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Die Stadt zwischen gestern und morgen
Wenn historische Bauten abgerissen werden, geht nicht nur Geschichte verloren, sondern auch Touristen. Die richtige Balance zwischen Denkmalschutz und moderner Architektur ist für Städte deshalb ein Wirtschaftsfaktor.
Wie sähe Paris heute aus, wenn der Architekturtheoretiker und Stadtplaner Le Corbusier in den 1920er-Jahren seinen «Plan Voisin» hätte realisieren können? Nach seiner Vorstellung sollten grosse Teile der historischen Altstadt am rechten Ufer der Seine klotzigen Hochhäusern weichen. Dort, wo sich heute täglich Zehntausende von Touristen tummeln, stünden 60-stöckige Kolosse. Auch in der Schweiz glaubte ein Megalomane einst an die städtebauliche Grösse. Reinhold Rosner, Besitzer eines alkoholfreien Restaurants, träumte 1925 von «Bern als Weltstadt». Dazu sollten Teile der Altstadt breiteren Strassen und einer riesigen Markthalle Platz machen. Die Pläne des selbsternannten Stadtplaners kamen bei Öffentlichkeit und Medien nicht gut an. «Die schöne Altstadt» sei Rosner «keinen Pfifferling wert», spottete die Tagespresse.
Grossflächige urbane Utopien, wie Le Corbusier und Reinhold Rosner sie hatten, waren schon damals schwierig umzusetzen – heute sind sie undenkbar. Das Bewusstsein für die Bedeutung historischer Bauten und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit haben zugenommen. Radikale Formen von «Stadtentwicklung» gibt es heute nur noch in den Arabischen Emiraten oder in Scheindemokratien wie China, wo neue Städte aus dem Nichts gestampft werden. In Shanghai werden heute noch ganze Viertel dem Erdboden gleich gemacht, die Bewohner zwangsumgesiedelt.
In westlichen Kulturen dagegen setzte sich spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts die Wichtigkeit des architektonischen Erinnerns durch. Nachdem 1965 in New York City die historische Pennsylvania Station abgerissen worden war, um Platz für den Madison Square Garden zu schaffen, gründete die Stadt die «Landmarks Preservation Commission», eine Behörde für Denkmalschutz. Inzwischen listet diese mehr als 31 000 Gebäude.
Wie wichtig historische Bausubstanz für eine Stadt auch im 21. Jahrhundert ist, zeigt ein Beispiel aus Hamburg. 2008 verkaufte die Stadt Teile des historischen Gängeviertels an einen niederländischen Investor, der rund 80 Prozent der Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert plattwalzen wollte. Nachdem Künstler die Brachen besetzten und deren Erhalt forderten, machte die Stadt einen Rückzieher und annullierte den Verkauf. Inzwischen ist das Gängeviertel ein beliebter Ort für Kunst und Ausgehkultur.
Geschichte als Wirtschaftsfaktor
Wäre das Viertel abgerissen worden, stünden dort jetzt Bürogebäude, nach Feierabend wäre es menschenleer und ausgestorben. Die Lehre daraus: Historische Architektur bringt Leben ins Viertel und lockt Touristen an. «Der sogenannte Heritage Tourism ist der am schnellsten wachsende Bereich im Tourismus», sagt Donovan Rypkema. Gemäss dem Historiker für Städtebau und Chef der Washingtoner Wirtschaftsberatungsfirma PlaceEconomics zieht das kaufkräftige Touristen an. «Vorwiegend ältere, gutverdienende Menschen wollen Sehenswürdigkeiten und historische Architektur sehen und geben ihr Geld in den Städten aus.»
Nebst mehr Touristen sorgten historische Bauten auch für lokale Arbeitsplätze in Bau, Industrie und Gewerbe. Bei Neubauten würden viele fertige, auswärtig produzierte Elemente verbaut. «Anders bei Renovationen: Hier werden die Aufträge eher an lokale Handwerker vergeben.» Rypkema sieht neben dem ökonomischen Wert historischer Gebäude aber vor allem auch ideelle Werte. «Auf längere Sicht überwiegt der kulturelle, ästhetische, soziale und geschichtliche Wert alter Architektur.»
Der urbane Raum sei grundsätzlich auf Progression und nicht auf Konservierung ausgerichtet, sagt Roderick Hönig, Redaktor beim Schweizer Architekturmagazin Hochparterre. Das bedeute aber nicht, dass es keine alten Bauwerke brauche. «Wichtig ist die Durchmischung von alten und neuen Bauten.» Oft begründen Investoren den Abriss eines Hauses mit den geringeren Kosten gegenüber einer Sanierung. Dazu kommt, dass für moderne Wohnungen mit entsprechendem Komfort höhere Mietzinse verlangt werden. Aus ökonomischer Sicht durchaus nachvollziehbar. «Trotzdem muss ein Neubau für einen Investor nicht unbedingt eine höhere Rendite abwerfen», glaubt Hönig. Mit einem Abbruch werde auch «graue Energie» vernichtet. «Jemand hat das Haus einmal gebaut und es ist ja eigentlich immer noch bewohnbar.» Sogar eine Altbauwohnung kann auf lange Sicht Gewinn abwerfen, ist Hönig überzeugt. Und das im ursprünglichen, nicht renovierten Zustand. Zudem könnten oder wollten sich viele Menschen keine teuren Wohnungen leisten und seien bereit, für einen tieferen Mietzins Abstriche beim Komfort hinzunehmen.
