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Sammlung
„Skulptur des Monats“ August 2004
Der sogenannte „Disuswerfer des Myron“
Original
Datierung: 460 v. Chr. Original aus Bronze verloren gegangen; es sind verschiedene römische Marmorkopien vorhanden.
Standorte: Museo Nazionale Romano, Vatikanische Museen und andere Sammlungen
Fundorte: Villa Hadriana (Villa des Kaisers Hadrian) in Tivoli
Material: Marmor
Höhe: 1,33 m (ohne Plinte), 1,55 Meter (mit Plinthe)
Ergänzungen: Finger der linken Hand, ein Teil des Diskus, am rechten Bein ein Stück zwischen Wade und Knöchel, Kopf und Hals
Abguss
Inv.-Nr.: 69-30/SH 948
Vorlage: Gipsrekonstruktion im Museo della Civiltà Romana bei Rom
Hersteller: Gipsformerei Mercatali in Rom (1969)
Material: Bronzierter Gipsabguss
Werkbeschreibung
Es sind uns zwei berühmte Diskuswerfer-Statuen aus der Antike bekannt: Der Diskobol des Myron und der des Naukydes. Die berühmtere war zweifellos jene des Myron. Der griechische Bildhauer Myron stammte aus Eleutherai in Nordattika. Seine Schaffenszeit lag in der Mitte des 5. Jhs. v. Chr. In den Naturhistorien des Plinius (Kap. XXXIV, 58) wird Myron für seine naturgetreue Darstellung (veritas) gelobt. Leider ist keines seiner Werke im Original erhalten, doch es haben sich zahlreiche römische Marmorkopien erhalten, die die Bedeutung und Berühmtheit der myronischen Werke untermalen. Vom Diskuswerfer zeugen sechs unterschiedlich erhaltene Marmorkopien. Die qualitativ beste Replik wurde in Castel Porziano gefunden und wird im Römischen Nationalmuseum aufbewahrt – sie ist aber nur als Torso erhalten; die Replik Lancelotti, die auf dem Esquilin in Rom gefunden wurde und über die Sammlung der Familie Lancelotti ebenfalls im Museo Nazionale Romano in Rom überführt wurde, überliefert als einzige grossplastische Wiedergabe die richtige Haltung des Kopfes. Zwei weitere, fragmentierte Repliken stammen aus der Villa des Hadrian in Tivoli, von denen die eine nach London ins Britische Museum, die andere in den Vatikan gelangte. Die Replikenliste lässt sich um zwei isolierte Köpfe im Louvre und Basel (Abb. 2) erweitern. Schlielich seien noch eine Kleinbronze in der Münchener Antikensammlung und die Darstellung auf einer Gemme im British Museum (siehe Abb. 3) erwähnt.
Abbildung 1: Der „Diskobol“ in der Skulpturhalle.
Die vorliegende Rekonstruktion hat der Archäologe G. E. Rizzo für das Museo della Civiltà Romana unter Verwendung folgender Replikenteile anfertigen lassen: Torso von der Kopie aus Castel Porziano, Kopf von der Statue Lancelotti, Füsse von der Replik in London und ferner ein rechter Arm mit Diskos in der Galleria Buonarotti in Florenz.
Lucian, ein römischer Schriftsteller aus dem 2. Jh. n. Chr. nimmt in Philopseudes 18 mit folgender Passage Bezug auf den Diskobol: „Du meinst doch nicht den mit dem Diskus, der sich gerade zum Abwurf vorbeugt; den Kopf hat er zurückgedreht mit dem Blick auf die Hand, die die Scheibe schwingt, das andere Knie ein wenig eingeknickt, und er sieht aus, als werde er sich zugleich mit dem Wurf wieder aufrichten? – Nein, nicht den, das ist der Diskuswerfer, von dem du sprichst; den Myron geschaffen.“ Damit beschreibt Lucian kurz und doch präzis den Sachverhalt der Statue. Sie zeigt einen jungen Athleten beim Ausholen unmittelbar vor dem Abwurf der Diskusscheibe. Sein Körpergewicht lastet auf dem rechten angewinkelten Bein (Standbein), der Fuss ist etwas nach rechts aussen aufgesetzt. Das entlastete linke Bein (Spielbein) ist ebenfalls angewinkelt und nach rechts hinter das rechte Bein geführt. Der muskulöse Oberkörper ist nach vorne gebeugt und vollzieht eine Drehung nach rechts, so dass dem Betrachter die breite Brustfront zugewandt ist. Der nach hinten ausgestreckte rechte Arm vollführt einen Halbkreis zum linken nach unten hängenden Arm. Der Kopf liegt in der Achse des geneigten Oberkörpers, der Blick ist auf den Diskus gerichtet. Die scharfkantig abgehobenen Gesichtszüge sind von ebenmässiger Schönheit. Die kurzgelockten Haare liegen eng am Kopf an und der ausgeprägte Hinterkopf tritt deutlich hervor.
Myron hat seinen Athleten augenscheinlich in jenem spannungsgeladenen Moment unmittelbar vor dem Wurf wiedergegeben. Trotz der suggerierten Bewegung ist der myronische Diskobol nicht in einem flüchtigen Bewegungsmoment im Sinne eines fotografischen Schnappschusses erfasst; dem widerspricht die Ausgeglichenheit der Komposition, die Beinhaltung mit den umgeknickten Zehen am Spielbeinfuss sowie auch die ruhige Kopfhaltung. Auffallend ist, wie die Konturen der Beine, der Arme und des Rumpfes eine Reihe von übereinander geschich-teten Dreiecken umschreiben. Spannung und Entspannung, Gewichtsverlagerung und Gegen-schwung, Ruhe und Aktion halten sich die Waage. Aus diesem Grund wäre es verfehlt, die Skulptur als Hinweis für den Bewegungsablauf des antiken Diskuswurfs zu verwenden, was von den Archäologien allzu oft versucht wurde, da hier keine präzise Phase „eingefroren“ ist. Für die antiken Betrachter war aber eine solche gewagte Komposition dennoch etwas völlig Neues. Mit der in den Raum greifenden Komposition und der Suggestion von Bewegung war Myron seiner Zeit weit voraus.
Abbildung 2: Replik in Basel (links). Gemme in London (rechts).
Eine andere Frage der archäologischen Forschung kreist um die Deutung der Figur. Viele sehen darin eine Athleten. Zwar hat Myron wie auch andere berühmte Bildhauer (etwa Polyklet) zahlreiche Siegerstatuen von zeitgenössischen Athleten geschaffen, aber auf der anderen Seite besassen Statuen von sterblichen Athleten keine überregionale Bedeutung und wurden von den Römern denn auch nie kopiert. Die erwähnte Gemme aus London trägt neben der Diskoboldarstellung die Beischrift Hyakinthos. Dieser griechische Heros übte sich mit Apoll im Diskuswerfen. Es könnte also durchaus sein, dass der myronische Diskobol diese mythologische Gestalt meint.
Der in der Rechten gehaltene Diskus ist, wie auch heute noch, eine kreisrunde dünne Scheibe. Die antiken Disken konnten allerdings im Umfang und Gewicht variieren (je nachdem, ob sie für einen Knaben oder ausgewachsenen Mann gedacht waren). In der Frühzeit war der Diskus aus Stein, später aus Bronze oder Blei. Erstmals wird der Diskuswurf von Homer (8. Jh. v. Chr.) in der Ilias erwähnt, als er die Leichenspiele zu Ehren des gefallenen Helden Patroklos beschreibt. Der Diskuswurf fand im Rahmen zahlreicher griechischer Sportwettkämpfe statt. Das Heiligtum von Olympia war dabei nur eines unter vielen solcher Sport- und Festorte. Dort zählte diese Sportart seit 706 v. Chr. zu den Disziplinen des Fünfkampfs (neben Diskuswerfen auch Weitsprung, Speerwurf, Laufen und Ringkampf). Diskuswerfen ist auch heute noch eine „olympische“ Disziplin.
Heute zählt der Diskuswerfer des Myron zu den vertrautesten Antiken. Wie kaum eine andere griechische Statue hat er massenhafte industrielle Verbreitung zu Dekorzwecken erfahren, von der exakten Kopie für Stadionplastik bis hin zur plumpen Nachahmung für den Garten. Immer wieder erscheint er auch in der Werbung, wo er für die Vermarktung von Fitnesszentren und Sportartikeln oder aber auch allerlei weiterer Produkte wie CDs oder Schuhe herhalten muss.
Marianna Musella
Auswahl an Literatur
- B. Schröder, Zum Diskobol des Myron (1913).
- Paolo E. Arias, Mirone (1940) Taf. 4, 11.
- John Boardman, Griechische Plastik. Die klassische Zeit (1987) S. 105ff. Abb. 60ff.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)