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Vierzehnter Abschnitt.
Von der Isländischen Litteratur.
Die Geschichte älterer Zeiten bezeugt es, dass unsere Vorväter Wissenschaften und schöne Künste nicht verachtet haben, ob sie sich gleich durch Tapferkeit und Heldenthaten vorzüglich hervorthaten. Ihre Religion, ob sie gleich mit Fabeln vermischt war, war doch in eine gewisse Ordnung gebracht, und ihre Sittenlehre, ob sie gleich nicht die glücklichste und beste war, schärfte ihnen doch gewisse Tugenden ein, die man bey den aufgeklärtern Griechen und Römern vergebens sucht. Ihre sich weit erstreckende Seereisen, ohne dass sie dabey etwas vom Nutzen des Compasses wussten, giebt grössere Einsicht in die Sternseherkunst und die Geographie zu erkennen, als man bey ihnen vermuthen sollte. Die Arzneykunst und besonders die Chirurgie, muste nothwendig von einem streitbaren Volk geschätzt werden, ob ich gleich zweifle, dass jemand zu unsern Zeiten sich bey äusserlichen Schäden, der Curart unterwerfen würde, deren wir bey den Alten gedacht finden. Ihr Witz fiel auf Rätsel, Sagen und Poesie, und wie hohen Wehrt man darauf gesetzt habe, erhellet aus vielen Exempeln, worunter ich hier nur anführen will, Egils Loblied auf König Erich Blodoxe [Eiríkr blóðöx Haraldsson, d.i. Erich Blutaxt] in Norwegen, wodurch er sein Leben rettete (*), und Hiarne Grabschrift auf König Frode, wegen welcher er König in Dänemark geworden seyn soll (**).
(*) Dies Lied hiess Hofudlausn [Haupteslösung] und ist in Vormii Litteratura Runica gedruckt.
(**) So erzählt Saxo, wenigstens muss wohl nur von einem kleinen Fylkis-Könige die Rede seyn.
Der Uebers.
(**) So erzählt Saxo, wenigstens muss wohl nur von einem kleinen Fylkis-Könige die Rede seyn. Der Uebers.
Wenn man gleich nicht mit völliger Gewissheit beweisen kann, dass Odin die Rünen mit nach Norden gebracht habe; so ist es doch fast keinem Zweifel unterworfen, dass solche im fünften und sechsten Jahrhundert bey uns bekannt gewesen sind. Die Schreibkunst war also hier, wo nicht eher doch gewiss eben so frühe als bey den Franken und Teutschen gebräuchlich. Die erstern hatten keine Buchstaben, als bis sie im sechsten Jahrhundert anfiengen die lateinieschen zu gebrauchen, und letztere wussten auch vor den Zeiten Carl des Grossen nichts davon.
Den Geschmack für Räthsel, Erzählungen und Poesie, brachten also unsere Isländer mit aus ihrem alten Vaterlande, nach der Insel wo sie sich nun niederliessen. Während das solcher unter den vielen Unruhen, welche ganz Norden einige Jahrhunderte erschütterten, in Norwegen abnahm, ward solchr nicht allein in Island, das so vielen Unruhen nicht ausgesetzt war, erhalten, sondern ihre eigne Sicherheit trieb auch die Einwohner an, sich besonders auf die Geschichte zu legen, um dadurch zu erfahren, was ihre mächtige Nachbarn vornahmen, und gegen alle, welche darauf laureten sie ihrer Gewalt zu unterwerfen, die nöthigen und sichersten Maasregeln nehmen zu können.
Sie hatten zwar vor Einführung der christlichen Lehre keine Schulen noch öffentliche Oerter, wo die Jugend in den Wissenschaften unterrichtet werden konnte; desfalls wurde solche aber doch nicht ganz verabsäumt, sondern man gab sich viele Mühe, jungen Leuten ausser der Behendigkeit und Stärke des Körpers, und solchen Uebungen, welche sie zu ihrer eigenen und ihrer Mitbürger Vertheidigung geschickt machen konnten, auch gute Einsichten in die Religion, die Geschichte und nächst ihr in der Rechstgelehrsamkeit beyzubringen. In den alten Sagen wird daher öfers solcher Personen gedacht, die es darinn weit gebracht hatten, und man fand bey Annehmung der christlichen Religion schon eine grosse Menge von Leuten im Lande, die sich aufs Recht und die Gesetze verstunden.
Sie entdeckten oft auf ihren vielen Seereisen, worauf sie sich doch des Compasses (Leitarstein), der damals noch nicht erfunden war, nicht bedienen konnten, wenn sie von dem sich vorgesetzten Wege abkamen, neue Länder, die hernach wieder eine lange Zeit in Vergesenheit gerathen, und von denen man glaubt, dass sie in weit neueren Zeiten erst erfunden sind. So ward Biörn Herjulfsson [Bjarni Herjólfsson], als er zu seinem Vater in Grönland reisen wollte, vom Nordwinde an ein ebenes waldigtes Land getrieben, von da er endlich nach einer langen und beschwerlichen Reise, und ohne sich weiter um seine gemachte Entdeckung zu bekümmern, zu seinem Vater kam. Nach dem Tode seines Vaters gieng er wieder nach Norwegen zurück. Das, was er da von seiner vorigen Reise erzählte, erregte bey Leifr [Eiríksson] Lust, dies Land aufzusuchen. Er begab sich also mit 35 Mann zur See, und landete anfangs an ein bergigtes ganz mit Schnee bedecktes Land, wo kein Gras zu sehen war. Er setzte seine Reise von da weiter fort, und kam an ein ebenes und mit Holz bewachsenes Land, das er Markland nannte. Mit Nordostwind segelte er von da wieder ab, und kan nach zwey Tagen an eine Insel, die Nordwärts von dem festen Lande lag. Hier fuhr er gegen Westen in eine Meerenge, wo sein Schiff bey der Ebbe auf dem Grund sitzen blieb, er liess es darauf mit Stricken an Land ziehen, bauete sich da ein Haus und blieb den Winter über daselbst. Hier fühlte man keine Kälte, und das Gras ward im Winter nur etwas röthlich. Die Tage waren nicht von so verschiedener Länge als die in Island, und am kürzesten Tage war sowohl, wenn man Frühstück ass, als wenn man Abendmahlzeit hielt, die Sonne noch über dem Horizont zu sehen. Wein und Waitzen wuchs wild, und dies gab ihm Anlass, das Land Vinland zu nennen. Hieraus kann man schliessen, dass er ziemlich weit herunter nach Süden in Amerika gekommen seyn müsse. Man trieb nachher lange mit den dortigen Einwohnern, die man Skrälingar nannte, einen Handel, dar aber mit der Zeit gänzlich aufhörte, so dass auch das Land und der Namen desselben in Vergessenheit kam.
Die Dichtkunst war vordem in Island sehr in Flor, und sind besonders ein Egil Skallagrimson, ein Kormak Ogmundson und Glum Geirson, ein Thorleif, Jarla, Skal und Einar Helgeson, ein Sighvatr, Thordson, Gunlaug Ormstunga und Skald Rafn, als grosse Dichter berühmt. Die Kunst zu schreiben aber kam doch nicht eher recht in Gebrauch als nach dem Jahr 1000. Die Runen waren zwar im Lande vorher bekannt, und aller Vermuthung nach mit aus Norwegen dahin gebracht, ob man gleich keine Anleitung hat zu glauben, dass sie, so wie bey uns in Steinen geschnitten worden, indem man keine Runensteine gefunden hat, deren Alter bis auf die Zeit des Heidenthums zurückgeht (*).
(*) Eggert Olafsen gedenkt in seiner Reise Th. I. S. 137. eines Steins mit einer Innschrift auf Karl Giartan, der im Jahr 1004 starb, und auf der folgenden Seite einer solchen Innschrift auf Semundr, die aus dem 14 Sec. zu seyn scheint. Beyde sind auch in Kupfer gestochen; allein sie sind so jung und so schlecht eingehauen, dass sie kaum verdienen angeführt zu werden. An eben dem Ort findet man auch eine schlecht gemachte unleserliche Runenschrift, die für trollrunor (Zauberrunen, Hexenfiguren) ausgegeben werden. Zu unsern Zeiten schreibt einer oft herzlich schlecht, aber wird desfalls für keinen Zauberer oder Hexenmeister gehalten.
Doch wurden sie auf Schilden, bisweilen auch auf Decken und Wänden eingeritzt, und gedenkt die Laxdaela Saga eines gewissen Olofs auf Hiardarhult, der ein grosses Haus bauen lassen, auf dessen Balken und Sparren merkwürdige alte Sagen verzeichnete gewesen seyn solllen; ebn so wie Thorkil Hake eine Beschreibung seiner eigenen Thaten seinem Stuhl und seinem Bette eingeschnitten hatte. Dass diese Runenschrift schon vor Einführung des Christenthums gewöhnlich gewesen, sieht man aus Olof Tryggwassons [Olaf Tryggvason] Saga, wo eines mit Namen Oddni gedacht wird, der stumm war, aber durch Runen zu erkennen gab, dass ihn Ivar, seines Vaters Gast, beleidiget hatte.
Allein wie um das Jahr 1000 die christliche Religion angenommen ward; so bekamen auch die Wissenschaften eine andere Gestalt. Man nahm gleich die lateinischen Buchstaben an, da die Runen-Buchstaben, deren nur sechszehn in allen gezählt wurden, nicht zureichlich waren. Der erste Isländische Bischof, Isleif [Ísleifur Gissurarson], legte zu Skallholt [Skálholt] eine Schule an, und bald darauf hatte man schon vier Schulen, worinn die Kinder in der lateinischen Sprache und und der Theologie, ja auch in einigen Theilen der theoretischen Philosophie unterrichtet wurden. Jonas Ogmundsson [Jón Ögmundsson], der erste Bischoff zu Hoolum [Hólar], verschrieb im Jahr 1120 einen gewissen Gisle Finson von Gothland, um der zu Hoolum eingerichteten Schule vorzustehen. Arngrim Jonson führte daher in seiner Crymogaea S. 108. den sonderbaren Umstand an, dass der Baumerister Thorodr, als er mit Aufbauung der Kathedralkirche zu Hoolum beschäftiget gewesen, so genau auf dasjenige was den Schulknaben in der Grammatik vorgegeben worden, acht gegeben, dass er selbst darüber in der Grammatik einen ziemlichen Grund gelegt habe. Eben derselbe führt auch an, dass der Bischoff, der ein gelehrter und eifriger Mann gewesen, einmal einen Schüler unvermuthet überrascht habe, der Ovids Briefe und Bücher de arte amandi gelesen, welches er so übel genommen, dass er ihm das Buch aus der Hand geschlagen habe. Zu einer Zeit, da man vielleicht in inserm Vaterlande keine grosse Kenntniss der lateinischen Sprache vermuthen sollte, ward also doch einer von da nach Island geholt, der Einsicht und Geschicklichkeit genug hatte, der Jugend Anleitung zum Lesen lateinischer Dichter zu geben. Doch da dem ungeachtet, die Wissenschaften hier nur noch in ihrer Kindheit waren; so begaben sich diejenigen, welche darinn weiter kommen wollten, nach fremden Universitäten. Gislur Isleifson [Gissur Ísleifsson] studirte zu Erfurt, und viele reiseten so wie Sämundr Sigfusson [Sæmundur Sigfússon der Weise, 1056-1133] nach Paris, daher man sie Parisklärkar (Parisschreiber) nannte. Viele aber, deren Namen doch berühmt geworden ist, studirten blos in Island; worunter ich hier nur zum Beweise die beyden berühmtesten Isländischen Schriftsteller, Are Frode [Ari Thorgilsson der Weise, 1067-1148] und Snorre Sturleson [Snorri Sturluson, 1179-1241], anführen will. Man kann also mit Grunde sagen, dass Island von der Annahme der christlichen Religion daselbst, bis ins Jahr 1264, da es unter Norwegische Herrschaft kam, eines der wenigen Länder in Europa, und fast das einzige im Norden gewesen sey, wo die Wissenschaften getrieben und verehret wurden. Es hat auch dieser Zeitpunct mehrere berühmte Männer aufzuweisen, als sich dort hernach bekannt hemacht haben. Man darf nur die alten Sagen lesen, um einzusehen, dass sie in die Sittenlehre, Weltkenntniss, Naturlehre und Astronomie Einsicht gehabt haben, dass sie selbst in der Theologie ziemlich richtige Kenntnisse besessen, und dabey die Kirchenväter gelesen hatten. Besonders aber haben ihre poetische und historische Arbeiten, unter der schon einbrechenden Finsterniss, der Zeit selbst getrotzet. Es würde gar nicht schwer seyn, eine Menge Dichter herzurechnen, welche sich sowohl in Island als in den Orkneys und am Schwedischen, Dänischen, Norwegischen und Englischen Hofe bekannt gemacht haben, da Skaldartal (das Dichterverzeichniss) ihrer nicht weniger als 240 enthält. Aber es wird unnöthig seyn, hier mehr als die drey vornehmsten anzuführen. Snorre Sturleson, dem im Jahr 1241 im drey und sechzigsten Jahr seines Alters zu Reikholt in Island der Kopf abgeschlagen ward (*); Olafr Hvitaskald, der 1259 starb, und Sturla Thordson, der im Jahr 1284 mit Tode abgieng, und deren Arbeiten zum Theil stückweise sowohl gedruckten als ungedruckten Sagen eingerückt sind.
