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Lesen und Musik hören: Hans Schuler kann das blind und fast ohne Gehör. Der hörsehbehinderte Ziefner verschlingt Bücher in Blindenschrift und hat seine Lieblingsmelodien genau im Kopf.
Michèle Degen
Hans Schuler sitzt am Esstisch in seinem Wohnzimmer in Ziefen und lässt seine Finger über ein blaues, längliches Kästchen gleiten. «Ja, da haben Sie recht», sagt er. Auf dem Kästchen hat er gerade eine Frage ertastet. Denn dieses – eine sogenannte Braillezeile – ist an einen Laptop angeschlossen. Hans Schulers Gegenüber tippt darauf etwas ein, kleine Stifte schnellen aus der Braillezeile hervor, die den Text in Blindenschrift übersetzen, und er kann es ablesen.
Hans Schuler ist blind und beinahe taub. Nur wenn man sehr nahe an seinem linken Ohr spricht, kann man sich mit dem 77-Jährigen dank seines High-Tech-Hörgeräts noch verständigen. Die Blindheit ist angeboren und für ihn Normalität. Sein Gehör verschlechterte sich erst mit der Zeit. Warum, weiss er nicht. Als etwa 7-Jähriger habe er sich nur schlecht von einer Grippe erholt. Schon da musste das Gehör beeinträchtigt worden sein. Jedoch nicht so, dass es aufgefallen wäre. Er sei nur manchmal für unaufmerksam gehalten worden, erzählt Hans.
Ab etwa seinem 19. Lebensjahr verschlechterte sich sein Gehör weiter. Auf dem rechten Ohr hört Hans Schuler heute gar nichts mehr. Das beeinträchtigt seinen Gleichgewichtssinn zusätzlich. Eine längere Strecke zu gehen, ohne geführt zu werden oder sich irgendwo festhalten zu können, ist nicht mehr möglich.
Anders als seine beiden Schwestern konnte Hans nicht in Ziefen zur Schule gehen. Obwohl die Primarlehrerin aus Ziefen die Blindenschrift extra erlernen wollte, damit er die Schule im Dorf hätte besuchen können, musste der damals 7-Jährige in ein Internat. 9 Jahre – von 1949 bis 1958 – verbrachte er in der Blindenanstalt in Spiez. Nachhause konnte der Jugendliche nur in den Ferien.
Schon bald lernte er im Internat, Blindenschrift zu lesen und zu schreiben. Das habe ihm wenig Mühe bereitet. Nur manchmal habe er einige Buchstaben verwechselt. Später kam die Kurzschrift dazu, bei der nicht jeder Buchstabe eines Wortes einzeln übersetzt wird. Er habe damals schon gerne und viel gelesen. Für den Lehrer beinahe zu viel. «Er sagte, ich müsse auch noch andere Sachen machen. Mich bewegen», erzählt Hans Schuler und schmunzelt. Heute bereitet ihm die Lektüre der Kurzschriftausgabe der Zeitschrift «Stern/Zeit» viel Vergnügen.
Nach der Schule absolvierte Hans eine Anlehre als Industriearbeiter im Blindenheim in St. Gallen und konnte danach in einer Fabrik in Ziefen arbeiten, wo er zum Beispiel Klemmleisten zusammenstellte oder Kabel zuschnitt. Es sei ein Glück gewesen, dass er so nahe an seinem Zuhause
eine Stelle gefunden habe, sagt er. 23 Jahre lang arbeitete er dort, bis die Fabrik schliesslich zumachte. Danach arbeitete er in der Eingliederungsstätte in Liestal, die geschützte Arbeits- und Wohnplätze für Personen mit einer Behinderungen stellt.
Gegen die Isolation
Hans Schulers Ohren funktionierten zu Beginn seines Lebens einwandfrei – sogar mehr als das. Er habe das absolute Gehör gehabt, erzählt er, das heisst, er konnte die Höhe eines Tons ohne einen weiteren als Bezugspunkt bestimmen. In seiner Vorstellung habe er das absolute Gehör noch immer.
Musik spielt bis heute eine wichtige Rolle in Hans Schulers Leben. Er lernte Klavier spielen, jedoch sei er darin nie sehr gut gewesen. «Meine Finger hüpften nicht so gut über die Tasten», sagt er. Auf einer Kommode steht ein Plattenspieler. Will er Musik hören, setzt er sich auf einen Stuhl nahe vor die Anlage und hält sein Ohr an den Lautsprecher. Er ist im Besitz einer Plattensammlung. Was er sich aus dieser jeweils aussucht, weiss er jedoch nicht. Wenn die erste Melodie erklingt, versucht er, das Stück zu erkennen. Musik helfe ihm auch, wenn es ihm nicht gut gehe. Dafür muss aber keine Musik abgespielt werden: «Ich kann mir Musik vorstellen und mich dazu um mich selber drehen.»
Obwohl Hans Schuler sechs Stunden pro Tag in Gesellschaft einer Betreuungsperson verbringt und einige Freunde, Sozialarbeiter und freiwillige Mitarbeiter des SZBLIND ihn regelmässig besuchen, ist die Isolation – wie für den Grossteil der hörsehbehinderten Personen – ein Problem, das ihn sein Leben lang begleitet. Es sei eben nicht nur das Anderssein, das abschottet, sondern die Behinderung an sich, die isoliere und eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben praktisch verunmögliche, sagt Schulers Schwester. Sie erinnert sich an einen Moment, in dem ihr das bewusst wurde: «Jemand aus der Eingliederungsstätte bat mich, Hans einen Gruss auszurichten. Als ich das tat, wusste er nicht, wer die Person war. Sie hat ihn also sehr wohl wahrgenommen, realisierte jedoch nicht, dass er das umgekehrt nicht konnte.»
In der vertrauten Umgebung
Um anderen Leuten zu begegnen, sie überhaupt wahrzunehmen, ist Hans Schuler immer auf Hilfe angewiesen. So nimmt er gelegentlich an Ausflügen des SZBLIND, dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen teil. Dieser organisiert jedes Jahr über 140 begleitete Bildungsund Freizeitangebote für Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. Damit will die Organisation gegen die Vereinsamung vorgehen. Hans Schuler besuchte im Rahmen dieses Programms kürzlich einen Kamelhof im Zürcher Oberland.
Bis kurz vor ihrem Tod vor bald zwanzig Jahren kümmerte sich seine Mutter hingebungsvoll um ihren hörsehbehinderten Sohn. «Sie hat nie auch nur ein Wort der Klage über die Situation verloren», sagt Hans‘ Schwester. Sie und die zweite Schwester organisierten dann die private, individuelle Betreuung ihres Bruders. So kann Hans Schuler bis heute in der vertrauten Umgebung seines Elternhauses leben.
Der SZBLind
md. Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZBLIND) ist der Dachverband der schweizerischen Blinden- und Taubblindenorganisationen. Er setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Blindheit, Sehbehinderung und Taubblindheit möglichst uneingeschränkt leben können. Er berät und begleitet blinde, sehbehinderte und taubblinde Menschen, so dass sie ihren Alltag möglichst selbstständig bewältigen können. Die Organisation geht davon aus, dass es in der Schweiz mindestens 50 000 von Taubblindheit Betroffene gibt.
Dieser Text wurde am 26. Juni 2019 in der «Volksstimme» veröffentlicht.