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Allerheiligen war, wegen Beängstigung und Gefahren in die Stadt zu verlegen gedachten. Denn sie fürchteten, daß, wenn das Volk sich außerhalb in der Kirche befinde, eines Tages Verrätereien und Übergabe der Stadt stattfinden, die Stadt erobert und das Volk draußen in Gefahr gebracht werden könnte, weil damals die Zeiten ziemlich unruhig waren. Auch konnte man bei großen Festen nicht gut dem Gottesdienst bei Nacht anwohnen, weil die Tore nicht geöffnet wurden, und viele blieben auch an den Sonntagen der Kirche fern, die entweder nicht herauskommen konnten oder wollten.
Auch sah man, daß das Volk den Predigern und Minoriten zu ihren Kirchen und Bauten reichlich beisteuere und vieles denselben Klöstern gegeben werde, was der Pfarrkirche gegeben worden wäre, wenn sie in der Stadt gelegen wäre. Überdies bestellen viele bei den Klöstern ihre Gräber, die sie nicht geändert hätten, wenn die Pfarrkirche mit dem Kirchhof in der Stadt gebaut gewesen wäre. Als nun der Beschluß gefaßt worden war, bestimmten sie, die Pfarre überhaupt in die Stadt zu verlegen, was jedoch für sie wegen der Gräber der Ihrigen und wegen des trefflichen Schmucks und Verzierung der Kirche schwierig war. Es war nämlich, wie oben gesagt worden ist, die Kirche sehr kostbar und mit beständigem Glanz vieler Lampen geschmückt.
Daher wählten sie einen Platz zur Errichtung der neuen Kirche zu Ehren der heiligen Jungfrau fast im Zentrum und der Mitte der Stadt, wo schon lange eine Schwitzstube gebaut stand mit mehreren andern Häusern. Diese Häuser kauften die Bürger und reinigten den Platz, um die Fundamente zu legen. Aber auch für den Kirchhof kauften sie das Haus der Schwestern von der dritten Regel des heiligen Franziskus, welche die Schwestern von Beuren hießen und wiesen ihnen einen Platz auf dem Sand d. h. am Grieß an; und weil der Tempel, den sie bauen wollten, groß werden sollte, so nahmen sie den größten Teil des Gartens der Minoriten-Brüder dazu, um die Fundamente der Kirchtürme zu legen und nachher vor der Kirche einen freien Platz zu haben. Und so wurde der Raum der Minoriten-Brüder ziemlich eng, der doch geräumig gewesen war, weil er fast den ganzen Platz umfaßte. Als nun auf dem geebneten und gereinigten Platz die Größe, Länge und Breite der zu erbauenden Kirche bezeichnet war, bauten sie in den Kreis selbst hinein eine hölzerne Kirche und hölzerne Altäre (pag. 37) mit Trägern, in welcher bis zur Aufrichtung der Kirche der Gottesdienst gehalten werden sollte.
Denn sie eilten, die Kirche schneller in die Stadt hineinzubringen, weil ihnen Überfälle drohten und das Werk groß war und zudem die Stadt noch nicht ringsherum eine Mauer hatte. Daher eilte jedermann, Frauen und Männer, Alte und Junge, Reiche und Arme, Geistliche und Weltliche zur Arbeit herbei. Also im Jahr des Herrn 1377 lösten die Ulmer die alte Pfarre, die Kirche zu Allerheiligen, auf und führten und trugen alles auf den Schultern in die Stadt an den zum Bau der Kirche bestimmten Platz, und als alles hereingebracht war, gruben sie die Fundamente der Mauern bis aufs Wasser und schlugen in den Schlamm Pfähle aus dem stärksten Ulmenholz ein, um darauf die Grundsteine und große Felsblöcke zu legen, die eine so gewaltige Masse tragen sollten. Es war aber schauderhaft anzusehen die Tiefe, die Größe und der ringsherumgeführte gewaltige Kreis des Grabenwerks. Denn dieser Kreis beträgt ringsherum 464 Schritt. Als nun der Platz zum Fundament bereit stand, kündigten die Werkmeister den Ratsherren an, daß die Fundamente zu legen seien, und da dies das Werk der Ratsherren war, mußten mit Recht die Vornehmeren von ihnen den ersten Stein legen, dieweil sie dieses große ¶
Gebäude auf Kosten ihrer Stadt anzufangen, zu vollenden und abzuschließen beabsichtigten und beschlossen, daß keine Bitte hiefür außerhalb Ulms stattfinden solle, und keine besonderen Ablässe hiezu erlangten und keines Fürsten Hilfe anriefen mit Ausnahme des edlen Grafen von Wirtenberg, dem ein Teil des Baugrundes zu gehören schien, mit Rücksicht auf die Kirche des heiligen Georg und des ehemals an dieser Stelle von den Wirtenbergern gegründeten Klosters; denn von diesem Grafen mußte man die Zustimmung erbitten.
Gerne aber willigte der edle Graf ein, da er die Hochherzigkeit dieser Bürger bewunderte, daß sie ein so staunenswertes Werk mit eigenen Kräften auszuführen sich vornahmen. Als nun im ebengenannten Jahr der letzte Tag des Juni angebrochen und die ganze Geistlichkeit und das Volk an der Baustelle versammelt war, so waren sie bereit, feierlich den ersten Grundstein zu legen. Nach dem Beschluß des Rates stieg der angesehene Herr Ludwig Krafft, der damals die Bürgermeisterwürde inne hatte, in die Fundamentgrube (pag. 38) hinab mit einigen von den Vornehmsten, um den gewaltigen Felsblock in Empfang zu nehmen, der nach Anordnung der Werkleute oben in der Höhe in einer starken Klammer hing. Um die dritte Stunde des Tages nun, um welche der Heilige Geist den Aposteln gesandt wurde, begannen nicht die Werkleute, sondern die Ältesten von Ulm, den Stein in die Grube hinabzulassen; einige von ihnen drehten das Rad oder hielten es fest, andere hielten das Seil mit der Hand.
Der hohe Herr Johannes Ehinger, genannt Habfast, aber und Konrad Besserer, der Stadthauptmann, und die übrigen hohen Herren standen über dem Graben, und berührten den Stein mit den Händen und richteten ihn abwärts gegen die Hände des Bürgermeisters Ludwig Krafft und der übrigen, die in der Grube warteten. Alles dieses aber geschah mit großem Ernst, während die Geistlichkeit sang, das Volk betete und allerlei Arten von Musikern spielten etwa so, wie man Esra 3 liest.
Nun nahm der genannte Krafft den Stein, richtete ihn an die schon mit Mörtel 1) bedeckte Stelle und legte ihn nieder. Als aber der Grundstein gelegt war, öffnete, der ihn gelegt hatte, seine Börse, nahm Gold heraus und bedeckte und schmückte mit 100 funkelnden (Gold)-Gulden den Felsblock, nach ihm stiegen auch die übrigen Patrizier hinab und schmückten den Grundstein mit Gold und Silber, ebenso machten es auch die vom ehrbaren Volk und die Andächtigen vom gemeinen Volke; und so wurden große Geschenke an diesem Tag für den Bau zusammengebracht.
Es wuchs nun das Werk in ihren Händen, und innerhalb 111 Jahren, nämlich vom Jahr seiner Gründung 1377 bis zum jetzigen Jahr 1488 wurde es ein Tempel zum Staunen und zur Bewunderung für alle Völker und Jahrhunderte. Und nicht so sehr bewundert, wer es sieht, den gewaltigen Bau, als die Großherzigkeit und die Kühnheit der Gründer, daß sie in einer so kleinen Stadt ohne Anrufung von Fremden, ohne Beihilfe und Betteln ein solches Gebäude zu errichten wagten, dessen riesiger und erhabener Glockenturm heute zur Ehre der göttlichen Majestät, wie wenn er in den Himmel wachsen wollte, in die Höhe strebt. Das schon längst vollendete Schiff der Kirche 2) selbst aber strahlt innen in solchem Glanz, daß die Fremden, die dahin kommen, den Schmuck bewundernd es für eine Wohnstätte nicht sowohl der Sterblichen, sondern der Himmlischen erklären. Sehr viel tragen aber zum Schmuck dieser
1) Caementum eigentlich kleine Bruchsteine.
2) Tabernaculum heißt sonst Sakramentshäuschen; dies paßt hier aber nicht teils wegen der Zeit, da an diesem noch in den siebenziger Jahren des 15. Jahrhunderts gearbeitet wurde, teils wegen des Ausdrucks «innen» (ab intra). ¶