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Wie Mobilität zum Stillstand führt
Der meiste Verkehr entsteht dort, wo die Schweiz am hässlichsten ist – in den Agglomerationen – und nicht dort, wo die Distanzen am grössten sind – auf dem Land.
Verkehr entsteht aus einem Unbehagen: Jemand ist nicht da, wo er sein will oder sein soll. Also geht, fährt oder fliegt er dorthin. Dieses Unbehagen vermehrt sich, und die Distanzen zwischen da und dort werden länger. Darum wächst der Verkehr. Das ist die Nachfragetheorie. Daneben steht die Angebotstheorie: Wer mehr Strassen, Schienen und Flugpisten sät, wird mehr Verkehr ernten.
Der Disput zwischen Nachfrage- und Angebotstheoretikern prägt die verkehrspolitische Debatte ebenso stark wie der Streit zwischen Keynesianern und Neoliberalen die wirtschaftspolitische. Linke und Grüne von der SP bis zum VCS wollen weniger Strassen, dafür mehr Schienen. Rechte von der SVP bis zum Strassenverkehrsverband fordern mehr Strassen. Die Bauwirtschaft wünscht sowohl neue Strassen als auch neue Schienenwege. Dunkelgrüne und einige rechnerisch begabte Ökonomen finden beides überflüssig, weil sie den Verkehr mit einer Politik der Nähe und höheren Mobilitätstarifen begrenzen möchten.
Letztere stehen auf verlorenem Posten. Denn Angebot und Nachfrage im Verkehr nehmen zu wie die Hühner und Eier in den Tierfabriken (ohne dass ein Huhn weiss, ob das Ei Ursache oder Wirkung ist). Alle verkehrsrelevanten Indikatoren belegen das: Bund, Kantone und Gemeinden bauen zusätzliche und breitere Strassen. Das Schienennetz wird ebenfalls länger und obendrein gradliniger. Der Bestand an Fahrzeugen sowie die Transport- und die Verkehrsleistung im Strassen- und Schienenverkehr steigen unaufhaltsam.
Transport wuchs stärker als Bevölkerung
Um die Entwicklung des Verkehrs zu analysieren, müssen wir zwischen Nutzen und Schaden unterscheiden: Gehen wir davon aus, dass der Transport von da nach dort den Menschen oder der Wirtschaft nützt, dann ist die Transportleistung, gemessen in Personen mal Kilometer (Personenkilometer), die relevante Grösse. Dieser Transport stieg innerhalb der Schweiz von 2000 bis 2016 insgesamt um 31 Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Bevölkerung in der Schweiz um 17 Prozent zu. Das heisst: Der Personentransport in der Schweiz wuchs stärker als die Bevölkerung; er hat nach der Jahrtausendwende also auch pro Kopf weiter zugenommen (dasselbe gilt im Gütertransport, den wir in der Folge aber ausklammern, um den Zahlenberg in Grenzen zu halten).
Dank emsigem Strassenbau wurden die Staus nicht nur länger, sondern auch breiter.
Zu unterscheiden ist zwischen öffentlicher und privater Transportleistung: Auf der Schiene allein stieg die Zahl der Personenkilometer (Pkm) von 2000 bis 2016 um stolze 65 Prozent, im privaten Strassenverkehr nur noch um 25 Prozent. Prozentual haben die Bahnen dank dem Ausbauprojekt «Bahn 2000» also aufgeholt. Absolut hingegen wuchs der private Personentransport auf der Strasse mit einem Plus von rund 20 Milliarden Pkm immer noch mehr als doppelt so stark wie auf der Schiene (plus 8,2 Mrd. Pkm). Grund: Der Anteil der Personenkilometer, die auf den Strassen abgespult werden, ist – wie die Tabelle zeigt – immer noch viel grösser als jener auf den Schienen.
Transport hinkt dem Verkehr und Autobestand hinterher
Die Kehrseite des Transports ist der Verkehr, gemessen an Fahrzeugkilometern (Fzkm) oder Zugkilometern (Zgkm). Denn der Verkehr frisst Raum und Energie, belärmt die Bevölkerung und belastet unseren Lebensraum mit vielerlei Schadstoffen. Im privaten Strassenverkehr wuchs die Zahl der Fzkm in der Schweiz von 2000 bis 2016 um 26 Prozent und damit etwas stärker als die Transportleistung gemessen in Pkm. Grund: Der Besetzungsgrad in den Motorfahrzeugen hat weiter abgenommen.
Noch stärker als die auf den Strassen zurückgelegte Zahl der Fahrzeugkilometer wuchs im genannten Zeitraum der Auto- sowie der gesamte Motorfahrzeug-Bestand, nämlich um 28 Prozent. Die Motorfahrzeuge standen im Jahr 2016 also längere Zeit still, sei es auf öffentlichen oder privaten Abstellplätzen. Gleichzeitig wuchsen und wachsen das Volumen und die Last der öfter brachliegenden Masse: So stieg das durchschnittliche Gewicht der in der Schweiz verkauften neuen Personenwagen von 1363 Kilo im Jahr 2000 auf 1565 Kilo, mithin um 15 Prozent.
Wie die Produktivität im Strassenverkehr sinkt
Fassen wir zusammen: Vom Jahr 2000 bis 2016 steigerten 32 Prozent mehr mobile Verpackung (28 % mehr Autos mit 15 % mehr Gewicht) den privaten Personentransport, gemessen in Pkm, auf den Schweizer Strassen um 25 Prozent. Innerhalb von 16 Jahren hat damit die Produktivität des motorisierten Privatverkehrs um mehr als einen Viertel abgenommen.
Unsere Nachkommen werden das Leben in vollen Zügen geniessen.
Die sinkende Produktivität des wachsenden raumgreifenden Motorfahrzeugverkehrs führt öfter zum Stillstand. Das illustriert der am stärksten wachsende Indikator im Verkehr: Die Zahl der Staustunden auf den Schweizer Nationalstrassen erhöhte sich von 7000 im Jahr 2000 auf 24 000 im Jahr 2016 und damit um 243 Prozent. Dank emsigem Strassenbau wurden die Staus nicht nur länger, sondern auch breiter.
Umgekehrt verlief die Entwicklung im öffentlichen Verkehr: Während der Transport, gemessen in Pkm, auf den Schweizer Schienen von 2000 bis 2016 um 65 Prozent zunahm, stieg die Zahl der Zugkilometer (Zgkm) im gleichen Zeitraum nur um 43 Prozent. Im Unterschied zum Privatverkehr haben die Schweizer Staatsbahnen ihre Produktivität also gesteigert. Der öffentliche Personenverkehr staut sich darum seltener auf den Schienen, dafür öfter auf den Perrons der Bahnhöfe.
Defizitärer Verkehr soll weiter wachsen
Neben materiellen gibt es wirtschaftliche Kriterien. Finanziell ist der öffentliche wie der private Verkehr in der Schweiz defizitär: So decken die Bahn-, Tram- und Buspassagiere sowie die Gütertransporteure zusammen weniger als die Hälfte der Infrastruktur- und Betriebskosten, die der öffentliche Verkehr verursacht. Insgesamt wälzt der öffentliche Verkehr auf Schienen und Strassen zusammen jährlich rund sieben Milliarden Franken auf die Allgemeinheit respektive die Steuerzahler ab. Die Motorfahrzeuglenker zahlen über die Treibstoffsteuern und weiteren Abgaben zwar etwas mehr, als die Infrastruktur und der Betrieb des privaten Strassenverkehrs kostet. Doch der motorisierte Privatverkehr verursacht zusätzlich hohe Unfall- und Umweltkosten, die die Verursacher nicht decken. Unter dem Strich, so zeigen die periodischen Erhebungen des Bundes, schreibt damit der private Strassenverkehr ebenfalls ein Defizit, das sich pro Jahr zwischen sechs und sieben Milliarden Franken bewegt.
Branchen und Unternehmen, die unproduktiv wirtschaften und jedes Jahr rote Zahlen schreiben, müssen in der Regel abspecken, oder sie gehen Pleite. Anders verhält es sich beim Verkehr: Trotz sinkender Produktivität soll der defizitäre Verkehr weiter wachsen. Das jedenfalls prophezeien die jüngsten Schweizer «Verkehrsperspektiven 2040», die verschiedene Bundesämter im August 2016 veröffentlichten. Demnach wird der inländische Personenverkehr bis 2040 gegenüber dem Basisjahr 2010 insgesamt um 25 Prozent zunehmen, der Güterverkehr sogar um 37 Prozent. Prozentual werde sich der öffentliche Personenverkehr erneut stärker vermehren (plus 51 %) als der private Strassenverkehr (plus 18 %).
Man stelle sich das vor: Nochmals ein Fünftel mehr Autos auf den Schweizer Strassen. Und gar anderthalb Mal so viele Passagiere wie heute in den Bahnen. Unsere Nachkommen werden das Leben in vollen Zügen geniessen. Und in stillstehenden Autos verdriessen. Letzteres wird allerdings nicht quantifiziert. Denn eine Prognose über die Zunahme der Staustunden bis zum Jahr 2040 fehlt in diesen Verkehrsperspektiven.
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