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Es war der Landvogt von Baden, der Mitte des 18. Jahrhunderts den Juden erlaubte, sich in Endingen und Lengnau niederzulassen und der damit am Beginn eines besonderen Kapitels Schweizer Architekturgeschichte steht – des Synagogenbaus. 1750 wurde in Lengnau die erste Synagoge in der Schweiz gebaut, ein schlichter, nach Osten ausgerichteter, verputzter Fachwerkbau mit einem fast quadratischen Grundriss, der nicht als Synagoge erkennbar war. Schon die kurz danach entstandene Synagoge von Endingen war ein barockes Gebäude mit einem Portikus an der Fassade und mit hohen Rundbogenfenstern. Immer grösser und immer aufwendiger wurden die Synagogen; denn sie spiegelten das zunehmende Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden. In der Entstehungs- und Baugeschichte der Schweizer Synagogen lässt sich auch «die Emanzipationsgeschichte der jüdischen Bevölkerung» verfolgen, so der Architekt Ron Epstein-Mill in seiner Einleitung zu einem Prachtband über Synagogen der Schweiz.
Die rechtliche Gleichstellung der Juden vollzog sich in der Schweiz später als in den Nachbarländern, und deshalb orientierten sich die bauwilligen Gemeinden an schon andernorts entstandenen Synagogen. Der Synagogenarchitektur in der Schweiz kommt so keine baugeschichtliche Vorreiterrolle zu, doch sie veranschaulicht die bürgerliche und politische Emanzipation; denn schon die Erlaubnis, eine Synagoge zu bauen, wurde manchmal zum politischen Prüfstein. Die meisten der 21 Synagogen in der heutigen Schweiz sind zwischen der Mitte des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, und sie gehören zwei Bautypen an: Zentralbau im deutschsprachigen Raum und Langhausbau im französischsprachigen Gebiet, wobei die Kuppel bis in die Moderne hinein das bestimmende Merkmal der Synagoge blieb. Wie Epstein-Mil ausführt, reflektierte der Synagogenbau auch die Ausbildung der jeweiligen Architekten, die bis zur Gründung der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich 1855 vor allem aus Deutschland kamen. Durch die Berufung von Gottfried Semper als Professor für Architektur an die ETH, blieb der deutsche Einfluss erhalten, denn seine Dresdner Synagoge von 1840 galt als Vorbild für den Zentralbau ebenso wie für die innere Ausschmückung im maurischen Stil – und noch in der sephardischen Synagoge Hekhal Haness von Genf aus dem Jahr 1972 sind trotz der entschieden modernen Bausprache Sempers Spuren zu erkennen.
Anders als in Deutschland sind in der Schweiz die meisten Synagogen erhalten geblieben, und ihre Restaurierung spiegelt ihrerseits den Umgang der jeweiligen Gemeinden mit ihrer Geschichte wider. Auch deshalb will Ron Epstein-Mil «die Synagogen als Metaphern der Veränderung der jüdischen Gesellschaft» verstehen, und er benutzt die einschlägigen Begriffe «Emanzipation», «Assimilation» und «Akkulturation» als «Mittel zur Kategorisierung spezifischer Verhaltensmuster», die er in der Architektur manifestiert sieht. So verbindet er Architektur- und Kulturgeschichte, wenn er die Synagogen detailliert beschreibt, und er untersucht die identitätsstiftende Funktion des Synagogenbaus. Damit hat er nicht nur ein Kapitel jüdischer Geschichte geschrieben, sondern auch eine einzigartige Studie zur Schweizer Architektur geschaffen.
vorgestellt von Stefana Sabin, Frankfurt a.M.
Ron Epstein-Mil: «Die Synagogen der Schweiz». Fotografien von Michael Richter. Zürich: Chronos, 2008.