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Mein Fahrer Balai ist ziemlich schweigsam. Was wohl damit zu tun hat, dass er fast kein Englisch spricht (und ich kein Äthiopisch). Erst bei der Nachrecherche wird mir klar, was dies für eine bedeutsame Brücke ist (siehe Bild unten). Ein wenig aufgeschreckt durch den militärischen Checkpoint vor der Brücke frage ich Balai, was hier los ist. Er deutet auf die andere Seite des Flusses: «This is Amhara country, and this here ist Oromia country.» Hier treffen zwei Regionen aufeinander, zwei Ethnien der vielen in Äthiopien. Und diese beiden, die Amhara und die Oromia, mögen sich nicht besonders. Aus den kurzen Bemerkungen meines Fahrers schliesse ich, dass die Präsenz von Militär und/oder Polizei, etwas mit den Reibereien zwischen diesen beiden Ethnien zu tun hat.
Doch die Präsenz der Uniformierten hat wohl mehr mit der Bedeutung der Brücke zu tun. Die «Hadesi Bridge» führt hier über den Baluen Nil. Sie ist weit und breit, also wirklich sehr weit und breit, der einzige Übergang über die Schluchten des rechten (blauen) Arms des längsten Stroms der Welt. Die Brücke ist auch Teil der «Cape to Cairo Road» (Pan-African Highway), der längsten durchgängig befahrbaren Strasse der Welt (die Panamericana ist nicht durchgängig befahrbar und darum nicht die längste).
Die neue Hadesi-Brücke steht, bzw. hängt, seit 2008. Gleich daneben steht immer noch die von den Italienern gebaute Steinbrücke, die nicht mehr befahren, wohl aber zu Fuss überquert werden kann, was aber niemand tut, weil keine Fussgänger hier vorbeikommen. Die neue Brücke darf von Fussgängern nicht begangen werden – warum auch immer. Man darf auch nicht auf der Brücke kreuzen (mit Fahrzeugen) oder zu zweit hintereinander rüberfahren (fotografieren darf man grad auch nicht). Um die Brücke zu überqueren, fährt man von Hochland bei Gohatsiem von über 2500 Meter über Meer auf etwa 1500 müM runter und dann gleich wieder fast ebensoviel wieder hinauf nach Dejen. Der Blaue Nil unter der Brücke ist hier noch ziemlich jung (und braun), obwohl er schon ein paar hundert Kilometer unterwegs ist. Der Blaue Nil heisst in Äthiopien übrigens nicht Nil, weder weiss noch blau (was er ohnehin nicht ist), sondern «Abay».