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Nur alle vier Jahre spielen alle grossen Hockeynationen mit allen Stars: beim olympischen Turnier. Aber die Winterspiele könnten auch ganz gut ohne die NHL-Cracks leben.
Braucht das olympische Turnier eigentlich die NHL-Stars? Eine ketzerische Frage. Natürlich brauchen die Spiele die NHL-Stars. Bei der Eishockey-WM fehlen die besten der Besten. Weil sie noch in der NHL beschäftigt sind. Nur beim olympischen Turnier kommen alle grossen Hockeynationen mit allen Stars. Weil die NHL Pause macht. So gesehen müssen wir sagen: Ja, die olympischen Spielen brauchen die NHL-Profis.
René Fasel, IOC-Vizepräsident und Vorsitzender des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) sagt, die NHL-Freigabe für die nächsten Spiele sei noch nicht erteilt. Im neuen Gesamtarbeitsvertrag zwischen der NHL und der NHL-Spielergewerkschaft ist die Olympia-Pause nicht enthalten. René Fasel sagt: «Wir müssen die Olympiapause mit der NHL jetzt wieder neu aushandeln.»
Seit 1998 (Nagano) macht die NHL für die Olympischen Spiele Pause. Die NHL-Stars wollen diese Pause. Die Liga lieber nicht. Weil dann der Spielbetrieb bzw. die Milliarden-Geldmaschine NHL still steht. Die Klagen der Teambesitzer über den Einnahmeausfall während der Olympiapause sind allerdings nur lächerlich.
Die Herren haben ja ihren Spielbetrieb wegen der Streitereien mit der Spielergewerkschaft seit 1994 schon dreimal monatelang eingestellt und einmal sogar eine ganze Saison (2004/05) ausfallen lassen. Die Jammerei ist ganz einfach die unsägliche Arroganz der amerikanischen Hockeyimperialisten, die es nicht akzeptieren können, dass es halt für Eishockeyspieler neben dem Stanley Cup noch etwas anderes gibt, das zählt: den Olympiasieg.
Aber braucht das olympische Turnier die NHL-Stars wirklich? Die Antwort ist letztlich ein Nein. Die NHL ist die wichtigste und beste und mächtigste und reichste Liga der Welt. Alle wichtigen Hockey-Stars spielen in der NHL. Aber sind die olympischen Zuschauer von den NHL-Stars auch restlos begeistert? Nein, sie waren es bisher in Sotschi nicht. Und das hat nur bedingt etwas mit dem frühen Scheitern der Russen im Viertelfinale zu tun.
Die Ausgeglichenheit im Turnier ist zu gross. Die Teams sind sich, weil eben alle Spieler aus der gleichen Liga kommen, zu ähnlich. Das Hockey wird berechenbar, logisch und damit für einen mit dem Spiel nicht so vertrauen Zuschauer schon fast langweilig – und genau diese Zuschauer hat das Eishockey bei olympischen Spielen. Das Frauenfinale zwischen Kanada und den USA war emotionaler, produzierte mehr Drama als die beiden Halbfinals.
Dem Hockeyturnier in Sotschi, taktisch und technisch vielleicht das besten aller Zeiten, fehlen die Emotionen, die Dramen, die Spiele, die uns über Jahre hinweg in Erinnerung bleiben werden. Ja, das Hockey hat in Sotschi etwas von seiner Magie verloren. So gut das Niveau auch sein mag – das olympische Turnier von 2014 wird nicht als eines der grossen in die Geschichte eingehen. Zu perfekt das Hockey.
Inzwischen dürfen wir sagen: Das olympische Hockey der Amateure bzw. ohne NHL-Stars war in der Vergangenheit oft unterhaltsamer. Denken wir nur an das «Miracle on Ice» von 1980, das sogar verfilmt worden ist. Oder der Penalty-Entscheidung im Finale von 1994 zwischen Schweden und Kanda, als der spätere NHL-Superstar Peter Forsberg den entscheidenden Penalty versenkte. Diese Szene ist auf einer Briefmarke verewigt worden.
Es gäbe ohne NHL-Stars nicht weniger Zuschauer. Der Preis der olympischen TV-Rechte hängt nicht an der Präsenz der NHL-Stars. Olympische Spiele sind für die Nordamerikaner (von dort kommen am meisten TV- und Werbegelder) noch viel magischer als für uns Europäer.
Auch wenn in der Schlussphase der Vorrundenpartie Russland gegen die USA beim TV-Sender NBC 6,5 Millionen Zuschauer gezählt wurden: Die olympischen TV-Einschaltquoten in den USA, im wirtschaftlich wichtigsten TV-Markt der Welt, hängen nicht an der Präsenz der NHL-Stars. Nationalmannschaften mobilisieren die Fans während eines olympischen Turnieres auch dann, wenn die NHL-Stars fehlen. Die Attraktivität des internationalen Eishockeys hängt weniger von einzelnen Stars ab als der internationale Fussball.
Bisher hat nur ein olympisches Turnier mit den NHL-Profis die hohen Erwartungen einigermassen erfüllt: 2010 in Vancouver im Mutterland des Hockeys und mit Gastgeber Kanada als Sieger. Nach Sotschi, nach fünf Turnieren mit den NHL-Profi, können wir sagen: Eishockey wäre bei Olympischen Spielen auch ohne die NHL-Stars ein Spektakel. Ja, vielleicht wäre es sogar im Sinne der Unterhaltung besser, dramatischer. Weil dann nicht mehr alle aus der gleichen Liga kämen und nicht mehr alle das gleiche Hockey spielen würden. Weil wir dann wieder Mannschaften hätten, die aus unterschiedlichen Ligen kommen und unterschiedliche Hockeyphilosophien spielen.
Die Leidenschaft der Spieler wäre auch nicht kleiner. Ganz im Gegenteil. Das bisher grosse Offensivspektakel in der Schlussphase des Turniers führten die Finnen gegen die Amerikaner im Bronze-Spiel auf. Sie siegten 5:0 und sie haben von den vier Halbfinalisten am meisten Spieler, die nicht in der NHL unter Vertrag stehen: Nämlich elf.
René Fasel kann den Verhandlungen um die NHL-Olympiapause mit allergrösster Gelassenheit entgegensehen. Er braucht die NHL-Stars nicht. Und noch etwas ganz nebenbei: Die Medaillen-Chancen der Schweizer auf eine Medaille wären ohne NHL-Spieler grösser…