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Die Geschichte eines jungen Mannes:
Christopher McCandless ist ein 22-jähriger Student aus wohlhabender Familie, der nach dem Abschluss seines Geschichts- und Anthropologiestudiums an der Emory Universität in Atlanta im Sommer 1990 eine zweijährige Reise durch die USA beginnt, die ihn schließlich in die Wildnis Alaskas führt. (1)
Nachdem er sich von materiellen Besitz losgesagt und seine Ersparnisse einer Hilfsorganisation gespendet hat, macht er sich zu Fuß auf den Weg, ein Leben fernab der Gesellschaft zu führen, um sein Leben ohne Besitz und anderen gesellschaftlichen Werten zu führen. Für Christopher waren die großen Schriftsteller wie Jack London und Henry David Thoreau Wegbegleiter seines Lebens. (1)
Seine gesellschaftskritische Haltung führte dazu, dass er sich abwandte und wegen Unterernährung in der Wildnis von Alaska stirbt. Vor seinem Tod gewinnt er die Erkenntnis, dass Glück nur real ist, wenn man es teilt. Diese wichtige Erkenntnis, dass Menschen soziale Lebewesen sind, und es ohne anderen Menschen nicht geht wurde ihm leider zu spät klar.
Eine soziologische Betrachtung:
Diese bewegende Geschichte wirft auch sehr viele Fragen auf. Warum tut sich ein Mensch sowas an? Ein Leben zu führen ohne Kontakt zu anderen Menschen, ohne Freunde und ohne Familie? Warum isoliert man sich generell von anderen Menschen, sowohl emotional oder physisch? Warum entwertet man den Menschen und versucht Ersatz zu finden in Literatur, Musik, Arbeit oder Technik? Es gibt viele Betrachtungsweisen, wie man das sehen kann.
Eine, wie ich finde, heutzutage wichtige Erkenntnis ist die Folge des Kapitalismus.
Durch die radikale Ökonomisierung der Welt, wurde der Mensch zum Objekt, eine Investition und Resource.
Das Menschsein wird einem ausgetrieben und man wird Mittel zum Zweck.
Schon bei Immanuel Kants Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ heißt es: „ Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (5)
Durch die ständige Selbstoptimierung und Perfektionieren des Menschen, wird einem vorgemacht, das man vollkommen und perfekt sein muss, nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern auch in der Beziehung, Freundschaft und Familie.
Man wird zum Einzelkämpfer verurteilt und jeder andere ist ein Konkurrent. Diese Werte beschränken sich leider nicht nur im Arbeitsalltag oder in der Privatwirtschaft, sondern sie haben auch einen sehr starken Einfluss auf unser alltägliches Leben. Man könnte schon fast sagen, es handelt sich zum Teil um einen gesellschaftlichen Narzissmus. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller erklärt dieses Phänomen in seinem Werk „Das Schmutzige Heilige und die reine Vernunft“ vom Jahre 2008. (6)
Der Psychoanalytiker Erich Fromm beschrieb in seinem Werk im Jahr 1971 “Haben oder Sein” die Veränderung der Gesellschaft durch den Kapitalismus. Er sagt:“ Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Unterschied zwischen dem Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat, und dem Geist einer Gesellschaft, die sich um Dinge dreht.“ (3)
Eine philosophische Betrachtung:
Die Theorie der Anerkennung ist schon seit dem deutschen Idealismus ein wichtiger Begriff in der Philosophie. Georg Wilhelm Friedrich Hegel erwähnt den Begriff der Anerkennung schon in seinem frühen Werk von 1807 “Die Phänomenologie des Geistes”. In seiner Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft erklärt Hegel, dass die Elemente des Selbstbewusstsein aus „Für-sich-sein“ (Herr) und „Für-andere-sein“ (Knecht) besteht. (2)
Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein daraus, die Anerkennung des Knechts zu haben. Der Knecht bezieht sein Selbstbewusstsein zuerst, durch die Arbeit die er für den Herr leistet, weil er für jemand anderen ist und arbeitet, später durch seine Arbeit die er leistet. Der Status des Herrn ist abhängig von der Anerkennung des Knechts. (2)
Diese Dialektik Hegel’s bildet den Grundstein der Anerkennungsphilosophie, die später auch bedeutenden Einfluss auf die Psychologie und Soziologie hatte. Seit den 1990er gilt der Philosoph Axel Honneth als Pionier der Anerkennungstheorie.
