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Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus als globalen Notfall eingestuft. Mittlerweile gibt es in 27 Ländern über 71’000 bestätigte Fälle, 1775 Personen sind gestorben. Besonders schwer von der Epidemie betroffen sind die Stadt Wuhan, wo die Krankheit ausgebrochen ist, und die umliegende Provinz Hubei. Rund 56 Millionen Menschen leben hier praktisch von der Aussenwelt abgeschottet in Quarantäne. Die Schweiz ist bisher von nachgewiesenen Infektionen verschont geblieben (Zum Liveticker).
Das neue Virus gehört zur Familie der Coronaviren und hat das Kürzel 2019-nCoV bekommen. Es gibt sehr viele verschiedene Coronaviren. Manche lösen harmlose Erkältungskrankheiten aus, andere sind für schwerere Krankheiten wie Sars oder Mers verantwortlich. Das neue Virus ist zu ungefähr 70 Prozent genetisch mit dem Sars-Virus verwandt, das in den Jahren 2002-03 insgesamt 774 Todesopfer forderte. Weil es aber viel mehr Infektionen als damals gibt, übertrifft 2019-nCoV diese Zahl inzwischen.
Dafür könnte die Sterblichkeitsrate des neuen Virus noch sinken, weil die Zahl der Infizierten proportional rascher steigt als diejenige der Toten. Bis jetzt sind 2,4 Prozent der Erkrankten gestorben – viel weniger als bei Sars und Mers. Dafür ist 2019-nCoV deutlich gefährlicher als die saisonale Grippe, bei der weniger als 0,4 Prozent der Erkrankten sterben. «Das ist sicher sehr ernst zu nehmen», sagte Manuel Battegay, Professor für Infektiologie an der Universität Basel, der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Die Mehrheit der Infektionen nimmt zwar einen recht milden Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen. Allerdings kommt es etwa bei einem Viertel der Fälle zu Komplikationen. Wie bei einer normalen Grippe sind vor allem ältere Menschen und immungeschwächte Personen davon betroffen. Laut WHO-Experte Michael Ryan kann auch ein «verhältnismässig wenig aggressives Virus grosse Schäden anrichten, wenn sich viele Menschen anstecken».
Die Ansteckungsgefahr eines Virus wird durch den sogenannten R0-Wert bestimmt, der angibt, wie viele weitere Menschen ein einzelner Infizierter ansteckt. Der R0-Wert ist nicht einfach zu berechnen, speziell in einer frühen Phase einer Epidemie. Verschiedene Forscher, unter anderen der WHO, schätzen den Wert beim neuen Coronavirus auf 1,4 bis 5,47.
Wahrscheinlich ist aber, dass er etwa bei 2,2 liegt, wie es der Schweizer Epidemiologe Christian Althaus der Universität Bern vermutet. Seine neue Studie deckt sich mit dem Resultat einer aktuellen Erhebung aus China. Damit wäre das neue Coronavirus (2019-nCoV) etwa gleich ansteckend wie Sars oder die Spanische Grippe vor 100 Jahren – und deutlich ansteckender als die saisonale Grippe.
Der R0-Wert beschreibt die potenzielle Ansteckungsgefahr. Wie viele Menschen sich tatsächlich anstecken, ist von den Umständen abhängig und kann von Region zu Region unterschiedlich sein. Deshalb wird der Wert meist mit einer Spannweite angegeben. Es ist entscheidend, wie eng Menschen zusammenleben, wie anfällig eine Bevölkerungsgruppe auf eine bestimmte Krankheit ist und wie gut das Gesundheitssystem funktioniert.
So ist das neue Coronavirus potenziell ansteckender als die saisonale Grippe, an der jährlich Millionen erkranken. Bis jetzt gibt es aber nur knapp 10’000 Krankheitsfälle weltweit, weil die Behörden schnell reagiert haben, etwa mit Quarantänen und Kontrollen an Flughäfen. Bei der normalen Grippe werden weniger Massnahmen getroffen, sie hat sich inzwischen auf der ganzen Welt festgesetzt – was man bei 2019-nCoV genau verhindern will.
Bisher haben sich vor allem ältere Menschen damit angesteckt. Bei 425 untersuchten Patientinnen und Patienten lag das Durchschnittsalter einer neuen Erhebung zufolge bei 59 Jahren. Zudem traf es vor allem Personen mit Vorerkrankungen. Solange der R0-Wert des neuen Coronavirus grösser als 1 ist, kann sich das Virus weiter von Mensch zu Mensch ausbreiten.
Es ist bis jetzt nicht ganz klar, wie lange es zwischen der Ansteckung mit dem Virus und den ersten Krankheitssymptomen dauert. Die WHO schätzt die Inkubationstzeit auf 2-10 Tage, die Nationale Gesundheitskommission Chinas auf 10-14 Tage. Die Unsicherheit ist also noch gross.
Es gibt Meldungen aus China, dass das Virus möglicherweise schon vor dem Auftreten von Symptomen weitergegeben werden kann. Wenn das stimmt, wären das schlechte Nachrichten. Eine Übertragung vor dem Auftreten von Symptomen lässt sich nur schwer kontrollieren. Bei Sars war das anders. Da passierte die Übertragung fast ausschliesslich von Menschen mit Symptomen.
Nein, es existiert noch keine Impfung gegen das neue Virus. Einem Team von australischen Wissenschaftern ist aber die Reproduktion des Coronavirus im Labor gelungen. Der Durchbruch könne bei der Entwicklung eines Impfstoffs helfen und dazu beitragen, die globale Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen, sagte Julian Druce, Leiter des Labors für Virusindentifikation am Peter Doherty-Instituts in Melbourne.
