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Berlin, den 20t Dezember 1871
Hochgeehrter Herr Praesident
Ich bin im Besitze Ihrer freundl. Mittheilungen vom 16t sowie Ihres Telegramms vom 19t dss : «Ersuche um naehere Angaben über Koch und Übersendung von Geschäftsordnungen der Directionen der besten deutschen Eisenbahnverwaltungen.»
Mit Herrn Dr Parcus habe ich hier bei meiner Rückkehr von Luzern gesprochen und keine Mißstimmung in Betreff der Syndicats-Verhandlungen in Luzern bemerkt. Übrigens habe ich die größte Rücksicht dadurch genommen, daß das Protokoll allen Mitgliedern des Syndicats offen gehalten worden ist, und es sich demnach um keine Beschlüsse | in Luzern, sondern nur um Beschlüsse handelt, welche durch Circular-Abstimmung gefaßt werden.
In der Anlage theile ich Ihnen meine weitere telegraphische Correspondenz mit Herrn Servadio mit. Aus seinem letzten Telegramme ist schwer klug zu werden, und mit der allgemeinen Phrase, ihm Alles zu überlassen ist nichts anzufangen, da ich nicht ins Programm setzen kann, daß in Italien Alles dem Herrn Servadio überlassen ist. So viel ich weiß, kann die Ital. Nationalbank eben sowohl die Subscription der Gotthardbahn-Papiere übernehmen, wie sie sich an dem für die Emission gebildeten Consortium betheiligt, und würde es daher sehr wünschenswerth sein, wenn die in meinem Telegramm vom 15t dss. gemachten Vorschläge Eingang finden. Ich bitte, mir über diesen Gegenstand Ihre Anschauungen mitzutheilen. 1
Geh.Rath Koch war früher bei | der Coeln–Mindener Eisenbahn, sodann eine Reihe von Jahren im Handels-Ministerium als technischer Decernent, und schied aus letzterer Stellung aus, um die Direction der hiesigen Actien-Gesellschaft Norddeutsche Fabrik für Eisenbahn-Betriebs-Material zu übernehmen. In letzterer Stellung verblieb er jedoch nicht lange, indem er vorzog, in die Eisenbahnbranche zurückzukehren und die obere Leitung der Magdeburg–Leipziger Eisenbahngesellschaft zu übernehmen. Er gilt als ein sehr befähigter Techniker, und steht, was Charakter betrifft im höchsten Ansehn. Durch Erbschaft und Heirath befindet sich derselbe in ganz unabhängigen Vermögens-Verhältnissen. 2
Ich komme auf meine frühere Idee zurück, daß Sie die schwierige Frage der technischen Leitung vielleicht mit der größten Beruhigung zur Entscheidung und Lösung bringen, | indem Sie eine Reise nach Deutschland machen und diejenigen deutschen Techniker, welche in Frage kommen persönlich anschauen. Ich würde mich sehr freuen, Sie durch eine solche Veranlassung in Berlin zu sehen und Ihnen bei Ihrer Rundschau zur Erreichung Ihres Zweckes nach besten Kräften zu dienen suchen. 3
Die gewünschten Geschäfts-Reglemente für deutsche Eisenbahnverwaltungen habe ich bereits bestellt.
Ich stimme Ihrer Ansicht zu, daß wir in Kurzem nach Emission der Actien die erste Serie der Obligationen an den Markt bringen sollten. Auch hier dürften diese Obligationen um so lieber al pari genommen werden, als sie für einen bestimmten Zeitraum vor Kündigung resp. Zinsherabsetzung geschützt sind.
Mit Empfehlungsschreiben des deutschen Gesandten in Florenz ist | ein Herr Guastalla Cav. Dott. Marco hier eingetroffen, welchen der Praesident des Reichskanzleramtes an mich gewiesen hat. Dieser Mann entpuppte sich alsbald als ein Abgesandter von Grattoni, und hoffte, hier eine Unterstützung für eine in Turin gebildete Actiengesellschaft zu finden, welche ihr Augenmerk auf eine General-Entreprise beim Gotthard-Unternehmen gerichtet hat. Ich sagte ihm, hier zu Lande würde er sicher keine Unterstützung finden, denn sobald hier eine Eisenbahn mit dem System der General-Entreprise zu thun habe, seien die Actien 20% weniger werth, – und das Consortium wolle die Actien al pari verkaufen.
Mit freundschaftlicher Hochachtung
A Hansemann
Das Programm für die Subscription folgt demnächst.