Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/1247

FM Werner Kaufmann (2240) – FM Vjekoslav Vulević (2320)
Schweizerische Gruppenmeisterschaft 2012
1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.Le3 Lg7 5.Dd2 Sc6
Die Partie fand am 1. Brett in einem Aufstiegswettkampf von der 1. Liga in die Nationalliga B statt. Da sind die Nerven besonders angespannt .
Vesko hat eine bemerkenswerte Technik, die ihm in Blitz- und Rapidturnieren unzählige Titel einbrachte. In langen Partien ist er weniger stark, insbesondere ist er ein schlechter Verteidiger. Deswegen steht seine Bilanz gegen mich bei ½ aus 3, und den halben Punkt hat er sich erst noch schwer erschwindelt.
Mit seinem letzten Zug erlaubt er mir grosszügig die lange Rochade, welche nach 5…c6 oder 5…0-0 zweifelhaft gewesen wäre.
In Frage kommen 6.f3, 6.h3 und 6.Sf3, um zunächst den Abtausch des Angriffsläufers durch Sg4 zu vermeiden, und dann lang zu rochieren.
Ich hatte die Variante 6.f3 0-0 7.0-0-0 e5 8.Sge2 exd4 9.Sxd4 Sxd4 10.Lxd4 Le6 schon in etlichen Blitzpartien auf dem Brett, und fand, dass sie mir keine besonderen Angriffsaussichten gab. Vielleicht müsste man 8.Sge2 durch 8.d5 ersetzen.
Nach 6.Sf3 0-0 7.0-0-0 Lg4 ist ebenfalls kaum ein Königsangriff in Sicht. Aber warum nicht einfach mal rochieren und dann überlegen? Gedacht, getan. Seinen Gegenzug hatte ich bei all meinen Überlegungen vergessen…
6.0–0–0 Sg4 7.f4 Sxe3 8.Dxe3 0–0 9.Le2
Ich war, wie die Jungfrau zum Kind, zur Angriffsstellung gekommen, die ich mir gewünscht hatte. Mein Aufmarsch sieht bedrohlich aus. Nach der Partie konnte sich kaum einer verkneifen, seinen Senf zu dieser Stellung zu geben. Alle waren der Ansicht, dass 6.0-0-0 schwach war und Schwarz mindestens ausgleichen müsse, nur konnte keiner zeigen, wie. Allgemeine Erwägungen helfen in konkreten Stellungen wenig.
Er kann e7-e5 nicht ziehen, und sobald er es vorbereitet, z.B. mit 9…De8, spiele ich selber 10.e5. Tatsächlich scheint sein nächster Zug relativ am Besten zu sein.
9…a6 10.h4 b5 11.h5 b4 12.Sb1
Nach der Partie schlug ich 12…e5 vor. Zu meinem Erstaunen wollte Vesko nichts davon wissen. Züge, die Material verlieren, sind für ihn offenbar tabu. Nach 13.dxe5 De7 14.exd6?! cxd6 15.hxg6 hxg6 ist mein Angriff verflogen und er übt bereits einigen Druck am Damenflügel aus.
Houdini gibt anstelle von 14.exd6 14.hxg6 hxg6 15.g4 an. Auf 15…dxe5 kommt jetzt 16.f5 mit Gewinnstellung.
Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, mit meinem Schnapszug 6.0-0-0 eine derartige Bombenstellung bekommen zu haben und Vesko war der Ärger deutlich anzumerken. Er versuchte
12…Te8 13.hxg6 hxg6 14.e5 e6 15.Sf3 Se7 16.Sg5 Sd5 17.Dg3 c5
Der Verzweiflungszug.
Houdini gibt zwei Gewinnvarianten an:
18.dxc5 dxe5 19.fxe5 Dc7 20.Sxf7 Dxf7 21 Tdf1
18.Sd2 cxd4 19.Sc4
Solche Züge sind zu schwierig für mich, und sowieso hatte ich nur noch Augen für die rechte Bretthälfte.
Entweder 18.Ld3, um den Springer auf f7 hinein zu knallen, oder 18.Th7 mit tödlicher Vertripelung auf der h-Linie.
Ich sah 18.Ld3 De7 19.Sxf7 Dxf7 20.Lxg6, aber hoppla, da hängt doch f4 mit Schach! Ende der Berechnung.
