Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03157.jsonl.gz/273

Schweizerreisen deutscher Dichter in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
Von Dr. A. Dreyer ( Sektion Bern ).
Die Vorliebe der Fremden für die Schweiz taucht erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Wohl gebührt dem Dichter Haller der Ruhm eines „ poetischen Entdeckers " seiner Bergheimat; doch erst seitdem Rousseau durch sein Naturevangelium ( in der „ Nouvelle Héloïse " ) die gebildete Welt in eine Art „ Wonnetaumel " versetzt hatte, nahmen die Schweizerreisen von Jahr zu Jahr ersichtlich zu. Die allmähliche Entwicklung derselben schildern Osenbrüggen 1 ) und Peyer2 ), doch insbesondere Dübi 3 ), in eingehender und liebevoller Weise. Der letztere zählt auch die Triebfedern zu diesen Fahrten auf. Dabei darf jedoch eins nicht übersehen werden, daß das Reisen damals ( im Zeitalter der Aufklärung ) in Mode kam und daß man seinen Bildungswert immer klarer erkannte. Immer mehr und mehr schwand die ursprüngliche Reisescheu, wenigstens bei der Jugend, die wohlbegründete Abneigung gegen unzulängliche Verkehrs- und Verpflegungsverhältnisse.
Manche Kantone sorgten auch verhältnismäßig früh dafür, daß die ewigen Klagelieder der Reisenden über die „ steinigen, löcherichten, holperichten, gefährlichen Wege " verstummten. So erkennt E. C. L. Hirschfeld in seinen „ Briefen, die Schweiz betreffend"4 ), rückhaltlos an: „ Vor nicht langen Jahren waren die Wege in der Schweiz fast alle noch so schlecht, als sie noch in den meisten Provinzen von Deutschland sind. P>ern machte den Anfang zur Verbesserung derselben, und zwar mit vielen Kosten. " Über die schweizerischen Alpenpässe und selbst über den vielbegangenen Gotthard 5 ) führten damals freilich noch größtenteils Saumpfade.
Mit dem steigenden Fremdenverkehr besserte sich auch das Verpflegungs- und Unterkunftswesen zusehends, und der Philosoph Johann Friedrich Herbart findet ( 1798 ) eine mächtige Reformation von Tisch und Bett, „ wie man überhaupt in der Schweiz im ganzen weit besser und weit kostbarer bewirtet ist wie in Deutschland " 6 ).
Mit der Kenntnis der Schweizerberge war es bei diesen Reisenden freilich noch recht schlimm bestellt. Gleich Scheuchzer 1 ) betrachtete man bis fast zur Montblanc-Besteigung Paccards und Balmats ( 1786 ) den Gotthard als „ die oberste Spitze Europas ", als den „ Gipfel der Alpenwägnisse " 2 ).
Zu den Schweizerreisenden tritt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein neuer Typus: der deutsche Dichter. Durch Bodmer und Breitinger erlangte die Schweiz eine unbestrittene Vorlierrschaft in literarischen Dingen, und wie später Weimar, so wurde zu jener Zeit Zürich „ eine förmliche Literatenstadt " 3 ). In Bern hatte die geistvolle Freundin Rousseaus und Wielands, Julie von Bondeli, eine Art literarischen Salons begründet, ähnlich den Zirkeln in Paris 4 ), und in Basel, Genf und in andern Schweizerstädten waren bedeutende poesiefreundliche Männer und Literaten Magnete für die Jünger Apolls im Deutschen Reiche. Außer Bodmer übte später Lavater eine große Anziehungskraft aus, und gleich jenem wurde der bergbegeisterte, schwärmerische Landvogt Karl Viktor von Bonstetten, der Gönner des Geschichtsschreibers Johannes von Müller, ein warmherziger und tatkräftiger Förderer einiger deutscher Dichter.
Mancher Freundschaftsbund zwischen Schweizer und deutschen Dichtern war schon vorher in Deutschland durch persönliche Begegnung angebahnt worden, zum mindesten jedoch hatte eine briefliche Annäherung beider Teile stattgefunden. Daher waren einige dieser Fahrten zunächst nichts anderes als Besuchsreisen, die sich freilich meist zu Kreuz- und Querzügen durch die Schweiz verdichteten. Andere Dichter dagegen hatten sich, als sie den Schweizerboden betraten, überhaupt keinen Fahrtenplan zurechtgelegt. Derartige Streifereien ( meist zu Fuß ) nannte man „ Geniereisen ". Doch waren auch damit Besuche bekannter und berühmter Persönlichkeiten verbunden.
Das Naturempfinden dieser Dichter ist nach Rousseaus Vorbild ganz auf den Ton elegischer Sentimentalität gestimmt, und den Bergen standen die frühesten von ihnen noch kalt und fremd gegenüber. Bald jedoch wandelt sich diese uns heute unfaßbare Gleichgültigkeit in scheue Bewunderung, in ehrfurchtsvolle Ergriffenheit vor den Wundern der Natur nicht nur im Tale, sondern auch in höhern Regionen. Das Lob der Alpenwelt erklingt von manchem Dichtermunde in so feurigen und leidenschaftlichen Worten, wie sie seitdem nur selten vernommen wurden.
Für die meisten bedeutete die Schweizerreise eine — wenn auch nur vorübergehende — Flucht aus unerquicklichen Verhältnissen, eine wohltätige Befreiung aus den drückenden Fesseln einer übertünchten Kultur, eine Rückkehr zu patriarchalischer Einfachheit und Idylle. Daraus quollen auch manche fast abenteuerliche - seltsame Vorstellungen von dem „ unschuldsvollen Hirtenvolke " der Schweiz, von der Freiheit und Ungebundenheit der Schweizer, die freilich mitunter durch Einheimische noch genährt wurden. So rühmt H. Heidegger von seinen Landsleuten: „ Ein Volk, das niemand als Gott, einfache Landesgesetze und seine Freiheit respektiert, das verdient mehr gekannt und gesehen zu werden " 5 ).
Den Reigen der deutschen Dichter, die um diese Zeit die Schweiz als Wanderziel erwählten, eröffnen Klopstock, Wieland und Ewald von Kleist.
Aus bedrängter Lage wurde Klopstock durch den gutherzigen Bodmer gerissen, der nicht allein der „ Evangelist, sondern auch der Glücksdirektor des Herrn Klopstock " sein wollte 1 ). Geleitet von den ihm befreundeten Schweizern Sulzer und Schultheß betrat Klopstock die Schweiz. Mit freudigem Staunen erblickte er die Berge und den Rheinfall 2 ). Am 23. Juli 1750 kam er in Zürich an, von Bodmer mit offenen Armen empfangen. Doch zu dessen Verwunderung zeigte der gefeierte Gast „ keine Neugierigkeit, die Alpen von weitem oder in der Nähe zu betrachten " 3 ). Bei der berühmt gewordenen Fahrt auf dem Zürichsee ( 30. Juli 1750 ) in übermütig heiterer Gesellschaft gleichalteriger Freunde und Freundinnen zog ihn die Schönheit der letztern weit mehr an als der Reiz des sich ihm eröffnenden Landschaftsbildes, wie aus einem Briefe an seinen künftigen Schwager ( vom 1. August 1750 ) deutlich hervorgeht. Zwar rühmt er hier auch die Aussicht, aber in Worten, die seinen Mangel an Verständnis für die Größe der Alpenwelt verraten: „ Der See ist unvergleichlich eben... Wie er sich wendet, sieht man eine ganze Reihe Alpen gegen sich, die recht in den Himmel hineinragen " 4 ).
Wie seinen Zeitgenossen, war auch ihm die Ebene das Landschaftsideal. Die Frucht dieser Seefahrt, seine Ode „ Der Züricher See ", ist eigentlich kein Hymnus auf die Natur, sondern auf die Freundschaft.
Trotz seines Zerwürfnisses mit Bodmer verließ Klopstock erst am 14. Februar 1751 Zürich. 11 Jahre später versichert er Schultheß in einem Briefe, daß seine Liebe zur Schweiz „ fort währe ". Doch galt diese Liebe weniger dem Lande als vielmehr den Züricher Freunden.
