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Verlag Helbing &Lichtenhahn — Basel 1959
© Copyright 1959 by Helbing &Lichtenhahn, Verlag, Basel Druck von Friedrich Reinhardt AG. BaselHochansehnliche Versammlung,
Die Veranlassungen, welche mich das Thema: «Die Stellung der Pathologie in der Medizin» haben wählen lassen, sind mannigfaltiger Natur. Obenan steht die Tatsache, daß sich alle für eine Neu-Ordnung des medizinischen Studiums verantwortlichen Personen die Frage nach dem Standort des Lehrfaches, das sie vertreten, überlegen müssen. Für den Pathologen handelt es sich darum, sich klar zu werden, ob seinem Fache immer noch jener breite Raum zuzusprechen sei, den es als eine der grundlegenden Disziplinen im klinischen Unterricht bis anhin innehatte, oder ob es vor anderen neu-hinzugekommenen Fächern etwas zurückzutreten habe. Sodann möchten wir des gut hundertjährigen Bestehens von gesetzlichen Lehrstühlen und pathologischen Instituten gedenken und uns jenen Zeitabschnitt in Erinnerung rufen, während welchem in den ersten 50 Jahren des letzten Jahrhunderts sich die entscheidenden Vorgänge abspielten, welche die Voraussetzungen für die Einführung eines besonderen Faches der Pathologie gebildet hatten. Insbesondere bietet sich aber die Gelegenheit, jener Gelehrten-Persönlichkeit zu gedenken, welche durch die geniale Konzeption der Zellular-Pathologie im Jahre 1858 das medizinische Denken auf Jahre hinaus beeinflußt hat: Rudolf Virchow (1821-1902).
Es sei mir daher gestattet, zunächst die Situation zu schildern, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gegeben war, und die dazu geführt hat, daß in einem kurzen Zeit-Intervall an vielen Universitäten hauptsächlich des deutschen Sprachgebietes eigene Lehrstühle für Pathologie und selbständige pathologische Institute gegründet worden sind. Wenn es überhaupt möglich ist, große Entwicklungsetappen der medizinischen Wissenschaft auf einige grundlegende Ereignisse zurückzuführen, so begegnen uns glanzvolle Höhepunkte, denen Perioden des Suchens, der Rückschläge, der Stagnation vorausgehen oder folgen. Die der Gründung von Pathologie-Lehrstühlen unmittelbar vorausgehende Zeit nennt der Medizinhistoriker Diepgen die Periode der Heilkunde von der Begründung der Zellenlehre bis zur Zellularpathologie. Sie umfaßt die Jahre etwa von 1830-1858. Sie folgte selbstverständlich ohne scharfe Grenze, aber in jähem Aufstieg auf die unruhige Zeit der Aufklärung, während welcher die Gegensätze zwischen «nüchterner Tatsachenforschung und uferloser Spekulation» besonders hart aufeinander prallten. Unter dem Einflusse universeller Gelehrten-Persönlichkeiten wurden in dieser Periode die biologischen Grundlagen gelegt, aus denen Anatomie und Physiologie die Kenntnisse des Baues und der Funktion des lebenden Organismus zu erschließen versuchten. Für die Schule der künftigen Pathologen, auch für Virchow, war Johannes Müller der allseitig anerkannte Meister. Ihm wird ein kaum glaublicher Universalismus auf anatomischem, vergleichend-anatomischem, embryologischem und physiologischem Gebiet nachgerühmt. 1839 wurde er, wie dies damals üblich war, als Anatom und Physiologe von Bonn nach Berlin berufen. Er war ein begeisterter Verehrer Goethe's, selber ein großer Denker und ein Beherrscher der Methoden mikroskopischer Beobachtung und experimenteller Untersuchung mit Zuhilfenahme der
damaligen Erkenntnisse in Chemie und Physik. Kein Wunder, daß sich an seiner Seite Mitarbeiter finden, welche ihrerseits medizinische Schulen begründeten. Unter seinen später berühmt gewordenen Schülern nenne ich die Anatomen Schwann, Meißner, Henle, Kölliker, Remak, Hissen, Haeckel, Lieberkühn, Auerbach, und nicht zuletzt Friedrich Miescher-His, den nachmaligen ersten Vertreter der Pathologie in Basel. Unter den späteren Physiologen, die bei Johannes Müller arbeiteten, figurieren Dubois-Reymond, Pflüger, Helmholtz. Rudolf Virchow hat 1843 aus den Händen von Johannes Müller den medizinischen Doktor erhalten. Daraufhin wurde er als Schüler der Pépinière, des Friedrich Wilhelm-Institutes, welches wenig bemittelten, begabten jungen Leuten eine freie medizinische Ausbildung bot, zum Kompagnie-Chirurgen in der Charité ernannt, ihm damit die wissenschaftliche Arbeit an der Charité weiterhin ermöglicht. Anläßlich der Geburtstags-Feier des Gründers der Pépinière, von Goercke, 1845, hat Virchow die Rede zu halten, in welcher der damals 24jährige den anwesenden «romantischen Vitalisten und Empirikern» die Erkenntnis proklamiert, daß jede weitere Forschung auf die Trias klinische Beobachtung mit physikalischer und chemischer Untersuchung, Tierexperiment und Obduktion, einschließlich der Mikroskopie, zu gründen sei. Solche damals revolutionären Auffassungen lassen sich nur unter Berücksichtigung der nahezu gleichzeitig besonders auf den Gebieten der Physik, Chemie und Technik gemachten Fortschritte denken. So hat Robert Mayer 1842 das von ihm entdeckte Gesetz von der Erhaltung der Energie veröffentlicht, und im gleichen Jahr erschien vom Chemiker Justus Liebig das Werk: Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie, durch welches
er zum Begründer der modernen physiologischen und pathologischen Chemie wird. Sehr bedeutsam sind auch die technischen Errungenschaften etwa auf dem Gebiet der Photographie; so fällt die Veröffentlichung der Daguerreotypie ins Jahr 1839. Auch die technischen Verbesserungen der Mikroskope erscheinen in dieser Zeit. So machte Purkinje seine bahnbrechenden Zelluntersuchungen mit achromatischen Mikroskopen der Wiener Firma Simon Pößl, und um 1837 konnten bereits Vergrößerungen bis gegen das Fünfhundertfache erzielt werden. Demgegenüber werfen folgende reizvollen Anekdoten Streiflichter auf das Lebenstempo der damaligen Epoche. So berichtet Diepgen, daß der 21jährige Bunsen seinen Eltern 1832 von einer Reise erzählte, die er in der Postkutsche von Göttingen nach Magdeburg zurücklegte: «Die Gegenstände fliegen bei dieser Art zu reisen so schnell an einem vorüber, daß man sich erst an den gehäuften Wechsel von Eindrücken gewöhnen muß, um sie mit gehöriger Aufmerksamkeit und ohne eine Art Betäubung ertragen zu können.» Wenige Jahre später äußert sich Johann Jakob Sachs über eine Fahrt mit der ersten Eisenbahn in Deutschland von Nürnberg nach Fürth: Die einzige Gefahr der Geschwindigkeit sieht er in dem Auf- und Abspringen während der Fahrt. Die schnelle Bewegung an der frischen Luft in den offenen Wagen bringe ein der Gesundheit zuträgliches Luftbad, und er meint, man werde einmal statt Seebädern und Trinkkuren Reisen mit der Eisenbahn empfehlen, auf der besondere Sitze für Kranke und Erholungsbedürftige eingerichtet werden sollten.
Für die Entstehung und Entwicklung des Faches der Pathologie ist die Begründung der Lehre von den Zellen die Voraussetzung. Die Vorläufer der Entdecker der Zellen
reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Kaspar Friedrich Wolff hat bei seinen embryologischen Untersuchungen die Überzeugung gewonnen, daß sich Pflanzen und Tierkörper aus einer homogenen Grundsubstanz entwickein, indem aus ihr Bläschen und immer wieder neue Bläschen entstehen. Auch Purkinje beschäftigte sich mit den Keimbläschen. Ihm ist die neuartige Technik des Härtens der Objekte, der Dünnschnitt-Verfahren und die Einführung des Indigo als Schnittfarbstoff zu verdanken. Der Botaniker Mathias Schleiden hatte sodann in Berlin Theodor Schwann, einen Schüler von Johannes Müller, auf die wichtige Rolle des Kernes, des Zytoblasten, aufmerksam gemacht. Daraufhin setzten intensive mikroskopische Studien an tierischen und pflanzlichen Geweben ein, welche bald erlaubten, den von der Zellmembran umschlossenen Inhalt, das Zytoplasma, als den wesentlichen stofflichen Träger der Bausteine des Organismus zu erkennen. 1841 entdeckte Remak die Kernteilung. Bis anhin wurde die Zellentstehung als eine Kondensation eines flüssigen plastischen Blastemes angesehen. Die Beobachtungen und Experimente, welche Rudolf Virchow zum Studium von Entzündungsvorgängen angestellt hatte, führten schrittweise zur entscheidenden Entdeckung, daß die Zellelemente, welche in entzündlichen Ausschwitzungen vorkommen, nicht durch Kondensation aus denselben entstehen, sondern daß sie dem Gewebe selbst entstammen. Im Jahre 1855 konnte er erstmals seine entscheidende Entdeckung, daß es nämlich keine Zellentstehung aus einem formlosen Blastem gebe, sondern daß jede Zelle aus einer anderen hervorgehe: omnis cellula a cellula, bekanntgeben und jenen Satz also formulieren, der zum Ausgangspunkt der Begründung einer generellen Lehre in der Heilkunde werden sollte. Sein berühmtes Werk
heißt: «Zellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. 20 Vorlesungen, gehalten während der Monate Februar, März und April 1858 im Pathologischen Institut zu Berlin.» In der am 7. Juni 1859 bereits erschienenen 2. Auflage schreibt er in der Vorrede: «Das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben, wenn es Propaganda nicht für die Zellularpathologie, sondern nur überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in großen Kreisen machen wird.» Nebenbei sei daran erinnert, daß Virchow nicht nur Arzt und Forscher, sondern auch aktiver radikaler Politiker war, der 1848 auf den Barrikaden stand, deshalb 1849 Berlin verlassen mußte und der später in aggressiver Opposition gegen Bismarck kämpfte, und als dieser ihn beschuldigte, mit mehr Unverschämtheit als Tatsachentreue Gerüchte zu verbreiten, erwiderte Virchow, daß die Reden des Premierministers auf dem Niveau eines höheren Schülers stünden. Eine Duellforderung Bismarcks bei einer anderen Gelegenheit hat Virchow kurzerhand abgelehnt.
