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«Elektrizität» (2)
«Klug sieht er aus, der Experte, flüsterten die Leute, er wird es ihnen schon sagen. Und dann ist er gottlob einer der Unsrigen, nicht ein tedesco, mit dem lässt sich reden.»
Ein langer Zug von Männern begleitete ihn zum Elektrizitätswerk. Bis auf Giovanni, der mit dem Experten im Häuschen verschwand, blieben sie alle draussen stehen und warteten. Bald leuchtete die Glühbirne auf über der Türe, dann erlöschte sie wieder. Gespannt schauten alle hin. Sie leuchtete, sie erlöschte! Das Licht funktionierte. Nach einiger Zeit erschien der Experte in der Türe, das Runzelgesicht Giovannis hinter sich. Alle schauten auf ihn. Doch er sprach nicht, auch war aus seinem hellen, klaren Gesicht nichts herauszulesen.
Zusammen gingen sie zum Dorf zurück. Giovanni war sehr um den Experten bemüht. Er krümmte sich vor ihm bald rechts, bald links, machte Spässe, zu denen aber nur er lachte, sprach davon, dass er der beste Glockenspieler des Dorfes sei und seine Kunst gerne, nach gutem Ende der Angelegenheit, heute Abend würde hören lassen. Er, der Experte, dürfte mit ihm auf den Kirchturmkommen und von nahem seine Fertigkeit bewundern.
Der junge Mann schien nicht zu wissen, welch erstaunliches Angebot ihm da gemacht wurde, denn Giovanni läutete nur für reiche Taufen und grosse Hochzeiten. Er schaute im Gehen vor sich hin und kümmerte sich nicht um die Männer. Er hatte Hunger, es war unterdessen Mittag geworden, und er wünschte in der Wirtschaft der Agnese zu essen. Im Vorbeigehen hatte er wohl die junge Rosine, die Tochter der Agnese, gesehen und sich die Wirtschaft gemerkt. Doch, oh Schrecken, die Agnese war ja eine Verwandte des Herrn Martino, es musste also verhindert werden, auf alle Fälle, dass der Experte in der Wirtschaft der Agnese einkehre. Er könnte dort Dinge erfahren, wenn gerade Herr Martino dort seinen Schnaps trinken würde, was ja gar nicht ausgeschlossen war, die der Sache der Gemeinde schaden könnten.
Aber wie das verhindern? Der Experte steuerte gerade auf die Türe zu. Dass auch niemand vorher daran gedacht hatte! Und da schaute wahrhaftig Herr Martino, die Pfeife im Munde, zum Fenster hinaus. Es blieb Giovanni nichts übrig, als ebenfalls in der Wirtschaft essen zu gehen, obschon er mit der Agnese verfeindet war. Es würde so viel kosten wie zehn gewöhnliche Mittagessen zu Hause, aber was tut man nicht zum Wohle der Gemeinde.
So sassen die Männer, Herr Martino hatte sich zu ihnen gesetzt, um den Tisch und bestellten Suppe. Eine dicke Suppe mit Gemüsen und Teigwaren. Jeder hatte einen Teller dieser dicken Suppe vor sich und blies hinein, dass die Dampfwolken aufstiegen. Dann begannen sie zu löffeln. Herr Martino, der in der Welt gewesen war und wusste, was sich schickt, hob mit der linken Hand seinen struppigen Schnurrbart und schob mit der anderen den vollen Löffel darunter in den Mund. Er schnaubte sehr dazu.
Giovanni beugte sein ganz mit Haaren zugewachsenes Gesicht tief über den Teller und schlürfte geschickt den Inhalt, indem er den Löffel wie ein Ruder bewegte. Die Haare hingen als Trauerweiden in die Flüssigkeit. Beide warteten, dass der Experte sprechen würde. Doch dieser schwieg. Er schaute von Zeit zu Zeit nach der kleinen Rosine, die mit hübschen Bewegungen eine Scheibe putzte, und schwieg. Hatte man je einen so schweigsamen Mann gesehen? Es war beunruhigend. Es war fast beleidigend. Herr Martino hatte seinen Teller ausgegessen.
Das sündige Badezimmer
Nun, rief er plötzlich und legte seinen Löffel mit einem Schlag auf den Tisch. Was ist mit der Turbine? Giovanni tauchte über seinem Teller auf, mit triefendem Bart. Er schaute starr auf den Experten. Was kann es schon sein, knurrte er, der Boiler der Sciori frisst das Licht weg. Was für eine Eselei, schrie ihm Herr Martino über den Tisch zu, siehst du denn nicht … , und nun folgten alle seine Überlegungen, die er in all den Wochen für sich gemacht hatte. In technischen Ausdrücken, die dem Experten beweisen sollten, dass er, Herr Martino, nicht der erste Beste sei, teilte er mit, dass die Turbine schlecht behandelt werde. Man verstehe nichts von ihr.
Er zeichnete auf den tannenen Tisch die ganze Anlage des Werkes und erklärte mit grossem Eifer, schwitzend und mit lauter Stimme, was zu tun sei, damit das Werk richtig laufe. Giovanni war in seinen Bart zurückgesunken. Nur noch seine rote verbeulte Nase schaute aus der Wirrnis heraus. Von Zeit zu Zeit gab er einen Ton von sich, wie ein Kalb, das Durst hat. Martino hatte seine Rede beendet und schaute den Experten erwarten dan. Da stieg Giovanni aus seiner Versunkenheit heraus, neigte seinen grossen Hundekopf demjenigen Martinos über den Tisch hinüber zu und sagte leise, doch so, dass der Experte es hören musste: Du kannst gut zeichnen … wie viel geben dir die Sciori für diese Zeichnungen?
Martino hatte Wein getrunken, aber auch ohne dem hätte diese Bemerkung genügt, um ihn ausser sich zu bringen und in einen seiner berühmten Wutanfälle zu stürzen. Sein Gesicht lief sofort dunkelrot, dann bläulich an. Er stand auf, schlug mit den Fäusten auf den Tisch und schrie, also er bersten wollte. Vor dem Fenster zeigten sich neugierige Gesichter. Das halbe Dorf war vor der Wirtschaft versammelt, um sofort zu erfahren, was der Experte aus der Stadt gesagt habe.
Nichts hat er gesagt, immer noch nichts, ging es von einem zum andern. Nun da Herr Martino so schrie, dachten sie, seine Sache stehe auf schwachen Füssen und der Experte habe sicher zugestanden, dass der Boiler der Sciora Schuld trage an dem Versagen des Lichtes. Sogleich ging es durchs Dorf: Der Boiler, da haben wir es, immer haben wir es gesagt, der Boiler ist es. Nun wird es für die Sciori ans Zahlen gehen. Wie viel wohl? Nur gehörig rupfen soll man sie. Es geschieht ihnen recht. Was brauchen sie zu baden! Der Herr Pfarrer hat gesagt, baden sei ungehörig. Hat nicht Marta verraten, sie glaube wirklich, dass die Sciori nackt in die Badewanne steigen? Eine solche Sünde! Gott behüte uns! und manche schlugen ein Kreuz.
Nun trat der Experte zur Türe der Wirtschaft heraus. Die Leute schwiegen und machten ihm Platz. Einer rief: Hast’s brav gemacht. Der junge Mann schaute ihn unwirsch an, zog seinen Hut tiefer ins Gesicht und nahm den Weg zum Palazzo, ohne ein Wort zu sagen. Alle liefen hinter ihm drein. Bald war der Platz vor dem Haus voller Menschen und es drängten immer noch andere nach. Der Experte bat die Sciora, den Boiler und die dazugehörigen Anlagen sehen zu dürfen.
Sie führte ihn hinauf ins Badezimmer. Gleich hinter dem Experten kämpften Giovanni und Martino, der sich beruhigt hatte, um den näheren Platz. Dann folgten ein Dutzend Männer. Die anderen warteten drunten. Der Experte stellte einige Fragen an die Sciora, besah sich alles, machte Notizen, Zeichnungen, während Giovanni und Martino nicht von seiner Seite wichen. Unterdessen füllte sich das Badezimmer an mit den nachkommenden Männern. Sie schauten erstaunt um sich, einige nahmen ihre Hüte ab und versuchten auf den Fussspitzen zu gehen. Sie berührten die Kacheln der zartblauen Wände, befingerten die Badewanne, glitten mit ihren Händen den blinkenden Leitungen nach, befühlten die glitzernden Spiegel und Gläser. Dann gingen sie, aber gleich kamen andere nach.
Der Experte war mit seinen zwei Begleitern, Giovanni und Martino, schon längst fort, aber es kamen immer noch Leute, das Badezimmer anzusehen. Als alle Männer darin gewesen waren, erschienen die Frauen. Sie wagten kaum einzutreten. Von der Türe aus musterten sie alles. Ihre Ergriffenheit äusserte sich in Ausrufen: Jesus, Maria, wie das glänzt! Solche Spiegel! Ist das nicht eine Sünde! Die Kinder drückten sich zwischen den Frauen durch und blieben verloren in Bewunderung mit offenem Munde stehen, den Finger in der Nase.
Gegen Abend wusste jeder im Dorf: So sieht die Sünde aus, wie das Badezimmer der Sciora. Und weil diese Sünde so mitten unter ihnen im Dorf lebte, darum ging das elektrische Licht jede Nacht aus. Es schämte sich, und darum ging es aus. Entweder musste das Badezimmer abgeschafft werden, oder die Sciori hatten sehr viel zu bezahlen. Wie gross war aber die Verwunderung und Enttäuschung, als man erfuhr, der Experte habe dem Sindaco, der ihn zum Rapport bestellt hatte, ausgerichtet, nicht der Boiler der Sciora sei schuld an dem schlechten Licht, übrigens auch nicht die ungenügende Wartung des Giovanni, nein, nicht das eine und nicht das andere. Nur die Wasserzufuhr werde schlecht geregelt.
Die schadhafte Brunnenstube
Wahrscheinlich sei ein Wasserverlust da, oben in den Bergen, bei der grossen Wasserstube. Morgen werde man hinaufgehen müssen, um nachzusehen. Im Übrigen sei es so, dass nicht die Gemeinde sich bei der Sciora, sondern die Sciora bei der Gemeinde beschweren könne und Schadenersatz verlangen, denn es werde ihr ungenügend Strom geliefert, worunter ihre Maschinen und Anlagen leiden. Sie sollen froh sein, der Sindaco und die Leute, wenn die Sciora nichts gegen die Gemeinde unternehmen, und sich beeilen, die Unordnung in Ordnung zu bringen.
Alle waren verärgert. Der Experte verreiste mit der Post. Niemand stand auf dem Platze, als er abfuhr, nur die kleine Rosine lachte zum Fenster des Konsumladens heraus, wo ihre Freundin Verkäuferin war. Giovanni war jedoch nicht unzufrieden. Es war ja nichts gegen seine Wartung gesagt worden. Alle anderen aber klagten über die Arbeit, die ihnen bevorstehe, die Brunnenstube und die Leitungen nachzusehen und auszubessern.
Vielleicht könnte man damit noch etwas zuwarten? Den Sindaco plagten die dreissig Franken, die er aus der Gemeindekasse, welche er ein wenig als seine eigene ansah, würde zahlen müssen. Die Sciori konnte man damit nun nicht behelligen. Er nahm die ganze Sache dem Giovanni krumm, doch war auch er zufrieden, dass nichts gegen dessen Wartung gesagt worden war. Giovanni würde den Posten behalten können und Herr Martino – darüber konnte man wieder ganz guter Laune werden – würde das Nachsehen haben.
Ein schriftlicher Bericht kam aus der Stadt, der alles bestätigte, was der Experte gesagt hatte. Nun musste die Arbeit wohl unternommen werden, denn auch die Sciori hatten den Bericht bekommen. So wussten sie jetzt, dass ihnen Strom vorenthalten wurde und dass sie verlangen konnten, zum Mindesten, dass er ihnen von nun an richtig geliefert werde. Als Erstes hatte der Herr Pfarrer von der Kanzel herunter zu verkünden, dass es falsch gewesen sei, den Boiler der Sciora für denjenigen anzusehen, der die Schuld trage an dem schlechten Licht. Das dürfe nicht mehr gesagt werden, denn das sei eine Verleumdung.
Er tat es mit fester Stimme. Mancher konnte wohl nicht recht begreifen, warum jetzt der Herr Pfarrer das Badezimmer der Sciora verteidige. Wohl weil er es nie gesehen habe, sonst wäre er anderer Meinung. Nur der fromme Ermano, dessen Augen stets zur Erde gerichtet sind, dessen Gedanken aber im Himmel fliegen, Ermano, der als Maurer und Kachelleger das Badezimmer der Sciora hatte bauen helfen, fühlte sich glücklich über den Unschuldsbeweis des Badezimmers. In seiner Freude erbot er sich nach der Kirche, die Untersuchung der Brunnstube allein und zu Ehren der Wahrheit durchzuführen. Er fand den Schaden. Dieser wurde notdürftig geflickt und von da an brannte das Licht im Dorf wie in andern Dörfern.
Die Geschichte wurde vergessen. Nur Herr Martino nährte seinen Groll. Er wartete, er wartete, er wusste nicht auf was, aber der Himmel würde es ihm schon schicken. Und der Himmel schickte es. Den ganzen Tag hatten sich blaue schwere Wolken über dem Tal hingeschoben. Gegen Abend wurden sie gelb. Da brach das Unwetter herein. Die Bäume krachten in ihren Ästen, grüner Blätterschnee flatterte durch die Luft, dann setzte der Regen ein. Er rauschte herunter, sogleich ein Riesenwassersturz, als ob der ganze Himmel brausend herniederfallen wolle, eine neue Sintflut zu bringen.
Die Bäche wurden lauter, der Wasserfall begann zu brüllen, das ganze Tal zu tönen wie eine Orgel. Lange flackernde Blitze fuhren durch das Getöse und der Donner fiel steil und knatternd auf die Dächer. Trotz des Pfeifens und Heulens hörten die Leute einen neuen Ton im T umult, klirrend und prasselnd. Hagel. Er klapperte über die Dächer, sprang durch die Gärten, schlug auf die Bäume, die sich kahl im Sturm bogen. Alles Grün war zerhackt. Sogar die Kiefern wurden verletzt. Das Tal duftete nach dem Sturm noch lange von dem herben Saft der Bäume.
An diesem Abend brannte das Licht nicht. Darüber wunderte sich niemand. Es brannte aber auch am folgenden Abend nicht. Giovanni war den ganzen Tag im Werk und tat, als ob er arbeite. Im Grunde war er ratlos. Wasser war sicher genug da. An der Turbine war nichts zerbrochen. Alles stand, wie es zu stehen hat. Aber Licht gab es nicht. Auch den folgenden Tag verbrachte er im Werk. Die Frauen, die im Teich ihre Wäsche wuschen, begannen ihn zu verspotten. Vor dem Häuschen sammelten sich die Kinder an und trieben Schabernack.
Als Peter, der Fischer, mit seiner Fischrute vom Bach kam, blieb er vor der offenen Türe stehen und schaute hinein. Er verstand nichts von Elektrizität, aber es schien ihm, auch Giovanni verstehe nicht viel davon. Das sagte er abends in der Wirtschaft, und Rosine lachte dazu, das glaube sie schon lange: Kürzlich habe sie sich vom Waschen weg zum Werk geschlichen, und da habe Giovanni vor der Turbine geschlafen. Er habe geschnarcht, dass man hätte glauben können, das Werk laufe.
Der Sindaco wurde gereizt. Es schien so auszusehen, als ob er wieder den Experten aus der Stadt kommen lassen müsste, da dieser Esel von Giovanni der Sache nicht Meister werde. Da wurde getuschelt, Herr Martino wisse, warum das Licht nicht brenne, er sage es aber nicht, man bitte ihn denn darum. Der Sindaco bitte ihn denn darum. Das war dem Sindaco ärgerlich. Er sollte diesen Martino um etwas bitten? Und doch, dreissig Franken für den Experten auszugeben, das war nicht weniger bitter. Er schwankte in sich hin und her, was zu wählen sei. Und er konnte sich nicht entscheiden. Also zog, es war nun schon der vierte Tag, Giovanni mit seinem einäugigen Freund, dem er sich anvertraut hatte, hinaus zum Werk, von den johlenden Kindern begleitet und von den waschenden Frauen mit hübschen Namen bedacht.
Giovanni fühlte, lange würde er sich nicht mehr halten können. Etwas war aber noch zu versuchen. Seit jener verfehlten Anschuldigung durfte nicht mehr von dem Boiler der Sciora gesprochen werden, aber vielleicht könnte man doch noch, als letzter Versuch, die elektrischen Anlagen im Palazzo untersuchen. Die Hoffnung erfrischte sein trauriges Gemüt. Er machte sich mit dem Einäugigen auf den Weg und bat, mit tausend Entschuldigungen, die Sciora um die Erlaubnis, ihre Maschinenansehen zu dürfen.
Sie war einverstanden, denn sie hätte sich gefreut, endlich wieder Licht zu bekommen. Die Männer stiegen also im Haus herum; doch ach, sie wussten, dass es unnütz sei, denn Herr Martino stand dabei, zufällig, er hatte wohl etwas zu tun gehabt hier. Er lächelte, er wusste. Aber er würde nichts sagen, bis er gebeten würde zu helfen. Und man würde ihn nicht bitten zu helfen. Lieber würde man noch weitere acht Tage herumsuchen, oder vielleicht sogar den Experten kommen lassen. Noch lieber.
