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Seit dem Jahr 2009 ist Mike Hürlimann Geschäftsführer beim Grenchner Bike-Hersteller BMC. Ride hat mit Hürlimann über den Tour-de France-Sieg, das Impec-Rennrad, die 29er-Bike-Mode und die Zukunftsaussichten von BMC gesprochen.
Seit dem Jahr 2009 ist Mike Hürlimann Geschäftsführer beim Grenchner Bike-Hersteller BMC. Ride hat mit Hürlimann über den Tour-de France-Sieg, das Impec-Rennrad, die 29er-Bike-Mode und die Zukunftsaussichten von BMC gesprochen.
Das BMC Racing-Team besteht seit 2006, zuerst als Continental-, dann als ProContinental-Team. Nach der Auflösung des Phonak-Teams bot sich einigen Fahrern wie Alex Moos die Möglichkeit, die Karriere fortzusetzen. Das war auch der Start eines längerfristigen Projekts mit dem Ziel, innerhalb von 5 bis 6 Jahren ein ProTour-Team unter der «Flagge» von BMC, ein eigentliches BMC Werks-Team am Start zu haben. Das Team wurde unter der Leitung von Andy Rihs und Jim Ochowicz systematisch aufgebaut. Mit dem Zuzug von Cadel Evans wurde der Fokus von Klassikern auf Etappenrennen erweitert. 2010 wurde das Team dann beim Giro und der Tour mit einer Wildcard eingeladen. Die guten Leistungen wurden bereits 2010 mit der «Maglia Rosa» und dem «Maillot Jaune» belohnt. Das Team verdiente sich den ProTour Status für 2011. Für die Saison 2011 wurde dann konsequent das Ziel Tour-Sieg angestrebt, die Saison-Planung für Cadel und seine wichtigsten Helfer wurde dem untergeordnet und der Plan ist aufgegangen.
Verändert dieser Erfolg das Arbeitsklima bei BMC?
Wir haben generell ein sehr gutes Arbeitsklima hier in Grenchen und auch in unseren Tochtergesellschaften im Ausland. Viele von uns sind selber «Angefressene», sei es Strasse oder Mountainbike. Der Tour-Sieg hat das natürlich noch verstärkt. Zudem erfüllt es uns mit Stolz, Teil dieses Erfolgs gewesen zu sein.
Was unternimmt BMC, um an der Tour de France weiterhin so erfolgreich zu sein?
Das Team wurde auf die neue Saison hin weiter verstärkt, um Erfolge und Medienpräsenz auch ausserhalb der Tour de France zu erreichen. Mit Philippe Gilbert und Thor Hushovd sind zwei Fahrer hinzugekommen, die dies ermöglichen, aber auch Cadel an der Tour unterstützen können. Zudem haben wir mit TJ van Garderen einen sehr talentierten amerikanischen Fahrer für Etappenrennen engagiert, der eines Tages die Nachfolge von Cadel Evans antreten könnte.
Welche Rolle spielt das Pro Team in der Entwicklung der Fahrräder?
Als eigentliches Werks-Team können wir das BMC Racing-Team stark in die Entwicklung einbeziehen, unsere Ingenieure sind in engem Kontakt mit Fahrern und Team-Mechanikern. Die Erkenntnisse des Renneinsatzes analysieren wir systematisch und fliessen in die Produktentwicklung ein. Cadel Evans war zusammen mit Andy und Michael Raelert bei der Entwicklung der neuen Time Machine TM01 eng eingebunden. Im Windkanal und bei Fahrtests, z.B. in der Dauphiné Liberé, haben wir Aerodynamik und Fahrposition optimiert. Als Resultate schauten dann beispielsweise ein 2. Platz beim Tour-Teamzeitfahren oder ein neuer Ironman-Weltrekord heraus.
Welche Rennräder kamen bei der Tour de France zum Einsatz?
In der Saison 2011 kamen zwei Roadbikes zum Einsatz. Je nach Fahrertyp, Einsatzgebiet und Fahrerpräferenz. Es waren dies das Impec und die TeamMachine SLR01. Das SLR01 besticht durch geringes Gewicht und sehr gute Komfortwerte, während das Impec ein sehr ausgewogenes Bike ist, das die Vibrationen der Strasse ausgezeichnet aufnimmt.
Welchen Einfluss hatte das Rennrad auf den Sieg? Warum hat es jetzt mit BMC für Cadel Evans zum Tour-Sieg gereicht?
Den ganz klar grössten Einfluss haben natürlich die Fähigkeiten und die Verfassung des Athleten und die Unterstützung durch das Team, sowohl in taktischer wie psychologischer Hinsicht. Mit BMC hatte Cadel erstmals ein Team hinter sich, welches sich nur auf seinen Gesamtsieg konzentrierte und dem alles unterordnete. Das Material spielt natürlich auch eine Rolle. Mit dem TeamMachine SLR01 hatte Cadel ein Bike zur Verfügung, das es mit dem geringen Rahmengewicht ermöglichte, ganz nah an die UCI-Gewichtslimite von 6.8 Kilogramm heranzukommen, trotz elektronischer Schaltung und SRM-Powermeter. Die Komforteigenschaften des Rahmens ermöglichten Cadel, die Strapazen des Renntages, besser zu überstehen und für das Finale noch Reserven zu mobilisieren.
