Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/763

Alexis Malefakis
Der Begriff „Yorùbá“ bezeichnet eine Reihe von ethnischen Gruppen, insgesamt etwa 40 Millionen Menschen in Südwestnigeria und in den benachbarten Ländern Benin und Togo, die Varianten der Yorùbá-Sprache sprechen. Die Kulturen und Sprachdialekte, die man unter dem Begriff «Yorùbá» zusammenfasst, haben einen gemeinsamen Bezugspunkt im Königreich Ilé-Ifẹ̀, das im 9. Jahrhundert begründet wurde. Seither sind zahlreiche lokale Varianten der Yorùbá-Kultur entstanden. Ihre religiösen Praktiken vor der Ankunft des Islam im 14. Jahrhundert und des Christentums im 19. Jahrhundert waren ebenfalls vielfältig. Was hier als „Òrìṣà Religion der Yorùbá“ beschrieben wird, umfasst tatsächlich eine Fülle lokaler religiöser Praktiken. Sie unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, haben aber doch einige gemeinsame Bezugspunkte.
Òrìṣà (ausgeprochen „Orischa“) repräsentieren Naturgewalten oder vergötterte Persönlichkeiten. So wird der mythologische Begründer der Yorùbá, Odùduwà,der in der Stadt Ilé-Ifẹ̀ vom Himmel auf die Erde herabstieg, als Òrìṣà verehrt. Ebenso Ṣángò, der dritte König des Ọ̀yọ́-Reichs im 15. Jahrhundert. Nach seinem Tod wurde er zu dem mit Donner und Blitz assoziierten Òrìṣà. Weitere wichtige und weit verbreitete Òrìṣà sind Obàtálá, der Òrìṣà der Schöpfung, die Òrìṣà des Meeres Yemọja, die Òrìṣà der Flüsse und Gattin von Ṣángò, Oya, der Òrìṣà des Metalls und des Krieges Ògún, sowie der Òrìṣà der Zwillinge Ìbejì.
Bei der Verehrung der Òrìṣà spielt die Kommunikation mit ihnen durch Divination, Gebet und Opfergaben eine wichtige Rolle. Opfer werden dargebracht, wenn Menschen Rat suchen, während der jährlichen Feste eines Òrìṣà, oder wenn es als notwendig angesehen wird, eine oder einen Òrìṣà durch Opfergabe milde zu stimmen.
Dem nigerianischen Autor Ademola Adegbite zufolge sind mit fast jeder und jedem Òrìṣà ein spezielles Trommelensemble und bestimmte Rhythmen, Gesänge und Tänze assoziiert. Trommeln spielen eine zentrale Rolle in der Verehrung der Òrìṣà. Dies nicht nur, wenn sie Gesänge begleiten, sondern sie dienen auch als wichtiges Kommunikationsmittel mit ihnen. Das Spielen der Rhythmen und das Tanzen können ekstatische Zustände auslösen, wenn Òrìṣà in den Körper eines Gläubigen einfahren und mit Hilfe des Besessenen vorübergehend mit den Menschen kommunizieren.
In vergangenen Zeiten wurden vor allem Ìgbìn-Trommeln bei der Verehrung von Òrìṣà verwendet. Diese einfelligen und häufig stark verzierten Trommeln wurden in den Schreinen der jeweiligen Òrìṣà oder bei deren jährlichen Festen gespielt.
Wenn sich heute in den Sammlungen vieler Museen in Europa und den USA nur einzelne Ìgbìn-Trommeln finden, täuscht das darüber hinweg, dass diese Trommeln eigentlich in ganzen Sets gespielt wurden. Ebenso wie in Dùndún- und Bàtá-Ensembles spielten Trommler auf den unterschiedlich gestimmten Ìgbìn eines Ensembles ineinander verzahnte Rhythmen. Aus diesem Zusammenspiel entstand eine vielschichtige Trommelmusik. Dass nur einzelne Trommeln gesammelt wurden, hängt zum Teil damit zusammen, dass „ausgemusterte“ Exemplare einzeln an Ausländer verkauft wurden, als die Dùndún-Trommel nach und nach die Rolle der Ìgbìn in der ohnehin rückläufigen Verehrung von Òrìṣà übernommen hat. Die tatsächliche Komplexität der Ìgbìn-Trommelmusik lässt sich also anhand einzelner Exemplare in den Sammlungen kaum nachvollziehen.
- Weiterlesen: Die Dùndún-Trommeln der Yorùbá
Viele Trommler der Yorùbá verehren den mythischen ersten Trommler Àyàn Àgalú als Òrìṣà. Er gilt als der erste Trommler unter dem König Ṣàngó im 15. Jahrhundert. Trommler, die in eine traditionelle Familie von Trommlern geboren wurden, tragen einen Namen der mit der Vorsilbe „Àyàn-“ (ausgesprochen „Anyo-“) beginnt. Für Àyàn-Trommler ist das Spielen ihres Instruments immer auch eine Huldigung an Àyàn Àgalú, auch wenn sie die Rhythmen anderer Òrìṣà spielen. Ihr musikalisches Können ist dabei auch ein Beweis ihrer rituellen Expertise.
- Weiterlesen: Yorùbá-Kosmologien in den Amerikas
Mit der zunehmenden Bedeutung von Islam und Christentum seit dem 19. Jahrhundert haben viele Praktiken der Òrìṣà-Verehrung an Bedeutung verloren. Von praktizierenden Muslim*innen und Christen*innen werden sie häufig abgelehnt. Für viele Menschen afrikanischer Herkunft in der Diaspora dagegen spielt die Verehrung der Òrìṣà eine zunehmend wichtige Rolle in der Selbstvergewisserung ihrer Identität, so zum Beispiel in Kuba oder Brasilien. Dort wurden Elemente der Yorùbá-Kosmologie mit religiösen Praktiken des Christentums oder indigener Religionen kombiniert. Auch hier spielen Trommeln eine zentrale Rolle.
***
Header : Foto © Dierk Lange / Wikimedia commons (cropped)
***
Weiterführende Literatur
Adegbite, A. (1988). „The drum and its role in Yorùbá religion.“ Journal of Religion in Africa 18(1): 15-26.
De Silva, T. (2006). Symbols and ritual. The socio-religious role of the Igbin drum family. . Department of Art History and Archaeology, University of Maryland. Master Thesis,
Ojo, O. (2009). „‚Heepa‘ (Hail) Orisa. The Orisa factor in the birth of Yorùbá identity.“ Journal of Religion in Africa 39(1): 30-59.
Peel, J. D. Y. (2016). Christianity, Islam, and Orisa religion. Three traditions in comparison and interaction. Oakland, California, University of California Press.
Villepastour, A. (2009). „Two heads of the same drum. Musical narratives within a transatlantic religion.“ Journal of Transatlantic Studies 7(3): 343-362. Villepastour, A. (2015). Asoro Igi (Wood that talks). The Yorùbá god of drumming. Transatlantic perspectives on the wood that talks. A. Villepastour. Jackson, Mississippi, University Press of Mississippi: 3-32.