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Einer der Dauerbrenner in der Berichterstattung zur Corona-Pandemie bleibt die Frage, woher das Virus stammt und wie es auf den Menschen hatte übertragen werden können. In der textvitrine.ch wurde schon mehrfach auf dieses Thema eingegangen (u.a. Doktor Victor Frankenstein, Sherlock Holmes und die Laborthese, Zur Herkunft des Virus, Das WHO-China-Joint Team, Über Zoonosen I und II, Über Wirte und Märkte). Seit dem letzten Vitrine-Beitrag über die Argumentationslogik der Labortheoretiker im Frühjahr 2021 sind wieder ein paar bemerkenswerte Entwicklungen zu dieser These zu verzeichnen. Im Folgenden wird versucht, eine Übersicht zu geben, beziehungsweise diese zu behalten. Es ist unvermeidbar, dass gewisse Dinge und Sachverhalte aus früheren Vitrine-Berichten wiederholt werden müssen.
Ausgangslage:
Ein WHO-China-Joint Team, bestehend aus insgesamt 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, hat im Januar/Februar 2021 versucht, vier Thesen zum Ursprung des Virus abzuklären.
Erstens ein Ausbruch der Viren aus einem Labor durch einen Unfall, wobei zwei Möglichkeiten denkbar sind: das neue Virus wurde in Zusammenhang eines Forschungsprojekts im Labor selbst hergestellt und ist dann ausgebrochen, oder das Virus wurde früher schon isoliert oder war in Labortieren und ist versehentlich nach außen gelangt.
Zweitens könnte der Import von infizierten, gefrorenen Lebensmitteln, die auf dem Huanan Seafood Market in Wuhan verkauft wurden, schuld sein. Im Umkreis des Lebendtiermarktes wurden zu Beginn besonders viele Infektionen festgestellt.
Drittens könnte eine direkte Übertragung von einem Ursprungswirt auf den Menschen stattgefunden haben. Solche Übertragungen sind schon vorgekommen (z.B. wurden Ebolaviren von Angola-Bulldog-Fledermäusen direkt auf Menschen übertragen).
Viertens schließlich kann das Virus durch eine Zoonose via Zwischenwirt zum Menschen gelangt sein. Dabei wird das Virus vom Ursprungswirt (vermutlich von einer Fledermaus) auf ein Zucht- oder Wildtier übertragen. Dieses kommt in irgendeiner Art und Weise mit Menschen in Kontakt, dabei wird das Virus weitergegeben.
Zu keiner dieser Thesen gibt es bis jetzt, Mitte August 2021, schlüssige oder hinreichende Beweise. Die Erklärungen der direkten Zoonose und der infizierten Tiefkühlprodukte genießen wenig Unterstützung. Weder aus der Wissenschaft noch aus der Politik, auch wenn China ursprünglich die These der gefrorenen Lebensmittel advoziert hatte. Die Beweislage ist jedoch offensichtlich (noch?) ungenügend. Und die politische Absicht dahinter, die Schuld dem Ausland zu übertragen, augenscheinlich. Allerdings gibt es zur direkten Übertragung eine Variante im Zusammenhang mit der Laborthese. Genaueres weiter unten.
Zwei Erklärungen bleiben im Vordergrund: Zoonose über einen Zwischenwirt und die Laborthese
Zur Zoonose: SARS-CoV-2 ist das neunte bekannte Virus aus der Coronafamilie, das Menschen infiziert hat, und das siebte innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Die bisherigen acht Coronaviren sind über zoonotische Wege auf den Menschen übertragen worden. Beim SARS-CoV-2 handelt sich um ein sogenanntes Betacoronavirus. Bei Zoonosen des ersten Sars-Virus in den Jahren 2002 und 2003 konnten Schleichkatzen und Marderhunde, die auf Lebendtiermärkten in Foshan und Guangzhou in der chinesischen Provinz Guangdong gehandelt wurden, als Zwischenwirte identifiziert werden. Diese beiden Tierarten standen auch Ende 2019 auf dem Huanan Seafood Market auf der Verkaufsliste.
Als Ursprungswirt des Sars-Virus gelten Hufeisennasen (Hufeisennase), die in der Provinz Yunnan in Südchina leben und deren Gewebeproben im Wuhan Institute of Virology untersucht wurden. Zwischen den Höhlen von Yunnan und den Märkten in Guangdong (Foshan, Guangzhou) liegen große Distanzen. Wie genau der Weg von den Fledermäusen zu den Schleichkatzen nachzuzeichnen ist, ist noch nicht restlos geklärt .
Die meisten Virologen, Zoologinnen, Molekularbiologen und weitere Vertreterinnen, die sich mit Virologie befassen, unterstützen die Zoonosethese auch für die SARS-CoV-2-Ausbreitung. Sie gehen davon aus, dass der Übertragungsweg ähnlich wie beim Sars-Virus ist. Bis jetzt konnte jedoch noch kein Zwischenwirt gefunden werden, was Anhänger der Laborthese dazu ermuntert, Indizien für ihre These ins Feld zu führen.
Zur Laborthese: Solange eine Zoonose nicht bewiesen werden kann, muss auch über andere Erklärungsversuche nachgeforscht werden. Diese Devise hat in den Monaten nach der enttäuschend verlaufenen WHO-Untersuchung wieder Auftrieb erhalten. Nicht zuletzt durch die Aussage des WHO-Direktors Tedros Ghebreyesus, der in einer Medienkonferenz am 13. April 2021 geäußert hatte, keine der vier Thesen solle fallengelassen werden.
Es gibt einige Argumente für eine Laborthese, die ins Spiel gebracht werden:
Erstens fällt die geographische Nähe des Ausbruchs und der vier Labore in Wuhan auf. Eines davon, jenes des Center for Disease Control and Prevention (CDC), liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Huanan Seafood Market, dem ersten Epizentrum des Ausbruchs (vgl. Chronik einer angekündigten Katastrophe).
Zweitens kursieren Gerüchte, dass es im WIV im Dezember zu mindestens drei Krankheitsfällen mit Komplikationen in den Lungen gekommen sei. Die erkrankten Personen hätten hospitalisiert werden müssen.
Drittens wird in mindestens zwei der Wuhaner Labore (jenem des Wuhan Institute of Virology (WIV) und jenem des chinesischen CDC-Ablegers) intensiv an Fledermäusen geforscht. Diese Forschung umfasst auch In-vitro-Untersuchungen.
Viertens – und hier geht es nicht nur darum, dass das Virus aus einem Labor ausgebrochen ist, sondern dass es gar dort erst entstanden ist – scheint es auch virologische Erwägungen zu geben. Ein paar Wissenschaftlerinnen wundern sich darüber, weshalb die sogenannte Furin-Spaltstelle, die jenen Teil des Virus betrifft, der das Andocken des Erregers an menschliche Zellen ermöglicht, bei anderen Coronaviren nicht in ähnlicher oder gleicher Weise vorkomme. Auch habe es zu Beginn kaum Hinweise gegeben, dass sich diese Furin-Spaltstelle aus einem verwandten Virus hätte entwickeln können. Das ließ bei einigen Forschern die Frage auftauchen, ob diese Stelle im Virus nicht vielleicht im Labor von einem anderen Virus herausgelöst und in ein SARS-CoV hätte eingepflanzt werden können.
Eine besonders umstrittene Art der künstlichen Herstellung von Viren wird gain-of-function-Forschung genannt. Dabei werden Virenhybride zusammengebaut, die den Erreger gefährlicher machen. Die Eigenschaften von verschiedenen Genzusammensetzungen können an Versuchstieren getestet werden. Damit gewinnt man Erkenntnisse zu bestimmten Wirkungs- und Funktionsweisen dieser neuen Sequenzen. Es kann beispielsweise bestimmt werden, welche Gefahren auf Säugetiere zukommen können, wenn sich Erreger in eine gewisse Richtung entwickeln. Diese Forschung ist nicht ungefährlich und sollte nur in Laboren mit dem höchsten Sicherheitslabel (Bio-Safety-Level 4), wie etwa einem der Labore im WIV, durchgeführt werden. Im Wuhaner CDC gibt’s kein solches Labor.
Fünftens gibt es politische Ungereimtheiten und fragwürdige Entscheidungen der chinesischen Gesundheitsämter und Regierung, die das Vertrauen in die chinesischen Behörden, den Ausbruch vorbehaltlos und mit der gebotenen Offenheit untersuchen zu wollen beziehungsweise zu lassen, erschüttert haben. Von chinesischer Seite ist kein Wille zur Aufklärung erkennbar. Schon die WHO-Gruppe hatte bekanntlich keinen Zugang zu allen gewünschten Daten, beispielsweise zu Patientendokumenten oder zu Forschungsprotokollen aus dem WIV. Beim WIV etwa, so die Labortheoretikerinnen, müsse man sich auf die Aussagen der Laborleiterin Shi Zhengli verlassen. Aufgrund chinesischer Zensur- und Unterdrückungspraktiken (vgl. Chronik und Wuhan-Files) könne es durchaus sein, dass entsprechende Informationen geschönt worden seien. Im WIV gibt es auch ein großes Archiv gesammelter Virenstämme. Von nicht allen dieser Virenstämmen wurden die Gensequenzen veröffentlicht. Nach dem Ausbruch der Pandemie wurden auf der Internetseite Archiv-Informationen vom Netz genommen – offiziell aus sicherheitstechnischen Gründen. Das stimmt viele skeptisch.
