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1910 erreichte das Flugfieber auch die Schweiz.
Einem Vogel gleich durch die Lüfte zu fliegen ist ein alter Traum der Menschheit. Schon die Griechen und Römer träumten ihn, wie die Sage von Dädalus und Ikarus belegt, die mit ihren selbstgebauten Flügeln der Freiheit entgegenflogen.
Was lange nur ein Traum war, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts schliesslich Wirklichkeit. Zuvor waren bereits Flüge mit Heiss- und Gasballons möglich gewesen. Nun hob man auch in Flugmaschinen mit Flügeln und Motoren vom Boden ab. Am 17. Dezember 1903 schwebte der Doppeldecker der Brüder Wright während 59 Sekunden in der Luft und legte dabei eine Strecke von 260 Metern zurück. Und keine sechs Jahre später flog der Franzose Louis Blériot am 25. Juli 1909 als Erster mit seinem Eindecker über den Ärmelkanal.
Im Doppeldecker über dem Genfersee
Die Aviatik, wie man die Fliegerei damals bezeichnete, fand auch in der Schweiz ihre Enthusiasten. Zu ihnen gehörten die Brüder Dufaux in Genf, die das erste Schweizer Flugzeugwerk betrieben. Armand Dufaux überflog mit seinem Doppeldecker am 28. August 1910 als Erster den Genfersee in seiner ganzen Länge. Es war dies die längste Strecke, die bis anhin ein Flugzeug über Wasser zurückgelegt hatte.
1910 war auch das Jahr, in welchem Flugtage in der Schweiz heimisch wurden. Erich Tilgenkamp bemerkt in seinem 1941 erschienenen Buch «Schweizer Luftfahrt» dazu bissig: «Unsere ersten Flieger waren noch nicht einmal flügge, als gewiegte und gewinnsüchtige Manager die ersten Flugtage aufzogen, um so bei minimalstem Arbeitsaufwand, mit der Waghalsigkeit anderer, mühelos viel Geld zu machen. Das neugierige und stets sensationslüsterne Publikum strömte zu Scharen (…), um das Wunder des Motorfluges zu erleben und die Kühnheit der ‹Lufthelden› zu bestaunen.»
Bisweilen ist es nicht leicht zu sagen, wo die Kühnheit endete und die Tollkühnheit anfing. Am 24. September 1910 startete der peruanische Pilot Geo Chavez in Brig zu einem Flug über den Simplon nach Domodossola. Bereits ein paar Tage zuvor, am 19. September, hatte er einen ersten Versuch unternommen, musste aber wegen heftiger Böen auf 2300 Metern wieder umkehren. Diesmal schien das Wagnis zu gelingen. Beim Landemanöver in Domodossola fand der Flug jedoch ein böses Ende. Ein plötzlicher Windstoss brachte Chavez’ Blériot-XI-Eindecker zum Kippen. Chavez wurde mit mehreren Knochenbrüchen aus den Trümmern geborgen. Vier Tage später erlag er überraschend seinen Verletzungen.
Der Baselbieter Ikarus
Chavez’ Simplonflug, so tragisch er auch endete, weckte im jungen Baselbieter Oskar Bider das Verlangen, es dem Peruaner gleichzutun und die Lüfte zu erobern. Mit einem Teil seines Erbes erwarb er sich ebenfalls einen Blériot-XI-Eindecker und flog 1913 damit zunächst über die Pyrenäen und später von der Schweiz über die Alpen nach Mailand. Bider galt als sehr umsichtiger Pilot. Zu seinen Gebirgsflügen startete er erst, wenn die Wetterverhältnisse optimal waren. Am 7. Juli 1919 liess er sich bei einem Schaufliegen für Freunde im Übermut zu einer Unvorsichtigkeit hinreissen und stürzte ab – wie Ikarus in der Sage.