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In unserem Stoffwechsel befinden sich ein paar wenige Hauptschalter. Einer davon ist noch kaum bekannt, er hat aber eine immense Bedeutung. Die Rede ist von einem Multiprotein-Komplex, der vor knapp 20 Jahren entdeckt worden ist: Das NLRP3-Inflammasom. Es ist massgebend am Auslösen der Entzündungen beteiligt und trägt fundamental zur stillen Entzündung bei, die global für mehr als die Hälfte der Todesfälle verantwortlich gemacht wird.
In der englischen Fachliteratur wurde Ende der 1990er Jahre der Begriff Low-grade chronic inflammation ins Leben gerufen. Er taucht zum ersten Mal in einer Publikation zu einem Vortrag auf, den der Mediziner Paul Ridker am 5. Dezember 1997 am Super Friday Symposium in San Diego hielt (1). Unterdessen gibt es diverse Variationen des englischen Begriffs, die sich aber alle nicht durchsetzen konnten. Die wörtliche Übersetzung niederschwellige chronische Entzündung mit dem entsprechenden Akronym NCE hat sich ebenfalls nicht etabliert. Sie würde aber auch der Bedeutung dieser Entzündung nicht gerecht werden, da ihre Auswirkungen alles andere als niederschwellig sind.
Treffender ist hingegen die Bezeichnung, die ein wesentliches Merkmal dieser Entzündung perfekt wiedergibt und ihre fehlende Wahrnehmbarkeit umschreibt: stille Entzündung. Denn im Gegensatz zur akuten Entzündung mit ihren verschiedenen Symptomen wie Rötung, Schmerz oder Schwellung wirkt die stille Entzündung im Verborgenen und bleibt unbemerkt. In der englischen Umgangssprache nutzt man deswegen auch die Bezeichnungen Silent inflammation oder Secret killer.
Stille Entzündung als kausale Ursache vieler Krankheiten
Im Dezember 2019 erschien in Nature Medicine ein Übersichtsartikel, der in der öffentlichen Gesundheit ein Erdbeben hätte auslösen müssen. Die Seismografen schlugen aber nicht aus. Der Artikel löste auch sonst praktisch keine Resonanz aus. Dies ist erstaunlich, denn der Artikel spricht von einem kausalen Zusammenhang zwischen der stillen Entzündung und den Zivilisationskrankheiten und macht die stille Entzündung kausal für mehr als 50 Prozent der globalen Todesfälle verantwortlich (2).
Inflammaging
Ein Mitautor dieses Fachartikels ist der Namensgeber eines mittlerweile etablierten Phänomens. Der emeritierte Immunologe und Altersforscher Claudio Franceschi erkannte Ende der 1990er Jahre einen mit dem Alter einhergehenden Anstieg der stillen Entzündung und nannte diesen Prozess Inflammaging (3). Dieser Anstieg beginnt bereits ab etwa dem 30. Lebensjahr und kann ohne Gegenmassnahmen bis ans Lebensende andauern (4). Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass die Analyse der stillen Entzündung leider noch kein Bestandteil von routinemässigen medizinischen Gesundheitschecks ist.
NLRP3-Inflammasom
Die stille Entzündung entsteht über die Aktivierung eines Multiprotein-Komplexes, der in vielen Zellen des Körpers in seinen Einzelbausteinen zerlegt vorliegt. Kommt eines dieser Bausteine mit einem Auslöser von Entzündungen in Kontakt, schliessen sich die Bausteine zum Komplex zusammen. Das NLRP3-Inflammasom genannte Gebilde führt danach in einer Kettenreaktion zur Produktion von entzündungsfördernden Stoffen, den Zytokinen IL-1β, IL-18 und IL-6, und letzteres löst die Produktion des C-reaktiven Proteins (CRP) in der Leber aus (5). Am Gehalt des CRP im Blut liesse sich dann auf einfache Art und Weise über die hsCRP-Analyse ermitteln, ob eine stille Entzündung vorliegt oder nicht (bei 1-10 mg/L liegt sie sicher vor (6) und wie im E-Book deFlameYou! erklärt wird, vermutlich auch zwischen 0.5 und 20 mg/L). Aber da die hsCRP-Analyse noch nicht routinemässig durchgeführt wird, bleibt die stille Entzündung wie ein Schwelbrand oft verborgen.
Das NLRP3-Inflammasom kann durch diverse Auslöser aktiviert werden und viele davon haben ihren Ursprung in einem ungünstigen Lebensstil. Das gleiche Inflammasom schaltet sich zwar auch nach einer Infektion mit Viren oder Bakterien ein. Im Gegensatz zur stillen Entzündung wird das Inflammasom aber nach erfolgreicher Bekämpfung der Viren oder Bakterien ausser Kraft gesetzt. Bei der stillen Entzündung erfolgt hingegen kein Stopp. Die niederschwellige Entzündungsreaktion läuft ständig weiter und kann trotz eher niedrigen Mengen an entzündungsfördernden Stoffen mit der Zeit dennoch eine enorme Auswirkung im gesamten Körper ausüben, die praktisch alle Organe und Gewebe betrifft.
Stille Entzündung ermöglicht fokussierte Prävention
In den letzten zwanzig Jahren häuften sich die Forschungen zur stillen Entzündung und führten zur Erkenntnis des kausalen Zusammenhangs zwischen der stillen Entzündung und vielen Krankheiten. Wie im oben erwähnten Übersichtsartikel erwähnt, ist die Hälfte der globalen Todesfälle auf entzündungsbedingte Krankheiten zurückzuführen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, nicht-alkoholbedingte Fettleber oder neurodegenerative Zustände (2). Dies mag für viele noch fremd anmuten. Aber die Evidenz ist überwältigend. Sie ist sogar dermassen umfangreich, dass sie nicht mehr wegdiskutiert werden kann.
Mit dem Fokus auf die stille Entzündung liesse sich zum ersten Mal in der Geschichte eine auf einen einzigen physiologischen Zustand ausgerichtete Prävention betreiben, die gegen viele, wenn nicht die meisten Krankheiten wirkt. Solange die stille Entzündung aber nicht auf dem Radar der öffentlichen Gesundheit auftaucht und in Gesundheitschecks routinemässig erfasst wird, dürfte auch die breite Bevölkerung kaum Notiz von ihr nehmen. Es bleibt daher die Hoffnung, dass sich dieser Zustand möglichst bald ändert und die Kunde über die stille Entzündung schnell verbreitet.
Literatur
- Ridker PM. Intrinsic fibrinolytic capacity and systemic inflammation: novel risk factors for arterial thrombotic disease. Haemostasis 1997; 27 Suppl 1:2–11.
- Furman D, Campisi J, Verdin E et al. Chronic inflammation in the etiology of disease across the life span. Nat.Med. 2019; 25:1822–1832.
- Franceschi C, Bonafe M, Valensin S, Olivieri F, Luca M de, Ottaviani E, Benedictis G de. Inflamm-aging. An evolutionary perspective on immunosenescence. Ann.N.Y.Acad.Sci. 2000; 908:244–254.
- Emerging Risk Factors Collaboration. C-reactive protein concentration and risk of coronary heart disease, stroke, and mortality: An individual participant meta-analysis. Lancet 2010; 375:132–140 (Zugriff:
- Swanson KV, Deng M, Ting JP-Y. The NLRP3 inflammasome: Molecular activation and regulation to therapeutics. Nat.Rev.Immunol. 2019; 19:477–489.
- Pearson TA, Mensah GA, Alexander RW et al. Markers of inflammation and cardiovascular disease. Circulation 2003; 107:499–511.