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Richard, König fast ohne Land
Vorletzte Woche verbrachte ich einige Tage als Gast im kleinen Königreich der Holkar-Dynastie in Maheshwar in Zentralindien. Es ist, wie gesagt, ein kleines Land, insgesamt keine zehn Hektare weit, auf einem sanft ansteigenden Burghügel, der dann steil zum breiten Narmada-Strom hinunterfällt. Der westliche Teil des Liliput-Staats ist ein Hotel, eingefasst in eine fünfzehn Meter hohe Mauer, der östliche besteht aus einer Handweberei, einer Schule und einigen Personalhäusern.
Im Liliput-Staat
Natürlich ist auch „Staat“ eine gewaltige Übertreibung. Aber das Lustige am Ahilya Fort ist, dass es alle Insignien und Gesten eines Landes zur Schau stellt, zur schmunzelnden Freude der Gäste. Über einem Eckturm flattert die rot-weisse Fahne, auf einem andern ist eine Kanone aufgestellt. Das Haupttor wird nachts zugesperrt; tagsüber winkt ein Verkehrspolizist Fussgänger und Kühe durch.
Es stört niemanden, dass die wuchtigen Mauern einen grossen Gemüsegarten schützen, in dem Rucola und Broccoli wachsen. Sie bieten auch einem Schwimmbad genügend Schatten, ebenso wie einer kleinen Baumschule, in der Feigen- und Mango-Bäume gezogen werden.
Unmittelbar vor dem langgezogenen Gästetrakt mit seinen hinunterrutschenden Dachziegeln stehen die Ställe für Federvieh, Hasen, einigen Ziegen und – in Steintrögen – kompostproduzierenden Erdwürmern. Die königliche Unterkunft läuft entlang der Mauerkrone über dem Fluss, ein langgezogener dunkler Raum, geduckt unter der Narmada-Suite. Sie trägt ebenfalls ein schütteres Dach, aber ist so exquisit gelegen und ausgestattet, dass mir ihr Name unwillkürlich wie der Titel eines Musikstücks vorkam.
Ein moderner Monarch
Den König selber, Maharajkumar Shivaji Rao Holkar, scheint es nicht zu stören, dass ein fremder Gast über seinem Kopf wandelt und die noch schönere Aussicht auf den heiligen Fluss und die weite Nimar-Ebene mit ihrer fruchtbaren schwarzen Baumwoll-Erde geniesst. Richard Holkar – sein bürgerlicher Name – ist schliesslich ein moderner Monarch, der es sich nicht nehmen lässt, bei seinen Déplacements durch Gärten und Stallungen kenntnisreich über organischen Dünger zu philosophieren und auch hie und da ein Unkraut auszurupfen; wie er sich denn auch in der Küche sehen lässt und die Balsamico-Sauce kostet, die ihm der Küchenchef mit einem tiefen Bückling anbietet.
Aber selbst bei diesen Gelegenheiten – eine Unterrichtsstunde in Gartenbau gehört ebenso zum Gäste-Angebot wie eine Curry-Zubereitung – ist Prince Richard sorgfältig gekleidet. Die farbige Kurta und hautenge Churidar-Hose sind aus feinster Baumwolle, das Gilet ist reich bestickt. Wie um zu demonstrieren, dass er seine Rolle als König augenzwinkernd spielt, trägt er Espadrilles, deren freche Farben er täglich variiert.
Die Gäste bezahlen königlich
Am Abend dann, wenn die mit Sesseln ausgelegte Plattform hoch über dem Fluss mit zahllosen Öllämpchen aufleuchtet, widmet sich Holkar im Voll-Ornat seinen Gästen. Die zahlreichen Bediensteten – auf einen der 25 Gäste kommen vier Angestellte – servieren Schaumwein und kleine Speckrollen, um Dörrpflaumen gelegt, und der Maître d’ flüstert einigen ausgewählten Gästen zu, dass sie heute am Abendtisch neben Maharaj Sahib Platz nehmen dürfen.
Sie haben ja auch bezahlt dafür, und zwar königlich. Immerhin ist alles inbegriffen – jeder Drink, Wäsche, Essen, Wein, Yoga, Führungen, auch die abendlichen Picknicks auf der Rupmati-Insel mitten im Strom. Man wird auf sie hinausgerudert, begleitet von Booten, auf denen Musiker spielen und singen, vorbei an mehreren tausend schwimmenden Öllämpchen, die von dienstbaren Geistern weiter oben im Strom angezündet und in die tänzelnde Strömung gesetzt wurden.
Und selbstverständlich ist auch das fehlende Zimmertelefon inbegriffen, die abwesende TV-Leinwand, der nicht-existente Kühlschrank, die festgelegte Tischordnung und Essenswahl. Wer denkt schon an schnöden Hotelkomfort, wenn man bei einem König zu Hause ist.
„Wir gehören der Schäfer-Kaste an“
Das Nachtessen ist der Augenblick, in dem Richard zu voller Form aufblüht, allerdings nicht mit Tigerjagd-Geschichten und Kronjuwelen. Er erzählt vielleicht von der Geschichte der Holkars, ehemaligen Soldaten und Generälen, die durch Landschenkungen zu Macht und Ansehen gekommen waren. „Wir gehören der Schäfer-Kaste an, sind also eigentlich das, was die indische Bürokratie eine Other Backward Caste (kurz „OBC“) nennen würde.
„So kam es, dass eine Dalit-Politikerin in Uttar Pradesh einem neugeschaffenen Distrikt den Namen meiner Ur-Ahnin Ahilyabai gab.“ Und er fügt lachend hinzu: „Mir bot sie gar einen Oberhaus-Sitz an“, den Holkar schaudernd ablehnte.
Verehrung für die Urahnin
Das kleine Königreich am Narmada ist ebenfalls nach Ahilyabai benannt. Sie war es, die von hier aus im 18.Jahrhundert über den – damals noch echten, und grossen – Holkar-Staat regierte. Was ihre Einzigartigkeit ausmachte, war nicht nur die Tatsache, dass sie eine Frau – schlimmer noch: eine Witwe – war. Sie war auch eine erfolgreiche Herrscherin, die ihr Reich gegen neidische Nachbarn zu verteidigen wusste und mit den Mogulkaisern Schutzverträge aushandelte.
Ahilyabai war auch eine fromme Frau, so fromm, dass sie noch zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde – in Indien die Vorstufe zum Pantheon. Ihr ist denn auch ein eigener kleiner Tempel im Westflügel des Forts gewidmet, mit einem Brahmanen als Priester. Einmal in der Woche badet er ihre Statue in Narmada-Wasser und kleidet sie frisch ein; und nach dem Aarati-Abendgebet trägt er sie auf einer Sänfte durch ihr Reich, den alten Dorfkern. Auch Shivaji Rao verneigt sich tief vor ihr und schlürft ein bisschen Narmada-Wasser, das der Glaube an die familieneigene Göttin im Nu in (bakterienfreien) Nektar verwandelt.
Wiederaufleben des Weberei-Handwerks
Richard Holkar spielt nicht einfach ein Maharaja-Rührstück, wie viele seiner Kollegen in Rajasthan, die in ihren ehemaligen Palästen für den Einsatz als Touristenattraktion entlöhnt werden. Er hat in Stanford studiert, hat sich im südfranzösischen Grasse als Parfumeur ausbilden lassen und durchlief eine Juwelier-Ausbildung. Während Jahren experimentierte er mit indianischen (sic!) Baumwoll-Sorten. Er beriet auch den Schweizer Unternehmer Patrick Hohmann, der auf der anderen Flussseite organische Baumwolle anpflanzen liess; sie ist bis heute in Coop Natura-Produkten zu finden.
Im östlichen Teil des zeitgenössischen Holkar-Reichs scheint die Zeit ebenfalls stehengeblieben zu sein. Aber auffallend sind nicht die Tempelgebete und Glockengeräusche, die vom Narmada-Ufer heraufdringen. Es sind vielmehr vor-industrielle Fabrikgeräusche: das Klappern von Webstühlen, das Schleifen und Klopfen der Schiffchen, die zwischen den aufgespannten Baumwollfäden hindurchschiessen.Rehwa Society heisst die Kooperative, mit der Holkar die Werktradition des berühmten Neun-Meter Maheshwari-Sari wieder aufleben lässt.
So lässig Holkar im Westen seines Reichs den Bonvivant spielt und Geld damit verdient, so hartnäckig arbeitet er seit vierzig Jahren daran, das von Ahilyabai begonnene (und später aufgegebene) Weberei-Handwerk wieder zu einer sicheren Einkommensquelle für die Einwohner von Maheshwar zu machen.
Praktische Hilfe für Witwen und bedürftige Frauen
Heute stehen im Städtchen wieder 1500 Handwebstühle, die meisten zu Hause von Frauen betrieben, die bei Rehwa ihr Handwerk gelernt haben. Die Producer Cooperative hilft ihnen bei der Vermarktung, gibt Design-Beratung und dient als zentrale Einkäuferin für Faden und Farbstoff. Zudem beschäftigt sie selber 250 Weberinnen. Viele von ihnen sind Witwen, die gemäss einer schier unausrottbaren Hindu-Tradition beim Tod ihres Gatten ihr Haus verlassen müssen. Mit einem Teil des Ersparten können sie auf dem Rehwa-Areal wieder ein eigenes Heim beziehen.
Manchmal legen sich die Schatten der indischen Realität auch auf die Sonnenseite von Holkarwadi. Als wir dort gastierten, befand sich ein Filmteam aus Bombay im Hotel. Der Bollywood-Star Akshay Kumar gibt im Streifen einen NGO-Entrepreneur, der ein einfaches mechanisches Gerät entwickelt hat, mit dem arme Frauen billig saubere Monatsbinden („sanitary pads“) herstellen können. Ihr Erfinder, Arunachalam Murugethan (er war auch „im Land“) will damit einen Infektionsherd beseitigen, der Millionen von Inderinnen schwer belastet. Der Name des Films: Padman.
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