Aber auch Christoph Martin Wieland, den Bodmer, der sich nun einmal als Dichterpatron fühlte, ein halbes Jahr später zu sich eingeladen hatte, war kein besonderer Freund der Berge. Zwar dünkten ihn die in der Schweiz verlebten Jahre „ seine glücklichste Lebenszeit " 5 ); doch in seinen Schriften offenbart sich nirgends ein tieferes Gefühl für die Alpen. Fast sieben Jahre ( vom 25. Oktober 1752 bis 11. Juni 1759 ) verweilte er in Zürich ( zuerst als Gast in Bodmers Haus, dann als Hauslehrer ) und unternahm von da Ausflüge nach Winterthur und Baden zum Besuche von Freunden 6 ). Während seines kurzen Aufenthalts in Bern ( bis 30. April 1760 ) fühlte er sich zu Julie von Bondeli besonders hingezogen. Über Bern urteilt er in einer Epistel an den ihm befreundeten Brugger Arzt und Schriftsteller Zimmermann ( vom 4. Juli 1759 ): „ Ich vermisse hier die bezaubernde Lage und Gegend von Zürich. " Die Schönheit der Häuser und Straßen von Bern ist ihm kein Ersatz „ für die angenehmen Promenaden und den See zu Zürich " 7 ).
Auch Ewald von Kleist, der Sänger des „ Frühlings ", hatte kein Interesse für die Bergwelt der Schweiz. Anfangs November 1752 kam er als Werbeoffizier nach Zürich, und am 22. November 1752 teilt er seinem Freunde Gleim mit: „ Zürich ist wirklich ein unvergleichlicher Ort, nicht nur wegen seiner vortrefflichen Lage, die unique in der Welt ist, sondern auch wegen den guten Menschen, die darin sind " 1 ). Als er aber trotz des Verbots der Obrigkeit sein Werbegeschäft hier fortsetzte und der Festnahme ( im Dezember 1752 ) nur durch eine nächtliche Flucht nach Schaffhausen entging, ist er erbost auf die „ groben Züricher ". Anfangs April kehrte er von da nach Potsdam zurück.
Das Dichterkleeblatt Klopstock-Wieland - Kleist drang nur bis Zürich bzw. Bern vor. Die Ara der Schweizerreisen deutscher Dichter in dieser Zeit liebt eigentlich erst mit dem Ästhetiker Johann Georg Sulzer ( aus Winterthur ) an, der seit 1747 in Berlin eine zweite Heimat gefunden hatte. Die Sehnsucht nach der Heimat trieb ihn in den Jahren 1775 und 1776 zu einer größeren Fahrt nach der Schweiz und Oberitalien. Von Basel zog er nach Solothurn und Bern, wo er den bettlägerigen Haller besuchte, dann über Murten, Lausanne und Nyon nach Genthod zu dem Naturforscher Bonnet, bei dem er die fünf angenehmsten Tage seines Lebens zubrachte. Hier klafft in seinen Aufzeichnungen eine große Lücke. Nizza, Turin, Mailand, Como und Lugano sind die weiteren Stationen seiner Reise.Von Bellinzona wandert er nach Airolo, übersteigt den Gotthard und kommt nach Flüelen. Zu Schiff setzt er über den Vierwaldstättersee nach Luzern. Über den Albis schlägt er den Weg nach Zürich ein, und bei Schaffhausen nimmt er Abschied vom heimatlichen Boden.
Sulzer zählt zu jener Gattung von Reisenden, die ihre Fahrterlebnisse und Beobachtungen fleißig aufzeichnen. 1779 veröffentlichte er im „ Deutschen Museum " ( ohne Namen ) beifällig aufgenommene „ Auszüge aus dem Tagebuch eines deutschen Gelehrten ", die sein Freund Zimmermann nach seinem frühen Tode 1780 mit Namensnennung des Verfassers als „ Beobachtungen und Anmerkungen auf einer i. J. 1775 und 1776 gethanen Reise aus Deutschland nach der Schweiz und Oberitalien " in Buchform herausgab.
Wohl überwiegt hier das lehrhafte Element; doch bietet Sulzer auch kulturgeschichtlich bemerkenswerte Mitteilungen zu den Schweizerreisen in früherer Zeit 2 ) und entpuppt sich vor allem als ein überraschend warmherziger Freund und Bewunderer der Berge.Von Bern aus genießt er „ den Anblick der höchsten Alpen, die sowohl durch ihre nackten, sich weit über die Wolken erhebenden Felsen als durch andere mit ewigem Schnee... bedeckten Höhen eine ganz wunderbare Aussicht geben, die niemand ohne eine Art von Entzücken sehen kann " 3 ).
Die Reise von Airolo über den Gotthard ( am 3. Juni 1776 ) nennt er „ die beschwerlichste und gefährlichste der vielen ( bisherigen ) Tagereisen ". Das Reiten ist ihm des vielen Schnees wegen zu beschwerlich; daher entschließt er sich trotz seiner Kränklichkeit zum Gehen. Aber auch dieses ward ihm sehr sauer. Zuletzt ist er ganz vergnügt, „ diesen greulichen Weg im Rücken zu haben " 4 ).
Wer etwa Sulzer einer Übertreibung beschuldigen möchte, der lese nur die Schilderung der Gotthardreisen von Anno dazumal bei Andreae 5 ) oder bei Hans Rudolf Schinz 1 ). Wie Winckelmann auf einer Reise durch Tirol ( 1768 ), so ruft jener ( bei Altdorf ) aus: „ Welche entsetzliche Berge !" 2 ).
Sulzer dagegen wird von dem „ Großen, Wunderbarsten und Merkwürdigsten in der lebhaften Natur " ergriffen und dadurch nachdenklich gestimmt. „ Alle Begriffe von Macht und unwiderstehlicher Gewalt, die man sich bei Gelegenheit der menschlichen Anstalten gemacht hat, verschwinden hier wie Wasserblasen " 3 ).
Rousseau, „ der Prophet für die Romantik der großartigen Alpenszenen " 4 ), wurde maßgebend für jenes Zeitalter der deutschen Literatur, das man als „ Sturm und Drang " zu bezeichnen pflegt. Seine Sehnsucht nach Freiheit von allem konventionellen Zwang, sein Ruf nach Rückkehr zur Natur findet gerade bei diesen Dichtern einen mächtigen Widerhall.
Dieser Einfluß spiegelt sich namentlich 1775 in der ersten Schweizerreise Goethes und der Brüder Stolberg, von der noch die Rede sein soll.
Einer der kraftvollsten Stürmer und Dränger, Jakob Michael Beinhold Lenz, durchstreifte im Jahre 1777 ein paarmal die Schweiz. Am 20. April traf er in Basel ein 5anfangs Mai ging er nach Zürich zu Lavater. An Heinrich Christian Bode ( das Haupt des Göttinger Dichterkreises „ Der Hainbund " ) schrieb er am 26. Mai: „ Ich schwärme in der Schweiz herum, habe in Schinznach 6 ) vier goldene Tage verlebt, in Zürich, Basel und Schaffhausen viel Liebe genossen 7 ).
Mit seinem Freunde Kayser verabredete er eine 14tägige Fußwanderung nach dem Gotthard und in die „ wildesten Kantons ", die am 3. Juni früh begann. Leider hinterließ Lenz keine Tagebuchaufzeichnungen, so daß wir über seine Kreuz- und Querzüge nur höchst dürftig unterrichtet sind. Ein Brief Lavaters an Goethe meldet von den beiden Alpenwanderern: „ Lenz ist mit Kayser auf den St. Gotthard. Sie versinken schier. "
Nach seiner Rückkehr eilte er an die Bahre seines „ Schutzengels " ( der Gattin Schlossers, der Schwester Goethes ) nach Emmendingen. Dort bewog ihn ein Freiherr von Hohenthal zu einer weitern Schweizerreise, die über Basel nach Neuenburg und dann nach Sitten ging 8 ). Hier erkrankte Hohenthal, und Lenz trennte sich von ihm. Plötzlich taucht er in Bern auf, gänzlich mittellos, und Lavater mußte ihm das Reisegeld nach Zürich senden.
Unterdessen war Sarasin nach Zürich gekommen. Lenz bedauerte seine Abwesenheit lebhaft; „ er hätte so gern den Cicerone zum Rigiberg hinauf gemacht ". ( Demnach scheint er den Rigi schon vorher erstiegen zu haben. ) Am 11. Oktober wollte er den Gründer des Philanthropins in Marschlins, Ulysses »Salis, besuchen. Als er ihn dort nicht antraf, eilte er ihm ins Veltlin nach und kehrte über den Bernina- und Julierpaß ins Glarnerland und nach Zürich zurück.
Als Gast des „ Kraftapostels " Christoph Kaufmann in Winterthur unternahm er von da noch anfangs Dezember eine „ kleine Streiferei " am Bodensee, nach St. Gallen und Appenzell 1 ).
