Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03324.jsonl.gz/396

Loge Luzern
15.12.2013
Dauer: ca 25 minuten
Foto: Daniel Häller
Mitten im Raum stehe ich mit ausgespreizten Flügeln. Durchscheinend und filigran sind sie, selbstgebastelt und zerbrechlich. Behutsam drehe ich mich um meine eigene Achse. Wenn ich meine Flügel langsam hebe und senke, raschelt das auf Äste gespannte Papier und lässt den Wind wirbeln. Immer heftiger schlage ich durch die Luft, immer höher hebe ich die Arme, immer tiefer senken sie sich wieder.
Ich hebe nicht ab. Immer mehr berühren die Flügel den Boden, zerbrechen darauf mit brutalem Knicken und fallen schliesslich ab. Ich lasse mich ebenfalls zu Boden niedersinken, streife meine Schuhe über und ziehe mich liegend zusammen.
In fast unmerklich langsamen Bewegungen entfalte ich mich wieder, richte mich auf, stelle mich auf die Beine und stehe endlich aufrecht da.
Die Flügelreste sammle ich auf und stutze sie zurecht, so dass sie in die Feuerschale passen. Ich hebe sie hoch über den Kopf, verlasse den Raum und platziere sie auf den Gehsteig vor dem Schaufenster.
Rasch nehmen die Überreste meiner Flügel die kleine Flamme des Feuerzeugs auf und entbrennen in der klaren Winternacht.