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Die gefährlichen Auswirkungen von Unterwasserlärm sind vor allem von Meeressäugern bekannt. Sie sind jedoch bei Weitem nicht die einzigen Meerestiere, denen Schiffslärm, seismische Erkundungen, Tiefseebergbau oder Sonar schadet. Eine neue Übersichtsstudie zeigt eindrücklich, dass Lärm auch für ein breites Spektrum an Wirbellosen gefährlich ist und sogar Ökosysteme beeinflusst.
In der neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Frontiers in Marine Science veröffentlicht wurde, analysierte das internationale Autorenteam hunderte Studien über die Auswirkungen von Unterwasserlärm auf wirbellose Meerestiere wie Muscheln, Schnecken, Seeigel, Seesterne, Garnelen, Quallen, Krabben, Hummer, Würmer, Tintenfische, Oktopusse und weitere.
Die Ergebnisse zeigen, dass vom Menschen verursachter Unterwasserlärm vielfältige negative Effekte auf die Wirbellosen hat, von der Zellebene bis hin zu ganzen Ökosystemen. «Viele Menschen sind überrascht, dass wirbellose Tiere überhaupt Geräusche wahrnehmen können, aber tatsächlich ist der Schall für ihr Überleben von grundlegender Bedeutung», sagt Dr. Marta Solé von der Universitat Politècnica de Catalunya – Barcelona Tech, Erstautorin der Studie. «Licht kann sich im Wasser nicht sehr gut ausbreiten, aber Schall schon, und wirbellose Tiere nutzen Schall auf vielfältige Weise.»
«Menschliche Aktivitäten – vor allem die Schifffahrt – verändern die Geräuschkulisse der Ozeane rapide, und unsere Studie bündelt die neuesten Erkenntnisse über die Auswirkungen dieser Entwicklung», so Dr. Solé weiter.
Zu den zahlreichen Auswirkungen von anthropogenem Lärm auf wirbellose Meerestiere gehören:
- Das Schlüpfen und die Eientwicklung bei Krebstieren kann verzögert werden.
- Bei Larven von Krebstieren, Muscheln und Schnecken können nach Explosionen von Airguns häufiger Missbildungen auftreten und die Sterberate kann sich deutlich erhöhen. Das trifft beispielsweise auf die Larven von Schneekrabben (Chionocetes opilio) zu, die auch im Arktischen Ozean und in der Beringsee vorkommen. Darüberhinaus entwickeln sie sich unter Lärmeinwirkung langsamer.
- Niederfrequente Geräusche, zum Beispiel durch seismische Erkundungen verursacht, können zu Verletzungen und sogar zum Tod führen, z.B. bei Krabben oder Kopffüßern (Tintenfischen, Oktopusse). Letztere wurden an Stränden angespült nachdem der Lärm ihre Hörorgane, die bei der Navigation helfen (Statozysten), beschädigt hatte.
- Seismische Erkundungen schaden auch Zooplankton. Eine Studie zeigte, dass unmittelbar nach den Explosionen von Airguns alle Krilllarven starben. Auch anderes Zooplankton war betroffen.
- Viele Arten zeigen eine Schreckreaktion bei lauten Geräuschen. Langfristige Lärmbelastungen wirken sich ebenfalls auf das Verhalten aus.
- Zu den physiologischen Reaktionen gehören Veränderung des Proteingehalts bei Tintenfischen, wobei einige der Proteine mit Stress zusammenhängen.
- Eine dauerhaft hohe Lärmbelastung verursachte bei Garnelen eine Verringerung der Wachstums- und Fortpflanzungsrate, einen Anstieg der Aggressivität und Sterblichkeit sowie eine geringere Futteraufnahme.
- Selbst ganze Meeresökosysteme können durch Lärm beeinflusst werden, da er die Gesundheit und das Verhalten von Raub- und Beutetieren in den komplexen Nahrungsnetzen verändert.
Neueste Studien zeigten, dass die Tiere insbesondere über die Sinnesorgane reagieren, deren ursprüngliche Funktion darin besteht, das Gleichgewicht in der Wassersäule aufrechtzuerhalten und die Schwerkraft zu spüren.
Die verschiedenen wirbellosen Tierstämme entwickelten drei Arten von Sinnessystemen, mit denen sie Geräusche wahrnehmen: Rezeptoren an der Körperoberfläche, innere Rezeptoren in der Statozyste (Äquivalent zu den Ohren) und sogenannte chordotonale Organe an den Gliedmaßen, über die nur Krebstiere verfügen. Einige der Tiere können auch selbst Geräusche erzeugen, wie beispielsweise Jakobsmuscheln, Hummer, Krebse, Garnelen und Krabben.
«Unsere Studie unterstreicht, dass diese Tiere in einer reichhaltigen Unterwasser-Geräuschkulisse leben», sagt Dr. Sophie Nedelec von der University of Exeter, Co-Autorin der Studie. «Wir müssen dringend mehr über die Auswirkungen der Lärmbelastung auf diese Tiere und Ökosysteme wissen. Wenn man bedenkt, dass Lärm Wirbellose von der Zellebene bis zum Ökosystem beeinflussen kann, müssen wir interdisziplinäres Fachwissen zusammenbringen, um eine ganzheitliche Sichtweise des Problems zu erreichen.»
Unterwasserlärm wird vor allem durch Schiffe, Bohrungen, seismische Erkundungen, Tiefseebergbau, Ausbaggerungen und Sonar verursacht.
Für die wirbellosen Bewohner arktischer Gewässer ebenso wie für Meeressäuger steht zu befürchten, dass der Unterwasserlärm mit dem schwindenden Meereis und dem daraufhin wachsenden Schiffsverkehr und der sich ausweitenden Ressourcenexploration in Zukunft zunehmen wird.
In der Antarktis dürfte es unter Wasser ruhiger sein, da jegliche Aktivitäten, die auf die Erkundung mineralischer Ressourcen abzielen, untersagt sind, wissenschaftliche Forschung ausgenommen. Allerdings gibt es auch dort seismische Erkundungen in riesigem Ausmaß, z.B. durch Russland. Ob diese ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dienen, ist fraglich. Hinzukommt der Schiffsverkehr im Südlichen Ozean, der hauptsächlich aus Fischereischiffen und Kreuzfahrtschiffen besteht, wobei sich letztere insbesondere entlang der Westseite der Antarktischen Halbinsel konzentrieren.
«Angesichts der zahlreichen vom Menschen verursachten Belastungen – unter anderem durch den Klimawandel und die Fischerei – müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um den Unterwasserlärm zu begrenzen», sagt Dr. Nedelec abschließend.
Julia Hager, PolarJournal