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Renate Schoch: Aus unseren eigenen Reihen: Das Gutachten wurde von der Regionalgruppe Basel als Antrag an der GSoA-Vollversammlung vom März 1996 formuliert und einstimmig gutgeheissen.
Nico Lutz: Schon die erste GSoA-Initiative hatte bis zu ihrer Abstimmung 1989 intensive Diskussionen zum Thema Gender ausgelöst, etwa zur Männergewalt oder darüber, was an der Initiative für Frauen friedenspolitisch relevant sei. Bereits damals gab es eine intensive Auseinandersetzung um feministische Themen in der GSoA. Als wir anfingen, über eine zweite GSoA-Initiative zu diskutieren, war uns klar, dass die Genderfrage dabei viel Platz einnehmen würde. In diesem Zusammenhang ist auch das Geschlechtergutachten zu sehen.Unter euren Texten, die vor dem Start zu GSoA II erschienen sind, habe ich aber keinen gefunden, in dem das Geschlechterthema explizit erwähnt würde?
Renate Schoch: Das stimmt. Richtig angefangen hat die Diskussion eigentlich erst kurz nach der Vollversammlung vom März 1996, mit einem Gespräch mit der cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit über die Entwürfe für unsere neuen Initiativen.
Nico Lutz: Es war uns damals schon bewusst, dass wir in dieser Diskussion bis dahin zuwenig getan hatten. Daraus entstand ja auch die Überlegung, sich einen Input von aussen zur Genderdiskussion zu holen. Seither haben wir eine ganze Reihe von Debatten geführt, sowohl mit den Verfasserinnen des Gutachtens wie mit verschiedenen Frauenorganisationen.
Renate Schoch: Das aus den Auseinandersetzungen vor der Lancierung von GSoA II resultierende Geschlechtergutachten ist historisch gesehen der letzte grosse Impuls, den es bei uns zum Thema Gender gab. Aber es war nicht etwas völlig Neuartiges. Neu war, dass wir den Auftrag für das Geschlechtergutachten extern vergaben.
Nico Lutz: Als unbefriedigend empfinde ich im Nachhinein die Art, wie wir diese Diskussion mit den Gutachterinnen führten oder führen "mussten", formulierten sie ihre doch recht harsche Kritik vor allem aufgrund unserer Entwürfe. Es war ein Missverständnis der Verfasserinnen des Gutachtens, dass sie die Initiativtexte als definitive Versionen behandelten: Sie betrachteten die Diskussion innerhalb der GSoA als abgeschlossen und warfen uns dann im Gutachten quasi vor, was wir alles vergessen hätten.
Ihre Kritik war aber auf jeden Fall in einigen Punkten berechtigt. Alles in allem hat das Gutachten eine Diskussion in der GSoA ausgelöst, die dann auch verschiedene Korrekturen in den endgültigen Initiativtexten bewirkte.Abgesehen von der Diskussion um das Geschlechtergutachten: Was hat sich ausserdem in der GSoA in bezug auf das Thema Gender getan?
Renate Schoch: Rückblickend finde ich, dass uns die Genderdiskussion in den vergangenen Jahren immer wieder intensiv beschäftigt hat, sowohl an Sitzungen wie in persönlichen Gesprächen untereinander. Die Auseinandersetzung mit dem Gutachten hat uns zu einer eigentlichen Meinungsbildung gezwungen.
Nico Lutz: Die GSoA ist noch immer eine Organisation, die mehrheitlich aus Männern besteht. Aber es gibt sehr wohl ein Bewusstsein dafür, dass wir die Geschlechterdiskussion führen müssen.
Renate Schoch: Neu ist die AG Gender der GSoA, die während der Auseinandersetzung mit dem Gutachten entstanden ist. Die Arbeitsgruppe setzte sich von Anfang an sehr heterogen zusammen, was zugleich ein Vorteil und ein Nachteil war. Da gab es Leute wie mich, die wollten vor allem analytisch arbeiten, also Antworten auf Fragen suchen wie: Wie funktionieren Männergruppen? Welches Selbstbild haben Männer, die zur GSoA kommen, inbezug auf Gewalt im Kopf? Andere Mitglieder der Arbeitsgruppe dagegen wollten ganz konkret darüber diskutieren, wie wir auf der Strasse beim Unterschriftensammeln mit dem Thema Frau-Mann umgehen. Und immer wieder haben wir aufs Neue Grundsatzdiskussionen geführt, sobald zum Beispiel Mitglieder zur Arbeitsgruppe stiessen, die sich nie zuvor mit Feminismus beschäftigt hatten.
Nico Lutz: Beim Verfassen unseres Argumentariums zu den Initiativen sind diese Diskussionen eingeflossen.
Die Gender-Arbeitsgruppe erlitt im letzten Jahr infolge der Anstrengungen für die Unterschriftensammlung das gleiche Schicksal wie andere Diskussionsgremien und ist zurzeit sozusagen auf Eis gelegt. Trotzdem haben wir versucht, die Genderdiskussion in der GSoA so gut wie möglich wach zu halten, etwa durch regelmässige Artikel dazu in der GSoA-Zitig.Die AG Gender existiert also als GSoA-Gefäss, ist aber an einem Punkt, an dem es darum geht, den künftigen Inhalt zu bestimmen?
Renate Schoch: Ja, nach der Einreichung der Initiative braucht es vielleicht einen Neuanfang. Für mich waren die Diskussionen in der Arbeitsgruppe aber immer spannend. Auch weil wir uns nicht in irgendwelche theoretische Elfenbeinturmgespräche zurückziehen konnten, sondern immer wieder ganz konkret und von Grund auf argumentieren mussten, z.B. wenn jemand darauf bestand, dass Mann und Frau nicht nur biologisch verschieden seienFür euch ist es also auch denkbar, dass die AG Gender weiterhin die Funktion erfüllt, diese Grundsatzdiskussion zum Thema FrauMann innerhalb der GSoA zu gewährleisten?
Renate Schoch: Ja. So könnte sie auch bei all jenen zur Sensibilisierung für das Thema Gender beitragen, die neu bei der GSoA einsteigen.
Nico Lutz: Wir haben aber bereits am Anfang geklärt, dass es nicht darum gehen darf, das Thema Gender an eine Arbeitsgruppe zu delegieren, damit diese dann ein bisschen Genderdiskussion betreibt, während das Thema den Rest der GSoA kalt lässt. Eine weitere Aufgabe der Arbeitsgruppe besteht für mich deshalb darin, zu überlegen, wie die Genderdiskussion in der gesamten GSoA geführt werden kann: Welche Instrumente braucht es dafür, was für Veranstaltungen und Aktivitäten lassen sich zum Thema organisieren etc.Ein Bonmot besagt, der Frauenanteil in der GSoA sei kleiner als bei der SVP ist das immer noch so?
Renate Schoch: Ja, leider
Nico Lutz: So wie es immer Frauen gab, die in der GSoA mitarbeiteten, gibt es sie auch heute aber sie sind nach wie vor eine kleine Minderheit.
Renate Schoch: Interessant finde ich, dass die Frauen in den GSoA-Regionalgruppen altersmässig sehr breit vertreten sind, das reicht von der 19jährigen Maturandin über meine Generation bis hin zur 70jährigen Seniorin. Bei den Männern dagegen dominieren an der Basis ganz klar die 20- bis 25jährigen.
Nico Lutz: Das ist eben immer noch die Stärke und die Schwäche der GSoA: Sie spricht vor allem Männer in jenem Alter an, in dem sie zum ersten Mal mit dem Thema Militär konfrontiert werden und sich zwangsläufig und zwangsmässig damit auseinandersetzen müssen. Und dies wirkt sich dann vor allem auf der Ebene der Regionalgruppen aus.Wollt ihr den Frauenanteil erhöhen?
Renate Schoch und Nico Lutz: Sicher.Wie wollt ihr das erreichen? Habt ihr Zielvorgaben?
Renate Schoch: Nein, haben wir nicht. Aber, natürlich hätten wir am liebsten gleich viele Frauen wie Männer als Mitglieder. Das wäre das Ideal.Sitzt ihr nicht ein bisschen in der Zwickmühle: GSoA I forderte nur die Armeeabschaffung, GSoA II verlangt auch einen Zivilen Friedensdienst beide Initiativen richten sich aber immer noch sehr direkt an die jungen Männer, die ins Militär müssen. Ist es überhaupt denkbar, dass es in zehn Jahren eine GSoA-Initiative gibt, die sich vor allem um zivilen Konfliktbewältigung dreht und ohne den Anker Armeeabschaffung auskommt?
Renate Schoch: Für mich ist die Armeeabschaffung eine zentrale feministische Forderung. Mir geht es bei meiner GSoA-Arbeit nicht in erster Linie darum, den jungen, 20jährigen Männern zu helfen. Anhand der Armeeabschaffung lassen sich zwar viele feministische Fragen thematisieren, aber das genügt einfach nicht. Die Ausgestaltung des Zivilen Friedensdienstes dagegen erfordert von der GSoA, auch mit den Frauenorganisationen intensive Diskussionen zu führen. Wie stellen wir uns eine ZFD-Grundausbildung konkret vor? Wie können feministische Konzepte darin einfliessen? Da können und wollen wir auch auf ein grosses, bereits vorhandenes Know-how zurückgreifen.
Nico Lutz: Für mich muss die Forderung nach ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung immer mit radikaler Armeekritik verknüpft sein. Es geht nicht um ein bisschen mehr oder weniger zivile Konfliktbearbeitung, wir wollen zivile Alternativen anstelle der heutigen militärischen Scheinlösungen.
