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„Office of the Comptroller of the Currency“, OCC, so der ominöse Name der US-Behörde, die seit 1863 die Zahlungs-, Wettbewerbs- und Funktionsfähigkeit der US-amerikanischen Kreditinstitute überprüft.
So eigenartig der Name klingt, so explosiv sind jeweils deren Quartalsberichte über die Derivate-Geschäfte der amerikanischen Banken.
Gestern, am 18. Dezember 2019, wurde der „Quarterly Report on Bank Trading and Derivatives Activities“ für das dritte Quartal 2019 veröffentlicht.
Darin sind Angaben zu den Bilanzgrössen der US-Banken zu finden, den Nominalwerten ihrer Derivate („Notional values“) sowie weitere Angaben wie Laufzeiten und auch die Umsätze bis hin zu den Verlusten, die mit solchen Geschäften erlitten wurden.
Zunächst einmal zu dem Gesamtvolumen der Wetten: Um was für Beträge sprechen wir hier? Was sind das für Grössenordnungen?
Alle amerikanischen Banken hatten zum Ende des 3. Quartals 2019 Wetten mit Nominalwerten von gut 200 Billionen US-Dollar offen. 200’000 Milliarden. 200 Billionen.
Ausgeschrieben 200’000’000’000’000.
Dies sind knapp ein Drittel der Notional Values aller Derivate der Welt, die zum Halbjahr gemäss Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bei 640 Billionen US Dollar lagen.
In Bezug auf das amerikanische Bruttoinlandsprodukt von 20.5 Billionen Dollar (2018) ist der Nominalwert der ausstehenden amerikanischen Derivate 10 Mal höher.
Das ist also so, wie wenn jemand mit 100’000 Franken Jahresgehalt (und nochmals so vielen Schulden übrigens) um eine Million Franken Wetten ausstehend hat.
Er muss zwar nicht eine Million auf den Tisch legen, aber es gibt einen Eindruck der Grössenordnung.
Im Jahr 2002, als es noch viel weniger ausstehende Derivate gab, sprach Warren Buffet in seinem Jahresbericht von Berkshire von Derivaten als „Financial Weapons of Mass Destruction“. Und spätestens seit der Finanzkrise von 2007/2008 sind auch die Regulierungsbehörden sensibilisiert, was für ein Risiko von den Derivaten ausgeht.
Denn damals brachen die sogenannten Credit Default Swaps, welche den Grossteil der Kredit-Derivate ausmachen, den grossen Banken fast das Genick.
Nun wird aber ja immer betont, wie wichtig solche Geschäfte für unser Finanzsystem seien, beispielsweise damit genügend „Liquidität“ im Markt vorhanden ist und die richtige Preisfindung stattfindet.
Ausserdem ganz wichtig sei ja die Absicherung von Portfolios, also das Hedging. Und das geschieht mit Derivaten. Auf der anderen Seite gibt es aber die reine Spekulation, die ja nicht unbedingt nötig wäre.
Preisfrage: Wie hoch ist denn wohl der Anteil der Derivate, die ausschliesslich zum Zocken auf den Büchern der Banken sind im Vergleich zum Hedging? Doch sicher mehr Hedging als Trading, oder? Das wäre ja dann eher akzeptabel. Die Auflösung dieser Frage kommt später in diesem Artikel.
Zurück aber nochmals zur Finanzkrise: Damals waren die Credit Default Swaps das grosse Problem. Die Nominalwerte dieser Instrumente haben sich seither, also über die letzten 10 Jahre, mehr als halbiert, wird in den OCC-Reports festgestellt. Gute Nachrichten.
Welche Wetten haben hingegen zugenommen? Wo ist heute am meisten Aktivität oder Risiko?
Im letzten Quarterly Report der Bank für internationalen Zahlungsausgleich wird besonders auf Interest Rate Derivatives, sogenannte Zinsderivate, hingewiesen. Die Unsicherheit über die Zukunft der kurzfristigen US-Zinsen hätte hier mehr Spekulanten auf den Plan gerufen:
„… greater uncertainty around US short-term interest rates fuelled hedging and speculative activity“, heisst es dazu.
