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Literatur
Falsche Geschichte
"Der Eremit von Peking" ist bei Eichborn in Frankfurt am Main erschienen, und zwar in der von Hans Magnus Enzensberger begründeten und heute von Klaus Harpprecht und Michael Naumann herausgegebenen Reihe "Die Andere Bibliothek". Das wird nicht zuletzt deshalb erwähnt, weil Michael Naumann diesem ausserordentlich schön ausgestalteten Band ein Geleitwort beigegeben hat, worin er treffend festhält: "... Geschichtsfälschungen gehören selbst zur Geschichte; doch nicht immer sind ihre Aufdeckungen so spannend und vergnüglich zu lesen, wie in diesem Buch." Übrigens: Trevor-Roper, der Autor, ist selber einmal Opfer einer Fälschung geworden - er hielt die Hitler-Tagebücher von Gerd Heidemann und Konrad Kujau für echt.
Worum geht's in diesem Buch? Edmund Backhouse, ein aussergewöhnlich sprachbegabter Engländer, schreibt 1910, zusammen mit dem Korrespondenten der Times in Shanghai, John Otway Percy Bland, den Klassiker "China unter der Kaiserin Witwe", der über das dekadente Leben am kaiserlichen Hof berichtete, doch es handelte sich um eine Fälschung, denn das Tagebuch von Jing Shan (einem Mandschu-Gelehrten aus vornehmer Familie, der mit der Kaiserinwitwe verwandt war und in enger Verbindung zu allen wichtigen Persönlichkeiten des Kaiserlichen Hofes stand), auf dem das Werk beruht, erwies sich (jedoch erst 1973) als grandiose Erfindung.
"Der Eremit von Peking" ist ein äusserst anregendes Buch, das einem nicht zuletzt vor Augen führt, wie es bei der Geschichtsschreibung zu und her geht - zumeist machtbesessen, eitel und ziemlich niederträchtig. Nicht zuletzt die Schilderungen der Rivalität zwischen Bland und dem Times-Chefkorrespondenten in Peking, Morrison, illustrieren dies besonders schön.
Man liest dieses Buch auch deshalb mit Gewinn, weil man erfährt, wie unser Bild von China zustandekommt. So liest man etwa, dass der einflussreiche und instinktsichere Morrison gar kein Chinesisch sprach oder dass John Jordan (natürlich ein britischer "Sir"), der britische Gesandte in Peking, "schonungslos, fast undiplomatisch, voller Verachtung für orientalische Heuchelei" und "aufgrund seiner langen Erfahrung, seiner Detailkenntnis und seiner Ehrlichkeit zum angesehensten Mitglied des diplomatischen Corps in Peking geworden" war.
Verdienstvollerweise führt Trevor-Roper im Vorwort die Quellen auf, auf die er sich bei seiner Forschungsarbeit stützte. Dabei erwähnt er auch, dass Backhouse keine persönlichen Papiere hinterliess und es über die Familie Backhouse keine Unterlagen gibt. Der Autor stützte sich auf vier Manuskriptquellen: den Briefwechsel mit der Bodleian Library über die Backhouse Sammlung, die Schriften von Morrison und Bland, den im Besitz von Reinhard Hoeppli in Basel sich befindenden Memoiren (Hoeppli hatte Backhouse angeregt, und dafür bezahlt, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen) und schliesslich ein weiteres Dokument, aus dem hervorgeht, dass Backhouse offenbar auch Geheimagent gewesen ist.
Fragen kann man sich allerdings, wie realistisch eine Biografie, die sich hauptsächlich auf Dokumente stützt, eigentlich sein kann. So zeugen etwa Sätze wie "Es verdross Morrison stets aufs neue, wenn er an jenen ungelegenen Jagdausflug nach Kwantai zurückdachte" oder "Bland war zwar geradeheraus und extrovertiert, aber nie anmassend und arrogant" wohl vor allem von des Autors blühender Fantasie, denn woher will er solches wissen?
"Seine Schriften zeigen ihn als freundlichen Mann, der, auch wenn er sehr aufgebracht ist, sein widerspenstiges Gegenüber geduldig, höflich und rücksichtsvoll behandelt", schreibt Trevor-Roper. Na ja, von der Art, wie einer schreibt (und sich darstellt) auf seinen Charakter zu schliessen, ist schon ziemlich spekulativ und lässt nicht gerade auf einen ausgeprägten Realitätssinn schliessen.
"Spekulieren wir ruhig noch ein wenig weiter", schreibt der Autor (augenzwinkernd, wie man annehmen darf) an anderer Stelle und zeigt in der Folge auf, wie und weshalb er welche Schlüsse aus einem Brief zieht. Solche Geschichtsschreibung lässt man sich hingegen gerne gefallen.