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Die sensitiven Akten zum Lauschprogramm der USA versteckte das FBI während Jahrzehnten vor parlamentarischen Kontrollen. FBI-Chef John Edgar Hoover (rechts) ordnete 1948 an, die politisch heiklen Papiere in der Washingtoner Zentrale im Zimmer 6527, dem «Confidential File Room», zu lagern. Die hier abgelegten Akten waren in keinem Geschäftsregister verzeichnet. So konnte das FBI bei Anfragen einer parlamentarischen Kontrollkommission behaupten, in den Registern des FBI existierten keine Hinweise auf entsprechende Dokumente.
Neben Akten zur Bespitzelung von befreundeten Staaten brachte Hoover im geheimen Lager auch Dokumente zu Ostblock-Spionen in Sicherheit oder Dossiers zu aussergewöhnlichen sexuellen Gewohnheiten hoher Beamter und Politiker. Die Dokumente wurden so zahlreich, dass sie die Statik des massigen Regierungsgebäudes bedrohten. Wegen des Gewichts der 26 Aktenschränke in Room 6527 müssten Geheimpapiere sofort in andere Räume verlagert werden, heisst es in einer FBI-internen Notiz vom September 1961. Die SonntagsZeitung und «Le Matin Dimanche» erhielten – gestützt auf den Freedom of Information Act – Einsicht in die bislang unveröffentlichten historischen Abhörakten.
FBI-Chef Hoover kümmerte sich persönlich um die Abhörungen. Dem Special Intelligence Service (SIS), einer in Südamerika stationierten geheimen Spezialabteilung des FBI, leitete der legendäre Chefermittler Chiffren und Codes der Schweizer Vertretungen in Buenos Aires, Bogotá, Caracas und Rio de Janeiro weiter (siehe Dokument links). Auch die US Army und die US Navy etablierten im Zweiten Weltkrieg gut ausgebaute Lauschprogramme. Im Gegensatz zu den Militärs begnügte sich das FBI aber nicht mit dem Erfassen und Entschlüsseln der Telex- und Funksignale. Die Agenten Hoovers beschafften sich auch mit Geheimdienstoperationen Zugang zu fremden Staatsgeheimnissen. In den jetzt öffentlich gewordenen Dokumenten lassen sich Hinweise darauf finden, dass das FBI Briefe der Schweizer Diplomaten öffnete.
Der Auftrag für die Lauschaktion kam von ganz oben. Präsident Franklin D. Roosevelt erteilte dem FBI 1940 den Auftrag, alle relevanten Informationen der westlichen Welt zu sammeln und aufzubereiten. Hoover liess in der Nähe von Washington eine Abhörstation bauen. Von hier aus wurde der Funkverkehr in Richtung Europa überwacht. Lauschstationen des FBI an der US-Westküste in St. Ana und Portland forschten den Schweizer Funkverkehr in Japan und im Fernen Osten aus. Hoovers Leute hörten Funksprüche ab, welche der Vertreter der Schweiz in Tokio, Camille Gorgé, nach Bern, Rom, Genf oder Bangkok sandte. Neben der Schweiz überwachten die USA auch zahlreiche weitere Länder (siehe Dokument unten).
Mit einer Geheimdienstoperation kamen die USA an den Schweizer Schlüssel. Dies belegen die freigegebenen Abhörakten. Wie die Operation im Detail ablief, ist unklar. Denkbar ist, dass das FBI die Diplomatenpost der Schweiz systematisch durchsuchte. Jedenfalls interessierten sich die FBI-Agenten für die Tätigkeit des Schweizer Diplomatenkuriers (siehe Dokument rechts). Im Juni 1942 heisst es in einer FBI-internen Meldung, eine «höchst vertrauliche Quelle» habe Dokumente zur Verschlüsselung der Schweizer Diplomatendepeschen fotografieren können. Das Material enthalte «Codes, Tabellen und Chiffren sowie Instruktionen für dessen richtige Anwendung», hält ein danach verfasstes Memorandum fest (Dokument unten). Demnach konnten die Amerikaner bis mindestens 1950 die verschlüsselten Mitteilungen der Schweiz lesen. Bis dann setzte das Aussendepartement die Chiffriermaschine Enigma ein (Bild oben links). Danach wurde ein von der Schweiz entwickeltes Gerät, die Nema («Neue Maschine») verwendet. Ob die USA mit der Nema verschlüsselte Meldungen lesen konnten, ist nicht bekannt. Klar ist, dass die USA ab 1942 eng mit den Briten zusammenarbeiteten, die die deutsche Enigma geknackt hatten. Von ihnen erhielten die USA grundlegende Hinweise auf die Funktionsweise der Schweizer Maschine.
Wichtig wurde der Schlüssel zum Schweizer Code 1946. Bei den Verhandlungen zwischen der Schweiz und den USA im Zusammenhang von Deutschland erworbenem Raubgold ging es für die Schweiz um viel Geld. Über eine gesicherte Telexleitung liessen sich die Schweizer Unterhändler unter Leitung von Minister Walter Stucki ein Höchstangebot von 250 Millionen Franken (heute umgerechnet 1.3 Milliarden Franken) absegnen. Die Amerikaner gaben nicht nach, bevor die Schweiz dieses Angebot auf den Tisch gelegt hatten. Sie wussten dank ihren eifrigen Aufklärern von der Limite der Schweizer. Allerdings beschäftigte sich das FBI-Labor auch mit Belanglosigkeiten. Selbst konsularische Geschäfte, Hinweise auf Steuerschulden von Schweizern oder Kostenvorschüsse in Notsituationen wurden dechiffriert und ins Englische übersetzt.
Das Schweiz-Dossier im «Confidential File Room» dokumentiert auf 160 Seiten das Bemühen des FBI im Jahr 1942, den diplomatischen Code der Schweiz zu brechen. Dossiers mit einem Umfang von über 5000 betreffen die Codes weiterer Länder und Sachthemen, wie die Durchsuchung diplomatischer Sendungen oder die Kommunikationssicherheit in US-Niederlassungen. Die Dossiers werden laufend ergänzt.
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Die SonntagsZeitung und «Le Matin Dimanche» stellen die Dokumente, welche sie unter Berufung auf den Freedom of Information Act von den amerikanischen Behörden erhalten haben, Forschern, Journalisten und dem interessierten Publikum auf dieser Website zur Verfügung. Unsere Partner der Süddeutschen Zeitung (Deutschland), von Le Monde (Frankreich), L'Espresso (Italien) oder dem staatlichen schwedischen Radio werden ihre Analysen in den kommenden Tagen publizieren. Die Resultate dieses Internationalen Recherche-Projekts verlinken wir hier.
SonntagsZeitung (23.2.2014) - PDF
Le Matin Dimanche (23.2.2014) - PDF
mtv.fi (24.2.2014) - Link - PDF (in English) - PDF (in Deutsch)
L'Espresso (28.2.2014) - Link - - PDF (in Deutsch)
Kathmerini (1.3.2014) - Link (in Greek)- PDF - Link (in English)
Süddeutsche Zeitung (4.3.2014) - Link - PDF
Aftenposten (5.3.2014) - Link - - PDF
Sverige Radio (5.3.2014) - Link