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von Margot Moers Wenig
Wer oder was aber ist Gott? Wo sollen wir Gottes Gegenwart suchen? Unsere Weisen und Philosophen sind sich keineswegs einig in ihren Aussagen. Aber darin stimmen sie überein: Wer oder was Gott wirklich ist, ist letztlich nicht zu ergründen. Gott ist der Verborgene (El Mistateyr), der sein Antlitz verhüllt (Eyn Sof) – unerkennbar, unergründbar, unbeschreibbar.
Und doch wagen eben diese Weisen den Versuch, die Gotteserfahrung unseres Volkes in Bilder zu fassen, die wir kennen und verstehen können. Die Kabbalisten gingen sogar soweit, Gottes Gestalt darzustellen: als den Menschen des Ursprungs (Adam Kadmon). Alle Eigenschaften Gottes wurden mit einem bestimmten Teil Seines Körpers in Zusammenhang gebracht: Kopf, Arme, Beine, Leib, sogar männliche Genitalien.
Midraschim überliefern uns Bilder von Gott, der angesichts der ertrinkenden Ägypter weint, der in Ketten gebunden mit Seinem Volk ins Exil gehen muss, der allmorgendlich die Gebetsriemen anlegt und der mit Moses, unserem Rabbi, die Tora studiert. Unsere Liturgie zeigt uns Gott als unverrückbaren Fels (Izur Ysrael), als Schutzschild (Magein Avraham), als den Befehlshaber einer Schar von Engeln (Adonai Tzevaot), als Hirten (Adonai roi) und an den hohen Festtagen, den Tagen der Ehrfurcht, betont der Machzor die Bilder von Gott als Vater und Gott als König.
All diese Bilder sind Metaphern, nie wörtlich verstandene Deutungsversuche, die nur dazu dienen, uns auf etwas hinzuweisen, das wir uns zwar vorstellen, aber nie wirklich sehen können.
Heute Abend lade ich Sie ein, sich Gott gemeinsam mit mir vorzustellen. Heute Abend lade ich Sie ein, sich Gott als Frau vorzustellen, als Frau, die im Begriff ist, älter zu werden.
Gott ist eine Frau, und sie wird älter. Sie bewegt sich jetzt langsam. Sie kann nicht aufrecht stehen. Ihr Haar ist schütter. Ihr Gesicht von Falten durchzogen, Ihr Lächeln nicht länger unschuldig. Ihre Stimme ist rau. Ihre Augen ermüden. Das Hören strengt sie oft an. Gott ist eine Frau, und sie wird älter. Und doch – sie erinnert sich an alles.
An Rosh Hashanah, der Gedenkfeier des Tages, an dem sie uns geboren hat, setzt sich Gott an ihren Küchentisch, öffnet das Buch der Erinnerungen und beginnt, die Seiten zu wenden. Und Gott erinnert sich.
«Da ist die Welt, als sie neu war, meine Kinder, als sie jung waren…!» Während sie Seite um Seite umblättert, lächelt sie. Sie sieht uns vor sich gleich vielen Puppen in einem Schaufenster mit all den wunderschönen Farben unserer Haut, mit all den verschiedenen Formen und Grössen unserer Körper. Sie bewundert unsere Errungenschaften: die Musik, die wir geschrieben, die Gärten, die wir gepflanzt, die Wolkenkratzer, die wir gebaut, die Geschichten, die wir erzählt, die Ideen, die wir gesponnen haben.
«Sie können nun schneller fliegen als die Winde, die ich schicke», sagt sie zu sich selbst, «und sie segeln über die Wasser, die ich zu Meeren sammelte. Sie besuchen sogar den Mond, den ich an den Himmel setzte. Aber selten besuchen sie mich.» Auf den Seiten ihres Buches sind all die Karten eingeklebt, die wir ihr jeweils schickten, wenn wir es nicht der Mühe wert fanden, sie zu besuchen. Aufmerksam betrachtet sie unsere Unterschriften, hingekritzelt unter die gedruckten Worte, die jemand anderer verfasst hat.
Dann gibt es Seiten, die gerne überschlagen würden. Dinge, die sie zu vergessen wünscht. Aber sie starren ihr ins Gesicht und zwingen sie, sich zu erinnern: ihre Kinder, die das Heim zerstören, das sie ihnen geschaffen hat, Brüder, die einander in Ketten legen. Sie sieht uns gefährliche Strassen hinunterrasen, selbst unfähig, uns aufzuhalten.
Sie gedenkt der Träume, die wir nie erfüllten. Und sie gedenkt der Namen, so vieler Namen, eingeschrieben in das Buch, Namen all der Kinder, die sie verloren hat: durch Krieg und Hunger, Erdbeben und Unfall, Krankheit und Selbstmord … Und Gott denkt daran, wie oft sie am Rand eines Bettes sass und weinte, weil sie die Entwicklung nicht aufhalten konnte, die sie selber in Gang setzte.
Heute Abend, am Abend von Kol Nidrei, zündet Gott Kerzen an, eine für jedes ihrer Kinder. Millionen und Millionen von Kerzen, die die Nacht erleuchten – hell wie am Tag. Heute wird Gott die ganze Nacht wach bleiben und in den Seiten ihres Buches blättern.
Gott ist einsam heute Abend. Sie sehnt sich nach ihren Kindern, ihren verspielten, nach Ephraim, ihrem Liebling. Ihr Körper verlangt nach uns. Alles, was auf Erden wohnt, vergeht. Aber Gott harrt aus und erduldet die Trauer, all das zu verlieren, was ihr lieb ist.
Gott ist zu Hause heute Abend und blättert in den Seiten ihres Buches. «Kommt heim», möchte sie uns sagen, «kommt heim.» Aber sie ruft nicht, denn sie hat Angst, dass wir nein sagen könnten. Sie kann unser Gerede erahnen: «Wir sind so beschäftigt», würden wir uns entschuldigen.
«Wir möchten dich gerne besuchen, aber wir können einfach nicht. Zu viel zu tun. Zu viel Verantwortung.»
Auch wenn wir es nicht wahrhaben, Gott weiss, dass unsere Geschäftigkeit nur Ausrede ist. Gott weiss, dass wir vermeiden, zu ihr zurückzukehren, um nicht in ihr vom Alter zermürbtes Gesicht schauen zu müssen. Sie versteht, dass es schwer für uns ist, einer Gottheit zu begegnen, die die Erwartungen unserer Kindheit enttäuscht hat; sie hat uns nicht alles gegeben, was wir wollten: Sie hat uns nicht siegreich im Kampf gemacht, erfolgreich im Geschäft und wunderbar gegen Schmerz. Wir vermeiden es, heim zu gehen, um uns selbst vor unserer Enttäuschung zu schützen und um sie zu schützen. Wir möchten nicht, dass sie die Enttäuschung in unseren Augen sieht. Aber Gott weiss, dass sie da ist, und möchte trotzdem, dass wir nach Hause kommen.
Und was wäre, wenn wir es täten? Was wäre, wenn wir wirklich nach Hause gingen und Gott an diesem Yom Kippur besuchten? Wie würde es sein? Gott würde uns in ihre Küche führen, uns an ihrem Tisch einen Platz anbieten und Tee einschenken. Sie ist schon so lange allein gewesen, dass sie uns vieles sagen möchte. Aber wir lassen sie kaum zu Wort kommen, denn wir haben Angst vor dem, was sie sagen könnte, aber ebenso vor der Stille. So fühlen wir die Stunde mit unserem Geschwätz. Worte, Worte, so viele Worte. Bis sie endlich ihren Finger an die Lippen legt und sagt: «Sch, sch, sei still, sch.»
Dann schiebt sie ihren Stuhl zurück und sagt: «Lass dich anschauen.» Und sie schaut. Mit einem einzigen Blick sieht uns Gott als beides, als neu geboren und sterbend, wie wir hustend und weinend mit unserem Kopf nach ihrer Brust suchen, voll Angst vor dem unbekannten Reich, das vor uns liegt.
Mir einem einzigen Blick sieht sie unsere Geburt und unseren Tod und all die Jahre dazwischen. Sie sieht uns, als wir jung waren, als wir für sie schwärmten und ihr vertrauensvoll überall hinfolgten, als unsere Schrammen und blauen Flecken schnell heilten und wir voller Staunen waren über alles Neue (ein neues Kleid, einen Führerschein, das neue Gefühl in unserem Körper, als wir zum ersten Mal einem Freund erlaubten, ihn zu berühren). Sie sieht uns, als wir jung waren und dachten, dass es nichts gäbe, was wir nicht tun könnten.
Sie sieht uns auch in unseren mittleren Jahren, als unsere Kräfte unbegrenzt schienen. Als wir den Haushalt versorgten, kochten, putzten, Kinder hüteten, arbeiteten und ehrenamtlich tätig waren …, als alle uns brauchten und wir kaum Zeit zum Schlafen fanden.
Und Gott sieht uns in unseren späteren Jahren, als wir uns nicht mehr so gebraucht fühlten, als chaotische Zustände den Rhythmus unseres Körpers durcheinander brachten, auf den wir gelernt hatten, uns zu verlassen. Sie sieht uns allein in einem Zimmer schlafen, in dem einst zwei geschlafen hatten. Gott sieht Ereignisse unseres Lebens, die wir vergessen haben, und solche, von denen wir noch nichts wissen. Denn nichts ist dem Blick Gottes verborgen.
Nachdem sie uns lange genug angesehen hat, könnte Gott sagen: «Und nun erzähl mir, wie geht es dir?» Jetzt haben wir Angst, unseren Mund aufzumachen und ihr all das zu sagen, was sie ja schon weiss: wen wir lieben, wo wir verletzt sind, was wir zerbrochen oder verloren haben, was wir gerne einmal geworden wären. So sagen wir lieber nichts, um nicht in Tränen auszubrechen.
Also wechseln wir das Thema: «Weisst du noch, als…» beginnen wir. «Ja, ich erinnere mich», sagt sie. Auf einmal reden wir beide zugleich, ohne einen Satz zu beenden. Wir sagen alle Dinge, die auf den Grusskarten nie zu lesen waren: «Es tut mir leid, dass ich…» «Schon gut, ich verzeihe dir.» «Ich wollte nicht…» «Das weiss ich, ich weiss.» «Ich war so wütend, dass du mich geschlagen hast.» «Es tut mir leid, dass ich dir weh tat. Aber du wolltest nicht auf mich hören.» «Du hast recht, ich wollte nicht hören. Ich hätte es sollen. Jetzt weiss ich es, aber damals musste ich es auf meine Weise tun.» «Ich weiss», nickt sie, «ich weiss.» Wir wenden den Blick von ihr ab und lassen ihn über die Küche schweifen. «Ich habe nie geglaubt, deinen Erwartungen entsprechen zu können,» sagen wir. «Und ich dachte immer, du könntest alles», antwortete sie. «Wie steht’s mit deiner Zukunft?» fragt sie uns. Wir stottern irgendeine Antwort, weil wir unserer Zukunft nicht ins Gesicht sehen wollen. Gott spürt unser Zögern und versteht.
Nachdem wir nun schon mehrere Stunden sitzen und Tee trinken und es endlich nichts mehr zu sagen oder zu hören gibt, beginnt Gott zu summen: Ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai, ai.
Das versetzt uns in eine Zeit, als unser Fieber nicht sinken wollte und wir nicht einschlafen konnten, erschöpft vom Weinen, aber unfähig, aufzuhören. Sie hob uns auf und ab. Wir konnten ihr Herz schlagen hören und das Summen aus ihrem Hals: Ah, ah, Baby, ai, ai, ai.
O ja, da war’s, wo wir lernten, Tränen abzuwischen. Von ihr lernten wir, ein weinendes Kind zu trösten und jemanden im Schmerz zu halten.
Dann berührt Gott unseren Arm und bringt uns aus der Nostalgie längst vergangener Zeiten zurück in die Gegenwart und Zukunft. «Du wirst immer mein Kind bleiben,» sagt sie, «aber du bist kein Kind mehr. Werde älter, zusammen mit mir.» «Das Beste steht noch aus, die letzte Phase des Lebens, für die die erste gemacht war.»
Wir werden älter, so wie Gott älter wird. Wie ähnlich sind wir einander geworden.
Für uns, wie Gott, bedeutet älter werden, den Tod vor Augen zu haben. Natürlich wird Gott niemals sterben, aber sie hat mehr ihrer Lieben begraben als wir jemals lieben werden. In Gott erkennen wir, «welch heilig Ding es ist zu lieben, was der Tod berührt.» Wie können wir heilig sein, die liebend, die der Tod berührt, uns selbst miteingeschlossen, unser älter werdendes Selbst.
Gott nimmt unser Gesicht in ihre beiden Hände und flüstert: «Hab‘ keine Angst, ich will treu zu dem Versprechen stehen, das ich dir gab, als du jung warst. Ich werde bei dir sein. Noch im hohen Alter werde ich bei dir sein und dich halten, wenn du grauhaarig bist. Ich habe dich geboren, ich trug dich, ich halte dich fest. Werde alt mit mir…»
Unsere Angst vor der Zukunft ist nun gedämpft durch Neugier: Das Universum ist unendlich und noch immer voll unbegrenzter Möglichleiten. Obwohl die Sonne auf und unter geht wie am Tag zuvor, gleicht kein Tag den anderen. Und jeden neuen Tag dürfen wir mit der erwartungsvollen Neugier begrüssen: Was werde ich heute lernen, was erfinden? Was werde ich heute wahrnehmen, das ich nie zuvor sah?
Es war ein guter Besuch. Jetzt sind wir müde und brauchen Schlaf Bevor wir gehen, ist es an uns, sie gut anzusehen. Ihr Gesicht, von der Zeit gezeichnet, erscheint nun nicht mehr gebrechlich, sondern weise. Denn wir begriffen, dass Gott um die Dinge weiss, die nur die Zeit zu lehren vermag: dass es möglich ist, den Verlust einer Liebe zu überleben, sich sicher zu fühlen inmitten einer sich ständig verändernden Welt, in Würde leben zu können, auch wenn jeder Knochen schmerzt. Gottes Bewegungen erscheinen uns nicht mehr langsam, sondern stark und bewusst, unähnlich der unseren. Wir sind zu beschäftigt, um unter die Oberfläche zu sehen. Wir sprechen zu schnell, um wirklich zu hören. Wir bewegen uns zu rasch, um zu fühlen, was wir berühren. Wir bilden uns zu schnell eine Meinung, um ehrlich urteilen zu können. Aber Gott, Gott bewegt sich langsam und planvoll. Sie sieht alles, was es zu sehen gibt, versteht alles, was sie hört, und berührt alles, was lebt.
Nun verstehen wir, warum wir geschaffen wurden, älter zu werden: jeder hinzugefügte Tag unseres Lebens, jedes neue Jahr lässt uns Gott ähnlicher werden, ihr, die ewig älter wird. Deshalb wird wohl gelehrt, vor Betagten aufzustehen und die Würde im Antlitz von Alten zu sehen. Wir erheben uns in ihrer Gegenwart, wie wir uns in Gottes Gegenwart erheben würden, denn in den Gesichtern der Alten sehen wir Gottes Antlitz.
Indem wir sie ansehen, sind wir überwältigt von Ehrfurcht (obwohl zu verlegen, es auszusprechen). Diese betagte Frau erscheint uns nun wie … wie … eine Königin: ihr Küchenstuhl ein Thron, ihr Hauskleid ein Hermelin und ihr dünnes Haar leuchtend wie Juwelen auf einer Krone.
Am Yom Kippur sitzen wir im Bethaus, fern von zu Hause. In unseren Händen halten wir die Seiten mit Grusskarten als Buch gebunden, Tausende von Worten, die wir nicht selbst geschrieben haben. Werden wir nun unsere Unterschriften daruntersetzen und die Karten in den Briefkasten stecken?
Gott würde es vorziehen, wenn wir nach Hause kämen. So sitzt und wartet auf uns wie an jedem Jom Kippur, geduldig wartend, bis wir bereit sind. In der Nacht von Kol Nidrei wird Gott nicht schlafen. Sie lässt die Tür offen, die Kerzen brennen und wartet geduldig auf unsere Heimkehr. Vielleicht können wir an diesem Yom Kippur in Gottes alterndes Gesicht schauen und sagen: «Avinu Malkeinu, unsere Mutter, unsere Königin, wir sind nach Hause gekommen.»
Aus: Im Dialog. Kurs Religion für die Sekundarstufe II. Band 5: Gott und Gottesbilder, erarbeitet von E. Breit u.a., München 1997 (Kösel), 5. 89-91.