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In seinem neusten Film greift Nanni Moretti auf eine Erfahrung zurück, die viele Menschen irgendwann machen: den Tod der Mutter. In «Mia Madre» verschwindet die zum Sterben bereite Ada (Giulia Lazzarini) allmählich hinter den Fenstern der Intensivstation und damit auch aus dem Blickfeld des Publikums. Protagonistin des Films ist nicht Ada, sondern ihre Tochter Margherita (Margherita Buy), die sich in einer existenziellen Krise befindet: als Regisseurin eines Spielfilms über die Schliessung einer Fabrik, als Ehefrau, die sich von ihrem Mann trennt, und als Tochter, die sich schlecht mit dem physischen Verfall ihrer greisen Mutter abfinden kann. Ganz anders ihr Bruder Giovanni, gespielt von Nanni Moretti: Er hat sich eine berufliche Auszeit genommen und ist damit sozusagen in einer komfortablen Situation, um sich mit dem allmählichen Verlust der Mutter auseinanderzusetzen.
Das Trauern kostet Zeit und Lebensenergie, nicht umsonst spricht Freud von Trauerarbeit. So gesehen ist «Mia Madre» nicht nur ein sehr persönlicher, sondern in gewisser Hinsicht auch ein politischer Film. Denn wenn Barry Huggins (John Turturro), der Hauptdarsteller in Margheritas Film im Film, damit prahlt, dass er wegen einer prominenten Rolle bei einem Hollywoodregisseur die Geburt seines Sohnes verpasst habe, was er keineswegs bedaure, wird er implizit zum Gegenbild Giovannis. Derweil wird dessen gestresste Schwester nachts von Albträumen heimgesucht: So träumt sie etwa, dass sie mit ihrer Mutter spricht, ohne zu merken, dass diese bereits tot ist.
Spektakuläre Traumsequenzen kontrastieren mit den fast banalen Einstellungen rund um das Sterbebett. In einer listigen Parallele zur Mutter, die allmählich ihr Sprachvermögen verliert, vergisst Barry Huggins auf dem Set von Margheritas Film auch noch die kürzesten Sätze auf Italienisch und versucht mit umwerfenden Tricks, die Situation zu retten. So wirkt Komik als Kontrapunkt in dieser subtilen, vielschichtigen Chronik über das Sterben der Mutter.
Ab 17. Dezember 2015 im Kino.