Hönig nennt ein Beispiel. «Angenommen, eine alte Wohnung mit der Toilette auf dem Gang kostet 1500 Franken und eine neue mit integriertem WC und neuer Küche kostet 3000 Franken – viele würden sich wahrscheinlich für die günstigere Variante entscheiden.» Tatsächlich sind Renovierungen der Haupttreiber für steigende Mietzinse. Oft sehen sich Mieter gezwungen umzuziehen, weil sie sich die höhere Miete nicht leisten können oder wollen. Gentrifizierung lautet der dazugehörige Ausdruck. Diese führt zu sozialer Homogenisierung und kommerzialisiert gleichzeitig die Innenstädte. War ein Quartier bisher sozial durchmischt, residieren nach einer Immobilienaufwertung nur noch Gutverdienende der oberen Gesellschaftsschicht. Aus der öffentlichen Stadt für alle wird eine private City für Luxusmarken und Gutbetuchte.
Balance zwischen gestern und morgen
Einen völlig neuen Ansatz, Vergangenes in die Zukunft zu retten, beschreiten der St. Galler Künstler Josef Felix Müller und die in St. Gallen lebende chinesische Architektin Jiajia Zhang. Sie planen, eine Villa aus dem 19. Jahrhundert auf das Dach eines Bürohochhauses zu stellen. Eine Villa als Symbol der urbanen Vergangenheitskultur. Die Villa «Wiesental» steht derzeit neben der Autobahnausfahrt Kreuzbleiche in einem Viertel, das in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt wurde. «Ein Investment-Unternehmen wollte die Villa abreissen und auf dem Grundstück ein Geschäftsgebäude bauen», sagt Felix Müller. Nach Protesten aus der Bevölkerung und der Denkmalpflege hat die Stadt St. Gallen das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Zum stattlichen Herrschaftshaus gehörte einst ein grosser Park. «Dieser ist durch den Strassenbau der letzten 100 Jahre stark begrenzt worden», sagt Müller. Der Künstler und die Architektin wollen dem einst stolzen aristokratischen Bauwerk die ursprüngliche Funktion zurückgeben. «Auf dem Dach eines Bürohauses hätte man wieder den Weitblick, den die Leute vor 150 Jahren hatten», so Müllers Idee. Die Villa entstand während der Blütezeit der St. Galler Stickereiindustrie. Damals, als lokale Unternehmer die Zukunft St. Gallens in der Liga von Weltmetropolen wie Paris oder London sahen.
Mit dem Villenprojekt könnte St. Gallen vielleicht doch noch zu den Weltstädten aufsteigen, zumindest im Bereich architektonischer Einzigartigkeit. Müller ist überzeugt, dass das Vorhaben für die Stadt auch ökonomisch lukrativ wäre. «St. Gallen erhielte weltweit mediale Aufmerksamkeit und die Villa wäre eine Touristenattraktion.» Obwohl die kreative Idee in der Öffentlichkeit mehrheitlich positiv aufgenommen worden sei, stünden ihr Architekten skeptisch gegenüber. Müller kann sich vorstellen weshalb: «Architekten wollen sich nicht positionieren, weil sie sonst vielleicht beim nächsten Architekturwettbewerb im Nachteil sind.»
Der Hochparterre-Journalist und Architekt Roderick Hönig bestätigt Müllers Feststellung. Doch die Villa auf dem Dach sieht er eher als Diskussionsbeitrag und weniger als reales Projekt. «Ein Gebäude ausserhalb seines Kontextes zu konservieren, macht wenig Sinn, das hat mehr mit Ballenberg-Idylle als mit Baukultur zu tun.» Noch ist nichts entschieden in St. Gallen. Nachdem die Stadt die Villa unter Denkmalschutz gestellt hat, haben die Investoren die Umnutzung nochmals neu ausgeschrieben.
Die Stadtplanung steht insgesamt vor grossen Herausforderungen. Sie umfasst heute viel mehr als nur alte Gebäude abzureissen und neue zu planen. Sie fordert das Bewusstsein, dass unsere Vergangenheit in den alten Mauern und Fundamenten steckt. Um die Historie auch in Zukunft erlebbar zu machen, muss Stadtplanung verstärkt neue Architektur auf die bestehende abstimmen.