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Classement thématique série 1848–1945:
II. LES RELATION BILATÉRALES ET LA VIE DES ÉTATS
II.1 ALLEMAGNE
II.1.1. QUESTIONS DE POLITIQUE GÉNÉRALE ET BILATÉRALE
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Der Verlauf und die unmittelbaren Folgen des diesjährigen Empfanges des diplomatischen Korps durch den Reichskanzler zeigen einmal mehr, wie in der heutigen Zeit Zufälligkeiten oder doch das zufällige Zusammentreffen gewisser Umstände Rückwirkungen von unerwarteter Tragweite haben können.
Die übliche bis auf den 11. Januar zurückgelegte Neujahrsgratulation war diesmal weniger denn je als ein Ereignis von irgendwelcher Bedeutung gedacht. Die im Namen des diplomatischen Korps an das deutsche Staatsoberhaupt zu richtende Ansprache, zu deren «Begutachtung» ich persönlich beigezogen worden war, sollte, wie mir gesagt wurde, aus verschiedenen Gründen möglichst farblos gehalten werden. Sogar eine Anspielung auf die im vergangenen Jahre in ausgezeichneter Weise in Deutschland durchgeführten Olympischen Spiele, die ich, auch nur um eine besondere Note in den im übrigen stereotypen Entwurf zu bringen, befürwortet hatte, wurde schliesslich fallen gelassen.
Nun versammelte sich am 11. Januar das diplomatische Korps, dessen meiste Mitglieder sich seit Beginn der Feiertage nicht mehr getroffen hatten, in ungewöhnlicher Aufregung wegen der angeblichen deutschen Absichten auf Spanisch-Marokko. Mehrere ausländische Vertreter wollten wissen, dass darüber der französischen wie der britischen Regierung aufsehenerregende Nachrichten zugegangen seien und zwischen Paris und London deswegen bereits ein lebhafter Meinungsaustausch im Gange sei.
Die Antwort Hitlers auf die in Abwesenheit des erkrankten Nuntius und Doyens vom französischen Botschafter vorgetragene Ansprache hatte schon, ohne jedoch besonders aufzufallen, von der Mahnung an die Völker gesprochen, die Gefahren, die dem Frieden drohten, rechtzeitig zu erkennen, und die Völkerverständigung und Völkerversöhnung gepriesen. Unmittelbar nach Ablesen seiner Rede trat Übungsgemäss der Reichskanzler in ein persönliches Gespräch mit jedem einzelnen Botschafter ein. Als rangältester kam der französische Botschafter zuerst an die Reihe. Es fiel uns allen freilich auf, dass diese Unterhaltung sich ungebührlich lange hinzog, ohne aber dass deren Inhalt vernommen werden konnte. Bei dem sich rasch abwickelnden Auseinandergehen hörte ich von Herrn François-Poncet nur, dass ihm Hitler interessante Dinge gesagt habe. Erst am nächsten Morgen erfuhr man hier über Paris die beidseitig gegebene Erklärung, dass weder Deutschland noch Frankreich die Unversehrtheit Spaniens oder der spanischen Besitzungen in irgendeiner Form antasten wollten. Die noch am gleichen Abend erfolgte Abreise des französischen Botschafters nach Paris war aber keineswegs die Folge der am Mittag gewechselten Zusicherungen, sondern sie war vorher schon beschlossene Sache. Ich schrieb Ihnen ja am 6. Januar, dass diese Dienstreise bereits am 5. erfolgen sollte, dann aber wegen der verspäteten deutschen Antwort in der Spanien-Freiwilligenfrage verschoben wurde.
Die am 11. Januar offenbar spontan und beidseitig in ähnlicher Form gegebenen Erklärungen scheinen tatsächlich wieder gutgemacht zu haben, was die Alarmnachrichten oder besser - wie sich jetzt wohl überzeugend herausstellt - Falschmeldungen in kürzester Frist verdorben hatten. Man muss sich heute füglich fragen, nicht nur woher jene Unruhe stiftenden Behauptungen stammten, sondern auch wie diesen in weitverbreiteten Kreisen derart Glauben geschenkt werden konnte.
