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«Ich» und die Technologie.
Peter Sloterdijk erzählt die Geschichte des Egoismus im Zeitraffer.
Moderne Zeiten fangen damit an, dass Menschen in einem solchen Ausmass Handlungsmacht erwerben, dass man über die Realität der Realität neu nachdenken muss. Eine der bekanntesten Anekdoten der jüngeren Weltgeschichte, das «Erfurter Ereignis» – die Begegnung Napoleons mit Goethe im Herbst des Jahres 1808 –, gibt Kunde davon. Napoleon spricht Goethe auf das aktuelle Drama an; man redet über die Mode der Schicksalsdramen, die damals in romantischer Welle über die europäischen Bühnen hinweggerollt sind. Und da sagt Napoleon einen Satz, den die Menschen bis auf den heutigen Tag im Ohr behalten haben: «Was will man heute mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal.» Genauso gut hätte er natürlich das fatale Pronomen der ersten Person anstelle des Wortes «Politik» einsetzen und sagen können: «Ich bin das Schicksal.» Denn schon 1804, als man ihm in Frankreich die Kaiserkrone angetragen hat, hat er die denkwürdige Aussage getan: «Das Glück der französischen Nation hängt wesentlich an den Erfolgen meiner Person.» In dieser Aussage hat man das Auftauchen einer neuen Form von menschlicher Ich-Haftigkeit und Handlungsmächtigkeit exemplarisch wahrnehmen können. Hegel hat sich in derselben Zeit darum bemüht, in seiner Rechtsphilosophie das System der bürgerlichen Gesellschaft als ein Gehege zu beschreiben, in dem die Egoismen aller Mitspieler auf den Märkten domestiziert werden sollen. Während er den Staat sozusagen als Agentur des Gemeinwesens und der Gemeinweseninteressen darstellte, hat Hegel die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft ganz offen als eine Art von geistigem Tierreich beschrieben, in dem submoralische egoistische Energien in intensiven Konflikten aufeinanderprallen. Eine Generation später hat Max Stirner mit seinem Buch «Der Einzige und sein Eigentum» aus dem Jahr 1844 die Ära des puren philosophischen Egoismus eingeleitet. Er hat das, was in Europa 2000 Jahre lang strikt verpönt war, die Selbstbetonung des Individuums, zum neuen Ausgangspunkt einer Suche nach Wahrheit gemacht. Es ist eine der Geburtsstunden des modernen Individualismus im Zeichen des Individualanarchismus.
Dieses Problem nun führt uns Frank Schirrmacher in einem ganz neuen Aggregatszustand vor, indem er zeigt, wie sich Egoismus und Egoität aus diesem alten, noch von Menschen gebundenen Aggregatszustand herausgedreht haben und gewissermassen gar nicht mehr aus den menschlichen Akteuren selber kommen, sondern von «Egoismusimplantaten» herstammen, die durch eine bestimmte Form von medialer und transaktionaler Indoktrination entstanden sind. Diese Betrachtungsweise, die also an der Grenze zwischen Anthropologie und Technikanalyse steht, weitet heute unseren Blick auf das ganze Problemfeld der menschlichen Handlungsmacht.
Sammeln, um zu gewinnen.
Frank Schirrmacher bietet Einblicke in die Parallelwelt aus Kreditinformationen, die durch «Big Data» entsteht.
Wir erleben eine «digitale Revolution», die alle Kennzeichen einer säkularen Zäsur trägt und alles verändert, womit wir zu tun haben. Miterfunden von Ökonomen und wesentlich auf ökonomischen Prinzipien basierend, hat sie eine Welt geschaffen, wie wir sie am Horizont gerade erst erkennen: eine Welt, in der jede menschliche Bewegung zu einem Signal verarbeitet und so zu einer möglichen Profitquelle wird; eine Welt, in der unser gesamtes Leben zu einem Gegenstand wird.
Noch nicht einmal die Science Fiction hat diese Welt vorausgesehen. Die Science Fiction hat immer gedacht, es gäbe irgendwann superkluge Maschinen, die alles dominierten. Das ist nicht der Fall. Die Maschinen sind wahnsinnig dumm. Sie werden gefüttert mit unserer Intelligenz. Und durch die Muster, die sie bilden können, werden sie fähig, algorithmisch – wie nach einem Kuchenrezept – intelligente Resultate zu liefern. Ebenso wenig hat George Orwell unsere Welt vorweggenommen. Orwell beschreibt eine Welt mit einem bösen Tyrannen und Menschen, die im Kern noch völlig unangegriffen sind in ihrer «menschlichen Identität», die noch wissen,…