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Die Anfänge in Biel: Das Institut de la Méthode
Im Jahr 1971 wurde in Biel die Ferdinand Gonseth Vereinigung gegründet. Ferdinand Gonseth (1890-1975) war Mathematiker und Wissenschaftsphilosoph an der ETH Zürich und eine zentrale Figur in der Schweizer Philosophielandschaft – so lancierte er beispielsweise zusammen mit Paul Bernays (1888-1877), seines Zeichens Mathematiker und seit 1945 Professor an der ETH Zürich, im Jahr 1947 die Zeitschrift Dialectica. Im Rahmen der Gründung der Ferdinand Gonseth Vereinigung wurde 1971 auch das Institut de la Méthode (IM) ins Leben gerufen. Der Zweck des Instituts bestand darin, einen gemeinsamen, nicht dogmatischen Nenner für pluralistische Gesellschaften zu finden, welcher verhindern sollte, dass die verschiedenen, normativen Positionen der öffentlichen Debatte und damit letztlich die Gesellschaft selbst auseinanderdriften. Im Gründungsmanifest legt Edmond Bertholet (1883-?), Mitgründer und erster Präsident der Vereinigung, seine Überzeugung dar, dass diese Einheit mittels methodischer Aspekte gestiftet werden kann. Die Methodik soll einen gemeinsamen Rahmen, eine Art Minimalkonsens, bilden für eine offene, ehrliche Diskussion ohne Intoleranz. Vor diesem Hintergrund war das IM vielseitig tätig und seine Aktivitäten reichten von Reflexionen über Mathematikunterricht bis hin zur Diskussion von technischen Problemen in der Philosophie der Physik. Das IM wurde finanziell durch den Kanton Bern, die Städte Biel und Neuenburg sowie die Gemeinden Sonvilier und St.-Imier unterstützt.
Vor diesem Hintergrund hat Henri Lauener (1933-2002), damals Vorstandsmitglied des Institut de la Méthode, 1973 das erste Bieler Kolloquium ins Leben gerufen. Es fand im Kongresshaus in Biel statt und beschäftigte sich mit der philosophischen Problematik der Sprache. Finanziert wurde die Veranstaltung zum Teil durch das IM selbst. Dies genügte jedoch nicht, da die oben genannten Subventionen lediglich für den Lohn des Generalsekretärs und seiner Sekretärin sowie für die schriftlichen Symposien gedacht waren, und so leistete auch der Schweizerische Nationalfonds einen Beitrag. Neben Lauener selbst, Gonseth und Paul Bernays waren auch international anerkannte Professoren wie Donald Davidson oder Jaakko Hintikka anwesend. Die Kongressakten des Kolloquiums wurden in der Dialectica-Ausgabe der zweiten Hälfte des Jahres herausgegeben. Im Vorwort bedankt sich Lauener bei den Teilnehmenden und kündigt an: «[W]eitere Kolloquien sollen in Zukunft in Biel stattfinden». (Lauener 1973) Das Thema für den nächsten Kongress stand bereits fest. Und Lauener bat im Vorwort eventuelle Interessenten, sich bei ihm zu melden.
Die Bieler Kolloquien in den 70er und 80er Jahren
Zwischen 1975 und 1990 kam es tatsächlich zu weiteren sieben internationalen Kolloquien in Biel. Im Dialectica-Vorwort zur Tagung von 1980 schreibt Lauener, die Kongresse seien inzwischen “zu einer Institution geworden” (Lauener 1981). Die Tagungen wurden in diesen Jahren jeweils vom Schweizerischen Nationalfonds mit einem Betrag zwischen 10'000 und 15'000 Schweizer Franken unterstützt (abgesehen von der Tagung mit dem Titel “Le réalisme aujourd'hui”, welche nur mit 6000 CHF unterstützt wurde, für genauere Angaben siehe Tabelle). Neben den erwähnten Jaakko Hintikka und Donald Davidson nahmen unter anderem Roderick M. Chisholm, John R. Searle, Hilary Putnam oder Avrum Stroll an einem oder mehreren dieser Kolloquien teil. In den darauffolgenden Dialectica-Ausgaben wurden jeweils ihre Beiträge publiziert und so einem breiteren philosophischen Publikum zugänglich gemacht.
