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«Die Ölnachfrage dürfte auch in den nächsten Jahren ansteigen.»
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Martin Raab
Giovanni Staunovo, Director und Rohstoffanalyst CIO Wealth Management Research bei UBS, über saudische Könige, versteckte Fakten, magische Preisschwellen und wohin sich der Ölpreis entwickeln könnte.
Herr Staunovo, Sie verfolgen den Ölmarkt nahezu pausenlos. Nach dem Preisausbruch seit Sommer letzten Jahres sind die Notierungen rapide gestiegen. Kommt jetzt der Marsch auf die magische 100-USD-Marke pro Fass Rohöl?
Das ist längerfristig gar nicht unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren zu wenig im Ölsektor investiert wurde. Irgendwann wird diese Produktion fehlen. Dennoch erwarten wir nicht 100 USD pro Fass in diesem Jahr. Dies wäre für uns ein Worst-Case-Szenario. Nur sehr hohe Produktionsausfälle, beispielweise im Mittleren Osten, Afrika oder Venezuela, könnten diesen Preisanstieg verursachen.
Blenden wir kurz zurück: Was waren die Hintergründe für die plötzliche Preisbewegung im Sommer letzten Jahres von den Levels um die 50 US-Dollar nach oben?
Der starke Rückgang der Öllagerbestände in den Industriestaaten. Für diese wiederum sind die aussergewöhnlich disziplinierte Selbstbeschränkung der OPEC-Staaten und die starke Ölnachfrage verantwortlich. Zuletzt kamen auch geopolitische Spannungen im Mittleren Osten dazu.
Wie lange wird diese Selbstbeschränkung durchgehalten werden?
Bei den OPEC-Staaten und Russland sieht man eine sehr hohe Disziplin bezüglich Produktionskürzungen. Ein wichtiger Faktor dafür ist, dass die höchsten politischen Stellen in Russland durch Präsident Putin und Saudi-Arabien, hier sind es König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman, die Produktionskürzungen unterstützen. Einzelne Länder wie der Irak halten sich nicht ganz an die Vereinbarung, doch wird dieses zusätzliche Angebot durch den schnellen Produktionsrückgang in Venezuela kompensiert.
Warum pumpt man in Venezuela weniger Öl, wo man die Devisen doch so dringend brauchen würde?
Dort werden aus den bekannten Gründen zu wenig Investitionen getätigt. Ferner sorgen Missmanagement und internationale Sanktionen für den Produktionsrückgang.
Welche anderen Regionen haben die Akteure am Ölmarkt derzeit im Visier?
Die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer könnte sich bald wieder vermehrt auf das starke Wachstum der US-Schieferölproduktion verlagern. Nach einem schwachen ersten Halbjahr 2017 bei der US-Schieferölproduktion weisen neueste Daten darauf hin, dass diese Ende 2017 stark zugelegt hat.
Was heisst stark zugelegt?
Im September stieg die Produktion gegenüber dem Vormonat sprunghaft um 278’000 Fass pro Tag oder 3% an, im Okto-ber um weitere 167’000 Fass pro Tag oder 1.8% auf insgesamt 9.6 Millionen Fass pro Tag. Provisorische Schätzungen signalisieren, dass die Produktion aktuell knapp unter zehn Millionen Fass pro Tag liegen könnte, nur leicht tiefer als die Rekord-Produktionsmenge vom November 1970 von 10’044 Fass pro Tag. Angesichts der kurzen Vorlaufzeiten von Schieferölgesellschaften könnten die aktuell höheren Preise mehr Investitionen und eine höhere Produktion auslösen. Folglich überraschen die Anfang Januar veröffentlichten neuesten Erwartungen der US-Energieagentur nicht, wonach die US-Rohölproduktion gegen Ende 2019 sogar die Marke von elf Millionen Fass pro Tag durchbrechen könnte.
…viel Öl für den Export, was poten-ziell neuen Preisdruck verursacht?
