Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03333.jsonl.gz/1361

Raimund Gregorius ist wieder zurück in Bern. Fünf Wochen sind seit seinem ersten Aufbruch nach Lissabon vergangen. Schwindelanfälle, der Rat der Lissaboner Augenärztin und seines Berner Freundes Doxiades haben ihn dazu gebracht, sich in Bern vertiefter medizinisch untersuchen zu lassen – mit dem Eintritt in die Klinik endet das Buch.
Wir erinnern uns, was den Gymnasiallehrer für alte Sprachen mitten aus einer Lektion hat gehen und überstürzt nach Lissabon hat reisen lassen: Der Klang des Wortes Português, das eine rätselhafte Frau, der er im strömenden Februarregen auf einer Berner Brücke begegnet war, ausgesprochen hat; und der Zufallsfund eines archivarischen Buches in einer Buchhandlung, dessen Sätze ihn – obwohl oder weil in Portugiesisch verfasst – sogleich verzaubert haben.
Mundus wollte deswegen herausfinden, wie es war, Amadeu Prado – der Autor dieses Büchleins, ein „Goldschmied der Worte“ – gewesen zu sein. Er sucht Personen auf, die den Arzt und späteren Widerstandskämpfer gekannt haben, lernt Portugiesisch und übersetzt für sich Prados lebensphilosophische Aufzeichnungen – bis ihm schwindlig wird und er zusammenbricht: Vielleicht weil er sich derart intensiv zu identifizieren vermag mit diesem Menschen, der wegen eines geplatzten Aneurysmas im Kopf umgekommen ist, dass ihn die Angst überfällt vor einem Hirntumor?
Als eingefleischter Berner ist er aufgebrochen – als eigentlicher Fremder kommt er zurück. Zwar fotografiert er: „Er wollte Bern fotografieren. Festhalten, womit er all die Jahre gelebt hatte. (...) Kurz vor dem Einschlafen bekam er jedesmal Angst, in Schwindel und Bewusstlosigkeit zu versinken und ohne Erinnerung aufzuwachen.“ Aber als er die entwickelten Bilder anschaut, merkt er: „Es waren fremde Bilder, sie hatten nichts mit ihm zu tun:“ Auch als er den Bubenbergplatz „berühren“ will, spürt er nichts.
Amadeu Prado – das erfährt Mundus von Estefânia – wäre gerne mit ihr von Finisterre auszu einer Reise aufgebrochen nach Lateinamerika; sie wollte ihn jedoch nicht begleiten, denn sie hat erkannt, dass es „ganz allein seine Reise gewesen wäre, seine innere Reise in vernachlässigte Zonen seiner Seele.“
Mundus jedoch hat diese Reise gewagt, intuitiv, spontan: eine Art Nachtmeerfahrt durch die Tiefen seiner Seele – als Gewandelter kommt er zum Ausgangspunkt zurück. Er hat einen Satz in Prados Buch verifiziert (ohne es zu wollen):
„Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben.“Vor wenigen Wochen noch wäre es für Gregorius unvorstellbar gewesen, auch nur ein Jota abzuweichen von seinem gewohnten Lebensgang – seine Schüler nannten ihn ja auch liebevoll „den Papyrus“.
Aber jetzt ist er lebensklugen und kraftvollen Frauen begegnet, hat mit ungebrochenen älteren Männern Schach gespielt; er hat eine moderne neue Sprache gelernt, sich ein moderneres Outfit verpasst; er trägt eine neue Brille, hat eine neue Sicht auf sein Leben gewonnen – und ist gleichzeitig dabei, seine Sterblichkeit zu erkennen und die Notwendigkeit, abschiedlich leben zu lernen (Weischedel).
Prado formuliert es in seinem Büchlein so:
„Unser Leben, das sind flüchtige Formationen aus Treibsand, von einem Windstoss gebildet, vom nächsten zerstört. Gebilde aus Vergeblichkeit, die verwehen, noch bevor sie sich richtig gebildet haben.“
Die Tür der Klinik schliesst sich hinter Mundus. Wir schauen ihm nach, wie er im Dämmer des Gangs verschwindet.
„Was uns bleibt, ist die Poesie des einzelnen Lebens. Ist sie stark genug, uns zu tragen?“ schreibt Prado.
Wir hoffen es: für Mundus – und für uns.