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Im Kindergarten und der Grundschule sollen Kinder seit neuestem möglichst frei sein von Erwartungen und Anweisungen der Erwachsenen. Je nach Lust und Laune sollen sie aus einem limitierten Stoffangebot selber entscheiden dürfen, womit sie sich wann, wie und wo beschäftigen wollen. In diesem sogenannten „offenen Unterricht“ sollen sich die Lernenden autonom selbst organisieren. Die von Hattie als erfolgreich bewertete direkte Instruktion und Lehrkräfte als Wissensvermittler haben hier nichts mehr verloren.
Winterhoff bezeichnet dieses System als „Stätten des organisierten Verwahrens“ und macht es verantwortlich für die sprunghaft gestiegene Zahl an psychisch auffälligen Kindern sowie völlig unzureichende Leistungen in Schule und Berufsausbildung. Hierfür nennt er unterschiedliche Gründe. Einer vorneweg: In solchen Lernsettings entstehen Geräuschpegel von bis zu 85 Dezibel. Schreiende Kinder erreichen bis zu 110 dB(A) und übertreffen damit Kreissägen und Presslufthämmer. Wollen sich Lehrkräfte Gehör verschaffen, müssen sie den Geräuschpegel mit ihrer Stimme um 10 bis 15 dB(A) übertreffen. Weit verbreitete Stimmbandprobleme unter Lehrpersonen sind die Folge.
Die Methode “Reichen” als mahnendes Beispiel
Ein weiterer Grund für abnehmende schulische Leistungen erkennt Winterhoff in den von oben nach unten verordneten Unterrichtsformen, die den Erfahrungen der Lehrkräfte widersprechen und sich somit als nicht zielführend herausstellen. Als Beispiel verweist er u.a. auf die Methode „Schreiben nach Gehör“ des Schweizers Jürgen Reichen, die während zwanzig Jahren Heerscharen von Schülern mit katastrophalen Orthographiedefiziten zurückliess. Deshalb wurde sie in etlichen deutschen Bundesländern und u.a. im Kanton Nidwalden verboten.1 Nebenbei bemerkt, wird Reichens zweite Methode, „Lesen durch Schreiben“, die ebenfalls auf der völligen Vernachlässigung von Regeln basiert, auf das Schuljahr 2020/21 im Aargau untersagt.2
Regeln? Wir brauchen keine Regeln!
In den Reichen-Methoden erkennt Winterhoff eine grundsätzlich negative „Einstellung der 68-Generation gegenüber gemeinschaftsstiftenden Übereinkünften…: „Regeln? Wir brauchen keine Regeln!“ Die Gleichstellung von Erwachsenen und Kindern nimmt in den 68ern ihren Anfang. In der Folge haben „Erwachsene Kindern nichts zu sagen.“ Sie entwickeln sich quasi spontan von selbst. Man muss sie nur in Ruhe lassen. Dem gleichen Irrtum unterliegt ferner auch die Mehrsprachigkeitsdidaktik3. „Als die 68-Generation bei ihrem Marsch durch die Institutionen an die entsprechenden Positionen aufrückte, war der Weg frei, diese Weltanschauung in der Bildungspolitik fest zu verankern und die bewährte Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden […] zu ersetzen.“
Ein einstiges Vorzeige-Bundesland wird in den Abgrund reformiert
Der heutigen Bildungspolitik macht Winterhoff den Vorwurf, dass sie zwar begeisterungsfähig, aber völlig unkritisch den Fantasien von Ideologen aufsitzt und diese mit desaströsen Folgen umsetzt, anstatt sich auf die reichlich vorhandene Empirie aus Praxis und Wissenschaft zu verlassen. So machte Gabriele Warminski-Leitheusser, 2011 – 2013 sozialdemokratische Kultusministerin von Baden-Württemberg, den umstrittenen Schweizer Schulgründer Peter Fratton zu ihrem offiziellen Berater. „Das vormalige Vorzeige-Bundesland verschlechterte sich in der darauffolgenden Zeit dramatisch im Ländervergleich.“ In einer Landtagsanhörung auf seine Experimente angesprochen, meinte Fratton: „Ich habe keine Ahnung, was dabei herauskommt. Aber schön falsch ist auch schön.“ Abgesehen von dieser offensichtlichen Leichtsinnigkeit, tun sich Ideologen schwer damit, Unrecht zuzugeben. Sie und ihre Anhänger in der Bildungspolitik biegen sich die Realitäten zurecht, „bis sie den eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprechen.“ Darin erkennt Winterhoff „die Basis der Bildungspolitik seit mindestens zwei Jahrzehnten.“
Grundlegende Störung in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern
Die Grundlage der bildungspolitischen Realitätsverweigerung macht Winterhoff in einer grundlegenden Störung in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern aus. In der Psychoanalyse nennt sich diese Beziehungsstörung Projektion. Die Anhänger des offenen, selbstorganisierten Unterrichts glauben aufrichtig daran, Kinder zu befreien. Tatsächlich jedoch übertragen hier Erwachsene eigene Wünsche und Gefühle auf das Kind. Sie wollen den Minderjährigen das geben, was sie sich als Kind selber wünschten. Sie wollten keine Hausaufgaben. „Also weg damit!“ „Sie wären gerne während des Unterrichts ein wenig herumspaziert? Also werden Wände eingerissen“, Verweilecken, Lerntheken, Spiel- und Bewegungsräume eingerichtet.
Konsequent in den Lernstillstand
Damit übersehen die Anhänger des offenen, selbstorganisierten Unterrichts die Bedürfnisse der Kinder nach Betreuung und Orientierung. Nur in der Projektion kommt der Erwachsene auf die Idee, „dass seine Rolle darin besteht, alle Wünsche, die er dem Kind zuordnet, umgehend zu erfüllen.“
Damit ordnet er sich dem Kind unter, wodurch dieses die Führung übernimmt. „Die eigentliche ‘Bildungsrevolution’ besteht somit im „unnatürlichen Beziehungsverhältnis, in das Kinder und Erwachsene […] gezwungen werden.“ „Denn wenn sich das Kind nicht an Erwachsenen orientieren darf, findet bei ihm definitiv keine Entwicklung seiner Psyche statt. Das […] ist seit vielen Jahrzehnten gesichertes Wissen.“ Was das autonome Lernen betrifft unterscheiden sich Kinder überdies nicht von Erwachsenen: Sie wählen sich zumeist, was sie bereits können, wodurch es auch zu einem Lernstillstand kommt.
„Offener Unterricht lässt Schüler und Lehrer allein. ‘Autonomes Lernen’ bei Kindern gibt es nicht.“ Ohne die Anleitung und Orientierung durch Erwachsene bleiben Kinder lustorientiert. Sie erreichen dadurch weder Beziehungs- noch Arbeitsfähigkeit – mit katastrophalen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft.