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Die Kirche Sainte Bernadette du Banlay in Nevers (F), gebaut von Claude Parent und Paul Virilio zwischen 1964 und 1966, ist ein gebautes Manifest der französischen Architekten- und Künstlergruppe Architecture Principe. Die Eröffnung des Bauwerks war medial ein kleiner Skandal. Jean Nouvel war als junger Architekt im Büro von Parent und Virilio tätig. Der Bau in Nevers schlägt dadurch eine Brücke zur Architektur des Konzertsaals im KKL Luzern.
Bilder: Stadtfragen/2014
sta/nevers. Seit 1958 hatte sich Paul Virilio mit der Archäologie der Bunkeranlagen aus dem II. Weltkrieg entlang des Atlantikwalls in der Normandie beschäftigt. Zusammen mit dem Architekten Claude Parent, Michel Carrande, ein Maler und dem Plastiker Morice Lipsi gründete Virilio die Gruppe Architecture Principe. Sie löste sich 1968 wieder auf. In der kurzen Zeit ihres Bestehens erschienen zwischen Januar und Dezember 1966 neun Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift. Die Kirche Sainte Barnadette du Banlay in Nevers wurde mehr oder weniger gleichzeitig entworfen und realisiert. Sie gilt deshalb als das gebaute Manifest der Gruppe. Avantgardistisch und kritisch gegenüber der Moderne und den in die Höhe schiessenden Bauten der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts unternahm Architecture Principe den Versuch, das Spannungsverhältnis zwischen Begriffen, Verfahren und der Materialisierung in der Architektur und im Städtebau neu auszuloten. Daraus entstand eine kritische Ästhetik gegenüber dem, was die Disziplinen Architektur und Städtebau aktuell realisierten. Die Architekten- und Künstlergruppe wollte partout nicht mehr daran glauben, dass die geschlossene architektonische Form, der Monolith, die Notwendigkeiten und Probleme der Zeit weiterhin befriedigen konnte – schon gar nicht in der Beschränkung durch das Entwerfen und Bauen in der Horizontalen und Vertikalen. Als neue Gegenstände im Entwurf von gedanklichen und baulichen Experimenten propagierte sie zwei neue Paradigmen, man könnte sagen, zwei neue Sinnfelder im Entwurf: die Funktion der Schräge und der aufgebrochene Monolith.
Territorium als Kontext
Die Anreise nach Nevers, ein Wallfahrtsort mit dem seit 1925 unverwesten Leichnam der barmherzigen Schwester Bernadette Soubirous (1858 Seherin von Lourdes) als Hauptattraktion, erledigt ein GPS problemlos. Vor Ort kann jedoch der Versuch, die Kirche innen zu besichtigen, gerade in den Sommermonaten zu einem Abenteuer werden. So am Sonntag 10. Juli: Weder die Versuche direkt vor Ort und im lokalen Tourismusbüro, noch mehrere Telefonate an die Kirchgemeinde führten zum Ziel. Die Eingangstür blieb verschlossen, die Meldungen auf dem AB unbeantwortet. So blieb ein Rundgang um das Gebäude herum. Dafür gibt es allerdings keinen vorgegebenen Weg: Das Gebäude ist von hohem Gras umgeben. Erst bei näherem Hinschauen zeigt sich ein Zementstreifen, der dadrin eingelegt ist. Dezent, aber bestimmt, steckt er ein rechteckiges Territorium ab und ergänzt die Landschaftsarchitektur, die topografisch mit augenfälligen Terrainsprüngen und einem Beton-Sockel am Eingang des Grundstücks spielt. Im Kopf entstehen dadurch Bilder, die an ein für Zivilisten eigentlich unzugängliches militärisches Territorium erinnern. Das Gebäude zeigt sich gegenüber neugierigen Besuchenden und dem umliegenden Quartier programmatisch borstig, ablehnend gar: Seit seiner Entstehung und bis heute scheint das Gebäude deshalb nicht von bzw. für diesen Ort gebaut zu sein. Die architektonische Sprache des Gebäudes und seine unmittelbare Umgebung erinnern an ein Bauwerk, dass niemand in seiner direkten Nachbarschaft haben will. Der städtebauliche Kontext, so könnte man festhalten, manifestiert sich so in der architektonischen Umsetzung, im fertigen Bau, kraftvoll als ein von den Architekten taktisch mit einer bildlichen Kriegsrhetorik ausgestattetes bauliches Territorium, das gleichzeitig die totale Kontrolle des Ortes und eine gestalterische Logistik der Abwesenheit demonstriert.
Zahnloser Engel
Zur Dialektik zwischen Kontrolle und Abwesenheit passt, dass es eines Zufalls bedarf – und wohl die Kraft der heiligen Bernadette – um die Kirche innen besichtigen zu können: Am nächsten Tag scheint die Sonne. Der Monolith zeigt sich in einem anderen Licht als tags zuvor. Ein paar zusätzliche Fotos lohnen sich. Und tatsächlich erscheint das unvorhergesehen Willkommene in der Person eines Quartierbewohners, wir nennen in hier liebevoll und schicksalshaft den zahnlosen Engel: Er kommt in letzter Minute ungefragt auf uns zu und erklärt uns, wo und wie einfach der Schlüssel zum Kirchenraum zu finden ist: gleich um die Ecke, im Hof, an der Tür des Pfarrhauses. Zehn Minuten später stehen wir im Innern von Sainte Bernadette du Banlay und erleben die Wirkung des ständigen Wechsels zwischen Sonnenlicht und Wolken. Über die zentrale Treppe im Kirchenraum über dem Erdgeschoss angekommen, wirkt das programmatische Experiment der Architecture Principe mit der Schräge und dem gebrochenen Monolithen unmittelbar. Überall dort, wo der Monolith aus Stahlbetonrippen seine Bruchstellen aufweist, wo sich Gebäudeteile im Schnitt und im Grundriss, wo schiefe Ebenen und Wände partout nicht monolithisch aufeinandertreffen dürfen, fällt gelbes Licht in den Baukörper, und über uns hinein. Ich begreife: Virilio und Parent ging es in ihrer kritischen Haltung um eine veränderte Wahrnehmung durch das Erleben von Desorientierung. Ihre Architektur verfolgt das Ziel einer individuellen, kritischen, körperlichen und visuellen Erfahrung, die überhaupt erst aus der freiwilligen oder unfreiwilligen Aufmerksamkeit von Körper und Augen für das bisher Ungewohnte und Unbekannte entstehen kann.
Form in Bewegung
Der Neubau in Nevers war bei seiner Eröffnung 1966, zumindest in den Medien, ein kleiner Skandal. „C’est une église“, titelte die L’Union am 10. Dezember lakonisch. Was den sonst? Die Architectural Review nannte die Architekten gar zwei „incorrigible propagandists“. Ähnliches hätte sich 1998 anlässlich der Eröffnung des Konzertsaals im KKL tatsächlich auch in Luzern ereignen können. Der Grund: Jean Nouvel, Architekt des KKL in Luzern, arbeitete nach seinem Studium zuerst bei den beiden philosophes de l’urbanisme, wie Parent und Virilio auch genannt werden. Anzunehmen ist, dass ihn die Ereignisse in Nevers, die dort aufgeführte kritische Auseinandersetzung mit der Moderne und der architektonischen Form, die in der Schräge in Bewegung gerät, in seinen ersten Berufsjahren mit geprägt haben. Ein Hinweis: „Das Wesen der Architektur besteht darin, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen“, schrieb Nouvel in seinem Beitrag zur deutschen Ausgabe von „architecture principe, 1966 und 1996“ (Bernd Wilczek, Editions de L‘ Imprimeur, 2000).
Beim KKL in Luzern (1995-2000) lotete Jean Nouvel die Grenze der Disziplin offensichtlich mit dem weit auskragenden Flügeldach aus, zu dem, im Vorfeld der demokratischen Abstimmungen, die Bauherrschaft eine öffentliche Haushaltdiskussion tunlichst vermied. Ein Besuch der Kirche von Virilo und Parent in Nevers lässt erahnen, dass auch der monolithischen Form und Konstruktion des Konzertsaals am Europaplatz mit dem Neverskomplex in Verbindung gebracht werden kann; mit jener radikal kritischen Haltung, welche die Grenzerfahrung zwischen Körper und Raum auslotet und taktisch in Architektur umsetzt. So sitzt der Konzertsaal in Luzern, akustisch hermetisch abgeschlossen, im Bauch des KKL, aussen in der ganzen Höhe bis hinauf zum Dach des KKL sichtbar. Im mehgeschossigen Foyer beherrscht das Saalvolumen die Raumwahrnehmung der Besuchenden, ohne dass sein Innenleben unmittelbar offenbar wird. Ähnlich wie in Nevers demonstriert damit das Herz des KKL die Gleichzeitigkeit der architektonischen Kontrolle und Abwesenheit. Die Radikalität der Kirche in Nevers verliert der Saal an seiner Oberfläche. Aussen präsentiert sich die Betonkonstruktion als eigenständige, fast schon liebliche Form aus Holz. Die Oberfläche im Kleid eines edlen Riegelahornfurniers erinnert an die Rückseite einer Geige. Der Koloss aus Beton, die architektonische Tatsache, soll in den Augen der Besuchenden, in der Interpretation der eigenen Wahrnehmung, bildlich gesprochen als Musikinstrument erklingen. Man könnte sagen: Der Bauch des Konzertsaals wird zur Einladung, einzutreten in die Welt der Musik. Ein möglicher Hinweis auf die Kirche Sainte Bernadette du Nevers lieferte der Saal aus diesem Grund vor allem damals, als er noch im Rohbau stand. Zum Beispiel beim Gang durch den Haupteingang in das Parkett, das im Untergeschoss liegt. Was an Nevers erinnert: Zunächst steigt der Weg hinein in den Saal hier kurz an, bevor der Boden im Saalinnern zur Bühne hin ein leichtes Gefälle aufweist und die Schräge das Erlebnis der eigenen Bewegung im Raum bestimmt.
Eingeschlossene Radikalität
Mit dieser Erfahrung lässt sich durchaus darüber spekulieren: Wäre nach dem Rohbau in Luzern nicht die Verkleidung aus Holz und damit das architektonische Bild eines übergrossen Musikinstruments hinzugefügt worden, vielleicht hätte die lokale Presse 1998, anlässlich der Eröffnung des KKL, analog zur Presse 1966 in Nevers getitelt: „Das ist ein Konzertsaal“. Was denn sonst? Es kam anders. Das KKL ist kein gebautes Manifest, eher Ausdruck einer radikal verinnerlichten Taktik, wie unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs unter Kulturstandorten, gute Architektur realisiert werden kann. Die architektonische Radikalität, die in Nevers 1:1 an der Gestaltqualität des Bauwerks ablesbar geblieben ist, liegt in Luzern hinter einer architektonisch stimmigen und im lokalen Kontext (auch wenn nur mit einer herausragenden Leistung) machbaren Logistik der öffentlichen Erzählung und Wahrnehmung über die Nutzung und Bedeutung einer Architektur für das 21. Jahrhundert verborgen. Nouvels Architektur als Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung muss deshalb politisch korrekt sein, ist deshalb folgerichtig mehr ein architektonischer Event und ein Bilderbuch denn ein Manifest oder das sichtbare Ergebnis einer ideellen Selbstverwirklichung eines Autorenarchitekten. So erinnert das Bauwerk in Luzern in seiner Form und Gestalt auf den ersten Blick kaum noch an die Ideen der Propagandisten aus der Gruppe Architecture Principe. In Erinnerung an den Rohbau bleibt für den Kritiker die gedankliche Brücke zwischen Luzern und Nevers trotzdem ein nennenswertes und erlebbares Ereignis. Am Endpunkt in Luzern lässt es sich begrifflich einordnen: Als Konzept des dirty realism beschreibt die Architekturtheorie seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends jene erfolgreiche Taktik im Programmieren, Entwerfen und Bauen von Architektur, die es schafft, eigenständige (und durchaus radikale) Haltungen und Ideen in den Disziplinen Architektur und Städtebau in einen dafür noch nicht vorgesehenen, jedoch aus fachlicher Sicht in der gegeben Zeit und für die nahe Zukunft stimmigen Kontext einzuschliessen. Damit ist auch beantwortet, weshalb Jean Nouvel seinen Entwurf für Luzern überaus authentisch als „l’inclusion“ beschrieben hat.
PS: Wer sich selbst vor Augen führen will, wie der Konzertsaal in Luzern 1997 im Rohbau gewirkt haben könnte, kommt nicht umhin, selbst eine Reise nach Nevers zu unternehmen. Die heilige Bernadette und der zahnlose Engel werden sich über den Besuch bestimmt freuen.