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Wie soll ich dich nennen, was ist dir lieber Andrew oder Sgetti?
Für mich ist beides OK. Ich stelle mich immer als Andrew vor. Aber gerade bei den älteren Spielern und Freunden bin ich Sgetti. Lustigerweise kommen aber dann irgendwann auch die jungen Spieler zu mir und sprechen mich mit Sgetti an.
Woher hast du eigentlich diesen sehr speziellen Übernamen her?
Eigentlich hat mein verstorbener Bruder Mark diesen Übernamen bekommen. Meinem Bruder flog die Velokette raus und er ging zu 2-Rad Schären Wilderswil und sagte: «Mini Sgetti isch kaputt». Der Velomechaniker erzählte das seinen Kindern, die mit Mark zur Schule gingen. So bekam er diesen Übernamen und irgendwann sprang er auf mich über – warum auch immer.
Wie lange bist du schon beim SC Bönigen?
Ich habe in der Saison 1980/1981 mit 14 Jahren mit Eishockey begonnen. Vorher hatte ich nie Schlittschuhe an. Eigentlich hat es mir mein Vater nicht erlaubt. Er war strikte dagegen. Als aber Michel Ueli, selbst ein guter Eishockeyspieler, bei meinem Vater ein gutes Wort für mich einlegte, durfte ich mit Eishockey beginnen. Das Geld für die ersten nigelnagelneuen Schlittschuhe habe ich mir in der Badi verdient. Ich startete in der Schülermannschaft des SC Bönigen. Da spielten alle Buben von der 1. bis zur 9. Klasse in der gleichen Mannschaft. Seither war ich mit zwei kleinen Ausnahmen immer beim SC Bönigen. In der Saison 1988/1989 ging ich leihweise zum SC Thunerstern, in der Saison darauf zum SC Unterseen-Interlaken. Bei beiden Vereinen spielte ich in der 2. Liga und in beiden Saisons ging ich noch während der Spielzeit zurück zum SC Bönigen. Dein Einsatz für den SC Bönigen ist unvergleichlich.
Was macht den Club so speziell für dich?
Der SC Bönigen war und ist seit jeher eine Herzensangelegenheit für mich. Der SCB war schon immer eine Art Familie. Ich habe viele kommen und gehen sehen, die Kameradschaft war aber etwas Grossartiges und Zentrales für mich. Das Vereinsleben beim SC Bönigen hat mir immer sehr viel bedeutet und mir wurde viel zurückgegeben.
Welche Ämter hast du beim SC Bönigen ausgeübt?
Am Anfang war ich der Spieler, 20 Saisons lang. (Andrew zeigt mir eine Liste auf welcher jede Saison aufgelistet ist mit seiner Tätigkeit, Liga usw.). Anschliessend wurde ich Spiertrainer in der 4., dann in der 3. Liga. Schon damals war ich mit Stefan Pulfer zusammen so etwas wie ein TK-Chef. Pülfi war für die Schreibarbeit und Organisation zuständig, ich habe mich um die Mannschaft gekümmert. Später wurde ich dann eigentlicher TK-Chef, dann war ich Sommertrainer, Trainer. Coach und TK, alles miteinander. In den letzten Saisons durfte ich als Assistenztrainer und TK-Chef walten. In der vergangenen Saison habe ich mich vom Assistenztrainer Amt verabschiedet, es wurde ja dann aus bekannten Gründen eine kurze Saison. Jetzt stehe ich also vor der 42. Saison. Der SC Bönigen hat mich also deutlich länger als mein halbes Leben begleitet.
In deinem Amt als Sportchef der 1. Mannschaft hast du mit Vanek, Vrana, Hubacek und Novak bereits fünf tschechische und slowakische Spieler verpflichtet. Wie kam es dazu?
