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Besuch in der Zone
Als rationaler Mensch glaube ich nicht an Magie, doch das geschriebene Wort hat etwas Zauberhaftes an sich. Es verleiht dem Verfasser telepathische Fähigkeiten, was ich Ihnen eiligst beweisen werde. Ich denke nun an etwas und werde dann diesen Gedanken in Ihren Kopf übertragen. Ich denke an eine schwarze Katze mit weisser Schwanzspitze und einem angekauten rechten Ohr. Und schon ist sie in Ihrem Kopf. Es spielt dabei keine Rolle, ob Sie diesen Text in der tagesaktuellen Zeitung in einem Café im Breitenrain lesen oder im Jahr 3000 in der ersten vollklimatisierten Wohnsiedlung auf dem Mond. Die Macht des Wortes überwindet Raum und Zeit. Die schwarze Katze mit weisser Schwanzspitze und angekautem rechten Ohr wird Sie immer und überall finden.
Die Macht des Wortes hat jedoch eine sensible Schwachstelle. Sobald der Empfänger dessen Bedeutung nicht kennt, bricht die Gedankenübertragung ab. Da ich aus beruflichen Gründen manchmal in Situationen gerate, in denen Lesen unausweichlich ist, stolpere ich gelegentlich über Wörter, deren Aussage sich mir nicht erschliessen will. Oft sind sie in behördlichen Mitteilungen zu finden. So setzte die Stadt Bern erst letzte Woche ein Schreiben mit folgendem Titel auf: Gemeinderat beschliesst zwölf neue Begegnungszonen. Mit den ersten vier Wörtern bin ich vertraut, beim letzten ziehen dichte Nebelschwaden in meinem Kopf auf, die dafür sorgen, dass ich von einer Begegnungszone nicht mehr als eine vage Vorstellung habe. Mein Unvermögen, die begriffliche Bedeutung einer Begegnungszone zu verstehen, rührt daher, dass diese aus einer bizarren Wortkombination besteht. Da wäre einerseits die Begegnung. Ich bin mir nicht sicher, ob in der heutigen Zeit überhaupt noch begegnet wird. Ich jedenfalls assoziiere das Wort mit einer französischen Parkanlage im 16. Jahrhundert, in der backenbärtige Herren höflichst den Hut lüften, in Korsetts geschnürte Damen knicksen und allerlei komplizierte Grussformeln in der zweiten Person Plural durch die Luft fliegen, während behufte Pferde über Pflastersteine klappern. Und dann kommt die Zone. Ein brutales Wort, das von industrieller Kälte trieft. Ich frage mich, welch grau beseelter Sklave der Bürokratie verfügt hat, diese Wörter in einer linguistischen Zwangsehe zu vereinen und in den Dienst der Stadtentwicklung zu stellen.
Da sich diese Wortschöpfung weigerte, mir ein Bild vor Augen zu führen, sah ich mich dazu veranlasst, mir dieses selbst zu machen. Also begab ich mich auf Feldforschung und suchte eine Begegnungszone in der Länggasse auf. Da deren Beginn weder durch Grenzmauer oder Wachtrupp gekennzeichnet war, konnte ich mir nicht gänzlich sicher sein, die Zone betreten zu haben. Jedenfalls war die mutmassliche Zone menschenleer, sodass ich von niemandem begegnet wurde, was aber vielleicht daran lag, dass es in Strömen regnete. Ich brach meine Feldforschung ab, machte mich völlig durchnässt auf den Heimweg und verfluchte dabei die Bürokratisierung der Sprache, die mich in diese Situation gebracht hatte. Man stelle sich bloss einmal vor, diese würde plötzlich die Alltagssprache okkupieren und alle Wörter in farblose Definitionen verwandeln. Es folgen ein paar abschreckende Beispiele. Rasen: Gelände zur Aufzucht von grünen, einkeimblättrigen Pflanzen. Küche: Perimeter zur Zubereitung von Nahrungsmitteln. Sex: Bilaterales Abkommen zur Schliessung einer temporären Union. Vinothek: Fläche zur Beschaffung von alkoholhaltigen Traubenerzeugnissen. Fingernagel: Aus Hornzellen bestehendes Areal zur Sicherung des Nagelbetts.
Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor rechnet mit baldigen Abwerbungsangeboten des Informationsdiensts der Stadt Bern.