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Als Jeanne Calment geboren wird, ist das Deutsche Kaiserreich gerade einmal vier Jahre alt. Als sie heiratet, richtet Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit aus und Wilhelm Conrad Röntgen präsentiert seine neuartigen X-Strahlen.
Als Calments Tochter stirbt, gewinnt Gastgeber Italien die erste Fussballweltmeisterschaft in Europa und Donald Duck ist zum ersten Mal in einem Film zu sehen. Als ihr Mann stirbt, wird die Deklaration der Vereinten Nationen unterzeichnet und das Manhattan-Projekt zum Bau einer Atombombe läuft an.
Als ihr Enkel stirbt, wird John F. Kennedy ermordet und Konrad Adenauer gibt das Amt des Bundeskanzlers auf. Und als Jeanne Calment schliesslich am 4. August 1997 im Alter von 122 Jahren und 164 Tagen selbst stirbt, geht sie in die Geschichte ein als der nach offiziellen Angaben am ältesten gewordene Mensch, der je gelebt hat.
Die Französin hat nicht nur lange, sondern bis zum Schluss auch recht gut gelebt. Dank ihres wohlhabenden Mannes musste sie sich nie ums Geld sorgen. Sie verbrachte viel Zeit mit Opernbesuchen und Klavierspielen, aber auch - ungewöhnlich für eine Frau Anfang des 20. Jahrhunderts - mit sportlichen Aktivitäten wie Tennis, Schwimmen und Radfahren.
Zufriedene Hundertjährige
Noch im Alter von 85 Jahren begann sie zu fechten. Erst mit 110 zog sie in ein Pflegeheim. In vielerlei Hinsicht steht Jeanne Calment nicht stellvertretend für die meisten anderen Hochbetagten.
Doch ganz so ungewöhnlich ist ihre Geschichte auch wieder nicht. Immer mehr Menschen erreichen eine Lebensspanne von 100 oder mehr Jahren - und bezeichnen sich dennoch als zufrieden, allerlei Gebrechen zum Trotz.
Sind die ersten 100 Jahre erst einmal gemeistert, kann man sich offenbar ganz gut arrangieren mit dem Leben. Auch wenn es für Jüngere schwer vorstellbar wirkt: Selbst in hohem Alter lassen sich im Alltag Zufriedenheit und Erfüllung finden.
Wissenschaftlich belegt haben das unter anderem die beiden Heidelberger Hundertjährigen-Studien, für die in den Jahren 2001 und 2013 etwa hundert Menschen im Alter von mindestens 100 Jahren befragt wurden.
Die Bilanz hat Christoph Rott von der Uni Heidelberg, Psychologe und einer der Projektleiter, überrascht: "Insgesamt sind Hundertjährige mit ihrem Leben recht zufrieden", sagt Rott. "Das habe ich mir vorher so auch nicht vorgestellt."
Was ist ein gutes Leben?
Wie aber gelingt es, in hohem Alter mit seinem Leben klarzukommen? Was macht ein "gutes Leben" jenseits der Hundert aus? In den bisher gefundenen Antworten auf diese Fragen liegen zwei entscheidende Lehren: Erstens bedeutet gelingendes Altern für die "Centenarians" etwas ganz anderes, als Wissenschaftler lange gedacht haben.
Und zweitens können auch Jüngere von der Lebenskunst der Hochbetagten lernen. An Vorbildern mangelt es jedenfalls nicht. Etwa 17'000 Menschen im Alter von mindestens 100 Jahren leben derzeit in Deutschland.
Um die Jahrtausendwende waren es nicht einmal 6000. "Die Frage, wie ein gutes Leben in sehr hohem Alter gelingt, betrifft nicht mehr nur einige Wenige", sagt Alexandra Freund von der Universität Zürich.
Die Entwicklungspsychologin konzentriert ihre Forschung auf das hohe Erwachsenenalter. Doch die guten Nachrichten über die zahlreichen und im Durchschnitt zufriedenen Hochbetagten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Altern meist noch immer mit Gebrechlichkeit und Verlusten einhergeht.
"Altwerden bedeutet, eine verdammte Sache nach der anderen aufzugeben", schimpft der 86-jährige amerikanische Psychotherapeut Irvin Yalom in seinen kürzlich erschienen Memoiren "Becoming Myself".
80 Prozent Pflegefälle
Als Hundertjähriger aus dem Fenster steigen und verschwinden und dann noch mit Freunden um die halbe Welt reisen - das funktioniert als Idee für einen Bestseller, aber nur höchst selten im wahren Leben. Viele Menschen in diesem Alter wären froh, überhaupt noch alleine laufen zu können. Nur ein Drittel der Befragten schaffte das in der Heidelberger Studie.
80 Prozent waren Pflegefälle. Und die meisten Freunde eines Hundertjährigen dürften bereits gestorben sein. Diese Verluste seien "eines der wenigen Dinge im Leben, an die man sich nicht leicht gewöhnt", sagt Alexandra Freund.
Immerhin jedoch wies in der zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer keine oder nur geringe kognitive Einschränkungen auf. In der ersten Untersuchung im Jahr 2001 hatte dieser Anteil lediglich bei 41 Prozent gelegen.
"Das zeigt, dass wir uns ausser um die geistigen verstärkt um die körperlichen Fähigkeiten der Hochbetagten kümmern müssen, wenn wir deren Funktionsfähigkeit im Alltag erhalten wollen", sagt Rott. Er plädiert für gezieltes Krafttraining für die sehr alten Menschen, um deren Mobilität zu erhalten.
Im Schnitt litt jeder der Befragten unter vier Krankheiten, darunter oft solche, die im Alltag erhebliche Einschränkungen bedeuten, etwa schmerzhafte Arthrose. Wer ein Leben in Trübsinn verbracht hat, hat eine weit geringere Wahrscheinlichkeit, 100 zu werden.
An der allgemeinen Gebrechlichkeit sehr alter Menschen ändern auch Ausnahmen wie Jeanne Calment oder ihr Landsmann Robert Marchand nichts. Der 1911 geborene Radsportler stellte im Januar einen - bis dahin nicht einmal existierenden - Rekord in der Klasse der Über-105-Jährigen auf: 22,547 Kilometer in 60 Minuten.
Als 102-Jähriger hatte er sogar noch knapp 27 Kilometer in dieser Zeit geschafft. Dabei sei das Radfahren nicht einmal das Schwierigste, wird Marchand zitiert. Die grösste Herausforderung bestehe vielmehr darin, überhaupt 100 Jahre lang zu leben.
Trübsinn verkürzt das Leben
Das gelingt nur dem, der physisch wie psychisch "eine gewisse Widerstandskraft mitbringt", wie Freund sagt. "Wir haben da eine Positiv-Selektion". Wer ein Leben in Trübsinn verbracht hat, der hat eine weit geringere Wahrscheinlichkeit, die 100 zu erreichen. Übrig bleiben die Optimisten.
Damit lässt sich, leicht verkürzt, auch die Zufriedenheit vieler Hochbetagten erklären. Ähnlich verhält es sich mit körperlichen Risikofaktoren. Menschen mit einer Neigung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben meist früher. So lautete einer britischen Studie zufolge bei mehr als 20 Prozent der 80- bis 84-Jährigen die Todesursache "Herzinfarkt".
Der Anteil der Herzinfarkt-Toten unter denjenigen, die im Alter von 100 oder mehr Jahren gestorben waren, betrug dagegen nicht einmal neun Prozent, schreibt ein Team um Catherine Evans vom Londoner King's College im Fachmagazin Plos Medicine.
In der Hälfte der untersuchten Fälle lauteten die Todesursachen der mindestens 100-Jährigen "Altersschwäche" oder "Lungenentzündung". An Ratschlägen, wie man es bis in dieses hohe Alter schafft, mangelt es nicht.
Aus wissenschaftlicher Sicht abenteuerlich - dafür unterhaltsam - sind die Tipps der Experten in eigener Sache: Sehr alte Menschen, die ihre lange Lebensdauer zum Beispiel zurückführen auf die beständige Zufuhr von Zigaretten, Portwein und Olivenöl (Jeanne Calment) oder auf ihre Überzeugung, nie zu alt für Spitzenunterwäsche zu sein (Susannah Mushatt Jones aus den USA, geboren 1899, gestorben 2016 als der zu dieser Zeit älteste lebende Mensch).
Welche Gene entscheidend sind und wie gross deren Einfluss jeweils ist, weiss bislang niemand. Demgegenüber klingen die wissenschaftlich zumindest halbwegs abgesicherten Tipps ebenso langweilig wie altbekannt: weder rauchen noch saufen oder nur mit der Chipstüte vorm Fernseher hocken.
Gute Gene sind nicht genug
Stattdessen: körperlich und geistig aktiv sein, genug schlafen, mässig und abwechslungsreich essen, anhaltenden Stress vermeiden und enge Beziehungen zu Mitmenschen suchen. Allein auf gute Gene zu hoffen, dürfte dagegen wenig bringen.
Eine gewisse Rolle spielen die Erbanlagen wohl, doch welche Gene entscheidend sind und wie gross deren Einfluss jeweils ist, weiss bislang niemand. Dafür könnte es helfen, an einem dieser sechs Orte zu leben: auf der griechischen Insel Ikaria, auf der Halbinsel Nicoya in Costa Rica, in der kalifornischen Stadt Loma Linda, auf der japanischen Insel Okinawa, in der italienischen Kleinstadt Acciaroli oder auf Sardinien.
In diesen sogenannten Blauen Zonen leben statistisch gesehen jeweils besonders viele Hundertjährige. Eine gemüse- und fischlastige Ernährung sowie ein aktiver Lebensstil kommen als nächstliegende Erklärungen in Frage - wäre da nur nicht die ungewöhnlich hohe Zahl an Übergewichtigen im italienischen Langlebigkeits-Hotspot Acciaroli.
Was die Blauen Zonen wirklich auszeichnet, darüber rätseln die Forscher noch. Auch in anderer Hinsicht machen Hundertjährige es der Wissenschaft nicht leicht: Sie sind zufrieden mit ihrem Leben. Ihr Optimismus übertraf in der Heidelberger Studie sogar den von Sechzigjährigen.
Und obwohl viele Hochbetagte immer wieder mal Sätze äusserten wie "Es reicht", zeigten immerhin drei Viertel von ihnen noch deutlich Lebenslust und -mut.
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