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Reliquienschreine, Kreuze, Monstranzen und Bucheinbände waren aus Gold gefertigt und reich mit Edelsteinen verziert. Deutsche Bischöfe liebten es auch, den Reichtum ihrer Stifte an den hohen Feiertagen zu zeigen, indem sie ihre Prachtmitra
(„Mitra preciosa”) aufs Haupt setzten. Evelyn Wetter hat eine dieser Mitren beschrieben, diejenige des Bischofs von Havelberg in der Mark Brandenburg. Er hat keineswegs zu den besonders reichen Kirchenfürsten des Mittelalters gehört. 1589 war das Bistum bereits unter der unnachgiebigen Kontrolle der Kurfursten von Brandenburg. Seit Jahrzehnten konnten nur noch deren Familienmitglieder zu Bischöfen gewählt werden, wie in anderen brandenburgischen Bistumern auch. Jetzt wurde beschlossen, die Mitra zu Geld zumachen. Zu diesem Zweck wurde ein Verzeichnis der Edelsteine angefertigt. Es fanden sich darauf unter anderem: vier große Chrysolithe, fünf Amethyste, sieben große Rubine, elf Smaragde, 208 große und kleine Saphire, 220 Granate, ungezählte Perlen und viel pures Gold. Wenige Jahre später, 1598, wurde der Besitz des Bistums Havelberg verstaatlicht. Spätestens dann wurden alle Preziosen entfernt. Die Mitra existiert heute noch im Dommuseum zu Brandenburg, ohne all die Kleinodien. Piccolomini erinnerte an die neuen, früher unbekannten Gold— und Silberadern, die inzwischen gefunden worden seien: die Kuttenberge Böhmens, die Rammeisberge im Harz sudlich von Goslar, die Freiberge (Geyer und Schneeberg) in Meißen mit deren unerschöpflichen Silberadern. Die Österreicher gruben Silber in den Tälern des Inn und der Enns, in der Steiermark bei St. Leonhard. Der Rhein spule ständig goldhaltigen Sand an, und in Böhmen gibt es Flusse, in denen die Taboriten Goldkörner bis zu Erbsengröße finden. Von überall her schleppten die Deutschen die Gold- und Silberschätze in ihre Heimat, behauptete der Nuntius, das beweisen eure Hausgeräte und die mit Gold und Silber beladenen Tische. Denn wo gibt es bei euch ein Gasthaus, in dem man nicht aus Silber trinkt? Welche Frau aus dem Volke — gar nicht zu reden von den vornehmen — glänzt nicht im Goldschmuck? Sollen wir noch mehr aufzählen? Die aus reinstem Gold gefertigten Halsketten der Ritter und Pferdegeschirre, die vielen mit Edelsteinen besetzten Sporen und Schwertscheiden, die goldfunkelnden Ringe, Harnische und Helme! Welche kostbaren Kirchengeräte, wie viele Reliquien in goldenen, mit Perlen verzierten Schreinen,welche herrlicher Schmuck der Altäre und der Priester! Wo kann man reichere Schätze finden als in euren Sakristeien? Wahrlich arm an Verstand wäre, wer Deutschland arm nennen wollte. Es stimmt, dass ihr nicht alles habt, was ihr euch wünscht. Euer Problem ist aber nicht Armut, sondern die Beschränktheit des Verstandes und Habsucht. Ein Blick auf deutsche Kirchenschätze des Mittelalters scheint die Feststellungen Piccolominis zu bestätigen. Es gab in der Tat unglaubliche Schätze in den Kirchen, die allerdings in fruheren Zeiten wahrscheinlich mit viel weniger Habgier betrachtet wurden als zur Zeit des strengen römischen Nuntius. Es gibt viele Hinweise darauf, dass Gold und Silber, Perlen und Edelsteine den heiligen Glanz ergänzen sollten, der von den unscheinbaren, aber Vielfach wertvolleren Reliquien selbst nicht ausgestrahlt wurde. Die edlen Materialien repräsentierten viel weniger Reichtum als vielmehr die Wertschätzung fur die wunderbaren, Wunder wirkenden Überreste heiligengemäßer Lebensläufe. Mehr als 50 Reliquien, die er in der verwusteten Hauptstadt des oströmischen Reiches eingesammelt hatte. Jetzt hatte Halberstadt einen der bedeutendsten Reliquienscha‘tze nördlich der Alpen. Darunter waren ein Kreuzpartikel von beträchtlicher Größe, ein Dorn aus der Dornenkrone, ein Finger des Hl. Nikolaus, ein Teil des Schädels des Hl. Stephanus und der Schädel des Apostels Jacobus Minor. Der Fingermusste nach einer Verfugung des päpstlichen Legaten „in cristallo“ eingelassen werden, weshalb man sich einen Bergkristall besorgte. Die Reliquiare aus Gold gaben den Reliquien zwar materiellen Wert, aber der spirituelle war selbstverständlich weitaus größer.
Verschleuderung von Kirchengut Oder besser gesagt: Der spirituelle Wert der Schätze sollte größer sein als der materielle. Das sah allerdings nicht jeder Vorsteher einer Kirche so. Manche Würdenträger neigten zu fataler Verschwendungssucht, gepaart mit Untätigkeit auf den Gebieten der Seelsorge und des Erwerbsfleißes. Dazu gehörte zum Beispiel der Bamberger Bischof Hermann I. (1065-1075), der nach zehnjährigem Episkopat abgesetzt wurde, um noch Schlimmeres zu verhuten. Das Bamberger Bistum war erst zu Beginn des Jahrhunderts, im Jahre 1007, von KaiserHeinrich II. gegrundet und reich ausgestattet worden, mit Ländereien ebenso wie mit hervorragenden Kunstwerken fur die Bamberger Kirchen. Im Bamberger Dom gab es zahlreiche große goldene Tafeln, die als Antependien vor die Altäre gestellt werden konnten. Nach Hermanns Absetzung fanden sich nur noch fünf davon vor. Auf den Alta”ren standen goldene Kreuze, mindestens zwölf große Evangeliare waren mit goldenen Buchdeckeln eingebunden, mit Edelsteinen und Perlen reich verziert. Weitere neun silberne Buchdeckel waren ebenfalls mit Edelsteinen besetzt. Drei Bücher hatten kostbare Elfenbeinschnitzereien auf den Einbänden. Hinzu kamen goldene Kelche,Patenen, Leuchter, Krummsta‘be, Ringe. In Bamberg war durch die reichen Schenkungen Kaiser Heinrichs so Viel davon vorhanden, dass auch nach den Verschwendungen des unfähigen Bischofs Hermann derart reichlich vorhanden war, dass die Bamberger Kirchen zu den glänzendsten des Reiches gezählt werden konnten.