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Sie waren befreundet. Schrieben sich Briefe, besuchten sich gegenseitig, tauschten sich aus über Kunst und die Welt: der Schriftsteller Thomas Mann und der Komponist Hans Pfitzner.
Bindeglied ihrer Freundschaft war der Dirigent Bruno Walter, der am 12. Juni 1917 im Münchner Prinzregententheater Pfitzners Oper «Palestrina» uraufführte. Genau wegen dieser «musikalischen Legende», wie Pfitzner sein Hauptwerk nannte, entzweiten sich Mann und Pfitzner daraufhin.
Die Musik retten
«Palestrina» handelt vom alternden Renaissance-Komponisten und päpstlichen Kapellmeister Pierluigi Palestrina. Zurückgezogen verbringt er im Winter 1563 seine Tage in seiner Wohnung in Rom. Er ist unfähig noch zu komponieren.
Einerseits sieht er einen neuen Musikstil aufkommen. In Florenz, wo die moderne Musiksprache Claudio Monteverdis schliesslich in der «Erfindung» einer neuen Gattung mündet: der Oper.
Andererseits ist Palestrinas Weltflucht darin begründet, dass er sich zunächst nicht von der Kirche einspannen lassen will. Vereinfacht gesagt, soll er nämlich mit einer Messe im alten Stil die Musik «retten».
Der letzte Stein des alten Stils
So stellen es sich die konservativen Kräfte Roms vor. Palestrina ist für sie genau der Richtige dafür: der «letzter Stein» eines gewaltigen Gewölbes der Musik. Genauso wie sich, im Jahr 1917, Hans Pfitzner selbst verstand.
Ein Konservativer, ein Bewahrer der guten alten Schule. So zeigt sich Pfitzner mit und in seinem «Palestrina». Dagegen lässt sich nichts einwenden. Auch Thomas Mann ist – vorerst noch – begeistert von Pfitzners Oper.
Das Werk sieht er sich mehrmals an. Es tröstet ihn, mitten im Ersten Weltkrieg, als «etwas Letztes aus der schopenhauerisch-wagnerischen, der romantischen Sphäre». Der grosse Wagner-Anhänger Mann sieht in Pfitzner den Bewahrer einer nationalen deutschen Kunst. Aber Pfitzner war mehr als nur ein Nationalist.
Entgleisungen
«Ich bin ein Antisemit», bekennt Pfitzner schon zu Ende des 19. Jahrhunderts freimütig. Als später die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernehmen, entgleiten dem Komponisten Sätze wie: «Das Weltjudentum ist ein Problem und zwar ein Rassenproblem, aber nicht nur ein solches, und es wird noch einmal aufgegriffen werden, wobei man sich Hitlers erinnern wird und ihn anders sehen wird als jetzt.» Das schreibt Pfitzner noch 1945.
Seine Argumentationen können hier nur verkürzt wiedergegeben werden. Folgenschwer ist vor allem, wie sich, je nach Betrachtungsweise, das Werk des konservativen Pfitzner und seine Verachtung der Moderne mit dessen politischer Einstellung überschneiden.
«Den Biederen in die Hände gefallen»
Bei allem Drehen und Winden bleibt ein schales Bild: Pfitzner, ein gehässiger und politisch falsch gerichteter Kunst-Eremit. Dies hat der einstige Bewunderer Thomas Mann früh erkannt und sich deutlich von Pfitzner distanziert.
Noch im Jahr 2011, als «Palestrina» in einer Neuinszenierung am Zürcher Opernhaus gezeigt wird, ist die Premiere von Protesten begleitet. Sowie von einem Symposium der Pfitzner-Gesellschaft, in dem der Komponist vor dem Menschen Hans Pfitzner in Schutz genommen werden soll.
Ob das je gelingen wird, sei dahingestellt. Für Theodor W. Adorno, einen der wichtigsten Musiktheoretiker des letzten Jahrhunderts, jedenfalls war klar, dass Pfitzner nicht umsonst «den Biederen in die Hände gefallen» sei.