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Vor einiger Zeit muss mein Kind 1 in einem Englisch-Vortrag ihre Familie vorstellen. Die ersten beiden Sätze über mich lauten wie folgt: «This is my mother. She’s a Workaholic.» Zuerst muss ich lachen. Dann bleibt mir das Lachen im Hals stecken. Ist das wirklich das erste, was meiner Tochter einfällt, wenn es um mich geht? Eine Mutter, die ständig arbeitet?
Ich kann mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen
Obwohl ich mir sicher bin, dass meine Kinder wissen, dass sie immer wichtiger sind für mich als jeder Job der Welt, stimmt mich die Aussage nachdenklich. Nicht, weil ich das Gefühl habe, meine Kinder fühlen sich vernachlässigt, sondern weil ich mich frage, was für ein Vorbild ich für sie abgebe. Ich arbeite nicht als Beschäftigungstherapie. Ich finanziere zu einem grossen Teil unsere Familie. Meine Kinder wissen das. Ich arbeite aber auch nicht ausschliesslich, weil ich muss. Ich kann mir mein Leben ohne das Schreiben, das Geschichtenerzählen, nicht vorstellen. Ich wäre nicht die, die ich bin, würde ich nicht arbeiten.
«Vermittle ich meinen Kindern, dass es richtig ist, dass die Arbeit zwar nicht immer, aber doch wirklich oft Priorität hat? Möchte ich meinen Kindern das vermitteln - egal, wie sehr ich den Job liebe?»
Aber eben: Ich sage sehr oft ja und sehr selten nein, wenn es um den Job geht. Ich klappe den Laptop ziemlich häufig ziemlich spät am Tag zu. Und Sätze wie «Ich komm gleich, ich muss zuerst noch was fertig machen» sind an der Tagesordnung. Vermittle ich damit meinen Kindern, dass es richtig ist, dass die Arbeit zwar nicht immer, aber doch wirklich oft Priorität hat? Möchte ich meinen Kindern das vermitteln - egal, wie sehr ich den Job liebe?
Vorbildsein ist schwierig
Je länger desto mehr stelle ich fest: Das Schwierigste am Elternsein ist nicht die Erziehung, sondern die Vorbildfunktion, die man hat. Ich war und bin so oft ein schlechtes Vorbild. Manchmal ist das nicht so tragisch. Die Fluchwörter, die meine Kinder aus meinem Auto kennen, hätten sie später auch irgendwo anders gehört. Und wenn ich mich hin und wieder mal unverhältnismässig fest aufrege über etwas, ist das einfach meine Art.
«Ich hätte - und sollte immer noch - viel konsequenter im Umgang mit dem Handy sein. Nicht in dem meiner Kinder, sondern in meinem eigenen.»
Und dann gibt es Dinge, über die ich im Nachhinein denke, ich hätte sie anders machen sollen. Ich hätte - und sollte immer noch - viel konsequenter im Umgang mit dem Handy sein. Nicht in dem meiner Kinder, sondern in meinem eigenen. Wie sollen sie auch mal auf die digitale Welt verzichten, wenn sie ihre Mutter auch am Wochenende regelmässig ihre Mails checken sehen (und ja, ich gebs zu, auch die Insta-Storys von Freundinnen). Dagegen, dass es mir immer wichtig war, einigermassen gesund und fit zu sein, ist sicher auch nichts einzuwenden. Aber wie glaubwürdig bin ich, wenn ich meinen Kindern sage, man solle den eigenen Körper so akzeptieren, wie er ist, wenn ich selbst immer wieder mal komische Anwandlungen habe und strikt darauf achte, keinen Zucker und keine Kohlenhydrate zu essen? Zeige ich meinen Kindern damit, was ich ihnen vermitteln will? Nicht wirklich.
Immerhin ein schlechtes Beispiel
Ich hoffe, meine Kinder werden trotz nicht immer gutem Vorbild irgendwann selbstständige, selbstbewusste Erwachsene. Mich selbst beruhige ich mit dem Gedanken, dass auch nicht so gute Vorbilder immerhin als schlechte Beispiele taugen.