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Eine Goldmedaille, zwei Silber, vier Bronze: Das ist die sportliche Ernte, die das indische Olympiateam in Japan einbrachte. Sie bringt ihm den 48. Rang ein, mit der Hälfte der Ausbeute und 24 Plätze hinter der Schweiz, einem Land, dessen Bevölkerung 130-mal kleiner ist als jene Indiens.
Dennoch kehrten die Olympioniken geradezu im Triumph nach Hause zurück. Am bevorstehenden Unabhängigkeitstag nächsten Sonntag werden sie von Premierminister Modi eine Heldenehrung bekommen. Der Grund liegt nicht nur in der fatalen Versuchung populistischer Politiker, die es nicht lassen können, sportliche Erfolge zweckdienlich auszuweiden.
Immerhin könnte Modi darauf verweisen, dass Indien nach einem halben Jahrhundert das erste Mal wieder mehr als zwei Medaillen gewinnt: Eine Steigerung um über 300 Prozent! Aber dies wäre eine denkfaule Erklärung für das Siegesgefühl, das in Indien herrscht.
Erstes Gold seit 2008
Weit wichtiger sind Einzelerfolge, etwa jener des Speerwerfers Neeraj Chopra. Es ist nicht nur Indiens erste Goldmedaille seit 2008 (damals im Pistolenschiessen), es ist die erste Top-Auszeichnung in der Leichtathletik überhaupt, und dies in einer uralten und populären olympischen Disziplin, die die weltbesten Speerwerfer in Tokio zusammengebracht hatte.
Beinahe ebenso wertvoll war die Bronze im Landhockey, ein deutlicherer Hinweis, aus welcher Tiefe des Raums der indische Sport hervorgetaucht ist. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der die Landhockeyaner – fast ausschliesslich Sikhs – an jeder Olympiade die Goldmedaille abgeräumt hatten. Acht sind es insgesamt, und TV-Kommentatoren wiederholen diese Zahl jeweils fast wie einen Exorzismus, der verhindern soll, dass ihr Land ganz im Ozean des Vergessens versinkt.
Denn hinter der stolzen Zahl steht eine andere: 1980. Es war das Jahr der ausgedünnten Spiele in Moskau, als die letzte Hockey-Medaille nach Indien ging. Für einen kurzen Moment überstrahlte der hart erkämpfte Sieg gegen Deutschland um den dritten Platz sogar den Jubel über einen weiteren Sieg des Cricket-Teams im fernen England.
Erfolgreiche Frauen
Beinahe ebenso euphorisch wurde der vierte Platz des Frauenteams gefeiert. Obwohl es nicht in die Medaillenränge vorstiess, nannte es der «Indian Express» ein «Overachievement». Das Team hatte seit November 2019 keinen einzigen internationalen Match mehr gespielt; und sechs der Stammspielerinnen waren letztes Jahr Opfer einer Covid-Ansteckung gewesen.
Auch die Bronze-Gewinnerinnen im Badminton, Gewichtheben und Boxen hatten fast zwei Jahre lang kaum eine Chance gehabt, ihre Stärken im internationalen Vergleich zu messen. Nun sind es ausgerechnet die Frauen – sie heimsten fünf der sieben indischen Medaillen ein –, die ihren männlichen Kollegen zeigten, dass sie sich trotz Quarantäne und Ansteckungen bis in die obersten Ränge vorkämpfen können.
Die dürre Bilanz von Indiens Olympiade-Beteiligungen hat vielerlei Gründe, die alle vier Jahre von den indischen Medien wie ein Mantra wiedergekäut werden: Die Monopolstellung von Cricket, das den Löwenanteil der Sponsorengelder beansprucht, die Politisierung (und damit Korruption) der Sportverbände, die Vernachlässigung des Sports in der Schule, und die mangelhafte Infrastruktur.
Die Favoritenrolle nicht gewohnt
Dann steht da natürlich der Elefant im Raum: Es ist der alte (Selbst)-Vorwurf, dass der indischen Psyche der Siegeswille, der «Killer-Instinkt», fehle. Dass Inder eine minderwertige athletische DNA aufweisen sollen, ist natürlich ein rassistisches Vorurteil. Aber das will ja nicht bedeuten, dass es nicht geglaubt würde – selbst und gerade von vielen Indern.
Dies zeigte sich indirekt auch bei den Spielen in Japan, wo Indiens Athletinnen und Athleten gerade in jenen Disziplinen schlecht abschnitten, in denen am meisten von ihnen erwartet wurde, wie beispielsweise im Schiessen, einschliesslich des Bogenschiessens, das ein Bestandteil der klassischen indischen Sportkultur ist. Die Inder sind sich gar nicht gewohnt, in der Favoritenrolle zu stehen; und wenn sie es sind, dann werden sie schlecht damit fertig.
Es ist wohl auch kein Zufall, dass der Aufwärtstrend der letzten zwanzig Jahre – der sich bisher noch nicht in olympischen Medaillen niedergeschlagen hat – zuerst in Disziplinen mit betonter körperlicher Grob-Muskulatur (Gewichtheben, Boxen, Ringen) ankündigte. Er ist zudem vor allem bei Frauen zu beobachten, und dies mehrheitlich bei Sportlerinnen, die aus marginalisierten Gesellschaftsschichten stammen.
Enttäuscht über Silber
Inzwischen sind es auch Männer, die das Stigma ungenügender Härte allmählich überwinden. Ein Beispiel ist der Ringer Ravi Daheja. Nicht nur errang er in seiner Gewichtsklasse die Silbermedaille. Geradezu symptomatisch war seine Reaktion nach dem Finale. Statt stolz zu sein, war er enttäuscht und verärgert, dass er die Goldmedaille verpasst hatte. «I have to live with the fact that I have silver», sagte er einem indischen Reporter nach dem Spiel. Und er wollte diesem, nur halb im Spass, die Medaille als Souvenir überlassen.
Aber dies war die enttäuschte Reaktion eines Sportlers, unmittelbar nachdem er auf die Matte gelegt worden war. Das Publikum zuhause reagierte nicht, wie viele chinesische Blogger und staatliche Medien, für die nur Gold zählt, und wo selbst Silber eher wie billiges Blech betrachtet wird.
Dass die indische Öffentlichkeit noch nicht diesem fatalen Impuls nachgibt, hat natürlich mit dem bescheidenen Trophäenschrank zu tun. Aber es war dennoch wohltuend, notieren zu können, dass die Medien die hervorstechende Rolle der Trainer der erfolgreichen Olympioniken nicht unter den Teppich wischten: Sechs der sieben Betreuer in den Medaillendisziplinen sind Ausländer.