Echtes Naturempfinden lockte den Dichter J. J. Wilhelm Heinse ( in Düsseldorf ) 1780 in die Schweiz, und die Liebe zur Kunst trieb ihn von da nach Italien. Schon ein Jahr vorher berichtet er dem Dichtervater Gleim voll Jubel von seinem Reiseplan: „ Den Rhein hinauf komm'ich auf die himmelhohen Gipfel der Alpen, die über die Blitze des Zeus hinaus sind, und in das schöne Italien. " In seinen Briefen an seine Freunde und in seinen Tagebüchern können wir, wie in einem Spiegel, die Empfindungen lesen, die seine Seele beim Anblick des Rheinfalls, beim Erklimmen des Rigis, bei der Rast auf dem St. Gotthard durchstürmen und durchwühlen 2 ). Am 21. Juni 1780 verließ er Düsseldorf und fuhr rheinaufwärts bis Basel. Von da wandert er nach Schaffhausen.
Mit Ausnahme von Goethe quillt vorher ein so leidenschaftliches und inniges Gefühl für das Große und Erhabene in der Natur und insbesondere für die Hochlandswelt bei keinem deutschen Dichter so mächtig hervor als bei Heinse. Überwältigt steht er ( am 15. August 1780 ) vor dem Rheinfall: „ Es ist, als ob eine Wasserwelt aus den Gesetzen der Natur hinausrollte... O Gott, welche Musik, welches Donnerbrausen, welch ein Sturm durch all' mein Wesen! Heilig, heilig, heilig! brüllt es in Mark und Gebein!"3 ).
In Zürich besucht er Bodmer, Lavater und Salonion Geßner. Die Fahrt auf dem Zugersee nach Arth ( 25. August ) entpreßt ihm den entzückten Ausruf: „ Ich bin vor himmlischer Freude fast vergangen. So etwas Schönes von Natur hab'ich mein Lebtage nicht gesehen... Gottes Schönheit dringt in all' mein Wesen, ruhig und warm und rein; ich bin von allen Banden gelöst und walle, Himmel über mir, Himmel unter mir, im Element der Geister, wie ein Fisch in Quelle, Seligkeit einatmend und aus-atmend " 4 ), Von da aus steigt er den Rigi hinauf. Der Schweiß läuft ihm über den ganzen Leib hinab — es ist seine erste Bergpartie! Obwohl er den Weg „ äußerst beschwerlich " findet, genießt er noch vom Gipfel das Schauspiel des Sonnenuntergangs. Um die Seen und Ortschaften herum — meint er — liegt „ der herrliche Kranz von Schneebergen, die unserm Herrgott über den Kopf gewachsen zu sein scheinen ".
Von da aus geht die Wanderung über Goldau und Schwyz nach Flüelen, Altdorf und Amsteg. Hier übernachtete er. „ Ein halb Dutzend " durchreisender italienischer Kaufleute daselbst zerbrach sich vergeblich den Kopf darüber, wer der Fremde mit „ dem weißen Sommerhütchen, dem Büchsenranzen und dem Alexanderstab " sein könnte.
Mit einer jungen Zugerin, die nach Turin zu Verwandten wollte, pilgert er den Gotthard hinan. Gegen Sonnenuntergang langt er bei dem Hospiz der Kapuziner auf der Paßhöhe an. Da ihm hier niemand mehr auf tat, mußte er mit seiner Begleiterin in dem „ welschen Wirtshaus " bleiben, das sonst die Säumer und Bettler beherbergte 5 ).
Die freudige Aufregung ließ ihn keine Ruhe finden. Am 1. September, morgens vier Uhr, berichtet er an Gleim 1 ): „ Aus dem grauen Altertume der Welt, aus den Ruinen der Schöpfung schreibe ich Ihnen, geliebter Vater Gleim, wogegen die Ruinen von Griechenland und Rom zerstörte Kartenhäuschen kleiner Kinder, und nicht einmal das sind... Werter Freund, hier ist wirklich das Ende der Welt. Der Gotthard ist ein wahres Gebeinhaus der Natur. Statt der Totenknochen liegen ungeheure Reihen von Steingebirgen und in den tiefen Tälern aufeinander gehäufte Felsentrümmer da.. 2 ).
Bei Tagesanbruch verabschiedete er sich von seiner Begleiterin und ging nach Hospental und Realp. Da er hier keinen Führer über die Furka fand, kletterte er den Berg hinauf „ wie ein Gems " 3 ), wobei ihn sein „ entsetzlich schwerer Bündel " ordentlich hinderte 4 ). Ein Hirte führt ihn wieder auf den rechten Weg. In tönenden Worten preist er die Aussicht von der Furka. Nun steigt er „ gäh hinab " und schaut „ die erste Quelle der Rhone ".
Gegenüber dem Sturz der Reuß, der Rhone und später der Aare, erscheint ihm nun der Rheinfall bei Schaffhausen „ eine Kleinigkeit, die Allgewalt der Wasser- massen ausgenommen ". Bei Oberwald ( Wallis ) sieht er den „ entzückendsten Sonnenuntergang am fernen Cordona oder Gemmi " 1 ). Am 2. September wandert er mit einem Gemsjäger über den „ Grimselberg ". »Seine Begeisterung über die Schönheit dieses Gebietes kennt hier keine Grenzen. „ Eine himmlischere Aussicht kann wohl auf der Welt nirgends gefunden werden... Hier hab'ich von den allerersten Quellen des Rhodan getrunken und... ihm ein Geburtstagslied gesungen. Gleich an ihm, auf der andern Seite des Grimselberges sind die ersten Quellen seiner wilden Schwester der Aar... Auch an diesen Quellen hab'ich mich geletzt. "
Die weitere Wanderung führt ihn über die Scheidegg nach Grindelwald, nach Lauterbrunnen und Interlaken. Dann fährt er auf dem Thunersee und zuletzt auf der Aare nach Bern.
Vom Schreckhorn sagt er in seiner bildkräftigen Art: „ Das Schreckhorn sieht aus mit seinem zurückgebogenen Felsen oben darauf voll Eis wie ein besoffener Tamerlam unter den Geistern, der auf einem Gebirge ritt... " 2 ). Und von der Jungfrau: „ Das Jungfernhorn liegt recht da wie eine glatte, schneeweiße Marmorbrust... " 3 ).
Von Bern aus wendet er sich zum Genfersee und von da über Lyon und Marseille nach Italien. Die Rückreise nach Deutschland erfolgte über den Brenner.
Heinses Bedeutung als hervorragender Alpenschilderer kam unserer Zeit noch nicht recht zu Bewußtsein, da sein Name bis jetzt in alpinen Anthologien fehlt. Schon Johann Stober sprach es unumwunden aus: „ Seine Beschreibungen von Schweizergegenden gehören zu den besten Reiseberichten, die je geschrieben wurden " 4 ). Seine flammende Begeisterung für die Bergwelt reißt den Leser unwillkürlich mit sich fort. Bei ihm dringt jedoch noch ein anderes Gefühl hervor, das erst dem Alpinismus der jüngeren und jüngsten Zeit bekannt ist: die Freude, der Stolz auf seine touristischen Leistungen. Schon am 29. August 1780 schrieb er seinem Freunde Fritz Jacobi von Luzern aus: „ Es geht doch nichts über einen Reisenden zu Fuß mit fröhlichem Mut und heiterer Seele und Stärke und Munterkeit in den Gelenken, der seinen Reisebündel selbst trägt, wie Pythagoras und Plato " 5 ). Dem gleichen Freunde meldet ein Brief aus Bern freudestrahlend: „ Triumph, mein Teuerster! Ich bin auf der Höhe des Gotthard gewesen, habe die Furka überstiegen und den hohen Grimselberg "... 6 ) Glüht aus diesen Worten nicht das Hochgefühl stolzer Kraft über, wenn auch nur vermeintliche, alpine Taten?
Den schärfsten Gegensatz zu dem schwärmerisch empfindsamen Heinse bildet der nüchterne, phantasielose Freund Lessings, der Berliner Buchhändler Christoph Friedrich Nicolai, der im Jahre 1781 mit seinem ältesten Sohne eine Reise durch Deutschland und die Schweiz unternahm. Diese Reise ( zu Wagen ) beschrieb er in zwölf dicken Bänden 7 ). Von der Schweiz ist hier nur ganz flüchtig die Rede 8 ). Der Zweck seiner Fahrt ist, „ neben den veränderten Szenen der Natur, Menschen und ihre Sitten und Industrie kennen zu lernen " 1 ).
Der Schweizerreisen Johann Heinrich Mercks soll hier nur in Kürze gedacht werden, da sie weder Aufschluß über die damalige Art des Reisens geben noch über das Naturempfinden poetischer Geister jener Zeit berichten. Auf einer Fahrt mit dem Freiherrn von Bibra 1766 lernte er in Morges seine spätere Gattin ( Tochter des Steuereinnehmers Charbonnier ) kennen. Im Juli 1786 führt er seine Tochter zu Anverwandten im Waadtland, im Herbst 1787 holt er sie wieder zurück. Beidemal bleibt er zwei Monate dort. Gerade gegenüber seinem Wohnsitz ( einem Gute seiner Schwägerin ) hat er den ganzen Montblanc im Gesicht. Auf seiner zweiten Reise traf er in Genf de Saussure, „ gerade da er vom Montblanc zurück kam " 2 ).
Von den deutschen Dichterinnen betrat wohl Wielands Freundin Marie Sophie von La Boche zuerst die Schweiz. Von ihrem ersten angeblichen Besuche dieses Landes ( 1769, mit ihrem Gatten, dem nachmaligen Kanzler von Kurtrier, Georg-Michael Frank ) sind Einzelheiten nicht bekannt; wir wissen nur, daß sie damals den bedeutendsten Persönlichkeiten in Zürich näher trat8 ).
Die Erlebnisse und Eindrücke ihrer zweiten Schweizerreise ( in Begleitung ihres Lieblingssolines Franz Wilhelm ) schildert die inzwischen durch empfindsame Erzählungen zu einem Liebling der deutschen Lesewelt gewordene Schriftstellerin in ausführlicher Breite und voll Gefühlsüberschwang 4 ).
Der Rheinfall ruft ein vorher nie gekanntes Gefühl von der Macht und Schönheit der Natur in ihrer Seele wach. Daneben strömt auch — wie bei der Betrachtung anderer großartiger Naturszenen — ihr religiöses Empfinden hervor. „ Diesem herrlichen Auftritt der Natur gegenüber " erblickte sie den Himmel und verehrte ihn tief 5 ).
Zürich mißfiel ihr beim ersten Anblick „ wegen der engen Straßen und hohen Häuser ", ebenso wie der schlechte siebenstündige Weg von Eglisau dahin 6 ). Ihr zu Ehren veranstalten Salomon Geßner und seine Gattin eine Seefahrt nach Thalwil, die sie äußerst beglückt 7 ). Am 11. Juli fährt sie über den Albis nach Knonau und Luzern. „ Die Gegend von Luzern ", schreibt sie ihren Töchtern, „ dünkt mich malerischer als die von Zürich, aber nicht so freundlich " 8 ).
Drei Tage später kommt sie über Sursee „ auf den beinahe zu prächtigen Landstraßen des Berner Gebietes " 9 ) nach der schweizerischen Hauptstadt. Von da setzt sie die Fahrt über Murten, Payerne und Lausanne nach Genf fort, wo sie am 21. Juli eintrifft. Ihr erster Besuch gilt Bourrit. Dessen „ Schilderung seiner Reise nach den Savoyischen Eisgebirgen " ( übersetzt von H. O. A. Richard, 1775 ) bewog sie zu einer Fahrt nach Chamonix, und die zwei Tage ihres Aufenthaltes daselbst zählt sie zu den „ seligsten ihres Lebens " 1 ). Erst nach Mitternacht erreicht sie Chamonix 2 ). Am andern Morgen früh um 6 Uhr setzt sich eine kleine Karawane nach dem Montanvert in Bewegung ( sechs Reisende mit Frau von Laroche, sechs Träger und zwei Führer ). Frau von Laroche, die in einem kleinen hölzernen Lehnstuhl 3 ) von zwei Savoyarden getragen wurde, ward mitten auf dem Wege von Schwindel befallen. Sie steigt ab und geht zu Fuß, auf die wagrecht gehaltenen Bergstöcke der Führer wie auf ein Geländer sich stützend 4 ). Überwältigt schaut sie auf die Mer de glace und ihren unvergleichlichen Berghintergrund, und wiederum wird sie zu religiösen Betrachtungen gestimmt. „ Man lernt an Gottes Allmacht glauben, wenn man hier steht. Das Auge staunt und starrt gleichsam auf die Gegenstände, welche alle den großen Gedanken des Allmächtigen geben... Ich dachte des Glückes unwürdig zu sein, das ich genoß, wenn ich nicht meine Seele dem Himmel so rein zeigte, wie die Luft, welche ich atmete " 5 ). Doch beschleicht sie auch ein gewisser Stolz, als sie erfährt, daß sie als „ die erste deutsche Frau " Chamonix und den Montanvert besucht hat. ( „ Genferinnen und Engländerinnen waren aber schon viele da gewesen.")6 ) Die Beschreibung ihres Abstieges über den „ Ziegenweg ", wobei sie zuletzt von einem heftigen Gewitter überrascht und bis auf die Haut durchnäßt wird, entbehrt nicht eines Anstriches unfreiwilliger Komik. „ Zwei Männer hielten an der einen Seite einen Stock für mich, und ein dritter stützte mich mit der Hand. Ein Bedienter mit dem Regenschirm ging hinter mir, die Träger mit dem Stuhl gleich nachher, wenn ich ungefähr einsitzen wollte " 7 ).
Die Rückreise von Genf nach Deutschland ging über Lausanne, Vevey, Moudon, Payerne, Murten, Bern, Solothurn und Basel. Als Dichterin wurde sie überall in der Schweiz gefeiert und knüpfte wertvolle Bekanntschaften an, so mit Gibbon, de Saussure, insbesondere aber mit Bonstetten, Matthisson und Salis.
Der Tod ihres Sohnes Franz Wilhelm ( 1791 ) beugte sie tief danieder, und auf Anraten ihrer Töchter ging sie 1793 abermals in die Schweiz, in Begleitung einer Frau von Steinberg. Doch berührt sie diesmal nur Basel, Bern, Lausanne und Nyon, und an den beiden letztgenannten Orten verweilte sie längere Zeit. Die Eindrücke dieser Fahrt spiegelt das Buch „ Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise " ( 1793 ). Die Reiseschilderung wird hier überwuchert von tränenseligen Betrachtungen 8 ). Alles ist durchtränkt von der Trauer um ihren Sohn 9 ).
Ein warmherziger Freund der Schweizer Alpenwelt ist insbesondere der elegisch gestimmte Dichter Friedrich Matthisson. Mit Freuden folgte er im Sommer 1797 einer Einladung seines Freundes Bonstetten, der damals eben zum Landvogt in Nyon ernannt worden war. Der Schweizeraufenthalt bedeutete für ihn den „ Anfang eines neuen Lebensabschnittes " 1 ).
Von Lindau aus gelangt er nach Rorschach, Konstanz, und von hier aus führt ihn das Schiff nach Schaffhausen. Plutarch ist sein „ Reisegesellschafter " 2 ).
Am Rheinfall verbringt er einen ganzen Tag, „ staunend und schaudernd im großen Gedanken der Schöpfung verloren und betäubt von dem prächtigen Aufruhr des immerdonnernden „ Wogengewitters " " 3 ). Von den vielen Beschreibungen dieses „ Kataraktes " scheint ihm diejenige von Meiners 4 ) den Vorzug zu verdienen, die er an Ort und Stelle wieder liest und „ der schärfsten Vergleichung mit dem Original " unterzieht 5 ).
In Zürich nahm ihn Bonstettens Freund, der betagte Ratsherr J. Kaspar Füßli, gastlich auf. Durch ihn wurde er mit Geßner vertraut; auch Lavater sucht er auf. Füßli überredete ihn zu einer Rigitour und gab ihm Scheuchzers „ treffliche Reisekarte " mit 6 ). Todmüde langt er abends acht Uhr bei den Kapuzinern oben an und berichtet seinem Freunde Bonstetten mit Stolz von seiner fast zwölf ständigen Marschleistung, „ kein verächtliches Probestück seiner Fußgängertalente ". Er hofft, auch in Zukunft „ als Alpenpilger noch manchen Lorbeerzweig einzuernten " 7 ). Seine Eindrücke von den „ Naturherrlichkeiten " ringsum malen die Worte: „ Jede meiner Empfindungen oben wurde zu einem Lobgesang an den Weltengeist ".
