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Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an: „Bitte, zähme mich!“, sagte er. „Ich möchte wohl“, antwortete der kleine Prinz, „aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennen lernen.“ „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich.“ „Was muss ich da tun?“, sagte der kleine Prinz. „Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs. „Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel, anschauen und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können …“
(…)
„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, sagte der Fuchs, „aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“
Aus: Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz
Heute wenden wir uns Philia zu, der Freundesliebe oder Freundschaft. Wenn Eros Begehren ist, dann ist Philia Erfüllung. Der französische Schriftsteller Stendhal schrieb: „Liebe ist das Vergnügen, ein liebenswertes, uns liebendes Wesen zu sehen, zu berühren, mit allen Sinnen und darum in nächster Nähe zu fühlen.“ André Comte-Sponville schlägt folgende Definition für eben diesen Aspekt der Liebe vor: „Lieben heißt etwas genießen oder sich an etwas erfreuen können.“
Wahre Freundschaft entsteht aus einer Verbindung von Liebe und Freude: Enthusiasmus.
Für Aristoteles sind die Mütter Vorbilder der Freundschaft, aber auch Mann und Frau, wenn sie freundschaftlich miteinander verbunden sind. Weitere Vorbilder für die Freundesliebe sind die Liebe von Eltern und Kindern zueinander, aber auch die Liebe der Verliebten, wenn sie sich nicht nur auf Eros beschränkt. Im Griechischen heißt philein „lieben“. Aristoteles sagte: „Lieben heißt sich freuen.“ So ist Philia die Freude, zu lieben und geliebt zu werden. Die Verbindung von Freude und Liebe feiert auch Schiller in seiner „Ode an die Freude“:
Verliebte, die glücklich miteinander sind, werden auf Dauer Freunde. Ja, ihre Beziehung kann nur bestehen, wenn echte, wahre Freundschaft hinzukommt. Der Eros wandelt sich in etwas Tieferes und Dauerhafteres, eben „echte“ Liebe, Philia. Diese kann über irdische Dimensionen hinausgehen, Matthias Claudius schrieb: „Es gibt einige Freundschaften, die im Himmel beschlossen sind und auf Erden vollzogen werden.“ Auch Plotins Idee von der Zwillingsseele – inspiriert von Platons Mythos der Kugelmenschen – erinnert an diesen überzeitlichen Aspekt.
Inspiriert von der östlichen Karmalehre, vertritt die esoterische Philosophie die Ansicht, dass wir in Beziehungen zu Menschen treten, mit denen wir schicksalhafte Verbindungen haben. So könnte es sein, dass z.B. mein jetziges Kind einst mein Partner war und wir uns in dieser Inkarnation wieder getroffen haben, um weiter aneinander zu wachsen oder begonnene Lernerfahrungen fortzusetzen. Dies bezieht sich nicht nur auf individuelle, sondern auch auf kollektive Beziehungen. So sollen gewisse Seelengruppen immer wieder zusammen inkarnieren, da sie bestimmte gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben …
Diese metaphysischen Ideen mögen dazu dienen, die tiefe Dimension von Freundschaft zu verstehen. Menschen, mit denen wir in Beziehung sind – egal ob physisch oder geistig verwandt -, dienen uns als Chance, selbst und aneinander zu wachsen, Freundschaft, Liebe und Brüderlichkeit zu entwickeln. Wenn wir Friede und harmonisches Zusammenleben in unserer Umgebung verwirklichen, leisten wir einen wertvollen Beitrag zum Weltfrieden und zur Völkerverständigung.
So also sind Freundschaft und Partnerschaft nichts Zufälliges, nichts, was uns unwillkürlich „zufällt“, sondern in unseren Beziehungen, ja in unserem gesamten Leben verwirklicht sich ein großer Plan. Dieser bietet uns Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entwicklung und Verwandlung.
Um eine gute und dauerhafte Beziehung aufrechtzuerhalten, braucht man viele Tugenden. Dazu zählen Geduld, Verständnis, Rücksicht, Humor (viel Humor!!!), Flexibilität, Großzügigkeit, Ausdauer, Treue … und vor allem wahre Freundesliebe.
Thomas von Aquin unterschied zwischen freundschaftlicher und begehrlicher Liebe (Eros). Begehrlichkeit deshalb, weil wir den anderen zu unserem eigenen Wohl lieben. Die wohlwollende oder freundschaftliche Liebe dagegen ist eine großherzige Liebe: Sie liebt den anderen um seiner selbst willen. Verliebt sein ist ein Zustand, lieben eine Handlung.
Und echtes Lieben kann sogar Trennung bedeuten – wenn es für den anderen das Beste ist. Nossrat Peseschkian schreibt in seinem Buch „33 und eine Form der Partnerschaft“, dass eine der zahlreichen Qualitäten, die man für eine gelungene Partner-/Freundschaft braucht, die Fähigkeit der Trennung ist; und zwar wenn die Möglichkeiten, aneinander zu wachsen, ausgeschöpft sind. Ist also die Trennung die Erfüllung der Freundschaft? Nein, natürlich nicht. Aber eine Freundschaft oder Partnerschaft um jeden Preis ist genauso wenig Erfüllung.
Kehren wir zu den Ideen des Anfangs zurück: Philia ist die Verbindung von Liebe und Freude. Sie regt zur Entwicklung und Verwandlung an und bringt uns auf unserem Lebenspfad weiter. Sie ist geistige Inspiration und tiefe Begegnung der Seelen. Sie ist Enthusiasmus und Erfüllung und – wurde vielleicht sogar im Himmel beschlossen.
In alter Freundschaft,
Ihre Gudrun Gutdeutsch &
Treffpunkt Philosophie Zürich
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