Zudem gibt es immer wieder Gerüchte, dass in Forschungsabteilungen des WIV, die nicht Shi Zhengli unterstehen, und auch im CDC-Labor an der Entwicklung von biologischen Waffen gearbeitet würde. Logischerweise gibt es über diese lediglich vermuteten und geheimen Aktivitäten keine Informationen.
Und schließlich wird moniert, dass die Forschung an Viren nicht immer im Labor mit dem höchsten Sicherheitsstandard stattfänden. Solche Argumente werden vor allem von Kritikern der chinesischen Politik vorgetragen. In der US-amerikanischen Administration haben schon sehr bald einzelne »Falken« in den Sicherheitsbehörden dieses Verhalten ins Visier genommen (unter Trump war das etwa Chinaspezialist Matt Pottinger).
Was gibts Neues?
Seit April 2021 sind ein paar neuere Aspekte zu den oben erwähnten fünf hinzugekommen. Beginnen wir mit dem letzten Argument.
- Politische Erwägungen
Am 26. Mai gab der US-amerikanische Gesundheitsminister Xavier Beccera bekannt, dass die Untersuchungen zur Herkunft des SARS-CoV-2 weitergeführt werden sollen. Der Zugang zu den Unterlagen müsse komplett geöffnet werden. In den US-amerikanischen Geheimdiensten gab es offenbar drei unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob ein Laborausbruch am Beginn der Pandemie stehen könnte. US-Präsident Joe Biden beauftragte den Geheimdienst am 28. Mai, bis Ende August 2021 einen entsprechenden Bericht vorzulegen. Es sollen nun auch geheimdienstliche Methoden angewendet werden, um der Frage auf den Grund zu gehen. Unterdessen wurde offenbar eine große Menge Patientendaten gehackt . Überdies haben sich Wissenschaftler dahingehend geäußert, den politischen Druck zu erhöhen, damit alle relevanten Unterlagen von chinesischer Seite vorgelegt werden.
In der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Science ist am 14. Mai 2021 ein Brief publiziert worden, in dem ausgewiesene Expertinnen und Experten dazu auffordern, die beiden Thesen der Zoonose und des Laborunfalls noch einmal international breit abgestützt zu untersuchen. Der Brief wurde u.a. von den in der textvitrine.ch bereits zitierten beziehungsweise erwähnten Forschern Richard Neher, Marc Lipsitch, Akiko Iwasaki und Ralph S. Baric (siehe unten) unterschrieben. Erinnert sei zudem an den offenen Brief vom 4. März 2021 im Wall Street Journal, in dem Wissenschaftlerinnen aus unterschiedlichen Richtungen eine »Full and Unrestricted International Forensic Investigation into the Origins of COVID-19« fordern. Unterzeichnet haben dieses Papier u.a. die in der textvitrine.ch zitierten Forscherinnen Filippa Lentzos und die umstrittene Rosanna Segreto. Zudem finden sich auf der Liste auch Personen, die sich im Umkreis der hier schon kritisch behandelten DRASTIC-Gruppe bewegen. Die Letztere versucht, die Verwicklungen zwischen US-amerikanischen und chinesischen Forschungsprojekten, namentlich gain-of-function-Projekten, aufzudecken. Allerdings fehlen auf der Liste der Unterzeichnerinnen des WSJ-Briefs jene Virologen, die im Zusammenhang mit dem SARS-CoV-2 am meisten Sachkenntnis mitbringen, wie etwa Kristian Andersen. Andersen hat bis jetzt die genaueste Analyse des SARS-CoV-2-Genoms vorgelegt (siehe unten). Mit diesen eher politischen Erwägungen verbunden sind aber auch weitere wissenschaftlichen Klärungswünsche.
- Wissenschaftliche Auseinandersetzungen
Nicht immer sind die Argumente aus den beiden Feldern der Wissenschaft und der Politik klar auseinander zu halten. Versuchen wir aber im Weiteren, die sachlich-virologische Auseinandersetzung zu beleuchten. Wie oben erwähnt, wurden Kooperationen zwischen US-amerikanischen und chinesischen Forschungsprojekten angeprangert. Im Kreuzfeuer steht vor allem die gain-of-function-Sparte. In der Virenforschung gab und gibt es ein paar Kooperationen zwischen amerikanischen und chinesischen Instituten, das sagt auch der Immunologe und US-Präsidentenberater Anthony Fauci in einer Anhörung des US-Senats im Mai und noch einmal im Juli 2021. An beiden Hearings wurde er vom Republikaner Rand Paul hart angegangen.
