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Am 16. Mai fuhr ich mit dem Leihvelo und der Stadtkarte, die vor der Tsunami-Katastrophe gedruckt wurde, die Stadt Kesennuma herum. Mein Hotel, Pearl City, befand sich gegenüber dem Bahnhof Kesennuma. Diese Gegend blieb vom Tsunami verschont.
Von der Bergseite her fuhr ich dem kleinen Fluss Kamiyamagawa entlang in Richtung Meer. Die Äste der Kirschbäume am Fluss waren mit rosaroten Blüten verziert, auf der anderen Seite der schmalen Strasse standen die provisorischen Wohnungen auf einem Schulhof. Hier auch noch keine Spur von der Katastrophe.
Ich besuchte die Region Tohoku, weil ich schon kurz nach der Tsunami-Katastrophe einen Drang hatte, mit eigenen Augen das Ausmass der Katastrophe zu sehen. Als eine Japanerin wollte ich mich selbst in diese zerstörte Landschaft, die durch die Jahrtausende Naturkatastropheentstand, hineinlegen und mit Leib und Seele fühlen, was dort passiert war.
Ausserdem wollte ich selber von den Betroffenen erfahren, was sie erlebt haben und in welcher Situation sie sich heute befinden, um darüber auf dieser Seite zu berichten.
Über Mittag traf ich mich mit Frau Megoi Kajiwara, einer Mitgliederin von „Ganba Kesennuma“, einer Bürgergruppe, die den Wiederaufbau der Stadt unterstützt. Sie fotografiert seit der Katastrophe unregelmässig verschiedene Stadtviertel, ich leihe ihre Fotos für diese Seite ab und zu aus.
Der Treffpunkt für das Mittagessen war das Nudelsuppe-Restaurant „Mambo“ (siehe Bericht vom 13. 01. 2012) in der provisorischen Einkaufsstrasse „Murasaki Ichiba“. Sie hatte nur eine Stunde Mittagspause, kam trotzdem eigens mit dem Auto zum Restaurant, um sich mit mir zu treffen.
Das Wohnhaus von Frau Kajiwara, der Mutter einer Tochter, steht auf einem erhöhten Ort, wo die riesigen Wellen nicht erreichten. Aber sie entrissen das Elternhaus. Sie wohnen jetzt in einer provisorischen Wohnung.
Viele Leute haben ihr Haus und auch Arbeitsplatz verloren. Sie bekommen heute das Arbeitslosengeld. Ausbezahlt wird es normalerweise höchstens 330 Tage lang, die von den Katastrophen Betroffenen können es ausnahmsweise bis auf 210 Tage länger empfangen. Frau Kajiwara erzählte mir, es gäbe Leute, die die Stadt verlassen und anderswo eine Arbeit suchen wollen, wenn sie kein Arbeitslosengeld mehr erhalten können. Die Stadt Kesennuma hat ihre Bewohner schon vor der Naturkatastrophe verloren. Die Anzahl der Bewohner wird wie viele andere Provinzen immer kleiner. Ohne Perspektive, eine Arbeit finden zu können, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass die Stadt schneller verschrumpft.
Nach der Mittagspause setzte ich mich erneut auf das Velo und fuhr weiter in Richtung zum Stadtviertel Shishiori, das auch vom Tsunami gross betroffen war.
Um fünf Uhr brachte ich mein Velo zum Touristenbüro beim Bahnhof zurück. Danach begab ich mich zum Café des Hotels, um den Durst zu stillen. Nach der Mittagspause fuhr ich nämlich wie vormittags ohne Pause durch die Stadt. Als ich am Tisch die Stadtkarte anschaute, sprach die Frau, die mir Kaffee brachte, mir an und erzählte, wie sie den 11. März erlebte.
Ihr Haus steht auf einer Erhöhung und sie selbst sichtete den Tsunami nicht. „Nachdem die riesigen Wellen zurückzogen, ging ich in die Stadt runter. Was ich sah war eine völlige Zerstörung weit und breit. Ich stand einfach fassungslos da.“ Ihre Stadt war verschwunden, überall lagen Trümmer und dazwischen auch Leichen. Drei Autos stapelten aufeinander, das oberste war umgeschlagen. Das Ausmass der Verwüstung war zu gigantisch und deshalb nicht realistisch“, sagte die Frau im Restaurant. Später hörte ich von verschiedenen Leuten dieselbe Empfindung, dass das ganze ihnen wie ein Film vorkam.
„Eineinhalb Monaten habe ich gelebt, um zu leben.“ So schilderte sie das Leben unmittelbar nach der Katastrophe. „Wir hatten kein Wasser, kein Benzin und auch keinen Strom. Die Symptome von der Demenz meines Vaters haben sich verschlechtert und er wollte unbedingt <nach Hause>. Das Haus ohne Strom und Wasser schien ihm das Eigenheim wie ein fremdes Haus.“
Nach dem grössten Erdbeben, das je in Japan registriert wurde, suchten noch zahlreiche Nachbeben die Gegend. „Sie waren auch ziemlich gross. In der Nacht hörte ich im Bett immer wieder das Donner von den Erschütterungen des Erdbodens.“
Kesennuma sei eine schöne Stadt gewesen, sagte sie weiter, während sie mir verschiedene Fotobücher, die nach der Katastrophe veröffentlicht wurden, zeigte. Als ich die Tränen nicht unterdrücken konnte, während ich ihr erzählte, was ich in der Stadt, die grössenteils nur noch aus Fundamenten des Gebäudes besteht, sah, sagte sie mir, „Danke, dass Sie für uns weinen.“ Sie und die Stadtbewohner haben aber keine Zeit zu weinen. Bis die Stadt wieder bewohnbar wird, braucht es ungemein viel zu tun.
Das Abendessen nahm ich alleine im Hotel-Restaurant. Nach dem Essen kam das Servierpersonal, eine ältere Frau, zu mir und zeigte ihre Werke aus Papier. Sie verziert die Esstische mit verschiedenen Dekorationen, die sie jede Jahreszeit umtauscht. Ich durfte davon nach Hause mitnehmen, was mir gefiel. Ich wählte die Schmetterlinge. „Denken Sie bitte an Kesennuma, wenn sie sie sehen“, sagte sie mir lächelnd.