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Baumeister mit Vorarlberger Wurzeln
Herkunft
Die Rüscher oder Rischer sind ein weitverbreitetes Geschlecht mit der Herkunft aus Au im Bregenzerwald. Viele Rüscher sind Mitglieder der berühmten Auer Zunft. Johann Jakob ist aber nicht als Zunftmitglied eingetragen. Sein Eltern sind nicht bekannt.[1] Als Geburtsjahr wird 1662 angenommen. Über das genaue Geburtsdatum und über den Geburtsort sind unterschiedliche Versionen im Umlauf. Auch über seine Lehre und Gesellenjahre kann nur spekuliert werden.[2]
Gengenbach und Baden
Kurz nach den ersten Verwüstungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg durch die Franzosen ist Rischer, wie er hier genannt wird, im Badischen fassbar. Die 1689 niedergebrannte Benediktinerabtei Gengenbach beginnt schon vor Friedensschluss mit dem Wiederaufbau der Stiftskirche. Vermutlich leitet diese Arbeit der Vorarlberger Baumeister Franz Beer I,[3] der 1693–1699 auch die Konventflügel neu baut. Im Trupp von Beer ist Johann Jakob Rischer als Palier anzutreffen. Er macht sich um diese Zeit selbständig und arbeitet 1698–1701 für den Markgrafen von Baden-Baden, vor allem am Wiederaufbau des 1689 ebenfalls niedergebrannten Jesuitenkollegs in Baden, aber auch für Bauten in Rastatt.[4] Mit dem Hofbaumeister Domenico Egidio Rossi versteht er sich nicht. 1701 gerät er in eine handgreifliche Auseinandersetzung mit dem zwar genialen, aber auch cholerischen Hofbaumeister, der ihn einsperren und des Landes verweisen lässt. Aus der Klageschrift Rischers an den Markgrafen ist ersichtlich, dass Rischer nicht nur als Baumeister, sondern auch im Holzhandel tätig ist. Ob diese Auseinandersetzung tatsächlich das Motiv ist, Arbeiten in Speyer und in Heidelberg anzunehmen, um sich dann in kurpfälzische Dienste zu begeben, ist wieder Spekulation. Schon vorher ist er erneut für Franz Beer I tätig. Ab 1696 baut er für ihn den ersten Teil des Konventneubaus in Frauenalb und ist 1702 für Beer wieder in Gengenbach tätig. Mit der Abtei und dem Ort bleibt er weiter verbunden. 1714–1716 baut er hier den Glockenturm der Abteikirche. Riedl und Gubler vermuten, dass auch der 1726 erstellte Glockenturm von Offenburg ein Werk Rischers ist.[5]
In Gengenbach lernt er auch seine Ehefrau Anna Maria Siebert kennen.[6] Zwei Söhne der Familie sind bekannt. Es sind der 1706 geborene spätere Gengenbacher Reichsabt Benedikt und der 1710 geborene Johann Adam Simon, der später in Mannheim in die Fusstapfen seines Vaters tritt.[7]
Heidelberg
Noch während Rischer in Frauenalb und Gengenbach als Baumeister tätig ist, wird er 1701 erstmals auch in Heidelberg im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der hölzernen Neckarbrücke erwähnt.[8] Kurz darauf ist er auch an der Planung des «Domus Wilhelmiana», des neuen Universitätsgebäudes, beteiligt. Gleichzeitig ist er auch in Speyer tätig. Hier wird er 1701 und 1702 als Domstifts-Zimmermeister aufgeführt. In Speyer werden ihm die 1702–1703 gebaute Einhorn-Apotheke und der 1708–1709 erstellte Wittelsbacher Hof zugeschrieben.[9] 1705 wird Rischer in Heidelberg zum Werkmeister der paritätischen «Geistlichen Administration» und der Stadt gewählt. Er ist damit dem schon 1698 gewählten Johann Anton Breunig gleichgestellt, nicht aber wie dieser ein Mitglied des Bauamtes.[10] Sein Haupttätigkeitsfeld ist jetzt die Kurpfalz.
|Schon 1706 ist er auch in Mannheim tätig. Ein Projekt für die Sebastianskirche am südlichen Marktplatzabschluss von Mannheim ist erhalten. Die Gestaltung der Kirchenfassade als rechter Flügel der symmetrischen Dreiergruppe von Rathaus, Turm und Kirche ist schon 1700 festgelegt. Das Vorbild der 1689 zerstörten Nationalkirche ist unverkennbar.[1]

|Rischer reicht Entwürfe zweier quadratischen Emporenhallen ein, die er jeweils mit einer zentralen Tambourkuppel überhöhen will. In einer dieser Varianten hätte die Kuppel die Höhe des zentralen Rathausturms erreicht. Zudem schlägt er eine Änderung des geplanten holländischen Zeltdaches zu einem Kuppeldach vor. Sein Grundriss könnte Ausgangspunkt für die 1707–1709 durch den Baumeister Haggenmiller geplante und gebaute Emporenhalle sein. Die Tambourkuppel und das Kuppeldach werden glücklicherweise nicht verwirklicht, sie hätten nicht nur die Symmetrie der Dreiergruppe, sondern auch diejenige des Marktplatzes zerstört.

