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Händel war einer von vielen komponierenden Gastarbeitern in London. Warum wurde ausgerechnet er so erfolgreich?
Ellen T. Harris: Es gibt dafür mehrere Gründe. Ich denke, der wichtigste ist, dass Händel wie kein anderer Komponist seiner Zeit seine Unabhängigkeit zu bewahren wusste …
... in einer Epoche, da Komponisten, siehe Bach in Weimar oder später Haydn beim Fürsten Esterházy, eigentlich die Stellung von Dienern innehatten.
Ganz genau! Händel besass seit seiner Jugend einen ausgeprägten Unabhängigkeitsdrang, der sich aus seiner Familiengeschichte erklärt. Händels Vater hatte in Halle einen Ehrenposten bei Hofe inne, der ihm für relativ wenig Arbeitsaufwand eine jährliche Leibrente sicherte. Nebenbei betrieb er aber auch eine lukrative Arztpraxis. Händel erlebte so von klein auf, dass eine gewisse Autonomie möglich war – auch unter der alimentierenden Hand eines adligen Patrons.
Auch unter seinem wichtigsten Gönner, Erbprinz Georg Ludwig von Hannover, dem späteren King George I. von England?
Ja. Auch wenn die Beziehung nicht immer frei von Komplikationen war und Händel, wie damals üblich, schriftlich um Erlaubnis bitten musste, wenn er sich aus dem Machtbereich des Königs entfernte. Etwa, als er 1742 aufgrund des grossen Erfolgs seines «Messiah»-Oratoriums in Dublin seinen Aufenthalt dort ausdehnen wollte. Händel war aber mit der Annahme des Postens des Hofkomponisten in Hannover aus gutem Grund für einmal von seiner Freiheitsstrategie abgewichen.
Er wusste, früher oder später würde ihn dieser Job nach London bringen, wo er unbedingt hinwollte. «Wer es zu etwas bringen und reich werden will, geht nach London», das hatte ihm in Hamburg schon sein Komponistenfreund Johann Mattheson eingeimpft.
Wie war Händels Opernunternehmen in London organisiert?
1719 wurde die Royal Academy of Music gegründet, die Betreiberin des King’s Theatre am Haymarket, im Grunde eine Aktiengesellschaft für die italienische Oper in London. George I., einer von mehreren Gesellschaftern, hatte den Betrieb durch eine königliche Vollmacht ermöglicht, die Händel als künstlerischen Direktor vorsah. Und man ging selbstverständlich davon aus, dass die Kapitalgeber am Ende einer Opernsaison eine hübsche Dividende erhalten würden. Absolut naiv: Aufwendige italienische Opern in England zu inszenieren, verschlang Unmengen von Geld.
Ging Händel deshalb bankrott?
Das wurde lange Zeit behauptet, in der falschen Annahme, Händel habe mit seinem Privatvermögen gehaftet. Aber ich habe durch die Sichtung seiner Kontobücher bei der Bank of England herausgefunden, dass Händel am Anfang einer Opernsaison zwar mit sämtlichen Kosten in Vorkasse ging, am Ende der Saison aber für sämtliche Auslagen entschädigt wurde – mit einem Bonus obendrauf. Die Gesellschafter waren dieses Zuschuss-Unternehmen einfach irgendwann leid.
Wie konnte Händel so reich werden, wo doch die Oper ein Minusgeschäft war?
Durch die viel weniger kostenintensiven Oratorien, die Händels herrliche Musik boten. Sie konnten auf Ausstattung und Bühne verzichten, zudem sprachen sie ein breiteres Publikum an durch Texte in englischer Sprache, allgemein bekannte biblische Sujets und einheimische Sänger und Chöre, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Händels Kontobücher weisen ab dem Zeitpunkt, da er sich endgültig dem Oratorium zuwendet, nur mehr Einzahlungen auf. Er konnte praktisch zusehen, wie sein Vermögen wuchs und starb als schwerreicher Mann.
Was ist das für ein Gefühl, die originalen Dokumente in den Händen zu halten?
Oh, ich erinnere mich gut, als ich in New York vor vielen Jahren erstmals einen originalen Brief Händels studieren durfte. Natürlich war dieser Brief an jemand anderen gerichtet, aber ich hatte wirklich das Gefühl, Händel schreibt in diesem Moment an mich.
Und es ist ungemein berührend zu sehen, wie sich Händels Handschrift im Lauf der Jahre verändert. Unterschreibt er seine Kontobewegungen anfangs noch mit energisch geschwungener Feder, ist seine Schrift am Ende seines Lebens kaum noch zu entziffern: Händel war an grauem Star erblindet und verlor mit seinem Augenlicht auch seinen eigentlichen Lebensinhalt, das Schreiben von Musik. Es bricht mir fast das Herz, das zu sehen.
Ellen T. Harris
Ellen T. Harris (*1949) unterrichtete und leitete bis zu ihrer kürzlich erfolgten Emeritierung unter anderem die Musikabteilungen an der University of Chicago und zuletzt am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Sie ist Autorin mehrerer preisgekrönter Bücher über Händel sowie ausgebildete Sängerin.
Buchhinweis
Für die Biografie «George Frideric Handel: A Life with Friends», die dieses Jahr im Verlag W.W. Norton & Company erschien, wählte Ellen T. Harris einen ungewöhnlichen Blickwinkel: Sie nähert sich dem Komponisten, von dem wenig Briefe oder persönliche Dokumente vorhanden sind, über seine Kontoücher. Der geschäftige Händel führte diese akribisch.