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Ixé Anhe’eng – “Ich spreche“ in der antiken Tupi-Sprache
|INHALTSVERZEICHNIS|
Muttersprache – Erhaltung der Identität
Gesprochene Indio-Sprachen
Worte aus der antiken Tupi-Sprache
In den nächsten fünfzehn Jahren läuft Brasilien Gefahr, bis zu sechzig (60) verschiedene indigene Sprachen zu verlieren, was etwa 30% der geschätzten Gesamtzahl der indigenen Sprachen betrifft, die heute noch von den verschiedenen Ethnien des Landes gesprochen werden. In der Bewertung durch die Linguistiker, die zu diesem Thema angesprochen wurden, bedeutet dies einen unersetzlichen Verlust sowohl für die indigenen Kulturen, als auch für das linguistische Erbe der Weltkultur. Diese Wissenschaftler heben auch hervor, dass diese Sprachen, die sich im Lauf von Jahrhunderten entwickelt haben, von fundamentaler Bedeutung für andere kulturelle Manifeste sind, wie zum Beispiel für Gesänge und Mythen.
Der Direktor der Vereinigung “Indigene Organisationen vom Rio Negro” (im Bundesstaat Amazonas), Isaías Pereira, drückt es folgendermassen aus: “Seit der Entdeckung Brasiliens und der darauf folgenden Kolonisation, schon seit jener Zeit, haben wir angefangen, unsere Kultur zu verlieren. Unsere Leute müssen dafür kämpfen, um unsere eigene Kultur zu erhalten, und unsere eigene Sprache“!
Trotz einiger vereinzelter Initiativen, indigene Sprachen zu erhalten – wie es zum Beispiel im Munizip von São Gabriel da Cachoeira (Bundesstaat Amazonas) der Fall ist, wo man ab 2002 Tukano, Baniwa und Nheengatu als co-offizelle Sprachen der Stadt festgelegt hat – schätzt man, dass in den letzten 500 Jahren etwa 1.000 indigene Sprachen in Brasilien ausgestorben sind. In den meisten Fällen geschah dies durch Ausrottung der Kommunen, die sich ihrer bedienten, das heisst, durch die Ermordung der entsprechenden indigenen Volksgruppen. Heute jedoch entsteht die Gefahr, eine indigene Sprache zu verlieren, nicht mehr aus der Exterminierung der indigenen Bevölkerung, sondern aus dem Prozess ihrer zunehmenden Eingliederung in das brasilianische Schulsystem, der Ausbeutung der indigenen Arbeitskraft und vor allem aus jenen sozialen Programmen, die den Einzug des Fernsehens in alle indigenen Dörfer vorsehen.
“Es gibt in bestimmten Regionen von Mato Grosso do Sul, in Rondônia und einigen anderen Teilen Amazoniens zwar immer noch Situationen von Gewalt, die man als Völkermord einstufen kann, aber sie sind nicht der eigentliche Grund für das Aussterben einer Sprache“, sagt der Linguistiker Rocha D’Angelis.
Für die Indios ist ihre Muttersprache ein Instrument der Selbstbestätigung ihrer Identität und Kultur. In Rio de Janeiro – innerhalb eines Naturschutzgebietes – bedient sich eine Gruppe von sechzig Indios ihrer angestammten Sprache, dem Guarani, um auf diese Weise miteinander zu kommunizieren und angestammte Traditionen zu erhalten.
Gegenwärtig gibt es unter den zirka 200 indigenen Sprachen Brasiliens nur noch fünf, die von mehr als 10.000 Personen gesprochen werden.
Indigene Sprachen, wie zum Beispiel “TUPI“, haben einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der portugiesischen Sprache geleistet, wie sie heute von den Brasilianern gesprochen wird.
