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In ihrem neusten Buch „Mehr als ein Leben“ entwirft Milena Moser nicht nur eine Geschichte rund um ihre Protagonistin Helen, sondern gleich mehrere. Die Protagonistin begegnet uns Lesenden zuerst als ein kleines Mädchen. Helens Mutter heisst Vera, und die hat sich von ihrem Mann Luc getrennt. Nun leidet Mutter Vera an Stimmungsschwankungen und unter dem Alkoholismus. Damit bleibt der kleinen Helen nichts anderes übrig, als den Weg in den Kindergarten allein unter die Füsse zu nehmen, und auch das Essen hat sie sich ohne elterliche Hilfe zuzubereiten. Das Leben des kleinen Mädchens wird dergestalt zu einem ständigen Balance-Akt.
Vera war wie ein Schiff auf hoher See, das geradewegs auf einen Eisberg zusteuern würde, wenn Helen sie auch nur eine Minute aus den Augen liess.Aus: „Mehr als ein Leben“ von Milena Moser
Was wäre, wenn? Was alles könnte aus einem Kind wie Helen werden? Was alles könnte aus einem Menschen mit einer derart verkorksten Kindheit werden? Die Autorin bedient sich des literarischen Rasters „Was wäre, wenn?“, sie stellt uns Lesenden gleich mehrere Möglichkeiten vor, wie es mit der kleinen Helen weitergehen könnte. Helens Geschichte beginnt in den 1970er-Jahren in der Schweiz, ihre weiteren Lebensentwürfe als junge Erwachsene führen sie in den 1980er-Jahren in die USA. Helens Lebensgeschichte endet schliesslich im Jetzt, in der unmittelbaren Gegenwart. Vieles wäre in diesen Zeiträumen möglich gewesen. Was alles hätte aus der kleinen Helen werden können? Verschiedene Lebenswege sind denkbar. Zum Beispiel: Der Vater erhält das Sorgerecht für die kleine Helen, und diese wandert unter dem neuen Namen Luna nach Amerika aus, um dort auf einer Aidsstation zu arbeiten.
Luna! Ich heisse Luna. Seit sie sich für das Austauschprogramm angemeldet hatte, versuchte sie diesen Namen durchzusetzen. Er schien ihr passend: Ein neues Leben, ein neuer Kontinent, ein neuer Name.Aus: „Mehr als ein Leben“ von Milena Moser
Was wäre, wenn Helen ihre Sandkastenliebe heiraten würde? Das wäre zweifellos ein weiterer vielversprechender Lebensentwurf. Ihre erste grosse Liebe hiess Frank, und Frank war ein Halbitaliener. Helen könnte mit Frank zusammen ein Kind bekommen. Aber wie das Leben so spielt, würde ein Unfall das junge Glück auf eine harte Probe stellen. Um die harte Probe bestehen zu können, wäre Helen auf eine gute Freundin angewiesen. Oder: Was wäre, wenn Helen als Erwachsene komplett in eine dunkle Welt abdriften würde? In eine Welt, in der Tabletten-Missbrauch und ausschweifende sexuelle Erlebnisse zur Tagesordnung gehören?
Stoff für mehr als einen Roman böte das Buch „Mehr als ein Leben“ zuhauf. Mit dem literarischen Raster „Was wäre, wenn“ gibt sich Milena Moser in ihrem neusten Roman äusserst ambitioniert. Dennoch bildet ihr Buch die pure Realität ab. Ist es nicht doch tatsächlich so, dass uns in unserem Leben immer gleich mehrere Türen offen stehen? Die Stärken des Buchs „Mehr als ein Leben“ sind einmal mehr Milena Mosers psychologische Begründungen und Motivierungen. Wie bereits in ihren früheren Bestsellern, versteht sich die Autorin auch in ihrem neusten Buch bestens darauf, dem Entsetzen, der Angst, der Freude, dem Glück und auch der Sprachlosigkeit einen adäquaten Ausdruck zu verleihen.
Text, Foto und Radiosendung: Kurt Schnidrig