Zur Debatte stand beispielsweise ein Projekt aus dem Jahre 2013, das u.a. das National Institute of Allergy and Infectious Diseases unterstützt hatte. In der Untersuchung waren Peter Daszaks EcoHealth Alliance und Shi Zhenglis WIV involviert. Sie untersuchten in einer In-vitro-Studie mit zwei SARS-ähnlichen Coronaviren (RsSHC014 und Rs3367), die von Hufeisennasen isoliert wurden, den Rezeptor, mit dem die Viren in menschliche Zellen eindringen können. Sie konnten nachweisen, dass eine direkte Infektion stattfinden kann .
In einem zweiten Projekt 2014/15 veränderte Ralph S. Baric im Labor der University of North Carolina ein von Shi Zhengli isoliertes Coronavirus einer Hufeisennase (SHC014-CoV) mittels der sogenannten reversen Genetik. Dabei wird an einer bestimmten Stelle die Gensequenz verändert. In diesem Viren-Chimären-Versuch konnte gezeigt werden, dass Coronaviren ohne Mutationen Menschen anstecken können . 2014 wurde unter Obama die Unterstützung für gain-of-function-Forschung sistiert. Das National Institute of Health begutachtete das Baric-Shi-Projekt und gab grünes Licht. Der NIH-Direktors Francis S. Collins sagte im Mai 2021: »… neither NIH nor NIAID have ever approved any grant that would have supported ‘gain-of-function’ research on coronaviruses that would have increased their transmissibility or lethality for humans.« Daraus müsste man eigentlich schließen, dass das Baric-Shi-Projekt nicht als gain-of-function eingestuft wurde.
Eine weitere Zusammenarbeit, die das National Institute of Health alimentierte und wiederum die EcoHealth Alliance und das WIV mit einbezog, wurde im April 2020 beendet. Es ging um Präventionsmaßnahmen gegen zoonotische Übertragungen . Fauci hat vor dem Ausschuss betont, dass es sich auch dabei nicht um gain-of-function-Forschung gehandelt habe. Shi Zhengli bestätigt in der NYT, dass ihr Labor nie Experimente durchgeführt hat, die die Gefährlichkeit von Viren erhöhen. Das allerdings schließt nicht aus, dass Viren manipuliert werden.
Wo sich die Grenze zwischen »normaler« Manipulation und einem gain-of-function-Eingriff befindet, ist nicht für alle gleich klar . Wann wird ein Hybrid gefährlicher? Das Verhältnis zwischen Erkenntnisgewinn und Risikoabschätzung ist seit je schwierig.
Christian Drosten von der Charité gibt zu bedenken, dass Peter Daszak eigentlich Zoologe und Ökologe ist und diese Art Experimente selbst gar nicht durchführen kann. Der Berliner Virologe glaubt auch nicht, dass die chinesischen Labore imstande sind, selbständig gain-of-function-Forschung zu betreiben: »… ich glaube eigentlich bis heute, dass das nur in USA gemacht wird und diese Viren dann nach China gegeben werden für bestimmte Experimente oder auch diese Experimente eigentlich in USA durchgeführt werden.«
Aus DRASTIC-Kreisen, aber auch in mehreren in den USA erschienenen Artikeln wie etwa jenem von Katherine Eban in Vanity Fair oder jenem des ehemaligen NYT-Wissenschaftsredaktor Donald M. McNeil jr. im Internet (), wird kolportiert, dass eine Büchse der Pandora geöffnet werde, sollte man die US-amerikanischen gain-of-function-Projekte und deren Verbindungen zu chinesischen Laboren durchleuchten. Das ist aus einer beobachtenden Position, wie sie die textvitrine.ch einnimmt, nicht zu beurteilen. Eban und McNeill, aber auch Zeynep Tufekci in der NYT (deutsch in der Republik vom 24.7.2021) berichten zudem von zahlreichen Forscherinnen und Forschern, die die Laborthese nicht mehr a priori ausschließen wollen. Hier muss man sich auf jene Aussagen berufen, die man inhaltlich zumindest der Spur nach nachvollziehen kann. Bleiben wir bei der Sache an sich.
Christian Drosten ist der Ansicht, dass das Auftreten der sogenannten Furin-Spaltstelle im SARS-CoV-2, die dem Virus ermöglicht, in die menschliche Zelle zu gelangen, nicht weiter erstaunlich sei, es gebe immer wieder Fehler, wenn sich Viren replizierten. Es komme etwa vor, dass zwei Enzyme fälschlicherweise zweimal hintereinander eingefügt werden und so eine Furin-Spalte entstehen könne, die beim Vorgängervirus noch nicht existiert habe. Oder es komme auch häufig zu Kopierfehlern, so dass es bei der Replikation von Genomen zu neuen Sequenzen kommt. Gerade die Furin-Spaltstelle sei in vielen Proteinen einer Zelle zu finden. So könne es geschehen, dass eine solche Stelle fälschlicherweise ins Genom kopiert wird. Und wenn das Virus sich daraus einen Vorteil verschaffen kann, wird es diesen Fehler nicht rückgängig machen.
