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Kurz nach den Sommerprüfungen begann unser Abenteuer: Vier HSGler sassen im Flugzeug nach Indien. «Gateway to India», ein studentischer Verein an der HSG, hatte uns ein Praktikum bei Myrada, einer Microfinance-NGO im südlichen Indien, vermittelt.
Die erste Station auf dieser Reise war Bangalore, die IT-Metropole Indiens. Unsere ersten Eindrücke waren für alle Sinne überwältigend, besonders für die Nase: Die Strasse fungiert als Mülleimer und, mit etwas Glück, der Kuh als Recycling-Automat. Nach einigen Briefings mit unseren Vorgesetzten bei Myrada begannen wir unsere Reise durch die ländlichen Regionen des Bundesstaates Karnataka. Hierbei war es unsere Aufgabe, die Auswirkung von Myradas Arbeit auf die gesellschaftliche Position von Frauen zu untersuchen.
Unterdrückte Frauen
Die folgenden fünf Wochen führten uns in gut 20 Dörfer und zu etlichen Selbsthilfegruppen (SAGs). Diese Gruppen bestehen aus etwa 15 Frauen und erhalten nicht nur Mikrokredite von Banken, sondern auch Training durch Myrada. Die Frauen lernen technische Details des Ackerbaus, Einzelheiten gesunder Ernährung, Konfliktbewältigung und vieles mehr. Es war eine wichtige Erfahrung, diese SAGs über Themen wie Abtreibung, Vergewaltigung und häusliche Gewalt zu befragen. Wir lernten viel über die Kunst der Interviewführung und erhielten einen erstaunlichen, oft schockierenden Einblick in die ländliche Gesellschaftsstruktur Indiens. Frauen sind auf dem Land noch immer sehr unterdrückt. Die meisten von ihnen verlassen schon früh die Schule, um verheiratet zu werden. Dies geschieht nicht selten schon mit 13 Jahren und auch innerhalb der Familie. Da die Frau bei ihrem Ehemann einzieht, ihre Familie aber die Hochzeit und eine Mitgift bezahlen muss, sind Töchter eine grosse Belastung. Fast alle Abtreibungen betreffen Kinder weiblichen Geschlechts.
Alkoholismus
Viele der Probleme Indiens haben im weit verbreiteten Alkoholismus ihren Ursprung. Eines Nachts, auf dem Heimweg aus einem Dorf, fanden wir einen Motorradfahrer, der regungslos auf der Strasse lag. Zuerst dachten wir, er sei gestürzt und eventuell tot. Es stellte sich jedoch heraus, dass er betrunken vom Motorrad gefallen war und dann auf der Strasse weiterschlief.
Gastfreundschaft
Während unserer Nachforschungen wurden wir in allen Dörfern herzlich empfangen und umsorgt. Selbst die ärmsten Familien setzten Tee auf und teilten mit uns ihre frischen Früchte, Süssigkeiten und Plätzchen. Generell war das Essen auf dem Land etwas einseitig: Oft gab es dreimal am Tag Reis mit scharfer Sosse. Fleisch war eine Seltenheit. Zum einen aus der religiösen Pflicht zum Schutz allen Lebens und zum anderen, weil die wenigen Rinder als Ackertiere verehrt werden. Jedoch sei jedem, der eine gute Portion Schärfe verträgt, ein südindisches Mahl sehr zu empfehlen.
An den Wochenenden und im Anschluss an unser Praktikum bot sich uns die Gelegenheit, zu reisen. Alleine die nächtlichen Bus- und Zugfahrten waren ein Erlebnis. Darunter auch die Verwicklung in einen nächtlichen Busunfall, der zum Glück glimpflich verlief. Uns konnte jedoch nichts mehr aus der Ruhe bringen und nach kurzem Umsteigen schlummerten wir wieder, um am nächsten Tag weitere Abenteuer in diesem faszinierenden Land zu erleben.