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Johannes Rütsche wurde am 8. Juni 1944 in Bern als Sohn eines Textilingenieurs und nachmaligen Textilfabrikanten und einer Hausfrau geboren. Früh übte er sich in Tugenden wie Fleiß und Einsatzfreude. Das Mitleben mit der katholischen Kirche und eine herzliche Kultur der Gastfreundschaft waren prägende Eigenschaften der Familie, in der Johannes aufwuchs. Nachdem er die Jahre als Kleinkind in Worb bei Bern erlebt hatte, zog er 1951 mit den Seinen nach St. Gallen, zuerst in das Gebiet der Pfarrei St. Otmar, wo er von Kaplan Otmar Mäder, der ihn später als Bischof von St. Gallen zum Priester weihen sollte, manche religiöse Anregung und den Eindruck eines überzeugend gelebten Priestertums empfing, später in ein Quartier nahe dem St. Galler Dom, wo er als eifriger Ministrant sein Glaubensleben vertiefte.
Da ein Bruder seines Vaters seit langem Mitglied der Schweizer Missionsgesellschaft Bethlehem und ein vorbildlicher Priester war, lag es nahe, den begabten, wenn auch etwas scheuen Jungen ans Progymnasium dieser Gesellschaft in Rebstein zu schicken. Für die höheren Stufen der Mittelschulausbildung wechselte er ans Gymnasium Immensee, wo er mit Erfolg 1963 die Eidgenössische Maturitätsprüfung bestand.
Hatte er wohl immer daran gedacht, wie sein Onkel Immenseer Pater zu werden, beschlichen ihn, als der Eintritt ins Noviziat anstand, erhebliche Zweifel. Die menschliche und geistige Atmosphäre der Ausbildungsstätte, wie er sie in Immensee kennengelernt hatte, entsprach nicht seinen Vorstellungen. Diese Bedenken gestand er freimütig dem zuständigen Generaloberen, welcher ihm daraufhin riet, doch erst einmal Erfahrungen in der Welt zu sammeln, er könne später immer noch die Aufnahme beantragen.
So entschied sich Johannes Rütsche 1963 zum Studium der Philosophie an der Katholischen Universität Leuven in Belgien (Institut Supérieur de Philosophie), wo neben hochrangigen Vertretern traditioneller Metaphysik auch ganz zeitgenössisch bewegte Denker wie Antoine Vergote, der Wesentliches zur Diskussion mit der Psychoanalyse beitrug, seine Lehrer waren. Mit einer originellen und erstaunlich selbständigen Arbeit über Freuds Traumdeutung bei Prof. Vergote erwarb Johannes 1968 das Lizentiat in Philosophie und wurde zum Doktoratsstudium zugelassen.
Dieses gestaltete sich allerdings ungewöhnlich schwierig. Erst 1998 konnte er das Promotionsverfahren abschließen. Die Jahre dazwischen waren geprägt von einer intensiven und oft unruhigen Suche nach seiner weltanschaulichen und akademischen Identität. Zwei Schwierigkeiten stachen besonders hervor: Die eine war darin begründet, dass er zwar den Gedanken an das Priestertum nie gänzlich aus seinem Leben verabschiedet hatte, sich aber damals nicht vorstellen konnte, dass sein Glaube stark genug war, um den Anforderungen einer priesterlichen Sendung in der Kirche zu entsprechen. Zum andern plagte ihn die Unsicherheit, welches Thema er für die Dissertation wählen solle. Er hoffte, an der Universität in München und an der dortigen Philosophischen Hochschule der Jesuiten die nötigen Anregungen zu finden, und zog von Leuven dorthin.
Als auch hier das Promotionsprojekt keine konkreten Konturen annahm, entschied sich Johannes, erst einmal mit seinen mittlerweile reichen Kenntnissen und seiner ungewöhnlichen Sensibilität für Sprache als Übersetzer beim Walter-Verlag in Olten und beim Kösel-Verlag in München sein Brot zu verdienen. Als seine größte Leistung aus dieser Lebensphase darf wohl die Übertragung von Paul Ricoeurs Klassiker „Hermeneutik und Strukturalismus“ ins Deutsche gelten, ein Buch, das bis heute in Johannes Rütsches Übertragung aufgelegt wird. Seine Arbeit vor allem an französischen Texten fand in einem solchen Maße Anerkennung, dass man ihm seitens der Direktion des Walter-Verlages die Stelle als Lektor antrug. Er aber erkannte, dass ihm so das Doktorat wohl endgültig entgleiten würde, und lehnte ab. Mittlerweile hatte er entschieden, dass seine Forschung dem Werk Wilhelm Diltheys gelten solle, hatte er doch eingesehen, dass ihm der Begründer der Hermeneutik Mittel zur Verfügung stellen konnte, sowohl die eigene historisch-kritisch denkende Gegenwart zu verstehen – als auch die Inhalte des gewachsenen Glaubens aufzuschlüsseln und in die Moderne zu vermitteln.
