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Vor kurzem ist das kapitalismuskritische Buch des Japaners Kohei Saito «Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus» auf Deutsch erschienen, nachdem es in Japan bereits über 500 000mal verkauft wurde. Saito plädiert darin für einen Degrowth-Kommunismus. Was versteht er darunter?
Schon im ersten Abschnitt wird klar, dass Saito wenig von verschiedenen Formen von Greenwashing, etwa dem Umstieg auf Elektroautos oder dem Verzicht auf Plastiktüten und Pet-Flaschen usw hält. Sogar die SDGs (die Sustainable Development Goals), die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung sind für ihn eine Alibi-Übung, eine neuzeitliche Form des Opiums des Volkes, welches dazu dient, «die brutalen Auswüchse der kapitalistischen Realität» abzufedern. Aber der Glaube an den Kapitalismus halte sich und es sei «einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus» (zit. F. Jameson, S. 221). Wie kann Saito diesen Glauben erschüttern?
Externalisierung von Kosten kapitalistischen Wirtschaftens
Mit einem auf Gewinnmaximierung und Wirtschaftswachstum fokussierten Kapitalismus kann die Ausbeutung von Mensch und Umwelt nicht gebremst werden. Viele Kosten kapitalistischen Wirtschaftens werden externalisiert: Menschen, die den Stress in der Wirtschaft nicht aushalten, werden krank, allenfalls arbeitslos. Der «Stoffwechsel» zwischen Mensch und Natur wird unterbrochen, die Umwelt irreparabel zerstört oder verschmutzt, Lebewesen sterben aus und der Klimawandel führt zu prekären Wetterphänomenen.
Kohei Saito (geb. 1987) forscht als Associate Professor an der Universität Tokio für Philosophie zu Fragen von Ökologie, Anthropozän, Wachstumskritik und Politische Ökonomie. Schon in seiner Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin legte er, sich auf Manuskripte und Exzerpte des späten Marx stützend, eine ökologische Kritik des Kapitalismus von Marx vor, welches er «Degrowth- Kommunismus» nennt.
Alternativen zum Degrowth-Kommunismus
Saito skizziert neben dem Degrowth-Kommunismus drei Zukunftsalternativen.
Erstens den Klimafaschismus: Das Festklammern am Kapitalismus und Wirtschaftswachstum führe zu mehr Klimaflüchtlingen und zu einem Katastrophenkapitalismus, in welchem die Klimawandelverlierer denjenigen, die sich in den Klimakatastrophen noch bereichern können, gegenüber stehen.
Zweitens Barbarei: Das Kräftemessen zwischen dem einen Prozent der Superreichen und den restlichen 99 Prozent könne zu einer Rebellion der Massen führen, zu einem Kollabieren der Staatsgewalt, wodurch die Welt im Chaos versinke und im Kampf ums Überleben ein Krieg aller gegen alle herrsche.
Drittens Klima-Maoismus: Um den armutsbedingten, barbarischen Kampf «1% gegen 99%» abzuschwächen, könne eine zentralistische Diktatur errichtet werden, um «möglicherweise «effektivere» und «egalitäre» Klimaschutzmassnahmen von oben zu diktieren.
Wohin mit dem Müll? In die Abfallbehandlungsanlage? (Foto freepik)
Degrowth-Kommunismus
Auf den Seiten 224 ff. erläutert Saito die fünf Säulen des Degrowth-Kommunismus:
- Wandel zur Gebrauchswertwirtschaft
Statt sich auf den Tauschwert einer Ware zu konzentrieren und auf Wirtschaftswachstum, Massenproduktion und Massenkonsum zu setzen, sei es wichtig, den Gebrauchswert in den Vordergrund zu rücken. Es sei wichtig zu produzieren, was dem Wohl aller dient, etwa ein universeller Zugang zu «Nahrung, Wasser, Strom, Wohnen und Transportmitteln» usw. und zu verzichten auf Statussymbole und Luxusartikel, die bloss Geld bringen und die Umwelt belasten.
- Verkürzung der Arbeitszeit
Der Verzicht auf die Produktion unnötiger Dinge würde zu einer Reduktion der Gesamtarbeitszeit der Gesellschaft dienen, so dass auch dank der Automatisierung in vielen Branchen eine Befreiung aus der Lohnsklaverei möglich würde. Zudem wäre mehr Zeit zur Verfügung für «soziale und kreative Aktivitäten in der arbeitsfreien Zeit.» (S. 231)
- Aufhebung uniformer Arbeitsteilung
Im Kapitalismus müssen Tätigkeiten möglichst zeitsparend ausgeführt werden, um die Lohnsumme zu reduzieren, was zu den bekannten Phänomenen von Stress und Burnout führt. Marx forderte nach Recherchen von Saito eine attraktive Arbeit, eine kreative und selbstverwirklichende Tätigkeit.
- Demokratisierung des Produktionsprozesses
Um die Arbeitsweise zu reformieren, brauche es demokratische Entscheidungen über das «was, wie und wie viel» der Produktion, was zwar zu einer Verlangsamung der Wirtschaft führe, aber diktierte Planung von Management und Bürokraten verhindere.
- Fokus auf systemrelevante Arbeit
Viele Arbeiten können trotz künstlicher Intelligenz und Automatisierung nicht digitalisiert und mechanisiert werden, nämlich Emotionsarbeiten. Beziehungsarbeit etwa in Erziehung, Pflege und Bildung können nicht mit der Stoppuhr gemessen werden. Pflege- und Sorgearbeiten erleiden unter Zeitdruck einen Qualitätsverlust. Sinnlose Arbeiten, Bullshit-Jobs, die in kapitalistischen Verhältnissen nur Geld bringen, aber keinen Gebrauchswert haben, fallen weg.
«Damit die Geschichte kein Ende hat»
Im Schlusswort unter dem Titel «Damit die Geschichte kein Ende hat» plädiert Saito nochmals für die Wahl des «Degrowth-Kommunismus». Aus seiner Sicht könnten 3,5% der Menschen, die sich engagiert und leidenschaftlich, gewaltlos und entschlossen einsetzen für ein umwelttaugliches Wirtschaften zum Wohle aller, einiges bewirken, etwa in Genossenschaften, Commons, Arbeiterkooperativen, ökologischen Landwirtschaftsprojekten usw.
Obwohl der Schluss des Buches viele Fragen offenlässt, ist es sehr lesenswert und anregend für Menschen, die sich Sorgen um die ökologisch/ökonomische und politische Situation auf diesem Planeten machen.
Titelbild: Mädchen trägt Gesichtsmaske wegen extremer Umweltverschmutzung (Foto Freepik)
Buch: Kohei Saito: Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus. München 2023. (2. Aufl.) ISBN: 978-3-423-28369-4