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Ignazio Silone
aus: Wein und Brot (1936)
Nur die Tür des Wirtshauses war noch geöffnet und erleuchtet. Abends kam immer noch der eine oder der andere, um zu trinken oder zu spielen, und oft wurde es spät. Es gab keinen anderen Ort, wo man sich treffen konnte. Zwei schmierige Tische, einige ausgefranste Stühle und eine Holzbank neben dem Herd, das war die ganze Ausstattung. In der Ecke unter der Treppe zum ersten Stock waren die Vorräte für das ganze Jahr angehäuft, mehrere Säcke mit Kartoffeln, Bohnen und Linsen. Um den Durst der Gäst anzuregen, stand fast immer ein Tellerchen mit in Salz gerösteten Bohnen auf dem Tisch. Die Madonna hing schon seit vielen Jahren an der Wand der Gaststube und hatte sich daran gewöhnt. Die Gäste kauten Bohnen, tranken, kauten Tabak, tranken wieder und spuckten unaufhörlich auf den Boden, so dass Don Paolo acht geben musste, um nicht auszugleiten.
Neben dem Herd kauerte immer ein alter Mann, ein gewisser Fava. Stumpfsinnig und traurig starrte er zu Boden, bewegte stetig und langsam seine Kinnbacken wie ein Wiederkäuer und sprach mit niemandem ein Wort. Er erschien als erster und ging als letzter fort, so betrunken, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Seine Töchter kamen, um ihn abzuholen, dann kamen die Söhne, schliesslich die Frau, er hörte nicht auf sie.
»Zu Hause gibt es auch Wein«, sagte seine Frau. »Warum trinkst du nicht den Wein von unserem Weinberg?»
»Der schmeckt mir nicht«, sagte Fava mit angeekeltem Gesicht.
Matalena tauschte eine gewisse Menge Wein mit Favas Frau.
»Jetzt haben wir den Wein zu Hause, der dir schmeckt», sagte die Frau. »Du brauchst nicht mehr auszugehen.»
»Er schmeckt mir nicht, sagte Fava.
Jeden Abend erschien er im Wirtshaus und gab dort das wenige Geld aus, das er verdiente. Sclliesslich fing die Frau an, Matalena Vorwürfe zu machen.
»Du darfst ihm keinen Wein mehr geben», sagte sie. »Wenn er trinken will, soll er nach Hause kommen.»
Es half nichts. Jeden Abend hockte Fava im Wirtshaus, immer am gleichen Platz.

||Ignazio Silone

Wein und Brot
in: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln (1974), S. 143 f. (12. Kapitel)