Während der ersten Jahrzehnte der portugiesischen Besetzung, war die antike Tupi-Sprache die einzig mögliche Kommunikation zwischen Indios, Europäern und einer Generation brasilianischer Mestizen, die anfingen, das nationale Territorium zu bevölkern. Aber sie verlor in der Mitte des 18. Jahrhunderts an Bedeutung, als der damalige portugiesische Premierminister, Marquês de Pombal, die Benutzung und die Lehre der Tupi-Sprache in Brasilien verbot und stattdessen Portugiesisch als offizielle Landessprache festsetzte. Es gibt immer noch indigene Sprachen, die durch ihre Komplexität und Dynamik zu wissenschaftlichen Studienobjekten geworden sind und bewährte linguistische Theorien herausfordern, wie zum Beispiel die “Pirahã“-Sprache.
Obwohl die moderne brasilianische Verfassung den Indios eine differenzierte Erziehung garantiert, mit Schulen, in denen ihre Originalsprache gelehrt wird, kompromittiert eine Reihe von strukturellen Schwierigkeiten die Qualität dieser Erziehung. Es fehlen zum Beispiel ausgebildete Lehrer und didaktisches Material. Und in Anbetracht dieser prekären Situation ziehen viele Jugendliche es vor, normale Schulen in der Stadt zu frequentieren.
Die Regierung versichert, dass sie in die Ausbildung indigenen Lehrpersonals investiert habe, um zu garantieren, dass die indigene Muttersprache an die Kinder in den Schulen weitergegeben werden könne. Das Erziehungsministerium (MEC) bestätigt ebenfalls, dass es in die Erforschung und Dokumentation indigener Sprachen, in die Vorbereitung didaktischen Materials und in den Bau von Schulen für diese Volksgruppen investiert habe.
Die Regierungs-Sekretärin für Erziehung und Alphabetisierung, Macaé Evaristo, erklärte, dass die Regierung mit dem Projekt “Saberes Indígenas na Escola“ (Indigenes Wissen in der Schule) in die Ausbildung von indigenen Lehrern investiert habe, um den Schulkindern die native Sprache zu vermitteln. “Wir haben ein Netz mit verschiedenen Universitäten organisiert, um uns der Verschiedenheit indigener Sprachen zu widmen. Heute arbeiten wir an der Ausbildung von Lehrern in 77 indigenen Sprachen“, erklärte sie.
“Aber das ist ein langer Weg und eine komplexe Agenda. Wir gehen von der Voraussetzung aus, sowohl Kinder, Jugendliche und Erwachsene in dieses Bildungssystem einzubeziehen, egal aus welcher Ethnie oder aus welcher Region unseres Landes sie stammen. Unsere Orientierung in diesem Erziehungssystem setzt voraus, dass wir für die Entwicklung dieser edukativen Angebotsplanung auf die einzelnen Völker hören. Unter anderem wird sie Völkern mit einer eigenen Originalsprache garantieren, dass ihre Mitglieder Zugang zu einem Unterricht in ihrer Muttersprache bekommen – und zum Erlernen des Portugiesisch als Zweitsprache“, sagte die Sekretärin.
Für den Direktor des Indio-Museums, José Carlos Levinho, trägt die Art und Weise der Strukturierung jener Schulen in den Indio-Dörfern jedoch nicht dazu bei, die Kultur und die Sprache ihres Volkes zu bewahren. “Erziehung ist ein Sozialisierungsprozess, und wenn sie sie auf einem schlechten Fundament steht, schafft sie mehr Probleme als Lösungen. Man entdeckt schwere Fehler sowohl in der Art, wie diese Schulen angelegt sind, bis hin zur Unlogik ihrer Funktion. Die Struktur besitzt nicht die nötige Flexibilität zur Bewältigung der Realität. Das grosse Problem in der Beziehung zu den Indios ist die Nichtbeachtung ihrer Besonderheiten“, sagt der Direktor des Indio-Museums.
Wie er es sieht, ist es unbedingt notwendig, dass die Regierungen mit den Indios reden und die Einzigartigkeit eines jeden indigenen Volkes in Betracht ziehen. “Man muss sich bemühen, den Anderen so zu sehen, wie er wirklich ist und ihn respektieren. Man muss die geeigneten Konditionen schaffen, um ihn zu berücksichtigen – man kann nicht alle Indio-Völker über einen Kamm scheren“!
