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Flugzeuge sollen direktere Routen fliegen und für mehr Sicherheit sorgen. Das verlangt die Europäische Kommission, welche die Notwendigkeit eines "einheitlichen europäischen Luftraums" unterstreicht. Die Schweiz, die beim Projekt mitmacht, überwacht die verkehrsreichste Zone des gesamten Kontinents.
Jeden Tag durchkreuzen laut der europäischen Flugsicherheits-Organisation Eurocontrol durchschnittlich 26'000 Flugzeuge den europäischen Himmel. Der Grossteil davon startet oder landet auf einem der 440 Flughäfen des Kontinents.
"Die Kapazität des Luftraums und der Flughäfen in Europa ist möglicherweise bald erschöpft", schreibt die Europäische Kommission in einer Mitteilung vom Juni 2013.
In den nächsten zehn, zwanzig Jahren werde die Anzahl der Flüge um 50% zunehmen. Werde nichts unternommen, "wird Chaos herrschen", warnt Brüssel, das mit einem neuen Massnahmenpaket das Projekt eines einheitlichen Luftraums anschieben will.
Knotenpunkt Schweiz
Der Begriff "Chaos" sei übertrieben, auch weil der europäische Flugverkehr in den letzten Jahren eher abgenommen habe, sagt Pascal Hochstrasser, Verantwortlicher der Flugsicherung Skyguide im Kontrollturm Genf Cointrin. "Es stimmt aber, dass der Himmel ziemlich verstopft ist, auch weil jedes Land gewisse Lufträume für das Militär freihält."
Für Hochstrasser und die Mitarbeitenden der Schweizer Flugsicherungs-Gesellschaft Skyguide ist die Überwachung eines vielbeflogenen Himmels Alltag. Der Schweizer Luftraum gehört zu jenen mit der höchsten Verkehrsdichte auf dem gesamten Kontinent.
Und zu den komplexesten, sagt Francis Schubert, operativer Direktor von Skyguide. "Der Grossteil des von uns überwachten Flugverkehrs verschiebt sich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal. Wir befinden uns im Kreuzungspunkt der wichtigsten Flughäfen wie Paris, Amsterdam, Frankfurt, Monaco und Rom."
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Im Gegensatz zu den USA, wo der gesamte Luftraum durch eine einzige Flugverkehrskontrolle überwacht wird, ist der Himmel über Europa extrem fragmentiert. Das Gebiet der Europäischen Union (EU) ist in hunderte Sektoren unterteilt und zählt rund 60 nationale Kontrollzentren. Mit dem Resultat, dass jedes Land die Flugrouten basierend auf seinen Landesgrenzen und den Bedürfnissen seiner Flughäfen festlegt.
Einheitlicher Luftraum – verschiedene Meinungen
Der einheitliche europäische Luftraum, 2004 von den EU-Mitgliedstaaten verabschiedet, will die Sicherheit erhöhen, die Kapazität des Luftraums verdreifachen, die Kosten für die Flugverkehrs-Kontrolle um 50% und den Treibstoffverbrauch um 10% reduzieren.
Die Initiative der Europäischen Kommission stösst aber nicht überall auf Gegenliebe, wie Patrick Csikos vom Institut Universitaire Kurt Bösch erklärt: "Alle Staaten waren immer der Ansicht, dass ihr Luftraum den vertikal in den Himmel projizierten Landesgrenzen entspricht und deshalb unter ihre Aufsicht fällt. Mit dem einheitlichen europäischen Luftraum werden Teile des Luftraums eines Landes durch Flugverkehrskontrollen von Drittstaaten innerhalb des Funktionsblocks überwacht."
Zudem "ist der Endzweck des Projekts der Wettbewerb unter den nationalen Flugverkehrskontrollen, so dass schliesslich nur die effizientesten übrigbleiben. Eine Idee, die weniger wettbewerbsfähigen Ländern wie Frankreich nicht gefällt. Das haben die Fluglotsen-Streiks Mitte Juni gezeigt."
Während "Skycontrol", der Verband der Schweizer Fluglotsen, die Vorteile einer verstärkten internationalen Zusammenarbeit anerkennt, gibt er zu bedenken, man könne sich nicht mit der Art und Weise identifizieren, wie das Projekt durchgeführt werde.
"Bis heute gibt es keinen wirklichen sozialen Dialog zwischen den Partnern. Die Regierungsorgane sind weit entfernt von den täglich vor dem Radarschirm auftauchenden Problemen", antwortete der Verband schriftlich gegenüber swissinfo.ch.Infobox Ende
Ein Pilot, der über Europa fliegt, wird daher oft auf einen Zickzack-Kurs geschickt. "Wenn ich von Zürich nach Brüssel fliege, muss ich einen ziemlich weiten Bogen machen", sagt Thomas Steffen, Pilot für die Airbus-Modelle A330 und A340 sowie Sprecher der Piloten-Gewerkschaft Aeropers. "In den USA ist es viel einfacher, eine direkte Route zu fliegen. Das spart Zeit und Kerosin."
