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Im New York der 1870er Jahre wird das gesellschaftliche Leben der höheren Schichten bestimmt von einer Reihe wohlhabender Familien, deren Stammbaum lange zurückgeht und deren Regeln für den Umgang miteinander über Aufstieg und Fall ihrer Mitglieder bestimmen. Auch der angesehene Anwalt Newland Archer (Daniel Day-Lewis) gehört zu diesem erlauchten Kreis und sieht aufgrund seiner Verlobung mit May Welland (Winona Ryder) einem Leben entgegen, welches sich ausschliesslich in den Kreisen der oberen Zehntausend abspielen wird. Mit dem Eintreffen der Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer), die ihren Ehemann, einen polnischen Grafen, verlassen hat, beginnt Newland jedoch seinen Lebensplan zu hinterfragen. Er bietet Olenska seine Dienste als Anwalt an in der ohnehin schon sehr prekären Affäre mit dem Grafen.
In seinen Gesprächen mit Ellen lernt er eine einsame Frau kennen, welche die Umgangs- und Anstandsregeln der High Society weder versteht noch befolgt, was sie immer weiter in die gesellschaftliche Isolation treibt. Ihr Hadern mit dem sozialen Kodex bestätigt Archer in seinen Bedenken, was seine bevorstehende Ehe mit May angeht und er verliebt sich in Ellen. Allerdings will Archer seine Verlobung keinesfalls auflösen, drängt May Eltern sogar dazu, die Heirat nicht länger hinauszuzögern. Seine Gefühle für Ellen kann er zwar so zeitweise verdrängen, doch gänzlich verschwunden sind die keinesfalls.
Hieroglyphen und ChiffrenIrgendwie ist es sehr schade, dass viele Zuschauer den Namen von Regisseur Martin Scorsese fast ausschliesslich mit dem Genre des Gangsterfilms assoziieren, vor allem, da viele seiner frühen Arbeiten thematisch und ästhetisch in eine ganz andere Richtung gehen. Neben Woody Allen, wie Autor Glenn Kenny in seinem Buch über die Entstehung des Filmes GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia schreibt, ist Scorsese vor allem der grosse New Yorker Filmemacher, der sich für die Geschichte und die Gesellschaft der Metropole interessiert, was man an Arbeiten wie Hexenkessel, Goodfellas, The King of Comedy und Wie ein wilder Stier sehen kann. Aus diesem Grund dachte auch Jay Cocks, ein Freund Scorsese, dieser sei der richtige Regisseur für die Adaption des Romans Zeit der Unschuld von Edith Wharton, was sich bestätigte, als Scorsese seine Begeisterung für die Geschichte kundtat und sich nach den Dreharbeiten zu Goodfellas an die Verfilmung des Romans begab.
Interessant an den ersten Minuten von Zeit der Unschuld ist dessen Parallele zu Goodfellas, einer Geschichte, welche den Zuschauer ebenfalls in einen Personenkreis einführt, der nach bestimmten, unsichtbaren Regeln und Gesetzen funktioniert. Während die Kamera Archer folgt, der durch die verschiedenen Räume eines Hauses streift, in welchem gerade ein Empfang stattfindet, erhält der Zuschauer einen ersten Eindruck dieser Gesellschaft, bei der Schein und Sein teils weit auseinandergehen können. Gerade in diesen Szenen zeigt sich das ausserordentliche Talent von Michael Ballhaus, einem langjährigen Mitarbeiter Scorseses, dessen dynamische Kameraarbeit den Zuschauer als Beobachter versteht, fast so, als würde man einen verbotenen Einblick in etwas erhalten, was man normalerweise nicht sehen würde.
Ähnlich wie Henry Hill ist auch Archer ein Aussenseiter, jedoch ist er dies aufgrund seiner Einstellung und nicht durch seine Äusseres oder seine Herkunft. In Archer zeigt sich der Kontrast zwischen Gefühl und Verhalten, gehört er doch nach aussen hin zu diesem Mikrokosmos der High Society, findet sich aber immer mehr in einem Widerspruch zwischen dem, was er fühlt und dem, was man von ihm verlangt. Daniel Day-Lewis spielt in einer leider wenig beachteten Rolle in seinem Repertoire einen Menschen, der, wie viele andere Figuren im Film, in einem ständigen Widerspruch lebt, der sich gerne von den sozialen Fesseln lösen würde, aber diese in gewisser Weise nach wie vor bestätigt und lebt. Die Aussage, er fühle sich wie „lebendig begraben von seiner Zukunft“ verweist, wie viele der ironischen Spitzen in der Erzählung auf eine Form der Gewalt, die vielleicht nicht so explizit ist wie die in Goodfellas oder Taxi Driver, doch genauso verletzt und tiefe Spuren hinterlässt.
Süsse RepressionIn einem Interview für die Criterion-Edition von Zeit der Unschuld spricht Scorsese von der „süssen Repression“ („the sweetness of repression“), die im Film wie auch dem Roman eine Rolle spielt. In der Gesellschaft, der Archer wie auch May und Ellen angehören, hebt man sich nicht mehr länger ab von der „alten Welt, also von Europa, sondern sucht mehr und mehr die Nähe zu dieser.
Die opulente Ausstattung wie auch die Kostüme verweisen auf ein gewisses Erbe, ein Bewusstsein, was sich genauso im repressiven moralischen Kodex wiederfindet, der letztlich nur eine Form der emotionalen Unterdrückung abbildet. Scorsese zeigt eine Gesellschaft an einem Wendepunkt, denn während sowohl technologisch wie auch politisch vieles verändert, verbleibt die High Society als Abbild der Gesellschaft in bestimmtem Umgangsformen stecken, was man vor allem an den Einstellungen zu Heirat und Geschlechterrollen sieht.
Immer wieder ist es der feine Humor, der schon die Romanvorlage ausmacht, welcher positiv auffällt. Vom Ton her auf einer Ebene mit dem Sprachwitz und dem Zynismus eines Henry James bewertet das Voice-Over an verschiedene Stellen die Haltung der Figuren, ihrer Widersprüche und ihr Handeln. Diesen fehlt es bisweilen an Selbstwahrnehmung, wenn es beispielsweise um die Diskussion um arrangierte Ehen geht, welche man als Zeichen einer „alten Welt“ bewertet, aber anderseits selbst auf Aspekte wie Status und Vermögen bei der Vermählung achtet.