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Die Steinkohle bildete 1850-1955 die Hauptenergiequelle (Energie) der Schweiz und löste im 19. Jh. die Holzkohle (Köhlerei) und das Holz ab. Bis zum Aufkommen der Eisenbahn stammte sie aus einheim. Abbau und wurde danach importiert.
Der Chronist Johannes Stumpf berichtet, dass im Wallis ab 1540 brennbares Gestein zum Heizen von Räumen und zum Kalksteinbrennen abgebaut wurde. Stumpf erwähnt auch das weniger wertvolle Kohlevorkommen im zürcher. Käpfnach. 1613 erhielt Théodore de Coucault, Herr von Etoy, aus der Freigrafschaft, die Konzession für den Steinkohleabbau im Waadtland (ohne bekanntes Ergebnis). Ab 1708 begann man im Kt. Zürich systematisch nach Kohlelagern zu suchen, 1709 folgte das Waadtland, wo Eirini d'Eirinis die treibende Kraft war. Zusammen mit zwei Waadtländer Notabeln erhielt er von Bern die erste Konzession zur Ausbeutung von Kohlevorkommen im Becken der Paudèze. 1710 sicherten sich die Betreiber der silberhaltigen Bleimine des Lötschentals zusätzlich das Recht, fossile K. abzubauen (Bergbau). An manchen Orten, insbesondere in Lutry und Belmont-sur-Lausanne, gewannen Bauern im 18. und 19. Jh. auch ohne Konzession auf ihren Feldern knapp unter der Erde liegende K., die sie selbst verwendeten oder manchmal auch verkauften.
Bis 1950 wurden in vierzehn Kantonen über 350 Förderbetriebe eröffnet: drei im Aargau drei in Basel, 23 in Bern, neun in Freiburg, einer in Graubünden, sieben in Luzern, zwei in Neuenburg, sechs in St. Gallen, einer im Tessin, zehn im Thurgau, 31 im Wallis, 128 in der Waadt, fünf in Zug und 130 in Zürich. Diese Minen lieferten Anthrazit (Wallis, 1859 26 Konzessionen), Fettkohle (Berner Oberland, Pays-d-Enhaut, Unterwallis, linkes Rhoneufer), Steinkohle im Mittelland, vom Genfer- bis zum Bodensee sowie Braunkohle oder schiefrigen Lignit in Zug, Zürich und St. Gallen. Entsprechend dem zerfurchten Relief der Alpen und Voralpen sind die Kohlelager in zwar rentable, aber bald erschöpfte Flöze zermalmt oder zerstückelt worden. Im Mittelland weisen die in den Molasseschichten sehr verbreiteten Schwemmablagerungen von Steinkohle selten eine Dicke von mehr als 10 bis 15 cm auf. Bestenfalls erreichen sie eine Dicke von 30 bis 50 cm (z.B. in Käpfnach). Nur die kalorienärmsten und sehr unreinen Vorkommen von braunem Lignit sind über einen Meter mächtig, nämlich 100-150 cm in Wetzikon (ZH) und 200-400 cm am Oberberg bei Dürnten. In der Mine von Uznach wurden jährlich bis zu 50'000 t gefördert. Die Schwäche der Flöze verteuerte aber den Abbau. Der Schwefel (2-6%) schadete den Dampfkesseln und Schmieden und seine Geruchsemissionen belästigten die Anwohner.
In den meisten Fällen wurden die Schächte oder Stollen nur einige Jahre oder Jahrzehnte lang genutzt. Die drei Stollen in Elgg waren 1782-1838, 1811-27 und 1827-37 in Betrieb, die Luzerner Minen in der Probsteimatte 1858-67, das Bergwerk in Sonnenberg 1859-81, dasjenige in Herdern 1855-93. Für Kleinstunternehmen, etwa mit einem selbstständigen Bergmann und seiner Fam., genügte einfaches Werkzeug: Schubkarren, Hacken, Fäustel und Flachmeissel. In der Molasse des Mittellandes mussten die Stollen nicht abgestützt werden. In grösseren Bergwerken beeinträchtigten die Kosten für Sprengstoff und Kippwagen sowie der zu beseitigende Abraum die Rentabilität. Sie verbesserte sich, wenn man die Seekreidebänder und den Mergel der Flöze in Kalköfen (Belmont), Gipsöfen (Paudex) oder Zementfabriken (Paudex, Käpfnach) verarbeitete. Wo Tonlager oder siliziumhaltiger Sand abfielen, entstanden Ziegeleien und Glashütten (Paudex, Semsales, Elgg). Die beschränkte Menge des abgebauten Brennstoffs reichte für einen lokalen oder regionalen Markt. Unternehmer oder Aktiengesellschaften mit grossindustriellen Ambitionen gingen Konkurs.
Die beiden bekanntesten Fördergebiete waren der Abschnitt zwischen Paudex, Oron und Semsales und die Region von Käpfnach. In Paudex errichteten die Teilhaber von Eirini d'Eirinis, Isaac Loys, Herr von Bochat, und Prof. Daniel Crespin, Kalköfen und eine Ziegelei. Zwischen 1725 und 1733 war der Betrieb eingestellt; 1768 wurde er auf Betreiben der Ökonom. Gesellschaft von Bern in den Vogteien Oron, Lausanne und Vevey wieder aufgenommen. Ab 1771 legte der Berner Gottlieb Wagner zwischen Paudex und Belmont sieben Stollen an, in denen er rund 20 Bergleute beschäftigte. 1774 baute Wagner eine Glashütte, 1778 eine Ziegelei, in denen die von ihm gewonnene K. verwendet wurde. 1796 ging er jedoch Konkurs. In 25 Jahren hatte er rund 10'000 t Steinkohle abgebaut und 1,5 Mio. Flaschen produziert. In kleinerem Rahmen ging die Kohlengewinnung in Belmont und Rivaz weiter, und die gleichen Flöze versorgten auch die Glashütte in Semsales. Die Dampfschifffahrt auf dem Genfersee liess ab 1823 trüger. Hoffnung aufkommen. Aber es sollte sich herausstellen, dass sich die Schweizer Steinkohle nur für Schamotteöfen (Kalk, Gips, Zement, Ziegel, Glas) und Gaswerke (Gas) eignete. 1851-95 wurden allein im Kt. Waadt 86 Konzessionen erteilt. Zwei Unternehmen erreichten eine gewisse Grösse: Jenes der Fam. Bron (1825-87) baute 1839 500 t, 1869 1'400 t K. ab und beschäftigte bis zu 200 Arbeiter (La Conversion-sur-Lutry und Oron). Das 1860 in Paudex gegr. Unternehmen des Ingenieurs Louis-Auguste Bermont modernisierte den Abbau und rationalisierte die Verwendung des Abraums. 1869 förderte es mit 1'750 t K. die Hälfte der Waadtländer Produktion. Nach 1871 kam dank der tiefen Eisenbahntarife die qualitativ bessere Steinkohle von Saint-Etienne auf den Markt. Die Erbengemeinschaft Bermont übergab 1894 ihre Konzession einer Gesellschaft, die für ihre Zementfabrik K. (unter 10% des Fördervolumens), Seekreide und Mergel abbaute. Ein Prozess mit den SBB führte 1912 zur Schliessung der Bergwerke.
Das Bergwerk von Käpfnach (90 km Stollen) liess sich einfacher ausbeuten, und die schwarzen Steinkohleflöze waren zwei- bis dreimal mächtiger als diejenigen in Paudex. Die Mine versorgte ab 1663 eine Ziegelfabrik; jedoch hörte der Abbau nach einigen Jahren auf, da das Brennholz billiger geworden war. 1708-28 pachtete die Kohlekomm. des Zürcher Rats die Mine, die nach dem Zusammenbruch der Holzkohlepreise erneut Verluste abwarf. 1763-76 wurde in Käpfnach wieder abgebaut. Die Zürcher Regierung lancierte das Bergwerk 1784 von neuem, kaufte Grundstücke und baute Lagerhäuser sowie ein Dorf für die Bergleute. Bis 1911 war es ohne Unterbruch in Betrieb. In den ersten 30 Jahren lag die Jahresproduktion unter 500 t. Ab 1871 begann sie zu wachsen, überstieg 1841 1'000 t, 1850 1'300 t, 1860 6'000 t und 1870 9'000 t K. Im Rekordjahr 1871 wurden 11'700 t K. gefördert. Am Ende des Dt.-Franz. Kriegs ging die Nachfrage zurück. Eine 1875 gebaute Zementfabrik bremste den Niedergang des Bergwerks, doch 1911 wurde es vom Kanton geschlossen.
Die Rohstoffknappheit von 1917 gab dem Bergbau neuen Auftrieb. Walliser Anthrazit wurde v.a. in Collonges abgebaut. La Paudèze und Oron lieferten 1'500 t, Rufi (Gem. Schänis) in drei Jahren 7'200 t K. Käpfnach öffnete im Aug. 1917 wieder einen Stollen, der bis 1922 in Betrieb blieb. Die Versorgungsschwierigkeiten der Schweiz während des 2. Weltkriegs führten zu einer schnellen und wirksamen Wiederaufnahme, die von den interessierten Industriegesellschaften finanziert wurde. Das Wallis lieferte 1942-45 380'000 t Anthrazit, die zehn reaktivierten Minen zwischen Paudex und Oron 95'000 t K. In Käpfnach legte eine Gesellschaft neue Stollen an, beschäftigte bis zu 250 Bergleute und baute pro Tag 80 t ab. Insgesamt deckten die 52 in Betrieb stehenden Kohleminen 1943 28% des inländischen Kohlebedarfs. Mit der Normalisierung der Importe nach Kriegsende verloren die Schweizer Bergwerke ihre Rentabilität.
