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Der amerikanische Posaunist und Komponist Ed Neumeister wandelt mit Verve und Eleganz auf dem schmalen Grat zwischen Jazz und Klassik: Statt sich den Kopf über Stil-Definitionen zu zerbrechen, verfolgt er konsequent die Vision einer “cross-cultural music”, die er in der Tradition des Third Stream verortet. Um ein grosser Jazzmusiker zu werden, müsse man keine Jazzschule besuchen, wohl aber sehr hart und seriös arbeiten, sagt Neumeister und nennt als Beispiel John Coltrane.

Jazz Talks

Es sei wohl noch zu früh für einen neuen Parker oder Coltrane, meint Ed Neumeister und fügt hinzu: «Wir sind immer noch damit beschäftigt, zu Coltrane aufzuschliessen. Die Entwicklung, die er zwischen 1957 und seinem Tod im Jahr 1967 durchmachte, ist phänomenal. Die 60er-Jahre waren auch sonst eine enorm fruchtbare und kreative Periode - es wurde auf allen Ebenen sehr viel experimentiert.» Die Beschäftigung mit dem Schaffen und dem Leben des längst zur Ikone stilisierten John Coltrane sei für ihn eine ganz grosse Inspiration gewesen, hält Neumeister fest: «Er war ein musikalischer Forscher, er übte und studierte wie besessen.»
Neumeisters Lieblingsalbum von Coltrane ist «Crescent» aus dem Jahre 1964 - der Saxofonist nahm dieses Meisterwerk mit seinem Classical Quartet auf, zu dem McCoy Tyner (Piano), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) gehörten. «Diese Musiker bildeten einen Organismus, sie spielten jeden Abend zusammen», sagt Neumeister. Heute gäbe es leider kaum noch solche Gruppen im Jazz, fügt er hinzu: «Die Projekt-Mentalität und fehlende Auftrittsmöglichkeiten sind ein grosses Problem. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir an Jazzschulen Leute für einen Beruf ausbilden, den es nicht gibt. In einem solchen Umfeld kann es nicht dieselbe Kreativität geben wie früher.» Nichtsdestotrotz rät Neumeister angehenden Jazzmusikern dazu, mit allen Kräften dafür bemüht zu sein, mit einer festen Formation über einen längeren Zeitraum ein Basisrepertoire von circa zehn Stücken spielen zu können: «Nur so kann die Musik an Tiefe gewinnen.»
Auch er selbst könne sein Leben nicht alleine als kreativer Musiker bestreiten, sagt Neumeister. Das Unterrichten und neuerdings das Komponieren von Filmmusik gehören zum Tätigkeitsgebiet des 1952 geborenen Amerikaners und damit das Pendeln zwischen Europa (v.a. Graz) und Los Angeles. Auf der aktuellen Szene macht Neumeister keine überragenden Innovatoren aus, wohl aber eine Reihe von Musikern, die sich darum bemühen würden, nicht an Ort zu treten - konkret nennt er Kenny Garrett, Joe Lovano, Dave Douglas, Pat Metheny, John Scofield, Kenny Werner und Brad Mehldau sowie Maria Schneider, Jim McNeely und Bob Brookmeyer im Bereich des orchestralen Jazz, der ihm, der u.a. im Duke Ellington Orchestra (unter der Leitung von Mercer Ellington) spielte, besonders am Herzen liegt.
Neumeister hält es für gefährlich, die Geschichte einfach überspringen zu wollen, aber diese Haltung macht ihn nicht zum Traditionalisten: «Um ein moderner Musiker werden zu können, musste ich versuchen, die Geschichte zu verstehen.» Da in seinem Fall die Auseinandersetzung mit Jazz und E-Musik parallel verlief, sieht er in diesen Musikformen keine streng voneinander getrennten Welten: Das macht aus Neumeister einen idealen Kandidaten für die Erneuerung der Konzepte und Ideen, die Gunther Schuller vor rund einem halben Jahrhundert unter dem Begriff Third Stream zusammenfasste und die nach wie vor äusserst kontrovers beurteilt werden. Man habe seiner Musik auch schon den Vorwurf gemacht, dass sie weder Fisch noch Vogel sei, gesteht Neumeister: «Mich kümmert das nicht gross. Solange ich mich in meiner Haut wohl fühle und an mich selbst glaube, ist alles in Ordnung. Und es gibt ja auch andere Urteile. Michael Cuscuna hat zum Beispiel gemeint, mir gelinge es, dem Third Stream einen guten Ruf zu geben.» Für Neumeister ist es verlorene Liebesmüh, den Begriff Jazz definieren zu wollen: «Man findet immer Beispiele, die nicht zu einer Definition passen. So gibt es Jazz, der von A bis Z komponiert ist oder solchen, der nicht swingt.»
Die Kompositionen, die Neumeister für das NeuHat Ensemble schreibt, nennt er selbst “cross-cultural music”. Auch mit seinem langjährigen Quartett, das durch Fritz Pauer (Piano), Drew Gress (Bass) und John Hollenbeck (Schlagzeug) vervollständigt wird, macht der wiselflinke Posaunist einen weiten Bogen um die Gepflogenheiten des Mainstream-Jazz - so verwendet er in seinen Stücken zum Beispiel nicht-diatonische Quintenstrukturen oder die Sonatenform. Bei beiden Formationen fragt man sich oft: Wo hört die Komposition auf, wo beginnt die Improvisation? Lachend meint Neumeister: «Wenn ich überhaupt für etwas berühmt bin, dann dafür, komplexe Musik zu schrieben.» Er sei eben ambitioniert und halte immer Ausschau nach dem nächsten Level, analysiert sich Neumeister selbst und ist sich im Klaren darüber, dass es nicht allzu viele Musiker gibt, die den Herausforderungen seiner Stücke gewachsen sind.
Um seinen Kopf frei fürs Komponieren zu machen, meditiert Neumeister. Allerdings ergibt sich dann der Fluss der Intuition zumeist erst nach konstruktiver Vorarbeit: «Wenn ich viel Zeit habe, mache ich unzählige Skizzen und wenn ich Glück habe, kann ich einen Zehntel davon gebrauchen. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo das Stück ein Eigenleben bekommt und ich die Kontrolle mehr und mehr verliere. Dann sagt mir das Stück, wo es langgehen soll.» Jazzmusikern, die sich für kompositorische Aspekte interessieren, empfiehlt Neumeister die Kontrapunkt-Abhandlungen von Fux und Schönberg, Ernst Tochs «The Shaping Forces in Music» (1948; dt. «Die gestaltenden Kräfte der Musik», 2005) sowie das Studium von Partituren. Um von tanzenden Hunden, schönen Frauen, Wolken oder Schneebergen inspiriert werden zu können, müsse man zuerst einmal das Handwerk beherrschen, gibt Neumeister zu bedenken. Die abschliessende Frage nach seinen drei Lieblingsposaunisten beantwortet er nach einen kurzen Lacher wie aus der Kanone geschossen: J. J. Johnson, Frank Rosolino und Albert Mangelsdorff.www.edneumeister.com
Tom Gsteiger