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Aus der Geschichte der Constaffel
Seit 1218 reichsfrei, d.h. dem deutschen Kaiser direkt untertan, wurde Zürich anfänglich von der Äbtissin des Fraumünsters und dem Reichsvogt regiert. Daneben bildete sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein Rat aus Adligen und reichen Kaufleuten. Die Handwerker, die zunehmend am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beteiligt waren, besassen zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch keine politischen Rechte, weshalb sie sich mehr und mehr gegen dieses System aufzulehnen begannen. 1336 nützte deshalb Ritter Rudolf Brun geschickt Spannungen in der adligen und kaufmännischen Führungsschicht aus und stürzte mit Hilfe der Handwerker den alten Rat.
Mit dem "Ersten Geschworenen Brief" führte Rudolf Brun eine neue Verfassung, die so genannte Zunftverfassung ein, mit der er die Handwerker und gewerblichen Berufe in 13 Zünfte organisierte und an der Macht beteiligte. Den eigenen Stand und Reste des einstigen Meliorats (Oberschicht) fasste er in der Constaffel zusammen.
So waren der Constaffel das Führen des Stadtbanners, das Stellen des auf Lebzeiten zu wählenden Bürgermeisters und ausserdem 13 der insgesamt 26 Ratsitze vorbehalten, währenddem sich die andere Ratshälfte aus den 13 von den Zünften gewählten Zunftmeistern konstituierte.
Der Begriff "Constaffel" leitet sich vom lateinischen "comes stabuli" ab, was etwa mit "Stallmeister" zu übersetzen ist. So benannte man vom 14./15. Jahrhundert an in Frankreich und England zuerst den Inhaber des königlichen Haushofmeisteramtes und später den obersten Heerführer in Kriegszeiten "Connétable" oder "Constable". Als Constaffel wurde aber auch die Bewohnerschaft einer Burg, einer Stadt oder eines Stadtquartiers bezeichnet.
1348 wurde gemäss Beschluss des Rates das an der Limmat gelegene städtische Münzhaus den Gesellen, "die vormals auf dem Estrich (Trennboden) auf dem Haus der Herren von Lunkhofen getrunken haben" überlassen, dies mit der Auflage, dass das Erdgeschoss des damals offenbar aus Holz und Riegelwerk gebauten Hauses mit Steinmauern zu versehen und so der Stadt zum Gebrauch zu überlassen sei. Bei diesen "Gesellen" dürfte es sich dabei um eine Gruppe Adliger oder reicher Kaufleute gehandelt haben, die der Constaffel angehörten.
Constaffel wie Zünfte hatten neben ihrer berufsständischen und gesellschaftlichen Funktion auch eine soziale. So oblagen ihnen die Fürsorge für ihre Mitglieder und das Beerdigungswesen. In dem als "Constaffelbrief" bekannten Ratsbeschluss vom 6. Dezember 1490 wurde bestimmt, dass Leute, die in keiner Zunft untergebracht werden konnten, "Constaffel heissen und seyn sollen". So wurden ihr neben Hintersässen (nicht-verburgte Niedergelassene) auch wenig angesehene und unvermögliche Leute wie beispielsweise Kesselflicker, Wöscherinnen, eine Hackbrettin und der Scharfrichter zugeteilt. Bereits 1417 hatte sich eine gemeinnützige und karitative Institution im Sinne einer spätmittelalterlichen Bruderschaft in der Constaffel gebildet, die so genannte "Gemeine Constaffel", die über eine eigene Kasse verfügte, welche auch nach der Auflösung dieser Bruderschaft zur Zeit der Reformation noch bis 1798 im Constaffelgut verblieb.
Mit dem Vierten Geschworenen Brief von 1489 wurde auch in der Constaffel für die abzudelegierenden Räte das Wahlrecht eingeführt. Allerdings konnte die Constaffel fortan nur mehr vier Constaffelherren und 2 Constaffelräte pro Jahr in den kleinen Rat schicken (anstatt wie früher 24), währenddem von den übrigen 18 Ratssitzen, auf die die Constaffel ursprünglich Anrecht hatte, 12 als Zunftsratsherrensitze an die Zünfte vergeben wurden und 6 als "Ratsherren von freier Wahl" von Constafflern wie von Zünftern besetzt werden konnten.
In der Reformation verlor die Constaffel eine Reihe von Adligen und angesehenen Familien, die, beim alten Glauben verharrend, sich aus Zürich zurückzogen. Sie konsolidierte sich aber wieder, indem sie einflussreiche Persönlichkeiten aus den Zünften rekrutierte. Diese bildeten die so genannte "Bürgerliche Constaffel", da sie "Stubenhitzen" (Beitrag an die Heizungskosten) zu leisten hatten und nicht die volle Teilhaberschaft am Haus zum Rüden erhielten. Dieses war nämlich vom Rat 1679 der einstigen "Trinkstubengesellschaft zum Rüden", die sich mittlerweilen als "Adelige Gesellschaft" ("Stübli") bezeichnete, zuerkannt worden. Die Adelige Gesellschaft aber schloss sich um diese Zeit gegenüber Neumitgliedern ab.
In der Zeit von 1336 bis 1798 stelle die Constaffel 22 der insgesamt 68 Bürgermeister. Im Zuge der französischen Revolution wurde 1798 in Zürich das Zunftregime abgeschafft. Constaffel und Zünfte erlebten indes 1803 mit der Einführung der Mediationsakte noch einmal eine Art Auferstehung als politische Wahlkreise. 1838 wurden dann aber Wahlzünfte auf kantonaler Ebene und 1866 auch auf kommunal städtischer abgeschafft. Damit verloren Constaffel und Zünfte endgültig ihre politische Bedeutung. 1868 verkaufte die "Adelige Gesellschaft" das Haus "zum Rüden" an die Stadt und löste sich 1878 auf. Hingegen hatte sich aus der Mitte der amtlichen Wahlzunft "zur Constaffel" bereits um 1820 ein lockerer, festfreudiger und trinkfester Mitgliederkreis gebildet, der sich um 1841 zur Zunftgesellschaft formierte und Statuten gab, den so genannten "Sechseläutenfonds". Daraus entwickelte sich die heute bestehende "Gesellschaft zur Constaffel", die in ihrer neuen Rechtsform als Verein 1899 konstituiert wurde. Ihr gelang es 1937 das Haus "zum Rüden" von der Stadt zu erwerben, womit sie an ihren alten angestammten Ort zurückkehrte.
Literatur
Eine umfassende politische, sozial- und kulturgeschichtliche Darstellung der Geschichte der Constaffel findet sich in Martin Illi, Geschichte der Constaffel, von Bürgermeister Rudolf Brun bis ins 20. Jahrhundert, Zürich 2003 (NZZ Buchverlag).