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Von Verdasio nach Wien – 300 Jahre Rauchfangkehrergeschichte
Eine beispielhafte Ahnenforschung zu einem alten Geschlecht im Centovalli
Von Renate Fennes, Ekrath Düsseldorf
Ich erforsche seit vielen Jahren u.a. die mütterliche Linie meines Mannes.
Eine Katharina Matzi, geboren 7.1.1810 in Langenlois in Niederösterreich war seine Ururgroßmutter. Sie heiratete am 20.11.1838 in Wien den Oboisten Michael Alexander Petschacher, geboren am 6.3.1808 in Wien, u.a. Mitglied der k.k. Hofkapelle und Professor der Oboeklasse am Conservatorium der Musik. Er spielte auch gemeinsam mit Mozarts Sohn, zuletzt 1844 zum Gedenken an Mozarts Vater.
Die Vorfahren der Katharina Matzi konnte ich bis 1654 zurückverfolgen. Ein Jacob Matzi wird in den Markt-Kammeramtsrechnungen Langenlois am 30.12.1654 zum ersten Mal erwähnt – als Rauchfangkehrer zu Krems an der Donau. Er erhält das Geld für die Kehrung von 9 Kaminen.
Doch woher kamen die Matzi ? (Der Einfachheit halber verwende ich durchgehend diese sich letztlich durchsetzende Schreibweise).
In der Sterbematriken von Langenlois fand ich dann des Rätsels Lösung:
Jacob Matzi, 12 Jahre alt, aus Verdasio im Schweizer Land, der an einer Bruchoperation am 13. Tag gestorben ist. Sterbedatum 4.Juni 1687
Damit war der Herkunftsort identifiziert und die Suche im bei den Mormonen verfilmten Kirchenbuch Verdasio 1665-1899 vor mehr als 10 Jahren ergab folgenden Stammbaum:
1. Jacob Matzi
* ca. 1624, vermutlich in Verdasio
oo vor 1653 mit Jacoba NN, vermutlich in Verdasio
+ 2.6.1682 in Langenlois im Alter von 58 Jahren, bürgerlicher Rauchfangkehrer allhier
Kinder:
Petrus, um 1653, vermutlich in Verdasio
Jacobus ,*19.02.1674 in Verdasio , + 14.06.1687 in Langenlois
Anna Maria,*19.02.1674 in Verdasio, Tod unbekannt
Die Lücke bei den Geburten von über 20 Jahren ist bisher unklar, eine nochmalige Durchsicht der Bücher Verdasio scheitert daran, dass sie noch nicht digitalisiert sind.
Fest steht, dass Jacobs Ehefrau nie in Langenlois gelebt und Jacob mehrfach zwischen Langenlois und Verdasio gependelt ist.
2. Petrus (Peter) Matzi
* um 1653, vermutlich in Verdasio/Tessin
oo Juli 1675 mit Dominica NN in Verdasio
+ 25.11.1728 in Wiener Neustadt
Wie der Zufall es will:
Unser Verein FAMILIA AUSTRIA beschloss, das erste Matrikelbuch 1657-1687 des Piaristengymnasiums in Horn zu transkribieren und ich übernahm die Projektleitung. Zu meinem Erstaunen fand ich dort Peter Matzi, der die Schule von 1665-1668 und dort die Lese-, Schreib- und Rechenklassen besuchte.
1682 übernimmt Peter nach dem Tod seines Vaters das Rauchfangkehrergewerbe.
1685 erwirbt Peter ein Haus in der Krembsgasse (Kremsergasse) in Langenlois.
1695 erwirbt Peter in Wiener Neustadt ein Haus.
6 Kinder von Peter Matzi sind mir bekannt, darunter 3 Söhne:
-Jacob (siehe 3.)
-Joseph
-Domenicus
Das Rauchfangkehrergewerbe in Langenlois überlässt er seinem Sohn Jacob. Das Gewerbe in Wiener Neustadt erbt nach seinem Tod 1728 sein Sohn Joseph. Der Verbleib von Domenicus ist unbekannt.
3. Jacob Matzi
*08.05.1676 in Verdasio
oo 15.11.1721 in Langenlois mit Maria Susanna Schmidt
+13.12.1738 in Langenlois
Das Paar hatte 9 Kinder, darunter 3 Söhne, von denen nur unser Vorfahre Franziskus die Kindheit überlebt.
1724 ist Jakob Mazi Mitglied des Äußeren Rats des Marktes Langenlois und besitzt u.a. 13,5 Viertel Weingärten, 1 Joch Acker und etwas Wiese sowie ein Gärtl.
