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Konstruktiver Austausch: die Schweizer Botschaft in Seoul
Als Sitz für die Schweizer Botschaft entscheidet sich Burckhardt + Partner für eine traditionelle koreanische Haustypologie. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verstädterung und in einem Land, das seine traditionelle Baukultur grösstenteils verloren hat, ist das eine aussagekräftige Geste.
Marc Frochaux: 2012 haben Sie einen Wettbewerb gemäss SIA 142, bei dem es um die neue Botschaft in Seoul ging, für sich entschieden. Mit welchen Herausforderungen war das verbunden?
Nicolas Vaucher: Das ausführlich dokumentierte Wettbewerbsprogramm beinhaltete die Geschichte des Standorts, aber auch seine künftige Entwicklung: Das Quartier sollte vollkommen neu gestaltet werden und rund dreissig 40 bis 60 m hohe Hochhäuser umfassen. Zu Beginn des Projekts glich der Standort der Botschaft einem «no man’s land», dann New Town, einem dichten Agglomerat aus Wohnhäusern. Das Projekt musste in Bezug auf diese tiefgreifende Umwandlung positioniert werden. Statt mit dieser Fülle an vertikalen Gebäuden in Konkurrenz zu treten, entschieden wir uns für ein bescheidenes Gebäude mit zwei bis drei Stockwerken. Die Botschaft, die um einen Innenhof herum gebaut wurde, orientiert sich am Hanok, einem traditionellen koreanischen Haus.
Der völlig andere Massstab stellt in diesem Kontext eine echte Provokation dar. Wie fügt sich ein so andersartiges Gebäude an einem solchen Standort, im Zentrum dieser Megalopolis ein?
Die urbane Landschaft Seouls war von ihrer hügeligen Topografie geprägt. Die Stadt glich einer Gebäudedecke, die sich zwischen grünen Hügeln vorbeischlängelt, die da und dort auftauchen. Die Botschaft befindet sich mitten im Zentrum, am Fuss eines als Park angelegten Hügels. Auf dem Plan könnte unser Projekt – ein bescheidenes Haus inmitten von Hochhäusern – tatsächlich als ein Akt des Widerstands, eine kleine friedliche Insel inmitten der städtischen Dichte, eine kleine Schweiz, aufgefasst werden. Vor Ort jedoch sieht man, anhand der Topografie der Parzelle und ihres grossen Baumbestands, dass das Projekt eine Weiterführung des benachbarten Hügels mit seinem Park bildet. Die Botschaft ist dem Hügel zugewandt und als Parkeingang zu verstehen.
«Auf dem Plan könnte unser Projekt tatsächlich als ein Akt des Widerstandes, eine kleine friedliche Insel inmitten der städtischen Dichte, eine kleine Schweiz, aufgefasst werden.»
Das mag so sein, aber eignet sich ein traditionelles koreanisches Haus wirklich als Standort für eine Schweizer Botschaft? Diese typologische Übertragung kann ziemlich künstlich wirken.
Nicht, wenn man das Ganze aus der Sicht des Benutzers betrachtet. Da erscheint es ganz angemessen. Denn im Nachbarquartier haben wir einige traditionelle Häuser gefunden, die wir uns genauer angesehen haben. Sämtliche Lebensräume sind um einen Hof herum angelegt, der zur Aussenverteilung dient. Es gibt keinen Korridor. Da die Häuser fast zusammengebaut sind, sind alle Räume auf den Hof ausgerichtet. Diese Organisation widerspiegelt ziemlich genau die zweifache Aufgabe einer Botschaft: schützen/versammeln. Sie ermöglicht es, ein einziges Gebäude verschiedenartig zu nutzen, den Rand der Parzelle mit einer Mauer abzugrenzen und gleichzeitig einen repräsentativen Hof zu schützen.
Um die Analogie mit dem koreanischen Haus fortzusetzen, haben wir eine Trägerstruktur aus Holz und eine dem Muster des Hofs folgende Aussenfassade vorgeschlagen. In der Weiterentwicklung des Projekts wird diese Fassade aus Beton gefertigt, wodurch es zu einer Art «Versteinerung» der traditionellen Fassaden kommt.
