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Neulich hatte ich nichts mehr anzuziehen. Und zwar nicht so, dass ich vor dem vollen Schrank stand und mit nichts zufrieden war, sondern so, dass alles entweder zu eng, zu weit, zu lang, zu kurz, zu löchrig oder zu abgetragen war. In der Verzweiflung griff ich zu den einzigen Kleidern, die irgendwie noch passten: Ein magentafarbener Rock mit orangefarbenem Abschluss, dazu eine knallbunt gemusterte Bluse, hauptsächlich in Violett und Orange gehalten und eine pinkfarbene Strumpfhose. Ich schlüpfte in die Kleider und plötzlich sah ich im Spiegel nicht mehr mich, sondern mich.
Zuerst war ich ein wenig baff ob meines Anblicks, doch als ich die Fassung wieder erlangt hatte, fragte ich mich mit leisem Vorwurf in der Stimme: „Wo hast du all die Jahre bloss gesteckt? Ich habe dich bestimmt seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen.“ „Und das verwundert dich?“, fragte ich ziemlich eingeschnappt zurück und fuhr dann, ohne eine Antwort von mir zu erwarten, fort: „Das war ja nicht mehr auszuhalten mit dir. Du hast das Versprechen gebrochen. Du bist nicht die, die ich sein wollte.“ „Versprechen? Welche Versprechen denn?“, wollte ich wissen. „Erinnerst du dich vielleicht noch an die Zeit, als es mein ganz grosser Stolz war, dass in meinem Schrank kein einziges schwarzes Kleidungsstück hing? Und an das Versprechen, dass es auch so bleiben würde. Auch dann, wenn ich Hausfrau und Mutter sein würde? Und was ist daraus geworden? Hä? Dein Schrank quillt über vor braunen Pullovern, schwarzen Hosen und dunkelblauen T-Shirts. Ja, du hast sogar einen schwarzen Mantel.“Der ist grau“, warf ich zu meiner Verteidigung ein. „Grau? Noch schlimmer! Du weisst genau, was ich von Grau halte“, entrüstete ich mich. Ich errötete. Ja, ich hatte Recht, es war anders gewesen, damals, als ich noch jung und idealistisch war. Doch auch wenn ich die Wahrheit sagte, es war dennoch nicht fair von mir, dass ich mir solche Vorwürfe machte und deshalb verteidigte ich mich mit ziemlich weinerlicher Stimme: „Du weisst ja gar nicht, was ich durchgemacht habe in den letzten Jahren. Endloser Stress, keine Zeit für mich, finanzielle Engpässe, Depression, Hausfrauenfrust,Glaubenskrisen …“
„Halt!“, schrie ich und stopfte mir die Finger in die Ohren. „Ich mag dein Gejammer nicht mehr hören. Natürlich hattest du es nicht immer leicht in den vergangenen Jahren. Aber musst du dich denn deswegen gleich derartig gehen lassen, dass man dir die frustrierte Hausfrau schon aus zehn Kilometern Distanz ansieht? Und das, was man von aussen sieht, spiegelt nur das wider, was in dir steckt: Eine Frau, die sich selber verloren hat.“ Das sass. „Mag ja sein, dass du Recht hast“, gab ich etwas kleinlaut zu. „Aber es war wirklich nicht immer einfach, ich zu sein, während so Vieles anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Und ich habe mir in den vergangenen Monaten wirklich Mühe gegeben, wieder mehr ich zu werden.“ „Darum bin ich ja zurückgekommen“, sagte ich. „Komm, wir gehen Shoppen!“. Ich zog mich zum Computer, loggte uns bei La Redoute ein und bestellte grüne Strumpfhosen, einen knallroten Mantel, violette Hosen, und orangefarbene Unterwäsche.
„So gefällst du mir schon besser“, sagte ich zu mir, als heute Morgen die Kleider geliefert wurden. „Wenn du es jetzt auch noch schaffst, das Innere mit den Äusseren abzustimmen, dann passen ich und du wieder zusammen. Dann bist du wieder ich und ich erkenne mich in dir wieder.“
Das Ganze war ein wenig verwirrend, aber ich glaube, die Begegnung mit mir hat mir gut getan.