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Der Werkzeugkoffer
Vor einigen Wochen gab es auf der Internationalen Raumstation ISS eine Panne. Einer Astronautin passierte ein Missgeschick, das zum Glück ohne Folgen blieb – zumindest ohne Folgen für die Menschen. Aus dem Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt.
«Ich bin nur ein Werkzeugkoffer. Eine Spezialanfertigung, zugegeben. Ich war ziemlich teuer. Und die Werkzeuge, die sich in mir befinden, sind auch sehr speziell – so speziell wie der Einsatzort, für den ich hergestellt wurde. Kein anderer Werkzeugkoffer der Welt erlebt, was ich erlebte. Der Mensch, der mich gebraucht hat, war kein Elektriker und kein Schreiner. Es war eine Raumfahrerin, und sie nahm mich mit in den Weltraum.
Über die Reise zur Raumstation kann ich wenig berichten. Man verstaute mich in einem speziell für mich gemachten Behälter, wo ich den ganzen Flug über blieb. Irgendwann holte mich dann die Astronautin heraus, befestigte mich an ihrem Raumanzug und stieg mit mir durch eine Luke – ins Weltall.
Mir stockte der Atem – wenn ich das so sagen darf. Erst im Nachhinein überlegte ich mir, dass auch ein Dachdecker, der mit seiner Werkzeugtasche durch ein Dachfenster steigt, in den Weltraum gelangt. Das All ist immer dasselbe All, nur die Sichtweise ist eine andere. Gross und hell und wunderbar blau sah ich die von der Sonne bestrahlte Erde vor mir. Ich konnte die Meere und Kontinente erkennen, und ich stellte mir vor, wie viele Werkzeugkoffer da unten sind, und wie wenig sie von der Grösse der Erde wissen.
Ich hatte immer geglaubt, das Weltall bedeute ewige Nacht. Doch es herrschte ein seltsames, von der Erde zurückgeworfenes Licht. Das Licht war so hell, dass die Sterne verblassten. Doch die Sonne lächelte nicht ihr warmes, goldenes Lächeln wie auf der Erde. Sie war weiss, und das weisse Licht ist ein kaltes Licht. Ich war froh, bei meiner Astronautin zu sein.
Sie brauchte mich, um das Sonnensegel zu reparieren, das die Raumstation mit Sonnenenergie speist. Dabei gelangte aus Versehen etwas Schmierfett an ihre Handschuhe. Als sie die Handschuhe säubern wollte, geschah es. Ich rutschte ihr aus der Hand und entglitt ihr, und sie griff vergeblich nach mir.
Plötzlich wirkten Kräfte auf mich, die mich unaufhaltsam von ihr wegzogen. Ich schwebte davon. Die Raumfahrerin schaute mir verdutzt nach und ärgerte sich wahrscheinlich. Doch in mir – wenn ich das so formulieren darf – tobten andere Emotionen. Dem ersten Schreck folgte Panik, und der Panik folgte Verzweiflung. Ich entfernte mich mit grosser Geschwindigkeit von der Raumstation, und ich wusste, dass ich verloren war. Ungebremst sauste ich durch das Weltall.
Unter mir lag die Erde, doch ihr Anblick konnte mich nicht mehr erfreuen. So nahe sie schien, so unerreichbar war sie geworden. Ohnmächtig musste ich zusehen, wie ich an ihr vorbeiflog. Im Schatten der Sonne wurde es Nacht, und auf der Erde gingen die Lichter an. Als die Raumstation – für mich völlig unerwartet – aus der Gegenrichtung erschien, wusste ich, dass ich die Erde umrundet hatte. Die Raumfähre glitt majestätisch an mir vorbei, und ich fragte mich, ob die Raumfahrerin mich vermisste. Sie vermisste mich sicher nicht. Ich war nur ein Werkzeugkoffer und bestimmt nicht der einzige auf der Station. Auch die Gefahr einer Kollision war nicht zu befürchten. Meine Umlaufbahn war bereits eine andere.
Immer wieder, während der ganzen Nacht, zirkulierte ich um die Erde. Für eine Umrundung brauchte ich weniger als zwei Stunden – so klein war der Erdball auf einmal. Aber die Zeit kam mir ewig vor, je länger ich den Planeten umflog. Ich zog meine Bahn durch die Dunkelheit, bis der Morgen dämmerte. Gab es je einen Werkzeugkoffer, der einsamer war? Ich blickte aus meiner Verlassenheit hinab auf meine irdische Heimat und beneidete all die Werkzeugkoffer da unten, die nicht wussten, wie glücklich sie sind. Ich habe die Welt von oben gesehen, doch das Geschenk, dies erleben zu dürfen, ist mein Verhängnis. Gefangen in meiner Bahn fliege ich durch die Unendlichkeit. Dass ich eines Tages verglühen werde, ist mein einziger Trost.»
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