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Die alte Tante und der reiche Russe
Ein russischer Milliardär füttert das NZZ-Filmfestival, aber von einer Beeinflussung will die NZZ nichts wissen.
Als die NZZ-Mediengruppe im August 2016 die Aktienmehrheit der «Zürich Film Festival AG» übernahm, warf die «Bilanz» medienpolitische Fragen zur journalistischen Unabhängigkeit auf.
Auch Seraina Rohrer, Leiterin der Solothurner Filmtage, sah die künstlerische Freiheit des «Zürich Film Festival» (ZFF) gefährdet und sie fragte gegenüber SRF: «Wie glaubwürdig ist die Festival-Berichterstattung der NZZ noch?»
Fragen zur journalistischen Unabhängigkeit der NZZ gibt es nicht nur in Bezug auf den Film-Journalismus, sondern auch im Hinblick auf einen jahrelangen Sponsor des ZFF, nämlich den russischen Multi-Milliardär Suleyman Kerimov beziehungsweise seiner «Suleyman Kerimov Foundation» (Kerimov-Stiftung) mit Sitz in Luzern.
Seit 2010 unterstützt die Kerimov-Stiftung das ZFF, beispielsweise im Jahr 2016 mit 500‘000 Dollar. Präsidiert wird die Kerimov-Stiftung vom Luzerner Treuhänder Alexander Studhalter, dessen Bruder Philipp Studhalter Präsident des FC Luzern ist und ebenfalls im Vorstand der Kerimov-Stiftung sitzt.
16 Zeilen über Kerimovs Verhaftung
Kerimov, dem Putin einen Verdienst-Orden verliehen hat, wurde im November 2017 in Südfrankreich wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und Geldwäscherei verhaftet, worauf der Kreml dessen sofortige Freilassung verlangte. Auf Kaution kam er frei. Er bestreitet die Vorwürfe der französischen Justiz.
Während die meisten Schweizer Print- und Online-Medien ausführlich über die Verhaftung des Oligarchen Kerimov berichteten, gab sich die Printausgabe der NZZ auffallend sparsam und begnügte sich mit einer dpa-Miniatur-Meldung von 16 Zeilen erst zwei Wochen nach Kerimovs Verhaftung. Knappe 20 Zeilen lieferte NZZ online direkt nach der Verhaftung.
Zwei Monate später wurde auch Kerimovs Freund und Geschäftspartner Alexander Studhalter in Südfrankreich festgenommen. Diese Verhaftung findet in der Printausgabe der NZZ keine Erwähnung. Nur NZZ online berichtete darüber mit einer dpa-Meldung. Wie Kerimov bestreitet auch Studhalter die Vorwürfe der französischen Justiz.
NZZ-Redaktion: «Reichlich bizarr» und «absurd»
Die Frage liegt auf der Hand: Hat die sparsame Berichterstattung der NZZ über Kerimov damit zu tun, dass die NZZ die Aktienmehrheit des Zürcher Filmfestivals erworben hat und dieses jährlich mit 500'000 Franken von der Kerimov-Stiftung unterstützt wird?
Das wollte Infosperber von der NZZ-Redaktion wissen. In seiner Antwort weist der NZZ-Auslandredaktor Andreas Rüesch eine solche Vermutung «in aller Form zurück». Das sei «reichlich bizarr».
Desgleichen der NZZ-Wirtschaftschef Peter A. Fischer. Er findet eine solche Vermutung «absurd» und fügt hinzu, «dass die Wirtschafts- und Auslandredaktion mit der Berichterstattung über einzelne Schritte in ausländischen Kriminalfällen generell zurückhaltend ist, sofern sich daran nicht wichtige politische oder ökonomische Entwicklungen festmachen lassen».
2016: Kein einziger NZZ-Artikel über Kerimov
Ein Blick ins NZZ-Archiv zeigt: So sparsam und zurückhaltend war die Berichterstattung der NZZ über den Oligarchen Kerimov nicht immer: In den Jahren von 2010 bis 2015 berichtete die Printausgabe der NZZ insgesamt 33-mal über Kerimovs finanzielle Aktivitäten. Allein im Jahr 2013 zwölfmal.
Was auffällt: Im Jahr 2016, als die NZZ das «Zürich Film Festival» kaufte, erschien kein einziger Artikel über Kerimov in der NZZ, weder print noch online. Das ist umso erstaunlicher, als Kerimov im Sommer 2016 prominent in den Panama Papers auftauchte und dies zu ausführlicher Berichterstattung in Schweizer und internationalen Medien führte.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
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