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In der Schweiz purzeln die Temperaturrekorde für den aktuellen Monat; es zeichnet sich ab, dass es ein aussergewöhnlich warmer Mai werden wird. Folgen einige aussergewöhnlich heisse Tage aufeinander, ist schnell von einer «Hitzewelle» die Rede. Das Phänomen ist wissenschaftlich nicht einheitlich definiert, doch es ist klar, dass neben der Temperatur auch Faktoren wie die Dauer einer solchen Hitzewelle und deren geografischer Umfang eine Rolle spielen.
Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Bristol hat nun in einer Studie die acht extremsten Hitzewellen identifiziert, die seit 1968 auf unserem Planeten aufgetreten sind. Ein Blick auf die Liste zeigt jedoch, dass einige Hitzewellen darauf fehlen, die uns im Gedächtnis geblieben sind – etwa jene im Jahrhundertsommer 2003 oder in Griechenland 2021. Dagegen dürften einige der aufgelisteten Hitzewellen hierzulande kaum Erwähnung gefunden haben:
Das liegt daran, dass die Geografin Vikki Thompson und ihr Team nicht von der Frage ausgingen, wo die Temperaturen am höchsten waren, sondern von der Frage, wo es viel heisser war als im langjährigen Durchschnitt des betreffenden Gebiets. So gesehen war beispielsweise die Hitzewelle des letzten Jahres im westlichen Nordamerika extrem. Dort kletterte die durchschnittliche höchste Tagestemperatur während der Welle auf 39,5 °C, während die gemittelte Temperatur der drei heissesten Monate der letzten zehn Jahre lediglich 23,4 °C betrug.
Zudem verwendeten die Forscher für ihre Untersuchung zwei unterschiedliche Datenbestände – ERA5 und die japanische 55-Jahres-Reanalyse (JRA55). Meteorologische Reanalyse-Daten sind eine Kombination von Messungen, Beobachtungen und Simulationsdaten. Wenn diese Daten in einem Gebiet nicht übereinstimmten, wurden sie in der Studie nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund weist die aus den Daten erstellte Weltkarte der Hitzewellen grosse weisse Flecken auf – leider vornehmlich in Gebieten, die sehr warm sind.
Auch die zeitliche Skala beeinflusste das Resultat: Beispielsweise lag die Hitzewelle 2003 in der Schweiz bei Verwendung der mittleren Sommertemperaturen um mehr als 5 Standardabweichungen über Mittelwert, doch bei Verwendung der Tagestemperaturen war 2003 nicht das extremste Jahr.
Ausserdem wirkte sich der Umstand aus, dass die Forscher relativ grosse Regionen verwendeten, wodurch lokale Extreme aus dem Bild fallen. So wurde während der nordamerikanischen Hitzewelle von 2021 eine Maximaltemperatur von fast 50 °C gemessen, während die mittlere Temperatur für das gesamte Gebiet mehr als 10 °C niedriger war.
Freilich stellt sich die Frage, ob die in der Studie ermittelten Hitzewellen tatsächlich auch jene sind, die sich am stärksten auf die Menschen ausgewirkt haben. Eine starke Abweichung von einem langjährigen Mittel ist für die Bevölkerung vermutlich weniger mit Nachteilen verbunden, wenn dieses Mittel gemässigt ist.
Wenn die Temperaturen aber in einer Region Rekordwerte erreichen, in der das Mittel bereits hoch ist, kann die Abweichung schwere Folgen haben, selbst wenn sie nicht extrem ist. Die aktuelle Hitzewelle in Indien und Pakistan zum Beispiel, wo die Temperaturen seit Wochen über 45 °C liegen, ist für die Menschen und Tiere eine starke Belastung und könnte Tausende von Todesopfern fordern.
Tatsächlich sind Hitzewellen nicht zu unterschätzen. Unter den Wetterphänomenen sind sie die grössten «Killer» – Wirbelstürme zum Beispiel richten mehr Schäden an, aber es sind die Hitzewellen, die am meisten Todesopfer fordern. In Europa sind es laut einer 2017 veröffentlichten Studie durchschnittlich mehr als 28'000 Todesfälle pro Jahr, wobei mehrheitlich ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen betroffen sind.
Dabei ist es schwierig, wirklich sämtliche Todesfälle zu erfassen, die durch eine Hitzewelle verursacht wurden. Die Unterschiede in der statistischen Erfassung können überdies in verschiedenen Ländern stark variieren. Gemeldet werden vornehmlich hitzebedingte Sterbefälle durch Kreislauf- oder Herzversagen, während beispielsweise Opfer von Mangelernährung aufgrund von Missernten, die nach einer Hitzewelle auftreten, kaum berücksichtigt werden.
So bietet sich ein komplett anderes Bild, wenn die schlimmsten Hitzewellen über die Anzahl der Todesopfer definiert sind. Dann führt der Hitzesommer 2003 – der in der Liste von Thompson nicht aufgeführt ist – die Liste sogar an:
Die ohnehin nicht vollständig erfassten Opferzahlen dürften sich in Zukunft noch erhöhen. Die globale Erwärmung infolge des anthropogenen Klimawandels wird mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Anstieg der Mortalität sorgen. Der Weltklimarat IPCC prognostizierte 2014 in seinem 5. Sachstandsbericht, es werde künftig mehr heisse und weniger kalte Temperaturextreme geben und Hitzewellen würden sehr wahrscheinlich häufiger auftreten und zudem länger andauern.
Gebiete wie Teile Australiens oder Zentralafrikas, die bisher keine verheerende Hitzewelle erlebt haben – weder gemäss der Definition von Thompson noch hinsichtlich der dadurch verursachten Todesopfer –, sind daher keinesfalls sicher vor solchen Ereignissen. Möglicherweise sind sie selbst weniger gut auf hohe Temperaturen vorbereitet, weil sie sich noch nie an diese anpassen mussten. Die Klimaerwärmung wird dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ändern.
Die Welt ist ein unsicherer Ort. Das war sie zwar schon immer, doch bei vielen scheint das Unsicherheitsgefühl zu steigen. In Wohnzimmern werden Überwachungskameras positioniert, die vor Einbrechern warnen sollen. Babys werden auf spezielle Matten mit Sensoren gebettet, damit das äusserst unwahrscheinliche Auftreten eines plötzlichen Kindstodes noch unwahrscheinlicher wird. Und Kinder werden mit Smartwatches und GPS-Trackern ausgerüstet, damit die Eltern stets wissen, wo sich die Kleinen befinden.