Axel Honneth’s Annerkennungstheorie bezieht sich nicht primär auf eine ethische oder moraltheoretische Begründung von sozialer Wertschätzung des Anderen, sie bildet zwar konstitutive Voraussetzung von Gesellschaftlichkeit, dennoch spielen hier drei Arten der Anerkennung bei ihm eine starke Rolle.
Die Liebe, den Respekt und die soziale Wertschätzung. (4)
Die Liebe wird bei ihm als die grundlegenden Mit-Existenz des Selbstseins in den und durch die signifikanten Anderen verstanden. Ein Teil des Selbst in einem anderen Menschen wieder zu finden ist ein wichtiger Teil der Anerkennung eines anderen. (4)
Der Respekt und soziale Wertschätzung gegenüber einem anderen Menschen sollte eigentlich in meinen Augen selbstverständlich sein. Also: Andere Mitmenschen so behandeln, wie man auch selber behandelt werden möchte. Menschen nicht nur auf ihre Tätigkeit zu reduzieren, sondern die Gesamtheit von Eigenschaften, was jeden Mensch individuell ausmacht zu berücksichtigen und zu schätzen.
Menschen sind mehr als die Summe ihrer Eigenschaften, sie sind emotionale, soziale und wertvolle Wesen, die man braucht, um die eigene Existenz zu beschreiben.
Nur durch das Leben anderer, definieren wir uns. Die Interaktion mit anderen macht uns endlich zu Menschen, sonst würde man zwar existieren, aber um ein Leben zu führen sind andere Menschen essentiell.
Unser Bild von uns selbst ist dadurch geprägt, wie man von anderen gesehen wird. Das Vergleichen mit unseren Mitmenschen ist normal und auch wichtig, damit man ein besseres Bild von sich selber bekommt. Wie Hegel sagen würde ein “Seinselbstsein in einem anderen”. (2)
Fazit und persönliche Meinung:
Die traurige und bedrückende Geschichte von Christopher McCandless sollte uns zum Nachdenken anregen, über was wirklich im Leben zählt. Das Menschen soziale Wesen sind und das Leben ohne andere eigentlich nicht möglich ist. Durch das Leben von Mitmenschen wird unsere Persönlichkeit geprägt und geformt.
Das der Mensch in seiner Gesamtheit gesehen werden sollte und die Anerkennung ein essentieller Teil für unser Leben ist. Einen wirklichen Ersatz für den Menschen zu finden, ist in meinen Augen nicht möglich, und sollte es auch nicht. Das man nicht perfekt sein muss, und es auch nicht anstreben sollte, denn der perfekte Mensch existiert nicht und wenn er existieren sollte, dann ist er kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Summe von Eigenschaften ohne Emotionen.
Nur noch ein Körper mit Funktionen, der in einer Welt existiert, wo Menschsein eine Schwäche ist und Perfektionismus dominiert.
In so einer Welt will und werde ich nicht leben.
Fachliteratur:
1) “Into the wild” - Jon Kraukauer, 2007 Pan Books, ISBN 10: 045367X
2) “Phänomonolgie des Geistes” - Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1986 Reclam, ISBN-10: 3150084601
3) “Haben oder Sein” - Erich Fromm, 1971, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN-10: 342334234X
4) “Das ich im Wir” - Axel Honneth, 2010, Suhrkamp Verlag, ISBN-10: 3518295594
5) „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ - Immanuel Kant, 1785, Reclam Verlag, ISBN-10:315004507X
6) „Das Schmutzige Heilige und die reine Vernunft“ - Robert Pfaller, 2008, Fischer Verlag, ISBN: 978-3-596-17729-5