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Am 20. August 2011 publizierte Marc Andreessen von der Venture Capital Firma Andreessen-Horowitz seinen inzwischen berühmten Artikel «Why Software is Eating the World» – eine Prognose, die seit dem immer mehr zutrifft. Acht Jahre später macht Andreessen-Horowitz ein weiteres Mal mit einer ähnlichen Prophezeiung auf sich Aufmerksam.
Dieses Mal publizierte die Partnerin Angela Strange «Why Every Company Will Be a Fintech Company», was auch heissen könnte «Why Fintech is Eating the World» – die Idee, dass Finanzprodukte je länger je mehr ein integrer Teil der Produktpalette von Tech- (und zunehmend auch von Non-Tech-) Unternehmen werden und dass in Zukunft ein wesentlicher Teil des Umsatzes der Nicht-Finanzfirmen von Finanzprodukten generiert wird. Auch diese Prognose trifft je länger je mehr zu.
Nach SaaS und IaaS kommt jetzt FaaS
Ein wichtiger Trend, der dies heute möglich macht, begann um die Jahrtausendwende. Damals begann die Software-Industrie ihre Produkte nicht mehr via CD zu verkaufen, sondern sie via Internet an ihre Kunden zu vermieten – auch «Software-as-a-Service» (SaaS) genannt.
Hinzu kam, dass ungefähr zur selben Zeit Amazon-intern entschieden wurde, dass einheitliche Rechenzentren über alle Abteilungen hinweg notwendig sind, um mit dem starken Wachstum der Firma mithalten zu können. Es dauerte nicht lange, bis der E-Commerce-Gigant realisierte, dass er ziemlich gut darin geworden war, zuverlässige, skalierbare und kosteneffiziente Rechenzentren zu betreiben und dass dies auch für andere Firmen interessant sein könnte. Daraus wurde im Jahr 2006 Amazon Web Services (AWS), das heute den Markt für Cloud Computing mit über 30 Prozent globalem Marktanteil und einer Umsatzrate von 50 Milliarden Dollar im vierten Quartal 2020 dominiert.
Amazon war mit AWS eine der ersten Firmen, die «Infrastructure-as-a-Service» (IaaS) anboten – sprich Rechenleistung und Speicherplatz auf Abruf und Umlagebasis via Internet. Auch dank AWS kostet es heute knapp 100 Dollar und dauert je nach Komplexität des Produktes nicht länger als ein paar Stunden, um eine Software-Firma zu starten. Vor zehn Jahren kostete dasselbe Vorhaben noch über 100'000 Dollar, dauerte Monate und erforderte den Kauf physischer Server.
Noch komplexer war lange das Anbieten von Finanzprodukten über Onlinekanäle. Denn unter anderem unterliegt die Finanzindustrie strengen Regulationen (z. B. Anti-Geldwäscherei-Richtlinien, kenne deinen Kunden (KYC), usw.). Je nachdem braucht es eine Bankenlizenz, eine Integration in Zahlungssysteme, Betrugsschutz, komplexe und sichere Kernbankensysteme, und vieles mehr.
Selbst mit vielen Partnerschaften brauchte es bis vor nicht allzu langer Zeit Jahre, um als Nichtbank Finanzprodukte anbieten zu können beziehungsweise den sogenannten «Banking Stack» intern aufzubauen. Nun aber haben Technologiefirmen damit begonnen, die verschiedenen Teile diesen Banking Stacks mit sogenannten Programmierschnittstellen (APIs) als Service anzubieten – auch genannt «Fintech-as-a-Service» (FaaS). Zusammen mit SaaS und IaaS können nun immer mehr Unternehmen Finanzprodukte online anbieten.
Ein Beispiel für FaaS ist das Startup Plaid (es nimmt laut Berichten gerade Kapital zu einer Bewertung von 15 Milliarden Dollar auf), das Software-Firmen und ihren Kunden die Möglichkeit bietet, ihre Bankkonten direkt mit der App oder Software zu verbinden. Dafür musste Plaid mit hunderten von Banken integrieren – ein Aufwand, der für die meisten Software-Firmen viel zu gross wäre, als API-Service jedoch sehr attraktiv ist.
Plaid hat zum Beispiel Überweisungs-Apps wie Venmo in den USA (vergleichbar mit Twint in der Schweiz) möglich gemacht. Um Zahlungen über das Internet abwickeln zu können, braucht es zudem Online-Zahlungsabwickler wie Stripe (die Firma wurde in der letzten Finanzierungsrunde mit 95 Milliarden Dollar bewertet). Hinzu kommen Firmen wie SentiLink, die dabei helfen, bei Online-Transaktionen Betrugsfälle zu reduzieren, und Comply Advantage, das sich dem Erkennen von Geldwäscherei widmet. Alle diese Angebote, die Teile des Banking Stack abbilden, sind heute für Softwarefirmen via APIs innerhalb kürzester Zeit abrufbar.
