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Im Jahr 2006 eröffnete «Auntie» Esther, wie sie in ihrem Dorf in Ghana von allen genannt wird, einen Lebensmittelladen in einem Container. Zwei Jahre später, als ihr Geschäft immer besser lief, kaufte sie das Land, auf dem ihr Container stand, und baute einen kleinen Gemischtwarenladen. Doch die Unternehmerin stand vor einem Problem: Sie wollte weiter expandieren, ihr fehlte aber das dafür nötige Geld.
Im Jahr 2017 erhielt sie schliesslich von Advans Ghana, einem Anbieter mobiler Finanzdienstleistungen, einen Kredit in der Höhe von 2000 Dollar. Mit diesem Geld erweiterte sie ihr Produktangebot, und inzwischen beliefert sie auch andere Geschäfte in der Gegend. Heute beschäftigt sie fünf Vollzeitangestellte, und bald will sie Caterings für Hochzeiten anbieten.
Wie «Auntie» Esther können viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nicht expandieren, weil es an Finanzierungen fehlt. Das Problem: Oft sind die Firmen zu gross für Kredite von Mikrofinanzinstitutionen, aber zu klein oder zu risikoreich für herkömmliche Banken. Diese Finanzierungslücke bei KMU wird auch als «fehlende Mitte» bezeichnet. Erschwerend wirken zudem die oft mangelhaften Finanzkenntnisse der Betroffenen.
Das Problem der KMU-Finanzierung zu lösen, ist wichtig, denn diese Betriebe bilden das Rückgrat der Wirtschaft: Neun von zehn Arbeitsplätzen in Schwellenländern befinden sich in KMU, und eine solide Beschäftigung ist der sicherste Weg aus der Armut. Das Wachstumspotenzial von KMU sollte deshalb nicht durch fehlende Finanzierungen «verspielt» werden.
Wenn die Rahmenbedingungen für den Zugang von KMU zu Finanzprodukten stimmen und auf Empfängerseite ein gewisses Finanzwissen vorhanden ist, bieten auf KMU spezialisierte Finanzinstitute vielerorts tragfähige Lösungen. Kreditgeber sind oft Investoren aus Industriestaaten.
Hebelwirkung erzielen
Die spezialisierten Finanzinstitute bekunden vermehrt Mühe, den steigenden Kreditbedarf der KMU zu decken. Mit der Corona-Krise hat sich diese Problematik verschärft. Partnerschaften zwischen staatlichen Akteuren und privaten Investoren können hier eine Hebelwirkung erzielen. Denn viele private Investoren sind bereit, ihr Geld in nachhaltige Projekte zu investieren, wenn sie es in guten Händen wissen.
Ein Beispiel für eine solche öffentlich-private Partnerschaft in der Entwicklungszusammenarbeit ist der «Loans for Growth Fund». Der 2016 gegründete und auf vier Jahre beschränkte Fonds ist ein gemeinsames Projekt des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), der Grossbank UBS und des Genfer Fondsanbieters Symbiotics.
Dank dem Loans for Growth Fund konnte der Zugang von KMU zu Finanzdienstleistungen verbessert, Arbeitsplätze geschaffen und Firmengründungen gefördert werden. Der Fonds hat während seiner Laufzeit Kredite an über 3700 KMU in 24 Ländern – unter anderem in Peru, Georgien, in der Republik Moldova und Ghana – vermittelt. Diese Unternehmen beschäftigen über 22’000 Mitarbeitende, von ihnen sind 40 Prozent Frauen. Die KMU zahlen ihren Mitarbeitenden – gemessen an den wirtschaftlichen Bedingungen in den jeweiligen Ländern – einen fairen Lohn. Zu den KMU, die Zugang zu Finanzmitteln erhielten, gehören AGP Semillas in Peru, ein Unternehmen für Qualitätssaatgut und Getreide, sowie eine Werbeagentur in der Republik Moldova, die leistungsstärkere und modernere Druckmaschinen finanziert.
Verhältnis 1:10
Der Fonds fungierte als Bindeglied zwischen privaten Investoren und den KMU: Indem er die Risiken abfederte, waren die Anleger eher bereit, Kapital zu investieren. Das Seco und die UBS teilten sich je hälftig eine «First-Loss-Tranche» von 5 Millionen Franken. Dieses Risikokapital war so ausgestaltet, dass es Anlageverluste bis zu 10 Prozent des Gesamtfondsvermögens von 50 Millionen Franken auffängt. So konnte der Fonds privates Kapital im Verhältnis von 1:10 mobilisieren und auf KMU spezialisierten Banken in Entwicklungsländern dringend benötigtes Kapital bereitstellen.
Mit seiner Beteiligung am Fonds erfüllt das Seco seinen Auftrag, die Wirkung von Entwicklungsansätzen zu prüfen und die Mobilisierung von privatem Kapital zugunsten der Entwicklung zu fördern.[1] So hält die Agenda 2030 der UNO ausdrücklich fest, dass zum Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung privates Kapital mobilisiert werden muss, wobei öffentlich-private Partnerschaften zu den wichtigsten Instrumenten zählen. Ein Beweggrund für die Beteiligung des Seco war auch folgende Überzeugung: Wenn eine Grossbank wie die UBS gute Erfahrungen mit einem Impact-Investment-Fonds sammelt, kann sie später einen weiteren Fonds in einem grösseren Massstab lancieren. Dadurch fliessen mehr Mittel in Investitionen, die messbare positive gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen erzielen.
Umfassender Bericht
Durch die Kombination der Expertise und der Ressourcen der drei Schweizer Akteure konnte mit dem Loans for Growth Fund ein Finanzinstrument konzipiert werden, mit dem erhebliche Risiken akzeptiert werden. Das Seco und die UBS übernahmen die Rolle als Katalysator für privates Kapital. Das Seco brachte zudem seine langjährige Erfahrung in den Bereichen Schwellenländer und Entwicklungseffekte ein, und die UBS übernahm die Aufgabe des Fundraisings. Der Fondsanbieter Symbiotics wiederum steuerte sein Fachwissen zur Wirkungsmessung, zur Kreditprüfung und zur Vermögensverwaltung in Schwellenländern bei.
Seit der Fondseröffnung im Jahr 2016 hat Symbiotics jährlich einen umfassenden Wirkungsbericht veröffentlicht.[2] Dieser enthält Indikatoren wie beispielsweise Geschäftsergebnisse, Inklusivität in der Beschäftigung und Sicherheit am Arbeitsplatz. Indem der Bericht wertvolle Erkenntnisse über beabsichtigte oder allenfalls auch unbeabsichtigte Wirkungen auf Stufe Finanzinstitute und KMU liefert, bringt er die Debatte zur Wirkungsmessung im Impact-Investement weiter.
Corona als Bremse
In seiner vierjährigen Laufzeit erzielte der Fonds eine stabile finanzielle Performance. Die erwähnte First-Loss-Tranche wurde dieses Jahr vollumfänglich ans Seco und die UBS zurückbezahlt, und die Rendite an die Anleger dürfte insgesamt positiv ausfallen, wobei das definitive Ergebnis noch von der Rückzahlung der verbleibenden Investments abhängt. Dank adäquater Diversifizierung und niedriger Ausfallraten sind insgesamt Dividendenausschüttungen in der Höhe von bis zu 4,4 Millionen Dollar möglich. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld bot der Fonds somit eine valable Anlageoption – trotzdem dürfte die definitive Rendite aus einer reinen Investmentperspektive am unteren Ende der Erwartungen liegen. Allerdings darf nicht vergessen werden: Viele Anleger entschieden sich insbesondere wegen des Entwicklungseffekts für den Fonds.
Die Covid-Krise hat die Zeitplanung des Fonds für die Abwicklung und die Rückzahlung beeinträchtigt. So mussten im September 2020 einige Darlehen verlängert werden, um die Rückzahlungschancen zu erhöhen. Auch robuste KMU verzeichneten aufgrund des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds und der Lockdown-Massnahmen einen Geschäftsrückgang. In Zusammenarbeit mit anderen internationalen Geldgebern wurden daher gewisse Investments verlängert, damit Institute mit Liquiditätsengpässen die Situation bewältigen können. Die ausstehenden Gelder werden voraussichtlich bis Juni 2021 zurückbezahlt.
Wie weiter?
Die 50 Millionen Dollar, die der Loans for Growth Fund für die nachhaltige Entwicklung bereitstellte, sind nur ein winziger Teil dessen, was zum Erreichen der UNO-Nachhaltigkeitsziele benötigt wird. Laut den Vereinten Nationen wären jährlich 2,5 Billionen Dollar nötig. Die Partnerschaft hat jedoch gezeigt, dass risikomindernde Strukturen positive Effekte haben und dass die Bereitstellung von Kapital für KMU die Entwicklung fördert und Wertschöpfung generiert.
Mit Blick auf die Zukunft beabsichtigen alle drei Schweizer Partner, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Symbiotics erarbeitet derzeit mehrere Initiativen für Fonds, bei denen öffentliche Gelder genutzt werden, um das Risiko von privaten Investments zu reduzieren. Diese Absicherung wird für die weitere Mobilisierung von Kapital zentral sein. Die UBS wiederum hatte sich 2016 öffentlich dazu verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren 5 Milliarden Dollar für Impact-Investments zu mobilisieren. Sie hat dieses Ziel dieses Jahr erreicht.
Das Seco schliesslich verstärkte ab 2016 seine Anstrengungen, mehr privates Kapital für die Entwicklungszusammenarbeit zu mobilisieren. Dabei verlagerte es den Fokus auf einen wettbewerbsbasierten Ansatz. Dieser Ansatz wurde 2017 mit einer offenen internationalen Ausschreibung für Projektvorschläge zur Unterstützung von Impact-Investment-Fonds erfolgreich lanciert. Das Seco will den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen und in grösserem Umfang privates Kapital für die Nachhaltigkeitsziele mobilisieren. Dazu werden in den nächsten Jahren branchen- und ökosystembasierte Projekte initiiert und die Partnerschaften mit Akteuren in der Schweiz und im Ausland gestärkt.
- Siehe auch Beitrag von Liliana de Sá Kirchknopf in dieser Ausgabe.
- Abrufbar unter Symbioticsgroup.com.