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Mit dieser Frage beschäftigte sich der Zyschtig-Club, prominent besetzt mit zwei erfolgreichen Sportlern und einem Professor, der sich mit Heldenforschung befasst. Federer selbst dementierte.
Nach Roger Federers Sieg in Wimbledon ging ein unglaubliches Strahlengewitter über das Haupt des erfolgreichen Tennisspielers nieder, gleich einem unüberbietbaren Seenachtsfest. Federer wurde in den höchsten Tönen gelobt. Um jedes Missverständnis zu vermeiden, ich bin ein grosser Bewunderer Federers. Wenn ihm etwa ein Rückhandwinner aus fast aussichtsloser Lage gelingt, springe ich von meinem bequemen Sessel auf. Obwohl ich meistens allein dem Spiel zuschaue, klatsche ich. Eine versteckte Kamera könnte mich als einen Verrückten zeigen. Was Roger Federer gelingt, bringt mich zum Staunen. Trotzdem frage ich mich, ob er zu den Helden gezählt werden soll. Der Zyschtig-Club neigte dazu. Der Professor fand sogar, man könne Federer einen Helden nennen, weil er von der Zuschauermenge als solchen gesehen werde.
Die alten Griechen glaubten an einen Götterhimmel, in dem Zeus und Hera, Hephaistos und Aphrodite regierten. Kein Grieche aber bezeichnete sie als Helden. Hingegen verehrten sie den unehelichen Zeus-Sohn Herkules als solchen. Die eifersüchtige Hera war Zeus auf die Schliche gekommen. Da sie sich an ihrem Götter-Gatten nicht rächen konnte, verfolgte sie seinen Sohn. Sie verurteilte ihn, zwölf äusserst gefährliche Abenteuer zu bestehen. Er erwürgte den Nemeischen Löwen und bestand die weiteren Gefahren mit Bravour.
Die Schweizer Geschichte fusst ebenfalls auf Heldengeschichten. Sie zählt Tell und Winkelried dazu. Schiller, der das Helden-Epos schuf, geriet aber in ein Dilemma. Durfte er den Tyrannenmörder, der Gessler in der Hohlen Gasse mit seinem Pfeil niederstreckte, einen Helden nennen? Schiller fand den Ausweg mit einer eingestreuten Geschichte, in der er einen Meuchelmörder mit Tell verglich. Der erste handelte aus Machttrieb und Neid, Tell aber schützte seine Familie und das Volk vor der Rache des Vogtes. Ohne jeden Zweifel aber dürfen die Nidwaldner ihren Winkelried als Helden verehren. Die Eidgenossen standen in Sempach vor langen Spiessen des gegnerischen Ritterheers. Sie waren selber mit kurzen Hellebarden und Morgensternen bewaffnet. Die Wand der Spiesse schien unüberwindbar. Da rief Winkelried: „Ich will euch eine Gasse bauen!“ Er nahm einen gewaltigen Sprung, drückte die Spiesse nieder und schrie: „Sorgt für mein Weib und meine Kinder.“ Er opferte in höchster Gefahr sein Leben. Diese Tat war ohne Zweifel heldenhaft.
Mir schien die Frage am Fernsehen falsch gestellt. Federer ist ein grosser und sehr erfolgreicher Spieler. Ihm brandet von überall viel Sympathie entgegen, und zwar in allen Teilen der Welt, wo Tennis verfolgt wird. Was noch mehr verwundert, auch diejenigen, die seine Auftritte auf den Courts nicht verfolgen, finden ihn grossartig. Woher mag das kommen? Es liegt wohl an der Ausstrahlung Federers, der selbst nach den grössten Triumphen bescheiden und geduldig bleibt. Nach Wimbledon begleitete ihn seine Familie, mit den beiden Zwillingspaaren, die die Zuschauer entzückten. Darüber ist sehr viel geschrieben worden. Sie erschienen als der schönste Ausdruck dessen, was Roger Federer neben dem Spielplatz auch noch ist.
In der Sendung des Clubs, die, wie gesagt, geneigt war, Federer den Heldenstatus zu verleihen, wurde eine Szene eingespielt, die die Frage der Sendung ad absurdum führte. Der Champion bekannte nämlich, dass er im Grunde nur ein Tennisspieler sei. Die Selbsteinschätzung war wie Balsam auf das Gerede über das Heldentum grosser Tennisspieler. Gewiss ist Federer ein Überragender, einer, dem man zuschauend ansieht, dass er ein Spieler ist. Seine stupende Leichtigkeit kommt einem vermeintlichen „Halbgott“ gleich. Aber wie bei den Griechen hatten Halbgötter zwar überragende Talente, aber sie waren keine Helden. Es sei denn, sie überwanden die Hydra von Lerna und misteten den Augiasstall aus – wie eben Herkules.
Während der Sendung dachte ich an den Philosophen Peter Sloterdijk, von dem ich gerade ein Buch las. Seit fünfzig Jahren schreibt er originelle, gescheite Werke, die mich immer wieder überraschen. Er begeistert eine grosse Leserschaft. Niemand käme auf die Idee, einen Philosophen, der philosophiert, einen Helden zu nennen. Er ist ein erfolgreicher Philosoph, wie ein Radfahrer, der die Tour de France gewinnt, ein Champion ist. Wie eine Eiskunstläuferin, die viele Titel gewonnen hat, eben eine Eiskunstläuferin bleibt. Geniesst ein Sportler oder ein Schauspieler hohen Publikums-Zuspruch, ist er ein Star. Journalisten sprechen Sportlern den Heldenstatus meist aus sprachlicher Verlegenheit zu. Es fehlt an treffenden Begriffen, ihre Leistung auf einen Nenner zu bringen. Da werden sie eben Helden oder Legenden, und beides scheint mir daneben zu greifen. Wenn Federer nicht so viel Noblesse hätte, würde er einem Journalisten auf die Frage, ob er sich als Held empfinde, antworten, er solle nicht solche dummen Fragen stellen.