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Sein Start ins Leben war wenig verheissungsvoll. Im Dezember 1912 brachte die 21-jährige Emma Mosimann einen unehelichen Sohn zur Welt; den Namen des Vaters behielt sie für sich. Denn ledige Mütter, die von den Männern verlassen wurden, waren in der bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit ungern gesehen. Die Schwangere musste ein Spital suchen, das sie akzeptierte; in der Pflegerinnenschule in Zürich fand sie Unterschlupf. Doch ihren neugeborenen Wilhelm bei sich behalten, konnte die arme Mutter nicht. Ein Pflegeplatz hätte sechs Franken pro Woche gekostet. Sie verdiente als Serviertochter, wie die Tätigkeit damals genannt wurde, gerade mal 30 Franken im Monat – das reichte knapp, um sich selber über Wasser zu halten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den kleinen Willi wegzugeben. Mit vier Monaten kam er als Verdingkind zur Familie Studer im kleinen Dorf Lotzwil im bernischen Oberaargau. Gottfried Studer, der dort eine Schreinerei betrieb, wurde zunächst Vormund und dann Adoptivvater des Knaben, der schliesslich auch den Namen Studer bekam.
Anders als viele Verdingkinder jener Zeit traf es Willi bei seiner neuen Familie gut. Vater Studer war grosszügig, nachsichtig bei der Erziehung – und er liess den Knaben auch in die Werkstatt. In der Schule erwies sich Willi als Musterschüler. So konnte er nach der neunten Klasse eine Lehre als Elektrofeinmechaniker antreten – in einem Berner Elektrogeschäft, das auch mit Radioapparaten handelte. Ein Wunschtraum erfüllte sich für den jungen Studer: Radiotechnik hatte ihn schon lange interessiert, und er hatte auch schon seinen eigenen Empfänger gebaut. In dem Geschäft standen nun alle die Apparate, die der Lehrling auseinandernehmen und studieren durfte. Zudem hatte sein Chef Fachzeitschriften abonniert, die das Neueste aus der sich schnell entwickelnden Branche berichteten. Reparaturen erledigte der aufgeweckte Lehrling mit «links».
Nach eineinhalb Jahren meinte der Chef, er könne ihm nichts mehr beibringen; die Lehre wurde vorzeitig beendet. Willi Studer fand 18-jährig eine Stelle als Radiomechaniker und -verkäufer in einem Radio- und Fotofachgeschäft. Doch bald schon war der junge Mann auch von seinem Verkaufsjob unterfordert und war froh, als ihn der Vertreter eines Grossisten nach Zürich holte. Zwar erfüllte sich auch dort seine Hoffnung nicht, dass er würde selber Radioapparate konstruieren können. Doch immerhin bekam Willi Studer Zugang zu vielen Radiomarken und Kontakte zu den Lieferanten von Bauteilen.
Noch nicht einmal zwanzig Jahre alt machte er sich selbstständig und gründete die Radioapparate-Fabrik Helvetia. Sein selbst entwickelter Empfänger namens Tell war zwar ein gutes Produkt, aber im Vergleich zu den Geräten der ausländischen Grosshersteller zu teuer. Zwei Jahre lang baute Studer nachts die Apparate und bereiste tagsüber die Radio- und Elektrogeschäfte. Er ging sogar von Haus zu Haus, um seinen Apparat an den Mann zu bringen. Doch das Einmannunternehmen ging schliesslich Konkurs. Aber Studer hatte sich in der Branche den Ruf eines tüchtigen Radiotechnikers erworben, sodass er schnell eine Stelle bei einem Importeur amerikanischer Geräte fand. Endlich durfte er eigene Radios entwickeln. Diese fanden unter dem Markennamen Sondyna einen guten Absatz und wurden sogar exportiert.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der schmächtige Willi Studer in der Funktion eines Hilfsdienst-Bürolisten in einem Flüchtlingslager eingesetzt. Dann aber kam er zum legendären Büro Ha, dem vom Fotohändler Hans Hausamann privat aufgebauten und später militarisierten Nachrichtendienst, der bei der Spionageabwehr eine wichtige Rolle spielte. Hausamann brauchte einen Fachmann für den Ausbau und Unterhalt seiner Sende- und Empfangsanlagen. Ein ideales Feld für HD Studer, Willi.
