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Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land eine Kaiserin, die eine Entdeckung machte, die die Welt eroberte. Das war vor 5000 Jahren in China. Kaiserin Xiling entdeckte, dass die Kokons von Seidenraupen aus einer Faser waren, die schön aussah und sich gut verarbeiten liess: Seide. Diese entsteht aber nur, wenn die Raupen Maulbeerblätter gefressen haben, bevor sie sich verpuppten. Denn nur diese enthalten die Stoffe, die Seide ergeben. Die Kaiserin begann die Raupen zu züchten und fand heraus, wie man Seide spinnt. Die Seidenraupenzucht blieb lange ein streng gehütetes Staatsgeheimnis der Chinesen. Über Handelsrouten verkauften sie die Seide in den Westen – auch nach Europa. Auch andere Güter wurden auf diesen Routen gehandelt – Gewürze etwa –, aber die Seide war es, die der Handelsverbindung ihren Namen gab: Seidenstrasse.
Im 6. Jahrhundert n. Chr. sollen zwei Mönche sowohl Seidenraupen als auch Maulbeerbäume in den Westen – nach Byzanz – gebracht haben. Von dort aus eroberte das Wissen der Seidenherstellung Europa. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts wurde auch in der Schweiz Seide produziert. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts verhalfen die Hugenotten der Seidenindustrie – vor allem durch die Bandwebereien – zu einem Boom, und um 1900 war diese einer der bedeutendsten Industriezweige der Schweiz. Die europäische Seidenproduktion musste allerdings zwei einschneidende Ereignisse hinnehmen. Einerseits brach in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fleckenkrankheit aus, der die Seidenraupen zum Opfer fielen. Andererseits vergünstigte die Eröffnung des Suez-Kanals den Transport von Seide aus Fernost, was die Produktion in Europa unrentabel machte. In der Schweiz führten diese Umstände zu einer Pause der Seidenproduktion von etwa 100 Jahren – bis sich 2009 der Landwirt und Textilingenieur Ueli Ramseier aus Hinterkappelen BE wieder an die Zucht von Seidenraupen wagte. «Als Textilingenieur interessiert mich das Material sehr», begründet er seine Faszination. Als Landwirt habe er zudem Interesse an einem Nebenerwerb, der nicht allzu viel Platz beanspruche, aber eine hohe Wertschöpfung ermögliche.
Damit es überhaupt zu einem Ertrag kommt, müssen sich die Raupen wohl- fühlen. Das ist gar nicht so einfach: «Die klimatischen Bedingungen hierzulande sind nicht für Seidenraupen gemacht», weiss Ueli Ramseier, Präsident der Vereinigung der Schweizer Seidenproduzenten Swiss Silk. Draussen wäre den Raupen das Klima zu unbeständig. «Darum halten wir sie in geschlossenen Räumen, die wir beheizen und befeuchten.» Wir, damit meint der Seidenpionier der Neuzeit sich und die anderen Schweizer Züchter – mittlerweile rund ein Dutzend. Von Mitte Juli bis im August/September wachsen die Raupen des Maulbeerspinners heran, bis sie etwa zeigfingergross sind und sich verpuppen. Aus den Kokons wird die Seide gewonnen. «Im letzten Jahr gab es 13 Kilo Rohseide», berichtet Ueli Ramseier. Dieses Jahr soll diese Menge verdoppelt werden. «Das ist aber immer noch sehr wenig», so Ramseier. Nichtsdestotrotz: Es gibt wieder Seide aus der Schweiz.