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Es fing dann doch ganz vielversprechend an. Obwohl der Blick auf das Programm eher schlimme Erwartungen weckte. Von 9 Uhr 45 bis 16 Uhr sollte ein Referat auf das andere, eine Präsentation auf die nächste folgen. Von der Grundsatzerklärung der neuen Medienministerin Simonette Sommaruga bis zum Schlusswort des Medienprofessors und Präsidenten der Eidgenössischen Medienkommission EMEK, Otfried Jarren.
Beide, Jarren wie Sommaruga, bezeichneten die Medien als unverzichtbare «Infrastruktur der Demokratie», Sommaruga sprach von einer «Lebensversicherung einer freien Diskussion». Jarren ortete das zentrale Problem ausdrücklich nicht bei der Digitalisierung der Medien, sondern bei der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft, die wachsenden Bedarf für die kontinuierliche Herstellung einer vielfältigen Öffentlichkeit erzeugt.
Damit setzte die medienpolitische Führung des Landes zusammen mit der Spitze ihres Beratergremiums den Rahmen für die Selbstverständigung des Service public in der Schweiz.
Ansonsten hielt sich das Interesse der Politik an der Service public-Konferenz in engen Grenzen, das heisst: die nationale Politik war mit Ausnahme der Bundesrätin im Vortragssaal praktisch nicht anwesend. Es war der erste Tag der Frühjahrssession, und die SRG hatte sehr selektiv eingeladen. Die nationalen Parteipräsidentinnen und die Mitglieder der einschlägigen Kommissionen konnten sich, soweit sie denn wollten, in der Villa Schöngrün (15 Gault Millau-Punkte) diskret austauschen mit den Spitzen der SRG und den Top-Shots der europäischen Service public-Medienszene wie Cilla Benkö, Generaldirektorin von Sveriges Radio, Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks MDR, Jean-Paul Philippot, Generaladministrator der Radiotélévision Belge Francophone RTBF, Noel Curran, Generaldirektor der Union der Europäischen Rundfunkanstalten UER/EBU, sowie dem Präsidenten und dem Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft der SRG, Jean-Michel Cina und Gilles Marchand. Die Medienjournalisten, die in solchen Fällen in der Regel eine gewisse Öffentlichkeit herstellen, waren nicht zugelassen. Man war unter sich. Die PR-Maschinerie der SRG funktionierte. Es war alles unter Kontrolle.
Im Vortragssaal im tiefen Keller des Zentrums Paul Klee in Bern dagegen verteilten sich rund 160 Teilnehmende auf den 200 Sitzplätzen. Nachmittags waren es dann noch etwas weniger. Das Interesse an der Medienpolitik ist ein Jahr nach der No-Billag-Abstimmung offenbar nicht mehr so leidenschaftlich gross. Und die SRG hat es noch nicht geschafft, die angekündigte Debatte mit dem Volk unter dem Titel «Beitrag (des Service public) für die Gesellschaft» in Gang zu setzen. Die Repräsentanten des Medien-Establishments aus den Chefetagen der SRG, des Bundesamts für Kommunikation BAKOM, des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK sowie die Mitglieder der Eidgenössischen Medienkommission EMEK und Medienforscher aus der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft SGKM waren weitgehend unter sich. Ausserdem ein paar wenige Vertreter privater Medienverbände.
Auf neuen Wegen zurück zu den Wurzeln
Dabei hatten die Abwesenden für einmal durchaus Unrecht. Auf dem Podium war herausfordernde Kompetenz versammelt. So verlangte die europäische Medienforscherin Karen Donders (Freie Universität Brüssel), die neuen Technologien müssten uns zurückführen zu den Wurzeln der Medienarbeit. Weg vom alten Rundfunk, aus dem die Programmmacher ein passives Publikum mit Ton und Bild bearbeiten. Zurück zu einem Format von Medien, das «bürgerzentriert» ist, die User stärker einbezieht, und sie zu Wort kommen lässt als Bürger der Medienrepublik. Donders› Ansprüche sind hoch, gemessen an der Medienwirklichkeit auch in der Schweiz. Der Zugang zu den öffentlichen Medien muss umfassend sein, sagt sie. Die Verbindung muss über viele Plattformen und alle Geräte laufen, sie muss geprägt sein von Innovation und Vielfalt. Und die Inhalte müssen geprägt sein von Qualität, Kreativität, Nähe zu den Lebensräumen, Unparteilichkeit und Innovation. Nicht alles und jedes – «anything» – kann nur schon deshalb Service public sein, weil der Absender das Etikett «Service public» trägt.
Und das oberste Ziel des Service public ist der Beitrag zum «Citizenship», zur Bürgerschaft in der Medienrepublik. Karen Donders spricht vom Beitrag zur «politischen» Bürgerschaft, für die es Information braucht und die Vielfalt der Debatte, dann von der «kulturellen» Bürgerschaft, bei der es um kulturelle Teilhabe geht, und um die Stärkung der Identität, dann von der «sozialen» Bürgerschaft, die einen Anteil und ein Miteigentum an der Gesellschaft gewährleistet, und schliesslich von der «zivilen» Bürgerschaft, die für alle die freie Meinungsäusserung gewährleistet.
Das ist ein starker Beitrag zu der öffentlichen Debatte, die in der Schweiz noch nicht einmal begonnen hat. Und Karola Wille, die Intendantin des MDR, gab dieser Diskussion noch anschauliche Kraft. Sie berichtete, wie sie ihren Sender für Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida geöffnet hat, für Studiobesuche und Teilnahme an der journalistischen Alltagsarbeit. «Wir müssen näher heran an die Menschen», verlangte sie, «die journalistische Arbeit mehr erklären» und insgesamt den Dialog in der Gesellschaft stärken: zwischen Stadt und Land zum Beispiel.
