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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

112. Vortrag
1.
Nach Beendigung der großen und langen Rede, welche der Herr nach dem Abendmahle, unmittelbar vor der Vergießung seines Blutes für uns, an die Jünger hielt, die damals bei ihm waren, und nach Hinzufügung eines Gebetes, das er an den Vater richtete, begann hierauf der Evangelist Johannes sein Leiden also: „Als Jesus dies gesagt hatte, ging er mit seinen Jüngern hinaus über den Bach Cedron, wo ein Garten war, in den er hineinging, er und seine Jünger. Es kannte aber auch Judas, der ihn verriet, den Ort, weil Jesus häufig daselbst mit seinen Jüngern zusammengekommen war“. Was er hier davon berichtet, daß der Herr mit seinen Jüngern in den Garten gegangen sei, hat sich nicht sogleich zugetragen nach Vollendung jenes Gebetes, worüber er bemerkt: „Als Jesus dies gesagt hatte“, sondern es geschah inzwischen noch einiges andere, was von ihm übergangen wird, aber bei den andern Evangelisten zu lesen ist, wie auch bei ihm vieles sich findet, was jene in ihrem Berichte verschwiegen haben. Wie aber alle unter sich übereinstimmen und nicht der Wahrheit, die von dem einen vorgebracht wird, von dem andern widersprochen wird, das mag einer, wenn er es zu wissen begehrt, nicht in diesen Reden, sondern in andern umfangreichen Schriften suchen1, und er soll es nicht im Stehen und Zuhören, sondern vielmehr im Sitzen und Lesen oder durch aufmerksames Zuhören und Überdenken beim Vorlesen erlernen. Er glaube jedoch, bevor er es weiß, sei es daß er es in diesem Leben [S. 1090] wissen kann, sei es daß er es wegen gewisser Hindernisse nicht kann, nichts sei von einem Evangelisten niedergeschrieben worden, soweit es auf diejenigen ankommt, welche bei der Kirche kanonisches Ansehen genießen, was seiner eigenen oder eines andern nicht minder wahrheitsgemäßen Darstellung entgegen sein könnte. Nunmehr also wollen wir die Darstellung dieses seligen Johannes, wie wir sie nun einmal zu behandeln unternommen haben, ohne Vergleichung mit den andern betrachten, indem wir bei dem, was klar ist, nicht verweilen, um dies nötigenfalls dort, wo die Sache es erfordert, zu tun. Nicht also dürfen wir die Worte: „Als Jesus dies gesagt hatte, ging er mit seinen Jüngern hinaus über den Bach Cedron, wo ein Garten war, in welchen er hineinging, er und seine Jünger“, so verstehen, als sei er unmittelbar nach diesen Worten in jenen Garten hineingegangen, sondern dazu soll die Bemerkung: „Als Jesus dies gesagt hatte“, dienen, daß wir nicht meinen, er sei eher hineingegangen, als er jene Worte zu Ende führte.
1: Augustin hat hier seine Schrift De consensu Evangelistarum im Auge.