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Als erster US-Präsident seit 15 Jahren besucht Barack Obama ein Ureinwohnerreservat. Er feiert sich als Helfer der indigenen Bevölkerung, doch viele leben immer noch im Elend.
Sitting Bull, Amerikas berühmtester Häuptling, verkam schon zu Lebzeiten zur Karikatur. Ende des 19. Jahrhunderts, als die Kriege verloren waren, sah sich der Sioux-Führer gezwungen, in Buffalo Bills «Wild West Show» aufzutreten. Für 50 Dollar die Woche ritt er im Kreis – und verfluchte das Publikum dabei in der Stammessprache Lakota.
Sitting Bull starb eines gewaltsamen Todes: 1890 wurde er im Sioux-Reservat Standing Rock, North Dakota, von Polizisten erschossen. Bis heute ist unklar, wo er begraben liegt.
Standing Rock – benannt nach einem der sieben Stämme der Great Sioux Nation – steht für die Tragödie der Ureinwohner: Das Reservat ist von 1,6 Millionen Hektar auf fast die Hälfte geschrumpft, seine indigene Bevölkerung von mehr als 20'000 auf kaum mehr 6000. Sie leben von der Landwirtschaft, dem Verkauf von Souvenirs und zwei Casinos. Arbeitslosenquote: 79 Prozent.
Barack Obama will sich am Freitag ein Bild machen von dem Elend. Als erster US-Präsident seit 15 Jahren wird er mit Standing Rock ein Reservat besuchen. Der letzte war Bill Clinton, der 1999 ein anderes Gebiet kurz beehrte. Der letzte davor: Franklin D. Roosevelt – im Jahr 1936.
Das sagt viel über den Status der Ureinwohner in den USA aus. 5,2 Millionen Amerikaner erklärten sich bei der letzten Volkszählung zu «Native Americans», 1,1 Millionen leben noch in den Reservaten.
Präsident Obama engagiert sich stärker als die meisten seiner Vorgänger. Als erster Präsidentschaftskandidat überhaupt besuchte er 2008 einen Stamm, die Absarokee in Montana. Die adoptierten ihn unter dem Namen Awe Kooda Bilaxpak Kuxshish: «Der Leuten im ganzen Land hilft.»
Seit seiner Wahl lädt Obama jedes Jahr zu einer« Stammeskonferenz» ins Weisse Haus. «Die Geschichte der USA und der Stammesnationen ist voller gebrochener Versprechen.», räumte Obama in einem Gastbeitrag für die Publikation «Indian Country Today» ein, mit dem er seinen Besuch in North Dakota ankündigte. «Ich glaube, dass wir unter meiner Regierung gemeinsam über den Berg gekommen sind.»
Davon kann keine Rede sein: Die durchschnittliche Arbeitslosenquote ist unter Ureinwohner doppelt so hoch wie unter Weissen. Ihr Einkommen liegt mit im Schnitt 35'310 Dollar im Jahr weit unter dem nationalen Wert (51'371 Dollar). 29,1 Prozent leben in Armut.
Auch bei Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Kriminalität, sexuellen Übergriffen und häuslicher Gewalt führen sie die Statistik an. Sie haben die höchste Selbstmordrate aller ethnischen Gruppen, unter Jugendlichen gilt die sogar als «epidemisch».
Manche Amerikaner schliessen aus den glitzernden Fassaden der Ureinwohner-Casinos, etwa des Foxwoods in Connecticut, dass es Indianern durchaus gut geht. In der Tat halten die Stämme Konzessionen für 354 Spieleroasen und setzten etwa 2012 fast 28 Milliarden Dollar um. Doch das hilft nur wenigen: Die Mashantucket Pequot, die das Foxwoods betreiben, haben nicht mal 800 Mitglieder. Dass alle Ureinwohner durchs Glücksspiel reich würden, so die Hilfsorganisation Native American Rights Fund, sei «ein Mythos».
Gemeinsam mit First Lady Michelle wird Obama in Standing Rock an einem traditionellen Pow-Wow teilnehmen. Die Sioux dürften ihnen bei der Stammesversammlung einen freundlicheren Empfang bereiten als dem letzten hohen Besuch: Als US-General George Custer 1876 in der berühmten Schlacht am Little Bighorn gegen die Ureinwohner aufzog, vernichteten die Krieger seine Truppen in nicht mal einer Stunde.
Es war ihr letzter Sieg.