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Verlage preisen Werke aus dem Nachlass bekannter Schriftsteller gerne als vergessene Meisterwerke an, doch taucht gerade von viel publizierten Autoren nach Jahrzehnten nur noch selten wirklich Bahnbrechendes auf. Auch «Der Condottiere» von Georges Perec, der nun mit fünfzigjähriger Verspätung erscheint, stellt das Bild des Schriftstellers nicht auf den Kopf – und lohnt sich doch.
Bekannt wurde Georges Perec 1965 mit seinem Erstling «Die Dinge». Ihr Studium haben die Figuren lebenshungrig geschmissen, hangeln sich von Job zu Job und geben sich beim legeren Feierabendbier kosmopolitisch. Und doch reichen ihre Träume über eine etwas gediegenere Wohnungseinrichtung bald nicht mehr hinaus. Obwohl elegant-leichtfüssig im Ton, sezierte das Buch die Versprechen der Konsumgesellschaft genau. – Die Originalität, die seinen Figuren versagt blieb, erreichte Perec im folgenden durch denkbar gestelzte Selbstauflagen: «Ein Mann, der schläft» (1967) schrieb er ganz in der Du-Form und «La Disparition» (1969) kam ganz ohne den Buchstaben «e» aus (und wurde vom genialen Eugen Helmé als «Anton Voyls Fortgang» auch ganz ohne «e» übersetzt!). Der Monumentalroman «Das Leben – Gebrauchsanweisung» (1978) dann, der über 800 Seiten die vielen Geschichten entfaltete, die sich in den Wohnungen eines Mietshauses ereignen, ist der Höhe- und leider auch Schlusspunkt eines der ganz Grossen der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Georges Perec erkrankte schwer und starb 1982, erst 45jährig.
Zehn Jahre nach dem Tod des Schriftstellers stiess der Perec-Biograph David Bellos in einem Zeitungsarchiv auf einen unbekannten Roman des Schriftstellers, dessen Publikation fünf Jahre vor «Die Dinge» vom Verlag in letzter Sekunde abgeblasen wurde. Perec hatte darin die Geschichte des Künstlers Gaspard Winckler entworfen, der seit Jahren für einen Fälscherring Gemälde im grossen Stil fabriziert. Zwar kann er davon gut leben, doch er leidet an seiner Existenz als blosser Nachahmer. So scheitert er bei der Fälschung des Bildes «Der Condottiere», des Renaissancegemäldes eines italienischen Söldnerführers, dessen selbstgewisser Haltung und herrischem Blick sich Winckler weder künstlerisch noch persönlich gewachsen fühlt. Bereits auf den ersten Seiten ermordet der Verzweifelte deshalb seinen Auftraggeber und verliert sich in Selbstgesprächen. Stilistisch hallen darin zunächst noch die Selbstvergewisserungskaskaden von Dostojewskis Raskolnikow nach, die Perecs literarische Elterngeneration, Camus und Sartre, stark beschäftigt hatten. Im Verlauf des Textes findet Perec aber zu spielerischeren Formen: Der Text ist etwa streckenweise in Du-Form gehalten, wird dann wiederum als Interview fortgeführt. Hier kündigen sich schon viele von Perecs späteren Experimenten an. Und auch dem Maler in der Geschichte eröffnen sich neue Perspektiven.
Weil sich die Inhaber der Rechte querstellten, vergingen nach Bellos’ Entdeckung zwanzig Jahre, bis der Text, nunmehr ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, in Frankreich erscheinen konnte. Die Presse war begeistert, und tatsächlich ist der «Condottiere» ein fabelhaft-versponnenes Büchlein, das sich trotz der oft düsteren Stimmung vergnüglich liest; gerade auch in der eleganten deutschen Übersetzung Jürgen Rittes. Mancher Gegenwartsschreiber mag getrost darüber erblassen, was dem gerade mal 22-Jährigen hier bereits an stilistischen Pirouetten gelang, und Perec-Fans werden im «Condottiere» vieles in nuce wiedererkennen, was sie in späteren Büchern an Sprachspielen und aberwitzigen Exkursen schätzen. Der «Condottiere» ist so eine lohnende Lektüre, die zugleich auch Perecs Werk wieder in Erinnerung ruft, das, auf Deutsch lange vergriffen, seit kurzem neu aufgelegt wird.