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Ist die Gemeinde Collombey-Muraz im Walliser Chablais, deren Bauzone 16% der Gemeindefläche beträgt, eine zersiedelte Landschaft? In der Region sprechen einige Leute von einer kontrollierten Entwicklung, andere von einer übermässigen Zersiedelung. Ein Augenschein.
"Als mein Bruder und ich als Kinder am Ufer der Rhône spielten, machten wir keinen Unsinn, weil wir wussten, dass die Mutter uns vom Küchenfenster aus beobachten konnte", sagt ein 60-Jähriger aus der Stadt.
Heute kann man von den Häusern des alten Dorfkerns von Collombey aus kaum noch die Spitzen der hohen Bäume am Flussufer sehen, die nur einen Kilometer entfernt sind. Seit den 1970er-Jahren ist die Gemeinde, in der fünf Dörfer liegen, von 2500 auf fast 10'000 Einwohner angewachsen. Die Felder wurden zuerst mit Einfamilienhäusern überbaut, dann in jüngster Zeit mit kleinen Mehrfamilienhäusern und riesigen Einkaufszentren.
Die interaktive Karte von swisstopo. Wenn Sie auf "In map.geo.admin.ch ansehen" klicken, können Sie die Entwicklung der Besiedelung seit Mitte des 19. Jahrhunderts beobachten.
Der Supermarktbereich
Yannick Buttet (41), der seit 2013 Gemeindepräsident von Collombey-Muraz ist und bis 2018 Nationalrat (grosse Parlamentskammer) war, will aber nicht von Zersiedelung sprechen. "Unser Bauland ist zwar ausgeschöpft, aber auf der gesamten Fläche dieser grossen Gemeinde [fast 30 km2] entsprechen die Anteile der verschiedenen Zonen jenen in der übrigen Schweiz: Berge, Wälder, und landwirtschaftliche Flächen sind noch sehr präsent, die Bauzone beträgt 16%. Vor sechs Jahren haben wir beschlossen, die Bauzone nicht zu erweitern, ausser in Fällen, die absolut notwendig sind, wie zum Beispiel für ein öffentliches Versorgungsvorhaben."
Während das rasante Wachstum der Gemeinde die alten Bewohner, die in einem Dorf geboren wurden und heute praktisch in einer Stadt leben, schockiert haben mag, weist der Gemeindepräsident darauf hin, dass Collombey-Muraz "vom Raumplanungsamt des Kantons Wallis als Vorzeige-Beispiel genannt wird, weil unsere Entwicklung strukturiert wurde".
Kevin Morisod, der auch aus der Region stammt, teilt diese Meinung nicht. Der 25-Jährige ist Co-Präsident der Jungen Schweizer Grünen, welche die Initiative gegen die Zersiedelung lancierten. Es gebe in seiner Gemeinde "mehrere Beispiele für eine erhebliche Zersiedelung", sagt er.
Für ihn ist "die Gewerbezone ein typisches Beispiel dafür, was wir falsch gemacht haben. Wir errichteten Gebäude, die meisten davon auf einem einzigen Stockwerk, wir stellten Parkplätze an die Oberfläche, alle in landwirtschaftlichen Gebieten, für Unternehmen, die jetzt nacheinander schliessen. Darüber hinaus wurden die Menschen vom Auto abhängig gemacht. Sie haben keine andere Wahl, um einzukaufen oder zur Arbeit zu gehen. Collombey-Muraz wurde in eine Stadt der Pendler verwandelt."
"OK, die Gewerbezone ist überdimensioniert", räumt Yannick Buttet ein. Der Gemeindepräsident erinnert daran, dass die Behörden angesichts der Krise und Arbeitslosigkeit in den 1990er-Jahren auf den Beginn mindestens eines Bauprojekts gehofft hatten. "Heute sind die Gebäude da, und wir wissen, dass mit der Entwicklung des E-Commerce die Nachfrage nach Geschäftsflächen sinkt. Es handelt sich um einen globalen Trend. Wir müssen also neue, vielfältigere Lösungen suchen, zum Beispiel eine Bowlingbahn oder ein Kino".
