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Kein Medikament wird so häufig und so unkritisch über Jahre hinweg eingenommen wie Cholesterinsenker. Dabei brauchen viele diese Präparate nicht wirklich.
Haben Sie sich auch schon gefragt, wieso Millionen von Menschen über Jahre hinweg, meist sogar widerwillig, Cholesterinsenker schlucken? Weltweit gehören die Lipidoder eben Cholesterinsenker zu den meistverkauften Medikamenten. Das ist beachtlich, denn der behauptete Zusammenhang zwischen einem hohen Cholesterinwert und einem erhöhten Herzinfarktrisiko ist nicht bewiesen. Jede zweite Person, die einen Herzinfarkt erleidet, hat auf jeden Fall einen ganz normalen Cholesterinwert.
Doch vielen Patienten fehlen die nötigen Argumente, um sich dem Arzt gegenüber der Einnahme von Lipid- und Cholesterinsenkern zu entziehen. Vielleicht haben sie auch Angst vor einer Herzkrankheit und einem erhöhten Sterberisiko – oder auch nur davor, die gewohnte Ernährung zu hinterfragen oder gar umzustellen.
Der angebliche Zusammenhang zwischen den Blutfettwerten und dem Sterberisiko sowie der Einfluss der Ernährung auf die Blutfettwerte basieren auf Studien, die sehr umstritten sind. Um dem auf den Grund zu gehen, muss ich einen Zeitsprung von rund hundert Jahren machen. 1908 verfütterte der russische Mediziner Alexander Ignatowski seinen Kaninchen reines Cholesterol – und stellte fest, dass ihre Gefässe verkalkten. So legte er den Grundstein für die Stoffwechselforschung. Was allerdings nicht an die Öffentlichkeit gelangte, war die Tatsache, dass nur die Gefässwände von Pflanzenfressern verkalkten, nicht aber jene von Allesfressern wie zum Beispiel Ratten. Auch die damals verwendete Cholesterolmenge kann man kaum auf den Menschen übertragen – da müsste ein Erwachsener schon um die hundert Eier pro Tag essen, um auf eine vergleichbare Menge zu kommen.
Kein einheitlicher Wert. Stellt der Arzt im Blutbild einen erhöhten Blutfettwert fest, wird dieser zunächst in drei Gruppen unterteilt: das «gute» HDL-Cholesterol, das «böse» LDL-Cholesterol und der Gesamtfettwert. 1950 hat man festgestellt, dass das LDL-Cholesterol keine einheitliche Substanz ist; man geht seither von bis zu sieben verschiedenen Substanzen oder «Fraktionen» aus. Eine dieser LDLFraktionen besteht aus dichten, kleinen Partikeln, die tatsächlich mit einem höheren Herzinfarktrisiko einhergehen, da sie zusammen mit anderen Substanzen im Blut die Blutgefässe verengen können. Alle anderen LDL-Cholesterol-Substanzen haben keinen Einfluss auf das Herz.
Interessant ist, dass die gefährlichen, kleinen LDL-Cholesterol-Partikel ganz anders agieren, als sie sich aus Sicht der Ernährungswissenschaften verhalten sollten. So haben die gesättigten Fettsäuren – wie sie in Fleisch oder tierischen Fetten vorkommen und im Zusammenhang mit Cholesterin geradezu verteufelt werden – einen positiven Einfluss auf die kleinen Partikel. In Untersuchungen hat man festgestellt, dass ein höherer Anteil an gesättigten Fettsäuren in der Nahrung, zu einem kleineren Gehalt der dichten LDL-Cholesterol-Fraktionen führt. Mit einem hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren in der Nahrung erhöht sich lediglich der Gehalt an neutralem LDL-Cholesterin, das sich offenbar nicht an den Gefässwänden festsetzt. Erhöht sich hingegen der Anteil an Kohlenhydraten in der Ernährung, erhöht sich auch die Menge an dichten, kleinen LDL-Cholesterin- Partikeln. Demnach sind Brot, Teigwaren und Co. für das Herz belastender als tierische Fette.
Die Summe aller Einzelteile. Es ist nur allzu menschlich, dass die Aussicht auf eine Herzerkrankung Angst auslöst und man lieber eine Pille schluckt, als ein Risiko einzugehen. Doch unser Leben und unser Gesundheitszustand folgen nicht einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip – erst das Zusammenspiel verschiedener Faktoren führt zu einem Gesundheitsproblem. Mit dem Herz ist es genauso: Cholesterin allein führt nicht zum Herzinfarkt. Es sind vielmehr der zu grosse Bauchumfang, zu wenig körperliche Bewegung, emotionale Faktoren wie die Einstellung zum Leben, Vereinsamung, Schuldgefühle, Stress und negative Gefühle, die in der Summe Herzerkrankungen hervorrufen können.
An Heiligabend und Weihnachten steigen die Herzinfarktfälle markant an, wie Statistiken von Krankenkassen zeigen. Grund dafür ist wohl kaum das Fondue Chinoise oder das Filet im Teig. Viel eher ist es der Stress, der krank macht: Geschenke einkaufen, der Erwartungsdruck, die vielen Termine, die unter einen Hut gebracht werden müssen, es allen recht machen wollen, all die Geschäftsessen und Einladungen. Und nach dem ganzen Gehetze muss man an Heiligabend den Schalter umdrehen und friedlich mit der Familie um den Christbaum sitzen. Nicht streiten. Brisante Themen grossräumig umschiffen. Nett sein zueinander. Das kann anstrengend sein, auch für das Herz.
Husch husch Pillen schlucken, um das Sterberisiko zu verringern, kann nicht die Lösung sein. Stattdessen sollten wir lernen, Ja zu uns selber und Nein zu äusseren Zwängen zu sagen. Denn was haben wir davon, wenn wir mit Cholesterinsenkern möglicherweise ein paar Jahre länger leben, diese Zeit jedoch damit verbringen, es weiterhin immer allen recht zu machen? Hand aufs Herz, da lasse ich das Tablettenschlucken lieber bleiben und gönne mir stattdessen in der vielleicht (aber eben nur vielleicht) etwas kürzeren Lebensspanne mehr Stille. Und immer mal wieder ein Wochenende, das ich ganz alleine nach Lust und Laune für mich selbst gestalten kann.
Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.
Fotos: istockphoto.com, Alex Spichale