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so gebührt ihr unter den Künsten die erste Stelle; sie ist die reinste Form aller «Dichtung», d. h. des schöpferischen Gestaltens innerer Vorgänge. Die Dichtungsformen dienen eben dazu, das den Sinnen Undeutliche zu verdeutlichen, und demnach beruht jeglicher Kunstfortschritt in dem Bestreben nach erhöhter Deutlichkeit. Von den darstellenden Künsten vermag die Bildnerei nur bis zu einem gewissen Grade Innerliches zu verdeutlichen; sie erfordert daher auch ein höheres Maß von Kunstfertigkeit, um das Höchste zu leisten, was ihre Ausdrucksmittel überhaupt gestatten. Der Malerei sind die Grenzen weiter gesteckt; sie kann weit mehr und viel deutlicher Innerliches ausdrücken; die Farbendichtung kommt der Tondichtung am nächsten. Die Bildnerei ist die schwierigere, die Malerei aber die höhere Kunst. - Wenn ich nun darauf hinweise, daß um die Mitte des 11. Jahrhunderts (nach dem Auftreten Guido von Arezzos, des Begründers der Notenschrift) die Mehrstimmigkeit (Harmonie) in der Musik erfunden und damit für letztere erst die Grundlage zur völligen Entwicklung geschaffen wurde, ferner daß im 12. Jahrhundert das Schrifttum und die Kunst-Wortdichtung im ganzen christlich-germanischen Völkerkreise - insbesondere auch bei den Deutschen - zur Blüte gelangte, endlich daß im 13. Jahrhundert die Malerei aus ihrer untergeordneten Stellung heraustritt und im 14. Jahrhundert unter den darstellenden Künsten den Vorrang gewinnt, - so dürfte der oben aufgestellte Satz von den großen Umwälzungen, welche die «neue Zeit» der Vollendung der höheren Künste einleiten, genugsam begründet sein.
Entwicklung der Malerei. Im besonderen sind noch etliche Bemerkungen über den Entwicklungsgang der Malerei notwendig. Anfänglich sind «Zeichnung» und «Färbung» von einander getrennt; erstere beschränkt sich auf Umrißzeichnungen, welche die Einbildungskraft des Beschauers ergänzen muß, letztere stellt Farben zusammen, welche durch ihren Einklang das Auge reizen und ergötzen sollen. Weiterhin treten beide in engere Verbindung und werden als etwas Zusammengehöriges be-
^[Abb.: Fig. 337 a. Giotto: Der hl. Franziskus.
Assisi. Hochaltar der Unterkirche.]
^[Abb.: Fig. 337 b. Giotto: Allegorie der Armut.
Assisi. Hochaltar der Unterkirche.] ¶
trachtet, welches somit auch Uebereinstimmung erfordert. Es bleibt jedoch zunächst das Flächenhafte, so lange man noch nicht körperlich sehen und somit körperlich bilden kann; die Bilder sind «bemalte umrissene Flächen». Der nächste Fortschritt besteht darin, daß den gemalten Gegenständen durch bildnerische Zeichnung und Verteilung von Licht und Schatten auch ein körperlicher Ausdruck gegeben wird; sodann versucht man das Aeußere der Dinge durch die Farbe zur naturähnlichen Erscheinung zu bringen, und zuletzt geht man daran, auch das Innerliche auszudrücken. In dieser Hinsicht ist wieder die erste Stufe, daß man durch die Erfindung und Zusammenstellung des Bildinhaltes (Komposition) die Wirkung erzielen will, also auf die Farbenstimmung noch nicht das Hauptgewicht legt; letzteres geschieht auf der zweiten Stufe und damit wird die Malerei zur Farbendichtung, in welcher die Zeichnung eine ähnliche Rolle spielt, wie der Generalbaß in der Tondichtung, nämlich die Grundlage des Einklanges zu sein. Im romanischen Zeitalter finden wir die Malerei auf jener Stufe, auf welcher sie von der Flächenbemalung zum bildnerischen Ausdruck durch die Farbe fortschreitet.
Die Lust an der Farbe äußerte sich auch in dem üblichen Bemalen der Bildnereiwerke, insbesondere der Holzschnitzereien, und dabei mochte sich auch allmählich die Erkenntnis aufdrängen, daß die Bildnerei, auch die farbige, nicht zu einer vollen malerischen Wirkung, d. h. zu einem wohlgefälligen Verhältnis zwischen Licht und Dunkel gelangen könne, weil bei ihr dieses Verhältnis von dem Wechsel der natürlichen Beleuchtung abhängig ist, welcher jeweils das Standbild ausgesetzt ist. Die Malerei dagegen ist in der Lage, ein bestimmtes Verhältnis zwischen Licht und Schattentönen festzuhalten, es von der äußeren Beleuchtung unabhängig zu machen und somit die beabsichtigte Stimmung unter allen Umständen zu erzeugen. Diese Erkenntnis mußte nun zu einer gründlicheren Beschäftigung mit den Ausdrucksmitteln der Malerei führen.
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Die «griechische» Malweise in Italien. In Italien hatte sich eine herkömmliche Malweise ausgebildet, welche schon die alten Kunstschriftsteller des 15. Jahrhunderts als
^[Abb.: Fig. 338. Giotto: Gastmahl des Herodes.
Florenz. Kapelle Peruzzi in St. Croce.] ¶