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Evolve – Erinnerungen eines Évolué
Michèle Magema
17.03.2023
In Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers zeichnete Stefan Zweig das Schicksal einer Generation nach, die schonungslos mit dem Wandel der Geschichte und in gewisser Weise mit dem Versagen der Zivilisation konfrontiert ist. Das Jahr 1938 markierte den Höhepunkt der Konflikte in Deutschland, die Europa mit dem Zweiten Weltkrieg verändern sollten. In dieser angespannten Situation führte Hans Himmelheber 1983/39 seine ethnologische Reise nach Belgisch-Kongo durch. Zu diesem Zeitpunkt, als die koloniale Ideologie auf ihrem Höhepunkt war, herrschte ein rassistisches Denken, das die Ungleichheit zwischen Kolonisten und Kolonisierten predigte.
1938/39 war der Grossvater von Michèle Magema, Malongo Isaac Magema, 20 Jahre alt und arbeitete in der Verwaltung von Belgisch-Kongo, wo er im Begriff war, für die Kolonialregierung und die kolonisierte Bevölkerung das zu werden, was man als évolué bezeichnete. Waren sich Hans Himmelheber und Malongo Magema im Kongo begegnet? Nein! Doch welchen Blick konnte ein Ethnologe auf eine kolonisierte Kultur haben, während seine eigene im Begriff war unterzugehen? Welchen Blick konnte Malongo Magema als zukünftiger évolué auf Hans Himmelheber haben?
Für die Ausstellung Fiktion Kongo realisiert Michèle Magema eine Installation, welche die komplexe Hinterlassenschaft der belgischen Kolonisation an die Generation der évolués untersucht. Michèle Magema hat sich dabei der Fotografien des Ethnologen Hans Himmelheber bedient und eine Installation geschaffen, die Zeichnungen, Fotos und Texte miteinander kombiniert. Das Projekt EVOLVE hinterfragt die Jahre 1938/39 im kolonialen Kontext und verbindet dabei die Reise von Himmelheber mit der Geschichte der Familie Magema. Die Künstlerin bringt darin seine ethnologischen Fotografien, ihre Zeichnungen, die Fotos ihrer (gebildeten) Grosseltern und Texte ihres Vaters (Kind eines évolué) zusammen.
Die Zeichnungen lehnen sich an Fotografien Hans Himmelhebers an, etwa an die Bilder, die in dem Ausstellungskatalog Zaire 1938/39 abgebildet sind. Jedes Foto ist mit Tusche nachgezeichnet. Die Zeichnung besteht immer aus dicht gedrängten fortlaufenden Linien, die Körper oder Räume darstellen. Jeder Strich kommt einer Einritzung in die «Papier-Haut» gleich und legt Zeugnis ab von der wiederholten Geste der Künstlerin. Michèle Magema zeichnet so, als wolle sie ein Ritual vollziehen zur Wiedergutmachung einer verstümmelten, vergessenen, geheimen … kolonialen Geschichte.
«Damals zu den évolués zu gehören, das war top! Wir wussten, dass unsere gebildeten Eltern den Weissen das Land wieder abnehmen würden.» — Dieudonné Isaac Magema
«Ich habe nicht den Stolz geerbt, den mein Vater in der Kolonialzeit haben konnte. Ich habe nicht die Scham geerbt, die Enkelin eines évolué zu sein. Ich empfinde weder Scham noch Stolz. Ich nehme die Vielzahl meiner Abstammungen in mich auf, weil sie mich ausmachen. Ich heisse Malongo wie mein Grossvater. Dieser Vorname verleiht mir als Erbe die Freude an Wissen, den ständigen Drang, die Welt und ihre gesellschaftlichen Elemente zu hinterfragen, und die Kunst ist dafür zum dauerhaften Auffangbecken geworden.» — Michèle Magema
Quelle:
Magema, Michèle: Evolve - Erinnerungen eines Évolué. in Nanina Guyer und Michaela Oberhofer (Hg.): Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart. Zürich: Museum Rietberg / Scheidegger & Spiess, 2019