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Das von Sprachexperten vor gut 20 Jahren geschaffene Rumantsch grischun bildet als Gebrauchssprache ein gemeinsames, allgemeinverständliches Dach über den vier bis fünf hauptsächlichen bündnerromanischen Regionalidiomen.1 Es soll jedoch nicht als Alternative die geschichtlich gewachsenen Formen des Bündner Romanischen ersetzen. Vielmehr geht es darum, die sachlichen, personellen und nicht zuletzt finanziellen Probleme zu lösen, die sich namentlich bei amtlichen Verlautbarungen und der Herausgabe von Schul-, Sach- und Fachbüchern stellen. Denn ohne «Brückensprache» waren, wenn man das Prinzip der Gleichbehandlung wahren wollte, bis zu fünf verschiedene Übersetzungsversionen herzustellen.
Die Opposition derjenigen, die um die Zukunft ihrer regionalen Idiome bangen, konnte nicht ausbleiben. Graubünden heisst nicht umsonst «das Land der 150 Täler». Die starke Kammerung, die unterschiedlichen geographischen Affinitäten und die verschiedenen geschichtlichen oder konfessionellen Hintergründe der einzelnen Tal- und Landschaften verleihen den jeweiligen regionalen Ausprägungen des Bündner Romanischen grosse, lokal identitätsbildende Bedeutung. Viele befürchten mit guten Gründen, dass das regionale Idiom bestenfalls auf den kleineren, auf den freundschaftlichen oder familiären Kreis zurückgedrängt und dann absterben wird.
Die durchgängige Wahl dieser Standardsprache für alle Schulbücher lässt die Frage offen, in welcher Variante des Bündner Romanischen fortan unterrichtet werden und welche Variante als eigenes Unterrichtsfach – und von wann an – erteilt werden solle. Im Rahmen von Schulversuchen sollen dazu Erfahrungen gesammelt werden, die es erlauben, bis 2019 schrittweise die Standardsprache für sämtliche Schulen im romanischen Sprachbereich einzuführen. Dieses Vorgehen ist aber von der Lehrerschaft nicht akzeptiert worden, obschon den Idiomen weiterhin die Rolle von Literatur-, Kultur- und Regionalidentifikationssprachen zugedacht bleibt. Das kantonale Erziehungsdepartement hat hierauf die Lia Rumantscha mit dem Ausarbeiten eines verfeinerten Konzepts für den künftigen schulischen Umgang mit der Standardsprache betraut – eine Vereinigung also, die für behutsames Vorgehen und klare Umschreibung der Rolle der Idiome in den Schulen der Rumantschia eintritt.2
Rumantsch grischun wird ganz offensichtlich leicht verstanden. Aber wer (in welchem Ausmass und in welchem Unterrichtsstadium) soll es aktiv beherrschen lernen, da doch jemand Schriftsätze in dieser standardisierten Sprache aufsetzen können muss? Ausserdem sollte oder könnte die Fähigkeit, sich in Rumantsch grischun auszudrücken, die Versuchung so vieler Bündner Romanen mindern, bei Verständigungsschwierigkeiten im Umgang mit Landsleuten des entfernteren romanischen Idioms einfach auf das beiden ebenfalls vertraute (Schweizer-Deutsch) auszuweichen.
Die Sondersituation des dreisprachigen Kantons Graubünden, mit dem gleichzeitigen Interesse am Rumantsch grischun und an der in den Idiomen zum Ausdruck gelangenden geistig-kulturellen «Artenvielfalt», findet auch ihren staatsrechtlichen Niederschlag. Die drei 1367, 1424 und 1436 geschaffenen Bünde haben sich bereits 1524 zu einem Bundesstaat vereinigt. Dessen «kompartimentierte» und «komposite» Eigenheit ist bis heute durch die Bedeutung der «Kreise» (der mittleren Ebene zwischen Kanton und Gemeinde) und den in der Schweiz höchsten Grad der Autonomie der Gemeinden markiert. Die Dreisprachigkeit (Deutsch, Rätoromanisch, Italienisch) ist so gut ein Charakteristikum Graubündens wie die interne sprachliche Mannigfaltigkeit seiner «Rumantschia». Dieser Facettenreichtum der Bündner «Nation» darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein gesamtromanisches Identitätsempfinden eigentlich kaum und eine «rätoromanische Nation» überhaupt nicht gibt, so sehr auch Bündner Romanisch ein integrierender Bestandteil Graubündens ist. Es ist zu hoffen, dass die Einführung der standardisierten Sprache die Minderheiten untereinander nicht noch mehr zersplittert, sondern in der Vertretung des gemeinsamen Anliegens bestärkt – und damit in der Erhaltung der Regionalidiome als Bestandteilen eigener Identität.
1) Heinrich Schmid, der mit Erfolg die Grund-lagen für die Erarbeitung des Rumantsch grischun gelegt hatte, wurde 1988 von zwei ladinischen Kulturinstituten in Italien beauftragt, Richtlinien für eine gesamt-dolomiten-ladinische Schriftsprache auszuarbeiten, was denn auch geschah. Die Existenz einer dritten rätoromanischen Sprachgruppe, der friaulischen, sei hier in Erinnerung gerufen.
2) Näheres bei Manfred Gross und Lia Rumantscha (Hrsg.), «Rätoromanisch, Facts & Figures». Chur: Lia Rumantscha, 2004, S. 48-57.
Roberto Bernhard, geboren 1929, Jurist und Publizist in Winterthur, ist Ehrenmitglied mehrerer an der Pflege der sprachlichen Eigenheiten der Schweiz mitwirkender Vereinigungen.