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Beim Phänomen Naturkatastrophe treffen Natur und Mensch aufeinander, denn erst wenn sich ein Naturereignis in einem gesellschaftlich genutzten Raum abspielt, ergibt sich daraus eine Katastrophe. Dabei sind die Wahrnehmung des Ereignisses durch die Betroffenen und seine Wertung als Katastrophe ausschlaggebend.
Im 18. und 19. Jahrhundert häuften sich Naturereignisse mit teils verheerenden Auswirkungen auf Menschen und ihr Hab und Gut. Aber auch im 20. Jahrhundert wurde der Alpenraum mehrmals von Naturkatastrophen heimgesucht.
Der Bergsturz von Goldau vom 2. September 1806 war eine Naturkatastrophe von gewaltigem Ausmass
Der Bergsturz dauerte lediglich ein paar Minuten. Dabei lösten sich rund 30–40 Millionen qm Gestein. Die abgleitende Felsmasse war etwa 1700–2000 m lang, mehrere hundert Meter breit und maximal bis zu 80 m dick. Das Ablagerungsgebiet im Talgrund machte davon etwa 4 km2 aus.
Die stürzende Gesteinsmasse verhielt sich ähnlich wie beim Ausschütten eines Zementsackes und teilte sich im unteren Sturzgebiet in 4 Ströme. Bilanz der Katastrophe waren rund 500 Tote. Die Siedlungen Goldau, Röthen und Teile von Buosingen wurden unter einer 10–50 m mächtigen Schuttschicht begraben. Die Westgrenze des Lauerzersees wurde verschoben, zudem gab es eine Flutwelle die mehrere Opfer forderte. Am Gegenhang an der Rigi-Nordflanke schlugen die Trümmer bis auf knapp 600 m ü. M. hinauf.
An der Abrisswand des Goldauer Bergsturzes lässt sich eine auffallende Bänderung und Schichtung der Gesteine beobachten. Dicke, bis 30 Meter hohe, schwer verwitterbare Nagelfluhschichten wechseln mit wenige Meter dicken und leichter verwitterbaren Sandstein- und Mergellagen ab. Schaut man sich die Nagelfluh aus nächster Nähe an, sehen wir, dass sie sich aus vielen runden Bachsteinen zusammensetzt. Dies gibt uns den entscheidenden Hinweis auf ihre Entstehung.
Diese Gesteine wurden vor 25 Mio. Jahren als Geschiebe aus den im Aufbau begriffenen Alpen auf einem flachen Schuttfächer abgelagert und später verfestigt. Dabei entstand aus grobem Bachgeröll und Kiesfrachten die Nagelfluh. Sande verfestigten sich zu Sandstein und aus feinem Schlamm wurde Mergel. In diesen Geschiebelagen wurden auch jene pflanzlichen und tierischen Reste und Spuren eingelagert, die wir heute als Fossilien wiederfinden können.
Aus heutiger Perspektive betrachtet kam der Goldauer Bergsturz weder unerwartet noch aus heiterem Himmel. Wie Albert Heim in seinem sehr aufschlussreichen und heute noch lesenswerten Werk «Bergsturz und Menschenleben» schildert, waren schon 30 Jahre vor dem Niedergang einzelne Bewohner des Gebietes überzeugt, dass vom Rossberg eine grosse Gefahr ausging. Konkrete Vorzeichen für eine sich anbahnende Katastrophe mehrten sich in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Hirten und Holzhauer beobachteten damals am Rossberghang tiefe Risse im Boden, die mit Wasser gefüllt waren und sich von Tag zu Tag erweiterten. Wiederholt war aus dem Wald ein Knallen zu hören. Dieses Geräusch entstand dadurch, dass über Spalten gespannte Wurzeln zerrissen. Dramatisch wurde dann die Lage am 2. September 1806. Nach einer langen Regenperiode lösten sich bereits während des Tages Felsblöcke und rollten den Hang hinunter. In den Wäldern krachte es andauernd und vereinzelt erhoben sich Staubwolken aus dem Gelände bis schliesslich gegen 17 Uhr der ganze Hang ins Rutschen geriet und niederging.
v.l.n.r.: Neben dem Aufbau der Gesteine liegt ein weiterer Schlüssel zur Entstehung des Bergsturzes bei den Eiszeiten. Ein Seitenarm des Reuss-Gletschers hatte das Tal ausgeweitet und dabei die unteren Teile der schräg gestellten Gesteinsschichten abgetragen. Die höher gelegenen Schichten blieben so ohne stützenden Fuss stehen. / Ohne das Widerlager der unteren Schichten wurden die oberen Felspartien nur noch durch Reibung am Hang gehalten. / Im Laufe der Jahre bildeten sich in den Gesteinen Klüfte, durch die Wasser in die darunter liegenden Mergelschichten eindringen konnte und den Mergel allmählich aufzuweichen begann.Nach einiger Zeit wurde die Mergelschicht derart weich, dass sie wie eine Rutschbahn für die darüber liegenden Gesteinsschichten war. Schliesslich rutschen in einer regenreichen Periode die Felsmassen ab und stürzen als Bergsturz ins Tal.