Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03132.jsonl.gz/1367

Experimente gab es schon immer – teils mit schlimmen Konsequenzen.
Andreas Schwander
Hernan Lucio
Unsere heutigen Wohnformen sind eigentlich das Ergebnis der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg und keineswegs der Weisheit letzter Schluss. Die ursprünglichste Art des Zusammenlebens seit dem Mittelalter ist wohl die Grossfamilie in einem gemeinsamen Haus – das Generationenhaus, heute wieder sehr en vogue. Damals allerdings hielten sich die Menschen vor allem in der warmen Küche auf und hatten nur wenige zusätzliche Schlafkammern, die überdies nicht geheizt wurden.
Imitation des Grossbürgertums
Einen repräsentativen Hofstaat mit Wohnzimmern und andern Räumen mit zusätzlichen Funktionen konnten sich nur die Reichsten leisten. So bestanden denn auch die Wohnungen um 1900 in den Grossstädten zu mehr als der Hälfte aus Ein- und Zweizimmerwohnungen, wobei dieses eine Zimmer meist eine grosse Wohnküche war. Mit der Erfindung der «Frankfurter Küche» – jenem Labor der Hausfrau, mit dem die Bauhauswelt die Hausarbeit industrialisieren wollte – wurden Küchen in neuen Wohnungen absichtlich sehr klein geplant. Das Leben sollte sich von der proletarischen Wohnküche ins bürgerliche Wohnzimmer verlagern, so wie das schon vor dem grossen Krieg in der besseren Gesellschaft mit ihren vielen Bediensteten üblich war.
Die Einfamilienhaus-Vierzimmerwohnungswelt imitiert somit die herrschaftlichen Häuser des Fin de Siècle im Miniaturformat und vor allem in den staubigen 1950er-Jahren zum Teil auf ziemlich lächerliche Weise. Damals wurden schmale Reihenhäuschen gebaut, mit kleinen Küchen, in denen aber die Ehefrau durch eine Dienstbotentür vom Gang her den Sonntagsbraten ins Esszimmer bringen konnte, während der Herr des Hauses durch eine Glasdoppeltür vom Salon hereintrat und sich bedienen liess. Das Ganze war aber so klein, dass man sich in den Häusern oft praktisch nur seitwärts bewegen konnte. In den letzten Jahren wurden in diesen etwa in Basel sehr häufigen Häuschen verständlicherweise möglichst viele Wände herausgerissen, womit man mit den modernen Wohn-Ess-Koch-Welten wieder da angelangt ist, wo die Menschheit mit der proletarischen Wohnküche und noch früher in der Höhle mit dem Feuer auch schon mal war.
Paare? Singles? Musiker?
Das soll neue Anläufe nicht vermeiden. Immer mehr Menschen wohnen alleine, was zu überdurchschnittlich hohem Raumanspruch führt. Doch die häufigste Wohnform der Schweiz sind zwei Personen in einer Dreizimmerwohnung. Die Paarbeziehung ist das eine. Doch ob die dazu passende Behausung unbedingt ein Wohnblock mit oben, unten, rechts und links lärmenden und streitenden Nachbarn die finanziell und fürs Wohlbefinden ideale Lebensform ist, darf man ruhig infrage stellen.
In unserer normierten, vom Anlagekapital der Pensionskassen dominierten Wohnwelt bleibt für solche Fragen allerdings wenig Spielraum. So gibt es kaum Häuser und Wohnungen mit Garten, die klein genug sind für Paare oder Einzelpersonen oder gar Musiker, die darauf angewiesen sind, üben zu können. Wohnen im Alter wird ebenfalls oft ignoriert, wenn die vielen Treppenstufen der coolen Split-Level-Architektur plötzlich zu gefühlten Felswänden werden.
Die fehlenden Alternativen könnten mit ein Grund sein für den immer mal wieder aufflammenden Boom der Tiny Houses, der Minimalhäuser, die durchaus viele Wohnungsprobleme lösen könnten. Aber auch Wohngemeinschaften (WGs) – bei uns ein Kind der Hippiezeit mit Che-Guevara-Poster an der Toilettentür – sind eine Lösung, die für viele längst zur jahrzehntelangen Realität geworden ist. Für jene Babyboomer, die das in ihren wilden 20ern gemacht haben, wird die WG nun wieder zu einer möglichen Wohnlösung im Alter. Alters-WGs werden zunehmend beliebter und sind eine sinnvolle Alternative zu einem vereinsamenden Leben im Altersheim oder in einer viel zu grossen Wohnung.
Russische Zwangs-WG
Aber auch die WG ist keine neue Erfindung, und die Urform existiert noch heute: die berühmt-berüchtigte Kommunalka oder Kommunalwohnung. Als die Kommunisten in Russland nach der Revolution allen Menschen eine Wohnung versprachen, requirierten sie die Paläste von Adel und Bürgertum, zogen in die grossen Räume zusätzliche Wände ein und teilten jeder Familie ein Zimmer zu. Küche und Toilette wurden geteilt, ein Bad gab es in der Regel nicht – oder dann so extrem, dass es der neuen Zeit nicht mehr gerecht wurde, etwa mit einer tigerfüssigen Badewanne in einem 50-Quadratmeter-Badesaal. Die Tigerfüsse wanderten ins Altmetall, und eine Art Waschanstalt gab es künftig in der Küche. Die Kommunalkas waren oft riesig, mit bis zu 100 Bewohnern, manchmal erreichbar über mehrere Treppenhäuser der alten Paläste, die neben den Paradetreppen für die Herrschaften auch sogenannte schwarze Treppen fürs Personal hatten.
Die Menschen in den Kommunalkas lebten nicht miteinander, sondern im besten Fall knapp aneinander vorbei und im schlechtesten Fall gegeneinander. In Korridor, Küche, Gang und Toilette hatte jede Familie eine eigene Glühbirne und einen eigenen Schalter, über den eigenen Stromzähler verdrahtet, und in der Küche eine eigene Steckdose. Die gesuchtesten Kühlschränke waren jene des Staatslimousinen-Herstellers ZiL. Sie hatten den Türgriff jenes Autos und waren mit einem Schlüssel abschliessbar. Und auch an Kochtöpfen und Deckeln gab es Löcher – fürs Vorhängeschloss, damit niemand die Resten der Buchweizengrütze Kascha vom Herd klaute. Der Platz in den Kommunalkas war eng; wer mehr wollte, verpfiff seine Nachbarn bei der Geheimpolizei und bekam dann deren Zimmer zugesprochen, wenn die Nachbarsfamilie verhaftet wurde. So schrecklich die Kommunalkas waren, es gibt sie noch immer. Viele Menschen haben ein ganzes Leben darin verbracht – und sie manchmal sogar schätzen gelernt.
Haus des neuen Lebens
Ein anderes sowjetisches Experiment hat dagegen nicht überlebt: das «Haus des neuen Lebens», ein grosses Haus in St. Petersburg, auch Dom Politkatorshan (Haus der politischen Zwangsarbeiter) genannt. Gebaut wurde es unmittelbar nach dem Ende des russischen Bürgerkriegs ab 1921 von einer Kommune jener, die aus der Katorga, der Zwangsarbeit im Zarenreich, zurückgekehrt waren. Das Haus hatte Wohnungen, aber keine Küchen, es gab eine gemeinsame Grossküche, einen Speisesaal, eine Apotheke, Läden und ein Kino. Allerdings räumte dann die Sowjetmacht auch unter dieser Bewegung radikal auf, ermordete die meisten ihrer Exponenten und richtete in den küchenlosen Dreizimmerwohnungen Zweizimmerwohnungen ein – wenigstens mit relativ grossen Küchen.
Erhalten hat sich dagegen die aus jener Zeit stammende Idee der Genossenschaften – auch bei uns. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden überall in Europa Wohnbaugenossenschaften gegründet – auf der Suche nach einem Weg jenseits von Räuberkapitalismus auf der einen und Staatsdiktat auf der anderen Seite. Oft war es von Anfang an das Ziel, Wohnungen zu bauen, doch manchmal entstanden die Genossenschaften auch eher aus Zufall. So gründete die Stadtmusik Basel vor Jahrzehnten eine Wohngenossenschaft und baute sich hinter das Wohnhaus auch noch das passende Probelokal, wo sie niemanden störte und jederzeit üben oder Feste und Zusammenkünfte veranstalten konnte.
Beeindruckendes Freidorf
Genossenschaften konnten kreativer bauen und sind auch heute noch die Pioniere bei neuen, ökologischen und bezahlbaren Wohnformen. Eine der spektakulärsten Wohnbaugenossenschaften der Zwischenkriegszeit ist das Freidorf in Muttenz, gebaut und geplant vor über 100 Jahren, von Mitarbeitenden der Vorgängerorganisationen des heutigen Grossverteilers Coop. Auf einem Areal von 85 000 Quadratmetern stehen 150 Einfamilienhäuser, 60 Prozent der Fläche sind Gärten und gemeinsame öffentliche Grünflächen. Schon bei der Planung war eine eigene Haltestelle der Überlandbahn, des heutigen Trams, vorgesehen, ebenso ein Laden, ein Kindergarten, eine Poststelle und Gemeinschaftsräume. Als 1920 die erste Familie in ein Musterhaus einzog, war das die Vision eines neuen, erschwinglichen, genossenschaftlichen Wohnens. Auch heute noch ist das Freidorf eine der attraktivsten Wohnlagen der Basler Agglomeration.
Genossenschaften wie das Freidorf oder in der heutigen Zeit die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich mit ihrem revolutionär-kreativen Konzept sind damit nicht nur ein Weg, um Menschen, die nicht das nötige Eigenkapital für den kommerziellen Immobilienmarkt haben, eine attraktive Wohnung zu bieten. Sie sind gesellschaftliche und ökologische Experimentierfelder für neue Ideen, Techniken und Wohnformen.