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Im Gespräch mit Giuseppe Gerster, Enkel des Firmenmitbegründers Joseph Gerster-Roth
Auf den Spuren nach der Firmengeschichte trafen wir Giuseppe Gerster, Enkel des Firmen-Mitbegründers Joseph Gerster-Roth. Während unseres Gesprächs entführte er uns in eine Zeit, als die Bevölkerung von Laufen von Hand ihre Ziegel und Backsteine brannten und die sanitären Einrichtungen in der Schweiz noch weit von den heutigen Standards entfernt waren.
Herr Gerster, zu welcher Generation der Gründerfamilie gehören Sie? Und welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Grossvater Joseph Gerster-Roth?
Ich gehöre der dritten Generation an. Leider kannte ich meinen Grossvater nicht persönlich. Er starb 1937, ich wurde 1938 geboren. Aber mein Vater hat Zeit seines Lebens viel von ihm erzählt. Mein Grossvater gründete 1892 zusammen mit Johann Spillmann und Albert Borer die damalige Tonwarenfabrik Laufen AG. Aus dieser entstand die AG für Keramische Industrie Laufen, die mein Onkel Guido Gerster und die Spillmann-Nachfolger leiteten. Aus den Erzählungen meiner Familie und von vielen Einwohnern aus Laufen weiss ich, dass mein Grossvater ein sehr disziplinierter, fleissiger, korrekter und hilfsbereiter Mensch war. Er liebte die Menschen und half ihnen wo er konnte. Es kam damals nicht selten vor, dass jemand an seine Tür klopfte und um eine heisse Suppe oder eine kleine Spende bat. Mein Grossvater pflegte das soziale Engagement der Firma in jeder Hinsicht.
Verfügen Sie über Hintergrundinformationen, die zur Gründung des Unternehmens Keramik Laufen führten? Wenn ja, was können Sie uns darüber erzählen?
Mein Grossvater beendete seine kaufmännische Lehre in der Kalk- und Gipswarenfabrik in Bärschwil. Nach seiner Ausbildung stieg er rasch in die Geschäftsleitung des Lehrbetriebs auf, wo er viele wertvolle Erfahrungen sammelte. Damals gab es viele Brennöfen in der Region und die Bevölkerung produzierte von Hand Ziegel und Backsteine. Aufgrund des lehmhaltigen Bodens und der Nähe zur Birs beschloss mein Grossvater, eine Tonwarenfabrik zu gründen. Zur gleichen Zeit lernte er Albert Borer kennen. Borer, der während eines Aufenthalts in Amerika viel über Firmenführungen gelernt hatte, bot meinem Grossvater seine Hilfe an. Und so kam es, dass Albert Borer, dessen Freund Johann Spillmann und mein Grossvater im Jahr 1892 im Restaurant Lamm die Tonwarenfabrik Laufen AG gründeten. Von Albert Borer weiss ich nicht viel zu erzählen, weil ich nicht recherchiert habe. Ich weiss nur, dass er Regierungsvertreter (Oberamtmann) im Schwarzbubenland wurde. Die Familie Spillmann war jedoch bis Ende der 80-er Jahre im Verwaltungsrat vertreten. Eine Witwe der Familie Spillmann verkaufte in den 90er Jahren alle Aktien.
Inwiefern wurden Sie in Ihrer Kindheit von der Geschichte der Keramik Laufen AG geprägt?
Mein Onkel Guido, der die Keramische (AG für Keramische Industrie Laufen) gründete, und mein Vater sassen an den Wochenenden oft zusammen, um die Firmengeschicke und die lokale Politik zu besprechen. Ausserdem grenzte unser Wohnhaus an das Firmengelände. Von dort aus beobachteten wir, wie die Lastwagen gefüllt wurden. Man hatte uns Kindern zwar verboten, auf dem Firmengelände zu spielen. Insbesondere weil die Brennöfen Tag und Nacht in Betrieb waren. Aber es war einfach zu schön, mit unseren Velos zwischen den Industrieanlagen Runden zu drehen und das Gelände immer wieder neu zu entdecken. Während den Kriegsjahren trockneten wir zusammen mit vielen anderen Laufnerinnen und Laufnern Äpfel und Birnen auf den Öfen. Damals halfen wir uns alle gegenseitig aus. Ich erinnere mich auch an die Mustermesse, die nach dem Krieg in der Schweiz eine wichtige Rolle spielte. Als Minderjähriger war es mir eigentlich untersagt, die Messe ohne Aufsichtsperson zu besuchen. Weil sich aber immer jemand von der Firma fand, der sich meiner annahm, durfte ich trotzdem mit. Wenn ich dann angehalten wurde, sagte ich immer «meine Aufsichtsperson ist im Pavillon der Keramischen». Und nicht zuletzt machte ich während meines ETH-Studiums mein Praktikum in der hauseigenen Schlosserei.
Wie wurde Ihr persönliche und beruflicher Werdegang durch das Unternehmen beeinflusst?
Ich hatte von klein auf einen engen Bezug zu Backsteinen, Ziegeln und zu Lehm. Ich lernte, dass man Lehm kneten und daraus etwas formen kann. Später habe ich Skulpturen gebaut und sie im Tunnelofen gebrannt. Während dieser Zeit lernte ich die Unterschiede zwischen groben Lehm und Kaolin-Lehm kennen. Den Bezug zur Architektur habe ich meinem Vater zu verdanken, der ebenfalls Architekt war. Er nahm mich früh mit auf Baustellenbesichtigungen, an Sitzungen und Einweihungen.
Waren Sie selbst je im operativen Geschäft von Keramik Laufen AG tätig?
