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Hintergrund
«Nachhaltige» Investition gescheitert
2011 begann der Genfer Konzern Addax Bioenergy in Sierra Leone aus Zuckerrohr Bioethanol zu produzieren. Zahleiche Dörfer verloren dadurch ihr Land. Ende 2015 hat Addax den Betrieb eingestellt. Nun steht die Bevölkerung ohne Land und ohne Einkommen da.
2009 pachtete der Genfer Konzern Addax Bioenergy in der Region Makeni in Sierra Leone 54‘000 Ha Land, um Zuckerrohr anzubauen und Bioethanol für den europäischen Markt herzustellen. Gleichzeitig sollte aus den Abfällen Elektrizität für das nationale Netz entstehen. Als Vorzeigeprojekt für ein nachhaltiges Investitionsmodell pries Addax das Projekt an. Öffentliche Gelder von acht Entwicklungsbanken finanzierten rund die Hälfte der Investitionen von zuletzt 455 Mio. Euro; ein Teil davon stammte aus dem Schweizer Entwicklungshilfebudget.
Die Pachtverträge für 50 Jahre handelte Addax mit den regionalen Oberhäuptern aus, die die Landnutzung verwalten. Land, das bis dahin von lokalen Kleinbauernfamilien für den Anbau von Gemüse, Reis und Maniok genutzt worden war. Die Pachtverträge führten in vielen Dörfern zu Missstimmungen. Brot für alle bezeichnete das Projekt als Land Grabbing und unterstützte ihre Partnerorganisation Silnorf vor Ort darin, den Fall kritisch zu beobachten und die Bevölkerung in den Verhandlungen mit Addax zu begleiten.
Eine Zukunft ohne Perspektiven
Im Spätsommer 2015 stellt Addax den Betrieb ein. Die erwartete Rendite blieb aus, während sich das anfängliche Investitionsbudget verdoppelt hatte. Ein Besuch von Brot für alle im April 2016 zeigte die desolate Situation vor Ort auf: Wo früher Lebensmittel angebaut worden waren, steht nun ungenutztes Zuckerrohr auf riesigen Plantagen, die für den kleinbäuerlichen, diversifizierten Anbau nicht mehr nutzbar sind. Das landwirtschaftliche Unterstützungsprogramm von Addax ist ausgelaufen, und die Menschen sind gezwungen, teuer importierten Reis zu kaufen. Geld dafür ist kaum vorhanden. 3800 Menschen haben ihre temporären Anstellungen bei Addax verloren. Kleine Nebengeschäfte wie die Vermietung von Unterkünften oder Betreibung von Essständen sind zusammengebrochen. Inzwischen scheint mit dem umstrittenen britisch-chinesischen Konzern Sundbird Bioenergy ein neuer Investor in die Bresche zu springen. Die Zukunft der Menschen bleibt ungewiss – und fremdbestimmt.
Zahlen und Fakten
Eine Spirale der Abhängigkeit
- 152 Dörfer und mehr als 13 000 Kleinbauern sind rund um die Hauptstadt Makeni in der Provinz Northern in Sierra Leone vom Zuckerrohrabbau durch Addax Bioenergy betroffen.
- 2Vom Pachtzins, den Addax Bioenergy bezahlt, gehen etwas weniger als 50 Prozent an die Oberhäupter der Regionen, Distriktbeamten und die Zentralregierung. Die Landbesitzer erhalten etwas mehr als 50 Prozent.
- 3Pro Jahr erhalten Landbesitzer rund 7.90 US-Dollar pro Ha – selbst für Sierra Leonische Verhältnisse ein sehr niedriger Pachtzins. Die Landnutzerinnen, traditionellerweise die Mehrheit der Menschen, bekommen gar nichts.
- 4In einem Memorandum of Unterstanding zwischen Addax Bioenergy und dem Staat werden dem Unternehmen weitreichende Steuererlasse über 13 Jahre eingeräumt. Und dies, obwohl Sierra Leone eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt ist.
- 5Weil die Menschen nur noch einen Teil ihrer Nahrungsmittel selber anbauen können, müssen sie teuren, importierten Reis kaufen – für rund 20 Cents pro Tasse.
- 6Der Rückbau der planierten Monokultur-Flächen hin zu Feldern, die von der lokalen Bevölkerung erneut bebaut werden könnten, wird viele Jahre und enorme Ressourcen benötigen.
Das fordert Brot für alle
Bäuerliche Landwirtschaft anstatt Agrarindustrie
- Es braucht einen Richtungswechsel in der Landwirtschaft: Das Beispiel von Addax zeigt deutlich, dass nachhaltige Entwicklung nicht durch Konzerne geschehen kann, sondern durch die Menschen passieren muss, die von dem Land leben. Deshalb fordert Brot für alle eine Abkehr von der heute dominierenden Landwirtschaft, die von industriellen und von kommerziellen Interessen bestimmt ist. Wir setzen uns ein für eine Rückkehr zu einer selbst bestimmten, regionalen und ökologischen Landwirtschaft der Bäuerinnen und Bauern.
- Kein Geld für Land Grabbing: Staatliche Entwicklungsakteure wie die Deza und das Seco sowie die von ihnen mitfinanzierten Entwicklungsbanken müssen aufhören, Kredite für Projekte zu gewähren, bei denen Land Grabbing die Folge ist.
- Verantwortung übernehmen: Addax, die Entwicklungsbanken, Seco und Deza müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen. Sie müssen mindestens dafür sorgen, dass ein neuer Investor die Rechte der Menschen und die internationale Regeln zu Landpacht respektiert.
Das tut Brot für alle
Beobachten und Änderungen einfordern
Die Brot für alle-Partnerorganisation Silnorf beobachtet Entwicklungen vor Ort und fordert die Rechte der betroffenen Gemeinschaften ein. Brot für alle veröffentlicht die Befunde in der Schweiz und macht Druck auf den Konzern und dessen Geldgeber.
Im Süden
Brot für alle arbeitet in Sierra Leone eng mit ihrem Partner Silnorf (Sierra Leone Network on the Right to Food) zusammen. Seit 2010 beobachtet Silnorf die Situation vor Ort, berät die Betroffenen bezüglich ihrer Rechte, vermittelt zwischen Addax, der Regierung und der Bevölkerung und handelt Verbesserungen für die lokale Bevölkerung aus. Derzeit klären Brot für alle und Silnorf juristisch die Gültigkeit der aktuellen Pachtverträge ab und setzen sich als verlässliche Partner für die Rechte der betroffenen Menschen ein.
Im Norden
Brot für alle hat das Projekt des Genfer Konzerns bereits 2010 an die Öffentlichkeit gebracht und damit das Phänomen Land Grabbing einer breiten Bevölkerung bekannt gemacht. Mit verschiedenen Untersuchungen, die Brot für alle mit Silnorf durchgeführt hat, wurden die Probleme und Herausforderungen dokumentiert und an die Öffentlichkeit gebracht. Zudem haben verschiedene Gespräche zwischen Brot für alle und dem Genfer Konzern stattgefunden, mit dem Ziel, die Situation der Menschen vor Ort zu verbessern. Gespräche geführt hat Brot für alle auch mit dem Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) und der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), über welche Gelder in das Projekt geflossen sind. Dabei wurde auf die problematischen Konsequenzen grosser Investitionsprojekte aufmerksam gemacht und darauf, dass solche nicht mit öffentlichen Geldern finanziert werden sollten.
Das haben wir bisher erreicht
Unterstützung der betroffenen Bevölkerung
Das beharrliche Engagement und die Vermittlungsanstrengungen von Silnorf haben Wirkung gezeigt. Gewalttätige Auseinandersetzungen wie sie in anderen Teilen des Landes passierten, blieben aus. In Gesprächen mit der Firma konnten Probleme aufgezeigt und teilweise Lösungen gefunden werden: So war Addax etwa nach Gesprächen mit Silnorf bereit, Felder zu verlegen, damit die betroffenen Dörfer ihren Zugang zu nahegelegenen fruchtbaren Feldern oder Buschland mit wertvollen Pflanzen für Ernährung und Medizinzwecke nicht verlieren. Ausserdem konnten gewisse Verbesserungen bei den Landpachtverträgen erreicht werden.
In der Schweiz hat die beharrliche Berichterstattung sowie die Interventionen bei der Verwaltung das Problembewusstsein für grosse Investitionen in Land geschärft.
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