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Das Gedankenexperiment
Zentrale Frage: Ist die Natur wertvoll (und damit schützenswert), nur weil es Menschen gibt, denen sie irgendwie nützt, oder gibt es einen von Menschen unabhängigen Wert in der Natur?
Hintergrund: Unsere Einstellung der Natur gegenüber ist von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Einerseits würde heutzutage kaum jemand bestreiten, dass es falsch ist, die Natur zu zerstören, andererseits haben wir alle in mehr oder weniger grossem Ausmass Anteil an der systematischen Zerstörung und Ausbeutung der Natur. Es werden Wälder gerodet, Felsformationen gesprengt, Meere verunreinigt, und ganze Spezies unwiederbringlich ausgelöscht. Aushalten lässt sich dieser Widerspruch nur unter Zuhilfe der Annahme, dass es erlaubt sein kann, Teile unserer natürlichen Umgebung zu zerstören, wenn dadurch ein hinreichend grosser menschlicher Wert befördert wird. Umgekehrt kann dann gefordert werden, dass andere Teile der Natur zu schützen sind, weil dies ebenso einen Wert für uns Menschen darstellt. Weite Teile der heutigen Klimaschutzbewegung basieren etwa auf der Überzeugung, dass wir etwas gegen die Klimaerwärmung tun müssen, weil wir ansonsten die Zukunft junger Menschen bzw. der nachfolgenden Generationen gefährden. In unserem Nachdenken über die Grenzen dessen, was mit der Natur gemacht werden kann, scheint auf diese Weise die Perspektive des Menschen immer schon mit eingebaut zu sein: Was wir mit der Natur machen dürfen, wird sofort mit der Frage verbunden, was für uns Menschen gut ist, gerade so, als wäre die Natur eine Art Haus, das uns zur Verfügung gestellt wurde – ein Haus, das wir in unserem eigenen Interesse pfleglich behandeln sollten. Ist es aber wirklich so, dass uns die Natur wie so ein Haus gehört?
Gedankenexperiment
Zur Reflexion auf diese Frage eignet sich das folgende Szenario, das eine leichte Abwandlung des 1973 von Richard Routley in die Debatte eingeführten ‘Last-Man’-Beispiels ist. Es ist etwas Schreckliches mit der Welt passiert. Alle Menschen auf der Erde sind gestorben. Alle ausser Elsa. Sie ist die letze Überlebende. Sobald Elsas natürliche Lebenszeit verstrichen ist, wird es auf der Erde keinen einzigen Menschen mehr geben. Elsa weiss das, und ihr ist langweilig. Es macht ja nichts mehr Sinn so ganz ohne Mitmenschen. Eines Tages findet Elsa ein Sprengstoffdepot und beginnt mit Dynamitstangen zu spielen. Sie sprengt einen Felsen, dann einen ganzen Bergabhang. Es ist immerhin eine Abwechsung in der Öde der menschenleeren Welt um sie herum. Auf eine seltsame Weise macht Elsa das Zerstören Spass. So geht es weiter und weiter. Sie zerstört bald nicht nur Berge und Höhlen, sondern auch alle Pflanzen und Tiere, die ihr in die Quere kommen. Weil es ihr Hobby ist. Wer sollte auch etwas dagegen haben?
Worauf das hinauslaufen könnte
Das Verhalten von Elsa mag aus psychologischer Perspektive besorgniserregend erscheinen. Allerdings ist sie ja auch in einer besorgniserregenden Situation gelandet. Intuitiv würden die meisten von uns urteilen, dass das Verhalten von Elsa jenseits der Frage, ob es sich dabei um ein ‘gesundes’ Hobby handelt, einfach nicht richtig ist. Es ist falsch ‘ohne Grund’ einen Baum abzusägen, würden wir sagen. Interessant ist aber die Frage, warum das der Fall ist. Man könnte hier etwa darauf verweisen, dass viele gesunde Bäume gut für die Luft sind oder einfach nur schön aussehen. Aber Elsa ist das alles vielleicht egal, und es gibt keine anderen Menschen, für die sie sich um gute Luft und schöne Aussichten sorgen müsste. Dennoch scheint ihr Verhalten moralisch falsch zu sein. Sollten wir an diesem Urteil festhalten wollen, würde das dafür sprechen, dass die Natur auch um ihrer selbst willen wertvoll ist, und nicht nur, weil sie uns irgendwelche Vorteile verschafft. Wir hätten dann eine Pflicht, sie nicht zu zerstören, die sich nicht auf Verpflichtungen anderen Menschen gegenüber reduzieren lässt. Möglicherweise könnte man sogar davon reden, dass Teile der Natur ein moralisches Recht darauf haben, nicht zerstört zu werden.