|Die Emporenhalle der Sebastianskirche mit grosser Mittelkuppel, ein Entwurf Rischers von 1706. Bildquelle: Negativ Nr. LDA Karlsruhe 13262.|
|1710–1716 baut er für den kurpfälzischen Vize-Hofkanzler Graf von Wiser

das Schloss in Leutershausen an der Bergstrasse.[12] 1711–1713 errichtet er sein Wohnhaus in Heidelberg. Das dreigeschossige Gebäude wird wegen seiner Grösse von drei auf neun Achsen «Palais Rischer» genannt.[13] Es belegt, dass Rischer als Unternehmer inzwischen zu grossem Wohlstand gekommen ist. Er wohnt hier bis 1720.
|Das «Palais Rischer» in Heidelberg. Foto: Helmut Dörflinger Heidelberg|
Die ihm zugeschriebenen Bauten dieser Zeit basieren vielfach auf Stilvergleichen. Die wenigsten sind quellenmässig belegt. Sie könnten auch Planungen von den damaligen Mitarbeitern des Bauamtes Heinrich Charrasky (bis 1710) und Johann Adam Breunig sein.[14] Plausibel zugeschrieben sind ihm in Heidelberg nicht nur das Wohnhaus, sondern auch das St. Anna-Hospital.[15] Mit der ungewöhnlichen Betonung des Mittelportals und der Ecken durch jonische Kolossalpilaster, deren ausladendes Gebälk mitten in der Fassade liegt, wendet er die Säulenordnung recht eigenwillig und wenig sinnvoll an.
Mannheim
Schon vor 1718 wird Rischer als Baumeister in Mannheim erwähnt. In diesem Jahr ist das Palais Oppenheimer am Marktplatz fertig, das als sein Werk gilt. Es wird damals als das prächtigste Gebäude Mannheims bezeichnet. Das Palais wird 1720 vom Kurfürsten, der in diesem Jahr den Regierungssitz nach Mannheim verlegt, als vorläufige Residenz benutzt.[16] Die Entscheidung bedeutet, dass auch alle für den Hof arbeitenden Personen in Mannheim Wohnsitz nehmen müssen. Dies ist der Grund, warum nicht nur Rischer, sondern auch Breunig jetzt in Mannheim Wohnsitz nehmen.
|Rischer baut sich ein neues Wohnhaus südöstlich des Paradeplatzes, dessen Architektur zwar weniger diszipliniert als diejenige des Oppenheimer-Palais wirkt, aber trotzdem hervorragend ist. 1722 nimmt er auch eine Kautionshypothek auf sein Haus in Heidelberg für einen grösseren Akkordauftrag an der Mannheimer Stadtbefestigung auf.[17]

|Bild: Wohnhaus Johann Jakob Rischer in Mannheim. Rekonstruktion von W. W. Hoffmann Architekt BDA, Mannheim. Veröffentlichung vor 1920 in Nachrichten für die Geschichte der Stadt Heidelberg und der Kurpfalz.

Repro Landesdenkmalamt Karlsruhe.
Noch in den 1740er und 1750er Jahre werden viele Bauwerke Johann Jakob Rischer zugesprochen. Er ist inzwischen weit über 70 Jahre alt. Weil nun sein Sohn Johann Adam mitarbeitet, muss jetzt von der Bauunternehmung Rischer gesprochen werden. Der grösste Auftrag dieser Zeit ist der Südostblock des neuen kurfürstlichen Schlosses mit der Bibliothek unter der Leitung von Oberbaudirektor Nicolas de Pigage. Mehrforderungen der Unternehmer Rischer führen hier zu gerichtlichen Auseinandersetzungen.[18]
|1754 bewerben sie sich für die Stiftskirche St. Gallen mit einem Projekt, das mit «Baumeister Rischer, Mannheim und Heydelberg» unterschrieben ist. Der Entwurf, in Konkurrenz zu bedeutenden Baumeistern wie Johann Caspar Bagnato und Peter Thumb eingereicht, dürfte «nur noch durch seine Skurrilität Interesse beansprucht haben».[19]|
|Der Längsschnitt des 1754 eingereichten Projektes für St. Gallen. Bildquelle: Stiftsbibliothek St. Gallen.|
Johann Jakob Rischer stirbt 1755 hochbetagt in Mannheim, wo er am 29. August 1755 begraben wird.[20]
Der Baumeister Johann Jakob Rischer und die Architektur
Ein Baumeister, lat. architecti, ist im deutschsprachigen barocken Raum Planer eines Gebäudes, der dieses auch nach den Regeln der Baukunst ausführen kann. Dieser Handwerker-Architekt weicht im 18. Jahrhundert zunehmend dem Künstler-Architekten, der nur plant und dann die Ausführung überwacht. Das letztere trifft für alle französischen Hofarchitekten zu, die im 18. Jahrhundert von deutschen Fürsten an ihre Höfe gerufen werden.[21]
Johann Jakob Rischer ist Handwerker-Architekt, in erster Linie aber Bauunternehmer. Schon früh ist er rein ausführender Unternehmer, zuerst für Franz Beer, dann für die französischen Architekten Villiancourt, Froimont, d'Hauberat, de la Fosse und de Pigage.[22] Dies unterscheidet ihn von den bekannten Vorarlberger Baumeistern, die kaum je nach fremden Plänen bauen. Als interessante architektonische Leistungen Rischers sind die Kirchturmbauten von Gengenbach, Heidelberg und wahrscheinlich auch Offenburg zu werten. Auch seine beiden leider verschwundenen Profanbauten in Mannheim sind von hoher architektonischer Qualität. Rückständig und fast verstörend wirken hingegen die erhaltenen Planungen für Sakralbauten in Mannheim (1706) und St. Gallen (1754). Den heutigen Bekanntheitsgrad in Heidelberg und Mannheim verdankt Rischer seiner Leistung als Bauunternehmer. Die kaum überblickbaren Menge an Bauausführungen, die ihm zugeschrieben werden, ist wirklich beeindruckend, auch wenn er für viele nicht als Architekt bezeichnet werden darf.
Pius Bieri 2021
|Literatur:

