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Vor 47 Jahren war das Haus meiner sogra neu und aussen weiss.
“Pense grande” höre ich hier oft, die Wohnfläche von 720 Quadratmetern entspricht dieser grosszügigen Denkweise bestens.
Meine Schwägerin nennt das Gebäude o elefante branco.
Esta casa steht im kleinen Viertel Caetano Branco, benannt nach dem Grossvater meiner Geliebten, umfasst heute zwei grosszügige Wohnzimmer, 7 Schlafzimmer, 7 zusätzliche Zimmer, 5 Badezimmer mit Toiletten und eine zusätzliche Toilette.
In einem Schlafzimmer steht das Bett, welches der Vater meiner Schwiegermutter vor über 70 Jahren für meine Schwiegereltern gezimmert hatte.
Das Ehepaar dachte voraus. 7 Kinder mit ihren Familien, versammelt an Weihnachten, benötigen Raum.
Immer noch staune ich bei Besuchen no Brasil über die grossen Wohnflächen und die Anzahl Badezimmer in vielen Wohnungen und Häusern.
Andererseits sind brasilianische Gäste sehr überrascht, wenn sie feststellen, dass unser Haushalt in Birsfelden lediglich ein Badezimmer hat.
Erkläre ich ihnen, dass vor 100 Jahren, als unser Haus gebaut wurde, 3 Familien darin wohnten und die einzige Waschgelegenheit ein Waschbecken im Keller war, erschüttert dies zuweilen ihr Bild der Ersten Welt.
Heute leben meine Schwiegermutter und ein Sohn in dem Gebäude, assistiert von Pflegepersonal.
Für Grillfeste wurde ein weiteres grosszügiges Gebäude gebaut.
In Südbrasilien, Argentinien, Urugay und Paraguay wird das Grillieren von Fleisch zelebriert.
In Curitiba bieten die grössten Churrascarias, traditionelle Fleischrestaurants, mehreren tausend Gästen Platz.
Prunkstück des privates Grillhauses der Familie Branco ist für mich der lange, massive Holztisch, gezimmert aus einem einzelnen Baumstamm.
Wir verbrachten hier vor Jahren herrliche Nachmittage, genossen das Fleisch, serviert an langen Spiessen und cerveja estupidamente gelada.
Ein Ventilator, zusammengebaut aus Rotorenblättern eines Flugzeugs, spendete ein wenig Erfrischung.
Zelindo, mein Schwiegervater, arbeitete viel, liebte in seiner Freizeit Geselligkeit und gemütliches Zusammensein.
Sein Vater Caetano gründete 1936 mit Verwandten die Firma Branco, spezialisiert auf den Bau von Landwirtschaftsmaschinen.
Etwa 40 Jahre später leitete Zelindo ein Unternehmen mit 600 Angestellten, welches seine Produkte in ganz Brasilien vertrieb.
Er war ein kritischer Freigeist, welcher sich nicht scheute seine Meinung klar zu äussern.
Dass er erst als verheirateter Mann schreiben und lesen lernte, hinderte ihn nicht daran ein sehr erfolgreicher Unternehmer zu werden.
Scheinbar war er ein Patron der alten Schule, welchem das Wohl seiner Mitarbeitenden überaus wichtig war.
So betrieb er lange Zeit auf dem Fabrikareal eine Primarschule für die Kinder seiner Angestellten. Die Firma bezahlte jegliches Schulmaterial und das Mittagessen der SchülerInnen.
Etwa 25 Jahre lang lebten meine Schwiegereltern auf dem Fabrikgelände, bevor sie 45 Hektaren auf dem gegenüberliegenden Hügel kauften.
Ein Nachbargrundstück umfasst 290 Hektaren.
Leider konnte Zelindo sein neues Heim bloss 10 Jahre geniessen, 1985 verunglückte er tödlich bei einem Motorradunfall. Er verstarb mit 59, im gleichen Alter wie sein Vater und sein ältester Sohn.
Zwei Jahre später trafen sich eine seiner Töchter und ich das erste Mal.
Gerne hätte ich ihn persönlich kennen gelernt.
Ich mag ein Foto in diesem Haus besonders. Es zeigt das Ehepaar Branco mit den vier Söhnen und den drei Töchtern. Eine Tochter war leider schon verstorben.
Es ist eine attraktive Familie, welche sich 1963/64 ablichten liess. Papa trägt Krawatte, zwei Söhne Fliegen, Mama eine weisse Kette.
Alle schauen in die Kamera, einzelne lächelnd, andere scheinen sich der Sache nicht so sicher zu sein.
Einzig die Mutter und die jüngste Tochter verschränken nicht die Arme hinter dem Rücken.
Würde o elefante branco in einer brasilianischen Grosstadt stehen, wäre das Gebäude durch sehr hohe Mauern, dekoriert mit Glasscherben, umfasst. Mit grosser Wahrscheinlichkeit müsste man sich am Eingangsportal anmelden, um Eintritt zu erhalten.
Hier in Joaçaba ist das glücklicherweise nicht notwendig. Kleine Palmen und hohe Araukarias schirmen das Gebäude von der Strasse ab.
Elegant, stolz und sehr erhaben wirkt die schlanke, hochgewachsene Brasilianische Araukaria auf mich.
Diese Baumart gilt als stark gefährdet. Würde meine Schwiegermutter einen solchen Baum auf ihrem Grund und Boden fällen lassen, müsste sie mit Sanktionen der Justiz rechnen.
Die Damenbäume tragen riesige Zapfen, welche im Herbst und Winter grosse stachelige Samen fallen lassen, die geröstet oder gekocht wunderbar munden.
Intensiv hat der weisse Elefant gelebt, weiss ist die Fassade nicht mehr. Hitze und Feuchtigkeit forderten ihren Tribut.
Unverändert gleich geblieben sind seine Gutmütigkeit, Grosszügigkeit und Gastfreundschaft
Joaçaba, 6. April 2022