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Der Serien-Markt boomt. Gerade amerikanische Serien wie «Die Sopranos», «Desperate Housewives» oder die Arztserie «Dr. House» sind beliebt, jagen die Einschaltquoten in die Höhe und treffen ins Herz anspruchsvoller und kritischer Konsumenten. Anspruchsvoll? Tatsächlich gehören die Zuschauer dieser Serien der gehobenen Mittelklasse an, sind in der Regel jung und akademisch ausgebildet. Im Schweizer Fernsehen schauen 200 000 Zuschauer wöchentlich «Desperate Housewives», das Durchschnittsalter ist etwa 36 Jahre. Im Vergleich dazu: Den Dienstagskrimi sehen etwa 500 000 Zuschauer im Durchschnittsalter von etwa 60 Jahren.
Was macht den Reiz der neuen Serien aus? An der Einführungsveranstaltung zur Tagung über serielle Formen listete UZH-Filmwissenschaftler Robert Blanchet mehrere Punkte auf: Die Serien werden professionell produziert und sind oft von der persönlichen Handschrift der Macher geprägt, ähnlich wie beim Autorenkino. Traditionelle Genremuster werden vermischt und mitunter ironisch gebrochen. Die Geschichten sind komplex und nutzen im Gegensatz zu früheren Serien wie «Inspektor Columbo« oder «Bonanza» die Vorteile des Fortsetzungsformats stärker aus. Die Figuren entwickeln sich weiter und es spielt eine Rolle, was in früheren Folgen passiert ist.
Und es gibt keinen Halt vor gesellschaftlich kontroversen Themen, wie Homosexualität oder Drogenkonsum. Dies liegt vor allem daran, dass viele der neuen Serien bei amerikanischen Pay-TV-Sendern wie «HBO» und «Showtime» entstehen. «Die sind im Gegensatz zu den grossen frei zugänglichen US-Sendern nicht an die Richtlinien der amerikanischen Fernsehaufsichtsbehörde gebunden», führte Blanchet aus.
Mafiaboss auf der Psychiatercouch
Ein Beispiel: Der Held der Serie «Die Sopranos» ist ein Mafiaboss, der unglücklich und genervt von familiärem Ärger und von der auf Treue pochenden Ehefrau in der Praxis einer Psychiaterin landet. So sitzt der gefährliche Mann auf der Couch und erzählt, dass er die Freude an seiner ‚Arbeit‘ verloren hat.
Diese Serie gehört zu den wirtschaftlich erfolgreichsten: Allein die Vergabe der Rechte, Wiederholungen der «Sopranos» auszustrahlen, soll dem amerikanischen Sender HBO 215 Millionen Dollar eingebracht haben. Der grösste Kunstgriff der «Sopranos» besteht in der Behandlung der Charaktere. Weder bleiben die Figuren immer gleich, noch gibt es eine Art Entwicklung hin zum reiferen, moralisch besseren Zustand. Niemand ist hier nur gut und liebevoll - oder nur böse und gemein.
Trend zum Trash?
In den 1950er Jahren sah der Kulturkritiker Theodor W. Adorno in Serien die Abbildung einer schablonenhaften Weltdarstellung mit stereotypen Figuren und plakativem Wertekatalog. Im Zuschauer sah er den passiven Konsumenten. Der heutige Zuschauer geht jedoch wohl eher ironisch subversiv mit den Serien um. «Es geht heute nicht mehr so sehr darum, was die Fernsehserie mit dem Zuschauer macht, sondern vielmehr darum, was der Zuschauer und die Zuschauerin mit der Serie machen», sagte die UZH-Filmwissenschaftlerin Kristina Köhler in der Einführung zur Konferenz.
Prominentes Beispiel für nur eine Form des Serienkonsums, die so genannte «guilty-pleasures-Rezeption» sei gemäss Köhler, der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann. Er verpasste keine Sendung der US-amerikanischen Serie «Dallas» aus den 80er Jahren. «Es ist so faszinierend schlecht, dass ich keine Folge versäume. Die Handlung ist abstrus und unlogisch, die Kameraführung grauenhaft, die Regie entsetzlich, und unglaublich viele schlechte Schauspieler und Schauspielerinnen spielen unglaublich schlecht. Aber es ist irre faszinierend!»
Die Medien- und Filmwissenschaft untersucht die Serien heute unter anderer Perspektive als noch vor zwanzig Jahren. Hatten sich Forscherinnen und Forscher in den 1970er und 80er Jahren noch vornehmlich mit der Wirkung der Serien auf die Zuschauer auseinandergesetzt, so steht jetzt zunehmend die Ästhetik und Erzählstrategien der Fernsehserien im Zentrum der Medienwissenschaftler.
Zuschauergewohnheiten im Wandel
Montag essen gehen? Geht nicht, da läuft Desperate Housewives – Das war gestern. Heute werden die Lieblingsserien quasi «on demand» via Internet aufs Handy oder den Rechner geladen oder können per DVD oder Video jederzeit angeschaut werden. Haben diese Konsumgewohnheiten wiederum Auswirkungen auf die Macher der so genannten Qualitätsserien?
«Der Serienzuschauer, der seine Lieblingssendung zu festen Sendezeiten vor dem heimischen Fernseher goutiert, mag noch bis in die 1990er Jahre als dominantes Rezeptionsmodell gegolten haben», sagte Köhler. Durch die neuen technischen Möglichkeiten sei das eindimensionale Bild der Serien-Rezeption jedoch überholungsbedürftig. Und es bleibt die Frage, wie sich das veränderte Verhalten auf die Bild- Ton und Textästhetik der Serien auf Dauer auswirkt.
Die Tagung «Serielle Formen»wurde konzipiert und organisiert vom Seminar für Filmwissenschaft in Verbindung mit dem Peer-Mentoring-Projekt FilmWissen. Initiiert von Robert Blanchet, Kristina Köhler, Tereza Smid und Julia Zutavern nahm die Tagung den aktuellen und bisher wenig erforschten Trend der Quality Television Series zum Anlass, um sich dem Phänomen des Seriellen grundlegender zu nähern. Ein zentrales Anliegen war dabei, den internationalen und interdisziplinären Austausch zwischen Wissenschaftlern aus den USA und Europa anzuregen.
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