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Carl Seelig
Literaturkritiker und -förderer in einer Person
So kann man Literatur auch präsentieren: Als ausgeschilderten, gut geführten Weg durch einen Dschungel an Briefen. Als gut gekennzeichnete Route durch den Briefverkehr zwischen Rezensent, Fürsprecher, Mäzen auf der einen sowie Autorin, Nobelpreisträger und spazierendem Dichter auf der anderen Seite. Wobei in diesem Fall die ersten drei Rollen ausnahmsweise in einer Person zusammenfallen: Carl Seelig (1894–1962) hatte die Hüte des Kritikers und Literaturförderers gleichzeitig auf.
Als Journalist und Publizist rezensierte er die frisch erschienenen Werke berühmter Autoren für Zeitungen wie die «Neue Zürcher Zeitung», den «Tages-Anzeiger» oder die Basler «National-Zeitung». Er war ein Vielschreiber, der ein unglaubliches Arbeitspensum bewältigte. Im Kriegsjahr 1944 etwa schrieb er über 1000 Artikel! Der verhinderte Dichter wusste aber auch, dass der Literaturbetrieb ein hartes Pflaster war und bedachte alle, deren Talent er erkannte, mit wohlwollendem Zuspruch – und versorgte jene, die am harten Brot ihrer Berufung zu kauen hatten, auch einmal mit dem nötigen Zustupf.
Erika Burkart: Die Sichtbarmacherin des Heiligen
Erika Burkart etwa, die heuer 100-jährig geworden wäre, bekam von ihm 1959 monatlich 200 Franken; damals war das nicht wenig, die Dichterin hatte es dringend nötig. Und Seelig bedachte sie sogar testamentarisch mit einer Rente von 400 Franken. Burkart schrieb nach Seeligs Tod 1962 an eine Freundin: «Ihn, den Freund, auf dieser Erde zu wissen, war für mich eine Art Lebenspass, seine Existenz hat die meine, stets gefährdete mittragen helfen.» Den umtriebigen Zürcher ereilte ein überraschendes, recht tragisches Ende: Wie immer im Schuss, wollte er im Februar vor 60 Jahren am Bellevue aufs 15er-Tram aufspringen, nachdem er sich mit Erika Burkart im Restaurant Grüner Heinrich getroffen hatte und kam dabei unter die Räder.
Heute gehört die Lyrikerin Burkart längst zum grossen Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die 2010 verstorbene ehemalige Primarlehrerin aus Aarau erhielt zahlreiche bedeutende nationale und internationale Literaturpreise, unter anderem 2005 als erste Frau den Grossen Schillerpreis für ihr Lebenswerk. Ob sie das ohne Seeligs Lob und Aufmunterung in dunklen Stunden geschafft hätte, steht in den Sternen. Klar ist: Nach einer begeisterten Rezension Seeligs entsponn sich zwischen den beiden ein intensiver Austausch in über 100 Briefen, der sich über die vier letzten Lebensjahre Seeligs erstreckte. Seine Persönlichkeit hinterliess bei Erika Burkart einen so nachhaltigen Eindruck, dass er in ihrem umfangreichen Werk mehrfach als «S.» auftaucht.
Motivator, Förderer, Mäzen von Hesse und Walser
Seelig hielt grosse Stücke auf die fragile, feinfühlige Poetin Burkart und ermunterte sie weiterzuarbeiten. «Exupery: gut. Erika Burkart: besser.» schrieb er ihr im September 1959. Dieses Zitat ziert in fetten Lettern auf blauem Grund ein Plakat im Gang des Strauhofs. Das Zürcher Literaturmuseum widmet dem «Sprachrohr der bedrohten Literatur» eine sehenswerte Ausstellung und lädt zur Neu- beziehungsweise Wiederentdeckung der Figur Carl Seeligs ein. Sie tut dies in drei Räumen, anhand von drei ausgewählten Briefwechseln: Neben Burkart kommen auch Hermann Hesse und Robert Walser zu Wort.
Die gezeigten Briefe für den Strauhof ausgewählt hat Lukas Gloor, der Leiter des Robert Walser-Archivs in Bern, welches den Grossteil von Carl Seeligs Nachlass beherbergt. «Motivator, Förderer und Mäzen – wir wollten diese drei Aspekte der Persönlichkeit Carl Seeligs veranschaulichen und die Entwicklung Seeligs vom jungen Autor und Poeten bis zum bekannten gestandenen Journalisten nachzeichnen», sagt Gloor. Die ersten Briefwechsel mit Hermann Hesse zeigen den schwärmerischen jungen Dichter, der Kontakt hielt ein halbes Jahrhundert an! 290 Briefe, die Hesse in dieser Zeit an Seelig schrieb, sind erhalten.
Der Brieffreund des Nobelpreisträgers
Der briefliche Austausch zwischen den beiden beginnt bereits 1916, mitten im ersten Weltkrieg. Hesse schreibt Vorworte zu Seeligs Buchprojekten und nimmt frühe Gedichte Seeligs in eine Gedichtsammlung auf. Im September 1933 schreibt Seelig, inzwischen betrachtet er sich als Schriftsteller und Verleger gescheitert, an Hesse, er mache diese Arbeit als Journalist nur, weil er «zu wenig Talent und Phantasie zum Bücherschreiben» habe. Während Hesses Zeit im Tessin schickt ihm Seelig dringend benötigte Brillen und Malutensilien.
1946 steckt Hesse in einer gesundheitlichen und psychischen Krise und im September, kurz vor der Verleihung des Nobelpreises an ihn, schreibt er an Seelig: «Sie sind von meinen vielen Freunden der einzige, der etwas davon geahnt hat, wie es um mich steht.» Das frühe Ringen Seeligs um Hesses Zuneigung scheint Früchte zu tragen: «Leben. Leben. Schenken Sie mir Ihre Liebe. Ihr Carl Seelig.» Diese Aufforderung voller Pathos hatte der 22-jährige Seelig 1917 an Hesse geschickt; das Zitat auf gelbem Plakat weist den Eingang zum Hesse-Raum der Ausstellung.
Für den Kurator Gloor war das eine der überraschendsten Erkenntnisse beim Durchforsten von Seeligs Nachlass: Dass Seeligs Korrespondenz mit Autorinnen und Autoren so früh anfängt. Daneben hebt der Literaturforscher auch «die wahnsinnige Breite der Korrespondenz, welche Seelig zeitlebens mit den bekanntesten Literaten Europas führt» hervor. In Seeligs Nachlass befindet sich die unglaublich anmutende Anzahl von über 10 000 Briefen. Seelig stand in ständigem Briefkontakt mit den bedeutendsten Autoren seiner Zeit, u.a. mit Carl Spitteler, Thomas Mann, Alfred Polgar, Stefan Zweig, Robert Musil, Joseph Roth, Ludwig Hohl, Annemarie Schwarzenbach und Paul Nizon.
Das Walser-Revival wäre ohne Seelig undenkbar
Den wichtigsten Schaffens-Schwerpunkt in Seeligs Leben bildet sicher das Werk Robert Walsers. Mit Übersetzungen in 40 Sprachen ist Walser heute der international wohl bekannteste Schweizer Autor überhaupt. Sein gefeiertes Revival dauert seit Jahren an. Nobelpreisträger wie Elfriede Jelinek und J.M. Coetzee oder führende Intellektuelle wie Susan Sontag preisen ihn als Autor. Dass Walser stattdessen nicht total in Vergessenheit geraten ist, ist wohl Carl Seeligs Engagement zu verdanken.
1936, als Seelig Walsers Schwester Lisa darum bittet, Robert Walser in der psychiatrischen Klinik in Herisau besuchen zu dürfen, ist es seit Walsers letzter Veröffentlichung «Die Rose» bereits elf Jahre her. Seelig trifft Walser in der Folge regelmässig für Spaziergänge rund um Herisau. Dafür bedankt sich Walser in Briefen: «Lieber Herr Seelig. Es war ein schöner Freiheitsbummel, den wir zusammen bei passendem Wanderwetter machten», schreibt er an Seelig. Der Kontakt dauert bis zu Walsers Tod 1956 an. Seelig zeichnet die gemeinsamen Spaziergänge auf, gibt Walsers Werke heraus, sorgt für seinen Lebensunterhalt, übernimmt 1944 die Vormundschaft für ihn und versucht, die Entlassung aus der Psychiatrie zu erwirken.
