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Dem Rugby haftet der Ruf eines plebejischen, gewalttätigen Sports an. Diese Einschätzung bedarf einer gründlichen Korrektur.
Warum sind Ausschreitungen an internationalen Rugbymatches so gut wie unbekannt? Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich vergegenwärtigen, dass die Etablierung der heute verbreitetsten Form des Rugby (mit fünfzehn Spielern) eine äusserst elitäre Angelegenheit war. Spieler und Klubgründer stammten oft aus grossbürgerlich-aristokratischen Verhältnissen. Es war ihnen ein Anliegen, sich vom als pöbelhaft geltenden Fussball abzugrenzen.
Ein Ausdruck dieses Dünkels war das strikte Amateurgebot. Danach wurde jeder, der sich für seinen Sport bezahlen liess, aus dem Verband ausgeschlossen. Das kam einer Diskriminierung der Arbeiter, die eine Sechstagewoche hatten, gleich, denn Spiele am Sonntag waren untersagt. So sahen sich die Arbeiter gezwungen, auf einen Teil ihres Lohns zu verzichten, um trotzdem spielen zu können. Verständnisvolle Industrielle sorgten da und dort für eine Kompensation des Ausfalls. Wurde solches publik, musste mit drakonischen Massnahmen des Verbands gerechnet werden.
Nordenglische Klubs liessen sich die Gängelung nicht lange bieten und führten durch die Gründung eines eigenen Verbands (heute: Rugby League) im Jahre 1895 eine Spaltung herbei. Die neue Dachorganisation erlaubte - im Gegensatz zur Rugby Union - die Bezahlung von Spielern und änderte gleich auch noch einige Regeln. So wird in der League nur zu dreizehnt gespielt.
Umso selbstgefälliger und konservativer gebärdete sich weiterhin die Union. Am bigotten Amateurstatus hielt sie eisern fest. Daran änderte auch nichts, dass immer wieder die besten Spieler aus finanziellen Gründen zur League wechselten. Selbst die Einstellung von festen Trainern wurde als mögliches Abgleiten in den Professionalismus mit Argusaugen verfolgt, und die Trainings selber blieben im Stadium des geselligen Beisammenseins, bei dem Fehlerbeseitigung und spielerische Fortschritte Nebensache blieben. Vor allem das englische Rugby verharrte mit dieser Mentalität jahrzehntelang in sportlicher Stagnation.
Rugby in Britannien (mit Ausnahme von Wales) ist ein Produkt der bewussten (puritanischen) Distinktion sowohl gegenüber dem verachteten Fussball mit seinen Hooliganismuserscheinungen wie gegenüber der Vorstellung, für Sport Geld zu nehmen. Noch immer ist Rugby in den teuersten und angesehensten Colleges und Universitäten auf den britischen Inseln die wichtigste Ballsportart.
Der Amateurstatus wurde 1995 offiziell aufgehoben, und es darf auch am Sonntag gespielt werden. Dennoch ist die beschriebene Mentalität noch immer lebendig und wirksam. Mag sie in Anbetracht der Geschichte der Institutionalisierung und Ausbreitung des Rugby auch nicht durchweg sympathisch erscheinen, so hat sie doch unleugbar zur Verhinderung von Exzessen beigetragen. Ihre Selbstbeschreibung lautet: «Fussball ist das Spiel für Gentlemen, gespielt von Schweinen, und Rugby ist das Spiel für Schweine, gespielt von Gentlemen.»
Ein Gran Chauvinismus ist angesagt, verbale Aggression aber verpönt. Auch ist durchaus üblich, was im Fussball undenkbar bleibt: Schöne Spielzüge des Gegners werden mit Applaus bedacht. Die Adepten der ovalen Freuden versichern: «Beim Fussball prügeln sich die Zuschauer, beim Rugby die Spieler.» Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass bei diesem physisch ungeheuer intensiven Sport die Gefahr von Gewaltausbrüchen am ehesten von den Spielern selber kommt. Dem soll durch die Rolle des Feldschiedsrichters Einhalt geboten werden. Er ist eine unantastbare Autorität, die allfällige Proteste gegen ihre Entscheide durch Verwarnungen und Pfeifen von Strafstössen im Keim erstickt.
Selbst dem Duell zwischen England und Irland können die Organisatoren stets mit Gelassenheit entgegensehen. Beim Team mit den grünen Trikots handelt es sich nämlich um eine gesamtirische Auswahl, der auch nordirische Spieler angehören. Dadurch bleiben die Ressentiments gedämpft. Rugby war in Irland seit seiner Einführung eine eher protestantische Angelegenheit. Traditions- und identitätsbewusste katholische Iren ziehen dem Rugby oder dem Fussball noch heute die Nationalsportarten Hurling und Gälischer Fussball vor.
Hintergrund des generell friedlichen Ablaufs internationaler Begegnungen ist auch eine gewisse Stagnation der Ausbreitung des Sports. Durch die Einführung von im Vierjahrestakt stattfindenden Weltmeisterschaften im Jahre 1987 und die darauf folgende Professionalisierung ging zwar ein Ruck durch den Rugbysport. Aber von einer wirklich spürbaren globalen Zunahme seiner Bedeutung und Popularität kann keine Rede sein.
Die notwendige zeitliche und körperliche Investition, um Profispieler zu werden, steht in keinem Verhältnis zu den durchaus nicht exorbitanten Löhnen. Was den Ruhm und das Salär angeht, wird Rugby nie mit Fussball konkurrieren können. Das trifft umso mehr für die Aussenseiterländer zu. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Phalanx der fünf grossen Mannschaften (Australien, Neuseeland, Südafrika, England, Frankreich) auch langfristig nicht durchbrochen wird.
Diese fehlende Aufmischung der Hierarchie führt zu einer gewissen Entdramatisierung. Selbst wenn eine Mannschaft wie Neuseeland also einen WM-Final verliert, ist alles eigentlich halb so schlimm. Denn mit grösster Sicherheit wird sie auch in vier Jahren wieder mindestens in den Halbfinal vordringen.
Das heisst nicht, dass Überraschungen ausgeschlossen sind. An der WM 1991 sorgte Westsamoa mit einem deutlichen Sieg für das Ausscheiden der Waliser. Der Triumph entlockte einem neutralen Pubbesucher damals die Frage, was wohl erst geschehen wäre, wenn ganz Samoa gespielt hätte ...