Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/3124

Die Zeit des Langenthaler „Kulturprotestantismus“
Langenthal hatte 1872 mit der Abschaffung des verbindlichen Bekenntnisses bei der Taufe durch die Kirchgemeindeversammlung einer offenen, demokratisch strukturierten Landeskirche den Weg bereitet. Das kantonale Kirchengesetz von 1874 gab dieser Landeskirche eine rechtliche Gestalt. Das Leben einer bernischen Kirchgemeinde wurde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein von Pfarrerpersönlichkeiten geprägt. In Langenthal wirkten zwischen 1872 bis 1930 nur liberale Pfarrerpersönlichkeiten und drückten dem Leben der Kirchgemeinde einen besonderen Stempel auf. Es waren Pfarrer, die sich stark im gesellschaftlichen Leben engagierten und im sozial-kulturellen Bereich das gesamte Leben im Dorf bereicherten. Johann Blaser (1836-1902) förderte als Präsident der Sekundarschule den Ausbau dieser Bildungseinrichtung, als Mitglied der Spitaldirektion den Aufbau des neuen Spitals und setzte sich für die Aufarbeitung der Geschichte des Dorfes ein, indem er 1898 die erste Kirchen- und Dorfgeschichte schrieb. Sein Sohn Hans Blaser (1878-1936) wurde ebenfalls Pfarrer in Langenthal. Er setzte sich als Helveter für die Langenthaler Tagungen der Studentenverbindung „Helvetia“ ein, und half das Kadettenwesen umstrukturieren.Als der jüngere Blaser begann, sich für die Arbeiterschaft zu engagieren, irritierte das den freisinnigen Kirchgemeinderat und Hans Blaser zog nach Bern, wo er später Gemeinderat der Stadt und Nationalrat wurde. Robert Schedler, (1866-1932) leistete auf gemeinnützigem und kulturellem Gebiet Ausserordentliches. Er war Direktionspräsident am Spital, förderte als Schriftsteller den Aufbau des Theaters organisierte die Altersfürsorge und initiierte die lokale Sektion von Pro Juventute. Er war auch Autor des Schulromans „Der Schmied von Göschenen“ und des noch heute wertvollen „Wanderbuchs für den Oberaargau und das Unteremmental“.
Die durch das langjährige Wirken dieser Pfarrer geprägte Zeit des Kulturprotestantismus endete erst, als 1930 mit Pfarrer Albert Lüscher (1896-1971) ein bibeltreuer Seelsorger gewählt wurde, der mit seiner evangelikalen Verkündigung die Kirchgemeinde spaltete. Er wirkte ab 1930 neben dem liberalen Pfarrer Schneeberger. Der Konflikt zwischen den beiden führte zur Gründung der beiden kirchlichen Vereinigungen, den „Liberalen“ und den „Positiven“, deren produktives Mit- und Nebeneinander das kirchgemeindliche Leben bis ins Jahr 2000 prägte.
Weiterführende Literatur
Simon Kuert: Der Gemeindegedanke in der Kirchengeschichte Langenthals,
Langenthaler Heimatblätter 2007, S. 135 - S. 243
Dieser Text wurde von Langenthals ehemaligem Stadtchronisten Simon Kuert verfasst.
Bild:
Pfr. Robert Schedler (1866-1932)