Zudem nutze jeder Luftraum in Europa eine eigene Funkfrequenz, ergänzt Steffen. "Wir müssen daher ständig die Frequenz ändern, um mit den Fluglotsen der verschiedenen Überwachungsbehörden zu kommunizieren. In den USA sind wir weniger abgelenkt. Ich will damit nicht sagen, in Europa zu fliegen sei gefährlicher, aber es ist sicherlich viel komplizierter."
Kreuzungen vermeiden
Laut der Europäischen Kommission würde ein einheitlicher Luftraum eine ganze Reihe von Vorteilen bringen. Flugzeuge könnten pro Flug durchschnittlich 42 km einsparen und den Treibstoffverbrauch um 10 Prozent reduzieren. Auf diese Weise sollen die Fluggesellschaften – und somit die Passagiere – 5 Milliarden Euro pro Jahr einsparen können.
Das Hauptelement des einheitlichen europäischen Luftraums ist die Aufteilung in neun Luftraumblöcke, die neu definiert werden. Ihre Grösse wird nicht mehr durch nationale Grenzen bestimmt.
Die Schweiz soll – zusammen mit Frankreich, Deutschland, Holland, Belgien und Luxemburg – in den "Functional Airspace Block Europe Central" (FABEC) integriert werden, der grösste Block, durch den sich rund 55% des Flugverkehrs in Europa bewegt (5,5 Mio. Flüge pro Jahr).
"Die Grundidee eines einheitlichen Luftraums macht Sinn: In Europa gibt es zu viele Kontrollzentren", sagt Hochstrasser. Indem man die nationalen Grenzen fallen lasse, könne die Sicherheit verbessert werden. "Die Luftstrasse über Genf zum Beispiel kreuzt sich zwei Mal. Mit FABEC können wir direktere Flugrouten planen, ohne dass es zu Kreuzungen kommt."
Ein einheitlicher Luftraum würde auch die Arbeit der Fluglotsen vereinfachen, bemerkt Schubert. "Bis vor noch nicht allzu langer Zeit waren die Flugsicherungssysteme ziemlich unterschiedlich und hatten Schwierigkeiten, miteinander zu kommunizieren. Die Interoperabilität verringert das Risiko von Fehlern bei der Übergabe der Flugzeuge von einem Sektor zum anderen."
Welche Auswirkungen für die Schweiz?
Für Skyguide sei der einheitliche europäische Luftraum "eine grosse Chance", unterstreicht Schubert. Das Projekt "bietet einen Rahmen, um die Zusammenarbeit zu stabilisieren, die absolut nötig ist, um die Performance des Systems zu garantieren".
"Wir werden weiterhin den gleichen Raum überwachen, auch wenn wir unsere Fluglotsen auf das neue Regime umschulen müssen", erklärt Hochstrasser. "Bis Ende 2014 haben wir eine erste Konkretisierung von FABEC vorgesehen. Wir reorganisieren den Verkehrsfluss, was den Fluggesellschaften Einsparungen bringen wird."
Auch Patrick Csikos, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Universitaire Kurt Bösch in Sitten im Kanton Wallis, ist der Meinung, ein einheitlicher Luftraum sei "nötig". Er äussert aber auch einige Zweifel wegen der möglichen Auswirkungen auf die Schweiz und Skyguide.
"Die zentrale Lage der Schweiz war für Skyguide lange Zeit ein Vorteil, weil sie auch grenznahe Räume im Ausland überwachen konnte (40% des überwachten Luftraums befinden sich in Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich, die Red.). Jetzt wird dieser Vorteil zum Stolperstein, weil die Flugverkehrskontrollen innerhalb von FABEC nicht nur Partner sind, sondern auch Konkurrenten", so Csikos.
"Der Endzweck eines einheitlichen Luftraums ist, die verschiedenen nationalen Flugverkehrskontrollen in einen Wettbewerb zu stellen, damit schliesslich nur noch jene beibehalten werden, die am effizientesten arbeiten."
Und in diesem Wettbewerb befinde sich Skyguide nicht in einer starken Position, betont Csikos. "Im europäischen Vergleich hat sie eine eher hohe Kostenstruktur, auch wegen des starken Frankens. Es ist nicht auszuschliessen, dass irgendwann Frankreich oder Deutschland die Kontrolle über jenen Luftraum übernehmen, der gegenwärtig von Skyguide überwacht wird."
(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch