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Vorwort

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Vorwort
Kopernikus zog die Erde, auf der er lebte, aus dem Zentrum der Welt. Darwin zog die Gestalt, in der er lebte, aus dem Zentrum der Schöpfung. Freud zog das Bewusstsein, in dem er lebte, aus dem Zentrum seines Handelns. Der Mensch dieser Wissenschaften ist ein zufälliges Wesen (der Evolution) an einem zufälligen Ort (auf einem Planet der Sonne der Milchstrasse der ...), das sich zufällig (un- und unterbewusst) verhält.
Diese Ordnung, welcher Subjekte unterworfen sind, bezeichne ich als die objektive Ordnung. Es ist die objektive Ordnung der Realien und Unterscheidungen, die wissenschaftlich beschrieben werden (können). Die Wissenschaftler der objektiven Ordnung, die die Evolutionstheorie erfunden haben, beobachten und beschreiben Objekte und Verhältnisse dieser Objekte, so wie sie sind.
Konstruktivismus verstehe ich zunächst als Aufforderung zu bedenken, worüber ich in welcher Perspektive spreche. Darin zeigt sich die Wahl, die ich als Beobachter treffe. Es gibt dann keinen voraussetzbaren Grund, auf welchem ein Beobachter zu stehen hätte. Es gibt nur gewählte Perspektiven, die zur Sprache kommen. Es gibt beispielsweise keinen Grund den Beobachter nicht im Zentrum der Welt zu sehen. Ich kann mir perspektivisch ohne weiteres vorstellen, dass ich am Ort bleibe, während die Erde sich um mich herum dreht, und dass die Erde dabei mit mir zusammen an ihrem Ort bleibt und die Sonne sich um die Erde dreht. Es gibt aber viele Gründe, dafür, warum ich eine bestimmte Sichtweise einer anderen Sichtweise vorziehe. Konstruktivismus heisst, über diese Gründe nachzudenken. Dabei gibt man insbesondere die objektive Idee auf, die Welt oder die Realität zwinge einem, eine Sache auf eine bestimmte Weise zu sehen.
Konstruktivismus ist ein dialogisches Prinzip, nach welchem ich als Beobachter über meine Perspektive spreche, also nicht darüber, wie die Welt wirklich ist, sondern darüber, was ich für wahr nehme und was ich davon habe, dass ich die Welt so sehe. Im Konstruktivismus erzählen wir uns Möglichkeiten, die Welt zu sehen. Bevor ich darüber spreche, wie ich die Welt als Konstruktivist sehe, muss ich logischerweise noch sagen, dass ich den Konstruktivismus so sehe, während andere Menschen im Konstruktivismus etwas ganz andres sehen (können). In meiner Sichtweise bedeutet Beobachter beobachten, dass ich mich selbst beobachte, sobald ich Beobachter beobachte.
Man könnte wie D. Bohm sagen, dass die Wahrnehmung so tut, als würde sie nichts tun. Dann könnte man Konstruktivismus als Verfahren verstehen, in welchem man sich die Abhängigkeit des Wahrgenommen vom Wahrnehmen bewusst macht. Im Dialog ist das viel leichter möglich als alleine, weil "ich" und "du" immer schon Perspektiven sind, die dieselbe Umwelt ausschliessen, weil du in meiner Um-Welt vorkommst, ich aber nicht. Ich sehe mein Beobachten durch das andere Beobachten der andern. Dort wo das gelingt, kann man von Nächstenliebe sprechen.
Beobachten und Erklären
Ich will zunächst das Beobachten beobachten. In der alltagssprachlichen Konvention deute ich den Ausdruck "beobachten" rezeptiv, verwende ihn also eher für schauen als für sprechen. Hier aber beobachte ich, was ein Beobachter über eine von ihm beobachtete Sache sagt. Dieser Beobachter muss also nicht nur wahrnehmen, er muss seine Beobachtungen vor allem beschreiben. Beobachten in einem weiter gefassten Sinn mag auch jedes Tier, aber darüber will ich hier nicht sprechen, weil ich keine Beschreibungen kenne, die von Tieren stammen. Wer - wie etwa Franz von Asisis - mit Tieren spricht, wird diese einfach mitmeinen, und wer meint, Tiere würden nicht sprechen können, zieht sie - und allenfalls andere Wesen und intelligente Computer - hier einfach nicht in betracht. Es geht also nicht um Menschen, Maschine oder Tiere, sondern darum, wer Beschreibungen macht. Und auch darauf komme ich später nochmals zurück, wo ich den Beobachter als Autor auffasse, eben weil er schreibt oder spricht.
Umgangssprachlich kann ich auch zufällig etwas "beobachten", das ist hier aber auch nicht mitgemeint. Hier spreche ich von beobachten, wenn mich das, was ich beobachte als Phänomen interessiert, das ich verstehen und erklären will. Typischerweise beobachte ich Prozesse. Ich kann aber natürlich eine Katze beobachten, die unbeweglich vor einem Mausloch sitzt. Ich kann auch in einem gewissen Sinn ein Bild oder ein buntgewebtes Tuch beobachten, wenn ich dabei an seine Entstehung denke. Das Bild selbst kann ich nur sehen oder anschauen, nicht beobachten im hier gemeinten, prozessorientierten Sinn.
Als Beobachter beschreibe ich ein Phänomen, das ich erklären möchte, und einen Mechanismus, mit welchem ich das Phänomen erzeugen kann. Denn Mechanismus betrachte ich als eine mögliche Erklärung des Phänomens. Dass ich beobachte, zeigt sich jedem Beobachter genau darin, dass ich - beobachtbare - Beschreibungen von phänomen-erklärenden Mechanismen mache. Ich selbst habe natürlich ausserdem eine Art Introspektion auf mein eigenes Beobachten, aber davon will ich hier explizit absehen. Beobachten zeigt sich in diesem terminologisch gebundenen Sinn immer als Beschreiben.
Ich will das anhand eines Beispieles anschaulich machen, indem ich ein Phänomen erkläre. Als Phänomen bezeichne ich etwas, wofür ich als Beobachter eine Erklärung suche. Quasi-etymologisch steckt im Ausdruck Phänomen, dass es um eine Erscheinung von etwas anderem geht, und mithin, dass man gerne wüsste, was so erscheint. Das Phänomen liegt also nicht in der Sache, sondern darin, dass ich eine Erklärung für eine bestimmte Sache will. Es gibt in meiner Umwelt beliebig viele Dinge, die ich nicht erklärt haben will. Ich muss beispielsweise nicht wissen, warum es in meinem Kühlschrank kalt ist, und warum Bananen krumm sind. Aber wenn ich will, kann ich danach fragen und so die Sachen zu Phänomenen machen.
Zu jedem Phänomen gibt es beliebig viele Erklärungen, wobei verschiedene Erklärungen das Phänomen quasi rückwirkend auch verschieden bestimmen. Das Phänomen mit der Tempeltüre könnte ich damit erklären, dass der Priester die Zuschauer hypnotisiert, so dass sie sich einbilden, dass sich die Türen öffnen. Da sich in diesem Fall die Türen gar nicht öffnen, braucht es natürlich auch keine Erklärung dafür, dass sie sich öffnen. Es braucht aber eine Erklärung dafür, weshalb ich Dinge sehe, die es nicht gibt. Und das würde eben durch "Hypnose" erklärt, wobei aber natürlich auch das Phänomen ganz neu gesehen wird. Ich kann auch beschreiben, wie ich selbst funktionieren muss, um eine bestimmtes Phänomen überhaupt wahrzunehmen. Darüber werde ich später mehr schreiben. Jetzt will ich Erklärungen dafür geben, dass sich die Türen objektiv öffnen, wenn der Priester das Feuer auf dem Altar anzündet.
In einer Erklärung kann beispielsweise stehen, dass man die Götter durch ritualisiertes Anrufen beschwören muss: "Rufe abrakadabra und schau genau auf die Türe, die sich öffnen soll! Wenn Dich die Götter erhören, öffnen sie die Tür." Bei den Priestern funktioniert das, weil sie von den Göttern erhört werden. Diese Erklärung macht wie jede Erklärung einige Implikationen, etwa dass es Götter gibt. Wenn es Götter gibt, die den Priestern helfen, dann ist das eine mögliche Erklärung. Sonst nicht. Ob ich eine Erklärung akzeptiere, hängt nicht zuletzt davon ab, ob ich die Implikationen akzeptiere, es hängt also von mir ab.
Eine weitere mögliche Erklärung dafür, dass sich die Tempeltüren öffnen, wäre etwa, dass versteckte Sklaven die Türen öffnen. Dabei würde man voraussetzen, dass es im Tempel Sklaven gibt, und dass man beschreiben kann, was sie tun und warum man sie nicht sehen kann. Da ich die Sklaven nicht sehen kann, hängt es auch bei dieser Erklärung von mir ab, ob ich sie akzeptiere.
Und ich kann auch nicht unter den Tempel schauen, weil er mittlerweile nicht mehr existiert. Ich kann aber prüfen, ob der Mechanismus seine Funktion erfüllen würde, also ob ich mit diesem Mechanismus das Phänomen erzeugen könnte. Das ist die spezifische Qualität der konstruktiven Erklärung. Man kann natürlich auch die Erklärung mit den Sklaven konstruktiv auffassen, indem man die Sklaven durch Roboter ersetzt. Dabei erkennt man, wie Sklaven als Maschinen verwendet wurden. Konstruktive Erklärungen haben immer den praktischen Wert, dass man damit einen solchen Tempel bauen könnte. Die Analyse des Phänomens wird zur Konstruktion der Lösung.
Auch die konstruktive Erklärung ist eine Beschreibung, es handelt sich aber um eine Beschreibung, mit welcher ich einen Mechanismus abbilde, den ich anstelle der Beschreibung herstellen und zeigen könnte. Wenn ich in meiner Erklärung "Götter" verwende, kann ich allenfalls deren Wirkung, aber nicht sie selbst zeigen. Deshalb sind konstruktive Erklärungen für mich intimer, sie verbinden mich mehr mit andern Menschen als es Götter tun.
Beobachten in diesem noch engeren Sinn heisst Phänomene erklären.