Mitte September 1787 traf er in Bonstettens Landsitz bei Bern ein 8 ). Mit ihm zog er im Oktober nach Nyon und verlebte dort zwei Jahre. In diese Zeit fallen Ausflüge in den Jura und ein mehrmonatiger Aufenthalt bei Bonnet, dem „ Weisen von Genthod ".
Am 4. Juli 1788 trat er ( in Gesellschaft eines Engländers ) eine Wagenreise 9 ) nach Chamonix an. Begeistert von dieser Fahrt rät er seinem Freunde Bonstetten an: „ Möchtest Du endlich das Allerheiligste betreten, in dessen Vorhof Du wohnst !" 10 ).
Von der ersten Montblanc-Besteigung meint er 11 ): „ Sollte selbst, wie hier der Fall zu sein scheint, für die Gesellschaft kein unmittelbarer Vorteil daraus entspringen, so erschüttert doch ein solches Beispiel von Kühnheit, Beharrlichkeit und Selbstvertrauen mit elektrischer Gewalt jedes dafür empfängliche Herz, bringt manche große Tat zur Vollendung und stärkt den Glauben an Menschenvermögen... "
Mit einem Bauern und seinem Begleiter geht er bis zum Fuß des Bossonsgletschers. Der strömende Regen am nächsten Morgen verhindert die Besteigung des Montanvert. In Chamonix erzählt ihm Dr. Paccard „ seine Reise nach dem Montblanc sehr einfach 1 ) Krebs, W., „ Friedrich von Matthisson ", 1912.
2 ) Matthisson, „ Erinnerungen ", Bd. 3, 1815, S. 79.
3Erinnerungen ", Bd. 3, S. 83.
4 Meiners, C, „ Briefe über die Schweiz ", Bd. 1, 1784.
5Briefe " von Friedr. Matthisson, 1795, Bd. 1, S. 72.
6Erinnerungen ", Bd. 3, S. 104. 7 ) Ebenda, S. 113.
8 ) Er schwelgte in den Schönheiten des Schweizerlandes, und es war ihm, „ als wären seinem Geiste neue Flügel gegeben ".
und bescheiden. Er scheint weiter gar keinen Wert auf dies kühne Unternehmen zu legen und behauptet, daß jeder andere, mit gleichen physischen Kräften, ebensogut als er den Gipfel dieses Berges hätte ersteigen können " 1 ).
Über die Tête noire zogen sie nach Martinach ( Martigny ) und über Bex nach Genf.
Im Oktober 1789 nahm er Abschied von Bonstetten, um eine Hauslehrerstelle bei einem Bankier in Lyon zu übernehmen. Die Revolution trieb jedoch diesen mit den Seinen auf ihren Familiensitz nach Grandclos zurück. Hier wagte er mit einer Gesellschaft eine „ Bergreise " nach der 2325 m hohen Tour de Mayen, die er ausführlich schildert 2 ). Bei Yvorne stieg die Gesellschaft zu Pferde und kam mit sinkendem Tagesgrauen zu einer Sennhütte am Fuße der Tour de Mayen.
Am andern Morgen konnte er der Versuchung nicht widerstehen, den Gipfel zu besteigen. Er steckte ein kleine Korbflasche mit Wein und ein Stück Brot zu sich. Glücklich erreichte er das Ziel seiner Wanderung. Nun wollte er die ihm unbekannte Ostseite des Berges umgehen und auf einem andern Pfade zur Sennhütte zurückkehren. Infolge seines törichten Wagemutes wäre er bald dem sonst harmlosen Berge zum Opfer gefallen. In dramatisch bewegter Weise schildert er seine Irrfahrten auf dem Rückwege 3 ). Gegen acht Uhr abends langt er endlich bei einer andern Sennhütte an, die zwei Stunden von dem Standquartier seiner Gesellschaft entfernt war. „ Die Hirten schlossen einen Kreis um die Totenerscheinung und drückten über die entstellten Züge meines Gesichts ihr Entsetzen ans. 14 Stunden hatte diese gefahrvolle Wanderung gedauert, und während dieser ganzen Periode der physischen Anstrengung und der moralischen Ermattung genoß ich nichts als ein wenig Brot und Wein " 4 ).
1790 wandert er über den „ großen Bernhardsberg " nach Aosta 5 ). 1801 wiederholt er diese Reise und trifft in Sallenche, als er den Montblanc in der " hehren Gloire, des Abendglanzes " anstaunt, den „ Geschichtsschreiber der Alpen ", Bourrit, dessen „ eitle Schwatzhaftigkeit " ihn nichts weniger als angenehm berührt 6 ). Mit desto größerer Freude begrüßt er in Chamonix wieder Paccard, „ dem die Ersteigung des höchsten Gipfels unserer Halbkugel zuerst gelang ", und der ihm seine „ Marschroute mit topographischer Genauigkeit " bezeichnet. Neuerdings rühmt er lauten Mundes dessen bescheidene Art. „ Kaum den Schatten der ihm gebührenden Ehre wollte sein anspruchsloser Sinn dem herkulischen Tagewerke zugestehen " 7 ). ( Bezeichnenderweise ist weder hier noch bei seinem ersten Besuche von Chamonix von Balmat die Rede. ) In Martigny hat er eine Begegnung mit Murith, dem Bezwinger des Mont Velan, „ der als Bergeroberer neben Condamine, Humboldt, Paccard, Saussure und Ramond genannt zu werden verdient ".
Mit Bonstetten bestieg er von Thun aus ( mit einem munteren und leichtfüßigen Führer ) im Juni 1790 das Stockhorn 8 ). Vor dem Gipfel klommen sie einen über 100 Fuß hohen Rasenabhang, „ mit beständiger Beihülfe der Hände, nicht ohne Gefahr und Anstrengung ", empor, wobei ihnen der Führer „ die Todesgeschichte " eines hier vor einigen Jahren verunglückten jungen Menschen aus Thun erzählte.
Im Mai 1794 hatte er mit einem jungen Holländer von Montreux aus eine Tour auf die Dent de Jaman durch knietiefen Schnee gemacht. Ungeachtet der zwölfstündigen Wanderung, trotz der Nebel, die ihm die Aussicht verhüllten, trotz des beschwerlichen Abstiegs durch wasserreiche Schluchten freut er sich, daß er seine Kräfte noch an Bergeshöhen messen kann. „ Einen Berg zu erblicken, den wir nicht ersteigen können, muß unter allen schmerzlichen Empfindungen des Menschenlebens eine der schmerzlichsten sein ", schreibt er seinem Freunde Bonstetten, dem er das „ verunglückte Bergabenteuer " erzählt 1 ).
Im August 1795 begleitete er die Fürstin Luise von Anhalt-Dessau auf einer Reise durch die Schweiz nach Italien 2 ). Doch eilt er voraus nach Chur, wo er mit dem ihm treu verbündeten Salis ein frohes Wiedersehen feiert. Auf zwei „ ge-birgserfahrenen Rossen " unternehmen die Freunde einen „ Ritterzug " nach der Via mala, der durch das Schamsertal bis Andeer ausgedehnt wird.
Von Richterswil wandert er mit der Fürstin über den Vierwaldstättersee nach Altdorf, und von da über den Gotthard nach Lugano. Der Gotthard ist ihm „ einer der höchsten Gebirgsstöcke von Europa ", ein „ Naturtempel, wo das Grausenvollste mit dem Anmutigen, und das Melancholische mit dem Heitern zu den unerhörtesten Gegensätzen sich veniaclibart"8 ), und die Teufelsbrücke gewährt ihm „ ein jeder Wort-schilderung unzugängliches Naturschauspiel " 3 ).
Auf der Höhe des Gotthard hat er nur Interesse für die dortige Totenkapelle mit den Gebeinen der verunglückten Gotthardwanderer. Über Airolo, Bellinzona und den Monte Cenere geht die Fahrt nach Lugano, wo er sich des Wiedersehens mit Bonstetten und der ihm ebenfalls befreundeten Friederike Brun erfreut. Von da zieht er mit der Fürstin über den Comersee nach Italien.
Seine spätern Alpenreisen, namentlich eine Fahrt durch das ganze Rhonetal, über den Griesberg in das Val Formazza, dann nach Domodossola über den Simplon und nun rhoneabwärts fallen schon in das erste Dezennium des 19. Jahrhunderts.
