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«Anfangs November habe ich meinen Hansli Kopp nach Concise spediert, um diese Pfahlbauten zu untersuchen. Kaum in dem Neuenburgersee angelangt, fand er zwischen dem Roten Haus am Ausfluss der Zihl und Préfargier-Epagnier eine grosse Pfahlbaute, wovon ein grosser Teil bereits trocken ist, der andere nur mit etwa 4 Schuh Wasser bedeckt. Da hat er in einer Stunde etwa 40 Stück gefunden, alles von Eisen. Unten das Verzeichnis davon und beiliegend einige sogenannte Zeichnungen. Obschon du wahrscheinlich nichts Neues finden wirst, und alles römisch ist, so könnte dir diese Sache doch gefallen, umso mehr, da diese Stelle sehr ergiebig zu sein scheint.»
Mit diesen Zeilen berichtete Oberst Friedrich Schwab (1803–1869) am 17. November 1857 von der Entdeckung der archäologischen Station von La Tène. Dieser Fundort erwies sich in der Folge als derart ergiebig, dass die jüngere Eisenzeit (ca. 475 bis 20 v. Chr.) nach ihm als La Tène-Zeit benannt wurde.
Pfahlbaufieber
Schwabs Brief war an Ferdinand Keller gerichtet. Keller (1800–1881) war Archäologe und Altertumsforscher, Gründer und während fast 50 Jahren Präsident der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich – er begründete die urgeschichtliche Forschung in der Schweiz. Mit seiner Publikation «Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen» führte er 1854 den Begriff der Pfahlbauten ein.
In den 1850-er und 1860-er Jahren wurde die Schweiz von einem Pfahlbauerfieber ergriffen. In vielen Schweizer Seen wurden Pfahlbauten entdeckt und prähistorische Fundstücke aus dem Wasser geborgen. Diese bildeten den Grundstock verschiedener wichtiger Sammlungen und erregten internationales Aufsehen, als Teile davon 1867 an der Pariser Weltausstellung gezeigt wurden.
Mit der Absenkung des Seespiegels des Murten-, Neuenburger- und Bielersees um zwei Meter im Rahmen der ersten Juragewässerkorrektion ab 1868 wurden die Reste der Pfahlbauersiedlungen einfach zugänglich. Seeanwohner, Fischer und Bauern sammelten auf den trockengelegten Ufern Fundstücke, mit denen lebhafter Handel betrieben wurde, etwa am Pfahlbaumarkt in Neuenstadt. Aus heutiger Sicht ist diese Form der archäologischen Forschung höchst bedauerlich, wurden doch die Fundsituationen nur in den seltensten Fällen überhaupt dokumentiert. Dadurch fehlt in den meisten Fällen der Kontext, nach dem sich die Funde einordnen und wissenschaftlich erschliessen liessen.
Friedrich Schwab
Auch Oberst Friedrich Schwab war vom Pfahlbauerfieber ergriffen. Er setzte dafür beträchtliche Mittel ein und beschäftigte eine ganze Reihe von Helfern, die ihm Funde zutrugen.
Friedrich Schwab wurde 1803 als eines von fünf Kindern von David Schwab in Biel geboren. Abkömmling einer Familie aus bescheidenen Verhältnissen, hatte dieser Ende des 18. Jahrhunderts als Textilfabrikant in Portugal ein ansehnliches Vermögen erwirtschaftet, das er durch Gründung einer Bank und eines Handelshauses für Import- und Exportgeschäfte mit Südamerika erfolgreich vermehrte. Er kehrte in die Schweiz zurück, eignete sich hier nach der Auflösung der alten Gesellschaftsordnung 1798 im Raum Biel bedeutende Güter an und wurde dadurch zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Region. 1817/18 liess er sich mitsamt seiner Familie in Bern einburgern und erwarb das Gesellschaftsrecht bei Zimmerleuten.
Friedrich Schwab selber erlernte offenbar keinen eigentlichen Beruf. Nach dem Tod seines Vaters 1823 lebte er von dessen Vermögenserträgen und widmete sich fortan seiner Familie und seinen Interessen – der Jagd und dem Sammeln von Altertümern.
Seinem gesellschaftlichen Rang entsprechend erlangte Friedrich Schwab den militärischen Rang eines Obersten. Als solcher befehligte er das oberaargauische Bataillon im Sonderbundskrieg von 1847, wobei dieses anscheinend eher strategische Bewegungen ausführte und nicht an eigentlichen Kampfhandlungen beteiligt war. Schwab bekleidete ausserdem auch wichtige politische Ämter, insbesondere war er während 30 Jahren Mitglied des Bieler Gemeinderats und Leiter des städtischen Finanzdepartements.
