Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/1297

Bildung
Wahrer Kapitalismus
Ha-Joon Chang studierte Wirtschaftswissenschaft in Seoul und in Cambridge, wo er seit seiner Promotion lehrt und forscht. Zudem arbeitet er als Berater unter anderem für die UN, die Weltbank, und die Asiatische Entwicklungsbank - Organisationen also, die bisher nicht gerade durch übertriebene Kapitalismuskritik aufgefallen sind, doch dem Vernehmen nach gut zahlen.
Was für Lügen erzählt man uns also? Dass es einen freien Markt gebe, zum Beispiel, denn einen solchen gibt es gar nicht. Oder dass die Liberalisierung ein armes Land reich mache, doch das tut sie nicht. Genau sowenig wie die Bildung etc. etc. Doch halt: Mehr Bildung macht ein Land nicht reicher? Aber das behaupten doch so ziemlich alle, oder etwa nicht? Ja doch, das sagen alle, und vor allem natürlich die Bildungspolitiker und die Schulvorsteher und die Lehrer und alle, die sonst von dem Bildungs- und Weiterbildungswahn profitieren.
Nun ja, Fakt ist: Im Jahr 1960 hatte Taiwan eine Analphabetenquote von 56 Prozent und "seitdem eine der besten Wirtschaftswachtumsraten der Menschheitsgeschichte"; im selben Jahr belief sich die Analphabetenquote auf den Philippinen auf nur gerade 28 Prozent, doch diese "dümpelten ökonomisch so vor sich hin." Mit anderen Worten: "Offenbar gibt es neben der Bildung noch viele andere Dinge die das Wirtschaftswachstum eines Landes beeinflussen."
Chang führt das "Schweizer Paradoxon" an. Was meint er damit?
Die Schweiz gehört zu den reichsten und am meisten industrialisierten Länder der Welt, doch weist sie "die weltweit niedrigste Immatrikulationsquote an den Universitäten auf. Bis Anfang der Neunzigerjahre betrug sie nur etwa ein Drittel des Durchschnitts anderer reicher Länder." In den letzten Jahren hat sich die Quote zwar erhöht - 2007 betrug sie 47 Prozent - doch auch damit bleibt sie weit hinter den ökonomischen Spitzenreitern (Finnland 94 Prozent, USA 82 Prozent) zurück. Die Quote ist zudem auch weit niedriger als in wesentlich ärmeren Volkswirtschaften (Korea 96 Prozent, Griechenland 91 Prozent).
Woran liegt es, dass die Schweitz trotzdem in der Top-Liga in Sachen wirtschaftlicher Produktivität liegt? Denkbar ist natürlich, dass die Schweizer Universitäten besser sind als diejenigen anderer Länder. Meine eigenen Erfahrungen in Australien, Schottland und Wales bestätigen dies zwar nicht, doch möglicherweise ist ja im Vergleich zu gewissen Ländern doch was dran. Chang meint, der Hauptgrund liege "in den wenig produktivitätsorientierten Bildungsinhalten". Und: "In vielen Bereichen zählen allgemeine Intelligenz, Disziplin und die Fähigkeit zu organisiertem Arbeiten weit mehr als Spezialwissen, welches man sich zum grossen Teil erst im Berufsleben aneignet." Besonders schön hat diesen Sachverhalt Petra Morsbach in ihrem lesenswerten Roman "Gottesdiener" auf den Punkt gebracht: "Pfarrer Stettner hat auch beschlossen, dass Isidor aufs Gymnasium gehöre. Isidors Eltern wehrten sich nur fünf Minuten, denn mit dem Buben war eh nichts anzufangen."
Dieses Buch hat sich zum Ziel gesetzt, aufzuzeigen, "wie der Kapitalismus wirklich funktioniert und wie er noch besser funtionieren könnte." Es gibt unter anderem Antworten auf Fragen wie
- warum es Ihnen trotz ständig wachsenden Einkommens und ständiger Fortschritte in der Technik nicht besser geht.
- warum arme Länder arm sind und wie sie reicher werden können.
- warum sich für Politik zu interessieren vielleicht doch keine reine Zeitverschwendung ist.
Ha-Joon Changs "23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen" ist ein auf vielfältige Art und Weise anregendes Buch - die Auseinandersetzung damit lohnt. Auch wegen seinen Ausführungen über Sätze wie diesen: "Für eine gute Wirtschaftspolitik braucht man keine guten Wirtschaftler."