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In den 60er und zu Beginn der 70er Jahre wurden aus den Südbündner Tälern Kaffee, Zigaretten und weitere Güter über die Berge nach Italien geschmuggelt. Der Nidwaldner Schriftsteller Tony Ettlin hat die Geschichten im Val Müstair recherchiert und darüber ein Buch geschrieben.
«Die Zeiten in den 60er Jahren waren hart. In den bündnerischen Südtälern, aber auch im Vinschgau, im ganzen Südtirol gab es ausser Landwirtschaft wenig Verdienstmöglichkeiten. Es war so verständlich und allen bekannt, dass jeder und jede einen Nebenverdienst organisieren musste, wenn er oder sie überleben und sich ab und zu etwas mehr als Kartoffeln und Polenta leisten wollte.» So beschreibt Tony Ettlin die Motivation für den Schmuggel (Cuntrabanda). Tonnenweise wurden Zigaretten, Kaffee sowie andere Güter (Saccharin) auf abenteuerlichen Wegen über die Grenze nach Italien verschoben. Und die Schweizerische Eidgenossenschaft profitierte vom Geschäft: Die Waren wurden auf Schweizer Seite ordnungsgemäss verzollt.
Schmuggler mit «Bricolle» voll Zigaretten. 1955. Foto: Illiana Freud-Beer. Archiv Valposchiavo iSTORIA Walter Gartmann Fonds.
Finanziell interessant waren die risikoreichen Aktionen, weil der Preis für die geschmuggelten Waren in Italien um ein Mehrfaches höher lag als in der Schweiz. Geschädigt wurde also nicht der Schweizer Fiskus, sondern der italienische Staat, dem beträchtliche Zolleinnahmen entgingen. Ab Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 70er Jahre trugen Schmuggler bis zu vierzig Kilo schwere «Pinggels» oder «Bricolle» auf dem Rücken über die Pässe. Diese waren auf Schweizer Seite sorgfältig in Jute verpackt und zugenäht worden.
Wirtschaftlich lukrativ
Hinter den Bergrücken lauerten Grenzwächter der italienischen «Guardia di Finanza». Wer bei dem Katz- und Mausspiel erwischt wurde, musste die Ware abgeben und wurde für ein paar Tage ins Gefängnis gesteckt. Wem es gelang, den Tabak oder die Zigaretten in Italien einem Mittelsmann zu übergeben, kassierte dafür das Mehrfache eines Schweizer Tageslohns. So wurde der Schmuggel auf beiden Seiten der Grenze zu einem einträglichen Wirtschaftszweig für die lokale Bevölkerung.
Laut Ettlins Recherchen verdiente ein Waldarbeiter im Vinschgau in den 60er Jahren rund 3000 Lire pro Tag (ca. 20 Franken). Für einen Schmuggelgang mit Zigaretten bekam der Träger 15 000 Lire oder machte, sofern er die Zigaretten auf eigene Rechnung kaufte und verkaufte, einen Gewinn von 16 Tageslöhnen. Die intensivste Zeit des Schmuggels zwischen Graubünden und Italien dauerte von Beginn der 60er Jahre bis 1972. In diesem Jahr erhielt das Südtirol einen autonomen Status, was den wirtschaftlichen Aufschwung der Region beschleunigte. Durch die Veränderung des Währungssystems 1973 wurden die Wechselkurse auf bestimmte Bandbreiten fixiert. Der Wechselkurs zwischen Lira und Schweizer Franken schoss in die Höhe und machte das Schmuggeln unattraktiv. Zudem musste Italien das Staatsmonopol auf Tabak aufheben. All diese Faktoren brachten das Schmuggelgeschäft praktisch zum Erliegen.
Schmugglerinnen vor Überqueren der Grenze beim Verpacken der Ware in ihre Kleidung. 1960. Foto: Archiv Valposchiavo iSTORIA Walter Gartmann Fonds.
Der lukrative Nebenerwerb der Schmuggler aus Graubünden und Italien war den Schweizer Behörden sehr wohl bewusst. In der Buchhaltung der Eidgenossenschaft wurden die Zolleinnahmen aus Schmuggelgut unter dem Codewort «Export II» offiziell verbucht. 2021 widmete die «Wochenzeitung» (WOZ) diesem Phänomen einen eigenen Artikel, der von Ettlin im Buch zitiert wird. «In der Oberzolldirektion geht man davon aus, dass von 1961 bis 1972 aus dem Export II von Zigaretten nach Italien 880 Millionen Franken in die AHV-Kasse flossen, im Schnitt 73 Millionen pro Jahr. Im Spitzenjahr 1971 waren es satte 172 Millionen.» Insgesamt, so die WOZ, darf man annehmen, «dass dank des Schmuggels eine runde Milliarde Franken zugunsten der Altersrenten zusammenkam.»
Fiktionale Geschichten, nicht historische Aufarbeitung
Ettlins Absicht war es nicht, eine historische Arbeit über das Schmuggeln zu schreiben. Vielmehr lieferten ihm persönliche Gespräche mit Zeitzeugen und deren Nachkommen im Val Müstair Stoff für fiktionale Geschichten. Er wollte erzählen, Figuren erfinden und Handlungen konstruieren. Aber immer entlang von realen Geschehnissen und Fakten. «So könnte es gewesen sein», beschreibt der Schriftsteller sein Credo im Vorwort.
Seine Recherchen machte Ettlin während einer mehrwöchigen Auszeit im «Chasa Parli» in Sta. Maria. Die Zentralschweizer Kantone finanzieren im Zweijahresrhythmus einen Atelieraufenthalt zur Literaturförderung im Val Müstair. Von Mitte Januar bis Ende Februar 2022 lebte der Schriftsteller gemeinsam mit zwei Kolleginnen (Susann Bosshard-Kälin und Selina Beghetto) im Literaturhaus. Die drei nutzten die gemeinsame Zeit, tauschten Ideen aus, kochten zusammen und lasen gegenseitig Entwürfe der entstehenden Texte. Ettlin konsultierte für seine Recherchen zudem regionale Archive, Bibliotheken und Zeitschriften.
Der Autor Tony Ettlin. Foto privat.
Beim Schreiben liess er sich vom Gelesenen und Gehörten inspirieren. Er nahm sich die Freiheit, eigene Geschichten zu erfinden, nahe an der Wirklichkeit, aber eben fiktiv. Verfasst hat er zehn in sich abgeschlossene Stories über Schmuggler-Schicksale. Zum Beispiel das Abenteuer von Curdin und Andri, welche die Schmuggelware im unteren Val Müstair wasserdicht in Fässer verpackten und diese um Mitternacht in das Flüsschen Rom schmissen. Mit Lichtzeichen aus einer Taschenlampe gegen den Hang signalisierten sie ihren Mittelsmännern jenseits der Landesgrenze, dass die Ware unterwegs war. In Taufers wurden die Fässer dann aus dem Wasser gefischt.
Spannend liest sich die Geschichte von Sepp, Hubert, Guido und Friedel, die während ihrer nächtlichen Aktion auf der Rifairer Alm von einer italienischen Schmugglerbande überfallen und der Schmuggelware beraubt wurden. Was mit den Kollegen Otto und Marco geschah, lässt der Schriftsteller offen. Als Gegengewicht zur Dramatik enthält das Buch auch zwei Liebesgeschichten, in denen Frauen die Schmuggler aktiv unterstützen. In der einen Story verhilft die Bäckereiangestellte Livia dem in sie verliebten Schüler Gian-Luca zu einem Schmugglerjob. In der zweiten Lovestory gehen Anna und Dario gemeinsam auf Tour. Tragisch endet die Geschichte des Einzelgängers Valentin, der auf dem Marsch über die Rifairer Scharte abrutscht und ums Leben kommt.
«Ich schreibe aus Freude an der Sprache und aus Lust am Erschaffen von Geschichten, die berühren, ein Schmunzeln auslösen und zum Nachdenken anregen,» schreibt Ettlin. Seine Schmugglergeschichten sind Unterhaltung pur und lesen sich ausgesprochen leicht. Sie werfen ein Licht auf eine wirtschaftlich schwierige Zeit, in der Menschen bereit waren, sich für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen in grosse Gefahr zu bringen.
Die Geschichten der vielen Einzelschicksale werden ergänzt durch historische Aufnahmen aus dem «Archiv Valposchiavo iSTORIA Walter Gartmann Fonds» sowie aus privaten Fotoarchiven. Im Anhang verweist Ettlin auf zahlreiche interessante Fachpublikationen zum Thema.
Titelfoto: Vinschgauer Schmuggler vor der Bäckerei Corradin in Sta. Maria. Sechziger Jahre. Foto Claudio Gustin.
Contrabanda, Schmugglergeschichten aus dem Val Müstair, Tony Ettlin, GAmmeter Media AG, 2022 ISBN 978-9525338-9-5
Wie es zu dem Buch kam: