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Das Sihl-Kraftwerk Waldhalde, eine Gründung von Wädenswilern
Quelle: Wädenswil Zweiter Band von Peter Ziegler
Die Initianten und ihr Projekt
In den 1880er Jahren betrieben die Brüder Walter und Jakob Treichler am Unterlauf des Sagenbaches in Wädenswil eine Wolltuchfabrik. Die im Spätherbst 1889 eingetretene Kohlenkrise erschwerte die Fabrikation, die vollkommen von der Dampfkraft abhängig war, gewaltig. Die Unternehmen entschlossen sich daher, das Prinzip der elektrischen Kraftübertragung, das sie kurz zuvor an der Weltausstellung in Paris studiert hatten, für ihre Zwecke dienstbar zu machen: Sie planten den Bau eines Elektrizitätswerkes. Der nahe gelegene Sagenbach mit seiner geringen Wassersführung konnte als Triebkraft für Turbinen nicht in Frage kommen. Dagegen liess sich das Gefälle der Sihl für die Erzeugung von elektrischer Energie ausnützen. Ein erstes Projekt erwog die Ausnützung der Sihl von der Hüttner Säge bis zum «Sihlmätteli». Man entschied sich dann aber für eine kostengünstigere Lösung und sah das Maschinenhaus an der Waldhalde vor.1 Am 13. März 1890 reichten die Initianten dem Statthalter von Horgen das Projekt ein, das von der Zürcher Baufirma Locher & Co. ausgearbeitet worden war. Gleichzeitig suchte man um die Konzession zur Ausnützung der Wasserkraft der Sihl nach. Es gab sechs Einsprachen, Gegner des Projektes fürchteten angeblich, durch den Stollenbau werde dem Hüttnersee Wasser entzogen. In Wirklichkeit trachteten sie den Bau nur deshalb zu verhindern, weil sie ein eigenes Projekt verwirklichen wollten, das aber noch nicht fertig ausgearbeitet war.
Situationsplan des «Elektrizitätswerkes an der Sihl» aus dem Jahre 1892.
Die Unternehmer des Sihlkraftwerks Waldhalde, die damals bereits als Sachverständigen den späteren Erbauer des Werkes, den Ingenieur Walter Wyssling (1862–1945) sowie den Juristen Robert Haab, den nachmaligen Bundesrat, beigezogen hatten, trugen den Einsprachen Rechnung. Mit einer Knickung und Verlängerung der Stollenachse was es möglich, das Einzugsgebiet des Hüttnersees zu umgehen. Am 10. März 1892 bewilligte der Regierungsrat den Herren Treichler den Bau eines Wehres mit umlegbaren Schwellbrettern bei der Hüttner Säge, eines Stollens, eines Wasserschlosses, einer Druckleitung und eines Maschinenhauses an der Waldhalde.2 Dieses Projekt wurde bereits am 15. Oktober 1892 geändert. Statt des Wehrs mit Schwellbrettern sollte weiter oben ein festes Wehr angelegt werden, das bei Hochwasser Gewähr bot gegen zu weit hinaufgehenden Stau. Nun galt es, die Finanzierung des Werkes zu sichern. Mit ganzseitigen Zeitungsinseraten luden die Initianten und weitere Interessenten – aus Wädenswil Emil Gessner, Emil Hauser und Dr. Robert Haab – im Frühjahr 1893 zur Zeichnung von Aktien ein. Die Subskription fand vom 25. bis 27. April statt, und zwar bei vier Bankinstituten: bei der Aktiengesellschaft Leu & Co. in Zürich, bei der Leihkasse Wädenswil und in Basel bei der Herren Speyr & Co. und Riggenbach & Co. Die Baukosten waren auf 1,6 Millionen Franken veranschlagt.
Professor Walter Wyssling (1862–1945), ein Pionier der Elektrizität.
