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Charles und Ray Eames – gestalterische Intelligenz
Retrospektive im Vitra Design Museum
Das Vitra Design Museum zeigt eine schon fast ausufernd breite Schau zum Leben und zu den Arbeiten von Charles und Ray Eames, begleitet durch Vorträge, Diskussionen und Workshops, die den bis heute andauernden Einfluss der Eames dokumentieren.
Sperrholz, dieses seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts industriell gefertigte Material, stand am Beginn des Schaffens von Charles und Ray Eames. Entwürfe für Flugzeugteile und vor allem auch Beinschienen und Tragbahren für den Transport verletzter Soldaten der US Army wurden während des Zweiten Weltkriegs in grossen Serien produziert. Eine gross angelegte Retrospektive im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt das Werk der beiden aussergewöhnlichen Designer.
Vom verformten Sperrholz zur Fiberglasschale
Weltweit bekannt wurden die Eames mit ihren rund hundert Möbelentwürfen, die grossteils innerhalb von gerade mal 15 Jahren entstanden. Eine unglaubliche Leistung, wenn man dazu noch bedenkt, dass nebst den Möbeln auch die kleinsten Details wie Hängeetiketten, Präsentation und Werbung in die Arbeit einflossen.
Beim Möbelentwurf kamen ihnen die bei der Entwicklung der Beinschienen aus verformtem Sperrholz gesammelten Erfahrungen zugute. Diese wurden ab 1943 für das amerikanische Militär erfolgreich in Grossserie von an die 150'000 Exemplaren produziert. Jahrelang suchten die Eames nach einer Möglichkeit, Sperrholz dreidimensional, zu einer Sitzschale kombiniert, mit Rückenlehne zu produzieren. Sie bauten sich sogar eigens eine Heisspresse, die sie in ihrer Wohnung für die Biegeexperimente aufstellten, und nannten sie «Kazam!», was so viel heisst wie «Abrakadabra», entsprechend ihrer Fähigkeit, Sperrholz zu verformen. Das ambitiöse Vorhaben scheiterte jedoch, weil die Belastung dieser Schalen beim Sitzen regelmässig zum Bruch zwischen Sitzfläche und Rückenlehne führte. Der Durchbruch zur Serienreife kam mit der Idee, Sitz und Rückenlehne getrennt zu formen und mit einer aussenliegenden Tragstruktur zu verbinden.
Später experimentierten die Eames mit Aluminiumschalen, gaben das Material aber wieder auf, weil darauf zu sitzen doch eher eine kühlende Angelegenheit ist. Weit mehr Erfolg brachten die neuartigen Fiberglasschalen und die Drahtgitterstrukturen, teils zusammen mit leichten Polstern. Die so entstandenen Entwürfe führten, beginnend mit dem Plastic Side Chair, ab 1950 zum weltweiten Erfolg. Die nach und nach entwickelten Modelle wurden und werden noch heute in grossen Serien und zu entsprechend günstigen Preisen produziert.
Über Umwege zum Resultat
Praktische Versuche direkt am Produkt war das Prinzip des Eames’schen Entwurfsprozesses. Das Verfahren ist für die Entwürfe der beiden typisch: ausprobieren und aus den gemachten Fehlern lernen, um letztlich – auch auf Umwegen – zum gewünschten Resultat zu kommen. Charles war dabei in erster Linie an den technischen Vorgängen und Lösungen interessiert, Ray brachte ihr Wissen und Können für formale Perfektion und überzeugende Farbgebung ein. Die beiden kannten keine Arbeitsteilung. «Sie ist für alles, was hier vorgeht, genauso verantwortlich wie ich», äusserte Charles einmal klar. Und sicher ist: Beide verfügten über eine ausserordentliche gestalterische Intelligenz.
Ihr wohl bekanntester Entwurf ist der Lounge Chair, die Neuinterpretation des englischen Clubsessels. Er entstand auf Anregung des befreundeten Filmregisseurs Billy Wilder, der sich einen wirklich bequemen Sessel wünschte. Wilder war denn auch 1956 der Besitzer des Prototyps für die Serienfertigung. Der Sessel besteht aus mehreren Schichtholzschalen, die Sitz, Lehne, Kopfstütze und Armlehnen bilden. Für den Komfort sind sie mit Lederpolstern ausgestattet. Die Konstruktion wird von einem aussenliegenden Tragesystem aus Aluminium zusammengehalten und liegt auf einem drehbaren, fünfsternigen Fuss aus Aluminium auf. Ein zugehöriger entsprechend konstruierter Ottoman als Beinauflage steht auf einem nicht drehbaren Viersternfuss.
Dieser Sessel und auch alle sonstigen Sitzmöbel aus der Werkstatt der Eames zeichnen sich durch ausnehmend hohen Komfort aus. Charles und Ray gingen stets vom menschlichen Körper und seinen Bewegungsformen aus und verzichteten auf geometrisch inspirierte Spielereien, um einen hohen Nutzwert zu erzielen. So gelang es ihnen, ihren Möbeln einen unverwechselbaren Charakter zu verleihen, um zu sozusagen zeitlosen Formen zu kommen.
Spiele, Filme und Architektur
Die Interessen und des Paars waren ausnehmend breit gefächert. Ihr eigenes Haus, 1949 als Teil einer Reihe von Case Study Houses entstanden, verband Wohnen und Arbeiten zu einer Einheit. Hier wurden Entwürfe fotografiert, Filme gedreht, Freunde und Kunden empfangen, und damit entstand auch der Mythos, der das Werk der Eames bald einmal umgab. Sie sammelten bei ihren zahlreichen Reisen Objekte der Volkskunst, verfügten über einen reichen Fundus an Fotografien und produzierten darauf basierend Spiele und drehten Filme; sie konzipierten aber auch die ersten multimedialen Film-Ton-Installationen. So etwa den Film «Glimpses of the USA», der 1959 auf sieben Grossleinwänden auf der American National Exhibition in Moskau gezeigt wurde, oder die 22-teilige Diashow «Think» in dem für IBM entworfenen Pavillon für die New Yorker Weltausstellung 1964, eine Zusammenarbeit mit Eero Saarinen. 1971 konzipierten und gestalteten die beiden «A Computer Perspective», eine Ausstellung über die Geschichte des Computers, in der sie die bahnbrechenden Auswirkungen der Digitalisierung weitsichtig vorwegnahmen.
Umfassende Retrospektive
Das Vitra Design Museum zeigt eine schon fast ausufernd breite Schau zum Leben und zu den Arbeiten von Charles und Ray Eames. Im Hauptgebäude kuratierte Frank Gehry selber die umfassende Übersicht über das Gesamtwerk und das Leben des Designerpaares. Im Feuerwehrhaus von Zaha Hadid laufen die Eames-Filme unter dem Titel «Ideas and Information». Dabei wird das filmische Werk erstmals als wesentlicher Teil des Eames’schen Gesamtwerks angemessen gewürdigt und die Bedeutung von Charles und Ray Eames als Vorreiter neuer Medientechnologien und neuer Formen der Wissensvermittlung aufgezeigt.
Unter dem Titel «Play Parade» zeigt die Vitra Design Museum Gallery Spielzeuge, Kurzfilme und Objekte der Spielzeugsammlung des Paars in einer farben- und formenreichen Rauminstallation. «Take your pleasure seriously!» war der Leitsatz von Charles Eames, und dieser Ausstellungsteil macht deutlich, wie sehr spielerisches Vorgehen beim Entwurf eine Quelle von Kreativität sein kann. Im Schaudepot von Herzog & de Meuron schliesslich zeigt der Ausstellungsteil «Kazam!» Studienmodelle, Experimente und Prototypen. Hier sind die Quellen der Inspiration aus den Materialexperimenten eindrücklich zu erfahren. Und zudem ist im Untergeschoss dieses Baus das kleine Büro von Charles Eames aufgebaut, ein Wirkungsort der Gestaltung, der noch ohne Computer auskam.
Die Ausstellungen unter dem Sammeltitel «An Eames Celebration» sind noch bis Ende Februar zu sehen, begleitet durch Vorträge, Diskussionen und Workshops, die den bis heute andauernden Einfluss der Eames dokumentieren. Ein Katalogbuch unter dem Titel «Eames Furniture Source Book» vom Mateo Kries und Jolanthe Kugler dient der vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema.