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Vor ein paar Jahren hat sich Ismail verletzt, als ein Ballen von einem Stapel rutschte. Weil er danach einige Wochen lang nicht arbeiten konnte, musste er sich Geld leihen. «Mein Chef hat mir 300 Lira gegeben. Das reichte hinten und vorne nicht», meint Ismail. Die Summe entsprach damals etwa 42 Franken, etwa zehnmal so viel schuldet er immer noch einem Bekannten, deshalb arbeitet Fatma mit. «Ich wäre lieber Hausfrau und würde mich gerne um die Kinder kümmern, aber was mein Mann verdient, reicht nicht», sagt sie mit Trotz in der Stimme. Während die Eltern arbeiten, sind die beiden Kinder bei einer Nachbarin. «Mein Ältester ist acht, er sollte zur Schule gehen», sagt Fatma. «Aber das können wir uns nicht leisten.»
Vier Millionen Geflüchtete leben in der Türkei, davon 3,6 Millionen Syrer*innen. Nur etwa ein Prozent von ihnen bekommt eine Arbeitserlaubnis. Rund eine Million Syrer*innen arbeiten im informellen Sektor, vor allem in der Landwirtschaft, in Textilfabriken, auf dem Bau und in Restaurants. Wie viele im Recyclingsektor arbeiten, ist unklar, aber im Gewerbegebiet von Adana sieht man sie überall.
«Mein Chef sagt, dass er uns Syrer einstellt, um uns zu helfen», erzählt Ali. Der 30-Jährige mit dem freundlichen runden Gesicht arbeitet in einem Depot, in dem Müll sortiert wird. Derzeit ist er dort der einzige Syrer. «Bis vor Kurzem waren wir zu sechst», sagt er. Ausser ihm und einem älteren Mann waren es Kinder. «Sie waren elf oder zwölf Jahre alt, kamen ein paar Tage und dann wieder nicht – immer nur dann, wenn ihre Familien Geld brauchten.» Ali sitzt am Fenster seiner kargen 2-Zimmer-Wohnung in Sakirpasa, einem Armenviertel von Adana. Seine Arbeitsstelle kann er zu Fuss erreichen, vorbei an Häusern aus tristem Beton.
Ali spricht ruhig und sachlich – auch über den Bombenangriff in Syrien, bei dem er schwer verletzt wurde. Weil er mit dem rechten Arm nicht mehr arbeiten kann, wollte ihn in der Türkei zunächst niemand einstellen. Er sammelte Plastikmüll aus Mülleimern und verkaufte ihn an Recyclingfabriken. Bei einer fand er schliesslich einen Job. Jetzt sortiert er Plastik nach Farben und danach, ob die Maschine es verarbeiten kann. Er verdient umgerechnet fünf Franken am Tag. Wegen der hohen Inflation in der Türkei reicht das magere Gehalt kaum für Lebensmittel. «Mein Chef sagte, du kannst nur mit einer Hand arbeiten, deshalb bekommst du nur die Hälfte», sagt er. Ali ist auf den Job angewiesen, aber die meisten blieben nur ein paar Tage: «Sie halten den Gestank nicht aus. Er ist schädlich für die Lunge.» Plastikprodukte enthalten oft chemische Zusatzstoffe, die sich im Zersetzungsprozess lösen. «Wegen meines Asthmas leide ich manchmal unter Kurzatmigkeit, wenn ich mit dem Plastik arbeite », sagt Ali. Woher das Material stammt, das in der Fabrik verarbeitet wird, weiss er nicht. Er vermutet, es sei Haushaltsmüll aus der Umgebung von Adana.
Ismail arbeitete bis vor einigen Monaten bei einer grossen Firma, die Plastikabfall aus dem Ausland importierte. Manchmal seien ausländische Prüfer*innen gekommen, um die Maschinen und die Arbeitsverträge zu kontrollieren, erzählt er. Die Kontrollen seien angekündigt gewesen. «Als einmal eine Gruppe aus Deutschland kam, mussten wir bis Mitternacht die ganze Fabrik putzen und durften uns dann nicht blicken lassen, bis der Vorarbeiter uns anrief.»