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Der Urbegriff des Wortes Kamm ist eigentlich «gezahntes Werkzeug», denn in den indogermanischen Sprachen haftet an den verwandten Wortbildungen die Bedeutung «Zahn». Im oberdeutschen Sprachgebiet treffen wir statt «Kamm» und «kämmen» die Ausdrücke «Strähl» und «strählen».
Als «Streler» und «Strelmacher» treten uns denn auch die Verfertiger des seit dem Mittelalter in Basel benutzten Haushaltungsartikels entgegen; der Name Kammacher taucht als Berufsbezeichnung in Basel erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts vereinzelt auf.
Mit dem Augenblick, da die zünftige Verfassung der Stadt ins Leben trat, gab es keinen Raum mehr für nichtzünftige Handwerke. Es war geradezu selbstverständlich, dass die Strelmacher als ein von den Krämern abhängiges Gewerbe der Safranzunft beitraten. Die Krämer hatten es dadurch in der Hand, die Strelmacher darnieder zu halten in der Weise, dass diese einfach ihre Lieferanten wurden. Die geringe Zahl Streler, die im 15. Jahrhundert zünftig wurden, beweist aber auch, dass die Krämer ihren Kammbedarf in der Hauptsache durch Import deckten. Dies änderte sich 1526 durch die Neuordnung der baslerischen Wirtschaftsordnung. Wie bei andern handwerklichen Berufsarten erweiterte sich bei den Strelmachern das Verkaufsrecht auf die Produktion der eigenen Hand zu einem Verkaufsmonopol auf die ganze Branche. Aus diesem Grunde wurde den Kaufleuten und Krämern, «so mit hangenden oder sunst pfenwerten umbgehn», verboten, fortan beinerne Kämme stückweise in ihren Läden zu verkaufen. Erlaubt war ihnen nur der Verkauf bei zwei Dutzenden und darüber. Dagegen stand ihnen der Detailverkauf von hölzernen Kämmen offen, da sich die Strelmacher mit dieser Ware nicht befassten. Derart blieb den Meistern der Absatz gesichert, selbst wenn sie teuer arbeiteten. So gehen wir ihr Handwerk in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in verhältnismässig starkem Aufstieg.
Im Jahre 1548 unterbreitete die Meisterschaft erstmals ihre aufgesetzte bloss aus drei Artikeln bestehende Handwerksordnung der Zunft zur Bestätigung. Der erste Artikel gilt der Sicherung des Rohmaterials, dem Hornkauf. Kein Meister darf das Horn, «so in der statt Basel fallt», oder nach Basel zu feilem Kauf kommt, oder von einem Fürkäufer inner- oder ausserhalb der Stadt angeboten wird, für sich kaufen sondern alles Horn soll einem ehrsamen Handwerk gemeinlich zu kaufen gegeben werden, auf dass der Arme bei dem Reichen wie billig sein Handwerk treiben möge. Wer das überfährt, dessen widerrechtlich gekauftes Horn soll ohne Widerrede unter die Meister geteilt werden. Der Uebertreter aber soll 20 lb. Stebler büssen, wovon die eine Hälfte der Zunft, die andere Hälfte dem Handwerk zukommt.
Kein Meister, so will es der zweite Artikel, darf mehr als zwei Gesellen setzen, noch ihnen zu werken geben, ehe die andern Meister eine volle Werkstatt haben; braucht keiner der andern Meister einen Gesellen, dann mag es erlaubt sein, einen dritten Gesellen zu fördern.
Endlich vereinbaren die Meister: Wenn ein Geselle kommt und seine vierzehntägige Probezeit bei einem Meister gemacht hat und dieser ihm nicht gefällt, so soll der Geselle, wenn er keine triftigen Gründe für seinen Austritt angeben kann, bei keinem andern Meister eintreten dürfen, sondern ein Vierteljahr lang die Stadt meiden.
Die stärkste Kammacherfamilie begann mit dem 1594 zünftig gewordenen Hans Georg Euler aus Lindau, dessen Geschlecht im Laufe eines Jahrhunderts ein Dutzend zünftige Meister stellte. Welche Rolle die Hornversorgung im Berufe der Strälmacher spielte, erhärte in drastischer Weise der Familienstreit, den der alte Hans Georg Euler und seine Söhne Raimund und Paulus gegen den ältesten Sohn resp. Bruder, Hans Georg Euler den Jüngern vor Zunftgericht und Rat ausfochten:
«Mittwochen den 24. Augusti anno 1631 seindt vor ratsherren meister und sechsern erschienenen Hans Georg Ewler der jünger und Paulus Ringsgwandt sein vetter, beed strälmacher und haben klagendt fürgebracht, das h. Georg Ewler der elter und seine zween söhne mit namen Remont und Paulus Ewler, auch alle 3 strälmacher, sie der ehren angezogen und geschulten, ihnen das handwerck niedergelegt und den gesellen verbotten, dass sie ihnen nicht meer arbeiten solen; dahero sie nothalben verursacht worden, für meine gn. herren eines ehrsamen roth zu kerren, anzuheren, was sie gegen ihnen fürzuwenden:
Hierüber Hans Georg Ewler mit sampt seinen zween söhnen diese antwort geben, dass sie wider ein ehren handwerck handlen, sie kaufen in der metzg die horn auff, ziehen junge knaben teglich zu sich, die ihnen die horn in ihre häuser bringen, ja lesens auff uff der gassen, wie die bettler. Das stande nun keinem ehrlichen meister zu, dan ihre ordnung aussweisse, dass kein meister ohn den andern horn kauffen, sondern handwercksgebrauch nach umbsagen sollen, damit gemeinlich und unerschiedenlich solche underm ehren handwerek verkaufft und aussgetheilt werden, wie dan der 3 punkten ihrer bei hand habenden ordnung solches aussweist, bey welcher ordnung sie bis dato verplieben, der tröstlichen hoffnung, meine gn. herren werden sie darbey handthaben, schützen und schirmen und den verbrechern den lohn geben.
Nachdem meine gn. herren klag und antwort der lenge nach angehört und befunden, dass es nicht rümblich, dass vater und sohn also miteinander streitten, wesswegen ihnen mit allem ernste zugesprochen worden und hierüber erkant, dass sie allerseitz zufrieden sein sollen und sol dies eine aufgehebte sach sein und keinem an seiner ehren nicht schaden».
Durch dieses salomonische Urteil scheint der Friede soweit wieder hergestellt worden zu sein; wenigstens hatte sich die Zunft nie mehr wegen Streitigkeiten mit ihnen zu befassen.
Die Erzeugnisse der Strelmacher und ihre Verkaufspreise lernen wir mit ihren Verkaufspreisen aus der obrigkeitlichen Taxordnung von 1646 kennen:
Ein Dutzend «durchbrochene Sträl» kosteten 2 lb., einer davon 4 s.
Ein Dutzend «gross Weibersträl mit langen Zähnen» kosteten 1 lb. 5 s., einer davon 2 s. 6 d.
Ein Dutzend «mittelmässige Weibersträl» kosteten 15 s., einer davon 1 s.8 d.
Ein Dutzend «gemeine Krämersträl» kosteten 10 s., einer davon 1 s.
Ein Dutzend der «gar geringen» Sträl kosteten 5 s., einer davon 8 d.
Die Lehrzeit beim Handwerk betrug vier Jahre, das Lehrgeld setzte die Obrigkeit auf 30 lb. fest, nebst 2 lb. 10 s. Trinkgeld.
Die 1548er Ordnung und die in der Taxordnung von 1646 festgesetzten Bestimmungen über das Lehrlingswesen bildeten fortan für die Basler Kammacher einzige Richtschnur und Grundlage ihres gewerblich geräuschlosen Lebens.
Seine Berufsvertreter suchten vielfach durch Uebernahme eines Nebenamtes, als Stubenknechte oder Oberknechte einer Zunft, als Ratsboten oder andere Staatsbedienstete ihre bescheidene Existenz pekuniär zu verbessern. In den Zunftakten machte das Handwerk wenig von sich reden. Die namhaft gewordenen Konflikte drehten sich alle um den Hornkauf.
Bereits im Jahre 1643 hatten die Basler einen Vergleich mit den Kammachern von Liestal abgeschlossen, laut welchem sich die Liestaler Meister des Hornkaufs in der Stadt Basel ganz begeben sollten; nur von den Klauen brauchten ihnen die Basler den achten Teil zukommen zu lassen. Gegen diese Abmachung legte 1660 Valentin Hoch von Liestal bei der Safranzunft Beschwerde ein; er wurde abgewiesen mit dem Hinweis, sein Horn zu kaufen, wo er wolle, nur nicht in der Stadt Basel.
Aehnlich erging es 1685 einem anderen Liestaler, dem Strälmacher Friedli Stutz. Obwohl er erklärte, er «hebe und lege» mit dem hiesigen Handwerk, wollten ihm dessen Meister nicht vergönnen, allhier sein benötigtes Horn zu erkaufen. Die Zunft wies beide Parteien an, sich in Güte zu vereinbaren, aber die Meisterschaft pochte auf ihre Rechte, «weilen dero zeitliche Nahrung und Wohlfahrt darauf stehe». Kein argwöhnisches Horngeschäft blieb ihren Augen verborgen. Als der Gerber Franz Baumann sich 1683 herausnahm, bei hiesigen Metzgern Horn zum Wiederverkauf zu erstehen, suchte er sich mit der Ausrede zu rechtfertigen, die Strälmacher böten den Metzgern und Gerbern nur einen Spottpreis und könnten niemals alles Horn verarbeiten, auf das sie Anspruch machten. Aber das Handwerk verlangte von der Zunft energisch Schutz und erhielt ihn auch.
Genau hundert Jahre später führte das Hornvorrecht der Strälmacher auf deren Klagen hin letztmals zu weitschweifigen Auseinandersetzungen im Schosse der Zünfte zu Safran und zu Metzgern und vor Rat. Innerhalb der Meisterschaft der Metzger waltete nur die Frage vor, ob die von ihrer Metzgerware abfallenden Hörner niemand andern als den hiesigen Strälmachern zu verkaufen seien. Sie, die Metzger, hätten bis jetzt von einer solchen Einschränkung nichts gewusst, noch dass ihnen eine solche aufgebürdet worden sei. Gewiss sei den hiesigen Strälmachern immer der Vorzug gelassen worden, und aus Liebe zu ihren Mitbürgern seien die Metzger bereit, dem einheimischen Handwerk das Horn einen Rappen billiger als den Fremden zu verkaufen und ihnen zudem das Zugrecht vor den Fremden offen zu lassen. Wenn jemals die hiesigen Strälmacher vor fremden ein Vorrecht gehabt hätten, sei es jedenfalls in Zeiten gewesen, da dieses Handwerk stärker vertreten gewesen. Die Zahl der Kammacher habe sich aber derart vermindert, dass sie kaum den vierten Teil der hiesigen Hornware zu verwerken vermöchten. Darum sei das Bestreben der Metzger durchaus nicht verwerflich, dass sie selbst mit dem Ueberschuss Fürkauf trieben. Zudem hätten sie, die Metzger, nur den Kammachern zu Aarau Horn geliefert und sie trügen billig Bedenken, diesen Handel zu stören, weil sie aus jener Gegend jährlich ziemlich viel Vieh erkauften. Wenn sie den Aarauern nämlich den Hornkauf verweigerten, könnte dies für den Vieheinkauf schädliche Folgen heraufbeschwören. Der Rat liess freilich die Einwände der Metzgernzunft nicht gelten, und verbot durch Dekret vom 1. März 1783 jeglichen Hornfürkauf.
Die bescheidene Absatzmöglichkeit des nur auf den Kammverkauf angewiesenen Handwerks hatte den Strälmachern bereits im 17. Jahrhundert von Zunft wegen die Freiheit gewährt, neben ihren Kämmen auch mit Kurzwaren zu handeln. In diesem Sinne begehrten 1718 die Strälmacher Paulus Euler und Hans Georg Euler eine schriftliche Bestätigung im Namen ihres Berufskollegen, des Strälmachers Hans Georg Schlumberger in Mülhausen, weil man ihnen zu Mülhausen dieses Recht nicht zubilligen wollte. Der von der Safranzunft ausgestellte Schein bestätigte, «dass unsere liebe zunftangehörige der strälmachere nebenst ihren strählen von undenklichen jahren her kurtze krämereywahren öffentlich verkauffen».