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Es war ein Ereignis: Im Film «Amour» (2012) von Michael Haneke porträtiert der österreichische Regisseur mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva in den Hauptrollen ein Paar, das nach einem Schlaganfall der Frau mit der Krankheit und dem Verfall der Geliebten umgehen muss. Unvergesslich die Szene, als der damals über 80-jährige Trintignant mit einer Decke versucht, eine Taube einzufangen, die durchs offene Fenster in die Pariser Wohnung geflogen ist, wo er im Film seine Frau pflegt. Als ihm dies schliesslich gelingt, hievt sich der selbst vom Alter gezeichnete Mann mit Mühe auf eine Sitzbank, drückt die in die Decke gewickelte Taube an die Brust und streichelt sie durch den Stoff hindurch.
Die Szene findet Eingang in Hansjörg Schertenleibs Novelle «Die Fliegengöttin», die von ebendiesem Thema handelt. Davon, wie ein Paar mit den Zumutungen umgehen kann, die Alter, Siechtum und Tod an ihre Liebe stellen. Mehr als Hanekes Film hat den Schriftsteller jedoch eine andere Vorlage inspiriert, wie Schertenleib per Mail schreibt: der Film «Away From Her» (2006), von der damals 26-jährigen Regisseurin Sarah Polley «mit einer betörenden Julie Christie» in der Hauptrolle. «Als ich diesen Film gesehen hatte, wusste ich, es lässt sich eine Geschichte über Alzheimer jenseits von Kitsch erzählen, die dennoch nicht Halt macht vor den grossen Gefühlen.»
Zwei Versprechen
«Die Fliegengöttin» erzählt von Willem de Wit, einem Holländer, der als junger Mann nach Irland gekommen ist, wo er Eilis Kehoe kennen gelernt hat, seine spätere Frau. Mehr als 50 Jahre verbringen die beiden zusammen. Eine Zeit, in der sie sich zwei Versprechen geben: den anderen im Alter nicht in ein Heim einzuliefern, und einander, falls nötig, zu erlösen. «Ich will keinem zur Last fallen, Willwit, nur dir!», hatte sie ihm gesagt, als sie noch gesund war. «Und ich verlange, dass du mir zur Last fällst, sollte es so weit kommen, ich kann sie tragen, Willwit!»
Willem hält sich daran. Zwei Jahre ist es her, dass seine Frau die Diagnose Alzheimer ereilt hat. Liebevoll pflegt Willem Eilis zu Hause, obwohl es ihn an seine Grenzen bringt, obwohl er, wie Schertenleib schreibt, gelegentlich den Drang verspürt, seiner Frau Schmerzen zuzufügen, obwohl er auch selbst zunehmend das Alter merkt. Er ringt mit sich, das zweite Versprechen einzulösen.
Seit einigen Jahren beschäftige er sich mit Demenz und Alzheimer, sagt Schertenleib. Vor allem auch damit, wie es ist, an Demenz oder Alzheimer erkrankte Menschen zu Hause zu pflegen. Für das Buch hat er umfassend recherchiert. Während ihn Kranke, die «sich vollständig in sich selbst verkrochen, von der Welt und von ihrem Leben verabschiedet haben und doch nicht gehen dürfen» betroffen machen, beeindruckten ihn der «subversive Schalk und die sprühende Lebensfreude vieler an Alzheimer oder Demenz erkrankter Menschen». Ebenso die Geduld und Zuwendung der Pflegenden, aber auch die Überforderung bei Begegnungen mit Angehörigen.
Vertrauen, Schuld, Verrat und Vergeben
Seine Geschichte findet an einem Tag statt. Mit immer wieder neu angestossenen Erinnerungsschlaufen bringt der Autor das ganze gemeinsam gelebte Leben in die klein gewordene Welt des Paares hinein: vom gegenseitigen Kennenlernen über die Hochzeit bis zu den Kindern. Vertrauen, Schuld, Verrat und Vergeben ziehen sich als wiederkehrende Motive durch den Text. Schertenleib ist ein grosser Stilist. Seine Novelle ist gut ausbalanciert und kontrolliert. Das Buch ist seiner Frau Brigitte gewidmet und liest sich seinerseits ein wenig wie ein Versprechen, ein wenig zu deutlich vielleicht.
Und natürlich finden sich darin auch sparsam gesetzt die ergreifenden Naturbeschreibungen, die man von dem Autor kennt. Das Buch findet noch in Irland statt. Schertenleibs neuer Wohnort Maine taucht als Nebenschauplatz auf. Nach 22 Jahren in Donegal ist der heute 60-Jährige vor zwei Jahren auf eine Insel in dem US-Bundesstaat gezogen. Wechselweise wohnt er dort und im aargauischen Suhr. Die Natur und Tiere sind wiederkehrende Themen. «Tiere spielen in all meinen Romanen tragende Rollen», sagt der Autor, «sie sind hochsensible Gradmesser von Stimmungen und Atmosphären.» So lässt Hansjörg Schertenleib etwa Eilis ihre Medikamente verweigern. Sie fängt eine Fliege ein, steckt diese statt der Pillen in ihren Mund – und entlässt sie wieder in die Freiheit. Ein Bild, in dem ein Echo von Hanekes Tauben anklingt.