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Der Restaurierungsversuch des Frescos Ecce Homo, das sich im Santuario de la Misericordia in Borja (Provinz Saragossa) befindet und dem Künstler Elías García Martínez zugeschrieben wird, war eigentlich gut gemeint. Die über 80-jährige Hobbymalerin hat allerdings mit ihrem eigenmächtigen, durch religiösen Wahn gelenkten Eingriff das Werk im Sommer 2012 arg beschädigt.1 Die Nachricht hat im Internet viel Spott ausgelöst,2 obwohl diese Arbeit nicht weit von dem entfernt ist, was im audiovisuellen Bereich täglich als Restaurierung vermarktet wird und das breite Publikum im Unterschied zum erwähnten Fresco oft als qualitativ besser als das originale, überlieferte Werk empfindet.
Grundsätzliches
Bei der täglichen Arbeit mit audiovisuellen Medien stossen meine Mitarbeitenden und ich leicht an die ethischen Grenzen von Konservierung und Restaurierung. Die Problematik hat sich mit dem technologischen Wandel vom analogen, fotochemischen Labor hin zu digitalen Möglichkeiten der heutigen IT massiv verstärkt. Die Hauptfrage in diesem Zusammenhang lautet deshalb: Wie stark wirkt sich diese Tatsache auf die Quellen aus, die wir heute fabrizieren und den zukünftigen Generationen von Historikern, Wissenschaftlern und Publikum für die Geschichtsschreibung zur Verfügung stellen? Ich möchte deshalb einige Gedankenanstösse zu einem kritischeren Umgang mit audiovisuellen Quellen liefern, die einst analog entstanden sind und jetzt digital erhalten werden (müssen). Der Schweizerische Verband für Konservierung und Restaurierung (SKR) beschreibt in seinem Berufsbild die Restaurierung wie folgt:
Die Restaurierung schliesst alle Eingriffe und Behandlungen ein, die der Wiederherstellung eines bestimmten historischen Zustands dienen und die zur Lesbarkeit, zur ästhetischen Integrität oder zur erneuten Verwendung eines Objektes beitragen. Restauratorische Eingriffe sind oft irreversibel und verlangen grösste Sorgfalt bei der Planung, Begründung, Ausführung und Dokumentation.3
In der täglichen Arbeit unseres Ateliers erachten wir es nur dann für sinnvoll, eine Restaurierung vorzunehmen, wenn drei Grundsätze eingehalten und erfüllt werden können:
— Die Wahrscheinlichkeit, dass in der Zukunft ein Werk in seiner Integrität weiter erhalten bleibt, ist vergrössert. – Hat nach der Restaurierung die Wahrscheinlichkeit des Überlebens abgenommen, dann ist gewiss etwas schiefgelaufen; und wenn die Wahrscheinlichkeit gleich bleibt, dann wurde einfach Geld aus dem Fenster geworfen.
— Alle Möglichkeiten der Bearbeitung, die vor einem Eingriff gegeben waren, bleiben auch nach dem Eingriff weiter bestehen. – Wir sind nämlich der Meinung, dass die Restauratoren heute kein Recht haben, ihren Kollegen in der Zukunft die Türen für weitere Eingriffe zu verschliessen. Im Gegenteil: Die heutige Arbeit muss alle Möglichkeiten für die Zukunft offen halten, ja sogar neue erschliessen. Auch wenn dies in der Praxis nicht immer genau so umsetzbar ist, sollte es mindestens als Orientierung dienen und in die Richtung weisen, in die man sich bewegen soll.
— Jeder Bearbeitungsschritt wurde sorgfältig dokumentiert. – Besonders wichtig ist uns, dass jene Schritte mit aller Offenheit und Transparenz deklariert werden, bei denen eine Veränderung entsteht, vor allem, wenn sie irreversibel ist.
Mit dem Wechsel von der analogen Konservierung und Restaurierung von Filmrollen und Magnetbändern zur digitalen Sicherung und Pflege von Dateien kommen zurzeit oft nur Informatiker zum Zuge, die meistens die bewährten Grundprinzipien der Konservierung und Restaurierung nicht kennen und davon ausgehen, dass sie mit kurzer Lektüre das fünfjährige Studium des anderen Berufes wettmachen können. Das ist bedenklich, weil damit die Daten, die der nächsten Generation vermacht werden, leichthin dem heutigen Gusto entsprechend manipuliert werden, ohne dass unsere Nachkommen von den ursprünglichen Daten ausgehend eine andere restauratorische Bearbeitung machen könnten. Ich möchte meine Behauptung mit einigen Erläuterungen stützen.
