Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/2920

Die schwedische Stadt Göteborg führt für ihre Angestellten den 6-Stunden-Arbeitstag ein. Das macht nicht nur glücklich – sondern auch reich.
Die schwedische Stadt Göteborg startet ein Experiment in Sachen Arbeitszeit. Sie unterteilt ihre Angestellten in zwei Gruppen: Die eine Hälfte arbeitet wie bis anhin sieben Stunden am Tag, die andere bloss noch sechs Stunden – bei gleichem Lohn natürlich. «Danach vergleichen wir die Arbeitsleistungen der beiden Gruppen und analysieren, wie sie sich unterscheiden» erklärt Mats Pilhelm, der stellvertretende Bürgermeister in der Zeitung «The Local».
Die Stadtverwaltung von Göteborg will mit der Arbeitszeitverkürzung keine Geschenke verteilen, sondern Kosten senken und neue Jobs schaffen. «Wir hoffen, dass die Mitglieder der Gruppe, die weniger arbeitet, weniger krank sein und mehr Leistung bringen werden», führt Pilhelm weiter aus. Er verweist auf die Pflegeberufe, in denen lange Schichten dazu führen, dass ineffizient gearbeitet wird. Ebenso hat der Autohersteller Volvo in Göteborg mit dem 6-Stunden-Arbeitstag sehr gute Erfahrungen gemacht.
Das Beispiel Göteborg zeigt, dass die Diskussion um die Verkürzung der Arbeitszeit wieder brandaktuell geworden ist. Immer mehr Tätigkeiten werden heute nicht mehr von schlecht bezahlten Arbeitskräften in Entwicklungsländern gemacht, sondern von hoch entwickelten Maschinen. Intelligente Software kann heute Verträge überprüfen, Sprachen übersetzen und sogar einfache journalistische Texte schreiben.
So gesehen ist es sinnvoll, die Arbeit vernünftig auf alle Erwerbstätigen zu verteilen und die Arbeitszeit zu reduzieren. Genau dies hat man lange Zeit in den Industriestaaten auch getan: In der Schweiz sank zwischen 1950 und 1980 die durchschnittliche Arbeitszeit um 18 Prozent, in Deutschland sank die jährliche Arbeitszeit gar um 27 Prozent von 2372 auf 1717 Stunden.
Diese Entwicklung war möglich, weil die Produktivitätsgewinne der Wirtschaft gleichmässig an Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt wurden. In den 1980er Jahren stoppte diese Entwicklung, in den 1990er Jahren verkehrte sie sich sogar in ihr Gegenteil. Die Arbeitszeiten begannen teilweise wieder zu steigen.
In der deutschen Metall- und Elektroindustrie etwa erhöhte sich die Normalarbeitszeit zwischen 1993 und 2012 von 36,5 auf 37,9 Stunden in der Woche. Die Unternehmen nutzten die Gunst der Stunde, beziehungsweise die neuen Verhältnisse einer globalisierten Wirtschaft und drückten ihre Forderung «mehr Arbeit für gleich viel Geld» rücksichtslos durch.
Die Gewinne aus der steigenden Produktivität wurden nicht mehr verteilt, sondern flossen einseitig in die Taschen der Aktionäre. Technischer Fortschritt und Globalisierung haben den Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten gründlich umgekrempelt.
Einerseits ist eine neue Arbeiterelite entstanden, gut ausgebildete Arbeitskräfte, welche die komplexen Maschinen bedienen können. Anderseits gibt es immer mehr Arbeitskräfte, die nicht mehr mithalten können und auch nicht mehr gebraucht werden, vor allem schlecht ausgebildete, junge Männer. Sie fallen aus dem Arbeitsmarkt.
Auch wer einen guten Job hat, hat oft nichts zu lachen. Allgemein hat der Stress am Arbeitsplatz zugenommen, und damit auch die Überforderung der Menschen. Deshalb sind psychische Krankheiten auf dem Vormarsch, vom Burnout bis hin zur Depression.
Dass in Schweden mit einer Verkürzung der Arbeitszeit experimentiert wird, ist kein Zufall. Das nordische Modell – so nennt man die Wirtschaftsordnung in Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland – unterscheidet sich vom typischen Shareholder-Kapitalismus. Es legt sehr viel mehr Gewicht auf sozialen Ausgleich und versucht, die harten Seiten der Marktwirtschaft abzufedern und den Bedürfnissen der Menschen anzupassen. Es handelt sich dabei nicht um ein sozialistisches Modell. Nur Dänemark hat derzeit eine gemässigt sozialdemokratische Regierung, die anderen drei Länder werden bürgerlich regiert.
Nach einer Krise zu Beginn der 1990er Jahre ist das nordische Modell wieder sehr erfolgreich geworden. Die Skandinavier gehören nicht nur zu den reichsten, sondern auch zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Viele ihrer Institutionen haben Modellcharakter, Finnlands Schulen beispielsweise, oder der dänische Sozialstaat, die so genannte «Flexicurity». Typisch für das nordische Modell sind auch lange Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaube. Es ist daher kein Zufall, dass jetzt in Göteborg ein Versuch gestartet wird, wie man technischen Fortschritt und menschliche Arbeitsformen in Einklang bringen will.