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Patente, die verfielen, ein St.Galler Unternehmer, der vor den Nazis flüchten musste und eine Firma im Tessin, die den Reisverschluss zu dem machte, was er heute ist. Die Geschichte des Reissverschlusses liest sich wie ein Krimi!
Was war vor dem Reissverschluss? Ganz einfach: Die Kleider wurden mit Schnüren, Bändern oder Knöpfen zusammengehalten. Kein Wunder also, erlebte der Reissverschluss diesen Siegeszug. Aber wer hat‘s erfunden? Ein Name allein reicht nicht, trotzdem kann man sagen: Die US-Amerikaner hatten ursprünglich die Idee, aber erst die Schweizer entwickelten den Reissverschluss zu dem, was er heute ist.
Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts tüfteln mehrere US-Amerikaner an einem Kleiderverschluss herum. Eine erste Idee wird an der Weltausstellung in Chicago 1893 vorgestellt, doch vom praktischen Gebrauch ist man weit entfernt. 1911 melden zwei Schweizer Forscher ein Patent an, das als der klassische Reissverschluss gilt. Doch die beiden sind sich dem Wert ihrer Entwicklung nicht bewusst und lassen das Patent verfallen.
St.Galler erfindet Rinne-Rippe-Prinzip ...
Nur ein Jahr später lässt der Schwede Gideon Sundbäck, der schon länger am Reissverschluss herumpröbelt, eine neue Entwicklung patentieren. In der Schweiz sucht er für sein Patent Nr. 99924 einen Käufer – und findet ihn im St. Galler Juristen Dr. Martin Othmar Winterhalter (1889 – 1961), der den Wert sofort erkennt. Über den Deal kursieren verschiedene Versionen, eine davon besagt, dass Winterhalter den Schweden mit einer Abfindung von einigen zehntausend Franken über den Ladentisch zog. Winterhalter entwickelt die Idee des Schweden weiter und erfindet das Rinne-Rippe-Prinzip – der moderne Reissverschluss ist geboren.
Winterhalter nennt sein Produkt «Ri-Ri» und beginnt mit der serienmässigen Produktion im deutschen Wuppertal und Halle an der Saale. Bald stehen in der Fabrik über 1000 Arbeiter am Fliessband; Winterhalter wird zu einem der ersten Unternehmer der Moderne. Jeden Tag werden zehn Kilometer Reissverschluss ausgespuckt, und bereits sind 25 neue Patente zur maschinellen Fabrikation angemeldet. Drei Jahre später folgen die ersten Riri-Ableger in Luxemburg, Mailand und St.Gallen. 1929 erfindet Winterhalter ein neues Spritzgussverfahren und schafft damit definitiv den Durchbruch. Dutzende von Fabriken produzieren den Riri-Reissverschluss weltweit in Lizenz.
... und zügelt Maschinen fluchtartig
Doch dann kommt der Zweite Weltkrieg. 1936 will der deutsche Fiskus Winterhalters Fabriken wegen angeblicher Steuer- und Devisenvergehen unter staatliche Vormundschaft stellen. In einer Blitzaktion schmuggelt der Unternehmer seinen ganzen Maschinenpark in die Schweiz und bezieht in Mendrisio im Tessin eine alte Teigwarenfabrik. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrscht wegen der Waffenproduktion Metallmangel. Winterhalter erfindet flugs den Reissverschluss aus Plastik – ein Meilenstein, denn die Firma hält für die nächsten 18 Jahre das Patent inne. Seine Riri beherrscht den Reissverschluss-Markt.
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch nimmt die weltweite Billigproduktion von Reissverschlüssen immer mehr zu, was zu einem Einbruch der Verkaufszahlen führt. Nichtsdestotrotz verschleudert Winterhalter sein Vermögen, so dass ihn 1951 seine Geschwister entmündigen und in eine psychiatrische Klinik einweisen. Dort stirbt der «Reissverschlusskönig» zehn Jahre später, während seine Riri-Fabrik ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.
Heute liegt der Hauptsitz der Riri SA immer noch in Mendrisio. Man hat sich neu positioniert, zielt nicht mehr auf die grosse Masse ab, sondern beliefert mit den qualitativ hochstehenden Reissverschlüssen die Luxusindustrie mit so berühmten Marken wie Prada oder Marc Jacobs. Zu Spitzenzeiten produzieren die rund 350 Riri-Mitarbeitende in Mendrisio 70 Kilometer Reissverschluss pro Tag – alles «Made in Switzerland».