Ende 2016 wurde das Rohöl-Exportverbot aufgehoben. Seither sieht man einen deutlichen Anstieg der US-Rohlölexporte. Diese schwanken zwischen ein und zwei Millionen Fass pro Tag. Der hohe Abschlag von WTI gegenüber Brent unterstützt die Exporte. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die USA weiterhin mehr Öl importieren als sie exportieren.
Welche Entwicklungen bei US Natural Gas sehen Sie?
Hier erwarten wir einen kurzfristigen Anstieg der Preise – wetterbedingt. In den USA war es Anfang des Jahres extrem kalt, was die Nachfrage nach Erdgas auf einen Rekordstand getrieben hat. Allerdings gehen wir von tieferen Preisen im Sommer aus. Auch hier erwarten wir, wie beim Öl, einen starken Anstieg der Produktion.
Mit Blick auf den klassischen Ölmarkt: Das Angebot ist eine Seite. Doch wie sieht es bei der Nachfrage aus?
Das Wachstum der Ölnachfrage dürfte auch in diesem Jahr über dem langfristigen Durchschnitt bleiben (Wir erwarten +1.4 Millionen Fass pro Tag), unterstützt durch die gute Wirtschaftslage. Am meisten Zusatzwachstum dürfte man wiederum in den asiatischen Schwellenländern wie China und Indien sehen.
Welche Signale erwarten Sie in nächster Zeit von der OPEC – ein hoher Ölpreis gefährdet den globa-len Aufschwung zunehmend, oder?
OPEC wird sich an die Vereinbarung halten und betonen, dass die Öllagerbestände weiterhin über dem 5-Jahres-Durchschnitt – das ist ihr Zielwert – liegen. Diverse Ölminister haben darauf hingewiesen, dass man zuerst beobachten muss, ob die aktuellen Preise nur temporärer Natur sind oder nicht. Zudem sind bisher noch keine Zeichen ersichtlich, die auf eine Gefährdung des Aufschwungs hinweisen.
«Oft wird übersehen: Die USA importieren weiterhin mehr Öl als sie exportieren.»
Welche Preisniveaus für Brent und WTI sind zu erwarten?
Wir gehen von tieferen Preisen im Laufe des Jahres aus und wären nicht über-rascht, wenn Brent wieder unter die Marke von USD 60 pro Fass fallen würde. Das starke Produktionswachstum sollte sich unserer Meinung nach negativ auswirken. Wir erwarten ebenfalls, dass WTI zu einem Abschlag von USD 4 pro Fass gegenüber Brent notiert.
Ist das Thema Saisonalität beim Ölpreis beachtenswert?
Es gibt eine Saisonalität bei der Nachfrage nach Rohöl, weil Raffinerien Unterhalts-arbeiten durchführen. Dennoch kann man beim Rohölpreis keine Saisonalität wie beim Natural Gas oder beim Benzin in den USA sehen.
Zum Abschluss eine Schätzfrage: Wie lange wird es dauern, bis fossile Brennstoffe im Bereich Personenbeförderung durch alternative Antriebe ersetzt werden?
Die Ölnachfrage dürfte auch in den näch-sten Jahren ansteigen. So sieht beispiels-weise die Internationale Energieagentur keinen Rückgang der Nachfrage bis 2040. Eher möglich ist, dass die Nachfrage von Benzin zwischen 2025 und 2030 nicht mehr ansteigen wird, aber wir werden bestimmt noch lange Öl konsumieren.
Herzlichen Dank!
VITA
Giovanni Staunovo ist Rohstoffanalyst bei UBS Chief Investment Office WM in Zürich. Er ist verantwortlich für Prognosen und Empfehlungen des CIO in den Sektoren Energie und Edelmetalle. Davor arbeitete er als Währungsstratege für G10-Währungen für das UBS Chief Investment Office WM in Zürich und als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geldmarkt und Devisenhandel der Schweizerischen Nationalbank. Giovanni Staunovo begann seine Laufbahn 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich. Sein Studium an der Universität St. Gallen schloss er mit einem Lizenziat in Volkswirtschaftslehre (Vertiefung Finanzen und Kapitalmärkte) ab.