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1, 6, 7, 11, 16, 17, 26 - zukünftige Punkte
2 Ca d’Baldin
Zu Hauseigentum kamen die Giacomettis manchmal auch durch eine Erbschaft. So erhielt Giovanni Giacomettis Ehefrau Annetta 1909 von ihrem Onkel Rodolfo Baldini, der hier in diesem Haus lebte, ein Haus und einen Stall in Capolago am Silsersee. Jenes wurde zum zweiten Heim der Malerfamilie. Die Baldinis, die ursprünglich aus Italien nach Borgonovo gekommen waren, hatten als Ausgewanderte in Marseille Erfolg und besassen deshalb im Bergell, nebst mehreren Häusern, auch grosse Ländereien. Im hiesigen Ca d’Baldin, von Bartolomeo Baldini (1811-1864) erbaut, wuchsen nach 1897 auch der spätere Staatsrechtslehrer Zaccaria und dessen Bruder Cornelio Giacometti auf. Beide kamen in Stampa zur Welt und verloren früh Vater und Mutter. Hier lebte nach 1934 und bis zu ihrem Tod 1963 auch die Malerin und Weberin Elvezia Michel (1887-1963), Tochter einer Cousine von Annetta Giacometti-Stampa, die schon vor ihrem Zuzug viel Zeit in Borgonovo verbracht hatte.
3 Haus Baldini/Stampa
Albertos Mutter Annetta (1871-1964) war eine Tochter von Domenica Baldini, die früh starb und vier kleine Kinder hinterliess. Sie war die zweite Ehefrau des Lehrers Giovanni Stampa (1834-1913), der in Palü bei Stampa aufgewachsen war. Zunächst als Primarlehrer tätig, war er in erster Ehe mit der jung verstorbenen Matilde Lechner verheiratet. Nach seiner zweiten Heirat mit Domenica Baldini zog Giovanni Stampa als Lehrer in dieses Haus. Im Garten betrieb er eine Bienenzucht. Ein paar Jahre arbeitete er in seiner schulfreien Zeit sogar in der Konditorei ihrer Verwandten in Marseille. Als sehr guter Kenner der Botanik, der Geologie und der Geschichte des Bergells wurde Giovanni Stampa 1876 zum ersten Oberstufenlehrer des Bergells gewählt. Schulstandort war ein Haus am Dorfeingang von Borgonovo. Auch im Zeichnen unterrichtete er seine Schüler, unter ihnen auch Giovanni Giacometti. Dessen Sohn Alberto genoss bis zu seinem 12. Lebensjahr das gebildete Umfeld dieses Grossvaters.
4 Ca d’Dolf, Geburtshaus Albertos
Wie viele Bergeller fanden auch Mitglieder der Familie Dolfi aus Borgonovo Arbeit im Ausland. Einige der Dolfi wanderten ab 1800 nach Triest aus, behielten aber einen engen Bezug zum Bergell. Dieses Haus, um 1850 im Besitz von Tommaso und Caterina Dolfi, gibt davon Zeugnis. Eine der Wohnungen mietete von 1900 bis 1904 das frisch vermählte Ehepaar Giovanni und Annetta Giacometti-Stampa. Die Braut musste für den Einzug lediglich die Strasse überqueren… Hier wurden auch die ersten drei ihrer vier Kinder geboren: Alberto 1901, Diego 1902 und Ottilia 1904. Vater Giovanni, bisher noch ohne eigenes Atelier, schuf in jenen vier Jahren zahlreiche Landschaften von Borgonovo sowie Szenen seiner jungen Familie. Im Oktober 1904 zog die Familie weiter nach Stampa.
5 Ca d’Baldin di Molin
Gebaut wurde das Haus 1666 vom Notar Giovanni Baldini (1642-1717) und seiner Frau Caterina Dolfi. Sie sind Nachkommen einer weit verzweigten und erfolgreichen Dynastie: unter ihnen waren Notare, Konfiseure, Apotheker, Ärzte, Banker oder eben Künstler. Der Arzt Augusto Baldini (1840-1918), dem zeitweise das heute im Originalzustand erhaltene Haus gehörte, beauftragte Augusto Giacometti im Jahr 1907 mit einem grossformatigen, symbolistischen Gemälde für sein neu erbautes Ferienhaus in Orden bei Maloja. 1908 folgte ein Auftrag für das heute noch erhaltene Sgraffito an der Westfassade dieses Hauses. Seine Tochter Anna Baldini (1876-1936) inspirierte Augusto 1909 zu seinem allerersten ungegenständlichen Portrait, einer abstrakten Farbkomposition in Blautönen.