Die Spielregeln sind bereits festgelegt
Wenige Kilometer von Collombey entfernt, in der Waadtländer Stadt Aigle, ist Georges Mariétan ein aufmerksamer Beobachter der Entwicklung dieses Chablais, das sich auf zwei Kantone verteilt. Der ehemalige Walliser Parlamentarier ist heute Generalsekretär der Region Chablais und Leiter des Projekts Agglomerationexterner Link, an dem sechs Gemeinden mit einer Bevölkerung von 50'000 Personen beidseits der Rhone beteiligt sind.
Mariétan würde die Region nicht als zersiedelt bezeichnen, obwohl er zugibt, dass "in der Vergangenheit die Bewirtschaftung des Bodens etwas dem Ermessen der Gemeinden überlassen war, ohne allzu einschneidende Einschränkungen". In den 1980er- und 1990er-Jahren erlaubte die Gesetzgebung dies. "Aber die Dinge haben sich in den letzten fünfzehn Jahren geändert", sagt Mariétan. "Und jetzt haben wir das revidierte Raumplanungsgesetzexterner Link, das 2013 vom Stimmvolk angenommen wurde und sehr präzise Spielregeln festlegt. In den letzten Jahren gab es daher keine signifikante Zunahme der Bauzone oder des überbauten Bodens."
Ist die Zersiedelungsinitiativeexterner Link also überflüssig? Für den Regionalsekretär bringt der Text der Jungen Grünen "nichts Effektives im Hinblick auf das Ziel, unsere Landschaft zu erhalten und die Zersiedelung zu verhindern. Ausserdem darf die Entwicklung nicht stagnieren und unter eine Glocke gesteckt werden, wie es die Initiative möchte".
Yannick Buttet stimmt dem zu. "Ich vertraue den gewählten Behörden. In Collombey-Muraz haben wir uns freiwillig entschieden, die Bauzone nicht zu vergrössern, um die Qualität unserer Entwicklung zu gewährleisten, dafür brauchen wir keine Eidgenössische Initiative."
Eine andere Welt
"Ich habe den Eindruck, dass man die Menschen vergisst", sagt der Gemeindepräsident. "Die Jungen Grünen greifen auf ein Klischee zurück. Sie schlagen etwas sehr Strenges vor, das überhaupt nicht flexibel ist. Wir wissen, dass es nie funktionieren wird. Oder sie hätten konsequent sein und klar machen müssen, dass ihre Initiative tatsächlich darauf abzielt, das Wachstum zu stoppen."
Morisod streitet nicht ab, dass seine Partei für einen ökologischen Wandel kämpft. "Wir haben Fragen zur Gestaltung der Kampagne gestellt. Sollen wir eine sehr junge grüne Botschaft vermittelt, indem wir über gesellschaftlichen Wandel, Nachhaltigkeit, globale Erwärmung, Biodiversität sprechen, mit dem Risiko, dass wir den Menschen Angst machen? Oder sollen wir uns auf die Botschaft über die Urbanisierung beschränken, um das bestmögliche Resultat zu erzielen? Und wenn wir nicht gewinnen, wird ein gutes Abstimmungsergebnis bereits ein Druckmittel für die zweite Revision des Raumplanungsgesetzes sein, das bereits auf dem Tisch liegt."
Es war einmal eine Raffinerie
1963 wurde in Collombey-Muraz die erste Ölraffinerie der Schweiz eröffnet. Nach Jahrzehnten turbulenter Geschichte wurde der Standort 2015 endgültig geschlossen und hinterliess eine 130 Hektar grosse Industriebrache mit stark verschmutzten Flächen.
Der Promotor Christian Constantin plante einst den Bau des Olympiadorfes Sion 2026, das später in eine ökologische Stadt der Zukunft umgewandelt werden sollte, aber die Walliser stimmten gegen die Spiele. Im Moment weiss niemand, was mit diesen Flächen in der Industriezone geschehen soll. Die Chancen (oder Risiken?), dass sich in der Region eine grosse Fabrik niederlassen könnte, liegen praktisch bei Null.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)