Wie schon berichtet, besteht die Gefahr, dass Brasilien in den nächsten 15 Jahren ein Drittel seiner indigenen Sprachen unwiederbringlich verlieren wird. Diese Einschätzung stammt ebenfalls vom Direktor des Indio-Museums José Carlos Levinho. Gegenwärtig sind zwischen 150 und 200 Sprachen unter den zeitgenössischen brasilianischen Indios bekannt, von denen jedoch bis zum Jahr 2030 zwischen 45 und 60 Sprachen ausgestorben sein werden.
“Eine grosse Zahl der heutigen Stämme, inklusive in Amazonien, besitzt nur noch fünf oder sechs Mitglieder, die ihrer Originalsprache mächtig sind. Das sind jeweils die Ältesten des Volkes, und die werden in zehn bis fünfzehn Jahren nicht mehr am Leben sein, so dass mit ihnen auch die Originalsprache des jeweiligen Volkes erlischt“, mahnt Levinho.
Seit dem Jahr 2009, als das Indio-Museum seine Dokumentation der indigenen Sprachen unter der Bezeichnung “Prodoclin“ begonnen hat, haben die mit diesem Projekt betrauten Forscher entdeckt, dass zwei indigene Sprachen bereits ausgestorben sind – die “Apiaká“ und die “Umutina“, führt Levinho weiter aus.
“Und es gibt eine Situation bei Gruppen mit grossen Bevölkerungszahlen, wo man zwar eine grosse Zahl an Personen über 40 hat, die ihre Originalsprache sprechen, gleichzeitig jedoch ein Kontingent von Jugendlichen, die sie nicht sprechen und auch nicht daran interessiert sind, sie beizubehalten. Also hat man keine Mittel zur Reproduktion und dauerhaften Pflege der Originalsprache. Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Dramatik. Diese Sprachen sind ein Erbe, das nicht nur der brasilianischen Gesellschaft gehört, sondern der ganzen Welt“, betont Levinho.
Der Forscher Glauber Romling da Silva, der am Projekt zur Dokumentation der Sprachen im Indio-Museum beteiligt ist, vergleicht den Verlust einer Sprache mit der Ausrottung einer Spezies. “Wenn man eine Sprache bewahrt, so bewahrt man damit die Sitten und Gebräuche eines Volkes und alles, was damit zusammenhängt. Das Risiko besteht nicht aus dem Verschwinden einer Sprache allein. Manchmal demonstriert die eine oder andere Sprache sogar eine gewisse Vitalität, aber ihr formaler Stil, ihr Gesang, ihr kultureller Teil, in dem sie verankert ist, verschwinden sehr schnell. Von einer zur anderen Generation kann dies bereits geschehen“, sagt er.
Wer ebenfalls davon überzeugt ist, dass zahlreiche Sprachen in den nächsten Jahren aussterben werden, ist der Linguistiker Rocha D’Angelis, von der staatlichen Universität in Campinas (Unicamp), Koordinator der Forschungsgruppe Sprachen, spezialisiert auf native Sprachen des brasilianischen Territoriums. Seiner Schätzung nach werden mindestens 40 Sprachen innerhalb eines Zeitraums von 40 Jahren aussterben.
“Kein einziger Linguistiker macht gerne eine solche Art von Voraussage, schon deshalb nicht, weil es unsere eigentliche Aufgabe ist, dazu beizutragen, dass sich jene minoritäten Sprachen kräftigen und Überlebensstrategien entwickeln“, hebt D’Angelis hervor. “Ich riskiere eine Prognose, nach der in den kommenden 40 Jahren durchschnittlich eine Sprache pro Jahr aussterben wird“, ergänzt er.
Die genaue Zahl der von Indios in Brasilien benutzten Sprachen schwankt von einer Quelle zur anderen, denn eine Definition der Grenzen zwischen der einen und der anderen Sprache ist eine subjektive Angelegenheit, abhängig von Faktoren wie grammatikalischen, linguistischen und sogar politischen Kriterien. Die Schätzung von D’Angelis beläuft sich auf 150 bis 160 existente indigene Sprachen in Brasilien.
