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Liebe Mitstreiter,
das heutige Wort zum Sonntag handelt aus aktuellem Anlass von der Schulpolitik in Berlin, die die neue rot-grün-rote Regierung in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt hat, hier findet man ihn:
Zunächst zitiere ich Harald Martenstein. Er schreibt auf der Titelseite des Berliner “Tagesspiegel” vom 28.11.2021 unter der Überschrift “Scheitern macht Schule” folgendes:
Im Jahre 1912 wäre es auch nicht einfach gewesen, an Deck der sinkenden ‘Titanic’ noch einmal einen neuen Kapitän zu finden, mit den Worten: ‘Sie dürfen jetzt gestalten.’
“Wer in der Politik aktiv ist, möchte in der Regel ein wichtiges Amt erringen. Man kann dann, wie es in Politikerinterviews oft heißt, ‘gestalten’. Bei den Berliner Koalitionsverhandlungen gab es allerdings ein Amt, auf das keine der Regierungsparteien große Lust zu haben schien. Das ist verständlich. Im Jahre 1912 wäre es auch nicht einfach gewesen, an Deck der sinkenden ‘Titanic’ noch einmal einen neuen Kapitän zu finden, mit den Worten: ‘Sie dürfen jetzt gestalten.’ In Berlin Schulsenatorin zu sein, ist ähnlich attraktiv.
Für das Scheitern der Stadt und den Frust vieler ihrer Bewohner sind die Berliner Schulen ein Sinnbild. In den Rankings gehören sie meist zu den schlechtesten Deutschlands, gemeinsam mit Bremen. Sie produzieren auffällig viele Analphabeten, ein Ergebnis, das auch ohne eine einzige Schule leicht zu erreichen wäre. Das liegt weder an den oft großartigen Menschen, die an den Schulen arbeiten, noch liegt es am Geld noch primär an der Berliner Sozialstruktur. Die Berliner Schulen sind durch unablässige, fast immer ideologisch motivierte ‘Reformen’ geschwächt worden, durch
Überbürokratisierung, durch den Gedanken, dass ‘Leistung’ jeglicher Art eine menschenfeindliche Idee sei.
Kinder wollen lernen. Sie lieben es, im für sie richtigen Maß gefordert zu werden und Erfolge zu sehen. Eine kinderfreundliche Bildungspolitik wäre dringend nötig. Sie wird nicht kommen.
Ein Beispiel aus dem neuen Regierungsprogramm: Kinder, die nach der sechsten Klasse keine Gymnasialempfehlung ihrer Grundschule haben, müssen, um dort trotzdem zu landen, einen Eignungstest bestehen. Das ist sicher richtig. Haben sie ihn aber bestanden, dürfen sie von der siebten bis zum Ende der zehnten Klasse dort bleiben, egal, wie schwach ihre Leistungen sind.
Auf diese Weise soll ihren das ‘traumatische Erlebnis’ eines Schulwechsels erspart bleiben. Statt durch einen für sie sinnvollen Schulwechsel sollen sie durch sinnlose Misserfolgserlebnisse gedemütigt werden. Dass Gymnasien eine Art Auslese vornehmen können, ist eine der Linken verhasste Idee. Alle Menschen sind gleich auch gleich begabt! Indem
Gymnasien gezwungen werden, für diesen Schultyp Ungeeignete zu beschulen, wird ihre seit Jahren planmäßigeZerstörung fortgesetzt, zu der auch, verglichen mit Einheitsschulen, besonders große Klassen beitragen.
Dass erfolgreiche Schulen und besonders engagierte Lehrende für ihre Leistungen belohnt werden, steht auch nicht im Programm. Statt mehr Bildung heißt das Ziel auch weiterhin mehr Nivellierung, leider meist nach unten.
Was ist das Ziel dieser Bildungspolitik? Gerechtigkeit kann es nicht sein. Gerecht wäre es, Kinder so individuell wie möglich zu fördern.”
Soweit Harald Martenstein. Bleibt zum besseren Verständnis nachzutragen, dass es gegenwärtig statt einer Aufnahmeprüfung ein Probejahr an den Gymnasien gibt, das aber etlichen Politikern ein Dorn im Auge
ist, obwohl sie ihre eigenen Kinder gern auf Gymnasien schicken. Im Übrigen kann die Regierung bei dem zuständigen Landesinstitut einen Aufnahmetest bestellen, den fast alle bestehen, man könnte auch einen bestellen, bei dem fast alle durchfallen.
Auch das ist dann ein “politischer Gestaltungsspielraum”. Sport-Eliteschulen mit Internaten stehen übrigens sogar im neuen Koalitionsvertrag auf S. 95 ausdrücklich drin. Sie gelten als gut und richtig.
Auch die Begabtenförderung steht im Koalitionsvertrag, aber nicht im Hinblick auf den Unterricht, sondern im Hinblick auf Talente im musischen, sportlichen und kreativen Bereich.
Das sind genau jene Bereiche, die immer mit dem Nachmittagsteil der Ganztagsschule lobend in Verbindung gebracht werden. Oft heißt es dann: “Jeder ist begabt”.
Was heißt das im Klartext? Da schreiben also Parteien etwas in ihr Wahlprogramm, das sie dann als Regierende lieber doch nicht umsetzen wollen, weil sie den Zorn des Volkes fürchten.
Ein Detail aus einem Artikel im Tagesspiegel vom 25.11.2021 (Überschrift: “Eignungstest statt Probejahr an Gymnasien”)
sollte man mehrmals lesen, um den Sinn zwischen den Zeilen wirklich zu erfassen. Da heißt es:
“Kein Fall für die Schlussrunde [der Koalitionsverhandlungen] ist hingegen die Abschaffung der fünften und sechsten (‘grundständigen’) Klassen der Gymnasien. Zwar stand dieser Punkt in den Wahlprogrammen der Grünen und der Linken, wurde aber offenbar aufgegeben, um die Elternschaft und die betreffenden Gymnasien nicht aufzubringen.”
Was heißt das im Klartext? Da schreiben also Parteien etwas in ihr Wahlprogramm, das sie dann als Regierende lieber doch nicht umsetzen wollen, weil sie den Zorn des Volkes fürchten. In wessen Interesse tun sie das wohl? Was soll das bringen? Ich glaube kaum, dass in einer Umfrage eine Mehrheit der Leute mit eigenen Kindern in Berlin diese grundständigen Klassen abschaffen möchte.
Wer außer Parteipolitikern sollte ein Interesse daran haben? Diese Klassen führen auch nicht zu der behaupteten “Ausblutung” der fünften und sechsten Grundschulklassen: In grober Näherung gehen etwa 10 % der Gymnasiasten in diese grundständigen Gymnasien. Wenn man unterstellt, dass die Hälfte der Grundschüler auf Gymnasien
übergeht, dann gehen in die grundständigen Klassen 5 % von allen, somit statistisch einer von 20. Also beschränkt sich der “Aderlass” im Mittel auf einen oder zwei Schüler pro Grundschulklasse. Dass die anderen darunter so sehr leiden müssen, dass die Regierung eingreifen muss, ist nicht plausibel.
Es geht eben hauptsächlich um das Setzen parteipolitischer Duftmarken, nicht etwa um das Wohl der Schulkinder oder um das, was die Eltern wünschen.
Aber die ganze Affäre um diese 1951 unter dem Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter eingeführten und seitdem einen ständigen Zankapfel bildenden grundständigen Gymnasien ist typisch für die Schulpolitik in Berlin:
Man will alles anders machen als im Rest der Republik, man will z.B. die Inklusion auch an den Gymnasien einführen
(laut Seite 108 im Koalitionsvertrag), man kommt sich ungeheuer fortschrittlich dabei vor, es ist ein Profilierungsfeld für Parteipolitiker von rot-rot-grün, das Ergebnis ist aber alles andere als überzeugend.
Die Fluchtmöglichkeiten aus der Misere der übergroßen Heterogenität sollen generell eingeschränkt werden:
“Der Übergang … wird reformiert, um die Heterogenität an den übernachgefragten Schulen zu erhöhen.” (Seite 109)
Sogar die Privatschulen werden nach “der sozialen Durchmischung bzw. Inklusion” beurteilt (Seite 109). Von dem, was die Schulen eigentlich inhaltlich für die Bildung leisten sollen, ist nicht die Rede, außer dass die Schuldigitalisierung vorangetrieben werden soll. Nichts wird dazu gesagt, wie das klägliche Abschneiden Berlins bei innerdeutschen
Vergleichstests verbessert werden soll, es gibt kein Wort zur Kompetenzorientierung oder den gemessenen Kompetenzen.
Zu der verfahrenen Situation an den Gymnasien vergleiche man auch:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachfrage-in-den-bezirken-so-beliebt-sind-in-berlin-die-gymnasien-ab-klasse-5/24591940.html
Eigentlich ist das ebenso deprimierend wie die derzeitige Corona-Krise.
Dennoch wünscht einen schönen zweiten Advents-Sonntag
Wolfgang Kühnel