Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/1229

Unvergessen
In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
13. Dezember 1997: Stefan Angehrn bezwingt im inoffiziellen WM-Ausscheidungskampf im Cruisergewicht Torsten May durch technischen K.-o. und wird zum erfolgreichsten Schweizer Boxer der Nachkriegszeit. Es ist der einsame Höhepunkt seiner Karriere.
Stefan Angehrns grosser Boxtraum beginnt 1994. Dem Profiboxer aus dem Thurgau gelingt es, den grossen Virgil Hill für einen WM-Kampf ins Zürcher Hallenstadion zu locken. Die Verträge sind unterschrieben, das Geld für das Trainingslager in Barcelona hat Angehrn bereits ausgegeben, als die Veranstalter das Handtuch werfen. Sie finden keine Sponsoren und gehen in Konkurs.
Ein Jahr später kommt der finanziell in Rücklage geratene Angehrn eher unverhofft doch noch zu seinem WM-Kampf. Gegen Ralf Rocchigiani muss er allerdings gratis antreten. Im Kampf in Hannover ist er schliesslich chancenlos. Auch der Rückkampf im Hallenstadion, den er nur bekommt, weil Rocchigianis Gefolgsleute einen sicheren Sieg sehen, ist ein Fiasko.
Angehrns Karriere scheint am Ende, als sich doch noch ein Türchen auftut. Als klarer Aussenseiter und Aufbaugegner steigt er in Düsseldorf gegen den designierten Henry-Maske-Nachfolger Torsten May in den Ring. Es ist Angehrns letzte Chance, doch der Kampf beginnt schlecht.
Bereits in der zweiten Runde kassiert Angehrn in der Düsseldorfer Philipshalle einen Cut unterhalb des rechten Auges. Das Auge schwillt immer mehr zu und der Ringrichter ist drauf und dran, den Kampf abzubrechen.
Der Deutsche spielt seine Stärken in der ersten Runde voll aus, boxt Angehrn nach allen Regeln der Boxkunst aus. Seine Rechte trifft immer wieder Angehrns Kopf; er spielt seine grössere Reichweite geschickt und gekonnt aus. Er ist punkto Technik und Übersicht besser als sein Gegner, und es scheint nur eine Frage der Zeit, wann der einseitige Kampf zu Ende gehen würde.
May ist 1992 Olympiasieger geworden und hat gegen Ralf Rocchigiani klar gewonnen, gegen den Boxer also, der Angehrn 1996 und 1997 in zwei WBO-Titelkämpfen zweimal klar geschlagen hat. May ist motorisch viel besser als der technisch limitierte Angehrn, der erst spät mit dem Boxsport begonnen hat.
Vor der mageren Kulisse – nur 2000 Zuschauer kommen in die Halle – scheint alles den erwarteten Lauf zu nehmen. Doch in der vierten Runde passiert es. May, der immer weniger nach seinen Schlägen vom Gegner wegkommt, steckt eine schwere Linke auf die Stirn ein. Sein Kopf schnellt zurück, die Furcht schiesst ihm in die Augen.
Der Deutsche hat 15 Monate zuvor in Washington den IBF-Titelkampf gegen Adolpho Washington schwer gezeichnet verloren. Psychisch konnte er die Niederlage, bei der er regelrecht verprügelt worden war, nie wegstecken.
Das nützt Angehrn jetzt aus. Der Kopftreffer gibt ihm neues Selbstvertrauen und er hält, was er seiner damaligen Frau Renata vor dem Kampf versprochen hat. Er lässt sich nicht mehr verprügeln. Angehrn wächst förmlich über sich hinaus und kippt den bereits verloren geglaubten Fight noch zu seinen Gunsten.
Der 1,88 Meter grosse Thurgauer zwingt den 1,96-Meter-Hünen in den Infight. Und dort zermürbt der nimmermüde Angehrn seinen Gegner regelrecht. Runde sechs, sieben und acht gehen an den Schweizer, und als Angehrn auch in der neunten Runde der Stärkere bleibt, gibt May desillusioniert auf, obwohl er nach Punkten immer noch führt. May hebt die Fäuste und sagt: «Stef, ich gebe auf.»
