Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03282.jsonl.gz/950

Am 27. Juli 1847 schreibt Anton Unternährer aus Chicago seinen Geschwistern. Er erzählt ihnen von den 54 Tagen beschwerlicher Reise auf See, von Gabeln, die in der falschen Hand gehalten werden – und von der Geduld, die man haben muss, bis die Fremde sich endlich heimatlich anfühlt.
Anton Unternährer, ein ehemaliger Lehrer aus dem luzernischen Sörenberg, verlässt die innerschweizerischen Voralpen im Mai 1847. Ein paar Monate vor dem Ausbruch des Sonderbundkrieges packt er seine Brocken zusammen und steigt in der französischen Hafenstadt Le Havre an Bord der «Boston», das Schiff, das ihn über den Atlantik in die Neue Welt bringt.
Er beschreibt seine strapaziöse Überfahrt, die Anlaufschwierigkeiten eines Sprachunkundigen. Alles ist eingehüllt in eine fast kindliche Neugierde auf die Fremde, auf deren Boden Anton Unternährer erst laufen lernen muss:
Am Mittag des 36. Tages ertönt endlich der freudige Ausruf: «Land, Land!» Die Augen der 200 Menschen auf der «Boston» leuchten vor Freude und das Schiff fährt bereits am Abend in den Hafen von New York ein. Die Anker werden geworfen, die Passagiere müssen sich noch einen Tag gedulden bevor ihre Füsse endlich das neue Land unter sich spüren. Anton Unternährers Reise ist aber noch nicht zu Ende. Von New York reist er neun Tage mit einem Kanal-Boot bis Buffalo, danach mit einem Dampfer weitere fünf Tage auf dem Erie-, Huron- und Michigan-See bis Chicago.
Unternährer zahlt für sich und seine drei Mitreisenden (wahrscheinlich seine Frau und zwei Kinder) 1000 Franken. Die Summe sei so hoch, weil man die Einwanderer strupfe, schreibt der Schweizer: Übergewicht beim Gepäck müsse zusätzlich bezahlt werden. Man werde aber auch anderswo betrogen.
Vorläufig hat Unternährer zwei Tipps für seine Landesgenossen, die ihr Glück ebenfalls in Amerika versuchen wollen:
Der ehemalige Lehrer Anton Unternährer hat zwar noch keine Arbeit, das dürfe man aber so kurz nach der Ankunft auch gar nicht erwarten. Es heisse allerdings, auf dem Land gebe es viele Beschäftigungsmöglichkeiten und der Lohn sei hoch. Nur seien den Ankömmlingen die hiesigen Werkzeuge noch nicht vertraut.
Unternährer weiss kaum mehr, wo er seinen Nachtrag unterbringen soll. Unter dem Titel «Allerlei» fasst er ihn zusammen und quetscht ihn auf den linken Rand des Couverts. Dort, in dieser kleinen Ecke, wird seine Schrift noch kleiner. Und dort schreibt er voller Bewunderung über die überlegenen Landwirtschaftsmaschinen der Amerikaner, die das Getreide auf dem Feld abschneiden, «es gleichzeitig ausdreschen und säubern, so dass sie Abends mit dem Wagen nur auf dem Acker herum zu fahren brauchen und dann die gefüllten Säcke aufladen können.»
Auch die Essgewohnheiten seiner neuen Landesgenossen scheinen den Schweizer zu entzücken:
Tausend Grüsse sendet Anton Unternährer nach Hause, bevor er seinen Brief beendet. Er wolle wissen, wie die Preise der Lebensmittel stehen, über Sterbefälle und Politik wolle man ihn doch bitte bei erster Gelegenheit informieren.
Dir gefällt diese Story? Dann like uns doch auf Facebook! Vielen Dank! 💕