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Fokus "Testen und prüfen"
Berufsfachschule Basel
Auf dem Weg zu kompetenzorientierten Prüfungen
Die berufliche Grundbildung soll sich an den Handlungskompetenzen orientieren, die von ausgebildeten Berufsleuten erwartet werden. Folglich sollte auch an den Berufsfachschulen kompetenzorientiert unterrichtet und geprüft werden. Die Umsetzung dieses Grundsatzes stellt allerdings hohe Ansprüche, vor allem im Bereich des Prüfens.
Von Karin Zindel (Berufsfachschule Basel, BFS), Ursula Scharnhorst, Daniel Schmuki und André Zbinden-Bühler (Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, EHB)
Ein Prüfungsbeispiel: «Die 20-jährige Vera ist als ausgelernte Floristin tätig und wohnt bei ihrer Mutter. Sie verdient brutto 3500 Franken im Monat. Vera ist bei der Krankenkasse Visana Bern versichert. Sie hat eine Franchise von 300 Franken und bezahlt eine monatliche Prämie von 521.60 Franken. Als sie diesen Tarif zum ersten Mal bezahlen musste, war Vera geschockt, jetzt sucht sie nach Alternativen und stellt sich Fragen: Welches könnte die optimale Franchisenhöhe sein, welches die günstigste Kasse? Wie findet man das heraus, welches sind Fallstricke dabei? Und wie schreibt man ein Kündigungsschreiben?» Dieses Beispiel stammt aus einer kompetenzorientierten Prüfung im allgemeinbildenden Unterricht (ABU), die Aufgaben zu den Lernbereichen «Sprache und Kommunikation» und «Gesellschaft» enthält. Von einer wissensorientierten Prüfung unterscheidet sie sich durch folgende Aspekte:
– Sie geht von einer lebensnahen und eher komplexen Situation aus.
– Sie ist anwendungsorientiert und verlangt von den Lernenden, dass sie sich mit der Situation analysierend und beurteilend befassen, um darauf aufbauend mehr oder weniger selbstständig zu Lösungen zu kommen.
– Die Situation ist nicht künstlich aufgesetzt und fungiert bloss als Rahmen für reine Wissensfragen, die auch ohne Situationsbezug gelöst werden könnten. Die Situation wird auch nicht «zerstückelt», weil kleinschrittige Fragen die Lernenden zu vorgegebenen Antworten führen würden.
– Die Lernenden müssen verschiedene Wissensarten (insbesondere Konzeptwissen und prozedurales Wissen) zielgerichtet aktivieren, um die Aufgabe zu bearbeiten.
– Die Aufgabe verlangt von den Lernenden einen minimalen Transferschritt. Das bedingt, dass kein deckungsgleicher Sachverhalt im Unterricht verwendet wurde. Die Prüfungsaufgaben (bestehend aus dem Sachverhalt und den Aufträgen) müssen aber immer noch zur Klasse jener Aufgaben gehören, welche die Kompetenz definieren.
Instrument zur Selbstevaluation geplant Im «Handbuch Prozess der Berufsentwicklung» des SBFI wird der Grundsatz der Kompetenzorientierung betont. Daher sollten auch Lernkontrollen im allgemeinbildenden und berufskundlichen Unterricht kompetenzorientiert gestaltet sein. Das gilt für einzelne Lernkontrollen und für umfassendere Verfahren, für formative Tests wie für Lehrabschlussprüfungen. Kompetenzorientiertes Prüfen an den Berufsfachschulen bedeutet allerdings nicht, dass die in den Bildungs- und Lehrplänen beschriebenen Kompetenzen direkt und in ihrer gesamten Komplexität geprüft werden müssten. Dies ist im schulischen Kontext nur in Ausnahmefällen möglich. Dennoch sind Prüfungen, die sich an Kompetenzen orientieren, durchaus umsetzbar, wie das obige Beispiel zeigt. Den Anspruch der Kompetenzorientierung ganz zu erfüllen, ist eine Idealvorstellung. Dazu müssten zuerst alle Bildungspläne, Schullehrpläne und Lehrmittel auf die berufliche und private Realität der angehenden Berufsleute ausgerichtet sein. Das sind sie erst teilweise. Zudem müssten die Qualifikationsverfahren stets auf die Überprüfung von Kompetenzen angelegt sein; sie dürften also kein unverknüpftes Sachwissen abfragen und müssten auch überfachliche Anforderungen einbeziehen (Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen). Gemäss unserer Erfahrung präsentiert sich die Realität in vielen Berufsfachschulen aber noch anders: Die Aufgaben im Qualifikationsverfahren und in Lernkontrollen sind oft noch wenig kompetenzorientiert ausgestaltet. Inwiefern unsere Einschätzung tatsächlich zutrifft, ist nicht erforscht. Es gibt auch keine aktuellen Studien, die belegen würden, dass die Qualitätsmängel berufsbezogener Lehrabschlussprüfungen ausgeräumt sind, wie sie in einer früheren Evaluation von Amos und Kollegen beschrieben wurden. In naher Zukunft sollen die Berufsfachschulen aber ein Instrument zur Selbstevaluation erhalten, mit dem sie das Funktionieren und die Herausforderungen der Kompetenzorientierung in der Schule erheben können. Verantwortlich für das Projekt sind die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) zusammen mit der Table Ronde Berufsbildender Schulen und dem SBFI. Das EHB unterstützt das Projekt bei der Entwicklung und Implementierung.
