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Man muss sich vor Augen halten, dass bis zum Bau der Eisenbahnlinie Reichenau – Ilanz die Rheinschlucht praktisch unzugänglich war. Einzig schmale Pfade für Fischer und Jäger folgten dem Fluss. Bevor im Jahr 1900 also überhaupt Vermessungen vorgenommen und erste Pläne gezeichnet werden konnten, mussten die Ingenieure sich mühsam Zugang zu dieser wilden Schlucht verschaffen. Konkret bedeutete dies, dass Wege angelegt und hölzerne Hängebrücken gebaut werden mussten. Das eindrücklichste temporäre Bauwerk errichtete der berühmte Erbauer von Holzgerüsten, Richard Coray, in Form einer 60m langen Hängebrücke über den Rhein bei Isla Bella. Um das Material für den Gleisbau an Ort und Stelle zu bringen, musste eine Baubahn mit einer Spurweite von 75 cm gebaut werden. Allein diese Gleisbauarbeiten dauerten länger als ein Jahr. Die unmittelbare Nähe der Gleise zum Fluss stellte die Bahnbauer vor grosse Probleme. So standen im April 1901 nach der Schneeschmelze die Baustellen tagelang unter Wasser und der kleine Bauzug konnte nur an 13 Tagen verkehren. Im Juni schwemmte der Rhein das Gleis in der Nähe von Isla Bella auf mehreren Metern weg. Die Wiederherstellung der Installation dauerte Wochen. Das Trassee musste entlang des Wasserlaufs an unzähligen Stellen stabilisiert werden, um es vor den Fluten zu schützen.
Auch Brücken über den Rhein mussten gebaut werden. Da Steinbogenbrücken mit ihren Mittelpfeilern bei Hochwasser verheerende Folgen haben, vermied man diese und zog Eisenbrücken mit relativ grossen Spannweiten von fast 60 m vor. Am 1. Juni 1903 war es dann so weit: die Strecke zwischen Reichenau und Ilanz wurde feierlich eingeweiht.
Die Reisezeit zwischen Chur und Ilanz verkürzte sich durch die Eisenbahn gewaltig: während eine Kutsche im Sommer vier und im Winter sechs Stunden brauchte, dauerte die Fahrt mit der Eisenbahn Sommer und Winter gerade noch eine Stunde und vierzig Minuten.