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Als "Riese" oder "Koloss" wurde das aus der Fusion der Milchverarbeiter Toni und Säntis entstehende Unternehmen Swiss Dairy Food in den schweizerischen Medien bezeichnet. Die Beurteilung der Grösse ist freilich eine Frage der Perspektive: Für den kleinen Schweizer Markt wird die neue Firma mit der Verarbeitung von rund einem Drittel des schweizerischen Verkehrsmilchaufkommens klar die Nummer eins sein, international gesehen jedoch handelt es sich dabei eher um ein mittleres Unternehmen. Toni-Chef Peter Aegerter sah an der Fusions-Pressekonferenz die künftig ebenfalls von ihm geleitete Swiss Dairy Food mit einem Umsatz von 2,3 Milliarden Franken auf dem 17. Rang in der Liste der grössten Milchverarbeiter der Welt. In einer Zusammenstellung der niederländischen Rabobank (siehe Tabelle) käme sie heute auf den 21. Platz zu liegen. Die Differenz ist unerheblich, denn die Rangliste stellt lediglich eine Momentaufnahme dar, die angesichts des im Gang befindlichen Konzentrationsprozesses in der Welt-Milchwirtschaft in Kürze wieder veraltet sein dürfte. Durch eine Fusion der beiden grössten Milchverarbeitungsunternehmen Neuseelands beispielsweise – entsprechende Verhandlungen sind im Gang – könnte die erweiterte New Zealand Dairy Group, zur Zeit die Nummer 22 der Welt, den neuen Schweizer "Koloss" schon bald wieder überflügeln.
Bewegung sowohl in Europa als auch in Übersee
Dieser Konzentrationsprozess ist nicht neu, doch hat er sich in den letzten beiden Jahren erheblich beschleunigt. Die wichtigsten Entwicklungen skizzierte Philippe Jachnik vom Internationalen Milchwirtschaftsverband IMV in einem Anfang Oktober an einer Fachtagung im deutschen Freising-Weihenstephan gehaltenen und in der Fachzeitschrift "Welt der Milch" (Nr. 1998/21 und 22) zusammengefassten Referat wie folgt:
- In den USA kam es Ende 1997 zur Verschmelzung verschiedener Genossenschaften zum Milchgiganten Dairy Farmers of America, der 22 % der gesamten Milchanlieferung der USA verarbeitet. Zur gleichen Zeit übernahm die kanadische Gruppe Saputo, einer der weltweit führenden Käsehersteller, das amerikanische Unternehmen Stella, die Nummer fünf in der Käseproduktion der USA.
- In Südafrika haben die europäischen Unternehmen Danone und Parmalat Fuss gefasst, mit wichtigen Seitenlinien in mehreren anderen afrikanischen Staaten. In Südamerika haben die Genossenschaften Brasiliens und Argentiniens fusioniert, während das New Zealand Dairy Board sich in Chile engagiert.
- In Europa endete das Jahr 1997 mit dem Zusammenschluss von Avonmore und Waterford in Irland sowie mit dem Paukenschlag der Fusion der niederländischen Milchverarbeiter Friesland Dairy Food, Coberco, Twee Provincien und ZOH zur neuen Unternehmensgruppe Friesland Coberco Dairy Foods, die 55 Prozent der holländischen Milchproduktion kontrolliert und vermutlich der grösste Käsehersteller der Welt ist. Die andere grosse niederländische Gruppe, die Campina Melkunie, die schon 1993 die Südmilch in Stuttgart übernommen hatte, kaufte sich im Frühjahr 1997 die Genossenschaft Köln-Wuppertal und ist heute der viertgrösste Milchverarbeiter Deutschlands.
- In Frankreich, wo die Strukturveränderungen in der Milchindustrie schon Mitte der 80er Jahre (nach der Einführung der Milchquoten in der EU) stark vorangetrieben wurden, erreichten diese 1997 einen Höhepunkt. Das Privatunternehmen Besnier hat noch einmal drei Firmen übernommen, nämlich Ucanel im Produktbereich Butter und Pulver, Vallée in der Normandie mit der Herstellung von Camembert und Ladhuie mit der Produktion von Milchdesserts. Inzwischen zeigen französische Milchverarbeiter auch Interesse, sich ausserhalb der Landesgrenzen zu engagieren. So haben Sodiaal das britische Unternehmen Raines Dairy Food und Besnier die Firma Locatelli in Italien übernommen. Und 1997 hat Entremont in Süddeutschland nacheinander die Unternehmen Stegmann & Roth und Adolf Stegmann gekauft.
- In Deutschland dagegen ist der Markt zur Zeit noch geprägt von einer Vielzahl von relativ kleinen Unternehmen. Fachleute erwarten aber, dass eine Phase tiefgreifender Strukturveränderungen unmittelbar bevorsteht.
- Auch in den mittel- und osteuropäischen Staaten ist die Milchwirtschaft dabei, sich strukturell zu verändern, teilweise über erhebliche Auslandsinvestitionen, vor allem aus Westeuropa.
Globalisierung bei hohen europäischen Milchpreisen
Aus den Entwicklungen lassen sich gemäss Jachnik folgende Gründe für den Konzentrationsprozess herausarbeiten:
- Schaffung eines Ausgleichs gegenüber der starken Macht des bereits stark konzentrierten Lebensmittelhandels;
- Realisierung von Möglichkeiten zur Kostensenkung;
- Erschliessung neuer Märkte;
- Bereitstellung der Mittel für die Entwicklung und Pflege von Marken;
- Schaffung eines Zugangs zu neuen Technologien.
Daneben werden in Zukunft weitere Entwicklungen im Umfeld der Molkereiwirtschaft den Strukturwandel fördern. Jachnik nennt unter anderem:
- die zu erwartende weitere Liberalisierung der Marktordnungen: Dadurch müssen die Molkereien in Zukunft vermehrt selbst für den – bisher oft staatlich gestützten – Verwertungsausgleich zwischen den Milchprodukten mit unterschiedlicher Wertschöpfung sorgen. Dies ist in Grossunternehmen leichter zu bewerkstelligen;
- das Milchquoten- bzw. Kontingentierungssystem: Dadurch ist ein Wachstum von Unternehmen im allgemeinen nur durch Übernahme von oder Fusion mit anderen Unternehmen möglich;
- den Wettbewerb zwischen den Milchverarbeitern, der immer stärker und immer internationaler wird;
die sehr hohen Kosten des Rohstoffs Milch in Europa: Strategisch denkende Unternehmen sind daher gezwungen, einen Zugang zum Rohstoff Milch in mehreren Regionen der Welt zu haben.
Swiss Dairy Food: Rolle in Europa möglich
Einen Überblick über die aktuelle Situation in der weltweiten Milchwirtschaft verschafft die von der niederländischen Rabobank – ihrerseits in den Siebzigerjahren aus dem Zusammenschluss der Raiffeisenbank und der Bauern-Darlehensbank hervorgegangen – veröffentlichte Studie "The world dairy market", in der die 25 zur Zeit grössten Milchverarbeitungsunternehmen der Welt aufgelistet werden (siehe Tabelle). Diese "Top 25" vereinigen einen Gesamtumsatz von 86 Milliarden US-Dollar auf sich. Obwohl Europa in Bezug auf die erfasste und verarbeitete Milchmenge nur einen Weltmarktanteil von 25 Prozent aufweist, sind 16 der aufgelisteten 25 Unternehmen europäische Firmen oder haben europäischen Ursprung.
Die Swiss Dairy Food könnte zu diesen 16 gehören und damit in Europa eine Rolle spielen. Allein wären weder Toni noch Säntis dazu in der Lage.