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Christian Gasser, wie wird das Attentat am Comicfestival in Angoulême reflektiert?
Zum einen wurde ein neuer Preis ausgeschrieben: der «Prix de la liberté d’expression», also ein Preis für die Meinungsfreiheit. Fortan soll er jedes Jahr verliehen werden an eine Zeichnerin oder einen Zeichner, dessen Werk Widerstand gegenüber überkommene Ideen, Zensur, Repression und dergleichen leistet.
Daneben erscheint das Buch «Charlie est BD», zu Deutsch «Charlie ist Comic». Darin zu sehen sind 180 der unzähligen Zeichnungen, die nach den Anschlägen auf die Facebook-Seite des Festivals hochgeladen wurden. Und drittens wird am Sonntag ein «Charlie Hebdo-Platz» eingeweiht von Alain Juppé, dem Bürgermeister von Bordeaux und aussichtsreichen Kandidaten der rechten UNP für das Präsidentenamt nächstes Jahr.
Hervorheben möchte ich auch noch eine Ausstellung, die das Comic-Museum innert kürzester Zeit über Charlie Hebdo und seinen Vorläufer «Harakiri» aus dem Boden gestampft hat.
Was steht im Zentrum dieser Ausstellung?
Die Ausstellung zeichnet die Geschichte dieser Art Karikatur in Frankreich seit 1960 nach. Ich finde es sehr wichtig, in den momentan sehr gegenwartsbezogenen hektischen Diskussionen rund um das Attentat auch den politischen Kontext einzubeziehen. Nur so lässt sich verstehen, wie sehr diese Karikaturisten und Satiriker seit 1960 auch Teil des politischen Diskurses waren. Und wie sie auch Teil der intellektuellen Avantgarde waren, die schon früh gewisse Themen ansprach, die sonst niemand anzusprechen wagte.
Wenn man sich die Geschichte vor allem in den 1960er-Jahren ansieht, kommt man tatsächlich zum Schluss, dass es in Frankreich den Mai 1968 in dieser Form ohne «Harakiri» wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Diese Art von böser und humorvoller Satire hat den Geist der 60er-Jahre zutiefst geprägt. Diese historische Dimension des Magazins in Frankreich zu verstehen, scheint mir gerade für jüngere Besucherinnen und Besucher wichtig.
Wie ist Stimmung nach diesen Ereignissen in der Comicszene in Angoulême?
Einerseits stelle ich einen Aktionismus fest: Man möchte viel machen, es sind schöne Ideen da. Aber letztlich sind es grösstenteils symbolische Zeichen, die man setzt. Das drückt für mich aus, dass man noch nicht recht weiss, wie man mit dem Attentat umgehen soll. Nach wie vor ist die Bestürzung und das Unverständnis über die Anschläge gross. Da ist wirklich vor ein paar Wochen etwas in diese kleine Welt der gezeichneten Geschichten und Kommentare eingebrochen, dessen Wirkung für die Zukunft niemand abschätzen kann. Man reagiert bis heute ein bisschen ratlos und hilflos.
Was hat das Festival dieses Jahr sonst noch zu bieten?
Es gibt ein paar grosse, lohnenswerte Ausstellungen. Zum Beispiel die des japanischen Grossstadt-Poeten Jirô Taniguchi, der mit seinen sehr subtilen Manga seit 20 Jahren auch ein westliches Publikum fasziniert. Er erzählt Geschichten, die jenseits aller hektischen Manga-Klischee sind: ruhig, introspektiv, nachdenklich und erwachsen.
Auch gut gefallen hat mir eine klug kuratierte Ausstellung über Bill Watersons Comicstrip «Calvin & Hobbes». Allerdings: Auch zwei wichtige andere Ausstellungen bieten nichts Neues, sondern würdigen zwei vor längerem verstorbene Künstler: den Superhelden-Zeichner Jack Kirby und Tove Jansson, die finnische Schöpferin des wunderbaren Moomins-Kosmos. So entsteht der Eindruck, dass sich das Festival dieses Jahr eher rückwärtsgewandt oder sogar nostalgisch gebärdet. Aber vielleicht ist das ja genau, was man in diesen unruhigen Zeiten braucht.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.1.15, 8.20 Uhr