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Fitzi, Johann Ulrich - Zeichner und Maler
Biographische Daten
(Bilder von Speicher finden sich hier)
☆ 16. April 1798 in Niederteufen, als viertes von sieben Kindern. Bürger von Bühler
1810 Hausbursche beim Arzt und Forscher Caspar Tobias Zollikofer (1774-1843) in St. Gallen
ab 1818 auch Zeichner für weitere Auftraggeber; zusätzlich frei schaffend
1821 Heirat mit Anna Magdalena Zürcher aus Speicher. Wohnsitz in Bühler, später verschiedene Wohnsitze in Trogen
1833 Umzug nach Speicher in den Unterbach
1837 Zweite Ehe mit Anna Maria Lendenmann
1840 Dritte Ehe mit Witwe Anna Maria Nänni
† 15. Januar 1855 nach längerer Krankheit infolge eines Herzschlags
Kindheit und Jugend[Bearbeiten]
Johann Ulrich Fitzi wurde in Teufen geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Wieviel der ganz junge Fitzi vom Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft und der Besetzung durch die Franzosen und der Zeit der Helvetik bewusst mitbekommen hat, bleibe dahingestellt. Der Vater Johann Konrad Fitzi war Weber und Taubenhändler, später Wirt und Metzger, die Mutter fürsorgliche Hausfrau für die neunköpfige Familie. Als Kind und Jugendlicher erlebte er Jahre der Armut und des Hungers. Den Kampf ums tägliche Brot meisterte vor allem die Mutter, der Vater brachte nur unregelmässig Verdienst. Schon als Fünfjähriger musste sich Johann Ulrich als Ziegenhirt etwas Geld verdienen.
Talentförderung als Hausbursche[Bearbeiten]
Zwar konnte Johann Ulrich die Dorfschule - sie hatte einen schlechten Ruf - in Teufen besuchen, mit Unterstützung vermögender Nachbarn aus Speicher sogar Privatunterricht, dennoch hatte er, wie damals üblich, mit 12 Jahren sein eigenes Geld zu verdienen.
Er hatte das Glück, 1810 beim Arzt und Naturforscher Caspar Tobias Zollikofer in St. Gallen eine Stelle als Hausbursche antreten zu dürfen. Zollikofer entdeckte Fitzi’s Zeichentalent und unterrichtete ihn mittels Zeichenaufträgen.
Talent zum Beruf gemacht[Bearbeiten]
Johann Ulrichs älterer Bruder Johann Jakob - er wurde später Zeichenlehrer und Sekretär von Johann Heinrich Pestalozzi sowie erster Reallehrer im Schulhaus Windegg in Herisau - förderte früh das Zeichentalent seines jüngeren Bruders. Genaues Beobachten und Zeichenfertigkeit stammten wohl vom Vater, der als Weber über ebendiese Begabungen verfügte. „Die Fitzi-Buben schnitten aus Papier Tiere aus und bemalten sie. Ein Nachbar soll ihnen aus der Färberei Druckfarben mitgebracht haben. Als Pinsel diente ein Kiel, in den Büschelchen eigener Haare gesteckt wurden. Die kleinen Kunstwerke fanden Absatz, und die Buben verdienten mit ihnen einige Batzen.“ schreibt Jakob Altherr.
Naturwissenschaftliche Zeichnungen[Bearbeiten]
Die Anstellung als Hausbursche bei Zollikofer war für Fitzi eine Art Türöffner. Einerseits für die Förderung seines Zeichentalents, andrerseits für Verbindungen zum Netzwerk Zollikofers, das alle bedeutenden Naturwissenschaftler der Ostschweiz aus jener Zeit umfasste. Zollikofers Forschungen zu Alpenpflanzen, Insekten, aber auch Landschaften, führten zu einer Vielzahl von Zeichnungen und Gemälden, die vor allem wissenschaftliche Ansprüche erfüllen. Die Werke aus jener Zeit können nicht in jedem Fall eindeutig dem Meister oder seinem Lehrling zugeordnet werden, zu ähnlich sind sie in ihrer Ausführung. Fitzi avancierte mehr und mehr zum Zeichner und Aquarellist des Forschers Zollikofer und fand damit auch bei Freunden Zollikofers Aufmerksamkeit.
Weiterentwicklung als Zeichner[Bearbeiten]
Um 1818 nahm Fitzi in Trogen Wohnsitz. Er arbeitete weiter im Auftrag von Zollikofer, fand aber in Johann Caspar Zellweger, Arzt und Naturwissenschaftler, Johann Conrad Honnerlag, Kaufmann und Kunstfreund, Johann Georg Schläpfer, Arzt und Naturwissenschaftler, Johann Martin Schirmer, Kaufmann und Naturwissenschaftler u.a. auch neue Auftraggeber. Die Aufträge gaben ihm finanzielle Sicherheit und eröffneten zudem neue Felder zeichnerischer Darstellungen: Häuser, Dorfansichten, Landschaften, Pläne, Fahnen, Siegel etc. Sein Talent und sein Ruf als exakter Zeichner ermöglichten ihm einen gesicherten Lebensunterhalt. Viele seiner Bilder von Häusern oder Landschaften hatten für private Auftraggeber jener Zeit die Bedeutung von Fotografien.
Zeichnungslehrer und Modelstecher[Bearbeiten]
Trotzdem nahm Fitzi zeitweise zusätzlich eine Anstellung als Zeichenlehrer an einer Privatschule in Speicher an (B. Tanner, Seite 519), von 1838-1841 ein Kleinpensum an der Kantonsschule Trogen. War Flaute in der Malerei, widmete er sich wie sein Freund Johann Heinrich Tobler, der Arbeit als Modelstecher.
Zeichnungen als Lithographievorlagen[Bearbeiten]
Verschiedene Werke Fitzis wurden von Bildhändlern gekauft, als Lithographien reproduziert und von den Kupfer- oder Stahlstechern als eigene Werke signiert. Dies hat auch damit zu tun, dass Fitzi weniger als Maler (Künstler) anerkannt war, sondern als abbildender Zeichner (Kopist). Nach zwei Ausstellungen in St. Gallen, an denen er teilnahm, wurde „.. ein Künstlerverein ins Leben gerufen, welcher «höhere» Ziele setzte und nur Leute vom Fach einlud. Fitzi beteiligte sich nicht mehr an Ausstellungen.“ [zit. Altherr]
Aus einem Brief von 1850 ist etwas zu erfahren über Fitzis Verdienstmöglichkeiten: „…Beifolgend empfangen Sie zwei Ansichten von Gais wieder zurück, eine davon behielten wir… Den Betrag von 2 Franken 42 Rappen empfangen Sie beifolgend.“ [zit. Altherr] [Hinweis: Dieser Betrag entspricht im Jahre 2022 - berechnet nach dem Konsumentenpreisindex - rund 65 Franken. Ein Handwerkmeister hatte zur selben Zeit einen Taglohn von etwas mehr als 1 Gulden, also etwa das, was Fitzi für sein Bild erhielt]
Privatleben mit Schicksalsschlägen[Bearbeiten]
Nachdem er 1818 in Trogen Wohnsitz genommen hatte, heiratete Fitzi am 10. Februar 1824 Magdalena Zürcher aus Speicher. Das Paar wohnte zunächst in Bühler und zog spätestens 1826 nach Trogen (Niedern, dann Gfeld und Töbeli). Bis 1832 wurden sechs Kinder geboren. Nach der Geburt des 6. Kindes wurde Magdalena psychisch krank und zu einer wirtschaftlichen Belastung für die ganze Familie. Fitzi liess sich im Mai 1832 scheiden. Magdalena Zürcher starb 10 Jahre später im Bürgerheim Bühler.
Umzug nach Speicher - zweite Heirat[Bearbeiten]
Etwa ein Jahr nach der Scheidung zog Fitzi mit noch fünf Kindern, eines war verstorben, in den Unterbach in Speicher, wo er das Haus mit der Nummer 301 erworben hatte. Am 27. Juni 1837 heiratete er Anna Maria Lendenmann. Das Mädchen Marie Elisabetha, das im November 1838 zur Welt kam, war stark behindert, unter anderem taubstumm, somit eine grosse Last für die Familie. Am 24. April 1840 starb Anna Maria Lendenmann, 10 Tage nach der Geburt von Sohn Johann Heinrich, ein neuer Schicksalsschlag!
Kein Eheglück zum dritten[Bearbeiten]
Fitzi heiratete im Oktober des gleichen Jahres die Witwe Anna Barbara Nänni. Ein Knabe aus dieser Ehe verstarb im August 1841 noch als Säugling, nachdem Sohn Johann Heinrich bereits im Juli verstorben war.