Drosten erläutert weiter, dass es theoretisch schon möglich sei, im Labor eine solche Spaltstelle in ein bestehendes Virus einzubauen, es gebe aber ganz viele praktische Gründe, die dagegensprechen und einem Virologen zu denken geben müssen. Im NDR-Podcast Nr. 92 sagt er beispielsweise, dass er »ein bisschen skeptisch« sei, ob die Furin-Spalte in einer »Zelle-zu-Zelle-Passage im Labor entstanden sein kann.« Oder auch: Beim Backbone des SARS-CoV-2 – also gewissermaßen dem Rückgrat – handelt es sich nicht um Teile eines bestehenden, bekannten Virus. Das müsste erst noch konstruiert werden . Ähnliches sagt auch der Virologe Robert F. Garry von der Tulane University. Eigentlich, so Garry, müsse man ein Virus haben, dass zu 99,9% identisch ist mit dem SARS-CoV-2 und dann die entsprechende Gensequenz einbauen. Dieses Virus gibt es aber nicht. So muss man sich fragen, wer kommt überhaupt auf die Idee, so etwas probieren zu wollen. Der Aufwand ist viel zu groß. In einem Republik-Interview erklärte Drosten das sehr plastisch: »Lassen Sie es mich mit einem Bild erklären: Um etwa zu überprüfen, ob Anpassungen das Virus ansteckender machen, würde ich ein bestehendes System nehmen, da die Änderung einbauen und das dann vergleichen mit dem alten System. Wenn ich wissen will, ob ein neues Autoradio den Klang verbessert, dann nehme ich ein bestehendes Auto und tausche da das Radio aus. Dann vergleiche ich. Ich baue dafür nicht ein komplett neues Auto. Genau so war das aber bei Sars-2: Das ganze Auto ist anders. Diese Idee eines Forschungsunfalls ist für mich ausgesprochen unwahrscheinlich, weil es viel zu umständlich wäre.«
Im bereits erwähnten NDR-Podcast fügt Drosten noch ein interessantes Detail an: viele Labore hätten versucht, Coronaviren in Zellkulturen zu isolieren. Das sei jedoch nie gelungen. Nur Shi Zhengli war erfolgreich. Normalerweise werde beim Versuch der Viren-Isolierung die Furin-Spaltstelle als erstes zerstört.
Kristian Andersen ist ein weiterer Virologe, der der Laborthese kritisch gegenübersteht. Auch seine Position wurde in der textvitrine.ch schon dargestellt (vgl. Zur Herkunft des Virus). Interessant ist allerdings, wie er zu dieser Einsicht gelangt ist. Zu Beginn nämlich, so zeigen Auszüge aus den im Juni 2021 von BuzzFeed News veröffentlichten E-Mails von Anthony Fauci, sah es ganz anders aus. Im Januar 2020 schrieb Andersen an Fauci, bei einigen Eigenschaften des neuen Virus frage er sich, ob sie nicht vielleicht manipuliert worden seien. Er wolle deshalb das Genom genauer analysieren. Auch fragte er sich, wie diese Furin-Spaltstelle hätte entstehen können. Ohnehin gebe es in evolutionärer Hinsicht gewisse merkwürdige Dinge, die nicht den Erwartungen, die sich aus der Theorie ableiten ließen, entsprechen würden.
Bei diesem genaueren Vergleich mit den Genomen mehrerer Coronaviren, die in Fledermäusen und in Zwischenwirten gefunden wurden, sind er und seine Kollegen zum Schluss gekommen, dass solche Veränderungen sehr wohl in anderen, vergleichbaren Viren in ähnlicher Form stattgefunden hätten. Für ihn sei es klar, dass die Furin-Spaltstelle durch einen natürlichen, evolutionären Prozess entstanden ist. Andersen sagt: »Insgesamt handelt es sich hier um ein Lehrbuchbeispiel für die wissenschaftliche Methode, bei der eine vorläufige Hypothese zugunsten einer konkurrierenden Hypothese verworfen wird, nachdem mehr Daten zur Verfügung gestanden haben und entsprechende Analysen durchgeführt worden sind.« . Wie Drosten sagt auch Andersen, dass es theoretisch möglich sei, eine Furin-Spaltstelle ins Virus einzubauen (was Baric und Shi mit einem anderen Coronavirus vorgeführt haben). Aber eine erdrückende Anzahl Indizien, die aus Präzedenzfällen, Daten und anderen Belegen weltweit zusammengetragen wurden, lasse es als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass das ganze Virus im Labor hergestellt wurde.
