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Wie fünf verschollene Flugzeuge einen Mythos begründen
Am 5. Dezember 1945 verschwinden fünf Flugzeuge der US-Marine vor der Ostküste Floridas spurlos, weil die Piloten die Orientierung verlieren. Der «Flight 19» begründet den Mythos des Bermudadreiecks. Was ist dran?
Charles Taylor will eigentlich gar nicht fliegen an diesem sonnigen 5. Dezember 1945. Doch der Lieutenant der US Navy Reserve ist als Ausbilder von «Flight 19», eines Übungsflugs, eingeteilt und fügt sich den Befehlen seiner Vorgesetzten. Er weist seine 13 Pilotenschüler ein, erklärt ihnen die zu absolvierende Ziel- und Navigationsübung – dann heben die fünf Torpedobomber vom Typ TBF Avenger vom Marinestützpunkt Fort Lauderdale in Florida ab.
Es geht zunächst nach Osten, um Übungsbomben über einem Atoll abzuwerfen, dann sollen die Piloten zwei Mal über dem offenen Meer wenden und nach Florida zurückkehren. Der Kurs beschreibt also ein grosses Dreieck.
Das Problem dabei: Die Navigationstechnik vor 75 Jahren ist mit den heutigen modernen Instrumenten nicht zu vergleichen. Die Piloten müssen sich auf einen Kompass an Bord verlassen, können zur Not noch den Stand der Sonne und die Uhrzeit zur groben Richtungsbestimmung nutzen. Und Anhaltspunkte zur Orientierung gibt es auf dem Meer natürlich auch nicht.
Die Flugzeugstaffel von «Flight 19» kehrt an diesem Tag nicht zurück. Die Maschinen und ihre insgesamt 14-köpfige Besatzung bleiben trotz gross angelegter Suchaktion verschollen – und begründen den Mythos vom Bermudadreieck. Ihr mysteriöses Verschwinden ist der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind – und gilt als der am besten dokumentierte Fall der unheimlichen Vorkommnisse, die sich in der sogenannten Todesfalle des Atlantiks angeblich regelmässig ereignen.
Alternative Fakten – oder wie ein Mythos entsteht
In dem Gebiet zwischen der Insel Bermuda im Norden, Miami im Westen und der Stadt San Juan auf Puerto Rico im Süden sollen allein in den vergangenen hundert Jahren mehr als 50 Schiffe und 20 Flugzeuge verschwunden sein – angeblich aus rätselhaften Gründen. Glaubt man den Apologeten des unerklärlichen Untergangs, sind für das Verschwinden des Kohleschiffs «USS Cyclops» 1918, den Untergang des japanischen Frachter «Raifuku Maru» in den 1920er-Jahren sowie diverse Flugzeugabstürze wahlweise Ausserirdische, Riesenkraken, Wurmlöcher oder andere aussergewöhnliche Phänomene verantwortlich.
Beweisen lässt sich das nicht, aber mit Behauptungen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien konnte man immer schon gut Kasse machen. Nachdem der Begriff «Bermudadreieck» 1952 das erste Mal von der Nachrichtenagentur Associated Press verwendet wird, bricht in den Folgejahren ein erstes Bermudafieber aus. Die zweite Welle kommt dann 1964, als das Bermudadreieck in einem Artikel von Vincent Gaddis im Magazin «Argosy» das Prädikat «tödlich» verliehen bekommt.
Weil es für zahlreiche Flugzeug- und Schiffskatastrophen keine befriedigenden Erklärungen gibt, bringt Gaddis übernatürliche Phänomene ins Spiel. Eine Vorlage, die vom US-Autor Charles Berlitz dankbar aufgenommen wird: 1974 veröffentlicht er «Das Bermuda-Dreieck – Fenster zum Kosmos?». Der millionenfach verkaufte Besteller trifft beim Publikum einen Nerv und ärgert die Wissenschaftler, die die meisten von Berlitz aufgeführten Horrorgeschichten als faktenverdrehende Fantasmen entlarven.
Nichts ist unerklärlich
Dafür müssen sie nur ein wenig recherchieren, wie es Lawrence Kusche, ein Bibliothekar aus Arizona, tut. In Archiven, Gerichtsakten und Expertenberichten findet er ganz natürliche Erklärungen für die meisten der mysteriösen Vorfälle und veröffentlicht sie bereits 1975 in seinem Buch «Die Rätsel des Bermuda-Dreiecks sind gelöst».
Kusches schönste Enthüllung: Der von Berlitz ins Bermudadreieck verlegte und blumig ausgeschmückte Untergang der «Raifuku Maru» ereignete sich 1925. Der Frachter sank auf dem Weg von Boston nach Hamburg vor der Küste der kanadischen Provinz Nova Scotia.
In der Tat verschwinden im Bermudadreieck nicht mehr Schiffe und Flugzeuge als anderswo auf der Welt. Das haben sowohl der Schiffsversicherer Lloyd's of London als auch die US-Küstenwache bestätigt. Und wenn sie es tun, dann spielen vor allem schlechtes Wetter, technische Pannen und menschliches Versagen die Hauptrolle.
Weil der warme Golfstrom den kalten Atlantik durchquert, entstehen in der Region häufig plötzlich auftretende lokale Stürme, turbulente Luftmassen bilden Luftlöcher, Sandbänke und Untiefen sind echte Herausforderungen für die Schifffahrt. Alles ganz natürliche Ursachen also – und auch das Verschwinden von «Flight 19» ist weniger unerklärlich, als es sich Verschwörungstheoretiker wünschen: Die Piloten haben sich schlichtweg verflogen.
Auf dem falschen Weg
Sylvia Wrigley, selbst Pilotin und Autorin des Buchs «Without A Trace», in dem sie mit Mythen über verschollene Flugzeuge aufräumt, ist die Route im Flugsimulator nachgeflogen und hat dabei auf moderne Navigationsinstrumente verzichtet. Sie kommt in der am 14. Oktober 2020 ausgestrahlten ZDFneo-Doku «Mythos: Das Bermudadreieck» zu dem Schluss: «Es war eine dramatische Fehlentscheidung des Staffelführers.»
Charles Taylor, der wie gesagt gar nicht fliegen will am 5. Dezember 1945, kennt sich in der Gegend nämlich nicht aus. Erst zwei Wochen zuvor war er nach Fort Lauderdale versetzt worden. Beim Übungsflug weist er seine Flugschüler immer wieder an, nach Osten zu fliegen, weil er glaubt, über den Florida Keys zu sein. Dazu fallen seine Kompasse aus. «Dabei hätten sie einfach nur nach Westen fliegen müssen», wie Wrigley sagt.
Irgendwann sind dann die Tanks leer, und die Piloten müssen notwassern. In der rauen See ist das ihr Todesurteil. Der kraftvolle Golfstrom trägt die Leichen und die Wrackteile schnell weg und verwischt alle Spuren.Zurück zur Startseite