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Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller W. G. Sebald (1944 – 2001) gilt insbesondere im angelsächsischen Sprachraum als einer der herausragendsten deutschsprachigen Schriftsteller der jüngeren Vergangenheit. Aus Anlass der zwanzigsten Wiederkehr seines Todestags am kommenden 14. Dezember sei an die wenig bekannte Tatsache erinnert, dass er an der
Universität Freiburg studiert und abgeschlossen hat.
Sebald nahm 1963 in Freiburg im Breisgau das Studium der Germanistik und Anglistik auf. Dem Unterricht konnte er wenig abgewinnen und fand – es war die Zeit der ersten Auschwitzprozesse – die Verdrängung der Nazivergangenheit insbesondere an der Universität unerträglich. Zudem wollte er sich aus der finanziellen Abhängigkeit von seinen Eltern lösen. Ab Herbst 1965 setzte er deshalb das Studium im schweizerischen Freiburg fort, wo er ein Jahr schneller abschliessen und unentgeltlich bei seiner drei Jahre älteren Schwester wohnen konnte.
Studentenleben
Sebald bezog im September 1965 ein winziges gefangenes Zimmer in der obersten Wohnung an der Lausannegasse 11, die bereits von seiner Schwester, ihrem aus Freiburg stammenden Mann und der wenige Wochen alten Tochter, Sebalds Patenkind, bewohnt wurde. Er hat sich die französische Sprache ohne Vorkenntnisse in Freiburg angeeignet, vorab im Umgang mit seinem welschen Schwager und dessen Familie. Das Zusammenleben war trotz der beengten Wohnsituation und der knappen Geldmittel harmonisch und unbeschwert. Sebald genoss die Freiheit von den Zwängen, die ihm in Deutschland zugesetzt hatten. Er war ein gewissenhafter Student, der oft in der Bibliothek sowie bis spät in die Nacht hinein in seiner Klause arbeitete, wo er seine Arbeiten mit dem «System Adler» auf einer Hermes-Schreibmaschine tippte. Am kulturellen Leben der Stadt nahm er nur als Kinogänger teil; er erzählte später oft von Filmen, die er in Freiburg entdeckt haben dürfte (Fellini, Godard, Truffaut u.a.m.).
Prägungen fürs Leben
Der für Sebald wichtigste Professor war Ernst Alker, ein Österreicher, der 1934 vor den Nationalsozialisten nach Schweden flüchtete und ab 1946 an der Universität Freiburg Literaturgeschichte lehrte. Alker betreute Sebalds mit summa cum laude bewertete Lizentiatsarbeit über Carl Sternheim (Original in der Kantons- und Universitätsbibliothek KUB). Zweifellos hat Alker mit seiner klaren Haltung gegenüber den Nazis und seinem «Migrationshintergrund» den zukünftigen Schriftsteller stark beeindruckt: Emigration und Exil blieben für Sebald Leitmotive. Auch dürfte Sebalds lebenslange Vorliebe für Gottfried Keller sowie für die österreichische Literatur in der Begegnung mit Alker wurzeln (dessen Seminar im Wintersemester 1965/66 dem Österreicher Hofmannsthal gewidmet war). Sebald hat auch bei den Professoren Eduard Studer (germanische Philologie) sowie James Smith (Anglistik) studiert. Letzterer, auf seine Weise ebenfalls ein Emigrant, war für Sebald, dessen Leben und Werk von einer gewissen Melancholie durchzogen war, die erste Begegnung mit einer spezifisch englischen Ausprägung dieser Gemütsstimmung (so Carole Angier in der kürzlich erschienen Biografie).
Sebalds Werke haben oft eine autobiographische Grundierung und können klar verortet werden, aber es sind keine Textstellen mit einem Bezug zu Freiburg bekannt, abgesehen von Hinweisen auf sein Studium in der «französischen Schweiz». Vielleicht werden dereinst Publikationen aus dem Nachlass Äusserungen zu Freiburg zu Tage fördern. Damit fehlt Sebald leider vorerst in der von der KUB angelegten Sammlung literarischer Zeugnisse (siehe «Fribourg vu par les écrivains», 2. Auflage 2015). Wie Sebald das Freiburg der 1960er-Jahre gesehen hat, lassen immerhin einige mit sicherem Auge geschossene Fotografien erahnen, die er mit der Kamera seines Schwagers aufgenommen hat. Es ist zu hoffen, dass diese Bilder eines Tages in die KUB gelangen und so für die Nachwelt konserviert werden.
Weiter nach England
Bereits im März 1966 wusste Sebald, dass er Freiburg bald wieder verlassen würde, da er die Zusage für eine Lektorenstelle in Manchester erhalten hatte. Freiburg und seine Universität haben in Sebalds Werk soweit ersichtlich keinen Niederschlag gefunden, und es gibt, abgesehen von den lebhaften Erinnerungen seiner Angehörigen, auch sonst kaum Spuren seines Aufenthalts. Aber es war zweifellos ein glückliches und prägendes Jahr im Leben dieses bemerkenswerten Schriftstellers.
Winfried Georg Sebald wurde am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu geboren; am 14. Dezember 2001 kam er bei einem Verkehrsunfall in England ums Leben. Seinen Vornamen lehnte er als «Nazi-Namen» ab und benutzte nur die Initialen; privat liess er sich Max nennen. Nach dem Studienabschluss an der Universität Freiburg 1966 wanderte er nach England aus, wo er ab 1970 an der University of East Anglia in Norwich lehrte, ab 1988 als Professor für deutsche Literatur. W. G. Sebald wurde in den 1990er- Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, insbesondere dank den von Hans Magnus Enzensberger in der Anderen Bibliothek herausgegebenen Büchern «Schwindel. Gefühle.» (1990), «Die Ausgewanderten» (1992) sowie «Die Ringe des Saturn» (1995). Bis zu seinem frühen Unfalltod im Jahr 2001 folgten insbesondere die kontroverse Studie «Luftkrieg und Literatur» (1999) sowie der Roman «Austerlitz» (2001).