Lohmeyer, Karl: Beiträge zur Baugeschichte des Rastatter Schlosses, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Neue Folge, Band XXVII. Heidelberg 1912.
|Riedl, Peter Anselm: Die Heidelberger Jesuitenkirche. Heidelberg 1956.|
|Lieb, Norbert und Dieth, Franz: Die Vorarlberger Barockbaumeister. München und Zürich 1967.|
|Gubler, Hans Martin: Der Vorarlberger Baumeister Peter Thumb. Sigmaringen 1972.|
|Flum, Thomas und Carmen: Der Wiederaufbau Heidelbergs nach der Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg, in: Heidelberg im Barock. Katalog zur Ausstellung, Seite 84-163. Heidelberg 2009.|
Anmerkungen:
[1] 1659–1677 ist ist in der Auer Zunft ein 1632 geborener Rüscher Jakob als Zimmermeister eingetragen, dessen Spur sich nach 1677 verliert. Er könnte der Vater von Johann Jakob Rischer sein.
[2] Das Geburtsdatum wird von Franz Dieth gemäss Karl Lohmeyer mit 17. November 1662, in anderen Quellen mit 11. Juli 1662 vermerkt; das Geburtsort Schwarzenberg (Lohmeyer) wird von Franz Dieth ausgeschlossen, im Wikipedia-Beitrag ist er (ohne Quellenangabe) in Feldkirch geboren. Allerdings zweifelt bisher kein Historiker am Geburtsjahr 1662. Seine Lehre vermutet Lohmeyer in Innsbruck (Zunfteintrag als Zimmermann), als Geselle soll er im Südtirol und sogar in Italien gearbeitet haben. Die Zimmermannslehre ist durch den Eintrag als Domstifts-Zimmermeister (1701–1702) in Speyer und durch den Beizug des «Baw- und Zimmermeister Rischer von Heydelberg» für eine Begutachtung 1709 in Rastatt gesichert, kollidiert allerdings mit seiner späteren (hobbymässigen?) Tätigkeit als Steinmetz in Heidelberg. Als Vorarlberger Baumeister wird er nicht nur wegen seines Namens, sondern auch wegen der frühen Nennung in einem Vorarlberger Bautrupp bezeichnet.
[3] Zu Franz Beer I aus Au im Bregenzerwald siehe die Biografie in dieser Webseite. Noch heute wird er mit seinem berühmteren Namensvetter Franz Beer II (von Blaichten) verwechselt. Zu den barocken Bauten der Abtei Gengenbach siehe die Dokumentation in dieser Webseite.
[4] In Rastatt wird er von Rossi für die Residenzplanung ausgeschlossen, der auch einen bereits von Rischer begonnenen Privatbau nach den Fundationsarbeiten einstellen lässt. Trotzdem dürfte Rischer von Rossi viel gelernt und auch in der Formensprache übernommen haben.
|[5] Die Literaturangaben zum Turmbau in Offenburg, der 1726 fertiggestellt ist, sind widersprüchlich. Die Stadtkirche wird 1700–1702 durch Franz Beer (I) und Leonhard Albrecht erstellt. Beer ist zur Zeit des Offenburger Turmneubaus verstorben, Albrecht im Bodenseegebiet tätig. Als Kirchturmbauer im Oberrheingebiet sind damals Peter Thumb (Frauenalb 1726, Ebersmünster 1708, Ettenheimmünster 1719, 1722 Schuttern) und Rischer (Gengenbach 1715) tätig. Der Thumb-Biograph Hans Martin Gubler weist, wie auch Peter Anselm Riedl, den Offenburger Turm dem Baumeister Rischer zu. Allerdings ist in Gengenbach 1723 eine Verehrung der Stadt an den Vorarlberger Baumeister Johann Elmenreich (1695–1757) für einen (nicht genannten) Turm aktenkundig. Elmenreich ist seit 1720 Gengenbacher Bürger. Auch wenn seine Nennung für den Turm in Ettenheimmünster in Lieb/Dieth (1960) falsch ist, könnte die Zuschreibung an Elmenreich richtig sein.|
|Foto: S. Finner in Wikipedia|
[6] Von Anna Maria Siebert, der Tochter des «Oberen Wirts», sind keine Lebensdaten bekannt. Auch Ort und Jahr der Eheschliessung sind nicht erforscht.
[7] Zum 1746–1763 regierenden Reichsabt Benedikt Rischer von Gengenbach siehe die Biografie in dieser Webseite. Der meistgenannte Geburtsort Mannheim ist nicht belegt und wahrscheinlich falsch. Er dürfte 1706 in Heidelberg geboren sein (Wohnsitz in Mannheim nimmt Rischer erst 1720). Johann Adam Simon Rischer ist 1710 in Heidelberg geboren. Taufpate ist Johann Adam Breunig (siehe unten). Von Johann Adam Rischer sind keine weiteren Lebensdaten bekannt, er ist lediglich als Hauptmann und «Unter-, Land- und Marschkommissär» am Hof in Mannheim vermerkt, wo er für den Hofbaumeister Nicolas de Pigage tätig ist. Einige der späteren Bauten und Planungen, die unter dem Namen Rischer laufen, müssen von ihm stammen.
[8] Es kann sich um Planungen oder Beratungen handeln. Die Leitung des Wiederaufbaus der gedeckten Holzbrücke über fünf Sprengwerkjoche hat ein Obristlieutenant Mayer. Die Brücke wird erst 1706–1708 gebaut. Die Namensnennung Rischers wird von Heidelberger Historikern mit der Wohnsitznahme gleichgesetzt.

