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«Ich weiss bis heute nicht, wo mein Vater starb» – wie mein Grossvater den Krieg erlebt hat
Heute vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Mein Grossvater Frank, Sohn eines deutschen Soldaten, wuchs nahe der Grenze auf. Er erinnert sich nicht nur an den Luftkrieg und den letzten Spaziergang mit seinem Vater.
«Jeder, der heute einem Zeitzeugen zuhört, wird selber zu einem Zeitzeugen»
Zitat von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel
Er weiss bis heute nicht, wann und wo sein Vater gestorben ist: Mein Grossvater Frank war knapp drei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Er lebte damals zusammen mit seiner Mutter Heidi und Vater Ferdinand in St. Gallen in einer kleinen Wohnung nahe des Stadtkerns. Der Vater arbeitete als Schreiner, die Mutter als Näherin in der Modebranche.
Vom Krieg las die Familie in der Zeitung, sie hörte Nachrichten im Radio. Er schien Frank, Heidi und Ferdinand nicht direkt zu betreffen. Schliesslich befand man sich in der neutralen Schweiz. Doch auch hier veränderte sich der Alltag. Das Essen – etwa Fleisch, Mehl, Zucker – wurde rationiert, und es gab für jede Familie nur eine begrenzte Anzahl an Mahlzeitencoupons.
Auch wenn die Schweiz nicht direkt in Kriegshandlungen verwickelt war, hätte es immer sein können, dass sie trotzdem mit einbezogen werden würde. Die Angst vor einem Luftangriff sei omnipräsent gewesen, sagt Frank 75 Jahre nach dem Kriegsende. Auch weil St. Gallen an der Grenze zu Deutschland gelegen habe, sei eine irrtümliche Verfehlung des Bombenabwurfs-Standorts jederzeit möglich gewesen.
«Wir mussten am Abend die Fenster mit Wolldecken verdunkeln, und alle Lichter der Stadt wurden mit Einbruch der Dunkelheit gelöscht», erzählt Frank. «So konnten die Piloten nicht sehen, dass sie über einer Stadt flogen, und die Chance einer Bombardierung wurde minimiert.»
Frank erinnert sich lächelnd, wie man sich in St. Gallen erzählt habe, dass Konstanz dafür extra die Lichter habe brennen lassen – «damit die Piloten dachten, das sei eine Ortschaft in der Schweiz, denn Deutsche würden ja die Lichter nicht brennen lassen». Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, weiss mein heute 83-jähriger Grossvater aber nicht mehr ganz genau.
Das Geräusch der Flieger hingegen hallt heute noch in seinen Ohren nach. «Manchmal sind amerikanische oder britische Flieger irrtümlicherweise über die Schweiz geflogen», sagt Frank. «Ich konnte beobachten, wie diese meist von vier Fliegern der Schweizer Luftwaffe abgefangen und nach Dübendorf eskortiert wurden, wo sie landen mussten.»
So faszinierend die Szenerien auch gewesen seien, mein Grossvater hatte auch ein mulmiges Gefühl. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, bei einem Alarm anstatt in den Luftschutzkeller zu gehen, draussen mit seinen Freunden zu spielen.
«Wenn die Sirenen ertönten, bedeutete dies, dass die Schule unterbrochen wird und wir Kinder nach Hause in den uns zugeteilten Schutzraum gehen sollten.» Oft sei es aber anders verlaufen. «Wir haben lieber die Zeit genutzt, um auf dem Pausenhof Fussball zu spielen.» Mein Grossvater besteht darauf, dass er trotz des Krieges eine unbeschwerte Kindheit gehabt habe.
Das sei auch seiner Mutter zu verdanken gewesen, die ihn Kind habe sein lassen: «Sie hat mich – so gut es ging – von der Realität abgeschirmt», sagt Frank.
Dann kommt es zu jenem Tag im Jahr 1943, an dem sein Vater in den Krieg habe ziehen müssen – Frank war damals acht Jahre alt, und er war beim Aufbruch des Vaters nicht zu Hause. «Ich wusste, dass mein Vater in den Krieg ziehen muss, ich wusste nur nicht, an welchem Tag es so weit sein würde.»