Konstruktion und Konstruktivismus
Konstruktive Erklärungen beschreiben einen Mechanismus, mit welchem man das zu erklärende Phänomen erzeugen kann. Jeder Mechanismus repräsentiert ein hinreichend definiertes Verfahren. Den Ausdruck Mechanismus verwende ich, wenn ich die Funktionsweise einer Konstruktion hervorheben will, also genau dann, wenn ich ein Verfahren konstruktiv erläutern will. Als Mechanismus betrachte ich tauto-logischerweise nur, wovon ich gegebenenfalls sagen kann, dass es nicht oder nicht richtig funktioniert. Von einem Hammer beispielsweise kann ich das in keinem Fall sagen, von einem Webstuhl oder von einer Tempeltüröffnungsmaschine dagegen kann ich es gegebenenfalls sagen, weil bei diesen Mechanismen vorgesehen ist, dass sie ihre Zustände zweckmässig ändern, wenn sie ihre Funktion erfüllen.
Wenn ich einen Mechanismus beschreibe, beschreibe ich das Prinzip der jeweiligen Konstruktion. Ich beschreibe den Mechanismus also nicht so, dass man ihn herstellen kann, sondern so, dass man seine Funktionsweise konstruktiv nachvollziehen kann. Dabei schematisiere ich die Konstruktion. Wenn ich etwa den Tempeltürenöffner von Heron als Mechanismus auffasse, abstrahiere ich Material und Dimensionen und zeige nur, in welcher Anordnung welche Teile stehen. Typischerweise kann ich das etwa in einer schematischen Zeichnung leisten. Wenn ich die Funktionsweise eines Mechanismus beschreibe, fokussiere ich Operationen. Die Funktionsweise des Türöffners besteht im Antreiben einer senkrechten Welle, an welcher die Türe befestigt ist. Ich muss also zeigen, wie ich mit Feuer eine Welle drehen kann. Jede Funktionsweise kann konstruktiv verschieden realisiert werden. Mit einem Mechanismus beschreibe ich eine konkrete Möglichkeit. Wenn man den Mechanismus wirklich herstellt, ihn also nicht nur in einer Erklärung verwendet, muss man ganz viele praktische Probleme lösen, die im Mechanismus eben nur prinzipiell gelöst sind.
Als Konstruktion bezeichne ich sowohl das Verfahren, in welchem Artefakte zu einem Artefakt höherer Ordnung zusammengefügt werden, als auch das Artefakt, das aus diesem Prozess hervorgegangen ist. Der Tempeltüröffner besteht aus einer Reihe nicht weiter zerlegbarer Artefakte wie Wellen, Seile, Rollen usw. Im Artefakt ist das Herstellen noch ganz allgemein gemeint. Wenn ich einen Hammer oder einen Faustkeil herstelle, antizipiere ich - wenn auch sehr unvollständig - , was ich später mit diesen Werkzeugen machen kann und will. Dabei antizipiere ich Handlungen von mir, weil das Werkzeug selbst nicht "operiert". Wenn ich dagegen entwickeltere Werkzeuge, also Maschinen und Automaten herstelle, antizipiere ich Operationen, die objektiv, also unabhängig von mir sind, weil sie durch die Maschinen ausgeführt werden. Bei solchen Artefakten bekommt das Herstellen einen spezifischen Charakter, den ich mit dem Ausdruck Konstruieren eigentlich meine. Explizit entwickelte Konstruktionstätigkeit produziert Konstruktionszeichnungen für Maschinen und Programme für Automaten, also Abbildungen von den Artefakten, die hergestellt werden.
Als Beobachter nehme ich Konstruktionen immer auch in einem funktionalen Zusammenhang wahr. Die Funktion zeigt sich in der Verwendung der Konstruktion. Die Maschine von Heron öffnet die Tempeltüre, man könnte sie für jede Türe, aber auch für Fenster verwenden. In der konstruktiven Perspektive nehme ich die Funktionsweise wahr. Dabei ist mir die Verwendung nicht wichtig, ich will wissen, wie es geht. Viele Konstruktionen verstehe ich retrospektiv als eine Art Auslagerung von Handlungsbestandteilen. Der Webstuhl etwa repräsentiert Operationen, die ich ohne Webstuhl selbst, quasi von Hand machen müsste. Werkzeuge wie etwa ein Hammer sehe ich innerhalb eines Quasi-Mechanismuses, welcher den Handwerker, der den Hammer benutzt, mit umfasst. Dabei sehe ich immer schon den Roboter, in welchem der Quasimechanismus zum eigentlichen Mechanismus wird.
Als Konstruktivismus bezeichne ich die Auffassung, nach welcher Beobachter Phänomene erklären, indem sie konstruierte Mechanismen beschreiben. Mechanismen, die in Erklärungen beschrieben werden, bezeichne ich als Systeme. Es spielt keine Rolle, welcher Art das Phänomen ist, also ob ich mich für Menschen, Maschinen oder Gesellschaften interessiere. Die konstruktive Erklärung beschreibt immer ein System, wogegen Menschen, Maschinen und Gesellschaften natürlich keine Systeme sind, sondern nur durch System erklärt werden. Die Systemtheorie ist also eine Theorie des Erklärens. Sie erklärt, wie ich erkläre, indem sie beschreibt, wie man Systeme konstruiert.
Der Ausdruck "Konstruktivismus" stammt in dieser Verwendung von J. Piaget. Er hat eine Reihe von Phänomenen beschrieben, für die wir Erklärungen verwenden, oft oder normalerweise ohne uns dessen bewusst zu sein. Und wenn wir nicht merken, dass wir Erklärungen machen, merken wir auch nicht, dass diese konstruiert und hypothetisch sind. Allerdings war J. Piaget auch nicht bewusst, dass er Systeme beschrieben hat. Er illustrierte seinen Konstruktivismus anhand der mentalen Entwicklung von Kindern, was ihm den Ruf eines Kinderpsychologen eintrug. Er selbst bezeichnete sich als Epistemologe. Epistemologie wird oft mit Erkenntnistheorie übersetzt, bei J. Piaget ist damit aber eine Theorie des Aufbaus von Wissen gemeint, es geht nicht um das Erkennen einer gegebenen Welt, sondern um das Konstruieren von Erklärungen. Um diese Epistemologie zu verstehen, machen Sie folgendes Experiment. Bitte machen Sie das Experiment nicht nur in Gedanken. Legen Sie einen Schreibstift auf den Tisch. Dann halten Sie ein Blatt Papier über diesen Schreibstift, so dass Sie ihn nicht mehr sehen können. Dann überlegen Sie, ob der Schreibstift wohl noch vorhanden sei, obwohl sie ihn nicht sehen können. Ueberlegen Sie genau und überlegen Sie auch, wie Sie zu Ihrem Resultat kommen. Dann nehmen Sie das Blatt Papier wieder weg. Falls Sie dann einen Schreibstift sehen, überlegen Sie, ob dieser Schreibstift wohl derselbe ist, wie jener, denn Sie davor auf den Tisch gelegt haben. Wirklich wissen können Sie das natürlich nicht, aber es gibt gute Gründe dafür anzunehmen, dass derselbe Schreibstift hinter dem Papier immer da war. Die Frage ist nur, woher wir diese Gründe haben.
Als Objektpermanenz bezeichne ich eine vom Beobachter entwickelte Annahme, wonach es eben Objekte gibt, die auch existieren, wenn er sie gerade nicht sieht. Kleine Kinder kennen gemäss den Untersuchungen von J. Piaget noch keine permanenten Objekte, sie leben in der Gegenwart, sie erleben nur das Gegenwärtige. Wenn etwas aus ihrem Gesichtsfeld verschwindet, existiert es nicht mehr. In ihrer Entwicklung verfestigen sie dann allmählich die Vorstellung permanenter Objekte, die von ihrer subjektiven Wahrnehmung unabhängig existieren. Genau diese Entwicklung nannte J. Piaget "Konstruktion der Realität" (La construction du réel), ohne genauer zu sagen, wie das gehen könnte und warum er dafür den Ausdruck "Konstruktion", der dem Konstruktivismus den Namen gab, verwendet hat.
Haben Sie einmal gesehen, wie der Zauberer David Cooperfield Elefanten und Eisenbahnzüge verschwinden lässt? Zauberer, die Objekte verschwinden lassen oder aus dem Hut hervorzaubern, spielen mit der Ambivalenz der Vorstellung der Objektpermanenz. Es ist ja klar, dass sie Objekte nicht wegzaubern könnten, wenn die Zuschauer nicht glauben würden, dass es sich im Prinzip um permanent existierende Objekte handelt. Andererseits weiss ich als Zuschauer mindestens unbewusst, dass die Objektpermanenz nur eine Annahme ist. Gerade deshalb macht mir das Spiel der Zauberer so viel Spass. Es spielt mit meinen Glaubenssätzen.
Der Kern der Lehre von J. Piaget, die er eben Konstruktivismus nannte, besteht in der Annahme, dass Menschen Begriffe, gemeint sind mentale Schemata, in Analogie zu Artefakten "konstruieren". Artefakte werden materiell konstruiert, Begriffe werden als mentale Abbildungen konstruiert. Die Handlungen, die zu diesen Konstruktionen führen, lassen sich als eine Menge von "Operationen" begreifen. Der konstruierende Beobachter muss also ein Repertoire von Operationen entwickeln und er muss die Operationen sinnvoll in übergeordnete Operationen einbauen lernen. Es erstaunt wenig, dass es dieselben Operationen sind, die ein Konstrukteur verwendet, wenn er Maschinen baut. Diese Fähigkeit bezeichnet J. Piaget als Intelligenz.
E. von Glasersfeld hat den Konstruktivismus von J. Piaget radikal interpretiert und gezeigt, dass man überhaupt keine Realität voraussetzen muss, wenn man den Aufbau von Wissen im Sinne von J. Piaget untersucht. Denn der Schreibstift, den Sie vielleicht jetzt gerade wieder sehen, ist uns natürlich auch nur durch Annahmen gegeben. Er ist - wenn ich ihn sehe, wie wenn ich weiss, dass er hinter dem Papier versteckt ist - Bestandteil meiner Erfahrung. Und ob meine Erfahrung eine von mir unabhängige Realität abbildet oder nicht, kann ich nicht anders als durch eben meine Erfahrung überprüfen. Ich kann ja auch nur durch Erfahrung prüfen, on der Stift tatsächlich hinter dem Papier ist. J. von Goethe sagte, dass er mit keinem Instrument mehr sehen könne, als das, was seine Augen zulassen. Und G. Berkeley fragte sich, ob ein mitten im Wald umfallender Baum auch Geräusche macht, wenn niemand da ist, der sie hören kann? E. von Glasersfeld nannte seine radikale Interpretation von J. Piaget's Werk "Radikalen Konstruktivismus". Im Diskurs zum Radikalen Konstruktivismus wird oft darüber gestritten, ob es eine Wirklichkeit oder ob es die Welt wirklich gebe. Es geht aber auch im radikalsten Konstruktivismus nicht um Wirklichkeit, sondern um Erklärungen.
