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Text: Frank Wieland
Bild: Westell, W. P. (1910, The book of the animal kingdom)
Wundersame Tierwelt
Die Insel Tasmanien liegt vor der Südküste Australiens. Als die Europäer zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten Siedlungen gründeten, begegneten ihnen wundersame Tiere, die sie aus der Fauna des australischen Festlands nicht kannten. Der heute vom Aussterben bedrohte Beutelteufel war darunter, aber auch der grösste Räuber der modernen Fauna Australiens – der Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus).
Weder Wolf noch Hund
Dem Aussehen nach würde man den Beutelwolf für einen Hund halten. Oberflächlich betrachtet zeigen Kopf und Körper starke Ähnlichkeiten mit Hunden. Aber wie alle ursprünglich auf dem Südkontinent lebenden Säugetiere zählte auch der Beutelwolf zu den Beuteltieren. Seine Jungen wurden früh geboren und entwickelten sich dann im Beutel am Bauch der Mutter weiter. Die maximale Körperlänge eines Beutelwolfs, von der Schnauzen- bis zur Schwanzspitze, lag bei etwa zwei Metern, der Durchschnitt lag aber wohl deutlich unter diesem Wert. Kennzeichnend für den Beutelwolf waren die dunklen Querstreifen über den hinteren Rücken. Ihretwegen wird er auch als Tasmanischer Tiger bezeichnet.
Letzte Zuflucht
Ursprünglich war der Beutelwolf auch auf dem australischen Festland verbreitet, wo er vermutlich bereits vor 2000 Jahren ausstarb. Einer der Gründe für das Aussterben des Beutelwolfs auf dem australischen Festland dürfte – nebst der Bejagung durch den Menschen – bei der zunehmenden Konkurrenz mit dem Dingo liegen. Der Dingo ist ein verwilderter Haushund, dessen Vorfahren von Menschen aus Südostasien eingeschleppt wurden. Er erreichte Australien wahrscheinlich vor etwa 4000 Jahren. Bis nach Tasmanien drang der Dingo hingegen nicht vor, daher wurde die Insel zum letzten Zufluchtsort für den Beutelwolf.
Kopfgeld
Wie der Dingo war der Beutelwolf ein Fleischfresser. Abgesehen vom Beutellöwen, mit dem der Mensch zu Beginn der Besiedlung Australiens vor etwa 50.000 Jahren vielleicht noch in Kontakt kam, war der Beutelwolf der grösste Räuber unter den Beuteltieren Australiens. Entsprechend häufig kam er ab dem 19. Jahrhundert mit den tasmanischen Siedlern in Konflikt, wenn er auf deren Farmen Lämmer und Hühner riss. Es dauerte nicht lange, bis die Regierung Belohnungen für getötete Beutelwölfe ausschrieb. Danach nahm die verbliebene Populationsgrösse des gestreiften Jägers auch in Tasmanien rapide ab.
Die letzten ihrer Art
Die Chronologie des Aussterbens ist für den Beutelwolf sehr gut belegt, da in den Australischen Medien häufig über ihn berichtet wurde und seitens der Regierung hohe Belohnungen für tote Exemplare gezahlt wurden. Der letzte freilebende Beutelwolf wurde am 13. Mai 1930 im Nordwesten Tasmaniens geschossen, als er sich auf einen Hof in Mawbanna vorwagte, um Hühner zu jagen. Einen Monat zuvor, am 8. April 1930, dämmerte der Regierung endlich das bevorstehende Aussterben des gestreiften Räubers, und sie stellte ihn saisonal unter Schutz. Erst ab Juli 1936 wurde die Art jedoch gesetzlich geschützt und durfte nicht mehr gejagt werden. Zwei Monate später, am 7. September 1936 starb der letzte bekannte Beutelwolf im Zoo von Hobart Town auf Tasmanien. Seitdem wurde kein lebendes Exemplar mehr gefunden.
Vergangenheit und Zukunft
Der Beutelwolf ist eines der wenigen ausgestorbenen Tiere, von denen Filmmaterial überliefert ist. Der Anblick eines lebenden Beutelwolfes ist bewegend. Derzeit laufen Bestrebungen mehrerer molekularbologischer Labore, die Art durch Klonen wieder aus dem Reich der Toten auferstehen zu lassen. Im Jahr 2008 gelang es einem Forscherteam in Melbourne, Gene des Beutelwolfs aus einem in Alkohol konservierten Jungtier zu extrahieren. Die Gene wurden in das Erbgut von Mäusen eingebaut und nahmen dort ihre Arbeit auf. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Rückkehr des getigerten Räubers?