Nein, glücklicherweise nicht. Glücklicherweise, weil ich im Firmenumfeld sehr viele Leute kannte und immer noch kenne. Diese Menschen, mittlerweile sind es schon ihre Kinder und Kindeskinder, haben sich mir oft anvertraut. Das ist bis heute so. Ich befand mich häufig in der Rolle des Zuhörers. Ich weiss nicht, ob ich das Vertrauen auch erhalten hätte, wenn ich einen operativen Posten im Unternehmen innegehabt hätte. Ich durfte aber das heutige Verwaltungsgebäude bauen. 1967 kam ich aus den USA zurück und war von Louis Kahn’s Architektur-Philosophie inspiriert. Diese habe ich in das Verwaltungsgebäude einfliessen lassen. Es wurde 1972 von meinem Vater eingeweiht und funktioniert heute noch einwandfrei.
Welches sind aus Ihrer Sicht die Highlights in der Firmengeschichte?
Eines der grossen Highlights war die Expansion nach Brasilien. Als der Verwaltungsrat damals beschloss, nach Brasilien zu expandieren kaufte mein Vater viele Bücher über das Land und ich musste ihm aus ihnen vorlesen. Und natürlich die Erfindung des Druckgusses. Die Erfinder heissen Bruno Jung und Gerold Spieler. Während der Entwicklungsphase ging ich immer zuschauen, wie sie mittels eines Kunststoffschlauchs versuchten, dem Material die Feuchtigkeit zu entziehen. Das faszinierte mich sehr.
Wie hat sich Keramik Laufen - aus Ihrem Blickwinkel als Architekt – bis heute entwickelt?
Sowohl die Tonwarenfabrik als auch die Keramische haben sich von Anfang an auf Massenware fokussiert. Auf Ziegelsteine, Backsteine, Schüttsteine, WCs, etc. Selten gab es Produkt-Highlights, die ich als Architekt hätte beurteilen können. Erst Jahre später führte Keramik Laufen das Porsche Design ein. Danach folgten die ersten Alessi-Modelle. Heute bin ich davon beeindruckt, mit wie vielen Designern Keramik Laufen arbeitet, dass die Designlinien ein neues Publikum ansprechen und begeistern. Und natürlich gehört die SaphirKeramik mit zu den wichtigsten Meilensteinen in der aktuellen und zukünftigen Firmengeschichte.
Wann wurde der Entscheid getroffen, das Unternehmen aus der Hand der Familie zu geben? Und welches waren die Gründe, die zum Verkauf führten?
Wann der Entscheid zum Verkauf fiel, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich vermute, dass es schlussendlich drei Gründe waren, die dazu führten. Erstens war man sich bewusst, dass das Überleben des Unternehmens von einer grösseren Expansion abhängt. Dafür stand aber das notwendige Kapital nicht zur Verfügung. Zweitens folgte nach der Ablehnung des EWR, der den Weg für den freien Handel geöffnet hätte, eine äusserst hektische Zeit im Unternehmen. Eine Zeit, in der auch schon mal Fehlentscheidungen getroffen wurden. Und drittens setzte man während dieser Phase in erster Linie auf die Quantität. Darunter litten die Qualität und die Übersicht. Und diese Rechnung ging letztendlich nicht auf.
Weshalb entschied man sich damals für Roca?
Dazu kann ich nur vage etwas sagen. Weltweit gibt es nur wenige Firmen, die bereit waren einen solchen Kauf zu tätigen. Roca hatte die finanziellen Mittel, das Interesse und Know-how. Im Westen war Roca bereits gut aufgebaut. Ich vermute, dass Keramik Laufen für die Spanier auch ein Schlüssel für die Märkte in Mittel- und Osteuropa war.
Wie empfanden Sie und Ihre Familie den Verkauf des Unternehmens?
Zuerst war es für mich ein Schock. So wie es einem Architekten weh tut, wenn eines seiner Gebäude abgerissen wird, berührte es mich, das Lebenswerk meines Grossvaters und meiner Onkel in fremde Hände übergehen zu sehen. Letztlich gab es aber keine andere Möglichkeit.
Wie stehen Sie heute zur Keramik Laufen AG? Verfolgen Sie mit, was sich in der Firma tut? Wenn ja, was interessiert Sie dabei am meisten?
Ich fühle mich heute noch mit Keramik Laufen verbunden. Wenn auch anders, als das Unternehmen noch der Familie gehörte. Ich kenne nach wie vor einige Arbeiter und so höre ich immer noch die eine und andere Geschichte. Mit grossem Interesse verfolge ich die Highlights und Weiterentwicklungen. Am meisten freut mich aber, dass die Zuverlässigkeit und die Qualität wieder an erster Stelle stehen. Das höre ich rundherum von meinen Architektenkollegen und von Bauherren.
Wenn Sie uns heute einen Rat auf unseren weiteren Weg mitgeben können, wie würde dieser lauten?
Das Problem mit Ratschlägen ist, dass niemand sie gerne hört. Deshalb erzähle ich viel lieber von den Grundsätzen, die von meinem Grossvater und meinem Vater stammen und die ich immer befolgt habe: Erstens: Wirke an keinem Projekt mit, das keinen sinnvollen Nutzen stiftet. Zweitens: Als Chef kannst du Talente fördern, sie provozieren und pflegen. Aber die Motivation für die Arbeit kann man als Chef nicht fördern. Und drittens: Wir müssen das Material kultivieren. Ich habe in meinem Leben viele eindrückliche Handwerker kennengelernt. Vom Maurer und Gipser bis zum Restaurator, die mit ihrem Grundlagenmaterial total «verwachsen» sind, es kennen, es lieben und deshalb in der Lage sind, alles aus ihm herausholen. Ich bin der Meinung, dass nur wer etwas von Keramik versteht entscheiden und handeln soll.