- Wieso gerade Wuhan?
Das ist und bleibt eine nicht schlüssig zu beantwortende Frage. Die Koinzidenz von Laboren und ersten Fällen ist auffällig. Man muss sich aber bewusst sein, dass die 11-Millionen-Stadt Wuhan ein wichtiges Industrie-, Handels- und Forschungszentrum in China ist. Hier kreuzen sich die Wege von Millionen von Menschen aus ganz China – und auch von außerhalb. Studien vom WIV haben gezeigt, dass Menschen, die nahe von Fledertierhöhlen wohnen, Antikörper auf das Sarsvirus gebildet haben. Zudem fliegen Fledertiere mit Coronavirus nicht nur in Südchina herum. Eine weitere serologische Untersuchung besagt, dass allgemein die ländliche Bevölkerung vermehrt mit Betacoronaviren in Kontakt gekommen ist . Dass da mal ein Virusträger in Wuhan auftaucht – zum Beispiel ein Tierhändler –, ist nicht unwahrscheinlich. Eine wichtige Spur führt denn auch auf die Lebendtiermärkte. Dort wurden Tiere gehandelt, die mehrere hundert Kilometer weit transportiert und teilweise unter kritischen Verhältnissen gezüchtet und gehalten worden sind. In über dreißig von sechshundert Proben, die chinesische Forscherinnen im Januar am Huananmarkt gesammelt haben, waren SARS-CoV-2-Spuren zu finden. Der Markt ist allerdings nicht mehr zugänglich. Wir erinnern uns aber auch an die Nerzfarmen in den Niederlanden und in Dänemark, in denen SARS-CoV-2-Nester entdeckt wurden (hier dürfte es sich aber um Übertragungen von Menschen auf die Tiere handeln). Gerade in Pelzfarmen scheinen auffällig viel Übertragungen stattzufinden. Allgemein gehören das Schlachten und das Abziehen von Pelzen von den Tieren zu Tätigkeiten, in denen eine erhöhte Gefahr für die Übertragung von Erregern besteht. Es ist aber quasi unmöglich, sämtliche Pelz- und Tierhaltungsbetriebe in China kontrollieren zu wollen. Gleichwohl dürfte letztlich die größte Hoffnung für die Zoonosevertreterinnen darin liegen, einen solchen Betrieb ausfindig zu machen. Aber auch hier müssten die chinesischen Behörden Hand bieten und entsprechende Kontrollen überhaupt zulassen.
- Krankheitsfälle im Labor
Aussage gegen Aussage. Einerseits gibt es diese Gerüchte, die von Geheimdiensten stammen, andererseits sagt Shi Zhengli, dass sämtliche Labormitarbeiter nachträglich serologisch getestet worden seien. Es wurden keine Coronaerkrankungen festgestellt. Zwei Aspekte sind noch zu erwähnen: In den Wuhan-Files wurde erwähnt, dass die Region Hubei im Spätherbst 2019 von einer Grippewelle erfasst wurde, die epidemische Ausmaße erreichte. Das Epizentrum lag zwar nicht in Wuhan, aber auch dort kam es zu einer erhöhten Anzahl Influenza-Fälle. Zudem ist Shi Zhengli eine angesehene und respektierte Wissenschaftlerin. Sie ist weltweit vernetzt und arbeitet mit verschiedenen nicht-chinesischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Bis jetzt konnte nicht nachgewiesen werden, dass sie unwahre Tatsachen verbreitet hätte.
- Huanan Seafood Market und eine neue Labor-Variante aus WHO-Kreisen
Hier wird die Argumentation zugegebenermaßen schwierig und kompliziert, da man wirklich nicht sehr viel weiß und daher Spekulationen sehr schnell ins Kraut schießen können. Ja, zwischen dem Labor des chinesischen CDCs und dem Huanan Markt liegen nur wenige Meter.
Hierzu gibt es eine neue interessante Wendung.
