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Auf schnellstem Weg nach Hause
di Beat Mazenauer
Pubblicato il 12/05/2014
Am 16 Juni 1904 morgens um acht Uhr geht Leopold Bloom in Dublin aus dem Haus. Beim Metzger Dlugacz kauft er sich eine Schweineniere, die er danach in zischender Butter brät. Dann bringt er seiner Molly das Frühstück ans Bett mitsamt einem Brief ihres Liebhabers Boylan. Woraufhin er das Haus abermals verlässt. In den folgenden Stunden wird er ein Hammam, die Nationalbibliothek, mehrere Pubs und Bars sowie ein Bordell besuchen. Abends stösst ein verkrachter Lateinlehrer zu ihm, Stephen Daedalus, mit dem er schliesslich um zwei Uhr morgens heimkehrt.
In den Grundzügen ist diese Geschichte auch jenen bekannt, die Joyces Ulysses nicht gelesen haben. Sie ist beinahe schon literarisches Volksgut. Einigen Lesern aber hat sich dieses Buch nachhaltig ins Gedächtnis eingeschrieben. Zu ihnen zählt Reto Hänny. Nach längerer Absenz im Literaturbetrieb kehrt er mit einem Text zurück, der ein intensives Leseerlebnis nochmals vergegenwärtigt, indem er den Ulysses-Roman als literarische Partitur paraphrasiert, neu arrangiert, verdichtet und verwandelt auf den Punkt bringt.
Reto Hänny las ihn erstmals mit fünfzehn, wie er in einem Nachwort schreibt. Sein Lehrer Cla Biert hatte ihn dem von Legasthenie gebeutelten Schüler zur Kur empfohlen, um ihm die Angst vor Fehlern zu nehmen. «Der Ulysses hat mich seither nicht mehr losgelassen, auch die letzten Jahre nicht, in denen ich mich vorwiegend mit Musik beschäftigte». Letzteres ist iaus Blooms Schatten gut herauszuhören.
Hännys Text folgt den Spuren Leopold Blooms, wie es der Titel verheisst, als ein Schatten des Joyceschen Bewusstseinsstroms. Er formt sich zu einer anfangs behutsam rhythmisierten Prosa, die mehr und mehr in Bewegung gerät, ohne Punkt und Innehalten Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen des Helden zum Wirbeln bringt, um am Ende ermattet auszuklingen und heimzufinden in sein Ithaka, wo die schlaflose Molly das Schlusswort spricht: «sein Herz ging wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will JA.»
Hännys Textur folgt in den Grundzügen dem Original – raffend und konzentrierend –, sie erlaubt sich aber Verschiebungen und Abweichungen von der Chronologie. Die anderen Figuren, die Joyce mit in den vielstimmigen Gedankenstrom mit aufnimmt, bleiben bei Hänny weitgehend ausgespart, Stephens lateinische Invektiven ausgenommen. Trotzdem ist ihm Kern und zwischen den Zeilen alles da. Das ist Ulysses im Schnellvorlauf, fokussiert aufs Essen, Trinken und vor allem auf die Grundsubstanz: Blooms nagenden Zweifeln an der Liebe seiner Molly. Blooms Schatten ist erotisch hoch aufgeladen.
Doch derlei ist vielleicht allzu inhaltlich gedacht. In erster Linie verleiht Reto Hänny seinem Text eine ausgeprägt rhythmisierte und ins Atemlose sich steigernde Struktur. Die syntaktischen Einheiten folgen sich in rasanter Folge, quicklebendig interpunktiert überlagern, verquicken und verschachteln sie sich, um – angereichert mit Motiven aus weiteren Lese-, Seh- und Hörquellen förmlich durcheinander zu purzeln. In der Weise liest sich, beispielsweise, Hännys Variation zum diesjährigen Shakespeare-Jubiläum wiefolgt:
... zieht es ihn von diesen Wortspezereien, mit denen, der Verstand in die eigene Virtuosität vernarrt, eine Gruppe Neunmalkluger, um einen vorlauten Studenten geschart, der per Algebra nachzuweisen versucht, dass Hamlets Enkel Shakespeares Grossvater sei, wie man selbst der Geist des eignen Vaters, oder aber, mag verstehen, wer da will, dass Shakespeares Geist – Verwandtschaften haben es in sich – der Grossvater Hamlets sei, ihr lauthalses Spekulieren über Vaterschaften würzt, im Sinn bewusster Zeugung und was damit zusammenhänge, das Verhältnis von Vater und Sohn, der ungeboren die Schönheit schädige, geboren bringe er Schmerz, ziehe Liebe ab, vermehre die Sorgen, und sein Wachsen sei des Vaters Niedergang: donnerwetter, das hochtrabende Gequassel, nicht auszuhalten ist's auf Dauer, heut schon gar nicht, überdies lässt sich der Hunger, vorhin mit dem Häppchen Käs und dem Schlückchen Burgunder mehr angekitzelt denn gestillt ...
Shakespeare geniesst auch im Ulysses, Kapitel 9, eine besondere Aufmerksamkeit, Hänny aber verkürzt und konzentriert die Diskussion virtuos aufs Knappste und reichert sie mit eigenen Wertungen an.
Im Nachwort notiert der Autor, dass Literatur stets aus Literatur entstehe, dementsprechend haben sich in seinem Text nebst Joyce und besagtem Shakespeare auch «Flaubert, Claude Simon, Marcel Proust, Juan Goytisolo», also «zahlreiche fremde Dinten und Farben» abgelagert. Mit einer kleinen Hinzufügung gleich zu Beginn wird die homerische «Odyssee eines Annoncenakquisiteurs weder ohne Furcht noch ohne Tadel» sublim zur Donquichotterie erweitert.
Bei aller schattenhaften Nähe zu Joyce gewinnt Blooms Schatten Eigensinn und Eigenleben – genau so soll er auch gelesen werden. Am schönsten laut, weil da die betonte Musikalität ausgesprochen klar spür- und hörbar wird. Hännys Prosa zielt nicht auf ein vordergründiges Verstehen, der Text will als musikalischer Gedankenstrom erfahren werden, weshalb eine mehrmalige Lektüre geradezu angeraten ist.
In der Weise führt Blooms Schatten ohne Innehalten zu jenem endgültigen «JA» Mollys, dem zuletzt endlich doch noch ein Punkt folgt. Doch abgeschlossen ist damit nichts. Dem unmittelbar nachfolgenden Büchner-Zitat: «Morgen fangen wir in aller Ruhe und Gemütlichkeit den Spaß noch einmal von vorne an» – fehlt der Punkt schon wieder – und die ganze Geschichte öffnet sich gleich von neuem...