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In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich mich darüber ereifert, dass Literatur mehr sein muss als Gejammere, selbst wenn es dabei um hochsensible Themen wie Rassenhass und Frauendiskriminierung geht. Ich habe versprochen, diesmal ein Buch vorzustellen, das das Thema effektiver, phantasie- und liebevoller und damit wirksamer angeht. Ich spreche von Gloria Naylors Roman Linden Hills. Ein beherztes Buch aus dem Herzen einer afro-amerikanischen Gesellschaft, die sich mit der eigenen Identität ebenso wie mit den Gegebenheiten schwertut: Soll man sich den sozialen Gegebenheiten zum Trotz anstrengen, damit man es zu «etwas bringt» und sich damit an die von Weissen diktierten Normen anpassen? Oder ist es wichtiger, niemals aus dem Blick zu verlieren, woher man kommt und was die Vorfahren durchgemacht haben? Lassen sich beide Aspekte vereinen, oder bedeutet dies bereits, sich zu verbiegen oder sich gar zu verbeugen?
Das Setting: Linden Hills, ein Hügel mitten in einer amerikanischen Stadt, bewohnt von Schwarzen. Es ist kein besonders schöner Hügel, noch nicht mal fruchtbar. An seinem Fuss liegt ein Friedhof. Gleich hinter dem Friedhof wohnt der Besitzer des Landes, der schlaue Luther Nedeed. Nedeed, der König dieses Stück Landes, das wie ein schwarzer Dorn im Fleisch einer weissen Stadt liegt, hat für die meisten seiner Brüder nicht viel mehr als Verachtung übrig:
Etliche dieser Narren hatten in dem Glauben Wurzeln geschlagen, Afrika könnte mehr als ein Wort sein; die Sklaverei sei überwunden, Erlösung liege in Jesus und Heil im Blues. Sicher Nedeed könnte ihnen sagen, dass man echten Fortschritt in weissen Grossbuchstaben schrieb … Nein, Menschen wie sie blickten ein Jahrtausend zurück, und könnten sie ein Jahrtausend in Linden Hills hocken, würden sie Kinder produzieren, deren Traum eine echte Schwarze Macht wäre…
Gloria Naylor hat Nedeed in diesem gleichnishaft aufgestellten Stück die Rolle des teuflischen Verführers zugedacht. Wenn anderswo gilt, dass derjenige, der zuoberst auf einem Hügel wohnt, die beste Wohnlage hat, so ist das in Linden Hills genau umgekehrt: Je weiter unten am Hügel, je näher an Nedeed und am Friedhof einer wohnen darf, umso eher zeigt das seinen Erfolg. Und wer wo wohnen darf, entscheidet Luther Nedeed.
Allein an dieser schriftstellerisch genialen Idee kann man schon erkennen, dass Naylor gerne mal die Dinge auf den Kopf stellt und dann wacker daran schüttelt. Und so fallen dann bei Schütteln nicht nur Erfolg und Geld, sondern auch andere, unschöne Dinge zu Boden. Alles hat seinen Preis, auch auf Linden Hills, und selbst der Teufel ist nicht mehr als ein gefallener Engel.
Die Story: Willie und Lester sind zwei junge Existenzen, von denen noch nicht sicher ist, ob sie es eines Tages schaffen werden. Bislang sieht es eher nach einem Scheitern aus, nicht zuletzt, weil sie vom Erfolgsstreben und dem American Dream wenig halten. Doch nun steht Weihnachten vor der Tür, die beiden bräuchten dringend Geld. Da kommt die Idee, sich auf Linden Hills ein paar Jobs bei den reichen Nachbarn zu suchen, gerade recht. Willie und Lester arbeiten sich nach unten: von den einfacheren Quartieren oben auf Linden Hills hinunter zu den Luxushäusern. Je weiter nach unten sie kommen, umso unheimlicheren Dingen begegnen sie. Verzweiflung nimmt Gestalt an. Träume zerschmettern auf dem Boden von Swimmingpools. Zuletzt landen die beiden Freunde im Haus von Luther. Luther hat ihnen gutes Geld geboten, wenn sie ihm helfen, seinen Christbaum zu schmücken.
Ein Roman, der mich von Grund auf überzeugt hat. Sprachlich poetisch, trotzdem eine Wucht, mit einem gelungenen Aufbau, Spannung inbegriffen, überzeugende Charaktere, atmosphärische Dichte: so stelle ich mir gute Literatur vor. Das Buch erschien zwar bereits 1985 im Original, hat aber nichts von seiner Aktualität verloren.
Autorin: Gloria Naylor
Titel: Linden Hills, Roman, erstmals ins Deutsche übersetzt von Angelika Kaps
Verlag: Unionsverlag, 2022, gebunden, 394 Seiten
ISBN 978-3-293-00585-3, 23.– Euro/236.90 Franken
Kurz zusammengefasst: Auf Linden Hills wohnen Schwarze, die es auf der Karriereleiter geschafft haben. Auch wenn die Häuser und Einfahrten von Erfolg sprechen, so sieht es hinter den Fassaden anders aus. Auf dem anstrengenden Weg den Hügel abwärts haben manche den Bezug zu ihrer Geschichte und sich selber verloren.
Für wen: Thematisch geht es um Rasse, Geschlecht, Sexualität: Kann ich einfach allen empfehlen.