Angehrn streckt beide in die Höhe, endlich hat er es allen gezeigt. Das blutunterlaufene Auge und geplatzte Trommelfell stören nicht im Geringsten. Angehrn geniesst den grössten Erfolg seiner Karriere und die ganz besondere Genugtuung.
«Ab der fünften Runde wusste ich, dass ich die Wende schaffen kann», analysiert Angehrn später. «Ich wusste aber auch, dass ich eine vorzeitige Entscheidung brauche, um zu siegen, denn nach Punkten kann man bei einem Kampf in Deutschland kaum gewinnen.» Seine Frau Renata frohlockt: «Stef war irgendwie anders. Irgendwie böser.»
May sagt nach der Niederlage mit gebrochener Stimme: «Ich hatte zu grosse Probleme mit mir selbst. Zur Mitte des Kampfes war ich auf einmal leer im Kopf. Ich hatte Angst um meine Gesundheit.»
Angehrn kann's egal sein. Der Sieg in Düsseldorf ist für ihn die grosse Entschädigung für die schwierigen letzten Jahre. Was hat er für Häme einstecken müssen für seine «ehrenvollen Niederlagen». Jetzt scheint er am Ziel seiner Träume angekommen.
Auch finanziell: Vom Gewinn von 200'000 Franken bleibt nach Abzug von Steuern und anderen Ausgaben unter dem Strich zwar nicht viel übrig, aber «immerhin reicht es, um all meine restlichen Schulden zu bezahlen», sagt Angehrn. «Und bei meinem nächsten Fight will ich endlich auch einmal gross verdienen können.»
Daraus wird allerdings nichts. Zwar hat Veranstalter Sauerland den Kampf als WM-Ausscheidung deklariert, aus dem Duell gegen den IBF-Weltmeister Imamu Mayfield wird aber nichts. Der korrupte IBF-Präsident will von einer entsprechenden Zusage plötzlich nichts mehr wissen.
So organisiert Angehrn den Kampf um den Interkontinental-Titel gegen Dan Ward im September 1998 halt selbst. Trotz gewonnenem Kampf endet das Unterfangen im Fiasko. Nur 840 Zuschauer kaufen ein Ticket für den Fight im Klotener Schluefweg. Angehrn hat zwar endlich seinen Gürtel, aber auch wieder 500'000 Franken Schulden.
«An ein seriöses Training war nicht mehr zu denken», erzählt Stefan Angehrn später. Trotzdem tritt er nochmals an. Mitten im Kampf gegen Christophe Girard in St.Gallen aber merkt er, dass es nicht mehr geht und gibt auf.
Sein grösster Kampf beginnt nach dem Ende seiner Boxkarriere. Kaum macht die Boulevardpresse Angehrns Schuldenberg in der Höhe von rund einer halben Million Franken publik, wird der Boxer über Nacht zum Geächteten. Freunde und Geschäftspartner wenden sich von ihm ab, auch Angehrn trägt seinen Teil dazu bei.
So gründet er dank seinen guten Beziehungen einen Prominenten-Vermittlungsservice, ohne dass diese jedoch von Angehrn informiert werden. Natürlich geht das in die Hose. Besser ist die nächste Idee: 2005 bringt Angehrn den Schuldenratgeber «PLAN B – Wie man seine Schulden auf null bringt. Der Ratgeber von einem, der es wissen muss» heraus.
2012 folgt der Tiefpunkt. Angehrn wird am 16. Oktober von der Polizei verhaftet. Weil er verdächtigt wird, Drahtzieher eines Kokainrings zu sein, muss er eine Nacht im Gefängnis verbringen. Erst im April 2014 wird das Verfahren eingestellt. Mittlerweile arbeitet Angehrn mit seiner neuen Lebenspartnerin Bettina Pape – die beiden sind seit 2008 ein Paar – zusammen und kämpft darum, bald endgültig schuldenfrei zu sein.