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Nicht nur in seinem äusseren Erscheinungsbild, auch in seiner architektonischen Ausgestaltung – sowohl im Äusseren als auch im Inneren – ist das Suva-Hauptgebäude ein bedeutendes Baumonument aus dem frühen 20. Jahrhundert. Stilistisch ist es ein Übergangswerk des ausklingenden Historismus und Jugendstils und den Anfängen des Neuen Bauens in der Zentralschweiz.
Die städtebaulich prominente Lage wurde schon in der Planungszeit mit derjenigen der ETH in Zürich verglichen. Der Turm- und Kuppelbau des Siegerprojektes «Wahrzeichen» der Gebrüder Pfister aus Zürich lehnte sich an die Form des zur selben Zeit entstehenden Universitätsgebäudes in Zürich an.
Durch die Platzierung des Gebäudes an der Ostseite der Parzelle, über dem Felsabbruch oberhalb der Zürichstrasse, wurde auch der Standort der künftigen Erweiterungsbauten vorweggenommen.
Das einheitlich in einem Ockerton gehaltene Gebäude besteht aus einem im Grundriss rechteckigen, massigen Vierflügelbau mit Innenhof. Der Ostflügel wird von einem fünfstöckigen Turm mit einer geschwungenen Kuppel überhöht. Auf der Südseite werden die Fenster im dritten Obergeschoss alternierend mit gesprengtem Dreieckgiebel und zwischenliegender Vase bekrönt. An der Nordseite wechseln die die Giebel mit gesprengten Rundbögen ab.
In die Dachflächen sind Dreieckgiebel mit Malereien von Emil Cardinaux aus Bern eingelassen. Sie versinnbildlichen den «Gedanken der Barmherzigkeit und gegenseitiger Hilfeleistung». Ursprünglich waren es elf Bilder: vier am Turm, je drei an Süd- und Nordfassade – und eines an der Westfassade. Letzteres musste dem Anbau von 1955 weichen. Cardinaux (1877 bis 1936) war einer der bekanntesten Maler und Plakatkünstler seiner Zeit. Er schuf das offizielle Plakat der Schweizerischen Landesausstellung von 1914.
Hinter den Fenstern des obersten Turmgeschosses, die gestelzt und durch Dreieckgiebel besonders ausgezeichnet sind, befindet sich der Verwaltungsratssaal. Ein ornamentiertes Kranzgesims schliesst den Turmbau ab. Darüber erhebt sich die geschwungene Kuppel, wiederum mit bemalten Dreieckgiebeln und bekrönt durch eine Laterne mit umlaufendem Geländer. Auf der Laterne befand sich von 1916 bis etwa 1930 eine bronzene Kuppelfigur in Frauengestalt.
Der Haupteingang mit einer kunstvoll ausgeführten Messingtüre befindet sich im Untergeschoss des Turmes. In der Eingangshalle führen zwei seitliche Treppenaufgänge sowie zwei Aufzüge in die Obergeschosse. Im Hauptgebäude sind die Büroräume durch Gänge entlang des Innenhofs erschlossen, was stark an eine Klosteranlage erinnert.
Die Fundamente des Hauptgebäudes und des Turmes liegen direkt auf dem Felsen auf. Das Mauerwerk ist massiv, mehrheitlich aus Bruchsteinen ausgeführt. Die anspruchsvollen Steinhauerarbeiten wie Türbekrönungen und Kartuschen schuf der Bildhauer Otto Münch aus Zürich. Münch (1885 bis 1965) stammte aus Meissen (Deutschland) und betrieb in Zürich eine eigene Kunstschule.
Für die Bedachung des Neubaus wurde eine eigene Dachhaut entworfen. Die sogenannte Klosterdeckung besteht aus Mönchs- und Nonnenziegeln. Beton wurde für die Decken und die Zwischenböden verwendet, ebenso für den Liftschacht. Die Decken sind mit wulstigen Stukkaturrahmen und Gipsprofilen verziert. Die einzige Holzdecke ist die neobarocke Kassettendecke des Verwaltungssaals.
Die Innenausstattung wurde bis ins Detail von den Architekten geplant. Jede Türe musste für die Schreiner vorgezeichnet werden. Dasselbe galt für die Schränke in den Büros und die Gehäuse der Aktenlifte. Sogar die Möblierung – Stühle, Schreibtische, Lampen – wurde nach genauen Plänen der Gebrüder Pfister erstellt.
Das grosszügig geplante Verwaltungsgebäude genügte den räumlichen Anforderungen bis in die Fünfzigerjahre. Das einzige Problem schienen die Lager- und Archivräume gewesen zu sein. 1933 projektierte man Archivräume im Kuppelraum, was aus statischer Sicht nicht unproblematisch war. Da die Räume in der Kuppel nicht geheizt und im Winter kaum benutzbar waren, richtete man 1945 weitere Archivräume im Dachgeschoss ein. 1948 wurde ein Teil des Innenhofes als Lagerraum ausgebaut. Der eingeschossige Einbau nahm zwei Drittel der Fläche des Innenhofes ein. Die Belichtung erfolgte durch Glasbeton-Oblichter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine bauliche Erweiterung nötig. 1952 wurde August Boyer, Architekt in Luzern, mit der Planung des Erweiterungsbaus auf der Westseite der Fluhmatt-Liegenschaft beauftragt. Boyer schlug zunächst einen eigenständigen Anbau unter einem vorspringenden Flachdach vor. Dieser wurde aber aus ästhetischen Gründen abgelehnt. Zwar sei keine «streng vergangenheitsgebundene Lösung notwendig», hiess es damals im Verwaltungsrat, dennoch habe die «Suva als Bundesanstalt gewisse kulturelle Rücksichten zu nehmen».
Ausgeführt wurde ein historisierender Anbau, der nahtlos an den Bau von 1914/15 anschliesst, der sich aber dem Hauptbau aufgrund des weitgehend fehlenden Fassadenschmucks eindeutig unterordnet. Dem Anbau musste die bis anhin noch bestehende Villa Fluhmatt weichen.
Schon 1956 stellte die Suva fest, dass der soeben fertiggestellte Erweiterungsbau den Platzanforderungen nicht genügte. Zu schnell wuchs die Versicherungsanstalt nach dem Krieg. 1963 wurde der Wettbewerb für einen weiteren Erweiterungsbau ausgeschrieben, den sogenannten Trakt B. Insgesamt gingen 149 Projekte ein. Der siegreiche Architekt, Max Ziegler aus Zürich, platzierte einen selbständigen, auf quadratischem Grundriss mit Innenhof errichteten Kubus zwischen das Verwaltungsgebäude und die Museggmauer.
Der moderne Stahl-, Beton- und Glasbau besteht aus zwei Geschossen und einem Flachdach. Im darauf aufgesetzten dritten Geschoss befindet sich das Personalrestaurant, von dessen Terrasse sich eine der eindrucksvollsten Aussichten über die Stadt Luzern, den See und das Innerschweizer Bergpanorama offenbart.
In den Neunzigerjahren entschied sich die Suva – nach langen Auseinandersetzungen mit der Stadt Luzern um eine Baubewilligung – zu einem Neu- statt Erweiterungsbau. Dieser wurde von Hans-Urs Hengartner, Architekt aus Reussbühl, auf der Nordseite der Fluhmatt-Parzelle entworfen. Dort schmiegt sich das konische zulaufende Büro- und Logistikgebäude an die Grundstücksgrenze an und tritt – trotz des beträchtlichen Bauvolumens von 32 000 Kubikmetern – städtebaulich nicht in Erscheinung.
Bereits 1973 war die Agentur Zentralschweiz aus dem Hauptgebäude der Suva an die Stadthofstrasse in Luzern gezogen. Später, zwischen 1994 und 1997, entstand für die Agentur der Neubau am Löwenplatz. Entscheidend für die räumliche Weiterentwicklung des Hauptsitzes auf der Fluhmatt war aber die Fertigstellung des «zweiten Verwaltungssitzes der Suva». 1992 war das Verwaltungsgebäude in der Rösslimatt in Luzern bezugsbereit.
Für die Fluhmatt, wo auch umfassende Unterhalts- und Erneuerungsarbeiten anstanden, wurde nun ein Gesamtkonzept für die Erschliessung und Raumaufteilung erarbeitet. Dies führte zu verschiedenen Restaurierungs- und Sanierungsmassnahmen. Vor allem wurde der zu zwei Dritteln zugebaute Innenhof wieder freigelegt und darunter eine neue, natürlich belichtete Halle als Verbindungs- und Versammlungsraum geschaffen. Die Idee dazu hatte der Luzerner Architekt Andreas Rigert. Zunächst wurde das Projekt noch aus Kostengründen verworfen, zum Umdenken bewog ein Wiedererwägungsgesuch der Denkmalpflege. Überarbeitet wurde auch der Eingangsbereich mit einem Windfang unter den bestehenden Arkaden. Ausserdem wurde das Dachgeschoss des Hauptgebäudes von Lager- zu Büroräumen – mit Lukarnen gegen den Innenhof – umgebaut.
Dieser Beitrag ist in weiten Teilen eine Kurzzusammenfassung des Textes von Barbara von Flüe/Claus Niederberger in: Archäologie, Denkmalpflege, Geschichte : Jahrbuch / Historische Gesellschaft Luzern, Nr. 20 (2002), S. 156ff., der nach der Teilsanierung und -restaurierung des Suva-Hauptgebäudes von 1993 verfasst wurde und die wesentlichen Aspekte der architektonischen Bedeutung und der Architekturgeschichte aufzeigt, ergänzt durch Informationen und Einschätzungen aus: Thomas Brunner, Die Baugeschichte des Hauptsitzes auf der Fluhmatt in Luzern, Luzern, 1999.