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Marlis Chanton (66) ist für das kommende Jahr der Governor des Distrikts 199 von Inner Wheel. Im Interview spricht sie über den Club, Frauen im Schatten der Männer und was sie als Governor von Inner Wheel für Ziele hat.
Marlis Chanton, Sie sind der neue Governor von Inner Wheel in der Schweiz. Was ist Inner Wheel überhaupt für ein Club?
Inner Wheel ist das Pendant zum Rotarier-Club für Frauen. Anfang des 20. Jahrhunderts halfen die Frauen der Rotarier den Männern sehr stark bei ihrer Arbeit, übernahmen während des 1. Weltkriegs sogar die Arbeit für die von den Rotariern geschaffenen Sozialwerke. Allerdings durften sie nicht Mitglieder bei den Rotariern werden, weil der Club nur Männer aufnahm. Als die Männer aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrten, widmeten sie sich wieder den Sozialwerken. 1924 beschloss die Schottin Margarette Golding daraufhin, einen selbstständigen Club für Frauen von Rotariern zu gründen. Dies war die Geburtsstunde von Inner Wheel.
Seitdem hat sich der Club über den gesamten Erdball verbreitet und zählt heute über 100 000 Mitglieder. Was war damals die Aufgabe von Inner-Wheel-Mitgliedern?
Die Frauen von Inner Wheel engagierten sich stark für sozial benachteiligte Menschen. Am Anfang sammelten sie Gelder, um den Armen Nahrung, medizinische Versorgung oder Kleidung zur Verfügung stellen zu können. Die Regierungen kannten damals Einrichtungen wie Sozialhilfe und dergleichen noch nicht. Das Ziel von Inner Wheel war es, diese Lücke zu schliessen.
«Wir haben dieselben Strukturen wie die Rotarier»
Heute kennen wir staatliche Sozialwerke. Was tut Inner Wheel im Jahr 2016?
Immer noch dasselbe wie damals. Nur im Westen sind die Sozialwerke einigermassen stabil. In vielen anderen Teilen der Welt sieht es ja bekanntlich ganz anders aus. Inner Wheel sammelt immer noch Gelder, die wir in verschiedenste Projekte oder Hilfsorganisationen investieren. Zudem unterstützen wir beispielsweise die musikalische Bildung benachteiligter Kinder, unterhalten Frauenhäuser oder helfen Missionaren. Das Bedürfnis nach dem Engagement von Inner Wheel ist sicher nicht verschwunden, im Gegenteil.
Was tut der Oberwalliser Ableger von Inner Wheel derzeit?
Wir im Oberwallis sammeln zurzeit Fünfrappen-Stücke. Mit diesem Geld unterstützen wir ein Hilfsprojekt in Kolumbien, das vom Oberwalliser René Brunner geleitet wird. Zudem helfen wir dabei, eine Schule in Nepal, die von den verheerenden Erdbeben zerstört wurde, wieder aufzubauen. Unser Engagement ist sehr breit gefächert.
Wie sieht es mit Projekten hier bei uns vor Ort aus?
Bei Inner Wheel läuft das folgendermassen: Die Präsidentin des jeweiligen Clubs kann entscheiden, welche Projekte sie unterstützen möchte. Wir haben vor wenigen Wochen Sylvie Zumofen-Jung zur Oberwalliser Präsidentin für das kommende Jahr bestimmt. Sie wird daher bald bekannt geben, wie und für was sich Inner Wheel Oberwallis im nächsten Jahr einsetzen wird.
Womit wir schon bei den Strukturen von Inner Wheel wären. Wie ist Ihr Club eigentlich strukturiert?
Wir haben dieselben Strukturen wie die Rotarier. Es gibt weltweit verschiedene Distrikte und in diesen Distrikten einzelne regionale Clubs. Sylvie Zumofen-Jung ist Präsidentin von Inner Wheel Oberwallis und ich bin der Governor des Distrikts 199, sozusagen also die Präsidentin des Schweizer Dachverbands. Die jeweiligen Vorsteherinnen der Clubs und der Distrikte können während ihrer einjährigen Amtszeit persönlich bevorzugte Projekte unterstützen oder umsetzen.
Wer kann denn eigentlich bei Ihnen Mitglied werden?
Bis vor fünf Jahren durften nur Frauen oder Verwandte von Rotariern Mitglied bei Inner Wheel werden. Nun hat der internationale Vorstand diese Aufnahmebedingungen gelockert, das heisst, man muss nicht mehr mit einem Rotarier verheiratet oder verwandt sein. Jede Frau kann als Mitglied vorgeschlagen werden, der Club entscheidet dann über die Aufnahme.
Gibt es auch Männer bei Inner Wheel?
Ja, allerdings weltweit nur drei Mitglieder, und zwar in den Niederlanden. Bei uns wäre es grundsätzlich auch möglich, da wir die Gleichberechtigung im Gesetz verankert haben. Die Öffnung für nicht rotarisch verbundene Frauen soll jedoch zuerst eingesetzt werden, und zwar in allen Clubs, was aber nicht so schnell passieren wird. Es ist dasselbe wie bei den Rotariern mit der Frauenfrage.
Wenn Sie sagen, der amtierende Governor kann eigene Ziele für seine Amtszeit definieren, was wollen Sie persönlich erreichen?
Mein grosses Ziel ist es, Inner Wheel in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Über so viele Jahre hinweg haben die Frauen von Inner Wheel im stillen Kämmerlein so viel Gutes getan, ohne dass man davon Notiz genommen hat. Als PR-Fachfrau will ich den Clubs zeigen, wie sie sich besser in der Öffentlichkeit positionieren können. Wir Frauen sind oft einfach zu bescheiden. Mein Ziel ist es, dass Inner Wheel sich öffnet.
Was verstehen Sie unter Öffnung?
Nun, es geht einerseits darum, dass wir die beschlossene Öffnung der Vereinigung für neue Mitglieder vorantreiben, sprich neue Mitglieder anwerben. Dann wollen wir uns gegenüber der Gesellschaft öffnen, das heisst, wir wollen zeigen, wer wir sind und was wir tun. Um das zu erreichen, müssten wir uns selbstredend auch den Medien gegenüber öffnen. Das alles braucht natürlich ein bisschen Überzeugungsarbeit.
Sie sagen, Frauen seien zu bescheiden. Hat das nicht auch Vorteile? Man sagt ja, Bescheidenheit sei eine Tugend.
Ich finde es einfach nur schade. Jeder in der PR-Branche kennt den Spruch: «Tu Gutes und rede darüber». Ich bin auch überzeugt, dass wenn wir mehr an die Öffentlichkeit gehen, das der Vereinigung und vor allem unserem Engagement nützt. Wir horten keine Gelder, sondern investieren alles direkt in Projekte. Da braucht man sich doch nicht zu verstecken.
Was für Aufgaben erwarten Sie als Governor sonst noch?
Zu dem angesprochenen Ziel kommen natürlich auch noch die repräsentativen Aufgaben des Governors hinzu. So werde ich allen Clubs in meinem Distrikt, der deckungsgleich mit der Schweiz ist, einen Besuch abstatten und darauf schauen, dass die Clubs auch gemäss der Verfassung von Inner Wheel arbeiten. Und natürlich möchte ich den Wiederaufbau der angesprochenen Schule in Nepal vorantreiben.
«Mein Ziel ist es, dass Inner Wheel sich öffnet»
Kommen wir auf dieses Schulprojekt zu sprechen. Wie sind Sie dazu gekommen, sich für den Wiederaufbau zu engagieren?
Mein Mann und ich sind seit Längerem in der Entwicklungshilfe tätig. Im Auftrag von Swisscontact, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, beraten wir KMUs weltweit. Eines dieser Engagements führte uns nach Nepal, wo ein lokaler Unternehmer die Idee hatte, zum ersten Mal Wein aus Trauben zu machen. Bis dahin gab es in Nepal nur Fruchtwein. Aufgrund unseres Know-hows (das Ehepaar Chanton besitzt die gleichnamige Kellerei in Visp An. d. Red.) wurden wir von der Swisscontact mit diesem Projekt betraut. Dabei zeigte mir der Unternehmer eines Tages die Schule, die in einem desolaten Zustand war.
«Aus der desolaten Schule wurde eine völlig zerstörte Schule»
Wie ging es weiter?
Dann kamen die beiden Erdbeben und aus der desolaten Schule wurde eine völlig zerstörte Schule. In diesem Moment entschied ich mich, als Governor dieses Projekt zu unterstützen, um mithilfe von Inner Wheel das Gebäude wieder aufzubauen.
Wie läuft es mit dem Wiederaufbau?
Nach den Erdbeben dachte ich: «Mein Gott, allein wird das schwierig.» Ich habe mich daher mit einer dänischen Hilfsorganisation zusammengetan, um den Wiederaufbau gemeinsam anzugehen. Ein wichtiger Gedanke dabei war der, dass ich nicht das gesamte zur Verfügung stehende Geld in die Infrastruktur stecken wollte. Ich wollte noch Gelder haben, um vor allem den Mädchen einen längeren Schulbesuch zu ermöglichen. Nepal ist leider das Land mit den meisten Kinderehen auf der Welt.
Allerdings gab es einen Rückschlag.
Ja, leider. Es gab zwar ein paar Treffen mit der dänischen Hilfsorganisation, allerdings wurde von deren Seite nichts geleistet in einem halben Jahr. Im April flog ich darum nach Nepal um zu schauen, was los ist, und war schnell davon überzeugt, den Kontakt abzubrechen und das Projekt nun allein zu stemmen, was natürlich für die kommenden Monate viel Arbeit bedeutet.