Normalerweise staunen wir, wenn ein Zauberer das Papier wegnimmt und der darunterliegende Schreibstift verschwunden ist. J. Piaget, und E. Glasersfeld radikal, staunen dagegen darüber, dass der Schreibstift noch oder wieder da ist. Sie nehmen Objekte, die permanent vorhanden sind, als konstruierte Lösung eines Problems. Die Objektpermanenz dient als Erklärung für die Erfahrung, dass der Schreibstift wieder da ist, wenn man das Papierblatt wegnimmt. Dass der Schreibstift wieder da ist, ist ja ziemlich erstaunlich, wenn man ganz unvoreingenommen und ganz gegenwärtig ans Werk geht.
Die Objektpermanenz lässt sich natürlich beliebig verifizieren. Man kann den Schreibstift markieren, um sicher zu sein, dass man nachher wieder denselben sieht. Man kann das Experiment so variieren, dass man den Schreibstift nicht auf den Tisch legt, sondern in der Hand hält, während man ihn mit dem Blatt abdeckt. Dann spürt man das Vorhandensein des nicht sichtbaren Stiftes quasi permanent. Es ist extrem einfach, immer sicherer zu werden, dass Objekte Permanenz haben. Und wenn man erst einmal die Permanenz von Objekten (für) wahr-nimmt, hat man auch gleich Raum und Zeit geschaffen, weil man die Objekte dann so an einander vorbeischieben kann, dass eines hinter dem anderen ist und später als Folge der Bewegung wieder sichtbar wird.

Wenn ich den Beobachter unter dieser erklärenden Perspektive anschaue, sehe ich den Beobachter zunächst wie jedes Objekt, das ein Verhalten zeigt, als Blackbox. Natürlich spielt für Erklärungen keine Rolle, ob der Beobachter relativ zur Blackboxwand innen oder aussen
Das Szenario, in welchem Beobachter leben, die innerhalb der Blackbox sind, kann man sich anschaulich vergegenwärtigen, wenn man sich einen U-Boot-Kapitän oder einen Piloten im Blindflug vorstellt. Der Pilot kann im Blindflug nicht sehen, was ausserhalb des Flugzeuges ist, er sieht und reagiert nur auf die Anzeigen auf seinen Instrumenten. Und die Auswirkungen seiner Handlungen sieht der Pilot wiederum nur auf seinen Instrumenten, er steuert also eigentlich die Anzeige seiner Instrumente. Das ist besonders deutlich der Fall, wenn der Pilot statt in einem Flugzeug in einem Flugsimulator sitzt, aber genau dieselbe Aufgabe erfüllt, die er auch im Flugzeug zu erfüllen hat. Ob der Pilot im Simulator sitzt oder nicht, ist - bei einem hinreichend guten Simulator - nur für den aussenstehenden Beobachtenden entscheidbar, der Pilot kann gar keine Unterschiede feststellen, weil er immer auf die Instrumentanzeigen reagiert.
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Der Ausdruck Um-Welt meint wörtlich genommen Welt-um-etwas-herum. Die Um-Welt, die der Pilot mittels seiner Instrumente für-wahr-nimmt, ist die Welt ausserhalb seines Flugzeuges. Was der Pilot im Blindflug aber wahrnimmt, ist das Flugzeug, respektive die Instrumente, die zum Flugzeug, nicht zur Um-Welt des Flugzeuges gehören.

Wenn man - wie es tendenziell in Virtual-Reality-Spielen mit Cyber-Helmen und Cyber-Handschuhen gemacht wird - das Cockpit des Piloten so schrumpft, dass die Anzeigen und Bedingungselemente mit der sensorisch-effektorischen Oberfläche des Piloten zusammenfallen, ist alles, was ausserhalb seiner Netzhaut ist, die Um-Welt des Piloten.
Piloten steuern eigentlich die Anzeige ihre Instrumente, sie bewegen ihre Armaturen so, dass die Instrumente die gewünschten Zustände anzeigen. Dass dabei das Flugzeuge in seiner Um-Welt etwas Sinnvolles macht, entspringt der Koppelung der Zustände der Instrumente mit Zuständen des Flugzeuges in seiner Umwelt, die im Falle von eigentlichen Flugzeugen von den Konstrukteuren natürlich sehr bewusst eingerichtet sind. Im Normalfall spielt es also keine Rolle, ob ich auf die Instrumente oder auf meine Um-Welt reagiere.
So spreche ich auch in meiner Alltagssprache. Was ausserhalb von mir ist, also alles, was ich sehe, ist meine Umwelt. Als Beobachter bin ich also sozusagen ein Pilot dessen Flugzeug aus meinem Körper besteht. Die Netzhäute meiner Augen sind meine Instrumente. Da die Instrumente zum Flugzeug gehören, kann man sagen, dass ich als Pilot nur auf Zustände des Flugzeuges reagiert, und nicht auf irgendetwas, was ausserhalb des Flugzeuges ist. So wie der Pilot die Anzeigen seiner Instrumente steuert, so steuere ich als Beobachter meine "Anzeigen", also die Bilder, die ich sehe. Wenn ich etwa den Kopf in einer bestimmten Situation drehe, sehe ich bestimmte Gegenstände, beispielsweise mein Büchergestell oder den Eifelturm, je nachdem, wo (in welchem Zustand) ich mich gerade befinde. Wenn ich den Kopf zurückdrehe, sehe ich, was ich zuvor gesehen habe. Mit den Bewegungen des Kopfes beeinflusse ich also, was ich sehe, so wie der Pilot mit seinen Bewegungen der Steuerung die Anzeigen seiner Instrumente bestimmt. In diesem Sinne kann man sagen, dass ich auf meine eigenen Sinneszustände reagiere und dass mein Verhalten der Steuerung meiner Wahrnehmung dient. Ich bewege mich, um etwas Bestimmtes zu sehen, oder wie H. Maturana sagte: wir sehen mit den Füssen.
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Wenn ich mich als Beobachter frage, weshalb ich bestimmte Dinge auf meinem Anzeigegerät "Netzhaut" sehe, stelle ich dieselbe Frage, die ich vor einem Computer sitzend stelle, wenn ich frage, wie die Bildschirmanzeige zustande kommt. In beiden Fällen unterstelle ich etwas, was zu einer Veränderung der Anzeige führt. In beiden Fällen stelle ich überdies eine mehr oder weniger komplexe Anhängigkeit von meinem Verhalten fast. Die Erklärungen, die ich mir gebe, sind Mechanismen in der Blackbox, die eben der Umwelt entspricht, wenn ich innerhalb der Blackbox bin. Ich konstruiere also eine Umwelt, die meine Erfahrungen erklärt. In dieser Umwelt konstruiere ich ganz viele Objekte, die permanent sind und Raum einnehmen. Das Phänomen etwa, dass es in regelmässigen Abständen dunkle Nacht und heller Tag wird, erkläre ich mit einer Maschinerie, in welcher sich verschiedene Trabanten, wovon einer leuchtet, um einander oder um sich selbst drehen. Dabei habe ich verschiedene Optionen. Ich könnte einen Mechanismus konstruieren, in welchem die Erde im Zentrum dieser Trabantenbewegungen steht. Ich erkläre mir aber meine Erfahrungen lieber mit einer Konstellation, in welcher die Erde um die Sonne kreist, weil das insgesamt zu einer einfacheren Beschreibung aller Phänomene, die mich interessieren, führt. Einige der Objekte in meiner Um-Welt zeigen ihrerseits ein Verhalten, das ich zum Phänomen innerhalb des Phänomens Umwelt machen kann. Ich erkläre beispielsweise bestimmte Erfahrungen, die ich mache, dadurch, dass es in meiner Umwelt Menschen und Maschinen gibt. Diese Menschen und Maschinen sind dann in meiner Erklärungen funktionale Einheiten, die ich ihrerseits zum Phänomen machen kann, weil sie ein Verhalten zeigen.
Ich will an dieser Stelle noch einmal hervorheben, dass ich nicht darüber spreche, ob es Menschen wirklich gibt und ob ich sie wahrnehmen könnte. Ich spreche über Erklärungen, in welchen Menschen und Maschinen beobachtet werden. Wenn ich mich als Pilot nicht in einem Simulator wähne, ist mir "sinnen"-klar, dass ich mit meinem Flugzeug durch die Um-Welt des Flugzeuges und mithin durch meine Um-Welt überhaupt fliege, obwohl ich diese nur durch die Instrumente wahrnehmen kann. Und selbst wenn ich weiss, dass ich in einem Simulator sitze, verbinde ich mit den Anzeigen der Instrumente ganz bestimmte Bedeutungen. Zu einer bestimmten Zahl auf dem Höhenmesser etwa stelle ich mir vor, auf einer bestimmten Höhe zu fliegen, usw. Es fällt mir unabhängig davon, ob ich in einem Simulator sitze oder nicht, leichter, bestimmte Aufgaben zu lösen, wenn ich sie mir anschaulich machen kann. Die Aufgabe etwa in einem Flugzeugcockpit die Instrumente im Sollbereich zu halten, gelingt mir besser, wenn ich mir einen räumlichen und zeitlichen Rahmen dafür vorstelle, also einen Raum, den ich im Flugzeug durchfliege und in welchem bestimmte physikalische Gesetzmässigkeiten wie Anziehungs- und Widerstandskräfte herrschen. Ich kann mich anhand solcher Vorstellungen in Handlungszusammenhängen orientieren. Während ich als Piloten die Beziehung zwischen den Instrumenten und den Bedeutungen, die die Instrumente haben, in bewusster Ausbildung trainieren muss, nehme ich als Beobachter meine Wahrnehmungen quasi automatisch als Wahrnehmung meiner Um-Welt wahr. Als Beobachter nehme ich eben nicht meine Netzhaut (oder die Zustände anderer Sinnesorgane) wahr, sondern Objekte im Raum, die ein zeitliches Verhalten zeigen. Ich sehe nicht irgendwelche Pixel, Raster, Muster usw., sondern bedeutungstragende Dinge wie Tische, Berge, Menschen. Als Beobachter bin ich ein Pilot, dem immer "sinnen"-klar ist, dass er sich in der Um-Welt befindet, die er wahrnimmt. Gerade deshalb muss ich als eigentlicher Pilot das Lesen von Instrumenten so lange üben.
