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Jeder Schritt, den Jérémie Kamerzin in seiner Laufbahn bisher getan hatte, war wohlüberlegt. Bis am 31. Januar. Dann transferierte ihn Servette-Boss Chris McSorley im Tausch für Romain Loeffel zu Gottéron–ohne Mitspracherecht. Kamerzin wurde wie alle von diesem für Schweizer Verhältnisse unüblichen Transfer überrascht. «Zum Glück habe ich noch keine Familie. Das hätte es um einiges komplizierter gemacht.»
Produktivster NLB-Back
Der 26-Jährige mit dem osteuropäisch klingenden Namen («Der Name Kamerzin hat den Ursprung im Kanton Schwyz.») bestreitet erst seine zweite Saison in der NLA. Mit Kalkül. Obwohl Kamerzin als Junior regelmässig für das Nationalteam aufgeboten wurde, überstürzte er nichts. Nachdem er ab 16 für die Elite-Junioren des SCB gespielt hatte, wechselte er über die Neuenburg Young Sprinters 2008 aus der NLB zu Biel, wo er in seinem ersten Jahr in der höchsten Spielklasse ohne Skorerpunkt blieb. «Ich hätte bei Biel bleiben können. Doch ich habe erkannt, dass mir noch etwas fehlt, um in der NLA eine entscheidende Rolle übernehmen zu können. Also entschied ich, mich eine Stufe tiefer bei Lausanne weiter zu verbessern.» In den folgenden vier Jahren entwickelte sich Kamerzin bei den Waadtländern zu einem dominierenden Spieler der NLB. In der Saison 2011/12 war der Walliser mit 14 Toren und 27 Assists gar produktivster Verteidiger der gesamten Liga. Gekrönt wurde sein Engagement in Lausanne mit dem langersehnten Aufstieg der Waadtländer im Frühling 2013. «Das Niveau in der NLB ist deutlich besser geworden. Das untermauert die Tatsache, dass Lausanne in der NLA gut mithalten kann, obwohl 75 Prozent der Spieler die gleichen geblieben sind.»
«Ich muss mich beweisen»
Noch bevor die Promotion der Waadtländer festgestanden hatte, entschloss sich Kamerzin für den Wechsel zu Servette. «Vier Jahre NLB waren genug. Für mich war es so oder so Zeit, in die NLA zu gehen.» Offerten hatte er genügend, so auch eine von Gottéron. «Aber ich sah mich eher im System der Genfer», sagt Kamerzin. «Es war ein schwieriger Entscheid. Letztlich liegt Genf auch nahe von Lausanne und ich wollte im Genferseegebiet bleiben.»
Rund ein halbes Jahr später trägt Kamerzin, der neben dem Eishockey Wirtschaft studiert, nun doch das Trikot von Gottéron–und das gerne. «Schliesslich ist Gottéron ein Spitzenklub.» In Freiburg fühlt sich Kamerzin gut aufgenommen. «Es gibt eine Integration auf und neben dem Eis. Hier ist seit Jahren eine tolle Truppe am Werk, deshalb habe ich mich in der Kabine eher diskret eingefügt», so Kamerzin, der sich seit seiner Berner Jahren gut auf Deutsch verständigen kann. Obwohl er am Dienstag bei seinem Debüt mit Gottéron in Zug schon im Powerplay eingesetzt wurde, erhebt er keinerlei Ansprüche. «Zunächst muss ich mich beweisen.»
Schnelles Wiedersehen
Dass er durchaus ein Plus für die Defensive Gottérons sein kann, hat der physisch starke Verteidiger allemal angedeutet. Mit vier Toren und sieben Vorlagen in 28 Spielen für Genf hat Kamerzin aber auch offensive Qualitäten. «Viele Leute haben mir auf meinem Weg geholfen. Mit Oliver Keller oder Martin Steinegger hatte ich gute Vorbilder als Teamkollegen, dazu kamen kompetente Trainer.» Einer davon war Martin Lötscher. Unter dessen Führung gewann Kamerzin zusammen mit Kevin Lötscher, Arnaud Jacquemet, Jérémy Gailland und anderen mit der Walliser Auswahl den prestigeträchtigen Bibi-Torriani-Cup, ein Turnier für Junioren. «Lötscher war es, der mir empfohlen hat, Verteidiger zu werden, damit ich mehr Eiszeit erhalte.»
