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Gäbe es Unspunnen nicht, würde das Fest wahrscheinlich heute von der SVP erfunden. Die Verknüpfung mit der SVP mag politisch nicht ganz korrekt und eine saloppe Formulierung sein. Aber sie hilft uns, die Bedeutung des Unspunnen-Spektakels besser zu verstehen. Die Ursprünge dieses Festes sind nämlich nicht sportlicher oder schwingtechnischer, sondern politischer und kultureller Natur.
Die Französische Revolution hat am Ende des 18. Jahrhunderts die bestehende Ordnung in Europa gestürzt und auch die Menschen in der Schweiz tief verunsichert. Mehr noch als die Globalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In den napoleonischen Kriegen verbluten Tausende von Schweizer Söldnern auf den Schlachtfeldern fern der Heimat. Bern, einer der reichsten und mächtigsten Stadtstaaten Europas, wird 1798 von den Franzosen militärisch in die Knie gezwungen. Als der Staatsschatz auf einem Wagen aus der Stadt hinausgeführt wird, brechen auf der Nydeggbrücke die Achsen, so schwer ist die Last. Der Untergang des grossen, prächtigen und mächtigen alten Bern, die Besetzung einer Stadt, die seit ihrer Gründung (1191) nie erobert worden war, hat eine traumatische Wirkung auf den Zeitgenossen.
Neue revolutionäre Ideen («Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit») drohen über alle Grenzen hinweg, das überlieferte Schweizer Brauchtum zu verdrängen, und führen zu heftigen politischen Auseinandersetzungen. Unser Land ächzt unter französischer Fremdherrschaft, und es steht nicht gut um die binnenschweizerischen Verhältnisse. Wohin die Reise für die Schweiz gehen wird, ob sie überhaupt ihre Unabhängigkeit und kulturelle Identität wahren kann, ist keineswegs klar. Tief sind die Gräben zwischen Stadt und Land, zwischen jenen, die bewahren, und jenen, die alles umstürzen möchten. Gerade im Kanton Bern.
Weitsichtige Männer aus der Stadt Bern «erfinden» in dieser aufgewühlten Zeit im Jahre 1805 Unspunnen: Der weitherum respektierte Offizier und Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), der Regierungsbeamte (Oberamtmann) Friedrich Ludwig Thormann (1762–1839), der Kunstmäzen Franz Sigmund Wagner (1759–1835) und der geschäftstüchtige, zeitweise im Schloss Interlaken wohnende Maler Franz Niklaus König (1765–1832).
Auf der Suche nach Identität
Nach Jahren des Diktates und der Demütigung durch die Franzosen soll dem Schweizervolk wieder einmal Gelegenheit zu echter Festfreude geboten werden, sollen schweizerische Kampfspiele und Lieder das Selbstvertrauen und das Nationalbewusstsein stärken und unsere alte Hirtenkultur vor Vergessen und Untergang bewahren. Bis zu diesem Zeitpunkt ist das Brauchtum der Hirten, der Menschen in den Alpen, nicht schriftlich festgehalten und nur mündlich weitergegeben worden von Generation zu Generation.
Die Aufklärung im 18. Jahrhundert hat bereits das Interesse an der Natur, den Alpen und an der Kultur der vermeintlich freien Hirten bei Wissenschaftern, Dichtern und Denkern geweckt. Unter anderem beim berühmten Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau («der edle Wilde») und beim Berner Universalgelehrten Albrecht von Haller. Und in Murten lebt bereits ein Knabe, der diese Kultur zu Weltliteratur verarbeiten wird: Jeremias Gotthelf.
Was zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch fehlt, ist ein «Erweckungserlebnis», das diese Strömungen bündelt, das Nationalbewusstsein, die Idee eines Vaterlandes stärkt, Stadt und Land zusammenführt und Brücken zwischen den verfeindeten politischen Lagern schlägt. Die Unspunnen-Idee kommt zum richtigen Zeitpunkt.
