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Im Sommer 1960 machte ein neues, hellblaues, aus Frankreich stammendes Töffli namens «Vélovap», ein Nachfolger des legendären «Vélosolex», Schlagzeilen. Es hatte ein sehr gefälliges Äusseres, konnte bequem mit ein paar Pedaltritten in Bewegung gesetzt werden, verbrauchte nur wenig Treibstoff und war erstaunlich stark, auch an Steigungen, und es war unschlagbar billig. Ganze Fr. 499.-- kostete es bei Barzahlung. Die Jungen versprachen sich davon die absolute mobile Freiheit.
Der hellblau gespritzte und deutlich stärkere und modischer geformte Vélovap eroberte in ganz Europa die Herzen der jungen Leute und verkaufte sich wie warme Semmeln. Er liess seinen Vorgänger, den Vélosolex, weit hinter sich. Die OGS kann sich noch erinnern, dass er schon ab 14 Jahren gefahren werden durfte. Sein Erscheinungsbild wirkte auf junge Leute so stark, dass diese sofort zu sparen begannen oder eben 12 x Fr. 49.-- abzustottern bereit waren. Erstmals gesichtet hat die OGS das hübsche Töffli im Januar 1961. Im Juni des gleichen Jahres gab es in Seebach bereits über 50 Exemplare und die Zulassungen wollten kein Ende nehmen. Erst mit der Zeit bemerkten die Besitzer, dass die Unterhaltskosten bei den Pneus und beim Benzinverbrauch doch ganz schön ins Geld gingen.
So machten dann letztlich die etwas stärkeren Ponies, Caravelles und wie sie alle hiessen das eigentliche Rennen, denn mit ihren Kettenantrieben und den zwei Gängen waren sie effizienter gegenüber der Reibrolle des Vélovaps. Das Vap bedeutete übrigens «Dampf» und den besass das hellblaue Töffli allemal. Es war auch leichter als die Konkurrenz und konnte bequem in den Keller getragen werden, auch von nicht herkulischen Gestalten, ja sogar von schlankeren Mädchen. In einem weiteren Punkt war der Vélovap überlegen: Er sprang binnen 2 Sekunden an, unabhängig davon, ob das Thermometer 24° minus oder 36° plus anzeigte. Und noch einen Vorteil hatte er: Wenn die Pneus frisch gepumpt waren, dann überholte er am Berg jedes Mofa, sofern der Fahrer schlank war. Das zuverlässige Anspringen des Mofas, der günstige Preis und die schicke Farbe waren über zehn Jahre lang der Hauptbeweggrund für die Anschaffung des Vélovaps. Der Vélovap wurde von bösen Zungen auch mal Reibrollenpfupferli genannt.
Da kommt mir zu guter Letzt noch ein weiterer Vorteil in den Sinn. Das Mofa war sehr geeignet für Leute, welche sich keine dreckigen Finger machen wollten, also zum Beispiel für kaufmännische Lehrlinge. Dank der fehlenden Kette galt das Mofa als sehr pflegefreundlich.
Rasender Vélovap
Vom Vélovap gab es aber nicht nur die Serienausführung, sondern auch diverse frisierte Einzelstücke in Seebach. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, dass der Motor des Vélovaps relativ leicht zu frisieren war. Wenn diese Arbeiten von einem Fachmann ausgeführt wurden, hatten sie auf die Lebensdauer des Mofas keinen nennenswerten Einfluss, wohl aber auf die erreichbare Geschwindigkeit.
Im Frühling 1961 traf ich zufällig wieder einmal meinen langjährigen Schulkameraden Ernst Ingold. Und wie es der Zufall so wollte, besass er ebenfalls ein Mofa und zwar einen Vélovap! Wir simpelten zuerst ein Weilchen fach und dann ging's ans Eingemachte. Ernst behauptete, sein Mofa sei frisiert, von einem Fachmann notabene und erreiche bergab 80 km/h und in der Ebene 70 km/h! Da war ich mit meinem selbst 'frisierten' Feru-ILO, welcher gerade mal 40 km/h erreichte, nicht einmal ein Waisenknabe.
So beschlossen wir einen kurzen Tausch mit Probefahrt, um den Tatbeweis anzutreten. Startpunkt war der LVZ Landhus. Treffpunkt die Bäckerei Hippin beim Falken. Als ich auf dem Vélovap Gas gab, riss es mir fast die Arme aus dem Leib. Mit ungestümem Vorwärtsdrang beschleunigte das Mofa und näherte sich immer mehr der 60 km/h-Marke. Ich konnte das kaum glauben. Und das alles ohne nennenswerten Lärm! Meine Augen begannen wegen des bissigen Gegenwindes heftig zu tränen. Bei 65 km/h musste ich bremsen, denn schon tauchte die Bäckerei Hippin auf. Selbstredend hatte das Mofa natürlich noch keine Vierzangenscheibenbremsen, sondern nur die übliche, mickerige Trommelbremse der damaligen Mofas. Dementsprechend lange war denn auch der Bremsweg, ähnlich wie bei einem Öltanker. Aber es reichte gerade so, um bei Hippin zum Stillstand zu kommen.
Nachdem ich dann eine ganze Weile gewartet hatte, kam Ernst mit meinem braven Feru-Mofa angetuckert und stellte es unbeeindruckt ab. Noch immer fasziniert von dem Erlebnis, musste ich neidlos eingestehen, dass dies mein intensivstes Fahrerlebnis in meinem ganzen bisherigen Leben war. Ernst genoss das Lob in vollen Zügen. Dann wurden die Mofas wieder getauscht. Ich fragte ihn ganz scheu, wie er denn die Leistung des Feru-Mofa beurteile. Da meinte der Ernst ganz locker: "Du hast ja den Rückstand gesehen, den ich hatte! Dein Mofa beschleunigt überhaupt nicht, es wird lediglich ganz langsam immer weniger langsam. Du hättest es zum Frisieren zu meinem Mechaniker bringen sollen!" Das war's dann gewesen. Von dem Augenblick an träumte ich erneut von einem Vélovap. Entsprechend meinem überbordenden Naturell habe ich dann den Traum geträumt statt gelebt. Gekauft habe ich ihn bis heute nicht und folglich auch noch nicht frisiert. Um das ganze ein bisschen zu relativieren: Ernsts frisierter Vélovap brauchte pro Jahr zwei bis drei neue Reifen und soff 4-5 Liter Gemisch auf 100 km, also deutlich mehr als das Original! Es war ein echter Sackgeldverdunster. ER konnte sich dies offenbar leisten.
Fazit: Ernst Ingold besass ein Mofa, bei welchem das Tragen eines Motorradhelms sehr zweckmässig gewesen wäre. Wie robust der Vélovap tatsächlich war, belegt das Leben des Ingold'schen Fahrzeuges. Er fuhr es während seiner ganzen Lehrzeit und auch noch etwas darüber hinaus. Danach ging es in neue Hände über und die Spuren verloren sich nach ein paar Jahren. Es würde die OGS auch nicht wundern, wenn es heute noch führe!