Das Portal “Ethnologue.com“, das wie eine Datenbank der Sprachen funktioniert, die heute in der Welt gesprochen werden, listet zirka 170 indigene Sprachen auf, die von lebenden Personen in Brasilien gesprochen werden. Unter diesen Sprachen werden 37 als fast ausgestorben bezeichnet – das heisst, die sie noch sprechen können, sind alte Leute, die nur selten Gelegenheit haben, sie zu benutzen. Dann stehen auf dieser Liste 23 Sprachen, die als “im Aussterben begriffen“ aufgeführt werden, weil sie nur von den ältesten Personen der Bevölkerung gesprochen, noch aber im Alltag von ihnen benutzt werden.
Schliesst man diese 60 Sprachen aus, bleiben 110 Sprachen übrig, die auch von den jüngeren Altersgruppen der Bevölkerung zur Anwendung kommen. Aber in solchen Fällen muss man wiederum bedenken, dass viele dieser Kommunen nur noch aus wenigen Mitgliedern bestehen. D’Angelis wendet zum Beispiel ein, dass 100 dieser Sprachen jeweils nur noch von weniger als 1.000 Personen gesprochen werden.
Die junge Zahy hält ihr Handy ans Ohr und beginnt mit ihrem Vater zu sprechen, der Hunderte Kilometer weit weg im entfernten Bundesstaat Maranhão lebt. Die Unterhaltung fliesst in perfektem Portugiesisch, bis sie ihren Vater bittet, jetzt auch mal mit der Mutter sprechen zu können. Von einem Moment zum andern wechselt die Sprache der jungen Frau, die in einer Mietwohnung im Zentrum von Rio de Janeiro wohnt, in Laute, die dem Reporter unverständlich sind, denn in diesem Moment ist Zahy zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und benutzt Worte, die sie vor zirka zwei Jahrzehnten gelernt hat, als sie noch in einem indigenen Dorf, in der Nordostregion zu Hause war. Zahy ist eine “Cabocla“, wie sie sich selbst bezeichnet – Tochter eines weissen Mannes mit einer Indigenen vom Volk der Guajajara. Ihre ersten Worte lernte sie in der Sprache ihrer Mutter.
Bis zu ihrem achten Lebensjahr konnte Zahy die portugiesische Sprache weder sprechen noch verstehen – nur Guajajara, ein Idiom aus der linguistischen Tupi-Guarani-Familie. “Mein Vater ist kein Indianer, wohnte aber in unserem Dorf. Bis zu meinem achten Lebensjahr hatte er grosse Schwierigkeiten, mit mir zu kommunizieren. Er sprach zu mir in Portugiesisch, aber weil ich in jenem Dorf aufwuchs und von meiner Mutter nur unsere traditionelle Sprache gelernt hatte, konnte ich nicht mit ihm reden“, erinnert sich Zahy.
Dasselbe Problem bestand auch zwischen ihr und ihren Schwestern väterlicherseits, den Töchtern aus erster Ehe ihres Vaters, die ebenfalls nur Portugiesisch sprachen. Dann traf die Familie eine Entscheidung, und Zahy zog im Alter von acht Jahren in das Städtchen Barra do Corda um – mit der Mutter und drei Brüdern aus der ersten Ehe ihrer Mutter.
“Portugiesisch habe ich erst gelernt, nach dem Umzug in die Stadt und zu Beginn des dortigen Schulunterrichts. Anfangs hatte ich grosse Schwierigkeiten in der Schule und kehrte nach jedem Schultag weinend nach Hause zurück. Ich hatte furchtbare Probleme, Lehrer und Mitschüler überhaupt zu verstehen. Und dann nach einiger Zeit des Durchhaltens lernte ich plötzlich sehr schnell. Damals im Dorf sprach nur mein Vater Portugiesisch und meine gesamte Umwelt Guajajara – hier in der Stadt war es gerade umgekehrt, nur meine Mutter und Brüder sprachen noch Guajajara, aber meine gesamte Umwelt Portugiesisch!
