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12. August 1961: Skandale und das Eidgenössische Schwingfest, das passt etwa so gut zu zusammen wie Sommer und Langlaufberichterstattung. 1961 wurde Karl Meli in Zug aber tatsächlich unter skandalösen Umständen König – nur gab es das Wort Skandal damals im Schwingen noch nicht.
Die Könige der Neuzeit nehmen wir alle als Titanen wahr. Auch durch die Beschreibungen und Abbildungen in den Medien: Rudolf Hunsperger, Ernst Schläpfer, Jörg Abderhalden, Kilian Wenger und Matthias Sempach erscheinen zu Recht als Giganten.
Doch einer war noch eine Nummer grösser. Der erste Titan, der das Schwingen 22 Jahre lang geprägt hat: Karl Meli. Von seinem ersten Eidgenössischen 1956 bis zu seinem Rücktritt 1978 im Alter von 40 Jahren hat er bei 125 Kranzfesten nur einmal den Kranz verpasst – weil er verbotenerweise den Kampfrichtern über die Schultern aufs Notenblatt guckte und dafür mit einem Punkteabzug bestraft wurde.
1956 betrat Karl Meli die eidgenössische Bühne in Thun mit einem Paukenschlag. Er gewinnt mit 18 den ersten von neun Eidgenössischen Kränzen. Bei neun Eidgenössischen steigt er 72-mal ins Sägemehl. Er gewinnt 51 Gänge, verliert nur 6, 15 enden gestellt. 1961 in Zug und 1964 in Aarau wird er König. 1966 verliert er den Schlussgang gegen Rudolf Hunsperger.
Karl Meli hatte die Statur eines Titanen. 120 bis 130 Kilo ideal verteiltes Gewicht. Diese mächtige Postur hielt er über mehrere Schwingergenerationen hinweg in Topform. 22 Jahre lang hiess es für seine Gegner: Ein Gestellter ist ein Achtungserfolg, an einen Sieg ist nicht zu denken, gegen keinen anderen Schwinger sind Gestellte so gefeiert worden wie gegen Karl Meli.
Da war noch etwas: Er war, weil immer sportlich, immer korrekt, immer fair, auch der Liebling der Funktionäre, der Gralshüter des Schwingens. Er genoss viel politischen Rückhalt. Auch deshalb ist keiner unter so dramatischen Umständen König geworden wie der Winterthurer 1961 in Zug. Er wurde nur König, weil das Reglement nicht eingehalten wurde.
Und das kam so: Im dritten Gang am Samstag setzte er gegen den zähen Muotathaler Josef Schelbert seine gewaltige Kraft in einem Kurzzug frei. Der Wurf gelingt zu gut: Karl Meli bleibt zwar oben. Doch er schlägt mit dem Kopf heftig auf dem Boden auf und bleibt – nach klarem Sieg – benommen liegen.
Helfer eilen herbei, das Schlimmste befürchtend. Sie heben den Titanen, der soeben einen Kampf gewonnen hat, auf eine Bahre. Welch ein Bild muss das gewesen sein. Der Goliath wird aus der Arena hinausgetragen. Wenig später wird gemeldet, dass Karl Meli zum vierten Gang am Samstag nicht mehr antreten kann. Streng genommen bedeutete dies das Aus. Denn das Reglement schreibt klar vor, dass jeder Schwinger am Samstag vier Gänge zu absolvieren hat. Es gibt keine Ausnahme.
Es ist eine Sensation. Die Schwingerwelt hält den Atem an. Der grosse Favorit auf den Königstitel ist gescheitert. Durch K.o. nach Sieg. Am Samstagabend werden heftige Diskussionen geführt. In der Zwischenzeit ist nämlich sicher, dass dem Titanen nichts fehlt, dass er nur kurz benommen war. Sollte er wirklich um die Chance geprellt werden wegen des Reglements? Die Sache kommt vors Einteilungskampfgericht, das noch nie über einen solchen Fall hatte befinden müssen – Vorschrift gegen gesunden Menschenverstand. Das Einteilungskampfgericht ist in dieser Sache die höchste Instanz auf dem Platz.
Der Entscheid fällt schliesslich zu Gunsten von Karl Meli. Er darf am Sonntagmorgen den vierten Gang nachholen und weitermachen. Nach Siegen über Theo Inderbitzin, Albert Pollinger, Christian Egli, Otto Häni und Karl Oberholzer wird er 1961 zum ersten Mal König. Der erste und bis heute einzige König, der am Sonntag fünf Gänge bestreitet.
Karl Melis Schlussgang gegen den entfesselten Karl Oberholzer – er hat Titelverteidiger Eugen Holzherr zuvor die erste Niederlage seit fünf Jahren beigebracht – ist als einer der besten in die Geschichte eingegangen. Oberholzer trat in Hochform gegen Meli an. Von einer verhaltenen Phase des Abtastens wollte er nichts wissen. Aber Meli parierte die erste Kurz-Gammen-Salve. Frisch in den Griffen ging er zur Attacke über. Ein gewaltiges Risiko. Denn die Gammen-Paraden (Konter) Karl Oberholzers sind gefürchtet. Doch in diesem entscheidenden Gang kommt sie zu spät.
Karl Melis ungestümer, risikoreicher Angriff führt zum platten Sieg. Ein kurzer Schlussgang von zweieinhalb Minuten. Karl Meli ist König. 1964 verteidigt der Winterthurer seinen Titel im Schlussgang gegen Alois Boog. Es scheint, als könne er drei, vier Königstitel holen. Aber beim Eidgenössischen 1966 in Aarau erleidet er im Schlussgang gegen Rudolf Hunsperger die spektakulärste Niederlage seiner Karriere.
Bleibt noch die Frage: Wäre heute, unter den Augen der TV-Kameras und mehr als hundert Chronistinnen und Chronisten, eine Verletzung der Reglemente wie 1961 möglich? Wahrscheinlich nicht. Im Wissen um das immense Medieninteresse und die TV- Direktübertragungen würde wohl nicht mehr voreilig das «Aus» und der Verzicht auf den vierten Gang am Samstag vermeldet. Der «Fall Meli» hat übrigens dazu geführt, dass das Reglement nicht mehr stur eingehalten werden muss und Ausnahmen möglich sind.