Man hatte daher im Sinn, 1400 Aktien zu 500 Franken auszugeben. Die zur Subskription aufgelegten Aktien erfuhren aber eine wesentliche Überzeichnung, so dass man schliesslich an 239 Aktionäre total 2000 Aktien abgab. 130 Aktionäre – mit 1045 Aktien – wohnten am Zürichsee, 73 – mit 612 Aktien – in der Stadt Zürich. Aus Wädenswil hatten 73 Aktionäre gesamthaft 533 Aktien gezeichnet.3 Am 29. Mai 1893 konstituierte sich die «Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk an der Sihl» mit einer Million Aktien – und 600 000 Franken Obligationenkapital. Die Finanzierung des Unternehmens war gesichert, der Bau des Elektrizitätswerkes konnte beginnen.
Der Stollenbau
Der Bau des 2206 Meter langen, gewölbten Stollens von 2,48 m2 Querschnitt wurde im September 1893 der Firma Fischer & Schmutziger, Zürich, übergeben. Der Angriff am Nordportal geschah am 23. Oktober 1893 und noch im selben Jahr vom vorher vollendeten Seitenstollen aus in beiden Richtungen. Am Südportal begannen die Bohrarbeiten erst am 2. März 1894.
Die Arbeiten in den Stollen schritten rasch voran. Zeitweise drang man täglich bis zu 29 Meter weit ins Gestein vor. Zwar fanden mehrmals Wassereinbrüche statt, aber der Schaden konnte meistens innert kurzer Zeit behoben werden. In der Nähe des Nordportals stiess man auf wasserführende Schichten. Hier hielten auch die stärksten Eichenbohlen, welche zur Verstrebung und Stützung des Stollens verwendet wurden, nicht Stand. Zeitweise musste die Arbeit ganz eingestellt werden, da das Wasser immer wieder in die Schächte und Gruben drang. Bereits erwog man den Einsatz von Druckluftbohrern, da kam die Natur zu Hilfe: Ein scharfer, andauernder Frost brachte die Wasser zu Beginn des Jahres 1895 zum Versiegen. Am 1. März fiel die letzte Wand, und bereits im Mai war der ganze Stollen mit Zementsteinen ausgekleidet. Diese Steine wurden aus Sand hergestellt, den man in der Nähe, oberhalb der Finsterseebrücke, ausbeuten konnte.
Wehr und Tiefenbachweiher
Im Oktober 1894 begann man mit dem Bau des Wehres unterhalb der Hüttner Säge. Das partienweise Abdämmen des Flusses erlaubte das Arbeiten im trockenen Sihlbett. Das in Beton- und Zementmörtelmauerwerk ausgeführte Stauwehr wurde auf eine solide Grundmoräne abgestützt. Am 20. März 1895, am Tage vor dem Eintritt stärkeren Tauwetters, waren die Arbeiten zur Hauptsache abgeschlossen. Vollendet war jetzt auch die Einlaufvorrichtung in den Stollen mit dem Grob- und Feinrechen und den Kies-, Schlamm- und Abschlussfallen. Sechs-, acht und zehnspännig wurden selbst an Sonntagen die Stahlrohre der 795 langen Druckleitung hertransportiert, welche in der Kesselschmiede Richterswil hergestellt worden waren.
Messungen hatten gezeigt, dass Menge und Druck des Sihlwassers besonders während der Winterzeit stark schwankten. Für den Antrieb der Turbinen sollte aber der Wasserdruck möglichst konstant sein. Besser als beim Stau unterhalb der Hüttner Säge liessen sich Druck und Wassermenge in einem Weiher regulieren. Für die Anlage eines Stauweihers bot das Tälchen des Tiefenbachs am Ausgang des Stollens wohl die beste Möglichkeit. Ein erstes Projekt, das die teilweise Verlegung der Staatsstrasse Schönenberg–Menzingen und die Aufschüttung eines sehr hohen Dammes erfordert hätte, wurde zu Gunsten eines zweiten Planes aufgegeben, laut welchem durch die Anlage einer Talsperre am Tiefenbach ein Weiher von 200 000 Kubikmetern Inhalt geschaffen werden konnte. Die Konzessionierung, welche wegen der Sihlwasserrechte erhebliche Schwierigkeiten bot, kam erst im März 1894 zustande und nur unter der Bedingung, dass der Spiegel des Weihers nicht gehoben werde, solang die Sihl weniger als 4 Kubikmeter Wasser pro Sekunde liefere.
Während man in der Mulde des Tiefenbaches den 15 Meter hohen, an der Sohle 65 Meter dicken Erddamm aufschüttete und einstampfte, wurde auch auf den anderen Baustellen emsig gewerkt.
Das Maschinenhaus
Im Winter 1894/95 begann man mit dem Bau des Maschinenhauses an der Waldhalde. Das Gebäude erhielt fünf Stockwerke. Im Untergeschoss war der Ablaufkanal eingebaut. Über dem Turbinengeschoss lag das dritte Stockwerk mit dem Maschinensaal. Zwei Wohnungen und der Estrich bildeten das vierte und fünfte Geschoss. Für den Endausbau des Werkes waren fünf Turbinen vorgesehen. Vorläufig baute man aber erst deren drei. Des beschränkten Platzes wegen wählte man vertikalachsige Aktionsturbinen mit einer Schluckfähigkeit von etwa 800 Litern pro Sekunde und einer Leistung von 400 Pferdestärken bei 360 Umdrehungen pro Minute. Die Ausführung der Turbinen wurde der Maschinenfabrik Escher Wyss & Co. in Zürich übertragen. Die Zweiphasengeneratoren und die Erreger lieferte die Firma Brown Boveri in Baden.4
Maschinenhaus an der Waldhalde, 1895.
Maschinensaal des Werks Waldhalde, 1910.
Das erste Leitungsnetz
Bei der Anlage der Schalttafel und des Leitungsnetzes musste berücksichtigt werden, dass der Lichtstrom im Einphasensystem, der Kraftstrom aber im Zweiphasensystem erzeugt wurde. In der Schaltanlage befanden sich daher eine Lichtstromsammelschiene (2 Leiter, einphasig) und eine Kraftstromsammelschiene (4 Leiter, zweiphasig), an welche die Generatoren wahlweise geschaltet werden konnten. Durch Hochspannungssicherungen geschützte Leitungen zu je sechs Drähten führten einerseits nach Horgen/Thalwil und andererseits nach Wädenswil/Richterswil. Einphasige Abzweigungen zogen sich nach Hütten, Samstagern, Bocken, Au und Menzingen. Die Hochspannungsleitung, welche Wädenswil mit Strom versorgte, führte vom Feld her in die Gegend des Krankenasyls. Dort teilte sie sich in drei Zweige.
Maschinenhaus Waldhalde, Wohnhaus, Druckleitung und Schaltstation Haslaub, 1967.
Der eine zog sich über den Meierhof und dem Giessen zur Brauerei, der andere an der Gasfabrik vorbei zum neuen Eidmattschulhaus. Die dritte Leitung erreichte via Fuhr den Krähbach, versorgte die Seidenweberei Gessner mit Strom und führte dann über Letten und Zopf zur Au.5 Die neuen Freileitungen, welche über den Berg seewärts strebten, weckten nicht überall Freude. Im März 1895 schrieb ein unzufriedener Einsender im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee», er könne an den frei in der Luft hängenden Leitungen keinen Geschmack finden. Solche Einrichtungen seien für Bauhandwerker und bei Brandausbrüchen und Feuerwehrübungen höchst gefährlich. Man solle daher, wenn man neue Anlagen erstelle, in Erwägung ziehen, «ob diese Drahtleitungen, wenn auch mit Mehrkosten verbunden, nicht unterirdisch gelegt werden könnten».6
Wer wird Stromabonnent?
Industrielle und Private sahen sich 1894 vor eine Entscheidung gestellt. Wollte man für den Antrieb der Maschinen weiterhin Wasser- und Dampfkraft verwenden oder elektrische Energie benützen? Wollte man die Räume mit Gas oder Petrol oder elektrisch beleuchten?
Im Herbst 1894, also noch während der Bauzeit des Elektrizitätswerkes, setzte der Verwaltungsrat die Preise und vorläufigen Abonnementsbedingungen für Kraft und Licht fest. Der Krafttarif für Fabriken wurde pro Jahrpferd berechnet. Für Stromnutzung während der Nacht erhob man Zuschläge, Tageskraft war entsprechend billiger. Für die Beleuchtung mit Normallampen galt, je nach Benützungszeit, eine der sechs Preiskategorien. Die Abonnemente wurden in der Regel zu Pauschalpreisen abgegeben; die Taxe richtete sich also nicht wie heute nach einer Stromzählung.
