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Politische Kulturen maritimer Gesellschaften
Ein Standardsatz der Europageschichte lautet, der Kontinent habe ab Beginn der Neuzeit um 1500 über die Meere ausgegriffen. Das Mittelalter erscheint dabei, auch im Gegensatz zur mediterranen Antike, als «kontinentale», landgestützte Epoche, charakterisiert durch Burgen, Reiterkrieger, Grundherrschaft und Agraraufschwünge. Dieser Wahrnehmung tun auch maritime Formationen wie Venedig, das dänisch-englische Nordseereich, die Krone Aragon oder die Hanse keinen Abbruch.
So gilt «Seeherrschaft» bislang vor allem als die Frage nach dem Streben primär landgestützter Reiche, Herrscher, Städte nach Expansion, Exploitation, nach Kontrolle des Raumes ‹Meer› und der Küstenstreifen. Aber wie verhält es sich mit der politischen Verfasstheit von See- und Küstengesellschaften? Sind maritime Flächen und Ränder vielleicht als Räume originärer, sich von landbasierter Herrschaft markant unterscheidender politischer Kulturen zu verstehen?
Bei den am Lehrstuhl betriebenen «Thalasokratie»-Forschungen geht es also nicht um Herrschaft über die See, sondern um die Eigenheiten politischer Kulturen auf See (und an ihren Küstenrändern). Kann von ‹Herrschaft› die Rede sein, oder entziehen sich Vergesellschaftung und Domination auf Seeflächen den gewohnten Kategorien der Mediävistik? Welche besonderen Lebensformen und Handlungsoptionen sind bei der Untersuchung seebasierter Politik in Rechnung zu stellen?
2005 fand am Zentrum für Ostseestudien der Universität Gotland in Visby die von Nils Blomkvist und Jan Rüdiger organisierte internationale Tagung «Medieval Thalassocracies - Kingdoms of the Northern Seas» statt. Seitdem gab es mehrere Tagungen (2008 Kolloquium am Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein auf Schloss Gottorp in Schleswig; 2010 Sektion «Über die Küsten hinaus - Thalassokratien im Mittelalter» am 48. Deutschen Historikertag in Berlin) und inzwischen eine Reihe von Publikationen aus dem Umfeld der Frankfurter und nun Basler Forschungen.