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Scherlerei Tanner
Scherlen[Bearbeiten]
Beim Einweben von Mustern oder Besticken eines Stoffes können ausserhalb der Motive und Muster Fäden zurückbleiben, welche entfernt werden müssen. Das Auf- und Abschneiden dieser Fäden wird Scherlen genannt.
Diese Tätigkeit wird mit scharfen Messern oder Scheren von Hand oder maschinell ausgeführt und wird dem Sektor Textilveredlung zugerechnet.
Eine, vermutlich 1792 durch den Amerikaner Samuel Grissould Dorr erfundene Schermaschinentechnik fand 1815 den Weg nach Europa. Technische Weiterentwicklungen machten diese Maschinen hocheffizient. Daher lösten diese Rotationsmesserschermaschinen etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts die alten manuell bedienten Schervorrichtungen ab. Die Rotationsmesserschermaschine setzte sich nicht nur gegen den mechanisierten Schertisch durch, sie beendete auch, gegen den heftigen Widerstand der Handscherer, das manuelle Scheren.
Was sich heute gegenüber den ersten Entwicklungen massiv geändert hat, ist die Anwendung des Prinzips. Aber noch immer dreht sich auf einem Untermesser ein Zylinder mit spiralförmig aufgezogenen Messern.
Gründung der Scherlerei Tanner[Bearbeiten]
Eduard Tanner-Hartmann (1884-1939) legte 1915 im Gfeld in Trogen mit der Anschaffung von zwei Schermaschinen den Grundstein zur «Scherlerei Tanner».
Dieser Schritt erforderte in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten des Ersten Weltkrieges grossen Mut.
Besitzerwechsel[Bearbeiten]
Anfangs der 30er Jahre übersiedelte Eduard Tanner-Hartmann nach Amriswil und übergab die Scherlerei seinem Bruder Jakob Tanner.
Nach dem frühen Tod seines erst 36-jährigen Bruders Jakob übernahm Konrad Tanner 1934 den noch bescheidenen Scherlereibetrieb, musste aber bald einsehen, dass das kleine Gewerbe auf die Dauer zu wenig abwarf.
Um die Existenz zu sichern, suchte Konrad einen zusätzlichen Erwerb. So wandte er sich nebenbei der Landwirtschaft zu. Noch bis in die 60er Jahre hinein wurde die Belegschaft bei schönem Heuwetter zum Heuen abkommandiert, selbst bei guter Auftragslage.
Erweiterung des Geschäftsfeldes[Bearbeiten]
Dass 1935 im benachbarten Speicher die Liegenschaft "Flecken" unter den Hammer kam und diese Konrad Tanner zu einem annehmbaren Preis zugeschlagen wurde, kann man getrost als Glücksfall bezeichnen. Nebst Wohnhaus, Sticklokal und Ökonomiegebäude gehörte ein Umschwung von 17 Jucharten (1 Jucharte entspricht 36 Aren oder 3600m2 resp. dem Tagwerk eines Mannes) mit Wiese und Wald dazu. 1936 erfolgte der Umzug vom Gfeld in den Flecken, wo nun Landwirtschaft und Gewerbe unter einem Dach vereint waren. Nun war der Betrieb solide abgestützt und garantierte das notwendige Einkommen.
Die Auswirkungen der grossen Wirtschaftskrise waren dennoch stark spürbar. Mit der erfolgten Frankenabwertung 1936 zeigten sich langsam Lichtblicke am Wirtschaftshimmel, indem das Exportgeschäft nach und nach eine Belebung erfuhr. Davon profitierte in der Folge auch die Textilindustrie.
Dieser Aufschwung wurde durch die drohende Kriegsgefahr und dem Ausbruch des 2. Weltkriegs 1939 in Europa abrupt gebremst. Die Exportwirtschaft kam durch die Schliessung der Grenzen fast vollständig zum Erliegen, und damit auch die Textilindustrie und mit ihr die Scherlerei Tanner!
Generationenwechsel[Bearbeiten]
1941, also mitten im 2. Weltkrieg, übernahm der 23-jährige Eduard Tanner-Lutz von seinem Vater die Leitung des Betriebes. In Anbetracht der kriegerischen Ereignisse das Unternehmen über die Runden zu bringen bedeutete für den jungen Betriebsinhaber kein leichtes Unterfangen. Dies umso mehr, als durch die militärischen Einberufungen die leitende Hand des Chefs fehlte. Nur dank der Tüchtigkeit seiner Ehefrau, die mit grosser Energie das Unternehmen führte, wurde diese mühselige Zeit überstanden.
