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Blick auf den ältesten Teil von Neuenegg: Kirche mit Pfarrhaus, links die Mühle im Hintergrund der Burghügel der Flüe mit Bauernhaus
Das Wappen von Neuenegg: Der Stern auf dem Dreiberg, ist ursprünglich das Wappen der Familie Sternenberg, später des Landgerichtes Sternenberg.
Quelle: Internet
Eine Burg in Neuenegg?
Schaut man auf die Burgenkarte der Schweiz ist in Neuenegg keine Burgstelle eingezeichnet. Die nächstgelegene Burgen sind, nördlich von Neuenegg am Sonnenrain im Forst,
die Burgstelle Sternenberg, westlich das Schloss Laupen, östlich die Burgstelle Thörishaus.
Also gab es keine Burg in Neuenegg?
Doch natürlich gab es eine!
Schon der Name Neuenegg verrät es: mittelalterlich Nuneca, heute Neuenegg, besteht aus zwei Wörter "Nu" bzw."Neu" und "Eca" bzw."Egg". "Neu" ist klar. "Eca" oder heute "Egg" bezeichnete
im Mittelalter einen befestigten Ort oder eine Burg!
Aber wo soll den diese Burg gestanden sein?
Genau dort wo sie erwartet werden kann! Im ältesten Teil von Neuenegg. Dort wo schon seit Jahrhunderten die Kirche steht, erhebt sich östlich davon der mächtige Hügel der Flüe!
Der Hügel der Flüe eignet sich hervorragend als Standort für eine Burg. Gegen Süden, Westen und Norden fällt das Gelände steil ab und gegen Osten konnte die Burg durch
einen tiefen Halsgraben vor Angreifer geschützt werden. Der Graben ist heute nicht mehr als solcher zu erkennen. An genau dieser Stelle steht heute das Altersheim Landhaus.
Der Burghügel wurde künstlich noch um ein paar Meter erhöht und abgeflacht. Nach dem Abgang der Burg wurden an der Stelle Herren-, bzw. Bauernhäuser errichtet. Das noch heute
bestehende Bauernhaus trägt, über dem Eingang des westlichen Gewölbekellers, die Jahrzahl 1767 . Aber im östlichen Keller sind Mauerreste erhalten die noch wesentlich älter sind. Ob es sich dabei
um die Reste der Burg handelt?
Der älteste Teil Neueneggs:
1. Der ehemalige Burgplatz mit dem heutigen Bauernhaus (erbaut um 1767)
2. Altes Schulhaus, ( 17.Jahrhundert)
3. Alte Staatsstrasse Bern-Freiburg (spätestens ab dem 12.Jahrhundert) IVS BE26.3
4. Der Halsgraben, heute steht dort das Landhaus (erbaut um 1940) (Der Graben ist nur noch im Ansatz sichtbar)
5. Kirche (erster Kirchenbau um 1100, ursprünglich mit einem steinernem Turm im Südwesten)
6. Pfarrhaus
7. Alte Strasse Neuenegg-Laupen IVS BE435.1
8. Unterer Bärenweg
9. Oberer Bärenweg
10. ehemalige Mühle
Was rechtfertigt die Annahme dass auf der Flüe eine Burg stand?
Panzersperren zwischen Neuenegg und Laupen, Quelle : Internet Gemälde der Gefechte in Neuenegg 5.März 1798, Quelle: InternetAber schon die Alemannen erkannten diese strategisch gute Lage. Im frühen Mittelalter nach dem Rückzug der römischen Besatzung kämpften eindringende Alemannen gegen die Burgunder
Der Burghügel ist auf dem LIDAR Bild gut zu erkennen. Das rechteckige Burgplateau und der Einschnitt wo der Burggraben war.
Burgstelle Sternenberg (590 593 / 195 507)
Sucht man in der Burgenkarte der Schweiz eine Burg Sternenberg im Kanton Bern findet man folgende Einträge:
"Sternenberg, Köniz. Auf dem Hügel südlich der Scherli-Au ehemaliger Sitz der Grafen v. Laupen-Sternenberg. Keine Mauerreste sichtbar."
"Sternenberg, Neuenegg. Am Sonnenrain im Forst ob Neuenegg. Ehemaliges Erdwerk beim Bau der Staatsstrasse um 1820 weggeräumt. Im Gelände
nicht mehr sichtbar. Möglicherweise ehemaliger Sitz der Grafen v. Sternenberg.
Auf die Burgstelle Sternenberg bei Köniz, Scherliau möchte ich nicht weiter eingehen. Diese war unbestritten ein Sitz der Familie Sternenberg.
Die Sternenbergs kamen im Gefolge der Zähringer zu Beginn des zweiten Jahrtausends ins Uechtland und hatten wohl mehrere Familiensitze.
Sie gaben dem späteren Landgericht Sternenberg den Namen und Neuenegg verwendet noch heute ihr Wappen.
Aber wo wohnten nun die Sternenbergs? Am Sonnenrain oder doch etwa auf der Flüe in Neuenegg?
Werfen wir einen Blick auf die Karten: (Alle Karten: Geoportal des Kanton Bern)
In den normalen Karten ist an der Stelle der Burgstelle Sternenberg am Sonnenrain rein gar nichts zu erkennen.
Das digitale Geländebild Lidar zeigt doch mehr, oder?
Im Vergleich zum Burghügel der Flüe ist hier kein Hügel zu sehen. Das Gelände oberhalb des Hanges ist absolut flach.
Das Gelände ist absolut ungeeignet für eine wehrhafte und repräsentative Burg. Zu flach ist das Gelände, zu sehr im Wald und zu weit weg
von den grossen wichtigen Strassen und Flussübergängen.
Nebst den modernen Forststrassen sind doch einige ältere Strukturen sichtbar. Eine rechteckige Struktur lässt sich erkennen.
Das sind aber die Wälle einer Ausgrabung in den sechziger Jahren wo angeblich Mauerreste gesichtet wurden. Leider ist davon keine Dokumentation
erhalten geblieben. Sicher ist, dass ein alter Weg vom Landstuhl her kommend an der Burgstelle vorbei Richtung Laupen führte.
Dia angebliche Burgstelle Sternenberg am Sonnenrain. Kein Hügel, kein Graben, keine strategisch wichtige Lage.
Aber wenn hier eine Burg keinen Sinn macht, was könnte hier gewesen sein? Die Steine unter der Erde könnte zu etwas ganz anderem gehören!
Reste einer Galgenanlage mit steinernen Fundament und drei Säulen. (Ernen, Kanton Wallis)
Überreste der Galgenanlage in Laupen. Ein Fundament mit gemörtelten Flusssteinen, die gleiche Bauart wie zum Burgenbau verwendet wurde.
Ein krasser Unterschied zu Sternenberg am Sonnenrain ist die Flüe in Neuenegg:
Hier hat es alles was es zu einer Burgstelle braucht: Die strategisch gute Lage um die Senseübergänge im Tal zu überwachen und wenn nötig zu schützen.
Das Burgdorf am Fusse der Burg: Kirche, Mühlen, Bauernhäuser, Fuhrbetriebe, etc. Alles was die Burg zum funktionieren brauchte war vorhanden!
Einen Burghügel auf drei Seiten steil abfallend und mit einem breiten und tiefen Halsgraben auf der vierten Seite. (Genau dort wo nun das Landhaus steht.)
Die Burg stand an sehr prominenter Lage! Für die Burgenherren war es wichtig ihre Grösse und Macht zeigen zu können!
Fazit:
Auf der Flüe stand eine gewisse Zeit eine Burg! Wann genau lässt sich nicht sagen. Typischerweise entstanden die ersten Bauten zwischen dem siebten
und neunten Jahrhundert gleichzeitig mit allen Burgen in der Gegend. Zu Ende des allgemeinen Burgenbaus im Verlaufe des elften und zwölften Jahrhundert verschwand die Burg
in Neuenegg wieder, wie die meisten seiner Nachbarburgen auch. Die Flüe blieb aber nicht ungenutzt, es entstanden Herren- und Bauernhäuser auf den alten Fundamenten der Burg.
Wie die Burg aussah, lässt sich nur vermuten. Typischerweise war es zu Beginn eine reine Holzburg. Hölzernen Palisaden umschlossen mehrere kleine Holzbauten, an höchster Stelle
wohl ein hölzerner Wohn-und Wehrturm. Eine rasch demontierbare kleine Holzbrücke überwand den tiefen und breiten Graben im untersten Teil. Der Aufstieg zur Burg war immer noch
ein steiler Weg! Später wurde der hölzerne Wehrturm ersetzt und ein Turm aus Stein gebaut der im oberen Teil wohl immer noch aus Holz war. Weiter wurde die Burg nicht mehr ausgebaut,
dazu war der sandige Untergrund auf der Flüe nicht geeignet. Teile des Turmfundaments aber sind im Boden erhalten geblieben und bilden heute einen Teil des Kellers des heutigen Bauernhauses
auf der Flüe. Wer die Bewohner dieser Burg waren ist nicht schriftlich dokumentiert. Sicher waren, eine Zeit lang, die Familie der Sternenbergs seine Bewohner. Die Wohnstätte der Sternenbergs
am Sonnenrain zu sehen ist völlig abwegig. Nur auf der Flüe fanden sie die Voraussetzungen für eine entsprechende Wohnstätte! Wie weit die Sternenbergs gleichzeitig in Thörishaus und der
Scherliau gewohnt haben, lässt sich nicht dokumentieren. Die Sternenbergs waren aber eine recht grosse Familie und brauchten entsprechend verschieden Residenzen!
Die Theorie, dass auf der Flüe eine Burg gestanden haben muss ist nicht neu. Schon Emanuel Lüthi (1843-1924), der in Neuenegg geborene Gymnasiallehrer und Gründer
der Schulwarte Bern, beschreibt schon 1901, in einem Aufsatz zu alemannischen Grenzbefestigungen in Neuenegg, die Flüe als ein befestigter Ort. Dank der Digitalisierung und online Stellung
seiner lokalhistorischen Schriften tauchen sie nun wieder aus der Vergessenheit auf.
Fred Freiburghaus, Lokalhistoriker und Familienarchivar der Familie Freiburghaus kam in jahrelangen Studium alter Schriften, unzähligen Geländebegehungen und vielen Gesprächen mit Leuten
vor Ort zu den gleichen Erkenntnissen. Seine akribischen Ermittlungen decken sich mit den Schriften Emanuel Lüthi in erstaunlicher Weise!
Die wunderbar gemachte Webseite finden sie hier: freiburghaus-roots.ch
erstellt im Januar 2017