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In der Schweiz gibt es, neben der Gruppe der Altersschwerhörigen, schätzungsweise 10.000 vollständig gehörlose Menschen und etwa 600.000 Personen leiden unter einem mittleren Hörverlust oder sind postlingual ertaubt, sie gelten als hörbehindert. Die Schweiz führt keine Statistik zu den verschiedenen Behinderungsarten, daher gibt es auch keine offiziellen oder genauen Zahlen dazu. Gehörlosigkeit ist eine, auf den ersten Blick nicht sofort erkennbare, unsichtbare Behinderung, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Trotzdem kann sie zur Ausgrenzung und Isolation der betroffenen Person führen.
Gehörlos oder taubstumm?
In der Schweiz war lange Zeit von Taubstummen die Rede, wenn Gehörlose gemeint waren. Gehörlose sind jedoch nicht stumm, ihre Sprache mag je nach Hörfähigkeit nicht besonders melodisch klingen und ist eher grell und monoton, jedoch können sich Gehörlose oder Hörgeschädigte auf eine vielfältige und einfache Weise mitteilen, denn die Gebärdensprache ist eine Sprache. Früher wurden in den „Taubstummen-Anstalten“, Gehörlose aufgrund des ungewohnten Klanges ihrer Stimme unterdrückt und ihre Sprache als „Affensprache“ bezeichnet. Das hat dazu geführt, dass viele gehörlose Personen den Begriff taubstumm heute ablehnen, da sie der Auffassung sind, dass er eine abwertende Wirkung hat.
Die drei Gebärdensprachen in der Schweiz
Die Gebärdensprache ist die natürliche Sprache von Gehörlosen, sie wird wie eine Fremdsprache als Laut- und Schriftsprache erlernt. Da Gehörlose visuelle Menschen sind, drücken die Gebärdensprachen alles visuell aus. Wer sich schon als Kind im familiären Umfeld mit der Gebärdensprache vertraut gemacht hat, kann mit der Zeit ein stärkeres Sprachbewusstsein entwickeln, welches ihm einen leichteren Zugang zur Lautsprache ermöglicht.
In der Schweiz werden drei Gebärdensprachen benutzt:
- Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) – sie unterscheidet sich von der Deutschen Gebärdensprache. Man unterscheidet außerdem fünf Dialekte: Bern, Zürich Luzern, Basel und St. Gallen.
- Französische Gebärdensprache (LSF)
- Italienische Gebärdensprache (LIS)
Um ein einheitliches Notationssystem zu schaffen, entstand bei den Deutschschweizer Hörbehindertenschulen das Bedürfnis nach einer einheitlichen schriftlichen Gebärden-Glosse, welche einheitlich von allen Hörbehindertenschulen angewendet werden soll.
Bei der Kommunikation mit Gehörlosen sollte man langsam und deutlich sprechen, dabei muss man nicht schreien. Fragen Sie ob Sie verstanden werden und machen Sie deutlich, dass Sie die gehörlose Person selber verstehen. Da in der Schweiz die Gebärdensprache lange Zeit unterdrückt wurde, haben es gehörlose Erwachsene gelernt zu artikulieren. Viele ältere Personen sind jedoch auch auf das Lippenlesen angewiesen. Im Gegensatz zur American Sign Language (ASL) ist die DSGS stark oralbetont geblieben, das bedeutet, jede Gebärde wird von den entsprechenden Lippenbewegungen begleitet.
Gehörlose im Straßenverkehr
Dürfen Personen, die gehörlos sind am Straßenverkehr teilnehmen, Auto und Roller fahren, auch wenn sie nicht in der Lage sind Sirenen, Hupen und Martinshorn wahrzunehmen?
Ja, sie dürfen. Solange die Hörschädigung nicht den Gleichgewichtssinn beeinträchtigt, können Schwerhörige und Gehörlose einen Führerschein erwerben. Um einen Führerschein machen zu können, benötigen sie das Gutachten eines HNO Arztes und eben eine Fahrschule, die hierfür in Gebärdensprache ausgebildete Fahrlehrer hat, sowie die entsprechend geeigneten Lernmaterialien zur Verfügung stellen kann, damit auch die Theorieprüfung reibungslos ablaufen kann.
Haben Gehörlose einen Anspruch auf Invalidenrente?
Gehörlose haben keinen Anspruch auf Invalidenrente. Viele Betroffene nehmen ihre Hörschädigung auch nicht als Behinderung war. Vielmehr sehen sie ihre Gehörlosigkeit als Behinderung durch die Gesellschaft. Einsätze von Gebärdensprachdolmetschern und Hilfsmittel werden zwar von einer Invalidenversicherung übernommen, jedoch müssen sich Gehörlose, um Geld zu verdienen, im gleichen Arbeitsmarkt wie Hörende behaupten.
Schulen für Gehörlose
Im Gegensatz zu früher gibt es heute immer weniger Gehörlosenschulen, sie verschwinden, denn gehörlose Kinder werden immer häufiger integriert beschult. Von vielen Gehörlosen wird oft kritisiert, dass das Bildungsangebot in den integrierten Klassen meist nicht gehörlosengerecht ist, da zu viel Aufmerksamkeit auf Audiopädagogik und Sprecherziehung gelegt wird, der Unterricht lautsprachlich und somit missverständlich erfolgt. Es werden keine Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt, wodurch der Lernstoff zu kurz kommt und folglich viele gehörlose Erwachsene nur geringfügig fähig sind richtig zu lesen und zu schreiben. Somit bleibt der Zugang zur höheren Bildung und ein höherer Abschluss für Hörgeschädigte in der Schweiz weiterhin erschwert und fast unmöglich.
Kinder haben ein Recht und Anspruch auf Bildung. Es sollte nicht über eine Sprachform entschieden werden, sondern auf die Bilingualität gesetzt werden. Kinder sollten die Möglichkeit haben Lautsprache und Gebärdensprache gleichzeitig und gleichwertig zu erwerben, um sich auf diese Weise später einen Zugang zur Bildung zu sichern. Der Spracherwerb bei gehörlosen Kindern im Vorschulalter ist sehr wichtig. Lehrern und Lehrerinnen, die an einer Gehörlosenschule arbeiten und der Gebärdensprache mächtig sind, sollte gewährleistet sein den Unterricht in Gebärdensprache abzuhalten.
Heute gibt es Vereine und Institute, die sich sogar weltweit dafür einsetzen, dass auch junge Menschen mit Hörschädigung bessere Zukunftsperspektiven haben. Viele Organisationen sind auch präventiv tätig und informieren Behörden und die Öffentlichkeit über die Lebenslage und Situation von gehörlosen Menschen.