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Jeden Montag steht Rosa Cornejo auf dem Fussballplatz in der Hauptstadtgemeinde Independencia, in der sie aufgewachsen ist. «Das ist meine Leidenschaft», sagt sie an einem Tag Mitte Mai und schaut ein paar jugendlichen Frauen beim Training zu.
Die 52-jährige Cornejo, die alle nur Rosita nennen, stand schon auf diesem Platz, als der noch aus Erde und Schlamm bestand. Als Jugendliche und junge Mutter begann sie, mit ein paar Nachbarinnen Fussball zu spielen. Viele brachten ihre Kinder mit. «Damals hätte niemand geglaubt, dass Frauen einmal mit Fussball Geld verdienen würden», sagt sie.
Popularitätsschub
Heute ist Cornejo in Independencia bekannt, weil sie sich an allen Fronten für den Frauenfussball einsetzt. An einem anderen Tag steht sie am Rand eines aus Zement gegossenen Platzes, umgeben von Blockbauten, 12 mal 28 Meter gross. Solche Minifussballplätze finden sich in Chile in jedem Stadtviertel. Neben dem Platz steht ein kleines Häuschen des ortsansässigen Fussballvereins. Darin: eine ranzige Toilette und ein Billardtisch. Normalerweise treffen sich hier Männer und trinken. An diesem Tag springen Kinder auf einer Hüpfburg herum, während ihre Mütter auf dem Platz ein Turnier austragen. Es sind vor allem junge Frauen zwischen zwanzig und dreissig Jahren.
Cornejo ist die Trainerin von zwei Teams, die am Turnier teilnehmen. «Es macht mir grosse Freude, junge Fussballerinnen zu fördern», sagt sie. «Uns hat niemand das Spielen beigebracht. Die Männer lachten über uns und nahmen uns nicht ernst.» Mittlerweile haben viele chilenische Klubs eigene Frauenteams, und es gibt gendergemischte Trainings. Frauen würden jetzt ernster genommen, sagt Cornejo und lächelt.
Fussball sei bei Frauen in Chile schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen, schreibt die Historikerin Brenda Elsey in einem Buch zum Thema. Die Politik und die Verbände schlossen Frauen jedoch aktiv aus. Erst Ende der 1980er Jahre gab es erste Versuche, den Frauenfussball von offizieller Seite zu fördern, damals noch als Teil der sogenannten Amateurliga. Der professionelle Fussballverband, die Asociación Nacional de Fútbol Profesional (ANFP), der seit 1991 die Zusammenstellung der Frauennationalmannschaft verantwortet, investierte lange kaum in den Frauenfussball. Der ehemalige Direktor der ANFP, Sergio Jadue, der die Organisation von 2011 bis 2015 leitete, strich bei seiner Amtsübernahme sogar bereits gesprochene Gelder, um sie für den Bau eines Fahrstuhls direkt in sein Büro einzusetzen.
Diese Situation veranlasste Myriam Fuentealba zum Handeln. Die 38-Jährige steht auf einem Platz in der Gemeinde Lo Espejo, im ärmeren Süden von Santiago. Fuentealba ist Vorsitzende der Korporation für die Förderung weiblichen Fussballs, kurz Coffuf, die sie 2015 mitgegründet hat. Sie schaut den Mädchen beim Training zu und sagt: «Ich habe mein Leben lang Fussball gespielt, doch als junge Frau gab es für mich in diesem Sport keinen Platz. Mit meinem Grossvater habe ich immer die Spiele des männlichen Nationalteams geschaut.»
Fuentealba wurde Dokumentarfilmerin. 2014, «als sich noch kaum jemand für Frauenfussball interessierte», begleitete sie das Nationalteam zur Copa América nach Ecuador. Damals schied das Team nach einer Niederlage in letzter Minute gegen Paraguay aus. Vier Jahre später erreichte die gleiche Auswahl den zweiten Platz in der Copa und qualifizierte sich für die Weltmeisterinnenschaft. Dieser Erfolg und die gleichzeitig stattfindenden feministischen Proteste im Land verliehen dem chilenischen Frauenfussball einen Popularitätsschub.
Doch der Fussballverband gibt seine Blockadehaltung nur langsam auf. Fussballerinnen sind in Chile noch immer von Machismus, Sexismus und Ausgrenzung betroffen. Noch 2020 förderte eine Studie der Universidad de Chile zutage, dass nur acht Prozent der Spielerinnen der 2008 gegründeten ersten Liga einen Arbeitsvertrag hatten. Die grosse Mehrheit musste nebenbei einem weiteren Job nachgehen.
Das Zehnfache für Männer
Wenn die Frauen mit Fussball überhaupt Geld verdienen, dann meist weniger als umgerechnet 500 Schweizer Franken im Monat. Männer verdienen im Durchschnitt das Zehnfache. Erst seit 2020 sind die Vereine theoretisch verpflichtet, Spielerinnen der ersten Liga ein Anstellungsverhältnis anzubieten. Der Fussballverband sperrt sich bis heute gegen die konkrete Umsetzung des Gesetzes. Fuentealba sagt: «Wir brauchen mehr Training und mehr Wettkämpfe, damit unser Nationalteam auf internationaler Ebene weiter bestehen kann.» Die fehlende Wertschätzung vonseiten des Fussballverbands und der Klubs drohe dies zu verhindern. Und sie sei mitverantwortlich dafür, dass sich das chilenische Nationalteam trotz weltbester Torhüterin nicht für die Frauenfussball-WM in Australien und Neuseeland qualifiziert habe, die nächste Woche beginnt.
Mit ihrer Korporation betreibt Fuentealba Lobbyarbeit für den Frauenfussball und gründet eigene Fussballschulen – vor allem in ärmeren Stadtvierteln oder Gemeinden auf dem Land, wo besonders wenige junge Mädchen die Möglichkeit haben, sich dem Sport zu widmen. Sie baut dabei auf die Zusammenarbeit mit Kommunen. Von nationaler Ebene sei wenig zu erwarten, sagt Fuentealba. Im Sportministerium werde vor allem politische Loyalität belohnt. Minister:innen und damit deren ganzes Personal würden ständig wieder ausgewechselt. «Das macht eine konstante Zusammenarbeit unmöglich.»
In Lo Espejo regiert seit knapp zwei Jahren die kommunistische Bürgermeisterin Javiera Reyes. Bei einem zweiten Besuch des örtlichen Mädchentrainings sagt die 33-jährige ehemalige Student:innenaktivistin, sie habe dem Projekt Fussballschule sofort zugestimmt.
Die Mädchen, die in Lo Espejo trainierten, wirken glücklich über das Angebot. Die zehnjährige Martina Vega zeigt stolz ihr Balltalent. «Hier kann meine Tochter das erste Mal nur mit Mädchen spielen», sagt ihre Mutter. «Unter den Jungs gehen die Spielfähigkeiten der Mädchen unter, hier kann sie zeigen, was sie kann, und dazulernen.»
Kurse fürs Selbstvertrauen
Die Coffuf gibt den Mädchen auch Kurse, die das Selbstvertrauen stärken sollen. Dabei sprechen Spezialistinnen auch über sexualisierte Gewalt und Genderstereotype.
Lo Espejo gehört zu den ärmsten Gemeinden von Santiago. Gerade in armen Verhältnissen multiplizierten sich für die Frauen die Faktoren, die sie abhängig machten und somit auch öfter betroffen von Gewaltverhältnissen, sagt Bürgermeisterin Reyes. Dasselbe gelte häufig auch für Kinder. «Sexuelle Gewalt ist in chilenischen Familien noch viel zu weit verbreitet und wird häufig totgeschwiegen.»
Für Fuentealba ist Fussball auch ein Ausweg aus tradierten Rollenbildern. «Frauenleben sind geprägt von Rollen, die sie ausfüllen müssen: jene der Mutter, der grossen Schwester oder der Grossmutter.» Auf dem Platz könnten die Mädchen einfach nur sich selber sein. Sie versuche, auch mit den Müttern zu arbeiten, erzählt Fuentealba. «Viele hatten kaum die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, und engagieren sich nun stark dafür, dass ihre Töchter und Enkelinnen ein eigenständiges Leben führen können.» Das sei traurig und zugleich ein Hoffnungsschimmer.