Virchow's Zellularpathologie hat ungewöhnliches Echo gefunden. Seine Entdeckungen lagen irgendwie in der Luft, und sie führten zu einer Synthese biologisch-medizinischen Denkens. Denn seit der Galenischen Säftelehre mit ihren verschiedenen Abwandlungen konnten die Phänomene der Krankheitslehre nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Einer Notiz bei Erwin Ackerknecht, dem Ordinarius für Medizingeschichte in Zürich, entnehmen wir, daß 1858 eine amerikanische Übersetzung der Zellularpathologie noch abgelehnt wurde, da ein derart spekulativer deutscher Text unter den praktischen Einwohnern der Vereinigten Staaten nicht genügend Leser fände. Einige Jahre später, während des Sezessionskrieges, wurde das Buch jedem Militärarzt als notwendig
zugestellt. Diese Anerkennung konnte nur durch harte wissenschaftliche Auseinandersetzung erreicht werden. In einem nicht unerheblichen Teil spielt sie sich in dem von Virchow 1847 mit seinem Freunde B. Reinhardt begründeten und herausgegebenen Archiv für Pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin ab. Virchow war damals 26jährig und schreibt in seinem Prospectus: «Indem wir ein neues medizinisches Journal eröffnen, sind wir zunächst einem Bedürfnis nachgekommen, welches uns selbst und mit uns das nördliche Deutschland durch den Mangel jeder charaktervoll redigierten Zeitschrift empfindlich traf.» Im weiteren heißt es, der einzunehmende Standpunkt sei der einfach naturwissenschaftliche. Die pathologische Anatomie und die Klinik seien als die Quellen für neue Fragen, deren Beantwortung der Pathologischen Physiologie zufalle, anzusehen. Diese Fragen müßten aber größtenteils erst durch mühsames und umfassendes Detailstudium der Erscheinungen am Lebenden und der Zustände an der Leiche bestimmt formuliert werden, und es müsse eine genaue und bewußte Entwicklung der anatomischen und klinischen Erfahrungen als die erste und wesentliche Forderung der Zeit angestrebt werden. Aus einer solchen Empirie resultiere dann allmählich die wahre Theorie der Medizin, die pathologische Physiologie. Der frühere Schweizer Pathologe in Heidelberg, Paul Ernst, auf den wir uns hier beziehen, hat aus der Vorbereitungs- und Reifungszeit der Zellularpathologie anhand der 12 ersten Bände von «Virchow's Archiv», wie es heute heißt, die wesentlichen Marksteine herausgearbeitet. Der Begriff der Krankheit wird als eine Äußerung des Lebens unter veränderten Bedingungen aufgefaßt und ihr ein Sitz angewiesen, weil das Leben an den Teilen hafte. Hier ist Virchow der konsequente Nachfahre
von Giovanni Battista Morgagni (1682-1771), dem Paduaner Anatomen. Erst 80jährig publizierte dieser sein berühmtes Werk: De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis libri quinque. In konsequenter Weise zeigt Morgagni, daß die Krankheiten einen Sitz haben, und zwar in den Organen. Er weist nach, daß unter den Einwirkungen krankmachender Faktoren anatomische Veränderungen in den Organen entstehen, welche die einzelne Krankheit bestimmen und die Ursache der Krankheits-Symptome seien. Morgagni war nicht der erste, der bei seinen Sektionen pathologische Organveränderungen feststellte; ihm kommt aber das Verdienst zu, seine über Jahrzehnte gemachten Beobachtungen systematisch verarbeitet zu haben. Er wird zum ersten Verfasser eines Handbuches der anatomischen Pathologie, wobei er von der Beschreibung der Symptome und Krankheitsbilder beim Patienten ausgeht und diese in Beziehung zum Sektionsbefund zu setzen versucht. Seine Pathologie ist eine reine makroskopische, pathologische Anatomie. Die Erfassung der krankhaften geweblichen Struktur, die nur mit Hilfe des Mikroskopes zu gewinnen ist, fällt in die Zeit der Begründung der Zellenlehre, das heißt in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, also erst etwa 50 Jahre später.
Wir sehen, wie in den Arbeiten von Virchow gerade auch in der Vorbereitungszeit der Zellular-Pathologie überall das Studium der Zelle, welche für den Biologen die elementare Einheit ist, wie Atom und Molekül für die reine Naturwissenschaft, im Vordergrund steht. Die Zelle ist die vegetative Trägerin des Lebens. Ihre Neubildung ist bei physiologischen und pathologischen Vorgängen identisch. Am Glaskörper, an den Bindesubstanzen, am Knochen wird die Zusammensetzung und der Aufbau aus Zellen und Grundsubstanzen klargestellt. Darüber hinaus
befaßt sich Virchow aber auch mit Kreislaufstörungen, und er stellt die Zusammenhänge zwischen Thrombose und Embolie klar. Auch vermag er den Begriff der Leukaemie zu prägen und diese von der Pyaemie abzutrennen. Intensiv wird die Lehre von der Entzündung behandelt. Besonders bedeutsam und lehrreich sind Virchow's Studien über die autonomen Geschwulstbildungen, für welche schon sein Lehrer Johannes Müller an den Knorpelgeschwülsten deren zellulären Aufbau gezeigt hatte. Eine Spezifität der Geschwulstzelle wird verworfen und die noch heute gültige Beziehung der Geschwulstelemente zu den körpereigenen Gewebszellen erkannt. Trotzdem bleibt das Buch Virchow's über die Geschwülste unvollendet. Ob dies damit zusammenhängt, daß Virchow in der letzten Zeit seines Lebens sich von den eigentlichen Problemen der Pathologie zu denjenigen der Anthropologie hinwandte, kann hier nicht erörtert werden.
In kämpferischer Weise setzt sich Virchow in Vorträgen und Aufsätzen mit den verschiedenen Strömungen der Krankheitslehre auseinander. So wendet er sich besonders gegen die Natur-Philosophie und gegen die Auffassung Schleiden's, die Muttersubstanz der Zellen sei ein unorganisiertes Zytoblastem. Auf seine besonders scharfe Ablehnung der von dem berühmten Wiener Pathologen Karl von Rokitansky (1804-1878) aufgestellten Krasen-Lehre komme ich gleich noch zurück. Seit Morgagni wurde pathologische Anatomie, d. h. die Autopsie von Verstorbenen, fast überall gepflegt. Es waren aber die behandelnden Ärzte und die Kliniker selber, welche die Obduktionen ihrer verstorbenen Patienten vornahmen und dabei im Sinne von Morgagni von den Krankheitserscheinungen ausgehend die Organveränderungen zu interpretieren versuchten. Nur wenige klassische Beispiele seien für diese
Art der Forschung angeführt. Am Guy-Hospital in London gelang es 1827 Richard Bright (1789-1858), bestimmte Formen von Nierenveränderungen klinisch und pathologisch-anatomisch zu trennen und auch die wassersüchtigen Anschwellungen der Haut und die Höhlenwassersucht, sei es aus cardialer oder nephrogener Veranlassung, zu unterscheiden. Am gleichen Hospital hat 1832 Thomas Hodgkin (1798-1866) die nach ihm benannte Lymphogranulomatose beschrieben, und ebenfalls von der gleichen Stelle aus hat Thomas Addison (1793-1860) im Jahre 1855 den nach ihm benannten Symptomenkomplex einer Bronzehautkrankheit mit schwerster Adynamie als Folge einer Zerstörung beider Nebennieren bekanntgegeben.
In ähnlicher Weise gingen die großen französischen Kliniker zu Werke. Jean Nicolas Corvisart (1755-1821), dem späteren Leibarzt Napoleons, schwebte in Anlehnung an Morgagni ein Werk vor, den Sitz und die Ursache von Krankheiten durch diagnostische Zeichen zu erfassen und hernach durch pathologisch-anatomische Prüfung zu kontrollieren. Sein Material war aber viel zu klein, so daß er sich auf ein Teilgebiet, die Herzkrankheiten, beschränkte, wobei er mit Hilfe der Perkussion die klinischen Bilder abzugrenzen versuchte, um sie hernach auch autoptisch zu erfassen. Unter seinen Schülern ist besonders René Théophile Hyazinthe Laennec (1781-1826) nicht nur als der Erfinder der Auskultation bekannt geworden, sondern auch als bedeutender pathologischer Anatom hat er Hervorragendes geleistet. Noch heute ist sein Name mit einer bestimmten Form der Schrumpfieber verbunden. Im wesentlichen war auch er Kliniker. Jean Cruveilhier (1797 bis 1873) bekam 1836 den ersten Lehrstuhl für Pathologie in Paris. Er hat einen Atlas der pathologischen Anatomie
herausgegeben und besonders wertvolle Beiträge zur Klinik und Pathologie des Magengeschwürs geliefert. Worin aber der wesentliche Fortschritt der Wiener Pathologen-Schule unter Rokitansky gegenüber der französischen und englischen Arbeitsweise bestand, sieht der Medizin-Historiker Henry Sigerist wohl mit Recht darin, daß in Wien erstmals eine Arbeitsteilung zwischen den Klinikern und den pathologischen Anatomen vorgenommen wurde, so daß Rokitansky und seine Mitarbeiter ihr Untersuchungsgut vom gesamten großen allgemeinen Krankenhause erhielten und somit über eine Anschauung verfügten, die ihresgleichen suchte. In einem dreibändigen Werk veröffentlichte Rokitansky seine Beobachtungen und ordnete sie nach anatomischen Gesichtspunkten. Die große Tragik in Rokitansky's Werk liegt aber darin, daß er, bis zu einem gewissen Grade sicherlich mit Recht, für manche Krankheiten, bei denen er keine eigentlichen pathologischen Befunde erheben konnte, zu einer humoralen pathologischen Deutung kam, die er im wesentlichen auf die Blutsäfte und insbesondere auf das Blutfibrin zurückführte, welche aber auf falschen Voraussetzungen beruhte. Dieser Rokitansky'schen humoral-pathologischen Auffassung wurde der Name Krasen-Lehre gegeben. Gleich nach der Erscheinung dieses ersten Bandes von Rokitansky's Krasen-Lehre trat der erst 25jährige Virchow auf den Plan und hat es gewagt, den bereits weltberühmten Gelehrten, der um 17 Jahre älter war als er, auf das schärfste zu bekämpfen. Nicht etwa weil er damals schon eine eigene Lehre hätte entgegenstellen können, vielmehr deshalb, weil er diese Krasen-Lehre als einen untragbaren Rückfall in eine spekulative Betrachtungsweise auffaßte, die seinem Bestreben, die Krankheitslehre auf eine streng wissenschaftliche Basis zu stellen, aufs tiefste zuwider war. Rößle hat sich
in einer besonderen Schrift mit dieser äußerst interessanten Polemik abgegeben. Von der Kritik Virchow's wurde Rokitansky so betroffen, daß er seine Krasen-Lehre in den nachfolgenden Auflagen seines Werkes überhaupt nicht mehr erscheinen ließ. Er hat sich aber selber schriftlich nie gegen Virchow gewandt. Andererseits hat noch nach Jahren der alte Virchow zu mehreren Malen die pathologisch-anatomischen Erkenntnisse von Rokitansky als meisterhafte Leistungen anerkannt, und heute zählen wir Rokitansky zu den maßgebenden Begründern des Faches der pathologischen Anatomie.
Erst in der Folgezeit vermochte, wie gesagt, der scharfe Geist Virchow's durch seine beharrliche, systematische Arbeit, durch den Inhalt seiner Zellular-Pathologie das gesamte Krankheitsgeschehen unter einem großen Gesichtspunkt zusammenzufassen. Der Kern seiner Theorie, um es nochmals zu präzisieren, beruht einmal darin, daß zwischen normalen und pathologischen Lebensvorgängen nur graduelle, aber keine grundsätzlichen Unterschiede bestehen. Die Krankheit ist für Virchow ein Lebensvorgang, der sich vom normalen Leben dadurch unterscheidet, daß er sich am ungehörigen Ort zur ungehörigen Zeit oder in unrichtigem Maße und mit dem Charakter der Gefahr abspielt. Die Organismen sind im Sinne von Schleiden und Schwann aus Zellen aufgebaut, welche die Elementarorganismen und die Träger der Lebensvorgänge sind. Die Zellen stammen von Zellen ab und lassen sich bis auf die Eizelle zurückführen. Sie besitzen auch im föderativen Verband Selbständigkeit, sie sind autonom. Jede Krankheit ist letzten Endes auf eine Störung des Zellgefüges zurückzuführen. Sie hat gewissermaßen einen lokalen Sitz. Alle pathologischen Formen sind entweder Rück- oder Umbildungen oder Wiederholungen typischer
physiologischer Gebilde. Durch diese Zellularpathologie wird der Anbruch eines neuen Zeitabschnittes in der Heilkunde festgelegt, der Vitalismus, eine einseitige Humoral- und Solidarpathologie, werden überwunden, und das Mikroskop erhält seine souveräne Stellung in der Pathologie.
Und nun ist die Zeit reif für die Gründung pathologischer Lehrstühle und Institute geworden. Der Vorgang spielte sich mutatis mutandis an den verschiedenen Orten in ähnlicher Weise ab. Meist waren zunächst personelle Schwierigkeiten zu beseitigen, um dann die Bahn für die geeigneten Männer frei zu bekommen. Ich möchte als durchaus charakteristisches Beispiel dafür Basel anführen. Hier wurde erstaunlich früh eine besoldete Professur für pathologische Anatomie geschaffen, doch hatten zuvor wesentliche Mutationen stattzufinden. Wir beziehen uns auf die Schilderungen von Albrecht Burckhardt, nach welchen zunächst 1837 Friedrich Miescher (1811-1887) von Bern als 28jähriger auf den Lehrstuhl für Physiologie und Pathologie berufen wurde. Friedrich Miescher war ein Schüler von Johannes Müller in Berlin. Er ist 10 Jahre älter als Virchow. Von Friedrich Miescher hat Rößle in der Bibliothek des Pathologischen Institutes Basel ein Kollegheft über Vorlesungen von Johannes Müller aus dem Sommer-Semester 1834 gefunden und deren Inhalt 1929 veröffentlicht und kommentiert. Bald stellte Miescher fest, daß sowohl der anatomische wie auch der klinische Unterricht an unserer Hochschule unvollkommen waren, und so hat er von 1840 an zusätzlich auch Vorlesungen über normale Anatomie gehalten, um dadurch den bekannten Professor Carl Gustav Jung zu entlasten, welcher nominell Professor der Anatomie, in Wirklichkeit aber Professor der inneren Medizin war. Miescher vereinigte also drei Lehrstühle in einer Person, kein Wunder,
daß es ihm zuviel wurde und er 1844 einem Ruf nach Bern folgte. Sein Nachfolger, Alexander Ecker aus Freiburg i., Br., übernahm den Lehrstuhl der Anatomie und Physiologie. Schon 1850 wurde er aber wieder zurück nach Freiburg berufen, und nun konnte mit Hilfe der akademischen Gesellschaft die Reorganisation der Medizinischen Lehrstühle an die Hand genommen werden.
Friedrich Miescher erklärte sich unter der Bedingung der Schaffung eines vollbesoldeten Lehrstuhles für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie bereit, wieder nach Basel zu kommen. Jung legte nun seine Professur für Anatomie nieder und behielt einen zunächst unbesoldeten Lehrstuhl für innere Medizin. Daraufhin konnte gleichzeitig mit Friedrich Miescher Karl Bruch aus Heidelberg als Professor für Anatomie und Physiologie berufen werden. Friedrich Miescher entfaltete eine intensive Lehrtätigkeit. Er hielt Übungen in der pathologischen Gewebelehre, Obduktionskurse im Spital, ferner auch Perkussions- und Auskultationskurse ab. Die für die damalige Zeit engste Beziehung der Pathologie zur Klinik findet ihren Ausdruck darin, daß Miescher auf der Medizinischen Abteilung des Bürgerspitals zwei Zimmer mit 6 bis 7 Betten zur Verfügung hatte. 1871 trat er vom Lehramt zurück, weil seine praktische ärztliche Tätigkeit die Oberhand gewann. Wir lesen, daß die Ansprüche des Publikums, und zwar von reich und arm, sich derart steigerten, daß er sich nur mit Mühe Zeit für seine Vorlesungen absparen konnte. Die Hörerzahlen der damaligen Zeit betrugen zwischen 3 und 10 Studenten. In Berlin waren die Verhältnisse folgendermaßen: Seit 1831 gab es eine an sich untergeordnete Charité-Prosektur, an welcher Virchow von 1846 bis 1849 wirkte. Aber erst mit dem Rücktritt eines seiner Nachfolger war in Berlin die Situation zur
Schaffung eines Lehrstuhles für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie gegeben, und es war in der Hauptsache Johannes Müller zu verdanken, daß Rudolf Virchow 1856 die Professur für Pathologie erhielt, gleichzeitig mit der Bewilligung zum Bau eines eigenen Institutes und der oberärztlichen Betätigung in einer Krankenabteilung. Ein Lehrstuhl für Pathologie in Berlin ist demnach 6 Jahre später als in Basel geschaffen worden, andererseits mußte Basel noch bis 1880 warten, um unter der Leitung des damaligen Virchow-Schülers Moritz Roth ein eigenes pathologisches Institut zu erhalten.
In unseren bisherigen Ausführungen versuchten wir zu zeigen, welches um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Voraussetzungen waren, die dem Fache der Pathologie zu eigenen Lehrstühlen und selbständigen Instituten verholfen haben, und es ist eindrücklich zu sehen, wie rasch dieses Fach zentrale Bedeutung auf dem Gebiete der Heilkunde erhalten hat und eine hervorragende Stellung in der Medizin einnahm. Es ist dies hauptsächlich den Ergebnissen zu danken, welche durch die bewußte Gegenüberstellung der klinischen Erscheinungen und der nach dem Tode durch die Autopsie erhobenen Befunde haben gewonnen werden können, sowie der Beibringung auch heute noch längst nicht ausgeschöpfter Tatsachen der mikroskopischen Pathologie. Es dürfte aber die an den Genius von Rudolf Virchow gebundene Konzeption einer einheitlichen Betrachtungsweise des Krankheitsgeschehens gewesen sein, welche durch die Zellularpathologie der medizinischen Wissenschaft ihr Gepräge gab.
Und nun machen wir einen Sprung und fragen uns, wie ist heute die Stellung des Faches der Pathologie in der Medizin und was ist inzwischen aus der Zellularpathologie geworden?
Was zu Beginn der Gründung von Lehrstühlen und Instituten der Pathologischen Anatomie noch möglich war, nämlich die gleichzeitige ärztliche Betätigung des pathologischen Anatomen, hat bald zur notwendigen Spezialisierung des Faches geführt in Übereinstimmung mit dem Beispiel der Wiener Schule und demjenigen des Virchowschen Institutes in Berlin. Demgegenüber hat die Entwicklung vorwiegend in den französischen und englisch-amerikanischen Ländern einen anderen Weg beschritten. Die pathologische Anatomie blieb dort im allgemeinen bei den Kliniken und wurde eher in untergeordneter Weise gepflegt. Solange die medizinisch-wissenschaftliche Tätigkeit im wesentlichen eine diagnostische und epikritische war und der pathologischen Anatomie mit Hilfe des Mikroskopes große Erfolge beschieden waren, stand dieses Fach in Führung, und die Leistungen auf dem Gebiete der Gewebspathologie, etwa bei Entzündungen, Kreislaufstörungen und namentlich der Geschwulstforschung, sind wegleitend gewesen und haben ihr eine dominierende Stellung verschafft, ja ihren Trägern zu einem autoritären Auftreten verholfen, das, wie sich zeigen sollte, oft nicht berechtigt war. Und so bemerkt Ackerknecht, vielleicht nicht ganz zu Unrecht: «Pathologische Anatomen, die durch die Natur der Dinge immer im Recht sind, da sie das letzte Wort haben, standen als Gruppe noch nie in dem Ruf besonderer Demut.» In der Tat ist ja auch die klinische und die physiologische Forschung inzwischen ihre eigenen Wege gegangen. Und es ist nicht verwunderlich, daß schon früh Kritik an der Pathologie geübt wurde. Kein Geringerer als der Pariser Physiologe Claude Bernard (1813 bis 1878) hat den Vorwurf erhoben, die Pathologen verwechselten bisweilen die Folgen des Krankheitsprozesses mit der eigentlichen Krankheit, indem sie glaubten, die von ihnen
entdeckte pathologische Alteration sei immer das Primäre, während diese sehr wohl auch die Folge eines übergeordneten Prozesses sein könnte. Ein weiterer nicht unberechtigter Vorwurf richtete sich gegen gewisse Tendenzen, in morphologischer Beschreibung zu erstarren. Mit der Feststellung der Endzustände bei der Sektion ist es nun tatsächlich nicht getan. Erst dann hat die Pathologie, d. h. die allgemeine Krankheitslehre im erweiterten Sinne, ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie sich zum Krankheitsprozeß und zur Verursachung desselben zu äußern vermag. Trotzdem behält die Forschungsarbeit am Sektionstisch ihre grundlegende Bedeutung, sowohl bei der Aufklärung des einzelnen Todesfalles als darüber hinaus bei der Lösung allgemeiner grundsätzlicher Probleme der Krankheitslehre. Gerade hier sind sich die Pathologen der Hindernisse bewußt geworden, welche durch die Kenntnis der Grenzen der pathologischen Forschung am Sektionstisch gegeben sind und die in der Tat eine große Belastung darstellen. Dies hier näher auszuführen, ist nicht der Ort. Das Positive dieser großen Aufgabe möchten wir aber trotzdem klar hervorheben. Noch heute ist die pathologische Anatomie des Sektionssaales eine unentbehrliche Helferin für die Klinik, um in der Diagnostik am Lebenden weiterzukommen und ihr behilflich zu sein bei der Beurteilung neuer Verfahren von operativen Eingriffen und bei der Beurteilung der Wirkungen, Nebenwirkungen und Schädlichkeiten therapeutischer Maßnahmen irgendwelcher Art. Auch ist es möglich geworden, die Mängel, welche naturgemäß dem toten Gewebe anhaften, durch das Experiment, insbesondere aber durch die Untersuchung lebensfrisch entnommener Gewebe, wettzumachen. Auf diese Weise ist es in enger Zusammenarbeit mit der Klinik, um nur ein besonders gutes Beispiel zu nennen, in den letzten
Jahren gelungen, den Krankheitsablauf vom ersten Beginn bis zu den Ausgängen in Heilung oder tödlichem Schaden bei der epidemischen Gelbsucht zu klären. In ähnlicher Weise baut sich eine verfeinerte, ebenfalls durch Gewebspunktion am Lebenden gewonnene Pathologie der gestörten Nierenfunktion auf. Neue Methoden der Fixation und Schnittherstellung und der Ausbau histo-chemischer Reaktionen geben der modernen Pathologie große Impulse und führen zu neuen Ergebnissen der Krankheitslehre, welche auch fast ausschließlich funktionell eingestellte Forscher in ihren Bann zu ziehen vermögen. Gerade mit dieser Tätigkeit als Helferin der Klinik rückt die Pathologie in den Kreis ärztlicher Tätigkeit überhaupt, und hier rühren wir an eine der grundlegenden Aufgaben eines Lehr-Faches an der Grenze der theoretischen und praktischen Medizin. Erst kürzlich hat Karl Jaspers in einem glücklicherweise gut verbreiteten Aufsatz auf die Gefahren der rein naturwissenschaftlichen Medizin hingewiesen. Sie bestehen darin, daß die naturwissenschaftliche Medizin die Tendenz hat, sich dem Exakten zu unterwerfen, statt es zu nutzen, den Arzt durch den Forscher überwältigen zu lassen. Es ist ja zuzugeben, daß tatsächlich viele der großen modernen Errungenschaften, welche für die Erkennung und die Behandlung der Krankheiten dem Arzte in die Hand gegeben sind, von Chemikern, Biologen, Physikern und nicht von Ärzten entdeckt worden sind. Kein Wunder deshalb, daß sich gerade die jüngeren Wissenschaftler diesen erfolgversprechenden Grundlagen-Forschungen eher zuwenden als der aufreibenden und nicht unmittelbar zu glänzenden Entdeckungen führenden ärztlichen Tätigkeit. Es dürfte in der Tat richtig sein, daß die Unzufriedenheit bei Patient und Arzt trotz der großen Erfolge in diagnostischer und therapeutischer
