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Der Subventionsabbau wirkt sich in Neuseeland nicht nur positiv aus. Während die Landwirtschaft sich arrangiert, geben sich Schulen Autonamen und suchen verzweifelt nach Sponsoren-Geldern.Dieser Inhalt wurde am 30. Januar 2003 - 18:10 publiziert
Der Bahnverkehr ist übermässig geschrumpft. Der neuseeländische Staat muss gewisse Bahnlinien zurück kaufen.
In der Schweiz wird gross über die staatliche Unterstützung im Verkehrs-, Schulwesen oder der Landwirtschaft diskutiert. Die Privatisierungs-Erfahrungen in Neuseeland können dabei als Beispiel dienen. Doch nicht überall hat sich der Rückzug des Staates positiv ausgewirkt.
Mitte der 90er Jahre hatte die damals regierende konservative nationale Partei in einem Sparprogramm individuelle Globalbudgets für jede der landesweit 2700 Schulen festgelegt. Was zuvor über Extrakredite eingekauft wurde (etwa Computer oder Schuluniformen), musste plötzlich aus dem (leicht erhöhten) Schuletat selbst finanziert werden.
Dies führte viele Lehrstätten in finanzielle Abhängigkeiten: So sponsern heute beispielsweise Autohersteller wie Nissan oder Toyota Schulen, die dafür die Automarke in ihrem Namen tragen. In der Schweiz wäre dies unvorstellbar.
Abhängigkeit schafft Gefahren
"Unsere Schulen werden finanziell immer abhängiger von Sponsoren oder ausländischen Studenten, die mehr Geld als Einheimische bezahlen", stellt M. J. Trethewey, Hochschul-Vorsteher in Palmerston North, fest.
Die Folge: Schulen schieben zusätzliche Ausgaben wie den Kauf neuer Computer auf, bis ein Sponsor gefunden ist. Beispielsweise kurbelt der Milchhersteller Tararua derzeit seinen Verkauf an, indem er Schüler Milchdeckel sammeln lässt und der sammelfreudigsten Schule 1950 Franken überweist - für Sportgeräte im Turnunterricht.
Weiteres Beispiel: 95 Prozent aller Schulen haben sich von Telecom NZ einen kostenlosen Telefonanschluss installieren lassen. So sichert sich der Konzern, dass die Schulen mit seiner Gesellschaft surfen oder telefonieren. Immerhin: im Oktober hat Bildungsminister Trevor Mallard versprochen, die Globalbudgets für die Schulen bis 2003 um 25 Prozent gegenüber 1999 zu erhöhen.
Krankes Bahnwesen, Buslinien profitieren
Wie das Gesundheitswesen kranken auch die Bahnen: "Es macht mich traurig zu sehen, was mit der Eisenbahn passiert ist", sagt Peggy Appleton aus Christchurch.
In den 70er Jahren hatte sie für New Zealand Railways im Speisewagen des "Southerner" gearbeitet, auf der gut frequentierten Strecke zwischen Christchurch und Invercargill. Damals versorgte die Staatsbahn mit einem feingliedrigen Netz die Nord- und Südinsel. Die Bahn als Transportmittel für Ausflüge und um zur Arbeit zu fahren war die Norm.
Seit letztem Februar fahren im Süden Neuseelands keine Züge mehr. Die australische Betreiberin Tranz Scenic hat den "Southerner" trotz massiver Proteste eingestellt - wegen zu geringer Rendite.
Städte so gross wie St. Gallen sind nun vom Bahnnetz abgeschnitten. Nur noch der Güterverkehr rollt auf den Schienen. Der öffentliche Personenverkehr spielt sich praktisch ausschliesslich auf der Strasse ab: Ausländische Busbetriebe wie Stagecoach aus Grossbritannien kauften sich rentable Linien. Sie müssen lediglich einen Leistungsauftrag des Staates einhalten.
Bahnhöfe in Museen umgewandelt
Geblieben ist ein Minimalangebot. Aus Christchurch, einer Stadt mit 350'000 Einwohnern, fahren noch ganze zwei Züge pro Tag: einer nach Norden und einer nach Westen. Im ganzen Land stehen unzählige Bahnhöfe leer - oder wurden für touristische Zwecke in Museen umgewandelt.
Ein funktionierendes Angebot gibt es praktisch nur noch auf der Nordinsel. Die Aktiengesellschaft Tranz Rail unterhält dort Linien in die Hauptstadt Wellington sowie in die Millionen-Metropole Auckland.
Regierung im Zugzwang
Der Staat hat seit der Bahnprivatisierung 1993 keinen Einfluss mehr auf solche Stilllegungen. Ausser er beteiligt sich wieder finanziell. Als Reaktion auf den Leistungsabbau und den schlechten Zustand hat der Staat letztes Jahr das Schienennetz um Auckland wieder zurückgekauft.
Denn die Regierung sieht sich gezwungen zu handeln, wenn die Städte nicht im zunehmendem Verkehr ersticken sollen. In der Hauptstadt fahren zwei Drittel der Beschäftigten mit dem Auto zur Arbeit. Neuseeland hat die zweithöchste Fahrzeugdichte der Welt (615 Autos auf 1000 Einwohner).
swissinfo, Marc Meschenmoser, Christchurch, Neuseeland
Fakten
Neuseeland:
Fläche: 270'534 km2
Rund 4 Mio. Einwohner
45 Mio. Schafe
Das Schulwesen gerät vermehrt in die Abhängigkeit von Sponsoren.
Bahnen bedienen vermehrt nur noch rentierende Linien.
Der Individualverkehr nimmt stark zu.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards