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Uns allen ist das Jahr der Erstbesteigung des Matterhorns geläufig, denn ein veranstaltungsreiches Jubiläumsjahr geht zu Ende. Man schrieb das Jahr 1865, als der Berg bezwungen wurde. Gab es bereits 1841 einen Versuch, auf den Berg zu gelangen?
Schriftliche Belege lassen vermuten, dass der Geologe und Zürcher Professor Arnold Escher von der Linth 1841 nicht vorhatte, das Matterhorn zu besteigen, als er am 23. August in Zermatt eintraf. Weshalb aber wollte er ins damals noch kaum bereiste „St. Niclausthal“? Der Dorfarzt Joseph Lauber bot seit 1839 im kaum 400 Seelen zählenden Dorf gerade drei Betten für Logis an. Tourismus in Zermatt gab es noch nicht, dieser setzte erst in den 1850er Jahren ein. Das minimale Angebot ermöglichte es aber dem damals Glaziologie betreibenden Escher, das abgeschiedene Tal zu besuchen und die Untersuchungen, die er seit Anfang August bereits am Wendengletscher, am Unteraar- und am Aletschgletscher, am Fiescher- und am Allalingletscher vorgenommen hatte, fortzusetzen.
Gletscherstudien, u.a. vom Allalingletscher (links oben), aufgenommen am 18. August 1841, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv,
Hs 4c:841a (Ausschnitt), doi: 10.7891/e-manuscripta-4730
Die Besteigung eines Viertausenders an sich war für Arnold Escher durchaus eine Option. Nur ein Jahr später, am 8. August 1842, stand Arnold Escher als Erstbesteiger auf dem 4’042 m hohen Lauteraarhorn, zusammen mit Pierre Jean Edouard Desor, Christian Girard und den Führern Melchior Bannholzer und Jakob Leuthold aus Grindelwald.
Aber hier nach Herbriggen das Nikolaital aufwärts reisend, war die Sache mit dem Matterhorn eine andere.
Noch sieht man „gegen den Hintergrund des St. Niclausthal“, aber kein Matterhorn, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv,
Zeichnung von Arnold Escher, Hs 4c:541a, doi: 10.7891/e-manuscripta-4146
„Beim Eintritt in die Zermatt Ebene plötzlich ungemein grossartige, fast erschreckende Ansicht der gewaltigen Pyramide des Matterhorns. So sehr ich auch durch Bücher und namentlich durch Ferdinand Kellers und Studers Erzählung auf diese grossartige Landschaft vorbereitet war, so machte sie mir doch einen so mächtigen Eindruck, dass ich mich anfangs gar nicht darüber zu fassen vermochte. In Zermatt Quartier beim Dr. Laubert. Tannmatter stellt sich als Führer ein.“
So beschreibt Arnold Escher am 23. August 1841 seine Ankunft im Tal. Wir dürfen uns vorstellen, dass er relativ zügig Quartier bezogen hat und das in unserem Jahrhundert als Berg der Berge bekannte und unzählige Male fotografierte „Horu“ an jenem Abend nicht auf ein Zeichenpapier gebannt hat.
Escher war am 6. August in Zürich aufgebrochen, um bis Mitte Oktober 1841 eine beachtliche Studienreise durch die Schweizer Alpen zu absolvieren. Er hielt sich dabei an eine Route, die ihn immer wieder auf Gletscher führte. Für seine geologischen Studien in den Alpen war Escher Zeit seines Lebens auf Exkursionen unterwegs. Dabei fertigte er gewissenhaft Notizen, Reinschriften und Zeichnungen der vor Ort gewonnenen Einsichten an, womit sich Reiseverlauf und Erkenntnisfortschritt nachvollziehen lassen, was an einem Beispiel von 1835 bereits in einem früheren Beitrag beleuchtet wurde.
In seinem Reisetagebuch Band 5 ist nachzulesen, wie es ihm am Fusse des Matterhorns erging.
