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Im Blickpunkt …
Ist der so genannte «Pilgertraktat» (Quelle 048), wie bereits der Bruderklausenforscher Robert Durrer um 1921 vermutete, lediglich eine literarische Fiktion? Und nur zwei Quellen sagen etwas aus über eine angeblich vorhanden gewesene Radskizze: eben dieser Pilgertraktat in den zwei ältesten, gleichzeitigen Ausgaben und die poetisch gehaltene Biografie von Heinrich Gundelfingen über den Einsiedler im Ranft (Quelle 052). 1488 sind drei verschiedene Varianten dieser Skizze vorhanden. Welche hätte denn Bruder Klaus besessen haben können? Besass er wirklich eine derartige Skizze? Hier die theologisch historische Beweiskette:
Im Gutachten zu meiner Dissertation, «Der göttliche Spiegel» (1981), schrieb mein Doktorvater, Josef Siegwart OP (Dominikaner, † 17. Dezember 2011), ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg Schweiz diesen Satz: «Aber eigentlich insinuiert der PT [Pilgertraktat] eine veraltete Trinitätslehre, nämlich das Ausgehen der drei Personen aus der ungeteilten Gottheit, was man seit dem Konzil von Florenz nicht mehr hätte lehren dürfen». In der Bulle «Cantate Domino» hält das Konzil in Florenz 1442 (bzw. 1441 nach florentinischer Zeitrechnung) fest, dass die drei Personen nicht aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgehen. Vielmehr ist in einer Hierarchie der Vater der Ursprung – er geht nicht aus Gott hervor, er ist Gott –, der Sohn geht aus dem Vater hervor und ist Ursprung vom Ursprung, beide Personen sind sodann nicht zwei Ursprünge sondern zusammen der Ursprung für den Heiligen Geist (Denzinger 1331). Gegenteiliges anzunehmen oder sogar zu lehren wird entschieden verworfen und mit dem Anathem (Kirchenbann) belegt (Denzinger 1332). Eigentlich war das damals nicht neu, denn bereits 325 hatte das Konzil von Nicäa (Denzinger 125–126) das Credo im gleichen Sinne festgelegt, durch die Jahrhunderte bis heute verbindlich – zumindest der Vater geht nicht aus. – «Wegen dieser Einheit ist der Vater ganz im Sohn, ganz im Heiligen Geist; der Sohn ist ganz im Vater, ganz im Heiligen Geist; der Heilige Geist ist ganz im Vater, ganz im Sohn.» (Florenz, Denzinger 1331) – Es gibt sodann «nicht drei Ursprünge der Schöpfung sondern einen Ursprung» (daselbst). Wenn Gott in der Welt eingreift, dann tun dies alle drei Personen zusammen und nicht eine allein. Fazit: Die drei Personen gehen nicht von Gott aus, sie sind Gott. Gott lässt sich nicht auseinanderdividieren. In der antiken Theologie der Christen wird übrigens zwischen «Gott» und «Gottheit» nicht unterschieden, für beides steht θεός (theos = Gott, Gottheit – sowie als Adjektiv: göttlich, zu Gott gehörend, Gott eigen).
Beide geistlichen Berater des Einsiedlers Niklaus von Flüe, Oswald Issner (Pfarrer von Kerns) und Heimo Amgrund (Pfarrer von Kriens und später von Stans), mussten über diese Sachlage Bescheid gewusst haben. Sie hätten gewiss interveniert, wenn Bruder Klaus eine «unpassende» Lehre gedacht und geäussert hätte. Dies legt nahe, dass die entsprechenden Worte vom Ausgehen der drei göttlichen Personen aus der ungeteilten Gottheit nicht von Bruder Klaus stammen sondern ihm vom Autor des Traktats in den Mund gelegt wurden (Erklärung der Figur, welche das Aussehen hatte wie ein Rad). Auf diesen Worten basiert aber die Radskizze. Die seit 40 Jahren oft fälschlicherweise und mit manchem Unfug verbunden dem Einsiedler zugeschriebene Skizze hatte dieser überhaupt nicht sondern nur das farbige Tuch. Die Skizze ist die Erfindung von Heinrich Gundelfingen zum Zwecke des Versuchs ein Konzept zu ergründen, die Worte sind seine eigene Meinung. Gundelfingen stand stark unter dem Einfluss der neuplatonischen Ideen des Nikolaus von Kues. Die Fehldeutung vom Ausgehen der drei Personen aus der ungeteilten Gottheit ist allerdings bei Cusanus nirgends zu finden.
