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Bild
Titel:
Notspital für KZ-Häftlinge
Thema: Leute
Datum: --.--.1945
Masse: 13 x 18 cm
Standort: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Ja.009-05-20-17-4267
Urheber/-in: Fotograf Werner Schoch (1915-1974), Herisau
Beschreibung:
Das Glasplattennegativ zeigt Ärzte und Krankenschwestern mit Patientinnen und Patienten vor der Militärkaserne in Herisau. Im Mai bis Juli 1945 wurde in der Herisauer Kaserne ein Notspital eingerichtet, um Insassen der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befreiten deutschen Konzentrationslager aufzunehmen. Dort wurden sie von Schweizer Ärzten und Krankenschwestern gepflegt und nach der Genesung in ihre Heimatländer zurückgeführt. Die Patienten und das Pflegepersonal auf der Aufnahme des Herisauer Fotografen Werner Schoch (1915-1974) vermitteln Aufbruchstimmung: Die ehemaligen KZ-Häftlinge scheinen sich gut erholt zu haben und können die Heimreise antreten.
Geschichte:
Als der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 zu Ende ging, wurden die Konzentrationslager befreit und die geschwächten, kranken und schwerkranken Häftlinge in die umliegenden Militärspitäler gebracht. Diese waren schnell überfüllt, sodass der französische Sanitätsdienst am 23. Mai 1945 eine Vereinbarung mit der Schweiz traf, der unter dem Stichwort „Hospitalisation Alliés“ den Auftrag hatte, westallierte Insassen der Konzentrationslager in die Schweiz aufzunehmen und zu behandeln. Die Schweiz stellte nicht nur Sanitätszüge für den Transport der ehemaligen KZ-Häftlinge zur Verfügung, sondern richtete in Herisau ein Militärkrankenhaus ein.
In mehreren Etappen wurden Patientinnen und Patienten aus der französischen Besatzungszone am Bodensee, vorwiegend aus den Militärspitälern der Insel Mainau, der Insel Reichenau und der Stadt Bregenz, nach Herisau transportiert. Die Kranken stammten vorwiegend aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Gusen, Linz und Ausschwitz. Eine Gruppe von 25 Jugendlichen kam mit einem internationalen Rotkreuz-Transport aus dem Konzentrationslager Buchenwald.
Der leitende Arzt der Hospitalisierung im Militärspital Herisau war Hauptmann Dr. Adolf Hottinger (1897-1975), der 1954 Chefarzt des Basler Kinderspitals wurde. Ihm zur Seite standen zehn weitere Ärzte, 30 Krankenschwestern und Hilfsdienst-Samariterinnen, 12 Rotkreuzfahrerinnen und 120 Hilfsdienst-Soldaten. Insgesamt wurden zwischen Mai und Juli 1945 fast 300 Personen betreut, davon 271 Männer und 25 Frauen. Die Patientinnen und Patienten, die zum grössten Teil aus Frankreich, Holland und Belgien stammten, litten an Tuberkulose, schwerer Hungerkrankheit und Hautaffektionen. Der leitende Arzt hat die Krankengeschichten genau festgehalten und nicht nur den körperlichen und psychischen Zustand der Patienten, sondern auch ihre Lebensgeschichte vor der Deportation ins Konzentrationslager notiert. Die wissenschaftliche Auswertung der Befunde wurde 1948 unter dem Titel „Hungerkrankheit, Hungerödem, Hungertuberkulose. Historische, klinische, pathophysiologische und pathologisch-anatomische Studien und Beobachtungen an ehemaligen Insassen aus Konzentrationslagern“ herausgegeben.
Die Transporte der abgemagerten und kranken KZ-Insassen und ihre Schicksale unter dem Hitler-Regime lösten in Herisau und Umgebung eine grosse Solidaritätswelle aus. Die Bevölkerung spendete in grossen Mengen Blut sowie „Pflegematerial, Wäsche, Ersatzkleider und Kleider, Ausrüstungsgegenstände“. Die meisten Pfleglinge erholten sich nach einigen Wochen und konnten die Reise in ihre Heimat antreten. 10 der Patienten verstarben in Herisau. Die Toten wurden „mit kirchlichen und militärischen Ehren“ auf dem Herisauer Friedhof bestattet und erhielten so ein Stück ihrer menschlichen Würde zurück. Etwa ein Drittel der Kranken wurde nach dem Abschluss der „Hospitalisation Alliés“ mit schwerer Lungentuberkulose in die Spitäler von Herisau und Umgebung oder in die Sanatorien von Leysin, Arosa und Davos überführt.
Anfangs 1946 beherbergte die Kaserne erneut Kriegsopfer, diesmal handelte es sich ausschliesslich um Kinder aus Wien. In vier Transporten wurden insgesamt 1670 Kinder nach Herisau gebracht und nach ihrer Genesung an Gastfamilien in der Schweiz vermittelt. Sieben der Kinder blieben in Herisau.
Autorin: Kathrin Hoesli, Herisau
Literatur:
Alder, Hans J.: Die Geschichte der Kaserne Herisau 1864-1965. Herisau 1965.
Hottinger, A., Gsell, O., Uehlinger, E.: Hungerkrankheit, Hungerödem , Hungertuberkulose. Historische, klinische, pathophysiologische und pathologisch-anatomische Studien und Beobachtungen an ehemaligen Insassen aus Konzentrationslagern. Basel 1948.
Moser, Arnulf: Die andere Mainau 1945. Paradies für befreite KZ-Häftlinge. Konstanz 1995.
Unigeschichte. Geschichte der Basler Kinder- und Jugendmedizin: http://www.unigeschichte.unibas.ch/fakultaeten-und-faecher/medizinische-fakultaet/juengste-entwicklungen-der-medizinischen-fakultaet/kinder-und-jugendmedizin.html (29.03.2012)
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