Die Sciora sah bald die Männer unverrichteter Sache abziehen. Sie schaute ihnen enttäuscht nach, Herrn Martino neben sich. Da lachte er. Wenn Sie mir versprechen, Sciora, dass Sie schweigen, will ich Ihnen sagen, wo es fehlt. Gleich fügte er ängstlich hinzu: Sie müssen mir aber versprechen zu schweigen, auch wenn es noch acht Tage und länger geht. Brennend schaute er sie an. Sie hätte gern gewusst, wo es fehlt, um es zu sagen und Licht zu erhalten. Doch als sie ihn so glühend in seiner Schadenfreude sah, sagte sie ja, sie verspreche zu schweigen, und er solle jetzt nur sagen, was er wisse …
Am fünften Tag, so ging es nicht mehr weiter, erklärte sich Giovanni für geschlagen. Er könne und wolle nicht mehr suchen, sein Hals täte ihm weh vom Herumdrehen und sein Kreuz sei verstaucht. Er gebe es auf. Wenn der Sindaco den Martino bitten wolle zu helfen, er habe nichts dagegen. Der Sindaco war der Sache auch müde. Auch er hatte nichts mehr dagegen, dass Herr Martino gebeten würde, doch zu sagen, wo der Fehler sei. Denn die dreissig Franken für den Experten, die konnte er sich nicht mehr leisten.
Vor ein paar Tagen, ja gestern noch, wäre es möglich gewesen, aber seither hatten sich unangenehme Dinge ereignet, man hatte ihn ausgefragt, ihn, den Sindaco, er hatte, damit kein Lärm entstehe, eigenes Geld in die Gemeindekasse legen müssen … Nun konnte er sich die dreissig Franken nicht mehr leisten. Also war er dafür, dass man sich an Herrn Martino wende. Er tat es selbst und bat ihn, da offenbar etwas Kompliziertes geschehen sei, seine grossen Kenntnisse zu leihen, damit das Werk wieder in Gang komme.
Herr Martino als Held
Herr Martino hörte schweigend zu. Dann steckte er sich langsam eine neue Pfeife in Brand, worauf er seinen Neffen, einen flinken Menschen, der ihm bei seinen verschiedenen Arbeiten gut zur Hand ging, mit bedeutungsvollem Augenzwinkern und Gemurmel hiess, ins Elektrizitätswerk zu eilen. Er selbst schritt den Männern wortlos voraus, nicht zur Turbine, wie sie es erwartet hatten, sondern zum Palazzo. Im Vorbeigehen im Garten nahm er eine alte Bohnenstange auf, mit der er auf jeden Steintritt der Treppe mächtig aufschlug. Im Türmchen angelangt, wartete er, bis alle die andern nachgekommen waren, der Sindaco, Giovanni, der Einäugige und noch dieser und jener.
Dann machte er vorsichtig den Fensterladen eines kleinen Fensters auf und zeigte, immer noch stumm, auf zwei Drähte, die von einer gegenüberliegenden Stange in den Turm führten und die ganz ineinander verwickelt waren. Die andern schauten der Reihe nach mit dummen Gesichtern heraus. Der Sindaco fluchte, als er den Kopf zurückzog, und schaute Giovanni, der noch unter seinem Haargestrüpp lächelte, in der Hoffnung, es sei alles ein böser Traum, hart an. Giovanni hörte auf zu lächeln und schaute seinerseits nun ängstlich durchs Fensterchen.
Was er sah, gefiel ihm nicht. Er fühlte sich klein. Nun machte sich Herr Martino daran, mit seiner Bohnenstange an den verwirrten Drähten zu rütteln. Sie fielen auseinander, schwankten eine Zeitlang hin und her und blieben dann still und schwer nebeneinander hängen. Giovanni ging es auf, dass er verspielt hatte. Während die Männer alle gleichzeitig in lautes Reden verfielen, tappte er die Holztreppe hinunter; er wollte nicht sehen, wie Herr Martinos Stolz mehr flammte als die elektrische Laterne, die nun drüben aufglühte. Denn das Licht leuchtete wieder. Und Jubel im Dorf.
Herr Martino wurde als Held der Geschichte gefeiert. Die Wirtschaft der Agnese war voll, fast wie bei einem Schützenfest. Sogar der Schulmeister war gekommen. Aus seinen Gesprächen konnte man heraushören, dass sich vermutlich Verschiedenes wenden werde, und Herr Martino – aber man soll sich nicht zu früh freuen.
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- Bisher erschienen: «Das Testament» (1), «Das Testament» (2), «Das Jesulein» (1), «Das Jesulein» (2), «Teresa» (1), «Teresa» (2), «Stella» (1), «Stella» (2), «Hintergründe» (1), «Hintergründe» (2), «Carlo der Narr», «Hexen» (1), «Hexen»(2), «Wahlen», «Elektrizität» (1)
- Einen anderen spannenden Fortsetzungsroman mit dem Titel «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» finden Sie hier.
«Tessiner Geschichten»
Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.
Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
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