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Ein alter Mann mit eisigem Haar brachte mir vier Sonnenblumen. Aber er wollte dafür meine Wange streicheln. Ich zuckte etwas zusammen und versteckte mich hinter den vier Sonnenblumen. Der alte Mann mit dem Eishaaar wurde mürrisch und zückte ein kleines Gerät. Er mass sich den Blutzucker und eine Abwesenheit überzog seine dunklen, hängenden Augen. Ich legte mich auf ein Tuch ins Gras und starrte in den Himmel. Ich dachte an die grossen, braunen Samtaugen der Sonnenblumen und ihr strahlendes gelbes Lachen. Ich dachte an die zackigen, überstürzten Entscheidungen, die mein Vater manchmal getroffen hatte, zum Beispiel, als er vor dem Gewitter für uns Eis holte, den fünf Meter hohen Baum vor dem Haus rodete oder morgens um Fünf auf einen Berg lief. Das Leben war eine Kurve, die in kleinen Zacken langsam aufstieg, grössere Zacken machte, dann ins Wellenförmige verlief, und schliesslich zu einer Linie versandete, die im EKG wohl den Herztod bedeutete.
Ich hatte dem alten Mann keine Hoffnung gemacht, ich hatte gedacht, vielleicht erzählt er mir etwas von den Burgen, in denen er vor bald achtzig Jahren in den Sommerferien seine Kindheit verbrachte.
„Ich weiss nicht, ob ich jemals auf einer Burg gewesen bin.“ Sagte ich. „Ich stelle es mir so vor: Im Untergeschoss führt eine schwere Türe mit einem Eisenschloss in einen lehmigen Flur. Der Boden ist uneben und besteht aus winzigen Steinquadern. Über eine schmale steinige Wendeltreppe in der Mitte des Raums kann man, an vielen kleinen Erkern vorbei, auf die Burg steigen. Dort steht der kleine Junge, berührt mit der Nase knapp den Sims und späht aus dem, mit Gras und kleinen Blumen bewachsenen Guckloch.“
Der alte Eishaar-Mann sagte nichts.
„Der kleine Junge bleibt nachmittagelang seiner Mutter fern und steht also am Guckloch in seiner Burg.“ Fing ich wieder an. „Er sieht knapp über den Sims hinweg in die Landschaft hinaus. Noch liegen die Felder und Gehöfte friedlich, die Wege sind einsam, kaum bevölkert. Aber jeden Augenblick kann vom Horizont der Feind kommen! Er kommt bei Nacht und Nebel und schleicht sich durch die Wälder, immer näher zur Burg. Der Junge umgreift mit beiden Händen die alte Kanone und führt ihren Lauf durch die Öffnung. Vor Aufregung zappelt und johlt er.“
Mein Gast stand auf, grübelte in seiner Tasche nach einer Tablette und legte sich die Fahrpläne zurecht. „Willst du schon gehen? Deine Taxe kommt erst in einer Stunde.“ – „Ich habe in dir etwas sehr Feines, viel Zarteres gesehen als auf den Fotos.“ Sagte der Alte wehmütig, und stellte seine Wildlederschuhe ordentlich vor seine Füsse. Schlüpfte hinein, eine Mehrarbeit.
„Ein Junge, der auf einer Burg aufwächst; wird der ein Ritter, ein König oder ein Verbrecher?“
Wieder hatte ich etwas gesagt, dass einen alten Krieger beleidigt, der einsehen muss, dass er einmal besiegt sein wird.
Der alte Mann nahm seine Jacke und tappte auf unsicheren Beinen aus meiner Wohnung.
Ich nehme die langstieligen Sonnenblumen und schneide ihre Stiele zurück. Sie lassen sonst ihre schweren, lachenden Köpfe
hängen. Weil die Stiele so lang sind, liegen überall Stiele herum. Ich sage laut:
Irgendwann passen die Wünsche und Erwartungen, die man ans Leben hat, in keine Vase mehr.