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Auf dem weissen Cover klebt eine Banane. An der Spitze der Banane steht geschrieben: Peel slowly and see! - Langsam schälen und schauen, was passiert! Unter der gelben Schale kommt eine rosa-fleischfarbene Bananenspitze zum Vorschein. Die Assoziation ist: eindeutig.
Unter dem Bananen-Penis steht in grossen schwarzen Buchstaben: Andy Warhol. Um zu erfahren, von wem die Musik auf der Platte mit dem Bananen-Cover macht, muss man das Kunstwerk umdrehen. «The Velvet Underground & Nico Produced by Andy Warhol.»
«Das wird sehr glamourös.»
Wir sind im Jahr 1966. Pop-Artist Warhol hat die Nase voll von der Malerei. Also organisiert er ein Happening: The Exploding Plastic Inevitable! Die grösste Discothek der Welt soll es werden, 21 Leinwände, drei oder vier Bands.
«Ich glaube nicht mehr an Malerei», sagt Warhol in einem Interview. Die Stimme tonlos, die Mimik reglos, der Interviewer genervt vom wortkargen Künstler. «Wir sponsern diese Band, The Velvet Underground. Das ist eine gute Art, Musik, Kunst und Filme zusammenzubringen. Das wird sehr glamourös.»
Eine attraktive Band
Der Nichtmusiker Warhol nennt sich Produzent. The Velvet Underground sind seine Kreation, eine äusserst attraktive Band um die beiden musikalischen Köpfe John Cale und Lou Reed. Dazu zwei Frauen, ungewöhnlich für diese Zeit: die kleine Maureen Tucker, die ihr Schlagzeug stoisch im Stehen bedient, und eine gewisse Christa Päffgen.
Unter dem Namen Nico hat die Kölnerin erfolgreich gemodelt und in ein paar Filmen mitgespielt, auch bei Fellini. Warhol ist fasziniert von der hochgewachsenen Blondine mit ihrem schweren teutonischen Akzent und drückt sie gegen den Willen von Cale und Reed in die Band (was keinen von beiden daran hindern sollte, mit Nico eine Affäre anzufangen).
Warhol ist Chronist und Kurator.
Die Songs auf der Bananenplatte erzählen von Sado-Maso-Sex und davon, dass man sich wie Jesus Christus fühlt, wenn die Nadel in die Vene dringt und das Heroin fliesst. Nicht ganz die gängigen Themen für einen Popsong Mitte der Sechziger.
Kommerziell ist die Bananenplatte von Velvet Underground ein Flop. Aber, so die Legende: alle, die diese Platte gekauft haben, haben später selbst eine Band gegründet.
In den Sechzigern steigt Warhol auf zum populärsten Künstler seiner Zeit, auch weil er das Rollenverständnis des Künstlers neu interpretiert. Warhol ist gleichermassen Akteur, Impresario und Chronist der New Yorker Kunstwelt. Und, wie in seiner Rolle als Produzent von Velvet Underground: Anstifter, Ermöglicher, Kurator.
So wird der Miterfinder der Pop-Art selbst zum Popstar. Und zum Gegenstand von Pop-Songs, besungen von den Happy Mondays und Lloyd Cole, von Simon & Garfunkel und vielen anderen. Und, bereits 1971, von David Bowie: «Andy Warhol looks a scream, hang him on my wall».
Ein Vierteljahrhundert später sollte Bowie in dem Film «Basquiat» den Warhol spielen. John Cale und Lou widmen ihrem Mentor 1990 ein ganzes Album: «Songs for Drella».
In der von ihm 1969 gegründeten Zeitschrift «Interview» arbeitet Warhol auf seine Weise an der Produktion von Stars – auch wenn es nur Stars für 15 Minuten sind. Für Superstars wie Diana Ross, John Lennon oder die Rolling Stones entwirft er Plattenhüllen.
Warhols Einfluss auf die Pop-Kultur bis in die Gegenwart ist kaum zu überschätzen. Seine Factory war auch eine Grundlage dessen, was wir heute als Queerness bezeichnen, ein Ort, an dem die Abweichung von der Heteronorm fast schon normal war – und glamourös. Von diesen Pionierleistungen profitieren bis heute queere Pop-Künstlerinnen und Künstler, von Antony alias Ahnoni über Frank Ocean und Planningtorock bis hin zu Ezra Furman.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 6.8.2018, Kultur Aktualität, 17.20 Uhr.