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Bergsturz in Preonzo im Mai 2012
Ausgangslage
Das Gebiet um die Alpe di Roscera oberhalb Preonzo im Kanton Tessin ist schon seit Jahren in Bewegung. Der Kanton überwacht die Bewegungen mit Extensometern in den Rissen auf der Alp und vom Tal aus mittels Laserdistanzmessungen auf Spiegel in der Wand. Wir hatten schon vergangenes Jahr während ingesamt drei Messperioden die Bewegung der Felsfront mit dem interferometrischen Radar (InSAR) vom Tal aus gemessen. Das Gerät steht in einem Abstand von ca. 2 km Luftlinie am Hangfuss. Auf diese Distanz ist ein Radarpixel etwa 8 m breit und etwa 4 m hoch. Die Wand wird also recht hoch aufgelöst gescannt.
Lösung
Im Verlaufe des Aprils 2012 bewegte sich der Fels schneller als üblich. Wir wurden daher vom Kanton Tessin angefragt, ob wir das Radar nochmals in Preonzo stationieren könnten. Am 1. Mai waren wir bereit — gerade rechtzeitig, wie sich weisen sollte. Die Messdaten des Radars wurden live ins Internet übertragen, die Verantwortlichen vom Kanton konnten mit einer Verzögerung von maximal 15 Minuten (bedingt durch die Datenprozessierung) die aktuellen und ortsaufgelösten Geschwindigkeiten in ihre Entscheidungen mit einbeziehen.
Zu Beginn bewegte sich die Front noch mit „gemässigten“ etwa 1 mm pro Stunde. Die Niederschläge vom 6. und 7. Mai beschleunigten die Geschwindigkeit auf etwa 3 mm/h. Würde der Bergsturz nun bald folgen? Das Wetter besserte sich, der Berg wurde allerdings nicht langsamer. Es war aber andererseits auch keine Zunahme der Geschwindigkeit zu erkennen. Die bewegte Felspartie umfasste ein recht grosses Gebiet von etwa 200 m Breite und 100 m Höhe. Es war klar, dass sich hier ein grösserer Felssturz anbahnte und es wohl nur noch eine Frage von Tagen bis Wochen war bis zum Absturz.
Während fast einer Woche bewegte sich der Berg mit ungefähr 4 mm pro Stunde, bis er am 13. Mai zur finalen Beschleunigung ansetzte. Das betroffene Gebiet im Auslaufbereich wurde vom Kanton evakuiert und die Kantonsstrasse gesperrt. Doch wann genau würde es geschehen? Eine Analyse der Geschwindigkeiten und eine lineare Extrapolation von 1/v = 0 ergab eine Schätzung von 14. Mai spätabends bis 15. Mai im Verlaufe des Tages. Diese Analyse wurde ebenfalls automatisiert und live im Internet aufgeschaltet.
In den frühen Morgenstunden des 15. Mai war es dann soweit: ungefähr 300’000 m³ Gestein stürzten während einiger Stunden in Raten zu Tal und richteten glücklicherweise keine Schäden an (Video hier). Allerdings war der Absturz nicht vollständig, nur etwa die Hälfte des potentiell instabilen Volumens waren abgebrochen, wie ein Pressefoto eindrücklich zeigte:
Würde dieser Teil bald auch abbrechen? Wie stand es um die Stabilität der restlichen Gebirgsteile? Da an der neuen Felsfront noch keine Spiegel für die geodätischen Messungen vorhanden waren und die Extensometer beim Abbruch teilweise zerstört wurden, konnte mit dem Radar rasch eine Antwort auf diese Frage gefunden werden. Schon am Morgen nach dem grossen Absturz war klar, dass sich ein Teil der Masse noch bewegte, aber innerhalb von 24 Stunden rasch zur Ruhe kam.
Es waren also keine weiteren grösseren Abbrüche zu erwarten. Der verbleibende „rote Fleck“ bewegte sich während zwei Wochen noch um ungefähr 700 mm, bevor auch diese Bewegungen zur Ruhe kamen (Stand 30. Mai 2012).
Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich beim Kanton Tessin, insbesondere bei Herrn Giorgio Valenti, für das Vertrauen und die ausgezeichnete Zusammenarbeit bedanken.
Weitere Informationen
Standort
Felssturz Preonzo
Geopraevent Interferometrisches Radar in Preonzo, Tessin