Mit verschiedenen Tätigkeiten, als Hochschulassistent und als Philosophie-Dozent am Kindergärtnerinnen-Seminar in St. Gallen, als Hospitant bei den Jesuiten im Haus der ‚Orientierung‘ in Zürich und anderwärts, fristete er sein Leben und arbeitete dabei mit der ihm eigenen Zähigkeit, die sich gerade auch in Zeiten des ausbleibenden Erfolgs bewährte, weiter an seiner These.
Schließlich entschied er sich, in Fribourg (Schweiz) Theologie zu studieren. Er wollte die Frage der priesterlichen Berufung klären und zugleich dem Leben Diltheys näherkommen, der ja auch Theologie studiert hatte, ehe er sich der Philosophie zuwandte. Johannes meldete sich zudem bei Bischof Mäder in St. Gallen als Priesteramtskandidaten an. Nach dem Diplom in Theologie und dem Pastoraljahr, welches er in der Pfarrei Heiligkreuz (bei Sargans) absolvierte, wurde er 1992 in der Kathedrale von St. Gallen zum Priester geweiht. In den drei Jahren bis 1995 lebte er als Hilfspriester in der Zisterzienserinnenabtei Magdenau, um sein Doktoratsprojekt zu Ende führen, was ihm aber erst gelang, nachdem er noch einige Jahre als Pfarradministrator in St. Peterzell gewirkt hatte. Im Februar 1998 schließlich bestand er mit Erfolg die Defensio an der Universität Leuven und wurde zum Dr. phil. ernannt.
Als ihm aufging, dass er als Pfarrer eine Synthese seiner Doppelbegabung priesterlichen Wirkens und akademischer Forschung nicht schaffen würde, zeigte sich ein Weg zu diesem Ziel in der Gemeinschaft der Pallottiner. So ging er 1998 ins Noviziat in Untermerzbach und lehrte ab dem Wintersemester 2000/2001 zuerst als Dozent, schließlich als Honorarprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Pallottiner in Vallendar in den Fächern „Philosophiegeschichte der Antike und der Neuzeit“ und „Hermeneutik und Erkenntnistheorie“.
Die Studierenden haben seine Vorlesungen und Seminare sehr geschätzt. Sie waren mit großem Ernst vorbereitet und wurden mit einer feinfühligen Pädagogik durchgeführt, die es seinen Hörern und Hörerinnen erleichterte, den komplexen Fragestellungen Platons und Augustins, Descartes‘ und Kants zu folgen. Die sich für ein Seminar bei ihm einschrieben, waren gut beraten und betreut bei ihren ersten Schritten auf dem Weg eigenständigen wissenschaftlichen Arbeitens. Ganz besonders profitiert von seiner Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft haben die ausländischen Studierenden, besonders die jungen Priester aus Indien und Afrika, die für ein Promotionsstudium nach Vallendar kamen. Unzählige Predigten dieser noch unerfahrenen Mitbrüder hat er sprachlich durchgearbeitet und verbessert und ihnen so geholfen, sich als Aushilfsprediger in den Pfarreien in Vallendar und Umgebung zu bewähren.
Bei seiner Emeritierung im Jahr 2013 sagte der damalige Dekan, im Blick auf Johannes Rütsches Lebenslauf spüre man die Wahrheit des berühmten Wortes von Hans Urs von Balthasar, dass sich auch im Fragment das Ganze spiegele. Vieles von dem, was unser Mitbruder unternahm, konnte er nicht zu einem runden Abschluss führen. Aber Gott hat doch seine verschiedenen Begabungen in einer Art von gelebter Ganzheit zueinander gefügt, worin sein Humanismus, seine Christusliebe, seine Anhänglichkeit an die Kirche und sein geschichtlicher und sprachlicher Feinsinn jedem, der ihm begegnete, das tiefe Gefühl vermittelte, es mit einem wahrhaft gebildeten Menschen zu tun zu haben. Pater Rütsche verfügte über eine hohe Begabung zu Freundschaft und Treue, die seine behinderte Schwester, seine Verwandten, Kollegen und Mitbrüder dankbar in Erinnerung behalten werden, und für die sie jene Vollendung erhoffen, wie nur unser Erlöser sie gewähren kann, den er auch in den Jahren seines zunehmend schwerer werdenden Parkinson-Leidens innig geliebt hat. R.I.P.