Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/893

Für einen guten Zweck
Heinz Egger
Queen’s Park, Toronto – wir steigen von der Subway hinauf. Es ist gleissend hell und warm, sehr warm für die Jahreszeit. Uns fallen die vielen ins Gras gesteckten Banner und Fahnen mit dem Hinweis auf einen Buchverkauf auf: Victoria College Book Sale. Er dauert vom 21. bis am 25. September. Das muss ich sehen, denke ich. Ob da Bücher der Bibliothek veräussert werden? Während wir den Wegweisern folgen, sehen wir immer wieder Leute mit weissen Plastiksäcken. Unschwer zu sehen ist, dass sie Bücher enthalten.
Der Verkauf findet im alten Bau des College statt. Grauer Sandstein, burgartiges Gebäude mit runden Türmchen, einem quadratischen Hauptturm an der Seite des Gebäudes, eine Eingangstreppe mit zwölf Stufen mit eisernem Handlauf in der Mitte. Die Türen sind hinter einen breiten, schweren Torbogen zurückversetzt, so dass allenfalls Wartende nicht in Wind und Wetter stehen. Die Türflügel stehen weit offen, Sandsäcke hindern sie daran, wieder ins Schloss zu fallen.
Die Eingangshalle ist etwas düster. Die Wände sind gelb gestrichen, metallene Säulen tragen die hohe Decke, das Holzwerk ist dunkelbraun. Über der hölzernen Brüstung hängen die Gemälde mit den ehemaligen Chancellors des College. Ich gebe meinen Rucksack an der Garderobe ab. Der junge Mann, der mich bedient, drückt einen Kleber auf den Rucksack, einen zweiten erhalte ich. „Wohin mit dem klebrigen Ding?“, frage ich mich. Der junge Mann erklärt mir, dass die Bücher nicht aus der Bibliothek, sondern von Privaten stammen. Wer also daheim sein Büchergestell um einige Kilogramm Papier erleichtern möchte, kann seine Bücher vor dem Book Sale hier abgeben. Und er tut damit erst noch etwas Gutes: Nicht nur erhalten gelesene Bücher ein zweites Leben, sondern mit dem Erlös werden neue Bücher für die Universitätsbibliothek angeschafft.
Beim Eingang in den ersten Saal sitzt eine ältere Dame. Sie gibt mir einen Zettel, auf dem die verschiedenen Bereiche der temporären Second-Hand-Buchhandlung aufgeschrieben sind. Dieser Buchverkauf finde jedes Jahr statt und jedes College führe einen durch. Das VIC (Victoria College) sei das Erste, sagt sie mir. Damit der Erlös für die Bibliothek möglichst ungeschmälert bleibt, arbeiten alle an diesen Tagen für Gottes Lohn. Ich klebe den Garedrobenkleber auf das Blatt und trete in den ersten Raum.
Ein Meer von Büchern breitet sich vor mir aus. Sie sind säuberlich aufgereiht und zeigen alle den Rücken gegen oben. Hier liegen die Bereiche Belletristik, Geschichts- und Kinderbücher. Ein kleiner Teil ist Deutsch, ein weiterer Französisch. Die grosse Menge aber ist Englisch. Das Angebot hat eine unüberschaubare Dimension. Die Dame, mit der ich kurz über einen Tisch hinweg spreche, erhebt ihre Hand mit einer Bewegung, als wolle sie sagen, dass die beste Ware nach vier Tagen Verkauf schon weg sei. Es sind eine ganze Menge Leute im Raum. Alle schauen gespannt suchend auf die Auslage. Gar mancher hält auch schon ein oder mehrere Fundstücke in der Hand. Ein junger Mann trägt einen ganzen Stapel wie eine Bürde Holz hinaus.
Im Gang des ersten Stocks finde ich weitere Belletristik, Fantasy, Science Fiction, dazu DVDs und Vinylplatten. Alle Sachbücher haben ihren Platz in der Kapelle. Auf jeder Sitzfläche steht eine Kartonschachtel mit Büchern. Auf der Schmalseite der Kartons steht das übergeordnete Thema, beispielsweise „Math, Science, Computers“. Auf weissem Klebband auf der langen Seite dann das Thema der Schachtel, beispielsweise „Space, Astronomy“. Es sind verschiedene Schriften zu erkennen. Hier müssen viele Hände gearbeitet haben, denn jedes der schier unzählbaren Bücher wurde in die Hand genommen, mit einem Preis versehen und in die entsprechende Kiste verstaut. Die vordersten drei Sitzreihen sind mit Büchern über Religion belegt. Das könnte eine der grössten Ablagen sein. Im Halbrund des Chors befinden sich die Kunstbücher.
Auch ich gehe mit zwei Büchern hinaus. Auf dem Tisch mit der Anschrift „Travel“ fand ich eine Hochglanzbroschüre zur Bay of Fundy, dem Ort mit den höchsten Gezeitenunterschieden der Welt. Und das zweite broschierte Buch widmet sich Näharbeiten. Dieses Buch ist signiert, leider nur von der ehemaligen Besitzerin. Fünf kanadische Dollars koHeinz Eggersten meine Schätze.
