Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03182.jsonl.gz/755

Im Gotthelf-Jahr 1954 hat es nicht nur Gotthelf-Tagungen und Gotthelf-Ausstellungen, eine Gotthelf-Briefmarke und ein Gotthelf-SJW-Heftchen gegeben – es gab auch einen mit aller polemischen Schärfe geführten Streit um die Frage, welche Zugriffe auf das Werk von Jeremias Gotthelf legitim seien und welche nicht. Im Zentrum der Auseinandersetzung standen sich zwei Pädagogen gegenüber: Einerseits der 1902 geborene Ernst Balzli, Sohn eines Bolliger Giessereiarbeiters, langjähriger Primarlehrer in Grafenried, Mundartschriftsteller und ab 1946 als Mitarbeiter von Radio Bern beauftragt, verschiedene grosse Romane Gotthelfs in Hörfolgen umzuarbeiten. Andererseits Walter Muschg, geboren 1898, Sohn eines Lehrers in Witikon (ZH), seit 1936 Professor für deutsche Literatur an der Universität Basel, zwischen 1939 und 1943 Nationalrat für den Landesring der Unabhängigen, Verfasser von «Gotthelf. Die Geheimnisse des Erzählers» (1931) und Herausgeber der zwanzigbändigen Gotthelf-Werkausgabe im Birkhäuser-Verlag. Der populärste Gotthelf-Vermittler stritt mit dem prominentesten Gotthelf-Schrift-Gelehrten.
Strassenfeger
Seit dem Winter 1946/47 war Ernst Balzli berühmt: Jeweils am Mittwochabend strahlte Radio Bern seine Dramatisierungen von «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter» aus. 1948 folgte «Annebäbi Jowäger», 1950 «Die Käserei in der Vehfreude» und ab Februar 1954 waren unter dem Titel «Peter Käser, der Schulmeister» die «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» angesagt. Diese Gotthelf-Bearbeitungen gehören bis heute zu den erfolgreichsten Strassenfegern der schweizerischen Radiogeschichte. «Gemeinderäte, Schulkommissionen und andere Behörden sahen sich genötigt, ihre Sitzungen von diesem Abend auf einen anderen zu verschieben», schreibt Balzli-Biograph Hermann Wahlen. Öffentliche Kritik an den Hörspielen wurde jahrelang keine laut. Die zünftige Literaturkritik ignorierte sie und schwieg vornehm.
Polemik
«Was übrig bleibt, sind derbe Kilter- und Kühdreckanekdoten, aber wäger nicht Gotthelf.» Mit dieser Feststellung eröffnete schliesslich der Langnauer Lehrer Hans Schmocker den Streit um die «Gotthelf-Verballhornungen am Radio». Im «Berner Schulblatt» (5.12.1953) führte er für seine Überzeugung drei textkritische Argumente an:
• Die durchgehende Übertragung der gotthelfschen Prosa ins Berndeutsche sei unzulässig: «Gotthelf schrieb weder hochdeutsch noch berndeutsch, sondern beides in einer nur ihm eigenen und möglichen Art.»
• Balzlis Bearbeitung, die durch die Dramatisierung die Einheit von Inhalt und Form der Texte zerstöre, sei unzulässig. Der Bearbeiter, so Schmocker drastisch, sei nach dem Motto vorgegangen: «Rossfleisch bleibt Rossfleisch, selbst wenn man Würste daraus macht.»
• Die massiven Kürzungen, die vorab die predigtartigen, reflektierenden Passagen betrafen, seien unzulässig, weil so der «episch breite Fluss von Gotthelfs Dichtungen verloren» gehe.
