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Was kürzlich im Zürcher Lyceum-Club geboten wurde, war mehr als eine «Lesung mit Musik»: Zwei Männer sassen auf der Bühne, zwischen und hinter ihnen stand ein Dritter mit einem Tisch voller Apparate, Kabel und roter Lämpchen. Die Sitzenden trugen Gedichte vor, auf Deutsch und Griechisch; der Mann in der Mitte schuf mit elektronischen Geräuschen, Klängen, Rhythmen das Gefüge, in dem sich die Worte entfalten konnten: zischende, dröhnende, gurgelnde, seufzende, heulende, kreischende, wimmernde Verse, die wir nicht so schnell vergessen werden.
Die Texte finden sich in «Systema Naturae», dem Hauptwerk des griechischen Lyrikers Iason Depountis (1919–2008), das sein in Zürich lebender Sohn Dimitris souverän ins Deutsche übertragen hat. Die erste Ausgabe erschien 1969 im Untergrund, zur Zeit der Obristendiktatur. Depountis verliess hierauf Athen und lebte lange in der Schweiz. «Systema Naturae» wurde in der Folge mehrmals erweitert – es ist der Versuch, mit lyrischen Mitteln die Konsequenzen der ersten Atombombe zu erfassen. Und immer wieder der Blick in die Antike. Dazwischen der Mensch von heute, in seiner totalen Unsicherheit. Radikale Verse gegen das Aus, die den Blick darauf indes aushalten, mit kompliziertesten physikalischen Formeln umgehen und zugleich einfache Worte neu erleben lassen.
Der Lyriker und Übersetzer Evtichios Vamvas, der Leiter des St. Galler Theaters Parfin de Siècle, Arnim Halter, und der Experimentalmusiker Norbert Möslang loteten die Gedichte eindrücklich aus. Das grosse Erlebnis war Halter, der die deutschen Verse kraftvoll wiedergab, während Vamvas die griechischen präsentierte. Möslang wirkte zwischen den beiden wie ein Zauberer, entlockte seiner Alltagselektronik eine apokalyptisch wirkende Klangwelt, die den Gedichten wundersam entsprach. Iason Depountis hätte seine helle Freude gehabt. Seine Botschaft ist angekommen: klarsichtige Warnung vor dem totalen Ende und mutige Beschwörung der Hoffnung.