Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/495

Das neue Element, welches die germanische Invasion ins Land brachte, konnte den Romanisierungsprozeß nicht
mehr aufhalten, ja es wäre demselben unbedingt ebenfalls verfallen gewesen, wenn nicht die Machtstellung der Sieger und die
fortwährenden Rekrutierungen aus dem Herzen Germaniens Sprache
[* 5] und Sitte immer wieder aufgefrischt hätten. Von größtem Einfluß
auf die Verschmelzung der verschiedenen Völker, welche sich auf dem BodenGalliens zusammenfanden, war
das Christentum, welches die Gallier überraschend schnell angenommen hatten, und gegen welches sich auch die Germanen nicht
lange ablehnend verhielten; leider sind mit Götzendienst und Aberglauben auch die Äußerungen heidnischer Volkspoesie fast
gänzlich unterdrückt worden.
Denn es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß ein jedes von diesen Völkern einen gewissen Schatz an Sagen,
Sprüchen, Volksliedern etc. gehabt hat; aber abgesehen von einigen bretonischen Volksliedern,
in denen man Spuren druidischer Poesie erkennen will, sind fast alle in jener Zeit verschwunden und nur wenige Reste in lateinischer
Sprache auf uns gekommen. Diejenigen, welche im schriftlichen Gebrauch der lateinischen Sprache geübt waren,
waren eben Geistliche, und alle Aufzeichnungen, außer denen politischer Akte, waren entweder dem Bedürfnis des Kultus gewidmet,
oder entsprangen frommer Begeisterung. Durch den Sturz des weströmischen Reichs hatte die römische Bildung ihren Mittelpunkt
verloren und sich in Schulen und Klöster zurückgezogen, und als mit dem zunehmenden Verfall dieser auch
die klassische Bildung immer tiefer sank, gewann die Volkssprache, welche damals zum Unterschied von der
¶
Schon lange vor der Zeit, wo man anfing, die romanische Sprache zu schriftlichen Aufzeichnungen zu verwenden, war dieser
Unterschied zwischen dem Süden und NordenFrankreichs entstanden, hauptsächlich begünstigt durch die politische Zerrissenheit
des Landes. Dort, wo man die Langue d'oc sprach, wo man in engster Beziehung zu dem sprachverwandten Italien
[* 8] und Spanien
[* 9] stand
und mit den Mauren und deren feiner geselliger und künstlerischer Bildung in häufige Berührung kam,
wo unter wärmerer Sonne
[* 10] das Blut schneller und feuriger durch die Adern rollte, hatten sich eine heitere Sinnlichkeit, eine
kecke Lebensanschauung herausgebildet, während im Norden, wo das an rauhern Himmel
[* 11] und rauhere Sitten gewöhnte germanische
Element das herrschende war, heldenhafte Tapferkeit, kühne Abenteuersucht und Mannestreue bis in den Tod für
die Ideale der Ritterlichkeit galten, die Lebensanschauung ernst, fast schwermütig war und die einzige sanfte Regung sich
in der Liebe zum Gesang äußerte.
Auch in den romanischen Dialekten ist gedichtet worden; ja, an den vielsprachigen Höfen der Merowinger fanden sich sogar bretonische
Barden ein, welche ihre keltischen Lieder, meist wohl in Übersetzungen, mit Harfenbegleitung vortrugen. Hier vollzog sich
auch ein reger Austausch poetischen Eigentums, und als nach der Teilung des fränkischen Reichs die deutsche und lateinische Sprache
von den nordfranzösischen Höfen verschwanden, war es die romanische Sprache, als die verbreitetste, und ihre Interpreten,
die Jongleure, Spielleute und Lustigmacher, welche die Umwechselung aller anderssprachigen Gedichte in die gangbarste Münze
übernahmen.
Zugleich bot die glänzende EpocheKarls d. Gr. und der Unabhängigkeitskampf wilder und trotziger Barone unter der schwachen
Regierung seiner Nachfolger, womit sich die Volkspoesie schon lange beschäftigt hatte, den Dichtern und Erfindern von
Gesängen, den Trouvères, eine unversiegbare Quelle
[* 13] herrlichsten
Stoffes. Begleitet von den Weisen der Jongleure, trugen sie
ihre Lieder in rhapsodischer Form und frei aus dem Gedächtnis vor; denn noch hatte man es nicht gewagt, Gedichte in romanischer
Sprache niederzuschreiben.
Hiermit war im 10. Jahrh. der Umschwung des Volksliedes zum Epos vollendet, und wenn derselbe auch aus der Überlieferung nicht
zu belegen ist, so kann man doch aus einigen gleichzeitigen geistlichen Liedern ersehen, zu welcher Entwickelung
die erzählende Form schon gediehen war. Diese geistlichen Lieder, die ältesten Denkmäler altfranzösischer Poesie, sind aus
dem 10. Jahrh.: »Cantilène de Sainte-Eulalie«, »Passion du Christ«, »Vie de Saint-Léger« (alle bei Koschwitz, »Les plus anciens
monuments«, Heilbr. 1879),
sie sind in acht- oder zehnsilbigen Versen und in den ursprünglichsten Reimformen abgefaßt.
