Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03590.jsonl.gz/126

Wissen hatte schon immer eine wichtige Bedeutung für das kapitalistische System: Planmässiges Vorgehen, die optimale Verknüpfung von Angebot und Nachfrage, die Koordination von Handels- und Produktionsketten – all dies wäre nicht möglich ohne den gezielten und ordnenden Einsatz von Wissen.
Seit einiger Zeit leben wir allerdings in einer Ökonomie, die fundamental von spezialisiertem und technisiertem Wissen abhängt und geprägt wird. Die Planung von Brücken, die Errechnung von Aktienindizes, die Bewerbung eines Produkts: All diese Tätigkeiten wären ohne spezialisiertes Wissen nicht möglich.
Die grundlegende Relevanz des Wissens für den globalen Kapitalismus haben auch die OECD und die Weltbank erkannt. Der Begriff der «Wissensökonomie» hat seit den 1990er Jahren Hochkonjunktur. In ihrem Bildungsbericht beschrieb die Weltbank bereits 1994 Wissen als «a major driver of economic development». Mittlerweile ist es ein Allgemeinplatz, dass Wissen «die einzige und wichtigste Ressource unseres Landes» ist, die nach ökonomischen Gesichtspunkten gefördert, gemanagt und in Umlauf gebracht werden soll.
Mit der zunehmenden ökonomischen Relevanz des Wissens hat sich auch die gesellschaftliche Rolle der Hochschule geändert. Weltweit ist die Zahl der Studierenden stark angestiegen, allein an der Uni Bern hat sich die Zahl der Studierenden seit der Jahrtausendwende um zwei Drittel vergrössert. Gleichzeitig gerät die Hochschule ökonomisch unter Druck: Während Universitäten lange Zeit ökonomisch relativ uninteressant waren (sie waren mindestens bis ins 18. Jahrhundert vor allem Orte der Muse und dienten der Sicherung von bildungsbürgerlichen Privilegien), so sollen sie heute «fähige» und geeignete Arbeitskräfte liefern. Entsprechend nimmt der Druck auf die Studierenden zu. Interessierte und engagierte Studierende, die eine längere Zeit an der Uni verbringen möchten als ökonomisch notwendig, werden mit höheren Studiengebühren bestraft. Und mit Zugangshürden wie Studiengebühren oder rassistischen Formen des Ausschlusses wird Wissen künstlich verknappt und die Reproduktion einer hierarchisch organisierten Arbeitsteilung, sowie die Weitergabe von Privilegien über die Generationen hinweg gewährleistet: Noch immer sind Migrant*innen und Kinder aus Arbeiter*innenfamilien an unseren Hochschulen deutlich untervertreten und werden systematisch diskriminiert.
Die staatlich wie privatwirtschaftlich geförderte Ökonomisierung dauert an: Der langjährige Erziehungsdirektor Bernhard Pulver wünschte sich bei seiner Rede am Dies Academicus von der Universität Bern, diese solle bei der «Förderung des Unternehmergeistes» der Studierenden «noch besser» werden. Dabei existiert an der Uni Bern bereits seit einigen Jahren ein «Career Service», der Studierende auf ihre Karriere vorbereiten soll und ein «Entrepreneurship Center», das Studierende dazu «inspirieren» soll, unternehmerisch tätig zu werden.
Vor diesem Hintergrund scheint es je länger je schwieriger, sich alternative Formen und Nützlichkeiten von Wissen, sowie andere Bildungswege jenseits der Karriere überhaupt vorzustellen. Dabei ist kritisches und emanzipatorisches Wissen heute dringlicher denn je. Denn Einsicht ist der Anfang von Veränderung.
Aus diesen Gründen haben wir die Nacht der Bildung ins Leben gerufen. Wir fragen uns: Wer bestimmt, was wir lernen? Wer hat Zugang zur Hochschule? Und wofür nutzen wir unser Wissen? Es ist Zeit, dass wir uns diese Fragen stellen. Und ihnen unsere eigene Antwort entgegensetzen.
Die Nacht der Bildung versteht sich als Gegenveranstaltung zur schweizweit stattfindenden „Langen Nacht der Karriere“, die an der Universität Bern aufgrund unseres Protestes neu „Forum Berufseinstieg“ heisst.