Und ich habe ein bisschen Mühe zu glauben, dass diese Verknüpfung damit zu tun hat, dass ich ein Mann bin, der einmal ins Militär musste. Es geht doch vielmehr darum, wie wir in dieser Gesellschaft im In- wie im Ausland mit Konflikten umgehen. Die Forderung nach Gewaltverzicht der Männer im sozialen Nahbereich ist eine feministische Forderung, die wir im Rahmen der ZFD-Initiative einfordern: Dort wo es zum Beispiel um eine Grundausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung für alle BürgerInnen dieses Landes geht.
Die Qualität dieser Diskussion wird wesentlich davon abhängen, wieviele Leute aus den unterschiedlichsten Ecken und Enden der Gesellschaft diese Auseinandersetzung als spannend erachten. Erste Ansätze ausserhalb der GSoA gibt es dazu schon. Unser Interesse liegt darin, dass sich jetzt möglichst viele unterschiedliche Organisationen überlegen, was der ZFD für ihre Arbeit bedeuten könnte. Wir werden uns allerdings anstrengen müssen, um diese Diskussion auch mit feministischen Organisationen führen zu können. Bisher haben wir uns darauf konzentriert, die bestehenden Diskussionsfäden in diesem Bereich z.B. mit der cfd-Frauenstelle oder mit den Frauen für den Frieden nicht abreissen zu lassen.
Renate Schoch: Die Kombination von Armeeabschaffung und Zivilem Friedensdienst erlaubt uns eine viel radikalere Diskussion des Genderthemas als in den 80er Jahren. Vielleicht war die Auseinandersetzung damals intensiver, weil es mehr Frauen in der GSoA gab, die sich als aktive Feministinnen verstanden. Aber heute können wir sehr viel tiefgreifender diskutieren. Zivile Friedensdienste basieren auf einem ganz anderen Konfliktverständnis als militärische Organisationen: Sie gehen zum Beispiel davon aus, dass Gewalt und Gewaltandrohung Frieden strukturell verhindern. Oder dass dauerhafter Friede nur durch Mitbestimmung und gleiche Rechte entsteht. Wenn frau das Thema so absteckt, dann lässt sich der Zusammenhang zwischen "militärischer" und "privater" Gewalt hervorheben und in radikaler Perspektive formulieren.
In den 80er Jahren dagegen beschränkte sich die Debatte fast zwangsläufig darauf, was mit den Männern passiert, wenn sie ins Militär gehen. Aber das genügt einfach nicht, weil sehr bald klar wird, dass die Gewaltbereitschaft von Männern nicht in der RS allein entsteht. Es ist doch relativ unwahrscheinlich, dass die Abschaffung der Armee allein die Männer "friedlicher" machen wird. Das Militär ist nur ein Aspekt in der ganzen Gewaltdiskussion.Interview: Detlev Bruggmann
Ausgehend von einem Frauenanteil, der "tiefer als bei der SVP" lag, und dem Manko, dass die GSoA-Politik bis zu jenem Zeitpunkt wenig auf Frauen eingegangen war, regte die Regionalgruppe Basel an der GSoA-Vollversammlung vom März 1996 ein Geschlechtergutachten zu den beiden neuen Initiativen an. Im Februra 1997 legten die damalige SP-Nationalrätin Margrit von Felten und Karin Häberli von den Frauen für den Frieden ihre Kritik am GSoA-Initiativprojekt unter dem Titel "Gutachten zu Handen der GSoA über zwei Initiativprojekte" vor. Darin haben sie die Stimmen von zehn Expertinnen aus dem Umfeld der Friedensarbeit gesammelt, deren Aussagen sie folgendermassen zusammenfassten: "Im Gegensatz zu GSoA I lassen die neuen Projekte kaum Raum für Visionen. ( ) Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Kritik, die in den Diskussionen rund um die GSoA I vorgebracht worden ist, hat nicht stattgefunden. Die Geschlechterfrage wird einmal mehr ausgeklammert. ( ) Sämtliche Vorstellungen von Frieden, Sicherheit, Menschenrechten, Demokratie und Gerechtigkeit basieren auf einer beschränkten männerzentrierten Optik, ( ) ausgeklammert bleibt die Lebensrealität der Mehrheit der Weltbevölkerung." Zum Schluss rieten von Felten und Häberli alles andere, als mit den vorliegenden Initiativprojekten zügig weiterzufahren: "Wir empfehlen der GSoA einen Einhalt, eine Neuorientierung."
Das Gutachten wurde in der GSoA mit gemischten Gefühlen aufgenommen; auch Frauen in der GSoA reagierten kritisch, weil das Gutachten die Chance verpasst habe, nach feministischen Anknüpfungspunkten in den Initiativtexten zu suchen. Es löste eine ganze Reihe von Artikeln, Diskussionen und Veranstaltungen zum Thema Gender innerhalb und über die Reihen der GSoA hinaus aus. Die beiden Initiativen wurden im November 1997 in bereinigter Form von der GSoA-Vollversammlung gutgeheissen. Die Unterschriftensammlung startete im März 1998.
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