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«Giftig» ist ein Prädikat, das schnell einmal einem Tier eine potentielle Gefährlichkeit zumisst. Dabei hat das Wort Gift seine Wurzeln im Begriff «Gabe, Geschenk», eine Bedeutung, die zum Beispiel im Englischen erhalten geblieben ist. Insofern ist der Einsatz von Gift wirklich eine Gabe, die das Überleben vorteilhaft beeinflussen kann.
Als Gifte werden Stoffe bezeichnet, die Stoffwechselvorgänge beeinflussen und einem Organismus temporär oder dauerhaft Schaden zufügen oder gar zum Tode führen können. Wenn auch Gifte aufgrund ihrer möglichen Wirkungen in unserer Wahrnehmung negativ belastet sind, haben sie doch bei einer ganzen Palette von Tieren einen positiven Einfluss in deren Kampf ums Überleben. Die Anwendungsformen wie auch die Wirkungen dieser Gifte sind dabei sehr vielfältig. Eingesetzt werden sie insbesondere, um sich zu verteidigen, um Fressfeinde abzuwehren, um sich vor Bakterien und Pilzen zu schützen und im Zusammenhang mit dem Nahrungserwerb.
In allen Wirbeltierklassen finden sich «Anwender» von Giftstoffen. Es sollen hier im Folgenden auch einige Arten Erwähnung finden, die nicht im Tierbestand des Zoo Zürich vertreten sind.
Ein unerwartetes und spektakuläres giftiges Säugetier hat einen Entenschnabel, legt Eier und säugt seine Jungen: Männliche Schnabeltiere haben an den Hinterbeinen je einen Sporn, der mit einer Giftdrüse verbunden ist. Insbesondere während der Paarungszeit ist diese Drüse aktiv, und so nimmt man an, dass die Männchen ihre Giftsporen zur Verteidigung ihrer Territorien und im Kampf um Weibchen einsetzen. Beim Menschen löst das Gift eine starke Schwellung und heftige, langanhaltende Schmerzen aus.
Ein paar giftige Vertreter finden sich bei den Insektenfressern. Schlitzrüssler (sehen wie sehr grosse Spitzmäuse aus) der Karibischen Inseln produzieren in der Speicheldrüse des Unterkiefers ein Nervengift, das zur Erbeutung von Wirbellosen und kleineren Wirbeltieren eingesetzt wird. Dasselbe trifft auch zu für die heimische Wasserspitzmaus oder die Nordamerikanische Kurzschwanzspitzmaus. Auch ihre Gifte wirken auf das zentrale Nervensystem und lähmen oder töten ihre Beutetiere. Mit ihrem Gift können diese Spitzmäuse grössere Beutetiere überwältigen, als sie es nur mit einem Biss tun könnten.
Auf Borneo hat ein nachtaktiver Primat aus der Gruppe der Plumplori ein spezielles Abwehrsystem entwickelt. Das Gift wird in einer Drüse am Arm produziert und dort abgeleckt. Mit Speichel vermischt wird es auf das eigene Fell oder jenes von Jungtieren aufgetragen. Bei akuter Bedrohung wird der giftige Speichel auch durch Bisse zur Abwehr eingesetzt.
Auch bei den Vögeln sind nur wenige Beispiele von Arten bekannt, die Giftstoffe einsetzen. Es handelt sich dabei um passive Anwendungen mit dem Ziel, für Räuber möglichst ungeniessbar zu sein. In einer Gruppe Pitohui genannter Vögel in Neu Guinea sind Giftstoffe in den Federn und in der Haut eingelagert. Oder die in Afrika beheimatete Sporngans lagert in ihrem Gewebe Giftstoffe ein, die sie über ihre Nahrung aufnimmt. Es sind dies Reiz- und Nervengifte, die sie aus Ölkäfern «gewinnt».
Eine reflexartige Frage bei Schlangen ist vielfach «ist sie giftig»? Wenn sie es ist, so hat man als Mensch grossen Einfluss darauf, ob man mit diesem Gift in Kontakt kommt. Denn das Gift der Schlangen dient primär dem Beuteerwerb und der Verdauung, es wird aber auch zur Selbstverteidigung eingesetzt. Zum Einsatz kommt es durch Bisse, wobei zum Teil komplex gebaute Zähne eine optimale Injektion ermöglichen, oder auf Distanz durch Speien. Die Gifte sind meist aus einem Cocktail verschiedener Wirkstoffe zusammengesetzt. Ihre Wirkung zielt insbesondere auf eine enzymatisch bewirkte Schädigung des Gewebes oder auf die neurologische Auslösung von Lähmungserscheinungen und Krampfzuständen.
