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Unglobalisiert
Entre nous, Frédéric Zwicker!
Frédéric, wo hast Du Dein Buch geschrieben?
Ich muss gleich bei der ersten Frage ausholen, denn «Radost» entstand in sechs Ländern auf zwei Kontinenten. Wie die zwei Protagonisten in der Geschichte, Max und Fabian, bin ich mit dem Fahrrad aus der Schweiz durch Italien, Österreich und Slowenien in die kroatische Hauptstadt Zagreb gefahren und später nach Sansibar geflogen. In Zagreb lebte und arbeitete ich ein halbes Jahr, in Jambiani, Sansibar, während fünf Wochen. Ich schrieb in meiner Wohnung in Rapperswil, auf der Radtour, in meiner Zagreber Mietwohnung, in einem prächtigen Haus von Bekannten in Jambiani, in einem alten Appenzeller Bauernhaus (das Joachim Rittmeyers Familie gehört), wohin ich mich regelmässig für literarische und musikalische Arbeiten zurückziehe, und mehrmals im Studio einer kroatischen Freundin auf der Insel Murter. Hinzu kommen Cafés, Bars und Restaurants in Rapperswil, Zagreb und auf Sansibar.
Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Fabian, ein Lokaljournalist Anfang 30, lernt auf Sansibar den gut zehn Jahre älteren, psychisch kranken Max kennen und rettet ihm das Leben. Drei Jahre später treffen sich die beiden wieder, freunden sich an, und Max beauftragt Fabian, seine Biographie zu schreiben und die zahlreichen blinden Flecken auszufüllen, welche seine Krankheit hinterlassen hat. In «Radost» geht es um das irrwitzige Leben mit einer schizoaffektiven Störung, die manisch-depressive und schizophrene Symptome vereint. Es geht um psychische Zerbrechlichkeit, um Freundschaft und darum, wie diese das Leben zweier ungleicher Männer beeinflusst. Es geht aber auch um Ex-Jugoslawien und Ostafrika und um das interkulturelle Zwischenmenschliche, das in unserer globalisierten Welt weitgehend «unglobalisiert» geblieben ist. Hoffnung, Lebensfreude, Humor und Neugier schwingen als Grundklänge mit.
Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Ich habe einen sehr hohen und thematisch breiten Medienkonsum. Und ich beobachte meine Umwelt aufmerksam. Für eine literarische Verarbeitung interessieren mich Themen und Figuren, die nicht so offensichtlich sind. Es muss mir ein Anliegen sein, das Augenmerk der Leserinnen und Leser darauf zu lenken. Und ich muss überzeugt sein, dass ich von der Materie genug verstehe, um fundiert darüber schreiben zu können.
Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
In meinem ersten Buch geht es um Demenz, im zweiten um psychische Krankheit. Es wurde wiederholt festgestellt, dass ich mich zweimal mit unsichtbaren Krankheiten befasst habe. Mir erscheint zentraler, dass es in beiden Büchern um die Erinnerung geht, um das Konservieren flüchtiger Geschichten und Geschichte. Der Ansatz ist immer ein aufklärerischer: Ich möchte Einblick gewähren und Anstoss für eigene Gedanken liefern.
Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Mit gemischten. Ich arbeitete drei Jahre am Text und musste immer wieder feststellen, dass er nicht gut war. Zweifel und Verzweiflung hatten ihre Auftritte. Hinzu kamen äussere Turbulenzen. Insgesamt ist es aber so: Trotz etappenweisen Versagens ist jetzt dieser Roman erschienen, der sehr persönlich ist und mir am Herzen liegt. Ich finde das Buch mit Massimo Milanos Cover wunderschön. Die bisherigen Rückmeldungen sind eine Freude. Und wenn ich an all die Erlebnisse und Menschen in den vergangenen drei Jahren denke, wird mir klar, dass es drei der besten Jahre meines Lebens waren. Geschafft und glücklich.
Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Ich erwarte, dass die psychische Krankheit besprochen wird und hoffe, dass auch der Stil, die Liebeserklärungen an den Balkan und an Ostafrika sowie die zahlreichen Witze, die sich handlungsspiegelnd durch die Geschichte ziehen, Erwähnung finden.
Wie würdest Du es einordnen in die Reihe Deiner Bücher?
Es ist das zweite. Man sagt, das zweite sei das schwierigste. Insofern wäre es mein wichtigstes. Ich mag mein erstes Buch sehr. Es hat mir Glück gebracht und ermöglicht, das zweite zu schreiben. Ich hoffe, «Radost» – Freude auf Kroatisch – wird mir ähnliche Gefühle bescheren.
Frédéric Zwicker, «Radost», Roman,
Zytglogge Verlag, Basel 2020, geb., 288 Seiten.