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Tagesbericht vom 08.06.2002
Puri ist ein heiliger Ort der Hindi. An was man merkt, dass es ein heiliger Ort ist? Heilige Orte ziehen viele Bettler an. Da Bettler nicht reich aussehen dürfen, bedecken sie ihren Körper nur mit dem notwendigsten Minimum: ein Lendenschurz für die Männer, ein Wickeltuch für die Frauen. Die Behausung besteht meist aus einer erbärmlichen Hütte. Geld verdienen kann ein Bettler nur mit den Pilgern. Und diese werden nach Noten und Kanten geschröpft. Diese Mentalität setzt sich in der ganzen Gegend durch und erreicht sogar das 8 Kilometer weit entfernte ‚Holyday Resort'. Oder ist es das ‚Hohle Hand Resort'? Die Hotelrechnung gleicht einer Wunschliste und da ich nicht den ganzen Morgen damit verbringen will, die Rechnung den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen, bezahle ich den Betrag nachdem wenigstens der Zimmerpreis dem am Vortag vereinbarten Betrag entspricht. Da ich nach einer viertel Stunde immer noch an der Hotelkasse stehe, wird Liseli im Auto langsam ungeduldig und kommt mich holen.
Querfeldein fahren wir durch das Land in Richtung Nordwesten. Es ist feucht und heiss. Tropischen Regenwald nennt der Sachverständige diese Art von Landschaft. Regenwald gibt es allerdings nicht mehr viel, denn die Bauern in den kleinen Dörfern, die wir durchfahren, haben daraus längst Ackerland gemacht. In den wenigen Wäldchen, die es noch gibt, haben die Bauern ihre Hütten aufgestellt. Da im Gegensatz zu Westafrika der Boden sehr wässrig ist, genügt es ein Loch zu graben, um einen See zu erhalten. Die meisten Dörfer verfügen über eine solche Bademöglichkeit. Wie das mit dem Wasseraustausch funktioniert, weiss ich allerdings nicht. Wir möchten auf jeden Fall nicht in einer dieser Kloaken baden gehen.
Der östliche Meeresabschnitt gefällt uns besser als das nördliche Indien. Erstens gibt es Berge (bis 1000 Meter über Meer), zweitens ist der westlich Einfluss grösser (wir haben sogar einen Superstore gesehen) und drittens versuchen die Leute einem mehr übers Ohr hauen zu wollen als an anderen Orten. Wieso? Wir treffen im Hotel ein. Der Concierge möchte uns das teuerste Zimmer geben. Wir bestehen darauf das Zimmer zu 2200 Rupien anschauen zu dürfen. Ich frage nach dem Discount: „ No discount“ ist die Antwort. Gut hab ich den Hotelführer von Indien im Sir James. Dort steht nämlich: off season: may / june, off season discount: 30%! Ich sage dem Concierge, was wir im Hotelführer Indiens gelesen haben und dass 20% üblich sei. Er meint er könne höchstens 10% geben und müsse den Chef fragen. Wir gehen das Zimmer anschauen. Als wir wieder an der Theke stehen, ist der Chef da. Ich hole den Hotelführer aus dem Auto und zeige ihm den Eintrag. „O.K., you will get a discount of 30%“, meint er darauf und rechnet mit seiner Rechenmaschine etwas aus und kommt auf einen Betrag von 3200 Rupien. Ich versuche ihm zu erklären, dass ein Rabatt von 30% auf einen Betrag von 2200 Rupien ungefähr bei 1500 Rupien liegen sollte. Er murmelt etwas in den Bart und antwortet, dass dies der Preis für Inder und nicht für Ausländer sei. Ausländer müssten in Dollar bezahlen. Nein, selbstverständlich nicht, woher sollten wir als Schweizer Dollar nehmen, antworte ich ihm. Er macht sich wieder an die Rechenmaschine und kommt endlich auf den Betrag von ca. 1500 Rupien. Ich bin gespannt, was wir morgen auf der Rechnung haben! Der Hoteleingang des 5 Stern Hotel ‚The Park' liegt übrigens in Vishakhapatnam an Position Nord 17° 43' 18.1“ und Ost 83° 20' 12“. Das Hotel liegt sehr schön, direkt am Bengalische Meer. Alle Zimmer haben Sicht auf die See.
Zum Glück hat Bobo die Episode über den Empfang im Hotel geschrieben, denn sonst wäre ich rot angelaufen. Diesmal aber nicht vor Scham, sondern vor Wut. Es ist unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit einige Inder versuchen uns übers Ohr zu hauen.