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Schwierige Integration
Katharina Achermann
Ein Ausländer findet in der Schweiz Zuflucht, Arbeit und Familie. Er wird Schweizer und bleibt in seiner Mentalität und seinem Charakter stark von der Herkunft geprägt. Es sind schätzenswerte Eigenschaften; einige schweizerische Denk- und Lebensweisen sind ihm schwerer zugänglich.
Ibrahim (Pseudonym) ist heute 34 Jahre alt. Als 19 Jähriger ist er in die Schweiz gekommen. Es gab Unruhen in seinem Dorf, und er musste aus seiner Heimat, der er sehr verbunden war, fliehen. Es gibt dort in Südostasien keinen Rechtsstaat, wie wir ihn kennen. Sie haben Ibrahim misshandelt, haben ihm körperliche und seelische Verletzungen zugefügt, die nie mehr ganz heilen. In einem schweizerischen Spital wurden dann zwei Operationen notwendig, um ihm zu helfen; ein paar Narben und eine geringere Belastbarkeit des Körpers bleiben. Die Erlebnisse haben Ängste ausgelöst, Angst vor der Polizei, vor Schlägern. In den ersten Jahren musste das Wort „Polizei“ nur erwähnt werden, und er geriet in Erregung. Sollte ein Kollege wieder ausreisen müssen oder gar ausgeschafft werden, waren seine Ängste gross. Das Schicksal schmiedete sie zusammen, sie waren solidarisch und hilfsbereit.
Neue Heimat
Ibrahim mochte nicht mehr in diesem Auffangzentrum, in einem Saal mit mehreren Männern, wohnen. Er wollte eine familiäre Umgebung wie zuhause. Er hatte dort mehrere Geschwister, eine grosse Familie mit Verwandten. Sie lebten auf einem Hof auf dem Lande. Ibrahim suchte sich in der Schweiz eine junge, hübsche und europäisch aussehende Frau. Die Heirat mit einer Schweizerin könnte ihm seine Angst nehmen, wieder ausgeschafft zu werden, so glaubte er. Seine Ängste waren manchmal nicht begründet, aber verständlich. Sein bereits eingereichter Asylantrag schien nicht aussichtslos und war in Bearbeitung. Für eine junge Schweizerin empfand er Sympathie und Zuneigung.
Soziale Sicherheit
Wie viel Lohn braucht es? Ibrahim hat geheiratet, er arbeitet. Meistens übernimmt er eine Nachtschicht, dann erhält er etwas mehr Lohn aufgrund der Zuschläge für Nachtarbeit. Diese braucht er, denn es sind mehrere Münder zu stopfen. Er hat seine Mutter in die Schweiz geholt; es ist so Sitte in seinem Land. Die Familie steht zusammen, man hilft sich gegenseitig, auch den Geschwistern. Ibrahims Lohn muss ausreichen; seine Frau ist wegen einer Behinderung nur beschränkt arbeitsfähig. Sozialversicherungen gegen Arbeitslosigkeit oder als Fürsorge für das Alter kannte Ibrahim zu Hause nicht. Er sagte schon: “Hier in der Schweiz ist alles verboten, es ist alles geregelt“. Er weiss nun, dass jedes System Vor- und Nachteile hat. Die Finanzen sind knapp, so bleibt die Familie zuhause und trifft sich dort gelegentlich mit Landsleuten. Kontakte mit Schweizern sind auf die Arbeitszeit beschränkt. Ibrahim hat sich gut eingelebt, er versteht und spricht deutsch ganz geläufig. Seine Mutter tut sich schwer mit der Sprache.
Arbeit schafft Identität
Unser neuer Schweizer Bürger arbeitet seit Jahren beim gleichen Arbeitgeber, und der ist zufrieden mit Ibrahims Arbeit und seiner Arbeitsmotivation. Er ist sehr engagiert und kooperativ, ein stiller Mensch. Anfangs hatte er davon geträumt, eine Lehre zu machen; etwas mit Elektrizität, Automonteur oder Automechaniker hätte ihn interessiert. Zuhause hatte er zehn Jahre die Schule besucht und dann in einer Werft gearbeitet. Die Schweizer Behörden haben ihm keine Lehre mehr ermöglicht. Er musste arbeiten. Um einer allfälligen Arbeitslosigkeit vorzubeugen, wäre eine Anlehre oder Lehre in seinen ersten Schweizer Jahren sinnvoll gewesen; eine bessere Schulung hätte auch die Integration erleichtert. Ibrahim fühlt sich mit seiner Familie sicher. Ein Besuch in seiner Heimat hat ihm gezeigt, dass die Lage dort noch viel verworrener und gefährlicher geworden ist.