Im Jahr 2010 verliess Zahy ihre Heimat Maranhão und ging nach Rio de Janeiro. In der zweitgrössten Metropole Brasiliens, inmitten von Millionen Menschen, die sich nur in Portugiesisch unterhalten, hat die junge Frau wenig Gelegenheit, ihre Muttersprache zu gebrauchen.
“Ich nehme die Gelegenheit wahr, am Telefon mit meiner Mutter in unserer Sprache zu sprechen. Und ich habe einen Nichte und einen Cousin, die hier um die Ecke wohnen, mit denen rede ich sehr oft in unserer Sprache. Manchmal befinden wir uns unter Leuten, die alle Portugiesisch sprechen, und wir beginnen uns plötzlich in “Tupi-Guarani“ (so bezeichnet sie selbst ihr Guajajara-Idiom) zu unterhalten. Das passiert eben automatisch“.
Desweiteren erzählt sie, dass sie sich, trotz ihrem schon längeren Stadtleben, immer noch besser in Guajajara auszudrücken versteht als in Portugiesisch. “Die Tochter meiner Nichte spricht Portugiesisch schon seit ihrer Kindheit. Aber sie spricht auch Tupi-Guarani – sie kann beide Sprachen sehr gut“.
In einer Metropole zu leben, hat jedoch für die Indios seinen Preis. Guajajara-Worte, die nur im Zusammenhang mit dem kulturellen Kontext des Dorfes einen Sinn machen, geraten in Vergessenheit. “Es gibt einige Worte, die wir nicht mehr benutzen, weil sie hier ihre Notwendigkeit verloren haben. Das sind Dinge und Situationen, die im Dorf passieren, die jedoch in einer Stadt nicht existieren, also benutzen wir sie nicht mehr und vergessen ihre Bedeutung. Wenn ich manchmal zum Dorf zurückkehre, höre ich das eine oder andere Wort und es fällt mir auf, dass ich es seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört habe“.
Für Zahy – ihr Name bedeutet Mond in Guajajara – ist ihre Sprache der bedeutendste Aspekt ihrer Kultur, und sie am Leben zu erhalten ist eine Form von Selbstbestätigung ihrer indigenen Identität. “Es genügt nicht, Mandelaugen und glattes Haar zu haben und seine Kultur zu kennen. Die Sprache ist eine Art von Selbstbestätigung. Die Sprachen sterben aus und die Indios spüren zunehmend die Notwendigkeit, gegen das Verschwinden der Sprache kämpfen zu müssen. Die Sprache ist der wichtigste Teil unserer Kultur“!
Nach den letzten Daten des “Censo de 2010“ (Volkszählung), des “Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE)” bleiben 5 unter 150 in Brasilien verbreiteten indigenen Sprachen übrig, die jeweils noch von mehr als 10.000 Indios gesprochen werden. An dieser Aufstellung haben alle indigenen Personen mit einem Alter von mehr als 5 Jahren teilgenommen, die ihre Sprache in ihrem eigenen Heim benutzen. Die in Brasilien meist benutzten indigenen Sprachen sind:
- Tikuna (von 34.000 Personen)
- Guarani-Kaiowa (26.500 Personen)
- Kaingang (22.000)
- Xavante (13.300) und
- Yanomami (12.700).
Von diesen fünf, werden drei (Tikuna, Guarani-Kaiowa und Yanomami) noch von weiteren Personen jenseits der brasilianischen Grenzen gesprochen, die jedoch vom “Censo des IBGE“ nicht erfasst wurden, weil sie in Nachbarländern leben – in Paraguay, Kolumbien und in Venezuela.
Weitere sieben Sprachen überschreiten die 5.000er Grenze in Brasilien: Guajajara (9.500) – Sataré-mawé (8.900) – Terena (8.200) – Nheengatu oder Lingua Geral Amazônica (7.200) – Tukano (7.100) – Kayapó (6.200) und Makuxi (5.800). Falls das Guarani-Nhandeva (mit 5.400 Personen) und das Guarani-Mbya (mit 5.300 Personen) als selbständige Sprachen des Kaiowá angesehen werden können, erhöht sich die Zahl auf neun Sprachen, die von mehr als 5.000 Personen benutzt werden.