Die vier «Unspunnen-Erfinder» ahnen kaum, dass ihr Folklore-Festival mit dem so urtümlich klingenden Namen einer verlassenen Burgruine bei Interlaken auch 200 Jahre später die Massen faszinieren wird. Das erste, zweitägige Unspunnen-Fest von 1805 wird für das helvetische Brauchtum sozusagen das, was die drei Tage von Woodstock 1969 für die Hippies sein werden: Mythos und Erweckungserlebnis. Es wird, wie ein Zeitgenosse berichtet, ein voller Erfolg: «In der besten, schönsten Ordnung, im lieblichsten Frieden und Ruhe ging dies Fest vor sich und machte alle die bösen Prophezeyungen ängstlicher oder hämischer Menschen zu Schanden, die Mord, Tod und allerley Uebels – sammt Krieg und Pestilenz, wo nicht gar den Einbruch der Türken voraussahen; wovon freylich kein Wort wahr wurde.»
Der erste Sieger erhält ein Schaf
Mit Unspunnen wird die alte Hirtenkultur in die neue Zeit hinübergerettet und zu einem Teil unserer Identifikation. Zahlreiche Publikationen verbreiten begeistert die beim Fest wiederbelebten Schweizer Volksbräuche in Wort und Bild in ganz Europa.
Die Bedeutung von Unspunnen für das Heimatgefühl und die Anerkennung der schweizerischen Eigenart und Kultur in ganz Europa kann im Rückblick gar nicht hoch genug bewertet werden. Die Berner Patrizier mit dem sozialen Status der Adligen hatten ihre Standesgenossen aus dem Ausland eingeladen. Sie erschienen in grosser Zahl. Zeitgenössische Quellen sprechen von bis zu 600 Gästen. Prinzen königlichen Geblüts, aber auch die Granden aus Literatur und Kunst. Sie alle verbreiten die Kunde über dieses wunderbare Fest in ganz Europa. So gelingt es auch, die einsetzenden Ströme des Fremdenverkehrs ins Berner Oberland umzuleiten. Unspunnen bewirkte damals mehr als heute alle Anstrengungen der Kurdirektoren.
Es geht also bei Unspunnen um Politik und Kultur. Nicht um Sport. Das Schwingen spielt bei den ersten Unspunnen-Festen noch keine zentrale Rolle. Der Sieger bekommt ein Schaf. Es sind vielmehr «alpenländische Spiele». Neben Schwingern wetteifern auch Steinstösser, Schützen, Alphornbläser und Jodler um Naturalpreise. Der Eidgenössische Schwingerverband wird viel später gegründet (1895), und die mediale Wucht entwickelt das Schwingen erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Inzwischen hat das «Eidgenössische Schwingfest» über den Sport hinaus in einem durch die Globalisierung verunsicherten Helvetien eine ähnliche politische und kulturelle Bedeutung bekommen wie «Unspunnen» in seinen Anfängen.
Die heutige Struktur bekommt Unspunnen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und dabei gilt es, zwischen dem grossen und dem kleinen Unspunnen-Fest zu unterscheiden. Das grosse, ursprüngliche Alphirtenfest in der Form von 1805 (mit Schwingen, Umzug, Volkstänzen und Festspiel) ist zuletzt 1946, 1955, 1968, 1981, 1993 und 2006 durchgeführt worden und wird nun 2017 zum ersten Mal an zwei Wochenenden zelebriert. Im Unterschied dazu gibt es zusätzlich den Unspunnen-Schwinget, der auch als «kleines Unspunnenfest» bezeichnet wird und in den Jahren 1949, 1962, 1976, 1987 und 1999 und 2011 durchgeführt worden ist.
Unspunnen ist besser als Woodstock. Woodstock ist einmalig geblieben, eine Wiederholung hat es nicht gegeben. Unspunnen aber erlebt immer und immer wieder Neuauflagen.
von Klaus Zaugg