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16. März 2022 | Geschichte
Verfasserin: Yolanda Fischer, Burgdorf
Der handfeste Wert - das Offensichtliche
Die Goldmünzen mit der Profilansicht von Frauenbildnissen auf der Bildseite, wurden von der Eidgenössischen Münzstätte in Bern, der heutigen Eidgenössischen Münzstätte Swissmint, mit zwei minim unterschiedlichen Gesichtsausdrücken von Frauen geprägt. Von 1883-1896 die Goldmünze Helvetia, auch Libertas genannt. 1897 – 1949 folgte das Goldvreneli. Von 1949 bis 1992 wurden keine Münzenprägungen in Gold oder Silber mit Frauen gestaltet.
In den darauffolgenden 29 Jahren prägte die Swissmint insgesamt vier Gedenkmünzen mit Frauen.
1992 Die silberne Gedenkmünze mit dem Nominalwert 20 Fr. erinnert an die Flüchtlingsmutter Gertrud Kunz (1890 – 1972).
1998 Die goldene 100 Fr. Gedenkmünze mit der stehenden Helvetia wird zum Jubiläum 150-Jahre Eidgenossenschaft 1848 -1998 geprägt.
2001 ehrt die silberne 20 Fr. Gedenkmünze Johanna Spyri, die Autorin von «Heidi», mit einem Portraitbild. Die Seltenheit.
2021 erinnern 5000 offizielle goldene Sondermünzen mit dem Nominalwert 50 Fr. an das Jubiläum «50 Jahre Schweizer Frauenstimmrecht».
Die 1. Helvetia, die Libertas
Die 1. historische Goldmünze Helvetia, auch Libertas (Freiheit) genannt, war von 1883 bis 1896 gesetzliches Zahlungsmittel. 1884 und 1885 wurde die Helvetia nicht geprägt.
In den Jahren 1893 und 1895 wurden insgesamt 44 Exemplare der Helvetia mit Gold aus der Goldmine Gondo, dem sogenannten Gondogold, geprägt. Dieses Gold ist mit Silber veredelt. Darum hat diese Münze eine deutlich hellere Färbung als diejenigen mit Gold-Kupfer-Legierungen. Und ins Kreuz des Schweizerwappens ist ein Kreuz punziert.
Technische Daten der Helvetia/Libertas
Sie besteht aus 90% Gold und 10% Kupfer. Kupfer hat den Vorteil, dass die Münze eine robustere Oberfläche bekommt und dauerhafter schön bleibt. Das Feingewicht beträgt 5,807 Gramm. Das entspricht mit 0,187 Unzen Gold den Normen für Goldlegierungen, welche die Lateinische Münzunion 1865 festlegte.
1,750 Millionen Stück in der Einheit zu 20 Fr. wurden in Umlauf gebracht. Heute sind sie ein international gehandeltes Anlageprodukt. Wie bei Kurantmünzen üblich, orientiert sich der Handelspreis nah am aktuellen Goldkurs. (zurzeit 57 Fr./g)
Die 2. Helvetia - das Goldvreneli
Das «Goldvreneli» ist die bekannteste Schweizer Goldmünze. Sie ist 1897 die direkte Nachfolgerin der 20-Franken-Münze Helvetia (Libertas). Bis zum letzten Prägejahr 1949 wurden insgesamt 58,6 Millionen Exemplare hergestellt.
In den Jahren 1911 - 1922 wurde das Goldvreneli auch im Wert von 10 Fr. geprägt. 2,6 Millionen Stück gab es davon. Eines wog 3,2 Gramm.
1925 gelangten von der Eidgenössischen Münzstätte 5 Tausend Goldvreneli à 100 Fr. zur Ausgabe. Eines wog 32,258 g. Einige davon wurden eingeschmolzen.
Das eigentliche Goldvreneli bleibt das 20-Franken-Stück. Die 6,4 Gramm schwere Goldmünze ist noch heute sehr beliebt und wird bei besonderen Gelegenheiten verschenkt. Den Namen «Goldvreneli» schrieb man erst nach 1943.
Die Spurensuche im gesellschaftlichen Kontext
Die unverkennbare Währung gehört zur Souveränität eines Staates. Die Gestaltung der Wertzeichen ist Ausdruck der Gesellschaft und des historischen Umfelds, in der sie geschaffen werden. An das Mythos der Staatsbegründung wird im Umgang mit realem Geld durch die Symbole auf den Münzen und Geldscheinen täglich erinnert.
Mit dem bargeldlosen Geldtransfer entschwinden allerdings diese handfesten Symbole heute aus unserer Wahrnehmung. Es bleiben vielleicht die Grossbuchstaben CHF.
Populisten und Verschwörungstheoretiker nehmen Libertas zurzeit für sich ein.
Am Ur-Sprung von Helvetia und das Verborgene
Die Schweiz, die Helvetische Konföderation (CH) aus 22 Kantonen, begründet sich auf dem Mythos der drei Ur-Eidgenossen, die auf dem Rütli zusammenstanden und schon 1291 gesagt haben sollen: «Wir wollen frei sein, wie die Väter waren.» Freiheit, im Sinne von Unabhängigkeit, ist das Ziel der Nation, die 1848 inmitten der gebirgigen Landschaften im Zentrum Europas von Männern gegründet wurde.
Die Freiheit wurde auf der 1. Goldmünze der Schweiz in der allegorischen Frauenfigur «Helvetia» mit dem diamantbesetzten Diadem aus den Grossbuchstaben LIBERTAS verdeutlicht.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die Leitwörter der blutigen, französischen Revolution – dem Beginn eines gesellschaftlichen Umbruchs in der Nachbarschaft. Helvetia verkörpert die Leitidee des jungen Bundesstaates.
Der Ausdruck der jungen Frau im Profil auf der Bildseite der Münze wirkt jung, frisch, gesund, zuversichtlich, entschlossen, wachsam. Leicht erhöht blickt sie ab den Bergen, die vom Firmament, dem Sternenkranz, welcher den Münzenrand bildet, umfasst sind. Die Helvetia ist mit der LIBERTAS im lockigen Haar in einer paradiesischen Idylle. Und darum auf der 1. Schweizer Umlaufmünze und in der Schweizer Geschichte ein Teil der Medaille. Als Betrachterin lasse ich die warmgoldene Helvetia zur realen Frau wachsen. Berge von Frauenfragen beginnen sich Cumuli gleich aufzutürmen.
In welcher Situation ist Helvetia dargestellt? Wo ist sie? Wer ist um sie? Steht oder sitzt sie?
Geniesst sie einen Moment lang für sich und in sich ruhend die wilde Natur und die ehrwürdigen Bergriesen? Wem blickt sie nach? Erwartet sie Heimkehrer? Oder zahlende Gäste? Verabschiedet sie Auswanderer, die hoffnungsvoll in die Ferne ziehen? Was denkt sie? Summt sie das Lied «Die Gedanken sind frei?»
Was kommt später, nach diesem festgehaltenen Moment auf der Münze, auf sie zu?
Wie entwickelt sich «Helvetia» weiter? Denn im klugen Kopf wohnt ein wacher Geist. Und mit dem vom Leib abgetrennten Kopf kann Helvetia nicht gut leben. Das ist bei allen Menschen und Lebewesen so.
Schon bei der Nachfolgerin der Libertas, dem Goldvreneli, kam es im Mai 1895 zu grossen Diskussionen in der Jury, wie das Profilbild auf der neuen Münze aussehen darf. Im ursprünglichen Modellentwurf des Neuenburger Medailleurs Fritz Ulisse Landry war eine junge Frau mit einer kecken Stirnlocke und losem Haar zu sehen. Landry wollte durch die individuelle Gestaltung des Kopfes einer jungen Frau aus dem Haslital die Idee der Freiheit darstellen. Die Jury fand die Helvetia zu jung, zu individuell, zu schwärmerisch und verlangte vom Künstler, den Entwurf zu überarbeiten. Dabei erhielt er den Auftrag, die Gesichtszüge reifer und mütterlicher zu gestalten. Kritisiert wurde auch die Gebirgskulisse im Hintergrund, die man als zu mächtig empfand. Nach der Überarbeitung wurde das Modell angenommen und grosse Mengen von Goldvreneli bis 1949 geprägt.
Was? Die gezähmte, gereifte oder etwa gealterte Helvetia heisst nach 1943 Vreneli? Nicht etwa Verena wie man eine reife Frau heute nennen würde? Für mich irritierend. Ein Kosename für ein Goldstück?