(*) Man hat sonst allgemein angenommen, Snorre Sturleson sey auf dem Bette gestorben, allein man hat such geirrt. Dieser berühmte Mann war 1178 gebohren, und kam durch seine Klugheit zu einer solchen Macht, dass er bey öffentlichen Versammlungen mit einem Gefolge von 800 Personen erschien; er war auch so reich, dass ein Verlust von 100 Ochsen, den er erlitte, für gering angesehen ward. Im Jahr 1218 gieng er nach Norwegne über, wo König Håkan und Jarl Skule ihn mit Gnaden überhäuften. Er ward geadelt und fuhr nach zwey Jahren mit dem Versprechen zurück, das Land unter Norwegischen Gehorsam zu bringen, welches doch nicht geschah. Er stand in Island in grossem Ansehen, und bekleidete zu verschiedenenmalen mit eben so viel Ruhm als Macht die Stelle eines Lagmanns daselbst. Doch musste er 1236 vor seinem Bruder Sighvatr nach Norwegen flüchten, wo er die Parthey des vom König Håkan abgefallenen Jarls, Schule, nahm. Einige berichten der Jarls habe ihm die gräfliche Würde ertheilt; das ist wenigstens gewiss, dass er wider das Verbot des Königs mit Erlaubnis des Jarls nach Island zurück reisete, wo ihm sein eigener Schwiegersohn, Gissur Thorwaldsson, im Jahr 1241 im 63 Jahr seines Alters, als einem Verräther, den Kopf abschlagen liess.
Von noch mehrerem Werth sind ihre Sagen oder Erzählungen, über deren Nutzen und Glaubwürdigkeit in der Nordischen Geschichte so viel ist gestritten worden. Wenn einige solche, als sichere und unumstössliche Grundpfeiler der Geschichte unserer Vorväter ansehen; so werden sie dagegen von anderen als ungereimte Gedichte und zusammengeschmiedete Unwahrheiten angesehen, die mit der Geschichte der Ritter Finke und Fortunatus, dem gehörnten Siegfried und andern Weibermährchen in einer Classse stehen. So unbillig das letztere ist (*), so unbedachtsam würde es von der andern Seite seyn, in ihrer Verehrung zu weit zu gehen.
(*) Von einigen ist es doch wohl nicht zu läugnen. Torfäus in Antiquit. S. 23. sagt es sehr laut, und welch eine Menge darunter sind nicht die abgeschmacktesten Erdichtungen. Der Uebers.
Wenn sie mit Vorsichtigkeit und Unterschied gebraucht werden; so sind sie um so mehr von unstreitigem Nutzen, da sie fast die einzigen Quellen sind, woraus die älteste nordische Geschichte geschöpft werden kann, und würklich sind einige derselben mit vieler Kritick und Geschmack geschrieben. Arae Frodes Schedae, die nach 1122 geschrieben und unter allen alten Isländischen Nachrichten, die unsere Zeiten aufzuweisen haben, die ältesten sind (*); die Schriften eines Sturlesons (**), eines Gunlaug und Odds und mehrere verlieren nie ihren Werth (); denn ich finde nichts, was ihnen die Glaubwürdigkeit benehmen kann, die man einem Tacitus und Livius ohne Vorbehalt zugesteht.
(*) Man hat eine Ausgabe derselben, die 1688 zu Skallholt in 8. und eine die 1696 zu Oxford herausgekommen ist. 1716 gab
Christoph Wormius eine in 8. heraus, allein sie ist nie vollständig geworden, indem die Vorrede, die Noten u.d.m. fehlen. Auch ist 1733 zu Kopenhagen eine Edition in 4. mit einer Ubersetzung und mit Anmerkungen von
Abdreas Bussäus herausgegeben worden.
(**) Man hat von diesem Buch noch keine recht gute Auflage. Unter allen ist doch die beste, welche 1697 unter dem Titel von Heyms' kringla in 2 Bänd. in Fol. von Peringsköld herausgegeben ward. Man hat davon eine deutsche Uebersetzung von
Jonas Rugmann Wisingsborg 1670 in Fol. von
Christopher Steinkuhl 1685, und endlich eine 1687 in Kopenhagen in 4. gedruckte.
