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Charles-François Landry
Weil seine Bücher von einfachen Menschen und elementaren Begebenheiten handeln, lag es nahe, ihn an Ramuz zu messen. Andere wollten ihn, da er die Provence als Schauplatz bevorzugte, unbedingt zum Giono-Epigonen stempeln. Dabei erinnert Diego, sein erster erfolgreicher Roman von 1938 mit der Lapidarität seiner Sprache, der Unerbittlichkeit seines Handlungsverlaufs und mit der düsteren Hoffnungslosigkeit seiner Atmosphäre weit eher an Albert Camus und seinen Roman L'Etranger von 1942! Der Spanier Diego, Mineur in einem provenzalischen Steinbruch, wird nach der Ankunft eines unheimlichen Rivalen unversehens vom Räderwerk einer kafkaesken Justiz erfasst, entfremdet sich innerhalb weniger Wochen allen gewohnten Realitäten und findet, gleichsam nur noch ein Schatten seiner selbst, bei einem Sprengunfall den Tod.
Charles-François Landry stammte aus dem Neuenburgischen, wuchs aber in Südfrankreich auf und lebte nach abenteuerlichen Wanderjahren seit 1936 unter oftmals kümmerlichen materiellen Bedingungen als freier Schriftsteller am Genfersee. Mit über 80 Buchveröffentlichungen - Romane, Biographien, Gedichte, Essays - und zahlreichen Hörspielen war er einer der produktivsten Autoren der französischen Schweiz und hat insbesondere als Romancier eine Reihe höchst bemerkenswerter Texte geschaffen.
Auf Diego liess Landry 1939 Baragne (Buschwald) folgen, den Roman eines weltverlorenen südländischen Dorfes, das von der Dürre bedroht ist und nur allmählich Kräfte zum Überleben entwickelt. In eine ganz andere Welt führte 1948 der Roman Reine: in die Aussenbezirke einer Industriestadt, wo ein junges Mädchen die sinnliche Gewalt der Liebe kennenlernt und zur Mörderin wird, als der Geliebte sich als Ganove und herzloser Opportunist entpuppt. Stärker noch beeindruckt Landry mit seinen Kindheitsbeschreibungen. So in der zauberhaft poetischen Erzählung La Devinaize von 1950, wo man sich in Stimmung und Psychologie immer wieder an Alain-Fourniers Grand Meaulnes gemahnt fühlt. Dass er auch aktuelle politische Themen in seine von tiefer, mitempfindender Menschlichkeit geprägte Epik einzubeziehen vermochte, bewies Landry 1947 mit dem Résistance-Roman Garcia. Wie so häufig in seinen Werken endet die ebenso spannende wie sinnlich lebendige Erzählung mit dem Tod des Protagonisten: 1940 stirbt Garcia, ein mutiger provenzalischer Maultiertreiber, an Stelle einer verfolgten jungen Frau, die er nur so noch retten kann, als Geisel unter den Kugeln eines deutschen Exekutionskommandos. Obwohl Landry etwa in seinen einfühlsamen Büchern über den Jura (1957) und die Waadt (1967) - durchaus auch schweizerische Landschaften zu schildern verstand, wurde er wohl nicht zuletzt deswegen zu einem der bedeutendsten modernen Romanciers der Schweiz, weil er sich geographisch nicht an sie gebunden fühlte. (Literaturszene Schweiz)