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Dorothea Trottenberg wurde 1957 in Dortmund geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin und studierte anschliessend Slavistik an den Universitäten Köln und Leningrad. Sie lebt seit 1989 in der Schweiz, wohnt in Zürich und ist an der Universitätsbibliothek Basel Fachreferentin Slavistik und Osteuropa-Studien. Sie ist freiberuflich als Literaturübersetzerin von klassischer und zeitgenössischer Prosa aus dem Russischen ins Deutsche tätig. 2003 erhielt sie eine Anerkennungsgabe der Literaturkommission der Stadt Zürich. Für ihre Übertragung des Romans Der himmelblaue Speck von Vladimir Sorokin (DuMont Verlag) wurde sie 2007 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis ausgezeichnet, 2012 erhielt sie den Paul-Celan-Preis. 2021 wurde sie mit einem Anerkennungsbeitrag der Fachstelle Kultur des Kantons Zürichs für die Übersetzung von Iwan Bunins Leichter Atem (Dörlemann Verlag) ausgezeichnet. Sie ist Vorstandsmitglied des Übersetzerhauses Looren.
Dass im Frühjahr 2024, in dem Dorothea Trottenberg diesen Preis erhält, gleich zwei neue Übersetzungen von ihr erscheinen, ist mehr als ein schöner Zufall: Es ist ein Zeugnis für die Konstanz und Exzellenz ihres Schaffens. Vladimir Sorokin (mit dem aktuellen dystopischen Abenteuerroman «Doktor Garin») zählt zu den bedeutenden zeitgenössischen russischen Autoren – seine Bekanntheit und Beliebtheit im deutschen Sprachraum ist wesentlich auch der exzellenten Übertragung durch Dorothea Trottenberg zu verdanken, für die sie 2007 die erste ihrer mittlerweile vielen Auszeichnungen erhielt, den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzungspreis. Sorokins Werke verlangen einer Übersetzerin alles ab! Seine Sprache ist gespickt mit klassischen Zitaten und Wortneuschöpfungen, changiert zwischen Stil- und Tonlagen, Beschleunigung und Verlangsamung. Nicht minder anspruchsvoll ist die zweite Publikation, die in diesen Monaten erscheint: «Der Sonnenstich», Ivan Bunins Erzählungen von 1924-1926. Es ist bereits der elfte Band der verdienstvollen Bunin-Werkausgabe im Zürcher Dörlemann Verlag, jeweils in Neu- oder Erstübersetzung von Dorothea Trottenberg, sorgfältig herausgegeben von ihrem Ehemann, dem Slawisten Thomas Grob. Wo Sorokins Sprache überschäumt und überreizt, schreibt Bunin glasklar und zugleich hochpoetisch. Auch hier trifft Dorothea Trottenberg zielsicher den Ton. Sorokin – der aktuell wichtigste russische Autor, in dessen Werk die russische Klassik weiterlebt – und Bunin – der erste russische Literaturnobelpreisträger, dessen Texte bis heute hochaktuell sind – stehen für die Spannbreite von Trottenbergs übersetzerischem Werk. Dieses umfasst noch viele weitere Schriftsteller*innen, von denen sie viele für die deutsche Leserschaft (neu) entdeckt hat: Zeitgenoss*innen wie Elena Chizhova, Andrej Gelassimow, Boris Akunin und Viktor Pelevin, Klassiker wie Lev Tolstoj, Ivan Turgenev und Michail Bulgakov; Trottenberg überträgt theoretische Texte von Michail Bachtin und Jurij Lotman genauso herausragend wie die avantgardistischen Romane von Sigismund Krzyżanowski. Diese Ausbalanciertheit zeigt sich auch in ihren zwei beruflichen Standbeinen: 1957 in Dortmund geboren, absolvierte Trottenberg eine Ausbildung zur Bibliothekarin und studierte anschliessend Slavistik in Köln und Leningrad. Seit 1989 lebt sie in der Schweiz und arbeitet neben ihrer Tätigkeit als freie Literaturübersetzerin auch als Fachreferentin für Slavistik und Osteuropa-Studien an der Universitätsbibliothek Basel. Zahlreiche Reisen führten sie immer wieder nach Russland, sowohl in die grossen Städte wie in die Provinz. So bringt Dorothea Trottenberg mit, was für die Arbeit einer hervorragenden Übersetzerin unabdingbar ist: grosse Belesenheit, absolute Sicherheit in Original- und Zielsprache, Kenntnis der historischen und aktuellen Kontexte, Bereitschaft zur akribischen Recherche. Dazu kommt etwas, das sie ganz spezifisch auszeichnet: eine sanfte Beharrlichkeit, hinter der ein klarer Kompass und künstlerische Kompromisslosigkeit stehen. Und eine verblüffende Leichtigkeit, die aus der Grundlage harter Arbeit erwachsen ist. In ihren Übersetzungen, so sagte Trottenberg einmal in Anspielung auf eine lange Übersetzungstradition in der russischen Kultur, gehe es ihr auch darum, unser «Fenster nach Russland» ein wenig weiter zu öffnen. In den letzten Jahren ist das Verhältnis zu Russland ein schwieriges geworden: Gut, dass es mit Dorothea Trottenberg jemanden gibt, die mit Mut, Klarheit und ihrem empathischen Blick auf Kultur und Menschen dieses Fenster dennoch offenhält.