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Francesco de Goya schuf im Rahmen seiner Reihe "Caprichos" das faszinierende Bild "el sueño de la razon produce monstruos". Spannend am Bild, respektive dem das Bild beschreibenden Text ist die Doppeldeutigkeit: einerseits gebiert der Schlaf der Vernunft Monster - "sueño" kann aber auch übersetzt werden mit Traum: auch der Traum der Vernunft kann also Monster gebären.
Im Film "Same same, but different" von Detlev Buck sagt die Hauptprotagonistin Sreykeo in einer Szene, dass es nicht so schlimm sei, wenn sie demnächst an HIV sterbe: sie werde ja schliesslich wieder geboren. Das Ergreifende an dieser Filmszene besteht vor allem in der Selbstverständlichkeit mit der sie solche Worte ausspricht. Keine Spur von Zweifel. Und somit ist diese Vorstellung auch Realität für sie. Es spielt gar keine Rolle, ob sie wiedergeboren werden wird oder nicht - die Angst vor dem Tod wurde ihr so genommen, was sicherlich noch durch auch ansonsten gelinde gesagt nicht einfach Lebensumstände erleichtert wird.
Diese Selbstverständlichkeit wird kontrastiert durch andere Szenen, wo Krankheiten dadurch erklärt werden, dass der Hausgeist nicht begrüsst worden sei oder Sreykeo die Einnahme von Medikamenten verweigert, die sie nicht kennt. Der Aberglaube ist in Kambodscha wie in (fast) allen Ländern der Dritten Welt sehr weit verbreitet und ist mit ein Grund, dass sich solche Länder nur langsam entwickeln können und die Lebenserwartung sehr tief ist.
Der Traum der Vernunft
Der Traum der Vernunft ist es auf den ersten Blick, das Leben für alle zu verbessern, indem sich alle Menschen vernünftig verhalten. Doch dieser schöne Traum ist nicht zu haben ohne Nebenwirkungen. Zum einen kann die Vernunft Illusionen nehmen und Ängste wecken, zum anderen wäre eine Welt, in der die Vernunft "herrscht" äusserst unvernünftig. Denn in vielen Fällen ist es vernünftig - unvernünftig zu sein.
Diese Widersprüchlichkeit erklärt sich durch eine doppelte Bedeutung des Begriffs der Vernunft. Einerseits wird darunter das rationale Denken verstanden, das auf der Logik basiert, andererseits der Versuch, Entscheidungen möglichst sinnvoll zu begründen und dann auch danach zu handeln (Beckermann: Vernunft). Für dieses Abwägen ist das subjektive Wissen entscheidend. So gibt es für Sreykeo keinen Grund an gewissen Formen von Aberglauben zu zweifeln, es ist für sie also sehr vernünftig daran zu glauben und danach zu handeln. Doch selbst wenn sie wüsste, dass es sich dabei um Humbug handelt, könnte es für sie äusserst vernünftig sein, daran zu glauben, wenn sie damit ein erfolgreicheres Leben führt.
Vernünftig handelt jemand vor allem in Hinblick auf ein Ziel. So ist es in der Regel unvernünftig zu rauchen, da damit das Ziel eines langen und gesunden Lebens boykottiert wird. Verschafft das Rauchen einer Person in einer bestimmten Situation aber einen echten Gewinn, hilft es, Stress abzubauen, um so dem Chef nichts Böses hinterherzusagen oder ergibt sich nur so die Gelegenheit die schöne Raucherin anzusprechen, kann es im Hinblick auf dieses Ziel auch vernünftig sein, zur Zigarette oder Zigarre zu greifen.
Sehr oft steht das Vernünftige im Gegensatz zu etwas, das Spass macht. Versucht ein Mensch deshalb stets im Hinblick auf Moral und künftige Gesundheit vernünftig zu handeln, wird er sich in der Regel einschränken müssen. Sich selbst ständig einzuschränken ist aber zum einen wiederum unvernünftig, zum anderen führt es meist dazu, dass die Unvernunft einfach im "Geheimen" zuschlägt: wer schon eine "vernünftige" Diät gemacht hat, kennt diesen Effekt - in einem schwachen Moment siegt die Lust und die verlorenen Pfunde sind schnell wieder zugelegt. Der Mensch ist keine Maschine, wer seine Gefühle und Triebe stets negiert und stattdessen nur auf seine Vernunft hört, wird dies auf irgend eine Art und Weise kompensieren müssen, wird meist Monster gebären.
