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Achtundneunzig (98) Prozent. Das ist die Zahl, die gemeinhin genannt wird, wenn angezeigt werden soll, in welchem Umfang das klimaforschende Kollektiv mit der Theorie eines menschenverschuldeten Klimawandels übereinstimmt. Sie lässt sich zwar nicht exakt verifizieren, doch sie ist ohnehin eher zu tief als zu hoch angesetzt. Dazu in deutlicher Diskrepanz stehen die breiten Bevölkerungsschichten weltweit, die wir als "Klimaleugner" bzw. "Klimaskeptiker" zusammenfassen.
Die Gründe dieser Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem und öffentlichem Konsens erforschten die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik M. Conway in ihrem einflussreichen Buch "Die Macchiavellis der Wissenschaft". Sie zeichnen darin eine Tradition der Diskreditierung und Manipulation wissenschaftlicher Erkenntnisse im Umfeld von Industrieinteressen und Politik. Diese haben ihre Praktiken bereits im Kampf um Beschlüsse bezüglich des Ozonlochs oder der Schädlichkeit des Rauchens eingeübt und dann in der Leugnung des Klimawandels erneut zum Blühen gebracht. Die Praktiken, wie sie sie uns aufzeigen und belegen, umfassen eine breite Spielbreite von Einflussnahmen. Diese müssen sich gar nicht überwiegend der Holzhammermethoden von Korruption oder gekaufter Studien bedienen, um ihr Ziel zu erreichen. Die mediale Überbetonung leicht vom Allgemeinbild abrückender Forschungsergebnisse, die Ausnutzung der akademischen Neigung zum Dissens bezüglich der Bewertung von Details oder hier und da eine Verunglimpfung eines Wissenschaftlers oder eines Wissenschaftsbetriebs (Climategate) genügen, um der Bevölkerung ein Bild von gehäuften "Unstimmigkeiten unter den Wissenschaftlern" präsentieren zu können. Gerne finden sich dann auch noch ein, zwei fachferne, aber bekanntermassen "kluge" Köpfe, die aus ihrer eigenen Disziplin keine Anzeichen der behaupteten Sachlage bestätigen können. Bald sind dann auch einige Websites und ein TV-Sender zur Stelle, dem Zweifel eine Plattform zu bieten...
Wir müssen jedoch gar nicht auf die These einer 'Lügenpresse' abheben, um aufzuzeigen, wie sich ein überspitztes Bild solcher wissenschaftlicher Differenzen etablieren kann. Es genügt, die ehrenwerte Gesinnung von Medienschaffenden bezüglich der Ausgewogenheit ihrer Berichterstattung ins Visier zu nehmen. Ein Talkshow-Produzent, der eine Talkrunde zum Klimawandel zusammenstellen möchte, sieht sich gemäss diesem Anspruch in der Verantwortung, beide Seiten der Diskussion zur Stellungnahme aufzurufen. Er hat nun aber nicht einhundert Stühle zur Verfügung, um die von einer wahren Ausgewogenheit verlangten achtundneunzig Klimawandelbestätigerinnen sowie zwei Klimawandelskeptiker einzuladen. Er wird stattdessen, zähneknirschend, nur je einen von jeder Sorte vor die Kamera bitten - sowie, um der Ganzheitlichkeit willen, eine eloquente Tischlerin und einen niedlichen Schauspieler. Schon hat sich das Bild verschoben: Von einer überwältigenden Wahrscheinlichkeit des menschenverschuldeten Klimawandels zu einem Schlagabtausch auf vermeintlicher Augenhöhe.
Wir können sogar noch etwas tiefer buddeln. Wollen wir? Bestens. Wir, die etwas überforderten Adressaten einer täglichen Unmenge an Informationen, tragen bereits einige vorgefertigte Bilder in unseren Köpfen. Eines davon ist der Verrückte Wissenschaftler, ein anderes der Atompilz. Der Verrückte Wissenschaftler hat sich in unserer westlichen Kulturgeschichte mit dem Hochkommen der Naturwissenschaften etabliert. Er zeugt von unserem Misstrauen gegen die unkontrollierbaren, vermutlich unmoralischen Kräfte der Vernunft und Logik, die zunehmend unserer Intuition wiedersprachen. Der Atompilz bekräftigte dieses Misstrauen recht überzeugend. In ihrem Zusammenspiel illustrieren diese beiden Bilder unsere tiefgreifendende Verunsicherung ob der Motive 'der Wissenschaft'. Und diese Verunsicherung mag - neben allen Wirtschafts- und Politikinteressen, Mechanismen der Verdrängung oder Motiven eines religiösen Fatalismus, der sich auf die Endzeit freut - an der begeisterten Aufnahme jedweden Zweifels an der menschlichen Wirkmacht auf die klimatischen Systeme beteiligt gewesen sein.
Spätestens bei der Kenntnisnahme dieses letzten Beweggrunds sollten wir kurz innehalten und uns erinnern, dass auch die Umweltbewegung auf eine lange Geschichte des Haders mit 'den Wissenschaften' zurückblicken kann. Wir wollen dies hier nicht als eine rechtfertigende Bestätigung klimawandelrelativierender Positionen befestigen, sondern als einen Ansporn, die Freude ob dem vorläufigen Sieg unserer ökosensitiven Vernunft über die befremdlichen "Klimaleugner" mit ein wenig Selbstkritikfähigkeit zu salzen. Wie diese angemessen eingesetzt werden kann, führt uns gerade der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber in seinem Buch "Selbstverbrennung" vor. Darin beweist sich eine Skepsis, die es vermag, über vereinzelte Verletzungen der eigenen, liebgewonnenen Weltrettungsentwürfe hinauszuspähen, sowie die erstrebenswerte Bedachtsamkeit, ob Widersprüchen im Detail nicht gleich die Verdammung des Grossen Ganzen zu betreiben. Es vermittelt sich, deutlicher gesagt, eine Haltung, die vor der Formulierung einer facebooktauglichen Meinung kurz kritisch die eigenen Argumente und Anschauungen prüft.
Wir werfen dies hier ein, da wir vor grossen Herausforderungen stehen: Herausforderungen, zu deren Überwindung wir nicht zuletzt die Wissenschaft anrufen. Die wird mögliche Lösungen liefern, und viele davon werden wir unbeschwert angehen können. Doch manche werden, voraussagbar, unseren umweltschützerischen Instinkten zuwiderlaufen. Dort werden wir dann jener Skepsis bedürfen, die sich nicht primär in einer empörten Verweigerungshaltung, sondern in einem offenen Ohr beweist. Die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels haben nicht nur den "Klimaskeptikern" die Handlungsgrenzen eingeengt, sondern uns allen einige beliebte Fluchtwege ins Versteck der "Politik, die nicht vorwärtsmacht" verstellt. Bald wird es gelten, schwierige Entscheidungen zu treffen. Geoengineering, Kohlendioxidabscheidung bzw. -einlagerung, Windräder, Atomkraft, Nanomaterialien, Biotechnologie... Das sind nur einige Stichworte mit dem Potential, Gesinnungskämpfe zwischen beiderseits wohlmeinenden Umweltschützern anzustossen - wo sie es nicht bereits getan haben. Damit diese sich nicht als ein weiteres Hindernis unserer Handlungsfähigkeit festsetzen, tun wir gut daran, uns in jenen Fähigkeiten zu üben, die wir an den “Klimaleugnern“ so gern wahrnehmen würden: Kritische Prüfung der Datenlage, die Kenntnisnahme einer komplizierten und manchmal paradoxen Realität und nicht zuletzt die Bereitschaft, Ideologien zu revidieren.