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Vor vier Jahren
musste Philipp Hildebrand wegen zweifelhafter Devisengeschäfte als
Präsident der Nationalbank zurücktreten. Heute ist er wieder dick
im Geschäft. Vom Mann, der ihn zu
Fall brachte, kann man dies nicht sagen.
Gefallene Topmanager
haben es in der Schweiz nicht leicht. Oft enden sie als
gesellschaftliche Parias. Marcel Ospel oder Philippe Bruggisser
können davon ganze Choräle singen. Ganz anders erging es einem, der
einen besonders spektakulären Absturz erlebt hat: Philipp
Hildebrand. Vor vier Jahren wurde er als Präsident der
Schweizerischen Nationalbank (SNB) in die Wüste geschickt. Heute surft der
ehemalige Wettkampfschwimmer beruflich und privat auf der
Erfolgswelle.
Der Aufstieg des
fast zwei Meter grossen Ökonomen verlief fulminant. Mit knapp 40
Jahren wurde er 2003 ins Direktorium der SNB gewählt.
Sieben Jahre später war Hildebrand Präsident und damit der
mächtigste Banker der Schweiz. Seine Amtszeit dauerte nur zwei
Jahre, dann musste er wegen Devisengeschäften auf seinem privaten
Konto bei der Bank Sarasin vor und nach der Verhängung des
Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken im September 2011 zurücktreten.
Spekulationen mit
US-Dollars hatten eine Rendite von 75'000 Franken ergeben. Ins
Rollen gebracht hatte die Affäre Reto T., Informatiker bei der Bank
Sarasin und seit kurzem Mitglied der SVP. Er war aufgrund eines
internen Tipps auf die Devisentransaktionen gestossen und hatte davon
Printscreens angefertigt. Diese übermittelte er dem Thurgauer
SVP-Kantonsrat und Anwalt Hermann Lei, den er seit gemeinsamen Tagen
im Kindergarten kennt.
Lei schaltete
SVP-Übervater Christoph Blocher ein, der wiederum die damalige
Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey informierte. Schliesslich
landeten die Dokumente bei der «Weltwoche». Sie hatte sich seit
einiger Zeit auf Philipp Hildebrand eingeschossen und verfügte nun
über Munition, um den «Gauner» – so die Bezeichnung der
Zeitschrift für den Banker – zur Strecke zu bringen. Zwar übernahm
Hildebrands Ehefrau Kashya, die in Zürich eine Galerie führte, die
Verantwortung für die Dollardeals. Den Job ihres Mannes konnte sie
aber nicht retten.
Im Vorfeld von
Hildebrands Rücktritt am 9. Januar 2012 standen «Weltwoche»-Chef
Roger Köppel und sein Mentor Blocher quasi in Dauerkontakt,
berichtet der «Tages-Anzeiger». Die Gründe für ihre Aversion
gegen Philipp Hildebrand sind bis heute ein Rätsel. Sicher ist, dass
der international hervorragend vernetzte Topbanker mit
seinem selbstbewussten und weltgewandten Auftreten in keiner Weise
dem Ideal des selbstgenügsamen Eidgenossen entspricht.
Sein Sturz bei der
Nationalbank erwies sich für Blocher als Pyrrhus-Sieg. Gegen ihn wie
auch gegen Hermann Lei und Reto T. wurde ein Verfahren wegen
Verletzung des Bankgeheimnisses eröffnet. Der vermeintliche «Gauner» Hildebrand hingegen blieb von der Justiz unbehelligt. Seine
Devisengeschäfte hatten weder gegen ein Gesetz noch gegen das damals
geltende Reglement der Nationalbank verstossen. Und er fand rasch
wieder einen erstklassigen Job: Im Sommer 2012 heuerte er als
Vizepräsident bei Blackrock an, dem weltgrössten
Vermögensverwalter.
«Wenige
Führungskräfte geniessen eine derartig breite Anerkennung für ihre Expertise, ihr Urteil und ihre Integrität»,
schwärmte Blackrock-Gründer Laurence «Larry» Fink. Er hatte
sich einst bei der Investmentbank First Boston massiv verspekuliert
und Blackrock 1988 mit einem Startkapital von fünf Millionen Dollar
gegründet. Heute verwaltet der US-Finanzriese rund 4,7 Billionen Dollar,
mehr als die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse zusammen.
Lange aber haftete an Blackrock der Ruf des Emporkömmlings. «Mit Hildebrand öffneten sich für Fink auf einen Schlag Türen, die ihm trotz seinen Billionen bis dahin verschlossen geblieben waren», heisst es in einem Buch der deutschen Journalistin Heike Buchter. Das unrühmliche Aus bei der Nationalbank spielte dabei keine Rolle.
Heute bewegt sich Philipp Hildebrand auf Augenhöhe mit den Mächtigen der Welt. Während Thomas Jordan, sein Nachfolger bei der Nationalbank, seit der Aufhebung des Mindestkurses unter permanentem Rechtfertigungsdruck steht, doziert Hildebrand über die Lage der Weltwirtschaft und scheut auch vor Kritik an der Schweiz nicht zurück.
Privat läuft es für
Hildebrand, der heute in London lebt, ebenfalls bestens. Von Kashya
hat er sich getrennt. Seine heutige Lebensgefährtin ist Margarita
Louis-Dreyfus, die Witwe des Milliardärs und Adidas-Retters Robert
Louis-Dreyfus. Erst letzte Woche wurde das Paar mit über 50 Jahren
Eltern von Zwillingsmädchen. Ausserdem gilt Hildebrand als Anwärter
auf die Nachfolge von Larry Fink. Dem Blackrock-Boss werden
Ambitionen auf das Amt des US-Finanzministers nachgesagt für den
Fall, dass Hillary Clinton im November die US-Präsidentschaftswahl
gewinnt.
Während der
Ex-Nationalbankboss auf der Sonnenseite des Lebens
steht, geht es seinen damaligen Gegenspielern bedeutend weniger gut.
Während Christoph Blocher wieder einmal davon kam und das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde (der Kanton Zürich
zahlt ihm sogar eine Genugtuung von 133'000 Franken), mussten sich
Hermann Lei und Reto T. am Mittwoch in der gleichen Sache vor Gericht
verantworten. Man denkt unweigerlich an die Redensart «Die Kleinen
hängt man, die Grossen lässt man laufen».
«Zwei kleine
Würstchen» stünden «im grossen Hildebrand-Fall vor den
Richterschranken», meinte das Finanzportal Inside Paradeplatz.
Besonders hart traf es Reto T., den Urheber der Affäre, der sich von
seinen vermeintlichen Verbündeten verraten fühlt. Seinen Job bei
der Bank Sarasin hat er verloren, eine neue Stelle, die ihm Blocher
angeblich versprochen hat, erhielt er nie. Dem Prozess vor dem
Bezirksgericht Zürich blieb der Whistleblower, der nie einer sein wollte, «aus gesundheitlichen Gründen» fern. Das
Urteil wird am 13. April verkündet.
Nur zwischen
Hildebrand und T. scheint es keine Missstimmung zu geben. Er habe «durchaus Verständnis für diesen Mitarbeiter», sagte der
ehemalige Nationalbankchef gemäss der «Wochenzeitung» über den
Sarasin-Informatiker. Dieser wiederum habe sein Bedauern über die
Vorverurteilung von Hildebrand durch die Medien geäussert: «Das
hat er nicht verdient.»