Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/2333

Kurzgeschichte gemäss Borges
Karel, ein Freund aus früher Zeit, ging regelmässig in den Park Louis-Bourget, südwestlich von Lausanne.
Der Park grenzt nördlich an einer grossen Achsenstrasse, südlich endet er abrupt an den Ufern des Leman. Neben den vielen Bäumen und Rastplätzen, die wichtigste Ingredienz jedes westeuropäischen Naherholungsgebiets, zeichnet sich der Park durch den markanten Duft des benachbarten Tierkrematoriums aus. In den Tagen des Spätherbsts, wenn die Sonne hinter dem Nebelmeer des Lemans erstickt, mäandert der Duft durch den feuchten, dunklen Wald im Norden des Parks. Dann ist Karels Aktivität am Höhepunkt. Sein Interesse liegt nicht in der olfaktorischen Eigenheit dieses Waldes. Sein Interesse liegt viel mehr auf einem exakten geographischen Punkt, nämlich den Koordinaten 46°31'12.9"N 6°35'15.4"E. Auf dieser leicht abgelegenen Stelle befindet sich ein meterhoher Tumulus, umsäumt von zehn kleinen Hecken, in regelmässigen Abständen gesetzt. Auf diesem Tumulus befindet sich eine Art Monument, genauer ausgedrückt ein dunkler monolithischer Block, welcher gemäss offizieller Überlieferung für einen waadtländer Freiheitskämpfer errichtet wurde. Karels Quellen weisen jedoch auf einen ganz anderen Ursprung hin. Auf seinen Reisen im schottischen Bergland hat er sich sehr lange mit der keltischen Mythologie und dessen Überlieferung auseinandergesetzt. Bei einer Besichtigung des Schlosses Urquhart neben Drumnadrochit fand er gemeinsam mit seinem archäologischen Assistenten Herrn Gottfried Freiherr von Bülow, der ihn schon früher bei seinen Forschungen bei den Hügeln der Galater, Westanatolien, unterstützt hatte, die Überreste eines Grabsteins zu Ehren des Piktenkönigs Drust mac Uudrost. Karel und von Bülow teilen miteinander jene Art von Freundschaft, welche mit sehr wenig menschlichem Kontakt auskommt. Schon bei den gemeinsamen Grabungen in den Stätten der Manta, Provinz Manabí, Ecuador, vermied man jegliche direkte Kommunikation, ihre Arbeitszelte waren circa 117 meter voneinander entfernt. Man verständigte sich über Drittpersonen oder mit Hilfe von Brieftauben, welche sie eigens für diesen Zweck beschaffen liessen. Es war gemäss der Art der Nachricht zu entscheiden, auf welchem Weg sie übermittelt wurde. Alltägliche, der archäologischen Arbeit dienende Mitteilungen wurden über Drittpersonen abgewickelt. Jegliche persönliche Information, sowie hervorstehende Forschungsergebnisse wurden mit Brieftauben übermittelt. Der Zugang zu den beiden Taubenschlägen war einzig auf Karel und von Bülow limitiert. Jene Brieftauben stammten von einer italienischen Taubenzüchtung ab, aus dem Norden der Provinz Brescia. In dem kleinen Bergdorf Sarezzo werden seit dem 13. Jahrhundert Brieftauben gezüchtet. Schon der Söldnerführer Francesco Sforza erwähnte in seinen Annalen die Verlässlichkeit der sarezzischen Tauben, die wesentlich zu seinem Sieg bei der Belagerung von Neapel beitrugen.