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Text:
Ueli Abt
Bilder: Baugeschichtliches Archiv
Das Schanzenbollwerk rund um Zürich war ein Jahrhundertprojekt, das zur damaligen Zeit die Finanzen der Limmatstadt praktisch in die Knie zwang. Von militärischem Nutzen war die Anlage nie.
Wer wissen will, wie Zürich aus der Vogelperspektive im 17. Jahrhundert aussah, sollte auf Google Maps das norditalienische Städtchen Palmanova suchen: Wie ein neunzackiger Stern liegt es in der Poebene. So ein Stern mit vielen Zacken war auch Zürich einst. Bloss, dass die Festungsbauten nicht – wie im Fall von Palmanova – im Rahmen einer Stadtplanung auf dem Reissbrett entstanden, sondern nachträglich hinzugebaut wurden. Zürich war somit nicht die annährend perfekt radialsymmetrische Bollwerkstadt, wie Palmanova es bis heute ist. Doch rund um die heutige Zürcher Altstadt zog sich ab dem 18. Jahrhundert eine Serie von zackenförmigen Mauern mit vorgelagerten Gräben.
Der Ausbau der Stadt zu einer Festung schien ein Gebot der Zeit.
Gilt Zürich heute als weltoffen, so war es das damals nicht. Im 17. Jahrhundert wütete in Europa der Dreissigjährige Krieg, und dass auch das zwinglianisch geprägte Zürich in den Konflikt zwischen Katholiken und Reformierten hineingezogen werden könnte, lag auf der Hand. Der Ausbau der Stadt zu einer Festung schien deshalb ein Gebot der Zeit.
Ein monumentaler Schanzenring mit 15 Zacken entstand.
Ab dem Mittelalter gab es eine Stadtbefestigung, die bereits im Lauf der Zeit mit zusätzlichen Bauten ergänzt worden war. 1642 fasste der Zürcher Rat aber dann den Beschluss, die Stadt mit einer gänzlich neuen Befestigung zu versehen: einem monumentalen Schanzenring mit 15 Zacken. Diese sternförmige Anlage bestand aus zahlreichen Bastionen, Schanzen und Gräben. Zum Schutz auf der Westseite wurde der heute noch bestehende, mit Wasser gefüllte Schanzengraben ausgehoben.
Das militärische Bauwerk war so kostenintensiv, dass Zürich zeitweise an den Rand des Ruins geriet. Das teure Projekt erregte die Gemüter derart, dass auch deswegen beinahe ein Krieg ausbrach. Denn als die laufenden Bauarbeiten den Kostenvoranschlag weit überschritten, mussten neue Steuern erhoben werden. Daraufhin brachen in der Zürcher Landschaft Unruhen aus, so etwa im sogenannten Aufstand von Wädenswil. Nun musste die Baukommission drastische Sparmassnahmen ergreifen – unter anderem wurden Arbeiter entlassen. Auch diverse militärische Konflikte brachten weitere Bauverzögerungen. Bis 1674 hatte das Werk die damals immense Summe von einer Million Gulden verschlungen. 1677 waren die wichtigsten Bauten zwar errichtet, der Abschluss der Arbeiten zog sich aber noch bis ins 18. Jahrhundert hinein. Der verheerende Dreissigjährige Krieg (1618–1648), der den Anreiz zum Monsterprojekt gegeben hatte, war inzwischen längst zu Ende.
Militärisch zur Verteidigung genutzt wurde der Schanzenstern nie.
Wie sich herausstellte, kam den Schanzen militärisch nie die Bedeutung zu, welche nötig gewesen wäre, um die darin investierten Summen zu rechtfertigen. So fand beispielsweise das entscheidende Gefecht beim Angriff der Franzosen auf Zürich 1799 ausserhalb der Stadtmauern statt. Das französische Heer erlangte damit Kontrolle über Zürich. 1802 zog es wieder ab. Militärisch zur Verteidigung genutzt wurde der barocke Schanzenstern in den rund 200 Jahren seines Bestehens also nie.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Stimmen laut, die den Abbruch der klobigen Schanzen forderten. Dies auch deshalb, weil sie im Lauf der Jahrzehnte immer mehr zu einem Symbol für die Vorherrschaft der Stadt Zürich über die Zürcher Landschaft geworden waren. Zu Jahresbeginn 1833 beschloss der Grosse Rat des Kantons mit klarer Mehrheit den Abbruch.
Der Abbruch der Schanzen führte zu einer städtebaulichen Befreiung.
Bereits im folgenden Sommer begann der Rückbau. Es dauerte allerdings rund 20 Jahre, bis die Arbeiten abgeschlossen waren. Der Abbruch der Schanzen führte naheliegenderweise zu einer städtebaulichen Befreiung: Östlich der Limmat wurde viel Platz frei, was der ab dem 19. Jahrhundert gebauten ETH, der Universität sowie dem Unispital zu einer zentrumsnahen Lage verhalf.
Deutlichstes Überbleibsel westlich der Limmat: der Schanzengraben.
Von dem einstigen eindrücklichen Verteidigungsstern sind heute nur noch einzelne Reste geblieben. Deutlichstes Überbleibsel westlich der Limmat: eine Zickzack-Struktur auf der Stadtkarte, der Schanzengraben. Auch das in der Limmat gelegene Bauschänzli ist ein Überbleibsel des einstigen Festungssterns. Doch auch auf der anderen Flussseite lebt das einstige Festungswerk in Strassenbezeichnungen weiter: So gibt es am Stadelhofen die Schanzengasse, die auf die dortigen, inzwischen fast komplett verschwundenen Festungsteile verweist.
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