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Familientreffen in der Checkerboard Lounge
Die «Checkerboard Lounge» war ein Bluesklub in der South Side von Chicago, der in den 1970er und 80er Jahren viele spontante Jam-Sessions sah. Die «Lounge» gehörte damals Buddy Guy. Am 22. November 1981 ereignete sich dort ein spontanes Treffen zwischen Muddy Waters und drei Vierteln der Rolling Stones. Eine anlässlich des 50sten Geburtstags der Stones neu editierte DVD mit beigefügter CD macht den Moment nun auch für jene erlebbar, die damals nicht das Glück hatten, in der «Checkerboard Lounge», zu sein. Der Hausherr kommt auch auf die Bühne, dazu Junior Wells und ein unterhaltsamer, aber offensichtlich etwas angeschlagener Lefty Dizz. Man traf sich für eine plauschige Jam-Session, bei der Muddy Waters stets klar der Chef bleibt, und Mick Jagger für einmal der Sidekick ist. Die nun veröffentliche DVD ist ein Zeitdokument und ein Leckerbissen für Bluesfans, aber vor allem zeigt er grosse Stars in angeregtem Austausch. Keith Richards hatte auf jeden Fall einen guten Abend.
Muddy Waters war zum Zeitpunkt des Konzerts 69 Jahre als, zwei Jahre später sollte er bereits tot sein. Laut Wikipedia soll dieser Mitschnitt das letzte Tondokument des Meisters sein (1982 gab es dann noch einen letzten öffentlichen Auftritt als Gast von Eric Clapton in Florida). Schon aus diesem Grund ist diese Aufnahme historisch, aber vor allem zeigt sie, dass Muddy Waters‘ Kunstform, der Chicago Blues, im Rock’n’Roll der Rolling Stones weiterlebt. Der Patriarch des Blues scheint stolz, mit der berühmtesten Rockband der Welt auf der Bühne zu stehen, die natürlich ihren Namen aus einem seiner Songs genommen hat.
Das Konzert scheint nicht geplant,es macht tatsächlich den Anschein einer Jam-Session. Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood (Charlie Watts ist nicht auszumachen, der ging vielleicht in einen Jazz-Club) wollten sich Muddy ansehen, also gingen sie in den Klub, in dem das Konzert bereits in vollem Gang war. Mit dabei hatte sie Pianist Ian Stewart (1938–1983), der zwar die Stones mit gegründet hatte und auf Konzerten und Aufnahmen mitspielte, aber seit 1963 kein reguläres Mitglied der Band mehr war. Die Muddy Waters Bluesband – bestehend aus John Primer (g), Rick Kreher (g), Lovie Lee (p), George «Mojo» Buford (h), Earnest Johnson (b) und Ray Allison (dr) – hatte mit Lee als Sänger bereits zwei Titel gespielt (Sweet Little Angel und Flip Flop and Fly), ehe Muddy auf die Bühne trat. Er schnallt sich die cherry-rote Tele um und steigt in You Don’t Have to Go ein, gefolgt von Country Boy, auf dem er ein grossartiges Slidesolo zeigt.
Bei Baby Please Don’t Go kommen dann die Stones, und Waters bittet erst Jagger, dann Richards und schliesslich Wood auf die Bühne, worauf sie sich brav an seine Seite stellen, und nach Kräften mittun (Wood kriegt das Slide-Röhrchen des Meisters). Die beiden Gitarristen fühlen sich gut ins Bandgefüge ein (Kreher verlässt irgendwann die reichlich enge Bühne), und Jagger gibt sich alle Mühe, findet aber zunächst nur schwer in den Song. Auch scheint die Bühne etwas klein für seine sonstigen ausladenden Bewegungen, aber über die nächsten Songs wird er warm. Bemerkenswert ist auch die rote Ballonseide, aus der sein Freizeitanzug ist. Diese Art der Jogging-Anzüge wurde später als Proll-Uniform verunglimpft, aber 1981 war das noch modische Avant-garde!
Es folgen gemeinsame Aufnahmen der Titel Hoochie Coochie Man, Long Distance Call und Mannish Boy. Beim letzten Titel stimmt dann alles zusammen und diese über 10 Minuten dauernde Aufnahme von Mannish Boy zählt sicher zu den animiertesten seit langem. Waters tanzt auf der Bühne vor Freude. Er ist nicht nur der Patriarch, der in diesem Moment seine Nachfolge gesichert sieht, er macht in diesem Song rauhster Männlichkeit und groben Machotums auch klar, wer der Herr im Haus und zugleich der coolste im Laden ist, nämlich er selbst ( klicken für das Video). Die Stones spielen vielleicht nicht die Rolle der ehrfürchtigen Schüler, aber sie können es auch nicht ganz fassen, dass sie hier auf der Bühne stehen mit ihrem Idol. Muddy kriegt Jagger nicht mal dazu, die Textzeile «I’m a rolling stone» zu singen, diese Art der Selbstironie kommt erst Jahre später – bei ihrem Cover von Dylans Like a Rolling Stone.
Muddy braucht ein Päuschen, und auch Jagger setzt sich wieder. Es übernehmen also Muddy Zöglinge, die während Mannish Boy dazu gekommen sind: Buddy Guy, Junior Wells und ein offensichtlich angetrunkener Lefty Dizz, ein Gentleman mit viel Bühnenpräsenz. Ian Stewart ist inzwischen auch auf die Bühne gekommen und er ersetzt Lovie Lee. Diese zusammengewüfelte Jam-Band spielt einige Titel: Wells übernimmt Gesang bei Got My Mojo Working und Guy bei Next Time You See Me, ehe Lefty Dizz das Mikrophon ergreift für One Eyed Woman und erneut Please Don’t Go. Richards und Wood stehen derweil am Rand mit ihren Gitarren und haben einfach viel Spass. Schliesslich wird es Muddy Waters zu bunt und er verscheucht Dizz und greift selbst nochmal zum Mikrophon für Clouds in My Heart und Champagne and Reefer, dass er als Duett mit Jagger performt. Der letzte Song ist klar eine Anspielung auf die After-Show-Party und man kann annehmen, dass es an diesem 22. November 1981 noch lange und wild zu und her ging.
Die DVD bringt also eigentlich bloss fünf Titel, bei denen Muddy Waters tatsächlich mit den Rolling Stones zusammen spielt, aber das ganze Konzert mit 15 Songs zeigt eine spontan geschaffene Dramaturgie, die einfach Freude macht. Die Mitglieder der Rolling Stones hatten Muddy Waters das erste Mal in Chicago bei ihrem ersten USA-Besuch getroffen, als dieser auf Bitte von Phil Chess gerade das Studio strich – Jetzt sind sie Gäste in einem Klub, der seinem langjährigen Schüler Buddy Guy gehört, und die Weltstars sind voller Erfurcht vor diesem Mann, mit dem alles angefangen hat, und ohne den es keine Rockmusik in dieser Form gäbe. Schön, dass mit der DVD endlich diese Konzert verfügbar gemacht wurde.
Muddy Waters & The Rolling Stones Live At The Checkerboard Lounge, Chicago 1981 DVD/CD (2012)