Das Goldvreneli war von 1897 bis über die Wirren des 2. Weltkriegs hinaus das Bild für die Freiheit der Schweizer Bürger auf Goldmünzen. Es diente der Politik als Symbol für die sorgende Landesmutter.
Wahrlich, die Frauen hatten während der Arbeit in den Fabriken und daheim für die Familien während der Kriegszeit alle Hände und Köpfe voll zu tun. Das für seine Rechte kämpfende «Vreneli» musste warten und stramm zurückstehen. Zeitweise muckste es auf.
Den meisten Schweizer Arbeitern in den lärmigen Fabrikhallen, den arbeitslosen Auswanderern und den Wehrmännern an der Grenze erging es männlich betrachtet ebenso. Freiheit ist ein rares Gut. Oft wird es von den Machthabenden für sich beansprucht. Und nicht gleichberechtigt allen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern zugestanden.
Die folgenden Schweizer Münzenbilder, allerdings Umlaufmünzen in Silber, zeigen eine stehende Helvetia. Sie wirkt eher steif. Eine stolze Frau, die nach links in die Vergangenheit blickt. Sie hält in der rechten Hand einen spitzen Speer und in der Linken einen Schild zu ihrer Verteidigung. Ist sie eher einsam und ratlos, desillusioniert? Genauso wie der Mann im Hirtenhemd, der Bergler auf dem silbernen Fünfliber, der nach rechts in die Zukunft blickt?
Man müsste die Helvetia rechts neben den Mann umplatzieren, denke ich. So könnten sie sich mindestens sehen und im besten Fall miteinander in den Dialog kommen. Danach miteinander entscheiden, die Sache anpacken und einander mit ihren Fähigkeiten dabei unterstützen. Gäbe das Freiheit für beide?
Endlich 1998 und 2022 – Helvetia in Gold und Bewegung
Auf der goldenen 100 Fr. Gedenkmünze zum «150-Jahr-Jubiläum des Schweizer Bundesstaats» 1998 sitzt die vollbusige Helvetia. Hoch über den Bergen im Hintergrund. Ihr Haar ist kurzgeschnitten und wird von einem Naturkranz an den Kopf gezähmt. Sie blickt ernst geradeaus und zeigt mit der Rechten nach links, wieder in die Vergangenheit. Der Speer ist links von ihr abgelegt. Sichtbar ist nur der Schaft der Waffe. Der Schild steht vorne angelehnt. Er wird mit Links scheinbar mühelos am Boden gehalten. In der Geste der leeren rechten Hand ist ein wenig Bewegung zu sehen. Ehr’ erbittend? Küss die Hand, Madame?
Wenn ich die offizielle goldene Sondermünze 2021 zum Jubiläum «50 Jahre Schweizer Frauenstimmrecht» betrachte, stimmt mich die Haltung der Helvetia zuversichtlicher. Karin Widmer gestaltete eine zugewandte und bewegte Helvetia. Die Frau ist präsent, hat einen offenen Blick. Nichts Affektiertes in dem Moment. Nicht so, wie sich Staatsmänner oft bei ihrer Stimmabgabe zeigen. Helvetia hat entschieden ihr Recht wahrgenommen. Die Hand auf der Herzseite entlässt bald ihren Stimmzettel in die Urne. Mit der Rechten umfasst sie locker eine Art Frauen-Wanderstab. Sie ist unterwegs.
Je nach Situation würde sie den Stab mit dem Symbol der Frau, der Venus, in Kürze auch kreativ passend umnutzen können. Wie wär’s damit? Den Ring in ein Gefäss mit Seifenwasser tauchen und mit Hilfe des Winds zur Feier des Tages farbig schillernde Seifenblasen in den blauen Himmel schicken. Derweil sich eine Pause gönnen. Ja, Helvetia, es gibt danach noch viel für uns alle zu tun. Weiter geht’s!
Egalité – Frau und Mann sind gleichberechtigt
Schweizer Gedenkmünzen und Sondermünzen gibt die Swissmint seit 1936 in Platin, Gold, Silber und Bimetall heraus. Sie sind laut Swissmint (2022) «bedeutenden, historischen und kulturellen Anlässen oder zu Ehren grosser Persönlichkeiten» gewidmet. …Geehrt wird das typisch schweizerische Kulturgut.»
Ich konstatiere.
Nur «Helvetia», die Landesmutter, sitzt 1998 auf der goldenen 100 Franken Gedenkmünze zum «150-Jahr- Jubiläum der Eidgenossenschaft» auf dem Sessel, locker mit der Hand in die Vergangenheit weisend. Von der Goldmünze zum Jubiläum «50-Jahre Frauenstimmrecht» 2021 schrieb ich im 1. Abschnitt.
Leibhaftige Frauen sind untervertreten. Sie werden nicht bildlich auf Goldmünzen erwähnt. Sind sie etwa unbedeutend? Nicht erwähnenswert? Auch wenn bedeutende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler und Sportlerinnen und Sportler in diesem Zeitraum bekannt sind.
Unter den Münzengestalterinnen und Münzengestaltern sind vorwiegend Männernamen zu lesen. Erklärt das die Historie?Nach dieser mageren Entdeckung mache ich mich auf die Suche nach Frauen, welche für die politische, soziale, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz für mich bedeutungsvoll sind. Ich möchte ein paar Frauennamen ins Bewusstsein zurückbringen. Ich hätte zur Auswahl noch einige Künstlerinnen nennen können. Viele der Frauen hätten eine Sammlermünze im Sinne der Swissmint verdient. Nicht alle dieser Frauen gelten als erfolgreich. Zwischen Erfolg und Misserfolg ist ein weiter Bogen gespannt, der nicht mit einem Menschenleben endet, sondern Generationen überspannt. Einige Geschichten und Darstellungen haben mich zum Nachdenken und Fragen angeregt.
Marie Heim-Vögtlin 1845 in Bözen AG geboren, lebte bis 1916. Sie starb nach langer Krankheit in Zürich. Sie war eine wissbegierige, lernwillige junge Frau und 1868, bereits im Alter von 23 Jahren, die erste promovierte Medizinerin an der Universität Zürich. Zur Spezialistin für Frauenheilkunde entwickelte sie sich in Leipzig. In der Schweiz war sie mit ihrer Kompetenz noch nicht einsetzbar - undenkbar in der Männerdomäne Medizin. 1874 kehrte sie nach Zürich zurück, legte das Staatsexamen ab und wirkte unermüdlich als Gynäkologin am Spital in Zürich. Sie war Mitinitiantin des Frauenspitals Zürich und der Pflegerinnenschule, welche später in das Universitätsspital Zürich integriert wurden. Mit ihrem Engagement für die Frauengesundheit und Fragen rund um die Mutterschaft stand sie vielen Frauen als Wissenschaftlerin und Mensch mit Rat und Tat bei. Sie kämpfte für das Frauenstimmrecht und für das Recht der Frauen auf Bildung und freie Berufsausübung.
Emilie Kempin – Spyri 1853-1901, entstammte der aristokratischen Zürcher Familie Spyri. Emilie Kempin war die erste promovierte Schweizer Juristin. Sie heiratete einen erfolglosen Mann und gebar drei Kinder. Sie kämpfte sich aufgrund ihrer familiären Situation durch die Gesetzesparagrafen der Bundesverfassung. Bis vors Bundesgericht ging sie für die Bürgerrechte der Schweizer Frauen. Diese galten nur für Männer, stellte sie fest. In der Schweiz durfte sie dannzumal ihren Beruf nicht ausüben. Denn eine Frau allein durfte keine Anwaltskanzlei eröffnen. Deshalb lebte und arbeitete Frau Kempin-Spyri eine Zeit lang in den USA. Dort besetzte sie einen Lehrstuhl für Rechtswissenschaften und führte daneben eine Rechtsberatung für Frauen. Sie lebte im Spannungsfeld Frau – Beruf – Mutter und zerbrach innerlich an ihrem hindernisvollen Lebenskampf.
Emilie Kempin-Spyri war die Nichte der erfolgreichen Autorin Johanna Spyri-Heusser, der Erfinderin der weltweit bekannten Romanfigur «Heidi», die von 1927-1901 in Zürich lebte. 2001 wurde Johanna Spyri eine 20 Fr. Gedenkmünze in Silber gewidmet. Einzigartig ihr individuelles Portrait. Und sie blickt nach rechts in die Zukunft.
