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Die Nord-Süd-Verbindung: Ein kühnes Unterfangen
- Aktualisiert am Dienstag, 8. Oktober 2013, 16:16 Uhr
Eine Eisenbahn-Verbindung in den Süden muss her, doch die Alpen stehen im Weg. Die «Gotthardbahn-Gesellschaft» mit Escher als Direktionspräsident nimmt das Millionen-Projekt in Angriff.
Der Druck der Nachbarländer für eine Nord-Süd-Verbindung und eine internationale Eisenbahnverbindung durch die Schweiz nimmt zu: Die beiden entstehenden Mächte Deutschland und Italien wollen eine Verbindungslinie, die weder durch Frankreich noch durch Österreich führt. Es stehen verschiedene Linien zur Diskussion: Lukmanier, Splügen, Simplon oder Gotthard kommen in Frage. Und der Gotthard ist zunächst gar nicht die erste Wahl in den erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Regionen.
Kampf der Kantone
Während St. Gallen, Graubünden und das Tessin auf der Linie durch den Lukmanier beharren, wollen die Kantone an der Transitachse von Basel bis Chiasso eine Strecke durch den Gotthard. Die Gotthard-Befürworter, treffen sich bereits im August 1853 in Luzern und gründen die «Gotthardvereinigung». Ein entsprechender Antrag an den Bundesrat scheitert. Sechs Jahre später gelangt die Vereinigung wieder an den Bundesrat. Sie fordern ihn dazu auf, die Idee einer Gotthardbahn den Nachbarländern vorzustellen. Die Verantwortlichen in Württemberg, Preussen, Baden und dem Königreich Italien werden teils privat, teils offiziell angegangen. Preussen lässt im März 1869 offiziell mitteilen, dass man sich für den Gotthard entschieden hat. Und auch Italien hat sich in der Zwischenzeit für die direkteste Route ausgesprochen. Mit der Aussicht auf die finanzielle Unterstützung dieser Nachbarstaaten ist der Weg frei für das Grossprojekt.
Die Finanzierung ist gesichert
Der Deutsch-Französische Krieg verzögert das Aufbringen der erforderlichen finanziellen Beiträge der Nachbarstaaten. Erst im Oktober 1871 werden die Staatsverträte «betreffend den Bau und Betrieb einer Gotthard-Eisenbahn» mit Italien und dem Deutschen Reich ratifiziert. In der Schweiz investiert nicht der Bund sondern die interessierten Kantone und Städte sowie die «Schweizerische Nordostbahn» und die «Schweizerische Centralbahn» . Zudem leistet Alfred Escher selbst einen Betrag von 100'000 Franken an das Projekt. Damit ist die Finanzierung des riesigen Unterfangens vorerst gesichert.
Noch im selben Jahr wird die «Gotthardbahn-Gesellschaft» gegründet. Ihre Mitglieder sind die 15 Kantone der Gotthardvereinigung, die «Schweizerische Nordostbahn» NOB und die «Schweizerische Centralbahn». Escher präsidiert die Gesellschaft und verantwortet damit den Bau der neuen Gotthardlinie.
Ein Tunnelbau ist ausgeschrieben
Der Bau des längsten Tunnels der Welt wird ausgeschrieben. Der Genfer Bauunternehmer Louis Favre setzt schon vor Erscheinung der Ausschreibung alle Hebel in Bewegung, um den Auftrag zu bekommen. Sein schärfster Konkurrent ist der italienische Unternehmer Grattoni. Dieser ist gerade dabei, den Bau des Mont-Cenis-Tunnels zu Ende zu bringen. Favre hatte bisher erst an kleineren Tunnelbauten mitgewirkt.
Seine Offerte ist mit 15 Millionen jedoch wesentlich günstiger als diejenige von Grattonis «Società Italiana di Lavori pubblici». Zudem verpflichtet er sich dazu, den Tunnel in nur acht Jahren fertigzustellen: Er bekommt den Zuschlag – zu halsbrecherischen Bedingungen: Unvorhersehbare Schwierigkeiten wie lose Gesteinsschichten und Wassereinbrüche muss er auf seine Kosten bewältigen. Und die Gotthardbahn-Gesellschaft bestimmt den Ausbaustandard aber sämtliche Kosten dafür sind bereits in Favres Pauschale enthalten. Im August 1872 wird der Vertrag über den Bau des fast 15 Kilometer langen Tunnels unterzeichnet. Nur einen Monat später beginnen die Arbeiten.
Quellen:
Via Storia/Kilian T. Elsasser (Hrsg.) 2007: «Der direkte Weg in den Süden. Die Geschichte der Gotthardbahn», Historisches Institut der Universität Neuchâtel, AS Verlag, Zürich.
Joseph Jung 2007: «Alfred Escher 1819-1882, Aufstieg, Macht, Tragik», Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.
Historisches Lexikon der Schweiz: «Gotthardbahn»
Historisches Lexikon der Schweiz: «Escher, Alfred»
Historisches Lexikon der Schweiz: «Favre, Louis»
Historisches Lexikon der Schweiz: «Hellwag, Konrad Wilhelm»