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Online Publications

Towards Cybersociety and "Vireal" Social Relations

Bibliographische Zitation:
Der
Nationalstaat im Spannungsfeld
Hans Geser
(Version 2.0, Juni 2004)
1. Die ambivalente Funktion der technischen Kommunikationsmedien für soziale Kollektivierung und Integration
Alle technischen Kommunikationsmedien stehen in einem ambivalenten Spannungsverhältnis zur sozialen Systembildung, insbesondere den Prinzipien formaler hierarchischer Organisation. So wird Bürokratie durch Schrift einerseits erst ermöglicht, weil die durch externale Speicherung gewährleistete Dauerhaftigkeit und objektive Sichtbarkeit von Kommunikationen erst jene systemnotwendigen Bedingungen überpersoneller struktureller Stabilität herstellt, die im Primärmedium der face-to-face-Interaktion nicht erreichbar sind. Andererseits unterminiert sie diese selben sozialen Ordnungen, insofern schriftliche Texte intrinsisch dazu disponiert sind, unabhängig von formaler Mitgliedschaft und hierarchischer Kontrolle in die Umwelt zu diffundieren - und keineswegs zu verschwinden, wenn das formell zuständige Autoritätsorgan ihre Ausserkraftsetzung beschliesst. [1] Mit dem Buchdruck wurde dieses Spannungsverhältnis nochmals erheblich akzentuiert: indem die formellen Institutionen einerseits die Chance erhielten, ihre konstitutiven Basisdokumente (Gesetzestexte, Verbandstatuten, Katechismen, Dienstreglemente u.a.) in millionenfach-identischer Ausführung selbst den periphersten Mitgliedern zugänglich zu machen, andererseits aber zunehmend genötigt waren, sich mit einer flottierenden, sich jeder zentralistischen Kontrolle entziehenden „Öffentlichkeit" auseinander zusetzen, die sich- vor allem seit dem 18. Jh. zunehmend als dynamisierendes Agens der sozio-politischen Entwicklung erwies. Dank seiner Kapazität zur raumunabhängigen Synchronkommunikation hat sich das Telefon als unerlässliche Voraussetzung für die prozessuale Integration grösserer Organisationen erwiesen (vgl. Townsend 2000), andererseits aber auch als „anarchisches Prinzip" (Bahrdt 1958), das formelle vertikale Kommunikationswege durch beliebige horizontale und diagonale Interaktionen überlagert und durch seine strukturelle Isolation von Dialogen multilaterale Kommunikationsnetze fragmentiert.
Auch die konventionellen Massenmedien (Presse, Film, Radio und Fernsehen) erscheinen zumindest in dem Sinn „subversiv", dass sie zu den Prinzipien der Formalität und der hierarchischen Strukturdifferenzierung in einem Spannungsverhältnis stehen. So begünstigen sie eine radiale Direktkommunikation zwischen Spitze und Peripherie, die auf intermediäre Transmissionsinstanzen keine Rücksicht nimmt, und sowohl die Nahaufnahmen des Fernsehschirms wie die Home Stories der Zeitschriften fördern einen Grad an „Personalisierung", der mit klassisch-bürokratischer Objektivität und Regelorientierung kollidiert. Auf der andern Seite aber fördern sie zweifellos Tendenzen zentralistisch gesteuerter Diffusion und Konsensbildung, weil sie nur für radiale Einwegkommunikation (von einem Sender zu vielen passiven Empfängern) geeignet sind und deshalb in fataler Weise dazu tendieren, durch Werbung, Propaganda (oder einfach durch selektive Auswahl des Dargebotenen) den Einfluss von Eliten und die Autorität zentralistischer Machtstrukturen zu unterstützen. (Vgl. Habermas 1962). Indem sie einen äusserst niederschwelligen und speditiven rezeptiven Zugang zu Informationen und Kommunikationen beliebigen Inhalts ermöglichen, vermitteln sie konventionellen Institutionen erstmals die Chance, eine hohe Reichweite der Inklusion mit einem raschen Wechsel von Themen, Informationen und Meinungen zu verbinden. So lassen sich monopolistische Pressemedien und Fernsehanstalten spannungsfrei in diktatorische Regimes oder die amtscharismatische Hierarchie der katholischen Kirche integrieren, nicht aber in demokratische Rechtsstaaten, wo - wie z.B. bei der BBC oder der ARD - komplizierte öffentlich-rechtliche Konstruktionen nötig sind, um den Dauerkonflikt mit dem liberal-demokratischen Umfeld zu reduzieren. Während in der Mehrzahl der ärmeren Länder sowohl die Radio- und Fernsehorganisationen wie auch die Presseverlage reine Annexanstalten des jeweiligen politischen Regimes darstellen, dominieren in den westlichen Ländern „korporatistische“ (bzw. „parastaatliche“) Mediensysteme, in denen sich formale Pressefreiheit mit einer starken Einbindung in gouvernementalen Subordinationszwänge verbindet.) Diese bestehen beispielsweise darin, dass die staatlichen Behörden den dominierenden Medien verschiedene ökonomische Privilegien (z. B. verbilligte Posttarife oder das Recht zum Einzug steuerähnlicher Rundfunkgebühren sowie operative Hilfestellungen wie z. B. Zugang zu Presseakkreditierungen, Dokumenten, Informanten u.a.) einräumt, die für den Fall, dass die „Staatsfrömmigkeit“ nachlässt, jederzeit entzogen werden können.
Nach dem Prinzip „cuius regio, ejus media“ ist die Medienlandschaft auch dort zunehmend von territorialstaatlichen Einflüssen geprägt worden, wo dies aufgrund der immanenten Eigenschaften der Medientechnologie nicht unbedingt zwingend war. Ein Beispiel dafür bietet die Geschichte des Radios, wo sich die Rezeption von weiträumig empfangbaren Kurz- und Mittelwellensendern immer mehr zur Ultrakurzwelle verlagert hat, bei der staatlichen Behörden über die Vergabe (bzw. Verweigerung) von Sendefrequenzen entscheiden. Diese zunehmende Territorialisierung der Mediensysteme hat sich - ähnlich wie das Bildungssystem - als Instrument erwiesen, um dem Nationalstaat, der ursprünglich vorwiegend auf Krieg und innere Gewaltanwendung begründet war, eine kulturelle Integration und Legitimation zu verleihen, die Symbole nationaler Herrschaft allgegenwärtig sichtbar zu machen und die Bevölkerung in eine Sphäre gemeinsamer Wissensbestände, Erlebnisinhalte und Deutungsmuster einzubeziehen.
Dies hatte vor allem zwei Konsequenzen:
Mit ihrer fast unüberbrückbaren Segregation zwischen exklusiven Sendeeliten und passivem Publikum haben die Massenmedien Elemente paternalistischer Elitenherrschaft konserviert und erscheinen immer mehr als Relikte aus autoritär-kollektivistischen Gesellschaftsformationen und politischen Regimes, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jh. vielerorts vorherrschend waren. Vor allem stehen sie im zunehmenden Spannungsverhältnis zum politischen Stil neuer sozialer Bewegungen, die sich nicht mehr auf charismatische Führerschaft und monopolistisch verwaltete Ideologien abstützen und deshalb auch kein „Zentralorgan" mehr benötigen; sowie zur weltweit anwachsenden Vielfalt sub- und transstaatlicher ethnisch-religiöser Kollektive, die - vor allem seit Ende des Kalten Kriegs - ihre traditionell fundierte Gruppenidentität erneut artikulieren und durch ihre Autonomieforderungen die geordnete Welt der Nationalstaaten zunehmend unterminieren (vgl. z. B. Altermatt 1997, Münkler 2003 u.a.).
2. Das Internet als Plattform für sub- und transnationale Kommunikationen
Die allgemeinste Funktion der globalen Computernetze besteht darin, allen ihren Nutzern unabhängig von Ort, Zeit und sozialen Kontrollen eine funktional generalisierte Plattform für das Prozessieren beliebiger digitalisierter Informationen bereitzustellen und äusserst niederschwellige, äquivalente Zugangsmöglichkeiten zur Rezeption wie auch zur eigenaktiven Kommunikation und Publikation von Informationen verfügbar zu machen. „Niederschwellig“ heisst nicht nur, dass nur geringe Finanzmittel und Kenntnisse nötig sind, sondern vor allem auch: dass man nicht auf die Unterstützung irgendwelcher Institutionen oder Organisationen angewiesen ist, die den Zugang zur Öffentlichkeit kontrollieren.
Genau konträr zu Radio und Fernsehen hat das Internet eine immanente Affinität zu offenen, dereguliert-pluralistischen, „polymorphen" Netzwerkstrukturen, in denen sich Staaten und Grosskonzerne mit Städten und Gemeinden, Parteien, Verbänden, spontanen Initiativgruppen und Einzelindividuen auf derselben Kommunikations- und Kooperationsebene treffen, und in denen die nationale Politikebene ihr Primat gegenüber den subnationalen Ebenen verliert. Die Basis für korporatistische Medienstrukturen geht im objektiven Sinne zumindest teilweise verloren, weil beliebige Anbieter ohne Kontrolle ein- und austreten können und infolge ihrer geringen Kosten nicht von staatlichen Subventionen oder andern Erleichterungen abhängig sind. Dementsprechend werden die Möglichkeiten des Staates, die Medienkommunikation unter Kontrolle zu halten und sie für eine intentional gesteuerte, einheitliche Selbstdarstellung nach innen und aussen zu benützen, mit dem Aufkommen der Computernetze drastisch reduziert.
Bereits innerhalb des Staatsapparats selbst entsteht die Bedrohung daraus, dass die Netzkommunikation das Prinzip hierarchischer Kontrolle unterminiert, indem einzelne Spezialbehörden, Kommissionen, Amtsstellen oder Projektgruppen der Staatsverwaltung ihre eigenen Websites unterhalten, die zum Teil viel populärer sind als jene des vorgesetzten Ministeriums oder gar der Regierung selbst. So hat die Schweizer Regierung bei der jüngsten Diskussion über die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg auf dem internationalen Parkett keine konsistente Kommunikationsstrategie realisieren und keine „Unité de doctrine“ durchsetzen können, weil verschiedene Akteure (z. B. die Task Force und die Bergier Kommission sowie die Schweizer Botschaften in den USA und Grossbritannien) ihre eigenen Webseiten zum Thema eröffnet haben.
Generell mag das Internet deshalb bewirken, dass Bürgerinnen und Bürger den „Staat“ weniger als jemals früher als Einheit erfahren: denn diese Einheit ist infolge der Komplexität staatlicher Organisationen und Aufgaben derart abstrakt geworden, dass sie sich der multimedialen Vermittlung, für die das Netz die Chance bietet, weitgehend entzieht. Stattdessen fördert das Netz die (wohl schon immer realitätsnähere) Vorstellung, dass es sich beim „Staat“ bloss (nominalistisch) um den Überbegriff für eine Vielfalt disparater Einzelakteure (Behörden, Kommissionen, Ämter, Kantone, Gemeinden) handle, wie sie in den einzelnen Netzpräsentationen konkret fassbar werden. Diametral entgegengesetzt zum Fernsehen, das mit seiner Fokussierung auf Führungspersonen zentralistische und hoch integrierte Vorstellungen von Institutionen und Organisationen begünstigt, fördert das Internet dezentralistisch-fragmentierte Sichtweisen, indem es - historisch erstmalig - auch inferioren Subeinheiten und subalternen Mitgliedern eine öffentliche Selbstdarstellung ermöglicht. Noch sehr viel grössere Probleme entstehen dadurch, dass beliebig kleine und mittellose Informalgruppen sowie Einzelpersonen im Internet über genau dasselbe Instrumentarium zur globalen multimedialen Selbstdarstellung und Kommunikation wie staatliche Instanzen (oder andere formale Institutionen) verfügen: so dass aus dem Webauftritt praktisch keine Schlüsse mehr auf die Macht und Reichtum eines Kommunikators gezogen werden können [2] und ein sehr viel grösserer Teil transnationaler Interaktionen sich jetzt auf subinstitutionell-informellen Niveaus vollziehen.
Die Spontaneität und Vielfalt dieser Artikulationen erinnert etwas an die Frühphasen des Pressewesens im 16. und 17. Jahrhundert, wo überall Flugblätter und Flugschriften verteilt wurden und wo eine sehr reiche, dezentrale Landschaft von Zeitungen und Zeitschriften entstand; sie steht hingegen im schärfsten Gegensatz zur vermachteten, von Grosskonzernen dominierten Presse- Radio- und Fernsehlandschaft, die in den letzten Jahrzehnten überhandgenommen hat. [3]
Mittels Maillists, Chat Rooms, Diskussionsformen und Newsgroups können von beliebiger Stelle aus durchaus stabile Kommunikationsnetzwerke multilateraler Kontaktgruppen oder Kooperationsstrukturen gebildet und unterhalten werden, wie sie früher nur im Rahmen elitärer Gremien, spezialisierter Institutionen oder einer formalisierten Rahmenorganisation (Sportverband, Jugendverband, wissenschaftlicher Kongress u.a.) erzeugt werden konnten. So werden beispielsweise sezessionistische Bewegungen aller Kontinente von einer Vielfalt von Unterstützungskomitees und Solidaritätsgruppen aus westlichen Ländern unterstützt, die unterhalb der NGO-Ebene operieren und durch Sammeln von Geld oder Unterschriften, durch Organisation von Besuchsprogrammen oder die Transmission von „Action Alerts“ eine Form infrastaatlicher - die Aktivitäten ihrer Regierung eventuell konterkarierende - „Aussenpolitik“ betreiben. Vor allem im Falle transnational operierender ethnischer Gruppierungen kann diese „Globalisierung von unten" (Portes 1997) zu den zwischenstaatlichen Beziehungen in ein Spannungsverhältnis treten (Bhat / Sahoo 2002).
In föderalistischen Staaten wie der Schweiz wird diese Problematik dadurch potenziert, dass praktisch alle substaatlichen Territorialeinheiten (Kantone Gemeinden u.a.) unabhängig voneinander aufs Netz gehen und dort zum Teil viel populärere Angebote als die Bundesbehörden unterhalten. Sie alle haben mehr Möglichkeiten, um ohne die Vermittlung nationaler Institutionen in der Weltöffentlichkeit sichtbar zu sein, ein eigenes globales Standortmarketing zu betreiben, mit „ihren“ Emigranten in allen Ländern Loyalitätsbindungen zu pflegen oder um mit analogen substaatlichen Einheiten anderer Länder Interessengemeinschaften zu konstituieren (Geser 1997). Damit kann das Internet wie ein Prisma wirksam sein, das bereits bestehende territoriale Differenzierungen und Zentrifugalkräfte innerhalb eines Staates amplifiziert, weil es ein potentes zusätzliches Medium anbietet, um derartige Divergenzen zu artikulieren und zu akzentuieren. Diese binnenstaatliche Fragmentierung wird häufig dadurch kompliziert (und auch in nicht-föderalen Staaten akut), dass neben formellen Territorialeinheiten durchaus auch rein informelle Kollektivakteure auftreten können, die eine kulturell-ethnische anstatt politisch-administrative Identitätsgrundlage besitzen (Everard 2000).
So können auch territorial verstreute ethnische Minoritäten wieder verstärktes Gewicht erhalten, weil das Internet dazu beiträgt, dass derartige Gruppen
Beispielsweise wird es den in den USA lebenden Latinos dank der Computernetze möglich, ihre hispanische Sonderidentität gegenüber der angelsächsisch geprägten Mainstream-Kultur stärker zu akzentuieren. Vor allem kommen die stark wachsenden spanischsprachigen Internet-Angebote sehr stark der Neigung der Immigranten entgegen, ihre partikuläre nationale Herkunftsidentität (als Mexikaner, Kubaner u.a.) abzustreifen und durch eine „Pan-Latino“-Identität, die nur noch an der Sprache festmacht, zu substituieren (McCreadie 1998).
