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Hochgeehrter Herr und Freund!
Herr von Röder hat heute eine Note1 von Bülow2 und ein dazugehöriges Promemoria3 mitgetheilt.4 Der Inhalt
der Note ist folgender: Die deutsche Regierung habe vorerst
sich mit Italien ins Benehmen gesetzt; da sie aber
von dorther noch keine Antwort erhalten, so sehe sie
sich veranlasst sich an uns zu wenden u erkläre
auch jetzt noch mit allem Interesse bei dem Gothard
betheiligt zu sein. Bevor aber die Conferenz beschickt
werden könne, müsse eine gemeinsame Grundlage dafür
gesucht und zwischen allen drei Staaten vereinbart werden.
Einen Vorschlag dazu enthalte das beiliegende Promemoria. |
Dieses letztere enthält folgende Puncte von Bedeutung:
1) die technischen Abänderungen welche von den hiesigen Experten vorgeschlagen wurden, werden angenommen. (Einzig wird doppelspurige Anlage des Goldauertunels5 verlangt.)
2) die Kostenberechnungen werden als gewissenhaft anerkannt und den deutschen Vorschlägen zu Grunde gelegt.
3. es wird das Bedauern ausgesprochen, dass zwar Finanzpläne der Direction nicht aber solche des Bundesrathes vorliegen.
4. die Vorschläge der Direction werden als zu weitgehend bezeichnet; bei der Berechnung des Deficits könne Deutschland nur die Kosten für eine durch| gehende Linie in Rechnung bringen lassen; die Kosten für Luzern–Immensee, Zug–Arth, und Bellenz–Lugano hätten wegzufallen.6 Bei dieser Reduction des Programmes bleibe nur noch ein Deficit Fr. 45.600.000 und ein Ertrag von Fr. 6.000.000. Dieser letztere genüge, um nicht bloss die Obligationen des jetzigen Finanzplanes (68 Millionen) sondern auch noch weitere Fr. 25.500.000 zu verzinsen. Ziehe man letztere neu zu beschaffende Summe von den obigen 45½ Millionen ab, so bleiben noch als unaufbringliches d. h. durch neue Subventionen zu deckendes Deficit 20 Millionen. (In dem Pro memoria das mir nicht vor den Augen liegt ist die Summe genauer berechnet u beträgt annähernd 19 Millionen.)7 An dieser Summe, | aber an keiner höhern, wolle sich Deutschland betheiligen.
Das ist der Hauptinhalt des Actenstückes, über das ich mich jeder Bemerkung heute enthalte: Unbegreiflich ist es mir, dass u. wie wir uns über diese «Grundlage» vor dem Zusammentritt der Conferenz vereinigen sollen.
Ihr
E Welti
Bern den 13. April 1877.