Hinsicht auf dem Zwiespalt beruht, der in der Technisierung und Entpersönlichung der medizinischen Leistungen und der mühsamen Betätigung des Arztes im unmittelbaren Umgang mit seinen Patienten gegeben ist. Kann die Pathologie als Unterrichtsfach bei der Ausbildung der Ärzte für ihren eigentlichen Beruf einen wesentlichen Beitrag leisten? Ich möchte dies bejahen, und zwar erstens mit Hilfe des leider selbst von gewissen Pathologen in seinem Wert bezweifelten Sektionskurses. Nicht nur vermag gerade hierbei der Geist eines Hauses am wirksamsten in Erscheinung zu treten; es kann insbesondere dem Studenten und auch dem Assistenten täglich dargetan werden, daß der Gegenstand seiner Betätigung nicht irgendein namenloses Studienobjekt ist, sondern ein zwar vom Tode dahingerafftes menschliches Wesen, das ebensosehr der pietätvollen, würdigen, ernsten und individuellen Behandlung bedarf wie der lebende kranke Mensch, eine Behandlung, die nur ein Arzt zu geben vermag auf Grund seiner naturwissenschaftlichen Kenntnis und seiner Humanität. Unter diesen Voraussetzungen wird das leider etwas abgedroschene Wort mortui vivos docent immer wieder zur unbestrittenen Wahrheit. Zweitens sind die durch die pathologische Anatomie erworbenen Kenntnisse auf dem Wege der Beobachtung, d. h. des direkten Sehens und Tastens zu gewinnen, Fertigkeiten, welche für die Tätigkeit des Arztes entscheidend sind. Wir müssen uns davor hüten, uns von den unbestrittenen, großen therapeutischen Erfolgen blenden zu lassen und die langsameren und daher unmerklich fortschreitenden soliden Kenntnisse der Pathologie gering zu achten oder gar altbewährtes und gesichertes Gut zu vergessen.
Und nun zum Schluß noch die Antwort auf die Frage: Was ist heute aus der Zellularpathologie geworden? Ich
habe bereits auf gewichtige Kritiken von Zeitgenossen Virchow's hingewiesen, aber selbst unter den Reihen der zünftigen Pathologen wurden unter dem Druck der Ergebnisse besonders auf den Gebieten der Stoffwechselkrankheiten, der Störungen innersekretorischer Drüsen, der Immunitätslehre, der Korrelationen der Organe untereinander durch nervöse Steuerung und nicht zuletzt der Beziehungen zwischen Seele und Leib Zweifel an der Allgemeingültigkeit der Virchow'schen Konzeption der Krankheitslehre laut. Es schien, als ob durch die Entwicklung der Biologie und der Medizin der Rahmen der Zellenlehre und der Zellularpathologie gesprengt worden wäre. Rößle sagt sogar in seiner Berliner Antrittsvorlesung vom 4. November 1929, die Entwicklung der Medizin sei in ihrer Reichhaltigkeit über die Zellularpathologie hinweggeschritten, weil viele Teilgebiete der Medizin ihrer nicht bedürften und weil auch die theoretische Medizin, ohne sich zwar vom anatomischen Gedanken ganz abwenden zu können, im Begriffe sei, ihm andere Fassungen zu geben. Ein einheitliches Prinzip, wie es die Zellularpathologie ermöglicht hatte, konnte aber nicht gefunden werden.
Und nun ist es wieder eine technische Erfindung, welche entscheidende Bedeutung gewinnt. Ähnlich wie zu Beginn der pathologischen Aera in der Medizin im Anschluß an die Konstruktion von Mikroskopen, die drei- bis fünfhundertfache Vergrößerungen erlaubten, führt die Entwicklung des Elektronen-Mikroskopes zur Erschließung neuer Dimensionen. Sie erlaubt, an die direkte Beobachtung von Molekülen heranzukommen, und sie wird von der Maßeinheit des Angström beherrscht, und es gelingt mit ihr, Vergrößerungen zu erzielen, die an das mehrere Zehntausendfache heranreichen. Die mit diesem Hilfsmittel aufgefundenen Strukturelemente, wie Mitochondrien,
Ergastoplasma, Golgi-Apparat, Zentralkörper, sind zwar schon mit dem Lichtmikroskop gesehen worden, also «alte Bekannte», wie sich Oberling ausdrückt. Aber die von Virchow vorausgeahnte Einheitlichkeit der Organisation in allen Zellen von Tieren und Pflanzen konnte erst mit Hilfe des Elektronen-Mikroskopes bewiesen werden. Die Technik der fraktionierten Zentrifugierung erlaubt es, Zellbestandteile mechanisch zu trennen, anzureichern und chemisch zu analysieren, so daß sich heute bereits mit aller Deutlichkeit jene Vereinigung von Morphologie und Biochemie abzeichnet, welche zur Überbrückung der alten Kluft zu führen vermag, die so lange zwischen morphologischer und funktioneller Betrachtungsweise bestanden hat: d. h. jene Verbindung herzustellen, welche von allem Anfang an dem Begründer der Zellularpathologie, Rudolf Virchow, vorgeschwebt hat, wenn er schreibt: «Pathologische Anatomie und Physiologie sind nicht zu trennen, die pathologische Anatomie müßte sich zur pathologischen Physiologie gestalten», oder mit anderen Worten, welche aus der letzten Lebenszeit Rößle's stammen, die methodische Erforschung der Krankheitsprozesse sei unter dem Gesichtspunkt der gestörten Funktionen zu suchen. Dies müßte endlich dazu führen, die pathologische Physiologie zur Feste der wissenschaftlichen Medizin zü machen, an der die pathologische Anatomie und die Klinik nur Außenwerke sind. Noch nach mehr als 100 Jahren ist jetzt offensichtlich der größte Teil der Arbeit zu leisten, gilt es doch mit Hilfe kombinierter, morphologischer, insbesondere elektronen-mikroskopischer und biochemischer Untersuchungstechnik die strukturellen und funktionellen Leistungsstörungen zu klären, um zu einer allgemeinen Zyto-Pathologie zu gelangen. Aber was sich schon heute deutlich abzeichnet und was das Ergebnis der in dieser Richtung
gezielten Untersuchungen ist: die Vorstellung von der Zelle als der letzten lebenden Einheit der Organismen ist nach einem Stadium einer gewissen lähmenden Unsicherheit wieder ganz bedeutend verstärkt und vertieft worden, und auch die Berechtigung, alle Erscheinungen der Physiologie und der Pathologie auf zelluläre Vorgänge zurückzuführen, hat in den letzten Jahren wesentlich zugenommen; dies gilt z. B. für die innere Sekretion, die Bildung der Immunkörper, der Eiweißsubstanzen.
Besondere Schwierigkeiten bereiten zur Zeit noch die Fragen, welche sich beim Versuch stellen, die sogenannten unsichtbaren Krankheitserreger, die Viren, als subzelluläre Gebilde zu erfassen. Als möglicherweise lebensfähige Einheiten scheinen sie auf den ersten Blick der zellulären Vorstellung zu widersprechen. Aber nach kürzlichen Aussagen von Oberling, eines besonders guten Kenners dieser Materie, bestehen diese Viren, selbst wenn sie kristallisierbar sind, nicht einfach aus einer Reinkultur von Molekülen, sondern auch sie zeigen elektronen-mikroskopisch nachweisbar eine Organisation, welche Zellähnlichkeit aufweist. Je weiter nun die Organisation eines solchen Gebildes von derjenigen der Zelle abweicht, desto mehr geht ihr die unabhängige Lebensfähigkeit ab. An welche letzten Zell-Einrichtungen die Eigenschaften, autonomes Leben zu gewährleisten, geknüpft sind, müssen aber erst weitere Feststellungen zeigen. Auch treten schon jetzt gewisse Grenzen der Leistungsfähigkeit der Elektronen-Mikroskopie zutage, welche sich bei der Untersuchung der Zellkerne und der Erfassung biochemischer Strukturen des Plasmas ergeben haben.
Was wir aber mit diesen kurzen Hinweisen aufzeigen wollten, das ist die Tatsache, daß die Konzeption von Virchow in seiner Zellularpathologie nicht der Geschichte
angehört, sondern mit Hilfe moderner Mittel zu neuem Leben erweckt und zu größter Aktualität gebracht worden ist. Der Fehler rein lokalistischer und einseitig morphologischer Betrachtungsweise dürfte eingesehen und hoffentlich bald auch überwunden sein. Trotzdem bleibt Raum für Irrtümer und autistische Betrachtungsweise weiter bestehen. Aber der Kernpunkt der Virchow'schen Idee ist heute, nach 100 Jahren, unerschüttert geblieben und mit neuen Impulsen belebt worden, und so erscheint uns Virchow als das Vorbild eines Menschen im Dienste der Wissenschaft. Sein Wahlspruch lautete: «Die höchste Pflicht ist die Pflicht gegen das Recht, und das höchste Recht ist das Recht der Wahrheit.»
Möge dieser Wahlspruch auch über unserer Universität stehen. Am 12. November 1959 sind 500 Jahre vergangen, seit Papst Pius der II., Aeneas Sylvius Piccolomini, die Stiftungsbulle der Universität erlassen hat. Dem humanistischen Geist der Zeit entsprechend heißt es dort, in der schönen Übersetzung des designierten Rectors für das Jahr 1960: «Unter den verschiedenen Glückseligkeiten, welche der sterbliche Mensch in diesem hinfälligen Leben durch Gottes Gabe erlangen kann, verdient nicht unter den letzten gezählt zu werden, daß er durch beharrliches Studium die Perle der Wissenschaften zu erringen vermag, welche den Weg zu gutem und glücklichem Leben weist und durch ihn Vortrefflichkeit bewirkt, daß der Erfahrene weit über den Unerfahrenen hervorragt. Außerdem macht sie jenen Gott-ähnlich und führt ihn dazu, die Geheimnisse der Welt klar zu erkennen, hilft dem Ungelehrten und hebt die in tiefster Niedrigkeit Geborenen zu dem Höchsten hinauf. Der apostolische Stuhl» —heißt es weiter — «als steter, beharrlicher Beförderer jeder löblichen Übung, auf daß die Menschen desto leichter dazu
geführt werden, ein so erhabenes menschliches Glück zu erwerben und, wenn erworben, über andere verbreiten, muntert sie daher auf, bereitet ihnen Stätten und gewährt Hilfe zu rechtzeitigem Gedeihen.» Dieser Aufforderung haben kluge und beherzte Männer in beharrlicher Anstrengung, sicher auch im Kampf gegen Widerstände, Folge geleistet, und schon am 4. April 1460 konnte unsere Universität feierlich im Münster eröffnet werden.
Dieser Anlässe ebenfalls feierlich und würdig zu gedenken, schickt sich die Universität zur Zeit an. Möge der humanistische Geist der Gründung und der heutige, nicht minder ernsthafte Geist zum Dienst an der Wahrheit auch in Zukunft lebendig bleiben.