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Ein Stück Geschichte : von den Ursprüngen der Bruderschaft
“Der Zeitraum und unglückliche Geschehnisse haben ihren Ursprung in undurchdringliche Nebel gehüllt.” Beschreibung der Gesellschaft und des Winzerfestes von 1781
“Was den Ursprung dieser Bruderschaft angeht, […] so scheint sie in die früheste Antike zurückzuführen und sich in grauer Vorzeit zu verlieren.” Manual 3, 14.2.1789
Die Winzerbruderschaft von Vevey: Vorstellung
Heutzutage ist die Winzerbruderschaft von Vevey in der breiten Öffentlichkeit lediglich als Veranstaltungsorgan des Winzerfestes bekannt. Wenn auch die Errichtung dieser imposanten Feierlichkeiten einen erheblichen Teil ihrer Tätigkeit darstellt, so besteht der Grund- und Hauptzweck dieses Vereins in der Unterstützung und Förderung des Weinbaus. In dieser Absicht veranstaltet sie dreimal jährlich eine Besichtigung der Weinberge für Besitzer, die ihr diese Aufgabe anvertrauen. Diese Weinberge erstrecken sich über ein weites Gebiet zwischen Pully (östlich von Lausanne) und Lavey, an der Grenze zum Kanton Wallis. Während dieser Besichtigungen wird die Arbeit der Weinbauarbeiter benotet, und alle drei Jahre gibt die aufgrund dieser Zensuren aufgestellte Bewertung Anlass zu einer Feier, bei der an die unter der Aufsicht der Bruderschaft stehenden Winzer Auszeichnungen verteilt werden. Diese Zeremonie nennt sich “Triennale”. Und ungefähr einmal pro Generation nimmt diese Feier einen aussergewöhnlichen Umfang an: das Winzerfest. Im Grunde genommen haben sich die Ziele der Winzerbruderschaft im Verlauf der Jahre nur wenig verändert.
Unklare Ursprünge
Der Ursprung der Winzerbruderschaft bleibt bis heute rätselhaft. Das älteste, sich darauf berufende Dokument ist das “Manual” des Vereins, sein Buch der Protokolle. Es wurde der Bruderschaft vom “Weisen, Tugendhaften und Bedachtsamen Christen Montet, Herrschaftlicher Abt der Ehrwürdigen Abtei der Landwirtschaft von Vevey, St. Urban genannt” am zweiundzwanzigsten Tag des Monats Juni 1647 überreicht.
Offizieles Siegel der Winzerbruderschaft von Vevey
Beim Lesen der Widmung und der ersten Seiten dieses Dokuments wird offensichtlich, dass die Bruderschaft (die damals den Namen Abtei der Landwirtschaft trug) schon seit langer Zeit regelmässig ihre Funktion erfüllte.
In Inneren eines kleinen Kelchs aus Buchsholz, Abt-Kelch genannt, den ein Medaillenreif mit den Namen der im Verlauf der Jahrhunderte leitenden Äbte der Bruderschaft schmückt, steht eingeritzt der Name Gaspar Rot, sowie die Jahreszahl 1618. Zweifellos war Gaspar Rot in diesem Jahr Abt. Dieser Gegenstand ist das älteste Zeugnis für die Existenz der Bruderschaft vor 1647.
Ihren Tätigkeiten, ihrem benediktinischen Wahlspruch “Ora et Labora” (bete und arbeite) und ihrem Schutzheiligen – St. Urban – zufolge, gab es die Winzerbruderschaft bereits im Mittelalter.
1647 war die Abtei der Landwirtschaft (heute Winzerbruderschaft) nur eine sehr kleine Gesellschaft. Sie entwickelte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts, und 1776 zählte sie ungefähr ein Viertel der männlichen Bevölkerung von Vevey zu ihren Mitgliedern.
