Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03347.jsonl.gz/451

Bei ihren schweren Anschuldigungen stützte sich die «Sonntags-Zeitung» auf umstrittene Autoren und auf eine für die Kritik unbrauchbare Übersichtsstudie.
«Doch kein Wundermittel gegen Corona», titelte die Sonntags-Zeitung am 17. Oktober. Wissenschaftsredaktor Nik Walter demontierte das billige Medikament Ivermectin, das «impfkritische Kreise als grossen Hoffnungsträger» anpreisen würden. Für die Prävention und frühe Behandlung von Covid-19 sei Ivermectin in der Slowakei, Teilen von Indien, Zimbabwe, Südafrika sowie in diversen Ländern Südamerikas zugelassen. In diesen Ländern würde Ivermectin auch «millionenfach zur Prävention oder Behandlung von Covid-19 geschluckt».
Es folgten jedoch nicht etwa Informationen darüber, welche Erfahrungen beispielsweise einige indische Bundesstaaten damit gemacht haben.
Vielmehr urteilte die «Sonntags-Zeitung», Ivermectin würde «höchstwahrscheinlich nichts nützen». Ihre Demontage von Ivermectin stützte die Zeitung mit folgenden zwei Argumenten ab:
- «Mehrere Studien zu Ivermectin … stehen unter Verdacht, gefälschte oder gar frei erfundene Daten verwendet zu haben.» Namentlich die «bisher grösste Studie – ein klinischer Versuch in Ägypten –, welche im November 2020 in einer vorläufigen Fassung veröffentlicht wurde, sei «höchstwahrscheinlich gefälscht» und deshalb auch zurückgezogen worden. Die Studie sei zum Schluss gekommen, dass Ivermectin die Sterblichkeit um 90 Prozent reduziere.
- Die Cochrane Collaboration, welche Studien nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin beurteilt, sei in einer Übersichtsstudie zum Schluss gekommen: «Wir wissen nicht, ob Ivermectin den Zustand der Patienten im Spital verbessert oder verschlechtert.»
1. «Gefälschte Hauptstudie»
Die auf Research Square aufgeschaltete Studie des ägpytischen Arztes und Professors Ahmed Elgazzar und fünf Mitautoren von der Universität Benha kommt zum Schluss:
«Die frühzeitige Einnahme von Ivermectin … ist ein sehr wirksames Medikament für die Behandlung von Covid-19-Patienten mit einer signifikanten Verringerung der Sterblichkeit, … und der Erholungszeit im Spital. Der frühzeitige Einsatz von Ivermectin ist sehr nützlich für die Kontrolle von Covid-19-Infektionen, für die Prophylaxe.»
Die Studie von Elgazzar kam in die Kritik, nachdem der Londoner Student Jack Lawrence auf seiner Webseite, welche Desinformationen aufdecken will, feststellte, dass die Einleitung der Algazzar-Studie aus anderen Studien abgeschrieben sei. Darauf veröffentlichte der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz zusammen mit Lawrence am 22. September in «Nature Medicine» einen Artikel, der angeblich aufgrund der Rohdaten der Elgazzar-Studie urteilte, Teile der Studie oder sogar die ganze Studie könnten gefälscht sein.
Wegen eingetroffener Einwände namentlich von Jack Lawrence zog die Fachzeitschrift die Elgazzar-Studie am 14. Juli 2021 vorläufig zurück, ohne Autor Elgazzar vorher anzuhören, wie «Nature» mitteilt. Man prüfe jetzt die Einwände.
Die Vorwürfe von Lawrence und Meyerowitz-Katz:
Die Schlussfolgerung der Studie, wonach Ivermectin die Sterblichkeit um 90 Prozent reduziere, stünden im krassen Widerspruch zu den Originaldaten. Danach sei etwa in einer Kontrollgruppe (ohne Ivermectin) kein Patient gestorben, in der Studie sei aber von vier Toten die Rede. Zudem seien vier (andere) Patienten gemäss den Rohdaten alle im selben Alter am selben Tag mit denselben Hämoglobinwerten gestorben. Äusserst verdächtig sei ferner, dass in einer Liste mit 250 Ferritinwerten, nur zwei oder drei mit einer „3“ enden. Das sei extrem unwahrscheinlich.
Originaldaten nicht zugänglich
Lawrence und Meyerowitz-Katz behaupten, sie hätten die Rohdaten der Elgazzar-Studie einsehen können, weil diese bei der dritten Aktualisierung der Studie kurzfristig aufgeschaltet worden seien. Das wäre aussergewöhnlich. Die Rohdaten von Studien werden praktisch nie ins Netz gestellt. Später sagte Lawrence, er habe die Daten gehackt (indem er das Passwort herausfand) und sie seinerseits ins Netz gestellt (hier). Doch Elgazzar verglich diese Daten mit den seinen und gab gegenüber «Research Square» zu Protokoll, dass die Daten von Lawrence mit seinen nicht übereinstimmen. Er habe auch nie Rohdaten ins Netz gesetzt.
Es steht Aussage gegen Aussage.