8 San Giorgio, Kirche und Friedhof
An dieser Stelle – direkt an der alten Strasse durchs Bergell, in offener Landschaft – stand bereits 1327 eine Kirche. Erst nach der Reformation 1694 wurde dieses spätbarocke Gotteshaus mit Kirchturm erbaut. Im Innenraum sind drei Grabsteine von grosser historischer Bedeutung erhalten, die an Vertreter der Familien Stampa, Salis und Redolfi erinnern. An den Aussenwänden und den Friedhofsmauern sind Grabsteine weiterer reformierter Patrizier von Stampa und Borgonovo, so der Familien Santi, Baldini, Dolfi, Fasciati, Silvestri oder Giacometti, zu finden. Die besondere kulturelle Situation der italienischsprachigen und reformierten Einwohner wirkte sich über Jahrhunderte auf die hiesige Heiratspolitik aus: geheiratet wurde unter seinesgleichen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert liessen sich dann aus Italien eingewanderte, katholische Familien nieder. Im Friedhof sind auch die Gräber aller Giacometti-Künstler und einiger ihrer Vorfahren erhalten, so der Eltern Giovanni Giacomettis, Alberto und Caterina Ottilia geborene Santi, oder der Eltern Annettas, Giovanni Stampa und Domenica geborene Baldini. Die Stele am Grab Giovannis, inspiriert durch die ägyptische Grabeskunst, schuf sein Sohn Alberto um 1935 und von Diego ist die Gedenktafel auf Albertos Grab erhalten. Augusto Giacometti schenkte im Jahr 1935 der Kirchgemeinde das Fenster Christi Einzug in Jerusalem, an dessen unterem, linken Rand er die Namen seiner Eltern, Giacomo Giacometti und Emilia geborene Stampa, verewigte.
9 Wald und Lichtung
Der Wald führt im Jahresverlauf ein Farbenkonzert auf, das Giovanni und Augusto Giacometti in ihren Bann zog und sich in ihrer Malerei wiederspiegelt. Die Ost-West-Ausrichtung des Tals und die steilen Berghänge bei Stampa führen zwar zu einer winterlichen dreimonatigen Periode ohne direkte Sonne, aber auch zu unterschiedlicher Baumdiversität: während hier, am sonnigen Südhang, der Laubwald bis auf 1500 Metern über Meer wächst, reicht der Nadelwald am schattigen Nordhang bis zum Talboden hinunter. Wald und Wiesen vereinen sich zu einem Muster aus Lichtungen und dunklen Abschnitten, wie man sie hinter der Kirche von San Giorgio beobachten kann. Eine Lichtung am Waldrand übte auf Alberto eine besondere Anziehungskraft aus, und etwas von diesem Bild fand Ausdruck in Die Waldlichtung. Die Komposition mit 7 Figuren und einem Kopf (Der Wald) erinnerte ihn an «ein Waldstück, das ich in meiner Kindheit viele Jahre immer wieder hindurch gesehen habe» und deren «Bäume mit nackten, fast bis zur Spitze kahlen, hochaufgeschossenen Stämmen immer aussahen wie Leute, die stehengeblieben waren und sich unterhielten». Auf der mit Lärchen bewachsenen Weide hüteten die Buben von Stampa das Vieh im Frühling und Herbst. Augusto Giacometti erinnerte sich: «Und wie mich der Wald beeindruckte, als ich alleine dort war. Die Lärchen schienen schwindelerregend hoch. Sie standen starr aufrecht und nur die Wipfel bewegten sich.» Im Wald empfand er Freude und gleichzeitig überkamen ihn Angst und Ahnungslosigkeit: «Noch heute, wenn ich Beschreibungen von unermesslich grossen Wäldern in Argentinien oder Indien lese, denke ich unwillkürlich an den Wald oberhalb von Stampa.» Alberto seinerseits dachte bei der Unendlichkeit des Raumes an Sibirien.
