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Der HC Lausanne braucht noch einen Sieg gegen Langnau fürs Halbfinale. Bisher hat Lausanne noch nie in seiner Geschichte (seit 1922) einen Titel oder eine Playoff-Serie in der höchsten Liga gewonnen.
Der HC Lausanne galt bisher als der welscheste aller welschen Klubs. Manchmal viel Geld, manchmal Schulden, aber nie Stabilität. Ein begeisterungsfähiges Publikum, aber keine Meisterfeier und keine sportliche Stabilität.
Lausanne hat in der höchsten Liga noch nie etwas gewonnen. Und nach jedem Aufstieg war die Frage nicht ob, sondern nur wann Lausanne wieder absteigen wird. Zwischendurch stürzte der Club sogar ins Amateurhockey ab. 1989 kehrte der HC Lausanne wieder in die NLB zurück und spielt seither in den beiden höchsten Ligen, seit 2014 in der NL(A).
Die Polemik um die welsche Mentalität im Hockey kommt aus Kanada, dem Mutterland dieses Spiels. Dort sind Spieler welscher Herkunft (also mit französischer Muttersprache) immer wieder mal als «french frogs» («welsche Frösche») verhöhnt worden. Als zu weich für richtiges Hockey. Heute gilt die Bezeichnung «french frog» in Kanada nach einem entsprechenden Gerichtsurteil als rassistisch.
Sind die Welschen zu weich für erfolgreiches Hockey? Wer will, kann als Beweis die Unfähigkeit der welschen Klubs anführen, irgendetwas in der höchsten Liga zu gewinnen. Seit 1973 (La Chaux-de-Fonds) hat nie mehr ein Klub aus der Romandie den Titel geholt. Biel ist ebenso wie Fribourg zweisprachig und die Klubs dieser Städte gelten nicht als welsch.
Das Problem dürfte erstens sein, dass die Emotionen bei den Klubs im Welschland zu oft in den Büros so gross waren wie in der Arena. Zweitens fehlt seit der «Amerikanisierung» unseres Sports in der Westschweiz das Geld, um ein Meisterteam im Fussball oder Eishockey aufzubauen. Sonst hätte Chris McSorley in Genf längst eine Meisterschaft gewonnen. Servette galt bisher als bestfunktionierende Sportfirma der Romandie und erreichte mit Chris McSorley zweimal (2008, 2010) das Playoff-Finale.
Nun ist Lausanne drauf und dran, das beste Sportunternehmen des Welschlandes zu werden. Noch ein Sieg und dann werden zum ersten Mal die Halbfinals gespielt. Die Mannschaft hat so viel Substanz, dass sie sich in den nächsten Jahren zu einem Titelkandidaten entwickeln wird.
Das Erfolgsgeheimnis ist so einfach und so polemisch, dass der Chronist diese Zeilen in Kanada nicht schreiben dürfte. Lausanne hat beschlossen, nicht mehr welsch zu sein. Wir können diesen Wandel am gestrigen Spiel in Langnau erklären.
Wie viele welsche Spieler standen in der Mannschaft von Ville Peltonen? Ein einziger. Stürmer Benjamin Antonietti. Bei Langnau waren es doppelt so viele. Nämlich zwei: Torhüter Damiano Ciaccio und Verteidiger Anthony Huguenin. Die SCL Tigers aus dem Herzland der alemannischen Schweiz sind also welscher als der HC Lausanne.
Lausanne spielt ein durch und durch rationales Eishockey. Bis ins letzte Detail durchorganisiert und mit höchster Präzision und Disziplin umgesetzt. Im Layout ist die Spielanlage sehr ähnlich wie bei Langnau oder beim SC Bern. Was keine Überraschung sein kann: Ville Peltonen ist der Zauberlehrling und Ziehsohn von SCB-Bandengeneral Kari Jalonen.
Das ist der Grund, warum Langnau so grosse Schwierigkeiten gegen dieses Lausanne hat: Die Emmentaler sind dann erfolgreich, wenn sie mit ihrem durchorganisierten Spiel einen nominell besseren Gegner am Entfalten des spielerischen Potenzials hindern können. Lausanne spielt das gleiche Hockey. Aber mit mehr Talent. Deshalb ist Lausanne der schlimmstmögliche Viertelfinalgegner für die Langnauer.
Eine kleine Chance hat Langnau gegen einen so gut strukturierten Gegner nur, wenn Chris DiDomenico und Harri Pesonen ihr bestes Hockey spielen. Sage mir, ob sich Chris DiDomenico provozieren lässt, und ich sage dir, ob Langnau eine Chance hat. Der Kanadier hat sich provozieren lassen. Die Aufholjagd der Langnauer nach dem 0:2 ist zweimal durch seine Zweiminutenstrafen unterbrochen worden und nach Spielschluss fasste er wegen Schiedsrichterbeschimpfung weitere 20 Minuten.
Dass Chris DiDomenico und Harri Pesonen nicht mehr ihr bestes Hockey spielen, sehen wir auch daran, dass Verteidiger Andrea Glauser das Ehrengewand des Topskorers trägt.
Trainer Heinz Ehlers, dem Disziplin über alles steht, steckt in der «DiDomenico-Falle». Einerseits sollte er seinen flamboyanten Kanadier massregeln, am besten indem er ihn für ein Spiel auf die Tribüne setzt. Andererseits ist er auf ihn angewiesen. Es war Chris DiDomenico, der mit dem Anschlusstreffer zum 1:2 noch einmal Hoffnung weckte.
