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Japan befindet sich in einer schwierigen Wirtschaftslage. Um der Deflation zu entrinnen und die Konjunktur anzutreiben, setzt Premierminister Shinzo Abe auf expansive Geld- und Fiskalpolitik: Die Notenbank hat jüngst ihre Geldschleusen noch weiter geöffnet, obendrein macht der Staat zusätzliches Geld in einem Konjunkturprogramm locker. Selbst über «Helikoptergeld» wird in Japan nun diskutiert.
Helikoptergeld: Was hat es mit dieser Idee auf sich, die bis vor kurzem als eher bizarr und irrelevant angesehen wurde? Stefan Gerlach, Chefökonom der Bank BSI und ehemaliger Vizegouverneur der Notenbank von Irland, beantwortet in diesem Briefing die wichtigsten Fragen.
Was ist Helikoptergeld?
Mit Helikoptergeld gemeint ist eine Expansion der Fiskalpolitik (etwa in Form einer Steuersenkung oder – eher natürlicherweise – in Form von höheren Staatsausgaben), die mit der Notenbank eines Landes abgesprochen ist und über eine dauerhafte Ausweitung des Geldangebots («Geld drucken») finanziert wird. Der Staat gibt dabei Anleihen aus, die von der Notenbank aufgekauft werden, wodurch sich die monetäre Basis erhöht.
Warum braucht es Helikoptergeld?
Die Zentralbanken haben nach der Krise neue Instrumente ausprobiert: «Forward Guidance» (ein Versprechen, die Leitzinsen künftig niedrig zu halten) und «Quantitative Easing» (der Aufkauf von Wertpapieren auf dem Markt). Diese Instrumente sollen für niedrige Zinsen sorgen und Haushalte sowie Firmen dazu animieren, mehr Geld auszugeben und zu investieren. Allerdings haben die Haushalte und Firmen bereits in der Vergangenheit zu viel Geld ausgeliehen, und die Banken haben ihrerseits zu viel Geld an schwache Kreditnehmer vergeben. Deshalb haben Forward Guidance und Quantitative Easing eine weniger starke Wirkung erzielt, als man sich erhofft hatte.
Warum würde Helikoptergeld die Wirtschaft antreiben?
Helikoptergeld würde die Konjunktur fördern, weil der Staat unverzüglich seine Ausgaben erhöhen und damit eine höhere Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen erzeugen würde, was im Normalfall auch die Inflation antreibt.
Warum funktioniert Helikoptergeld?
Es erlaubt Regierungen, sich von der Notenbank gratis Geld zu borgen. Der Zins, den der Staat an die Notenbank zahlt, wird bei der Notenbank als Gewinn verbucht. Am Ende des Jahres wird dieser Gewinn wiederum an den Eigner der Notenbank ausgeschüttet, also an den Staat. Der bezahlte Zins fliesst also zurück zum Staat. Obendrein muss der Staat die ausgegebenen Anleihen niemals tilgen, weil die Notenbank den Bestand über die Zeit konstant hält. Wenn die Anleihen auslaufen, werden sie also einfach durch neue Anleihen ersetzt, so dass das Geldangebot in der Wirtschaft permanent erhöht bleibt. Dies ist eine notwendige Bedingung dafür, dass das Helikoptergeld funktioniert.
Wurde Helikoptergeld schon einmal angewandt?
Helikoptergeld – also expansive Fiskalpolitik, die durch Gelddrucken der Notenbank finanziert wird – wurde in der Geschichte schon öfter verwendet. Historisch war eine solche Politik der Hauptgrund für Episoden hoher Inflation, speziell von Hyperinflation. Erfahrungen aus der Vergangenheit legen nahe, dass Helikoptergeld, wenn es exzessiv benutzt wird, zu einer längeren Phase hoher Inflationsraten führt.
Ist Helikoptergeld überhaupt legal?
Genau weil die Finanzierung von Staatsdefiziten durch die Notenpresse in der Vergangenheit eine derart inflationäre Wirkung entfaltete, haben viele Länder Regeln erlassen, die einen Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank auf dem Primärmarkt untersagen. In der EU wird dies durch den Artikel 123 im Vertrag von Lissabon verboten; in Japan durch den Artikel 5 des Gesetzes über öffentliche Finanzen; und in den USA durch die Sektion 14 im Federal Reserve Act. Die meisten Zentralbanken geniessen ausserdem gesetzliche Unabhängigkeit, so dass es für Regierungen unmöglich ist, ihnen Instruktionen zu erteilen.
Wie lassen sich Inflationsrisiken minimieren?
Helikoptergeld hat in der Vergangenheit dann zu hohen und schädlichen Inflationsraten geführt, wenn sich Regierungen zu stark auf dieses Mittel abgestützt haben. Entscheidend ist, dass eine Zentralbank selbst entscheiden kann, wie viel Finanzierung sie dem Staat zugute kommen lässt.
Wird Helikoptergeld bald angewandt?
Weitere Quellen (auf Englisch):
- Some thoughts on Monetary Policy in Japan: Berühmte Rede des ehemaligen US-Notenbankgouverneurs Ben Bernanke aus dem Jahr 2003, in der er Japan eine Version von Helikoptergeld vorschlägt.
- Helicopter money: A cure for what ails the euro area? Übersichtstext des Europäischen Parlaments übers Thema Helikoptergeld.
- Koo on why helicopter money just won't work: Die FT resümiert ein Paper des Helikoptergeld-Gegeners Richard Koo, dem Chefökonomen des japanischen Nomura Research Institute.