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Still, Kleiner! Komm, greif zu, haucht die Kurtisane zu dem Pfäfflein, das sie mit lebensgierigen Augen anblickt.» So beschreibt Balzac 1832 in seiner Erzählung «Die schöne Imperia», was der junge Priester Philippus von Mala als Konzilsbegleiter des Bischofs von Bordeaux erlebt haben könnte «im schönsten Haus der Stadt, davor er schon so manche Offiziere oder Pagen ihrer Herren beim Fackelschein harren gesehen hatte». Imperia ist die Geliebte von Bischöfen, Kardinälen, Fürsten und Marktgrafen.
Seit über zwanzig Jahren steht eine barbusige neun Meter hohe Beton-Kurtisane am Hafen von Konstanz und erinnert an die 1500 Dirnen, die während des Konzils von 1414 bis 1418 in der Stadt weilten. Auf ihren Händen trägt sie Papst und Kaiser, beide nackt. Das Werk des deutschen Künstlers Peter Lenk löste 1993 einen Skandal aus. Doch die Bevölkerung wollte die Skulptur haben.
Schmuckes Dirnenhaus
In Konstanz gab es zur Zeit des Konzils ein schmuckes Dirnenhaus. «Die Frauen waren bestens aufgehoben, hatten gutes Essen, ein Bad und trugen schöne Kleider», erzählt die Historikerin Gudrun Schnekenburger auf einem Stadtrundgang. Oft seien die Frauen von ihren Männern verkauft worden, oder Familien hätten ihre Töchter aus einer Notlage heraus ins Dirnenhaus geschickt. Und wie war das mit Verhütung? «Es gab pflanzliche Mittel, die Blutungen bewirkten, und sonst kamen die Neugeborenen ins Waisenhaus.» In dieser Zeit war vieles erlaubt. Nicht aber die Homosexualität. Dafür musste man dreissig Jahre Busse tun, während auf das Vergehen des Onanierens sieben Jahre standen. Erst ab 1460 fand ein Gesinnungswandel statt, und die Gesellschaft wurde hochmoralisch. «In Pest und Hungersnot sah man die Strafe für den sittenlosen Lebenswandel», bemerkt die Stadtführerin.
Man stelle sich vor, eine Stadt mit 6000 Einwohnern, die über Nacht auf 20 000 anwuchs. Zwischen 50 000 und 70 000 Teilnehmer verfolgten das Konzil. Und das im Mittelalter ohne Hygiene, ohne Trinkwasserversorgung und mit konstantem Platzmangel: Mehrere Bischöfe mussten zusammen in einer Kammer schlafen. Vieles ging drunter und drüber.
Reformatoren als Ketzer
Da rückte ein Kritiker aus Prag an: Jan Hus. Dem böhmischen Priester und Rektor der Universität in Prag war das sittenlose Verhalten der Kleriker ein Dorn im Auge. Ein Schutzbrief des deutschen Königs Sigismund, Schirmherr des Konzils, versprach ihm freies Geleit, und so reiste Hus 1414 zum Konzil nach Konstanz, um sein theologisches Werk zu verteidigen. Doch der König hielt sein Wort nicht, und Hus wurde gefangen genommen. Im Ketzerprozess forderte man von ihm, seine Lehre zu widerrufen. Doch Hus lehnte ab und wurde zum Tode verurteilt: Mit 46 Jahren starb er 1415 vor den Toren der Stadt in den Flammen.
Ein Jahr später wurde ebenfalls Hieronymus von Prag, böhmischer Gelehrter und Mitstreiter von Jan Hus, der Ketzerei angeklagt. Auch er geisselte Hochmut, Luxus und Pomp der kirchlichen Würdenträger. Auch er starb–erst 37-jährig – qualvoll in den Flammen. Seine Asche wurde wie jene von Hus in den Rhein geworfen. Das Urteil löste in Böhmen Volksaufstände aus, die schliesslich in den Hussitenkriegen endeten (1419–1436).