Genie und Wahnsinn sind bei Langnaus Leitwolf also Nachbarn. «Wenn wir jetzt in der fünften oder sechsten Qualifikationsrunde wären, dann würde ich etwas zu DiDomenico sagen», erklärte Heinz Ehlers auf eine entsprechende Frage. «Aber jetzt kann ich nicht.» Die Emotionen haben also nicht, wie man erwarten könnte, dem Team aus dem Welschland einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sondern den Deutschschweizern.
Auch die Art und Weise, wie Lausanne die zwei Tore erzielt hat, ist ein Hinweis darauf, dass ausser dem Klubnamen in diesem Hockeyunternehmen nichts mehr welsch ist.
Beide Treffer sind «hässliche» Tore und besonders bitter für Langnau. Beim 0:1 wird der Puck unhaltbar abgelenkt. Beim 0:2 rutscht und kollert er durch ein Gewirr von Stöcken und Schlittschuhen und findet den Weg hinter die Linie erst nach zwei Berührungen mit dem Pfosten. Also «Arbeitstore» im alemannischen Stil und nicht mit der Leichtigkeit des Seins der Welschen zelebriert.
Auch neben dem Eis ist nichts mehr frankophon. Der Mehrheitsaktionär ist ein Amerikaner, der Hauptsponsor ein Rohstoffhändler, der als reichster Engländer gilt, der Trainer kommt aus Finnland, seine beiden Assistenten auch, und General Manager Sacha Weibel stammt aus der Ostschweiz. Wahrlich, Lausanne hat beschlossen, nicht mehr welsch zu sein.
Dieses «neureiche» Lausanne, das die Wurzeln zu seiner Heimaterde gekappt hat, ist mit Abstand der gefährlichste Herausforderer der etablierten Klubs in der Deutschschweiz. Die besten Spieler, die der SC Bern in den letzten Jahren ausgebildet hat (Joël Vermin, Christoph Bertschy), stürmen bereits jetzt für Lausanne und der ehemalige SCB-Junior Etienne Froidevaux ist Captain. Die Verschiebung der Kräfte ist unübersehbar.
Lausanne braucht noch einen Sieg fürs Halbfinale und wird diesen Sieg in einem der drei nächsten Partien einfahren. Dann folgt die Auseinandersetzung mit Zug um den Finaleinzug.
Zugs neuer Trainer Dan Tangnes hat das Spiel so gut organisiert wie Ville Peltonen. Aber er hat die besseren Einzelspieler. Das Halbfinale wird also sein wie Langnau gegen Lausanne – aber mit einem Rollentausch: Lausanne nun in der Rolle der Langnauer.
Noch braucht Lausanne mindestens zwei «Kaisertransfers», um ein Titelfavorit zu werden. «Kaisertransfers» sind eine Frage des Geldes und Lausanne hat dieses Geld, um diese Transfers in den nächsten drei Jahren zu machen.
Es wird bereits jetzt reichen, um Zug in Schwierigkeiten zu bringen. Zug hat übrigens doppelt so viele welsche Spieler wie Lausanne. Nämlich zwei: Thomas Thiry und Johann Morant.
Die Situation: Lausannes Topskorer Dustin Jeffrey schubst den Puck auf dem Eis liegend vor das Tor der Langnauer und schliesslich gelingt Joël Vermin 40 Sekunden vor der zweiten Pause das 2:0. Die Schiedsrichter geben das Tor erst nach dem Studium der Videobilder.
Frage eins ist rasch geklärt: Der Puck hat die Linie überschritten.
Frage zwei provozierte heftige Diskussionen: Hätte das Tor wegen des Handpasses von Dustin Jeffrey annulliert werden müssen?
Die Antwort ist Nein.
Erstens dürfen die Schiedsrichter ein Tor nicht annullieren, wenn sie auf dem Video einen Handpass erkennen, den sie vorher übersehen haben. Selbst wenn es ein irregulärer Handpass gewesen wäre, hätte das 2:0 zählen müssen.
Zweitens war es kein unerlaubter Handpass. Ein Handpass wird in der offensiven Zone nur dann abgepfiffen, wenn der Puck direkt zu einem Spieler der angreifenden Mannschaft geht. Wenn der Puck aber von einem Spieler der verteidigenden Mannschaft unter Kontrolle gebracht wird, läuft das Spiel weiter.
Nun sehen wir auf dem TV-Bild ganz klar, was in Echtzeit nicht zu erkennen war: Langnaus Aaron Gagnon liegt vor dem Tor auf dem Eis und hat genügend Zeit, den Puck mit der Hand wegzuwischen. Er kontrollierte also im Sinne der Spielregeln die Situation und den Puck. Damit ist der Handpass von Dustin Jeffrey aufgehoben. Das Tor zum 2:0 ist also regulär.
Die Schweiz ist ein kleines Land. Und doch kommen ganz schön viele Kilometer zusammen, wenn die zwölf Eishockeyteams der höchsten Liga und ihre Anhänger umher reisen. Fakten zu 50 Runden Regular Season.
Am Freitag beginnt die neue Saison um die Eishockey-Meisterschaft. Der HC Lausanne muss dazu nach Lugano reisen. 378 Kilometer hin, 378 Kilometer zurück. Mehr als acht Stunden werden die Waadtländer im Car sitzen.
Es ist eine der weitesten Auswärtsfahrten. Aber längst nicht die einzige, die ziemlich lange dauert. Schliesslich kämpfen Teams weit im Westen (Servette), tief im Süden (Lugano) und im bergigen Osten (Davos) gegen jene aus dem Mittelland um den Titel. Ohne den Moralfinger zu heben: …