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Flüsse
Das idyllische Bild des im Schnee zu Eis erstarrten Baches macht die Schönheit der Langlaufloipen im Goms, in Evolène oder Fouly, oberhalb der Wasserfassung, aus. Es ist schwer sich vorzustellen, dass das Leben im eisigen Wasser weitergeht. Doch gerade der Dezember ist der Laichmonat der Forelle.
Zwei Arten einheimischer Forellen besiedeln unsere Gewässer: die Bachforelle und die Seeforelle, welche viel grösser ist. Letztere lebt im Genfersee. Sie begibt sich im September und Oktober in die Bäche, um zu laichen. Die Jungfische wandern zum See, wennsie ein oder drei Jahre alt sind. Das Stauwehr von Lavey verhindert, dass diese Art noch weiter als bis zum Bois-Noir ins Wallis kommt. Darum ist es die Bachforelle, die wir am häufigsten sehen. Sie kann in der Rhone, in einigen Kanälen und in allen Wildbächen bis auf 2000 m ü. M leben. Doch wird dieser Fisch mit dem spindelförmigen Körper, der rasche Beschleunigungen ermöglicht, von Stromschnellen und Wasserfällen, die ein bis zwei Meter Höhe übersteigen, aufgehalten. Aus dem Grund sind gewisse "Populationen" in einigen Seitentälern wie in Morgins oder im Val de Réchy Abkömmlinge von ausgesetzten Fischen. Der Mensch hat zu den natürlichen Hindernissen hinzu noch weitere Lebensbremsen für die Fische errichtet: Wasserfassungen, Trockenlegungen, begradigte Korrekturen, die keinerlei Ruheorte bieten.
Das Vorhandensein der Fische deckt sich nicht mehr mit der Fortpflanzung: Verschmutzungen, Kiesgruben, Spülwasser der Entsandungsstellen und Reduktion der Wasserführung tragen zur Verschlammung der Flussbette bei und stehlen den Forellen die zur Eiablage nötigen Kiesbänke. In der Rhoneebene können wir das nur noch erleben im Pissevache, in der Sarvaz nahe bei ihrem Austritt in Saillon und im Russenbrunnen bei Salgesch. Hier, ganz nahe an der Quelle, die am Hangfuss austritt, sorgt viel sauberes, klares Wasser für schlämm- und algenfreie Kiesbänke. Die Eier finden hier ideale Temperatur- und Sauerstoffverhältnisse zu ihrer Entwicklung. Sogar in den Seitentälern ist die Bachforelle selten geworden.
Einige Bäche beherbergen noch Groppen und Ehitzen. Letztere suchen wie die Forelle rasch fliessende, klare, frische und sauerstoffreiche Wässer auf. Sie leiden genau gleich wie ihre edlere Gefährtin, die Forelle, unter den Schäden, die man unseren Gewässern zufügt; doch nur der Speisefisch erfreut sich der Unterstützung durch Zuchten und jährliche Einsetzungen. In gewissen Fällen führt die Hilfe der Fischer zur ökologischen Katastrophe: Regenbogenforellen aus Nordamerika sind zwar grösser als die unsrigen, vermehren sich aber nicht bei uns und fressen die allzu seltenen einheimischen Jungforellen.
Die Forelle jagt Ehitzen, ernährt sich aber vornehmlich von kleinen Wirbellosen, die am Grunde leben oder sich aufs Wasser setzen. Doch sie ist nicht die einzige Räuberin, die von den vielen Insekten im fliessenden Wasser lebt. Ein kleines Säugetier, die Wasserspitzmaus (unter diesem Namen gibt es in Wirklichkeit zwei Arten mit hellem Bauch und schwarzem Rücken), teilt mit ihr die Vorliebe für Köcher- und Eintagsfliegen. Weil sie nachtaktiv ist, wird sie kaum beachtet. Doch ich habe die kleine Insektenfresserin in die wirbelnden Fluten der Drance tauchen sehen. Wegen der eingeschlossenen Luft veränderte sich die Farbe ihres Pelzes von schwarz zu silbergrau. Sie schwamm gegen die Strömung, hielt sich einige Sekunden am Grunde auf, just um eine Beute zu schnappen. Nach jedem Fang stieg sie ans Ufer, schälte die Köcherfliege, verschlang die Larve und tauchte erneut.
In einem französischen Lied heisst es, dass sich ein kleiner Fisch und ein kleiner Vogel zärtlich lieben, aber nicht zueinander finden können. Doch die Wasseramsel hat das Problem gelöst. Vom August bis in den April hinein lebt dieser braune, rundliche Vogel mit der weissen Brust, der etwas kleiner ist als die Amsel, in grosser Zahl an den Rhoneufern und an den Unterläufen grosser Bäche. Es ist der einzige einheimische Sperlingsvogel, der fähig ist zu schwimmen und zu tauchen. Er nährt sich von Köcherfliegen und anderen Wasserinsekten, die er vom Grund auffischt.
Von der Brücke von Lavey-les-Bains aus konnte man beobachten, wie die Wasseramsel sich auf die polierten Blöcke setzte, die aus dem Wasser ragen, um sich zwischen zwei Tauchflügen auszuruhen. Am Ufer des Rückhaltebeckens von Collonges wird man sie vergeblich suchen, denn ihre Beutetiere leben nicht am Ufer von ruhendem Wasser, sondern auf dem Grund der Rhone, der hier für unsere Taucherin unerreichbar ist.
Nicht alle Wasseramseln kommen im Winter in die Ebene. Solange der Frost das fliessende Wasser nicht zum Erstarren gebracht hat, versucht jedes Paar, an seinem Standort zu bleiben. In einigen Fällen scheint sich die Überwinterung oberhalb der Brutplätze abzuspielen: in Zinal verhindert das im Sommer mit Gletscherschlamm belastete Wasser das Nisten, während es im Winter so klar ist, dass Fischen auf Sicht möglich wird, sodass eine bis zwei Wasseramseln, die von tiefer kommen, sich hier ansiedeln können.
Die Wasseramsel bewohnt das gesamte Gewässernetz des Wallis, von der Furka bis zum Genfersee. Nur einige isolierte Paare vermehren sich mehr oder weniger regelmässig in der Ebene, beispielsweise nahe der Mündung der Dranse in die Rhone, auf dem Canal du Milieu bei Fully, in der Salentze oder auf der Borgne bei Brämis. Die Mehrheit der Paare lebt in den Seitentälern, an den noch natürlichen Hauptwasserläufen, jedoch kaum über 1500 m, obwohl auch Nester auf nahezu 2000 m ü. M. beobachtet worden sind. Mit wenigen Ausnahmen sind die Seitenbäche zu klein, um die Aufzucht einer Brut zu ermöglichen; darum leben nur Einzelgänger dort.
Wenn man die Wasseramsel in den ruhigen Gewässern gefasster Bäche fischen sieht, hat man Mühe sich vorzustellen, wie dieser kleine Sperlingsvogel sich an unseren Bächen vor dem Zeitalter der Staudämme fortpflanzen konnte. Doch anfangs Juli setzen sich regelmässig lärmende Familien an die Ufer des wilden Baltschiederbaches, wo das Wasser so aufgewühlt daherschiesst, dass es gefährlich wäre hineinzutreten. Übrigens sucht die Wasseramsel auch Wasserfälle auf und versteckt ihr Nest hinter dem Wasservorhang. Bei Fiesch stürzt sich das milchige (von Gletscherschlamm beladene), mächtige Weisswasser in die Rhone, die dort wegen Fassungen recht mager ausschaut. Im Juli 1990 fischten hier Wasseramseln im ruhigen, klaren Wasser; sie trugen aber ihre Beute zum Schutz vor Räubern unter die aufgewühlten Wassermassen des Weisswassers.
Einige Tage später wurde eine Entsandungsstelle entleert, und die Rhone führte schwarzes Wasser... Die Wasseramseln fischten nicht mehr, sondern pickten am Ufer und stritten sich mit den Amseln um die Beute. Diese Ausnahmesituation zeigt, wie wichtig Nebenbäche sind: eigentliche Notausgänge im Falle von Hochwasser — natürlichem oder künstlichem —, das die Beutetiere wegschwemmt oder das Wasser verschmutzt. Obwohl Nebenbäche einem nistenden Paar nicht zu genügen vermögen, enthalten sie wertvolle Krisenreserven und bereichern den Hauptfluss, indem sie Tiefwasserfauna einschwemmen, wenn diese im Hauptfluss infolge Verschmutzung oder Spülung vernichtet wurde.
An den "guten" Flüssen findet man ungefähr ein Wasseramselnpaar pro Kilometer. Die Länge der Zwischenräume, welche die Brutplätze trennen, ist nicht regelmässig, sondern schwankt in Funktion natürlicher Faktoren wie der verfügbaren Nahrungsmenge und scheint vor allem durch die Wasserfassungen und die Eindämmungen begrenzt zu sein, weil diese den Wasseramseln Nahrung, Brutplatz und Lauerposten stehlen. Eine im Tessin durchgeführte Studie zeigt, dass sanierte Flussstrecken ohne herausragende Blöcke von Wasseramseln verlassen werden! Kiesausbeutungen schliesslich trüben das Wasser ständig und beeinträchtigen die Brutplätze am Unterwasser.
Nomadentum
Gegen Ende des Sommers zerstreuen sich die Familien und die Jungvögel mit dem geflecktem Gefieder wagen sich in die Höhen, wenigstens bis zum ersten Geplätscher der Nebenbäche: so erklären sich die Begegnungen längs der Reche bis Louché, auf der Hochebene von Bettmeralp, in den hochgelegenen Sümpfen von Sery im Bagnes-Tal oder auch am Col de Cou oberhalb von Champéry. Dort finden die jungen Vögel ideale Verpflegungsbedingungen für Anfänger: in diesen kleinen Bächen mit klarem, ruhigem Wasser sind die Insektenlarven, deren Entwicklung durch meteorologische Bedingungen verzögert wird, leicht erreichbar. Und letzter, aber nicht geringster Vorteil: keine erfahrenen Vögel machen ihnen Konkurrenz.
Siehe auch