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Die hier den
Italienern zuerkannte Überlegenheit wurde von den Anhängern der als Französische Musikals eine
Beleidigung der Nationalehre aufgefaßt;
ein erbitterter Kampf folgte, an dem alle teilnahmen bis zum
Hofe hinauf, und der, wenn er auch anscheinend
resultatlos verlief, doch die schlummernden musikalischen Kräfte der Nation aufs tiefste erregte. Die Folgen waren nach
zwei Seiten hin höchst bedeutend. Hauptsächlich war es die
Opera buffa Dunis und anderer
Italiener, die den Streit entfacht
hatte; die
Franzosen lernten schnell in dieser Schule, nahmen ihre Kräfte zusammen und schufen jene zahlreichen
und köstlichen Gebilde der komischen
Oper, die sich von hier über die Welt verbreitet haben.
Der eigentlich franz.
Geist, die leichte graziöse Beweglichkeit, kommt in diesen
Stücken zum Vorschein; sie sind nicht burlesk,
wie die ihnen voraufgegangenen italienischen, sondern aus ernsten und heitern
Situationen gemischt, aber
nicht im
Sinne der engl.
Tragödie, sondern des damals aufkommenden rührenden bürgerlichen Schauspiels. Als unverkennbar
nationales Eigentum hauptsächlich von
Grétry bis
Auber in vielen glücklichen Werken zu
Tage getreten, bilden sie die eigentümlichsten
Erzeugnisse der franz.
Oper.
Die zweite Folge der Streitigkeiten um den Vorrang der franz. oder der
ital.
Musik war die Umgestaltung der
GroßenOper.
Lully und
Rameau behaupteten sich zwar standhaft, neben ihnen fanden aber die
neuern
Italiener leichten Zugang, und die Werke beider standen unvermittelt nebeneinander. Da trat der Deutsche
[* 4]
Christoph Wilibald
Gluck (s. d.) 1774 in
Paris auf, dessen Kunst die Werke der alten
Franzosen mit den Produkten der neuern
Italiener auf einer höhern
Stufe vereinigte, ebendeshalb aber von beiden Seiten angefochten wurde. Am heftigsten entbrannte
der Kampf gegen die
Italiener, die in Nicola Piccini (s. d.) ihren besten Opernkomponisten nach
Paris gezogen hatten, endete aber endlich mit dem
SiegeGlucks und durch ihn mit dem
Triumph der franz. Bühnenmusik.
Tonangebend auf diesem instrumentalen Gebiete waren die
Franzosen nur einmal, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh., zur Zeit
der Entstehung ihrerOper, wo selbst alle deutschen Kapellen mit franz.
Instrumentisten besetzt waren.
In der Kirchenmusik ist verhältnismäßig wenig geleistet; seit Cherubini werden aber die besten ausländischen
Meister dieses
Fachs mehr als früher beachtet. Noch ärmlicher ist es um die Pflege des Oratoriums bestellt, obwohl das
Pariser Concert
spirituel zu Anfang des 18. Jahrh. die großen Werke dieser Gattung zum
Teil angeregt hat.
Neuerdings sind auch in dieser Hinsicht allerlei Versuche gemacht, namentlich in der Popularisierung der Konzertmusik für
große
Massen. In der Gesangskunst ist
Paris fast im ganzen 19. Jahrh. deshalb so bedeutend gewesen, weil die ital.
Größen des
Gesangs fast sämtlich hier ihren bleibenden Wirkungskreis hatten. Auch in der Musikwissenschaft
haben die
Franzosen Hervorragendes geleistet; sowohl die
Theorie wie die Geschichte der
Musik sind mit
Geist und gründlichem
Ernst von ihnen behandelt worden.
Über das Charakteristische der Französische Musik gegenüber der musikalischen Kunst der
Italiener und
der
Deutschen sowie über die Litteratur s.
Musik.
OstindischeCompagnie. Die Französische Ostindische Compagnie wurde unter Colberts
Antrieb 1664 gestiftet, hat aber, da ihre
Verwaltung
weder selbständig noch straff staatlich wurde und sich
Frankreichs Kraft
[* 9] nie mit voller Sammlung auf die
Kolonien warf, niemals
besondere Bedeutung gehabt. Sie versuchte sich in
Madagaskar,
[* 10] dann in
Ceylon
[* 11] festzusetzen und errichtete
darauf 1675 eine
Niederlassung zu
Surate. Vier Jahre nachher gelang es ihr, auf der
Küste Koromandel eine kleine Territorialbesitzung
zu erwerben, daselbst (1683)
Pondichéry zu gründen und zum Hauptort zu bestimmen. Es wurden mit
China,
[* 12] Siam u. s. w. Handelsverbindungen
angeknüpft, deren
Vorteile jedoch insgesamt wieder in dem
KriegeLudwigs XIV. mit den
Holländern verloren gingen.
Wenige Jahre darauf erlitt die Französische Ostindische Compagnie durch die
Spekulationen des Financiers
Law nach kurzem ungesunden Aufschwunge neue
Verluste, von denen sie sich nur mit großer Mühe wieder erholte. Zuletzt verursachten dieVerluste der
Compagnie infolge der für den Weltbesitz entscheidenden
Kriege der Engländer mit den
Franzosen ihre
Auflösung durch den Finanzminister
Terrai 1769, wobei die
Krone ihr Eigentum
an sich nahm und den
Handel nach
Ostindien
[* 13] freigab. Reste dieser ind. Besitzungen sind
Pondichéry, Chandarnagar u. a.
Philosophie. In denZeiten der Scholastik, von Anfang des 12. bis in die Mitte des 14. Jahrh., war Paris der Mittelpunkt einer
weitgreifenden philos. Regsamkeit; dort hauptsächlich wurden die großen Kämpfe zwischen der Scholastik und Mystik, dem
Nominalismus und Realismus, dem Kirchenglauben und der nach Freiheit und Selbständigkeit strebenden Forschung
gekämpft, und die Repräsentanten dieser Kämpfe, Roscellin (s. d.), Wilh. von
Champeaux, Abälard (s. d.), Hugound Rich.
von Saint-Victor, Thomas von Aquino u. a., waren entweder selbst Franzosen oder lernten und lehrten in Paris.
Während in der Folgezeit die PariserUniversität der Herd der orthodox-kath. Philosophie blieb und die auflösenden Elemente
des scholastischen Denkens, die besonders in England ihren Sitz hatten, ablehnte, diente doch zur Erschütterung
des mittelalterlichen Denkens auch hier einerseits die durch Lefèbre (Faber) und Bouillé (Bovillus) geförderte Erneuerung
der Studien des klassischen Altertums, andererseits die von Calvin hervorgerufene religiöse Reformation.
Durch beide gleichmäßig angeregt, entwickelte Pierre de la Rameé (Petrus Ramus, s. d.) im ausgesprochenen
Gegensatze gegen den Aristotelismus der Scholastiker eine «neue», jedoch
wesentlich rhetorische und formalistische Logik, die aber in der Bewegung der Zeit, auch außerhalb Frankreichs, eine große
Rolle spielte. In der so gewonnenen Freiheit des Denkens trat JeanBodin (s. d.) als Verteidiger der Toleranz und Begründer
einer von der Kirchenlehre unabhängigen Rechtsphilosophie auf; in derselben Zeit begann Montaigne (s. d.)
jene feinsinnig skeptische Litteratur, die eine specifische Eigentümlichkeit der Franzosen geblieben ist, mit seinen geistreichen
Essays, welche Welt- und Menschenkenntnis mit liebenswürdigster Darstellungsgabe verbinden. Dadurch gewann die franz.
Bildung den skeptischen Grundzug, obwohl die folgenden Skeptiker, Charron (s. d.),
Sanchez, de la Motte le Vayer, Huet (s. d.), diese Skepsis mehr oder minder für
den Offenbarungsglauben ausnutzten, sodaß sich später sowohl die orthodoxen Kirchenlehrer, wie Bossuet (s. d.), als auch
die Mystiker, wie Pascal (s. d.) und Poiret, darauf stützen konnten.
Von dieser skeptischen Stimmung (de omnibus dubitandum) ging dann auch das größte philos. GenieFrankreichs,
Descartes (s. d.), aus, aber nur um sie zu überwinden, indem er in der Gewißheit
der mathem. Erkenntnis die Rettung fand und nach diesem Ideale auch die Philosophie umzugestalten und zu einer Universalwissenschaft
zu machen suchte. Wie die Mathematik von der Anschauung des Raums, so sollte diese Philosophie vom Selbstbewußtsein
(cogito, ergo sum) ausgehen, um von da aus auf synthetischem Wege alle gewisse Erkenntnis zu deduzieren, eine Methode,
die sich von der empirischen Induktion
[* 15] ebenso weit wie von der Aristotelischen Syllogistik entfernt hielt.
Der Entwurf dieses Systems sowie die lebhafte Korrespondenz, welche Descartes mit den gleichzeitigen Gelehrten
unterhielt, brachte eine ausgedehnte wissenschaftliche Bewegung in Frankreich und in den Niederlanden hervor. Es war vor allem
auch die Frage über den Zusammenhang von Leib und Seele, die bei dem schroffen Dualismus von ausgedehnten und denkenden
Substanzen in der Lehre
[* 16] des Cartesius offen geblieben war und nun mannigfache Diskussionen anregte; es mischten
sich endlich die religiösen Debatten zwischen Jansenismus und Jesuitismus
in diese Verhandlungen hinein.
Von den dem Cartesianismus näher stehenden Männern sind Louis de la Forge (Arztzu Saumur),Ant. Arnauld und PierreNicole (beides
Theologen von Port-Royal) zu erwähnen, während Nicole Malebranche (s. d.), ähnlich wie in HollandArnold
Geulincx (s. d.) und Spinoza (s. d.), die Cartesianische Methode konsequenter durchzuführen suchte
und dabei zu einem dem Mysticismus nahestehenden Intellektualismus gelangte. Der bedeutendste Gegner von Descartes war jedoch
Gassendi (s. d.), der den antiken Atomismus erneuerte und durch den großen Einfluß, den er in Frankreich und in England gewann,
den Grund für die materialistische Richtung des 18. Jahrh. legte.
Mit beiden Richtungen gleichmäßig verbanden sich die mathem. und naturwissenschaftlichen Studien, denen Fontanelle das Interesse
der höhern Stände zugewandt hatte, wie denn überhaupt um diese Zeit am franz. Hofe jene Salonphilosophie herrschend wurde,
die zwar geistreich und graziös, aber doch meistens flach und ohne wissenschaftlichen Ernst Welt und
Leben, Moral und Politik mit spielender Skepsis zersetzte und die Quelle
[* 17] ihrer Anschauungen in Larochefoucaulds (s. d.) «Maximen»
fand.
Um so segensreicher war es, daß die große Verbreitung von Bayles (s. d.) Lexikon nicht nur einen Schatz realer Bildung, sondern
auch den ernsten moralischen Sinn in weite Kreise
[* 18] trug, mit dem er, den Widerspruch zwischen dem religiösen
Dogma und der Wissenschaft überall hervorkehrend, das religiöse Leben auf das sittliche Ziel zu lenken suchte und, die
Unabhängigkeit des moralischen Wertes von theoretischen Glaubensmeinungen betonend, für sociale wie polit. Verhältnisse
die edelste Toleranz predigte.
Was das 17. Jahrh. begonnen, setzte das 18. fort, mit dem Unterschiede
jedoch, daß, während in jenem die Engländer ihre Bildung zum Teil aus Frankreich gezogen hatten, nun in diesem der Einfluß
der engl. Philosophie in Frankreich bemerkbar wurde. Dabei wurden aber die Gedanken, die in England einem exklusiven Kreise der
höhern Gesellschaft angehörten, auf franz. Boden zu leidenschaftlich benutzten Agitationsmitteln in der
wachsenden Opposition gegen die argen Übelstände auf staatlichem und kirchlichem Gebiet, sodaß die Französische Philosophie des 18. Jahrh.
auf das innigste mit dem Werden der Französischen Revolution verknüpft ist.
Einerseits war es die Newtonsche Naturphilosophie, die, durch Voltaire den Franzosen übermittelt, ihrer
mathem. Richtung sympathisch war und die mechan. Naturauffassung, wie Maupertuis beweist, in den
Vordergrund rückte. Damit verband sich ganz im Sinne Newtons
[* 19] eine teleologische Naturbetrachtung, die gerade in der mechan.
Vollkommenheit des Universums den Beweis für die göttliche Urheberschaft desselben finden wollte, und so konnte Voltaire zugleich
der weithin wirkende Apostel des Deismus und der charakteristische Vertreter der Aufklärungsphilosophie
sein.
Andererseits fanden die materialistischen Principien von Hobbes in dem Vaterlande Gassendis ein lebhaftes Echo, und Lamettrie
(s. d.) sprach sie mit völliger Rücksichtslosigkeit aus. Diese Weltanschauung
fand denn auch ihre Erkenntnistheorie, als Condillac (s. d.) die empiristische
Psychologie Lockes in Frankreich bekannt machte und zum Sensualismus umbildete. Dieser wurde bald das allgemeine
Dogma der franz. Denker;