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access_time veröffentlicht 14.07.2020
Schwierige Zeiten für computerisierte Medizin (1)
Prof. Dr. med. Reto Krapf
Kurz und bündig
Schwierige Zeiten für computerisierte Medizin (1)
14.07.2020
Computergestützte Entscheidungshilfen bis hin zu diagnostischen Algorithmen («künstliche Intelligenz») erfreuen sich grosser Beliebtheit und versuchen in grossem Stil, Marktzugang zu erhalten.
Dass der Computer nicht immer besser als der Hausarzt ist, zeigt sich in einer grossen, sogenannt «cluster-randomized»*, multizentrischen, kontrollierten Studie (Österreich, Deutschland, Italien, Grossbritannien): Etwa der Hälfte von insgesamt 4000 Hausärzt(inn)en wurde ein elektronisches Programm zur Medikamentenverschreibung zur Verfügung gestellt, die andere Hälfte verordnete weiterhin allein. Das Programm sollte vor allem eine Polypharmazie und nicht evidenzbasierte Medikamentenverschreibungen verhindern. Nach zwei Jahren der Anwendung reduzierte sich die Zahl der eingenommenen Medikamente in der Gruppe, die das Programm nutzte, um deutlich weniger als eines (minus 0,4), für die relativ ambitiös gewählten harten Endpunkte (ungeplante Hospitalisationen und Mortalität) zeigte sich aber kein Unterschied.
Das Glas ist also halb voll für die Proponenten solcher Programme (etwas weniger Medikamente) und halb leer für die Skeptiker (kein wirklich bahnbrechender Unterschied). Eine Review der generell konservativen Cochrane Institution unterstützt die Skeptiker.
* «Cluster-randomized» heisst hier, dass mehrere Hausarztpraxen in Nähe eines der Studienzentren in eine und dieselbe Gruppe randomisiert wurden, und nicht einzeln randomisierte Einzelpraxen untersucht wurden.
Rieckert A, Reeves D, Altiner A, et al. Use of an electronic decision support tool to reduce polypharmacy in elderly people with chronic diseases: cluster randomised controlled trial. BMJ. 2020 Jun 18;369:m1822.