«Wenn ein Quartier sich wandelt, sehen die Koreaner zuerst das Positive: die neuen Bewohner, die Parks, die Infrastrukturen.»
Ein Haus so zu «versteinern», ist ein in der Schweiz wohlbekannter Vorgang, mit dem man die Geschichte in Erinnerung ruft. Doch in diesem Zusammenhang ist die Entscheidung recht kritisch: Das Projekt scheint den Abbruch des bereits bestehenden Quartiers infrage zu stellen. Welches waren die Reaktionen?
Unsere Absicht war es insbesondere, Verbindungen zwischen den beiden Baukulturen zu schaffen, sich dabei auf das kollektive Gedächtnis zu stützen und auf diesem Weg einen Faktor zur Integration der Botschaft zu finden. Die Koreaner sind im Wesentlichen auf die Zukunft ausgerichtet. Das Land wurde überfallen und von den Kriegen gespalten. Seoul musste sich zwischen seinen Verletzungen und der zügellosen wirtschaftlichen Entwicklung neu erfinden. Es gibt fast keine antiken Gebäude mehr, wenn man die kaiserlichen Tempel und einige wenige Häuser ausser Acht lässt, die dank Bürgeraktionen erhalten geblieben sind. Wenn ein Quartier sich wandelt, sehen die Koreaner daher zuerst das Positive: die neuen Bewohner, die Parks, die Infrastrukturen.
Dass in diesem Kontext eine traditionelle Architektur mit anderem Material vorgeschlagen wurde, hat das Interesse der Architekten, aber auch der Anwohner geweckt. Wir sprachen von einer typologischen Analogie; sie beschrieben diese als Neuinterpretation des Hanok. Sie bewunderten die Bauweise aus Holz. Im Gegensatz zu den Japanern haben die Koreaner dieses Know-how vollständig verloren. Anstelle der aussergewöhnlichen Architektur steht für die Botschaft vielmehr die Konfrontation mit einer Bautradition im Vordergrund. Das Gebäude vermittelt einerseits eine Botschaft der Bescheidenheit, verbreitet aber gleichzeitig die Idee von Schweizer Qualität.
Ursprünglich wies das Wettbewerbsprojekt keine Betonfassaden auf. Wie kamen Sie auf diese Idee?
In der Wettbewerbsphase handelte es sich um eine leichte, mit Blech überzogene Fassade, die für den Bauherrn nicht genügend Sicherheit ausstrahlte: Für eine Botschaft ist die Sicherheit von vorrangiger Bedeutung. Die Beobachtung vor Ort und die Arbeit mit den lokalen Betrieben haben zu dieser massiven Lösung geführt.
Bei der Betrachtung der lokalen Bauten haben wir festgestellt, dass die koreanischen Arbeiter den Beton mit kleinen, 60 × 100 cm grossen Hohlverschalungen ausstatten und die Verschalung mit vierkantigen Verschalungen beherrschen. Sie waren also in der Lage, trotz der Komplexität des von uns vorgelegten Projekts eine Betonfassade herzustellen. Sie musste mit Ortbeton ausgeführt werden, und die Dehnungs- und Betonierfugen mussten überarbeitet werden. Um eine Maserung der Oberfläche zu erhalten, musste der Boden der Schalung mit zusammengenagelten Brettern (sie werden aus Sugi, einem japanischen Nadelbaum, bestehen) hergestellt werden. Diese Methode, die in der Schweiz wegen der hohen Handwerkerpreise nicht mehr praktiziert wird, wenden die koreanischen Arbeiter oft an. Sie verschalen riesige Bereiche, rütteln den Beton, kommen praktisch ohne Vibriernadeln aus. Wir haben einige Studien durchgeführt, um ihre Methoden und Rezepte ohne Hilfsstoffe zu verstehen. Trotz unserem Zögern war das Ergebnis perfekt. Schlussendlich scheint die Betonfassade mit ihrem Ausdruck der «Versteinerung» kohärenter zu sein als das ursprüngliche Konzept des Wettbewerbsprojekts.
