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Ehrlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung für das soziale Zusammenleben und Funktionieren von Gesellschaften. Aber wie beeinflussen monetäre Anreize für unehrliches Verhalten Ehrlichkeit? Verschiedene Theorien machen diesbezüglich unterschiedliche Vorhersagen: Klassische ökonomische Theorien sowie Theorien, die altruistische Tendenzen berücksichtigen, gehen davon aus, dass Unehrlichkeit mit zunehmenden materiellen Anreizen zunimmt. Psychologische Theorien, die auf der Aufrechterhaltung des Selbstbildes basieren, nehmen an, dass Menschen sich unehrlich verhalten, solange dies keine negativen Auswirkungen auf ihr Selbstbild hat. Allerdings ist unklar, wie die Sorge um das Selbstbild mit monetären Anreizen zusammenhängt.
Cohn, Maréchal, Tannenbaum und Zünd (2019) untersuchten den Einfluss monetärer Anreize auf Ehrlichkeit in einer länderübergreifenden Studie. Dazu gaben sie über 17.000 „verlorene“ Portemonnaies mit Kontaktinformationen in öffentlichen Gebäuden (z.B. Banken, Hotels, Gerichten) in 355 verschiedenen Städten in 40 Ländern ab und manipulierten, ob sich Geld darin befand. Die Ehrlichkeitsquoten waren von Land zu Land sehr unterschiedlich (14-76%; Spitzenreiter: Schweiz). In fast allen untersuchten Ländern zeigte sich aber ein Anstieg der Ehrlichkeit bei monetären Anreizen: Die Empfänger kontaktierten den angeblichen Besitzer eher, wenn das Portemonnaie Geld enthielt (51% vs. 40%). In einigen Ländern wurde zusätzlich die Höhe des Geldbetrages manipuliert. Dabei zeigte sich, dass die Melderaten mit größeren Geldbeträgen noch weiter ansteigen.
Im Rahmen der Studie wurden auch verschiedene Gruppen nach ihren Erwartungen bezüglich der Ergebnisse befragt. Weder Laien noch Wirtschaftswissenschaftler sagten diese korrekt vorher. Vor allem Laien erwarteten, dass die Melderaten mit größeren Geldbeträgen sinken würden. Warum geben Menschen eine verlorene Geldbörse häufiger zurück, wenn sie (mehr) Geld enthält? Die Autoren erklären Ehrlichkeit durch das Zusammenspiel von vier Faktoren: (1) ökonomischer Nutzen, (2) Kosten der Kontaktaufnahme mit dem Besitzer, (3) altruistische Sorge um das Wohlergehen des Besitzers und (4) Kosten für das eigene Selbstbild durch Nicht-Melden (Selbstbild als Dieb). Mit dem finanziellen Anreiz steigt nicht nur der ökonomische Nutzen, sondern auch die altruistische Sorge und die psychologischen Kosten für das eigene Selbstbild, die letztlich überwiegen können. Somit kann ein finanzieller Anreiz zur Unehrlichkeit paradoxerweise Ehrlichkeit fördern. Die Unterschiede zwischen Ländern scheinen neben Wohlstand auch mit geographischen und politischen Faktoren, Bildung und Werten zusammenzuhängen.
Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, sein verlorenes Portemonnaie zurückzubekommen, ist länder-übergreifend höher, wenn sich (viel) Geld darin befindet.
Cohn, A., Maréchal, M. A., Tannenbaum, D., & Zünd, C. L. (2019). Civic honesty around the globe. Science, 365(6448), 70–73. https://doi.org/10.1126/science.aau8712
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