Mit Matthisson wie mit Bonstetten wurde die schwärmerische Dichterin Friederike Brun innig befreundet, die eine Reise von Toulouse nach der Schweiz und durch dieselbe ( im ersten Halbjahre 1791 ) in frischen Farben malt 4 ). In Lyon sucht sie Matthissons Bekanntschaft. Schon der Eintritt in die Schweiz ( bei Genf ) entlockt ihr Ausrufe des Entzückens. „ O geliebte Freundin, " jauchzt sie der Gräfin Münster ( 5. März ) zu, „ wir sind, wir sind in der Schweiz! Ich habe durchgeblickt in den Tempel der heiligen Natur! Prächtiger kann wohl keine Szene eröffnet werden, als dieser Durchgang aus Frankreich es ist !"... Die Berge erscheinen ihr als „ Ursöhne der Schöpfung, Grenzsäulen der Länder " 5 ).
Schon von der Höhe des Salive aus ( 7. April ) ist der Montblanc der „ Gegenstand ihrer staunenden Bewunderung 1 ), und in Gex ( 2. Mai ) nennt sie ihn „ die große Säule der Ewigkeit " 2 ).
Zu gleicher Zeit, während ihr Gatte nach Paris reist ( 5. Mai ), fährt sie mit ihren beiden Kindern Karl und Lotte und dem Erzieher ihres Knaben, Schmidt, nach Chamonix. „ Ein ehrfurchtsvoller Schauer " durchrieselt ihre Glieder beim Anblick des Montblanc, der „ leuchtenden Zinne der Ewigkeit " 3 ). Eine „ Menge Menschen, mit Stangen und eisernen Stacheln bewaffnet ", bietet sich ihr zu Führern an, darunter Balmat; doch sie wählt den bejahrten Führer Paccard. Da der Montanvert noch mit tiefem Schnee bedeckt war, steigt sie nur auf den Chapeau 4 ).
Bei der Rückfahrt nach Genf, an der Grenze der Schweiz, schweift ihre Erinnerung noch zurück zu diesem „ Tempel der Natur ", zu diesen „ glücklichen Tälern, den Freistätten der Unschuld ". Die Größe der Natur weckt in ihr die Ahnung der nahen Gottheit. „ Mein Geist versinkt anbetend vor dir, der du aus den schrecklichen Wüsten des eisigen Winters herab, aus nie versiegender Urne mit sicherer Hand Meere von Eis ausschüttest. Ich bebe... " 5 ) Auf der Fahrt von Genf nach Bern sieht sie Bonnet, „ den Heiligen von Genthod ". An Bonstettens und Matthissons Seite verlebt sie in Nyon „ schöne Stunden ", und mit ersterem reist sie über Morges, Lausanne, Vevey und Murten nach Bern. Kurz vor dieser Stadt begrüßt sie „ mit unaussprechlicher Freude die hohen Urformen der Schöpfung " wieder. Doch die schöne Jungfrau vermag sie dem „ Ahnherrn der Berge, dem einzigen Montblanc ", nicht ungetreu zu machen 6 ).
Der Gedanke an die Savoyerberge taucht besonders stark auf bei einer Reise von Bern über den Thunersee nach Lauterbrunnen, über die Wengernalp nach Grindelwald und von da nach Meiringen. Die Jungfrau erscheint ihr jedoch nicht, wie der Montblanc, als „ ein nicht zu dieser Welt gehöriges Wesen " 7 ). „ In rauher Wildheit " steigt das Wetterhorn vor ihr auf, umgeben von einem „ wilden, wüsten Aiguillen-heer ", während sie später den Mönch „ eine entsetzliche Felszacke " nennt 8 ). Beim Anblick des Staubbachs fühlt sie „ ganz den klassischen Wert der ( bekannten ) wunderschönen Strophe aus Hallers Alpen " 9 ). An der Fahrt von Luzern auf dem Vierwaldstättersee nach Flüelen ( und zurück ) umschwebt sie die Erinnerung an den Freiheitskampf der Schweizer. Von Luzern nimmt sie ihren Weg nach Zürich, wo sie in Lavaters gastlichem Hause „ glückliche Stunden " verlebt.
Nun wendet sie sich nach Konstanz und besucht von da aus noch ( am 6. Juni ) den Rheinfall. Ihre Empfindungen daselbst sind eigentlich typisch für die gefühlvollen Schweizerreisenden der Urgroßvaterzeit: „ Laut klopfte mein Herz, meine Knie wankten, und ich wäre vergangen unter dem Gewicht unaussprechlicher Gefühle, hätte nicht ein Tränenstrom mich erleichtert. Dieser wütende Wogensturz, dieses brausende, hoch aufströmende Schaumchaos, auf mich einbrüllend, als wollt'es mich verschlingen, vernichten !" 1 ) Vier Jahre später eilt sie wieder in die Schweiz und gelangt bis zu den oberitalienischen Seen. Die Fracht dieser Reise ist ein dickleibiges Buch, das 1800 in Kopenhagen erschien2 ). Bei Überlingen kommt sie an den Bodensee.Von Lindau aus zieht sie nach Bregenz, Feldkirch, Ragaz und Chur. Nach einem Besuch der Via mala führt ihr Weg nach Wallenstadt, Herisau, Uznach und Zürich. Von Arth aus wagt sie „ furchtlos " einen Ritt nach dem Bigi3 ), wo sie neun Tage im Hospiz verweilt. Ihre Schilderung von der Aussicht auf dem Kulm ist in leuchtende Farben getaucht.
Von Flüelen aus schlägt sie den Weg zum Gotthard ein. Dort oben genießt sie ( am 13. September ) „ die hohe Einsamkeit einer Frühstunde " und „ wandelt einsam und gedankenvoll unter den Grundfesten der alten Mutter Erde " dahin 4 ). „ Wer vermag diese Werkstatt der Elemente, diese... Grenzmauer der Länder und Sitten ohne Ehrfurcht anzuschauen? Alles war mir heilig und ich trat leise auf den Felsen, über den Jahrtausende dahingerollt sind " 5 ). Ihrer Begegnung mit Matthisson in Lugano wurde schon gedacht. Während dieser den geraden Weg nach Italien nahm, besucht sie noch den Lago Maggiore und folgt dann seiner Spur.
Im gleichen Jahr wie Friederike Brun ( 1791 ) zog auch der Dichter Johann Georg Arnold Jacobi, der ältere Bruder des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, in die Schweiz. In dem von ihm herausgegebenen „ Taschenbuch " ( einem dichterischen Almanach ) veröffentlichte er eine Fahrtschilderung nach Chamonix 6 ), die er ein Jahr später seinem zweibändigen Buche „ Briefe aus der Schweiz und Italien " einverleibte.
Am 23. August 1791 begab er sich nach Konstanz und von da nach Schaffhausen. Der Rheinfall löst bei ihm, wie später der Staubbachfall, nicht die bei andern Schweizerreisenden herkömmlichen überschwenglichen Empfindungen aus. Mit ein paar dürren Worten geht er darüber hinweg: „ Wir sahen dort das größte Schauspiel seiner Art, den donnernden Sturz des Rheins in ein tieferes Bette " 7 ).
Am 26.August kam er in Zürich an und blieb dort bis 8. September, im regen Verkehr mit den bedeutendsten Männern dieser schöngeistigen Stadt. Von hier aus machte er einen Abstecher nach Luzern und verbringt „ drittehalb Tage " an den Gestaden des Vierwaldstättersees. .,Da entsteigt unergründlichen Wassern die erhabenste Natur " 8 ). Von Luzern gelangt er „ durch die reichen Täler des Luzerner und Berner Gebietes " nach Thun und fährt über den schönen See. „ Hier sahen wir zum erstenmal die erhabenen Gipfel des Berner Überlandes, das Schreckhorn und die Jungfrau, sich neben dem großen und kleinen Eiger bäumen " 9 ). Von Brienz wandert er durch das „ lachende " Haslital über die Kleine Scheidegg, wo ihn „ der Anblick des schweizerischen Hirtenlebens " ergötzt, nach Grindelwald. Am 18. September reiste er von Thun nach Bern, und nach fünftägigem Aufenthalt in dieser „ schönen und merkwürdigen Hauptstadt " pilgerte er zum Bieler- und Neuenburgersee und von da nach Genf. Hier betrachtete er den Montblanc, die „ höchste Spitze der alten Welt " 1 ).
