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Doch, vorerst zu einer wichtigen Nebensache: das Zweischichtenbild. Wir verstehen darunter den Umstand, dass sich in dem Kulturraum, in welchem das Alte Testament spielt, im besonderen in Moses Büchern, zwei ganz verschiedene Kulturen treffen und vermengen, die wir hier - in Analogie zu ähnlichen Bedingungen der Moderne - als Erste und Dritte Welt bezeichnen wollen. <11> Ägypten war im Neuen Reich eine Hochkultur, mit einem zentralisierten Staatssystem, mit ausgebildeter Verwaltung und einem organisierten Heer, mit ausgedehnten Verkehrswegen, mit Schrift und Monumenten, und mit vielfältigen internationalen Beziehungen.
Mose dagegen gehörte zu den in jener Zeit über den ganzen ägyptisch-assyrischen Korridor nomadisierenden Hirten und Viehzüchter, die unter sich meist noch stammesrechtlich organisiert waren. Nach Ägypten eingewandert, oder dorthin verschleppt, leisteten sie im Neuen Reich an zivilisatorischen Projekten und Prestigebauten wohl meist physische Arbeit. Sie hatten im ägyptischen Staat keine Rechte, wurden bedrängt durch staatliche Fronvögte und sogar durch geheim angeordnete Kindsentwendungen. Für die Figur Mose heisst das somit: er ist zum einen äusserst privilegiert durch seine Erstwelt-Ausbildung und seinen Umgang am pharaonischen Hof. Zum andern aber bleibt er seiner Stammeskultur aufs Engste verbunden, wie der Mord an einem Ägypter und seine anschliessende Flucht in die Sinai-Gegend zeigt.
Gehen wir kurz zurück zu Moses Curriculum am Anfang des zweiten Buchs. Es ist erstaunlich kurz. Nur zwei - jedoch vielsagende - Punkte werden gegeben. Sie stehen gegensätzlich. Das Buch beschreibt seinen Zugang (Binsenkörbchen) und Abgang (Ägyptermord) vom pharaonischen Hofe. Wir können sicher annehmen, dass er als Adoptivsohn einer Königstochter eine hochrangige 'Erstwelt'-Erziehung erhielt, mit grosser Wahrscheinlichkeit auch im Innen- oder Aussenministerium zum Spezialisten für Hebräerfragen ausgebildet wurde. Dass in jener Zeit Semiten in die Schreiberschulen aufgenommen und zum 'aussenpolitischen' Dienst ausgebildet wurden, ist auch aus ägyptischen Quellen bekannt. Wir können entsprechend annehmen, dass er sich im damaligen Staatsrecht recht gut auskannte.
Nun aber die Flucht! Sie führt direkt ins Hirtenmilieu. Er wohnt bei einem Brunnen an dem - wohl oft - sieben Töchter Wasser schöpfen und die Schafe ihres Vaters tränken. Die Mädchen werden belästigt. Mose setzt sich ein und wird von ihrem Vater in seine Hütte gerufen. Recht umgehend wird geheiratet. Wir erfahren den Stamm (Madianiter), den Namen der Frau (Zippora), die Mose einen Sohn (Gersom) gebar, und den Namen des Schwiegervaters (Jethro). Überdies hören wir etwas ganz wichtiges: dass Jethro Priester ist. Das darf man nun natürlich nicht mit dem pharaonischen Hof verwechseln, Mose hütet hier Schafe. Jethros Priestertum hatte nichts mit ägyptischem Reichs-Pomp zu tun. Er war vielmehr - auf der Ebene einer Stammesorganisation von mehr oder weniger nomadisierenden Viehzüchtern - wohl verantwortlich für ein kleines traditionelles Heiligtum, das seinem Haus und der entsprechenden Sippe zugeordnet war. <12>
Recht schnell und motiviert springt der Text dann zu jenem seltsamen Ereignis über, das offensichtlich fundamentale Bedeutung hat. Es handelt sich um die erste Offenbarung und Mose erhält erstmals seinen Staatsgründungsauftrag.
Diese erste Offenbarung - explizit immer das Grundlegende jeder Religion - spielt nun aber nicht etwa in einem entfernten Universum, nein, sie erscheint recht überraschend gepaart mit Materiellem, dem 'ewig brennenden Dornbusch'. "Ziehe deine Schuhe aus, dies ist ein Heiligtum." Gott spricht aus dem Feuer, resp. aus diesem Busch-Heiligtum. Die Sache passt ganz gut in Jethros Hirtenwelt. Das 'ewig brennen' meint Zyklik, der Busch ist dem Artifiziellen zuzuschreiben. Man wird sich leicht der religionsethnologischen Terminologie erinnern (Fetisch etc.). Vielleicht auch des 'Baums der Erkenntnis' oder der unzähligen vorderorientalischen 'Lebensbäume' u. dgl..<13>
Jedenfalls, wie gesagt, Mose erhält hier - in diesem 'primitiven' Umfeld - seinen Auftrag, zugleich seinen (heiligen) Gründerstab. <14> Dieses von der jüdischen wie christlichen Lehre meist als beiläufige Episode behandelte Ereignis erweist sich nun als Schlüssel zum Ganzen. Die einleitend erwähnten, strukturellen Analogien der mosaischen Bücher zum ägyptischen Reichskult werden von einer neuen Seite zusätzlich gestützt. Die Bücher 2 - 5 bilden wesentlich den entwickelten Erstwelt-Teil der mosaischen Verfassung. Um sie aber in den Augen der Hebräer, der stammesmässig organisierten Hirten-Nomaden, zu stützen, brauchte er einen Hirtenkult. Mose griff somit, in Analogie zu den ägyptischen Lokal-, Gau- und Reichsverfassungen auf eine Tradition zurück, die in den Augen des Volkes, das er anführte, legitim erscheinen musste. Er knüpfte an Jethros Hirtentradition an. Sein Hirtenheiligtum diente ihm als Ort der ersten Offenbarung, zugleich der Legitimation seiner entwickelten Kult-Verfassung.
Kurz, Mose hat zwei Verfassungstypen synthetisiert. Stiftshütte und Dornbusch, Erst- und Drittweltheiligtum. Es fällt nun auch auf, dass das Alte Testament hebräisch zwei verschiedene Namen für Gott verwendet. Neben Jahwe - sehr wahrscheinlich eine Neuschöpfung - erscheint auch das Wort Elohim, das durch seine umfassendere Bedeutung äIter scheint. <15> Ausschlaggebend: Jethro verwendet das Wort Elohim, wenn er von Gott spricht!
Wenn das eben Beschriebene heute - aus der Sicht entwickelter Ethiken - anzuerkennen Schwierigkeiten macht, zur Zeit Mose muss es selbstverständlich gewesen sein, ja es stützte recht eigentlich die ganze Verfassung - zumindest in den Augen der damaligen Hebräer, indem es dem von Mose entwickelten Entwurf die nötige zeitliche Tiefe gab. Solche Götter-Synthesen waren - ägyptischerseits - durchaus üblich in jener Zeit, sowohl in den Verhältnissen zwischen Orts- und Gaukulten, wie zwischen Gaukulten und dem Reichskult. Sie indizierten siedlungsgeschichtlich Überschichtung.
Wir wiederholen: die meisten Gaue und Städte des Neuen Reiches in Ägypten waren über 'Göttersynthesen' und Göttergenealogien (Achtheiten, Neunheiten) mit 'ursprünglichen' Götter-Kulten verbunden. Diese gingen in der Regel auf 'Weltschöpfungen' zurück, in denen Objekte wie 'Urhügel' und dergleichen eine Rolle spielten, wobei diese - siedlungstheoretisch gesehen - dem territorialsemantischen System zuzurechnen sind. Diese Göttergenealogien und -Synthesen legitimierten aus der Tiefe der Zeit die Tempel und die entsprechenden Regenten, das heisst die theokratischen Verfassungen.
Woher stammte im Alten Testament der Inhalt des ersten Buches? Überspitzt gesagt: es war ein Ethno-Report. Es handelte sich höchst wahrscheinlich um eine Aufzeichnung der Verbaltraditlon aus dem Hause des Schwiegervaters von Mose. <16>
Das Wichtigste sind vorerst die Geschichten der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Mit ihnen wird der 'Staatsvertrag', der Bund mit Gott, in erster Stufe zeitlich vertieft. Sie sind lokalisierbar (Abraham stammt aus Mesopotamien, Charan) und lassen sich zeitlich ungefähr einordnen. Dagegen sind die Genealogien meist stereotype Aufzählungen, die deutlich ihren Charakter als schematisierte verbale Tradition verraten. Sie zeigen übersteigerte Lebenslängen, die sich nun aber als traditionell legitimierte zeitliche Dehnungen einordnen lassen. In der zeitlich möglichst tiefen Begründung liegt der eigentliche Sinn dieser Genealogien. Die Völkertafel gibt uns dagegen vor allem mit den Völker- und Städtenamen Hinweise, die sich klar auf den vorderorientalisch- nahöstlichen Kulturraum beziehen. Auch die eingestreuten Geschichten sind in diesem Raum fest verankert, Babylon etwa und wohl auch die Sintflutgeschichte samt Noah.
Die Schöpfungsgeschichte erscheint nun in ganz neuem Licht: zum Einen ist sie - in struktureller Analogie zum ägyptischen Vorbild - Legitimation der 'Götter-Synthese' und der darauf ruhenden mosaischen Erstwelt-Verfassung, zum anderen dient sie als klassifikatorischer Code. Die dem Buch vorangestellte Siedlungsgündungslegende signalisiert den Gesamtcharakter des ganzen Werks.
Dass es sich in der sog. Schöpfungsgeschichte um eine Siedlungsgründungslegende handelt, legt ein altbabylonischer Weltschöpfungsmythos <17> nahe. Die gleichen Elemente sind dort vorhanden, doch ist der babylonische Mythos so überdeutlich realistisch, dass es niemandem einfallen würde, ihn makrokosmisch zu deuten. Er spielt überdies mit seiner Schilderung des Schilfmilieus genau an die konkrete Markierungs- Ebene an, die wir mit den Urhügeln und ähnlichem auch von der ägyptischen Grundschicht der 'Mythen' kennen.
Die Sache macht durchaus Sinn. Es scheint nun, von hier aus gesehen, historisch methodologisch völlig illegitim, diesen Rechtstext modern-universalistisch in gigantische Dimensionen auszuweiten. Was für Mose zählt ist vor allem folgendes. Jeder zu seiner Zeit verstand, dass hier eine alte Gründungslegende und der 'Bund' mit Gott für ein künftiges Land stand, eine künftige 'Weltschöpfung' begründete, jene von Kanaan, im gelobten Land! <18> Wie nebenbei aus dieser Sicht das alttestamentliche 'Paradies' zu beschreiben wäre, bleibt einer späteren Arbeit vorbehalten. Der Fruchtbaum wird artifiziell gedeutet und vorderorientalischen Lebensbäumen zur Seite gestellt. Mit diesem Ansatz lassen sich auch recht ungewöhnliche Hypothesen für die Identität der Beteiligten folgern, ebenso für den sog.'Sündenfall' <19>
Auch hier also zeigen sich neue und recht plausible Einsichten, wenn man Mose als aktive Person und als Staatsgründer einsetzt. Er hat offenbar recht frei über seine Möglichkeiten verfügt, folgte aber wesentlich dem damals Gebräuchlichen. Das Problem liegt offenbar bei uns selbst. Wir können diese Nähe des Religiösen zum Staatspolitischen nicht mehr verstehen. Es fällt uns heute schwer, uns abzukoppeln von den scholastischen Versuchen, die Siedlungslegende des Alten Testamentes auf die modern universal-kosmische Ebene zu heben. <20>