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Systemisch wird unterschiedlich definiert und verstanden, so von Schlippe und Schweitzer in ihrem Lehrbuch (vgl. 1996, S. 49). Für die einen bedeutet „systemisch“ ein ganzheitlicher Blickwinkel oder Beschreibungen darüber, wie Alles mit Allem vernetzt ist. Für andere klingt systemisch nach technokratisch, „kein Platz für Gefühle“, eine Art Werkstatt für menschliche Beziehungen.
Bamberger (vgl. 2005, S. 5) hält dazu fest, dass sich in den 1950-er Jahren der Fokus der Aufmerksamkeit von der Untersuchung der Eigenschaften isoliertert Objekte hin zur Betrachtung der Wechselbeziehungen miteinander interagierender Objekte verschob, die gemeinsam eine zusammengesetzte, übergeordnete Einheit – ein System – bildeten. Es zeigte sich, dass das Verhalten der Elemente dieser Systeme besser durch die Spielregeln der Kommunikation zwischen ihnen als durch individuelle Eigenschaften erklärt werden konnte.
Das systemische Denken basiert auf dem Postulat, dass der Mensch ein beziehungsorientiertes Wesen ist, und sein Verhalten dementsprechend primär als interaktives Geschehen, als Aktion und Reaktion gesehen werden kann. Zu den Schrittmachern dieser „Revolution der Psychotherapie“, wie Gottlieb Guntern (1980, S. 33) diese Entwicklung bezeichnete, zählen beispielsweise Gregory Bateson, John Weakland, Jay Haley, Salvador Minuchin und Virginia Satir.
Es gibt viele verschiedene systemische Beratungskonzepte und den jeweiligen Konzepten liegen unterschiedliche Systemtheorien, resp. unterschiedliche Theoriebezüge zu Grunde.
Zu den Grundannahmen des systemisch- lösungsorientierten Therapieansatzes gehören Konzepte der Systemtheorie, Kybernetik 2. Ordnung, Synergetik, Autopoiese, der Zirkularität sowie des Konstruktivismus und Konstruktionismus.
Zum Durchbruch kam die Systemtheorie als Kybernetik, als Steuerungslehre technischer Systeme. Die systemische Familienforschung nahm ihren Anfang um 1950, interessanterweise in der Hochburg der amerikanischen Computerindustrie. Prämissen dieser Forschung (Kybernetik erster Ordnung) waren, dass komplexe Prozesse und Systeme von aussen plan- und steuerbar seien, dass soziale Systeme offen seien und dass der Beobachter am Geschehen unbeteiligt sei. Übersetzt auf die Beratungsarbeit hiess das, dass nach damaligem Stand der Systemtheorie Kommunikationsabläufe objektiv erfasst werden können, um die Regeln und Funktionen eines Systems zu dokumentieren und gezielt darauf einzuwirken (vgl. Ludewig 1995, S. 42ff). Diese Systemtheorie hat sich vor allem dafür interessiert, wie Systempartner unter wechselnden Umweltbedingungen Konstanz zeigen, also welches die Bedingungen für Gleichgewicht, für Homöostase, darstellen.
Kybernetik zweiter Ordnung
In der nächsten Entwicklungsphase (ab Mitte der 1980-er Jahre) hat der systemische Ansatz das Gedankengut der dissipativen Strukturen aus der Chemie, der Synergetik in der Physik und der Autopoiese-Theorie aus der Biologie aufgegriffen und sich zu Nutzen gemacht.
„Dissipative Strukturen sind Systeme, die ihre Stabilität und ihre Identität nur dadurch behalten, dass sie ständig für die Strömungen und Einflüsse ihrer Umgebung offen und ständig im Wandel sind“ (Briggs und Peat, 1990, S. 207, zit. in von Schlippe und Schweitzer 1996, S. 63). Daraus wird abgeleitet, dass in der systemischen Beratung Gespräche tendenziell nicht so sehr als Gelegenheit verstanden werden, etwas durchzuarbeiten, sondern vielmehr als Anregung zu neuen Sichtweisen, Gedankengängen oder Verhaltensweisen. Interventionen sind also eher Möglichkeiten, bisherige Bilder und Vorstellungen zu verstören, als zu verfestigen. Weil von der Grundannahme ausgegangen wird, dass Wandel stets stattfindet, wird wohl etwas Neues entstehen, was das jedoch ist, entzieht sich der beraterischen Kontrolle.
