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Die Querdenker
Mein lieber schlitzohriger Bruder Felix, deine Überlegungen haben mich sprunghaft zum derzeit ja auch aktuellen Begriff «Querdenker» katapultiert. Ein Querdenker, eine Querdenkerin denkt, wie es schon der Name verrät, lateral, um die Ecke. Er/sie vertraut nicht dem ersten Anschein, sondern schaut sich das Problem von allen Seiten her an. Ein früher Querdenker dürfte der Apostel Thomas gewesen sein, der erst nach einem realen Faktencheck an die Wiederauferstehung von Jesus glauben mochte und der auch die Himmelfahrt von Maria anzweifelte, bis sie ihm erschien und ihren Gürtel übergab, eine später überaus geschätzte und hoch bezahlte Reliquie.
Die historisch wohl bedeutendsten Querdenker in der Zürcher Altstadt waren die Wiedertäufer. Gottfried Keller hat sie in der Novelle «Ursula» verewigt. Die Wiedertäufer bestanden darauf, dass der Mensch urteilsfähig sein solle, das heisst alt genug, um sich für den Glauben und für die Taufe zu entscheiden. Damit stellten sie aber die Einheit von Staat und Kirche in Frage. Verrat, Verrat! Die Täufer wurden in der Limmat ersäuft. Das war eine brutale und dumme Art, mit Nonkonformisten und unbequemen Geistern umzugehen. Gescheiter ist doch wohl, ihren Input entgegenzunehmen und am Gewohnten zu messen. Kopernikus, Galilei und Darwin gehörten ebenfalls in diese Reihe, auch wenn sie mit Zürich nichts zu tun hatten.
Derzeit ist das Prestige der Querdenker etwas angeschlagen. Der Begriff wurde von Corona-Leugnern und anderen «Flat Earthern» (Leuten, die daran glauben, dass die Erde eine Scheibe sei) in Anspruch genommen. Doch der Geist des Widerspruchs, der im Selberdenken wurzelt, zeitigt auch grossartige, humane Ergebnisse. Ein Beispiel wurde kürzlich im Zunfthaus zur Schmiden vorgeführt, als anlässlich des vierzigjährigen Bestehens der Vereinigung Exit das Buch «Selbstbestimmt bis zuletzt» von Karl Lüönd (Verlag NZZ Libro) vorgestellt wurde. Darin wird die Karriere der Idee von der straffreien Freitodhilfe geschildert. Sie war vor vierzig Jahren noch klar ein Produkt des Querdenkens, kam in der Schweiz aber zum Durchbruch, weil einfache Bürgerinnen und Bürger beherzt ihre demokratischen Rechte wahrnahmen und an der offiziellen Politik und Medizinhierarchie vorbei das Selbstbestimmungsrecht des Menschen über seine letzte Stunde durchsetzten.
Lieber Felix, ich habe an diesem Anlass gelernt, dass man auch schräge Denker ernst nehmen soll und dass Einspruch und Widerspruch allemal nützlicher sind als voreilige Zustimmung. Selbst wenn sie einem nicht passen.
Herzlich, liebes Schlitzohr, deine
Regula