Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03223.jsonl.gz/2540

Geboren in eine Familie, in der Bildung und Künste einen hohen Stellenwert hatten, wuchs Marie-Anne Calame wohlbehütet im neuenburgischen Le Locle auf – damals Teil Preussens. Calames Vater, der dortige Gemeindevorsteher, war angesehener Graveur und stammte aus einer tiefgläubigen Familie, die sich Mitte des 16. Jahrhunderts der Armenpflege angenommen hatte. Die Familie mütterlicherseits war für ihre Beschäftigung mit den Naturwissenschaften bekannt, auch deren Frauen. Wie alle Calame-Kinder erhielt die talentierte Marie-Anne daheim eine künstlerische und vielseitige Ausbildung, die den dürftigen Volksschulstoff ergänzte. Ihre Geschwister hatten klassisch geheiratet; Marie-Anne aber erkannte, dass die Weiterführung der väterlichen Zeichenschule ihre Eigenständigkeit ermöglichte. Während der französischen Herrschaft zwischen 1805 und 1814 suchten Missernten und Epidemien Neuenburg heim. Calame begegnete auf den Strassen zunehmend Hunger, Armut und Waisenkindern und war erschüttert. Später sollte sie – Calame war Pietistin – schreiben, dass „der Heiland ihr eingab“, sich dieser Kinder anzunehmen. Nach anfänglichem Misserfolg begann Calame, im Kreis ihrer Freundinnen Spenden zu sammeln, um bedürftigen Mädchen eine Ausbildung im Spitzenherstellen und Haushalten zu ermöglichen. 1815 wurde der „Verein zur Unterstützung armer Mädchen“ gegründet und bezog im Stadtviertel Billodes in Le Locle Quartier. Calame finanzierte „Les Billodes“, wie das Waisenhaus bald genannt wurde, mit Einnahmen aus ihrer Zeichenschule und Spenden. Der niederschwellige Mindestbetrag von umgerechnet fünf Rappen ermöglichte eine hohe Zahl an Spendern; damals eine Innovation. Zudem fusste der Erfolg von Les Billodes auf damals unerhört modernen Prinzipien: Waren Waisenhäuser um 1800 meist gefürchtete Orte mit prekären hygienischen, pädagogischen und zwischenmenschlichen Verhältnissen, zeichnete sich Calames Heim durch einen geordneten Tagesablauf, ein überdurchschnittliches Bildungsangebot, hohe Hygienestandards und sogar Impfungen aus. Freiwillig kamen viele Kinder dennoch nicht nach Les Billodes: Eltern schämten sich oft, die Gemeinde dadurch finanziell zu belasten, die Kinder gerieten in einen Loyalitätskonflikt mit den Eltern und Calame liess bisweilen entlaufene Kinder gegen deren Willen zurückholen. Ab 1820 wurden auch Jungen aufgenommen, Spenden ermöglichten eine mehrmalige Heim-Erweiterung. Doch Calames Erfolg rief auch Missgunst hervor: Man warf ihr illegale Finanzaktivitäten, Fanatismus und sogar einen Pakt mit dem Teufel vor. Nichts davon war wahr.
1834 brachen Typhus und Ruhr gleichzeitig aus und forderten zahlreiche Menschenleben. Auch das von Marie-Anne Calame: Sie starb noch im Oktober. Rege Anteilnahme zeichnete ihre betont schlichte Beerdigung aus. Gab es bis 1887 nicht einmal einen Grabstein, besteht ihr Lebenswerk, das „Asile des Billodes“, bis heute.