Und sie sprach von der notwendigen Selbstkritik in den Medien. Die MDR-Intendantin unterstrich zwar, dass bei heiklen Themen wie der Ukraine oder der Flüchtlingsfrage die Fakten zwar richtig dargestellt worden seien, aber: «die unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit dieser Themen war unzureichend» sprich: missliebige Wahrnehmung dieser Ereignisse und Entwicklungen, die der offiziellen Politik vielleicht unerwünscht waren, kamen zu kurz. Die neue Direktorin von SRF, Nathalie Wappler, kann von diesen Erfahrungen wohl profitieren, die sie in den letzten Jahren als Kulturchefin bei Karola Wille gemacht hat.
Die Wiederentdeckung des Radios – die Divergenz
Die erste «International Public Media Conference» der SRG hat Probleme markiert, Lösungen angeboten und darüber hinaus in den fünf Stunden Frontalunterricht ganz nebenbei ein Ereignis produziert: Die Wiederentdeckung des Radios. Man könnte vielleicht auch sagen: Die Wiederentdeckung der «Divergenz», also der Verschiedenheit der Medien und daher auch ihrer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit. Vielleicht war das der unerkannte Höhepunkt der Konferenz. Im besten Fall ein Wendepunkt eines medienpolitischen Denkens, das nur noch die «Konvergenz» und die «Verschmelzung» der Medien zu kennen scheint.
Cilla Benkö, die Direktorin des «kleinen Radio-Zwergs» Sveriges Radio, wie sie selber sagte –, Cilla Benkö berichtete, wie sie in Schweden das Vertrauen in das Radio wiederhergestellt hat. Sie hat bei sieben Parteien, einschliesslich der Konservativen – mit Ausnahme lediglich der Nationalisten – wieder Unterstützung gefunden für eine neue Radio-Charta, für öffentliche Regulierung, für ein Programm ohne Werbung, das publizistischen Wert schaffen soll für die schwedische Gesellschaft.
Benkö hat drei Faktoren erwähnt, mit denen sie das Vertrauen im Land wiederhergestellt hat, obwohl das Vertrauen in Institutionen – insbesondere bei jungen Männern – zunehmend abnimmt. Sie hat sich erstens auf Audio als Kerngeschäft konzentriert. Sie hat also kaum mit Bebilderung und vor allem kaum mit dem Bewegtbild gearbeitet. Das stärkte die Radio-Identität. Sie hat zweitens qualitativ hochstehende Programme produziert, denn Qualität sind gesucht. Und sie hat drittens aus dem Radio kein Elite-Unternehmen für Stockholm gemacht sondern ein Projekt für das ganze Land. Das Ergebnis war und ist eine Steigerung der Reichweite um 25 Prozent.
Gilles Marchand, Generaldirektor der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, hat kurz danach in der gleichen Diskussionsrunde erklärt, man müsse «re-investieren und ganz grundsätzlich zusammen mit der Bevölkerung die Digitalisierung gestalten.» Er glaube, so Marchand, «dass Audio eine Renaissance erleben wird in den nächsten Jahren», und man müsse «dezentralisiert arbeiten in den verschiedensten Ecken des Landes und Vielfalt gewährleisten».
Das waren neue Töne, nachdem über einige Zeit auch in offiziellen Texten von Schweizer Radio und Fernsehen der künftige Niedergang des Radios ein grosses Thema war.
Service public – keine Schule der Nation
Die Theorie findet zur Wahrheit in der Praxis. Die internationalen Beispiele haben tatsächlich gezeigt, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, «den Menschen die journalistische Arbeit zu erklären». Diese medienpädagogische Haltung findet man erstaunlicherweise nicht nur in der Deutschschweiz, sie hat auch in der Suisse romande ihre starken Anhänger. «Il faut expliquer…» ist auch dort eine gängige Formel. Aber «Il faut dialoguer» wäre heute vielleicht die angemessene Formel. Die digitale Technologie ist interaktiv, sie ist ihrem Wesen nach Zwei-Weg-Kommunikation. Beides, Pädagogik und eigene Aktivität von Betroffenen, war in Bern zu sehen.
Wer bei der SRG-Konferenz die angelsächsischen Beispiele gesehen hat, in denen zum Beispiel auch schwierige Jugendliche die Chance bekommen haben, ihre eigenen Themen auf ihre eigene Weise aufzuarbeiten und zu präsentieren, hat erlebt, dass die Vermittlung von Medienkompetenz und die erfolgreiche Arbeit an gesellschaftlichen Problemen am besten Hand in Hand gehen. Nach dem Motto: «Learning by doing.» Ein erfolgreicher Service public ist keine Schule der Nation. Er bewährt sich in der Praxis. Er wird, wie Karen Donders sagte, Teil des gesellschaftlichen Lebens seiner Nutzer*innen.
Das setzt aber Kontinuität dieser Medienarbeit voraus – so EMEK-Präsident Otfried Jarren – und der Rechtsstaat, der eine freie Debatte will und Medienfreiheit und eine funktionierende Demokratie – so Bundesrätin Sommaruga – muss dafür die ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen. Und der Service public muss für die Arbeit an diesen publizistischen und politischen Fragen seine Echokammer verlassen und den offenen Dialog mit der Gesellschaft in Gang setzen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter der SRG.