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«System Change, not Climate Change!», fordert die Klimabewegung. Aber was ist das überhaupt: ein System? Und wie lässt es sich verändern?
«Systemveränderer!» war im Kalten Krieg ein verbreitetes Schimpfwort.
«System Change, not Climate Change!» ist ein Slogan an Klimademos, und in Kürze wird der Klimastreik in einem dreissigseitigen Positionspapier darlegen, was er unter «System Change» versteht. Konservative Publizist:innen werfen dem Klimastreik vor, die Sorge ums Klima sei nur ein Vorwand; in Wirklichkeit seien die Klimastreikenden, nun, «Systemveränderer».
Aber dass es zur Begrenzung der globalen Erwärmung Systemveränderung braucht, ist auch offizieller wissenschaftlicher Konsens. Anfang April hat der Weltklimarat IPCC den dritten Teil seines sechsten Sachstandsberichts (AR6) vorgestellt. Die Sachstandsberichte fassen alle paar Jahre das wissenschaftliche Wissen zur Klimaerhitzung zusammen; der dritte Teil befasst sich mit Möglichkeiten, die globale Erwärmung zu begrenzen. Eine seiner zentralen Aussagen lautet: Es braucht «system transformations». Wobei der IPCC von «Systemen» im Plural spricht, die Klimastreikenden aber vom «System» im Singular.
Fuchs und Has im Gleichgewicht
Aber was ist ein System überhaupt; was eine Systemtransformation? Der IPCC erklärt in seinem Glossar Begriffe wie «Klimasystem», «Ökosystem» oder «sozial-ökologisches System», nicht aber «System» oder «systemisch». Eine «Transformation» ist laut Glossar eine «Veränderung der grundlegenden Eigenschaften von Systemen».
Um dem Begriff näherzukommen, lese ich mich quer durch die 3000 Seiten des IPCC-Berichts, vergleiche ihn mit dem vorangegangenen fünften Sachstandsbericht von 2014, den ich seinerzeit für die WOZ kritisch begutachtet habe, spreche mit einer Autorin und zwei Autoren des IPCC sowie mit einer Klimastreikerin und einem Historiker.
Julia Steinberger ist Professorin an der Universität Lausanne und Autorin des IPCC-Berichts. Sie sagt, ein System im wissenschaftlichen Sinne werde von mehreren Elementen gebildet, die miteinander wechselwirkten. Dabei komme es zu komplexem Systemverhalten, das sich nicht verstehen lasse, wenn man nur die einzelnen Elemente betrachte (vgl. «‹Die Lebensqualität wird oft besser, wenn der Ressourcenverbrauch sinkt›»). Andreas Fischlin ist Vizepräsident der zweiten IPCC-Arbeitsgruppe (die sich mit den Auswirkungen der Erwärmung befasst) und emeritierter ETH-Professor für Systemökologie. Er versteht den Systembegriff wie Steinberger, findet aber, dass vor allem der Begriff des Systemübergangs unklar sei: Ab wann sei eine Veränderung systemisch?
Es gibt eine ganze Systemtheorie mit einer eigenen Begrifflichkeit. Sie ist hier nicht nötig, um zu verstehen, was für Systemänderungen es braucht, um die Klimaerhitzung zu bewältigen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Klimapolitik verstünde, dass Systeme immer mehrere Dimensionen haben: technische, soziale, kulturelle, ökologische, ökonomische, politische … (vgl. «Zum Beispiel das Auto» im Anschluss an diesen Text).
Aber ein bisschen Theorie muss sein: Entscheidend für die Komplexität von Systemen sind Rückkoppelungen – eine Wirkung wirkt auf ihre eigene Ursache zurück. Simples Beispiel: Viele Hasen bieten Füchsen viel Nahrung, sodass die Füchse sich vermehren. Mehr Füchse fressen aber mehr Hasen, sodass deren Bestand abnimmt. Nun finden die Füchse nicht mehr genug Nahrung und werden ihrerseits weniger, worauf sich die Hasenpopulation wieder erholt – und so weiter. Das wird als negative Rückkoppelung bezeichnet. Sie stabilisiert das System: Hasen- und Fuchspopulation pendeln um ein Gleichgewicht.