Synergetik als Begriff stammt ursprünglich aus der Physik und beschäftigt sich mit der Kernfrage, wie Ordnung entsteht und ob es ein allgemeingültiges Prinzip der Selbstorganisation gibt. In der Synergetik wird untersucht, wie Teile in einem Feld zusammenwirken und ihr Verhalten selbst organisieren, so dass sich für das Ganze eine bestimmte Ordnung, eine Struktur ergibt, die dann neue Eigenschaften zeigt. Es wird analysiert, wie verschiedene Komponenten so zusammen wirken, dass ein kooperatives Verhalten der Teile zur Selbstorganisation des Gesamtsystems beiträgt.
„Die von der Synergetik untersuchte Dynamik von Chaos und Selbstorganisation spiegelt Erfahrungen aus der Therapie wieder: Mit einer Variation der Umweltbedingungen (Gespräch) kann ein System (Familie) zwar möglicherweise in einen neuen qualitativen Zustand übergehen (also, wie man auch sagt, einen neuen ‚Attraktor’ aufsuchen, ein neues Muster). Welcher Zustand dies jedoch ist, (Streit, Trennung Familienfrieden), ist nicht durch die Randbedingungen (Gesprächsführung) determinierbar“ (von Schlippe und Schweitzer, 1996, S. 65). Ludewig (1995, S. 59) nennt als Kernthesen der Autopoiese (Selbsterzeugung) von Maturana und Varela (1987) folgende Punkte:
• Menschliches Erkennen ist ein biologisches Phänomen und nicht durch die Objekte der Aussenwelt, sondern durch die Struktur des Organismus determiniert.
• Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem, das nicht zwischen internen und externen Auslösern differenziert; daher sind Wahrnehmung und Illusion, innerer und äusserer Reiz im Prinzip nicht unterscheidbar.
• Menschliche Erkenntnis resultiert aus „privaten“ Erfahrungen, ist als Leistung des Organismus grundsätzlich subjektgebunden und damit unübertragbar.
• Der Gehalt kommunizierter Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des Adressaten“.
Bezogen auf die Beratungssituation bedeutet dies, dass lebende Systeme sich selber erzeugen, regulieren und erhalten. Dies, weil lebende Systeme operational geschlossen sind, was nach sich zieht, dass von Aussen nicht einseitig und zielgenau über einen anderen Menschen bestimmt werden kann, dass also „instruktive Interaktion“ nicht möglich ist. Ludewig schreibt dazu: „Lebewesen sind somit grundsätzlich nicht ‚instruierbar’, sondern allenfalls ‚verstörbar’ “(1995, S. 70).
Aus diesen beschriebenen Theorien hat sich die Idee der Kybernetik zweiter Ordnung entwickelt; zweiter Ordnung deshalb, weil hier die kybernetischen Prinzipien auf die Kybernetik selbst bezogen werden. Es geht demnach z.B. um die Frage, wie menschliche Erkenntnis kybernetisch organisiert ist, und es wird bezweifelt, dass es „da draussen“ objektiv vom Berater erkennbare Systeme gibt. Der Berater wird zu einem Teil des Beratungssystems und Heinz von Foerster (1985) führt hier beispielsweise einen Beobachter ein, der einen Beobachter beobachtet.
Dadurch wird klar, dass Beraterin und Klientin aufeinander bezogen sind und dass es keine „Objektivität“ gibt, denn Wahrnehmung und Interpretation sind subjektiv. Eine weitere Konsequenz für einen Beratungsprozess ist, dass Beratende nicht wissen können, was gut ist für Klienten und Klientinnen.
Die Aufgabe des Therapeuten, des Beraters, kann nun beschrieben werden als Balance zwischen Anregung zu hilfreichen Suchprozessen beim Klient und dem Respekt vor dessen Autonomie (vgl. Bamberger 2005, S. 10).
Zirkularität bedeutet so etwas wie Kreisförmigkeit“ (von Schlippe und Schweitzer, 1996, S. 118), was bedeutet, dass die Verhaltensweisen der Elemente eines Systems als Regelkreis beschrieben werden können. In einer Beziehung ist demnach jedes Verhalten zugleich Ursache und Wirkung und kann sowohl unter dem Aspekt der Ursache als auch der Auswirkung und Verstärkung betrachtet werden. Bamberger (vgl. 2005, S. 10) zieht zur Illustration ein Mobile bei; wenn ein Element bewegt wird, erfahren dadurch auch die anderen Elemente entsprechende Impulse, was wiederum rückbezüglich wirkt. Probleme sind dementsprechend stets das Ergebnis des Zusammenwirkens aller Beteiligten und des Zusammentreffens verschiedenster Umstände. „Genau diese zirkulären Beziehungen, diese Wechselwirkungen, machen das zentrale Merkmal sozialen Zusammenlebens aus, repräsentieren die eigentliche Qualität von lebenden Systemen“ (Bamberger, 2005, S. 11).
Ursula Fuchs, Eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Coach, Supervisorin, Organisationsberaterin (BSO), Mediatorin