Die Vertreterin der Giftschlangen im Zoo Zürich ist die Seitenwinder-Klapperschlange. Ihr Name nimmt Bezug auf ihre Fortbewegungsart, mit der sie mit wenig Bodenkontakt auch über heissen Sand gleiten kann. Ihr Name verrät noch was: Der Einsatz von Giften ist mit Kosten verbunden. So warnen viele Gifttiere zunächst, bevor sie ihre Waffen einsetzen. Die Klapperschlange macht dies mit ihrer Rassel am Schwanzende und macht so auf die drohende Gefahr aufmerksam. Ihr Gift enthält Gewebe zersetzende Eiweissverbindungen.
Als einzige unter den Echsen haben die Krustenechsen einen Giftapparat entwickelt. Das in Unterkieferdrüsen gebildete Gift wird durch Kaubewegungen in die Wunde des Beutetieres eingearbeitet, wo es vor allem auf das Zentralnervensystem einwirkt. Interessanterweise ist ein Wirkstoff der Giftmischung fast identisch mit einem Wirkstoff im Speichel der Nordamerikanischen Kurzschwanzspitzmaus. Zudem wird ein Bestandteil des Krustenechsengiftes synthetisch hergestellt zur Behandlung von Diabetes Typ II. Der Zoo Zürich pflegt seit über sechzig Jahren diese Echsen und hat die Skorpion-Krustenechse sehr erfolgreich nachgezüchtet.
Die dünne Haut der Amphibien ist in der von diesen Tieren bevorzugten feuchten Umgebung eine interessante Angriffsfläche für Mikroorganismen. Damit dem nicht so ist, scheiden Hautdrüsen Gifte aus. Nebst der Abwehr von Mikroorganismen dienen diese vielfach auch der Selbstverteidigung gegenüber Fressfeinden.
Amphibien haben eine Reihe hochwirksamer Gifte entwickelt. Dazu gehören etwa die Gifte der Pfeilgiftfrösche, etwa des Gelben oder Schrecklichen Pfeilgiftfrosches. Der Name dieser Tiere verrät auch gleich, wie sich der Mensch die Gifte zu Nutze gemacht hat. Die Frösche sind nicht in der Lage, die Gifte selber zu produzieren. Sie entnehmen die Stoffe ihren Beutetieren und lagern sie in der Haut ein. So sind denn auch Pfeilgiftfrösche im Terrarium, da anders ernährt, nicht mehr im gleichen Ausmass giftig. Der Nutzen der in der Haut eingelagerten Gifte wird optisch durch eine auffällige Warnfärbung der Tiere verstärkt. Davon profitieren zum Teil andere Arten, indem sie diese Warnfärbung imitieren, ohne selber gleichermassen giftige Abwehrstoffe aufzuweisen.
Auch unsere heimischen Amphibien sind giftig, wenn auch nicht in gefährlichem Ausmasse. Es lohnt sich aber dennoch, nach einem Kontakt mit den Tieren die Hände gut zu waschen, um Reizungen der Schleimhäute zu vermeiden. Das Küssen eines Frosches in der Hoffnung, es könnte sich ein Prinz dahinter verbergen, ist also nicht ganz risikolos …
Verführerisch schön präsentiert sich der Rotfeuerfisch mit seinen langen, fächerartig aufrichtbaren Brust- und Rückenflossen und seiner prächtigen Färbung. Sein rot-weisses Kleid ist nicht nur schön, es stellt zugleich eine Warnfärbung dar. Denn der Rotfeuerfisch ist giftig. An der Basis der Strahlen der Bauch- und Afterflossen sowie der vorderen Rückenflossen befinden sich Giftdrüsen. Diese geben ein Giftgemisch ab, das sich zwischen den Strahlen und der sie umgebenden Haut einlagert. Trifft ein potentieller Angreifer auf einen solchen Strahl, wird das Gift freigesetzt. Es wirkt schmerzerregend und lähmend.
Rotfeuerfische sind nachtaktive Bewohner riffnaher Meereszonen. Tagsüber parkieren sie sich zwischen Korallen, unter Riffüberhängen oder in Felsnischen. Sie leben räuberisch, landen selber dank ihrer Giftstacheln aber kaum auf dem Speisezettel eines anderen Räubers. Rotfeuerfische konnten ihr Verbreitungsgebiet mit der Hilfe des Menschen massiv ausweiten.