Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03102.jsonl.gz/767

Wie ging Marketing im 19. Jahrhundert?
Keiner wusste das besser als der Verleger und Komponist Anton Diabelli.
Als Anton Diabelli 1818 die genialste Marketing-Aktion der ganzen Musikgeschichte startete, war der Begriff «Marketing» noch längst nicht erfunden. Aber das Prinzip, das funktionierte schon damals. Es lautete: Aufmerksamkeit ist die entscheidende Währung. Und wenn etwas anders läuft als geplant, soll man sich nicht darüber ärgern – sondern nutzen, was man nutzen kann.
Die Idee, die am Anfang seiner Aktion stand, würde man heute wohl der Kategorie «Interaktives Marketing» zuordnen. Diabelli, der ein guter Pianist und Gitarrist war, aber ein eher fleissiger als wirklich grosser Komponist, schickte einen nicht weiter aufregenden «Deutschen Tanz» an 50 Komponistenkollegen – mit der Bitte, eine Variation zu diesem Walzer-Vorläufer zu liefern. Denn er war auch Verleger, und die Variationen-Sammlung sollte seinen Verlag Cappi & Diabelli ins Gespräch bringen.
Viele Komponisten schickten ihre Variationen brav und pünktlich, darunter Franz Schubert und der damals erst 11-jährige Franz Liszt, Carl Czerny und Franz Xaver Mozart, Ignaz Kreutzer und Johann Nepomuk Hummel. Beethoven dagegen weigerte sich erst mitzumachen, verunglimpfte die Vorlage als «Schusterfleck» – und präsentierte dann mit vier Jahren Verspätung trotzdem gleich 33 eigene «Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli».
Elf neue Variationen
Diabelli hätte da durchaus beleidigt sein können. Denn Beethoven schien mit diesem op. 120 vor allem vorführen zu wollen, was einer wie er aus fast nichts machen konnte; was möglich ist, wenn man einen «Schusterfleck» konsequent umstülpt und pulverisiert und wieder neu zusammensetzt. Aber eben, Diabelli war ein Marketing-Talent und zweifellos auch ein ehrlicher Bewunderer von guter Musik. Also brachte er Beethovens Werk erst gesondert und dann in einer Doppeledition zusammen mit der Variationensammlung der gehorsameren Kollegen heraus: Die Geschäftsidee wurde zur Erfolgsgeschichte.
Nun hat der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder dieser Geschichte ein weiteres, spektakuläres Kapitel angefügt. Zusammen mit verschiedenen Orchestern (zu denen auch das Tonhalle-Orchester Zürich gehört) hat er bei prominenten Komponist*innen elf neue «Diabelli-Variationen» in Auftrag gegeben – nicht in einem Diabelli-Jahr übrigens, sondern im Beethoven-Jahr 2020. Und genau wie in der originalen Sammlung spielt er die neuen Variationen in alphabetischer Reihenfolge: von Lera Auerbach über Tan Dun, Toshio Hosokawa, Max Richter und einige weitere bis Jörg Widmann.
Wie gut das funktioniert, wie vielfältig und geistreich und klangsensibel die zeitgenössischen Antworten auf die rund zweihundertjährige Vorlage sind, ist auf einer bei der Deutschen Grammophon erschienenen Aufnahme bereits jetzt zu hören. Nun wird man es auch in der Tonhalle Zürich erleben, wenn Buchbinder sich in einem Rezital für Diabellis Vorlage und alles, was je daraus entstanden ist, an den Flügel setzt.
Der Applaus am Ende wird dann vielleicht nicht nur Buchbinder gelten, sondern ein bisschen auch Diabelli. Denn wenn man bedenkt, wie kurzlebig heutige Marketing-Ideen in der Regel sind: Dann hätte er eine schöne Ovation wirklich redlich verdient.