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In den Faserpelz gehüllt verlasse ich den Flughafenbahnhof um 11 Uhr am Morgen und kämpfe mich durch den Ameisenhaufen Richtung Operation-Center. Im Ohr stecken meine weissen Kopfhörer und der Sänger der Band Travis fragt mich mit Musik untermalt: «Why does it always rain on me?»
Kolleginnen und Kollegen kommen mir entgegen. Alle haben sie eine lange Nacht hinter sich und alle fokussieren sie die paar Meter Asphalt vor ihren Füssen. Sie kennen nur noch ein Ziel: Das heimische Bett.
Mein Ziel ist das Operation-Center, wo ich mich für den Flug nach Miami bereitmachen muss. Im Gebäude angekommen werden die üblichen Arbeiten verrichtet, ein kleiner Schwatz mit der Polizistin vor der neuen Sicherheitsanlage gehalten und meinen Chef unter dem Heer Kapitänen gesucht, die vor der Kaffeemaschine Schlange stehen. Zusammen erklimmen wir die Stufen zum Planungsbüro. Ein freundlicher Dispatcher begrüsst uns kollegial und breitet einen Stapel Papiere vor unseren Augen aus. «Er sei noch mit der Tokio Crew beschäftigt, komme aber gleich zu uns», meinte er beim vorbeigehen. Und dann kam dieser kleine Nebensatz über seine Lippen, der uns noch den ganzen Tag verfolgen würde: «There is really nothing special to say about this flight!»
Ich als fliegender Pilot lehnte mich über die Karte, die mit vielen Symbolen überzogen, die Grosswetterlage zwischen Zürich und Florida zeigt. Für die Zeit nach dem Start werden bedingt durch die Westwindlage einige Turbulenzen vorausgesagt, nach etwa einem Drittel der Flugstrecke werden wir einen der starken Höhenwinde durchfliegen und nach etwa der Hälfte der Strecke geht mein Bleistiftstrich genau durch den Buchstaben «a» des Namens Laura. Diese Laura ist weder eine botoxverschönerte Texanerin noch ein Codewort für einen netten Cockpitbesuch, sondern ein veritabler tropischer Sturm.
Die Wettervorhersage für Miami ist dafür gut. Entgegen den vielen Wetterseiten auf dem Internet und der meines iDingsbums, sagen die Wettergurus Miami einen gewitterfreien Tag voraus. Unsere Erfahrungen mit Miami und einer amerikanischen Laura (bzw. mit ihrem Gatten) ermutigen uns, die Treibstoffreserven grosszügig aufzustocken.
Irgendwann sitzen wir im Cockpit, haben alle Arbeiten erledigt, die brüsselbedingte Wartezeit abgesessen und die Leistungshebel nach vorne geschoben. Die Nase des A340 erhebt sich langsam Richtung Himmel, der Tennisplatz von Opfikon verschwindet unter unseren mit 79 Tonnen Treibstoff gefüllten Flügeln und ich lege die 250 Tonnen Flugzeug in eine leichte Linkskurve. Der Westwind schüttelt uns kräftig durch und nach drei Flugminuten schaut die Spitze des Airbus zum ersten Mal Richtung Miami.
Ein nach Trüffeln riechender Käse findet eine Stunde später den Weg auf meinen Teller. Grünzeug folgt und als Hauptspeise gönne ich mir Wildravioli an einer leckeren Sauce. Dazwischen ein Schwätzchen und als Abschluss einen Nespresso und zwei Sünden in Form von Pralinen aus edler Manufaktur. Nach diesen Stärkungen fühlte ich mich bereit, Laura tief ins Auge zu schauen. Wolken erschienen in der Ferne und das Anschnallzeichen wird eingeschaltet.
Der Wetterradar zeigt einige kleine Echos an, die wir elegant umfliegen, aber im Grossen und Ganzen müssen wir dem Dispatcher in Zürich recht geben: Laura ist noch zu jung zur guten Bläserin.
Die Anspannung wird wieder heruntergefahren, schliesslich warten noch fünf lange Flugstunden auf uns. Zwei Lachscanapés verschwinden in meinem Rachen und ein Tonic Wasser folgt. Jetzt braucht eine Pause um meine brennenden Augen zu schonen. Nach Absprache mit dem Chef ziehe ich die Augenbinde über meine roten Dinger, lasse den Sitz zwei Raster nach hinten fallen und schliesse begleitet von Iggy Pop mit seinem Song Passenger für eine halbe Stunde die Augen.
Irgendwann ist dann auch Miami in Sichtweite. Der Tower meldet noch zehn Minuten vor dem geplanten Aufsetzen leichte Winde in Pistenrichtung und eine gute Sicht. Unserem Airbus wird die Freigabe zum Anflug gegeben. Dunkle Wolken bauen sich vor uns auf und auch das Radarbild verspricht nichts Gutes. Die Winde nehmen zu und kommen aus verschiedenen Richtungen. Wir informierten den Tower, dass wir im Falle eines Durchstarts wegen der Gewitterwolken sofort nach Links drehen müssen. Der Satz ist noch nicht zu Ende macht eine Microburstwarnung einen Anflug unmöglich. Diese Microburst sind wohl eines der übelsten Wetterphänomene in der Aviatik und haben schon einige tragischen Unfälle verursacht.
Leistungshebel nach vorne schieben, sofort nach links drehen, aufpassen, dass die freigegebene Höhe nicht überschossen wird, die Geschwindigkeit unter Kontrolle halten und die Passagiere informieren. Der Flughafen Miami ist geschlossen, über dem geplanten Ausweichplatz tobt entgegen den Voraussagen ein starkes Gewitter und dieses zieht Richtung Orlando, der dritten Landeoption. Dank unseren Treibstoffreserven können wir noch eine Stunde über dem Meer warten oder auf den Flugplatz von Freeport auf den Bahamainseln ausweichen. Freeport meldet gutes Wetter, wäre also eine akzeptable Variante, wenn sich der Sturm nicht bald verzieht.
Tausend Meter über dem rauschenden Meer ziehen wir unsere Runden und warten auf Neuigkeiten. Die Flugüberwachung in Miami ist sehr kooperativ und informiert ausgezeichnet. Unter uns und über uns kreisen die Flugzeuge, denen alle langsam das Kerosin ausgeht. Ein deutscher Charterflieger verabschiedet sich als Erster. Er peilt Fort Myers an. Zwanzig lange Minuten später öffnet der Flughafen wieder. Die Fallwinde sind verschwunden und der starke Wind hat sich gelegt. Das im Zusammenhang mit dem starken Regen erwartete Aquaplaning auf der Piste können wir dank den schwachen Winden akzeptieren.
«Fifty - forty - thirty - twenty - ten - touchdown.» Der Radiohöhenmesser gibt und die Distanz zur Piste an. Die Räder berühren den Boden, volle Schubumkehr und Bremseinsatz folgen. Nach dem Verlassen der Piste stehen wir von Blitz und Donner begleitet hinter eine langen Kolonne von gestrandeten Flugzeugen, die uns den Weg zum Gate versperren. Zwölf Stunden nach der Freigabe zum Motorenstart stehen wir schwitzend am Gate in Miami. Schwitzend wegen des Anflugs, aber vor allem wegen der Hilfsturbine die den Dienst verweigert und so auch der Airconditioning die notwendigen Ressourcen nicht liefert.
Wie hat der Dispatcher nochmals gesagt: «There is really nothing special to say about this flight!»