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| Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

23. Cap. Die Geburt aus der Jungfrau sollte ihm gerade als Erkennungszeichen dienen. Wie die Jungfrauschaft Mariens bei der Geburt zu verstehen sei.
Wir anerkennen die Erfüllung des prophetischen Ausspruchs Simeons, den er über den Herrn, das neugeborne Kind, that: „Siehe, dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem wird widersprochen werden.“1 Das Kennzeichen der Geburt Christi verkündet nämlich Isaias: „Deshalb wird Euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird in ihrem Leihe empfangen und einen Sohn gebären.“2 Da haben wir das Zeichen, dem man widersprechen kann, die Empfängnis und Geburt seitens der Jungfrau Maria, worüber diese Akademiker sagen: „Sie hat geboren und doch nicht geboren, sie ist Jungfrau und ist doch nicht Jungfrau“, obwohl es, wenn man sich so ausdrücken dürfte, bei unserer Auffassung viel mehr am Platze wäre, sie so zu nennen.
Wenn nämlich eine aus ihrem Fleische geboren hat, so hat sie wirklich geboren und wenn eine nicht aus dem Samen des Mannes geboren hat, so hat sie nicht wirklich geboren; sie ist Jungfrau, was die [S. 414] Gemeinschaft mit einem Manne angeht; sie ist nicht Jungfrau was das Gebären angeht. Aber es ist darum doch nicht so, dass sie geboren habe und doch nicht geboren,3 und dass darum eine Person eine Jungfrau wäre, die keine Jungfrau ist, weil sie in bezug auf ihre Organe Mutter ist.4 Bei unserer Lehre bleibt nichts zweifelhaft und nichts dehnbar, um es nach beiden Seiten zu verteidigen. Licht ist Licht, Finsternis ist Finsternis; Ja ist Ja, Nein ist Nein, und was darüber ist, ist vom Übel.
Wer geboren hat, hat geboren und wenn die Jungfrau empfangen hat, so ist sie durch ihr Gebären zu einer Verehelichten geworden. Denn sie ist zu einer Verehelichten geworden durch das Gesetz der Öffnung des Körpers, in bezug auf welchen Punkt es keinen Unterschied macht, ob ein Mann eingelassen oder hinausgelassen wurde. Es ist dasselbe Geschlecht, das ihn entsiegelt hat. Dieses ist mit einem Wort jener Mutterschooss, weswegen in betreff der andern geschrieben steht: „Alles Männliche, welches den Mutterschooss öffnet, wird dem Herrn heilig genannt werden.“5 Wer ist wahrhaft heilig, wenn nicht der Sohn Gottes? Wer hat den Mutterschooss im eigentlichen Sinne geöffnet, als wer den verschlossenen aufgemacht hat? Sonst wird er bei allen durch die Verheiratung geöffnet. Darum wurde, was mehr als sonst verschlossen war, um so mehr geöffnet. Mithin ist sie um so weniger Jungfrau zu nennen, als Jungfrau, die gewissermaassen sprungweise Mutter geworden ist, ehe sie heiratete.
Was wäre über diesen Punkt wohl noch weiter zu erwägen? Da der Apostel aus Rücksicht hierauf den Ausdruck gebraucht hat, „der Sohn Gottes sei aus dem Weibe geboren“, nicht aus der Jungfrau, so hat er damit anerkannt, dass der Zustand ihres geöffneten Mutterschoosses so war, wie er infolge der Ehe ist. Wir lesen zwar bei Ezechiel6 von einer Kuh, welche geboren habe und nicht geboren. Allein sehet Euch vor; vielleicht hat Euch schon der heilige Geist durch diesen Ausspruch mit Eurer Streiterei über den Mutterschooss Mariens zum voraus gekennzeichnet; sonst hätte er sich nicht gegen seine sonstige Einfachheit in zweifelnder Form ausgedrückt, da Isaias sagt: „Sie wird empfangen und gebären.“
1: Luk. 2, 34.
2: Is. 7, 14.
3: Im Öhler'schen Text ist peperit einmal weggeblieben. Mit Unrecht.
4: Wie aus dem folgenden hervorgeht, spricht Tertullian Marien die virginitas in partu ab. Darum ist das letzte non zu streichen und zu lesenj quia de visceribus suis mater; denn das non ist gegen den Zusammenhang und vielleicht Correktur eines orthodoxen Abschreibers. Das non vor virgo dagegen muss stehen bleiben.
5: II. Mos. 13, 2.
6: D. h. im apokryphen Ezechiel.