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The Son of the Blues
Der in Chicago geborene Michael Bloomfield (1943-1981) war ein Bluesmusiker, der es aus persönlichen Gründen bedauerlicherweise nicht fertig brachte, sein Potential umzusetzen und den Erfolg zu haben, den er aufgrund seiner Virtuosität und seines musikalischen Feelings nicht nur verdient hätte, sondern eigentlich sogar erwarten konnte. Michael Bloomfields Karriere wurde von Drogensucht beeinträchtigt und diese beendete schliesslich auch sein Leben noch vor seinem 38sten Geburtstag. Doch da bei den meisten Menschen Drogen (im Bloomfields Fall war es Heroin) kein Selbstzweck sind, bleibt auch die Frage, was ihn in die Drogensucht getrieben hat. Eine neu erschienene drei CD umfassende Retrospektive, zusammengestellt vom musikalischen Weggefährten Al Kooper gibt nun nicht nur Einblick in die reiche Musik des Mannes, sondern auch in seine inneren Welten und Abgründe. Muddy Waters hat Michael Bloomfield als Musiker geadelt und als Mensch respektiert. Er machte Aufnahmen mit ihm und liess ihn seine Enkelkinder babysitten. Bob Dylan bedauert bis heute, dass er Bloomfield nicht bei sich behalten konnte und schwärmt von dessen Fähigkeiten als Gitarrist bis zum heutigen Tag. Die Kompilation mit dem ungewöhnlichen Namen From his Head to his Heart to his Hands : An Audio / Visual Scrapbook beleuchtet auf 3 CDs und einer DVD Musik und Hintergründe des Mannes, der Amerikas Antwort auf Eric Clapton, Peter Green oder Jimmie Page hätte sein können. Die DVD enthält einen einstündigen Dokumentarfilm mit Fremd- und Eigenaussagen in herkömmlicher Machart einer solchen Doku.
Der Blues hat viele Verwandte und Amtsträger. Muddy Waters wurde schon der Vater des Blues war, Ma Rainey die Mutter. Junior Wells hat sich selbst als «Godfather of the Blues bezeichnet», und natürlich werden B.B. King und Bessie Smith, bzw. Albert King und Koko Taylor oder auch Memphis Minnie als König und Königin bezeichnet. Aber es gibt wenig bis keine Thronfolger, keine nächste Generation. Weder gibt es einen «Prince of the Blues» noch einen metaphorischen «Sohn». Die einzige Ausnahme wäre vielleicht Paul Butterfield und die Mitglieder seiner Blues Band, denn diese haben immerhin mit Muddy Waters das Album Fathers and Sons aufgenommen, auf dessen Michelangelo-inspiriertem Cover ein Schwarzer Gott einen Weissen Adam zum Leben erweckt. Anspruch auf den Titel «Son of the Blues» hätte tatsächlich Mike Bloomfield erheben können, ein Mann aus Chicgao, der mit dem Blues gross wurde und die Musik in sein Innerstes absorbiert hatte. Er fand stets Wege, diese Musik wieder herauzulassen.
Michel Bloomfield war auch bei den Aufnahmen für Fathers and Sons dabei. Er war bei vielen wichtigen Aufnahmen in der Blues-Szene von Chicago in den frühen 1960er Jahren präsent, aber der herausragende Gitarrist und leidliche Sänger Michael Bloomfield konnte seine vielversprechenden Anlagen nicht in eine lange und erfolgreiche Karriere verwandeln, stattdessen wurde er 1981 mit einer Nadel im Arm gefunden, gestorben an einer Überdosis Heroin. Zu diesem Zeitpunkt war Bloomfield bereits irrelevant geworden, wenn auch die späten Aufnahmen auf der dritten CD wie die Kooperation mit Bob Dylan von ungebrochenem Talent Zeugnis ablegen. Er hatte seinen Platz nie gefunden in und konnte nichts Dauerhaftes aufbauen, darin gleicht er dem jungen Eric Clapton, zugleich litt er offenbar jahrelang an Schlaflosigkeit, beides keine guten Faktoren, um inneren Frieden zu finden und eine dauerhafte Karriere zu verfolgen.
