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Seit knapp zwei Wochen ist die Stromproduktion in Grossbritannien komplett kohlefrei. Dies berichtete die Zeitung «The Guardian» und veröffentlichte dazu eine Grafik, auf der zu sehen ist, wie sich die Stromerzeugung in den EU-Staaten in den letzten zehn Jahren entwickelt hat.
Deutlich sichtbar zu erkennen ist, dass in den meisten EU-Staaten der Anteil der Stromerzeugung aus Kohle zwischen 2000 und 2018 gesunken ist. Ausser in Holland. Dort steigt die Kohle-Kurve leicht nach oben. Die erneuerbaren Energieträger stiegen überall, ausser in Lettland, wo sich die Kurve alle paar Jahre etwas nach unten oder nach oben verschiebt.
«The Guardian» schreibt, so erfreulich die Grafik im ersten Moment scheine, gebe es eine Kehrseite der Medaille: Insbesondere die von Kohle abhängigen Volkswirtschaften in Mitteleuropa treiben die Ausmusterung des schmutzigen Brennstoffs nur langsam voran. So hat Deutschland die Stilllegung aller Kohlekraftwerke bis 2038 hinausgeschoben und wird das Ziel, bis 2020 40 Prozent der Treibhausgasemissionen zu reduzieren, nicht erreichen.
Schweden hatte 2018 den geringsten Anteil an Strom aus fossilen Brennstoffen, stattdessen wurde ein Mix aus erneuerbaren Energien und Kernenergie genutzt.
Die Schweiz ist auf der Grafik nicht mit aufgelistet. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass hierzulande die Wasserkraft mit fast 60 Prozent der grösste Stromerzeuger ist. Zu 30 Prozent beziehen wir unseren Strom von Kernkraftwerken und die restliche Stromproduktion stammt vor allem von Thermischen Kraftwerken und Photovoltaikanlagen.
Damit schneidet der Strommix der Schweiz immer noch besser ab als derjenige der EU. Aber der schleppende Ausbau von Solar- und Windenergieanlagen kontrastiere «mit dem enormen Ausbaupotenzial» dieser Energieträger in der Schweiz. So schreibt es die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) in einer Mitteilung vom Mittwoch. Sie hat in einer Studie die Solar- und Windenergieproduktion der Schweiz mit den EU-Ländern verglichen. Die Bilanz ist vernichtend.
Die Schweiz produziert pro Jahr und Einwohner nur rund 250 Kilowattstunden Sonnen- und Windstrom. Das entspricht ungefähr dem Jahresstromverbrauch eines halbwegs effizienten Geschirrspülers. Damit landet sie im Vergleich mit den 28 EU-Ländern auf dem 25. Platz. Der Gesamtanteil dieser neuen erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bleibe in der Schweiz «kaum nennenswert», sagt die SES-Projektverantwortliche Tonja Iten.
Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen pro Kopf und Jahr ungefähr 7000 kWh Strom. Wind- und Sonnenstrom decken hierzulande zusammen gerade einmal 3.7 Prozent des Bedarfs. Beim Leader Dänemark sind es mit jährlich 2500 kWh pro Einwohner knapp 50 Prozent. Dahinter folgen Photovoltaik-Spitzenreiter Deutschland mit einer Produktion von 1905 kWH und Schweden mit 1691 kWh.
Schlechter platziert als die Schweiz sind nur gerade Ungarn, Slowenien, die Slowakei und Lettland. Das sei «bedenklich» für ein Land, «das sich gerne mit seine fortschrittlichen Strompolitik und -erzeugung brüstet», wird Projektverantwortliche Tonja Iten in einer Mitteilung zitiert.
Das Bundesamt für Energie schätzte kürzlich, dass in der Schweiz alleine auf Hausdächern und an Hausfassaden jährlich 67 Terrawattstunden Strom erzeugt werden könnten. Das übersteige den gegenwärtigen Stromverbrauch im Land von 58 TWh pro Jahr deutlich. Zudem seien die Preise für Photovoltaik- und Windenergieanlagen in den vergangenen Jahren stark eingebrochen.
Das vorhandene Potenzial kontrastiere mit der «Deckelpolitik der Schweiz», vor allem bei der Photovoltaik. Dort sei der Netzzuschlag im letzten Jahr zwar auf 2.3 Rappen pro kWh erhöht worden. Doch die Förderung sei zeitlich befristet, die Zuschläge würden ineffizient verteilt und wegen der «rigorosen Wartelistenpolitik» blockiert.
Das führe dazu, dass Betreiber von Fotovoltaikanlagen lange auf die Vergütung warten müssten. Und auf eine Einspeisevergütung hätten neue Projekte gar keine Chance mehr. Für Grossanlagen seien die Erlöse am Strommarkt damit zu tief, als dass sie sich refinanzieren könnten.
Gemäss SES setzen die meisten EU-Staaten «zielführende Förderinstrumente für die erneuerbaren Energien ein» und schützen neue Kraftwerke durch gesetzlich garantierte Minimalvergütungen vor Preisschwankungen. Damit wolle die EU ihre ambitionierten Energiewende- und Klimaziele erreichen.
«Die Schweiz täte gut daran, diesen Bemühungen zu folgen», folgert Iten. Denn es sei dringend notwendig, den Atomstrom und die fossilen Energieträger mit einem Ausbau der erneuerbaren Energien zu ersetzen. Nur so könne die Energiewende in der Schweiz umgesetzt werden. (sar/sda)