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Mit der Performance «Irakische Geister» versucht der irakische Dramaturg und Schauspieler Mokhallad Rasem, den Krieg auf die Bühne zu bringen. Die bissige und rasante Inszenierung ist am Zürcher Theaterspektakel zu sehen.
«Ohne den Krieg wäre ich nicht in dieser Show. Vielen Dank dem Krieg. Ohne den Krieg würden Sie mir am Ende nicht applaudieren. Vergessen Sie also am Ende, während Sie klatschen, nicht zu sagen: Vielen Dank dem Krieg.»
Mokhallad Rasem, Prolog «Irakische Geister»
Mokhallad Rasem kam 1981, ein Jahr nachdem der Erste Golfkrieg ausgebrochen war, in Bagdad als Sohn eines berühmten irakischen Schauspielers zur Welt. Nach der Grundschule liess er sich am dortigen Konservatorium zum Dramaturgen und Schauspieler ausbilden. Sie seien hauptsächlich in die Geschichte des europäischen Theaters eingeführt worden, sagt Rasem – von den Griechen über William Shakespeare bis hin zu Bertolt Brecht. Sein Lieblingsstück sei bis heute «Caligula» von Albert Camus. Nach seiner Ausbildung führte er am Nationaltheater in Bagdad mehrere europäische Stücke auf, die er in einen arabischen Kontext stellte. Vor sechs Jahren zog der Theatermacher schliesslich nach Europa.
Mit «Irakische Geister» stellt er kommendes Wochenende am Zürcher Theaterspektakel seine erste, fern der Heimat entstandene Performance vor. Mokhallad Rasem steht dabei – gemeinsam mit seinen irakischen Schauspielkollegen Duraid Abbas und Ahmed Khaled sowie den europäischen Schauspielerinnen Julia Clever und Sarah Eisa – selbst auf der Bühne der Aktionshalle in der Roten Fabrik.
WOZ: Mokhallad Rasem, Sie leben seit einigen Jahren in Belgien. Warum sind Sie gerade nach Antwerpen gezogen?
Mokhallad Rasem: Ich war 2005 in Deutschland auf Tournee, als ich nach einem Telefonanruf mit meiner Familie spontan beschloss, in Europa zu bleiben. Die Situation im Nachkriegsirak war damals so gefährlich, dass ein Teil meiner Familie nach Syrien geflohen war. Ich habe mich für Antwerpen entschieden, weil ich dort von früheren Tourneen schon einige Theaterschaffende kannte. Es war ein drastischer Einschnitt in meinem Leben. Im Irak habe ich 24 Jahre meines Lebens im Umfeld meiner vierzigköpfigen Familie verbracht und bin in einem Haus mit dreizehn Leuten aufgewachsen. Plötzlich war ich allein.
Haben Sie in Antwerpen sogleich im Theaterbereich zu arbeiten begonnen?
Nein. Anfangs habe ich in einem chinesischen Restaurant Teller abgewaschen, aber ich habe rasch realisiert, dass das Theater für mich nicht einfach ein Beruf war. Es ist meine Berufung. Ich atme, esse und träume Theater. Unablässig lese ich Stücke und besuche Aufführungen. Ich kann ohne Theater nicht leben. Glücklicherweise konnte ich bald im Kunstzentrum Monty in Antwerpen arbeiten und dort mein aktuelles Stück «Irakische Geister» entwickeln und letztes Jahr auch uraufführen.
In diesem Stück, das Sie im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels aufführen werden, steht der Krieg im Mittelpunkt. Sie selbst haben in Ihrer Heimat Irak drei Kriege hautnah miterlebt. Welche Eindrücke sind geblieben?
Das Leben wird durch den Krieg von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt. Plötzlich gibt es eine Ausgangssperre, das Leben ist geprägt von unvorhersehbaren und unsicheren Situationen – es fehlt an Halt. Während der Invasion der US-Truppen im Irak im Frühjahr 2003 habe ich viel Zeit in der Bibliothek meines Vaters verbracht und bin bei der Lektüre auf die Surrealisten gestossen. Das hat mir die Augen geöffnet. Plötzlich habe ich realisiert, wie surreal mein Leben durch den Krieg geworden war. Die dauernden Veränderungen, die konstante Angst, all die traum- oder besser gesagt albtraumartigen Eindrücke. Es ist diese surreale Seite des Krieges, die ich auf die Bühne bringen will.
Wie stellen Sie das an?
Ich orientierte mich an Bildern, die ich im Kopf hatte. Um diese Bilder herum kreierte ich dann Performances. Es ist also ein sehr visueller und subjektiver Ansatz, an dem ich mich ausrichte – eine Umkehrung davon, wie ich zuvor gearbeitet hatte. Im Irak griff ich jeweils auf europäische Texte zurück und verpflanzte sie in den Irak. Nun verwende ich irakische Bilder und hole sie nach Europa. Ein solches Bild ist beispielsweise ein Parfümflakon, der im Krieg auf einmal die Form einer Handgranate erhält. Oder ein Brett, das auf den Boden fällt und sich wie ein Schuss anhört. Die Wahrnehmung im Krieg wird mehrdeutig, überall lauern echte und vermeintliche Gefahren. Solche Erfahrungen kann ich auf die Bühne bringen und so den Krieg in eine Kunstform überführen.
Wie haben Sie sich in Antwerpen eingelebt? Hatten Sie Schwierigkeiten, sich nach Ihren langjährigen Erfahrungen mit Kriegen im befriedeten Europa zurechtzufinden?
Oh ja, ich hatte zu Beginn grosse Schwierigkeiten. In Europa verläuft alles in geordneten Bahnen, es existiert eine Art Routine des Lebens. Der Rhythmus im Irak war ganz anders – hektischer, angespannter und unsicherer. Mittlerweile habe ich mich mit dem langsameren europäischen Rhythmus aber angefreundet. Ich fühle mich sehr wohl in Antwerpen.
Könnten Sie sich denn vorstellen, dereinst in den Irak zurückzukehren, falls sich die Situation in Ihrer Heimat weiter verbessern wird?
Das mag jetzt vielleicht kitschig klingen, aber meine Heimat ist nicht ein bestimmter Ort oder eine Nation, sondern das Theater. Ich stelle mir die Bühne mittlerweile als eine Art globalen Hauptbahnhof vor, wo sich verschiedene Leute aus verschiedenen Kulturen treffen und austauschen. Die Bühne ist der zentrale Ort meines Lebens und meines Lebensverständnisses.
Sind Sie überrascht von den aktuellen Entwicklungen im arabischen Raum?
Nicht wirklich. Die arabische Bevölkerung war lange Zeit müde von den jahrzehntelangen Diktaturen in ihren Ländern, von der Zensur, der grassierenden Korruption und der persönlichen Bereicherung der Mächtigen. Die gut ausgebildete und sehr zahlreiche Jugend hingegen hat diese grosse Müdigkeit und Resignation abgelegt und ihre Wut auf die Plätze getragen. Ich bin sehr glücklich, dass der arabische Raum aus dieser Schockstarre erwacht ist – auch wenn der Weg in die Freiheit und Demokratie steinig sein wird.
Zürcher Theaterspektakel 2011
Arabische Produktionen
Neben «Irakische Geister» von Mokhallad Rasem zeigt das Zürcher Theaterspektakel eine ganze Reihe von weiteren Produktionen aus dem arabischsprachigen Raum. Fadhel Jaïbi & Familia aus Tunesien führten ihr Stück «Yahia Yaïch – Amnesia» erstmals im Frühling 2010 auf. Dabei wird ein Tyrann in einer Palastrevolte gestürzt. Für einmal hat die Realität die Kunst also eingeholt: Der ehemalige tunesische Diktator Ben Ali verliess Anfang Jahr nach massiven öffentlichen Protesten das Land.
Noch näher an der Aktualität dran ist das Stück «Lessons in Revolting». Die ägyptische Regisseurin Laila Soliman und der belgische Theatermann Ruud Gielens demonstrierten in den ersten Monaten dieses Jahres auf dem Tahrirplatz in Kairo gegen die Regierung. Nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak gründeten sie das Projekt «Lessons in Revolting», das gemeinsam mit KünstlerInnen fortlaufend die jüngsten Ereignisse in Ägypten aktualisiert und in Miniperformances, Videos und Musikstücken nachzeichnet.
Die israelische Produktion «Both Upon A Time», die die renommierte Regisseurin Ofira Henig gemeinsam mit einem Team entwickelt hat, greift auf den weiten Fundus der Erzählungen aus dem Nahen Osten und der arabischen Länder zurück und rückt dabei die Geschlechterrollen ins Zentrum. Und mit Sayyed el-Dawwy tritt in Zürich ein ganz spezieller Gast auf: Der achtzigjährige Ägypter ist der letzte lebende Interpret, der das ausschliesslich mündlich überlieferte arabische Epos «Sira» noch auswendig kann.