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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität
18. Kapitel. Kein Geschenk Gottes ist herrlicher als die Liebe.
32. Kein Geschenk Gottes ist erhabener als dieses. Dies allein scheidet die Söhne des ewigen Reiches und die Söhne des ewigen Verderbens. Es werden durch den [S. 302] Heiligen Geist auch andere Geschenke gegeben, aber ohne die Liebe nützen sie nichts. Wenn also jemandem nicht der Heilige Geist in dem Maße verliehen wird, daß er ihn zu einem Liebhaber Gottes und des Nächsten macht, dann wird er nicht von der Linken auf die rechte Seite hinübergeführt.1 Auch hat der Geist den Eigennamen Geschenk nur wegen der Liebe. Wer sie nicht hat, wäre, auch wenn er mit den Zungen der Menschen und Engel redete, ein tönendes Erz und eine klingende Schelle; und wenn er die Gabe der Prophetie hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Wissenschaft besäße, und wenn er allen Glauben hätte, so daß er Berge versetzen könnte, wäre er dennoch nichts, und wenn er auch all sein Vermögen verteilte und seinen Leib zum Verbrennen hingäbe, es nützte ihm nichts.2 Wie groß muß also jenes Gut sein, ohne das selbst so große Güter niemanden zum ewigen Leben führen können! Sie aber, die Zuneigung oder die Liebe — die zwei Worte sind ja nur Bezeichnung einer Sache —, führt jenen, der nicht in Sprachen spricht, nicht die Gabe der Prophetie hat, nicht alle Geheimnisse weiß und alle Wissenschaft besitzt, nicht alles an die Armen verteilt, entweder weil er nichts hat, um es zu verteilen, oder weil er durch irgendeine Not gehindert ist, der seinen Leib nicht zum Verbrennen hingibt, weil sich für dies Leiden gar kein Anlaß bietet, zum Reiche — so macht auch den Glauben nur die Liebe nützlich. Ohne Liebe kann der Glaube zwar bestehen, aber nicht nützen. Deshalb sagt auch der Apostel Paulus: „In Christus Jesus bedeutet weder die Beschnittenheit etwas noch die Vorhaut, sondern nur der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.“3 Er unterscheidet ihn so von jenem Glauben, in dem auch die Dämonen gläubig sind und zittern.4 Die Liebe also, die aus Gott ist und Gott ist, wird als Eigenname für den Heiligen Geist verwendet, durch den die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist, durch welche [S. 303] die ganze Dreieinigkeit in uns wohnt. Deshalb wird mit vollem Rechte der Heilige Geist, obgleich er Gott ist, auch Geschenk Gottes genannt.5 Was soll man unter dem Geschenke Gottes sonst verstehen als die Liebe, die zu Gott führt und ohne welche ein beliebiges anderes Geschenk Gottes nicht zu Gott führt?
1: Matth. 25, 33.
2: 1 Kor. 13, 1―3.
3: Gal. 5, 6.
4: Jak. 2, 19.
5: Apg. 8, 20.