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Die Zwölf Stämme
Die Zwölf Stämme, auch Jünger Jahschuas, The Vine Christian Communitiy Church, Messianic Communities of New England oder The Church in Island Pond, wurden im Jahr 1972 von Elbert Eugene (genannt Gene) Spriggs in Chattanooga (Tennessee) gegründet. Von Beruf Marktschreier, bekehrte Spriggs sich im Rahmen der Jesus-People-Bewegung und öffnete zusammen mit seiner Frau Marsha sein Haus für Jugendliche, Obdachlose und Arme aus der Umgebung. Es entstand die Gruppe der Light Brigade, bestehend aus Jugendlichen, welche sich um Spriggs scharten und hofften, mit seiner Hilfe Gott zu gehorchen. Sie trafen sich zu gemeinsamen Gebeten, und es kamen nach und nach mehr Leute dazu. Die Anhänger von Spriggs gaben ihre bisherige Wohnung und ihr Privateigentum auf und man zog in gemeinsame Wohnstätten, wo der ganze Besitz unter den Anhängern geteilt wurde. Die Gemeinschaft wurde auch wirtschaftlich aktiv und betrieb eine Restaurantkette unter dem Namen „Yellow Deli“. Die gastronomischen Betriebe verbreiteten sich, wie dies auch die wachsende Gemeinschaft tat, in die Bundesstaaten Alabama und Georgia. 1978 erwarb die Gemeinschaft rund um das Ehepaar Spriggs ein eigenes Domizil im Bundesstaat Vermont. Im Dorf Island Pond entstanden neue, von der Gemeinschaft betriebene Unternehmen. Zahlreiche Anhänger folgten den Spriggs nach Vermont und verliessen ihre Wohnorte in den Staaten Tennessee, Georgia und Alabama. Spriggs leitet die Gemeinschaft seither von Vermont aus.
Intern wird Spriggs mit dem hebräischen Namen „Yoneq“ bezeichnet, was „Zweig, Sprössling“ bedeutet und auf Ez 17,22ff. Bezug nimmt, wo Gott einen Schössling einpflanzt und zu einem neuen Baum wachsen lässt. Dieser Schössling will Spriggs alias Yoneq sein. Zudem beinhaltet die Namenswahl auch ein Wortspiel mit Spriggs’ Nachnamen: englisch „sprig“ bedeutet ja ebenfalls „Sprössling, Zweig“.
Die Benennung der Gemeinschaft als die „Zwölf Stämme“ bezieht sich auf deren Vorstellung, das neue, endzeitliche Israel darzustellen.
Im Jahr 1984 trennte sich eine Gruppe von Mitgliedern von Spriggs und seinen Anhängern und beschuldigte diese der Kindsmisshandlung. Als Folge dieses Ereignisses wurden 112 Kinder vom Sozialamt aus ihren Familien und der Gemeinschaft geholt, durften jedoch kurze Zeit später aufgrund eines richterlichen Beschlusses wieder zurück in ihre Familien.
Während der Achtzigerjahre sandten die Zwölf Stämme Anhänger in zahlreiche Länder aus, um eigene Gemeinschaftssiedlungen an diesen Orten zu gründen. Ziele dieser Expansion waren Frankreich, Kanada, Brasilien, Neuseeland und weitere Teile der USA. Spriggs selbst gründete in Frankreich die ersten Zweige der europäischen Zwölf Stämme. 1994 entstand die erste Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum im deutschen Pennigbüttel. Seit dem Jahr 2000 ist die deutsche Niederlassung der Zwölf Stämme im Klosterzimmern/Bayern domiziliert, wo sie als Selbstversorger das Gelände einer ehemaligen Abtei bewirtschaftet. Weltweit zählen sich ca. 2500 Anhänger zu der Gemeinschaft. In der Kommune in Klosterzimmern leben ca. 60-80 Personen. Infolge von Problemen mit den deutschen Behörden wegen ihrer Weigerung, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken und wegen der regelmässig geübten kör- perlichen Züchtigung existieren offenbar Pläne, die Kommune in Klosterzimmern nach Tschechien umzusiedeln.
Die Anhänger der Zwölf Stämme leben in der Überzeugung, dass alle anderen Kirchen vom wahren Glauben abgefallen sind. Yoneq wird mit den folgenden Worten zitiert: „Wir sind das einzige wahre Werk Gottes auf der Erde seit den Aposteln.“ Sie Gemeinschaft zeichnet sich daher durch einen sehr starken Exklusivitätsanspruch aus und erwartet von ihren Mitgliedern eine radikale Umorientierung ihres Lebens.
Die Bibel gilt als Grundlage des Glaubens und wird sehr doktrinär und fundamentalistisch ausgelegt. Die Gruppe erwartet die baldige Rückkehr von Jesus, welchen sie Yahshua nennt, was der ursprüngliche Name von Jesus gewesen sei. Für Yahshua sollen bei seiner Wiederkunft insbesondere die Kinder der Gemeinschaft eine reine Generation, eine reine Braut darstellen. Die Wiederkunft Jesu wird jeweils nachgestellt in den Trauungen der Gemeinschaft, wobei die Braut jeweils die Organisation und der Bräutigam Yahshua verkörpert.
Zu den Regeln welche die Gruppe aus der Bibel ableitet, gehören etwa die Kleidervorschriften: Frauen haben weite Hosen oder lange Röcke und lange Haare zu tragen. Für Männer ist das Tragen von Bärten und langen Haaren Pflicht. Diese Regeln begründet die Gruppe mit Vorschriften aus dem Alten Testament. Dazu passt, dass die Kinder jüdische Vornamen erhalten, sowie die Feier des Sabbats, an welchem man nach jüdischer Tradition nicht arbeiten darf.
Die Gruppen leben gemeinsam in Kommunen, in welchen alle finanziellen und materiellen Mittel geteilt werden und kein Privatbesitz zulässig ist. Diese Kommunen leben als Selbstversorger, die Mitglieder arbeiten z.T. äusserst hart, für viele Aufgaben, etwa in der Landwirtschaft, wird auch auf die Kinder als Arbeitskräfte gesetzt.
Die Kommunen werden von einem Rat (council) bestehend aus den ältesten Männern der Kommune geleitet. Diese Ratsmitglieder haben eine überwachende Funktion (overseers) und sind die unangefochtene Autorität der jeweiligen Kommune. Die einzelnen Kommunen sind Elbert Eugene Spriggs alias Yoneq verantwortlich, der die Gemeinschaft mit Hilfe eines Kreises engster Gefährten aus der Anfangszeit in Tennessee leitet, der sich apostolic council nennt. Wer Yoneq kritisiert, riskiert ausgeschlossen zu werden. Für seine Anhänger steht Yoneq jenseits menschlicher Schwächen, wenn er etwa einen seiner Wutausbrüche hat, dann verliert er in der Sicht der Zwölf-Stämme-Mitglieder nicht etwa seine Fassung, nein, er bringt Gottes Zorn zum Ausdruck.
Die Frauen sind den Männern in allen Dingen unterstellt und haben zu gehorchen. Der Ehemann bestimmt das Schicksal der Familie. Staatliche Sozialleistungen werden abgelehnt, ebenso auch Versicherungen. Die Kinder werden in der Kommune unterrichtet, um sie vor falschen Einflüssen zu schützen und zur reinen Braut Yahshuas heranzuziehen. Die Missachtung der Schulpflicht hat die Gruppe schon öfter mit dem Gesetz in Konflikt gebracht. Besonders problematisch sind aber die Lehren zur Züchtigung als notwendiger Erziehungsmassnahme.
Yoneq drückte seine Vorstellung von Freiheit und Autorität einst so aus: „Je mehr wir uns der Autorität unterziehen, desto einfacher wird unser Leben… Die Blumen und Vögel überlegen sich nichts. Wir sollten sein wie sie.“ Autorität spielt bei der Erziehung in der Gemeinschaft der Zwölf Stämme eine entscheidende Rolle. So sollen, wie das oben genannte Zitat zeigt, nicht nur Kinder, sondern die ganze Gemeinschaft, das eigenständige Denken einstellen und blind der Autorität Gottes und jener von Yoneq folgen.
Da jede Kommune von einem Ältestenrat geleitet wird, dessen Entscheidungen nicht hinterfragt werden können, sind die Mitglieder selbst einer strikten Autorität unterstellt. Genau die gleiche Autoritätshörigkeit welche von den Mitgliedern erwartet wird, erwarten männliche Kommunenbewohner auch von ihren Frauen. Denn Frauen haben jederzeit ihrem Ehemann zu gehorchen, da er das Schicksal der Familie zu bestimmen hat. Kinder wiederum sollen die Eltern als unhinterfragbare Autorität akzeptieren.
