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Bei seinem kürzlichen Besuch der Kathedrale „St. Peter und Paul“ in Moskau, welche an die evangelisch-lutherische Kirche Russlands zurückgegeben wurde, erwähnte der Deutsche Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier den Dichter Rainer Maria Rilke mit folgendem Satz:
„Andere Staaten grenzen an Berge, Meere und Flüsse. Russland aber grenzt an Gott“.
Rainer Maria Rilke, dessen Gedicht „Herbsttag“ viele von uns in der Schule gelesen haben, wurde im Dezember 1875 Prag geboren. Seine Mutter, die ihr erstes Kind, eine Tochter, nach einer Frühgeburt verlor, zog ihm oft Mädchenkleider an und nannte ihn den Wiedergeborenen. Mit bereits 10 Jahren schickten ihn seine Eltern auf die Kadettenschule St. Pölten, welche er nach 4 Jahren abbrach. Prag war zu der damaligen Zeit im Wandel begriffen. So lebten dort knapp 30 Jahre vorher mehrheitlich Deutsche, aber im Zuge der Industrialisierung wurden sie zu einer Minderheit, zu dieser gehörte Rilke. Nicht nur in Prag, sondern in ganz Tschechien wuchs das tschechische Nationalbewusstsein, das noch ein Teil der Östereichisch-Ungarischen Monarchie war, das erhöhte die Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen. Die politischen genauso wie die familiären Umstände waren für den jungen Rilke schwierig. Marina Zwetajewa, eine russische Dichterin, die von ihrem Pariser Exil eine regen Briefwechsel mit Rilke pflegte, behauptete noch kurz vor ihrem Tod: „er sei kein Deutscher, kein Österreicher und kein Böhme, sondern ohne Land“.
1899 fuhr Rilke das erste Mal nach Russland. Er reiste in Begleitung von Lou Andreas-Salomés, seiner Geliebten, und ihrem Ehemann. Auf seiner Reise besuchte er Moskau und St. Petersburg. Er traf berühmte Persönlichkeiten, wie: Lew Tolstoi, Ilya Repin und Leonid Pasternak. Tolstoi nahm Rilke bei ihrer Begegnung nicht richtig wahr, die meiste Zeit unterhielt er sich mit seinen Begleitern und trotzdem schrieb er: „Gestern waren wir bei Graf Leo Tolstoj zum Thee, blieben 2 Stunden tief erfreut von der Güte und Menschlichkeit des Grafen.“ Kurz nach seiner Ankunft, in der Osternacht, hörte er die größte der Kremlglocken schlagen. Dieser Klang berührte seine Seele. «Das war damals in jener langen, ungewöhnlichen, ungemeinen, erregten Nacht (…), und ich glaube, es reicht für ein ganzes Leben aus; die Botschaft ist mir in jener Moskauer Nacht (…) ins Blut gegeben worden und ins Herz. Ich weiß es jetzt. Christus ist auferstanden.» Nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr, schrieb Rilke seine erste bedeutende Gedichtsammlung, den ersten Teil des Stundenbuchs. Bei vielen der 70 Gedichte hat er sich von den Eindrücken seiner Reise inspirieren lassen, so fand auch der „klaren, metallenen Schlag“ der Kremlglocke Eingang in eines seiner Gedichte.
Bereits ein Jahr später reiste Rilke wieder nach Russland, diesmal allerdings nur in Begleitung seiner Geliebten. Er besuchte unter anderem Kiew, welches damals in Russland lag, und besichtigte dort das Petscherski-Höhlenkloster. Außerdem lagen Nishni Novgorod und Kasan auf seiner Reiseroute und er fuhr mit einem Dampfer die Wolga aufwärts. Drei Tage lang, lebte er in einer kleinen Hütte im Dorf Kresto-Bogorodskore. Rilke schrieb darüber an seine Mutter: „In einer kleinen Hütte, Bauer unter Bauern, habe ich 3 Tage gelebt, ohne Bett auf Stroh geschlafen und die kargen Mahlzeiten getheilt, die meine Wirte in ihrer schweren Arbeitszeit da und dort einschoben.“
Rilke war von Russland überwältigt. Selbst zurück in Deutschland ließ es ihn nicht mehr los. Er richtete sich unter anderem in seinem Haus eine russische Ecke ein, beschäftigte sich intensiv mit der Sprache, plante eine Ausstellung russischer Maler und verfasste sechs Gedichte auf Russisch. Er wollte sogar nach Russland übersiedeln und schrieb deshalb einige Bittbriefe an russische Bekannte. Daraus wurde jedoch nichts, stattdessen zog er nach Paris. Das sollte nicht seine letzte Station sein, er lebte einige Jahre in Italien und kam später in die Schweiz, hier starb er im Jahre 1926.
Der am Anfang erwähnte Satz von Rilke, auf den sich der Deutsche Bundespräsident Steinmeier bezog entstammt, wenn auch nicht wortwörtlich, aus der Erzählung:
„Wie der Verrat nach Russland kam.“ Dieser kleine Ausschnitt zeigt für
mich am besten, wie sehr Rilke beeindruckt war:
Da Sie fragen: was ist das für ein Land? wird mir verschiedenes klar. Zum Beispiel woran Rußland grenzt.« Im Osten?« warf mein Freund ein. Ich dachte nach: »Nein.« »Im Norden?« forschte der Lahme. »Sehen Sie,« fiel mir ein, »das Ablesen von der Landkarte hat die Leute verdorben. Dort ist alles plan und eben, – und wenn sie die vier Weltgegenden bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten an etwas stoßen. « »Hm – « überlegte mein Freund, »Sie haben recht. Woran könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?« Plötzlich sah der Kranke wie ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht an Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« »So« nickte mein Freund ganz verständnisvoll. Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel: »Ist denn Gott ein Land?« »Ich glaube nicht, « erwiderte ich, »aber in den primitiven Sprachen haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind groß und gütig, furchtbar und groß.« (Die gesamte Erzählung zum Herunterladen.)
Im Moment findet in Bern eine Ausstellung zu „Rilke und Russland“ statt. Im Rahmen eines trinationalen Projekts, zwischen Deutschland, Russland und der Schweiz, ist sie als letzte Station nächstes Jahr in Moskau zu sehen. Auf der Vernissage in Bern sagte der Schweizer Bundesrat Alain Berset: „Rilke wurde in Russland zum Dichter“. Für ihn selbst wurde es sogar zur Heimat: „Das Russland meine Heimat ist, gehört zu jenen großen und geheimnisvollen Sicherheiten aus denen ich lebe.“
Rilkes Werk wurde schon ins Russische übersetzt, als ihn in Deutschland noch niemand kannte. Heute gehört er genauso zur russischen Kultur wie zur deutschen.