Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/1970

(spr. kehmbridsch), 1) berühmte UniversitätsstadtEnglands in der nach ihr benannten
Grafschaft (s.
Cambridgeshire),
auf beiden Seiten des schiffbaren Cam, über den zehn
Brücken
[* 2] führen, bietet, obwohl weniger von der
Natur begünstigt als
ihre Rivalin
Oxford,
[* 3] mit ihren stattlichen Bauten, teilweise engen
Straßen und den zahlreichen Ruderbooten
auf ihrem
Fluß immerhin ein recht anziehendes
Bild. Cambridge zählte 1881: 35,372 Einw. Der
Ruhm der Stadt beruht auf ihrer
Universität,
die auf eine von Siegbert, dem König der
Ostangeln, 630 hier gegründete
Schule zurückgeführt wird, deren älteste
vorhandene Stiftungsurkunde von 1229 erst aus der Regierungszeit
Heinrichs III. stammt. Zu
Elisabeths Zeit wurde die jetzige
Verfassung im wesentlichen geschaffen, und dieselbe ist in neuerer Zeit (namentlich durch die
Statuten von 1858
und das Zugeständnis
völliger
Religionsfreiheit 1871) in freisinnigem
Geist entwickelt worden.
Jedes
College hat seine
Tutors und
Lecturers, und die Vorlesungen der außerhalb dieser
Colleges stehenden 37 Universitätsprofessoren
werden fast nur von denjenigen besucht, die sich einem besondern
Fach widmen. Die oberste Behörde der
Universität ist der
Senat, aus dessen Mitte ein
Rat von 22 Mitgliedern durch
Wahl hervorgeht, an dessen
Spitze derKanzler steht,
und ohne dessen Bewilligung
Vorlagen dem
Senat nicht gemacht werden können. Die Hauptbeamten sind: der
Kanzler;
der Vizekanzler (der mit den Sexviri und dem
Assessor ein Disziplinargericht für die graduierten Universitätsmitglieder
bildet);
Wie bereits erwähnt, bilden die Universitätsgebäude und Colleges den Hauptanziehungspunkt von Cambridge Von der Universität als
solcher abhängig sind: die 1722-30 erbaute Halle
[* 7] des Senats nebst der 1842 erweiterten Bibliothek (250,000 Bände) und den Räumen
für die Examina oder Schools;
(Universität.) Das meiste in den ältern Büchern über die eigentümlichen Universitätsverhältnisse in
Cambridge. Berichtete ist jetzt völlig veraltet, auch gilt das für ein bestimmtes CollegeRichtige oft nicht für alle oder für
die Universität als solche, und besonders oft wird in ältern Aufsätzen keine Scheidung zwischen Oxford
und Cambridge gemacht, deren Einrichtungen, obschon in den Grundzügen sehr gleichartig, doch im einzelnen zahlreiche
Verschiedenheiten (auch in der Benennung) aufweisen.
Die Universitätsgebäude, welche ziemlich nahe bei einander liegen und teilweise ganz neu, teilweise Jahrhunderte alt sind,
haben meist ein stattliches Äußere. Wir erwähnen: die Universitätskirche (St. Mary the Great), welche
als Mittelpunkt der Universität gilt, das Senatshaus (1730 vollendet, in dem alle großen Versammlungen des Senats stattfinden,
Prüfungen und Wahlen abgehalten und die Grade der Universität verliehen werden), die Universitätsbibliothek, die Universitätsdruckerei
(Pitt Press), Addenbrooke's Hospital (mit 120 Betten), zahlreiche, mit den neuesten Apparaten aufs vorzüglichste ausgestattete
Laboratorien, eine etwas außerhalb der Stadt liegende Sternwarte.
Neben mehreren großen naturwissenschaftlichen Museen besitzt Cambridge auch ein Museum für klassische Archäologie, ein antiquarisches
Museum und das herrliche, in reinstem griechischen Stil (1837-75) erbaute Fitzwilliam-Museum für Gemälde, Kupferstiche und
sonstige Kunstgegenstände. Es fehlt noch immer ein einheitliches großes Gebäude für die Universitätsvorlesungen
(besonders der philosophischen und juristischen Disziplinen), welche jetzt über die ganze Stadt verstreut, vielfach in einzelnen
Colleges gehalten werden.
Der botanische Garten ist gut angelegt und sehr reichhaltig. Die Universitätsbibliothek enthält jetzt an die 400,000 Werke
und gut 6500 zum Teil sehr wertvolle Handschriften. Sie ist die drittgrößte und vermutlich älteste
BibliothekEnglands und genießt (neben denen von London, Oxford, Edinburgh und Dublin)
[* 26] das Vorrecht, von jedem in Großbritannien
gedruckten Buch ein Freiexemplar zu erhalten. Ein von den Universitätsmitgliedern, Graduierten wie Studenten, vielfach benutztes
und nur ihnen geöffnetes, aber nicht der Universität als solcher gehöriges Gebäude ist das Klubhaus der
Union Society, mit vielen Lesesälen, guter Bibliothek sowie einem großen Saal für die wöchentlichen studentischen Debatten
über politische und soziale Fragen, an denen sich jedoch nicht selten auch ältere Mitglieder der Universität beteiligen.
Ebenfalls nicht Universitätseigentum, aber ein großer Schmuck der Universitätsstadt, sind die zahlreichen, zum Teil sehr
¶
mehr
alten Colleges, welche, von Grün umgeben und in sich abgeschlossen liegend, ein höchst charakteristisches, mittelalterlich-idyllisches
Bild gewähren, wie man es ähnlich nur noch in Orford sehen kann. Die beiden großen modernen Frauencolleges liegen nicht in
Cambridge selbst, aber auch das entferntere (Girton College) nur etwa eine halbe Stunde außerhalb der Stadt.
Besonders anziehend sind die hinter den größten Colleges sich am Cam entlang erstreckenden sogen. Backs, prachtvolle Gartenanlagen
mit herrlichen Bäumen, weit ausgedehnten Spielplätzen der Studenten und besondern, auf das sorgfältigste gepflegten Gärten
der Fellows.
Der Ursprung der Universität ist (wie bei Oxford) in sagenhaftes Dunkel gehüllt. Oxford ist möglicherweise
etwas älter. Beide wurden ursprünglich nach dem Muster von Paris
[* 28] organisiert, und vor dem Anfang des 13. Jahrh. waren beide
bereits anerkannte Sitze gelehrter Bildung. In C. entwickelte sich unter dem Einfluß der nahen DiözeseEly die Universität
aus dem Unterricht, welcher seit mindestens dem 12. Jahrh. von Geistlichen in Cambridge erteilt zu sein scheint.
Am geistigen Leben der Nation hat Cambridge von jeher den lebhaftesten Anteil gehabt, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. hat
es noch einen besonders mächtigen Aufschwung genommen.
Die Beseitigung der alten, größtenteils zur Zeit Elisabeths festgesetzten und in zahlreichen Punkten vollständig veralteten
Verfassung und die Reform der Universität im Geiste der Neuzeit wurde durch die Untersuchungen und Beschlüsse
zweier königlicher Kommissionen und thätige Unterstützung durch die besten Elemente der Universität bewerkstelligt. Die
erste Kommission wurde 1850 eingesetzt, und die unmittelbare Folge ihrer Berichte waren die Statuten von 1858. Da sich jedoch
die hier beschlossenen Reformen als noch nicht ausreichend erwiesen, wurde 1872 eine neue Kommission eingesetzt,
aus deren eingehenden Untersuchungen und Beratungen die Universities of Oxford and Cabridge Act (1877) hervorging, welche 1882 von der
Königin offiziell bestätigt wurde.
Durch diese neuen Verfügungen sind mit der alten Universitäts- und Collegeverfassung eine Anzahl der
wichtigsten und heilsamsten Veränderungen vorgenommen worden; vor allen Dingen ist zu erwähnen die Abschaffung des Monopols
der englischen Hochkirche (abolition of religious tests, 1871) auf die Ämter und Einkünfte der Universität und der Colleges
sowie zahlreicher, von beiden abhängiger Stiftungen, welche jetzt auch fast alle von Dissenters errungen werden können;
die Umgestaltung des ganzen Fellowshipwesens in zeitgemäßer Weise u. a.
Die Universität ist völlig autonom, sie erhält keine Staatsunterstützung, steht unter keinem Unterrichtsminister (den
es überhaupt in England nicht gibt), verwaltet ihr eignes Vermögen selbständig und hat eine Anzahl alter Privilegien der
Stadt gegenüber bewahrt (z. B. die Aufrechterhaltung der Disziplin und Sittenpolizei durch Proctors; die
Überwachung der Häuser, in denen Studenten wohnen dürfen; das Verbot, gewisse Geschäfte zu besuchen [discommuning], welche
der Verschwendung der Studenten Vorschub leisten, etc.). Sie entsendet zwei Vertreter ins Parlament; sie ernennt alle ihre Beamten,
Lehrer wie Verwaltungsbeamte, nach eignem Ermessen und stellt Lehrpläne, Prüfungsordnungen etc. völlig
selbständig auf. In ihrer modernsten Form steht die Universität da als eine Korporation aus den Doctors und Masters der faculties
of arts, law, physic, divinity, literature, science und music,
welche größtenteils die Verwaltungsbehörde, früher Caput,
jetzt Senate genannt, bilden.
Mitglieder des Senats gibt es augenblicklich (1891) 6774, welche natürlich nur zum allergeringsten Teil
in Cambridge wohnen, von denen aber bei besonders wichtigen Anlässen viele behufs Abgabe ihrer Stimme nach C.kommen. Die Gesamtzahl
der Angehörigen der Universität, die jedoch größtenteils keine Stimme im Senat haben, ist augenblicklich 13,044 (im J. 1840:
5696; 1850: 7047). Die meisten in Cambridge ansässigen Mitglieder des Senats, meist Universitäts- und Privatlehrer,
auch Fellows der Colleges, bilden einen engern Ausschuß und haben, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllen, ausgedehntere Rechte,
besonders Wahlrechte.
Die andern drei Ämter werden hervorragenden Adligen übertragen, welche aber nur höchst selten wichtige Amtsgeschäfte vornehmen.
Sonstige Universitätsbeamte sind: ein Commissary, ein Registrary (Archivar), der Public Orator (welcher bei feierlichen
Gelegenheiten in lateinischer Sprache
[* 29] im Namen der Universität redet), der Librarian, der Counsel (Rechtsbeistand),
zwei den Vice-Chancellor stets begleitende graduierte Esquire Bedells, welche auch darauf zu achten haben, daß die Geschäfte
der Universität äußerlich in richtiger Weise vorgenommen werden.
Unabhängig von der Universität, aber höchst wichtig in ihr sind die Vorstehers der 17 Colleges (der alte Name ist
noch Heads of Houses). Der Lehrkörper setzt sich zusammen aus 41 University Professors (die älteste Professur besteht seit
1502, die jüngste seit 1889; 21 davon stammen aus unserm Jahrhundert), 6 Readers und 33 University Lecturers. Die beiden letztern
Ämter, welche sich nur hinsichtlich der Höhe des Gehaltes unterscheiden, aber beide etwa den deutschen
außerordentlichen Professoren (nicht den Privatdozenten) entsprechen, bestehen erst seit allerneuester Zeit (1884 und später).
Studenten heißen offiziell undergraduates, des Court of Discipline (für persons in statu pupillari, d. h. Studenten und Baccalaurei),
der (2) Proctors und (4) Pro-Proctors. Die Finanzen der Universität verwaltet der Financial Board, dessen Bewilligung für alle
geplanten Ausgaben zuerst eingeholt werden muß. Die Rechnungen der Universität werden alljährlich von drei Mitgliedern
des Senats (Auditors of the Chest) geprüft. Fakultäten im Sinne der deutschen Universitäten hat man in Cambridge nicht, vielmehr werden
die einzelnen Studienzweige durch Sonderausschüsse unter dem Vorsitz des oder eines Fachprofessors vertreten.
Die Sitzungen der Ausschüsse finden je nach Bedürfnis häufiger oder seltener in den terms (s. unten) statt; es ist
die Aufgabe der SpecialBoards, die Gegenstände für die verschiedenen Fachprüfungen alljährlich festzusetzen, das Vorlesungsverzeichnis
ihres Faches aufzustellen und die Examinatoren zu wählen, über Gesuche behufs Zulassung zur Doktorwürde zu entscheiden
u. dgl. Zum Referat über Einzelfragen erwählt der SpecialBoard meist aus seiner Mitte besondere Kommissionen.
Zur Wahrnehmung sämtlicher andrer Interessen der Universität oder zur Entscheidung oder Vorberatung wichtiger
augenblicklicher Fragen fungieren ferner noch eine ganze Reihe von Sonderausschüssen (Syndicates). So gibt es das Press Syndicate,
Library Syndicate, Fire Prevention Syndicate, Museums and Lecture Rooms Syndicate u. a. Auch sind viele der angesehensten Graduates
Governors of Schools und üben als solche auf die Leitung vieler großer Schulen einen bedeutenden Einfluß
aus.
Das Einkommen der Universität, welche, wie gesagt, keinerlei Staatszuschüsse erhält, ist verhältnismäßig gering, da besonders
das ihr gehörige Land augenblicklich im Werte sehr gesunken ist. Die Universität Cambridge als solche ist arm (Oxford ist weit reicher),
und vieles Wünschenswerte wird verschoben aus Mangel an genügenden Mitteln. MancheColleges sind allerdings
sehr reich, aber man darf aus deren Privatvermögen keine Schlüsse auf die Finanzlage der Universität im großen und ganzen
ziehen.
Die Colleges, 17 an der Zahl, von denen die schönsten und größten (King's, Trinity, St. John's) nebeneinander in den Backs
am Cam liegen, sind teilweise sehr alt. Das älteste, St. Peter'sCollege (meist Peterhouse genannt), stammt aus dem 13. Jahrh.
(1257, erste Charter 1284). Die Colleges sind unabhängige Korporationen, deren jede von ihren eignen Gesetzen regiert wird.
Sie sind historisch im Laufe des Mittelalters aus den verschiedensten Anlässen hervorgegangen und wahren, obwohl sie sich
allmählich einander mehr angenähert haben, doch zum Teil noch bis auf den heutigen Tag ihre bestimmte
Individualität.
Solche Häuser hießen Inns, Hostels, gewöhnlich Halls (lat. aulae) und wurden später von der Universität anerkannte wichtige
Sammelplätze für Studenten. Die Hostels waren also ursprünglich Privatanstalten und ohne Stiftungsvermögen. Später gingen
mehrere in den Colleges auf, welche alle Stiftungen mit durch mannigfache Schenkungen oft zu bedeutender
Höhe angewachsenem Vermögen zur Erhaltung von Scholars sind. Bis zur Mitte des 15. Jahrh. kamen zu Peterhouse noch fünf der
noch jetzt bestehenden Colleges hinzu, einige andre sind jetzt eingegangen oder doch mit jetzt bestehenden verschmolzen.
Bei der augenblicklichen großen Entwertung des Landes sind die Einnahmen vieler Colleges sehr erheblich heruntergegangen und
damit der Wert der von ihnen verliehenen Fellowships ebenfalls. Die äußere Anlage der Colleges ist ziemlich
die gleiche: das College besteht aus einem oder mehreren Höfen, in deren Mitte sich ein wohlgepflegter Rasenplatz befindet.
Die Höfe sind von drei, meist von allen vier Seiten zugebaut und somit völlig vom Getriebe
[* 34] des Tages abgeschlossen. Jedes
College enthält einen geräumigen Speisesaal (hall) für sämtliche Mitglieder des College; einen
¶
1) Cambridge (Cambridgeshire oder Cambs), Grafschaft im südöstl. England, zwischen Lincoln im N., Northampton,
Huntington und Bedford im W., Hertford im S., Essex, Suffolk und Norfolk im O., zählt auf 2124 qkm (1891) 188862 E. Die Hauptflüsse
sind die kanalisierte Nene an der Nordgrenze und die von W. nach O. fließende Ouse mit Cam und Lark. Der nördl.
Teil gehört zum flachen korn- und viehreichen Fenn-Distrikt, ist fast durchweg drainiert und wird
¶
mehr
von Kanälen und Dämmen durchzogen. Im N. der Ouse führt der Landstrich (nach der Stadt Ely, s. d.) den Namen der Elyinsel
(Isle of Ely). Das südliche Cambridge ist ein aus Kreide
[* 36] und Grünsand bestehendes Hügelland. Nur ein Drittel der
Grafschaft enthält Ackerboden, das übrige ist Grasland, namentlich das Nenethal fast nur Wiesen-
und Weideland. Bei Upware sind Lager von Koprolithen, die wegen ihres reichen Gehaltes an Phosphaten als künstlicher Dünger
dienen. Die Haupterwerbszweige sind Ackerbau und Viehzucht.
[* 37] Die Grafschaft schickt drei Mitglieder in das Parlament. In alter
Zeit war Cambridge Wohnsitz der Iceni. Es fehlt nicht an Überresten röm. Altertümer.
2) Hauptstadt der Grafschaft Cambridge, alte Municipalstadt, Parlamentsborough und nächst Oxford die bedeutendste engl.
Universitätsstadt, liegt an dem schiffbaren, hier zwölfmal überbrückten Cam in flacher Gegend, an 4 Bahnlinien, zählt
(1891) 36983 E. und hat mit ihren engen unregelmäßigen ältern Stadtteilen, den herrlichen alten Bäumen (besonders in den
Backs hinter den Colleges), den Wiesen und Spielplätzen den halb-mittelalterlichen, idyllischen
Charakter bis heute gewahrt.
Industrie und Manufaktur fehlen fast gänzlich; die Universität ist die Hauptnahrungsquelle der Einwohner. Cambridge besitzt an Sehenswürdigkeiten
die Universitätskirche St. Mary the Great, die Bibliothek, die älteste, drittgrößte Englands (400000 Werke und über 6500 Handschriften,
darunter der CodexBezae, ein neues Testament von etwa 500 n. Chr.), das stattliche Fitzwilliam Museum (mit
wertvollen Kunstsammlungen), das Senate House, die Pitt Press (Universitätsdruckerei), Addenbrooke's Hospital sowie die 1101 eröffnete
altertümliche Round Church (Kirche des HeiligenGrabes) im frühnormann. Stil. - Cambridge, als Cair Grant eine Niederlassung der Briten,
hieß zur Römerzeit Camboritum, im spätern Mittelalter Grantebrigge oder Cantebrigge.
3) Die Universität bildet ein Gemeinwesen für sich und hat der Stadt gegenüber mehrere alte Privilegien, z. B.
die Aufrechterhaltung der öffentlichen Disciplin und Handhabung eines Teils der Sittenpolizei, die Überwachung der Häuser,
in denen Studenten wohnen dürfen (licensed lodgings), das Verbot des Besuchs gewisser Geschäfte, welche
der Verschwendungssucht der Studenten Vorschub leisten (Discommuning), zäh bewahrt. Über ihren Ursprung fehlt es an urkundlichen
Nachrichten.
Sie wurde, gleich Oxford, nach dem Muster der UniversitätParis zu Anfang des 13. Jahrh. eingerichtet und entwickelte sich
vermutlich aus dem Unterricht, den Geistliche der Diöcese Ely hier bereits im 12. Jahrh.
erteilten. Der Anteil, den am geistigen Leben der Nation genommen, war nie bedeutender als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh.,
seitdem durch zwei königl. Kommissionen (1850 und 1872) und unter Beihilfe von Mitgliedern der Universität die größtenteils
aus der Zeit Elisabeths stammende Verfassung im Geiste der Neuzeit umgestaltet wurde.
Aus den Untersuchungen der ersten Kommission gingen die Statuten von 1858 hervor. Da die Änderungen alsbald nicht mehr genügten,
wurden durch die zweite Kommission die Reformen weiter geführt, in der Universities of Oxford and Cambridge Act (1877) festgelegt
und 1882 durch die Bestätigung der Königin rechtskräftig. Die wichtigsten Änderungen waren die Abschaffung
des Monopol der engl. Hochkirche (abolition of religious tests, 1871) auf Ämter und Einkünfte
der Universität und der Colleges
sowie auf viele Stiftungen, welche jetzt auch Dissenters erringen können, die Umgestaltung der Einrichtungen betreffend Fellowships
(Fellows dürfen jetzt heiraten und erhalten ihre Fellowship meist nur auf 6-7 Jahre), die Heranziehung
der Colleges zu Beiträgen für Universitätszwecke, die Umgestaltung älterer und Einrichtung neuer Studienzweige sowie
die Zulassung von Studentinnen für die höchsten Studien und Prüfungen.
Verwaltung und Einkünfte. Die Universität ist völlig selbständig in Bezug auf Verwaltung, Aufstellung von Lehrplänen, Prüfungsordnungen
und Anstellung ihrer Beamten. Sie erhält keinerlei Staatszuschüsse und hat zwei besondere Abgeordnete
im Parlament. Die Verwaltungsbehörde wird gebildet durch sämtliche Doctors und Masters der Faculties, welche in ihrer Gesamtheit
als Senate bezeichnet werden, und deren Zahl (1892) 6774 beträgt. Die Gesamtzahl aller Angehörigen der Universität beläuft
sich auf 13044. Ein engerer Ausschuß wird gebildet durch etwa 500 in Cambridge ansässige Senatsmitglieder,
meist Universitäts- und Privatlehrer, auch Fellows der Colleges, welche, unter gewissen Bedingungen, ausgedehntere Rechte,
besonders Wahlrechte, haben.
Man nennt sie Graduates on the Electoral Roll. Aus ihnen bildet die Universität wieder eine Reihe von Ausschüssen für die
verschiedenen Verwaltungs- und Lehrzwecke. Nach außen wird die Universität vertreten durch den Chancellor,
den High Steward und Deputy High Steward, die, den gewöhnlichen Geschäften fernstehend, hauptsächlich repräsentieren. Praktisch
steht an der Spitze der meist alle 2 Jahr wechselnde Vice-Chancellor, welcher stets Master eines Colleges sein muß.
Ihm zur Seite stehen der Registrary (Archivar), Commissary, Librarian, Counsil (Rechtsbeistand), 2 Esquire
Bedells sowie der Public Orator (der im Namen der Universität öffentliche Reden in lat. Sprache hält). Die innere Verwaltung
und Disciplin liegt in den Händen von Comittees. Die wichtigsten Fragen der Verfassung und Verwaltung berät der Council, ein
Rat aus 16 regelmäßig wechselnden Vertrauensmännern (außer dem Kanzler und Vicekanzler). Die Finanzen
verwaltet der Financial Board, dessen Bericht alljährlich im «University Reporter» veröffentlicht wird; die Disciplin wird
gehandhabt von den Sex Viri (für Graduates), vom Court of Diciplin (6, für Undergraduates).
Die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen und die Sittenpolizei besorgen die 2 Proctors und 4 Pro-Proctors
mit ihren Pedellen. Eine wichtige Rolle spielen auch die 17 Heads of Colleges sowie der Censor der Non-Collegiate Students.
Die oberste Studienleitung liegt in den Händen des General Board of Studies, in welchem die einzelnen Fächer
[* 38] durch je einen
Abgeordneten vertreten sind. Für die Sonderinteressen der Einzelfächer bestehen Special Boards of Studies,
welche teilweise den deutschen Fakultäten entsprechen.
Solcher Special Boards besitzt Cambridge 12, nämlich für Divinity, Law, Medicine, Classics, Medieval und Modern Languages, OrientalStudies, History and Archæology, Moral Science (Philosophie und Volkswirtschaftslehre), Mathematics, Physics and Chemistry,
Biology and Geology und für Music. Alle Professoren und ältern Docenten sind Mitglieder der Special Boards,
von den jüngern Lehrkräften nur eine beschränkte Anzahl. Alle Lehrpläne, Prüfungsordnungen, An-
^[Artikel, die man unter C vermisst, sind unter K aufzusuchen.]