Der Schlaf der Vernunft
Der Traum einer vernünftigen Welt führt schnell zu einem Albtraum. Gleichwohl gebiert auch der Schlaf der Vernunft Monster. Bei den bisher behandelten Beispielen handelte es sich um einen von Vorwissen und kulturellem Umfeld geprägten Begriff von Vernunft. Für Sreykeo ist etwas anderes vernünftig als für einen kreationistischen Christen als für einen aufgeklärt denkenden Wissenschaftler. Es scheint aber auch einen Begriff von Vernunft zu geben, der universell gültig ist.
Der Aberglaube Sreykeos ist insofern unvernünftig oder irrational, als er auf falschen, widerlegbaren und widerlegten Voraussetzungen basiert. Ihr Aberglaube ist unvernünftig in dem Sinne, dass er logischen und empirischen Gesetzen widerspricht. Er entspricht zwar Sreykeos subjektiver Logik, jedoch nicht der objektiven Logik, die Widerspruchsfreiheit fordert.
Beim Schlaf der Vernunft geht es also weniger um das Einschätzen subjektiver Handlungsmöglichkeiten als um das Ermöglichen von möglichst objektiver Forschung. Schläft die Vernunft, kommt es zu Widersprüchen, dann enthält das Weltbild Fehler. Das hat aber auch zur Folge, dass aus subjektiver Perspektive vernünftige Entscheidungen eigentlich unvernünftig sind. Was für den einen "logisch" ist, muss noch lange nicht unabhängigen Kriterien entsprechend logisch sein.
Schläft die Vernunft, dann kann auf der einen Seite das Laster überhand nehmen - auf der anderen Seite aber auch die Dummheit. Ein Wissenschaftler muss sich in seiner Funktion als Wissenschaftler grundsätzlich vernünftig verhalten. Im Verlauf der Forschungen ist zwar im Sinne von kreationistischen alles erlaubt, unvernünftige, der Logik widersprechende Methoden können durchaus fruchtbar sein. Bezogen auf das Endresultat darf die Vernunft allerdings anders als es Paul Feyerabend glaubt auf keinen Fall schlafen, dürfen Weltanschauungen, Hoffnungen, Gefühle etc. keine Rolle spielen. Entweder ist ein Resultat empirisch verifiziert und logisch möglich oder es ist empirisch falsifiziert, respektive enthält mindestens einen Widerspruch. Richtig oder falsch sind keine Frage von Gefühlen, sondern von klaren Kriterien, an welche sich der Wissenschaftler als Wissenschaftler zu halten hat.
Vielen Wissenschaftlern gelingt diese Trennung nicht und sie lassen sich von ihrem Glauben und Aberglauben beeinflussen. Sie verhalten sich zwar in Bezug auf ihre Forschung in vielen Bereichen vernünftig, doch lassen die letzte Konsequenz vermissen, lassen die Vernunft an entscheidenden Stellen einschlafen.
Dass Aberglaube und Irrationalität auch bei seriösen Wissenschaftlern zumindest im Privatleben weit verbreitet sind ist wohl selbstverständlich. Als Beispiel dafür kann eine von Franz Wuketits beschriebene Anekdote dienen: "Vom dänischen Physiker Niels Bohr (1885-1962) wird erzählt, dass er am Eingang zu seinem Haus ein Hufeisen als Glücksbringer hängen hatte. Ob er denn solchen Humbug glaube, soll ihn ein Besucher gefragt und die Antwort erhalten haben: "Nein, aber angeblich hilft es auch, wenn man nicht daran glaubt."" (Wuketits in Smalla 2011, S. 64).
Dass Niels Bohr in seinem Privatleben Hufeisen als Glücksbringer verwendet ist grundsätzlich kein Problem - und es ist im subjektiven Sinn sogar vernünftig, da es ihm wohl Vorteile für sein Gefühlsleben gebracht hat. Fliessen solche Vorstellungen allerdings in die wissenschaftlichen Forschungen ein, kann dies zu gravierenden Fehlern führen, wie unter argumentarium.ch immer wieder gezeigt wird. Besonders eindrückliche Beispiele von Vermischungen zwischen Glauben und Wissenschaft finden sich dabei im Buch "»Geist und Kosmos" von Thomas Nagel, der vor allem damit argumentiert, dass gewisse wissenschaftliche Theorien für ihn unvorstellbar, also quasi subjektiv unvernünftig sind oder im Buch "»Mythos Determinismus" von Brigitte Falkenburg, die metaphysische Vorstellungen und Alltagserfahrungen über wissenschaftliche Erwägungen stellt. Es muss allerdings auch eingestanden werden, dass es psychologisch unglaublich schwierig ist, eigene Grundannahmen aufzugeben, auch wenn sie offensichtlich falsch sind (Kanitscheider: Einfluss von Emotionen auf Weltbilder).
