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Für Interessierte ein Auszug aus einem längeren Aufsatz von Robert Kurz in: Widerspruch Nr. 53, 2. Halbjahr 2007. Den ganzen Text kann ich bei Interesse mailen.
Vom Golddollar zum Rüstungsdollar
Die Weltwährungskrise der 70er Jahre endete allein deshalb relativ glimpflich, weil der Dollar trotz des Verlusts der Goldkonvertibilität seine Funktion als Weltgeld, d.h. als Welthandels- und Reservewährung, mangels einer glaubwürdigen Alternative nahezu ungebrochen erhalten konnte. Allerdings fand die Rekonstitution des Dollar als Weltwährung auf einer völlig neuartigen Grundlage statt. An die Stelle der im Gold fundierten Wertsubstanz des Weltgelds trat nun tatsächlich eine Art „politische" Garantie, im wesentlichen eine militärische. Die Währung der Weltmacht oder „Supermacht" der westlichen Hemisphäre nahm ihre Weltgeldfunktion nun allein aufgrund dieser Machtbasis ein.
Dabei vollzog sich ein eigentümlicher reziproker Prozess: In demselben Maße, wie sich die ökonomische Stellung der USA auf dem „regulären" Weltmarkt der Waren- und Kapitalströme verschlechterte (ein bis heute anhaltender Prozess), wuchs der schon von Präsident Eisenhower so bezeichnete „militärisch-industrielle Komplex" kontinuierlich an. Die exorbitanten Wachstumsraten der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg setzten sich fort in Gestalt einer vieldiskutierten „permanenten Kriegswirtschaft". Auch die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik schlug sich vor diesem Hintergrund in immer neuen High-Tech-Waffensystemen nieder und markierte den Weg von der Industrialisierung zur Elektronisierung des Krieges. Die Sowjetunion als Gegenweltmacht der „nachholenden Modernisierung" ging zwar in erster Linie an ihren inneren Widersprüchen einer „geplanten Kapitalökonomie" zugrunde, aber sie wurde auch „totgerüstet" und konnte den High-Tech-Wettlauf weder ökonomisch noch militärisch durchhalten.
Der „außerökonomische Faktor" der zunehmend konkurrenzlosen US-Militärmaschine schlug dabei in eine gewaltige ökonomische Potenz um. Zwar behielten die Mahner und Warner in den USA gegenüber der unaufhaltsamen Tendenz zur „permanenten Kriegswirtschaft" insofern recht, als damit eine Lawine der staatlichen Verschuldung ausgelöst wurde. Der ohnehin schon aufgeblähte militärisch-industrielle Komplex wurde in vieler Hinsicht zum Wachstumsträger und zur Jobmaschine. Die US-Ökonomie zeigte nominelle innere Stärke, obwohl sie auf dem Weltmarkt immer schwächer wurde.
Die mit diesem Prozess der ökonomischen Militarisierung verbundene astronomische Verschuldung konnte schon in den 80er Jahren nicht mehr aus eigenen Ersparnissen finanziert werden. Aber die ökonomische Potenz der Militärmaschine schlug sich auch in den Außenbeziehungen nieder. Die Militärmacht der USA als „Weltpolizei" war es gerade, die den globalen Finanzmärkten einen „sicheren Hafen" zu bieten schien. Der Dollar behielt seine Weltgeldfunktion, indem er vom Golddollar zum Rüstungsdollar mutierte. Und der strategische Charakter der Weltordnungskriege in den 90er Jahren und nach der Jahrhundertwende im Nahen Osten, auf dem Balkan und in Afghanistan bestand in erster Linie darin, mittels der Demonstration globaler militärischer Interventionsfähigkeit den Mythos des „sicheren Hafens" und damit den Dollar als Weltwährung zu bewahren. Auf dieser letztlich irrationalen Basis floss das in der dritten industriellen Revolution überschüssige (nicht mehr rentabel real investierbare) Geldkapital aus der ganzen Welt zunehmend in die USA und finanzierte so indirekt die Rüstungs- und Militärmaschine.
Die größte Finanzblase aller Zeiten und das US-Konsumwunder
Die innere Schranke der realen Kapitalverwertung in der dritten industriellen Revolution trieb überall die Flucht in den Kreditüberbau und in eine Finanzblasen-Ökonomie hervor. Diese finanzkapitalistische Krisenwirtschaft musste sich zwangsläufig im vermeintlich „sicheren Hafen" des Dollar-Raums konzentrieren. Je mehr überschüssiges Geldkapital auf den globalen Finanzmärkten vagabundierte, desto größer wurde die Saugkraft der USA, um diese Geldströme anzuziehen. Auf diese Weise entstand in Gods Own Country die „Mutter aller Finanzblasen". Über den Verkauf von Staatsanleihen in alle Welt wurde damit nicht nur der verschuldete Rüstungsboom finanziert. Parallel dazu blähten sich auch die US-Aktienmärkte in den 90er Jahren und die US-Immobilienmärkte nach der Jahrhundertwende entsprechend auf. Damit wurde die Basis für eine neue Qualität der Verschuldung gelegt.
Neben dem militärisch-industriellen Komplex entstand so die zweite Säule eines scheinbaren Wachstums der Binnenökonomie in den USA. Aufgrund der im Vergleich zu Europa sehr breiten Streuung des Aktien- und Immobilienbesitzes konnte ein paradoxes „Konsumwunder" seinen Lauf nehmen. Obwohl die durchschnittlichen Reallöhne seit den 70er Jahren stagnierten oder sogar rückläufig waren, wurde der Konsum immer mehr zum entscheidenden Wachstumsträger. Das periodisch stets von neuem beschworene „Jobwunder" war keineswegs die eigentliche Ursache dieses Booms. Denn abgesehen von der selber am Tropf der Staatsverschuldung hängenden Beschäftigung im militärisch-industriellen Komplex entstanden vor allem Billigjobs im Dienstleistungssektor, die berühmte „beschäftigte Armut". Aufgrund der Schwäche auf dem Weltmarkt ist auch die Beschäftigung im Exportsektor eher rückläufig.
Der Konsumboom speist sich bis heute nicht so sehr aus regulären Lohneinkommen, sondern primär aus den Finanzblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten. Die Differenzgewinne aus den fiktiven Wertsteigerungen der entsprechenden Eigentumstitel können beliehen werden und haben sich durch ihre breite Streuung millionenfach in einer Kreditkarten- und Hypotheken-Verschuldung beispiellosen Ausmaßes niedergeschlagen. Als Sicherheit dafür dienten eben die gestiegenen Preise zuerst der Aktien, dann der Immobilien. Der Zustrom von überschüssigem Geldkapital aus aller Welt in den vermeintlich „sicheren" Dollar-Hafen wird so nicht nur in die Finanzierung des verschuldeten Rüstungskonsums, sondern auch des verschuldeten Privatkonsums umgeleitet. Diese wunderbare Geldmaschine ist es, die das US-Konsumwunder gespeist hat.
Pazifischer Defizitkreislauf und Weltkonjunktur
Die realökonomische Schwäche der USA auf den Weltmärkten zeigte sich in einem stetig wachsenden Handelsbilanzdefizit. Relativ gesehen wurden in der vom Rüstungskomplex und von Dienstleistungen geprägten Binnenökonomie der letzten Weltmacht immer weniger industrielle Waren produziert; in einigen Bereichen war der Rückgang sogar absolut. Der erhebliche Teil der US-Bürger, der sich über langanhaltende Preissteigerungen bei Aktien und Immobilien verschulden konnte, konsumierte zunehmend Waren, die anderswo hergestellt worden waren. Auf diese Weise kam ein globaler Defizitkreislauf in Schwung, der in den 80er Jahren erstmals sichtbar wurde, sich in den 90er Jahren beschleunigte und heute heiß zu laufen beginnt. War zunächst vor allem die Handelsbilanz mit Japan ins Minus gerutscht, so stieg das Defizit bald auch gegenüber den kleineren asiatischen Staaten und Europa, um schließlich im Warenverkehr mit den Kolossen Indien und China, unglaublich auszuufern. Es gibt heute kaum noch eine industrielle Weltregion, die nicht ihre Überschüsse in den USA absetzen würde.
