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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Zweiunddreissigste Homilie.
I.
72. Ihr aber seid Christi Leib und Glieder dem Antheile nach.1
Damit Niemand etwa einwenden möchte: „Was geht uns denn dieser Vergleich mit dem Leib an? Denn dieser gehorcht der Natur, unsere Handlungen aber geschehen aus freier Wahl,“ so bezieht er Das auf unsere Verhältnisse und zeigt, daß wir aus freier Thätigkeit uns zur gleichen Eintracht verbinden sollen, wie die Glieder es naturgemäß thun, indem er sagt: „Ihr aber seid Christi Leib.“ Dürfen wir aber schon an unserem eigenen Leib keine Störung erregen, so dürfen wir es um so weniger an dem Leib Christi, und in dem Grade weniger, in welchem die Gnade mächtiger ist als die Natur. „Und Glieder dem Antheile nach.“ Wir sind, will er sagen, nicht nur ein Leib, sondern auch Glieder. Über Beides hat er oben erklärt und gezeigt, daß die vielen Glieder einen Leib bilden, und daß dieser durch die vielen Glieder be- [S. 544] stehe, und daß sie, in Eins verbunden, doch verschieden sein können. Was heißt aber das: „dem Antheile nach“? Was euch betrifft, insofern ihr einen Theil der Kirche ausmachet, will es sagen. Denn er hatte den ganzen Körper genannt; der ganze Körper war aber nicht bloß die Kirche von Korinth, sondern die Kirche auf der ganzen Erde. Darum sagt er: „dem Antheile nach,“ d. h. eure Kirche ist ein Theil der allgemeinen Kirche und des Leibes, der aus allen Kirchen gebildet wird; darum müsset ihr, wenn ihr gerecht und zumal Glieder des Leibes sein wollet, nicht nur unter einander, sondern mit der ganzen Kirche auf Erden in Frieden leben.
28. Und zwar hat Gott die Einen gesetzt in der Kirche erstens als Apostel, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer, dann Wunderkräfte, dann Heilungs-Gnaden, Hilfeleistungen, Zurechtweisungen, Gattungen von Sprachen.
Paulus verfährt nun hier, wie ich oben bemerkte: Weil sie sich auf die Sprachengabe viel einbildeten, so nennt er diese immer zuletzt. Denn nicht zufällig gebraucht er die Ausdrücke „zuerst, zweitens,“ sondern er setzt damit das Vorzüglichere an die erste Stelle und zeigt, was minder vorzüglich ist. Die Apostel setzt er in die vorderste Reihe, weil sie alle Gnaden-Gaben besaßen. Und er sagt nicht einfach: Gott hat sie in der Kirche als Apostel oder als Propheten gesetzt, sondern er schreibt: erstens, zweitens und drittens und spricht so aus, was ich eben bemerkte. „Zweitens als Propheten.“ Denn sie weissagten, wie die Töchter des Philippus, wie Agabus und wie eben die Begeisterten zu Korinth, von denen er sagt: „Die Weissagenden aber mögen je zwei oder drei reden.“2 Und in [S. 545] seinem Schreiben an Timotheus sagt er: „Vernachlässsge nicht die Gnadengabe, welche in dir ist, die dir gegeben worden durch Weissagung!3 Ja, es gab damals weit mehr Propheten als im alten Bunde. Denn die Gabe war nicht etwa auf zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert beschränkt, sondern diese Gnade war reichlich ausgegossen, und jede Kirche zählte Viele, die weissagten. Wenn aber Christus sagt: „Das Gesetz und die Propheten bis auf Johannes,“4 — so redet er von jenen Propheten, die seine Ankunft vorhergesagt haben. „Drittens Lehrer.“ Denn wer prophezeit, der redet Alles aus Eingebung des Geistes; wer aber lehrt, der verwebt ab und zu in seinem Vortrag Manches aus eigener Einsicht. Darum sagt der Apostel: „Priester, die würdig vorstehen, halte man doppelter Ehre werth, vorzüglich diejenigen, welche sich mit Lehre und Unterricht abgeben!“5 Wer aber aus Eingebung des Geistes spricht, der hat dabei keine Mühe; darum setzt er auch die Lehrer nach den Propheten, weil bei letzteren Alles ein Geschenk des Geistes ist, bei jenen aber auch menschliche Arbeit dazu kommt: denn der Lehrer trägt auch Vieles aus sich vor, jedoch in Übereinstimmung mit den heiligen Schriften. „Dann Wunderkräfte, dann Heilungs-Gnaden.“ Siehst du, daß er wieder, wie er es früher gethan, die Wunderkräfte und die Heilungs-Gnaden unterscheidet? Denn die Wunderkraft hat einen Vorzug vor der Heilungs-Gnade; wer nämlich die Wunderkraft hat, der strafet und heilt; wer aber die Heilungs-Gnade besitzt, der heilt nur. Und siehe, wie schön er sie ordnet, indem er die Gabe der Weissagung den Wunder Kräften und der Heilungs-Gnade voranstellt. Oben sagte er ohne Unter-terschied und ohne den Rang zu beachten: „Dem Einen nämlich wird durch den Geist gegeben das Weisheits-Wort, dem Andern aber das Wissenschafts-Wort,“6 — hier aber [S. 546] stellt er voran und ordnet unter. Warum stellt er nun die Weissagung voran? Weil sie auch im alten Bunde diesen Rang inne gehabt. Wenn nämlich Isaias zu den Juden redet und sie von der Kraft Gottes und der Nichtigkeit der Götzen überzeugen will, so führt er die Vorhersagung künftiger Dinge als stärksten Beweis seiner Gottesmacht an. Und auch Christus, der so viele Wunder gewirkt hat, nennt dieselbe einen kräftigen Beweis seiner Gottheit und schließt seine Rede beständig mit den Worten: „Dieses habe ich euch gesagt, damit, wenn es geschieht, ihr glaubet, daß ich es bin.“7 Auf die Weissagungsgabe sollte nun billig die Heilungs-Gnade folgen; warum folgt aber die Lehrgabe? Weil es nicht einerlei ist, das Evangelium predigen, den Samen der Frömmigkeit in die Herzen der Zuhörer streuen und Wunder thun; denn diese werden auch durch die Lehrgabe gewirkt.
1: Μέλη ἐκ μέρους; die Vulgata liest: μέλη ἐκ μέλους = membra de membro.
2: I. Kor. 14, 29.
3: I. Tim. 4, 14.
4: Matth. 11, 13.
5: I. Tim. 5, 17.
6: I. Kor. 12, 8.
7: Joh. 13, 19.