Berufsfachschule Basel mit konkreten Zielen Die Berufsfachschule Basel beschäftigt sich schon heute systematisch mit der Entwicklung kompetenzorientierter Prüfungen. So hat die Schulleitung während eines Jahres – angeleitet und theoretisch fundiert – zunächst ein gemeinsames Verständnis von kompetenzorientiertem Unterrichten und Prüfen aufgebaut. Im Folgejahr 2017 fand eine für die Lehrpersonen obligatorische Tagung zum Thema «Kompetenzen kompetent erfassen» statt. Auf das Inputreferat folgte eine Vertiefung in den Fachgruppen, unterstützt von Didaktik-Fachpersonen des EHB und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Zielsetzung für das laufende Schuljahr lautet: «In jeder Fachgruppe sind drei kompetenzorientierte Lernkontrollen erstellt und entsprechend den Rückmeldungen der Fachdidaktiker/innen überarbeitet.» Im Fokus der Weiterentwicklung sind die schriftlichen Lernkontrollen, weil diese Prüfungsform typischerweise weniger kompetenzorientiert gestaltet ist als andere. Im Juni 2018 stellen sich die Fachgruppen ihre Lernkontrollen gegenseitig zur Verfügung. Bis in fünf Jahren sollen die schriftlichen Lernkontrollen an der Berufsfachschule Basel nur noch maximal ein Drittel Aufgaben enthalten, die reines Sachwissen abfragen. Dieses muss für die angestrebte Kompetenz essenziell sein. Zu zwei Dritteln sollen die Lernkontrollen aber aus kleinen und grossen Transferaufgaben bestehen. Diese gehen von eher komplexen und problemhaltigen Situationen aus und verlangen eine vertiefte Auseinandersetzung. Zur Lösung müssen zielgerichtet mehrere Wissenselemente kombiniert und entsprechende Instrumente eingesetzt werden. So müssen die Lernenden nicht nur Dinge wissen und verstehen, sie müssen sie auch analysieren und beurteilen können.
Auch der Unterricht muss angepasst werden Wenn kompetenzorientiert geprüft wird, muss auch entsprechend unterrichtet werden – diese Rückwirkung von kompetenzorientiert gestalteten Qualifikationsverfahren (QV) und Lernkontrollen auf den Unterricht ist gewollt. Auf diese Weise wird das «Teaching to the QV» ein positiver Standard. Damit erfüllt sich auch ein zentraler Grundsatz aus der Botschaft zum Berufsbildungsgesetz, wonach Berufsfachschulen die Aufgabe haben, «das situationsbezogene Erfahrungslernen in übergeordnete Zusammenhänge zu stellen, die für eine dauerhafte Orientierung wichtig sind.» An der Berufsfachschule Basel – wie an anderen Schulen auch – hat die entsprechende Entwicklung bereits begonnen. Sie berücksichtigt die zentralen Gelingensbedingungen für einen solchen Prozess: Mut, Unterstützung und Zeit. Den Mut, die eigenen Materialien für kooperative Weiterentwicklungen zur Verfügung zu stellen; die Unterstützung mit klaren Zielsetzungen und der Einplanung von ausreichenden Ressourcen durch die Schulleitung und durch Didaktiker/innen; die Zeit zum portionierten Ausprobieren.