10 Riesiger schwarzer Stein
In seiner surrealistischen Periode erinnerte sich Alberto Giacometti: «Als Kind (zwischen 4 und 7 Jahren) sah ich von der Aussenwelt nur die Dinge, die geeignet waren, mir Vergnügen zu bereiten. Das waren vor allem Steine und Bäume, und selten mehr als ein Gegenstand auf einmal.» In der Bergeller Landschaft zu findende, von den Bergflanken im Verlauf der Jahrhunderte hinuntergestürzte Steine üben auf so manches Kind eine magische Anziehung aus, früher wohl mehr als heute. Es waren bevorzugte Spielplätze. So hatte Augusto Giacometti als Kind einen magischen Stein. Und Alberto entdeckte einmal auf einer Anhöhe mitten im Gestrüpp einen riesigen schwarzen Stein. Der Felsblock erschien ihm als Wesen mit gefährlicher Verführungskraft: «Dieser Felsen wirkte sofort wie ein lebendiges Wesen auf mich, wie ein feindliches, bedrohliches Wesen. Er bedrohte alles – uns, unsere Spiele und unsere Höhle.» Möglicherweise handelte es sich bei jenem Stein um diesen schwarzen hier oben in der kleinen Wiese. So können wir uns an diesem Ort vorstellen, wie Alberto seinen riesigen schwarzen Stein «widerwillig und ängstlich, flüchtig mit der Hand berührte.»
12 Samarovan-Schulhaus von Bruno Giacometti
Samarovan ist die landwirtschaftlich genutzte Sonnenterrasse auf der anderen Talseite von Stampa. Die damaligen Bauern befreiten die Wiesen von den herumliegenden Steinen und türmten sie zu Haufen, den sogenannten «musna». Kinder spielten darauf, unter ihnen Alberto und Diego Giacometti. Mit neuen Finanzierungsmitteln nach erfolgreicher Inbetriebnahme der Kraftwerke der Stadt Zürich beauftragte die Gemeinde Stampa den Architekten Bruno Giacometti mit dem zwischen 1961-1963 erbauten Schulhaus. Er plante das Schulhaus aus den Gesteinshaufen in den nahen Wiesen zu errichten und setzte als Kern einer solchen «musna» einen rechteckigen Steintrog in die Mitte des Gebäudes. Das zentrale Treppenhaus, dessen Bodenfläche mit rotem Klinker belegt ist, wird über alle Etagen hinweg von einer freistehenden Bruchsteinmauer eingerahmt. Sechs Schulzimmer, das Treppenhaus sowie die Turnhalle mit Bühne sind unter asymmetrisch ansteigenden Dachflächen vereint. Ursprünglich diente der Bau als Primar- und Sekundarschulhaus für Stampa und die dazugehörenden Weiler. Im Jahr 1972 begann das Bergell mit der Zentralisierung des Schulbetriebes. Heute dient das Schulgebäude Samarovan dem ganzen Tal als Sekundarschulhaus. Durchschnittlich zwölf Schülerinnen und Schüler lernen hier pro Jahrgang. Die Primarschulen befinden sich in Vicosoprano und Maloja.
13 Bergeller Berge
Das Besondere an der Bergeller Bergwelt sind die schroffen, tiefgrauen Berge im Süden, über die einst Rudolf Staub schrieb: «Als mächtige Intrusivmasse erhebt sich der Granit der Forno-Albigna-Bondascagruppe zu einem Felsengebirge von beispielloser Kühnheit, dessen Nadeln und Wände, Türme und Zacken, Platten und Schluchten an ungezügelter Wildheit ihresgleichen in den ganzen Alpen suchen.» Für Giovanni Segantini und Giovanni Giacometti waren gerade diese Gipfel Grundlage ihrer Malanfänge – grandiose Natur statt akademische Theorie. Den Biografen Reinhold Hohl erinnern auch einige Büsten von Alberto Giacometti aus dem Jahr 1954 an die Granitzacken mit den durchfurchten, massigen Oberkörpern und den kleinen, im Raum entrückten Köpfen: sie sehen aus wie die gewölbten schrundigen Bergflanken, die in unerreichbarer Entfernung von schmalen Gipfelfelsen gekrönt werden. Im östlichen Bergell befinden sich die grünlichen Berge des Disgrazia-Serpentins, nördlich und westlich davon die gestapelten penninischen und ostalpinen Decken, mit einer grossen farbigen Vielfalt an geschichteten Gesteinen. Der Hausberg, Piz Duan, im Norden des Tals ragte zeitlebens über den Künstlern. All diese Berge wurden von den Giacometti-Malern künstlerisch umgesetzt. Von ihnen gingen Enge, Steilheit und Mächtigkeit aus, während sich nach Westen hin der Blick öffnet. Im Februar 1963 notierte Alberto in Stampa: «Mit allem nochmal bei Null anfangen, so wie ich Menschen und Dinge sehe, besonders die Menschen und ihre Köpfe, die Augen am Horizont, die gebogene Augenlinie, die Wasserscheide.» Und weiter, über seine Gewissheit vom Ewigen: «Relativität aller Dinge und die Berge in Stampa? Sie sind da und werden bleiben.»
14 Palazzo Castelmur
Der heutige Palazzo Castelmur mit englischem Garten war ursprünglich ein im Jahr 1723 errichtetes Bürgerhaus von beachtlicher Grösse mit zwei Wohnungen im ersten (ebenerdigen) und einer herrschaftlichen Wohnung im zweiten Stock. Es gehörte der Familie Redolfi, die in Venedig Reichtum erlangte. Als Napoleon das Veltlin der neugegründeten Cisalpinischen Republik zuschlug, verloren die Redolfis zunehmend ihre Lebensgrundlage, was sie zum Verkauf ihres Stammhauses zwang. Baron Giovanni de Castelmur und seine Ehefrau Anna kauften das Anwesen im Jahr 1820 und erweiterten es zwischen 1850 und 1854 nach Plänen von Giovanni Crassi Marliani mit zwei markanten Türmen. Als Kind beobachtete Augusto Giacometti von aussen dessen Tür mit Glas am Ende des Ganges: «Oft habe ich in den schwarzen Gang hineingeschaut – und immer war es mir, als ob dort hinten, bei dem Blau, irgendein Wunder im Entstehen sei.» Auch Alberto Giacometti hatte der Prunkbau beeindruckt; an seinen Freund Lucas Lichtenhan schrieb er im April 1919: «In unserer Gemeinde giebt es ein Dorf mit einem schönen Platz, mit weissen Häusern umgeben… An der einen Seite steht ein grosses, hohes Haus, das hinten zwei Türme trägt, und einem Bergellerbaron, der in Lyon wohnt, gehört. Dieses schöne Haus werde ich dann kaufen und weiss anstreichen, und da wohnen; dann werde ich Dich ein mal ein laden.» Dazu sollte es bekanntlich nicht kommen. Heute dient das Schloss Castelmur der Gemeinde Bregaglia als Wohnmuseum.
15 La Mota / San Pietro
Diese ausgestellte, von mächtigen Steinblöcken durchsetzte Hügelkuppe, La Mota, ist das Ergebnis eines nacheiszeitlichen Bergsturzes. Am Südfuss des Hügels, dem Fluss Maira zugewandt, malte Augusto gerne Wasser und Blumen und nannte diesen Ort «das Paradies». Am südwestlichen Hang baute die Gemeinde Stampa im Jahr 1921, mit politischer Beteiligung Giovanni Giacomettis, ein kleines Wasserkraftwerk, das bis in die fünfziger Jahre betrieben wurde und dessen Ruinen noch zu sehen sind. Auf dem Plateau gibt es einen Siedlungskomplex der jüngeren Eisenzeit, der einige wenige Wohn- und vielleicht auch Speicherbauten umfasste. Mehrere Sondierungsgrabungen brachten zahlreiche Objekte hervor, darunter eine bronzene Fibel, Keramikfragmente und einen römischen Spinnwirtel aus Lavez. Die bestehende reformierte Kirche San Pietro und der Kirchturm wurden im Jahr 1743 erbaut. Das Gemälde Am Morgen der Auferstehung schuf Augusto Giacometti in Florenz in den Jahren 1914-1915. Im Friedhof von San Pietro stehen Grabsteine weiterer Patrizierfamilien von Stampa, Coltura, Montaccio und Caccior, so der Castelmur, Crüzer und Gianotti.
21 Haus Stampa / Wohnhaus der Familie von Giovanni Giacometti
Errichtet wurde dieses Haus mit zwei baugleichen Wohnungen von Notar Giovanni Bortolo Stampa (1725-1802) im Jahr 1755. Für Augusto war es ein Bezugspunkt, weil im zweiten Stock seine Tante Caterina Soldani und ihre Familie lebte, die, wie später auch ihre Tochter Savina, hier einen Lebensmittelladen führte. Besonders bedeutend ist das Haus aber deshalb, weil hier 1906 Giovanni Giacometti mit Annetta, Alberto, Diego und Ottilia einzogen. Nach der Zeit in Borgonovo hätte dieser gerne in Soglio gewohnt, was sich aber nicht ergab. Stattdessen fand sich Wohnraum in Stampa und am 25. Oktober 1905 schrieb Giovanni an seinen Freund Cuno Amiet: «Wir haben auf einen Schlag das Problem mit dem Atelier gelöst. Besser gesagt, der Zufall hat es für uns gelöst. Vielleicht erinnerst Du Dich an das rote Haus in Stampa, das auf unseren Garten ausgerichtet ist und den Stall gegenüber dem Hotel Piz Duan.» Beides konnte von Giovannis Bruder Otto Giacometti für Fr. 7'600 ersteigert werden. «Wir haben uns entschieden, das Haus zu beziehen. Aus dem Stall soll ein sehr schönes Atelier entstehen.» Umgehend liess Giovanni in der neuen Stube eine Ofenbank mit Uhr und Ofenaufsatz einbauen, die er selbst schnitzte. Am Ofen malte er Annetta mit Waschkorb und Ottilia mit Blumen, daneben Frauen beim Bleichen der Wäsche und einen Mann mit Äpfeln. Ende 1912, als erstmals eine Gaslampe die Stube erleuchtete, malte Giovanni ein Hauptwerk mit seiner um den Stubentisch unter der Lampe sitzenden Familie, zu der nun auch der 1908 geborene Sohn Bruno gehörte. Diese Lampe sowie der Gaszähler im alten Hotel Piz Duan sind heute noch erhalten. Im Haus schuf Alberto viele Zeichnungen und Gemälde mit Familienmitgliedern und Interieurs. Er selbst wurde in diesem Elternhaus auch etliche Male fotografiert. Hier entdeckte Alberto als Kind seine Umwelt und erinnerte sich später: «… gleichzeitig sehe ich meine ganze Vergangenheit und mich selbst darin vor mir: in Stampa am Fenster, um 1914, beim konzentrierten Abzeichnen eines japanischen Holzschnitts […].» Nach Goethes Wort spürt man noch heute in diesem Haus die Würde, die besondere Menschen jener Stätte verleihen, die sie einst betraten.
25 Atelier Giovanni und Alberto Giacometti
Bis 1906 war dieser Bau einer von mehreren Ställen im Dorfzentrum von Stampa: hier lagerte meist das Heu für die Fütterung des Viehs, das im Winter im Stall gehalten wurde. Giovanni baute ihn 1906 zu seinem ersten Atelier um: «Ich werde einen schönen, sonnigen Raum bekommen», schrieb der Künstler. Der Umbau für diesen einzelnen Raum von 5m x 8m wurde Ende Oktober für weniger als Fr. 1'000 fertiggestellt. Giovanni möblierte den Raum, installierte Beleuchtung und Heizung und bemerkte: «Es ist eine Freude darin zu arbeiten. Ich habe genug Platz, Licht und Wärme. Der Ofen ist vorzüglich.» Im Jahr 1907 investierte er in eine Druckmaschine, mit der er fortan Arbeiten auf Papier ausführte. 1912 wurde die Gasbeleuchtung ergänzt. Im Atelier waren damals auch Stühle von Carlo Bugatti mit beweglicher Rückenlehne. Seine Kinder und seine Frau Annetta haben hier oft für Giovanni Modell gesessen. Bruno erinnerte sich: „Das Atelier meines Vaters war recht gross. Am Nachmittag sass meine Mutter in einer Ecke und war mit Handarbeiten beschäftigt, während mein Vater malte.