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Die Académie hat mich mit dem Bericht über ein Werk beauftragt, das ihr von Herrn Brué, Geograph von S. A. R. Monsieur [Son Altesse Royale, Seiner Königlichen Hoheit], vorgelegt worden ist. Es trägt den Titel: Atlas universel de Géographie physique et politique ancienne et moderne, contenant les Cartes générales et particulières des cinq parties du monde, dressées conformément aux progrès de la science [Weltatlas der alten und modernen physischen und politischen Geographie mit General- und Spezialkarten der fünf Erdteile, ausgeführt gemäß den Fortschritten der Wissenschaft] . Dieses Werk wurde vom Conseil royal de l’Instruction publique [Königlicher Rat für das Unterrichtswesen] anerkannt und empfohlen, und sein seit drei Jahren stetig wachsender Erfolg rechtfertigt das Lob, mit dem ihn kundige Geographen bei seinem Erscheinen bedachten. Ein Weltatlas, der auf kleinem Raum bietet, was man an gesichertem Wissen über die verschiedenen Teile der Erde sammeln kann, ist ein so umfassendes und schwieriges Unternehmen, daß man es nur dann gerecht beurteilen kann, wenn man sich vor Augen hält, welche Vielfalt an Kenntnissen geographische Forschungen heute erfordern. Die wesentlichen Grundlagen dieser Forschung sind die Diskussion der Messungen (astronomische Beobachtungen, geodätische Operationen, Reiserouten) und der kritische Vergleich beschreibender Werke (Reiseberichte, Statistiken, Kriegsberichte und Berichte von Missionaren). Wären alle Länder trigonometrisch aufgenommen, wären die Dreiecke gut ausgerichtet und die Enden ihrer Kette durch gleichermaßen präzise astronomische Beobachtungen festgelegt, dann beschränkte sich die Konstruktion der Karten auf ein rein graphisches und manuelles Verfahren. Bis unsere Kenntnisse auf diesem Stand sind, fehlt noch viel. Der Scharfsinn der Geographen wird sich noch lange mit Ungesichertem auseinandersetzen müssen. In unserer Zeit muß eine vernünftige Kritik sich unbedingt auf zwei völlig verschiedene Wissenszweige gründen. Das sind 1.) die Diskussion des relativen Wertes der astronomischen Methoden, die angewandt wurden, um die Position der Orte zu bestimmen; 2.) das vom Geographen zu unternehmende Studium der beschreibenden Werke, die detaillierte Angaben über Entfernungen auf den Reiserouten, Verzweigungen von Flüssen und Unebenheiten des Bodens enthalten. Der erste dieser Wissenszweige setzt eine Zusammenstellung der bereits vorhandenen astronomischen Beobachtungen voraus, ihre einheitliche Berechnung nach den neuesten Tafeln und Methoden, und er erfordert jenes Gespür, das allein die Praxis der Astronomie verleiht und mit dem aus einer langen Reihe von Sternbedeckungen, Satellitenverfinsterungen und Monddistanzen ein definitives Ergebnis auszuwählen ist, unter Berücksichtigung der Grenzen des Irrtums für jede Art der Beobachtung sowie der Umstände, unter denen diese Beobachtungen vorgenommen wurden. Dies ist der astronomische Teil der Geographie, der in unserer Zeit dank der Präzision der Instrumente, der Geschicklichkeit der Beobachter und vor allem der Verbesserung der astronomischen Tafeln so erfolgreich gepflegt wurde; er bietet die wichtigste Grundlage, sozusagen die unveränderlichen Bestandteile, für die Konstruktion von Karten. In den Ländern, für die es an geodätischen Operationen und Triangulationen fehlt, muß man die Zahl der astronomischen Positionen vervielfachen und die nach absoluten Methoden bestimmten Punkte (wie Sternbedeckungen, Sonnenfinsternisse, Monddistanzen) durch chronometrische Linien geschickt zu verbinden wissen, das heißt durch Reihen von Punkten, deren Länge nur auf der Zeitübertragung gründet, deren Enden jedoch mit den Ergebnissen der absoluten Methoden übereinstimmen. Bei der Verwendung von Chronometern, oft gefährlich, wenn nicht genau durchdacht, wird eine bestimmte Anzahl von Positionen in gegenseitige Abhängigkeit gebracht; eine Korrektur, die man nach neueren und genaueren Beobachtungen bei einer dieser Positionen vornehmen muß, affiziert zwangsläufig das gesamte System; weil man diese Abhängigkeit nicht erkannt hat, sind die Positionen der Orte und die relativen Distanzen zwischen ihnen oft auf die absonderlichste Weise verändert worden. Bei den Forschungen zur astronomischen Geographie ist es unerläßlich, auf die Quellen, auf die Werke selbst zurückzugreifen, in welchen die Gelehrten ihre Beobachtungen niedergelegt haben. Noch viel wichtiger ist diese Sorgfalt im zweiten Zweig der geographischen Forschung: bei der Diskussion der Reiserouten, der Reisebeschreibungen und der deskriptiven Werke allgemein. Die Übersetzungen sind zumeist lückenhaft und enthalten Fehler bei den Namen und bei der Reduktion der Maße. Die Karten, welche den Reisebeschreibungen beigegeben sind, wurden selten von den Reisenden selbst gezeichnet und enthalten nicht das ganze Material, das man hätte verwenden können. Meistens stehen diese Karten, das hat bereits d’Anville bemerkt, in wesentlichen Punkten in direktem Widerspruch zu den Werken, für die sie bestimmt sind. Zur Zeit dieses berühmten Geographen konnte die Diskussion der astronomischen Grundlagen nur sehr unvollständig sein: Dank der äußerst großen Sorgfalt, mit der er die Reiserouten gesammelt, die Berichte der Reisenden studiert, die Distanzen und die Positionen der Orte kombiniert hat, ist es ihm gelungen, einer großen Zahl seiner Arbeiten jene Vollkommenheit zu geben, die wir noch heute bewundern. Die Kenntnis der Sprachen ist nicht nur notwendig, um aus den Quellen schöpfen und eine große Zahl von Daten sammeln zu können, die sonst für die Wissenschaft verloren blieben, sie erleichtert darüber hinaus eine Art philologischer Untersuchung, welcher der kundige Geograph die Namen der Flüsse, Seen, Gebirge und Volksstämme unterziehen muß, um sie in einer großen Anzahl von Karten als identisch erkennen zu können. Unsere Atlanten sind voll von Namen, für die Flüsse erfunden wurden, so wie man auch in dem Verzeichnis der organischen Lebewesen, gemeinhin Systema Naturae genannt, eine Pflanze oder ein Tier als zwei oder drei unterschiedliche Arten anführt, die nur unter verschiedenen Namen beschrieben worden sind. Dieses Bedürfnis, unkritisch zu sammeln, Leerstellen zu füllen und heterogenes Material zu kombinieren, gibt unseren Karten oft in den am wenigsten bereisten Himmelsstrichen den Anschein einer Genauigkeit, die man als falsch erkennt, wenn man sich an Ort und Stelle begibt. Bereits Herr de la Condamine hatte sehr richtig gesagt: „In den meisten unserer Atlanten wimmelt es von Einzelheiten, die ebenso falsch wie umständlich sind.“ Im allgemeinen ist der Gang der Fortschritte in der Geographie, sofern sie an den Karten abzulesen sind, viel langsamer, als er sein müßte, betrachtet man die große Zahl nützlicher Ergebnisse, die sich in einem bestimmten Zeitraum in Werken aus verschiedenen Nationen verbreitet finden. Die astronomischen Beobachtungen, die topographischen Kenntnisse sammeln sich über eine lange Reihe von Jahren an, ohne daß man von ihnen Gebrauch machen würde. Und nach dem Grundsatz der Stabilität und der Erhaltung, der sonst sehr zu loben ist, wollen die Geographen oft lieber nichts hinzufügen und nichts ändern, als einen See, eine Gebirgskette oder die Gabelung eines Flusses aufgeben, die seit Jahrhunderten dargestellt wurden.
Das Werk, von dem ich der Akademie heute zu berichten habe, ist nicht in diesem Geiste geschaffen worden. Im Atlas von Herrn Brué ist überall der löblichste Wunsch zu erkennen, aus guten Quellen zu schöpfen und das neueste und genaueste Material zu verwenden. Im übrigen würde man die Breite dieser Wissenschaft, deren wichtigste Grundlagen ich in Erinnerung gerufen habe, verkennen, wollte man für die Zusammenstellung eines Weltatlas die eingehende und detaillierte Diskussion der Bestandteile verlangen, die man in den Arbeiten zur Geographie eines einzigen Landes erwartet: für ein solches Unternehmen würde ein Menschenleben nicht ausreichen. Als kluger Geograph hat Herr Brué sich darauf beschränken wollen, seine Karten mit den besten Werken der Geographie abzustimmen; da, wo es an genauen Kenntnissen fehlte, mußte er die ungesicherten Details übernehmen, welche die Forschungen der anerkanntesten Autoren bisher ergeben hatten. Wie fast alle Wissenschaften hat auch die Geographie einen hypothetischen Teil, in dem Meinungen an die Stelle von Tatsachen treten. Glücklicherweise wird das Feld der Hypothesen heutzutage immer kleiner.
