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Medikamentenversuche «Man sah und sagte nichts»
Der Psychiater René Bloch kritisierte die Versuche an Patienten in der damaligen Anstalt Münsterlingen TG. Und stiess auf eine Mauer des Schweigens.
René Bloch, 78, war von 1969 bis 1974 in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen als ärztlicher Mitarbeiter von Professor Roland Kuhn tätig. Dieser gilt als Entdecker der antidepressiven Wirkung von Imipramin. In enger Zusammenarbeit mit Ciba-Geigy verabreichte Kuhn zu Testzwecken Hunderten von Patienten mindestens zwei Dutzend Wirkstoffe.
Weil René Bloch diese Praxis und die damalige Psychiatrie in Frage stellte, verbaute er sich seine institutionelle Laufbahn. Er praktizierte später als selbständiger Psychiater. 1988 thematisierte er im Buch «Droht uns die totale Psychiatrie? Das Geschäft mit dem Psychoboom» die wirtschaftlichen Mechanismen hinter den Psychopharmaka sowie Kuhns Versuche an Patienten. Blochs Kritik wurde von der Psychiatrieszene ignoriert oder offen abgelehnt. In seinem aktuellen Buch «Die Psychagogische Psychotherapie» (2014) plädiert Bloch für einen neuen Therapieansatz als Alternative zur medikamentösen Behandlung.
Beobachter: Sie kamen als Assistenzarzt Ende der sechziger Jahre in die damalige psychiatrische Anstalt Münsterlingen TG. Zu jener Zeit experimentierte Professor Roland Kuhn mit Antidepressiva. Wie haben Sie das erlebt?
René Bloch: Kuhn schenkte der sogenannten Daseinsanalyse grosse Beachtung. Man nannte das die «humanistische Psychologie». Die Realität war total anders. Wir waren durch die Masse der Patienten überfordert. Es gab auch eine grosse Kluft zwischen der öffentlichen Psychiatrie, also der Anstaltspsychiatrie, und der privaten Psychiatrie. Hier war der Zugang zu den Patienten viel persönlicher.
Beobachter: Aus Patientenakten lässt sich schliessen, dass sich Roland Kuhn weniger für den Patienten als Individuum interessierte, sondern vielmehr für das «Patientengut», das seiner Forschung und der Entwicklung der Antidepressiva diente.
Bloch: Sicher interessierte sich Kuhn auch für die menschliche Seite der Kranken. Aber mit der Entdeckung der Antidepressiva hat die medikamentöse Behandlung mehr und mehr die Oberhand gewonnen gegenüber sozialen und psychologischen Behandlungen.
Beobachter: Sie kritisierten schon damals den übermässigen Einsatz von Psychopharmaka und hinterfragten Kuhns Forschung.
Bloch: Kuhn erwähnte in seinen Schriften sogar selber, dass er die Mittel ohne genaue Differenzierung der Diagnosen einer grösseren Anzahl Patienten verordnete. Er erwähnte aber auch, dass die Wirkung des Antidepressivums Tofranil nur an einer ganz kleinen Anzahl Patienten bewiesen worden war, bei denen er eine Depression diagnostiziert hatte. Im Rückblick stellte Professor Kuhn die Diagnose Depression viel zu häufig.
Beobachter: Offensichtlich diagnostizierte er bei fast allen Patienten eine Depression.
Bloch: Ja, bei einem Grossteil diagnostizierte man damals Depression. Ich hatte selbst einmal einen Fall: Für mich war von Anfang an klar, dass dieser Patient nicht depressiv war. Trotzdem verabreichte man ihm Antidepressiva. Er kletterte aus dem Fenster im ersten Stock und ergriff die Flucht – der beste Beweis, dass er nicht depressiv war. Er erhielt durch die Antidepressiva zusätzlichen Antrieb. Ein Depressiver klettert nicht zum Fenster hinaus.
Beobachter: Man verabreichte also kontraproduktive Medikamente.
Bloch: Ja. Darauf habe ich damals mehrmals aufmerksam gemacht. Dass man Antidepressiva nicht Leuten verabreichen dürfe, die eine schizoide Veranlagung haben, weil das kontraproduktiv sein kann.
