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Der 24-jährige Kei Nishikori steht überraschend im Final der US Open. Im Halbfinal warf er die Weltnummer 1 Novak Djokovic aus dem Turnier. Er siegte 6:4, 1:6, 7:6, 6:3.
Wenn Kei Nishikori in Tokio landet, wird der halbe Flughafen abgesperrt; kreischende Fans, Journalisten, Sicherheitspersonal, das volle Programm. Noshikori, 24, ist kein Popstar und auch kein Mitglied der japanischen Kaiserfamilie. Er ist Tennisprofi, und der Ruhm ist in seiner Einzigartigkeit begründet: Nishikori ist der erste Japaner, der es in die Top-Ten geschafft hat.
Nun steht er an den US Open in New York gar als erster Asiate in einem Grand-Slam-Final. Im Halbfinal bezwang Nishikori sensationell die Weltnummer 1 Novak Djokovic. Bei Temperaturen von 36 Grad auf dem Platz und einer Luftfeuchtigkeit von gut 70 Prozent siegte er 6:4, 1:6, 7:6 und 6:3.
«Ich weiss nicht, was hier abgeht», sagte Nishikori überglücklich, nachdem er nach 2:52 Stunden seinen zweiten Matchball verwandelt hatte: «Es ist ein unglaubliches Gefühl, im Finale zu stehen und die Nummer 1 geschlagen zu haben. Ich habe versucht, konzentriert zu bleiben nach dem zweiten Satz. Es waren schwere Bedingungen, sehr heiss, sehr feucht.»
Nach seinem Match gegen den Kanadier Milos Raonic, das er erst im fünften Satz gewann, war Nishikori morgens um 6 Uhr im Bett. Ein grosses Problem sah er darin nicht: «Ich hatte ein bisschen Jetlag, so etwas habe ich auch noch nie erlebt», sagte er, «ich war ein bisschen müde, aber ich liebe es, fünf Sätze zu spielen.»
Dass er wegen einer Fussverletzung erst wenige Tage vor dem Turnier in New York wieder mit dem Training begonnen hatte, macht seine derzeitige Verfassung umso erstaunlicher.
Sie ist das Ergebnis eines nun elf Jahre währenden Aufbauprozesses, der eigentlich mit einem glücklichen Zufall begann. Als Nishikori 13 Jahre alt war, nahm ihn der tennisbegeisterte Sony-Gründer Masaaki Morita in sein elitäres Förderprogramm auf. Morita schickte den Jungen aus der japanischen Präfektur Shimane nach Florida in die Tennisakademie von Nick Bollettieri. Dort, mehr als 12'000 Kilometer von seiner Heimat entfernt, musste sich Nishikori gegen Konkurrenten aus mehr als hundert Ländern durchkämpfen. Ohne ein einziges Wort Englisch zu sprechen und kleiner und schmächtiger als viele seiner Mitschüler.
Doch Bollettieri sah etwas Besonderes in Nishikori, er sah dessen starken Willen und schnelle Beine. Der mittlerweile 83-Jährige liess seinem schüchternen Schützling eine spezielle Unterstützung zukommen, organisierte ihm ein umfangreiches Betreuerteam – und vier Jahre später qualifizierte sich Nishikori zum ersten Mal für ein ATP-Turnier. Kurz darauf gewann er in Indianapolis sein erstes Spiel auf der Profitour und schloss das Jahr 2007 auf Platz 286 der Weltrangliste ab.
2008, mit 18 Jahren, triumphierte Nishikori beim ATP-Turnier in Delray Beach und kletterte fortan Stück für Stück die Weltrangliste nach oben. Im Mai dieses Jahres schaffte er es unter die besten zehn, als erster Japaner überhaupt. Shuzo Matsuoka war in den Neunzigerjahren einmal auf Platz 46 vorgedrungen, lange war es Nishikoris grösstes Ziel, an ihm vorbeizuziehen. «Projekt 45» nannte man ihn in Japan deshalb.
Aus dem Projekt ist längst ein Profi geworden, ein erfolgreicher Millionär, der etliche Sponsoren und wertvolle Werbeverträge besitzt. Seit Anfang dieses Jahres beschäftigt er den früheren Weltranglistenzweiten Michael Chang als Trainer, er soll ihm mit neuen Impulsen und seiner Erfahrung bei grossen Turnieren helfen. «Er hat riesiges Potenzial, und sein Erfolg kann ganz Asien bewegen», sagt Chang, selbst US-Bürger mit taiwanischen Wurzeln. Er habe Nishikoris Mentalität geändert. «Er spielt nun mit dem Wissen, wirklich jeden schlagen zu können.»
Zudem haben die beiden intensiv an der Fitness Nishikoris gearbeitet, denn Chang, ebenfalls nur 1,75 Meter gross, weiss, welch wichtige Waffen Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit gegen körperlich überlegene Spieler sein können. Davor hatte vor dem Halbfinal auch der 13 Zentimeter grössere Novak Djokovic Respekt: «Zwei Fünfsatz-Siege in Folge zeigen, in was für einer Verfassung er sich befindet», sagte der Serbe nach seinem Kampf gegen Murray, «Nishikori ist einer der schnellsten Spieler der Welt.»
Es klang nicht so, als ob sich Djokovic auf ein Marathonduell gegen Nishikori freuen würde – wie sich herausstellen sollte, war diese Vorsicht begründet.