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Was mir zunächst als Phänomen in meiner Umwelt erscheint, das ich erklärt haben möchte, wird dadurch, dass ich mir bewusst mache, wie ich erkläre, zu einer Erklärung für ein Phänomen. H. von Foerster bezeichnete diese Reflexion als Kybernetik der Kybernetik oder als Kybernetik 2. Ordnung. In dieser 2. Ordnung bin ich Subjekt meiner eigenen Konstruktion.
Wenn ich als Beobachter etwas über meine Um-Welt sage, sage ich etwas über mich selbst. Würde ich N. Kopernikus in dieser subjektiven Ordnung nach dem Ort der Erde fragen, würde ich nichts über den Ort der Erde erfahren, sondern etwas darüber, wie N. Kopernikus seine Welt konstruiert, was ich überheblicherweise mit seinen bescheidenen Mittel und seiner mittelalterlichen Erziehung in Verbindung bringen könnte. Würde ich C. Darwin fragen, wie der Mensch entstanden sei, würde ich nichts darüber erfahren - wie sollte C. Darwin, der "seine" Abstammungslehre bei A. Wallace abgeschrieben hat, das auch wissen können? Ich könnte von C. Darwin allenfalls erfahren, wie er sich erklärt, dass er in seinen Augen den Affen gleicht. Aber ich würde in beiden Fällen erfahren, wie man sich einen Mechanismus vorstellen könnte, der ein bestimmtes Phänomen erklärt. Wann immer ich andere Menschen nach Erklärungen frage, höre ich im besten Fall Beschreibungen von denkbaren Mechanismen. Ich kann mir dann überlegen, welche Phänomene ich auch so erklären würde.
In der subjektiven Ordnung spreche nicht darüber, ob die Welt existiert oder nicht, und auch nicht darüber, wie sie entstanden ist, sondern darüber, welche Phänomene ich mit welchen Konstruktionen erzeugen kann. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich laufend Erklärungen konstruiere, werde ich alle Erklärungen, die ich höre, darauf hin überprüfen, wie gut sie zu meinen Erklärungen und zu meinen Vorstellungen darüber, was Erklärungen sind, passen. H. Maturana spricht von einem rekursiven "Erklärungsverfahren, in welchem das Phänomen in einer Weise beschrieben wird, dass man hypothetisch einen erklärender Mechanismus konstruieren kann, mittels welchem das Phänomen verstanden werden kann. Anhand der Erklärung leitet man weitere Aspekte des Phänomens ab und prüft, ob diese neuen Aspekte beim zu erklärenden Phänomen auch vorhanden sind. Dabei verändert sich das Phänomen und der Prozess beginnt von neuem. H. Maturana hat dieses Theoriebildungsverfahren in seiner sprachlich laxen Art als Erklärungssystem, respektive als Erklärung des Erkennens bezeichnet, obwohl es sich nicht um ein System, sondern um ein Verfahren handelt, das zu Beschreibungen führt. Vielleicht wollte H. Maturana mit dieser Bezeichnung verdeutlichen, dass es sich um ein ganz anderes Theorieverständnis handelt als jenes, welches K. Popper in seinem Falsifikationsprinzip darstellt, und dass er als Erklärungen immer Systeme verwendet.
Konstruktivismus ist keine Erkenntnistheorie, es geht nicht um die Bedingungen der Möglichkeit etwas zu erkennen, sondern um konstruktives Wissen. J. Piaget hat sich mit dem Ausdruck Epistemologie von der Erkenntnistheorie abgrenzen wollen, jetzt werden aber diese Ausdrücke oft synonym verwendet. E. von Glasersfeld hat dagegen - wohl in terminologisch unbewusster Verwechslung - von einem radikalen Skeptizismus gesprochen und so den erkenntnistheoretischen Aspekt wieder eingeführt, obwohl auch er davon ausgeht, dass wir erfinden und nicht finden oder entdecken, was unabhängig von uns, also objektiv schon da ist. E. von Glasersfeld hat J. Piaget darauf aufmerksam gemacht, dass der Konstruktivismus keine Realität braucht, weil die Konstruktionen nicht als Abbildungen einer Wirklichkeit begriffen werden. J Piaget hat sich aber dieser Formulierung nicht angeschlossen, weil er sie als erkenntnistheoretischen Solipsimus gedeutet hat. Solipsismus bezeichnet eine Auffassung, derzufolge nur das Bewusstsein wirklich ist, während die Aussenwelt und andere fremde "Ichs" nur Bewusstseinsinhalte ohne eigene Existenz darstellen. Der Skeptizismus ist eine schwache Variante des Solipsimus, da auch im Skeptizismus nicht unterschieden werden kann, ob das Ding an sich existiert oder nicht. Der Konstruktivismus befasst sich aber gar nicht mit Existenzfragen (Ontologie). J. Piagets Ablehnung des Radikalen Konstruktivismus hat sich wohl darauf bezogen, wie wohl er selbst auch auf die erkenntnistheoretische Philosophie von I. Kant bezug genommen hat, die Inbegriff der Erkenntnistheorie darstellt. Der Konstruktivismus ist eine Alternative zur Erkenntnistheorie.
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Der Konstruktivismus ist auch keine Phänomenologie. Phänomene sind im Konstruktivismus nur ein Aspekt der Erklärungen. Von einem Phänomen spreche ich nur, wenn ich etwas erklären will, und deshalb nur wenn ich nicht sehen kann, wie es zustande kommt. Der Tempel von Heron war für die Griechen seiner Zeit ein Phänomen, weil sie nicht unter den Tempel sehen konnten. Aber für Heron war der Tempel kein Phänomen. Er hatte in bezug auf das Oeffnen der Türen nichts zu erklären, weil er die Maschine kannte. Zu jedem eigentlichen Phänomen sind immer verschiedene Erklärungen möglich, während die Tempeltüren an diesem Tempel objektiv mittels einer bestimmten Maschine geöffnet wurden. Die Subjektivität im Konstruktivismus bezieht sich auf die Wahl der Erklärungen, nicht darauf, dass man Objekte nicht objektiv erkennen kann. Weil ich nur prüfen kann, ob eine bestimmte Erklärungen "funktioniert", nicht aber, ob ein bestimmtes Phänomen so ensteht, wie ich es erkläre, gibt es keine Möglichkeit objektiv zu entscheiden, welche Erklärung beschreibt, was in der Blackbox der Fall ist. Das heisst, ich muss mich - subjektiv - entscheiden, wenn ich eine bestimmte Erklärung akzeptieren will. Wie H. von Foerster sagt, ich muss nur nicht entscheidbare Fragen entscheiden.
Bevor ich mich überhaupt für eine Erklärung entscheiden kann, muss ich mögliche Erklärungen kennen. Wenn ich nur eine einzige Erklärung kenne, kann und muss ich nicht wählen. Dann erscheint mir die Welt objektiv. Wenn ich die Wahl habe, aber nicht aufgrund von Richtigkeit entscheiden kann, muss ich mit anderen - subjektiven - Kriterien abwägen. Dieses Entscheiden oder Wählen steht im Zentrum des radikal subjektorietierten Konstruktivismus. Man kann Konstruktivismus als Thematisierung der menschlichen Wahl von Erklärungen verstehen. Subjekt heisst dann der Wahl unterworfen zu sein, wobei Entscheiden und Wählen sozusagen die höchsten Werte des Subjektes darstellen. Konstruktivismus ist so verstanden ein Dialog über diese Wahl, die nicht rational erfolgen kann. Im konstruktivistischen Diskurs geht es darum, wie wir diese Wahl gestalten.
Unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen wird die subjektive Wahl zur Last. Oder anders formuliert: Als gesellschaftliche Verhältnisse bezeichne ich in konstruktivistischer Perspektive eine bestimmte Aufhebung der subjektiven Wahl. In der Demokratie etwa, also in einer entwickelten gesellschaftlichen Form, werdendie Wahl und die damit verbundene Verantwortung in atomare Elemente, in einzelne Wählerstimmen aufgeteilt. Jeder verfügt als Wähler über einen verschwindend kleinen Beitrag zur demokratischen Wahl und hat entsprechend wenig bis keine Verantwortung für die Wahl. In der demokratischen Wahl werden die Wahl-Atome kumuliert, wobei die Verantwortung verdunstet. Kein Wähler ist zuständig für die Wahl. Man könnte von einer wählerlosen Wahl sprechen, was beispielsweise die Luhmannsche Soziologie, die keine Menschen kennt, eben tut. Es gibt andere gesellschaftliche Möglichkeiten die Wahl aufzuheben: Gut funktionierende gesellschaftliche Verhältnisse, die N. Luhmann als Sozialsysteme beschrieben hat, sind die Religion als Fundamentalismus, oder das Recht und die Wirtschaft, die die Wahl so beschränken, dass die Wahl nur noch als falsche Wahl erscheint, wo ein Vergehen oder ein Verlust sichtbar werden. Auch Richter und Wirtschaftsführer, also die in diesen funktionalen Zusammenhängen vorne Stehenden, haben jeweils keine Wahl. Sie müssen tun, was getan werden muss. Schliesslich gibt es einen gesellschaftlichen Diskurs, der die Wahl der gesellschaftlichen Erklärungen spezifisch thematisiert. Die Wissenschaft entscheidet, was als richtige Erklärung gesehen werden muss, indem sie Methoden zur Bestimmung der Richtigkeit vorgibt, wo Religionen methodisch unvermittelt die Wahrheit sagen.
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Die Fiktion Gesellschaft dient dazu, die Last der subjektiven Wahl loszuwerden, allerdings zum Preis der Entfremdung. Jede gesellschaftliche Wahl erscheint als fremdbestimmt, aber so, dass das Fremde subjektlos erscheint. Ueberall, wo die Gesellschaft die Wahl übernimmt, herrschen Realitäten. In der Demokratie gibt es die Realität der Mehrheiten, die etwa einen Hitler an die Macht brachte. Ich schlage Ihnen dazu ein weiteres Experiment vor: Bitte überlegen Sie, wann - in welchen erlebten Situationen - Sie Ausdrücke wie Realität, Wirklichkeit, objektiv, wahr, usw. verwendet oder gehört haben. Erinnern Sie sich an eine ganz konkrete Situation, in welcher Sie jemandem Realität oder Synonyme zu Realität sagen hörten. Wann wir über Realität geredet? Worum ging es in dieser Situation? Und wie ist es Ihnen in dieser Situation gegangen?
