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Die Swiss Re hat ein Exposure bei Freddie Mac und Fannie Mae. Wird dies zu weiteren Abschreibern bei der Swiss Re führen?
Peter Forstmoser: Aufgrund der jüngsten Entwicklungen rund um Freddie Mac und Fannie Mae haben wir unsere Investoren und Analysten erneut und detailliert über das Engagement von Swiss Re bei diesen US-Immobilienbanken informiert. Wir haben gezeigt, dass Swiss Re Anleihen dieser beiden Institute in der Höhe von rund 10 Mrd Fr. hält sowie RMBS-Papiere in der Höhe von 12,2 Mrd Fr., die durch Hypotheken auf Wohnraum gesichert sind. Zur Sicherheit dieser Papiere trägt die implizite US-Staatsgarantie sowohl für Fannie Mae als auch Freddie Mac bei.
Hat die Swiss Re ihre Kreditrisiken im Griff?
Peter Forstmoser: Vor rund einem Monat hat Swiss Re bekannt gegeben, dass im 2. Quartal bis Mitte Juni ein weiterer Korrekturbedarf im Umfang von 350 Mio Fr. auf den strukturierten Credit Default Swaps (sCDS) zu erwarten ist. Bei den beiden sCDS handelt es sich um zwei isolierte Transaktionen, die wir bereits im vergangenen November in den Run-off überführt haben. Wir schliessen keine neuen Transaktionen mit strukturierten Kreditderivaten mehr ab.
Wie gross ist das Risiko, dass bei der Swiss Re irgendwo plötzlich noch andere Positionen auftauchen, bei denen man ebenfalls hohe Abschreiber vornehmen muss?
Forstmoser: Ich sehe zum heutigen Zeitpunkt keine Anhaltspunkte, die zusätzliche Wertberichtigungen nötig machen würden. Wir haben unser gesamtes Engagement transparent ausgewiesen und werden im August in unserem Bericht zum 2. Quartal 2008 über den neuesten Stand informieren.
Steigen die Prämien im Kreditversicherungsgeschäft?
Forstmoser: Schäden gehören zu unserem Geschäft. Wir befreien andere von Risiken, und dafür zahlen sie uns Prämien. Daher ist es nur natürlich, dass die Prämien steigen, wenn die Risiken grösser werden.
Muss mit einer zusätzlichen Belastung aus dem Bereich Naturkatastrophen gerechnet werden: Könnte das Erdbeben in China das Resultat doch stärker als bisher angenommen belasten?
Forstmoser: Mit der Entwicklung des chinesischen Marktes haben die versicherten Schäden in dieser Region erwartungsgemäss zugenommen. Sie sind aber trotz des grossen Erdbebens im chinesischen Sichuan und des tragischen Ausmasses dieser Katastrophe für die Rückversicherungsindustrie verhältnismässig bescheiden, weil die Versicherungsdichte in China noch tief ist.
Heisst dies, dass die Swiss Re trotz der Probleme im Kreditversicherungsgeschäft auf Kurs ist?
Forstmoser: Unser Kerngeschäft hat im Branchenvergleich starke Resultate geliefert. Wir halten an unseren längerfristigen Zielvorgaben von 10% Wachstum für den Gewinn je Aktie und einer Eigenkapitalrendite von 14% fest.
Die Aktien der Swiss Re erreichen laufend neue Tiefstände. Wie wollen Sie das Vertrauen der Aktionäre zurückgewinnen?
Forstmoser: Indem wir unsere Strategie konsequent weiterverfolgen. Das heisst beispielsweise, dass wir neues Geschäft diszipliniert zeichnen ? und dementsprechend weiterhin solide Resultate präsentieren. Mit einem Kurs um die 60 Fr. notiert unsere Aktie deutlich unter dem Buchwert, der per Ende März bei rund 83 Fr. lag. Trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten haben wir in unserem Kerngeschäft solide Ergebnisse erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr haben wir das zweitbeste Resultat in unserer Unternehmensgeschichte ausgewiesen ? und auch im 1. Quartal dieses Jahres haben wir aufgrund unseres soliden Kerngeschäfts einen Nettogewinn von 624 Mio Fr. erwirtschaftet. Ich bin überzeugt, dass sich zuverlässige Resultate über mehrere Quartale auch in unserem Börsenkurs niederschlagen müssen.
Wird Swiss Re diese tiefe Bewertung für weitere Aktienrückkäufe nutzen?
Forstmoser: Wir haben per Mitte Juli rund die Hälfte unseres angekündigten Rückkaufprogramms in der Höhe von bis zu 7,75 Mrd Fr. abgeschlossen. Wir werden dieses Programm weiterverfolgen und wie geplant zu Ende führen. Alternativ werden wir unser Kapital für Akquisitionen und unser Kerngeschäft einsetzen, sollten sich uns attraktive Gelegenheiten bieten.
Sehen Sie derzeit solche Möglichkeiten?
Forstmoser: Beispielsweise im Admin-Re-Geschäft prüfen wir ständig Kaufchancen.
Wie beurteilt Warren Buffett seine Beteiligung an der Swiss Re: Wird er seinen Anteil erhöhen?
Forstmoser: Diese Frage kann nur Warren Buffett beantworten. Sein Engagement in Swiss Re ist jedoch ein Zeichen, dass jemand, der unser Geschäft wirklich versteht, an uns glaubt und Vertrauen in uns hat. Wir wiederum sind an langfristigen und kundigen Aktionären interessiert.
