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Tipp 1. Gratwanderung zwischen vornehmer Zurückhaltung, Bescheidenheit und Herausstechen
Generell ist man in der Schweiz bei Bewerbungen (und auch sonst) deutlich zurückhaltender als im deutschen oder angelsächsischen Raum. Daher gilt absolute Vorsicht, wenn man allzu sehr mit seinen Qualitäten auftrumpfen möchte. Während ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich in meinen Bewerbungs-Coachings Schweizer Klienten eher dazu ermutigen muss, ihre Kenntnisse in Bewerbungen besser hervorzuheben, ist es bei Kandidaten aus Deutschland und dem angelsächsischen Raum manchmal eher angebracht, etwas mehr auf die Bremse zu treten.
- Sie sollten darauf achten, dass Sie z.B. in Ihrem Anschreiben bevorzugt den Konjunktiv verwenden:
- NICHT: „Ich bin überzeugt, dass ich der richtige Kandidat für diese Position bin.“ (Diese Aussage könnte in der Schweiz als zu selbstbewusst oder gar arrogant bewertet werden.)
- STATTDESSEN: „Ich bin überzeugt, dass ich der richtige Kandidat für diese Position sein könnte.“
- Eigentlich sollte es ja immer so sein, aber in der Schweiz gilt umso mehr: Die tatsächlichen Kompetenzen sollten der Beschreibung in der Bewerbung, also im Lebenslauf oder Anschreiben entsprechen und einer Überprüfung standhalten können. Vorsicht also mit allzu vollmundigen Angaben, wie „sehr gute Kenntnisse in…“, wenn man nicht tatsächlich über sehr gute Kenntnisse verfügt, die auch der potentielle Arbeitgeber so einstufen würde. Belegen Sie Ihre tatsächlichen Fähigkeiten deshalb durch aussagekräftige, glaubwürdige und überzeugende Beispiele.
- Bei Sprachkenntnissen empfehle ich aus diesem Grund differenziertere Beschreibungen, angefangen bei den mündlichen und schriftlichen Kenntnissen. Diese Trennung kann z.B. hilfreich sein, wenn man sich zwar wunderbar auf Englisch mündlich mit Kollegen austauschen kann, aber im Schriftverkehr eher unsicher ist. Mehr Infos zum Thema Sprachkenntnisse finden Sie in meinem Beitrag zum Thema Sprachkenntnisse im Lebenslauf
- Das gleiche gilt für Informatik bzw. PC-Kenntnisse. Auch hier lohnt es sich, seine Kenntnisse realistisch einzuschätzen und auch dementsprechend differenziert aufzuführen. MS Office Kenntnisse sollte heutzutage jeder haben – aber auch da gibt es Unterschiede:
- Können Sie einfache Briefe schreiben oder mit komplexen Wordvorlagen arbeiten oder sie sogar erstellen?
- Können Sie einfache Tabellen in Excel anlegen oder sind Ihnen auch Pivottabellen, komplexe Formeln und Makros geläufig?
- Wenn Sie annehmen, dass Sie sehr gute Kenntnisse haben und diese auch für die ausgeschriebene Position gefordert sind, dann gehen Sie detaillierter auf Ihre Einschätzung ein.
- Übrigens: Der Begriff „EDV“ ist in der Schweiz weniger geläufig als in Deutschland, stattdessen spricht man eher von „IT-Kenntnissen„.
- Mehr Infos zu PC-Kenntnissen finden Sie auf der folgenden Website: http://tricks-und-tipps.com/edv-kenntnisse/
Tipp 2. Rechtschreibung in einer Schweizer Bewerbung
- Das ß existiert in der Schweiz nicht. Vermeiden Sie deshalb in Ihrem Lebenslauf und Ihrem Anschreiben konsequent die Nutzung. Nicht wenige Schweizer sehen darin ein rotes Tuch und eine gewisse Ignoranz, da es zeigt, dass Sie sich nicht genug mit den hiesigen Gepflogenheiten beschäftigt haben.
- Nach der Anrede „Sehr geehrter Herr xy“ oder „Sehr geehrte Damen und Herren“ etc. steht kein Komma, ebenso wenig wie nach der Abschiedsfloskel, also z.B. „Freundliche Grüsse“.
- Der erste Satz nach der Anrede fängt mit einem Grossbuchstaben an.
- Als Abschiedsfloskel hat sich „Freundliche Grüsse“ durchgesetzt, „Mit freundlichen Grüssen“ oder „Hochachtungsvoll“ gelten als veraltet.
