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Die nachfolgende Zusammenfassung der Legende der Heiligen Lemusa beruht auf der Fassung, die Jean-Paul Cosquer überliefert hat («Abrégé logique de l'histoire et de la nature de S. Lemousa». Paris: Jean-Thomas Herissant, 1756). Wobei der Dominikaner-Pater selbst explizit am Wahrheitsgehalt dieser Erzählung zweifelte. Die Legende illustriert auch, wie man sich das Verhalten der indianischen Ureinwohner mit durchaus europäischen Mustern zu erklären versuchte – ähnlich wie man sich bei der Darstellung der Eingeborenen mit Patterns der christlichen Ikonographie behalf.
Mit den ersten Siedlern kommen in den 1640er Jahren auch die ersten christlichen Missionare nach Santa Lemusa. Sie sind vor allem im Süden der Insel in den Dörfern der Indianer tätig, die sie zum rechten Glauben bekehren wollen. Zunächst sind sie ziemlich erfolgreich: Der alte Fotuto Heketi, ein einflussreicher Häuptling, lässt sich taufen und bekennt sich zum Christentum. Auch sein Sohn Guaba, der die Macht nach dem Tod des Vaters übernimmt, steht dem Christentum zunächst nahe. Eines Tages jedoch verliebt sich Guaba in die schöne Lemusa, die Ziehtochter eines Missionars namens Jean-Baptiste. Er befiehlt dem Pater, ihm Lemusa zu überlassen - als Häuptling hat er das Recht dazu. Lemsua ist jedoch bereits dem Herrn Jesus versprochen: Sie will nach Frankreich zurückkehren, dort in ein Kloster eintreten und hat aus disem Grund auch bereits die Avancen eines französischen Schiffsingenieurs zurückgewiesen. Als Père Jean-Baptiste deshalb Guabas Wunsch nicht erfüllt, wird dieser wütend und schwört auf der Stelle dem Christentum ab. Am Abend desselben Tages erklärt Guaba öffentlich, dass er alle töten werde, die weiterhin «beten». Die Missionare ahnen, dass da schwere Prüfungen auf sie zukommen - sie versammeln sich heimlich in der Hütte von Jean-Baptiste und beten die ganze Nacht. Am nächsten Tag beruft Guaba eine grosse Gerichtsversammlung ein, an der auch die Missionare teilnehmen müssen. «Diejenigen unter euch, die nicht beten, sollen an meiner Seite bleiben», erklärt er: «die anderen sollen dort unter den grossen Regenbaum treten». Als erste tritt Lemusa aus der Gruppe hervor und geht auf den Baum zu - die anderen folgen ihr. Guaba zwingt alle Missionare, das Dorf zu verlassen - Lemusa aber macht er zu seiner Sklavin. Als er ihr jedoch eines nachts näher kommt, rennt die junge Schönheit aus dem Dorf und stürzt sich von einer Klippe in die Tiefe.
Der Anthropologe Michel Babye weist darauf hin, dass solche Legenden wie die der Heiligen Lemusa, in denen die Indianer oft als brutale Wilde dargestellt wurden, während der Kolonialzeit oft lediglich dazu dienten, Grausamkeiten gegenüber den Ureinwohnern der Inseln moralisch zu rechtfertigen. (Michel Babye: «La légende de la Sainte Lemusa» in: «Cahiers du Musée historique de Santa Lemusa», 1984, Heft 1.).
First Publication: 4-2007
Modifications: 25-2-2009, 1-11-2011