[9] Einhorn-Apotheke, Maximilianstrasse 23 («dreigeschossiges spätbarockes Patrizierhaus, bez. 1703; tonnengewölbte Keller vor 1689») / Wittelsbacher Hof, Ludwigstrasse 2 («spätbarocker dreiflügeliger Walmdachbau, 1708/09, «wohl» Johann Jakob Rischer; Keller vor 1689; klassizistischer Trakt mit Remisen und Saal, 1830»).
[10] Johann Adam Breunig (um 1660–1727) aus Mainz. Seit 1699 städtischer Werkmeister in Heidelberg. 1708 städtischer Baumeister. 1710–1713 erweitert Breunig das Schloss Schwetzingen um die Ehrenhofanlage. Er baut 1712–1717 die Jesuitenkirche und 1715 das Jesuitengymnasium. 1712 baut er auch das «Domus Wilhelmiana». 1720 übersiedelt er mit Rischer nach Mannheim.
|[11] Als Planer der 1700 begonnen Dreiergruppe wird heute ein Johann Georg Haggenmiller, früher ausschliesslich ein Georg Weger benannt. Von beiden ist nichts weiteres bekannt. Die Dreiergruppe der Nationalkirche von Baumeister Johann Peter Wachter, die 1685 eingeweiht und 1689 zerstört wird, ist offensichtliches Vorbild, nur dass jetzt der linke Pavillon das Rathaus beherbergt und, noch bei Baubeginn, im rechten Pavillon anstelle der ab 1707 gebauten katholischen Kirche ein städtischer «Waagbau» geplant ist. Cornelius Gurlitt, der 1889 erstmals auf die Baugruppe aufmerksam macht, beschreibt sie im Kapitel «Der Hugenottenstil» und sieht in ihrer Erscheinung den Einfluss des holländisch-französischen Architekturtheoretikers Daniel Marot (1661–1752).|
|Die Nationalkirche von Johann Peter Wachter wird 1685 eingeweiht und 1689 zerstört. Sie ist das Vorbild für den Wiederaufbau, auch für die Sebastianskirche.|
[12] Neubau für Graf Ferdinand Andreas von Wiser. 1801 wird der Kuppelbau (viertes Geschoss im Mittelrisalit) abgetragen und damit der Ausdruck der Fassade stark verändert.
[13] Palais Rischer, Ecke Untere Strasse / Bussemergasse.
[14] Die Zuschreibungen erfolgen durch Karl Lohmeyer (1878–1957) in mehreren Publikationen zwischen 1920 bis 1931. Sie werden durch Franz Dieth: «Vorarlberger Barockbaumeister» (1960) übernommen und sind manchmal nicht nachvollziehbar, wie z. B. 1707 Salem. Weil Stilvergleiche im Zeitalter des barocken Normalfalls von «Copy & Paste» vielfach in die Irre führen, werden die Zuschreibungen in der nachfolgenden Werkliste nur teilweise übernommen.
[15] St. Anna-Hospital, Plöck 4–6. Neubau 1714–1716. Die anschliessende Kirchenfassade wird erst 1749 vor die Fassade Rischers gelegt und ist vermutlich ein Werk von Franz Wilhelm Rabaliatti.
|[16] Palais Oppenheimer am Markplatz, Ecke R 1,1. Das Palais des kaiserlichen Hoffaktors und Juden Oppenheimer wird dem Kurfürsten vermietet und 1731, nach Bezug der Schlossresidenz, an den Reichsgrafen Hillesheim verkauft. Die Fassaden des Eckhauses mit je neun Achsen, rustiziertem Sockelgeschoss, einer Beletage und einem Mezzanin-Geschoss sind mit einer Pilasterordnung versehen.|
|Eine Lithographie von 1840 (W. Würmell) zeigt den ursprünglichen Zustand des 1951 nach Bombenschäden abgebrochenen Palais. Die wienerisch-böhmisch geprägte Architektur erstaunt. Hat der Bauherr, ein in Wien lebender jüdischer Finanzier, vielleicht sogar einen Entwurf mitgebracht? Andererseits zeigt die Architektur seines neuen Wohnhauses in Mannheim ähnliche Qualitäten, wenn auch mit vermehrt plastischer Gestaltung der Gewände.|
[17] 1722 wird das Heidelberger Tor, 1725 das Neckartor und 1728 das Rheintor gebaut. Planer Froimont oder Fremelle? Baumeister Rischer?
[18] Die Unternehmung Rischer übernimmt den Bau für 341 000 Gulden, fordert aber nach Fertigstellung 1756 nochmals 95 775 Gulden. Die Forderung ist offensichtlich berechtigt, denn der im Bauwesen noch unerfahrene Pigage ändert während der Bauphase die Pläne. Zudem basieren die Verträge auf Ausmass und sind nicht als Pauschale zu verstehen. Johann Adam Rischer, der das Bauunternehmen jetzt führt, wird in den Akten als Hauptmann Johann Adam Simon Rischard bezeichent.
[19] Hans Martin Gubler in: Vorarlberger Barockbaumeister, Einsiedeln 1973.
[20] Andere, auch neuere Quellen melden als Sterbeort Heidelberg.
[22] Erstaunlich ist die ausbleibende Forschung zu diesen französischen Architekten. Nur von Nicolas de Pigage (1723–1796) ist Herkunft und Ausbildung geklärt. Siehe zu Piagage auch die Biografie in dieser Webseite. Von Louis Remy de la Fosse (1659–1726) sind lediglich die Stationen in Deutschland erforscht. Von Jean Clément Froimont oder Froimon (1689–1741) ist nicht mehr bekannt, als dass er der eigentliche Planer des Mannheimer Schlosses ist. Auch die Herkunft von Guillaume d'Hauberat (1680–1749) ist ungeklärt. Von Villiancourt ist nicht einmal der Vorname bekannt.
|Spalte Jahr: Die Jahreszahlen entsprechen, falls die Rohbaudaten nicht nachgewiesen sind, der überlieferten Bauzeit. Überschneidungen wegen der kürzeren Rohbauzeit sind daher die Regel.|
|Spalte Ort, Bauwerk: Eingesetzt sind die heutigen Orts- Strassen- und Landesbezeichnungen (BW: Baden-Württemberg; BY: Bayern; HE: Hessen; RP: Rheinland-Pfalz).|
|Erhaltungszustand heute:

Ø: Nicht erhalten (abgebrochen); T: Teilweise, stark umgebaut oder rekonstruiert erhalten;
E: Vollständig erhalten
|Spalte Beschrieb; Tätigkeit:

A: Rischer ist ausführender Unternehmer; P+A: Rischer auch Planer des Gebäudes

Jahr

Ort, Bauwerk

Beschrieb; Tätigkeit

Bauherr
|1692–

1699
|Gengenbach BW. Benediktiner-Reichsstift. Neubau Konventgebäude. T||Rischer arbeitet als Palier im Trupp von Franz Beer I. 1702 ist Rischer in Gengenbach nochmals tätig. A||Reichsäbte OSB

Placidus Thalmann und Augustin Müller
|1696–

1704
|Frauenalb bei Marxzell BW. Benediktinerinnen-Kloster. Neubau Süd- und Ostflügel. Ø||Rischer führt die Neubauten für Franz Beer I aus (Planung Beer).

