Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/1845

Der Lord of Grimthorpe wohnt in Alterswil
Sternwartebesitzer Arthur G. Sutsch ist nicht nur als Astronom weltbekannt
In Alterswil ist Arthur G. Sutsch als Besitzer der Sternwarte bekannt. Wer weiss jedoch, dass der Astronom noch und noch Pionierleistungen erbringt, Mitglied der New Yorker Akademie der Wissenschaften ist und den Adelstitel «Lord of Grimthorpe» trägt?
Von ARTHUR ZURKINDEN
Besucht Arthur Sutsch die englische Stadt York, so wird im Parlament zu seinen Ehren die Fahne mit seinem Familienwappen gehisst. Dann ist nicht irgendjemand in der Stadt, sondern der «Lord of Grimthorpe». Dieser Adelstitel geht auf die Invasion Englands im Jahre 1066 durch Wilhelm den Eroberer zurück. Der erste Lord of Grimthorpe war Guillaume de Percy (Normandie). Er war der Organisator der Invasion Englands; er stellte die Truppen, Pferde, Söldner und Geld zur Verfügung, so dass Wilhelm den geschwächten englischen König Harold niederkämpfen konnte. Dieser englische Adelstitel ist einer der wenigen, der frei durch den Träger weitervergeben werden kann, ohne die Genehmigung des Königshauses. Unter den bisherigen Trägern dieses Titels findet man auch König Heinrich VIII. Arthur Sutsch fiel diese Ehre zu, weil sein Fachwissen nicht nur auf der ganzen Welt gefragt, sondern weil er auch mit der Tradition und der Geschichte eng verbunden ist.
Sterngucker mit Kimme und Korn
Seine Verbundenheit mit der Vergangenheit stellt der Astronom Sutsch gegenwärtig auch in Ober-Geriwil unter Beweis. Auf seinem Gelände baut er die beiden wesentlichen Messinstrumente des dänischen Astronomen Tycho de Brahe (1546-1601) nach, die dieser im 16. Jahrhundert u. a. zur Berechnung der Marsbahn verwendet hat. Dieser Astronom hat in der Renaissance noch ohne Teleskop, lediglich mit Kimme und Korn nach den Sternen geguckt. Seine Messungen waren aber so genau, dass selbst ein Arthur Sutsch ins Staunen und Schwärmen gerät. Dank eines Originalbuches, das der Alterswiler Astronom in Hamburg entdeckt hat, kennt er jetzt Tycho de Brahes Geheimnis der exakten Messungen. Und eines dieser Geheimnisse liegt in der Verwendung eines Brunnens, mit der absoluten horizontalen Ebene, dem Wasser.
Neben dem Brunnen stellt Sutsch auch eine Statue des Tycho de Brahe auf. Die Hand der Statue zeigt auf seine Sternwarte und stellt so künstlerisch die Verbindung zur heutigen modernen Astronomie her.
Modern bedeutet für ihn «Robotik-Astronomie». «Die Teleskope sollen weltweit miteinander verbunden werden. Dadurch kann ein Astronom irgendwo auf der Welt an seinem Computer Beobachtungen machen und Messungen vornehmen. Via Internet wird er herausfinden, in welcher Sternwarte auf der Welt er die besten Bedingungen für seine Wünsche vorfindet», erläutert Sutsch die Astronomie von morgen. Klar sollen die Astronomen ebenfalls auf die Dienste der Sternwarte Alterswil zurückgreifen können, gratis. Deshalb baut Sutsch gegenwärtig sein Fernrohr aus.
Die Suche nach Gott
Kam sein Wissen während vielen Jahren vorwiegend der Industrie zugute (vgl. Kasten), so widmet sich der heute 57-Jährige künftig wieder der Astronomie. «Die Astronomie versucht u. a. die Stellung des Menschen im All zu erklären», erläutert er den Nutzen dieser Wissenschaft. Dass dabei auch Fragen nach dem Schöpfer auftauchen, ist selbstverständlich. «Bis heute haben schätzungsweise 8000 Leute die Sternwarte Alterswil besucht. Ich habe mir aufgeschrieben, was die Besucher jeweils wissen wollten.
