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Dunkle Kirchenmänner, Nacht- und Nebelaktionen
Der Hilfsprediger – ein Roman von Hilary Mantel
Auf dem Cover von Hilary Mantels Der Hilfsprediger ist eine ausgeblasene Kerze zu sehen, deren Rauch sich schwarz durch die Schriftzüge von Autorin und Titel schlängelt. Der Docht scheint – unsichtbar – noch zu glimmen, ein kleiner goldener Glanz liegt auf dem Wachs. Die Szenerie ist mit schwarzen Linien umschlossen, und es wirkt so, als finge sich der Rauch im Rahmen und könne das Ganze im nächsten Augenblick vollständig schwärzen. Aber nichts ist so schwarz, wie es wirkt, und manches ist schwärzer, als es scheint.
Der englische Titel Fludd ist mehrdeutiger als der deutsche Der Hilfsprediger. Fludd ist die Flut, und so scheint über das englische Moordorf im Jahr 1956 mit Father Fludd, dem Hilfsprediger, eine Flut hereinzubrechen, die leise, fast unbemerkt, das Dorf unter Wasser setzt. Fludd kommt vermeintlich auf Geheiss des Bischofs, der topdown die Bigotterie von Heiligenverehrung und verzerrt frommer Denkungsart von heute auf morgen zu modernisieren anstrebt, also eine Kirchenreform in Gang bringen will und dabei radikale Strukturveränderungen im Auge hat. Ob Fludd jedoch tatsächlich „im Auftrag des Herrn“ unterwegs ist, wird für den Leser immer mehr zur Frage. Manchmal ähnelt der Roman einem Krimi von Agatha Christie, dann wieder hat er Züge eines Märchens, in dem der Teufel sein rätselhaftes Unwesen treibt. Es werden Heiligenfiguren auf dem Friedhof beerdigt, dann in einer Nacht- und Nebelaktion wieder ausgegraben – letzteres mit dem klaren Ziel, in der Ära nach der des amtierenden Bischofs, den Kirchenraum wieder mit den geliebten Skulpturen auszuschmücken. Plötzlich taucht viel Geld auf und man rätselt als Leserin, ob es etwas mit den ausgebuddelten Heiligen zu tun hat. Kommt am Ende sogar ein Thriller dabei heraus?
Eine junge Nonne, von der Herkunft her ein irisches Mädchen aus einer grausam armen Arbeiterfamilie, stellt auf ihre Weise die Denkarten des Bischofs auf den Kopf – klug, ohne zu ahnen wie klug. Eine unklare Sehnsucht zieht sie aus dem Dorf hinaus. Keine Topdown-Verordnung könnte jemals so viel Freiheit ermöglichen. Fludd sagt ihr, sie habe ihren inneren Kompass. Niemand müsse ihr sagen, wohin ihr Weg führe.
Es lohnt sich unbedingt, dieses kleine und raffinierte Meisterwerk der Juristin und Schriftstellerin Hilary Mantel zu lesen – 2017 auf Deutsch erschienen, schon 1989 in England veröffentlicht.
Gut und Böse, richtige und falsche Bahnen – alles wird subtil untergraben. Nichts bleibt, wie es war. Am Ende sind einige der Beteiligten freier, als sie jemals zu träumen wagten. Und andere … naja, mancher braucht ein bisschen länger oder schafft es vielleicht nie. Und Fludd, wer ist er, woher kommt er und was wird sein nächstes Ziel sein? Wir erfahren in einer „Bemerkung“ vor Beginn der Geschichte, dass der „wirkliche Fludd“ ein Arzt, Gelehrter und Alchemist im Übergang zwischen dem 16. und dem 17. Jhrd war. Ist Fludd vielleicht ein Wiedergänger und hat seine alchemistischen Kenntnisse eingesetzt, um wahres Gold an die Oberfläche zu bringen? Wer weiss? Hilary Mantel schmuggelt einen Alchemisten ins 20. Jhrd, nachaufgeklärt scheinbar völlig fehl am Platz. Aber mit ihm brechen das Symbolische und das Fantastische in die Erzählung ein und erobern sich einen Platz, der fatal leer geblieben wäre. Vernunft ohne Fantasie führt zu neuen schrägen Strukturen, die am Leben der Menschen wieder vorbeigehen.
Und ich lege diesen Roman widerstrebend und angeregt aus der Hand, hoffend, dass sich solche Perlen auch in den Lektüren von 2018 finden werden.