern im 1: 5000 auf, im Jahr 1886 die Zunge des Gepatschferners und die des Suldenferners sammt Vorterrain, 1885 und 1887 einen größeren Theil des Gliederferners. Auf letzterem wurde eine Steinreihe zur Beobachtung der Eisbewegung gelegt, sonst wurden keine weiteren Vorkehrungen zu Controlmessungen getroffen.
Es ist begreiflich, daß die Gletscheruntersuchungen in den Ostalpen, weil beinahe ausschließlich mit privaten Mitteln bewerkstelligt, nicht in so großem Maßstabe angelegt werden konnten wie mehrere solche in den Schweizer Alpen. Man kann beinahe sagen, daß dies auch nicht mehr nöthig ist. Was den deutschen Untersuchungen bis jetzt fehlt, das ist ein einheitliches systematisches Vorgehen bei den Vermessungen und Beobachtungen. Die Resultate der vielen Einzelbeobachtungen lassen sich nur dann zu einem Gesammt-Ergebniß zurückführen, wenn ihnen ein bestimmtes Programm zu Grunde liegt und die Präcision der Vermessungsarbeiten normirt ist.
Wenn der D. u. Oe. A. V. die Gletschererforschung in diesem Sinne'organisiren würde und die Gewährung von Subventionen an die Bedingung programm-mäßiger Ausführung knüpfen könnte, so würde nach und nach eine Reihe von Einzelbeobachtungen werthvolles Material namentlich zur Lösung klimatologischer Fragen bieten.
Die Arbeiten der beiden großen Alpenvereine von Deutschland-Oesterreich und der Schweiz müßten sich derart im Interesse der Wissenschaft gegenseitig er- Für den S.A.C. ist es eine Genugthuung, daß er die Periode des Rückzuges des Rhonegletschers bis zu ihrer Erschöpfung für seine Beobachtungen ausnutzen konnte. Nun, da der Gletscher von Neuem in die Phase des Vorrückens getreten ist, wird und muß die Frage an ihn herantreten, ob er seinen großen Opfern neue und kleinere beifügen wolle, um die Fortführung der Erhebungen zu ermöglichen. Wir sind überzeugt, daß er sich ohne Zaudern dazu entschließt und daß er auch weiter zu dem Werk vaterländischer Naturforschung stehen wird, um es als Ganzes und Fertiges der Wissenschaft übergeben zu können.
IV. Kleinere Mittheilungen.