Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/1235

Heftiger Regen setzte ein. Eine frische Brise wehte und die Wellen trugen Schaumkronen. Warfen sich an die Bordwand, gischteten auf und sprühten mit dem Regen in das Gesicht des Alten. Das Buch, in dem der Protagonist den Segen des Unterfangens pries, in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, legte er zu den anderen in eine Kiste, in der er auch einen kleinen Trinkwasservorrat untergebracht hatte. Er hatte sich zu weit aufs Meer hinaus gewagt. Auf das stille, sanftmütige Meer, dem in einsamen, ruhelosen Stunden sein Sehnen gegolten hatte. Hier jedoch, jetzt, halfen ihm weder Segel noch Ruder. Doch verlieren durfte er sie auch nicht. Verstaute sie unter den Ruderbänken, zurrte sie daran fest.
Strömung und einsetzende Ebbe hatten das Boot von der Küste fort aufs offene Meer getragen. Meerwärts verdunkelten tief stehende Wolkenberge den Horizont. Der Wind frischte auf. Wieder strich die Hand des Alten über die Bordwand und erinnerte das Splittern und Bersten des fallenden Baumes.
„Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt vermittele …“ hatte der Alte ein weiteres Buch aufgeschlagen und las daraus: „… und wenn dann ein jeder Lust darauf verspürt, weil ihn eine große Last im Herzen zum Meer zieht, so wirst du bald sehen, wie sie sich unterschiedlichste Beschäftigungen suchen, die ihren tausend besonderen Talenten entsprechen. Der eine wird Segel weben, der andere im Wald mit der blitzenden Axt einen Baum fällen …“ Im Wald mit blitzender Axt einen Baum fällen. Sein Onkel war es, der ihn zu jenem Baum geführt hatte, aus dem er dem Vater ein Boot bauen würde. Und er, noch ein kleiner Junge, sollte den Baum fällen.
Hat sich der Mann auf dem Bild bewegt? Du siehst ganz genau hin. Je länger du den anthrazitfarbenen Pinselstrich dort fixierst, von dem Dein Hirn dir erzählt, dass es einer ist und zugleich, dass dort ein Mann in einem Boot sitzt und liest, umso besser kannst du das Auf und Ab der Dünung erkennen.
Es zieht dich weiter, Schritt um Schritt.
Die Sonne stand im Zenit. Ihr Widerschein vom weißen Papier des Buches her blendete. Seine Augen ermüdeten. Für einen Moment der Erholung legte der Alte das Buch zur Seite. Trank einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, die er an seinen Gürtel gebunden hatte. In der Ferne verlor die Küste sich zu einem Streifen am Horizont. Und im Alten selbst wuchs die Gewissheit, allein zu sein. Füllte ihn aus bis in die Haarspitzen hinein. Gedankenverloren strich seine Hand über die hölzerne Bordwand des Bootes.
Du kamst heute hierher, um Dir Bilder anzuschauen. Nun querst du, einen lichtgefluteten Gang entlang schreitend, die Strömung. Gehst längsseits, bedächtigen Schrittes. In dir: Meer. Eines … Deines. Irgendeines. Und doch, gerade in diesem Augenblick, weißt du tief in dir auf deinem Meer einen alten Mann in einem Boot sitzen und aus einem Buch vorlesen.