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Warum Hausaufgaben abgeschafft werden müssen
Hilmar Schwemmer, selbst Lehrer, hatte 1980 eine Studie veröffentlicht, für die er sich von 450 Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen, Schulen und Bundesländern ihre Erfahrungen mit Hausaufgaben berichten ließ.
Er hatte sie explizit dazu aufgefordert, insbesondere die negativen Aspekte zu erläutern, und kam damit zu einer eindrücklichen Sammlung von exemplarischen „Hausaufgabennöten“ (Ilse Nilshon), die überdeutlich machte, wie konflikt- und angstbeladen die verordneten Nachmittagsaufgaben von vielen Schülern erlebt wurden.
Schwemmer zog daraus vor allem Schlussfolgerungen im Hinblick auf die von ihm als „Konfliktherd“ erlebte Hausaufgabensituation innerhalb der Familien. Seiner Ansicht nach gefährden Hausaufgaben den Aufbau positiver Beziehungen zwischen Eltern und Kindern genauso wie zwischen Lehrern und Schülern.
Sie beeinträchtigen die Chancengleichheit wegen der ungleichen Unterstützung in den Elternhäusern und bilden letztlich eine Gefahr für die moralische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, weil denen mit der selbstständigen Erledigung der Hausaufgaben eine Verantwortung übertragen wird, die sie überfordert und ihrem Alter und ihren Fähigkeiten nicht gerecht wird.
Schwemmers Fazit: Man muss, will man die mit den Hausaufgaben eigentlich angestrebten methodisch-didaktischen und erzieherischen Ziele erreichen, diese Funktionen systematisch in den Schulalltag und die Schulpraxis integrieren. Im häuslichen Umfeld jedenfalls sei das im Grunde nicht möglich.
Niederschmetternd sind auch die Studienergebnisse, die sich explizit auf die erzielten Lernfortschritte beziehen. Die Frage, ob es einen leistungssteigernden Effekt hat, wenn die Schülerinnen und Schüler über den Unterricht hinaus noch mit Arbeitsaufgaben belastet werden, stand auch vor über 100 Jahren im Fokus der Schulpraktiker und -theoretiker.
So bemängelte schon Friedrich Schmidt 1904 in seinen „Experimentellen Untersuchungen über die Hausaufgaben des Schulkindes“ das Fehlen eines „zuverlässigen Nachweises hinsichtlich der Qualität der Hausaufgaben, die doch allein ihren Wert begründen könnte“53.
Auch wenn Schmidts Untersuchung in zwei Volksschulklassen heutigen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügt und eher als exemplarische Beobachtung bezeichnet werden muss, griff sie doch eine damals schon engagiert geführte Debatte auf.
Der Autor untersuchte die Anzahl und Qualität von Fehlern in Arbeiten von Schülerinnen und Schülern daraufhin, ob diese Arbeiten in der Schule oder zu Hause erledigt worden waren. Die beiden Aufgaben – eine mathematische und ein Deutschaufsatz – wurden von den Schülern einmal zu Hause, einmal im Unterricht erledigt.
„Schmidt konnte kein eindeutiges Ergebnis ausmachen: Während die Rechen- und Abschreibarbeiten bei der Mehrzahl der SchülerInnen weniger Fehler aufwiesen, wenn sie in der Schule angefertigt wurden, beurteilte Schmidt die Güte (Inhalt und Form) von Aufsätzen höher, wenn sie zuhause erstellt worden waren“, schreibt Ilse Nilshon über die Ergebnisse.
Die schon im ersten Kapitel kurz skizzierte Untersuchung von Bernhard Wittmann mit dem Titel „Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben“ von 1964 ist für Nilshon „Meilenstein und zugleich Prototyp der deutschen empirischen Hausaufgabenforschung“.
Auch Wittmann untersuchte die Leistungen im Rechnen und Schreiben, er hatte insgesamt 362 Schülerinnen und Schüler aus drei dritten und drei siebten Klassen über mehrere Monate hinweg zum Teil mit, zum Teil ohne Hausaufgaben lernen lassen.
Seine Ergebnisse bei den älteren Schülern waren nicht eindeutig, bei den Drittklässlern dagegen schon: „Zusammengefasst ergibt sich, dass bei der Messung der Rechen- und Rechtschreibleistungen am Ende der viermonatigen Experimentalperiode keine signifikanten Unterschiede vorliegen, also auch keine Wirksamkeit der Hausaufgaben behauptet werden kann“.
Spätere Untersuchungen bestätigten den Befund immer wieder, eine leistungsstärkende Wirkung von Hausaufgaben ließ sich nicht nachweisen.
Hausaufgaben als fragwürdiges selbstreguliertes Lernen