«Big Tech» setzt vermehrt auf Finanzprodukte
Ein prominentes Beispiel einer Technologiefirma, die zunehmend auf Finanzprodukte setzt, ist der Online-Shop-Anbieter Shopify aus Kanada (Börsenwert von weit über 100 Milliarden Dollar) mit Kunden von KMUs bis zu Firmen wie Tesla, Red Bull und Nescafé. Ursprünglich bestand Shopifys Angebot aus verschiedenen Software-Abonnementen. 2013 kamen dann integrierte Bezahllösungen mit Hilfe von Stripe hinzu - innerhalb von nur 18 Monaten nach deren Einführung verdreifachte sich der Jahresumsatz auf 150 Millionen Dollar. Heute bietet Shopify zusätzlich Finanzierungsmöglichkeiten für Endkonsumenten (Buy Now, Pay Later), Bankangebote für Händler (Shopify Balance) und Kreditvergabe (Shopify Capital) an. 2020 erzielte die Firma einen Umsatz von fast drei Milliarden Dollar.
Zu den weiteren bekannten Beispielen von Tech-Firmen, die Finanzprodukte anbieten, gehören Uber mit Uber Money (Uber-Kreditkarten und Uber-Konten) oder Amazon unter anderem mit Amazon Lending (Kredite an Händler auf der Plattform). Auf Facebook kann man inzwischen Waren via Messenger kaufen und verkaufen. Die Apple Kreditkarte gibt es seit 2019, und Google bietet seit dem letzten Jahr eigene Bankkonten und Bezahlungsfunktionen an.
Finanzprodukte schaffen Win-Win Situation
Heute lohnt es sich für jede Firma und jedes Startup, darüber nachzudenken, wie man durch Finanzprodukte Kunden besser betreuen und binden kann, während gleichzeitig die eigenen Margen und der Umsatz erhöht werden. Als Nicht-Fintech-Startup schon zu Beginn Finanzprodukte einzubauen kommt jedoch oftmals zu früh – vor dem Erreichen einer gewissen Grösse («Product-Market-Fit») bewährt sich ein Fokus auf das Hauptprodukt.
Danach lohnt es sich dann jedoch, sich mit dem Thema Finanzprodukte zu befassen. Dazu gehören das Einbauen von Bezahlfunktionen (vielleicht sogar zusammen mit einer Anpassung des Preismodells weg von Softwareabonnenten), das Anbieten von Krediten oder Versicherungen an Kunden gestützt auf proprietären Daten sowie das Anbieten von Kundenkonten.
PSD2 als Startschuss in Europa
Damit Nicht-Finanzinstitute Finanzprodukte anbieten können, braucht es Programmierschnittstellen zu Finanzanbietern, auch genannt «Open Banking» – die Schweizerische Bankier Vereinigung (SBVg) definiert Open Banking als «Geschäftsmodell, das auf dem standardisierten und gesicherten Austausch von Daten zwischen der Bank und vertrauenswürdigen Drittanbietern beziehungsweise zwischen verschiedenen Banken basiert».
In Europa wurde die Grundlage dafür mit der seit 2019 vollständig in Kraft getretenen neuen Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) geschaffen. Seit deren Einführung bieten immer mehr Startups und etablierte Technologiefirmen ihren Endkunden Lösungen in diesem Bereich an. «Vor allem in Grossbritannien, Deutschland und Portugal sehen wir nun, wie immer mehr sogenannte B2C Firmen, also Unternehmen, die an Privatpersonen verkaufen, mit vielen Kundenkontakten und den entsprechenden proprietären Daten und nun auch Bankdaten zum Beispiel Produkte wie individualisierte Versicherungen, Kredite oder auch einfache Gutscheine anbieten». sagt Alexander Christen, CEO bei Avaloq Ventures hierzu. Avaloq Ventures investiert in Fintech-Startups vor allem in Europa.
«Fintech is Eating the World», ausser in der Schweiz
Während in Europa immer mehr Finanzprodukte von Technologiefirmen angeboten werden, «passiert in der Schweiz in diesem Bereich vor allem auf der Startup-Seite leider noch sehr wenig», sagt Christen: «Dies vor allem, weil PSD2 bei uns nicht gilt und wir keinen einheitlichen Standard für Open Banking haben.». Der vom Markt getriebenen Ansatz, den die Schweiz gewählt hat (statt einem europaweiten Standard umzusetzen), hat bis jetzt nicht gefruchtet – zurzeit werden solche Open Banking APIs von Bankenseite erst sehr beschränkt zur Verfügung gestellt.
«Keinen einheitlichen Standard zu haben, wie Bankendaten konsumiert werden können, ist ein massiver Wettbewerbsnachteil für Schweizer Startups und hindert schlussendlich Innovation im Finanzsystem», bringt es Christen auf den Punkt. Weitere Stimmen in der Industrie stellen fest, dass die Schweiz hier beispielsweise ein paar Jahre hinter Grossbritannien liegt. Langsam, aber sicher kommt jedoch auch in der Schweiz Bewegung rein – auch Dank den Vereinen OpenWealth Association und der Swiss Fintech Innovations Association. Und die Dringlichkeit, eine Lösung zu finden, scheint inzwischen auch auf höchster Ebene angekommen zu sein – im Dezember gab es einen «Round Table» mit Finanzminister Ueli Maurer zu diesem Thema.
Es ist auch höchste Zeit – wenn wir nicht bald eine Lösung finden, findet «Fintech is Eating the World» ohne den Finanzplatz und das Startup-Ökosystem Schweiz statt.