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Beobachter: Herr Bertschinger, was sagt Ihre Kommission zu transgenen Versuchstieren?
Hans-Ulrich Bertschinger: Mit transgenen Tieren werden wir uns erst im Frühling befassen. Als erstes führen wir ein Hearing durch, um die Meinung von Fachleuten, von Forschern und Nichtforschern, Befürwortern und Gegnern zu hören.
Beobachter: Werden Sie auch Forscher finden, die mit transgenen Tieren arbeiten und dazu eine kritische Einstellung haben?
Bertschinger: Das werden wir sehen. Wir hoffen, dass wir dank der heterogenen Zusammensetzung unserer Kommission Leute finden, die fachlich Einblick haben und sich dennoch kritisch äussern.
Beobachter: Sie selbst sind Veterinärmediziner und arbeiten auf Ihrem Forschungsgebiet auch mit Tierversuchen. Sind Sie nicht etwas befangen?
Bertschinger: Natürlich. Aber es gibt niemanden, der unbefangen ist. Die Ethikkommission ist aus verschiedensten Leuten zusammengesetzt. Aus Forschern, Ärzten, Moraltheologen, Philosophen, die alle ihre Positionen haben. Die Forscher sind in der Mehrzahl.
Beobachter: Ist es so möglich, zu einer ausgewogenen Gesamtmeinung zu kommen?
Bertschinger: Ja, denn zum Schluss gibt es eine Güterabwägung. Wie viel darf man einem Tier zumuten im Hinblick auf den Nutzen für die Menschen? Das ist eine Ermessensfrage. Nehmen wir das Beispiel Xenotransplantation.
Beobachter: Ist es sinnvoll, dass man auf kostspielige Weise das Leben in den industrialisierten Ländern verlängert? Sollte man die Mittel nicht eher für eine globale Gesundheitsversorgung einsetzen? Zu welchem Resultat sind Sie gekommen?
Bertschinger: Wir haben nur die Frage behandelt, ob es für ein Tier zumutbar ist, Spender von menschlichen Organen zu sein. Unser Fazit: In einer Gesellschaft, die Tiere als Fleisch- oder Felllieferanten nutzt, ist es zulässig, tierische Organe zu verwenden. Dies wäre sogar der ethischere Verwendungszweck. Wir müssten zuerst unseren Fleischkonsum reduzieren, ehe wir verbieten, dass man einem Tier Organe zur Rettung menschlichen Lebens entnimmt.
Beobachter: Sie befassen sich also auch mit der Frage, was ethisch höher steht. Ist jedes Leben gleich viel wert?
Bertschinger: Da gehen die Meinungen auseinander. Die meisten Stimmen befürworten eine Werthierarchie. Wenn wir von der Würde der Kreatur sprechen, so ist es doch ein Unterschied, ob wir es mit einem Schimpansen zu tun haben, dessen kognitive Fähigkeiten denen des Menschen sehr ähnlich sind, oder ob wir von einem Bakterium sprechen, das wir mit einem Desinfektionsmittel umbringen. Zugegeben, das ist ein krasser Vergleich. Nehmen wir den Einzeller. Hat ein Malariaerreger Würde? Oder gehen wir noch etwas weiter: Wie steht es mit der Würde eines Bandwurms? Sie sehen die Problematik.
Beobachter: Die Verfassung schreibt vor, dass die Würde der Kreatur geschützt werden soll. Sie liefern das Argumentarium für die Ausarbeitung der entsprechenden Gesetze. Wie gehen Sie dabei vor?
Bertschinger: Die «Würde» ist ein Begriff, den man drehen und wenden kann. Wir haben uns in der Kommission die Zähne daran ausgebissen. Eine mögliche Definition wäre die «Unversehrtheit» aber auch dieser Begriff ist letztlich unbefriedigend. Wir sind zum Schluss gekommen, dass ein Mensch, wenn er leben will, dies immer auf Kosten anderer Lebewesen tun muss. Das gilt natürlich auch für Tiere. Nur ein Tier, das andere Tiere tötet, tut das, weil es nicht anders kann. Ein Mensch hingegen ist fähig, sich zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen. Das ist die Verpflichtung des Menschen. Und darin liegt die zentrale Botschaft der Ethikkommission.
Beobachter: Ihre Erkenntnisse haben für die Gesetzgeber keine Verbindlichkeit. Sind Kommissionen wie die Ihre nur ein ethisches Feigenblatt?
Bertschinger: Diese Gefahr besteht wirklich, und ich bin erstaunt, dass man das nicht mehr thematisiert.
Beobachter: Angenommen, es gäbe wieder eine Rezession. Da haben ethische Argumente gegen ökonomische noch weniger Chancen.
Bertschinger: Diese Fragestellungen gibt es heute bereits: Denken Sie ans Gesundheitswesen, an die Rationierung teurer Medikamente. Doch wir müssen auch in wirtschaftlich harten Zeiten auf die ethischen Aspekte hinweisen, sie zur Sprache bringen wenigstens das.