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Wie kann es sein, dass einer, der vier Millionen Dollar verdient die meiste Zeit nur auf der Tribüne sitzt? Mark Streits Beispiel zeigt, wie die NHL funktioniert.
Auf den ersten Blick ist das Geld der grösste Unterschied zwischen der NLA und der NHL. Die NHL setzt in der Saison inzwischen mehr als drei Milliarden Dollar um. Die NLA etwa 150 Millionen. Doch letztlich sind es nur Zahlen, die noch nichts über das System aussagen.
Die NLA ist eine Familie. Die Spieler haben direkten Zugang zum Präsidenten. Sportchef Edgar Salis wollte Mathias Seger in Zürich den Vertrag nicht verlängern. Er musste es auf Geheiss seines Präsidenten Walter Frey doch tun. Genau das ist in der NHL völlig undenkbar.
Die NHL hat, im Gegensatz zu vielen europäischen Klubs, klare Strukturen. Der Spieler spielt, der Coacht coacht, der Manager managt und der Besitzer besitzt. Eine Vermischung dieser Funktionen gibt es praktisch nicht.
Der Trainer kann bis zum Tag seiner Entlassung schalten und walten wie er will. Nur eine Handvoll Spieler wie Sidney Crosby gelten für die Trainer als «unantastbar», fügen sich aber widerspruchslos den Anweisungen des Cheftrainers. Aufbegehren gegen den Trainer oder gar Jammern über eine Verbannung auf die Ersatzbank oder die Tribune gibt es nicht.
Trainer ist sowieso das falsche Wort. Trainer haben in der NHL eine ganz andere Bedeutung als im europäischen Hockey. Das fängt schon bei der Wortbedeutung an. Unter einem Trainer verstehen die Nordamerikaner einen Physiotherapeuten. Wer also mit Kanadiern oder Amerikanern über den Trainer im europäischen Sinne spricht, sollte das Wort Coach verwenden. In der NLA ist der Coach bei kleineren Teams oft auch ein Mädchen für alles. Er ist nicht nur für die Taktik im Spiel verantwortlich – vielfach wird von ihm auch verlangt, dass er Spieler aus- oder weiterbildet («Junge einbauen»).
In der NHL ist der Coach weniger vielseitig, dafür mächtiger. Er ist ein General. Er braucht diese Macht, wenn er sich gegen seine wichtigen Spieler, die alle Millionäre sind, durchsetzen will. Die NHL-Generäle sind zwar heute Millionäre. Aber Mike Sullivan verdient in Pittsburgh nicht halb so viel wie Sidney Crosby (10.90 Millionen) und Peter Laviolette in Nashville ungefähr halb so viel wie Roman Josi (4.25 Millionen).
So wenig sich ein General noch um die Ausbildung der Soldaten kümmert, so wenig beschäftig sich ein NHL-Coach mit der Ausbildung seiner Spieler. Seine Aufgabe ist es vielmehr, aus dem zur Verfügung stehenden Personal ein Maximum herauszuholen, notfalls herauszupressen. Und den Energieverbrauch so zu steuern, dass im Juni die Kraft im Finale noch reicht. Die NHL-Coaches geben Anweisungen und die Spieler haben diese Befehle umzusetzen. Sind sie nicht dazu in der Lage, wartet die Tribüne oder das Farmteam.
Zwar überwachen die Coaches meistens das Training. Doch die Assistenten sind für die Trainings-Gestaltung zuständig. Jeder NHL-Coach hat zwei, manchmal auch mehr Assistenten, von denen jeder für einen bestimmten Bereich (Powerplay, Boxplay) zuständig ist.
Die Zeiten haben sich zwar geändert. Doch nach wie vor stehen wir im Zeitalter der NHL-Generäle. NHL-Coaches sind in ihrer Denkweise den Spielern oft näher als in Europa. Coaches mit einer umfassenden Bildung wie in Europa sind eher die Ausnahme, nicht die Regel. Ein Turnlehrer in der Schweiz (ETH oder ETS) hat oft ein besseres Allgemeinwissen in Sportwissenschaften als die meisten NHL-Generäle.
Aber in einem sind die NHL-Coaches den meisten europäischen Kollegen überlegen: Sie kennen ihre Spieler perfekt und kümmern sich vor allem um die Einzelbeurteilung. Sie wissen eishockeytechnisch über die eigenen und die gegnerischen Spieler alles. Denn es ist entscheidend zu wissen, wen man in kritischen Situationen gegen wen aufs Eis schicken darf. Also nicht das gesamte Spielkonzept an sich, sondern die Qualitäten und Eigenheiten des Einzelspielers stehen im Vordergrund. NHL-Spielanalysen sind auf Einzelzeiten bezogen. Auch die Medien kritisieren, im Gegensatz etwa zur Schweiz, nicht ein Spielsystem. Sie konzentrieren sich auf die Spieler.
Die Entlassung von Coaches ist auch in der NHL normal. Doch eine Entlassung ist nicht so gravierend. Die NHL ist eine in sich geschlossene Gesellschaft mit einer nach europäischem Verständnis beinahe mafiösen Verfilzung.
