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Der erste, historische Abschnitt ist eine leicht lesbare Zusammenfassung der Geschichte der Naturwissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der entstehenden positivistischen Strömungen. Erst im zweiten, systematischen Teil wird die Absicht des Autors klar: Es geht ihm um eine Rettung der ontologischen Ansprüche der Philosophie angesichts der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Allerdings beschränkt sich Hennemann zumeist auf das Referieren der Ansichten anderer (Günther Jacoby und Nicolai Hartmann oder – im Bereich der Biologie Hans Jonas) und hält sich mit einer dezidierten eigenen Einschätzung zumeist zurück. Dass ein solcher fundamentalontologischer Ansatz scheitern muss, liegt auf der Hand: Aber diese Darstellung ist auf ihre Weise paradigmatisch und wirft ein Schlaglicht auf diese Versuche.
Es sind eigentlich die üblichen Ängste der Philosophen, die durch den Erfolg der Naturwissenschaft (und insbesondere der Physik) ausgelöst wurden: Mit welchem Recht kann man vom Seienden, von der Substanz, der Kausalität oder Raum und Zeit sprechen angesichts von Relativitätstheorie oder quantenmechanischem Zufall, ohne sich in bloß metaphysischen Spekulationen zu verlieren? Gerade die Ontologie (bzw. der Substanzbegriff) scheinen für Hennemann von enormer Wichtigkeit zu sein, sodass er nach alternativen, philosophischen Modellen sucht, die mit den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaft zumindest kompatibel sind. Und diese Ontologie soll eine philosophisch akzetable und verständliche Form für all jene Phänomene bieten (Unschärferelation, Kausalitätsproblem, Quantenverschränkung), mit denen die Physik unseren Hausverstand (und den der Philosophen) auf die Probe stellt.*
Hennemann orientiert sich an Nicolai Hartmanns Unterscheidung zwischen realem und idealem Sein und identifiziert dieses mit den gefundenen, die Wirklichkeit beschreibenden mathematischen Strukturen. Dabei dient die Raumzeit als ein mathematisches Kontinuum und wird zur Substanz, die in jedem Punkt ihr Sein beanspruchen kann (was Hennemann dabei umtreibt ist der Welle-Teilchen-Dualismus, dem er dadurch zu entgehen versucht: Materie und Energie sind nicht in der Raumzeit, sie sind Raumzeit). Die für den Physiker anhand seiner mathematischen Modelle erschlossene Welt ist transzendent und sie ist wirklich: Aber sie ist ebensowenig erfahrbar und der immanenten Welt zugängig wie Kants Ding an sich. Diese Setzung einer transzendenten Wirklichkeit sei notwendig, um die Physik auf ein tragbares Fundament zu stellen: Hier irrt Hennemann ganz offenkundig und verleiht einzig seinem Wunsch Ausdruck, dass man ohne so etwas wie ein Kantsches „An-Sich-Sein“ nicht auskomme. In realiter ist eine solche Fundierung nicht notwendiger wie der sprichwörtliche Kropf: Für den Experimentalphysiker ändert sich rein gar nichts – im Gegenteil: Er wird noch nicht einmal den Wunsch nach solchen Grundsätzlichkeiten verspüren. (Hennemanns Beispiel für die Defizienz der Immanenzontologie ist die Gleichzeitigkeit: Auch wenn sie nicht festgestellt werden könne aufgrund der Relativitätstheorie sei sie als Begriff dennoch sinnvoll. Es spiele keine Rolle, dass sie physikalisch eine Schimäre ist.)