4. Franziskus Matzi
*19.04.1729 in Langenlois
oo
1. mit Ernestina Schönbichler am 29.08.1752
2. mit Anna Maria Pachmayr am 11.02.1776
+ 04.05.1799 in Langenlois Nr. 39
Bei seiner 2. Trauung war Franz „jubiliert des Inneren Raths senioris, gewester Markthrichter“. Aus beiden Ehen hatte er 20 Kinder ! Allerdings werden nur 5 Kinder Nachkommen haben.
5. Ferdinand Augustin Matzi
* 14.08.1781 in Langenlois
oo 22.11.1803 mit Maria Anna Rosalia Eitelberger
+ 28.04.1857 in Wien Wieden, Krongasse 7
„Sind den 18. November in einer Eheverkündung dispensiert worden“ (Die Braut war bereits schwanger und der Bräutigam noch nicht volljährig)
Ferdinand verkauft sein Rauchfangkehrergewerbe in Langenlois mit Vertrag vom 24.9.1814 an den Rauchfangkehrergesellen Jacob Toscano, der das Gewerbe in Raten bis 1819 abbezahlt.
Ferdinand übersiedelt nach Wien und erwirbt am 18.11.1820 das Rauchfangkehrergewerbe von den Erben (Geschwistern) der Josepha Imini , Witwe und 2. Frau des Rauchfangkehrers Johann Peter Imini.
1825 erwerben Ferdinand und seine Frau Maria Anna das Grundstück Krongasse 7 und bauen darauf 1826 ein 2-stöckiges Haus. Unbebaute Fläche: 52 Quadratklafter = 187 qm, bebaute Fläche: 91 Quadratklafter = 357 qm, 8 Parteien
Außerdem war er ab 1850 Besitzer des Hauses Wien, Kettenbrückengasse 2, dass dann seine Tochter Katharina 1857 erbt.
Zwischen 1829 und 1846 war Ferdinand mehrfach Obervorsteher der Rauchfangkehrerinnung der Stadt Wien.
Ferdinand hatte 6 Kinder, nur 4 erreichten das Erwachsenenalter und nur seine Tochter Katharina heiratete.
Von den 8 Kindern des Paares Michael Alexander Petschacher und Katharina Matzi haben 6 die Kindheit überlebt, darunter die Söhne:
– Rudolf führte das Rauchfangkehrergeschäft weiter
-Karl, Steinmetz und Bildhauer.
– Hofrat Ludwig Alois Petschacher, der Urgroßvater meines Mannes, Ingenieur und u.a. maßgeblich beteiligt am Bau der Arlbergbahn
– Gustav, Architekt, dessen prachtvolle Bauten in Budapest zu bewundern sind
-Alexander, Bankbeamter und unverheiratet
Mit Rudolfs Tod 1902 endete nach fast 300 Jahren die Geschichte der Matzi-Linie als Rauchfangkehrer in Wien.
Das Rauchfangkehrergewerbe von Peter Matzi in Wiener Neustadt führte sein Sohn Joseph weiter.
Josephs Tochter Theresia heiratete 1773 den Rauchfahrergesellen Joseph Knab, der das Gewerbe weiterführte. Mit dem Tod von Joseph Knab 1803 endete in Wiener Neustadt das von Matzi gegründete Rauchfangkehrergewerbe.
2013 haben wir Verdasio besucht. Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie man im 17. Jahrhundert die Reise von diesem abgelegenen Bergdorf Verdasio nach Krems/Langenlois – zu Fuß immerhin rund 800 km – bewältigt hat und welche Route wohl unsere Vorfahren Jacob und Peter genommen haben. Die erste Erwähnung 1657 in Krems an der Donau könnte darauf hindeuten, dass sie ab Hall in Tirol den Wasserweg über Inn und Donau gewählt haben.
Renate Fennes,
im Januar 2019
Peter Matzis Testament, publiziert am 2. Dezember 1728:
Zu Universalerben will eingesetzt haben meine zwey Söhne Joseph und Jacob nehml(ich) den Joseph mein ganzes Vermögen alhier zu Neustadt verschaffen ausgenommen mein Wohnzimmer Stuben und Zimmer mit allen Einrichtungen und Mobilien wie es sich dato befindet meiner lieben Haußwürthin verbleiben solle, nach ihrem ableiben aber alles meinen 3 Enkln Petter Jacobo und Maria Anna zu seiner Gedächtnis verschaffe als den Petter und Jacobo mein beyder gewöhr (Gewehre) und Bücher den Petter auch mein Petschafts ding (Siegel), und das Cruci= fix mit silber in Ecken eingelegt, den Jacob aber mein Bstöck Mößer (Besteck Messer) mit den Silber Löffel und silberner Schnabel(kanne) das übrige sollen bemelte (Erwähnte) 3 zugleich Theillen erben dessen meiner Andl Maria Anna meiner Ehwürthin. Böther Leingwant (besseres Leinengewand) und Kleyder (Kleider) in Suma alle Weibl. Fahrnissen, und was sonst in meiner Haus- würthin Vermögen stehet ihr zufallen neben dem von meinen zünn, ein tuzet (Duzent) Schüßl und 2 tuzet Theller gegeben werden sollen doch nicht ihnen einzuhändigen, bis zur Vogtbarkeit (Großjährigkeit) fahls eines oder d(as) anderen von diesen 3 mit Todt abginge, oder in ein Orden tretten möchte also Illans (jenes) nicht vonnöthen solchen den überlebenden Theill zufallen.
