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Ich beginne mit einem Text, der von Ado selber geschrieben wurde ungefähr 4 Jahre vor seinem Tod. Es war ein Versuch der Rekapitulation seiner Kindheit, der leider schon mit der Beschreibung der früheren Schulzeit aufhört.
„Am 31. August 1927 soll ich in Ormalingen geboren sein; denn ich weiss nicht genau, ob es nicht der 1.September gewesen ist. Ich habe einmal wählen müssen, als ich volljährig geworden bin. Aufgewachsen bin ich zuerst in Ormalingen zusammen mit zwei Brüdern Heinz und Gerd, als Kleinkind zogen wir mit den Eltern nach Bauma. 1933 starb der Vater (Johann Müller) und 3 Jahre später kehrten wir zurück zu den Eltern von meiner Mutter (Bertha Müller) in Ormalingen. Dort besuchte ich den Schluss der 3. Schulklasse. Nach der 6. Klasse ging es mit dem Velo Tag für Tag nach Böckten mit Franz, (also Französisch), Latein und Griechisch. Nach 3 Jahren Mittelschule gelang es mir aufgrund meiner Leistungen ans humanistische Gymnasium in Basel in die 6. Klasse zu rutschen. Nach drei schönen Jahren in Basel absolvierte ich mit 18 Jahren die HG Matura mit Hebräisch. Dann für 5 Jahre Theologie mit einem Semester in Göttingen.
An den Aufenthalt in Ormalingen denke ich gerne zurück: Meine Mutter arbeitete als Lehrmeisterin fürs Schneidern in Lausen. So hatten wir die schulfreien Nachmittage zur Verfügung für den Wald und die Bäume: Dort auf einem Baum machte ich bis zur Matura meine Schulaufgaben: Sprachen lernen, Französisch, Latein, Griechisch und Hebräisch und Mathematik.“
An dieser Stelle bricht der Text leider ab. Vielleicht wollte Ado weiterschreiben, vielleicht war es ihm zu anstrengend oder auch zuwenig wichtig.? Mit den von uns hier angefügten Lebensdaten und Beschreibungen soll sein dichtes Leben weitererzählt werden.
Ab 1942 sah man also Ado aufgrund seines Gymnasiumsbesuch regelmässig im Zug nach Basel pendeln. Später kam sein Bruder Heinz dazu, der der weiblichen Pendlerschaft stärker zugetan war als Ado und ihn bald darauf mit dem Fräulein Elsa aus Itingen bekannt gemacht hat, was für ihn, wie wir wissen, weitreichende Folgen haben sollte.
Ado bestand die Matura im Jahre 1945 am humanistischen Gymnasium. In Basel nahm er bei einer älteren Dame Klavierunterricht, was ihn zeitlebens zu einem engagierten Klavierspieler und –lehrer und später zum stolzen Besitzer eines Steinway-Flügels gemacht hat. Als Pfarrer konnte er diese Fähigkeit gekoppelt mit einem Sprint von der Kanzel an die Orgel und zurück bravourös einsetzen.
Mit einer Dispens vom militärischen Dienst konnte Ado direkt sein Studium an der Universität Basel aufnehmen. Obwohl er mathematisch-naturwissenschaftlich begabt war (Bestnote in Mathematik), hat er sich für das Fach Theologie entschieden, wahrscheinlich auch unter dem Einfluss seiner Mutter Bertha, die in ihm den Nachfolger vom früh verstorbenen Vater sah, der Laienprediger gewesen war.
1945 Beginn des Theologiestudiums in Basel, er begegnete Karl Barth, der seine Predigten prägte. Es folgte ein Auslandsemester in Göttingen mit einem anschliessendem Abschluss im Jahr 1951. Sein Vikariat verbrachte er in Rothenfluh und Buus und 1952 erhielt er die Ordination zum Pfarrer.
Mit 25 Jahren war er somit Verbi divini minister, berechtigt zum Verkündigen von Gottes Wort und machte sich auf die Suche nach einer Gemeinde, der er sich widmen konnte.
Er brauchte nicht lange zu suchen. Im Herbst 1952 wurde er Pfarrer in Rümlingen, zuständig für die Dörfer Sommerau, Häfelfingen, Buckten, Rünenberg und Wittinsburg. Die Aufgabe war von Anfang an gewaltig. Neben den kirchlichen Pflichten, der Gemeindearbeit und der allsonntäglichen Predigt nahm er von Amtes wegen Einsitz in der Schulpflege und der Aufsichtskommission des Erziehungsheimes Sommerau. Über diese Tätigkeit entstand eine enge Freundschaft mit dem damaligen Heimleiterpaar Sämi und Irmtraut Grossenbacher. Mit ihnen wurde Ado zum Skilehrer in den Heimlagern und zum Teilnehmer eines alljährlichen Ferienkonvois nach Italien.
Ado zog 1952 in das halb baufällige Pfarrhaus in Rümlingen ein, haushälterisch sekundiert von seiner Mutter Bertha. Doch ein richtiger Pfarrer braucht auch eine richtige Pfarrfrau. Die Zugbekanntschaft Elsa Frey war die Richtige! und am 22. August 1953 heirateten Elsa und Ado Müller in der Kirche Rümlingen.
1954 wurde der erste Sohn Urs geboren, es folgten bald zwei weitere Söhne, Daniel geboren 1955 und Dieter geboren 1957. Ein Dackel mit Namen Lumpi kam hinzu und die zahlreichen Haushaltlehrtöchtern, die in der Folge das Pfarrhaus bevölkerten, erweiterten die noch junge Familie.
1960 wurde das Pfarrhaus totalsaniert. Die Familie musste kurzfristig in eine Dreizimmerwohnung über dem Restaurant Homburgerstübli umquartieren.
1962 folgte dann die Geburt der Tochter Eva, 1964 die Tochter Claudia und schliesslich 1965 die letzte Tochter Julia. Die Familie war nun mit 6 Kindern komplett.
Die Autos vom Pfarrer Müller gehörten zu ihm wie der schwarze Talar im Studierzimmer und mit seiner weissen Citroen Déesse wurde er im Homburgertal zu einem Markenzeichen.
Nebst den Unternehmungen mit der jungen Kirche wie Zeltlager und Theateraufführungen, des Konfirmandenunterrichtes mit den vielen Reisen, Diskussionsrunden um Gott und die Welt, ja sogar eines Chinesischkurses mit dem einzigen Sinologen im Dorf, Dr.Gerster, kam ab 1964 der Lehrauftrag Religion im Lehrerseminar Liestal hinzu. Viele Jahre lang stand die Citroen Déesse jeweils Montags vor dem Lehrerseminar. Auch dort gelang es Ado viele junge Männer und Frauen zu begeistern, und es entstanden bleibende Freundschaften, erwähnt sei hier eine der ersten Lehrerinnen im Dorf, Cristina Bein.
Viel Zeit für die Hobbies blieb kaum. Trotzdem wurde mit viel Begeisterung eine Ausrüstung für ein Fotolabor angeschafft und eine Menge schöner Schwarzweissbilder produziert. Ado war dem Genuss- und Gesellschaftsleben nicht abgeneigt. Er liebte das Essen und Trinken und feierte mit der Familie und Freunden oft Geburtstage und Silvester, die dank ihrer Ausgelassenheit allen in Erinnerung bleiben.
Die Kirchenarbeit wurde indes nicht weniger, die Sigristin Myrtha Wagner wurde zu Ados rechter Hand und guter Freundin.
Mit dem gestaffelten Auszug der Kinder ab 1974 wurde es im Pfarrhaus etwas ruhiger. Vielleicht nahm Ado deshalb weitere Aemter an: er wurde Präsident des Tierschutzvereines Baselland, Mitglied der Kirchensynode und ein Jahr lang deren Dekan und er war langjähriger Präsident der Geschäftsprüfungskommission der Kantonalkirche Baselland.
1989 dann ein tiefer Einschnitt in seinem Leben: der älteste Sohn Urs starb bei einem Autounfall. Unerwartet und hart traf es damals die Familie. Ado verarbeite dies auf seine Weise: Seine Predigten handelten im folgenden Jahr oft vom Tod und der Endlichkeit unseres Daseins.
Trotzdem war er wieder für Neues zu haben. Durch seine vielen Beziehungen half er, 1990 das erste Festival „Neue Musik Rümlingen“ ins Leben zu rufen, für viele die reine Avantgarde, für andere eine eher schwierige Musik. Jedoch: das Festival gibt es heute noch.
1992 wäre er pensioniert worden, da aber kein Nachfolger in Sicht war, blieb er noch ein Jahr länger im Amt. 1993 folgte dann der Abschied in Rümlingen. Nach 41 Jahren Tätigkeit in derselben Kirchgemeinde Rümlingen zog das Pfarrerpaar nach Itingen in das Haus des verstorbenen Schwiegervaters. Der öffentlichen Pflichten entledigt, konnte sich Ado vermehrt kulturellen Interessen widmen wie den regelmässigen Theater- und Konzertbesuchen in Basel und ausgedehnten Reisen mit Elsa und einem kleinen Kreis von Freunden. Er nahm Unterricht in Arabisch und Englisch und war von 1995 bis 2005 Präsident und Vorstandsmitglied vom Verein «Unterwegs zum DU» als Gesandter der Kirche BL. Ausserdem schrieb er bis 2009 eine beträchtliche Anzahl von Artikeln, Beiträgen, Berichten und Betrachtungen. Bis 2002 übernahm er unermüdlich Ferienvertretungen in den umliegenden Gemeinden.
Um ein Haar beendete 1999 eine innere Blutung sein Leben. Er kam wieder zu Kräften, konzentrierte sich jedoch mehr und mehr auf das Wesentliche. 2007 konnte er seinen achtzigsten Geburtstag im Kreise der inzwischen auf neun Enkelkindern gewachsenen Familie und Freunde feiern.
Sein innerer Rückzug schritt mit jedem Jahr langsam weiter, er liebte das tägliche Bücher- und Zeitungslesen und seit ein paar Jahren auch das Fernsehen. Die klassiche Musik war ein ständiger Begleiter.
Er verbrachte je länger je mehr weniger Zeit in Gesellschaft mit Freunden und Familie, wirkte trotzdem zufrieden.
Dank liebevoller Hilfe und Pflege konnte er so die letzten Jahre verbringen bis sein erfülltes Leben zuhause in der Nacht auf Samstag vorletzter Woche im Schlaf zu Ende ging, so wie er es sich immer gewünscht hatte.
Eva Müller