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allgemeinen Epidemie ausbreiten. In der Mehrzahl der Fälle jedoch nimmt die Zahl der Erkrankungen schnell zu, erreicht ungefähr in der 3.-4. Woche ihr Maximum und nimmt dann allmählich wieder ab. Ebenso ist auch die Bösartigkeit der Erkrankungen und demgemäß die Zahl der Todesfälle bis zu einem gewissen Kulminationspunkt progredient und nimmt darauf langsamer, als sie angestiegen, wieder ab. In größern Städten kommen allerdings ganz gewöhnlich Nachschübe in der Zahl und Intensität der Erkrankungen vor.
Während nun schon vor dem Ausbruch oder sofort, nachdem der erste Fall sicher konstatiert ist, die wohlhabendere Bevölkerung, [* 2] welche nicht durch Geschäfte zurückgehalten wird, Hals über Kopf in entferntere Gegenden, besonders in die Berge, flieht, bemächtigt sich der zurückgebliebenen Bevölkerung häufig ein panischer Schrecken, welcher gesteigert wird, sobald ein Kranker, welcher vielleicht nur über leichtes Unwohlsein klagte, plötzlich auf der Straße zusammenbricht und in kurzem verscheidet, Fälle, welche auf dem Höhepunkt der Epidemie nicht selten vorkommen.
Allgemeine Furcht vor Ansteckung durch den Nächsten bannt die meisten an das Zimmer, und anstatt durch Bewegung in frischer Luft und kräftige Nahrung den Körper widerstandsfähig zu erhalten, wird durch übertriebene Ängstlichkeit und stete Aufregung und Furcht der Körper nur empfänglicher für die Krankheit gemacht. Die Dauer einer Epidemie ist sehr verschieden, in großen Städten länger als in kleinen; so dauerten z. B. alle bisherigen Berliner [* 3] Epidemien zwischen 3 und 6 Monaten, während sie in kleinern Städten in 2-3 Monaten zu erlöschen pflegen. In jeder befallenen Stadt gibt es ferner einzelne Straßen und in diesen wieder einzelne Häuser, welche in hervorragender Weise von der Cholera heimgesucht werden, und zwar sind es keineswegs immer diejenigen, welche an hygieinisch ungünstigen Stellen liegen, sondern solche Straßen- und Häuserepidemien treten ebenso an den tief gelegenen, sumpfigen Stellen einer Stadt auf wie in den hoch gelegenen, luftigen und vornehmen Quartieren.
Selten bleibt ein Erkrankungsfall vereinzelt in einem Haus, dagegen kommt es manchmal vor, daß fast die ganze Bewohnerschaft eines Hauses im Verlauf einer Epidemie stirbt. Eine statistische Zusammenstellung der Erkrankungen zu geben, ist sehr schwierig, da zur Zeit einer Choleraepidemie jedes Unwohlsein auf die Cholera bezogen zu werden pflegt und auch die Anzahl der Todesfälle nicht immer ganz sicher zu ermitteln ist, da vielfach die Leichen von anderweitigen Kranken mit den Choleraleichen zusammengeworfen werden.
Die Sterblichkeit beträgt im Säuglingsalter fast 100 Proz., ist auch im fernern Kindesalter noch sehr ungünstig, am günstigsten zwischen dem 10. und 20. (40-50 Proz.) und auch noch bis zum 30. Lebensjahr, wird mit zunehmenden Alter wieder ungünstiger, so daß nach dem 70. Lebensjahr die Sterblichkeit wieder gegen 90 Proz. der Erkrankten beträgt. Das weibliche Geschlecht weist im allgemeinen weniger große Sterblichkeitsziffern auf. Sehr hoch ist die Durchschnittszahl der Todesfälle in Berlin, [* 4] sie betrug nämlich bei allen Epidemien über 60 Proz. der Erkrankungen.
Die Empfänglichkeit der Menschen für das Choleragift ist eine fast allgemeine. Kein Lebensalter und Geschlecht, keine Konstitution ist frei davon. Zuzeiten, wo die Krankheit in einem gewissen Bereich herrscht, leiden fast alle Menschen, auch die, welche von schwereren Krankheitsformen verschont bleiben, an gewissen Unterleibsbeschwerden, welche wahrscheinlich von einer schwachen Einwirkung des Choleragifts abhängen. Der Krankheitsverlauf beginnt nach einer zwischen Ansteckung und Ausbruch liegenden freien oder Inkubationszeit von 36-72 Stunden Dauer.