„ Mit brüderlichen Tritten " wandert er in Begleitung eines Freundes am 5. Oktober von Genf nach Chamonix. Nun wandelt sich seine kühle Zurückhaltung mit einem Schlage in helle Begeisterung. „ So manche große und schöne Dinge hatte ich in der Schweiz gesellen; aber weder in Grindelwald noch in Lauterbrunnen waren meine Erwartungen ganz befriedigt worden... Stellt euch vor, wie mir zumute war, als ich hier alles vereinigt fand, was ich in der ganzen Schweiz vergebens gesucht hatte !" 2 ) Hier pilgert er bis zum Fuß des Bossonsgletschers und zur Quelle des Aveyron; doch der Ausflug nach dem Montanvert ward ihm durch Regen vereitelt. Sein schlichtes Naturempfinden mutet uns heute viel vertrauter an als die schon erwähnten Gefühlsüberschwenglichkeiten einer Friederike Brun und anderer Dichter.
Den letztern ist auch Frits Stolbergs Naturbetrachtung verwandt. Das freiheit-schwärmende gräfliche Brüderpaar ( Christian und Friedrich Leopold ) begleitete den Dichter des „ Werther " und des „ Faust " von Frankfurt aus auf seiner ersten Schweizerreise, die am 15. Mai 1775 anhub. Als vierter im Bunde hatte sich noch ein Freund der Brüder, C. H. Karl von Haugnitz ( später preußischer Minister ), beigesellt.
In der „ Werthertracht " ( blauer Rock mit gelber Weste und Hose und grauem Hut ), die sie sich eigens hatten anfertigen lassen, zogen sie aus. Bei Schaffhausen betraten sie die Schweiz. Der Rheinfall überwältigte Friedrich Stolberg. An seine Schwester Puletchen schrieb er ( 7. Juni 1775 ): „ Es riß mich hin, wie mich noch nie etwas hingerissen hat " 3 ).
Über Frauenfeld und Winterthur ritten sie nach Zürich, von Lavater aufs herzlichste bewillkommnet. Mit ihm machte das Reisekleeblatt kleine Fußwanderungen in die Umgegend von Zürich, die bis nach Einsiedeln führten.
Während der Gotthardreise Goethes wandten sich die Brüder ins Berner Oberland. Von Bern aus wurde „ die Fußwanderung in die östlichen Kantone fortgesetzt; die steilsten Pfade der Alpen wurden mit Leichtigkeit erstiegen, die Seen und ihre Umwohner besucht; bei gastfreien, einfältigen Älplern in den Sennhütten ward gegessen und auf duftendem Heu geruht undmitten in polyphemischer Milchwirtschaft -die Odyssee gelesen " 4 ). Einzelheiten von diesen Streifzügen fehlen, desgleichen von ihrer Wanderung über den Gotthard und nach Marschlins zu Ulysses von Salis, der sie „ auf die wildesten Gletscher und bis in die innersten Täler " führte. An der venezianischen Grenze trennten sie sich von ihm, gingen an den Luganersee und Lago Maggiore und kamen durch Savoyen nach Genf. Von hier pilgerten sie an den Bielersee und zur vielbesuchten Petersinsel. „ Wie schön ist diese Insel gegen die geschminkten Borromäischen !" berichtet Friedrich an seine Schwester Puletchen 1 ).
16 Jahre später wallte Friedrich Stolberg wieder nach der Schweiz ( und von da nach Italien ), diesmal in Begleitung seiner zweiten Gattin Sophie und seines achtjährigen Söhnchens ( Juli 1791 ). Von Lindau zogen sie nach Konstanz, Schaffhausen, Zürich, Luzem, Thun, Bern, Neuchâtel, Lausanne, Genf, über Chambéry und den Cenis nach Turin. Die Reise ging bis nach Sizilien, und der Heimweg wurde über den Brenner angetreten.
Der Rheinfall überraschte den Mann ebenso wie einst den Jüngling. „ Meiner Sophie ", schreibt er ( 26. August 1791 ), „ wankten die Knie, und sie erblaßte... Grauenvolles, doch seliges Staunen hielt uns wie bezaubert... Es war mir, als ginge die Herrlichkeit des Herrn an mir vorüber... " 2 ) In Zürich erfreute ihn eine Seefahrt mit Lavater. In Luzern bewundert er neben der Rigi auch den Pilatus 3 ). „ Bald ist sein Haupt enthüllt, bald strahlt es vom Sonnenschein, indessen eine einfache oder doppelte Wolkenschärpe seine Brust und Hüften gürtet " 4 ).
Mit einem Führer aus Thun machten sie sich am 16. September mit ihren „ Stachelstäben " auf den Weg über die Seheidegg nach Grindelwald. ( Stolbergs Frau hatte einen Tragsessel bestiegen ) 5 ). „ Mit lautem Herzklopfen " sinkt Stolberg beim Steigen mehr als einmal „ ins Grasaber wie wollüstig ist auch die Ruhe im duftenden Grase der Alpen6 ) Den Führer sandte er voraus, um beim Pfarrer in Grindelwald ein Quartier zu bestellen. Die Nachricht von ankommenden Fremden verbreitete sich rasch im Tal. Kleine Mädchen mit Kirschen und Blumensträußen kamen ihnen an verschiedenen Stellen entgegen 7 ). Trotz des zehnstündigen Marsches besuchten sie noch am gleichen Tage den unteren Grindelwaldgletscher. Die Fahrt zum Staubbachfall und später zum Geufersee bietet keine bemerkenswerten Erlebnisse. In Chambéry klagt er über die Unsauberkeit der Wirtshäuser in Savoyen, und diese Klage kehrt auch in allen Reiseberichten des 18. Jahrhunderts wieder.
Die Kunst des Reisens verstandwenigstens um diese Zeit — keiner so gut wie Gœthe. Nach der Art seines „ Musensohnes " liebte er es schon frühzeitig, „ durch Feld und Wald zu streifen ", und zwar bei jeglichem Wind und Wetter. Den Glanzpunkt seiner Fahrten in seiner Frtihzeit bildet die winterliche Brockenbesteigung ( 8. Dezember 1777 ), die ihm in allerjüngster Zeit den Namen „ eines Propheten des alpinen Wintersports " eingetragen hat8 ).
Als ihn die Brüder Stolberg zur Mitreise in die Schweiz zu bewegen suchten, da bedurfte es nicht erst lange der wohlmeinenden Zustimmung von Goethes Vater, der dem Sohn einen „ Übergang nach Italien " eindringlich ans Herz legte. Bei seiner großen Naturliebe war der junge Goethe selbst gleich Feuer und Flamme für diesen Reiseplan. Insgeheim hoffte er dadurch, dem unzerreißbaren Zauber-fädchen seiner Verlobten ( Anna Elisabeth Schönemann, der „ Lili " seiner Dichtungen ) zu entrinnen. Sein Freund Merck in Darmstadt war freilich sehr mißvergnügt darüber, daß Goethe sich in die Gesellschaft der Stolbergs, „ dieser tollen Naturburschen ", begeben hatte 1 ).
In Straßburg trennte sich Goethe von seinen unbändig ausgelassenen Begleitern und ging ( nach einem Besuch bei seinem Schwager Schlosser in Emmendingen ) nach Schaffhansen und Zürich. Mit einem gleichgestimmten Landsmanne, dem Theologen Passavant, wanderte er ( 15. Juni ) nach Richterswil, Einsiedeln und über den Haggen-paß nach Schwyz. Sein Tagebuch besagt ( nachts 10 Uhr ): „ Müd' und munter vom Bergabspringen, voll Dursts und Lachens. Gejauchtzt bis 12 " 2 ).
Von da aus pilgerten die beiden Freunde zum Lowerzersee und hierauf zum Bigi, der ihnen jedoch nicht gnädig gesinnt war, wie der Eintrag in Goethes Tagebuch beweist: „ In Wolken und Nebel rings die Herrlichkeit der Welt. " Im „ Ochsen " in Rigi-Klösterli ward Nachtruhe gehalten und am andern Tage der Abstieg nach Vitznau unternommen 3 ). Dann ging es zu Schiff nach Flüelen und von da per pedes nach Altdorf. Von hier aus schreibt Goethe an Charlotte Kestner ( 19. Juni ), das Urbild seiner Lotte in „ Werthers Leiden ", „ ein paar Worte — tief in der Schweiz, am Orte, wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf schoß ". Von Andermatt berichtet das Tagebuch: „ Sauwohl, Projekte ", von dem weitern Wege: „ Öde wie im Tale des Todes. "
Von der Paßhöhe aber treibt ihn die Sehnsucht nach Lili „ liebwärts ", und er wirft nur noch einen „ Scheideblick nach Italien ". Seine Herzensunrast läßt ihn auf der ganzen Reise zu keinem rechten Naturgenuß gelangen. „ Die Schweiz ", sagte er zu seinem Vertrauten Eckermann ( 22. Februar 1824 ), „ machte anfänglich auf mich so großen Eindruck, daß ich dadurch verwirrt und beunruhigt wurde; erst bei wiederholtem Aufenthalt, erst in späteren Jahren, wo ich die Gebirge bloß in mineralogischer Hinsicht betrachtete, konnte ich mich ruhig mit ihnen befassen. " Auf der Heimreise, in Straßburg, bei Erwins Grabe flammt jedoch sein Naturgefühl herrlich auf: „ Vor dir ( du Münster ), wie vor dem schaumstürmenden Sturze des Rheins, wie vor der glänzenden Krone der ewigen Schneegebirge, wie vor dem Anblick des heiter ausgebreiteten Sees und deiner Wolkenfelsen und wüsten Täler, grauer Gotthard, wie vor jedem großen Gedanken der Schöpfung wird in der Seele reg ', was durch Schöpfungskraft in ihr ist. "
Mit dem Herzog Carl August von Weimar betritt er vier Jahre später abermals die Schweiz. Im Gegensatz zu der Fahrt von 1775, die im Zeichen des „ Sturms 1 ) Bielschowsky, A., „ Goethe ", Bd. 1, 1902, S. 226.
