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Zeit ist, ein T-Shirt so lange zu tragen, bis sein Look vintage und damit wieder en vogue ist. Keine Zeit hingegen ist, wenn auf dem T-Shirt nicht mehr ein Sisley-Dreieck, sondern zwei zum Duell aufgestellte Bs prangen müssen. Zeit ist ein struppiger Bart mit Referenzen zu den letzten drei Mahlzeiten. Zeit ist ein in den Ohren kratzendes Modem und ein paar Twenty-Somethings, die ob diesem Geräusch ganz aus dem Häuschen geraten. Zeit ist, hinzunehmen, wie die eigene Message im Live-Feed von Twitter gnadenlos vom Sendungsbewusstsein anderer nach unten und in die Vergessenheit gedrängt wird.
Zeit ist auch, wenn ich mich beim Verfolgen der Anti-LockDown-Demos an unsere Kulturleichen-Demos der 80er erinnere, nun ein gewisses Unverständnis nachfühlen kann und merke, dass ich so viel Vernunft bei mir nie für möglich gehalten hätte. Die Krise als Chanel.
Zeit ist, wenn deine Kinder eine Best-Of-CD nach Hause bringen und dir Queen als the new hot shit verkaufen. Zeit ist, in fünf Minuten eine A4-Seite fehlerlos und inhaltsschwanger zu füllen, während der Sitznachbar stundenlang auf seinen Touchscreen starrt, in der Hoffnung, dort möge ein Thema doch wenigstens in Form eines Titels aufploppen.
Zeit ist, Probleme auszublenden, bis sie weh tun, Liebe auf später zu vertrösten ohne zu wissen, ob es ein Später gibt, aber über die Erfahrung zu verfügen, dass es bisher immer ein Später gab.
Zeit ist, Küsse zu nehmen, wie sie kommen und ihrer Flüchtigkeit nicht nachzutrauern, Umarmungen nicht herbeizusehnen, sondern für sie bereit zu sein, falls sie passieren. Zeit ist, eine Zigarette zu rauchen, weil ungeküsst, um dieses Froschdasein erträglicher zu machen.
Zeit ist kotzen können, aber nicht müssen. Zeit ist lachen, wenn ein Multitasker sagt, dass er keine Zeit hat, sie damit tot schlägt und sich dabei erst noch in die Tasche lügt. Zeit ist der Rattenfänger von Hameln in Form eines Social Media Profils, das gefüttert, beschimpft und geliked werden will.
Aber Zeit ist nicht das, was sich in dein Gesicht eingräbt. Diese Gräben rühren von dem, was man mit dieser Zeit macht, nicht nur der Gram (nicht verwechseln mit Instagram), sondern auch die Lachfalten. Gut, ich war auch häufig beim Zahnarzt…
Zeit ist der Bus, den ich verpasse und die Bekanntschaft, die ich deswegen an der Haltestelle mache, ist der Augenblick, den ich brauche, um wieder zu Atem zu kommen, um von neuem losrennen zu können. Zeit ist, festzustellen, dass ich nach all den Jahren noch immer nicht verstanden und nicht ernst genommen werde, egal, was und wie ich es sage. Zeit ist, festzustellen, dass ich meinen Freunden keine Nebensätze geben darf, wenn ich will, dass sie auf meine Hauptsätze eingehen. Zeit ist, Einsicht zuzulassen, auch wenn man weiss, dass kaum Aussicht darauf besteht, dass mehr Umsicht entsteht.
Zeit ist das, was bleibt, wenn alles, alles andere vergangen ist: die Liebe, der Schmerz darüber, die Sehnsucht nach dem einen und dem anderen, das Verlesen des Testaments und der Wille, endlich Ruhe zu haben.
Bleibt gesund.