Die Kehrseite der monetären Außenverschuldung durch Ansaugen der globalen Geldkapitalströme besteht darin, dass umgekehrt auch die überschüssigen globalen Warenströme angesaugt werden. Anders gesagt, die US-Konsumenten (Staat und Private) leihen sich das Geld, mit dem sie die Warenflut bezahlen, bei den Lieferanten. Die USA sind so zum schwarzen Loch der Weltwirtschaft geworden. Allerdings ist darin eine doppelte wechselseitige Abhängigkeit eingeschlossen. Würden die wundersamen US-Konsumenten nicht die weltweite Überproduktion sozusagen heroisch verknuspern, wäre die Weltwirtschaftskrise der dritten industriellen Revolution schon längst durchschlagend manifest geworden. Außerdem handelt es sich keineswegs um Warenströme zwischen getrennten Nationalökonomien, sondern um Bewegungen innerhalb der betriebswirtschaftlichen Globalisierung. Es sind neben japanischen und europäischen vor allem US-Konzerne selbst, die China aufgrund der Billiglohn-Strukturen als Drehscheibe für transnationale Wertschöpfungsketten benutzen und von dort aus die Märkte in den USA und anderswo beliefern. Die entsprechenden Investitionen beschränken sich daher auf die „Exportwirtschaftszonen" und haben nichts mit einer traditionellen nationalökonomischen „Entwicklung" Chinas, Indiens usw. zu tun.
Die asiatische Export-Einbahnstrasse über den Pazifik in die USA hat inzwischen den Defizitkreislauf in ein Schwungrad verwandelt, das die gesamte Weltwirtschaft antreibt. Die europäische Industrie liefert nicht nur wie andere Weltmarktregionen einen Teil ihrer Überschüsse in die USA selbst, sondern exportiert gleichzeitig in wachsendem Ausmaß Produktionskomponenten für die asiatische Exportwalze (vor allem im Maschinenbau). Der allenthalben hochgelobte „Aufschwung" der letzten Jahre ist fast ausschließlich auf diese Voodoo-Ökonomie zurückzuführen. Zwar wird periodisch auf die Gefahr der sich auftürmenden „weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte" in Gestalt der akkumulierten US-Außendefizite verwiesen. Aber weil es so lange irgendwie gut gegangen ist, folgt die Entwarnung meist auf dem Fuße.
Das Szenario der kommenden Kredit- und Dollarkrise
Im Lauf des Jahres 2007 haben sich jedoch bedrohlich schwarze Wolken am weltökonomischen Horizont zusammengezogen. Es musste so kommen: Die US-Immobilienblase, Haupttreibstoff des Konsums in den letzten Jahren, sinkt in sich zusammen, die Häuserpreise gehen rapide zurück.
Damit werden die Hypothekenkredite im „Subprime"-Bereich (ohne nennenswertes Eigenkapital) massenhaft notleidend. Welche Dimensionen die aufziehende Finanzkrise annehmen kann, hat sich schon binnen weniger Monate angedeutet: Plötzlich gerieten Banken und Sparkassen in vielen Ländern unter massiven Abschreibungsdruck (so auch die grösste Schweizer Bank UBS mit 16 Milliarden Franken), weil die US-Schuldenpapiere global zirkulieren.
Das war aber erst der Anfang. Aufgrund der oft über Jahre sich erstreckenden Umschlagszyklen von Kredit- und Sachkapital wird das wahre Ausmaß der Kreditkrise erst in den Jahren 2008 bis 2010 sichtbar werden. Wenn in diesem Zeitraum der US-Konsum einen tiefen Einbruch erlebt, wird nicht nur der Rückschlag auf die globalen Aktienmärkte wirksam werden, sondern auch der pazifische Defizitkreislauf und damit die Weltkonjunktur zum Stehen kommen. Niemand kann die Größenordnung genau voraussagen, aber sie droht alle Krisenphänomene der dritten industriellen Revolution in den vergangenen 20 Jahren zu übertreffen.
Es ist Pfeifen im Wald, wenn Wirtschaftskommentatoren jetzt zu erwarten vorgeben, dass die Binnenkonjunktur in der EU oder gar in China plötzlich „selbsttragend" werden und den US-Konsum als Staubsauger der überschüssigen Warenströme ablösen könnte. Wo soll denn die Kaufkraft dafür in diesen Regionen herkommen, die trotz boomender Exportkonjunktur bislang schon nicht da war? Gleichzeitig tut sich ein doppeltes Zinsdilemma auf. Die Asienkrisen der 90er Jahre und der Zusammenbruch der virtuellen New Economy nach 2000 waren noch durch einen Zinssenkungswettlauf der Zentralbanken aufgefangen worden, der die Märkte mit billigem Geld überschwemmt hatte.
Das erwarten die Finanzmärkte auch jetzt wieder von der US-Notenbank, der die anderen folgen sollen. Aber zum einen droht eine neuerliche Dollarschwemme das längst lauernde Inflationspotential der „Vermögensinflation" von Schuldtiteln abzurufen und die säkulare Geldentwertung in das galoppierende Stadium übergehen zu lassen, wenn der absterbende US-Konsum auf diese Weise befeuert werden soll. Zum andern ist absehbar, dass der Zustrom überschüssigen Geldkapitals in die USA versiegt, wenn die Europäische Zentralbank angesichts einer steigenden Inflation nicht mitzieht und die Zinsdifferenz zwischen den USA und der EU eingeebnet wird. Die Gleichzeitigkeit von Depression und Inflation rückt in den Bereich des Möglichen.
Das Zinsdilemma als Resultat der auf die Welt ausstrahlenden US-Kreditkrise beginnt auch die Weltgeldfunktion des Dollar in Frage zu stellen. Dahinter steht letztlich das aufgetürmte Außendefizit, das eine drastische Abwertung des Dollar und eine ebensolche Aufwertung der Exportüberschuss-Währungen verlangt. Zwar wurde der Dollar in der Vergangenheit schon mehrmals kontrolliert abgewertet, was darauf hinauslief, dass die Gläubigerländer einen Teil der US-Schulden bezahlen mussten. Jetzt aber zeichnet sich ein unkontrollierter Absturz ab, der gegenüber dem Euro bereits begonnen hat, während die asiatischen Währungen noch künstlich niedrig gehalten werden. Wenn aber die Kreditkrise voll durchschlägt, dann wird auch diese Barriere durchbrochen. Dann ist nicht nur die Finanzierungsfähigkeit des militärisch-industriellen Komplexes am Ende, sondern auch der Mythos vom „sicheren Hafen".
An die Stelle des Dollar aber kann kein neues Weltgeld treten, auch wenn der Euro dazu hochgejubelt wird. Da der Euro weder eine Gold- noch eine Rüstungsgrundlage hat, wird er den Platz des Dollar nicht einnehmen können. Die Krise des Weltgelds und das damit verbundene Inflationspotential verweisen auf eine herangereifte Krise des Geldes überhaupt. Das zeigt sich auch am unaufhaltsamen Anstieg des Goldpreises mit immer neuen Rekordständen, der die aufziehende Währungskrise begleitet: Der Warencharakter des Geldes mit eigener Wertsubstanz macht sich in der Krise geltend. Das Gold wird vom bloßen Rohstoff wieder zum „eigentlichen" Geld bzw. Weltgeld, aber auf Goldbasis können die Produktivkräfte der dritten industriellen Revolution nicht mehr als Weltmarktbewegung vermittelt werden. Genausogut könnte man versuchen, den Ozean mit einem goldenen Kaffeelöffel auszuschöpfen. Die Situation der Zwischenkriegszeit droht wiederzukehren, aber auf viel höherer Entwicklungsstufe.