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Am Mann hat ein Freitag seine Fähre auf dem Auto Horgen-Meilen vergessen. Zu Bord ging er von Fuss und merkte es erst, als die See schon wieder abgelegt hatte. Die See fuhr als Auto zurück über den blinden Passagier.
TEXT DES MONATS MÄRZ 2009
Februarmorgen
Im Nebel ruht die Welt Fest schlafen Wald und Wiesen Bald sieht man Wenn der graue Schleier fällt Den alten Mann Wie von der Strasse weggewiesen Im kleinen Auto unverstellt
TEXT DES MONATS JANUAR 2009
Neujahr
Das neue Jahr Spaltet die Glocken
Verlassen steht der Turm Hinter den Sandkästen
Wer schreit das Chaos In den Winter
Sag bist du es
TEXT DES MONATS NOVEMBER 2008
High Noon
Ein Wanderer steht Punkt 12 Uhr Vor einer Bergwand Zieht den Revolver Und feuert 3 Schüsse ab
Aus einer Ritze Fliesst Blut Bevor der Berg Ohne Echo Zu Boden fällt Und regungslos Liegen bleibt
Zwischen Wil und Bütschwil verliebte er sich in eine Frau. Zwischen Bütschwil und Wattwil in eine zweite. War er mit der ersten zusammen, dachte er immer an die zweite, war er mit der zweiten zusammen, dachte er immer an die erste. Eines Morgens fragte ihn die erste Frau: "Woran denkst du gerade?" "Ich denke an eine andere Frau." Und wann denkst du denn einmal an mich?" "Wenn ich bei der anderen Frau bin." "Dann geh jetzt“, sagte die erste Frau, "und komm erst am Abend wieder zurück." Für den Rest des Tages freute sie sich, dass der Mann so lange an sie dachte.
Wenn die beiden sich stritten, nahm er einen Coupon hervor und übergab ihn seiner Frau. Dann musste sie unverzüglich schweigen. Sie hatte ebensoviele Schweigecoupons wie er. Diese wurden zu Beginn des Jahres gleichmässig auf beide verteilt. Wenn alle Coupons aufgebraucht waren, stritten sie sich nicht mehr und genossen den Rest des Jahres.
Meine Grossmutter ist oft mit dem Zug unterwegs. Heute fährt sie nach Chiasso, morgen nach Poschiavo und übermorgen nach Brig. Am Abend kommt sie jeweils spät nach Hause und fällt müde ins Bett. Mit den Menschen spricht sie nie unterwegs. Vielmehr denkt sie an meinen Grossvater, der zu Hause sitzt und kaum mehr gehen und sehen kann. Wenn meine Grossmutter nach Hause kommt und ins Bett fällt, ist mein Grossvater noch wach und fragt meine Grossmutter: "Was hast du heute alles gesehen?" Und meine Grossmutter erzählt ihm dann: "Ich habe einen Baum gesehen, der sich wie ein Affe bewegt" oder "ich habe ein Haus gesehen, das wie eine Schuhschachtel aussieht." Meine Grossmutter erzählt meinem Grossvater viel und sehr genau. Um Mitternacht halten sich beide die Hände, schauen sich liebevoll an und schweigen. "Ich muss jetzt schlafen", sagt sie dann, "morgen fahre ich nach Vevey oder nach Yverdon oder nach Murten." Mein Grossvater löscht dann das Licht und träumt ganz fest.
(alle Texte aus: "Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden", 120 Geschichten, Nimrod-Literaturverlag, Zürich, 2006)
Als der Frühling kam, stieg er auf seinen hohen Baum, setzte sich auf einen Ast, sägte den Ast durch und fiel vom Baum herunter. Dann ging er ins Haus, verband sich, stieg erneut auf den Baum, setzte sich, sägte den nächsten Ast durch und fiel vom Baum herunter. Als der Baum keinen Ast mehr trug, hatte er den ganzen Körper eingebunden. Dann setzte er sich zufrieden auf die Bank unter dem Baum.
Ein dicker Mann war in der Badewanne ausgerutscht und auf den Rücken gefallen. "Hilfe!", schrie er gegen das offene Badezimmerfenster. "Ich komme nicht mehr aus der Badewanne heraus!" "Wir auch nicht!" schrien die Nachbarn durch ihre offenen Fenster.
Er hatte sich vorgenommen, berühmt zu werden. Um seine Berühmtheit zu sichern, reiste er in der ganzen Welt umher, spürte alle bekannten Lokale auf und liess gegen einen beachtlichen Geldbetrag sein Schildchen an der Wand anbringen: Hier sass Andreas Meier, Schriftsteller. Als er von seiner Weltreise zurückkehrte, fiel er vor Erschöpfung tot um. Er musste vom Sozialamt begraben werden. Sein erstes Buch ist nie fertig geworden. Seine Schildchen sind heute in der ganzen Welt bekannt.
Er stieg auf den Berg und steckte die Fahne in den Boden. Dann stieg er hinunter und beobachtete seine Fahne durch ein Fernrohr. Wenn sie durch eine andere ersetzt wurde, stieg er wieder hinauf und tauschte die fremde gegen eine eigene ein. Jahrelang.
Als er eines Tages auf den Berg stieg, um seine Fahne zum 317. Mal in den Boden zu stecken, standen einige Männer auf dem Gipfel und versperrten ihm den Weg. Als er seine Fahne fünf Meter weiter unten einstecken wollte, wurde er gestossen.
Jetzt steht an der Absturzstelle eine grosse Fahne. Darauf das Gedicht, das er jahrelang den Berg hinaufgetragen hatte.
(alle Texte aus: "Wenn sein Herz nicht mehr geht, dann repariert man es und gibt es den Kühen weiter", Verlag im Waldgut, Frauenfeld, 2000)