Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/428

HandelsZeitung: 3. April 2002, Nummer 14
Müll-Tourismus auf Umwegen
Sondermüll - 130000 Tonnen Sondermüll gehen jährlich ins Ausland. Nicht immer auf legalen Wegen und nicht immer zwingend. Zwei Drittel des exportierten Abfalls könnten in der Schweiz entsorgt werden.
Jener Abfall, der sich nicht einfach so rezyklieren, aufbereiten oder in normalen KVAs verbrennen lässt, gilt - salopp formuliert - als Sondermüll. Im Detail listet das Gesetz 176 Abfallarten namentlich als Sondermüll auf. 1 Mio t oder knapp ein Viertel der gesamten Abfallmenge von 4,2 Mio t gilt folglich als Sondermüll. 1991 waren es erst 736000 t. Der Zuwachs um mehr als 25% in den 90er Jahren ist vor allem auf die Sanierung von Altlasten zurückzuführen.
Ein Teil des Sondermülls wird in speziellen Öfen oder in Zementwerken (Beispiele: Altöl und Lösemittel) verbrannt, ein Teil wird in komplizierten technischen Verfahren aufbereitet. Beispiel Alt-Batterien: Dafür gibt es eine Recycling-Anlage in Wimmis BE, welche die Schwermetalle herauslöst und eine deponierbare Schlacke als Restabfall produziert. Trotz solcher Lösungen ist die Schweiz nicht hundertprozentig entsorgungsautonom: Etwas mehr als ein Zehntel (2001: 130000 t) des Sondermülls wird ins Ausland spediert.
Wer nun gleich an kriminellen Mülltourismus denkt und befürchtet, dass der Sondermüll in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwindet oder gar im Meer verkappt wird, liegt falsch. Mathias Tellenbach, Chef der Sektion Industrie- und Gewerbeabfälle beim Buwal, erklärt: "Der Export von Sondermüll wird streng kontrolliert." 95% des Materials gelangten nach Deutschland und Frankreich, kleinere Mengen auch nach Belgien, Spanien und Italien. Exporte in Drittweltstaaten sind hingegen heute verboten.
Rund 40000 t landen in stillgelegten deutschen Salzbergwerken zur Endlagerung. 42000 t werden in Metallwerken rezykliert, 12000 t chemisch-physikalisch behandelt (z. B. Nassoxydation) und aufbereitet. Es überrascht nicht weiter, dass mangels eigener Schwerindustrie verschiedene Stoffe im Ausland metallurgisch aufbereitet werden müssen. Erstaunlich ist aber, dass rund 30000 t Sondermüll aus der Schweiz in ganz normalen deutschen KVAs verbrannt werden. Es handelt sich dabei um Resh, jene nichtmetallischen Reststoffe aus den Auto- Schreddereien.
Ärgernis Resh
Der Export dieses Materials ist auch für die Verantwortlichen beim Buwal ein eigentliches Ärgernis. "Resh in KVAs zu verbrennen, das ist keine nachhaltige Lösung", sagt Tellenbach. Die Versuche, dafür in der Schweiz eine Entsorgungsanlage zu bauen, scheiterten bislang aus technischen Gründen. In den 90er Jahren wurde Resh dem normalen Kehricht beigemischt und in den KVAs in der Schweiz verbrannt. Seit zwei Jahren geschieht dies, weil unsere KVAs inzwischen ausgelastet sind, in Deutschland. Gewisse deutsche KVAs verfügen noch über freie Kapazitäten.
Ebenfalls unbefriedigend ist die Situation beim Abfall aus den Rauchgasreinigungen der KVAs. In den Kaminen der 28 KVAs sammeln sich jährlich rund 50000 t Filterstaub. Diese enthalten bis zu 10% toxische Schwermetalle sowie krebserzeugende Dioxine und Furane. Die Hälfte des Filterstaubes wird in die erwähnten deutschen Salzbergwerke exportiert, die andere Hälfte mit Beton verfestigt und auf so genannten Reststoffdeponien in der Schweiz gelagert. Beide Methoden gelten nicht als nachhaltige Lösungen. Idealer wäre es, die Filterasche nochmals zu behandeln, die Schwermetalle herauszulösen und Dioxine und Furane zu vernichten.
Inzwischen zeichnet sich ein entsprechendes technisches Verfahren ab. Die Winterthurer Firma CT Umwelttechnik, eine Tochter des deutschen Anlagenbauers Babcock Borsig Power GmbH, hat eine Technologie entwickelt, um die toxische Filterasche zu entgiften und den Resh sauber zu verbrennen. Eine entsprechende Anlage soll bis Ende 2005 in der Schweiz gebaut und in Betrieb genommen werden, auch wenn im Augenblick noch nicht einmal die Standortfrage auf dem Tisch ist. Mit einer solchen Anlage, die mindestens einen höheren zweistelligen Millionenkosten dürfte, würde für zwei Drittel des aktuellen Sonderabfall-Exports eine nachhaltige Lösung gefunden.
Ein Hoffnungsschimmer, dass wir den Sondermüll eines Tages samt und sonders selber im Griff haben werden? Für solche Entwarnung ist es leider zu früh. "Zunehmend Sorgen bereiten uns", sagt Tellenbach, "gewisse problematische Materialien, die zwar nicht als Sonderabfälle gelten, aber in grossen Mengen exportiert werden - Pneus zum Beispiel und Altholz. Wir haben keine Kontrolle, wohin und wie das alles letztlich entsorgt wird."
Schlupflöcher gibt es viele
Ein Schlupfloch gibt es auch beim Elektronikschrott. Zwar existieren hier seit 1998 strenge Vorschriften, wie die Computer, Drucker, TV-Geräte usw. rezykliert werden müssten. Aber das Gesetz wird unterlaufen: Alte Geräte werden als Occasionsgeräte deklariert und nicht als Sondermüll, sondern als Handelsware nach Ost- und Südeuropa oder gar Afrika exportiert. Ein schöner Teil dürfte dort unverzüglich auf dem Müll landen. Ähnliche Probleme stellen sich auch bei den Autos: Die Hälfte aller Fahrzeuge wird nicht bei uns entsorgt, sondern ebenfalls exportiert, um dann als ausgedientes Wrack irgendwo in einem rumänischen Hinterhof oder im afrikanischen Busch zu enden. "Beim Vollzug der auf dem Papier vorbildlichen Entsorgungsverordnung liegt noch einiges im Argen", räumt Tellenbach ein.
Wie viel uns der Sondermüll kostet, wird leider in keinen Statistiken bilanziert. Den Betrag für den Export schätzt Tellenbach grob auf 40 Mio Fr. pro Jahr. Im Schnitt dürfte uns die gesamte Entsorgung des Sondermülls aber jährlich rund 300 Mio Fr. kosten. Dabei gibt es je nach Art des Sonderabfalls grosse Unterschiede: Eine Tonne Altbatterien ist 4000 Fr. teuer, verunreinigtes Erdreich zu behandeln dürfte zehnmal "billiger" kommen.
Was im Müllsack steckt
Art Anteil in %
Sonderabfallexporte 2001
(die zehn wichtigsten Kategorien)
Art des Sonderabfalls Menge in t Zielland Aufbereitung/ Behandlung
Pirmin Schilliger
|08.04.2002|