Familien-Mitglied und helfende Hand
Seelig stand während der ganzen Zeit auch in brieflichem und persönlichem Kontakt mit den Geschwistern von Robert Walser. Auch Auszüge aus dieser Korrespondenz werden im Strauhof gezeigt. Lukas Gloor: «Um das zementierte Bild des Verhältnisses zwischen Walser und Seelig etwas aufzubrechen, haben wir bewusst die ganze Familie hineingenommen.» Die Briefwechsel zwischen Seelig, den Schwestern von Walser und dessen Freundin Frieda Mermet zeichnen laut Gloor auch ein Bild dessen, was um den internierten Autor geschah und dokumentieren seine Abschiebung in psychiatrische Anstalten, in welchen er die letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Die tragische «Versorgung» Walsers in Herisau scheint noch längst nicht restlos aufgearbeitet.
«Ich darf Ihnen versichern, dass ich mich Robert's auch weiterhin annehmen werde, als sei er mein eigener Bruder.» Dieses Zitat aus einem Brief an Fanny Walser vom 8. Januar 1944 markiert den Eingang zum in Rot gehaltenen Walser-Zimmer im Strauhof. Bruder, Vater, Mutter – Seelig sieht sich als ein Familienmitglied und wird auch von vielen Autoren, die sich auf ihn verlassen konnten, so gesehen, z.B. von Max Brod oder Jo Mihaly. Seelig war ein Kümmerer, er hat sich immer auch anerboten als helfende Hand: «Seelig hat viel und gern geholfen, er war aber auch recht hartnäckig – man könnte sagen, er hat sich, zumindest am Anfang der Beziehungen, regelrecht aufgedrängt. Daraus haben sich dann aber echte Freundschaften ergeben», sagt Lukas Gloor.
Seeligs Engagement ist für die Exilliteraten von unschätzbarem Wert
Seeligs Hilfsbereitschaft und Grosszügigkeit war kein Kalkül sondern echt. «Gerade während der Naziherrschaft hat er zahlreichen Autorinnen und Autoren im Exil geholfen, mit Geld, Beziehungen, persönlichem Einsatz auf öffentlichen Stellen und einem stets offenen Ohr. Auch in persönlichen Krisen profitierten viele von Seeligs Unterstützung.» Überrascht hat Lukas Gloor auch die Art und Weise, wie Seelig Briefe schreibt. Er ist einer, der dem Gegenüber die Zunge löst, er sieht seine Rolle im Zuhören: «Seelig hat zum Erzählen eingeladen, andere erzählen lassen, kaum je etwas von sich selber erzählt. Er nahm ganz klar die Empfängerrolle ein in der Kommunikation.»
Lukas Gloor hat zusammen mit Pino Dietiker eine Auswahl von Briefen aus Seeligs Nachlass im Buch «Briefwechsel» herausgegeben. Im Nachwort heisst es dort: «Carl Seelig hat als Zuhörer Literaturgeschichte geschrieben.» Und vielleicht trifft auf Seelig auch das zu, was seine Freundin Erika Burkart einmal als Kern jeder Dichtung definiert hat: «In der Präsenz des Ganzen leben und nicht nur meines eigenen Lebens, sondern der vielen Leben, die mir begegnet sind und jeden Tag begegnen.» Insofern war das Leben Seeligs grosse Dichtung, auch wenn er sich selbst als verhinderten Poeten sah.
Christian Kaiser, reformiert.info
Ausstellung
«Carl Seelig – Drei Briefwechsel», noch bis 8. Januar im Strauhof, Literaturmuseum, der Stadt Zürich, Augustinergasse 9, 8001 Zürich, www.strauhof.ch
Buch
Carl Seelig: Briefwechsel. Hg. von Lukas Gloor und Pino Dietiker. Suhrkamp. Berlin 2022. 372 Seiten, ca. 45 Fr.