Diese Ehe stand unter einem schlechten Stern. Fitzi beantragte noch 1841 die Scheidung, seine Frau wehrte sich vehement, die Scheidung wurde nicht gewährt. Kurze Zeit später war es die Ehefrau, welche auf Trennung klagte und Recht bekam. Dadurch geriet Fitzi in finanzielle Schwierigkeiten und musste das Haus am 22. Januar 1844 verkaufen. Er wohnte dann zunächst im Bendlehn, später im Weiler Buchen und im an der heutigen Adresse Dorf 14.
Fitzi war sehr häufig von zuhause abwesend, zumeist tagsüber, oft auch während mehrerer Tage oder Wochen. Seine Ehefrauen waren zuständig für die gesamte Erziehungs- und Hausarbeit.
Johann Ulrich Fitzi litt zunehmend an einem Herzleiden, welchem er schliesslich am 15. Januar 1855 erlag.
Zeichner - Maler - „Bildreporter“[Bearbeiten]
Johann Ulrich Fitzi war in erster Linie Zeichner. Diese Fähigkeit erwarb er sich durch seine genaue Beobachtungsgabe, die sich schon im Kindesalter zeigte. Zur Meisterschaft brachte er es dann durch die „Schulung“ bei Zollikofer, einem ebenso akribischen Beobachter und Zeichner. Später kam das Kolorieren der Zeichnungen dazu. Im Aquarellieren entwickelte er dieselbe Detailtreue wie bei den Skizzen. Die Farben und Farbnuancen in seinen Aquarellen lassen die Objekte geradezu plastisch erscheinen, insbesondere die Abbildungen von Pflanzen und Tieren.
Ausgefeilte Techniken[Bearbeiten]
Die farbigen (Ab)bilder wurden zunächst mit einem feinen Bleistift vorgezeichnet, noch ohne kleinste Einzelheiten. Diese wurden nach dem Farbauftrag mit einem äusserst feinen, steifen Haarpinsel ergänzt. Fitzi verwendete für Details eine starke Lupe, daher auch sein Spitzname „Lupenzeichner.“
Die bekannten fotografisch wirkenden Dorfansichten sind anfänglich als Auftragsarbeit von Johann Conrad Honnerlag entstanden, ausgeführt als Federzeichnungen in Tusche. Später kamen eine Vielzahl an Aquarellen von Dorfansichten verschiedener Gemeinden dazu. Teilweise nahm Fitzi auch ein Lineal zu Hilfe, so dass man eine Architekturdarstellung vermuten könnte, wobei er mit der Perspektive eher auf Kriegsfuss stand.
Naturwissenschaftliche Zeichnungen und Landschaftsaquarelle[Bearbeiten]
Gegen 500 aquarellierte Zeichnungen stellte Fitzi für Johann Georg Schläpfer her, neben allerlei Getier (Schlangen, Vögel, Säugetiere) auch anatomische Darstellungen von Organen, sowie Skizzen von Reisen.
Landschaften und landschaftliche Details entstanden hauptsächlich in Zusammenarbeit mit Johann Martin Schirmer aus Herisau. Die beiden wanderten durchs ganze Appenzellerland und Fitzi erstellte an Aussichtspunkten Skizzen, welche zuhause fein gezeichnet und schliesslich koloriert wurden.
Bleistift, Tuschfeder und feine, steife Pinsel waren seine Hauptwerkzeuge. Viele Bleistiftskizzen sind mit Zahlen und Zeichen versehen, er benützte sie für die anschliessende Kolorierung. Jedes Zeichen steht für eine bestimmte Farbe oder einen Farbton.
Dokumentarischer Wert für Denkmalpflege[Bearbeiten]
Neben dem zeichnerischen, haben viele Werke auch einen historischen Wert als exakte (mit Abstrichen bei der Perspektive) dokumentarische Abbilder, welche z.B. für denkmalpflegerische Belange als Quellen herangezogen werden können.
Die Ausserrhoder Kantonsbibliothek verfügt aus einer Schenkung über Dorfansichten aller Appenzeller Gemeinden.
Genaue Skizze und ebenso exakte Farbgebung lassen Fitzi eher als wissenschaftlichen Zeichner oder besser als Bildreporter [Joh. Matth. Schläpfer], denn als Künstler beschreiben. Eine Hommage an den "wissenschaftlichen Zeichner Fitzi" stellt das Buch „Schnirkelschnecke Schlangenmoos“ von Peter Wegelin und Ruedi Widmer dar.
Auftraggeber und Auftragswerke[Bearbeiten]
Die folgende Aufstellung soll zeigen, wie Fitzi zu seinem grossen Repertoire an Werken kam. Die aufgeführten Hauptauftraggeber wollten mit ihren Aufträgen ihre eigenen Beobachtungen und Erkenntnisse dokumentieren. In der freien Erwerbstätigkeit konnte Fitzi auf die dadurch gemachten Erfahrungen zurückgreifen. Die Jahreszahlen sind Richtwerte, Fitzi arbeitete oft für mehrere Auftraggeber gleichzeitig.
|Auftraggeber Zeitraum Aufträge||Technik/Werke|
|Caspar Tobias Zollikofer; ab 1810 bis 1838; Zeichnungen, Kolorierung, Aquarelle||Zeichnungen, Aquarelle von Pflanzen, Insekten; über 900 Pflanzen- und 200 Insektenbilder in Zusammenarbeit mit Zollikofer|
|Johann Caspar Zellweger; ab 1818; Illustrationen||Wappen, Fahnen, Landschaften etc. zu Publikationen von Zellweger, z. B. „Zeichnungen zur Appenzeller Geschichte“, „Appenzeller Fahnenbuch“; Aquarelle|
|Johann Conrad Honnerlag; ab 1820; „Prospektmalerei“||Dorfansichten, Häuser, Planzeichnungen und kartographische Arbeiten; hauptsächlich Federzeichnungen in Tusche|
|Johann Georg Schläpfer; ab ca. 1825; Illustrationen||Bebilderung der „Lucubrationen“ mit über 400 Aquarellen und teils kolorierten Zeichnungen von Tieren, anatomischen Besonderheiten etc.|
|Johann Martin Schirmer; ab 1835 bis 1838; Landschaftsaquarelle||Landschaften und Landschaftselemente: Aquarelle nach vorangehender Skizze; Aquarelle appenzellischer Landschaften, u. a. sämtlicher Alpen des Kantons|
|Daniel Wilhelm Hartmann; ab 1839 - bis 1844; Kolorierung||Kolorierung von 84 lithographierten Kunsttafeln "Gastropoden" (Schnecken)|
|Carl Friedrich Froelich; ab 1852; Kolorierung||Kolorierung von 65 Tafeln über Alpenpflanzen, unvollendetes Werk von Froelich (Apotheker in Teufen)|
Quellen[Bearbeiten]
Jakob Altherr: „Johann Ulrich Fitzi 1798 -1855 Zeichner und Maler Ausserrhodens“ im Verlag Appenzeller Hefte Herisau, Nr. 10; 1976
Heidi Eisenhut: DAS APPENZELLER FAHNENBUCH in Librarium : Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen- Gesellschaft, Band 56 (2013) http://doi.org/10.5169/seals-731116
„Johann Ulrich Fitzi, der appenzellische Zeichner und Maler“ in Appenzeller Kalender Band 217 (1938) http://doi.org/10.5169/seals-375050 Johannes Schläpfer: „Johann Ulrich Fitzi: Bildreporter des 19. Jahrhunderts“ in Appenzeller Kalender Band 284, 2005 (http://doi.org/10.5169/seals-377266)
Fitze-Ammann Arnold und Fisch Johannes: „Johann Ulrich Fitzi: Prospekt-, Pflanzen- und Insektenmaler …“ Fragmente einer Lebensbeschreibung; Typoskript eines Vortrags in der Sonnengesellschaft Speicher, 1937; https://zenodo.org/record/6472845#.Y6hiVy9XYh8
Thomas Fuchs: "Fitzi, Johann Ulrich", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.01.2005. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041311/2005-01-19/, konsultiert am 02.06.2023.
Thomas Fuchs: "Schirmer, Johann Martin", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.08.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/029659/2014-08-04/, konsultiert am 06.02.2023
Peter Wegelin und Ruedi Widmer: „Schnirkelschnecke Schlangenmoos“ mit naturwissenschaftlichen Zeichnungen von Georg Leonhard Hartmann, Johann Daniel Wilhelm Hartmann, Caspar Tobias Zollikofer, Johann Ulrich Fitzi, Carl Friedrich Frölich und Eva Weber; VGS Verlagsgemeinschaft St. Gallen, ISBN 3-7291-1062-4; 1991
Weiterführende Links[Bearbeiten]
Text: Peter Abegglen