Nach dem Krieg brachten die Amerikaner die ersten Tonbandgeräte auf den Markt. Auch ein Schweizer Importeur kaufte im Jahr 1948 eine Ladung ein – und realisierte zu spät, dass die amerikanischen Geräte am schweizerischen Stromnetz nicht zu betreiben waren. Er suchte dringend einen Radiokonstrukteur, der die bereits in einem Zürcher Keller lagernden Apparate so umbaute, dass sie sich tatsächlich verkaufen liessen. Willi Studer, der unterdessen eine Fabrik für die Herstellung elektronischer Messgeräte gegründet hatte, bekam den Auftrag. Damit lernte er auch die Technik der Tonbandgeräte kennen. Und bald schon sagte er sich, das könnte er besser. Wie immer autodidaktisch – und noch immer ohne ein Diplom im Sack – entwickelte Studer den Prototypen eines Tonaufnahme- und Wiedergabegeräts, dem er den Namen Dynavox gab. Es verfügte nicht nur über einen neuartigen Band-Schnellantrieb, sondern konnte auch je nach Netzspannung für den Betrieb von 110 auf 220 Volt umgeschaltet werden. Zusätzlich entwickelte Willi Studer einen Tonkopf, mit dem das Dynavox-Gerät statt der damals üblichen Papiertonbänder auch Magnettonbänder abspielen und damit Aufnahmen machen konnte.
Dynavox war für die damalige Zeit ein horrend teures Gerät: 1200 bis 1500 Franken das Stück. Aber es verkaufte sich auf Anhieb gut. Studer musste den Personalbestand auf sechs Personen vergrössern.
In den 1950er-Jahren entwickelte Studer immer neue Geräte, die seine Firma nun unter dem Markennamen Revox auf den Markt brachte. Das Sortiment umfasste auch Plattenspieler und Verstärker; alles unter dem Begriff «High Fidelity», kurz Hi-Fi, der für höchste Tonqualität stand. Zu der Produktelinie für ambitionierte private Hörer und Schulen kam eine zweite Linie hinzu: Tonbandmaschinen und Mischpulte für professionelle Anwendungen. Diese Geräte trugen den Markennamen Studer. Und damit schaffte der ehemalige Verdingbub Willi Studer den Sprung in die höchste Klasse der Elektronikproduzenten.
Er baute in Regensdorf eine eigene Fabrik, in der bald mehr als 100 Leute arbeiteten; in den folgenden zwei Jahrzehnten kamen mehrere Zweigwerke und Vertretungen im In- und Ausland dazu. Der Personalbestand wuchs bis 1980 auf 1600.
Revox und Studer entwickelten sich in den Sechziger- bis Achtzigerjahren zu Weltmarken. Die Kunden sassen in London, Nashville oder Hollywood. In kaum einem Platten- oder Radiostudio fehlten die Studer-Maschinen. Und viele für die Musikgeschichte wegweisende Stücke wurden auf Studers Geräten aufgenommen. Zum Beispiel in den berühmten Abbey Road Studios in London, wo die Beatles, Cliff Richard und Manfred Mann ihre Platten produzierten.
Willi Studer neigte zu einsamen Entschlüssen und verpasste, oft zum Leidwesen seiner Ingenieure, den Anschluss an wichtige Entwicklungen.
1978 kam der Autodidakt Willi Studer doch noch zu einem offiziellen Diplom. Die ETH Zürich ernannte ihn zum Ehrendoktor der Technischen Wissenschaften und anerkannte damit die genialen Entwicklungen des Audiopioniers.
