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Wer an die Arktis denkt, denkt ganz automatisch an warme Kleidung. Und natürlich ist diese überlebenswichtig. Doch muss Kleidung in der Arktis auch andere Funktionen erfüllen – je nach Nutzung muss sie wind- und wasserdicht sein. Üblicherweise denkt man bei wärmender Kleidung sofort an Felle. Eisbär, Wolf, Robbe und Rentier (oder die als Karibu bekannte Wildform) sind wohl die wichtigsten Lieferanten. Wobei Rentier der wichtigste Lieferant für Felle in Europa und Asien ist (Abb. 1), während es in Nordamerika generell die Robben sind.
Weniger bekannt ist, dass auch aus verschiedenen Vögeln warme und sogar winddichte Kleidung hergestellt wird, beispielsweise aus Eiderenten. Sogar Fischhaut findet Verwendung. Für uns Europäer wohl am ungewöhnlichsten ist die Verwendung von Darmhaut, Luft- und Speiseröhre verschiedener Seesäuger, die zu wasser- und winddichten Jacken verarbeitet werden und die man von Grönland bis Ostsibirien verbreitet findet. In den Sammlungen des Museum Cerny findet sich ein solches Stück, dass 1967 von einer Berner Expedition nach Alaska vor Ort in Auftrag gegeben wurde. (Abb. 2) Reich mit Federn und gefärbten Lederstreifen verziert, werden solche Stücke für zeremonielle Anlässe getragen.
In Bern (genauer am Bernischen Historischen Museum) findet sich auch eines der ältesten erhaltenen Exemplare, das während der dritten Reise von James Cook 1778 ebenfalls im Gebiet des heutigen Alaska gesammelt wurde. Während die Burgerbibliothek in Bern ein Flugblatt von 1578 besitzt, das eine der frühesten Abbildungen von Inuit aus dem Gebiet von Südwestgrönland oder Baffin Island und ihrer Kleidung aus vermutlich Robbenhaut oder -fell zeigt.
Um die Haut eines frisch erlegten Tieres für die weitere Verarbeitung vorzubereiten, muss sie zuerst abgezogen und zum Trocknen aufgespannt werden und dann von Fett und Fleischresten gereinigt. Die weitere Verarbeitung erfolgt je nach Verwendungszweck. Für die Herstellung von Kleidung werden die Häute gegerbt. In der Arktis sind traditionell vor allem Formen der Fettgerbung verbreitet, daneben auch die vegetabile Gerbung. Beide Formen dienen dazu, Häute und Felle weich zu machen, damit sie zu Kleidung und Gebrauchsgegenständen weiterverarbeitet werden können. Dabei unterscheidet sich die Stärke der Haut je nach Tier. Die Haut des Walrosses, zum Beispiel, ist so dick, dass sie aufgespalten werden kann und man so zwei dünnere Häute erhält. Walrosshaut wird beispielsweise für die Herstellung der Umiaks verwendet, der grossen Boote der Inuit. (Abb. 3)
Aus Robben- und Karibufellen werden neben Kleidung auch Zelte hergestellt. Aus Organhäuten werden unter anderem Behälter, Taschen und Häute von Trommeln gemacht. Sogar die Haut mancher Wale fand Verwendung, zum Beispiel als Sohle für Stiefel. Die für die Jagd auf Seesäuger verwendeten Schwimmer waren zumeist aus ganzen Robbenhäuten. Mit Luft gefüllt, hinderten sie harpunierte Tiere am abtauchen oder gaben, auf der Wasseroberfläche schwimmend, den Jägern den Standort der Tiere preis. Schliesslich wurden aus dicker Rohhaut auch die Leinen für Hundeschlitten hergestellt, wie auch die Peitschen, um die Hundegespanne anzutreiben.
Bis heute haben Häute und Felle kaum an Bedeutung verloren – doch sind neue Gerbemethoden zu den alten getreten und auch die Verwendungsformen haben sich durch neue Materialien gewandelt. Zudem macht die zeitgenössische Kunst in der Arktis Gebrauch von Häuten, Fellen und Leder. Beispielsweise in Form von Wandbildern (Abb. 4). und Stempeln für Drucke auf Papier. Der Künstler Jesse Tungilik war unlängst mit einem spektakulären neuen Werk international in den Medien, das derzeit in der Winnipeg Art Gallery zu sehen ist – einem Raumanzug aus Robbenfellen (https://www.wag.ca/event/inua/) mit der Flagge von Nunavut.
Der Innovation sind keine Grenzen gesetzt und in einer sich ständig verändernden Umwelt, werden wohl auch weiterhin immer wieder neue Nutzungs- und Verarbeitungswege für einen der ältesten Werkstoffe der Menschheit gefunden.
Martin Schultz, Museum Cerny