Das Interesse an der neuen Energie war in Wädenswil sehr gross. Ende 1894 teilte das Elektrizitätswerk an der Sihl mit, es sei nicht möglich gewesen, alle Anfragen betreffend Stromabgabe für elektrische Beleuchtung und für den Motorenbetrieb zu erledigen. Der Termin für die Unterzeichnung der definitiven Anmeldungen, welche Vergünstigungen für die Einrichtungen und den Betrieb gewährten, wurde daher bis Ende Februar 1895 verlängert.
Elektrisches Licht in Wädenswil
In den ersten Novembertagen des Jahres 1895 waren die Bau- und Montagearbeiten an der Waldhalde beendet. Nachdem die vorgenommenen Proben zur vollsten Zufriedenheit ausgefallen waren, nahm man das Elektrizitätswerk am 11. November 1895 in Betrieb. Während die Kraft und Beleuchtungsanlage der Seidenstoffweberei Heer in Thalwil bereits tags darauf mit Strom gespiesen wurde7, hatten die Wädenswiler noch einige Wochen auszuharren, bis auch sie von der neuen technischen Errungenschaft profitieren konnten. Zuversichtlich verkündete aber die Lokalpresse: «Die eisernen Transformatoren-Pavillons für das Elektrizitätswerk an der Sihl sind nun endlich von Basel in Wädenswil eingetroffen und werden gegenwärtig aufgestellt und montiert. Da die Hauptleitungen erstellt sind und die Installationen und Anschlüsse in den Häusern in den nächsten Tagen ebenfalls fertig werden, so ist nun bestimmte Aussicht vorhanden, dass in Wädenswil im Laufe der nächsten zwei Wochen, sehr wahrscheinlich mit dem 1. Dezember 1895, Licht und Kraft abgegeben werden können».
Am 24. November 1895, einem Sonntag, war das Langersehnte erreicht: Im Eidmattschulhaus, im Florhof, im Engel, bei Dr. Haab und Professor Wyssling sowie in einigen andern Privat- und Geschäftshäusern brannten abends die ersten elektrischen Lampen.8 «Das Licht befriedigt vollständig. Es besitzt hohe Leuchtkraft und ist durchaus konstant», hiess es in einer Zeitung, und man pries die Vorteile der neuen Einrichtung: absolute Reinlichkeit, kein Gestank, kein Russen, keine Verpestung der Luft durch Verbrennungsprodukte, bequemes Anzünden und Löschen, geringste Wärmeproduktion. Diese Vorteile sollten dazu führen, hiess es weiter, dass man in allen Lokalen, in welchen viele Leute eng beisammen sind, in Wirtschaften, Büros und niederen Wohnräumen, dem elektrischen Licht selbst bei höheren Kosten den Vorzug gibt. Die elektrische Beleuchtung garantierte sodann in Metzgereien, Bäckereien und Lebensmittelläden erhöhte Reinlichkeit.
«Mit der Inbetriebnahme des Elektrizitätswerkes an der Sihl hält einer der bedeutendsten Kulturfortschritte in unserer Gemeinde Einzug». So schrieb der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» gegen Ende November 1895. Und bald erlebten die Wädenswiler neue Höhepunkte, welche dies bestätigten: Am Sonntag, dem 1. Dezember 1895, zeigte der Turnverein Wädenswil im Saale des Gasthofs Engel gymnastische Aufführungen. Der Saal wurde elektrisch beleuchtet.9 In der Weihnachtszeit desselben Jahres überraschte das Elektrizitätswerk an der Sihl die Einwohner des Dorfes mit einer «recht geschmackvoll arrangierten Schaufensterausstellung im neuen Verwaltungsgebäude an der Schönenbergstrasse».10 Das hohe Schaufenster war mit verschiedenartigen Leuchtern und Lampen dekoriert und erstrahlte nachts in vielfarbigem Lichterglanze.
