Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03470.jsonl.gz/413

Gedächtnis
Das Heimweh wissenschaftlich erklärt
von Heidi Eisenhut
Der Zürcher Arzt Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) war einer der bekanntesten Naturforscher seiner Zeit. Auch dem Heimweh spürte er nach. Dieses erregte als
«Schweitzer-Kranckheit» Aufsehen. Scheuchzer erklärte den Luftdruck zur Ursache und nicht die moralische Schwäche seiner Nation.
Das «Schweizerland» hatte um 1700 keinen guten Ruf. Schuld daran waren die hohen Berge. Sie galten als unzugänglich, als gefährlich, und ihre Bewohner als triebhaft und unzivilisiert. Dass solcherart «Wilde» in der Fremde häufig von einer «Gemütsver-wirrung» befallen wurden, die als «Krank-heit mit einem neuen Titul Nostalgia benennet wird», passte in dieses Bild.
Der prototypische Heimwehpatient
Die Aktualität, die der Heimweh-Diskurs in jener Zeit entwickelte, war mit den Schweizer Söldnern in fremden Diensten verknüpft. Soldverpflichtungen für lange Zeitabschnitte bei zunehmend schlechter werdender Bezahlung und sinkendem Sozialprestige liess die Zahl der Deserteure steigen.
Das Narrativ des prototypischen Heimwehkranken in Gestalt des jungen Schweizer Söldners geht auf ertragenes Leid in der Fremde zurück. Daraus entwickelte sich eine übermächtige Sehnsucht nach der Heimat, die von Symptomen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen oder hohem Fieber begleitet sein konnte und in Einzelfällen sogar zum Tod führte. Ab 1710 wurde diese Erzählung zusätzlich genährt durch die Bedeutung der Musik; durch bekannte Melodien, die nicht nur die Symptome verstärken, sondern bis hin zu Masseninfektionen führen konnten. Als Heil-mittel wirkte vor allem eins: die sofortige Heimreise.
«Die Aktualität, die der Heimwehdiskurs in jener Zeit
entwickelte, war mit den zahlreichen Schweizer Söldnern in fremden Diensten verknüpft.»
Der Luftdruck ist schuld
All dies stellte Johann Jakob Scheuchzer nicht in Abrede. Als Naturforscher und Patriot war er jedoch überzeugt davon, dass nicht moralische Schwäche «die Schwei-zerische sonsten so freye/ starke/ und dapfere Nation» unterjoche, sondern der Luftdruck – ein äusseres und somit rein physikalisch-physiologisch erklärbares Phänomen. In seinem berühmt gewordenen Essay «Von dem Heimwehe» schreibt er 1705: «Wir Schweizer bewohnen […] den obersten Gipfel von Europa/ athmen deßwegen in uns eine reine/ dünne/ subtile Luft/ […] Kommen wir in andere/ fremde/ nidrige Länder/ so stehet ob uns ein höhere Luft/ welche ihre schwerere Trukkraft auf unsere Leiber um so vil leichter außübet/ weilen die innere Luft/ welche wir mit uns gebracht/ wegen ihrer grösseren dünnung nicht genug widerstehen kan.» Die Schweizer Äderlein würden dadurch so belastet, «daß der Lauff des Geblüts/ und Geisteren gehemmet» und «der Kreißlauff aller Säfte» träger werde.
Da in der Fremde eine Heimreise nicht immer sofort möglich sei, empfiehlt Scheuchzer, die Kranken mit dem Versprechen auf eine baldige Heimkehr zu beruhigen und mit Arzneien zu «tractieren», die den Ausgleich des inneren und äusseren Luftdrucks begünstigen. Zu letzteren gehört, so der Naturforscher, die Verlegung des Kranken auf einen hohen Berg oder Turm und die Verabreichung von in Wasser gelöstem Salpeter – wenn es sein muss aus «Schieß- oder Büchsenpulver».
Zur Rettung der Ehre des Vaterlands
Mit seiner physikalischen Theorie zur Erklärung des Heimwehs behauptete Johann Jakob Scheuchzer, ein Gesetz für die Auswirkungen von Luftdruckunterschieden auf den Menschen und mit ihm auf alle Säugetiere gefunden zu haben. Bezogen auf die Schweiz ist die Theorie auch als patriotischer Akt zur Verteidigung des Vaterlands zu verstehen. Denn die «leichte» Luft der Alpen sei gegenüber der «schweren» flachländischen im Vorteil, wie Scheuchzer weiter ausführt. Die im Gebirge unumgängliche körperliche Betätigung, die Ernährung mit passenden (Milch-)Speisen und eine Staatsform wie die Landsgemeindedemokratie würden «von Natur aus» kräftige, robuste und freiheitsliebende – gesunde – Menschen hervorbringen.
Auch wenn die Luftdrucktheorie bald schon kritisiert und von der Wissenschaft widerlegt wurde, ist Scheuchzers Essay «Von dem Heimwehe» bis heute lesenswert geblieben. Nicht zuletzt wegen seines Fundaments, das der Text zusammen mit anderen Werken des Naturforschers für die Alpenbegeisterung der Reiseschriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts bildet.
Text: Heidi Eisenhut
Quelle und Literatur: Johann Jakob Scheuchzer: «Von dem Heimwehe» und «Anhang von dem Heimwehe». In: ders.: Beschreibung der Natur=
Geschichten des Schweizerlands. Erster Theil. Zürich 1706, S. 57–64. – Marion Baumann: Heimweh – eine Frage des Luftdrucks? Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Heimweh bei Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733). In: Kaspar von Greyerz u. a. (Hrsg.): Wissenschaftsgeschichte und Geschichte des Wissens im Dialog. Göttingen 2013, S. 99–127.
Bild: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden