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In Zürich forschte man lange zur «Verbesserung der weissen Rasse». Die Universität tut sich schwer mit der Auseinandersetzung
An der Uni Zürich forschten Anthropologen, Mediziner und Biologen zu Rassenhygiene und Eugenik. Viele Wissenschaftler profitierten bei ihren Forschungen von kolonialen Herrschaftsstrukturen. Pascal Germann, Medizinhistoriker an der Uni Bern, hat sich in seiner Forschung insbesondere mit dem Zürcher Institut für Anthropologie auseinandergesetzt. «Das Institut ist Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum der globalen Rassenforschung aufgestiegen», sagt Germann.
Der Uni-Rektor hatte eine eugenische Gesinnung
Berühmt wurde das Institut vor allem für seine Messmethoden und Instrumente, die zu einem globalen Exportschlager wurden. Mit den Instrumenten liessen sich etwa Körpergrösse, Schädelumfang oder Gesichtswinkel bestimmen. «Diese Vermessungen waren oft demütigend», so Germann. «In den Lehrbüchern wurde beispielsweise gefordert, dass die Proband*innen ganz nackt sein mussten.» Die Entwicklung und Erprobung dieser Messmethoden und Instrumente fanden in europäischen Kolonien statt. So etwa in Deutsch-Neuguinea, wo der Zürcher Anthropologe Otto Schlaginhaufen bei seinen Messexpeditionen von deutschen Soldaten begleitet wurde.
Schlaginhaufen fand einflussreiche Verbündete an der Uni Zürich, um eugenische Forschungen zu fördern. «Wichtig war der Botaniker Alfred Ernst, der es 1928 zum Rektor der Universität brachte», sagt Germann. Ernst forschte ebenfalls in den Kolonialgebieten Südostasiens, wo er von der Infrastruktur des niederländischen Imperialismus profitierte.
Uni bot bis 1979 Rassenkunde-Vorlesung an
Alfred Ernst und Otto Schlaginhaufen gehörten 1922 zu den Mitbegründern der Julius-Klaus-Stiftung. Bei der Gründung war das Stiftungsvermögen grösser als das Jahresbudget der Uni. In den Statuten stand, dass rassenhygienische Reformen zur «Verbesserung der weissen Rasse» angestossen werden sollten. Laut Germann verdeutlicht dies, wie die universitäre Eugenik oft mit «Vorstellungen des kolonialen Rassismus» verschränkt gewesen sei. Bis 1970 die Statuten verändert wurden, waren neben Alfred Ernst vier weitere amtierende Rektoren der Uni Mitglieder der Julius-Klaus-Stiftung, die es noch heute gibt.
Die Uni Zürich bot bis 1979 eine Rassenkunde-Vorlesung an. «Es hat mich erstaunt, dass es bis in den Sechzigern kaum kritische Stimmen an der Uni gab», sagt Germann. Erst dann begann in der Schweiz die Akzeptanz der Rassenforschung zu bröckeln. «Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema begann erst ab den Neunzigern.» Zwar sei heute das Institut sehr offen für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, aber Forschungen zu den kolonialen Verwicklungen von Zürcher Forscher*innen stehen erst am Anfang.
Macht will nicht in Frage gestellt werden
Ist das dann nicht ein aktives Vergessenmachen der eigenen Kolonialgeschichte, also eine koloniale Amnesie? Um das festzustellen, sei es wichtig zu verstehen, wie Erinnerungskulturen funktionieren. «Insbesondere weil Erinnerung auch sehr viel mit Macht zu tun hat», sagt Ana Sobral, Professorin für Global Literatures am Englischen Seminar der Uni Zürich. Sie befasst sich auch mit dem Postkolonialismus, der die Rekonstruktion einer Geschichte der «Anderen» fordert, denn die im Westen gelehrte Geschichte ist stark verzerrt von eurozentristischen Vorstellungen.
Andererseits sollen die fortbestehenden Machtstrukturen des Kolonialismus demaskiert werden. Das Vertuschen der eigenen Kolonialgeschichte rühre daher, dass die ökonomischen Verhältnisse von damals nicht einfach verschwunden seien. «Die Ungerechtigkeiten, die wir heute sehen, kommen aus der Kolonialzeit und sind eng mit dem Kapitalismus verbunden – es gibt eine enorme Kontinuität», erklärt Sobral. Auch heute gilt: Was nicht in das eigene Narrativ passt, wird ausgegrenzt. «Wer mächtig ist, will nicht in Frage gestellt werden.»
Vergessen statt aufarbeiten
«Auch die Hochschulen sind in erster Linie darauf bedacht, sich selbst zu erhalten», sagt Sobral. Deshalb tendierten die Institutionen dazu, gewisse Fragen nicht zu stellen. Sie hätten gerade andere Prioritäten, die von gewissen Vorstellungen von Erfolg, wie etwa Rankings, getrieben würden. «Wenn man etwas verändern möchte, trifft man immer auf einen gewissen Konservativismus. Die Uni und die ETH Zürich betonen zwar Innovation und Offenheit. Gleichzeitig reagieren sie aber oft mit Widerstand auf Kritik, die ihr gerade nicht passt», erklärt Sobral. Ihre tief verankerten Fundamente machten sie passiv und starr.
Nur die Institutionen zu kritisieren und zur Verantwortung zu ziehen, wäre aber zu kurz gegriffen. «Gerade auch die kollektive Erinnerung der Nationen tendiert dazu, Momente des Triumphes zu betonen und Momente der Scham zu vergessen.» So hat sich etwa in der Schweiz das Selbstbild eines neutralen Landes verwurzelt, das keine Kolonialmacht gewesen sein will. «Die Schweiz war aber nie neutral und sie profitierte durchaus vom Kolonialismus.» Für Veränderung brauche es Druck von aussen, sagt Sobral. Ein Beispiel dafür ist die Büste des Eugenikers Auguste Forel, die 2006 auf Druck der Studierenden entfernt wurde.
Das Wichtige passiert gemäss Sobral allerdings nicht an der Uni, sondern in der Gesellschaft. Denn das universitäre Wissen schafft es nicht immer dorthin zurück. Forels Büste ist ohne öffentlich wahrgenommene Kontextualisierung vom Uni-Eingang verschwunden. Wie die Erinnerung an Forels Geschichte wird Ende des Herbstsemesters 2020 auch Ana Sobrals Stelle beseitigt. Damit wird das Angebot im Bereich der postkolonialen Studien auch am Englischen Seminar deutlich reduziert.