Studer war ein unermüdlicher und ideenreicher Schaffer; dabei blieb er privat stets bescheiden. Ferien machte er kaum, selbst an Sonntagen ging er ins Büro.
Doch dann tappte er in eine Falle, die viele Selfmademen und Patrons alter Schule bedroht: Die Firma wurde zu gross, um im familiären Stil geführt zu werden, die technische Entwicklung der Elektronik und der Informatik ging zu schnell. Firmeninhaber Studer neigte zu einsamen Entschlüssen und verpasste, oft zum Leidwesen seiner eigenen Ingenieure, den Anschluss an wichtige Entwicklungen. So hielt er lange die Tonbandkassette als ungeeignetes Mittel, um Musik aufzunehmen; in die Videotechnik wollte er sich trotz guter Vorbereitungen des eigenen Labors nicht vorwagen; der Umstieg von der Analog- in die Digitaltechnik gelang nur mühsam.
Mitte der Achtzigerjahre, eigentlich schon längst im Rentenalter, versuchte Studer, seine Nachfolge zu regeln. In der Familie oder in seinem Unternehmen fanden sich keine Nachfolgekandidaten, seine beiden Töchter hatten ganz andere Wege und Tätigkeiten gewählt. Die eine wurde Berufspilotin, die andere hat sich um ihre eigene Familie gekümmert und ist ins Ausland gezogen. Den Managern seiner Firmengruppe traute Studer nicht zu, dass sie ohne ihn die Finanzen in den Griff bekämen. Der Firmengründer wollte, dass sein Unternehmen als Ganzes in Schweizer Händen verbleibe und die Arbeitsplätze gesichert seien. Mit diesen gut gemeinten Vorgaben erreichte er genau das Gegenteil. Nachdem er attraktive Kaufofferten grosser internationaler Konzerne wie Alcatel, Siemens, Philips oder Sony ausgeschlagen hatte, verkaufte er auf Rat seines Bankers hin an den Schweizer Elektrokonzern Motor-Columbus. Der wollte von seinem Kraftwerkgeschäft weg in andere Bereiche diversifizieren, unterschätzte dabei aber gründlich das nötige Know-how und bekam die Audiotechnik nie in den Griff. Das stolze Vorzeigeunternehmen Studer Revox geriet in einen Strudel von Schwierigkeiten: Eine Restrukturierung folgte der anderen, Hunderte von Stellen wurden gestrichen, Zweigwerke aufgegeben. Schliesslich verkaufte Motor-Columbus den prestigeträchtigen Profi-Sektor doch an einen ausländischen Konzern. Seit 1994 baut der US-Hersteller Harman die Studioeinrichtungen, die immer noch den in der Fachwelt wohl klingenden Namen Studer tragen. Das Geschäft mit den Geräten für den Privatgebrauch ging an eine Investorengruppe; Revox lebt so als Markenname für Qualitätsgeräte weiter, wenn auch eher in einer Marktnische.
Willi Studer starb 1996. Bis zuletzt hat er gegen den Untergang seines Lebenswerks gekämpft und sogar mit eigenem Geld einzelne Bereiche aufgekauft. Sein ehemaliges Büro mietete er zurück, um dort bis ins hohe Alter Besucher und ehemalige Mitarbeiter zu empfangen. Bis das Fabrikgebäude schliesslich anderen Zwecken zugeführt wurde, gab es auch noch eine Sammlung von Geräten. Das Museum wurde gepflegt von einer Gruppe von Liebhabern der alten Technik. Und solche gibt es nach wie vor, wie zahlreiche Websites beweisen, auf denen die Fans Informationen austauschen oder Ersatzteile suchen. Manche der Geräte gelten unter Sammlern als historische Prunkstücke.
Auch wenn die Firmengeschichte zu Ende geschrieben ist, die Maschinen laufen immer noch.