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Stell dir vor, du fährst mit der Eisenbahn von Zürich nach Genf. Die Fahrt dauert laut Fahrplan genau 3 Stunden, doch als du pünktlich in der Romandie-Metropole ankommst, sind nicht 3 Stunden vergangen. Laut der Bahnhofsuhr in Genf dauerte die Fahrt 10 Minuten weniger als angegeben. Auch deine beim Start der Reise in Zürich gestellte Armbanduhr geht der Genfer Zeit plötzlich 10 Minuten voraus.
Was in diesem Szenario beschrieben ist, stammt nicht aus einer Science-Fiction-Story rund um eine plötzliche Zeitreise. Auch gab es keine Manipulation an den erwähnten Uhren. Es ist schlichtweg das, was Reisende erlebten, wenn sie sich bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen den grossen Schweizer Städten bewegten.
Als jeder Ort noch seine eigene Zeit hatte
Während Jahrhunderten galt in Zürich, Genf und Bern eine eigene Zeit. Diese richtete sich nach dem Stand der Sonne und wurde Ortszeit oder Sonnenzeit genannt. Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, war 12 Uhr. Und da sich die Erde bekannterweise dreht, war dieser Zeitpunkt an allen Orten anders – falls sich deren Längengrade unterschieden. Daran änderte auch die Erfindung mechanischer Zeitmesser im Mittelalter nichts.
Mit der Einführung der Telegrafie und dem Bau längerer Eisenbahnstrecken wurde diese regionale Zeitverschiebung zu einem Problem. Eine erste Lösung war, dass Eisenbahnen für ein bestimmtes Gebiet eine sogenannte Standardzeit festlegten. Hierfür wählte man oft die Ortszeit einer grösseren Stadt an der Strecke oder auch diejenige der Landeshauptstadt.
Beispiele für solche Standardzeiten waren etwa die Berliner, Prager, Berner oder Genfer Zeit. Aber auch mit dieser Harmonisierung blieb die Situation an vielen Bahnhöfen unübersichtlich. Genf war zum Beispiel Durchgangsstation für eine französische Eisenbahnlinie, aber auch Endstation für eine aus Bern kommende Linie. Das führte dazu, dass die Genfer Bahnhofsuhr neben der örtlichen Zeit, auch die Pariser und die Berner Zeit anzeigen musste.
Eisenbahnen erfinden eine neue Zeit
Die technologische und wirtschaftliche Entwicklung schritt fort, immer mehr Teile der Erde wurden mit Eisenbahn, Telegrafie und Bürokratie erreicht. Dies rief schliesslich nach einer internationalen Lösung, die zu den heute gebräuchlichen Zeitzonen führte. Pionierarbeit leisteten hierbei die US-amerikanischen Bahnunternehmen. Die quer über den Kontinent geführten Strecken wurden in vier Zeitzonen mit sich um ganze Stunden unterscheidenden Standardzeiten geteilt. Als Abstand nahm man dabei jeweils 15 geografische Längengrade.
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Dieses Prinzip liess sich aufgrund der 360 Grade der Erdkugel auf den ganzen Globus übertragen. Durch die Festlegung des sogenannten Nullmeridians auf einer internationalen Konferenz im Jahr 1884 in Washington, wurde auch ein weltweites Zeitsystem möglich. Der Nullmeridian durch das britische Greenwich wurde zum Nullpunkt für die globale Kartografie und damit auch zum Richtwert für alle 25 weltweiten Zeitzonen.
Die globalen Zonenzeiten wurden fortan relativ zur Greenwich Mean Time (GMT) gebildet. Alle 15 Längengrade gab es einen Zeitsprung von einer Stunde – und dem schlossen sich die Staaten der Welt an. Zumindest geometrisch, denn in der Praxis hing es von politischen, geografischen oder praktischen Besonderheiten ab, welcher Zone sich ein Staat letztendlich anschloss.
Geometrie vs. Politik
Die Zeitzonen sind deshalb auch heute noch ein ziemlicher Flickenteppich. Frankreich und Spanien müssten gemäss ihrer Lage auf dem Globus eigentlich die gleiche Zeit wie England haben, doch diese Länder haben sich für die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) entschieden, die auch in der Schweiz herrscht. Dadurch beträgt im äussersten Westen Spaniens die Abweichung der Sonnenzeit von der offiziellen Zeit mehr als 90 Minuten.
Warum ist das so? 12 Uhr mittags MEZ ist es der Definition nach, wenn die Sonne im deutschen Görlitz den höchsten Punkt auf ihrer Tagesbahn erreicht. Die MEZ gilt aber in einem Grossteil Europas. In Warschau erreicht die Sonne schon 24 Minuten früher den Zenit. 2500 Kilometer westlich, in Santiago de Compostela, steht die Sonne dagegen erst 1 Stunde und 34 Minuten später an ihrem höchsten Punkt. Der Grund, warum die Menschen in Spanien später essen als in Mitteleuropa?
Die tatsächlichen Zeitzonen können auch unzusammenhängend sein. Das ergibt sich in Asien zum Beispiel daraus, dass in China eine einzige gesetzliche Zeit über fünf Zeitzonen herrscht, während Sibirien regulär unterteilt ist. Und es gibt Staaten wie Iran, Nepal oder Indien, die keine der definierten Zeitzonen benutzen. Ihr zeitlicher Abstand zum Nullpunkt GMT beträgt nicht volle, sondern halbe (Iran, Indien) oder Viertelstunden (Nepal).
Die Schweiz durchlief nebenbei ihren eigenen Prozess der Zeit-Harmonisierung. Die Gründung des Bundesstaats 1848 brachte zwar viele Zentralisierungs-Schritte, aber wie mit dem Zug-Beispiel am Anfang beschrieben gab es noch keine Vereinheitlichung der Zeitsysteme. Zwischen dem östlichsten Punkt des Landes im Val Müstair und dem westlichsten im Kanton Genf bestand eine Zeitdifferenz von rund 18 Minuten.
Der Bundesrat legt vor, die Kantone folgen
Auch in der Schweiz war die Industrialisierung der Treiber einer landesweiten Zeit. 1853 verfügte der Bundesrat zunächst für den gesamten Post- und Telegrafieverkehr die mittlere Lokalzeit von Bern als Einheitszeit. Diese wurde ab 1860 täglich von der Sternwarte Neuenburg bestimmt, umgerechnet und der Telegrafendirektion in Bern übermittelt. Auch der Betrieb der Eisenbahnen richtete sich nach der mittleren Lokalzeit von Bern.
1894 führte die Landesregierung dann für die unter ihrer Aufsicht stehenden Verkehrsbetriebe sowie für den Post- und Telegrafieverkehr statt der Berner Zeit die nach der Washingtoner Konferenz definierte Mitteleuropäische Zeit ein. Eine für das ganze Land gültige Zeit stand aber wegen des Föderalismus nicht in der bundesrätlichen Macht. Viele Kantone zogen aber nach und führten die MEZ eigenständig, nach zum Teil heftigen öffentlichen Debatten, in ihrem Hoheitsgebiet ein. Offiziell wurde die MEZ als schweizweit gültige Zeit aber erst im Zeitgesetz von 1980 verankert.
Die Harmonisierung der Zeit innerhalb der Schweiz und auf der ganzen Welt ist ein Beispiel dafür, wie Technologie, Wirtschaft und Globalisierung zur internationalen Lösung lokaler Probleme führen können – mit wiederum starken Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Die Epoche, in der jeder Ort seine eigene Zeitrechnung hatte, ging zu Ende. Zu dem Preis, dass der Mittag auf vielen Kirchturmuhren gar nicht mehr den richtigen Mittag anzeigt. Zumindest, wenn es nach der Sonne geht.