Für diese „andere“ Wirklichkeit spreche, dass ansonsten das Funktionieren mathematischer Modelle nicht erklärt werden könne. Dafür ist das Konstrukt einer Welt an sich aber nicht erforderlich, es reicht die (triviale) Erkenntnis (die im übrigen 2500 Jahre alt ist), dass der naive Realtitätsbegriff nicht haltbar ist. Auf eine besondere (erkennbare oder nicht erkennbare) Welt (an sich) lässt sich aufgrund der erfolgreichen Modelle nicht schließen: Sondern nur (außer für Solipsisten) darauf, dass unsere Vorstellungen nicht immer ganz falsch sind. Und auch die Kausalität in einem „höheren Sinn“ zu retten schickt sich Hennemann an: Es spräche nicht gegen dieses Prinzip, wenn sie im Quantenbereich nicht praktikabel sei. Denn Kausalität sei nicht mit Vorausberechenbarkeit gleichzusetzen, in der Quantenphysik würden nur einfach die Voraussetzungen fehlen, um sie sinnvoll anzuwenden. Damit sei aber die Kausalität als Prinzip nicht beeinträchtigt, wir hätten nur einfach einen Bereich gefunden, der sich ihr widersetze (eigentlich scheint Hennemann sagen zu wollen, dass wir (noch?) nicht die Fähigkeit besitzen, sie sinnvoll im Mikrobereich zu verwenden und zeigt damit, dass er das Grundsätzliche der Unbestimmtheit in diesem Gebiet überhaupt nicht verstanden hat). Und er weist auf Nicolai Hartmann hin, der aus der Tatsache, dass wir diesen Begriff in unserer mesokosmischen Welt sinnvoll verwenden können, schließt, dass sie daher auch im Mikrobereich gelten müsse (weil ansonsten ihr Funktionieren gänzlich unverständlich sei). Auch das eher ein Hinweis darauf, dass das Konzept von Wahrscheinlichkeitswellen und Aufenthaltsorten von Partikeln nicht in seiner Bedeutung für die Makrowelt erfasst wurde. Die Ehrenrettung der Kausalität gipfelt dann in der Behauptung, dass ohne ihre Gültigkeit gar nicht „einzusehen sei, wie die Idee […] einer solchen kausal-notwendigen Verknüpfung entstanden“ sein soll (die EE hat diese Idee sehr einfach erklärt). Insgesamt lässt sich der Gedankengang wie folgt darstellen: Wir handeln nach kausalen Gesichtspunkten, wir sind erfolgreich, daher gibt es die Kausalität – und wenn wir sie nur im Quantenbereich nicht nachweisen können, dann ist das noch lange kein Grund, an ihr zu zweifeln. Wenn es ein Problem gibt, dann bestenfalls beim Nachweis, nicht in der Sache selbst.
Damit wären die Anschauungsformen und Kategorien teilweise – die Lebensberechtigung des Philosophen gänzlich gerettet. (Hennemann verweist bezüglich des Raumes wieder auf Nicolai Hartmann, der klargestellt habe, dass nicht der Raum selbst, sondern die Dinge im Raum sich ausdehnen. Dass beide vom Konzept der Inflation noch nicht haben wissen können, entschuldigt sie nur teilweise: Solche Absolutheitsansprüche sind niemals gerechtfertigt und es ist zumeist nur eine Frage der Zeit, wann sie revidiert werden müssen.) Nun bleibt nur noch der Geist selbst, der der Rettung harrt – und mit Richard Woltereck sieht Hennemann auch hier Hoffnung: „Bewusstsein und Materie sind Abstraktionen, in welche das „Sein“ eingezwängt ist; es daraus zu befreien ist eines der Hauptanliegen heutiger Ontologie“. Diesem eingezwickten Geist eilt Hans Jonas mit der Freiheit als dem ontologischen Grundbegriff zu Hilfe, eine Art „Innerlichkeit“ (die selbstredend naturwissenschaftlichen Methoden nicht zugängig ist, man sagt uns aber nicht, weshalb dem so sei) bildet die Grundlage des Enwurfes. Selbst auf Begriffe wie „Vitalismus“ und „Teleologie“ wird nicht verzichtet, das alles scheint ein Kreislauf zu sein: „Es gibt keinen Organismus ohne Teleologie; es gibt keine Teleologie ohne Innerlichkeit.“ (Jonas)
So altbacken und überholt das auch klingen mag: Sehr viel besser sind heutige Ansätze oft auch nicht. Man lese beispielsweise etwas über die dualistischen Ansätze bei Markus Gabriel – und schon sind Hennemann, Günther Jacoby oder Nicolai Hartmann aktueller denn je. Ob ich es noch erleben werde, dass Fundamentalontologen (oder Dualisten) sich einer bezahlten Umschulungsmaßnahme unterziehen müssen? (Elektriker oder Feinmechaniker sind auch schöne Berufe …) Ich fürchte nicht, leider.
*) Ich halte solche Versuche für grundsätzlich problematisch (auch die modernen Formen), weil sie schlicht zu viel wollen und mit obsoleten Begriffen (wie Substanz) hantieren, anstatt diese aufzugeben. Die Ontologie bzw. ontologische Erklärungen dürfen wir mit Fug und Recht den Teilchenphysikern überantworten: Von ihrem Beschreibungs- und Erklärungstalent wird es abhängen, was wir davon mit unserem auf ganz andere Bereiche spezialisierten Verstand zu begreifen imstande sind.
Gerhard Hennemann: Grundzüge einer Geschichte der Naturphilosophie und ihrer Hauptprobleme. Berlin: Duncker & Humblot 1975.