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Radioboykott
Frontalangriff auf die englische Irandpolitik
verwirrende Musik
Inspiration Bloody Sunday
Rezeption und Statistik
Der 30. Januar 1972 ging als Bloody Sunday in die englische und irische Geschichte ein und war ein blutiger Höhepunkt des Nordirlandkonflikts. Britische Fallschirmjäger erschossen in der nordirischen Stadt Derry 26 unbewaffnete Protestierende. Paul McCartney fiel es wie Schuppen von den Augen, dass etwas in der englischen Irlandpolitik nicht stimmen konnte. Wütend über das Massaker schrieb er umgehend den Song «Give Ireland Back To The Irish» und spielte ihn zwei Tage später mit seiner neuen Band, den Wings ein. Es ist die erste Aufnahme mit dem neuen Leadgitarristen Henry McCullogh, der aus Nordirland stammte. Bevor er zu Wings kam, spielte er bei u.a. bei Joe Cocker und der Grease Band mit.
Radioboykott
Während den Aufnahmen in den Abbey Road Studios am 1. Februar 1972 rief Sir Joseph Lockwood, der Chef von EMI Records, Paul an und setzte ihn in Kenntnis davon, dass EMI die Single nicht veröffentlichen würde. Paul antwortete, dass es das erste Mal wäre, dass jemand öffentlich den englischen Einsatz hinterfragen würde. Zudem dächte die ganze Band gleich wie er. Deshalb würde er die Single auch alleine veröffentlichen, auch wenn er wusste, dass dies nicht der einfachste Weg sein würde. Lockwood gab schlussendlich nach. Er prophezeite Paul aber, dass der Song indexiert würde. Nach seiner Veröffentlichung am 19. Februar 1972, weigerten sich denn auch sämtliche englischen Radiostationen, «Give Ireland Back To The Irish» zu spielen. Schlimmer traf es Henry McCulloghs Bruder, der in Nordirland lebte und von Schlägern fertig gemacht wurde.
Keep On Rocking, trotz des Radio-Boykotts: Inserat aus dem «New Musical Express» vom 26. Februar 1972. Mit einer Prise Humor schreibt Paul «keep on trucking».
Frontalangriff auf die englische Irlandpolitik
Wie die meisten McCartney-Songs dieser Zeit hat auch «Give Ireland Back To The Irish» Paul & Linda McCartney als Co-Autoren, doch für einmal sorgte dies für am wenigsten Kritiken. Der Song ist eine einzige öffentliche Ohrfeige, die der britische Staat von einem seiner prominentesten zeitgenössischen Künstlern erhält. «Give Ireland Back To The Irish» ist ein Rocksong, da Rockmusik die marschierenden Soldaten, die Schüsse und das Massaker am besten umsetzt. Insbesondere bei den anklagend fragenden Worten in der ersten Strophe, in der McCartney die Situation umdreht: «Tell me how would you like it if on your way to work you were stopped by Irish soldiers? Would you lie down? Do nothing? Would you give in or would you berserk?» U2 haben 1983 dieselbe musikalische Sprache in «Sunday Bloody Sunday» verwendet.
In der zweiten Strophe bezichtigt McCartney England der Heuchelei: «Great Britain and all the people say that all people should be free. And meanwhile back in Ireland there’s is a moon who looks like me.» Und dieser normale Bürger, der von Gott und Staat träumt, sitzt in einem Gefängnis. Und auch hier die Frage, ob er abliegen oder verrückt werden soll. Eine bewusste Provokation ist der Refrain: «Give Ireland back to the Irish. Don’t make them have to take it away. Give Ireland back to the Irish. Make Ireland Irish today.»
verwirrende Musik
Verwirrend ist, dass dieser Song mit seinem wütenden Text eine relativ eingängige Melodie hat und zwar rockt, aber nicht übermässig. Von einem wütenden Paul McCartney hätte man ein eindeutigeres musikalisches Statement erwartet, angesichts der Tatsache, dass er dreieinviertel Jahre zuvor mit «Helter Skelter» einen der ersten Hardrock Songs geschrieben hat. Es scheint so, als ob sich McCartney seiner Sache doch nicht ganz so sicher war, wie er im Telefonat mit Sir Joseph Lockwood vorgegeben hatte. Wider erwarten ist auch auf der B-Seite keine rockigere Version des Songs zu finden, sondern ein Reggae-Instrumental. Weil man Anfang der 70er-Jahre weder Remixes gemacht hatte noch dass das Instrumental nichts erkennbar mit dem eigentlichen Song zu tun hatte, ist er korrekterweise schlicht als Version bezeichnet.
