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Moderne Freibäder in der Schweiz: Avantgarde der 1930er-Jahre
Pasquale Zarriello hat in seinem Buch «Evolution zum Neuen Bauen – Freibäder der Moderne in der Schweiz» die interessantesten Badis untersucht. Wir stellen die Schönsten vor.
Quelle: Stadt Fribourg/Bains de la Motta
Bains de la Motta: konservative Formensprache und moderne Materialien.
Technisierung und Industrialisierung schufen während der 1920er-Jahre eine konsum- und freizeitorientierte Massenkultur. Aufgrund des neu eingeführten Achtstundentags entstand eine arbeitende Bevölkerung mit einem zunehmenden Bedürfnis nach Unterhaltung und Entspannung. Gleichzeitig wurden Sport und Spiel zusammen mit einem neuen Körperkult zu einem wichtigen Lebensbereich.
In der Schweiz des 19. Jahrhunderts gab es hölzerne Badehäuser an Seen und Flüssen. Badeschiffe für die körperliche Hygiene in Städten waren meist in Flussläufen angelegt. Kastenbäder für Touristen wurden an die Seen gesetzt. Allgemein gab es in der Schweiz nur wenige Anlagen mit künstlichem Becken oder Strandbadanlagen, die gezielt für grosse Menschenansammlungen geplant wurden, schreibt Pasquale Zarriello in seiner Dissertation «Evolution zum Neuen Bauen – Freibäder der Moderne in der Schweiz». Doch Planer und Ingenieure versuchten damals, die Ideen des Neuen Bauens und den Zeitgeist auch auf die Freibäder zu übertragen und diese zugleich neu zu erfinden. Sie entwickelten neue Formen und arbeiteten mit damals modernen Materialien.
Pionierarbeit
Die Freibadeanstalt «Bains de la Motta» am Ufer der Sarine in Fribourg entstand zwischen 1922 und 1923 unter der Leitung der Architekten Broillet & Genoud. Beda Heftis (1897 – 1981) erstes mitkonzipiertes Freibad stand damals noch für ein Badeverhalten und für moralische Ansichten, die keinesfalls den Idealen der späteren modernen Gesellschaft entsprachen: Schamgefühl und Sittlichkeit waren gegen Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts zwei für das Badewesen in Fribourg stark prägende Begriffe.
Als der damals 20-jährige Hefti in Fribourg die Möglichkeit hatte, ein Freibad zu entwerfen, arbeitete er zunächst mit konservativen Formen. Das rechteckige «Bains de la Motta» wirkt streng. Garderobengebäude umschliessen das Ganze, dazu finden wir Mauern vor, die von Türmen durchbrochen werden, welche die Anlage begrenzen. «Die Portika, Pilaster und Gesimse, die symmetrische Komposition und die gesamte Dekoration folgen noch antiken Vorbildern», schreibt Zarriello: «Die klassische Architektur war damals keine Ausnahme in der Schweiz.»
Quelle: Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg
Freibad Adelboden: klare, präzise Anlage vor einer imposanten Bergkulisse.
Die neuen Materialien jedoch stehen im Widerspruch zu den verwendeten Formen. Trotz der konservativen Formensprache verwendete Hefti bereits moderne Mate-rialien und Bautechniken wie vor Ort gegossener Beton und vorfabrizierte Betonelemente, damals der letzte Schrei. Für die massiven, robusten Türme verwendete er béton brut. Die kräftigen Dachformen verbinden die zwei unterschiedlichen Bautechniken zu einer architektonischen Einheit, die stilistisch noch dem Heimat- und Reformstil verpflichtet ist.
«Bains de la Motta» war eine Pionierarbeit, die Hefti schlagartig zum Freibad- experten werden liess. Es gab damals noch keine eindeutige Richtung im Freibadbau in der Schweiz. Es folgten zahlreiche weitere Bäder in ähnlichem Stil, und Hefti war ein gemachter Mann. Das Freibad befindet sich übrigens zwischen Altstadt und einer steilen Felswand, und wer es nostalgisch mag, fährt mit der Seilbahn zur Badi.
Leichtfüssig und farbenfroh
Das Freibad Adelboden BE, das Hefti zwischen 1929 und 1931 entwickelt hat, verkörpert das neue Bauen bereits viel stärker die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit. Die Badi ist eine klare, präzise Anlage vor einer imposanten Bergkulisse: einmalig in der Schweiz.
Quelle: Schwimmbad Heiden
Freibad Heiden SG: Einsatz neuer Werkstoffe und Materialien sowie eine sachlich-schlichte Innenausstattung.
Die Hochbauten schneiden in den Hang hinein, man kann hier sprichwörtlich in die Natur eintauchen. Beeindruckend ist auch, wie sorgfältig die Bauwerke in die Topographie eingebettet wurden. Allen voran der berühmte Musikpavillon in grellen Farben, der aus einer flachen, schief aufgestützten Betonscheibe auf einem Erdhügel besteht. Die schiefe schwebende Platte entspricht den auskragenden Vordächern des Kabinentraktes und des Eingangs. Hochbauten mit Flachdach und Reling-Geländer erinnern an ein Schiff. Der expressive Sprungturm ist aus Stahl. Alles in allem ist das Freibad Adelboden eine Ikone der Architektur des Neuen Bauens: leichtfüssig, optimistisch und farbenfroh.
Rot, Blau und Gelb
Der erste Weltkrieg hatte Auswirkungen auf den Tourismus: Die Gäste blieben aus. Innovative Geister ergriffen die Flucht nach vorn und wollten mit einer Erneuerung der Infrastrukturen ein körperbewusstes Publikum ansprechen, das gerne Sport trieb. Man gewann den Stararchitekten Hefti für das Projekt, und so präsentiert sich das Bad heute: Heiden liegt oberhalb von St. Gallen. Das berühmte Freibad selbst befindet sich auf einer Sonnenterrasse des Ferien- und Klimakurortes. Die Anlage entstand zwischen 1930 und 1933. Rationalisierung und Typisierung, der Einsatz neuer Werkstoffe und Materialien sowie die sachlich-schlichte Innenausstattung waren wichtige Prinzipien des Neuen Bauens.
Das Schwimmbad befindet sich auf einem Rasen, die Badi selbst ist von Beton umgeben. Betonflächen, Kabinentüren und Türzargen leuchten rot, blau und gelb sowie in verschiedenen horizontalen Schichten, die dem Bad Modernität verleihen. Auffällig ist der fein gearbeitete Sprungturm und das höher gelegene Restaurant, das an ein Schiff erinnert.
Der Sprungturm ist nur halb so hoch. Dies lässt den Turm zwar komprimiert wirken, schränkt aber die Nutzung ein: Die Kopffreiheit ist nur für Kinder gegeben. Dennoch lässt der Sprungturm Heftis Verständnis dafür erkennen, dass sich die Form aus den Möglichkeiten des Materials ergibt. Die Badeanlage war in den neunziger Jahren in einem schlechten Zustand, die dünnen Betonelemente stark korrodiert. Zwischen 1997 und 2000 wurde die Badi einer sanften Sanierung unterzogen. Sogar die originalen, intensiv leuchten-den Farben wurden wieder aufgetragen, ist bei Zarriello nachzulesen.
Expressiver Wasserturm
Das Bödelibad in Unterseen BE wurde nach den Plänen der Interlakener Architekten Mühlemann, Urfer & Stähli in Zusammenarbeit mit Hefti gebaut. Die Dimensionen machten es zum grössten Freibad im Berner Oberland. Zugleich war es dort das erste der Schwimm- und Sonnenbäder, welches das Vokabular des Neuen Bauens aufnahm. Funktionselemente wie Umkleidekabinen, Verwaltungsräume und Restaurant drängen sich im Zentrum zusammen und gipfeln im Wasserturm. Dieser steht mit seinem expressiven und avantgardistischen Charakter in ausgeprägtem Gegensatz zur Architektur der Hochbauten und der Form des Beckens.
Der Zugang zu den Sprungplattformen ist verspielt und mutet beinahe labyrinthisch an. Das Neue Bauen zeigt sich in der Anordnung der Nutzbauten sowie in der Auswahl und der Beherrschung der Materialien Beton und Holz. Die wichtigsten gesellschaftlichen Räume wurden zentral platziert und geometrisch betont. So überragt der zentrale Uhrturm die Anlage, während das halbkreisförmige, eingeschossige Restaurant gleich hoch ist wie der zweigeschossige Kabinentrakt. Mit dem Turm wird die Mitte monumental aufgeladen.
Die seitlichen Pavillons sind eingeschossig, weit ausladende und abgerundete Vordächer bilden ihren Abschluss. Die Schiffsmetapher kommt hier durch die Verwendung eines Geländers im Sinne einer Reling und mit dem stark in die Länge entwickelten Kabinentrakt besonders stark zum Ausdruck. Der zweigeschossige Kabinentrakt ist ein Element, das kurz darauf auch in den Bädern in Thun, Olten, Baden und Lausanne aufgenommen wurde, so Zarriello.
