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Die Expeditionsreisenbranche ist trotz des Wachstums immer noch übersichtlich. Unabhängig von der Gesellschaft oder dem Ursprungsland kennt und schätzt man sich, hat häufig miteinander gearbeitet und Kontakte auch neben der Arbeit gepflegt. Egal, ob Guide im Expeditionsteam, Teil des Hotelteams oder der Schiffscrew, die Branche ist wie eine grosse Familie. Deswegen trifft der Hinschied eines Mitgliedes dieser «Familie» alle immer hart, besonders wenn es unerwartet eintrifft.
Dies ist der Fall bei dem plötzlichen Tod von Kapitän Alexey Nazarov am vergangenen Montag. Sein langjähriger Arbeitgeber, Oceanwide Expeditions, meldete seinen Hinschied gestern Nachmittag in einer Mitteilung via Social Media. Auch sie waren von der Meldung unerwartet getroffen worden und hatten zuerst, wie es in einer Familie üblich ist, die übrigen Teammitglieder persönlich informiert, bevor sie die Nachricht veröffentlichten.
Alexey Nazarov wurde am 7. Januar 1978 in Archangelsk geboren und war stolz auf seine Herkunft. Er bezeichnete sich selbst als Pomore, ein Angehöriger eines Volksstammes aus der Region des Weissen Meeres mit einer engen Bindung zur See. Dies war auch bei Alexey ersichtlich, denn bereits mit 15 Jahren trat er in die älteste maritime Ausbildungsstätte Russlands ein, von wo er mit 19 Jahren graduierte. Danach verbrachte er seine Zeit auf Forschungsschiffen und auf Atomeisbrecher, bevor er im Jahr 2000 bei Oceanwide Expeditions startete. Dort durchlief er alle Positionen auf den von Oceanwide gecharterten russischen Schiffen. Mit der Ankunft der Plancius in der Flotte der Niederländer, wurde Alexey zum ersten Offizier an Bord und ab 2012 ihr Kapitän. Im Jahr 2019 wechselte er zur neugebauten Hondius und brachte sie in die Arktis und Antarktis. Die Zeit während der Pandemie verbrachte er zuhause bei seiner Frau und seinem Sohn und hoffte, auch bald wieder in die polaren Regionen fahren zu können.
Von seinen Teams, sowohl den Schiffs- und Hotelcrews wie auch den Expeditionsteams, wurde Alexey sehr geschätzt. Seine ruhige und besonnene Art, sein offenes Wesen und sein Humor machten ihn auch bei den Passagieren sehr beliebt. Oceanwide schreibt in ihrem Statement entsprechend: «Alexey’s Tod ist ein schwerer Schlag, besonders in diesen schwierigen Zeiten und wird eine grosse Lücke in unserer Familie hinterlassen. Obwohl unsere Reisen weitergehen werden, wird unsere Flotte seine Abwesenheit spüren.» Er selber schätzte es eher, nicht im Mittelpunkt stehen zu müssen, sondern auf der Brücke zu sein und seine Schiffe durch die eisigen Welten der Polargebiete zu steuern. Wie kaum ein anderer konnte er, dank seiner ausgezeichneten Ausbildung, im Eis manövrieren und Schiffe auch aus komplexen Situationen hinaussteuern. Davon konnten auch wir uns oft überzeugen, wenn wir mit ihm als Kapitän unterwegs waren.
«Immer, wenn ich von Bord gehe und auf der Gangway stehe, lege ich vor dem Schritt an Land, meine Hand an die Bordwand und sage «Danke, Plancius!». Das ist meine Tradition.»Kapitän Alexey Nazarov
Seine Spezialität war es, die hohe Manövrierfähigkeit der Plancius auszunutzen und das Schiff sanft an einer Eisscholle zu parkieren. So konnten die Gäste die einmalige Gelegenheit nutzen, auf dem polaren Packeis zu spazieren. Im hohen Norden gelang es ihm auch oft, sein Schiff so zu positionieren, dass die Passagiere grossartige Erlebnisse mit Eisbären, Walrossen oder Walen erleben durften. Er schien oft mit seinem Schiff eins zu sein. In einem Interview erklärte Alexey Nazarov, dass er eine besondere Tradition habe: «Immer, wenn ich von Bord gehe und auf der Gangway stehe, lege ich vor dem Schritt an Land, meine Hand an die Bordwand und sage «Danke, Plancius!». Das ist meine Tradition.» Wir werden seine Tradition in seinem Andenken, wann immer möglich, weiterführen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal