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Das vertraute Fremde. Versuch einer Binnenperspektive auf das Königtum des letzten Rudolfingers
Das 888 in Saint-Maurice d’Agaune von den Rudolfingern begründete Königreich Burgund, das über vier Generationen Bestand hatte und sich zeitweilig, zumindest nominell, bis an das Mittelmeer erstreckte, unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den anderen postkarolingischen Reichen. Schon Zeitgenossen aus den benachbarten Regna wurden dieser Differenz gewahr, verstanden sie aber nicht. So wies Thietmar von Merseburg darauf hin, dass es keinen dem Rudolfinger vergleichbaren König gebe, denn dieser habe allein Titel und Krone, vergebe Bistümer an die von den Großen Gewünschten, verfüge über nur wenig zum eigenen Gebrauch und lebe vom Unterhalt der Kirche. Ja, so heißt es gar bei Thietmar, nur deshalb herrsche ein solcher König über die Burgunder, damit die Bösen umso ungestörter wüten könnten und kein anderer König ein neues Gesetz (nova lex) schaffe, um die eingewurzelten consuetudines zu brechen. Thietmars Aussage ist freilich mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen, denn seine Vorstellung legitimer Königsherrschaft entspringt dem ostfränkisch-deutschen Reich um das Jahr Tausend und damit einem Gebilde, das hinsichtlich seiner materiellen wie immateriellen Ressourcen über ganz andere Voraussetzungen verfügte als das Königreich Burgund und damit auch andere Erfolgskriterien für ein erfolgreiches Königshandeln zuließ. Sprechen wir vom Königreich Burgund, so sprechen wir indes von einem sich neu formierenden Herrschaftsgefüge, das sich zunächst auf die Gegend um den Genfer See beschränkte, durch die Verschmelzung mit dem Königreich Provence größer, aber auch heterogener wurde und unterschiedliche Traditionen in sich vereinte oder genauer: in sich vereinen musste; ein Herrschaftsgefüge, das in einem vergleichsweise noch überschaubaren geographischen Raum in unterschiedlichen Graden vom Königtum durchdrungen wurde und das seine Ressourcen auf ganz eigene Weise zu nutzen wusste.