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Wann immer du das Bedürfnis hast, etwas besonders Elegantes zu schreiben, tu es von ganzem Herzen – und lösche es wieder, bevor du das Manuskript in Druck gibst. Ermorde deine Lieblinge!
Sir Arthur Quiller-Couch
„Kill your darlings“, sagte die Stimme in seinem Kopf. Immer wieder: „Kill your darlings!“
Die Pistole hat er sich bei einem Berufskollegen besorgt, der Kriminalromane schrieb und sich deshalb mit solchen Sachen auskannte. Ihr kaltes Metall fühlte sich in seiner Hand an wie… wie.
„Nein“, sagte er zu sich selber, „keine Metaphern mehr. Nie mehr. Am Schluss muss man sie ja doch nur wieder umbringen. Und das tut einem dann immer so weh.“
Leise und vorsichtig öffnete er die Tür.
Die Metapher räkelte sich reizend auf der Récamiere. (Eigentlich war es ein ganz gewöhnliches Sofa, aber er hatte ihr in der ersten Verliebtheit ein paar Stabreime geschenkt, und sie hatte sich so rührend darüber gefreut, dass er ihr immer wieder neue mitgebracht hatte.) Ihre Finger spielten mit der Kette aus brillant geschliffenen Formulierungen, die er ihr am Tag ihrer Erschaffung um den Hals gelegt hatte. Der Rock ihres schulterfreien Abendkleides war so hoch geschlitzt, dass ihre Beine endlos lang schienen. Der verlockende Anblick wurde nur unwesentlich durch die warnende Schrift gestört, die er bei ihrer letzten Begegnung eigenhändig auf der matt schimmernden Seide angebracht hatte: „Vorsicht, Klischee!“ Ihre blonden Haare umrahmten ein Gesicht von so engelhafter Lieblichkeit, dass man bei ihrem Anblick André Rieu zu hören vermeinte.
Es war höchste Zeit, dass er sie endlich umbrachte.
Er entsicherte die Pistole, und das leise Klicken erinnerte ihn an… an…
Nein.
Auch keine Vergleiche mehr. Am Anfang machten sie einen glücklich, aber schon beim dritten Wiedersehen war die Attraktion verschwunden und man fand sie nur noch widerlich.
„Kill your darlings!“, wiederholte die Stimme in seinem Kopf.
Noch einmal zögerte er. ‚Ich habe sie doch einmal geliebt‘, dachte er, nur um sich gleich selber zu fragen: „Warum eigentlich?“ Und darauf wusste er keine Antwort.
Noch einmal sah er sie an, dann krümmte sich sein Finger über dem Abzug und er killte sie mit knatternder Kugel. Ein letzter Stabreim, das war das Mindeste, das er seinem toten Darling zum Abschied hatte schenken können.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. März 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«