Die Aura um die Figur «Heidi» wird volkswirtschaftlich betrachtet versilbert. Sie dient der Vermarktung der Marke Schweiz. «Heidi» wirkt erfolgreich auf die Tourismusbranche und beim Verkauf von Lebensmitteln.
Hat «Heidi» in Film und Reklame nicht Ähnlichkeiten mit der Libertas und dem jungen Vreneli auf den geliebten Goldmünzen? «Heidi» will aus der Grossstadt Frankfurt zurück in die Freiheit, die sie in den Alpen bei «Alpöhi», ihrem Grossvater, findet. In der derzeitigen Fernsehwerbung von Pro Montagna (Coop) ist jedoch kein Mädchen, sondern ein Junge dargestellt, der zurück in die Berge will. Verabschiedete sich das aus dem Bild rennende «Heidi» mit ihrer Geiss auf der goldenen 50 Fr. Sondermünze 2001 und machte dem «Schellenursli», der auf der 50 Fr. Sondermünze 2011 nach rechts schreitet, den Platz für die Zukunft frei?
Ich könnte mir Schellenursli und Heidi auch auf derselben Münze vorstellen. Doch dann müssten sie miteinander in der gleichen Richtung unterwegs sein. Ebenso irritierend ist die Bildseite der Gedenkmünze zum 50-Jahr-Jubiläum von Pro Juventute. Der Junge mit dem modischen Cap rechts nimmt auf dem Bild viel mehr Platz ein als das seilspringende Mädchen am linken Rand der Münze. Oder heisst das in der Bildsprache: das leichte Spiel mit dem Schwung ist 2012 für Mädchen vorbei?
Marthe Gosteli 1917-2016 war zeitlebens die unermüdliche Kämpferin für das Stimm- und Wahlrecht der Frauen. Insbesondere 1971 stand sie mit voller Kraft mit im Abstimmungskampf. Ihr Haus in Worblaufen BE stellte sie dem Frauenarchiv Bern zur Verfügung und unterstützte die Bewegung der Frauen mit ihrer Arbeit und finanziell. Marthe Gosteli wirkte als Zentrum für die Frauen der Schweiz und als Bewahrerin der Geschichte der Frauenbewegung. Dass nach ihrem Tod das Geld für den Erhalt des Frauenarchivs nur schwer aufzutreiben ist, ist wohl auch Teil der Geschichte der Frauen. Bewahren, verlieren oder vergessen? Was taugt für die Zukunft?
Iris von Rothen lebte von 1917-1990. Die Juristin, kämpfte kompromisslos und wortgewaltig für die Gleichstellung der Geschlechter und die umfassende, individuelle Freiheit der Frau. Sie ist bekannt als Autorin des Buches «Frauen im Laufgitter», das 1959 erschien. Damit regte und regt sie noch heute viele Frauen an, über ihre Situation nachzudenken. Iris von Rothen war innerhalb der Frauenbewegung nicht unbestritten. Erst gab man ihr die Schuld, dass durch ihre schonungslose Provokation der Männer die 1. Volksabstimmung zum Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene verloren wurde. Wissenschaftliche Nachforschungen entkräftigen heute diesen Einfluss.
Und «Queere» Frauen werden auch heute als zu extrem im Ausdruck an den Rand gestellt. Stören sie die Ordnung zu heftig?
Carla del Ponte,1947 im Tessin geboren, studierte internationales Recht. Die unerschrockene Juristin und Diplomatin war von 2007 - 2014 Chefanklägerin beim Europäischen Menschenrechtstribunal in Den Haag. Sie konfrontierte mehrere Kriegsverbrecher mit ihren Gräueltaten gegen die Menschlichkeit. Sie zog mehrere von ihnen zur Rechenschaft und brachte sie ins Gefängnis. Nach dem 24. Februar 2022, dem Ausbruch des grauenhaften, russischen Kriegs gegen die Ukraine betrachtet, braucht die Weltgemeinschaft weiterhin mutige Frauen und Männer, die Kriegstreiber und staatliche Mörder der Strafe überführen.
