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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

8. Vortrag.
12.
Warum sagt er also: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen"? Vielmehr, weil es in seiner Macht stand, zu bestimmen, wann er sterben sollte, so hielt er die Zeit für noch nicht gekommen, von jener Macht Gerbrauch zu machen. Wie wir, Brüder, z.B. so sprechen: Es ist schon die bestimmte Stunde, wo wir ausgehen sollen, um die Sakramente zu feiern. Wenn wir eher ausgehen, als es notwendig ist, sind wir dann nicht verkehrt und ordnungslos? Weil wir nun nichts tun, außer wenn es gelegen ist, denken wir dann bei solchen Handlungen, wenn wir so reden, an ein Fatum? Was heißt es also: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen"? Wann ich weiß, daß es an der Zeit ist zu leiden, wann mein Leben von Nutzen sein wird1 , dann werde ich freiwillig leiden, damit du beides unversehrt festhaltest, nämlich: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen", und: "Ich habe Macht mein Leben hinzugeben und es wieder zu nehmen." Er war also mit der Macht gekommen zu bestimmen, wann er sterben sollte. Dagegen wenn er früher gestorben wäre, als er die Jünger erwählt hatte, so wäre dies sicher die verkehrte Ordnung gewesen; wenn er ein Mensch wäre, der seine Stunde nicht in seiner Macht hätte, so könnte er sterben, noch ehe er die Jünger erwählt hätte; und wenn er vielleicht erst nach erfolgter Erwählung und Unterweisung der Jünger sterben würde, so wäre dies eine ihm erteilte Befugnis, nicht würde er es selbst tun. Allein der gekommen war mit der Macht, zu bestimmen, wann er gehe, wann er zurückkehre, wie weit er gehe, dem die Unterwelt offen stand, nicht bloß zum Tode, sondern auch zur Auferstehung, der hat, um uns die Hoffnung der Unsterblichkeit seiner Kirche zu zeigen, am Haupte gezeigt, was die Glieder zu erwarten hätten. Auch in den übrigen Gliedern wird der auferstehen, der im Haupte auferstanden ist. Die Stunde war also noch nicht gekommen, die gelegene Zeit war noch nicht da. Es mußten erst die Jünger berufen, das Reich Gottes verkündigt, Wunder vollbracht, die Gottheit des Herrn in den Wundern, die Menschheit des Herrn in dem Mitleiden mit dem sterblichen Fleische erwiesen werden. Denn derjenige, welcher hungerte, weil er Mensch war, speiste mit fünf Broten so viele Tausende, weil er Gott war; der schlief, weil er Mensch war, gebot den Winden und Wogen, weil er Gott war. Dies alles mußte erst glaubwürdig dargestellt werden, damit ein Gegenstand vorhanden wäre, über den die Evangelisten schreiben könnten, der der Kirche gepredigt werden könnte. Als er aber soviel getan hatte, als nach seinem Dafürhalten genügte, da kam die Stunde nicht des nötigenden Verhängnisses, sondern der freien Entscheidung, nicht der Einschränkung, sondern der Macht.
1: diese Stunde ist noch nicht gekommen