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Raw Frand zu Parschat Wajigasch 5763 (Beitrag 1)
Ein Gespräch zum Kern der Sache
"Und Jehuda trat näher ..." [Bereschit 44:18] Man war gerade dabei, Benjamin gefangen zu nehmen. Jehuda erkannte die möglichen Folgen, trat deshalb auf Josef zu und setzte zu einer bereits bekannten Rede an. Die Informationen, die Jehuda Josef in den ersten Pesukim (Versen) gab, sind eine Zusammenfassung der Ereignisse, die sich in Parschat Mikez ereignet hatten.
Der Midrasch erklärt, dass die Begegnung zwischen Jehuda und Josef ein Treffen zweier Könige darstellte. Die zwei Könige waren Josef, der das ägyptische Königshaus repräsentierte, und Jehuda, von dem dereinst der Stamm der Könige Israels abstammen würde.
Der Midrasch will möglicherweise folgende Frage beantworten: Was hatte sich eigentlich geändert? Wir finden in diesem Gespräch keine neuen Elemente. Jehuda erwähnte keine neuen Argumente, die dem ägyptischen Vizekönig klarmachen könnten, wieso er Benjamin doch nicht als Geisel zurückhalten sollte. Josef hatte die Argumente über den alten Vater und die Verzweiflung, in die er ihn stürzen würde, bereits einmal gehört. Diese Argumente hatten ihn offensichtlich nicht beeindruckt. Was glaubte Jehuda nun zu erreichen, wenn er dieselben Darlegungen noch einmal wiederholte?
Und doch: Plötzlich "erreichte" Jehuda Josef. Wieso? Was hatte sich geändert? Rav Alpert, seligen Angedenkens, bringt dazu folgenden
Gedanken: Bei allen anderen Gesprächen, die Jehuda und Josef miteinander führten, stand ein Dolmetscher zwischen ihnen. Josef spielte immer noch den Ägypter, der kein Hebräisch verstand. Jehuda versuchte, mit ihm über Mittelmänner zu verhandeln - wie zwei Unterhändler, die die Arbeiter und Unternehmer vertreten und miteinander einen Vertrag auszuhandeln versuchen.
Dieses Mal wurde nicht mehr verhandelt. Jehuda ging direkt zu Josef und schüttete ihm sein Herz aus. Das war der Unterschied. Bis anhin hatte Jehuda wie ein Politiker oder Staatsmann zu Josef gesprochen. Er behielt seine Fassung. Er verwendete diplomatische Floskeln. Er sprach die richtigen Worte. Sie hatten, wie öfters in den Nachrichten gesagt wird, eine "offene und freimütige Unterredung".
Diesmal war kein Zwischenträger dabei. Hier war nur Jehuda, der Josef sein Herz ausschüttete. Das war es, was durchkam. Spricht ein Mensch direkt aus seinem Herzen und gibt seinen echten Gefühlen Ausdruck, ist die Botschaft klarer als alles, was ein Bote übermitteln kann.
Vom Chofez Chajim gibt es eine berühmte Geschichte. Er überbrachte einmal eine Bittschrift für eine Gemeindeangelegenheit einem polnischen Regierungsbeamten. Der Chofez Chajim war zu dieser Zeit bereits in fortgeschrittenem Alter. Weil er kein Polnisch sprach, brachte er einen Übersetzer mit und redete in Jiddisch. Nachdem der Chofez Chajim seine Darlegungen beendet hatte, wollte der Dolmetscher diese für den Regierungsbeamten ins Polnische übersetzen. Der Beamte sagte jedoch: "Du brauchst gar nicht mehr zu sprechen. Ich verstehe, was dieser Mann mir sagen will und ich gebe seinem Ansuchen statt."
Der Regierungsbeamte verstand kein Wort Jiddisch. Er fühlte den Schmerz, die Ängste, die Aufrichtigkeit und die Aufopferung ("Mesirat Nefesch"), die der Chofez Chajim für diese Angelegenheit empfand. Er brauchte deshalb keinen Dolmetscher.
Dies ist der Unterschied zwischen dem Dialog von Jehuda und Josef hier in Parschat Wajigasch und ihren früheren Gesprächen in Parschat Mikez. Dazumal behandelten sie einander gegenseitig wie Politiker. Die Feinheiten der Politik und der Verhandlungstechniken berührten Josef nicht. Jetzt aber schüttete Jehuda ihm ungehindert sein Herz aus. In dieser Episode, so kommentiert der Midrasch, wurden Josef und Jehuda eins. Sie wurden wieder Brüder. Dieses Mal sprach der wahre Jehuda und der wahre Josef hörte zu. Worte, die von Herzen kommen, sind diejenigen, die auch zu Herzen gehen.
Quellen und Persönlichkeiten:
Midrasch: Erklärungen zur Torah, sehr oft mit Gleichnissen.
Rav Nissan Alpert [Limudej Nissan] (verst. 1986): Rav der Agudah Long Island in Far Rockaway und Lehrer an der Jeschiwa "Rabbenu Jitzchak Elchanan". New York City.
Chofez Chajim: (1838-1933): Rav Jisrael Me'ir HaKohen von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar).
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