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Ganz nach dem Motto „zurück aus den Sommerferien und auf in den Wahlherbst“ befassen wir uns im ersten Artikel nach der Sommerpause mit dem Potential der Schweizer Parteien und deren Fähigkeit dieses mittels professionellem Wahlkampf auszuschöpfen.
In der Umfrageforschung hat die Frage nach der Wahlwahrscheinlichkeit[i] einer Partei gegenüber der Frage nach der Parteiwahl[ii] entscheidende Vorteile: Sie wird für jede Partei und mittels Skala ermittelt und enthält damit eine Vielzahl an Informationen. Trotz dieser Eigenschaft gibt es einen quasi deterministischen Zusammenhang zwischen der Wahlwahrscheinlichkeit und der eigentlichen Wahl (Van der Eijk et al. 2006): Gibt eine Befragte an, am wahrscheinlichsten SVP zu wählen, so wählt sie in aller Regel auch SVP.
Zusätzlich kann die Variable Wahlwahrscheinlichkeit zur Konstruktion des Wählerpotentials einer Partei verwendet werden. Letzteres errechnet sich aus dem gewichteten Durchschnitt der angegebenen Wahlwahrscheinlichkeiten. Stellen Sie sich eine fünfköpfige Familie vor: Drei Personen geben an mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent SP zu wählen. Jemand wählt die SP mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 und jemand mit nur 10 Prozent. In dieser fiktiven Familie liegt das Wählerpotential der SP demnach bei 60 Prozent.[iii]
Auffallend ist die ausserordentliche Stabilität der aufgeführten Werte. Das Potential der CVP lag 1995 bei 44, jenes der FDP bei 50 Prozent der Wählenden. 12 Jahre später konnte die CVP leicht zulegen (3 Prozent), die FDP verlor marginal (-2 Prozent). Die SVP legte ein Prozent zu, die Sozialdemokratische Partei verlor mit 6 Prozent deutlich am meisten Wählerpotential.
Die Gründe für die massiven Verschiebungen der Wähleranteile seit 1995 sind demnach kaum auf einen sich verändernden Wählermarkt zurückzuführen. Vielmehr unterscheidet sich die Ausschöpfungsqote der Parteien. Diese Ziffer zeigt das Verhältnis zwischen Potential und tatsächlicher Wählerstärke an. Tabelle 2 verdeutlicht die teilweise starken Veränderungen zwischen den beiden Untersuchungszeitpunkten. Die CVP konnte 1995 noch 39 Prozent der potentiellen Wählerinnen mobilisieren. Diese Zahl ist mit den anderen Parteien vergleichbar (FDP 40 Prozent; SVP 38 Prozent; SP 43 Prozent). Beide Mitteparteien konnten ihr Potential im Jahr 2008 weniger stark ausschöpfen. Die Quote der FDP sank in den 12 Jahren um 7, jene der CVP gar um 8 Prozent. Im Anbetracht der SVP erscheinen diese Veränderungen allerdings marginal. Sie legte um eindrückliche 34 Prozent zu und errecht 2007 eine einzigartige Ausschöpfungsquote von 72 Prozent.
Diese Resultate lassen vielseitige Schlüsse zu. Sicher sticht die Ausnahmerolle der SVP heraus: Mit 72 Prozent kann liegt ihre Ausschöpfungsquote fast 30 Prozent höher als jene der SP. Hier manifestiert sich die Professionalität der SVP. In Sachen Wahlkampf spielt sie in einer eigenen Liga.
In einem anderen Licht stehen aber auch die Wahlniederlagen der SP: Als einzige Partei kämpfte sie mit einem Rückgang des Wählerpotentials. Dieses konnte sie aber konstant gut ausschöpfen (44 Prozent im Jahr 2007). Aus dieser Perspektive dürfen die vergangenen Wahlkämpfe der SP nicht zu negativ beurteilt werden: Das Problem der Partei liegt vielmehr in einem leichten Schwinden ihrer potentiellen Wählerinnen.
Die Mitteparteien CVP und FDP kennen das Problem des schwindenden Potentials nicht. Ihnen gelingt es aber immer schlechter potentielle Wählerinnen zu überzeugen. Im Gegensatz zur SVP und (in geringerem Ausmasse) der SP gelingt es ihnen nicht ihr Potential auszuschöpfen. Mit anderen Worten: Die Mitteparteien haben ein Problem der Wahlkampfführung. Ob es ihnen gelingt, diese Schwäche in den Wahlen 2011 auszumerzen wird sich weisen. Zweifel dürften jedoch angebracht sein.
[i] Selects 2007, F14400:
„Ich lese Ihnen jetzt die Namen von einige Parteien vor. Bitte sagen Sie mir jeweils, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie jemals diese Partei wählen werden. 0 oder eine Zahl in der Nähe von 0 bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, dass Sie diese Partei wählen werden. 10 oder eine Zahl in der Nähe von 10 bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gross ist. Welche Wahrscheinlichkeit besteht, dass Sie die Partei jemals wählen werden?“
[ii] Selects 2007, F1800:
„Können Sie mir sagen, welche Partei Sie bei den Nationalratswahlen gewählt haben, d.h. von welcher Partei Sie am meisten Leute gewählt haben?“
[iii] (80+80+80+50+10)/5=60
[iv] Die Wahlwahrscheinlichkeit für das Jahr 2007 konnte direkt aus den Selects Daten bezogen werden (Frage F14400). Im Zuge der Analyse wurden die Antworten auf eine 0-1 Skala rekodiert. 0 bedeutet keine Wahlwahrscheinlichkeit, 1 bedeutet maximale Wahlwahrscheinlichkeit. Da diese Variable bei den Wahlen 1995 noch nicht erhoben wurde, musste ein Imputationsverfahren durchgeführt werden. Dabei wurde bis auf wenige Ausnahmen Sleb (2005: 275) gefolgt:
„Wenn eine relevante Variable y in einem Datensatz p fehlt, dann kann man diese unter Nutzung von Informationen aus einem anderen Datensatz q, in dem diese vorhanden ist, imputieren“ Dazu wird in einem ersten Schritt im ‚Hilfsdatensatz’ q ein Modell von y in Abhängigkeit von Prädiktoren x spezifiziert, die eine möglichst hohe Erklärungskraft haben und gleichzeitig auch in p vorhanden sind. Anschliessend werden die x aus p und die gewonnene Parameter genutzt, um y in p vollständig vorherzusagen.“
Als Hilfsdatensatz wird in unserem Fall Selects 2003 und 2007 verwendet. Damit unterscheidet sich das Hier angewendete Verfahren von Selb (2005), welcher nur die Daten von 2003 berücksichtigt. Die verwendeten Variablen zur Schätzung der Wahlwahrscheinlichkeit sind hingegen dieselben. Es handelt sich um die Sympathie und die Parteiwahl.