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Wenn man den berühmten Satz von Nietsche „Gott ist tot.“ auf den künstlerischen Bereich und die heutige Zeit übertragen kann, dann könnte das so ausgedrückt werden: Die Kunst der Pantomime ist tot. Das klingt geradezu wie der Anfang einer Tragödie, ist es aber nicht. Pantomime ist nicht ausreichend medial präsent und gerät in Vergessenheit. Das heutige Publikum erträgt die Stille sehr schwer. Die Zuschauer wollen Explosionen auf der Bühnen sehen: Comedyshows, die möglichst in kurzer Abfolge eine explosive Pointe nach der anderen jagen. Nur, jede Explosionen produziert am Ende nur Asche. Die Kunst der Pantomime versteckt sich unter anderen Namen: Physisches Theater, Körpertheater, Visuelles Theater. Es geht soweit, dass die Zeichentrickfilme aus den 70-gern (Pink Panther, Barbapapa usw.) die durch Geste und Bewegungen leben, vertont wurde.
Wenn wir die Geschichte der Pantomime von seinen Anfängen in der Antike bis in die heutige Zeit verfolgen, sehen wir, dass es keine Geschichte gibt. Ein paar kleine Andeutungen sind vorhanden wie die Kostüme oder Masken die getragen werden, aber von ihren Bewegungen wissen wir gar nichts. Diese Kunstform wird immer wieder aufs Neue entdeckt. Die Sprache war stets mit Pantomime verbunden. In der Antike begleitete ein Chor, welcher das Geschehen durch Gesang begleitet und erklärt, die stummen Mimen. Die Schauspieler der italienischen Commedia dell Arte im 16. Jahrhundert traten als sprechende und gestikulierende Figuren als Jahrmarkt-Komödianten auf. Gleichzeitig ward in Frankreich das Stumme Spiel aus einer Not heraus geboren, weil nur privilegierte Theatertruppen die Erlaubnis des Königs zum Sprechen erhielten. Wie der Phoenix aus der Asche erhebt sich die Pantomime erneut und fängt wieder zu neuem Leben aufzublühen und bereichert uns mit Form und Handlung. Kontroversen tauchen auf, wie zum Beispiel die Frage: Was ist Pantomime? Allein diese simple Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Pantomime hat etwas Tänzerisches, aber es ist kein Tanz. Es ist etwas anderes als die Mimik der Schauspieler und ist verwandt mit Opern durch ihre Gesten. Pantomime lässt sich vergleichen mit dem Marionetten- und Puppenspiel, aber sie ist etwas Eigenes selbstständiger Art, die nicht einfach zu bezeichnen ist. Die Einen behaupten, dass die Pantomime so alt sei wie die Menschheit, Andere dagegen, dass diese Kunst seit nicht mehr als 100 Jahren existiere. Die althergebrachte Pantomime aus der Antike unterscheidet sich von der modernen Umsetzung wesentlich. Die Kunst der Pantomime, die wir heutzutage kennen, arbeitet mit Illusionstechniken, Form und Inhalt und hat ihren Anfang im 20. Jahrhundert im experimentellen Studio von Etienne Decroux. Decroux bezeichnete diese Kunstform nicht als Pantomime, sondern als „mime pur“. Er widmete sein gesamtes Leben der Perfektionierung dieser neuen Körpersprache. Sein berühmtester Schüler war Marcel Marceau. Dieser durchbrach das strenge System seines Meisters und machte durch seine einzigartige Ausstrahlung die Kunst der Pantomime weltberühmt. Ein amerikanischer Journalist meinte im Anschluss an eine Vorstellung von Marcel Marceau: „Der kürzeste Weg, von A nach B zu gelangen, ist….Marcel Marceau“. Dieser auf den ersten Blick amüsant anmutende mathematische Satz beschreibt das Wesen der Pantomime in getroffener Weise: Die Pantomime sucht keine Schönheit in der Bewegung, sondern die Wahrheit. Sie nimmt das Wesentliche und überträgt es durch Symbole, Bewegung und Emotionen auf das Publikum. Die Kunst der Pantomime verzichtet bewusst auf die Sprache, Requisiten, Musik, Bühnenbilder und konzentriert sich auf das Wesentliche- der Menschlichen Körper. Keine Szenische Art regt soviel Phantasie und es gibt keine bessere Weg zum perfekten Körperbewusstsein und Formbewusstsein als die pantomimische Erziehung. Obwohl keine Stühle und Tische, Räume und Personen auf der Bühne vorhanden sind, werden unsichtbare Gegenstände, Personen, Raum und Kraft durch blosse Bewegung sichtbar. Wie der Zauberer, welcher Sichtbares unsichtbar macht, wirkt ein Pantomime in umgekehrter Weise. Pantomime verdankt ihren Erfolg ihren ungeahnten, allgemein verständlichen Möglichkeiten. Die Sprachbarriere wird durchgebrochen, und die verschiedenen Landessprachen scheinen auf einmal kein Problem mehr darzustellen.
Wenn wir lesen möchten, müssen wir das Alphabet beherrschen. Wenn wir schreiben wollen, beherrschen wir die Grammatik. Nicht anders verhält es sich mit der Körpergrammatik. So wie die Sprache Komma, Punkt, Ausrufzeichen, Fragezeichen enthält, besitzt auch die Pantomime eine eigene Grammatik der Körpersprache, eine Art visuelles Alphabet. Durch die Gesten und die Körpersprache können Geschichten mit komischen und dramatischen Handlungen erzählt werden. Emotionen wie Wut, Angst, Liebe werden physikalisiert, werden deutlicher, klarer und sichtbar.
Pantomime unterscheidet sich von Mimik und Gestik aus dem Alltag insofern, dass ihre Körpersprache hochstilisiert und überzeichnet ist. Deswegen kann Sie nicht direkt im Alltag eingesetzt werden, aber sie kann helfen, seinen eigenen Körper zu verstehen und zu beherrschen und Körperbewusstsein zu erlangen. Mann kann die Menschen sensibilisieren, auf Körpersignale der anderen Menschen zu achten, um deren momentanen Zustand gut einzuschätzen und dementsprechend zu reagieren. Heute sind wir mobiler denn je und verhalten uns körperlich zunehmend unmobil. Wir bewegen uns immer weniger und dies resultiert in der Entfremdung vom eigenen Körper. Pantomime weckt unsere Ursprache und verbindet unser Bewusstsein und das Körperbewusstsein. Sie fördert die Kommunikation und öffnet ungeahnte Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Körper auszudrücken und zu entfalten. Alle diese Illusionstechniken und Grammatik der Pantomime dienen nur einem Zweck: unsere Gefühle ausdrücken zu können, Gefühle bewusst zu werden.
Wenn jemand die Kunst der Pantomime erlernen will, hängt es hauptsachlich von der Motivation ab, die er mitbringt. Nicht jeder kann ein professionelles Niveau erreichen, aber jeder kann von dieser Kunst profitieren. Alle unsere Emotionen, Gedanken und Aktionen sind in unserem Körper enthalten. Es gilt, die Verbindung von Körper und Geist wieder herzustellen. Dies kann durch pantomimische Arbeit erreicht werden.
Damir Dantes