René Bloch
Beobachter: Hat Kuhn auf Sie gehört?
Bloch: Nein, er war eine sehr autoritäre Persönlichkeit. Er liess neben sich nichts gelten.
Beobachter: Was sagten die anderen Ärzte?
Bloch: Wir hatten im Verhältnis zur Zahl der Patienten viel zu wenig Ärzte. Das war ein Grundübel der damaligen Zeit. In Münsterlingen war dieses Missverhältnis sehr ausgeprägt. Allerdings hätte die Thurgauer Aufsichtsbehörde bemerken sollen, dass 1969 Kuhns Vorgänger und ein Oberarzt die Klinik verlassen hatten und nicht ersetzt worden waren. Eigentlich konnte man mit diesem Personalbestand gar keine Klinik führen.
Beobachter: Was heisst das?
Bloch: Bei rund 300 Patienten bestand das Ärzteteam lediglich aus Roland Kuhn, seiner Frau, einem Oberarzt und einigen Assistenzärzten.
Beobachter: Wie war das in anderen Psychiatrien?
Bloch: Dort war das Verhältnis ebenfalls schlecht. Aber nie so dramatisch wie in Münsterlingen.
Beobachter: Wieso war es in Münsterlingen so prekär?
Bloch: Ausschlaggebend für die Führung der Klinik waren die persönlichen Interessen Roland Kuhns. Er wollte nicht, dass sich jemand in seine Arbeit einmischte.
Beobachter: Spielten finanzielle Interessen eine Rolle?
Bloch: (Hält sich die Hände vor die Augen.) Wer dort arbeitete, hörte nichts, sah nichts und sagte auch nichts.
Beobachter: Wie meinen Sie das?
Bloch: Professor Kuhn war auch als Gutachter tätig und rechnete diese lukrative Tätigkeit privat ab. Ich habe die Rechnungen selbst gesehen. Stapelweise lagen sie im Sekretariat. Niemand stellte das in Frage. Der damalige Ärztemangel wie auch die materielle Ausbeutung der Klinik durch Kuhn wären in den Verantwortungsbereich der kantonalen Aufsichtsbehörden gefallen.
Beobachter: Haben Sie in Münsterlingen je erlebt, dass sich die Aufsichtsbehörde nach den Zuständen erkundigte?
Bloch: Nein. Während meiner viereinhalb Jahre dort hatten wir nie Kontakt mit der Aufsichtsbehörde. Professor Kuhn pflegte einen äusserst guten Kontakt zu den Verantwortlichen im Gesundheitsdepartement. Er führte regelmässig philosophische Abende und Vorlesungen durch – da waren jeweils auch Leute aus dem engen Umfeld der Gesundheitsbehörden anwesend.
Beobachter: Welche Bedeutung hatte die Anstalt Münsterlingen für den Psychopharmakaboom, der bis heute anhält?
Bloch: Der Boom ist verschiedenen Faktoren zuzuschreiben. Professor Kuhn trug sicher dazu bei, aber wohl erst in zweiter Linie. Andere Forscher sorgten in enger Verbindung mit der Industrie für eine Werbestrategie, um die aus ihrer Sicht sinnvolle Anwendung der Medikamente zu verbreiten.
Beobachter: In Ihrem Buch «Droht uns die totale Psychiatrie?» kritisierten Sie, der Pharmaindustrie gehe es darum, neue Anwendungsbereiche für Medikamente zu kreieren, um neue Märkte zu erschliessen und die Gewinne zu steigern.
Bloch: Ja. Heute ist es nicht anders. Aber: Man kann die Anwendungsgebiete nicht beliebig ausweiten. Leider sind manchmal neue Anwendungsgebiete tatsächlich zweifelhaft und an der Grenze des Sinnvollen.
Beobachter: Trotzdem schafft es die Industrie, stets neue Diagnosen zu kreieren, die wiederum nach neuen Medikamenten rufen.