Die Zinsderivate machten schon immer den grössten Teil der Derivate aus. Nun sind diese also im Vergleich zu 2018 wieder gestiegen.
Aber Moment. „US short term interest rates“? Zählt hierzu nicht auch der Overnight Repo Zinssatz?Ganz bestimmt. Auch hierauf werden Absicherungen gekauft und es wird spekuliert.
Nun wäre interessant zu sehen, ob sich aus dem Quartalsreport von Q3, der ja den Repo-September mit der ersten riesigen Liquiditätsspritze der US-Notenbank beinhaltet, irgendwelche Auffälligkeiten herauslesen lassen.
Besonders aussagekräftig sind in den Reports jeweils die Trading Revenues, die im „Table 7“ des Reports detailliert nach Bank aufgeführt werden. Aus den Trading Revenues konnte man beispielsweise die massiven Verluste der CDS-Wetten (Credit Default Swaps) schon 2007 sehen, also vor dem Crash der Wallstreet-Bank Lehman.
Der Blick auf diese besagte Tabelle 7 für das 3. Quartal 2019 fördert Erstaunliches zu Tage. Goldman Sachs fuhr just mit den von der BIS (Zentralbank der Zentralbanken) genannten Zinsderivaten einen herben Verlust von über 1.2 Milliarden Dollar ein.
Wettgemacht wurde dies nur durch hohe Umsätze im FX-Bereich, sprich bei den Währungen. Somit taucht in der Summenspalte („Total Trading Revenues“) kein Minus auf.
Liegt hier womöglich der Repo-Hund begraben? Also noch eine alternative Erklärung für das panische Eingreifen der Fed in den Repo-Markt seit September 2019?
Die Federal Reserve darf jedenfalls auf keinen Fall die Kontrolle über die Zinsen verlieren, sonst kommt es möglicherweise zu grossen Zins-Bewegungen innert kurzer Zeit, und dann explodieren die Zinsderivate-Wetten der amerikanischen Grossbanken.
Und die Beträge, um die es hier geht, sind noch um ein Vielfaches höher als damals bei den Kredit-Derivaten, sprich den CDS.
Also sind die Banken nicht nur „Too Big to Fail“, sie wären diesmal sogar „Too Big to Bail (out)“.
Die nächsten Monate werden mehr Klarheit bringen.
Zu guter letzt noch die Auflösung der obigen Preisfrage. Wie viel von den 200 Billionen Dollar Derivaten auf den Büchern der US-Banken ist wohl Absicherung/Hedging, und wie viel davon ist Spekulation/Trading?
Die Wahrheit ist kaum zu glauben. Nur 1.6% aller ausstehenden Derivate sind zur Absicherung („Not held for Trading“), der Rest ist „Held for Trading“. Will heissen, um kurzfristigen Weiterverkauf, also zur Spekulation.
Nix Liquiditätsprovider, Portfolio-Absicherung. Es ist alles einfach ein gigantisches Casino.
Auch in dieser Tabelle auffällig: Goldman Sachs. Mit „nur“ 212 Milliarden Dollar Total Assets leistet sich die Bank ein Derivatebuch von 49 Billionen, 231 Mal mehr. Und von diesen Derivaten sind lediglich 0.1% Absicherungsgeschäfte, 99.9% ist Spekulation.
Mehr Hebel, mehr Casino geht nicht.
Aber wer sollte den Zockerbanken einen Vorwurf machen? Es ist letztlich doch die doppelte Schuld der Zentralbanken.
Es wird mit billigem Geld gezockt, bis der Arzt kommt. Geht es gut, winken Riesengewinne und Boni, geht es in die Hose, gibt es einen Bail-Out von der jeweiligen Zentralbank, die sich nicht traut, eine Bank pleitegehen zu lassen. Schon gar nicht eine mit 50 Billionen Dollar Derivatebuch.
Moral Hazard wie er im Buche steht.