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El Escorial, und die künstlerischen Vorlieben des Philipp II.
In seinem Klosterpalast wollte Philipp II. die feinsten Kunstwerke und das Wissen seiner Zeit zusammentragen. Mit der etwa 14’000 Bücher und Manuskripte umfassenden Sammlung schuf er die nach der Bibliotheca Apostolica vermutlich größte Bibliothek des 16. Jahrhunderts. Die Deckenfresken der Bibliothek stammen von den Italienern Pellegrino Tibaldi und Bartolomeo Carduccio. Darunter steht immer noch eine riesige Armillarsphäre – ein astronomisches Instrument zur Messung von Himmelskoordinaten oder zur Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern – die als Geschenk von Ferdinando de’ Medici an den Hof Philipps II. gelangte.
Um Kunstwerke und Kostbarkeiten als Geschenke zu beschaffen, hatte Philipp II. in ganz Europa ein Netzwerk von Beratern und Agenten aufgebaut. Sie vermittelten geschickt zwischen den verschiedenen Parteien und waren mit den offiziellen politischen Geschehnissen ebenso vertraut wie mit den internen Machenschaften der Höfe. Ein Name sticht hier besonders hervor: Gonzalo de Liaño, der als Narr am Hof Philipps diente. Innerhalb eines Jahrzehnts unternahm er fünf lange Reisen nach Italien und importierte von dort alles, was er an Kunstwerken, Kuriositäten und Informationen nur bekommen konnte. Er hielt sich besonders ausgiebig am Hof der Medici in Florenz auf, damals eine Kunstmetropole Europas. Der kunstbeflissene und experimentierfreudige Großherzog Francesco de’ Medici hatte eine ganze Heerschar von hoch spezialisierten Kunsthandwerkern aus ganz Europa an seinen Hof gerufen. Seine Geschenke an Philipp II. waren darauf angelegt, die ganze Bandbreite der Florentiner Kunstproduktion repräsentativ darzustellen. Schöne Künste im Dienste der politischen Macht. Besucher des Klosterschlosses können noch heute das berühmte Marmorkruzifix von Benvenuto Cellini in der Kirche von San Lorenzo im Escorial bewundern.
Ein Dokument schildert die Ankunft des Kunstwerks in Madrid. “Am 9. November1576, König Don Felipe, unser Begründer, befiel nach Pardo, wo er present war, das Marmorkruzifix, das ihm vom Grossherzog der Toskana geschickt wurde. Batista Cabrera ginge dann mit 50 Männern, um es auf deren Schulter zu tragen. Und dies wurde getan. In San Lorenzo el Real kam es hier am Vorabend des Hl. Martin an, des 11. November jenes Jahres. Es stand in der Stiftkapitel, im Eingang, bis seine Hoheit anders befahl." Als der puritanische Philipp II. das Geschenk entgegengenommen hatte, deckte er energetisch die Genitalien des Christus mit einem Nastuch ab. "Il mio bell Christo", wie ihn Benvenuto Cellini nannte, bekam eine unerwartete Zensur. Cellini schuf es nicht, unter den ausgewählten Künstlern des spanischen Hofes zu zählen. Und der Christus, den wir heute in El Escorial betrachten können, trägt ein dezentes Leinentuch.
Auch El Greco war in El Escorial
Beim Besuch des Schlossklosters werden Sie auch einem wunderbaren El Greco begegnen. Der Künstler, der mit guten Referenzen aus Italien angereist war, erhielt von Philip II. den Auftrag, den Hochaltar in der Basilica zu malen. Ein Flügel soll den Hl. Maurice und die Thebaische Legion glorifizieren. Entsprechend der christlichen Überlieferung gehörte sie zur römischen Armee, und sämtliche Mitglieder sollen gegen Ende des 3. Jahrhunderts den Märtyrertod erlitten haben. Ein Thema, das dem Gusto und der Politik des tiefreligiösen katholischen Königs entsprach.
Bekanntlich hat das Bild El Grecos dem König nicht gefallen. 1605 schrieb José de Siguenza, ein Poet und Historiker des El Escorials, dass es im Bild El Grecos einfach "zu viel Kunst gab" und dass der König dachte, dass "die Heiligen so gemalt sein sollten, dass unsere Gebetswünsche nicht gestört werden". El Greco hatte den Akzent auf den Moment gesetzt, in dem der Heilige und seine Offiziere erst den Tod kontemplieren. Das noch zu entfaltende, eigentliche Märtyrium wurde als kleine Szene im linken Teil des Bildes dargestellt. Gemäss der Vorstellung des Königs hätte dieser historische Moment jedoch das zentrale Motiv des Bildes sein sollen. Der spanische König führte 1570 bis 1580 die Religionskriege mit England, das Bild für die Basilica sollte sie programmatisch glorifizieren. Schlussendlich wurde das Märtyrium-Bild für die Basilica von einem anderen Maler (Romulo Cincinnato) und nach den Vorstellungen des Königs ausgeführt.
Glücklicherweise ist uns El Grecos ‘Märtyrium’ in der heutigen Sammlung des Klosters erhalten geblieben. Allerdings musste er nach diesem Fiasco das Glück im nahen Toledo suchen. Bekanntlich ist ihm das bestens gelungen. Siehe dazu den Blog über das Bild "Das Begräbnis des Grafen von Orgaz" in der San Tomé- Kirche in Toledo.
Ausser von El Greco besitzt der Sommerpalast wertvolle Gemälde von Tizian, Albrecht Dürer und besonders Hieronymus Bosch, dem Lieblingsmaler Philipps II. Wer genug Bilder gesehen hat, sollte unbedingt einen Spaziergang durch einen der schönen Gärten des Klosterschlosses unternehmen. Auch im Gartenbau hatte der König klare Ideen.