Wer sich in dieser Welt nur einigermassen loyal zu seinem jeweiligen Arbeitgeber verhält, findet immer wieder einen Job. Und sollte es an der Bande keinen Platz haben, gibt es noch jede Menge anderer interessanter Arbeitsmöglichkeiten: als Assistent des General Managers, als Sportchef («Director of player development»), als Scout, als Berater des Klubbesitzers – oder es gibt einen Job in Europa.
Wie es sich für diese geschlossene Gesellschaft gehört, gibt es kaum Quereinsteiger. Die Coaches sind in der Regel ehemalige Spieler, die sich in der Hierarchie hochgedient haben. Sie beginnen ihre Karriere bei einem Farmteam, werden Assistent in der NHL und schaffen rechtzeitig den Sprung nach oben. Auch Pittsburghs Mike Sullivan und Nashvilles Peter Laviolette sind ehemalige Spieler. Wie die Beispiele von Bob Hartley, Marc Crawford oder Guy Boucher zeigen, schadet auch ein Weiterbildungsjahr in Europa nicht.
Besitzer, Manager und Spieler in der NHL sind in ihrer Mehrheit noch immer konservativ, manchmal gar reaktionär. Gleiches trifft auf die Coaches zu. Experimente machen sie keine. Die NHL bereichert das Welteishockey nicht mit taktischen Neuerungen und Revolutionen.
Es gibt keinen Spieleraum für Experimente. Die Klubs sind Wirtschaftsunternehmen und dazu verurteilt, Erfolge zu produzieren. Es gibt zwar – im Gegensatz zu Europa – keine Absteiger. Aber der wirtschaftliche Druck ist so gross wie der Abstiegsruck. Weniger Erfolg, weniger Kohle.
Die Konzentration auf die einfachen Grundlagen des Spiels garantiert am ehesten den Erfolg. Die Liga ist so ausgeglichen, dass sich spielerische Schmetterlinge die Flügel verbrennen. Eine gute Organisation, solides Handwerk sind zum Überleben unbedingt notwendig. Eine Mannschaft spielt nur dann im europäischen Sinne modern, offensiv, wenn sie vom Talent her dem Gegner überlegen ist – wie einst die Edmonton Oilers in den 1980er Jahren. Doch diese Überlegenheit ist heute, im Zeitalter der Salärbegrenzung praktisch nicht mehr möglich.
Diesen Hintergrund zu kennen ist wichtig, um die Qualität von NHL-Spielen und die Rolle von Mark Streit verstehen zu können. Spielerisches Spektakel wie in der NHL ist trotz der strengen Regelauslegung «Null Tolreanz» die Ausnahme, nicht die Regel.
In Nordamerika sind die Eisfelder deutlich kleiner. Dieser Unterschied hat nach wie vor eine viel grössere Bedeutung für die Entwicklung von Spielsystemen, als allgemein angenommen wird. Auf den kleineren Spielfeldern ist die Intensität grösser. Nicht nur, weil es ja schon rein rechnerisch auf einer kleineren Fläche zu mehr Checks kommen muss. Sondern auch, weil es den Verteidigern besser gelingt, an der offensiven blauen Linie die Scheibe zu halten.
So kann der Druck aufs gegnerische Tor länger aufrechterhalten werden. Die Scheibe kann nicht, wie in der NLA «monopolisiert» werden. Das Angriffsspiel basiert viel stärker als in Europa auf schnellem Abschluss. Und die Abschlusspositionen entwickeln sich aus dem Spiel heraus. Einstudierte Spielzüge gibt es fast nur im Powerplay. Die Angriffsauslösung ist meist rustikal. Weil kein Raum für viele Varianten bleibt.
Und damit kommen wir zu Mark Streits Rolle. Er ist ein Powerplay-Spezialist und Offensiv-Verteidiger, dessen Punkteproduktion sich im Herbst seiner Karriere im Vergleich zu seinen besten Jahren halbiert hat. Er ist in seiner Rolle als Offensiv-Verteidiger nicht mehr gut genug für einen Stammplatz. Ein Abräumer, ein Defensiv-Verteidiger war er nie. Für das solide defensive Handwerk taugt er nicht – aber genau das ist erst recht den Playoffs entscheidend. Er hat auch als Defensiv-Verteidiger keinen Stammplatz. Deshalb sitzt Mark Streit meistens auf der Tribüne.
Dass er vier Millionen verdient, spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur, ob er nach Ansicht des Coaches eine Rolle im Team übernehmen kann. Da Mark Streit erst kurz vor Transferschluss von Philadelphia via Tampa nach Pittsburgh gekommen ist, belastet er die Lohnbuchhaltung in Pittsburgh für den Rest der Saison nur noch mit 200'000 Franken. Er spielt in Pittsburgh eine ähnliche Rolle wie ein Spieler, der von einem NLA-Klub kurz vor den Playoffs noch mit einer B-Lizenz verpflichtet wird. Ein Multimillionär mit «B-Lizenz».