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«ETH: Millionen-Chüngel im Kampf gegen den Krebs. Gentechnologische Tierversuche ohne Segen der ETH-Schulleitung». Unter diesem reisserischen Titel erschien am 13.10.1991 ein Artikel in der Sonntags-Zeitung. Darin beschrieben ist das Forschungsprojekt «molecular farming» von Dr. Dirk Went, das von der ETH-Forschungskommission abgelehnt wurde. Der kontroverse Punkt: Der Artikel beschreibt, dass die Forschung ohne Segen der ETH-Schulleitung durchgeführt wird, weil diese aus ethischen Gründen das Projekt abgelehnt habe.
(Kopie aus der Sonntags-Zeitung vom 13.10.1991, S. 41, enthalten im Dossier: D. Went: Das Kaninchen als Modelltier für “molecular farming”. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-1.4/0630)
Die Geschichte des sogenannten «Millionen-Chüngels» beginnt einige Jahre zuvor:
Die Hintergrundgeschichte kann aus den Beständen des Hochschularchivs rekonstruiert werden. In diesen befinden sich zwei Gesuche von Dirk Went, die er an den Stab Forschung der Schulleitung der ETH Zürich stellte. Bei den sogenannten TH-Gesuchen handelt es sich um Projekte innerhalb der ETH Zürich, die an deren Forschungskommission gerichtet wurden. Die Gesuche wurden anonym von Experten beurteilt und auf Grund deren Einschätzung angenommen oder abgelehnt.
Das erste Gesuch, welches von Dirk Went zu Genversuchen an Kaninchen überliefert ist, stammt von 1988. In diesem wird zudem auf ein vorgängiges Gesuch hingewiesen, welches 1984 eingereicht worden ist. Dieses ist nicht im Hochschularchiv archiviert, da die TH-Gesuche erst ab 1987 ins Hochschularchiv gelangten.
(1. Seite des Antrags für die Durchführung eines ETHZ-internen Forschungsprojektes von Dirk Went, 1988. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-1.4/0382)
Das Gesuch sollte am Institut für Nutztierwissenschaften innerhalb der Gruppe Tierzucht durchgeführt werden und trug den Titel «Das Kaninchen als Modelltier für “gene farming”». Es war auf 3 Jahre ausgelegt und hatte zum Ziel, fremde Gene in das Genom von Kaninchen einzupflanzen, damit während der Laktationszeit diese Gene über die Kaninchenmilch gewonnen werden können.
Während zu dieser Zeit Forschung an transgenen Mäusen bereits häufig für das Studium an Genregulation eingesetzt wurde, war die Forschung and landwirtschaftlichen Nutztieren noch nicht so weit fortgeschritten. Die Forschungsgruppe um Went hatte dabei schon Fortschritte erzielt, indem in der Zusammenarbeit mit der Firma Sandoz eine Kaninchengenbank konstruiert worden war und auch schon erste Ergebnisse über den Nachweis von transgenen Kaninchen produziert werden konnten.
Das Gesuch wurde schliesslich von der Forschungskommission abgelehnt, einerseits wegen fachlicher Fragen, andererseits aber auch wegen vorherrschender «Vorbehalte forschungspolitischer Art, die noch in einigen Punkten weitere Klärung bedürfen.»
Des Weiteren meldet die Schulleitung:
«Die Schulleitung plant, in Kürze eine spezielle Aussprache mit externen Fachleuten zu solch forschungsethischen Problemen durchzuführen, um die Basis zu einer klareren Politik lesen zu können. Sie wird Sie zu gegebener Zeit orientieren.»(Brief vom 11. März 1988 von C.A. Zehnder, Vizepräsident für Verwaltung im Auftrag der Schulleitung, an Dirk Went. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-1.4/0382)
Das nächste Gesuch, welches überliefert ist, ist wohl das Gesuch, auf welches sich der Artikel bezieht. 1989 reichte Went erneut ein Gesuch ein, dieses Mal mit dem nur leicht abgeänderten Titel «Das Kaninchen als Modelltier für “molecular farming”». Es ist davon auszugehen, dass die 1988 Diskussion zur forschungsethischen Position der Forschungskommission zu diesem Zeitpunkt stattgefunden hat.
Dieser Diskussion war es wohl auch zu verdanken, dass auch dieses Gesuch von Went abgelehnt wurde. Went und sein Team waren zu diesem Zeitpunkt zwar bereits weiter fortgeschritten in ihrer Forschung und hatten erfolgreich transgene Kaninchen mit zwei vielversprechenden Genkonstrukten produziert, dem Antrag für weitere Mittel wurde jedoch trotzdem nicht stattgegeben. Grund dafür war die Haltung der Forschungskommission, dass transgene Tiere nur in denjenigen Bereichen eingesetzt werden sollten, in welchen keine Alternativlösungen, z.B. Zellkulturen, eingesetzt werden können. Zudem sprach die Forschungskommission die Empfehlung aus, dass das Institut für Nutztierwissenschaften die Schwerpunktsetzung überprüfe. Dabei sollte entschieden werden, ob die Verbesserung landwirtschaftlicher Nutztiere oder die Herstellung pharmazeutisch wichtiger Stoffe, wie es bei transgenen Nutztieren der Fall wäre, im Fokus stehen sollte.
(Brief vom 15. Oktober 1991 von D. Went an R. Staubli. ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-1.4/0630)
Trotz allem ist die Geschichte, wie sie in der Sonntags-Zeitung gedruckt wurde, falsch. Dirk Went selbst meldete sich anschliessend beim Autor René Staubli, um zu erklären, dass sein Projekt durchaus mit Wissen und Segen der Schulleitung stattfinde. Während zwar das Gesuch abgelehnt wurde, so wurde ihm vorrangig empfohlen zuerst Alternativen zu prüfen. Nachdem dies geschehen war, wurde die Fortsetzung des Projekts 1991 bewilligt.
Weiterführende Literatur:
Bühler, Thomas A.: Milchdrüsenspezifische Expression von Interleukin-2 des Menschen in Transgenen Kaninchen. Diss. Naturwiss. ETH Zürich, Nr. 8956, 1989. Ref.: G. Stranzinger ; Korref.: D. F. Went ; Korref.: K. Bürki. Zürich 1989. https://doi.org/10.3929/ethz-a-000568780
Das Titelbild dieses Blogbeitrags zeigt ein Bild der Züspa, Kaninchenausstellung (1977). Es wurde hier als Symbolbild für die Beurteilung von Kaninchen eingesetzt. Das Bild stammt aus dem Bildarchiv der ETH Zürich: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Schmid, Walter / Com_L26-0009-0001-0010 / CC BY-SA 4.0.