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Lenzburg war bereits in römischer Zeit (1. Jh. n. Chr.) ein «vicus», also eine zivile Siedlung, die offenbar ein grösseres Einzugsgebiet hatte. Im Mittelalter war die Lenzburg der Stammsitz der wichtigen Grafenfamilie der Lenzburger mit der Lenzburg als Stammsitz. Nach deren Aussterben 1173 traten die Kyburger das Erbe an und gründeten 1241 einen Marktflecken, der 1306 von den Stadtherren, den Herzogen von Habsburg-Österreich das Stadtrecht erhielt. Das Blutgericht, also die höchste Gerichtsbarkeit, erhielt Lenzburg 1379 vom damaligen König des römisch-deutschen Reiches. 1415 fiel die Grafschaft Lenzburg an die Berner (Eroberung des Aargaus), mit ihr auch die Stadt. Die Lenzburg selber blieb noch bis 1433 im Besitz des ehemaligen habsburgischen Vogtes. Ab 1442/44 (das genaue Jahr ist nicht bekannt) wurde definitiv ein Landvogteisitz auf der Lenzburg installiert. In der Reformationszeit war Lenzburg (Burg, Stadt und Amt) also Bestandteil des bernischen Herrschaftsgebiets und teilte damit auch in konfessioneller Hinsicht das Schicksal der Landesherrin Bern.
Überblick über den Verlauf der Reformation in Lenzburg
Die von Zürich ausgehenden reformatorischen Einflüsse der 1520er-Jahre zeigten zwar einzelne Reaktionen in der Grafschaft Lenzburg (z.B. Leutpriester Andreas Hunold in Aarau), aber Bern beaufsichtigte «seine» Geistlichkeit streng und liess keine offen reformatorischen Veränderungen zu.
Mehrfach versuchte Bern, die Stimmung in den Städten und Dörfern durch Befragungen zu ergründen, um dadurch Leitlinien für sein politisch-konfessionelles Handeln festlegen zu können. Lenzburg (Stadt und Grafschaft) erscheint in den überlieferten Antworten auf die «Ämterbefragungen» mehrheitlich als konservative Bewahrerin des alten Glaubens, also gegen die Priesterehe, für das Fasten und die Beibehaltung der Messe etc.
Das «Reformationsmandat» von 1523 wurde am 7. April 1525 durch ein konservativeres Mandat abgelöst. Ein weiteres Mandat vom 28. April 1524 verbot explizit die Verheiratung von Priestern. Wer es dennoch getan hatte oder tun würde, sollte seines Amtes verlustig gehen. Der Pfarrherr zu Staufen (Lenzburg gehörte bis 1556 zur Pfarrei Staufen, war faktisch aber bereits seit 1528 eigenständig) machte in den 1520er-Jahren Erfahrungen mit dem erwähnten Ehe- und Konkubinatsverbot. (Vgl. Kap. Staufberg).
In den Jahren 1524/25 machten sich Auswirkungen des süddeutschen Bauernaufstandes (Bauernkrieg) auch im bernischen Herrschaftsgebiet bemerkbar. Ein deutliches Zeichen war der Versuch der Bauern, Zehnten und anderen Abgaben nicht mehr abzuliefern. Hier griff Bern unverzüglich ein und stellte die bestehenden Verhältnisse wieder her. Im Mai 1525 erliess die Landesherrin ein Aufgebot von 5'000 Mann (die Stadt Lenzburg stellte 40 Mann), um allfälligen Aktionen der Bauern zuvorzukommen. Auch hier wurde von Bern – wie so oft in jener Zeit – eine Art Volks- oder Ämterbefragung durchgeführt. Am 10. Mai sollten u. a. die Schultheißen von Lenzburg, Aarau und Zofingen und der Vogt von Aarburg ihre Gemeinden versammeln, um mit bernischen Abordnungen die Lage besprechen zu können. In den schriftlichen Antworten von Ende Mai erklärten sich alle Gemeinden bereit, der Obrigkeit mit Gut und Blut beizustehen. Die Bauernbewegung verlief daher äußerst ruhig.
Um dem ewigen Zickzackkurs der Jahre 1523–1528 ein Ende zu bereiten, organisierte Bern anfangs 1528 eine grosse Disputation (Streitgespräch), an der auch Zwingli teilnahm. Das wie bereits erwähnt konservativ-altgläubige Städtchen Lenzburg bereitete dem durchreisenden Reformator keinen freundlichen Empfang. Heinrich Bullinger schireb später in seiner Reformationschronik, die Lenzburger seien halt «noch merteyls unbericht (ungebildet) und unspälig (unwissend)», weshalb «die Zürycher und frömbden schlächtlich da gehallten (behandelt) wurdend.
