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Die Vögel kämpfen am Futterhäuschen um ihren Platz und verstreuen die Körner über den Balkon. Auch hier wieder die Vögel, die ernten ohne zu säen, wie damals, als ich Am Gletscher von Laxness las und hier darüber schrieb (die Artikelreihe ist einer meiner Neuanfangsphasen zum Opfer gefallen). Vertrauen wünsche ich mir. Dinge auch mal stehen lassen können.
“Before that, I always tried to protect her, I suppose. And it was complicated, of course, because of what she had done for me. She used to say if she had been in my circumstance at 14 she would have been pregnant or dead, which in her mind were just about the same thing. The point about parents of course,” Diski says, “is that they are always supposed to forgive you. You do awful things, and then somebody says sorry and it all blows over. But I suppose I wasn’t a real child and she wasn’t a real parent.” She smiles a bit wearily. “If I finish my book,” she says, “I think I plan to call it Gratitude.”
Ich weiss noch, wie Olga oft von ihr sprach. Erst heute, etliche Jahre später habe ich ein Gedicht
von Zwetajewa gelesen, eine Liebeserklärung an Deutschland. Es ist ein anrührendes Gedicht, in dem sie ihre Liebe zu Deutschland, zur Kultur schildert und sich über den russischen Deutschenhass der damaligen Zeit (das Gedicht wurde heute vor hundert Jahren verfasst) hinwegsetzt.
Sie konnte lieben wie kaum eine andere, sie erklärte ihre Liebe Goethe und später auch Rilke. Vor allem Rilke hatte es ihr angetan.
Danach habe ich von dieser Frau gelesen, wie sie im Exil verarmte, eine geistige Beziehung zu Pasternak unterhielt und unter Stalin in die Sowjetunion zurückkehrte und erst recht zu leiden hatte. Pasternak hielt zu ihr, die übrigen Intellektuellen fürchteten um ihre Position. 1941 schliesslich erhängte sie sich. Ihr Grab ist bis heute unbekannt.
Einer der alles um sich herum aufsaugt und erst langsam, endlich!, hier auf Hiddensee anfängt loszulassen, den Schwamm auszudrücken und Eigenes zu entwickeln. Dazwischen immer wieder die Sucht, Trakl und all die Anderen zu zitieren.
Besonders Trakl, dieser drogensüchtige, weltfremde, verlorene Mann. Er wirkt auf den Bildern wie einer, der es verlernt hat, Hoffnung zu haben. Vielleicht auch als jemand, der nie Hoffnung hatte. Einer, dem die Sprache ein zu schwacher Trost war. Eine Sprache, die zu Lebzeiten kaum ein angemessenes Gegenüber fand. An seiner Beerdigung gab es neben dem Priester und den Friedhofsangestellten nur einen einzigen Gast. Trakl als einer, der nicht nur im Tode verlassen war.
Diesen Trakl, der möglicherweise eine erotische Beziehung zu seiner Schwester hatte, zitiert Ed und findet sein (Trakls) Gegenstück in Kruso. Kruso, dessen Mutter früh verstarb und dessen Schwester ihm fortan Halt im Leben war. Ich lese von dieser zart wachsenden Männerfreundschaft zwischen Ungleichen und frage mich, ob Trakl jemals einen Freund hatte.
«Für andere schwer vorstellbar, dass einsame Menschen überhaupt etwas essen, dachte Ed. Für ihn hingegen war der Hausmeister der einzige wirkliche Mensch in dieser Zeit, einsam und verlassen wie er selbst.»
Neulich habe ich von diesem Ed gelesen, von seiner Einsamkeit, den mitleidigen Blicken, seiner Mutter und musste an diesen Jungen im Studium denken, dessen Namen ich nie kannte. Wie er damals in dieser Bar V und mir etwas erzählen wollte und V, seine einzige Freundin, den Augenblick zerstörte, indem sie jemand anderen begrüssen wollte, währenddessen er nach Worten rang. Wie sie danach nicht verstehen konnte, dass er sich anschliessend weigerte zu erzählen und die Bar verliess. Wie ich nicht in der Lage war zu erklären. Wie die Einsamkeit zu den unsagbaren Dingen gehört.
Für Mädchen seien die rosaroten Überraschungseier, belehrt sie mich. Die hätten mädchengerechteres Spielzeug. Was das denn sei, will ich wissen. Kettchen und so meint sie. Aha.
Ich fühle mich bei ihr in die 50er Jahre zurückversetzt und denke darüber nach, ob sich das Mädchen daran stört. Anno 1974 wusste auch Lego noch, worauf es ankommt. Wohin steuern wir?
Als der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I für sein Altpreussisches Infanterieregiment No. 6, das aus langen Kerls besteht, den Riesen Gerlach fängt, beginnt für Gerlach eine Zeit der Zucht und Ordnung. Soldat soll er werden, wie all die anderen langen Kerls, die sich der König gekauft, geraubt, eingetauscht und entführt hat. Bis eines Tages der in Ungnade gefallene Leibarzt des Königs auf die Idee kommt, der König könne sich seine Riesen auch züchten. Betje, die schöne Bäckerstochter, die ebenfalls eine Riesin ist, wird Gerlach gewissermassen ins Bett gelegt und die beiden sollen ein Riesenkind zeugen. Doch der König, der ein kindischer Sadist ist, hat da einige Dinge nicht bedacht.
«Er regierte, wie er stets gelebt hatte: ausgesprochen sparsam. Allerdings nicht aufgrund von Vernunft oder gar zugunsten des Volkes, sondern einzig dem Militär zuliebe, dem er sämtliche freiwerdenden Mittel zukommen liess.»
So weit die Handlung. Unterhaltsam ist die Geschichte zweifellos und auch aus historischer Sicht interessant, wird doch eher als langweilig verschriene Geschichte anschaulich aufbereitet. Auch an den Figuren kann ich kaum etwas aussetzen. Anschaulich sind sie und sogar der König wirkt in seinem Wahn irgendwie sympathisch.
«Nicht immer aber behielt er, was man ihm überbrachte. Hatte ein Riese kein gutes Gesicht, wies der König in pikiert zurück. So einen wollte er nicht in seiner Leibcompagnie.»
Der Autor wertet nicht, ist nicht moralisch, doch das ist auch gar nicht nötig. Dass Menschenhandel verwerflich ist, wird heute kaum jemand bezweifeln. Die preussischen sprachlichen Einsprengsel tragen zum Authentizitätseindruck des Buches bei. Doch gerade durch diese Einsprengsel drängt sich der Vergleich zu Wolkenbruchs wunderliche Reise einer Schickse auf und da wirkt die Rechnung über meine Dukaten beinahe flach. Und dann gibt es wieder Stellen, die ich mir am liebsten an den Kühlschrank hängen würde. Der Anspruch des Buches ist zweifellos ein anderer und deshalb hinkt auch der Vergleich. Nichtsdestotrotz hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht. Als unterhaltsame Lektüre für zwischendurch ist das Buch aber dennoch zu empfehlen.