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Die SCL Tigers bodigen den SC Bern 2:1. Mit «russischem Schimpfen» konnten sich die Emmentaler gegen die Verlierer-Kultur wehren. Die Frage ist jetzt: Wie lange hält das an?
Theoretisch ist die Sache bereits vor dem Spiel Bern - Langnau klar. Es gibt mindestens sechs Gründe für die Chancenlosigkeit der SCL Tigers
Erstens: Der SCB hat 39 Punkte mehr als Langnau.
Zweitens: Langnau hat 34 Gegentore mehr kassiert als der SCB.
Drittens: Der SCB hat 35 Tore mehr erzielt als Langnau.
Viertens: Die im Derby eingesetzten Ausländer (Ritchie, Tavares, Kinrade, Roche) hatten bisher für den SC Bern 94 Punkte produziert.
Fünftens: Die im Derby eingesetzten Ausländer (Pelletier, McLean) hatten für die SCL Tigers bisher 19 Punkte produziert.
Sechstens: Der SCB kann vier Ausländer plus zwei Schweizer NHL-Stars (Streit, Josi) einsetzen. Die SCL Tigers spielen nur mit zwei Ausländern und ohne NHL-Star mit Schweizer Pass.
Wie ist es möglich, dass diese statistischen Wahrheiten von den Hockey-Göttern einfach ignoriert worden sind? Wie kann es sein, dass die SCL Tigers einen grossen, mächtigen, starken SC Bern auswärts 2:1 besiegen können?
Die Antwort ist ganz einfach: Die Langnauer haben den Trainer gewechselt. Seit John Fust nicht mehr an der Bande steht, haben sie gegen Ambri 4:0 gewonnen und nun den SCB 2:1 gebodigt. Sie siegten in Bern in einem intensiven, schnellen, dramatischen Spiel, weil sie sehr gut waren. Nicht etwa, weil der SCB nicht bei der Sache gewesen wäre. Was ja angesichts der klaren Ausgangslage hätte sein können. Der SCB dominierte die SCL Tigers (43.35 Torschüsse) leicht. Aber der SCB vermochte die Emmentaler nicht zu demolieren.
Russisch Schimpfen hilft immer
Was machen der neue Trainer Alex Reinhard (vorher Assistent) und sein Assistent Konstantin Kuraschew (nebenbei noch Cheftrainer der Elite-Junioren) anders? Kuraschew sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Nicht viel. Ein wenig mehr Ordnung in der Defensive und russisch Schimpfen. Das hilft immer.»
Das neue Trainerduo hat das Eishockey tatsächlich nicht neu erfunden und auch kein neues Spielsystem kreiert. Entscheidend ist auf anderer Ebene passiert: Unter John Fust standen die Tiger zuletzt auf den Fersen. Immer in Rücklage. Passiv. Ängstlich. Mutlos. Zweifelnd. Gleichgültig. Wie Verlierer.
Nun stehen die Tiger auf den Zehen. Immer auf dem Sprung vorwärts. Bereit zum Zweikampf. Aktiv. Mutig. Selbstsicher. Engagiert. Wie Sieger.
Dazu beigetragen hat eben auch das «russische Schimpfen». Was Konstantin Kuraschew damit meint: Er und Cheftrainer Alex Reinhard haben in der Kabine als erste Amtshandlung die Wohlfühl- und Ausredenkultur beendet: John Fust hatte in den letzten Wochen den Fehler gemacht, seine wichtigen Spieler (allen voran Pascal Pelletier) mit Kritik zu verschonen und alle möglichen Ausreden zu akzeptieren. Nun wird «russisch geschimpft». Will heissen: Mit harten Worten kritisiert, was zu kritisieren ist, und unnachgiebig Leistung gefordert.
Nur der Trainerwechsel machte es möglich
Wenn sich die Einstellung so grundlegend ändert – und eine so grundlegende Änderung ist nur durch einen Trainerwechsel zu erreichen - dann ist es so wie wenn das Wasser eines Sees steigt. Dann werden alle Boote angehoben. Dann wird alles besser. Das Zweikampfverhalten. Die taktische Disziplin. Die Spielintelligenz. Das Passspiel. Tempo und Intensität werden höher. Der Torhüter spielt so als wäre er 10 Zentimeter grösser und breiter.
Langnaus Goalie Thomas Bäumle hatte bisher eine Saison-Abwehrquote von miserablen 87,20 Prozent. Er wird gegen den SC Bern sagenhafte 97,67 Prozent der Schüsse abwehren und in der 53. Minute beim Stande von 1:1 bei einem Powerplay seines Teams den alleine durchgebrochenen Weltstar John Tavares stoppen, und schliesslich zum ersten Mal in seiner Karriere einen Sieg in Bern feiern. Der ehemalige SCB-Junior spielt seit 2004 in der NLA (Davos, Ambri, Langnau).
Moggi während dem Spiel von Freundin abgeholt
Die SCL Tigers hatten sich auch nicht entmutigen lassen, als sie Stürmer Claudio Moggi nach einem heftigen Zusammenprall mit Alain Berger (14. Min.) verloren. Er erlitt eine leichte Gehirnerschütterung, ging in die Kabine, telefonierte seiner Freundin Caro und die holte ihn mit dem Auto in Bern ab. Den Siegestreffer seiner Teamkollegen sah er bereits daheim in seiner Wohnung. Er bedarf der Schonung und wird heute gegen die ZSC Lions fehlen.
Unter Trainer John Fust hatte ein 0:1-Rückstand diese Saison immer die Niederlage bedeutet. Nun spielte das 1:0 für den SC Bern keine Rolle. Der SCB hat alles mobilisiert und alles versucht, um die sensationelle Niederlage abzuwenden. Trainer Antti Törmänen nimmt 4:52 Minuten vor Schluss ein Time-out damit seine Jungs ausgeruht und konzentriert ein Powerplay zum 2:1 nützen können. Aber die Langnauer halten stand. Etienne Froidevaux trifft zum 2:1 für die Langnauer.
Wie lange dauert die Herrlichkeit?
Die Frage ist nun: Wie lange dauert diese neue Herrlichkeit? Es ist durchaus möglich, dass der enorme Energieverbrauch, die starke Belastung der Schlüsselspieler, schon im Spiel gegen die ZSC Lions zu einer Niederlage führt. Was allerdings keine Rolle spielt. Entscheidend ist etwas ganz anderes: Der bizarre Niederlagen-Kult ist endlich beendet.
Rund um den SCL Tigers hatte in den letzten Wochen ein Tanz ums goldene Kalb der Niederlagen begonnen – auch weil so viele in Langnau zu Recht ein schlechtes Gewissen haben: Durch das Unterschätzen der sportlichen Situation im letzten Sommer ist John Fust, der Playoffheld von 2011, verheizt worden.
Keine Ausreden mehr
Immer absurder wurden in den letzten Wochen die Erklärungen und Analysen und Entschuldigungen: Man sei, ach, halt nicht besser. Man habe, ach, ach, so viele Verletzte und, ach, ach, ach, nur zwei Ausländer und, ach, ach, ach, ach, nur ein kleines Budget und, ach, ach, ach, ach, ach, kein Geld für Verstärkungen. Ein neuer Trainer helfe sowieso nicht mehr. John Fust sei nicht schuld.
Trainer John Fust ist in Langnau am Ende nicht von den lokalen Medien aus dem Amt polemisiert worden. Sondern in der Sänfte des Mitleides und des Wohlwollens aus der Arena getragen worden. Das war früher anders: Im Frühjahr 1978 musste Spielertrainer Normand Beaudin nach einer heftigen Polemik gehen. Wegen Misserfolges. Er war zweimal hintereinander nur Vize-Meister geworden. Ja, das waren noch Zeiten.
Sportchef Kölliker hat die Gefahr erkannt
Es hat in der jüngeren Geschichte unseres Hockeys erst einmal einen solchen Niederlagen-Kult, eine solche Schicksalsergebenheit, eine solche Nachsichtigkeit gegenüber Versagern gegeben wie zuletzt in Langnau: Während der Saison 2007/08 in Basel. Dieser Kult endete mit der Auflösung der Leistungskultur und einem schmählichen Abstieg in der Liga-Qualifikation gegen Biel. Von dieser Saison haben sich die Basler bis heute nicht erholt.
Diese «tödliche» Gefahr hat der neue Sportchef Jakob Kölliker sofort erkannt, und er hat dem Verwaltungsrat die Augen geöffnet. Die Entlassung von John Fust war die wichtigste der Klubgeschichte. Es ging einfach nicht mehr. John Fust hatte zu oft verloren. Und wer zu oft verliert, wird ein Verlierer und macht alle in seiner Umgebung zu Verlierern. Bei den SCL Tigers gibt es seit dem Trainerwechsel wieder eine Leistungskultur. Die Rettung vor dem Abstieg ist möglich. Die Langnauer werden zwar in den restlichen 20 Qualifikationsrunden noch oft verlieren. Aber diese Niederlagen reichen nicht mehr aus, um auch aus Alex Reinhard und Konstantin Kuraschew Verlierer zu machen. Davor wird die beiden schon Kuraschews «russisches Schimpfen» bewahren.