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(Frankjordanblog)
Von Robert Nef
Am Anfang steht der Trieb zur Selbsterhaltung auf der Basis einer Kombination von Selbstbehauptung und Anpassung – Himmel und Erde. Zur Selbstbehauptung gehört der persönliche Bezug und zur Anpassung gehört die Bereitschaft zum Austausch. Dieser setzt seinerseits etwas Eigenes voraus. Alle Formen von Gemeineigentum sind die Frucht langer biologischer und sozio-kultureller Entwicklungen, deren anthropologische Wurzel der Besitzesindividualismus ist.
Er ist der Ausgangspunkt eines – auch individuellen – Lernprozesses. Dieser hat das Ziel, dass es zunächst gut ist, etwas zu haben, dass es dann aber auch erhebliche Vorteile bringt, zu teilen, zu tauschen und sogar zu schenken, wobei das Schenken stets auch zum «Vorspiel des Herrschens» werden kann (Nietzsche). Aber bevor man geben und tauschen kann, muss man zunächst einmal haben, und wer etwas gibt, das er vorher einem anderen weggenommen hat, fördert einen Teufelskreis wechselseitiger Enteignung und damit auch der Entfremdung. Ich mag den Begriff «Entfremdung» nicht, aber wenn schon, ist der Gemeinbesitz eine «Entfremdung» vom ursprünglichen Trieb nach Selbst- und Individualbesitz.
Der anthropologische Grundirrtum des Sozialismus ist die Fiktion vom ursprünglichen Gemeineigentum, das angeblich durch den egoismus-fördernden Kapitalismus schrittweise und entfremdend «privatisiert» wurde. Der Kapitalismus ist keine Ideologie, sondern jene Kommunikationsform, die unweigerlich entsteht, sobald die Menschen Arbeitsteilung, Geld und Kredit erfunden oder entdeckt haben. Die Meinung, Kapitalismus sei als «Herrschaftsform» von einer Gruppe von Mächtigen gegen eine Mehrheit von Ohnmächtigen zwangsweise etabliert worden, ist ein verhängnisvoller Irrtum. Sie führt dazu, dass jeder Fortschritt zunächst einmal eine gewaltsame Zerstörung notwendig macht. Kapitalismus hat als solcher Vor- und Nachteile und seine Vorzüge müssen kultiviert und seine Nachteile überwunden werden. Wer ihn am Massstab einer idealen Verteilungsgerechtigkeit misst, wird mehr Naschteile finden, nur muss er dann auch die Frage nach Alternativen zur nachhaltigen Gewährleistung der Verteilungsgerechtigkeit beantworten.
Ein realistischeres Ziel für einen möglichen Ausgleich ist ein «Kapitalismus plus» und das Plus besteht in der Einsicht, dass sich Rücksichtnahme und Sympathie auf die Dauer lohnen. Durch dieses Plus wird der kurzfristig berechnende «homo oeconomicus» zum langfristig disponierenden «homo oeconomicus cultivatus». Der Weg dazu führt über gegenseitige Lern- und Anpassungsprozesse, die, wenn sie nachhaltig wirksam sein sollen, nicht auf Zwang basieren dürfen. Der Staat ist darum ein denkbar schlechter Kultivator, weil er auf dem Zwangsmonopol basiert und mehr an echter Kultur zerstört als er hervorbringt.
Die bewährten Kultivatoren sind vielfältige Familien und komplex (auch kapitalistisch) vernetzte Lern- und Tauschgemeinschaften, personenbezogene Genossenschaften und traditionell verankerte Glaubensgemeinschaften. Dauerhafte Gemeinschaft basiert auf einem Grundkonsens, auf gemeinsamen Interessen, auf der Bereitschaft diese gegen Aggressoren zu verteidigen und gleichzeitig auf Aggressionen zu verzichten. Die traditionelle Bezeichnung der Schweiz als Eidgenossenschaft ist genial. Schillers dramatisch-dialektische, historisch-fiktive Deutung zwischen dem Anarchismus von Tell und dem genossenschaftlichen Kommunitarismus der generationenübergreifenden Drei Eidgenossen hat das Wesen jeder funktionierenden Gemeinschaft als Eid-genossenschaft adäquat beschrieben. Sie ist die friedliche Alternative zur – auch kulturell – destruktiven permanenten Revolution.