Die Sonntags-Zeitung gab dem ägyptischen Forscher keine Gelegenheit, zu den schweren Anschuldigungen Stellung zu nehmen.
Stellungnahme von Nik Walter der «Sonntags-Zeitung»:
«Abgesehen davon, dass es sich bei meinem Text nicht um eine Originalrecherche handelt, wäre eine Anfrage für eine Stellungnahme sowieso ein aussichtsloses Unterfangen gewesen. Der Guardian, MedPage Today und andere Medien haben Elgazzar schon um solche Stellungnahmen gebeten und jeweils keine Antwort erhalten.»
Jack Lawrence ist nicht ganz unbefangen. Er unterhält einen Blog, indem es ihm darum gehe, «diesen ganzen, von einer Mischung aus rechtsextremen Exponenten, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern betriebenen Ivermectin-Hype» die Grundlage zu entziehen. Das ist nicht gerade die Sprache eines neutralen Beobachters.
«Diese Aussage kann als herabsetzend angesehen werden, da sie eine abwertende Stereotypisierung gegenüber denjenigen enthält, welche die wissenschaftlichen Beweise für die prophylaktische und therapeutische Wirksamkeit von Ivermectin unterstützen», kommentiert «Trial Site News», eine Webseite in den USA, die sich für Transparenz klinischer Studien einsetzt.
Lawrence erste Kritik, dass die Einleitung der Elgazzar-Studie fast gleich laute wie Einleitungen anderer Corona-Studien und deshalb abgeschrieben sei, sei irrelevant, schreibt «Trial Site News». In der Einleitung beschreibt Algazzar, was ein Coronavirus ist, wie lange die Inkubatonszeit ist, zu welchen Folgen Covid-19 führen kann und was man über Ivermectin bisher weiss. Solche Einleitungen könnten bei allen Ivermectin-Studien identisch sein. Sie gehören nicht zum wissenschaftlichen Teil der Studien.
Trotzdem stellt dies die «Sonntags-Zeitung» als wesentliches Indiz hin, dass Elgazzars Studie unseriös sei.
In seiner weiteren Kritik stützt sich Wissenschaftsredaktor Nik Walter in erster Linie auf den oben erwähnten Artikel von Lawrence und Meyerowitz-Katz in der Zeitschrift «Nature Medicine». Zweitautor Meyerowitz-Katz ist Epidemiologe und Doktorand an der University of Wollongong. Diese finanziert sich u.a. mit Geldern der «Bill and Melinda Gates Foundation» BMGF, die an BionTech und anderen Pharmafirmen beteiligt ist. Die BMGF finanziert auch die Impfallianz GAVI, welche von Ivermectin dringend abrät.
Auch Meyerowitz-Katz betreibt eine Homepage, welche Studien entlarven will, beispielsweise, dass Red Bull – entgegen der Aussage in einer Studie – nicht schädlich sei und «uns nicht alle töten wird». An anderer Stelle beruhigt er: «Alarmistische Panikmache über die beängstigenden Chemikalien in unseren Lebensmitteln ist der letzte Schrei. Die Realität ist viel banaler.» Oder biologische Lebensmittel seien «nur eine Gesundheitsmode». Meyerowitz-Katz wurde auch in einem Artikel des «Genetic Literacy Project» zitiert. Darin bezweifelt er, dass das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat das Krebsrisiko erhöhe.
Lawrence und Meyerowitz-Katz verbreiten, dass «mehrere andere Studien, die einen klinischen Nutzen für Ivermectin behaupten, ähnlich fehlerhaft» seien. Sie spüren jedoch auffälligerweise nur Studien nach, die «einen klinischen Nutzen behaupten». Sie schweigen jedoch zu Studien, die keinen Nutzen von Ivermectin ergaben. Bei keiner dieser Studien haben sie einen Faktencheck gemacht. Beispielsweise haben sie sich nicht mit der Übersichtsstudie «Roman et al.» befasst, zu der 40 Ärzte einen offenen Brief unterzeichneten, in dem sie Fehler aufzeigten und den Rückzug der Studie forderten. «Trial Site News» zählt weitere Studien auf, die Ivermectin einen Nutzen absprechen, aber unseriös seien. Die Aufdeckungsarbeit von Lawrence und Meyerowitz-Katz ist verdächtig einseitig ausgerichtet.
Die «Sonntags-Zeitung» behauptete, wenn die wichtige Studie von Elgazzar nicht mehr berücksichtigt werde, breche «die ganze Evidenz in sich zusammen, dass Ivermectin gegen Corona wirkt». Denn ohne diese Studie gebe es «keine Hinweise mehr auf eine Wirkung von Ivermectin».
Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung wie Theresa Lawrie, Spezialistin der Evidence Based Medicine, Andrew Bryant und Edmund Fordham widersprechen. Sie schrieben einen Brief an den Herausgeber des «American Journal of Therapeutics»: Selbst wenn man in der viel zitierten Übersichtsstudie von Bryant et al. vom 21. Juni 2021[1] die Elgazzar-Studie weglasse, zeigten die Ergebnisse eine «49-prozentige Reduzierung der Sterblichkeit zugunsten von Ivermectin».