Auch die Gemeinde machte sich die Neuerung zu Nutzen. Am 1. Februar 1896 brannten in den Dorfstrassen von Wädenswil die ersten elektrischen Strassenlampen.11 Auch die Hoteliers hielten mit der Entwicklung Schritt. Auf der Terrasse des Gasthofs Engel wurden mehrere elektrische Bogenlampen montiert12, und im Mai 1896 erstrahlte auch der Du-Lac-Garten im Scheine elektrischer Laternen. Besonders geehrt wurden die Ingenieure und Erbauer des Elektrizitätswerks durch das grosse Festspiel «Zum Licht», das die X-Gesellschaft Wädenswil am 1. März 1896 im Engelsaal zur Aufführung brachte.13 Der Dichter J. C. Heer hatte hiezu den Text geschrieben, J. C. Willi die Musik komponiert. Das Elektrizitätswerk an der Sihl sorgte für glanzvolle Lichteffekte. Nach der dreistündigen Aufführung fand das Lichtballett, ein Maskenball, statt.
Das Werk Waldhalde in neuerer Zeit
Als im Jahre 1908 die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich gegründet wurden, übernahmen sie das Werk Waldhalde. Seit den Baujahren hat sich manches geändert, zum Teil im Zusammenhang mit der Anlage des Etzelwerkes und des Kraftwerkes Sihl-Höfe. Auch sämtliche Maschinengruppen wurden schrittweise ersetzt. Noch zu Beginn der 1960er Jahre standen drei Maschinen in Betrieb, von denen zwei aus den Jahren 1914/15 und eine aus dem Jahre 1941 stammten. Aber weniger deren Alter als der schlechte Zustand der übrigen Anlagen führte schliesslich dazu, dass die EKZ eine vollständige Erneuerung des Kraftwerkes Waldhalde planten. Das Wehr in Hütten war baufällig geworden und liess sehr viel Wasser durch. Zudem vermochte es die erhöhte Wassermenge nicht mehr zu fassen, die das Nachbarwerk Sihl-Höfe zu Spitzenzeiten verarbeiten darf. Der Tiefenbachweiher war trotz früheren Reinigungen durch den abgelagerten Sihlschlamm so stark aufgefüllt, dass der nutzbare Stauraum nicht mehr zum Ausgleichen der Abflussschwankungen ausreichte. Und die Druckleitung aus genietetem Stahlblech zeigte gefährliche Korrosionsschäden. Auch der Stollen, den man ursprünglich nur vom Schlamm befreien zu müssen glaubte, erwies sich als sehr reparaturbedürftig. Schliesslich erachtete man auch den Bau eines neuen Maschinenhauses mit Fernbedienung und nur einer Maschinengruppe für die Dauer wirtschaftlicher als den blossen Umbau der alten Anlage.14
Mit den Bauarbeiten, die 1963 auf 7.35 Millionen Franken veranschlagt worden waren, wurde im März 1965 begonnen. Bei Hütten entstand eine neue, automatische Wehranlage mit zwei Hauptklappen von je 15.5 Metern Breite und einer 4 m breiten Fassungsrinne. Aus dem Tiefenbachweiher wurden rund 85 000 Kubikmeter Schlamm gepumpt und in einer kleinen Talsenke in der Nähe abgelagert. Um eine neue Verschlammung des Weihers zu verhindern, wurde eine Umgehungsleitung erstellt. Wenn das Wasser der Sihl eine starke Schlammkonzentration aufweist, wird es vom Stollen direkt zur Druckleitung und auf die Turbine geleitet. Das Schlammwasser bringt zwar eine etwas stärkere Abnutzung der Turbine mit sich; die dadurch entstehenden Kosten sind jedoch im Vergleich zum Aufwand bei der Entschlammung des Weihers unbedeutend.
Anstelle der oberirdischen Rohrleitung vom Damm des Weihers bis zum Wasserschloss am Anfang der Steilstrecke wurde eine unterirdische Leitung aus vorfabrizierten Betonröhren gebaut. Auch das Wasserschloss wurde unterirdisch neu erstellt. Für die Druckleitung vom Wasserschloss zum Maschinenhaus verwendete man Stahlröhren, die nicht eingedeckt wurden, da dieses steile Leitungsstück kaum von einer zugänglichen Stelle aus gesehen werden kann. Während das bauliche Gesamtprojekt vom Ingenieurbüro Th. und P. Frey (Zürich) ausgearbeitet worden war und die Bauleitung den Ingenieuren Hickel und Werffeli (Effretikon) übertragen war, wurde das neue Maschinenhaus nach einem Projekt der Architekten H. und J. Meier (Wetzikon) erstellt. Die Oberbauleitung sowie die Projektierung des elektromechanischen Teils besorgten die EKZ.
