Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/1352

Über den Häusern von Les Balcons de la Bandole liegt eine Burg, die sich wie ein «mittelalterlicher Wehrbau präsentiert, der in der Renaissance neu ausgestattet, dann mit ein paar neogotischen Elementen aufgemotzt und schliesslich von Walt Disney renoviert wurde», wie es in einem von Elsa Mudame und Gregor Muelas herausgegeben Reiseführer heisst («.sl», S. 179). Tatsächlich stammt dieser Wohnturm mit Burgmauer, der europäischen Kastellen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert nachempfunden ist, aus den 1870er Jahren.
Laut dem «Gid vè» («Santa Lemusa», S. 87) ist die Burg «das Ergebnis einer heftigen Angststörung, die den Geschäftsmann Georges Bourdon an seinem siebzigsten Geburtstag plötzlich überfiel.» Bourdon war überzeugt, dass Piraten die Insel überfallen und ihn in ihre Gewalt bringen würden. Er war von diesem Gedanken so besessen, dass er sich über seiner Heimatstadt ein Kastell errichten liess. Er verkaufte all seine Häuser, schloss sein Kontor in Port-Louis und zog sich mit all seinen mobilen Besitztümern auf sein Château zurück. Dort lebte er fast ein Vierteljahrhundert lang ohne die Burg je wieder zu verlassen – in «zunehmender Verwirrtheit», wie es heisst. Piraten kamen in jenen Jahren keine auf die Insel – aber eine von Bourdons Angestellten, eine «indische Schönheit aus Sasselin» («Gid vè»), verstand es, ihrem Arbeitgeber Jahr um Jahr erhebliche Mengen Geld aus der Tasche zu ziehen und sukzessive alle seine Wertgegenstände verschwinden zu lassen. Zum Zeitpunkt von Bourdons Tod soll es in dem Haus so gut wie gar nichts mehr gegeben haben, das sich hätte verkaufen lassen.
Das Schloss und die dazugehörigen Plantagen gingen in den Besitz von Bourdons einzigem Sohn über. Da der alte Bourdon aber jeden Kontakt mit seinem Nachfahren schon viele Jahre vor seinem Tod abgebrochen hatte, lebte dieser längst mit eigener Familie in Europa und war überhaupt nicht interessiert, in ein Schloss auf Santa Lemusa zu übersiedeln. Zwar liess er die Plantagen durch einen Verwalter bewirtschaften, Château Bourdon aber blieb leer und ging mit jedem Jahr etwas mehr in Brüche. Wahrscheinlich in den 1940er Jahren wurden tonnenweise Steine aus der Burg gebrochen und für die Errichtung einer nahen Terrasse verwendet. In den 1960er Jahren zerstörte ausserdem ein Brand grössere Teile der Anlage. Das traurige Schicksal der Burg nahm erst im Jahr 1986 ein Ende als Cécile Bourdon aufs Parkett trat. Sie hatte die Burg von ihrem Vater überschrieben bekommen, der eine Beschäftigung für seine damals gerade 24jährige Tochter suchte, die sich zu seinem Missfallen auf einer Kunstschule herum trieb. Mit erstaunlichem Geschick brachte Bourdon die Gemeinde von Les Balcons de la Bandole dazu, sich an den Rennovationskosten der Burg zu beteiligen – und Château Bourdon wurde wieder instand gesetzt.
Zusammen mit ihrem späteren Mann, dem Biologen Axel-Christophe Bond, brachte die junge Frau auch die Plantagen in Schwung und spezialisierte sich auf den Anbau von Bananen und Kardamom. «Bandole Bananes», wie Bourdons Firma heisst, gilt heute als einer der führenden Bananenproduzenten der Insel. Berühmt ist «Bandole Bananes» aber auch für sein hochwertiges «Kap de la Bandole», das als mit Abstand bestes Kardamom der Insel gilt und 2002 mit einem AOC-Zertifikat ausgestattet wurde. Das Zertifikat erstreckt sich heute auch auf ein paar andere Produzenten, «Bandole Bananes» aber stellt mit Abstand das meiste Gewürz her. Cécile Bourdon und ihr Mann leben heute noch in ihrem Schloss, dessen eine Terrasse indes an gewissen Tagen öffentlich zugänglich ist und wunderbare Ausblicke über das Tal der Bandole bietet.
First Publication: 30-4-2012
Modifications: