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Vor sechzig Jahren wurden in der Schweiz im Zuge der Automatisierung bei der PTT die Postleitzahlen eingeführt. Andere Staaten kommen noch heute ohne aus.
«Die Postleitzahl ist vor dem Bestimmungsort, mit Schreibmaschine oder Handschrift, in Blockschrift beispielsweise wie folgt anzubringen:
Herrn
Fritz Hügli
Brückfeldstrasse 91
3000 Bern
Bei Angabe der Postleitzahl erübrigen sich weitere Ergänzungen des Bestimmungsortes, wie ‹bei Biel›, ‹Kanton Zürich›.»
Mit diesen Worten informierte die NZZ in ihrer Abendausgabe vom 7. April 1964 die Leserschaft über die «Einführung von Leitzahlen». Die Post hatte das Verfahren an der Expo in Lausanne vorgestellt.
Die Schweiz war das dritte Land mit Postleitzahlen
Dort hatten die damaligen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe auch eine Briefsortiermaschine vorgestellt. In den USA und Deutschland waren solche Maschinen bereits im Einsatz, die Schweiz wurde zum dritten Land, das davon Gebrauch machte. Die Zahl der beförderten Briefe hatte sich in der Schweiz zwischen 1949 und 1964 verdoppelt: auf acht Millionen pro Tag. Die Postleitzahlen waren für die automatisierte Zustellung von Briefen unabdingbar. Deutschland hatte sie 1941 eingeführt, die USA 1963. Mit der Maschine konnten nun stündlich 20 000 Sendungen verarbeitet werden, von Hand waren es etwa 2000.
Die «Pöstlergeographie» war ein Begriff
Wie die NZZ am 15. Juni 1964 schrieb, habe ein Postlehrling «bis jetzt viele Stunden daran geben müssen, sämtliche Poststellen der Schweiz und darüber hinaus auch die nächste Poststelle von sehr kleinen Ortschaften auswendig zu lernen. Die sogenannte ‹Pöstlergeographie› ist zum Begriff geworden.» Auch Hilfskräfte hätten zuerst «gewaltige Gedächtnisarbeit leisten» müssen, «was natürlich zu zeitraubend ist in einer Zeit des Personalmangels». Mit den neuen Postleitzahlen werde das nun viel einfacher: «In viel kürzerer Zeit können auch von Hand die Postsendungen mit Postleitzahl eingeordnet werden. Es wird also möglich sein, einen Teil der qualifizierten Postbeamten für andere Arbeiten frei zu bekommen, weil man sie durch Hilfspersonal ersetzen kann.»
Ganz neu waren Zahlen auf Sendungen in der Schweiz nicht. Bereits ab 1958 gab es Nummern für den Versand von Zeitschriften. Diese leiteten sich aus den elf Postkreisen der Schweiz ab. So stand 800 für Zürich, Zentrum des Postkreises VIII. 445 stand für Solothurn im Postkreis IV. Mit der Einführung der vierstelligen Zahlen vor sechzig Jahren wurden dann neun Leitkreise mit den grössten Knotenpunkten des Postverkehrs als Mittelpunkt massgeblich.
Die Regionen sind von West nach Ost nummeriert. Die tiefste Postleitzahl hat Lausanne mit 1000, Wildhaus im Toggenburg hat mit 9658 die höchste. Die erste Ziffer bezeichnet die jeweilige Region, mit der zweiten wird der Ort in der Region eingegrenzt. Die dritte Zahl stand für die jeweilige Bahnstrecke und ist heutzutage nicht mehr relevant. Die letzte Ziffer schliesslich steht für den Ort, das Quartier oder Postamt.
Laut der Post gibt es heute schweizweit 4380 Postleitzahlen, wobei auch Postfächer oder grössere Unternehmen eine eigene haben können. So steht «3030 Bern» für die Schweizerische Post oder 8063 für das Triemlispital in Zürich. Wachsen Quartiere zusammen, fallen Postleitzahlen weg, es kommen aber auch jährlich ein oder zwei neue dazu. Dabei ist kein Ort zu klein für eine eigene PLZ. So haben die drei Haushalte auf dem Jungfraujoch die PLZ 3801, der Haushalt auf dem Eigergletscher die Zahlenfolge 3823.
Die Gemeinde Büsingen an der Grenze zu Deutschland besitzt gleich zwei Postleitzahlen: die deutsche lautet 78266, die Schweizer 8238.
Nicht alle Staaten der Welt nutzen Postleitzahlen. Der Weltpostverein zählte im vergangenen Jahr 59 Staaten, in denen keine Postleitzahlen genutzt werden. So gibt es in rund der Hälfte aller afrikanischen Staaten keine. Aber auch Nordkorea, Macau, Katar oder Bolivien verzichten darauf. Oft sind dort genauere Angaben bei der Adresse nötig. Die längste Ziffernfolge gibt es in Iran, sie ist zehnstellig.
Postleitzahlen als Chiffre
Die Postleitzahlen waren zu Beginn umstritten, in den USA ebenso wie in der Schweiz oder Deutschland. In den USA warnten Zeitungsartikel vor «Big Brother» und einer «Zahlenneurose».
In der Schweiz mutmasste das SRF in einem Beitrag vom November 1967: « Für den Durchschnittsverbraucher heisst die Bundeshauptstadt nicht mehr Bern, sondern 3000 Bern. Zürich ohne die Zahl 8000 am Anfang ist nur eine halbe Stadt . . . Vielleicht geht man bereits in einigen Jahren nach 3780 oder 7500 in die Ferien und meint dabei selbstverständlich Grindelwald oder St. Moritz.» Das hat sich nicht durchgesetzt, allerdings sind Postleitzahlen heutzutage teilweise Ausdruck eines gewissen Lokalpatriotismus.
Postleitzahlen ordnen nicht nur die Postsendungen – sie formen auch unsere Vorstellungen von der Welt und ihren Bewohnern. So lässt sich manchmal bereits an der Postleitzahl erkennen, welche Chancen jemand im Leben hat.
So schrieb die «New York Times» im Jahr 1988, dass diejenigen Bewohner Manhattans mit der Postleitzahl 10021 an der noblen Upper East Side Werbung für goldene Kreditkarten und Eigentumswohnungen erhielten. Dagegen wurden die – vorwiegend afroamerikanischen – Einwohner Manhattans mit der PLZ 10032, nämlich Harlem, aufgefordert, eine günstige Lebensversicherung abzuschliessen.