Können das auch Staatsfonds sein?
Forstmoser: Ja. Wir haben keine Berührungsängste. Staatsfonds sind langfristige Investoren mit einem hohen Wissensstand. Das sind Aktionärseigenschaften, die wir uns wünschen.
Sie haben kürzlich Ihre Professur an der Universität Zürich abgegeben: Was sind Ihre Pläne als Verwaltungsrats- präsident?
Forstmoser: Ich übe mein Mandat bei Swiss Re gerne aus und habe keine Rücktrittspläne.
Mathis Cabiavalletta wurde somit nicht in den Swiss-Re-Verwaltungsrat geholt, um Sie dereinst abzulösen?
Forstmoser: Das ist kein Thema ? weder für mich noch für Mathis Cabiallavetta. Es ist aber selbstverständlich und gehört zu einer guten Corporate Governance, dass wir die Nachfolgeregelung rechtzeitig angehen werden.
Noch ist die Kreditkrise nicht ausgestanden: Wo steuern wir hin?
Forstmoser: Ich hoffe, dass sich die Volatilität der Märkte in absehbarer Zeit abschwächen wird. Jedenfalls gilt es schon jetzt für alle Markteilnehmer, die Lehren daraus zu ziehen.
Welche Lehren ziehen Sie aus der Krise?
Forstmoser: Was wir erleben, ist schon sehr beunruhigend. Auch meine VR-Kollegen in anderen Schweizer Unternehmen sind besorgt. Doch Besorgnis ist kein schlechter Ausgangspunkt, um Dinge zu verbessern oder zu optimieren. Für das Risikomanagement etwa bedeutet dies, in Zukunft noch vermehrt Stress-Tests miteinzubeziehen, sogenannt undenkbare Szenarien zu berücksichtigen, statt sich nur auf historische Daten zu verlassen.
Welche Konsequenzen hat die Krise auf die Führung in den Unternehmensleitungen und Verwaltungsräten?
Forstmoser: Dem Thema der Risikobeurteilung wird in den Verwaltungsräten noch mehr Gewicht beigemessen. In diesem Punkt war der Schweizer Gesetzgeber übrigens der Zeit voraus. Der auf Anfang 2008 in Kraft getretene Artikel 663b OR verlangt, dass der Verwaltungsrat Angaben über die Durchführung einer Risikobeurteilung machen muss. Er ist somit gefordert, eine eigene Beurteilung vorzunehmen und auch zu regeln, wer auf welcher Stufe für das Riskomanagement verantwortlich ist. Ausserdem muss die Revisionsstelle bestätigen, dass ein internes Kontrollsystem existiert. Das kann sie nur aufgrund angemessener Prüfung.
Mehrere Banken und Versicherungen mussten hohe Abschreiber wegen der Kreditkrise vornehmen. Haben die Verwaltungsräte ihre Pflichten verletzt?
Forstmoser: Im Nachhinein ist man immer klüger. Ein Fehler war sicher, dass man den Ratingagenturen zu sehr vertraut hat. Überdies hat man sich zu sehr auf Modelle verlassen, die sich auf historische Daten bezogen. Schliesslich hat man sich zu falschen Entscheidungen verleiten lassen, weil das Kapital zu billig und die Risikozuschläge zu tief waren.
Nochmals: Wurden, bezogen auf den neuen Gesetzesartikel im Aktienrecht zur Risikobeurteilung, nicht Pflichten vernachlässigt?
Forstmoser: Wie gesagt: Man hat sich sicher zu stark auf externe Risikoprüfer wie die Ratingagenturen verlassen, statt die Risiken selbst umfassend zu untersuchen. Die Krise zeigt aber auch die Grenzen der Risikobeurteilung durch den Verwaltungsrat auf. Man darf sich keine Illusionen machen: Der VR ist nicht das Gremium, das die Risiken im Einzelnen beurteilen soll oder auch nur kann. Vielmehr besteht seine Aufgabe darin, ein effektives Risikomanagement und die Risikokontrolle sicherzustellen.
Rechnen Sie in der Schweiz mit Verantwortlichkeitsklagen, weil gegen den neuen Gesetzesartikel verstossen wurde?
Forstmoser: Anders als in den USA sind in der Schweiz Verantwortlichkeitsklagen nur dann zu erwarten, wenn eine Gesellschaft in Konkurs gefallen ist. Die Pflicht zur Risikobeurteilung durch den VR bestand seit jeher. Neu ist nur, dass sie im Gesetz ausdrücklich genannt ist.
Welche Chancen haben solche Verantwortlichkeitsklagen gegen den VR nach den immensen Abschreibern wegen der Kreditkrise?
Forstmoser: Eine Schadenersatzpflicht besteht nur bei Verschulden, wobei Fahrlässigkeit genügt. Ein Verwaltungsrat, der keine Risikobeurteilung vornimmt, handelt schuldhaft. Das war, wie gesagt, schon immer so. Weiter stellt sich die Frage, ob die Pflichtverletzung zu einem Schaden geführt hat. Und schliesslich stellt sich die Frage, ob eine vertiefte Beurteilung hätte Schaden verhindern können. All dies ist keineswegs immer klar.
Lesen Sie weiter im mit Peter Forstmoser