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Konzert in Basel am 25. März 2001: Beethoven und Bernstein
Ankündigung in der Dreilandzeitung Nr. 12 (22. - 28. März 2001)
Cantus Basel: Chorwerke von Bernstein und Beethoven
Von Christina Mosimann
Der Chor "Cantus Basel" widmet sich gern und erfolgreich
selten aufgeführter Musik. Nach Schumanns "Szenen aus
Goethes Faust" gilt nun die Aufmerksamkeit Beethovens Oratorium
"Christus am Ölberge" und Bernsteins "MissaBrevis"
für Countertenor, Chor a cappella und Schlagzeug.
Das 1803 entstandene Oratorium "Christus am Ölberge" ist bei Musikern und Publikum kaum bekannt; bei der Uraufführung (mit dem 3. Klavierkonzert und der 2. Sinfonie) wurde es gut aufgenommen. Bis in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts gehörte es zum Repertoire und verschwand dann mit der Wiederentdeckung von Bachs und Händels geistlicher Musik. Ein Grund dafür mag auch der wenig geglückte Text des Opernlibrettisten Franz Xaver Huber gewesen sein, der das Oratorium zu stark in die Nähe des Operngenres rückte. - Die Musik gehört zum Schönsten und Einfühlsamsten, was Beethoven komponiert hat.
Das zweite Werk, ein bewusster Kontrast, ist Bernsteins 1988 in Atlanta uraufgeführte "Missa Brevis". Sie berührt durch mittelalterlich anmutende Archaik: Chor, Countertenor, sparsam, gezielt eingesetzter Gebrauch der Schlaginstrumente, vor allem der dominierenden Glocken. Unter Walther Riethmann konzertiert "Cantus Basel" mit dem "Consortium Musicum" und den Solisten Rahel Hauenstein (Sopran), Daniel Sans (Tenor), Michael Leibundgut (Bass) und Martin Oro (Countertenor).
Zeitlich genau richtig positionierte
der Chor Cantus Basel zusammen mit dem Consortium Musicum unter
der Leitung von Walter Riethmann Ludwig van Beethovens selten
gespieltes Oratorium "Christus am Ölberge", ein
Werk, das einen Christus in bald zorniger, bald heiter abgeklärter
Todesahnung vorführt, ihn mit Engeln und Häschern konfrontiert
und in einen Dialog mit einer Art persönlichem Engel, dem
Seraph, treten lässt.
Gerade in der sehr sorgfältigen, dynamisch flexiblen, in Orchester und Chor fein ausbalancierten Aufrührung dieses merkwürdigen Zwitters zwischen Oratorium und Oper zeigten sich am Sonntag in der Martinskirche denn auch die Gründe, warum man dieses Werk kaum je aufführt: Eine für Beethoven erstaunliche Uninspiriertheit zieht sich durch die Musik; selbst die Ouvertüre - für den Meister der spätklassischen Sinfonik doch bestimmt eine schöne Herausforderung - wirkt seltsam blass und fantasielos. Die Rezitative, Arien und Duette erinnern dann an den bekanntlich auch nicht ganz so glücklichen "Fidelio"; daran, dass sie in Ausdruckskraft und jener Dramatik, die wir Beethoven aufgrund seiner Sinfonien zutrauen, enttäuschen und oft gesetzt sind wie von einem schlecht gelaunten Haydn.
Sorgfältig und engagiert
Es sei nochmals betont: Gerade die besonders sorgfältige Ausführung durch Cantus und Consortium Musicum machte diese Mängel hörbar - hätte man nachlässiger gespielt und gesungen, hätten sich Rahel Hauenstein als Seraph, Daniel Sans als Jesus und Michael Leibundgut als Petrus weniger engagiert in die an sich nicht sehr dankbaren Rollen gekniet - man hätte die Schwächen zweifellos zu Unrecht der Aufführung angelastet,
Im zweiten Teil des Konzertes kam dann der im Beethoven-Oratorium etwas stiefmütterlich behandelte Chor voll zur Geltung: Leonard Bernsteins reizende "Missa Brevis" für Countertenor, Chor a cappella und Schlagzeug forderte den gut besetzten und disponierten Chor zur vollen Entfaltung seiner Qualitäten, und das sind nicht wenige: Intonationssicherheit auch in vielstimmigen freitonalen Akkorden, dynamische Breite vom fast unhörbaren, stimmlich aber präsenten Pianissimo bis zum offenen Forte, durchsichtige Polyphonie, Klangschönheit und Homogenität. Besonders auffallend war das zart einsetzende, fugierte "Laudamus te" im 2. Satz, dem "Gloria". Filigran und fein ziseliert weben sich die Stimmen nach und nach ineinander bis hin zur volltönenden Anrufung Gottes und seines Sohnes - in einer Intensität, wie sie zuvor in Beethovens Oratorium nicht erreicht werden konnte.