¶
mehr
stellungen, Verleihungen von Doktorgraden geschehen auf seine Anregung durch den General Board oder durch Senatsbeschluß.
Wichtige Neuerungen werden ein- oder mehreremal vor dem Senat öffentlich erörtert und oft an den Special Board zurückverwiesen.
Durch offizielle Aufnahme eines vom Council und Senate gebilligten Reformvorschlags in den «University Reporter» wird derselbe
Gesetz. Während einzelne Colleges sehr reich sind, ist die Universität selbst verhältnismäßig arm.
Ihre Einnahmequellen sind: Pachtzins von jetzt stark entwertetem Grundbesitz, gesetzlich geregelte Beiträge der Colleges (1891: 17414 Pfd.
St.), Matrikulations-, Prüfungs- und Gradgebühren, regelmäßige Beiträge aller Senatsmitglieder und gelegentliche Schenkungen.
Ihr Einkommen belief sich 1890 auf 45899 Pfd. St., während Trinity College 103863
Pfd. St. und St. Johns (das zweitgrößte) 50161 Pfd. St. Einkommen besaß.
Docenten. Der Lehrkörper besteht (Anfang 1894) aus 43 Professoren (21 Professuren sind seit 1800 gegründet, die älteste
Stiftung besteht seit 1502; die mit den Professuren verbundenen Lehrpflichten und Gehälter sind außerordentlich verschieden), 6 Readers, 34 University
Lecturers. Die beiden letztern Grade entsprechen etwa den deutschen außerord. Professoren und sind erst seit 1884 für solche
Fächer geschaffen, in denen die Universitätsmittel die Errichtung ord.
Professuren nicht ermöglichten. So giebt es 80 fest angestellte und besoldete Universitätsdocenten, welche meist zugleich
Fellows von Colleges sind. Zu diesen gesellen sich etwa 50 Teachers, Superintendents, Demonstrators, Curators;
den University Lecturers treten zahlreiche College Lecturers und Private Tutors zur Seite. Zur Verwaltung von Universitätsanlagen
sowie zur Beratung gelegentlicher Fragen bestehen ferner eine Anzahl sog. Syndicates, z. B.
Library Syndicate, Press-, Senate House-, Museums and Lecture Rooms, Local Examinations and Lectures und
Teachers Training Syndicate. Viele Graduates sind auch Governors of Schools oder Examinatoren und überwachen als solche
eine Reihe der ersten Schulen des Landes. Die Disciplin über Studenten und Bachelors (persons in statu pupillari) liegt in
den Colleges in den Händen der Tutors, auf den Straßen in denen der Proctors.
Colleges. Cambridge besitzt 17 Colleges und 2 sog. Hostels. Unter
den erstern sind Trinity, St. John's und King's College die schönsten. Das älteste ist St. Peter's College (meist Peterhouse
genannt), das 1257 nach dem Vorbilde von Merton College zu Oxford gegründet und 1284 durch Charter anerkannt wurde. Dann
folgen: Clare (1326), Pembroke (1347), Gonville and Caius, Trinity Hall (1350), Corpus Christi (mit wertvoller
Bibliothek, 1352), King's- (1441) und Queen's College (1448 und neubegründet 1465), dessen Gebäude die ältesten sind, und
an dem Erasmus von Rotterdam
[* 40] jahrelang lehrte, St. Catherine's (1473), Jesus (1496), Christ's (1505), St. John's (1511), Magdalen
(1519) und das 1546 durch Heinrich VIII. aus verschiedenen ältern Colleges gebildete Trinity College,
das weitaus bedeutendste in Cambridge und in England überhaupt. Es zählt im J. 1894 614 Studenten und im ganzen 3681 Mitglieder;
ferner Emmanuel (1584), SidneySussex (1594) und nach zweihundertjähriger Pause Downing College (1800). In neuester Zeit sind
gegründet worden: 2 Hostels, das strengkirchliche, billige Selwyn College (1882)
sowie Ayerst' Hostel für ärmere Studenten (1884). In Ridley Hall (1881) bereiten sich Theologen nach beendeter Studienzeit
auf ihr Amt vor. Zu diesen kommen die außerhalb Cambridge gelegenen Frauencolleges: Girton College (1873 gegründet,
stark aufblühend mit etwa 110 Studentinnen) und Newnham College (1875 eröffnet, mit jetzt 3 Halls und 140 Studentinnen).
