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Litauische Periode
Mit dem Großfürstentum Litauen begann einer der blühendsten Epochen der belarussischen Geschichte. Der mittelalterliche Staat entstand im 13. Jahrhundert aus Zusammenschlüssen verschiedener slawischer Fürstentümer (Polozk, Turau, Pinsk, Smolensk), vor allem bedingt durch die Ausbreitung baltischer Volksstämme wie der Litauer, der Jatwinger und anderer. Der Zerfall der alten Kiewer Rus, die Bedrohung durch den deutschen Orden im Westen und die Schwächung Kiews und Nowgorods durch die einfallende Goldene Horde (Tartaren-Mongolenstämme) bedingten den Aufstieg der Großfürstentums. Es entwickelte sich zu einem der mächtigsten Staaten des europäischen Mittelalters. Mit der Lubliner Union von 1569 ging es in dem von Polen dominierten Gesamtstaat Polen-Litauen auf.
Zum territorialen Kern des Großfürstentums wurde das belarussische Land. Belarussische und litauische Stämme beherrschten das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben des Großfürstentums. Amtssprache war von Mitte des 14. Jahrhunderts die ruthenische Sprache, auch bekannt als Altweißrussisch. Auf Ruthenisch wurden alle Gesetzsammlungen des Fürstentums verfasst, u.a. das Statut von Kasimir dem Großen, das Gerichtsbuch von Kasimir dem IV, das litauische Statut in drei Redaktionen (von 1529, 1566 und 1588).
Diese Periode der belarussischen Geschichte war unter anderem durch eine rege Bautätigkeit gekennzeichnet. Da das neue Fürstentum zahlreiche äußere Bedrohungen fürchten musste, entstanden zahlreiche Burgen und Wehrschlößer. Einige dieser Bauwerke sind bis heute in Litauen und Belarus erhalten geblieben.
Die Feudalmonarchie des Großfürstentums zeigte föderalistische Züge. So verfügten die angegliederten Territorien über eine gewisse Autonomie und konnten ihre Kultur teilweise bewahren.
Die Ausbildung eines der größten Staaten Osteuropas im Mittelalter war ein komplexes Unterfangen und dauerte viele Jahre. Die größte Ausdehnung erreichte das Großfürstentum in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt erstreckten sich seine Grenzen von der Ostsee im Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden und von Brest im Westen bis Smolensk im Osten.
Zur Entstehung des Großfürstentums kam es durch die fortschreitende Zersplitterung des Polozker Fürstentums. Zwanzig kleine Teilfürstentümer, die sich in Folge der Spaltung der Fürstentümer von Polozk und Turow (Turau) gebildet hatten, lagen dabei miteinander in Fehde. Die baltischen Volksstämme konnten dieses Machtvakuum für sich nutzen, wobei sich unter ihnen ein Fürst mit Namen Mindaugas I. (weißrussisch: Mindoug) besonders hervortat. Er wurde in den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts in Nowogrudok zum ersten Herrscher des Großfürstentums. Um 1246 trat Mindaugas I. zum orthodoxen Glauben über. In den 1340er und 50er Jahren eroberte er Litauen und vereinigte es mit Nowogrudok. Mit seinem Aufstieg kam es zu weiteren Konflikten mit dem Fürsten von Galizien-Wolhynien, denen Mindaugas I. vorbeugen musste. Aus diesem Grund schloss er mit dem Meistertum Livland (seit 1237 Teil des Deutschordenstaates) einen Bund und trat aus diplomatischem Kalkül zum Katholizismus über. Dies führte zur Anerkennung der Unabhängigkeit des Großfürstentums durch die katholische Welt und zur Gleichstellung mit anderen europäischen Staaten.
Das Meistertum Livland aber erwies sich als unsicherer Verbündeter und bald darauf verlor Mindaugas I. seine militärische Macht. Wegen seiner Misserfolge ersetzte ihn sein Sohn Vojselk, ein ehemals orthodoxer Mönch. Mindaugas wurde von seinem Neffen umgebracht, den wiederum später die Dienerschaft von Mindaugas tötete. So stand der Weg frei für Vojselk. Dieser vergrößerte den Staat durch die weitere Angliederung baltischer und ostslawischer Länder, unter anderem durch eine aktive Heiratspolitik. Der Staat vereinigte zunehmend heterogene Territorien und war multiethnisch zusammengesetzt. Da allerdings sowohl slawische als auch baltische Völker an einer politischen Vereinigung zum gegenseitigen Schutz interessiert waren, verlief ihr Zusammenschluss größtenteils friedlich. Die feudalen Fürstentümer, die sich im 10.-12. Jahrhundert auf belarussischem Territorium entwickelt hatten, brachten ihre Erfahrung in Bezug auf Staatlichkeit, Wirtschaft und Kultur in das neue Großfürstentum mit ein.
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts strebte der Großfürst Gediminas (1316-1341) danach, die Grenzen des Großfürstentums Litauen zu erweitern und weiter zu befestigen. 1323 gründete er die neue Hauptstadt des Fürstentums, Vilno, das heutige Vilnius. Gediminas stärkte zudem die westlichen Grenzen zum Meistertum Livland (heutiges Polen) und baute zahlreiche Burgen und Festungen. In der Nähe Vilnos gründete er die Stadt Trakai und machte sie zur Hauptstadt. Sein Sohn Algirdas (1345-1377) führte die Erweiterung des Großfürstentums fort und eroberte die russischen Gebiete Smolensk, Brjansk, Kaluga und Orjol. Im Jahr 1363 schlug der Großfürst am Fluss Synjuche (auch Schlacht am Blauen Wasser genannt) die tatarische Horde. Nach dieser Schlacht fielen die Territorien von Kiew, Tschernihiw und Wolynsk dem Großfürstentum Litauen zu. Diese Eroberungen mehrten das militärische und politische Ansehen des Großfürstentums in Europa.
Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts begann das Großfürstentum Litauen enge Beziehungen zu Polen zu pflegen. Diese mündeten schließlich in die litauisch-polnische Union. Dieser Prozess begann mit inneren Auseinandersetzungen zwischen dem Sohn von Algirdas, Jogaila, einerseits und seinem Vetter Vytautas und seinem Onkel Kenstut anderseits. Hinzu kamen die Eroberungspolitik des Deutschen Ordens und die sich verschärfenden Spannungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und dem Großfürstentum Moskau. Dies, sowie die von Rom ausgehende Agitation gegen die Orthodoxe Kirche beschleunigten den Integrationsprozess mit Polen. Im Jahr 1385 kam es zur Union von Krewo. Derer gemäß bekannte sich Jogailo zum Katholizismus (unter dem Namen Wladyslaw), heiratete die polnische Königin Hedwig und wurde so zum König von Polen und Großfürst von Litauen. 1397 verkündete Jogailo einen Erlass, nach dem orthodoxe Feudalherren katholischen gegenüber schlechter gestellt wurden. Das führte zu Konflikten die in eine politischen Krise mündeten. Vytautas nutzte die Krise in eigenem Interesse. 1392 wurde er im Vertrag von Ostrowo zum Großfürsten von Litauen ernannt, das Großfürstentum erlangte offiziell die Selbständigkeit in der Union mit Polen. In weiterer Folge wollte Vytautas eigenständig militärische Erfolge erringen, scheiterte allerdings im Kampf ggen die Goldene Horde und erlitt eine bittere Niederlage. Dies führte zu einer militärischen Allianz zwischen Litauen und Polen.
1409 begann der Krieg zwischen den Bündnispartnern Litauen und Polen und dem Deutschen Orden. Zur Hauptschlacht des Krieges wurde die Schlacht bei Tannenberg (in Belarus auch: Schlacht bei Grünwald) am 15. Juli 1410. Diese Schlacht veränderte die europäische Geschichte des Mittelalters. In der Schlacht vereinigten sich polnisch-litauische Truppen mit den Tataren und besiegten den Deutschen Orden. Dies verhinderte die weitere Expansion des Ordens nach Osteuropa.
Die Schlacht bei Tannenberg verstärkte die Annäherung von Polen und Litauen. Im Jahr 1413 kam es zur Union von Horodlo, die die politische Selbstständigkeit des Großfürstentums Litauen unter das Protektorat des polnischen Königs stellte. Gleichzeitig wurde der orthodoxe Adel weiter diskriminiert, orthodoxe Feudalheeren durften kein Amt im Staate inne halten und hatten kein Wahlrecht. Vytautas hatte seine Autorität zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Nach seinem Tod wurde Swidrygiello, der jüngere Bruder von Jogailo, zum litauischen Großfürsten. Dieser förderte die belarussischen, russischen und ukrainischen Fürsten und gab ihnen bürgerliche Mitspracherechte. Dies erzürnte den polnischen Adel und es kam zu einem Bürgerkrieg (1432-1436). Die Kampfhandlungen brachten keinen Erfolg für beide Seiten. Erst nach zwei Privilegien (1432 und 1434), laut denen der orthodoxe und katholische Adel die gleichen wirtschaftlichen Rechte erwarben, kam es zu einer Befriedung.
1440 kam es im Großfürstentum zu einem Machtwechsel, zum nächsten Großfürsten und König von Polen wurde Kasimir Andreas (1440 – 1492). 1457 erließ Kasimir Andreas ein Privileg, nach dem die ganze Schlachta (Adelsschicht) unabhängig von Nationalität und Konfession bestimmte Rechte zugesprochen bekamen.
In weiterer Folge verlangte der polnische Adel, dass sich Polen und Litauen in einem Staat vereinigten. Litauen war strikt dagegen, eine einvernehmliche Lösung wurde nicht gefunden.
Laut dem Vermächtnis von Kasimir erhielt sein Sohn Alexander der Jagiellone das Großfürstentum Litauen als Erbe. Später wurde er zum König von Polen gekrönt und strebte danach, Litauen zu polonisieren. Während seiner Regierung wurde die politische Union von Polen und Litauen nochmals bestätigt. Zu einer totalen Verschmelzung kam es aber erst unter Sigismund II. Augustus. Im Laufe des Livländischen Krieges (auch: Erster Nordischer Krieg, 1558-1583, kriegerische Konflikte um die Vorherrschaft im Ostseeraum zwischen Polen-Litauen, Schweden, Dänemark und dem Zarentum Russland) schloss er die Union von Lublin. So entstand ein neuer Staat auf der politischen Karte Europas, Polen-Litauen. Laut der Union regierte ein gemeinsam gewählter König, Staatsangelegenheiten wurden in einem gemeinsamen Sejm (Parlament) besprochen. Die Rechtssysteme sowie die Armee blieben getrennt.