Im Falle der Schweiz gibt es eine Vielzahl von Netzangeboten, die explizit auf die Bevölkerung (oder Wirtschaft) einer Region ausgerichtet sind (Emmental, Hasliberg, Guldenthal, Toggenburg, Seeland, Oberaargau, Oron, Vallée de Joux, Poschiavo etc.) - wobei zahlreiche von ihnen quer zu Kantonsgrenzen verlaufen und zum Teil längst verschüttete historische Identitäten revitalisieren. Aus analogen Beweggründen sind allen Ecken der Schweiz auf der Basis der Netzkommunikation überdies transnationale Regionalgemeinschaften entstanden: in der Südschweiz beispielsweise die „Regio Insubrica" und das „Progetto Poschiavo", und im Nordwesten die „Regio Online", die das Baselbiet und Solothurn mit dem Elsass und Südbaden verbindet. Hier manifestieren sich offensichtlich die Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen Globalisierung, die nicht nur zwischen Staaten, sondern - noch weit mehr - zwischen Kantonen, Regionen und Gemeinden einen verschärften Standortwettbewerb erzeugt und sie dazu nötigt, sich deutlicher als bisher ihrer eigenen spezifischen Merkmale und Leistungskapazitäten innezuwerden und durch Bündelung ihrer Kräfte im internationalen Raum Konkurrenzfähigkeit zu beweisen. Mit dem Internet erhalten sie erstmals ein Instrument, um nach innen eine eigenständige mediale Selbstthematisierung und Identitätsbildung zu betreiben, und um nach aussen unabhängig vom Zentralstaat in der Weltöffentlichkeit in Erscheinung zu treten - und letztlich vielleicht auch zu transnationalen Akteuren zu werden, die neben (oder in Konkurrenz zu) konventionellen Nationalstaaten im weltweiten Wirtschaftsraum operieren. [4]
Im besonderen ermöglicht das Internet dadurch eine Wiederbelebung autochthoner Volkskulturen, die im Zuge des Vordringens der homogenisierenden Nationalkultur (bzw. der Kolonisierung und Fremdbesiedlung ihres angestammten Territoriums) eine - durch das konventionelle nationale Mediensystem noch vielfach potenzierte - sozio-kulturelle Marginalisierung erfahren haben. Für sie bildet das Internet ein niederschwellig zugängliches Medium, um ihre eigene Geschichte und Kultur zum Ausdruck zu bringen, und um durch Revitalisierung ihrer kollektiven Identität letztlich auch eine politisch relevante Stimme zurückzugewinnen.
Ein eindrückliches Beispiel dafür liefern die 24 000 Inuit von Nunavut, die in Nordkanada auf einer Fläche von fast 2 Mio. km (!) verstreut leben und im Internet ein wichtiges Medium gefunden haben, um ihre Kultur und Gruppenidentität füreinander und für die Welt sichtbar zu machen. Die Förderung der Binnenidentität manifestiert sich beispielsweise in der Bereitstellung spezieller Computer-Fonts, die es den Angehörigen der Ethnie ermöglichen, die wichtigsten Webpages in ihrer eigenen Ursprache zu lesen. [5] (Also eine gruppeneigene Schriftkultur zu entfalten, wie sie im Bereich der Printmedien bisher kaum möglich war). Der Internetauftritt der Inuit ist nicht sehr viel wichtiger geworden, seit ihnen 1999 eine weitgehende administrative Unabhängigkeit zugestanden worden ist: weil der Webauftritt nun die zusätzliche Funktion hat, die politischen Symbole (z.B. Flagge) und Institutionen von Nunanut der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Der Email-Verkehr der Inuit zu ihrer Verwaltungszentrale ist auch deshalb besonders wichtig, weil die Beamten sich flexible Arbeitszeiten ausbedungen haben, um ungestört von Amtspflichten ihren traditionellen Jagdaktivitäten nachgehen zu können. Mit einem netzfähigen Handy ausgerüstet, werden sie wohl gut in der Lage sein, ihre moderne administrative Berufsrolle relativ spannungsfrei mit ihrem angestammten Jäger- und Sammlerdasein zu verknüpfen. [6]
Generell ist zu vermuten, dass die Integrationschancen zukünftiger Staaten stärker als heute davon von ihrer ethnischen Homogenität abhängen werden. Auf der einen Seite mögen die wenigen ethnisch homogenen Länder (z. B. Portugal und Japan) durch das Internet durchaus eine Verstärkung der inneren Kohäsion erfahren, weil es möglich wird, konsensuale Kulturelemente allgegenwärtig zu verbreiten und in der gemeinsamen landesweiten Sprache eine dichtere Kommunikation stattfinden lassen. Andererseits können in heterogenen Nationen im Gegenteil die Zentrifugalkräfte Auftrieb erhalten, weil die Internetkommunikation bewirkt, dass bestehende Fragmentierungen und Cleavages nach innen und aussen sichtbarer werden und sowohl im politischen wie im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich eine stärkere Profilierung erfahren.
Dank seiner niederschwelligen Zugänglichkeit erweist sich das Internet als jene umfangreichste und basalste Ebene der Oeffentlichkeit, in der praktisch alle Gruppenkollektive und Sozialbewegungen ihre ersten Artikulationsschritte vollziehen, wenn sie sich noch im Embryonalzustand befinden. Und aus demselben Grund eignet es sich andererseits auch als Rückzugsfeld, in dem momentan inaktive und deaktualisierte Gruppierungen gewissermassen „überwintern“ und für sie günstigere makropolitische Umweltbedingungen und Entfaltungschancen abwarten können. Wenn früher eine dissidente Gruppe z. B. infolge staatlicher Repression - an der Publikation von Schriften gehindert wurde, ist sie oft völlig aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit verschwunden, und hat bloss im „Untergrund" eine schwer beobachtbare Weiterexistenz gefristet. Heute weichen derartige Gruppen auf das Internet aus, weil sie dort mit bescheidensten Mitteln (und von staatlicher Repression unbehelligt) in der Lage sind, von ihrer Weiterexistenz wenigstens ein bescheidenes Zeugnis zu geben. [7]
So erschliesst das Internet heute den Zugang zu einem reichen Reservoir von Keimzellen politischer Dissidenz und territorialer Autonomisierung, die mit minimalem Aufwand und Risiko ihre Attraktivität austesten und ihre ersten Schritte zur Selbstorganisation vollziehen können und sich vielleicht später einmal zu veritablen Sozialbewegungen auswachsen werden. Sie bringen unter anderem wieder unzählige regionalgeschichtliche Tatbestände wieder zur Geltung, die im Zeitalter der homogenisierenden nationalen Einigungsprozesse aus Akten und Traktanden gefallen sind und im Rahmen der konventionellen Medien keine Artikulationschancen besessen haben. Ein Beispiel dafür bietet die Provinz Scania in Südschweden [8] die über 800 Jahre zu Dänemark gehörte und dann 1658 von Schweden „annektiert" worden war. Die Anhänger der - ausserhalb des Internet kaum in Erscheinung tretenden Autonomiebewegung berufen sich auf den Vertrag von Roskilde (1678), wo den Skaniern politische Autonomie zugesichert wurde - eine Abmachung, über die sich Schweden 1720 einseitig hinweggesetzt hat. Im Rahmen der EU sehen sie wieder erhöhte Chancen, zumindest einen Teil dieser Autonomie zurückzugewinnen. Zumindest soll Schweden durch internationalen Druck daran gehindert werden, die Region Scania eigenmächtig in verschiedene Subregionen aufzuteilen, ohne auf die historische Integrität Skaniens Rücksicht zu nehmen. In diesem Sinne hat die Unabhängigkeitsbewegung von der UNPO (Unrepresented Nations and People Organization) Unterstützung erhalten, die im Januar 1998 eine Resolution verabschiedet hat, in der die Schwedische Regierung zur Respektierung dieser Autonomieansprüche aufgefordert wird.
3. Websites als Medien überräumlicher ethnischer Integration von Emigranten
Da sie ihre Identität auf immaterielle kulturelle Traditionen (anstatt auf physische Territorien) abstützen, sind Ethnien grundsätzlich in der Lage, auch bei beliebiger geographischer Dispersion ihrer Mitglieder zu überleben. Gerade exilierte, in viele Länder verstreute Volksgruppen können durch verstärkte Kultivierung eines ethnischen Gruppenbewusstseins dazu gelangen, ihre kollektive Identität während Zeitphasen, in denen sie über keinen eigenen Staat verfügen, aufrechtzuerhalten oder von territorialen Verankerungen gar völlig unabhängig zu machen. Wie man am Beispiel der Juden sehen kann, waren in der Vergangenheit aber immer ganz besondere Voraussetzungen nötig, um als exilierte, staatenlose Volksgruppe langfristig zu überleben. Beispielsweise war es immer sehr wichtig, dass sich Exilanten in grösseren Städten räumlich zu kompakten Diasporagruppe verdichteten, um wenigstens in solch kleinen territorialen Räumen Interaktionen zu pflegen und ein Minimum an gruppenspezifischen Institutionen (z. B. im religiösen Bereich) aufrechterhalten zu können (Simmel 1908: 495). Zweitens war es - insbesondere beim Fehlen derartiger urbaner Verdichtungen - erforderlich, die konstituierenden Basiselemente der Gruppenkultur in sehr explizite, starre Formen (z. B. Talmud) zu giessen, um zu ermöglichen, um sie relativ unabhängig von umfassender sozialer Interaktion speicherbar und reproduzierbar zu machen.
