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Sie kommen beide aus Lausanne, standen schon fast auf dem Abstellgleis – und zählen jetzt zu den besten Tennisspielern auf der Tour. Stanislas Wawrinka und Timea Bacsinszky. Er gewinnt in Tokio seinen vierten Titel 2015, sie zählt neu zu den Top Ten der Welt.
Sie kommen beide aus Lausanne. Sie haben beide die beste Saison ihrer Tennis-Karriere hinter sich, sie haben beide an einem Aufstiegsmärchen mitgeschrieben, das ihnen nur noch die eisernsten Anhänger zugetraut hätten. Und fast hätten sie an diesem Wochenende auch noch einmal im Synchronschritt ein neues Erfolgskapitel geschrieben – er, Stan Wawrinka. Und sie, Timea Bacsinszky.
Doch der zweite Oktobersonntag in Asien schloss nur für Wawrinka, der im Herbst zu alter Stärke erwachte Kämpfer, mit einem Happy-End: 65 Minuten nur brauchte Stan, «the Man», um seinen alten Freund und Kupferstecher Benoit Paire in Tokio mit 6:2 und 6:4 zu bezwingen und seinen vierten Pokal des Jahres 2015 zu holen. «Es ist eine unglaubliche Saison für mich», sagte Wawrinka hinterher.
«Es ist eine unglaubliche Saison für mich»: Stanislas Wawrinka gewinnt in Tokio seinen vierten Titel dieses Jahr. (Bild: Keystone)
Bacsinszky, per anno die vielleicht grösste Aufsteigerin im Spitzentennis der Frauen, hätte den Siegspuren Wawrinkas durchaus folgen können. Doch ihr Final gegen die Spanierin Garbine Muguruza erwies sich als Match der verpassten Chancen, in vielerlei Beziehung sogar. Trotz 5:2-Führung im ersten Satz und 2:0-Vorsprung im zweiten Satz verlor die Romande die Partie auf dem olympischen Centre Court von Peking glatt mit 5:7 und 4:6.
Keine Chance mehr auf WM-Teilnahme
Damit war nicht nur der Pokalzugriff in Chinas Hauptstadt verpasst, sondern auch ein sicherer Platz beim Saisonfinal der besten Acht in Singapur Ende des Monats. Im Siegfall hätte sich Bacsinszky unwiderruflich qualifiziert, nun besteht für sie eigentlich keine Mitwirkungsmöglichkeit mehr – geschuldet der Tatsache, dass die 26-Jährige in der kommenden Woche bei keinem Turnier mehr antreten kann.
Eine Wild-Card-Anfrage bei den Machern des am Montag beginnenden Turniers in Linz blieb zuletzt erfolglos, andere Optionen hatte Bacsinszky – Stand Sonntag – nicht mehr zur Verfügung. «Es gibt jetzt überhaupt keine Frustration bei mir. Es wäre eine schöne Zugabe, mehr aber auch nicht», sagte sie nach dem Finalknockout. Gegenwärtig wäre die Schweizerin noch als eine der beiden Ersatzspielerinnen für die WM qualifiziert.
Sieg verschenkt: Timea Bacsinszky unterliegt im Final von Peking der Spanierin Garbine Muguruza trotz komfortabler Führung im ersten Satz. (Bild: Keystone)
Bacsinszky hatte nach ihrem möglicherweise letzten Saisonspiel allen Grund, eine heiter-gelöste Saisonbilanz zu ziehen und nicht allzu traurig über den verpassten Peking-Titel zu sein. Denn in der Turnierwoche demonstrierte die Schweizer Nummer 1 noch einmal jene Qualitäten, die ihr zu einem überragenden Ranglisten-Vormarsch und Spitzenergebnissen im Wanderzirkus verholfen hatten.
Nun erscheint sie als vierte Schweizerin nach Manuela Maleeva-Fragnière, Martina Hingis und Patty Schnyder in den Top Ten und damit erreicht die wundersame Comebackstory Bacsinszkys einen vorläufigen Höhepunkt. Die Story einer Spielerin, die vor zwei Jahren schon beinahe in den Ruhestand getreten und ins Hotelfach übergetreten war.
«Es ist immer noch so, dass ich mich wie in einem Traum fühle. Mich frage: Ist das alles wahr», sagte Bacsinszky und würdigte ausdrücklich noch einmal die stete Unterstützung durch Coach Dimitri Zavialoff: «Er hat mir den Glauben an meine Stärke zurückgegeben. Er hat Stan in die Top Ten gebracht – und nun auch mich.»
Langsam, aber gewaltig auf Touren gekommen
Jener Wawrinka, der Landsmann und Lausanner Mitstreiter, hat seine Karriere auf kaum minder erstaunliche Weise in Ordnung gebracht. Wawrinka kam langsam, aber gewaltig auf Touren – und wenn einer in den letzten zwei Jahren die Tennis-Weltordnung durcheinander wirbelte, dann war es der 30-jährige Spätzünder. Der Sieger der Australian Open 2014, der Gewinner der French Open 2015.
Auch bis zum Saisonende wird man weiter mit ihm rechnen müssen, bis zum fast allerletzten Ball. Wawrinka ist – anders als Bacsinszky – schon qualifiziert für das finale WM-Spektakel. Nach London fährt er nicht etwa nur, um eine gute Figur abzugeben. Diese Tage sind vorbei für den Mann, der die letzten sieben Endspiele, ob auf der Tour oder bei den Grand Slams, ausnahmslos gewonnen hat. Wawrinka geht Mitte November in der 02-Arena an den Start, um zu gewinnen. Nicht geringer ist sein Anspruch neuerdings.
Weltrangliste der Männer (Stand 11. Oktober 2015)
(Bild: live-tennis.eu)
Weltrangliste der Frauen (Stand 11. Oktober 2015)
(Bild: live-tennis.eu)