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Stille Wasser gründen bekanntlich tief. So ist auch dieser Fund aus dem Stadtarchiv Zug (ein kurzer Text bestehend aus 11 Schreibmaschinenseiten) ein Gewässer mit tiefgründigem Inhalt. Die Eindrücke aus dem Aktivdienst, wie sie einst auch der Schweizer Schriftsteller Max Frisch verfasste, zeigen den Alltag in der Zuger Gebirgsfüsilier-Kompanie 48. Verfasst wurde der Bericht von einem Walchwiler, der später den Kanton lange Zeit mitprägen sollte.
In diesem Bericht hat ein Offizier der Schweizer Armee seine persönlichen Erfahrungen während des Aktivdiensts im Zweiten Weltkrieg notiert. Während des Zweiten Weltkriegs kam es in der Schweiz zu mehreren Generalmobilmachungen, so wurden beim ersten Aufgebot im September 1939 mehr als 400’000 Dienstpflichtige mobilisiert. Während des gesamten Kriegs bis 1945 leistete ein durchschnittlicher Wehrmann rund 800 Tage Aktivdienst. Der Autor des Textes kam als Offizier auf 1155 Dienstage.
Tränen zum Abschied von den Schülern
Er schildert darin rückblickend auf fast intime Art und Weise, wie er diese besondere Zeit erlebt hat. Der junge Mann aus einer Bauernfamilie in Walchwil war vor Ausbruch des Kriegs Primarlehrer und fand, während der wirtschaftlichen Krise der 1930er-Jahre, im Frühjahr 1939 eine Anstellung in Hünenberg. Als er schliesslich bei der ersten Mobilisierungswelle im September 1939 einberufen wurde, fiel ihm der Abschied von seiner Klasse schwer:
«Am nachhaltigsten ist mir der Moment in Erinnerung geblieben, als ich im Schulzimmer von den Kindern Abschied nehmen musste. Es blieb nicht viel Zeit. Ich gab die letzten Anweisungen, wir beteten noch zusammen und sangen zum Schluss ein Lied. Dann reichte ich wie gewohnt jedem die Hand zum Abschied. Einige weinten, wohl beim Gedanken, dass ihr Vater auch einrücken musste. Dann eilten sie heimzu, ich war allein.» Sehr emotional schildert der Autor auch seinen Abschied von seinen Eltern und jüngeren Geschwistern, als er und drei weitere ledige Brüder für das Gebirgs-Füsilier-Bataillon 48, für das Zuger Bataillon, am Samstag, dem 2. September 1939 eingezogen wird.
Chaos in den ersten Wochen?
In den ersten Tagen und Wochen schildert der Offizier immer wieder die etwas chaotische Organisation der Armee, was jedoch mit Blick auf die sich schnell verändernde Kriegslage als durchaus nachvollziehbar erscheint. So musste der Generalstab der Armee immer wieder auf neue Situationen und mögliche Bedrohungen reagieren, als Folge der erfolgreichen Blitzkriege der Deutschen.
Trotzdem wurde immer ein Augenmerk darauf gelegt, dass die Arbeiten sorgfältig durchgeführt wurden. So etwa, als die Kompanie gegen Ende September 1939 in den Raum Baden verlegt wurde, um dort eine Verteidigungsstellung aufzubauen um auf potenzielle Angriffe aus dem Norden vorbereitet zu sein. Anfangs ahnte niemand, dass ihre Kompanie bis in den Sommer 1940 bei dieser Stellung bleiben wird.
