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Annette Erzinger
aus Debatte Nr. 18 – Frühling 2011
In der aktuellen feministischen Diskussion spielt die Arbeit der Frauen eine zentrale Rolle. Und in konservativen Kreisen sind Argumente mit der Geschichte gerade bei diesem Thema zentral. Das allgemein vermittelte Geschichtsbild ist aber oft mehr eine Projektion der heutigen Verhältnisse auf frühere Zeiten als dass es Tatsachen entspricht. Darum lohnt es sich, Aspekte der Geschichte zu betrachten, die in Schulbüchen wenig thematisiert werden. Zum Beispiel die Erwerbstätigkeit der Frauen im Spätmittelalter.
Vor dem 19. Jahrhundert war Erwerbstätigkeit von Frauen üblich. Der Ausschluss einer hohen Zahl von Frauen aus dem Handwerk und der Produktion ist ein spezifisches Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft. Wie auch heute stellte sich auch damals die Frage, wie die weiblichen Pflichten der Kinderbetreuung und des Haushalts mit der Erwerbstätigkeit zu vereinbaren waren. Darüber gibt es leider nicht sehr viele Quellen. Bekannt ist, dass auch im Mittelalter eine Frau, die mit Erwerbsarbeit mehr verdiente, als sie mit Hausarbeit zum Familieneinkommen beisteuern konnte, die Hausarbeit delegierte (einer Magd, einem Kind, einer Verwandten). Kinderbetreuung war neben der Arbeit zweitrangig, weshalb viele Kleinkinder bei Unfällen starben.
Die Hausmutter
Im 12. Jahrhundert fand in der europäischen Gesellschaft ein starker demographischer wie auch ökonomischer Wandel statt, die landwirtschaftliche Produktion wurde intensiviert und in den Städten spezialisierte sich das Handwerk, was zunehmend zu einer Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land führte. Für die Entwicklung der Stadtwirtschaft war entscheidend, dass immer mehr auch Lohnabhängige heiraten durften. Durch Heirat konnten sich Paare aus der Abhängigkeit der Fronhöfe befreien und einen selbstständigen Familienbetrieb gründen. In diesen Betrieben von Handwerkern, Kaufleuten und Bauern war das Ehe- und Arbeitspaar zentral. Der Hausvater und die Hausmutter hatten die Hauptverantwortung für das finanzielle Auskommen aller Abhängigen des Familienbetriebes. Dazu gehörten neben den Kindern je nach Grösse auch Gesellen und Mägde oder unverheiratete Verwandte.
Die Meisterin
Die mittelalterliche Gesellschaft war klar männlich geprägt. Mit dem Wandel der ökonomischen Verhältnisse und der wichtigen Stellung von Frauen in den Handwerksbetrieben veränderte sich aber die Geschlechterordnung. So bekamen Frauen mehr Rechte, zum Beispiel im Erbrecht. Es begannen sich Frauenzünfte zu bilden oder Frauen konnten in Zünften Mitglied werden, mit denselben Rechten wie die Männer. Ein frühes Beispiel ist die Zunft der Kürschner (Handwerker, die Tierfelle zu Pelzkleidung und anderen Pelzprodukten verarbeiten) in Basel. Diese gestand den Frauen schon 1226 die gleichen Rechte zu wie den Männern. Auch wenn es Beispiele für die Mitgliedschaft von Frauen in Zünften des Baugewerbes gab, konzentrierte sich ihre Tätigkeit aber in erster Linie auf die Produktion von Bekleidung und Luxuswaren. Vor allem im Textilgewerbe konnten Frauen selbstständige Meisterinnen werden.