Dass sein Turm auf e8 ebenfalls hängt, fiel mir nicht auf. Er hätte nichts besseres als 20…Dxf4+ 21.Dxf4 Sxf4 22.Lxe8 Lb7 gehabt. Ich habe eine Qualität mehr, aber sein Läuferpaar sieht unangenehm aus. Diese Variante wäre mir bestimmt zu wenig gewesen, aber dass ich deswegen gleich 18.Ld3 verwarf, ist einfach blöd. Es ist ja nur das Springeropfer, das nicht direkt gewinnt.
18.Ld3 De7 19.Th7 hätte ich sehen müssen, weil jetzt das Springeropfer auf e6 entscheidend verstärkt wird: 19…f6 20.exd6 Dxd6 21.Sxe6+-.
Nach 18.Ld3 ist die Drohung 19.Th7 tatsächlich stärker als ihre direkte Ausführung, weil jetzt der Läufer mitangreift, im Gegensatz zur Partie.
Natürlich bin ich von den Komplikationen überfordert und könnte den Variantenbaum nie berechnen, auch wenn ich das vorgehabt hätte. Schach bleibt für einen wie mich immer ein Ratespiel. Es genügt, wenn ich den nächsten Zug richtig errate, und die Kriterien dazu hätte ich eigentlich selbst herausgefunden.
Übrigens ist nach 18.Ld3 Ta7 19.Th7 f6 das fantastische Opfer 20.Sf7 möglich. Laut Kotow hätte ich ich das in der Berechnung herausfinden müssen, um die Variante zu rechtfertigen, aber wahrscheinlich hätte ich es nicht einmal in dieser Stellung gesehen. Egal, wie er nimmt, der Läufer (!) schlägt g6, und dann kommt die Turmverdoppelung auf der h-Linie.
18.Th7 f6 19.Sxe6
18…f6 war erzwungen gewesen. An seiner Reaktion merkte ich, dass er das Opfer übersehen hatte. Er hatte nur mit 19.exf6 gerechnet, was objektiv auch besser war: 19…Dxf6 20.Th4 mit der Drohung 21.Se4
19…Lxe6 20.Dxg6
Seinen nächsten Zug machte er erstaunlicherweise sofort und ohne zu überlegen, was er vorher nie getan hatte. Dabei machte er einen ziemlich deprimierten Eindruck. Diese Depression nach einem Opfer beschreibt auch Krogius.
Ich hatte schon öfter vom Opferschock gelesen, aber für einmal war ich live dabei. Ein ähnliches Vergnügen hatte ich zwei Wochen später mit einem andern FM. Ich hatte ihm einen Läufer auf h6 hinein geklopft. Er war wie paralysiert und überlegte eine geschlagene Stunde. Was für mich auch hart war, denn in der Zwischenzeit beim Herumspazieren, während dem mir die Kiebitze zu meinem genialen Spiel gratulierten, wurde mir klar, dass er das Opfer einfach annehmen und den Angriff ohne grössere Probleme abwehren konnte. Statt dessen fand er einen „teuflischen“ Trick, der in allen Varianten gewinnt, ausser in einer. Er lief in eine vierzügige Matt-Kombination mit Hineinziehungs-Damenopfer und anschliessendem Abzugs-Doppelschach hinein.
Veskos Aufgabe war folgende: Er musste g7 decken, auf Tdh1 Kf8 ziehen, und auf Th8+ eine Antwort parat haben. In seiner Kürzest-Betrachtung meinte er, den Turm nehmen zu müssen, und dann ist es tatsächlich in allen Varianten vorbei. Dass er den Läufer dazwischen stellen konnte, entging ihm. Überhaupt machte er einen recht depressiven Eindruck, und er schien mit der Partie bereits abgeschlossen zu haben. Er hatte die Wahl zwischen 20…Ta7 und drei Damenzügen.
20…Ta7 21.Tdh1 Kf8 22.Th8+. Wenn er den Turm nimmt, wird er Matt, also 22…Lg8 23.Txg8+ Kxg8 24.Lc4 dxe5 25.Lxd5+ Kf8, und ich hätte wohl mit 26.Th8+ Lxh8 27.Dg8+ Ke7 28.De6+ ewiges Schach gegeben. Houdini findet, dass ich mit 26.c4 noch auf Gewinn hätte spielen können.
