Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/249

Während Nikotinersatzpräparate Ihnen bei der Entwöhnung helfen, macht Sie das Nikotin in Ihren Zigaretten besonders abhängig.
Dieses Paradoxon erklärt sich durch die Geschwindigkeit, mit der das Nikotin in den Blutkreislauf und dann ins Gehirn gelangt.
Was passiert im Gehirn eines Rauchers?
Jede Zigarette enthält etwa 10 mg Nikotin. Dieses Nikotin führt zu einer starken körperlichen Abhängigkeit. Wenn es eingeatmet wird, erreicht es das Gehirn innerhalb von 9 bis 20 Sekunden (nach jedem Zug)! Nikotin bindet sich an Nikotinrezeptoren und wirkt auf das Belohnungssystem, indem es verschiedene Neurotransmitter, darunter auch Dopamin, freisetzt. Die Anzahl der Nikotinrezeptoren wird nach und nach erhöht und dieser Mechanismus führt zu einer Gewöhnung.
Die Nikotinzufuhr wird nach und nach zu einer unabdingbaren Voraussetzung für die Freisetzung von Dopamin. Dopamin vermittelt ein Gefühl von Freude und Zufriedenheit. Wenn diese chemische Substanz nicht ausreichend ausgeschüttet wird, führt dies zu Müdigkeit, Energiemangel oder auch Konzentrationsstörungen.
Diese Neuroadaptation erfordert eine ständige Zufuhr von Nikotin. Der Nikotinentzug ist die Ursache für die Entzugserscheinungen. Sie treten innerhalb von weniger als 24 Stunden auf, sind zwischen 24 und 72 Stunden am stärksten und klingen innerhalb von 2-4 Wochen allmählich ab.
Wie gelangt das Nikotin ins Gehirn?
Die Suchtwirkung einer Droge hängt davon ab, wie schnell sie ins Gehirn gelangt. Dieser Zugang unterscheidet sich je nachdem, ob die Droge inhaliert, gespritzt, getrunken, gegessen oder auf die Haut aufgetragen wird.
Beim Rauchen wird das Nikotin sehr schnell an das Gehirn abgegeben (der sogenannte Nikotinschub), weshalb sich die Abhängigkeit sehr schnell entwickelt.
Eine gerauchte oder inhalierte Substanz gelangt nämlich immer schneller ins Gehirn, als wenn sie injiziert wird! Denn wenn die Substanz in die Lunge gelangt, geht sie in über die Lungenbläschen direkt ins Blut über. Dieses Blut, welches sich gerade mit Sauerstoff angereichert hat, ist jedoch arterielles Blut. Diese wertvolle Flüssigkeit wird nur einmal durch das Herz gepumpt, bevor sie in alle Organe, einschliesslich des Gehirns, gepumpt wird.
Zwischen dem Einatmen des Rauchs einer Zigarette und dem Eintreffen des Nikotins im Gehirn vergehen etwa 9 bis 19 Sekunden.
Das Nikotin erreicht das Gehirn also schneller als bei einer intravenösen Injektion!
Eine injizierte Substanz gelangt nämlich immer in eine Vene. Von dort aus fliesst das Blut ein erstes Mal durch das Herz, bevor es in die Lunge gepumpt wird (wo es mit Sauerstoff angereichert wird). Danach muss das Blut noch einmal durch das Herz gepumpt werden, bevor es in den Rest des Körpers transportiert wird. Dieser Vorgang dauert zwischen 30 und 60 Sekunden. Ausserdem ist die Ankunft des Stoffes im Gehirn zeitlich gestaffelt.
Wenn das Nikotin über den Verdauungstrakt oder die Haut aufgenommen wird, dauert es noch länger, da es von der Leber synthetisiert wird, bevor es in das Herz, die Lunge und das Gehirn gelangt (ca. 10 bis 30 Minuten bei Kaugummis und 1 Stunde bei Pflastern), aber dafür bleibt das Nikotin länger im Blut. Es gibt keinen „Peak-Effekt“.
Bei der brennbaren Zigarette steigt die Nikotinkonzentration im Blut nach dem anfänglichen Peak kontinuierlich an, bis die Zigarette ausgedient hat (etwa 5 bis 7 Minuten). Dann sinkt die Konzentration rasch ab:
- Nach einer Stunde ist sie um die hälfte gesunken;
- Nach zwei Stunden ist nur noch ein Viertel der ursprünglichen Konzentration im Blut vorhanden.
