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«Genügt ein Satz denn, jemand zu versichern, um den es geschehen ist?», fragt sich die Ich-Erzählerin in Bachmanns «Malina». Sie hat zuvor sehnsüchtig, eine ganze Nacht, oder was von ihr übrig blieb, nachdem sie endlich bei Ivan war, diesen im Halbdunkel angeschaut, er schlief, und sie wartete auf einen Satz, der sie versicherte in der Welt. Sie hoffte, vielleicht einen gehört zu haben, aber sie wusste, dass es nicht stimmte. Sie hatte keinen gehört. Und wird vielleicht oder eher sicher nie einen hören. Sie steht auf und schaut aus dem Fenster. Draussen bricht der Tag an. Und mit ihm seine Geräusche, das Rauschen der Autos unten auf der Strasse. Eine ihr immer fremder werdende Betriebsamkeit, wie sie ein wenig erstaunt feststellt. Im Haus geht weiter unten eine Wohnungstür, jemand springt die Treppe runter, die Haustür fällt ins Schloss, man hört es, als ob es gleich nebenan wäre, dabei ist es fünf Etagen weiter unten. Die Schallwellen fliehen behände die Treppen hinauf bis zu ihr in die Dachkammer. Aber sie können ja keinen Satz bilden, der sie versicherte, in der Welt. Sie sind ja nur Geräusch, ein Lärm, der ruft: Andere gehen hinaus, andere haben zu tun, andere sind unterwegs! Nur, wohin?, fragt sie sich. Sie geht in die Küche, öffnet dort das Fenster, beide Flügel, und hält das Gesicht in die kühle Morgenluft, auch die Mittagsluft wird wohl noch kühl sein. Gut so.
Ist es um mich geschehen?, fragt sie sich. Ein kühles höhnisches Grinsen streift ihre Schläfen, oder vielleicht ist es auch nur ein Ausläufer, die Nachhut des Luftstosses, des Grusses der Haustüre, der sie nun erreicht hat, zufällig oder irrtümlich oder zwingenderweise, durch den schmalen Spalt ihrer eigenen Wohnungstüre unten hindurch. Sie liest zum wiederholten Male «Malina». Als sie es das erste Mal las, tat sie es, weil es auf der Liste stand für ihren Literaturakzess, sie kämpfte sich durch, wie sie sich durch alle Bücher kämpfte. Und sie verstand praktisch nichts und wurde doch immer wieder so eigenartig akkurat von Sätzen getroffen. Jahre später las sie es ein weiteres Mal. Und nun nochmals, wobei sie sich schon beim zweiten Mal, es waren ja Jahre dazwischen vergangen, auf eigentümliche Weise aufgehoben fühlte in all diesen Sätzen, angesprochen und verstanden, ohne genau zu verstehen inwiefern. Oder hast du es nicht doch verstanden?, fragt sie sich mit versuchsweise geradem Blick. Sie weiss es nicht, oder will es nicht wissen. Sie wusste es und wusste es doch nicht, konnte es nicht wissen, gleichzeitig. Alles immer gleichzeitig.
Als ob das Wollen und das Können so einfach voneinander zu unterscheiden wären, ha, das weiss doch jedes Kind, dass das nicht stimmt. Dass da Welten dazwischenliegen können, ganze Galaxien und schwarze Löcher.
Als ob Erinnern eine Sonntagnachmittagsbeschäftigung wäre.
Sie schlüpft in die warme Winterjacke, zieht ihre Turnschuhe an, sucht die Handschuhe, findet sie, wo sie eigentlich immer liegen, nur dass sie sie jedes Mal zuerst woanders sucht, nimmt den Rucksack und die Schlüssel, schliesst die Wohnungstür ab, springt die Treppen hinunter, zuerst immer eine Stufe auf einmal, dann zwei, zieht die schwere Haustür mit extra viel Schwung auf und hüpft mit einem langen Schritt hindurch, lässt sie hinter sich zufallen und geht zum Fahrrad, klaubt den Schlüssel hervor, den sie dummerweise schon wieder mit den andern Schlüsseln zusammen in der Innentasche des Rucksackes verstaut hat, schliesst das Schloss auf, nimmt das Rad vom Haken an der Hauswand, trägt es über die paar Stufen auf die Einfahrt zur Strasse hinunter und sieht sich zu, wie sie sich mit dem einen Bein nach hinten über den Gepäckträger ziehend energisch auf den Sattel schwingt. Endlich, sagt sie sich. Aber was ist denn los? Ich brauche Luft, denkt sie, und Bewegung. Damit dieses Ziehen und Wehen davongetragen werde. Aha? Sie ist es leid. Natürlich ahnt sie im Grunde oder von weitem oder sehr vage oder auch deutlich, was los ist. Und doch ist sie nicht sicher, vermag es nicht zu wissen, vermag den Blick nicht genügend gerade zu halten. Vielleicht noch nicht, spricht sie wie von ferne sich zu. Aber zugleich hämmert das hämische Grinsen fleissig weiter winzigste Löchlein in die so trotzig immer wieder hochgehaltenen Gewissheiten. Auf dass sie verschwinden. Aber noch ist vieles möglich. Was für ein abgeschmackter Satz zum Ende, meckert es in ihr. Als ob man darauf auch noch jederzeit Rücksicht nehmen könnte, ruft sie sich zu, schon mitten im Fahrtwind und mit fliegenden Haaren.