Die eine Maschinengruppe, die hier untergebracht ist, weist gegenüber den drei alten, abgebrochenen Maschinen eine Leistungssteigerung von 10 Prozent auf. Sie besteht aus einer Francis-Turbine von Escher Wyss mit einer Leistung von 3670 Pferdestärken und einem Generator der S. A. des Ateliers de Sécheron. In einem Raum neben dem Maschinensaal sind die umfänglichen Anlagen für die Fernsteuerung untergebracht. Während früher sieben Mann für die lokale Bedienung des Kraftwerkes Waldhalde eingesetzt werden mussten, wir die Anlage heute gleich wie das Kraftwerk Sihl-Höfe vom Unterwerk Thalwil aus gesteuert, womit beim Bedienungspersonal fünf Mann eingespart werden können.
Die Stromversorgung der Gemeinde Wädenswil
Kurz nach der Betriebsaufnahme vermochte das Werk Waldhalde in Wädenswil 58 Motoren mit zusammen 862 Pferdestärken zu betreiben; 6700 Lampen mit dem Leuchtwert von 104 000 Kerzen spendeten Licht.15 Als der Energieverbrauch zunahm, genügte Waldhalde bald nicht mehr. Man musste sich anderweitig Elektrizität beschaffen. Heute bezieht die Gemeinde Wädenswil elektrische Energie aus Graubünden und dem Tessin. Mit einer Spannung von bis 380 000 Volt fliesst der elektrische Strom über die Berge in die Transformatorenstation Grynau bei Uznach. Mit 50 000 Volt wir er in einer Speiseleitung über Siebnen (Wägitalerwerk) ins Unterwerk Beichlen weitergegeben. Hier wird die Spannung auf 16 000 Volt herabgesetzt. Elf zum Teil verkabelte Leitungen führen ins Gebiet Horgen / Hirzel / Konaueramt / Schönenberg / Hütten / Waldhalde / Menzingen / Einsiedeln / Höfe / Richterswil. Zwei Kabel wurden sogar auf den Grund des Zürichsees gelegt und beliefern Männedorf und Stäfa mit Energie. Die für den Dorfkern Wädenswil wichtigste Leitung führt in die Transformatoren- und Schaltstation Baumgarten. Von hier aus wird die Energie auf die verschiedenen in der Gemeinde verteilten Transformatoren geleitet. Dort wird der Strom auf die Verbraucherspannung von 380/220 Volt herabgesetzt und mittels Kabeln oder Freileitungen in die Häuser geliefert.
Altes Unterwerk Beichlen, Ansicht von Südosten.
Neues Unterwerk Beichlen, Freiluftanlage und Schalthaus, 1964.
Die Strassenbeleuchtung
Für die Beleuchtung der Dorfstrassen und der Plätze sorgte in Wädenswil ursprünglich eine private Strassenbeleuchtungsgesellschaft. Sie verdankte ihre Entstehung der Initiative von Buchdrucker und Redaktor Arnold Rüegg zum Florhof, der die Beleuchtungsfrage in den 1840er Jahren aufgegriffen hatte.16 1849 wurde auf diese Anregung hin mit zwei privat betriebenen Laternen der Anfang gemacht. 1851 brannten bereits drei mit Oel gespiesenen Strassenlaternen:
eine bei der Krone, eine beim Hirschen und die dritte bei der Weinrebe. Von Jahr zu Jahr mehrte sich die Zahl der Laternen und schon 1853 wurde die Bildung einer «Dorfbeleuchtungsgesellschaft» nötig, der sämtliche Laternenbesitzer und Anteilhaber angehörten.17 Jährlich versammelte sich die Gesellschaft fortan zur Abnahme der Betriebsrechnung. Der provisorische Vorstand, dem Gemeinderat Wiedemann, Sittenrichter Oetiker und Buchdrucker Rüegg angehörten, schrieb schon auf Martini 1853 die Stelle eines Laternenanzünders zur Besetzung aus. Der Laternier hatte am Abend sämtliche Lampen anzuzünden und die Lichter bei Tagesanbruch wieder zu löschen. Ausserdem musste er dafür besorgt sein, dass keine Lampen mutwillig beschädigt wurden.