und Drangs " stand, war dies eine „ pädagogische " Reise, die den jungen Herrscher in der Bergeinsamkeit an seine Fürstenpflichten mahnen sollte. Am 12. September früh brachen die beiden, nur von dem Kamnierherrn von Wedel begleitet, von Weimar auf. Von Basel ritt das Kleeblatt durch das romantische Münstertal nach Biel, von da nach Bern, Thun und Lauterbrunnen, wo dem Dichter „ die Wassergeister wundersame Strophen in die Seele sangen ". Von da zogen sie nach Grindelwald und seinen Gletschern, hierauf über die Scheidegg nach Meiringen und über den Brienzer- und Thunersee zurück nach Bern. „ Kein Gedanke, keine Beschreibung noch Erinnerung ", schrieb Goethe damals an seine Herzens- und Seelenfreundin Frau von Stein in Weimar, „ reicht an die Schönheit und Größe der Gegenstände und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern, Tageszeiten und Standpunkten. "
In dreitägigen kleinen Tagereisen erreichte man von Bern aus in Lausanne den Genfersee, „ den Meister aller Seen ". Über die Dôle zog man nach Nyon und Genf. Die Alpenfernsicht, insbesondere auf „ die Eisgebirge gegenüber ", wird Goethe zu rühmen nicht müde.
Bourrits „ Description des glaciers de Savoye " ( 1773 ) erweckte in dem wagemutigen Herzog wie in Goethe den Wunsch nach einer Reise nach Chamonix. Die guten Genfer entsetzten sich hierüber wegen der vorgerückten Jahreszeit ( es war bereits Ende Oktober ) und machten „ eine Staats- und Gewissenssache " daraus 1 ).
Goethe, dem die Erfahrung seiner winterlichen Brockenfahrt zugute kam, teilte diese Bedenken nicht; doch holte er vorsichtigerweise das Gutachten Salissures hierüber ein, das befriedigend ausfiel. Kammerherr von Wedel ward mit den Pferden über Villeneuve nach Martigny vorausgeschickt, während die beiden andern Reisenden höchst vergnügt am 3. November nach Chamonix fuhren. Am nächsten Morgen steigen sie den Montanvert hinan und wagen auch „ einige hundert Schritte auf den wogigen Kristalklippen " der Mer de glace. Mit einem Führer wandern sie bei dichtem Nebel über den Col de Balme nach Martigny, wo sich ihnen Wedel zugesellt. Nun geht es Rhone aufwärts nach Siders und Leuk, und hier wird Wedel mit den Pferden nach Luzern entsandt. Am 12. November kamen die beiden kühnen Wanderer in Oberwald an und arbeiteten sich in Begleitung von zwei Führern durch tiefen Schnee zur Furkahöhe empor. Der Abstieg nach Realp gestaltete sich noch schwieriger, und der erste voranschreitende Führer sank oft bis über die Hüften in den Schnee ein. Nach siebenstündigem Marsche langten sie endlich bei den Kapuzinern in Realp an. Goethe war dies Unternehmen zuletzt selbst etwas ungeheuerlich erschienen, und nach seiner Ankunft in Realp ( bei anbrechender Nacht ) berichtete er sogleich an Frau von Stein: „ Es ist überstanden und der Knoten, der uns den Weg verstrickte, entzwei geschnitten
Von Hospental aus betraten die beiden Wanderer am nächsten Tage den Gotthardpaß, dann geht die Fahrt bergab durch das oberste Reußtal ( das „ Drachental ", wie Goethe es nennt ) 2 ) nach Flüelen und Luzern. In Zürich gab es frohes Wieder- 1 ) Meyer, J. B., „ Goethes Naturliebe ", 1880, S. 173.
2 ) Die Erinnerung daran klingt noch in seiner sehnsuchtsschweren Ballade „ Mignon " nach:
„ Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, Es stürzt der Fels und über ihn die Flut. "
selten mit Lavater; auch Bodmer und Geßner wurden aufgesucht. Über Schaffhausen und Konstanz trat man die Heimreise an. Diese „ viermonatliche Welt- und Selbst-schau " ( in der Schweiz ) gestaltete sich für den Dichter zu einem „ beständigen Er-hebungs- und Läuterungsprozeß " 1 ). Eine ähnliche, wenn auch nicht so tiefgreifende Umwandlung bedeutete für ihn auch schon die erste Schweizerreise, wie er in einem Briefe an die „ Karschin " in Berlin ( 17. August 1775 ) gesteht: „ Von meiner Heise in die Schweiz hat die ganze Zirkulation meiner kleinen Individualität viel gewonnen " 2 ).
Auf seiner Rückkehr von Italien ( 1788 ) berührte er wieder die Schweiz. Von Chiavenna zog er über den Splügen durch Graubünden. Als „ Durchgangspunkt " zum Besuche seines Freundes, des in Florenz weilenden Malers Heinrich Meyer, betrachtete er die Schweiz auch in seinem Reiseplan 1797. Doch der kränkelnde Künstler hatte sich inzwischen in seine Heimat nach Stäfa am Zürichsee begeben, und so ergab sich statt einer neuen italienischen Reise ein dritter Besuch der Schweiz.
Nach achttägigem Aufenthalte in Stäfa pilgert er mit dem Freunde den gleichen Weg, den er einst mit Passavant gegangen war; nur der Rigi wurde diesmal nicht erstiegen. Noch weitere 14 Tage verbringt er in Stäfa, dann rüstete er sich zur Heimreise. Diesmal überwiegt das wissenschaftliche Interesse. Auf dem Gotthard hat er „ brav Steine geklopft und deren fast mehr, als billig ist, aufgepackt ".
Vom heutigen alpinen Standpunkt aus erscheinen uns die Schweizerreisen der deutschen Dichter in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht bedeutungsvoll. Keiner von all diesen Wanderern vollbrachte eine bemerkenswerte alpine Tat. Selbst Goethes winterliche Furkabesteigung kann keinen Anspruch darauf erheben. Desto höher darf der kulturhistorische Wert dieser Fahrten veranschlagt werden, um so mehr, als wir ja Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Schilderungen hierüber in großer Zahl besitzen. Gleichzeitig geben sie auch schätzbare Aufschlüsse über die Entwicklung und Um- und Ausgestaltung des Naturempfindens in dieser Periode.Von der kühlen Gleichgültigkeit eines Klopstock u.a. der Bergwelt gegenüber bis zur überschwenglichen Alpenbegeisterung späterer Dichter und bis zur abgeklärten Naturbetrachtung Goetheswelch ein weiter Weg! Da Heinse erst ein Jahr nach Goethes zweiter Schweizerreise dies Land aufsuchte, ist das Urteil Bieses vollberechtigt: „ Goethe ist der erste deutsche Dichter, der die romantische Erhabenheit der schneebedeckten, firngekrönten Berge voll auf sich wirken läßt und mit unübertroffener Meisterschaft schildert. "
Wie diesem, so sproßten auch andern Dichtern noch auf Schweizerboden oder bald darauf unvergängliche poetische Blüten: maleriche Reisebilder, innige Lieder, liebliche Idyllen. Für das deutsche Dichtervölkchen jener Zeit war Italien ein Tempel der Kunst, die Schweiz dagegen ein Tempel der Natur, der ihr Wesen und ihr Empfinden läuterte, veredelte und verklärte.
1 ) Bielschowsky, „ Goethe ", Bd. 1, S. 357.