Die Themen waren vielfältig: von der zeitgenössischen Diskussion um Kants Werk über Intentionalität bis hin zum Realismus. Sie wurden jeweils von Lauener in Absprache mit François Bonsack (1926-), dem damaligen Generalsekretär des IM, ausgewählt. Dies musste im Hinblick auf die Möglichkeit geschehen, mit den geladenen Philosophen fruchtbare Debatten zu führen. Dabei scheinen die Organisatoren jeweils der Gefahr ausgesetzt gewesen zu sein, eine zu spezifische Wahl zu treffen. Darauf lassen folgende Zeilen in Laueners Vorwort zur Dialectica-Ausgabe zum Kolloquium von 1978 mit dem Thema ‘Erklären und Verstehen’ schliessen: «Man hat mir verschiedentlich vorgeworfen, dass sich die Themen unserer Kolloquien zu einseitig an Spezialisten richten. [… Wir haben] deshalb für dieses Jahr ein Thema gewählt, das einen mehr interdisziplinarischen Charakter hat und das sich entsprechend an ein breiteres Publikum wendet» (Lauener 1979).
Unter dem Aspekt der Diversität, der in unserem Forschungsprojekt eine wichtige Rolle einnimmt, ist sicherlich das Kolloquium zum Thema Intentionalität im Jahr 1983 hervorzuheben. Gemäss meinen Recherchen war es die erste dieser Kolloquien in Biel, an dem eine Frau teilnahm. Dabei handelte es sich um die deutsche Philosophin Elisabeth Ströker, welche zu dieser Zeit Direktorin des Husserl Archivs an der Universität zu Köln war. Ihr Beitrag befasste sich mit dem Zusammenhang von Intentionalität und Konstitution bei Husserl.
Im Jahr 1990 fand das letzte internationale Kolloquium in Biel zum Thema ‘Metaphysik und Wissenschaft’ statt. Dabei ist sicherlich die Anwesenheit von Willard Van Orman Quine hervorzuheben. In Auseinandersetzung mit dessen Philosophie entwickelte Henri Lauener seine eigene ‘offene Transzendentalphilosophie’. Es war gleichzeitig die letzte dieser Tagungen, deren Organisation Henri Lauener selbst oblag. Im Vorwort zur zugehörigen Konferenzschrift in einer Dialectica Ausgabe von 1991 teilte er mit, dass die internationalen Kolloquien von nun an in Bern stattfinden werden und übertrug die Verantwortung für die Durchführung an Stephan Hottinger.
Bruch mit dem IM und Weiterführung der Kolloquien in Bern
Nachdem François Bonsack 1990 pensioniert wurde, kam es zum Bruch zwischen Lauener und dem Institut de la Méthode. Gemäss Pierre-Marie Pouget (1942-), dem gegenwärtigen Präsident der Ferdinand Gonseth Vereinigung, hat Lauener einen Kandidaten für die Nachfolge vorgeschlagen, welcher jedoch aufgrund einer zu ‘analytischen’ Ausrichtung vom Vorstand abgelehnt wurde. Dem scheint eine Auseinandersetzung gefolgt zu sein, die unter anderem darin mündete, dass Lauener die Leitung der Zeitschrift Dialectica vollends übernahm.
Das nächste Kolloquium fand demnach nicht mehr im Rahmen des IM in Biel statt, sondern wie oben bereits erwähnt in Bern. Thema war der Einfluss der Sprache auf die Wissenschaftsphilosophie – der sogenannte ‘linguistic turn’. Finanziell unterstützt wurde die Tagung durch die Schweizerische Gesellschaft für Logik und Philosophie der Wissenschaften.
Im November 1993 fand schliesslich die letzte Ausgabe dieser internationalen Tagungen in Bern statt. Dies geschah anlässlich des 60. Geburtstags von Henri Lauener. In Anlehnung an dessen philosophische Theorie lautete das Thema ‘Transzendentalismus oder Naturalismus’. Neben dem Schweizerischen Nationalfonds, der sogar einen Vertreter an die Eröffnung schickte, leisteten auch der Beer-Brawand-Fonds, die Schweizerische Akademie für Geisteswissenschaften sowie die phil.-hist. Fakultät der Universität Bern einen finanziellen Beitrag. Im Vorwort findet sich kein Hinweis auf eine allfällige Bestrebung, weitere Kolloquien in Bern zu organisieren. Dies geschah auch nicht.
