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Presse
Übersicht
- Schweizer Stenograf (Januar 2020)
- Stolze-Schrey-Post (Juni 2020)
- Stolze-Schrey-Post (September 2020)
- Schweizer Stenograf (Dezember 2020)
- Stolze-Schrey-Post (Dezember 2020)
VSTENO oder: Wenn Computer Steno lernen …
Lektüre in Steno ist ein Bereich, der bis jetzt relativ schlecht abgedeckt ist. Zwar gibt es die (sehr empfehlenswerten!) Lesehefte von Silvia Seeholzer. Was aber, wenn man beispielsweise einen Roman der Weltliteratur lesen möchte? Meines Wissens gibt es bis dato keinen offiziellen „Verlag“ oder „Herausgeber“ stenografischer Belletristik.
Um diesem Mangel beizukommen, begann ich im April 2018 ein Computerprogramm namens VSTENO zu entwickeln. Die Idee: Langschrifttexte automatisiert in Kurzschrift zu übertragen. Das Programm sollte also (1) Stenozeichen darstellen, (2) Übertragunsregeln (z.B. Kürzungen, Vor-/Nachsilben etc.) anwenden und (3) das Resultat in verschiedenen Formaten (Bildschirm, E-Reader, PDF, Druckerzeugnis) zur Verfügung stellen.
Persönlich reizte mich das Projekt aus zwei Gründen: Einerseits bin ich Linguist (Romanist) mit einem ausgeprägten Hang zur formalisierten (abstrakten) Betrachtung sprachlicher Phänomene. Andererseits faszinieren mich seit den 80ern Computer (C64, Amiga). Meine Leidenschaft bezieht sich dort vor allem auf das Programmieren und Entwickeln von (neuen) Algorithmen. Seit vielen Jahren setze ich mich auch als Aktivist und Mitglied der Free Software Foundation (FSF) für Freie Software (GNU/Linux) ein.
Inzwischen stecken in VSTENO rund 1300 Stunden Arbeit. Integriert wurden vier Sprachen (Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch) in Stolze-Schrey. Auf Deutsch ist neben der Grundschrift auch die Eilschrift (teilweise) verfügbar. Mittlerweile sind die generierten Stenogramme (aus meiner Sicht) durchaus brauchbar. Viele Wörter werden korrekt generiert, auch wenn das Resultat ästhetisch da und dort zweifellos noch besser sein könnte.
Wichtig ist mir, dass das primäre Ziel erreicht wurde. Mit VSTENO lassen sich nun tatsächlich ganze Romane übertragen und in Steno lesen. Als Beispiel: Im Mai 2019 fuhren meine Frau und ich mit dem Fahrrad von Oslo nach Bergen. Mit im Gepäck: die beiden norwegischen Autoren Fridtjof Nansen „Mit Schneeschuhen übers Gebirge“ und Bjørnsterne Bjørnson „Synnøve Solbacken“. Zwei eher unbekannte Werke, die ich passend zu den Landschaften, die wir durchquerten, abends zur Erholung gemütlich auf einem E-Reader lesen konnte.
Nebst dem Generieren von „Lesestoff“ eignet sich VSTENO aus meiner Sicht aber auch als Lerntool. Gerade wenn man sich als Neuling erstmalig an die Schrift wagt, kann es hilfreich sein, einzelne Wörter oder Sätze in VSTENO einzugeben (was direkt im Internet-Browser möglich ist) und das generierte Resultat mit dem eigenen zu vergleichen.
Ganz herzlich bedanken möchte ich mich beim SSV. Von Anfang an gab es Personen, wie z.B. Sandra Bernhard und Urs Hollenstein, welche dem Programm sehr offen und unterstützend gegenüberstanden und mich auch motivierten weiterzumachen. Ein ganz spezieller und grosser Dank gebührt Yvonne Reith. Sie hat unzählige mit VSTENO generierte Seiten gegengelesen und Korrekturen und Feedbacks angebracht. Nur dank ihr konnte letztlich das deutsche System die Qualität erreichen, die es heute hat.
Interessiert, mehr über VSTENO zu erfahren? Dann gibt es hier weitere Infos: (1) auf der Webseite www.vsteno.ch und (2) an der Abgeordnetenversammlung am 16. Mai 2020 (*), zu der ich freundlicherweise eingeladen bin, um eine kurze Live-Demo zu zeigen.
(*) Aufgrund der Corona-Krise ist die Abgeordetenversammlung vom 16. Mai 2020 abgesagt.