So wie im Fall des Guarani, ist es nicht immer leicht zu bestimmen, wie viele indigene Sprachen es eigentlich in Brasilien gibt, da ihre genaue Zahl von den jeweilig angewendeten Kriterien abhängt, vor allem, zu unterscheiden, was eigentlich als Sprache einzustufen ist und was als Dialekt. Dazu muss man als Linguistiker eine Sprache ziemlich gut erforscht haben, um zwischen Sprache und Dialekt (also einer lokalen oder regionalen Variation einer schon bestehenden Sprache) unterscheiden zu können.
Brasilien ist ein Depot enormer linguistischer Vielfalt. Das Land ist eine Wiege von mindestens zwei grossen linguistischen Stämmen: dem Tupi und dem Makro-Jê. Sprachstämme sind die grössten linguistischen Einheiten, in ihnen vereint man Sprachfamilien mit einer gemeinsamen Herkunft.
Sprachen eines gemeinsamen Stammes können untereinander enorme Differenzen aufweisen. Portugiesisch gehört, zum Beispiel, zum linguistischen Stamm Indo-Europäisch, demselben Stamm wie Hindu (das in Indien gesprochen wird) oder Kurdisch (aus dem Irak, in Syrien und der Türkei).
Ausserhalb dieser oben genannten beiden Stämme, gibt es verschiedene linguistische Familien in Brasilien, die keinem spezifischen Stamm angehören, wie das Aruak, Karib, Pano und Tukano – sowie so genannte “isolierte Sprachen“, die in der ganzen Welt keine verwandte Sprache mehr haben, wie zum Beispiel eine der populärsten indigenen Sprachen Brasiliens, die Tikuna.
“Die Beschaffenheit des südamerikanischen Kontinents begünstigte das Eindringen diverser Invasoren, die aus dem Norden kamen, aber sie blockierte gewissermassen ihren Abgang. Das machte diesen Teil Amerikas zu einer Art von linguistischem Laboratorium, in dem noch vieles auf unsere Entdeckung wartet“, bestätigt der Forscher D’Angelis.
Inmitten so vieler Verschiedenheiten hebt der Linguistiker einige Singularitäten hervor, die er bei seinen Sprachforschungen entdeckt hat, wie zum Beispiel eine Zeichensprache (sie wird vom Volk Urubu-kaapor angewendet), die Kommunikation mittels Pfeifsignalen in der Pirahã-Sprache und eine tonale Sprache (in diesem Fall wird ein Wort durch unterschiedliche Tongebung in seiner Bedeutung verändert), wie es bei den Tikuna und den Suruí üblich ist.
D’Angelis führt weiter aus, dass einige linguistische Faktoren sogar zum ersten Mal bei indigenen Sprachen Südamerikas beobachtet wurden: wie zum Beispiel die Existenz von zwei grammatischen Formen für die “Erste Person Plural“ (eine, die den Wortführer einschliesst, und eine andere, die ihn ausschliesst) – in vielen Tupi-Guarani-Sprachen üblich.
“Man sollte nicht vergessen, dass viele Studien der indigenen Sprachen Brasiliens und die brasilianischen Forscher als Referenzen in theoretischen Diskussionen der Linguistik genannt werden, obwohl sich nur wenige mit der Entwicklung linguistischer Theorien auf der Basis neuer Fakten beschäftigen oder neue Herausforderungen einbringen, die auf ihrer Kenntnis indigener Sprachen beruhen“, sagt er abschliessend.
Die Tupi-Sprache trug viel zur Ergänzung der brasil-portugiesischen Sprache bei
Um unseren Lesern zu veranschaulichen, wie bedeutend der linguistische Beitrag aus der antiken Tupi-Guarani Sprache gewesen ist, durch den sich heute die “brasilianische Sprache“ vom klassischen Portugiesisch seiner Gründernation unterscheidet, haben wir mal einen kurzen Beispieltext angefügt (in “Brasilien-Portugiesisch“, damit der Leser die insgesamt 27 Worte (in fett) erkennt, die aus der indigenen Sprache stammen). Darunter folgt dann die Übersetzung.
“Meu xará, carioca da Tijuca, foi ao Pará surfar a pororoca, em um rio infestado de piranhas e jacarés. Nas margens, viu jaguares, quatis e capivaras. No céu, sobrevoavam araras, tucanos e urubus. Enquanto estava lá, bebeu suco de caju e de maracujá. Comeu pipoca, mandioca, carne de tatu e de paca. Visitou uma taba amazônica e foi cutucado por um curumim curioso. Dormiu em uma oca cheia de cupim e ficou com o corpo coberto de perebas. Foi atendido por um pajé. Depois de algum tempo, quando já estava na pindaíba, voltou para casa”.
Hier die Übersetzung:
Mein Landsmann, Carioca (Bürger von Rio) aus dem Stadtteil Tijuca, ging nach Pará, um dort auf der Pororoca (Welle in der Amazonas-Mündung), auf einem Fluss voller Piranhas und Kaimane, zu surfen. Am Ufer sah er Jaguare, Nasenbären und Wasserschweine. Am Himmel flogen Aras, Tukane und Geier. Während er sich dort aufhielt, trank er Cashew- und Maracujá-Saft. Er ass Popcorn, Maniok, Fleisch vom Gürteltier und vom Paka. Er besuchte ein amazonensisches Dorf und wurde von einem neugierigen Knirps angetippt. Er schlief in einer Hütte voller Termiten und bekam Pickel am ganzen Körper. Ein Schamane verarztete ihn. Nach einiger Zeit, als er kein Geld mehr hatte, kehrte er nach Hause zurück.
Dieser Text ist ein Phantasieprodukt und kann sogar falsche Informationen enthalten, aber er demonstriert den grossen Einfluss des antiken Tupi-Idioms in der alltäglichen brasilianischen Umgangssprache. Damals, im 16. Jahrhundert, war Tupi die bedeutendste Sprache zur Kommunikation zwischen Indios verschiedener Volksgruppen, zwischen Indios und Europäern, sowie auch zwischen einer neuen Generation von brasilianischen Mestizen, die das nationale Territorium zu bevölkern begannen.
Im Lauf der Zeit entwickelte sich das antike Tupi zu anderen Sprachen, wie “Nheengatu“ (lange Zeit die bedeutendste Sprache Amazoniens), die bis heute von vielen Bewohnern gesprochen wird, aber durch den Erlass des Marquês de Pombal verboten wurde. Pombals Absicht war es, die Katholische Kirche und die Jesuiten im Land zu schwächen, die sich der indigenen Sprache bedienten, um sich den brasilianischen Eingeborenen zu nähern und sie zu bekehren. Mit diesem Verbot verschwand das Tupi als funktionelle Sprache (sie überlebte nur als Nheengatu-Variation in Amazonien).
Trotzdem, so kann man sagen, hat sich die Tupi-Sprache auch lebendig erhalten, wenigstens in zahlreichen Worten innerhalb des in Brasilien heute gesprochenen Portugiesch. Wie der Philologe Evanildo Bechara, Organisator des “Dicionário da Academia Brasileira de Letras (ABL)”, behauptet, ist es praktisch unmöglich zu sagen, wieviele portugiesische Worte ihre Wurzeln in der indigenen Tupi-Sprache haben. “In den Wörterbüchern sind Worte enthalten, die gar nicht mehr benutzt werden, und es gibt einige, die nur in einer bestimmten Region überhaupt gebraucht werden“, erklärt er.
Wie Bechara weiter ausführt, hat sich der Beitrag der Tupi-Sprache fast ausschliesslich auf das Vokabular erstreckt, bedeutende Einflüsse in der portugiesischen Grammatik hat es nicht gegeben. “Praktisch sofort nach ihrer Ankunft auf dem Kontinent trat die portugiesische Sprache in Kontakt mit diesen indigenen Sprachen. Also ist es nur natürlich, aus der Sicht des Vokabulars, dass die portugiesischen Seefahrer auf Namen von Pflanzen und Tieren trafen, die ihnen bis dato unbekannt waren. Das Vokabular der portugiesischen Sprache ist gespickt mit indigenen Worten (in Brasilien), denn die Portugiesen entdeckten hier eine ganz neue Welt der Fauna und Flora“, erklärt er.
