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Von Aleppo nach Paris und zurück. Ḥannā Diyābs Siyāḥa (18. Jhdt, Syrien) als selbst-reflexives Erzählen
|Verantwortlicher||Dr. Johannes Stephan|
|Trägerschaft||Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie|
|Betreuung||Prof. Dr. Reinhard Schulze|
|Finanzierung||Kantonale Mittel|
In meinem Dissertationsprojekt beschäftige ich mich mit der narrativen Poetik arabischer Reisetexte aus Syrien in der osmanischen Frühen Neuzeit. Arabische Reisetexte dieser Zeit wurden zuletzt häufig unter dem weiten Sammelbegriff “Ego-Dokumente” gefasst, da sich in diesen Texten viele Passagen finden, in denen das Autoren-Ich, sein Familienleben, seine Karriere sowie seine moralischen Ansichten im Mittelpunkt stehen. So wurde das Reise-Thema als eine Möglichkeit der “Selbst-Darstellung” untersucht und damit die Frage nach der literarischen Gestaltung dieser Texte thematisiert.
Die Arbeit konzentriert sich am Beispiel der Siyāḥa („Reise”) von Ḥannā Diyāb auf die Frage, wie die literarische Gestaltung solcher Texte analytisch präzise erschlossen und in einem textlichen Umfeld spezifiziert werden kann. Die Arbeit argumentiert dafür, Diyābs Siyāḥa als Erzähltext zu analysieren. Denn so fällt in diesem Text sogleich auf, wie hier erklärend-beschreibende Passagen, Episoden über eigene Missgeschicke und Erfolge sowie über ehrwürdige, bemitleidenswerte oder geniehafte Personen erzählerisch miteinander verknüpft werden. Der Erzähler ist, wie er selbst bemerkt, zwischen 1707 und 1709 nach Paris gereist, bringt aber seine Erfahrungen erst in den Jahren 1763 und 1764 zu Papier. Die Reise als Begleiter des französischen königlichen Gesandten Paul Lucas führte ihn über den Libanon, Zypern, Nordafrika und Italien nach Frankreich und allein wieder zurück in seine Heimatstadt. An mehreren Stellen äussert der Erzähler seine Freuden, seine Zweifel und Ängste, seine Schwächen und Stärken als jugendlicher Reisender. Schliesslich thematisiert er auch den weiten zeitlichen Abstand zum einen zum Geschehen der Reise, die er immerhin gut 55 Jahre zuvor unternommen hat, zum anderen zu sich selbst als jugendlichem Reisenden. Auf den Aspekt der Differenzierung zwischen der Erzählung und dem Reisegeschehen, die in der Siyāḥa thematisiert wird, gründen sich die beiden Hauptthesen der Arbeit, mit denen die literarische Gestaltung des Textes erzähltheoretisch spezifiziert werden soll:
Erstens verweist diese Differenzierung auf einen hohen Grad selbstreflexiven Erzählens. Dies führt zu der Frage, ob und inwieweit im Zusammenhang damit ein bestimmtes ästhetisches Programm im Text erkennbar ist, das seinen Status definieren lässt.
Zudem finden sich an vielen Stellen erzählerische Elemente, die in den modernen europäischen Literaturen als Fiktionssignale bekannt sind. So umfasst der Text z.B. mehrere Episoden, in denen eigene Gedanken und Gefühle sowie auch die anderer Figuren beschrieben werden. Die zweite These ist daher, dass diese Verfahren, die aus heutiger Sicht fiktional wirken, bemüht werden, um das Geschehen durch die Erzeugung von Nähe zu bewahrheiten. Die hochgradige Selbstreflexivität des Erzählens zum einen und die Erzeugung von Nähe durch erzählerische Verfahren zum anderen scheinen eine Spannung zu erzeugen, die für moderne Fiktion typisch ist.
In einem weiteren Schritt wird diskutiert, ob und inwieweit dieser Text einen Prozess der Fiktionalisierung von Reiseerzählungen und verwandten Textsorten im arabischen Schrifttum andeutet. Im Anschluss an die narratologische Analyse wird daher zur Überprüfung dieser Annahme ein textliches Umfeld entwickelt, das vorwiegend aus anderen arabischen Reise- und Lebenserzählungen des 18. Jahrhunderts besteht.
Mit der Arbeit wird vorgeschlagen, Verfahren literarischer Gestaltung für die arabische Tradition zu historisieren. Das Projekt versteht sich somit als Beitrag zur Etablierung einer arabischen Textgeschichte der Frühen Neuzeit.