Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03367.jsonl.gz/732

Arnold Lunn: The Alps
Dieses kleine handliche Buch ( 256 Seiten ) ist Bestandteil einer Sammlung, die als „ Home University Library of Modern Knowledge " bezeichnet ist und von einer kleinen Gruppe englischer und amerikanischer Universitätsprofessoren herausgegeben wird. Es handelt sich dabei offenbar um Popularisierung der Wissenschaft, und der Zweck ist, leicht lesbare Bücher zu schaffen. Dies ist ein Vorzug, der leider Oberflächlichkeit in der Behandlung des Sujets nicht ausschließt. Beides, Vorzug und Fehler, teilt Mr. Lunn mit Mr. Gribble, von dem der Autor in der Vorrede sagt, daß er seinen Schriften vieles zu verdanken habe. Mr. Lunn hätte vielleicht besser daran getan, statt lange Stellen aus dessen „ Early Mountaineers ", mit Erlaubnis des Verlegers, abzudrucken, sich vorher die Aussetzungen anzusehen, welche ich ( siehe S.A.C.J.. XXXV pag. 342—3 ) und andere Kritiker an den Büchern von Gribble gemacht haben, oder wenn er Coolidge's „ The Alps in nature and history ", welche er mit Eecht das „ gründlichste Buch über jede Phase der Alpen, Sport, Soziales, Politisches und Historisches " nennt, gründlich zu Rate gezogen hätte. In der Anordnung des Stoffes folgt Lunn nicht diesem, sondern wiederum Gribble, was aus folgender Kapitelliste hervorgeht: The mediaeval attitude; the pioneers; the opening up of the Alps; the story of Mont Blanc; Monte Rosa and the Bündner Oberland; Tirol and the Oberland; the coming of the English; the story of the Matterhorn; Modern mountaineering; the Alps in littérature. Das erste dieser Kapitel ist verdienstlich, insofern es über die „ Mentalität " des mittelalterlichen Menschen gegenüber der Alpenwelt im ganzen zutreffende Bemerkungen gibt. Deutsche Leser werden freilich in Friedländers Abhandlung: Die Entwicklung des Gefühls für das Romantische in der Natur ( Darstellungen zur Sittengeschichte Roms Bd. III Kap. 8 ), englische in Freshfields „ Mountaineering and mankind " Zuver-lässigeres finden. Mehr auszusetzen habe ich an Kapitel II. Da die kitzlige Frage der Benutzbarkeit des Col du Géant als Verkehrspaß zwischen Chamonix und Courmayeur neuerlich wieder aufs Tapet gebracht wird, wäre es von Interesse, zu wissen, welcher „ romantische Kritiker " Hannibal mit Heertroß und Elefanten über ihn hat ziehen lassen. Die Erzählung von dem dreiteiligen bronzenen Altarbild, welches Rotario von Asti im M. A. auf dem Gipfel der Roche Melon, „ wo noch eine Kapelle existiert ", deponierte, ist durch Verkürzung fast sinnlos geworden, und was Lunn von der Statue der h. Jungfrau fabelt, die man vom Gipfel zu entfernen für gut fand, weil manche Pilger auf dem gefährlichen Wege zu ihr das Leben verloren, beruht auf einem leichtfertigen Mißverständnis. Hätte der Autor die ausführliche Darstellung von Coolidge in seinem „ Josias Simler " oder auch die abgekürzte in dessen „ The Alps in nature and history " aufmerksam gelesen, so wäre er inne geworden, daß der Triptych ( Lunn schreibt bezeichnenderweise tryptych ) und die Statue ein und dasselbe sind, das in der Kathedrale von Susa deponierte Monument der Besteigung vom 1. September 1358. Da auch die Besteigung der Roche Melon durch den Herrn von Villamont im Jahre 1588 und die durch den Herzog Charles Emanuel II. von Savoyen im Jahre 1659 in allen Einzelheiten bekannt sind, so begreift man kaum, wie Lunn zu dem Schlüsse kommt, die ganze alpine Geschichte dieses Gipfels sei vage. In ähnlichem Dämmerlicht gehalten ist, was Lunn über den Monboso oder Monbosa Leonardo da Vinci's schreibt. Wenn er doch schon für eine Inschrift in den Felsen oberhalb des Colle d' Olen Freshfield zitiert, so hätte er einen Schritt weitergehen und sagen dürfen, daß wir diesem die Anregung und das Beste verdanken, was bisher zur Aufhellung dieser dunklen Frage