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© Bettmann/Corbis
Albert und Maja Einstein bei der Weltausstellung in New York, 1939
Maja Einstein, geboren 1881 in München, wurde zur engsten Vertrauten im Leben ihres Bruders, des Wissenschaftsgenies Albert. Doch der Anfang war holprig: Der zweijährige Albert hatte zu Ohren bekommen, dass er mit der Geburt seiner Schwester einen Spielkameraden bekommen würde. Spielzeug also, folgerte Albert. Seine Enttäuschung war entsprechend groß, als er Baby Maja zu Gesicht bekam: »Ja, aber wo hat es denn seine Rädchen?«
Der junge Albert war ein Hitzkopf, er warf einmal mit einer Bowlingkugel nach seiner Schwester, und bei einer anderen Gelegenheit schlug er ihr eine Kinderhacke gegen den Kopf. »Woraus ohne Weiteres ersichtlich ist, dass auch ein gesunder Schädel dazu erforderlich ist, die Schwester eines Denkers zu sein«, sagte Maja später.
Majas Bruder war ein ziemlich unbeständiger Liebhaber. Mit sechzehn bandelte Albert mit Maria Winteler an, der schönen Tochter seiner Gasteltern im schweizerischen Aarau, wo Albert ein Jahr lang das Gymnasium besuchte. Die Wintelers wurden wie eine zweite Familie für ihn. Auch Maja zog bei ihnen ein, als sie in Aarau zur Schule ging. Bruder Albert war da schon nach Zürich gezogen, wo er mit seiner serbischen Kommilitonin Mileva Mari eine Beziehung begann. Der Liebeskummer von Maria Winteler war ebenso groß wie ihre Wut. Sie reagierte sich am einzigen Einstein ab, der in der Nähe war: Maja.
Maja hatte Verständnis für Maria Wintelers Wut und verhielt sich ihr gegenüber milde. Aber ihren Bruder Albert hätte sie erwürgen können. »Ich vertrage mich keine Minute mit Albert«, schrieb sie. Albert seinerseits: »Maja ist sehr giftig gegen mich.«
Maja Einstein besuchte in Aarau das Lehrerinnenseminar. Ihre Lieblingsfächer: Geschichte, Musik und Sprachen. Die Wissenschaft lag ihr nicht. Dass Frauen studierten, war um die Jahrhundertwende außergewöhnlich, und doch setzte Maja sich durch: Sie studierte an verschiedenen Universitäten Philosophie, Literatur, Französisch und Italienisch. In Bern erlangte sie sechsundzwanzigjährig einen Doktortitel mit magna cum laude. Sie heiratete Paul Winteler, den jüngsten Sohn der Familie Winteler. Kinder hatten sie nicht.
Mit ihrem Bruder Albert hatte Maja sich inzwischen versöhnt. Sie hatte in Bern eine Zeit lang bei ihm gewohnt und verfolgte seine Karriere aufmerksam. Nachdem Alberts Allgemeine Relativitätstheorie 1919 experimentell bekräftigt worden war und er plötzlich weltberühmt wurde, schrieb Maja ganz unbefangen: »In einem Luzerner Blatt (!) kam ein Artikel über dich.« Ihr Kontakt zu Albert blieb gut, auch als er sich endgültig im amerikanischen Princeton niederließ. Maja blieb in Europa, zog mit ihrem Mann Paul nach Italien und hielt Kontakt zu Alberts beiden Kindern, auch zum schizophrenen Eduard.
Der aufkeimende Faschismus war auch für Maja eine Katastrophe. 1938 verloren ihr Mann und sie ihr Aufenthaltsrecht in Italien: das Los aller Juden im Land von Mussolini. Paul zog in die Schweiz. Maja Einstein wollte 1939 erst einmal für ein paar Monate nach Amerika fahren, um ihren Bruder Albert zu besuchen, den sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Maja erreichte Amerika, aber weil der Krieg ausbrach, war plötzlich keine Rede mehr davon, nach Europa zurückzukehren. Maja wohnte also weiter bei Albert und machte das Beste daraus, trotz des Heimwehs. Sie hörte sich aufmerksam die neuesten wissenschaftlichen Ideen ihres weltberühmten Bruders an, obwohl sie nur die Hälfte verstand. Sie unternahmen Segeltouren entlang der amerikanischen Ostküste, und Maja traf die prominenten Gäste, die ihren Bruder besuchten.
Inzwischen baute ihre Gesundheit ab. Ihre Adern verkalkten, und sie sah immer schlechter. Sie wollte zurück nach Europa, zurück zu Ehemann Paul, doch das war praktisch unmöglich geworden. Dass Paul zu Maja reisen würde, stand irgendwie außer Frage, möglicherweise weil ihm die Einreise nach Amerika schon einmal verweigert worden war – wegen unklarer Gesundheitsprobleme. Tatsächlich sah Maja Einstein ihren Mann nie mehr wieder.
Die Verbindung zu Bruder Albert spendete ihr Trost. »Es ist wie in den Tagen unserer Jugendzeit«, schrieb sie einer Freundin. »Alle seitherige verschiedene Lebensführung scheint verschwunden.« Maja glich auch immer mehr ihrem Bruder. Ihre Stimme klang ebenso skeptisch wie seine, und ihr silbergraues Haar war »der Gnade des Windes überlassen«, wie jemand es umschrieb.
Ab 1946 war Maja Einstein ans Bett gefesselt. Ihr Bruder las ihr jeden Abend aus Don Quijote oder von Bertrand Russell, ihrem liebsten Philosophen, vor. »Ich freue mich jeden Tag auf diese Stunde«, sagte Maja, »und habe die Genugtuung zu sehen, dass er sich ebenso freut.« Albert Einstein ließ die Lesestunde tatsächlich nur ungern ausfallen, wenn er wieder einmal prominente Besucher empfangen musste.
Maja starb, neunundsechzig Jahre alt, in Princeton. »Nun fehlt sie mir mehr, als man sich leicht vorstellen kann«, schrieb Albert Einstein, weltberühmter Physiker, Bruder von Maja.