Beim SCUI hat der finnische Spieler Otto Kröger mit trainiert. Es war aber klar, dass ein ausländischer Spieler nicht für die 1. Liga spielberechtigt war und darum wurde der Spieler für uns interessant. Ich habe mich in der Folge sehr um den Spieler bemüht, dieser wurde mir aber vom HC Mühlethurnen weggeschnappt. Ich war frustriert, das hat mich dann aber angespornt, ich wollte unbedingt einen anderen Spieler finden. Ich kam dann an einen tschechischen Spieler, da wurde mir aber mitgeteilt, dass dieser einen Profivertrag bei Düsseldorf unterschrieben habe. Dann bekam ich einen Anruf von Martin Ancicka. Er war früher Deutscher Nationalspieler und ist inzwischen als Spielervermittler tätig. Mit Martin Ancicka bekam ich das nötige Netzwerk und ich hatte die richtigen Connections. Über ihn kam ich dann auch zu Dominik Vanek, welcher dann zwei Saisons bei uns spielte. Lukas Vrana war ein guter Freund von Vanek und der Spielervermittler von Vrana vermittelte mir dann Radek Hubacek. Aktuell spielt Filip Novak bei uns im Team, er meldete sich letzte Saison in einer Drittelspause und fragte, ob er bei uns spielen könnte. Wie man sieht sind Netzwerke und Connections äusserst wichtig, damit man an die richtigen Spieler kommt.
Nur den Spieler verpflichten war für dich nicht genug. Du hast den Spielern auch sonst geholfen, sich bei uns einzuleben.
Ich war die Ansprechperson für sie und ich fühlte mich verpflichtet, ihnen auch sonst zu helfen. Man muss wissen, dass die ausländischen Eishockeyaner nur mit einer Aufenthaltsbewilligung B berechtigt sind, bei uns in der 2. Liga zu spielen. Das heisst, die Spieler brauchten eine Festanstellung, ein befristeter Job reicht da nicht aus. Also habe ich auch für Arbeit geschaut, habe den Spielern eine Wohnung gesucht oder es gab sogar den Fall, dass ich für die Freundin des Spielers zuerst einen Job hatte, bevor der Spieler eine Arbeit gefunden hatte. Ich ging auch auf die Ämter, um mit ihnen die Aufenthaltsbewilligung zu beantragen. Die Spieler haben mir meinen Einsatz meist auch richtig verdankt. Es ist wunderbar, dass Radek Hubacek nach seinem verletzungsbedingten Karriereende bei uns als Assistenztrainer weitermacht. Sein Charakter ist diesbezüglich äusserst vorbildlich und er weiss, was er mir und dem Verein zu verdanken hat.
Andrew Zurschmiede als Sportchef und Assistenztrainer (Foto: Renata Schmied)
Dein Ruf als hartnäckiger Verhandler ist allgemein bekannt. Ein «Nein» wurde bei dir nicht einfach so akzeptiert. Sag, warum diese Hartnäckigkeit?
Als Sportchef war es meine Aufgabe für Spieler zu schauen bzw. zu holen. Wenn ich nach jedem Nein aufgegeben hätte, dann wäre ich nie zu Spielern gekommen. Ich habe auch immer gewusst, wo es sich lohnt hartnäckig zu sein. Einmal habe ich das Nein des Spielers nicht akzeptiert und habe den Weg über die Freundin gewählt. Was will dann ein Spieler schon sagen, wenn die Freundin dafür ist, dass der «Schatz» noch spielt.
Hat es dich nie gereizt, ein Amt in einer Mannschaft einer höheren Liga wie zum Beispiel dem SCUI zu übernehmen?
Grundsätzlich war ich nie abgeneigt, ein Amt bei einem anderen Club zu übernehmen, es kam aber nie zu einem solchen Kontakt. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich ein Angebot wahrscheinlich gar nicht angenommen hätte. Ich war und bin zu sehr an den SC Bönigen gebunden. So wirklich gereizt hat mich eine Aufgabe in einer höheren Liga oder anderen Mannschaft nie. Ich hatte in dieser Zeit eine grosse Aufgabe beim SC Bönigen in der 2. Liga und es hat sich gelohnt, dass ich mich hier engagiere.
Wenn du zurückblickst, was waren deine Highlights beim SCB?
