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Ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt, werden Drohnen immer häufiger auch in der humanitären Hilfe eingesetzt. Dies war besonders in Nepal nach dem gewaltigen Erdbeben vom 25. April 2015 der Fall. Mehr Technologie bedeutet aber nicht automatisch, dass die Hilfe effizienter ist.
"Dutzende Drohnen? In Nepal waren es vermutlich Hunderte! Einige Bewohner Kathmandus haben sich darüber geärgert. Die Polizei ist eingeschritten und hat einige Piloten verhaftet." Joel Kaiser erinnert sich gut an die Ereignisse nach dem Erdbeben des 25. Aprils 2015, in dem fast 9000 Menschen umgekommen sind. "Humanitäre Hilfsorganisationen, Journalisten, Fotografen oder einfach Neugierige: Sehr viele Leute haben ihre kleinen Flieger in die Luft gelassen."
Joel Kaiser arbeitet für Medair, eine humanitäre Hilfsorganisation mit Sitz in Lausanne. Er ist für die Entwicklung und die Nutzung von geomatischen Instrumenten verantwortlich (Georeferenzierung). Aber vor allem ist er ein Mann der Tat: Zusammen mit seinem Notfallteam war er in verschiedenen Teilen der Welt im Einsatz, von Nepal bis zu den Philippinen, von Myanmar bis in den Libanon. Vor Ort hat er nur ein Ziel: Der Bevölkerung so schnell wie möglich zu helfen.
Die Technologie könne in humanitären Krisen von grosser Hilfe sein, erklärt er. Mit Drohnen liessen sich die am meisten betroffenen Gebiete ausmachen sowie blockierte Strassen, Schäden an der Infrastruktur oder Menschenströme. Dank Informatikprogrammen und mobilen Applikationen sei es möglich, Daten schneller und geordneter zu sammeln. Ist die humanitäre Hilfe also effizienter geworden? Nicht unbedingt, meint Kaiser. "Die Technologie wird oft für ein Wundermittel gehalten. Aber häufig ist sie das nicht."
Was ist hinter der weissen Wand?
Medair gehört zu den führenden Organisationen in Sachen Einsatz neuer Technologien in Krisengebieten. Die Organisation hat im Jahr 2013 nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen begonnen, Drohnen einzusetzen. "Wir hatten vor Augen, was nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 passiert ist: Mit dem Einsturz der Rathäuser sind alle Archive mit den Besitzurkunden zerstört worden, was die Phase des Wiederaufbaus verkompliziert hat. Wir haben uns gesagt, dass es auf den Philippinen nützlich wäre, genaue Karten zu haben", erklärt Kaiser.
In Zusammenarbeit mit dem Start-up senseFly der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne, das zivile Drohnen produziert, hat Medair Tausende Luftaufnahmen der am stärksten verwüsteten Dörfer gesammelt. Die aus einer Höhe von etwa hundert Metern aufgenommenen Fotos in hoher Auflösung wurden zusammengesetzt, um eine extrem detaillierte Karte anzufertigen. Aber warum nicht bereits verfügbare und kostenlose Instrumente nutzen, wie zum Beispiel die Karten von Google Maps?
"Ganz einfach: In den Dörfern gab es keine portablen Computer. Ausserdem ist die Qualität der Onlinekarten nicht optimal. Mit einer Drohne hingegen erreicht man eine Bildauflösung von einem halben Meter bis zu drei Zentimetern", sagt Kaiser. Der Vorteil sei, dass man andere Typen von Karten – beispielsweise geologische – über die digitalen Karten legen könne. "Auf diese Weise kann man die Gebiete mit Überschwemmungsrisiko ausmachen, was für die lokalen Behörden für die Zonenplanung nützlich sein kann."
Für Medair dienen die Drohnen und die Technologie im Allgemeinen nicht nur der Prioritätensetzung bei der Einsatzplanung. Sie sind auch ein Mittel, sich der Bevölkerung zu nähern. "Auf den Philippinen haben wir für den Start der Drohnen einen Schulhof gewählt. Es ist wichtig, die lokale Bevölkerung von Anfang an miteinzubeziehen. Das ist im Übrigen eines unserer Ziele: Den Leuten zeigen, dass Drohnen nicht nur eine Kriegswaffe sind."
Mit einer einfachen Fotografie könnten auch Spannungen zwischen dem Hilfspersonal und den Begünstigten verhindert werden, fährt Kaiser fort. "Während der Ebola-Krise in Sierra Leone haben wir den Einwohnern ein Luftbild des Gesundheitszentrums gezeigt. Zum ersten Mal konnten die Leute mehr als nur die weisse Mauer der Einzäunung sehen. Sie wurden sich bewusst, dass es dahinter weder Geheimnisse noch Komplotte gab."