Positive Rückkoppelungen hingegen eskalieren. Solche Effekte sind im Klimasystem zahlreich. Ein Beispiel: Die Erwärmung lässt Meereis schmelzen, das dunkle Wasser absorbiert mehr Sonnenstrahlung als die helle Eisfläche, erwärmt sich dadurch weiter und bringt noch mehr Eis zum Schmelzen.
Würde es nun wieder kälter, nähme die Eisfläche wieder zu: Der Effekt würde umgekehrt. Das gilt aber nicht für alle Rückkoppelungen: Wenn die Erwärmung gefrorene Böden auftaut, in denen riesige Mengen Kohlenstoff gebunden sind, gelangt dieser Kohlenstoff in die Atmosphäre, wo er als Treibhausgas zur weiteren Erwärmung beiträgt. Würde es nun wieder kälter, kehrte der Kohlenstoff nicht mehr in den Boden zurück.
Solche unumkehrbaren Effekte sind äusserst gefährlich. Man spricht in der Ökologie von «Kipppunkten»: Sind sie überschritten, kollabiert das Gleichgewicht. Langfristig wird sich ein neues Systemgleichgewicht einstellen – mit dem die menschliche Zivilisation aber möglicherweise nicht zurechtkommt. Wo genau die Kipppunkte sind, ist schwer zu sagen. Weil Systeme langsam reagieren, ist es möglich, dass man sie überschreitet, ohne es sofort zu bemerken.
Würde statt Wachstum
Positive Rückkoppelungen sind aber nicht unbedingt schlecht: Sie können auch einen erwünschten Wandel beschleunigen. Der IPCC-Bericht nennt etwa Beispiele aus dem Bereich des Verkehrs: Beginnt man das Velofahren ernsthaft zu fördern, gibt es mehr Velos auf den Strassen. Dadurch werden sie sichtbarer; Automobilist:innen passen ihr Verhalten an, und das Velofahren wird weniger gefährlich. Politik und Verkehrsplanung nehmen Velos ernster. Velofahren wird auch in Kreisen chic, in denen es bisher verpönt war. Alle diese Faktoren machen das Velofahren attraktiver, sodass die Zahl der Velofahrer:innen weiter zunimmt.
Umgekehrt können negative Rückkoppelungen unerwünschte Techniken stabilisieren, auch wenn es längst bessere Alternativen gibt – beispielsweise weil es Interessengruppen gibt, die eine Technik am Leben erhalten wollen, oder wegen schierer Gewohnheit. Die Vorstellung, dass sich auf dem Markt immer aus eigener Kraft die bessere Technik durchsetzt, ist naiv.
Anthony Patt, Professor für Klimapolitik an der ETH Zürich und koordinierender Hauptautor des jüngsten IPCC-Berichts, erforscht solche Dynamiken technischen Wandels. Ich habe mit ihm seinerzeit über den IPCC-Bericht von 2014, den AR5, gesprochen. Damals sagte er: «Ich war als Nichtökonom ein Aussenseiter in meiner Arbeitsgruppe. Die Autorenkollektive fast aller Kapitel wurden von neoklassischen Ökonom:innen geleitet. Es war frustrierend.» Diesmal ist Patt zufrieden. Und tatsächlich ist der Unterschied gross. Der AR5 wies «Kosten» klimapolitischer Massnahmen in der Einheit «Reduktion des Konsumwachstums» aus – wodurch er maximales Konsumwachstum als Ideal setzte. Der aktuelle Bericht AR6 hingegen befasst sich ausführlich damit, wie ein «würdevolles Leben» («decent living») mit weniger Konsum möglich ist, und stellt fest, dass eine Senkung des Energieverbrauchs oft mit einer Verbesserung der Lebensqualität einhergeht.
Obwohl seit dem Erscheinen des AR5 weitere acht Jahre mit steigenden Emissionen vergangen sind, ist der AR6 optimistischer als sein Vorgängerbericht. Damals, sagt Patt, sei er ziemlich einsam gewesen mit seinem Glauben, dass es möglich sei, die Emissionen bis 2050 weltweit auf netto null zu senken. Laut dem AR5 war es zwar theoretisch möglich, aber unrealistisch, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen – von 1,5 Grad war noch gar nicht die Rede.
