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Autoren: Theophile Vernhes / Cédric Jeanneret (SIG)
In den achtziger Jahren kamen Verteilnetzbetreiber (VNB) in den USA auf die Idee, weniger Energie zu verkaufen anstatt enorme Investitionen in den Netzausbau zu tätigen. Sie gaben ihren Kunden finanzielle Anreize, um Energiesparlampen und effiziente Geräte anzuschaffen, und reduzierten damit den Energieverbrauch signifikant. Eine neue Regulierung erlaubte es den VNB, die Kosten ihrer Energieeffizienzprogramme auf den Endkunden umzulegen: Die Entkoppelung der Einnahmen vom verkauften Volumen (decoupling) und das Demand Side Management (DSM) waren geboren.
Effizienzprogramme werden über den Netztarif finanziert
Seitdem haben beispielsweise der US-Bundesstaat Massachusetts und Dänemark in diesem Bereich vielversprechende Ergebnisse erzielt. Beide Staaten verfügen über eine teilweise liberalisierte Strommarktstruktur, während die Netze als regulierte Monopole betrieben werden. Die VNB in Dänemark und Massachusetts sind für die Konzeption und Umsetzung von Energieeffizienzprogrammen zuständig und werden dabei von ihrer Energieagentur bzw. Regulierungsbehörde überwacht. Um die damit verbundenen Kosten zu decken und die Verluste zu kompensieren, die mit Umsatzrückgängen verbunden sind, können die VNB die Programmkosten über eine Netztarifkomponente weitergeben. Darüber hinaus belohnt Massachusetts seine VNB für übertroffene Energieeffizienzziele.
Überzeugende Ergebnisse, auch in Genf
Zwischen 2013 und 2015 aktivierten die Energieversorger jährlich Einsparungen beim Stromverbrauch von 2,4% in Massachusetts und 1,05% in Dänemark. Im Kanton Genf erzielt das éco21-Programm, selbst finanziert von den Services Industriels de Genève (SIG), nach einer Anlaufzeit bessere Ergebnisse (fast -1%/Jahr) als die ehrgeizigsten Szenarien der Energiestrategie 2050 (-0,5%/Jahr).
Christian Brunier, Generaldirektor der SIG, stellt fest: «Heute wird mehr als ein Drittel der Energie ineffizient genutzt. Das bedeutet zu hohe Rechnungen für Unternehmen und Haushalte, nicht weil die Energiepreise zu hoch wären, sondern weil mehr Energie verbraucht wird als nötig.» Vor diesem Hintergrund startete SIG das éco21-Programm. Damit konnte der Kanton Genf den Stromverbrauch um mehr als 155 GWh/Jahr senken, während das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum zum höchsten in der Schweiz zählt. Die Effizienzsteigerung ermöglicht es, den Verbrauch und den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, ohne den Komfort einzuschränken. Mehr Arbeitsplätze und Wohlstand auf lokaler Ebene, weniger Energieabhängigkeit und Umweltauswirkungen auf globaler Ebene: So können die SIGsehr effektiv zur Energiewende beitragen.
Ein Plan B für die Schweiz?
Seit den achtziger Jahren entwickeln immer mehr Staaten in Nordamerika und Europa Regulierungen, um ihre Energieversorgungsunternehmen zu veranlassen, Energiesparquellen zu erschliessen. In der Schweiz wurde die Energieeffizienz nach der Katastrophe von Fukushima (März 2011) als tragende Säule der Energiepolitik bestimmt. Am 21. Mai 2017 stimmten die Schweizerinnen und Schweizer für die Energiestrategie 2050 mit dem mittelfristigen Ziel, bis 2035 13% weniger Elektrizität zu verbrauchen (im Vergleich zu 2000). Um dieses Ziel zu realisieren, sind gesetzliche Massnahmen und der Markt wahrscheinlich nicht ausreichend.
Föderalistischer Ansatz
Eine Regulierung, welche die geeignetsten Elemente der Modelle von Dänemark und Massachusetts adaptiert, würde es ermöglichen, Energieeffizienz-Potentiale in der Schweiz grossflächig zu aktivieren. Das Bundesamt für Energie wäre für das Ziele-Monitoring zuständig. Die VNB würden die Kosten für das Effizienzprogramm über den durch die ElCom kontrollierten Netztarif im Umfang von etwa 5% der Transport- und Verteilnetzkosten finanzieren. In einem ersten Schritt, vor obligatorischen Einsparungszielen, könnte ein freiwilliges Modell umgesetzt werden, das es den VNB ermöglicht, die dokumentierten Kosten der Energieeffizienzprogramme per Netztarif den Endkunden und damit den eigentlich Begünstigten, zu verrechnen. Statt eines zentralisierten Prozesses zwischen einer Bundesstelle und mehreren hundert VNB, könnten die Kantone den einheitlichen Prozess regional abwickeln und so, auch zusammen mit VNB-Kooperationen, wirkungsvolle und realistische Ziele entwickeln.
Dieser Artikel stützt sich auf die EPFL-Masterarbeit von Theophile Vernhes «negaWatt or Copper - What framework to give electricity grid companies the choice ?» (2017) unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Finger und Cédric Jeanneret.