El sueño de la razòn
Damit die Vernunft möglichst keine Monster gebiert, muss ihr jeweiliger Gültigkeitsbereich beachtet werden. Religion, Esoterik und Metaphysik sind insofern vernünftig, als sie das Leben vieler Menschen verbessern können. Sie sind aber auch wichtiger Grund dafür, dass vernünftige Entwicklungen sich nur langsam durchsetzen, dass das Irrationale den Fortschritt hemmen kann, dass Menschen im Namen des Irrationalen Macht missbrauchen etc. Problematisch ist es zudem, wenn »Religion, »Esoterik und »Metaphysik nicht als pragmatische Hilfsmittel gesehen werden, sondern als Systeme, die tatsächlich erklären sollen, wie die Welt funktioniert. Dass sie dies nicht tun, wird in den entsprechenden Abschnitten gezeigt.
Auch die Philosophie, die quasi Hüterin der Vernunft sein sollte, stellt sich leider je länger je mehr als "Scheinphilosophie" heraus, die sich nicht durch die Vernunft, sondern durch den Aberglauben leiten lässt. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich Naturwissenschafler immer weniger durch Philosophen "reinreden" lassen wollen. So schreibt Josef Honerkamp provokativ: "Wie kann man glauben, ein Philosoph könne einem bei seiner Forschung in einer Naturwissenschaft weiter helfen? Bei allem Respekt vor manchen Philosophen - ich halte eine solche Vorstellung für ziemlich naiv,..." Christof Koch wird sogar noch deutlicher: "Aber als Wissenschaftler kann ich doch folgendes feststellen: Ich kann bis zu Platon oder Descartes zurückgehen, aber wir haben in den letzten 2300 Jahren keinerlei Fortschritte im Hinblick auf die philosophischen Aspekte des Bewußtseins gemacht. Die Philosophen haben sich in den letzten 2000 Jahren in so ziemlich jeder Frage unter der Sonne gründlich geirrt. Man sollte nie auf die Antworten der Philosophen hören, sondern auf ihre Fragen." (Christof Koch in Blackmore 2012, S. 183). Albert Einstein lässt sich mit den folgenden Worten zitieren (leider ohne genaue Quellenangabe): "Ist nicht die ganze Philosophie wie in Honig geschrieben? Es schaut wunderbar aus, wenn man es betrachtet, aber wenn man ein zweites Mal hinschaut, ist alles weg. Es bleibt ein Brei."
Selbst in der Physik, speziell in der Quantenphysik geht nicht alles so rational zu und her, wie man glauben sollte. Wie Erwin Schrödinger mit seinem Katzenbeispiel klar aufgezeigt hat, enthät die bekannte Kopenhagener Deutung offene Widersprüche und ist damit unvernünftig. Sie wird aber weiterhin vielerorts kaum hinterfragt. Murray Gell-Mann erklärt dies in seiner Dankesrede zur Verteilung des Nobelpreises 1976 auf überzeugende Art und Weise: "Niels Bohr unterzog eine ganze Generation von Physikern einer Gehirnwäsche, indem er sie glauben machte, das Problem [der Auslegung der Quantenmechanik] sei bereits vor fünfzig Jahren gelöst worden. Aber kein Naturwissenschaftler, der etwas auf sich hält, beschäftigt sich öffentlich mit der Bedeutung der Quantenmechanik, eben weil das angeblich keine Wissenschaft ist. ..." (Laughlin: Kopenhagener Deutung ergibt keinen Sinn)
Soll die Quantenphysik eine vernünftige im Sinne von widerspruchsfreie Theorie sein, dürfen auch ihre Deutungen - keine Widersprüche enthalten. Aufgabe einer vernünftigen Analyse ist es deshalb, solche Widersprüche aufzudecken, Begriffe zu klären, welche Widersprüche verdecken und widersprüchliche metaphysische Annahmen zu entlarven. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang sind Vorstellungen rund um die Willensfreiheit und dem Zusammenspiel von Bewusstsein und Körper aber auch eine Reflexion der Grundlagen von Wissenschaft und von Wissen.
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Erwähnte Literatur findet sich in der »Bibliographie
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