In der Fachwelt gilt Arthur Sutsch als Erfinder und Erbauer des ersten computergesteuerten Grossteleskops. Dass er seinen Jugendtraum in Alterswil erfüllen konnte, ist eher einem Zufall zuzuschreiben: Der 1946 in Nürnberg geborene Sutsch studierte in Heidelberg Astronomie. Das Auffinden von Sternen und Nachführen eines Teleskops auf ein Objekt war damals Sache des Astronomen oder eines Operators. «Der Astronom ist aber nur an den Messwerten interessiert», gibt er zu verstehen. Er wollte deshalb als junger Wissenschaftler nicht einsehen, weshalb Astronomen bei extremer Kälte und Wind nächtelang in meist unbequemer Stellung hinter dem Fernrohr verharren müssen und dabei wegen der Ermüdung Fehler machen. Seine Idee war es, das Auffinden und Nachführen von Objekten am Bildschirm im warmen Zimmer durch einen Computer komfortabel vornehmen zu lassen.
Der Astronom Sutsch kam anfangs der 70er Jahre nach Freiburg, weil sein Vater als Bankier hier Geschäftsverbindungen pflegte und gerne auf die Dienste seines sprachgewandten Sohnes zurückgriff. So lernte er in Freiburg Leute kennen, die ihn anregten, seinen Jugendtraum, den Bau eines computergesteuerten Teleskops, hier zu verwirklichen. In Ober-Geriwil bei Alterswil fand er auch einen geeigneten Standort für eine Sternwarte (abseits der Lichter der Zivilisation).
Überzeugungskraft
Um seine Idee zu verwirklichen, benötigte er viel Überzeugungskraft, denn viele zweifelten an der Machbarkeit seines Vorhabens. Sutsch liess sich aber nicht von seinem Weg abbringen und fand in der Region Optiker und Feinmechaniker, die seinen Ansprüchen genügten und sich überzeugen liessen.
Begeistern konnte er auch die Konzernleitung von Honeywell Bull. Sie erklärte sich bereit, ihm Software- und Hardware-Spezialisten und einen Grosscomputer zur Verfügung zu stellen, um die Computersteuerung für das Teleskop zu entwickeln. «Eines Morgens riefen sie an, dass der Computer fertig und im Bahnhof Freiburg abholbereit sei. Ich machte mich mit meinem Range Rover nach Freiburg auf. Dort wurden aber Schränke mit einer Gesamtlänge von zirka 10 m ausgeladen», erinnert er sich an die abenteuerliche Bauzeit. «Was früher tonnenschwer nach Ober-Geriwil geschleppt werden musste, hat heute in einem kleinen Kästchen von 15x10x3 cm Platz», ergänzt er.
Auf Anhieb geklappt
Riesig war seine Freude, als sein Traum im Jahre 1979 in Erfüllung ging. «Gleich beim ersten Testlauf bewegte sich das Teleskop computergesteuert genau so, wie ich es berechnet hatte», sagt er 24 Jahre später mit Stolz und einem Lächeln im Gesicht. Sicher zu Recht, denn das Alterswiler Teleskop wurde in der Folge im Mekka der Astronomie, in Tucson (Arizona, USA), mit «it works like a Swiss watch» bezeichnet.
Wenn am Samstagabend ein Konzernvorstand anruft …
Arthur Sutsch ist nicht bloss als Astronom bekannt geworden. Sein Fachwissen und seine Fähigkeit, Dinge zu analysieren, haben ihn zu einem gefragten Problemlöser gemacht.
«Arthurs Fähigkeiten liegen im Erkennen und Analysieren komplexer Zusammenhänge, um diese dann in handhabbare und verdaubare Einzelprobleme zu zerlegen. Interdisziplinäres Denken und seine Gabe, scheinbar Unzusammenhängendes zu kombinieren, sind seine Stärken. Anders kann man nicht verstehen, wieso Bildverarbeitungsalgorithmen der Astronomie für die Früherkennung von Brustkrebs geeignet sind.» Mit di