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Über den Spießbürger
Alice Berend
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Der Spießbürger ist der notwendigste Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Sein Wohlbehagen, seine Gesunderhaltung, sein Zerstreuungsbedürfnis, seine Sehnsüchte und Träume und seine sonstigen Ansprüche an das Dasein sind es, die Wissenschaft und Kunst in Bewegung setzen, von Fortschritt zu Fortschritt treiben, von Versuch zu Versuch anspornen. Der Spießbürger ist zur Seele des Staates geworden.
Er ist zu allem nötig, selbst zum Beweis dafür, daß es Helden gibt. Er allein ist der Maßstab, an dem die Größe der Besonderen und der Ungezügelten gemessen werden kann, wenn diese Wertbemessung auch vielleicht nicht so einfach ist, wie es den Anschein haben könnte. Es stellt sich möglicherweise dabei heraus, daß jeder Mensch ein wenig Held sein muß, um das Kampfspiel Leben auszufechten, und daß sich ebenso mancher Held des Geistes wie der Waffe nur durch ein wenig sogenanntes Spießbürgertum in der Balance seiner großen Taten zu halten vermochte, daß also auch die Sphäre des Genies und der Dämonen nicht so entfernt von ihnen liegt, wie mancher glaubt. Als einzelnes Individuum genommen, ist der Spießbürger mit seinen Eigenschaften nicht so einfach auf eine Formel zu bringen.
Der Student bezeichnet ihn als verkörperte Pedanterie, beschränkte Kritikfähigkeit, platte Behaglichkeit, eingebildete Würde, lächerliche Überheblichkeit und Neugier. Später, selbst zu Amt, Würden und Vaterschaft gekommen, pflegt dieser gleiche Mensch diese gleichen Eigenschaften als Ordnung, Selbstverleugnung, Beherrschung, Pflichttreue und Wißbegier zu bezeichnen. Der Student singt: «Wenn ich einmal der Herrgott wär‘.» Der zum Mann Gewordene brummt: «Wenn ich doch erst mein Vorgesetzter wär‘ …»
Das Wort Spießbürger entstand schon im Mund der Ritter, der Herren hoch zu Pferd, im Panzer und Visier. Sie machten sich lustig über den Bürger, der zu Fuß den Spieß trug als Waffe.
Niedergeschrieben finden wir das Wort zuerst im Jahre 1640. Joachim Friedrich klagt in seinem Buch «Die Friedensposaune», daß die Studenten «eisgraue und erfahrene Männer, Matronen, keusche Jungfrauen und Bürger für Spießbürger schelten». 1697 war es in den Studentenkreisen schon üblich und häufig angewendet, abwechselnd mit dem Wort Philister. Schon 1706 kommt in der Lebensbeschreibung Hazards der bittere Vorwurf vor, «daß die Burschen uns Bürger einen Philister nennen und wie einen Floh achten». Im Jahre 1767 verwertet Wieland das allmählich zur vollen Blüte heranreifende Wort zum ersten Male dichterisch in seinem «Agathon». Im Jahre 1810 ist es bereits ein allgemein übliches und gebuchtes Wort, ein gewohnter Begriff. In Pommern sagt man «speetbörger», ein Wort, das geradezu nach Geräuchertem und Ofenwärme duftet.
Sogar «das Lied vom Canapee» war damals schon geboren («Die Seele schwingt sich in die Höh‘, der Leib bleibt auf dem Canapee»), diese Verse, die das Schutz- und Trinklied des Spießbürgers genannt werden können. Erst in der Blütezeit des Biedermeiers jedoch gelangten sie zu voller Geltung, gehörten zum Sang und Klang der Gemütlichkeit.
Schon im 18. Jahrhundert erschien das erste Konversationslexikon, also die erste Bildungsbibel des Spießbürgers, der nun schwarz auf weiß auf dem Regal zum Nachschlagen alles das bereitstehen hatte, was im Kopf zu haben niemand von einem Normalmenschen verlangen konnte.
Zwischen diesen Zeitspannen aber liegen Revolutionen.
Es ist schwer zu sagen, ob es als Tragik oder als Witz des Weltwillens hinzunehmen ist, daß Revolutionen nötig waren, um das Bürgertum zu schaffen und damit den Ahnherrn des Spießbürgers, der so geschickt verstanden hat, aus der kleidsamen Fasson der Jakobinermütze das friedliche Hausväterkäppchen des Pfeifchenschmauchers erstehen zu lassen, und der von nun an alles in seinen Bereich zu ziehen verstand, was die Welt vorbrachte.
Die Geschichte des jüngsten Jahrhunderts ist das Märchen der Geschwindigkeit. Eine grandiose Erfindung überstürzt die andere, Fortschritt auf Fortschritt drängte die menschlichen Daseinsformen vorwärts, stellte das Heute meilenfern fort vom Gestern. Alle Möglichkeiten der Zukunft wurden unberechenbar, und doch ist es das Zeitalter der Mathematik. Keinem Jahrhundert zuvor war eine nur ähnliche geschwinde Entwicklung gegeben. Die Zahl der Neuerungen, die es brachte, ist unberechenbar.
Es sei nur daran erinnert, daß der «Geburtstag» – um spießbürgerlich zu reden – der Dampfmaschine, und damit der Eisenbahn und des Dampfschiffs, die Entwicklung der Elektrizität, des Autos, des Flugzeuges, der Photographie, des Telephons, des Radios in dieses Jahrhundert fällt. Unbekannte Probleme stiegen auf.
Zwischen allen diesen gigantischen Erscheinungen des Geistes und des Willens entwickelte sich langsam, lächelnd und sicher der Spießbürger, der alles Neue zuerst beklagte, bestenfalls bewitzelte, um es dann schließlich vorsichtig in das Netz seiner Behaglichkeit zu ziehen.
Jedes Jahrzehnt stand unter einem anderen Zeichen, einer anderen Mode, der Spießbürger machte sie alle mit, alle bekamen ihm vorzüglich, diesem Manne, der immer tut, was alle tun, und immer nur das wagt, was schon ein anderer vor ihm gewagt, dieser gemütliche Pflichttreue, der aus den Idealen der anderen den praktischen Nutzen zu ziehen versteht, dieser hartnäckige Vorsichtige, dessen Hauptbestreben darauf zielt, es gut haben zu wollen in diesem Leben. Wir alle leben unter ihnen, von ihnen, wie der Fisch im Wasser und der Vogel in der Luft. ●
Aus Alice Berend, Die gute alte Zeit, Marion von Schröder Verlag, 1962
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