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08.02.2010 von
Auf grossem Fuss leben und dabei nur die halbe Miete zahlen – Wovon viele in Bezug auf die Wohnsituation in Zürich nur träumen können, ist bei der CO₂-Problematik tatsächlich der Fall. Der Ozean und die Ökosysteme auf dem Land haben in den letzten Jahrzehnten rund die Hälfte des menschgemachten Ausstosses von CO₂ aus der Atmosphäre entfernt! Das heisst, dass nur etwa die Hälfte des ausgestossenen CO₂ in der Atmosphäre verblieben ist und zur Aufheizung der Erde beigetragen hat. Wir bezahlen somit bis jetzt nur die Hälfte der Miete für die Benutzung der Atmosphäre als Entsorgungsort für unser CO₂. Die andere Hälfte der Miete hat die Natur bis jetzt für uns übernommen.
Diese Dienstleistung der Natur mit ihren so genannten Senken im Ozean und auf dem Land ist Gold wert. Zu heutigen Marktpreisen für CO₂ (etwa 20 Schweizer Franken pro Tonne CO₂) entsprechen die Senkleistungen der letzten zwei Jahrzehnte einem Wert von etwa 7000 Milliarden Franken. Zudem wäre die heutige CO₂-Konzentration in der Atmosphäre ohne diese Senken schon auf fast 500 ppm gestiegen, anstelle der heutigen rund 390 ppm. 500 ppm würde bedeuten, dass wir den Schwellenwert für das Erreichen des 2°C-Ziels mit grosser Wahrscheinlichkeit schon überschritten hätten.
Kohlenstoff-Senken haben sich verdoppelt
Die Kohlenstoff-Senken sind in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gewachsen, und haben überraschenderweise gut mit dem starken Anstieg der menschgemachten Emissionen mitgehalten. Wurden im Jahre 1980 noch jährlich rund 20 Milliarden Tonnen Kohlenstoff ausgestossen, ist dieser Wert innerhalb von 30 Jahren auf rund 35 Milliarden Tonnen gestiegen.
Über den gleichen Zeitraum haben sich auch die Senken fast verdoppelt, so dass der Anteil der Emissionen, der in der Atmosphäre gelangt, erstaunlich konstant geblieben ist. Das ist leider kein Naturgesetz, sondern einer Verknüpfung verschiedener Faktoren zuzuschreiben, insbesondere was die Senkenleistungen der Wälder betrifft. Das Nachwachsen von Wäldern in Regionen, wo die Landnutzung stark abgenommen hat (wie wir das in der Schweiz in vielen Südtälern erleben) spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Dazu kommen klimatische Faktoren, die das Wachstum der Bäume gefördert haben, sowie eine mögliche «Düngung» durch den erhöhten CO₂-Gehalt der Atmosphäre.
Wird es die Natur weiterhin richten?
Was die Zukunft betrifft, könnten wir uns nun zurücklegen und argumentieren, dass die Natur es schon weiter einfach richten werde – und wir weiterhin nur die Hälfte der Miete zahlen müssen. Nun, leider deuten die Zeichen in eine andere Richtung. Die Erwärmung der Ozeane und die damit verbundene Änderung der Ozeanströmungen und der biologischen Aktivität führen zu einer Verminderung der Aufnahmefähigkeit der Ozeane. Eine Abnahme der Senken erwartet man auch auf dem Land – es könnte sogar sein, dass das Land beginnt, grössere Mengen von Kohlenstoff an die Atmosphäre zu verlieren.
Erste Anzeichen, dass Senkenleistungen abnehmen
Bereits gibt es erste Anzeichen, dass die Senkenleistungen nicht mehr so stark sind wie in den letzten Jahren. Es herrscht aber noch keine Einigkeit unter den Kohlenstoffforschern, ob dies tatsächlich schon eine Folge des Klimawandels ist, oder ob wir einfach das Signal einer natürlichen Schwankung beobachten. Nur der weitere Verlauf des Klimas und des Kohlenstoffkreislaufes in den nächsten Jahren wird uns die Antwort geben.
Trotz dieser Diskussion bezüglich der Entwicklung der letzten Jahre gibt es eine grosse Einigkeit unter den Klimawissenschaftern, die sich mit dem Kohlenstoffkreislauf beschäftigen: Langfristig werden die Senken sich verringern. In anderen Worten, wir müssen Abschied nehmen von der lieb gewonnenen Angewohnheit, nur die Hälfte der Miete bezahlen zu müssen. Wir müssen dazu übergehen, für unsere Emissionen den vollen Preis zu bezahlen. Genau wie beim Wohnen…Zum Autor
Nicolas Gruber ist Professor für Umweltphysik an der ETH Zürich und beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit dem Kohlenstoffkreislauf und dem Klima. Persönliches Zitat und Biografie
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