Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03635.jsonl.gz/1418

Die Glasmalereien
Von den ursprünglich mindestens zehn Wappenscheiben in der Kirche Rued sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünf veräussert worden, eines ist schon früher zu einem unbekannten Zeitpunkt Zeit entfernt worden und vier befinden sich noch heute in der Kirche. Heute nicht mehr in Rued vorhanden ist folgende Glaskunst: (1) Eine Standesscheibe der Stadt Bern von 1515 (heute verschollen)
(2) Eine Allianzwappenscheibe von Jakob von Büttikon und Elisabeth von Luternau aus der Zeit kurz vor 1520 (heute verschollen)
(3) Eine weitere Allianzwappenscheibe von Georg von Büttikon und Küngolt von Effinger aus der Zeit kurz vor 1520 (heute im Nationalmuseum vormals Landesmuseum)
(4) Eine Wappenscheibe von Benedikt May von 1534 (heute im Nationalmuseum)
(5) Eine Wappenscheibe von Glado II. May von 1535 (heute im Nationalmuseum)
(6) Eine Allianzwappenscheibe von Georg May (1566–1586 Herr zu Rued) und Maria Peyer von 1574 (heute verschollen)
In der Kirche von Rued befinden sich heute noch vier alte Glaskunstobjekte und ein modernes Chorfenster von Georg Röttinger von 1905:
(7) Eine Wappenscheibe von Katharina May-von Wattenwyl (Schwägerin von Glado II. und Benedikt) um 1535. Das Glasgemälde stammt wohl aus der Werkstatt von Hans Funk (um 1470–1540). Die Stifterin gehörte zu den im Verlauf der Reformation 1523 aus dem Kloster Königsfelden entlassenen Nonnen. Sie heiratete 1526 Jakob II. May (1493–1539). Ihr Mann war Hauptmann in den Mailänder Kriegen und an der Eroberung der Waadt beteiligt.
(8) Eine Allianzwappenscheibe von Johann Rudolf I. May (1619–1672) und Margaretha von Mülinen (†1711) von 1651. Der Stifter war 1651 Mitherr zu Rued. Johann Rudolf May führte ein unstetes Leben und war als hoher Offizier unter anderem am Bauernkrieg von 1653 und am Ersten Villmergerkrieg von 1656 beteiligt.
(9) Eine Allianzwappenscheibe von Beat Ludwig May dem Älteren (1639–1704) und Magdalena Manuel von 1684. Der Stifter war Mitherr zu Rued und ein Neffe des eben erwähnten Johann Rudolf I. May (vgl. Nr. 8). Die Scheibe stammt aus der Werkstatt des Zürcher Glaskünstlers Hans Wilhelm Wolf. Beat Ludwig May übte hohe politische Ämter aus. Von seiner Frau ist in der Kirche Rued ein Epitaph erhalten geblieben (vgl. Grabplatte B).
(10) Eine Wappenscheibe von Beat Ludwig May dem Jüngeren (1664–1708), einem Sohn von Beat Ludwig May dem Älteren (vgl. Nr. 9). Sie dürfte vom Surseer Glasmaler Johann Christoph Thuot stammen. Die Scheibe wurde 1709, ein Jahr nach dem Tod Beat Ludwigs angefertigt. Es handelt sich hier also um eine Gedächtnisscheibe zur Erinnerung an den 1708 in niederländischen Diensten von einer Musketenkugel getöteten Oberstleutnant.
Das moderne Glasgemälde im zentralen Chorfenster wurde vom Zürcher Glasmaler Georg Röttinger (1862–1913) im Jahr 1905 geschaffen. Er war ein Sohn des aus Nürnberg eingewanderten Glasmalers Johann Jakob Röttinger (1817–1877) und zählte um 1900 zu den bekanntesten und gefragtesten Glasmalern der Schweiz. Von ihm stammen zahlreiche Werke im In- und Ausland. Eine Gesamtschau seines Schaffens fehlt aber bis heute.
Georg Röttinger war zuerst in Zürich selber tätig, liess sich dann nach dem Tod seines Vaters 1877 an der Königlichen Kunstgewerbeschule weiter ausbilden. Nach Aufenthalten in anderen Teilen Deutschlands kehrte er schliesslich nach Zürich zurück und übernahm 1887 das väterliche Geschäft. Georg Röttinger starb 1913 an einer Blutkrankheit, die wahrscheinlich auf eine berufsbedingte Bleivergiftung zurückzuführen war.
Der Zürcher Glaskünstler mit deutschen Wurzeln lebte in einer kunstgeschichtlichen Umbruchszeit und zeigt deshalb in seinem Werk verschiedene stilistische Einflüsse wie etwa des Historismus oder des nachfolgenden Jugendstils. Der «Stilpluralismus der Jahrhundertwende» (Eva Zangger) ist in seinem Werk deutlich erkennbar und zeigt sich auch in seinem 1905 für die Kirche Rued geschaffenen Chorfenster.
Das Glasgemälde in Rued zeigt die bildliche Umsetzung eine Szene aus der Bibel («Jesus und der reiche Jüngling» mit der Aufforderung «Folge mir nach!»), wie sie in Lukas 18 (Vers 18–27) ihren Ursprung hat. Die dreifache Staffelung des Fensters in Rahmen, Vordergrund und Hintergrund mit jeweils eigener Stilistik erweist sich bei näherer Betrachtung in gewisser Weise als irritierend, fasziniert aber gleichzeitig ungemein.
Der Rahmen des Glasgemäldes knüpft nämlich an die übrigen Wappenscheiben aus der Berner Zeit an. Der Vordergrund mit Jesus und dem Jüngling zeigt Stilelemente des Historismus, während die Landschaft im Hintergrund in bester handwerklicher Glasmalermanier auf den Jugendstil verweist. Es ist ein beeindruckender und höchst gekonnt umgesetzter Stilmix, den Georg Röttinger mit seinem Chorfenster für die Kirchgemeinde Rued geschaffen hat. Ältere Einschätzungen in der Form, dass dieses Chorfenster «wohl damals (um 1905) als schön gegolten habe, heute aber (um 1965) als recht süss und unwirklich empfunden werde» (Jubiläumsschrift 1965), müssen heute neu bewertet und das Kunstwerk gemäss seiner überregionalen Bedeutung gewürdigt werden.