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Wettbewerb, Juli 2009
090703
Im erweiterten Gebiet der zukünftigen Deutschen Schule Madrid, im neuen Stadtteil von Montecarmelo, sind einzelne, strukturell eigenständige Orte zu erkennen, die sich vom Grundraster der Wohnbauten unterscheiden. Diese Orte, man könnte sie auch als «Stadt in der Stadt» bezeichnen, sind anderen, meist öffentlichen Nutzungen gewidmet: ein Friedhof, ein Sportzentrum, ein Kindergarten und ein kleines Dorf.
Die Deutsche Schule Madrid soll, zusammen mit der bereits bestehenden «Guarderia», als eine weitere autonome Einheit gelesen werden – «eine deutsche Insel im spanischen Umfeld». Für die geometrische Ausrichtung dieser neuen Feldstruktur sind mehrere Faktoren von Bedeutung.
Im Nordosten des Baufeldes liegt eine ausserordentlich attraktive Landschaft im Blickfeld, mit dem Naturpark «la Cuenca alta del Manzanares» und der weiter entfernten Bergkette der «Sierra de Guadarrama». Das neue Schulhausgebäude nimmt in seiner Ausrichtung bezug auf diese Landschaft. Ausserdem ist dieses Volumen in seiner Grösse und Länge auch eine entsprechende Reaktion auf den tieferliegenden, mächtigen Infrastrukturbau der Autobahn. Das Schulhaus ist, von der Hangkante etwas zurückversetzt, von dieser Autobahn aus gut sichtbar und somit im übergeordneten Kontext als die «Deutsche Schule von Madrid» wahrnehmbar.
Im Gegensatz zur erkennbaren Grösse von der Autobahn her gesehen, hat das Schulhaus zum Quartier hin einen anderen Auftritt. Unterschiedlich grosse Volumen gliedern den Raum; der lange Baukörper tritt so nur noch partiell in Erscheinung. Ein Baumvolumen, der Aula- und Mensapavillon, das Ballfangnetz des Basketballfelds und die angrenzende, bereits bestehende «Guarderia» sind die Bestandteile dieses räumlichen Ensembles. Diese Elemente liegen im orthogonalen Raster des neuen «Archipels» der Deutschen Schule Madrid und bilden zusammen mit dem Schulhaus eine veritable kleine Stadt – ein Stück Heimat der deutschen Kultur und Sprache in Spanien.
Ordnung, Fügung und Material
Durch räumliche Mehrfachlesbarkeiten wird der Eindruck eines grosszügigen Ganzen vermittelt und gleichzeitig auch eine feingliedrige Strukturierung des Raumes ermöglicht. In diesem Zusammenhang kann von einer «Typologie der konglomeraten Ordnung» gesprochen werden. Einer Ordnung, die in ihrer Gesamtheit nicht auf den ersten Blick, aber in einem zweiten Blick, der sich erst über das «Erfahren» und das «Benutzen» des Bauwerkes manifestiert, ganz zu verstehen ist. Sowohl die äussere Erscheinungsform wie auch die innere Gestaltung des Gebäudes vermittelt eine Haltung, welche die Architektur nicht in einer speziellen formalen Geste, sondern in der Optimierung des Alltäglich-Gewöhnlichen sucht.
In der architektonischen Fragestellung wird der Versuch unternommen, die spezifischen Nutzungsanforderungen des Gebäudes in allen Facetten zu erfassen. So leitet sich die Formgebung des Bauwerkes nicht direkt aus einem einfachen Verständnis der Funktion ab, sondern beruht darauf, Qualitäten in einem Netzwerk von Beziehungen zu bestimmen, die unter anderem durch pädagogische Themen, Bewegungsabläufen, Lichtführung oder Sichtrelationen gegeben sind. Insofern sich der formale Ausdruck und der Aspekt der Wirtschaftlichkeit gegenseitig unterstützen, beruht das Konzept auf einer Ökonomie der Mittel. Die kompakte Volumetrie, der zurückhaltende Umgang mit architektonischer Form wie auch die Verwendung schlichter Materialien tragen nicht nur zu minimierten Investitionskosten bei, sondern geben auch eine unverkennbare gestalterische Haltung zu erkennen. Es geht hier nicht um Simplifizierung, sondern vielmehr um eine angestrebte Einfachheit, in der komplexe Zusammenhänge aufgenommen und in ihren Eigenschaften architektonisch umgesetzt werden. Konstruktions- und Materialwahl werden dementsprechend zum integralen Bestandteil konzeptioneller Überlegungen, sowohl hinsichtlich technischer als auch gestalterischer Anliegen.
Landschaftsarchitektur
Der Freiraumgestaltung auf der «terrassierten Landschaft» wird eine besondere Bedeutung für die kontextuelle Einbettung der Deutschen Schule beigemessen. Um Johann Wolfgang von Goethe zu zitieren: «Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmale über dem lieblichen Tale, über dem sanften Fluß unterging…» Die ganze Umgebung wird – im Sinne eines Reliefs – terrassiert. Sie thematisiert mittels einer Reihe von Plateaus einerseits das gegen Osten leicht abfallende Gelände und andererseits die Künstlichkeit der Topographie, handelt es sich doch vorwiegend um aufgeschüttetes Material, welches abgetragen werden muss.
Grundsätzlich wird der Aussenraum in zwei unterschiedliche Zonen aufgeteilt: Zur Landschaft hin, im Nordosten, in eine vielfältig differenzierte Pausenzone mit hohem Grünanteil: mit kleinräumigen Nischen, Inseln und vielfältigen Baumbepflanzungen wie Pinien, Albizien, Ginsterkissen, Mimosen und Akazien. Zum Siedlungsgebiet hin, im Südwesten, liegen die platzartig ausgebildeten Sportflächen, die Parkierung und die Zufahrts- und Zugangsbereiche, welche über Bau- bzw. Baumvolumen räumlich strukturiert werden. Grosskronige Platanen geben diesem Bereich eine prägende Gestalt und spenden kühlenden Schatten.
Den einzelnen Terrassen werden spezifische Nutzungen zugeordnet. Auf der Nordseite des Schulhauses sind die Pausenbereiche vom Kindergarten, der Unterstufe und der Oberstufe auf jeweils eigenen Terrassen angelegt. Östlich des Aula- und Mensapavillons sind die Aussensportanlagen mit Sitzstufen angeordnet. Westseitig befinden sich die einladende «Zugangsterrasse», die «Parkplatzterrasse» und die «Aufenthaltsterrasse» des Kindergartens.
Architektur
Schulen sind ein prägender Teil unserer Gesellschaft und der Ort, wo Bewährtes, Aktuelles und Zukünftiges eingebracht und vermittelt wird. Sie sind auch Orte, wo Neues entstehen soll. Wir sehen die Schule als Teil eines Stadtorganismus mit dem dazugehörigen, vielschichtigen Beziehungsgeflecht. Ein vielfältiger Austausch soll visuell, vor allem aber auch inhaltlich ermöglicht und gefördert werden: die Schule als Denkfabrik, als Werkstatt. In diesem Sinne soll der organisatorische Tagesablauf einer Ganztagesschule respektiert, unterstützt und gefördert werden.
Die Schüler «durchwandern» im Verlauf ihrer schulischen Laufbahn das gesamte Schulhaus von West nach Ost. Der Werdegang beginnt im Westen mit dem zweigeschossigen Kindergarten, führt über die dreigeschossige Unterstufe und endet in der viergeschossigen Oberstufe. Die horizontale Ausdehnung des Baukörpers wird durch Treppenhäuser und Nassraumkerne vertikal gegliedert. In den Geschossen gruppiert sich jeweils ein Jahrgang um ein Treppenhaus, welches direkt zum angrenzenden Pausenhof im Aussenraum führt.
Die Klassenzimmer im Nordwesten orientieren sich zur Weite des Naturparks «la Cuenca alta del Manzanares» hin und die Klassenzimmer mit den Balkonen im Süden zur eigenen Anlage und zum Stadtteil Montecarmelo.
Die Bibliothek, als integraler Bestandteil des Unterrichtes, ist im Eingangsbereich der Unter- bzw. Oberstufe situiert. Aula, Mensa und Turnhalle, der öffentliche Teil der Schule, der auch externen Nutzern zur Verfügung steht, sind unmittelbar beim Zugang der Schule angegliedert. Diese Nutzung, zur Stadt hin orientiert, steht für die Offenheit der Deutschen Schule, für ihr Engagement gemeinnütziger Ziele und ihre ausserschulischen Aktivitäten.
Das Projekt wird zu einem vielfach und vielschichtig lesbaren Text; ein Ganzes, das ein eigenes Leben hat und sich auch weiter entwickeln kann, ein Zentrum mit kultureller Ausstrahlung.
Unterricht
Für den Unterricht in den Klassenzimmern bietet die Schule eine optimale Ausrichtung. Während den Unterrichtszeiten kann in den Räumen auf der Nordseite ohne Verdunkelung gegen die Sonneneinstrahlung gearbeitet werden. Auf der Südseite verschatten die Fluchtbalkone die Klassenräume, wenn die Sonne sehr steil einfällt,
Kindergarten
Den jüngsten und kleinsten Schülern stehen die höchsten Klassenräume zur Verfügung, ein fulminanter Einstieg in eine unbekannte und neue Welt! Diese Räume werden mit einer Galerie für den Rückzug und zum Schlafen ergänzt. Zusammen mit der grossen Loggiaterrasse bilden sie für Kleinkinder eine funktionale und angemessene Grösseneinheit. Vier Klassenräume sind barriererfrei und ebenerdig zugänglich, die restlichen Klassenverbände liegen im Geschoss darüber und werden im Zentrum mit einer für alle gemeinsamen Spiel- und Aufenthaltszone ergänzt.
Grundschule und Oberschule
Die beiden Schulstufen sind räumlich gleich strukturiert. Vier Klassenzimmer, fünf mit der zukünftigen Erweiterung, bilden eine Jahrgangsstufe ab. Zusammen mit einer Treppe, einem Gruppenraum und einer Toiletteneinheit wird dieser Verband über horizontale und vertikale Addition zu einem Ganzen, zur Schule als Ganzheit, summiert. Sämtliche Jahrgangsstufen sind über die Treppen direkt und auf kürzestem Weg an den der jeweiligen Schulstufe zugehörigen und angrenzenden Pausenhof angebunden. Die in ihrer Breite mäandrierende Erschliessungs- und Begegnungszone ist kein Fluchtweg und kann so für individuelles Lernen und selbständiges Arbeiten in Klein- und Differenzierungsgruppen genutzt werden. Im Erdgeschoss bietet dieser Bereich, im Anschluss an die Eingangshalle, vielfältige Ausstellungsmöglichkeiten in räumlich differenzierten Zonen.
Im Untergeschoss verbindet ein weiterer Aufenthaltsbereich die Schule mit dem Sport. Billard, Tischtennis, Tischfussball und ein Boxring ergänzen das Angebot. Die breite Palette an unterschiedlichsten Lern- und Lehrbereichen zeichnet für eine moderne und umfassende pädagogische Bildungslandschaft.