Quelle: Gemeinde Interlaken
Bödelibad Interlaken: erstes Berner Oberländer Bad im Stil des Neuen Bauens.
Moderne Eis- und Wasseranlagen
Hanns Beyeler schliesslich konzipierte das Ka-We-De Bern und damit zu Beginn der dreissiger Jahre eine der ersten modernen, kombinierten Eis- und Wasseranlagen in der Schweiz. Beyeler war Sportler, der Baustil folgt dem damaligen Sinn einer modernen Sport- und Freizeitanlage, wobei das Hauptgebäude das für diese Zeit charakteristische Flachdach erhielt. Zudem stand mit der kubischen Ausformung der Bauvolumen die Architektur prägnant im Vordergrund.
Wie in einer früheren Studie erkennbar, war Beyeler bemüht, eine grosse Tribüne für das Eisfeld zu bauen. Beim Ka-We-De bestand das Neue Bauen nicht nur aus Schiffsmetaphern oder einer Reling-Architektur. Gerade die erzwungenen Anpassungen wie die Höhenstaffelung und Verkleinerung des Tribünenbereiches tragen zu einer Dynamisierung der Architektur bei.
Quelle: Sportamt der Stadt Bern
Berner Ka-We-De: eine der ersten modernen Eis- und Wasseranlagen.
Doch die Anlage musste saniert wer-den. Vor zwei Jahren führte die Stadt Bern einen Studienauftrag durch. Als Siegerprojekt ging die Eingabe des Teams Kast Kaeppeli aus Bern und Basel hervor. So soll das heutige Nichtschwimmerbecken in seiner Grösse bestehen bleiben, aber künftig unterteilt sein: Neben einem Bereich mit geringer Wassertiefe umfasst es neu 25-Meter-Bahnen.
Angedacht ist zudem eine Sprunganlage. Im Winter wird der tiefere Schwimmbereich mit einem Holzrost bedeckt, wodurch ein attraktiver Aufenthaltsbereich zwischen den Eisflächen entsteht. Die in die Jahre gekommene Rutschbahn wird ersetzt. Das zweite Becken der Ka-We-De, das Wellenbad, bleibt in seiner Ausgestaltung bestehen und wird sorgfältig saniert.
«Monumentales Bauwerk»
Eine Kombination von Sportbecken und Strandbad wurde von Marc Piccard bei der Strandbadanlage «Bellerive-Plage Lausanne» umgesetzt. Der Architekt baute die gigantische Anlage in den Jahren 1936 und 1937.
Das Strandbad «Bellerive-Plage Lausanne» überragt durch ihre Dimensionen die bisherigen Beispiele von Strandbädern. Marc Piccards «Bellerive-Plage» wurde in der Fachpresse als «monumentales Bauwerk» bezeichnet, als Meisterwerk des Funktionalismus oder gar als erster funktionaler Bau von Lausanne gepriesen. Piccard hatte überzeugend die Frage der Monumentalität und der städtebaulichen Präsenz mit dem Neuen Bauen gelöst. Dies zu einem Zeitpunkt, als mit dem Wettbewerb für das Freibad Allenmoos in Zürich die Suche nach der Sanftheit des Neuen Bauens im Freibad und nach der nationalen Dimension der neuen Architektur begann.
Entscheidend für die Entstehung des Strandbades von Piccard ist der Plan zur Vergrösserung und Gestaltung der Uferanlage. In Lausanne ging man von der Annahme aus, dass die Stadt am Lac Léman früher oder später Austragungsort der Olympischen Spiele sein würde, da das Olympische Komitee in Lausanne seinen Sitz hat. Deshalb wurde eine grosse Requalifikation der Uferzone in Angriff genommen, damit die umgestaltete Uferzone zur Visitenkarte des neuen Lausanner Selbstverständnisses als Relaisstadt am Lac Léman werden sollte. Marc Piccards tiefgründige Auseinandersetzung mit der Aufgabe der Eingliederung in die Ufertopografie war sehr gelungen.
In Piccards umgesetzten Bau bildet die Rotunde das Empfangsgebäude und beherbergt das Restaurant. Der geschwungene Kabinentrakt über zwei Geschosse schliesst das Bad gegen die Strasse hin ab. Geschwungene Gehwege unterteilen schematisch gestaltete Flächen. So zum Beispiel die Gehwege zu den Duschen, welche die grosse Strandfläche in mehrere übersichtliche Strandbereiche einteilen.
Quelle: Bellerive Lausanne / Torpille
«Bellerive-Plage Lausanne»: grosse Strandbadanlage von Marc Piccard.
Damit schuf Piccard einen monumentalen Bau ohne Rückgriffe auf die Klassik. Er hatte nicht nur die Kabinen und das Restaurant zusammengefügt. «Bellerive-Plage» war eine Einheit und konnte als Ganzes wahrgenommen werden. Diese Kraft des Ganzen wie auch die Abwendung von den Einzelteilen hatten Hefti und andere Zeitgenossen nie erreicht.
Hier zeigt sich erneut, wie unterschiedlich die Ideen bezüglich der Freibäder in der Schweiz waren. Der Bauboom der Freibadanstalten war bereits in vollem Gang, und die prägendsten Freibadanstalten des Neuen Bauens waren bereits gebaut oder geplant, so Zarriello.
Architektonisch belanglos
Die Schweizer Avantgarde – Architekten und Ingenieure – vertrat die Idee, dass Bauen kein ästhetischer Prozess mehr sei, sondern vielmehr ein analytisch-technischer. Unabhängig davon haben die Planer der Freibadanlagen das Neue Bauen pragmatisch und undogmatisch umgesetzt.
Die Baugattung Freibad war als Medium für die Architektur der Moderne nur für eine kurze Zeit interessant. Gewisse Bauten zwischen 1910 bis 1940 haben es zum Teil geschafft, die Zeit zu überdauern, wenn auch oft beschädigt. Manche wurden saniert.
Die kurze Zeitspanne des Neuen Bauens entsprach einer allgemeinen Tendenz des 20. Jahrhunderts. Die Auffassung der Vertreter der Architekturdisziplin, was denn zeitgemässe Architektur sei, durchlebte auch nach dem Zweiten Weltkrieg kurz aufeinanderfolgende Positionswechsel. Für jedes Jahrzehnt kann ein bedeutender Architekt genannt werden, der mit der Aufgabe der Freibäder beauftragt war. Während sich die Baustile in kurzer Folge abwechselten, festigten die Freibäder ihren Ruf als idealisierte künstliche Parklandschaften, die dem städtischen oder ländlichen Erholungsraum untergeordnet waren.
Im Vergleich zu den Schwimmbauten der Moderne zeigen die Freibäder nach 1945 eine stark zeitgebundene und subjektive Architektur. Die Architektur verliert hier eine Freibäder-Spezifität und gleicht einem Modus Vivendi der jeweiligen Zeit. Die gegenwärtigen Ideen von Architektur des jeweiligen Jahrzehnts, meist Expressionen von Regionalismus oder von Autorenarchitektur, wurden den Bauten übergestülpt. Im Unterschied zur Moderne steht nicht der vorgetragene Pioniergeist eines neuen Zeitalters, sondern die Anwendung des jeweiligen architektonischen Zeitgeists im Vordergrund. Der normierende Charakter der Moderne ist nicht mehr vorhanden.
Die Schwimmbäder ab den 1950ern sind, mit Ausnahme von Beispielen ambitionierter Architekten, von einem pragmatischen Einsatz der Mittel geprägt und architektonisch belanglos, bilanziert Zarriello.
Neues Bauen
Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in der Schweiz Wohnungsnot. Die Architekten der Bewegung Neues Bauen wollten mit einer effizienten Bauweise billigen Wohnraum für die untere Gesellschaftsschicht schaffen. Sie zeichneten Kleinsthäuser mit Flachdächern ohne Unterkellerung, um Material und Baukosten zu sparen.
Die Architekten industrialisierten den Bauprozess mit vorgefertigten Teilen und standardisierten Prototypen für den massenhaften Nachbau. Ziel des Neuen Bauens war es, durch Rationalisierung und Typisierung, den Einsatz neuer Werkstoffe und Materialien sowie durch sachlich-schlichte Innenausstattungen eine völlig neue Form des Bauens zu entwickeln, bei der der Sozialverantwortung (viel Sonne, Luft und Licht) eine grosse Rolle zukam.
Das Neue Bauen setzte konsequent auf die neuen Materialien Glas, Stahl, Beton und Backstein. Damit liessen sich vor allem einfache Formen kostengünstig realisieren: einfache kubische Formen, ineinandergeschobene Raumvolumen, freistehende Wandscheiben und kühne Auskragungen. Die Reduktion tragender Teile auf einzelne Punkte und Flächen erlaubt ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten – es ergeben sich freiere Formen bei weniger konstruktivem Aufwand, wie auf «swissinfo.ch» nachzulesen ist.