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Es ist ein ziemlich deftiges Buch, das ein Unbekannter in den 1460er Jahren am Hof von Philipp dem Guten, dem Herzog von Burgund, geschrieben hat: Die «Cent nouvelles nouvelles» sind die erste Novellensammlung in französischer Sprache. Da geht es etwa um den Bäckermeister, der im Mehlnebel nicht seine Frau zu fassen kriegt, sondern die Magd. Die Geschichten handeln von verliebten Rittern, die verheirateten Frauen nachstellen, von lüsternen Geistlichen, von naiven Frauen, die gewisse zweideutige Wörter nicht kennen. Alkohol und das Militär sind ebenfalls Thema dieser vorwiegend heiteren Kurzerzählungen. Das Ganze ist fleischlich, sinnlich, derb und gelegentlich auch tragisch. Offensichtlich diente diese Novellensammlung dem burgundischen Adel zum Amüsement.
Formales Vorbild der «Cent nouvelles nouvelles» ist Boccaccios hundert Jahre älterer «Decamerone». Während in der italienischen Novellensammlung vor allem Frauen als Erzählerinnen auftreten, sind es hier allein Männer, die sich gegenseitig an diesen heftigen Sexgeschichten erfreuen. Die «Hundert neuen Novellen» sind ein saftiges Werk.
Die Stoffe des Buchs stammen zu einem guten Teil aus der spätmittelalterlichen lateinischen Prosa, etwa vom päpstlichen Sekretär Poggio Bracciolini. Das eindeutige französische Genre der «erotischen Fabeln» des 13. und des 14. Jahrhunderts bot ebenfalls viel Material.
Nach Erfindung des Buchdrucks wurden die «Cent nouvelles nouvelles» im frühen 16. Jahrhundert mehrfach gedruckt. Die Geschichten und Motive verbreiteten sich, vor allem in Frankreich und Italien. Die erste französische Novellensammlung aus den 1460er Jahren war ein Erfolg. Sie war, salopp gesagt, Populärkultur.