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Für einen Naturfilm sind 44 Millionen Klicks eine stattliche Ausbeute. Das viereinhalb Minuten lange Youtube-Video von 2014 trägt den Titel „How Wolves change Rivers“ („Wie Wölfe Flüsse ändern“). Als Erzählstimme hört man den bekannten Umweltjournalisten und -aktivisten George Monbiot.
Kurz zusammengefasst lautet die Botschaft des Films folgendermassen: Als Ende der 1990er Jahre wieder Wölfe im Yellowstone Park in den USA ausgesetzt wurden, hatte dies positive Folgen für das ganze Ökosystem. So wurden etwa die Bestände der Huftiere auf natürliche Weise reguliert. Die Huftiere konnten sich nicht mehr ungestört im ganzen Park ausbreiten, sondern mussten ihr Verhalten ändern, um nicht von den Wölfen gefressen zu werden. An den Ufern und Flüssen breiteten sich daher wieder Pflanzen aus, da die Huftiere aus Angst vor den Wölfen dort nicht mehr ästen. Derart nahm die Erosion der Flussufer ab – die Flüsse änderten ihre Richtung und begannen zu mäandrieren: alles ausgelöst von den Wölfen.
Auch sonst hatte die Wiederansiedlung nur positive Auswirkungen: mehr Biber, mehr Bären, mehr Vögel, mehr Pflanzenarten. Ein Schulbeispiel der sogenannten trophischen Kaskade: Prädatoren an der Spitze der Nahrungskette verändern ganze Ökosysteme. Und hier ganz im Sinne der Wolfsfreunde: Die Wölfe heilten ein beschädigtes Ökosystem.
Seither ist das Beispiel aus dem Yellowstone Park zum Selbstläufer geworden. Wölfe sind gut für die ganze Natur, heisst das Mantra.
Das Problem: So einfach ist es nicht.
Darauf weisen die Biologen Bernd Blossey und Darragh Hare in der Zeitschrift „Frontiers in Conservation Science“ hin. Ob die Wölfe die kausale Ursache für all die positiven Veränderungen sind, sei nicht erwiesen. Wölfe spielten dabei vermutlich eine Rolle, aber genauso hätten Jäger, Grizzlybären, Pumas, Bisons, Klima, Niederschlagsmengen und andere Faktoren einen Einfluss: „Wir sind derzeit nicht in der Lage, eindeutig zu bestimmen, wie verschiedene Arten, die das Yellowstone-Ökosyteme ausmachen und beeinflussen, die komplexen ökologischen und trophischen Verhältnisse bestimmen.“
Die Freunde der Wölfe sollten den Mythos der Fluss-ändernden Wölfe also unkritisch verbreiten. Denn wenn sich diese Erzählung wissenschaftlich nicht bestätige und Wölfe nicht alle diese heilsamen Wirkungen auf das Ökosytem entfalteten, würde das Vertrauen von Politik und Gesellschaft in den Naturschutz Schaden nehmen.
Gestützt auf verfügbare Daten würden Wölfe weder das Wild vernichten, noch Menschen bedrohen oder zu unerträglichen Verlusten bei den Nutztieren führen, wie dies die Gegner der Wölfe behaupteten. Auf der anderen Seite würden Grossraubtiere wie der Wolf aber auch nicht alle Schäden, die die Menschen den Ökoystemen zugefügt haben, wieder in Ordnung bringen, schreiben Blossey und Hare.
Die beiden Wissenschaftler plädieren daher dafür, die Folgen, die die Wiederkehr der Wölfe ökologisch, sozial und wirtschaftlich hat, weiter zu erforschen. Denn viele Fragen sind noch ungeklärt.
Aber eines ist klar: Der Wolf ist weder eine Bestie noch ein Heilsbringer.
© Markus Hofmann