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Gut getarnt mit bordeauxroter Krawatte
Kolumne Gut getarnt mit bordeauxroter Krawatte
Tarnung ist eine schwierige Kunst. Man muss sich an die Umgebung anpassen, aber trotzdem sich selber bleiben. Das gilt im Tierreich, wie im Büro.
Erwin ist die grösste Wildsau in unserem Männerverein. Wenn alle genug haben, bestellt er nochmals eine Flasche. Nach der zweiten Bar will er noch in eine dritte. Nach der dritten Bar will er noch in einen Nightclub. Die Frauen im Nightclub starrt er dann an, dass es auch für einen Männerverein an der Grenze ist. Erwin, die Wildsau, unterscheidet sich auch äusserlich von uns. Wir kommen zu unseren abendlichen Treffen eher im sportlichen Look. Er kommt immer im dunkelblauen Anzug, mit weissem Hemd und bordeauxroter Krawatte.
Wir sind beim Thema Tarnung im Tierreich.
Tagsüber ist Erwin der Inhaber einer der grössten Anwaltskanzleien der Stadt. Er ist Präsident der führenden Partei der Stadt. Wenn er morgens die Stadtgasse hinuntergeht, im dunkelblauen Anzug, mit weissem Hemd und bordeauxroter Krawatte, dann grüssen ihn alle ehrerbietig: «Guten Tag, Herr Doktor.»
Mit der Umgebung verschmelzen
Tarnung wird in der Verhaltensbiologie auch Krypsis genannt. Es ist die Kunst, an andere Kreaturen irreführende Signale zu senden, um unentdeckt zu bleiben. Weisse Eisbären beispielsweise sind in der Polarregion auf der Jagd nach Robben durch ihre Farbe glänzend getarnt. Zebras wiederum nutzen die flirrende Hitze der Steppe, um mit ihren Streifen mit dem Flirren der Luft zu verschmelzen und sich so schwer identifizierbar zu machen.
Man nennt das Somatolyse, das Verschmelzen eines Lebewesens mit seiner üblichen Umgebung. Die Umgebung erliegt damit einer zu tiefen und dadurch ungerechtfertigten Wahrnehmungsschwelle. Man sieht nicht richtig, was man nicht richtig sieht. Die Tarnung mit dunkelblauem Anzug, weissem Hemd und bordeauxroter Krawatte macht nur den seriösen Herrn Doktor erkennbar, aber nicht die Wildsau aus dem Männerverein.
Die hohe Schule der Tarnung ist es, sich selber zu bleiben, aber dennoch getarnt zu sein.
Chamäleons, die bekanntesten Beispiele von Anpassung im Tierreich, bieten darum nur eine zweitklassige Vorstellung. Sie beherrschen nicht die Kunst der Tarnung, sondern nur die Kunst des Opportunismus. Wenn der Untergrund dunkelgrün ist, verfärben sie sich dunkelgrün, wenn der Untergrund rötlich leuchtet, leuchten sie rötlich. Chamäleons haben keine echte Identität, sie sind immer nur der Reflex ihrer wechselnden Umweltbedingungen. Sie sind charakterlos.
Chamäleons gibt es in Firmen überall
Erwin hingegen ist immer gleich und doch getarnt.
In Unternehmen ist es dasselbe. Chamäleons gibt es in Firmen überall und im Überfluss. Sie reden heute so und morgen so. Sie sind mal grün, mal rot. Sie sind reine Anpasser. Mit Tarnung hat das nichts zu tun. Wo es keine Substanz gibt, gibt es auch nichts zu tarnen.
Interessanter in Unternehmen sind vielmehr die Typen, die sich tatsächlich tarnen, weil mehr dahintersteckt und sie nicht wollen, dass man dies erfährt. Da ist der joviale Personalchef, dem alle vertrauen, bis sich herausstellt, was für ein übler Intrigant er ist. Da ist der eiskalte Finanzchef, den alle meiden, bis sich herausstellt, dass er ein heisses Verhältnis mit der Kommunikationschefin hat. Da ist der untertänige Portier, den alle bedauern, bis sich herausstellt, dass er Dutzende von Immobilien geerbt hat. Alle Beispiele habe ich selber erlebt.
Damit muss ich diese Kolumne beenden. Erwin hat angerufen. Er fragt, ob wir uns zu einem gepflegten Abendessen treffen könnten.