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Mary Ellen Woodside, Violine
Edouard Mätzener, Violine
Alessandro d’Amico, Viola
Rafael Rosenfeld, Violoncello
Werner Bärtschi, Klavier
Anton Webern (1883 – 1945) – Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Streichquartett f-moll op. 95, Quartetto serioso
Wiederholung:
Anton Webern – Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9
César Franck (1822 – 1890) – Klavierquintett f-moll
Jeder, der sich mit César Franck beschäftigt, bemerkt die eigenartige zeitliche Gliederung seines Schaffens. Da stehen am Anfang einige Jugendwerke, insbesondere vier Klaviertrios, die damals stark beachtet wurden und bedeutende Interpreten und Förderer (zuerst Franz Liszt, später Hans von Bülow) fanden. Dann folgt eine lange Periode, in der Franck kaum beachtet als Organist und Musiklehrer arbeitete und daneben im Stillen komponierte, wobei seine Werke aber bei ihren seltenen Aufführungen eher ungünstig aufgenommen wurden. Schliesslich entstanden in den letzten Lebensjahren in beschleunigter Folge jene wenigen grossangelegten Meisterwerke, die noch heute unser Interesse zu gewinnen vermögen und Franck einen bedeutsamen Platz in der Musikgeschichte zuweisen. Das erste dieser Spätwerke, das früheste, das heute noch regelmässig aufgeführt wird, ist das f-Moll Klavierquintett, und Franck war bereits 56 Jahre alt, als er es schrieb. Es ist eines der glänzendsten Beispiele für seinen Reifestil und insbesondere für die thematische Durchgestaltung der zyklischen Form, des mehrsätzigen Werkganzen.
Diese Durchgestaltung der zyklischen Form, die stets in besonderem Masse mit Francks Name zusammengedacht wird, ist in Wahrheit etwas Altes. Anschauliche Beispiele für sie lassen sich etwa bei Beethoven, bei Schubert und – besonders überzeugend – bei Liszt finden. In Francks Werken, etwa seinem Klavierquintett ist nun aber das thematische Beziehungsnetz über die verschiedenen Sätze eines Werks hinweg nicht nur besonders dicht, sondern – und das ist eine sehr erstaunliche Eigenart und Neuerung – eher auf Nebenthemen, zweite Themen, als auf Satzanfänge, Haupt- und Kopfthemen ausgerichtet. Es ist, als ob Franck gespürt hätte, dass mit der Wiederaufnahme etwa eines Werkbeginns in einem späteren Satz eine allzu demonstrative Wirkung erzielt werde, und sie dadurch ein blosses Signal innerhalb des Werkverlaufs bleiben müsse. So versucht er anders, subtiler vorzugehen, indem er untergeordnete, ja manchmal schier beiläufig auftretende Gestalten zu immer zentralerer Bedeutung aufsteigen lässt. Da gebärdet sich beispielsweise die ins erste Klaviersolo eingewobene Melodiestimme in der Coda des ersten Satzes plötzlich wie ein Hauptthema. Da begegnet uns eine das Thema des zweiten Satzes dienend kontrapunktierende Stimme im Finale verselbständigt als zweites Thema wieder. Ein scheinbar nur beiläufig eingeworfener viertaktiger melodischer Gedanke entwickelt sich weiterspinnend zum Seitenthema des ersten Satzes und wächst durch Reminiszenzen im zweiten und dritten Satz schliesslich zum zentralen Bezugspunkt des Werkes heran.
Er wächst heran? Tatsächlich! Francks Musik ist eine Musik des Wachstums, des Wachstums im Innern des Werks, des Wachstums über Francks ganzes Leben hinweg. Die Wurzeln gerade dieses letzterwähnten Themas reichen nämlich in Wahrheit noch viel weiter zurück. Denn schon Francks allererstes, mit 17 Jahren komponiertes Klaviertrio fis-moll op. 1/1 begann mit einer freilich noch kindlich primitiven Formulierung des selben melodischen Kerneinfalls! Wachstum: 39 Jahre später formte Franck daraus die Kerngestalt seiner ersten Meisterarbeit.
Werner Bärtschi