Bloch: Dafür ist aber nicht nur die Pharmaindustrie verantwortlich, sondern vor allem einige Universitätsprofessoren, die mit der Pharma eng zusammengearbeitet haben. In erster Linie war das der damalige Basler Psychiatrieprofessor Paul Kielholz. Die Ansichten der Pharma und der massgeblichen Psychiater wurden autoritär verbreitet – dadurch verhalf man der Industrie zu einer Vermehrung des Absatzes, aber unterdrückte zugleich andere Forschungsergebnisse, die die Entwicklung weitergebracht hätten.
Beobachter: Der Begriff Depression wurde zu einer Allerweltsdiagnose, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit Psychopharmaka verschreiben zu können.
Bloch: Das ist übertrieben. Aber es ist schon so: Die Diagnose Depression wurde verwendet, um unerklärte, somatische Störungen behandeln zu können. Ein Arzt kann sich so sagen, er habe etwas für den Patienten getan.
Beobachter: Um sich nicht mit den Patienten und deren sozialer Umgebung auseinandersetzen zu müssen, kann man einfach ein Medikament verabreichen.
Bloch: Ja, das ist so. Aber das sollte nicht so sein. Wir Ärzte sollten uns viel mehr mit den Umgebungsfaktoren befassen, die für psychische Störungen verantwortlich sein können. Ich setzte mich dafür ein, diese Medikamente wissenschaftlich anzuwenden – ohne wirtschaftliche Interessen.
Beobachter: Warum hält der Boom der Psychopharmaka bis heute an?
Bloch: Es werden ständig neue Moleküle entdeckt, und damit werden auch immer neue Medikamente entwickelt.
Beobachter: Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Zeit in Münsterlingen: Würden Sie heute anders reagieren?
Bloch: Nein, ich würde heute nicht anders reagieren. Vermutlich würde ich einen anderen Beruf ergreifen. Ich war ein Gefangener meiner eigenen Situation. Ich schwärmte immer vom Beruf des Psychiaters. Mir schwebte vor, ein Seelenarzt zu werden. Dann traf ich auf katastrophale Zustände, was die stationäre Psychiatrie anbelangt.
Beobachter: Ihre Vision einer menschlichen Psychiatrie wurde von der Realität eingeholt.
Bloch: Meine Vision war, dass die Psychiatrie so gut wäre wie die Menschen selbst. Leider sind die Menschen nicht nur gut.
Beobachter: Wie meinen Sie das?
Bloch: Was ich vorgefunden habe, war Elend, Verzweiflung, Opportunismus, Egoismus und Materialismus. Aber da war fast nie der Wunsch, einem Menschen zu helfen. Meine Anfänge hatte ich in der Psychiatrischen Klinik Waldau, Bern. Auch hier wurden die Patienten wie Tiere gehalten. Wir hatten einen Raum von 40 Quadratmetern. Da waren etwa 20 oder 30 Personen eingesperrt. Alle haben geraucht. Ab und zu durften sie im Garten arbeiten, sie waren vollgepumpt mit Medikamenten. Später, in der Psychiatrischen Klinik Rheinau ZH, setzte sich der Direktor sehr für seine Patienten ein, aber die baulichen Zustände waren eine Katastrophe. Der Wille zu helfen war da, aber die Mittel waren es nicht. Die Zustände in Münsterlingen waren ebenfalls himmeltraurig. Wir waren nur ein paar armselige Assistenten. Was hätten wir tun sollen?
Jetzt werden die Patientenversuche untersucht
Die Thurgauer Regierung schreibt demnächst ein Forschungsprojekt über mehrere hunderttausend Franken aus, um die jahrzehntelange Medikamentenforschung in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zu untersuchen. Ergebnisse werden in zwei bis drei Jahren erwartet. Basis bildet vor allem der letztes Jahr aufbereitete, umfangreiche Nachlass des langjährigen Klinikdirektors Roland Kuhn. Die rund 70 Laufmeter Akten enthalten unter anderem Berichte zu Testreihen und Substanzen sowie Listen der Testpersonen. Der Thurgauer Staatsarchivar André Salathé ist überzeugt: «Wir verfügen über genug Material für eine wissenschaftliche Untersuchung.»