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| Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

3. Cap. Wenn es Gottes unwürdig und unmöglich gewesen wäre, Mensch zu werden, wie Marcion behauptet, so wäre es seiner noch mehr unwürdig gewesen, es zu scheinen, wenn er es nicht war. Wie sich die Menschwerdung Gottes mit seiner Unveränderlichkeit vertrage.
Da Du meinst, dies sei Deinem Gutdünken anheim gegeben, so musst Du notwendig ein Geborenwerden Gottes entweder für unmöglich oder für Gottes unwürdig gehalten haben. Allein es ist Gott nichts unmöglich als nur das, was er nicht will. Erwägen wir mithin, ob er geboren werden wollte, weil, wofern er es nur wollte, er es auch konnte und also auch wirklich geboren worden ist.
Ich fasse die Sache kurz. Wollte Gott nicht geboren werden — aus welcher Ursache auch immer — dann hätte er es auch nicht geschehen lassen, dass er Mensch zu sein scheine. Denn wer würde, wenn er einen Menschen sieht, sagen, derselbe sei nicht geboren worden? Was er also nicht sein wollte, dafür konnte er auch in keinem Falle angesehen werden wollen. Von jeder Sache, welche uns missliebig ist, weist man auch den Schein ab, weil es gar keinen Unterschied macht, ob sie etwas ist oder ob nicht, wenn an ihr Vorhandensein trotzdem geglaubt wird, obwohl sie nicht da ist. Offenbar liegt aber etwas daran, dass nichts Falsches geglaubt werde, was in Wahrheit nicht ist.
Ihm genügte, wendest Du ein, sein eigenes Wissen um die Sache; wenn die Menschen ihn für einen Geborenen hielten, da sie einen Menschen sahen, so war das ihre Sache. — Gut, wie viel würdiger und consequenter wäre es also von ihm gewesen, wenn er sich die Ansicht der Menschen über sich gefallen liess, als ein wirklich Geborner, da er ja, ohne geboren zu sein, ganz dieselbe Ansicht tragen sollte gegen sein besseres Wissen, welches Du als die Bürgschaft dafür ansiehst, dass er, obwohl ein nicht Geborner, sich doch ruhig gefallen liess, gegen sein eignes Wissen für einen Gebornen gehalten zu werden. Warum lag denn so viel daran, dass Christus, der recht gut wusste, was er war, sich als etwas hingestellt hätte, was er nicht war? Gib uns darüber Aufschluss! Du kannst nicht sagen, es geschah, damit er durch seine Geburt und wahrhaftige Menschwerdung nicht aufhöre, Gott zu sein, und nicht verliere, was er war, indem er wurde, was er nicht war. Denn eine Gefährdung seines Standes gibt es für Gott nicht.
Nein, erwiderst Du, dass sich Gott wirklich in einen Menschen verwandelte, so zwar, dass er auch geboren wurde und durch das Fleisch mit einem Körper versehen wurde, das leugne ich deshalb, weil derjenige, welcher ohne Ende ist, notwendigerweise auch keiner Verwandlung fähig ist. [S. 383] Denn in etwas anderes verwandelt werden, ist gleichbedeutend mit dem Aufhören des vorigen Zustandes. Also wem es nicht zukommt, ein Ende zu nehmen, dem kommt es auch nicht zu, eine Verwandlung zu erleiden. — Allerdings gilt für das Wesen der veränderlichen Dinge das Gesetz, dass sie bei dem, was sich an ihnen verändert, nicht stehen bleiben und dass sie so durch das Nichtbleiben vergehen, indem sie ihr voriges Sein durch Veränderung verlieren. Aber es gibt nichts, was Gott gleich wäre; sein Wesen ist von den Seinsbedingungen aller andern Dinge weit verschieden. Wenn demnach Dinge, welche von Gott weit verschieden sind und von welchen auch Gott weit verschieden ist, durch Veränderung ihr früheres Sein verlieren, wo bliebe dann die Verschiedenheit der Gottheit von den übrigen Dingen, wenn ihr nicht das Gegenteil davon zukommt, nämlich sich in alles verwandeln zu können und doch zu bleiben, wie sie ist? Wo nicht, so würde Gott ja den Dingen gleich sein, welche durch Veränderung ihr früheres Sein verlieren, denen er schlechterdings in allen ungleich ist, mithin auch hinsichtlich der etwa zu erleidenden Veränderungen.
Dass die Engel des Schöpfers in Bilder von Menschen verwandelt wurden, hast Du ja einstens gelesen und geglaubt; auch dies, dass sie mit einem so sehr reellen Körper versehen waren, dass Abraham ihnen die Füsse wusch, Lot durch ihre Hände den Sodomiten entrissen wurde und dass ein Engel, der mit einem Menschen gekämpft hatte, von dem ganzen Gewichte des Leibes befreit zu werden verlangte; so sehr wurde er festgehalten. Was also den Engeln des niedern Gottes,1 wenn sie in die menschliche Körperlichkeit verändert wurden, vergönnt war, nämlich, trotzdem Engel zu bleiben, das wolltest Du Gott, der mächtiger ist, absprechen, als wäre es Christus, da er mit einem wahrhaftigen Menschen bekleidet wurde, nicht möglich gewesen, Gott zu bleiben?! Oder erschienen etwa auch jene Engel als blosse Phantasmen des Fleisches? Du wirst wohl nicht wagen, das zu behaupten. Wenn bei Dir die Engel dem Schöpfer angehören, sowie Christus auch, so wird er der Christus des Gottes sein, dem die Engel zugehören, die so beschaffen sind wie Christus.
Wenn Du nicht die Bücher der Schrift, welche Deiner Meinung entgegenstehen, teils verworfen, teils verfälscht hättest, so würde Dich in diesem Stücke das Evangelium des Johannes widerlegen, welches erzählt, dass der hl. Geist mit dem Leibe einer Taube sich herabgesenkt und über dem Herrn geruht habe. Obwohl er der Geist war, so war er so wahrhaftig eine Taube, als er der Geist war, und er hatte nicht seine eigene Wesenheit durch die Annahme einer fremden getötet. Du wirfst nun die Frage auf, wo denn der Taubenleib, nachdem der Geist in den Himmel zurückgenommen war, geblieben sei, wie auch der der Engel? Er [S. 384] ist in derselben Weise hinweggenommen, wie er geschaffen wurde. Wenn Du gesehen hättest, wie er aus dem Nichts hervorgezogen wurde, so würdest Du es auch gewahr geworden sein, als er ins Nichts zurückversetzt wurde. War aber sein Anfang nicht sichtbar, dann ist es auch sein Ende nicht. Und doch war der Körper ein dichter und undurchdringlicher in jedem Momente, da er als ein Körper gesehen wurde. Es ist unmöglich, dass das nicht existiert haben sollte, dessen Dasein die hl. Schrift behauptet.
1: Inferioris dei scheint mir dem Zusammenhange am besten zu entsprechen.