Die «Sonntags-Zeitung» informierte nicht darüber.
Stellungnahme von Nik Walter der «Sonntags-Zeitung»:
«Entfernt man die Elgazzar-Studie aus der Bryant-Studie, schrammt das Konfidenzintervall mit einem Wert von 0.24-0.97 haarscharf an der Schwelle zur statistischen Insignifikanz. Fügt man der Metaanalyse dann noch einen später publizierten RCT dazu, verschwindet die Evidenz ganz … Eine andere Metaanalyse von Hill et al, die ebenfalls einen Effekt gefunden in der Grössenordnung der Bryant-Studie, wurde von den Autoren (zumindest vorübergehend) zurückgezogen. Sie wollen das Ganze nochmals neu rechnen, ohne Elgazzar-Studie. Mal schauen, was dann rauskommt … Eine weitere Meta-Analyse von Roman et al. (ohne Elgazzar) hat keinen Effekt gefunden und spricht von “very low Quality of Evidence” … Drei von vier Metaanalysen zeigen keine Wirkung von Ivermectin, eine Studie (Bryant) eine hauchdünne (ohne Elgazzar).
2. Cochrane-Metastudie
Als zweites Argument gegen Ivermectin führt die «Sonntags-Zeitung» eine Übersichtsstudie von Maria Popp und anderen an, welche die Cochrane Library am 28. Juli 2021 veröffentlichte. Die Cochrane Collaboration beurteilt Studien nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Sie sei zum Schluss gekommen: «Wir wissen nicht, ob Ivermectin den Zustand der Patienten im Spital verbessert oder verschlechtert.»
Diese Cochrane-Studie berücksichtigte 14 Studien, von denen 9 Spitalpatienten betrafen. Sie untersuchten, ob es dank Ivermectin zu weniger Beatmungen und Todesfällen kam. Dies war nicht der Fall.
Aber wie die «Sonntags-Zeitung» eingangs selber schrieb, wird Ivermectin in zahlreichen Ländern zur Prävention und zur Behandlung nach dem Auftreten erster Symptome verwendet. Nach vielen Berichten mit Erfolg. Den Nutzen dieser weit verbreiteten Anwendung hat die Cochrane-Studie nur am Rande anhand von vier Studien mit insgesamt weniger als tausend Patienten untersucht, die ausserhalb von Spitälern rekrutiert wurden:
- Bei allen vier Studien fehlt die wichtige Angabe, wie lange nach dem Auftreten erster Symptome sie mit Ivermectin behandelt wurden;
- Bei nur einer dieser vier Studien wurde Ivermectin präventiv abgegeben;
- Es wurde in den vier Studien explizit nicht verglichen, wie viele der Ivermectin-Patienten im Vergleich zu den Nicht-Ivermectin-Patienten in ein Spital eingeliefert werden mussten.
- Meistens wird Ivermectin nicht als Monothearpie eingesetzt. Cochrane berücksichtigte jedoch Studien, in denen Ivermectin als Monotherapie eingesetzt wurde.
Die Cochrane-Übersichtsstudie zeigt – wofür es schon lange Angaben gab –, dass Ivermectin nichts nützt, wenn man es erst in einem fortgeschrittenen Stadium von Covid-19 einnimmt. Diese von der «Sonntags-Zeitung» angeführte Cochrane-Übersichtsstudie ist jedoch untauglich für einen Beweis, dass Ivermectin zur Prävention und bei Anwendung nach ersten Symptomen keinen Nutzen hat.
Zum Einwand, dass diese Cochrane-Studie nichts aussagt über den Nutzen von Ivermectin, wenn man das Medikament präventiv oder bei ersten Symptomen einnimmt, bat Infosperber die Leadautorin der Studie, Maria Popp, zweimal um eine Stellungnahme. Doch sie reagierte nicht.
Stellungnahme von Nik Walter der «Sonntags-Zeitung:
Nik Walter verweist lediglich auf ein englisches «Summary» von Cochrane, wonach Cochrane für ihre Arbeit auch Studien suchte, welche die Präventionswirkung von Ivermectin für ambulante Patienten abklären. Er äussert sich jedoch nicht dazu, dass die Cochrane-Übersichtsstudie dann tatsächlich fast nur Studien mit Ivermectin-Behandlungen in Spitälern berücksichtigte. Trotzdem bezeichnet er die Cochrane-Studie als «relevant», um die präventive Wirkung von Ivermectin und den Nutzen bei frühzeitiger Einnahme in Frage zu stellen.
Das «Wundermittel» Ivermectin ist noch nicht entlarvt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
_______________
[1] Resultat der Bryant-Studie: « Moderate-certainty evidence finds that large reductions in COVID-19 deaths are possible using ivermectin. Using ivermectin early in the clinical course may reduce numbers progressing to severe disease. The apparent safety and low cost suggest that ivermectin is likely to have a significant impact on the SARS-CoV-2 pandemic globally.»