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Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Bei uns in Hassi El Frid gibt es nur drei Haarschnitte: Zéro-un, Zéro-deux und Zéro-trois. Zéro-un bedeutet, dass die Haare auf den Seiten ganz kurz und oben ziemlich kurz geschnitten werden. Bei Zéro-deux sind sie oben ein bisschen länger, bei Zéro-trois sind sie noch länger.
Haben Sie viele Stammkunden?
Ich habe nur Stammkunden. Hassi El Frid ist eine kleine Stadt, da kennt jeder jeden, und Fremde gibt es hier nicht. Ich frisiere jeden Tag etwa zehn Kunden, nur Knaben und Männer. Frauen schneiden sich die Haare selber oder lassen sie von der Schwester oder von der Freundin schneiden. Zu einer richtigen Coiffeuse gehen sie nur vor einem grossen Fest, etwa vor der Hochzeit. Dazu müssen sie aber nach Kasserine, in die Provinzhauptstadt.
Wer schneidet Ihre Haare?
Ich gehe zu einem Coiffeurkollegen im Ort, der schneidet mir Zéro-deux. Als Mann lasse ich mir nur von einem Mann die Haare schneiden. Eine Frau geht nur zu einer Frau. Das ist so bei uns auf dem Land, anders als in Tunis oder in Hammamet.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Ich mache diesen Beruf sehr gerne, aber eigentlich konnte ich gar nicht wählen. Als junger Mann bist du hier froh, wenn du überhaupt einen Beruf erlernen kannst. In unserer Provinz ist jeder zweite arbeitslos, in unserer Stadt sind es sogar 80 Prozent. Schauen Sie sich im Laden um, da sitzen sechs Männer. Keiner von ihnen hat eine Arbeit.
Wie haben Sie das Handwerk erlernt?
Ich war 24 Jahre alt und besuchte einen Kurs in Kasserine. Der Kurs dauerte drei Monate, dann musste ich eine Prüfung ablegen, einem Mann die Haare schneiden. So habe ich das Diplom erhalten, es hängt in meinem Salon.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Nein, die Leute haben ja auch keine speziellen Wünsche. Die kommen einmal im Monat, und dann gibt’s Zéro-un, Zéro-deux oder Zéro-trois. Manchmal wollen sie rasiert werden. Es gibt einen Mann, den ich nicht mehr bediene. Aber das nur, weil er nie bezahlt hat.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich habe keine konkreten Pläne. Ich bin froh, wenn ich mit meinem Geschäft überleben kann. Mein Traum wäre es, nach Paris zu gehen, zum Arbeiten oder als Tourist. Aber eigentlich träume ich nicht. Hier träumt niemand.
Was gefällt Ihnen an Hassi El Frid?
Eigentlich nichts. Hassi El Frid ist ein langweiliger, trostloser Ort ohne Perspektiven.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Ich arbeite sechs Tage die Woche. Wenn ich freihabe, sitze ich herum und trinke Tee, oder ich gehe mit meiner Frau und den Kindern spazieren. Wir besitzen einen kleinen Garten mit Olivenbäumen; manchmal gehen wir dorthin, um zu picknicken.
Wohin gehen Sie in die Ferien?
Für Ferien fehlen mir die Zeit und das Geld. Mit meinen Einkünften muss ich eine vierköpfige Familie ernähren, da kann ich mir keine Extras leisten. Ab und zu schaffen wir es in die Provinzhauptstadt Kasserine. Aber auch dort ist nicht viel los, es gibt kein Theater, kein Kino, nichts.
Ihr Land Tunesien ist jetzt eine Demokratie. Gehen Sie wählen?
Ja, ich habe die Ennahda gewählt, die islamische Partei. Hier bei uns wählen fast alle so. Bis jetzt bin ich zufrieden mit ihnen, sie geben uns Hoffnung und machen Pläne. So soll nun die Strasse nach Kasserine ausgebaut werden, und Richtung Süden, nach Gafsa, soll eine neue Strasse entstehen. Letztes Jahr wurde in unserer Stadt die erste Fabrik gebaut, eine Textilfabrik. Jetzt warten wir darauf, dass sie eröffnet wird.