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In seiner besten Erzählung tritt sie nur in einer Nebenrolle auf. Abwesend, in Andeutungen, nur in den Dialogen der anderen: «Rosalyn». Sie ist die Frau in einer Geschichte unter Männern. Sie ist Marilyn Monroe.
«The Misfits» ist nicht nur eine Erzählung. Drei Jahre später kommt die Story als Film «Misfits – nicht gesellschaftsfähig» in die Kinos. Miller schreibt das Drehbuch, Marilyn Monroe spielt ihre letzte Filmrolle, nach der Story ihres Ehemannes Arthur Miller. Jetzt hat sie eine Hauptrolle. Das verhindert den Zerfall der Ehe aber nicht, was bereits am Set zu beobachten ist.
Aus dem Rahmen fallen
Millers beste Erzählung handelt von Aussenseitern, von Menschen, die nicht in den Rahmen passen, in den sie gestellt sind, nicht in die Umgebung und nicht in ihre Zeit. «Misfits»: Drei Männer wollen Wildpferde einfangen in den Bergen von Nevada, um sie an die Schlachthöfe zu verkaufen. Einer hat das Flugzeug, um die Tiere in die Ebene zu treiben, die beiden anderen fangen sie ein. Wenig Lohn gibt es, nur einen Nebenverdienst zum Rodeo-Reiten.
Traurig-karg ist die Szenerie in der Wüste, traurig-absurd ist ihre Jagd auf die Mustangs. Miller weiss das, aber er sagt es nicht. Alles ist da, in Szenen und Dialogen, kein Wort zu viel, wie es die Short Story braucht. Man spürt den Dramatiker und man liest Millers Lebensthema: den Traum, der nicht passen will, der einfach nicht zu den Bedingungen der Wirklichkeit passt.
Die Tücken des Ruhms
Acht Mal ist der «Tod eines Handlungsreisenden» verfilmt worden, zuletzt mit Dustin Hoffman in der Rolle des Willy Loman. Arthur Miller schreibt das Stück mit 33. Der Sensationserfolg am Broadway bringt ihm den Pulitzer-Preis ein und macht ihn zum Star der amerikanischen Literatur. Auch geht es um den amerikanischen Traum vom Erfolg, der keinen Halt mehr findet in den Winkelzügen der Wirklichkeit. Es ist das Leitmotiv, auch in Millers Erzählungen.
Sie handeln von den Tücken des Ruhms, von Lohn und Arbeit und Kapital und den Illusionen, die das Leben beherrschen. Da ist das Mädchen Janice, die ein Snob sein will, die ihr Gesicht hasst und viel später nur noch «über ihr Glück staunt, sich schön gelebt zu haben». Da ist der Junge, der kein Aussenseiter sein will und mit aller Energie um seine Eltern kämpft. Und Cleota, die Frau, deren Leben für Momente aus dem Gleichgewicht fällt, als ihr eine Zufallsbekannte bei einer Party die Zukunft vorhersagt.
Schäferstündchen am Strand
Nur fünf Jahre dauert Millers Ehe mit Marilyn Monroe. In der Erzählung «Bitte nichts töten» tritt sie noch einmal auf. Unsichtbar. Sie ist die, die nichts töten will. Am Strand sortiert ein Fischer den Fang aus dem Netz, den er nicht verwenden kann und der im Sand verenden wird. Sie geht dagegen an, mit all der naiven Härte und Unabweisbarkeit, die dem realen Vorbild dieser Szene so genau entspricht.
Arthur Miller selbst ist in seinen Erzählungen präsent. Viele haben deutlich autobiographische Bezüge. «Presence», die Titelgeschichte, zeigt den Künstler als alternden Mann. Ein Gast im Strandhaus an der Küste. Er ist ungewollt in der Nähe, als ein junges Paar in den Dünen Sex hat. Es kommt zu einem Dialog mit der Frau, nur ein paar Sätze, nur eine kurze Irritation. Dann ist es vorbei. Eine Luftspiegelung? Sicher ein kurzes Kabinettstück, Millers Kunst.
Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 09.11.205, 16:20 Uhr
Buchhinweis
Arthur Miller: «Presence». Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, 2015.