Glücksmomente eines Junggesellen
Etwas, was im Bericht immer wieder vorkommt und was den Autor auch berührt, ist die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Zivilbevölkerung gegenüber den Soldaten, aber auch innerhalb der Truppe. So beschreibt er Situationen, als Zivilisten den Soldaten auf dem Marsch Getränke und Esswaren reichten. Einzigartig sind auch die kurzen Momente des Glücks und der Normalität, die der junge Mann im Bericht festhält. So notiert der Offizier beispielsweise, wie er etwa einer Einladung zu Tee mit Kuchen und Gebäck gefolgt ist. Ein kleines Stückchen Normalität und Freude konnte auch die Möglichkeit für ein heisses Bad bieten: «Jeden Samstag durfte ich, durch unsere Off-Ordonnanz vermittelt, in einer einfachen Privatwohnung, die über ein kleines Badezimmer verfügte, gegen geringe Entschädigung ein heisses Bad nehmen. Eine Wohltat sondergleichen!»
Auch die erste Kriegsweihnacht 1940 war etwas Besonderes. Von den Soldaten bekamen vorzugsweise Familienväter Urlaub über die Festtage. Als Junggeselle verbrachte der Offizier Weihnachten im Feld. Festliche Stimmung kam trotzdem auf, so schreibt er in seinem Bericht, ein Christbaum wurde aufgestellt und die Soldaten sangen zusammen Lieder. Kleinere Geschenke wurden verteilt und die Truppe hielt ein fröhliches Mahl ab. Als Kompensation durften die einfachen Soldaten dann den Neujahrstag zu Hause verbringen.
Besuch vom General
Ein Höhepunkt für den jungen Offizier wie für die Soldaten generell war sicherlich der Besuch der Truppe durch General Henri Guisan (1874-1960) und durch den Zuger Bundesrat Philipp Etter (1891-1977), damals Vorsteher des Departements des Innern, der seinen Dienst ebenfalls im Bataillon 48 leistete.
Es überwiegen die positiven Erfahrungen und Momente, es kommen aber auch Tiefpunkte in seinem Bericht vor. Ein solcher Tiefpunkt war ein Fall von Befehlsverweigerung von mehr als 30 Männern der Kompanie. Nach einer unangekündigten Inspektion der Ausrüstung, die nicht zur Zufriedenheit des Kommandanten ausgefallen war, sollte diese am Samstagabend nachgeholt werden.
Der Autor vernahm nun, dass etliche der Mannschaften sich diesem Befehl verweigern wollten. Er schärfte nun seinem Zug ein, dass ein solches Verhalten ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen würde. Andere Soldaten verweigerten sich jedoch und wurden mit langen Arreststrafen bedacht. Auch wurde ein neuer Hauptmann eingesetzt, welcher den Auftrag erhielt, die Kompanie zu disziplinieren. Dies tat er auch mit aller Konsequenz und Härte.
Andere Vorstellungen von Führung
Der Autor hinterfragt hier, ob der Kommandant in menschlicher und psychologischer Sicht richtig vorgegangen war. Er fasst an dieser Stelle seine Vorstellungen von Führung zusammen: «Für eine gute Führung sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen und viele Komponenten zu berücksichtigen, vor allem darf die geistige, seelische und religiöse Betreuung nicht vernachlässigt werden, dann gilt es die besondere Situation jedes Einzelnen und seiner Beziehung zur Umwelt zu beachten. Respekt und Wohlwollen müssen spürbar sein, ebenso Kontaktbereitschaft, dazu kommen auch mehr äussere Momente, wie die Gestaltung des Feierabends und die notwendige Abwechslung im militärischen Alltag.»
Und der Verfasser ist …?
Der Autor schreibt den gesamten Text aus seiner Sicht und nennt dementsprechend seinen eigenen Namen nicht. Mit etwas Recherche – und Hilfe des Historikers und Archivars Renato Morosoli – konnte man jedoch die Identität des Verfassers aufklären. Beim Autor handelt es sich um Dr. jur. Alois Hürlimann (1916-2003), eine prägende Persönlichkeit für den Kanton Zug und seine Heimatgemeinde Walchwil. Er war viele Jahre lang als Politiker der CVP ( heute die Mitte) auf gemeindlicher, kantonaler und Bundesebene tätig. So wie er nun auch als Autor eines sehr spannenden Berichts eine persönliche und intime Sichtweise auf ein sehr bewegendes Ereignis ermöglicht.
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