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Sonntag, 14. November 2004, 17.15 Uhr
Reformierte Kirche Egg
W. A. Mozart: Grabmusik KV 42
W. A. Mozart: Requiem KV 626
Artikel von Walter Riethmann
Wunderkindern ist oft nur ein kurzes Leben vergonnt. Berühmtestes Beispiel: Wolfgang Amadeus Mozart. Von seinem Vater als Pianist und Geiger in halb Europa herumgereicht wurde der kleine Wolferl an den Hofen vergottert und geliebt. Er war Sensation und Amusement der letzten feudalen Herrscher. Umso steiniger wurde jedoch Mozarts Werdegang als Komponist. Seine erste längere Anstellung beim Erzbischof in Salzburg wurde zum Trauma, sein Versuch, als erster freischaffender Komponist in die Musikgeschichte einzugehen, endete bekanntlich mit einem finanziellen Fiasko.
Was wäre aus Mozart geworden, hätte er Beethoven überlebt? Wie hätte sich sein musikalischer Stil weiterentwickelt? Mit welcher Einstellung wäre Mozart Napoleon begegnet? Antworten auf diese Fragen sind kaum moglich - eher die Feststellung, dass Mozarts kurzes Leben in sich vollendet und abgeschlossen war. Er war ein Kind seiner Zeit, und diese Epoche war mit dem Ausbruch der franzosischen Revolution gestorben.
Erstaunlich genug, dass sich Mozart zweimal während seines kurzen Leben musikalisch mit dem Tod auseinandergesetzt hat (der ebenfalls früh verstorbene Mendelssohn tat dies beispielsweise nicht). Schon als Elfjähriger (!) schrieb er eine Grabmusik für zwei Solisten, Chor und Orchester. Und als sein letztes, unvollendet gebliebenes Werk komponierte Mozart das berühmte Requiem.
Vermutlich für eine Andacht vor dem Heiligen Grab einer Salzburger Kirche fasste Mozart den Auftrag, eine Grabmusik zu schreiben. Das "Heilige Grab" ist eine plastische oder reliefartige Darstellung des Felsengrabes, zuweilen auch der Grablegung Christi, die sich in katholischen Kirchen zumeist in einer Seitenkape lle befindet. Offenbar hervorgegangen aus den mittelalterlichen Mysterienspielen pflegte man vor allem in der Barockzeit am Karfreitag ein mit grossem musikalischen Aufwand dargebotenes Szenarium vor dem Heiligen Grab aufzuführen. Es kann vermutet werden, dass Mozart den Auftrag hatte, die Musik zu solch einem Mysterienspiel zu komponieren. Und wie nimmt ein Elfjähriger dieser Aufgabe an die Hand? Mozart komponiert geläufig, virtuos, vielleicht noch ein bisschen oberflächlich. Und seine Musik klingt alles andere als traurig.
Um Mozarts Tod, haben sich seit je die verschiedensten Gerüchte gebildet. Zuweilen war man der Ansicht, Mozart sei gar von seinem berühmtesten Rivalen in Wien, von Salieri, vergiftet worden. Dieses Thema ist im 20. Jahrhundert auch im berühmten Film "Amadeus" nach dem Drama von Peter Shaffer wieder aufgetaucht. Das sind zweifellos Fantasien, in Wahrheit schätzten sich die beiden Komponisten durchaus. Fest steht, das dieses letzte und unvollendete Werk des Komponisten von einem gewissen Grafen Franz von Walsegg beauftragt worden war, der es zum Andenken an seine verstorbene Frau als seine eigene Komposition hatte darbieten wollen. Doch war das Requiem, Mozarts letztes Werk, nicht auch dessen eigene Totenmesse? Um das beachtliche Honorar für diesen Auftrag nicht zu verlieren, entschloss Mozarts Frau Constanze nach dem Ableben ihres Gatten das Werk insgeheim vervollständigen zu lassen, um dann die gesamte Version als letztes Werk ihres Ehemannes zu präsentieren.
Dem Publikum ist dieses Requiem damit in der von Mozarts Schüler Franz Xaver Süssmayr unternommenen Version vertraut. Doch diese Fassung hat ihre Schwächen: die Instrumentierung ist zu dick geraten und die von Süssmayr komponierten Sätze erreichen das Niveau des Lehrers nicht. Zahlreich waren nachfolgende Ergänzungsversuche. Der Singkreis wird in seinem Konzert eine neue, hochinteressante Fassung vorstellen. Der zeitgenossische Musikwissenschfter Robert Levin hat sie geschrieben. Levin geht zwar von Süssmayr's Fassung aus, er lichtet aber das instrumentale Dickicht auf und komponiert zwei neue Sätze aus Fragmenten, die Süssmayr nicht berücksichtigt hat.
Eingeleitet wird das Konzert von dem prunkvollen Kyrie in Es-dur, das Mozart noch in seiner Salzburger Zeit komponiert hat. Auch dieses Werk blieb unvollendet. Nach seinem Tod hat es Mozarts Freund Maximilian Stadler fertiggestellt, wohl auch auf Ersuchen von Constanze, die mit jedem Manuskript ihres Mannes Geld verdienen wollte. Das Kyrie ist erst vor kurzer Zeit in einer Partitur herausgegeben worden, und wir dürfen annehmen, dass dieses Werk in Egg zum ersten Mal in der Schweiz erklingen wird. Und dies, wohlverstanden, zweihundertdreizehn Jahre nach Mozarts Tod - verpassen Sie also die Première nicht!