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Fast- und Industriefood gelten als typische amerikanische Zivilisationskrankheiten. Das stimmt. Es stimmt aber auch, dass die bedeutendsten Foodaktivisten für eine gesunde Ernährung ebenfalls aus den USA stammen. Dazu gehört auch die First Lady.
In den 1970er Jahren erschien ein Buch einer damals völlig unbekannten jungen Texanerin mit dem französisch klingenden Namen Frances Moore Lappé. Sein Titel lautete «Diet for a small planet», und seine Grundthese ist schnell zusammengefasst: Essen ist eine politische Angelegenheit. Wir können die Welt verbessern, wenn wir sorgfältig darauf achten, was auf unseren Teller kommt.
Das Buch wurde ein Bestseller, die Autorin Kult. Lappé ist inzwischen über 70 Jahre alt, hat 15 weitere Bücher verfasst, 17 Ehrendoktortitel erhalten und betreibt mit ihrer Tochter Anna das Institute for Food and Development. Nach wie vor kämpft sie energisch und mit guten Argumenten für ihre Sache. «Wenn die Lebensmittel uns krank machen, wenn wir einen grossen Teil davon wegschmeissen, obwohl hunderte von Millionen Menschen hungern – dann kann das System nicht mehr weiter so funktionieren», sagt sie.
John Robbins wurde mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren. Als Sohn des grössten Glacé-Herstellers der USA hätte er ein Milliardenimperium erben können. Stattdessen zog er zusammen mit seiner Frau in eine einsame Blockhütte und begann, sich vegan zu ernähren. Er hatte dazu gute Gründe: Die Männer seiner Familie verstarben früh, meist an einem Herzinfarkt.
Robbins erkannte bald, dass die viel zu zuckerhaltige Ernährung der Grund für die vorzeitigen Todesfälle war. Er selbst hatte schon als Kind zum Frühstück Glacé vorgesetzt bekommen. Er begann, sich intensiv mit Ernährungsfragen und Politik zu beschäftigen. Seine gesammelten Weisheiten veröffentlichte er 2001 im Buch «The Food Revolution». Wie «Diet for a small planet» wurde «The Food Revolution» ein Bestseller und wie Lappé wurde Robbins ein landesweit bekannter Star.
Gene Baur war schon als Kind in Tiere vernarrt. Als Student tourte er mit einem VW-Bus mit den Grateful Dead durch die Staaten und verkaufte an deren Konzerten Vegi-Burger. Gleichzeitig setzte er sich zusammen mit seiner Freundin für die Rechte der Tiere ein und prangerte die Grausamkeit der Fleischindustrie an. Auf einem Abfallhaufen eines Viehmarktes fand er ein Schaf, das sein Besitzer bereits für tot gehalten und achtlos weggeworfen hatten. Es wurde der erste Insasse einer Tierfarm, die Bauer für gequälte oder dem Schlachthof entronnene Tiere gründete.
Baurs Tier-Zufluchtsstätte ist heute landesweit bekannt und beherbergt tausende von geretteten Tieren. Sie werden aufgesucht von Prominenten wie Martha Stewart und Alec Baldwin. Kinder verbringen ihre Sommerferien dort, Paare ein Wochenende. Baur hat inzwischen zwei Besteller über seine Tierschutzmission verfasst und ist Stammgast in Sendungen wie Jon Stewarts «Daily Show».
Lappé, Robbins und Baur sind Vertreter einer amerikanischen Küche, die nichts gemein hat mit bei uns verbreiteten, üblichen Klischees. Sie predigen eine vegetarische oder gar vegane Diät, prangern die Praktiken der industriellen Landwirtschaft und der Ernährungsindustrie an und preisen die Vorzüge von biologischen Kleinfarmen an.
Nicht alle Liebhaber von Organic Food verzichten auf Fleisch. Michal Pollan beispielsweise ist ein begnadeter Koch und passionierter Gärtner. Hauptamtlich ist der ehemalige Journalist des «New York Times Magazine» als Professor für Journalismus tätig. Pollan hat ebenfalls verschiedene Bücher zum Thema Ernährung verfasst. Das bekannteste trägt den Titel «The Omnivore’s Dilemma» (auch auf deutsch erschienen) und ist wahrscheinliche das gescheiteste Buch, das je über Ernährung geschrieben wurde. Wer es nicht liest, ist selber Schuld.
Gelegentlich arbeitet Pollan mit Marion Nestle zusammen. Trotz ihres Namens ist die Professorin für Ernährungswissenschaft so etwas wie die Anti-These zum Schweizer Nahrungsmittelkonzern. In Bücher wie «Food Politics» hat Nestle die dreckigen und teilweise korrupten Praktiken der Nahrungsindustrie aufgedeckt. Zusammen mit Filmemachern wie Morgan Spurlock («Super Size Me») hat sie aufgedeckt, welche üble Folgen Junk- und Conveniencefood im menschlichen Körper haben.
Organic Food ist mehrheitsfähig geworden. Der städtische Mittelstand kauft heute entweder auf dem Farmersmarkt Frischprodukte ein, oder er deckt sich im «Whole Food», einem Bio-Supermarkt ein. Urban Farming ist kein Hobby von verirrten Späthippies. In Seattle beispielsweise werden die Bewohner von der Stadtregierung angehalten, im Garten wieder Hühner und Schafe zu halten. In den schicken Teilen von Brooklyn findet man alles – nur keinen Fastfoodladen.
Der neue Trend zu gesunder Nahrung ist logisch. Zu offensichtlich sind die negativen Folgen von Fast- und Industriefood geworden. Mit Salz, Zucker und Fett können zwar heute Lebensmittelingenieure auch Karton in eine schmackhafte Mahlzeit verwandeln. Doch Salz, Zucker und Fett haben gefährliche und inzwischen bekannte Nebenwirkungen: Sie machen Menschen dick und krank.
Fettleibigkeit ist die neue Volkskrankheit geworden, und die Gegenbewegung hat eingesetzt. Cola-Automaten verschwinden wieder aus den Schulkantinen, deren Köche müssen derweil den Kindern anstatt Pizza und Burger Salat und Broccoli auftischen. McDonald’s meldet rückläufige Umsätze, feuert die Topmanager und macht erste zaghafte Schritte in Richtung Bio.
Die Politik hat den neuen Zeitgeist inzwischen auch erkannt. Zum Auftakt ihres Wahlkampfes besuchte Hillary Clinton ein «Chipotle»-Lokal, die Bio-Konkurrenz zu McDonald’s. Von Erfolg zu Erfolg eilt auch Shake Shack mit dem Versprechen, das Fleisch seiner Hamburger stamme von Kühen, die artgerecht aufgezogen wurden.
Der Kampf für eine gesunde Ernährung hat inzwischen das Zentrum der Macht erreicht. Die First Lady Michelle Obama kämpft nicht nur unermüdlich für mehr Gemüse auf dem Speiseplan. Sie hat auch im Garten des Weissen Hauses eigenhändig einen Bio-Gemüsegarten angelegt.