getan worden ist. Im folgenden fallen eine Reihe ärgerlicher Druckfehler oder Schnitzer auf. Die erste Besteigung des Mont Aiguille 1492 soll unter Karl VII. von Frankreich ( f 1461 ) geschehen sein; die berüchtigte Expedition der sechs Luzerner Geistlichen zum Pilatnssee wird auf 1307 ( statt 1387 — Das Versehen ist leider auch dem sonst so sorgfältigen Coolidge passiert; es stammt aus Cappellers Montis Pilati Historia, 1767gesetzt; der St. Galler Reformator Joachim von Watt ( Vadiatius ), welcher den Gnepfstein, nicht den Pilatus, 1518 erstieg, wird als „ Professor aus Wien " tituliert; Conrad Gesner, „ der Pionier der alpinen Literatur ", als „ Professor an der alten Universität Zürichdesgleichen sein Freund Marti ( Aretius ), der ebenfalls zu diesen Pionieren gehört, als „ Professor in Bern ". Und dieses alles, trotzdem ich schon Gribble gegenüber diese Anachronismen gegeißelt hatte. Recht oberflächlich ist auch, was über die „ Zürcher Professoren " Simler und Scheuchzer gesagt wird. Daß der erstere „ Gletscherpässe überschritten habe ", ist eine ganz ungerechtfertigte Vermutung; falsch ist auch, daß der letztere „ die erste genauere Schweizer Karte publiziert habe ". Daß das Thema der Drachen bei Scheuchzer Lunn Anlaß zu mehr oder weniger geistreichen Witzen gibt, ist selbstverständlich, aber doch schon ein bißchen altmodisch für einen Autor, der es begrüßt, daß Gesner die Spaße über die Flöhe im Heu vermieden hat. Besser ist das Kapitel III: die Erschließung der Alpen, abgesehen von dem sonderbaren Irrtum, den Monte Leone unter den von „ Mönchen der Umgebung " erstiegenen Gipfeln zu erwähnen. Auch mit Kapitel IV: die Geschichte des Mont Blanc, kann ich mich befriedigt erklären. An die am Schluß erzählte Geschichte, wie Jacques Balmat von zwei angeblichen Genfer Bankiers um sein sauer erworbenes Geld beschwindelt wurde, kann ich freilich nicht glauben. Aber die Geschichte ist zu pikant, als daß sich sie ein auf novellistischen Reiz erpichter Autor hätte entgehen lassen, und ich bin einstweilen nicht in der Lage, auch diese Legende zu zerstören. Wenn Mr. Lunn auf dem Gebiete des Mont Blanc von meinen Forschungen guten Gebrauch gemacht hat, so scheint er dagegen im Juli 1914 noch nicht im Besitz der Resultate gewesen zu sein, welche die Disentiser Benediktiner 1913 über das Leben und die Schriften ihres berühmten Kollegen P. Placidus a Spescha mit Hülfe des S.A.C. und gelehrter Gesellschaften Graubündens herausgegeben haben. Dennoch sind einzelne Fehler in Lunns Darstellung schwer verzeihlich. So das Geburtsdatum Speschas 1782, statt 1752, und die Angaben, daß bei dem Brand seines Klosters 1799 alle seine Notizen und Manuskripte zugrunde gegangen seien, und daß er wegen einer aufrührerischen Predigt nach Innsbruck als Gefangener abgeliefert worden sei. Der größere Teil dieses Kapitel V, die Geschichte des Monte Rosa bis 1820, gibt mir zu keinen Aussetzungen Anlaß. Einige Fehler verunzieren auch Kapitel VI: Tirol und das Oberland. 1760 ist ein falsches Datum für die erste Titlisbesteigunganderwärts wird richtiger 1739 oder 1744 zitiertes war nicht ein Sohn von Johann Rudolf Meyer dem älteren, sondern dieser selbst, welcher 1790 den Tschingelpaß überschritt; Arnold Abbühl, der Leiter der Finsteraarhornbesteigung von 1812, war nicht ein „ Träger aus dem Melchtal ", sondern,. wie sein Gefährte Huber, ein Haslitaler. Diese Konfusion sollte, einmal für allemal, aus der Literatur verschwinden. Sie kommt nur davon, daß der jugendliche Dr. Rudolf Meyer, dem noch Schillers Teil von 1805 im Kopfe stack, den kühnen Mann den „ Oberhasler Arnold von Melchtal " nannte, was dem nicht minder romantischen Zschokke ebenfalls in den Kram paßte. Es folgt bei Lunn eine lange Besprechung der Streitfrage, ob Volker, Bortis und Abbühl am 16. August 1912 wirklich den höchsten Gipfel des