Vater Ferdinand war deutscher Staatsbürger. Er wurde mobilisiert, weil Deutschland überhaupt alle verfügbaren Kräfte zusammenzog – Hitlers Vorhaben, Russland einzunehmen, war in vollem Gange.
Knapp ein Jahr, nachdem Ferdinand in den Krieg gezogen war, durfte er Ferien mit seiner Familie in Deutschland verbringen. Frank erinnert sich an die letzten Momente mit seinem Vater so:
«Meine Mutter und ich haben ihn am Bahnhof Kreuzlingen abgeholt. Dann sind wir nach Bregenz gefahren, um Zeit als Familie zu verbringen. An einem Tag sind mein Vater und ich allein nach Dornbirn gefahren. Ich weiss nicht mehr genau, was wir an diesem Tag gemacht haben. Ich erinnere mich an Bilder, wie wir zusammen aus dem Zug gestiegen sind und einen Spaziergang gemacht haben.
Ich erinnere mich auch noch an den letzten Spaziergang, den wir zusammen als Familie in Bregenz unternommen haben. Ich weiss noch, wie ich ein Schweizer Volkslied gesungen habe: Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz … Das sind die letzten Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe.»
In der Stimme meines Grossvaters höre ich Demut. Aber auch Versöhnung – mit seinem Schicksal, seiner Vergangenheit, seinem Verlust. «Ich habe damals meinen Vater sehr vermisst», sagt Frank. Ferdinand habe ihm und seiner Mutter Heidi nach den gemeinsamen Ferien noch einige Briefe geschickt. «Dann plötzlich kamen keine mehr.»
Frank musste sich damit abfinden, wohl keinen Vater mehr zu haben. Geholfen hat ihm dabei erneut seine Mutter, die die Last des ungewissen Schicksals des Vaters mit sich trug, aber sie nicht auf ihren damals fast zehn Jahre alten Buben projizierte. «Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mich vor vielen Informationen, Neuigkeiten und Tatsachen ferngehalten hat», sagt mein Grossvater noch heute.
Ferdinand galt fünf Jahre lang als verschollen bevor er schliesslich für tot erklärt wurde. Offizielles Todesdatum: 7. Juli 1944.
Jenen Tag haben die Behörden aufgrund von Informationen zum Standort und Einsatz von Ferdinand festgesetzt. Es war bekannt, dass er im Krieg gegen Russland an der Front in Düneburg, das heute Teil von Lettland ist, gekämpft hat. Briefe zeugten davon, die Ferdinand seinem Bruder geschickt hatte, der ebenfalls im Krieg gewesen war.
Frank, der all diese Informationen erst viel später erhielt, besuchte oft seine Grosseltern, die ebenfalls in St. Gallen lebten. An den Abend des 28. April 1944 mag er sich noch genau erinnern. Er sass mit seinem Grossvater am Fenster der Mansarde und blickte in Richtung Friedrichshafen.
«Wir konnten aus dem Fenster über die Dächer der Stadt schauen. Der Himmel war rot gefärbt. Über Friedrichshafen beobachtete ich schwarze Objekte. Zuerst dachte ich, es seien Vögel.
Mein Grossvater erklärte mir dann, dass dies Flugzeuge seien und sich unweit von uns ein Luftkrieg zwischen den Briten und Deutschen abspielt. Heute weiss ich, dass die Spreng- und Brandbomben viele Menschen das Leben gekostet und 75 Prozent der Stadt zerstört haben.»
Etwa zwei Monate später, am 6. Juni, landeten die Alliierten in der Normandie – es war gewissermassen der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Mein Grossvater erinnert sich, wie er viel Radio gehört habe, um die verschlüsselten Sprüche der Alliierten an die Franzosen zu hören. Damals habe er nicht gewusst, was sie bedeutet hätten. «Es war trotzdem sehr interessant, sie mitzuhören.» Und man habe zumindest gewusst, dass die Funksprüche an die Résistance, die Widerstandsbewegung im von Deutschland besetzten Frankreich, gerichtet gewesen seien.