Die tragisch abgebrochene Laufbahn Mike Bloomfields wird auf dieser Retrospektive von Columbia/Legacy sachkundig gewürdigt, was nicht erstaunt, denn Produzent der Box ist Al Kooper. Dieser war ein langjähriger Weggefährte (und Insomnie-Leidensgefährte) Bloomfields und ihre gemeinsame Veröffentlichung Super Session war der grösste Erfolg der Karriere dieser beiden Musiker. Kooper nahm einen Extra Hidden Track am Schluss der drei CDs auf, eine rührende Hommage an einen Freund.
Was die drei CDs klarmachen ist, dass mit diesem Gitarristen und Sänger ein Schwergewicht verloren ging, ein Musiker mit enorm viel Soul und einer einmaligen Beherrschung der Gitarre. Wenn Eric Clapton 1966 über den jüdischen Industriellensohn aus Chicago sagte «Mike Bloomfield is Music on two legs», dann bezieht er sich auf die grenzenlose Musikalität, die sich in einzigartig fliessenden Linien seiner Soli ebenso ausdrückt wie in Bloomfields Rhythmusgitarre, die unglaublich authentisch ist. In den akustischen Rhythmusparts steht Bloomfield auf Augenhöhe mit Buddy Guy, seine elektrische Bluesgitarre muss den Vergleich mit Peter Green nicht scheuen. Auf der CD sind 3,3 h Musikmaterial versammelt, die Creme de la Creme, denn nicht ein Titel fällt ab und Bloomfield beeindruckt durchwegs mit Aufnahmen von 1964 bis 1980.
Das mag neben dem musikalischen Genie auch an der Bearbeitungstechnik liegen, denn die Musik wirkt frisch und klar und hat dennoch diese charakteristische Qualität der 60er Jahre-Aufnahmen, als Multi-Mikrophonie erst in den Ansätzen steckte. Die beigelegte DVD mit einem Film von Bob Sarles erzählt in Etappen die Biographie Mike Bloomfields, sein Elternhaus in den Vororten Chicagos mit Eltern, die seiner musikalischen Bestimmung keine Steine in den Weg legten, bis zu seiner Blütezeit in den Formationen Paul Butterfield Blues Band, The Electric Flag und seine Zusammenarbeit mit Nick Gravenites und natürlich Al Kooper. Auch die Umstände seines Todes werdendiskutiert und allgemein ist man sich einig, dass sein Tod eher ein Unfall gewesen sei und kein Selbstmord. Der Film ist informativ, aber Massenware einer solchen Doku und wohl nicht der Grund, die gesamte Box zu kaufen. Gleichwohl ist er mit einer Stunde ausreichend lange und es gibt nunmal nicht viel zu Bloomfield.Der Schwerpunkt der Box aber liegt auf der Musik.
Sein Drogentod hat die Blueswelt einesMannes beraubt, der die Amerikanische Antwort auf die British Invasionwie Cream oder Fleetwood Mac hätte sein können. Sein Ton ist einzigartig, warm und doch intensiv, Mike Bloomfield spielte zumeist seine 1959er Les Paul, von der es einen offiziellen Custom Shop Nachbau gibt. Der Linkshänder Bloomfield hat die Gitarre wie ein Rechtshänder gespielt, also Schlaghand und Greifhand vertauscht, was erhebliche Anpassungen erfordert. Stilistisch ist Bloomfield eine Mischung der grossen Meister der Bluesgitarre, insbesondere der drei Kings, Hubert Sumlin und in den Rhythmus-Parts Muddy Waters, meisterlich vereint zu einer eigenen Ausdrucksweise. Gesang war nicht unbedingt seine Stärke, aber er sang mit Ausdruck und viel Gefühl und wirkt sehr authentisch.
Bloomfield war ein Bluespurist, wie Clapton auf der anderen Seite des Atlantik suchte er das Ursprüngliche und Eigentliche am Blues, bloss dass er sich nicht auf Robert Johnson bezog, sondern auf die Chicago-Bluesmen, die er gut kannte. Auf Sleepy John Estes 1964er Langspielplatte Broke and Hungry, die Delmark als CD 2010 wieder herausgebracht hat, ist Bloomfield auf drei Titeln gemeinsam mit wahren Veteranen (neben Estes auch die «Tennessee Jug Busters» Yank Rachell und Hammie Nixon) der Bluesszene zu hören und er passt nahtlos hinein. Von solchen frühen Chicago-Aufnahmen ist leider nichts auf der Box enthalten.
Von dieser frühen Phase Mitte der 1960er Jahre ist die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Paul Butterfield und Bob Dylan enthalten, die beide Bloomfield nur zu gerne in ihren Bands sich behalten hätten. Seine Mitarbeit auf Like a Rolling Stone ist auf der CD grossartig dokumentiert – mit einem instrumental-Rehearsal. Bloomfield und Dylan waren eine gut funktionierende Paarung. Mit Butterfield wie mit Dylan sind je drei Titel dabei, mit ersterem East-West, mit 13:12 der längste Titel der Anthologie, ein Instrumental-Stück mit einem epischen Wechsel zwischen Bloomfields Gitarre und Butterfields Harmonika. Mehr Balztanz als Schlacht zieht Bloomfield alle Register und spielt modale Variationen für minutenlange Soli. Solche endlosen Gitarrensoli sind freilich nicht jedermanns Sache, aber wer es mag, findet wenig solche Aufnahmen, die soviel Blues beinhalten und dennoch so frei und experimentell wirken. Des einen Gefiedel ist nunmal des anderen Köln Konzert und mich hat die Aufnahme weggehauen.
Aus den 70er Jahren stammen dann Aufnahmen, die sich stilistisch weiter vom Blues entfernten, die Super Session-Dinge mit Al Kooper, weitere psychedelisch-experimentelle Musik, die am ehesten an Jazz erinnert. Auf dieser CD gibt es zwei ähnliche Versionen eines Songs, der Super Session-Knaller His Holy Modal Majesty wird in einer Live-Version zu Her Holy Modal Majesty, Das Urteil über die Fassungen sei jedem selbst überlassen, klar ist einzig: Ihre Majestät ist etwas kürzer. Daneben gibt es mit Kooper auch bluestriefende Songs wie die Aufnahme von Albert’s Shuffle, das ebenfalls von Super Session in die Kompilation übernommen wurde. Der Mehrwert für Besitzer der ursprünglichen Veröffentlichung von Kooper, Bloomfield (und Steven Stills)liegt in den bisher nicht veröffentlichten anderen Aufnahmen und in manchen akustischen Schmankerln wie etwa dem sehr amüsanten I’m Glad I’m Jewish, einem Countryblues mit witzigem, möglicherweise improvisierten Text. Ebenfalls aus dieser mittleren Phase eine Aufnahme von One Good Man mit Janis Jolpin.
Von der Spätphase sind einzelne Fundstücke zusammengetragen worden wie Bloomfields Arbeit mit Nick Gravenites und noch ein Spätwerk mit Dylan: The Groom's Still Waiting at the Altar. Die Aufnahme Carmelita Skiffle mit Gravenite wäre mal ein interessanter Blindhörversuch im Vergleich mit B.B. King der damaligen Zeit. Hier hätten in den ersten 36 bis 48 Takten wohl auch selbsterklärte Experten Mühe, die zwei auseinander zu halten.
Die Box From his Head to His Heart to his Hands : An Audio / Visual Scrapbook ist ein grossartiger Wert und eine Labour of Love, und ein würdiges Andenken an einen der grössten Bluesmusiker seiner Generation. Wir machen auf Bluesnews.ch ja kein Sternesystem zur Bewertung, aber diese Sammlung verdient höchstes Lob.
Michael Bloomfield From his Head to His Heart to his Hands : An Audio / Visual Scrapbook (2013)