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Höhlenwelt und Regenwald – der Gunung Mulu National Park auf Borneo
Die Insel Borneo ist eines der letzten Gebiete der Erde, in denen noch in grossem Umfang tropischer Regenwald zu finden ist. Diese für das Weltklima so bedeutenden Wälder sind rund um den Globus zunehmend bedroht.
Daher sind Schutzgebiete wie der Gunung Mulu National Park umso wichtiger, die für den Erhalt des Baumbestandes und der faszinierenden Pflanzen- und Tierwelt sorgen. Das Karstgebiet des Parks umfasst über den Regenwald hinaus eine weltweit einmalige Höhlenwelt.
Borneo – Heimat des Gunung Mulu National Park
Borneo ist mit einer Gesamtfläche von 751’000 Quadratkilometern mehr als 18-mal so gross wie die Schweiz. Drei Staaten teilen sich die riesige Fläche der drittgrössten Insel der Welt: Indonesien, Malaysia und das Öl-Sultanat Brunei. Der Gunung Mulu National Park liegt dabei im malaysischen Bundesstaat Sarawak, der den grössten Teil des nördlichen Borneo umfasst.
Der Berg Gunung Mulu, der für den Park namensgebend gewesen ist, bildet mit einer Höhe von 2377 Metern den zweithöchsten Gipfel in Sarawak. Er ist Teil eines umfassenden Komplexes von Gebirgsmassiven, die Borneo entlang einer Achse von Südwesten nach Nordosten durchziehen. Der Gunung Mulu und seine Ausläufer prägen die Landschaft des Nationalparks, es ist eine Berggegend. Mit einer Fläche von 528 Quadratkilometern nimmt sie selbst dabei nur einen winzigen Teil von Borneo ein. Umso beeindruckender ist die Vielfalt der Natur in dieser überschaubaren Region.
Eine lange geologische Entstehungsgeschichte
Die Gebirgslandschaft hat ihre Entstehung einer geologisch interessanten Entwicklung zu verdanken, die vor rund 60 Millionen Jahren begann. Damals lag das heutige Gebiet des Nationalparks auf dem Meeresboden und bestand überwiegend aus Sand. Durch Verschiebungen in der Erdkruste wurden Teile des Meeresgrundes übereinander gelagert. Der dort befindliche Sand wurde dadurch zusammengepresst, so dass sich in der Folge daraus Sandstein bildete.
Als die tektonischen Aktivitäten nach etwa 20 Millionen Jahren nachliessen, entwickelten sich in weiten Lagunen auf dieser Sandstein-Basis Korallenbänke, von denen später eine dicke Kalkschicht zurückblieb. Durch weitere Verschiebungen der asiatischen und der australischen Erdplatte wurde der Meeresboden vor etwa fünf Millionen Jahren über die Meeresoberfläche gehoben. Dadurch entstand die heutige Insel Borneo, Auffaltungen führten dann zur Bildung von Gebirgen im Inneren der Insel, darunter auch das Mulu-Gebirge.
Die geologische Zusammensetzung aus Sandstein im Kern und darüber gelagertem Kalkstein ist heute noch mancherorts in der Gunung-Mulu-Region gut zu erkennen. Insbesondere der Kalkstein ist dabei sehr anfällig für Verwitterungs- und Erosionsprozesse. Er korrodiert im Zeitablauf, man spricht in diesem Zusammenhang auch von Verkarstung. Wind und Wasser haben im Laufe vieler Jahrtausende dem Gestein am Gunung Mulu stark zugesetzt und waren die Ursache für die heute dort zu findende Höhlenwelt und etliche bizarre Felsformationen. Wenn bestimmte Klimabedingungen erfüllt sind, löst das Niederschlagswasser das Kalkgestein, es kommt zu Rissen und Abflussrinnen unter der Oberfläche, die im Zeitablauf immer grösser werden. Dadurch bilden sich im Inneren des Gesteins Hohlräume und Höhlen. Auch der Sandstein ist für Erosion anfällig. An den Felsen und Bergen des Gunung Mulu nagt im wahrsten Sinne des Wortes der Zahn der Zeit.
Gigantischer Hohlraum – die Sarawak-Kammer
Die Höhlenwelt des Gunung Mulu National Park ist auf der Welt ohnegleichen. Den grössten Hohlraum bietet die gigantische Sarawak-Kammer. Sie wurde erst 1981 während einer Expedition durch den dichten Regenwald entdeckt. Ihre Ausmasse sind mit einer Länge von 700 Metern, einer Breite von 400 Metern und einer Höhe von wenigstens 70 Metern äusserst beeindruckend. Bei genaueren Messungen stellte man eine Grundfläche von über 160’000 Quadratmetern und ein Raumvolumen von fast zehn Millionen Kubikmetern fest. Es gibt nur eine Höhle auf der Welt, die noch mehr Raum einnimmt – der Miao Room in China.
