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Im Juni 1957 erfuhr der private Basler Heimatschutz vom drohenden Abbruch des "Hinteren Württemberger Hofes", auch "Wackernagelhäuschen" genannt, und setzte sich umgehend für die Erhaltung dieses Baus ein. Sie bemühte sich bei den zuständigen Instanzen um eine Lösung, die einerseits das neue Bauvorhaben am Brunngässlein nicht hindern, andererseits den auf Allmend stehenden "Hinteren Württemberger Hof" retten sollte. Der Direktor des Kunstmuseums, gewissermassen in eigener Sache, unterstützte mit einer Einsprache die Denkmalpflege. Alles schien noch im Fluss und in der Schwebe, als man plötzlich im September desselben Jahres den beginnenden Abbruch konstatieren musste. Dass sowohl die Bemühungen der Denkmalpflege als auch die Einsprache eines wichtigen Nachbars und die Stellungnahme des Heimatschutzes behördlicherseits anscheinend übergangen wurden, wurde schon damals nicht verstanden.
So musste wieder von einem altvertrauten Stück Basel Abschied genommen werden. Durch eine Volksabstimmung wurde genau 25 Jahre zuvor der Abbruch des "Württemberger Hofs" beschlossen. Der mächtige englische Garten, der zwar schon durch die Anlegung der Dufourstrasse stark beeinträchtigt worden war, musste verschwinden. Sang- und klanglos fiel nun auch der letzte Teil der einstigen Baugruppe dem "Fortschritt" zum Opfer: Der fast landhausartig wirkende "Hintere Württemberger Hof". Man kann sich auf Grund einiger weniger Photographien nur schwer ein Bild davon machen, wie entzückend es einst gewesen sein muss hier zu wohnen und im Schatten der mächtigen Kastanien zur rechten Seite der Liegenschaft oder im bescheidenen Gärtchen zu sitzen. Lassen wir die reiche Hausgeschichte an uns vorüberziehen, wie sie sich anhand des historischen Grundbuchs und anderer Quellen zusammenstellen lässt.
Die erste Erwähnung der Liegenschaft fällt in das Jahr 1436, als Adelheid Hörni, die Witwe des Heizmann, Haus und Hofstatt samt Garten dem Leutpriester zu St. Ulrich beim Münster verkauft. Damals und noch weit ins 19. Jahrhundert hinein sah es im Gebiet der heutigen Dufourstrasse recht ländlich aus. Die spätmittelalterliche Stadtmauer umfasste ein so grosses Areal, dass manche Teile unüberbaut blieben. So entstanden überall Gärten und Rebgelände, die zu Freude und Nutzen der noch halb bäuerlichen Bürgerschaft dienten.
Relativ rasch wechselten die Besitzer der Liegenschaft; Handwerker und Priester, einmal sogar die Kirche zu Pfeffingen, werden als Eigentümer genannt. Schliesslich wird sie vom Bürgermeister Jakob Meyer, unter dessen mässigendem Einfluss in Basel die Reformation durchgeführt wurde, um 90 Pfund erworben. Doch sehr lange scheint auch er das Haus nicht besessen zu haben, denn schon bald vernimmt man von Streitigkeiten anderer Besitzer, die sich vor dem Gericht in den Haaren lagen. Vielleicht war der Einfluss der Grafen von Thierstein, die den späteren "Württemberger Hof" am St. Albangraben besassen und deren Ruf in Basel nicht der beste war, nicht besonders günstig. Als aber das Haus am St. Albangraben von Hieronymus Engelhart für den Herzog von Württemberg erworben wurde, nützten auch Meister Wilhelm Thurneysen und seine Frau die Gelegenheit und verkauften "Haus und Hofstatt samt dem Gärtlein daran im Gässlein hinter dem Jakobsbrunnen, hinten an des Käufers Haus stossend" um 500 Pfund dem Herzog. Wohl kaum je haben der deutsche Reichsfürst oder einer seiner Nachfolger in dem bescheidenen Häuschen gewohnt. Vielmehr wird es eher als Unterkunft für die Dienerschaft benützt worden sein. Als Erinnerung an jene hochfeudalen Zeiten blieb, als die Liegenschaften wieder in bürgerliche Hände gerieten, nur noch der Name.