Martina Hingis, 1980 in der heutigen Slowakei geboren, lebt seit 1988 in der Schweiz. Sie gilt zurzeit als die erfolgreichste Schweizer Tennisspielerin. Sie ist eine sportliche Kämpferin, sagt, was sie denkt und tut, was sie sagt. Sie misst sich und andere an den Leistungen auf dem Platz. Das führte in der Welt der Shows manchmal zu Missverständnissen und unschönen Konsequenzen bei Schweizer Sportlerehrungen. Nach Niederlagen und persönlichen Enttäuschungen sucht Martina Hingis neue Wege und erwartet, wie sie in einem Interview sagt, das Gute im Menschen.
Roger Federer (geb. 1981) zu Ehren wurden 2020 eine silberne und eine goldene Gedenkmünze geprägt. Martina Hingis, die erste Schweizer Grand-Slam-Siegerin ging leer aus. Ist der Erfolg vielleicht dem Gremium der Swissmint entgangen? Oder ist die Frau im Gegensatz zum Mann noch zu jung für eine Ehrung?
Kathrin Altwegg, 1951 in Balsthal geboren, ist Astrophysikerin, Projektleiterin des Massenspektrometers Rosina und ehemalige Direktorin des Center for Space and Habitabiltiy der Uni Bern. Das von ihr und ihrem Team mitentwickelte Massenspektrometer «Rosina» flog in der ESA Raumsonde «Rosetta» zum Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko, und sendete erfolgreich Daten über den Kometen und seine Umgebung zurück auf die Erde.
Kathrin Altwegg ist ein Beispiel dafür, dass Frauen in den männerdominierten Wissenschaften erfolgreich sind. Auch wenn Frau Altwegg in einem Interview von Swiss Women Net-Work (SWO-NET) 2020 bescheiden und abgeklärt sagt: «Ich hatte nie das Ziel Karriere zu machen, Professorin zu werden. Mein Ziel war es etwas Sinnvolles zu tun, das mir und hoffentlich auch anderen Freude macht und uns weiterbringt. Die Karriereschritte waren dann eher Zufall. Ich habe Gelegenheiten ergriffen, war offen für Neues und habe mich dem Fluss des Lebens angepasst.»
Kathrin Altwegg hätte auf der kleinsten Schweizer Goldmünze, welche 2021 zu Gedenken an den 1955 verstorbenen Physiker Albert Einstein geprägt wurde, ein gutes Bild abgegeben. Denn ihm zu Ehren wurde 1979 bereits eine Kupfernickelmünze herausgegeben. Die vitale Forscherin hätte sich auf Gold gut gemacht, als Botschafterin zur Motivation von Frauen für MINT-Berufe.
Gertrud Kurz (1890-1972) - die «Flüchtlingsmutter» Sie erreichte durch Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten, dass die abgeriegelte, befestigte Schweiz ein paar Wochen während des 2. Weltkriegs die Grenzen öffnete. Mit ihrem mutigen Einsatz rettete Gertrud Kurz Flüchtlinge vor politischer Verfolgung und dem sicheren Tod im Konzentrationslager. Die silberne Gedenkmünze erschien 1992.
Die Gestaltung der Bildseite auf der Münze zeigt ein rechtwinklig straffes Kreuz aus Stacheldraht. Eine Irritation. Was wird geehrt? frage ich nach. Das bringt mich auf den folgenden Nebendenkpfad. Paul Grüninger rettete 1938 und 1939 auch durch das Öffnen des Schlagbaums Menschen vor dem sicheren Tod im KZ. Als Polizeihauptmann wurde er behördlich abgesetzt. Erst 1993, 20 Jahre nach seinem Tod, wurde der politisch Geächtete von den St. Galler Behörden rehabilitiert.
1996 wurde die Bergier Kommission eingesetzt. Diese hatte endlich den Auftrag, den Umgang der Schweiz mit namenlosen Vermögen aus der Zeit des 2. Weltkriegs zu untersuchen. War die Ehrung von Gertud Kurz wahrhaft auf Mitgefühl basierend und absichtslos oder dachte man, die Schweiz würde dadurch besser in der Weltöffentlichkeit dastehen, wenn man die Aufnahmebereitschaft der Flüchtlingsmutter mit einer Silbermünze ehrt und Paul Grüninger rehabilitiert?
Oder war es historisch betrachtet ganz anders?
Viele Goldvreneli wurden in den Jahrgängen 1947 und 1949 geprägt. Kann man sicher sagen, woher das Gold dafür stammt?