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Stephan Elliotts Kinofilm war ein Überraschungshit und erhielt 1995 einen Oscar. Nun kommt der Erfolgshit in St. Gallen auf die Bühne.
«Priscilla, Queen of the Desert», ein Musical nach dem Film der australischen Filmregisseure Stephan Elliott und Allan Scott aus dem Jahr 1994/95, erzählt die Geschichte von zwei Dragqueens und einer Transgender-Frau, die in den Vorbereitungen für eine Dragshow in einem Resort in Alice Springs – also in der abgelegenen australischen Wüste - stecken. Während sie mit ihrem klapprigen Tourbus «Priscilla» von Sydney nach Westen fahren, begegnen die drei Freunde einer Reihe seltsamer Charaktere und werden auch direkt und indirekt mit Homophobie und sozialer Ausgrenzung konfrontiert, was ihre eigene Komfortzone verschiebt und ihren Horizont erweitert. Das Theater St. Gallen zeigt Priscilla ab dem 27. März im Grossen Haus, Cruiser hat sich vorab mit dem Hauptdarsteller Armin Kahl unterhalten.
Cruiser:
Armin, du spielst Tick. Wie zeichnest du diese Figur? Was macht dieser Charakter deiner Meinung nach aus?
Armin Kahl: Tick ist ein sehr unsicherer Mensch, ein bisschen gefangen zwischen zwei Welten.
Einerseits in der Welt, in der er ein homosexueller Travestiekünstler ist ,und andererseits in einer
Welt, in der er aus einer früheren Beziehung zu einer Frau einen 7-jährigen Sohn hat, den er aber noch nie gesehen hat. Seine Frau bittet ihn, zu ihr nach Alice Springs zu kommen, um seinen Sohn
endlich kennenzulernen. Tick hat Angst davor, seinem Sohn gegenüberzutreten, evtl. verurteilt zu werden und nicht als Vater anerkannt zu werden.
Diese Ängste hat, glaube ich, jeder Mensch, ob hetero oder schwul. Anerkennung im Arbeitsbereich,
Freundeskreis und Familie. Wenn man ein Leben führt, dass nicht der 08/15-Norm entspricht, kann man sicher sein, dass andere Leute drüber reden werden. Das geht mir ja schon als Künstler so.
Die Facetten von Tick einerseits auf der Bühne alles zu geben, herauszulassen, was er unterdrückt,
und ein Showgirl zu sein, die Traurigkeit und Unsicherheit in seinem normalen Leben, das sind die
Ansatzpunkte, die ich benutze, um der Figur Leben einzuhauchen.
Cruiser: Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet?
Armin Kahl: Für die Rolle muss man ziemlich gut in Highheels laufen und tanzen, das war eine
Herausforderung. Auch muss ich in der Rolle Lipsync beherrschen, normalerweise singen wir auf der Bühne live. Diesmal muss ich teilweise in Shownummern, in denen ich als Travestiekünstler eine Nummer interpretiere, zu den Stimmen von unseren Diven die Lippen bewegen. Dies muss überartikuliert sein, Gestik und Mimik müssen überhöht sein. Das alles habe ichmir ein bisschen bei «RuPauls Drag Race» abgeschaut.
Cruiser: Ganz generell: Hat «Priscilla» deiner Meinung nach einen nachhaltigen Eindruck in der Pop-Kultur hinterlassen? Und: Hat «Priscilla» auch im Jahr 2019 noch eine Berechtigung?
Armin Kahl: Ich glaube, dass «Priscilla- Königin der Wüste» nicht umsonst in so vielen Ländern erfolgreich gespielt wird. Das Jukebox-Musical ist seit «Mamma Mia!» ja ein gutes Rezept. Leider bleibt da ab und zu die Geschichte auf der Strecke und es wird krampfhaft versucht, irgendwelche Lieder in eine Story zu quetschen, ohne eine gute Message zu haben.
In «Priscilla» hat man eine Message, die alle Zuschauer verbindet. Erstens durch die Musik von über 30 Jahren Popgeschichte, die die Generationen vereinigt, und durch eine Geschichte über Akzeptanz und Freundschaft. Es ist eine sehr ehrliche Geschichte und deswegen berührend.
Und natürlich feiert das Stück alle grossen Pop-Diven der letzten 30 Jahre wie Petula Clark, Donna
Summer, Cindy Lauper, Tina Turner und Kylie Minogue. Bei so einer Songauswahl bleibt niemand
auf den Stühlen sitzen!