Abriss nach 1811. A
|Äbtissin OSB M. Salome von Breitenlandenberg|
|1698

1701
|Baden-Baden BW. Wiederaufbau des Jesuitenkollegs. T||Ausführung unter der Oberleitung von Domenico Egidio Rossi. A||Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden|
|1702–

1703
|Speyer RP. Neubau

Einhorn-Apotheke.
Maximilianstrasse 23. E
|Ausführung gleichzeitig mit der Nennung als «Domstift-Zimmermann» (1701-1702). P+A||Johann Conrad Schwanckhardt|
|1708–

1709
|Speyer RP. Neubau Wittelsbacher Hof, Ludwigstrasse 2. T||Neubau des 1689 zerstörten Eusserthaler-Hofes. P+A||Keine Angabe (kurpfälzische Katholische Geistliche Verwaltung?)|
|1709–

1730
|Frankenthal (bei Mannheim) RP. Katholische Dreifaltigkeitskirche. Neubau. T||Die Kirche ist eine Planung des kurpfälzischen Capitain-Ingenieurs Villiancourt (Lebensdaten unbekannt). Ausführung Rischer. Nach 1945 rekonstruiert. A||Keine Angabe (kurpfälzische Katholische Geistliche Verwaltung?)|
|1710–

1716
|Hirschberg an der Bergstrasse. Leutershausen BW. Schloss Wiser.

Schlossneubau. T
|Der dreigeschossige Walmdachbau wird 1801vereinfacht (Abbruch des Mittelrisalit-Kuppelgeschosses). P+A||Graf Ferdinand Andres von Wiser|
|1711–

1713
|Heidelberg BW,

Neubau Wohnhaus Rischer
Untere Strasse/ Bussemergasse. T
|Das «Palais» ist heute, durch Ladeneinbauten im Erdgeschoss aussen verändert, erhalten. P+A||Johann Jakob Rischer|
|1712–

1720
|Bödigheim (Stadt Buchen) BW.

Neues Schloss der Rüdt von Collenberg. E
|Zweigeschossiger Neubau mit dreigeschossigen Eckrisaliten. P+A||Freiherr Wolf Ernst Rüdt von Collenberg|
|1714||Heidelberg BW. Mitteltor-Turm.

Oktogon-Zeitturm-Aufsatz. Ø
|Der Turm wird 1827 abgebrochen.

P+A
|Rat der Stadt Heidelberg.|
|1714||Heidelberg BW. Haus der Grafen von Wiser. Märzgasse 18. T||Das Stadtpalais Wiser ist stark verändert erhalten. Zuschreibung an Rischer wegen dem Auftrag in Leutershausen 1710. P+A||Graf Franz Joseph von Wiser|
|1715–

1716
|Gengenbach BW. Benediktiner-Reichsstift. Glockenturm. V||Die Ausführung für Rischer ist gesichert. Vermutlich ist auch der Entwurf von Rischer. Siehe auch Offenburg (1726) P? A||Reichsabt OSB

Augustin Müller
|1718

(vor)
|Mannheim BW. Palais Oppenheimer, später Hillesheim am Marktplatz. Ø||Neubau. 1720 zieht hier der Kurfürst ein. Fassade bis nach 1945 noch erhalten, heute zerstört. P? A||Kaiserlicher Hof- und Obermilizfaktor Emanuel Oppenheimer (1657-1721)|
|1720

(nach)
|Mannheim BW, Neubau Wohnhaus Rischer im Quadrat O4, 7. Ø||Das «Palais» südöstlich des Paradeplatzes wird 1905 (Dach und EG schon stark verändert) abgebrochen. Die Barockgewände werden zum Bau der neuen Lesehalle verwendet, die kriegszerstört 1960 abgebrochen wird. P+A||Johann Jakob Rischer|
|1722-

1726
|Mannheim BW. Kurfürstliches Schloss. Neubau. T||Zusammen mit J. A. Breunig Berechnungen und Planungen, vielleicht auch Baumeister-Leistungen, für den Neubau von Jean Clement Froimont (um 1689–1741), der in Mannheim 1720 bis 1726 tätig ist. A||Kurfürst Carl Philipp von der Pfalz|
|1726||Offenburg BW. Stadtpfarrkirche Heilig Kreuz. Glockenturm. E||Die Zuschreibung an Rischer ist fraglich (siehe Anmerkung 5). P+A (?)||Pfarr-Rektorat und Stadt Offenburg|
|1726–

1732
|Kleinheubach (Miltenberg BY), Schloss Löwenstein, Neubau seit 1723. E||Planung Louis Remy de la Fosse mit Johann Dientzenhofer. Nach dem Tod Dientzenhofers übernimmt Rischer die Fertigstellung. A||Fürst Dominik Marquard zu Löwenstein-Wertheim-Rochefort|
|1731–

1736
|Bürstadt (Bergstrasse) HE, Katholische Pfarrkirche St. Michael, Neubau. T||Ausführung nach Planung und Oberleitung des Mainzer Stadtbaumeisters Johannes Weydt. Kirche heute umgebaut. A||? (Patronatsherr ist Kurmainz).|
|1722–

1740
|Mannheim BW, Stadtbefestigung Ø||Unbekannte und sich wiederholende Arbeiten an der Stadtbefestigung (Tore, Ravelins und Kurtinen). 1722 belastet er sein Haus in Heidelberg mit einer Kautionshypothek für einen grösseren Auftrag. A||Kurfürst Carl Philipp von der Pfalz.

Leitung Festungsbaumeister Fremelle.
|1738||Heidelberg BW.

