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Resilienz in Zeiten des Coronavirus (23)
Der Schmetterlingseffekt – oder die Stärke der Schwachen.
Eines der großartigsten Phänomene der modernen Welt, das ist die Stärke der Schwachen.
Wolfgang Uchatius erzählt die Geschichte von Katherine Plymley. 1758 wurde sie in einem kleinen Ort westlich der englischen Stadt Birmingham als Tochter eines Apothekers geboren. Sie wurde 71 Jahre alt, blieb unverheiratet und verbrachte ihr Leben vor allem damit, Bilder von Raupen und Schmetterlingen zu malen. Und sie süsste ihren Tee mit Zucker, man weiß das aus ihren Tagebüchern.
Es gab im 18. Jahrhundert noch keine Cola und keine Schokoriegel, trotzdem verzehrten die Engländer damals im Schnitt bereits fast zehn Kilo Zucker im Jahr, das Geld dafür verdienten sie zum Beispiel mit der Menschenjagd. Die Engländer waren die größten Sklavenhändler der Welt. Die Kapitäne der Sklavenschiffe verfrachteten Millionen Männer, Frauen und Kinder von Afrika in die Karibik und verkauften sie an Plantagenbesitzer. Auf den Plantagen wuchs Zuckerrohr. Die Sklaven säten, ernteten und starben. Buchhalter erfassten die toten Schwarzen auf langen Listen, neben verendeten Rindern, Schweinen und Pferden. In einem dieser Dokumente sind folgende Todesursachen überliefert: "Fieber", "Geschwüre", "Lepra", "entkräftet" und "versehentlich erschossen". Die Plantagenbesitzer mussten oft Nachschub kaufen.
Ende des 18. Jahrhunderts regte sich Widerstand gegen das barbarische Geschäft. Eine Gruppe von Engländern, sie nannten sich Abolitionisten, gründete einen Verein zur Abschaffung der Sklaverei. Hunderttausende Bürger, die in Sklaven keine niederen Kreaturen, sondern Menschen sahen, setzten ihre Namen auf Protestschreiben, auch Katherine Plymley unterzeichnete. Ein Abgeordneter des britischen Unterhauses beantragte ein Verbot des Sklavenhandels. Die Entscheidung zog sich fast zwei Jahre hin. Zwei Jahre, in denen sich die Parlamentarier mit den Aussagen von Kapitänen und Matrosen befassten, in denen sie Frachttabellen lasen und Skizzen von Laderäumen studierten.
Dann, am 20. April 1791, nach zweitägiger Debatte im Unterhaus: die Abstimmung. 88 Abgeordnete votierten für ein Ende des Sklavenhandels. 163 waren dagegen. In Liverpool läuteten die Kirchenglocken, in Bristol brannten Freudenfeuer.
Katherine Plymley hörte auf, Zucker in ihren Tee zu rühren. Sie saß nicht im Parlament. Sie führte kein Sklavenschiff. Sie durfte nicht einmal wählen. Politisch gesehen war die Naturmalerin Katherine Plymley mit ihren Pinseln und Farbtöpfchen unbedeutend, sie war schwach. Aber vielleicht hatte sie gerade deshalb ein Gespür dafür, was richtig war und was falsch. Aufrufe gegen die Sklaverei unterschreiben und selbst Sklavenzucker verzehren – das war sehr falsch.
Katherine Plymley war nicht allein. Mehr und mehr Engländer fingen an, den Zucker aus der Karibik zu boykottieren. Tausende Menschen ohne Macht und Einfluss, die kein Gebäck mehr aßen und ihren Tee jetzt ungesüßt tranken. Der Zuckerabsatz brach ein. Und was niemand erwartet hatte, geschah: Der Sklavenhandel kam tatsächlich zum Erliegen. Auf einmal fuhren keine Schiffe mit Menschenware mehr über den Atlantik, lagen keine Fußeisen mehr in den Schaufenstern von Liverpool und Bristol. Die Schwachen hatten gewonnen, ein weiterer Schmetterlingseffekt.
Zu Lebzeiten von Katherine Plymley ist Zucker das, was heute Erdöl ist: die meistgehandelte Ware der Welt. Er wird so billig, dass sich selbst Tagelöhner und Hilfsarbeiter ihren Getreidebrei süßen. Den wahren Preis bezahlen die Sklaven. Heute ist die Sklaverei abgeschafft. Stattdessen gibt es Überstundenzuschläge, bezahlten Urlaub und Kündigungsschutz. Das gilt vor allem für die Industrieländer, aber nicht nur. Auch in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern steigen die Löhne von Jahr zu Jahr. Noch immer gibt es Zwangsarbeit auf der Welt, noch immer schuften Arbeiter mancherorts für ein paar Münzen am Tag. Die Ausbeutung des Menschen ist noch existent, aber sie hat stark abgenommen. Was zugenommen hat, ist die Ausbeutung der Erde. So wie damals die Sklaven als billige Arbeitskräfte dienten, dienen heute die Erde und ihre Atmosphäre als billige Rohstoffquelle, als Mülldeponie, als Auffanglager für Treibhausgase.
Seit den Lebzeiten von Katherine Plymley ist die globale Durchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen. Es gibt noch andere Weltprobleme, aber der Klimawandel ist das einzige, für das nahezu jeder Weltbürger mitverantwortlich ist. Wenn jeder Einzelne von uns sich so verhielte wie Katherine Plymley, brauchte es keine Klimakonferenzen mehr, keine Klimaabkommen, keine Klimaschutz-Gesetze, keine Demonstrationen. Wir müssten nur aufhören, Zucker zu essen. Der Klimawandel mag ein politisches Problem sein, aber er ist vor allem auch ein privates.
Gesetze, Verbote und Verteuerungen haben die Freiheit des Menschen, andere Menschen auszubeuten, eingegrenzt. Nun geht es darum, die Ausbeutung der Erde zu reduzieren. Auch das wird kaum möglich sein, ohne die Freiheit des Menschen ein wenig zu mindern. Der Klimawandel mag auch ein privates Problem sein, aber er ist vor allem ein politisches. Auch die Natur braucht Sozialgesetze.
Unsere Kinder schwänzen freitags den Unterricht. Sie haben eine Debatte in Gang gesetzt. Sie haben dafür gesorgt, dass plötzlich fast alle Parteien über neue, echte Klimagesetze reden. Ich glaube, die Stärke der Schwachen gibt es wirklich, aber sie zeigt sich nicht nur im Verzicht, sie zeigt sich auch auf der Straße. Und manchmal zeigt sie sich auch darin, dass man bereit ist, sich etwas verbieten zu lassen. Es braucht mutige Entscheide der Politik, und es braucht uns alle.
Und Sie - was ermutigt Sie im Moment? Schreiben Sie an
Bliibed Sie gsund! Halten Sie Abstand und bleiben Sie verbunden.
Herzliche Grüsse, Regula Hug
PS: Lesen Sie den ganzen Artikel in der Zeit vom 12. Juli 2019.
Bild: ScarceCopperButterfly.Lycaena virgaureae ©by Katherine Plymley