Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/644

Auf dem Gubel, 900 m über Meer bei Menzingen (Kanton Zug) liegt eine umzäunte Anlage. Hinter dem Maschendrahtzaun geschützt durch Bäume erkennt der neugierige Besucher "Raketen"
welche gegen den Himmel ragen. Bis 1999 war diese Anlage nur als Stellung ZG bekannt. Heute wissen wir, dass es sich dabei um eine Fliegerabwehr (FLAB) Lenkwaffenstellung für
Bloodhound Lenkwaffen handelt. Dank der Initiative des Kantons Zug und der Militärhistorischen Stiftung Zug konnte so ein einmaliger Igel vor der Zerstörung durch übereifrige
Beamte geschützt und als Museum der Nachwelt erhalten werden. Worum aber handelt es sich bei dieser Anlage genau?

Geschichte
In den 1950er Jahren war der Zustand der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen hoffnungslos veraltet. Deshalb wurde im Zeitraum von 1958 bis 1972 das wohl umfassendste Ausbauprogramm
der Schweizerischen Landesverteidigung in Angriff genommen. Unter dem Mantel der Geheimhaltung und deshalb kaum beachtet von der Öffentlichkeit wurden auf Flugplätzen Kavernen
gebaut, das Flieger-Höhennetz errichtet, unterirdische Kommandoanlagen errichtet und auf vier Bergen teilweise unterirdische Radaranlagen errichtet. Diese Projekte sind in die
Geschichte unter den Namen FLORIDA (Luftraumüberwachung); MIRAGE (Abfangjäger) und BLOODHOUND (FLAB Lenkwaffen) eingegangen.
1961 bewilligte das Parlament einen Kredit über 300 Mio CHF zur Beschaffung des britischen Fliegerabwehr Systems Bloodhound (Hersteller Bristol). Es sollte Material für 9
Feuereinheiten sowie 204 Lenkwaffen beschafft werden. 1963 wurde ein weiterer Kredit über 80 Mio CHF für den Landerwerb (Lenkwaffenstellungen) und Bauten bewilligt. 1964 war
die erste Schulstellung in Emmen (Stellung LU) mit 4 Werfern errichtet und die Ausbildung konnte beginnen. Weil 1964 das Jahr der Einführung des Systems war, spricht man in der
Schweiz vom System BL-64 (Boden-Luft 1964). Bis 1968 wurden noch 5 weitere Stellungen in Torny-le-Grand (Stellung FR), Laupersdorf (Stellung SO), Bettwil (Stellung AG),
Schmiedrüti (Stellung ZH) und Menzingen (Stellung ZG) errichtet. Die operationelle Bereitschaft aller neuen Systemkomponenten für die Luftverteidigung wurde dann im einzigen
Korpsmanöver der Luftwaffe 1972 überprüft.
Weil die Lenkwaffen in der Schweiz nicht im scharfen Schuss getestet werden konnten, wurden in den Jahren 1970, 71, 74, 76, 77, 78 und 86 total 17 Lenkwaffen bei Kontrollschiessen
in England getestet. Dabei wurden 17 Lenkwaffen verschossen, wobei 14 Volltreffer waren.
Das System wurde laufend weiter angepasst und weiter entwickelt. Seine Festigkeit gegen elektronische Störmassnahmen wurde weiter verbessert und gegen Ende der 1980er Jahre die
Computer erneuert und ein neues leistungsfähiges Feuerleitgerät eingeführt.
In den 1980er Jahren wurde das Bloodhound System in Schweden ausgemustert. Die Schweiz kaufte den Schweden dann eine grosse Anzahl ihrer Lenkwaffen ab und konnte so ihr Arsenal
erheblich vergrössern.
Das System erwies sich als äusserst zuverlässig und erreichte hohe Bereitschaftszeiten. Geplant war die BL-64 bis 2007 in Betrieb zu halten. Die engen Finanzen und die veränderten
politischen Rahmenbedingungen führten dazu, dass im Jahr 1999 das System ausser Dienst gestellt wurde.