Digitalisierung
Die Schwierigkeiten entstehen bereits bei der Digitalisierung und bei der Wahl des Formates, mit dem die digitalen Bilddateien generiert werden. Schon bei den elementarsten technischen Spezifikationen ist der Laie (und auch der gewappnete Archivar) nämlich dem IT-Marketing ausgeliefert. Er ist in den meisten Fällen nicht in der Lage, zwei Dateien wissenschaftlich zu beurteilen und zu entscheiden, welche objektiv besser ist. Wer weiss zum Beispiel, dass die Angabe 4:2:2 eine komprimierte Datei bezeichnet, bei der ein Drittel der ursprünglich vom Bildsensor digitalisierten Bildinformation bereits eingangs von der Grafikkarte wegkomprimiert wurde? Es wird in der Regel als nicht komprimiertes Format gehandhabt und anderen komprimierten Formaten wie 4:2:0 oder MPEG-2, MPEG-44 oder ProRes entgegengestellt. Trotzdem handelt es sich um einen Informationsverlust.
Restaurierung
Der allererste Bearbeitungsschritt besteht oft in der vollständigen Stabilisierung des Bildes. Damit soll die Bildinformation ausgebessert werden. Die meisten Algorithmen, die dazu eingesetzt werden, lösen die Probleme, in dem sie sie ausblenden und einen bestimmten Unschärfegrad hinzurechnen. Damit der Zuschauer dies nicht bemerkt, wird in der Regel am Kontrast geschraubt: Steigert man nämlich den Kontrast ein wenig, erscheint das Bild dem menschlichen Auge als schärfer. Zudem wird im Allgemeinen das Korn stark reduziert. Das Resultat sind meistens gestochen scharfe, an Plastik erinnernde und eingefrorene Bilder, die mit dem ursprünglichen, «lebendigeren» Seherlebnis nur noch wenig gemeinsam haben.
Ein Beispiel: Das 4. Technicolor-Farbverfahren war von 1932 bis 1953 äusserst populär. Es hatte die technisch bedingte Eigenschaft, dass die drei subtraktiven Farben (Blaugrün, Purpur und Gelb) in unterschiedlicher Bildqualität vorkommen. In der Vorführkopie ist Rot am unschärfsten: Bereits in der damaligen technischen Literatur war von «ausbluten» die Rede.5 In den meisten neuen Restaurierungen wurde dies aber als Fehler eingestuft, den es zu korrigieren galt, und nicht als ein Charakteristikum des Verfahrens. Die drei Farbmatrizen wurden deshalb pixelgenau digital übereinandergelegt. Der Effekt eines leichten Weichzeichners und das etwas verschwommenere Rot sind somit vom Bild verschwunden, was das Seherlebnis stark verändert.
Archivierung
Heute wird aus Kostengründen oft nur das Endresultat, also die bearbeitete Datei, gespeichert und gepflegt, nicht aber die während der Digitalisierung erzeugte «Ur-Bilddatei». Es ist zudem in der Praxis kaum möglich, die Arbeit so zu dokumentieren, dass der gesamte Prozess nochmals durchgespielt werden könnte, von den Rohdaten der Digitalisierung bis hin zum fertig restaurierten Film oder Video. Und die meisten Archive können es sich heute weder leisten, die Dateien mehrfach in geografisch getrennten Orten zu sichern, noch sie fachgerecht zu pflegen, das heisst, sie ständig zu prüfen und bei Bedarf umzukopieren oder zu migrieren.
Aber der Zahn der Zeit nagt unweigerlich am analogen Original. Wenn sich dieses chemisch zersetzt hat, wird es nicht mehr möglich sein, den Urzustand des Werkes oder des Dokumentes zu erkennen: Bald wird es nur noch manipulierte Digitalisate geben... Deshalb muss weltweit rasch ein Umdenken stattfinden!