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Um das Jahr 2000 v. Chr. befand sich das kulturelle Zentrum des Vorderen Orients im "Fruchtbaren Halbmond", der sich von Persien über die östliche Mittelmeerküste bis nach Ägypten zog. Hier befindet sich die Wiege der der morgen- und abendländischen Zivilisation und das kulturelle Zentrum bis zur griechischen Klassik.
Übersicht über die verschiedenen Entwicklungsstadien im 2. Jahrtausend v. Chr.:
Kreta: Könige von Minoa
Griechenland: Poleis, 2. Troja (1. Troja wurde zerstört)
Balkan: frühe Bronzezeit
Frankreich: Megalit-Gräber
England: Stonehenge (Megalith-Sonnentempel)
Deutschland: Pfahlbauer (Holzpflug)
Mittelmeerraum: Phönizier (Seefahrer)
Kleinasien: Reichsgründung der Hetiter
Mesopotamien: Könige von Sumer und Akkad; in Akkad erste Grammatik, zweisprachiges Wörterbuch; Gilgamesh-Epos (Schöpfungslegenden der alten Sumerer);
Astronomie in Dienste der Astrologie (Berechnungen von Planetenbahnen in Babylon).
Ägypten: Pharao Amenemhet I (Begründer der 12. Dynastie); Keilschrift und Hieroglyphen für höfische Poesie, Handel und Verwaltung; Einfluss von Nubien bis Syrien (Gebiet 8x grösser als die Schweiz); reger Güteraustausch mit Mesopotamien über Karawanenstrassen und Seeweg; Kupfer aus dem Sinai; Silber aus dem Taurusgebirge (Türkei); Gold und Elfenbein aus Somalia und Nubien (Nordostafrika); Gewürze und Weihrauch aus Südarabien; Vasen aus Kreta und Leinen aus eigener Produktion; Chirurgie, Mathematik (erste empirische Dreiecksberechnungen).
In den Frieden jener Zeit fielen immer wieder semitische Nomaden, die Amoriter (= "die Westlichen"), aus den arabischen Wüsten in den Fruchtbaren Halbmond ein. Um 1960 v. Chr. brachen die Reiche von Sumer und Akkad zusammen. Aus den Staatsgründungen der Amoriter entstand Babylon, das von 1830 bis 1530 v.Chr. das grosse Machtzentrum im Vorderen Orient wurde (sein 6. König war Hammurabi!). Aus einem jener semitischen Nomadenstämme, möglicherweise aus einer einzelnen Familie, könnte Abraham, der Urvater des Volkes Israel hervorgegangen sein.
Ur in Caldäa
Heute ist das ehemals blühende Ur eine kleine Station der Bagdadbahn 190 km nördlich von Basra im Irak. Die Ruinen von Ur wurden erst im 19. Jahrhundert entdeckt.
Von 550 v. Chr. bis 1850 war die Bibel die einzige historische Quelle für die Existenz dieses Ortes. Erst 1929 konnten die Ergebnisse der Ausgrabungen als gesichert erachtet werden. Dort wo heute Wüste ist, war früher dank der Bewässerungsanlagen fruchtbares Land, wo Weizen, Gerste, Gemüse, Datteln und Feigen wuchsen. Den erstaunten Forschern am Tell al Muqayyar tat sich eine versunkene Weltstadt auf mit ehemals zweistöckigen Villen, unten aus gebrannten Ziegeln gefügt, oben mit Lehmplatten abgeschlossen, mit bis zu 14 Räumen. In jener Zeit gelang Champollion und Rawlinson die Entzifferung der Keilschrift und der Hieroglyphen. Zahlreiche beschriftete Tontafeln wurden in den Ruinen gefunden, von einfachen Rechenaufgaben bis zu Abschriften von Hymnen. War Abraham nicht Nomade, sondern Bürger einer Weltstadt um 2000 v. Chr.? Kritiker meldeten sich bald zu Wort und der Bibelstelle Ex 11,31 wurden andere ( Ex 24,4.7; Jos 24,2) gegenübergestellt.
