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Anne-Sophie Koller
Sportkletter-Athletin
Die internationale Wettkampfsaison war vorbei, bevor sie angefangen hatte: Am 12. März 2020, drei Tage bevor ich geplant hatte, mit dem Zug nach Moskau an die Europameisterschaft zu reisen, wurde diese abgesagt. Also alles annullieren und kein Klettern vor Publikum an der sogenannten Kontinentalmeisterschaft. An Wettkämpfe war im Shutdown nicht zu denken.
Glücklicherweise war Klettern trotz geschlossener Kletterhallen möglich, denn die Schweiz bietet viele wunderschöne Felsen mit Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Ich nutzte daher die Vorteile meines Wohnortes Biel mit dessen Nähe zum Jura und erkundete die lokalen Felsen. Für solche Ausflüge habe ich normalerweise wegen meines dichtgedrängten Vorlesungs- und Wettkampfkalenders nur selten Zeit. Mein Medizinstudium an der Universität Bern hatte ich nach dem Bachelor im Sommer 2019 für ein Jahr unterbrochen, um mich voll auf den Sport zu konzentrieren. War ich enttäuscht, dass ausgerechnet in meinem Zwischenjahr keine Wettkämpfe stattfanden? Ja klar, aber angesichts der weltweit angespannten Situation durch die Pandemie mit vielen Toten ist der Ausfall der Wettkampfsaison sicher verkraftbar für mich.
Nach dem Shutdown in der Schweiz wurde klar, dass auch die Weltcups dieses Jahr nicht stattfinden würden. In meiner Lieblingsdisziplin «Lead», dem Seilklettern, beginnt die Saison normalerweise im Juni und der Sommer ist meist vollgepackt mit Reisen und Trainieren. Obwohl die Wettkämpfe nun wegfielen, war mir keine Sekunde langweilig! Ich bin seit einigen Jahren Mitglied des Vereins «Crux-Bouldering» in Biel, der im Jugendzentrum «X-Project» eine nicht-kommerzielle Boulderhalle betreibt. Da das Gebäude von X-Project bald abgerissen werden sollte und sich dessen verschiedene Projekte an anderen Standorten einnisten würden, beschlossen wir, dort eine neue Boulderhalle zu bauen. «Bouldern» bedeutet Klettern in Absprunghöhe. Bei einem Sturz wird dieser durch Weichbodenmatten abgefedert. Beim «Bouldern» geht es darum, Probleme richtig zu lesen und schwierige Einzelstellen zu klettern.
Nach den Planungsarbeiten im Winter und Frühjahr war der Baustart im Juni. Weil «Crux-Bouldering» nur über ein kleines Budget verfügte, war grosses Engagement von uns Vereinsmitgliedern gefragt. Wir bauten Wände, strichen sie und versahen sie mit Schraublöchern, gestalteten den Innenausbau, trieben Geld auf, bauten die Lüftung ein, zügelten, kauften Griffe und schraubten Boulders. Als «arbeitslose» Spitzensportlerin kam mir ein so tolles Projekt gelegen und ich war fast täglich auf der Baustelle anzutreffen. Kaum je zuvor hatte ich eine Säge bedient, doch ich entwickelte schnell eine Routine und fand Gefallen an der handwerklichen Arbeit. Anfang Oktober konnten wir die Boulderhalle eröffnen und mussten sie leider ein paar Wochen später aufgrund der kantonalen Covid-19-Massnahmen schon wieder schliessen.
