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Vorteile der Frühkastration
Was in der Schweiz gängige Routine geworden ist, ist in Deutschland noch weitestgehend unbekannt. Diejenigen, die sich damit näher befassen möchten, stoßen auf ein zweigeteiltes Lager: zum einen die Befürworter, zum anderen die Gegner.
Diese Art der Kastration hat bisher in recht wenigen deutschen Tierarztpraxen Einzug gehalten. So dass, selbst wenn man sein Tier kastrieren lassen möchte, man zuerst vor dem Problem steht, einen geeigneten Tierarzt zu finden, welcher diese Operation durchführt.
Was ist eine Frühkastration?
Bei einer Kastration werden den männlichen Meerschweinchen die Hoden vollständig entfernt. Eine Vermehrung bei Anwesenheit von Weibchen wird damit unterbunden. Bei der Frühkastration wird die Operation vor Eintritt der Geschlechtsreife durchgeführt. Diese setzt ein, sobald die Hoden aus dem Bauchraum in die Hodensäcke abgewandert sind, was in einem Alter von 3 bis 6 Wochen und bei einem Gewicht von 250 bis 300 Gramm geschieht. Dabei sollte man vermehrt auf das Gewicht der Tiere achten. Werden diese nicht frühkastriert, müssen diese ab einem Gewicht von 250 Gramm von den weiblichen Tieren der Gruppe getrennt werden.
Einzeln geborene Böcke kommen meist mit einem deutlich höheren Geburtsgewicht zur Welt, als es bei Tieren einer Mehrlingsgeburt der Fall ist. Somit entwickeln sich Einzeltiere auch meist viel schneller und erreichen die Geschlechtsreife eher. Der oben genannte Zeitraum, in welchem die Geschlechtsreife einsetzt, kann daher nur recht grob gefasst werden.
Durchführung einer Frühkastration:
Eine Frühkastration findet meist ab einem Gewicht von 200 bis maximal 250 Gramm statt. Die Hoden müssen im Bauchraum tastbar sein und befinden sich damit schon auf dem Weg nach unten in die Hodensäcke.
Als Narkoseart sollte immer (nicht nur bei der Frühkastration) die Inhalationsnarkose gewählt werden. Sie ist verträglicher und das Risiko einer Überdosierung (gerade bei kleinen Jungtieren), wie es bei Injektionsnarkosen besteht, ist hier nicht gegeben. Auch die Aufwachphase ist wesentlich kürzer, so dass die Kleinen schnell wieder zu den Müttern können und fressen.
Liegt das Tier in Narkose und wurde der OP-Bereich desinfiziert, wird an den zukünftigen Hodensäcken jeweils ein Schnitt gesetzt, so wie es bei einer üblichen Kastration der Fall wäre. Dann werden die Hoden aus dem Bauchraum nach unten massiert, herausgeholt und mit einem sich später selbst auflösenden Faden abgebunden. Die Hoden werden daraufhin abgeschnitten und der verbleibende abgebundene Samenleiterstumpf wieder nach innen gelegt.
Die OP ist damit beendet und die Wunden können mit einem Stich vernäht werden. Einige Tierärzte quetschen die Wundränder auch eine kurze Zeit zusammen. So verklebt die kleine Wunde und Nähen ist nicht nötig.
Anschließend wird die Wunde mit Silberspray besprüht, welches eine antibakterielle Wirkung besitzt. Zudem sollte der Tierarzt ein Antibiotikum gegen Entzündungen und ein Schmerzmittel geben.
Nach Vernähen der Wunde wird das Narkosegas entfernt und das Tier wird bis zum vollständigen Erwachen unter Rotlicht gelegt, um ein Auskühlen zu verhindern.
Wurden Nähte verwendet, müssen diese nach etwa 10 Tagen vom Tierarzt entfernt werden. Meist ziehen sie sich die Tiere aber schon vorher zumindest teilweise selbst.
Orlando wurde im März 2008 kastriert und war damit unser erster Frühkastrat im Verein. Mit gerade mal 19 Tagen begann er seine Mutter zu besteigen. Er war zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Tagen frühkastriert und man sieht, dass die Tiere sehr wohl einen Sexualtrieb besitzen.
Pro und Contra einer Frühkastration:
Eine Frühkastration bietet für uns als Notstation viele Vorteile. Die kleinen Böcke müssen nicht aus der Gruppe herausgenommen werden, da sie vor der Geschlechtsreife kastriert wurden. Dies bedeutet, es müssen zum einen keine weiteren Gehege aufgestellt werden und zum anderen lernen Jungtiere in einer gemischten großen Gruppe am besten alle nötigen Verhaltensweisen für ein gutes Sozialverhalten. Durch die Frühkastration sind die kleinen Böcke ab einem Gewicht von 300 Gramm vermittelbar. Viele Tierärzte kastrieren erst deutlich später, dies würde oft lange Einzelhaltung bedeuten, falls das Tier bockunverträglich ist und es werden Pflegeplätze blockiert.
Um die weiteren Pro- und Contrapunkte besser beleuchten zu können, haben wir im Zeitraum April – September 2009 in einigen Internetforen (speziell für Meerschweinchen und Haustiere) eine Umfrage zum Thema Frühkastration durchgeführt. 27 Halter haben daran teilgenommen mit ca. 250* frühkastrierten Meerschweinchen.
*Einige der Umfrageteilnehmer haben schon sehr viele Tiere frühkastrieren lassen und wussten die genaue Anzahl nicht mehr.
Folgende Fragen wurden gestellt:
- Habt ihr schon Böcke frühkastrieren lassen?
- Wenn ja, in welchem Alter und bei welchem Gewicht?
- Haben die Tiere Probleme während der OP/Narkose gehabt oder später bei der Wundheilung?
- Wie wuchsen die Tiere in ihren ersten Lebenswochen / Monaten auf? (Gruppenkonstellation)
- Wie leben die Tiere jetzt? Und wie ist deren Verhalten? Anders als bocküblich oder anderweitig auffällig? Wie gliedern sie sich in die Gruppe ein?
- Hatten sie bisher Erkrankungen? Wenn ja, welche?
- Sind sie anfälliger für Krankheiten?
- Wie alt sind eure Frühkastraten jetzt? Bzw. in welchem Alter sind sie gestorben?
Viele Halter und auch Tierärzte sprechen sich aus ethischen Gründen und aufgrund der Integrität der Tiere gegen eine Frühkastration aus. Generell gegen Kastration zu sein, spricht gegen den Gedanken des Tierschutzgesetzes. Viele Böcke, die unverträglich mit anderen Böcken sind, müssten dann ihr Dasein in Einzelhaft verbringen, wenn unnötiger Nachwuchs vermieden werden soll. Aber auch Einzelhaltung ist nicht im Sinne des Tierschutzes. Diese Gedankengänge sollten daher klar überdacht werden.
Als Gegenargument gegen Frühkastration wird oft genannt, dass die Tiere in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, da ihnen durch Entfernung der Hoden das wichtige männliche Hormon Testosteron fehlen würde. Hier ist aber anzumerken, dass Testosteron nicht nur in den Hoden produziert wird, sondern auch in der Nebennierenrinde. Damit sind die Argumente, dass Frühkastraten krankheitsanfälliger wären, dass sie kleiner bleiben würden und unproportioniert, dass sie sich zu Neutren entwickeln, an denen Weibchen kein Interesse haben, hinfällig.
Auch die Halter, die bei der Umfrage teilgenommen haben, konnten diese negativen Argumente, die in vielen Foren und Internetseiten zu finden sind, nicht bestätigen.
Ein weiteres Argument, welches im Internet herumgeistert, besagt, dass Frühkastraten zu Harnleiterverengungen neigen und die Gefahr von Blasengries und –steinen erhöht wäre.
Meine Recherchen ergaben, dass die Autorin, welche diesen Text in Foren publiziert, selbst nicht mehr weiß, aus welcher Quelle sie ihr Wissen hat. Nach weiterer Suche fand ich dieses Argument bei der Frühkastration von Katzen, was dort aber ebenfalls recht umstritten ist. Hier scheint es also nicht wirklich eine fundierte Studie zu geben, durch welche dieses Argument entstand. Auch unsere Umfrage ergab, dass kein höheres Risiko bezüglich Blasengries oder –stein festgestellt werden konnte.
Von einigen Tierärzten wird von solch einer OP abgeraten bzw. sie führen sie nicht durch, da dies zu risikoreich sei. Die Suche der Hoden würde lange dauern, bzw. die Hoden könnten wieder wegrutschen. Jungböcke haben noch die Möglichkeit, die Hoden weit in den Bauchraum hochzuziehen. So könnten vielleicht Hoden bei der ersten OP nicht entfernt werden. Tierärzte, die so argumentieren, haben meist selbst noch keine Frühkastration durchgeführt und können nicht aus eigener Erfahrung sprechen.
