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Sprachen und Dialekte sind einem ständigen Wandel unterworfen. Bei Standardsprachen wie dem Hochdeutschen ist dieser Wandel verlangsamt, weil Normen schriftlich fixiert sind. Dialekte hingegen reagieren schneller auf die sich verändernde Welt. Die grundlegenden Mechanismen des Wandels sind aber bei beiden Sprachformen vergleichbar.
Hans Bickel hat am Sprachatlas der deutschen Schweiz mitgearbeitet und ist Redaktor beim schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit Dialekten und beobachtet, wie sie sich verändern.
Deshalb sollen Dialekte sich ändern:
Sprache dient der Kommunikation
Sprachen und Dialekte sind keine künstlichen Gebilde, die, einmal erfunden, unverändert gebraucht werden. Sie sind, um es mit Ferdinand de Saussure zu sagen, «un fait social». Sie existieren in den Köpfen der Menschen und dienen deren Bedürfnissen. Jede lebendige Sprache verändert sich. Nur Sprachen, die nicht mehr als Muttersprache gesprochen werden, wie etwas Altgriechisch oder Latein, können auf einem bestimmten historischen Stand «eingefroren» werden.
Sprache ist flüchtig
Die Sprache und besonders der Dialekt werden in erster Linie gesprochen und erst in zweiter Linie geschrieben. Das gesprochene Wort ist flüchtig, es existiert nur im Moment des Sprechens und wird folglich jeden Tag milliardenfach neu produziert. Daher ist die Sprache dauernd im Fluss. Wenn sich die Welt verändert, indem beispielsweise neue Dingen entdeckt werden, neue Konzepte entstehen, muss sich die Sprache darauf einstellen und das Neue benennen können. Das beginnt schon beim Wort «Bibel», das im Frühmittelalter aus dem Griechischen übernommen wurde, und sich heute mit Wörtern wie «Datenbank» oder «Postmoderne» fortsetzt.
Mobilität führt zwingend zu Sprachwandel
Menschen sind mobil, einige ziehen von ihrem Geburtsort weg in andere Dialekt- oder Sprachgebiete. Um verstanden zu werden, werden besonders auffällige Merkmale oft vermieden. Dadurch können sich unterschiedliche Dialekte angleichen. Ein Berner in Zürich sagt heute vielleicht «uusruje» statt «löje», ein Bündner «Zvieri» statt «Marend». Städte sind eigentliche Schmelztiegel. Menschen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen treffen aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig sprachlich und kulturell. In letzter Zeit haben vor allem die Sprachen aus dem Balkan einen hörbaren Einfluss auf die Jugendsprache ausgeübt. Das wird auch in der Zukunft der Alltagssprache seine Spuren hinterlassen. Und vielleicht ist ein Satz wie «S Beschte wos je hets gits!» einmal normales Schweizerdeutsch.
Es gibt auch Sprachmoden
Menschen sind gerne kreativ, sie streben keine Uniformität an, sondern wollen sich und die Welt gestalten. Dieser Gestaltungswille findet seinen Niederschlag auch in der Sprache. Darum schafft sich jede junge Generation ihre eigenen Umgangsformen und Sprachmoden. Was früher «tschent» war, ist heute «geil» oder «cool». Politisch dominante Staaten oder solche, die als geistig-kulturelle Vorbilder wahrgenommen werden, haben eine grosse sprachliche Ausstrahlung. Das galt früher für Griechisch und Latein, heute vor allem für das Englische, das mit Wörtern wie «Jeans», «Pulli», «Shirt», «Computer» oder «Burnout» omnipräsent ist.
Sprachen werden laufend optimert
Sprachen bestehen aus verschiedenen Ebenen wie beispielsweise der Laut-, Grammatik- und der Bedeutungsebene. Die Vorteile des Wandels auf einer Ebene können zu Nachteilen auf einer anderen Ebene führen, die wiederum ausgeglichen werden. So hat die Erstbetonung der Silben im Deutschen dazu geführt, dass die Endsilben geschwächt wurden. Das beeinflusste das Schweizerdeutsche: Zum Teil glichen sich Einzahl und Mehrzahl von Wörtern an. Zum Beispiel beim Wort «Bärg». In einem neuen Sprachwandelprozess bildete sich darauf ein neuer Plural im Dialekt, «Bärge».
Einfluss der elektronischen Medien
Nicht unterschätzt werden darf in der deutschen Schweiz der Einfluss der elektronischen Medien auf die Sprache. Der Fernsehkonsum bietet allen Bevölkerungsschichten auch in den entlegensten Gebieten breiten Zugang zu deutschen Sendern und deren meist nördlichem Hochdeutsch. Dialektfremde Wörter und Strukturen erscheinen mit der Zeit vertraut und normal, so dass sie mit der Zeit auch im Dialekt verwendet werden, also zum Beispiel «Träppe» statt «Stäge».
Zum Autor
Hans Bickel ist Dozent für Deutsche Philologie an der Universität Basel.