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Yusuf Yesilöz über tausendundeine Geschichte.
Ich schreibe seit September 2010 an dieser Stelle einmal monatlich eine Kolumne für die WOZ. Dies hier ist meine letzte. Nicht, dass die lieben WOZlerInnen mir gesagt hätten: «Wir schaffen dich aus.» Aufzuhören war mein eigener Wunsch. Ich schrieb in dieser Kolumne oft über immigrierte Menschen und über Dinge, die auch mich persönlich betreffen. Ich versuchte, heikle Themen mit Humor und Witz anzugehen, in der Hoffnung, einen unverkrampften Zugang zu diesen Themen zu ermöglichen. Bekanntlich ist ja Humor das schönste Kleid, in das sich ein Mensch hüllen kann.
Einmal hatte mich ein gut aussehender älterer Mann im Zug mit den Worten «Grüezi, Herr Migrant!» begrüsst. Verdutzt, wie ich war, blieb mir die Spucke weg. Sogleich erklärte er mir, dass er mich deshalb so betitelt habe, weil ich in meinen Texten die Migration zu oft thematisiere. Dass ein höflicher Schweizer so frech sein konnte, betrachtete ich doch als Erfolg meiner Texte. Ich sagte dem Herrn Schweizer – der mir noch Weihnachtsguetsli schenkte, die er für seine Enkelkinder dabeihatte –, dass Umfragen seriöser Institutionen zufolge siebzig Prozent der ImmigrantInnen sich in ihrer Wahlheimat benachteiligt fühlen. Und dies nicht nur in der Schweiz, auch nicht nur in Europa, sondern überall.
Die Erfahrung zeigt, dass immigrierte Menschen im sogenannten Gastland, wo sie aber Ewigkeiten bleiben, wie auf einer Bühne wandeln: Sie werden dauernd beobachtet und scharf beurteilt, sei es auf der Strasse oder in dem kleinen Quartierladen. Die gute wie die schlechte Tat des Einzelnen wird als jene der Gesamtheit angesehen. Deshalb entwickelt sich aus einer beträchtlichen Zahl MigrantInnen eine wahrhaftige Gemeinschaft: Rukiya aus Bosnien fühlt sich gezwungen, für die Frau aus Somalia Stellung zu nehmen. Denn der Satz mit Vorhaltungscharakter, «die Migranten müssen …», ist in viele Hirne eingeprägt wie Buchstaben auf einer Münze.
Nicht wenig erstaunt war ich, als mich eine freundliche Schweizerin nach einer Lesung ein Buch signieren liess für ihre Tochter, die mit einem Mann aus meinem «Kulturraum» verheiratet sei, wo sie auch demnächst bei der Familie des Mannes in Nyala Urlaub machen werde. Der Tochter gefalle es dort «mega gut», und würde ihr Mann dort leben wollen, würde Nadia sich dort ihr Leben aufbauen. Ich brauchte danach Stunden, bis ich dank Google herausfand, dass diese Ortschaft im Südsudan lag, und ich frage mich heute noch, wie ich den Südsudan zu meinem «Kulturraum» zählen könnte – von meinen 49 Lebensjahren habe ich 23 in einem kurdischen Dorf in Anatolien und 26 in der Schweiz verbracht.
Es gibt viele solche Phänomene, die für Erstaunen sorgen. Auch bei den Migrierten stellen wir solche fest. Wir machen die Erfahrung, dass der bärtige, gläubige Türke, der sich nicht einmal von der Scharia distanzieren kann, in Deutschland links und grün wählt, während er in seiner (ursprünglichen) Heimat ultrarechte Parteien wählt und für repressive Regierungen eintritt. Das kann wie ein Widerspruch klingen oder für IdentitätsforscherInnen den Beweis dafür erbringen, dass ein Mensch verschiedene politische Identitäten in sich tragen kann und in diesem Fall eine transnationale Identität vorhanden ist. Meine Grossmutter aber würde sagen: Der Mensch geht hin, wo seine Vorteile sind.
Migration hat eben tausendundein Gesicht. Und das Aufeinandertreffen der Menschen aus verschiedensten Ecken der Welt erschafft, gebärt und füllt Meere von Geschichten, aus denen man täglich tausendundeine Geschichte erzählen kann.
In diesem Sinne: uf wiederluäge.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur. Sein jüngstes Buch, «Kebab zum Bankgeheimnis», eine Sammlung seiner Kolumnen, ist im Limmat Verlag erschienen.