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Stillen
„Wenn ihr Baby häufig schreit, werden sie wahrscheinlich zu hören bekommen: „es hat Hunger“, und sie werden gedrängt, zuzufüttern. Auch sie haben vielleicht das Gefühl, dass
es am Hunger liegt, vor allem, wenn sie stillen, denn das erfordert sehr viel Selbstvertrauen. Häufig legen Mütter ihre weinenden Babys während der schlimmsten Schreiphasen jede halbe Stunde oder öfter an. Das Baby schnappt dann wie ausgehungert nach der Brustwarze, doch schon nach wenigen Minuten wendet es den Kopf ab und fängt wieder bitterlich zu weinen an. Einer Mutter, die alles Erdenkliche unternimmt, um ihr Baby zu beruhigen und ihren eigenen Körper als Friedensgabe anbietet, muss das als unwiderrufliche Ablehnung erscheinen, und sie ist sich dann sicher, dass ihre Milch nicht reicht oder sie ihr Kind falsch behandelt."
Dieser Abschnitt aus Sheila Kitzingers Buch „Wenn mein Baby weint“ beschreibt die Situation, in der sich eine stillende Mutter eines Schreibabys befindet sehr treffend. Wir haben den Verband der Stillberaterinnen gefragt, was sie Müttern mit einem Schreibaby raten:
Wie merkt eine betroffene Mutter, wann ihr Baby Hunger hat, wenn es ja immer schreit? Soll sie es häufiger anlegen oder nach einem bestimmten Rhythmus stillen?
Das ist tatsächlich sehr schwierig für Mutter und Kind zu spüren. Mit dem Saugen deckt das Baby die Grundbedürfnisse nach Nahrung und Nähe ab. Wenn ein Baby viel schreit und ausser sich ist, ist es auch für das Baby schwierig zu merken, wann es Hunger hat. Wie soll da die Mutter wissen, wann Sie ihr Baby anlegen muss?! Tendenziell werden Schreibabys daher zu häufig angelegt. Wenn das aber für die Mutter und das Baby stimmt, dann sollte daran auch nichts geändert werden. Wenn die Mutter jedoch sehr verunsichert ist, kann es helfen, eine gewisse Struktur zu finden. Es sollte nicht mit der Stoppuhr gestillt werden, aber es kann ein gewisser zeitlicher Richtwert, z.B. zwei Stunden, festgelegt werden. Eine Pause kann Mutter und Kind etwas Ruhe bringen, und das Baby ist dann auch nicht permanent am Verdauen.
Woher weiss eine Mutter, dass sie genügend Milch hat ? Wenn das Baby immer weint, weiss man ja nicht, ob es satt ist.
Viele Mütter erinnern sich an den Milcheinschuss und die ersten Tage danach. Die Brust war prall, man fühlte Knötchen und spürte förmlich, dass reichlich Milch vorhanden war. Später fühlt sich die Brust schlaffer an, und die Frau hat Angst, dass die Brust zu wenig Milch produziert. Das ist jedoch normal. Sobald sich Angebot und Nachfrage eingespielt haben
und öfters gestillt wird, fühlt sich die Brust oft weicher an. Das ist jedoch kein Indiz, dass die Brust zu wenig Milch produziert. Den ersten Milcheinschuss erleben nicht alle Frauen so intensiv. Jede Frau und ihr Körper sind individuell. Auch wenn die Brust beim initialen Milcheinschuss wenig Veränderung zeigt, ist dies kein Richtmass wie viel Milch die Brust anschliessend produzieren wird. Ein Hilfsmittel, um festzustellen, ob das Baby genügend Milch bekommt, ist die Gewichtszunahme. Im Durchschnitt sollte das Baby 100-150g pro Woche zunehmen. Das sind jedoch nur Richtwerte. Wir raten davon ab, das Baby vor und nach dem Stillen zu wiegen oder es täglich auf die Waage zu legen. Das Baby trinkt nicht immer gleich viel. Es könnte die Mutter daher nur verunsichern. Es genügt, das Gewicht einmal pro Woche oder alle zwei Wochen zu kontrollieren. Es ist auch durchaus möglich, dass das Baby ein, zwei Wochen weniger zunimmt und dann kräftig aufholt. Eine weitere Möglichkeit ist die Beobachtung, ob die Windeln nass sind. 5 gut nasse Windeln sollte ein Baby pro Tag (24h) haben.
Wenn eine stillende Mutter im Stress ist, schüttet ihr Körper das Hormon Adrenalin aus. Dadurch kann die Ausschüttung des Hormons, welches für den Milchspendereflex zuständig ist, gehemmt werden. Wird die Milchbildung dadurch gebremst? Was kann eine Mutter dagegen tun?
Die Milchbildung wird durch das Adrenalin nicht direkt gestört. Der Milchspendereflex, d.h. wie lange es dauert, bis die Milch nach vorne fliesst, nachdem das Baby angesetzt wurde, und wie heftig die Milch fliesst wird durch Stress beeinflusst. In diesem Fall, kann es der Mutter helfen, wenn Sie z.B. durch Atemübungen versucht, einen Moment Ruhe zu finden. Der Milchspendereflex funktioniert sehr individuell und situativ. Wenn man z.B. Milch abpumpt, kann es sehr viel länger dauern, bis die Milch fliesst, als wenn das Baby direkt an der Brust trinkt. Das Pumpen kann in schwierigen Situationen ohne Erfolg verlaufen, was nicht heissen muss, dass keine Milch vorhanden ist.