Im 18. Jahrhundert macht Johann Heinrich Herbort als Besitzer des Hauses von sich reden, als er mit seinem Nachbarn Hans Georg Gessler einen erbitterten Prozess wegen eines "Privat", also eines WCs, austrug. Aber der Prozess scheint die Freude der Besitzer an ihrem Haus nicht vergällt zu haben, denn nahezu hundert Jahre bleibt der "Hintere Württemberger Hof" in den Händen der Familie Herbort, so dass wir annehmen können, dass er ihr seine in Fotos festgehaltene Gestalt verdankte. Das geschweifte Dach und andere Details verraten einen guten Geschmack im Sinne des bürgerlichen Barocks. Aber Um- und Neubauten brachten auch in der guten alten Zeit finanzielle Sorgen mit sich: Magister Johann Ulrich Herbort, Prediger zu St. Leonhard, sah sich genötigt, bei Hieronymus Hosch 2200 neue französische Taler aufzunehmen. Als Sicherheit diente seine Behausung samt der neuerbauten Scheuer und Stallung.
Zu Beginn der Helvetik (1798) hat das Haus bereits wieder mehrfach den Besitzer gewechselt und befindet sich in den Händen des in Paris weilenden Bankiers Johann Ludwig Burckhardt. Dessen Geschäfte scheinen aber, vermutlich unter der napoleonischen Handelspolitik, sehr gelitten zu haben. 1811 erfolgt sein Konkurs, und die Liegenschaft wird von einem Burckhardtschen Vetter aufgekauft. Im 19. Jahrhundert folgen als Besitzer drei grosse Männer, gross nicht mehr im Sinne eines Herzogs von Württemberg, sondern im geistigen Sinne. Der erste ist der bekannte Waadtländer Theologe und Literaturhistoriker Alexander Vinet, der 1830 die Liegenschaft erwarb, sie aber bereits drei Jahre später an seinen Kollegen Professor Dr. Wilhelm Martin Leberecht De Wette veräusserte. Heute trägt noch ein klotziges Schulgebäude den Namen des Letztgenannten. Ob es aber nicht der feinsinnigen Gelehrtennatur besser entsprochen hätte, wenn sein Wohnhaus erhalten geblieben wäre? Noch zwei weitere Gelehrte, deren Namen zu Basel in hohen Ehren gehalten werden, lebten in diesem Haus: Professor Dr. Wilhelm Wackernagel, nach Wilhelm Grimm der bedeutendste frühe Germanist sowie sein Sohn, Dr. Rudolf Wackernagel, Staatsarchivar und Verfasser der grossartigen "Geschichte der Stadt Basel".
Der "Hintere Württemberger Hof" wandelte sich unter Wackernagel sen. zu einem wahren Treffpunkt der Dichter; unter anderem war Wackernagel mit dem deutschen Romantiker Adelbert Chamisso oder dem schwäbischen Dichter Uhland befreundet, genauso wie mit den Basler Dichtern Theodor Meyer-Merian und Jacob Burckhardt, und die Herren waren oft im gastlichen Haus des Wahl-Baslers anzutreffen oder bei Zechereien in den Klosterkellern des St. Albanstiftes. Manch dichterischem Werk ist hier Wackernagel Pate gestanden und hat jungen Talenten in seinem Dichterkränzchen ein erstes Forum geschaffen. Nachdem 1869 Wackernagel sen. gestorben war, führte sein Sohn diese Tradition fort, und niemand Geringerer als Hermann Hesse verkehrte im Kreise Rudolf Wackernagels. Hesse verfasste 1901 gar einen Stammbuchvers für Wackernagel, das hier des Zitierens wert ist:
Ein altes Haus mit alter Tür
Ich stand des Abends of dafür
Und zog die Glocke leisen Zugs;
Von Mädchenhänden leis und flugs
Ward aufgemacht, ich trat hinein
In heimatlichen Ampelschein.
Hut ward und Mantel abgetan,
Ich stieg die Stufen gern hinan
Und hörte auf der ersten schon
Von oben Klang und Geigenton,
Im Zimmer um den breiten Tisch
Gelächter ging und Rede frisch.
Ein neues Buch, ein altes Blatt
Ein Irgendwas lag stets parat,
Daneben für des Leibes Not
Ein Tässlein Tee, ein Knusperbrot,
Aus frohem Aug ein heller Blitz,
Aus raschem Mund ein rascher Witz
Traf mich und spann mich stillen Mann
Mit vielen sanften Fäden an,
Was sonst in Basel allzu rar,
Schier ungesucht zuteil mir war:
Ein Heimatrecht und Sitz am Herd,
Man freut sich, duldet, hält sich wert,
Und findet ohne Zwang und Zier
Sich ein als wie zu Hause schier,
Als Dank, so oft ich ging vorbei,
Macht ich ein Verslein oder zwei
Und grüsst im Herzen Tor und Haus,
Es ward ein ganz Poem daraus.
Der "Hintere Württemberger Hof" bildete noch eine lange Reihe von Jahren den bevorzugten Wohnsitz von Lehrern unserer Hochschule, bis sich dann in den 1930er Jahren - nachdem das Haus ziemlich lange verlassen mit geschlossenen Fensterläden dagestanden war - ein Kunst- und Antiquitätenhändler für die wohlproportionierten Räumlichkeiten interessierte, in denen fortan sorgfältig aufpolierte alte Kunstwerke von Schreinerarbeiten wie Ruhebetten aus der Empirezeit, Stühle und Tische im Stile Louis XV. zur Schau gestellt waren. In der Zwischenzeit war der zweistöckige Anbau längs entlang des Brunngässleins zu einer Garage umgebaut worden, und auch der Hof wurde für deren Zweck umfunktioniert.
Und dann, 1957, war dieses Haus dem Untergang geweiht. Schon lange wirkte dieses stille Häuslein mit dem bescheidenen Gärtchen und dem alten Gemäuer hier im Zentrum einer sich modern gebärdenden City deplatziert. Es sollte mit einer siebenstöckigen Geschäftsliegenschaft ersetzt werden, das dem ganzen Platz das letzte Stück Altbau - und damit Charme - raubte. Gab es keine andere Lösung mehr? Gewiss, die in eine Garage umgewandelte Scheuer hätte mit gutem Gewissen geopfert werden können. Aber das Haus selbst? Welch charmantes Bild hätte gerade das alleinstehende Haus, umgeben von den alten Bäumen, einem gepflegten Rasen und Blumenrabatten, mitten in einem modernen Häuseragglomerat bieten können. Das Haus wäre Mittelpunkt einer erholsamen, die verschiedenen modernen Bauten verbindenden Insel geworden. Seiner äusseren Gestalt und der Erinnerung an seine bedeutenden Persönlichkeiten wegen hätte es der "Hintere Württemberger Hof" verdient, erhalten zu bleiben.
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In den Basler Nachrichten vom 7. Juni 1955 schrieb Wilhelm Wackernagels Enkel Martin einen stilvollen Nachruf an die Liegenschaft am Brunngässlein. Er soll zum Abschluss hier auszugsweise wiedergegeben werden:
"Ältere Leser unseres Blattes werden sich wohl noch an das einstige Brunngässlein erinnern, an seine vom durchgehenden Fahrverkehr gemiedene friedliche Stille und Abgeschlossenheit, zwischen langgestreckten, von Baumkronen überragten Gartenmauern: eine seltsam anziehende, stimmungsvolle Enklave innerhalb des Stadtgebiets zwischen Aeschen- und St. Albanvorstadt. Hier hatte sich noch ein Stück altes Basel, etwas von dem patrizischen Lebensstil des 18. Jahrhunderts bis nahe an unsere Zeit erhalten, mit aneinander grenzenden, parkartig grossen Gärten, entsprechend dem einstigen Vorstadtgepräge dieses Stadtviertels. Im Herzen dieser Oase - die nach dem brutalen Durchbruch der Dufourstrasse vor etwa 50 Jahren allmählich vernichtet wurde - lag also, da wo das Gässlein mit ellbogenartigem Knick dem Lautengarten entlang zum Aeschenplatz weiterführte, das ehemals Wackernagelsche Haus, der "Hintere Wirttemberger Hof".
In seiner idyllischen Lage und der so gemütlichen biedermeierlichen Erscheinung mochte es wohl manchem daran Vorübergehenden noch späterhin als eine beneidenswerte Wohnstatt vorkommen. Und das war es in der Tat. Jedenfalls bis 1900. Denn wenn auch der eigene Hausgarten, mit dem baumbestandenen "Bergli" und der Wiese davor, in seiner intimen Umgrenztheit fast mit einem Blick zu überschauen war, so erweiterte sich dieser nächste Zubehör durch die von allen Fenstern des Hauses sich darbietenden Ausblicke in die schier unabsehbar weiten Nachbargärten. Da war also der De Wettsche der Hausfront gegenüber, sodann auf der Schmalseite das Kastanienwäldchen des Württemberger Hofes, das bis über die Gabelung der heutigen Dufourstrasse sich vorschob und dort an den Lautengarten angrenzte, während hinter unserem Garten der allein noch übriggebliebene Ehingersche des "Hauses zum Raben" sich anschloss.
Dank dieser unvergleichlichen Situation, einer Parklandschaft mitten in dem schon längst weit darüber hinausgewachsenen Weichbild der Stadt, bedeutete der Umkreis des Brunngässleins ein wahres Unikum im damaligen Basel. Beinahe ein Wunder, dass eine so luxuriöse, weitausgedehnte Gärtenherrlichkeit sich so lange hatte erhalten können und erst um 1900 dem Moloch des grossstädtischen Verkehrs und der entsprechenden Hochsteigerung der Grundstückwerte zum Opfer fiel. Das vormalige ruhevolle Eingebettetsein zwischen dem alten Baumbestand, den Rasenflächen und Blumenbüschen all der grossen Gärten ringsum musste denn auch auf die ganze Stimmung des Hauses, wie seiner Bewohner und Gäste in irgendwie poetisch-romantischem Sinne sich auswirken.
Die fast eichedorffisch anmutende Eindruckswirkung der Umgebung meines Elternhauses in den 1890er Jahren ist aber auch mir noch immer sehr deutlich in Erinnerung. Und nicht minder deutlich die Stimmung und Ausstattung einzelner Räume des Hauses. Vor allem das Studierzimmer meiners Vaters, am hintern Ende des niedrigeren Seitenflügels - der beim Übergang des alten Gelehrtenhauses in fremde Hände, um 1920, einer Garagenanlage Platz machte - ein stilles Reich für sich, zusammen mit der daran angegliederten grossen Fachbibliothek in dem zum Hausgarten blickende Korridor.
In der Lebensluft dieser idealen Klause erwuchsen nun, noch vor unserer endgültigen Übersiedlung auf den Wenkenhof, sowohl einige belletristische Arbeiten - das Böcklinfestspiel, das Festspiel für 1901 wie auch eine Reihe historischer Aufsätze und die ersten Kapitel der grossen Basler Geschichte. In dem noch existierenden vorderen Teil des Hauses lagen, über dem zum Garten geöffneten Esszimmer, die Wohnzimmer, in denen neben den literarischen Teilen der Hausbücherei und der Kunstblättersammlung einige besonders schätzenswerte Gemälde ihren Platz hatten. Zum Beispiel zwei Arbeiten Arnold Böcklins, die der Künstler meinem Grossvater, der ihm einst den Zugang zum Künstlerberuf ebnete, geschenkt hatte. Die durch eine Doppeltür untereinander verbundenen Zimmer waren auch der Schauplatz der weitverzweigten Geselligkeit meiner Eltern. Vor allem in der Form regelmässig wiederkehrender "Offener Abende" - mit zwanglosen musikalischen und literarischen Darbietungen - für den buntgemischten Freundeskreis des Hauses. Neben denen öfter auch ein sogenannter "Junggesellenabend" stattfand, an dem namentlich alle Professoren teilnahmen. Der Archäologe Ferd. Dümmler aus Berlin und sein orientalistischer Kollege Adam Mez, dann Heinrich Wölfflin und seine späteren Nachfolger Carl Maria Cornelius u.a.m. Während des Archivneubaus um 1895/96 war dessen Architekt, der junge fröhliche Rheinländer Jennen öfters zu Gast und daneben der damalige Buchhändler und noch unedierte Schriftsteller Hermann Hesse."
Der deutsche Dichter hat sich in seiner Memoiren sehr viel über Basel und den "Hinteren Württemberger Hof" geäussert, hat er doch viel Zeit seines Lebens hier verbracht. Doch dies hat an anderer Stelle Platz...
Quellen:
- Meier 1995: 110f.
- Nationalzeitung vom 2. Oktober 1959
- Basler Nachrichten vom 22. September 1957
- Nationalzeitung vom 1. September 1957
- Nationalzeitung vom 5. August 1957
- Basler Nachrichten vom 7. Juni 1955