Im Reich von Mari
Nach Ex 12 war Haran das Vaterland Abrahams. Es gehörte zum Mari-Reich. Um 1700 v. Chr. unterwarf Hammurabi von Babylon das Reich von Mari und zerstörte dessen Metropole gleichen Namens. Zwischen 1933 und 1939 wurde Mari wieder ausgegraben, und mit ihm 23'700 Tontafeln, die Aufschluss über das Volk von Mari brachten. Sie zeigten, dass dort sesshaft gewordene, friedliebende Amoriter lebten, die zur Hauptsache Ackerbauern und Handwerker waren. Auf einer Tontafel aus dem 19. Jahrhundert v. Chr. erscheint der Name der "Benjaminiten" für einen nomadisierenden, rebellischen Stamm. Auf andern Tafeln waren vertraute Namen zu lesen wie Haran (Heimat Abrahams), Nahor (Heimat Rebekkas) ... . Abraham hat Haran 645 Jahre vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten verlassen (falls das keine reine Symbolzahl ist). Er muss also um 1900 v. Chr. gelebt haben. Zu jener Zeit waren Haran und Nahor - nach der Aussage der Tontafeln aus dem Palastarchiv von Mari - blühende Städte.
Reise nach Kanaan
Nach Ex 12 zog Abraham von Haran (in der heutigen Südtürkei) über Palmyra (bibl. Thad-mor im heutigen Syrien) nach Damaskus. Von hier ging die Reise über Hazor, dem See Genezareth entlang nach Sichem, Jerusalem, Mamre und schliesslich nach Beer-Shewa. Die Reise, über 1000 km, erfolgte auf den Karawanenstrassen des ehemaligen Königreichs Mari.
"Kanaan" war der phönizische Name für den Landstreifen zwischen östlicher Mittelmeerküste und der Gebirgswüste, von Gaza im Süden bis Hamath im Norden (NO von Tripolis am Ufer des Orontes). "Kanaan" bedeutet "Land des Purpurs". Hier wurde in einem schwierigen und deshalb teuren Prozess der begehrte Purpurfarbstoff aus der marinen Purpurschnecke gewonnen. Ein anderer Städtename, Byblos (N von Beirut), weist auf eine andere Kunst bei den Phöniziern hin: Sie kannten damals schon ein funktionierendes Alphabet, das später den Israeliten, Griechen und Römern als Vorlage diente. Der Name "Palästina" ist jüngeren Datums. Er wurde von den Römern eingeführt, abgeleitet von den schlimmsten Feinden Israels, den Philistern (hebr. pelishitim).
Das Land Kanaan lag an einer strategisch und politisch wichtigen Stelle. Es war das Bindeglied zwischen Ägypten und Mesopotamien und verband über seine Karawanenstrassen den Erdteil Afrika mit Asien. An den Hängen Libanons wuchsen Zedern und Meru (eine Koniferenart), die Bauholz - nicht zuletzt für den Schiffbau - lieferten. Schon 500 Jahre vor Abraham blühte in Kanaan der Handel: Gold und Gewürze aus Nubien, Kupfer und Türkise aus dem Sinai, Leinen und Elfenbein aus Ägypten, Silber aus Tauris, Lederwaren und Purpur aus Byblos und glasierte Vasen aus Kreta.
So international geschäftig das Leben an der Küste war, so krass war der Gegensatz zum Landesinnern, wo Nomadeneinfälle, Unruhen und Stammesfehden an der Tagesordnung waren. Ägyptische Strafexpeditionen mussten oft für Ruhe sorgen und die Karawanen vor Übergriffen schützen. Das überliefert uns die Grabinschrift aus dem Jahr 2350 v.Chr. (vergl. Text BI). Aus diesen Strafexpeditionen kamen die ersten Semiten als Kriegsgefangene ins Nilland. In der Zeit um 1850 v.Chr. stand Kanaan unter ägyptischer Oberhoheit. Sein Pharao war damals Sesostris III.
Kanaan zur Zeit der Patriarchen war ein fruchtbares (vergl. Deut 8,7ff) "Niemandsland", aus dem sich autonome Stadtsiedlungen wie Inseln erhoben. Blitzartig tauchten räuberische Nomaden aus der Wüste auf, kämpften, plünderten und verschwanden, wie sie gekommen waren.
Aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. wurden magische Fetische (Fluchzauber) in Form von Tonscherben ausgegraben, die auch Namen biblischer Städte trugen, was deren Existenz zu jener Zeit beweist (z.B. Jerusalem, Ashkalon, Hazor, Beth Shemesh, Schechem (Sichem)...). Die Stadtsiedlungen Kanaans waren Trutzburgen und Zufluchtsstätten vor Räubern und anderen Feinden. Sie hatten notwendigerweise eine eigene Wasserversorgung, waren aber ansonsten zu klein, um eine grössere Bevölkerung über längere Zeit beherbergen zu können. Im Königreich Mari waren allein schon die Paläste grösser als die Städte Kanaans. Meist deckten letztere nicht mehr als 1/2 bis 4 ha Fläche.
Die Bibel nennt die Stammes- und Stadtherren "Könige". Offenbar beeindruckten das Wüstenvolk diese - für unsere Verhältnisse bescheidenen - Steinfestungen sehr. Diese Stadtherren waren unabhängig und innerhalb ihres Einflussbereiches vielleicht sogar mächtig, aber da sie alle untereinander verfeindet waren, stellten sie für Ägypten nur selten eine direkte Bedrohung dar.
Das Verhältnis zu den Untertanen war patriarchalisch und hierarchisch. Nur die Patrizier, die Reichen und die Abgeordneten des Pharao lebten innerhalb der Mauern. Das einfache Volk hauste in Lehmhütten ausserhalb der Mauern und durfte nur in Krisenzeiten den Schutz der Mauern geniessen, während sie in der Regel vor den Mauern all ihr Hab und Gut verloren.
Abraham wählte für seine Reise den beschwerlicheren, aber sichereren Weg durch das zentrale Hügelland über Sichem, Bethel, Jerusalem, bis hinunter nach Hebron. Er konnte sich mit Bogen und Schleuder nicht auf eine Auseinandersetzung mit den Kanaanäern einlassen, die mit Schwertern und Speeren bewaffnet waren. An der Küste, in der Jesreel-Ebene und im Jordantal wäre eine fremde Sippe mit einer Schafherde leicht auszumachen und zu überfallen gewesen.
Zwischen Kanaan und Ägypten
In Beni-Hasan, auf dem halben Weg zwischen Memphis und Theben, 300 km südlich von Kairo, liegt das Grab des Gauleiters Chnem-hotep aus der Zeit Sesostris II (ca. 1900 v. Chr.). Hier ist uns ein Wandbild erhalten, das ins Nilland einwandernde Semiten zeigt. Sie sind erkennbar an den scharf geschnittenen Profilen, der hellen Haut und den Kleidern, die sich von denen der ägyptischen Beamten wesentlich unterscheiden. Die Hieroglyphen, die einer der Beamten in der Hand hält, sprechen von "Sandbewohnern". Der Hirtenstab in den Hieroglyphen steht für "Fremder", die Krone für "Anführer". Man beachte die bunten Röcke (Gen. 37,3), die Sandalen und Halbstiefel, die achtsaitige Lyra (Ps 6 und 12), sowie die Waffen: Pfeil und Bogen, Wurfstöcke, Speere (vergl. Bild BII). Reisepässe waren damals unbekannt, nicht aber Einreiseformalitäten. Von den Ankömmlingen wurde der Personenbestand aufgenommen, der Grund des Kommens, Dauer des Aufenthalts ... . Das alles notierte ein Beamter mit roter Tinte auf Papyrus und gab dann das Papier an den Grenzoffizier weiter, der daraufhin die Zuzugsgenehmigung - nach den Richtlinien der Verwaltungsbeamten am Hof - erteilte oder auch nicht.
Dank der regelmässigen Nilüberschwemmungen war Ägypten ein fruchtbares Land, das in Hungerzeiten immer wieder Fremde anzog. Die Reise Abrahams nach Ägypten können wir vor dem Hintergrund einer Hungersnot um 1900 v.Chr. in Kanaan sehen. Das Korn in Ägypten lockte aber nicht nur friedliche Einwanderer. Aus diesem Grund war die Östliche Karawanenstrasse durch die "Fürstenmauer" kontrolliert, einen befestigten Grenzwall, der sich östlich des heutigen Suezkanals in nord-südlicher Richtung von den pelusischen Sümpfen bis ins Bergland des Sinai dahinzog. Auch 650 Jahre später, beim Exodus unter Mose, war der Grenzwall mit seinen Bogenschützen und den dort stationierten Kampfwagen noch immer ein unüberwindliches Hindernis für den, der die nähere Umgebung nicht genau kannte.
Sodom und Gomorrah
Nach der Rückkehr Abrahams ins Gelobte Land trennten sich seine und Lots Wege (Gen 13,6-10). Lot zog in die fruchtbare Jordanaue und baute seine Hütte in Sodom, das wahrscheinlich südlich des Toten Meers lag, wo im fruchtbaren Tal Siddim die 5 Städte Sodom, Gomorrah, Adama, Zeboim und Zoar lagen (vergl. Gen 14,2). 12 Jahre lang waren die Könige von Siddim dem König von Kedor-Laomor tributpflichtig. Im 13. Jahr lehnten sich diese Könige auf, und der König von Kedor-Laomor leitete mit drei Verbündeten eine Strafexpedition ein ("Schlacht der Könige"), bei der die Städte im Siddim-Tal eingeäschert wurden und die Bewohner in Gefangenschaft gerieten, unter ihnen Lot. Mit einer alten Beduinentaktik befreite ihn sein Onkel Abraham aus dieser Gefangenschaft (Gen 14,12-16). Zur Erinnerung an diese Schlacht heisst die Strasse östlich des Toten Meers noch heute "Königsstrasse". Sie ist heute eine Staatsstrasse des Königreichs Jordanien. In der Bibel heisst sie noch "Landstrasse" oder "Gebahnte Strasse" (vergl. Lev 20,17.19).