Nüchtern betrachtet war der grösste sportliche Erfolg wohl der Aufstieg in die 2. Liga 2011/2012. Nur ist es so, dass nicht nur der eigentliche Erfolg ein Highlight ausmacht, sondern auch der emotionale Aspekt. Hier gibt es für mich ein anderes Erlebnis, welches mich noch heute aufwühlt. In der gleichen Saison spielten wir im Final des Kantonalcups gegen Langenthal, eine super Mannschaft, welche übrigens in der gleichen Saison ebenfalls in die 2. Liga aufstieg. Uns wurde nicht zugetraut, dass wir im Final überhaupt eine Chance hätten. Unsere Mannschaft zeigte ein tolles Spiel und 53 Sekunden vor Spielende erzielte Simon Ingold das entscheidende Tor zum 4:3 Sieg. Wir feierten als gäbe es kein Morgen. Als ich endlich die Eishalle in Hasle verliess hatte ich unzählige unbeantwortete Anrufe auf meinem Handy. Als ich meine Frau zurück rief, wurde mir mitgeteilt, dass man meinen Bruder Mark tot aufgefunden hatte. Dieses emotionale Hoch und dann der brutale Schlag nach dieser Nachricht, das war ein unbeschreibliches Erlebnis und ein Wechselbad von unglaublichen Emotionen. Ich möchte an dieser Stelle zwei weitere absolute Highlights erwähnen. Zum einen ist dies das Engagement von Ramon Zeller, welcher für jedes Training 55 Kilometer von Zweisimmen nach Matten auf die Eisbahn fährt. Sein Einsatz für unseren Verein ist unbeschreiblich. Zum Zweiten möchte ich die Zusammenarbeit in den vergangenen Saisons mit Thomas Zurbrügg erwähnen. Wir hatten das Glück, einen top ausgebildeten Trainer als 2. Liga Headcoach zu verpflichten. Es war wahnsinnig, was er aus den jeweiligen Spielern herausgeholt hat. Er hat unglaublich viel von den Spielern gefordert und diese dann aber auch gefördert. Ein absolutes Glück, eine solche Trainerkapazität während 5 Saisons bei uns gehabt zu haben.
Andrew Zurschmiede zusammen mit Thomas Zurbrügg (Foto: Jungfrauzeitung)
Wie beurteilst du die aktuelle Situation mit dem Eishockeysport in der Region? Was für Herausforderungen warten auf uns?
Ich mache mir schon Sorgen um das Amateur Eishockey bei uns in der Region. Wir alle kämpfen um Spieler und es wird immer schwieriger, Aktivspieler für unsere Teams zu gewinnen. Wir müssen unbedingt schauen, dass wir jungen Spielern einen Platz in einer unserer Mannschaften anbieten können. Jeder junge Eishockeyspieler soll einen Platz in einem Team finden, eine Mannschaft auf seinem jeweiligen Niveau und ohne Druck. Wenn ein Spieler in der 2. Liga zufrieden ist, dann soll er dies dürfen. Das Schlimmste was uns Mannschaften in der Region passieren kann ist, dass ein Spieler den Nachwuchs durchläuft und dann mit dem Sport aufhört, wenn er zu einer Aktivmannschaft wechseln sollte. Wir müssen diesen Spielern unbedingt Freude vermitteln, das muss das Wichtigste sein. Hier sind alle Mannschaften gefordert, eine Zusammenarbeit mit den Mannschaften vom SCUI, von Grindelwald, Beatenberg, Haslital und Jungfrau ist unabdingbar.
Du wirst das Amt des Sportchefs auf Ende Saison Niederlegen. Was machst du mit all der Zeit, die du nun zur Verfügung haben wirst? Deine Frau Angela wird sich sicherlich freuen, oder?
Meine erste Priorität hat nun meine Familie und speziell meine Frau Angela. Während all den Jahren kam der SC Bönigen an erster Stelle, meine Frau musste auf vieles verzichten. Dank ihrer Geduld und ihrem Verständnis konnte ich jahrelang meinem grossen Hobby, dem SC Bönigen frönen. Ich möchte viel Zeit mit meiner Frau verbringen können und wir möchte auch die eine oder andere Reise miteinander unternehmen. Weiter habe ich mit meinem Sohn ein Boot restauriert und ich gehe gerne mit ihm auf dem Brienzersee fischen oder tuckere gemütlich mit der Familie über den See. Zu guter Letzt haben wir in Bönigen ein Haus, an welchem auch das eine oder andere gemacht werden muss. Ach ja, und dann ist da ja noch unser Hund Leo mit dem ich auch gerne unterwegs bin. Mir wird ganz sicher nicht langweilig.
Wirst du dem Club noch in irgendeiner Funktion zur Verfügung stehen?
Eigentlich möchte ich jetzt frei werden von all meinen Ämtern und mich einmal um nichts kümmern müssen. Sehr gerne würde ich meine Kontakte und mein Netzwerk an den Nachfolger weitergeben, ich denke das ist sehr wichtig. Selbstverständlich stehe ich zur Verfügung, wenn man etwas helfen kann. Zum Beispiel möchte ich auch weiterhin mit Dir Bruno, den Roriwangweg putzen (lacht).
Das Interview mit Andrew «Sgetti» Zurschmiede führte Bruno Leuthold im August 2021