Die Operation ist nicht risikoreicher als bei einer Kastration, die erst nach Abstieg der Hoden durchgeführt wird. Im Gegenteil kann man sagen, dass die jüngeren Tiere die OP und die Narkose meist besser wegstecken als ältere. Oft wirkt es beinahe, als hätte es keine OP gegeben. Die Kleinen sind bereits am selben Abend wieder überaus munter. Da im Hodensack zudem nur wenige Blutgefäße sind, verlieren die Tiere i.d.R. auch nur wenig Blut. Durch den noch nicht bzw. kaum vorhandenen Fettkörper, welcher den einzelnen Hoden umschließt und den meisten Umfang im Hodensack bei einem erwachsenen Bock ausmacht, ist das Risiko der Abszessbildung sehr gering. Auch durch die winzige Wundöffnung und die nur kleine Naht ist die Abszessbildung bzw. das Risiko deutlich minimiert. Wir persönlich hatten bisher niemals Komplikationen bei einer Frühkastration und auch nicht bei der Abheilung danach. Durch die kleine Wundöffnung können die Tiere auch direkt wieder auf Einstreu gesetzt werden. Das ganze Gehege muss nicht mit Decken ausgelegt werden, was sehr aufwändig wäre.
Die Gegner der Frühkastration haben auch Bedenken hinsichtlich des Sozialverhaltens. Da die Böcke vor Eintritt der Geschlechtsreife kastriert werden, könnten sie ihre vollen Verhaltensweisen nie ausleben und erlernen und bleiben in ihrem Entwicklungsstand stehen.
Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Da die Tiere vor der Geschlechtsreife kastriert werden, können sie in der Gruppe verbleiben und erleben alle Facetten des Sozialverhaltens einer gemischten Gruppe. Die Tiere erlernen dadurch ein wunderbares Verhalten und gliedern sich später problemlos in jede andere Gruppe ein. Dies bedeutet für das Tier auch ein stressärmeres Erwachsenenleben. Böcke, die nicht frühkastriert werden und in der entscheidenden Prägephase einzeln oder mit den Brüdern gehalten werden müssen, bleiben in ihrer Entwicklung stehen. Hier muss zumindest ein Altbock für das weitere Erlernen des Sozialverhaltens helfen.
Frühkastraten sind auch nicht asexuell. Sie interessieren sich genauso für Weibchen, nur kennen sie ihren Rang in der Gruppe und sehen den älteren Kastraten als Haremschef an. Daher ist es möglich, auch mehrere Böcke mit Weibchen zusammenzuhalten. Nur wenige Frühkastraten begehren dagegen auf und wollen selbst Chef sein. Solche Tiere sind meist genetisch vorbelastet und haben dominante Eltern oder Ahnen. Diese Frühkastraten beanspruchen die Weibchen für sich und beweisen damit sehr wohl, dass auch Frühkastraten an Weibchen interessiert sind.
Viele Jungböcke werden in Bockgruppen vermittelt, da dann eine Vergesellschaftung noch problemlos möglich ist. Zu diesem Zeitpunkt sind die Böcke für eine normale Kastration oft noch zu klein. Würden die Jungböcke unkastriert vermittelt werden und kämen irgendwann wieder zurück, haben Notstationen und Tierheime zunächst ein Problem. Unkastrierte Böcke benötigen oft Einzelplätze, im Alter sind sie schwerer vermittelbar und spätestens dann ist eine Kastration nötig. Bei einer solchen normalen Kastration kommt dann noch eine 4- bis 6-wöchige Wartezeit dazu. Werden die Böcke frühkastriert, gibt es diese Probleme nicht. Ein Vorteil für Notstationen und Tierheime.
Frühkastrationen sind damit keinesfalls gefährlich oder besitzen gesundheitliche Spätfolgen. Frühkastration ist sinnvoll für eine schnellere Vermittlung und eine bessere Sozialisierung der Tiere. Ob dies nun ethisch vertretbar ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Die kleinen Böcke erleiden jedenfalls keinen Schaden. Frühkastrationen helfen frühzeitig, weiteren Nachwuchs zu vermeiden und vermindern, dass Böcke lange alleine sitzen müssen, um Gewicht für die bisher übliche Kastration zu erreichen.
Wir hoffen, wir konnten Ihnen die Frühkastration und ihre vielen Vorteile näher bringen. Es ist uns sehr wichtig, den Begriff in Deutschland geläufig werden zu lassen. Je mehr Halter bei ihren Tierärzten danach fragen, umso eher werden sich diese darüber informieren und fortbilden.
Text und Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Sabrina Hermann www.sos-meerschweinchen.de