- „Von geografischen Namen abgeleitete Wörter auf „-er“ schreibt man immer groß, die von geografischen Namen abgeleiteten Adjektive auf „-isch“ schreibt man klein, wenn sie nicht Teil eines Namens sind“, sagt der Duden. Das heisst also: man schreibt die „Schweizer Uhrenindustrie“ oder die „schweizerische Uhrenindustrie„, aber die „deutsche Industrie“.Quelle: Duden, Regel 90
Tipp 3. Was ist denn nur der „Heimatort“ oder „Bürgerort“?
Dieses Feld ist oftmals in Bewerbungsvordrucken und Online-Formularen angegeben und kann manche Bewerber aus dem nördlichen Kanton etwas irritieren. Anders als der Geburtsort in Deutschland, ist der Bürgerort eine Schweizer Spezialität. Als Schweizer/Schweizerin ist man nicht einfach Bürger des Landes sondern „Bürger eines Ortes“ (als Ausländer wird man auch in einem Ort und nicht pauschal im Land eingebürgert). Als Nicht-Schweizer geben Sie in diesem Feld am besten Ihren Geburtsort an.
Tipp 4. Interessieren Sie sich für die Schweiz
Zeigen Sie Wertschätzung für die Schweiz, ohne sich anzubiedern.
- Es ist sinnvoll, sich vorher wirklich über die Schweiz zu informieren und ehrliches Interesse zu zeigen. Kaum ein Einheimischer wird es schätzen (und das gilt nicht nur für die Schweiz), wenn man den Eindruck vermittelt, dass einem das Zielland relativ egal ist, sondern dass man nur wegen des höheren Salärs oder der aussichtsreichen Position kommen möchte.
- Wenn Sie einen speziellen Bezug zur Schweiz haben oder schon gute Erfahrungen sammeln konnten, können Sie diesen durchaus anführen. Wie gesagt, ohne sich anzubiedern, auf freundliche, sympathische Weise.
Tipp 5. Vorstellungsgespräch
- Seien Sie pünktlich! Auch das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber in der Schweiz sollten Sie noch mehr als in anderen Ländern darauf achten, dass Sie pünktlich erscheinen – nicht zu lange im Voraus (bis max. 5 Minuten) und definitiv nicht zu spät!
- Auch hier gilt etwas vornehmere Zurückhaltung. Natürlich ist es wichtig und sinnvoll, dass Sie aufzeigen, warum Sie der oder die richtige Kandidat(in) für die angestrebte Position wären. Aber bitte mit fundierten Aussagen und ohne, dass Sie dem Gegenüber vermitteln wollen „was für ein toller Hirsch“ Sie doch sind. Lassen Sie ihn oder sie sich selbst ein Bild machen. Zu „pushy“, zu selbstüberzeugt und „laut“ kann schnell mal nach hinten losgehen. Höflich, wie die Schweizer sind, wird Ihr Gegenüber Ihnen dies jedoch nicht zeigen, aber es kann dennoch schnell mal das Aus für Ihre Bewerbung sein.
- Zurückhaltung gilt auch – wie überall – zu Aussagen über ehemalige Arbeitgeber und Chefs etc. Seien Sie schweizerisch neutral, heben Sie hervor, was Sie Positives mitnehmen und was Sie gelernt haben.
Tipp 6. Weitere Details
- Professionelle(!) Bewerberfotos sind – anders als im angelsächsischen Raum – erwünscht.
- In der Schweiz hat sich auch der Lebenslauf mit „amerikanischer Reihenfolge“ durchgesetzt, also chronologisch in absteigender Reihenfolge: Beginnen Sie mit der aktuellen Position zu Beginn Ihres Lebenslaufs.
- Wenn Sie eine Aufenthaltsbewilligung haben, sollte die Information dazu mit zu den persönlichen Angaben hinzugefügt werden.
- Anschreiben, Zeugnisse und Nachweise gehören in der Schweiz zu einer vollständigen Bewerbung. Alternativ können Sie – nach Absprache – eine Kurzbewerbung mit den letzten, wichtigen Zeugnissen schicken. Halten Sie alle anderen Zeugnisse und Nachweise dennoch jederzeit bereit.
- Übrigens heissen in der Schweiz die „Anlagen“ (Lebenslauf, Zeugnisse etc.) „Beilagen“!
Individuelle Beratung
Möchten Sie professionelles Feedback zu Ihrer Bewerbung? Ich biete individuelle Bewerbungscoachings / Bewerbungsberatung an.
Alternativ können Sie mich natürlich auch gerne anrufen oder ein E-Mail senden.
Weitere informative Links
- http://www.hallo-schweiz.ch/
- http://lohncheck.ch
- http://www.treffpunkt-arbeit.ch/jobsuche/bewerbungstipps/
Fehlt hier noch was in der Aufzählung? Weitere Tipps und Hinweise sind willkommen!
JUL
2014