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Die Möwen drehen ihre Runden über dem See, immer rascher, immer dreister. Vom Ufer aus schauen ihnen zwei junge Frauen zu. Sie lachen auf, als plötzlich neben ihnen eine Ente aufgeregt aus dem Wasser watschelt. Lydia Bucher (16) liebt Spaziergänge am Zürichsee. In Beaver Creek, im amerikanischen Ohio, wo die Austauschstudentin herkommt, gibt es keinen See.
Lydia Bucher und ihre freiwillige Betreuerin, «Volunteer» Cléo Schwerzmann (22), treffen sich gern im Freien, bei jedem Wetter. Drei Wochen nach Lydias Ankunft im August reisten sie zusammen nach Schaffhausen an den Rheinfall, dann besichtigten sie die Zürcher Altstadt, und später verbrachten sie drei Tage in Genf, wo Cléo Schwerzmann ihr Studium als Übersetzerin absolviert. Im Winter schlenderten sie zusammen durch Weihnachtsmärkte.
Solche Treffen gehören zu den Aufgaben, die freiwillige Betreuende der Organisation AFS (ursprünglich «American Field Service») wahrnehmen: Sie sehen ihre Studentinnen und Studenten mindestens ein Mal pro Monat, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Regelmässig erkundigen sie sich, ob es ihren Göttikindern mit der Gastfamilie und in der Schule gut geht und ob sie in der Freizeit Kontakt knüpfen und die Gelegenheit haben, ein Hobby auszuüben.
Win-win-Situation als Ziel
Eine andere AFS-Gruppe von meist etwas älteren Freiwilligen kümmert sich um die Gastfamilien, und bei allfälligen Problemen zwischen ihnen und den Austauschstudenten suchen sie zusammen mit der Organisation eine Lösung. Ungefähr eine Stunde pro Woche wenden die Volunteers für ihren Einsatz auf, und nach jedem Besuch liefern sie der Organisation AFS einen Bericht ab.
So wie Cléo Schwerzmann engagiert sich in der Schweiz jeder fünfte Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren freiwillig für ein Projekt. Barbara Richiger von der Freiwilligenorganisation Benevol in Bern rät: «Jugendliche im Schulalter sollten ein solches Engagement unbedingt mit den Eltern besprechen und sich von ihnen begleiten lassen.» Ansonsten, betont Richiger, dürfe freiwilliges Engagement durchaus auch für die Freiwilligen befriedigend sein: Gefordert sei kein aufopferndes Helfen, vielmehr soll eine Win-win-Situation entstehen.
Cléo Schwerzmann war selber mit 17 Jahren als Austauschschülerin in Kanada und dort enorm dankbar für eine Betreuerin, die ihr im fremden Land das Einleben vereinfachte. Zurück in der Schweiz, war ihr klar: Auch sie will sich für ausländische Gaststudenten einsetzen. «So geht es vielen», sagt Schwerzmann, «im Ausland packt einen die Begeisterung für interkulturellen Austausch.»
Jugendliche lernen, Verantwortung zu tragen
Auf ihre Aufgaben werden die Freiwilligen von AFS gut vorbereitet: Sie erhalten einen Wochenend-Einführungskurs und später regelmässige Weiterbildungsangebote rund um Themen wie «Röstigraben» oder «Geflüchtete Personen». Bei verschiedenen Treffen können sich die Volunteers untereinander austauschen. «Dabei lerne ich auch für mich selber viel», sagt Cléo Schwerzmann. Beispielsweise grössere Gruppen zu organisieren – denn genau das müssen sie und Mitbetreuende an Weiterbildungsanlässen immer wieder tun.
«Ausserdem kann ich heute mein Wissen weitervermitteln und meinen Standpunkt vertreten, ohne andere abzulehnen», fügt sie an. Ihrem vorherigen «Gottekind», einem Mädchen aus Thailand, vermittelte Cléo Schwerzmann beispielsweise eine neue Familie, weil in der ersten Familie die Chemie nicht stimmte. Inzwischen ist Schwerzmann sogar Volunteer-Trainer und führt andere in ihre Aufgaben ein. So lernen Jugendliche, Verantwortung zu übernehmen. Sie üben zwischenmenschlichen Umgang und lernen Konflikte zu lösen. Entsprechend gut macht sich ein solcher Einsatz im Lebenslauf: Die gesammelten Erfahrungen können sich die Freiwilligen von der Organisation bestätigen lassen.
Dennoch ist ein freiwilliges Engagement kein Egoprojekt. Die Idee hinter dem AFS-Volunteering etwa ist, durch Erfahrung besser zu werden und zugleich die Welt gerechter zu machen – offener und respektvoll für andere Kulturen. Für ihren Einsatz erhalten die jungen Männer und Frauen meist keine finanzielle Entschädigung, bekommen aber Auslagen für Zugtickets oder Mittagessen zurückerstattet. Für Lydia Bucher aus Ohio passt das Arrangement. Ihre Gastmutter ist selber noch sehr jung, sodass sie auch mit ihr zusammen viel unternehmen kann – etwa an den Wochenenden mit dem GA der SBB durch die Schweiz reisen.
Am See weht inzwischen ein kühler Wind, die jungen Frauen haben kalte Hände bekommen. Zeit für einen Kaffee für Cléo und eine heisse Schoggi für Lydia. Die beiden ziehen sich in ein Café zurück. Dort erzählt die Austauschstudentin ihrer «Gotte» das Neuste aus der Schule. Und der nächste Ausflug wird geplant: Im Frühling werden sie vielleicht mit anderen Gaststudenten eine Schoggifabrik besuchen oder beim Zürcher Sechseläuten zuschauen.
Der Zugang auf Augenhöhe macht die Kommunikation leichter
Thomas Brunner, warum sollen sich Jugendliche freiwillig mit den Problemen von Altersgenossen befassen?
Jugendliche wissen oft besser, was Gleichaltrige brauchen. Sie treffen den richtigen Ton. Und sie haben ihr Wissen aus dem Alltag, nicht aus Büchern. Dieser Zugang auf Augenhöhe macht die Kommunikation viel einfacher.
Wie kann das Engagement für die berufliche Zukunft von Vorteil sein?
Beispielsweise können Jugendliche, die das Gymnasium mit Fachrichtung PPP (Psychologie, Pädagogik und Philosophie) besuchen, beim Beraten von Gleichaltrigen wichtige Erfahrungen machen, die ihnen später im Beruf zugutekommen. Oder junge Menschen, die ihren Weg in der Wirtschaft sehen, erleben, wie Organisationen funktionieren und wie sie Einfluss nehmen können - etwa bei einem Engagement im Pro- Juventute-Jugendrat.
Wie stellt man sicher, dass die jungen Männer und Frauen durch die Freiwilligenarbeit nicht ausgenützt werden?
Wichtig ist, dass Aufgaben und Rollen klar definiert sind und dass die Jugendlichen echt partizipieren können. Das heisst auch, dass sie selber Gestaltungsmöglichkeiten haben und nicht einfach Aufträge ausführen müssen. Jugendliche sollen Verantwortung übernehmen – damit sie sich dabei nicht überfordern, müssen ihnen die Erwachsenen die nötige Unterstützung geben. «Nothing about me without me» lautet der Grundsatz – «Über mich wird nicht ohne mich entschieden.»