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B30 Christliche Symbolik in der Musiklehre?
Einführung
Christliche Symbolik in unserem Tonsystem? Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Aus grösserem Abstand betrachtet haben wir es mit einem Weltbild zu tun. Nähern wir uns dem Thema daher zunächst von kosmischer Seite:
Die astronomischen Verhältnisse sind, wie sie sind. Der Götterhimmel der Ägypter, der Griechen, der Römer und der Christen war jedoch ein jeweils eigener. Wir hören vom ägyptischen Sonnengott Ra, vom griechischen Sonnengott Helios, vom römischen Sonnengott Apollon sowie von Christus, der von sich sagt: "Ich bin das Licht der Welt". Joh.8,12 Der Astronom Andreas Cellarius (1596-1665) entwarf christliche Sternbilder, deren allgemeinverbindliche Umsetzung es uns ermöglicht hätte, am Nachthimmel u.a. die Arche Noah zu identifizieren.
Mit der Musik ist es nicht anders. Die Physik der schwingenden Saite ist, wie sie ist. Pythagoras, Euklid, Aristoxenos, Archimedes u.v.a. haben sich damit befasst und den Erscheinungsformen Namen gegeben. Wie wir wissen, wurden diese von den Römern übernommen, da die lateinische Sprache, wie es uns der römische Schriftsteller Aulus Gellius (2. Jh.) mitteilt, keine Äquivalente für deren Ausdrücke kannte. Die heute noch verwendete Namensgebung (Prim, Sekund, Terz usw.) und die Bezugnahme zur. Hl. Schrift fallen daher in die Zeit des frühen Christentums.
Was sich gegenüber den Griechen veränderte, fördert ein Vergleich zutage. Die Tonfolge, welche Pythagoras zugeschrieben wird, besteht aus 5 Ganzton-, und 2 Halbtonschritten. 5 Ganze und 2 Halbe ergeben 6. Die Christen entschieden sich jedoch für eine Durchnummerierung der Stufen, wobei Halbe als Ganze gezählt wurden. So kam man mit der damaligen Inklusivzählung (die den Ausgangspunkt mitzählt) auf 8, den 8 Himmelssphären-, den 8 Wochentagen-, der Auferstehung am 8. Tage- und den 8 Seligkeiten entsprechend. Doch wie gelangt man zur Seligkeit? Über die 7Gaben des Hl. Geistes: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit.
Jakobsleiter
Aufgrund der Analogie zur Jakobsleiter sprechen wir heute von Tonleitern - imaginäre Himmelsleitern - dafür braucht man Kirchentonarten - für jeden Anlass die geeignete. Mit «hohen» und «tiefen» Tönen kann ein Physiker nichts anfangen, denn er kennt nur raschere und langsamere Schwingungen. Und Mathematiker tun sich schwer mit der «kleinen 2» und der «grossen 3», mit der kleinen Sekund und der grossen Terz.
Der Grund für solche Unstimmigkeiten liegt darin, dass es sich bei Symbolen um willentliche Beziehungssetzungen handelt und nicht um kausale Zusammenhänge, die auch andernorts unabhängig nachgewiesen werden könnten.
Das A und Ω
C wie Christus am Anfang und am Ende der C-Dur-Tonleiter: Das nimmt Bezug auf das A und das Ω. In der Musik verkörpert die Konsonanz das Ende aller Spannungen: den akustischen Frieden. Das C wie Christus erscheint auch im Zenit des Quintenzirkels. Die arabische Musik kennt all das nicht und eröffnet Zugang zu eigenen Tonräumen.
8 Seligkeiten
Wo begegnet uns die 8 noch, die für die Christen derart wichtig war?
- in den 8 himmlischen Sphären: Für jeden der 7 sog. Wandelsterne: Sonne, Mond, Venus, Mars, Merkur, Jupiter und Saturn wurde eine eigene Sphäre angenommen. Weil in der 8. Sphäre, in der sich die festen Sternbilder befinden, keine Bewegung erkennbar war, nahm man dort Ewigkeit an: Das Reich der Götter bzw. das Reich Gottes.
- in den 8 Wochentagen (gem. biblischer Zählung ab dem Tag des Herrn, dem dies dominicus – der 1. und der 8. Wochentag fallen aufeinander)
- Heiligung des Tempels am 1. und am 8. Tage (1 Kön 8)
- 8eckige Taufbecken
- 8eckige Kanzeln
- 8 Redeteile
- 8Pass-Formen auf runden Altarplatten (Besancon) und in Kirchenfenstern (Sion)
- 8eckige Reichskrone
- 8eckige Architektur: Baptisterien, Kirchtürme, Pfalzkapelle zu Aachen, Castel del Monte
- 8 anerkannte Tonarten von 14 (so berichtet es Heinrich Loriti aus Glarus, 1488-1563)
- 8 Seligkeiten (hier legt man sich auf 8 fest, obwohl mehr erwähnt werden)
Johannes-Hymnus
Do, Re, Mi, Fa, So, La, Si, Do
Ut queant laxis, resonare fibris mira gestorum, famuli tuorum, solve polluti, labii reatum, Sancte Ioannes. Wörtl. „Auf dass die Schüler mit lockeren Stimmbändern mögen zum Klingen bringen können die Wunder deiner Taten, löse die Schuld der befleckten Lippe, heiliger Johannes.“
Im 17. Jahrhundert ersetzte Otto Gibelius das UTdurch das DO.
Evangelium
Betrachten wir die Klaviertasten durch die symbolische Brille, begegnen uns: die 13-1 (13 Tasten mit nur 12 Tonbezeichnungen) entsprechend den Teilnehmern beim letzten Abendmahl minus Judas, die 5 schwarzen Tasten entsprechend den 5 Wunden und die 8 weissen Tasten entsprechend der Auferstehung am achten Tage. Verrat – Tod – Auferstehung: die Kurzfassung des Evangeliums. Diese Symbolik findet sich auch in einer Instrumentenkonstruktion von Arnaut de Zwolle aus dem Jahr 1440. Es sind zahlreiche Instrumente mit konkreten Bibelbezügen erhalten.
Himmlisches Jerusalem
Die immaterielle Stadt Gottes mit 12 Toren (Off. 21). Zum Kreis geschlossen, werden aus dem Zusammenfall der 1 und der 13: 12 Der Radleuchter im Dom zu Hildesheim (um 1050) symbolisiert das Himmlische Jerusalem. Trotz der Beschreibung der Stadt als «viereckig angelegt und ebenso lang wie breit», stellte man sie sich demnach auch rund vor, eine gleichermassen vollkommene Form. Musica Praeludium Vitam Aeternam – die Musik ermöglicht eine Vorausahnung des Paradieses.
Schlussbetrachtung
Insgesamt ist das Anliegen erkennbar, das Kulturgut der Griechen für den Monotheismus kompatibel zu machen, wobei der ethische Gehalt unverändert übernommen werden konnte. Doch worin besteht dieser?
Die Harmonielehre hat ihren Namen von der griechischen Göttin Harmonia, der Göttin der Eintracht. Sie wird uns vorgestellt als Lenkerin eines Wagens, welcher von einem Stier, einem Greif und einem Tiger gezogen wird. Ihr wird demnach die Fähigkeit zugeschrieben, unverträgliche Charaktere zusammenspannen zu können. Erklärbar wird dies durch ihre Herkunft, denn ihr Vater Ares war Gott des Krieges, ihre Mutter Aphrodite Göttin der Liebe. Wessen Eltern derartig unterschiedliche Naturen aufweisen, muss eine besondere Art entwickelt haben, mit ihnen zurechtkommen.
Der christliche Symbolbezug trägt den Charakter einer zielgerichteten Konstruktion: Die Schrittzählung der Griechen wurde in eine Stufenzählung umgewandelt.
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Gegenüberstellung der griechischen- und der frühchristlichen Lesart des Tonsystems
Mit Hinzufügung der Chromatik ergab sich ein anderes Bild:
Das Evangelium der Tonkunst
Im Zuge der Französischen Revolution ist die Symbolik bewusst eliminiert worden - aus der Prim wurde ein Unisono - wie man auch bestrebt war, eine neue Zeitrechnung einzuführen sowie die Einführung einer 10Tage-Woche und eines 10Stunden-Tages. Das Weltbild war bereits durch Galileo Galilei und Johannes Kepler ins Wanken geraten. 1859 erschien Charles Darwins Werk "On the origin of species" und stellte damit auch die Schöpfungsgeschichte infrage.
Der ethische Gehalt hingegen hat an Aktualität und Bedeutung angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen nichts eigebüsst.
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