Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/1488

Das Problem des Äthers ist keines unserer Gegenwart. Von den Griechen als «quintia essentia», als fünftes Element betrachtet, hat sich der Äther quer durch abendländische Geistes- und Naturgeschichte gewissermassen verflüchtigt. Über den Äther nachdenkend hat Einstein seine Relativitätstheorie gewonnen und damit exakt diesen Äther endgültig abgeschafft. In seiner Poetikvorlesung «Im Äther / In the Ether» für das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Mass. zeichnet der Schriftsteller Perikles Monioudis eine kurze Geschichte des Äthers nach, an deren jüngstem Ende vielleicht so etwas wie eine Renaissance möglich wird. In der Quantenphysik taucht der Begriff neuerdings als «Leerstelle im neuen Konzept» wieder auf. «Neuer Raum, Vakuum, Leerstelle – der Äther hatte in physikalischen Zusammenhängen stets dann seinen Auftritt, wenn ein Mangel benannt und dieser damit verdeckt oder vorübergehend verdeckt werden sollte.»
Dieses Defizit rührt an eine andere Disziplin, in der es Vakuum, Leerräume gibt, ohne dass sie recht benannt werden könnten: die Poesie. Monioudis, der Autor und zugleich «Hochgeschwindigkeitstelegraphist» ist – sich also zweifach Funken sprühend im Äther bewegt –, unternimmt eine poetologische Gegenüberstellung von Poesie und Wissenschaft. Er legt es dabei nicht auf das Trennende, sondern auf das insgeheim Verbindende an. «Dichtung als Kategorie der Wissensgewinnung?» – Der Äther als Fluidum zwischen harter und weicher Empirie. Dass dies nicht nur mit Leichtigkeit von der Hand geht, versteht sich. Wissenschaft wie Poesie begegnen sich an einem komplexen dritten Ort. Die Erzählfigur eines Funkers, der Gedichte schreibt und die meiste Zeit auf hoher See verbringt, hilft den Kasus zu erahnen. Musterbeispiele aus der griechischen Lyrik veranschaulichen, worum es Monioudis geht, etwa ein Haiku von Dimitrios Antoniou: «Kam von Ferne her / Abschied genommen, nehme / ich meinen Abschied.»
Der Funker alias Monioudis horcht die Resonanzfrequenz ab, testet die feinen Isolatoren, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Wörter wie Funksignale funktionieren. Beim Funken gelte «das Gebot der kleinsten Leistung», um Strom zu sparen – vordergründig. Ähnliches geschieht in der Poesie: «Das Wort, das alle anderen Wörter in der Zeile speiste, durfte vom Sender, den der Funker wieder als die Aussage der Gedichtzeile begriff, nur mit der nötigen Leistung versorgt werden – keinesfalls stärker.» Das einfachste ist das richtige Wort. Dahin gelangt Monioudis in seinem Gedankengang, ohne dort freilich innezuhalten. Antworten mag der Funker nicht, nur fragen, deshalb zieht er sich wieder diskret in den Äther zurück.
vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern
Perikles Monioudis: «Im Äther / In the Ether». Aachen: Rimbaud Verlag, 2007.