Dank Buchdruck und Pressemedien einerseits und formaler transnationaler Assoziationen andererseits sind Möglichkeiten hinzugekommen, die verstreuten Gruppen Mitglieder in dichtere, regelmässigere Informationsstrukturen einzubinden und der ethnischen Identität durch Einbezug variablerer Elemente (z. B. Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen und Entwicklungen) eine dynamischere, umweltoffenere Form zu verleihen. Wegen der ausgesprochen territorialen Organisation der konventionellen Massenmedien sind disperse Ethnien aber kaum je in der Lage gewesen, eigene Tageszeitungen, Radioprogramme oder Fernsehkanäle zu etablieren, und sich dadurch an den fortgeschritteneren (und insbesondere für die politische Arbeit relevantesten) Aspekten moderner Öffentlichkeit mitzubeteiligen. Satellitenfernsehprogramme (wie z. B. das Kurdische MET-TV) haben zwar erstmals eine binnenethnische politische Öffentlichkeit von globaler Reichweite geschaffen und durch Vermittlung gemeinsamer Kulturinhalte die translokale Kohäsion zwischen -Diasporagruppen verstärkt (Napier 2001) - allerdings auf Kosten einer elitären Steuerung, die - da sie nicht in einen staatlichen Kontext eingebettet ist - sich jeder Beeinflussung durch die peripheren Mitglieder entzieht. [9]
Im Lichte derartiger Beschränkungen kommt dem Internet eine immense funktionale Bedeutung zu, insofern es erstmals die Möglichkeit schafft, alle Angehörigen einer Ethnie ungeachtet ihrer geographischen Verteilung in eine interaktive Kommunikationsstruktur einzubeziehen, die dank ihrer Flexibilität und Multimedialität praktisch allen Aspekten ihrer Volkstradition einerseits und ihrer aktuellen Diasporaproblematik andererseits Rechnung tragen kann. Bei zahlreichen Emigrantengruppen scheint sich diese Online-Interaktion allerdings auf Email-Kontakte zu beschränken, die in den Bahnen ex ante konstituierter Verwandtschafts- und Bekanntschaftsbeziehungen verlaufen. Der überräumliche Integrationseffekt beschränkt sich in diesem Fall auf subethnische Partikulärnetzwerke (Ball-Rokeach 2001, Bhat/Sahoo 2002), während die umfassendere Einheit des ethnischen Kollektivs kaum eine Stärkung erfährt (und deshalb weiterhin auf die höhere Integrationskraft konventioneller Massenmedien angewiesen bleibt). In diesem Fall stehen vor allem die radialen Beziehungen zwischen den Emigranten und ihren im Herkunftsland verbliebenen Angehörigen im Vordergrund, während umfassendere translokale Vernetzungen nur in dem Masse entstehen, als Angehörige derselben Familien oder Standesgruppen sich in den Diasporas verschiedener Länder befinden.
Wie sehr das Internet der Beibehaltung, ja Revitalisierung äusserst traditioneller sozialer Zugehörigkeitsstrukturen dienen kann, wird an den Angehörigen indischer Kasten (z. B. Punjabis, Sikhs und Gujaratis [10]) deutlich, die dank globaler Onlinekommunikation nun besser in der Lage sind, bei beliebigem geographischen Standort für ihre Kinder kastenkonforme Ehepartner zu finden (Bhat/Sahoo 2002). Diese Entwicklung scheint nicht zuletzt auch in Indien selbst zu einer „Nationalisierung" des Kastensystems beizutragen, weil Ehepartner nun vermehrt landesweit (statt nur im lokalen Kontext) ausgelesen werden (Angelo 1997). Evidenterweise kann es dadurch gelingen, die Regeln der Kastenendogamie auch unter erschwerten Bedingungen hoher geographischer Mobilität und Dispersion beizubehalten - und sich in den lokalen Kontext, in dem man sich aufhält, weniger stark zu integrieren.
Umfassendere
Integrationsbemühungen setzen normalerweise den Einsatz des World Wide Web
voraus, das dank seiner funktionalen Polyvalenz in der Lage ist, „one-stop
Sites" anzubieten, die gleichzeitig den Zugang zu relevanten Tagesnachrichten,
zu Inhalten gemeinsamer kultureller Tradition, zu Diskussionsformen und zu einer
Fülle assoziierter anderer Websites (von Organisationen oder Einzelpersonen)
eröffnen. Auf dieser zweiten Ebene, wo die innengewandte kulturelle
Selbstintegration des Kollektivs im Vordergrund steht, ist das Internet
besonders die wachsende Zahl von Ethnien relevant, die infolge ihrer
feinkörnigen weltweiten Dispersion nicht (bzw. höchstens in wenigen grossen
Weltstädten) in der Lage sind, genügend Angehörige für die Bildung regionaler
oder lokaler Subgruppen zu finden.
Ihrer umfassenden Zielsetzung entsprechend profiliert sich Nineveh Online
Erst die digitale Revolution hat aber die Voraussetzungen geschaffen, um einerseits die verstreuten Diasporagruppen miteinander zu vernetzen, und um andererseits auch isolierte Volksangehörige, die (z. B. aufgrund ihrer ruralen Wohnlage) nicht in solchen Gruppierungen integriert sind, den Zugang zu permanenter Interaktion mit anderen Volksangehörigen zu eröffnen. So kann das Internet dazu beitragen, dass verstreute Ethnien weniger auf die Bildung dichter Diasporagruppen (die meist in Städten beheimatet waren) angewiesen sind, um ihre staatenlose Volksidentität zu bewahren oder ihre Traditionen gar in dichten Prozessen der Binnenkommunikation organisch weiter zu entwickeln. [12]
Auf dritter, anspruchsvollster Stufe kann das Internet durch eine Kombination monologischer und dialogisch-interaktiver Kommunikationsstrukturen für die politische Artikulation und Deliberation sowie die kollektive politische Selbstorganisation eines ethnischen Kollektivs Verwendung finden. So haben beispielsweise die auf 160 Campus Universitäten verteilten chinesischen Studenten in den USA bereits seit 1989 eine gleichermassen extensive wie intensive Kommunikationsstruktur aufgebaut, die es ihnen erlaubt hat, auf Regierungsebene als wirksame Lobbygruppe in Erscheinung zu treten (Li 1990, Bonchek 1995: 11). Auf dieser politischen Ebene bedeutet „Interaktivität", dass sich beliebige Angehörige des Kollektivs artikulieren und an der virtuellen Selbstpräsentation der Gruppe konstitutiv mitbeteiligen können - im Gegensatz zu den konventionellen, auf der Basis autoritativer Schriften und Pressemedien konstituierten Formen kultureller Selbstorganisation, in denen meist einige wenige Intellektuelle eine unangefochtene Führungsrolle eingenommen haben.
So sehr die etablierten Organisationen und Eliten bemüht sind, ihre monologische Top-down-Kommunikation auch auf dem World Wide Web fortzusetzen, so wenig sind sie in der Lage, anderen, politisch und ökonomisch ungebundenen Kommunikationsagenten den zutritt zu diesem neuen Medium zu versperren. Im Falle der Kurden z. B. haben die politischen Parteien trotz ihren intensiven Netzaktivitäten nicht verhindern können, das die politisch unabhängige Website „KurdishMedia" seit 1998 zum weltweit erfolgreichsten Diskussionsforum und Artikulationsorgan der Kurdenbevölkerung avancierte (Olsen 2001). Seine Popularität ist darauf zurückzuführen, dass es einerseits einen von Zugangsbeschränkungen und Zensur weitgehend Plattform für politische Diskussionen bietet, und andererseits durch Vermittlung gemeinsamer Kulturinhalte und ethnischer Symbole dazu beiträgt, die Entfaltung eines virtuellen Kurdistan (als Substitut für den nicht erreichbaren territorialen Nationalstaat) zu unterstützen (Napier 2001, Olsen 2001). Am Beispiel der Kurden wird allerdings überdeutlich, wie sehr das Internet dazu beiträgt, auf politischer Ebene bestehende Divergenzen und Konflikte mindestens im Massstab 1:1 in die mediale Sphäre zu transponieren - wenn nicht gar wie ein Prisma derart zu verstärken, dass umso stärker auf gemeinsame kulturelle Traditionen rekurriert werden muss, um für die ethnische Einheit überhaupt noch eine Verankerung zu finden. Damit unterscheiden sich die Computernetze diametral von den konventionellen Massenmedien, die mit weniger kultureller Tradition auskommen und mehr zur übergreifenden öffentlichen Meinungsbildung beitragen, weil es ihnen gelingt, kollektive Einheit im Hier und Jetzt (d. h. durch simultane Bündelung der Aufmerksamkeit auf dieselben Ereignisse und Themen) herbeizuführen.
