Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/1795

Wenn Ökonomie, Statistik und Medizin zusammenarbeiten, entstehen faszinierende, neue Erkenntnisse. Z.B., dass eine gesunde Schwangerschaft und frühkindliche Interventionen die ökonomische Ungleichheit verringern. Wie und warum das so ist, erklärt der Ökonom Hannes Schwandt, der von Princeton an die Uni Zürich gewechselt ist, in seinem Beitrag in der NZZ.
Schwandt schreibt, der typische zum obersten Prozent der Einkommensskala gehörende US-Amerikaner lebe im Schnitt 15 Jahre länger als ein Erwachsener aus dem untersten Prozent, und diese Schere in der Lebenserwartung habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig geöffnet. In der Schweiz sei die Lohnungleichheit weniger stark ausgeprägt als in den USA. Doch auch hier gibt es drastische Wohlstandsunterschiede, die sich in der Lebenserwartung widerspiegeln. Männer in den wohlhabendsten Gegenden der Schweiz leben im Schnitt 7,3 Jahre länger als die in den besonders benachteiligten Gebieten, bei Frauen beträgt die Differenz 3,7 Jahre.
Lange Jahre hatte man geglaubt, der Mutterbauch schütze das werdende Kind vor allem Unbill des Lebens. Heute weiss man, dass die Lebensbedingungen schon während der Schwangerschaft grossen Einfluss haben auf die kognitiven Fähigkeiten und die Gesundheit des Kindes – und damit auch darauf, wie dieses später durchs Leben kommt. Und vieles, was ein Kind später durchleben muss, ist bereits bei der Geburt angelegt. So gibt es beispielsweise eine starke Korrelation zwischen Geburtsgewicht und dem späteren Einkommen: je kräftiger das Baby bei der Geburt, desto dicker wird später das Portemonnaie. Immer vorausgesetzt, dass nicht einfach wohlhabendere Eltern auch kräftigere Babys gebären.
Und schon eine Grippe der Mutter während der Schwangerschaft kann dazu führen, dass das Kind zu früh zur Welt kommt – und erst noch leichter ist als alle anderen; immer statistisch gesehen. Bei Schwandt heisst es dann: „Erkrankt die Mutter im letzten Drittel der Schwangerschaft an einer Grippe, erhöht dies das Risiko einer Frühgeburt. … Erwachsene in Dänemark, die im Mutterleib einer schweren Grippe ausgesetzt waren, verdienen im Schnitt 10% weniger und sind zu 50% mehr auf Sozialleistungen angewiesen, als die Geschwister, bei deren Schwangerschaft die Mutter nicht erkrankte.“
Um solche Folgerungen ziehen zu können, brauche es grosse Datensätze, schreibt Schwandt in seinem NZZ-Beitrag. Daher sei man vielen dieser Zusammenhänge erst in jüngster Zeit auf die Spur gekommen. Der Beitrag schliesst denn auch nicht ganz ohne Selbstzweifel: „Eine zentrale, häufig übersehene Herausforderung in diesem Forschungsbereich ist das Huhn-Ei-Problem. Es war schon länger bekannt, dass sozial benachteiligte Mütter zu niedriggewichtigem und niedrigverdienendem Nachwuchs tendieren und dass unzureichende Kindererziehung mit späteren Einkommenseinbussen korreliert. Aber ob Geburtsgewicht und abendliches Vorlesen tatsächlich kausal das spätere Einkommen mitbestimmen oder ob die elterlichen Gene und das soziale Umfeld die verschiedenen Faktoren gleichzeitig beeinflussen, kann aus der einfachen Korrelation nicht herausgelesen werden.“
Warum Schwandt dennoch überzeugt ist, dass man mit heutigen Daten und Auswertungen mehr über diese Zusammenhänge weiss, als noch vor wenigen Monaten, finden Sie heraus, wenn Sie seinen Beitrag „Vom Mutterleib zum Arbeitsmarkt“ in der NZZ online lesen.