Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/270

Das französische Werk aus dem Jahr 1783 ist Teil eines vierbändigen Oeuvres über religiöse Bräuche verschiedenster Völker aus der Sicht der damaligen Welt. Es besticht durch ausserordentlich kunstvolle und anschauliche Kupferstiche des französischen Buchillustrators Bernard Picart (1673-1733).
Abb. 1
„Superstitio“ bedeutet wörtlich übersetzt: „Überglaube“ und meint ursprünglich im Altlateinischen wahrscheinlich das „Ausser-sich-Sein“ , also die Ekstase während Opferdarbietungen. Der Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus übernahm den Begriff, um nichtchristliche Religionen zu kennzeichnen. Er beschäftigte sich intensiv mit dem Thema und beschrieb als Erster die theoretischen Grundlagen einer mittelalterlichen Lehre über die Geschichte des Aberglaubens. Dieser stellte für ihn eine ernsthafte Bedrohung des Christentums dar. Augustinus glaubte an die Existenz von Dämonen und im Aberglauben sah er den Versuch, sich mit Hilfe heidnischer Götter gegenüber den Dämonen Sicherheit zu verschaffen. Er verstand Aberglauben somit als Götzendienst. Auch Thomas von Aquin verstand Aberglauben als religiösen Verfall, brachte aber auch die christliche Gottesverehrung damit in Verbindung. Nichtsdestotrotz war diese kultische Form von Gottesanbetung für ihn unsittlich und sündhaft.
Abb. 2
Erst während der „Aufklärung“ traf ein Wandel in der Beurteilung von Opferriten und kultmässigen Gottesverehrungen ein. Nicht nur der „rechte Glauben“ stand im Vordergrund sondern auch das Bemühen um ein rationales Verstehen von Abweichungen der allgemein gültigen Glaubensvorschriften. Aberglaube galt als Abweichung der Vernunft und stellte in erster Linie ein soziales Bildungsproblem dar. Das Werk Bernard Picarts hatte demnach vor diesem Hintergrund einen erzieherischen Auftrag; so heisst es denn auch im Untertitel: „tableau philosophique des erreurs et des faiblesses dans lesquelles les superstitions, tant anciennes que modernes, ont précipité les hommes de la plupart des nations de la terre.“ Und des Weiteren in der Einführung des vierten Bandes: „Quoique notre intention ne soit pas de tracer, dans cet ouvrage, toutes les faiblesses dont le genre humain s’est rendu coupable, nous en rapporterons cependant assez pour faire sentir à l’homme ce qu’il est, et quel est le degré d’élévation ou de bassesse auquel il peut atteindre.“
Die erste Abbildung zeigt die Anbetung des Priapos, des Fruchtbarkeitsgottes in der griechischen Mythologie. Deutlich erkennt man den Kult der Opferdarbietung, welcher sogar in die Schlachtung eines Huftieres mündet. Das zweite Bild stellt die Suche nach Voraussagung in Form eines Orakels dar, hier mit orientalischem Bezug. In der Beschreibung wird darauf hingewiesen, dass diese Form von Aberglauben vielleicht doch von Nutzen sei, zumal derart alte Völker wie die Araber, die Perser, die Griechen sie anwendeten und sie sowohl bei „wilden“ als auch „zivilisierten“ Völkern angesehen gewesen sei. Dies beweist, dass man selbst im rationalen Zeitalter der Aufklärung der „Superstitio“ nicht ganz abgeneigt war.
Quelle