All diese Netzaktivitäten müssen in dem Sinne als „subinstitutionell“ betrachtet werden, als sie auf informeller Basis (und nicht etwa im konventionellen Rahmen einer formalen transnationalen Organisationsstruktur) erfolgen. Dies gilt z. B. auch für das „Iraq.net“, das ebenfalls vom Ziel geleitet wird, den Emigranten aus diesem Land eine eigentliche „Homepage“ zu bieten: d. h. ein individueller Ort, wo sie zu jeder Tages- und Nachtzeit hingehen können, um sich an ihrer angestammten Kulturtradition zu erbauen oder um mit andern Angehörigen ihrer Volksgruppe in Beziehung zu treten. [13] Im Gegensatz zu „Nineveh Online“ richtet sie sich aber an Emigranten, die sich nach wie vor als Bürger eines Heimatlandes definieren und sich - wie auch immer - auch politisch auf die aktuellen Verhältnisse in ihrem Staat beziehen. Diese politische Dimension erscheint darin, dass zur Zeit Saddam Husseins ebenso wie heute - ein äusserst rege benutztes Diskussionsforum (mit teilweise über 100 Einsendungen pro Tag) aufrechterhalten wird, das offensichtlich dazu dient, ein Minimum an freier politischer Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten, die innerhalb des Landes selbst nicht realisiert werden kann. (Es wird an Intensität allerdings noch vom Diskussionsforum des Sudan.net übertroffen, wo täglich über 200 Beiträge einzugehen pflegen). [14]
Zweitens haben die Betreiber der Site konsultative Online-Abstimmungen zu relevanten politischen Fragen durchgeführt, in denen beispielsweise 1999 ersichtlich wurde, dass die Mehrzahl der Exiliraker für die Gründung einer Exilregierung eintrat, und eine Anklage Saddam Husseins als Kriegsverbrecher befürwortete, andererseits aber den UN-Sanktionen ablehnend gegenüberstanden. [15] Auf dieser Weise sind Exilanten autoritär regierter Staaten heute in der Lage, die mangelnde politische Öffentlichkeit in ihrem Heimatland zumindest teilweise durch eine „Offshore-Öffentlichkeit“ zu substituieren, die sich weitab von politischen wie auch kommerziellen Interessen bilden kann und deshalb (auch im Vergleich mit den korporatistischen Mediensystemen mancher westlicher Länder) einen ausserordentlich hohen Spielraum für freie Meinungsäusserungen bieten. [16]
Die Frage muss offen bleiben, inwiefern solch virtuelle Netzöffentlichkeiten die Ausgangsbasis für verbindlichere Formen der Selbstorganisation bilden können, mit deren Hilfe es den Emigranten gelingen könnte, auf die inneren Verhältnisse in ihrem Land Einfluss zu nehmen. [17] Denkbar wäre auch, dass sie umgekehrt eine Ventilfunktion besitzen und dissidente Kräfte absorbieren, die eigentlich besser - wenn auch gefahrenvoller - innerhalb des Landes zur Geltung kommen sollten. [18] Momentan sorgt allein der „digital divide" in vielen Fällen dazu, dass diese von Emigranten veranstalteten Globalöffentlichkeiten von den Kommunikationsprozessen im Heimatland fast völlig abgekoppelt bleiben: etwa im Falle der Kurden, wo die am Ursprungsort wohnende Bevölkerungen grossenteils noch nicht einmal über Telefonverbindungen verfügen (Olsen 2001).
4. Entfaltungschancen für „heteromorphe“ Kollektivakteure
Im sozialen Evolutionsprozess der letzten 500 Jahre hat der grösste Überlebensvorteil eindeutig den territorial begrenzten Kollektiven (insbesondere den Nationalstaaten) gehört, weil es diesen gelungen ist, aus räumlich verdichteten Menschenmassen (z. B. im Rahmen von Heeresaufmärschen, Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozessen u.a.) mannigfache Leistungsvorteile zu ziehen. Die konventionellen Massenmedien haben durch ihre gouvermentale Orientierung viel dazu beigetragen, dieser segmentären Differenzierung der Weltgesellschaft (in nebengeordnete Gebietsherrschaftssysteme) auf kultureller und informationeller Ebene eine zusätzliche Akzentuierung zu verleihen. Dieser Siegeszug der Territorialisierung hat auch traditionell überräumlich konstituierte Völker (z. B. die Juden) genötigt, sich um einen eigenen Staat zu bemühen, und unzählige kriegerische Konflikte der Gegenwart haben ihre Wurzel darin, dass ethnische Minoritäten im Erwerb autonomer staatlicher Selbstverwaltung den einzigen Weg sehen, um ihre kollektive Identität zum Ausdruck zu bringen und für die Zukunft zu sichern.
Mit seinen Kapazitäten zur
überräumlichen interaktiven Sozialintegration bietet das Internet nun Anlass zur
- zugegebenermassen spekulativen - Hypothese, dass sich die evolutionären
Selektionsvorteile in Zukunft auf „heteromorphe“ Kollektive verschieben könnten,
die es verstehen, die unzweifelhaften Vorzüge territorialer Verdichtung mit den
komplementären funktionalen Kapazitäten überräumlicher Netzwerkstrukturen zu
verbinden. Ausgeprägter als bei Staaten zeigt sich diese Heteromorphie heute
allerdings bei zahlreichen sezessionistischen Bewegungen, die ihre Schlagkraft
zwar nach wie vor auf dem örtlichen Unabhängigkeitskampf abstützen, andererseits
aber - wie z. B. die Zapatisten, Kurden oder Tamilen - in vielfältiger (z. B.
finanzieller und moralischer) Hinsicht auf die Unterstützung exilierter
Bevölkerungsteile sowie auf die Unterstützung weltweiter externer
Solidaritätsgruppen) angewiesen bleiben.
Demgegenüber scheinen sich die Tamilen eher in einer schwebend-unentschiedenen Situation zu befinden, in der sie nicht recht wissen, ob ihr hauptsächliches Ziel in der Errichtung eines unabhängigen Staates auf Sri Lanka besteht, oder eher darin, sich (ähnlich wie die Juden) endgültig als „globale Nation“ ohne eigene Territorialansprüche zu etablieren:
“This Website exists
Als Substitut für das fehlende gemeinsame Territorium ist die Online-Präsenz für die Tamilen der gemeinsamen kulturellen Traditionen zu einem umso wichtigeren kollektiven Integrationsfaktor geworden: Ein wichtiges Element dabei ist die umfassende Digitalisierung der klassischen Literaturbestände und ihre Verfügbarmachung in tamilischer Schrift: ein Unterfangen, das von der Provinzregierung von Tamil Nadu (südlichster Staat Indiens, wo 55 Mio. Tamilen leben) energisch an die Hand genommen wurde. Als Folge davon ist Tamilisch zur verbreitetsten Indischen Sprache auf dem Internet geworden.
Auch im internationalen Staatensystem selbst könnte die Internet-Kommunikation zu einer gewissen Verschiebung der Einfluss- und Machtchancen führen, indem Emigrantengruppen bessere Chancen erhalten, auf die innere Politik ihres Ursprungsstaats Einfluss zu nehmen:
So dürften in Zukunft jenen Nationen besonders Vorteile zuwachsen, deren Emigranten zu ihrem Heimatland enge patriotische Bindungen aufrechterhalten und dadurch dafür sorgen, dass seine nationalen Interessen in verschiedensten - weltweit verstreuten - Institutionen, Organisationen und informellen Handlungskontexten zur Geltung kommen. Ein historisches Paradigma dafür findet sich wiederum beim Judentum, dessen aktuelle Präsenz in der Weltgesellschaft einerseits auf dem Territorialstaat Israel, andererseits aber - wohl noch stärker - auf den weltweit verstreuten Diasporagruppen und innerethnischen Solidaritätsstrukturen basiert. Ein zweites Beispiel mit völlig anderen Gewichtsverhältnissen bilden die Chinesen, deren Einfluss innerhalb Asiens zwar vorwiegend auf der Macht ihres bevölkerungsreichen Staates, zusätzlich aber auch auf den dezentralen Netzwerken handeltreibender Exilchinesen beruht. [21]
In dieselbe Zielrichtung bewegt sich das „Hellenic Resource network“ (HR-Net), das zum Ziel hat, die über die Welt verstreuten Griechen stärker für eine auf Helleinische Interessen ausgerichtete Politik zu mobilisieren.
