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Der Goldene Ring Russlands, Teil 1: Eine Rundreise durch die russische Geschichte
Der Goldene Ring Russlands ist, wie der Name selbst sagt, ein echtes touristisches Juwel. Zu ihm gehören mehrere altrussische Städte im Nordosten von Moskau wie Wladimir, Susdal, Pereslav-Salesski, Rostow Weliki, Kostroma, Iwanowo, Sergiev Possad und Jaroslawl. Diese Liste ist keiner geschichtlichen Tradition entnommen oder nach irgendwelchen wissenschaftlichen Kriterien zusammengestellt, sondern eine rein menschliche Erfindung. Die Geschichte, wie die Marschroute durch die Städte des alten Russlands entstand, ist ziemlich kurios, denn sie zeigt wieder mal die sympathischen und absurden Seiten des kommunistischen Russlands.
In den fernen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sprang der russische Journalist, Kunstgelehrte und Mann der Öffentlichkeit in Sachen Erhaltung des russischen Kulturerbes Jurij Bytschkow eines Tages in sein Auto und unternahm eine Reise durch acht Städte im Nordosten von Moskau. Als Haltepunkte seiner Tour suchte er die Orte aus, in denen sich aus seiner Sicht die meisten Sehenswürdigkeiten in puncto geschichtliche und kulturelle Wichtigkeit befanden. Sein Reiseplan sah dann folgendermassen aus: Moskau – Sergiev Possad (damals Sagorsk) – Pereslav-Salesski – Rostow – Jaroslawl – Kostroma – Iwanowo – Susdal – Wladimir – Moskau.
Dies ist ein Bericht über den Goldenen Ring Russlands in mehreren Teilen. Hier das Inhaltsverzeichnis:
Und dann schrieb er eine diesen Städten gewidmete Serie von Essays, die unter dem Titel „Goldener Ring Russlands“ in der Zeitung „Sowjetskaja Kultura“ veröffentlicht wurde. Jedes Essay erzählte von einer der acht von Bytschkow besuchten Städte. Die Veröffentlichung erregte im sowjetischen Russland eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Vielleicht erschien sie einfach zur richtigen Zeit am richtigen Platz: Die sowjetischen 60er könnte man sehr vorsichtig und in Anführungszeichen als „ruhig“ und „entspannt“ kennzeichnen. Die Menschen konnten in ihrer vom Erbauen des Kommunismus freien Zeit auch übers Reisen nachdenken und hatten auch etwas mehr Geld, um diese Reisen zu unternehmen. Die Resonanz, auf die Bytschkows Artikel stiessen, ist noch heute in den kulturgeschichtlichen und vor allem touristischen Sphären zu spüren.
Das breite Publikum war von dem Namen und der Idee sehr angetan, und schon kurz nach der Veröffentlichung der Essays kutschierten die Reisebusse die sowjetischen Genossen und ausländischen Touristen entlang des seit Jahrhunderten dagewesenen aber erst vor kurzem entdeckten Goldenen Rings. Acht Tage bekamen die Touristen, um Moskau zu besichtigen, und dann noch acht weitere Tage für die Städte der Rundreise – einen Tag für jede Stadt.
Nach Meinung Vieler erwies sich der Goldene Ring tatsächlich als golden, und nicht nur dem Namen nach: Im Sinne des neuen Liberalismus und der offiziellen Weltoffenheit war eine Reise entlang des Goldenen Rings eine Vorzeigeaktivität für die ausländischen Touristen. Dank dieser Tatsache entstand ein nicht zu unterschätzender Devisenstrom in die Staatskasse. Öl und Gas spielten in den frühen Regierungsjahren von Breschnew noch keine so grosse Rolle für die Nationalwirtschaft; eine Tatsache, die sich bald danach änderte, als sich die Naturressourcen in eine Hauptdeterminante der russischen Ökonomie verwandelten.
Dann kamen neue Zeiten, und der Staat verlor sein Monopol auf die Reiseveranstaltungstätigkeit. Aber der Goldene Ring war immer noch da und besass etwas, das in den ersten Jahren der freien Marktwirtschaft ein absolutes Nonplusultra war – eine Marke. Die neu entstandenen Reiseagenturen zweifelten natürlich nicht einen Augenblick daran, das solide, seit Jahrzehnten in den Köpfen der sowjetischen Bürger etablierte Branding für ihre Marketingaktivitäten zu nutzten.
Manche Reiseagenturen zollen auch heutzutage der Tradition Respekt und bieten unter dem Namen „der kleine Goldene Ring “ die klassische sowjetische Tour an, die die Besichtigung der anfänglichen acht Städte beinhaltet. Nur die acht Tage, die anfangs für die Sehenswürdigkeiten Moskaus bestimmt waren, fallen aus. Das Angebot ist oft an die Moskauer gerichtet, die die Hauptstadt sowieso gut kennen. Moskau ist jetzt nur der Start- und Endpunkt auf dem Reiseplan.
Dafür ist aber „der grosse Goldene Ring“ entstanden: Zu den Bytschkow-Städten kamen Uglitsch, Nishni Nowgorod, Rjazan, Murom, Kassimow, Konstantinowo und viele andere Städte, die touristisch genauso interessant wie die Erstlinge sind. Unter dieser Marke verkaufen die Agenturen sowohl mehrtägige Reisen entlang des kleinen oder grossen Rings als auch Eintages- oder Wochenendausflüge zu einem der Edelsteine auf diesem kostbaren Juwel.
Wenn man sich die Lage aller Städte anschaut, die im goldenen Ring ihre feste Position oder „möchte-gern“-Versuche haben, dann ist es wegen zu vieler Radialabweichungen ziemlich schwierig von einem „Ring“ zu sprechen. Das Beiwort „Goldener“ ist jedoch mehr als gerechtfertigt: Alle dazu gehörenden Städte sind wegen Ihrer Sehenswürdigkeiten und der Rolle, die sie in der russischen Geschichte gespielt haben, würdig, in den goldenen touristischen Bestand des Landes aufgenommen zu werden.
Oberstes Bild: Pokrowskij Kloster, Suzdal (Bild: Simm, Wikimedia, CC)