Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03134.jsonl.gz/2232

Für viele mit dem Pferdesport Verbundene mag das Coronavirus, das seit Monaten unser Leben einschränkt, Erinnerungen wecken an Pferdeseuchen, die vor einigen Jahrzehnten den internationalen Turnierbetrieb beeinträchtigten. Da war 1966 das «swamp fever» (equine infectious anaemia – EIA), das verhinderte, dass an der EM der Springreiter in Luzern die Reiter und Pferde von den Britischen Inseln teilnehmen konnten. Da die britische Regierung ein Import- und Exportverbot für Pferde erlassen hatte, durften an die im gleichen Jahr in Burghley ausgetragene WM der Militaryreiter weder die Kontinentaleuropäer noch die Amerikaner einreisen.
VEE und AHS
Dann folgte um 1970 VEE (venezuelan equine encephalomyelitis). 1969 kam die Pferdeseuche aus Ecuador durch Zentralamerika nach Mexiko und schliesslich nach Texas. Dank massiven Impfaktionen von Pferden konnte VEE unter Kontrolle gebracht werden. Aber noch an den Olympischen Spielen von 1972 in München mussten die Mexikaner auf deutschen Leihpferden teilnehmen!
In jenen Jahrzehnten wütete in Afrika die «African Horse Sickness» (Afrikanische Pferdepest oder Pferdesterben). Sie wird durch blutsaugenden Insekten übertragen. Empfänglich sind Pferde, Zebras und Esel, zum Teil auch Elefanten, Ziegen und Hunde. Heimisch ist die Pferdepest südlich der Sahara und wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts durch Europäer als Tierkrankheit beschrieben. In Afrika sterben kaum Pferde. Diese haben eine Immunität entwickelt, die sie beschützt. Die Krankheit kann aber in der Region verbreitet werden. Gefahr besteht, wenn ein Pferd das betroffene Gebiet verlässt, als Träger die Krankheit mitnimmt und in Kontakt mit empfänglichen Tieren kommt. Im Falle der Afrikanischen Pferdepest passierte das erstmals 1959, als Pferde aus Afrika nach Iran gesandt wurden. Nicht nur wurde der dortige Pferdebestand angesteckt – die Krankheit verbreitete sich westlich bis in die Türkei und östlich bis nach Indien. Viele Tausend Pferde starben. Man nimmt an, dass bis zu 95 Prozent der angesteckten Pferde sterben. Um 1966 trat die Afrikanische Pferdepest auch in Nordafrika auf, so in Marokko und Algerien. In den 80er-Jahren kam sie zum ersten Mal über die Strasse von Gibraltar nach Andalusien, nach Zentralspanien und nach Portugal. Zwei weitere Invasionen folgten, die letzte in 1988. Die spanische Regierung sperrte die Grenze, kein CSIO oder CSI konnte 1988 in Spanien durchgeführt werden. Die Olympischen Spiele von 1992 in Barcelona schienen gefährdet, obwohl Katalonien nicht direkt betroffen war. Die Krankheit wird durch Insekten übertragen, so die Culex-Mücke, die südlich der Sahara heimisch ist, bis sie offenbar auch in Nordafrika auftrat. Als die Krankheit nach Spanien kam, glaubte man, sie sei von einem infizierten Zebra eingeschleppt worden. Man dachte aber auch, dass der Wind die Mücken auf die iberische Halbinsel gebracht habe oder gar, dass sie in Flugzeugen kamen. Wie eine Pferdeseuche reisen kann, schilderte der englische Veterinär D.G. Powell aus Newmarket in einem Bericht im «L’Année Hippique» 1984/1985.
Von Influenza bis Piroplasmosis
1977 gab es in Europa eine Influenza-Epidemie Typ 1 mit nur wenig Krankheitsausbrüchen. Die Mehrheit der europäischen Pferde war immun, sei es als Folge von früheren Epidemien oder als Folge von Impfungen. In jenem Jahr wurden irische und englische Vollblüter nach Singapur und Malaysia verkauft und per Luftfracht an die dortigen Rennbahnen versandt. Fast augenblicklich brach unter den Rennpferden der beiden Länder eine Influenza-Epidemie aus. Die dortigen Pferde waren früher aus Australien und Neuseeland importiert worden – aus zwei Ländern, die diese Krankheit nicht kennen und als Folge davon keine Immunität hatten. Nach dem Tod von Dutzenden von Pferden musste der Rennbetrieb auf den betroffenen Rennbahnen während Wochen abgesagt werden.
Auch das Lipizzanergestüt in Piber erlebte 1983 eine Seuche, den
Rhinopneumonitis-Virus. Der Pferde-Herpes-Virus wurde eingeschleppt durch ein nach aussen gesundes Pferd, Hengst oder Stute, und war tödlich für die ungeschützte Herde in Piber. Die Aufzählung könnte weitergehen: Druse, Potomac-Fieber, Metritis, Getah-Virus, Melioidosis oder Babesiosis. Das Letztere hat den internationalen Pferdesport unter dem Begriff Piroplasmosis jahrzehntelang behindert. Die damals starken polnischen Militaryreiter und ein Teil der französischen Military-equipe durften 1976 nicht an die Olympische Spiele in Montreal – ihre Pferde waren positiv auf Piroplasmosis getestet worden.
Als wir 1989 den Weltcupfinal in Tampa, Florida, durchführten, wurden die europäischen Pferde während der ganzen Dauer des Finals in Quarantäne in einem fensterlosen Gebäude isoliert. Florida, mit seinem tropischen, feuchten Klima beherbergt die Babesia-Parasiten, die die Krankheit übertragen können. Beim Final in Las Vegas 2000 mit seinem trockenen Wüstenklima, gab es das Problem nicht. In Las Vegas gibt es keine Mücken.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 24/20)
Die «PferdeWoche» auf Facebook mit speziellen News und Attraktionen.
Sie haben noch kein Abonnement der PferdeWoche?