„24. Aug. früh morgens prachtvoller reiner Horizont. Wir setzen uns in Marsch, gegen Theodul hinauf und dann längs dem Abhang des kleinen Horns (siehe die Copie der Charte nach Redtenbacher) zum Zmutt Gletsch hinab zu steigen, kaum aber waren wir etwa 1 Stund lang gegangen über die Weiden des Hürlibergs aufsteigend, so bedeckte sich der Himmel mit wilden Wolken, die vom Matterhorn heranzogen. Heftiges Gewitter und Regen. Gleichzeitig ziehen Nebelmassen vom Thalauslaufe her und füllen den Hintergrund des Thals, ohne während des Tags wieder zu verschwinden. Fast den ganzen Tag Regen, also gänzliches Aufgeben der Exkursion und ans Ende des Gorner Gletschers hinab, der Boden-Gletscher heisst, soweit er sich im eigentlichen Thalgrunde von Zermatt befindet. Dieser Gornergletscher ist zufolge Tannmatters Aussage seit einer langen Reihe von Jahren fortwährend am Vorrücken begriffen. Vor ca. 40 Jahren soll man den Gletscher vom Dorfe aus noch kaum gesehen haben, so dass es damals noch keinen Boden-Gletscher gab. Seit ca. 20 Jahren ist er ins Gebiet des urbanen Landes vorgerückt.“
Angesichts des Wetters nahm Arnold Escher die Untersuchung von Rändern, Profil, Moräne etc. notgedrungen am Gletscherende in Angriff. Er notierte darüber hinaus im Einzelnen, wie ihm Tannmatter Gletscherwachstum und Gletscherschwund schilderte.
„Tannmatter setzte mir auseinander, dass der Gornergletscher auch sommerszeit so stark vorrücke, weil die mächtigen und so zahlreichen Seitengletscher der ihn umgebenden Gebirge beständig auf seine Masse herab drücken, der Finelengletscher sei von keinem solchen Seitengletscher überragt und daher nehme dieser immer mehr ab; der Finelengletscher, der aus demselben Eismeer seine Nahrung erhält wie der Gornergletscher, ist seit einer langen Zeit sehr bedeutend im Abnehmen begriffen.
Der Zmuttgletscher ist seit langer Zeit ebenfalls fortwährend im Wachstum begriffen, doch nach Tannmatter nicht so stark wie der Gornergletscher. Im Gressonaythale und in Evolene sollen nach Tannmatter sämtliche Gletscher wie der Gorner- und der Zmuttgletscher beständig im Wachstum begriffen sein.“
Die Schilderung der Verhältnisse lässt aufhorchen, gerade angesichts der Dringlichkeit, an der Konferenz vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris eine neue Klimaschutz-Vereinbarung zu erzielen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die sogenannte kleine Eiszeit, die anfangs des 15. Jahrhunderts begann und bis etwa 1850 andauerte, eine natürlich geprägte Klimavariation war und ihre Auswirkungen gerade im Gebirge sicher besonders sichtbar waren. Wir erleben heute in dramatischer Weise die Umkehrung der Verhältnisse, eine Klimaerwärmung als Folge der von uns Menschen verursachten Emissionen, angesichts derer wir dazu aufgefordert sind, (endlich) zu handeln!
Arnold Escher nahm sich 1841 der Ausnahme des Gletscherschwunds an und notierte sich Eckdaten und abgelagerte Blöcke beim Findelgletscher.
„Finelen-Gletscher. Oberfläche vor 20 Jahren und jetzt“, das heisst 1821 und 1841, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv,
Hs 4c:841c, doi: 10.7891/e-manuscripta-4857
Die Kopie der Kartenskizzierung von Redtenbacher, die Escher damals zur Orientierung im Gelände dabei hatte und auf der er eigene Einträge machte, ist in seinem Nachlass unter den Zeichnungen zu finden und wird im Folgenden gezeigt. Eschers Erkundungstour hätte am 24. August 1841 am Hürliberg (Hörnli) entlang zum Zmuttgletscher führen sollen. Wetterpech verhinderte dies. Besser erging es ihm tags darauf. Geplant waren der Aufstieg Richtung Riffelhorn und der Besuch des Findelgletschers.
„25. August. Mittwoch. Von Zermatt auf den bezeichneten Punkt des Riffelhorns, ca. 3 Stunden östlich ob Zermatt auf dem Gebirgsstock, der den Gorner- und Finelengletscher trennt.“
So lautet die Passage im Tagebuch und ganz verlässlich ist auf der überlieferten Kartenskizze ein Vermerk angebracht. Den besuchten Punkt hat Escher unterhalb des „Riffel H.“ eingetragen.