„Every day, huge amounts of information vital to Greek interests pass through the Internet. Such information includes articles in the international press about Greece and its neighbors, important documents and resolutions of international organizations, as well as propaganda transmitted by states neighboring Greece and Cyprus. Recognizing the vast capabilities of the Internet, the Hellenic Resources Institute, Inc. launched the Hellenic Resource Network, HR-Net, ... with the following objectives:
Der aussergewöhnlich grosse Zuspruch dieses Webangebots (ca. 40 000 Hits pro Woche (!)) weist darauf hin, dass es als Faktor politischer Meinungsbildung und Einflussnahme wohl eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt: Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass es sich bei zahlreichen „visitors“ um Intellektuelle handelt, die - z.B. als Lehrer oder Journalisten - ihre Informationen und Einstellungen an eine breitere Oeffentlichkeit weitergeben.
Man könnte den Schluss ziehen, dass das HR-Net primär als Unterstützungsorgan der offiziellen griechischen Aussenpolitik fungiert - aber genauso wäre denkbar, dass es „Diaspora-Positionen“ ins Spiel bringt, die mit den Regierungspositionen (bzw. der öffentlichen Meinung) Griechenlands in einem Spannungsverhältnis stehen. Faszinierend, aber sehr spekulativ ist der Gedanke, dass im Hellenic Net jener selbe griechische Kosmopolitismus wieder aufersteht, wie er zur Zeit der mediterranen Stadtgründungen und in den Jahrhunderten, des „Hellenismus“ vorherrschend war. So wachsen im Internet-Zeitalter wahrscheinlich jenen Nationen die grössten Chancen zu, denen es gelingt, all diese verschiedenen Akteure in eine einheitliche Doktrin einzubinden: d.h. einen Nationalismus zu kultivieren, der sich in gleicher Weise (a) auf öffentliche und private sowie (b) auf einheimische und auf ins Ausland emigrierte Akteure erstreckt.
Eine andere Form der Heteromorphie besteht darin, dass die Bevölkerung mehrerer Staaten aufgrund gemeinsamer Herkunft, Sprache, Kultur oder Religion eine transnationale Gemeinschaft bilden und damit das intergouvernementale Beziehungsgefüge zwischen ihren Regierungen durch eine subinstitutionelle, durch vielerlei Organisationen, Gruppierungen und Einzelindividuen getragene, Integrationsebene komplettieren. Es liegt nahe, hier an die auf alle Kontinente der Erde verteilte angelsächsische Staatenwelt zu denken, deren Populationen das aktuell bestehende Internet weitgehend zu ihrem Forum der Kommunikation, Kooperation und kulturellen Diffusion ausgestaltet haben. Als weiteres Beispiel könnte sich in Zukunft die islamische Welt anbieten, die in der durch territorialstaatlichen Fragmentierungen gekennzeichneten Weltgesellschaft bisher keine hinreichende Basis für die volle Realisierung ihres religiösen Telos gefunden hat.
Der Islam hat von Beginn an den Anspruch erhoben, die Gläubigen über alle Grenzen staatlicher Territorialität (sowie ethnischer Herkunft) hinweg in eine umfassende Gemeinschaft „Ummah" zu integrieren, deren Einheit sich auf sozialer Ebene über Jahrhundert nur ganz notdürftig manifestierte (vor allem in der Pflicht, einmal im Leben nach Mekka zu reisen) (Haroon 1998). Die scharfe Distanzierung vom territorialen Organisationsprinzip kommt auch in der personalistischen Rechtsauffassung zum Ausdruck, wonach ein Muslim ungeachtet seines territorialen Standorts in völlig identischer Weiser verpflichtet ist, die Normen und Riten seiner Religion zu respektieren. Die Durchsetzungskraft des Islams als Religion wird bis heute durch seine extreme innere Organisationsschwäche behindert, die sich im Fehlen eines professionellen Klerikerstandes und umfassender religiöser Organisationsstrukturen manifestiert. Dies hat zur Folge, dass der Islam einerseits immer auf den Schutz politischer Instanzen und andererseits auf die Akzeptanz unterschiedlichster ethnischer Milieus abhängig bleibt: also von Faktoren, die vom „System Religion" her als völlig unbeeinflussbar erscheinen. Hier erweist es sich dann als hinderlich, ja katastrophal, dass die islamische Staatenwelt keine hegemonialen Supermachtstrukturen entwickelt hat, sondern politisch fragmentiert und heillos zerstritten geblieben ist. Ebenso konnten sich die überräumlichen Integrationsansprüche so lange nichtfrei entfalten, als die religiöse Überlieferung und Sozialisation sich ausschliesslich im Medium oraler Unterweisung vollzog: so dass Gläubige auf die Nähe eines geschulten Geistlichen angewiesen waren, um sich im Einzelfall über religiöse Fragen zu orientieren. Bereits der Buchdruck hat - ähnlich wie in der frühen europäischen Neuzeit zu einer Emanzipation des Gläubigen von derartigen Lehrautoritäten geführt, weil jeder nun jederzeit und überall sich selber darüber informieren konnte, was vom religiösen Standpunkt aus geboten, empfohlen oder verboten war (Mandaville 1999). Bereits damit war eine ubiquitärere Gegenwart der Religion im Alltagsleben verbunden, weil es nun möglich war, in beliebigen Entscheidungs- und Handlungssituationen religiöse Erwägungen zum Tragen zu bringen.
Das Internet hat für den Muslim die Chancen erweitert, selbst als Migrant irgendwo in der Diaspora ein guter Jünger Allahs (bzw. ein getreuer Anhänger einer bestimmten islamischen Glaubensrichtung zu sein) zu sein, weil unzählige Websites, Diskussionsformen und Mailinglists für entsprechende Informationsgewinnung und Kommunikation zur Verfügung stehen (Mandaville 1999). Anders als bei der blossen Rezeption von Texten geht von diesem interaktiven Umgang mit religiösen Inhalten eine Eigendynamik aus, die möglicherweise eine Abschwächung extremistischer Positionen und eine Hinwendung zu Normen offenerer Toleranz in sich schliesst: weil die öffentliche Natur dieser Kommunikationsformen dazu zwingt, sich andauernd mit vielfältigen und oft unerwartet andersartigen Meinungsäusserungen auseinander zusetzen.
In gewisser Weise stellt das Internet die in der traditionellen Kultur dominierende - und mit dem Buchdruck stark in den Hintergrund getretene interaktive Unterweisung wieder her, die zahlreichen Gelehrten die Möglichkeit gibt, zu wirken - und den Gläubigen ermöglicht, sich wieder mehr auf autoritäre Führerpersonen statt auf die eigene Meinung zu verlassen. So stellt man fest, dass religiöse Geistliche, die „online Fatwas" anbieten, als Berater in einer Fülle unterschiedlichster Lebensfragen in Anspruch genommen werden: indem sie beispielsweise wissen wollen, wie viele Stunden ein guter Muslim nachts schlafen solle, ob Mädchen an nichtislamischen Universitäten Medizin studieren dürfen oder ob Parfums mit Alkoholgehalt religionswidrig seien. [23] Allerdings besteht der grosse Unterschied darin, dass sich der Schwerpunkt der religiösen Unterweisung auf unkontrollierbare Weise von den traditionellen Gelehrten und akademischen Zentren auf irgendwelche marginalere und dilettantischere Gruppen und Einzelpersonen verschiebt - ohne dass Klarheit die Herkunft, den aktuellen Standort, und den Qualifikationsstatus der Kommunikatoren entsteht (Bunt 2000).
Due to the largely anonymous nature of the Internet, one can also never be sure whether the ‘authoritative’ advice received via these services is coming from a classically- trained religious scholar or an electrical engineer moonlighting as an amateur calim." (Mandaville 1999).
Vor allem erhöht sich die Präsenz und die Einflussposition jener islamischen Länder, in denen das Internet besonders verbreitet ist (Mandaville 1999), selbst dann, wenn sie sich - wie z. B. im Falle Malaysias - sowohl geographisch wie in religiöse Hinsicht eher an der Peripherie der islamischen Welt befinden (Mandaville 1999). Und allem voran wächst natürlich der Einfluss relativ kleiner elitärer Migrantengruppen, die - wie z. B. nach den USA emigrierte Studenten und Angehörige computernaher Berufszweige - über die besten subjektiven und objektiven Voraussetzungen für eine breit entfaltete und wirkungsvolle Aktivität in den digitalen Netzen verfügen.
5. Schlussfolgerungen
Indem es beliebigen Akteuren einen technisch-organisatorisch unaufwendigen Zugang zu weltweiter Kommunikation und Publikation eröffnet, befreit das Internet die Öffentlichkeit von jenen institutionellen Einbindungen, die für die bisherigen gouvernemental-korporatistischen Mediensysteme charakteristisch waren. Stattdessen unterstützt es die Publikationsaktivitäten vielfältiger Kollektive, die in den bisherigen, (meist auf nationale Homogenisierung ausgerichteten) Medienordnungen nur unzureichende Chancen medialer Selbstthematisierung und Selbstdarstellung vorgefunden haben. Dazu gehören zweckorientierte Neue Soziale Bewegungen und Bürgerinitiativen ebenso wie „gemeinschaftsorientierte“ Regionalbevölkerungen, Emigrantengruppen und ethnisch-religiöse Kollektive, die in der Weltpolitik vor allem seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Welt (1989) eine wachsende Präsenz und Konfliktfähigkeit entfalten.
