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Es ist eine Geschichte über das Unvermögen. Es ist eine Geschichte über die schiere Unwahrscheinlichkeit der Liebe und des Genies. Es ist die Geschichte von Rosemary Brown, die an den Musikhochschulen der Welt erzählt wird, um den Unterschied von Meisterschaft und Mittelmass zu erklären. Ihr Mann war drei Jahre tot, als die zweifache Mutter und Hobbypianistin in ihrem Haus in Balham in Südlondon erstmals Besuch erhielt von Franz Liszt, beziehungsweise dessen Geist. Das war 1964, und die arme Seele des Komponisten bat die 48-jährige Witwe, ihr ein paar Stücke diktieren zu dürfen, die er nicht mehr hatte fertig schreiben können. Bald folgten Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Sergei Rachmaninoff, Frédéric Chopin, Franz Schubert, Edvard Grieg, Claude Debussy, Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann, Ludwig van Beethoven – und John Lennon. Die Musik, die diese Rosemary Brown nun täglich notierte, in Séancen von acht bis zwei und von drei bis sechs Uhr, das sind hübsche, aber harmlose Stücke, die immer ähnlich klingen. Zwölf von ihnen – etwa die «Grübelei» von «Liszt» oder die «Studie in c-Moll» von «Chopin» – hat Thom Luz nun für «When I Die» arrangiert, einen luziden Theatertraum, in dem sich die berühmte Komponistenschar zu vier Männern in schwarzen Anzügen materialisiert hat, die durch den leeren Raum gehen, in dem sich Witwe Brown (Suly Röthlisberger) eingerichtet hat. Auf einem Piano, auf Wurlitzern und einer Glasharfe spielen sie die Musik, und sie greifen auch zur Geige und zur Bassklarinette und singen die rührenden Quartette, zu denen der Geist von Schubert – oder war es nur eine verwirrte Erinnerung? – der alten Dame die Hand geführt hat. Thom Luz gelingt dabei zweierlei. Erstens, den flüchtigen Spuk in einer schwebenden, aber auch vielfach gebrochenen Choreografie der Tasten und der Schritte zu verdichten. Und zweitens, diese Fussnote der Musikgeschichte mit Ironie, ja, aber auch mit Würde zu füllen. Und das gelingt vermutlich darum so gut, weil der Zürcher Theatermann weiss, wie sehr auch seine Arbeit der Geisterbeschwörung gleicht. Das Theater, von dem nie etwas zurückbleibt, wenn es sich ausgespielt hat: Es ist das passend flüchtige Medium für diese Rosemary Brown, ist es doch selber voller armer Seelen, die sich verzweifelt bemühen, irgendetwas zu hinterlassen in den wenigen Stunden und Minuten, bis das Licht angeht und die Bühne leer und schwarz ist. In diesem selbstreflexiven Zwielicht hat Thom Luz die Erzählung über eine rührende Dilettantin angesiedelt, der dann doch das Entscheidende gelingt. Rosemary Brown hat, als sie 2001 starb, viel mehr hinterlassen als mittelmässige Musik. Nämlich eine sehr gute Geschichte. Jetzt geht sie noch einmal um. Und Thom Luz macht sie sichtbar, mit grosser Meisterschaft, wohlgemerkt.
Zweite Vorstellung am Samstag, 25.1., 20 Uhr, Südpol.