Das Glaubensgespräch endete im Januar 1528 mit einem klaren Sieg der Reformationsfreunde. Nur wenige Pfarrer stellten sich gegen die 10 Thesen oder Artikel des Abschlussdokuments. Der Lenzburger Helfer (Hilfspfarrer) Bernhard Stählin verwahrte sich gegen den vierten Artikel (Abendmahl), die anderen neun unterschrieb auch er.
Geistliche aus Zofingen und Brugg, Brittnau, Seon, Entfelden und Reitnau verweigerten die Unterschrift.
Mitte Februar 1528 sollte die neue Lehre überall eingeführt werden. Nach dem grossen Reformationsmandat vom 7. Februar hatten sich überall die Kirchgemeinden zu versammeln und sollten über den reformierten Glauben abstimmen.
In den aargauischen Städten fügte sich die Bevölkerung jedoch mit starker Opposition (➝Kurztext 14 – Brugg). Lenzburg blieb der Messe treu, ebenso einige Landgemeinden wie Kulm, Reitnau, Reinach, Gontenschwil). Mit einem erneuten Mandat setzte Bern am 28. Juni 1528 schliesslich die Reformation bedingungs- und widerspruchslos durch. Nun sollte ohne Verzug aus allen Kirchen, Kapellen, Bildstöcken und Häusern die noch vorhandenen (=was nicht bereits im Januar/Februar 1528 zerstört worden war) Bilder und Götzen (Statuen) herausgenommen, niedergerissen, zerschlagen und verbrannt werden (=Bildersturm). Zudem mussten alle einheimischen und fremden Messpfaffen (=katholische Priester), die hier die Messe lasen, eingefangen und vertrieben werden. Diesen durfte zudem kein Unterschlupf gewährt werden. Sie seien als meineidige Ächter zu betrachten (und waren somit vogelfrei = ungeschützt angreifbar).
Doch auch jetzt wurde die Räumung der Kirchen noch nicht überall und nicht immer mit dem notwendigen Eifer (aus der Sicht Berns) durchgeführt. Dies erfolgte erst im Zeitraum Ende 1528 / Anfang 1529. Damals soll ein Kirchmeier namens Gottfried (Kurznamen = Götz) Zubler, von Beruf Scherer, eifrig damit beschäftigt gewesen zu sein, die Kirche auf dem Staufberg von Bildern und Kirchenschmuck zu befreien. Als er Heiligenbilder zum Feuer schleppte und sie in die Flammen warf, witzelten die Zuschauer: «Da trägt ein Götz den anderen!» Daraus entstand die Redensart: «Zu Lenzburg habe ein Götz den anderen verbrannt.» Bullinger berichtete darüber: «Die den Handel nitt wußtend, vermeitend, ein höltziner Götz hätte den anderen hölzinen Götzen ins Füwr tragen.»
Täufer in Stadt und Grafschaft Lenzburg (Landvogtei)
In der Reformationszeit (1520er-Jahre und später) entwickelte sich bekanntermassen die reformatorisch-fundamentalistische Gruppierung der Täufer oder Wiedertäufer. Ein bedeutender Kern dieser von der Obrigkeit brutal bekämpften Bewegung lag in Aarau (➝Kurztext 12 – Aarau). In der breiten Bevölkerung erscheinen Täufer vor allem im südlichen Wynen- und im Ruedertal, aber auch in der Region Zofingen (➝Kurztext 01 – Aarburg). In Lenzburg selber blieb der Einfluss der Täufer lange Zeit bescheiden. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh. nimmt auch hier ihre Zahl deutlich zu.
Die Quellen zeigen eine Häufung von Taufgesinnten in den Kirchgemeinden von Reinach (ausgenommen Beinwil), Gontenschwil, Rued, aber auch in Kulm, Schöftland und Leerau.
Die ersten reformierten Pfarrer
- 1528–1529: Der erste Pfarrer in Lenzburg war Bernhard Stählin von St. Gallen. Er unterschrieb 9 der 10 Schlussreden (siehe oben) und wurde später Stadtpfarrer in Frauenfeld und St. Gallen.
- 1529: Augustin Dalp, zog ab nach Dietikon.
- –1540: Fridli Wagner zog im höhern Alter in die Helferei Brugg.
- 1540–1541: Diebold Etter aus Murten, zog ab nach Suhr.
- 1541–1549: Andreas Häuptinger kam aus Kölliken nach Lenzburg.
- 1549–1550: Heinrich Summerer aus Burgdorf, zog ab nach Hindelbank.
- 1550–1563: Gervasius Schuler aus Strassburg, bisher Prediger in Memmingen (ein «Zugewanderter»), wurde 1561 wegen eines Fehlers in Erlinsbach abgesetzt, kurz darauf begnadigt. Seine Frau und sein geisteskranker Sohn erhielten samt ihrem Hausrat nach dem Tod des Prädikanten als Pfründer Unterkunft im Kloster Königsfelden.
Nach der Reformation ist wenig Spektakuläres in der Lenzburger Prädikantenschaft erkennbar.