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Vielleicht können Sie sich erinnern, ich hab Ihnen hier mal von jenem streunenden Musiker erzählt, Chris Whitley, der einsam und verzweifelt nach hier und dort unterwegs war, ohne je Halt zu finden. Ein Getriebener, der sich mit Drogen immer wieder betäubt, wieder angespornt und schliesslich zugrunde gerichtet hat. Ich habe Ihnen von meiner Begegnung mit ihm erzählt, wie hellwach und zugleich tieftraurig er wirkte, wie er sich nervös eine neue Zigarette ansteckte, derweil zwei, die er eben erst angezündet hatte, noch am Aschenbecher glimmten. Chris Whitley sang traumhaft schöne Lieder und war doch ein so verlorener Mensch, dass ich ihn fragte, wo er denn zu Hause sei, weil er zwischen Texas, Belgien, New York und Dresden hin und her hastete. Für Sekunden hellte sich seine Miene auf, und er sagte: «Home is where my daughter is.»
Nur bei seiner Tochter hat er sich je daheim gefühlt. Trixie ihr Name. Sie lebte bei der Mutter in Gent, war aber oft mit ihm auf Tour, besuchte ihn in Brooklyn, tauchte gar in seinen Musik-Clips auf. Und ich wünschte mir, als er gestorben war, ich könnte ihr sagen, wo der Vater sich zu Hause gefühlt habe. Jahre später traf ich sie tatsächlich: Trixie Whitley, selber Musikerin, blutjung und hochbegabt, und als ich es ihr erzählte, sagte sie eine Weile gar nichts mehr, setzte zum Sprechen an: «Oh, wow, this is so …», verstummte wieder, weinte einfach nur. Und nach Minuten, als sie sich gefasst hatte, sagte sie: «Schmerzhaft, das zu hören. Aber es zeigt, wie stark unsere Verbindung war.»
Dieses Kräuseln in der Nase …
Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich habe Ihnen vieles verschwiegen in den letzten Jahren, ich gebe es zu. Wir haben geheiratet – die Kinder waren schon etwas grösser –, wir kraxelten im Yosemite-Nationalpark auf einen Berg, wir fuhren nach Ostia an den Strand und grölten zum offenen Autofenster raus «… wenn ich König von Deutschland wär …», und es waren Augenblicke, die ich für uns behalten wollte.
Ich habe Ihnen Tränen und Glücksmomente unterschlagen, weil sie nicht an die Öffentlichkeit gehören, und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse. Denn Sie kennen das Gefühl. Ein Kräuseln in der Nase, die Augenbrauen ziehen sich einem zusammen, ein Schauder läuft durch Nacken und Schultern, erfasst den ganzen Körper, schliesslich werden die Augen wässrig – aus Rührung über die eigenen Kinder. Ich habe es Ihnen nie erzählt, wenn ich dieses Kräuseln verspürte. Wenn Hans mit seinem Akkordeon zu einem Konzert aufspielte; wenn ich das Geschenk auspackte, das die Kinder uns heimlich zu Weihnachten gebastelt hatten; zuletzt am vergangenen Samstag, als Anna Luna in einer Turnhalle irgendwo im Land das erste Turnier in ihrem neuen Sport Lacrosse spielte und ich auf der Zuschauerrampe beim 5:1-Sieg gegen Milano fieberte.
Es ist normal, dass Eltern ob ihren Kindern gerührt sind, und man muss das nicht hinausposaunen. Ich danke Ihnen, dass Sie auch all das Verschwiegene mit mir geteilt haben. Sie, liebe Lesende, waren stets Teil dieser Kolumne, all die Tausenden von Rückmeldungen haben mich beglückt. Sehr sogar. Erlauben Sie, dass ich nach 487 «Hausmann»-Kolumnen eine Pause einlege. Eines aber will ich zum Schluss verraten: Daheim ist, wo meine Liebsten sind.
Und dies muss ich noch erzählen! Vor einigen Wochen habe ich Trixie Whitley wieder getroffen. Etwas müde, aber strahlend sah sie aus, hochschwanger. Sie wird bald ganz genau wissen, wo sie zu Hause ist.
Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli