Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03141.jsonl.gz/3448

Mit den Händen tanzen.
Mit den Füssen tanzen.
Mit den Hüften tanzen.
Mit dem Kopf tanzen.
Mit dem Bauch tanzen.
Mit dem ganzen Körper tanzen.
Mit den Fingern auch tanzen.
Mit den Knien tanzen.
Mit den Ellbogen tanzen.
Choreografie von Melanie, 10 Jahre
Auf dem Pausenplatz findet das wahre Leben statt. In der Form von Spielen werden Themen verhandelt, die im Alltag der Kinder eine Rolle spielen. Kämpfe werden ausgetragen, erste Annäherungen zwischen Jungen und Mädchen finden statt, Gruppen werden gebildet und wieder aufgelöst, Freundschaften geknüpft und Konkurrenz erprobt. Kurz: Im Mikrokosmos Pausenplatz lässt sich der Makrokosmos Gesellschaft in seiner ganzen Bandbreite an menschlichem Verhalten und zwischenmenschlichen Beziehungen finden. Die Form des Spiels ist dabei schützender Rahmen und Narrenfreiheit zugleich. Innerhalb seiner Regeln kann gewütet, gestritten, verraten, geholfen, geopfert, ausgelacht, verbündet, hereingelegt, geweint, ausgeschlossen, versöhnt, solidarisiert, gefeiert werden.
Was aber macht ein Spiel zum Spiel? Der Soziologe und Philospoh Roger Caillois suchte nach dem zentralen Interesse, mit dem sich der Spieler oder die Spielerin in das jeweilige Abenteuer hineinbegibt. Bei seinen Untersuchungen verschiedenster Spiele stiess er auf vier verschiedene Grundtypen von Spielen: Den Wettkampf, das Glücksspiel, das Rollenspiel und das Spiel mit dem Rausch. Jedes Spiel lässt sich in eine oder in eine Kombination von mehreren der vier genannten Komponenten einteilen. Mit den 4. Klässler/-innen des Schulhauses Gysi in Buchs untersuchten wir ihre Lieblingsspiele auf diese vier Komponenten hin. Und fragten danach, warum gerade dieses Spiel ihr Lieblingsspiel ist: Weil es spannend ist? Weil man etwas Neues erfinden kann? Weil man es in der Mannschaft spielt? Weil man geschickt sein muss? Weil es gefährlich ist? Weil man etwas ausprobieren kann, was im echten Leben nicht möglich ist? Die gefundenen Spielelemente haben wir in Form eines Tanzes neu zusammengesetzt. Ein neues, riesiges Tanzspiel entsteht, in dem sich verschiedene (Spiel-)Situationen abwechseln, wobei der Fluss des Spiels nie abreisst. Durch das gewählte Arrangement der Spielkomponenten werden die verschiedenen Facetten des Spiels evoziert. Das Publikum nimmt dabei die Rolle eines Zuschauers am Rand eines Pausenplatzes ein.
Die Grundlage für das Tanztheater bildet die Erfahrungswelt der Kinder. Während zweier Schulwochen haben Anna Papst, Tabea Martin und das restliche Team hinter «Play Back» sich auf die Spiele der Kinder eingelassen. Später haben sie dann in Gesprächen erforscht, womit sich die Kinder am liebsten unterhalten und weshalb. Damit beschreiten die 30-jährige Regisseurin und die 36-jährige Choreografin einen neuen Weg. Nicht die theaterpädagogische Arbeit steht im Vordergrund, sondern das, was in den Spielen passiert, soll in künstlerisch verdichteter Form auf die Bühne gebracht werden. Das kommt aber keineswegs aufgezwungen daher. Die Kinder strotzen vor Spielfreude. Auch schwingt ein gewisser Stolz mit, dem Publikum vorzuführen, was ein wichtiger Bestandteil des eigenen Lebens ist. Die Begeisterung auf der Bühne ist ansteckend und der Grund, weshalb man – auch wenn man wenig neue Erkenntnisse mitnimmt – 45 unterhaltsame und erfrischende Minuten verbringt. Andrea Grgic, Aargauer Zeitung, 17.05.2014