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In Ländern wie der Schweiz mit einer intensiven landwirtschaftlichen Produktion leistet eine weitere Ertragssteigerung keinen Beitrag zur Sicherung der nationalen Ernährungssicherheit noch zur Welternährung, im Gegenteil. Doch davon war in einem früheren Newsletter die Rede (November 2015
). Hier soll es um die Frage gehen: Gibt es denn überhaupt Alternativen? Tatsächlich mangelt es nicht an solchen. Die vier wichtigsten sind nicht nur viel kostengünstiger, sondern auch schneller wirksam, nachhaltiger, gesundheits- und umweltfreundlicher als weitere Ertragssteigerungen.1. Bessere Verteilung und besserer Zugang zu Nahrungsmitteln:
Während in Industrieländern Nahrungsmittelüberschüsse bestehen, die Bevölkerung an Übergewicht leidet und Steuermittel investiert werden, um die negativen Auswirkungen der nicht marktgerechten Produktion auf die Produzentenpreise abzudämpfen, leiden Entwicklungs- und Schwellenländer an Nahrungsmittelknappheit und Unterernährung. Würden die Nahrungsmittel bedarfsgerecht verteilt und zur Verfügung stehen, würden auf der Erde nicht über 900 Millionen unterernährte Menschen leben, sondern es könnte mit den jetzt verfügbaren Nahrungsmitteln eine zusätzliche Milliarde Menschen ernährt werden. Für die ungleiche Verteilung der Nahrungsmittel trägt die Schweiz eine Mitverantwortung, beispielsweise mit ihren – versteckten wie direkten – Exportsubventionen2. Nahrungsmittelverschwendung (food waste) minimieren:
Ein Drittel der Lebensmittel, die für den Schweizer Konsum produziert werden, geht zwischen Acker und Gabel verloren. Dies entspricht einer Menge von rund zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel, die jedes Jahr in der Schweiz vernichtet werden. Diese Verluste wären zu einem guten Teil vermeidbar. Sie betragen ein Mehrfaches der möglicherweise etwas geringeren Erträge, die beispielsweise durch eine Reduktion des Pestizideinsatzes oder eine nachhaltigere Produktion resultieren könnten.3. Fleischkonsum auf ein gesundheitsverträgliches Mass reduzieren:
Die Produktion von tierischem Eiweiss – sei es in Form von Fleisch, Milch oder Eiern – auf ackerfähigem Land ist eine sehr ineffiziente Art und Weise der Nahrungsmittelproduktion. Ackerfrüchte direkt für die menschliche Ernährung anzubauen wäre 5-30 Mal effizienter, als die gleiche Kalorienmenge über den Umweg der Fleischproduktion zu produzieren. Würde das verfügbare Ackerland weltweit direkt für die menschliche Ernährung genutzt, könnten 4 Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Allein diese Massnahme würde mehr als ausreichen, um die zukünftige Menschheit am Punkt des prognostizierten Bevölkerungsmaximums zu ernähren.
Auch in der Schweiz liegt der Fleischkonsum weit über dem ökologisch tragbaren und gesundheitsverträglichen Mass. Mit rund 65 kg pro Jahr isst der Schweizer, 20 Mal so viel Fleisch wie der durchschnittliche Inder. Der Durchschnittsschweizer isst damit dreimal so viel Fleisch wie die medizinisch empfohlenen rund 300gr pro Woche. Würde der Fleischkonsum in der Schweiz auf dieses Niveau gesenkt, könnte das Land den Selbstversorgungsgrad allein mit dieser Massnahme von derzeit knapp 60% auf 80-100% erhöhen. 300 gr pro Person entsprechen gerade derjenigen Fleischmenge, die sich auf dem Grasland der Schweiz nachhaltig produzieren lässt – also da, wo eine Produktion einzig über grasfressende Nutztiere möglich ist und kein Ackerland die menschliche Ernährung direkt konkurrenziert.4. Besonders ineffiziente Produktionsmethoden wie die Milchproduktion mittels Kraftfutter eliminieren:
Zu den beiden ineffizientesten Produktionsmethoden in der Schweiz gehört die Mutterkuhhaltung auf ackerfähigen Flächen und die Milchproduktion aus Futtermittelimporten. Allein das Kraftfutter, das – zu einem guten Teil aus dem Ausland importiert und teils unter sehr problematischen Bedingungen produziert – den Schweizer Milchkühen vorgesetzt wird, benötigt Ackerflächen, auf denen netto 2 Millionen Menschen zusätzlich ernährt werden könnten. Das ist ein Viertel der Schweizer Bevölkerung. Ein Kraftfutterverzicht würde die Milchproduktion gerade ungefähr um jene Menge reduzieren, die dem heutigen Marktüberschuss entspricht. Entsprechende Bemühungen würden nicht nur den effektiven Kalorienertrag für die menschliche Ernährung viel stärker erhöhen als eine weitere Ertragssteigerung. Sie könnten auch viel kurzfristiger umgesetzt werden und würden darüber hinaus zusätzliches Einkommen aus der Primärproduktion generieren.
Fazit
Es gibt Massnahmen, die den Selbstversorgungsgrad und die Versorgungssicherheit um ein Vielfaches stärker und kostengünstiger erhöhen können, als eine intensive, auf hohe Erträge fixierte Produktion, die gleichzeitig hohe Umweltschäden verursacht und das Produktionspotenzial der Böden mindert. Zu diesen wirksamen Massnahmen gehören Bemühungen, die bei der Nahrungsmittelverschwendung, beim Fleischkonsum und bei der effizienteren Nutzung der Ressourcen ansetzen. Solche Massnahmen müssen in Zukunft im Zentrum der agrarpolitischen Bemühungen um die Ernährungssicherung in der Schweiz stehen und die heutige sachlich unhaltbare Fixierung auf möglichst hohe Erträge und weitere Ertragssteigerungen ablösen. Dadurch ergeben sich grosse Spielräume für eine nachhaltigere, umweltfreundlichere Produktion, welche zugleich die Produktionsgrundlagen erhält und verbessert, statt sie zunehmend zu degradieren.