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Ich erlebe immer wieder Beziehungskonstellationen in Familien und in christlichen Gemeinden, in denen das implizite Verständnis von Liebe eine entscheidende Rolle spielt.
Nehmen wir die Situation der Eltern und des Kindes. Ich versuche die Ausgangslage gerafft wiederzugeben. Das Kind äussert einen Wunsch und erwartet, dass diesem stattgegeben wird. Die Reaktion der Erzieher läuft etwa so ab: Die ersten Momente deuten darauf hin, dass die angefragte Person mit dem Wunsch nicht einverstanden ist, Vorbehalte hegt oder unwillig wird. Nach aussen glättet sich dieser kurze Moment des Ungehaltenseins. Dem Wunsch wird ohne Diskussion stattgegeben. Wer über die unmittelbare Situation hinaussieht, mag ein Beziehungsmuster erkennen. Der Erzieher pflegt den Wünschen des Zöglings stattzugeben. Er verliert dadurch laufend an eigenem Terrain. Es scheint, als ob er bei jedem Zugeständnis einen Schritt zurückweicht. Das Gegenüber erhält entsprechend mehr Spiel- und Freiraum.
Wenden wir uns jetzt einem möglichen inneren Vorgang auf Seiten des Erziehers zu. Der Antrag wird gestellt. Es tauchen innerliche Vorbehalte oder Einwände auf. Was bewegt ihn dazu ohne Diskussion dem Wunsch stattzugeben? Auf den ersten Blick könnten wir zur Überzeugung kommen. Er tut es um der eigenen Harmonie willen oder weil er sich selbst für den Moment keine Unannehmlichkeiten schaffen will. Hier können wir wiederum fragen: Weshalb ist ihm das Vermeiden von Konflikten so wichtig? Auf dieser zweiten Ebene wird es anspruchsvoller. Die Antwort könnte lauten: Er möchte vom Zögling angenommen sein. Er definiert seine Identität über die des Gegenübers und sucht Bestätigung und das Gefühl der Annahme über den ihm Anvertrauten. (Dasselbe kann auch an der Arbeit oder in der Gemeinde vorkommen.)
Dieser unbewusste Beziehungs-Deal vermischt sich argumentativ mit dem zeitgenössischen Verständnis von „Toleranz“. Vordergründig wird argumentiert: „Das ist sein Recht.“ Die tiefer gehende Frage lautet: Von wem wird dieses Recht verliehen? Hier stossen wir auf ein gesellschaftlich anerkanntes Dogma der nach-christlichen Gesellschaft. Freiheit wird definiert als Gebundenheit an das eigene Gesetz. Jeder ist sich selbst Gesetz. Je nach Vorgeschichte und Laune definiert er das, was ihm im Moment richtig erscheint, als gut und richtig. Dies wird erkennbar an der sofortigen Auszahlung eines guten Gefühls (sogenannter „emotionaler Payback“). Weil das Recht des Einzelnen zu entscheiden über die Ansprüche des Kollektivs triumphiert, muss „man“ dem Wunsch nachgeben.
In frommen Kreisen wird diese Mischung von Rollenumkehr (vom Zögling angenommen sein), kombiniert mit dem nach-christlichen Toleranzverständnis, mit dem Liebesbegriff argumentativ untermauert. Platt ausgedrückt: „Gott ist Liebe. Ich habe auch lieb zu sein. Lieb zu sein bedeutet: Der andere kann tun, was ihm passt. Gott nimmt jeden so an, wie er ist.“ Das ist eine schlaue Verpackung. Wir rechtfertigen unser Nachgeben (hierzu passt, was ich kürzlich von Beziehungsgötzen geschrieben habe) mit der Ableitung einer göttlichen Eigenschaft. Ich denke, dass dies eine Karikatur und damit eine Projektion Gottes darstellt. (Mehr zu dieser populären Verzerrung habe ich im Aufsatz "Wer Gott verliert, verliert sich selbst" dargestellt.)
Ich habe mich gefragt, wie solche Beziehungsmuster langfristig enden. Wenn hunderte oder tausende Male geschwiegen wird, wenn geredet werden sollte, findet kurzfristig eine innere Distanzierung statt. Daraus bildet sich mittelfristig eine Entfremdung heraus. Das bedeutet, dass das gewünschte Resultat sich ins Gegenteil verkehrt. Der Rückfluss für das eigene gute Gefühl (z. B. angenommen sein) findet nicht statt. Deshalb ist dann ein Beziehungsabbruch und –wechsel angezeigt. Eine neue Freundschaft, Partnerschaft oder Gemeinde soll den dazu nötigen Zufluss wieder regeln.
Soweit die Analyse. Was kann ein erster Schritt zum Ausstieg sein? Das fängt bei mir als Erzieher, Arbeitnehmer oder Gemeindeglied an. Ich beginne mich zu fragen: Weshalb sage ich „ja“, wenn ich eigentlich „nein“ sagen will? Diesen Motiven auf die Schliche zu kommen, kann sehr schmerzlich und demütigend sein. Dem eigenen Eingeständnis kann die Frage an das Gegenüber folgen: Weshalb fragst du gerade danach? Was erhoffst du dir davon?