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Was vor zwei Wochen noch kaum vorstellbar gewesen wäre, ist jetzt, in Zeiten der vermeintlichen »Entspannung«, möglich geworden: Die nachstehende Kurzgeschichte ist heute in den Schaffhauser Nachrichten erschienen!
Eile mit Weile
Er werde
noch ganz konfus angesichts der vielen Begriffe rund um das Virus, meinte
Moritz, als wir uns – diesmal zu einem Spieleabend – in meiner Laube trafen.
Was er
damit meine, fragte ich, ohne zu ahnen, dass ich mit meiner Frage in ein
Wespennest stach.
»Es beginnt
bereits mit dem Begriff ›Virus‹«, sagte
Moritz, und man sah ihm die Erregung deutlich an. ›Der Virus‹, ›das Virus‹: Es macht mit
uns, was es will. Oder sollte man sagen, was er will? Und dann all die anderen
Wörter: ›Manifestationsindex‹ beispielsweise.« Ob ich mir etwas
darunter vorstellen könne, fragte er, während er eine Fünf würfelte und somit
sein Spiel beginnen konnte.
Ohne mir
Zeit für eine Antwort zu lassen, fuhr er fort, er kenne nur das Kommunistische
Manifest, aber das stehe, wenn er sich nicht irre, nicht auf dem Index. – »Oder
etwa ›Tröpfcheninfektion‹. Bedeutet das vielleicht, dass der,
oder doch lieber das Virus, sich inkontinent verhält und sich gerade deswegen
fortpflanzt?«
Die Sache
sei ernst, und man müsse zurückhaltend sein mit zynischen Bemerkungen, wollte
ich Moritz entgegenhalten, doch dieser war bereits beim nächsten Thema.
»Wer hat
nur diese Namen erfunden?«, fragte er, und malte die Begriffe mit der fahrigen
Bewegung seiner Hände in die Luft: »Corona!, Covid!«
Auch in
dieser Frage konnte ich ihm nicht weiterhelfen, meinte jedoch, um auch einmal
etwas gesagt zu haben, dass es Städte, einen Vulkan, eine Heilige und
neuerdings sogar Neugeborene mit dem Namen Corona gebe.
Wie zu
erwarten gewesen war, überhörte Moritz meine Erklärung und wiederholte, dass er
allmählich ganz durcheinander sei. So neige er dazu, Wörter und manchmal sogar
ganze Sätze falsch zu lesen. »Oder hast du schon einmal etwas von den ›Covidian Harmonists‹ gehört?«
Plötzlich,
ich wusste nicht, ob die dreifache Sechs dafür verantwortlich war, die er
unglücklicherweise gewürfelt hatte, wurde Moritz ernst. »Stell dir einmal vor,
der traumartige Zustand, in dem wir uns seit einiger Zeit befinden, löst sich
nicht mehr auf. Würdenträger aus der Politik erklären dir mit ernster und
gleichzeitig milder Stimme, dass in Kürze die ganze Welt geimpft werden solle.
Dass die Grenzen abgeschottet blieben und mit Helikoptern bewacht werden
müssten. Dass es auf unbestimmte Zeit verboten sei, sich einem anderen Menschen
auf weniger als zwei Meter zu nähern. Dass die Maskenpflicht verschärft würde.
Und dass die Regierung mit den grossen Medienhäusern eine Sprachregelung
getroffen habe …«
Ich war
beeindruckt von Moritz` Vorstellung, wollte jedoch erwidern, dass wir, oder
unser Nachbarland, genau das schon einmal erlebt hätten. Doch wieder kam er mir
zuvor: »Nein«, sagte er, »das haben wir so noch nie erlebt.«
Beide
schwiegen wir für einen Moment.
Und dann, nachdem
er vergeblich versucht hatte, mit einer Fünf zurück ins Spiel zu kommen, sagte
Moritz noch: »Wenn tatsächlich ein unredliches Kalkül dahinter stehen würde? –
Jedenfalls wäre es dann egal, ob es der oder das Kalkül heisst.«