Der Atlas von Herrn Brué enthält sechsunddreißig Karten, von denen neun der alten Geographie gewidmet sind. Diese zu untersuchen ist nicht Aufgabe der Académie des Sciences; der Autor hat d’Anville, Rennell, Herrn Gossellin und den vorzüglichen Orbis terrarum antiquus von Herrn Reichard zu Rate gezogen. Um zu beweisen, mit welcher Sorgfalt Herr Brué die jüngsten Entdeckungen und Richtigstellungen berücksichtigt hat, genügt es, einige wenige Beispiele aus der modernen Geographie anzuführen. Im nördlichen Rußland sind die Küsten an einigen Punkten um ein Grad weiter nach Süden verlegt; diejenigen von Westschottland sind entsprechend den Aufnahmen von 1805 bis 1808 geändert worden, so daß die Breite Schottlands beträchtlich verringert wurde. Bedeutende Berichtigungen finden sich im südöstlichen Teil Italiens in der Gegend von Otranto und in der Breite der angrenzenden Meerenge. Diese Berichtigungen beruhen auf den Beobachtungen der französischen Offiziere, welche die Küsten von Italien und Albanien bereist haben. Für Karamanien und den weiter nach Osten verlegten Küstenstrich von Syrien hat Herr Brué sich auf die Reise von Beaufort und einen Teil der schönen Arbeiten des Kapitäns Gautier gestützt. Die Küsten Koreas und die Potocki-Inseln sind nach den neuen englischen Karten und nach einer von Herrn Klaproth veröffentlichten Abhandlung eingezeichnet. Ich könnte noch voll Lobes Teile von Hindustan erwähnen, Neu-Holland, welches selbst zu besuchen Herr Brué das Glück hatte, die Gestalt der Kanadischen Seen, ganz Mexiko und Südamerika, deren Geographie in unserer Zeit durch die Beobachtungen der spanischen Seefahrer und durch die astronomischen Bestimmungen, die im Landesinneren, entlang den großen Flüssen vorgenommen wurden, so bedeutende Veränderungen erfahren hat. Überall hat der Autor die größte Sorgfalt darauf verwandt, mit Präzision die Sinuositäten der Küsten und das Relief des Landes wiederzugeben. Die Erhebungslinien, die Hochebenen, das an den beiden Abhängen ungleiche Gefälle der Gebirge sind mit einer Deutlichkeit dargestellt, die das Auge um so mehr erfreut, als die Arbeit des Gravierstichels auf so kleinem Raum die Lesbarkeit der Namen nicht beeinträchtigt. Erst kürzlich hat Herr Brué in seiner schönen Karte der Umgebung von Paris bewiesen, welche Aufmerksamkeit er dem graphischen Teil seiner Arbeiten widmet. Die Karten von der Schweiz und von Spanien verdienen hinsichtlich der physischen Geographie die Aufmerksamkeit derjenigen, die um die Schwierigkeiten dieser Art von Zeichnung wissen.
Die Beschreibung des Erdballs ist keine statische Wissenschaft; jedes Jahr gibt es Anlaß zu neuen Richtigstellungen, und wenn unsere Karten stets den Fortschritten der Wissenschaften folgten, könnte der bewanderte Geograph an ihrem bloßen Anblick den genauen Zeitpunkt erkennen, zu dem sie gefertigt wurden. Ein Werk wie dasjenige, das wir soeben vorgestellt haben, muß fortwährend vervollkommnet werden. Herr Brué ist dabei, nach und nach die astronomischen Positionen, die den Sprachen des Nordens entnommenen Namen, das Streichen und die relativen Höhen der Gebirge zu berichtigen. Infolge dieser beharrlichen Arbeiten wird der Atlas universel im öffentlichen Bildungswesen von großem Nutzen sein und auch in Zukunft die Unterstützung verdienen, die er in denjenigen Ländern erfuhr, wo die Geographie mit Erfolg gepflegt wird.
Bericht an die Académie des Sciences in Paris (Sitzung vom 19. Januar 1824) über den geographischen Atlas von Herrn Brué