Jetzt ist dies Buch in Kopenhagen unter der Presse, mit eines Isländers
Jon Olssons Uebersetzung und Anmerkung.
Prinz Friedrich hat zu dieser Auflage 300 Rthl. geschenkt, und ist dies vermuthlich die Ausgabe, welche in der Vorrede zu Kri'nis Saga versprochen worden.
(**) Man hat von diesem Buch noch keine recht gute Auflage. Unter allen ist doch die beste, welche 1697 unter dem Titel von Heyms' kringla in 2 Bänd. in Fol. von Peringsköld herausgegeben ward. Man hat davon eine deutsche Uebersetzung von Jonas Rugmann Wisingsborg 1670 in Fol. von Christopher Steinkuhl 1685, und endlich eine 1687 in Kopenhagen in 4. gedruckte.
Jetzt ist dies Buch in Kopenhagen unter der Presse, mit eines Isländers Jon Olssons Uebersetzung und Anmerkung. Prinz Friedrich hat zu dieser Auflage 300 Rthl. geschenkt, und ist dies vermuthlich die Ausgabe, welche in der Vorrede zu Kri'nis Saga versprochen worden.
() Es verdient bemerkt zu werden, dass wir, so wie die Ueberbleibsel unserer alten Sprache, die wir noch haben, diejenigen bey weitem an Alter übertreffen, welche die Teutschen und Franzosen aufweisen können; so auch viel ältere Geschichtsschreiber haben.
Are Frode, desen Arbeiten wir noch grösstentheils besitzen, starb 1148; dagegen versichter der Verf. des Dictionnaire de la langue Romaine in der Vorrede, S. 42. que
Ville Hardowin est le premier Historien françois, que nous ayons, et qui finit en 1207 son histoire de la Conquete de Constantinople par les François et les Venitiens.
Der Hr. Verf. erinnert sich in Ansehung der Teutschen hier wohl nicht, eines
Eginhard, 839; der Nonne
Rosswitha um das Jahr 984, des
Nithard, Hildebert, Bruno, Regino, Luitprand im 9 und 10 Seculum, des
Witichind, des Vaters der Niedersächsischen Geschichte, 1004, des
Dithmars 1018 u.a.m.
Der Uebers.
Der Hr. Verf. erinnert sich in Ansehung der Teutschen hier wohl nicht, eines Eginhard, 839; der Nonne Rosswitha um das Jahr 984, des Nithard, Hildebert, Bruno, Regino, Luitprand im 9 und 10 Seculum, des Witichind, des Vaters der Niedersächsischen Geschichte, 1004, des Dithmars 1018 u.a.m. Der Uebers.
Wer weiss es nicht, dass diese bey Ausarbeitung ihrer Geschichte, die allen Zeiten zu einem Muster dient, sichere Handleitung gehabt haben, und diese hat unsern Isländischen Geschichtschreibern eben so wenig gefehlt. Sturleson nennt selbst einen Are, einen Thiodolfr, die Langfedgatal (Geschlechterregister,) und alte Lieder, worinn das Lob alter Regenten besungen worden, aus denen er seine Nachrichten hergenommen hat. Wenn man dabey bedenkt, wie angelegen die Isländer waren, das Andenken ihrer Vorfahren aufzubehalten, wenn man sich erinnert, dass ihre angenehmste Beschäftigung in ihren Gesellschaften und bey ihren Zusammenkünften die gewesen, diese Sagen und Verse herzusagen, und dass die Vornehmern eben so wie die Griechen dazu ihre Vorleser gehalten; wenn man endlich aus dem Inhalt und der Zusammensetzung dieser Schriften selbst siehet, dass die Verfasser keinesweges geneigt gewesen, wunderbare oder unsichere Nachrichten zu erzählen; so scheint es allerdings unbillig, wenn man ihnen die Glaubwürdigkeit versagen wollte, welche sie verdienen, und die man andern Schriften von gleicher Beschaffenheit ohne Bedenken einräumet.
Der grösste Theil dieser Schriften sind im XI, XII, XIII und XIV Jahrhundert verfertiget worden; und einige davon sind auch durch den Druck bekannt gemacht worden.
Als einer neuen Probe ihres Fleisses und ihrer Genauigkeit muss ich auch hier der Annalen oder Jahrbücher gedenken, worinnen sie Jahr für Jahr anzeichneten, was sich sowohl in Island als an andern Orten wichtiges zutrug. Diese Annalen haben überhaupt mehr Vertrauen als ihre Sagen. Semunder und Are Frode machten den Anfang damit, und sie sind seit der Zeit bis auf unsre Zeiten fortgesetzt worden.
Allein die Wissenschaften haben auch hier dieselbigen Veränderungen erfahren müssen, die sie an andern Orten erlitten haben. Sie sunken von dem Licht, worinn sie sich so lange beybehalten, in eine tiefere Nacht herab, als man sich vorstellen kann. Ich entlehne hier, um das Gemählde davon sinnlich zu machen, die Gedanken des gelehrten Skallholtischen Bischofs Doctor Finneus in seiner wohlgeschriebenen Hist. Eccl. Islandiae, da er den Zustand der Wissenschaften in Island mit den vier Menschenaltern vergleicht. Ihre Kindheit gieng bis zu 1056, da die Einführung der christlichen Religion etwas Licht mitbrachte; ihre Jugend bis 1110, da die Schulen in Gebrauch kamen, und man anfieng, sich um die Erziehung und den Unterricht der Jugend mehr zu bekümmern, als vordem geschehen war. Ihr männliches Alter währete bis in die Mitte des 14ten Seculums, während welcher Zeit Island seine gelehrtesten Männer hervorgebracht hat. Ihr Alter zeigte sich am Ende dieses 14ten Jahrhunderts, da die Wissenschaften schon immer mehr und mehr abgenommen hatten, und darauf folgte endlich völlige Schwäche, da nichts von einigem Werth mehr aufgewiesen werden konnte. Die Geschichte hatte ihre Verehrer, die Poesie allen Geschmack verlohren, und dan übrigen Wissenschaften fehlte alles Licht. Die Schulen geriethen in Verfall, und man fand bisweilen gar keinen Ort, wo einiger Unterricht gegeben ward. Es war etwas seltenes, wenn einer Latein verstand, und etwas nicht ungewöhnliches, dass die Priester ihre Breviarien und Ritualien mit Mühe lesen konnten.
