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Die Idee stammte von WOZ-Ausland-Redaktor Andreas Simmen. In Rom hatte er miterlebt, wie die linkskommunistische Zeitung il manifesto eine italienischsprachige Version von Le Monde diplomatique (LMd) aufgegleist hatte. Eine solch fundierte globale Berichterstattung als Beilage zur Wochenzeitung WOZ sollte doch auch in der Schweiz auf Interesse stoßen – davon vermochte er im Herbst 1994 die Geschäftsleitung der WOZ zu überzeugen, und auch LMd-Chef Ignacio Ramonet zeigte Interesse. Unabhängig davon erwog die Berliner taz eine deutschsprachige LMd.
VertreterInnen beider Projekte trafen sich, konnten aber auf die Schnelle keine einheitliche Position erarbeiten. Entsprechend optimierte LMd seine Einnahmen und vergab je eine Lizenz für Deutschland und die Schweiz. Indem sie eine günstigere Offerte einholte, sicherte sich die taz den Druck der deutschsprachigen Gesamtauflage. Die WOZ reduzierte ihre ursprünglichen verlegerischen Ambitionen, verringerte aber das Risiko durch die Kooperation mit Berlin und die kostengünstigere Produktion.
Bemerkenswert erfolgreich verlief die Geldsuche für das neue Projekt. Ursprünglich war eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 100 000 Franken geplant; schließlich kamen 250 000 Franken zusammen, und die WOZ schoss weitere 50 000 Franken ein. So wurde die WOZ – Internationale Medienerzeugnisse AG (IMAG) gegründet, mit Stimmenmehrheit der WOZ.
Am 12. Mai 1995 erschien der erste deutschsprachige „Diplo“: 24 Seiten, in der Schweiz gratis zusätzlich zur normalen WOZ. Mit etlichem Anspruch wurde verkündet, es sei dies der Geburtsakt eines neuartigen Zeitungsnetzes in Westeuropa, das nicht von den Gesetzen des Geldes, des Marktes und der Werbung diktiert werde.
Allerdings waren die internen Entscheide in der WOZ unter erheblichem Zeitdruck gefällt worden; auch die Vorbereitung der Produktion in Berlin war nicht ideal. Andreas Simmen hat die Produktion der ersten Ausgaben als ziemlich chaotisch beschrieben, und es sei geradezu mirakulös gewesen, dass sie überhaupt erschienen.
Die Reaktionen fielen sehr positiv aus, nicht nur in traditionellen WOZ-Kreisen. Der neue „Diplo“ verkaufte sich erfreulich; der WOZ trug er einen Prestigegewinn ein und beförderte auch deren Kioskverkauf. Doch die Rechnung 1995 wies ein beträchtliches Defizit weit über Budget auf. Das lag vor allem an höheren Administrations- und Redaktionskosten; bei den Einnahmen blieben die Inserate massiv unter den Erwartungen. Im November 1996 spitzte sich die Situation zu: Das Kapital der IMAG war nahezu aufgebraucht. Eine Produktion war nur noch bis März 97 garantiert.
Doch die Solidarität der WOZ-LeserInnen spielte: Mehrere tausend waren bereit, den normalen Abopreis freiwillig aufzustocken. 1999 stieg die Zahl der speziellen „Diplo“-Abos auf über 1000 Exemplare und im Jahr 2000 auf 1220.
Die Zusammenarbeit mit Berlin blieb nicht immer ganz einfach. Zur räumlichen Distanz, die die Arbeitsabläufe erschwerte, kamen unterschiedliche Vorstellungen über eine mögliche Konzeptänderung, insbesondere eine größere Eigenständigkeit der deutschsprachigen Version. Das tat dem Erfolg in der Schweiz jedoch keinen Abbruch: 2004 wurde mit 1850 Separatabos ein neuer Rekord erzielt.
Doch dann geriet die WOZ 2004/05 ihrerseits in eine lebensbedrohliche Krise, die auch die IMAG zu verschlingen drohte. Nur rigorose Einschnitte und Reorganisationsmaßnahmen führten zur Konsolidierung. Seither sind WOZ und IMAG weitgehend krisenresistent geblieben, ja zum moderaten Erfolgsmodell geworden.
Längere Zeit wurde über das Verhältnis von französischer Originalausgabe und deutscher beziehungsweise Schweizer Edition diskutiert. In Berlin hatte man Ende der 1990er Jahre damit begonnen, französische Originaltexte durch eigene Artikel zu ersetzen. Das machte die WOZ zu Beginn nicht mit, der schweizerische Le Monde diplomatique blieb eine integrale Übersetzung des französischen Originals. Mittlerweile hat sich die Schweizer Version der deutschen Ausgabe angepasst. Zum weit überwiegenden Teil werden alle Artikel der deutschen Edition übernommen.
In Zürich werden die geplanten Artikel aus Berlin geprüft und technisch für den Druck in der Schweiz zubereitet. Gelegentlich wird, wie der zuständige WOZ-Redaktor Daniel Hackbarth erläutert, in einem Ko-Text der Schweizer Aspekt hervorgehoben. Gelegentlich muss überlegt werden, ob ein spezifisch für Deutschland geschriebener Artikel zur Schweiz im „Diplo“ sich auch für die Schweizer LeserInnen rechtfertigt. Und sehr gelegentlich mag es zu thematischen Verdoppelungen mit dem Ausland-Teil der WOZ kommen – dann wird ein Artikel ganz ausgetauscht.
Das französische Mutterhaus sieht die Eigenständigkeit der deutschsprachigen Ausgabe nicht immer ganz wohlgefällig; eigentlich, denkt man zuweilen in Paris, lasse sich die Welt von dort aus genügend gut erklären. Aber Paris muss auch anerkennen, dass die beiden deutschsprachigen Ausgaben zu den erfolgreichsten fremdsprachigen Editionen von LMd gehören.
Periodisch ist in der WOZ eine stärker eigenständige Schweizer Version überlegt worden; das scheitert immer an mangelnden Arbeitskapazitäten in Zürich. Verstärkt und verbessert worden ist allerdings die technisch-redaktionelle Zusammenarbeit mit Berlin; zuweilen hilft WOZ-Redaktor Daniel Hackbarth in Berlin bei der Endredaktion mit.
2019 betrug die Gesamtauflage des Schweizer „Diplo“ 19 606 Exemplare, 17 746 davon als Beilage zur normalen WOZ, dazu 1860 Separatabos. Während die Gesamtauflage parallel zur Auflagesteigerung der WOZ seit 2015 wächst und jedes Jahr neue Rekorde erreicht, haben auch die Separatabos 2019 den bisherigen Rekordstand von 2004 leicht übertroffen. Bei einem jährlichen Aufwand von rund 260 000 Franken ist der Schweizer „Diplo“ nicht selbsttragend. Doch durch viele Sonderspenden, die normale WOZ-AbonnentInnen explizit dem „Diplo“ zukommen lassen, kann die IMAG jedes Jahr einen Gewinn verbuchen. Er wird zum größten Teil in einen Solidaritätsfonds für andere internationale LMd-Ausgaben eingespiesen, wie Camille Roseau und Martin Birchler vom WOZ-Verlag angeregt haben.
Der „Diplo“ gehört zur WOZ und trägt zu deren Image bei. Dass er sich publizistisch fast vollständig aus der französischen und der deutschen Ausgabe speist, kann daran nichts ändern. Die drei Produkte leben in freundlicher Nachbarschaft, und alle Seiten profitieren.
Text zur Enstehungsgeschichte des Le Monde diplomatique als Tochterprojekt der Tageszeitung taz in Berlin.