Das Jordantal bildet eine Senke am Rand einer tektonischen Platte. In ihr fliesst der Jordan, der im wesentlichen von zwei Quellen, Dan (vom Ursprung bis zum See Genezareth legt das Wasser auf 40 km eine Höhendifferenz von 700 m zurück!) und Banjas (5 km östlich; Panium hiess der Pan-Tempel, den Herodes für Kaiser Augustus bauen liess) gespeist wird. Der Jordan fliesst schliesslich auf 394 m u.M. ins Tote Meer. Da dieses keinen Abfluss hat und der Wasserspiegel nicht steigt, verdunsten täglich die 8 Mia. Liter des zufliessenden Wassers. Das erklärt den hohen Salzgehalt des Toten Meers (30 % gegenüber den 3-4 % in den Weltmeeren). Das Meeresbecken ist 76 km lang und 17 km breit. Salz, Schwefel, Asphalt und Petroleum im Wasser verunmöglichen dort jedes Leben. Den Asphalt nennt die Bibel "Erdharz" (Gen 14,10). Die Landzunge am Ostufer heisst arabisch "El Lisan", hebräisch "Ha Lashon". Sie bildete einst die Grenze zum Reich Juda (Jos 15,2). Gegen Norden fällt der Meeresboden steil ab, gegen Süden bleibt er merkwürdig flach. Wenn die Sonne günstig steht, kann man im seichten Wasser Umrisse von Bäumen erkennen, die der hohe Salzgehalt des Wassers über Jahrtausende konserviert hat. Dort, südlich von El Lisan, nehmen die Forscher das ehemalige Tal Siddim an (Gen 14,3).
Was aber hatte den Untergang von Sodom bewirkt, was war der Auslöser des göttlichen Strafgerichts? Das Jordantal ist Teil eines mächtigen Risses in der Erdkruste, der sich vom Taurusgebirge über Palästina, den Golf von Akaba, unter dem Roten Meer bis nach Afrika zieht. Der Riss liegt im tektonischen Grenzgebiet zwischen Afrikanischer und Arabischer Platte. Die ehemals vulkanischen Tätigkeit in diesem Gebiet ist offensichtlich. Im Wadi Araba finden sich Basalt und Lavagestein. Machtesch Ramon ist ein Kratergebiet von 35 x 10 km Ausdehnung. Um 1900 v. Chr. könnte hier ein Teil der Senke eingebrochen sein und Sodom und Gomorrah in die Tiefe gerissen haben (Gen 19,29). Erdbeben wären die natüriche Begleiterscheinung gewesen, und Gasausbrüche mit nachfolgender Entzündung würden das Feuer und die Explosionen erklären. Die neu entstandene Senke hätte sich schnell mit dem Wasser des Toten Meers gefüllt. Südlich des Wadi Araba liegt heute ein Sumpfland, westlich davon zieht sich ein 15 km langer und 45 m hoher Hügelzug dahin, der zu einem grossen Teil aus Salzkristallen besteht, die z.T. zu Säulen aufgetürmt sind. Beim Tod von Lots Frau ist denkbar, dass sie in ihrer Neugier zu wenig schnell floh und in den Giftschwaden den Tod fand und innerhalb kürzester Zeit mit einer Kruste von Salzkristallen überzogen wurde.
Abraham war in der Zwischenzeit von Sichem weggezogen und hatte sich bei Mamre, 3 km nördlich von Hebron niedergelassen (Gen 13,18). Er hatte hier ein Stück Land von den Hetitern gekauft, auf dem sich die Höhle Machpela befand (Gen 23), um sich und seiner Frau eine Grabstätte zu errichten (Gen 25,9.10). Diese Grabstätte, in der die Gebeine von Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob, Lea ru-hen (Gen 49,29-32), kann heute noch besichtigt werden. Sie gilt Juden und Christen, wie Arabern als heilige Stätte. Die Höhle selber darf allerdings seit 1266, seit einem Erlass des Sultans Baibars, nicht mehr betreten werden. 1927 entdeckte A.E. Mader einen alten Altar und den Rest eines einstmal mächtigen Baumes. Die Araber nennen diesen Ort "Haram Ramet el-Chalil" ("Heiligtum der Höhe des Freundes Gottes").
