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Der Geschäftsmann Serguei Beloussov will in Schaffhausen eine Universität für Cyber-Technologie bauen. Wer ist dieser Mann?
«No comment», sagt Serguei Beloussov. Ein Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht. Wie reich er ist, will er zum Abschluss des Interviews mit der AZ nicht verraten. Er sagt nur so viel: «Don’t worry. Ich könnte ein Projekt wie dieses selber finanzieren.»
Dann weist die Senior PR Managerin, die das Interview ebenfalls aufgezeichnet hat, darauf hin, dass die Zeit abgelaufen ist. Serguei Beloussov verabschiedet sich und macht sich auf den Weg nach Zürich.
Ein kurze Suche im Internet zeigt: Auf zwei verschiedenen Webseiten wird das Vermögen von Serguei Beloussov auf 600 Millionen Dollar geschätzt. Damit wäre er reicher als Giorgio Behr, der reichste Schaffhauser, der rund 400 Millionen Franken besitzen soll. Und damit ist auch klar: Wer so viel Geld besitzt, der muss für Schaffhausen wichtig sein.
Wer ist dieser Mann? Und was hat ihn ausgerechnet nach Schaffhausen verschlagen?
Geschäfte in Russland
Beloussovs Geschichte beginnt in der Sowjetunion. 1971 wird Serguei Beloussov in St. Petersburg geboren. Mutter und Vater arbeiten als Professorin und Professor für Physik an der Universität der damals Leningrad genannten Metropole. Auch Serguei Beloussov beginnt später am Moskauer Institut für Physik und Technologie ein Physik-Studium. Später wird er mit einem Doktortitel in Computerwissenschaften abschliessen.
Serguei Beloussov sei einer der Top-10-Studenten der Sowjetunion in Physik und Mathematik gewesen, schrieb die indische Zeitung mint 2015 in einem Porträt. Beloussov ist aber nicht einfach nur Student. Bereits während seines Studiums gründet er sein erstes Unternehmen, Unium, das Unterrichtsmaterial für Studentinnen und Studenten zur Verfügung stellt.
Es ist die Zeit, als die Sowjetunion in sich zusammenstürzt. «Eine turbulente Zeit», sagte Beloussov vor einem Jahr dem Wirtschaftsmagazin Forbes. «Ich tat, was jeder Student tun musste – machte Gelegenheitsarbeiten und versuchte, Geld zu verdienen.»
1992 beginnt er bei einer kleinen russischen Firma namens Sunrise zu arbeiten, die Computer verkauft. Beloussov erlebt den rasanten Siegeszug der neuen Technologie mit, der Computermarkt in Russland wächst innerhalb von zwei Jahren von 20 000 auf zwei Millionen Stück. Sunrise wird einer der grössten PC-Händler des Landes – wovon auch Beloussov profitiert.
Trotz des Erfolgs verlässt der damals 23-jährige Student die Firma und gründet weitere, eigene Unternehmen. Dazu gehören Rolsen, einer der grössten Elektronikhersteller Russlands, sowie Solomon Software. Letztere verkauft er später an Bill Gates’ Microsoft.
Im Jahr 2000 ruft Beloussov in Singapur das Software-Unternehmen SWsoft, das heute Parallels heisst, ins Leben. Ein Jahr darauf wird er Bürger des asiatischen Stadtstaates.
Als Teil von Parallels lanciert Serguei Beloussov ein paar Jahre später die Firma Acronis, die laut eigenen Angaben mittlerweile «ein weltweit führender Anbieter im Bereich Cyber Protection und Datenspeicherung» ist und jährlich mehrere Hundert Millionen Dollar Umsatz macht, wie die NZZ schreibt.
Weltweit beschäftigt Acronis 1000 Mitarbeitende. Fünf Millionen Privatpersonen nutzen die Dienste der Firma. Zu den Partnern von Acronis gehören unter anderem die bekannten englischen Fussballclubs Arsenal London und Manchester City.
Ein Campus für 2500 Studierende
2008 hat Acronis den Firmenhauptsitz in den Kanton Schaffhausen verlegt. Inzwischen verbringt Beloussov rund 100 Tage pro Jahr in der Munotstadt. Er besitze in der Region ein Appartement, wie er der AZ sagt. Und nun hegt der Geschäftsmann aus Singapur – für Schaffhauser Verhältnisse – riesige Pläne. Er will hier eine Universität inklusive Campus mit voraussichtlich 2500 Studentinnen und Studenten bauen. Aus allen Ländern der Welt sollen Personen in die Munotstadt kommen und hier in den Bereichen Software-Engineering, künstliche Intelligenz und Quantentechnologie forschen. «Schaffhauser Institute of Technology» könnte es heissen, schlägt Beloussov vor.
Bis es so weit ist, werden noch ein paar Jahre vergehen. Und wie es so ist, in der Schweiz mahlen die politischen Mühlen langsam. Serguei Beloussov sagt, er sei sich dessen bewusst. «Die Schweiz ist ein demokratisches Land, die Regierung entscheidet nicht allein. Vielleicht wird es eine Volksabstimmung geben. Darum müssen wir die Menschen darauf vorbereiten, dass sie für ein solches Projekt bereit sein werden.»
