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Aktualisiert: Apr 9
Rückblick
Letzte Woche haben wir Louise Reichhardt kennengelernt, die in Hamburg den Singverein gegründet hat und die erste Musikschule nur für Frauen und Mädchen leitete, wo sie selber Gesang und Klavier unterrichtete.
Unsere Reis führt uns heute zu einer jüngeren Zeitgenossin. Die Beiden Frauen könnten sich fast noch persönlich gekannt haben. Johanna Kinkel wurde 1810 in Bonn als Johanna Mockel geboren. Ihre Eltern waren sehr gebildet und Musik liebend.
Bereits mit 15 Jahren wusste Johanna, dass sie Musikerin werden möchte. Ihr Vater, Peter Joseph Mockel, hatte als Gymnasiallehrer gute Kontakte in Bonn und vermittelte seine Tochter zum Pianisten Franz Anton Ries, der einst der Lehrer von Ludwig van Beethoven war.
Bald schon durfte Johanna selber Gesang und Klavier unterrichten und begann mit dem Komponieren. Eines ihrer ersten erhaltenen Werke ist op. 1 "die Vogelkantate", das sie mit 19 Jahren komponierte für das "musikalische Kränzchen", einem Singverein, der unter der Leitung ihres Mentors Ries enstanden ist. Ries übertrug die Leitung des Singvereins sehr schnell an seine begabte Schülerin und so leitete Johanna ab dem Jahr 1829-1832 den Singverein und auch in späteren Jahren wieder.
1. Ehe und Weiterbildung in Berlin
1832 heiratete die streng katholisch erzogene Johanna den Bonner Buch- und Musikalienhändler Paul Johannes Matthieu. Doch die Ehe stand unter keinem guten Stern:
6 Monate nach der Eheschliessung holten die Eltern eine psychisch und physisch gebeutelte Tochter infolge von schweren Misshandlungen zurück, wie aus einem ärztlichen Attest hervorgeht. Häusliche Gewalt ist leider nicht nur heute aktuell, sondern war es schon immer, wie man an Johannas Beispiel sehen kann. Ob ihr Ehemann diesbezüglich in irgendeiner Form belangt wurde, ist nicht bekannt. Ein langjähriger und zäher Scheidungsprozess sollte folgen. Erst 1840 wurde die unglückliche Ehe geschieden.
Johanna brauchte ein Jahr um sich von den Qualen und dem Misshandel ihres ersten Ehemanns zu erholen. Erst nach einem Jahr nahm sie ihre musikalische Tätigkeit wieder auf.
Offensichtlich hatte die Gewalt in ihrer ersten Ehe bewirkt, dass Johanna finanziell unabhängig sein wollte. Sie lernte durch Dorothea Schlegel 1836 Felix Mendelssohn kennen, der zu ihrem Mentor wurde und ihr riet nach Berlin zu ziehen.
In Berlin hatte sie die Möglichkeit bei Karl Böhmer Generalbass zu studieren und sich von Wilhelm Tauber zur Konzertpianistin ausbilden zu lassen. Ihr Studium finanzierte sie durch das erteilen von privatem Klavierunterricht.
Sie schloss Freundschaft mit Bettina von Armin, deren Kinder sie umsonst unterrichtete und lernte die Schwerstern ihres Mentors Fanny Hensel und Rebecca Mendelssohn Bartholdy kennen. In der Berliner Zeit komponierte Johanna ihre erste Oper Seria, die 1938 aufgeführt wurde.
Wie vielen von uns bekannt ist, war Fanny Hensel eine begnadete Musikerin, Pianistin und Komponistin. Sie stand ihrem jüngeren Bruder Felix in nichts nach. Doch ihre Familie verwehrte ihr eine musikalische Laufbahn. Sie sollte nur für den Hausgebrauch musizieren und komponieren. Fanny nutzte ihren gesellschaftlichen Status und organisierte sehr hochangesehene Hauskonzerte und Sonntagsmusiken. Es traf sich dort das "who is who", Clara Schumann (damals noch Wieck) Adalbert von Chamisson etc. In diesen Hausmusiken wirkte die Gastgeberin Fanny Hensel selber als Dirigentin und Pianistin mit. Johanna berichtete: „Mehr als die größten Virtuosen und die schönsten Stimmen, die ich dort hörte, galt mir der Vortrag von Fanny Hensel (geb. Mendelssohn) und ganz besonders die Art, wie sie dirigierte. Es war ein Aufnehmen des Geistes der Komposition bis in die innerste Faser und das gewaltige Ausströmen desselben in die Seelen der Sänger und Zuhörer. Ein Sforzando [Betonung] ihres kleinen Fingers fuhr uns wie ein elektrischer Schlag durch die Seele.“
Auch Johanna hatte die Ehre an den Salons als Pianistin mitzuwirken.
Sowieso war die Berliner Zeit für Johanna sehr wertvoll und produktiv. Es entstanden zahlreiche Werke, darunter Kantaten und Lieder, die von kritischen Zeitgenossen wie Robert Schumann sehr gelobt wurden.
Scheidung und 2. Ehe
1839 willigte Johannas Noch-Ehemann endlich in die Scheidung ein. Johanna konnte dadurch nach Bonn zurückkehren, wo sie, wahrscheinlich inspiriert durch Berlin, Morgenmusiken organisierte und den Gesangsverein wieder ins Leben rief und als eine der ersten Frauen Deutschlands leitete. Johannas Konzerte bereicherten das Musikleben in Bonn massgeblich und erfreuten sich grosser Beliebtheit.
1840 begegnete sie ihrem 2. Ehemann Gottfried Kinkel, einem evangelischen Theologen. Bald entwickelte sich aus der Freundschaft eine Liebe. Die beiden heirateten 1843. Für die Heirat konvertierte Johanna zum evangelischen Glauben. Bis 1848 bereicherten 4 Kinder das Leben des Ehepaars.
Laut Zeitgenossen war Johanna keine klassisch schöne Frau. Sie war von mittlerer Statur, eher kräftig, hatte grobe Züge. Doch ihre hellwachen, blauen Augen verliehen ihrer Gesamtheit eine Aura, die die Menschen faszinierte. Sie hatte einen starken Willen, eine eigene Meinung, war sehr tatkräftig und konnte andere überzeugen. Das sollte sich auch in ihrer zweiten Ehe zeigen.
Der Maikäferbund und die Märzrevolution
Gemeinsam mit ihrem Mann gründete Johanna den Dichterkreis "Maikäferbund" dem neben Treffen auch eine eigene, satirische Zeitschrift angehörte. Mitglieder des Dichterbundes waren unter anderem Jacob Burkhard, Willibald und Franz Beyschlag, Karl Simrock, Jacob Grimm u.a. Als einzige Frau schrieb und veröffentlichte Johanna Texte, Gedichte, Erzählungen für die Zeitschrift. Unter dem Einfluss seiner Frau wurde Gottfried zunehmend zu einer treibenden Kraft im politischen Geschehen.
Gottfried Kinkel befürwortetete eine einheitliche deutsche Republik und setzte sich mit der Unterstützung seiner Frau dafür ein. Doch die Märzrevolution 1848/49 scheiterte und Kinkel wurde zu Lebenslanger Haft durch Preussen verurteilt im Zuchthaus Spandau. Johanna Kinkel, war eine sehr wichtige Figur bei der spektakulären Befreiung und Flucht ihres Mannes. Sie organisierte alles und zog im Hintergrund die Strippen. Carl Schurz befreite Gottfried in einer Nacht und Nebelaktion vom 6.11. auf den 7.11. 1850 aus dem Gefängnis. Natürlich konnten der Befreier und der Geflüchtete nicht auf deutschem bez. preussischem Boden bleiben. Über Rostock, nach Warnemünde gelangten sie schlussendlich per Schiff nach Edinburgh, Schottland, wo sie am 1.12.1850 eintrafen.
Londoner Exil und Tod
Johanna folgte ihrem Mann mit den 4 Kindern 1851 nach London ins Exil nach. Während ihr Mann im Ausland Gelder und Truppen für eine weitere Revolution in Deutschland warb und dadurch sehr viel unterwegs war, gründete Johanna in London eine Kindergesangsschule und erteilte Klavier und Gesangsunterricht. Sie sicherte somit zeitweisen den alleinigen Unterhalt ihrer Familie. Es ist nachvollziehbar, dass Johanna in dieser Zeit kaum zum Komponieren kam. Neben der Familie und dem Unterrichten hielt sie musikwissenschaftliche Vorträge über Mendelssohn, Mozart, Chopin u.a. und schrieb auch musikwissenschaftliche Abhandlungen über die jeweiligen Themen, die sie veröffentlichte.
Die Londoner Zeit war sehr anstrengend für Johanna. Sie bezahlte es mit ihrer Gesundheit.
Infolge einer chronischen Bronchitis erlitt Johanna mit 46 Jahren einen Herzanfall von dem sie sich erst zu erholen schien. Doch bis 1858 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand immer mehr. Unter ungeklärten Umständen stürzte sie am 15.11.1858 nach zwei weiteren Infarkten aus dem Schlafzimmerfenster und starb noch am selben Tag. War es Suizid infolge einer Depression? Bis heute wissen wir es nicht genau.
Was wir aber wissen ist, dass eine sehr selbstbestimmte Frau gestorben ist, die ein selbstbestimmtes Leben geführt hat und im Prinzip schon die Gleichberechtigung gelebt hat, um die wir heute immer noch in sehr vielen Bereichen kämpfen müssen. Sie ist ihrem Beruf und ihrer Berufung konsequent gefolgt, hat ihre politischen Überzeugungen gelebt und in die Gesellschaft eingebracht. Johanna Kinkel gilt nicht umsonst als Vorreitern der Frauenbewegung. Sie wurde von ihren Zeitgenossen als Musikerin, Komponistin, Schriftstellerin und Denkerin sehr geschätzt.