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Wer Amerika mit dem Velo quert, kann, zum Beispiel, Ohio durchfahren. Landschaftlich erinnere ihn dieser Bundesstaat «an Holland – nur flacher», findet Benedikt Meyer. Immer schön geradeaus. Das Wiederkehrende schätzt er auch Wochen später an den Rocky Mountains: «Fahrradmässig sind Berge einfach: Es geht hinaus, bis es wieder runter geht. Wind ist unberechenbar, Regen kann einen zermürben. Berge sind angenehm.» Für Meyer ist «Fahrradfahren […] Meditation für Ruhelose: einatmen, ausatmen, vorankommen.»
Schöner kann man nicht ausdrücken, was es heisst, auf zwei Rädern aus eigener Kraft unterwegs zu sein. Der Berner Historiker Benedikt Meyer schreibt die schönen Sätze in seinem eben erschienenen Erstling, dem Roman «Nach Ohio», in dem er sich auf die Spuren seiner Urgrossmutter Stephanie Cordelier begibt. Meyers ebenso mutige wie aufmüpfige Vorfahrin bestieg 1891 in Antwerpen den Viermaster «Westernland» mit Ziel Defiance, einer Kleinstadt in Ohio. Fünf Jahre schlägt sie sich in der neuen Welt als Haushälterin und Pfarrköchin durch, kehrt 1896 heim, heiratet 1899 in Basel und stirbt daselbst 1967 im hohen Alter von 95 Jahren. Die Aufzeichnungen, die sie bis zu ihrer Heirat geführt hatte, gelangen Jahre in die Hände ihres Urenkels, nebst einer Tonbandkassette mit der Aufzeichnung einer Radiosendung von 1964.
Langsam genug und schnell genug
«Nach Ohio» ist kein Tourenbericht, sondern eine historische Recherche. Das Velo kommt darin nur auf wenigen Seiten vor, auf diesen dafür umso dichter. Dass Benedikt Meyer sich mit dem Velo auf die Spuren seiner Urgrossmutter heftete, lag freilich nicht nur daran, dass er «Lust darauf [hatte]», wie er schreibt, sondern dass das Zweirad seit jeher sein bevorzugtes Verkehrsmittel ist. Unter anderen hat sich Meyer in seiner Lizentiatsarbeit der «Geschichte des Fahrradfahrens in der Schweiz» angenommen. Mit dem Velo ist er langsam genug, um Stephanie Cordelier nicht zu überholen, und schnell genug, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Die beiden sind gemeinsam unterwegs. Meyer reiste deshalb selbstredend nicht mit dem Flugzeug nach New York, sondern einem Frachtschiff.
Das Velo gibt dem Autor auch die Zeit «das Erlebte zu ordnen» (S. 157). Nachdem er alle Stationen seiner Urgrossmutter in Amerika an- und abgefahren hat, beschliesst er, weiter westwärts zu fahren. «Ein bisschen, um mir die Gegend anzusehen, in der Stephanie gelandet wäre, wäre sie in den USA geblieben. Und viel mehr noch, um mir Stephanies Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.» So schafft es Meyer am Ende bis an den Pazifik. Seine Beschreibung endet in San Francisco, Stephanie Cordelier macht nach ihrer Heirat einen Punkt.
Ankommen. Irgendwie und irgendwo
«Nach Ohio» ist, siehe oben, kein Tourenbericht, aber zumindest Anregung zur Spurensuche aus dem Fahrradsattel. Benedikt Meyer war für seine Recherche 2013 drei Monate lang unterwegs. Es genügen aber auch drei Tage, um mal zu erkunden, wo jener Onkel im Bündnerland aufwuchs, von dem doch die Mutter immer erzählt hat. Oder diese Tante im Jura, von der doch letzthin eine Schachtel Briefe beim Aufräumen zum Vorschein kam. Das Leben, eigenes und anderes, lässt sich jedenfalls velocipedierend trefflich ergründen. «Ich fuhr durch Landschaften und fuhr durch Geschichten», erfuhr Meyer, «einen Tag fuhr ich komplett im Regen, und einmal ging mir das Wasser aus, aber ich kam immer irgendwo an. Müde, hungrig oder durchnässt, aber am Ende fand ich stets ein warmes Essen und einen Platz für die Nacht.»