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Während sich der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit seit einigen Jahren insbesondere im politischen und im wirtschaftsjournalistischen Geschäft ungebrochener Beliebtheit erfreut, hat er in der akademischen Welt nach wie vor eine eher untergeordnete Bedeutung. Dies mag daran liegen, dass es sich um ein nicht perfekt definiertes Konzept handelt. Je nach Perspektive wird von Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, einer Branche, einer Region, eines Kantons oder eines Unternehmens gesprochen. Sehr allgemein gehalten, könnte man darunter etwa die Summierung zahlreicher Einflussfaktoren verstehen, welche zum Erfolg von Unternehmen und damit verbunden zu steigendem Wohlstand der Bevölkerung beitragen.
Kein Nullsummenspiel bei Volkswirtschaften
Dabei gibt es jedoch sehr bedeutende Unterschiede: Ein Unternehmen ist typischerweise wettbewerbsfähig, wenn es sich im Wettbewerb mit anderen Unternehmen behaupten und seine Produkte oder Dienstleistungen ohne Verlust verkaufen kann. Wird ein Unternehmen wettbewerbsfähiger, gewinnt es Marktanteile zulasten der Konkurrenz hinzu. Kann sich ein Unternehmen nicht behaupten, ist es vom Konkurs bedroht. Wird hingegen eine Volkswirtschaft (z.B. ein Land oder eine Region) wettbewerbsfähiger, so ist diese in der Lage, den Mix an Produkten und Dienstleistungen effizienter herzustellen und damit den Wohlstand zu steigern. Anders als bei einem Unternehmen geschieht dies in der Regel aber nicht zum Nachteil, sondern zum Vorteil der «Konkurrenz». Denn auch andere Länder und Regionen profitieren vom steigenden Wohlstand, indem sie die Dienstleistungen und Produkte günstiger importieren und von der gestiegenen Nachfrage der wachsenden Volkswirtschaft mit zusätzlichen Exporten profitieren können.
Damit ist auch bereits vorweggenommen, dass der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit nicht frei von Widersprüchen ist. Denn: Was gut für die Wettbewerbsfähigkeit eines einzelnen Unternehmens sein kann, muss nicht zwingend gut für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft sein. Zwar wirken viele Faktoren wie ein attraktives Steuerumfeld, gut ausgebildete Fachkräfte und geringe administrative Belastung in dieselbe Richtung, aber es gibt auch Ausnahmen: Ein Beispiel sind die kartellrechtlichen Regeln. Sie zielen darauf ab, den Handlungsspielraum von marktbeherrschenden Unternehmen zu begrenzen. Damit fördern sie aber den Wettbewerb und kommen so dem Wohl der gesamten Volkswirtschaft zugute – indem sie die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt stärken.
Vorsicht Industriepolitik
Das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften ist deshalb für die wirtschaftspolitische Analyse nützlich, jedoch mit Fallstricken belastet. So kann es beispielsweise Regierungen und Behörden dazu veranlassen, mit ihrer Politik zu sehr auf diese Ranglisten und Indikatoren zu fokussieren oder die Volkswirtschaft wie ein Unternehmen zu führen, um bei der Wählerschaft gut dazustehen. Letzteres mündet darin, dass die Wirtschaftspolitik nicht mehr den Wettbewerb stärkt, sondern sich vor der wettbewerbsfähigeren ausländischen Konkurrenz zu schützen oder die eigene Industrie zu fördern versucht. Diesbezüglich sei nur an die Diskussionen in Deutschland und Frankreich zur gescheiterten Fusion der Industriegiganten Siemens und Alstom erinnert. Seither laufen in den beiden Nachbarstaaten Bestrebungen, das europäische Wettbewerbsrecht zugunsten von europäischen «Champions» zu schwächen.
Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman hat eine zu starke Ausrichtung der Wirtschaftspolitik an der Wettbewerbsfähigkeit in einem berühmten Aufsatz einmal als «gefährliche Besessenheit» bezeichnet und argumentiert, dass ein zu starker Fokus auf solche Konzepte Regierungen zu vermeintlich wohlstandsfördernden Industriepolitiken verleiten könne, welche zwar den Platz im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit verbesserten, am Ende jedoch schädlich für die Wohlstandsentwicklung seien.