Ev. Providenzkirche. Frontturm.
E
|Planer der Kirche ist der Steinmetz Theodor Reber. Der Turm wird 1717 begonnen, das Rischer zugeschriebene Obergeschoss aber erst 1738. P+A (?)||Ev. Lutherische Kirchgemeinde mit Pfarrer Johann Philipp Schlosser|
|Nach 1740 ist Johann Jakob Rischer, selbst wenn das Geburtsdatum 1662 um einige Jahre falsch ist, sicher über 70 Jahre alt. Bei Planungen und vor allem bei Ausführungen sollte deshalb nur noch von Rischer und Sohn gesprochen werden.|
|1742–

1743
|Binau (Mosbach) BW. Schloss-Neubau. (1717?) T||Schlossbau, heute stark verändert. Bauzeit gemäss Dehio. 1717 in Dieth/Lohmeyer. P+A||Friedrich Leopold von und zu Adelsheim|
|1744–

1746
|Wieblingen bei Heidelberg BW. Katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus. T||Ausführung nach Plänen von Kaspar Valerius durch die Bauunternehmer Rischer. Die Kirche ist umgebaut und verkürzt erhalten. A||Geistliche Administration Heidelberg|
|1749–

1752
|Simmern (Hunsrück) RP, Katholische Pfarrkirche St. Joseph. E||Saalkirche «nach Plänen» und «von J. J. Rischer» gebaut.

P+A (?)
|Kurpfälzische Administration|
|1751–

1756
|Mannheim BW, Kurfürstliches Schloss, Marstallflügel und Bibliothek (Südost-Block).

Zerstörung 1943. Teilrekonstruktion für Universitäts-Nutzung. Ø
|Ausführung durch die Bauunternehmer Rischer zum Akkord von 341 000 Gulden, mit Nachforderungen von 95 775 Gulden und anschliessendem Prozess.

A
|Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz

Oberbaudirektor Nicolas de Pigage (seit 1752)
|1752||Oggersheim RP, Kurfürstliches Lustschloss. Ø||Oberbaudirektor Nicolas de Pigage vergrössert den Sommersitz. Ausführung durch die Baufirma Rischer. Johann Adam? A||Pfalzgraf Friedrich Michael|
|1706||Mannheim BW. Sebastianskirche am Marktplatz. Kirchenneubau von Johann Georg Haggenmiller.
||Rischer reicht 1706 Entwürfe für überkuppelte Zentralbauten ein, die aber für die 1707–1709 gebaute Kirche nur im Grundriss berücksichtigt werden.||Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz|

1754
|St. Gallen. Stiftskirche.

