Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/709

26. Die Erschaffung der Geige
Es war einmal ein armer Mann und eine arme Frau, die
hatten lange Zeit keine Kinder. Da geschah es einmal,
daß die Frau in den Wald ging und einem alten Weibe begegnete,
das also zu ihr sprach: »Gehe nach Hause und zerschlage
einen Kürbis, gieße Milch in denselben und dann trinke sie,
du wirst dann einen Sohn gebären, der glücklich und reich
werden wird.« Hierauf verschwand das alte Weib, die Frau
aber ging nach Hause und tat, wie ihr geheißen war.
Nach neun Monaten gebar sie einen schönen Knaben. Doch
nicht mehr lange sollte die Frau glücklich bleiben; denn sie
wurde bald krank und starb. Ihr Mann starb auch, als der
Knabe zwanzig Jahre alt wurde. Da dachte sich der Jüngling:
Was soll ich hier machen? Ich gehe in die weite Welt
und suche mein Glück. Der Jüngling ging also von Dorf zu
Dorf, von Stadt zu Stadt, fand aber nirgends sein Glück. Da
kam er einmal in eine große Stadt, wo ein reicher König
wohnte, der eine wunderschöne Tochter besaß. Ihr Vater
wollte sie nur dem Manne zur Frau gehen, der etwas zustande
bringe, was noch niemand auf der Welt gesehen habe. Viele
Männer hatten schon ihr Glück versucht, aber sie wurden alle
vom Könige aufgehängt; denn sie konnten nichts machen,
was man nicht schon vordem gesehen hatte.
Als der Jüngling dies hörte, ging er zum Könige und
sprach: »Ich will deine Tochter zur Frau haben; sag, was soll
ich denn tun?« Der König erzürnte und sprach: »Du fragst,
was du tun sollst? Du weißt ja, daß nur der meine Tochter
zur Frau erhält, der so etwas machen kann, was noch niemand
auf der Welt gesehen hat. Weil du so dumm gefragt
hast, sollst du im Kerker sterben!« Hierauf sperrten die Diener
des Königs den Jüngling in einen dunklen Kerker.
Kaum, daß sie die Tür zusperrten, da wurde es helle, und
die Matuya, die Feenkönigin, erschien. Sie sprach zum Jüngling:
»Sei nicht traurig, du sollst noch die Königstochter heiraten.
Hier hast du eine kleine Kiste und ein Stäbchen, reiß
mir Haare von meinem Kopfe und spanne sie über die Kiste
und das Stäbchen!«
Der Jüngling tat also, wie ihm die Matuya gesagt hatte.
Als er fertig war, sprach sie: »Streich mit dem Stäbchen über
die Haare der Kiste!« Der Jüngling tat es. Hierauf sprach
die Matuya: »Diese Kiste soll eine Geige werden und die
Menschen froh oder traurig machen, je nachdem du es willst.«
Hierauf nahm sie die Kiste und lachte hinein, dann begann
sie zu weinen und ließ ihre Tränen in die Kiste fallen.
Sie sprach nun zum Jüngling: »Streich nun über die Haare
der Kiste.« Der Jüngling tat es. Und da strömten aus der
Kiste Lieder, die das Herz bald traurig, bald fröhlich stimmten.
Als die Matuya verschwand, rief der Jüngling die Knechte
herbei, ließ sich zum Könige führen und sprach zu ihm: »Nun
also höre und sieh, was ich vollbracht habe.« Hierauf begann
er zu spielen, und der König war außer sich vor Freude. Er
gab dem Jüngling seine schöne Tochter zur Frau, und nun
lebten sie alle in Glück und Frieden. So kam die Geige auf
die Welt.