Technik und Taktik

Das BL-64 System war als Fliegerabwehrsystem für grosse Höhen und grosse Reichweiten geplant. Es konnte bis knapp 25 km Höhe und auf eine Distanz von 160 km eingesetzt werden.
Eine BL-64 Lenkwaffenfeuereinheit besteht aus 2 Werfergruppen mit 4 Werfern (Total 8 Werfer), einem Beleuchtungsradar für die Zielverfolgung, einer Einsatzstelle aus der die
zugewiesenen Ziele bekämpft werden, einer Stromversorgung mit drei Dieselgeneratoren, den Lenkwaffenmagazinen für 16 Lenkwaffen, einem Übermittlungsgebäude mit der
Richtstrahlverbindung zur Einsatzzentrale Luftverteidigung des FLORIDA Systems aus welcher die Ziele zugewiesen werden, sowie der Infrastruktur für Unterkunft der Truppe.
Nachträglich wurden die Stellungen durch ASU ergänzt, welche der Truppe zusätzlich Schutz bieten sollten.
Auf den Stellungen AG, FR und ZG wurden jeweils 2 Feuereinheiten untergebracht. Die Stellung LU war eine Schulstellung und verfügte nur über eine halbe Feuereinheit. Betrieben
wurden die Stellungen von den Soldaten des FLAB Lenkwaffen Regiment 7.
Der Einsatz der Lenkwaffe erfolgte - wie bereits erwähnt - nicht autonom. Die Zielzuteilung erfolgte zentral durch die FLORIDA Luftraumüberwachung. Der Einsatzoffizier in der
FLORIDA Zentrale entschied, ob ein Ziel mittels Abfangjäger oder Lenkwaffe bekämpft werden sollte. Wenn BL-64 eingesetzt werden sollte, wurden die Zieldaten der ausgewählten
Stellung zugewiesen und das Ziel von dort aus mit dem Beleuchtungsradar angestrahlt. Wenn eine Zielbestätigung vorlag, gab der Einsatzoffizier in der FLORIDA Zentrale den
Feuerbefehl. Der Abschuss erfolgte dann auf der BL-64-Lenkwaffenstellung. Die Lenkwaffe verliess den Werfer, beschleunigte mit seinen 4 Boosterraketen auf Mach 2.5. Danach
lösten sich die Booster von der Lenkwaffe und die beiden Staustrahltriebwerke trieben die Lenkwaffe mit Flüssigtreibstoff weiter an. Das Ziel musste bis zum Treffer vom
Beleuchtungsradar angestrahlt werden. Ein Annährungszünder in der Lenkwaffe sorgte dafür, dass der 150 kg schwere Sprengkörper in 60 Meter Nähe zum Ziel die Lenkwaffe auseinander
riss und in einem Feuerball explodierte. Ein solches Trümmerfeld sollte dann jeden Flugkörper so beschädigen, dass er abstürzte oder seine Mission abbrechen musste.
Die Integration in das FLORIDA System war anfänglich nicht geplant. Das Kommando der FLAB vertrat die Ansicht, dass ein eigenes Radarsystem für die Zielzuweisung beschafft werden
müsse. Erst durch eine Intervention des Vorstehers EMD 1964 wurde BL-64 in FLORIDA integriert.
Museum
Bevor alle Anlagen abgebrochen wurden intervenierte der Kanton Zug und erklärte seine Lenkwaffenstellung auf dem Gubel zum historischen Kulturgut. Unter der Leitung der
Militärhistorischen Stiftung Zug wurde eine Feuereinheit erhalten und als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Kapitel Hauptseite
Unterkunft
Lenkwaffe und Magazin
Lenkwaffenwerfer
Beleuchtungsradar
Einsatzleitstelle
Werfergruppe
Strom und Kommunikation
Technik
Rückbau