Meinen Sohn Jacob verbleibe mein Hauß Bestallung alle Fahrnißen, und Mobilien zu Langenloys wie schon unser vorhin aufgerichter contract lautet und ausweißet Beide Brüder zwey n verbunden und schuldig sein, ihre Erben oder Nachköml., meiner lieben Ehwürthin jeder jährl. so lang sie lebt zu geben 50 f so vor beide austraget (beträgt) 100 f. und gemäß darton solln sie die Rat be= zahlen jährl. 60 f die übrigen 40 f zu ihren Nothurft brauchen kann (falls sie den Rest für ihren eigenen Bedarf brauchen, nur 60 Fl.) wann Ihr aber nicht erklaekelet (reicht) beide schuldig seien ihr zu geben und reichen so vill (viel) sie nötig hat , (wenn es nicht reicht, eben soviel sie braucht) , und auf alle Weis respectieren wie es denen Kindern gegen den Eltern zusteht und gebührt.
Meinen Sohn Dominicus habe studieren lassen, denselben gern in geistlichen Stand gesehen, darzu von Vocation noch lustig gezeigt, sondern wider mein Will und Widerschred (Gegenrede) den Jurist Stand erwöhlet, so ihm gleich gemelt (gesagt), daß dieser Stand vor mich zu kostbahr (kostspielig) fallen wird er aber auf kein Weis sich abreden lassen mit vermelden er wurd mir nicht vill Unkosten machen hätte gute Patrones, ich sollte nur die Unkosten darauf spendieren den Gradum zu Salzburg zu nehmen, hernach mittelß gute Patrones in der Fakultät zu Wienn, schon Introdrat sich getrauet zu werden, und mir darbei kein Unkosten machen würde und wenn es nicht geschete ohne meine Hilf sich ehrnären, und erhalten nun aber das Widerspill erfahren müsse die Spesen alleweill höher kauffen (Schulden machen), und mir mein zeit, um die andere gibt und vertröstet auch stabulirt zu werden komt aber nichts zum Effect entzwischen der alte Vatter nur schicken und Conti- nuirl(ich) helfen solle, ich habe an ihm mein in der Jugend hart erworbenen Schweiß (Ersparnisse) angewendet darbey mich noch in Schulden gesteket, und das äußerste gethann er allerhand griffe und finta (Finten) gestellt erdacht, seinem armen alten Vatter das Geld heraus zu locken, practiciere(n) u(nd) ihr kunte (könnt) wohl sagen meisterl(ich) zu filu= tiren und mir über 3000 f gekostet, und angebracht und mich in ein solche Stand gesagt, daß in mein Hochen Alter selbsten in vill Sachen Mangel leyden müssen, wie es angelegt worden, leyder übel, und hinderl(ich) genug wie erfahren müssen, daß sein meistes Studiren Laboriren und practicieren in Gewirz Gwolb (Gewürzgewölbe = Wirtshaus) alwo gwest ein guter Weinen und auf dem Spillbläzen (Spielsalons) also bloß nicht als den Titull (Titel) hat Doctor zu seyn sein Aufführung aber, als ein Tagdieb, Vagabund gaßen tretter (Herumflanierer) und Müßiggänger und continuierl(ich) in Luder auf solche Weiß seines alt erlebten Vatter Schweiß durchbracht so bey Gott, und der Welt unverantwortl(ich), Indemm von Gott gute Talenta gegeben worden, dieselbe wie auch die Edle zeit, um große Unkosten so der- selbe gemacht, alles ganz liederl(ich) und übel angewendet, andere Studieren Ihro Freundschaft (Familie) empor und über sich zu halten derselbe suchet lieber dieselbe in ruin, und Verderben zu sezen, wie nun sich verlauten hat, daß nach meinem Todt seine Brüder con= triburieren müssen damit sein Leben S: V in Ludern zubringen, wie bishero beschehen meinen zwey Söhne Joseph und Jacob so mir von Jugend auf an die Hand gegangen und helfen d(as) Brod gewinnen, vor mich und ihnen, Ihnen Ihr Theil in Effecten zufallet, Ihmn aber sein Geld gereicht und gegeben worden, und mehrere als Ihmn gebühret dann er gestehe muß mir nicht ein X: (Kreuzer) gewonnen zu haben weniger das mündeste gedinet wohl aber