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1757/58 hält sich Johann Georg Hamann in London auf. Zuvor war er abgebrochener Theologiestudent und (schon nach kurzer Zeit der Tätigkeit wieder entlassener) Hofmeister gewesen. Es war dann die Übersetzung einer handelspolitischen Schrift, die ihm zu einer Anstellung in einer Handelsgesellschaft verhalf, und so zu einer Reise, die ihn schlussendlich nach London führen sollte. Doch die praktische Kaufmannstätigkeit, obwohl damals en vogue und „modern“, war nichts für den Theoretiker Hamann. Dazu kam, dass die Grossstadt mit dem Provinzler aus Königsberg, der in seinem Leben vorher nicht weiter als ins benachbarte Riga gekommen war, nicht gerade zimperlich umging. Hamann wurde nach Strich und Faden ausgenommen. Er machte hohe Schulden und war gezwungen, immer wieder sein Quartier wechseln, weil er die Miete nicht zahlen konnte. Ein physischer und psychischer Zusammenbruch musste die unausweichliche Folge sein, ein Zusammenbruch des bürgerlich-moralischen Menschen bahnte sich ebenfalls an.
In diesem Moment widerfuhr Hamann ein religiöses, christliches Erweckungserlebnis. Er war wohl nicht der erste und wird wohl nicht der letzte bleiben, der in Momenten höchster Not keinen andern Ausweg mehr sieht als den lieben Gott. Hamanns Erweckung demonstrierte sich darin, dass er binnen weniger Tage die ganze Bibel durchlas und seine Kommentare zu einzelnen Stellen niederschrieb – Altes wie Neues Testament. Im Anschluss folgten noch einige Kirchenlieder und last but not least eine kurze autobiografische Skizze.
Die Parforce-Leistung seiner Lektüre ist im Grunde genommen ein kleines psychisches und physisches Wunder. Das Resultat allerdings ist weniger wunderbar. Hamanns Kommentare bewegen sich im klassischen pfarrherrlichen Bezirk seiner Zeit. Vor allem das Alte Testament liest er – auf Deibel komm raus! – als einen grossen Wink mit dem Zaunpfahl auf die Erscheinung Jesu im Neuen. Hamann hätte eindeutig ein – nach den Begriffen seiner Zeit – guter Prediger werden können, wenn er nicht offenbar gestottert hätte. So bleiben diese Kommentare, die im übrigen auch sprachlich-stilistisch noch absolut konventionell bleiben. Noch ist nichts zu finden vom sich in sokratischer Dunkelheit hinter Anakoluth und andern rhetorischen Stilmitteln versteckenden Autor der folgenden Jahre. Interessant sind Hamann Kommentare höchstens dadurch, was er nicht kommentiert. Das hocherotische Hohe Lied speist er mit ein paar nichtssagenden Zeilen ab. Die Kommentierung des Buches Hiob bricht er in Kapitel 3 ab – offenbar ging ihm das Hiob’sche Leiden dann doch persönlich zu nahe. Ausserdem hat er offenbar mit dem Teufel, der dann doch Zugang hat zu Gott, um mit ihm über Menschen zu schachern, so seine liebe Mühe. (Goethe sollte da im Prolog zum Faust unbeschwerter an diese Sache herangehen. Aber Goethe war weder Pietist noch Theologe.)
Ebenfalls konventionell ist Hamanns autobiografische Skizze. Sie war seinerzeit nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern kursierte im Kreise seiner Freunde. Im übrigen stellt sie eine typische, äusserst selbstkritische und Gott lobende Lebensbeschreibung dar, wie sie damals z.B. in pietistischen Kreisen gang und gäbe war, und wie sie von den – allerdings tatsächlich zu einer Veröffentlichung gedachten – Autobiografien eines Jung-Stilling oder Moritz (Anton Reiser) bekannt ist. Sie ist interessant höchstens insofern, als dass sie ein unverstelltes Licht auf den „frühen“ Hamann wirft. Unverstellt im Sinne dessen eben, dass Hamann sich hier noch nicht bewusst hinter der ironischen Unwissenheits-Maske des Sokrates versteckt, wie er es dann kurz darauf tun sollte.
Hamanns Londoner Schriften füllten die ersten anderthalb Bände der einzigen halbwegs brauchbaren historisch-kritischen Ausgabe seiner Schriften, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Josef Nadler veranstaltet worden ist. (Eine bessere, vor allem ausführlicher kommentierte ist seit langem Desideratum der Forschung, so viel ich weiss. Allerdings ist Hamann offenbar ein Autor aus jenem Grenzbereich, für den sich der Forscher dann doch nicht begeistern kann. Auch ist es wohl tatsächlich so, dass jeder Versuch eines Kommentars oder einer Erklärung letzten Endes an Hamanns sokratischem Schutzschild abprallen werden und so eine erneute Herausgeberschaft zur undankbaren Aufgabe gerinnen lassen.) So bleiben dem interessierten Leser heute nur ein Reclam-Heft und ein paar Suhrkamp-Bändchen.
Wobei: Hamanns Londoner Schriften muss man nicht gelesen haben, ausser man sei, wie ich, seit Jahrzehnten von dieser merkwürdigen, zwischen Aufklärung und pietistischer Frömmigkeit schillernden Figur fasziniert. Dieser Leser wird auch den noch untypischen Hamann goutieren können, wenn auch nicht unbedingt ihm auf seinem frommen Weg folgen wollen.
(Schillernd ist diese Gestalt auch in anderer Hinsicht: Ich habe lange gezögert, unter welcher Kategorie ich Hamanns Londoner Schriften ablegen soll. Philosophisch sind sie jedenfalls nicht …)