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Ryszard Kapuscinski: Mein Freund Ryszard
Der kürzlich verstorbene Schriftsteller gilt als bester Reporter des 20. Jahrhunderts. Sein Übersetzer erinnert sich an die jahrelange Zusammenarbeit.
Jetzt, da er nicht mehr da ist, fällt mir so viel ein, was ich ihm immer sagen wollte. Wie wichtig er für mich ist, als Autor, den ich seit vielen Jahren übersetze, als literarisches Vorbild, ja Lehrmeister, vor allem aber als Freund. Wie oft nahm ich mir vor, ihm das zu sagen, doch dann kam immer etwas dazwischen, und jetzt ist es zu spät, ach Ryszard …
Meine erste Bekanntschaft mit Kapuscinski reicht weit zurück. Im Frühjahr 1983 fragte ein deutscher Verlag bei mir an, ob ich das Buch eines polnischen Autors mit unaussprechlichem Namen übersetzen wolle: «Cesarz» von Ryszard Kapuscinski. Ich weiss noch, dass eine Dame den Namen am Telefon grässlich verhunzte, es klang wie Kaputschicki oder noch schlimmer. Ich war als Übersetzer unerfahren, wusste jedoch sofort, dass ich ein Meisterwerk in Händen hielt. Mit entsprechendem Respekt, ja Bangen machte ich mich an die Arbeit. Wider Erwarten ging alles gut, das Buch erschien 1984 unter dem Titel «König der Könige. Eine Parabel der Macht» und wurde enthusiastisch aufgenommen, sogar die Übersetzung erntete Lob. Seit damals blieben wir beisammen, der Autor und sein Übersetzer, ein eingespieltes Gespann, inzwischen habe ich zwölf Bücher von Ryszard übersetzt, alles, was in deutscher Sprache erschienen ist.
Wir sind schon wie ein altes Ehepaar, sagte Ryszard bei unserer letzten Begegnung und lachte. Er lachte so gern, und er besass ein wunderbares Lachen.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Autor und seinem Übersetzer funktioniert nur, wenn sie sich einigermassen gut verstehen. Das war bei uns auf Anhieb der Fall, obwohl Kapuscinski für einen Übersetzer nicht einfach ist. Das lag nicht an der Person, sondern an seiner Sprache, an der er unermüdlich feilte. Was mich manchmal zur Verzweiflung trieb, war seine Vorliebe für Zitate, die er grosszügig in den Text einstreute oder als Motto verwendete, Textstellen aus allen möglichen Werken, von der Bibel bis zu modernen Autoren. Nun gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man Zitate aus Werken, die in Übersetzung vorliegen, nicht selbst überträgt, sondern die vorhandene Übersetzung verwendet. Dazu muss man freilich erst die Übersetzung und dann auch noch das Zitat finden. Anfangs war ich so naiv, Ryszard zu fragen, von welcher Seite dieses oder jenes Buches ein Zitat stamme. Er sah mich unschuldig an. Er habe einen Zettel an der entsprechenden Stelle ins Buch gelegt, doch der sei wohl herausgefallen, przykro mi, tut mir leid. Ich erinnere mich an den letzten Absatz von «Imperium», dem Buch über den Zerfall der Sowjetunion. Ein Zitat aus Tolstois «Krieg und Frieden»: «Nikolai hielt seine Pferde wieder zurück und sah sich um. Rings breitete sich immer noch dieselbe, vom Mondschein durchtränkte, verzauberte, mit Sternen übersäte Ebene aus …»
Ryszard konnte beim besten Willen nicht sagen, ob sich die Sätze am Anfang, in der Mitte oder eher am Ende des Wälzers finden. Also begann ich mit der Lektüre, ich hatte das Buch vor vielen Jahren zuletzt gelesen. Auf das Zitat stiess ich ziemlich weit hinten. Diese Arbeit hatte natürlich auch ihre guten Seiten. So wurde ich immer wieder gezwungen, mich mit Werken zu beschäftigen, die ich sonst vielleicht nie zur Hand genommen hätte.
Auch dafür habe ich Ryszard zu danken.
Ryszard begegnete allen Menschen mit Offenheit und Achtung, egal, welche berufliche oder soziale Position sie einnahmen. Und so schrieb er auch über die Menschen, die er auf seinen Reisen traf. Voll Achtung und Respekt. Er war neugierig wie ein Kind, und er war stets hilfsbereit. Ich weiss noch, wie ich einmal in den achtziger Jahren, damals war ich Persona non grata in Polen und durfte nicht einreisen, mit dem ersten von mir übersetzten Buch Kapuscinskis in ein Flugzeug nach Warschau stieg. Ich wollte versuchen, mich bei der Grenzkontrolle durchzuschwindeln. Fast wäre mir das auch gelungen. Am Flughafen Okecie kontrollierte ein junger Grenzsoldat mit einem frischen, offenen Gesicht meinen Reisepass. Er fragte mich, was mich nach Warschau führte, ich zog das Buch heraus, «König der Könige» von Ryszard Kapuscinski, und sagte wichtig, ich sei Übersetzer und wolle meinen Autor treffen, Ryszard Kapuscinski. Der junge Mann begann zu strahlen. Ryszard Kapuscinski! Er war ein Verehrer von Ryszard und hatte alle seine Bücher gelesen. Freundlich lächelnd drückte er den Stempel in meinen Pass, ohne den Namen mit der Liste der mit Einreiseverbot belegten Personen zu vergleichen. Doch die Namen der Einreisenden wurden offenbar noch ein zweites Mal kontrolliert, denn wenig später hörte ich, wie mein Name über den Lautsprecher ausgerufen wurde. Ich stellte mich taub. Dann kam der junge Grenzbeamte, hochrot im Gesicht, in Begleitung eines finster dreinblickenden Offiziers auf mich zu. Sie steckten mich in dasselbe Flugzeug, mit dem ich gekommen war. Ich erinnere mich noch an den Blick des jungen Grenzers, enttäuscht, verzweifelt und ängstlich, vor allem ängstlich.
Als ich ein paar Jahre später Ryszard die Begebenheit erzählte, lachte er zuerst, dann wurde er ernst. Mein Streich habe für den jungen Soldaten gewiss schlimme Folgen gehabt, zweifellos sei er vom bequemen Posten in Okecie abgezogen und in ein Kaff an der Ostgrenze versetzt worden. Ryszard fragte mich nach dem Namen des jungen Grenzers, natürlich wusste ich den nicht. Für einen Moment überlegte er, ob wir uns nach seinem Schicksal erkundigen sollten, vielleicht könnten wir ihm helfen, die Zeiten hatten sich geändert, das kommunistische Regime war zusammengebrochen.
Alles das fällt mir nun ein, wenn ich an meinen Freund Ryszard denke. Auch das Buch über seine Heimatstadt Pinsk, damals Ostpolen, heute Weissrussland, über das wir so oft sprachen. Wie oft habe ich ihn gedrängt, die Erinnerungen an die Welt seiner Kindheit endlich niederzuschreiben, manchmal schickte ich ihm alte Postkarten von Pinsk, die ich auf Flohmärkten aufgetrieben hatte. Er bedankte sich überschwänglich, doch mit dem Schreiben, so meinte er, wolle er zuwarten, das Buch über seine Kindheit werde sein letztes Werk sein.
Nun existiert dieses Buch nur in meiner Vorstellung, doch manchmal glaube ich, die ersten Sätze zu hören, perfekt und melodisch, mein lieber Ryszard …