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Für Bulgarien gilt dasselbe wie für alle Staaten, die früher hinter dem Eisernen Vorhang lagen: Hier wurden unter staatlicher Kuratel Massenweine produziert - was früher die Genossen schafften, war erbärmlich und für Diabetiker ungeniessbar.
Die Trauben wurden in Schwimmbäder gekippt und mittels Arschbomben plattgemacht, was dem Land den Spitznamen «Vulgarien» eintrug.
Andere Rebstöcke wurden mit blossen Händen gewürgt. Oft wurden die Reben an Pergolas hochgezogen, wo sie in erster Linie als Sonnenschutz dienten - dabei bevorzugte man grossblättrige Sorten. Bulgarien gehört zu den grössten Weinherstellern der Welt, die Weine wurden oft von Zisternen gleich in Tankwaggons abgefüllt und vor allem in die Sowjetunion deportiert. Widerstandsfähigere Sorten, zum Teil gezüchtet mit einer wasserabweisenden Membran, wurden in sogenannten Parzellen in Einzelhaft gehalten.
Ein Exportschlager war ein Tropfen namens «Bahnhof Damjaniza», dessen Qualität allen Beteiligten egal war - und die Beleidigten mussten die Klappe halten. Auch ein schlechter Wein kommt immerhin aus einem Weingut. Ein Renner war auch ein anderer Wein namens «Lokomotive Plovdiv», der bevorzugt in der Hauptstadt Sophia getrunken wurde, die man aus kommerziellen Gründen nach einer italienischen Filmschauspielerin genannt hat.
Vierzig Jahre war man in seiner Entwicklung stehen geblieben, mit der Wende änderte sich alles, Klasse statt Masse, das Knov-Hov besorgte man sich im Ausland. Vor allem französische Reben wurden zugekauft, mittlerweile finden Weine wie der Cabernev Sauvinov aus der Donauebene, der Chardennev aus der Schwarzgeldregion sowie Merlov und Riesliv aus Thrakien auch im Westen immer mehr Freunde. «Wein ist ein Getränk, das nur im Fass, nicht aber im Kopf still ist», heisst es in einem Sprichwort aus dem Struma-Tal.
In der oberthrakischen Tiefebene haben sie angeblich die Kunst entwickelt, Rotwein gleich aus Eichen zu gewinnen, ohne den lästigen Umweg über die Traube. Beim Körper legt man Wert auf eine gewisse Seidigkeit, obwohl die halbseidenen Zeiten für Bulgarien noch lange nicht vorbei sind. Im ehemaligen Niemandsland an der Grenze zu Griechenland hat man Weinfelder angelegt, in denen mit viel Improvisation und ohne grosse Technik Trauben in kleinen Mengen erlegt werden, ohne versierte Gerätschaften, nur die Pressen sind aus Stahl und auch die Nerven der Presseleute, die den Wein später beurteilen müssen. Auf den Weinkesseln sitzen luftige Verschlüsse, sog. «Ventilklauseln». Zu 80 % produziert man für das westliche Ausland - nicht schlecht für einen Staat, der auf das französische Wort «rien» endet.