Doch so sah es damals nicht allein in Island aus, den grössten Theil von Europa drückte dasselbige Schicksal. Denn die Dämmerung eines klärern Lichts, die sich aus Griechenland, nach Eroberung Constantinopels von den Türken im Jahr 1453, nach Italien und den südlichen gegenden Europens auszubreiten angefangen hatte, konnte noch nicht bis nach Norden durchdringen. Nicht genug, dass man fast alles, was nur Gelehrsamkeit heissen konnte, verachtete; so gieng die Unwissenheit so weit, dass die vornehmsten Herren, sowohl geistlichen als weltlichen Standes, nicht ihren Namen schreiben konnten. Wir dürfen uns darüber in Island nicht verwundern, da die Kirchengeschichte Beyspiele von Biscöffen anführt, welche den Kirchenversammlungen beywohnten, und die als am Schlusse derselben die Acten unterschrieben werden sollten, setzen liessen: quoniam Dominus N. Episcopus scribere nescit ideo eius loco subscripsit N. N. Unsere Diplomatiker versichern auch, dass vor König Gustav I Zeit, kaum ein schwedischer König seinen Namen habe schreiben können. Der Verfasser der Konunga och Höfdinga styrelse (*), welcher nach eines Gelehrten Vermuthung der Bischof Brynolf Carlsson in Skara gewesen ist, der 1430 starb, sagt, man könne von den Fürsten nichts mehr erwarten, als dass sie selbst lesen, und ihre Briefe auslegen, und wohl verstehen können.
(*) Joh. Scheffer gab dies Buch in Stockholm 1669 mit einer lat. Uebersetzung unter dem Titel: Regum Principumque Institutio in Fol heraus; es war aber schon vorher von Vuräus 1634 in 4. und 1650 in 12. edirt worden. Hr. Nordin hat in N. 18. der Nya Lärda tidning eine critische Beschreibung deses merkwürdigen Buchs geliefert. Er tritt der Schefferschen Meynung bey, dass es unter der Minderjährigkeit Magnus II. geschrieben sey, dagegen Wilde in seiner Historia pragm. Sueciae es in die Zeit der Minderjährigkeit König Birgers setzt. Der Uebers.
Bey der Reformation gieng doch hier, so wie an den meisten andern Orten ein Licht auf. Es war kurz vorher eine Buchdruckerey nach Island gebracht worden, und Bischof Gissur dachte darauf, wiederum eine Schule in dem Kloster Videy zu eröffnen, das von der Krone war eingezogen worden. Da aber solches zu einem Sitz für die Einnehmer des Königs bestimmt war; so befahl König Christian III. im Jahr 1552, es sollte bey einer jeden Cathedral-Kirche hieselbst eine Schule angelegt werden, die bey Skallholt fpr 40 Schüler, und die bey Holum zu 34, jene ist hernach zu 34, und diese zu 24 Schüler herunter gesetzt worden. Jedwede dieser Schulen sollte mit ihrem Rector und Knorector versehen werden. Der König schenkte zu diesen Einrichtungen so viel Land, dass die Lehrer ziemlich gut besoldert werden können, und dass die Schüler, so lange sie in der Schule sind, Bücher, Essen und Kleider frey haben. Man hat sich auch seit der Zeit viele Mühe gegeben, geschickte Männer zu Lehrern bey diesen Schulen zu verschaffen, und der Unterricht darinn ist so beschaffen gewesen, dass die mehresten dortigen Prediger nirgenda anders als da ihre Studien getrieben haben. Doch reisen viele nach Kopenhagen, um dort zu studieren. Im Jahr 1773 hielten sich auf dortiger Universität, 54 Isländer auf, und es sind daselbst sehr gute Einrichtungen zum Unterhalt armer Studierenden gemacht worden. Bisweilen besuchen sie jetzt auch wohl fremde Akademien. Zwischen 1760 und 1770 starb zu Leipzig ein gebohrner Isländer, Paul Widalin, der sich während seines Aufenthaltes daselbst allgemeine Liebe und Achtung erworben hatte. Hr. Thorolti hat sich etwas über drey Jahr in Upsala aufgehalten, und sich dort von einer sehr vortheilhaften Seite gezeigt.
Man muss sich also jetzt Island als keinen Wohnsitz der Unwissenheit und der Finsterniss vorstellen. Ich kann vielmehr gerade das Gegentheil versichern, da man dort sogar unter dem gemeinen Mann selbst mehr Einsichten antrift, als an andern Orten. Man wird dort selten einen Bauer finden, der nicht, ausser seinem Christenthum, auch die Geschichte seines Vaterlandes wissen sollte, welches von dem fleissigen Lesen ihrer alten Sagen herrührt, worinn sie ihr vornehmstes Vergnügen setzen. Ja es ist gar nicht selten, dass man unter ihnen einige findet, welche die Gedichte eines Kolbein, Grimsons, Sigurd, Gisles, Gudmund, Bergthors auswendig hersagen können, lauter Dichter, die sich in spätern Zeiten berühmt gemacht haben, und worunter sich Vigfus Jonsson durch seinen Witz, der aber bisweilen den Anstand beleidiget, auszeichnet. Die Prediger sprechen allenthalben gut Latein, und ich fand an einigen Orten schönere Bibliotheken, als ich in Island vermuthen gewesen war.
Es war dort würklich eine gelehrte Gesellschaft errichtet, deren unter dem Namen einer societas invisibilis in der Vorrede zu dem vorher angeführten Speculo regali gedacht wird, und waren mir der Rector Halfdan Einarson, und der verstorbene Sysselmann Bjarne Haldorson als Mitglieder derselben bekannt, doch glaube ich, dass solche jetzt aufgehört hat. Ich könnte sehr viele anführen, die sich in Island durch Gelehrsamkeit, Geschicklichkeit und Geschmack hervorgethan; allein ich will blos einige nennen, die sich in der gelehrten Welt vorzüglich Ruhm erworben haben.
Unter ihnen verdient der Bischoff zu Skallholt D. Finnur Jonson den ersten Platz, der ausser vielen gelehrten Arbeiten in den Isländischen Alterthümern, die theils schon gedruckt, theils noch nicht unter der Presse sind, neulich eine mit nicht weniger Kritik als Gelehrsamkeit geschriebene Kirchengeschichte in drey Quartbänden herausgegeben hat. Ich hatte das Glück, mit diesem würdigen Mann, der die bischöfliche Würde seit 1754 bekleidet, zu Skallholt näher bekannt zu werden, und aus seiner Gesellschaft nicht weniger Nutzen als Vergnügen zu schöpfen. Wie sehr musste ich daher bey meinem Abschiede von ihm wünschen, dass sein hohes Alter ihm erlauben mögte, die letzte Hand an seine übrigen Arbeiten zu legen? Und dies hat man jetzt um so mehr Ursache zu hoffen, da er neulich einen seiner würdigen Söhne, den gelehrten Hrn. Johann Finnsen zu seinem Probst und Gehülfen erhalten hat.
Ferner rechne ich hieher, Halfdan Ejnarson Rector der Schule zu Holuum, der das Speculum Regale heraus gegeben hat, und jetzt an einer Historia litteraria Islandiae arbeitet. Der Probst und Pastor zu Hiardarholt, Gunnar Paulsen, ist wegen seiner Einsicht in die alte Dichtkunst bekannt. Bjarne Jonsen, Rector der Schule zu Skallholt, schreibt artige lateinische Verse, und hat eine Abhandlung von gangdagarne (*) zum Druck fertig.
(*) Gangdagar sind eigentlich der Montag und Dienstag in der Woche der Himmelfahrt Christi; die deswegen gangdags-veckan heisst. Man pflegte alsdann im Pabstthum mit Fackeln, Weihwasser und Bildern der Heiligen eine Procession über Acker und Wiesen anzustellen, woher solche den Namen erhalten haben. Der Uebers.
Bjarne Paulsen, der nebst Eggert Olofsen auf Kosten der Societät der Wissenschaften eine physicalische Reise durch Island gethan hat. Der Lagmann Sven Sölvesen, der verschiedene juristische Schriften heraus gegeben hat; so auch der Vicelagmann Jon Olsson, und die Pröbste Vigfus Jönsen und Gudlaug Thorgeirson, und andere mehr.
Ausserhalb Island lebt jetzt der Professor und Staatsrath Erichsen, der sich durch viele Abhandlungen in den Alterthümern bekannt gemacht hat, und ein würdiges Mitglied des Collegii Magnaeani ist. Auch haben sich ein Arnas Magnäus [Árni Magnússon, 1663-1730], ein Torfeus [wahrscheinlich meint er Þormódur Torfason, 1636-1719] und mehrere Isländer, einen Platz unter den vornehmsten Gelehrten, dieses und des vorigen Seculums erworben (*).
(*) Hier verdienen auch ein Angrim Jonsen, Gudbrandr Thorlaksen, Theodor Thorlakson, Jon Thorkelson Widalin, Jon Arnaesen, Brynolphr Svenson u.a.m. mit Recht einen Platz.
Ich werde in einem andern Briefe, worinn ich mich besonders mit den Isländischen Alterthümern beschäftigen will, noch etwas mehr von ihm sagen, und dort derjenigen vor andern gedenken, die sich durch deren Bekanntmachung vorzüglich verdient gemacht haben.
Was die Sprache anbetrift, so ist solche dieselbe, welche im IXten Jahrundert in Schweden, Dänemark und Norwegen geredet ward, und sie hat sich daselbst in solcher Reinigkeit erhalten, dass jeder Isländer eben so leicht die ältesten Sagen versteht, als wir die Briefe aus den Zeiten Carl IX. lesen können (**).
(**) Während dass diese Sprache so wenig Veränderungen erlitten hat, sind andere Sprachen dagegen desto mehr Veränderungen unterworfen gewesen. Ich will zu einem Beyspiel nur die älteste französische- sowohl als deutsche Urkunde anführen, die bis auf unsere Zeiten gekommen ist, und die kein ungelehrter Franzos oder Teutscher mehr wird verstehen können. Es sind solches die Formulare der Eyde, wodurch sich Carl des Grossen Söhne bey der Theilung ihrer Reiche zur Einigkeit untereinander verbunden, imgleichen der Eyde, die ihnen das Volk bey der Gelegenheit schwor.
Hierauf folgten die beyden Huldigungseyde, welches vermuthlich die ältesten Huldigungsformulare sind, die wir haben.
