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Charles-Valentin Alkan lebte von 1813-1888, im Brennpunkt der „romantischen Epoche“ der Musik. Zur Zeit seiner Geburt und Kindheit komponierten Schubert und Beethoven ihre reifen Werke, in seinem Todesjahr war Richard Wagner bereits verstorben und Arnold Schönberg 14 jährig. Dazwischen lag eine Periode mit herausragenden Komponisten, welche die Musik grundlegend erneuerten.
Leider muss ich zu Beginn zugeben, dass sein Schaffen unausgewogen ist. Einer stattliche Anzahl von Meisterwerken stehen gelegentlich erstaunlich schwache Stücke gegenüber. Vermutlich haben Elie-Miriam Delaborde (1839-1913) und Isidor Philipp (1863-1958), seine wesentlichen Herausgeber, alles publiziert was nach seinem Tod auffindbar war.
Es gibt eine Reihe von Elementen, die typisch für seinen Stil sind. Eine Vorliebe für schwere, basslastige Akkorde, Tonleiterkaskaden die erheblich weiterreichen als man annehmen würde, ein Sinn für extreme Stimmungswechsel, Humor, Verfremdung und Pastiche.
Auf der anderen Seite ist er ein ausgeprägter Nicht-Kontrapunktiker, seine Fugen und Kanons funktionieren meist überhaupt nicht. Grösseren Formen entwickeln sich selten im Sinn Beethovens, er benutzt gerne (oft phänomenale) Überraschungen um formale Probleme zu lösen.
Klaviertechnisch würde man sich gerne Vereinfachungen wünschen. Er neigt zu Exzessen (Tempo, Dichte, Länge) welche bereits als Notenbild die meisten Pianisten abschrecken. Daher wird seine Musik aufgrund praktischer Schwierigkeiten vermutlich immer etwas im Schatten bleiben.
Seine Melodielinien sind oft von grosser Schönheit, meistens mit einem leicht chassidischen Einfluss unerwartete Wechselnoten).
Zuerst zu den frühen Werken: Die Opera 1-14 enthalten bereits eine ganze Reihe interessanter Stücke, sind weitgehend aber eher das Zeugnis einer Stilsuche. Das Rondo brillant Op.4 ist ein ungewöhnlich anspruchsvolles, technisch geradezu mörderisches Stück, das aber noch im Rahmen der frühromantischen Salonmusik bleibt.
Leider nur als Midi…
Die zwei Concerti da Camera Op.10 sind ungewöhnlich kurz und knapp. Der erstaunlichste Satz ist das Finale im ersten Konzert Op.10. Ein überbordendes Salonstück mit einer guten Prise Humor gewürzt.
Das Rondeau chromatique Op.12 ist ein erster Wurf, der doch schon etwas anders ist als die entsprechenden Stücke seiner Zeitgenossen. Der Vergleich mit Chopins frühen Rondeaux Op.1 und Op.5 drängt sich auf, ich will aber keinesfalls Jugendwerke gegeneinander ausspielen. Die zwei Komponisten sind grundverschieden. Alkan besticht durch seinen Humor, welcher sich insbesondere in absichtlich banalem Themenmaterial und einer Überfülle an typischen Salonfloskeln ausdrückt. Auch gibt es eine gekünstelte Dramatik und gespielte Bedeutungsschwere die ich schlicht unwiderstehlich finde.
Mit Trois morceaux dans le genre pathétique Op.15 erreichen wir abrupt eine neue Welt in der Klaviermusik. „Aime-moi“ (Nr.1) in der ungewöhnlichen Tonart as-Moll ist eine weitgespannte Melodie, deren Begleitfiguren zunehmend schneller werden. Nach einem Höhepunkt und der Reprise des Anfangsthemas rundet eine Schumanneske Coda das Werk in As-Dur ab.
„Le vent“ (Nr.2) ist ein schauriger Windstoss in endlosen chromatischen Skalen. Im Mittelteil erscheint eine grosszügige Melodie in D-Dur, bevor die Tonleitern wieder die gesamte Klaviatur beanspruchen. Ein grossartiges Klangerlebnis, das leider einmal mehr mühselig zum Einstudieren ist.
„Morte“ (Nr.3) führt das Dies irae, das mittelalterliche Thema aus der Totenmesse ein. Zuerst nur mit einer leeren Bassquinte begleitet, danach von dichten Akkorden. Der dramatische Mittelteil benutzt eine freie Umkehrung des Themas, vor der Reprise drescht Alkan spektakulär eine Akkordfolge durch einen ganzen Quartenzirkel. Die Coda vermischt Elemente aus allen drei Stücken, das Ende ist erschreckend abrupt.
Ein imponierender Zyklus der ruhig häufiger aufgeführt werden könnte!