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Mit «Mondrian Evolution» feiert die Fondation Beyeler den 150sten Geburtstag des niederländischen Malers Piet Mondrian mit einer umfassenden Ausstellung. Er prägte die Entwicklung der Malerei von der Figuration zur Abstraktion.
Piet Mondrians (1872-1944) abstrakte Bilder erwecken den Anschein, exakt und präzise konstruiert worden zu sein. Doch wie jüngste Untersuchungen zeigen, beruhen sie auf der Intuition ihres Schöpfers, der sich bei der Komposition ohne Lineal und Vorzeichnungen von seinem künstlerischen Formenempfinden leiten liess. «Mondrian Evolution» zeigt mit 89 Werken seine grosse Entwicklung vom Landschafsmaler bis zu einem der führenden Künstler der Moderne.
Blick in die Ausstellung. Foto: rv
Der Schwerpunkt liegt auf dem Frühwerk, das von der Landschaftsmalerei des späten 19. Jahrhunderts, aber auch vom Symbolismus und Kubismus bestimmt wird. Erst ab Anfang der 1920er Jahre konzentriert sich Mondrian auf die gegenstandslose Bildsprache, die sich auf die rechtwinklige Anordnung von schwarzen Linien, auf Flächen in Weiss sowie die drei Grundfarben Blau, Rot und Gelb beschränkt.
«Frau mit Spindel», um 1893-1896 (links). Courtesy Pace Gallery, Foto: © Kerry Ryan McFate. «Komposition mit Schwarz und Weiss, mit Doppellinien», 1934 (rechts). Privatsammlung, Foto: rv.
Gleich zu Beginn der Ausstellung wird Mondrians künstlerische Spannweite anhand von zwei höchst unterschiedlichen Werken vorgestellt. Das Bild «Frau mit Spindel» malt Mondrian während seiner Studienzeit, bereits hier lässt sich seine Vorliebe für den rechten Winkel entdecken. Ob die Frau am Tisch eine Spindel in der Hand hält oder Kartoffeln schält, ist unklar, doch auffallend sind die weissen Karos der gefliesten Wand hinter ihr, die einen Bezug zum abstrakten Bild von 1934 schaffen, wo der Maler auf weissem Grund acht unterschiedlich lange Linien rechtwinklig zueinander gruppiert.
«Wald bei Oele», 1908, Foto: © Kunstmuseum Den Haag.
Mondrians Gemälde und Ölskizzen zwischen 1895 und 1908 sind von der impressionistischen Malerei der Den Haager Malschule beeinflusst. Er malt niederländische Landschaften mit Bauernhäusern, Windmühlen, Wassergräben, in denen sich der Himmel spiegelt. Dabei interessiert ihn besonders das Verhältnis von gemalter Fläche und Raumillusion. Ab etwa 1908 arbeitet er auch unter dem Einfluss Vincent van Goghs und des Fauvismus.
«Kirchturm in Domburg», 1911, Foto: © Kunstmuseum Den Haag.
In den Jahren um 1910 verbringt der Künstler immer wieder längere Zeit auf der Halbinsel Walcheren in Zeeland an der Nordseeküste. Hier malt er Sanddünen, deren Konturen sich durch den Wind ständig verändern. Mit Farbflecken fängt er diese Dynamik ein. Zudem beginnt er sich mit vertikalen Bildkompositionen zu beschäftigen, malt Türme, die Wahrzeichen dieser Landschaft. Den «Kirchturm von Domburg» malt er im Abendlicht in rosa Farbe, umgeben von grünen und blauen schwebenden Vielecken.
Nach seiner Übersiedlung nach Paris 1911 wendet sich Mondrian dem Kubismus zu. Mit Fernand Léger verbindet ihn eine lang andauernde Freundschaft. Seine ersten kubistischen Gemälde in Grau, Braun und Schwarz bestehen aus Linien- und Farbstrukturen.
«Baum», 1912 (links). Foto:© Munson Williams Proctor Arts Institute, Museum of Art, Utica, NY. «Komposition Nr. II», 1913 (rechts), Kröller-Müller Museum, Otterlo NL, Foto: © Rik Klein Gotnik. In Paris setzt sich Mondrian intensiv mit dem Kubismus auseinander und abstrahiert Naturerscheinungen.
Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs kann Mondrian nicht mehr in Paris leben und arbeitet wieder in seiner Heimat. 1916 zieht er nach Laren, wo er sich der dortigen Künstlergruppe anschliesst. Durch die Bekanntschaft mit dem Mathematiker und Theosophen Mathieu Schoenmaekers setzt er sich mit der Theosophie auseinander, einer mystisch-spirituellen Richtung, mit der er über die Lehre von Rudolf Steiner bereits vertraut ist.
«Bauernhof bei Duivendrecht», um 1916, Foto: © The Art Institute of Chicago/USA.
Er wendet sich wieder ländlichen Motiven zu, malt Mühlen und Bauernhäuser mit Spiegelungen im Wasser, die im Abendlicht eine warme Atmosphäre schaffen. Das flächig gehaltene Gebäude in «Bauernhof bei Duivendrecht» kontrastiert mit den kahlen Zweigen der Bäume, die teilweise mit der Form des Hauses verbunden zu sein scheinen. Die Struktur der Zweige bildet eine netzartige Fläche, die an die Pariser «Komposition Nr. II» von 1913 erinnert. Die Abstraktion erscheint hier als eine Art organische Abstraktion, ohne dass der Künstler die Gegenständlichkeit verlässt.
Blick in die Ausstellung. Foto: rv
Der letzte Saal ist den abstrakten Kompositionen gewidmet, die in den Jahren nach 1917 entstehen und ab etwa 1920 zur «Neuen Gestaltung» führen, die Mondrian «Neoplastizismus» nennt. Ihre charakteristische Struktur aus einem schwarzen Raster verbunden mit rechteckigen weissen Flächen und den Grundfarben Rot, Gelb und Blau beeinflusst bis heute Design, Architektur, Mode, Werbung und Popkultur.
Der Grundriss dieses letzten Raumes nähert sich einer abstrakten Bildkomposition. Auf einzelnen Paneelen kann ein Gemälde ohne Beeinflussung durch andere Bilder betrachtet werden. Dies ermöglicht den Besuchenden sich auf ein einziges Werk zu konzentrieren, ganz im Sinne Mondrians.
«Nr. VI/Komposition Nr. II» 1920, Foto: © Tate. Die Anordnung der Farbflächen ergeben einen Rhythmus des Sehens, den der Jazz-Fan Mondrian diesen Bildern unterlegt hat.
Nach Mondrians Erkenntnis nähert sich die Abstraktion der absoluten Wahrheit und Schönheit. Bereits 1914 formuliert er in einem Brief: «Die Natur inspiriert mich, etwas zu schaffen, aber ich will der Wahrheit so nahe wie möglich kommen und darum alles abstrahieren, bis ich ans Fundament der Dinge gelange.» Er versucht in seiner Malweise Grenzen auszuloten, transzendente Flächen zu schaffen, durch die hindurchgesehen werden kann; zwischen Betrachter und Bild soll sich eine Art geistiger Raum öffnen.
«Komposition mit Gelb und Blau», 1932, Fondation Beyeler, Riehen, Foto: © Robert Bayer, Basel.
Die sieben Werke aus der Sammlung Beyeler wurden konservatorisch untersucht und brachten Erstaunliches zutage. Mondrian hat seine neoplastischen Bilder nicht geometrisch vermessen, sondern frei komponiert und nur selten Kohlevorzeichnungen verwendet. Oftmals hat er die Kompositionen über lange Zeit immer wieder verändert und übermalt, bis er die für ihn perfekte Balance gefunden hat. Dabei nutzte er keine Hilfsmittel wie zum Beispiel Lineale, sondern arbeitete freihändig.
Titelbild: «Abend: Der rote Baum», 1908-1910, Kunstmuseum Den Haag.
Bis 9. Oktober 2022
«Mondrian Evolution», Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Katalog zur Ausstellung CHF 58.00