Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/2350

Herr Koller, was bedeutet «Fernweh» für Sie?
Röbi Koller: Das ist die Sehnsucht nach etwas, das man zu Hause nicht findet. Das kann zum Beispiel Weite sein, auch das Meer oder ein Klima, welches wir in der Schweiz nicht haben. Fernweh kann auch Städte betreffen. Paris ist ein Favorit von mir und meiner Frau. Es ist ein Ort, an dem ich nicht erst ankommen muss. Wenn der Zug in Paris eintrifft, bringen wir das Gepäck ins Hotel und dann geht es gleich in ein Bistro, das wir kennen.
Obwohl Sie sehr gerne in Länder rund um den Erdball reisen, haben Sie Ihr ganzes Leben innerhalb eines relativ kleinen Radius in der Schweiz gewohnt. Wo ist für Sie Heimat?
Zürich ist in gewissem Sinn eine Heimat für mich, wobei ich den Begriff wohl geografisch etwas weiter fassen würde. Heimat ist auch die Romandie, weil ich dort als Kind mit meinen Eltern gewohnt habe. Der Schriftsteller Peter Bichsel hat einmal gesagt: «Heimat ist da, wo ich meinen Ärger habe». Damit ist die unmittelbare Umgebung gemeint, mit der eine Routine einhergeht. Wo man sich auch mal über den Alltag ärgert – was man in den Ferien bestimmt nicht macht (lacht).
Sie haben türkische Wurzeln. Auf welche Wendung in Ihrer Familiengeschichte gehen die zurück?
Meine Ururgrosseltern sind von Deutschland aus in Richtung Orient aufgebrochen. Meine Grossmutter kam in Istanbul zur Welt, mein Grossvater im Auftrag einer Schweizer Firma aus Basel in die Stadt. Nach einiger Zeit in der Türkei kehrte das Paar mit ihrem ersten Sohn zurück in die Schweiz. Die Kollers zogen aber nicht ins weltoffene Basel, sondern nach Moutier, was für meine Grossmutter eine reine Katastrophe war. Nach kürzester Zeit war sie todunglücklich und eröffnete ihrem Mann, sie werde zurück an den Bosporus reisen. Dort kam bald darauf mein Vater zur Welt. Als er achtzehn wurde, reiste er in die Schweiz, um zu studieren.
Was verbindet Sie heute noch mit dem Land am Bosporus?
Ich bin mit meinen Eltern und später auch allein nach Istanbul gereist. Durch meine Kindheit ist mir vieles aus der Türkei vertraut: Lammfleisch, orientalische Gewürze, Mezze, Ornamentik, Möbel, Teppiche oder Geschichten aus dem Morgenland. Die aktuelle politische Entwicklung in der Türkei macht mir allerdings grosse Sorgen.
Reisen und Kochen – und vor allem gutes Essen – ergänzen sich in wundervoller Weise. Welchen Stellenwert haben Kochen und Essen in Ihrem Leben?
Wie ein Mensch einkauft, was und wie er kocht und isst, sagt sehr viel über seine Persönlichkeit aus. Wie ein Esszimmer oder eine Küche aussieht, gibt Hinweise auf die Genussfähigkeit der Person. Essen ist für mich etwas Soziales, weit entfernt von blosser Ernährung. Mit meiner Frau, meinen Töchtern oder mit Freunden an einem Tisch zu sitzen und sich dabei austauschen, ist mir sehr wichtig.
«Wenn man zu Fuss geht, bleibt das Erlebte besser im Gedächtnis»
Sie sind in Ihrer Rolle als Botschafter des Vereins «Comundo», aber auch privat viel gereist. Welches ist Ihr Lieblingsreiseziel?
Lieblingsländer sind vermutlich jene, die einem ans Herz wachsen, weil man mehrmals da war. Bei mir gehören Peru, Ecuador, und Kolumbien dazu. Aber ich bin auch wahnsinnig gern in den USA. Ich schätze die landschaftliche Vielfalt und die Gastfreundschaft der Amerikaner. Mir ist es aber immer wichtig, auf Reisen etwas aus eigener Kraft und im eigenen Tempo zu entdecken. Wenn man zu Fuss geht, bleibt das Erlebte besser im Gedächtnis.
Sie engagieren sich für Jugendliche. Was gab den Anlass dazu?
Irgendwann wurde mir bewusst, welch privilegiertes Leben ich führe, daher wollte ich etwas Gutes tun. Heute bin ich für Comundo als Botschafter und Multiplikator unterwegs. Dieses Jahr stehen einige Projekte im Vordergrund, die auf Jugendliche abzielen. Junge Menschen sind unsere Zukunft. Daher müssen wir in sie investieren und sie fördern, vor allem über Bildungsangebote aller Art.
Der Fernsehsendung «Happy Day» sagt man nach, sie hätte Sie nicht nur zu einer in der ganzen Schweiz bekannten Persönlichkeit, sondern auch zu «Everybody’s Darling» gemacht. Mögen Sie den Spitznamen?
Es geht so. Aber wenn man beim Fernsehen arbeitet, sucht man ein Stück weit das Rampenlicht (schmunzelt). Es wäre ja komisch, wenn man sagen würde, dass einen das stört. Wichtig ist, dass man zu dem steht, was man macht. Das fällt mir leicht, weil «Happy Day» meine eigene Sendung ist. Einiges in dieser Sendung ist auf meinem Mist gewachsen.
Viele Menschen haben eine gewisse Erwartungshaltung an Sie. Wie gehen Sie damit um?
Es gibt Situationen, in der eine wildfremde Person auf mich zusteuert und mir zur letzten Sendung gratuliert oder sich auf meine Bücher bezieht. Das sind natürlich die schönen Momente, die einem guttun. Ab und zu ist es mir aber nicht danach, mich zu unterhalten, was ich dann durchaus auch sage. Ich muss damit leben, dass ich die Menschen manchmal auch enttäusche. Das gehört dazu.
Überwiegend machen Sie Menschen aber glücklich, im Fernsehen und auch privat. Worauf basiert Ihr Talent, Freude zu verbreiten?
Ein Teil ist Vererbung, vor allem von meiner Mutter. Sie hatte Kinderlähmung, doch sie hat drei Kinder grossgezogen und wir haben eigentlich nichts von ihrer Krankheit bemerkt. Sie war – und ist immer noch – ein Vorbild für mich. Wichtig ist zudem, eine gewisse Zufriedenheit zu erlangen mit dem Erreichten – also nicht immer noch mehr zu erwarten und permanent auf andere zu schielen. Ich bin auf einem ganz hohen Niveau privilegiert und führe ein wirklich tolles Leben. Wenn es das Glück gut mit einem meint, sollte man es wahrnehmen und es geniessen können.
Woher rührt Ihre beinahe grenzenlose Lust, Geschichten zu erzählen?
Mein Grossvater mütterlicherseits war Mundart-Schriftsteller. Dann war da auch meine Grossmutter von Vaters Seite. Sie war zwar ein Drachen, aber in ihren besten Zeiten eine hervorragende Erzählerin. Als Kind nannte man mich oft einen Schwafler, eine Plaudertasche oder einen Frögli. Sogar in meinen Zeugnissen stand geschrieben, dass ich im Unterricht viel schwatzte. Vor den Ferien schrieb eine Lehrerin einmal: «Jetzt kannst Du zwei Wochen durchgehend schwatzen» (lacht). Tja, und später verdiente ich mir damit meinen Lebensunterhalt.
Dank Ihrer TV-Tätigkeit führen Sie Gespräche mit Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Wem würden Sie gerne einmal gegenübersitzen?
Heute ist es eigentlich möglich, fast jede Person auf diesem Planeten vor ein Mikrofon zu kriegen. Wenn jemand ein neues Album herausgebracht oder ein neues Buch geschrieben hat, geht er auf Promo-Tour. So kann man zum Beispiel Mick Jagger oder Herbert Grönemeyer problemlos für ein Interview gewinnen. Sehr gerne würde ich einmal meine Moderationskollegin Ellen DeGeneres zum Gespräch treffen. Aber ich mache mir keine Illusionen, solche Leute können auch echt schwierig sein.
War es Zufall, dass «Umwege» an Ihrem 60. Geburtstag erschien?
Es ist kein Zufall, dass ich das Buch nicht schon mit 30 geschrieben habe. Man geht ja so ein Projekt eher in einer späteren Lebensphase an. Menschen in meinem Umfeld meinten allerdings auch, dass es etwas früh sei für eine Autobiografie. Aber wer weiss, wie viele Jahre einem vergönnt sind.
Mit «Umwege» blicken Sie auf Ihr bisheriges Leben zurück. An welcher Weggabelung sehen Sie sich in acht Jahren, wenn Sie siebzig werden?
Wie es mit «Happy Day» weitergeht, ist schwer zu sagen, weil sich die TV-Landschaft rasant verändert. Ich weiss auch nicht, ob ich in acht Jahren noch immer die Lust dazu habe. Was es bei mir aber niemals geben wird, ist ein Punkt, an dem meine beruflichen Tätigkeiten auf einen Schlag enden. Ich vermute, es wird langsam und allmählich weniger werden. Vor allem möchte ich es so handhaben können, dass ich den Abgang bestimme, und nicht jemand anders für mich.
In Ihrem Buch erzählen Sie freimütig von Abstechern und Sackgassen. Was hat Ihr Leben nachhaltiger geprägt: Umwege oder die Überholspur?
Auf jeden Fall die Umwege! Eigentlich war ich mein ganzes Leben lang nie auf der Überholspur, ich bin kein Blender. Klein anfangen, etwas wachsen lassen, hegen und pflegen und weiterbringen – das entspricht mir sehr viel mehr, als am Anfang grosse Erwartungen zu schüren, die ich nachher nicht erfüllen kann.
Als Medien-Profi nutzen Sie Ihr Handy auch auf Reisen. Sind Ihnen dabei schon einige Tage «Digital Detox» aufgebrummt worden, weil es einfach kein WLAN gab?
Das ist mir tatsächlich schon einige Male passiert, gerade auf Schiffen. Als Reisebegleiter war ich mehrere Male in der Arktis. Da kann es passieren, dass man fünf Tage keine Verbindung nach aussen hat, genauso im Dschungel in Südamerika oder bei Projektbesuchen für Comundo in Afrika. Witzig ist der Moment, an dem man abrupt wieder Empfang hat – dann klingeln und piepsen plötzlich Dutzende Telefone auf einmal munter drauflos (lacht).
Auf eine Internetverbindung können Sie auf Reisen also – zumindest mal für eine gewisse Zeit - gut verzichten. Welche fünf Dinge aber müssen Sie auf Reisen immer dabeihaben?
Sicher einmal mein Handy und ein Laptop. Ich bin ein Computermensch, ich muss auf Reisen arbeiten und kommunizieren können - wenn eine Netzverbindung da ist. Wichtig ist für mich auch adäquate Kleidung für das Reiseziel. Und es lohnt sich immer, gute Schuhe mitzunehmen. Reisen bedeutet für mich nämlich oft wandern, sehen und beobachten. Seit einigen Jahren nehme ich daher einen hochwertigen Feldstecher mit sowie eine gute Kamera. Und egal wo und wann, auf einer Reise finde ich immer Zeit zum Lesen. Je nachdem, wie lange ich auf Achse bin, habe ich entweder eBooks oder «richtige» Bücher dabei. Ausserdem bin ich ziemlich lärm- und lichtempfindlich. Seit Jahren reise ich mit meiner erklärten Geheimwaffe: einer Rolle Klebeband! Nachdem ich ein Hotelzimmer beziehe, kann es eine ganze Weile dauern, bis ich alle störenden Lichtquellen – die LED-Anzeige des Weckers, des Fernsehens oder der Klimaanlage, den blinkenden Rauchmelder und ähnliches - abgedeckt habe (lacht).