(Diese Anmerkung bedarf einiger Berichtigung. Nicht Carl des grossen Söhne, sondern die Söhne Ludwigs des Frommen sind es, von deren Eidesformel die Rede ist. Als nach ihre Vaters Tode ihr älterer Bruder der Kayser Lothar über die ganze Fränkische Monarchie herrschen, und die von dem Vater vormals gemachte Theilung nicht gelten lassen wollte; so kam es darüber zwischen Lothar auf einer, und Ludwig und Carl auf der andern Seite zum Kriege, und im J. 841 den 24 Jun. zu einem entscheidenden Treffen bey Fontenai in Burgund, worinn Lothar geschlagen war. Er suchte hierauf seine Brüder zu trennen, und mit Carln einen besondern Frieden zu machen. Aber diese Künste gelangen nicht, sondern Ludwig und Carl verbanden sich im J. 842 desto genauer zu Strasburg. Sie beschworen in den angeführten Worten, ihre Verbindung vor ihren beyderseitigen Heeren, und zwar Ludwig in der Romanischen, das ist, der damals in Frankreich gewöhnlichen Sprache, damit ihn die Franzosen, und Carl in teutscher Sprache, damit ihn die Teutschen verstehen mögten. Hernach beschworen auch die beyden Heere, jedes in seiner Sprache einen und denselben Eyd, des Innhalts: dass sie demjenigen unter beyden Brüdern, der diesen geschwornen Eyd nicht hielte, keinen Beystand leisten wollten. Es ist also keine Huldigungsformel der Heere, weder an Ludwig noch Carl. Die Eidesformeln selbst hat ein gleichzeitiger Schriftsteller, der Abt Richrad, Carl des Grossen Enkel von seiner Tochter Bartha in seinem Lib. 4. de diffentionibus filiorum Lodhunici Pii ad anum usque 843 und zwar im 3 B. der Nachwelt aufbehalten, die wir in Annalium ad Historiam Francorum ab A. C. 708 ad ann. 990 Scriptores waetanei XII. primum in lucem editi ex Bibliotheca P. Pithoei, T.II. Francof. 1594 in 8. S. 472 lesen. Der Nithard ist auch abgedruckt in Külpis oder Schilters Scriptoribus Rer. Germ. Argent. 170 S. 101, wie auch in Du Chesne Historiae Francorum Scriptores; woraus wieder viele andere Schriftsteller, als Bodin, Masson, Fauchet, Paseatius, Lipsius, Taubmann u.a.m. sie ihren Schriften einrücken lassen. Aus einer ältern Ausgabe des Pithoei, Paris 1588 in 8. P. II. S. 350, hat mir ein würdiger Freund den Anfang der Eidesformel Ludwigs also abgeschrieben:
Pro do amur et P XPian poblo et nro comum saluamet dist di en avant in quant cs, etc.
Die Mehresten haben die Abbreviatur do unrichtig für don gelesen, welches doch deo heissen muss. Siehe Waltheri Lexic. Diplom. S. 60. Ueberhaupt fand Marquard Feher diese Formeln nicht genau und richtig genug abgeschrieben und abgedruckt, und wandte sich daher an den Königl. Rath Bongars, der die Gesta Dei per Francos geschrieben hat, welcher ihm eine aus dem Original sorgfältig gemachte Abschrift vershcafte, die er mit einigen Erläuterungen in seinen Scipt Rer. Germ. T. I. S 71 abdrucken liess. Man findest sie auch in Schilters vorher angeführtem Script. Rer. germ. S. 114. Eine noch bessere Erläuterung hat Leibmitz in seinen von Eccard 1717 in gr. 8. zu Hanover herausgegebenen collectaneis etymologicis, P. I. S. 181 geliefert. Eine französische Uebersetzung findet man in Pigionol de la Force Introduct. a la description de la france T. I. p. 12. Man lieset auch einige Muster dieser Urkunde in der Geschichte der Romannschen Sprache durch Joseph Planta F. R. S. aus dem Engl dem 66 Bande der Philosoph. transact. Londn. 1776. übersetzt. Chur. 1776 in 8. weil die jetzige Romannische Sprache in einigen Gegenden Rhätiens mit der darinn vorkommenden viele Aehnlichkeit hat.
Herr von Troil hat diese hier mitgetheilten Urkunden, wie er mir meldet, aus Wormii Bibliotheca Runica genommen, die ich nicht vor mir habe; allein Wormius muss einen schlechten Abdruck gehabt, oder ihn äusserst nachlässig abgeschrieben haben, und daher habe ich solche nicht so, wie ich sie vor mir fand, sondern lieber so wie Leibnitz solche a.a.O. liefert, abdrucken lassen. Dieser grosse Mann urtheilt davon S. 185 also: Antiquissimum hoc esrt linguae Gallicae monumentum et eius secun unicum Germani vetustiora non tantum Moeso-Gothica, sed et Francica, et Allemannica, etsi horum non multa, habent. Der Uebers.
Die allgemeine Veränderung, welche die Nordische Sprache, zur Zeit und nach der Zeit Erichs von Pommern erlitten hat, erstreckte sich also nicht bisIsland, obgleich auch darinn hernach, sowohl durch Einführung der religion, als durch die Handlung mit den Dänen, Engländern und Deutschen im XVten Jahrhundert etwas verändert worden. An den Küsten verstehen sie auch etwas Dänisch; viele können auch Dänisch sprechen, so wie auch nicht ungewöhnlich ist, dass man dort einen Bauer sagen hört: salve domine, bonus dies, bonus vesper, gratias, proficiat, Dominus tecum, vale. Allein desfalls kann man doch nicht mit Sperling, die dortige Sprache eher für Dänisch als Isländisch halten, denn tiefer ins Land hinein verstehen sie kein Wort Dänisch. Der Geschmack, den die Isländer am fleissigen Lesen der alten Sagen finden, hat nicht wenig dazu beygetragen, dass ihre alte Sprache so rein ist beybehalten worden.
Von dem Urpsrung derselben hat Herr Ihre in der Vorrede zu seinen Schwedisch-Gothischen Wörterbuch geredet (*), und man kann am besten von dieser Sprach aus Olof Tryggwasons und einigen andern Sagen urtheilen, die im XI, XII und XIII Seculum geschrieben wurden, da die Sprache noch in ihrer grössten Reinigkeit war.
