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Die Betrachtung eines Bildes und die Auseinandersetzung damit, stellt sich sehr schnell als ästhetische Sinnkonstitution her, welche von der Denkarbeit der rezipierenden Person abhängt. In den nachfolgenden Zeilen soll versucht werden eine Auseinandersetzung mit einem Bild zu zeigen, Gedanken aufzuwerfen, das Bild sprachlich herzustellen und erst dann, wenn der ganze Text gelesen wurde, soll man das Bild, das eigentliche Bild sehen können. So beginnt dieser Text mit der Beschreibung des Tatsachenhaften. Im Grunde handelt es sich nur um ein Schwarzweissportraitfoto, welches teilweise mit Farbe übermalt wurde. Anstelle des Gesichts ist eine schwarze Fläche zu sehen. Soviel vorweg.
Nur eine Fotografie?
Das Bild ist ein-, zwei-, dreifach gerahmt. Es steckt in einem weissen Holzrahmen, ist umgeben von einem Passepartout und hat auch einen polaroidfotoähnlichen weissen Rand. Das Bild selbst, beginnt zwischen diesen weissen Rändern rechteckig. Ursprünglich war es ein Schwarzweissportraitfoto, doch wurde es wie gesagt, übermalt. Ein Teil der Fotografie ist noch sicht- und erkennbar, heisst, wurde nicht mit Farbe übermalen. Auf dem Foto ist eine typische 50er-Jahre Frisur, vermutlich einer Frau, zu sehen, sowie ein Stück eines Vorhangs mit Pflanzenmuster. Das Foto liesse sich ursprünglich, d.h. bevor es bemalt wurde, vermutlich in zwei Bereiche teilen. In einen Hintergrund, bei welchem der Vorhang zu sehen sind und einen Vordergrund, in welchem der Kopf und die Schulterpartie einer Person zu sehen sind. Ein typisches Portraitfoto eben.
Die Farbe und das neue Bild
Das Hinzufügen von Farbe auf die Fotografie, hat ein neues Bild geschaffen. Der Hintergrund ist nun, hier, aber zu ¾ grün bemalt, und nur noch zu ¼ vorhängig*. Dort wo das Gesicht zu sehen wäre, ist ein schwarze Fläche zu sehen, welche von einem weissen Rand umgeben ist. Dort wo der Hals wäre, ist ebenfalls weisse Farbe zu sehen. Das Kinn, welches Gesicht und Hals trennen würde, ist durch eine feine schwarze Filzstiftlinie kennbar gemacht, damit das Gesicht und der Hals als solches immer noch getrennt sind. Eine gebogene goldene Farbfläche führt aus der schwarzen Fläche heraus, einem Wasserfall ähnlich, bis zum unteren mittleren Bildrand. Die Figur, – durch die aufgetragene Farbe fällt es schwer hier noch von einem Menschen zu sprechen – ‘trägt’ ein pinkfarbenes und mit schwarzen Punkten versehenes Oberteil, dessen Muster an das Innere einer Wassermelone erinnern mag, besonders deshalb, weil die beiden halbrunden Halskragenflügel, dunkelgrün gefärbt sind und so zusammen mit der Farb- und Musterwahl des Oberteils, die Assoziation zu einer Wassermelone begünstigen. Zum Kragen ist zu erwähnen, dass sich das Grün des linken halbrunden Halskragenflügels, sich mit dem Grün des Hintergrunds vermischt. So sind der Hintergrund und die Figur, bzw. deren Kleidung durch die Farbe miteinander verbunden.
* Dies ist als ein Adjektiv zu lesen, welches vom Substantiv ‘der Vorhang’ abgeleitet wurde.
Das Suchen des Gesichts, erste Deutungsversuche oder wieso spricht das Bild mich an?
