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Er sieht sie in einem Wiener Park und will einfach mit ihr plaudern. Sie fragt sich – und ihn – was genau er von ihr wolle. Trotz ihres Misstrauens entsteht ein zweistündiges Gespräch über Gott und die Welt.
Ihr Unbehagen fusst auf seiner Hautfarbe: Er ist schwarz, ein Afrikaner. Nach diesen zwei Stunden weiss sie, dass er weder «Asylant» noch Strassenverkäufer ist, sondern Philosophie und Soziologie studiert, in einer Wiener Disco als Garderobier wirkt und regelmässig in die katholische Kirche geht.
Beziehung ohne Chance?
Wir schreiben das Jahr 1998. Das erste Eis ist gebrochen, doch beide sind jahrelang überzeugt, dass eine feste Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Schwarz–weiss, das passt nicht. Heute, 20 Jahre später, leben Karin (41) und Serge Agbodjan-Prince (50) mit ihren Kindern Olivier (15), Maryse (13) und Mireille (6) in Muri bei Bern.
Hinter sich haben sie Stationen in Wien, in Unterägeri im Kanton Zug und in Arbon im Kanton Thurgau sowie viereinhalb Jahre in Benin, nicht weit von seiner Familie, im Dienst der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit.
Studium in Wien
Serge Agbodjan-Prince wächst in Lomé (Togo) als Ältester von fünf Buben auf. Bereits im Gymnasium gefällt ihm die Sprache der ehemaligen deutschen Kolonialmacht, und so entscheidet er sich für Wien als Studienort. Lange steht für ihn der Priesterberuf im Vordergrund.
Seine Eltern hatten sich früh getrennt, er traute der Ehe nicht. Was unter zwei Afrikanern nicht geklappt hat, ist mit einer Weissen erst recht unmöglich, lautete seine Überzeugung. «Bei Karin wurde mir jedoch nach einigen Jahren bewusst, dass ich eine Bindung mit einem Menschen eingehen will, nicht mit einer Mission für ein Volk.»
Für den Beruf in die Schweiz
Karin Breit ist in einem kleinen Dorf ausserhalb Wiens aufgewachsen. Bei der ersten Begegnung mit Serge ist sie 21 Jahre jung und in der Ausbildung zur Ergotherapeutin. «Ohne Berufserfahrung verlief meine Stellensuche in Österreich erfolglos, fündig wurde ich in der Schweiz, in Unterägeri», erzählt sie.
Als Serge sie dort im Jahr 2000 besucht, hat er sein Studium abgeschlossen, ein Praktikum bei der Uno in Wien absolviert und träumt von einem Leben in Kanada. Auf der Strasse begegnet er einer Gruppe von Schülern, die ihn mit einem anständigen, hundsnormalen «Grüezi» beachten. Nicht mehr und nicht weniger. «Ich konnte es erst nicht fassen.» Schweiz statt Kanada?
Binationale Ehen: Chancen in der Schweiz
Serge beginnt sich zu bewerben – und siehe da: «Hier wimmelten die Arbeitgeber mich nicht gleich ab, sondern fragten mich nach Fachgebiet und Erfahrungen.»
Im Jahr 2001 heiraten Serge und Karin. Zwei Jahre danach kommt Olivier zur Welt, weitere zwei Jahre später folgt Maryse. Die Verankerung im christlichen Glauben und in der katholischen Kirche gibt beiden von Anfang an einen gemeinsamen Boden und hilft, die kulturellen Unterschiede zwischen Togo und Österreich zu überwinden.
Andere Sitten
Dennoch stellen sich elementare Fragen wie «geht Haus- und Erziehungsarbeit Männer etwas an?» und «sollen Mütter erwerbstätig sein?»
In Österreich und der Schweiz passt sich Serge den hiesigen Gepflogenheiten an, das beginnt mit Kleinigkeiten wie direktem Blickkontakt bei einem Gespräch mit einer älteren Person oder einem Vorgesetzten. «In Afrika wäre das unhöflich.», sagt er.
Ostereiersuche in Afrika
Ein grosser Kulissenwechsel bedeutet für Karin Agbodjan-Prince im Jahr 2011 der Umzug nach Benin. Über vier Jahre lebt die Familie dort, wo auch Nesthäkchen Mireille zur Welt kommt. Die Kinder sprechen nun Französisch und Deutsch.
An die langen Gottesdienste, insbesondere an Ostern und Weihnachten, erinnert sich Karin besonders. «Die Zusammenkunft in der Kirche steht dort im Vordergrund. Das ganze Drumherum mit den Geschenken steht im Hintergrund.» An Ostern hält Karin auch in Benin an der Tradition des Eiersuchens fest.
Noch nicht angekommen
2005 kehrt die Familie in die Schweiz zurück, nun nach Bern, wo Serge im Bildungszentrum Pflege Verantwortung für soziokulturelle Bildung übernimmt. Karin tritt eine Stelle in der Gümliger Klinik Siloah an.
Richtig angekommen fühlt sich die Familie noch nicht. Ob es an der Berner Mentalität oder am Stadt-Land-Graben liegt, ist für das weitgereiste Paar derzeit noch eine offene Frage.