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Livia Leu Agosti, war es für Ihre iranischen Gesprächspartner anfänglich seltsam, dass sie es mit einer Frau zu tun hatten? Oder hat man Sie behandelt wie jeden anderen Botschafter?
Tatsächlich bin ich die einzige Botschafterin in Teheran, und deshalb habe ich wohl eine etwas besondere Stellung. Dies ist aber eher zu meinem Vor- als zu meinem Nachteil. Von Anfang an wurde ich von den iranischen Regierungsvertretern absolut professionell behandelt.
Sie sind jetzt seit bald vier Jahren im Iran. Was sind die wichtigsten diplomatischen Themen zwischen den beiden Ländern?
Die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Iran basieren auf dem Prinzip des Dialogs. Wir reden mit der Islamischen Republik über alle Themen von gemeinsamem Interesse, also über politische und wirtschaftliche Fragen ebenso wie über Menschenrechte.
Was für eine Bedeutung hat die Schweiz für den Iran?
Die Kontakte zwischen den beiden Ländern begannen im 17. Jahrhundert, als sich Schweizer Uhrmacher in Persien niederliessen. Die beiden Länder haben somit eine lange Tradition des Austauschs, unabhängig von den jeweiligen Regierungsstrukturen. Speziell ist sicher, dass die Schweiz seit über 30 Jahren auch die amerikanischen Interessen im Iran vertritt.
Da gab es in letzter Zeit vermutlich einiges zu tun.
Das ist in der Tat so.
Was alles beinhaltet diese Stellvertretung? Und auf welcher Ebene sind Sie mit den USA in Kontakt, um zu erfahren, was Sie den Iranern weitergeben sollen?
Es gibt zwei Aspekte des Schutzmachtmandats: Einerseits erbringt die Schweiz konsularische Dienstleistungen für amerikanische Bürger. Andererseits stellen wir auf der diplomatischen Ebene einen vertraulichen Kommunikationskanal zwischen den Regierungen sicher, die nicht miteinander reden. Manchmal gehen diese beiden Aspekte auch Hand in Hand, etwa bei der Betreuung der drei sogenannten amerikanischen Wanderer, die von 2009 bis 2011 in iranischer Gefangenschaft sassen. In dieser Zeit bemühte sich die Schweizer Botschaft um eine Verbesserung ihrer Haftbedingungen und um ihre Rückkehr in die USA. Wir sind über unsere Schweizer Kollegen in Washington in ständigem Kontakt mit den USA, ich reise selbst regelmässig dorthin.
Kommt Ihnen die Situation nicht manchmal auch ein wenig lächerlich vor: wie die zweier zankender Kindergartenkinder, die nur noch über Dritte miteinander zu reden bereit sind?
Ein Schutzmachtmandat ist ein vom Völkerrecht vorgesehenes Instrument für Situationen, in denen zwei Staaten ihre Beziehungen zueinander abbrechen. Das kommt immer wieder vor und ist drastischeren Konsequenzen bei bilateralen Krisen eindeutig vorzuziehen. Indem wir uns als Interessenvertreter zur Verfügung stellen, leisten wir einen guten Beitrag zur Reduktion der Spannungen.
Hatten Sie auch schon mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad und dem geistlichen Führer Khamenei zu tun?
Beim Präsidenten ist man als Botschafterin akkreditiert; er hat mich gleich zu Beginn meines Aufenthaltes zu einem formellen Gespräch empfangen. Der geistliche Führer empfängt das diplomatische Corps dagegen nicht.
Wegen möglicher Ambitionen auf eine Atombombe befindet sich der Iran in einem diplomatischen Endloskonflikt mit dem Rest der Welt. Halten Sie das Misstrauen des Westens dem Regime gegenüber für berechtigt?
Das Misstrauen ist beidseits sehr tief und teilweise historisch begründet. Deshalb sind Schritte zu dessen Überwindung, sogenannte vertrauensbildende Massnahmen, ein wichtiger Bestandteil jedes Lösungsansatzes. Die internationale Gemeinschaft erwartet vom Iran mehr Transparenz hinsichtlich seines Nuklearprogramms.
Wie wirksam sind die Sanktionen gegen den Iran?
Diejenigen bezüglich der Finanztransfers und der Erdölgeschäfte haben unübersehbare Auswirkungen auf die iranische Volkswirtschaft. Sie heizen unter anderem die Teuerung an und tragen zum Währungszerfall bei.
