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Frau Pfarrer, wann beginnt das Leben?
Pfarrerin Claudia Mehl macht sich Gedanken über den Zeitpunkt der Menschwerdung: «Der Beginn des Lebens ist ein Prozess.»
«Die Frage ‹Wann beginnt menschliches Leben?› stellt sich im Zuge der modernen biomedizinischen Forschung (PID, embryonale Stammzellenforschung …) immer dringlicher. Als Pfarrerin und Ethikerin werde ich ebenfalls regelmässig damit konfrontiert. Die Beantwortung allerdings ist alles andere als einfach. Von Embryonen und Föten ist in der Bibel noch nicht die Rede. Ich versuche trotzdem, eine Antwort zu geben.
Unsere pluralistische Gesellschaft ist auf dem Grundsatz der Religionsfreiheit aufgebaut. Deshalb gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Sie sind religiös, kulturell und politisch geprägt. In jüdischen religiösen Schriften lese ich, dass ein Embryo 40 Tage nach der Befruchtung eine Seele erhält. Erst von diesem Zeitpunkt an reden Schriftgelehrte von einer Person. Aus islamischer Sicht betritt die Seele gar erst zwischen dem 40. und dem 120. Tag den Fötus. Davor ist der Embryo zwar nicht grundsätzlich schutzlos, er hat aber einen relativ geringen moralischen Status. Diese Überzeugung geht auf Aristoteles zurück.
Wann erhält der Embryo seine Seele?
Für Aristoteles ist der Zeitpunkt der ersten Bewegung des Embryos im Mutterleib das Kriterium der Beseelung oder der Animation und somit der Menschwerdung. Der heilige Thomas von Aquin vertrat im 13. Jahrhundert die Lehre von der Animation des menschlichen Körpers, die seiner Meinung nach am 40. Tag nach der Empfängnis bei männlichen, bzw. am 80. Tag bei weiblichen Föten stattfindet.
Bei Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollten, dürfte diese Interpretationsweise Probleme aufgeworfen haben. In diesem frühen Schwangerschaftsstatus war es noch nicht möglich, das Geschlecht zu bestimmen. Thomas von Aquin ging wohl davon aus, dass sich männliche Föten ab den 40. Tag bewegen, weibliche dagegen erst etwas später.
Tatsache ist, ein Schwangerschaftsabbruch vor diesem Zeitpunkt galt bei der Kirche als weniger schwere Sünde. Im Gegensatz zur Abtreibung eines bereits animierten Fötus. Diese Ansicht hat die römisch-katholische Kirche noch bis vor etwa 120 Jahren vertreten. Erst Papst Pius IX. änderte das Kirchenrecht. Seit 1896 heisst es: Das Leben beginnt mit der Empfängnis.
Beginnt das Leben, wenn Samen und Eizelle verschmelzen?
Heute ist sich die katholische Kirche weitestgehend einig, dass menschliches Leben, auf Grund des Potentialitätsarguments* mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle beginnt. Wie bei einer Tulpenzwiebel, die bereits das ganze Entwicklungsprogramm in sich trägt und unter günstigen Bedingungen am Ende die voll erblühte Tulpe heranreifen lässt, ist das Programm für die Entwicklung des Menschen ab der Befruchtung gegeben. Damit seien nämlich die Erbanlagen von Mutter und Vater in etwas vereint, was nun in seiner Entwicklung als Person fest programmiert ist.
Der katholische Moraltheologe Karl Rahner spricht hier jedoch von einem logischen und theologischen Dilemma. So sterben mehr als sechzig Prozent der Embryonen bereits vor der Einnistung oder Implantation ab. Dies würde bedeuten, dass über die Hälfte aller mit einer unsterblichen Seele ausgestatteten menschlichen Personen sich nicht über die ersten undifferenzierten Stadien des Lebens hinaus entwickeln.
Beginnt die Menschwerdung mit dem «Hirnleben»?
Ein Blick in die moderne medizinische Forschung zeigt, dass der personale Tod eines Menschen relativ genau zu bestimmen ist. So setzen Intensivmediziner diesen mit dem Ende der Funktionsfähigkeit des Hirnorgans gleich. Man spricht von «Hirntod». Daher vertreten einige Wissenschafter und Philosophen analog dazu die Meinung, dass die Menschwerdung mit dem «Hirnleben» beginnt. Demnach könne mit Beginn der neuronalen Synapsenbildung, etwa am 70. Tag, von einem «Hirnleben» und somit von menschlichen Leben gesprochen werden. Freilich ist dieser Einschnitt mehr oder weniger willkürlich und von Menschen gesetzt.