Das Risiko von GPS
Der Einsatz von Drohnen ist aber nicht frei von Hindernissen. Wer bei einer Hilfsorganisation arbeitet, für den ist Technologie auch ein Synonym für neue Herausforderung. "Für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) ist es nicht einfach, Mittel für Innovationen zu finden. Die Spender wollen lieber Projekte finanzieren, für die sie eine sofortige Bestätigung haben", sagt Kaiser von Medair.
Smartphone und virtuelle Realität
Auch wenn sie noch in der Minderheit sind, setzen immer mehr humanitäre Organisationen auf moderne Technologien. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz führt im Rahmen seiner 2015 lancierten Innovationsinitiative verschiedene Tests auf dem Gebiet durch: Von der Telemedizin in Somalia zum Einsatz virtueller Realität für die Ausbildung im humanitären Völkerrecht in Kriegssituationen.
Terre des Hommes nutzt Smartphones und Tablets, um Umfragen durchzuführen und Informationen zu sammeln. "Mit diesen Systemen gewinnen wir im Vergleich zu herkömmlichen Befragungen auf Papier viel Zeit, wir können die Qualität der gesammelten Daten verbessern und Entscheidungsfindungen beschleunigen", schreibt die Organisation.
Die Glückskette, ein von der SRG SSR (zu der auch swissinfo.ch gehört) gegründetes System für Spendensammlungen, ermutigt zum Gebrauch neuer Technologien in der humanitären Hilfe, wenn diese "die Effizienz, Punktgenauigkeit und Schnelligkeit der Hilfe verbessern", sagt Sprecherin Sophie Balbo. "Der Einsatz von Drohnen nach einer Naturkatastrophe erlaubt es beispielsweise, die Opfer besser und schneller zu lokalisieren, die dringend Hilfe wie Essen, Wasser und medizinische Betreuung benötigen."
Im Feld muss man zudem den örtlichen Gesetzen und Realitäten Rechnung tragen. "Es ist häufig schwierig, Applikationen oder Informatikprogramme zum Funktionieren zu bringen, wenn die Internet-Infrastrukturen mangelhaft sind", beobachtet Edmond Wach, Berater für Informationssysteme bei Terre des Hommes. In instabilen Verhältnissen oder Kriegssituationen kann die blosse Tatsache, ein GPS zu besitzen, das Personal in Gefahr bringen. "Eine bewaffnete Gruppe könnte denken, dass unsere Mitarbeiter Militärangehörige oder Spione sind."
Joel Kaiser wirft eine weitere grundsätzliche Frage auf: "Die Drohnen schiessen Bilder von privaten Orten, häufig von leidenden Leuten. Es ist wichtig, die Würde der Bevölkerung nicht zu verletzen." Es bräuchte dringend einen Verhaltenskodex, fordert das Netzwerk für den humanitären Einsatz von Drohnen (UAViators), das sich eine bessere Zusammenarbeit zwischen NGOs, Drohnenpiloten und lokalen Behörden erhofft.
Die neue Herausforderung der humanitären Hilfe
Paradoxerweise bildet jedoch die ungezügelte technologische Entwicklung eine Bremse. Edmond Wach bringt das Beispiel der Instrumente für die Datensammlung. "Start-ups, Stiftungen, NGOs und Abteilungen der UNO haben zahlreiche Instrumente entwickelt, aber nicht immer in koordinierter Weise. Zurzeit gibt es wohl deren 45. Das erleichtert die Wahl vonseiten des operativen Personals nicht", sagt er.
Bei Medair klingt es ähnlich. "Die Produzenten von Drohnen, die an Seminaren von NGOs teilnehmen, schlagen Modelle mit zehn Kameras, Infrarot-Dispositiven und verlängertem Aktionsradius vor. Perfekt, sage ich. Aber wenn das alles mir nicht ermöglicht, im Notfall schnellstmöglich zu reagieren, dann interessiert es mich nicht", sagt Kaiser.
Die Technologie müsse nicht das Sammeln von möglichst viel Information ermöglichen, sondern die bessere Auswertung und Analyse. "Das ist die neue Herausforderung in der humanitären Hilfe: Wie kann man die Fülle der Daten interpretieren und welches sind die Informationen, mit denen wir schnellstmöglich und am effizientesten den leidenden Menschen helfen können?"
Trotz ihrer Attraktivität bleiben die Technologien gemäss Edmond Wach blosse Hilfsmittel. "Unsere Arbeit basiert weiterhin auf den menschlichen Beziehungen und den sozialen Bindungen."
(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi), swissinfo.ch