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«Oben Schweiz und der Rest Ausland»: ein Arbeitsleben im Zollfreilager
Isabel Koellreuter
Mario Felix war 22 Jahre alt, als er, der gelernte Heizungsmonteur und -zeichner, nach sechsjähriger Ausbildung eine Stelle suchte. Nicht ganz einfach im Jahr 1974: Die Auswirkungen der Ölkrise von 1973 waren auf dem Basler Arbeitsmarkt sehr spürbar. Immer wieder fand er befristete Jobs, als Maurer zum Beispiel, aber keine längerfristige Anstellung. «Stempeln geht der Mario nicht», sagte er sich und gab nicht auf. Schliesslich bewarb er sich als Lagerarbeiter bei der Basler Freilager AG. An einem Freitagvormittag sprach er vor, am späten Nachmittag erhielt er den langersehnten Bescheid, am Montag darauf begann sein Arbeitsleben auf dem Dreispitz. Dass er über vierzig Jahre auf dem Dreispitz verbringen würde, ahnte er damals nicht.
Zum Freibezirk deklariert
Um an seine neue Arbeitsstelle zu gelangen, musste er an der Zollschranke vorbei, sich ausweisen und den Zollbeamten über sein Vorhaben informieren, denn «zolltechnisch war man ja im Ausland», erklärt uns Mario Felix. Um zu verstehen, warum sich mitten auf dem Dreispitzareal ein Stück Land befand, das zur Schweiz gehörte, aber nicht Schweiz war, lohnt sich ein Blick auf die Gründungsgeschichte des Freilagers vor einem Jahrhundert:
Die Basler Freilager-Gesellschaft wurde am 20. Februar 1922 als Genossenschaft gegründet. Beteiligt waren neben einigen Privatfirmen die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und die Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Im Vorstand sassen demzufolge auch Vertreter von Behörden, den beiden Basler Kantonen und dem Bund, was der Freilager-Gesellschaft den Charakter eines gemischtwirtschaftlichen Unternehmens gab. Zwanzig Jahre später, 1941, würde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, zu deren wichtigsten Teilhaber:innen die SBB und die beiden Basel gehörten.
Für die Schaffung eines Zollfreilagers hatten sich schon um die Jahrhundertwende verschiedene Vertreter der Region auf nationaler Ebene eingesetzt. Sie wollten die Vorteile der Handelsstadt Basel – ihre Lage an der Grenze, ihr Charakter als Verkehrsknotenpunkt – weiterentwickeln und setzten dabei auf den Transithandel. Um den internationalen Austausch von Gütern – aus dem Ausland über Basel in ein Drittland – zu fördern, musste jedoch die Zollkontrolle auf ein Minimum reduziert werden. Die Idee, in diversen Hafenstädten schon erprobt, war simpel: Man sollte in der Region ein Stück Land zum Zollausschlussgebiet deklarieren. Dann konnten in diesem Freibezirk Waren lagern, ohne dass sie verzollt werden mussten.
Die Basler Freilager-Gesellschaft erhielt von der Christoph Merian Stiftung auf dem Dreispitz eine Parzelle von 52'407 m2 im Baurecht. Auf dem Areal wurden drei Gebäude errichtet, zwei Lagerhäuser und die Zollverwaltung, und mit einem Zaun umschlossen.
Luftaufnahme des Zollfreilagers um 1925. Fotograf: Walter Mittelholzer. (Archiv CMS)
Situationsplan von 1923. Rechts oben befindet sich das frisch eröffnete Zollfreilager, die Zollgrenze ist blau eingezeichnet. (Archiv CMS)
Um auf das Areal der Basler Freilager-Gesellschaft zu kommen, musste man sich am Zoll ausweisen. Vor 1930, Fotograf unbekannt. Aus: Das Basler Freilager 1930. Schrift der Basler Freilager-Gesellschaft
In Übereinkunft mit der Eidgenössischen Oberzolldirektion wurde das Areal durch die Freilager-Gesellschaft im Rahmen einer Feier am 4. Juli 1923 in Betrieb genommen. Damit war es möglich, Waren ohne Zollaufsicht und ohne Verzollung zeitlich unbeschränkt zu lagern und zu handhaben – was heisst, dass sie innerhalb des Freilagers auch umgepackt, geteilt, sortiert, gemischt und besichtigt werden konnten. Zu den ersten privaten Genossenschaftlern gehörten unter anderem die Leder-Import AG, die gleich ihren ganzen Betrieb ins Freilager verlegte, und die Wollhandelsfirma Sartorius, Vischer & Co. Andere Firmen wiederum mieteten bei der Freilager-Gesellschaft lediglich eine Kabine oder einen Lagerplatz.