Den Studentinnen wird aber trotz der letzten Prüfungsresultate der akademische Grad nicht erteilt. Seit 1869 können Studenten
(1894: 107), auch ohne sich einem College anzuschließen, als Non-Collegiate Students in licensed lodgings unter der Aufsicht
eines Censor wohnen und genießen, bei billigerm Leben, die Rechte der andern Studenten. Alle Colleges sind
völlig selbständige Internate mit eigenen Gesetzen. Sie sind aus verschiedenen Anlässen historisch erwachsene, von der
Universität anerkannte Anstalten, in denen die Studenten leben, beaufsichtigt und in ihren Studien gefördert werden.
Die alten Colleges (auch Houses oder Halls, lat. aulae genannt) bestanden aus dem Head (Master, Provost,
President) und den Scholars. Letztere teilten sich später in Fellows (die ältern, Graduierten) und Scholars (die Undergraduates).
Der Master, die Fellows und die Scholars beziehen noch jetzt Stipendien vom College. Neuerdings zerfallen die Angehörigen eines
Colleges in den Head (fast immer Master genannt), Fellows (meist in senior und junior geschieden), Graduates,
welche nicht Fellows sind, Fellow-commoners (nur noch sehr wenige), Bachelors (of arts, etc.), Scholars (Stipendiaten, die besten
Studenten), Pensioners (die große Mehrzahl zahlender Studenten) und Sizars (ärmere Studenten). Die Verwaltung liegt in den
Händen des Masters sowie des Governing body der ältern Fellows. Jedes College besetzt aus der Zahl seiner
Fellows die Stellen des Masters, Dean, Bursar, Librarian und Tutor. (S. College.)
Studenten. Die Studenten (Undergraduates) bleiben meist 3, selten 4 Jahre in Cambridge. Sie heißen im ersten Jahre «Freshman»,
im zweiten «Junior Soph», im dritten «Senior Soph». Sie besuchen nicht nach deutscher Weise mehrere Universitäten.
Sie gehören fast alle irgend einem College an. Ihre Anzahl beläuft sich (1891) auf 3029 (darunter nur 156 Non-Collegiate
Students), die der Studentinnen auf etwa 250. Sie sind ungleichmäßig vorgebildet und haben jährlich mindestens eine
Prüfung zu bestehen.
IhreStudien werden weniger frei und selbständig betrieben als in Deutschland,
[* 41] viele nehmen neben den Vorlesungen
regelmäßig Privatstunden, welche von Privatlehrern und den meisten jüngern Docenten erteilt werden. Die vorgeschriebene
Tracht bei Vorlesungen ist für Lehrer wie SchülerBarett und Talar (cap and gown). Der Talar der Studenten ist kurz, der der Masters
lang herabwallend und nach Grad und Profession verschieden. Nachmittags zwischen 2 und 5 Uhr
[* 42] wird ausschließlich
den verschiedenen Sports gehuldigt. Abends werden oft Klubs, seltener Theater und Konzerte besucht. Kneipenbesuch und Mensuren
sind völlig unbekannt. Die Kosten eines akademischen Jahres (3 terms, etwa 23 - 25 Wochen) sind erheblich höher als in
Deutschland. Sie belaufen sich auf 150 - 250 (oder 300) Pfd. St. Meist gilt 200 Pfd.
St. für ausreichend. Durch sehr zahlreiche Stipendien (Scholarships, Exhibitions, Prizes) können die Kosten erheblich vermindert
werden.
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K auszusuchen.]
¶