Die Sarawak-Kammer kann von Reisenden mit geführten Touren besichtigt werden. Es ist allerdings eine anspruchsvolle Entdeckungstour, die den ganzen Tag in Anspruch nimmt und eher etwas für Höhlenerfahrene ist. Der Zugang alleine dauert mehr als drei Stunden und führt entlang eines Flusses am Höhleneingang mit Steilwänden an den Seiten. Wer diese Hürde genommen hat, wird für die Mühe durch die atemberaubenden Dimensionen der Höhlenwelt entschädigt.
Die Höhlenwelt des Clearwater Cave
Ein weiteres eindrucksvolles Höhlensystem bietet der Clearwater Cave. Diese Höhle kann nicht mit einem so gewaltigen Innenraum wie der Sarawak-Kammer aufwarten. Dennoch besitzt sie mit einer Gesamtlänge von mindestens 107 Kilometern insgesamt eine noch grössere Ausdehnung. Die Gänge von Clearwater Cave reichen dabei mehr als 350 Meter in die Tiefe. Genau genommen handelt es sich um einen ganzen Komplex von Höhlen, die miteinander verbunden sind. Ein Teil der Clearwater-Höhlenwelt ist zum Beispiel der Wind Cave, der Besuchern besonders schöne Tropfsteinformationen präsentiert – Stalagmiten, Stalaktiten, Tropfstein-Korallen und viele andere faszinierende Formen verleihen dem Wind Cave ein geradezu mystisches Aussehen.
Eine weitere Attraktion des Clearwater-Systems ist ein unterirdischer Fluss, der sogar in Teilen mit dem Boot befahrbar ist. An einer Stelle tritt er nach aussen ins Freie und bildet dort eine Art natürlichen Swimmingpool – in dem tropisch-feuchtheissen Klima eine äusserst beliebte Erfrischungsmöglichkeit für Höhlenreisende. Clearwater Cave und Wind Cave gehören zur Schauhöhlenwelt des Gunung Mulu National Park. Sie können auch von ungeübten Höhlen-Interessierten gut besucht werden.
Deer Cave und Lang’s Cave
Gerne besichtigt wird auch der Deer Cave, der eine der längsten Höhlenpassagen der Welt enthält. Auch hier sind die Dimensionen der Höhlenwelt einfach atemberaubend. Der Zugang zum Hohlraum des Deer Cave erstreckt sich auf einer Länge von rund zwei Kilometern und ist dabei mindestens 90 Meter hoch. Die Hauptkammer misst eine Breite von 174 Metern und eine Höhe von 122 Metern – genug Platz, um ein Hochhaus aufzunehmen. Zu den Sehenswürdigkeiten der Höhle gehört unter anderem das Profil von Abraham Lincoln, das direkt am Höhleneingang durch eine natürliche Felsformation gebildet wurde.
Ein weiteres Highlight ist am Abend zu bewundern. Dazu wurde am Höhleneingang eine Art hölzernes Amphitheater aufgebaut. Wenn die Sonne sich am Horizont allmählich neigt, brechen Myriaden von Fledermäusen aus dem Höhleninneren auf, um im Freien auf Insektensuche zu gehen. Der Abend und die Nacht sind die Zeit ihrer Aktivität, den Tag verbringen die lichtempfindlichen Tiere im Schutz der Höhlenwelt. Es ist ein besonderes Erlebnis, die flatternden Schwärme beim Start zur Nahrungssuche zu beobachten.
Bei der Besichtigung von Deer Cave gehört ein Besuch in dem unmittelbar benachbarten Lang’s Cave quasi automatisch dazu. Die Höhle ist im Vergleich zu den anderen genannten recht klein, bietet aber sehr schöne Tropfsteinansichten. Da das Höhleninnere beleuchtet ist, erscheinen die Tropfsteingebilde in prächtigem Glanz.
Trekking-Touren – Steinnadeln, Kopfjäger und Gipfelstürmer
Neben der Höhlenwelt eröffnet der Gunung Mulu National Park noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, sich der Natur und Landschaft des Regenwaldes zu nähern. Dazu werden geführte Trekking-Touren angeboten. Sie sind nichts für Unkonditionierte, das Klima und die örtlichen Gegebenheiten stellen durchaus Anforderungen an den Trekking-Reisenden. Dafür wird man aber immer durch besondere Eindrücke entschädigt.
Eine beliebte Tour führt zu den sogenannten „Pinnacles“. Dabei handelt es sich um einen Wald aus Kalksteinfelsen, die wie Nadelspitzen senkrecht in die Höhe ragen. Das Aussehen dieses speziellen „Nadelwaldes“ ist genau den eingangs beschriebenen Erosionsprozessen zu verdanken. Die Pinnacles gehören neben der Höhlenwelt von Gunung Mulu zu den Wahrzeichen des Nationalparks und sind wegen ihrer Einzigartigkeit ein sehr beliebtes Fotomotiv. Die Tour ist auf drei Tage angelegt und verbindet Wanderungen, eine Bootsstrecke auf dem Fluss Melinau und Kletterabschnitte.
Ein eher schauriges Gefühl mag dem Reisenden die ebenfalls angebotene Tour auf dem Kopfjäger-Trail bereiten. Tatsächlich gilt Borneo als ein historisches Zentrum von Kopfjägern. Die auf der ganzen Insel einheimischen Dayak-Völker betrieben in früheren Zeiten die systematische Jagd nach Menschenköpfen, die als Siegestrophäe und kultischen Zwecken dienten. Auch ausserhalb Borneos war dieses Phänomen in vielen Kulturen zu finden. Die Tour folgt alten Kopfjäger-Wegen und verbindet ebenfalls Fusswanderungen und Bootstour mit der Übernachtung in einem traditionellen Langhaus.
Der Trail bewegt sich eher am Parkrand. Tatsächlich war das Gebiet rund um den Gunung Mulu lange fast menschenleer. Es wurden in der Höhlenwelt zwar ältere menschliche Spuren gefunden, die wohl im Zusammenhang mit Bestattungen stehen. Es fehlen aber Hinweise auf eine umfassendere Besiedlung, und spätestens ab 500 nach Christus war die Gegend praktisch verlassen. Erst die planmässige Erforschung durch eine Wissenschaftler-Expedition der britischen Royal Geographic Society im Jahr 1978 führte zu einer Wiederentdeckung der Region durch den Menschen.
Wer sich einer besonderen Herausforderung stellen will, wählt die Tour zum Gipfel des Gunung Mulu. Der Aufstieg auf über 2000 Meter Höhe ist nur etwas für Geübte und angesichts der klimatischen Bedingungen auch für Fitness- und Ausdauergewohnte eine aussergewöhnliche Anstrengung. Im unteren Teil führt die Tour mitten durch den tropischen Regenwald und bietet Gelegenheit, dessen Flora und Fauna näher zu entdecken. Oben angelangt bietet sich dem Bergsteiger ein einzigartiger Blick auf die grüne Dschungelwelt, wenn nicht dunstige Nebelschwaden die Aussicht verschleiern. Die Wander- und Klettertour ist auf vier Tage angelegt, übernachtet wird in einfachen Schutzhütten. Neben angemessener Kleidung müssen auch ausreichend Vorräte mitgenommen werden. Es ist eines der letzten Abenteuer.
Einzigartige Biodiversität
Die üppige Vegetation des Regenwaldes ist eine Folge der hohen Feuchtigkeit. Häufige und heftige Niederschläge sind nicht aussergewöhnlich. Neben den typischen Bäumen des Regenwaldes gedeiht im Gunung Mulu National Park eine Vielzahl an Farnen, Lianen, Moosen, Pilzen und Rattan-Gewächsen. Auch Blütenpflanzen gibt es reichlich, mehr als 170 verschiedene Orchideen und zehn Kannenpflanzen-Arten wurden hier alleine festgestellt.
Auch die Tierwelt zeigt eine aussergewöhnliche Vielfalt. Es gibt Hunderte unterschiedlicher Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Schier überwältigend ist das Insekten-Vorkommen. Rund 280 unterschiedliche Schmetterlinge und über 450 Ameisenarten wurden gezählt. Das bekannteste Tier des Regenwaldes um den Gunung Mulu ist aber der Rhinozerosvogel. Er heisst so wegen des hornartigen rot-gelben Aufsatzes an seinem Kopf und Schnabel. Der Rhinozerosvogel wurde aufgrund seines markanten und unverwechselbaren Aussehens zum Wappentier des Bundesstaates Sarawak auserkoren.
Die Administration des Nationalparks bemüht sich darum, die Höhlenwelt und den Regenwald mit seiner Biodiversität zu bewahren, gleichzeitig aber auch dem Tourismus eine Chance zu geben. 1985 wurde der Park für Besucher geöffnet. Die Parkverwaltung versucht dabei – unter anderem mittels Eintrittsgebühren und Tourvorgaben mit akkreditierten Führern – den Zustrom nicht zu gross und unkontrolliert werden zu lassen. Seit dem Jahr 2000 gehört der Gunung Mulu National Park zum UNESCO-Welterbe. Damit wird seine Bedeutung als herausragende Naturlandschaft auf unserem Globus in besonderer Weise unterstrichen.
Oberstes Bild: © Andrzej Rostek – fotolia.com