Das «Berner Schulblatt» wollte sich allerdings mit der Polemik an den weitherum beliebten Hörspielen nicht zu sehr in die Nesseln setzen. Darum veröffentlichte es mit Schmockers Text gleich fünf Repliken von Schriftstellern und Gotthelf-Verlegern zugunsten Balzlis, die jedoch auf Schmockers Argumente kaum Bezug nahmen:
• Balzli habe – wie etwa Simon Gfeller mit seiner erfolgreichen Dramatisierung von «Hans Joggeli der Erbvetter» (1918) – einen vermittelnden «Dienst an Gotthelf» geleistet. Die Frage sei nicht, so Adolf Schaer: «Wurden die Sendungen dem Geiste Gotthelfs in jeder Beziehung gerecht oder nicht? Sie müsste lauten: Waren sie irgendwie geeignet, das Volk für Gotthelf zu gewinnen?»
• Die Büchergilde Gutenberg rechnete vor, dass zwischen 1937 und 1947 150 000 Bände ihrer mit den Holzschnitten von Emil Zbinden illustrierten Gotthelf-Reihe verkauft worden seien, in den letzten sechs Jahren jedoch deren 250 000 – eine Steigerung um fast 200 Prozent dank Balzlis Hörfolgen. Erwin Heimann argumentierte deshalb: «Allein die Tatsache, dass sich seit den Hörspiel-Sendungen der Absatz von Gotthelf-Büchern vervielfacht hat, müsste den Kritiker milder stimmen.»
Donnerwetter
Aber mit der Argumentation, der Zweck der Volkserziehung heilige die Mittel der trivialisierenden Vermittlung, war 1954 ein öffentlicher Disput um Gotthelfs Werk nicht mehr zu entscheiden. Denn Gotthelf war nicht mehr der von der Literaturpflege ignorierte, pfarrherrlich volksschriftstellernde Querschädel, als der er nach seinem Tod 1854 allmählich in Vergessenheit geraten war. Um die Jahrhundertwende war er wiederentdeckt und seither von der Literaturwissenschaft als Epiker von weltliterarischem Rang in den Kanon der Hochkultur aufgenommen worden: Seit 1911 publizierte der Eugen Rentsch Verlag die bis heute vollständigste Werkausgabe Gotthelfs (24 Bände und 18 Zusatzbände, abgeschlossen 1977, vergriffen); parallel dazu erschienen bedeutende Bücher über Gotthelfs Leben und Werk von Gabriel Muret (1913), Rudolf Hunziker (1927), Walter Muschg (1931), Werner Günther (1934) und – damals gerade aktuell – Karl Fehr (1954).
Deshalb geschah, was geschehen musste. Aus Anlass der letzten «Schulmeister»-Folge im Radio schaltete sich am 3. Juli 1954 in den «Basler Nachrichten» mit einem fulminanten professoralen Donnerwetter Walter Muschg in die Auseinandersetzung ein: «Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Wesentliche bei Gotthelf weder im Bäuerlichen noch im Berndeutschen liegt, sondern eben in Gotthelf selbst, dann hat ihn Balzli geliefert, indem er diese beiden Dinge zur Hauptsache machte. […] Es wurde noch einmal ein nachgerade überwundenes Zerrbild Gotthelfs in weiteste Kreise getragen: das ‘grosse epische Genie’ (Keller) als urchig-fideler Geschichtenerzähler, als Meister sackgrober Gemütlichkeit und Spassmacher im Stil der Ländlermusik.»
Aussprache
Obschon Muschg in der Sache vor allem die textkritischen Argumente Schmockers variierte und vertiefte, war die Wirkung seiner Polemik unvergleichlich. Im Radio Bern, scheint es, grassierte die Angst, von einer akademischen Kapazität des Banausentums überführt zu werden. Man verlegte sich deshalb aufs Schiedsrichtern und organisierte für den 13. Oktober «eine Aussprache am runden Tisch» zwischen Muschg und Schmocker einerseits, Balzli und dem Professor Georg Thürer andererseits. Der Ausgang des Disputs war von vornherein klar: Zwar unterlag Balzli auf der Ebene der textkritischen Argumentation, aber auf der Ebene der Gotthelf-Popularisierung machte Muschg keinen Stich. Das Radiopublikum liess sich seinen Balzli nicht einfach vernütigen. Während Muschg und Schmocker nach ihrem Radioauftritt mit brieflichen und telefonischen Belästigungen überhäuft wurden, erhielt Balzli bis Ende Jahr – wie er später schrieb – exakt 3193 unterstützende Briefe und Karten.