Philosophische Vordenker
Die beiden Gelehrten waren die philosophischen Vordenker der Reformation, die nur ein Jahrhundert später die Welt verändern sollte. Sie kritisierten das Ablasswesen und stellten die Abendmahlslehre infrage. Verändern sich durch die Wandlungsworte des Priesters Brot und Wein substanziell? Ist es im Sinne der Bibel, dass nur Priester Sakramente spenden und predigen dürfen? Stellen wir nicht heute noch die gleichen Fragen?
Chronist Richental
Doch woher wissen wir das alles? Aus der Chronik des Ulrich von Richental (1360–1437). Der Sohn des wohlhabenden Stadtschreibers schrieb bedeutende Ereignisse und Alltagsgeschichten auf und verfasste um 1420 eine umfangreiche illustrierte Chronik. Zeitzeugen waren rund 30 Kardinäle, 350 Patriarchen und Bischöfe, 2000 weltliche Doktoren und über 500 Vertreter der Mönchsorden, Fürsten und Adlige. Mit Bestechungsgeldern verschaffte er sich die Informationen aber auch bei den Huren und bei indiskreten Dienstboten. Die Chronik ist als «erstes Comic der Welt» im Konstanzer Rosgartenmuseum zu sehen.
Aus der Richentalchronik: die Verurteilung und Hinrichtung des Predigers Jan Hus im Jahre 1415. Bild zvg
Tipps und Infos
Konstanz und das Konziljubiläum
Speichersaal des Konzilsgebäudes:zahlreiche Vorträge und Seminarien zum Jubiläum des Konzils.
Münster:Konzilsgeschichte: Nur Gregor XII. aus Rom trat freiwillig zurück. Papst Johannes XXIII. aus Pisa floh und wurde vom deutsch-römischen König Sigismund gefangen genommen. Benedikt XII. aus Avignon floh nach Spanien. Mit der Wahl von Martin V. zum neuen Papst wurde 1417 das 40-jährige Schisma beendet.
Hus-Haus:Dauerausstellung über den Reformator Jan Hus. Sonderausstellung bis zum 30.Oktober.
Festspielauf dem Münsterplatz: «Der Name der Rose», 24.Juni bis 24.Juli (siehe Text unten).
Historisches Segelboot:z.B. eine einstündige Rundfahrt mit dem historischen Lasten-Segler «Lädine».
Stadttheater:Das über 400 Jahre alte Theater ist das älteste Europas. Es bietet 400 Plätze zu erschwinglichen Preisen (10–30 Euro).
Umgebung:Die Insel Reichenau, Unesco-Welterbe, ist bekannt für ihre herrlichen Gärten und uralten Gotteshäuser.
Angebot «Imperia Spezial»:Zwei Übernachtungen ab 160 Euro, inklusive Frühstück, Stadtführung und Zvieri im Rosgartenmuseum. Unterkunft: Inselhotel Steigenberger, ein ehemaliges Dominikanerkloster mit sehenswertem Kreuzgang (zehn Minuten zu Fuss ab Bahnhof).il
Konzilfestspiele: Das Theater Konstanz spielt diesen Sommer «Der Name der Rose»
W ährend des 600-Jahr-Jubiläums des Konstanzer Konzils finden zwischen 2014 und 2018 verschiedene Festspiele statt. Im Rahmen dieser Konzilfestspiele zeigt das Theater Konstanz nun diesen Sommer Umberto Ecos «Der Name der Rose» als Freilichtstück. Am kommenden Freitag, 24. Juni, ist Premiere auf dem Münsterplatz. Im Stück geht es um eine grausige Todesserie in einer oberitalienischen Benediktinerabtei: Ein Mönch ist in einem Bottich voller Schweineblut ertrunken, ein anderer aus dem Fenster gesprungen, ein dritter wird tot im Badehaus gefunden. Der Franziskanermönch William von Baskerville beginnt, Nachforschungen anzustellen …
Im Anschluss an «Der Name der Rose» gibt es ab dem 30. Juli ein Wiedersehen mit «Konstanz am Meer – Ein Himmelstheater», einem Auftragswerk zum Jubiläum. cs
«Der Name der Rose» feiert am Fr., 24. Juni, um 19 Uhr Premiere. Zahlreiche weitere Aufführungen gibt es bis zum 24. Juli. Alle Infos und Termine unter www.theaterkonstanz.de und www.konstanzer-konzil.de