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Ach, das goldene Prag. 1985, 1992, 2004 und jetzt 2015. Die Eishockey-WM macht es möglich, ein Stück Weltgeschichte zu erleben. Und wer weiss, vielleicht endet es gar wie 1985.
Der französische Dichter André Breton soll Prag als «magische Hauptstadt Europas» bezeichnet haben. Nur ist dieses Zitat nicht korrekt. Er sagte in den 1930er Jahren, Prag sei die «magische Hauptstadt des alten Europa». Und auf eine ganz faszinierende Art und Weise scheint dieses Prag des alten Europas hinter dem Eisernen Vorhang überdauert zu haben. Denn Prag ist heute so anders als während der Hockey-Weltturniere von 1985, 1992 und 2004.
1985 scheint die Sowjetunion, die Besatzungsmacht in Prag, in jeder Beziehung unbesiegbar, übermächtig. Viermal hintereinander haben die Sowjets die WM gewonnen (1979, 1981, 1982, 1983) und die Mannschaft um den «Superblock» mit Igor Larionow, Sergej Makarow und Wladimir Krutow vorne und Slawa Fetisow und Alex Kasatanow hinten ist eine der besten, die eine WM je gesehen hat. Es ist zwar seit 15 Jahren die erste WM ohne Torhüter Wladislaw Tretjak. Aber das kümmert niemanden.
An der Sporthochschule Prag feilen die klügsten Köpfe unter der Leitung von Nationaltrainer Ludek Bukac an den taktischen Geheimplänen, um diese unbesiegbare rote Maschine zu stoppen. Es ist wie ein Feldzug. Als ob sich die Generäle über die Kartentische beugen und einen Feldzugsplan ausarbeiten würden.
Es geht darum, das «tödliche» Passspiel der Sowjets zu unterbrechen und durch schnelle Gegenstösse (Schlagen aus der Nachhand) die Entscheidung herbeizuführen. Und wie Bukac später einmal im kleinen Kreis erklärt, sei es immer klar gewesen, dass es nur möglich sein würde, die Russen in einem einzigen Spiel zu besiegen. Zwei Siege gegen den grossen Bandengeneral Wiktor Tichonow schienen unmöglich.
Und so verlieren die Tschechoslowaken in der Vorrunde 1:5. Sie sind völlig chancenlos. Die Russen feiern den Europameistertitel. Aber dann beginnt in der Finalrunde wieder alles von vorne. Das Wunder wird wahr. Der eine, der grosse, der heroische Sieg. Am 29. April 1985 besiegt die CSSR den himmelhohen Favoriten UdSSR 2:1.
Es ist eines der eindrücklichsten Spiele der WM-Geschichte. Es geht um viel mehr als um Eishockey. Es ist wie ein Kampf um die Freiheit, die Würde eines Volkes. Noch gibt es bei Spielunterbrüchen keine Musik. Das alte Stadion, das 2015 nur noch als Trainingshalle Verwendung finden wird, ist nicht so hell ausgeleuchtet wie heute die neue, moderne 02-Arena.
Hinter dem Tor sitzen die Offiziere der Roten Armee und des KGB in schwarzen Ledermänteln. Sie verkörpern Macht, Drohung, Einschüchterung, Angst. Niemand pfeift oder buht die Russen aus. Aber aus tiefster Seele wird jede Aktion der Tschechoslowaken bejubelt. Nach einem Drittel steht es 2:0. Im letzten Abschnitt verkürzt der Favorit auf 2:1. Diese Spannung, dieses Hoffen und Bangen – und dann dieser erlösende Jubel.
Nach dem Sieg wird die Hymne gespielt. Wahrscheinlich haben seither nie mehr Menschen bei einer Sportveranstaltung so tief bewegt eine Hymne mitgesungen. So viele haben Tränen in den Augen. Noch heute bekomme ich Hühnerhaut wenn ich an diese Hymne denke.
Erst der tschechische Teil mit dem melancholischen Klang:
«Wo ist mein Heim?
Mein Vaterland?
Wo durch Wiesen Bäche brausen,
Wo auf Felsen Wälder sausen,
Wo ein Eden uns entzückt,
Wenn der Lenz die Fluren schmückt:
Dieses Land, so schön vor allen,
Böhmen ist mein Heimatland.
Böhmen ist mein Heimatland»
Dann folgt der aufmüpfige, slowakische Teil:
«Über der Tatra blitzt es,
Donner schlagen wild.
Lasst sie aufhalten, Brüder,
sie werden sich ja verlieren,
Slowaken leben auf»
Und dann kehrt wieder Ruhe ein. Eine gespenstische Ruhe. Rund ums Stadion ist es so, als habe es dieses Spiel nicht gegeben. Die Polizeipräsenz ist bedrohlich. Die russischen Besatzer hatten wohl Ausschreitungen oder doch ein Freudenfest befürchtet.
Doch niemand wagt es, die Gefühle zu zeigen. Und niemand, niemand hätte sich vorstellen können, dass die Sowjetunion sechs Jahre später zusammenbrechen und die Russen abziehen würden – ohne dass ein Schuss fällt. Am 3. Mai wird im letzten Turnierspiel auch Kanada (mit Mario Lemieux) 3:1 besiegt und die CSSR ist Weltmeister. Die Gesamtzuschauerzahl: 411'000 (10'291 pro Spiel).
Doch niemand wagt es, die Gefühle zu zeigen. Und niemand, niemand hätte sich vorstellen können, dass die Sowjetunion sechs Jahre später zusammenbrechen und die Russen abziehen würden – ohne dass ein Schuss fällt. Am 3. Mai wird im letzten Turnierspiel auch Kanada (mit Mario Lemieux) 3:1 besiegt und die CSSR ist Weltmeister. Die Gesamtzuschauerzahl: 411 000 (10 291 pro Spiel).
Wie sehr dieser Titel ein Wunder ist, zeigt sich ein Jahr später. Die Tschechoslowaken verpassen nach Pleiten gegen Aufsteiger Polen (1:2) und die BRD (3:4) bei der WM in Moskau sensationell die Medaillenrunde und werden bloss WM-5. Weltmeister werden natürlich wieder die Sowjets.
1992 ist in Prag die sozialistische Schäbigkeit an vielen Gebäuden immer noch zu sehen. Optisch ist noch vieles so wie 1985. Aber eine fiebrige Euphorie, ja eine Goldgräberstimmung hat die Stadt erfasst. Wilder Kapitalismus ist ausgebrochen und zeigt sich unter anderem in geradezu abenteuerlichen Zimmerpreisen in den Hotels. Das Prag von 1992 ist nicht charmant und nicht golden und nicht romantisch. Die Eishockeybegeisterung hält sich im Rahmen. Zu vieles beschäftigt die Menschen. Nur 249'000 Menschen (6'404 pro Spiel) sehen diese WM.
Zum letzten Mal in der Geschichte tritt die Tschechoslowakische Mannschaft an und holt sich Platz drei durch ein 4:2 im Bronze-Spiel gegen die Schweiz. Am 1. Januar 1993 wird die CSSR aufgelöst und daraus werden zwei Staaten: Tschechien und die Slowakei.
2004 wird die WM im neuen Stadion, das heute O2 Arena heisst, ausgespielt. Das kapitalistische Fieber von 1992 ist abgeklungen, Prag wirkt schon weitgehend westlich. Aber es ist immer noch nicht das alte, das goldene Prag. Das Interesse ist gross. 552'000 Zuschauer, 9'439 pro Spiel. Neuer WM-Rekord. Gespielt wird in der neuen Arena. Aber die Begeisterung hält sich in engen Grenzen. Die Tschechen fliegen schon im Viertelfinale nach einem 1:2 n.V. gegen die USA aus dem Turnier.
Erst jetzt, im Mai 2015 ist es wieder das wunderbare Prag wie es wohl André Breton erlebt hat. Prag, das goldene Prag, hat seine Würde, seine Identität gefunden und ruht in sich selbst. Es ist nicht mehr sozialistisch. Aber auch nicht gewöhnlich westlich. Das kapitalistische Fieber ist längst ausgeschwitzt.
Hektik und Goldgräberstimmung sind einem beschaulichen Charme gewichen, der aus einer anderen Zeit zu stammen scheint – vielleicht aus dem alten Europa. Aus der Zeit der alten österreichisch-ungarischen Monarchie. Ein bisschen Wiener Schmäh, etwas Pariser Elégance, ein bisschen Schlitzohrigkeit des braven Soldaten Schwejk, eine Prise Schlendrian und charmante Korruption. Ach, das goldene, das wunderbare Prag.
Und eine Eishockeybegeisterung wie zuletzt 1985. Aber jetzt nicht mehr so schwerblütig-patriotisch. Sondern fröhlich, frei und ansteckend. Prag ist frei. Es wird die WM mit den meisten Zuschauern aller Zeiten, mehr als 700'000 werden es am Ende sein – und mehr als 10'000 pro Spiel. Auch dann, wenn am Ende nur der 4. Platz herausschauen sollte wie 1992.
Mit Jaromir Jagr haben die Tschechen ihren Helden. Er ist populärer als jeder einzelne Spieler der Weltmeistermannschaft von 1985. Dieser charismatische Nonkonformist scheint die wunderbaren Seiten des goldenen Prag zu personifizieren. Sein Spiel ist für die Menschen im Stadion wie Orgelmusik von Josef Seger, wie eine Sinphonie von Antonin Dvorak, wie ein Violinen-Stück von Franz Benda, wie eine Polka von Frantisek Kmoch, wie Marschmusik von Julius Fucik, wie Lyrik von Rainer Maria Rilke.
Dass er im Gedenken an den Prager Frühling von 1968 mit der Nummer 68 spielt, erhebt ihn über alle Hockeygrössen in den Adelsstand eines Volkshelden. Wenn er die Tschechen gar ins Finale führt, dann wird er der grösste tschechische Spieler aller Zeiten sein. Vor Welttorhüter Dominik Hasek, dem Helden des Olympiasieger-Teams von 1998 und Jaroslav Drobny, dem Eishockey-Weltmeister und Wimbledon-Sieger.