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Konsumentinnen und Konsumenten und ihre Macht (2)
Langfristig haben Konsumenten- und Dritte-Welt-Organisationen mehr erreicht als es scheint: Von Faire Trade bis zur Steuerflucht.
Als allererste begannen Anfang der 1970er Jahre kritische kirchliche Frauen, indem sie die tiefen Bananenpreise hinterfragten. Wie kommt es, dass ein Kilo Bananen nach der langen Überseereise bei uns weniger kostet als ein Kilo einheimischen Obsts? Das wollten einige ethisch motivierte Frauen rund um die Pfarrfrau Ursula Brunner in Frauenfeld genauer wissen.
Inspiriert durch die Frage nach dem «gerechten Lohn» und informiert durch den Film «Bananera Libertad» des Schweizer Filmers Peter von Gunten entstand eine demonstrative Aktion von Bananen, die mit einem «gerechten» Aufpreis verkauft wurden und ein grossem Medienecho auslösten.
Die «Erklärung von Bern» startete ab 1974 die «Kaffeeaktionen Ujamaa». Die Aktion Ujamaa sollte als Verkaufsaktion von löslichem Kaffeepulver aus Tansania symbolisch die Botschaft vermitteln, dass die Entwicklungsländer nicht nur Kolonialrohstoffe, sondern wertschöpfungsintensiv verarbeitete Fertigprodukte und Fabrikate verschiffen wollten.
«Jute statt Plastic»
Eine weitere Konsumentenaktion, ebenfalls initiiert von der Erklärung von Bern und finanziell mitgetragen durch weitere kirchliche und studentische Aktionsgruppen, konzentrierte sich ab 1975 auf den Import von handgenähten Jutetaschen aus ländlichen Frauenkooperativen in Bangladesh.
Mit der Aktion «Jute statt Plastic» sollten ab 1975 zwei Themen vereint werden: einerseits die Arbeitsbeschaffung für arme Frauen in Bangladesh durch die lokale Verarbeitung des vorhandenen Rohstoffs Jute, und anderseits eine Warnung vor giftigem, die Umwelt belastendem Kunststoff, der damals häufig auf PVC-Basis hergestellt war und beim Verbrennen Salzsäure (HCl) abgab. Zunächst 40'000, darauf weitere 80'000 Jutetaschen aus bengalischen Frauenkooperativen konnte die Erklärung von Bern in kurzer Zeit vertreiben.
Beide Aktionen, «Kaffee Ujamaa» und «Jute statt Plastic», wurden bald in Holland, in der Bundesrepublik Deutschland, ja sogar in Skandinavien und andern Ländern Westeuropas übernommen und grosskalibrig betrieben.
Im Verlauf der Zeit entstanden aus spontanen Standaktionen permanente Dritte-Welt-Läden, darauf eine genossenschaftliche Importstelle «OS3» (Organisation Suisse-Tiers Monde), die zur heutigen, professionell geführten «Claro» führte und welche die «Claro-Läden» mit Fair Trade-Produkten beliefert.
In Deutschland und Holland sind ebenso tausende «Dritte-Welt-Läden», «Welt-Läden» oder «Solidaritäts-Shops» entstanden.
Max Havelaar
Aus den holländischen Konsumentenaktionen wurde in den Achtzigerjahren das Fair Trade-Label «Max Havelaar» verbreitet. Es fand nicht nur in Alternativ- und Parallelshops sondern europaweit auch bei Grossverteilern Eingang (in der Schweiz bei Migros und Coop). Die Produktionsbedingungen im Herkunftsland der Produkte werden heute kontrolliert und eine bestimmte Marge aus dem Verkauf wird für Projekte und Investitionen in den betreffenden Ländern eingesetzt. Bei den Datteln zum Beispiel gehen 15 Euro-Cents pro Kilo an die jeweilige Produzenten-Genossenschaft, die an einer Vollversammlung über das Geld frei verfügen kann.
Mode und Fairness
Im Hochpreissegment haben in der Zwischenzeit europäische Modehäuser das Fair Trade-Label übernommen. So warb Coop im Modeherbst 2010 für «Fashion und Fairness» zur Positionierung ihrer hochpreisigen Modekollektion unter dem Signet «Naturaline-BioCotton». Werbespruch: «Ein Kleidungsstück von Naturaline ist mehr als nur ein Kleidungsstück. Das Label vereint Mensch, Umwelt und Mode…».
Ethische Werte der frühen Dritte-Welt-Bewegung sind also zu Vehikeln der kommerziellen Qualitätswerbung bei kaufkräftigen Mittelschichten geworden. Und die ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger amtet als Model und Botschafterin für Fair-Trade-Mode. Konsumentenmacht wird über den Markt auch zur ethischen Macht.
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Dies ist ein zweiter Auszug aus der Rede, die Rudolf Strahm im Hinblick auf den Dies Academicus der Universität Bern am 2. Dezember 2011 gehalten hatte. Die Universität Bern verlieh Strahm auf Antrag der Theologischen Fakultät die Ehrendoktorwürde.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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