Bei Viren, die sich häufig verändern, ist es besonders schwierig, einen Impfstoff bereitzustellen. Deshalb muss man sich beispielsweise gegen Grippe jedes Jahr neu impfen, weil sich das Grippevirus immer wieder leicht verändert und es ausserdem verschiedene Typen gibt, die kursieren.
Die globale Impfallianz Gavi rechnet damit, dass die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die neue Lungenkrankheit mindestens ein Jahr dauern wird.
Immerhin ist einem chinesischen Forschungsteam bei der Behandlung ein Durchbruch gelungen. Chinesische Medien berichten, dass es ein Mittel gegen die durch das Coronavirus verursachte neuartige Lungenkrankheit gefunden habe.
Die Epidemie begann vermutlich schon im November in der chinesischen Millionenstadt Wuhan. Im Dezember gab es erste Berichte, dass virale Lungenentzündungen dort gehäuft auftreten. Die Behörden meldeten Fälle der neuen Erkrankung rund um den Huanan Seafood Market, der inzwischen geschlossen und desinfiziert worden ist.
Neben Meeresfrüchten verkaufen die Händler auf diesen Markt auch Fleisch von verschiedenen, teils exotischen Tieren wie Fledermäusen, Koalas, Tausendfüssern, Schlangen und Skorpionen. Wie viele andere Viren hat das neue Coronavirus seinen Ursprung im Tier. Unterschiedlichen Studien zufolge könnten Schlangen oder Fledermäuse die Überträger sein. Mittlerweile ist klar, dass auch eine Ansteckung von Mensch zu Mensch möglich ist – die Voraussetzung dafür, dass sich ein Virus schnell verbreitet.
In Wuhan herrscht deswegen der Ausnahmezustand. Die Behörden haben die Millionenmetropole am 23. Januar abgeriegelt, Bewohner dürfen die Stadt nur noch mit Sondergenehmigung verlassen. Der Flughafen, die Bahnhöfe und die Fähren sind für den ausgehenden Verkehr gesperrt worden.
Das neue Coronavirus hat sich inzwischen in 27 Länder ausgebreitet. Weltweit gibt es über 71'000 bestätigte Fälle von Infektionen, 1775 Personen sind gestorben. Mit Abstand am stärksten betroffen ist aber Chinas Festland mit 99 Prozent aller Fälle.
Trotz drastischer Quarantäne-Massnahmen der chinesischen Sicherheitsbehörden breitet sich das neuartige Coronavirus in der Volksrepublik immer weiter aus. Mittlerweile gibt es in jeder Provinz Infektionen. Alleine in der Provinz Wuhan wurden über 58’000 Fälle gemeldet. Die Behörden vermuten, dass die Dunkelziffer der Erkrankten noch weitaus höher liegen könnte.
Ausserhalb Chinas gibt es 803 Erkrankungen durch das Virus in zwei Dutzend anderen Ländern. Der ersten Todesfall ausserhalb Chinas wurde auf den Philippinen registriert. Es handelte sich um einen eingereisten Chinesen aus Wuhan.
Anders als bei Sars haben die chinesischen Behörden zwar dieses Mal relativ schnell reagiert und nicht versucht, die Epidemie zu vertuschen. Nicht nur in Wuhan, dem Ursprungsort des Virus, sondern auch in 17 weiteren Städten gelten mittlerweile strikte Bewegungsbeschränkungen, der öffentliche Verkehr wurde gestoppt. Damit sind rund 56 Millionen Menschen praktisch abgeschottet. Die Städte dürfen nur noch mit einer Sondergenehmigung verlassen werden. Alle Kinos, Internetcafés und Märkte wurden geschlossen. Es verkehren keine Busse, Bahnen und Fernbusse mehr. Das öffentliche Leben steht still.
Das erste von zwei neuen chinesischen Spitälern zur Isolation von Coronavirus-Erkrankten in Wuhan wurde nach nur zehn Tagen in Bau fertiggestellt. Das Spital «Huoshenshan» («Feuergott Berg») umfasst 1000 Betten. Mehr als 7500 Arbeiter seien an dem Schnellbauprojekt beteiligt, hiess es weiter. Das zweite Spital «Leishenshan» («Donnergott Berg») mit 1600 Betten soll bald eröffnet werden.
In der Schweiz gibt es noch keinen bestätigten Fall des neuartigen Coronavirus. Das nationale Referenzzentrum für neu auftretende Virusinfektionen (Navi) in Genf hat bisher hundert Proben von Patienten auf das Coronavirus überprüft. Die Tests waren alle negativ.
Die Situation ändere sich laufend, sagte Patrick Mathys, der Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG. Es sei damit zu rechnen, dass weitere Fälle in Europa auftauchten. Auch die Schweiz könnte früher oder später betroffen sein.
Der Bund, Spitäler und Tourismusakteure rüsten sich jetzt für den Fall einer weiteren Ausbreitung. Das Inselspital in Bern sowie die Universitätsspitäler in Zürich und Basel haben sich vorbereitet, wie sie auf Anfrage sagen. Unter anderem gebe es Vorgaben zu Isolationsmassnahmen und eine angepasste Personalplanung auf den betroffenen Stationen, sagt Barbara Beccaro, Sprecherin des Universitätsspitals Zürich. Die Isolation sei bei mehreren ansteckenden Krankheiten oder zum Schutz von immungeschwächten Patienten ohnehin nötig und werde entsprechend häufig angewandt.
Für die Bevölkerung in der Schweiz gelten momentan keine speziellen Empfehlungen für die Prävention vor dem Coronavirus – ausser, dass Personen, die mit Krankheitssymptomen aus China einreisen, speziell überwacht werden. Sonst gelten die gleichen Regeln wie während der Grippewelle, nämlich auf eine gute Händehygiene zu achten und mit Krankheitssymptomen niemandem die Hand zu geben.