Stenolektüre ReloadedOder: Wie Sie jedwedes eBook in Stolze-Schrey lesen können
Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Sie lesen gerne. Es gibt Autor/innen, die Sie buchstäblich verschlungen haben: Romane, Tagebücher, Briefe … Es gibt Bücher, die Sie hypnotisch in Ihren Bann zogen. Bestseller, die wie eine Droge wirkten. Die 569 Seiten von Carlos Ruiz Zafóns La sombra del viento hatte ich in drei Tagen gelesen. Oder vielmehr: in zwei Nächten. Danach fühlte ich mich leer, verlassen (von den Figuren des Romans), müde – aber glücklich. Verzeihen Sie, dass mir als erstes ein spanischer Autor einfällt (ich bin Romanist). Romane, die einfahren wie eine Droge, gibt es natürlich in allen Sprachen. Hinsichtlich durchwachter Nächte beispielsweise kann Ihnen sicher auch der Vorarlberger Elias Alder aus Robert Schneiders unvergesslichem Schlafes Bruder ein (Orgel-)lied singen.
Da Sie diese Zeilen lesen, haben Sie vermutlich eine zweite Leidenschaft: die Stenografie. Wofür und wie haben Sie diese kuriose Schrift bis anhin verwendet: Einkaufslisten, Gesprächsnotizen, Textentwürfe, Reisetagebücher? Anders gefragt: Sehen Sie in den „schnellen Schnörkeln“ hauptsächlich einen praktischen Nutzen (Einkaufsliste) oder verfassen Sie damit auch längere Texte, die Sie mit Genuss wiederlesen (Reisetagebücher)? Worauf ich hinaus will: Hatten Sie vielleicht schon einmal Gelegenheit, autografierte (stenografische) Kurzgeschichten oder gar Romane zu lesen? Nein? Würden Sie solche Bücher lesen, haben vielleicht sogar schon im Handel danach gesucht, aber keine gefunden?
Damit wären wir beim Punkt: Stenolektüre – ein rares Gut! Da gibt es Silvia Seeholzer (Küssnacht/Schweiz), welche Lesehefte mit Geschichten aktueller Autor/innen herausgibt. Da gibt es vielleicht auch die SLUB (Dresden) oder andere Bibliotheken, wo man sein Glück im gelagerten Fundus versuchen kann. Plus einige Lektüren und Texte (Geschäftsbriefe:) im Zusammenhang mit Lehrmitteln. Und sonst? Das Angebot ist enttäuschend dürftig, wie gesagt. „Was also tun?“, überlegte ich mir im April 2018. Der Grund, warum keine (oder nur wenig) Lektüre in Steno herausgegeben wird, lässt sich wohl auf zwei Punkte zusammenfassen: (1) die Herstellung ist aufwändig (der ganze Text muss autografiert, also von Hand geschrieben werden) und (2) die potenzielle Leserschaft solcher Bücher ist klein (leider nimmt die Zahl der Stenograf/innen ja eher ab als zu …). Kein lukratives Geschäft für Verleger also.
Das Ziel musste es somit sein, Herstellungsaufwand und -kosten solcher Bücher signifikant zu senken. Das Mittel der Wahl: ein Computerprogramm, welches die Übertragung automatisiert vornehmen und eine Druckvorlage erstellen kann. Da ich seit den 80er-Jahren (Stichworte: C64 und Amiga) ein absoluter „Computer-Nerd“ bin (nicht immer zur Freude aller, übrigens:) reizte mich die Aufgabe ungemein. Kurzum: Dies war der Beginn des Projektes VSTENO, ein Name, der für „Vector Shorthand Tool with Enhanced Notational Options“ steht. Oder eben: ein „Kurzschrift-Werkzeug mit zusätzlichen Darstellungsoptionen“.
Wie funktioniert VSTENO? Im Prinzip handelt es sich um eine „abstrakte Stenografiermaschine“, die mithilfe von Regeln programmiert werden kann. Dies bedeutet, dass sich mit VSTENO grundsätzlich jedes (sic!) stenografische System umsetzen lässt (z.B. DEK, Gregg, Duployé etc.). Da ich selber Stolze-Schrey schreibe, habe ich mich natürlich an dieses gehalten. Nach etwas mehr als zwei Jahren (oder rund 1450 Stunden) Entwicklungszeit, sind nun vier Sprachen verfügbar: Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch. Bezüglich der Korrektheit liefert Deutsch die besten Resultate, gefolgt von Französisch und Spanisch (brauchbar) und Englisch (experimentell).
