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Dienstag, 21.02.2012, 18:15 Uhr
Lecture Series Future Directions
Die drei Schlüsselbegriffe Transfer, Zirkulationen und visuelle Systeme sollen als erkenntnisleitende Prinzipien verstanden werden, um sich dem Problem einer lateinamerikanischen bzw. brasilianischen Kunstgeschichte innerhalb der aktuellen Diskussionen einer neuen “World Art History” anzunähern, die sich mit den Fragen der postkolonialen Debatten der letzten Jahre auseinandersetzt. So spielen diese Themen auch eine entscheidende Rolle in den kulturwissenschaftlichen Debatten und wurden so auf dem letztjährigen internationalen Kongress in Mexiko unter dem Titel “Kontinuität/Diskontinuität: Dilemmata der Kunstgeschichte in Lateinamerika” diskutiert. Der Vortrag soll sich anhand der brasilianischen Beispiele aus der Kolonialzeit diesen obengenannten Themen exemplarisch annähern, um im Folgenden die erzielten Ergebnisse auf generelle theoretische Aspekte zu übertragen und für Lateinamerika zu extrapolieren.
Die vorzustellenden Reflektionen einer (möglichen) visuellen (ikonologischen) Geschichte Brasiliens möchte ich in zwei Schritten vorstellen: 1. die Bilder selbst und 2. die Theorien bzw. Historiographien. Bei dieser Analyse, die Bilder als aktive Agenten (agency) in den Transformationsprozessen und im transkulturellen Verhandlungsraum versteht, soll sich den Bildern (vor allem religiösen Inhalts) in vier Interpretamenten angenähert werden. Diese lauten: a) Form oder Stil zwischen Transformierung und Transfer, b) ikonografische Modelle – Überblendungen, c) modifizierte visuelle Konzepte, d) Artefakte – Import und globale Zyklen. Ein Schwerpunkt wird hierbei auf dem letzten Punkt liegen. Im zweiten Teil sollen die historiografischen und politischen Aspekte der Kolonialkunst synthetisch analysiert werden. Hervorzuheben sind die komplexen Beziehungen zwischen den unterschiedlichen visuellen Materialien sowie auch den theoretischen Ansätzen im Kontext wissenschaftlicher und politischer Debatten über das Verhältnis Europas und Lateinamerikas, insofern als es sich um eine vor- oder frühmoderne Globalisierung handelt mit ihren Vernetzungen, die eine globale Kunst und auch Kunstgeschichte implizieren und damit traditionelle theoretische Diskussionen als willkürlich erscheinen lassen.
Jens Baumgarten, geboren 1967, studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Hamburg und Florenz. Nach Post-Doc Fellowships in Dresden, Mexico-City und Campinas in Brasilien wurde er Professor für Kunstgeschichte am Historischen Department der Bundesuniversität von São Paulo, wo er im Folgenden eines der ersten autonomen Departments für Kunstgeschichte in Brasilien begründete. 2010 war er visiting scholar am Getty Research Institute. Er ist Mitglied des Brasilianischen Kommittes für Kunstgeschichte (CBHA). Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf der Frühneuzeitlichen Kunstgeschichte Lateinamerikas und Europas, Historiographie, visuelle Kultur und ihre theoretischen wie methodologischen Kontexte. Aktuelle Forschungen umfassen „Visuelle Systeme im kolonialen Brasilien“ und „São Paulo als Neobarocke Stadt“.