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Er war hinter dem Haus und flickte einen Fangkorb. Er lächelte, als ich laut atmend mit dem Karton auf ihn zu rannte und in einem Stakkato aus Worten von dem Absturz der Möwe erzählte. Wir gingen in seine Scheune und er fixierte den gebrochenen Flügel mit einem Klebband an ihrem Körper und legte sie zurück in den Karton. Dann erzählte er mir die Geschichte.
Der Alte hatte das stark verletzte Jungtier am Strand gefunden. Sie war in einem Fischernetz hängengeblieben und hatte sich bei dem Versuch, sich zu befreien, das rechte Bein abgerissen. Er brachte sie zum Tierarzt, der die Möwe umgehend töten wollte. Doch der Alte wehrte sich und der Arzt versorgte das verstümmelte Bein. Er wollte das Tier jedoch bis zu seiner Genesung nicht bei sich behalten und erlaubte dem Alten, es wieder mit nach Hause zu nehmen und Gesund zu pflegen.
Der Alte baute ihr hinter dem Haus ein Schwimmbecken aus einer Zinkwanne die er im Boden versenkte. Und weil sie so verletzt nicht alleine aus dem Wasser gekommen wäre, zimmerte er ihr einen Steg aus Holz. Er fütterte sie mit den Fischresten, die ihm der Sohn des Krabbenfischers auf dem Heimweg vom Fang vorbeibrachte. Und sie blieb. Bis sie eines Tages kräftig genug war, um sich gegen ihre Feinde zu wehren und sich wieder selbst zu ernähren. Doch da war sie bereits zutraulich und er hatte sich an ihre Gesellschaft gewöhnt. Sie besuchte ihn jeden Tag und er fütterte sie. Dann begann sie ihn zu begleiten, wenn er aufs Meer hinausfuhr. Sie wurden Freunde und sind es geblieben, bis er starb. Danach blieb sie verschwunden. Ich taufte sie Fräulein Mö und nahm sie mit nach Hause.
Text: Susan Brandy
Reglos blieb sie auf dem Rücken liegen und ich sah den verkrüppelten Stumpf ihres rechten Beines. Dann schlug sie die rot umrandeten Augen auf und starrte mich an. Sie versuchte sich aufzurichten, doch fehlte ihr die Kraft dazu und sie verhedderte sich in den Gliedern des abgerissenen Efeus, auf dessen Haufen sie gelandet war. Ihr rechter Flügel hing leblos an ihrem Körper herab. Sie war gefangen.
Verzweifelt rannte ich ins Haus und holte ein Küchentuch. Als ich zurückkam, hatte sie es auf ihr gesundes Bein geschafft, kam jedoch kaum ins Gleichgewicht und torkelte wie eine Betrunkene vor dem Efeu hin und her. Sie versuchte zu fliehen, stolperte und fiel. Vorsichtig fing ich sie ein und redetet ihr leise zu. Ihr Herz schlug viel zu schnell. Aber als ich sie in das Tuch einwickelte, sie wehrte sie sich nicht. Schnell brachte ich sie in das Atelier und bettete sie in einen Karton, in dem der Alte seine Farben aufbewahrt hatte. Mit der Rückseite eines Pinsels stiess ich Löcher in den Deckel, den ich mit Klebband am Karton fixierte. Dann rannte ich zurück ins Haus und rief den Sohn des Krabbenfischers an. Er antwortete nicht. Ich holte das Fahrrad aus dem Stall, legte den Karton in den Korb am Lenkrad und fuhr los.
Text: Susan Brandy
Der Sohn des Krabbenfischers nahm mich mit zu der Bucht und zeigte mir die Bootshäuser. Eines davon hatte dem Alten gehört. Ich besass nun auch ein Boot.
Er erzählte mir, dass der Alte, als er dazu noch in der Lage war, frühmorgens bei ruhiger See jeweils mit einer Staffelei in sein Boot stieg und aus der Bucht hinausfuhr, um irgendwo, unweit der Küste, den Anker zu werfen und stundenlang unter einem Sonnenschirm zu malen.
