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Wolfgang Hildesheimers Splügen
«In Splügen, kaum eine Tagesreise von Chur entfernt, erkrankte Marbot schwer, wahrscheinlich, wie so viele Reisende damals, an Lungenentzündung als Folge einer verschleppten Erkältung. (...) Er war nicht der erste Engänder, den es hier befiel. Der Splüngenpaß war zu jener Zeit eine der meist befahrenen Grenzhöhen zwischen Norden und Süden, und Splügen der Ort, an dem man sich, vornehmlich zu unwirtlichen Jahreszeiten, auf die Strapazen einer für unsere Begriffe abenteuerlichen, ja, expeditionsgleichen Überquerung vorbereitete, oder sich von ihr erholte und die Folgen auskurierte, was manchem anfälligeren Reisenden mißlang. Manch einer kam nicht weiter als hierher und liegt auf dem Friedhof von Splügen begraben.»
Sir Andrew Marbot ist eine exzentrische Gestalt. Wir begegnen ihm in Chur, beim Besteigen einer Linienkutsche nach Süden. Geboren 1801, als Sprössling einer northumbrischen Adelsfamilie, lebte der junge Kunsttheoretiker eine inzestuöse Beziehung mit seiner Mutter. Als der soziale und moralische Druck auf das Paar steigt, wird die Trennung unumgänglich und Marbot bricht auf nach Italien. Der Weg führt zunächst durch die berüchtigte Via Mala: Ein «jäher Riss in der Erdkugel, markiert von geborstenem Fels, wie eine riesenhafte Wunde (...).» In Splügen wird Marbot krank, sehr krank. Eine verschleppte Erkältung hat sich zu einer Lungenentzündung ausgedehnt. Damit ist im 18. Jahrhundert nicht zu spassen und es braucht einen ganzen Monat, bis Marbot wieder einigermassen auf den Beinen ist und weiterreisen kann. Der Passübertritt, nun im tiefsten Winter, wird zur Grenzerfahrung. «- ich dachte, vielleicht sei die Hölle nicht unter der Erde, sondern in den Wolken.»
Wolfgang Hildesheimer hat mit «Marbot» Kritikern und Publikum ein literarisches Schelmenstück vorgelegt und alle sind darauf hereingefallen: Der Text gibt vor, eine Biographie zu sein, die durch mühevolle Studien in Archiven rekonstruiert worden ist. In Wahrheit hat Marbot nie gelebt und seine Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen, wie Goethe, Schopenhauer, August von Platen, sind reine Erfindung.
Hildesheimer wurde 1916 in Hamburg geboren, emigrierte mit seinen Eltern 1933 nach Palästina und kehrte 1946 als Dolmetscher und Protokollführer im Nürnberger Prozess zurück. 1957 fand er seine Wahlheimat im bündnerischen Poschiavo. In dem kleinen Dörfchen lebte der Dramatiker und Erzähler bis zu seinem Tod 1991. (BP)
Splügen ist eines der markantesten Passdörfer im ganzen Alpengebiet und zugleich der Hauptort der ältesten Bündner Ansiedlung von Walsern. Die Via Spluga, den historischen Alpenübergang von Thusis (Graubünden) nach Chiavenna (Italien) benutzten schon die Römer. Seit 2001 kann man sie und ihre Sehenswürdigkeiten auf einem Kulturwanderweg von mehr als 65 km entdecken.