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Sie begann in den Achtzigern mit schrägem Singsang und Flimmerbildern: Videomusikclips, in denen die Künstlerin als püppchenhafte Figur herumhampelte (I'm not the Girl who Misses Much), vor Bildern aus dem fahrenden Zug stoisch Luftgitarre spielte (You Called me Jacky) oder einen nackten Mann mit baumelndem Pimmel einen aussichtslosen Kampf gegen die Kamera führen liess (Sexy Sad I). Pipilotti Rist, die Videokünstlerin mit Ostschweizer Wurzeln, ist längst über diese ersten – mitunter etwas strapaziösen – Versuchsstücke experimentellen Filmemachens hinausgewachsen. Sie hat mit ihren suggestiven Bildinstallationen die Museumsräume der Welt erobert (unter vielen anderen «Sip My Ocean» oder «Homo Sapiens Sapiens»). Mit ihrem Video Open my Glade, in dem sie – wie gefangen – ihr Gesicht an einer Glasscheibe plattdrückte, zog sie die Menschen auf dem New Yorker Times Square in Bann, und sie verzauberte uns mit ihrem Ever is over All, in dem eine Frau im himmelblauen Kleid beschwingt mit einer Fackellilie Autoscheiben zertrümmert. Bis heute bleibt Pipilotti Rist ihrer Gratwanderung zwischen Irritation und befreiend ironischer Rebellion treu – so auch in ihrem neusten Werk, ihrem ersten Spielfilm für die Kinoleinwand: Pepperminta.
Heldin ihres Debütfilms, den die Videokünstlerin als «Contemporary Fantasy» – als «filmisches Märchen für die ganze Familie» – bezeichnet, ist die titelgebende Pepperminta. Mit ihren roten Haaren und dem sommersprossenübersäten Gesicht hat sie von Kindsbeinen an eine Mission: die Welt von Angst zu befreien. Und das tut sie, indem sie zuallererst ihre eigenen Ängste überwindet. Auch wenn sie dafür einiges an Repressalien in Kauf nehmen muss: von ihren Schulkameradinnen, vom Bademeister, von der Lehrerin … In ihrem Gefolge: ein Trüppchen aus Erdbeeren, das sie mitunter im Gänsemarsch über die Strasse lotst – um sich anschliessend, im Gras liegend, die roten Früchte hastig und augenzwinkernd einzuverleiben.
Im Zentrum des Films steht aber Gross-Pepperminta, die sich – nunmehr selbstbewusst – in der freien Natur genussvoll mit gigantischen Zehen durch den Matsch wühlt, ihre riesenhaft verzerrten Finger durch Fruchtberge schlängelt und die Welt mit dem Glitzern und Glimmern eines Schatzkästchens verzaubert. Als quirliger Farbtupfer tollt sich Pepperminta mit ihrer pinkfarbenen Uniform durch das Grau der Häuser und der Autokolonnen und wohnt in einem kunterbunten Zauberreich, das im Bullauge den Blick freigibt auf das Zürcher Hochhausquartier Lochergut. In ihrem Schatzkästchen hütet sie einen sprichwörtlichen Augapfel, über den sie in Kontakt mit ihrer Grossmutter treten kann, die sie mit Lebensweisheiten versorgt, etwa: «Es ist immer der richtige Zeitpunkt, um geboren zu werden.» Oder: «Jede Farbe hat ihren eigenen Rhythmus.» Oder: «Der Kopf ist klar – die Stirn ist kühl.» Im Kästchen selbst verbirgt sich ein Arkanum: ein Kelch, in dem Pepperminta ihr Menstruationsblut sammelt – als geheimnisvollen Saft, der magische Stärkung verleiht.
Bravourös dargestellt wird Pepperminta von Ewelina Guzik, mit der Pipilotti Rist seit «Homo Sapiens Sapiens» bereits zum vierten Mal zusammenarbeitet. Von Haus aus Tänzerin, vermag sie ihre Fähigkeiten brillant in das Spiel mit der ungebundenen Kamera einzubringen. Sie dominiert das Bild und infiziert mit ihrer Energie auch ihre eher verhalten spielenden Mitstreiter: den Hypochonder Werwen, den Pepperminta aus seiner Abschottung erlöst, etwa oder die androgyne Gärtnerin Edna Tulipan (die Bernerin Sabine Timoteo, mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet für ihre herausragende darstellerische Leistung in L’amour, l’argent, l’amour von Philip Gröning). Beide ziehen sie mit auf Peppermintas Feldzug gegen krawattierte Manager, gegen den verstaubten Universitäts-Akademismus – den sie in ein psychedelisches Happening verwandeln – und gegen die Etepetete-Gesellschaft im Nobelrestaurant, wo sie den Gästen statt der üblichen Bestellungen die innersten Wünsche entlocken. Ihre Parole heisst «Farbe!». Und davon abgeleitet viele weitere Leitsätze, die an die Achtundsechziger, an Flower Power, die Frauenbewegung, an Anarchie, Feminismus und mitunter an Selbstfindung und Esoterik erinnern.
Wer Pipilottis Traumwelten aus ihren Installationen und Videos kennt, dem wird vieles im bildstarken Epos Pepperminta vertraut vorkommen: Die Welt wird durch die Titelfigur in ein poppig farbenprächtiges Universum verwandelt, in dem die Dimensionen von klein und gross, oben und unten, schnell und langsam auf den Kopf gestellt werden. Die Bilder sind immer mal wieder barthärchennah und schneckenhaushoch, bestricken und fesseln durch ihre verwegenen Perspektiven – mit Fischaugenkamera gedreht – und ihre üppigen Farbkontraste und «Bildcollagen». Episode fügt sich an Episode in einer ansonsten eher linear angelegten Erzählung, deren vielfältige Ingredienzien der älteren und jüngeren Populärkultur entstammen: Märchen, Aberglauben und Folklore, Videoclips der MTV-Generation, Animationsfilme und die Bricolage aus Michel Gondrys Werken und ganz zuoberst ein Film, den die Autorin explizit als Inspiration nennt und im Abspann verdankt: Sedmikrásky (1966) von Vera Chytilová.
Und tatsächlich finden sich in Pepperminta viele Anklänge an dieses avantgardistische Meisterwerk der tschechischen Nouvelle Vague, das als Meilenstein des feministischen Kinos gilt – nicht nur was den utopistischen Grundton angeht, sondern auch was seine experimentelle Form betrifft. In Sedmikrásky tollen die Hauptfiguren – die beide Marie heissen – rotznäsig durch die Welt und frönen der Demontage der bürgerlichen Gesellschaft und des Patriarchats. Chytilová nutzte dazu sowohl ein formstrenges Schwarzweiss als auch Farbe (etwa für die Bildintermezzi zur aktuellen politischen Zeitgeschichte) – und sie bestach durch ihren kühnen Umgang mit Schnitt, Ton und narrativer Ellipse.
Peppermintas ausgeklügelte Bildwelten mit ihrem märchenhaft-kitschigen Touch knüpfen daran an und versuchen den Brückenschlag zwischen dem Episodischen von Pipilotti Rists bisherigem Œuvre und dem langen Atem eines Kinofilms. Das gelingt für die Erzählsequenzen in sich, die ihren Witz und ihre Bildopulenz auch im Kino entfalten – etwas weniger jedoch für den grossen Erzählbogen. Auch wenn die Musik mit ihrem Drive immer mal wieder Aufwind verschafft und einen Rahmen für die Einzelteile bietet. Doch davon abgesehen, bietet der Film viel Augenschmaus, für den man sich gern 84 Minuten in den Kinosessel bettet.
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