Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/890

Michael Balint lebte von 1896 bis 1970. Er wuchs als Sohn eines Allgemeinpraktikers in Ungarn auf und wurde als Schüler von Sandor Ferenczi Psychoanalytiker. Ferenczi und Balint sind auch als Psychoanalytiker immer noch von grossem Interesse, unter anderem da sie sich intensiv auseinandergesetzt haben mit der Beziehung Analytiker/Patient. Später ist Balint nach England ausgewandert. Ab 1949 arbeitete er zuerst mit Gruppen von nichtärztlichen Mitarbeitern der Tavistock Clinic in London und dann mit Gruppen von Hausärzten und entwickelte mit diesen Gruppen, die sich als Trainings- und Forschungsgruppen verstanden, die jetzt nach ihm benannte Balintarbeit: In Gruppensitzungen von meist 90 Minuten erzählt ein Teilnehmer von einem Patienten/Klienten, und anschliessend erfolgt eine freie Diskussion, in der der Gruppenleiter vor allem Moderatorfunktion übernimmt. In der Diskussion gilt das Hauptinteresse der Beziehung zwischen Betreuer und Patient/Klient. Diese Arbeitsweise hat sich bewährt in vielen Berufsgruppen, in denen Beziehungen wichtig sind, ausser im Gesundheitswesen auch bei Seelsorgern, Lehrern und Juristen. Enid Balint, die Ehefrau und Mitarbeiterin von Michael Balint, erzählt mehr von der ersten Entwicklung der Balintarbeit, was heruntergeladen werden kann (Balint E 1984).
Die TeilnehmerInnen (im folgenden meist weibliche Formen; Männer sind immer mitgemeint) : Berufsleute, bei deren Arbeit die Beziehung zu ihren Patienten, Klienten, Schülern wichtig ist.
Der Rahmen: Kleingruppen (8-10 TeilnehmerInnen mit LeiterIn) oder Grossgruppen (ein Innenkreis von 8-10 TeilnehmerInnen mit LeiterIn und ColeiterIn und ein Aussenkreis von weiteren wohl mindestens 20 TeilnehmerInnen.
Der Ablauf: Eine TeilnehmerIn meldet sich als ReferentIn und erzählt von einer Beziehung zu einer KlientIn. Daraus ergibt sich mit der anschliessenden Diskussion eine Entdeckungsreise, für die wir 1 bis 1½ Stunden einsetzen.
1. Die ReferentIn erzählt spontan, assoziativ von einer konkreten Beziehung oder Begegnung ("ich gähne schon, wenn ich seinen Namen im Terminkalender sehe", "sie lässt mich kaum zu Wort kommen").
2. Spontane, assoziative Reaktionen der GruppenteilnehmerInnen auf das Berichtete: Jede reagiert auf die Erzählung auf Grund eigener Erfahrungen und der aktuellen Gestimmtheit. Als Helfer gegenüber Klienten, als Gruppenmitglied gegenüber Referenten reagieren wir nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf das averbal Mitgeteilte, das im Alltag oft nicht bewusst wahrgenommen wird. Inhalt und Averbales geben Hinweise auf Beziehungsmuster zwischen PatientIn und ReferentIn, die ähnlich sind wie Beziehungsmuster zwischen PatientIn und ihren Nächsten. Wenn wir in der Balintgruppe wagen, unsere emotionalen Reaktionen und Phantasien mitzuteilen, entsteht ein sehr facettenreiches Abbild dieser Beziehungen. Wir benutzen somit unsere ganze Reaktion als Instrument, um bisher nicht Sichtbares wahrnehmen zu können. Natürlich haben unsere Reaktionen genau so sehr auch mit uns selber zu tun (warum geraten wir immer mit denselben Patienten in einen Clinch?). Auf diesen Aspekt gehen wir in der Balintgruppe nicht direkt ein, sondern wir vertrauen darauf, dass jede gerade mit ihren Eigenheiten und Empfindlichkeiten für bestimmte Aspekte der vorgestellten Beziehung besonders hellsichtig ist und für sich davon profitiert, diese Aspekte in den grösseren Zusammenhang eines Beziehungsmusters einordnen zu können.
3. Die LeiterIn versucht in der assoziativen Diskussion die Beziehung ReferentIn-PatientIn als roten Faden im Zentrum zu halten und achtet auf die Interaktionen in der Gruppe, die auch Hinweise auf die Beziehungsmuster geben.
Ausbeute der Reise: Bei allen Beteiligten Erinnerungen an gemeinsame Abenteuer. Ein vertieftes Verständnis der ganzen Gruppe für die Besonderheiten in der Beziehung zur betreffenden KlientIn. Bei allen Beteiligten tauchen Erinnerungen an ähnliche Klientenbeziehungen auf und, wenn die Arbeit gelingt, entsteht ein gestärktes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als hilfreicher Partner von Klienten. Die ReferentIn geht in der Regel neugierig und mit neuer Freiheit in die nächste Begegnung mit der PatientIn. Oft verändern sich dadurch plötzlich bisher festgefahrene Situationen, und Patienten zeigen sich auf neue Weise.