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In der ersten Ausgabe der «Seetaler Brattig», die im Spätherbst 1978 für das Jahr 1979 erschien, schrieb der frühere Rainer Sekundarlehrer Xaver Wey (*) über den Vorzug seiner Gemeinde, über zwei erstklassige Musikgesellschaften zu verfügen. Feldmusik und Harmonie spornten sich über Jahrzehnte zu Höchstleistungen an. Inzwischen ergeht es den beiden Vereinen wie so vielen anderen auch: Ihre Mitgliederzahlen sinken, sie werden aufgelöst oder schliessen sich zusammen. Am 24. September 2020 kündigte der «Seetaler Bote» das lange Zeit Undenkbare an: Die Feldmusik und die Harmonie Rain wollen sich zusammenschliessen. «Wir haben und gegenseitig den Nachwuchs weggenommen», sagt Luzia Suter, Co-Präsidentin der Harmonie, in dem Beitrag. Die Bevölkerung wolle lieber einen starken Musikverein im Dorf als zwei mit ungewisser Zukunft.
Der Beitrag von Xaver Wey in der «Seetaler Brattig» 1979:
Vorbemerkung:
Im Jahre 1841 hatte das Luzerner Volk über eine Revision der Verfassung von 1831 abzustimmen. Die Liberalen waren gegen, die Konservativen für eine Revision. Da es zu dieser Zeit noch vereinzelt Leute gab, die weder schreiben noch lesen konnten, liess die Regierung zwei verschiedenfarbige Stimmzettel drucken, solche mit dem roten Aufdruck «Revision» und solche mit dem schwarzen Aufdruck «Nicht Revision». So wurden an diesem Abstimmungssonntag aus den konservativen Ja-Sagern die «Roten» und aus den liberalen «Nein- Sagern» die «Schwarzen», zwei Bezeichnungen, die sich bis heute auf der Landschaft erhalten haben.
Es ist zweifellos eine Besonderheit, wenn eine verhältnismässig kleine Landgemeinde mit nur 1300 Einwohnern zwei respektable und leistungsfähige Musikgesellschaften aufweist, wie das in Rain der Fall ist.
Die liberale (schwarze) Musikgesellschaft Harmonie geht in ihrer Gründung weit ins letzte Jahrhundert zurück. Ihre 100-Jahrfeier konnte sie schon vor längerer Zeit begehen.
Die (rote) Feldmusik Rain, die sich aus Mitgliedern der CVP zusammensetzt, ist ein gutes Stück jünger, kann aber bald auf 75 Jahre musikalische Tätigkeit zurückblicken.
Wenn auch die politischen Ziele der Mitglieder der beiden Musikgesellschaften nicht die gleichen sind, so stimmen sie doch mit ihren klingenden Melodien und rassigen Märschen auf dem Gebiet der Tonkunst harmonisch überein.
Während Jahrzehnten haben die beiden Vereine der Gemeinde das musikalische Gepräge verliehen und wertvolles Kulturgut gepflegt. Die parteipolitischen Auseinandersetzungen, die früher ganz andere Ausmasse hatten als heute, wirkten sich auf das musikalische Leistungsvermögen stimulierend aus.
Die alljährlichen Konzerte im «Kreuz» und im «St. Josef» vermögen nicht bloss das Interesse der einheimischen Bevölkerung, sondern auch weiter Kreise aus der Umgebung zu wecken. Bei weltlichen und kirchlichen Festen teilen sie sich im Wechsel eines Jahres in das musikalische Geschehen. Zahlreich sind die bis heute besuchten kantonalen und eingenössischen Musikfeste. Wenn die Vereine mit lorbeergeschmückten Bannern heimkehren, werden sie von der ganzen Bevölkerung (von der roten und schwarzen) herzlich begrüsst.
Dass ein Musikverein ohne finanzielle Mittel nicht bestehen kann, sollte jedermann klar sein. Beide Musikgesellschaften werden von ihren Gönnern stets grosszügig unterstützt, und auch die Gemeinde anerkennt ihre Wertschätzung mit einer rechten Subvention.
* Xaver Wey, der Autor dieses Beitrags, war 45 Jahre lang Sekundarlehrer in Rain, erhielt 1985 die Ehrenbürger-Würde seiner Gemeinde und wurde fast 100 Jahre alt. Geboren am 16. November 1894, verstarb er am 15. März 1994. Rund 50 Jahre lang schrieb Xaver Wey als Ortskorrespondent für die Lokalzeitung «Seetaler Bote». Als CVP-Mitglied dürfte er in Rain eher im «St. Josef» seinen Schoppen genossen haben als im «Kreuz». Der «St. Josef» ist freilich schon lange Geschichte.