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Seit 2006 hat Lugano keinen Titel mehr gewonnen. Nicht einmal den Cup. Dabei hat Lugano alles, um die Liga wieder zu dominieren. Aber es gelingt einfach nicht mehr, die einzelnen Teile zu einem Meisterpuzzle zusammenzufügen.
Manchmal hat Lugano einen meisterlichen Torhüter, aber keinen meisterlichen Trainer. Oder es fehlen ein oder zwei meisterliche Ausländer, ein charismatischer Leader oder die Harmonie in der Kabine. Oder die richtige Taktik. Es gibt Jahre, da sind die Tessiner überheblich und andere Jahre, da sind sie zu wenig selbstsicher, zu bescheiden. Seit 2006 fehlt einfach immer etwas.
Ausser Geld natürlich. Davon gibt es immer genug. Die kluge Präsidentin Vicky Mantegazza ist Milliardärin. Sie hat ihre Vermögensbildung so gut abgeschlossen wie Walter Frey in Zürich oder Hans-Peter Strebel in Zug.
Warum ist Lugano trotzdem seit 14 Jahren nicht mehr dazu in der Lage, ein Meisterpuzzle zusammenzusetzen? Die Antwort ist einfach: Das «Grande Lugano» prägen zwei Männer: Präsident Geo Mantegazza und sein Trainer John Slettvoll. Der Sozialist aus dem Land der dunklen, langen Winter ist ein charismatischer Rebell und fegt mit dem eisernen Besen durch die Kabine. Weil der Schwede den bedingungslosen Rückhalt des Präsidenten hat – zwischen die beiden passt kein Löschblatt – wagt es keiner, aufzumucken oder sich hinter dem Rücken des Trainers beim Patron zu beschweren. Lugano erreicht zwischen 1986 und 1991 sechsmal hintereinander den Final und gewinnt vier Titel.
Der Ruhm bringt John Slettvoll Reichtum. Er wird milde. 1992 beendet Arno Del Curto im Viertelfinale mit dem ZSC die meisterliche Dynastie. Seither war Lugano nur noch in ein paar auserwählten Jahren «grande»: 1999, 2004 und 2006.
Gelingt nun endlich wieder einmal ein Titelgewinn? Nein. Zwei Teilchen fehlen im Meisterpuzzle. Die zwei wichtigsten. Der meisterliche Goalie und der meisterliche Trainer.
Serge Pelletier (54) scheint auf den ersten Blick der perfekte Trainer zu sein. 1989 will der Kanadier nach seiner Ausbildung zum Sportlehrer ein halbes Jahr Auslanderfahrung sammeln und heuert im Nachwuchs des HC Lugano an. Aus sechs Monaten in der Schweiz sind mehr als 30 Jahre geworden. Inzwischen ist Pelletier Schweizer und er hat schon Gottéron und Ambri (je 2 mal), Zug und La Chaux-de-Fonds trainiert. 2019 war er mit La Chaux-de-Fonds Qualifikationssieger und Playoff-Finalist. Trotzdem musste er gehen. Also ein Trainer, der Schweizer Eishockey kann.
Aber vielleicht ist der freundliche eingebürgerte Kanadier zu smart – andere sagen: zu intelligent und zu gebildet – um ein autoritärer, meisterlicher Bandengeneral zu sein. Serge Pelletier hat ein feines Gefühl für Machtstrukturen in- und ausserhalb der Kabine. Er versteht es, sich oben beim Management gut zu stellen und unten dürfen die Stars machen, was sie wollen. So sichert er sich das Wohlwollen der Meinungsmacher in der Kabine und die danken ihm die Freiheiten in der Regel mit guten Leistungen.
Diese einfühlsame Art zu führen – jeder macht, was er halt am liebsten tut – mag in einer Rudolf-Steiner-Schule funktionieren. Im Eishockey mündet sie nach einer gewissen Zeit unweigerlich in Nachlässigkeit, Schlendrian und Trainerentlassung. Hockeyspieler sind Männer, die spielen, statt zu arbeiten. Sie bedürfen der Führung. Die Frage ist nicht ob, sondern bloss wann Serge Pelletier in Lugano gefeuert wird.
Das zweite fehlende Teilchen ist ein meisterlicher Torhüter. Lugano hat eine stolze Torhütertradition: Alfio Molina, Lars Weibel, Cristobal Huet, Ronnie Rüeger und zuletzt Elvis Merzlikins. Sage mir, wie die Goalies heissen und ich sage dir, ob Lugano «grande» sein kann. Sie heissen heute Sandro Zurkirchen und Niklas Schlegel. Zwei freundliche, talentierte, tüchtige Torhüter. Könige im unbeschwerten Alltag, aber Bettler in schwierigen Zeiten. Zu wenig charismatisch, um eine Nummer 1 zu sein. Wer zwei Nummer-2-Torhüter beschäftigt, wird nie «grande». Ein ausländischer Goalie könnte helfen.
Ansonsten ist Lugano durchaus titelfähig. In seinem zweiten Jahr hat Sportchef Hnat Domenichelli die Ausländerpositionen besser besetzt. Schauderhafte Ausländer – keiner hat in den letzten zwei Jahren mehr als 9 Tore erzielt – und der Verlust von Grégory Hofmann (zu Zug) sind die Ursachen für eine offensive Misere. Letzte Saison bloss 125 Tore – so wenige wie nie seit dem Wiederaufstieg von 1982. Noch vor zwei Jahren (2017/18) war Luganos Sturm der zweitbeste der Liga (159 Tore) und finalfähig. Wenn sie nicht mit «Schraubendampfern» spielen müssen (Kufen, an Sonntagsschuhen angeschraubt), dann wird jeder der vier ausländischen Stürmer nun mehr als 9 Tore erzielen. Mark Arcobello, Mikkel Boedker und Dan Carr sind sogar gut genug für 20 Treffer.
Lugano hat acht von zehn Vorbereitungspartien gewonnen und ist gut genug für einen «goldenen Herbst». Die Freude über die Freiheiten unter Trainer Serge Pelletier wird sich ungefähr so lange halten wie die letzten Blätter in den Laubbäumen. Ein «goldener Herbst» kann die Emotionen entfachen, die Lugano bis weit ins neue Jahr hinaus beflügeln. Für eine Spitzenklassierung in der Qualifikation wird es reichen. Aber Serge Pelletiers Autorität beginnt zu welken, wenn es wieder Blätter in den Bäumen hat.
Nur ein neuer John Slettvoll könnte Lugano wieder meisterlich machen.
Platz 3.
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