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Wenn die Sonne in den Abendstunden an Ramadan sinkt, beleben sich die Strassen und Gassen in Istanbul mit Flaneuren. Nach den langen Tagesstunden zieht es sie zum Essen und anschliessend in die Cafés zu etwas Zeitvertreib. Vielleicht beim klassischen Schattentheateraufführungen, dem Karagöz. Das klassische Schattentheater ist auf dem gesamten ehemaligen Staatsgebiet des Osmanischen Reiches verbreitet. In der Türkei heisst es Karagöz nach einem der beiden Hauptcharaktere und bedeutet so viel wie schwarzes Auge. Die zweite Hauptrolle gehört Hacivat. Das Puppenspiel entstand wohl nach der Gründung der osmanischen Dynastie und unterhielt, kommentierte und kritisierte, bis in den letzten Jahren der Fernseher den traditionellen Bildschirm an sein Ende gebracht hat. Traditionell wird es an Ramadan und bei Beschneidungsfesten gegeben. Heute gibt es in der Türkei nur noch eine Handvoll Hayalî, Schattenspieler, die mit ihren Händen und ihrer Stimme ihren selbst gebauten Figuren Leben einhauchen.
Comedia der Puppen
Die eigentliche Handlung ist in 30 mehr oder weniger festen Geschichten um die Figuren Karagöz und Hacivat festgehalten oder wird vom Hayalî improvisiert. Eine Aufführung beginnt mit dem Ghazel, einem mystischen Stück, auf das ein Dialog, der Muhavere, folgt. Anschliessend kommt die Fasil genannte Haupthandlung, die in einem kurzen Epilog endet. Unverzichtbarer Teil des Karagöz ist die begleitende Musik. Heute kommt sie meist aus einer Musikanlage. Früher begleiteten Musiker den Hayalî mit ihren Instrumenten. Die verschiedenen Teile des Stücks sind voneinander unabhängig. Die Haupthandlung ist bei jedem Stück locker gestrickt, doch wie in der italienischen Comedia dell`Arte sind die Figuren feste Typen. Der unbestrittene Held ist Karagöz, ein einfacher und ungebildeter Charakter voller Witz. Er wird von Hacivat, der etwas gebildeter ist, zu allerlei Unternehmungen angestiftet. Karagöz` mangelnde Bildung führt zu Missverständnissen und den daraus folgenden Chaos. Hacivats Pläne, durch Karagöz zu seinen Zielen und Wohlstand zu kommen, scheitern am Ende. Neben den Hauptfiguren treten je nach Stück verschiedene andere Typen auf. Der Istanbuler Çelebi beispielsweise ist je nach Spieler ein reicher Herr, manchmal Erbschleicher oder Schürzenjäger und dabei höflich, aber ängstlich. Alle Figuren sind Typen, mit festen Grundeigenschaften und werden von dem Puppenspieler gesprochen.
Abends sitzen Kinder und Erwachsene vor der Leinwand aus Baumwolle, auf der sich die Schatten abzeichnen. Dahinter bewegt der Hayalî die Figuren. Sie werden nicht durch Fäden bewegt, sondern mithilfe von Holzstäben, die senkrecht von den Puppen abstehen.So werfen sie keinen störenden Schatten auf die Leinwand. Das Licht stammt von einer Öllampe, deren gelber Schein einen bewegten Hintergrund erzeugt. Die Figuren macht der Puppenspieler selbst aus Kamelleder und verziert sie mit selbst angerührten Farben. Die normalen Figuren sind zwischen 25 und 35??cm gross, einzig der riesenhafte Baba Himmet überragt die anderen Personen der Schattenspiele. Und hinter allem steht nur der Hayalî??– der Einzige, der diese Kunst bewahren kann.