Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03145.jsonl.gz/1075

Eine Veränderung fand statt. Die Temperaturen stiegen an, die Zahl der Tagestouristen nahm zu, die Wildblumen begannen zu blühen und die Farbe des immergrünen Teppichs wurde leichter. Ich begann die Menschen zu mögen.
Der Sohn des Krabbenfischers warf seine Körbe jetzt täglich aus – die frischen Krabben verkauften sich gut.
Fräulein Mö blieb in der Nähe des Hauses. Ich baute ihren Unterschlupf aus und beschäftigte mich vermehrt im Garten. Auch meine Geschichte nahm langsam Fahrt auf.
Der Sommer war da und die Insel bereitete sich für das Schafrennen vor.
Text: Susan Brandy
Ich holte eines der Tagebücher hervor, schlug es in der Mitte auf, betrachtete die in der schwungvollen Handschrift des Alten hingeschriebenen Worte, die mein Bewusstsein jedoch nicht erreichen konnten. Schnell legte ich das Buch in sein Versteck zurück.
Später besuchte mich der Sohn des Krabbenfischers und brachte mir Fisch für Fräulein Mö. Er erzählte mir von den gemeinsamen Erlebnissen mit dem Alten. Wie der Alte beim Anlanden ins Wasser gefallen war, weil er sich im Seil eines Fangkorbs verheddert hatte. Oder, wie die Möwe jeweils auf dem Dach des Bootshauses auf sie gewartet hatte. Und von dem Tag, an dem der Alte seine Krankheit nicht mehr vor ihm verbergen wollte.
Text: Susan Brandy
Während der nächsten Tage ereignete sich wenig und ich ging meiner Routine nach, kaufte ein und erkundete die Insel. Dann begann ich, das Hafen-Café regelmässig zu besuchen. Das Beobachten der fröhlichen Hektik, die von den ankommenden Tagestouristen ausging, tat mir gut. Auch die leisen Drohungen meines Agenten schienen für einmal hilfreich gewesen zu sein: Ich schrieb.
Am späten Nachmittag sass ich jeweils vor dem Haus und las oder sprach mit Fräulein Mö, die sich als aufmerksame Zuhörerin erwies. Während ich ihr meine Geschichten erzählte, stolzierte sie über die Wiese und beäugte mich neugierig. Las ich in einem Buch, wagte sie sich etwas näher an mich heran.
Irgendwann in dieser Zeit rang ich mir auch die aufgeschobenen Telefonate mit den Maklern vom Festland ab. Es ergab sich keine Sympathie und ich hielt mich bedeckt, weil ich nicht wollte, dass die Inselbewohner von meinen Plänen erfuhren – sie hatten den Alten gemocht.
Doch trotz aller Geschäftigkeit schaffte ich es nicht, mich von den Tagebüchern in der Eckbank abzulenken. Der Alte verlangte nach mir..
Text: Susan Brandy
Fräulein Mös zarte Knochen heilten schnell. Nachdem wir ihr vor dem Haus den Verband abgenommen hatten, spannte sie die Flügel, bewegte diese ein paar Mal auf und ab und machte einen Flugversuch, der ihr auf Anhieb gelang, wenngleich der gebrochene Flügel etwas schief hing. Wenig später stand sie auf dem Dach des Ateliers und beobachtete uns. Dann hob sie erneut ab, drehte eine Runde über das Grundstück und kehrte zu ihrer Behausung zurück.
Ich hatte eine Freundin gefunden.
Text: Susan Brandy
Ich war Ende vierzig, als ich auf die Insel kam, und ich war nirgendwo verwurzelt. Mein Haus auf dem anderen Kontinent hatte ich für die Dauer meiner Inselzeit einem Freund überlassen. Ich kam aus einer gescheiterten Familie und hatte mehrere gescheiterte Beziehungen hinter mir. Und ich war eine erfolgreiche Autorin, die der Realität zuweilen wenig Bedeutung zumass. Es gab Zeiten, in denen ich nicht fühlte.
Mein erster Impuls, als ich die Tagebücher gefunden hatte, war, sie in ihr Versteck zurückzulegen und sie zu vernichten, sobald ich die Insel wieder verlassen würde.
Doch tat ich weder das eine, noch das andere, und heute sind sie mir zu treuen Begleitern geworden. Genauso wie der Sohn des Krabbenfischers, dem ich lange nichts von den Büchern erzählt hatte.
Text: Susan Brandy
Er hatte sein Leben mit blauer Tinte festgehalten und die Tagebücher in der Eckbank versteckt. In einem abschliessbaren Hohlraum, auf dessen Klappe ich seit meiner Ankunft jeden Tag gesessen hatte.
Ich weiss nicht mehr wie lange ich dort gestanden und die Bücher angestarrt hatte, bevor ich damit begann, sie aus ihrem Versteck zu heben, um sie nach Jahrgang sortiert vor mir auf den Tisch zu legen.
Den ersten Eintrag, den ich fand, hatte der Alte vor sechsundzwanzig Jahren gemacht, kurz bevor er auf die Insel gezogen war. Ich las ihn nicht.
Draussen erzählte ich Fräulein Mö von meinem Fund. Genau wie der Alte damals hatte auch ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt. Sie hatte sich gut erholt. In wenigen Tagen würde ich sie von ihrem Verband befreien können.
Text: Susan Brandy