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Ab sofort übernimmt Guy Boucher (42) den SC Bern. Bereits heute leitet der Kanadier das Training und kommandiert die Berner erstmals am Freitag im Heimspiel gegen Ambri.
Seine Vorgänger Larry Huras (Ka) und Antti Törmänen (Fi) scheiterten beim SCB als Meistertrainer. Sie wurden ruhm- und ehrlos nach Heimniederlagen gegen die ZSC Lions bzw. Biel, unmittelbar nach der Schlusssirene, von SCB-General Marc Lüthi standrechtlich gefeuert. Kein anderes Hockey-Unternehmen macht mit seinen Trainern so wenig Federlesen wie der SC Bern. Wie stehen nun Guy Bouchers Chancen auf eine lange und unbeschwerte Amtszeit?
Das Beispiel der ZSC Lions zeigt, dass NHL-Generäle inzwischen auch in der NLA funktionieren können: Die Zürcher holten nach der Chaos-Saison 2010/11 (mit Colin Muller und später Bengt Ake Gustafsson) im Sommer 2011 den charismatischen und autoritären NHL-General Bob Hartley. Sie feierten im Frühjahr 2012 den Titel. Aber Bob Hartley wäre um ein Haar früh gescheitert. Zeitweise stand der Kanadier im Dezember 2011 nur noch eine Niederlage vor seiner Entlassung und schaffte die Playoffs lediglich auf Rang 7.
Der ausgebildete Psychologe Guy Boucher ist zwar bei weitem kein so «harter Hund» wie der unerbittliche Bob Hartley. Er ist einer der modernen NHL-Generäle, die nicht nur kommandieren, sondern auch erklären und den Spielern zuhören. Aber in seinem Wesen gibt es eine Spur Mike Keenan, und auf einer «Harte-Hunde-Skala» mit Mike Tyson am einen und Alain Sutter am anderen Ende steht der neue SCB-Trainer immer noch bedrohlich nahe bei Tyson.
Guy Boucher gilt als der Hockeycoach mit dem stechendsten, durchdringendsten Blick. Zumindest in dieser Beziehung ist er so etwas wie die Eishockey-Antwort auf den Schauspieler Jack Nicholson («Shining», «The Postman Always Rings Twice»).
Der Wechsel vom freundlichen, ja sanften und antiautoritären Chef Antti Törmänen zu einem NHL-General wird in Bern den grössten Kulturschock seit dem Einmarsch der Franzosen im Frühjahr 1798 auslösen.
Aber der SCB wird durch den zweiten Trainerwechsel in dieser Saison nicht einfach auf Knopfdruck dauerhaft erfolgreich sein. Es braucht nach anderthalb Jahren Selbstverwaltung und taktischer Verwahrlosung («Reitschul-Prinzip») einen Neuaufbau der Leistungskultur. Dieser Prozess wird Monate dauern und vielleicht erst gegen Ende der nächsten Saison abgeschlossen sein.
Und es ist sehr wohl möglich, dass die Spielweise vorerst nicht den Spektakel-Vorstellungen von SCB-General Marc Lüthi entspricht. Weil Guy Boucher das SCB-Spiel erst einmal wieder ordnen und defensiv stabilisieren muss.
Die Wahl des richtigen Trainers ist nur der erste Schritt der Berner zurück zum Erfolg. Der zweite Schritt ist die Investition ins Personal. Mit den miserablen aktuellen Ausländern kann auch der neue SCB-Trainer nicht den Titel holen.
Guy Boucher ist zwar die richtige Wahl. Der SCB hat endlich, endlich, endlich und spät, aber nicht zu spät, einen richtigen Trainer geholt. Doch der neue Chef kann letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn er von Marc Lüthi durch alle Böden hindurch gestützt wird. So wie es Peter Zahner bei Bob Hartley in Zürich getan hat. Und nicht bei den ersten Turbulenzen und Spieleraufständen wieder den Trainer feuert.
Die grosse, die bange Frage in Bern ist also nicht: Wie gut ist NHL-General Guy Boucher? Sondern: Verliert SCB-General Marc Lüthi wieder die Nerven?
Der SCB hat in Biel eine dramatische Partie nach einer 3:1-Führung im Schlussdrittel aus der Hand gegeben wie ein Liga-Neuling (3:4 n.P). Unfassbar, die Art und Weise, wie eine Mannschaft mit so vielen erfahrenen, talentierten und taktisch gut geschulten Spielern im dritten Spiel bereits in die dritte Niederlage taumelte. Es ist saisonübergreifend die 8. Pleite in den letzten 10 Partien. Der SCB hat unter seinem schwedischen Trainer nur noch 20 der letzten 55 Spiele gewonnen. Erfolgloser waren in dieser Zeit nur noch Ajoie und Langnau. In der ganzen Klubgeschichte (seit 1931) hat sich kein Trainer mit einer solchen Bilanz im Amt gehalten. Wie ist das möglich?