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Carl Viktor von Bonstetten
... eine "heroische Freundschaft"
Eine unglücklich-glückliche Konstante in Müllers Leben, die Freundschaft mit dem sieben Jahre älteren Bonstetten, begann 1773 und dauerte bis fast zu Müllers Tod 1809.
Carl Viktor von Bonstetten (1745-1832), Berner Patrizier und Gelehrter, war wie Müller von den Ideen der Aufklärung geprägt und veröffentlichte mit diesem zusammen 1782 das Buch "Briefe über ein schweizerisches Hirtenland". Es blieb das einzige in Co-Autorschaft erstellte Werk. Nur den Winter 1784/85 verbrachten die beiden Freunde gemeinsam auf Bonstettens Landsitz in Valeyres (VD), sonst lebten sie immer weit voneinander entfernt. Die Liebschaften Bonstettens galten Frauen. Durch ihre Briefe aber blieben sie einander über Jahrzehnte hinweg in einer Art egalitärer Freundesliebe oder - ein Begriff jener Zeit - "heroischer Freundschaft" verbunden.
Zum Abschluss der 20 Bände umfassenden "Historisch-kritischen Ausgabe der Schriften und Briefkorrespondenzen Karl Viktor von Bonstettens" erschien in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) vom 5. Juli 2011 eine Würdigung von Urs Hafner. Darin schreibt er:
"Innig gestaltet sich die früh geschlossene Freundschaft mit Johannes von Müller. Die beiden reden sich in ihren Briefen jahrelang mit 'Prinz' und 'Prinzessin' an, wobei Müller, der wegen seiner Homoerotik wiederholt in grösste Schwierigkeiten gerät, der weibliche Part zukommt. Später missbilligt Bonstetten Müllers Präferenzen, doch der Freundschaft tun sie keinen Abbruch. Rückblickend hält er fest: 'Meinem Freund allein gab ich meine innerste Seele zu kennen. Diese Seele hätte ich selbst ohne das Licht der Freundschaft nie gekannt. Die wahre Sonne, die alles in uns entwickelt und belebt, ist Liebe und Freundschaft. [...]' "
1798 und 1802 wurden die Briefe Müllers an Bonstetten ohne Wissen ihres Autors veröffentlicht. Sie belegen diese besondere Freundschaft mit auch für den heutigen Leser berührenden Worten. Einige Beispiele:
Schaffhausen, 14. Mai 1773
"Es ist immer um gute Bekanntschaften eine nützliche Sache, man nennt auch sehr oft diejenigen Freunde, deren Bekanntschaft uns schätzbar ist. Wenn aber die Seelen sich vereinigen, [...] wenn ich meinem Freund ins Mark seiner Seele sehe, nicht den Edelgeborenen, nicht den Gelehrten, sondern den guten und den weisen Menschen aus innerstem Grund meines Herzens liebe, und unserem Jahrhundert zum Vorwurf und zur Lehre, zum Ruhm der menschlichen Natur und unserer Nation von nun an durch alle Jahre meines Lebens liebe - dann, edler Bonstetten! verdient diese Vereinigung den eigentlichen heiligen Namen der Freundschaft, und wir erheben uns zur Grösse der vortrefflichsten Menschen."
26. Mai 1773
"Einiges in Ihrem Briefe kann allenfalls ein anderer auch schreiben, vieles aber konnte niemand schreiben als mein Bonstetten. Wär ich bei Ihnen, so könnte ich in einer einzigen Umarmung von unserer Freundschaft Ihnen mehr sagen, als mein gerührtes Herz in zwanzig Briefen ausdrücken kann. [...] Der Gott der Freundschaft schuf Sie für mich, vielleicht mich auch für Sie."
Genthod bei Genf, 6. Februar 1778
"Ich verzweifle, Dich je genugsam lieben zu können; ich bin Dir das Leben schuldig, vorher besass ich nur das Dasein; und nun erfüllst Du mein Herz, welches mich sonst in Torheiten leiten würde."
Boissière bei Genf, 11. Mai 1779
"Es ist kein Tag im Leben, da ich meines Freundes nicht bedürfte, keine kleine Handlung noch Freude, noch Traurigkeit, von deren ich ihn nicht gern teilhaftig machte, und ich nicht gern von ihm wissen und mit ihm teilen möchte. [...] Vergiss nie, dass kein Glied deines Körpers, noch keine Kraft deiner Seele mehr Dein eigen ist, als ich Dein bin. Stündlich fühle ich die Unvollkommenheit alles gegenwärtigen und Unsicherheit alles künftigen Wohls ohne Deine Freundschaft."
Kassel, 16. Juni 1781
"Adieu, Geliebtester, ich küsse Dich zärtlich. Komm zu mir; ich lebe meine Tage fern von aller Traurigkeit und allem Verdrusse ruhig dahin."
Ernst Ostertag, Januar 2005, Juli 2011