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Regelmässig stellen Pandemien grosse und kleine Lebensgemeinschaften – Völker, Staaten, Städte, Dörfer, Familien – hart auf die Probe. Vor hundert Jahren war Näfels ein Pocken-Hotspot. Es war ein letztes Zucken der gefährlichen Krankheit. Der Engländer Edward Jenner hatte zwar bereits 1796 eine zuverlässige Schutzimpfung auf der Basis von Kuhpocken entwickelt, die schon zwei Jahre später im Glarnerland durch Johannes Marti erstmals erfolgreich angewandt wurde. Allerdings führte die Freigabe der ärztlichen Praxis zu einer Aufhebung des Impfobligatoriums im Kanton, wodurch ein erneutes Aufflackern der Pocken erst möglich wurde. Armin Rusterholz, der sich in diversen wissenschaftlichen Publikationen mit Epidemien befasste, beschrieb die Zustände sehr anschaulich anlässlich eines Vortrags im Historischen Verein Glarus (Bericht in der Südostschweiz).
Die gleichen Massnahmen wie heute
Die Pocken-Epidemie von 1921 weist verblüffende Parallelen zur aktuellen und weltweiten COVID-19-Pandemie auf. Am 3. Dezember 1921 wurden erste Pockenfälle offiziell gemeldet, allerdings dürften bereits früher Fälle aufgetreten sein. Der Bezirksarzt hatte den Ernst der Lage zunächst nicht erkannt. Mit der Zeit wurden die Massnahmen verschärft. Gemeindeversammlungen, festliche Anlässe, Konzerte, Theater und Kinovorführungen oder auch das Hausieren wurden kantonsweit verboten. Wohnungen mit Erkrankten wurden mit einem Plakat gekennzeichnet. Die Bewohner wurden geimpft und für 10 bis 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Später wurde für das ganze Unterland ein Impfzwang verfügt.
Ende 1921 wurde auf der Näfelser Obererlenwiese ein Pockenspital aufgebaut, mit vier Krankenzimmern und total 56 Betten. Das Thema beherrschte während eines Jahres die Medien und rief wie heute erzürnte Bürger auf den Plan, welche sich über zu strenge Massnahmen und den Impfzwang beschwerten. Auch an Schuldzuweisungen, wer die Seuche eingeschleppt hatte, mangelte es nicht. Die beträchtlichen wirtschaftlichen Folgen von rund 150 000 Franken, damals eine enorme Summe, wurden dem Kanton zur Hälfte aus der Bundeskasse zurückerstattet.
Kein Impfzwang ...
Obwohl – so Armin Rusterholz im erwähnten Vortrag – «der Schaden für das Image der Glarner, speziell der Näfelser, unter den Miteidgenossen gross» war, lehnte die Landsgemeinde 1922 einen Impfzwang ebenso ab, wie den Versuch des Landrats, zwei Memorialsanträge dem Souverän schmackhaft zu machen. Das Gewerkschaftskartell und die Sozialdemokraten hatten Gratis-Impftage auf freiwilliger Basis vorgeschlagen; ein Bürger verlangte sogar obligatorische Impfungen. Der Landrat schwächte die Vorstösse ab und schlug lediglich vor: «Die Pockenschutzimpfung ist im Kanton Glarus fakultativ und unentgeltlich.»
Begründet wurde dieser defensive landrätliche Antrag im Wesentlichen mit zwei Argumenten: Zum einen sei die Pocken-Epidemie bei der Drucklegung des Memorials bereits erfolgreich eingedämmt gewesen. Zum anderen sei der Impfzwang bereits 1876 «mit sehr starker Mehrheit» abgeschafft worden und das eidgenössische Epidemiegesetz sei an der Volksabstimmung von 1882 im Kanton Glarus mit einem Stimmenverhältnis von 291 ja zu 4922 nein untergegangen (Bund: 68 000 ja gegen 254 000 nein).»
... auch nicht für Kinder
Der Regierungsrat hatte gewünscht, die Pockenimpfung für Kinder von 1 bis 7 Jahren für obligatorisch und unentgeltlich zu erklären. Dies deshalb, weil Kinder einerseits die Pockenimpfung am leichtesten und ohne gesundheitliche Störungen ertragen, aber andererseits im Pandemiefall den Virus am schnellsten übertragen. Die landrätliche Kommission unterstützte den Vorschlag, blieb aber im Landrat chancenlos, weil man gegenüber Kindern und deren Eltern «keinerlei Zwang» ausüben wolle. Schliesslich habe die Pockenepidemie dazu geführt, «dass der Kanton Glarus nun infolge der letzten Epidemie tatsächlich in bedeutendem Masse durchgeimpft» sei.
Die Landsgemeinde verwarf 1922 beide Memorialsanträge und auch den landrätlichen Gegenvorschlag (siehe Abschrift des Memorials und des Protokolls).
Und heute?
- Pocken stellen heute bei uns keine gesundheitliche Bedrohung mehr dar. Das Virus gilt seit 30 Jahren als ausgerottet und existiert möglicherweise nur noch in zwei Hochsicherheitslabors.
- Hingegen bietet die Medizin im Kanton Glarus Schutzimpfungen gegen diverse andere Krankheiten an – auf freiwilliger Basis.
- Gegen den Coronavirus sind in wenigen Monaten Impfstoffe entwickelt worden; weltweit wird nun geimpft, auch im Glarnerland. Die Anmeldung ist seit Montag, 11. Januar 2021, möglich und erfolgt online über den
- folgenden Link: https://gl.impfung-covid.ch