Mir begegnen solche Ausdrücke ausschliesslich in kritischen Situationen. Wenn jemand von Realität spricht, will er eine bestimmte Sichtweise durchsetzen, die bei anderen auf Widerstand stösst. Oft soll die Realität in einer Diskussion entscheiden, wer recht hat. Dabei gibt es logischerweise immer auch jemanden, der nicht recht hat. Diskussionen beruhen darauf, dass jemand weiss, wie es "wirklich" ist. Ohne Verweis auf die Realität kann man schlecht diskutieren. Ich glaube, wer diskutiert, verliert. Er verliert andere Denkmöglichkeiten, weil er eine bestimmte Denkmöglichkeit für die richtige hält. Und er verliert die Möglichkeit zu wählen.
Der Konstruktivismus stellt mich vor die Wahl, die mir die Gesellschaft in Form von Realitäten vorenthalten will. Ich verstehe Konstruktivismus als operative Beschreibung einer bestimmten Form zu sprechen, die ich als Dialog bezeichne. Im Dialog geht es darum, möglichst viele Erklärungen als solche kennen zu lernen, also die Anzahl der Möglichkeiten zu erhöhen. Im Dialog erzähle ich, wie ich mir meine Um-Welt vorstelle und höre, was ich mir auch vorstellen könnte, weil andere es so tun. Dia logos heisst durch das Wort und ich meine damit, dass ich mit Erklärungen Phänomene produziere. Im Dialog geht es darum, möglichst viele Sichtweisen zu gewinnen, damit jede gewählte Sichtweise als Wahl erscheint. Ich unterscheide Dialog und Monolog nicht in bezug auf die Anzahl der beteiligten oder sprechenden Personen, sondern in bezug auf die Anzahl der Sichtweisen, die angestrebt werden. Als Monolog bezeichne ich das Ziel einer Diskussion, also die Entwicklung einer richtigen, wahren, realistischen Sichtweise, wie das typischerweise in der gesellschaftlich organisierten Wissenschaft angestrebt wird. Als Dialog bezeichne ich die Entwicklung von möglichst vielen Sichtweisen. Der Dialog steht quasi unter dem ethischen Imperativ von H. von Foerster "Erhöhe die Anzahl der Möglichkeiten". In der Diskussion geht es darum, verschiedene Sichtweise zugunsten der besten Sichtweise aufzulösen, so dass die Wahl entfällt.
Der Konstruktivismus sagt nichts über die Realität und nichts darüber, ob es eine Realität oder eine Wirklichkeit gibt, oder ob alles, was wir erleben oder wissen, nur "konstruiert" oder "subjektiv" ist. Man kann den Konstruktivismus zwar epistemologisch auffassen, aber nicht als Erkenntnistheorie im philosophischen Sinn. Es geht im Konstruktivismus auch nicht darum, ob wir die Realität, falls es eine gäbe, erkennen könnten. Es geht darum, was ich für-wahrnehme und zwar ganz unabhängig davon, ob meine Wahrnehmung zu irgendeiner Realität passt oder nicht. Vor allem geht es darum, wie ich mir meine Umwelt erkläre und wie ich über meine Beobachtungen spreche.
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Die Differenz zwischen Diskussion und Dialog erscheint auf der Seite des Dialoges noch einmal, weil die Erklärungen, die ich verwende und über die ich im Dialog spreche, ganz selten oder nur zu ganz kleinen Teilen von mir erfunden werden. Praktisch jede Konstruktion, die ich verwende, steht mir zur Verfügung, ist mir durch meine Umwelt angeboten worden. Man hat mir praktisch schon in der Wiege erklärt, wie die Welt funktioniert. Man steckte mich in eine Schule, die den ausschliesslichen Sinn hat, mir die Welt zu erklären, Vorstellungen wie dass sich die Erde um die Sonne dreht und Menschen von Affen abstammen. Selbst wäre ich vermutlich nie auf diese Ideen gekommen. Ich wäre aber ohne bewusste schulische Erziehung in einer Sprache aufgewachsen, die meine Wahrnehmung beeinflusst und ich hätte in meiner Umwelt Konstruktionen wahrgenommen, die sich als Erklärungen nahelegt hätten.
Im konstruktivistischen Dialog geht es darum, das scheinbar Vorentschiedene oder Selbstverständliche, das im gesellschaftlichen Diskurs erscheint, als Wahl zu verstehen. Ich kann bestimmte Erklärungen akzeptieren, aber ich muss nicht. Die konstruktivistische Perspektive ist auch eine Wahl, die ich - etwa als Theorie - beobachten kann.
Theorie heisst Schauen. Systemtheoretisch interpretiere ich dieses im Ausdruck Theorie gemeinte Schauen als Beobachtung 2. Ordnung. Ich reflektiere dabei, dass ich beim Schauen durch Kategorien schaue, die ich dann gerade nicht erkenne, weil ich dann das erkenne, was ich durch die Kategorien erkenne. Ich kann aber zu jedem Erkennen beobachten, mit welchen Kategorien die Beobachtung möglich ist. In der Beobachtung 2. Ordnung beobachte ich das Beobachten als Konstruktionstätigkeit, also als Operation. Ich konstruiere meine Wahrnehmungen und meine Erklärungen so, dass sie zu meiner Theorie passen, und wo mir das nicht möglich ist, passe ich meine Theorie meinen Wahrnehmungsbedürfnissen an, was natürlich nicht ohne weiteres möglich ist. J. Piaget hat diese komplementären Verhaltensweisen als Assimilation und Akkommodation bezeichnet, und das abwechslungsweise Wählen der einen oder der anderen Verhaltensweise als Aequilibrierung. Bei dieser Aequilibrierung geht es darum, möglichst effiziente und effektive Erklärungen zu konstruieren, also darum mit einer möglichst einfachen Theorie möglichst viele Phänomene zu behandeln, was ich subjektiv als Kohärenz erlebe.
Im Konstruktivismus dient die Theorie einer speziellen Eigenwahrnehmung, einer Art propriozeptiven Reflexion. Ich kann propriozeptiv wahrnehmen, was mein Körper für Bewegungen macht, ich kann aber nicht propriozeptiv wahrnehmen, was ich beim Denken oder beim Wahrnehmen mache. Ich habe kein Sensorium dafür, so dass mir mein Wahrnehmen vorgaukelt, es würde nicht einer Tätigkeit entspringen, sondern völlig passiv registrieren, was da ist. Mit der Theorie kontrolliere ich gewissermassen die Kohärenz dieser nicht wahrnehmbaren Operationen, indem ich die die Resultate der Operationen mit einer bewusst hergestellten Theorie vergleiche und mir so mein Wahrnehmen als konstruktive Tätigkeit bewusst halte.
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In meiner konstruktivistischen Theorie beobachte ich den Beobachter als "tool making animal", also als Werkzeugentwickler. Damit habe ich eine schlanke, anschauliche Theorie, mit welcher ich nicht ganz alleine stehe. Die Entwicklung der Werkzeuge begreife ich als Konstruktionstätigkeit, die sich an der Erzeugbarkeit von Phänomen orientiert. Wenn ich etwa eine Dampfmaschine wie jene von Heron konstruieren kann, kann ich damit Tempeltüren öffnen, indem ich ein Feuer vor dem Tempel entfache. Und ich kann ein entsprechendes Phänomen erklären. Die Kybernetik beschreibt als Technologie, wie man Maschinensteuerungen konstruieren kann. Ingenieure studieren die Kybernetik, weil sie solche Maschinen bauen, die dann umgekehrt als Erklärungen dienen können. Die Kybernetik profitiert von zwei Motivationen.
"tool making animal" ist kybernetisch gesehen keine Charakterisierung des Menschen. Es geht nicht darum, dass Menschen diejenigen Lebewesen sind, die Werkzeuge herstellen, sondern darum, dass die Kybernetik die Werkzeugherstellung auf dem Niveau von Automaten beschreibt. Ich meine zwar, dass nur Menschen Werkzeuge herstellen und dass deshalb nur Menschen als konstruktivistische Beobachter in Frage kommen, aber das tut hier nichts zur Sache. Der Kybernetik ist gleichgültig, wer die kybernetischen Maschinen produziert, sie sagt nur, wie diese Maschinen konstruiert werden können. Automaten sind Maschinen mit einer konstruierten Regelung. Mit Automaten kann man relativ komplexe Phänomene erklären. Ein einfaches Beispiel für eine geregelte Maschine ist eine Thermostatenheizung. Sie funktioniert so, dass die Raumtemperatur beispielsweise immer zwanzig Grad ist, unabhängig davon, wie kalt es draussen ist. Mit einem so geregelten Mechanismus kann man relativ komplexe Phänomene erklären. Man kann etwa erklären, wie die die Körpertemperatur von Menschen konstant auf 37 Grad gehalten wird, unabhängig davon ob er gerade in der Sauna sitzt oder Sport treibt. Kompliziertere Automaten, generell Prozessoren, die in Computern verwendet werden, erklären weit komplexere Verhältnisse. In den Neurowissenschaften etwa werden neuronale Netzwerke als Erklärung von Hirnfunktionen verwendet. Es ist kaum ein Zufall, dass die Nerven von L. Galvani als elektrische Leitungen re-konstruiert wurden.
Die Kybernetik beschreibt explizit nicht Automaten, sondern die Steuerung der Automaten. Automaten werden dabei als Explikationen des Werkzeugsgebrauchs verstanden. Beim Gebrauch eines einfachen Werkzeuges, etwa eines Hammers muss der Benutzer die Energie liefern und die Steuerung leisten. Beim Gebrauch einer Maschine, etwa einer Bohrmaschine, muss der Benutzer nur noch Steuern und beim Gebrauch von Automaten ist auch die Steuerung im Mechanismus aufgehoben. Bei Automaten ist konstruktiv entwickelt, was mein Werkzeug noch der Benutzer leisten muss. Das kybernetische Prinzip der Regelung ist ein Feedbackmechanismus, in welchem ein Ist-Zustand des Automaten mit einem Soll-Zustand verglichen wird und bei Abweichungen eine Kompensationsmassnahme ausgelöst wird. Die Kybernetik hat ihren Namen vom Kybernetes, dem Steuermann eines Schiffes, der die Angaben eines Lotsen mit seinem Ziel des Schiffes vergleicht und bei Abweichungen vom Kurs die Stellung des Ruders verändert. Feedback heisst also ein Signal, das durch eine Ist-Soll-Wert-Differenz verursacht und zur Verkleinerung dieser Differenz verwendet wird. Dieser Signalprozess wird als kybernetisch als Kommunikation bezeichnet.
