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Mit einer gezielten Initiative bemüht sich Ghana um seine verlorenen Kinder: um jene, die selbst weggezogen sind – und um die Nachkommen jener, die einst als SklavInnen aus Afrika entführt wurden. Der Effekt der Kampagne lässt sich aber schwer bemessen.
Paul Opoku-Mensah sitzt in seinem geräumigen Büro im ghanaischen Parlamentshaus. Durchs Fenster blickt er auf Bäume und eine akribisch gepflegte Grünanlage; hier ist es ruhig, anders als fast überall sonst im Zentrum von Accra.
Seit 2017 arbeitet Opoku-Mensah in Ghanas Hauptstadt, er koordiniert ein Herzensprojekt des gerade wiedergewählten Präsidenten Nana Akufo-Addo: Nur rund einen Kilometer entfernt soll die Nationale Kathedrale entstehen, ein ökumenischer Kirchenbau, der zum besseren Zusammenhalt der fast dreissig Millionen GhanaerInnen beitragen soll.
Als Direktor sucht Opoku-Mensah Sponsoren für das Projekt, er organisiert Gespräche mit den verschiedenen Kirchen und wird künftig die Baufortschritte überwachen. Erfahrungen dafür bringt er aus Dänemark und Norwegen mit, wo er fast zwanzig Jahre lang gelebt und gearbeitet hat. Er war Professor für Internationale Beziehungen im dänischen Aalborg und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Bergen in Norwegen. Seine Arbeit habe sich stets darum gedreht, wie Entwicklung in Afrika stattfinde, wie Nationalstaaten entstehen und bestehen würden – aber immer häufiger auch darum, was er selbst dazu beitragen könne, wie Opoku-Mensah sagt. «Je mehr ich unterrichtet und mich mit dieser Debatte beschäftigt habe, desto deutlicher wurde: Ich kann nicht bloss in Europa sitzen und darüber schreiben oder schöne Konferenzen organisieren.»
Neustart oder Urlaub
2010 kehrte Paul Opoku-Mensah schliesslich nach Westafrika zurück und unterstützte zunächst seine Mutter, die für Ghanas Institut für Linguistik, Lese- und Schreibfähigkeit und Bibelübersetzungen arbeitete. Das Institut steckte gerade in einer Krise und sollte neu aufgebaut werden. Opoku-Mensah ist im Redefluss, er hält kein einziges Mal inne, wenn er über die grossen Entscheidungen in seinem Leben spricht. Nur einmal macht er eine kurze Pause, bevor er sagt: «Es war nicht nur aufregend, nach Hause zu kommen, nachdem man gesehen hat, wie andere Gesellschaften funktionieren. Aber es ist möglich.»
Ginge es nach der Regierung von Ghana, würden noch weit mehr Landsleute die Ansicht von Opoku-Mensah teilen. Die ghanaische Diaspora ist gross, die Internationale Organisation für Migration schätzt sie auf rund drei Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Um ihnen die Rückkehr ins «Motherland Ghana» schmackhaft zu machen, lancierte die Regierung fürs Jahr 2019 eine Kampagne mit dem Namen «Year of Return». Es war eine Bezugnahme auf das Jahr 1619, als auf dem Gebiet der späteren USA offiziell die ersten SklavInnen aus Afrika an Land gebracht wurden. 400 Jahre später sollen nun möglichst viele Menschen mit afrikanischen VorfahrInnen nach Ghana kommen – in einem ersten Schritt zumindest als BesucherInnen.
Gekommen sind tatsächlich viele. Museen wie das Du Bois Memorial Centre im Zentrum Accras – der 1868 in Massachusetts geborene Panafrikanist W. E. B. Du Bois siedelte im Jahr 1961 nach Ghana über und gilt als einer der ersten «RückkehrerInnen» – und das Cape Coast Castle, von wo aus Hunderttausende SklavInnen nach Süd- und Nordamerika gebracht wurden, verzeichneten einen BesucherInnenanstieg. Insbesondere viele US-AmerikanerInnen begaben sich in Ghana auf Spurensuche, folgten der Geschichte ihrer VorfahrInnen.
Insgesamt verzeichnete Ghana 2019 1,13 Millionen UrlauberInnen. «Das war ein riesiger, ja ein phänomenaler Erfolg», sagt Kwesi Eyison und nickt dabei zufrieden. Er ist Direktor des Reiseunternehmens Pacific Tours und Vizepräsident des nationalen Tourismusverbands. In seinem Büro im Nordwesten Accras ist es aber viel zu ruhig für einen Dezembertag, denn üblicherweise kommen zu Weihnachten und Silvester viele Familien, deren Angehörige im Ausland leben, in Accra zusammen. Doch heute klingelt kein Telefon, muss kein Ausflug vorbereitet und kein Hotel gebucht werden. Der Tourismusexperte hofft, dass Ghana wieder an die Erfolge von 2019 anknüpfen kann, sobald die Coronapandemie vorüber ist.
Land der Möglichkeiten?
Dass das «Jahr der Rückkehr» nicht so schnell in Vergessenheit gerät, dafür haben auch weltbekannte Stars gesorgt. Topmodel Naomi Campbell kam ebenso nach Ghana wie Schauspieler Idris Elba. Äusserst medienwirksam war im November 2019 zudem die Vergabe der ghanaischen Staatsbürgerschaft an 126 Nachkommen von SklavInnen aus der Karibik und den USA durch Präsident Akufo-Addo in seinem Regierungspalast. Denn es ging bei der Initiative nicht nur um die etwa 1,9 Milliarden US-Dollar, die laut Tourismusministerin Barbara Oteng Gyasi ins Land kamen, sondern auch darum, Menschen aus der Diaspora zum Umzug nach Ghana zu bewegen. Hochqualifizierte Fachkräfte sollen kommen – und vor allem Investitionen.
Freddie Blay lässt sich nicht unterbrechen, wenn er über das «Zurückkehren» spricht. «Ghana ist ein Land der Möglichkeiten, ein reizendes Land, ein mit Rohstoffen wie Gold, Holz und Öl gesegnetes Land», schwärmt der Vorsitzende der liberal-konservativen New Patriotic Party (NPP), der auch Präsident Nana Akufo-Addo angehört.
Blay sitzt auf einem bequemen, dunkelbraunen Ledersofa in seinem Haus im Stadtteil East Legon. Die breiten Strassen, kleinen Einkaufszentren, neuen Caféketten und Schnellrestaurants erinnern an Stadtbilder in den USA. Vor allem nördlich des Flughafens sind neue Apartmenthäuser entstanden, die jeglichen Komfort versprechen. Stromausfälle, wie sie noch vor zehn Jahren üblich waren, sind selten geworden. Accra hat sich zu einer modernen, kosmopolitischen Metropole gemausert. Wer nordamerikanisches oder europäisches Grossstadtleben mag, kann sich hier schnell wohlfühlen.
Wirklich mitgenommen von dieser Entwicklung fühlen sich in Accra aber viele nicht. Wer mit Schülern, Studentinnen und mitunter verzweifelten BerufseinsteigerInnen spricht, hört vor allem einen Wunsch: zur Ausbildung und zum Arbeiten ins Ausland zu gehen. Diejenigen, denen dieser Schritt gelungen ist, tragen massgeblich zur Wirtschaftsleistung des Landes bei: 2019 wurden aus der Diaspora rund 3,5 Milliarden US-Dollar nach Ghana überwiesen. Für das Land sei das durchaus wichtig, sagt auch Freddie Blay, er bleibt aber trotzdem bei seiner These. «Die Diaspora merkt nach Jahren in den USA und Europa: Es ist so viel besser, in Ghana zu leben», so der NPP-Vorsitzende.
Im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten hat Ghana einen entscheidenden Vorteil: Das Land ist seit Jahrzehnten politisch stabil. Wiederholt haben Wahlen schon zu gewaltfreien Machtwechseln geführt. Die liberale US-amerikanische NGO Freedom House stuft das Land als «frei» ein, und auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt es auf einem Mittelfeldplatz. Jenen, die mit einem Umzug nach Ghana liebäugeln, hilft auch das «Right of Abode» bei der Entscheidung: das Recht, auf unbestimmte Zeit ohne Visum im Land leben zu dürfen. Davon Gebrauch machen können alle, die einst die ghanaische Staatsbürgerschaft zugunsten einer anderen aufgegeben haben, sowie Menschen «afrikanischer Abstammung in der Diaspora», wie es auf der Website des Innenministeriums heisst. In den vergangenen Jahren hat überdies ein Gerücht die Runde gemacht, wonach «RückkehrerInnen» sogar kostenlos Land von der Regierung erhalten. Blay bestätigt das nicht.
