Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03147.jsonl.gz/2153

Nation und Religion sind im Judentum unzertrennbar miteinander verbunden. Wurden die Juden an Pessach durch den Auszug aus Aegypten zu einer Nation, so wurden sie an Schawuot durch die Offenbarung am Sinai zu einer Religionsgemeinschaft.
von Zwi Braun
Nicht „ frei wovon“, sondern „frei wozu“ ist die jüdische Definition von Freiheit. Wenden wir den Begriff Religion auf das Judentum an, so lassen wir uns zu leicht von Vorstellungen über andere Religionen leiten. Moses Mendelsohn ((1729 – 1786) hat hier eine Trennlinie gezogen, indem er von der Offenbarung am Sinai als einer Offenbarung von göttlichen Gesetzen (Mizwot) spricht und klar festhält, dass es sich nicht um eine Offenbarung von Glaubenswerten und Dogmen handelt, wie sie z.B. das Christentum kennt.
Judentum ist in erster Linie keine Glaubensreligion, sondern eine „Lebenshaltung“. Natürlich ist der Glaube an G’tt Grundlage für die Annahme der Tora und ihrer Gebote, doch deren tagtägliche Verwirklichung steht im Mittelpunkt jüdischen Lebens und nicht die Wiederholung mündlicher Glaubensbekenntnisse. Der jüdische Alltag ist voller Vorschriften, welche das Verhalten des Menschen auf jedem Gebiet ( Familie, Arbeit,Freizeit etc.) bis in die kleinsten Einzelheiten regeln. Maimonides (1135 – 1204), der grösste jüdische Philosoph des Mittelalters, wenn nicht aller Zeiten, hat sich in seinem Werk „Führer der Verirrten“ ausführlich mit Bedeutung und Gründe der Mizwot beschäftigt..
So schreibt er in Buch 3, Kapitel 26: „Ebenso wie die Theologen in der Frage geteilter Meinung sind, ob die Handlungen G’ttes das Ergebnis seiner Weisheit oder nur seines Willens ohne jegliche Absicht sind, so sind sie es, was den Zweck der Gebote anbetrifft, die G’tt uns gab. Einige denken, dass die Gebote überhaupt keinen Zweck haben und nur durch den Willen G’ttes angeordnet wurden. Andere sind der Meinung, dass alle Gebote und Verbote durch seine Weisheit vorgeschrieben wurden und ein bestimmtes Ziel verfolgen..Daher gibt es einen Grund für jede Vorschrift, sie werden uns eingeschärft, weil sie nützlich sind. Wir alle, das gewöhnliche Volk wie die Gelehrten glauben, dass es einen Grund für jedes Gebot gibt, obwohl Gebote vorkommen, deren Grund uns unbekannt ist und die Wege göttlicher Weisheit uns unverständlich. Diese Ansicht wird klar in der Tora ausgedrückt : „Gerechte Satzungen und Vorschriften (5.Buch Moses.4.8)“ und „die Aussprüche des Ewigen sind wahr und alle zusammen gerecht (Psalmen 19.10)“. In manchen Fällen ist der Sinn offensichtlich, z.B. das Verbot zu Morden und zu Stehlen, in anderen nicht so sehr, wie z.B. das Verbot eine Baumfrucht in den ersten drei Jahren nach Anpflanzen zu geniessen (3.Buch Moses 19.23). Doch heisst es : „Es ist nicht ein leeres Wort für euch (5.B.Moses 32.47)“. Das will sagen, die Anordnung dieser Gebote ist nicht eine vergebliche Sache, ohne sinnvolle Absicht. Und wenn dies bei irgendeinem Gebot der Fall zu sein scheint, dann ist dies auf dein fehlendes Verständnis zurückzuführen“. So weit Maimonides.
Für die Ausführung der Mizwot ist der Ausspruch massgeblich, den das jüdische Volk schon am Sinai tat: „ Wir wollen es tun und hören (2.Buch Moses 24.7)“. Das bedeutet, die Ausführung der Gebote kommt an erster Stelle, dann folgt das Suchen nach deren Absicht, das Nachdenken und Verstehen. So findet jede Generation in der Tora und den Mizwot die Antworten auf ihre spezifisch zeitgebundenen Fragen. Es gilt das Wort aus den Sprüchen der Väter (5.25): „ Forsche in ihr und forsche in ihr, denn alles ist in ihr enthalten“ ! Viele unserer Weisen haben zu jeder Zeit den Mizwot verschiedene Bedeutungen zugeschrieben, die praktische Verwirklichung blieb stets dieselbe. Ein Beispiel aus der Naturwissenschaft möge die Vielfalt der Erklärungen für die Gebote verdeutlichen. Die Chemie kennt die Erscheinung, dass die Struktur eines Moleküls nicht durch eine Formel allein, sondern erst durch mehrere Formeln zu beschreiben ist (Mesomerie). Erst alle Formeln zusammen ergeben das wahre Bild des Moleküls. Genauso verhält es sich mit den Mizwot und ihrer Bedeutung. Jeder Grund für ein Gebot hat einen gewissen Wahrheitscharakter, aber erst alle Bedeutungen zusammen erfassen die Mizwa im Ganzen.
Der jüdische Weg ist ein Weg des Handelns, der praktischen Verwirklichung aller guten Vorsätze und Pläne. Durch die tägliche Erfüllung der Mizwot strebt der Mensch zur Vollkommenheit seiner selbst und seiner Beziehungen zu den anderen. Das Programm des jüdischen Volkes, wie es G’tt vor der Übergabe der Tora am Sinai formulierte, lautet: „ Und ihr sollt mir sein ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk (2.Buch Moses 19.6)“. Der Prophet Micha (6.8) hat dies ungefähr 600 Jahre später so formuliert: „Er hat dir kund getan, o Mensch, was gut ist; und was fordert der Ewige von dir, als : Recht ausführen, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem G’tt“. Der Weg dazu waren und sind im Judentum die Befolgung und Verwirklichung der Gebote der Tora.