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Ruth Wysseier schreibt dem Chef des AKWs Mühleberg
Lieber Herr Rohrbach, wo waren Sie am letzten Sonntag? Haben Sie gesehen, dass 8000 Menschen nach Mühleberg geströmt sind, um zu fordern, dass Sie Ihr AKW abstellen? Haben Sie die Transparente gelesen, die Reden gehört? Oder liessen Sie sich wenigstens Abschriften ins Büro bringen, die Sie am Montagmorgen gleich als Erstes studiert haben? Vielleicht hatten Sie ja Angst, so vielen Leuten persönlich zu begegnen, die sich von Ihrem alten Reaktor bedroht fühlen. Wovor haben Sie Angst, Herr Rohrbach? Was lässt Sie nicht schlafen in der Nacht? Auf wen hören Sie?
Ich möchte Sie gern besser kennenlernen, Herr Rohrbach. Wir haben ja viel gemeinsam, sind im selben Jahr in Biel geboren, haben uns vielleicht auf dem Pausenhof gesehen, und heute sind Sie Herr über das AKW Mühleberg und schicken mir den Strom ins Haus. «Unsere Netzwerke transportieren nicht nur Strom, sondern auch Vertrauen, Ideen und Begeisterung», behauptet Ihr Unternehmen, die BKW, auf seiner Website. Vertrauen? In ein AKW mit einer unsicheren Kühlwasserzufuhr? In ein AKW mit mangelhafter Erdbebensicherheit? In ein AKW, dessen Kernmantel Risse aufweist? In ein AKW, das zu den zwanzig ältesten der Welt gehört und aus Sicherheitsgründen im Juni 2013 abgeschaltet werden muss, wie das Bundesverwaltungsgericht letzte Woche entschied?
Dank Ihnen, Herr Rohrbach, brachte mir die Post neulich auch eine Broschüre, die erklärt, wie ich mich bei radioaktiver Gefahr verhalten soll, da ich weniger als zwanzig Kilometer von Mühleberg entfernt lebe. Ich würde Ihnen dazu gerne ein paar zusätzliche Fragen stellen, etwa, ob Sie die Jodtabletten auch in Ihrem Hausapothekenschränkli aufbewahren. Aber jetzt sehe ich gerade, dass Sie wohl gar keine erhalten haben, weil Sie in Büren an der Aare leben, das knapp ausserhalb der Zwanzig-Kilometer-Zone liegt. Es ist doch hoffentlich purer Zufall, dass gerade Sie einen gewissen Sicherheitsabstand zu Ihrem AKW wahren. Oder vertrauen Sie darauf, dass im Ernstfall die radioaktive Wolke nach zwanzig Kilometern stoppen wird?
Sie haben ein Herz für Tiere, Herr Rohrbach, züchten Windhunde und leben naturverbunden mit Ihren Hunden, Katzen, Eseln, Enten, Gänsen und Hühnern in einem kleinen, alten Bauernhaus mit einer Hektare Umschwung. Haben Sie sich überlegt, dass bei einem starken Westwind die Wolke auch über Ihren Garten getrieben wird? Sie wissen doch, dass Sie die Tiere dann nicht in den Schutzraum mitnehmen können? Was würden Sie tun, wenn Büren an der Aare evakuiert werden müsste? Würden Sie Ihre Tiere zurücklassen und einsperren? Glauben Sie, Sie könnten dann am nächsten Tag wieder heim und nach dem Rechten schauen? Oder hoffen Sie, der Wildhüter käme noch rasch vorbei, um die Tiere zu erschiessen?
Sie spielen auf Zeit, Herr Rohrbach, weil Mühleberg pro Jahr gut hundert Millionen Franken erwirtschaftet. Sie behaupten, Sie könnten einen Weiterbetrieb verantworten. Sie waren Ihr Berufsleben lang ein Atomgläubiger, und Sie sind es immer noch. Sie haben sich ja geoutet, vor ein paar Tagen in der «Berner Zeitung»: Sie hätten sehr viel Herzblut in die Planung eines neuen AKWs gesteckt, sagten Sie, als Ersatz für Ihren Mühleberg-Reaktor.
Sie werden es nicht mehr schaffen, umzudenken, Sie sind der falsche Mann für einen Aufbruch in eine neue Energiezukunft. Sie trötzeln, Sie pokern, Sie drohen mit Versorgungslücke und hohen Strompreisen. Ich traue Ihnen nicht zu, dass Sie Ihr Bestes geben für einen Ausstieg.
Lieber Herr Rohrbach, geben Sie der Energiewende eine Chance – treten Sie zurück!
Ruth Wysseier ist Winzerin und WOZ-Redaktorin.