Wie hoch ist das jährliche Budget des BMC Racing-Teams?
Die Budgets von Top ProTour-Teams bewegen sich heutzutage im zweistelligen Millionenbereich. Trotzdem ist Sponsoring im Profi- Strassenradsport ein sehr effizientes Mittel, eine Marke weltweit bekannt zu machen. Eine vergleichbare Medienpräsenz durch Werbung würde ein Vielfaches kosten. Als Fahrradhersteller treffen wir unsere Zielgruppe durch dieses Engagement sehr genau.
Wie sind die Absatzmärkte von BMC nach Ländern gewichtet?
Die Schweiz ist nach wie vor unser grösster Einzelmarkt und dementsprechend wichtig. Die anderen Märkte, in denen wir direkt die Fahrradhändler bearbeiten und beliefern werden aber zunehmend wichtiger. Insbesondere Frankreich, Italien und die USA haben ein sehr erfreuliches Wachstum abgeliefert.
Bringt der Tour-Sieg den Velohersteller BMC einen Schritt weiter auf dem internationalen Parket?
Auf jeden Fall. Die Marke BMC ist dadurch quasi über Nacht international einem breiten Publikum bekannt geworden. Die Tour beansprucht etwa 70 Prozent der gesamten Medienpräsenz des Radsports und wird weltweit von mehreren hundert Millionen Zuschauern verfolgt. Seit dem Tour-Sieg haben wir viele Anfragen von Händlern in der ganzen Welt erhalten, die sich jetzt für BMC interessieren, weil die Produkte nun einfacher zu verkaufen sind. Dies öffnet Türen für unsere Aussendienst-Mitarbeiter.
Und einen Schritt weiter in der Schweiz, dem Heimmarkt von BMC?
Die Marke BMC ist sicher in der Schweiz schon weitaus bekannter als in anderen Ländern, allein schon durch das Involvement von Andy Rihs, der hierzulande ja weit über die Radsportkreise hinaus bekannt ist. Der Sieg bestätigt sicher auch, dass BMC eine absolute Top-Marke ist und sich hinter den grossen amerikanischen Brands nicht zu verstecken braucht. Ich bin sicher, dass sich dadurch auch Schweizer Konsumenten überzeugen lassen.
Kann BMC den Tour de France-Sieg direkt in Verkäufe ummünzen?
Ganz direkt, indem wir ein «SLR01-Limited Edition» in Gelb, eine Replica von Cadel’s Tour Bike von der letzten Etappe, aufgelegt haben. Die limitierte Stückzahl von 141, übrigens der Startnummer von Cadel bei der Tour, war in kürzester Zeit ausverkauft. Auch die Nachfrage nach Rennrädern hat in den Wochen nach der Tour spürbar angezogen, wie uns Händler berichten.
Wie geht es weiter mit dem Impec für den Endverbraucher?
Wo lagen die Schwierigkeiten beim Impec, warum hat sich die Auslieferung verzögert?
Wir haben mit dem Impec absolutes Neuland betreten. Bei der Industrialisierung des Produkts, also bei der Aufnahme der Serienfertigung hat es sich gezeigt, dass einzelne Prozesse noch optimiert werden mussten, um grössere Stückzahlen in der angestrebten visuellen Qualität herzustellen. Da haben wir nun grosse Fortschritte erzielt, sind aber in Punkto Stückzahlen noch nicht ganz da, wo wir hinwollen.
Bringt BMC auch ein Impec Mountainbike?
Im Moment ist der Fokus auf den Roadbikes.
Wie laufen bisher die neuen 29er-Modelle in der Schweiz, in Europa und in den USA?
In welche Richtung entwickelt sich das 26er-Bike? Was haltet Ihr von der Markt- prognose, dass 26er-Bikes zum Spezialfall werden und 29er zum geeigneten Bike für den Grossteil der Fahrer?
Im Moment ist diese Frage sehr schwierig zu beantworten. In den USA, wo 29er schon seit über 10 Jahren angeboten werden, sieht man ab den mittleren Preislagen eigentlich praktisch keine 26er-Hardtails mehr. Bei den Full Suspension Bikes sieht es auch da noch etwas anders aus. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sich in gewissen Segmenten das 29er Konzept durchsetzen könnte. Allerdings unterscheiden sich auch die Trails in den USA von den Europäischen.
An der Fahrradmesse Interbike ist BMC sehr stark präsent gewesen. Was bringt diese Präsenz?
Die USA, als weltweit grösster Fahrradmarkt hat für uns strategische Bedeutung. Insbesonders das Rennrad-Segment wächst weiter, da immer mehr Konsumenten das Road Bike entdecken. Anders als bei uns hat sich das Rennradfahren zu einer Trendsportsportart entwickelt, die oft in Gruppen ausgeübt wird. Sogenannte «Group-Rides» sind sehr populär, gerade auch bei besserverdienenden Käuferschichten, was den Markt natürlich gerade für eine Highend-Marke wie BMC interessant macht. Für diesen Markt sind wir mit unseren Produkten und unserem Marketing hervorragend positioniert.