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Erfolgreiche Zuckerlobby oder: Das Rennen um den Oscar ist lanciert
Aus der Sicht der «Allianz Ernährung und Gesundheit» knickt das Parlament vor der Zuckerlobby ein, indem es deren Narrativ übernimmt, dass freiwillige Massnahmen für die dringend nötige Zuckerreduktion in den meisten Nahrungsmitteln ausreichen.
«And the Oscar goes to … Byoir & Associates!» So oder ähnlich klang es an der Preisverleihung der Public Relations Society of America 1976, als die U.S. Sugar Association (SA) den Silver Anvil Award erhielt. Die weltweit vernetzte Handelsorganisation, welche die Rohr- und Rübenzuckerindustrie vertritt, hatte den Preis für ihre Zuckerkampagne gewonnen, mit der die Öffentlichkeit überzeugt werden sollte, dass Zucker harmlos ist.
«Ihre Kampagne begrenzte erfolgreich die Verbreitung von Massnahmen zur Einschränkung des Zuckerkonsums im Kampf gegen Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Karies und markierte den Beginn der modernen Sugar Association (SA).»1
Wie kann die politische Meinung derart beeinflusst werden, dass die Auswirkungen des Zuckerkonsums auf diese Weise verharmlost werden? Und wie agiert die Zuckerlobby heute?
Fake (Sugar) News
Hinter der damaligen Kampagne zog Fredrick John Stare die Fäden, wie die Zahnärztin Cristin E. Kearns im Journal JAMA Intern Med und BMC Public Health schreibt. Der renommierte Ernährungswissenschaftler, der das Departement der Ernährungswissenschaften an der Harvard School for Public Health gründete, wurde von der Sugar Research Foundation für Studien finanziert, welche die gesundheitsschädigenden Auswirkungen des Zuckerkonsums widerlegten. Er publizierte seine Resultate in Fachzeitschriften, Tagespresse und anderen Medien.
Mithilfe dieser Publikation konnte die öffentliche Meinung dahingehend beeinflusst werden, dass es so wirkte, als bestehe kein wissenschaftlicher Konsens über die negativen Auswirkungen des Zuckerkonsums.
Wissenschaftlicher Konsens
Heute, fast 50 Jahre später, sind die schädlichen Auswirkungen des Zuckerkonsums vielfach belegt. Ein übermässiger Zuckerkonsum erhöht das Risiko, an einer nichtübertragbaren Krankheit (NCD) wie etwa Adipositas, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und neurodegenerativen Krankheiten zu erkranken. Die Schweizer Bevölkerung konsumiert trotzdem seit Jahren viel zu viel Zucker.
Der Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz liegt derzeit bei mehr als 100 Gramm täglich!
Das ist doppelt so viel, wie die WHO empfiehlt. Die Allianz Ernährung und Gesundheit wurde 2020 gegründet mit dem Ziel, diese Erkenntnisse in die nationale Politik zu tragen. Bettina Wölnerhanssen und Anne Christin Meyer-Gerspach (beide St. Clara Forschung AG, Basel) haben die aktuellen evidenten Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen des Zuckerkonsums auf nichtübertragbare Krankheiten (NCD) in einem Papier2, das auf der Website der Allianz Ernährung und Gesundheit zugänglich ist, zusammengetragen.
Parlament hält an Freiwilligkeit fest
Der aktuelle politische Diskurs ignoriert nach wie vor die wissenschaftlichen Erkenntnisse,
wie die vergangene Frühjahrssession des eidgenössischen Parlamentes ein weiteres Mal gezeigt hat. Gleich zwei Standesinitiativen zur Zuckerreduktion wurden vom Parlament abgelehnt. Statt der Zuckerreduktion mit effektiven Massnahmen zu begegnen, hält das Parlament an freiwilligen Massnahmen fest. Das Parlament folgte mit der Ablehnung der Empfehlung der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK), die der Ansicht ist, dass die bestehenden freiwilligen Massnahmen, d.h. freiwillige Zuckerreduktion sowie auch die freiwillige Einführung des Nutri-Scores, greifen.