Denn eine militärische Besitzergreifung von Spanisch-Marokko oder eines Teils davon seitens Deutschland hätte zu kriegerischen Verwicklungen führen müssen. Weder Frankreich noch England würden es geschehen lassen. Aber auch Italien hätte sich damit kaum abfinden können, und sogar für die spanischen Nationalisten wäre es eine schwer tragbare Belastung gewesen. Dies alles muss ja hier bekannt sein.
Nun darf meines Erachtens behauptet werden, dass Deutschland bis auf weiteres einen grossen Krieg nicht führen will noch kann. Das gestattet ihm seine derzeitige wirtschaftliche Lage, vorab seine Finanzen, seine ganz ungenügende Versorgung an notwendigen Rohstoffen und Nahrungsmitteln, einfach nicht. Allerdings hat es oft den Anschein, als ob dem nicht so wäre, insbesondere wenn seine Politiker reden, die sich beharrlich darin gefallen, jedermann vor den Kopf zu stossen.
Man soll aber wissen und nicht vergessen, dass diese Art von tollkühner Politik von weiten und gegebenenfalls eben doch einflussreichen Kreisen, von den Leuten, die noch denken, nicht gebilligt, ja verurteilt wird. Ich habe Grund anzunehmen, dass dies auch seitens der Leitung der Wehrmacht der Fall ist, die eintretendenfalls ein gewichtiges wenn nicht entscheidendes Wort zu sprechen hätte. Gewissen Äusserungen glaube ich übrigens entnehmen zu können, dass das höhere deutsche Offizierskorps, bis und mit den Stabsoffizieren, einheitlich dasteht. Die angeblich politisierenden Generäle, wie z.B. der als solcher oft genannte in München kommandierende General von Reichenau, existierten in Wirklichkeit nicht. Eine besondere Bewandtnis mag es mit dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, dem, wie man sagt, zu leichtgläubigen Generalfeldmarschall von Blomberg, haben, der seinem Führer auch politisch ergeben scheint. Aber darum kümmere sich die eigentliche Wehrmachtführung, die in ändern Händen und Köpfen liegt, nicht allzu sehr.
Von Kennern der innerpolitischen Verhältnisse und der Stimmung in leitenden Armeekreisen wird ferner behauptet, dass diese sich eines Tages, wenn nötig, für Erhaltung von Recht, Moral und Religion einsetzen würden. Das glaube auch ich.
Eine wachsende Unzufriedenheit werde noch in ändern Bevölkerungsschichten festgestellt. So sei der Mittelstand, vornehmlich die Handelswelt, infolge der behördlichen Massnahmen ernstlich um seine Existenz besorgt. Die Arbeiterklasse schliesslich empfinde immer mehr den Verlust aller persönlichen Freiheiten, die kein freies Wort und keine selbstgewählte Lektüre mehr gestatte.
Demgegenüber ist nicht ausser Acht zu lassen, dass Hitler weniger denn je Ratschlägen von irgendwelcher Seite zugänglich sein soll. Ich weiss von Versuchen bedeutender Männer, die schroff abgelehnt wurden. Weder Göring noch Schacht, um nur diese beiden zu nennen, könnten gegen die selbstständig getroffenen Entscheidungen des Führers aufkommen. Hitler vertraue voll und ganz auf seine eigene Eingebung, weil er sich von einer höhern Kraft geleitet fühle. Noch in seiner letzten Ansprache an das diplomatische Korps sprach er von der Vorsehung, die seine Arbeit gesegnet habe. Er darf ja behaupten, und tut es auch, dass ihm seine Kraftproben in der auswärtigen Politik ausnahmslos gelungen seien. Warum also nicht auf solchem Wege verharren und die erprobte Methode weiterführen? Darin liegt eine nicht zu verkennende Gefahr. Wird Hitler rechtzeitig einsehen, dass er seinem hungrigen, verarmten und zum Teil enttäuschten Volke nicht alle paar Monate einen entschädigenden Bissen auf Kosten anderer Staaten zuwerfen kann, dass das ohne gefährlichste Störung Erreichbare durchgesetzt worden ist und dass wesentlich weitergehen wollen den Krieg heraufbeschwören könnte oder sogar müsste?[!] Diese, wie mir scheint, berechtigte Frage verleiht der gegenwärtigen deutschen Aussenpolitik eine aussergewöhnliche Bedeutung.
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