Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/3635

Wall Street und die amerikanischen Multis halten nichts von Donald Trumps wirren Plänen und setzen auf Hillary Clinton – wenn auch zähneknirschend.
Donald Trumps Steuerpläne würden neue Billionenlöcher in die Staatskasse reissen. Seine Absicht, mehr als elf Millionen illegale Einwanderer auszuschaffen, würde grosse Teile der Landwirtschaft und der Gastrobetriebe lahmlegen; und würde er seine Ankündigung, internationale Handelsabkommen aufzukündigen, auch umsetzen, dann stünde auch die internationale Supply Chain still und geriete die Weltwirtschaft aus dem Tritt.
Kein Wunder also, dass der Börsenindex Dow Jones heftig und negativ auf die Ankündigung des FBI reagierte, die Untersuchung in Sachen E-Mails von Hillary Clinton wieder aufzunehmen. Kein Wunder auch, dass die internationale Finanzpresse wie «Financial Times» und «Economist» offen für Clinton werben, und selbst das erzkonservative «Wall Street Journal» auf Distanz zu Trump geht.
Für Wall Street und grosse Teile der US-Wirtschaft wäre ein Sieg von Donald Trump ein Albtraum. Simon Johnson, Ex-Chefökonom des IWF und heute Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geht so weit, dass er in der «New York Times» den Weltuntergang in Aussicht stellt. Ein Sieg Trumps würde «wahrscheinlich zu einem Crash an den Aktienmärkten führen und die Welt in eine Rezession stürzen».
Tatsächlich könnte ein Sieg Trumps eine unkontrollierte Kettenreaktion auslösen. Nochmals Professor Johnson: «Eine von Trump herbeigeführte Rezession (in den USA, Anm. d. Red.) würde Europa in eine ausgewachsene Rezession zurückwerfen, die höchstwahrscheinlich eine Bankenkrise zur Folge hätte.» Weil Europas Banken immer noch von der Finanzkrise angeschlagen sind, könnte es wie in den Dreissigerjahren zu einer Reihe von Bankenpleiten kommen. «Die Auswirkungen auf die Entwicklungs- und die Schwellenländer wären dramatisch», so Johnson.
Samuel Johnson mag eine extreme Crash-Prophet-Position einnehmen, doch die meisten Ökonomen, auch konservative, können sich nicht für die wirtschaftlichen Pläne von Donald Trump erwärmen. Seine Absicht, gleichzeitig in grossem Umfang die Steuern zu senken und massiv in die Infrastruktur zu investieren, stossen auf Kopfschütteln – auch oder gerade in neoliberalen Kreisen, die zudem überhaupt kein Verständnis für seine protektionistischen Absichten aufbringen.
Es gibt nur zwei Typen von Wirtschaftsvertretern, die sich mit Trump anfreunden können. Die einen gehen davon aus, dass Trump seine wilden Absichten von einer Mauer gegen Mexiko und der Aufkündigung der Freihandelsabkommen nie umsetzen, sondern nur die Steuern für Superreiche senken wird. Sie wiegen sich in der Hoffnung, dass ein Trump im Weissen Haus lieber Golf spielen, als sich über ökonomische Statistiken beugen will und deshalb das Geschäft den Chicago Boys überlassen wird.
Zu den anderen gehört Peter Thiel, Tech-Milliardär und Facebook-Verwaltungsrat. Er gehört zu den wenigen Trump-Fans im Silicon Valley. Thiel setzt darauf, dass Trump die bestehenden Strukturen in Washington zerschlagen wird, und dass dann aus den Trümmern endlich eine reine Marktwirtschaft im Sinn von Mises und Hayek entstehen wird.
Beide Argumente für Trump sind unrealistisch. Weder die Wall Street noch die Manager der Multis glauben daran. Sie hoffen deshalb auf das kleinere Übel; einen Sieg von Hillary Clinton. Ihre Wirtschaftspolitik ist realistisch und ausgewogen. Auch sie will massiv in Infrastruktur und Bildung investieren und die Kinderkrankheiten von ObamaCare kurieren. Sie stellt diesen Mehrausgaben jedoch realistische Mehreinnahmen gegenüber und nicht wie Trump reines Wunschdenken.
Die US-Wirtschaft hat wieder auf einen Wachstumspfad gefunden. Der Grund dafür liegt darin, dass erstmals seit langer Zeit die Löhne kräftig gestiegen sind und in verschiedenen Bundesstaaten massive Erhöhungen der Mindestlöhne eingeführt wurden. Selbst Walmart, lange als übler Lohndrücker berüchtigt, zahlt endlich anständige Löhne. Weil die Konsumenten mehr Geld in der Tasche haben, steigt die Nachfrage und wird die Binnenwirtschaft angekurbelt. Clinton will den Mindestlohn landesweit anheben, wahrscheinlich auf 15 Dollar pro Stunde.
Trotzdem sind viele Ökonomen überzeugt, dass die oder der nächste Präsident(-in) sich mit einer Rezession herumplagen muss. Der aktuelle Konjunkturzyklus neige sich dem Ende zu, so die Begründung, ein Einbrechen der Wirtschaft sei nur noch eine Frage der Zeit.
Diese These steht auf wackligen Füssen. Zwar ist es richtig, dass die Wirtschaft sich in Zyklen bewegt, doch weiss niemand so genau, wie lange solche Zyklen dauern. Die Schweizer Volkswirtschaft beispielsweise ist seit Beginn dieses Jahrhunderts mit einem kurzen Unterbruch im Jahr 2009 immer gewachsen. Auch die US-Wirtschaft erfreute sich in den Neunzigerjahren an einem historischen Boom.
«Wirtschaftsaufschwünge sterben nicht an Altersschwäche», stellt Neil Irwin in der «New York Times» fest. «Sie sterben, weil sie von etwas ganz Bestimmten umgebracht werden.» Die Wahrscheinlichkeit, dass der aktuelle Aufschwung der US-Wirtschaft abgewürgt wird, ist bei Clinton sehr viel kleiner als bei Trump.
Die USA sind nach der EU unser wichtigster Handelspartner. Was bedeutet der Ausgang der US-Wahlen für uns? Die kurze Antwort lautet: sehr viel. Ein Präsident Trump hätte für unsere Exportwirtschaft grosse Auswirkungen, nicht nur, weil sie neue Zollschranken zu befürchten hätte. Die Weltwirtschaft könnte mit Trump tatsächlich in eine gefährliche Abwärtsspirale geraten, von der auch das Exportland Schweiz stark betroffen wäre.
Die Wirtschaftspolitik einer Präsidentin Hillary Clinton hingegen ist berechenbar. Sie würde eine progressivere Version der Politik von Barack Obama bedeuten. Das hätte positive Auswirkungen auf unsere Wirtschaft – mit Ausnahme der Basler Pharmaindustrie. Sie müsste sich auf deutlich geschrumpfte Gewinnmargen ihrer Medikamente in den USA einstellen.