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Alltagsregime
Klare Regeln bestimmten den Alltag in «Anstalten», Heimen und an Pflegeplätzen. Lange stand die kollektive Erziehung vor individuellen Bedürfnissen. Der Alltag orientierte sich an der Arbeit. Doch es gab auch andere Erfahrungen.
Ordnung & Regeln
Wenn eine Person in ein Heim, in eine «Anstalt» oder in eine Einrichtung versorgt wurde, verlor sie ihre persönliche Freiheit.
Sie musste sich dem hierarchischen Regime der Leitung und der von ihr vorgegebenen Tagesstruktur unterordnen. Strafen und Privilegien sorgten für Ordnung und Disziplin. Zusätzlich galt es, sich in einem Netz informeller Regeln zu behaupten, die unter den Internierten herrschten. ...
Über 1000 Heime, «Anstalten» und andere Einrichtungen
Versorgt wurden die Betroffenen in Pflegefamilien oder in Einrichtungen. Verantwortlich für den Betrieb, die Finanzierung und die Aufsicht waren Kantone, Bezirke, Gemeinden oder Private sowie oft auch konfessionelle Trägerschaften.
Aufbruch zu mehr Individualität
Seit den 1960er Jahren wurden individuelle Bedürfnisse stärker gewichtet. Der gesellschaftliche Aufbruch begünstigte Veränderungen.
Seit den 1960er Jahren veränderten sich die Erziehungsvorstellungen in den Kinder- und Jugendheimen. Die Ausbildungen für das Personal wurden differenzierter und basierten zunehmend auf wissenschaftlichen Grundlagen. Individuelle Bedürfnisse und Privatsphäre wurden stärker gewichtet. Einheitliche Kleidung verschwand allmählich, auch Mädchen durften Hosen tragen und Schlafsäle wurden zu privaten Zimmern, an deren Wänden Poster klebten. Der gesellschaftliche Aufbruch begünstigte diese Veränderungen. Gleichwohl wurden die Lebensbedingungen in den Erziehungsanstalten in der sogenannten «Heimkampagne» Anfang der 1970er-Jahre stark kritisiert.
Wir sprechen in diesem Film
Ordnung & Regeln
Sie musste sich dem hierarchischen Regime der Leitung und der von ihr vorgegebenen Tagesstruktur unterordnen. Strafen und Privilegien sorgten für Ordnung und Disziplin. Zusätzlich galt es, sich in einem Netz von informellen Regeln zu behaupten, die unter den Internierten herrschten. ...
Die Schweizer Heimlandschaft
In der Schweiz bildete sich im 19. und 20. Jahrhundert eine vielfältige Heimlandschaft heraus. Mehr als 1000 Einrichtungen von unterschiedlicher Grösse und Funktion waren über die ganze Schweiz verteilt. Ihre Bezeichnungen wandelten sich im Verlauf der Jahrzehnte und widerspiegelten den Zeitgeist. Es gab zum Beispiel sogenannte Armen- und Waisenanstalten, Trinkerheilstätten, Kinder- und Jugendheime, Erziehungsanstalten, Mutter-Kind-Heime, psychiatrische Einrichtungen oder Zwangsarbeitsanstalten.
Als Träger dieser Einrichtungen traten sowohl staatliche Stellen als auch nicht staatliche Vereine oder religiöse Organisationen auf. Einige spezialisierten sich auf ein Gebiet. Andere waren multifunktionale Einrichtungen, wie etwa die «Anstalt Bellechasse» im freiburgischen Sugiez, in die sowohl strafrechtlich als auch administrativ verurteilte Männer und Frauen eingewiesen wurden.
Hinzu kam eine Vielzahl von spezialisierten Einrichtungen wie beispielsweise die katholisch geführte heilpädagogische Beobachtungsstation «Oberziel» in St. Gallen, in der Kinder psychiatrisch begutachtet und Empfehlungen für weitere Massnahmen ausgesprochen wurden. Die Auswahl für die Versorger war gross. Weil staatliche, private und kirchliche Akteure eng zusammenarbeiteten, konnten Kinder, Frauen und Männer auch zwischen den verschiedenen Einrichtungen und Landesteilen hin und her geschoben werden.
Alltag und Leben im Heim
Abhängig von Konfession, Geschlecht, Alter und Art der Massnahme wurde eine Person in eine entsprechende «Anstalt» versorgt. Je nachdem, von welcher Trägerschaft diese geführt wurde, war das Alltagsregime unterschiedlich. In religiös geführten Einrichtungen stand beispielsweise die «sittlich-religiöse» Erziehung im Vordergrund, sodass Gebete, Messen und kirchliche Feiertage den Alltag prägten.
Gemein war allen Institutionen, dass die Internierten beim Eintritt ihre individuelle Freiheit und Privatsphäre verloren und sich einer hierarchischen Organisation mit der Leitung an der Spitze unterordnen mussten. Diese hielt die Ordnung mit Hausregeln und Disziplinarmassnahmen aufrecht. Widerstand, beispielsweise durch Flucht, wurde bestraft und wohlfeiles Verhalten mit Privilegien belohnt. Unter den Internierten gab es zusätzlich eigene, ungeschriebene Regeln und Hierarchien, die den Alltag bestimmten. Zigaretten dienten in vielen Einrichtungen als informelles Zahlungsmittel.
Der Tagesablauf war in allen Einrichtungen durchgetaktet, frei verfügbare Zeit gab es kaum, im Zentrum stand die Arbeit. Sie diente als Disziplinierungs- und Ordnungsinstrument und strukturierte den Alltag. Zudem trug die Arbeitsleistung der Internierten zur Finanzierung der Einrichtungen bei. Durch die Beschäftigung der Frauen in der Hauswirtschaft und der Männer in angegliederten Landwirtschafts- und Handwerksbetrieben wurde das bürgerliche Geschlechtermodell zementiert. Dieses wies Männern die ausserhäusliche Erwerbsarbeit und Frauen die Hausarbeit zu und hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert.
Reformen, die zu einem Aufbrechen der starren Hierarchien, Strukturen und Abläufe in den Heimen geführt hätten, liessen lange auf sich warten. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren und unter dem Einfluss einer neuen Generation von systematisch ausgebildeten Fachleuten begannen sich die Alltagsregimes zugunsten der Internierten zu verändern. Ein gewisses Mass an Privatsphäre, etwa durch bauliche Massnahmen oder neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, hielt allmählich Einzug.