Die Abtei der Landwirtschaft war – und bleibt – ein gemeinnütziger Verein. Sie war nie aus Winzern zusammengestellt – wie ihr heutiger Name es vermuten lassen könnte – sondern aus Weinbaubesitzern, die die Bearbeitung ihrer Parzellen Weinbauarbeitern anvertrauten.
Die Winzerbruderschaft ist also keine Zunft. Sie vertrat von Anfang an weder die Interessen eines Berufs noch die eines Gewerks, sondern die der Grundbesitzer, zu denen an erster Stelle die städtische Gemeinschaft – also das Bürgertum – und die Vertreter der Obrigkeit – Ihre Exzellenzen von Bern und die Vogte (baillis) gehörten, für die sie ihre alljährlichen Besichtigungen im Weinberg von Vevey veranstaltete.
So organisierte die Winzerbruderschaft – damals noch Abtei der Landwirtschaft, “von St. Urban” genannt, und deren Ursprung sie als aus Urzeiten stammend vorgab –, wie auch etliche andere Vereine, jedes Jahr einen Umzug (Parade, Pourmenade oder Bravade genannt) durch die Stadt. Diese Parade folgte auf die Generalversammlung, bei der die Arbeit der Weinbauarbeiter kommentiert (und kritisiert) wurde, und ging dem traditionellen Festmahl der Gesellschaft voraus. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts nahm der Umzug durch die Stadt immer mehr an Inhalt und Umfang zu.
Gegen 1770 gab sich die Winzerbruderschaft zum Ziel, die Verbesserung des Weinbaus zu fördern und vielmehr die gute Arbeit der Weinbauarbeiter zu belohnen, als die etwaigen Mängel im Anbau hervorzuheben. Wenn es die finanziellen und politischen Umstände erlaubten, wurden demzufolge die Besten ausgezeichnet und preisgekrönt.
Es war diese Zeremonie der Preiskrönung der besten Weinbauarbeiter, die sich schliesslich aus der früheren Parade zum Winzerfest entwickelte. Im Jahr 1797, während sich ländliche Vergnügungsfeste und alles mit der Natur Verbundene in der gehobenen Gesellschaft grosser Beliebtheit erfreuten, wurde auf dem Marktplatz in Vevey zum ersten Mal eine Estrade aufgebaut, um den vielen Schaulustigen die Möglichkeit zu geben, diese Preiskrönung mitzuerleben. Das Winzerfest war geboren.
Einen besseren Einblick in die Weinbautätigkeiten der Winzerbruderschaft bekommen Sie im Kapitel “Der Weinberg”, und für ein Durchwandern der Geschichte des Winzerfestes begeben Sie sich zu “Die Feste”.
Die Vereinsbrüder
Die Vereinsbrüder wurden ehemals “Brüder” oder “Mönche” genannt.
Heute zählt die Winzerbruderschaft über tausend Mitglieder. Sie sind nicht mehr unbedingt Grundbesitzer, doch gemäss der Vereinsstatuten werden ihre Bindung ans Land und das bekundete Interesse für den Weinbau bei ihrem Ersuch um Mitgliedschaft berücksichtigt. Um von der Bruderschaft aufgenommen zu werden, muss die Anfrage schriftlich an den Präsidenten (Abbé-Président) gerichtet werden, der Bewerber muss zudem von anerkannter Moral, Schweizer Bürger und volle sechzehn Jahre alt sein, und auch den vom Rat festgesetzten Mitgliedschaftsbeitrag leisten. Ausser diesem einmaligen Mitgliedschaftsbeitrag wird von den Vereinsbrüdern kein anderer Beitrag verlangt. Seit 2008 ist die Bruderschaft auch für Frauen zugänglich.
Die Mitglieder der Bruderschaft treffen sich alle zwei Jahre zu einer Generalversammlung. Dies ist die “Biennale”. Die Versammlung der Vereinsbrüder wählt die 24 Mitglieder des Rates. Der Ratspräsident wird seit Jahrhunderten “Abbé-Président” genannt. Er wird durch einen Vize-Präsidenten unterstützt. Die Mitglieder äussern sich zu den Statuten.