Viele Spielminuten wird Jérémie Kamerzin heute ebenfalls erhalten, wenn er–wie John Fritsche, der ebenfalls vor gut vier Wochen von Genf zu Gottéron gewechselt hatte–ein Wiedersehen mit seinen ehemaligen Teamkollegen von Servette feiert. «Das wird sicher speziell. Wichtig ist, sich nicht von den Emotionen leiten zu lassen. Aber wenn das Spiel einmal begonnen hat, gibt es eh nur noch 20 Spieler, die das gleiche Leibchen wie ich tragen.» Die besondere Rivalität zwischen Gottéron und Servette sei ihm erst nach seinem Wechsel so richtig bewusst geworden, sagt er. Chris McSorley jedenfalls habe die Mannschaft vor Partien gegen Freiburg nie besonders angestachelt. «Die Vorbereitung war nicht anders als sonst. Er hat nie von uns verlangt, dem Gegner wehzutun.» Genau dies aber hat Jérémie Kamerzin heute vor–in Form eines Freiburger Sieges.
Der heutige Gegner
Die Fakten zu Servette-Genf
• Nun ist es definitiv: Romain Loeffel fällt für den Rest der Saison aus. Der Verteidiger, der im Tausch für Jérémie Kamerzin von Freiburg-Gottéron zu Servette gewechselt hatte, zog sich am Dienstag gegen Kloten eine gravierende Knieverletzung zu und wurde bereits gestern operiert.
• Bevor das Transferfenster für Ausländer gestern um Mitternacht geschlossen hat, verpfichtete Servette Laurent Meunier, wie die «Tribune de Genève» meldet. Der Franzose stürmte bereits von 2006 bis 2008 für Genf, ehe er für ein Jahr das Gottéron-Trikot getragen hatte. Zuletzt spielte Meunier für Straubing in der DEL.
• Die Genfer verfügen über einen langen Atem. 45 Prozent seiner Treffer hat Servette bisher im dritten Drittel erzielt.
• Mit im Schnitt 21,3 Strafminuten pro Partie ist die Truppe von Trainer Chris McSorley auswärts das «böseste» Team der Liga.
• Fünfmal trafen Servette und Gottéron in dieser Saison bereits aufeinander. Dreimal hiess der Sieger Freiburg, zweimal Genf. Mit 17:17 ist das Torverhältnis zwischen den Teams aber ausgeglichen.fs
Vorschau: Der ideale Match für Jurcina
A m vergangenen Dienstag in Zug gab Niklas Hagman ein überzeugendes Debüt im Dress von Gottéron. Der 34-jährige Finne verfügt über eine ausgezeichnete Puckkontrolle, ist läuferisch stark und geht dorthin, wo es wehtut. Diesen starken Eindruck vermag das unglücklich entstandene Eigentor Hagmans in keinster Weise zu trüben. Der Routinier wird in den Playoffs Gold wert sein, so viel scheint sicher.
Für Kwiatkowski?
Heute Abend im Heimspiel gegen Servette (19.45 Uhr) ist mit der Feuertaufe eines weiteren Ausländers zu rechnen. Verteidiger Milan Jurcina, der seit Montag mit Gottéron trainiert, dürfte an der Seite von Marc Abplanalp das erste Mal Nationalliga-A-Luft schnuppern. Trainer Hans Kossmann wollte den Einsatz des Slowaken gestern nicht bestätigen, dennoch spricht alles dafür. Gegen die physisch spielenden Genfer ist Abwehrhüne Jurcina (114 Kilogramm) geradezu prädestiniert für einen Einsatz. Offen ist, wer für Jurcina aus dem Aufgebot weichen muss. Am ehesten dürfte es Verteidiger Joel Kwiatkowski treffen, der gegen den EVZ nicht den besten Tag erwischt hatte. Antti Miettinen sollte zwar heute vom Arzt nach seiner Knieverletzung das grüne Licht für ein Comeback erhalten, ein Einsatz käme aber wohl noch zu früh. Deshalb ist im Sturm erneut mit Marc-Antoine Pouliot, Greg Mauldin und Hagman zu rechnen.
Monnet auf der Tribüne
Sicher nicht gegen Servette auflaufen werden die verletzten Sandy Jeannin und Timo Helbling (er fällt an diesem Wochenende aus) sowie der überzählige Thibaut Monnet. «Genf ist sicher nicht der beste Gegner für Monnet. Er wird am Samstag in Bern spielen», sagt Trainer Hans Kossmann, der im Gegenzug Adrien Lauper und Sandro Brügger eine Chance geben wird. Auch Anthony Huguenin dürfte wieder dabei sein.
Mit Servette kommt heute eine Mannschaft ins St. Leonhard, auf die Gottéron auch in den Playoff-Viertelfinals treffen könnte. «Ich spekuliere überhaupt nicht auf einen möglichen Gegner», hält Kossmann fest. «Das Ziel ist, sich in den drei letzten Partien eine möglichst gute Position für die Playoffs zu erarbeiten und den zweiten Platz zu halten. Um dies zu erreichen, wollen wir noch so viele Siege wie möglich holen.»
Genf sei ein Team, das ziemlich strukturiert agiere und an seiner Taktik festhalte, so Kossmann. «Servette spielt schnell und kraftvoll. Das wird ein interessantes Spiel geben. Darauf freue ich mich.» fs