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Das Glück der Menschen ist in der Verfassung von Bhutan verankert. Doch die BhutanerInnen gehören zu den ärmsten Menschen der Welt. Sind sie dennoch glücklicher als andere?
Nicht die Finanzen, sondern das Wohlbefinden der Menschen wollte der vierte König von Bhutan (1974–2006) optimieren. Als der sogenannte Drachenkönig mit 53 Jahren seinem Sohn die Krone übergab, war das nie kolonialisierte Land am Südfuss des Himalaja zur konstitutionellen Monarchie nach britischem Vorbild umgeformt und die Demokratisierung vorangetrieben.
In der ersten Verfassung von 2008 wurde festgesetzt, dass die Regierung nicht das Wirtschaftswachstum, sondern das Glück der EinwohnerInnen optimieren soll: Bei jeder Entscheidung soll sie sich fragen, ob dadurch die gesellschaftliche Zufriedenheit gesteigert werden könne. Diese nicht monetäre Ausrichtung des Staats fasziniert viele Menschen aus dem kapitalistischen Westen bis heute. Die BhutanerInnen selber seien davon aber nicht immer angetan, sagt der Physiker und frühere ETH-Sekretär Peter Schindler, der das Land seit Jahrzehnten beruflich und privat bereist. «Die Menschen brauchen Geld zum Leben, aber Arbeitsplätze gibt es kaum.»
Wirtschaftlich benachteiligt
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von Bhutan belegt auf der Rangliste der Weltbank Platz 123 von 189. Ein Grossteil der 717 000 EinwohnerInnen sind BäuerInnen und versorgen sich selbst. Einem Bericht der Weltbank zufolge zählt Bhutans BIP (2500 US-Dollar pro Kopf) allerdings zu den am schnellsten wachsenden weltweit. Diese Wachstumsrate ist jedoch fast ausschliesslich dem zunehmenden Verkauf von Strom an Indien zuzuschreiben. Da Indien ein Abnahmemonopol besitzt, bestimmt Delhi den Preis. Ergo ist Bhutan von Indien wirtschaftlich abhängig.
Fast siebzig Prozent des nationalen Vermögens von Bhutan stammen aus Entwicklungszuschüssen von Indien, Japan und Europa. Denn neben Wasserkraft existiert praktisch keine Industrie. Zudem müssen viele Nahrungsmittel importiert werden, weil nur 2,3 Prozent des Landes überhaupt landwirtschaftlich nutzbar sind. So ist zwar das BIP-Wachstum enorm, das Staatsdefizit von 79 Prozent des BIP und eine Inflationsrate von über 13 Prozent sind aber ebenso beeindruckend.
Natürlich kann das Glück eines Landes nicht allein an der Wirtschaftskraft gemessen werden. Eine UN-Studie, die das «Bruttonationalglück» auf der Welt untersuchte, kommt zum Schluss, dass in Bhutan in der Stadt 50 und auf dem Land 37 Prozent der Menschen glücklich sind. Die nicht oder noch nicht glücklichen Leute auf dem Land sind meist nicht gut gebildet, haben einen niedrigen Lebensstandard und können ihre Zeit nicht so einteilen, wie sie möchten. In der Hauptstadt Thimpu fehlt den (noch) nicht Glücklichen primär ein erfüllendes Gemeinschaftsleben.
Rigider Überfremdungsdiskurs
Auch die bhutanische Regierung misst das nationale Glück regelmässig, indem sie BeamtInnen in alle Regionen des Landes entsendet, um mit einem differenzierten Fragenkatalog das Wohlergehen der EinwohnerInnen zu ergründen. Die staatlich verordnete Ideologie ruht auf vier Pfeilern: dem Umweltschutz, dem Erhalt und der Fortentwicklung der bhutanischen Kultur, der guten Regierungsform und schliesslich der «verantwortlich geführten, nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung». Das Königreich mag heute als glücklicher gelten als andere Länder mit vergleichbaren ökonomischen Umständen. Aber es gibt auch Menschen, die für das Glück der Mehrheitsbevölkerung einen hohen Preis bezahlt haben: Die Opposition wurde vor der Gründung der neuen Regierung ins Nachbarland abgeschoben.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche NepalesInnen als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft nach Südbhutan geholt. Um das Königreich vor diesen externen kulturellen Einflüssen zu schützen, liess die Regierung Bhutans in den neunziger Jahren rund 100 000 Menschen aus Südbhutan wieder vertreiben – weil sie illegal im Land seien und dieses «überfremdeten». Tatsächlich zeugten die Ausschaffungen eher von der Angst des Königshauses, gestürzt zu werden. So wie es im winzigen Nachbarland Sikkim Anfang der siebziger Jahre geschehen war: Damals hatte ein Teil der aus Nepal stämmigen Bevölkerung mehr politischen Einfluss gefordert. 1975 wurde Sikkim infolge eines Referendums zum indischen Bundesstaat; als erste Amtshandlung jagte die neue Provinzregierung den König ins Exil.
Steine gegen das System
Aus Angst vor ähnlichen Protesten zwang der bhutanische König dem ganzen Land die Kultur Nordbhutans auf: Die traditionelle Kleidung musste, auch bei der Feldarbeit, getragen werden, Dzongkha und Englisch wurden zu alleinigen Schul- und Amtssprachen erklärt. StudentInnen protestieren gegen das autokratische System, Steine flogen, und der König empfand die 200 000 nepalstämmigen EinwohnerInnen zunehmend als Bedrohung für die nationale Identität. Anfang der neunziger Jahre begannen BeamtInnen, die Menschen im Süden zu kontrollieren: Wer keine offiziellen Dokumente vorweisen konnte, wurde nach Nepal ausgewiesen, wo die Vertriebenen fortan eingepfercht in Flüchtlingslagern leben mussten.
Als klar wurde, dass weder Bhutan noch Nepal diese Menschen integrieren wollten, begann das UN-Flüchtlingswerk ab 2007, für sie eine neue Heimat zu suchen: Fast alle haben seither in den USA (66 000), in Kanada (5000), Australien (4000) und anderen westlichen Ländern ein neues Zuhause gefunden. Die verbliebenen nepalstämmigen BhutanerInnen bevölkern bis heute vorwiegend die fruchtbaren südlichen Ebenen; ihr Anteil wird auf etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung geschätzt.
Wenn das Unglück dieser Vertriebenen mit eingerechnet wird, ist es um das Glück im Königreich nicht gerade gut bestellt. Dass ein Staat aber dem Zwang des Wirtschaftswachstums den Rücken kehrt und sich stattdessen bei allen Entscheiden fragt, ob dadurch die Zufriedenheit der Bevölkerung gesteigert werden könne, ist als Vision weltweit einzigartig – und würde auch hiesigen Regimen gut anstehen.
* Wunsch von Markus Lanfranchi: «Schaut mal, wie es um Bhutans Glück steht.»