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Die Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (GSWG) und der Wirtschaftshistorische Ausschuss des Vereins für Socialpolitik organisieren eine gemeinsame Arbeitstagung zum Thema „Territorien, Staat und Nation“, die vom 7. bis 9. April 2021 an der Universität Wien stattfinden wird.
Organisatoren: Maria Stella Chiaruttini und Clemens Jobst (beide Universität Wien)
Für Neuzeithistoriker*innen bildet das 19. Jahrhundert die Periode des Nationalstaats, während Finanzhistoriker*innen die Entwicklung moderner Finanzmärkte in diese Zeit datieren. Die Entstehung neuer Finanzinstrumente und –institutionen war ein transnationales Phänomen. Gleichzeitig fand sich die finanzielle Entwicklung oft mit Prozessen der Staatsbildung verbunden, in der sich die Staaten um eine wachstumsfördernde Schaffung und Integration ihrer nationalen Märkte bemühten. Im Fall von neugeschaffenen Territorialstaaten wie Deutschland und Italien wurden definitionsgemäß Märkte, die sich bisher in unabhängigen Staaten befunden oder Teile anderer Staaten gebildet hatten, zu neuen Märkten mit gemeinsamen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammengefügt.
Im Bereich der Währung führten die Staatsbildungsprozesse des 19. Jahrhunderts zur Ablöse der früheren heterogenen, durch eine Vielzahl verschiedener nicht unbedingt immer kompatiblen Geldsorten gekennzeichneten Währungsordnungen durch vereinheitlichte und standardisierte territoriale Währungen. Die politische und finanzielle Integration verlief jedoch nicht immer ungestört, gerade im Bereich des Bankensystems, wo verschiedene Interessen zusammenstießen. Die Schaffung eines integrierten, staatsweiten Bankensystems konnte so zu einer Konvergenz von Finanzierungskosten und Kapitalströmen führten, die das Wachstum sowohl in zentralen wie peripheren Regionen beförderte. Gleichzeitig konnte aber das Abfließen von Kapital aus der Peripherie und die Konzentration wirtschaftlicher Entscheidungen im Zentrum Widerstand provozieren. Ziel der Unzufriedenheit konnte dabei der neue Nationalstaat und seine Verbindungen zu den großen Banken bieten, wie im Fall Italiens, oder, wie im Fall der Habsburgermonarchie, vielmehr die als entlang nationaler Linien diskriminierend empfundene Politik des Zentrums.
Vor diesem Hintergrund möchten wir in der vorgeschlagenen Sitzung in einer vergleichenden Weise Fragen der monetären und finanziellen Integration innerhalb des Territorialstaats diskutieren, wie zum Beispiel:
- die Herausforderung der Bereitstellung einer einheitlichen Versorgung mit Münzen und Banknoten sowohl in neugebildeten wie bereits bestehenden Territorialstaaten
- die Schaffung von staatsweiten Zahlungsverkehrssystemen
- die Rolle von Banken und Währungsreformen für die Entstehung integrierter Finanzmärkte
- die regionale Dimension der Aktivitäten von privaten wie Zentralbanken wie etwa die Schaffung von Filialnetzwerken, deren Ziele, unternehmerische Steuerung und Überwachung sowie die Beziehungen national agierender Banken zu lokalen Wirtschaftstreibenden und lokalen und zentralen Behörden
- die Regionalpolitik des Staates im Bereich von Banken und deren möglicherweise widersprechenden Zielsetzungen, wie lokale Entwicklung oder die Unterstützung der gesamtstaatlichen Fiskal- und Geldpolitik und die Aushandlungsprozesse zwischen der Zentralregierung und regionalen und lokalen Eliten.
Wir freuen uns auf Einreichungen zu allen Ländern vom ausgehenden 18. bis frühen 20. Jahrhundert und ermutigen insbesondere junge Forscher*innen.
Bei Interesse senden Sie uns bitte bis 17. August einen kurzen Lebenslauf sowie einen vorläufigen Titel und Abstract (etwa 200 Worte). Die Einreichung der gesamten Sitzung mit 3-4 Beiträgen muss dann bis 28. September erfolgen.