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Die grösste Volkswirtschaft der Welt taumelt, sozial und wirtschaftlich. Welche Folgen hat das für die Weltwirtschaft? Steuert die Welt auf eine Zeit der De-Globalisierung zu?
Nein, sagt der Globalisierungsforscher David Dorn von der Universität Zürich, die Abschottung der USA habe schon vor Corona begonnen. Die Eskalation in den Beziehungen zwischen den USA und China sei die weitaus grössere Gefahr für den Welthandel.
David Dorn
Professor
David Dorn ist Wirtschaftsprofessor für Globalisierung und Arbeitsmarkt an der Universität Zürich.
SRF: Die USA, die grösste Volkswirtschaft der Welt, ist im Ausnahmezustand. Was bedeutet das für die übrige Welt?
David Dorn: Die USA sind ein wichtiger Handelspartner für sehr viele andere Länder. Diese sind natürlich indirekt auch betroffen, wenn es der amerikanischen Volkswirtschaft schlecht geht.
Für die Schweiz etwa sind die USA der zweitwichtigste Export-Markt nach Deutschland. Etwa unsere Maschinen- und unsere Uhren-Industrie sind betroffen, wenn sich in den USA der Konsum oder die Investitionen verringern.
Die Unruhen sind auch ein Ausdruck dafür, dass die Menschen sich wirtschaftlich abgehängt fühlen. Werden sie nun die Globalisierung zunehmend in Frage stellen?
In den USA sind die jetzigen Unruhen vor allem von der afroamerikanischen Bevölkerung getrieben. Diese Bevölkerungsgruppe ist von der Wirtschaftskrise, aber auch von der medizinischen Krise besonders stark betroffen.
Sie hat überdurchschnittlich stark gelitten unter dem Arbeitsplatzverlust und auch unter den Corona-Erkrankungen. Was wir jetzt sehen, ist eine Situation, in der sich viel wirtschaftlicher und sozialer Frust bemerkbar macht.
Die Proteste richten sich in den USA allerdings weniger stark gegen die Globalisierung, sondern sind in Verbindung mit der Polizeigewalt zu sehen.
Wir sehen in der Forschung, dass sich diese Politik bisher nicht ausbezahlt hat.
Durch Corona haben sich viele Länder, darunter die USA, abgeschottet. Fördert das nicht die De-Globalisierung?
Diese Abschottung hat schon vor einigen Jahren ihren Anfang genommen. Die USA insbesondere hat begonnen, Strafzölle auf Importe, vor allem aus China, zu erheben mit der Absicht, den eigenen Markt und die eigenen Arbeitsplätze besser zu schützen.
Tatsächlich sehen wir allerdings in der Forschung, dass sich diese Politik bisher nicht ausbezahlt hat. Man konnte zwar in gewissen Branchen einige Arbeitsplätze schützen, doch andere Branchen haben nun höhere Preise für die Güter, die sie als Rohstoffe benötigen.
Und in der Folge sind in einigen Branchen viel mehr Jobs verloren gegangen als in anderen Bereichen geschützt wurden.
Also ist der Konflikt zwischen den USA und China für den Welthandel eigentlich viel wichtiger?
Dieser Handelskonflikt ist in der Tat bedeutend. Denn er geht über einen blossen Konflikt um Handelsregeln hinaus. Hier geht es auch um den Konflikt zwischen der führenden Weltmacht USA und der aufstrebenden Macht China.
Ähnlichkeiten zur bipolaren Welt des Kalten Krieges.
Und wenn sich die Eskalationsspirale weiterdreht, gibt es auch in einem schlimmsten Fall ein Szenario, in dem der Welthandel wieder stärker auseinanderbricht in ein Welthandelssystem rund um die USA und in eine Gruppe von anderen Ländern, die vor allem mit China Handel treiben.
Das wäre dann ein Rückfall in die Zeit des Kalten Krieges.
In der Tat besteht zurzeit die Gefahr, dass sich die Spannung zwischen den USA und China weiterentwickeln könnte und dass diese beiden Länder, vor allem die USA, die anderen Länder dazu zwingen würden, für die eine oder die andere Seite Stellung zu beziehen.
Und das würde dann tatsächlich zu Zuständen führen, die Ähnlichkeit hätten zur bipolaren Welt des Kalten Krieges.
Das Gespräch führte Andi Lüscher.