“ Giovanni führte Alberto in die Malerei ein: «Wir müssen das, was Alberto als Maler bei seinem Vater lernte, hoch veranschlagen», so der Biograf Reinhold Hohl. Nach Giovannis Tod im Jahr 1933 blieb dessen Studio vorübergehend ungenutzt, denn Alberto arbeitete bei seinen Aufenthalten im Bergell bis 1950 bevorzugt in Capolago am Silsersee. Erst später entdeckte er das Studio des Vaters für sich und schuf hier fortan Skulpturen und Gemälde. Viele Fotos und Filmaufnahmen illustrieren dies. Anlässlich eines langen Aufenthaltes in Stampa im Jahr 1963 liess Alberto im südlichen Teil des Ateliers ein Schlafzimmer mit Bad für seine Ehefrau Annette einrichten und den Ofen ersetzen. Noch im Sommer 1965 kam Alberto nach Stampa, bevor er sein Heimatdorf letztmals am 19. August 1965 verliess. Nach seinem Tod am 11. Januar 1966 im Kantonsspital in Chur wurde Albertos Leichnam bis zum Begräbnistag am 15. Januar 1966 im Atelier aufgebahrt. Die sich damals im Haus und Atelier befindlichen Werke Giovannis und Albertos sind heute nicht mehr im Bergell. Das Atelier selbst schenkten Bruno Giacometti und der Sohn ihrer Schwester Ottilia, Silvio Berthoud, nach Diegos Tod der Società culturale di Bregaglia. Es ist der einzige original erhaltene Arbeitsraum Giovannis und Albertos.
27 Haus Caderdolf
Es handelt sich hier um das älteste noch erhaltene Gebäude in Stampa und wurde wohl im Verlauf des 15. Jahrhunderts errichtet. Zu dieser Zeit lebte hier Johannes Stampa, Notar und Landammann des Bergells. Beide Häuser gehörten ursprünglich der Familie Stampa, als Besitzer von Hausteilen traten danach die Familien Gianotti, Fasciati, Redolfi, Feretti und Persenico auf. Besonders letztere sollte für Giovanni Giacomettis Familie zu einem Bezugspunkt werden. Giovanni Persenico (1858-1942) bewirtschaftete die Wiesen der Giacomettis sowohl im Tal als auch in Maloja. Annetta war die Patin von Persenicos Sohn Giovanni, und während mehrerer Jahre arbeitete die Tochter Erminia als Magd im Haus der Giacomettis. Die Kinder der Persenicos und der Giacomettis gingen gemeinsam in die Schule und spielten miteinander. Mehrmals malte Giovanni Giacometti den bärtigen Giovanni Persenico und seine Kinder. Auch Alberto portraitierte sowohl den Vater als auch seinen Spielkamerad Giovanni Persenico. An diesen Beispielen lässt sich übrigens sehr konkret Giovanni Giacomettis Rolle als Lehrer des noch jungen Sohnes Alberto nachvollziehen.
28 Ehemaliges Primarschulhaus von Stampa
Die Schulgeschichte von Stampa reicht weit zurück. Nach der Reformation um 1550 unterrichteten im Oberen Bergell italienische Pfarrer in privaten Schulen. Dokumentiert ist der Unterricht im Jahr 1777 in den Weilern Montaccio, Coltura, Stampa und Borgonovo. Eine Bergeller Eigenart: Auswandererfamilien bereiteten ihre Kinder auf eine Geschäftskarriere im Ausland vor. Dieses Gebäude, 1670 ursprünglich als Pfarrwohnung und Raum für Gottesdienste erbaut, diente ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Primarschulhaus der öffentlichen Schule. Zunächst aber noch ohne Kinder aus Borgonovo, die dort privaten Unterricht erhielten. Anfangs waren einige Eltern skeptisch, was die Schule betraf, denn ihre Kinder waren für die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe unverzichtbare Hilfen, etwa als Hirten. In diesem Haus gingen auch alle künftigen Künstler der Familie Giacometti für sechs Jahre in die Schule. Augusto erinnerte sich: «Am besten gefiel mir Zeichnen und Gesang. Einen ganzen Nachmittag hatte man nur diese beiden Fächer. Ich war im Paradies.» Zeichnen unterrichtete damals in allen Klassen Augustos Onkel Zaccaria Giacometti. Etwas später zeichnete hier Alberto mit Farbstiften römische Schlachtenszenen und biblische Landschaften. Seit 1963 findet der Unterricht im von Bruno Giacometti erbauten Schulhaus jenseits des Flusses Maira statt.