Dass der neue Bericht optimistischer ist, hat einerseits damit zu tun, dass die nötigen Techniken wie Solarpanels oder Batterien sehr viel billiger geworden sind. Es hat aber auch damit zu tun, dass die Wissenschaft heute anders – systemischer – auf die Gesellschaft blickt. «Solange man Erfahrungswerte aus der Vergangenheit in Modellrechnungen in die Zukunft extrapoliert, ist es ziemlich hoffnungslos», sagt Patt. «Aber wenn man daran glaubt, dass sich Systeme als Systeme verändern können, ist viel mehr möglich.» Solchen Wandel zu modellieren, sei indes sehr schwierig, weil man nicht ein Element eines Systems ändern könne, ohne dass sich auch die anderen Elemente veränderten. «Aber heute können wir sehen, dass solche Prozesse tatsächlich stattgefunden haben.»
Und so lautet denn die wichtigste Aussage des aktuellsten Berichts: Es ist möglich – es muss jetzt nur alles sehr viel schneller gehen.
System Change oder CO₂-Preis
Das sind gute Neuigkeiten. Sie müssten nur gehört werden. Und da wird es schwierig. «Wir haben eine Kultur, die sich mit dem Systemdenken schwertut», sagt Systemökologe Fischlin. «Nicht viele Leute verstehen gut, was es heisst, mit einem System zu tun zu haben.»
Der Historiker Jakob Tanner hat sich intensiv mit der Geschichte des Systembegriffs befasst. Er verweist auf die Bedeutung von Rückkoppelungen in der Ökonomie. Die dominierende Schule der Wirtschaftswissenschaften – eben jene Neoklassik, die noch den letzten IPCC-Bericht dominierte – ist eine Gleichgewichtstheorie: So, wie sich Fuchs- und Hasenpopulationen um ein Gleichgewicht einpendeln, tun es auf dem Markt Angebot und Nachfrage. Die Wirtschaft stabilisiert sich selbst. Mit positiven Rückkoppelungen, die beispielsweise zu Spekulationsblasen führen oder Ungleichheiten verstärken, kann die neoklassische Wirtschaftstheorie schlecht umgehen. «Die Neoklassik sieht vor allem die negativen Rückkoppelungen und hält eine Systemveränderung für unnötig. Ihre Klimapolitik setzt auf den Marktmechanismus und einen CO₂-Preis», sagt Tanner. «Doch wenn man positive Rückkoppelungen im Auge behält, die Fehlentwicklungen verstärken und auf katastrophale Kipppunkte zusteuern könnten, dann wird man auch Vorschriften und Verbote in Erwägung ziehen.»
Auf die Spitze getrieben hat das Denken in negativen Rückkoppelungen der Neoliberalismus. Dessen Vordenker Friedrich von Hayek sah im Markt eine Informationsverarbeitungsmaschine, in der alle Signale zusammenlaufen und über die sich das System Wirtschaft reguliert – sofern man dem Markt freies Spiel lässt. Menschen und menschliche Institutionen hingegen könnten nie genug wissen. Jeder Versuch, die Wirtschaft (oder die Gesellschaft) bewusst in eine bestimmte Richtung zu lenken, sei eine «Anmassung von Wissen». Leuten, die so denken, muss die Forderung nach «Systemumbau» ein Gräuel sein. Und wer nicht «Systeme», sondern «das System» verändern will, sowieso.
Letzteres will der Klimastreik. Annika Lutzke, die in der Arbeitsgruppe «System Change» des Klimastreiks mitwirkt, sagt: «Wir verstehen unter ‹System› das ökonomische System: seinen Wachstumszwang, die Eigentumsverhältnisse, wie die Arbeit organisiert ist. Dieses System liegt den wichtigen Entscheidungen zugrunde.» Es gehe darum zu diskutieren, was die Grundbedürfnisse seien und wie sie mit wenig Ressourcenverbrauch gedeckt werden könnten. Diese Frage müsse demokratisch verhandelt werden: «Wir Klimastreikenden studieren mehrheitlich, sind jung, weiss, privilegiert. Wir sind nicht repräsentativ. Die Fragen, die wir aufwerfen, müssen von allen gemeinsam beantwortet werden. Mit unserer Arbeit wollen wir aufzeigen, dass es eine Systemveränderung braucht und dass diese für das Leben der Menschen gut ist.»
Wie sich Grundbedürfnisse mit wenig Ressourcenverbrauch decken lassen: Die Frage passt zum Konzept des «würdevollen Lebens», das der IPCC aufgenommen hat. Auch dass ein suffizienter Systemumbau das Leben verbessern kann, stützt der IPCC-Bericht. Meinen der Klimastreik und der vom IPCC zusammengefasste wissenschaftliche Konsens letztlich dasselbe? Muss «system transformation» so gross gedacht werden, wie es der Klimastreik tut?
«Ha!», sagt Anthony Patt, als ich ihn darauf anspreche. «Das ist die grosse Frage! Und wir waren uns nicht einig.» In einer Arbeitsgruppe, die Patt leitete, habe man diese Frage diskutiert. «Ein Drittel von uns verstand unter ‹Systemwandel›, Systeme wie das Energie- oder das Verkehrssystem so umzustellen, dass sie nicht mehr auf fossile Energie angewiesen sind – aber möglichst ohne dass die Nutzer:innen etwas bemerken. Ein Drittel dachte gross: Industriegesellschaft. Kapitalismus. Wirtschaftswachstum. Ungerechte Verteilung des Wohlstands. Der Rest stand dazwischen: nicht gerade eine Revolution, aber doch Veränderungen der Art und Weise, wie wir uns bewegen, wie wir konsumieren, wie wir wohnen und so weiter. Veränderungen, die die Menschen spüren – und hoffentlich mögen.»
Marcel Hänggi ist Mitinitiant der Gletscherinitiative. Anthony Patt und Julia Steinberger sind Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der Gletscherinitiative.
Komplexe Systeme
Zum Beispiel das Auto
Wie sehr Techniken in soziale und kulturelle Systeme eingebunden sind, lässt sich am Beispiel des Automobils gut zeigen. Damit das Auto massentauglich ist, braucht es Strassen, eine immense Infrastruktur der Energieversorgung, Strassenverkehrsgesetze und Instanzen, die sie durchsetzen, eine mächtige politische Lobby, eine gewisse Vorstellung von «Fortschritt», Konsument:innen, die bereit sind, für ein Fahrzeug sehr viel zu zahlen, und eine nichtautomobile Bevölkerung, die auf ihre Ansprüche auf den Strassenraum weitgehend verzichtet.
All diese Systemkomponenten haben sich in den letzten gut hundert Jahren rund um die Eigenschaften des Autos mit Verbrennungsmotor entwickelt und gegenseitig verstärkt: Autos, die sehr schnell fahren können, verlangen nach bestimmten Strassen, die dann wiederum schnelle Autos bevorzugen. Das Auto ermöglicht die Entstehung abgelegener Siedlungen, deren Bewohner:innen dann wiederum auf ein Auto angewiesen sind. Der Autoverkehr zwingt Eltern, ihre Kinder autogerecht zu erziehen, denen dann nicht mehr auffällt, was ihnen das Auto wegnimmt … und so weiter.
Versucht man jetzt, den motorisierten Individualverkehr zu elektrifizieren, indem man Autos baut, die in allen anderen Aspekten möglichst den Verbrennern ähneln – die ebenso übergewichtig, übermotorisiert und überschnell sind –, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und man könnte diesen Schritt bereits systemisch nennen, da zumindest eine zweite Systemkomponente mit geändert werden muss: die Energiebereitstellung. Aber die blosse Umstellung der Antriebstechnik bleibt doch weit hinter den Möglichkeiten einer echten, systemischen Verkehrswende zurück. Den Fahrzeugherstellern kann man daraus keinen Vorwurf machen: Sie bauen Autos für Benutzer:innen, deren Bedürfnisse sich im existierenden System gebildet haben. Einen Systemumbau darf man nicht von Marktakteuren allein erwarten.
Marcel Hänggi