Im Rahmen eines Artikels auf die Funktionsweise von VSTENO einzugehen, ist natürlich unmöglich. Eine kleine Anekdote möchte ich doch anfügen. Sie soll aufzeigen, wie unbedarft-blauäugig sich ein Computer an die Steno heranwagt bzw. woran sich ein Algorithmus zwangsläufig die Zähne ausbeisst. Zusammengesetzte Wörter zum Beispiel: Gastrecht, Hauptgang, Honigtopf … oder meinetwegen auch Dampfschifffahrtskapitänsjackenknopfloch (der deutschen Sprache sind hier ja keine Grenzen gesetzt). Man kann einem Computer natürlich nun „beibringen“, dass zusammengesetzte Wörter Wörter sind, die sich in kleinere Einzelteile auftrennen lassen, welche wiederum als selbstständige Wörter vorkommen. Das wären also: Gast, Recht, Haupt, Gang, Honig, Topf und Dampf, Schiff, Fahrt(s), Kapitän(s), Jacke(n), Knopf, Loch. So weit, so gut (denkt man sich …), bis die Sache mit Wörtern wie Handlungen (Hand-Lungen, im Unterschied zu Ohr-, Bein- und Fuss-Lungen vermutlich:) und Moderation (wohl Mode, die nur rationiert vorkommt:) ein jähes Ende nimmt ... Kurzum: VSTENO ist nicht perfekt. Aber: Es erreicht inzwischen eine sehr hohe Trefferquote (typischerweise 1-2 Fehler pro A5-Seite in einem literarischen, deutschsprachigen Text). Damit eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten: Sie möchten einen Zeitungsartikel, ein E-Mail, einen Artikel oder ein eBook in Stolze-Schrey lesen? Dann besuchen Sie ganz einfach die Webseite von VSTENO, kopieren den gewünschten Text ins Eingabeformular – et voilà! Zusätzlich können Sie verschiedene Darstellungsoptionen wählen (Seitenränder, Zeilenabstand, Schriftgrösse, Zeichenfarbe etc.) und das Resultat nach Ihren Bedürfnissen anpassen. Die Stenogramme lassen sich direkt im Browser lesen oder als PDF exportieren. Letzteres wiederum kann ausgedruckt oder auf einen eReader übertragen werden.
Damit schliesst sich der Kreis: Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich persönlich geht – Digitalisierung hin oder her – nichts über einen gedrucktes Buch! Gerade in unserer schnelllebigen Zeit, lässt sich damit so herrlich entschleunigen: sich aufs Sofa oder in den Schaukelstuhl verkriechen, Materie gewordenen Geist anfassen, umblättern … Unter dem Stichwort „Haptik statt Hektik“ wird es deshalb in den nächsten Monaten mein Ziel sein, einige ausgewählte und mit VSTENO übertragene Werke der Weltliteratur auch als „Printedition“ (Achtung neudeutsch:) herauszugeben. Als erstes Werk in dieser Reihe soll Der Widerspenstigen Zähmung von Karl Ettlinger erscheinen. Wer die unterhaltsame Geschichte von Katharina und Adolf trotzdem (oder zusätzlich) in elektronischer Form lesen möchte, findet diese bereits jetzt (in einer provisorisch lektorierten Vorab-Version) zum Download auf der Webseite.Weitere Infos zu VSTENO (Programm, Dokumentation, Artikel, eBooks etc.) finden Sie unter www.vsteno.ch. Bereits jetzt wünsche ich Ihnen viel Freude mit der Stenografie und angeregte Lesestunden.
Anm.: Der Text wurde für die Druckausgabe an die Deutsche Schreibweise angepasst. Ausserdem gibt es ein Korrigendum: Der Autor des schlafraubenden Romans heisst "Carlos Ruiz Zafón". Und hierzu auch die traurige Ergänzung, dass er leider am 19. Juni 2020 verstorben ist.
Im September 2020 erschien ein weiterer Artikel in der Stolze-Schrey-Post des Stenografenverbands Stolze-Schrey. Erstmals wurde hier ein vollständig mit VSTENO generiertes Dokument abgedruckt: Es handelt sich um den ersten der zwei so genannten Vesuvbriefe von Plinius dem Jüngeren. Einleitungstext verfügbar als Volltext, Gesamtbeitrag inklusive Praxisteil als PDF.
Plinius der Jüngere: Vesuvbriefe
Es gibt vermutlich wenige Schriftstücke aus der Antike, die auch heute noch – fast 2000 Jahre später – so spannend zu lesen sind wie die so genannten „Vesuvbriefe“. Gaius Plinius Caecilius Secundus (61-113), auch Plinus der Jüngere, beschreibt darin nicht nur den Vesuvausbruch aus dem Jahr 79 n. Chr., der die Stadt Pompeji komplett unter seiner Asche begrub, sondern auch den Tod seines Onkels Gaius Plinius Secundus Maior (23-79), genannt Plinius der Ältere, einem angesehenen Naturforscher, Offizier und Verwaltungsbeamten, der ihn nach dem frühen Tod seines Vaters in seine Obhut genommen hatte. Plinius der Jüngere erlebte den gewaltigen Vulkanausbruch, der mehrere Tage dauerte, aus nächster Nähe und verfasste dazu eine Art Augenzeugenbericht aus erster Hand, den er in Form zweier Briefe (Epistulae 6,16 und 6,20) seinem Freund und Historiker Publius Cornelius Tacitus (56-120) zukommen ließ. Wir publizieren hier den ersten der beiden Briefe (6,16) in einer leicht modernisierten Version der gemeinfreien Übersetzung von Johann Adam Schäfer[1] . Die stenografische Übertragung erfolgte automatisiert mit dem Programm VSTENO.
