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Erster Gedanke: In den Auseinandersetzungen innerhalb der Produktionsgenossenschaft infolink, die die WochenZeitung WoZ herausgibt, habe ich gelernt, dass «Basisdemokratie» noch nicht basisdemokratisch funktioniert, nur weil ausgewiesene Hierarchien ideologisch abgelehnt werden. Das Kollektiv der GenossenschafterInnen war sehr schnell durchzogen von nicht ausgewiesenen, informellen Hierarchien, die sich teils aus der Arbeitsteilung, teils aus dem beruflichen Erfahrungshintergrund, teils aus den Bildungsprivilegien und dem Habitus der Leute ergaben. Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, dass es mindestens ebenso schwierig ist, informelle Machtpositionen anzugreifen wie ausgewiesene. Denn es genügt jener Person respektive jener Fraktion, die die informelle Machtposition einnimmt, sie als nicht existierend zu bestreiten, um Kritik ignorieren oder einen Angriff ins Leere laufen lassen zu können.
Zweiter Gedanke: Ich stosse bei der Lektüre einer Broschüre im Zusammenhang mit den NONkONFORM-Recherchen[1] auf den Begriff «Romantik», der an dieser Stelle durch einige freundliche Präzisierungen gefasst ist (Kampf gegen Engherzigkeit und Scheinheiligkeit, für Wahrheit und Echtheit), die aber über das positive Vorurteil des Verfassers zum Begriff vermutlich mehr aussagen als zum Phänomen der historischen Romantik. Mir fällt auf, dass es so etwas wie informelle und ausgewiesene Begriffe gibt. Als informeller Begriff wird «Romantik» im konkreten Beispiel über (positive) Vorurteile und den landläufigen Zeitgeist konnotiert. Am ausgewiesenen Begriff arbeiten akademische Disziplinen definitorisch, bevor er einsetzt wird.
Für beide Gedanken gilt: Wer gegen informelle Strukturen (dort der verdeckte Machtanspruch, hier das verdeckte Vorurteil) vorgehen will, muss sie zuerst zwingen können, sich auszuweisen, um sie überhaupt kritisierbar zu machen. Das gilt für die Klärung von Begriffen so gut wie zum Beispiel für den aktuellen Kampf der autonomen AktivistInnen gegen die paramafiösen, informellen Gewaltstrukturen des Drogenhandels rund um die Reitschule in Bern.
[1] René Neuenschwander: Erziehung und Volkskultur, Sinwel Nr. 7-9, 1959/60.
(12.01./24.02.1993; 01.12.2017)
Auf die Forderung nach der inhaltlichen Formalisierung von Begriffen muss die Frage nach der Definitionsmacht an diesen Begriffen folgen: Wer arbeitet mit welcher Legitimation und welchen Wirkungsmöglichkeiten definitorisch an welchen Begriffen?
Nicht selten sind das heute PR-Konzerne mit Milliardenumsätzen, die auf Wunsch Politpropaganda betreiben.[1] Im Dienst ihrer Auftraggeber übernehmen solche Konzerne zum Beispiel die Aufgabe, mittels Öffentlichkeitskampagnen gewünschte Begriffe zu «renovieren» oder in ihrer Bedeutung umzudrehen im Sinn von George Orwells Newspeak. Gearbeitet wird dabei zum Beispiel «mit Mitteln der sprachlichen und bildlichen Suggestion», die der deutsche Kulturwissenschaftler Michael Walter als «Psychotechniken» bezeichnet. Dabei gilt nach Walter: «Ob progressiv oder konservativ – hegemonietheoretisch betrachtet versuchen gesellschaftliche Gruppierungen im Kampf um die Deutungshoheit immer ihre politischen Dogmen mit allerlei ‘Psychotechniken’ als einzig legitime zu präsentieren.»[2]
[1] Eine Aufzählung der zurzeit weltweit grössten PR-Konzerne findet sich in: Jens Wernicke [Hrsg.]: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Frankfurt am Main (Westend) 2017, S. 179.
[2] Wernicke [Hrsg.], a.a.O., S. 206.
(09.11.2001; 27.11.+01.12.2017)
Begriffe können allerdings auch aus ganz anderen Gründen «informell» verwendet werden. Es gibt nicht nur die Formalisierungsstrategien der Politpropaganda, sondern umgekehrt auch Informalisierungsstrategien, zum Beispiel in der Lyrik. Versucht wird dabei mit emanzipativem Anspruch, Begriffe von ihren bestehenden Konnotationen, sozusagen aus den Ketten der herrschenden Bedeutungen zu befreien. Solche Hermetisierung ist ein Verfahren, Sprache poetisch zu unterwandern und die Bedeutung von Aussagen auf das Vieldeutige hin zu öffnen. Die Frage, was ein solches Gedicht «wirklich» bedeutet, entlarvt den Machtgestus der fragenden Person, die die befreiten Wörter wieder in Ketten legen will – in jene der von ihr bevorzugten Bedeutungen.
(27.11.+01.12.2017; 06.07.2018)