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Peter Bürgisser ist der Popstar unter den Managern. Keine Firma, die er nicht innert weniger Monate saniert – zur Freude der Aktionäre und oft zur Unfreude der Mitarbeiter. Keine Wirtschafts-Talkshow ohne seine Tipps zum Anheizen des Wirtschaftswachstums, zur Gesundung des Staatshaushaltes oder wozu auch immer. Bis er eines Tages eine Schweizer Airline in den Ruin reitet… Da lernt ihn endlich seine Familie kennen.
Bürgisser kommt fluchend ins Haus zurück, das er vor drei Minuten verlassen hatte, knallt seine Aktenmappe in den Schuhschrank und holt sich aus dem Kühlschrank ein Bier, bevor er sich im Wohnzimmer auf das Sofa fläzt.
«Liebling, wolltest du schon wieder zur Arbeit?», hallt es aus dem Schlafzimmer im zweiten Stock.
«Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Jedes Mal, wenn ich einen Mercedes kommen sehe, denke ich, es wäre Sebastian, der mich fürs Büro abholt.»
«Vielleicht solltest du dir einen Spickzettel an die Haustüre heften: Bin jetzt arbeitslos!», ermuntert ihn seine Frau.
Bürgisser zieht sich die Krawatte vom Hals und wirft sie auf den Wohnzimmertisch.
«Liebling, hast du gehört, was ich gesagt habe? Ich meine es doch nur gut. Die Nachbarn machen sich schliesslich auch schon lustig deswegen», wirft sie eine weitere Aufmerksamkeit hinterher.
Er stellt das Bier zur Krawatte, stemmt sich aus der Couch und betrachtet ausgiebig den ganzen Raum, bevor er in die Küche geht.
«Wann holen die Nachbarn eigentlich ihr Kind wieder ab?», ruft Bürgisser in Richtung Treppe.
«Welches Kind?» fragt die Frau mit piepsiger Stimme.
«Das Kind, das in der Küche den Hundenapf ausleckt.»
Einem Aufschrei folgen schnelle Schritte und Nullkommanichts steht die Frau des Hauses in der Küche. Sie schnappt sich das Kleinkind, gibt dem Napf einen kräftigen Tritt, sodass er durch den ganzen Raum fliegt, und sieht ihren Mann völlig entgeistert an.
«Das ist Patrick, unser drittes Kind!»
«Wir haben drei Kinder?»
«Vier! Wir haben vier Kinder!», schreit sie ihn an, während ihr Tränen über das Gesicht kullern.
Bürgisser zieht sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Wohnzimmer zurück.
«Wir haben vier Kinder?», nuschelt er vor sich hin, während er am Fenster die Vorhänge zurückzieht, um einem Mercedes nachzusehen, der fast vor dem Haus gehalten hätte.
«Wir können unmöglich alle Kinder behalten, Susanne», stellt er ohne Umschweife fest.
«Spinnst du? Wieso nicht?»
«Ich verdiene jetzt weniger. Wir müssen die Kosten senken.»
«So? Und welches Kind willst du auf Ebay versteigern, Peter?»
Er schaut sie an.
«Sei nicht zynisch, Liebes. Die zwei Ältesten gehen doch schon in die Lehre: Zeit, auszuziehen und für den Lebensunterhalt selber aufzukommen.»
«Carmen ist zwölf Jahre alt. Die weiss noch nicht mal, dass man nach der Schule arbeiten muss.»
Peter Bürgisser verschwindet wortlos in seinem Büro und kommt nach ein paar Augenblicken mit einem Notizbuch und einem Füller zurück.
«Susanne, ich werde diesen Haushalt sanieren und aus ihm ein hochprofitables Unternehmen machen. Ich brauche eine Aufstellung sämtlicher fixen und variablen Kosten. Wie lange brauchst du dafür?»
Susanne Bürgisser hatte sich seit ihrer Hochzeit vor 13 Jahren an so manches gewöhnen müssen. Sie ist nun wieder ganz gefasst und sichert ihm das Mittagessen als Deadline zu. Er nickt und verschwindet wieder in seinem Büro.
