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Polit. Gem. AG, Hauptort des Bez. R. sowie Grenzort zur gleichnamigen dt. Kreisstadt am gegenüberliegenden Rheinufer. 1143 Rinuelde, franz. früher Rhinfeld. 1788 1'226 Einw.; 1850 1'910; 1900 3'349; 1950 4'550; 1970 6'866; 2000 10'673.
Auf dem Gemeindegebiet sind zahlreiche Spuren röm. Siedlungen und Befestigungsanlagen gefunden worden. Im Bereich Görbelhof lag ein Gutshof des 3. Jh., im Pferrichgraben, im Heimenholz sowie auf der Rheininsel Stein standen röm. Wachttürme des Rheinlimes aus dem 4. Jh. Bei den Bauarbeiten zur A3 wurde eine Wasserleitung freigelegt, die die nahe gelegene Kolonie Augusta Raurica mit Frischwasser versorgte. 2001 wurden im Augarten Reste einer befestigten Anlage mit Getreidespeicher ausgegraben, die ebenfalls ins 4. Jh. datiert wird. Es handelt sich um den bisher einzigen Fund einer grösseren aus Holz errichteten Befestigungsanlage aus röm. Zeit in der Schweiz.
Die Siedlung R. ging aus einem alemann. Dorf hervor, in dessen Nähe die Gf. von R. um 1000 auf der Rheininsel Stein eine Burg bauten. Das 1686-90 errichtete österr. Kastell wurde 1744 durch franz. Truppen zerstört und nicht mehr aufgebaut. Wohl in Zusammenhang mit dem Grafensitz entstand um 1100 die erste Saalkirche. Als Erben der Gf. von R. gelangten die Hzg. von Zähringen in den Besitz von Burg, Kirche und Siedlung. 1212 verweist eine Urkunde erstmals auf Bürger sowie auf die Existenz einer Rheinbrücke. Die Erhebung zur Stadt selbst ist nicht überliefert, muss aber zwischen 1146 (Erwähnung von Burg und Kirche als separaten Siedlungsteilen) und 1212 (erste Nennung von Bürgern) erfolgt sein. Das älteste Stadtrecht stammt von 1290. R. wurde unter den Zähringern zweimal ausgebaut. Nach deren Aussterben wurde die Stadt 1218 reichsfrei, schliesslich 1330 an Habsburg verpfändet. 1449 wurde die Stadt in die Herrschaft Habsburgs integriert, behielt aber ihre Selbstverwaltung mit Schultheissenwahl und hoher Gerichtsbarkeit.
Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde die vorderösterr. Landstadt im Dreissigjährigen Krieg, als sie 1634 mehrere Monate lang durch schwed. Truppen belagert und schliesslich besetzt wurde. Nachdem das habsburg. Elsass an Frankreich gefallen war, wurde R. zum vorderösterr. Grenzort. Die nunmehr stark befestigte und mit einer Garnison belegte Stadt war im 17. und 18. Jh. immer wieder Schauplatz von Kämpfen. 1797 fiel R. im Frieden von Campoformio mit dem Fricktal an Frankreich. 1802 war die Stadt Hauptort und Verwaltungszentrum des kurzlebigen helvet. Kantons Fricktal. Seit der Eingliederung des Fricktals in den Kt. Aargau 1803 ist R. Hauptort des gleichnamigen Bezirks.
Die auf das 11. Jh. zurückgehende Pfarrkirche St. Martin entstand wohl als Eigenkirche der Gf. von R. 1170 wird erstmals ein Pfarrherr und damit eine eigene Pfarrei R. erwähnt. 1228 gründete der Basler Bf. Heinrich von Thun ein Chorherrenstift, das mit der Stadt R. fortan die Patronatsrechte der Kirche innehatte. 1769-72 wurde die Kirche umfassend renoviert und im barocken Stil umgestaltet. 1870 hob der Kt. Aargau das Stift auf. 1873 schloss sich die Pfarrei dem christkath. Bekenntnis an. 1876 wurde in St. Martin der erste christkath. Bischof der Schweiz geweiht. Zu Beginn des 21. Jh. bekannten sich nur noch knapp 3% der Bevölkerung zum Christkatholizismus.
1212 gründete Berchtold von R. die Johanniterkommende, die 1448 beim Überfall des Hans von Rechberg dem Erdboden gleichgemacht und anschliessend in die Stadt verlegt wurde. 1803 wurde die Kommende säkularisiert. 1595 wurde das Kapuzinerkloster ausserhalb der Stadt gegründet. Nach dessen Zerstörung während der Belagerung von 1634 wurde der Neubau ebenfalls innerhalb der Stadtmauern angelegt. Das Kloster wurde 1804 säkularisiert.
1875 erhielt R. Anschluss an die Bözberglinie, nachdem bereits 1856 ein Bahnhof auf der bad. Rheinseite der Linie Basel-Säckingen eröffnet worden war. Wirtschaftlich bedeutend war die Entdeckung von Kochsalzlagern. Ab 1844 förderte die 1942 stillgelegte Saline R. und seit 1848 die noch in Betrieb stehende Saline Riburg Salzsole zur Weiterverarbeitung. Seit 1846 wird Sole zu Heilzwecken genutzt, und R. entwickelte sich zum Solbadkurort. Daneben haben sich Ende des 20. Jh. in R. chem. Unternehmen angesiedelt, die Sole als Grundstoff nutzen. 1799 wurde die Brauerei Salmen (geschlossen 2002) und 1876 die Brauerei Feldschlösschen gegründet. Letztere ist heute die grösste Brauerei in der Schweiz und ein wichtiger Arbeitgeber der Region. 1873 wurde die Konzession für das Kraftwerk R. erteilt, das 1898 als grösstes Flusskraftwerk und erstes Niederwasserkraftwerk der Welt fertiggestellt wurde. Die Anlage wird seit 2003 vollständig erneuert. Die 1876 gegr. Zigarrenfabrik Wuhrmann produziert noch heute handgerollte Zigarren. In der 2. Hälfte des 20. Jh. entwickelte sich R. zur Agglomerationsgemeinde der Region Basel, deren Einwohner auch in den umliegenden Gewerbe- und Industriezonen arbeiteten. Rund um die Stadt entstanden neue Wohnquartiere, u.a. die Siedlung Augarten (ab 1973), die durch die A3 erschlossen und seit 2008 mit einem eigenen Bahnhof ans Basler S-Bahnnetz angeschlossen ist.
Anders als bei Laufenburg führte die Festlegung des Rheins als Landesgrenze 1803 nicht zur Trennung der Stadt in zwei neue Teile, da sich das Stadtgebiet ganz auf dem linken Rheinufer befand. Das deutsche R. entstand als Industriesiedlung vornehmlich im späten 19. und frühen 20. Jh. und wurde erst 1922 zur selbstständigen Gemeinde.
Literatur
– Rheinfelder Njbl., 1945-
– K. Schib, Gesch. der Stadt R., 1961
– Tituli Rauracenses, hg. von P.A. Schwarz, L. Berger, 2000
– P. Frey, «Die Stadtkirche St. Martin in R.», in Argovia 112, 2000, 163-206
Autorin/Autor: Dominik Sauerländer