Die leichteste Form, unter welcher die Cholera auftritt, ist die eines einfachen Durchfalls, welcher zu keinen erheblichen Störungen des Allgemeinbefindens oder einzelner Körperverrichtungen führt. Die Ausleerungen sind gewöhnlich sehr reichlich, wässerig, aber weder geruchlos noch entfärbt. Nur der Nachweis der Kommabacillen ist für die Cholera charakteristisch. An jene leichteste Form der Krankheit schließen sich andre Fälle an, in welchen zu den Durchfällen stürmisches Erbrechen hinzutritt, und wo die Darmentleerungen die dünne, wässerige, geruchlose Beschaffenheit annehmen, wegen deren man sie als Reiswasserstühle bezeichnet hat, jedoch ohne daß ein namhafter Grad von Bluteindickung eintritt.
Mit dem Eintritt der reiswasserähnlichen Cholerastühle geht das Gefühl heftigen Durstes einher, welches sich zu einer quälenden Höhe steigern kann. Zu dem Durste, der Mattigkeit und Hinfälligkeit treten noch krampfhafte Zusammenziehungen gewisser Muskelgruppen, namentlich der Wadenmuskeln, hinzu, welche sich nach längern oder kürzern Pausen wiederholen. In günstig verlaufenden Fällen werden die Ausleerungen seltener und weniger kopiös, erscheinen auch wieder stärker gefärbt; endlich hört der Durchfall auf, und der Kranke geht der Genesung entgegen, welche indessen gewöhnlich eine langsame ist. In andern Fällen verschlimmert sich die Krankheit von neuem und erreicht eine bedrohliche Höhe, oder es tritt überhaupt keine Besserung ein, und die Cholerine geht in das Bild der sogen. asphyktischen (pulslosen) Cholera über.
Dies ist die schwerste Form der Cholera, sie beruht wahrscheinlich auf einer Vergiftung durch die Zersetzungsprodukte des Kommabacillus. Die asphyktische Cholera entwickelt sich in vielen Fällen aus einer Diarrhöe, welche mehrere Tage lang bestanden hatte; oft aber tritt sie auch schon wenige Stunden nach dem ersten Choleradurchfall ein. Zu quälendem Durst, Wadenkrämpfen, unaufhörlich nach jedem Trunk sich wiederholendem Erbrechen gesellt sich sehr rasch ein erschreckender Kräfteverfall.
Das Aussehen des Kranken ist furchtbar verändert: das Antlitz ist eingefallen, hohläugig, die Nase [* 5] spitz, Gesicht [* 6] und Hände sind bläulich gefärbt, der Puls ist nicht mehr zu fühlen, auch der Herzstoß nicht wahrnehmbar, die ganze Körperoberfläche fühlt sich kalt wie die eines Leichnams an. Man bezeichnet daher dieses Stadium der Krankheit als das Kältestadium (Stad. algidum). Selten klagen die Kranken dabei über Kopfschmerz, häufiger über Schwarzwerden vor den Augen, Ohrensausen und Schwindel.
Das Bewußtsein ist nicht getrübt, aber die meisten Kranken sind auffallend gleichgültig gegen die ihnen drohende Gefahr und klagen nur über den Durst und die Wadenkrämpfe. Die asphyktische Cholera verläuft sehr schnell, die Kranken sterben oft schon nach 6, 12-24 Stunden, selten dauert das Kältestadium länger als 2 Tage. In günstig verlaufenden Fällen schließt sich an das Kältestadium das sogen. Stadium der Reaktion an. Durchfall und Erbrechen lassen nach, der Puls wird wieder wahrnehmbar, das blaue Aussehen und die Entstellung des Gesichts verschwinden, es stellt sich die Harnausscheidung wieder ein, kurz, der Kranke geht, bald schneller, bald langsamer, der Genesung entgegen. An das Kältestadium der Cholera, namentlich wenn es lange dauerte, schließen sich häufig anderweite ¶
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fieberhafte Erkrankungen an, welche gewöhnlich mit schweren Symptomen von seiten des Nervensystems verbunden sind, einen typhusähnlichen Charakter tragen und deshalb mit dem Namen des Choleratyphoids bezeichnet zu werden pflegen. Am häufigsten läßt sich die unter dem Bilde des Choleratyphoids verlaufende Nachkrankheit auf eine akute Entzündung der Nieren zurückführen, wobei ein stark eiweißhaltiger Harn sehr geringer Menge oder überhaupt gar kein Harn abgeschieden wird. Der Puls ist dabei frequent, oft doppelschlägig, und regelmäßig ist starkes Fieber vorhanden. Die Kranken klagen über heftigen Kopfschmerz, bekommen von neuem Erbrechen; es stellen sich Zuckungen der Muskeln, [* 8] dann Unbesinnlichkeit, Schlafsucht und endlich der Tod ein. Nur selten wird ein Patient gerettet, welcher unter dem Bilde des Choleratyphoids erkrankt war.