Andererseits muss man erkennen, dass das Wort «Person» in diesem Gebrauch nicht gerade passend war und ist. Es stammt aus dem Kontext des antiken Theaters, wo ein Schauspieler mehrere Rollen, eben «Personen», darstellen konnte und dafür verschiedene Masken verwendete, durch die seine Stimme hindurchtönte (lateinisch: personare). Aber man kann darüber meditieren und findet dann doch einen Sinn im Wortgebrauch. Man könnte stattdessen auch «Manifestation» sagen (Funktion, Erscheinungsweise). Doch, wie auch immer, die tatsächlichen Relationen in Gott sind in ihrer Tiefe unbeschreiblich.
Heute können wir vielleicht die Dreifaltigkeit eher etwas lockerer glauben, damals aber, im 15. Jahrhundert, galten in dogmatischen Fragen strenge Normen. Abweichungen wurden nicht toleriert. Dies trifft übrigens auch zu in Bezug auf die Vision des Brunnens, aus dem drei Komponenten ausfliessen. Da geht es nicht explizit um die Trinität sondern um drei symbolisch angedeutete Manifestationen des Heiligen Geistes (siehe Beitrag: Brunnenvision). Wir müssen die historischen Tatsachen akzeptieren und dürfen nicht manipulieren, damit es uns in den Kram passt! Wenn man stur etwas als wahr annimmt, obwohl Hinweise und Beweise klar dagegen sprechen, ist das ganze Gerede nicht mehr historisch sondern hysterisch. Die historische Forschung ist in den letzten 25 Jahren nicht stehengeblieben.
Im biblischen Kontext dürfen wir etwas weniger eng sagen: Gott ist die Quelle des Friedens, der Liebe (griechisch: «agape», entsprechende dem hebräischen «ahaba», englisch früher: «charity», heute aber: «love») und der Weisheit. Die Weisheit geht aus dem Herzen Gottes hervor und umfasst die ganze Schöpfung, den weiten Kreis des Alls (vgl. Jesus Sirach 24,3–7; Weisheit 7,22–29). In der O-Antiphon vom 17. Dezember umspannt sie des Weltalls Rund. Aber auch die Liebe und der Friede kommen aus dem Herzen Gottes zu uns und umspannen die ganze Schöpfung, alle drei zusammen sind die Macht Gottes oder, ganz einfach, «Die Macht» (eine sechsteilige Filmreihe von George Lucas, beinhaltet nebst viel Brimborium diese Botschaft). – Friede, Liebe, Weisheit, diese drei sind aber nur schwerlich den drei dogmatischen Personen Gottes einzeln zuzuordnen. – Wo die Macht Gottes ist, da ist Licht, wo sie im Herzen der Menschen fehlt, da ist Finsternis (vgl. 1 Joh 2,7–11). Weisheit, Liebe und Frieden unter den Menschen bilden ein einziges Netzwerk, und der Provider ist Gott. Vielleicht ein globaler ökumenischer Gedanke?
Das farbige Tuch (Meditations-, bzw. Andachtstuch) basiert aber keineswegs auf der Idee bezüglich der Figur (Skizze), wie sie im Pilgertraktat beschrieben wird. Vielmehr sind die Skizzen je ein Versuch der Abstrahierung ausgehend vom farbigen Tuch. Zudem: wenn das Haupt im Zentrum eben nicht die Gottheit selbst darstellt sondern den Menschen als Spiegelbild Gottes, ist das Tuch frei von Häresie. Warum sollte man da überhaupt etwas anderes hineininterpretieren? Heute würde man es als Mindmapping bezeichnen, das seine Wurzeln in der Devotio Moderna hat.
Gestaltung und Beschaffenheit der Skizzen erbringen eine weitere Beweiskette. Diejenige in Gundelfingens Biografie ist wohl die ursprüngliche, sie wurde mit einem Zirkel gezeichnet. Der Mittelpunkt ist hier lediglich der Nadeleinstich, der einen Krater hinterlassen hat. Die Skizze in der Nürnberger Ausgabe ist als Holzschnitt seitenverkehrt zur Skizze Gundelfingens. Die Augsburger Skizze ist eine abstrakte Darstellung des ganzen farbigen Tuches. Der eingezeichnete Mittelpunkt ist wohl ein Missverständnis. Waren nun beide Herausgeber des gedruckten Pilgertraktats, Peter Berger und Markus Ayrer, Studenten der Freien Künste bei Professor Gundelfingen an der Universität Freiburg im Breisgau? Die ersten Drucker hatten eine zumindest einfache akademische Bildung absolviert. Hatten sie eine lateinische Vorlage oder die Mitschrift einer Vorlesung auf damals gebräuchliche deutsche Dialekte übersetzt und gedruckt sowie als Endredaktoren den Text leicht bearbeitet? Beide hätten dann auch mit einem Zirkel umgehen können. Das trifft alles zu. Die Holzschnitte der Skizzen waren hingegen Handarbeit. Beide Ausgaben entstanden fast gleichzeitig, 1488. Es gibt keinen Beweis dafür, welche der beiden älter ist. Ein Detail noch: In der Augsburger Ausgabe (um 1488) wird fest behauptet: «in diser gestalt als hernach volget», während in der Nürnberger Ausgabe die Behauptung «in diser gestalt» nicht zu finden ist. Dementsprechend sind dann auch die je abgebildeten Skizzen recht verschieden.
Noch ein Argument: Holzschnitte wurden damals immer als Handarbeit angefertigt. Trotzdem, die Linien der Radskizzen wurden je zuerst mit Lineal und Zirkel auf das Holz gezeichnet und danach mit einem Werkzeug von Hand als Relief herausgeschnitten (Hochdrucktechnik). Dies ist genau der Fall bei beiden gedruckten Ausgaben des Pilgertraktats: Augsburg um 1488 und Nürnberg 1488. Wie hätte Bruder Klaus ohne geometrische Hilfsmittel von Hand eine solche Skizze anfertigen können? Nicht möglich. Wer das nicht glaubt, versuche doch selbst einmal vier genau konzentrische Kreise freihändig zu zeichnen. – Auch auf die auf einen Rahmen aufgespannte Leinwand konnten mit einem Zirkel Kreise vorgezeichnet werden, um sie danach mit Pinsel und Messer auszumalen. Wenn wir nun in einem Quadrat sechsstrahlig symmetrisch sechs gleiche Kreise zeichnen, haben wir in der Mitte Platz für einen gleich grossen Kreis, der die sechs äusseren exakt tangiert. Zuerst muss man Breite und Höhe vom Mittelpunkt aus je in drei Teile teilen und erhält so ein Netz von 36 Quadraten. Das geht nicht mit Zirkel und gewöhnlichem Lineal allein, ausser mit einem zusätzlichen Winkel-Lineal, sonst muss man messen und annähernd berechnen. Mit Zirkel und Lineal können wir dann auf der durch die Mitte gehende Senkrechte vom Zentrum aus sechs gleichseitige Dreiecke (alle Winkel 60°, Seitenlänge zwei Sechstel der Höhe) zeichnen und erhalten so die Zentren der sechs äusseren Kreise. Der Radius für diese und den mittleren Kreis ist ein Sechstel der Höhe (bzw. Seitenlänge des Quadrats). Die Bilder der Evangelistensymbole sind nicht quadratisch sondern etwas breiter. – Anhang in der Studie zum Sachsler Meditationsbild, PDF
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