Die kybernetische Theorie beschreibt wie man Erklärungen macht, indem sie beschreibt, wie man Systeme konstruiert. Dabei interessiert logischerweise nicht die Funktion der Systeme, sondern deren Funktionsweise. Die Funktion jedes kybernetischen Systems besteht darin, ein Phänomen zu erzeugen, die Frage ist, wie das jeweilige System konstruiert werden kann, oder eben, wie es funktioniert. Kybernetische Systeme werden deshalb als informationsdicht oder anders formuliert, als operationell geschlossen aufgefasst. Die Funktionsweise eines Systems ist von dessen Umwelt unabhängig. Systeme haben keinen Zugriff auf ihre Umwelt, sie bekommen keine Information aus ihrer Umwelt, was ich anhand der Blindflug-Metapher dargestellt habe. Die operationelle Geschlossenheit betrifft aber nur kybernetische Systeme, die in Erklärungen verwendet. Es geht also nicht darum, dass Maschinen oder Menschen operationell geschlossen sind, sondern darum, dass ich in Erklärungen ausschliesslich operationell geschlossene Systeme beschreibe.
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Die kybernetische Theorie wird im Konstruktivismus quasi selbstreferentiell auf den Kybernetiker angewendet. H. von Foerster spricht deshalb etwas salopp von einer Kybernetik der Kybernetik. Die Kybernetik ist eine Theorie, sie ist kein Phänomen, das man erklären kann, sondern eine Argumentation. Ein Kybernetiker kann erklären, was ein Kybernetiker tut. Und dabei wird er den Kybernetiker anhand eines kybernetischen Systems erklären. Genau gesprochen wird aber immer ein Verhalten und nie ein Gegenstand, also das Verhalten eines Kybernetiker und nicht der Kybernetiker erklärt.
Ich fasse den Konstruktivismus als Ausdruck dieser Selbstreferenz auf. Der Konstruktivismus bestimmt, was ein Konstruktivist beschreiben kann oder worüber er wie reden kann. In diesem Sinne ist der Konstruktivismus eine spezielle Kommunikationstheorie, die die kybernetische Kommunikation reflektiert.
Ein Phänomen, das umgangssprachlich (noch nicht sehr lange, seit etwa gut dreissig Jahren) als Kommunikation bezeichnet wird, besteht darin, dass ein Mensch einem anderen Menschen etwas mitteilen kann, oder darin, dass der andere verstehen kann, was ihm mitgeteilt wird. Natürlich muss man darüber genau so wenig staunen wie über die sich automatisch öffnenden Tempeltüren, dann ist es eben kein Phänomen. Aber man kann darin Phänomene erkennen und Erklärungen suchen. Ich beobachte zunächst eine oft zitierte Situation: Ein Mann sitzt vor dem Fernsehgerät und sagt: "Anna, mein Glas ist leer". Seine liebe Frau versteht, sie geht zum Eisschrank in der Küche und kommt mit einem Bier zurück. In einem alltagsnahen Verständnis mag man annehmen, dass der Mann eine Idee hatte, dass er diese Idee in Worten ausdrückte, dass die Worte zum Ohr seiner Frau flogen, und dass die Worte von der Frau in die Idee ihres geliebten Mannes zurückverwandelt wurden. Sie hat verstanden, welcher Idee er mit seinen Worten Ausdruck gegeben hatte. In diesem Verständnis erscheint der Mann als Sender einer Nachricht und die Frau als Empfänger, die erkennen kann, dass es sich um eine Nachricht und nicht einfach um Geräusche handelt, und auch erkennen kann, was der Inhalt oder die Idee der Nachricht ist, nämlich ein Apell Bier zu bringen und nicht eine Beschreibung eines leeren Glases. Wie bei der Tempelgeschichte will ich hier davon absehen, dass das alles in meiner Wahrnehmung stattfindet.
Wenn ich diese Situation kybernetisch als Kommunikation auffassen will, muss ich darin einen kybernetischen Systemprozess, und mithin einen Regelungsmechanismus bestimmen, weil Kommunikation als theoretischer Begriff eine Feedbacksituation umschreibt. Mit der Wahl eines Systems bestimme ich, welches Phänomen ich erkläre. Ich kann die Wahrnehmung der hier phänographisch umschriebenen Situation an eine ganz technologische Konstruktion gebunden sehen, nämlich an ein Kommunikations-Mittel-Modell, das treffend etwa das Telefon oder den Rundfunk modelliert, wo ein Sender Signale zu einem Empfänger schickt. Der Empfänger ist so konstruiert, dass er durch die Signale zu einem bestimmten Verhalten veranlasst, also gesteuert wird. Die Signale, die der Sender sendet, haben eine spezifische Wirkung im Empfänger. Diese Konstruktion ist als sprachverstehender Roboter zur Reife entwickelt. Ein solcher Roboter erklärt als System, warum die Frau tut, was sie tut, wenn sie aufgrund des Signals ihrem Mann ein Bier aus dem Kühlschrank holt. Mit zu dieser Technologie gehört eine Chomsky-Grammatik im Programm des Roboters, welche semantische Beziehungen zwischen einem leeren Glas und einem vollen Kühlschrank generiert, und eine Art Erwartungsverteilung, die sichert, dass die Roboterfrau aus dem Kontingent von Verstehensmöglichkeiten eine bestimmte bevorzugt, also eben Bier holt.
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Diese Vorstellung wird oft als naiv belächelt und mit einer "Kommunikationstheorie" von W. Weaver, die C. Shannon zugeschrieben wird, in Verbindung gebracht. Ich würde beides nicht tun. Ein Roboter, der einem Bier aus dem Kühlschrank holt, ist eine grossartige Konstruktion, und mit der Theorie von C. Shannon hat das nur ganz entfernt etwas zu tun. Und auch ein Roboter kann so programmiert sein, dass eine Vielzahl von Varianten in seinem Verhalten erscheinen können. Er könnte beispielsweise den vorangegangenen Bierkonsum gezählt haben, oder den Alkoholgehalt im Blut des Mannes berücksichtigen, oder "merken" dass das TV-Programm ohnehin gerade fertig ist, usw., und deshalb kein Bier holen. Natürlich kann man etwas euphemistisch von Verstehen einer Mitteilung sprechen, aber die konstruierte Erklärung kommt mit der gleichen Art von Verstehen aus, die J. Searle mit seinem chinesischen Zimmer dargestellt hat. In diesem Zimmer sitzt beispielsweise eine Frau, die kein Chinesisch versteht, aber jedesmal, wenn ihr ein bestimmtes chinesisches Zeichen gezeigt wird, ein Bier aus dem Kühlschrank holt. Die searlsche Frau "versteht" wie eine Maschine, sie muss weder wissen, was chinesisch ist, noch was Bier ist oder dass jemand Durst hat. Der erklärende Mechanismus ist so beschrieben, dass er in einer Frau oder in einem Roboter verkörpert sein kann. Der Untertitel des ersten Buches über Kybernetik hiess: Kommunikation im Lebewesen und in der Maschine.
Ich will diese Erklärung kybernetisch etwas genauer beobachten, das heisst, ich will schauen, was sie wie erklärt und was sie als Kommunikation impliziert. Geregelt wird mit diesem System, dass das Bierglas unter gegebenen Bedingungen konstant Bier enthält. Und erklärt wird, wie ein Feedbacksignal die entsprechende Nachfüll-Massnahme auslöst. Es handelt sich um einen Nachfüll-Mechanismus, der wie beim Tempel von Heron durch einen Sklaven oder durch eine Maschine repräsentiert werden kann. Die Erklärung, die einen Roboter beschreibt, der auf Spracheingabe reagiert, bestimmt das erklärte Phänomen also gerade nicht so, wie der Ausdruck Kommunikation im Alltag gemäss den massgebenden Wörterbüchern wie Duden verwendet wird. Der Roboter oder die dressierte, konditionierte, geschulte, kultivierte oder wie auch immer Frau wird in dieser Beobachtung unter kybernetischen Gesichtspunkten als Teilsystem gesehen, das auf ein Signal reagiert, so wie beispielsweise der Oelbrenner einer Heizung auf ein Signal vom Thermostaten reagiert. Die in diesem System geregelte Grösse ist die Menge Bier im Glas vor dem TV-Apparat. Wenn die Menge unter einen bestimmten Pegel fällt, produziert der Pegelmesser ein Differenzsignal, das eine Massnahme auslöst, die den Pegelstand wieder steigen lässt. Der Signalgeber und der Signalempfänger sind nur funktional beschrieben. In diesem Kommunikationsprozess geht es nicht darum, dass der Mann eine Idee hat, oder etwas will, und dass die Frau seinen Willen versteht, sondern darum, dass das System ein bestimmtes Verhalten zeigt. Das heisst, ich erkläre damit, warum das Glas voll ist, aber nicht, dass Ideen übertragen werden.
Systemtheoretisch beobachte ich Kommunikation immer innerhalb eines gewählten Systems. Wenn ich phänographisch zwei miteinander sprechende Menschen wahrnehme, kann ich beide zusammen als ein System auffassen, ich kann aber auch das Verhalten eines einzelnen Menschen modellieren. Im zweiten Fall werde ich die Aeusserungen eines der beiden Menschen als Reaktionen auf seine Eigenzustände, also nicht als Reaktion oder Intention auf den anderen Menschen begreifen. Der je andere Mensch ist in dieser Perspektive unerhebliche Umwelt. Wenn ich nur einen Menschen beobachte, beobachte ich ihn so, wie ich den Piloten im Simulator beschrieben habe. Der Mann, der vor seinem leeren Bierglas sitzt, und dadurch gestört ist, dass das Glas leer ist, hat verschiedene Optionen, mit dieser Störung umzugehen. Er könnte sich aus dem Kühlschrank ein neues Bier holen, was phänographisch nicht als Kommunikation mit seiner Frau erscheinen würde. Er kann aber auch sagen, dass sein Glas leer ist. In bestimmten Situationen mag ihm das helfen. Er muss lernen, welche seiner Verhaltensweisen wann welche Störung kompensieren. In manchen Fällen mag der Mann vielleicht gar kein weiters Bier, sondern im Sinne eines Selbstgespräches mit dieser Aeusserung zu sich selbst sagen, dass er jetzt ins Bett gehen sollte. Dann würde er das leere Glas nicht als Störung auffassen, sondern als Signal, das eine bestimmte Handlung auslöst.