Die "Geschichte" in der Erzvätergeschichte
Die Geschichte Abrahams wird als erste erzählt, und auf ihr wird eine Ahnenreihe über Isaak, Jakob und Joseph aufgebaut, obwohl die Geschichte Jakobs mit Sicherheit älter ist, zu den ältesten Erzählungen des AT überhaupt gehört. Das legt die Annahme nahe, dass der Redaktor um 1000 v. Chr. verschiedene Überlieferungsströme zusammenlaufen liess, um die inzwischen erfolgte Einigung der Israeliten zu rechtfertigen. Es ist wahrscheinlich, dass Abraham, Isaak, Jakob, Israel und Mose völlig verschiedenen, unabhängigen Überlieferungssträngen angehörten, denn das Volk Israel setzte sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher eingewanderter Stämme zusammen, die alle ihre eigene Tradition hatten und ihre eigenen Führer. Diese Einwanderung war ein langer Prozess, der wahrscheinlich in verschiedenen Phasen zwischen 1900 und 1200 v. Chr. ablief. Was ihnen damals gemeinsam war, war der Anspruch auf das Land, das ihnen ihr Gott versprochen hatte. Was sie zu jenem Zeitpunkt verband, war der Gott, den sie gemeinsam im Tempel von Jerusalem anbeteten. Für den Redaktor lag es auf der Hand, zwischen diesen beiden Fakten eine Beziehung zu schaffen.
An diesem Punkt muss auch auf das unterschiedliche Geschichtsverständnis der damaligen Zeit in Bezug auf heute hingewiesen werden. Der moderne Mensch sieht die Geschichte nur als eine Abfolge mehr oder weniger zufälliger Ereignisse. Für den Menschen des AT hingegen ist Geschichte immer das, was ihn hierher gebracht und zu dem gemacht hat, was er hier und jetzt ist. Anders gesagt erweist sich Geschichte, gerade wenn sie im nachhinein betrachtet wird, als der Weg, den Gott mit den Menschen vorgesehen hat und gegangen ist. Nur aus dieser Sicht gewinnt Geschichte eine bleibende Aktualität, geht sie uns hier und heute an und zwingt uns zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit uns selber und unserer Umgebung.
Die ungeheuerliche Erzählung über die Opferung des eigenen Sohnes (Gen. 22) kann als Lehrstück für Abrahams Gottestreue gelesen werden. Ungeheuerlich bleibt die Geschichte aber trotzdem, man mag es wenden, wie man will. Was ist das für ein Gott, der - wenn auch nur verbal - die Schlachtung eines Kindes verlangt? Das wird auch dadurch nicht besser, dass im letzten Moment ein Engel eingreift und das Opfer verhindert. Schon das Ansinnen würde in mir ein lebenslanges Trauma auslösen. Aber andererseits, was ist das für ein Vater, der - bis zum letzten Moment - bereit ist, seinen Sohn für einen Gott zu schlachten? Nun ist es eine Tatsache, dass man früher den Göttern Menschenpfer dargebracht hat. Der Opfergedanke selber ist nachvollziehbar aus dem Bewusstsein, dass das Leben mit allem Drum und Dran ein Geschenk (Gottes) ist und dass man deshalb demjenigen, der uns das geschenkt hat (Gott) etwas davon zum Dank zurückgeben muss. Die Idee war wohl, dass ein Mensch "das Edelste" ist, was man einem Gott als Opfer anbieten kann.
Ich lese diese kritische Bibelpassage so, dass Menschenopfer in der Zeit Abrahams noch gang und gäbe waren. Dementsprechend ist Abraham hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu seinem Sohn und seiner Ehrfurcht vor Gott, von dem er überzeugt ist, dass dieser ein entsprechendes Opfer von ihm erwartet. Das Eingreifen des Engels deute ich als Erkenntnis in der Stunde höchster seelischer Not, dass das, was er für Gott machen würde, nicht das sein kann, was Gott von ihm erwartet. Wie lange hat es gebraucht, bis dieser Sohn, der Stammhalter Abrahams (sehen wir von der ebenfalls nicht sehr erbaulichen Geschichte mit Ismael ab) endlich zur Welt gekommen ist! Und jetzt das!!! In der Erzählung Abrahams offenbart sich der Gott, den Abraham anbetet, als ein Gott, der keine Menschenofer (mehr) will! Das Tieropfer wird aber durch die ganze Zeit des AT hindurch weiterhin ein Thema bleiben.