Neubau 1755–1786 durch Peter Thumb und ab 1761 durch Johann Michael Beer von Bildstein.
|Rischer (wahrscheinlich Johann Adam) reicht Entwürfe ein, die aber nicht berücksichtigt werden. Unterschrift: «ChurPfaltz Fürstlicher Administration baumeister Rischer, Mannheim und Heydelberg 1754».||Fürstabt Coelestin Gugger von Staudach|
|Geburtsdatum||Geburtsort|
|1662 (?)||Au im Bregenzerwald (?)|
|Land 18. Jahrhundert|
|Vorderösterreich OA Bregenz (?)|
|Sterbedatum||Sterbeort|
|(um 27. August 1755||Mannheim|
|Land 18. Jahrhundert|
|Kurfürstentum Pfalz|
|Land (heute)|
|Vorarlberg (?)|
|Bistum 18. Jahrhundert|
|Konstanz|
|Land (heute)|
|Baden-Württemberg D|
|Bistum 18. Jahrhundert|
|Worms|
Exkurs
Baumeister oder Architekt?
«Architectus ist ein Baumeister»
Dies schreibt noch 1788 Johann Ferdinand Roth in seinem Lexikon. Die Bezeichnung Architekt für den Planer und Leiter eines Bauwerks setzt sich im deutschen Sprachraum erst im späten 18. Jahrhundert durch. Der Baumeister, lateinisch architectus, ist im Barock für die von ihm geplanten Bauwerke technisch und kostenmässig verantwortlich, selbst bei Gebäudeentwürfen von Künstlern oder Bauherren. Im architektonischen Standardwerk «De architectura libri decem» verurteilt sein Verfasser Vitruv eine Trennung zwischen dem planenden und ausführenden Baumeister.[1] Sie ist allerdings über Jahrhunderte selbst im deutschsprachigen Gebiet für Künstler-, Kavaliers-, Hof- und Ordensbaumeistern üblich. Künstler- und Liebhaberarchitekten als Baumeister im Sinne Vitruvs zu bezeichnen, ist allerdings sogar den barocken Zeitgenossen suspekt. In den lateinischen barocken Klosterchroniken wird zudem jeder entwerfende Baumeister als «architectus» bezeichnet.
Wege zum Baumeister
Die grossen römischen Baumeister Carlo Maderno, Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini stammen aus dem Bildhauerhandwerk. Pietro da Cortona ist Maler, prägt aber die römische Barockarchitektur entscheidend. Auch Johann Bernhard Fischer von Erlach findet als Bildhauer in Rom den Zugang zu Bernini. Alle diese grossen Baumeister kommen aus dem Handwerk.[2] Sie verstehen die Architektur im Sinne von Vitruv als eigenständige Gattung und nicht als arbeitsteilige Aufgabe zwischen verschiedenen Berufsgattungen. Für sie gilt der Leitsatz von Vitruv, dass bei einem Bauwerk der Dauerhaftigkeit, der Zweckmässigkeit und der Schönheit Rechnung getragen müsse. Ohne dass Vitruv davon spricht, kommt für den barocken, Baumeister zu diesen drei vitruvianischen Säulen «firmitas, utilitas, venustas» noch eine vierte dazu, die der Verantwortung für die Baukosten.
Vor 1700 sind ein Viertel der entwerfenden Baumeister, die nördlich der Alpen im deutschsprachigen Raum tätig sind, «Welsche». Sie stammen meist aus dem Gebiet der oberitalienischen Seen und aus Südbünden. Aus Frankreich stammt keiner. Diese welschen, fast immer saisonal tätigen Baumeister erstellen im 17. Jahrhundert die meisten der wichtigen Barockbauten im Süden des Alten Reichs. Sie liefern den Entwurf mit Kostenvoranschlag und führen den Bau mit Kostengarantie durch. Im heutigen Verständnis wären sie Totalunternehmer. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Vorarlberger Baumeister für diese Art der Baudurchführung bekannt. Als entwerfende Baumeister sind im 18. Jahrhundert auch die Wessobrunner Dominikus Zimmermann oder Johann und Joseph Schmuzer tätig.[3] Sie stammen aus dem Stuckateurhandwerk. Der «Handwerker-Architekt» vulgo Baumeister ist im Barock die Regel. Dazu zählen selbst die Hofbaumeister.
Enrico Zuccalli bewirbt sich 1672 in München als Hofbaumeister mit den Worten, dass er keinem unterstehen wolle, der weniger als er von Baukunst verstehe. Damit zielt er zwar auf die damals weniger erfahrenen einheimischen Kräfte ab, benennt aber ungewollt die hierarchische Situation der Bauorganisation an deutschen Fürstenhöfen zur Zeit der Aufklärung.
Hofbaumeister
An Fürstenhöfen und in Reichsstädten werden entwerfende Baumeister schon im 16. Jahrhundert in Hof- und Kommunaldienste genommen. Ihre Bestallung erfolgt als Hof-oder Stadtbaumeister, als Ober-Landbaumeister, auch als Baudirektor, aber selbst im 18. Jahrhundert noch selten als Hofarchitekt. Mit diesen Anstellungen ist immer ein gesichertes Jahresgehalt verknüpft. Das Berufsbild ändert sich nun erheblich. Als erste Person in der Hierarchie der fürstlichen oder städtischen Bauämter sind sie nicht mehr in der Ausführung tätig, sondern sind jetzt für Planung, Vergabe und Aufsicht zuständig. Für die Ausführung erteilen sie Landsleuten den Auftrag. Beispiele: Enrico Zucalli in München, Gabriele de Gabrieli in Eichstätt.
Ordensbaumeister
Ähnlich wie die Hofbaumeister sind auch die Ordensbaumeister nicht als Bauunternehmer tätig. Meist sind es Brüder und Patres des Jesuitenordens, die als gut ausgebildete Baufachleute im Sinne des «magister operis» bedeutende barocke Bauten in den katholischen Gebieten des deutschen Südens erstellen.[4] Sie sind immer dem Ordensprovinzial unterstellt, der ihre wechselnden Einsatzsorte bestimmt. Auch bei den Benediktinern, Franziskanern und weiteren Orden sind Ordensleute derart tätig.[5] Anders ist es bei den Ritterorden. Ihre Ordensbaumeister bleiben weiterhin selbständig tätige Unternehmer, der aber für alle Ordensbauten der jeweiligen Ballei beigezogen werden. Beispiel: Johann Caspar Bagnato für die Ballei Elsass-Burgund.[6]
Die Veränderung des Berufsbildes im Frühklassizismus
Vor allem in den stark nach Frankreich orientierten Ländern des Rheingebietes, Schwabens[7] und der Westschweiz sind die der Aufklärung zugeneigten Bauherren auch Bewunderer des klassizistischen französischen Barocks, dem mit dem «Goût à la grecque» der Klassizismus folgt. Zwar sind schon vorher französische, an der Pariser Akademie geschulte Architekten wie Germain Boffrand oder Robert de Cotte an deutschen Fürstenhöfen anwesend, allerdings meist als Berater in einem Planerkollektiv. Nach der Jahrhundertmitte ändert sich das Bild. Nun sind frühklassizistisch geschulte Franzosen an den Höfen in Stuttgart, Mannheim und selbst in Berlin leitend tätig. Diese Akademie-Architekten sind, nicht nur wegen fehlender Deutschkenntnisse, abhängig von den ihnen am Hof unterstellten oder beigestellten deutschen Handwerker-Architekten, die für die Bauausführung die Verantwortung übernehmen müssen.
Gleichzeitig ändern auch die Ausbildung und die barocken Berufsbilder gegen Ende des Jahrhunderts gewaltig. Akademien treten an die Stelle von Meisterlehren und Zünften. Der Handwerker-Architekt vulgo Baumeister und der raumgestaltende Stuckateur verschwinden. Das heutige Berufsbild des akademisch gebildeten, nur noch planenden und bauleitenden Architekten setzt sich auch im deutschen Sprachraum zur Zeit des Frühklassizismus endgültig durch. Die Bezeichnung des barocken Baumeisters als Architekten, wie sie heute üblich ist, vernachlässigt deshalb die völlig andere Bedeutung der Berufsbezeichnung vor dem grossen Paradigmawechsel im späten 18. Jahrhundert.
Architekt oder Planerkollektiv?
Die Wahrnehmungen des Baugeschehens von unbeteiligten Personen sind schon im 18. Jahrhundert abweichend von den tatsächlichen Planungsvorgängen und ihrer Umsetzung in ein gebautes Werk. Vermehrt gilt dies heute. Vor allem die Kunstwissenschaft bevorzugt grosse Namen.[8] Dies, obwohl jedes grössere barocke Bauwerk meist im Planerkollektiv entsteht.
Selbst die Kunstgeschichte verdrängt zudem gerne, dass die geistlichen Auftraggeber einen barocken Sakralraum manchmal entscheidender als die Künstler prägen und missachtet auch die übliche Kollektivplanung, die zu Ergebnissen wie Einsiedeln, Ottobeuren, Weingarten, Weltenburg oder Zwiefalten führt. Entscheidend ist eigentlich bei einem Kunstwerk nur, wessen Handschrift es trägt und nicht, welche Koryphäe im Laufe des Planungsprozesses mitbeteiligt ist. Wo der Bau das Werk eines Kollektivs ist, sind Einzelzuweisungen aber irreführend.
Pius Bieri 2019
|Weiterführende Literatur

Markowitz, Irene: Französische Architekten an deutschen Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts, in: Francia, Band 25, Paris 1992.
|Oechslin ,Werner (Hrsg.): Architekt und / versus Baumeister. Die Frage nach dem Metier. Zürich 2009.|
|Bognàr, Anna Victoria: Der Architekt in der frühen Neuzeit. Dissertation Heidelberg 2019.

