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Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Grounding ist ein kleines Überbleibsel der Swissair noch immer aktiv. Der frühere Firmen-Amateurfunk-Klub trägt die einstige «nationale» Fluggesellschaft weiterhin in seinem Namen.
Ein Beitrag von Alois Feusi
«Ich wusste gar nicht, dass der Panama-Kari gestorben ist», krächzt Heinz, Rufzeichen EA3EHC, mit atmosphärisch verzerrter Stimme aus dem Tischlautsprecher. «Wir hatten in der Seeräuber-Runde immer wieder mal Kontakt miteinander.» Darauf berichtet der frühere Berufsfeuerwehrmann aus Zürich, dass es an seinem Alterssitz in Südspanien noch immer milde 21 Grad warm sei. Es liege aber ein Waschküchennebel über der Gegend, der die Bauern bei der Olivenernte auf den feuchten Sprossen ihrer Leitern ausrutschen lasse.
Dann übergibt YU9XMC alias Edy aus Belgrad an den nächsten Teilnehmer: Es ist kurz nach 12 Uhr 30, und soeben hat die Auslandschweizer-Runde der Funkamateure begonnen. Um diese Zeit sitzen stets eine Handvoll Schweizer europaweit an ihren Sendern, um mit Kollegen zu plaudern, wie Peter Jost, Rufzeichen HB9CET, erklärt. Vor der Auslandschweizer-Runde hatte Jost Sprechkontakt zum Botschaftsfunk in Bern sowie mit dem Mann vom Sicherheitsnetz Funk der Schweiz in Spiez.
Jost, ein pensionierter technischer Kaufmann für Elektronik aus Zürich, fährt regelmässig nach Kloten. In einem kleinen Gebäude der Industriellen Betriebe im Bösmoos setzt er sich dann an ein Pult mit Sendern und Empfängern, Computern und anderem technischen Gerät. Der mit vergilbten Eierkartons ausgekleidete Raum mit Ausblick auf grüne Wiesen ist das Klublokal des Radio Amateur Club Swissair (RACS), und Jost ist dessen Präsident. Der Klub mit derzeit 56 Mitgliedern ist das letzte Überbleibsel der Swissair, das noch deren Namen trägt. 1967/68 hatte der Swissair-Fernmeldedienst die Station eingerichtet, um mit den Langstreckenflugzeugen auf Kurzwelle einen dauerhaften Sprechfunkverkehr zu gewährleisten. Ab 1973 wurde die Anlage nicht mehr benötigt. Einige Funkamateure aus dem Swissair-Personal gründeten in der Folge 1974 den RACS mit dem Rufzeichen HB9VC.
Gemäss den Statuten stand der Klub eigentlich ausschliesslich Swissair-Angestellten offen. Für Peter Jost wurde diese Satzung eigens geändert, denn der heutige Präsident war «nur» der Ehemann einer Swissair-Angestellten. Und Edi Bosshard, Mitinhaber eines Augenoptiker-Geschäfts in Oerlikon mit sehr ausgeprägtem Flair für alles Technische und heutiger Beisitzer im Klubvorstand, musste rund 20 Jahre warten, bis er nach der Öffnung des RACS 2004 endlich beitreten konnte. Jene Umstrukturierung zum offenen und unabhängigen Verein nach Zivilgesetzbuch ist auch der Grund dafür, dass der Klub den Namen Swissair unbehelligt von Nachlassverwaltern weiter tragen darf.
Der einzige waschechte Swissair-Mann an diesem Mittag ist Walter Sieber, Rufzeichen HB9BHY. Sieber steht wenige Tage vor der Pensionierung als Angestellter von SR-Technics und ist technischer Leiter der Station. Er ist der erfolgreichste «Briefmarkensammler» im Klub, wie Edi Bosshard witzelt. Das heisst, er morst andere Stationen auf der ganzen Welt an, von denen es Zigtausende gibt, tauscht mit diesen Rufzeichen und Angaben über Signalstärke, Gerätschaften und Sendeleistung aus und fügt sie so seiner Sammlung bei. Mehrere exklusive Diplome aus aller Welt zeugen von Siebers Geschick und Geduld als Stationensammler.
Peter Jost kommt dem Bild, das sich Laien von Amateurfunkern machen, am nächsten. «Ich führe gerne ein gemütliches Gespräch mit Kollegen vom Nordpol bis zum Südpol und vom Pazifik bis Oberwil», erklärt er. Edi Bosshard dagegen macht sich wenig aus Unterhaltungen über Funk, und morsen kann er auch nicht. Er ist ein klassischer Tüftler, der am Basteln und Bauen von Geräten interessiert ist und unter anderem auch Antennen für einen Hersteller in den USA optimiert. «Wenn ein Gerät einmal läuft, verliert es für mich viel von seinem Reiz», sagt Bosshard.
Vor 30 Jahren sorgte er in Amateurfunkkreisen mit einer Verbindung mit einem Helium-Neon-Laser zwischen Stein am Rhein und dem Salen bei Wangen in Deutschland für Aufsehen. Das Projekt war das Resultat eines Stammtischgesprächs zwischen Funkern in Winterthur. Dabei arbeiteten der in der Optik bestens bewanderte Bosshard und ein Funkerkollege mit einfachsten Mitteln; den Parabolspiegel setzten sie aus sieben Rasierspiegeln aus dem Kaufhaus zusammen. – Solche Experimentierfreudigkeit deckt sich perfekt mit den Satzungen der internationalen Fernmeldeunion. Dort heisst es nämlich, dass Amateure technischen Experimentalfunk betreiben. Anregende Unterhaltungen mit Kollegen aus aller Welt sind letztlich bloss ein – natürlich sehr willkommener – Zusatznutzen.
Quelle NZZ
Hinweis Joe HB9AJW, Kaspar HB9EGZ