Generell werden die Möglichkeiten des Staates, sich mittels technischer Medien nach innen und aussen berechenbar und einheitlich darzustellen, mit dem Aufkommen der Computernetze drastisch reduziert, weil sich jetzt ehr viel zahlreichere und vor allem sehr viel verschiedenartigere Akteure an der Aufgabe beteiligen, ihr Heimatland in der Weltöffentlichkeit darzustellen. Dadurch können auch „vertikale Diskrepanzen", wie sie zwischen Regime und Volk bestehen, sowie auch „horizontale Diskrepanzen" (zwischen verschiedenen Gruppierungen) sehr viel schärfer als bisher sichtbar werden.
In manchen Staaten der Dritten Welt kommt es vor, dass die nationale Selbstdarstellung weder vom Staat selbst noch von der indigenen Bevölkerung dominiert wird, sondern von exilierten Gruppen in Beschlag genommen wird, insbesondere von jungen Intellektuellengruppen, die an westlichen Universitäten studieren. (z. B. im Falle von Burma oder Sudan). [24]So unterstützt das Internet das Wiedererstarken infranationaler und transnationaler Identitäten, die meist beide auf ethnischen und religiösen Kultur differenzierungen beruhen: also, auf Prinzipien traditionaler Sozialintegration, die historisch teilweise weit älter als die territorialen politischen Systembildungen (z. B. Nationalstaaten) sind, heute aber daran sind, ihre lang zurückgedrängte Potenz wiedergewinnen. Beliebig kleine, organisationsschwache und transitorische Gruppierungen können mit genau denselben Ausdrucksmitteln wie Staaten oder Grosskonzerne in der Weltöffentlichkeit sichtbar werden, ohne genötigt zu sein, verfestigte formale Organisation aufzubauen oder ihre sozietale Marginalität im jeweiligen Herkunftskontext aufzugeben. [25]
Damit fördert das Internet die Konstituierung einer pluralistisch-multikulturellen Welt, in der
Andererseits spricht auch einiges dafür, dass mit dieser Entwicklung nicht nur konfliktsteigernde, sondern auch konfliktmoderierende Wirkungen verbunden sind.
Erstens ist zu beachten, dass auf dem Internet konstituierte Gruppenidentitäten aufgrund der globalen Öffentlichkeit des Mediums einen äusserst „exoterischen“ Charakter besitzen. Dies hat zur Folge, dass alle an die Gruppenmitglieder gerichteten Kommunikationen immer auch unter dem Aspekt spezifiziert werden wie sie von der breiteren Weltöffentlichkeit wahrgenommen und gedeutet werden. werden: so dass
Konkret bedeutet dies, dass z. B. sezessionistische Rebellenbewegungen im Zuge ihres Strebens nach globaler öffentlicher Legitimität genötigt sind, in einer Weise auf universalistische Werte und Normen (wie sie z. B. in UNO-Dokumenten expliziert sind) zu rekurrieren, die für ihr politisches Verhalten wahrscheinlich nicht ganz ohne Bedeutung bleibt. Hinzu kommt, dass sich die Betreiber vieler solcher Websites einer betont offenen, überparteilichen (manchmal gar an Gesinnungslosigkeit grenzenden) Haltung befleissigen, um in einer möglichst umfangeichen, heterogenen Anhängerschaft Resonanz zu finden - und dass viele von ihnen ohnehin westliche Wertmuster internalisiert haben, da sie in Nordamerika oder Europa leben. Zweitens ist nicht zu unterschätzen, dass die durch die Computernetze begünstigte Vervielfältigung von Identitäten zu querverlaufenden „cross cleavages“ (im Sinne von Lipset 1964) führen kann, die sich wechselseitig neutralisieren. So könnten internationale Konflikte in dem Masse unwahrscheinlicher werden, als nationale Bevölkerungen aufgrund ihrer vielfältigen transnationalen Identifikationsbindungen nicht mehr als solidarische Einheiten agieren; und umgekehrt finden ethnisch-religiöse Globalkollektive ihre Kohäsionsgrenzen darin, dass ihre Teilnehmersegmente nach wie vor in unterschiedliche nationalstaatliche Kontexte eingebettet sind.
Vielerlei Folgeprobleme entstehen allerdings aus der Tatsache, dass sich diese kollektiven Identitätskonstruktionen nicht im realweltlichen Kontext eines Territoriums und der Lebenswelt einer physischen Bevölkerung, sondern im dekontextualisierten Raum digitaler Computernetzwerke vollzieht.
Erstens bleibt bei vielen Websites grundsätzlich ungewiss, inwiefern sie Ausdruck einer breiten und konsistent agierenden kollektiven Bewegung bilden, oder ob sich ihre Anhängerschaft auf ein paar selbsternannte Aktivisten oder gar ein einzelnes Individuum beschränkt. Internetpräsentationen laden unwiderstehlich dazu ein, durch aufgeplusterte, vielstufige Websites den illusionären Eindruck hoher Mitgliederzahlen, differenzierter Organisationsstrukturen, weitreichender Allianzbeziehungen und umfangreicher kollektiver Aktionsfähigkeit zu erwecken: in der Hoffnung, durch ein derartiges „Impression Management“ als politischer Akteur ernstgenommen zu werden Dies trifft insbesondere auch für die proliferierende Zahl virtueller „Mikrostaaten“ zu, die - wie z. B. das „Kingdom of Merovingia“ [26], das „Holy Empire of Reunion" [27] und bis vor kurzem auch noch Umberto Bossis LEGA NORD - die Weltöffentlichkeit durch eine reiche Draperie von fiktiven Verfassungen, Präsidien, Parlamenten, Ministerien und Botschaftsmissionen irrezuleiten versuchen. [28] Generell gilt, dass derartige virtuelle Selbstpräsentationen niemals hinreichend sind, um auch nur die Existenz - geschweige denn die Grösse, Kontinuität und Handlungsfähigkeit - eines kollektiven Akteurs zuverlässig zu bezeugen - was nicht ausschliesst, dass ein von der weltweiten Netzöffentlichkeit wahrgenommener Akteur unter stärkeren Druck geraten kann, seine Faktizität auch durch - politisch relevantere - offline-Handlungen zu manifestieren.
Zweitens entsteht die Gefahr, dass ethnospezifische Eigenschaften zu absoluten Wesensmerkmalen hypostasiert werden, weil in dieser Virtualwelt binnenethnische Heterogenitäten zuwenig wahrgenommen werden und weil die Notwendigkeit entfällt, mit andern Ethnien einen Modus Vivendi zu finden. So wird beispielsweise auf vielen chinesischen Websites eine „essentialistisch" verstandene Konzeption von „chineseness" kultiviert, die einerseits alle verbindenden Elemente gemeinsamer Geschichte, Kultur und Nationalität in eine Synthese bringt, andererseits von allen trennenden Besonderheiten der weltweit verstreuten Diasporagruppen abstrahiert (Wong 2003) Die auf diese Weise fabrizierte Ethnizität erhält den Charakter eines gegenüber der Realwelt aller angesprochenen Mitglieder segregierten „Konsumguts", das jederzeit und an jedem Ort zur persönlichen Erbauung und Unterhaltung zur Verfügung steht.
In einer mit den universalistischen Imperativen der Globalisierung überaus unvereinbaren, regressiven Weise wird eine mythische ethnische Einheit beschworen, und die Bezugnahme auf den territorialen Nationalstaat (als Träger und Garant dieser Einheit) wird durch die globale Netzkommunikation keineswegs abgeschwächt, sondern sogar noch verstärkt (Wong 2003, Appadurai 1996).
Und drittens lässt sich aufgrund des nach wie vor beträchtlichen „digital divide“ zwischen westlichen und südlichen Ländern oft nicht vermeiden, dass die Webpräsentation mancher ethnischer Gruppen häufig nicht durch Angehörige der Gruppe selbst gestaltet wird, sondern durch selbsterwählte westliche Intellektuelle, die sich in idealistisch-realitätsfremder Weise mit den Kulturinhalten und kollektiven Zielen „Eingeborenen ihrer Wahl“ identifizieren:
Wenn die Individualisierung des modernen Menschen darin wurzelt, das er sich im Kreuzungsfeld verschiedener Rollen befindet und je nach Situation und Bedürfnis unterschiedliche (und im biographischen Ablauf variierende) Interaktionskontexte aufsuchen und personale Teilidentitäten hervorkehren kann (vgl. Simmel 1908: 305ff.), so wird dieser eigenselektive Umgang mit sich selbst beim Navigieren durch den Cyberspace auf ein neues, bisher nicht zugängliches Niveau gehoben. Denn beim Netzsurfen eröffnet sich mir die Chance, in raschester Folge unterschiedlichste virtuelle Orte aufzusuchen und kommunikative Rollen zu übernehmen. So kann ich mich drei Minuten lang von einer bewegenden „Memorial Site" zu Ehren Mutter Theresas rühren lassen und im Gästebuch einen kleinen Eintrag hinterlassen; nachher widerstandslos zu meinen örtlichen Vereinsverlautbarungen überwechseln, aus einer momentanen nostalgischen Anwandlung die Schülerzeitung meines ehemaligen Gymnasiums konsultieren und mich schliesslich auf „Appenzell-Online" mit dem vielfältigen lokalen Brauchtum in Verbindung setzen, das im Leben meiner Grosseltern noch eine prägende Bedeutung besass. Zumindest in diesen Anfangsjahren seiner Genese und Ausbreitung bietet das Internet das Bild einer riesigen Experimentierwerkstatt, in der mit wenig Aufwand und Risiko vielfältigste Möglichkeiten politisch-territorialer Identifikation produziert und angeboten werden: in der oft nur vagen Hoffnung, damit auf eine gewisse Nachfrage zu stossen.
Generell unterstützt das Internet jenen spielerisch-unverbindlichen Umgang mit Traditionen und Identifikationen, wie er bereits im Konzept der „Postmoderne“ vorweggenommen wurde: Manchmal bin ich Thurgauer, dann Angehöriger der Bodenseeregion, in anderen Belangen solidarisch mit allen, die auch Deutsch als Muttersprache sprechen; dann Westeuropäer - und häufig einfach Mitglied der westlichen Zivilisation. So bietet es für Emigranten die Chance, ungeachtet ihres Aufenthaltsorts hin und wieder ein bisschen in die lokale Kultur der Heimat einzutauchen (und dadurch die Situation, Emigrant zu sein erträglicher zu finden). Ebenso kann es Neuzugezogenen oder kurzzeitig anwesenden Touristen ermöglichen, sehr rasch eine gewisse Vertrautheit mit ihrem aktuellen Aufenthaltskontext zu erwerben, ohne dass sie dazu auf den Aufbau sozialer Bekanntschaftsbeziehungen (oder die Teilnahme an speziellen Veranstaltungen) angewiesen wären.
Wenn die Vielfalt von Nationalismen und Ethnizismen bisher dadurch begrenzt war, dass nur Eliten mit privilegiertem Medienzugang die Möglichkeit hatten, derartige Symbolkonstruktionen erfolgreich zu diffundieren, so muss in Zukunft wohl mit einer unkontrollierbaren Mannigfaltigkeit proponierter Kollektividentifikationen gerechnet werden, die sich in ihrer Relevanz und Konfliktivität allein durch ihre Vielzahl und Widersprüchlichkeit wechselseitig limitieren. Dadurch können einerseits lang verschüttete historische Identitäten wieder zum Leben erweckt und andererseits auch zukünftige neue regionale Identitäten vorweggenommen werden, die in den konventionellen Massenmedien nicht mehr (oder noch nicht) Ausdruck finden. Auch im sensiblen Bereich politischer Orientierungen scheint eine pluralistische Vielfalt koexistierender und sich überlappender Referenzebenen Platz zu greifen, die mit den exklusiven Identifikationsforderungen des traditionellen Nationalstaats (und auch den integrationistischen Tendenzen der Europäischen Union) in einem Spannungsverhältnis steht.
Längerfristig bietet die Netztechnologie günstige Voraussetzungen dafür, dass das mediale „Angebot" an Identitätskonstruktionen der jeweils aktuellen „Nachfrage" entspricht: weil Anbieter wöchentlich, ja täglich und stündlich beobachten können, ob ihre Präsentationen (schon, bzw. noch) auf Interesse stossen (bzw. aus den Rückmeldungen instruktive Informationen darüber beziehen, ob und in welche Richtung die Präsentationen verändert werden sollen. Hingegen ist es aufgrund bisheriger empirischer Erfahrungen eher unwahrscheinlich, dass allein auf der Grundlage von Online-Kommunikation primäre Kristallisationskeime für kollektive Identifikation und Solidarisierung entstehen, die eine hinreichende Basis für die spätere Gründung stabiler formeller Assoziationen oder Institutionen darstellen würden.
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Fussnoten:
[1] So sind Bürokratien auf eine risikoreiche „Gratwanderung" verwiesen, indem sie einen hohen Aufwand an Geheimhaltung betreiben müssen, um die subversiven Potentiale der Schriftlichkeit zu neutralisieren.
[2] In dieser Hinsicht wirkt das Internet sehr viel nivellierender als der Buchdruck, wo reiche und mächtige Akteure ihren Status in der Verwendung von Hochglanzpapier und teuren Farbtiefdruckverfahren zum Ausdruck zu bringen pflegten.
[3] dito
[4] Zur zunehmenden Bedeutung der Regionen als Einheiten wirtschaftlicher Entwicklung (vgl. Kenichi 1996).
[6] Dieses Beispiel illustriert, wie das Internet dank seiner immensen „Anschmiegsamkeit“ manche Möglichkeiten schafft, traditionelle und moderne Lebensformen spannungsfreier miteinander zu verbinden.
[7] „Mit E-Mail und Internet gegen Diktatoren. Südostasiens Oppositionelle entdecken neue Kampfmethoden." (Neue Zürcher Zeitung, 18. 9. 1998: 65).
[9] So hat das Kurdische MET-TV durch seine engen Bindungen an die PKK seine Legitimation (und schliesslich auch in seiner materiellen Existenzgrundlage) verloren (vgl. Olsen 2001).
[12] Paradoxerweise scheint ausgerechnet das modernste aller Medien sehr traditionalistische Orientierungen zu fördern: weil Onlinegruppen ohne eigenes Territorium sehr stark genötigt sind, substitutiv dazu ihre kulturellen Traditionen als Verankerungsbasis für ihre kollektive Identität zu benutzen.14] http://www.sudan.net [15] http://www.iraq.net/Editorials/voting.htm
[16] Diese Emanzipation aus territorialstaatlichen Kontrollen ist z. B. im Falle der Kurden besonders bedeutsam, weil manche Länder aus Rücksicht auf die Türkei die binnenationale Publikation Kurdischer Zeitungen verbieten (Olsen 2001).
[17] Ein Beispiel erfolgreicher Einflussnahme bildet Burma, wo es den Emigranten nicht nur gelungen ist, das heimische SLORC-Regime weltweit zu diskreditieren, sondern ihm auch wirtschaftlichen Schaden zuzufügen. (Vgl. dazu: Geser 1996).
[18] Autoritäre Regimes könnten u. U. gar auf die Idee kommen, durch ein gezieltes „Outsourcing“ der politischen Öffentlichkeit Stabilitätsgewinne zu erzielen.
[21] So werden schon seit Jahrzehnten ungefähr 80% aller in Volkschina getätigten Investitionen von im Ausland lebenden Chinesen getätigt - was die Regierung schon 1920 dazu veranlasst hat, ein "Ministerium für auswärtige Chinesen" zu institutionalisieren (Bhat/Sahoo 2002).
[24] Vgl. Jon W. Anderson: Globalizing Politics and Religion in the Muslim World (The Journal of electronic publishing, September, 1997 Volume 3, Issue 1) http://www.press.umich.edu/jep/archive/Anderson.html
[25] Analog dazu sind auch zweckorientierte Sozialbewegungen aus rein kommunikativen Gründen nicht mehr genötigt, jenen irreversiblen Weg zur Institutionalisierung zu beschreiben, wie er aus der Sicht der bisherigen Theoriebildung als unausweichlich erschien.
[26] http://www.geocities.com/CapitolHill/5205/index.html[27] http://www.reuniao.org/governen.htm
[28] Die entsprechenden Sammelseiten (vgl. z. B. http://members.tripod.com/rittergeist/) enthalten Listen von weit über hundert derartiger Kunstgebilde, die häufig auf unbewohnte pazifische Atolle (oder gar auf Landstücke unter Wasser) gegründet sind und - dem Geschmack ihres Gründers gemäss- die „Staatsform“ einer aufgeklärten Monarchie besitzen.