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Um die Jahreswende 1894/95 schrieb der damals 34-jährige Gustav Mahler angesichts des aufkommenden Antisemitismus an einen Freund diese bekannten Sätze: «Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater.» 1897 zog er die Konsequenz daraus und konvertierte zum Katholizismus. Auch die Bankierfamilie Mendelssohn entschied sich aus ähnlichen Gründen mehr als 75 Jahre zuvor, die Kinder evangelisch-christlich taufen zu lassen, und legte sich den Zweitnamen Bartholdy zu.
So zieht sich eine lange rote Linie durch die Musikgeschichte, die ihren vorläufigen Abschluss fand, als im Nazireich «entartete» Musik aus den Konzertsälen entfernt wurde. Auch Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809–1847) Oratorium «Elias», das am 26. August 1846 in Birmingham (GB) unter dem englischen Originaltitel «Elijah» (op. 70, MWV A 25) uraufgeführt worden war, fiel unter diesen Bann. Wir Spätergeborenen stehen aber vor der erstaunlichen Tatsache, dass ursprünglich jüdisch sozialisierte Komponisten ihre gesellschaftlich erzwungene Anpassung an den christlichen Mainstream selbst in ihren Werken dokumentieren. Nicht nur bei Mahlers Auferstehungs-Sinfonie (1895 als 2. Sinfonie uraufgeführt), sondern auch bei «Elias» kann dies dargelegt werden.
Mendelssohn war, seit er bei einer Lesung die Begegnung des Propheten Elija mit seinem Gott am Berg Horeb (1 Kön 19) gehört hatte, fasziniert vom Stoff. So «stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster» wünschte er sich einen Propheten auch für seine Zeit und schuf ein gewaltiges, zweiteiliges Werk mit einer Spielzeit von gut zwei Stunden. Sein Briefwechsel mit Pfarrer Julius Schubring, den er um Hilfe beim Libretto gebeten hatte, zeigt nun ein stetes Ringen um die religiöse Identität des Komponisten. Schubrings Absicht war, den Text des Oratoriums möglichst «neutestamentlich» und darum wenn immer möglich in einer christologischen Zuspitzung zu verfassen. Mendelssohn aber bat ihn, sich nicht zu sehr aus der «Haltung des Ganzen» zu entfernen. Dieses «Ganze» ist der alttestamentlich-prophetische Befund, den uns die Abschnitte aus den Büchern der Könige vorlegen. Erst die neutestamentlichen Zitate um die Frage, ob Jesus von Nazareth etwa der wiedergekommene Elija sei (vgl. Mk 8,28 par), ermöglichen ja eine solche Umdeutung.
Es sei hier deshalb nun explizit auf den Abschnitt der Elija-Erzählungen eingegangen, den Mendelssohn und Schubring nur stiefmütterlich behandeln: den von der Himmelfahrt des Propheten. Sie beenden im Erzählteil ihr Werk mit der Horeb-Episode und lassen den Teil der Begegnung des Propheten mit seinem Nachfolger Elischa wie auch das gewaltige Erlebnis der Fahrt mit dem Feuerwagen (das nur gerade vom Chor kurz zitiert wird) weg. Gerade dieser Abschnitt aber wäre bestens geeignet gewesen, einem musikalischen Oratorium quasi den krönenden Abschluss, ein klassisch opernähnliches Finale, zu verpassen.
Vielmehr wird mit den Synonymen «sein Knecht» und «sein Auserwählter» im zweitletzten Abschnitt (Nr. 41) bewusst kommentiert, und nun werden Verse aus Jesaja 11, die «Geistesgaben des Messias», zitiert, um aufzuzeigen, dass in der Meinung des Oratoriumstextes Elija nur einer von vielen Vorläufern des Messias Jesu gewesen ist: «Aber einer erwacht von Mitternacht, und er kommt vom Aufgang der Sonne. Der wird des Herrn Namen predigen und wird über die Gewaltigen gehen; das ist sein Knecht, sein Auserwählter, an welchem seine Seele Wohlgefallen hat. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis, und der Furcht des Herrn.»
Es bleibt für die alttestamentliche Theologie die Grundsatzfrage bestehen, ob es dem Christentum ernst war und ist mit der Betonung der Eigenständigkeit des ersten Teiles seiner Heiligen Schrift oder ob es ihn (zwar längst nicht so schlimm wie die evangelischen Exegeten der Nazi-Ära) weiterhin primär als Steinbruch der erfüllten Prophezeiungen versteht. Dass sich Generationen von jüdischen Menschen an dieser Frage gerieben haben, dafür ist Mendelssohns Oratorium ein beredtes Beispiel.
Heinz Angehrn
Gesandter oder Wiederkehrender?
Die Aufführung des Oratoriums «Elias» in der Stadtkirche St. Laurenzen in St. Gallen ist Anlass, die Hintergründe dieses gewaltigen Werkes zu reflektieren.
Um die Jahreswende 1894/95 schrieb der damals 34-jährige Gustav Mahler angesichts des aufkommenden Antisemitismus an einen Freund diese bekannten Sätze: «Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater.» 1897 zog er die Konsequenz daraus und konvertierte zum Katholizismus. Auch die Bankierfamilie Mendelssohn entschied sich aus ähnlichen Gründen mehr als 75 Jahre zuvor, die Kinder evangelisch-christlich taufen zu lassen, und legte sich den Zweitnamen Bartholdy zu.
Empfohlene Aufnahmen
- Deutsche Fassung (Elias): Michael Volle. Marjana Lipovsek u.a. Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Wolfgang Sawallisch. Profil 2001
- Englische Originalfassung: (Elijah): Bryn Terfel. Renée Fleming u.a. Edinburgh Festival Chorus. Orchestra of the Age of Enlightenment. Paul Daniel. DECCA 1997
Heinz Angehrn
Heinz Angehrn (Jg. 1955) war Pfarrer des Bistums St. Gallen und lebt seit 2018 im aktiven kirchlichen Dienst als Pensionierter im Bleniotal TI. Er ist Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung und nennt als Hobbys Musik, Geschichte und Literatur.