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An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert waren es vor allem französische Einflüsse, die Europa prägten. So zog Napoleon Bonapartes Wirken seine Kreise, insbesondere auch bei Währungsangelegenheiten. Italiens Währungssystem wurde aufgrund des Italienfeldzugs durch Napoleon geformt. Die durch den umstrittenen Herrscher in der Schweiz einberufene Helvetische Republik führt zur Einführung des Schweizer Franken. Auch in Belgien orientierte man sich zu dieser Zeit an der französischen (Silber-)Franc und führte folglich den belgischen Franken ein.
Der Beginn des neuen Jahrhunderts war somit durch ähnliche Währungsverhältnisse in verschiedenen europäischen Ländern geprägt. Für die Einführung einer Währungsunion schuf diese Tatsache günstige Voraussetzungen. Im Jahr 1865 gründeten Frankreich, Italien, Belgien und die Schweiz denn auch die sogenannte Lateinische Münzunion. Was Napoleon Bonaparte also gewisser Weise begonnen hatte, wurde von Napoleon III. als Initiator der Lateinischen Münzunion zu Ende geführt. Dieser hatte für Frankreich zwar durchaus eigennützige Interesse, versprach er sich doch wirtschaftliche, politische und währungspolitische Dominanz. Allerdings fanden auch andere Staaten Interesse und Gefallen an der Gründung einer Währungsunion.
Bimetallischer Silber-Gold-Standard
Über die Zeit orientierten sich weitere Staaten wie Spanien, Griechenland, Rumänien, Österreich-Ungarn, Bulgarien, Serbien, Montenegro und Venezuela als Nichtvertragsnationen an der Münzunion und den mit Gold oder Silber gedeckten Währungen. Markenzeichen der Lateinischen Münzunion war ein bimetallischer Silber-Gold-Standard. Dieser drückte sich wie folgt aus: Silber stand in einem festen Wechselkursverhältnis zu Gold. So entsprachen zwei silberne 5-Franc-Stücke (=45 Gramm Feinsilber) einem goldenen 10-Franc-Stück (=2,9032 Gramm Feingold). Das Umtauschverhältnis war somit bei 15,5:1 fixiert.
In den einzelnen Ländern kursierte sogenanntes Kurantgeld in Form unterschiedlicher Kurantmünzen. Letztere sind das Gegenteil von Scheidemünzen und sind in ihrem Nominalwert vollständig durch das jeweilige Edelmetall gedeckt. Die einzelnen Währungsunionsmitglieder führten zwar eigene Währungen wie der Franc, der Franken oder die Lira ein, Stückelung sowie Gold- und Silbergehalt waren jedoch identisch. In der Schweiz zirkulierte die Goldmünze (Helvetia), die später durch ihren Nachfolger, das Goldvreneli, ergänzt wurde. In Frankreich war der D’Or Napoléon und in Italien die 20 Lira Goldmünze im Umlauf. Andere Staaten wie zum Beispiel Österreich-Ungarn, Finnland oder Tunesien waren zwar keine Vertragsmitglieder der Lateinischen Münzunion, doch prägten sie ihre Münzen gleichwohl nach deren Spezifikationen. So gab es in Österreich-Ungarn zu dieser Zeit beispielsweise die 4-Gulden-Stücke und auch 8-Gulden-Stücke nach der Art der Lateinischen Münzunion.
Einheitliches Geld verhilft zur Blüte
Die unterschiedlichen nach dem System der Münzunion geprägten Münzen verfügten in den Vertragsstaaten nicht über den Status eines gesetzlichen Zahlungsmittels. Gleichwohl zirkulierten die Kurantmünzen auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg. Geschuldet war dies dem grossen Vertrauen, welche diese Münzen aus Silber und Gold genossen.
Aufgrund der gleichen Grundlage in Edelmetallen und der einheitlichen Denominierung der Währungen wurden Transaktionskosten gesenkt. Einfuhren konnten mit eigenen Kurantmünzen bezahlt werden. Da diese breitflächig auf gegenseitige Akzeptanz stiessen, musste man als Nation nicht zuerst verschiedene Währungen nutzen. Die Lateinische Münzunion verhalf dem Welthandel und internationalem Tourismus so zu einer neuen Blüte. Wie schon im Artikel über den Goldstandard erwähnt, nannte man diese Zeit des Aufschwungs in Europa nicht umsonst die Zeit der «Belle Époque». Rekorde in Sachen Handelsvolumen und dergleichen, welche zu dieser Zeit erzielt wurden, sollen nach den Weltkriegen erst ungefähr ein halbes Jahrhundert wieder erreicht worden sein.
Währungsunion ohne Zentralbank
Die Lateinische Münzunion war letztlich eine Währungsunion – nicht mehr und nicht weniger. Mit den einheitlichen Währungen, die eigens durch das jeweilige Mitgliedsland erschaffen wurden, konzentrierte man sich darauf, wirtschaftlich effizient handeln zu können. Politische Harmonisierung jedoch war kein Thema. Auch gab es eine strikte Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik. Regierungen konnten die Geldpolitik nicht dazu nutzen, allfällige Löcher in den eigenen Bilanzen zu stopfen.
Genau diese Trennung von Geld- und Fiskalpolitik wird heute allerdings für das Scheitern der Lateinischen Münzunion verantwortlich gemacht. Weil es keine Zentralbank gegeben hat, welche die gemeinsame Organisation über die Menge des Geldes hätte koordinieren müssen, sei die Münzunion über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt gewesen, so der allgemeine Grundtenor unter Ökonomen.
Papiergeld als Ausweg
Das Festhalten an Gold- und Silbergeld machte einigen Mitgliedstaaten auf Dauer in der Tat zu schaffen. Was sich vor ein paar Jahren unter dem Euro wiederholte, war schon während der Lateinischen Münzunion ein Problem: Griechenland hatte Schwierigkeiten, seine Staatsausgaben zu finanzieren. Auf griechischer Seite begann man, Gold- und Silbermünzen zu verwässern, so dass die griechischen Drachmen-Münzen einen geringeren Edelmetallgehalt aufwiesen.
Dieser Schritt war allerdings nur eine vorübergehende Lösung. 1893 musste Griechenland den Staatsbankrott verlauten. Neue Kredite zur Sanierung führten dazu, dass das Land unter die Aufsicht internationaler Gläubiger gestellt wurde, die ihren Tribut forderten. Die Griechen mussten grosse Mengen an Edelmetall abliefern. Ihre Gold- und Silberknappheit führte dazu, dass sie fortan Papiergeldnoten und keine Münzen mehr ausgaben, was letztlich einer Verletzung der Richtlinien der Lateinischen Münzunion gleichkam.
Griechenland wurde schliesslich aus der Münzunion ausgeschlossen. Doch entwickelten sich die Verhältnisse innerhalb der Union nicht etwa zum Besseren. Auch andere Mitglieder griffen auf das verlockende Mittel des Papiergeldes zurück. Nach dem ersten Weltkrieg war es lediglich noch die Schweiz, welche sich an die Abmachungen der Münzunion hielt. Mit der Vertragskündigung durch die helvetische Alpenrepublik im Jahr 1927 war das Ende der Lateinischen Münzunion besiegelt.
Bimetallismus: ein zu enges Korsett
In der Retrospektive lässt sich die Lateinische Münzunion als ein interessanter Abschnitt in der globalen Währungsgeschichte bewerten, der natürlich von den Paradoxien der realen Welt ebenfalls nicht gefeit war. So schuf die Lateinische Münzunion zwar eine einheitliche Währung, wodurch der grenzüberschreitende Handel stark gefördert wurde. Gleichzeitig legte das Hartgeld Silber und Gold Ländern wie Griechenland eine Bürde auf, die sie schlichtweg nicht zu schultern vermochten.
Dass die Münzunion aber vor allem daran gescheitert sein soll, dass keine die geldpolitischen Stricke leitende Zentralbank existiert hat, hält den Fakten nicht stand. Viel eher krankte die Münzunion an folgendem Geburtsfehler: Das Umtauschverhältnis zwischen Gold und Silber war wie oben erwähnt auf 15,5:1 festgeschrieben. Die Folge war das Einsetzen des sogenannten Grehamschen Gesetzes, wonach das überbewertete Geld das unterbewertete Geld verdrängt.
Genau das passierte während der Zeit der Lateinischen Münzunion denn auch. Nach dem England und danach Deutschland auf den Goldstandard übergegangen und somit von einem Bimetallismus auf einen Monometallismus wechselten, verlor Silber zunehmend an Wert. Als dann 1873 auch noch die Vereinigten Staaten Silber den Rücken gekehrten, war die Demonetarisierung Silbers perfekt. Der Preis des Silbers sank kontinuierlich und dies war zum Nachteil all jener, die nach wie vor zum von der Lateinischen Münzunion festgelegten Kurs Goldmünzen tauschten.
Diese starre Fixierung des Gold-Silber-Verhältnisses war es, dass der Lateinischen Münzunion letztlich den Garaus machte. So wäre es für den Bestand und die Funktionalität der Münzunion förderlicher gewesen, Silbermünzen in ihrem Preis in Bezug auf Goldmünzen schwanken zu lassen. Weil dies nicht gemacht wurde, entpuppte sich der bimetallischer Silber-Gold-Standard schliesslich als ein zu enges Korsett.
Zusammenfassung:
- Markenzeichen der Lateinischen Münzunion war ein bimetallischer Silber-Gold-Standard.
- Die einzelnen Währungsunionsmitglieder führten zwar eigene Währungen wie der Franc, der Franken oder die Lira ein, Stückelung sowie Gold- und Silbergehalt waren jedoch identisch.
- Die Lateinische Münzunion verhalf dem Welthandel und internationalen Tourismus mit der Einführung einheitlicher Währungen zu einer neuen Blüte.
- In der Lateinischen Münzunion herrschte eine strikte Trennung zwischen Fiskal- und Geldpolitik.
- Der Geburtsfehler der Lateinischen Münzunion war das fixierte Umtauschverhältnis zwischen Gold und Silber, das sich letztlich als zu enges Korsett erwies.