Wie dieser kurze Abriss zeigt, ist es nicht möglich, verbindlich für jedermann festzuschreiben, wann genau menschliches Leben beginnt. Dieses Streben nach einer Verallgemeinerung und einer obersten Ordnung, das auf biologische Prozesse zurückgeführt wird, führt meiner Meinung nach eher dazu, dass Leben(sweisen) in ihren besonderen Kontexten aus dem Blick geraten.
Die Bibel ist vielfältig wie das Leben selbst
Schlage ich in der Bibel nach, lese ich in Gen 2,7 dass Gott Adam seinen Atem erst nach weitestgehend abgeschlossener Formung seines Körpers eingehaucht hat und im 2. Buch Mose (Exodus 21,22) ist nachzulesen, dass die Tötung des Ungeborenen im Mutterleib nicht im gleichen Masse wie Mord oder Totschlag bestraft wurde. Daraus könnte man folgern, dass die Schutzwürdigkeit eines Embryos nicht dem eines geborenen Menschen entspricht. Allerdings ist die Bibel kein durchgegliedertes Gesetzeswerk und kein systematischer Traktat, sondern vielfältig wie das Leben selbst. So ist es also nicht verwunderlich, dass Interessierte in ihr dieselbe Sache aus ganz unterschiedlichen, auch entgegengesetzten Blickwinkeln sehen können.
Der Beginn des Lebens ist kein isolierbarer Augenblick
Die Bibel belegt ganz klar, dass unsere Beziehung zu Gott bereits im Mutterleib beginnt (Ps 22,11; Ps 71, 5-6; Ps 127,3; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Lk 1,15 etc.). Der Mutterleib ist der Ort, an dem aus der intimen Gemeinschaft der Eltern durch göttliches Wirken langsam Leben heranwächst. Insofern ist der Beginn des Lebens kein isolierbarer Augenblick, kein bestimmter Zeitpunkt, sondern ein Prozess, in dem der Embryo biologisch Gestalt annimmt und durch die Liebe seiner Eltern zu ihm als auch durch Gottes Schöpferhand seine Personalität und Individualität empfängt, seine Würde und damit sein «Menschsein». Die These von der vollen Menschwerdung im Moment der Zeugung, Befruchtung oder eines anderen mehr oder weniger willkürlich festgelegten Zeitpunktes leidet meines Erachtens an einer Überbetonung der biologischen Dimension des Lebensbeginns und greift zu kurz.
Text: Claudia Mehl, Bearbeitung: Martin Schuppli
Claudia Mehl, Dipl. Ing. für Lebensmittelmikrobiologie und
Theologin ist reformierte Pfarrerin in Maschwanden ZH und
Doktorandin am Institut für Sozialethik der Universität Zürich
Was ist das Potentialitätsargument?
*Das Potentialitätsargument spricht dem menschlichen Embryo einen besonderen moralischen Status zu, weil er zwar nicht aktuell, aber potentiell über jene Eigenschaften verfügt, die für die Zuschreibung eines solchen Status ausschlaggebend sind.
In den Debatten um die Gewinnung von humanen embryonalen Stammzellen – aber auch um die Präimplantationsdiagnostik oder den Schwangerschaftsabbruch – spielt das Potentialitätsargument, eines der sog. SKIP-Argumente, eine wichtige Rolle. Das Potentialitätsargument spricht dem menschlichen Embryo Würde und Lebensschutz um seiner selbst willen zu, weil er sich zu einem geborenen Menschen – mit dann vollem moralischem Status – entwickeln könne. Das Potentialitätsargument spricht menschlichen Embryonen also moralischen Schutz zu, weil sie zwar nicht aktuell, aber potentiell über jene Eigenschaften verfügen, die für die Zuschreibung dieses Schutzes ausschlaggebend sind. (Text aus zellux.net)
Was Fortpflanzungsmediziner Bruno Imthurn zum Moment der Menschwerdung sagt, lesen Sie hier
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