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(Photo par Adrian Michael)
Die grösste und schönste Burganlage des Vorderrheintales ist Jörgenberg oder St
Georgenberg, deren Ruinen auf einem Felsenplateau unterhalb Waltensburg zu sehen sind. Der Wanderer erblickt die Türme schon vom Tale aus. Auf drei Seiten fällt das Terrain steil ab, auf der vierten Seite trennt ein Graben die Burg vom Abhange.
Die Burg umfasste einst mehrere Gebäude, Gärten und Höfe. In ihr stand die dem hl. Georg geweihte Kirche, welche dem Berge und der Burg den Namen gab.
Die Ruinen sind heute noch gut erhalten und jedem Burgenfreund kann der Besuch der restaurierten Burg nur wärmstens empfohlen werden. Auch der Haupteturm ist noch gut erhalten. Von der Kirche steht nur mehr der Turm.
Jörgenberg war altes fränkisches Königsgut. Diese hatten die Kirche ihrem EigenkIoster Pfäfers geschenkt, unter dessen Besitzungen wir sie zu Beginn des 9. Jahrehunderts finden. Es ist die Rede von der Kirche des hl. Georg im Schlosse (in CastelIo). Die Anlage hatte also noch keinen speziellen Namen, genau wie die übrigen Castella in Graubünden. Es handelte sich schon damals um ein ausgedehntes befestigtes Gebiet, da für einzelne Türme oder Burgen in damaliger Zeit nicht der Ausdruck Castellum, sondern Castrum gewählt wird.
Wer Inhaber des Reichslehens war, entzieht sich lange Zeit unserer Kenntnis. Das Dunkel lichtet sich erst im 14. Jahrhundert. Damals hatten die Herren von Fryberg die Burgen Jörgenberg und Fryberg bei Seth inne. Sie standen auf Seiten der Freiherren von Vaz und wurden auch in deren Fehden verwickelt. Die Folge davon war, dass sich die grosse Koalition rätischer Adeligen, die sich 1333 gegen die Vaz bildete, auch gegen sie wandte. An der Spitze der Bewegung standen der Bischof von Chur, der Abt von Disentis, die Grafen von Werdenberg-Sargans, sowie die Freiherren von Belmont, Montalt und die Sax. Es gelang ihnen, die Freiherren von Räzüns unter schweren Bedingungen zum Beitritt zum Bündnis zu bewegen. Diesen sollten unter anderm die Burgen Jörgenberg und Fryberg zufallen, wenn sie von den Verbündeten eingenommen würden. Obwohl wir über den Ausgang der Fehde nicht unterrichtet sind, lassen uns spätere Ereignisse deren Resultate vermuten. So neigen wir der Annahme zu, genannte Burgen seien wirklich erobert worden. Zu diesem Schlusse führte folgende Überlegung. Mit Donat von Vaz war das Freiherren-Geschlecht zwischen 1335 und 1337 ausgestorben. Die Fryberg hatten ihre mächtige Stütze verloren. Die Freiherren von Räzüns beanspruchten deren Burgen, gestützt auf den Vertrag von 1333. Was sollte Rainher von Fryberg tun? Die rätischen Dynasten waren alle gegen ihn. Da suchte er Schutz bei den Herzogen von Österreich, denen er seine beiden Burgen abtrat, um sie dann als österreichisches Lehen neu zu empfangen. Nach dem Tode Reinhers (1342) übertrugen die Herzoge von Österreich die Burgen als heimgefallenes Lehen auf die Grafen von Werdenberg. Dagegen erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der sich in einer Fehde der Freiherren von Räzüns und ihrer Helfer gegen die Werdenberger Luft machte. Im Friedensschlusse von 1343 wurde das Schicksal der umstrittenen Burgen einem Schiedsgerichte anheim gestellt, das sie endlich den Freiherren von Räzüns gegen eine Entschädigung zusprach.
So besassen die Freiherren von Räzüns eine geschlossene Herrschaft "St. Georgenberg", die sie durch Vögte verwalten liessen. Bei den Räzünsern verblieb die Herrschaft bis 1458. Damals ging sie in den Besitz der Grafen von Zollern über. Diese hatten an ihrer neuen Herrschaft keine grosse Freude. Als Ausländer sah man sie nicht gerne. Zudem waren die Untertanen rebellisch, ja, sie verweigerten ihnen geradezu die Huldigung. Diese Vorgänge, über die eine Handschrift im bischöflichen Archive zu Chur berichtet, dürften den historischen Kern der Sage von der Vertreibung des bösen Jörg von Jörgenberg darstellen. An die Stelle der Grafen von Zollern trat der letzte Freiherr von Räzüns namens Georg oder Jörg. Er lebt auch sonst noch in der Sage fort. Im Jahre 1472 verkaufte Graf Jos. Niklaus von Zollern die Herrschaft Jörgenberg dem Abte von Disentis. Im Besitze des Klosters verblieb die Herrschaft bis 1539. Die Stürme des Reformationszeitalters hatten das Benediktinerstift um seine weltliche Gerichtsbarkeit gebracht, welche die Vögte zu St Georgen bergausübten. An jene Zeiten erinnert noch der gemauerte Galgen, der unweit der Burg zu sehen ist. Der Käufer von 1539 war Mathias Rung von Waltersburg.
Schloss und Kirche waren damals noch gut erhalten. Mathias Rung überliess das Schloss 1580 dem L. Gandreya. Im Jahre 1705 verkauften es dessen Nachkommen an die Gemeinde Waltensburg, welcher die Ruinen noch heute gehören. Als der Abt von Disentis der Gemeinde Waltensburg 1734 alle seine Rechte käuflich abtrat, behielt er den Titel Herr zu Jörgenberg als Reminiszenz an vergangene Herrlichkeit. Die Ruine ist mit Hilfe der Cadonau-Stiftung vom Schweizerischen Burgenverein in den Jahren 1931/32 sorgfälltig instand gestellt worden.
(Photo par Adrian Michael)
Bibliographie