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Die Strasse war kurvig und zwang den Nachtbus zu einem langsamen Tempo, und wir brauchten Stunden, um aus der Stadt Oaxaca an die Küste zu gelangen, die doch auf der Karte so nahe gelegen aussah. Aber alles ist grösser in Mexiko, und alles dauert länger. So erreichte ich eines Sonntagmorgens früh den Küstenort Puerto Escondido – wer leidenschaftlich surft, hat den Namen bestimmt schon gehört – und nur wenige Stunden später stand ich zum ersten Mal auf dem Surfbrett, oder besser: Ich versuchte darauf zu stehen. Nach zwei weiteren Versuchen konnte ich mich einigermassen auf dem Brett halten.
Einen besseren Start in mein Reiseabenteuer, das mir noch am Vorabend Sorgen bereitet hatte, hätte ich mir nicht wünschen können. Ich fand ein schönes kleines Hostel und lernte junge Menschen aus aller Welt kennen, die wie ich herumreisten und von denen ich wertvolle Reisetipps erhielt. Es gefiel mir so gut, dass ich gut eine Woche dort blieb, und mich dann wunderte, ob ich eigentlich zum Reisen oder zum Ferienmachen hergekommen war.
Ich verbrachte viel Zeit mit schnorcheln und baden an den traumhaften Stränden, trank Kaffee und plauderte mit meinen neu gewonnenen Freunden in den Hängematten auf der Dachterrasse des Hostels, schlenderte auf den «mercado communal», um etwas zu essen, oder ging mit der halben Belegschaft und Gästen des Hostels in eine Salsa-Bar, um bis in die Morgenstunden zu tanzen.
Ich besuchte weitere Örtchen an der Küste und verliebte mich in den pazifischen Ozean, der mal träge, mal wild und unberechenbar, aber trotz steigender und sinkender Flut unbeirrbar seine Wellen an den Strand brandet.
Zurück in die Berge
Trotzdem zog es mich irgendwann wieder ins Landesinnere, in den Staat Chiapas, wo ich San Cristobal de las Casas besuchte.
Die Kolonialstadt auf über 2000 Höhenmeter war der einzige Ort, an dem es richtig kalt wurde. Abends zogen wir trotz Jacken und Halstüchern schlotternd durch die Gassen und wärmten uns am Lagerfeuer, das im Hostel jeden Abend angezündet wurde.
In den farbigen Strassen zwischen den Hügeln von San Cristobal lockten Cafés und Bars, kleine Geschäfte und Ateliers. Hier leben viele Ausländer – alternative Hippies, ehemalige Weltenbummler und kosmopolitanische Freigeister, die sich hier niedergelassen haben.
Blockaden und andere Steinhaufen
Gemeinsam mit anderen Leuten aus dem Hostel reiste mit einer organisierten Tour nach Palenque, einer Stadt nahe der Grenze zu Guatemala, die eine der imposantesten Ruinenstätte des Landes bietet.
Morgens um vier fuhr der Minivan in San Cristobal los, denn wir hatten etwa fünf Stunden Fahrt vor uns und irgendwo gab es eine Strassenblockade, die wir überwinden mussten.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch kurvige Bergstrassen und über holprige «topes» – Betonschwellen im Boden, die die Geschwindigkeit reduzieren sollen und zu einem anstrengenden «Stop and go»-Fahrstil führen – erreichten wir die Strassenblockade. Eine Gruppe politisch aktiver Mexikaner protestierte gegen etwas, das mit Bildung zu tun hatte, so genau verstand ich aber nicht, um was es ging. Hunderte Meter weit stauten sich die Lastwagen, und die Fahrer waren ausgestiegen und plauderten miteinander. Gestresst waren einzig die Chauffeure der Tour-Anbieter. Mit vollem Gepäck durchquerten wir die Blockade zu Fuss, verfolgt von neugierigen Blicken der gestrandeten Mexikaner. Auf der anderen Seite wurden wir in Taxis zur zweiten Barriere gebracht, die wir wiederum zu Fuss durchquerten. Hier wartete ein anderer Minivan desselben Touranbieters auf uns, und schon ging die Fahrt weiter. Aus den Bergen waren wir jetzt in den Dschungel gekommen, und das Klima wechselte von frisch und kühl zu stickig und heiss.
Zuerst besuchten wir zwei verschiedene Wasserfälle, die beide sehr eindrucksvoll war. Der eine mit türkisblauem Wasser über verschieden Stufen verteilt, der andere eine dreissig Meter hohe Wasserwand, die sich in einen runden Pool ergoss, in dem man baden konnte.
Als wir die Ruinen von Palenque erreichten, war es schon später Nachmittag. Begleitet vom Geschrei der Brüllaffen zeigte uns ein «Guide» die mitten im Dschungel freigelegten Ruinen. Die Pyramide mit dem Grab des Herrschers, den Palast, die Tempel der vier Himmelsrichtungen. Man sagt, dass unter den Hügeln, die die Ruinenstadt umgeben, weitere Pyramiden verborgen sind – leider dürfen die Archäologen sie nicht ausgraben, weil die ganze Zone vom Staat geschützt ist und es für jeden gefällten Baum eine Bewilligung braucht.
Ich versuchte mir nur vorzustellen, wie die einstige Stadt damals ausgesehen haben musste, und wie gross sie war, und wie viele Geheimnisse sie noch bot.
Meeresschildkröten und Delfine
Es zog mich weiter, wieder an den Strand, doch jetzt auf die andere Seite des Landes: in die Karibik. Der Bundesstaat Quintana Roo liegt auf der Yucatan-Halbinsel und bietet vermutlich die schönsten Strände in ganz Mexiko. Die bekanntesten und vor allem bei AmerikanerInnen beliebtesten Ferienorte sind Cancun und Playa del Carmen, die ich vermeiden wollte, was mir aber doch nicht ganz gelang. Ich kam zuerst nach Tulum, einem wachsenden Städtchen entlang einer Hauptstrasse, wo die Einheimischen eine weisse Person garantiert auf Englisch ansprechen und ihr sehr wahrscheinlich etwas verkaufen wollen.
In einer Viertelstunde erreichte ich mit dem Fahrrad den schönsten Strand der Welt. Gesäumt von Palmen, Fischerbooten und ab und zu einem Restaurant, mit Blick auf die Maya-Ruinen Tulums, kann man sich auf kilometerlangem weissem Sandstrand sonnen und sich im klaren Türkis der Karibik erfrischen.
In der Nähe Tulums besuchte ich einen Strand, der von Meeresschildkröten bevölkert ist. Mit der Schnorchelmaske beobachtete ich diese wundersamen Tiere. Auf einer organisierten Tour durchquerte ich die «Sian Ka’an»-Lagune in einem Schnellboot und konnte zum ersten Mal in meinem Leben Delfine sehen. Später, auf offenem Meer, beobachteten wir Meeresschildkröten beim Luftholen und schnorchelten durch ein Korallenriff. Diese stille Welt mit ihren blassen Farben und den Korallen und Pflanzen, die ruhig mit dem Wellengang schaukelten, den Fischen, die Algen vom Boden abknabberten und in allen Farben schimmerten, faszinierte mich zutiefst und machte mir Lust, tauchen zu gehen.
Weltwunder und Wunderwelten
Dazu kam es jedoch nicht, denn ich hatte noch viel mehr vor. So besuchte ich beispielsweise die berühmteste Ruine Mexikos, eines der sieben Weltwunder: Chichen Itza.
Frühmorgens fuhr ich los, um vor dem grossen Andrang dort zu sein, und es hatte sich gelohnt. Ich konnte die Pyramide in ihrer ganzen Pracht bestaunen und Fotos machen, auf denen nur die Pyramide, und kein Mensch darauf zu sehen war.
Ausserdem besuchte ich in dieser Region, dem Bundestaat Yucatan, verschiedene «cenotes». «Cenotes» sind Grotten oder offene Höhlen, manchmal auch einfach tiefe Löcher im Boden, die einen natürlichen Pool mit klarem, frischem Wasser bilden. Wo das Sonnenlicht hereindringt, bilden sich Pflanzen und leben Fische, die im ruhigen Wasser wunderbar mit dem Schnorchel zu sehen sind. Jeder der «cenotes», die ich besucht habe, war anders, und jeder war eine kleine Welt für sich. Ein Ort, an dem Frieden herrscht.
Die gefährlichste Stadt der Welt?
Die Zeit verging wie im Flug, und schon bald brach meine letzte Woche in Mexiko an. Von Cancun aus brachte mich das Flugzeug nach Mexiko City, wo ich die letzten paar Tage vor dem Rückflug in die Schweiz verbrachte. In Oaxaca hatte ich einen Mexikaner kennengelernt, der mir anbot, seine Stadt zu zeigen. Ein Angebot, das ich dankend annahm.
Die «Ciudad de Mexico» ist eine der grössten Städte, die ich je besucht hatte, und mir wäre nicht besonders wohl dabei gewesen, mich hier alleine fortzubewegen. Dadurch, dass ich in mexikanischer Begleitung war, konnte ich ohne Angst oder Probleme die Metro benutzen und Plätze besuchen, die ich alleine nicht aufgesucht und gar nicht erst gefunden hätte. So war ich im Quartier «Tlatelolco» auf dem Platz, der heute «Plaza de las tres culturas» heisst. Hier fand das Massaker von Tlatelolco statt, bei dem während der Studentenprotesten 1968 hunderte friedlich demonstrierender StudentInnen vom mexikanischen Militär erschossen wurden.
Mexiko ist eine unglaublich grosse, lärmige, vielbevölkerte Stadt. Überall sind Leute, Verkehr und dauernder Lärm, eine ruhige Ecke zu finden, ist schwierig. Der mitreissende Puls dieser Stadt packte aber auch mich, und so entdeckte ich verschiedene Quartiere und Plätze, meist zu Fuss, und sog die Eindrücke und Erlebnisse auf wie ein Schwamm. Doch unsicher oder in Gefahr fühlte ich mich nie. Selbstverständlich gibt es gefährliche Quartiere in Mexico-City, aber dort gehen selbst MexikanerInnen nicht hin, geschweige denn Touristen. Das Stadtzentrum und die von TouristInnen häufiger besuchten Quartiere wirkten ebenso sicher auf mich wie die Zentren von Paris oder London. Auch hier gibt es fantastische Ecken, Gebäude, Pärke Plätze, und vieles zu entdecken.
Mein letzter grosser Ausflug war der Besuch der Ruinen von Teotihuacan, einer früheren Azteken-Stadt, wo die grösste Pyramide steht, die ich je besucht habe. Viel erfahren über die Geschichte habe ich nicht, doch die kilometerlange Promenade und die zwei riesigen Pyramiden, der «templo del sol» und «templo de la luna» raubten mir den Atem.
Mit diesen imposanten Bildern im Kopf, den Gerüchen der Märkte in der Nase und dem Brennen des Chilis im Hals reiste ich wieder ab, ein halbes Kilo Chili-Schoten und eine Flasche Tequila, 1700 geschossene Fotos und verschiedene Weihnachtsgeschenke im Gepäck. So flog ich zurück in die Schweiz – in den Winter.
Alle bisher erschienenen Berichte.