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Christiane Brunner verlässt den Verwaltungsrat der SBB – und wird durch Andrea Hämmerle ersetzt
«Ich koche immer noch vor Wut»
Christiane Brunner, eine engagierte Feministin, ist, wie man sagt, eine starke Persönlichkeit. Sie hat den SBB-Verwaltungsrat im Juni verlassen, nach sieben Jahren Einsitz als Personalvertreterin. Die Kämpferin war bei der Bahn mit einer nach wie vor sehr männlichen Welt konfrontiert, wie zuvor schon als Smuv-Präsidentin in der Metallindustrie.
kontakt.sev: Christiane Brunner, welche Bilanz ziehst du nach deinen sieben Jahren im SBB-Verwaltungsrat?
Christiane Brunner: Ich bin nicht wirklich eine Spezialistin für die Arbeit bei der Bahn geworden, habe aber meine gewerkschaftliche und politische Erfahrung einbringen können, wie zum Beispiel auch meine Kenntnisse des Arbeitsrechts und der zweiten Säule.
Ist es eine einfache Aufgabe, in einem Verwaltungsrat das Personal zu vertreten?
Der Verwaltungsrat ist das Gremium, das bei der SBB die strategischen Entscheide fällt und in erster Linie das Ziel verfolgt, die wirtschaftliche und finanzielle Zukunft des Unternehmens zu sichern. Dieses höchste Ziel steht oft im Widerspruch zu den Fragen, die das Personal direkt betreffen, beispielsweise bei Restrukturierungen, was die Position der Personalvertreter/innen im Verwaltungsrat besonders heikel macht.
Bio
Christiane Brunner wurde vor 65 Jahren in Genf geboren und lebt noch immer dort. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete sie als Anwältin und machte eine lange Karriere als Politikerin (bei der SP) und Gewerkschafterin.
Politische Karriere: 1981 bis 1990 Abgeordnete im Grossen Rat des Kantons Genf, 1991 bis 1995 Nationalrätin, 1995 bis 2007 Ständerätin, 2000 bis 2004 Präsidentin SP Schweiz. Christiane Brunner setzte sich als Politikerin vor allem auf den Gebieten der Sozialversicherungen und des Arbeitsrechts ein. Insbesondere aber kämpfte sie während ihrer ganzen Karriere unermüdlich für die Rechte der Frauen.
Als Gewerkschafterin präsidierte sie ab 1982 den VPOD (Verband des Personals öffentlicher Dienste) und ab 1992 den Smuv (Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband, 1992 umbenannt in Gewerkschaft Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen) bis zur Fusion mit der GBI (Gewerkschaft Bau und Industrie) zur Unia per 1. Januar 2005. 1996 orchestrierte sie die Gründung der «kleinen» Gewerkschaft unia für die Branchen Verkauf, Gastgewerbe und Banken.
Privat ist Christiane Brunner aktive Grossmutter und geniesst mit ihrem Mann Jean Queloz ihre zurückgewonnene Freizeit, möglichst oft in ihrem Chalet im Vallée de Joux.
Hat man als Frau in der letztlich noch immer sehr männlichen Welt des Verkehrs mehr Vorteile oder mehr Nachteile?
Schon vorher hatte ich in der Politik und als nationale Präsidentin der Metallarbeitergewerkschaft mit sehr männlichen Welten zu tun gehabt. Trotzdem hat mich, als ich zur SBB kam, diese noch immer fast ausschliesslich männliche Welt überrascht. Es gab da für die Sache der Frauen wirklich noch sehr viel zu tun.
Ich habe gelesen, dass du Mühe hattest, Ideen wie etwa die Schaffung von Krippen für die Kinder der SBB-Mitarbeitenden durchzubringen. Bist du dennoch zufrieden mit dem, was du für die Gleichstellung bei der SBB tun konntest?
Wenn es zu Beginn auch schwierig war, habe ich zu meiner grossen Genugtuung doch dazu beitragen können, dass bei der SBB ein «Gender Management» mit klaren und überprüfbaren Zielen eingeführt wurde. Die Förderung der Frauen im Unternehmen – inklusive Kaderfrauen – hat einen grossen Schritt nach vorn gemacht. Es ist aber nicht einfach, und die Anstrengungen müssen langfristig aufrechterhalten werden. Was die Krippen betrifft, sind die ersten immerhin schon geplant. Und die SBB beteiligt sich am Lohngleichheitsdialog, den die Eidgenossenschaft und die Sozialpartner zusammen lanciert haben.
Welche Verbesserungen müssten aus deiner Sicht vorgenommen werden, damit die SBB-Mitarbeitenden Beruf und Privatleben noch besser unter einen Hut bringen können?
Teilzeitarbeit für Männer ist im öffentlichen Verkehr noch nicht sehr verbreitet, nicht wahr? Die SBB muss noch grosse Anstrengungen unternehmen, um sowohl den Frauen wie den Männern Teilzeitstellen anbieten zu können. Das Thema kommt zur Sprache, doch die konkrete Umsetzung scheitert noch an der Tradition und den Schwierigkeiten der Stellenplanung. Obgleich es offensichtlich ist, dass die Teilzeitarbeit eines der besten Mittel darstellt, um für Personen mit Familienverpflichtungen das Berufsund Privatleben vereinbar zu machen und um nicht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verlieren, die für die komplexen Abläufe des Bahnverkehrs schon ausgebildet sind.
Ich koche noch immer vor Wut über die Stellungnahme der Standesorganisation der Lokführer (VSLF) gegen die Einführung der Teilzeitausbildung für Lokführer/ innen. Sie war dagegen, weil sie letztlich in dieser Funktion keine Frauen will.
Was ist deine schönste Erinnerung aus deiner Zeit im Verwaltungsrat SBB?
Der schönste Moment für mich war, als ich erfuhr, dass eine Frau für die Stelle als Leiterin des Personenverkehrs vorgeschlagen wurde und als sie von unserem Gremium gewählt wurde. Ein anderer genussvoller Moment war die Lektüre des Buches «Weichenstellung Zukunft – Pionierinnen der SBB erzählen » (herausgegeben von SBB Historic). Es ist voller authentischer, lustiger Geschichten und hat das Zeug zu einem Bestseller.
Was war für dich der schlimmste Moment?
Der schlimmste Moment im Verwaltungsrat SBB war die Sitzung, in der ich eine ganz hochoffizielle und formelle Rüge dafür bekam, dass ich es gewagt hatte, öffentlich gegen das Gesetz Stellung zu nehmen, das die Öffnung der Läden in allen Bahnhöfen am Sonntag zuliess.
Welche Ratschläge könntest du deinem Nachfolger geben?
Jedes einzelne Mitglied dieses Verwaltungsrats bringt seine eigene Persönlichkeit und seine Überzeugungen mit und es wäre unklug, sich darin einzumischen, wie ein Mandat, das man abgegeben hat, künftig ausgeübt wird.
Interview: Henriette Schaffter / Fi