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Jordanien

"Freundschaft ist wie ein Baum; es kommt nicht auf die Höhe an, sondern auf die Tiefe der Wurzeln."
(Sprichwort aus Jordanien)

Tagebuch
11. Oktober 2008
Bevor wir von Bord gehen, bereitet uns der Kapitän der "Khaled H." auf die uns erwartenden Kosten vor. Um den Santi aus dem Hafen auszulösen, müssen wir mit rund US-$ 1'000 rechnen. Auf unsere schockierte Reaktion hin erklärt er uns, dass er in zwei Tagen in Suez (Ägypten) einlaufen werde. Er würde uns gratis bis dorthin mitnehmen - bloss ist das Auslösen den Autos aus dem Hafen dort in etwa ähnlich teuer. Wir sind enttäuscht von Hadi al Hassan, der in Port Sudan meinte, das Auslösen unseres Autos werde maximal mit US-$ 300 zu Buche schlagen. Aber was bleibt uns anders übrig? Natürlich könnten wir mit dem Frachtschiff weiter nach Suez fahren, aber ob die Abwicklung dort rascher und günstiger von sich ginge? Wohl kaum. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns deshalb, in Al Aqabah zu bleiben bzw. hier auszusteigen. Immerhin organisiert der Kapitän der "Khaled H." einen Agenten, der uns beim Papierkrieg unterstützt. Während Helen zusammen mit dem Kapitän die letzten Formalitäten auf dem Frachtschiff erledigt, wird Markus angewiesen, den Santi auf einem nicht umzäunten und nicht bewachten Parkplatz abzustellen, bis die Formalitäten erledigt sind. Das kommt für uns natürlich überhaupt nicht in Frage, und zum Glück erhalten wir die Möglichkeit, unser Auto auf einem nahe gelegenen, umzäunten und bewachten Parkplatz zu parkieren.
Nun heisst es, dem Kapitän der "Khaled H." unsere Restschuld zu begleichen, und der Clearing-Agentur den vereinbarten Pauschalpreis zu bezahlen. Ein Chauffeur der Clearing-Agentur fährt uns deshalb zu diversen Bancomaten, an welchen wir ziemlich erfolglos versuchen, mit der VISA-Karte Bargeld zu beziehen. Wie so oft in Afrika melden die Bancomaten meistens entweder eine technische Störung oder spucken die VISA-Karte ohne Begründung wieder aus. Zurück im Hafen gilt es, das Visum für Jordanien zu besorgen. Was normalerweise eine Sache von wenigen Minuten ist, dauert bei uns mehrere Stunden. Erklärt wird die lange Warte- und Bearbeitungszeit damit, dass wir nicht wie "normale" Personen mit der Fähre einreisen, sondern per Frachtschiff. Der tiefere Grund dieser Unterscheidung bleibt uns bis heute verborgen...
Da mittlerweile klar ist, dass wir unseren Santi erst morgen abholen können, bzw. er erst morgen vom jordanischen Zoll freigegeben wird, chauffiert uns ein Mitarbeiter der Clearing-Agentur zu einer erst vor wenigen Tagen fertig gestellten Wohnung etwas ausserhalb des Stadtzentrums von Al Aqabah. Zum Glück kennt der Chauffeur namens Muhammad den Eigentümer der Parterrewohnung, so dass wir nur eine sehr geringe Miete bezahlen müssen. Wir sind froh, nicht mehr in der feuchten und muffigen Kabine auf dem Frachtschiff schlafen zu müssen, und freuen uns zudem über eine funktionierende Dusche - auch wenn der Warmwasserhahn nur eine Attrappe ist. Wir nutzen den Tag zum Ausruhen und Einkaufen. In zwei Quartierläden decken wir uns mit ein paar Lebensmitteln ein. Helen ist überglücklich, in einem der Läden ihr geliebtes Fladenbrot zu finden. Wie oft hat sie Markus während der letzten sechs Monate von ebendiesem ultradünnen Fladenbrot erzählt - und jetzt hält sie endlich einen dicken Stapel Fladenbrot in den Händen.
Im Hintergrund die israelische Stadt Eilat
12. Oktober 2008
Damit wir nicht zu lange schlafen, haben wir gestern Abend den Wecker gestellt. Dies jedoch hat sich als absolut unnötig erwiesen. "Unsere" Wohnung befindet sich nämlich im Fadenkreuz diverser Moscheen, und bereits um halb fünf Uhr plärren an verschiedenen Orten die Lautsprecher des Muezzins, der zum Beten aufruft. Da es der Muezzin sehr gut mit uns meint und seinen Aufruf um sechs Uhr wiederholt, ist an Ausschlafen nicht zu denken. Wenigstens haben wir so genügend Zeit, unsere Sachen zu packen und auf Muhammad zu warten.
Pünktlich um viertel nach acht Uhr erscheint Muhammad und chauffiert uns zum Hafen. Dort werden wir in einem kleinen Büro erwartet. In den nächsten acht Stunden werden wir Zeuge der jordanischen Zoll-Bürokratie. Da es sehr viele Papiere auszufüllen gilt und die Abwicklung alles andere als einfach und durchsichtig ist, gibt es mindestens hundert Clearing-Büros, welche alle in kleinen Containern untergebracht sind. Der Chef "unseres" Büros generiert beim Versuch, mit dem Computer ein Formular für den Santi auszufüllen, unzählige Male dieselbe Fehlermeldung. Ab und zu telefoniert oder diskutiert er enerviert mit Angestellten anderer Clearing-Agenturen, und einmal gerät er derart in Rage, dass er sein Telefon an die Wand schmettert. Irgendwie verstehen wir ihn, ist er doch augenscheinlich der Einzige, der wirklich arbeitet. Die anderen Angestellten hängen nämlich bloss etwas im oder vor dem Büro herum, rauchen Zigaretten und trinken Tee oder Kaffee.