Finsteraarhorns erreicht haben. Lunn stellt sich auf die Seite Capt. Farrars ( A.J. XXVII 263—300 ), der dies bestreitet. Ich hoffe bald Gelegenheit zu haben, meine abweichende Ansicht, wie ich sie verschiedentlich dargelegt habe, ausführlich und zum Teil neu zu begründen, und trete daher auf die Kontroverse nicht näher ein. In dem Abschnitt über die Gletscherforschungen von Agassiz, Desor, Vogt, Charpentier u.a. wimmelt es von kuriosen Fehlern, die hauptsächlich der Sucht, pikante Anekdoten zu erzählen, ihren Ursprung verdanken. Agassiz soll aus Orbe stammen, seine Frau soll die Honneurs im „ Hôtel des Neuchâtelois " auf dem Unteraargletscher gemacht und ihre deutsche Prüderie dort oft schwer unter den derben Spaßen von Desor und Vogt gelitten haben; Desor soll von der Heidelberger Universität her zu Agassiz gekommen, Greßly der Schützling hauptsächlich Agassiz gewesen sein usw. Mindestens in dem bibliographischen Anhang, wenn nicht im Hauptwerk, hätte bei der Erwähnung von Gottlieb Studer hervorgehoben werden dürfen, daß dessen großes Werk: Über Eis und Schnee ( Bern 1869—1871 ) von Mr. Lunn, wenn überhaupt direkt, jedenfalls in der zweiten, von dem Unterzeichneten und f Adolf Wäber besorgten Ausgabe, Bern 1896—1899, benutzt worden ist. Kapitel VII handelt von dem Erscheinen der Engländer auf diesem Gebiete. Auch hier geht es nicht ohne Versehen ab. Es erweckt falsche Vorstellungen, wenn bei Erwähnung der Überschreitung des Col du Géant durch Mrs.
und Miss Campbell, 1822, gesagt wird, daß dieser Gletscherübergang „ vorher " durch Mr. Hill „ wiedereröffnet " worden sei. Der nicht über alle Zweifel erhabene Versuch Mr. Hills, den sagenumwobenen direkten Übergang von Chamonix und Courmayeur wieder zu finden, fand im Sommer 1786 statt und die ersten tatsächlichen Überschreitungen am 27. Juni 1787 durch zwei Chamonixführer und am Tage darauf durch M. Exchaquet mit zwei Führern. Es ist auch irreführend, wenn Mr. Lunn ( päg. 172 ) schreibt: „ Desor's Führer erstiegen die Hasle Jungfrau 1844 und Desor folgte einige Tage später. " Von den drei Wetterhorngipfeln hat Desor nur das Rosenhorn betreten, 28. August 1844; die Hasle Jungfrau wurde zum erstenmal erstiegen von Bannholzer und Jaun, 31. August 1844, und zum zweiten von L. Agassiz, Adolf Vogt und Bovet mit Bannholzer, Jaun und Währen, 30. Juli 1845. Daß im gleichen Kapitel mehrere weltbekannte Gipfel verschrieben sind, mag angehen — ich weiß aus Erfahrung, wie schwer es hält, deren Rechtschreibung englischen Setzern beizubringen — aber daß einer der Gründer des Alpine Club beständig „ Hinchcliffe " genannt und ein bekanntes Zitat von Leslie Stephen, worin von Michel, Anderegg und Lauener die Rede ist, zu „ Michael Anderegg, or Lauener " verstümmelt wird, ist unverzeihlich. Im übrigen muß gesagt werden, daß dieses Kapitel manche gute Bemerkung über Entwicklung und Wert des Bergsteigens und eine verständige Beurteilung von Führer, Tourist und Führerlosen bietet. Vielleicht das beste Kapitel in Lunn's Buch ist das achte: Die Geschichte des Matterhorns; speziell seine Behandlung der Katastrophe von 1865 ist umsichtig und unparteiisch. Am meisten von seinem eigenen bietet Mr. Lunn in den zwei letzten Kapiteln: Modernes Bergsteigen und Die Alpen in der Literatur. In beiden scheint er gut zu Hause zu sein, ist urteilsfähig und belesen und macht damit manches gut, womit er den Kritiker im vorhergehenden geärgert hat, So hat es mich freundlich berührt, daß er einem kurzen Aufsatz von Ph. Gösset im ersten Band des Alpine Journal einen so hohen Rang in literarischer Beziehung anweist. Das Buch ist illustriert mit einem Schweizer Kärtchen, einer Skizze des Montblanc und zweien des Matterhorns. Bei allen Fehlern wird es doch dazu dienen, den Alpensport in England auch außerhalb der Kreise des A. C. beliebt und verständlich zu machen. BedaMion.