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Wir haben ein Problem, allerdings nicht nur in der Schweiz und auch nicht erst seit Anfang Jahr. Deshalb ein paar Gedanken (6.März 2024) zu den Ereignissen der letzten Monate:
Bauernproteste in der EU
Ein Grossteil der Berichterstattung über die Proteste der europäischen Landwirte verwies auf die Umweltvorschriften, insbesondere die Farm-to-Fork-Strategie (F2F), als Ursache für den Ärger. Auch wenn die Dieselsteuer die Demonstrationen in Deutschland auslöste, sie der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, die vier Forderungen, für die die European Coordination Via Campesina (ECVC) und ihre Mitglieder zum Protest aufriefen, waren
(i) EU-Mercosur stoppen
(ii) Faire Preise für landwirtschaftliche Produkte
(iii) Eine gerechte Verteilung der GAP, die derzeit Großgrundbesitzer belohnt
(iv) Weniger Bürokratie
«Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist: Es ging weder um die Rücknahme von Umweltvorschriften, noch um ein Einwanderungsverbot, noch um die Entführung oder Zweckentfremdung des Begriffs Ernährungssouveränität. Auch IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) sagte, dass der Green Deal und F2F „nicht als Ursache für die Schwierigkeiten der Landwirte verantwortlich gemacht werden können“, da die meisten legalen Agrarvorschläge blockiert, abgelehnt oder verwässert wurden und bisher keinerlei Auswirkungen auf die Landwirte hatten», schrieb die auf Lebensmittel- und Klimathemen spezialisierte Journalistin Thin Lei Win auf Linkedin.
Und weiter: «Trotzdem behandeln viele politischen Entscheidungsträger und auch Medien die LandwirtInnen als monolithische Gruppe – und plötzlich wird, statt der nuancierten Forderungen der Proteste (und Probleme der LandwirtInnen), die Verkaufspopaganda der Agrarindustrie diskutiert.»
Thin Lei Win hat letztes Jahr für die Global Initiative das Duo COPA-COGECA (Comité des organisations professionnelles agricoles und Comité général de la coopération agricole de l’Union européenne) genauer unter die Lupe genommen (↗) und festgestellt, dass die grossen Agrarlobbys sowie die nationalen Gewerkschaften, je nur einen kleinen Teil der Landwirte und Landwirtinnen vertreten. Sie sind also nicht repräsentativ. Thin Lei Win plädiert deshalb dafür, dass JournalistInnen nicht nur einzig sie zitieren sollen.
Umso mehr, als dass wir zielführende, langfristige LÖSUNGEN, brauchen, keine Ausnahmen gegen die Massnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und auch keine Sonderbewilligungen gegen Klimaschutzmassnahmen.
«Die Leute, die wollen, dass ungleiche, zerstörerische Lebensmittelsysteme fortbestehen, wollen, dass wir glauben, ein neues System sei zu teuer, würde zu lange dauern und zu einem Zusammenbruch von Erträgen und Einkommen führen. Sie wollen uns glauben machen, dass es keine Alternativen gibt. Aber es gibt sie. »
Schweiz
Dass es der Schweizer Landwirtschaft ebenfalls nicht gut geht ist bekannt. Die Marktpreise sind zu tief, die Verschuldung zu hoch, die Arbeitsbedingungen in den meisten Kantonen ohne klare Regelung. Die Bürokratie wird immer grösser, der Druck ist riesig und steigt weiter, die Selbstmordrate ist 40% höher als im schweizerischen Durchschnitt. Trotzdem wurde der parlamentarischen Initiative, eine Ombudsstelle für Landwirtschafts- und Ernährungsfragen zu schaffen, «keine Folge gegeben» (PI 22.476 de Valentine Python).
Ist es bei uns wie in der EU, und -in Referenz zum Titel der oben erwähnten Studie der Global Initiative- die stärkste Bauernlobby auch hier ein potemkinsche Attrappe ?
Nachdem die Unruhen in der EU im Januar begonnen hatten, riefen verschiedene Vereinigungen in der Schweiz (u.a. Kleinbauernvereinigung und Uniterre) zu Demonstrationen auf. Die Klimaschutzmassnahmen stellten sie nicht in Frage. Wie die ECVC wollen sie eine würdige Zukunft und fordern, nebst dem Abbau der Bürokratie :
(i) Zollschutz. Die Landwirtschaft gehört nicht in Freihandelsverträge. Das ist besonders aktuell, weil auch die Schweiz dieses Jahr verschiedene Freihandelsverträge neu oder fertig aushandeln will. Die Weltmarktpreise enthalten einen Sozial-, Wirtschafts- und Umweltdumping Rabatt; eine nachhaltige (ökologische und sozial gerechte) Landwirtschaft kann zu diesen Preisen nicht liefern. Nirgends. Sicher gibt’s eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, und würde ich sie kennen, würde ich sie hier gern zitieren.
(ii) Faire Preise. Die Margen der Grossverteiler sind in der Schweiz überdurchschnittlich hoch, bei Bioprodukten bis zu 65%. Ausserdem gibt es in den meisten Kantonen keine festgelegten Minimallöhne für Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Wie wichtig die lokale Landwirtschaft für jede.n von uns ist, merken wir, wenn die Lieferketten reissen oder die Kosten der Importprodukte steigen.
(iii) Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Um diese zu vereinfachen, wurde schon vor 1.5 Jahren im Nationalrat eine Initiative eingereicht: «22.477: Für eine wirksame Preisbeobachtung in der Lebensmittelkette». Wann wird sie umgesetzt?
In anderen Worten, auch in der Schweiz forderte keine Basisorganisation eine Wiederzulassung von synthetischen Pestiziden.
Über Facebook zur Revolte
DIE Facebook-Gruppe dieser Tage heisst Révolte agricole Suisse und wuchs innert 6 Wochen von null auf über 8’700 Mitglieder. JedeR mit ihre/seine eigenen Interessen, Problemen, Bedürfnissen.
Am 11. März ist eine Delegation von ihnen in Bern eingeladen. Zwei VertreterInnen aus jedem Kanton reisen zum Treffen mit dem Bundesamt für Landwirtschaft. Damit holt sich das BLW die ganze Diversität an den Tisch.
Sie treffen auf einen gut geölten Apparat.
Mir fällt dazu spontan Ernst Därendingers «Der Engerling» ein.
Fazit
«Es ist dringend notwendig, den Kampf der Bauern zu unterstützen, aber wir sollten uns weigern, den Diskurs eines agrarindustriellen Systems, das uns ausräuchert, zu loben.» schrieb Maude Jaquet im Le Courrier le 27.2.24.
Genau!