Tropfen auf den heissen Stein
Hersteller von mit Zucker gesüssten Lebensmitteln wie Joghurt, Frühstückscerealien und Süssgetränken geben tatsächlich an, sich seit einigen Jahren freiwillig um die Reduktion des Zuckergehalts ihrer Produkte zu bemühen. Mit der Unterzeichnung der «Erklärung von Mailand» verpflichten sich die Getränkehersteller, den Zuckergehalt um 10% über die gesamte Produktepalette hinweg zu reduzieren. Die Anstrengungen sind begrüssenswert, doch reichen diese Massnahmen bei weitem nicht aus. Dies vor allem auch, da die Zuckerreduktion von 10% über die gesamte Produktepalette hinweg gerechnet wird und nicht für jedes einzelne Produkt. So kann beispielsweise der Zuckergehalt in Coca-Cola unverändert hoch bleiben, wenn er dafür in einem anderen Produkt desselben Herstellers reduziert wird.
Zudem, um eine Aussage darüber zu treffen, inwiefern die Massnahmen, die in der Erklärung von Mailand vereinbart worden sind, effektiv zu einer Zuckerreduktion führen, müssten nicht nur die Zahlen des Produktsortiments veröffentlicht werden, sondern eben auch die Verkaufswerte. In der Schweiz liefern die Süssgetränke mit mehr als einem Drittel (38%) nach wie vor die Hauptmenge des aufgenommenen Zuckers. Die medial gut verbreitete Vereinbarung zur Reduktion von Zucker in Süssgetränken ist aus der Sicht der Allianz Ernährung und Gesundheit lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein und spielt der Zuckerlobby gleichzeitig in die Hände. Sie nutzt die Erklärung von Mailand nun strategisch, um das Parlament im Glauben zu lassen, dass freiwillige Massnahmen ausreichen. So lud beispielsweise der Präsident der IG Genuss, Sebastian Frehner, ehemaliger SVP-Nationalrat, während der Frühjahrssession 2023 die Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Restaurant Butchers Table in Bern zu Tisch, um sich bei einem «genussvollen» Abend über das freiwillige Engagement von Coca-Cola zu informieren. Le Temps hat darüber berichtet.
Die freiwillig getroffenen Massnahmen sind eine regelrechte Farce in Anbetracht der Tatsache, dass in der Schweiz etwa jedes sechste Kind an Übergewicht leidet. Kinder, die viele Produkte mit hohem Anteil an zugesetztem Zucker konsumieren, haben ein höheres Risiko für Gesundheitsprobleme wie Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselstörungen, Karies und Aufmerksamkeitsstörungen.
Grenzen der Freiwilligkeit
Drei Nationalrätinnen haben noch in derselben Session reagiert: Die Nationalrätinnen Manuela Weichelt (Grüne ZG), Léonore Porchet (Grüne VD) und Laurence Fehlmann-Rielle (SP GE) fordern mit ihren in der letzten Session eingereichten Vorstössen griffigere Massnahmen für eine ausgewogene Ernährung. Konkret: Die Motion Weichelt fordert «Einen gesunden Start ins Leben», Fehlmann-Rielle verlangt: «Zuckerüberschuss: Information und Aufklärung für eine bessere Prävention!» Und Porchets Postulat heisst: «Auswirkungen hochverarbeiteter Lebensmittel auf Gesundheit, Natur und Landwirtschaft».
Damit nicht erneut die Zuckerlobby, wie anno 1976, einen Oscar für ihre Marketingaktivitäten gewinnt, benötigt es dringend weitere Anstrengungen – die Allianz Ernährung und Gesundheit bleibt dran.
Literatur
1 Kearns CE, Glantz SA, Apollonio DE. (2019). S. 2.
2 https://allianzernaehrung.ch/de/arbeitsgruppen/ag-zucker/aktuelle-forschungsergebnisse/
Allianz Ernährung und Gesundheit
Weitere Infos:
Für diesen Frühling und Sommer plant die Allianz verschiedene Aktivitäten rund um das Thema Zucker. Unterstützerinnen und Unterstützer sind willkommen, direkt Kontakt mit der Allianz Ernährung und Gesundheit aufzunehmen:
<email-pii>
Stefanie Zehnder
Stefanie Zehnder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin Public Health Schweiz und leitet das Sekretariat der Allianz Ernährung und Gesundheit.