Die Händlerin
Viele Frauen waren auch im Handel tätig, die in Gilden organisierten Fernhändlerinnen konnten vor allem im 14. und 15. Jahrhundert ein Vermögen erwirtschaften. Der Fernhandel, zum Beispiel mit Tuch, war aber vor allem auf die Exportgewerbezentren (z.B. Flandern) beschränkt. Diese Art des Handels ist mit langen Reisen verbunden, weshalb es sich nicht um eine typische Frauenarbeit handelte. Diese fand normalerweise in der Nähe des Wohnortes statt. Die Mehrheit der im Handel tätigen Frauen waren Kleinhändlerinnen oder Hökerinnen, die mit allen möglichen Dingen des täglichen Lebens handelten. Sie verdienten meist so schlecht, dass sie in den Steuerregistern der Städte unter den Leuten zu finden sind, die nichts besassen. Wie ihnen ging es wohl den meisten städtischen Frauen. Sie waren Gesellinnen, Mägde oder Lohnarbeiterinnen in den unterschiedlichsten Handwerksbetrieben und nicht in Zünften organisiert.
Insgesamt waren die Frauen wie auch die Männer mehrheitlich in der Landwirtschaft tätig. Es gab Arbeiten, die von Männer wie Frauen verrichtet wurden, wie zum Beispiel die Ernte. Für diese Tagelohnarbeit, bekamen Frauen teilweise auch den selben Lohn wie die Männer. Auf dem Land war die Lohnarbeit aber eher weniger verbreitet als in der Stadt.
Die Verliererin
Gegen das Ende des Mittelalters (15. Jahrhundert) lässt sich am Beispiel des Zunftrechts eine wachsende Frauenfeindlichkeit feststellen. Im Konkurrenzkampf gegen die besser organisierten Männer verloren die Frauen in den verschiedensten Gewerbebranchen die Rechte, sich an der Produktion zu beteiligen. So fand im 16. Jahrhundert ein starker Niedergang der weiblichen Erwerbstätigkeit im zünftischen Handwerk statt. Dieser Wandel war kennzeichnend für den nächsten grossen ökonomischen Wandel zu Beginn der frühen Neuzeit (ab dem 16. Jahrhundert). Unter anderem durch die Entdeckung Amerikas verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum Europas und es entstand mit der Verlagsproduktion eine frühkapitalistische Produktionsweise. Die Zünfte reagierten auf diese Entwicklung durch Abschottung. Diese Abschottung betraf vor allem die Frauen.
Die Tagelöhnerin
Die Tatsache, dass die Frauen nicht mehr im zünftischen Gewerbe tätig sein konnten, heisst aber nicht, dass sie weniger erwerbstätig waren. Die neu entstandene Heim- und Manufakturarbeit bot den vom Zunftwesen benachteiligten Frauen neue Arbeitsmöglichkeiten. Immer weniger war die erwerbstätige Frau also eine Handwerker-Gattin, welche selbst einen ganzen Betrieb führte, sondern vielmehr eine alleinstehende, mobile (Tage-)Lohnarbeiterin. Diese Frauen schlossen sich für ihre beruflichen Interessen weniger zusammen als die Männer und hatten so auch weniger die Möglichkeit, gegen eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen anzukämpfen. Auch dieser ökonomische Wandel betraf die Arbeitsteilung der Geschlechter und veränderte gleichzeitig die Geschlechterordnung. So wurden Frauen im 16. Jahrhundert wieder vermehrt unter die Vormundschaft eines Mannes gestellt.
Die Wissenschaftlerinnen
Heute gibt es zwei verschiedene Konzepte, um diese Ausweitung der Rechte und der Einflussmöglichkeiten der Frauen Europas im Spätmittelalter und die darauf folgende Wiedereinschränkung der Frauenrechte zu interpretieren. Das eher postmodern geprägte Konzept konzentriert sich auf den Wandel der Geschlechterordnungen. Dieser Ansatz untersucht eher eine kurze Phase der Geschichte und beleuchtet die Unterschiedlichkeit der Geschlechterverhältnisse im Laufe der Zeit. Das Konzept beachtet aber nicht die Kontinuität der Unterdrückung der Frauen trotz teilweise massiven sozialen Wandels. Auf diese Kontinuität bezieht sich das zweite Konzept. Es geht von einem so genannten «patriarchal equilibrum» aus. Dieses wirkt sich so aus, dass Frauen aufgrund ihrer relativ schwächeren Position in der Gesellschaft zu den Verliererinnen des Wandels gehören, unabhängig vom wirtschaftlichen und sozialen Wandel.