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Die deutsch-jüdische Familie Stern gehörte im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den wichtigsten Bankiersfamilien. Teile der Familie emigrierten nach Frankreich und Grossbritannien und wurden dort als Bankiers tätig. Für ihre Verdienste erhielten sie britische und portugiesische Adelstitel.
Stern in Deutschland
Der Deutsche Süsskind Stern (circa 1610-1686) war der Stammvater der Familiendynastie. Der Schmuckhändler und Geldwechsler gehörte zu den reichsten Männern der Frankfurter Judengasse (Quelle). Er kam aus der Familie Kann, die über zwei Jahrhunderte (von etwa 1550 bis 1750) als die reichste und mächtigste Familie unter Frankfurts Juden galt (Quelle). Die Familien Stern und Kann gingen aus der Familie Haas hervor. Die Familie Haas ist vielleicht die wichtigste Familie in der 350-jährigen Geschichte der Frankfurter Judengasse, da sie über Heiraten mit so gut wie allen wichtigen Frankfurter Bankiers verbunden war (Quelle).
Samuel Hayum Stern (1760-1819) gründete 1778 eine Weinhandlung in Frankfurt. Diese entwickelte sich nach Beginn des 19. Jahrhunderts zu der Bank „Jacob S.H. Stern“, die zu den führenden Banken Frankfurts gehörte. Im Jahr 1800 hatte Samuels Tochter Caroline Stern (1782-1854) in die Rothschild Familie geheiratet. Ihr Schwiegervater war Mayer Amschel Rothschild, der Gründer der Rothschild-Bankendynastie.
In den 1830er und 1840er Jahren emigrierten mehrere Mitglieder der Stern Familie nach England und Frankreich und gründeten dort je eine Bank. Ab da weiteten sie ihre Geschäfte weltweit aus. Die drei Bankhäuser besassen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für 15 Jahre ein Monopol auf die italienische Tabakindustrie (Quelle).
Die Stern Familie gehörte 1889 zu den Mitgründern der Deutsch-Asiatischen Bank (Quelle), eine deutsche Bank die in China aktiv war. Sie wurde von 13 deutschen Banken gegründet. Darunter waren neben der Sternbank auch die Banken der deutsch-jüdischen Familien Rothschild, Oppenheim, Bleichröder und Mendelssohn.
Auch nach Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte „Jacob S.H. Stern“ zu den führenden Privatbanken Deutschlands. Dies änderte sich erst mit dem Aufstieg der antisemitischen Nationalsozialisten. Nach der Machtübernahme der Nazis in den 1930er Jahren wurden die jüdischen Banken arisiert, also enteignet. Auch das deutsche Bankhaus der Stern Familie wurde arisiert. 1938 wurde es von der Bank der Metzler Familie übernommen, die infolge der Arisierung mehrere jüdische Banken übernahm. Die Bank der Metzler Familie besteht seit 1674 und gehört damit zu den ältesten Banken der Welt. Sie befindet sich bis heute im Besitz der Metzler Familie.
Seither war die Stern Familie nicht mehr wirtschaftlich in Deutschland aktiv.
Stern in Frankreich
Antoine Jacob Stern (1805-1886) zog nach Paris und gründete dort 1832 die Bank „Stern & Cie“, die bis 1985 bestand. Antoine fand schnell Anschluss an die französische Elite und gehörte zur Führung mehrerer französischer Grossunternehmen.
Die Stern Familie gehörte zu den Mitgründern der Ottomanischen Bank (Quelle), welche die Zentralbank des Osmanischen Reiches war. Sie war zudem die erste moderne Bank im Osmanischen Reich. Sie wurde 1856 mit britischem Kapital gegründet und hatte ihren Sitz in London. 1863 stiegen auch die Franzosen ein (darunter auch Stern) und stellten weiteres Kapital zu Verfügung. Die Bank wurde fast komplett von den Briten und Franzosen finanziert (Quelle: 1 und 2). Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches wurde sie privatwirtschaftlich aktiv. Sie ist heute Teil der Garanti BBVA, einer der grössten Banken der Türkei.
Es steht zwar nicht auf Wikipedia und ähnlichen Seiten, aber die Stern Familie war nach eigenen Angaben auch Mitgründer und Hauptaktionär der Deutschen Bank (grösste Bank Deutschlands) und Banamex (eine der grössten Banken Mexicos). (Quelle)
Jacques Stern (1839-1902) gehörte 1869 zu den Mitgründern der „Banque de Paris“ und war ihr grösster Anteilseigner (Quelle). Er war einer der Direktoren der Bank, zu denen auch Bankiers aus den Familien Fould, Bamberger und Goüin gehörten. Die französisch-jüdische Bankiersfamilie Fould gehörte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Bankiers Frankreichs. Der Franzose Edgard Stern (1854-1937) heiratete in die Fould Familie.
Die „Banque de Paris“ fusionierte 1872 mit einer niederländischen Bank zur „Banque de Paris et des Pays-Bas“ (Paribas), die eine der grössten Banken Frankreichs wurde. Die Stern Familie war ebenfalls an der Gründung der Paribas beteiligt und wurde Hauptaktionär der Bank (Quelle). Jacques Stern gehörte zu den ersten Direktoren der Bank (Quelle).
Der niederländische Vorläufer der Paribas war die „Nederlandsche Credit en Deposito Bank“. Diese wurde 1863 auf Initiative von Louis-Raphaël Bischoffsheim gegründet, der eng mit der jüdischen Bankiersfamilie Goldschmidt verbunden war. Maurice Stern (1888-1962) und Jérôme Stern (*1969) heirateten später in die Goldschmidt Familie.
Im Jahr 2000 fusionierte die Paribas mit der französischen Bank BNP zur heutigen BNP Paribas, die eine der grössten Banken der Welt ist.
Der Bankier Édouard Stern (1954-2005) gehörte zu den reichsten Männern Europas (Quelle). 1985 verkaufte er die seit 1832 bestehende Pariser Bank der Stern Familie. Er gründete darauf eine weitere Bank, die er 1988 für mehr als eine Milliarde verkaufen konnte. 1983 heiratete er in die französisch-jüdische David-Weill Familie, die mit der Lazard Bank verbunden ist. Lazard ist eine US-amerikanische Bank, die sich aber traditionell auf Frankreich konzentriert. Sie wurde von den Familien Lazard und Weill gegründet, die in Frankreich sesshaft sind und in viele Familien der französischen Elite heirateten. Édouard Sterns Schwiegervater war der Vorsitzende der Lazard Bank. Édouard war von 1992 bis 1997 in der Führung der Lazard Bank vertreten. Danach gründete und führte er den Investmentfond „Investment Real Returns“, der bis 2005 bestand. Er war ein persönlicher Freund des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (Quelle). Édouard wurde 2005 von seiner Liebhaberin erschossen (mehr dazu auf Wiki).
Stern in Grossbritannien
Die Brüder David (1807-1877) und Hermann Stern (1815-1887) aus Deutschland emigrierten 1844 nach England und gründeten in London die Bank „Stern Brothers“, die heute nicht mehr besteht. Die Bank war unter anderem in Portugal aktiv. Für ihre Verdienste wurden die beiden Brüder vom portugiesischen König geadelt. Hermann erhielt den Titel eines Barons und David den Titel eines Vizegrafen. Die Brüder waren in Vorständen von grösseren Londoner Banken. Beide Brüder heirateten in die britisch-jüdische Goldsmid Familie (nicht zu verwechseln mit der Familie Goldschmidt). Die Goldsmid Familie gründete 1684 zusammen mit der Mocatta Familie das Edelmetallunternehmen „Mocatta & Goldsmid“, das Dienstleistungen für die britische Zentralbank in Goldangelegenheiten erbrachte. Das Unternehmen bestand bis 2019 als ScotiaMocatta.