Fordernd und drängend
Im vielstimmigen, sehr expressiven "Benedictus" schimmern dank toller Intonation die bezauberndsten Chorfarben auf, Im "Agnus Dei" verwob sich Martin Oros schmiegsamer Kontratenor mit dem Chor, dass es eine Freude war. Delikat war dann auch das "Dona nobis pacem" im "Agnus Dei", das Bernstein entgegen der Tradition nicht besinnlich und meditativ, sondern im Gegenteil selbstbewusst fordernd setzt: Die mit Schellenkranz und Kastagnetten unterstützte drängende Rhythmik des Chores hätte hier beinahe zum Tanzen provoziert.
So vermochte der zweite Konzertteil zu schenken, was der erste Teil verweigerte: Chormusik hoher Qualität, sinnlich anrührend und musikalisch berauschend.
Dem Chor Cantus Basel und dem Dirigenten
Walter Riethmann verdankt das hiesige Musikleben Begegnungen mit
selten aufgeführten Werken. Das erfordert Gespür und
Wagemut, was sich nicht durchwegs ausbezahlt macht. Für das
Programm in der Martinskirche stellte sich ein neugieriges und
dankbares Publikum ein. Der anhaltende Applaus durfte als Zustimmung
gewertet werden.
Beethovens "Christus am Ölberge", op.85, kann kaum als eines seiner Meisterwerke verstanden werden. Formal und musikalisch wirken die Einfälle uneinheitlich, grossgeschaute Augenblicksaufnahmen stehen neben Opernhaftem und nur bedingt Inspiriertem. Die Kantate handelt von den Vorgängen am Ölberg und der Gefangennahme Christi. Als Schlussverklärung wird dem Ganzen der Engelschor "Welten singen Dank und Ehre dem erhabnen Gottessohn" hinzugefügt. Der Textdichter Franz Xaver Huber war vor allem Opernlibrettist.
Musikalisch bemerkenswert erscheinen vor allem das traurige, düstere es-moll-Vorspiel, das erste Rezitativ Jesu, die feierliche Ankündigung der Serapherscheinung, dann erneut ein Jesus-Rezitativ "Willkommen, Tod", und noch der in manchen Teilen berührende Engelschor.
Stimmlich gefordert- vor allem Sopran und Tenor in hohen Stimmlagen- konnten die Solisten ihre Qualitäten unter Beweis stellen. Stimmumfang und Fülle der jungen Schweizer Sopranistin Rahel Hauenstein liessen aufhorchen, stimmtechnisch darf noch gefeilt werden, aber das Potenzial liegt vor. Strahlend und klangsatt auch der Tenor von Daniel Sans, dessen Timbre von metallischem Glanz ist. Der Bass von Michael Leibundgut, körnig und schwarz, kontrastierte zu den beiden anderen Solisten.
Das erst vor zwei Jahren gegründete Berufsorchester Consortium Musicum agierte und reagierte nicht in akademisch geschliffenem Duktus, musizierte jedoch in anpassungsfähiger und durchpulster Spielweise. Der Chor verstand es immer wieder, sich zu steigern, vor allem in kraftvollen kompositorischen Gesten. Walter Riethmann behielt alles und alle im Auge, kleinere Mängel im Zusammenspiel erwiesen sich nicht als gravierend.
Keine Viertelstunde lang dauert Leonhard Bernsteins Missa Brevis für Countertenor, Chor a cappella und Schlagzeug. Den sechs Teilen der Messe, ohne ein "Credo", wohnt etwas schlaglichtartiges Schlaglichtartiges inne, sie sind wie rhythmisch unterschiedliche Chiffern. An- und Aufrufe, grundiert durch das Schlagzeug. Martin Oro, der Countertenor durfte Akzente setzen. Man kann hier nicht sagen, die Intonation des Cantus Basel-Chores sei perfekt gewesen. Die Wiederholung des Schlussteils belegte, dass wiederholtes Hinhören Gewöhnungen fördert und Gewohnheiten bildet. Das gilt auch fürs Singen.