Wings MK 2, anno 1972. Backstage Henry McCullogh, Denny Seiwell (vorne), Denny Laine (hinten), Linda und Paul McCartney. Obwohl die Schnaps reichende Hand das Bild zerstört, ist es ein gutes Zeitdokument, heute sind Paul und Band clean. – Bild: examiner.com
In England erschien die Single in einem gelben Cover mit schwarzer Schrift und schwarzen Kleeblättern, auf der Rückseite war der Text abgedruckt. Da die Single auf dem Beatles-Label Apple erschien, war sie meistens in einem gelben Schriftcover oder einem neutralen schwarzen Cover erhältlich. 1993 erschien «Give Ireland Back To The Irish» als Bonus-Track der CD-Veröffentlichung von «Wild Life» im Rahmen der «Paul McCartney Collection». Ein Videoclip wurde nicht gedreht, jedoch wurde eine der Aufnahmen gefilmt, auf You Tube findet sich dieser Clip. Paul hätte den Song 2001 gerne auf der Dokumentation «Wingspan» gehabt, doch EMI Records bat ihn, wegen des neu entflammten Terrors, zu entfernen.
«Give Ireland Back To The Irish» gehörte sowohl bei der Tour durch die englischen Universitäten im Frühling 1972 und der Wings Over Europe Tour im Sommer des Jahres zur Setliste. Die Europatour machte in Montreux und Zürich Halt.
Inspiration Bloody Sunday
Paul McCartney war nicht der einzige, der sich musikalisch zum Bloody Sunday geäussert hatte. Auf seinem ebenfalls 1972 erschienen Doppelalbum «Sometime In New York City» bezog sich Lennon in «The Luck Of The Irish» und «Sunday Bloody Sunday» auf das Massaker von Derry. Da sich Lennon, der damals bereits nach New York übergesiedelt war, auch zu amerikanischen Themen prononciert, zum Teil links aussen, zum Teil feministisch geäussert hatte, z.B. mit «Attica State» über die unwürdigen Lebensbedingungen im New Yorker Attica State Gefängnis, «Angela» über Angela Davies oder «Woman Is The Nigger Of The World», fiel seine politischste Platte beiderseits des Atlantiks durch. Sie wurde zwar nicht boykotiert, zog aber den Zorn der amerikanischen Behörden nach sich. Lennon wurde in der Folge vom FBI observiert. 1983 eröffneten U2 ihr drittes Album «War» mit ihrem Song «Sunday Bloody Sunday», der zwar denselben Titel wie John Lennons Song trug, aber nichts damit zu tun hatte. Im Gegenteil, die Band fragt, wie lange sie den Song singen müsse.
Nach «Give Ireland Back To The Irish» äusserte sich McCartney selten politisch. Ende der 80er-Jahre demonstrierte mit der lokalen Bevölkerung gegen die Schliessung eines Regionalspitales in Sussex und widmete «How Many People» dem 1988 ermordeten brasilianischen Umweltschützer Chico Mendes. 2001 jedoch, schrieb er als Augenzeuge der Terroranschläge in New York vom 11. September den Song «Freedom», der beim vom Paul veranstalteten Benefizkonzert «The Concert For New York City» Premiere gefeiert hat. «Freedom» wurde nicht indexiert, aber dennoch mit schlechten Kritiken überhäuft. Vor allem nach dem Ausbruch des Irakkrieges 2003.
Rezeption und Statistik
Trotz des Boykotts durch die Radiostationen, konnte sich die Single auf Rang 16 in den englischen Charts platzieren. Bei den Radio One Charts der BBC, wo «Give Ireland Back To The Irish» auf Rang 19 stand, mogelte sich DJ Alan Freeman, als er die Charts durchgab, mit «a song by a group called Wings» durch. In den USA mit einer grossen irisch stämmigen Population, verpasste McCartney knapp die Top 20 mit einem 21. Platz. In Irland (wen wundert’s) und Spanien erreichte «Give Ireland Back To The Irish» gar Platz 1. Aber auch die baskischen Separatisten der ETA liebten den Song. In der Schweiz konnte sich die Single, wen wundert’s, nicht platzieren so drängend war die damals aktuelle Jurafrage nun auch wieder nicht.
Wings anno 1972 in Farbe: Henry McCullogh, Denny Laine (hinten), Paul und Linda McCartney, Denny Seiwell.

Tracklist
Give Ireland Back To The Irish
Give Ireland Back To The Irish (Version)
Auf der Rückseite der englischen Single war der Text abgedruckt.