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Natürlich war Odermatt wieder der bestklassierte Schweizer – wie in den vier vorangegangenen Weltcup-Abfahrten des Winters schon. Selbstverständlich kam ihm auch im Veltlin eine Hauptrolle zu. Das gewohnte Bild halt, auch wenn der Nidwaldner einem neuerlichen Podestplatz nur rangmässig nahe kam.
Auf Kriechmayr, der vor zwei Wochen schon die erste von zwei Abfahrten in Gröden gewonnen hatte, büsste Odermatt fast anderthalb Sekunden ein, der Zweite, der aufstrebende Kanadier James Crawford, war über eine Sekunde schneller, der Dritte, der Norweger Aleksander Kilde, knapp acht Zehntel. Es war ein Verdikt, das Odermatt in dieser Deutlichkeit nicht erwartet hatte. «Der Rückstand hat mich schon ein bisschen überrascht.»
Überraschendes tat sich aus Schweizer Sicht auch im Sog von Odermatt. Das gewohnte Bild wurde um Unerwartetes und Erfreuliches ergänzt. Kryenbühl als Sechster, Murisier als Siebter und Roulin als Achter meisterten die Aufgabe auf der eisigen, holprigen Piste «Stelvio», die ein weiteres Mal Anforderungen im Grenzbereich stellte und die Fahrt zur Mutprobe machte, ebenfalls gut. Sie taten dies auf eine Art, wie es ihnen aufgrund ihrer Vorgeschichten nicht unbedingt zugetraut worden war.
Die verheerenden Stürze
Kryenbühl hatte sich eben erst im Kreis der Besten etabliert, als sein Aufstieg vor knapp zwei Jahren durch den fürchterlichen Sturz beim Zielsprung auf der Streif in Kitzbühel auf brutale Weise gestoppt wurde. Der Schwyzer hatte einen Kreuzband- und Innenbandriss im rechten Knie, einen Schlüsselbeinbruch und eine Gehirnerschütterung erlitten. Aus dem Hoffnungsträger wurde ein Langzeit-Patient. Die Rückkehr in den Weltcup elf Monate später gestaltete sich wie befürchtet schwierig.
Doch es kam noch schlimmer. Kryenbühl stürzte im vergangenen Januar in einem Europacup-Super-G in Saalbach-Hinterglemm wiederum schwer. Eine Beckenverletzung, eine sogenannte Symphysensprengung, zog erneut eine zehn Monate dauernde Wettkampfpause mit sich. Entsprechend erlösend wirkte das Abschneiden am Mittwoch in Bormio. «Es war ein harter Weg. Ich musste ein paarmal unten durch. Schön, dass es hier so gut geklappt hat.»
Geklappt hatte es für Kryenbühl in der Abfahrt auf der «Stelvio» schon zuvor. Vor drei Jahren hatte er es als Zweiter ein erstes Mal im Weltcup aufs Podium geschafft, im folgenden Winter war er Dritter geworden.
Die frappante Steigerung
Den Weg zurück nach Verletzungen kennt auch Murisier zur Genüge. Dreimal schon hatte der Walliser wegen Kreuzbandrissen im rechten Knie längere Pausen einlegen müssen. Der letzte körperliche Rückschlag liegt erst wenige Monate zurück. Anfang Oktober musste sich Murisier einem Eingriff an der Bandscheibe unterziehen. Entsprechend verzögerte sich der Einstieg in die laufende Saison.
Vom eingeschlagenen Weg Richtung Speed-Bereich liess sich der Riesenslalom-Spezialist nicht abbringen. Im Super-G hatte er den Anschluss an die erweiterte Spitze schon gelegentlich geschafft, nun gelang ihm dies, bei seinem ersten achten Start, auch zum ersten Mal in der Abfahrt. Als Siebter verbesserte er seinen Bestwert gleich um 19 Plätze.
Das lange Warten
Auch ohne schwerwiegende Verletzungen lernte Roulin die Schattenseiten des Skirennsports kennen. Vor fünf Jahren hatte er als Vierter in der Abfahrt in Gröden auch im Weltcup seine Visitenkarte abgegeben, nachdem er im Winter zuvor im Europacup Gesamt-, Abfahrts- und Super-G-Wertung für sich entschieden hatte. Doch die Spirale begann sich in die falsche Richtung zu drehen. Roulin schaffte noch ein einziges Mal, als Zehnter in der Lauberhorn-Abfahrt vor knapp vier Jahren, den Sprung in die ersten zehn. Klassierungen zwischen 20 und 40 wurden zur Normalität.
Als Achter in Bormio gelang Roulin nun endlich die langersehnte Steigerung. Eine Klassierung, verbunden mit der Hoffnung auf eine Fortsetzung. Das Überraschungsmoment soll dem gewohnten Bild weichen.