Kinder sind für die Zwölf Stämme entscheidend wichtig, da sie einerseits Garanten für die weitere Existenz der Gemeinschaft sind, und sie andererseits bei Yahshuas Rückkehr dessen reine Braut bilden sollen. Kinder aufzuziehen ist deshalb eines der Hauptziele der Zwölf Stämme. Aktuell sind die Hälfte der Mitglieder der Zwölf Stämme jünger als achtzehn Jahre alt. Diese Zahl erklärt sich insbesondere durch die von der Gemeinschaft gelehrte Pflicht für alle verheirateten Personen, eine möglichst grosse Kinderzahl aufzuziehen.
Damit die Kinder zu einer reinen Braut Yahshuas heranwachsen, hält es die Gemeinschaft für notwendig, deren Eigenwillen zu brechen, womit möglichst früh begonnen werden soll.
Säuglinge werden so gewickelt, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Durch diesen „restraint“ hat schon das Kleinkind zu lernen, dass die Eltern das eigene Handeln bestimmen.
Die Kinder arbeiten wie die Eltern in den kommuneneigenen Betrieben. Diese Kinderarbeit wird als pädagogisch sinnvolles Zusammensein von Kindern und Eltern deklariert. Durch die Arbeit mit den Eltern werden die Kinder jederzeit kontrolliert und können sofort bestraft werden, falls ein Fehler passiert ist.
Nebst der Arbeit und der Schule bleibt kaum Zeit zum Spielen. Dies ist auch so von den Erziehern gewollt, da freies Spiel bestraft wird. Die Mitglieder sind davon überzeugt, dass in der Welt der Fantasie und des Spielens der Teufel wartet. Spielzeug, auch selbstgebasteltes, ist deshalb verboten.
Fantasiespiel, das Basteln von Spielzeug und andere Regelverstösse der Kinder werden augenblicklich mit Schlägen durch Erzieher bestraft.
Züchtigung der Kinder als Bestrafung steht an der Tagesordnung. Sie wird mit flexiblen Ruten in Kellerräumen vollzogen, nicht nur von den eigenen Eltern und den Lehrpersonen, sondern auch von anderen Erwachsenen, was sogar in Ländern, in denen Körperstrafen in der Erziehung nicht grundsätzlich verboten sind, einen Straftatbestand darstellt.
Züchtigung mit der blossen Hand wird hingegen abgelehnt, da laut Yoneq aus der Hundeerziehung bekannt sei, dass Schläge mit der Hand eine negative Wirkung haben würden (allerdings ist inzwischen sogar in der Kynologie jede Form der Körperstrafe verpönt, was Yoneq offenbar entgangen zu sein scheint).
Die Zwölf Stämme haben in der Vergangenheit keinen Hehl aus ihren Erziehungsmethoden gemacht. So konzedierte Gene Spriggs öffentlich: „Unsere Kinder wurden aufgezogen mit der Rute der Korrektur, wir streiten das nicht ab“. Die Notwendigkeit der Züchtigung begründete Yoneq in einem Erziehungsleitfaden so: „Wie die Geschichte lehrt, ist die Züchtigung mit körperlichen Schmerzen die normale Methode, um Kinder unter Kontrolle zu bringen. Es ist ein natürliches Gesetz. Sohnsein bedeutet, einen Vater zu haben, der dich genug liebt, um dich zu züchtigen – und auch auszupeitschen, wenn es nötig ist. Also muss ein Kind gezüchtigt werden, um ihm Liebe zu zeigen, nur so wird es für die Gemeinschaft wieder akzeptabel.“
In der deutschen Kolonie in Klosterzimmern filmte ein Fernsehjournalist vor zwei Jahren die Züchtigungspraxis mit versteckter Kamera, was dazu führte, dass ein Grossteil der Kinder fremdplaziert wurden.
Schweizerinnen und Schweizer, welche sich den Zwölf Stämmen anschliessen, werden Mitglied einer Kommune im Ausland. In der Schweiz selbst existiert zur Zeit keine Niederlassung der Zwölf Stämme.