Weiteres Geschäftsfeld, Jaucheverschlauchung[Bearbeiten]
Von der nach Kriegsende andauernden wirtschaftlichen Flaute war auch das «Scherlereigeschäft» betroffen. Tanner sah sich gezwungen, zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten zu suchen.
Die Bauern, damals noch nicht so gut ausgerüstet wie heute, brachten ihre Gülle meist mit von Pferden oder Kühen gezogenen Jauchefässern auf die Wiesen. Mit der mechanischen Klärgrubenentleerung und Jaucheverschlauchung schuf sich Eduard Tanner einen weiteren Erwerbszweig, der sich als recht solid erweisen sollte. Dieser florierende Bereich brachte über Jahre hinweg namhafte Einnahmen zur Verbesserung des Familienbudgets.
Mit der allmählichen Verbesserung der Situation auf dem Textilsektor kamen auch die Aufträge für die Scherlerei ins Lot und so wandte man sich wieder vollumfänglich diesem Berufszweig zu.
Nochmals Generationenwechsel[Bearbeiten]
36 Jahre führte Eduard Tanner-Lutz mit Umsicht sein Geschäft, ehe er dieses 1978 an seinen Sohn Edy Tanner weitergab.
Dieser führte die auf solider Basis stehende Firma als «Eduard Tanner AG, mechanische Scherlerei» weiter.
Die Wellenbewegungen der Textilkonjunktur machten naturgemäss auch vor der Scherlerei Tanner nicht halt. Probleme, die sich über Jahrzehnte wiederholten, waren meist leichter zu überwinden. Nicht nur der Mangel an Aufträgen, auch zeitlich begrenzte Druckperioden konnten logistische Probleme erzeugen. Weitsichtige Planung war deshalb unabdingbar.
Aufschwung – mehr Platzbedarf[Bearbeiten]
Während siebzehn Jahren vermochte das Raumangebot in der Liegenschaft «Flecken» noch zu genügen. Die erste bauliche Erweiterung um 150 m2 im Jahre 1953 wurde notwendig durch die Anschaffung einer neuen Schermaschine mit 250 cm Arbeitsbreite.
Durch die stetigen Verbreiterungen der Fabrikationsmaschinen im Textilsektor mussten auch die Schermaschinen angepasst werden. 1959 wurde daher eine zusätzliche Maschine angeschafft, diesmal mit 330cm Arbeitsbreite, welche durch die Mechanische Werkstätte «Walter Spengler» in Speicher konstruiert wurde.
Weil die Aufträge stark anstiegen, musste 1963 weiterer Raum geschaffen werden. Als letzte bauliche Erweiterung erfolgte 1979 der Bau einer Mehrzweckhalle, welche den nochmaligen Raumbedarf für den vergrösserten Fahrzeugpark, für Zwischenlager sowie für eine neue, grössere Werkstatt abdeckte.
1991 waren durch die immer voluminöseren und leistungsfähigeren Maschinen die baulichen Verhältnisse am Standort «Flecken» endgültig zu eng geworden. Durch die Übernahme der ehemaligen Sockenfabrik "Trèfle" an der Reutenenstrasse in Speicher, konnten im Sommer 1991 grosszügige und nach einigen Umbauten bestens geeignete Fabrikationsräume bezogen werden. Die Scherlerei Tanner AG war zur wohl bedeutendsten Firma seines Fachs schweizweit herangewachsen.
Durch die Installation einer automatischen Absauganlage für die anfallenden Fäden konnte auch das Raumklima für die Mitarbeiter wesentlich verbessert werden.
Belegschaft[Bearbeiten]
Obwohl grundsätzlich ein Familienbetrieb, beschäftigte die Scherlerei Tanner bis zu dreissig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In Folge von Rationalisierungsmassnehmen wurde deren Anzahl sukzessive verringert. Bis zu 50 Heimarbeiterinnen, welche vor allem Spezialaufträge ausführten, ergänzten die Belegschaft. Dies änderte sich aber schnell, als in den 70er Jahren die Aufschneidemaschine eingeführt wurde.
Firmentreue Mitarbeiter waren, wie fast überall, Garanten für gute Qualität. Zu ihnen gehörten Max Wyler mit 43 Betriebsjahren sowie stellvertretend für die vielen langjährigen Mitarbeiter, Hans Merz, der dem Betrieb 45 Jahre angehört und im Nachfolgeunternehmen noch immer aktiv beschäftigt ist.
