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Dass Bücher ein hohes zivilisatorisches Gut sind, muss kaum betont werden: In ihnen wird Wissen bewahrt, mit ihnen können Ideen in einer Gesellschaft zirkulieren, und sie geben Auskunft über die Vergangenheit. Mittlerweile hat die fortschreitende Digitalisierung dank Abermillionen online abrufbarer Buchseiten längst Vergessenes erschlossen, das komfortabel zuhause abgerufen werden kann. Allerdings ist dies nicht gleichbedeutend mit einer Demokratisierung, denn über die Zugriffsoptionen entscheiden Firmen wie Google, deren Interessen sich jederzeit ändern können. Die rückwirkende Erfassung von Gedrucktem ist zudem Teil einer allgemeinen digitalen Flut, die heute von der globalen Computernutzung ausgeht. Sie generiert erhebliche Herausforderungen, indem sie die sehr alte Frage, welche Informationen, Dokumente oder eben Bücher erhalten werden müssen, neu stellt. Antworten hierauf betreffen insbesondere Bibliotheken und Archive – Institutionen also, die jahrhundertelang vor allem mit papierförmiger Wissensbewahrung betraut gewesen sind.
Richard Ovenden ist Leiter der altehrwürdigen Bodleian Library in Oxford, der zweitgrössten Bibliothek Grossbritanniens. Mit «Bedrohte Bücher» hat er ein überaus anschauliches Plädoyer für den Erhalt jener Einrichtungen vorgelegt, das zuvorderst daran erinnert, wie bedroht diese stets waren. Anhand einiger aufschlussreicher historischer Episoden zeigt er die Kehrseite des bekannten Ausspruchs, dass Wissen Macht ist: Wie Büchersammlungen regelmässig zu Zielscheiben wurden, gerade weil ihre Beseitigung den jeweiligen Gegner langfristig entschieden schwächen konnte. Manche Bibliotheken, so etwa die Library of Congress in Washington DC oder die Universitätsbibliothek im belgischen Löwen, brannten in ihrer Geschichte gleich zweimal ab. Während der zwölfjährigen Terrorherrschaft der Nationalsozialisten fielen schätzungsweise 100 Millionen Bücher der willentlichen Zerstörung zum Opfer. Ovenden erinnert aber auch an den couragierten Einsatz einzelner, so etwa an den der sogenannten Papierbrigade von Wilna, die im Zweiten Weltkrieg mehrere Tausend Bücher und Dokumente jüdischen Lebens vor dem Zugriff der Deutschen rettete – oder, ein gänzlich anderes, obschon bedeutsames Beispiel, an den privaten Fall von Max Brod, der die Schriften seines Vertrauten Franz Kafka aufbewahrte, statt sie gemäss dem Wunsch des verstorbenen Schriftstellerfreundes zu verbrennen. Und was die jüngste Vergangenheit angeht, zeigt Ovenden, wie Kanan Makiya – emeritierter Professor an der Brandeis University – die Unterlagen der Baath-Partei aus Bagdad gerettet hat, womit die brutale Herrschaft des irakischen Regimes in dessen eigenen Worten dokumentiert war und als Beweismittel im Prozess gegen Saddam Hussein verwendet werden konnte.
«Bedrohte Bücher» schliesst mit dem Hinweis darauf, dass Bibliotheken fünf unverzichtbare Aufgaben zukommen: Bildung; Wissensbewahrung; Stützen einer offenen Gesellschaft zu sein; die Verifizierung zu ermöglichen, ob etwas wahr oder falsch ist; schliesslich die Verankerung in kultureller wie historischer Identität. Warum gerade in durchdigitalisierten Zeiten nichts davon für selbstverständlich genommen werden sollte, hat Ovenden leidenschaftlich dargelegt. Wissen bleibt Macht – und es täte gut, wenn nicht nur Bibliothekare und Archivare sich hierüber im Klaren wären.
Richard Ovenden: Bedrohte Bücher. Eine Geschichte der Zerstörung und Bewahrung des Wissens. Berlin: Suhrkamp, 2021.