Statistische Kosmetik
Dass dies nicht nur ein theoretisches Argument ist, kann mit einem weiteren Beispiel aus einem anderen Nachbarland untermauert werden. So wurde Österreich im Jahre 2014 zum europäischen Musterknaben in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit erkoren. Dies war aber nicht einer gut austarierten Arbeitsmarktpolitik zu verdanken, sondern vielmehr den optimierten Statistiken. So liessen sich diese Statistiken verbessern, indem die Betroffenen in Weiterbildungen geschickt wurden, kurz bevor sie statistisch den Langzeitarbeitslosen zugeordnet worden wären. Nach längeren Schulungen wurde die Arbeitslosigkeitsdauer dann wieder neu angezählt. Damit ist es der österreichischen Arbeitsmarktpolitik gelungen, aus rund 60’000 noch rund 7000 Langzeitarbeitslose zu machen. Beobachter schätzen den volkswirtschaftlichen Nutzen der Weiterbildungen im besten Fall als bedingt ein. Klar war hingegen, dass diese statistische Optimierung mit zusätzlichen Kosten für den Staatshaushalt verbunden war. Zudem stellte sich heraus, dass rund drei Viertel der Kurse freihändig vergeben wurden und ein Grossteil der einträglichen Weiterbildungskurse dem mit Abstand mächtigsten Kursveranstalter zugeteilt wurde. Notabene genau demjenigen Unternehmen, welches auch von den politisch an der Regierungsarbeit beteiligten Gruppierungen geführt wurde.
So viel zu den Risiken solcher Statistiken. Doch gibt es auch unverfänglichere Indikatoren für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, welche die Wirtschaftspolitik beiziehen kann? Die gute Nachricht ist: Ja, die gibt es! So hat bereits Paul Krugman im zitierten Artikel mit einem ironischen Unterton angemerkt, dass unter bestimmten Bedingungen der Begriff Wettbewerbsfähigkeit bloss ein poetisches Synonym für den Begriff Produktivität sei.
Besserer Indikator: Produktivität
Der Gedanke Krugmans folgt der Logik, dass eine Volkswirtschaft preislich wettbewerbsfähig ist, wenn sie möglichst viele Güter und Dienstleistungen mit möglichst wenig Vorleistungen (bspw. Arbeit, Maschinen, Rohstoffe) produzieren kann. Die Produkte können dann nämlich zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Weltmärkten verkauft werden. Die massgebende Messgrösse dazu sind die sogenannten Lohnstückkosten, welche die eingesetzten Arbeitskosten im Verhältnis zu einer produzierten Einheit bezeichnen. Sie zeigen das Dilemma von fortgeschrittenen Volkswirtschaften deutlich auf: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit kann – vereinfacht gesagt – nur auf zwei Arten verbessert werden. Entweder durch sinkende Löhne bei gegebener Produktion – was aber aus Kaufkraftsicht nicht wünschenswert ist. Oder durch eine gesteigerte Produktion bei gleichbleibenden Arbeitskosten. Mit anderen Worten: wenn die Produktivität steigt.
Deshalb stellt sich die Frage, ob anstelle des «poetischen Synonyms» der Wettbewerbsfähigkeit nicht lieber ein grobes Mass für die Produktivität, beispielsweise das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, verwendet werden sollte. Zwar kann man einwenden, dass das BIP im Gegensatz zum Indikator Wettbewerbsfähigkeit nicht zukunftsgerichtet sei, aber dennoch handelt es sich um einen sehr breit abgestützten Indikator. Und noch mehr: Das BIP ist international vergleichbar und kaum anfällig für statistische Manipulation.
Unabhängig vom verwendeten Indikator ist hingegen klar, dass hohe Löhne auf breiter Ebene nur dann bezahlt werden können, wenn es gelingt, die Produktivität der Volkswirtschaft nachhaltig zu steigern. Die Wirtschaftspolitik sollte deshalb den Fokus darauf richten, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass substanzielle Produktivitätszuwächse erzielt werden können. Für die Schweiz als mittelgrosse offene Volkswirtschaft stehen dabei zwei Kanäle im Vordergrund: einerseits ein möglichst diskriminierungsfreier Zugang auf und für Auslandmärkte. Und andererseits ein stärkerer Wettbewerb im Binnenmarkt.