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Vom Abnehmen mit einem Magenbypass
«Sie sind doch eine intelligente, junge Frau. Wie konnten Sie es nur so weit kommen lassen mit Ihrem Gewicht?» fragte mich kürzlich jemand, der im Gesundheitswesen tätig ist.
Wie erkläre ich jemandem meine schwere Essstörung? Als Texterin habe ich eigentlich keine Probleme, die richtigen Worte zu finden. Den Grund für meine schwere Adipositas konnte ich trotzdem nie adäquat erklären. Das hat wohl ganz viel damit zu tun, dass ich mir selber nie erklären konnte, wie es so weit kommen konnte.
Ich war ein pummeliges Kind, wurde zu einem moppeligen Teenager und später zu einer übergewichtigen Erwachsenen. Dazwischen lagen ganz viele Momente, in denen ich von Wildfremden on- und offline «fett, disziplinlos, hässlich, dumm, zum Kotzen» genannt wurde. Viele davon hatten noch nie ein Wort mit mir gewechselt, meist genügte ein Blick und das Label klebte an meiner Stirn – ich wurde in eine Schublade gesteckt.
«Schon mal mit gesund essen und Sport versucht?»
In den letzten 20 Jahren hatte ich mindestens 80 Abnehmversuche gestartet. Ich habe Punkte und Kalorien gezählt, viel Eiweiss und wenig Fett gegessen, ernährte mich phasenweise ausschliesslich von nach Karton schmeckenden Shakes. Ich habe Kohlenhydrate komplett verbannt, Ess-Tagebuch geführt, ging ins Fitnesscenter, machte Verhaltenstherapien, ernährte mich phasenweise sehr ausgewogen – und nahm immer wieder erfolgreich ab. Bis früher oder später die Essstörung ihre hässliche Fratze wieder zeigte. Bis das Suchtverhalten wieder durchdrang. Mit jedem gescheiterten Versuch zerbröckelte meine Seele ein Stück mehr.
«Friss doch einfach weniger und beweg dich, abnehmen ist ganz einfach!» – ich weiss gar nicht mehr, wie oft mir diese «Garantie-Erfolgsformel» an den Kopf geworfen wurde. Wie erklärst du jemandem, der nie ein Gewichtsproblem hatte, wie es ist, in einem Körper zu leben, der aufgrund eines gestörten Stoffwechsels kein Sättigungsgefühl mehr empfindet? Wie kannst du beschreiben, wenn du dich als Sklave deines Körpers fühlst, dessen hormonelle Steuerung komplett aus der Bahn ist und du immer wieder mit einem Kontrollverlust kämpfst, dem du einfach nicht gewachsen bist?
Nach 40 übergewichtigen Jahren habe ich mich im letzten Jahr für eine Magenbypass-Operation entschieden. Dies, nachdem ich mich vorher jahrelang dagegen gesträubt hatte. Ich wollte das mit dem Abnehmen allein schaffen – auch wenn die Statistiken gegen mich sprachen. Wenn ich anderen Operierten zuhörte, konnte ich gar nie wirklich glauben, was diese erzählten. «Ich empfinde wirklich fast keinen Hunger mehr, und meine Lust auf Süsses ist komplett weg» – solche und ähnliche Aussagen betrachtete ich extrem kritisch. Mein Hauptargument gegen die Operation war immer, dass man ja am Magen und nicht im Kopf operiert wird. Wieso sollte man danach so gut abnehmen können, wenn man doch die psychologische Ursache des Problems damit nicht bekämpft hatte?
Der Magenbypass, mein Werkzeug
Es stellte sich heraus, dass meine Einschätzung der Situation falsch war. Es ist tatsächlich auch bei mir so, dass ich nun häufig kaum mehr Hunger empfinde. Man könnte mir heute eine Schokotorte vor die Nase stellen und ich würde sie dankbar lächelnd weiterreichen. Der Suchtmechanismus greift nicht mehr und das macht das Leben – auch im sprichwörtlichen Sinn – tausendmal leichter. Trotzdem bin ich dauernd auf der Hut. Auch wenn man nur noch kleine Portionen aufs Mal essen kann, so kann man sich mit vielen kleinen Mahlzeiten am Tag trotzdem überessen. Das langsame und achtsame Essen jeder einzelnen Mahlzeit ist eine grosse Umstellung vom vorherigen oft gedankenlosen Schlingen. Überhaupt ist das Achten auf die Körpersignale bezüglich hungrig und satt sein ein ganz wichtiger Punkt – etwas, was ich in den letzten Jahren zunehmend schwieriger gefunden hatte. Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich zwei Monate nach meiner Operation eine unermessliche Dankbarkeit dafür, dass ich diesen Hilfesteller erhielt.
Denn genau das ist ein Magenbypass. Er ist ein Werkzeug, das beim Abnehmen unterstützt, der den Körper und seine Signale neu steuert. Wie bei allen Werkzeugen muss man auch beim Magenbypass zuerst lernen, wie man ihn richtig «benutzt». Der verbleibende Restmagen (die sogenannte «Pouch») kann sich über die Jahre hinweg wieder ausweiten, wenn man konstant zu viel isst. Daher gilt es weiterhin darauf zu achten, die nötigen Eigenleistungen zu erbringen hinsichtlich gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung. Gleichzeitig sollte bei unkontrollierbaren Suchtmechanismen psychologische Unterstützung gesucht werden.
Mein Weg in ein leichteres Leben
Manchmal ertappe ich mich beim Blick auf die purzelnden Zahlen auf der Waage dabei, dass ich mich frage, ob ich nun «bescheisse», wenn ich mithilfe dieses Werkzeuges so viel abnehme. Dann muss ich mich selbst daran erinnern, dass das Werkzeug ohne meine Mithilfe nicht funktionieren würde. Dass ich mit jeder gesunden Mahlzeit und jeder Bewegungsminute meinen Weg in ein leichteres Leben mitpräge. Und dass es keine Schwäche war, sich in einer mir ausweglos scheinenden Situation medizinische Hilfe zu holen. Denn Adipositas ist eine Krankheit mit vielschichtigen Ursachen – auch wenn dies in unserer Gesellschaft heute noch oft nicht akzeptiert wird.