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Freier Zugang
Alles unter Kontrolle
Die Burgruine Kalø muss ein begehrtes Ziel von Hobby-Fotografinnen und -fotografen sein. Ihre Lage ist ausgesprochen pittoresk, sie erstreckt sich über die 0,1 km² grosse, gleichnamige «Kalbsinsel», einen flachen Grashügel mit ein paar Bäumen und etwas Gebüsch in der gleichnamigen Bucht an Jütlands Ostküste. Die Stadt Aarhus liegt nur 20 km weiter südöstlich. Ein eleganter, rund 500 m langer gepflästerter Damm verbindet die Insel mit dem Festland, und sehr fotogen ragt der mächtige Turmstumpf am Südwestspitz des Eilands in den Himmel Nordeuropas.
Erbaut wurde die Anlage vom dänischen König Erik Menved (Erik VI.), der nach der Ermordung seines Vaters als Zwölfjähriger den Thron besteigen musste. Seine Regentschaft fiel in die zentrale Zeitperiode einer Epoche des Niedergangs; als er 1319 starb, hatte er alle seine 14 Kinder überlebt, und Dänemark war bankrott. Die Burg Kalø diente als einer von vier Stützpunkten in Jütland, von denen aus das Herrscherhaus den Adel sowie das Volk, die beide zu rebellieren pflegten, in Schach hielt.
Die Umstände der Entstehung sind also der Unsicherheit und dem politischen Aufruhr geschuldet. Kalø leistete einen Beitrag, um alles unter Kontrolle zu halten. Die Bauarbeiten wurden von Bauern verrichtet, die in den Frondienst gezwungen wurden. Sie schütteten den Damm auf, legten Gräben an, errichteten Erdwälle und brannten Backsteine. Mit diesen zogen sie die unglaublich massiven Mauern hoch, die die Ressourcen und die Entschlossenheit der Bauherrschaft illustrieren. Zur Festung gehörte eine eigene Anlegestelle.
Schneller Zerfall
Kaløs Ruinen-«Karriere» begann schon wenige Jahrzehnte nach der Erbauung im 14. Jahrhundert; der Adel des Reiches verpflichtete den Nachfolgekönig 1320, einen Teil der Burg abzureissen. Sie verlor ihre ursprüngliche Zweckbestimmung und diente in der Folge als Verwaltungssitz und Gefängnis. Bekanntester Insasse war der schwedische König Gustav Vasa. Im 17. Jahrhundert nahmen die adligen Eigentümer weitere Abrissarbeiten vor, wobei wertvolle Teile nach Kopenhagen geschafft und in ein Stadtpalais integriert wurden. Schon im frühen 19. Jahrhundert deklarierte man die mittlerweile verwaiste Anlage zum nationalen Monument und ordnete Restaurierungsarbeiten an. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die deutsche Kriegsmarine die Insel als Ziel für Schiessübungen, ohne grösseren Schaden anzurichten.
Die Insel ist ein beliebtes Ausflugsziel. Sie gehört dem Staat Dänemark, der die baulichen Überreste unter Schutz gestellt hat. Seit 2009 ist sie Teil des Mols Bjerge National Park.
Der neue Besucherzugang kann als letzter Schritt in der Übernahme der königlichen Trutzanlage durch freie Bürgerinnen und Bürger betrachtet werden.
Hinein und hindurch
Das Umweltministerium Dänemarks schrieb für diesen 2013 einen Wettbewerb aus, der von MAP Architects in Kopenhagen gewonnen wurde. Das Projekt wurde von 2015 bis 2016 realisiert und ist frei zugänglich. Der Entwurf kombiniert das Schöne mit dem Nützlichen und Lehrreichen; der zuvor unzugängliche Turm kann jetzt betreten und in der Vertikalen durchquert werden. Wer das Wagnis auf sich nimmt, kann die Struktur der Ruinen studieren und gleichzeitig den Blick auf die Landschaft geniessen. Der Massivität des archäologischen Bestandes stellten die Architekten eine minimalistische, schlanke Stahlstruktur gegenüber. Der Zutritt erfolgt über die Nordostfassade, durch den Zwischenraum, der den Turm von den Mauerresten eines lang gezogenen Gebäudes trennt.
Zweierlei erstaunt: Die Treppe beginnt fast fünf Meter über dem inneren Turmfundament in luftiger Höhe. Und die «innere» Fassade zeigt weitaus weniger Witterungsspuren, als es die äussere Erscheinung des Turms vermuten lässt. Glatte Wände, saubere Fugen und intakte Öffnungen aus vergangenen Jahrhunderten begleiten den Aufstieg.
Drei Läufe, drei Balkone
Drei gerade Treppenläufe sind in den Grundriss eingepasst. In Etappen bilden sie eine Art Spirale. Jedes Zwischenpodest ist ein Dreh- und Aussichtspunkt. Die Struktur stützt sich am Anfangs- am Schluss- und an den Wendepunkten auf der Ruine ab, ansonsten berührt sie sie nicht. Die vorfabrizierte Stuktur musste zu diesem Zweck auf exakten Massen beruhen. Die Architekten tasteten den Turm mit einem 3D-Scanner minutiös ab und erfassten dabei nach eigener Aussage jeden einzelnen Backstein. Der Ausgangspunkt befindet sich direkt beim Turmzugang und führt zur breiten, tiefen Einkerbung in der Südwestfassade der Ruine. Das Zwischenpodest ist als schmaler Balkon ausgeführt; seine äussere Brüstung besteht nicht wie bei den Treppengeländern aus einer geschlossenen Eschenholzschalung, sondern aus Glas. Von aussen gesehen wirkt er wie ein Erker. Der anschliessende Treppenlauf führt am breiten Einschnitt der Südostfassade vorbei in die Ostecke des Turms, wo von den Aufsteigenden über ein Zwischenpodest in zwei Knicken eine weitere Linksdrehung vollführt werden muss.
Mit dem letzten Lauf erreicht man bei einer relativ sanften, witterungsbedingten Aussparung der Nordwestfassade die Mauerkrone der Ruine. Die eingefügte Erschliessungsanlage verzweigt sich in zwei Balkonen, die einen Ausblick nach Nordwesten und Südwesten bieten. Die Bewegung nach oben erfolgt unter freiem Himmel, auf einen Witterungsschutz wurde verzichtet. Entsprechend robust ist die Konstruktion. Die Erstellung dieser modernen Ergänzung der Ruine erfolgte in der Werkstatt und gelangte in sieben separaten Teilen auf die Baustelle, wo sie zusammengesetzt wurde. Alleine dieser effiziente, kräfteschonende Realisierungsprozess deutet an, wie sehr sich die Zeiten seit den Tagen, als der Ursprungsbau errichtet wurde, geändert haben. An die Stelle von Fron-Sklaven sind eine Handvoll Fachkräfte getreten, der Gewalt der massiven Backsteinbauten wurde ein filigranes, doch zähes Konstrukt gegenübergestellt.
Bautafel
Bauherrschaft
Naturstyrelsen / dänisches Umweltministerium
Architektur:
MAP Architects,
Kopenhagen