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Als aussenstehender Beobachter kann ich erkennen, dass bestimmte Verhaltensweisen in bestimmten Umwelten bestimmte Konsequenzen haben, die ich dann als Verhaltensziele auffassen kann. Wenn die Frau ein Bier aus dem Kühlschrank holt, kann ich als Aussenstehender annehmen, dass der Mann mit seiner Feststellung dieses Ziel verfolgte. Es könnte aber gut sein, dass seine Frau ihm ohnehin ein Bier geholt hätte, also gar nicht auf seine Aeusserung reagiert. Konstruktiv gesehen, zeigt das System ein bestimmtes Verhalten. Kybernetisch interessiert, wie ein funktionierender Mechanismus konstruiert ist. Und hier würde wohl ein sehr einfacher Mechanismus genügen, der bei einem bestimmten Pegelstand ein Signal produziert.
Als aussenstehender Beobachter beobachte ich ein System in seiner Umwelt. Da ich weiss, dass das System seine Umwelt nicht wahrnehmen kann, während ich sehen kann, welche Folgen das Verhalten des Systems in seiner Umwelt hat, spreche ich von einer strukturellen Koppelung. Ich will die strukturelle Koppelung ökologisch erläutern. Grünpflanzen etwa produzieren im Metabolismus ihrer Autopoiese als Abfallprodukt Sauerstoff, den die Menschen für ihre Autopoiese brauchen. Menschen produzieren umgekehrt Stickstoff, den die Grünpflanzen brauchen. Ich produziere aber Stickstoff nicht (als Tauschware) für die Pflanzen, und die Pflanzen haben schon Sauerstoff produziert, als noch keine atmenden Wesen den Sauerstoff brauchen konnten. Das System Mensch und das System Pflanze sind für das je andere System in diesem Kontext unabdingbar. Aber das je andere System ist eine einfach vorhandene Milieueigenschaft, die nicht aufgrund von Intention oder Koordination zustande gekommen ist. Als strukturelle Koppelung beschreibe ich also Prozesse, die ich quasi zwischen Systemen ansiedle, die in einem anders gewählten System als Kommunikation beschreibbar sind. Strukturelle Koppelung beruht auf der Beobachtung eines Systems in seinem Milieu, das auch aus Systemen bestehen kann. Strukturelle Koppelung ist Ausdruck von getrennt beobachteten Systemen, Kommunikation ist - auch etymologisch - Ausdruck von Gemeinsamkeit oder von Einheit der Differenz in einem System. Kybernetisch muss ich darüber buchhalten, ob ich ein System oder ob ich verschiedene Systeme beobachte. Die Möglichkeit zwischen diesen Perspektiven zu wählen, macht mir die je gewählte Perspektive bewusst. Es geht hier also nicht um irgendeine Standpunktfrage, sondern um eine systemtheoretisch begründete Methode, nach welcher Systeme als operationell geschlossen beobachtet werden, um eine zusätzliche Perspektive zu gewinnen.
Gemeinhin wird das Sender-Empfänger-Modell als primitive Auffassung von Kommunikation verstanden. Konstruktivistisch geht es aber nicht darum, Kommunikation als etwas, was es gibt, zu erklären, sondern darum Phänomene zu erklären. Das Sender-Empfänger-Modell erklärt bestimmte Phänomene. Und ob man diese Phänomene als Kommunikation bezeichnen will, ist eine andere Frage. In der kybernetischen Theorie bezeichnet der Begriff Kommunikation einen Signalprozess innerhalb eines Systems, also eine bestimmte Funktionsweise eines Mechanismuses. Mit solchen Mechanismen kann man ganz verschiedene Phänomene erklären, die nicht an die umgangssprachliche Kommunikation gebunden sind. Erklärungen haben den Sinn, sich der Phänomene bewusst zu werden.
In der Anfangsphase einer Erklärung umschreibe ich das Phänomen noch phänographisch, also quasi mit unbewusster Alltagstheorie. Das Phänomen verändert sich je nach Erklärung grundlegend und obwohl es erkennbar dasselbe bleibt. Wenn ich etwa die sich automatisch öffenden Tempeltüren mit einer Massenhypnose erkläre, erkläre ich ja, dass sich die Türen gar nicht öffnen. obwohl ich immer noch der Frage nachgehe, weshalb ich für wahr nehmen kann, dass sie sich öffnen. Die Phänomene entwickeln sich durch die Erklärungen. Jede Erklärung kann zu einer differenzierteren Beobachtung des Phänomens führen, weil sie meine Aufmerksamkeit auf neue Aspekte leitet. Aber dazu, dass etwas überhaupt zum Phänomen gemacht werden kann, muss eine Art Urphänomen und damit verbunden eine implizite Konstruktion immer schon vorhanden sein. Ich muss, bevor ich über Kommunikation nachdenken kann, zu einer Vorstellung gekommen sein, in welcher ich einen Kommunikationsprozess erkennen kann. Erklärungen sind immer ein zweiter Schritt. Meine bewusste Konstruktionstätigkeit setzt auf einer unbewusst vorausgesetzten Konstruktion über meine Um-Welt auf, die mir auch sofort seltsam und unwahrscheinlich erscheinen kann, wenn ich anfange, sie als Phänomen zu sehen. Dass Menschen Mitteilungen machen und verstehen können, finde ich sehr erstaunlich - aber erst, wenn ich mir das erklären will. Was Zeit ist, weiss jeder, solange er es nicht sagen muss.
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Die Vorstellung, wonach Menschen mitteilen und verstehen, ist reflexartig an die Wahrnehmung geknüpft, dass sich Menschen durch Worte steuern lassen. Ich betrachte das Kommunikationsmittel-Modell überhaupt nicht als primitiv, aber ich betrachte die Steuerung von Menschen durch Worte als primitives Verhalten. Im typischsten Fall spreche ich von Befehlen. Ob ich aber Befehle wahrnehme, ist davon abhängig, wie ich mir bestimmte Verhaltensweisen erkläre. Ich finde bezeichnend, dass in der Programmierung von Computern die Rede von Befehlen ist, wiewohl sinnenklar scheint, dass man gerade Maschinen nichts befehlen kann, weil sie den Befehl ja nicht verweigern können.
Man kann - und konstruktivistisch gesehen sollte ich das tun - weitere Erklärungen konstruieren und so Wahlmöglichkeiten schaffen und bewusst machen. Man kann antizipieren, dass andere Erklärungen das Phänomen in ein anderes Licht rücken, und so quasi zurückblickend eine phänographisch andere Ausgangssituation beschreiben. Einen Prozess, den man intuitiv auch als Kommunikation bezeichnen mag, wäre etwa das kollaborative Schreiben eines Hypertextes. Ich nenne das Hyperkommunikation, zum einen, weil es sich phänographisch um eine Kommunikation mit Hypertexten handelt, und zum andern, weil "hyper" darauf hindeutet, dass es etwas über das konventionelle Verständnis von Kommunikation hinausgehen mag.
Ich umschreibe das Phänomen, das ich im Auge habe, zunächst wieder phänographisch: Verschiedene Menschen schreiben zusammen einen Hypertext, das heisst, sie schreiben beispielsweise eine sogenannte Homepage im Internet, bei welcher verschiedene Textteile durch Links miteinander verbunden sind. In der Hyperkommunikation wird ein gemeinsamer Hypertext konstruiert, an welchem jeder der Beteiligten die Veränderungen vornimmt, die die von ihm gelesenen Hypertext-Teile für ihn selbst sinnvoll machen. Kollaboration am Hypertext ist kommunikativ im Sinne von gemeinschaftlich, weil ein gemeinsames Produkt ohne Arbeitsteilung hergestellt wird: jeder tut alles und alle tun das gleiche. Der Hypertext ist Produkt eines kollektiven Autors, der sich durch die Hyperkommunikation konstituiert. Es geht also darum, dass der physische Text in wirklicher Kollaboration hergestellt wird. Das gemeinsame Produkt ist der Text, nicht dessen Inhalt oder dessen Bedeutung. Verschiedene Menschen können in ihrem textlichen Verhalten genau übereinstimmen, und dennoch können die jeweiligen Bedeutungen oder Ideen, die durch ihre identisch ausgelösten und identisch lautenden Aeusserungen ausgedrückt werden, in einem weiten Bereich von Fällen radikal auseinandergehen. Das heisst, ich schreibe am Text mit meinen Ideen, und ich muss nicht wissen, was die anderen, die an demselben Text schreiben, für Ideen mit dem Text verbinden. Die Kollaboration bezieht sich auf die Konstruktion des Textartefaktes, jenseits einer Bedeutung, die der Text für alle Autoren hat. Jeder Ko-Autor wird den gemeinsamen Text so verändern, dass er für ihn sinnvoll ist, also unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung, die der Text für ihn hat. Kommunikation ist in diesem Zusammenhang ein sozialer Prozess, in welchem es darum geht, dass die am Prozess Beteiligten gemeinsam erforschen, welche Texte in ihrer gemeinsamen Praxis für alle Beteiligten viabel sind. Zwar ist unerheblich, was bestimmte Texte für andere bedeuten, erheblich ist aber für die beteiligten Autoren, welche ihrer Formulierungen in dem Sinne auf Zustimmung stossen, als sie nicht überschrieben werden, und welche nicht.
In diesem Zusammenhang wird man nicht an „richtigen" und „falschen" Interpretationen des Textes interessiert sein. Die Erfahrung, dass andere den zunächst eigenen Text an verschiedensten Stellen fortlaufend ändern, empfinde ich als kommunikativ. Anhand einer solchen Kollaboration realisiere ich, was Teamarbeit beim Schreiben heisst. Die Formulierungen gehören schliesslich niemandem mehr, sie vergesellschaften die Autoren. Auf dieser Stufe der Kollaboration zeigt sich die Bedeutung der hier referierten Textauffassung am deutlichsten: Der Schulmeister korrigiert Texte, die in seinen Augen (sic) objektiv falsch sind, weil er sie nicht versteht. Im herrschaftsfreieren Diskurs des Gegenlesens von Manuskripten trauen wir uns dagegen normalerweise nicht, den Text eines andern einfach umzustellen, weil wir - in dieser Rolle weniger arrogant als Schulmeister - nicht sicher sind, ob wir den Text, also die mitgeteilten Ideen „richtig" verstanden haben. In vorerst fremde Texte einzugreifen und diese mir so anzueignen, ist mir jenseits von Herrschaftsstrukturen wie Schulen nur möglich, wenn ich Text als Artefakt realisiere, das seinen Sinn nur im Leser hat. Das Umformen des Textes betrifft dann nicht dessen Sinn, sondern ist das erwähnte Erforschen der Viabilität von Formulierungen. Ich sehe in der Wikipedia ein hervorragendes Beispiel für diesen Prozess, auch wenn dort auf den Diskussionsseiten ein ganz anderes Selbstverständnis der meisten beteiligten Autoren sichtbar wird, wo sie darum streiten, wie die Welt wirklich ist.
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Hypertext bricht auch die Idee, dass der Sender bestimmt, was der Empfänger liest, und mithin mit der Idee einer Steuerung des Empfängers, weil der Leser sich den Text, den er liest, in einem materiellen Sinn selbst zusammenstellt, indem er durch anklicken von Links Textteile zusammenfügt, wie dies ein konventioneller Schreiber mit Sätzen tut, wenn er einen fortlaufenden Text produziert. Die Unterscheidung Autor und Leser ist durch Hypertext aufgehoben. Der Leser schreibt sozusagen, was er liest. Er macht paradox formuliert eine Mitteilung an sich selbst, wobei die Paradoxie natürlich durch die Idee einer Mitteilung produziert wird.
Wenn ich die Idee einer Mitteilung fallen lasse, kann ich eine strukturelle Koppelung darin erkennen, dass in der Produktion der Hyperkommunikation ein Textartefakt erkennbar wird, dass von verschiedenen Systemen als sinnvolle Beschreibung genutzt werden kann, ohne dass dieser Text etwas beschreiben würde, was jenseits des Einzelnen der Beteiligten einen Sinn brauchen würde. Als aussenstehender Beobachter kann ich eine Koordination des Verhaltens erkennen, die ich einem übergeordneten System, etwa einer Kommunikationsgemeinschaft als Zweck oder Sinn zuschreiben kann. Im übergeordneten System, in welchem ich mehrere Beteiligte beobachte, spreche ich dann von einer Kommunikation, die ich ganz kybernetisch verstehe. Dabei geht es nicht mehr darum, dass einzelne etwas mitteilen wollen, sondern darum, dass das System einen Eigenwert anstrebt.
Die Prinzipien der Hyperkommunikation kann ich in jedem Dialog erkennen. Wann immer ich etwas sage oder schreibe, stelle ich eine Formulierung zur Verfügung, die von anderen Beobachtern verwendet, verworfen oder im besten Fall verbessert werden kann. Und wo ich eine Möglichkeit zur Verbesserung erkenne, erkenne ich eine kybernetisch beschreibbare Entwicklung. Das heisst, der Hypertext wird sich nicht wahllos im Kreis drehen, sondern einen Entwicklungsprozess auf jeweils höhere strukturelle Niveaus durchlaufen. Die kollaborativ Teilnehmenden repräsentieren als Kommunikationsgemeinschaft einen Eigenwert. Die einzelnen Mitschreibenden fungieren als Autoren, also als autorisierte Medien, die dann als Autoren für das Geschriebene nicht verantwortlich sind, weil sie weder den Text noch die Sprache des Textes bestimmen können. Es gibt in Deutschland ein einschlägiges Schildbürgergesetz, nach welchem alle, die einen Link auf fremde Texte setzen, dazu schreiben müssen, dass sie für diese Texte nicht verantwortlich sein wollen.
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Der radikale Konstruktivismus ist eine Reflexion des Dialoges. Er reflektiert mir, worüber ich sinnvollerweise wie spreche, wenn ich Erklärungen konstruiere. Und er reflektiert mir, wo ich was erkläre, indem er mir jede Konstruktion als Erklärung eines Phänomens bewusst macht, das durch die Konstruktion entsteht.
Als Inversionen der vorliegenden Systemtheorie sehe ich System Dynamics von J. Forrester und die funktionale Systemtheorie von N. Luhmann. Die System Dynamics begreife ich als Inversion der Erklärung und die funktionale Systemtheorie als Inversion des Handlungszusammenhanges. Beide Ansätze gehen - auf unterschiedliche Weise - davon aus, dass es "Systeme" gibt. Die System Dynamics untersucht die Dynamik der postulierten Systeme, die funktionale Systemtheorie untersucht die funktionalen Differenzierungen, die die postulierten Systeme hervorbringen. In der System Dynamics erscheint ein System als eine Menge von gegenseitig abhängigen Variablen, in der funktionalen Systemtheorie erscheinen Systeme, die sich durch die systemeigenen Operationen autopoiesieren, als System-Umwelt-Differenzen.
Eine Inversion der Erklärung betrifft das Verhältnis zwischen Phänomen und System. Auf der systemtheoretischen Seite der Inversion frage ich mich, mit welchem - zu konstruierenden - System ich ein bestimmtes Phänomen erzeugen kann. Auf der andern Seite der Inversion frage ich mich, weshalb ein gegebenes - reales - "System" bestimmte Phänomene produziert, also warum es beispielsweise überlebt oder kollabiert. Im ersten Fall der Frage sind verschiedenen Lösungen mitgedacht. Im dazu invertierten Fall der Frage sind verschiedene Ergebnisse einer Lösung mitgedacht. Die Inversion besteht darin, dass nicht Systeme als Erklärungen gesehen werden, sondern dass die Dynamik von gegebenen Systemen als Erklärung für Phänomen betrachtet wird. Die System Dynamics reflektiert die Erklärung nicht als konstruierte Aufhebung eines Phänomens, sondern als Lösung eines Problems. Das System erscheint ihr nicht als Erklärung, sondern als Steuerungs-Aufgabe. Es muss sich - als Problemlöser - intelligent verhalten oder intelligent konfiguriert werden.
Diese Inversion macht zunächst dort Sinn, wo ich mit einem eigens dazu konstruierten Mechanismus das gemeinte Phänomen nicht erzeugen kann. Wenn ich beispielsweise um eine konstante Raumtemperatur zu erreichen, eine thermostatengeregelte Heizung konstruiert habe, die Raumtemperatur aber den von mir eingestellten Sollwert nicht oder nur mit grosser Verzögerung oder Schwankungen erreiche, könnte es daran liegen, dass meine Konstruktion generell ein falsches Mittel ist, oder daran, dass die Maschine - beispielsweise wegen eines Defektes - nicht so funktioniert, wie sie eigentlich funktionieren müsste. Wenn ich am Prinzip der Konstruktion festhalte, suche ich nach einem Grund für die Störung. Im Falle der Heizung könnte etwa der Oeltank leer oder ein Ventil blockiert sein. Es könnte an einer falsch dimensionierten Leitung oder an zu kleinen Radiatoren liegen. Schliesslich kann die Heizung auch falsch programmiert sein. In all diesen Fällen ist das System gegeben und ich analysiere, warum es sich so verhält, wie es sich verhält. Ein gefundener Fehler, etwa zu kleine Radiatoren, ist dann die Erklärung für das Nichtfunktionieren.
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Eine andere Inversion, eine Inversion des Handlungszusammenhangs sehe ich in der funktionalen Systemtheorie. Sie betrifft das Verhältnis zwischen dem Verhalten und der Deutung des Verhaltens. Auf der systemtheoretischen Seite der Inversion verwende ich Handlungszusammenhänge, um Verhalten zu deuten. Die Handlungszusammenhänge sind Schemata der Deutung. Auf der andern Seite der Inversion interpretiere ich Verhaltensweisen als aktualisierte Operationen in "realen existierenden" Systemen oder als Prozesse eines "realen" Systems. Ich veranschauliche diese Inversion zunächst an einem Beispiel. Ich beobachte jemanden deutend, der sagt: "Oeffne bitte das Fenster". Ich fasse sein Verhalten - das ich auch als Lärm machen betrachten könnte - als eine Aussage (machen) auf, wobei ich sein Verhalten im Handlungszusammenhang "Sprache" interpretiere. Der Sprecher zeigt ein konkretes Verhalten, welches ich durch einen - von mir unbewusst, konsensuell gewählten - Handlungszusammenhang deute. In der Inversion richte ich dann meine bewusste Aufmerksamkeit auf diesen Handlungszusammenhang. Dabei interessiert mich nicht mehr, was im speziellen Fall gesagt wird, sondern, was gesagt werden kann und dass überhaupt etwas gesagt werden kann. Ich beobachte dabei also nicht, wie sich der Sprecher verhält, sondern welche Verhaltensweisen in diesem Handlungszusammenhang möglich sind, also was ich überhaupt als sinnvolle Sprachhandlung beobachten kann.
Den Handlungszusammenhang Sprache beschreibe ich beispielsweise in einer Sprechakttheorie oder in bezug auf eine bestimmte Sprache mit einer Grammatik. Ob ein von mir beobachteter Mensch spricht oder nicht, mache ich davon abhängig, ob er die Bestimmungen dieses Handlungszusammenhangs hinreichend erfüllt. Ein von mir beobachteter Mensch kann sich also so verhalten, dass ich Sprache erkenne oder eben nicht. Ich kann den Handlungszusammenhang aber unabhängig von handelnden Menschen als gegebenes Funktionssystem beschreiben. In dieser Inversion werden die Kategorien, die ich deutend verwende, zur kategoriellen Domäne eines gegebenen Funktionssystems.
Die funktionale Systemtheorie, die den Handlungszusammenhang invertiert, deutet Verhaltensweisen nicht als subjektreferenzielle Handlungen, in welchen jemand etwas tut, sondern beobachtet Spielräume, die sich funktional als soziale Systeme ausdifferenzieren. Diese Systeme legen dann fest, was überhaupt passieren oder was beobachtet werden kann, und in Form von selegierten, beobachteten Aktualisierungen, was wirklich passiert.
Diese Inversion macht dort Sinn, wo ich einen wissenschaftlichen Gegenstand konstituieren will. Die funktionale Theorie von T. Parsons bestimmt Gesellschaft als etwas, was man soziologisch untersuchen kann. N. Luhmann hat als Soziologe diesen Gegenstand beibehalten und dessen Konstitution mit einer Unterscheidungstheorie (Differenztheorie) problematisiert. Im Konstruktivismus gibt es keine Gesellschaft, es gibt nichts, was man wissenschaftlich untersuchen könnte.
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Das ganze etwas ausführlicher unter:
Crashkurs Systemtheorie