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Wusstest du, dass Tilsiter dank sogenannten «Wirtschaftsflüchtlingen» aus der Schweiz entstanden ist? Die Schweiz war nämlich auch mal ein Auswanderungsland. Nach der Industrialisierung stieg die Attraktivität unseres Landes wieder. Hier wie dort sorgten die Migranten für Innovation.
Die Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie zahlreiche Krisen in der Landwirtschaft (1840 und 1870) führten zur Verarmung und Hungersnöten, sodass viele Schweizer nach Russland, Süd- und Nordamerika sowie in die benachbarten Länder auswanderten. Die Bauern emigrierten vor allem in die heutigen USA, während Molkereispezialisten in die Nachbarländer übersiedelten. Die Politik versuchte die Auswanderung zu kontrollieren, indem sie sie teilweise per Gesetz verbot, aber auch in Form von Abschiebung der Armen und Kriminellen förderte.
Die Innovation im Gepäck
Von den Schweizern, die in Richtung Osten zogen, waren nicht wenige in ihren Zieldestinationen als Käser oder Melker tätig, so zum Beispiel in der damals ostpreussischen Ortschaft Tilsit (heute Sovetsk und Teil von Russland). Neben Schweizern waren auch viele Westpreussen, Österreicher und Niederländer nach Tilsit ausgewandert, die ihrerseits nicht nur viel Wissen rund um das Käsen mitbrachten, sondern auch als tüchtig und innovativ galten. So entstand unter Mithilfe der helvetischen Wirtschaftsmigranten um 1822 der erste Tilsiter-Käse. Der Wissenstransfer zurück in die Heimat erfolgte hingegen schleppend. Erst 1893 soll der Tilsiter erstmals auf dem Schweizer Boden hergestellt worden sein.
Die Erfindung des Tilsiters fiel in eine Epoche der regelrechten Massenauswanderung. Bis 1888 wies die Schweiz einen negativen Wanderungssaldo aus, und der Ausländeranteil betrug damals lediglich 7,4%. Im Jahr 1874 wurde sogar ein Verfassungsartikel (Art. 34 BV) erlassen, der den Bund bevollmächtigte, notfalls einzugreifen und die Auswanderung zu steuern. Aufgrund zahlreicher Missbräuche in der Auswanderungspolitik rief man auch ein Auswanderungsamt ins Leben, das die Aktivitäten diverser Agenturen überwachte.
Was wären wir ohne die Einwanderer?
Die Kehrtwende bei der Auswanderung wurde jedoch nicht durch amtliche Steuerungsmassnahmen eingeläutet, sondern durch die Industrialisierung des Landes. Das höhere Wirtschaftswachstum gegen Ende des 19. Jahrhunderts und die gestiegene Nachfrage nach Arbeitskräften sowie die in der Folge attraktiveren Lebensbedingungen führten dazu, dass die Schweiz einen Fachkräftemangel entwickelte und sich fortan zum Einwanderungsland wandelte. Ohne die Zuwanderung aus den Nachbarländern wäre eine erfolgreiche Industrialisierung der Schweiz kaum möglich gewesen.
Die Einwanderer haben auch in der Schweiz massgeblich zur positiven Entwicklung auf allen Ebenen beigetragen: nicht nur durch harte Arbeit wie dem Bau des Gotthardtunnels, sondern auch bei der Gründung von Schweizer Unternehmen wie Swatch, Actelion oder Saurer ‒ all diese bekannten Schweizer Marken wurden von Einwanderern gegründet (hier aus Libanon, Frankreich und Deutschland). Symbolisch für diese gesamte Entwicklung steht auch das multikulturelle Schweizer Fussballnationalteam, das sich seit 14 Jahren fast ohne Unterbruch souverän für jede Welt- und Europameisterschaft qualifiziert – und so viel Erfolg hat wie nie zuvor.
Politische Vorstösse zur Abschottung und Selbstbestimmung ignorieren allzu oft, wie die Schweiz zu ihrem Wohlstand gekommen ist. Und sie scheinen zu vergessen, dass ab dem Jahr 2018 mehr Personen in Rente gehen als in den Arbeitsmarkt eintreten. Auch deshalb kann sich die Schweiz eine Abschottung nicht leisten. Oft geht auch vergessen, dass es nicht weniger als 750 000 Auslandsschweizer gibt, die ihrerseits von einer Migrationspolitik anderer Länder profitieren. Mindestens jeder sechste Einwohner der Schweiz hat statistisch erfasste europäische Wurzeln ausserhalb der Schweiz. Weltoffenheit ist ein zentraler Bestandteil der Schweizer Identität. Der Tilsiter, die Schweizer Uhren, die Fussball-Nati und der Gotthard-Tunnel sind nur einige Beispiele dafür.
Dieser Beitrag ist Teil der Blogserie «Liberalismus konkret», in welcher wir uns mit den Errungenschaften liberalen Denkens und Handelns befassen.
Titelbild: Photo by Kyle Glenn on Unsplash