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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Mit einer durch tiefgründiges Stöhnen begleiteten Ejakulation werden 150 Millionen Spermien durch das Zeugungsorgan des Mannes in die Scheide und in den Gebärmutterhals der Frau katapultiert. Sie wollte diese Vereinigung, denn sie hat ihre fruchtbaren Tage, auch ihre Psyche hat die entsprechenden chemischen Impulse erhalten, die die Bereitschaft zum Geschlechtsakt erhöht hatten. Der Gebärmutterhals ist feucht und warm, der Schleimpfropf, der ihn ausserhalb ihrer fruchtbaren Tage verschliesst, hatte sich aufgelöst und die Spermien können sich ungehindert auf den Weg machen. Viele, sehr viele, machen schlapp und sterben ab. Andere benutzen die Technik des Rotierens, schliessen sich kurzfristig zu kleinen Gruppen zusammen. Inzwischen hat sich eine Eizelle auf den Weg über die Eileiter zur Gebärmutter gemacht und erwartet eine Samenzelle, die es schafft, in sie einzudringen. Diese hatte sich im rechten Augenblick aus der Gruppe der anderen gelöst und erreicht so auf direktem Weg die Eizelle. Die von den Zellen mitgeführten Proteine „Juno“ und „Izumo“ passen zueinander wie ein Schlüssel zum Schloss. Sofort verändert sich die Eizell-Membran und verhindert, dass sich weitere Samenzellen, die sie auch erreicht hatten, noch eindringen können. In den nächsten 24 Stunden „finden sich“ Ei- und Samenzelle und verschmelzen miteinander. „Sie können es miteinander“, könnte man sagen, und mit diesem Schritt entsteht ein neuer Zellkern, der beide enthält. Sie sind vereint. Schon jetzt ist festgelegt, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Der Zellkern wandert langsam und vorsichtig, um sich nicht zu gefährden, in die Gebärmutter und nistet sich innerhalb von 7 Tagen in der Gebärmutterschleimhaut wohlig ein. Jetzt kann es weitergehen, und er teilt sich, neue Zellen entstehen, teilen sich wieder, bis langsam das neue Leben wächst.
Von 150 Millionen Spermien erreichen nur 1000 die letzte Phase und nur eine schafft es. Ihre Gene werden in dem neuen Lebewesen weitergegeben und vereinigen sich mit den Genen der Eizelle. Wenn der Mensch nach einigen Jahren die Pubertät hinter sich gelassen hat und zeugungsfähig geworden ist, können seine Gene in die nächste Generation „wandern“, so wie es auch vorher war und wie es zukünftig weiter geschieht.
Es sei denn, die Zeugung wird verhindert, durch Verhütungsmittel oder dadurch, dass Samen- oder Eizelle nicht füreinander geschaffen sind und aus dem weiblichen Körper ausgestossen werden, häufig so, dass die Frau es gar nicht bemerkt. Viele weitere Hindernisse sorgen dafür, dass der Nachwuchs nicht auf die Welt kommt: Umweltereignisse, eine Krankheit der Frau, eine Abtreibung, ein Unfall. Viele Faktoren greifen ineinander und müssen stimmig sein. Dennoch geschehen Zeugungen unter allen Lebewesen täglich millionenfach. Tag für Tag werden Tausende Menschenkinder geboren. Auch dieser letzte Schritt hinaus in die Welt ist gefährlich und kann fatal, verhängnisvoll und desaströs sein.
Gefahren begleiten das Leben die gesamte Zeit seiner Existenz hindurch. Jeder Augenblick kann das Ende bedeuten, der Schritt zurück in das Nichts, in dem es vor der Zeugung war.
Der Mensch ist eine physiologische Frühgeburt. Ohne Mitmenschen, meistens Mutter und Vater, ist das Neugeborene nicht lebensfähig. Die Erwachsenen nehmen die Mühsal auf sich, dem jungen Wesen zu helfen, selbstständig zu werden. Das Kind bedankt sich mit den Freuden, die es den Eltern bereitet, nicht zuletzt auch als Kompensation für Geduld, nervliche Belastungen, schlaflose Nächte und sorgenvolle Tage. Die Bereitschaft und Fähigkeit dazu ist im Menschen angelegt.
Evolution, und darum handelt es sich hier, läuft zufällig und historisch ab. Hätte es keinen Meteoriteneinschlag gegeben, würde es möglicherweise keine Menschen geben, die Bewusstsein und Verstand entwickelt haben, sondern Dinosaurier.
Der einzelne Mensch kann im Laufe seines Lebens zu der Überzeugung kommen, dass der menschliche Überlebenskampf, so wie er sich ihm darstellt, sowohl sinnlos als auch nicht wünschenswert ist. Er konnte es sich nicht aussuchen, gezeugt und geboren zu werden. Gewiss, er könnte sein Leben beenden, wenn er wollte. Aber er kann es auch – wo er doch schon auf der Welt ist – so hedonistisch leben, wie möglich. Und er könnte sich vorstellen, dass diese Lebensauffassung nicht mit der mit Mühen verbundenen Aufzucht von Kindern vereinbar ist. Damit ist immer Unverständnis aus der Sicht der Eltern verbunden, die im Kindersegen das höchste Glück des Menschen sehen, oder aus der Sicht der Verwandtschaft und anderer Mitmenschen.
Und der Mensch richtet sich mit dieser ablehnenden Auffassung, eigene Kinder in die Welt zu setzen und einer solchen Lebensweise gegen die Evolution, gegen eine intrinsische Motivation, gegen das Weitergeben der eigenen Gene. Das mag man egoistisch nennen. Die Evolution hat dem Menschen Verstand gegeben. Mit diesem Verstand hat er Mittel entwickelt, die das Ausleben von Lust ermöglichen, ohne dass es zu einer Zeugung kommt. Die evolutionäre Entwicklung zum Menschen hat es ihm ermöglicht, sich gegen die Evolutionsfaktoren zu wenden. Auch wenn die Denkweise problematisch ist, denn ein hedonistisches Leben ist nur möglich durch Mitmenschen. Der Mensch ist ein soziales Wesen.
Vielleicht ist das ja „die Bestimmung“ des Menschen, langfristig am eigenen Untergang mitzuwirken? Der Evolution als allmähliche Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population ist das egal, sie wirkt weiter, ziellos und zufällig, ohne Bewusstsein. Ob irgendwann einmal ein „homo superior“, ein Übermensch, ein Idealmensch entsteht, bleibt völlig offen. Der Mensch ist nur ein kleiner Meilenstein der Kettenreaktion, die, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr zu stoppen ist.
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