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Er war ein begeisterter, einflussreicher Atomphysiker. Doch Tschernobyl brachte Wassili Nesterenko zum Nachdenken: Er versuchte, die Katastrophe wissenschaftlich zu erfassen, um den Menschen vor Ort zu helfen.
Wassili Nesterenko führte das Leben eines privilegierten Sowjetwissenschaftlers, der zum Dissidenten wurde. Er gehörte zu den 600 000 Tschernobyl-Liquidatoren, die versucht hatten, den Schlamassel um den geborstenen Atomreaktor in den Griff zu bekommen. Der Reaktor war am 26. April 1986 explodiert, Wassili Nesterenko traf schon am zweiten Tag nach dem Super-GAU dort ein. Er gehörte zu den profiliertesten Atomphysikern der Sowjetunion und leitete damals im weissrussischen Minsk das Nuklearinstitut.
Als ich Nesterenko bei den Recherchen für mein Buch «Beherrschtes Entsetzen» Mitte der neunziger Jahre das erste Mal traf, erzählte er, wie chaotisch es in den ersten Tagen nach dem Super-GAU zugegangen war. Ihn habe man geholt, weil sich das Feuer im Reaktor nicht löschen liess. Die Verantwortlichen versuchten, dem Brand mit Blei beizukommen, doch die Temperaturen seien viel zu hoch gewesen: Das Blei verdampfte sofort, der Wind trug es weg, womit weite Landstriche zusätzlich zur Strahlung noch mit Blei verseucht wurden. Letztlich konnte das Feuer mit Sand, Beton und Bor gelöscht werden.
Das Westentaschen-AKW
Bei unserem ersten Treffen erzählte Nesterenko begeistert von einem kleinen, mobilen Reaktor, den sie in den achtziger Jahren in seinem Institut gebaut hatten: «Man konnte ihn binnen sechs Stunden irgendwo aufbauen und sofort Energie produzieren. Es dauerte nur einen Tag, den Reaktor wieder abzubrechen und an einem neuen Ort aufzustellen. Mit achtzehn Kilogramm angereichertem Uran hätte er während drei Jahren Energie produzieren können.» Aufgrund seiner Bauweise hätte es in dem kleinen Ding zu keiner Kernschmelze kommen können, erklärte Nesterenko und meinte schmunzelnd, die Entwicklung dieses Reaktors sei wohl die grösste Leistung seines Lebens gewesen.
So war Wassili Nesterenko: immer gut gelaunt und getrieben, etwas Wichtiges richtig zu tun.
Nach dem Super-GAU begannen er und sein Team, in Weissrussland die Strahlung zu messen. Sie merkten bald, dass vor allem der Süden und Südosten Weissrusslands teilweise enorm hoch kontaminiert waren. Nesterenko forderte die Evakuierung der Bevölkerung. Die Parteileitung stellte sich taub. Nesterenko liess nicht locker. Im Juni 1987 enthob ihn deshalb die Kommunis-tische Partei (KPdSU) seines Amtes als Institutsdirektor.
Er trug jedoch weiterhin Daten zusammen, begann den Minsker Zeitungen Informationen zu stecken. Man drohte ihm mit Prozessen und Mordanschlägen. Einmal wurde er in einen offensichtlich mit Absicht herbeigeführten Autounfall verwickelt, den er schwer verletzt überlebte. Nesterenko liess sich nicht einschüchtern. 1990 verliess er das staatliche Nuklearinstitut und gründete sein eigenes Institut Belrad. Dabei erhielt er Unterstützung vom russischen Kernphysiker und Nobelpreisträger Andrei Sacharow sowie vom russischen Schachgenie Anatoli Karpow.
1991 wurde Weissrussland unabhängig, und Nesterenko begann, im ganzen Land ein dichtes Netz von Messstellen aufzubauen. Wenn die Menschen schon nicht evakuiert werden konnten, wollte er mit seinem Institut dafür sorgen, dass sie möglichst keine kontaminierten Lebensmittel konsumierten.
Belrad fand jedoch Familien, deren Kühe Milch gaben, die mit 5000 bis 6000 Becquerel (Bq) Cäsium pro Liter kontaminiert war – in Weissrussland gilt ein Grenzwert von 111 Bq für Erwachsene und 37 Bq für Kinder. Die Leute in den Dörfern waren arm und assen, was in ihren Gärten wuchs, und tranken die Milch ihrer Kühe. Zudem waren die Menschen einige Jahre nach dem Super-GAU der unsichtbaren Gefahr überdrüssig, sie wollten sich nicht ständig mit der Strahlung auseinandersetzen. Sie begannen wieder Pilze zu essen, in denen sich Radioaktivität bekanntermassen anreichert, und scherten sich nicht um die Tausende von Becquerel Cäsium, die die Milch verseuchten.
Gegen diesen allgegenwärtigen Fatalismus trat Nesterenko an: Unermüdlich sammelte sein Institut Daten über die Strahlenbelastung, zeigte den Leuten, wo sie ihre Kühe grasen lassen durften und wo nicht, entwickelte spezielle Messgeräte für Lebensmittel oder entwickelte Pektinkuren, die das Cäsium teilweise aus dem Körper schwemmen.
Nesterenko versuchte, die Katastrophe wissenschaftlich zu fassen, um die Folgeschäden zu mindern. Westeuropäische Tschernobyl-Hilfsorganisationen unterstützten ihn dabei, doch die offiziellen Stellen wollten von seiner Arbeit nichts wissen.
Protest in Genf
Die weissrussische Regierung unter dem diktatorisch agierenden Präsident Alexander Lukaschenko hielt nie viel vom renitenten Atomphysiker. Immer wieder setzten die Behörden sein Institut unter Druck und versuchten, seine Arbeit zu behindern. Von den internationalen Institutionen kam ebenfalls keine Hilfe: Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) hatte die Folgen des Super-GAUs von Anfang an verharmlost und behauptet heute noch, es seien höchsten fünfzig Personen an den Folgen von Tschernobyl gestorben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schweigt dazu, weil sie vertraglich verpflichtet ist, keine wissenschaftlichen Resultate zu veröffentlichen, die die IAEO nicht abgesegnet hat. Noch diesen Mai nahm Nesterenko an der «Hippokratischen Mahnwache» in Genf teil, wo mehrere atomkritische Organisationen gegen diese Verbandelung von IAEO und WHO protestierten (mehr dazu auf www.independentwho.info).
Am 25. August 2008 ist Nesterenko 74-jährig gestorben. Sein immenses Wissen wird fehlen – doch sein Institut Belrad wird weitergeführt, von seinem Sohn.