Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03312.jsonl.gz/288

(Kt. Glarus).
440 m. Gem. und grosses Pfarrdorf am linken Ufer der Linth, an der Strasse Netstal-Oberurnen; 6,5 km n. Glarus
und 500 m
w. der Station Näfels-Mollis der Linien Weesen-Glarus und Zürich-Wädenswil-Glarus. Postbureau, Telegraph,
Telephon. Gemeinde, mit Schneisingen und den zerstreuten Höfen der Näfelserberge, im Oberseethal und Schwändithal: 405 Wohnhäuser
und 2557 fast
ausschliesslich kathol. Ew.; Dorf: 338 Wohnhäuser und 2460 Ew. Den Haupterwerbszweig der Bewohner bildet die
Industrie. Es bestehen hier eine grosse Eisenkonstruktions-Werkstätte, namentlich für Brückenbau (sie
hat z. B. die Eisenkonstruktion der Kuppel des neuen Bundespalastes in Bern
erstellt), ferner 2 Baumwolldruckereien, eine Baumwollspinnerei,
mehrere Schabziegerfabriken, eine Kalkbrennerei mit Ziegelhütte, eine Buchdruckerei mit Zeitung. Von ziemlicher Bedeutung
sind auch Wiesenbau, Alpwirtschaft und Waldwirtschaft. Wasserversorgung und Hydrantennetz, elektrische Beleuchtung. Elektrizitätswerk,
dessen Triebkraft durch die Quellen des Oberseethals geliefert wird. Sekundarschule. Das gesellschaftliche
Leben ist ein ziemlich reges; seit langer Zeit werden namentlich Theater, Musik und Gesang mit Eifer und gutem Erfolg gepflegt.
Die ältesten Quartiere des unregelmässig gebauten Dorfes schmiegen sich an den Fuss einer aus dem Blockwerk eines alten
Bergsturzes gebildeten steilen Trümmerhalde an, über die man in das Oberseethal hinaufsteigt und aus
der Rautibach und Tränkibach als grosse, schäumende Quellbäche hervorbrechen; die neuern Dorfteile breiten sich in der
Linthebene aus. Ueber diese Ebene erheben sich teils im Innern des Dorfes, teils an seinem S.-Rand mehrere kleine Hügel als
Reste eines andern gewaltigen prähistorischen Bergsturzes, der sich am N.-Hang des Rautispitz abgelöst
hat und durch das Oberseethal bis ins Linththal hinausgeflutet ist.
Das Dorf ist mit Mollis durch zwei eiserne Brücken über die Linth verbunden. Die wichtigste Sehenswürdigkeit von Näfels
ist der Freuler-Palast, eines der hervorragendsten Baudenkmäler der Renaissance in der Schweiz. Er wurde
1640-1648 von Kaspar Freuler, französischem Gardeoberst und Freund Ludwigs XIII., erbaut und zeichnet sich besonders durch
die prachtvolle Holzarchitektur und feinen Intarsien seiner Zimmer aus. Bemerkenswert sind namentlich das mit reichen Schnitzereien
gezierte Portal, der Rittersaal mit schönen Stukkarbeiten, das Treppenhaus und vor allem das Esszimmer mit wundervollen
Schnitzereien und Intarsien und den aus der berühmten Werkstätte der Pfau in Winterthur stammenden Oefen. Das Gebäude dient
heute als Gemeinde- und
¶
mehr
Armenhaus und beherbergt auch die sehenswerten Sammlungen des kantonalen historischen Vereins. Die im Jahr 1781 im Rokokostil
erbaute Kirche besitzt ein gutes Altargemälde von Wyrsch. Am N.-Rand des Dorfes sind noch ansehnliche Reste der Letzimauer
erhalten, die einst von einer Bergwand zur andern quer durch das Thal sich zog und im O. auf der Terrasse
von Beglingen, 150 m über der Thalsohle, noch eine Fortsetzung besass. Sie hatte eine Gesamtlänge von etwa 1500 m, war 3 bis 4 m
hoch und durchschnittlich 1,2 m dick. Im mittlern Teil des Thales ruht ihr aus grossen Steinen bestehendes Mauerwerk auf starken,
dicht beisammen stehenden Buchenstämmen.
Man fand in ihr wiederholt römische Münzen. Sie ist wahrscheinlich im 4. Jahrhundert v. Chr. von der rätoromanischen Bevölkerung
des Glarnerlandes als Schutzwehr gegen die Einfälle der Alemannen gebaut worden. Näfels ist die historisch berühmteste
Stätte des Kantons Glarus,
da hier die Freiheitskämpfe der Glarner gegen die Herzoge von Oesterreich stattfanden,
die seit 1264 die Reichsvogtei über das Land Glarus
ausübten, 1288 sich vom Kloster Säckingen auch das Meieramt über dasselbe
übertragen liessen und seither offenkundig bestrebt waren, das Land sich völlig untertan zu machen.
Damals stand auf einem Hügel im s. Teil des Dorfes Näfels eine Burg, auf der ursprünglich die Edelknechte
von Näfels, und nach ihrem Aussterben die Herren von Stadion als Lehensleute des Klosters Säckingen und als österreichische
Vögte sassen. Einer derselben, Walter von Stadion, wurde 1351 im Krieg zwischen Oesterreich und den Eidgenossen von den letztern
vertrieben. Als er im Februar 1352 mit einem Heer sich die Rückkehr erzwingen wollte, schlugen ihn die
Glarner auf dem Rautifeld n. von Näfels; er wurde im Kampfe getötet und seine Burg abgebrochen.
Der Entscheidungskampf zwischen den Glarnern und Oesterreich fand aber erst zwei Jahre später, am an der Letzimauer,
an der Steinhalde w. von Näfels und in der Ebene s. vom Dorf statt. Die blos etwa 600 Mann starken, von
Mathias Ambühl und Albrecht Vogel geführten Glarner bereiteten dem wohl zehnmal stärkere Feinde eine vollständige Niederlage.
Viele der Fliehenden fanden in den Fluten der Maag (Linth) den Tod, weil die Brücke unter ihrer Last zusammenbrach.
Die Oesterreicher
verloren 1700 Mann, die Glarner beklagten 55 Tote.
Die Erinnerung an diesen Sieg wird vom Glarnervolk seit 1389 bis auf den heutigen Tag alljährlich am ersten Donnerstag im
April unter grosser Beteiligung aus allen Landesgegenden festlich begangen. Hauptmomente dieser «Näfelser
Fahrtsfeier», die ursprünglich ganz religiösen Charakter hatte, sind: die von Gesängen eingerahmte
Rede des Landammanns oder seines Stellvertreters bei Schneisingen (1 km s. Näfels);
das Verlesen des Fahrtsbriefes, d. h. des aus dem 15. Jahrhundert stammenden
Schlachtberichtes, und im Anschluss daran die Festpredigt, die das eine Jahr von einem reformierten, das andere Jahr von
einem katholischen Geistlichen auf dem «Fahrtsplatze» (beim 6. Gedenkstein
im w. Teil des Dorfes) gehalten wird;
die Schlussgesänge der Gesangvereine beim Schlachtdenkmal, das
im Jahre 1888 bei Anlass des 500 jährigen Schlachtjubiläums beim letzten Gedenkstein im NO. des Dorfes errichtet worden
ist, und endlich ein feierliches Hochamt in der Kirche.
1532 trennte sich Näfels in kirchlicher Beziehung von Mollis, das die Reformation angenommen hatte, und baute an Stelle der
Kapelle, die 1389 zur Erinnerung an die Schlacht gegründet worden war, eine eigene Kirche. Näfels
war während der Zeit der konfessionellen Streitigkeiten im Glarnerland der Vorort der Katholiken; von 1623 bis 1836 versammelten
sich hier die katholischen Landsgemeinden. Auf dem Hügel, auf dem einst die Burg stand, wurde 1677 ein Kloster errichtet.
Sein Bau verschärfte die Spannung zwischen den beiden Konfessionen derart, dass es fast zu einer gänzlichen
Teilung des Landes kam. Das Kloster beherbergt gegenwärtig nur wenige Kapuziner, welche eine Schule (Progymnasium und Realschule)
führen. In frühern Zeiten begaben sich die Söhne der vornehmen Familien von Näfels mit Vorliebe in fremde Kriegsdienste,
und manche gelangten dort zu grossem Ruhm und Ansehen, z. B. Oberst Kaspar Gallati (1537-1619), der unter Karl IX. an den
Kämpfen gegen die Hugenotten teilnahm, von Heinrich III. in den
¶
mehr
Adelsstand erhoben wurde und eine der kräftigsten Stützen Heinrichs IV. in seinen Kämpfen gegen die Ligue war; ferner der
oben als Erbauer des Palastes genannte Oberst Kaspar Freuler, der sich ebenfalls in französischem Dienste in den Kriegen
gegen die Hugenotten, gegen die Spanier in Flandern und gegen die Fronde hervortat, 1635 zum Obersten
des Schweizer Garderegiments ernannt und 1637 mit dem Adelstitel geehrt wurde; General Nikolaus Franz Bachmann (1740-1831),
der in französischen, sardinischen und österreichischen Diensten schweizerische Truppen führte, im Jahr 1802, als das
Schweizervolk sich gegen die helvetische Regierung erhob, von der Tagsatzung in Schwyz
zum Obergeneral ernannt wurde
und die helvetischen Truppen bei Avenches schlug, und 1815 abermals von der Tagsatzung mit dem Oberbefehl über das eidgenössische
Heer beauftragt wurde, das die Grenze gegen den aus der Verbannung nach Frankreich zurückgekehrten Kaiser Napoleon schützen
sollte. Am fanden bei Näfels Kämpfe statt zwischen den Franzosen unter General Soult und
den Oesterreichern unter General Hotze und am 30. September und 1. Oktober heftige Gefechte zwischen den Franzosen unter General Molitor
und den Russen unter Suwarow, wobei ein Teil des Dorfes in Flammen aufging.
Bibliographie.
Heer, G. Die Schlacht bei Näfels; Festschrift.Glarus
1888; Heer, G. Die Befreiung des LandesGlarusund die Schlachtbei Näfels; Volks- und Jugendschrift.Zürich
1888; Heierli, J. Die NäfelserLetzi (im Jahrbuch des histor. Vereins desKant. Glarus
32, 1897);
Rahn, R. Zur Statistik der Schweizer. Kunstdenkmäler;Kanton Glarus
(im Anzeiger für schweizer. Altertumskunde).Zürich
1882.