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Frau Nadj Abonji, im November haben Sie an der Universität Zürich eine Poetikvorlesung gehalten und unter anderem über das Ohr gesprochen. Welche Rolle spielt es in der Poetik, der Literatur?
Zunächst hat das Ohr für mich viel mit Sprachkritik zu tun – hinhören! Zum anderen ist es ein Organ, das ganz nahe an der Vernunft liegt, den Verstand begleitet. Dabei ist es in einem gewissen Sinn sogar «intelligenter» als der Verstand, weil es die sinnliche Komponente miteinbezieht. Über die Sinnlichkeit «weiss» ich mehr, als ich weiss.
Wie, mehr?
Wenn Wörter in einem Text nicht stimmen, merke ich das mit den Ohren schon früh. Das ist aber kein sehr rationales Wissen. Ein Beispiel: Ich habe vor kurzem einen Essay geschrieben, in dem ich meine allererste Zeit in der Schweiz schildere. Ich war fünf Jahre alt und wohnte bei einem Ehepaar in der Dachkammer. Die kleine Kammer war sinnbildlich für meine Situation: ich war allein und eingesperrt, nicht zuletzt sprachlich; ich verstand dieses Ehepaar nicht, und sie verstanden mich und mein Ungarisch nicht: Ich hatte eine Sprache, die mir aber nichts mehr nützte. Beim Schreiben merkte ich, dass «Dachkammer» mit diesen zwei «a» vor diesem Hintergrund zu hell klang, und fand das Wort «Dunkelkammer». Dass dieser Begriff auch in seiner Bedeutung sehr gut passte – auch die Camera obscura ist ein sehr fragiles, störungsanfälliges Gebilde –, wurde mir erst später bewusst. Der Klang bringt mich auf eine Spur, und später verstehe ich, warum.
Ich habe schon mindestens zweimal erlebt, dass Sie an Lesungen unvermittelt zu singen begonnen haben. Können Sie mit Liedern, mit Musik etwas ausdrücken, woran «nur» Sprache nicht reicht? Ist die Musik die Sprache, die Sie, ohne Bruch, immer hatten?
Ich hatte sicher nie das Gefühl, die Musik «verloren zu haben». Meine Grossmutter sang immer viel, und diese Lieder waren immer da, auch wenn ich die einzelnen Texte vielleicht zwischendurch nicht präsent hatte. Ja, man kann wohl sagen, dass die Musik für mich unbelasteter ist.
Wenn Sie singen, dann auf Ungarisch.
Ja, eigentlich nur. Das geht nicht auf Deutsch.
Warum nicht?
Wahrscheinlich hat es mit dem Sitz der Sprache zu tun. Im Ungarischen gibt es Buchstaben – Konsonanten, Diphtonge –, die dem Deutschen fehlen: mehr klingende, stimmhafte Buchstaben vor allem. Dazu kommt, dass man sich beim Singen ja nicht im gleichen stimmlichen Spektrum bewegt wie beim Sprechen. Die Sprechlage umfasst bei den meisten Menschen etwa eine Quarte, man bewegt sich immer in einem ähnlichen Bereich. Beim Singen kommt man viel höher und viel tiefer. Das setzt andere Energien im Körper frei. Beim Singen spüre ich eine Freiheit, die ich nicht mit dem Deutschen zusammenbekomme. Ich hab’s versucht, mit Schubert, mit Brecht/Weill. Das sind wunderschöne, kräftige Lieder, die Texte sind stark – aber der Sitz meiner Stimme stimmt für diese Lieder einfach nicht.
Verfallen Sie dann also eben genau dann ins Singen, wenn Sie etwas…