20…Dd7 war ebenfalls möglich: Wiederum 21.Tdh1 Kf8 22.Th8+ Lg8 23.Txg8+ Kxg8 24.Lc4 dxe5 25.dxe5. Es droht exf6. 25…fxe5 26.Td1 Kf8 27.Lxd5 Tad8 28.fxe5. Mittels 28…Dxd5 29.Txd5 Txd5 kann er die Partie retten.
In beiden Varianten deckt die Dame indirekt den Sd5, sein Zug 20…Dc7 versäumt dies. Es erscheint mir im Nachhinein fast unglaublich, dass er in dieser Stellung überhaupt nicht nachgedacht hat, und ich kann es mir nur durch den Opferschock erklären.
20…Dc7?? 21.Tdh1 Kf8 22.Th8+
Jetzt nützt 22…Lg8 nichts mehr: 23.Txg8+ Kxg8 24.Lc4 Df7 25.Lxd5 Dxd5 26.exf6
26…Df7 27.Th8+ mit Damenverlust.
26…Db7 27.Dh7+ Kf8 28.fxg7+ Dg7 29.Df5+ Kg8 30.Dd5+ Kf8 31.Dxd6+ Te7 32.dxc5 und gewinnt.
22…Lxh8 23.Txh8+ Ke7 24.Th7+ Kd8 25.Txc7 Kxc7 26.exd6+ Kxd6 27.dxc5+ Kxc5 28.De4 Lg8 29.Dc4+ Kd6 30.Sd2 f5 31.Sf3 Tac8 32.Dxa6+ Tc6 33.Db5 Tc5 34.Dxe8 1–0
Er wollte nach der Partie das Opfer überhaupt nicht analysieren, wie wenn es sonnenklar gewinnen würde. Sein Hauptproblem war meine lange Rochade im 6. Zug, welche er als „Katastophen-Zug“ bezeichnete. Ich habe diesen Katastrophenzug nun im Repertoire, und mache im Blitz hervorragende Geschäfte damit.
Zur Ergänzung noch die Partie, die ich im Text erwähnt habe:
FM Werner Kaufmann (2240) – FM Dragomir Vucenovic (2280)
SMM, 15.04.2012
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 d6 5.0–0 Ld7 6.c3 Sge7 7.Te1 Sg6 8.d4 Le7 9.Sbd2 0–0 10.Sf1 h6 11.Se3 Sh4 12.Sxh4 Lxh4 13.dxe5 Sxe5 14.Lxd7 Dxd7 15.Sf5 Ld8 16.Te3 Sg6 17.Th3 Te8 18.Dh5?
Das Opfer wäre korrekt gewesen. 18.Lxh6 gxh6 19.Sxh6+ Kf8 20.Tf3 Se5 21.Tg3 De6 22.Dh5 Sg6 23.Sf5 Df6 24.Dh6+ Kg8 25.f3 Dh8 26.Dd2 Te6 27.Td1 lautet die Computerananlyse.
Ich beschloss „zunächst zu verstärken“. Danach fehlt mir schlicht ein Bauer. Im nächsten Zug hatte ich keine Alternative mehr, und musste zuschlagen.
18…Txe4 19.Lxh6
19…gxh6 20.Sxh6+ Kf8 21.Sf5 Lf6 22.Dh6+ Ke8. Er läuft einfach davon. Diese simple Zugfolge sah keiner von beiden. Immerhin ist dies die einzige klare Gewinnvariante für Schwarz. Verständlich also, dass er eine geschlagene Stunde lang brütete. Ich selber sah beim Herumspazieren 20…Kg7 21.Sf5+ Kf6, wobei ich meinte, dass er damit gewinnt, aber 22.g4 hält den Angriff in Schwung, und in einer praktischen Partie hätte ich hier lieber Weiss.
Er brütete einen teuflischen Trick aus.
19…De6?? 20.Le3 Lh4 21.Sxh4 Sf4
Tatsächlich kommt er nach 22.Dg5 Sxh3+ 23.gxh3 Dxh3 24.Lf4 Tae8 25.Sg2 Te2 in Vorteil, aber das interessierte mich nicht, denn ich hatte es bereits gesehen:
22.Dh8+ Kxh8 23.Sg6+ Kg8 24.Th8# 1–0