geschadet. Aldieweillen er dasselbe nicht zu nuzen sondern liederl(ich) und übel angewendet und ausgeben, wie ihm villfältig, sowohl mündl(ich) als schriftl(ich) ermahnet aber nicht verfangen (nützen) wollen, is halt alzeit Johannes in eodem verblieben, klage er ihmn es selbsten wann er etwann Mangel leyden muß Ich will auf keine Weis daß derselbe seine zwey Brüder in geringsten Malatiren (bedrängen) solle weniger sich unterstehen ihre Häuser zu betretten, dahero einem Löbl(ichen) Magistrat alhier in Neustadt wie auch Langenloys ganz gehorl(ich (gehorsam) ersuche und bitte, wann er kommen sollte denselben kein Gehör zu geben, sondern Rund ab= weißen und abzuschaetzten maßen (einschätzungsmäßig) er ein gewissenloser Mensch welcher kein Ehr und Schand (Scham = Skrupel) hat, Er ist in gewißen Schuldig seinen Brüdern etwas guthes zu thun, und zu helfen und nicht etwas übel zuzufügen, wie derselbe gesonnen und sich verlauten laßet. Habe ihm ein Carta Pianca (weiße Karte = alle Möglichkeiten) geben zu Gewalt und Vollmacht ein Schuld zu St. Pölten einzucahsieren, dieselbe aber verhalten und eine produciert, welche weder mein hand- schrift noch Pettschaft. Vielleicht derselbe damit ein Philu (Betrug) zu begehen gedencket fahls er ein aufsaz einrichten, es sei darin was immer wolle, solle vor nichts, und ungültig erkent, und erkläret gehalten werden. Mein Kapitall so zu St. Pölten liegt, und H(err) Johann Petter Martini mein (eher mir) schuldig, will daß meine Schulden bezahlt werden was ich aufgenommen wie mein Buch wißet. (mit dem Geld in St. Pölten sollen Schulden bedient werden) Wie auch zu Wienn Herrn Martini 247 f Herrn Brandvogl Schuster 72 f, Item dem Marcus Tondu 63 f andere Schulden, so ohne mein Vorwißen gemacht worden, er selbst bezahlen kann.
Anmerkung Renate Fennes: Über den Verbleib des ungeratenen Sohnes Domenicus ist mir bisher nichts bekannt.
Anmerkung von Prof. Mazzi, ursprünglich aus Palagnedra
Am 10. Januar 2019 bekam ich auf Anfrage bei Prof. Mazzi, der zwar keinen familiären Bezug zur Familie Mazzi hat, aber ursprünglich aus Palagnedra stammt, folgende Rückmeldung:
Ich habe keinen historischen Hintergrund … Mein Wissen ist vor allem das Gedächtnis. Es wurde mir von meiner Tante, die 2007 starb, übermittelt. Und zum Teil von Don Enrico Isolini, als ich während des Gymnasiums in der Messe las.
„Schade, dass ich nicht mehr aus dem Wissen meiner Tante Maria herausgeholt habe!
Die Mazzi scheinen jedoch aus der Region Verona zu kommen: Dr. Rodolfo Mazzi verwies in einem Interview auf Radio RSI auf einen Kampf zwischen den Mazzi und den Scaligeri von Verona. Die Mazzi wurden besiegt, in die Täler des heutigen Kantons Tessin getrieben und flüchteten in die Centovalli.
Sie wanderten bereits 1600 und vielleicht auch schon früher in die Toskana aus. Zuerst im Hafen von Medici in Livorno und dann (der vielleicht unternehmerischste in Florenz, am Hof der Medici.
Petronio Mazzi (1681-1753) wurde Schatzmeister, baute unser Haus in Palagnedra und hatte das Privileg, das Medici-Wappen (aus Schmiedeeisen) auf einer kleinen Terrasse unterzubringen.
Nach der Herrschaft der Medici wechselte die Familie Mazzi in den Handel: Geschäfte und Delikatessengeschäfte in Mailand, Turin, Florenz und Bologna. Die Rotisserie meines Urgroßvaters und Großvaters war auf der Piazza Fontana.
Leider weiss ich nichts über Mazzi in Verdasio. Schon gar nicht, wann sie den Namen in Matzi (?) geändert haben.
Bald möchte ich mehr über das Archiv von Palagnedra erfahren: Es scheint, dass es ein Pergament (1200-1300?) gibt, das von einem Notar Mazzi geschrieben wurde.“