Davids Sohn Sydney Stern (1844-1912) war ebenfalls Bankier in London und ging zudem in die britische Politik. 1895 wurde er vom britischen Hochadel zum Baron geadelt. Hermanns Sohn Herbert Stern (1851-1919) wurde 1905 ebenfalls zum Baron geadelt.
Seit 2012 ist die Familie mit ihrer neuen Bank „J Stern & Co.“ in London wieder im Bankgeschäft aktiv.
Erwähnenswerte Heiraten
Die Frau des französischen Bankiers Jean Stern (1875-1962) kam väterlicherseits aus der jüdischen Lambert Familie, die zu den wichtigsten Bankiers Belgiens gehörte. Mütterlicherseits kam sie aus der Rothschild Familie.
Charlotte Stern (1824-1906) heiratete einen Bruder von Lazarus Lazard Joseph Speyer, der die deutsche Bank „Lazard Speyer-Ellissen“ gründete. Die deutsch-jüdische Bankiersfamilie Speyer gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigsten Bankiers der USA.
James Julius Stern (1835-1901) heiratete eine Enkelin von Michael Lazar Biedermann. Der jüdische Bankier Biedermann war Hofjuwelier der österreichischen Königsfamilie. Er war einer der Mitgründer und ersten Aktionäre der österreichischen Zentralbank (Quelle).
Die Ehefrau von Antoine Stern (1925-1995) aus dem französischen Zweig hatte zuvor in die Servan-Schreiber Familie geheiratet, die mehrere Journalisten hervorbrachte und ebenfalls deutsch-jüdischer Abstammung ist. Sie gründeten Les Échos und L’Express, zwei vielgelesene französische Zeitungen.
Gérard Stern (*1927) aus dem französischen Zweig heiratete eine Enkelin des Schweizer Bankiers Édouard Noetzlin. Dieser war in der Leitung der „Banque de Paris“, die wie gesagt von der Stern Familie kontrolliert wurde. Aus dieser entwickelte sich die Paribas Bank, die von 1911 bis 1914 von Édouard Noetzlin geführt wurde. Noetzlin war auch in der Führung der „Banque russo-asiatique“, die russisch-chinesische Geldgeschäfte förderte. Die Bank befand sich zum Grossteil im Besitz der Paribas Bank. Noetzlin gehörte zu den Mitgründern und Geschäftsführern der „National Bank of Mexico“ (Banamex), die heute eine der grössten Banken Mexicos ist. Die Stern Familie gehörte, wie bereits erwähnt, ebenfalls zu den Mitgründern der Banamex. Édouard Noetzlin war zudem in der Führung der „Banque franco-égyptienne“, die französisch-ägyptische Geldgeschäfte förderte. Die Bank wurde von der bereits erwähnten Bankiersfamilie Bischoffsheim gegründet.
Saly Wilhelm Stern (1832-1904) aus dem deutschen Zweig heiratete die Tochter von Otto Bemberg, der nach Argentinien emigrierte und eine führende Rolle beim Aufbau der dortigen Industrie spielte. Die deutsch-argentinische Bemberg Familie sind heute Milliardäre und zu Teilen auch in der Schweiz sesshaft (Quelle).
Laura Stern (1855-1935) aus dem britischen Zweig heiratete den jüdischen Baron David Salomons. Mütterlicherseits kam er aus der Montefiore Familie. Sein gleichnamiger Grossvater David Salomons war Oberbürgermeister von London und Mitgründer der Westminster Bank, die zu einer der grössten Banken Grossbritanniens wurde.
Edward Stern (1854-1933) aus dem britischen Zweig heiratete eine Tochter von George Jessel. Dieser war der erste jüdische Richter, der in Grossbritannien ein hohes Justizamt innehatte. Er war zudem der erste Jude, der in den Privy Council aufgenommen wurde, welcher der Geheimrat der britischen Königsfamilie ist.