Im Laufe des Tages dürfen wir zweimal den Santi besuchen und überprüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Zum Glück wird er wirklich gut bewacht, so dass wir keine Angst haben müssen. Ab und zu besuchen uns Muhammad oder der Clearing-Agent im Büro und erkundigen sich nach dem Stand der Dinge. Sie versichern uns mehrfach, dass die lange Bearbeitungszeit völlig normal ist. Beide wie auch der Chef des Büros versuchen uns darauf vorzubereiten, den Santi erst morgen aus dem Hafen auslösen zu können. Dies bewirkt bei uns jeweils ein ungläubiges Kopfschütteln - wir können es nicht fassen, dass es so schwierig und kompliziert sein soll, ein Auto durch den Zoll zu bringen. Plötzlich scheint alles rasch zu gehen, und wir können den Santi zwei Zöllnern zeigen. Sie wollen nicht zwingend den Inhalt vom Santi kontrollieren, aber unbedingt die gesamte Dachlast. Nur mit Glück können wir sie überzeugen, dass es sich nur um wertlose Souvenirs handle und es nicht notwendig sei, alles vom Dach zu nehmen. Wir sind froh, dass dieser Kelch an uns vorübergeht! Danach überprüfen die Zöllner - wie schon mehrere andere Beamte vor ihnen - die Motor- und Chassisnummer. Nach einer weiteren Stunde und vielen Formalitäten, die uns zum Glück von Muhammad und einem weiteren Angestellten der Clearing-Agentur abgenommen werden, verlassen wir mit dem Santi den Hafen - allerdings nicht ohne einer weiteren Überprüfung der Chassisnummer. Zudem wird nochmals überprüft, ob die vor wenigen Minuten angebrachte Plombe am Motor nicht entfernt wurde. Irgendwie haben die Zöllner das Gefühl, wir hätten in den wenigen Minuten einen neuen Motor eingebaut...
Dann endlich ist es soweit: Wir sind in Jordanien - und fahren direkt zum Fährhafen, um Jordanien auf dem schnellsten Weg wieder zu verlassen. Muhammad besorgt uns die Fährtickets, und kämpft mit Helen um die Stempel im Carnet. Ohne die guten Beziehungen von Muhammad zu diversen Beamten wäre unser Carnet wohl kaum abgestempelt geworden. Helen ringt oft um ihre Fassung, weil sie ihren Augen und Ohren kaum zu trauen vermag. Es grenzt tatsächlich an kafkaeske Verhältnisse - zuerst weiss ein in der Nase bohrender Beamter nicht, was er tun soll, dann wird extra wegen uns eine Konferenz abgehalten, dann werden Gebetsteppiche ausgerollt, dann werden Helen und Muhammad von einem Büro zum anderen geschickt, und erst nach über zwei Stunden kehren die beiden abgekämpft zu Markus zurück, der sich über die lange Wartezeit und über die diversen Leute, die inzwischen zum wiederholten Male die Chassisnummer überprüften, wunderte.
Nach einer herzlichen Verabschiedung von Muhammad, der inzwischen zu unserem Freund wurde, warten wir, bis wir auf die Fähre fahren können. Als zweites Fahrzeug drängen wir uns durch das schmale Gate und werden vor der Fähre abrupt gestoppt. Zuerst dürfen nämlich alle Lastwagen und Cars auf die Fähre, und erst ganz am Schluss - also nach über einer weiteren Stunde Wartezeit - dürfen wir den Santi, nachdem dessen Chassisnummer und dien Plombe am Motor wohl zum zehnten Mal überprüft wurde, rückwärts auf die Fähre manövrieren. Zum Glück hat Muhammad uns einen Kollegen zur Seite gestellt, denn ein Matrose meint, mit unseren Papieren sei etwas nicht in Ordnung, und wir müssten zurück ins Fährbüro. Ein anderer meinte, er müsse unser Gepäck auf dem Dach überprüfen. Nicht selten fällt es uns schwer, höflich zu bleiben. Im Stillen aber wünschen wir mehrere dieser Personen ins Pfefferland!
Bei der Fähre handelt es sich um ein in die Jahre gekommenes dänisches Schiff, welches die dänische Schifffahrtsgesellschaft (wohl aus Altersgründen) an die ägyptische Fährgesellschaft verkauft hat. Der Toilettenraum ist knöchelhoch überflutet (ein feines Düftchen steigt einem in die Nase), die abgewetzten Teppiche sind mit Plastik überzogen, und die Türschlösser können nur von einer Seite aufgeschlossen werden. Das einzige, was wirklich funktioniert, sind die Klimaanlagen. Gewisse Räume werden auf derart frostige Temperaturen abgekühlt, dass sich kaum jemand dorthin verirrt. Trotzdem sind wir froh, unseren Aufenthalt in Jordanien so kurz wie möglich gehalten zu haben, und nun - leider im Schneckentempo - Ägypten zuzusteuern.
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