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Die Corona-Krise ist dafür verantwortlich, dass ich 2020 zum ersten Mal seit 1945 keinen pferdesportlichen Anlass besuchte. Das Osterspringen in Amriswil, die CSI ‘s-Hertogenbosch und Göteborg, der Weltcupfinal in Las Vegas, bei denen man an einen Besuch gedacht hatte, mussten abgesagt werden. Auch der CSIO St. Gallen, wo der SVPS das Jubiläumsbuch präsentieren wollte, fiel aus, wie auch das finnische Turnier in Hanko und das Maimarktturnier in Mannheim. Und in der kommenden Hallensaison werden Wunschturniere wie Helsinki nicht stattfinden. Diese Zwangsabstinenz und die vielen Wochen zu Hause geben die Gelegenheit, sich mit alten Akten, Schachteln und Ordnern zu befassen. Dabei stiess ich auf einen Brief von Alphonse Gemuseus, den der Olympiasieger von 1924 mir am 3. Juni 1969 geschrieben hatte. Da von ihm nicht viel Schriftliches vorhanden ist, seien seine damaligen Worte hier aufgeführt, auch als gedankliche Anregung an uns, sich mit der Entwicklung des Pferdesports zu befassen. Diese Worte reflektieren das bescheidene Wesen des Olympiasiegers. Erstaunlich immerhin, dass er neben dem «nationalen Prestige» die Kommerzialisierung des Sports nicht erwähnt. Der Weltcup, das erste kommerzielle Projekt der FEI war zwar 1969 noch zehn Jahre weg und in den Nationenpreisen wurde noch ohne Preisgeld geritten. Aber beim CHIO Aachen war in den 60er-Jahren das erste 100000-Dollar-Springpferd (Jacks or Better) gestartet und der Zwang, die Preisgelder zu erhöhen, war spürbar. Auch konnte man annehmen, dass bei den immer mehr die Offiziere verdrängenden Rotröcken der Anteil der wohlhabenden Amateure gegenüber den bezahlten Profis zurückgehen würde.
Kein neues Phänomen
Das von Gemuseus angesprochene «nationale Prestige» und die Kommerzialisierung des Sports waren allerdings keine Neuentwicklung der 60er-Jahre. Ohne auf die Urgeschichte des Sportes, die antiken Olympischen Spiele, einzugehen, ist es eine Tatsache, dass der heutige Sport, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, von Anfang an zweigleisig war: Neben dem olympischen Amateur, wie er bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts glorifiziert wurde, gab es, nicht zuletzt in den Mannschaftssportarten der USA wie Baseball oder Football, bereits damals bezahlte Berufssportler. Ein Babe Ruth oder ein Lou Gehrig, die grossen Baseballspieler vor 100 Jahren, verdienten als Berufssportler Spitzensaläre. Und das nationale Prestige spielte wie heute eine grosse Rolle. Zwar gab es damals kaum eine nationale Sportförderung. Aber die Zuschauer und die Medien reagierten kaum anders als heute auf Siege ihrer Landsleute. Allerdings, die kommerziellen Exzesse, wie sie vor allem bei den Mannschaftssportarten seit Jahrzehnten üblich sind, waren im Pferdesport lange Zeit nicht präsent. Ausgenommen natürlich der Rennsport, verbunden mit der Zucht. Die einzigen finanziellen Themen, die jahrzehntelang zur Sprache kamen, waren die bescheidenen Preisgelder einerseits und der Vorwurf, dass die anderen mehr Geld hätten, um Spitzenpferde zu kaufen. Mit den anderen waren vorerst die grossen Military Spring-, Military- und Dressurställe (wie Deutschland) gemeint, nach dem Zweiten Weltkrieg dann die immer mehr dominierende zivile Reiterei mit finanzkräftigen Besitzern.
Massive Preisgelderhöhung
Als 1978 der Weltcup gegründet wurde, betrug in Europa das durchschnittliche Preisgeld eines Grossen Preises bei einem CSIO oder CSI knapp 20000 Franken. Die teuersten Springpferde kosteten immer noch unter einer Million. In den 40 Jahren seither haben sich die Spitzenpreisgelder massiv erhöht – parallel zu ihnen die Preise für international einsetzbare Springpferde. Aber das gilt für alle Bereiche unseres Lebens: In meiner Jugend kostete ein Kilo Brot 48 Rappen! Wie schwierig es wurde, sich im kommerziellen Umfeld zurechtzufinden, zeigt die gespaltene Haltung eines früheren FEI-Generalsekretärs. Am gleichen Tag konnte er sich am Vormittag neidvoll über die hohen Preisgelder aufregen, die die Springreiter verdienten, um dann am Nachmittag zu dozieren, der Pferdesport müsse höhere Preisgelder bieten, um mit den schlagzeilenmachenden Preisgeldern und Salären im Tennis und Fussball konkurrenzieren zu können.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 37/2020)
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