Viel bleibt zu tun
Die Kampagne «Year of Return» ist mittlerweile unter dem Namen «Beyond the Return» ausgeweitet geworden – «Nach der Rückkehr». Weiterhin treffen sich Arbeitsgruppen, die nun längerfristige Konzepte erarbeiten. Aber Werbung und Schwärmereien reichen nicht aus. «Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, auch brauchen wir gute Schulen», räumt Freddie Blay ein, «und es braucht entsprechende Gehälter, die attraktiv sind.» Vor allem aber müsse Ghana seine Industrialisierung vorantreiben. Denn mehr als 57 Prozent des Bruttonationaleinkommens werden heute im Dienstleistungssektor erwirtschaftet, der viel zu wenige reguläre Arbeitsplätze bietet. Auch gibt es bislang keine Agenturen, die «RückkehrerInnen» etwa bei der Wohnungs- und Jobsuche helfen oder bei Behördengängen unterstützen würden. Und Zahlen gibt es weder darüber, wie viele Menschen jährlich nach Ghana ziehen, noch darüber, wie viele von ihnen letztlich wirklich bleiben.
Paul Opoku-Mensah ist geblieben – obwohl es ihm nach neunzehn Jahren in Dänemark und Norwegen nicht leichtgefallen sei, sich wieder in Ghana zurechtzufinden. «Skandinavien ist sehr strukturiert, und die Institutionen funktionieren», sagt der Regierungsangestellte, «hier funktioniert hingegen fast nichts.» Glaubt man den Vermutungen, die in Accra die Runde machen, verlassen sechs von zehn «RückkehrerInnen» Ghana nach einiger Zeit wieder.
Opoku-Mensah bereut seinen Schritt zur Rückkehr hingegen nicht, im Gegenteil. Viel zu lange habe er Ghana nur aus der Ferne beurteilt. «Ich habe einfach gespürt, dass wir selbst für den Wandel verantwortlich sind», sagt er.
Staatsbürgerschaft in Westafrika
Bleibt Liberia die Ausnahme?
In den meisten westafrikanischen Staaten sind doppelte Staatsbürgerschaften erlaubt und werden vor allem in den ehemaligen französischen Kolonien unkompliziert gehandhabt. So kann sie etwa im Senegal fünf Jahre nach Eheschliessung mit einem Senegalesen oder einer Senegalesin beantragt werden, und in Benin gibt es die Möglichkeit zur Einbürgerung für ausländische Staatsangehörige, die dauerhaft im Land leben. Aber auch das einst britisch kolonisierte Nigeria erlaubt die doppelte Staatsangehörigkeit all jenen, die einen Elternteil mit nigerianischem Pass haben.
Eine Ausnahme bildet in Westafrika Liberia, wo das Thema zuletzt hochaktuell wurde. Im Land, das 1847 von einstigen SklavInnen aus den USA für unabhängig erklärt wurde, ist die doppelte Staatsbürgerschaft nicht erlaubt. Mehr noch: Einzig «Schwarze oder Menschen Schwarzer Abstammung» haben überhaupt die Möglichkeit, die liberianische Staatsangehörigkeit anzunehmen, sofern sie ihre bisherige aufgeben.
Präsident George Weah, der einstige Fifa-Weltfussballer, wollte dies im Rahmen eines Verfassungsreferendums am 8. Dezember ändern. Die doppelte Staatsbürgerschaft, so argumentierte er, würde emigrierte LiberianerInnen dazu ermuntern zurückzukehren – oder zumindest in Liberia zu investieren. Gelder aus Übersee wären höchst willkommen in diesem Land, das zu den zehn ärmsten der Welt gehört.
Das Versprechen von Weah stiess in der Bevölkerung aber auf Skepsis. Die offiziellen Resultate zum Referendum sind zwar noch ausstehend, und verlässliche Umfragewerte gibt es nicht. Im Vorfeld wurde von KritikerInnen aber die Befürchtung geäussert, dass RückkehrerInnen vor allem jungen AkademikerInnen die wenigen guten Jobs im Land wegnehmen könnten. Wer etwa ein Studium in den USA abgeschlossen hat und möglicherweise auch erste Berufserfahrung vorweisen kann, so lautete die Sorge, werde bevorzugt eingestellt. Dass der Vorschlag die benötigte Mehrheit findet, gilt daher als zweifelhaft.
Katrin Gänsler