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Politisch oder nicht politisch, das
ist hier die Frage...
Freundlich werde ich im
Backstagebereich des Prattelner Z7 von Ronnie Atkins empfangen.
Der charmante Pretty Maids-Frontmann offeriert mir ne Coke
und steht mir bereitwillig Rede und Antwort.
SMF:Carpe Diem
ist ein wirklich edles Scheibchen mit grossartigen Melodien.
Was ich vermisse, ist ein Killersong wie Future World.
Habt ihr bewusst auf härtere Songs verzichtet?
RONNIE: Nein. Ich meine,
wir hätten zwölf Killersongs schreiben können! Aber du bist
nicht die erste, die mir das sagt.

Jedes Mal, wenn wir ein Album
aufnehmen, geben wir unser Bestes. Es ist wichtig für diese
Band, dass die Songs sowohl melodisch, als auch die harten
Riffs vorhanden sind. Ich denke, Carpe Diem ist
ein gutes Album. Es ist bestimmt nicht das beste Album, aber
es ist ein gutes Album. Es ist eine schöne Sache, wenn die
Leute deine Scheibe kaufen. Die Pretty Maids sind anders als
andere Bands, weil wir unsere Füsse in zwei verschiedene Lager
gesetzt haben. Auf der einen Seite das harte Zeug, auf der
anderen das melodische. Das Schlüsselwort ist die Melodie,
es muss melodisch sein. Nun, die Einen mögen lieber die melodischen
Sachen, diese Leute finden, dass Carpe Diem ein
gutes Album ist. Die Anderen mögen mehr die heavy Songs, für
diejenigen ist die neue Scheibe wahrscheinlich etwas zu kommerziell,
ich weiss es nicht. Aber das sind die Pretty Maids im Jahre
2000.
SMF: Ist es überhaupt möglich
ein klasse Album wie Future World oder Red,
Hot and Heavy zu toppen?
RONNIE: Es war damals einfach eine andere
Zeit. Die Achtziger, das war etwas anderes. Ich möchte nicht
versuchen eine zweite Red, Hot and Heavy oder
eine zweite Future World aufzunehmen. Die Pretty
Maids gibt es seit zwanzig Jahren, und wir sind jetzt alle
in den Mid-Dreissigern. Heute
herrschen einfach andere Zeiten.
SMF: Lass uns über die Songs eurer neuen CD sprechen.
Tortured Spirit zum Beispiel handelt von zwei
Personen in einer. Hast du eine zweite Persönlichkeit, oder
wie kam es zu diesem Text?
RONNIE: (schmunzelt) Ich denke, wir alle haben
eine zweite Persönlichkeit in uns...
SMF: Ach, ja?
RONNIE: Ich denke schon. Aber im Grunde genommen
ist der Song reine Erfindung. Er handelt nicht von mir. Die
meisten meiner Texte sind frei erfunden, andere sprechen aus
dem Herzen. Ich habe Songs geschrieben, die mir sehr viel
bedeuten, über meine Kinder und ähnliche Dinge. Also, die
meisten Pretty Maids Songs sind Erfindung oder handeln vom
alltäglichen Leben - sie sind jedenfalls nicht politisch.
Ich bin kein Bob Dylan, aber ich gebe mein Bestes. (lacht)
SMF: Okay, machen wir bei Theyre all alike
weiter. Ich zitiere aus dem Text: Big Brother is watching,
under control... beg for your vote... Bezieht sich dieser
Text auf die Big Brother TV-Show?
RONNIE: Nein. Er bezieht sich auf die Abstimmung
zur Europäischen Union. Wir mussten in Dänemark entscheiden,
ob wir beitreten oder nicht, und haben abgelehnt. Im Grunde
geht es um Politiker, die einfach voll sind von Scheisse.
Sie versprechen dir Dinge vor der Wahl, und wenn sie dann
gewählt sind, können sie sich nicht mehr daran erinnern, was
sie versprochen haben.
SMF: Ihr habt so viele grossartige Songs, ihr könntet
fünf Stunden spielen!
RONNIE: (wie aus der Pistole
geschossen) Aber wir tun es nicht!
SMF: Das war anzunehmen... Wie habt ihr die Songs ausgesucht,
die ihr nun auf der Tour spielt?
RONNIE: Es ist tatsächlich sehr schwierig.
Wir haben auf unserer Website den Fans die Möglichkeit gegeben,
ihre Lieblingssongs auszusuchen. Ein grosses Problem war,
dass unser Keyboarder die Pretty Maids im Dezember verlassen
hat, und zwar genau vor den Tourproben. Wir mussten also den
Ersatz-Keyboarder erst in die Songs einführen. Das waren achtzehn
bis zwanzig Songs, die wir unbedingt spielen wollten. Leider
konnten wir so nicht ganz alle Songs proben, die wir gerne
gespielt hätten. Je mehr Platten wir machen, desto schwieriger
wird die Auswahl der Songs, das ist klar. Natürlich gibt es
Songs, die müssen wir einfach spielen, weil die Leute diese
Stücke einfach erwarten. Im Prinzip spielen wir also eine
Kombination von dem, was wir spielen wollen, und was die Fans
gerne
hören möchten. Wir ändern die Setlist aber jeden Abend ein
wenig, das gibt uns die Möglichkeit, frisch zu bleiben.
SMF: Einige von euch haben bereits Frau und Kinder.
Ist es nicht hart für euch, eure Familien zu verlassen, wenn
ihr auf Tour geht?
RONNIE: Oh, ja! Aber ich
spreche jeden Tag mit meinen Kindern. Ich rufe sie jeden Abend
an, um Gute Nacht zu sagen. (schaut erschrocken auf seine
Uhr) Oops, ich habe heute noch nicht angerufen!! Ja, natürlich
ist es hart. In den Achtzigern sind wir machmal bis zu zehn
Wochen auf
Tour gewesen, aber damals hatte ich noch keine Kinder. Heute
sind wir höchstens vier Wochen von zu Hause weg. Es liegt
also im Rahmen, aber natürlich vermissen mich die Kids, und
ich vermisse sie auch...
SMF: Wie würdest du das Leben auf Achse beschreiben?
RONNIE: Die meiste Zeit musst du warten. Es
ist wirklich eine grosse fucking Warterei, und zum Schluss
darfst du zwei Stunden auf der Bühne stehen. Das Schlimmste
an der Sache ist, dass du anfängst zu trinken, weil dir langweilig
ist. Was kann man denn im Bus schon machen!? Man kann ein
Buch lesen oder sowas, aber dann denkt man, ach, ich trinke
doch noch eins...Natürlich haben wir auch ne Menge Spass.
Die Band und die Crew ist wie eine richtige kleine Familie,
und wir haben eine gute Zeit miteinander. Wir sind jetzt etwa
zwei, drei Wochen auf Tour, und es ist immer noch toll. Jedenfalls
haben wir uns noch nicht umgebracht...
SMF: Heute Abend, und auch in Deutschland, werdet ihr
von einer schweizer Band unterstützt: Crystal Ball. Hast du
sie schon gehört und magst du sie?
RONNIE: Ich habe sie schon gehört, aber ihre
Show habe ich mir noch nicht angesehen. Ich denke, sie sind
okay. Sie sind beim gleichen Label, und die wollten, dass
Crystal Ball mit uns auf Tour gehen. Für mich ist das in Ordung,
es sind nette Jungs. Ich kriege sonst nicht so mit, was in
der Szene passiert, ich höre mir auch keine neuen Bands an,
geschweige denn Hardrock.
SMF: Nein...? Was hörst du dir denn an?
RONNIE:(grinst) Ich höre mir meine alten Black
Sabbath Platten an... Weißt du, wenn ich heute ein Metal Magazin
aufschlage, kenne ich die meisten Bands gar nicht. Ich habe
da eine Menge verloren. Es gibt einfach zu viele Bands, und
da gibt es eine Menge Scheisse. Ich meine, die meisten sind
wirklich grossartige Musiker, aber leider fehlen ihnen gute
Songs. Ich vermisse einfach gute Songs. Wo sind all die guten
Songs geblieben???
SMF: Ihr feiert dieses Jahr euer 20-jähriges Jubiläum...
RONNIE: Eigentlich erst nächstes Jahr...
SMF: Oh, wirklich? Ich dachte, euch gibt es seit 1981?
RONNIE: Mmmm, 1981, 1982...
SMF: Okay, jedenfalls schon sehr lange. Wenn du auf
deine Karriere zurückblickst, was war das Schönste?
RONNIE: Das Schönste? Puh, es gab so viele
schöne Dinge. Die Achtziger waren toll, von 85 bis 90,
das waren fünf sehr gute Jahre. 1992 war ein sehr schönes
Jahr, Please dont leave me war ein grosser
Hit in Japan und Skandinavien. 87 war ein grossartiges
Jahr, Future World war ein grosser Erfolg, wir
spielten am Monsters of Rock und haben mit Deep Purple getourt.
Ich würde sagen, die Jahre 87 und 92 sind die
beiden Schlüsseljahre für die Pretty Maids.
SMF: Was war das Schlimmste?
RONNIE: (überlegt lange) Ich weiss es nicht.
Ich weiss es wirklich nicht. Wahrscheinlich das Jahr 1990,
als wir Jump the Gun veröffentlichten. Die Erwartungen
an uns waren sehr gross, aber die Scheibe hatte nie den Erfolg,
den wir uns erhofft hatten. Jump the Gun war die
grösste Enttäuschung. Ich denke aber immer noch, das es ein
gutes Album ist, es kam nur zur falschen Zeit. Die Leute standen
damals total auf Guns NRoses, und wir haben versucht,
eine Def Leppard Scheibe zu machen. (lacht)
SMF: Hast du jemals darüber nachgedacht, die Pretty
Maids zu verlassen?
RONNIE: Ich habe in der Tat daran gedacht,
nämlich nach dem Jump the Gun Album. Drei Jungs
verliessen die Band, und Ken Hammer und ich blieben alleine
zurück. Da wollte ich tatsächlich aussteigen. Aber nach einem
Monat haben Ken und ich wieder zusammen Songs geschrieben
und gemerkt, dass die Magie immer noch da ist. Heute kann
ich es nicht sagen. Ich sehe mich noch nicht in fünf Jahren.
Vielleicht bin ich noch dabei, vielleicht auch nicht. Es wird
aber definitiv ein weiteres Pretty Maids Werk geben!
SFM: Da freue ich mich schon drauf! Okay, das wars.
Vielen Dank für das Interview.
RONNIE: (reicht mir die
Hand und steht eilig auf) Alright, thanks. Ich werde jetzt
sofort meine
Kids anrufen...