In einer Zeit, wo der politische und soziale Rechtsruck vielen Menschen Akzeptanz, freiheitliches Denken und Reflexion streitig macht, gehört ein Stück wie «Priscilla» vermehrt auf Spielpläne.
Das freiheitliche Denken eines Theaters sollte dem Publikum verschiedensten Lebensweisen und -formen präsentieren, Interesse wecken zur Kommunikation und dadurch zum Abbauen von Vorurteilen und Ängsten beitragen.
Was sind die grössten Unterschiede zur Filmversion?
Der Unterschied zum Film liegt hauptsächlich darin, dass man in der Bühnenversion noch mehr Songs erwarten darf. Ansonsten hält die Geschichte sich schon sehr an den Film, wie wir ihn kennen.
Es gibt natürlich mehr Leute auf der Bühne, die in den Ensemblenummern die Bühne rocken; ob die Minenarbeiter in Coober Pedy , die Tourigruppe im Australischen Outback oder am Anfang unsere knackigen Tänzer bei «It´s raining men».
Ist St. Gallen nicht der falsche Ort für «Priscilla»? St. Gallen gilt nicht als besonders aufgeschlossen…
Armin Kahl: Wie ich vorhin schon erwähnt habe, gibt es überall konservativ denkende Menschen. Meine Beobachtungen, die ich bei vorherigen Shows erlebt habe, zeigen mir allerdings, dass die
Geschichte alle Menschen berührt. Dass St. Gallen nun «nicht aufgeschlossen ist», kann ich so nicht bestätigen. Und letztendlich geht es ja auch nicht «nur» um Homosexualität.
Cruiser: Sondern?
Armin Kahl: Spätestens beim Elvis-Song «You are always on my mind», wenn sich Tick und sein Sohn treffen und er von der Offenheit seines Sohnes so überrascht wird, geht es eigentlich nur um das
Zwischenmenschliche. Das ist auch das Clevere an dieser Geschichte, denn da verdrücken alle
Zuschauer ein paar Tränen. Ich habe ältere, eher konservative Herrschaften gesehen, die sich
verstohlen die Tränen weggewischt haben, Jugendliche, die mit Lächeln im Gesicht der Geschichte
folgten, oder Frauen, die sich an Ihre Männer oder mitgebrachte Familie geschmiegt haben.
Das ist, was ich erreichen möchte und was mich auch persönlich bewegt. Menschen zu berühren,
sie zum Nachdenken anzuregen. Verlorene Träume, Hoffnungen, Trauer, Liebe und Freundschaft: Das ist, was uns alle verbindet, egal aus welchem Land wir kommen, egal was wir für eine Sexualität wir leben, egal in was für einem politischen und sozialen Umfeld wir uns bewegen. Das Zwischenmenschliche ist das, was wir pflegen müssen. Das macht für mich eine gesunde Gesellschaft aus.
ARMIN KAHL
Der gebürtige Erlanger diplomierte an der Bayer. Theaterakademie August Everding in
München, gewann währenddessen zweimal Förderpreise beim Bundesgesangswettbewerb
bevor er als «Sky» 2004 in der Stuttgarter Premiere von MAMMA MIA! zu erleben war. Er
kreierte die Rolle des «Ludwig IV» im Musical ELISABETH- LEGENDE EINER HEILIGEN
und gehörte zur Premierenbesetzung des Klassikers ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW
YORK in Hamburg. Dort schwang er sich auch als «Tarzan» durch die Luft und gab den
Gangster «Curtis Schanks» in SISTER ACT. Das Musical GEFÄHRLICHE
LIEBSCHAFTEN brachte ihm eine Nominierung als bester Hauptdarsteller ein. Er
überzeugte in Titelrollen wie Dr. Jekyll & Hyde, Jesus und als Dr. Madden im Musical
FAST NORMAL. In «PRISCILLA - KÖNIGIN DER WÜSTE» am Staatstheater in München konnte man ihn als «Tick» erleben. In Wien spielte er Rollen in NATÜRLICH BLOND, BESUCH DER ALTEN DAME, MARY POPPINS, JESUS CHRIST SUPERSTAR und SCHIKANEDER.
Zu seinen Schweizer Engagements gehören die Europatournee von Disney´s AIDA in Basel
und bei den Thunerseespielen.