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Die protektionistische Wirtschaft des Merkantilismus ist nur eines der Probleme der europäischen Wirtschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Die Kontinentalsperre Napoleons I. 1806 - 1815 gegen Grossbritannien stürzt Europa in eine Wirtschaftskrise. Besonders die Textilindustrie ist betroffen, da die Baumwolle ausbleibt. Viele Handelsunternehmen müssen Konkurs anmelden, alleine in der Schweiz werden 200'000 Weber und Sticker arbeitslos (bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 3 Millionen!).
1815 bricht der Vulkan Tambora (Bild rechts) in Indonesien aus. Es ist die bisher grösste Eruption der Neuzeit. Durch die mächtige Aschewolke kühlt das Klima langfristig ab, was nicht ohne Folgen für die Landwirtschaft weltweit bleibt. Das Jahr 1815 wird als „Jahr ohne Sommer“ bekannt. Dann bringen 1816/17 katastrophale Missernten Hunger und Elend. Kühle Temperaturen und grosse Niederschlagsmengen machen den Bauern zu schaffen. 1845 beschäftigt die Menschen in der Schweiz eine Kartoffelfäule, es kommt zu einer weiteren Hungersnot. Zwischen 1840 und 1860 erreicht die Massenarmut (Pauperismus) ihren Höhepunkt. Die Geburtenraten gehen zurück, Mangelernährung (vorwiegend Eiweissmangel) führt zu höherer Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit. Die Gründe für die Massenarmut sind vielfältig. Die klimatischen Veränderungen mit ihren Einflüssen auf die Nahrungsproduktion sind nur ein Grund. 1883 kommt es mit der Explosion des Krakatau (ebenfalls Indonesien) zum zweitschwersten Vulkanausbruch der Neuzeit, auch er mit globalen Auswirkungen.
Einige Gründe für den Pauperismus (Probleme sind vergleichbar mit denen der heutigen Entwicklungsländer):
- Die Industrialisierung öffnet die Schere zwischen Arm und Reich. Während ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung von den Entwicklungen profitiert, stehen andere abseits. Sie produzieren massenhaft neue Produkte, können sich diese aber selber schlicht nicht leisten.
- Nicht nur die Marktpreise unterliegen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, sondern auch die Arbeitsstellen und Löhne. Die wirtschaftliche Entwicklung kann anfangs nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten. Das Resultat: Massen von Arbeitslosen. Diese Situation bessert sich erst im 20. Jahrhundert.
- Für die Verteilung der Güter braucht es Verkehrswege. Diese sind zu Beginn der Industrialisierung nur unzureichend ausgebaut. Mit dem Bau der Eisenbahnen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen auch die Hungertoten in Westeuropa ab. Es wird möglich, bei Missernten rasch Nahrungsmittel in ausreichender Menge aus Gebieten mit Ernteüberschüssen einzuführen.
- Sauberes Trinkwasser ist Grundvoraussetzung für Gesundheit. Viele Krankheiten wie Cholera, Typhus, Tuberkulose… sind direkt auf schlechtes Trinkwasser zurückzuführen.
- In vorindustrieller Zeit sind Kinder grösstenteils billige Arbeitskräfte und Altersvorsorge. Auch in der Zeit der frühen Industrialisierung bleibt das so. Mit der Einschränkung der Kinderarbeit und der obligatorischen Schulpflicht ändert sich das aber. Kinder werden vermehrt zum Armutsrisiko. Die Ausbildung der Kinder ist lange und teuer.
- Es besteht eindeutig ein Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Erfolg und menschlichen Eigenschaften wie Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, persönliche Ziele. Hier spielen Glauben und Religion eine nicht zu unterschätzende Rolle. So sind die industriellen Projekte der Hugenotten (z. B. Uhrenindustrie im Jura) dank ihrem ausgeprägten (religiös motivierten) Arbeitseifer in der Regel auch von Erfolg gekrönt.
Viele Menschen, die hier keine Zukunft mehr sehen, wandern aus ihrer Heimat aus. Das Ziel der meisten Auswanderer sind die Vereinigten Staaten, damals noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Einige zieht es nach Südamerika, andere nach Russland. Gegen 100‘000 Schweizer verlassen zwischen 1820 und 1880 ihre Heimat. Nicht selten wird dem auch etwas nachgeholfen. Den Arbeitslosen ein „Weggeld“ auszuzahlen und sie in ein Boot nach Rotterdam zu setzen, kommt vielen strukturschwachen Gemeinden billiger, als jahrelang Sozialhilfe zu leisten. Die Überfahrt mit Segelschiffen nach New York hat 1760 noch 40 - 45 Tage gedauert. 1880 mit Dampfschiffen dauert sie nur noch 8 Tage. Skrupellose Betrüger nutzen die Not der Auswandernden schamlos zu ihrem eigenen Vorteil aus.
Aufgaben und Recherchen
Was versteht man unter protektionistischer Wirtschaft?
Woher stammt die Baumwolle für den europäischen Markt? (R)
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wissen wir um die Einflüsse von Vulkanausbrüchen auf das globale Klima. Welche beiden Vulkane haben uns das gelehrt, wann sind sie ausgebrochen, wo liegen sie und was waren die Folgen ihres Ausbruchs?
Was versteht man unter „Pauperismus“, woher kommt der Begriff?
Was sind Begleiterscheinungen des Pauperismus?
Nenne mindestens drei Gründe für den Pauperismus!
Auch für Gemeinden, denen das Armenwesen untersteht, ist der Pauperismus ein Problem. Wie begegnen die Gemeinden diesem Problem?
Wie begegnen die Betroffenen dem Pauperismus?
Wie entwickelt sich die Situation der Kinder? Welche gesellschaftlichen Folgen hat das?