Ich bat ihn, meine Identität und den Grund meines Kommens zu verschweigen, bis ich die Insel im Herbst wieder verlassen würde. Dass der Alte eine Tochter hat, von deren Existenz bis zu seinem Tod keiner auf der Insel gewusst hatte, sorgte für Gesprächsstoff genug.
Später wollte ich ins Atelier. Ich musste schreiben. Doch als der Sohn des Krabbenfischers gegangen war, verwarf ich meinen Plan. Ich ging zu dem Schafstall, in welchem der Alte seine Gartengeräte und das Fahrrad aufbewahrt hatte, und begann an dem Efeu zu zerren, das sich verzweifelt an den Steinwänden festhielt. Wie eine Besessene riss ich an den Trieben, die sich über die dahinterliegende Gartenmauer hinweg in Richtung des Ateliers ausstreckten, als, mit einem dumpfen Krachen, etwas neben mir auf den Boden aufschlug.
Text: Susan Brandy
Als ich vom Leuchtturm zurücklief, hatte die erste Fähre bereits angelegt, die Einkaufsallee war belebt; an deren Ende standen die Traktorbusse und luden die Besucher ab – die Insel war autofrei. Auch die Ambulanz wurde von einem Traktor gezogen. Die einzigen Personenfahrzeuge, die man auf der Insel erlaubte, waren die Traktorbusse, die vom Hafen bis ins Zentrum fuhren, sowie Pferdewagen und Fahrräder.
Um bei den Einheimischen nicht aufzufallen, ging ich einer Gruppe Besucher hinterher und sah mir die Kartenständer vor den Souvenirläden an. In jedem steckten auch Postkarten von den Bildern, die der Alte gemalt hatte. Dann entdeckte ich meine Romane. Sie standen im Schaufenster des kleinen Bücherladens, inmitten einer Dekoration aus Schafen, Möwen und Plüschdelfinen.
Text: Susan Brandy
Ich erzähle meine Erlebnisse anhand der Notizen, die ich nach meiner Ankunft zu erstellen begann. Ich ahnte bereits dann, dass die Vergangenheit aus meinem Gedächtnis verschwinden und einer Phantasie weichen würde, die meinem Widerwillen, persönliche Dinge preiszugeben, wohlwollend entgegenkommt.
Meine Vorahnung hat sich bestätigt. Es ist mir heute nicht mehr möglich, mich an Geschehnisse, die ich mir nicht notiert habe, zu erinnern. Ich kann diese Erzählung nicht – wie ich es in meinen Romanen so gerne getan habe – mit Details anreichern, und sie widerstandslos durch die Köpfe gleiten lassen. Natürlich könnte ich sie erfinden. Doch bleibt mir keine Zeit mehr dafür. Ich bin gezwungen, bei der Wahrheit zu bleiben.
Die ersten Tage auf der Insel, die Begegnungen mit der Möwe, die nunmehr seit vielen Jahren tot ist – alles, was mir geblieben ist, sind die Notizen.
Text: Susan Brandy
Bei Tagesanbruch rannte ich los. Mein Ziel war der Leuchtturm. Ich folgte der einzigen Teerstrasse der Insel, die über die Landenge führte, und auf der anderen Seite hinter einem Hügel verschwand. Die Landschaft, in der ich mich bewegte, war mir nicht neu, der Alte hatte sie mehr als einmal gemalt. Auch den Leuchtturm, der an der Seite einer Klippe hing, die ihn überragte. Ich sprang die steile Treppe hinunter bis zur Plattform und setzte mich auf die Mauer. Bis auf die Möwen, die in den Felsnischen unter mir ihren Nachwuchs versorgten, war ich alleine. Doch dann war auch sie wieder da. Balancierte nur wenige Meter von mir entfernt auf der Mauer und beobachtete mich. Vorsichtig stand ich auf und begann mit ihr zu sprechen. Sie liess es zu, ihr Kopf jedoch war in ständiger Bewegung. Dann öffnete sie die Flügel, stiess sich von der Mauer ab und segelte in Richtung des Ozeans davon.
Text: Susan Brandy