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1940–1950: Die Welt schreit nach Normen
Weltweit steigt das Bedürfnis nach einheitlichen Standards mit dem Ziel, die Rationalisierung und die Industrialisierung voranzutreiben. Nur dank gemeinsamer Mindestanforderungen können der Handel und die Kommunikation über Landesgrenzen hinweg schneller und kostengünstiger erfolgen.
Der zweite Weltkrieg unterbricht jedoch teilweise die bereits bestehenden Bestrebungen nach internationalen Normen. Nach dessen Ende wird im Oktober 1946 in London die International Organization for Standardization ( ISO) gegründet. Sie geht hervor aus der seit 1926 bestehenden International Federation of the National Standardizing Associations (ISA) sowie dem während des Krieges gebildeten United Nations Standards Coordinating Committee (UNSCC) (siehe Story 1).
Gründungsversammlung der
ISO in London
An der Konferenz in London nehmen 25 Staaten mit über 60 Delegierten teil, was die grosse Bedeutung erkennen lässt, die der Normung beigemessen wird. Als Vertreter der Schweiz reisen Fritz Streiff, Vorsitzender der Normalienkommission des Vereins Schweizerischer Maschinen-Industrieller, und Willy Kuert, Chef des VSM-Normalienbureaus und Sekretär der Schweizerischen Normen-Vereinigung, an die Verhandlungen in London. Die Konferenz konzentriert sich auf die Statuten und Ausführungsbestimmungen der ISO.
Bildlegende: Gründungsversammlung der ISO in London, Oktober 1946
Nur eine Organisation pro Land kann Mitglied werden
Die ISO bezweckt die Erleichterung der Koordination und Vereinheitlichung von Normen, die von den nationalen Normenvereinigungen herausgegeben werden, und sieht einen ständigen Austausch von Informationen über die Normungsarbeit der Länder vor. Die Mitgliedschaft steht jeder nationalen Normenorganisation offen, sofern diese die Aufnahmebedingungen erfüllt und bereit ist, die Statuten und Ausführungsbestimmungen anzuerkennen. Von jedem einzelnen Land soll die Organisation Mitglied werden, die am umfassendsten die normenden Stellen des Landes vertritt. Als offizielle Sprachen der ISO sind in London Englisch, Französisch und Russisch angenommen. Sitz der ISO soll Genf sein, wo die ISO im Februar 1947 ihre Tätigkeit aufnimmt.
Genf als Sitz der
ISO
Die Konferenz in London bestimmt Genf als Sitz der ISO. Das Büro in Genf wird eingerichtet, und am 23. Februar 1947 nimmt die ISO ihre Tätigkeit auf.
Bildlegende: Erstes Bürogebäude der ISO in Genf
Organe der
ISO
Die oberste Instanz in der ISO ist die Generalversammlung, die aus der Versammlung der Vertreter aller Mitglieder besteht. Sie tritt in der Regel alle drei Jahre zusammen. Zum ersten Präsidenten der ISO wird Howard Coonley, Vorsitzender des Executive Committee of the American Standards Association, gewählt. Ausführendes Organ ist ein Rat, bestehend aus dem Präsidenten und zehn weiteren Mitgliedern, die zusammen elf verschiedene Mitgliedsländer vertreten. Dieser Rat ist mit weitgehenden Kompetenzen ausgestattet und verantwortet die Führung der ISO zwischen den Generalversammlungen. Für die ersten fünf Jahre haben China, Frankreich, Grossbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika einen permanenten Sitz im Rat. Die übrigen sechs Sitze werden an Australien, Belgien, Brasilien, Indien, Norwegen und die Schweiz verteilt. Der Rat wählt aus seinen Reihen einen Vizepräsidenten und einen Trésorier. Zum Vizepräsidenten für die erste Amtsperiode wird Gustave L. Gérard, Belgien, und zum Trésorier Fritz Streiff, Schweiz, bestimmt. Die Geschäfte der Organisation werden von einem Generalsekretär geführt.
Quellen: Archiv ISO und SNV
Die Schweiz erkennt ihre bedeutende Rolle in der ISO
Die Schweizer Vertreter sind überzeugt, dass die schweizerische Industrie und Wirtschaft von den internationalen Normungsbestrebungen profitieren kann und deshalb eine aktive Teilnahme von grosser Bedeutung ist.
So schreibt die Schweizerische Normen-Vereinigung in ihrer Pressemitteilung vom April 1947:
«Die Normenorganisation eines Landes, das wie die Schweiz sehr stark auf den Export angewiesen ist, muss den Kontakt mit den ausländischen Normenstellen mit allen Mitteln suchen und pflegen. Durch die Mitgliedschaft in der ISO sind diese unerlässlichen Verbindungen hergestellt, und wir werden an der Lösung der internationalen Aufgaben mitwirken können. Ganz besonders erfreulich sind für uns die Bestimmung von Genf als Sitz der neuen Organisation, die Wahl in den ISO-Rat und die Übertragung des Trésorieramts. Diese Beschlüsse der Londoner Konferenz bezeugen die Wertschätzung, die unserem Land und im Besonderen der schweizerischen Normung in internationalen Kreisen entgegengebracht wird. Sie sollen für die schweizerischen Normungsorgane ein Ansporn sein, bei der Durchführung der ISO-Arbeiten nach besten Kräften mitzuhelfen.»
Seit über 70 Jahren aktive Zusammenarbeit mit der ISO
Auch Jahrzehnte nach der Gründung von ISO engagiert sich die Schweiz aktiv für die internationale Normung und geniesst bis heute einen hohen Stellenwert innerhalb der Organisation. Unser Land war und ist oft in den Lenkungsgremien vertreten, so beispielsweise im ISO-Rat und im Technischen Lenkungsausschuss. Gegenwärtig ist die Schweiz mit Urs Fischer im ISO-Rat und mit Marcel Knecht im Technischen Lenkungsausschuss in den höchsten Gremien vertreten. Der Schweizer Nicolas Fleury ist seit 2009 Stellvertretender Generalsekretär, und auch der aktuelle Trésorier ist eine Privatperson aus der Schweiz.
Bildlegende: Urs Fischer, CEO der SNV
Gedanken von Urs Fischer, CEO der SNV, zur bedeutungsvollen Zusammenarbeit mit der
ISO:
«Unsere enge Zusammenarbeit und die Tatsache, dass die ISO weiterhin ihren Sitz und ihr Zentralsekretariat in der Schweiz führt, erfüllt uns mit grossem Stolz und grosser Freude. Wir erachten es als besonderen Beweis des Vertrauens der ISO sowie ihrer Mitglieder und schätzen ausserordentlich, dass unser Know-how, unsere Zuverlässigkeit und unsere Mitarbeit seit Bestehen der ISO zweifelsohne anerkannt werden. Unser 100-Jahr-Jubiläum gibt uns eine perfekte Gelegenheit, uns bei den Kolleginnen und Kollegen der ISO in Genf, aber auch bei allen Mitgliedern für die äusserst angenehme und erfolgreiche Zusammenarbeit zu bedanken.»