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Das Kreuz mit Wirbeln auf krummen Wegen
Die Skoliose ist eine Erkrankung des Rückgrats, von der man nicht weiss, warum sie entsteht
Plötzlich wachsen ein paar Wirbel langsamer als die anderen; das Rückgrat krümmt sich, und niemand weiss, warum: Von Skoliose betroffen sind vor allem junge Frauen.
Von ANGELICA SCHORRE
«Meine Wirbelsäule hat mein ganzes Leben verändert», zieht die 17-jährige Chiara S.* Bilanz. Als sie vor drei Jahren aus Langeweile auf einem Stuhl herumturnte, fielen ihrer Mutter Ungleichmässigkeiten an ihrem Rücken auf. «Weil ich sehr dünn war, konnte man, wenn ich mich vorbeugte, gut erkennen, welche Teile des Rückens hervorstanden und welche einfielen.» Der Hausarzt suspendierte sie sofort vom Turnunterricht und verwies sie an einen Spezialisten. Diagnose: Skoliose.
Während des Wachstums
Unter Skoliose versteht man eine seitliche, dauerhafte Verbiegung der Wirbelsäule mit gleichzeitiger Verdrehung der Wirbelkörper. Skoliosen entstehen vor allem während Phasen starken Wachstums – bei Säuglingen und Kleinkindern, Kindern bis zum zehnten Lebensjahr und Jugendlichen in der Pubertät. Wirbel beginnen in die eine Richtung langsamer zu wachsen als in die andere. Dadurch entsteht eine Drehung dieser Wirbelkörper, die eine Verdrehung der Wirbelsäule zur Folge hat.
Die Schwere der Skoliose wird in Graden ausgedrückt: Auf dem Röntgenbild werden zwei Striche parallel zu den Wirbeldeckplatten des obersten und des untersten betroffenen Wirbels gezeichnet. Wo sich die Striche treffen, kann der Winkel gemessen werden. Bei einer Verkrümmung von 20 Grad werden in der Regel konservative Methoden wie Krankengymnastik oder das Tragen eines Korsetts – dies 23 Stunden am Tag – verordnet. Bei stärkeren Verkrümmungen wird oft eine Operation empfohlen, bei der die Verkrümmung mit einem System von Klammern, Haken und Stäben entlang der Wirbelsäule korrigiert wird.
Chiara S. ging auf Anraten des Spezialisten ein Jahr lang jede Woche in die Physiotherapie. Von einem Korsett sah man ab, da ihr Wachstum bald abgeschlossen war. Die Kontrolluntersuchung ergab, dass sich der Verkrümmungsgrad trotz Physiotherapie verschlimmert hatte; aus einer mittleren Skoliose war eine mittelschwere Skoliose geworden. «Ich hatte das Gefühl, unendlich tief zu fallen», erinnert sich Chiara S., «ich hatte Angst davor, dass ich einen Buckel haben und schrecklich krumm sein werde.»
Mädchen sind mehr betroffen
85 Prozent aller Skoliosen sind, wie bei Chiara S., idiopathisch, das heisst, man weiss nicht, warum sie entstehen (griech. idios = eigen; pathos = Leiden). Es wurde festgestellt, dass in einigen Familien Skoliosen gehäuft vorkommen, man fand aber keinen genetischen Beweis. Mädchen sind von Skoliosen vier Mal mehr betroffen als Jungen. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit bis zu 15 Prozent der Bevölkerung eine Skoliose hat.
Wird nichts unternommen, kann sich der Verkrümmungsgrad der Wirbelsäule verschlimmern – auch wenn der Körper ausgewachsen ist. Dies führt zu Abnützungserscheinungen und zu einer zunehmenden Versteifung der Wirbelsäule. Die Folge: Rückenschmerzen, die jedoch von Fall zu Fall verschieden stark auftreten und empfunden werden. Durch die Fehlstellung kann auch die Funktion innerer Organe wie Herz und Lunge beeinträchtigt werden. Diese Degeneration der Wirbelsäule kann Invalidität zur Folge haben.
Turnen rund um die Uhr
Chiara S. wurde eine Operation empfohlen. Aber sowohl sie als auch ihre Eltern waren skeptisch. «Ich fühlte mich damals mit meiner Erkrankung alleine gelassen und dachte, ich sei die Einzige, die so etwas hat.» Nach Konsultationen bei verschiedenen Ärzten kam Familie S. zu folgender Entscheidung: Chiara soll es mit der Katharina-Schroth-Methode versuchen, die sich mit vorwiegend physiotherapeutischen Massnahmen auf die Behandlung von Skoliose spezialisiert ist. Diese Klinik hatten die Eltern von Chiara bereits vor einem Jahr dem Spezialisten vorgeschlagen, der sich aber von dieser Methode keinen Erfolg versprach.
Chiara S. fuhr 2001 für einen vierwöchigen Aufenthalt in der Katharina-Schroth-Klinik nach Bad Sobernheim, welches in der Nähe von Wiesbaden liegt. Schon bald fühlte sie sich nicht mehr alleine, «es gab Hunderte von Menschen um mich herum, vorwiegend junge Frauen, die das Gleiche hatten». Sechs Stunden Turnen, individuelle Übungen und Behandlungen stehen pro Tag an, die die Aufrichtung und Entdrehung der Wirbelsäule zum Ziel haben. «Ich wusste endlich, was ich habe, und dass ich gezielt etwas gegen ein Fortschreiten der Krankheit machen konnte.»
Wieder zu Hause, machte sie täglich die in der Klinik gelernten Übungen und ging zu einer Physiotherapeutin, die auf die Katharina-Schroth-Therapie spezialisiert ist. Nach drei Monaten musste sie wieder in die Kontrolle. «Der Arzt zeigte die Röntgenbilder: Die Skoliose hatte abgenommen, die Gradzahl war kleiner», erzählt Chiara glücklich, «zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Freudentränen in den Augen.» Durch den Erfolg bestärkt, fuhr Chiara S. das folgende Jahr wieder in die Katharina-Schroth-Klinik; sie ist voller Zuversicht, dass sie ihre Skoliose so im Griff behalten kann.