Das Vertraute kennen und erkennen wir. So können wir bereits nach wenigen Strichen einen Menschen oder zumindest etwas Menschenähnliches erkennen. Das Vorwissen, welches bei der Zuschreibung von Bedeutung und Deutung eines Bildes von Nöten ist, wird hier sichtbar gemacht, indem Formen als Repräsentationen von etwas Anderem erkannt werden. Wir erkennen gleich, dass es sich um ein Portrait eines Menschen handelt und wissen, dass sich dahinter ein Vorhang befindet, weil wir die Funktion eines Vorhangs kennen. Auch wissen wir, dass die Farbe welche auf die Fotografie aufgetragen wurde, etwas repräsentiert. So repräsentiert das rosa schwarz gepunktete Muster mit den beiden grünen Halbkreisen ein Kleidungsoberteil – mit halbrunden Halskragenflügel – und wir wissen auch, dass der Hintergrund sich zwar mit dem Kragen vermischt, doch ziehen wir eine gedankliche Linie, eine Sinnlinie, in welcher wir für unsere Wahrnehmung den Hintergrund vom Kragen abtrennen. Uns ist klar, dass der Kragen nicht Teil des Hintergrund sein, kann, solang wir in unserem ‘logischen’ System der Realwelt bleiben wollen, welche hier unsere Referenzwelt** ist. Wir nehmen somit das Bild wahr und setzen die Linien, Formen und Farben in ein logisches System ein. Wir hätten auch ein System wählen können, in welchem der Hintergrund Teil des Kragens ist, doch könnte der Kragen nicht länger in unserem System funktionieren. Wir müssten etwas Neues schaffen. Eine Kragenwand. Eine Wand, welche einem einen Kragen bietet. Oder hält die Wand den Kopf fest? Wird der Kopf gar so von der Wand erdrückt, dass er beginnt einen goldenen Wasserfall auszusondern?
**Anm. Ob der Mensch meist seine Realwelt als Referenzwelt zur Deutung und Bedeutungssuche verwendet, bleibt zu untersuchen.
Wir versuchen Sinn zu konstituieren, Sinn zu schaffen. Da uns die Abtrennung von Wand und Kragen mehr Sinn ergibt, entscheiden man sich vermutlich dafür, diese beiden Elemente, trotz der farblichen Verbindung auseinander zu denken und ziehen deshalb diese gedankliche Sinnlinie, welche einen Hintergrund und einen halbrunden Halskragenflügel schafft.
Aber das Spannende, das wirklich Interessante an diesem Bild, ist doch die schwarze Fläche die mitten im Gesicht steht und dieser goldene Wasserfall. Was hat es damit auf sich?
Dieses sekundäre oder konventionale Sujet***, wie Panofsky es vermutlich nennen würde, kann durch die goldene Farbe als etwas wertvolles, wahrgenommen werden. Die goldene Fläche lässt sich leicht mit etwas Wertvollem & Bedeutungsvollem in Verbindung bringen. Die schwarze Fläche bringen wir mit dem Nichts in Verbindung.
***Vgl. Panofsky, Erwin (2002), Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Köln: DuMont [1955], S.39
Die eigentliche Bedeutung verdichtet die die Fliessform, das Wertvolle, das Nichts und schafft etwas Neues.
Es ist die Bedeutung, welche aus dem Nichts konstituiert wird. Das Sein, das aus dem Nichts kommt. Der Anfang der goldenen Fläche ist nicht sichtbar, das Ende der goldenen Fläche ebenso wenig. In der goldenen Fläche manifestiert sich das Thema oder das Konzept der Sinnkonstitution, der Bedeutungsschaffung.
Und wenn wir uns nach Utz fragen, ob uns dieses Bild eine für uns bedeutungsvolle Geschichte erzählt****, müssen wir sagen. Ich weiss es nicht, aber ich muss zumindest darüber nachdenken. Erzählt uns das Bild letztlich eine Geschichte oder erzählen nicht wir die Geschichte? Die rezeptionsästhetische Grenze zwischen Bild und Selbst scheint hier zu verschwimmen. Das Narrative, dass ich jetzt geleistet habe, das macht das Bild zu einem anderen Bild. Haben wir uns jetzt nicht gemeinsam, in eine Art hermeneutisches Laufrad begeben und so die Sinnmaschine angeworfen. Das Bild wirft Fragen auf. Fragen nach Bedeutungsschaffung, nach den Anfängen und den Enden von Bedeutung. Der Frage nach dem Gesicht und der Bedeutungskonstitution.
****Vgl. Utz (2010), Geschichtsunterricht: Zeit+Bild+Film. Zeitschrift für Pädagogik, 56(6), S.847.
Zuletzt?
Ist es ein gutes Bild? Ist diese Frage von Bedeutung? Es ist zumindest ein Bild über welches es sich nachzudenken lohnt. Denn jeden Tag stehen wir vor der Aufgabe der Sinnkonstitution. Und hier, in diesem Bild, zeigt sich diese Aufgabe. So kommen wir durch das Anschauen zum Denken, in dem das Nichts während dem Schauen allmählich zum Denken wird und schliesslich in Sinn und im Sein endet.
Dario Spilimbergo, UZH FS20