Fürs Erste soll es klein beginnen, mit ein paar wenigen Studentinnen und Studenten. Dort, wo seine Firma Acronis bereits jetzt Büroräume gemietet hat, beim Rhypark in Neuhausen, zwischen Eisenbahngleisen und Rhein.
Im selben Gebäude sind weitere internationale Firmen domiziliert. Firmen, die teils Milliarden umsetzen. Dazu gehören Citrix, Bristlecone und Sapient. Und mit OBT fehlt auch ein Schweizer Unternehmen für Steuer- und Rechtsberatung nicht.
Hier empfängt Serguei Beloussov die AZ zum Interview. Er trägt keine Krawatte und spricht Englisch mit einem leichten russischen Akzent.
Warum hat dieser Geschäftsmann aus Singapur ausgerechnet Schaffhausen für den Sitz seiner Firma ausgesucht?
«Wir haben unsere Anwälte gefragt», sagt Beloussov. Schnell fiel die Wahl auf die Schweiz. «Als Firma, die sich mit Cyber Protection befasst, war es uns wichtig, in einem Land tätig zu sein, das unabhängig, stabil und neutral ist.»
Innerhalb der Schweiz gaben die bekannten Vorzüge von Schaffhausen den Ausschlag: Nicht weit entfernt vom Zürcher Flughafen, vergleichsweise tiefe Miet- und Immobilienpreise, an der Grenze zu Deutschland gelegen. «So haben wir Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.» Ausserdem sagt Beloussov, Schaffhausen sei «an amazing location», eine schöne Stadt mit hoher Lebensqualität.
Natürlich habe auch die Steuerpolitik eine Rolle gespielt. «Wir hatten eine Vereinbarung mit der Schaffhauser Regierung», sagt der Acronis-CEO. «Darüber werden wir neu verhandeln müssen.» Und er sagt auch: Es gebe andere Kantone, die in Sachen Steuern noch besser dastehen.
Aus Beloussovs Sicht hat Schaffhausen aber vor allem einen gravierenden Nachteil: Es hat keine Universität. «Wir glauben, die Zukunft jeder Stadt und jedes Landes liegt in der Bildung und in der Wissenschaft. Schaffhausen sollte eine Universität haben», sagt Beloussov.
«Meine Vision ist, einen Campus etwas ausserhalb von Schaffhausen zu bauen, vielleicht in der Nähe des Rheinfalls oder irgendwo im Grünen.» Wenn eine Uni erfolgreich ist, brauche sie Platz, weil sich Firmen in der Nähe des Campus niederlassen möchten.
2500 Studenten vor Ort, das sei «keine grosse Universität», sagt Beloussov und zieht Vergleiche mit der ETH und der Universität Innsbruck, die 20 000 bzw. 28 000 Studierende haben. Es soll eine Universität sein, die auf Qualität setzt.
Serguei Beloussov redet nicht um den heissen Brei herum. Es scheint, als ob der Mann eine klare Vorstellung davon hat, was er will – und so soll es geschehen.
Wie anfangs erwähnt, Acronis könnte diese Universität selber finanzieren. Aber Serguei Beloussov will das nicht. Subventionen von Stadt und Kanton wären «ein Commitment» der Region Schaffhausen zu diesem Projekt, sagt der Geschäftsmann aus Singapur. Ausserdem würde er sich wünschen, dass sich lokale Schaffhauser Unternehmen beteiligen.
«Ich will starke Schweizer Partner dabeihaben», sagt er. Kontakte mit lokalen Regierungsvertretern und einigen ansässigen Firmen seien bereits hergestellt worden.
Und schliesslich würde auch Schaffhausen von einer Universität profitieren: «Universitäten generieren anspruchsvolle und gut bezahlte Jobs, sie ziehen Besucherinnen und Besucher an, und Technologie-Firmen werden sich hier niederlassen. Schaffhausen würde als Zentrum für Innovationen und neue Technologien bekannt», sagt Beloussov.
Nicht zum Nulltarif
Der Schaffhauser Wirtschaftsförderer Christoph Schärrer teilt die Meinung von Serguei Beloussov. «Das ist eine Chance, Schaffhausen als Kompetenzzentrum für Zukunftstechnologien zu positionieren», sagt er.
Die Wirtschaftsförderung unternehme seit geraumer Zeit Anstrengungen, Ausbildungsmöglichkeiten im tertiären Bildungsbereich in Schaffhausen zu ermöglichen. «Wissenschaft, Bildung und eine erfolgreiche Wirtschaft gehen heute Hand in Hand», sagt Christoph Schärrer. Aus diesen Gründen unterstütze die Wirtschaftsförderung das Projekt von Serguei Beloussov.
Der Wirtschaftsförderer ist sich aber auch bewusst, dass der Kanton eine Universität im Sinne von Serguei Beloussov kaum zum Nulltarif erhalten wird. «Das wird Geld kosten», sagt Schärrer. Um über allfällige Subventionen von Kanton oder Bund zu sprechen, sei es indes noch zu früh.
Zum Vergleich: Die private Hochschule Schaffhausen der IUN World, die in erster Linie eine Fernuni ist, kann mit drei Millionen Franken an Fördergeldern rechnen – sofern sie am Ende alle Anforderungen erfüllt. Eine Universität nach den Vorstellungen von Serguei Beloussov würde sicher deutlich teurer.