Politischer und philosophischer Stellenwert
Der politische Stellenwert der Kolloquien ist schwierig einzuschätzen. Es kann bemerkt werden, dass bei der Tagung von 1986 der damalige Regierungsrat Henri-Louis Favre die Teilnehmenden mit einigen persönlichen Grussworten beehrte. In den dazugehörigen Kongressakten deutete Lauener dies als ‘Zeichen der öffentlichen Anerkennung’ für das Projekt.
Über die tatsächliche Bedeutung der Tagungen für die Philosophiewelt lässt sich ebenfalls nur aufgrund von anekdotischer Evidenz spekulieren. Michael Frauchiger, Schüler von Henri Lauener, verbrachte in der zweiten Hälfte der 80er Jahre einige Zeit an der UBC in Vancouver und erinnert sich daran, dass die Studierenden sowie Lehrenden der Existenz von Kolloquien in der Schweiz, bei denen einflussreiche Philosophinnen und Philosophen frei und vor Ort über neueste Ansätze diskutierten, mit Erstaunen begegneten. Er stellt fest: «Solch besondere Kolloquien hatten damals, auch in Nordamerika und England, Seltenheitswert.» Verschiedene Schweizer Professoren haben die Kolloquien in guter Erinnerung. So sagt beispielsweise Jean-Claude Wolf, er sei jeweils gern hingegangen. Andere Professoren, wie zum Beispiel Eduard Marbach, der am Kolloquium über Intentionalität teilgenommen hat, bemerkt jedoch, dass er abgesehen von seiner Mitwirkung bei der einen Tagung kaum etwas von den Kolloquien mitbekommen habe. Allgemeine Schlüsse lassen sich daraus jedoch kaum ziehen. Es ist aber sicherlich festzuhalten, dass die Kolloquien durch die Anwesenheit international renommierter Grössen zur besseren Vernetzung von Schweizer Philosophinnen und Philosophen beigetragen haben. Dies war zum Beispiel hilfreich, wenn es um den Erhalt von Forschungsstipendien ging. Inwiefern dies tatsächlich der Fall war, ist jedoch schwierig zu sagen.
Auswirkungen auf die Schweizer Philosophielandschaft
Auch die Auswirkungen dieser Kolloquien auf die Philosophie in der Schweiz lassen sich kaum bemessen. Es kann sicherlich festgehalten werden, dass sie die Zeitschrift Dialectica stark geprägt haben. In seinem Nachruf auf Henri Lauener schrieb Rafael Ferber im Jahr 2003, dazumal Professor für Philosophie in Luzern: «In Verbindung mit diesen Kolloquien gelang es ihm [Lauener], diese Zeitschrift zu einer Plattform der analytischen Philosophie zu machen. Autoren mit einem herausgehobenen Ruf wie Alfred Julius Ayer (1910–1989), Roderick Chisholm (1916–1999), Donald Herbert Davidson (1917–2003), Jaakko Hintikka (*1929), Willard Van Orman Quine (1908–2000), John Rogers Searle (*1932) und andere haben darin publiziert.» (Ferber 2003) Ferber weist hier auch auf den Zusammenhang von Dialectica und der sogenannt “analytischen” Philosophie hin.