Zentral für das Funktionieren des Freilagers waren die verkehrstechnische Erschliessung durch Strassen und Geleise und der Ausbau der Logistik. 1924 bereits wurde das Gebäude B um einen Drittel verlängert, gleichzeitig ein erster elektrisch betriebener, 55 Meter langer Laufkran mit einer Tragfähigkeit von fünf Tonnen in Betrieb genommen, was den Umschlag schwerer Frachtgüter wie Automobile und Maschinen ermöglichte. Auf dem freien Terrain liessen sich bald schon weitere Firmen mit eigenen Gebäuden nieder. Die Umzäunung des Areals wurde erweitert und aufgrund der Zunahme des Güterverkehrs die Erschliessung per Bahn und Strasse weiterentwickelt.
Gebäude B der Freilager AG um 1947 mit Rampe und Laufkran. (Archiv CMS)
Einblick in die Räume der Leder-Import AG um 1925. (Archiv CMS)
Einblick in die Räume der Leder-Import AG um 1925. (Archiv CMS)
Spiegel politischer und konjunktureller Entwicklungen
In der Entwicklung des Zollfreilagers widerspiegeln sich sowohl internationale politische Ereignisse als auch das Auf und Ab der Konjunktur: So löste die Weltwirtschaftskrise leicht verzögert ab 1935 einen Einbruch der Tätigkeiten aus. Denn die folgenden währungspolitischen Regelungen der Nachbarstaaten engten den schweizerischen Transithandel ein und führten zur Verlagerung von Warenlagern ins Ausland. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Grenzsituation Basels als Gefahr wahrgenommen, weshalb viele Waren in neu eingerichtete Zollfreibezirke im Innern der Schweiz überführt wurden. Das Warenverkehr schrumpfte auf rund ein Drittel des Maximums der Geschäftsjahre 1932 und 1933, trotz Pflichtlager zur Landesversorgung und obschon sich in den Kriegsjahren auch neue Geschäftsfelder herausbildeten: Gemäss Mario Felix bot das Freilager auch Hand für Geschäfte, deren Transport, Herkunftsland und Destination verschleiert werden mussten. Verfeindete Kriegsparteien konnten beispielsweise über das Freilager indirekt Waren voneinander beziehen. Acht Jahre nach Kriegsende, 1953, verpflichtete sich der Verwaltungsrat freiwillig, von derartigen Geschäftspraktiken Abstand zu nehmen.
Im Jahr 1951 waren im Freilager über 70 Firmen niedergelassen, teils in eigenen Gebäuden, teils als Mieter von Büros, Lagerplätzen oder von kleineren Kabinen. Mit Beginn der europäischen Integration in den 1960er-Jahren bewegte sich das Geschäftsfeld der Freilager AG allmählich vom Transithandel weg und hin zum Import. Im Dreispitz lagerten zunehmend Waren mit Endziel Inland. Die Basler Freilager AG profitierte von den langen Jahren der Hochkonjunktur auch deshalb, weil ab Mitte der 1950er-Jahre weitere Ausbauschritte folgten und das Areal 1974, als Mario Felix seine Stelle als Lagerarbeiter antrat, bereits weitgehend ausgebaut war. Während Spitzenzeiten, erzählt Mario Felix, arbeiteten im Freilager rund 600 Angestellte der Freilager AG und 63 Zollbeamte des Bundes.
Das 1969 fertig gebaute Transitlager. (Fotograf unbekannt, um 1976, Archiv CMS)
Lastwagenverkehr im Freilager, Februar 1976. Fotografiert vom Dach des Transitlagers aus. (Fotograf unbekannt, Archiv CMS)
Alltag im Zollfreilager
Mario Felix war auf dem Areal ständig unterwegs. Als Lagerarbeiter packte er mit an beim Abladen, Stapeln, Ordnen und Verladen von Waren, als gelernter Heizungsmonteur und -zeichner war er mit Reparaturen, Einrichtungen und Planungen beschäftigt. 1989 wechselte er ins Büro und übernahm Aufgaben im Bereich Vermietung und Abrechnungen.
Während ein Handwerker in einem normalen Betrieb zum nächsten Bleistift oder Hammer greifen kann, ohne sich dabei etwas zu denken, war im Zollfreilager alles ein bisschen komplizierter. Alle Materialien, alle Werkzeuge, die zum Einsatz kamen, waren genauestens deklariert worden. Das galt für den Stapler ebenso wie für die Bleistifte. Alles, was ausserhalb des Areals bewegt wurde – auch ein Gabelstapler zur Reparatur –, musste sowohl beim Aus- als auch beim Eingang durch den Zoll. «Man kannte also alles, was in das Lager hineinkam», so Mario Felix, und das prägte die Arbeitskultur auf dem Areal. Die Zöllner kontrollierten nicht nur die Firmen auf dem Areal, sondern auch die Belegschaft der Freihandels AG. Es kam vor, dass sie Einblick in die Spinde im Umkleideraum verlangten. Dann hiess es: «Herr Felix, kommen Sie mit, wir wollen Ihren Kasten sehen.»
Was auf dem Areal genau vonstatten ging, blieb von aussen unsichtbar. Selbst von den Münchensteiner Gemeindebeamten, in deren Gemeindebann sich das Freilager befindet und die deshalb zuständig waren für Baugesuche, «wusste niemand nichts, was da drinnen lief», erzählt Mario Felix. Vielleicht trug die Abgeschlossenheit des Areals zum Verdacht bei, dass sich hier auch illegale Dinge zutrugen, vielleicht geschahen sie tatsächlich?
Mario Felix erinnert sich an Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Zigaretten: In Basel kamen ganze Eisenbahnwagen voller Zigaretten an. Hier wurden sie auf Camions Richtung Spanien verladen, die Türen plombiert. Als sie an der Grenze zu Spanien geöffnet wurden, war der Grossteil der Ladung nicht mehr vorhanden. «Diese Vorfälle wurden von der Oberzolldirektion genau überprüft und die Zollfreilager wurden von allen Verdachtsmomenten freigesprochen», erzählt Mario Felix weiter. Eine von vielen für ihn ungelösten Schmuggelgeschichten.
Speziell war auch, dass im Freilager kaum Frauen arbeiteten. Im ehemaligen Gebäude B, heute das Ateliergebäude der Hochschule, «gab es zwei Frauen-WCs – nein, drei: Eins für den Zoll für die Sekretärin, eins für die Sekretärin des Direktors der Basler Freilager AG und eins für die Sekretärin des Weinhändlers Rössiger. Drei Frauen-WCs. Alle anderen Gebäude hatten kein einziges Frauen-WC», erklärt Mario Felix. Das änderte sich freilich mit der Öffnung des Areals.
Vorbereitete Öffnung
Der Geschäftsbericht von 1986 erwähnte erstmals eine mögliche Liberalisierung der Verzollungsformalitäten. Es wurde absehbar, erzählt Mario Felix, dass das Zollfreilager nicht mehr lange so existieren würde. Die Firmen, führt er weiter aus, brauchten kein Zollfreilager mehr, sie konnten irgendwo für sich ein Zolllager einrichten; die einzige Bedingung sei gewesen, «dass man elektronisch mit dem Zoll verbunden war». Mehr und mehr Firmen verliessen das Areal, und der neue Direktor begann in Vorbereitung der anstehenden Änderungen mit dem Rückkauf von Gebäuden und Aktien. Ab 1994 wurde das Zollfreilager schrittweise geöffnet – und dann gab es Gebäude, in welchen «oben Schweiz und der Rest Ausland war».
Luftaufnahme des Areals der Basler Freilager AG 1990, drei Jahre vor der allmählichen Öffnung. Das Areal ist inzwischen dicht bebaut, jedoch nach wie vor durch eine Umzäumung von der Umgebung abgetrennt. (Archiv CMS)
In den leeren Räumen des Freilagers begannen sich Künstler:innen einzumieten, «ein ganz anderes Volk», sagt Mario Felix und lacht. «Sie waren Lebensleute und hatten glatte Ansichten.» Er unterhielt sich gerne mit ihnen und holte sie wieder auf den Boden zurück, wenn sie ihm zu abgehoben wurden.
Sorgen um die Zukunft sollten sich die Lagerarbeiter und Angestellten der Freilager AG keine machen, beruhigte der damalige Direktor die Belegschaft. Obwohl es das Zollfreilager nicht mehr brauche, sicherte er ihnen zu, «dass wir hier arbeiten, bis wir pensioniert sind», erzählt Mario Felix weiter. Einige gingen, Mario Felix blieb. 2006 eröffnete der Direktor der Freilager AG seinen Mitarbeitern, dass die Firma an die Christoph Merian Stiftung (CMS) verkauft werde, «aber diejenigen, die wollen, dürfen bleiben». Fortan arbeitete Mario Felix bis zu seiner Pensionierung 2017 für die CMS in der Verwaltung des Areals. Er empfing die ersten Leute der Hochschule für Gestaltung und Kunst und half bei der Planung mit, als die halbe Halle im dritten Stock des Kunstfreilagers zur Modeabteilung umfunktioniert wurde. Als Kenner des Areals und als Vermittler der Arealgeschichte und letztlich auch als Vermittler zwischen den verschiedenen Kulturen, die nun auf dem Dreispitz zusammen kamen, setzt er sich bis in die Gegenwart ein.
Mario Felix (Foto: Daniel Spehr, 2020)
Mario Felix, *1952 wuchs in Malix (GR) auf. Mit 16 Jahren begann er eine Lehre als Heizungsmonteur. Nach Abschluss der Lehre und der Rekrutenschule zog er nach Basel, wo er sich zum Heizungszeichner ausbilden liess. 1974 bewarb er sich als Lagerarbeiter bei der Freilager AG. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2017 auf dem Dreispitz, nach dem Verkauf der Freilager AG als Angestellter der CMS.
Das Gespräch fand am 17. September 2020 in den Räumlichkeiten des Ateliers Mondial im ehemaligen Gebäude D statt, in dem heute auch das HEK beheimatet ist. Das Gespräch führten Isabel Koellreuter und Franziska Schürch.