Maschinenpark[Bearbeiten]
Seit Jahren verfügte die Scherlerei Tanner über den modernsten Maschinenpark, verzichtete aber trotzdem nicht auf Altbewährtes. Besonders für ausgefallene Stickereien waren die «alten» Maschinen mit all ihren «Patentli» nicht wegzudenken.
In Betrieb waren zehn Schermaschinen für Webwaren und Stickereien, wobei die grösste eine Scherbreite von 330 Zentimetern aufwies. Stickereien wurden auf zwei modernisierten «Zellermaschinen», die seinerzeit im Stoss, Speicher) gebaut wurden, sowie auf einer Eigenkonstruktion geschert.
Das Scheren von Webwaren benötigten einen wesentlich grösseren Maschinenpark. Einerseits, weil Kettscherli (Gewebe mit Flottierfäden in Längsrichtung) zuerst mit der Aufschneidemaschine bearbeitet wurden, andererseits weil das anfallende Volumen viel grösser war.
Für das Bearbeiten dieser Artikel wurden zwei «Broma-Maschinen» mit Schubstangen-Messerführung, sowie eine «Hämmerle-Maschine» mit Ketten-Endlosführung eingesetzt. Das eigentliche Scheren erfolgte dann mit drei modernen «Hämmerle-Schermaschinen», wobei die neuesten Maschinen Doppelschneider-Modelle waren, die die Arbeit in einer Passage mit zwei Scherdurchgänge erledigten. Dies war eine noch nie dagewesene Rationalisierung.
Modernste Einrichtungen, wie Warenbahnführer, Ionisierungsgeräte, Nadelsuchgeräte mit automatischem Maschinenstopp, sowie elektrische Nahtmelder zeugten vom Glauben an die Zukunft dieses Betriebes.
Der Trend in der Wirtschaft, die Produktionsfirmen oder Zulieferer zu zertifizieren, machte auch von der Scherlerei Tanner nicht halt. Edy Tanner erzählt von der Zertifizierung seiner Scherlerei, die mit viel Schalk über die Bühne gegangen ist:
Logistik[Bearbeiten]
Das Abholen und Zurückbringen der zu bearbeitenden Stücke gehörten zur Dienstleistung im Scherlereigewerbe. Demzufolge kam auch den Transportmitteln grosse Bedeutung zu. In den zwanziger Jahren wurde das erste Automobil angeschafft, mit dem diese Transporte ausgeführt werden konnten.
Benzinknappheit im Krieg aber führte dazu, dass alsbald wieder Ross und Wagen, Velo und Anhänger zu Ehren kamen. Wurden näher gelegene Kunden, vielleicht bis zu einer Distanz von etwa zwanzig Kilometern, auf diese Weise bedient, so galt es für weiter entfernte Kundschaft, die Ware am Bahnhof abzuholen und ab dort wieder zu spedieren.
Nach den Kriegsjahren konnte diese unrationelle Kundenbedienung wieder aufgegeben werden.
Mit einem Dodge Jahrgang 1928 wurden während acht Jahren Transporte ausgeführt, bis dieser 1953 dem ersten VW-Transporter weichen musste.
Das alte Fahrzeug wurde verkauft und kam nach etlichen Umwegen 1983 als Nostalgiestück wieder zurück zur Scherlerei Tanner, wo es in der Ausstellung Edy Tanners im Flecken untergebracht ist.
Edy erzählt, wie der alte, verloren geglaubte Dodge wieder nach Speicher zurückfand.
Später besorgten ein schwerer Lieferwagen und ein Lastwagen die nötigen Transporte.
Das Einzugsgebiet der Kundschaft war hauptsächlich das schweizerische Textilzentrum der Ostschweiz und des Zürcher Oberlandes. Vermehrt wurde aber auch Ware aus osteuropäischen Ländern, Fernost oder gar Indien und China angeliefert, die hier in der Schweiz die Endausrüstung erhielt.
Besitzerwechsel[Bearbeiten]
Anfangs 2008 wurde die Liegenschaft in der Reutenen inklusive Scherlerei «Eduard Tanner AG» an Urs und Anna Rose Schläpfer aus Trogen verkauft. Die neuen Besitzer führen die Firma mit der gleichen Firmenbezeichnung weiter.
Filmaufnahme: Paul Hollenstein, November 2022
Quelle: Edy Tanner
Fotos: Edy Tanner
Videos: Paul Hollenstein
Text: Paul Hollenstein Januar 2023