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Blick.ch. «Mohr» war einst ein neutrales Wort für Menschen mit dunkler Haut. Weil es aber heute als diskriminierend wahrgenommen wird, bezeichnen Rassismus-Experten den Migros-Entscheid zur Verbannung des Mohrenkopfs als wichtiges und richtiges Zeichen.
Nicht immer war «Mohr» ein negativ behaftetes Wort. Es handelt sich in der deutschen Sprache um die älteste Bezeichnung für einen Menschen mit schwarzer Haut. Er geht auf das althochdeutsche (8. Jahrhundert) Wort mōr und das wiederum auf das lateinische Maurus sowie auf das griechische μαυρός (braun, schwarz) zurück. Der Ausdruck wurde als neutrale Bezeichnung für die Bewohner des antiken Mauretaniens in Nordafrika verwendet.
Die Mauren und Araber, die 711 nach Europa übersetzten und grosse Teil der Iberischen Halbinsel eroberten und islamisierten, wurden Moros genannt. Im deutschen Sprachgebrauch wurde später zwischen Mohr und Maure unterschieden: Mohren waren generell Schwarze, Mauren dunkelhäutige Heiden und Muslime.
Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff Mohr immer mehr durch den Begriff Neger verdrängt. In den 1960er-Jahren entflammte die Diskussion über die Zwiespältigkeit des Worts zwischen historischer Entwicklung und Verwendung als stereotype Bezeichnung.
Migros mit Signalfunktion
Dass sich die Migros nun gegen diese stereotype Bezeichnung wehrt, stösst bei Rassismus-Experten auf Genugtuung. Historiker Georg Kreis (76), der von 1995 bis 2011 die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus präsidierte, sagt gegenüber BLICK. «Ich begrüsse diese kleine Rücksichtnahme mit grösserer symbolischer Wirkung.»
Kreis mahnt aber auch, dass man damit das Problem nicht gelöst habe. Kreis: «Entscheidend ist, dass das konkrete Verhalten im zwischenmenschlichen Alltag unserer bunten Gesellschaft von Respekt gegenüber dem andern geprägt ist.» Für eine Lösung hält er es für wichtig, dass man nicht fixe Argumente aufeinanderprallen lässt, sondern «dialogsicher in den Austausch» geht.
Zünfte sollen selbst entscheiden
Was die Änderung von Namen und Wappen betrifft, unterscheidet Kreis zwischen privaten und offiziellen Entscheidungen. Zünftler und Cliquen etwa sollten selbst entscheiden. Kreis: «Man kann und soll die Geschichte nicht ausradieren, aber man kann ihr eine Lesemöglichkeit geben – wie im Berner Fall der ‹Zunft des Mohren› mit einer Infotafel.»
Hingegen fordert Kreis eine Überprüfung von Gemeindewappen mit Mohren. «Das sollte in Gemeindeversammlungen ausdiskutiert und dabei die vorgebrachten Werte und Unwerte gegeneinander abgewogen werden – angebliche Identitätsbeanspruchung versus Rücksicht auf Sensibilität.»
1975 wurden bei der badisch-württembergischen Gemeindefusion Seitingen-Oberflacht die beiden Mohrenköpfe des alten Gemeindewappens von Seitingen nicht ins neue Wappen übernommen. Kreis: «Es hat niemand einen Identitätsverlust beklagt.»
Wichtiges Signal
Auch Dominic Pugatsch (38), Geschäftsführer der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, freut sich über den Entscheid der Migros. Er bezeichnet ihn als ein «wunderbares und wichtiges Signal». Pugatsch: «Ich hoffe, dass nun auch die Ewiggestrigen merken, dass es sich bei solchen Begriffen um nicht mehr zeitgemässe Ausdrücke handelt, die rassistisch sind und Stereotypen unterstreichen.»
Den Schritt der Migros müsse man zum Anlass nehmen, die Diskussion über solche Begriffe wieder zu intensivieren. «Auch die Namen etwa von Hotels und Restaurants geben ein altes Vorurteil weiter und müssen daher überdacht werden.»
Sein Tipp: «Man sollte beim nächsten Besuch eines Restaurants oder einer Bäckerei sagen, dass man solche Bezeichnungen nicht in Ordnung findet. Es braucht Zivilcourage und Sensibilität gegenüber den Mitmenschen.»