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Als Quereinsteiger nach Südkorea an die Olympischen Winterspiele
Der Schenkoner Eisschnellläufer Livio Wenger steht vor wichtigen Tagen. Innerhalb der nächsten vier Wochen wird sich entscheiden, ob er sein grosses Ziel erreichen wird: Die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang. Sein Formstand stimmt ihn optimistisch. Er sei «definitiv auf Kurs, auf sehr gutem Kurs». Seine Saisonvorbereitung sei nahezu perfekt gewesen. Nun gelte es bei den ersten Weltcup-Rennen der Saison die Quotenplätze für die Schweiz herauszulaufen. Schafft der Profisportler die geforderten Richtlinien, dürfte die Nomination durch Swiss Olympic bloss noch Formsache sein.
Im Idealfall kann der 24-Jährige bei Olympia in Südkorea in vier Disziplinen an den Start gehen: Im Massenstartrennen und über die Distanzen 1000, 1500 und 5000 Meter. «Am meisten Chancen besitze ich bestimmt im Massenstart- und im 1500-Meter-Rennen», vermutet Wenger, der unter den wenigen Schweizer Eisschnellläufern das Aushängeschild ist. In Massenstartrennen hat er bisher die grössten Erfolge feiern können. Er hat es bei Weltcuprennen schon dreimal in die Top 10 geschafft, zweimal sogar in die Top 5. Dennoch: Schon die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele wäre als grosser Erfolg zu werten, eine Topklassierung gar als Sensation. Denn Livio Wenger hat spät mit Eisschnelllaufen begonnen. Und erst noch in einem Land, in dem diese Sportart bestenfalls ein Schattendasein fristet. Den Weg in den Spitzensport hatte Wenger als Inlineskater gefunden, in einer nichtolympischen Sommersportart also. Früh konnte er Erfolge feiern. Noch immer betreibt Wenger das Inlineskaten auf höchstem Niveau. Allerdings dient es inzwischen vor allem als Vorbereitung für die Wintersaison. Verlernt hat Wenger offenbar nichts: Im Sommer nahm er als Inlineskater an den World Games in Polen teil und gewann Silber. Trotz den Fähigkeiten hat sich der Luzerner im Winter 2014 entschieden, vermehrt auf die Karte Eisschnelllauf zu setzen – mit dem Fernziel, eines Tages selber Teilnehmer an Olympischen Spielen zu sein. Nach anfänglichen Rückschlägen nahm das Projekt im August 2015 Fahrt auf. Damals weilte Wenger mit seinem neuseeländischen Trainer Kalon Dobbin einige Wochen in Salt Lake City und roch Lunte. «Seither geht es stetig aufwärts. Gerade in diesem Jahr war es enorm. Ich konnte meine Bestzeiten gleich um Sekunden verbessern. Momentan sieht es wirklich sehr gut aus», freut sich Wenger.
Doch das Grundlagentraining, das seine heutigen Konkurrenten mit 13 oder 14 Jahren absolvierten, fehlt dem Spätstarter. «Und das Problem ist: Ich bin nicht der geduldigste Mensch.» Er habe lernen müssen, auch mal einen Schritt zurückzugehen und ins Grundlagentraining zu investieren, statt in möglichst kurzer Zeit allzu viel erreichen zu wollen. Auch mental war Livo Wenger sehr stark gefordert. «Ich hatte als Inlineskater einen Namen und war als Eisschnellläufer ein Niemand. Das war für mein Ego extrem hart zu akzeptieren.» Jetzt zahle sich die jahrelange Aufbauarbeit langsam aus. Sein Trainer habe ohnehin immer gesagt, 2018 sei die Olympiateilnahme das Ziel. Hauptziel jedoch sei, bei Olympia 2022 um Medaillen laufen zu können. Wenger ist überzeugt, dass in vier Jahren vieles möglich sein wird. Ambitionen hegt er gleichwohl bereits 2018. Der olympische Gedanke «dabei sein ist alles» alleine vermag ihn nicht zu befriedigen. «Mein Ziel an Olympia ist, das absolute Maximum herauszuholen. Wenn ich das nicht schaffe, bin ich nicht zufrieden», sagt er.
Langes Trainingslager
Von Ende September bis am letzten Wochenende hat Livio Wenger im bayerischen Inzell trainiert, gemeinsam mit zwei weiteren Schweizern sowie fünf neuseeländischen Kollegen. In Inzell stehe das «konstant schnellste Eis in Europa» zur Verfügung. In der Schweiz hingegen fehlt sogar eine Eisschnelllaufhalle. Aus Wengers Sicht ein Armutszeugnis für ein Wintersportland wie die Schweiz – und unverständlich obendrein. Schliesslich sei Eisschnelllaufen bei Olympischen Winterspielen jene Sportart, wo es am meisten Medaillen zu gewinnen gebe.
Am Wochenende steht nun der erste Weltcup-Auftritt dieses Winters an. Im niederländischen Heerenveen will Livio Wenger insbesondere im MassenstartRennen glänzen. In den folgenden drei Wochen auf den schnellen Bahnen in Calgary und Salt Lake City sollen auch über 5000 und 1500 Meter gute Leistungen her – und die angestrebte Qualifikation für Pyeongchang