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«Macht.ch», diese 512-seitige Arbeit, in die auch Fallstudien zum «Bankenstaat», zum Rohstoffhändler Glencore oder zum Schweizerischen Gewerbeverband eingefügt sind, verdient Beachtung. Das Buch versammelt Material zum Zustand der Schweiz – und an dessen Beurteilung scheiden sich die Geister bekanntlich nicht weniger als an diesem Buch.
Geld und Macht sind eng verflochten
Die Erkenntnisse von Mäders Studie überraschen nicht: Seit 1989 habe sich die Schweiz von einem politisch-liberalen zu einem wirtschaftsliberalen System gewandelt. Diesem sei der Gedanke ans Gemeinwohl weitgehend abhanden gekommen. Heute bestimme ökonomisches Denken den Diskurs. Rendite gehe über alles.
Globalisierte Konzerne und der Finanzplatz hätten grösseren Einfluss als Politik und Realwirtschaft. Die Demokratie sei gefährdet durch wachsende Ungleichheiten zwischen Reich und Arm, durch Populismus, Nationalismus und die Macht von Netzwerken, Branchenverbänden und anderen Interessengruppen. Geld und Macht sind eng verflochten.
«Auf dem Weg zu einer Scheindemokratie»
«Wir sind auf dem Weg zu einer Scheindemokratie. Das wichtigste Element ist nicht mehr der politische Diskurs, sondern das Geld», wird der ehemalige Vizekanzler Oswald Sigg zitiert. Das Buch enthält viele Zitate aus den 200 Interviews, die Mäder und sein Team geführt haben, mit Milliardären und Putzfrauen, Managern und Butlern, Gewerkschaftern, Wissenschaftlern und Journalisten.
Mäders Werk erschöpft sich jedoch nicht in pessimistischen oder gar resignierten Diagnosen. In einem Kapitel formuliert der Basler Soziologe Gedanken, die auf mehr Gerechtigkeit im Land abzielen. Neben den klassischen gewerkschaftlichen Anliegen zu Gunsten der Lohnabhängigen entwickelt er Vorschläge zur Bändigung des Finanzmarkts und zur Demokratisierung der Wirtschaft.
Ueli Mäder schreibt soziale Gerechtigkeit gross. Er erinnert daran, dass es «soziale Teilhabe und sozialer Sinn» seien, die «unser Leben lebendig und lebenswert» machen. «Sozialer Sinn kann auch darin bestehen, Abstand von einer Macht zu halten, die sich selbst mit viel Geld inszeniert.»
Medienreaktionen waren vorhersehbar
Wenn ein Soziologe, der seine politische Haltung nicht verhehlt, eine Studie über die Geflechte von Macht und Geld im Land verfasst, sind die Reaktionen sind vorhersehbar.
Die «NZZ», Link öffnet in einem neuen Fenster betitelt «Macht.ch» als «ein politisches Traktat, das die gängigen Parolen von Linksparteien und Gewerkschaften spiegelt», oder anders gesagt: «ein Musterbeispiel, wie man auf einem Auge blind sein kann».
Die «WoZ» schreibt, Mäder liefere «zahlreiche differenzierte, detaillierte und manchmal überraschende Einblicke in die Dynamik und Wirkungsweise von Macht». Gleichzeitig übt sie Detailkritik: Sie bemängelt, dass das Thema Frauen in der Studie fast völlig fehlt
Die «Basler Tageswoche», Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlichte ein Interview, in dem Ueli Mäder seine Erkenntnisse ausführlich darlegen kann. In der Mitte liegen Rezensionen wie jene des «St. Galler Tagblatts», Link öffnet in einem neuen Fenster.
Mäders Standpunkte und Ideen machen deutlich, dass die Schweiz ein gesellschaftlich, ökonomisch und geistig geteiltes Land ist. Von einer gemeinsamen Idee namens Schweiz scheint, wie auch die Reaktionen auf dieses Buch zeigen, nicht viel übrig.
Zur Person
Ueli Mäder (62) ist Professor für Soziologie an der Universität Basel und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er forscht in den Bereichen soziale Ungleichheit, Entwicklungssoziologie, Konflikte und Kooperation. Einen Namen machte er sich vor allem mit seinen Reichtums- und Armutsstudien.
Buchhinweis
Ueli Mäder: «Macht.ch. Geld und Macht in der Schweiz». Rotpunktverlag, 2015.