Neben dem Bauen trainierte ich mit der Nationalmannschaft im nationalen Leistungszentrum oder genoss mit Freunden tageweise die Felswände im Wallis, Berner Oberland und Jura. Dabei konnte ich viele Routen im Schwierigkeitsgrad 8a bis 8c durchsteigen (Bouldergrade gibt es bis 9a und Freiklettergrade bis 9c). Mit Freunden in der Natur zu sein und wunderschöne, schwierige Routen zu klettern, war eine schöne Abwechslung zum turbulenten Wettkampf-Zirkus. Am Felsen kann man sich die Route selber aussuchen. Am Wettkampf gilt es, am «Tag X» eine vorgegebene Route zu klettern und dabei so hoch wie möglich zu gelangen. Oft erreicht nur der Sieger oder die Siegerin das «Top», das Ende der Route, und es zählt nur die Höhe, die erklettert wurde. Privat kann man sich die Route selber aussuchen. Man entscheidet sich je nach persönlichen Stärken und Schwächen, nach Tagesform und nach meteorologischen Bedingungen für die eine oder andere. Als «gepunktet» gilt eine Route nach einem sturzfreien Durchstieg bis zum Umlenker, der sich am Ende jeder Kletterroute befindet. Der Kletterer legt das Seil in den Umlenker ein und kann so abgelassen werden. Man versucht, die schwierigen Passagen zu entschlüsseln, einen möglichst effizienten Weg bis zum Top zu finden und darf für den Durchstieg beliebig viele Versuche machen. Der Wettkampf hingegen erlaubt keinen Fehler, da man nur einen Versuch pro Route hat. Die Bewegungen der Route korrekt zu lesen und zu visualisieren, ist deshalb an Wettkämpfen entscheidend. Man muss die Route innerlich schon geklettert sein, bevor man den ersten Griff berührt. Dieser Nervenkitzel, der totale Fokus auf die Route und die beflügelnde Stimmung haben mir dieses Jahr gefehlt!
Ganz ohne Wettkämpfe verlief das Jahr dann aber doch nicht: Im Sommer und Herbst nahm ich an drei Mehrländer-Wettkämpfen in Österreich und Deutschland teil. Raus aus der Wettkampf-Routine gekommen, waren Nervosität und Anspannung hoch. Ich kam bei allen Mehrländer-Wettkämpfen ins Finale der besten Acht. Als Vierte, Fünfte und Siebte schaffte ich den Sprung auf das Podest leider nicht. Trotzdem flammten der Wettkampfgeist und das Feuer wieder auf und ich genoss das nervenkitzelnde Wettkampfgefühl sehr. Zwei Tage bevor ich mein Studium wieder aufnahm, fand die Schweizermeisterschaft in Villeneuve statt. In der Qualifikation konnte ich als einzige Athletin die beiden Routen bis zum Top klettern und ging als Führende ins Finale. Nach einem etwas unsicheren Einstieg in die Route steigerte ich mich: Je höher ich kam, desto besser kletterte ich und so befand ich mich bald am Top der Route; im Wissen, den Titel gewonnen zu haben! In einem Jahr ohne Weltcups und internationale Meisterschaften bedeutet es mir umso mehr, eine sehr gute Leistung an der Schweizermeisterschaft gezeigt zu haben, auch wenn diese im Normalfall «nur» ein Vorbereitungswettkampf für die internationale Saison gewesen wäre.
Seit Mitte September ist wieder studieren angesagt. Doch nichts ist, wie es war: E-Learning und kaum praktische Kurse. Ich kam trotzdem schnell wieder in den «Lern-Training-Rhythmus», in dem ich vor dem Zwischenjahr lebte, und schleuste immer wieder schöne Tage am Felsen ein.
Ich bin sehr dankbar, dass ich trotz der Pandemie meinen Lieblingssport ausüben kann und mit dem Bau der Boulderhalle etwas an die Kletter-Community zurückgeben konnte. Wir werden sehen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und wie die Wettkampfsaison 2021 durchgeführt wird. Ich würde mich sehr freuen, bald wieder an Weltcups und internationalen Meisterschaften teilzunehmen!
Vielen Dank für die Unterstützung der Fritz-Gerber-Stiftung!
Anne-Sophie Koller
Dezember, 2020← Zurück
Nadel und Faden
Tabea Bolliger wollte ihre Leidenschaft fürs Basteln im Beruf als Theaterschneiderin ausleben können. Heute gehören Hosen zerfetzen und Bäuche aus Schaumstoff formen zu ihrem Alltag.Tabea Bolliger
Meine Reise zur Perfektion
Als Kind fühlte ich mich oft fremd in der Welt der anderen, aber das Malen war meine Art zu sprechen. Nach dem Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel und Malkursen, wollte ich alte Techniken erlernen und fand schließlich das "Institut Supérieur de Peinture Van der Kelen-Logelain" in Brüssel.Pauline Calame