«Das Misstrauen ist beidseits sehr tief und historisch begründet.»
Das Volk leidet, und die oben scheren sich keinen Deut darum?
Die iranische Mittelschicht ist besonders stark von den Sanktionen betroffen, insbesondere wegen der Auswirkungen auf die Inflation und den Zugang zum Finanzmarkt. Und die Regierung war gezwungen, konkrete Massnahmen zum Schutz der Volkswirtschaft zu ergreifen. So wurde beispielsweise eine Liste mit prioritären Gütern festgelegt, für deren Import verbilligte Devisen zur Verfügung stehen.
Vor dem Arabischen Frühling in Nordafrika gab es ja auch im Iran Zeichen eines Aufstands, der aber hart niedergeschlagen wurde. Herrscht jetzt wieder Eiszeit, oder brodelt es weiter im Volk?
Die wirtschaftlichen Probleme im Alltag bewirken einige Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Seit Februar 2010 ist es zu keinen grösseren Demonstrationen mehr gekommen – bis Anfang Oktober, als sich der Wert der iranischen Währung gegenüber dem US-Dollar innert kurzer Zeit praktisch halbierte.
Befürchtet man im Iran, dass Israel eine Militäraktion zur Zerstörung der Atomanlagen plant, sobald die Wahlen in den USA vorbei sind?
Ich glaube schon, dass die Drohungen gegen den Iran ernst genommen werden.
Hat man einen Favoriten beim US-Präsidentschaftswahlkampf? Oder ist es völlig egal, wer «den grossen Satan» führt?
Sicher keinen deklarierten!
Wie erlebt man im Iran den Bürgerkrieg in Syrien?
Die Leute auf der Strasse sind vor allem besorgt über die vielen Todesopfer und auch über die Gefahr, dass sich der Konflikt ausweiten könnte. Die Regierung steht auf der Seite von Präsident Assad und verlangt einen nationalen Dialog, aber auch Reformen.
«Das soziale Leben spielt sich vor allem daheim ab.»
Fühlen Sie sich als Frau im Iran irgendwie eingeschränkt?
Auch als Ausländerin muss ich mich selbstverständlich an die Gesetze halten, einschliesslich der Bekleidungsvorschriften für Frauen. Ich trage also in der Öffentlichkeit ein Kopftuch. Ansonsten kann ich mich frei bewegen und auch im Land reisen.
Wieso wollten Sie den Posten in Teheran übernehmen?
In meiner früheren Funktion als Chefin der Politischen Abteilung Naher Osten/Afrika war der Iran eines meiner wichtigsten Dossiers. Deshalb wurde mir Teheran als nächster Einsatzort zugeteilt.
Wie haben Freunde und Familie darauf reagiert?
Ein bisschen erstaunt waren sie schon. Aber alle haben rasch verstanden, dass dies ein sehr interessanter Posten ist. Und wer zu Besuch kam, hat selber gesehen, dass das Leben im Iran ganz anders ist als erwartet.
Wie kommen Ihr Mann und die beiden Söhne im Iran zurecht?
Mein Mann war begeistert von der Idee, wieder in den Mittleren Osten zu ziehen; wir haben früher schon vier Jahre in Kairo gelebt. Die Kinder brauchten etwas länger, haben sich aber bestens eingelebt in Teheran und sprechen heute fliessend Farsi.
Gibt es Freizeitaktivitäten, die Sie im Iran nur schwer ausüben können? Haben Sie neue entwickelt?
Es gibt ein relativ kleines Freizeitangebot, das soziale Leben spielt sich vor allem bei den Leuten daheim ab. Als sehr interessant hat sich die iranische Kulturszene entpuppt, und so machen wir gerne «gallery hopping», gehen also auf Besichtigung der rege wechselnden Ausstellungen in den Galerien. Und im Winter kann man in unmittelbarer Nähe von Teheran toll Ski fahren.
Ist schon klar, wie lange Sie noch im Iran bleiben?
Im Januar sind wir vier Jahre in Teheran. Vermutlich werden wir nächsten Sommer in die Schweiz zurückkehren.
Schweizer Botschafterin im Iran
Die Juristin Livia Leu Agosti (51) vertritt seit 2009 die Interessen der Schweiz und der USA als Botschafterin in der Islamischen Republik Iran. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in Teheran.
Das Interview wurde schriftlich geführt.