Was können Sie über den Austausch mit den Architekten und Betrieben sagen?
Was die Qualitätsanforderung der Umsetzung betrifft, gleicht Korea ein wenig der Schweiz. Daher war der Austausch sehr rege. Als es darum ging, unser Projekt mit dem lokalen Know-how in Einklang zu bringen, machte dies das mit der Umsetzung beauftragte Unternehmen zur Ehrensache. Die Hersteller suchten nach Geschäftsvarianten. Damit wollten sie nicht etwa die Kosten senken, sondern eine bessere Qualität erreichen. Diese Anforderung war mit einem Know-how der aktuellen Technologien verbunden. Der Hersteller entwarf das gesamte Gerüst in 3-D und löste alle Verbindungen und Baugruppen perfekt auf, bevor er mit dem CNC-Schneiden begann.
Was ist an diesem Bau schweizerisch?
Seine Neuinterpretation ist helvetisch. Einige traditionelle Motive wurden der heutigen Zeit angepasst, so beispielsweise die komplexe Schichtung des Dachs oder sein Rand, der durch die Dachrinne zum Ausdruck kommt. Die Claustras, traditionellerweise aus Holz oder Stein, wurden aus Keramik gestaltet. Die Details der Türen und Fenster aus Holz, mit einem unsichtbaren Scharnier, schienen in Korea völlig unbekannt zu sein. Sie waren jedoch notwendig, um die Leichtigkeit und Durchlässigkeit dieser Architektur zum Ausdruck zu bringen.
Auch die Technik ist sehr schweizerisch: Sonnenkollektoren für die Warmwassererzeugung, geotechnische Sonden für die Heizung usw. Diese Anlagen, die erneuerbare Energieträger fördern, dürfen nicht vernachlässigt werden, da sie oftmals beim diplomatischen Austausch besprochen werden.
Die Normen wurden zwischen den beiden Ländern oft thematisiert. Meistens entsprach man den koreanischen Normen, da es sich um eine lokale Baubewilligung handelte. Aber bei einigen Punkten bestimmten die Bundesanforderungen gewisse Entscheide – so musste das Untergeschoss der Botschaft in einen Luftschutzkeller umgestaltet werden. Die Koreaner verstanden seine Funktion jedoch nicht sofort.
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft
Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Bauten und Logistik;
Projektleiter: Cédric Pernet
Architektur
Burckhardt + Partner SA, Lausanne
Erae Architects & Engineers, Seoul (Südkorea)
Landschaftsarchitektur
Hüsler & Associés Sàrl, Lausanne
Mokwoo Environmental Design, Seoul (Südkorea)
Tragwerkplanung
Ingeni SA, Lausanne
SQ Engineering Co. Ltd., Seoul (Südkorea)
Corporation Jungin, Seoul (Südkorea)
Planung HLKS
Planair SA, La Sagne
Northstar Engineering Co. Ltd., Seoul (Südkorea)
Elektroplanung
Christian Risse SA, Givisiez
Hyeob-In Co. Ltd., Seoul (Südkorea)
Fassadenplanung
Xmade Sàrl, Basel
Sicherheitsplanung
SBIS Securitas SA, Lausanne
Innenarchitektur
Atelier Oï SA, La Neuveville
Beton-Fachberatung
TFB Romandie SA, Puidoux
Kunst am Bau
Water Connections, Lena Maria Thüring, Zürich
Facts & Figures
Offener, internationaler Projektwettbewerb (GATT/WTO), 2012
Ausführung
01/2017–11/2018
Bezug
01/2019
Grundstücksfläche
2700 m2
Geschossfläche
3540 m2
Hauptnutzfläche
14 042 m3
Gesamtkosten BKP 1–9
15.2 Mio CHF
Auszeichnungen
Korean Institute of Registered Architects, Korea Architecture Award 2019. Award of Excellence Monocle Magazine, Soft Power Award 2019: Best Embassy