Wie sollte sich die Mutter während der Stillzeit ernähren?
Die Mutter sollte sich gut und ausgewogen ernähren. Sie sollte ihrem Hunger und Durstgefühl vertrauen. Es ist wichtig, dass die Mutter ihre eigenen Bedürfnisse ebenfalls wahrnimmt. Sie kann diese gegenüber dem Baby formulieren und versuchen, sich für die Malzeiten etwas Zeit zu nehmen. Falls die Mutter zu wenig Nährstoffe aufnimmt, wird der Körper das Baby bevorzugen und ausreichend nahrhafte Milch produzieren. Die Mutter wird quasi benachteiligt und, sie selbst könnte allenfalls Mangelerscheinungen zu spüren bekommen. Für die Trinkmenge gibt es eine Faustregel; zu jeder Stillmahlzeit ein Glas Wasser. Aber bitte kein schlechtes Gewissen, wenn Sie mal ein Glas vergessen. Erst wenn die Mutter regelmässig zu wenig trinkt, kann es Einfluss auf die Milchbildung haben. Wenn eine Mutter ein Schreibaby hat, ist es oft schwierig noch die Zeit zum Kochen, Essen und Trinken zu finden. Organisieren Sie sich Hilfe (z.B. Mahlzeitendienst der Gemeinde) oder bitten Sie Ihren Besucher anstatt Blumen ein feines Menue mitzubringen.
Sollte die Mutter gewisse Lebensmittel meiden?
Die einzigen Lebensmittel, die die Mutter meiden bzw. nur in kleinen Mengen zu sich nehmen sollte sind koffeinhaltige Genussmittel, sowie Alkohol und Zigaretten. Man hört immer wieder, dass zu milchhaltige Nahrung beim Baby Bauchweh verursachen kann. Uns ist keine Studie bekannt, die das beweist. Wenn man den dringenden Verdacht darauf hat, kann man diese Lebensmittel jedoch weglassen (ca. 2 Wochen), und somit überprüfen, ob es einen positiven Effekt auf das Baby hat. Lebensmittel, die blähen sind ebenfalls verschrieen. Wir sind der Meinung, dass es für die Mutter eine zusätzliche Belastung sein kann, wenn Sie ihre Ernährung derart einschränken muss, dass sie sich nicht mehr wohl fühlt oder sofort ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn sie mal davon abweicht. Wir raten deshalb davon ab eine ‚Diät‘ zu halten. Essen Sie, was Ihnen schmeckt. Das unberuhigbare Schreien ihres Babys kann unmöglich alleine von Ihrer Ernährungsweise abhängen.
Was bedeutet es, wenn das Baby während des Stillens oder kurz danach zu weinen beginnt?
Während des Trinkens beginnt die Verdauung zu arbeiten. Manche Babys stört das. Sie werden unruhig und lassen vielleicht sogar Winde. Es bedeutet aber nicht, dass ihre Milch nicht gut ist oder das Baby allergisch auf die Nahrung reagiert. Es stört sich einfach an der peristaltischen Bewegung seines Darmes. Sie könnten ein warmes ‚Chriesisteisäcklein‘ auflegen. Der Milchspendereflex ist bei manchen Frauen sehr stark. Die Milch spritzt dem Baby förmlich in den Mund. Das Baby ist vielleicht überfordert mit so viel Milch auf einmal. Machen Sie eine kurze Pause, bis die Milch etwas langsamer fliesst. Die Mutter kann sich beim Stillen zurücklehnen und das Baby in Bauchlage an die Brust legen. Die Mich muss nach oben fliessen und strömt somit langsamer. Sie könnten auch versuchen, den Milchspendereflex mit der Pumpe auszulösen, bevor sie das Baby anlegen. Wenn die Milch dann ruhig fliesst, legen Sie ihr Baby an. Manche Babys saugen auch sehr gierig am Anfang. Dadurch schlucken sie Luft. Lassen Sie ihr Baby zwischendurch aufstossen. Für eine Frau kann es jedoch schwierig sein, das unruhige Verhalten Ihres Babys an der Brust zu deuten. Durch die Verunsicherung können Mutter und Baby in eine Stressspirale geraten. Es ist sinnvoll, frühzeitig professionelle Hilfe bei einer Stillberaterin zu suchen.
Die Fragen wurden mit Hilfe von Frau Edith Müller-Vettiger vom Berufsverband Schweizer Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC beantwortet. Frau Edith Müller-Vettiger ist zusätzlich ausgebildet in Baby- und Elternarbeit bei einem Schreibaby.
Quellen/Links
Berufsverband CH Stillberaterinnen IBCLC. Auf der Website der IBCLC finden Sie unter "wichtige Adressen" Angaben zu Stillberaterinnen in jedem Kanton.
La Leche Liga Schweiz. Auf der Website finden Sie unter "Stillberaterinnen" Adressen einer Beraterin.
Buchtipps
Das Stillbuch
Hannah Lothrop, Kösel-Verlag, ISBN 3-466-34431-x
Stillen und Stillprobleme
Uta Reich-Schottky, Verlag Ferdinand Enke, ISBN 3-432-25493-8