(*) Da Island grösstentheils zuerst von Norwegern angebauet worden, deren Mundart nicht mit der Schwedischen so viele Aehnlichkeit hat; so war der Unterschied zwischen der Isländischen und Schwedischen Sprache vor 900 Jahren gewiss noch weit geringer. Da auch Island in diesen ältern Zeiten von Fremden wenig besucht ward, so trift man dort noch die alte skandinavische Sprache ziemlich in ihrer alten Gestalt an. Doch hat sie freylich einige Veränderungen erlitten, wie man sieht, wenn man des Arae schedas zu Anfang des XXI Sec. mit neuern Isländischen Schriften vergleicht, als worinn Thordur Thorlakson verschiedene Archaismen bemerkt hat. Man findet auch zwischen der Isländischen und der Sprache des Ulphilas im codice argenteo in Worten, Idiotismen und dem Genie der Sprache selbst eine grosse Uebereinstimmung. Die Sprache der Isländischen Poeten oder Skalden, geht von der gewöhnlichen nicht nur durch viele mythologische und allegorische dem orientalischen Schwulst ähnliche Ausdrücke ab, sondern hat auch ihre eigene Wörter, die keine Aehnlichkeit mit andern gothischen Dialekten haben. Hr. Kanzleyr. Ihre hält für glaublich, Odin habe solche aus andern seytischen Dialekten in die gothische Sprache eingeführt. In dem 14 B. der Allgem. Hist. Bibl. S. 171 wird der Ursprung dieser Dichtersprache wahrscheinlicher in der dichterischen Manier der Provenzalen, die solche ohne Zweifel von den Arabern in Spanien empfangen haben, gesetzt, von den die Isländischen Dichter auf ihren Reisen diesen arabisch-provenzalischen Geschmack hohlten, und sie in ihr Vaterland einführten. Wie vielen Nutzen die Isländische Sprache in Erklärung des Ursprungs schwedischer Wörter habe, hat eben dieser berühmte Gelehrte allenthalben in seinem Wörterbuch durch Beyspiele gezeiget. S. Ihre Glossarium Suiogothicum T. I. et II. 1759 in Fol. in der Vorrede S. 34. Der Uebers.
Da aber solche nicht in jedermanns Händen sind, so will ich hier zur Probe das Vater Unser anführen, sowohl wie es in der 1585 gedruckten lautet, woraus man selbst sehen kann, wie wenig Veränderung diese Sprache innerhalb eines Zeitraums von fast 200 Jahren erlitten hat.
Was die Aussprache anbetrifft, so kann solche in vier Mundarten abgetheilt werden. Diejenigen, welche an der östlichen Seite des Landes wohnen, ziehen die Worte ungemein, welches an den übrigen Orten nicht gewöhnlich ist. An der westlichen Seite haben sie viele, an andern Orten ungewöhnliche Worte, und bey Snefialds Jökul [Snæfellsjökull] sprechen sie das aa wie ai aus. In Süd-Island wird das o in gewissen Worten vor dem r kurz ausgesprochen; z.E. hvoriger, moraudet u.d.m., da es sonst gewöhnlich lang ist. In Nordisland giebt man den Worten ganz andere genera, z.E. skur ist da ein masculinum, sonst ein femininum; klara ist ein femininum, sonst ein masculinum. In Südisland habe ich folgende Aussprache bemerkt:
A
wie
au
in
tha
Aa
—
au
—
aara
Ll
—
dl
—
gamall
Au
—
ö
—
thau
U
—
ö
—
upp
Ae
—
ei
—
vaere
Ja
—
jau
—
hia
O
—
ou
—
moder
Gu
—
guö
—
Gud
Y
—
i
—
fyrer
Aef
—
aep
—
kiaefdae
Ihr Alphabet besteht aus denselben Buchstaben wie das unsrige, ausser dem Þ, (Th), welchen Charakter wir nebst dessen Laut verlohren haben; die Engländer aber haben letztern noch beybehalten, wiewohl er für Fremde schwer auszusprechen ist.
Von Runolphr Jonson haben wir eine im Jahr 1651. zu Kopenhagen in 5to gedruckte Isländische Grammatik. Sie ist in Hickesii Elementa linguarum septentrionalium, Oxford 1688, sowohl als in dessen thesaurus, Oxford 1703, wieder abgedruckt; allein Jonas Magnusens Grammatica Islandica ist weit vollständiger, und verdiente eben sowohl, als Eggert Olsens Orthographia Islandica ans Licht gestellt zu werden. Wormii specimen Lexici runici, das Magnus Olafsen ausgebarbeitet hat, und das 1650, in Fol. zu Kopenhagen in Druck erschien, ist das älteste Isländische Lexicon, das wir haben. Nachher gab Resenius Gudmundi Andreae Lexicon Islandicum zu Kopenhagen 1683 in 4to heraus (*).
(*) Diess Lexicon ist nach Hrn. Ihre Zeugniss so schlecht und fehlerhaft abgedruckt, dass derjenige, welcher nicht schon vorher die Sprache versteht, es schwerlich mit Nutzen gebrauchen kann. Der Uebers.
Ferner erschien Verelii indey linguae vet. Scyto-Scandicae, welchen Rudbeck 1691. zu Upsala in Fol. drucken liess, und zwey Lexica latina Islandica zu Kopenhagen 1734. in 8. und 1738. in 8.; wozu man noch Rugmans Monosyllaba Islandica lat. explicita, Upsala 1676. in 8. fügen kann. In der Bibliothek zu Upsala befindet sich eine Abschrift von einem geschriebenen Lexicon Isl. Latin., das aus Island dahin gebracht worden. Auch besitzt das Antiquitätsarchiv ein anderes sehr weitläufiges Werk von Gudmundr Olafsen, das Herr Assessor Gagnerus in Ordnung gebracht und vermehrt hat, das aber wohl nie aus Mangel eines Verlegers ans Licht kommen wird. Es ist auch Schade, dass Runolph Jonsson sein Lexicon Islandicum nie herausgeben konnte, worauf er doch ein Privilegium vom 3ten May 1650. erhielt. Mit der Zeit dürften wir doch etwas vollständigeres von dieser Materie zu erwarten haben, da das Collegium magnaeanum in Kopenhagen versprochen hat, mit den wichtigsten Registern fortzufahren, womit es die Kristnis und Gunlaug Ormstunga Sagen versehen hat (*).
(*) Auch ein gewisser Jon Olsen, der in Kopenhagen studiert hat, hat ein grosses Isländisches Wörterbuch ausgearbeitet, das vollständig und gut seyn soll.