1. Juni 1944: Der britische Sender BBC sendet Verse aus Paul Verlaines Gedicht «Herbstlied»:
«Les sanglots longs // Des violons // De l'automne ...»
Die Frauen und Männer der Résistance wussten nun: Die Befreier würden bald kommen und sie von den deutschen Besetzern befreien.
5. Juni 1944: Die BBC funkt die restlichen Zeilen der ersten Strophe des Herbstliedes.
«... Blessent mon coeur // D'une langueur // Monotone.»
Es war so weit. Der 6. Juni würde als sogenannter D-Day in die Geschichte eingehen. Das Ende des Krieges schien nah. Doch erst am 8. Mai 1945, vor genau 75 Jahren, war dieser mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen offiziell zu Ende.
Mein Grossvater erinnert sich noch genau an den Tag: «Als ich im Radio vom Waffenstillstand gehört habe, bin ich vor Freude auf den Marktplatz gerannt und habe mir eine Banane gekauft», sagt er. Diese habe damals einen Franken gekostet – ein halbes Vermögen.
«Die Glocken der Kirche läuteten unaufhörlich, und die Menschen waren in einer Aufbruchsstimmung.» Von der Kapitulation hätten die Leute in St. Gallen an diesem Tag noch nicht gewusst. «Das hat man erst später in der Zeitung gelesen und im Radio gehört.»
Das Kriegsende habe den Alltag nicht schlagartig verändert, sagt mein Grossvater. Erst nach und nach seien die Rationierungen aufgelöst worden, es gab neue Produkte zu kaufen.
Mein Grossvater erinnert sich an den Tag, als amerikanische Soldaten in St. Gallen ankamen und ein neues Produkt in die Stadt brachten: Kaugummis. «Wir kannten diese bis dahin nicht. Die Kinder waren begeistert, und die Amerikaner freuten sich, uns diese zu schenken.»
An diesem Tag hatte Frank noch keine Ahnung über das Ausmass des Krieges, die schätzungsweise 65 Millionen Toten, den Holocaust. Das alles wurde Frank erst später bewusst. «Wir wussten beispielsweise schon, dass es Konzentrationslager gab, aber wir haben zu Kriegszeiten keine Informationen darüber erhalten, was dort tatsächlich geschieht.»
Auch in der Schule sei es im Geschichtsunterricht kein Thema gewesen – vielmehr wurde über Griechen, Römer und das Mittelalter gelehrt. «Erst mit dem Zugang zu offiziellen Dokumenten und ihrer Aufarbeitung wurde die ganze Dimension des Zweiten Weltkriegs der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und damit auch uns Zeitzeugen», sagt mein Grossvater.
Dieser Tage erinnert sich Frank besonders an die Kriegszeit. Ihm schiessen wieder vermehrt Bilder in den Sinn. Der Grund: Parallelen zwischen der Kriegszeit und der Corona-Krise.
«Während des Zweiten Weltkrieges herrschte Angst, ständig und überall. Wir wussten ja nicht, ob und wann die Schweiz in den Krieg hineingezogen wird», sagt Frank. Besonders Angst habe man vor einer Invasion durch Hitler-Deutschland gehabt.
«Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, nehmen wir beim Rückzug ein», lautete ein Spruch während des Krieges, erzählt mein Grossvater.
Und nun? Nun sei die ständige Präsenz des Todes und das omnipräsente Gefühl von Angst während der Corona-Pandemie wieder zurückgekehrt.
Auch die Bilder vom Zaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen veranlassen Frank dazu, abermals verstärkt über den Krieg nachzudenken. «Weil ich sehe, dass Familien und Freunde getrennt werden.»
Auf die Frage, was er als Erstes machen werde, wenn die Pandemie vorbei sei, und ob er sich dann vielleicht wieder eine Banane kaufen werde, antwortet mein Grossvater: «Banane esse ich mittlerweile häufig. Ich freue mich einfach, wenn ich wieder reisen und zusammen mit meiner Frau in einem Restaurant etwas Leckeres essen darf.»