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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Wenn die Lateiner die Stärke des Männlichen hervorheben wollten, sprachen sie von einem „vir“, die Griechen hatten dafür das Wort „aner“. Hat das Deutsche nichts, was dem entspräche?
Ich habe mich lange damit herumgequält, was nicht nötig gewesen wäre, wenn ich geübter Fachmann wäre; Spaßes halber, dem nicht ein gewisser Ernst fehlt, teile ich hier mit, wie ich die Antwort auf die Frage fand. Ich war im Begriff, aus einer Blechschachtel eine kleine Zigarre zu nehmen; auf dem Deckel des Kästchens war das Bildnis Karls des Ersten von England dargestellt: plötzlich wußte ich, daß der entsprechende Ausdruck bei uns Nordländern „Kerl“ ist. Das Wort (ahd. karal, schwed. karl) bezeichnete und bezeichnet in vielen Verbindungen noch heute den Mann in voller Manneskraft, den Geliebten (angs. ceorlian = heiraten); prachtvoller Kerl oder „das ist mal ein Kerl, Hauptkerl“ sind ebenso gutes Deutsch wie „Saukerl“. Besonders deutlich tritt die Geschlechtsbedeutung darin hervor, daß der Ausdruck Kerl im täglichen Leben als Bezeichnung für den leistungsfähigen Geschlechtsteil gebraucht wird, auch „Kerlchen“. — Auch das Wort „Held“ scheint seine Entstehung der Kraft des männlichen Geschlechtsgliedes zu verdanken, es hängt mit caleth, calath = hart zusammen.
Vielleicht ist es bemerkenswert, daß der Name Karl, der dasselbe ist wie Kerl, so häufig als Königsname gebraucht worden ist, ja zu Zeiten fast wie ein Königstitel auftrat. — Schon hier möchte ich auf die Tatsache hinweisen, daß der Name des Menschen für ihn und sein Leben wirksame Folgen hat; die Karle unter den Königen treten oft durch besonders glänzende Leistungen hervor, sind echte Kerle, oder sie fallen gemäß der erniedrigenden Bedeutung des Worts, durch ihre Unfähigkeit auf. Über die Zusammenhänge des Königtums mit der Geschlechtskraft zu sprechen, werde ich Gelegenheit finden.
Das vorhin erwähnte Wort „Held“ weckt die Erinnerung an das im Mittelhochdeutschen, aber auch in der jetzigen Zeit gebrauchte Wort „Recke“. Es ist, soweit ich bei den Sachverständigen feststellen konnte, erst spät zu der Bedeutung starker Krieger gekommen, ursprünglich soll es eine Bezeichnung für den Einsamen, Vertriebenen, Umherschweifenden gewesen sein; noch spät tritt es im Schweizer Idiom als rek = Landstreicher auf, und das englische wretch = Lump (angels. wrekka = Flüchtling) beweist, wie stark dieser Sinn des Worts einmal betont gewesen ist. Auch unser deutsches „Rächer, Rache“ stammt von derselben Wurzel. Damit ist eine Seite des Männlichen, des Helden, Kerls betont, die grundsätzliche Bedeutung als gegensätzlich zu dem Weiblichen hat, die tiefe Einsamkeit des Mannes und seine merkwürdige Hilflosigkeit, sein Hilfsbedürfnis einfachen Tagesereignissen gegenüber. Die kindliche Natur des Mannes, die sich so deutlich in dem Verhalten seines Geschlechtsteils außerhalb der Erregungszeiten zeigt, macht es begreiflich, daß dasselbe Wort für den Helden und den Elenden gebraucht wird; der Mann ist eben ein Anderer — elend bedeutet der Andere, lat. alius, engl, else, der Vertriebene, anders Geartete —, ein Zweifacher, Kerl und Kerlchen, Riese und Zwerg, je nach dem Zustande seines Gemüts.
Für meine Art der Betrachtung besteht kein Zweifel, daß die Begriffe Riese — Zwerg dem Phänomen der Erektion und der Erschlaffung entnommen sind: in gleicher Weise müssen die Gegensätze von Kind (auch dem ungeborenen) und Erwachsenen gewirkt haben: dazu kommen noch die Bergeshöhen, verglichen mit ganz niedrigen Bodenerhebungen (Maulwurfshügel). Könnte man das Wort Recke mit „recken“ zusammenbringen, so hätte man eine neue Stütze für den Versuchsbau einer Brücke zwischen Symbol und Sprache, ja Leben. Aber Recke (zu einem hypothetischen got. wrakja gehörig, got. wrikan = verfolgen) hat nichts mit recken (lat. porrigo, gr. orego, nhd. recht) zutun; allerdings darf man annehmen, daß der Wiederentdecker des Worts Wieland eher dem Gleichklang und der Sinnesähnlichkeit der beiden Wörter Recke und sich recken gefolgt ist als der vergessenen Verbindung Recke —Vertriebener. Wieland entnahm das Wort, das aus dem Sprachschatz verschwunden war, den Heldengedichten des Mittelalters, und dort wird Recke vielfach gleichbedeutend mit Riese gebraucht.
der Mensch als Symbol – IV. weiterlesen