Die Behandlung beginnt wie für ganze Völker, so auch für den Einzelnen mit Vorsichtsmaßregeln. Wer zum Verharren in einem bedrohten oder schon befallenen Bezirk gezwungen ist, hüte sich streng vor Diätfehlern, vor Erkältung, großen Strapazen, kurz vor allen Schädlichkeiten, welche geeignet sind, den Körper zu schwächen und in seiner Widerstandsfähigkeit zu beeinträchtigen. Auch Gesunde müssen eine wollene Leibbinde tragen und bei den geringfügigsten Klagen sofort ärztliche Hilfe nachsuchen.
Speisen und Trinkwasser sollten nur nach gründlichem Kochen genossen werden. Ist die Cholera zum Ausbruch gekommen, so kann sich in Ermangelung eines wirksamen Mittels gegen den Kommabacillus selbst die Behandlung nur gegen die Symptome richten. Gegen die Durchfälle ist das beste Mittel die Opiumtinktur. Besteht trotz wiederholter Gaben von Opium der Durchfall fort, so empfehlen manche Ärzte, Kaltwasserumschläge auf den Unterleib zu applizieren, welche aber nicht warm werden dürfen, also oft erneuert werden müssen.
Gegen die Bluteindickung muß man den Kranken kleine Portionen eiskalten Wassers oder kleine Eisstückchen in kurzen Pausen verschlucken lassen. Hierdurch werden dem Patienten auch die Qualen des Durstes am meisten gelindert. Sobald der Puls sehr klein wird und der Kranke sichtlich verfällt, ist der Gebrauch von Reizmitteln gegen die drohende Herzlähmung dringend angezeigt. Ein vortreffliches Reizmittel ist in Eis [* 9] gestellter Champagner; auch Rum oder Arrak, mit Wasser verdünnt, starke Weine u. dgl. thun gute Dienste. [* 10] Auch kann man abwechselnd mit der Darreichung von Eis oder Eiswasser von Zeit zu Zeit eine Tasse starken heißen Kaffees reichen. Die Transfusion von Blut oder Kochsalzlösung hat sich nicht bewährt. - Zur Abwehr der Cholera hat Ferran, ein Arzt zu Tortosa in Spanien, [* 11] während der Epidemie von 1885 Impfungen von Cholerapilzen in die Haut [* 12] und die Muskeln Gesunder in Anwendung gebracht.
Die Impfungen wurden in Spanien in großem Umfang unter Protektion der Regierung mit angeblich gutem Erfolg ausgeführt. Außerhalb Spaniens brachte man der Ferranschen Methode großes Mißtrauen entgegen, weil dieselbe geheim gehalten wurde und selbst den wissenschaftlichen Kommissionen, welche von Paris [* 13] und Brüssel [* 14] zur Prüfung an Ort und Stelle gesandt worden waren, jeder Einblick in das Geheimnis verschlossen blieb. Überdies wurde die Statistik über die Impfwirkung in Alcira von dem Brüsseler Abgesandten van Ermengem für völlig unzuverlässig erklärt. - Eingehendere Belehrung über die Cholera, namentlich über die epidemiologische Seite derselben, findet man bei Griesinger, Infektionskrankheiten (Erlang. 1864), dann in zahlreichen Aufsätzen und Schriften von Pettenkofer (in der »Zeitschrift für Biologie« u. a. O.); höchst lesenswert ist Pettenkofers Ansprache an das Publikum: »Was man gegen die Cholera thun kann« (Münch. 1873). Endlich sei auf die Denkschrift der Cholerakommission für das Deutsche Reich [* 15] (Berl. 1873) und den von derselben aufgestellten Untersuchungsplan zur Erforschung der Ursachen der Cholera und deren Verhütung hingewiesen.
Vgl. auch Pettenkofer, Über den gegenwärtigen Stand der Cholerafrage (Münch. 1873);
Schneider, Verbreitung und Wanderung der Cholera, graphisch dargestellt (Tübing. 1877);
Bellew, History of the cholera in India 1862-81 (Lond. 1884);
Cuningham, Die Cholera. Was kann der Staat thun, sie zu verhüten? (mit Vorwort von Pettenkofer, Braunschw. 1885).
Die neuesten Arbeiten Kochs über die Cholera sind bisher nur in medizinischen Zeitschriften (der »Deutschen medizinischen Wochenschrift« 1884 u. a.) enthalten.