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Diesen Sommer, gerade als die Temperaturen so richtig angestiegen waren und ich eine Zugreise bei 35 Grad in den Tessin ohne Klimaanlage (!) überlebt hatte, las ich Kim Stanley Robinsons „The Ministry for the Future“ („Das Ministerium für die Zukunft“). Der amerikanische Science Fiction Autor hat einen Roman in der Form einer fiktiven Enzyklopädie zum Klimawandel geschrieben. Ich war beeindruckt, wie er von allen Seiten auf die komplexen Interaktionen von Menschheit und einem überhitzten Planeten schaut – und zwar aus den Perspektiven des Schwunds der Artenvielfalt, der Erhöhung der Temperaturen, der geopolitischen Spannungen, des Ökoterrorismus, der entfesselten Wirtschaft, der Wissenschaft usw usf. Er beschreibt nicht nur sehr genau die akut und exponentiell wachsenden Herausforderungen, der sich die Menschheit gegenüber sieht, sondern zeigt auch die Suche nach Lösungen auf, die international skalierbar Wirkung zeigen sollen. Unter anderem mit technischen Lösungen gegen den Klimawandel.
Im Zentrum des Romans steht übrigens Mary Murphy, die irische Direktorin des fiktiven Ministeriums der Zukunft, das im Rahmen des Pariser Klimaabkommens ins Leben gerufen worden ist und das in Zürich angesiedelt wurde. Gefallen hat mir auch, wie differenziert Kim Stanley Robinson die Schweiz und ihre Bevölkerung beschreibt. Für einmal kommen nicht die üblichen Schoggi-, Uhren- und Banken-Klischees zum Tragen, sondern Charakterisierungen der Stadt Zürich und ihrer Menschen mit einer grossen Überlappung mit der Wirklichkeit.
Technische Lösungen versus CO2-Reduktion
Robinson geht in seinem Roman auf verschiedene sogenannte Geoengineering-Ansätze ein, technische Lösungen bzw. menschliche Interventionen im Hinblick auf die grossen und flächendeckenden Probleme, die der Klimawandel auslöst. Er erzählt beispielsweise von einer Initiative in der Antarktis, wo Wissenschaftler und Ingenieure versuchen, die Geschwindigkeit eines Gletschers zu stoppen, der in beschleunigtem Tempo in Richtung Meer schlittert und in ihm verschwindet. Die Forschenden hatten rausgefunden, dass der Gletscher auf einer Wasserschicht zwischen Felsen und Eis wie auf einer Rutschbahn gleitet. Darum versuchen sie dieses Wasser abzupumpen und auf den Gletscher hinauf zu befördern, damit es dort wieder vereist…
Nun lese ich einen Artikel über ein reales Geoengineering-Projekt für einen Gletscher in Grönland. Dort haben Wissenschaftler rausgefunden, dass der Jakobshavn beschleunigt auftaut und in den letzten Jahren rund 4 Prozent zur Erhöhung des Meeresspiegels beigetragen hat. Die Glaziologen haben auch entdeckt, dass der Gletscher just dort, wo er ins Meer kippt auch noch auf eine wärmere Schicht von Meereswasser trifft, so dass das Eis besonders schnell schmilzt. Deshalb kommen Wissenschaftler und Ingenieure auf die Idee, vom Meeresgrund her eine rund 100 Meter hohe Wand hochzuziehen, um den Kontakt des Eises mit dem warmen Wasser zu verhindern. Die Glaziologen argumentieren, dass eine 500 Millionen Investition in Grönland bedeutende höhere Kosten für weit entfernte Städte wegen des Anstiegs des Meeresspiegels verhindern könnte.
Technische Geoengineering-Lösung umstritten
Nun sind Geoengineering Lösungen nicht ganz unbestritten. Im Gegenteil: Sie werfen komplexe ökologische, ethisch, wirtschaftliche und natürlich auch (geo-)politische Fragen auf. Andere Wissenschaftler befürchten etwa, dass eine Wand im Meer die dortigen Fische und anderen Meerestiere stören könnte und damit den Fischfang beeinträchtigen würde. Viele sind prinzipiell dagegen, weil technische keine „echten“ Lösungen sind. Denn es gilt die Ursachen des Klimawandels zu bekämpfen, den Ausstoss von CO2 zu verhindern, anstatt Symptom-Bekämpfung zu betreiben. Dann stellt sich die Frage, wer solche Projekte denn finanzieren müsste. Die Grönländer fühlen sich dafür nicht verantwortlich, denn den Klimawandel verursacht haben die reichen Industrieländer und weniger sie selbst. Da bleiben eigentlich nur Philantropen übrig, ein Beispiel für eine solche Finanzierung soll es an anderer Stelle bereits geben.
Die technischen Probleme selbst sind ebenfalls erheblich, denn welche Materialien soll man wo und wie verbauen, dass sie das Meer nicht schädigen. Dennoch hoffen die Glaziologen auf ein Projekt, um daran auch für andere Standorte und Gletscher lernen zu können. Denn jene, die Geoengineering befürworten, sind der Meinung, dass man der Menschheit Zeit verschaffen soll, um die Wende im Hinblick auf den Klimawandel rechtzeitig zu schaffen. Erst Ende der 70er-Jahre hat ein erster Glaziologe propagiert, dass das Schmelzen der Gletscher mit dem Klimawandel zu tun hat. Er stand damit zunächst alleine da. Vielleicht werden technische Lösungen bald mehr toleriert als heute, meinen sie…
Komplexe Probleme – wicked problems
Die Wand vor dem Gletscher Jakobshavn wirft unendlich viele Fragen auf. Sie ist ein sogenanntes „wicked problem“, ein komplexes Problem, das man nur mit Hilfe verschiedenster Ansätze und Disziplinen koordiniert lösbar ist. Genau deswegen habe ich Robins Buch als eine Enzyklopädie bezeichnet. Er beschreibt mit wie vielen verschiedenen Ansätzen die Menschheit in allerletzter Minute dem Klimawandel beizukommen versucht.
Und warum ich in diesem Blog-Beitrag über das Thema Geoengineering auch noch schreibe? Weil mir die Lektüre von Kim Stanley Robinsons Roman klar gemacht hat, dass „seine“ Zukunft bereits begonnen hat. Diese Science Fiction passiert gerade. Wir können zuschauen, wie er sich vor unseren Augen in Echtzeit entfaltet. Ein anderer Science Fiction Autor, William Gibson sagte bereits 2003: “The future is already here – it’s just not evenly distributed.“ („Die Zukunft ist bereits da, sie ist nur nicht gleichmässig verteilt.“)
Siehe auch diesen Blog-Beitrag.