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Ein Retter wurde zum Sündenbock
General Karl Lennart Oesch stoppte im Juni 1944 auf der karelischen Landenge die Rote Armee und verhinderte die sowjetische Besetzung Finnlands. Nach dem Krieg jedoch wurde der schweizstämmige Offizier unter sowjetischem Druck als Kriegsverbrecher verurteilt. Erst 1998 wurde Oeschs militärische Ehre gerettet durch Helge Seppäläs Buch „Karl Lennart Oesch. Retter von Finnland“. Der Historiker Vesa Määttä stellt nun fest, dass Oesch zu Unrecht verurteilt und von Urho Kekkonen, dem damaligen Justizminister und später langjährigen Staatspräsidenten Finnlands, zum Sündenbock gemacht wurde.
Schweizer Initiative zugunsten Oeschs
Geniale Leistungen werden auch in Finnland nur anerkannt, wenn man darüber redet. Solches unternahm 2008 der Schweizer Botschafter Josef Bucher, als er in Helsinki ein Seminar veranstaltete über den zu wenig beachteten General mit Schweizer Abstammung. Karl Lennart Oesch ist bis heute ein zentrales Thema der finnisch-schweizerischen Offiziersgesellschaft. Als deren Vertreter schilderte Oberst a. D. Ulrich Meyer-Kuhn in Helsinki energisch Oeschs Verteidigungssieg bei Tali-Ihnantala.
Buchers Initiative hätte auch schiefgehen können. Wie sollten die Finnen reagieren, wenn ein Schweizer Botschafter und ein Schweizer Offizier den finnischen General mit Schweizer Herkunft aufs Podest stellten? Buchers Anliegen war die Diskussion über ein gemeinsames Thema, weil er merkte, dass die in Europa nicht integrationswillige Schweiz aus dem finnischen Bewusstsein verschwunden war.
Rehabilitierung des Verteidigers Finnlands
Die Lancierung der Causa Oesch war erfolgreich. Schon 2009 folgte das Infanteriemuseum in Mikkeli mit einer Oesch-Ausstellung. Im August 2014 wurde auch eine Schweizer Gedenkstätte für Oesch eingeweiht, passenderweise auf der Schwarzenegg bei Thun. Von hier waren nämlich die Eltern des Generals, der Käser Christian Oesch 1880 und seine Verlobte Anna Barbara Wegmann 1881 ausgewandert, um in der Nähe von Wiborg auf der karelischen Landenge eine neue Existenz aufzubauen.
Allerdings brauchte Oesch in der Schweiz keine Rehabilitierung. Das vom Krieg verschonte Land kultivierte seit dem Krieg eifrig den Stolz auf den erfolgreichen Landsmann im heldenhaft kämpfenden Finnland. Bei der Einweihung des Gedenksteins auf der Schwarzenegg waren Verteidigungsminister Maurer und der finnische Botschafter anwesend sowie Vertreter der finnisch-schweizerischen Offiziersgesellschaft als Stifter der Gedenkstätte. Unter den Finnen, die Reden anhörten und den Überflug von Schweizer Kampfflugzeugen bewunderten, war auch der Histloriker Vesa Määttä als Autor des jüngsten Oeschbuches.
Der Titel des Buches lautet (auf Deutsch übersetzt) „K.L. Oeschs Kampf gegen die Übermacht“. Määttä will vor allem die Herkunft Oeschs schildern. Seine militärische Darstellung folgt weitgehend der mehrfach zitierten Interpretation des Offiziers Helge Seppälä, der Oesch zum erfolgreichen Sieger über die Rote Armee in der Abwehrschlacht von 1944 erhoben hat.
Opfer eines politischen Urteils
Der Historiker befasste sich aber auch eingehend mit der Verurteilung Oeschs als Kriegsverbrecher. Der erfolgreiche General sass nach dem Krieg zweieinhalb Jahre im Gefängnis, weil ein Befehl von 1941 über den Umgang mit Kriegsgefangenen ihn mitverantwortlich machte für die Erschiessung von 14 sowjetischen Gefangenen. Määttä hat dazu das Gutachten eines renommierten Rechtsanwalts eingeholt, der das Urteil als juristisch nicht haltbar einstufte.
Der Historiker spricht daher von einem Entgegenkommen der finnischen Politik an die Sowjetunion. Oesch selber hat sich bitter als „Gefangenen Kekkonens“ bezeichnet. Urho Kekkonen hatte sich als Justizminister als finnischer Ansprechpartner von Moskau profiliert und damit seine Machtposition begründet. „Die Helsingin Sanomat“ als bedeutendste finnische Tageszeitung folgt bei der Buchbesprechung Oeschs eigener Einstufung mit dem (auf Deutsch übersetzten) Titel: „Heldenhafter General wurde nach dem Krieg zum Gefangenen Kekkonens“.
Die Zeitung bezeichnet Botschafter Bucher als Initiator des neuen Oeschbildes. Das Oesch in Finnland gleich nach dem Krieg zur Unperson gemacht wurde, sei als Begleiterscheinung der Aussöhnung mit der Sowjetunion einzustufen. Die Besprechung endet mit der tröstlichen Bemerkung, dass Oeschs Verbitterung über seine Behandlung in Finnland etwas ausgeglichen worden sei durch die unbeirrte Würdigung in seinem Herkunftsland.
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