Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03341.jsonl.gz/1364

Konsumentinnen und Konsumenten wünschen sich immer mehr Fleisch aus besonders tierfreundlicher Haltung. Diesem Anspruch kommt die Freilandhaltung von Schweinen entgegen. In diesem Haltungssystem werden die Tiere während des ganzen Jahres auf einer Parzelle im Freien gehalten. Die Weidehaltung entspricht dem Naturell der Schweine und wird auch von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere (RAP) in Posieux FR als tiergerechte Haltungsform eingestuft. Im sich stark ändernden landwirtschaftlichen Umfeld bildet die Freilandhaltung von Schweinen für immer mehr Bauern eine interessante Alternative zur herkömmlichen Schweinehaltung in Ställen.
Idee stammt ursprünglich aus England
Die besondere Haltungsform wurde Ende der achtziger Jahre von südenglischen Bauern entwickelt, als viele der alten Schweineställe saniert werden mussten. Angesichts der hohen Kapitalkosten und der schlechten Gewinnaussichten in der Fleischproduktion entschlossen sich viele Landwirte, im Überfluss vorhandene Flächen zu pachten und Freilandschweine zu halten. Dabei waren vor allem wirtschaftliche Kriterien ausschlaggebend und weniger ethologische oder ökologische, wie es in der Schweiz der Fall ist. In England werden inzwischen über 20, in Frankreich zwischen fünf und zehn Prozent der Muttersauen im Freien gehalten. Mastschweine werden in den beiden Ländern in der Regel nicht im Freiland gemästet. In der Schweiz werden im Gegensatz zu Frankreich und England vor allem die Mastschweine im Freien gehalten.
Geringe Investitionen für Produzenten
Das finanzielle Risiko für Bauern, welche in die Freilandhaltung von Schweinen einsteigen, ist relativ gering. Die notwendigen Investitionen, wie beispielsweise Iglus (spezielle Hütten aus Kunststoff) oder Einzäunungsmaterial, können tief gehalten werden. Eher grösser im Vergleich zur Stallhaltung ist allerdings der Zeitaufwand für die Arbeit. Bei schlechtem Wetter sind zusätzliche Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Weil sich Freiland-Schweine mehr bewegen als ihre Artgenossen in den Ställen, verbrauchen sie auch mehr Energie. Aus diesem Grund wird mehr Futter benötigt, was zusätzliche Kosten nach sich zieht. Die klimatischen Bedingungen im Winter bedingen für Sauen und Ferkel Hütten, deren Wände und Dächer isoliert sind. Zur Hitzeentlastung im Sommer braucht es Schattendächer und Suhlen.
Kurzfristig interessant
Mit der Freilandhaltung von Schweinen bietet sich den Bauern eine Möglichkeit, sich kurzfristig den ändernden Marktsituationen anzupassen. Dank dieser Flexibilität ist auch das finanzielle Risiko für die Produzenten beschränkt. Der Einstieg in die Schweine-Freilandhaltung ist einfach, da sich alle in der Schweiz gehaltenen Rassen dazu eignen. Alle notwendigen Einrichtungen können zudem schnell über ortsansässige Firmen bezogen oder teilweise auch selber hergestellt werden. Unter den momentanen Marktbedingungen kann die Freilandhaltung schon nach kurzer Zeit einen guten Gewinn abwerfen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass gerade in diesem Jahr die Anzahl Betriebe, die Mastschweine im Freiland halten, stark angestiegen ist. Möglicherweise werden in einem Jahr schon viele Betriebe ihre Schweinehütten in die Scheune stellen, dann nämlich, wenn der von Insidern erwartete Preis-Einbruch auf dem Schweinemarkt erfolgt ist.
Erhöhtes Umweltrisiko
Innerhalb eines Forschungsprojektes*, das unter der Leitung der Schweizerischen Ingenieurschule für Landwirtschaft in Zollikofen (SIL) stand, wurde untersucht, ob sich die Schweine-Freilandhaltung unter Schweizer Bedingungen eignet. Die Ergebnisse zeigten, dass die ganzjährige Freilandhaltung von Zucht- und Mastschweinen in der Schweiz grundsätzlich praktikabel und auch wirtschaftlich ist. Die Studie schränkt aber ein, dass vor allem für die Umwelt negative Auswirkungen entstehen können. Nährstoffüberschüsse auf Schweineparzellen bedeuten ein erhöhtes Risiko für das Eintreten von Nitratauswaschungen. Zudem können durch die Aktivitäten der Tiere Schädigungen in der Bodenstruktur auftreten. Deshalb sollten die Richtlinien für die Flächenzuteilung pro Tier eingehalten werden. Schwere Böden in niederschlagsreichen Regionen, geneigte Parzellen in Gewässernähe und Einzugsgebiete von Trinkwasserfassungen eignen sich nicht für die Schweine-Freilandhaltung.