Hirschenplatz mit alter Gaslaterne in den 1880er Jahren.
Mit der wachsenden Zahl der Laternen stiegen auch die Betriebskosten. 1854 bezifferten sich die Ausgaben auf 480 Franken, in den Jahren 1867 und 1870 aber erhöhten sie sich – für nunmehr 19 Laternen – auf 700 bis 800 Franken. Ursprünglich kamen die Besitzer der Laternen und die Anstösser allein für die Betriebskosten auf. Seit 1853 richtete der Gemeinderat der Beleuchtungsgesellschaft eine jährliche Subvention von 100 Franken aus.18 Im Jahre 1855 beschloss dann die Behörde, es seien 150 Franken auszurichten, die Laterne beim Gemeinde- und Spritzhaus – «feuerpolizeilicher Zwecke wegen» - bis gegen den Morgen hin brennen zu lassen.
Trotz intensiver Bemühungen des Vorstandes geriet das Privatunternehmen mehr und mehr in finanzielle Schwierigkeiten. Öfter kam es jetzt vor, dass die Lampen am Abend nicht brannten, weil niemand für die Auslagen aufkommen wollte. Auch eine 1859 bestellte Beleuchtungskommission konnte die Verhältnisse nicht sanieren. Jahr für Jahr flossen die freiwilligen Beiträge spärlicher. Schliesslich wäre die Wädenswiler Strassenbeleuchtung ganz eingestellt worden, wenn sich nicht abermals der Gemeinderat eingeschaltet hätte. 1869 deckte die Gemeinde erstmals das Defizit der privaten Gesellschaft, und an der Gemeindeversammlung vom 15. Januar 1871 beschlossen dann die Bürger, dass die Gemeinde «diese zeitgemässe Schöpfung» übernehmen und für den Betrieb und den Unterhalt der 28 im Dorfrayon stehenden Laternen aufkommen solle.19 1874 bot sich die Gelegenheit, die Strassenbeleuchtung wesentlich zu verbessern. Auf privatwirtschaftlicher Grundlage wurde damals an der Eintrachtstrasse das Gaswerk Wädenswil geschaffen, und bei dieser Gelegenheit erhielt das Dorf eine Gas-Strassenbeleuchtung mit 72 Laternen,20 von denen 32 zur Beleuchtung der Seestrasse dienten. Die jährlichen Kosten, welche der Gemeinde aus der neuen Strassenbeleuchtung erwuchsen – rund 4000 bis 5000 Franken – wurden durch Vermögenssteuern gedeckt. Pro 1000 Franken Vermögen mussten 25 Rappen beigesteuert werden. Am 1. Februar 1896 brannten in den Strassen von Wädenswil die ersten elektrischen Lampen.21 Den Strom lieferte das Sihl-Kraftwerk Waldhalde, welches ein Jahr zuvor fertiggestellt worden war. Bereits am 30. Dezember 1894 hatte die Gemeindeversammlung dem Vertrag zwischen der Gemeinde Wädenswil und der «Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk an der Sihl» zugestimmt, wonach das neue Werk die Beleuchtung der Dorfstrassen übernahm. Vereinbarungsgemäss wurden die 102 öffentlichen Laternen, nämlich 92 Gas- 6 Neolin- und 4 Petrollampen, durch 90 bis 100 Glühlampen zu durchschnittlich 25 Kerzenstärken ersetzt.22 Das Elektrizitätswerk erstellte die Anlagen auf eigene Kosten und behielt sie zu Eigentum. Es übernahm auch den Unterhalt des Beleuchtungsnetzes und das Anzünden der Lampen am Abend. Der Gemeinde-Nachtwächter löschte die Laternen. Für die Strassenbeleuchtung bezahlte die Gemeinde dem Elektrizitätswerk pro Jahr den reduzierten Preis von 30 Franken für eine halbnächtige und von 45 Franken für eine ganznächtige Glühlampe zu 25 Kerzen. Für das Anzünden der Lampen entrichtete man jährlich 200 Franken. Auf Lampen, die in öffentlichen Gebäuden brannten, genoss die Gemeinde überdies einen Rabatt von 15 Prozent gegenüber dem allgemeinen Tarif.23
