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Fantasie g-Moll
Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf seine Klavierfantasie aus dem Jahr 1809.
Nur sehr selten (eigentlich: fast nie) wagt sich heute noch ein Pianist an die Improvisation einer jener Kadenzen, die in einem Klavierkonzert aus den Dekaden um das Jahr 1800 durch den Quartsextakkord des Orchesters so nachdrücklich eingefordert werden. Die damals noch selbstverständliche Kunst, interessant wie gefällig, vor allem aber eigenständig durch Motive, Themen und Tonarten zu führen, geriet in nur zwei bis drei Generationen in Vergessenheit. In Mode kamen hingegen ausgearbeitete Kadenzen, die man frei auswählen und nur abzuspielen brauchte. Schon Beethoven fertigte sie auf Verlangen an, später kamen renommierte Pianisten und Komponisten hinzu: Brahms, Bülow, Busoni, Fauré, Godowsky, Liszt, Medtner, Moscheles, Reinecke, Rubinstein, Saint-Saëns, Clara Schumann, um nur einige zu nennen.
Der alte Geist der Improvisation spricht auch aus der Fantasie op. 77 – obwohl sich Analytiker vielfach daran versuchten, motivische Kleinstbezüge herauszuschälen, um gleichsam den Komponisten gegen das ungeliebte Werk zu verteidigen. Dabei war Beethoven nicht nur ein ebenso weit- wie tiefblickender Tonsetzer, sondern die längste Zeit seines Lebens auch (und das wird gerne übersehen) ein ausübender Pianist. Bereits Carl Czerny hat in seiner Kunst des Vortrags (1842) auf diesen Umstand ausdrücklich hingewiesen: «Diese sehr geistreiche Fantasie gibt ein treues Bild von der Art, wie er [Beethoven] zu improvisieren pflegte, wenn er kein bestimmtes Thema durchführen wollte, und daher sich seinem Genie in Erfindung immer neuer Motive überliess.» Dem muss keineswegs widersprechen, dass Skizzen zu dem Werk nachgewiesen werden können und das Autograf in famoser Sonntagsschrift angefertigt wurde: Jede gute Improvisation (selbst im Jazz) sollte in irgendeiner Form, und sei es auch nur gedanklich, vorbereitet sein. Schaut man aber einmal in den musikalischen Kontext des Jahres 1809, so scheint Beethoven in seinem Opus 77 mit der heute seltsam anmutenden Kombination aus freier Fantasie und einer knappen Folge von (figurativen) Variationen nichts anderes als auf der Höhe seiner Zeit gestanden zu haben. Belegt ist dies wiederum durch Czerny, der in seiner Anleitung zum Fantasieren (1829) eine längere Improvisation empfiehlt und es für ratsam hält, «wenn Anklänge aus dem nachfolgenden Thema darin vorkommen, und das Ganze eine passende Introduction bildet». Auch zahlreiche längst vergessene Werke anderer Komponisten lassen diesen Aufbau erkennen (Hummel, Steibelt …). Bei Beethoven indes blieb die (gedruckte) Fantasie, wie so vieles andere, singulär.
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