- Mit jeder gerauchten Zigarette beginnt der Zyklus erneut und der Nikotinspiegel steigt an.
Da die Halbwertszeit des Abbaus von Nikotin relativ kurz ist (2 bis 3 Stunden), steigt der Nikotinspiegel während der 6 bis 8 Stunden (3 bis 4 Halbwertszeiten) des regelmässigen Konsums stetig an und erreicht dann bis zur letzten Zigarette des Tages einen Höchststand, bevor der Nikotinspiegel in der Nacht schnell abfällt und beim Aufwachen nur noch wenig Nikotin im Blut vorhanden ist. Dies erklärt, warum Raucher regelmässig rauchen müssen, um den Nikotinspiegel relativ konstant zu halten. Es erklärt auch, warum eine Schachtel 20 Zigaretten enthält!
Die Geschwindigkeit, mit der Nikotin aufgenommen und ausgeschieden wird, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Die Nikotinausscheidung kann um den Faktor 1 bis 4 variieren. So ist sie bei Männern höher als bei Frauen. Auch ethnische Unterschiede im Nikotinstoffwechsel wurden festgestellt. Die Variabilität der Nikotinaufnahme und des Nikotinstoffwechsels beeinflusst das Verhalten der rauchenden Person und die Abhängigkeit.
Langsame Aufnahme von Nikotin aus Nikotinersatzprodukten.
Das Nikotin in Ersatzprodukten wird viel langsamer absorbiert und hat nicht die positiven verstärkenden Effekte des gerauchten Nikotins. Das ist auch der Grund, warum das Risiko, davon abhängig zu werden, relativ gering ist. Da die Aufnahme langsamer erfolgt, stellt sich ein Gleichgewicht zwischen dem venösen und dem arteriellen Blut ein, wobei das Verhältnis zwischen den beiden bei etwa 1 bleibt (bei einer Zigarette beträgt es 4 oder 5).
Kaugummis und Tabletten wirken schneller als das Pflaster, da die im Mund freigesetzte Substanz von der Mundschleimhaut aufgenommen wird und schneller ins Blut gelangt als durch die Hautbarriere. Aus diesem Grund sind Kaugummis bei einem plötzlichen und dringendem Verlangen nach Nikotin nützlich. Die Forschung zeigt, dass weniger als 1 % der Nikotinkaugummi-Nutzer ein Jahr nach dem Rauchstopp von den Kaugummis abhängig sind.
Das Pflaster hingegen hat den Vorteil, dass es sein Nikotin nach und nach freisetzt. Es kann eine Stunde vergehen, bis die Höchstdosis – die normalerweise der Hälfte oder einem Drittel eines „Peaks“ aus einer Zigarette entspricht – im Blut erreicht ist. Diese Langsamkeit erklärt, warum es fast unmöglich ist, von Pflastern abhängig zu werden.
Und was ist mit der elektronischen Zigarette?
Die Wirkung der inhalativen Aufnahme des von der E-Zigarette abgegebenen Nikotins wurde bisher noch kaum untersucht. Es scheint, dass im Gegensatz zu Zigaretten die Pharmakokinetik der Nikotinabgabe durch eine E-Zigarette von der Art der Nutzung abhängt. Ein regelmässiges Dampfen im Laufe des Tages würde regelmässig Nikotin liefern, ein unregelmässiges Dampfen in kurzen gehäuften Zügen von der elektronischen Zigarette würde das Nikotin wie eine Zigarette liefern.
Literatur
- J Foulds, L Ramstrom, M Burke, K Fagerström. Effect of smokeless tobacco (snus) on smoking and public health in Sweden. Tobacco Control 12, S. 349-359 (2003).
- NL Benowitz – Nicotine and smokeless tobacco CA: a cancer journal for clinicians, 2008 – Wiley Online Library
- J Benkel, A Borgne, Prévention: les aspects pratiques du sevrage tabagique, Oncologie thoracique, 2011 – Springer
- Pharmacocinétique et pharmacodynamie de la nicotine, in Tabac : comprendre la dépendance pour agir, Inserm, 2003
- Benowitz NL, Perez-Stable EJ, Herrera B, Jacob PIII. Slower metabolism and reduced intake of nicotine from cigarette smoking in Chinese-Americans. J Natl Cancer Inst 2002,94: 108-115
- E Houezec J. Role of nicotine pharmacokinetics in nicotine addiction and nicotine replacement therapy : a review. Int J Tuberc Lung Dis2003,7: 811-819
Letzte Bearbeitung: