Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/1260

Die Handykamera tastet die herumstehenden jungen Männer ab, ihre schlanken Beine in Jogginghosen, zu kleine Hausschuhe auf staubigem Boden. Manchmal sind Hände zu sehen, die Geldscheine zählen oder ruckartig eine Hundeleine zurückziehen. Die Aufmerksamkeit der Kamera im Film Derb Sultan Symphony, der wie alle Werke in dieser Ausstellung, 2022 entstanden ist, gilt aber den Hunden. Die Bilder wurden auf Casablancas Hunde-Souk aufgenommen, einem Markt, auf dem Männer Rassehunde verkaufen. Die durch die Kamera beobachteten und im Text beschriebenen Momente des Austausches und Handelns legen Beziehungsgeflechte und Hierarchien offen zwischen den zum Verkauf angebotenen Hunden, den Hunden und ihren wechselnden Besitzern, den Käufern und Verkäufern, aber auch zwischen Vätern und Onkeln, Söhnen und abwesenden Müttern. Der teilnahmslose bis grobe Umgang der Männer mit den Hunden als Ware, untermalt durch die Beschreibung der Outfits, macht die Entwicklung einer spätkapitalistischen, postkolonialen Gesellschaft und die damit verbundenen Konstrukte rund um das “Selbst” und das (tierische) “Andere”, um Männlichkeit, Macht und Markt zum Gegenstand des Films. Stark komprimiert finden sich diese Momente im 16-sekündigen Videoloop d.e.d. world. Hier schwingt ein Hund im Kreis, festgebissen an einem harten Stück Stoff, gehalten von seinem Herrchen, der sich seinerseits um die eigene Achse dreht. Jackie Poloni schrieb über die Arbeit:
The muzzle of the dog is clamped down on the piece of cloth as the man’s hands dig into it too. Is this what holding onto each other looks like? Who’s holding onto who? It’s […] a tug-of-war in which the victory line is a circle, inside of which is one party. The other is permanently outside, its feet off the ground. […] One doesn’t need to know anything about dogs, dogs in Casablanca, dogs in the dog market of Casablanca, or people, to know that this is an unequal situation by standard measurements of power. Nor does one need to know about these things to see violence. (Jackie Poloni über Roman Selim Khereddines Ausstellung Hard-Won Images im Espace 3353, Carouge, 2022)
Die Endlosschlaufe einer Geschichte über Menschen und Tiere, eingebunden in Kreisläufe von Macht und Machtlosigkeit, demonstriert personale und strukturelle Gewalt, ein wiederkehrendes Thema in Selims Arbeiten.
Exemplarisch für das gewaltgeprägte Mensch-Tier-Verhältnis steht das Tierpräparat, das immer wieder auftaucht, hier als Sammlung ausgestopfter Krokodile in Audience und Arsenal – Präparate, arrangiert als Massenware, genau wie die Clogs auf dem Atelierfoto Pacing the Cell. Im Film SCULPTORS schliesslich schreiten wir in einer Lagerhalle Reihe um Reihe Industrieregale ab, auf denen rund 3000 ausgestopfte Tiere ausgestellt sind.
I think now of that buck, how you stared into its black glass eyes and saw your reflection, your whole body, warped in that lifeless mirror. How it was not the grotesque mounting of a decapitated animal that shook you – but that the taxidermy embodied a death that won’t finish, a death that keeps dying as we walk past it to relieve ourselves. (Ocean Vuong, On Earth We’re Briefly Gorgeous, 2019)
Die drei je rund 20-minütigen Videoarbeiten in der Ausstellung sind keine in sich abgeschlossenen Erzählungen oder Untersuchungen, sondern Essays im klassischen Sinn. Eine erzählende Stimme in Form von Untertiteln nähert sich mittels Anekdoten, Sprichworten, Zitaten und Recherche ihren Themen. Diese Videos sind voller Momente der Selbstreflexion, der vorsichtigen Infragestellung, des Abschweifens, der Pausen. Ein solches auto-theoretisches Umreissen als immer genauer werdender Bericht: essai. Die Erzählung denkt dabei über ihre eigene Konstruktion nach, stellt diese zur Schau und sich selbst auf die Probe: essayer. Die Erwägungen haben einen – wenn auch nicht absoluten – Wahrheitsanspruch, legen aber auch die eigenen Unsicherheiten, Zweifel und Lücken offen, ohne sich abschliessend auf einer Wahrheit auszuruhen. Dient in Derb Sultan Symphony ein Hundemarkt als Ausgangspunkt für Überlegungen über die Beziehung zwischen Männern und Hunden und regt in SCULPTORS der Traum eines Präparators, eine vom Aussterben bedrohte Spezies auszustopfen, zum Nachdenken über Kopie und Original an, so löst in Enter a country, leave a country ein Friedhofsbesuch eine Betrachtung über Kolonialismus, Migration und Familie aus.
Vielleicht kann Can’t have it all als Anerkennung gelesen werden, dass es keine absolute Erfahrung gibt, dass Erzählungen das soziale Gefüge zusammenhalten und Geschichte durch Geschichten konstituiert wird. Selims Form von Erzählen als künstlerische Strategie vermag sowohl einer Sehnsucht nach Autonomie als auch nach Verbundenheit gerecht zu werden. Durch unser Zuhören und Zuschauen drängen sich diese Geschichten uns auf, kleben an uns, leben mit uns weiter.
Veranstaltungen:
Closing und Präsentation der Siebdruck-Edition Underworld
in Kollaboration mit Racled
Sa, 19.11.2022, 14–17h