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Als Instruktorin auf den Salomon-Inseln
Ein Email- und Telefon-Interview des Webmasters mit Petra
Breiting (Bilder: P. Breiting)
Frau Breiting, was sind Sie von Beruf?
Diplomierte Operationsschwester im Spital Bern Tiefenau und AO
Instruktorin für Operationspersonal in der Schweiz.
Wieso haben Sie gerade die Salomon-Inseln als Ort für
einen Einsatz gewählt?
Es war ein Traum von mir, einmal in meinem Leben mein ganzes
berufliches/fachliches Wissen weitergeben zu können. Und
zwar dort, wo es wirklich gebraucht wird.
Wie und wo haben Sie sich angemeldet?
Ich habe Hermann Oberli vor Jahren an einem AO-Kurs als Gast
"erlebt". Er hat den Kursteilnehmern von seiner Arbeit auf den
Salomonen erzählt. Ich hatte anschliessend die Gelegenheit,
mit ihm ein längeres Gespräch zu führen und habe
ihn dann gefragt, ob ich einmal bei ihm tätig sein kann.
Wann und wie lange waren Sie auf den Salomon-Inseln?
Im März/April 2000 während 5 1/2 Wochen.
Was war Ihr erster Eindruck nach der Ankunft?
Es ist garnicht sooo schlimm, wie ich es erwartet habe.
Freundliche Menschen um mich herum.
Was haben Sie sich denn "schlimmer" vorgestellt?
Die Armut und die Infrastruktur. In Honiara gibt es auch sehr
schöne Stadtteile und Infrastrukturen sind vorhanden, wenn
auch nicht in der von uns gewohnten Qualität. Strom- und
Wasserversorgung z.B. fallen immer wieder einmal aus.
Was überraschte Sie positiv?
Dass ich mit offenen Armen empfangen wurde. Die Dankbarkeit der
Bevölkerung; z.B.: fast jeder Taxifahrer hat sich mit
folgenden Worten von mir verabschiedet: "Danke, dass Du in unser
Land gekommen bist, um uns zu helfen." Die gleichen Worte kamen
auch von den Nachbarn meiner Unterkunft, als ich mich von ihnen
verabschiedet habe. Hilfsangebote von anderen
"Entwicklungshelfern" aus Australien. Sie waren völlig
überwältigt, dass ich ohne Hilfsorganisation, aus purem
Idealismus und ohne fremde finanzielle Unterstützung meinen
Einsatz geleistet habe.
Was überraschte Sie negativ?
Der Hass zwischen den Rebellengruppen.
Gab es bürokratische Hürden?
Nein.
Wo wohnten Sie?
Ich hatte ein Zimmer in einem Haus.
Wie haben Sie Ihre "Wohnung" gefunden?
Durch einen Arzt, der lange in Honiara gearbeitet hat. Er hat
einem seiner Freunde eine Mail geschickt. Und das war's!
Was kostete das Zimmer?
Ich konnte gratis dort wohnen.
Was war Ihre Arbeit im Spital?
Schulung des Operationspersonals in Bezug auf
Orthopädie/Traumatologie, sowie das "Abarbeiten" einer
riesigen "Wissens-Wunschliste" des OP-Personals.
Zur Schulung selbst kann ich noch sagen, das ich keinerlei
Hilfsmittel zur Verfügung hatte. So musste ich z.B. eine
Schraubenosteosynthese mit einem Apfel demonstrieren. Das wurde
letztes Jahr auch im Schweizer Fernsehen gezeigt. Die beiden
Herren, die fürs Fernsehen gedreht haben, waren total
begeistert. Bücher etc. hatte ich auch nicht dafür mit,
da ich nicht wusste, was genau geschult werden sollte.
Man hat also gerne von Ihnen gelernt und Ihnen viele Fragen
gestellt?
Ja. Die Schwestern waren auch sehr dankbar für Tipps, die
unter den gegebenen Bedingungen anwendbar sind, z.B. Desinfektion
durch Abkochen, selber herstellen von Tupfern, etc. Schwestern
sind oft extra ins Spital gekommen, um an dem Unterricht
teilzunehmen. Nach dem Unterricht hat man einmal (unaufgefordert)
das Gelernte im Chor repetiert!
Haben die Schwestern schnell und dauerhaft von Ihnen
gelernt?
Ja, nach einem meiner Ausflüge haben sie mir stolz
erzählt, was sie vom Gelernten bei der letzten Operation
alles angewandt haben.
Wie waren die Arbeitszeiten?
07.30 - 16.00/17.00 Uhr
Wie wurden Sie von Kollegen/Vorgesetzten im Spital
aufgenommen?
Herzlich und voller Erwartung.
Wie beurteilen Sie die Arbeit des einheimischen
Spitalpersonals aus Ihrer Sicht?
Unter den herrschenden Umständen - sehr gut. Allerdings
gibt auch hier Ausnahmen - nur das Nötigste arbeiten.
Wie beurteilen Sie die Arbeit der ausländischen
Helfer?
Gut und hoch motiviert.
Wo haben Sie normalerweise gegessen?
In der Kantine. Die Menütafel (rechtes Bild) bleibt immer
unverändert...
Woraus bestand ein typisches Frühstück,
Mittagessen, Abendessen?
Für mich typisch, da die Küche in dem Haus, in dem ich
ein Zimmer hatte, nicht benutzbar war (total verdreckt und das
Geschirr und Kochgeschirr noch dreckiger):
|morgens
||Toast und Kaffee

|mittags
||in der Kantine: rice and meatballs / meatballs and rice

wenn ich zu spät kam: eine gekochte Banane
|abends
||Toast und Aufschnitt und ein Solbrew - Bier,

das auf den Salomonen nach deutschem Reinheitsgebot gebraut
wird!
Wie hoch waren die Kosten für das Essen?
11SBD = ca. CHF 3.60 für das Essen in der Kantine.
Wenn Sie selbst gekocht haben, wo haben Sie eingekauft?
In einem Einkaufscenter,an dem ich auf meinem Heimweg mit dem
"Bus" (siehe Bild links) vorbeigekommen bin.
Was kostet eine Busfahrt?
SBD 1.50 = ca. CHF -.50
Hatten Sie auch private Kontakte zu Einheimischen?
Nur zum Hauseigentümer und dessen Bruder, der ebenfalls in
dem Haus wohnte.
Wie wurden Sie als Frau behandelt?
Respektvoll.
Sind viele einheimische Frauen berufstätig?
Es sind sehr viele Frauen berufstätig - Bank,
Geschäfte, Hotels, Reisebüro, Schulen und Spital.
Und wie sind ihre Chancen aufzusteigen?
Soweit ich es mitbekommen habe, gut.
Was hat Ihnen auch am Ende Ihres Aufenthaltes immer noch
Mühe bereitet?
Der drohende Bürgerkrieg, die wirklich Armen; die
anscheinende Gleichgültigkeit mit der Menschen in den Tag
leben (keine Arbeit). Die Invasion von Touristen eines
Kreuzfahrtschiffes, die keine Ahnung von der Kultur des Landes
hatten und eigentlich ein Tabu nach dem anderen brachen.
Würden Sie wieder auf den Salomon-Inseln arbeiten?
Ja, ich werde nächstes Jahr im April/Mai wieder dort
tätig sein.
Woran denken Sie besonders gerne zurück?
An das Operationsteam im NRH Honiara und all die anderen
Mitarbeiter, die ich kennengelernt habe. An die Menschen aus
Australien, England und Schottland,die als Entwicklungshelfer
tätig waren und die ich während meiner
Wochenendaufenthalte im Hotel Mendana kennengelernt habe. Diese
Menschen sind mit einem grossen Enthusiasmus und Idealismus
dabei.
An die Paradiese, die ich beim Reisen über die Western
Provinces gefunden habe.
Und an traumhafte Tauchgänge im Südpazifik.
Was brauchte am meisten Umgewöhnung nach der
Rückkehr in die Schweiz?
Wieder zu "verschwenden", anstatt zu sparen. Wir müssen uns
an CE Normen halten und in Honiara sind alle froh, überhaupt
Material zum Arbeiten zu haben.
Was konnten Sie an die Einheimischen weitergeben?
Mein ganzes fachliches Wissen.
Was haben Sie von den Einheimischen gelernt?
Nicht immer soooo hektisch/stressig arbeiten.
Welche Tipps würden Sie einer Frau (oder auch einem
Mann) geben, die (der) auf den Salomon-Inseln arbeiten
möchte?
Sehr gute Vorbereitung auf den Einsatz,keine Illusion vom
Südseeparadies. Es gibt immer wieder Tage, an denen mal
wieder kein Wasser da ist. Da heisst es improvisieren.
Sehr gute Englischkenntnisse, auch Fachenglisch! Ansonsten
kann man sich ja wohl kaum verständigen.
Sich sehr gut über die Kultur informieren,es gibt immer
noch Tabus!!!
Können Sie einige Beispiele für solche Tabus
geben?
Einheimische Frauen dürfen sich barbusig zeigen, das gilt
aber nicht für Fremde! Oberschenkel von Frauen müssen
bedeckt sein, also keine superkurzen Short tragen. Einheimische
Männer dürfen Hand in Hand gehen (ein Zeichen für
Freundschaft), das gilt aber nicht für Fremde. Vor dem
Fotografieren von Personen oder Dingen immer fragen! Nie ein Dorf
unaufgefordert betreten, am Rande des Dorfes stehen bleiben und
warten bis der Chef des Dorfes einlädt. Religion: es gibt
verschiedene Glaubensrichtungen, man soll es dabei bewenden
lassen. Kritik oder Diskussionen sind nicht erwünscht!
Gibt es noch weitere Fragen und Antworten, die Ihnen
wichtig sind?
Ich habe in der ganzen Schweiz Kontakte zu Berufskollegen in den
Spitälern, sowie zu sehr vielen Firmen. Ich möchte auf
diesem Weg Allen für die Unterstützung, die sie Hermann
Oberli und seinem Projekt zukommen lassen, danken. Ich
schätze es sehr, dass aufgrund meiner Berichte sehr viele
Hilfsgüter auf die Salomonen gelangen. Angefangen von
Kinderschuhen, die Arbeitskollginnen spenden, bis hin zu
ausrangierten Materialien aus der Operationsabteilung vom Spital
Bern Tiefenau und aus anderen Spitälern sowie Produkte, die
von Firmen gespendet werden.
Gibt es unter den Bildern, die Sie gemacht haben ein
Lieblingsbild?
Nein. Ein Lieblingsbild habe ich nicht. Alles was ich gesehen
habe, ist für mich EIN Bild.Ein Ganzes, das ich erlebt habe.
Es ist schwer, so etwas festzuhalten. Am ehesten noch die
folgenden Bilder vom Seiteneingang des Spitals zum Ambulatorium,
Röntgen, etc. und dem Warteraum der orthopädischen
Werkstatt. Die Tafel beim Spitaleingang (in der Bildmitte) ist
ein Aufruf an die Mütter ihre Kinder zu stillen, und das
Wandbild im Warteraum hat sehr viel Bedeutung für die
Patienten. Der Mann ohne Hände schreibt mit dem Fuss an die
Wand: "It's not being normal that's important - but learning to
accept being different. to live and love as ful[l] as we can!"
Und die Person im Rollstuhl zeichnet ein Herz neben dem steht:
"AND LET LIVE!".
Vielen Dank für das Interview, Frau Breiting.
© August 2001 <email-pii>