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Derzeit ist es schwierig, einen Artikel zu beginnen, ohne zunächst die Bedrohung zu erwähnen, die sich aus der Ausbreitung des Coronavirus in vielen Ländern ergibt. Die Auswirkungen auf menschlicher Ebene sind für die Betroffenen zweifelsohne verheerend, auch wenn die Folgen im Vergleich zu den grossen Pandemien im Laufe der Geschichte noch insgesamt relativ gering erscheinen.
Ebenfalls erheblich sind die aktuellen wirtschaftlichen und finanziellen Konsequenzen. Weniger als zwei Monate nach dem ersten berichteten Krankheitsfall verringerte die OECD ihre Prognose für das globale BIP-Wachstum im Jahr 2020 infolge des Virus um ein Fünftel.
Das Tempo und die Reichweite der Verluste an den Aktienmärkten spiegeln diese Ansicht wider. Seit den 1970er Jahren gab es vier Zeiträume, in denen globale Aktien in nur fünf Tagen um mehr als 10 % einbrachen: der Börsencrash 1987, die globale Finanzkrise 2008, die Staatsschuldenkrise in der Eurozone 2011 und die ersten Monate des Jahres 2020.
Die Marktreaktion steht in einem Gegensatz zu den Auswirkungen ähnlicher Krisen in der Vergangenheit. So stiegen die grossen Aktienindizes während der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919, denn das Ende des Ersten Weltkriegs beflügelte die Kurse. Allerdings zeigten sich damals Aktien auch schon vor Kriegsende relativ unbeeinflusst.
Im Vergleich zu 1918 oder sogar vor zehn Jahren, als die Ausbreitung der Schweinegrippe mit einem Anstieg von 40 % im Dow Jones Industrial Average zusammenfiel, ist die Welt heute eine ganz andere.
Unternehmen hängen immer stärker von der Akzeptanz derjenigen Gesellschaften ab, in denen sie tätig sind, die Lieferketten werden komplexer und immer vernetzter, die sozialen und ökologischen Spannungen sind akuter als in der Vergangenheit und die regulatorischen Vorschriften, mit denen ein Ausgleich zwischen Unternehmenserfolg und sozialen Bedürfnissen geschaffen werden soll, nehmen zu.
Unternehmen agieren nicht im luftleeren Raum
Dieses sich ändernde Umfeld unterstreicht, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit für die Anlagebranche ist. Die Finanzmärkte existieren nicht mehr unabhängig von Gesellschafts- und Umweltproblemen – sofern sie das überhaupt jemals taten. Vielmehr ist der Erfolg von Unternehmen untrennbar mit ihrer Fähigkeit verbunden, Veränderungen in den Gesellschaften, von denen sie abhängig sind, erfolgreich zu bewältigen.
Wir vertreten seit langem die Meinung, dass Unternehmen nicht im luftleeren Raum agieren. Ihr Erfolg spiegelt wider, ob sie in der Lage sind, den Herausforderungen und Trends in den Gesellschaften, in denen sie tätig sind, zu begegnen. Das gilt aktuell mehr denn je, denn soziale und ökologische Herausforderungen und die treibenden Kräfte für Kapitalanlagen überschneiden sich zusehends.
Als Folge dessen entpuppen sich Umwelt- und Gesellschaftsprobleme zunehmend auch als finanzielle Risiken, und sie gewinnen in den Tagesordnungen von Unternehmen an Bedeutung, weil sie deren langfristige Strategie und Wachstumspläne bestimmen. Als Anleger sind wir unterdessen besser in der Lage, Unternehmen zu analysieren und dabei die Spreu vom Weizen zu trennen, da das Thema Nachhaltigkeit im Berichtswesen der Unternehmen mittlerweile zum Standard zählt.
Künftige Konfliktpunkte
In den nächsten zehn Jahren werden verschiedene soziale und ökologische Probleme überkochen. Blickt man einmal über die gegenwärtige Krise hinaus, wären folgende Herausforderungen zu erwähnen:
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Der Klimawandel wird entweder die physische Umwelt oder die Weltwirtschaft verändern.
Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) warnt, dass uns ein Jahrzehnt bleibt, um die globalen Treibhausgasemissionen in etwa zu halbieren. Gelingt es uns nicht, weitgehend auf fossile Brennstoffe zu verzichten, wird die Welt immer höheren physischen Schäden, einem steigenden Meeresspiegel, einem Schwund der landwirtschaftlichen Nutzflächen und unbeständigeren Wetterbedingungen ausgesetzt sein. In den 1960er Jahren wurden nur halb so viele Schadstoffe ausgestossen wie jetzt. Wollen wir bis 2030 – wenn zugleich die Weltbevölkerung zwei Mal so gross und die Wirtschaftsleistung zehn Mal so hoch sein wird – auf dieses vergleichbare Niveau zurückkehren, dann bedarf es einer immensen Umverteilung von Investitionskapital und massiver Disruptionen in jeder Branche.
- Technologische Fortschritte werden die Rolle der Beschäftigten verändern.
PwC geht davon aus, dass bis zu den 2030er Jahren aufgrund des Einsatzes von künstlicher Intelligenz 30 % der Arbeitsplätze gefährdet sein könnten, da es neuer Fähigkeiten bedarf und bestehende Funktionen überflüssig werden. Umwälzungen von einer Grössenordnung, wie sie sich über Jahrhunderte im Verlauf der industriellen Revolution vollzogen haben, werden in weniger als einer Generation erzwungen werden.
- Soziale Konflikte gefährden die politische Stabilität und ganze Wirtschaftssysteme.
Schon jetzt haben die sozialen Unruhen weltweit ein noch nie dagewesenes Ausmass erreicht. Der Druck, der sich in den vergangenen zehn Jahren angestaut hat, bricht sich sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern bis zur Belastungsgrenze Bahn. Die politischen Entscheidungsträger können entweder Massnahmen für einen wirtschaftlichen Ausgleich ergreifen, damit wieder mehr vom Wirtschaftswachstum profitieren, oder ihnen werden solche Änderungen unter Zwang abverlangt.
Jeder dieser Trends wird für sich bereits wesentliche Auswirkungen auf die verschiedenen Volkswirtschaften und Branchen haben. Gemeinsam ergibt sich daraus eine Gemengelage, welche die Aktienmärkte vollständig umkrempeln und die Anlagebranche neue definieren könnte. Ein Verständnis dieser Trends und die Anpassung von Kapitalanlagen werden unabdingbar sein. Unseres Erachtens werden dadurch nachhaltige Anlagen zu einer Grundvoraussetzung und nicht nur zu einer Option.
SustainEx: unser innovatives Investment-Tool
Wir sind ausserdem der Meinung, dass diese immer stärkeren Auswirkungen nach einer innovativen Denkweise und robusteren Investment-Tools verlangen. ESG-Ratings von der Stange, subjektive Bewertungen und denkfaule Faustregeln müssen durch neue Ansätze ersetzt werden. Dazu gehört jeder Aspekt, von der Definition und Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen über die Quantifizierung und den Vergleich von Unternehmen bis hin zur Portfoliokonstruktion und Unterstützung von Anlegern, damit diese die Konsequenzen für ihre Anlageportfolios besser verstehen können.
Wir haben daher stark in die Entwicklung von Instrumenten investiert, die unseren Analysten, Fondsmanagern und Kunden dabei helfen, die bevorstehenden Turbulenzen zu meistern. Letztes Jahr stellten wir den SustainEx-Rahmen im Detail vor, den wir entwickelt haben, um die sozialen und ökologischen Risiken von Unternehmen zu quantifizieren und die positiven und negativen Auswirkungen von Unternehmen auf die Gesellschaft in geldwerten Grössen ausdrücken zu können. Wir haben diesen Rahmen für mehr als 10.000 Unternehmen eingeführt. Dies bietet uns eine objektive Grundlage, um die Auswirkungen und Risiken aus wirtschaftlicher Sicht zu bewerten.
Das Pendel schwingt zurück
Die Reise geht weiter. In den vergangenen Jahrzehnten konzentrierte sich die Anlagebranche zunehmend auf die Analyse von Finanzdaten, wobei der Schwerpunkt Kennzahlen galt, die Aufschluss darüber geben sollten, wie viel Geld Unternehmen verdienen, anstatt zu bewerten, wie sie dieses Geld verdienen und wie nachhaltig sich diese Gewinne erweisen werden. Jetzt schwingt das Pendel zurück. Wir glauben, dass Anlageverwalter nun mehr denn je ihre Anlageperspektiven neu justieren müssen.
Die hierin geäusserten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.