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Schuld ist nur Sven Epiney. (Das ist ein sehr gefährlicher Satz, denn Epiney ist gebürtiger Walliser. Und erst vor ein paar Wochen musste sich mein Chef wegen einer «missglückten Satire» entschuldigen, bei der das Wallis schlecht wegkam.) Schalte ich zu nachtschlafener Zeit das Radio ein, ist besagter Sven Epiney mit seiner unzumutbaren Dauerfröhlichkeit nämlich mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 90 Prozent auf DRS 3 zu hören (auf Berndeutsch, liebe Walliser, aber trotzdem unzumutbar). Und weil ich klassische Musik und Lokalradios am Morgen fast ebensowenig vertrage wie Epiney, bin ich quasi DRS-1-Zwangshörer.
Das ist ein hartes Schicksal. Komme ich nämlich um 5.15 Uhr, meinen abgelegenen Arbeitsort verfluchend, in die Küche und drehe am Knopf, sagt spätestens nach 23 Sekunden eine aufgeweckte Stimme «Morgemänsche!!!» – und das Grauen nimmt seinen Anfang. «Morgemänsch!!!» auf DRS 1 kann jeder werden, der vor 5 Uhr freiwillig aufsteht und zu dieser Zeit bereits zwanghaft gut aufgelegt ist. Grundvoraussetzung ist ausserdem, dass man davon überzeugt ist, dass das, was man tut, a) unverrückbar richtig, b) absolut notwendig und c) für den Rest der Schweiz von riesigem Interesse ist.
Daran zu zweifeln verbietet sich (sonst muss sich mein Chef auch noch beim Radio entschuldigen). Nehmen wir Frau R. aus G.: Ihr absolut nachvollziehbarer Grund für das frühe Aufstehen ist, dass sie um halb fünf für ihre erwachsenen Söhne das Mittagessen kochen muss, das diese dann zur Arbeit mitnehmen können. Herr G. aus F. wiederum muss um diese Zeit zwingend die Inventur in seiner Papeterie durchführen (er klopft ausserdem gern einen Jass und war schon mal in Thailand in den Ferien). Auch Frau W. aus Z. ist um diese Zeit geradezu gezwungen aufstehen, schliesslich ist sie auf einem Bauernhof aufgewachsen und kann einfach nicht anders (sie ist 67, erzählt um 05.17 Uhr detailliert vom Schröpfen und klopft auch gerne einen Jass). Und Frau H. aus F. muss um diese Zeit einen Zopf backen, weil die Nachbarin zum Frühstück kommt (danach wird gejasst). Herr W. aus B. wiederum muss um halb fünf mit dem Hund spazieren gehen (er spielt gerne Scrabble, war vor 56 Jahren mal in Afrika und erinnert sich auch heute noch an mehr Details, als dem Rest der Schweiz lieb sein kann).
«Morgemänsche!!!» dauert eine gefühlte halbe Stunde. Berichtet dann in den Nachrichten ein Sprecher von Bankenkrisen, Streiks und Klimawandel, habe ich das Schlimmste – den radiophonen Blick in den Abgrund von Schweizer Biographien – schon hinter mir. Schlimmer wäre nur, wenn Sven Epiney die «Morgemänsche!!!» interviewen würde. Aber dann könnte ich ja DRS 3 hören.