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Homer kennt sie bereits. Euripides schreibt eine Tragödie über sie, später wird auch Seneca dies auf Lateinisch tun. Im 17. Jahrhundert ist es Pierre Corneille, der Medea in einer „tragédie“ verewigt. Sein jüngerer Bruder Thomas wird für den französischen Komponisten Marc-Antoine Charpentier (1643–1704) das Libretto für die Oper „Médée“ (1693) schreiben, aus welcher die Arie stammt, die uns hier beschäftigt.
In unserer Zeit waren es der Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1974) und die Schriftstellerin Christa Wolf (1996), die sich der Figur der Medea in besonderer Weise angenommen haben.
Die Schwächen der antiken Helden
Der hellenistische Gelehrte Apollonios von Rhodos (295–215 v. Chr.) erzählt uns ausführlich in seinem Werk „Argonautika“, wie es dazu kam, dass eine Frau aus Liebesqual und Rachsucht einem untreuen Geliebten gegenüber zur Mörderin der gemeinsamen Kinder wurde.
Die Königstochter Medea taucht im Rahmen der Argonautensage auf. Sie verhalf dem Griechen Jason, Herrscher von Iolkos in Thessalien und Anführer der Argonauten, in den Besitz des „Goldenen Vlieses“ zu gelangen. Worum es sich bei diesem Vlies handelt, ist unter Experten umstritten. Vermutlich nicht nur um ein Widderfell! Manche glauben, die Sage erzähle, wie die Griechen in den Besitz der Goldvorkommen in Kolchis gelangten, dem Land zwischen Schwarzem Meer und dem Kaukasus.
Aus Liebe zu diesem Fremden Jason ist Medea bereit, ihren eigenen Vater und ihren Bruder zu verraten. Da sie ihre Zauberkräfte einsetzt, gelingt es Jason, alle Prüfungen zu bestehen und sich des Vlieses zu bemächtigen. Jason, wir würden heute sagen: ein so schwacher wie bequemer Schönling und Frauenheld unter den antiken Helden und Haudegen, flieht mit seiner neuen Flamme Medea zunächst zurück in die griechische Heimat.
Dort hat Pelias inzwischen die Macht übernommen. Medea tut, was getan werden muss und was Jason nicht schafft: Sie beseitigt den Usurpator. Die beiden müssen aber mit ihren zwei Söhnen nach Korinth fliehen, weil Pelias Sohn Akastos sie für den Mord an seinem Vater verfolgt. Kreon, König von Korinth, möchte seine Tochter Kreusa mit Orontes, dem König von Argos und Kreons Waffenbruder im Kampf gegen die Thessalier verheiraten. In diese verliebt sich nun aber der liederliche Jason, dem die starke Medea an seiner Seite zur Last geworden ist.
Nun rächt sich die Verratene grausam: Sie ruft die Mächte der Hölle herauf, mit denen sie als Magierin in Verbindung steht. Den König treibt sie in den Wahnsinn, Kreusa, Jasons neue Liebe, kommt elendiglich in einem vergifteten Kleid ums Leben. Der Gipfel von Medeas Grausamkeit aber ist: Sie tötet ihre beiden Söhne, die Jason über alles liebt, und treibt so Jason in die Verzweiflung.
Medea, die Magierin, fliegt am Ende triumphierend durch die Lüfte davon, nicht ohne vorher Korinth in ein Flammenmeer zu verwandeln. Ihre letzten Worte zu Jason lauten: „Ewig sollst du die Leiden beweinen, die deine Leidenschaft verursacht hat.“
Ein Höhepunkt der „tragédie lyrique“
So alle Grenzen natürlicher Zuneigung sprengend und grausam selbstbezogen diese Medea erscheinen mag: Die mythische Heldin hat die Dichter und Denker immer wieder neu inspiriert und zu zeitgemässen Deutungen gezwungen. In der Oper ist sie 1693 durch Charpentier zu einer grandiosen Frauenfigur aufgestiegen. Später war es Luigi Cherubini, der ihr 1797 in Paris zu erneuter Aktualität verhalf. In dieser italienischen Fassung war es Maria Callas, die in den 50er Jahren der Cherubini-Medea neuen Glanz verlieh. (Und später noch einmal als „die“ Medea in Pasolinis Film!)
Heute ist es geradezu unbegreiflich, dass Charpentiers Meisterwerk der französischen Barockoper für Jahrhunderte auf den europäischen Bühnen in totale Vergessenheit geraten konnte. Dass wir heute dieses Werk neu hören und bestaunen können, ist vor allem dem Dirigenten und Barockexperten William Christie zu verdanken, der es erstmalig 1984 eingespielt hat und 1994 es noch einmal tat, diesmal in ihrer ungekürzten Fassung.
Heute ist Charpentier als genialer Nachfolger von Lully, dem Begründer der französischen Barockoper, vollkommen rehabilitiert. Nach dem Tod von Charpentier brach ein erbitterter Kampf der sogenannten „Lullisten“ – das waren die Anhänger einer französischen Ästhetik auf der Opernbühne – gegen die „Ramisten“ aus. Letztere – nach dem zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich einflussreichen Rameau benannt – galten alt Nachahmer einer italienischen Musikästhetik im Opernbetrieb.
Diese „Sünde“ wurde auch Charpentier angerechnet, obwohl es keine konsequentere und schönere Fortentwicklung der „tragédie lyrique“ nach dem Lully-Opernmodell als Charpentiers „Médée“ gibt. Dieser hatte seine Ausbildung zwar in Italien genossen, wie ja Lully von seiner Herkunft her übrigens auch Florentiner und nicht Pariser war! Heute sind diese nur noch historisch bedeutsamen Grabenkämpfe vergessen. Und die Musik Charpentiers erstrahlt in neuem Glanz dank der Kenntnisse und der spezifischen Kompetenz, die Musiker wie William Christie sich inzwischen im Umgang mit französischer Barockmusik erworben haben.
Welchen Preis hat die Liebe?
Die hier ausgesuchte Arie singt Medea in der 3. Szene des 3. Aktes. Wir sind am Wendepunkt der Tragödie. Medea realisiert, dass Jason sie ins Exil treiben will, um sich mit Kreusa zu vereinen. Nun wird ihre ganze Liebe zu Jason sich in Hass und Rachelust verwandeln.
Bevor Medea dafür die Mächte der Hölle, die Dämonen der Unterwelt, alle auftreibbaren Verkörperungen des Bösen und Menschenfeindlichen mobilisiert, geht sie in der Arie „Quel prix de mon amour, quel fruit de mes forfaits!“ noch einmal in sich. Ist dies der Preis, den man für die Liebe bezahlt? Ist dies der Dank für all die Untaten, ja Verbrechen, die sie aus Liebe zu Jason beging? Nun bedeuten ihre Klagen, ihre Tränen und Seufzer dem ehemals so feurigen Liebhaber nichts mehr. Er kann sie nicht mehr hören! Nur weit fort will er seine Medea noch haben.
Für ihren Geliebten hat sie hundert Ungeheuer bezwungen. Sie hat ihr eigenes Herz „verstellt“, um auf ihn zu hören und ihm zu gefallen. Sie hat die Stimme der eigenen Natur unterdrückt, ja ausgelöscht, um seinen Wünschen zu entsprechen. Was ist aus den Tausenden von Liebesschwüren geworden, die er ihr getan hat? Was aus dem „hommage éternel“, aus der ewigen Zuneigung und Verehrung, die er ihr immer wieder gelobte?
Drei Mal wiederholt Medea in der Arie die Frage nach dem unbegreiflichen Leid, in das ihre Liebe zu Jason sie geführt hat. Charpentier hat dafür eine so bohrend schöne wie uns aussichtslos lassende melodische Antwort gefunden, die jede Liebende und jeden Liebenden ins Grübeln versetzt. Was, wenn der Preis genossener Liebe am Ende tatsächlich nur unbegreifliche Enttäuschung und ein Leiden ist, das sich nur in Rache und Hass verkehren kann?
Diese Arie singt hier die unvergleichliche, nicht mehr unter uns weilende, in ihrer glühenden Innigkeit des Medea-Leidens nie mehr erreichte Lorraine Hunt Lieberson.