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«Ich bin besessen von einer Frau namens Claire-Louise» ist ein Satz, der in die Kategorie «Dinge, von denen ich nie dachte, dass ich sie jemals schreiben würde» gehört. Aber es stimmt. Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, höre ich mir sogar Aufnahmen ihrer Stimme an – weil ich deren eigenartige Intonation so gerne mag. Angefangen hat alles mit einem Zufallsfund in einer Buchhandlung. Angelockt durch und gebannt vom Cover, das ein Detail aus dem fotografischen Stillleben «Fair is foul and foul is fair» der niederländischen Künstlerin Margriet Smulders ziert, wusste ich: Dieses Buch muss ich besitzen. Das Buch heisst «Pond» und die Autorin ist ebendiese Claire-Louise, mit Nachname Bennett.
Bennett schreibt wie keine andere. Jeder Satz, jedes Wort sind Präzision. Obwohl in «Pond» nicht viel geschieht – das Buch ist am ehesten eine Sammlung von Alltagsbeobachtungen der Erzählerin, die Zeit in einer Künstlerresidenz an einem abgelegenen Ort verbringt. Sechs Jahre später veröffentlichte Bennett «Checkout 19», das «Pond» an sprachlicher Finesse und formaler Originalität sogar übertrifft. Dies hat dazu geführt, dass ich eine Zeit lang jeder Person das Buch empfahl – von Familienmitgliedern bis zu Tinder-Dates. Aber immer, wenn ich gefragt wurde, worum es im Buch geht, tat ich mich mit einer Antwort schwer. Man will ja nicht prätentiös wirken, indem einem ein Satz entgleitet wie: «Das Buch hält sich nicht mit Banalitäten wie Handlung auf und lässt sich keinem Genre zuordnen.»
Worum geht es also? Ich habe darüber eine nicht erfolgreiche Masterarbeit geschrieben, in der ich das Buch in der Tradition des Künstler:innenromans las. Denn der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist das Lesen und das Schreiben. Spezifisch, welche Ausdrücke mündlich weitergegeben wurden, aber auch welche Texte die Protagonistin gelesen und welche sie geschrieben hat. So erwähnt die Erzählerin immer wieder Bücher, die sie geprägt haben. Natürlich habe ich sie mir notiert: Ich bin auf rund 210 Titel gekommen, darunter Bertha von Suttner, Anna Seghers und Nelly Sachs. Auf einige Texte und Autor:innen geht das Buch näher ein, so etwa auf Ann Quin. Ich hatte noch nie von ihr gehört. Sie war eine britische Autorin der Arbeiterklasse, die in den 60er- und 70er-Jahren experimentelle Bücher schrieb. Ich war hooked.
Aber zurück zu meiner eigentlichen Obsession, Claire-Louise. Natürlich stellt sich die Frage, was es an Bennetts Texten ist, was mich so fesselt. Schliesslich weiss ich durchaus auch Bücher anderer Autor:innen wertzuschätzen, aktuell etwa die meisterhaft geschriebenen Kurzgeschichten von Joy Williams. Was Bennett für mich auszeichnet, sind folgende Aspekte: Erstens – wie oben beschrieben spielt sie nicht bloss auf Intertexte an, sie erwähnt sie explizit. Wenn Bennett über Quin schreibt, lässt sich eine Obsession ihrerseits erahnen. Zweitens – Bennett verweigert sich jeglichem Klischee. Ja, in «Checkout 19» kommt sexuelle Gewalt vor, aber auch Masturbation. Und beides wird auf eine Art und Weise beschrieben, wie ich es noch nie gelesen hatte. Nur so viel: Texte spielen auch hier eine Rolle. Drittens – die Sprache, die Stimme(n). Jedes Wort bei Bennett sitzt. Teilweise scheinen die Worte sogar bewusst an gewissen Stellen der Seite platziert zu sein. Einzelne Wörter und ganze Sätze werden in leichter Änderung wiederholt. Und, wie Bennett selbst in einem Interview sagt, suggeriert das Konzept der «eigenen Stimme» ein Gefühl von Authentizität und Einheit, das gar nicht so existiert. Also versucht Bennett gar nicht erst, eine einheitliche Stimme zu produzieren. Stattdessen machen sich kleine Verschiebungen in der Stimme bemerkbar, je nachdem, ob die Erzählerin aus ihrer Kindheit berichtet oder aus einem späteren Lebensabschnitt.
