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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Für Deutschland gilt: Die arbeitende Generation finanziert mit ihren Beiträgen zur Rentenversicherung die Renten der Rentner von heute und erwartet dies auch von der nachfolgenden Generation, d. h. es sind 3 Generationen involviert: die Kinder, die arbeitende Bevölkerung und die Rentner. Diese Praxis ist ein ungeschriebenes Gesetz.
Die Politiker versuchen uns einzureden, dass wegen der Geburtenrückgänge eine schrumpfende Zahl von Arbeitenden immer mehr Rentner zu finanzieren habe. Deshalb wurde eine schrittweise Erhöhung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre beschlossen. Es gibt aber Studien, die diese Annahmen zu widerlegen versuchen. Da die wenigsten Arbeitnehmer von heute schon wegen der immer höher werdenden Arbeitsbelastung wahrscheinlich nicht bis zum 67. Altersjahr arbeiten werden, ist der Beschluss vor allem auch ein Sparprogramm. Denn wer früher aufhört, dem wird lebenslang die Rente um 0,3 % des endgültigen Betrages gekürzt. Das wird bei den Niedriglohngruppen zu Renten führen, die unter dem Existenzminimum liegen, also wieder vom Staat bezuschusst werden müssen.
Die Berechnungen sind problematisch, da niemand weiss, wie die wirtschaftliche und demographische Entwicklung auch hinsichtlich von Einwanderern usw. sein wird, ebenso auch in Bezug auf die steigende Lebenserwartung. Die Studien, die der These widersprechen, gehen vor allem auf die Situation Anfang der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, in der es ebenfalls wenige Arbeitende gab und eine relativ hohe Zahl von Rentnern.
Möglicherweise wird es in Zukunft verstärkt andere Formen von Lebensgemeinschaften geben; Ältere werden häufiger Aufgaben wie die Betreuung von Kindern übernehmen, usw. Der Generationenvertrag kann kaum gekündigt werden; es wird aber empfohlen, mehr privat zu sparen, um Renten, die unzureichend sind, damit aufzustocken.
In den letzten Jahrhunderten gab es eine andere Art von Generationenvertrag: Die Grosseltern blieben wie selbstverständlich im Haushalt des ältesten Sohns, der auch den Hof geerbt hatte. Sie bekamen eine eigene kleine Wohnung, halfen bei der Kinderbetreuung, in der Küche und im Garten, oft bis ins hohe Alter hinein. Durch die Stadtflucht, verbunden mit kleinen Wohnungen, in der die Familien oft mit vielen Kindern auf kleinstem Raum leben mussten, funktionierte das nicht mehr.
Die Entwicklung mündete für diejenigen Älteren, die nicht mehr selbstständig leben können, in die Praxis der Altersheime, heute Seniorenheime genannt.
Die Erhöhung der Lebenserwartung bedeutet, dass es immer mehr Ältere gibt, die pflegebedürftig werden, was wieder mit enormen Kosten verbunden ist. Dazu reicht die Rente nicht aus – und möglicherweise die Zahlungen der Pflegeversicherung auch nicht. Dann müssen die gut verdienenden Kinder zusätzlich zahlen, einmal durch die Rentenversicherungsbeiträge nach dem Generationenvertrag und dann noch ans Sozialamt, das die Heimunterbringungskosten über das eigene Einkommen hinaus trägt. Das gezahlte Geld kann dann beispielsweise nicht mehr für die privat finanzierte Aufstockung der späteren Altersbezüge gespart werden. ‒ So oder so, ohne Generationenvertrag wird es nicht gehen, auch in Zukunft nicht.
Auch in aufstrebenden Entwicklungsländern wie z. B. in Indien verändert sich die Lage. Es wird von Eltern als Pflicht angesehen, alles zu tun, damit die Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Dafür haben die Kinder die Pflicht, für ihre Eltern zu sorgen, wenn diese es nicht mehr für sich tun können. Das haben mir viele meiner Studenten bestätigt, die das als selbstverständlich ansehen.
Ein Gynäkologe, den ich in meiner Wohngegend kennengelernt hatte, entschied sich, seine Praxis in Mangalore, eine südindische Stadt am Indischen Ozean, aufzugeben, um sich in Bangalore, rund 400 km weit entfernt, mehr um seinen kranken Vater kümmern zu können. Ihm gehöre ein Haus in der Strasse, hier wolle er eine neue Praxis eröffnen, möglicherweise auch andere Wege gehen, wie z. B. die Schönheitschirurgie, bei der sich die Nachfrage wegen steigender Einkommen sich von Jahr zu Jahr vergrössere, erzählte er mir.
Wie das aber bei der jetzigen, arbeitenden Mittelschicht aussehen wird, wenn diese ins Rentenalter kommt, ist fraglich. Sie entscheiden sich nämlich häufig bewusst für keine oder weniger Kinder, die ihnen dann fehlen, um sie in Zukunft zu unterstützen. Das Ansparen von Kapital für die Altersversorgung und die Zuschüsse der Arbeitgeber dazu gibt es zwar, aber noch nicht flächenweit. Die Haushaltskosten lassen – schon wegen einer Inflationsrate von 7‒8 % ‒ eine ausreichende eigene Sparleistung nicht zu.
Während Beamte und Militärangehörige relativ früh in Ruhestand gehen können und auch eine Altersversorgung vom Staat erhalten, arbeiten andere oft so lange wie sie können. Es gibt also keine feste Regelung für das Pensionsalter. Auch in Indien steigt das Lebensalter, und auch hier wird es in Zukunft mehr Pflegefälle geben. Momentan sind Menschen mit Rollatoren oder Gehhilfen zwar zu sehen, aber immer noch selten. Das wird sich wahrscheinlich ändern.
Problematisch ist und wird es auch für Frauen, deren Männer früher sterben. Wenn diese keine Kinder oder keine Verwandtschaft haben oder solche, die sie nicht unterstützen können, hätten sie im Dorf noch eine gewisse Unterstützung durch die Nachbarn oder auch den Arbeitgeber. In der Stadt, die auch hier immer anonymer wird, entfällt das soziale Netz, und ihnen bleibt nichts mehr anderes übrig, als zu betteln. Bettelnde Frauen gibt es häufig in Bangalore, wenn ich auch nicht unterscheiden konnte, ob das Betteln als Beruf angesehen wird oder aus Armut geschieht.
Alles ist im Umbruch, sogar der Generationenvertrag. Armut ist nicht gleich Armut, wenn man beide Länder vergleicht, aber die Problematik ist vergleichbar.
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