Auf genau diese Nähe nämlich hat am 12. August 2021 der Leiter der WHO-Forschergruppe Peter Ben Embarek hingewiesen. Im dänischen Fernsehen ließ er verlauten, der Patient Null könnte ein Angestellter des Labors des CDCs gewesen sein. Ein Mitarbeiter, so hat die Gruppe erfahren, war nämlich positiv getestet worden. Der Fokus bewegt sich also weg vom WIV und von Shi Zhengli und hin zum CDC. Dieses sagt, der Mitarbeiter habe sich in der Familie angesteckt. Embarek schließt allerdings eine Übertragung während einer Feldforschung oder bei einem Experiment (das Labor verfügt nur über ein BSL 2, zum Beispiel ist Maskentragen nicht immer Pflicht) oder aber beim Umzug des Labors nicht aus. Justament Anfang Dezember 2019, als die ersten Fälle auf dem Huanan-Markt bekannt geworden sind, ist das CDC-Labor in dessen Nähe umgezogen. Allerdings, so gibt Embarek zu bedenken, liege die letzte Publikation zu Fledermäusen aus dem CDC über acht Jahre zurück. Er weiß nicht, ob dort zu diesem Thema noch geforscht werde und ob dort SARS-kontaminiertes Material zu finden sei. Auch hier hülfe ein besserer Zugang zu Informationen und Daten. Das CDC selbst sagt, dass »no storage nor labatory activities on CoVs or other bats viruses« dem Ausbruch vorausgegangen seien (zitiert im Wall Street Journal, 12.8.2021). Allerdings sei an dieser Stelle an die Aussage von Tian Junhua vom CDC erinnert, der laut Tufekci damit angab, 2013 in Höhlen gegangen zu sein und 155 Fledermäuse eingefangen zu haben. Allerdings sagt Drosten im erwähnten NDR-Podcast auch, dass Viren in Fledermauskot kaum ansteckend seien, da das Spike-Protein sehr schnell zerstört werde.
Die chinesische Seite des WHO-China-Joint Teams habe im Februar 2021, so Embarek weiter, erst 48 Stunden vor Ende der Mission eingewilligt, die Laborthese überhaupt auf die Liste der möglichen Ursprünge aufzunehmen. Und zwar nur unter der Bedingung, dass diese Variante als »sehr unwahrscheinlich« eingestuft werde.
Die Aussagen von Embarek wurden breit rezipiert. Der Druck auf China wurde nochmals erhöht. Chinas Außenminister winkte ab und verkündete, es gebe keinen Anlass, die Untersuchungen wieder aufzunehmen.
Embarek verbindet also einen Laborunfall (aber ohne gain-of-function-Aktivitäten) mit der direkten Zoonose. Setzt man die verschiedenen Teile zusammen, hätte es demnach so aussehen können:
Variante 1, die von Embarek als »one of the likely hypotheses« bevorzugt wird: das Virus wird während der Feldforschung von einer Fledermaus auf den Mitarbeiter übertragen. »That is where the virus jumps directly from a bat to a human.«
Variante 2 besagt, im CDC werden Fledermäuse (Hufeisennasen) gehalten (was das CDC verneint) oder Gewebeproben gelagert. Einer dieser Fledertiere/Gewebeproben trägt das SARS-CoV-2 auf sich (das sich, wie Drosten und Andersen erwähnen, auf natürliche Weise entwickelt hat). Das Labor zieht um. Sämtliche Proben von Viren und Geweben und allenfalls Tiere müssen an den neuen Ort transferiert werden. Dabei wird das Virus durch eine Unachtsamkeit auf einen Mitarbeiter übertragen. Embarek: »When you move a labatory, it is disruptive to everything« (zitiert in Taiwan News, 13.8.2021).
Bei beiden Varianten könnte es folgendermaßen weitergegangen sein: Die Übertragung bleibt unbemerkt, beziehungsweise wird nicht protokolliert. Der Mitarbeiter entwickelt vielleicht keine Symptome, ist sich seiner Situation gar nicht bewusst und bewegt sich wie immer. Vielleicht geht er in jenen vier bis sechs Tagen, in denen er die größte Virenlast ausstößt, ein paar Mal auf den Huanan-Markt. Dabei gibt er das Virus an mehrere Personen weiter. Usw. usf. Und irgendwann bevor die WHO-China-Truppe im Februar 2021 aufmarschiert, werden alle CDC-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getestet und einer bleibt hängen (der genaue Zeitpunkt und die Art des Tests sind Embarek nicht bekannt).
Klingt möglich. Das sagt auch Embarek. Er sagt nicht: wahrscheinlich. Er betont lediglich, dass es wünschbar wäre, diese Variante zu überprüfen.
Ist sie aber auch wahrscheinlich?
Fragen, die hier nicht beantwortet werden können:
- Wie wahrscheinlich ist eine Direktübertragung auf dem Feld?
- Das CDC sagt, es forsche nicht an Fledermaus-Viren. Embarek selbst fügt an: »As far as we understand, they work mostly with parasites.« Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung bei dieser Art der Forschung in einem Labor mit dem BSL 2? Beziehungsweise während eines Laborumzugs?
- Epidemiologen haben errechnet, dass es schon im Oktober, spätestens aber im November 2019 zu ersten Ansteckungen gekommen ist (bei einer 14-tägigen Inkubationszeit). Das Labor zog Anfang Dezember um.