Friedrich Schwab hat sich als Sammler von Altertümern einen Platz in der Geschichte verdient. Tatsächlich widmete er sich dieser Tätigkeit aber nur ausserhalb der Jagdsaison, die Jagd war seine grösste Leidenschaft. Als Sammler beschäftigte er Helfer, darunter viele Fischer, welche die von ihm bestimmten Gebiete nach Objekten absuchten. Über die Jahre eignete er sich so eine Sammlung von etwa 4'500 Objekten an und stand im Kontakt mit anderen Altertumsforschern, wie dem oben erwähnten Ferdinand Keller, seinem engen Freund Emanuel Müller und nicht zuletzt auch Napoleon III. Dieser war interessiert an Teilen von Schwabs Sammlung, musste sich aber mit Abgüssen begnügen, da Schwab Wert darauf legte, dass die Funde an ihrem Ursprungsort verblieben. Er vermachte seine Sammlung und die Summe von 60'000 Franken testamentarisch der Stadt Biel mit der Bestimmung, ein Museum zu gründen. Vier Jahre nach seinem Tod im Jahr 1869 entstand so das Museum Schwab in Biel. Das Museum Schwab wurde 2012 mit dem Museum Neuhaus zum Neuen Museum Biel zusammengeschlossen, Schwabs Sammlung wird dort weiterhin gezeigt.
Pfahlbauer, Kelten und Römer heute
Waren für Oberst Schwab die Grenzen und Zusammenhänge zwischen Pfahlbauten, Römern und Kelten noch nicht so deutlich, entwickelte sich mit der vertieften Forschung in der Folge ein klareres Bild. Heute werden die Pfahlbauten als Seeufersiedlungen der Jungsteinzeit (ca. 5000–2100 v.Chr.) und der Bronzezeit (ca. 2100–800 v.Chr.) verstanden. Die keltische Kultur wird in der Eisenzeit verortet, wobei die frühe Eisenzeit (800–450 v.Chr.) auch Hallstattzeit, die jüngere vorrömische Eisenzeit (450 v.Chr. bis zur Zeitwende) auch La Tène-Zeit genannt wird. Nach der Eroberung Galliens durch Julius Cäsar und seinem Sieg über die Helveter – die «schweizerischen» Kelten – in Bibracte 58 v.Chr. wurden die Kelten romanisiert, ihre Kultur ging in der römischen auf.
Die Bedeutung der von Friedrich Schwab und seinem Helfer Hans Kopp entdeckten Station La Tène am alten Ausfluss der Zihl am Neuenburgersee wurde erst nach der Juragewässerkorrektion deutlich. Archäologen wie Paul Vouga und Edouard Desor führten dort Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts systematische und für die damalige Zeit sehr gut dokumentierte Grabungen durch. Wie sich zeigte, handelte es sich bei den gefundenen Pfählen nicht um Pfahlbauten, sondern um Reste keltischer Brücken aus der Zeit um 250 v.Chr. Die überaus reichhaltigen Funde sind in Bezug auf Vielfalt, Qualität und Erhaltenszustand bemerkenswert und erlaubten die Entwicklung relativer Chronologien, weshalb der Fundort für die archäologische Klassifikation namensgebend wurde.
Die Funde von La Tène sind heute u.a. im Neuen Museum Biel, im Bernischen Historischen Museum und im Latenium in Hauterive bei Neuchâtel zu besichtigen. Sie zeichnen das Bild einer hoch entwickelten, faszinierenden Kultur mit verblüffender Handwerkskunst und prägnanter Ästhetik. Ein Besuch dieser Museen lohnt sich allemal. Zu den Pfahlbauten wiederum wird das Bernische Historische Museum von April bis Oktober 2014 die Wechselausstellung «Die Pfahlbauer – Am Wasser und über die Alpen» zeigen.
Quellen:
Kaenel, Hans-Markus von. «Frühe Pfahlbauforschung am Bielersee». In Archäologie der Schweiz 2, Bd. 1, 1979, S. 3–11.
Lejars, Thierry. La Tène: La collection Schwab (Bienne, Suisse). Lausanne, 2013.
Nast, Matthias. überflutet – überlebt – überlistet: Die Geschichte der Juragewässerkorrektion. Nidau, 2006.
Servais, Gianna Reginelli. La Tène, un site, un mythe 1. Hauterive, 2007.