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Herr Quednow, was fasziniert Sie an der Suchtforschung?
Schon als Kind haben mich Medikamente und psychoaktive Substanzen beeindruckt. Ich versuchte zu verstehen, wie kleine Mengen einer Substanz das Wesen eines Menschen verändern können. Als junger Mensch fand ich das faszinierend, aber auch furchteinflössend. Da mein Vater Arzt war, hörte ich damals interessante medizinische Erklärungen für diese Phänomene. Als Jugendlicher erlebte ich dann in meinem Freundeskreis den Substanzkonsum und sah, wie neben Alkohol, Tabak und Cannabis noch andere Suchtmittel auftauchten. Später, nach einem Jahr Pharmazie- und anschliessendem Psychologiestudium, beschäftigte ich mich im Rahmen meiner Doktorarbeit mit den Folgen des Ecstasy-Konsums. Diese Kombination von Pharmakologie und Psychologie war für mich wie geschaffen. Sie gefällt mir bis heute.
Woher kommt diese Faszination?
In meiner Jugend gab es Bekannte, die vor allem Ecstasy und Amphetamine konsumierten. Kokain kam später dazu. Gute Freunde von mir entwickelten damit Probleme. Ich bewegte mich damals in einer Musikszene, in der Substanzkonsum verbreitet war, und beobachtete, wie sich Freunde und Bekannte auf Dauer durch den Konsum zu verändern schienen. Das hat mein wissenschaftliches Interesse geweckt, unter anderem die Fragen, welche dieser Veränderungen auf die Substanzen zurückzuführen sind und welche persönlichen Faktoren den Konsum begünstigen.
Wie kann ein Laie verstehen, dass es zu einer Suchterkrankung kommen kann?
Die meisten Menschen beginnen mit dem Substanzkonsum, weil sie damit etwas Positives erreichen wollen, zum Beispiel Entspannung in sozialen Situationen mit Alkohol oder erhöhte Aufmerksamkeit mit Nikotin oder schlicht soziale Zugehörigkeit. Viele erfahren dann, dass die Substanz neben dem gewünschten Effekt auch noch andere Wirkungen haben kann, zum Beispiel, dass man schneller einschläft oder dass Traurigkeit und Ängste verschwinden. So bekommt die Substanz einen zusätzlichen Nutzen. Nimmt man sie nur noch, um Probleme zu bewältigen oder einer Realität zu entfliehen, kann sich der Konsum automatisieren. Bei Substanzen wie Alkohol, Opiaten und Benzodiazepinen, die körperlich abhängig machen, geht das relativ schnell, da sich der Körper an sie gewöhnt. Bei Substanzen, die psychisch abhängig machen, wie Amphetamine oder Kokain, ist die Belohnungswirkung dagegen so stark, dass andere Vergnügen wie etwa gutes Essen, Kino oder Freunde zu treffen nach und nach überstrahlt werden können. Bei Menschen mit persönlichen Problemen und ohne alternative Bewältigungsstrategien ist der Kipppunkt in die Sucht dann schnell erreicht.
Wie kam es dazu, dass Sie sich als Wissenschaftler auf Drogen spezialisierten?
Mein Interesse an der Psychologie war zunächst vor allem philosophischer Natur, denn ich wollte kein Therapeut werden. Mit philosophisch meine ich, das Wesen des Menschen oder die Bedingungen für ein erfülltes Leben besser zu verstehen. Die Verbindung mit dem pharmakologischen Interesse aus meiner Jugend kam erst gegen Ende des Studiums. Heute erfüllt mich die Suchtforschung, weil ich sie für sinnvoll halte und weil sie einen Dienst an der Gesellschaft leistet.
Welche Auswirkungen hat der Konsum von Cannabis auf die geistige und körperliche Entwicklung von Jugendlichen?
Es ist heute gut belegt, dass intensiver Cannabiskonsum bei Jugendlichen die psychische und kognitive Entwicklung negativ beeinflussen kann. Wer als Jugendlicher intensiv, also mehrmals pro Woche oder sogar täglich Cannabis konsumiert, hat nicht mehr die gleichen Bildungschancen wie jemand, der Cannabis nur ausprobiert oder nie konsumiert hat. Dies belegen zahlreiche Längsschnittstudien. Beginnt der Konsum jedoch erst bei Erwachsenen mit voll ausgereiftem Gehirn, also bei Menschen über 25 Jahren, ist das anders. Dann scheinen die kognitiven Effekte komplett reversibel zu sein. Welche gesundheitlichen und sozialen Folgen hat der Cannabiskonsum bei Jugendlichen? Cannabis wird anfangs meist in der Gruppe konsumiert. Das bedeutet, dass die sozialen Folgen im Jugendalter meist nicht besonders gross sind. Cannabis beeinflusst das Sozialverhalten nicht so stark wie beispielsweise Kokain oder Opiate. Es ist nicht so toxisch wie etwa Alkohol, man kann sich damit praktisch nicht umbringen. Meine Sorge bei Jugendlichen sind jedoch die bereits angesprochenen psychischen und kognitiven Veränderungen.
Wie beurteilen Sie das Argument, Cannabis sei weniger schädlich als Alkohol oder Tabak?
Ich finde den Vergleich schwierig, weil man völlig unterschiedliche Dinge miteinander vergleicht. Jede Substanz hat ihr eigenes Risikoprofil. Es kommt zudem stark darauf an, wie konsumiert wird. Ein Bier hat wahrscheinlich weniger psychische und kognitive Auswirkungen als ein Joint, aber von der akuten Toxizität her ist der Alkohol sicherlich gefährlicher. Alkohol stellt heute wegen seiner weiten Verbreitung das grösste Problem in der Gesellschaft dar. Ich halte jedoch nichts von diesem Vergleich, da er Cannabis verharmlost, was ich nicht unterstützen kann.
Früher haben Sie sich gegen die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen. Was ist Ihre Position heute?
Es stimmt, dass ich in der Vergangenheit gegen die Legalisierung war. Im Lauf der Jahre stellte ich jedoch fest, dass der Konsum in der Schweiz allgemein und insbesondere unter Jugendlichen hoch ist, er in vielen Kantonen faktisch entkriminalisiert ist und dass das Verbot offenbar nicht viel gebracht hat. Auch die klassischen Präventionsansätze konnten den steigenden Konsum nicht verhindern. In dieser Situation halte ich eine Legalisierung unter bestimmten Voraussetzungen für sinnvoll. Diese müssen so ausgestaltet sein, dass die Häufigkeit und die Intensität des Konsums bei Jugendlichen nicht weiter steigen.
Wie kann man das kontrollieren?
Wahrscheinlich braucht es eine starke Regulierung: keine Werbung, kein Verkauf über das Internet, keine Kommerzialisierung und gute Aufklärungskampagnen, am besten in der Schule. Das Wissen über die Risiken des Cannabiskonsums sollte frühzeitig vermittelt werden. Dabei sollten nicht nur junge Menschen, sondern auch ihre Eltern und Lehrpersonen einbezogen werden. Auch braucht es eine rasche Intervention und spezialisierte Hilfsangebote. Es gibt heute zu wenig Behandlungsangebote speziell für Jugendliche, aber auch zu wenige speziell für Erwachsene. Wer heute einen Therapieplatz für eine Person mit einer Cannabiskonsumstörung sucht, weiss nicht, wohin er oder sie sich wenden soll, weil es nur wenig darauf zugeschnittene Angebote und lange Wartezeiten gibt. Die Versorgungsstruktur müsste angepasst und deutlich ausgebaut werde.
Welche Schutzprinzipien und Massnahmen empfehlen Sie für Cannabis?
Die Verfügbarkeit für Jugendliche sollte nicht weiter erhöht werden. Die Abgabe von Cannabis an Jugendliche durch Erwachsene sollte daher verboten bleiben. Der Konsum von Cannabis durch Jugendliche sollte nicht erlaubt, aber auch nicht kriminalisiert werden. Darüber hinaus sollte Cannabis nicht zum Verzehr angeboten werden, beispielsweise in THC-haltigen Getränken oder Süsswaren, denn hier werden in der Regel grössere Mengen an THC aufgenommen als beim Rauchen. Natürlich ist auch das Rauchen von Tabak schädlich, sodass eine Lösung vielleicht im Vaporisieren (Aufnahme von THC in Form von Dampf) liegen könnte.
Was finden Sie an der heutigen Verfügbarkeit von Cannabis problematisch?
Das grösste Problem ist, dass man die Cannabis-Qualität und den THC-Gehalt nicht einschätzen kann – auf dem Schwarzmarkt gibt es keine Qualitätssicherung. Und hochkonzentrierte THC-Produkte erhöhen nun einmal das Risiko für psychotische Reaktionen und Abhängigkeit.
In der Schweiz gibt es Bestrebungen, Kokain zu legalisieren. Was halten Sie davon?
Ich halte das aus mehreren Gründen für keine gute Idee. Kokain war bereits vor hundert Jahren legal, man konnte es in jeder Apotheke kaufen, was schon damals zu grossen gesundheitlichen und sozialen Problemen führte. Deshalb wurde Kokain in Deutschland und der Schweiz relativ früh verboten – ähnlich wie die Opiate, die einst auch frei verkauf worden waren. Die Legalisierung von Kokain als Freizeitdroge birgt grosse Risiken, weil das Abhängigkeitspotenzial zu hoch ist und auch ein gelegentlicher Konsum bereits gesundheitliche Folgen haben kann. So steigt das Risko eines Infarktes oder eines Hirnschlages nach dem akuten Konsum etwa um das Zwanzigfache. Das gesamte Herz-Kreislauf-System wird auf Dauer geschädigt. Kokain ist eine Substanz, die zudem schwieriger massvoll zu konsumieren ist als zum Beispiel Alkohol, und die gesundheitlichen Folgen sind ungleich grösser als beispielsweise bei Cannabis. Allerdings muss man zwischen Freizeitkonsum und therapeutischem Konsum unterscheiden. Die Einführung von Methadon hat in der Behandlung von Heroinkonsumierenden grosse Fortschritte gebracht. Bei Kokain scheint die Substitution nicht so einfach zu sein, da hier das Sättigungsgefühl ausbleibt – man will immer mehr konsumieren. Dennoch sollte man den medizinischen Nutzen einer Behandlung mit Kokain wissenschaftlich prüfen, um insbesondere Schwerstabhängigen, zum Beispiel aus der Crack-Szene, besser helfen zu können.
Welche Auswirkungen hätte eine Legalisierung von Kokain auf das Gesundheitswesen und die Suchtprävention?
Die Zahl der Menschen mit Kokainkonsumstörungen und den damit verbundenen psychischen Störungen könnte stark ansteigen, was das Gesundheitssystem überfordern würde. Die gesellschaftlichen Kosten wären viel höher als der Nutzen einer Legalisierung dieser Substanz.
Wie beurteilen Sie den aktuellen Konsum von Crack und Crystal Meth?
Die Zahl der Crack-Konsumierenden in Schweizer Städten ist nicht hoch. In Zürich ist Crack weder ein neues Phänomen noch breitete es sich in letzter Zeit stark aus. Es sind vor allem Langzeitkonsumierende, die meist in prekären Verhältnissen leben und in der Öffentlichkeit konsumieren, wenn es keine geeigneten Anlaufstellen gibt. In Genf ist die Situation anders: Hier ist durch das Auftauchen von Dealern, die Crack in Kleinstmengen verkaufen, eine neue Situation entstanden. Innerhalb kurzer Zeit sind viele Langzeitabhängige auf Crack umgestiegen, und der Konsum wurde durch fehlende geeignete Konsumräume in die Öffentlichkeit gedrängt.
Wie beurteilen Sie die Rolle des Blauen Kreuzes im schweizerischen Suchthilfesystem?
Das Blaue Kreuz ist ein wichtiger Akteur im schweizerischen Suchthilfesystem. Hervorheben möchte ich zum Beispiel die Hilfe für Angehörige – viele öffentliche Anbieter bieten diese nicht. Das Blaue Kreuz stellt mit seiner sozialen und spirituellen Orientierung einen Gegenpol zur verbreiteten hedonistischen Konsumorientierung dar. Das halte ich in der heutigen Suchthilfelandschaft für wichtig.
Welche Angebote des Blauen Kreuzes beurteilen Sie als besonders wirksam?
Ich finde die Prävention des Blauen Kreuzes wichtig und eine wertvolle Ergänzung zu anderen Angeboten, die weniger wertebasiert sind oder andere Werte vertreten. Ebenso bedeutend ist die Beratung, in der das Blaue Kreuz sehr viel Erfahrung hat. Auch die Niederschwelligkeit halte ich für sehr wertvoll.
Welche Werte sehen Sie im Blauen Kreuz?
Ich denke an die sozialen Werte. Es geht um Gemeinschaft, sozialen Zusammenhalt und das Auffangen von Menschen. Der Hilfsgedanke – christlich gesprochen die Barmherzigkeit – steht im Vordergrund. Mir gefällt auch der Ansatz der Mässigung. Es geht um die Idee eines massvollen Lebens.
Welche neuen Angebote würden Sie dem Blauen Kreuz zur Prüfung empfehlen?
Ich kenne nicht alle Angebote des Blauen Kreuzes, aber bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen anzusetzen, halte ich für sinnvoll. Sie zu erreichen, ist nicht einfach. Am ehesten geht das heute wohl über die sozialen Medien. Eine vertrauenswürdige Präsenz des Blauen Kreuzes in den sozialen Medien finde ich sehr wertvoll – also dort, wo der Konsum oft verherrlicht wird. Es wäre wichtig, hier ein Gegengewicht zu schaffen, zum Beispiel über Influencer, die die Werte des Blauen Kreuzes in sich tragen und auf lockere, aber glaubhafte Art verbreiten. Ich denke, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen sollte.
Wie könnte die Zusammenarbeit zwischen akademischen Institutionen wie der Ihren und Organisationen wie dem Blauen Kreuz verstärkt werden?
Es wäre schön, wenn es Austauschgefässe gäbe, mit denen man sich gegenseitig auf dem Laufenden halten könnte. Was mich als Akademiker interessiert, sind die Beratungserfahrung des Blauen Kreuzes und sein Wissen über die Betroffenen, ihre Bedürfnisse und Herausforderungen. Das kann den akademischen Blick erweitern. Umgekehrt können wir vielleicht die neuesten Forschungsergebnisse mit dem Blauen Kreuz und seinen Klientinnen und Klienten teilen.
Professor Boris Quednow ist Spezialist im Bereich Pharmakopsychologie und Sucht und arbeitet an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. (Foto: © Bruederli)
Quelle: Blaues Kreuz 1/2024