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Polit. Gem. TI, Bez. Bellinzona. G., dem 1867 die Gem. Vallemorobbia in Piano (1850 794 Einw.) angeschlossen wurde, umfasst die Ortsteile Lôro, Motti, Palasio, Pedevilla, Sasso Piatto und gehört zur Agglomeration Bellinzona. 1186 apud Cibiascum, 1195 Zibiassco. 1591 ca. 1'000 Einw.; 1698 944; 1801 950; 1850 1'417; 1900 1'722; 1930 2'607; 1950 3'311; 1970 5'796; 1990 6'897; 2000 7'418. Nach Lugano, Bellinzona und Locarno ist G. einwohnermässig eine der grössten Gem. des Kantons.
Die Bedeutung G.s in früheren Zeiten hängt mit seiner besonderen geogr. Lage als Verkehrsknotenpunkt zusammen: Hier trafen sich die Wege über den Monte Ceneri von Süden, über den Passo San Jorio von Osten, über den San Bernardino und den Gotthardpass von Norden und die Route entlang des Lago Maggiore vom Westen.
Die Entdeckung des grossen Gräberfeldes von G. im Jahr 1900 und die unkontrollierte Schatzgräberei in vielen Teilen der Nekropole führte zum Verlust zahlreicher Funde und zur Zerstörung oder Vermischung vieler Grabbeigaben, die heute für die archäolog. und hist. Forschung nicht mehr auswertbar sind. 1905 organisierte das Schweiz. Landesmuseum eine Ausgrabung, die es erlaubte, eine gewisse Anzahl von Gräbern zu retten und wissenschaftlich zu dokumentieren. Weitere, auf kleine Grabgruppen beschränkte archäolog. Untersuchungen wurden 1958 und 1971 vom kant. Amt für Denkmalpflege durchgeführt. Ein grosser Teil der Funde wird im Landesmuseum in Zürich aufbewahrt, während andere über verschiedene schweiz. und ausländ. Museen verstreut sind; die neuesten Funde befinden sich im Amt für Denkmalpflege in Bellinzona.
Die ausgedehnte Nekropole, die nicht weit entfernt vom heutigen Bahnhof lag, zählte 565 Gräber; sie ist eines der seltenen Tessiner Beispiele für eine durchgehende Benutzung eines Fundortes über einen besonders langen Zeitraum, von der Spätbronzezeit (11. Jh. v.Chr.) bis zur Römerzeit (bis 2. Jh. n.Chr.). Dabei konnten ausschliesslich Grabfunde dokumentiert, aber bis heute keine dazugehörige Siedlung lokalisiert werden. Das Gräberfeld weist versch. Bestattungsarten auf: Bei den wenigen Gräbern der Spätbronzezeit liegt Brandbestattung vor. Die Asche der Verstorbenen wurde in tönernen Urnen in einfachen Gräben in der blossen Erde bestattet; die gefundenen Beigaben sind bescheiden und bestehen fast ausschliesslich aus bruchstückhaft überlieferten Keramikgegenständen. In der älteren Eisenzeit zeigt sich auch in G. der v.a. für das Sopraceneri belegte Wandel des Bestattungsritus: der allmähl. Übergang von der Brand- zur Erdbestattung. Die Gräber waren rechteckige, durch Trockenmauerwerk begrenzte Gräben. Ab der Mitte des 6. Jh. v.Chr. widerspiegeln die Grabbeigaben die Verbreitung der Golasecca-Kultur: Reichhaltiger als vorher enthielten sie gewöhnlich einige Tongefässe (die Standardbeigabe umfasste eine Urne, eine Schüssel und einen Becher) oder - allerdings seltener - Bronzebehältnisse. Dazu kamen Trachtbestandteile und Schmuckstücke wie Fibeln versch. Art in Bronze oder Eisen, Anhänger, Ohrringe, Ringe, verzierte Gürtelbleche und Bernsteinketten.
Der grösste Teil der Gräber geht auf die jüngere Eisenzeit zurück (4.-1. Jh. v.Chr.), in welcher in G. die Erdbestattung praktiziert wurde. Vom beginnenden 3. Jh. an zeigen die Fundgegenstände kelt. Einflüsse als Folge von Wanderungen (v.a. Fibeln des kelt. Typs, Gürtelbeschläge, Anhänger und Bronze-Armspangen), welche die Golasecca-Kultur überlagern. Besonders interessant ist das Vorhandensein von Waffen (Lanzen und Schwertern) und von Helmen; einige Exemplare gehen auf die Endphase der jüngeren Eisenzeit zurück, einem Zeitraum, für den in anderen Gräberfeldern (z.B. in Solduno) Waffenfunde fehlen. Auch mit dem Übergang zur röm. Herrschaft spielte G. weiterhin eine wichtige Rolle, wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Militärposten des Castel Grande in Bellinzona. Zeugen dafür sind u.a. die raffinierten Gefässe aus importierter Bronze und eine silberne Schale mit zwei Henkeln vom italischen Typ. Die Benutzung des Gräberfelds in röm. Zeit ist belegt durch Bestattungen, die Gefässe aus Ton, Metall oder Glas enthalten, wie sie typisch für die Grabbeigaben jener Zeit im Tessin sind; es fanden sich auch Münzen und Gegenstände des tägl. Gebrauchs aus Eisen.
Das Ende der Belegung des Gräberfeldes kann aufgrund des archäolog. Materials wohl auf das 2. Jh. n.Chr. datiert werden. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Nekropole noch über diese Zeit hinaus benutzt wurde; dafür spricht die Nähe des Militärpostens Bellinzona und die Rolle, die dieser in spätröm. Zeit gespielt haben dürfte.
Autorin/Autor: Simonetta Biaggio-Simona / RG
Im FühMA war G. wahrscheinlich das Zentrum der Besitzungen, welche die Abtei S. Pietro in Ciel d'Oro in Pavia im Locarnese und am Oberlauf des Tessins innehatte. Vermutlich stand dort die Kirche S. Maria von Primasca, die in einer Urkunde des Kg. Hugo von Italien aus dem Jahre 929 als Eigentum des Klosters erwähnt wird. Um 1200 wurden die klösterl. Besitzrechte an den comask. Adligen Adam von Contone veräussert. Danach haben die Nachbarschaften (vicinanze) der Täler sie zum Teil mit Geldbezahlungen abgelöst. 1186 erliess Friedrich Barbarossa in G. das Freiheitsprivileg für die Landschaft Locarno. Was die Herrschaftsgeschichte betrifft, so teilte das in der Grafschaft Bellinzona gelegene G. deren Schicksal: Wie das ganze Sopraceneri im FrühMA Mailand zugeteilt, gelangte es wohl nach 1000 zusammen mit Bellinzona in den Besitz des Bf. von Como. Nach der Schlacht von Arbedo 1422 fiel es an die Herrschaft von Mailand, die zuerst von den Visconti, dann von den Sforza ausgeübt wurde. Schliesslich wurde G. nach den Italienfeldzügen der Eidgenossen zu Beginn des 16. Jh. Teil der Vogtei Bellinzona, einer gemeinen Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden. Die 1387 erw. Kirche S. Maria Assunta stammt wohl aus dem 13. Jh. 1622 wurde sie von Bellinzona abgetrennt und zur Vize-Pfarrkirche, 1804 zur Pfarrkirche erhoben. Der Bau erfuhr vom 15. bis ins 17. Jh. mehrere Umgestaltungen und Vergrösserungen. Einst bildeten G. und das Valle Morobbia eine einzige Vicinanza, die sich vermutlich in der 1. Hälfte des 16. Jh. aufspaltete. 1831 teilte sich die Gem. Vallemorobbia in Vallemorobbia in Piano, Pianezzo und S. Antonio auf. 1867 verschmolzen Vallemorobbia in Piano und G. zu einer einzigen Gemeinde.
Die Einwohner von G. betrieben Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Gewerbe (Mühlen und Hammerschmieden), zum Teil fanden sie Arbeit in der Emigration, besonders in Spanien. Dank der ital. und deutschschweiz. Händler konnten sich die Viehmärkte ab den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. behaupten. G.s Privileg für den Jahrmarkt im Herbst gab Anlass zu langwierigem Streit mit Lugano, der 1513 ausbrach und erst am Ende des 19. Jh. beigelegt wurde.
Am 25.8.1814 trafen die Führer der revolutionären liberalen Volksbewegung des Tessins in G. zusammen, um sich - allerdings vergeblich - der als oligarchisch betrachteten Kantonsverfassung vom 29. Juli zu widersetzen (sog. Aufstand von G.). Die von den Aufständischen eingesetzte provisor. Regierung wurde von den eidg. Truppen abgesetzt; die Anführer erhielten schwere Strafen. 1853 wurden auf der Strecke Camorino-G.-Sementina Befestigungen errichtet. Weil dazu Tessiner eingesetzt wurden, die im Febr. 1853 aus der Lombardei vertrieben worden waren, gingen sie als fortini della fame (Hungerfestungen) in die Geschichte ein. Die Wende vom 19. zum 20. Jh. brachte tief greifende Veränderungen im wirtschaftl. und gesellschaftl. Leben von G., das dank seiner geogr. Lage in unmittelbarer Nähe Bellinzonas zum Knotenpunkt entlang der Gotthard-Eisenbahnlinie aufstieg: 1874 wurde die Verbindung nach Locarno fertig gestellt, 1882 diejenigen nach Lugano und Luino. 1905-06 entstanden neben der Eisenbahnlinie zwei Industriebetriebe: die Linoleumwerke (später Forbo) und die Maschinenfabrik Lenz (später Fischer e Acciaierie Elettriche del San Gottardo, geschlossen 1925). Seit 1932 bestehen die Eisenwerke Cattaneo AG, die noch heute eine Bedeutung in der regionalen Wirtschaft haben. Landwirtschaft wird noch immer betrieben: Getreide-, Obst- und Gemüsebau in der Ebene, Weinbau in Hanglage.
In G. sind eine Weinbaugenossenschaft (1928), eine Markthalle (1937) und ausserdem Lagerhäuser, Mühlen und Silos für landwirtschaftl. Erzeugnisse (Società cooperativa agricola ticinese, 1941) entstanden, an welchen auch andere Gem. der Region beteiligt sind. Das starke Bevölkerungswachstum der 1970er und 80er Jahre, eine Folge der Entstehung mittelgrosser Industrie- und kleiner Gewerbebetriebe südlich der Hauptssiedlung, hat sich in jüngster Zeit verlangsamt. Die bebaute Fläche für den Wohnraum und für die gewerbl. Nutzung dehnte sich von den Siedlungskernen am Fusse des Berges zur Ebene aus. 2000 waren zwei Drittel der Arbeitsplätze im 3. Sektor, etwa ein Fünftel im 2. Sektor angesiedelt; zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiteten auswärts und die Zupendlerquote betrug die Hälfte.
Autorin/Autor: Graziano Tarilli / RG