Die modernen elektrischen Strassenlampen waren ein beliebtes Objekt für Nachtbubenstreiche. Man konnte nämlich zur Nachtzeit an die Ausschalter hinaufklettern und ganze Dorfteile in Dunkelheit versetzen. Und anderseits konnte man auf diese Weise auch am heiterhellen Tage die Lampen anzünden. Bereits am 5. Februar 1896 zeigte aber die Polizeikommission Wädenswil in einer Bekanntmachung an, sie werde über solche Leute, die mit der Strassenbeleuchtung Missbrauch trieben, Bussen bis zu 15 Franken verhängen. Rückfälligen drohte man mit der Überweisung an das Statthalteramt.24 Mit dem Bau neuer Quartiere und neuer Strassenzüge wurde auch die Strassenbeleuchtung Schritt für Schritt ausgeweitet und modernisiert. Die Beleuchtung der Seestrasse erfuhr 1952 eine Verbesserung, indem man – zum ersten Mal in Wädenswil - die elektrischen Laternen durch Natriumdampflampen ersetzte.25
Peter Ziegler
Anmerkungen
1 Ich danke Herrn dipl. Ing. ETH Ernst Kuhn, Direktor der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, für die Durchsicht dieses Kapitels. – Ernst Kuhn, EKZ, Bericht über die Erneuerung des Werkes Waldhalde, Zürich 1967. – A. Gut, Unser Werk Waldhalde, EKZ-Nachrichten Nr. 7/1953, 9/1954, 10/1954. – Peter Ziegler, Elektrizität für Wädenswil, Heimatblätter, Monatsbeilage zum Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee, März/April 1962. – 60 Jahre Elektrizitätswerk Waldhalde, Anzeiger vom 12. November 1955. – Anzeiger 1890, Nr. 31. – Walter Wyssling. Das Elektrizitätswerk an der Sihl, Schweizerische Bauzeitung Bd. 29, Nr. 24-26, Bd. 30, Nr. 1-5, Zürich 1897. – GAW, II B 3.3, Elektrizitätswerk an der Sihl.
2 Anzeiger 1892, Nr. 151/152. – Hans Rudolf Schmid, Walter Wyssling, Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Bd. 8, Wetzikon 1958, S. 9 ff. – Anzeiger 1894, Nr. 69 (Walter Treichler).
3 Nachrichten vom Zürichsee 1893, Nr. 47, 50, 55, 63.
4 Anzeiger 1895, Nr. 25.
5 Anzeiger 1896, Nr. 50.
6 Anzeiger 1895, Nr. 29.
7 Anzeiger 1895, Nr. 132.
8 Anzeiger 1895, Nr. 138.
9 Anzeiger 1895, Nr. 140.
10 Anzeiger 1895, Nr. 147.
11 Anzeiger 1896, Nr. 13/14.
12 Anzeiger 1896, Nr. 57.
13 Anzeiger 1895, Nr. 146; 1896, Nr. 24, 32. 14 Ernst Kuhn, Bericht über die Erneuerung des Werkes Waldhalde. – Neue Zürcher Zeitung 1967, Nr. 5013. 15 Anzeiger 1895, Nr. 76/77. 16 GAW, IV B 34, Protokoll der Dorfbeleuchtungsgesellschaft, 1849-1870. – GAW, IV B 69.3, Chronik LGW. – Anzeiger 1891, Nr. 128. 17 GAW, IV B 69.2, Chronik LGW 1853.
18 GAW, IV B 1.10, S. 90, 144/145.
19 GAW, IV B 1.10, S. 223.
20 GAW, III B 12.1 und GAW, I B 24. – Anzeiger, 4. April 1871.
21 Anzeiger 1896, Nr. 13/14; 1946, Nr. 27.
22 Anzeiger 1895, Nr. 1.
23 Jahresberichte der Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk an der Sihl, 1894—1896.
24 Anzeiger, 5. Februar 1896.
25 Weisung für GV vom 27. Februar 1952. – GAW, II B. 3.1, Strassenbeleuchtung.