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Vor 110 Jahren: Untergang der «Titanic»
In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 kamen bei der berühmtesten Schiffskatastrophe der Geschichte über 1500 Menschen ums Leben.
Titanic – der Name steht bis heute für schwerwiegende Unglücke sowie die Unkontrollierbarkeit der Natur durch technische Errungenschaften. In Belfast erbaut, waren die Titanic und ihre Schwesternschiffe Olympic und Britannic damals die grössten Schiffe der Welt. Sie kamen im Nordatlantik-Liniendienst auf der Route Southampton – New York zum Einsatz.
Die erste Klasse war mit einem grossen Promenadendeck ausgestattet (links) und die Suiten der ersten Klasse komfortabel eingerichtet. © wiki commons
Die neue Generation Dampfer sollte neue Massstäbe im Reisekomfort setzen. Die erste Klasse war mit eleganten Suiten, prächtigen Salons und Speisensälen sowie einem grossen, separaten Promenadendeck ausgestattet. Auch in der zweiten und dritten Klasse verbesserten sich die Verhältnisse im Vergleich zu den bisher üblichen Standards.
Die Titanic besass auch eines der grössten elektrischen Netze aller Schiffe der damaligen Zeit. Vier dampfbetriebene Generatoren versorgten 150 Elektromotoren. Mit einem Telefonsystem mit 50 Leitungen und 1500 Klingeln konnte man die Stewards holen lassen. 10‘000 Glühlampen beleuchteten das Schiff, 520 Heizkörper wärmten die Kabinen, das Schwimmbad war elektrisch beheizt und einige Gymnastikgeräte liefen mit Strom. In der Küche standen elektrisch betriebene Öfen, Messerputzer, Kartoffelschäler, Teigmixer und Fleischwölfe zur Verfügung.
Die Jungfernfahrt
Am Donnerstag, 11. April, lief das Schiff in Southampton aus und begann nach Zwischenstopps in Frankreich und Irland die Passage des Nordatlantiks mit geplanter Ankunft in New York am Mittwoch, 17. April. Über 1.300 Personen hatten eine Passage auf der Jungfernfahrt der Titanic gebucht, darunter viele Prominente der nordamerikanischen und europäischen Gesellschaft. Aufgrund eines langen Kohlestreiks war nur gut die Hälfte der Unterkünfte besetzt.
Dass das Treibeisfeld im Atlantik dieses Jahr ungewöhnlich gross war, wussten Kapitän Smith und seine Offiziere bereits vor der Abfahrt. Mehrere Funksprüche anderer Schiffe warnten die Titanic. Sie erreichten jedoch nicht alle die Brücke, da die die Funker mit der Übermittlung privater Telegramme beschäftigt waren. Dies verstiess gegen keine Regel, da man die damals neue Funktechnik für die Führung eines Schiffes noch nicht als wichtig erachtete. Zudem waren die Matrosen im Ausguck nicht mit Ferngläsern ausgerüstet, sondern suchten in der dunklen Leermond-Nacht das Meer mit blossem Auge nach Hindernissen ab. Den Schlüssel zum zum Schrank mit den Ferngläsern hatte ein Offizier, der die Titanic letztlich gar nicht bestieg.
Als der Ausguck Frederick Fleet am vierten Tag gegen 23:40 Uhr südöstlich von Neufundland einen Eisberg voraus entdeckte und dreimal die Alarmglocke läutete, liess sich eine Kollision nicht mehr verhindern. Der Schaden, den das auf 300’000 Tonnen geschätzte Eisgebilde dem Schiff zufügte, schien zunächst gering. Die oberen Decks waren kaum beschädigt. Doch unter der Wasserlinie bestanden mehrere Lecks, weshalb Schiffskonstrukteur Thomas Andrews einen raschen Untergang voraussah.
Kurz nach Mitternacht ordnete Kapitän Smith die Evakuierung des Schiffes an. Den Reisenden wurde diese zuerst als «Bootsmanöver» erklärt, weshalb viele Erstklass-Passagiere zunächst keine Schwimmwesten anzogen. Erst dreiviertel Stunden später schwamm das erste Rettungsboot im Wasser.
«Frauen und Kinder zuerst»
Der offizielle Grundsatz «Frauen und Kinder zuerst» wurde sehr unterschiedlich umgesetzt. Manche Offiziere verweigerten Männern den Zugang zu den Rettungsbooten, selbst wenn diese nur halb voll gewassert wurden. Teenager stuften sie mancherorts als Männer, mancherorts als Kinder ein. Insgesamt wurden 74 Prozent der Frauen und 52 Prozent aller Kinder gerettet, aber nur 20 Prozent der Männer.
Nur gut die Hälfte der vorhandenen Rettungsbootplätze wurde genutzt. Viele Passagiere glaubten sich an Bord der Titanic lange sicherer als in einem kleinen Rettungsboot. Da das Orchester auf Geheiss der Schiffsführung beschwingte Musik spielte, um Panik zu verhindern, nahmen viele die Gefahr zu wenig ernst. Keiner der Musiker überlebte den Untergang. Das letzte Rettungsboot verliess die Titanic um 2:05 Uhr. Die Funker wurden von ihren Pflichten entbunden, sendeten aber noch einige Minuten weiter, bis die Titanic um 2:20 Uhr versank und in 3821 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund aufschlug.
Erst zwei Stunden später traf die «Carpathia» am Unglücksort ein und barg die Überlebenden. Da die Wassertemperatur in dieser Nacht bei 0 Grad lag, starben viele Menschen während des Wartens an Unterkühlung. Obwohl in den Rettungsbooten mehrere Hundert Plätze frei waren, kehrte nur eines um. Zu gross war die Angst, die im Meer um Hilfe Schreienden könnten das Boot zum Kentern bringen. Vierzig Minuten nach dem Untergang der Titanic verstummten die letzten Rufe.
Obwohl für die Evakuierung auch dank geschickter Pumpmanöver mehr als zwei Stunden Zeit zur Verfügung standen, kamen zwischen 1.490 und 1.517 der über 2200 an Bord befindlichen Menschen ums Leben. Dazu gehörte auch der Kapitän, der vermutlich freiwillig mit seinem Schiff unterging.
Bessere Chancen in der ersten Klasse
Nur 711 Menschen überlebten laut dem britischen Untersuchungsbericht. Wer in einer besseren Klasse fuhr, hatte höhere Überlebenschancen. Die Passagiere der dritten Klasse durften sich während der Fahrt gar nicht auf dem Bootsdeck aufhalten, die Aufgänge nach oben waren vergittert. Viele von ihnen verstanden kein Englisch. Es gab kein Alarmsystem an Bord und kaum Personal, das sie hätte warnen können.
Die tiefe Überlebensquote bei den Männern hat verschiedene Gründe. So arbeiteten viele bis zum Schluss in den Maschinenräumen und bei der Wasserung der Rettungsboote. Und vor allem in der zweiten Klasse verzichteten die bürgerlichen Männer gemäss den damals geltenden Moralvorstellungen zugunsten von Frauen und Kindern auf ihre eigene Rettung.
Untersuchungen zeigten, dass die Titanic zu schnell durch gefährliches Gewässer gefahren war. Der Kapitän wurde jedoch vom Vorwurf der Fahrlässigkeit freigesprochen, denn Kurs und Geschwindigkeit zu halten war damals gängige Praxis auf den Schnelldampfern. Dies bestätigten auch verschiedene Kapitäne der Konkurrenz. Kapitän Smith hatte unterschätzt, wie schlecht die Sichtverhältnisse in der zur Unglückszeit waren. Die Nacht war zwar klar, aber wegen Neumond dunkel. Aufgrund der absoluten Windstille fehlten Wellen, die auf allfällige Eisberge hindeuteten. Das Treibeisfeld auf der Atlantikroute war 1912 ausgedehnter als je zuvor.
Die Presse beschäftigte sich am meisten mit den prominenten Opfern des Unglücks und ihrem Verhalten während des Untergangs. Bei der Katastrophe kamen die vier reichsten Männer der Welt ums Leben. Die hohe Anzahl an Auswanderern und Mannschaftsmitgliedern unter den Opfern wurde hingegen kaum diskutiert.
Verfilmungen brachten die Titanic immer wieder zurück in den Fokus der Öffentlichkeit. Der dramatische Untergang liefert dazu über zwei Stunden lang eine hell erleuchtete Bühne, auf der Menschen unterschiedlichster Herkunft und Charaktere plötzlich mit einer Extremsituation konfrontiert werden.
Unsinkbar?
Zahlenmässig gab es weit verlustreichere Schiffsunglücke in Kriegen. Die meisten Toten forderte im Zweiten Weltkrieg der Untergang der «Wilhelm Gustloff» mit 9300 Menschen an Bord. Solche durch Gewaltakte verursachten Katastrophen erlangten angesichts vieler Millionen Kriegsopfer jedoch weniger Aufmerksamkeit als die Titanic-Katastrophe.
Bis heute ist das Etikett «Unsinkbar» mit der Titanic verknüpft, obwohl der Begriff damals weder von den Konstrukteuren noch in der Presse verwendet wurde. Der Schock war so gross, weil man glaubte, mit der neuen Generation grosser Dampfer seien die Gefahren der Seefahrt überwunden. Nun zeigte sich, dass auch eine technische Meisterleistung nicht genügte, um den Naturgewalten zu trotzen.
Die Schiffskatastrophe führte zu zahlreichen Verbesserungen bezüglich der Sicherheit auf See. Seit dem Unglück muss für jede Person ein Platz auf einem Rettungsboot oder -floss vorhanden sein und das Einsteigen wird vor der Abfahrt geübt. Ebenso führte man eine internationale Eispatrouille und rund um die Uhr besetzte Funkwachen ein. Das Wrack der Titanic wurde erst 1985 entdeckt.
Was geschah vor zehn, zwanzig, fünfzig oder über 100 Jahren?
Ob längst vergangen oder noch frisch im Gedächtnis: Diese Unfälle, Verbrechen und Katastrophen bewegten die Schweiz und die Welt. Geschockt sassen die Menschen vor der Zeitung, dem Radio und den Fernsehschirmen und trauerten mit den Betroffenen. Filme und Dokumentationen erinnern an die grossen Unglücke und lassen uns die Verstorbenen nicht vergessen.