- Wo hat das letzte Drittel das Virus aufgenommen, das sich gemäß The Lancet im Dezember 2019 nicht im Umkreis des Marktes angesteckt hat?
- Will Embarek oder die WHO erneut politischen Druck aufbauen?
Fazit
Von Laienwarte aus kann festgehalten werden, dass vor allem das zugeknöpfte Verhalten der chinesischen Behörden der Laborthese in die Hände spielt. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, den Verdacht nicht aus der Welt geschafft zu haben. Das nährt einmal mehr die Spekulation: Wieso werden Informationen zurückgehalten? Was hat China zu verbergen? Oder will die Regierung vor der Weltöffentlichkeit keine Fehler eingestehen? Befürchtet sie einen Gesichtsverlust?
Es ist wie immer bei solch unklaren Fällen: Wenn man nicht weiß, wie genau etwas passiert ist, weil es Kräfte gibt, die aus irgendwelchen Gründen verhindern wollen, dass die ganze – verwegen gesagt – Wahrheit enthüllt wird, öffnet sich die Tür zum weiten Feld der Vermutungen. Davon gibt es naturgemäß plausible und weniger plausible. Vermutungen werden – gibt es keine überzeugenden Gegenargumente – bald zu Verdächtigungen, und aus Verdächtigungen werden vermeintliche Gewissheiten.
Wir erinnern uns an Sherlock Holmes (Holmes & Frankenstein), der gesagt hat, Vorwärtsdenken, wie die Polizei das tue, führe oft auf falsche Fährten, analytisches Denken muss rückwärts geschehen: »Es gibt aber nur wenige Leute, die, wenn Sie ihnen ein Ergebnis mitteilten, imstande wären, aus sich selbst heraus die Schritte zu entwickeln, die zu diesem Ergebnis geführt haben.« Die Schlussfolgerung müsse den umgekehrten Weg gehen und hierfür braucht es Geduld, Sachwissen und ein Talent zu Theorie: »Es ist diese Fähigkeit, die ich meine, wenn ich davon spreche, rückwärts oder analytisch zu denken.« Es ist ähnlich, wie beim Puzzlespiel, bei dem ich aber das Resultat nicht kenne: Es ist besser, geduldig zu bleiben, bis sich das fertige Bild im Kopf zusammengefügt hat und dann erst die Puzzleteile dorthin zu verteilen, wo sie gehören, und mit dem Zusammenfügen zu beginnen. Wer Puzzleteile nur nach den Kriterien des zufälligen Zusammenpassens und des zufälligen Zeitpunkts der Entdeckung zusammensteckt, erhält das falsche Bild und riskiert, am Schluss Teile übrig zu haben, die nirgends hinpassen. Erst wenn sich alle Indizien zu einem schlüssigen Ganzen vereinen, kann der Hergang Schritt für Schritt nachvollzogen werden. Dies ist bisher nicht geschehen. Für keine der im Raum stehenden Erklärungen. Nach wie vor gibt es zu viele schwer einzuordnende Indizien.
Die virologische Argumentation von Drosten und Andersen klingt überzeugend und plausibel. Sie zeichnet sich auch durch den sympathischen Zug aus, anhand von transparenten Kriterien der Wahrheit auf den Grund gehen zu wollen und Gegenpositionen und Fakten ernsthaft zu prüfen und in die Gedankengänge zu integrieren. Man könnte diese Haltung als ergebnisoffen bezeichnen.
Bei der Laborthese (vor allem in Verbindung mit gain-of-function-Elementen) steht zu befürchten, dass politische (geopolitische oder forschungspolitische) Beweggründe den analytischen Blick auf den Sachverhalt verzerren. Es gibt eine Menge Leute, die mit der Art und Weise, wie China handelt, scharf ins Gericht gehen. Sie mögen damit auch recht haben. Für sie bietet sich die Gelegenheit, den Druck zu erhöhen. Ob das für die Frage nach dem Ursprung eine erfolgreiche Strategie ist, bleibe dahingestellt. Bis jetzt scheint sich China diesbezüglich nicht zu bewegen. So wird man wohl nie alle relevanten Fakten zu Gesicht bekommen, um den Verdacht falsifizieren zu können. Und was nicht falsch ist, kann doch wahr sein – oder? Falsches Vorwärtsdenken droht. Und das heißt: es wird immer welche geben, die beharrlich an der Laborthese festhalten werden. Und irgendwann mutiert der Verdacht zu einer vielleicht falschen Gewissheit.
Warnung: Wie schon mehrfach hier geschrieben und was auch Drosten und Andersen immer wieder wiederholen: Es gibt zur Zeit keine hundertprozentige Gewissheit, dass es kein Laborausbruch war.