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© Matthias Kestenholz
Die Nutzung der Windenergie als erneuerbare Energiequelle hat in den letzten Jahren starken Auftrieb erhalten. Dem Umweltnutzen der Windenergie, insbesondere unter dem Aspekt der Kohlendioxidproblematik, stehen wie bei jeder technischen Anlage mögliche Konflikte mit Anliegen des Naturschutzes gegenüber.
Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über das aktuelle Wissen zu möglichen Auswirkungen der Windenergienutzung auf Vögel. Einbezogen wurden 268 Publikationen, Berichte und Schriften. 174 davon bezogen sich direkt auf den Konflikt Windenergie und Vögel. Mögliche Auswirkungen können folgendermassen systematisiert werden: (1) Vogelschlag/Kollision; (2) Auswirkungen auf den Lebensraum (Habitat) und das Verhalten der Vögel.
Kollisionen von Vögeln mit Windkraftanlagen wurden in vielen Gebieten festgestellt. Von Kollisionen betroffen sind sowohl ziehende als auch ortsansässige Vögel. Tagsüber sind insbesondere grosse Vögel (z.B. Störche und Greifvögel) und mit geringer Manövrierfähigkeit betroffen. Für nachtziehende Vögel bergen vor allem Nächte mit schlechten Wetterverhältnissen (insbesondere schlechter Sicht) ein grosses Gefahren-Potenzial. Die Auswirkungen der erhöhten Mortalität auf die Entwicklung der Bestände sind unklar. Für die Bestände von grösseren und langlebigen Arten mit einer geringen Fortpflanzungsrate könnte die erhöhte Mortalität problematisch sein. Dies vor allem, wenn die Kollisionen an Orten auftreten, wo sich Vögel aus einem grossen Einzugsgebiet konzentrieren, z.B. an Zugschneisen. Bei Kleinvögeln scheinen die möglichen Auswirkungen nicht sehr gross zu sein, da es sich bei den meisten um kurzlebige Arten mit einer hohen Fortpflanzungsrate handelt.
Windkraftanlagen verändern die Lebensräume von Vögeln, weil durch sie neue Strukturen geschaffen werden und mit der Erstellung der Anlagen meist eine Änderung der Nutzung der Fläche verbunden ist. Änderungen in der Habitatnutzung oder im Verhalten, z.B. Meiden der Umgebung von Windkraftanlagen, scheinen vor allem bei Brut- und Rastvögeln offener Lebensräume vorzukommen (z.B. Limikolen, Gänse). Inwieweit diese Auswirkungen relevant sind, die aus Naturschutzsicht einem partiellen bis vollständigen Lebensraumverlust gleich kommen, hängt in erster Linie vom Gefährdungsstatus der betroffenen Arten und Lebensräume ab.
Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Zugvögel bestehen vor allem darin, dass die Vögel durch das Hindernis vom Zugweg abgelenkt werden oder dass ein Teil der Vögel, die sich nicht ablenken lassen und durch den Windpark fliegen, mit den Anlagen kollidiert oder durch Wirbel zu Boden geschleudert wird. Da die meisten Zugwege traditionelle Routen sind, wiederholt sich die Beeinträchtigung jeden Herbst und Frühling. Welche Auswirkungen diese Verluste für die Populationen haben, ist unbekannt.
Die indirekten Auswirkungen von Windkraftanlagen z.B. durch den Bau von zusätzlichen Infrastrukturanlagen oder die Erschliessung bisher wenig genutzter Räume, die zu einer Veränderung z.B. der landwirtschaftlichen Nutzung oder zu einem höheren Besucheraufkommen führen können, wurden bisher kaum untersucht, müssen aber bei der Prüfung der Verträglichkeit von Windkraftanlagen mitberücksichtigt werden.
Der aktuelle Wissenstand zeigt, dass Windkraftanlagen negative Auswirkungen auf Vögel (und andere fliegende Tiere) haben können. Dabei steht aber auch fest, dass weitere, international koordinierte Forschung in einem grösseren Rahmen durchgeführt werden muss. Die Heterogenität der Projekte und die Vielfalt an Reaktionen der Vögel lassen bislang keine abschliessenden und allgemeingültigen Folgerungen zu. Aus der Sicht der Schweiz ist besonders zu beachten, dass Untersuchungen aus dem Voralpen- und Alpenraum weitgehend fehlen. Die meisten Untersuchungen sowohl zu Kollisionen wie auch zu Auswirkungen auf die Nutzung des Lebensraumes fanden in tiefen Lagen, oft in Küstengebieten statt.
In der Schweiz soll die Windenergienutzung gefördert werden. Das Programm „EnergieSchweiz“ sieht bis 2010 die Erstellung von mehreren Windparks vor. Aufgrund der Literaturauswertung sind Konflikte in erster Linie dort zu erwarten, wo gefährdete Arten offener Landschaften betroffen sind oder wo sich Zugvögel aufgrund topographischer Bedingungen konzentrieren. Der Standortwahl ist deshalb höchstes Gewicht einzuräumen, um Konflikte mit der Vogelwelt möglichst zu vermeiden. Zu berücksichtigen sind dabei die bereits vorhanden Grundlagen zu Vorkommen relevanter Arten (insbesondere Prioritätsarten für Artenförderungsprogramme), zu bedeutenden Lebensräumen (Bundesinventare) sowie die Kenntnisse über den Vogelzug.
Schweizerische Vogelwarte, CH–6204 Sempach
Tel 041 462 97 00, Fax 041 462 97 10
E-Mail: <email-pii>
© Schweizerische Vogelwarte Sempach, 2005
Autorinnen: P. Horch & V. Keller
Zitiervorschlag: Horch, P. & V. Keller (2005): Windkraftanlagen und Vögel – ein Konflikt? Schweizerische Vogelwarte Sempach, Sempach.
Windkraftanlagen und Vögel - ein Konflikt?