Geheiratet hatten sie während eines Managerkongresses in Stockholm. Da ohnehin viele Leute mit ihren Partnern anwesend waren, brauchten keine Hochzeitseinladungen verschickt zu werden. Aperitifs und mehrgängige Menüs gab es rund um die Uhr und für Ansprachen, Festreden und die Unterhaltung im Allgemeinen dienten hochkarätige Referenten aus Finanz und Wirtschaft. Susanne war davon dermassen beeindruckt, dass sie das alles nicht störte. Immerhin hatte er ihre und seine Eltern dazu eingeladen – auf Firmenkosten.
Die ganze Familie sitzt am Mittagstisch. Peter Bürgisser trinkt den letzten Schluck Kaffee, bevor er sich den dichtbekritzelten Notizblock krallt.
«Meine Damen und Herren, dieser Haushalt ist eine Geldvernichtungsmaschine. Ich habe eine Liste von unaufschiebbaren Sofortmassnahmen aufgestellt sowie eine ebensolche für mittelfristige Korrekturen.»
Carmen, die Älteste, schaut ihren Vater mit leicht grinsendem Gesicht an.
«Du sprichst ja wie im Fernsehen, Papa.»
«Genau. Und als Erstes verkaufen wir sechs deiner acht Puppen. Und du kannst froh sein, dass du zwei behalten darfst. Ausserdem werden wir dein Zimmer untervermieten. Du kannst ab sofort im Wohnzimmer schlafen – oder bei Grossmutter im Gästezimmer.»
Seine Frau Susanne, die bisher nur mit einem Ohr zugehört hat, während sie Patrick füttert, schaut auf.
«Deine Mutter wohnt doch im Alters- und Pflegeheim Chlösterli, Peter.»
«Ich habe dort gekündigt. Dieses Pflegeheim ist viel zu teuer. Wenn du bei den Kindern etwas Zeit einsparst, kannst du dich sehr gut noch um deine Schwiegermutter kümmern. Du besuchst sie ohnehin viel zu wenig.»
«Und du?»
Bürgisser ignoriert die Frage und sucht nach seinem Notizblock.
«Auch bin ich der Auffassung, nein, der festen Überzeugung, dass wir uns die Fernsehgebühren schenken können…»
«Du willst den Fernseher verkaufen?»
«Natürlich nicht, aber als ehemaliger Konzernchef eines Medienunternehmens weiss ich natürlich, wie nachlässig die Schwarzseher-Kontrollen gemacht werden. Die Chancen, dass wir erwischt werden, liegen bei 1:100’000. Den Garten können wir übrigens fremdvermieten. Am Nachmittag wird ein älteres Ehepaar aus der Stadt vorbeikommen, auf dessen Annonce ich mich gemeldet hatte. Sie suchen einen Schrebergarten für die Wochenenden. Ich habe mich mit ihnen darauf geeinigt, dass sie eines von vier Wochenenden zu Hause bleiben müssen, damit wir den Garten auch mal für uns haben. Im Vertrag habe ich aber kleingedruckt zwei Wochenenden vorgesehen. Lass sie im Flur unterschreiben. Dort ist die Beleuchtung etwas schlechter.»
Susanne schüttelt nur den Kopf.
«Hast du an meiner Haushaltssanierung etwas auszusetzen? Ich zwinge dich nicht, für mich zu arbeiten. Du bist jederzeit frei zu gehen, Susanne.»
«Ich bin deine Frau und nicht deine Sekretärin!»
«Besondere Umstände erfordern besondere Massnahmen», faselt er. «Was tragen eigentlich die Kinder zum gemeinsamen Haushalt bei?»
Susanne Bürgisser legt Patrick kurz auf den Tisch, erhebt sich, zieht dem Kind die Windeln zurecht und nimmt es wieder in den Arm.
«Kinder machen Freude. Das ist unbezahlbar, Peter.»
«Genau. Kinder sind unbezahlbar. Ich muss verrückt gewesen sein, vier Kinder zu produzieren…»
«Das Produzieren hat dir immerhin grossen Spass gemacht im Gegensatz zu mir.»
Bürgisser lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
«Willst du damit sagen…»
«Nein, will ich nicht, aber…»
«Ich hätte von dir jeweils Quartalsabrechnungen einfordern müssen, um diesen Haushalt unter Kontrolle zu behalten, Susanne.»
«Im Fernsehen hast du immer gesagt, Kinder seien die Zukunft unserer Gesellschaft, die Konsumenten von morgen. Ausserdem müssen sie die von uns angehäuften Schulden bezahlen…»
«Damit meinte ich doch nicht eigene Kinder!»
«Angesichts der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa werden wohl eh mehr Kinder produziert, als die Wirtschaft als Arbeitskräfte verwerten kann.»
«Willst du damit sagen, dass unsere Kinder überflüssig sind, Susanne?»
«Wenn ihre Talente für die Wirtschaft unbrauchbar sind, dann ja.»
«Das sind meine Kinder. Die haben die richtigen Talente für das Leben!»
«Carmen will Musik studieren.»
«Carmen will Wirtschaft studieren, oder Jura!», setzt er einen drauf.
Das Telefon klingelt.
Susanne geht mit dem Kleinen im Arm zum Telefon und hebt ab.
«Susanne Bürgisser am Apparat. Ja, er ist da. Nein, er ist momentan in einer Besprechung.»
«Wer ist das?», fragt Peter Bürgisser, während er mit einer zusammengeknüllten Serviette die Essenskrümel seiner Kinder in die Mitte des Tisches wischt.
«Irgendein Journalist von der Handelszeitung.»
«Was will der von uns?»
«Er will eine Reportage über ausrangierte Manager…»
Bürgisser ist inzwischen an seine Frau herangetreten, reisst ihr den Hörer aus der Hand und gibt sich zu erkennen.
«Peter Bürgisser … bitte? … ich habe die Besprechung eben beendet. Wie heissen Sie?»
Bürgisser hört aufmerksam zu, verdreht ab und zu die Augen.
«Frühpensioniert? Ich? Natürlich habe ich eine neue Aufgabe … ein Familienunternehmen ohne Börsenkotierung … das ist noch geheim, da sich die Familie erst daran gewöhnen muss, dass ihr Betrieb nach neuesten Managementmethoden … natürlich, jederzeit … den wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiederhören.»
Bürgisser legt das kabellose Telefon auf die Ladestation und sieht es einen Moment an.
«Wir sollten übrigens nur noch nachts zwischen 22 und 5 Uhr telefonieren oder jeweils zurückrufen lassen.»
«Peter, du übertreibst.»
«Hätte ich nicht übertrieben, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.»
«Diesen Spruch musst du ablegen, Liebster. Der klingt jetzt etwas komisch.»
Bürgisser setzt sich wieder an den Tisch, beugt sich über seine Unterlagen.
«Susanne, was deine persönlichen Ausgaben betrifft, möchte ich eine wesentlich detailliertere Aufstellung. So geht das nicht.»
«Peter, wir nagen nicht am Hungertuch.»
«Wir müssen Rücklagen bilden, um bei Möglichkeit einen weiteren Haushalt übernehmen zu können. So werden Synergien frei, die Kosten gesenkt. Vier Kinder, also wirklich …», sagt er leise und verschwindet im Flur, wo er in die Schuhe schlüpft und den Mantel überzieht.
«Wohin gehst du, Peter?»
«Ich werde unsere Strasse entlangspazieren und mögliche Übernahmekandidaten eruieren. Was hältst du übrigens von den Müllers?»
«Müllers?»
«Die mit dem Kinderartikelgeschäft. Womöglich könnten wir so bessere Einkaufspreise für Windeln und Breichen erzielen.»
Susanne sagt nichts. Sie weiss, dass er auf seine Fragen eigentlich nicht wirklich Antworten erwartet, da er ja ohnehin immer alles besser weiss. Kritik aus den eigenen Reihen kennt er nicht oder er überhört sie einfach.
Als Bürgisser am Abend nach Hause kommt, ist er froh gelaunt.
«Susanne, ich habe einen erfolgreichen Nachmittag hinter mir.»
«Das freut mich für dich, Schatz. Was hast du denn gemacht? Hast du einen Haushalt gefunden?»
Peter Bürgisser tritt, ohne seinen Mantel auszuziehen, ins Wohnzimmer und wirft sich gegenüber Susanne in den Sessel.
«Besser! Viel besser! Ich habe alle Kinder bei kostenlosen bzw. preisgünstigen Kinderhorten oder Tageskrippen unterbringen können. Clara …»
«Carmen.»
«Bitte?»
«Sie heisst Carmen. Unsere Tochter heisst Carmen.»
«Ja, natürlich. Also, Carmen kann ich ausserhalb der Schulzeit zwischen morgens um 7 und abends um 18 Uhr immer zu Schönbächlers bringen. Wenn sie sich in deren Laden um die Babys der Kundinnen kümmert, kriegt sie auch noch Geld dafür. Patrick bringen wir zu IKEA. Die haben einen betreuten Kinderhort. Wir ziehen ihm einfach jeden Tag andere Kleider an, vielleicht färben wir auch noch gelegentlich die Haare, dann merken die nicht, dass es immer dasselbe Kind … ausserdem sind da so viele Kinder, die merken das auch so nicht. Der Hort ist kostenlos. Wenn wir Patrick und … wie heisst noch mal unser viertes Kind?»
«Michelle.»
«Also, wenn wir Patrick und Michelle zu den Schalkmeyers bringen, die mögen doch so gerne Kinder, wahrscheinlich weil sie schon so lange eigene möchten … dann kannst du wieder in deinem alten Job arbeiten. War eigentlich das Ehepaar wegen des Schrebergartens da?»
Susanne nickt.
«Der Vertrag liegt auf dem Pult in deinem Arbeitszimmer.»
«Und? Haben sie etwas gemerkt? Natürlich nicht. Ich bin ja schliesslich nicht von gestern.»
«Ich habe dir was zu essen gemacht, Peter. Es steht in der Küche.»
«Es ist ja nur vorübergehend. Wenn über die Geschichte mit der Airline etwas Gras gewachsen ist, kriege ich wieder einen guten Job, vielleicht bei Novartis oder einem Rüstungskonzern», doziert Bürgisser überschwänglich und setzt sich in der Küche an den Tisch.
«Oh, köstlich.»
Susanne macht Feierabend. Sie hat sich den ganzen Tag auf den Abend mit Natascha, ihrer besten Freundin, gefreut. Bei Eistee und einem grossen Stück Kuchen sitzen sie auf der Terrasse des Café Brändle in Unterägeri.
«Seit drei Monaten schon?» fragt Natascha und verschluckt sich an einem Stückchen Torte.
«Er spinnt vollkommen. Wir geben praktisch kein Geld mehr aus. Die Einnahmen haben wir leicht steigern können, weil ich wieder arbeite und die Kinder gesponsert werden, wenn sie täglich Markenklamotten tragen. Nike und Adidas bezahlen besonders gut.»
«Also, verhandeln kann er ja, dein Peter. Das muss man schon sagen», stellt Natascha beeindruckt fest.
«Er hat Einkaufsgenossenschaften gegründet. Er kauft für das ganze Viertel Klopapier, das er direkt mit einem Container aus Angola kommen lässt. Spottbillig. Dasselbe macht er mit Tampons, Windeln, Katzenstreu und was weiss ich noch. Der Discounter um die Ecke hat bereits den Standort gewechselt, weil seine Umsätze zusammengebrochen sind.»
«Peter ist halt ein Vollblut-Manager. Du kannst ein Rennpferd nicht anbinden, Susanne», sagt Natascha lakonisch, bevor sie den Rest der Torte auf ihrem Teller zusammenkratzt und in den Mund schiebt.
«Er macht mich wahnsinnig. Er muss alles und jedes mit einem Preisschild versehen können, damit er einen Wert in seine Buchhaltung schreiben kann. Wenn irgendwas nicht mit einem Preis versehen werden kann, dann wird er ganz nervös und fängt an herumzuschreien», erklärt Susanne ihrer Freundin verzweifelt.
«Er hat sogar ausgerechnet, wie viel Geld er über all die Jahre gespart hätte, wenn er Single geblieben wäre. Und nun hat er sich auch noch mit einem grossen Bonus aus der Haushaltskasse beschenkt.»
Natascha lacht laut heraus.
«Wirklich?! Das ist mir ja eine Nummer. Dann schlag ihn doch mit seinen eigenen Waffen.»
«Wie meinst du das?» fragt Susanne.
Peter Bürgisser wälzt seinen schwitzenden, leicht schwabbeligen Körper von Susannes herunter.
«So leidenschaftlich warst du ja schon lange nicht mehr, meine kleine Moorblume», startet Peter den Versuch eines Kompliments. Dann dreht er sich zu ihr hin, schaut ihr in die Augen und fährt mit der Hand zärtlich über ihr Gesicht.
Susanne nimmt wortlos einen Zettel und einen Bleistift vom Nachttisch und kritzelt ein paar Zahlen darauf.
«So, das sind dann einmal Französisch und zwei Stellungswechsel. Das macht 300 Franken. Das nächste Mal bitte im Voraus.»