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Anmerkungen
[1] Vitruv verurteilt in seinem Traktat «De architectura libri decem» die Trennung zwischen einem planenden und einem ausführenden Baumeister. Er nennt den Fachmann, der das Gebäude plant, für die Einhaltung der Regeln der Baukunst verantwortlich ist und das Werk auch erstellt «architectus», im Plural «architecti». Während diese Berufsbezeichnung in den deutschen Ausgaben des Traktates vom 16. bis zum 19. Jahrhundert als Baumeister übersetzt ist, wird der rein ausführende Baumeister selbst in den lateinischen Ländern nie als Architekt bezeichnet. Er wird im deutschen Sprachraum Maurermeister genannt, dieser heisst französisch: Maître maçon (maîte bâttiseur, maître constructeur), und italienisch: Capomastro, capomaestro, capomastro muratore.
[4] In den an Jesuitenkollegien angeschlossenen Schulen wird schon im 16. Jahrhundert im Lehrfach Mathematik ein Studium der Baukunst angeboten. Dies ist auch der Grund, warum viele Jesuitenpatres sich auch mit der Planung ihrer Kollegien und Kirchen beschäftigen. Beispiele (Biografien in dieser Webseite): Vogler, Demess, Guldimann, Loyson. Die aus dem Handwerk stammenden Brüder erarbeiten ihr Zusatzwissen am jeweiligen Kolleg (Beispiele: Amrhein, Hueber, Huber, Kurrer, Kaiser, Mayer, Merani).
[7] Das Schwaben des 18. Jahrhunderts, also das Gebiet zwischen Lech und Rhein. Siehe dazu die Landkarte «Circulus Suevicus» von Tobias Conrad Lotter, Augsburg 1741. Der im 19. Jahrhundert geschaffene bayrische Regierungsbezirk Schwaben führt dazu, dass der alte Umfang Schwabens vergessen geht. So wird unter dem Titel «Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken, Architekturzeichnungen 1775–1825» (Ausstellungskatalog TU München 1980) nur der heutige bayrische Raum behandelt.
[8] Sechs Beispiele für die Bevorzugung grosser Künstlernamen:
1. Das Stadtpalais Kaunitz-Liechtenstein in Wien wird 1691-1692 von Enrico Zucalli nach eigener Planung im Rohbau erstellt. Dann übernimmt Domenico Martinelli die Leitung. Für Wiener Kunsthistoriker ist nicht der ursprüngliche Planer, sondern der in Wien bekanntere Martinelli Architekt des Palais.
2. Balthasar Neumann wird in Würzburg als Architekt der Würzburger Residenz bezeichnet. Er ist zwar bauleitende Hauptperson, aber im Planungskollektiv von 1729–1738 jeweils an zweiter Stelle. Die Mitplaner Maximilian von Welsch (Mainz) und Lucas von Hildebrandt (Wien) werden kaum genannt. Wie in Wien wird hier eine Lokalgrösse bei der Namensnennung bevorzugt. Dass im Barock meist im Kollektiv geplant wird, scheint unwichtig.
3. Joseph Greissing ist Planer und ausführender Baumeister vieler wichtiger Bauten der Region Würzburg, so unter anderen der berühmten Neumünsterfassade (1710), des Klosters Ebrach (1715) und vieler Kirchen mit wegweisenden Einturmfassaden. Noch lange wollen viele Kunsthistoriker diese Werke Greissing nicht zuschreiben und suchen nach bekannteren Namen wie Johann Dientzenhofer (Neumünster) oder Balthasar Neumann (Ebrach, Kirche von Steinbach). Hier ist die abwertende Einreihung Greissings als Zimmermann Ursache der Kunsthistoriker-Blindheit.
4. In Zwiefalten wird 1750–1753 durch den Bildhauer Johann Joseph Christian und den Baumeister Schneider die Westfassade der Klosterkirche gebaut. Obwohl keine Dokumente auf den Baumeister Johann Michal Fischer hinweisen, der schon 1746 Zwiefalten verlässt, und obwohl die Fischer-Biografin Gabriele Dischinger das Werk ausschliesslich Christian zuordnet, wird noch von Bernhard Schütz (2000) die Fassade als Meisterwerk Fischers bezeichnet.
5. Das Frankfurter Palais Schweitzer-Alessina wird 1788–1792 gebaut. 1787 ist Nicolas de Pigage beratend anwesend. Am Bau ist er nicht beteiligt. Die Pläne zeichnet 1788 ein anderer Baumeister. Die Nachwelt macht Pigage trotzdem zum Schöpfer des Palais.
5. Für die Jesuitenkirche von Freiburg im Üechtland ist der Name des ausführenden Baumeisters überliefert. Weil dieser aber vielleicht nach einer Drittplanung gearbeitet hat, suchen Kunsthistoriker (in neuester Zeit) nach grösseren Namen und werden mit dem Römer P. Giovanni de Rosis S.J. (1538–1610) als Planer «fündig». Mehr dazu siehe im Beitrag «Jesuitenkolleg Fribourg» in dieser Webseite.
7. Ein moderner Fall, bei dem die eigentlichen Planer verschwiegen werden, um mit einem grossen Namen zu glänzen, ist das Corbusierhaus in Berlin. Le Corbusier entwirft 1956 für Berlin eine «Unité d'habitation». Das Haus wird zwar gebaut, aber ohne jeden Respekt vor den Plänen und den Intentionen des grossen Architekten. Trotz seiner klaren Distanzierung vom übel geänderten Bau wird Corbusier heute als Architekt des Berliner «Corbusierhauses» bezeichnet.