Ausser den Namen von Pflanzen, Tieren und der Gastronomie, gab es auch einen grossen Einfluss des Tupi auf Ortsnamen in Brasilien. Namen wie Iguaçu, Pindamonhangaba, Ipiranga, Ipanema, Itaipu oder Mantiqueira, sind indigenen Ursprungs. Es gibt auch einige wenige aus dem Tupi geerbte Verben, wie zum Beispiel “cutucar“ (jemanden antippen) oder in der populären Umgangssprache “estar na pindaíba“ (abgebrannt sein) oder “ficar jururu“ (traurig sein).
Der Tupi-Einfluss blieb allerdings nicht auf Brasilien begrenzt. Einige indigene brasilianische Worte eroberten die Welt und beeinflussten sogar altweltliche Sprachen wie Englisch und Französisch. Das Wörterbuch der englischen Sprache Merriam-Webster zitiert verschiedene Wörter aus Tupi-Wurzeln, wie zum Beispiel “manioc“ (von mandioka), “capybara“ (von kapibara), “toucan“ (von tukana), “jaguar“ (von îagûara) und “tapir“ (von tapi’ira).
Unter den Fällen eines weltweiten Tupi-Einflusses ist das Wort “akaîu“ zu nennen, das sich in der brasilianischen Umgangssprache in “caju“ verwandelt hat. Diese typisch brasilianische Frucht hat die weltweite Küche vereinnahmt – sowohl mit ihrem Fruchtfleisch als auch mit ihrer Nuss. Ihr linguistischer Erfolg kam in einer gastronomischen Verpackung.
Verschiedene Sprachen kennen diese Frucht durch Worte, die von “akaîu“ abgeleitet wurden. Unter den Beispiel-Vokabeln, die vom indigenen Original herstammen sind “cashew“ (englisch, schwedisch, deutsch, holländisch, dänisch), “acagiú“ (italienisch), kaju (türkisch), cajou (französisch), kásious (griechisch), kashu (bulgarisch und japanisch) und “kašu“ (estländisch).
Obwohl der grösste Teil der indigenen Vokabeln aus dem Tupi stammen, gibt es isolierte Beiträge anderer Sprachen, wie zum Beispiel das Wort “Guaraná“, das von “warana“ aus der Sprache der Saterá-Mawé Indios abgeleitet ist. Diese Eingeborenen leben in Amazonien und werden als Erfinder der Guaraná-Kultur gepriesen, weil es ihnen gelang, diese Frucht nutzbringend zu verwerten. So wie das Tupi-Wort “akaîu“ hat das Wort “warana“ ausser der portugiesischen auch andere Sprachen beeinflusst. Eine weitere indigene Wortschöpfung, die nicht aus der Tupi-Sprache stammt, ist das kleine Wort “mico“ (angewendet für die kleinsten Primaten) – es stammt von “miko“ aus dem Sprachgebrauch der linguistischen Familie Karib.
Familie: Tupi-guarani (Stamm Tupi)
Sprecher: Niemand mehr, bereits ausgestorben
Lokalität: Fast die gesamte Küste Brasiliens im 16. Jahrhundert
Vocabular:
Wasser; Fluss – ‘y
Baum; Holz – ybyrá
Haus – oka
Regen – amana
Nahrung – mbiú
Kind – pitanga
Stern – îasytatá
Sohn – membyra
Pfeil – uuba
Frucht – ‘ybá
Kaiman – îakaré
Sprache – nhe’enga
Mond – îasy
Mutter – sy
Meer – pará; paranã
nein – aan
Vater – tuba
Fisch – pirá
klein – mirim
Jaguar – îagûara
ja – pá
Sonne – kûarasy
Wind – ybytu