[1] Die Briefe des Plinius, übersetzt und mit Anmerkungen erläutert von M. Johann Adam Schäfer, Erlangen bei Karl Hender, 1824.
Die "Widerspenstige" ist käuflich zu erwerben
Im Dezember 2020 erschien in der letzten Ausgabe Stolze-Schrey-Post des Stenografenverbands Stolze-Schrey der zweite Pliniusbrief, sowie eine Vorschau (3 Seiten) des ersten Kapitels aus Friedrich Glausers Roman "Matto regiert", der im Januar 2021 als zweites, vollständig mit VSTENO generiertes Taschenbuch erscheinen soll. Der Einleitungstext zu den Pliniusbriefen ist verfügbar als Volltext und PDF, der stenografische Praxisteil als PDF.
Plinius der Jüngere: Vesuvbriefe
In Heft 3 der Stolze-Schrey-Post publizierten wir im Leseteil den ersten so genannten Vesuvbrief (liber 6, epistula 16), in welchem Plinius der Jüngere (62-113) seinem Freund und Geschichtsschreiber Tacitus vom Schicksal seines Onkels berichtet, der – in der Hoffnung, Freunde und Bekannte zu retten – mit einem Schiff der Gefahr entgegenfuhr und dabei den Tod fand.
Im zweiten Vesuvbrief (epistula 20), den wir nun hier nachreichen, erzählt Plinius, wie es ihm unterdessen im ca. 40 km entfernten Misenum erging, wo er zusammen mit seiner Mutter zurückgeblieben war. Im Vergleich zu seinem Onkel befand er sich mehr als das Doppelte vom Unglücksort entfernt, aber selbst hier erleben die Einwohner das Wüten des Vulkans in dramatischer Weise.Auch diesen Brief publizieren wir in einer modernisierten Version der gemeinfreien Übersetzung von Johann Adam Schäfer[1]. Die stenografische Übertragung erfolgte automatisiert mit dem Programm VSTENO[2].
Eine archäologische Fundgrube
Der Vesuvausbruch, so tragisch er für die Bevölkerung auch war, erwies sich aus archäologischer Sicht als wahrer Segen: Durch die Asche, welche ganze Siedlungen unter sich begrub und praktisch luftdicht einschloss, wurden unzählige Gebäude, Menschen, Tiere, Alltagsgegenstände und sogar Nahrung in einer Momentaufnahme der damaligen Zeit konserviert. Die Körper der Opfer hinterliessen Hohlräume in der Asche, welche die Archäologen mit Gips ausfüllten. Die Abdrücke erlaubten es oft, ganz genau zu rekonstruieren, wie und in welcher Situation die Menschen vom Vulkanausbruch übrrascht wurden.
Briefform und historischer Bericht
Mit seiner Sammlung an Briefen (epistulae) begründet Plinius ein eigenes, neues Genre in der damaligen Literatur. Obwohl einige an Familie und Bekannte gerichtete Briefe tatsächlich privater Natur (und Inhalts) sind, darf man sich nicht täuschen: Plinius verwendet hier eine Kunstform, mit der er sich durchaus auch an ein breiteres Publikum wendet. Seine Briefe enthalten somit auch allgemeine Betrachtungen und historische Tatsachen.
Genauer Zeitpunkt des Vesuvausbruchs
Nebst Plinius erwähnt auch der Historiker Lucius Cassius Dio (155-235) den Vulkanausbruch und datiert diese „gegen den Herbst“. Tatsächlich fand man in Pompeji verkohlte Walnüsse und andere Herbstfrüchte, welche die Vermutung nahe legen, dass der Ausbruch eher am 24. Oktober – und nicht am 24. August wie im Pliniusbrief vermerkt – stattfand. Denkbar ist aber, dass Plinius ursprünglich das korrekte Datum notierte und es sich hier schlicht um einen Übertragungsfehler aus dem Mittelalter handelt.
[1] Die Briefe des Plinius, übersetzt und mit Anmerkungen erläutert von M. Johann Adam Schäfer, Erlangen bei Karl Hender, 1824.
[2] Siehe www.vsteno.ch / © 2018-2020 Marcel Maci