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Kapitel 1:
Marsyas
David Clay fragte sich, wie es wohl war, bei lebendigem Leib gehäutet zu werden. Ein höllischer Schmerz, das bestimmt. Unvorstellbares Grauen. Seltsam also, dass die Gestalt, die er betrachtete, Gleichmut ausstrahlte, als hätten die Leute ringsum die Klingen nur geschärft, um ihm die Bartstoppeln zu stutzen oder ein Geschwür aufzustechen. Nicht um ihm qualvoll Zoll um Zoll die Haut vollständig zu entfernen.
Das Opfer war kopfüber an einem Ast aufgehängt, mit einem dicken Strick um die Knöchel – hübsche, behaarte Knöchel, mit Pferdefüßen obenauf. Ein zweiter Strick war ihm um die Handgelenke gebunden, die über seinen Kopf herunterhingen. In Anbetracht dieser qualvollen Lage und der Folter, die ihm bevorstand, wirkte er auf eine groteske Weise entspannt.
»Marsyas ist im Begriff, geschunden zu werden«, sagte Kate. »Geschunden in dem Sinn, dass ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen werden soll. Das ist seine Strafe dafür, dass er sich angemaßt hat, mit den Göttern zu wetteifern – eine Lektion für uns alle, könnte man meinen.«
David hatte sich nur schwer aufraffen können, überhaupt zu kommen, aber jetzt wurde es doch interessanter, als er erwartet hatte. Die unverbindliche Einladung einer alten Freundin, die er seit Jahren nicht gesehen hatte, reichte im Allgemeinen nicht aus, ihn nachmittags in einen Hörsaal zu locken, aber im letzten Augenblick hatte doch die Neugier gesiegt. Schließlich war es Kate Holland, die den Vortrag hielt – nicht irgendeine alte Bekannte. Und so war er durch den Mittsommerregen geeilt, um sich unter die Zuhörer in der Nationalgalerie zu mischen. Im dicht besetzten Hörsaal fand er sich schließlich wieder zwischen einer Frau mit strenger Miene und weißem Haar und ein paar ausländischen Studenten, die mit gespitztem Bleistift über ihren Notizblöcken saßen, um jedes Wort festzuhalten.
Kate hatte ihre Zuhörer seit über vierzig Minuten in ihren Bann geschlagen. Sie sprach gut, und ihr Stoff war faszinierend. David konnte kaum glauben, dass sie je unter Redeangst gelitten haben sollte, wie sie behauptet hatte, als sie sich ein paar Tage zuvor zufällig über den Weg gelaufen waren. »Ich weiß gar nicht, wieso ich dich überhaupt einlade«, hatte sie lachend gesagt. »Ich werde auch so schon nervös genug sein.«
Von Nervosität war jetzt allerdings nichts zu spüren. Sie sah gut aus, wirkte selbstbewusst und souverän. Die Jahre hatten es gut mit ihr gemeint. Kate besaß die Art Attraktivität, die nicht vergeht, ein kräftiges, intelligentes Gesicht und ausdrucksvolle braune Augen. Sie hatte ihre Figur nicht verloren und wusste sie vorteilhaft zur Geltung zu bringen. Ein tiefschwarzes seidig schimmerndes Jackett spannte sich straff über ihren vollen Brüsten, und der Rock fiel ihr ungleichmäßig wallend von den Hüften. Ein Outfit, das Autorität und Stil zugleich zum Ausdruck brachte, während die hochhackigen Sandalen in einem knalligen Blutrot davor warnten, sie allzu schnell in eine Schublade zu stecken. Kleidung, die zu ihrem Auftritt passte: hoch professionell, aber nicht eine Sekunde schablonenhaft oder ausdruckslos.
Sie sah ein ganzes Stück besser aus als vor fünfundzwanzig Jahren, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, – wenn man ihr zufälliges Zusammentreffen an der South Bank Anfang der Woche beiseite ließ. Damals lag sie voll gepumpt mit Schmerzmitteln in einem Eisenbett auf der Station eines italienischen Krankenhauses, dicke Verbände wie einen Helm um den Kopf gewickelt. Francescas Tod hatte jede Möglichkeit einer Beziehung zerstört. »Ich will vergessen«, hatte sie zu ihm gesagt. »Ich will dich nicht wieder sehen, nie wieder.« Und hatte damals sein jugendliches Herz gebrochen. Die ersten Zurückweisungen sind immer die schlimmsten, wenn man noch nicht gelernt hat, dass die Zeit selbst die tiefsten Wunden heilt.
Kate erklärte eben, dass das Gemälde auf der Leinwand eine Kopie des berühmten Tizians sei, der in Prag hinge. »Auf Tizians weitaus bedeutenderem Original«, erklärte sie, »ist bereits ein erster Einschnitt in Marsyas’ Fleisch zu sehen, und ein kleiner Hund leckt das Blut auf, das aus der Wunde tropft. Hier hingegen ist alles von erwartungsvoller Spannung erfüllt.« Sie hielt einen Augenblick inne und steckte sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr, bevor sie leise hinzufügte: »All das Grauen liegt noch vor uns.«
Eine vage Erinnerung stieg in David auf.All das Grauen liegt noch vor uns. Wo hatte er diese Worte schon einmal gehört? Eine Gedichtzeile vielleicht, oder ein Satz aus einem Film? Nein, es war etwas Persönlicheres. Woher auch immer, der Satz hatte etwas Schwere