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«Du stehst vor dem Leichenhaus des städtischen Krankenhauses» – so beginnt Marius Daniel Popescus neuer Roman. Die Du-Form vermittelt ein seltsames Gefühl der Entfremdung vom Erzählten, das durch die vielen Wechsel der Pronomina verstärkt wird: Manchmal wird in der Du-Form, manchmal in der Ich- oder Er-Form erzählt. Ausserdem tragen die Figuren keine Namen, es wird nur mit «er» oder «sie» auf sie referiert. So erschliesst sich oft erst nach einer Weile, wer gemeint ist. Sicher ist wenig mehr als: im Mittelpunkt der vielperspektivischen Erzählung steht einer, der die sterbliche Hülle seiner Mutter in Rumänien abholen muss.
Popescu erweitert seine Erzählung durch das Einflechten verschiedener Textsorten: seien es Gebrauchsanweisungen, Rechnungen, Gedichte, Romanauszüge oder Wörterbucheinträge. Der Erzähler, selber Schriftsteller, experimentiert mit Wörtern, Klängen und Buchstaben: «P P P P Prägekalander P P P. Heute packst du mit an, pappst die Plakate pinselfest Pinseläffchen pittoresk.» Alle diese Textbausteine bilden den Klanghintergrund der Erzählung. Wie im Computerspiel Tetris, das der Erzähler spielt, setzt Popescu die Textversatzstücke zusammen, teils lose gereiht, teils verzahnt. Ein sprachlich höchst verdichteter Text entsteht. Dennoch ist der Text leicht – Syntax sei Dank: lange, stets gleich strukturierte Sätze – Subjekt–Verb–Objekt, minutiöse Aufzählungen von Handlungen, getrennt durch Kommas. «Ich spiele ein elektronisches Spiel auf meinem Handy, ich drücke auf die oberste Taste der Tastatur, ich sehe fünf Symbole auf dem Display auftauchen, ich berühre mit dem Daumen die Taste, die den Cursor über das Display bewegt, von einem Symbol zum anderen.» Was als isoliertes Satzgebilde monoton und zähflüssig klingen mag, entwickelt in der Fülle einen Sog, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die gleichmässigen Sätze prägen sich, ja hämmern sich ein und verleihen dem Text Gewicht.
Popescu hat mit «Die Farben der Schwalbe» einen ebenso formal aufregenden wie herausfordernden Text geschrieben. Die lyrische, leiernde, fast hypnotische Rhythmik lässt den Text auch beim stillen Lesen fliessen und ist zuerst gewöhnungsbedürftig, dann aber umso mitreissender. Man mag «Die Farben der Schwalbe» als Sammelsurium von Textfetzen und Bausteinen rügen, aber Popescu führt sein sprachliches Experiment mit Konsequenz durch. Die Übersetzung des französischen Romans, von Yla M. von Dach verantwortet, vermag es, die formalen Besonderheiten ins Deutsche zu übertragen. Scheinbar ohne Luft zu holen, reiht Popescu Satz an Satz und gerät doch nie ausser Atem. So kommt dieser so fragmentarische Text in einem Guss daher, als eine Einheit, zusammengehalten durch diesen Schreibrausch, die Lust an der Sprache, von der auch Popescus Protagonist erfasst ist: … «und du beginnst auf einem A4-Blatt Wörter und Buchstaben freizulassen».
Marius Daniel Popescu: Die Farben der Schwalbe (aus dem Französischen übersetzt von Yla M. von Dach). Biel: verlag die brotsuppe, 2017.