Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03103.jsonl.gz/2014

Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 29. Juni 1990 von Peter Ziegler
Badanstalten als Vorläufer des Strandbades
Schon 1839 versuchten einige Wädenswiler eine öffentliche Badanstalt am See zu verwirklichen. Der Besitzer des Gasthofs Engel, der damals selbst ein grösseres Seebadhaus erstellte, brachte indessen das Projekt zum Scheitern. Als 1856 wieder Klagen laut wurden über das widerwärtige öffentliche Baden der Jugend auf Haaben und Plätzen am See, schuf eine Kommission aus Vertretern des Gemeinderates, der Kirchenpflege, der Dorfschulpflege und der Lehrerschaft eine Seebadanstalt vorhalb der «Weinrebe». Sie wurde 1857 eröffnet.
1875 bewilligte die Gemeindeversammlung den Kredit für eine neue Badanstalt bei der «Weinrebe», mit je sechs verschliessbaren Zellen für Männer und Frauen. Sie stand bis 1896 und wurde dann durch einen Neubau ersetzt, der auf vier schwimmenden Eisenkasten ruhte und in eine Männer- und eine Frauenabteilung mit je sechs geschlossenen und elf offenen Badezellen unterteilt war. Anfangs der 1920er Jahre war der hölzerne Oberbau der Badanstalt wieder verlottert. Die Gemeindeversammlung vom 13. August 1922 ebnete den Weg für einen Neubau: Anstelle der alten schwimmenden Badanstalt erstellte man den heutigen, auf Pfählen ruhenden Massivbau, der am 7. August 1923 eingeweiht wurde und seither mehrmals renoviert und modernisiert worden ist.
Zwei Vereine regen den Bau eines Strandbades an
Dass in Wädenswil die Idee eines Strandbades in den 1920er Jahren ihre Anhänger fand, versteht sich für eine Seegemeinde ohne weiteres. Die erste Anregung ging vom «Verein zur Hebung der Volksgesundheit» aus, welcher den Gemeinderat am 23. Oktober 1928 bat, die Schaffung eines öffentlichen Strandbades zu prüfen. Da sich auch die Gesundheitskommission positiv zur Eingabe stellte, liess die Exekutive vom Zürcher Architekten Hippenmeier in einem Gutachten die Platz- und Kostenfrage für ein Strandbad abklären. Von den zwei in Frage kommenden Arealen östlich des Au-Hafens und in der Rietliau gab der Experte der Rietliau den Vorzug. Jene Bucht zeichnete sich aus durch schöne Sicht auf den See und in die Berge; die Entfernung vom Dorf war geringer, und man hatte kaum Verschlammung zu befürchten.
Dem Gutachten lagen drei generelle Projektskizzen für ein Strandbad bei. Da aber die Kostenvoranschläge hierfür zwischen 280‘000 Franken und 400‘000 Franken schwankten, beschloss der Gemeinderat am 4. November 1929 mit Rücksicht auf den angespannten Finanzhaushalt einstimmig, auf die Anregung des «Vereins zur Hebung der Volksgesundheit» nicht einzutreten. Auf dem gemeindeeigenen Riedland setzte bald ein wilder Strandbadbetrieb ein. Dies veranlasste den Verkehrs- und Verschönerungsverein am 13. Oktober 1930 ebenfalls zu einer Eingabe an den Gemeinderat: Mit einfachen Mitteln solle eine im Umfang beschränkte Anlage geschaffen werden, die das geordnete Strandbaden gestatte. Die Gesundheitskommission studierte die Angelegenheit erneut. Im weiteren Verlauf reichte Architekt Heinrich Bräm in Wädenswil der Behörde eine Projektskizze für eine Strandbadanlage in Holzkonstruktion ein. Diese zeigte aber, dass der vorhandene Platz in der Rietliau noch zu klein war.
Landerwerb und Aufschüttungen
Der Gemeinderat liess darum vorerst die notwendigen Landaufschüttungen seeaufwärts vornehmen, zum Teil mit Material, das bei den Hausabbrüchen für den neuen Wädenswiler Bahnhofplatz anfiel. Gleichzeitig erwarb die Behörde von A. Hausmanns Erben und von Herrn Schätti in der Rietliau zusätzliches Land am See. Das Areal wurde planiert, und um einen späteren Strandbadbetrieb nicht nachteilig zu beeinflussen, verlegte man die Mündung des Zopfbachs nach Westen. Wegen wirtschaftlich ungünstigen Zeiten, die Weltwirtschaftskrise griff auch auf die Schweiz über, sah sich die Gemeinde Wädenswil ausser Stande, ein Strandbad zu bauen und zu betreiben. Doch half private Initiative weiter.
Ein privates Initiativkomitee wird aktiv
Mitte Oktober 1932 bildete sich in Wädenswil ein privates Initiativkomitee mit dem Ziel, auf dem Gemeindeareal in der Rietliau auf privatwirtschaftlicher Grundlage ein Strandbad zu verwirklichen. Nachdem sich die Behörde bereiterklärt hatte, das Land für ein solches Vorhaben zu überlassen, schrieb das Initiativkomitee unter den Wädenswiler Architekten einen beschränkten Projektwettbewerb aus. Architekt Hans Streuli (1892–1970), der nachmalige Bundesrat, ging als Sieger hervor. Sein Projekt bestach durch Klarheit und Einfachheit. Es sah die besten Strandverhältnisse vor, bot eine günstige räumliche Verteilung der Ruhe- und Spielplätze und schloss mit seinen schlichten Betonbauten das Areal gegen Bahnweg und Eisenbahnlinie einwandfrei ab. Die für eine maximale Tagesfrequenz von 1500 Personen berechneten Ankleideräume waren klar nach Geschlechtern getrennt, berücksichtigten neuzeitliche Anforderungen und erlaubten mit 48 Einzelkabinen, 18 Wechselkabinen mit Bügelgarderobe sowie mit offenen Haken einen denkbar einfachen Betrieb. Zum Kassa- und Büroraum, dem Lingerie- und Trocknungsraum sowie dem Sanitätszimmer kam ein in den See vorspringendes Restaurant für alkoholfreien Konsum. Alles in allem ein beeindruckendes Projekt. Bis zur Ausführung waren aber noch einige rechtliche Schritte nötig.
Gründung der Strandbadgenossenschaft Wädenswil
Im Dezember 1932 wurde unter dem Präsidium von Robert P. Flury, Direktor der Bank Wädenswil, die Strandbadgenossenschaft Wädenswil gegründet. Wer einen Anteilschein von mindestens hundert Franken zeichnete, war Mitglied der Genossenschaft. Die Gemeindeversammlung vom 19. Dezember 1932 regelte die Rechtsverhältnisse zwischen Gemeinde und Strandbadgenossenschaft:
Die Gemeinde überliess das rund 6500 Quadratmeter grosse Areal in der Rietliau im Baurecht auf die Dauer von 50 Jahren. Als Gegenleistung sollten die Wädenswiler Schulen das Strandbad unentgeltlich benützen dürfen. überdies waren ortsansässigen Benützern reduzierte Eintrittspreise zu gewähren. In den Vorstand und in die Kontrollsteile konnte der Gemeinderat je ein Mitglied abordnen. Für die Bauten und Anlagen kam die Genossenschaft auf, und zwar mit 50‘000 Franken Genossenschaftskapital, 60‘000 Franken grundpfandversicherten Darlehen und 40‘000 Franken Obligationenanleihe.
Der Bau des Strandbades, 1933
Nachdem die rechtlichen Verhältnisse geregelt waren, konnte mit der Verwirklichung des Projekts Streuli im Frühling 1933 begonnen werden. Das Werk brachte dem ortsansässigen Baugewerbe und zahlreichen Arbeitslosen wieder Arbeit und Verdienst. Starke Regenfälle während der dreimonatigen Bauperiode erschwerten und verzögerten die Fertigstellung des Strandbades; die Einweihung musste vom 1. auf den 7. Juli 1933 verschoben werden. Und auch dann war noch nicht alles vollendet.
«Es ist wohl verständlich, dass der Vorstand der Strandbad-Genossenschaft beschlossen hat, vorläufig sämtliche Rasenplätze zu sperren.» So schrieb der «Allgemeine Anzeiger vorn Zürichsee» am Einweihungstag und meldete weiter, Trennhecken, Schattenplätze, Blumen und Sträucher würden erst am Ende der Badesaison angepflanzt. Wenn der Naturgarten auch erst nächstes Jahr in der vorgesehenen Gestaltung zu bewundern sei, werde der gelungene Wurf unternehmungsfreudiger Bürger dennoch zum Anziehungspunkt und zum gesundheitsstärkenden Erholungsort der Einwohner aller Klassen der Gemeinde sowie der näheren und weiteren Umgebung werden. «Denn da finden sie inmitten einer selten schönen Landschaft Wasser, Luft, Licht und Sonne!» Und darin hatte sich der Berichterstatter wahrlich nicht getäuscht.
Restaurant und Terrasse im Bau.
Garderobe.
Am Strand, 1933.
Ausblick
Das Wädenswiler Strandbad mit Sandstrand und Liegewiesen, mit Floss und Schaukelmast, mit Spielgeräten und Restaurant war und blieb ein begehrter Aufenthaltsort an sonnigen Sommertagen. Wie viele Kindheitserinnerungen verbinden sich damit!
Zu Beginn der 1970er Jahre sah sich die Genossenschaft ausser Stande, das nun auch erneuerungsbedürftige Strandbad aus eigenen Mitteln weiterzuführen. 1974 löste sie sich auf und trat die Anlagen der Stadt Wädenswil ab, welche seither für den Betrieb und den Unterhalt zuständig ist.
Im Herbst 1989 wurden die mehr als 50 Jahre alten Gebäulichkeiten mit Ausnahme der Restaurant-Terrasse abgerissen. Ein altvertrautes Bild aus einer Pionierzeit des Strandbadbaus verschwand damit. Eine neue, zeitgemässe Anlage ist entstanden. Sie wird die Badegäste in den kommenden Tagen ebenso begeistern wie das erste Wädenswiler Strandbad dies Anfang Juli 1933 getan hat.