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In der Jaspers-Diskussion ist die Frage strittig, ob Jaspers erst mit Schriften, die er nach 1945 publiziert hat, zu einem politischen Denker geworden ist, oder ob nicht bereits in seinen früheren existenzphilosophischen Werken politische Probleme mehr oder weniger explizit angesprochen sind. Nicht strittig ist jedoch, dass ihn erst das Erleben der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus dazu bewogen hat, zu aktuellen politischen Fragen öffentlich Stellung zu nehmen. In dieser Hinsicht hat er sich als „politischer Schriftsteller“ verstanden, der aus der Perspektive einer philosophischen Denkungsart politische Gegenwartprobleme beleuchtet. Während der Politiker „handelt und denkt, was für den Augenblick notwendig ist, mit der Verantwortung für die praktischen Folgen“, kann der Philosoph, der nicht unter dem Druck des aktuellen politischen Handelns steht, über „Zielsetzungen im ganzen“ nachdenken und politische Konstellationen und Probleme längerfristig auf Implikationen, Konsequenzen und mögliche Zielsetzungen durchdenken. Jaspers hat dies beispielhaft in seinem politischen Hauptwerk Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Politisches Bewusstsein in unserer Zeit (1958) getan.
Die hier vorgestellte Schrift, die in erster Auflage 1960 erschien und 1990 mit einem Vorwort von Willy Brandt neu aufgelegt wurde, zählt zu jenen vier Buchpublikationen, die Jaspers nach 1945 im Hinblick auf die deutsche Politik seiner Zeit geschrieben hat. (Die anderen drei Bücher sind Die Schuldfrage. Zur politischen Haftung Deutschlands (1946), Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen – Gefahren – Chancen (1966) und Antwort. Zur Kritik meiner Schrift „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ (1967)).
Der Anlass zur Publikation dieser Schrift waren die Reaktionen auf ein Fernsehgespräch, bei dem Jaspers im August 1960 die Meinung äusserte, dass die Forderung nach Wiedervereinigung der beiden geteilten deutschen Staaten, der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), „politisch und philosophisch irreal“ wären. Diese Meinung rief in der BRD nicht nur bei Vertriebenenverbänden, sondern in einer breiten politischen Öffentlichkeit heftige Reaktionen hervor, war doch die Wiedervereinigungsdoktrin ein von allen Parteien unbestrittenes Kernelement des Grundgesetzes der BRD. Jaspers schrieb darauf hin fünf Artikel für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, in denen er seine Meinung begründete. Nach einer nochmaligen Überarbeitung und Ergänzung erschienen diese Artikel noch im Jahr 1960 in Form des hier vorgestellten Büchleins.
Jaspers übt darin – wie bereits in dem Buch Die Schuldfrage und in dem Atombomben-Buch – scharfe Kritik am Nationalstaatsgedanken. Aus seiner Sicht war der auf territoriale Einheit fixierte Nationalstaatsgedanke in Deutschland, wie ihn Bismarck ins Zentrum seiner Politik gestellt hatte, eine wesentliche Ursache für die deutsche Katastrophe mit dem NS-Regime.
Jaspers verlangte deshalb eine radikale Distanzierung der deutschen Politik von der Nationalstaatsidee. Als Ausfluss dieser Idee sah er auch die Wiedervereinigungsdoktrin. Er forderte von den Deutschen, die durch den 2. Weltkrieg entstandenen Grenzen, inklusive der DDR, bedingungslos anzuerkennen. Anstelle der territorialen Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands sollte die Freiheit der Selbstbestimmung für die DDR-Bürger gefordert werden. Diese Freiheit hielt er für viel wichtiger als die Wiedervereinigung. Um dieser Freiheit willen sollte die Politik der BRD auf die Forderung nach Wiedervereinigung verzichten und die DDR als eigenständigen deutschen Staaten völkerrechtlich anerkennen. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Standpunkt damals vor allem von den Vertriebenenverbänden in der BRD entschieden bekämpft wurde, weil die traumatischen Erlebnisse der Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands im Gefolge des 2. Weltkriegs noch allzu präsent waren. Dass Jaspersʼ grundlegende Intention in vielem bestätigt wurde, als in den Siebzigerjahren unter der Brandt-Scheel-Regierung ein grundlegender Kurswechsel in der Ostpolitik der BRD erfolgte, konnte Jaspers nicht mehr erleben. Er starb bekanntlich am 26. Februar 1969.
Karl Jaspers: Freiheit und Wiedervereinigung. Über Aufgaben deutscher Politik. Vorwort von Willy Brandt. Mit einer Nachbemerkung zur Neuausgabe von Hans Saner.
München/Zürich: R. Piper & Co. 1990.