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Auf Johannes Liechtenauer berufen sich die Fechtmeister in der zweiten Hälfte des 15. Jh.; Paulus Kal listet (um 1470) eine “Gesellschaft Liechtenauers”, d.h. eine Reihe von Fechtmeistern aus der ersten Hälfte des 15. Jh., die ihrerseits Schüler (Gesellen) Liechtenauers gewesen sein sollen. Aus dieser Gesellschaft scheinen die Marxbrüder zu erwachsen (sicher in den 1470ern, möglicherweise bereits in den 1450ern).
Die früheste Nennung Liechtenauers haben wir in GNM 3227a. Diese Handschrift wird gerne auf “etwa 1389″ datiert (geht zurück auf Kurras 1980), realistischer wäre sicher “etwa 1400″ (gemeint: irgendwann zwischen 1390 und 1410, möglicherweise auch 1420). Es ist damit nicht sicher, ob diese Handschrift älter oder jünger sei als Fiores Flos Duellatorum (1404). Die Hs. 3227a stellt Liechtenauer bereits als Ausnahmetalent dar; die wenigen anderen Quellen aus dem frühen 15. Jh. die wir haben, scheinen aber noch von ihm unabhängig zu sein (die “Gladiatoria” Hss. zeigen v.a. Harnischfechten; das Titelbild aus Wallerstein III (um 1420?) scheint bereits von Fiore beeinflusst zu sein. Die zweite Nennung Liechtenauers ist wohl erst Codex Danzig (1452).
Kal nennt neben Liechtenauer selbst sechzehn Meister aus dessen Gesellschaft, darunter seinen eigenen Lehrer, Hans Stettner. Alle diese Meister scheinen in der ersten Hälfte des 15. Jh. oder bis um die 1450er Jahre aktiv gewesen zu sein; die frühe Nennung Liechtenauers um 1400 macht es wahrscheinlich, dass nicht alle genannten Meister direkte Schüler Liechtenauers sind, sondern teilweise bereits die zweite Schülergeneration darstellen. Kal wäre somit ein Vertreter der dritten Generation der “Gesellschaft”. Das Argument, die Abwesenheit einer Formel “Gott sei ihm gnädig” o.ä. in 3227a deute darauf hin, dass Liechtenauer zur Zeit der Niederschrift noch gelebt habe halte ich für schwach (es handelt sich um ein Notizbuch für den Eigengebrauch des Schreibers und nicht um eine formale Würdigung des Meisters). Das Gesamtbild, das sich ergibt, macht es aber plausibel, dass Liechtenauer um die Entstehungszeit von 3227a noch aktiv gewesen sein, oder doch zumindest noch gelebt haben könnte; grössenordnungsmässig wäre er um 1340 oder 1350 geboren und wäre vielleicht in den 1370ern bis 1400ern als Meister aktiv gewesen und könnte sogar um 1420 noch gelebt haben (dann aber als Greis). Diese Daten stellten ihn in die Ursprungszeit des Blossfechtens im langen Schwert, und sein überragendes Prestige in den 1470ern würde schon darauf hindeuten, dass er eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielte.
Nun macht eine Geburt um 1350 Liechtenauer etwa gleich alt wie Fiore dei Liberi. Fiores Fechtbuch ist neben der Hs. 3227a eines der ältesten Zeugnisse für Blossfechten überhaupt. Die Frage stellt sich natürlicherweise, ob Fiore von Liechtenauer beeinflusst wurde, oder ob allenfalls beide von denselben Meistern lernten. Fiores Wanderjahre dürften in die 1370er fallen; in den frühen 1380ern war er an Feldzügen in Norditalien beteiligt, aber nach 1384 scheint er wieder unterwegs gewesen zu sein, wahrscheinlich aber bereits als Meister und nicht mehr als Schüler. Von Liechtenauers Biographie wissen wir nichts. In der Einleitung zur Fechtlehre in 3227a steht nur:
vor allen dingen und sachen saltu merken und wissen, das nur eyne kunst ist des swertes, und dy mag vor manchen hundert Jaren seyn funden und irdocht, und dy ist eyn grunt vnd kern aller künsten des fechtens, und dy hat meister lichtnawer gancz vertik und gerecht gehabt vnd gekunst. Nicht das her sy selber habe funden und irdocht, als vor ist geschreben, Sonder her hat manche lant durchfaren und gesucht durch der selben rechtvertigen und warhaftigen kunst wille, das her dy io irvaren und wissen welde. Also etwa “es gibt nur eine wahre Fechtkunst, und Liechtenauer hat sie wohl perfekt beherrscht, aber nicht etwa erfunden; er aber hat viele Länder bereist, um die wahre Kunst zu lernen.” Weiter unten lesen wir: Wer do mit dem langen messer wil fechten lernen – wen aus dem langen messer ist das swert genomen und funden – der sal von ersten merken und wissen das daz fundament vnd dy principia dy do gehoren czum swerte dy gehoren auch czum messer.
Es ergibt sich daraus für mich folgendes Bild: Das lange Schwert entwickelt sich als militärische Waffe in der ersten Hälfte des 14. Jh. (Beginn des Hundertjährigen Kriegs); es wird zunächst in Rüstung eingesetzt, auf dem Schlachtfeld zu Fuss oder zu Pferd, und wohl bald auch im gerüsteten Zweikampf. Daneben gibt es in Deutschland eine Fechttradition mit dem langen Messer, eine “bäurische” oder soldatische Waffe, die nicht von Adligen geführt wird. Im späteren 14. Jh., also etwa in den 1370er Jahren, wird das prestigiöse, “adlige” lange Schwert für bürgerliche Fechter zugänglich, und es entsteht erstmals ein System, die das zweihändig geführte Schwert “wie ein Messer”, nämlich im Blossfechten einsetzt. Dieses Fechtsystem war eine Innovation: Es wird eine adlige, militärische Waffe verwendet in typisch bürgerlichem, “privatem” Fechten. Nachweisbar ist diese Innovation vor Fiore und Liechtenauer kaum (es sind mir keine blidlichen Darstellungen von diesem Fechtstil vor 1400 bekannt) und es ist völlig plausibel, dass diese Innovation von einer Person oder einer kleinen Gruppe von “bürgerlichen” Fechtern ausging, die um 1370 aktiv waren. Sowohl Liechtenauer also auch Fiore scheinen sich in ihrer Jugend bzw. in ihren “Wanderjahren” in diesem Milieu bewegt zu haben und beide unterrichteten offenbar in den 1390er Jahren Blossfechten mit dem langen Schwert und hinterlassen ihre Spuren in den Fechtbüchern ab 1400.
Fiore betont, er habe von vielen Meistern in Italien und Deutschland gelernt, nennt aber nur einen einzigen mit Namen, einen Johannes Suvenus von dem er am allermeisten gelernt habe. Auffällig ist, dass er noch den Namen des Meisters dieses Johannes nennt, ein Nicholas de Toblem, Mexinensis diocesis.
sum adeptus expertorum magistrorum exemplis multifariis et doctrina ytalicorum ac alamanorum et maxime a magistro johane dicto suueno, qui fuit scholaris magistri Nicholai de toblem mexinensis diocesis
Angesichts des Verzichts, jegliche andere Meister namentlich zu erwähnen scheint dies die Wichtigkeit des Beitrags dieses einen Meisters umso mehr zu betonen. Die Übereinstimmung des Namens Johannes besagt natürlich nichts; Suvenus kann geradesogut einer der Meister Liechtenauers gewesen sein als Liechtenauer selbst, zumal Fiore die für Liechtenauer Schule kennzeichnende “fünf Häue” nicht erwähnt. Dennoch macht die Betonung der Wichtigkeit dieses Johannes bei Fiore und die überragende Wichtigkeit Liechtenauers in der deutschen Tradition die Annahme verlockend, es handle sich dabei um ein und dieselbe Person. Matt Galas sagt von sich selber, er habe diese Meinung lange vertreten, und mir schien sie auch immer sehr verlockend. Die Möglichkeit, Suvenus mit Liechtenauer zu verbinden steht und fällt mit der Interpretation der Ortsnamen Suvenus, de Toblem und Mexinensis. Letzters wurde verschiedentlich gedeutet als Metz, Meissen und Messina (in Sizilien!). Einen Ort Suveno fand Galas in einer obskuren Quelle (in Ligurien; von Galas irrtümlich bei Bergamo lokalisiert, d.i. aber wohl ein einfacher Druckfehler für Suvero; eine Identifikation von Fiores Suvenus mit diesem Flurnamen ist mmn. ausgeschlossen). Aber Suvenus wurde auch gedeutet als Suevus, i.e. “der Schwabe” (so Galas noch 2007: “Johane dicto Suveno was pretty clearly a German (suveno = Swabian). For medieval Italians, the term ‘Swabian’ and ‘German’ were pretty much interchangeable.”)
Beweisen lässt sich hier nichts; es ergibt sich aber mmn. das stimmigste Bild, wenn man die Entstehung des Blossfechtens mit dem langen Schwert um 1370 in Ostmitteldeutschland ansiedelt; wahlweise mit Liechtenauer als Meister Fiores (Geburt Liechtenauers um 1340) oder als Fechter derselben Generation (Geburt um 1350). Der Dialekt von 3227a ist ostmitteldeutsch; die Herkunftsorte der sechzehn Mitglieder der Gesellschaft Liechtenauers bei Kal sind weit gestreut zwischen Bayern und Polen, es fehlen aber Orte aus dem Westen Deutschlands (ausser Ringeck?); die Namen bei Fiore, Suvenus, de Toblem und Mexinensis sind alle schwer identifizierbar, aber in Kombination sprechen auch sie für eine Identifikation “Johannes der Schwabe, Schüler eines Niklaus von Döbeln im Bistum Meissen” (Döbeln liegt tatsächlich im Bistum Meissen; diese Übereinstimmung zusammen mit den anderen “ostdeutschen” Indikatoren macht Meissen in meiner Ansicht zur wahrscheinlicheren Lesung als Metz, geschweige denn Messina). Dazu kommt noch Cod. 5278, von ca. 1430 mit einer Besitzinschrift Liber magistri nicolay de eywenstock. (wohl Eibenstock im Erzgebirge, etwa 60 km westsüdwestlich von Döbeln/Meissen). In letzter Zeit scheint sich die “Meissener” Interpretation wieder grösserer Beliebtheit zu erfreuen (dies nach einer “Messina”-Phase), so jedenfalls Gregory Melee 2014 (dessen Aussage “we do know of a Master Nicholas from the region!” allerdings etwas überstürzt ist; der Niklaus von Eibenstock war der Besitzer der Handschrift, v.a. eine Bellifortis-Kopie, und magister kann ein akademischer Titel sein oder einfach “Lehrer” bedeuten und muss nicht auf einen Fechtmeister weisen; ebenso ist eine Identität mit “Niklaus von Döbeln” ausgeschlossen, der war immerhin der Meister des Meisters von Fiore und müsste spätestens um 1320 geboren sein; was bliebt, ist der “Meissener” bzw. ostmitteldeutsche geographische Bezug der Tradition von Fiore und Liechtenauer um 1400).
Sollte Johannes Suvenus trotz allem “Johannes der Schwabe” gewesen sein, der um 1370 im Bistum Meissen bzw. in Sachsen/Thüringen aktiv gewesen wäre, bleibt die Identifikation mit Liechtenauer verlockend. Ein etwas ungenauer geographischer Beiname “der Schwabe” ist aus italienischer Sicht sicher verständlich, kann aber keineswegs einfach “der Deutsche” heissen, denn Fiore nennt die Deutschen Todeschi, und ist sehr wohl gewillt, ihre Herkunftsnamen genauer zu zitieren; es wäre eher glaubwürdig, dass der fragliche Johannes in Sachsen, also im Umfeld seines Döblener Meisters, als “der Schwabe” bekannt war, was auf eine tatsächliche Herkunft aus Schwaben deutete. Hier ergäbe sich eine weitere Stimmigkeit: Die Verschiebung des geographischen Fokus der Liechtenauerschen Tradition in den schwäbischen/fränkischen Raum im mittleren 15. Jh. würde verständlich wenn man annimmt, dass Liechtenauer in seinem Heimatgebiet als Meister gewirkt hat. Von den zahlreichen Orten “Lichtenau” in Deutschland bliebe eine eingeschränkte Auswahl, Lichtenau in Baden und Lichtenau in Mittelfranken. (das Herzogtum Schwaben hörte schon um 1300 auf zu existieren, aber “Schwaben” als Begriff für eine Region blieb natürlich in Gebrauch, und aus sächsischer bzw. Meissener Sicht konnte wohl auch um 1400 jeder aus dem Gebiet des späteren Schwäbischen Reichskreises als “Schwabe” gelten).
DAB 2014