„Hintergrund des St. Niclaustals nach Redtenbachers Skizze“, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv,
Hs 4c:537b, doi: 10.7891/e-manuscripta-4160
Während der Wanderung am Riffelhorn notierte Arnold Escher nun fortlaufend, was er an Gesteinsvorkommen zu sehen bekam und welche Aussicht sich bot.
„Den Punkt, den man unter dem Namen des Riffelhorns besteigt, […] liegt am Nordostfusse des eigentlichen Riffelhorns, daher man auch von diesem Punkte nur den obern Theil des gewaltigen Gornergletschers, die Eisfirsten des Lyskamms und Breithorns vor sich hat, die westliche Aussicht und namentlich das Matterhorn sind durch die Zacken des Riffelhorn ganz verdeckt. Da die Ersteigung dieses Horns, wenn sie möglich ist, jedenfalls sehr viel Zeit geraubt hätte und es unmöglich gemacht hätte, heute noch über den Finelengletscher nach Zermatt zurückzukehren und diese Exkursion in die südlichen Wallisthäler überhaupt nur eine vorläufige Orientierungsreise war, so unterliess ich, obwohl ungern, den Versuch das Horn selbst zu ersteigen, indem dasselbe allerdings bei weitem die schönste Übersicht dieser ganzen Gegend gewähren muss. So grossartig dieser obere Theil des Gornergletschers und seiner Umgebung auch ist, so war ich doch wegen der Beschränktheit der Aussicht etc. nicht befriedigt.“
Aus diesen Aussagen Eschers kann entnommen werden, dass er die Reise von 1841 unter anderem zur Rekognoszierung nutzte, damit er dereinst darüber entscheiden konnte, ob und wie er die Gegend zu einem späteren Zeitpunkt vertieft erforschen wollte und konnte. Den Aufstieg auf das eigentliche Riffelhorn hatte sich Escher in diesem Fall bereits vorgemerkt. Was das Matterhorn anging, wurde die Mächtigkeit des allein stehenden Viertausenders von Escher mehrmals erwähnt, ob das Besteigen des Berges für ihn oder andere möglich oder als unerreichbar zu werten sei, wurde jedoch nie zum Thema. Nur vorläufig befasste er sich mit der Geologie des Bergs, dessen Pyramide nach modernem Wissensstand aus Gneisen der Dent-Blanche-Decke afrikanischen Ursprungs besteht, unterlegt von Sedimenten und Gesteinen eines früheren ozeanischen Meeresbodens.
„Am Matterhorn selbst erkannte ich weder Felsart noch Schichtung, an seinem Nordfusse scheint der grünlichen Farbe zufolge Serpentin anzustehn, unter diesem am Abfall des Grats des kleinen Matterhorns sieht man horizontal ausgehende mächtige hell gelbliche graue Bänke, vielleicht von Quarzit. Fast möchte man aus dieser Gegend her glauben, das Matterhorn bildet eigentlich mit dem Breithorn eine Kette und die mächtige dazwischen liegende Vertiefung des Theodulpasses sei eine Einsenkung, dies indess doch ganz zweifelhaft.“
Das Hauptinteresse Eschers lag an jenem Tag auf den Fragen, die er am Findelgletscher beim Betreten des Eises „ca ¼ Stunden oberhalb seinem Ende“ weiter bearbeiten wollte. Und schon am nächsten Tag brach Arnold Escher zu weiterer Gletscherforschung auf, für die er sich auf den 31. August auf dem Unteraargletscher im sogenannten „Hôtel des Neuchâtelois“ einzufinden gedachte.
Die technischen Schwierigkeiten, die Arnold Escher ein Jahr später bei der Erstbesteigung des Lauteraarhorns meisterte, sind aus heutiger Bergsteigersicht durchaus mit jenen am Matterhorn vergleichbar. Am Lauteraarhorn, das die Erstbesteiger im Glauben, das Schreckhorn zu ersteigen, bewältigten, scheinen aber 1842 die Voraussetzungen, wozu u.a. Ortskenntnisse, Wetter, Gruppenzusammensetzung gehören, gut genug gewesen zu sein, um das Unternehmen zu wagen. Doch das ist eine andere Geschichte.