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– Therapie und Verlauf besser einschätzen –
Diabetesklassifizierung im Wandel: Aufgrund neuer Studien empfehlen heute immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Einteilung des Diabetes in fünf Untergruppen. Dadurch könnten vorallem die Formen des Diabetes Typ 2 genauer unterschieden werden.
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Diabetes mellitus äussert sich auf unterschiedliche Weise. Er ist keine homogene Krankheit, sondern vielmehr ein Syndrom, das durch einen hohen Blutzuckerspiegel und ein erhöhtes Risiko für spezifische Spätkomplikationen gekennzeichnet ist. Diabetes wird heute in der Regel in vier Hauptgruppen eingeteilt: Typ 1, Typ 2, Schwangerschaftsdiabetes und sogenannte «andere spezifische Diabetesformen». Diese letztgenannte Gruppe umfasst eine Reihe von seltenen bis sehr seltenen Diabetesformen (siehe Tabelle auf Seite 18). Eine solche Diabetesklassifizierung soll bei der Festlegung der anfänglichen Therapie und bei der Einschätzung des möglichen weiteren Krankheitsverlaufs helfen. Allerdings können nicht wenige Betroffene zum Zeitpunkt der Diagnose nicht eindeutig als Typ-1- oder Typ-2-Diabetiker eingestuft werden, und es ist nicht selten, dass sich das Erscheinungsbild im Laufe der Erkrankung verändert.
Der Weg zur heute gültigen Diabetes-Klassifizierung
Bereits 1866 erwähnte der britische Arzt George Harley die sehr variable Präsentation der verschiedenen Fälle von Diabetes mellitus. Wenig später beschrieb der Franzose Étienne Lancereaux zwei Diabetesformen, und zwar den «diabète maigre» und den «diabète gras». Dies gilt oft als die erste Unterscheidung zwischen jugendlichem Diabetes und Altersdiabetes. Die von Lancereaux beobachteten Patientenbeispiele des «diabète gras» entsprechen nach heutiger Sicht recht gut einem Typ-2- Diabetes. Dagegen haben seine Beschreibungen des «diabète maigre» wenig Ähnlichkeit mit einem jugendlichen Diabetes, denn alle seine «dünnen» Patientinnen und Patienten waren mittleren Alters oder gar älter. Die Diabetesklassifizierung von Lancereaux erlangte, zumindest im deutschen Sprachraum, keine grosse Verbreitung.
Zur Zeit der Entdeckung des Insulins im Jahr 1921 war die Einteilung verschiedener Diabetesformen nicht wesentlich weiter entwickelt. In der Regel wurde der Diabetes als mild, moderat oder schwer beschrieben. Bei vielen mit Insulin behandelten Betroffenen wurde von einem «Diabetes gravis» (lat.: schwer) gesprochen. Bald nach der Einführung des Insulins wurde aber zunehmend klar, dass nicht alle Diabetesbetroffenen in gleichem Mass von Insulin abhängig waren.
In den 50er- und 60er-Jahren wurden mehr und mehr die Begriffe «jugendlicher Diabetes» und «Altersdiabetes » gebräuchlich. In den 70er-Jahren wurde dann zunehmend klar, dass die meisten Fälle von «jugendlichem Diabetes» auf einer Autoimmunkrankheit beruhten und durchaus auch in höherem Alter auftreten konnten. Andererseits konnten die typischen Fälle von «Altersdiabetes », einhergehend mit Übergewicht, auf eine Insulinresistenz mit gleichzeitigem, relativem Insulinmangel zurückgeführt werden. Um diesen Erkenntnissen besser gerecht zu werden, schlug 1979 die Amerikanische Diabetes- Gesellschaft vor, die Begriffe jugendlicher Diabetes und Altersdiabetes zu verlassen. An ihre Stelle sollte eine Einteilung in «Type I, insulin-dependent diabetes mellitus» (insulinabhängiger Diabetes mellitus) bzw. «Type II, non-insulin-dependent diabetes mellitus» (nicht-insulinabhängiger Diabetes mellitus) treten. Weiter wurden die Begriffe «Andere Diabetesformen», «Gestörte Glukose- Toleranz» und «Gestationsdiabetes» (Schwangerschaftsdiabetes) in die Klassifikation aufgenommen.
1980 übernahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Wesentlichen diese neue Einteilung, allerdings mit einer amüsanten Änderung: Im englischsprachigen Raum wurde «Type II» oft verwechselt mit «Type 11» und viele Patienten meinten, sie hätten einen «Type eleven» («Typ elf») Diabetes. An die Stelle der römischen Zahlen in den beiden Namen traten deshalb arabische, und es wurde neu von «Typ 1» sowie «Typ 2» gesprochen.
Neue Ansätze der Klassifizierung
Weltweit arbeiten derzeit verschiedene Forschungsgruppen daran, klinische, pathophysiologische und genetische Merkmale zu kombinieren, um so zu einer Diabetesklassifizierung zu gelangen, welche die Inhomogenität des Typ-2-Diabetes besser widerspiegelt und eine bessere Einschätzung des weiteren Verlaufs der Erkrankung erlaubt. In einer viel beachteten Publikation schlugen 2018 schwedische Wissenschaftler eine neue Einteilung des Typ-1- und Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen in fünf Cluster (Untergruppen) vor:
• Cluster 1: severe autoimmune diabetes oder «schwerwiegender Autoimmundiabetes» Diese Untergruppe entspricht im Wesentlichen dem Typ-1-Diabetes und dem latenten Autoimmundiabetes des Erwachsenen (LADA). Die Diabetesformen des Clusters 1 sind dadurch gekennzeichnet, dass sie eher in jüngeren Jahren auftreten, und bei Diabetesbeginn weisen die Betroffenen Autoantikörper (meist sog. Anti-GAD-Antikörper), einen relativ niedrigen Body-Mass-Index (BMI), eine schlechte Stoffwechselkontrolle und eine beeinträchtigte Insulinproduktion auf.
• Cluster 2: severe insulin-deficient diabetes oder «schwerwiegender Insulinmangel-Diabetes» Diese Untergruppe ähnelt sehr der ersten Gruppe, hat aber keine Anti-GAD-Antikörper und zeichnet sich durch einen hohen HbA1c-Wert sowie das höchste Risiko für diabetische Retinopathie (Netzhauterkrankung) unter allen Clustern aus.
• Cluster 3: severe insulin-resistant diabetes oder «schwerwiegender Diabetes mit Insulinresistenz» Diese Patientengruppe zeichnet sich durch Insulinresistenz und einen hohen BMI aus. Sie hat zudem das grösste Risiko für diabetische Nephropathie (Nierenerkrankung).
• Cluster 4: mild obesity-related diabetes oder «milder, Adipositas-assoziierter Diabetes» Die Patienten in dieser Gruppe sind eher jünger, haben Übergewicht und sind wenig insulinresistent.
• Cluster 5: mild age-related diabetes (MARD) oder «milder, altersbedingter Diabetes».