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Pro Helvetia gegen «Kulturboykott»
Weil der Dramatiker Werner Wüthrich den «Kulturboykott 700» unterschrieben hat, ist sein Arbeitsaufenthalt im Tessin, für den er sich bei der Pro Helvetia beworben hat, unwahrscheinlich geworden.
Für 1991 hat sich der Dramatiker und «Kulturboykott»-Unterzeichner Werner Wüterich (vgl. WoZ 15/1990) bei der «Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia» um einen Arbeitsaufenthalt in der «Casa Pantrovà» in Carona (TI) beworben, die von der Pro Helvetia verwaltet wird. Am 13. August hat er nun eine Empfangsbestätigung seines Gesuchs erhalten: «Da die Casa Pantrovà mit Bundesgeldern unterhalten wird, möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass Bewerber, die den Kulturboykott gegen die 700-Jahr-Feier nicht unterstützt haben, zuerst berücksichtigt werden.» Gezeichnet: Pina Vanoli.
Vanoli, die die Casa Patrovà verwaltet, ist Pro Helvetia-Personalchefin und rechte Hand des Generalsekretärs Luc Boissonnas, der 1990 immerhin rund 22 Millionen Steuerfranken für Kulturförderung ausgeben kann. Vanoli sagt, sie habe diesen Brief in Boissonnas' Auftrag verfasst. Ob bei der Pro Helvetia die Liste der Kulturboykottierenden als schwarze Liste behandelt werde? Nach längerem Zögern sagt sie: «Man kann so sagen.»
Als Boissonnas später telefonisch erreichbar ist, ist er informiert: Wie schon Frau Vanoli ausgeführt habe, könne bei der Pro Helvetia von einer Schwarzen Liste keine Rede sein. Auch gebe es von ihm keine Weisung: «Ich gebe zu, der Brief ist ein Ausrutscher.» Andererseits: «Die Pro Helvetia will mit ihrem Geld niemanden in eine dumme Lage bringen.» Der Schriftsteller und Kulturboykott-Unterzeichner Jürg Laederach zum Beispiel habe letzthin ein Pro Helvetia-Werkjahr von 36000 Franken abgelehnt mit der Begründung, er wolle mit diesem Staat nichts zu tun haben. Diese Haltung sei zumindest konsequent. (Zur Erinnerung: Der «Kulturboykott 700» betrifft «jegliche kulturelle Mitarbeit bei sämtlichen Veranstaltungen zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft». Nicht mehr und nicht weniger.)
Zur Casa Patrovà führt Boissonnas aus: «1991 werden in erster Linie Leute berücksichtigt, die noch nie dort waren, in zweiter solche, die den Kulturboykott nicht unterschrieben haben, in dritter Kulturboykottierende.» Ob diese Behandlung der Boykottierenden bei der Pro Helvetia generell gelte? Dies zu entscheiden, sei Sache des Stiftungsrats.
Für Wüthrich ist der kulturpolitisch brisante «Ausrutscher» von Vanoli/Boissonnas ein Beleg für den oft bestrittenen Zusammenhang zwischen «Kulturboykott» und Fichenstaat: «Jetzt haben wir es schwarz auf weiss: Wer mit seinem Namen und öffentlich zu protestieren wagt, wird fichiert und diskriminiert.»
Jochen Kelter, der Sekretär der «Autoren und Autorinnen Gruppe Olten», der Wüthrich angehört, kommentiert: «Wohlgemerkt: Der beantragte Arbeitsaufenthalt von Werner Wüthrich steht in keinem Zusammenhang mit der 700-Jahr-Feier. Wohlgemerkt auch: Die Pro Helvetia ist keine weisungsgebundene Bundesbehörde, sondern eine unabhängige Stiftung. Eine Stiftung, die sich dem EJPD besonders verbunden fühlt und bereits auf eigene Faust schwarze Listen führt? Wer immer schon geargwöhnt hatte, das Mäzenatentum des Staates sei eher an politisches Wohlverhalten denn an künstlerische Qualität gebunden, sieht sich durch diesen Vorgang leider bestätigt. Soll dieses Beispiel nun etwa bei der Vergabe von Werkjahren und Werkaufträgen Schule machen?»
[WoZ 39/1990]
Boissonnas’ Stil
Dass Kulturschaffende, die den «Kulturboykott» nicht unterzeichnet haben, für einen Aufenthalt in der von der Pro Helvetia (PH) verwalteten Casa Pantrovà 1991 bevorzugt werden, hat der PH-Generalsekretär Luc Boissonnas dem Dramatiker Werner Wüthrich mitteilen lassen. Gegenüber der WoZ hat er danach einerseits diesen Sachverhalt bestätigt, andererseits gesagt: «Ich gestehe, der Brief [an Wüthrich, Red.] ist ein Ausrutscher» (siehe WoZ 35/1990). Unterdessen ist zu Boissonnas’ Stil Neues bekannt geworden. Zum einen hat er sich in einem offiziellen Communiqué hinter seiner Sekretärin versteckt: Der Brief an Wüthrich sei weder eine offizielle noch eine inoffizielle Stellungnahme, sondern lediglich die persönliche Meinung eines einzelnen. Zum andern hat er gegenüber einem kritischen WoZ-Leser, dem unheimlichen Patrioten Max Keller, der ihn auf seine widersprüchlichen Äusserungen in der WoZ ansprach, geschrieben: «Dass Sie die WoZ beim Wort nehmen, erstaunt mich. Was mir in den Mund gelegt wird, habe ich nie gesagt.» Die WoZ hält vollumfänglich an ihrer Darstellung fest. Der Pro Helvetia ist nach dem bevorstehenden altersbedingten Abgang Boissonas’ ein neuer Generalsekretär zu wünschen, der – nicht nur bei der Pressearbeit – morgen noch weiss, was er heute gesagt hat.