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Streng verboten und gut bewacht. In der Festung von Airolo hatte der Kommandant seine Kompetenzen überschritten und einen Teil der militärischen Anlage insgeheim in einen Weinkeller umfunktioniert.
Wie eine Schildkröte im Sand, ist die Festung «Forte d’Airolo» nur schwer zu finden. Im Sommer hinter einem Wall aus Granitquadern versteckt, versinkt sie im Winter gänzlich unter einer meterhohen Schneedecke. Die 1886 erbaute Festung diente zum Schutz der vier Jahre zuvor eröffneten Gotthard Bahnlinie, der Gotthardstrasse sowie der Strasse ins Val Bedretto. Heute noch als Truppenunterkunft genutzt, beherbergt die Festung ein Museum und birgt zahlreiche Geheimnisse. Eines davon, das grosse Geheimnis, wird seit zehn Jahren in Flaschen abgefüllt und als «Gransegreto» – Merlot del Ticino DOC verkauft. Wie es zu diesem Geheimnis kam erzählte Oberst Lorenzo Rampa anlässlich der Jubiläumsfeier: «Der damalige Kommandant der Festung Airolo, Oberst Urs Caduff, erteilte mir den Auftrag für die Zeremonie zur Einweihung des erweiterten Museums, einen Sponsor für je zwölf Flaschen Weiss- und Rotwein zu finden. Da es in Airolo keine Reben gab, wandte ich mich an meinen Schwiegervater in Mendrisio und der schickte mich zu Valsangiacomo.» So nahm die Geschichte ihre Lauf. Uberto Valsangiacomo offerierte den Wein und wurde dafür zur Einweihungsfeier eingeladen.
Bei ebendieser Feier trafen sich die beiden Protagonisten. Kommandant Urs Caduff dankte Uberto Valsangiacomo für die Spende und dieser, begeistert von den langen Tunnels und Kavernen, meinte dass er hier gerne einen Weinkeller hätte, denn die konstant kühle Temperatur, die hohe Luftfeuchtigkeit und die Höhe von 1329 Meter über Meer seien ideal zur Reifung von Wein. «Das machen wir», entgegnete Kommandant Caduff ohne lange nachzudenken.
Uberto Valsangiacomo in der Kaverne mit den Barriques, in denen der «Gransegreto» reift.
Im ehemaligen Munitionslager
reift Wein langsamer
«Verstanden? Ausführen!», hiess es für Eros Hürlimann, den Chef der Liegenschaften Forte d’Airolo und heutigen Sindaco. In weniger als einer Woche war der Mietvertrag mit Uberto Valsangiacomo unterschrieben, der kurz darauf erste Barriques in die Kaverne brachte und diese mit Merlot des Jahrgangs 2001 füllte. Wann immer Valsangiacomo zu seinem Wein schauen wollte, musste er von einem der Mitwisser begleiten lassen. Der Winzer und seine Mitarbeiter beobachteten den Reifezyklus während fast zwei Jahren genau. Nebst den Fässern in der Festung auf 1329 Metern über Meer reifte Valsangiacomo einige Fässer des gleichen Weins in seinem Keller in Mendrisio auf 354 Metern über Meer. Die Fässer in Mendrisio lagerten bei durchschnittlichen 14 bis 16 Grad Celsius, einer Luftfeuchtigkeit von 75 bis 80 Prodzent und waren nach 18 Monaten im Fass bereit zum Abfüllen. In Airolo bei durchschnittlichen neun Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 90 bis 95 Prozent dauerte der Reifeprozess bis zu 22 Monaten. Vom experimentellen 2001er Merlot «Gransegreto» konnten schliesslich rund 2500 Flaschen abgefüllt werden. Zufrieden mit dem Ergebnis und dem Unterbruch von einem Jahr, gilt der «Gransegreto» 2003 – inzwischen legalisiert und längst kein Geheimnis mehr – als erster offizieller Jahrgang.
2004 reifte Valsangiacomo erstmals auch Chardonnay in Airolo. Trotz Höchstpreisen, die er pro Kilo Trauben bezahlt, verkauft ihm der Rebbesitzer seine Ernte nicht jedes Jahr. «Ich bedaure schon, dass der Chardonnay-Rebberg an den Kalkhängen des Monte San Giorgio nicht mir gehören», sagte Uberto Valsangiacomo.
Museen im Gotthardmassiv
In mehreren Befestigungsanlagen am Gotthard sind heute Museen eingerichtet. Neben dem Fort Hospiz gilt das «Forte d’Airolo» als ein Meisterwerk der Schweizer Armeearchitektur. Die Pläne dazu zeichnete der Architekt Daniel von Salis (Soglio). Dafür musste der Offizier in Diensten der österreichisch-ungarischen Armee die Bewilligung des Kaisers einholen. Diese gestattete ihm das Zeichnen der Pläne unter der Voraussetzung, dass von Salis keine Standorte von österreichischen Bunkern verraten würde. 1886 begann der drei Jahre dauernde Bau der Festung. Für das monumentale Werk wurden 1728 Kubikmeter Granit herangekarrt. Es kostete 3,5 Millionen Franken und zu Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 800 Handwerker auf der Baustelle.
«Zum Glück für alle Weinliebhaber ist das Geheimnis nicht hinter den soliden Mauern geblieben», sagte Eros Hürlimann, Sindaco von Airolo, anlässlich der Jubiläumsfeier.
So präsentieren sich die Weine heute: Beim soeben abgefüllten weissen «Gransegreto» Fondo del Bosco 2012 dominieren Holz-, Vanille- und Röstnoten die Fruchtkomponenten Apfel und Ananas. Im Gaumen ist das Holz gut eingebunden. Der Wein ist frisch, hat eine vielschichtige, komplexe Struktur und einen langen mineralischen Abgang.
Was dereinst daraus werden wird, zeigte der 2006er: Intensiver Duft nach Butter, Brioche, Trüffel, getrockneten Feigen, Ananas, Fenchel und Rauch. Cremig vollmundige Struktur, vielschichtig und lang anhaltend.
Beim roten «Gransegreto» ist 2011 der aktuelle Jahrgang. Hier dominiert die Kirschen- und Pflaumenfrucht sowie würzige, pfeffrige Noten. Säure und Tannine kommen noch etwas ungehobelt daher. Der Wein ist absolut geradlinig und wird den trocknenden Abgang in wenigen Jahren verlieren.
In Bestform zeigt sich der 2007er: Intensiv, überwältigend, strahlend duftet er nach Kirschen, Dörrpflaumen, Orangenzeste, frischen Kräutern, Salbei und Kerbel, Bleistift und weissem Tee. Alle Aromen sind sehr fein und filigran. Eine seidig weiche Textur mit feinkörnigen Tanninen schmeicheln im Gaumen und der Abgang schein unendlich.
Etwas weniger dicht und mit ersten Reifetönen präsentiert sich der 2005er aus der Neun-Liter-Flasche: Ein Hauch Veilchen und Rosen geht über in balsamische Noten, Duft von Trockenfleisch, Thymian, Zedernholz und Tabak. Viel Eleganz im Gaumen. Eukalyptus im Abgang.
Der aktuelle Jahrgang, der «Gransegreto» Merlot del Ticino DOC Riserva 2011, kostet 34 Franken die Flasche. Den «Fondo del Bosco» gibt es ab 32 Franken.