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Die Leute im Dorf, die noch ein Haus haben, verlassen es nur in der Nacht. Würden sie tagsüber gehen, könnte es zerstört sein, wenn sie zurückkommen. Bei einigen war das so. Ihr Haus wurde abgerissen, als sie weg waren, die Männer mit den Baggern brauchten nur ein paar Stunden dafür. Dass die Möbel noch drin waren, die Kleider, der Fernseher, kümmerte niemanden. Manchmal fuhren vorher die Gebrauchtwarenhändler mit ihren Pick-ups vorbei, meist wurden die Häuser mitsamt den Möbeln zu Schutt verarbeitet.
Das Dorf heisst Hu und liegt ein paar Kilometer südlich von Zhengzhou. Viele hier haben die Stadt noch nie gesehen. Wenn man am Rand des Dorfes steht, kann man durch den Smog die Umrisse einer neuen Siedlung ausmachen. Dreissig Wohnblöcke, gebaut für Leute aus Dörfern wie Hu. Sie ziehen nicht in die Stadt, die Stadt kommt zu ihnen. Zhengzhou, Hauptstadt der Provinz Henan, zehn Millionen Einwohner, wächst über Wege, Äcker, Dörfer hinweg. Bis es überall so ähnlich aussieht, dass man die Orientierung verliert.
Hu ist fast verschwunden, ein Rest steht noch: Häuser aus rotem Backstein und mit geschwungenen Dächern. An den Türen hängen Bilder, etwa einen halben Meter hoch. Sie zeigen Wachleute, wie sie früher vor Palästen standen: spitze Schnäuze, wehende Gewänder, blitzende Säbel. Viel müssen sie nicht mehr beschützen. Von den meisten Häusern ist nur eine halbe Mauer übriggeblieben. Die Altwarenhändler haben mitgenommen, was sie weiterverkaufen können: Glas, Holz, Eisen. Manchmal fährt ein Junge an den Ruinen vorbei, Zigarette im Mund, knatterndes Motorrad, rumpelnder Anhänger. An der Lenkstange verkündet ein Lautsprecher: «Kaufe gebrauchte Fernseher! Kaufe gebrauchte Fernseher!»
Es ist ein kühler Nachmittag. Schwer zu sagen, wie spät es ist. Die Sonne schafft es selten durch den Smog. Seit einer Weile gehe ich unbehelligt durchs Dorf, nur ab und zu ein Blick. In einer Ruine steht eine Familie mit zwei Kindern. Sie bücken sich über den Schutt, klettern über Steine, scheinen etwas zu suchen. Als der Mann mich sieht, richtet er sich auf und ruft: «Ni hao!» – «Hallo!»
Der Mann heisst Hu, wie das Dorf. Sein Vorname ist Bin, Soldat. Er ist vierzig, seine Frau fünf Jahre jünger, die Tochter mit den Segelohren ist vier, der Junge mit der Igelfrisur zwölf. Hu Bin kommt auf mich zu, eine Zigarette Marke Goldenes Blatt im Mund. Er bietet mir gleich zwei davon an. Heute morgen ist der Abrissbagger gekommen, eine halbe Stunde später war sein Haus zerstört. An der Wäscheleine hinter ihm bauschen sich noch Kinderkleider im Wind, der vom Kanal herüberweht. Die Ruine befindet sich nur ein paar Hundert Meter vom Süd-Nord-Kanal entfernt, der Wasser über mehr als tausend Kilometer nach Peking bringt.
Hus suchen in den Trümmern nach Dingen, die sie beim Umzug in der Eile vergessen haben: eine Flöte, eine Schatulle. Anders als ihre Nachbarn zogen sie aus, ohne sich zu wehren. Die Wohnung in der Überbauung drüben ist kleiner, als ihr Haus es war. Eigentlich hätten sie dieselbe Grundfläche bekommen sollen, doch die Beamten haben den Lagerraum für Landwirtschaftsgeräte nicht mitgezählt. Die Wohnung ist noch im Rohbau, Hu wird sie selbst streichen müssen. Er weiss nicht, was er in Zukunft tun wird. Denn seine Felder hat er ebenfalls verloren, alles enteignet. Obwohl das Wort falsch ist; in China gehört grundsätzlich aller Boden dem Staat. Bauern wie Hu dürfen ihre Äcker sechzig Jahre lang pachten, dann fällt das Land an den Staat zurück. Die Behörden können es auch früher einfordern, wenn es im «öffentlichen Interesse» ist. Wobei nie festgelegt wurde, was das heisst. In den letzten zehn Jahren haben Enteignungen auf dem Land zugenommen, die Hälfte aller chinesischen Dörfer ist betroffen.
Hu Bin ernährte seine Familie bisher von den Feldern vor der Haustür. «Wir haben keine Ahnung, was hier jetzt entstehen soll. Wir tun einfach, was man uns sagt.» Er setzt sich auf sein Motorrad, steckt den Schlüssel ins Zündschloss, lässt den Motor aber noch nicht laufen. «Ich bin jung, ich kann auch etwas anderes machen.» Es gebe Arbeit in der Fabrik von Foxconn gleich beim Flughafen, nur ein paar Kilometer von hier. Vielleicht werde er aber auch Strassenarbeiter, da müsse man nicht viel können.
Die Kinder steigen vorsichtig über die Trümmer. Es ist der Ort, wo ihr Vater auf die Welt gekommen ist. Drüben wogen die Ähren sachte um die Grabsteine mitten im Weizenfeld. «Verehrt» steht drauf, weil es in China üblich ist, statt einen Spruch lediglich ein Wort zu meisseln. Ein Ururgrossvater hat von 1892 bis 1958 hier gelebt, eine Urgrossmutter von 1909 bis 1991. Nach dem Tod, heisst es im Taoismus, komme man vor einen alten, hässlichen Richter, der ein Buch mit allen Sünden habe. Erst wenn die Toten ihre Fehler wettgemacht haben, dürfen sie eine Brücke betreten, die über einen roten Fluss führt. In der Mitte wartet eine Greisin, die ihnen ein Getränk einschenkt, das alle Erinnerungen löscht. Wenn man am anderen Ufer angekommen ist, beginnt das nächste Leben. Doch weil das Getränk oft wässrig ist, sieht man dann ab und zu Dinge, die man aus dem früheren Leben kennt.
«Kaufe gebrauchte Fernseher! Kaufe gebrauchte Fernseher!» Der Junge mit dem Anhänger rattert vorbei. Familie Hu fährt winkend auf ihren Motorrädern davon, Hus Zigarette lässt Rauchwolken zurück. Ich gehe weiter durchs Dorf. Ein Mann weist auf sein Haus, morgen werde es abgerissen. Ein paar Frauen wenden sich ab, sobald sie mich sehen. Ein verspieltes Knäuel von Hund folgt mir und lässt sich zwischendurch den Bauch tätscheln. Nach einer Weile stehe ich wieder vor der Ruine der Hus und sehe etwas, das mir vorher entgangen war. Auf einer halb eingerissenen Mauer steht in beschwingten Zeichen geschrieben: «Verheissungsvolle Zukunft».
Florian Leu ist NZZ-Folio-Redaktor.