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Es war ein Fehler, und seine Folgen sind bis heute spürbar – für Sie, für mich, für uns alle. Am 28. November 1848 bestimmte das Parlament die Stadt Bern zum «Bundessitz» der Schweiz. Seither ist Bern die «Bundesstadt» und Sitz des Parlamentes und der Regierung der Eidgenossenschaft. Eine Hauptstadt hat die Schweiz weiterhin keine, wie seit jeher, wenn man einmal von den fünf Jahren der Helvetischen Republik absieht.
Die Verfassungsväter hatten die Hauptstadtfrage dem Gesetzgeber übertragen. Im November 1848 – rund ein Jahr nach dem Sonderbundskrieg – diskutierten National- und Ständerat an ihrem provisorischen Sitz in Bern. Seit 1803 hatte jeweils ein Kanton für ein Jahr den «Vorort» übernommen und in der Regel in seinem Kantonshauptort die Tagsatzung durchgeführt. Deren Kanzlei als einzige Institution des Bundesstaates zog jeweils jedes Jahr mit allen Unterlagen in eine neue Stadt. Ab 1815 wurde nur noch zwischen Zürich, Bern und Luzern und bloss alle zwei Jahre rotiert. Auf diese Tatsache beriefen sich die drei Kantone bei der offiziellen Aufzählung der Kantone, wo sie bis heute an erster Stelle auftauchen.
Über eines war man sich im neuen Bundesstaat einig: Mit diesem Rotationsprinzip sollte es vorbei sein. Über alles andere wurde heftig gestritten: Die Föderalisten wollten so wenig
zentralisierte Bundesbehörden wie möglich, die Romandie fürchtete die deutschsprechende Übermacht. Andere fragten sich, ob überhaupt ein Kantonshauptort Bundesstadt werden solle, und wieder andere schlugen den Bau einer völlig neuen Stadt auf dem Reissbrett vor, wie man es in der «Sister Repulic» auf der anderen Seite des Atlantiks mit «Washington» gemacht hatte.
Derartige Pläne versandeten bereits im Vorfeld. Für die Abstimmung blieben nur noch Zürich, Bern und Luzern übrig. Die ersten beiden waren die Sieger des Sonderbundskrieges, Luzern zwar der einstige Vorort der Verlierer, der jetzt von den Liberalen regiert wurde und sich den neuen Verhältnissen folgsam unterzog, inklusive den grossen finanziellen Forderungen der Sieger. Mit Luzern als Bundesstadt, so argumentierten deren Befürworter, hätte man der unterlegenen Innerschweiz die Hand gereicht. Von Basel – so viel sei noch bemerkt – war nicht die Rede.
Doch für den Handschlag mit der unterlegenen Innerschweiz war es zu früh. Und Zürich war schon damals so dominant, dass es eine Mehrheit nicht noch stärken wollte. So obsiegte Bern als freundeidgenössischer Kompromiss, obwohl es noch über keine Infrastruktur für die Institutionen verfügte. Die allerdings hatte es auf eigene Rechnung zu erstellen.
Heute ist es umgekehrt: Stadt und Kanton Bern zahlen nicht mehr für den Bundessitz, sondern erhalten Millionen aus der Bundeskasse, zum Beispiel zur «Bereitstellung eines breiten
Kulturangebotes in der Bundeshauptstadt» oder für eine französischsprachige Schule.
Der Aufbau der Bundesverwaltung hat die sowieso schon träge und obrigkeitsgläubige Mentalität in Bern noch verstärkt. Daran leiden Stadt und Kanton Bern noch heute: Ausdruck davon ist die Milliarde Franken, welche der Kanton aus dem Nationalen Finanzausgleich bezieht. Umgekehrt bremst der bernische Geist die Wirksamkeit und Effizienz der Bundesinstitutionen. Der Staat sitzt hier überall, und überall hin reicht sein Einfluss.
Der Entscheid von damals bedeutet auch, dass alle in Bern ein Standbein haben müssen, die sich mit Politik beschäftigen. Das gefällt nicht allen.
So gibt es einen inoffiziellen Klub «Berner wider Willen» all jener, die nicht in Bern wären, hätte 1848 eine andere Stadt das Rennen gemacht. Ihm haben einst sogar Bundesräte angehört. Einer Bundesstadt Luzern, Lausanne oder Basel wäre das bestimmt nicht passiert. Nur bei Zürich bin ich mir da nicht so sicher. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 26.04.14, Foto: fi.)