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Helen Brügger über die älteste feministische Zeitschrift der Welt.
10. November 1912: «Le mouvement féministe» wird von der Genfer Feministin Emilie Gourd, Pfarrerstochter, Journalistin und brillante Rednerin, als «Informations- und Propagandazeitschrift für das Frauenstimmrecht» aus der Taufe gehoben und beginnt monatlich zu erscheinen.
Welch abwechslungsreiches Leben einer Zeitschrift in den folgenden Jahrzehnten! Den Kampf um politische Rechte, gegen den Krieg, gegen soziale Not und aufkommenden Faschismus führt Gourd als gefürchtete Kolumnistin und Chefredaktorin bis 1946. Dann legt sie die Feder für immer nieder. Andere Feministinnen übernehmen, sie sind weniger militant, stehen unter dem Druck des Kalten Kriegs, der das letzte Mal versucht, alte Geschlechterrollen zu zementieren.
7. Februar 1971: Die Schweizer Männer gewähren ihren Frauen endlich, was andere Länder Europas spätestens seit den Zeiten Emilie Gourds kennen: das Frauenstimmrecht. Für die Publikation, die sich jetzt «Femmes suisses» nennt, ist die späte Einführung ein Segen, da sie sonst mit dem Erreichen ihres Ziels eingeschlafen wäre. Doch bereits stellt die Frauenbefreiungsbewegung der siebziger Jahre, über das Frauenstimmrecht hinaus, neue brisante Themen zur Debatte und übernimmt das Steuer.
Mit Christiane Brunner und Ruth Dreifuss hat die Frauengeschichte zwei berühmte «Schwestern» hervorgebracht; dieses Zeitungsprojekt hingegen kann auf zwei andere «Mütter» stolz sein: Emilie Gourd und Jacqueline Berenstein-Wavre. Auch Letztere ist Genferin, Feministin, Sozialistin dazu. Sie erinnert sich an einen banalen Arbeitstag in der Genfer Nähmaschinenfabrik Tavaro im Jahre 1945. Sie habe eine Lohnerhöhung gefordert, die sei vom Vorgesetzten mit dem beleidigenden Satz abgeschmettert worden: «Wenn Sie mehr verdienen wollen, können Sie das in der Nacht tun!» In diesem Moment sei sie Feministin geworden, sagt Jacqueline Berenstein-Wavre. Mit der Stiftung Emilie Gourd legt sie 1984 den Grundstein für das weitere Überleben der Zeitschrift.
14. Juni 2001: In Erinnerung an den ersten Frauenstreik zehn Jahre zuvor wird die Monatszeitung, die unterdessen «Femmes en Suisse» heisst, zu «L’émiliE». Bunt und humorvoll ist sie, will die Klammer zwischen feministischer Theorie und weiblichen Alltagsproblemen, zwischen journalistischem Professionalismus und frauenbewegter Militanz schliessen. Der Versuch gelingt fürs Erste, die Monatsschrift ist für fast ein weiteres Jahrzehnt gerettet. Bis ins Jahr 2010. Dann wird der finanzielle Engpass unüberwindlich.
Doch «L’émiliE» macht aus der Not eine Tugend. Sie wandert ab ins Web, tummelt sich in den sozialen Netzen, plant Applikationen für Smartphones, greift ein, mobilisiert, organisiert Debatten und Events, publiziert jeden Monat eine redaktionelle Seite in der Genfer Tageszeitung «Le Courrier». Die hervorragende Leistung des heutigen Teams aber ist das Archiv: Sämtliche Nummern seit 1912, das heisst hundert Jahre Geschichte der Frauenbewegung, sind in Form der digitalisierten Originalausgaben kostenlos unter www.lemilie.org zugänglich.
10. November 2012: «L’émiliE», feministische Onlinepublikation mit gegen 500 täglichen Besuchen, wird hundert Jahre alt. Was ist das Geheimnis ihrer Jugend? Ohne Zweifel: Militanz, Überzeugung und Einbindung in eine soziale Bewegung. Und natürlich der Wille der Frauengruppe, die «L’émiliE» auch im 101. Jahr machen wird: «Weitermachen, weiter stören!»
Helen Brügger schreibt für die WOZ aus der Westschweiz.