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Moderne Gesellschaften verstehen sich als Meritokratien. Gemäss meritokratischem Ideal werden begehrte gesellschaftliche Positionen, etwa hochbezahlte Stellen, per Leistungswettbewerb verteilt. Das Leistungsprinzip hat Vorteile, aber auch Nebenwirkungen.
Meritokratie versus Egalitarismus
Die Kernidee des meritokratischen Leistungsprinzips ist einleuchtend: Die Talentiertesten sollen ihre Fähigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen. Damit sie dafür einen Anreiz haben, sollen sie entsprechend belohnt werden.
Die radikale Gegenposition zum Leistungsprinzip ist der strikte Egalitarismus. Seine Vertreter/innen argumentieren, dass Talent und Leistungsvermögen einer Person stark von den Bedingungen abhängig sind, unter denen sie aufwächst. Zudem hängen leistungsrelevante Faktoren wie Intelligenz stark von der Lotterie der Natur ab. Aus diesem Grund fordern strikte Egalitaristen eine Gleichverteilung gesellschaftlicher Güter. Historische Beispiele für eine strikte Umsetzung des Gleichheitsprinzips finden wir etwa in der Staatsform der ehemaligen UdSSR. Solche historischen Beispiele zeigen, dass eine leistungsunabhängige Verteilung von Gütern dazu führt, dass sich Personen weniger zum Wohle aller einsetzen. Als Alternative zu finanziellen Anreizen etablieren sich zudem nicht selten strikte Überwachungsmassnahmen.
Nebenwirkungen von Wettbewerb in der Gesellschaft
Heute ist nahezu unbestritten, dass der strikte Egalitarismus als Staatsform gescheitert ist. Und es ist nahezu unbestritten, dass die Verteilung knapper Güter via Wettbewerb die gewünschten Leistungsanreize setzt. Gleichzeitig kann eine unerwünschte Nebenwirkung auftreten: relative Deprivation. Darunter wird in der Soziologie die Wahrnehmung verstanden, im Vergleich zu anderen zu Unrecht benachteiligt zu sein, kombiniert mit dem Wunsch nach Genugtuung. Relative Deprivation kann wiederum auf «Ungleichheitsaversion» (inequity aversion) zurückgeführt werden – ein psychologisches Motiv mit evolutionären Wurzeln. So kann Ungleichheitsaversion bereits bei unseren Vorfahren, beispielsweise Kapuzineräffchen, im Experiment nachgewiesen werden. Kapuzineräffchen mögen Gurke. Noch mehr mögen sie Trauben. Erhält ein Äffchen von der Versuchsleiterin ein Stück Gurke, verspeist es dies erfreut. Erhält ein anderes Äffchen allerdings gleichzeitig eine Traube, schmeisst das benachteiligte Äffchen der Versuchsleiterin aus Protest die Gurke an den Kopf.
Fliegen bei relativ deprivierten Affen die Gurken, sind es beim Menschen schnell einmal Pflastersteine. Denn verbreitet sich in einer Gesellschaft relative Deprivation, steigt das Konfliktpotential. Beispielsweise wird der Aufstieg populistischer Bewegungen in den letzten Jahrzehnten mit der Ausbreitung relativer Deprivation erklärt. Währen durch Globalisierung und Digitalisierung der allgemeine Wohlstand steigt, stagnieren die Löhne der Arbeiterschicht. Populisten nutzen die daraus resultierende Frustration für ihre politische Agenda. Um soziale Spannungen zu vermeiden, ist daher ein optimales Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und sozialer Gerechtigkeit zu finden. Und das gilt nicht nur für die Gesellschaft als Ganzes, sondern auch für Organisationen.
... und in Organisationen
Auch Organisationen vergeben begehrte Positionen via Leistungswettbewerb. Wer mehr leistet, wird befördert, und wer vergeblich nach Beförderung strebt, kann zu relativer Deprivation neigen. Steigt in Organisation die Zahl der Wettbewerbsverlierer/innen, verbreitet sich daher relative Deprivation – mit potentiell verheerenden Folgen für das Betriebsklima und die Kooperationsbereitschaft im Team. So melden sich relativ deprivierte Mitarbeitende öfter krank, reden schlecht über Vorgesetzte, oder lassen bei der Arbeit auch einmal «etwas mitgehen». Solche abweichenden Verhaltensweisen wirken ansteckend. Wenn der Herr Müller regelmässig blau macht, wieso ausnahmsweise nicht auch ich, denkt sich Frau Meier. Schnell kommt eine sich selbst verstärkende Dynamik abnehmender Kooperationsbereitschaft in Gange.
Wettbewerbsdesign
Wie viele deprivierte Personen ein Wettbewerbsprozess verursacht, hängt von seinem Design ab. Je grösser der Gewinn bei einer erfolgreichen Wettbewerbsbeteiligung, beispielsweise der Zuwachs an Lohn und Ansehen, desto grösser die Zahl der Bewerber/innen. Und je grösser die Zahl der Bewerber/innen, desto grösser die Zahl der Verlierer/innen.
Anstatt eine einzige, sehr grosszügig entlohnte Aufstiegsposition, könnten somit alternativ zwei oder drei moderat entlohnte Positionen eingerichtet werden. Dadurch treten weniger relativ deprivierte Verlierer auf. Allerdings sollte der Bogen nicht überspannt werden. Denn übersteigt die Zahl der Beförderten in einem Betrieb die Zahl der Nichtbeförderten, gibt es zwar weniger Verlierer, dafür steigt die Intensität der relativen Deprivation unter den Nichtbeförderten. Wird die Beförderung zur Norm, schmerzt es umso mehr, der nicht beförderten Minderheit zuzugehören.
Kurz: Wettbewerbsstrukturen sollten bedacht gestaltet werden. Basierend auf so genannten Tournament-Modellen aus der Spieltheorie, dem Zweig der Mathematik, der sich mit sozialen Interaktionen befasst, können die Folgen von Wettbewerbsstrukturen theoretisch untersucht und experimentell geprüft werden. Die entsprechende Forschung steckt noch in den Kinderschuhen und ist von hoher Relevanz, insbesondere auch für die Organisationswissenschaft und Wirtschaftspsychologie.
Quellen und weitere Informationen:
Berger, J. & Diekmann, A. (2015). The logic of relative rrustration: Boudon’s competition model and experimental evidence. European Sociological Review, 31, 725–37.
Betz, H.-G. (1994). Radical right-wing populism in Western Europe. New York: McMillan.
De Waal, F. (2013). Two monkeys were paid unequally: Excerpt from Frans de Waal's TED Talk. https://www.youtube.com/watch?v=meiU6TxysCg
House, B.R. (2013). Ontogeny of prosocial behavior across diverse societies. PNAS, 110, 14586-14591.
Jauernig, J., Uhl, M. & Luetge, C. (2016). Competition-induced punishment of winners and losers: Who is the target? Journal of Economic Psychology, 57, 13-25.
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