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Schatten im Paradies: Der Titelheld von Lucrecia Martels neuem Film «Zama» soll das Land kolonisieren – aber eigentlich will er nur weg.
Man soll sich das Paradies nicht als einen gemütlichen Ort vorstellen. Denn je schöner die Natur, je erhabener die Landschaft – desto störender kann der Wind, die Hitze oder das laute Zirpen einer Grille sein. So steht Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) am Anfang von Lucrecia Martels Film «Zama» am sandigen Ufer eines offenen Gewässers, rötliche Felsen erheben sich hinter ihm, der abendliche Himmel hängt voller Schönwetterwolken, im Hintergrund erklingt das Lachen spielender Kinder. Es könnte alles so schön sein, sagt die Szenerie.
Aber leider ist dies nicht das Paradies, sondern das kolonialisierte Südamerika des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Und Diego de Zama, der Mann im rötlichen Gehrock mit beigem Dreispitz auf dem Kopf, der hier so sehnsüchtig-verloren übers Wasser blickt, übt den zweifelhaften Beruf eines königlichen Beamten aus. Zweifelhaft auch deshalb, weil ihm selbst nicht wirklich klar zu sein scheint, was seine Aufgaben sind. Handelswege zu eröffnen? Recht zu sprechen? Verbrecher zu jagen?
Überall fehl am Platz
So, wie die Argentinierin Martel diese historische Figur aus dem 1956 erschienenen Roman ihres Landsmanns Antonio di Benedetto für die Leinwand adaptiert, ist Diego de Zama der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen. Fehl am Platz, egal wo er hinkommt, in seiner Aufgabe als Kolonisator sowohl über- als auch unterfordert. Schon di Benedetto nahm dem «Konquistador» den heldenhaften Anstrich, indem er ihn zum «Kreolen», also zum in der Kolonie Geborenen macht und jahrelang vergeblich auf den Versetzungsbescheid des Königs hoffen lässt – nach Madrid vielleicht oder wenigstens nach Buenos Aires!
Dieser Art der Kritik an der Eroberergeschichtsschreibung setzt Martel noch eins drauf, indem sie ihrem Film den mäandernden, inkohärenten Erzählfluss des «slow cinema» verleiht, in dem der Held selbst, gewöhnlich die Mitte der Erzählung, seine Zentralbedeutung einbüsst. Statt einer durchgehenden Narration breitet sie einen Szenenreigen aus, der sich in fein beobachteten Details und fragmentarischen Dialogen entwickelt. Dabei ergeben sich Überblendungen, Fragen und Unsicherheiten über das, was eigentlich das Projekt des Kolonialismus war.
Am einfachsten zu lesen ist dabei noch Zama selbst, den der mexikanische Schauspieler Daniel Giménez Cacho mit einer feinen und ans Parodistische grenzenden Note von dauergekränktem Stolz verkörpert. Er weiss um seine Funktion als Zahnrad im Getriebe, scheint sich aber zunehmend unklar darüber zu sein, ob er vielleicht mehr Getriebe als Zahnrad repräsentiert. Je deutlicher er gegenüber den wechselnden Vorgesetzten seinen Wunsch auf Versetzung äussert, desto klarer zeichnet sich ab, dass daraus nie etwas werden wird. Sichtlich gealtert, mit schmalem Gesicht und grauem Bart, macht er sich im letzten Drittel des Films zu einer Verzweiflungsexpedition auf: Wenn er dem legendären, immer wieder totgesagten Banditen Vicuña Porto auf die Schliche käme, könnte sich sein Schicksal dann noch wenden? Aber da ist das seiner Miene eingeschriebene Gekränktsein schon einer wahnhaften Berückung gewichen, die ihn paradoxerweise zu einem schöneren Mann macht.
Wichtiger als die psychologische Entwicklung ihres Helden ist bei Martel jedoch das Drumherum. Und zwar ganz wörtlich genommen: statt den Spiess der Geschichtsschreibung einfach umzudrehen und den Opfern des Kolonialismus, den SklavInnen und Indigenen, Heldenstatus zu verleihen, geht Martel raffinierter vor. Sie bevölkert ihre Bilder mit ihnen. So gibt es in «Zama» kaum eine Szene, in der nicht im Hintergrund Frauen vor sich hin kichern, Untergebene kauern oder Bedienstete artig Luft herbeifächern. Ihre Rollen haben keine Namen, aber Martel stellt ihre selbstverständliche und manchmal provozierende physische Präsenz heraus.
Der portugiesische Kameramann Rui Poças, der mit Filmen wie «Tabu» von Miguel Gomes und «O Ornitólogo» von João Pedro Rodrigues das «slow cinema» mitbegründet hat, fasst die Körper in flüssiger Bewegung zusammen. Beiläufig streift sein Blick über die Kontraste in Kleidung und Gehabe. Während die Kolonialherren und -damen an ihren schlecht sitzenden Perücken herumzupfen und ihre schwitzenden Körper in steife europäische Stoffe zwängen, trägt ein hochgewachsener Afrikaner den samtenen Gehrock keck über nackten Beinen. Ähnliches gilt für die Sprache, wenn das Spanische zum schwerfällig-fremden Idiom über dem vibrierenden Gemurmel der Einheimischen wird.
Wie Malick, aber mit Humor
Die 51-jährige Lucrecia Martel wird manchmal als «Terrence Malick Lateinamerikas» bezeichnet, nicht nur, weil ihr Erzählstil an den einsiedlerischen US-Regisseur erinnert, sondern auch, weil «Zama» erst ihr vierter Film ist und seit ihrem Erfolg mit «La mujer sin cabeza» fast zehn Jahre vergangen sind. Im Gegensatz zu Malick aber legt Martel grossen Wert auf eine Mindestdosis an Humor. Wenn sich ein Lama frech zu Zama ins Bild drängt, ist das mehr Satire als Naturalismus. Aber auch die Dialoge sind nicht ohne, etwa wenn Zama der Nostalgie einer Spanierin nach kalten Wintern beipflichtet, indem er etwas von «russischen Prinzessinnen in Pelzmänteln» faselt. «An Europa erinnern sich die am besten, die nie dort waren», hält sie ihm spöttisch entgegen.
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