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Wärmebilder an Brennpunkten
Richard Mosse: «The Castle»
Wärmekameras werden meistens verwendet zur Feinderkennung. Ein irischer Fotograf jedoch nutzt sie, um die Lebensverhältnisse von Flüchtlingen auszuleuchten.
Von Daniel Binswanger, 02.11.2018
«The Castle» ist eine Sammlung detailgenauer Dokumentarbilder von Flüchtlingslagern und Brennpunkten entlang der Migrationsrouten, die aus dem Nahen Osten und Zentralasien in die Europäische Union führen. Richard Mosse filmt von erhöhten Geländepunkten aus, um Lager zu zeigen, die gesperrt sind oder nicht abgebildet werden dürfen.
Er montiert eine thermografische Videokamera, die normalerweise zum Grenzschutz und zur Infiltrationsbekämpfung benutzt wird, an einen Teleskoparm. Aus dem so gewonnenen Bildmaterial komponiert er seine «Wärmebilder», die aus Hunderten, manchmal sogar Tausenden Einzelaufnahmen zusammengestellt sind. Dadurch entstehen thermische Panoramabilder in einer raumzeitlichen Kondensierung, die der Erfahrung von Flüchtlingen entspricht, die endlos auf Asyl warten und im Zwischenraum des Lagers gefangen bleiben.
Die Bilder dokumentieren die Zäune, Sicherheitsschleusen, Dixi-Toiletten, Lautsprecher, Menschenschlangen und Zeltreihen, welche die Lagerarchitektur beherrschen. Sie machen deutlich, wie jedes Lager mit seiner Umgebung und der dortigen Infrastruktur korrespondiert. Mal erscheint es marginalisiert, als Müllhalde, mal ist es vernachlässigt, versteckt, mal integriert, mal strikt geordnet und militarisiert.
Mosse konfrontiert die Betrachter mit der Situation der Flüchtlinge – und damit, was diese uns sagt über das Verhalten und die Politik der Asylländer. Die Hitze ist auf diesen Bildern sowohl ein Index wie auch Metapher. Wir werden animiert, über die Biopolitik der Flüchtlingsfrage nachzudenken.
Zum Fotografen
Richard Mosse, 38, ist ein irischer Fotograf. Mit dem Projekt «The Enclave» (Die Enklave) vertrat er 2013 Irland an der 55. Biennale in Venedig, im Jahr darauf gewann er mit dieser Ausstellung den Fotografie-Preis der Deutschen Börse. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche weitere internationale Auszeichnungen.
Zum Buch
Richard Mosse, «The Castle», Mack Books London 2018 (demnächst erhältlich).