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Schmelztiegel Wollishofen
Mein Sohn traf einen Klassenkameraden, den er diesen Sommer, seit dem Abschied von der Primarschule, aus den Augen verloren hatte. «Er hat jetzt eine Freundin», erzählte er. «Und er sagt immer ‹Ja, voll›.» «Ja, voll?», fragte ich, «den Ausdruck benutzte deine ältere Schwester schon vor fünf Jahren.» Mein Sohn schwieg. Dann sagte er: «Als er noch in meiner Klasse war, hat er das nie gesagt. Und jetzt alle dreissig Sekunden.»
Ich versuchte ihm zu erklären, dass sich die Sprache verändert und dass es Lust bereitet, neue Wörter zu brauchen und zu erfinden. «Der Motor der Sprache sind junge Menschen», sagte ich. Sie sind die Genies, die Ausdrücke erfinden, wie auch neue Tanzstile, Modeströmungen, neuen Sound. Die Alten erfinden selten etwas. Was die Sprache betrifft, kommt die Erneuerung oft aus Quartieren, die man als «sprachlos» bezeichnet, aus Schwamendingen, aus Altstetten, wo Immigranten aus Kosovo leben, Schwarze, Türken, Bosnier. Sie prägen unsere Alltagssprache. «Weisst du noch», sagte ich zu meinem Sohn, «als ihr im Sommer an der Schüeli gegen Auzelg gespielt habt, wie die geredet haben?»
«Wir hätten sie schlagen müssen», sagte mein Sohn. Die knappe Niederlage wurmt ihn immer noch. «Aber stimmt», sagte er, «sie haben anders geredet als wir. Neben ihnen kamen wir uns vor wie brave, brave Jungs.»
Ja, verglichen mit dem Auzelgquartier draussen bei der Kehrichtverbrennung ist Wollishofen eine brave Gegend. Politisch in der Mitte, Schweizer Durchschnitt. Doch in den Städten ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Kürzlich beim Aufräumen fiel mir ein Heft in die Hände, das die Klasse meines Sohnes gestaltet hat: «Erzählungen aus der Kindheit unserer Grosseltern». 18 Kinder führten Interviews mit ihren Grosseltern, und so wissen wir jetzt, Wollishofen ist ein Melting Pot wie das Auzelg.
Die Hälfte der Grosseltern ist im Ausland geboren und hat den Zweiten Weltkrieg noch hautnah mitbekommen, sie kann ihren Enkeln aus erster Hand davon erzählen. Drei Grosseltern stammen aus Ungarn, obwohl meine Vorfahren nicht mitgezählt worden sind. Drei kommen aus Deutschland, zwei aus Italien, eine Grossmutter wuchs in Japan auf. Zwei Grosseltern haben den Holocaust erlebt, die anderen sahen Erschiessungen, Bombardements, hatten nichts zu essen.
Die Schweizer hingegen sind in der Mehrzahl vom Land, hatten eine harte, entbehrungsreiche Jugend, meistens durften die Mädchen keine höhere Schule besuchen; eine Grossmutter wurde Gott sei Dank von ihrem Primarlehrer gerettet, ohne seine Hilfe wäre sie nie in die Sekundarschule. Verglichen mit der unbegreiflichen Grausamkeit der Weltgeschichte, sind die Entbehrungen der Schweizer konkret, bösartig, aufwühlend, wenn ein Mädchen von der Mutter geschlagen wird, weil es mit dem Velo gestürzt ist, und dann der teure Arzt kommen muss.
Städte sind in Bewegung, Menschen kommen und gehen, auch in Quartieren, die abseits der grossen Immigrantenströme liegen. Die Erkenntnis mag banal sein, aber sie ist beruhigend. Die Vorstellung von ruhigen Zeiten, wo die Schweizer unter sich waren, muss eine Erfindung der Politik ein. Oder sehr lang her. Ich kanns belegen.