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03.06.2018 - La Piramida: Semiskitouren und andere TrendsVon: Alain Hauser
In der 28., spätestens aber in der 29. Auflage des “Duden” wird man mit grosser Wahrscheinlichkeit folgenden Eintrag finden:
Semi|ski|tour, die: Skitour, auf der die Ski höchstens auf der halben Strecke zum Gehen und Fahren verwendet werden, und die sich ferner dadurch auszeichnet, dass die Teilnehmenden im Schnitt eine halbe Skiausrüstung verwenden.
Ich könnte jetzt natürlich behaupten, die Erfindung der Semiskitour sei das Ergebnis eines besonders erfolgreichen Tourismus-Innovations-Brainstorming-Seminars gewesen; könnte ferner beteuern, besagtes Seminar hätte in einem alpinen Kongresszentrum stattgefunden, dessen idyllische Umgebung die für solche Innovation notwendige Kreativität nach Kräften fördere (eine Aussage, die mir zweifelsohne Werbegelder beträchtlichen Ausmasses des gelobten Kongresszentrums einbringen würde), und nachdoppeln, der entscheidende geistige Funke sei genau genommen an einem frühen Nachmittag gesprungen, nachdem alle Seminarteilnehmenden Espresso eines bestimmten Kapselherstellers genossen hätten (womit mir, dank aufgestockter Werbegelder, definitiv ein sorgenfreies Leben bevorgestanden hätte). Nun, ich hätte mir die daraus erwachsenen ökonomischen Vorteile klar durch den Missbrauch des Vertrauens der geneigten Leserschaft des Strapazi-Blogs erschlichen, und nachdem dieser Blog seit jeher ehern journalistischen Grundsätzen wie Aufrichtigkeit, Nüchternheit und Ausgewogenheit verpflichtet war, will ich auch hier nicht mit dieser tugendhaften Einstellung brechen.
Es kam also so: den Anfang nahm die Erfindung der Semiskitour in der möglichst harmlos formulierten Rückfrage auf Tonis Tourenausschreibung, ob denn eine Teilnahme an der Piramida-Tour, unter Berücksichtigung der speziellen und allgemeinen Weltlage, und überhaupt und sowieso, allenfalls auch mit Schneeschuhen möglich wäre. Der stümperhafte Versuch, die in dieser Frage versteckte Bombe, die an Brisanz schwer zu überbieten ist, harmlos zu verpacken, schlug erbärmlich fehl. Man mag sich nun fragen, was in aller Welt den Fragesteller zu diesem Irrsinn veranlasst hat, und wird wohl rasch bei den üblichen Verdächtigen “jugendlicher Übermut” und “allgemeiner Drang zu Provokation” landen. Wenig liegt mir ferner, als an zementierten Weltbildern zu rütteln, dennoch muss ich darauf hinweisen, dass obengenannte Eigenschaften schlecht zur “senilen Bettflucht” passen, die in der Tourenausschreibung ebenfalls gefordert wurde, und klarstellen, dass viel eher das sommerliche Mittelland-Wetter als Erklärung genügen muss, auf Grund dessen der Fragesteller keinerlei Anlass sah, beim Packen für ein Wochenende im Engadin an Ski zu denken.
Um solcherart Wünsche nicht zur Norm werden zu lassen, soll an dieser Stelle auf die Schilderung der diplomatischen Finessen verzichtet werden, die schlussendlich zur ausnahmsweisen Bewilligung des Ansinnens führten. Viel eher soll der Fokus auf das nächste entscheidende Glied in einer langen Kette von Zufällen gelegt werden, die schliesslich zur Entwicklung der Semiskitour führten: zu frühmorgendlicher Stunde am Parkplatz an der Albula-Passstrasse angekommen, stellte Toni fest, dass sich in seinem Auto einfach keine Skistöcke ausmachen liessen, auch nicht nach gründlichster Durchleuchtung der verstecktesten Winkel mit der Stirnlampe. Der Schreibende hatte also keine Ski, der Tourenleiter keine Stöcke, insgesamt hatten wir als (Zweier-)Gruppe aber doch eine komplette Skiausrüstung dabei. Was gibt es nun Brüderlicheres als das Teilen, um die vertrackte Situation zu entschärfen? Um weiterhin den Tugenden wie Aufrichtigkeit etc. verpflichtet zu bleiben, muss ich an diesem Punkt zerknirscht zugeben, dass sich meine Solidarität in Grenzen hielt: ich liess zwar Toni einen meiner Stöcke hochschleppen, nahm ihm aber keinen Ski ab, sondern liess ihn beide selber hochbuckeln.
“Buckeln”? Genau. Es fehlte nämlich ein Element, das gemäss der Meinung einer Mehrheit von Experten ganz entscheidend für eine vollständige Skitour ist: Schnee. Es liess sich zwar durchaus der eine oder andere Schneefleck ausmachen, in den Toni seine Harscheisen krallte (bevor er sie wegschmiss), aber im Grossen und Ganzen dominierte links und rechts des Wanderwegs doch eher die üppige Frühlingsflora. Und die Frühlingsfauna, vertreten durch ein paar Schneehühner, denen unser Treiben wenig geheuer war; die brauchen wohl einige Zeit, bis sie sich an neue Trendsportarten wie das Extreme Ski-Carrying gewöhnen. Weiter oben wurde die Szenerie schliesslich tatsächlich winterlicher, so dass wir die letzte halbe Stunde zum Skidepot über eine zusammenhängende (aber nicht "einfach zusammenhängende"; wir wollen präzise bleiben für den Fall, dass sich Hobby-Topologen auf diesen Blog verirren) Schneedecke gehen konnten, und so dass das Skidepot diesen Namen auch tatsächlich verdiente (zumindest zur Hälfte, wegen der Schneeschuhe; Semiskitouren erfordern in vielerlei Hinsicht eine sorgfältige Überprüfung althergebrachter Bezeichnungen).
Während die Verhältnisse unterhalb des Skidepots doch eher zu Gunsten des rebellischen Skiverweigerers ausfielen, änderte sich die Lage oberhalb schlagartig. Wir waren definitiv im Strapaziland angekommen, wo der steile Schnee weich und das überhängende Geröll brüchig ist. Während es durchaus vergnüglich sein mag, sich physikalisch-philosophischen Überlegungen darüber hinzugeben, wie so etwas überhaupt möglich ist, musste die Sch... auch noch überschritten werden. Während sich der alte Fuchs wie immer vor allem an seinen stählernen Nerven festhielt, japste der Jungspund bald einmal nach handfesteren textilen Hilfsmitteln, wobei ihm der Hauptpreis in Form eines Seils verwehrt blieb, aber immerhin ein Trostpreis in Form einer Bandschlinge gewährt wurde; in der Politik würde man so etwas wohl einen "gut-eidgenössischen Kompromiss" nennen. Auf dem Gipfel der Piramida angekommen, liess sich endlich das Gipfelmeer Graubündens und das Nebelmeer des Oberengadins (ein seltener Anblick!) im frühen Morgenlicht bestaunen (ein angenehmer Nebeneffekt der "senilen Bettflucht"), und ein halbes Biberli verspeisen (auch eine notwendige Eigenschaft einer Semiskitour, aber bei weitem keine hinreichende, wie allen klar ist, die mit Toni schon ein, zweimal unterwegs waren). Im Abstieg liessen wir das überhängende Geröll links liegen und widmeten uns stattdessen einer vereisten Rinne; Abwechslung macht das Leben reich!
Den endgültigen Praxistest bestand die jetzt schon weit gediehene Semiskitour in der Abfahrt, bzw. eben der Semiabfahrt: der Nachteilsausgleich funktionierte auch hier perfekt. Hatte der Skifahrer bald einmal einen gewissen Vorsprung herausgefahren, jauchzend 5, 6 Bögli in den Schnee gezeichnet, konnte der Nichtskifahrer auf den blumenreichen Frühlingsmatten zeitig wieder aufholen.
Was jetzt noch bleibt, ist die Marketing-Arbeit. Dem interessierten Publikum wird sich die umwerfende Genialität und unwiderstehliche Attraktivität der Semiskitour womöglich nicht auf Anhieb offenbaren. Dies musste der Schreibende feststellen, als er zur besten Sonntagsbrunch-Zeit, kurz nach 10 Uhr, wieder in seinem trauten Heim eintrudelte und ihm sein Nachbar ungläubig entgegengesprungen kam: "Schneeschuhe?! Wo hast du die denn gebraucht?" Selbst hier liess ich es nicht an Aufrichtigkeit etc. fehlen: "Nirgendwo. Aber Toni war noch viel übler dran, der hatte Ski dabei!"