Auch Prosabearbeitungen
geistlicher Stoffe sind aus dieser Zeit erhalten: das Bruchstück einer Homilie über den ProphetenJonas (10. Jahrh.), eine
Übersetzung der Psalmen (11. Jahrh.) und der vier Bücher der Könige (11. und 12. Jahrh.);
dagegen sind
die Volksgesänge, die frühste Form des französischen Epos, fast alle untergegangen.
ist das einzige, welches aus diesem Zeitraum auf
uns gekommen ist; alle andern sind nur in den mehr oder weniger treuen Überarbeitungen der folgenden
Jahrhunderte übriggeblieben. Die »Chanson de Roland« (hrsg. von Th. Müller, 2. Aufl., Götting. 1878), gegen Ende des 11. Jahrh.
gedichtet, ist außer dem ältesten zugleich das schönste Erzeugnis der epischen PoesieFrankreichs, welche ihre Glanzzeit
von 1050 bis 1250 gehabt hat; nach dieser Zeit ist es den Franzosen nicht mehr gelungen, ein wahres Epos
zu stande zu bringen.
Der epische Stoff dieser Periode wird in drei große Sagenkreise eingeteilt: den fränkischen, bretonischen und antiken;
die
Epen selbst heißen Chansons de geste (von gesta, s. v. w. Heldenthaten), obwohl dieser Name hauptsächlich
im engern Sinn für die Gedichte des karolingischen Sagenkreises gebraucht wird.
Dieser, dessen Hauptpersonen Karl d. Gr. und
seine Paladine sowie die mächtigen Vasallen der Karolinger sind, umfaßt 80 Gedichte vom 11. bis 14. Jahrh., von denen nur
die Hälfte gedruckt ist. Entstanden aus alten, zum Teil unmittelbar nach den Ereignissen gedichteten
Volksliedern, die in der verschiedensten Weise überarbeitet wurden, lassen sich dieselben je nach ihrer Entstehungszeit und
ihrem Stoff in einzelne Gruppen zerlegen. Die ältern atmen noch den wilden, blutigen Geist und die urwüchsige Kraft
[* 16] des unabhängigen
Vasallentums und zeigen auch äußerlich die älteste Form: zehnsilbige Verse mit Assonanzen in ungleichen,
einreimigen Strophen (laisses oder tirades monorimes).
»Girartz de Rossilho«, die einzige Chanson de geste, welche
dem Süden angehört (hrsg. von Michel, das. 1856);
»Amis et Amiles« (hrsg. von Hofmann, Erlang. 1852) u. a. Verfasser sind nur
zu zwölf Gedichten bekannt, darunter Raimbert de Paris (»Ogier le Danois«),
Jehan de Flagy (»Garin le
Loherain«),
beide aus dem 12. Jahrh., Adenet le Roi (»Berte aus grans piés«, »Beuve de Comarchis«, »Enfances
Ogier«, »Cléomadès«) aus dem 13. Jahrh.
etc. Seit 1858 erscheint unter dem Titel: »Les anciens poètes de la France« eine vollständige Sammlung
der altepischen DichtungenFrankreichs von Guessard, welche allein für den fränkischen Sagenkreis auf 40 Bände berechnet ist.
Vgl. L.Gautier, Les épopées françaises (Par. 1865-68);
Erst als die meisten derselben in der feinen poetischen Bearbeitung von Chrestien de Troies vorlagen (zwischen 1170 und 1190),
drangen sie ins Volk und wurden in kurzer Zeit so beliebt, daß sie nicht nur den Chansons de geste gleich geachtet
wurden, sondern auch einen merklichen Einfluß auf Sitten und Denkungsart der damaligen Zeit ausübten. Auch andre Dichter
beschäftigten sich mit der poetischen Gestaltung dieser Sagen; besonders die Lancelotsage hat eine eingehende Bearbeitung
erfahren. Chrestiens großer Roman »Tristan« ist (ebenso wie »Le chevalier à l'épée«) gänzlich
verloren gegangen; Gottfried von Straßburg, der diese Sage am vollständigsten und poetischten behandelt
hat, nennt als seine Quelle einen sonst unbekanntenThomas aus der Bretagne.
vor 1188 gedichtet (hrsg. von Michelant, Stuttg. 1846),
in welchem die schon länger
bekannte zwölfsilbige, zweiteilige Langzeile mit solcher Meisterschaft behandelt war, daß sie »Alexandriner«
genannt wurde. Zu erwähnen ist, daß der Roman von Alexander noch fast ein Dutzend verschiedener Bearbeitungen erfuhr, von
denen allerdings keine jener ersten zu vergleichen ist (vgl. Alexandersage).