Dieses «Zusammenfallen von Zeit und Raum», wie Bennett es im Gespräch mit Sheila Heti bezeichnet, teilt Bennett mit der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux. Sowohl über Ernaux als auch über Quin und die dänische Autorin Tove Ditlevsen spricht Bennett in Länge in einer Aufnahme für das in Dublin ansässige Museum of Literature. Was diese Schriftstellerinnen gemäss Bennett gemein haben, ist, dass sie Sprache nicht als selbstverständlich hinnehmen. Stattdessen fragen sie nach: «Was sind diese Worte, wer hat sie erschaffen und wofür?». Dies führe dazu, dass sie ihre eigenen Anwendungen von Sprache und Form fänden. Was alle drei Schriftstellerinnen mit Bennett auch gemein haben, ist, dass sie aus der Arbeiterklasse kommen.
Erst 2021 wurden Ditlevsens Memoiren, die «Kopenhagen-Trilogie», ins Deutsche übersetzt. Quin geriet lange Zeit in Vergessenheit. Ernaux hingegen dürfte spätestens seit 2022 einem breiteren Publikum bekannt sein, als sie den Nobelpreis für Literatur erhielt. Nur durch Bennett habe ich wirklich angefangen, mich mit Autor:innen der Arbeiterklasse auseinanderzusetzen – denn auch nach rund fünf Jahren Literaturstudium war ich damit nie in Kontakt gekommen. Die Schriftsteller:innen, die ich kannte, mussten sich oft keine Sorgen um ihre finanzielle Lage machen. Dass dies deren Schreiben beeinflusst, dürfte niemanden überraschen. So vergleicht Bennett Ditlevsens Wunsch nach einem Zimmer zum Schreiben mit Viriginia Woolfs Essay «A Room of One’s Own». Bennett berichtet, dass die Autorin Jennifer Hodgson ihr gegenüber angemerkt habe, dass Woolf damit einen Raum meinte, der sich in einem komfortablen Familienhaus befinde, und für den sie das häusliche, soziale und finanzielle Gerüst besass, diesen instand zu halten. Woolfs Essay kannte ich. Die dafür notwendigen materiellen Realitäten hatte ich mir hingegen noch nie vor Augen gehalten.
Somit bin ich Bennett unglaublich dankbar – dafür, dass sie mir eine Art Schattenkanon zusammengestellt hat. Wer weiss, ob ich ohne sie jemals auf Quin und Ditlevsen gekommen wäre? Deren Texte enthalten etwas, was ich so bisher nicht kannte und womit ich mich identifizieren kann. Und ich bin Bennett auch dafür dankbar, dass sie so mutig ist, sich Sprache anzueignen und Formen zu hinterfragen. Schon vor einiger Zeit bin ich für mich zum Schluss gekommen, dass sprachliche Linearität und Logik für mich versagen, geben sie doch das Chaos und die Parallelität meiner eigenen Wirklichkeit nicht wieder. Doch Bennett zu lesen und ihr beim Sprechen über das Lesen und Schreiben zuzuhören – sie liest unglaublich gut –, macht plötzlich wieder Lust und Mut aufs Lesen und Schreiben. Und darauf, sich dabei selbst nicht zu ernst zu nehmen. Wie Bennett im Gespräch mit der Autorin Erica Wagner sagt: «Writing isn’t really much of a big deal.»
07. März 2024