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Zeitlebens ein Suchender
Hans-Anton Drewes, welche erste Erinnerung verbinden Sie persönlich mit Karl Barth?
Zum ersten Mal bin ich Karl Barth im April 1968 begegnet. Zwei Aspekte kommen mir dazu spontan in den Sinn. Karl Barth war überhaupt nicht elitär, und er war sehr kurzsichtig. Die Kombination von beidem schlug sich in seinem Kolloquium nieder. Er nannte es bewusst Kolloquium (Gespräch) und nicht Seminar, denn er wollte mit den Leuten sprechen und dazu abwechselnd immer zwei Personen ganz in seiner Nähe haben, zu seiner Linken und zu seiner Rechten, damit er sich mit ihnen wirklich austauschen, d. h. sie hören und sehen konnte. Gesichter, die weiter als zwei, drei Meter von ihm entfernt waren, konnte er nicht mehr gut erkennen.
Wie muss man sich ein solches Kolloquium vorstellen?
Für damalige Zeiten war diese Veranstaltung für uns Studenten überaus fortschrittlich. Jeder sass einmal in einer Sitzung als Peritus (Sachkundiger), eine Bezeichnung, die Barth vom Zweiten Vatikanischen Konzil übernahm, neben Barth und hörte dann Barths mit ganzer Ernsthaftigkeit an sie oder ihn gestellte Frage: ‚Was sagt dieser Text? Das wollen wir jetzt hören.’ Barth wollte immer ganz nahe am Text bleiben und nicht vorschnell beurteilen. Auch ich sass einmal zu seiner Rechten, ein unvergessliches Erlebnis.
Welcher Text wurde im Sommer-Kolloquium von 1968 gelesen?
Im Jahr 1968 gedachte man des 200. Geburtstages von Friedrich Schleiermacher. Da lag es nahe, sich mit dessen genialem Buch «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» von 1799 zu beschäftigen.
Was ist das Spezielle an Karl Barths Theologie?
Berühmt gemacht hat ihn seine Auslegung des Römerbriefs von 1919 beziehungsweise von 1922. Überspitzt gesagt: Barth wollte Paulus nicht interpretieren, sondern genau hinhören, was dieser rätselhafte Text sagt. Barth war überzeugt, dass der Umgang mit der Bibel ein ganz anderer werden musste als zuvor. Das Entscheidende ist die Haltung des Lesens. Seiner Ansicht nach muss man in die Position eines wirklich Hörenden kommen. Seine Theologie macht deutlich, dass er ein Suchender ist,der in der Bibel eine lebendige Stimme hört, der er mit allen Kräften zu entsprechen versucht.
Warum gibt es Leute, die sagen, dass Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat?
Ich kann das vielleicht anhand einer Anekdote aufzeigen. In Karl Barths Wohnhaus an der Bruderholzallee 26 in Basel hingen (und hängen noch) im Aufgang zum oberen Stockwerk Porträts grosser Theologen. Wenn Studierende Barth besuchten, schritten sie also durch diese Galerie nach oben, und zuletzt kamen sie zu einem Spiegel, in dem sie sich selber sahen. Und Barth unterstrich dann: Sie seien die Nachfolger dieser Theologen und müssten ihren eigenen Weg finden, diese Verantwortung wahrzunehmen. So wie er selbst zeitlebens danach suchte, dieser Verantwortung gerecht zu werden, so wollte er die Studierenden lehren, immer neu im Hören und Fragen ihre Antwort zu geben. Mit dieser Haltung war er ein Mensch der Moderne, und so kann seine Theologie eine Hilfe sein auch in den Fragen, die die Zukunft stellen wird.
Welchen Bezug hatte Karl Barth zu Basel?
Obschon er seine Kindheit in Bern verbrachte, stand Barth immer in enger Beziehung zu -seiner Geburtsstadt Basel. Die rund dreissig Jahre als Professor an der Universität Basel haben seine starke Verbundenheit mit der Rheinstadt vertieft, die ihn zweifellos entscheidend geprägt hat. Einen Lebenslauf begann er beispielsweise mit dem lapidaren Satz: Ich bin Basler.
Toni Schürmann, kirchenbote-online, 7. September 2018
Hans-Anton Drewes
Hans-Anton Drewes, geboren 1946 in Braunschweig, studierte in Bonn, Zürich, Basel und Tübingen Theologie. Von 1997 bis Februar 2012 war er Leiter des Karl-Barth-Archivs in Basel. Im Jahr 2005 wurde ihm aufgrund seiner Leistungen in der Gesamtedition der Werke Karl Barths der Basler Wissenschaftspreis verliehen.