Victoria College
73 Queen’s Park Crescent
Toronto, Ontario
www.vic.utoronto.ca
Wegweisend
Heinz Egger
In der Spring Garden Road fallen Fahnen an den Kandelabern auf. Es ist wie in Toronto: Es wird nach Geld für die Bibliothek gesucht. Dort war es ein Verkauf gebrauchter Bücher, hier wird direkt zu Spenden aufgerufen: „Help Fill Central Library, Share Wow, Donate at SharetheWow.ca.“
Wow – das ist der Laut, der mir entfuhr, als ich das Gebäude entdeckte. Zwischen den farbigen Bäumen durch glänzt viel Glas. Es ist, als lägen da vier riesige Bücher übereinander, etwas nachlässig, leicht verdreht zueinander aufgeschichtet. Das zu oberst ragt über alle heraus. Das zweitoberste hat einen roten Schnitt. Ein Glaspalast – und erst noch ein „grüner“. Das Gebäude braucht bis 40% weniger Energie als ein Standardhaus, nutzt für die Toilettenspülung graues Wasser, das vom Dach der fünften Etage gesammelt wird, steuert Lüftung und Beleuchtung je nach Menschen, die sich in den Räumen aufhalten. Ein Bibliotheksbau muss vieles erfüllen: Er wird für eine längere Zeit gebaut. Daher muss er flexibel sein, um einem wechselndder Spring Garden Roaden Programm aber auch den wechselnden Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer als Raum für Soziales und Kulturelles gerecht zu werden. Dies liest man auf der Website halifaxcentrallibrary.ca. Das Haus entwarf und baute das Architekturbüro Fowler Bauld & Mitchell. Es hat sehr viel getan, um vom Canada Green Building Council (CaGBC) eine goldene Auszeichnung zu erhalten. Die Stadt und ihre Einwohner haben der Central Library bereits drei goldene Auszeichnungen verliehen: Im lokalen Magazin „The Coast“ gab es Gold für die beste Bibliothek, das beste Engagement, Halifax zu verbessern, und „Best Thing to Happen in Halifax This Year“. Das war 2016.
Das Gebäude wurde an einer Stelle gebaut, wo so oder so viele Leute vorbeikommen. Denn die Spring Garden Road ist die Einkaufsstrasse von Halifax. Mehrere Buslinien fahren direkt vor die Bibliothek. Die grossen Parkplätze, die vor dem Bau dort waren, wurden in eine Tiefgarage verlegt. Dort gibt es auch ausgiebig Raum für Fahrräder. Die Zugänglichkeit spielt eine grosse Rolle, denn im Haus gibt es viel Raum für die Community: zwei Cafés, von denen eines im Parterre und das zweite im fünften Stock liegt, wo man eine herrliche Aussicht auf den nahen Hügel mit der alten Festung und auf die Stadt hat, eine Bühne mit 300 Sitzplätzen davor im Parterre, einen voll ausgerüstetes Media-Studio, in dem Filme hergestellt, Musik aufgenommen und bearbeitet werden können – unentgeltlich zugänglich für alle Bibliotheksmitglieder. Weiter gibt es Spielstationen, Konferenzräume, zahlreiche Arbeitsplätze, auch von Geräuschen abgeschirmte Plätze für Kleingruppen, einen grossen Leseraum mit Zeitschriften im Parterre und einen Living Room im fünften Stock. Dieser ist tatsächlich ausgestattet wie ein Wohnzimmer. Da stehen auf hellem Parkett Ledersofas, Clubtische und natürlich Literatur für Erwachsene in grossen schwarzen Gestellen. Der Kinder- und Jugendliteratur ist ein eigenes Stockwerk gewidmet.
Das Haus umschliesst ein Atrium, dessen Glasdach grosszügig Licht ins Innere lässt. Brücken und Treppen mit weissen Brüstungen verbinden die zum Atrium offenen Stockwerke. Eine gläserne Umfriedung des Atriums schafft eine transparente Atmosphäre.
Jede Art Literatur ist erhältlich. Vom Roman über Gedichtbände zu wissenschaftlichen Werken stehen Tausende Bücher zur Ausleihe bereit. Besonders aufgefallen sind spezielle Abteilungen, wie jene zu „First Nations“. Darunter fallen die Gesellschaften, die vor der Besiedlung durch Europäer in Kanada gelebt haben. Inuit und Métis beispielsweise. Da gibt es Titel wie „Tombs of the Vanishing Indian“ von Marie Clements, „Wilde Rice Dreams“, eine DVD mit kanadischen indigenen Stimmen von Vera Wabegijig, „An Antology of Canadian Native Literature“ von Moses Goldie Ruffo, „Sanaaq“, ein Roman von Mitiarjuk Nappaaluk.
Natürlich wird in der Abteilung mit den historischen Büchern auch die Geschichte Acadiens und der ersten französischen Einwanderer vorgestellt. An einer Wand ist dazu ein Bildschirm eingebaut, auf dem Information zum Thema läuft.
Halifax war traditionell der Hafen, von dem aus Soldaten zu den Schlachtfeldern der Welt aufbrachen. Um ihrer Leistungen und um der nicht Zurückgekehrten zu gedenken, sind in drei Vitrinen die „Books of Remembrance“ ausgestellt. Darin sind alle Gefallenen aufgezeichnet, jene des Ersten und des Zweiten Weltkrieges und im neuesten Buch jene, die in Afghanistan umgekommen sind.
Halifax Central Library
5440 Spring Garden Road
Halifax, Nova Scotia
halifaxcentrallibrary.ca