Der Abbau kleiner Flöze von mittelmässiger Qualität brach vor 1914 unter der ausländ. Konkurrenz zusammen und wurde nur während der Kriegsjahre wieder aufgenommen. Der vorübergehende oder ständige Kohlebergbau diente aber zwei Jahrhunderte lang einer eher handwerkl. denn industriellen Arbeiterschaft als Wirtschaftsgrundlage und verminderte den Druck auf den Wald.
Autorin/Autor: Paul-Louis Pelet / GL
Von der frühen Neuzeit bis Mitte des 19. Jh. kam dem Kohlekonsum in der Schweiz nur geringe Bedeutung zu. Stein- oder Holzkohle diente vereinzelt als Ersatz für Brennholz oder zur Erzeugung von Prozesswärme in gewerbl. Betrieben (Ziegelbrennerei, Salzgewinnung, Eisenverhüttung), die meist direkt mit einem der wenigen einheim. Förderungsbetriebe zusammenhingen. Der Mangel an grösseren Kohlevorkommen in günstiger Entfernung erschwerte die Bildung einer schweiz. Schwerindustrie massgeblich.
Eine Zäsur stellte die Erfindung der Eisenbahn dar. Das nach 1850 schnell wachsende schweiz. Bahnnetz ermöglichte die Einfuhr und Verbreitung von Massengütern in einem bis dahin unbekannten Ausmass; dies führte zu einem enormen Anstieg des Kohleverbrauchs. Die Maschinenindustrie trat jetzt aus dem Schatten der in der ersten Jahrhunderthälfte dominierenden Textilindustrie heraus (Industrialisierung); die K. wurde rasch zum Hauptenergieträger, der scheinbar unbeschränkt zur Verfügung stand. 1851-65 versechsfachte sich der Verbrauch von rund 50'000 auf knapp 300'000 t pro Jahr, um bis 1910 mit über 2,8 Mio. t jährlich auf das Sechzigfache gegenüber 1850 anzusteigen. Der Kohleanteil am Primärenergieverbrauch nahm in diesem Zeitraum von 3% (1850) auf 78% (1910) zu.
Die Importe stammten vorwiegend aus dem Saarland, das im erw. Zeitraum 40-50% des schweiz. Bedarfs deckte, sowie aus dem Loirebecken (v.a. aus Saint-Etienne) und später auch aus brit., niederländ. und belg. Revieren. Abnehmer der K. waren die jungen industriellen Produktionszweige samt Gaswerken und Eisenbahnen. So wurden im 19. Jh. schätzungsweise 70% der K. in Lokomotiven, Dampfschiffen, Gasretorten (Stadtgas), ortsfesten Dampfmaschinen und Dampfkesseln der Industriebetriebe verfeuert.
Für Haushalte und Kleingewerbe war die K. wegen der Geruchs- und Staubimmissionen lange Zeit nur wenig attraktiv. Bis 1900 war Holz der bevorzugte Brennstoff zum Heizen und Kochen; dies änderte sich erst mit der Verbreitung der Zentralheizung im 20. Jh. (Heizung).
Die Einfuhr der K. besorgten spezialisierte Handelshäuser oder Einkaufsvereinigungen. Eisenbahnbetreiber und grosse Industriebetriebe beschafften sich die K. direkt bei den Förderbetrieben. Ab 1870 entstand allmählich auch ein Kleinhandel, der sich nicht selten aus dem Kolonialwarenhandel entwickelte.
Die schweiz. Energieversorgung war von Importen aus dem Ausland abhängig. Bereits im 19. Jh. führten Kriege (Dt.-Franz. Krieg 1870-71) und soziale Konflikte in den Herkunftsländern (Bergarbeiterstreik 1889-90 in den Ruhr- und Saarrevieren) zu Versorgungsengpässen und kleineren Energiekrisen in der Schweiz. Besonders deutlich wurde die Abhängigkeit in den beiden Weltkriegen, als Kohlelieferungen zum polit. Druckmittel gegen die Schweiz wurden. Ungeachtet ihres ab 1918 schwindenden Anteils am Primärenergieverbrauch war die K. noch bis 1955 der wichtigste Energieträger. Danach ging der Verbrauch schnell zurück. In der Krafterzeugung hatte der Elektromotor die Dampfmaschine längst verdrängt. Nun verlor die K. auch in der Wärmeerzeugung ihre beherrschende Position. Elektrizität (Elektrizitätswirtschaft) und Erdöl erwiesen sich als sauberere und vielseitigere Energiequellen. Die Gaswerke stellten nach 1960 die Gaserzeugung aus K. ein und verlegten sich auf den Verkauf von Erdgas. 2000 betrug der Anteil der K. am Energie-Endverbrauch nur noch 0,7%.
Autorin/Autor: Daniel Marek