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Es war nie leicht, auf einen Berg zu steigen. Noch schwieriger aber war es, als Alpinistin anerkannt oder gar gefördert zu werden. Die Ausübung der «Männertätigkeit» Bergsteigen bescherte nicht selten gewichtige Identitätsprobleme, und ständig drohte das Urteil, keine richtige Frau zu sein. Tanja Wirz beschreibt in ihrem wunderbar illustrierten und bereichernden Buch «Gipfelstürmerinnen», wie der Alpinismus Ende des 19. Jahrhunderts zur Männersache gemacht wurde, gleichzeitig aber immer auch Betätigungsfeld zahlreicher Frauen blieb. Sie untersucht, was die Vorstellung eines hochalpinen Männerraums für Bergsteigerinnen wie Henriette d’Angeville, Dora d’Istra oder Loulou Boulaz bedeutete und wie sie ihren Platz auf den Gipfeln «zurückzuerobern» suchten.
Im September 1838 bestieg die 44jährige Aristokratin Henriette d’Angeville als zweite Frau den Montblanc und schrieb noch an Ort und Stelle erste Brief an Freunde und Verwandte, um sie mit einer eigens mitgebrachten Brieftaube ins Tal zu schicken. Bevor sie den Gipfel verliess, kratzte sie ihr Motto in den Schnee: «Vouloir c’est pouvoir.» Während manche sie als Wegbereiterin des Frauenalpinismus priesen, wie 1894 etwa die französische Bergsteigerin Mary Paillon, machten vor allem Männer sie zum blossen Kuriosum. So schrieb der österreichische Alpinist Karl Ziak: «Der Auszug des vierundvierzigjährigen kühnen Jüngferleins erregte natürlich in Chamonix beträchtliches Aufsehen. Das Fräulein stak in einer bis auf die Knöchel reichenden Pumphose, die aber bis zu den Knien durch eine Bluse schamhaft verdeckt war.» Henriette d’Angeville hatte den Fehler gemacht, den Montblanc in einer eigens für die Expedition geschneiderten Mischung aus Damen- und Herrenbekleidung zu besteigen.
Max Senger meinte 1945 in seinem Buch «Wie die Schweizer Alpen erobert wurden» unter dem Titel «Weiblicher Alpinismus», bis 1854 sei keine Bergtour von Frauen als «hochtouristisch oder alpinistisch anzusprechen». Sämtliche bis dahin vorkommenden Bergesteigerinnen gehören für ihn ins Kapitel der «ergötzlichen Anekdote». Tanja Wirz lässt einigen dieser nicht ernstgenommenen Bergsteigerinnen Gerechtigkeit widerfahren. Zudem zeigt sie am Beispiel des Schweizer Frauen-Alpenclubs SFAC, wie Bergsteigerinnen im Männergebiet Alpinismus Fuss zu fassen versuchten. 1907 wurde der Schweizer Alpenclub SAC offiziell zum reinen Männerclub. Als Reaktion darauf gründeten 1918 die Hotelière Aline Margot-Colas und Madame Furer aus Montreux den Schweizer Frauen-Alpenclub. Viele Aussenstehende freute die Gründung des SFAC, weil damit die Diskussion über die SAC-Frauenmitgliedschaft ein Ende fand. Der SAC reagierte mit einer winzigen Gratulation in der Vereinszeitschrift.
Wie wenig Freude manche Alpinisten an den Leistungen von Alpinistinnen hatten, zeigt Tanja Wirz eindrücklich am Beispiel eines Tourenberichts, der 1918 im SAC-Jahrbuch erschien. Der Autor beschrieb, wie er den Grosslitzner in Tirol bestieg: «Offen gestanden, bedauere ich es, dass ein weiblicher Fuss den stolzen Nacken dieses männlichsten aller Berge betreten hat … Kann es wirklich nicht einmal in der toten Natur Gestalten geben, die der Macht des Weibes widerstehen?»
Bis heute werden Leistungen von Alpinistinnen abgewertet oder ignoriert. «Worauf Unentwegte meist flugs zu einer noch grösseren Tour ansetzten, um irgendwann endgültig zu beweisen, was sich die erste österreichische Frauenexpedition ins Himalayagebiet, die 1994 den Shisha Panga erstieg, als Motto aufs Banner schrieb: ‹Woman’s place is on the top!›» «Gipfelstürmerinnen« ist nicht nur für alle, die das Bergsteigen lieben, ein nicht zu verpassendes Ereignis. Tanja Wirz’ eindrückliches Wissen, das grossartige Bildmaterial und die berauschende alpine Atmosphäre machen ein unbeteiligtes Lesen unmöglich.
vorgestellt von Christoph Simon, Bern
Tanja Wirz: «Gipfelstürmerinnen». Baden: hier + jetzt, 2007.