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Viivi Luik (EE)
Der siebte Friedensfrühling
Rowohlt Verlag, 1991
Aus: Viivi Luik. Der siebte Friedensfrühling. Rowohlt Verlag, 1991
Ich zog mir hastig den Mantel an, drückte mir die Mütze auf den Kopf und murmelte: Ich geh Schlitten fahren. Unter der Sense hindurch stürzte ich sorglos hinaus in die freie weisse Winterweite. Sie kam mir vor wie mein ureigener Besitz. Ich rannte, die Arme wie Flügel ausgebreitet und voller Jubel über ich weiss nicht was, zum Feldrand hin, um nachzuschauen, ob die Hausabholer schon kamen. Das war ein Vorwand, unter dem ich wie ein Luchs den Radiowellen auflauern wollte, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Der ganze Himmel war, wie Vater versicherte, voll von Reden, Hörspielen und Musik, aber ich hörte nichts. Nicht eine Stimme, die durch das Schneegestöber hindurch bedeutungsvoll verkündet hatte: «Es ist zwölf Uhr fünfundvierzig. Unsere nächste Sendung widmet sich den Fragen des Zuckerrübenanbaus. Auf dem leeren Feld hoben und senkten sich graue Schneewogen. Der Wald hinter mir rauschte und knackste, die Birken winselten, die Fichten ächzten. Ich kniff die Augen zu, ballte die Fauste, stemmte die Beine fest gegen die Erde und wünschte mir mit aller Kraft, ich wäre kein Mensch, sondern eine Radiobatterie eine schwarze viereckige geheimnisvolle Kraftquelle, die alle die dort oben herum sausenden Schreie und Rufe einfangt unhörbar macht. So weit das Auge reichte erstreckten sich Felder und Wälder, in denen sich graue Höfe verbargen Wölfe und Menschen, Scheunen und Höhlen.