Schweine Freiland-Haltung sollte Nische bleiben
Die Nachfrage nach Freiland-Schweinen ist zweifellos gross. Doch nicht jeder Betrieb eignet sich für die Freiland-Haltung. Obwohl sich in der gegenwärtigen Marktlage ein Einstieg geradezu anbietet, darf nicht vergessen werden, dass bei tieferen Preisen schnell einmal Verluste eingefahren werden, weil die Produktionskosten höher als bei den herkömmlichen Sauen sind. Die Schweiz mit ihren im Vergleich zur EU eher kleinen Betrieben eignet sich nicht unbedingt zur Massenproduktion von Freilandschweinen. Weil das spezielle Produktionssystem in die Fruchtfolge eingebaut werden muss, ergibt sich automatisch eine Begrenzung der Fläche. Auf einer Wiese lassen sich zudem nicht beliebig viele Schweine halten, sonst besteht die Gefahr, dass Umweltschäden entstehen oder die Bodenstrukturen nachhaltig zerstört werden. Aus diesen Gründen bietet sich die Freilandhaltung von Schweinen vor allem als Nischenproduktion an. "Die Beziehung zwischen Bauer, Boden und Schwein ist besonders wichtig," erklärt Hans-Ueli Rüedi aus Ortschwaben BE, Mitbegründer der Vereinigung Schweizer Landwirte für Schweine-Freiland-Haltung (VSS) und selber Halter und Vermarkter von Freilandschweinen. Er kämpft deshalb dafür, dass die Freilandhaltung in den Händen der Bauern bleibt.
Typisches Produkt für Direktvermarktung
Die Schweine-Freilandhaltung eignet sich gut zur direkten Vermarktung, weil der Bezug zwischen Konsument und Tier auf dem Betrieb selber sehr wirkungsvoll hergestellt werden kann. Auf der Wiese weidende Schweine liefern schöne Bilder, die den Kaufentscheid positiv beeinflussen können. Ausserdem ist bei der Direktvermarktung die Gefahr unter dem wachenden Auge der Konsumenten kleiner, dass auf den Wiesen Massentierhaltung betrieben wird. Die Freilandhaltung von Schweinen trägt eindeutig zur Bildung eines guten Images der Schweizer Landwirtschaft bei. Dies darf aber nicht durch kurzfristiges Profitdenken aufs Spiel gesetzt werden.
*Der Schlussbericht mit allen Ergebnissen kann bei der Landwirtschaftlichen Beratungszentrale Lindau (LBL), Tel. 052/ 354 97 00, Fax 052/354 97 97, bezogen werden.
Vereinigung Schweizer Landwirte für Schweine-Freiland-Haltung (VSS)
de. Die Mitglieder der VSS verfolgen das Ziel, die Konsumenten mit erstklassigem Qualitätsschweinefleisch aus Freilandhaltung zu versorgen. Die VSS will die artgerechte Tierhaltung und den verantwortungsvollen Einsatz von Kulturland in der Fruchtfolge erreichen.
Wenn ein Schweinemäster sein Fleisch unter dem VSS- Label verkaufen will, muss er die Richtlinien der VSS einhalten. Diese sehen vor, dass er die gesamtbetriebliche IP-Anerkennung haben oder nach den Richtlinien der VSBLO biologisch produzieren muss. U.a. schreiben die VSS-Vorschriften eine angemessene, trockene Liegefläche für die Schweine vor, die mit Stroh bodendeckend eingestreut ist. Dem Schwein muss zudem während der Mastperiode 200 Quadratmeter Auslauf zur Verfügung stehen. Für die Vermarktung strebt die VSS die Direktvermarktung oder die Zusammenarbeit mit Metzgern aus der Region an.
Kontaktadresse:
Hans Ueli Rüedi, Bernstrasse 17, 3042 Ortschwaben, Tel. 031/ 829 32 30, Fax. 031/ 829 32 40