Bitterkeit
Balzlis Heimspiel im Radio musste Muschg verloren geben. Deshalb organisierte er sich seinerseits ein Heimspiel – im Interesse der Sache, wie er sie sah, und zweifellos in bisschen enragiert über die pöbelnde Fraktion der vox populi. Innert Monatsfrist verfasste er unter dem Titel «Gotthelf im Radio. Eine notwendige Kritik» eine Broschüre, die im Urteil gipfelte: «[Der] Riesenerfolg spricht in den Augen jedes Gotthelfkenners direkt gegen Balzlis Bearbeitungen. In der Kunst ist die Rücksicht auf die Masse das sichere Kennzeichen des Schlechten.» Nun begriff auch der letzte der publizistisch wirkenden Apologeten der Hochkultur, was es geschlagen hatte. Eine Umfrage der «Neuen Schweizer Rundschau» im Februar 1955 unter Schriftstellern und Zeitungsredaktoren war für Balzli vernichtend. Keiner, der ihm jetzt noch die Stange gehalten hätte. Jetzt statuierte das Bildungsbürgertum am armen Balzli ein Exempel: Wo die Exegeten der Wissenschaft Weltliteratur attestieren, hat volkserzieherische Ambition nichts mehr zu suchen. Dieses Diktum gilt wohl bis heute unverändert und macht die Aktivitäten im Gotthelf-Jahr 1997 zur Gratwanderung.
Bereits kurz nach der ersten Intervention von Schmocker hat Balzli übrigens seine Stelle beim Radio gekündigt, enttäuscht darüber, dass sein Arbeitgeber ihn feige am Pranger hat stehen lassen. Als ihm mit den «Luzerner Neuesten Nachrichten» am 5. März 1955 endlich eine Zeitung ihre Spalten öffnete, damit er seinerseits noch einmal Stellung nehmen könne, stand er in Ostermundigen längst wieder im Schuldienst. Nun attackierte er Muschg in einem ungemein bitteren Artikel als «kleinen, kreischenden Polemiker» mit «einer hemmungslos und meisterhaft gehandhabten Dreckschleuder». Dieses Niveau, man kann es sich denken, hat der Professor in Basel selbstverständlich nicht nötig gehabt.
Walter Muschg hat damals für die exakte Gotthelf-Rezeption die adäquateren Argumente vertreten – Bearbeitungen sagen ja allemal mehr über die Bearbeiter aus als über das Bearbeitete. Aber es war in erster Linie Muschg, der den Hörspiel-Streit zur Prestigesache, zum Männer-Hahnenkampf machte (keine einzige Frau hat sich in dieser Auseinandersetzung öffentlich geäussert). Als Balzli, erst 57jährig, am 3. Januar 1959 an einer Herzkrise gestorben war, musste sich Muschg deshalb im Balzli-Nachruf der «Reformierten Schweiz» sagen lassen: «[Die Meckerer] reden gelehrt von hoher literarischer Warte oder auch bloss als billige Nachschwätzer. In Ernst Balzlis Sache redeten sie schwer verwundend.» Der rastlos weiterarbeitende Literaturwissenschaftler Walter Muschg ist einige Jahre später, am 6. Dezember 1965, auf einem Gang zur Post tot zusammengebrochen. Auch bei ihm war’s das Herz.
Dieser Text ist unter dem Titel «Schriftgelehrter gegen Mundartschriftsteller» nachgedruckt worden in: Emil O. Bohnenblust/Fritz von Gunten/Gerhard Schütz [Hrsg.]: Gotthelfaugenblicke, Münsingen-Bern (Fischer Media AG) 1997, 104-108; sowie: Gerhard Schütz [Hrsg.]: Gotthelf. Leben, Werk und Wirkung von Albert Bitzius. Oberhofen (Zytglogge) 2013, 112-115.