Dejung schrieb über Dialectica in seinem Werk Philosophie aus der Schweiz Folgendes: Sie “begann sehr schweizerisch, wurde aber bald eine vielsprachige internationale Einrichtung, in der sich der angelsächsische Raum v.a. ausdrückt” (Dejung 1994, 120). Auch Dejung hebt in seinen Ausführungen den Bezug zur analytischen Philosophie hervor: “Mit der Zeit hat sich die Zeitschrift unter der Schriftleitung von Max Black und Henri Lauener dann zu einem Forum der analytischen Philosophie entwickelt. Ihre Aufsätze verraten ein sehr strenges Aufnahmeverfahren, und ihre Buchrezensionen, in denen die Schweiz immer noch eine bemerkenswerte Rolle spielt, sind hervorragend.” (Dejung 1994, 120)
Diese Ausführungen scheinen nahezulegen, dass die Kolloquien, in Verbindung mit Dialectica, einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung und Verbreitung der sogenannten “analytischen” Philosophie-Tradition in der Schweiz ausgeübt hat. Dies ist jedoch schwer messbar, zumal es wahrscheinlich ist, dass diese Entwicklung sich auch unabhängig davon ergeben haben könnte.
Datenlage und offene Fragen
Im Rahmen des Projekts History of Swiss Philosophy konnte ich keine umfassenden und detaillierten Informationen zu den Bieler Kolloquien finden. In einigen Werken zur Philosophie in der Schweiz sind die Kolloquien erwähnt (so zum Beispiel bei Good 1977 oder Dejung 1994), jedoch ohne substantielle inhaltliche Angaben. Die Daten zu den verschiedenen Veranstaltungen inklusive Thema, Zeitraum, Teilnehmende sowie Finanzierung ergeben sich aus den zusammengetragenen Vorworten Laueners in unterschiedlichen Dialectica-Ausgaben sowie dem online Datenportal des Schweizerischen Nationalfonds. Diese beiden Quellen stimmen jedoch bezüglich Nummerierung der Kolloquien nicht überein. Für genauere Informationen verweise ich auf die verlinkte Tabelle. Weiter ist nicht für alle Kolloquien klar, wer die Vortragenden waren. In einigen neueren Vorworten werden die Vortragenden erwähnt, allerdings stimmen diese Aufzählungen zum Teil nicht mit den Beiträgen in der Ausgabe überein. Zudem weichen mündliche Berichte wiederum davon ab. Auch dazu finden sich genauere Angaben in der oben verlinkten Tabelle.
Neben dem Mangel an ausführlichen Informationen zu den verschiedenen Veranstaltungen bleibt zudem die Frage offen, wie und warum nach dem 10. Kolloquium Schluss war. Zudem wäre es interessant, mehr über die Auswirkungen dieser Tagungen auf die Schweizer Philosophielandschaft sowie deren internationalen Stellenwert zu erfahren. Dabei könnten die Suche nach dem Nachlass von Henri Lauener, dessen Verbleib unklar ist (weder die Burgerbibliothek Bern noch die Lauenerstiftung noch das Philosophische Institut der Universität Bern konnten mir diesbezüglich Informationen geben) sowie umfassendere Nachforschungen im Bereich der Oral History weiterhelfen.
Quellen
Dejung, C. 1994. Philosophie aus der Schweiz.
Ferber, Rafael. 2003. "Nachruf auf Henri Lauener". Kant-Studien, Vol. 94, No. 4, pp. 403-404.
Good, P. 1977. “Das soziale Geschehen der Philosophie in der Schweiz von 1900-1977”. Studia philosophica, 37, 295-354.
Hottinger, Stephan. 1992. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 46, No. 3/4.
Hottinger, Stephan und Furrer, Stephan. 1995. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 49, No. 2/4.
Lauener, Henri. 1973. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 27, No. 3/4.
Lauener, Henri. 1977. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 31, No. 3/4.
Lauener, Henri. 1979. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 33, No. 3/4.
Lauener, Henri. 1981. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 35, No. 1/2.
Lauener, Henri. 1984. “Vorwort”. Dialectica; Vol. 38, Fasc. 2-3.
Lauener, Henri. 1984. “Vorwort”. Dialectica; Vol. 38, Fasc. 2-3.
Lauener, Henri. 1989. “Vorwort”. Dialectica; Vol. 43, No. 1/2.
Lauener, Henri. 1991. “Vorwort”. Dialectica, Vol. 45, No. 2/3.
mündliche Quellen / oral history / Zeitzeugen
Internetseiten
Seite der Association Ferdinand Gonseth
SNF Datenportal
Seite der Lauener Stiftung
Gründungsmanifest des Institut de la Méthode von Edmond Bertholet