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Die Kante am Fuss des Mäuerchens
von Cedric Weidmann
Sie wollte sich am Fuss des Mäuerchens hinlegen, dort, wo der Asphalt von Hundepisse gesotten war, und manchmal eine hündische Nasenspitzen hinfuhr, um die Markierungen zu beschnuppern, dort, wo ausser Hundenasen und Hundepisse niemals irgendetwas war. Darüber thronte zwar ein Helm, der auf dem Mäurchen lag und dessen Visier geborsten war. Die Dellungen schienen auf einen Unfall hinzuweisen, der sich an der nahen Kreuzung abgespielt haben könnte, und schon einige Monate zurücklag. Dafür aber war der havarierte Helm schon wieder zu suggestiv, er fügte sich eher in das Arrangement von Porzellankugeln, die blau und in der grösstmöglichen Harmonie in den Gärten plaziert waren, und sich manchmal bis auf eine Treppenstufe hochgewagt hatten, wo sie der ständigen Bedrohung eines unachtsamen Tritts ausgeliefert waren. Manchmal rankte sich eine Efeupflanze auf der anderen Seite des Mäuerchens hoch, wo ihr alle paar Wochen der Anwohner mit einer Rosenschere Einhalt gebot und siein ihre enge Heimat zurrte. Die Sehnsucht des Efeus war ihre Sehnsucht — sie war nicht der Mensch, der wollte. Sie war nicht jemand, der floh oder reiste, und Erfolg sagte ihr nichts, es gab nur getane und ungetane Dinge. Aber am Fuss des Mäuerchens, in der Kante zwischen Trottoir und kniehoch aufragendem Beton, dort hätte sie liegen wollen mit ihrer Efeusehnsucht, die sich nur auf das Greifen nach oben erstreckte, Zentimeter um Zentimeter, nicht einem himmlischen Himmel entgegen, einfach ein bisschen weiter, die ohne echtes Ziel war. Das einzige einlösbare Versprechen bei der Erfüllung dieser Sehnsucht war, zum Gewucher zu werden, und für sie, die sie sich in Ordentlichkeit vergraben hatte und von Plänen umwoben war, die ihr der Mangel an Sehnsucht ermöglichte, war das Wuchern eine grosse Verführung. Sie wollte sich hinlegen, wuchern und das wäre dann schon ein Erfolg. Zwar wusste sie nicht, was das war. Aber es gab doch immerhin getane und ungetane Dinge.