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deren Volksdichtigkeit auf drei Jahre in geheimer Abstimmung gewählt werden.
Die Finanzwirtschaft Ägyptens ist eine übelberüchtigte. Nur den unerschöpflichen Reichtümern des Landes ist es zu danken, daß bei der herrschenden Wirtschaft und dem übergroßen Luxus des Chedive Ismail Pascha die Zustände nicht noch elender sind, als sie erscheinen. Dies hat das Eingreifen der europäischen Mächte, die Absetzung Ismails und die Bestellung von europäischen Finanzkontrolleuren zur Folge gehabt. Die Staatseinnahmen betrugen 1881: 9,012,010, die Ausgaben 7,677,806 Pfd. Sterl.;
der so erzielte Überschuß ist aber durch die Kosten der englischen Okkupation, den Aufstand im Sudân in ein Defizit verwandelt worden.
Die Staatsschuld belief sich auf 97,161,220 Pfd. Sterl., wozu noch die Mukabalahschuld kommt, eine Entschädigung in Gestalt von jährlichen Zinsen an Besitzer von Landgütern, welche im voraus eine Summe bezahlt haben, um den steuerfreien Besitz ihres Landes zu erlangen, im Betrag von 150,000 Pfd. Sterl. 50 Jahre lang zahlbar, und die Zinsen der 1875 von England gekauften Suezkanalaktien im Betrag von 193,858 Pfd. Sterl. Die Einkünfte fließen hauptsächlich aus der Grundsteuer (Scharâg), der Einkommensteuer und der Marktsteuer.
Die Grundsteuer wird nicht erhoben von den im Privateigentum des Chedive befindlichen Gütern (ein Viertel des ganzen Kulturbodens), in ermäßigter Weise von solchem Lande, das der Chedive mit vollem Eigentumsrecht an Private zur Urbarmachung verlieh; diese Ländereien sind drei Jahre steuerfrei und zahlen später 3 Proz. Hauptsächlich lastet sie auf den sogen. Regierungsgrundstücken, die jedes Jahr neu abgeschätzt und danach in drei Klassen geteilt werden.
Diese Steuer wird monatlich durch den Rendanten (Serraf) der Provinz eingehoben; sie beträgt bis 20 Proz. und soll in barem Geld gezahlt werden, was freilich nicht immer möglich ist. Etwa 1,400,000 Hektar sind durchschnittlich mit 10 Schill. pro Hektar und 532,000 Hektar mit 4,4 Schill. pro Hektar besteuert. Letztere Kategorie findet sich hauptsächlich im Besitz der Domänen, der Daira und der reichen Paschas. Die Einkommensteuer für Handwerker, Bazarinhaber und Kaufleute beträgt 4-20 Proz.; die Marktsteuer betrifft die auf die städtischen Märkte gebrachten Landesprodukte und beträgt im Durchschnitt 1½ Proz. Außer diesen Abgaben fließen der Regierung noch zahlreiche andre Einkünfte zu von der Verpachtung der Fischerei, [* 2] von den auf dem Nil gehenden Barken, den Dattelpalmen, den Zöllen der seewärts eingehenden Waren, den Eisenbahnen und Telegraphen [* 3] u. a. Noch mehr ist der Binnenhandel mit Zöllen belastet, die von den Sudânkarawanen meist zu Siut erhoben werden. Das heillose Finanzsystem stürzte die Fellahs in das tiefste Elend, während es die Familie des Chedive, die höhern Beamten und die bei der Regierung beteiligten Europäer reich machte.
Die Armee, welche der Chedive nach den Verträgen mit der Türkei [* 4] halten darf, und die durch Konskription ergänzt wird, sollte nach dem Plan Baker Paschas eine Stärke [* 5] von 10,900 Mann haben (die Hälfte der Stabsoffizierstellen wurde mit Engländern besetzt), zu denen sich nach Bedürfnis in den unruhigen Distrikten des Sudân eine zeitweilig zusammengezogene Armee gesellt. Im Krieg soll sie auf 60,000 ergänzt werden. Die Zahl der Kriegsschiffe beträgt zusammen 13 mehr oder weniger schadhafte Dampfer; der Staat besitzt außerdem 16 gut gebaute Paketboote für den Dienst zwischen den Häfen des Roten und mehreren Häfen des Mittelländischen Meers.
Bildung. Handel und Verkehr.
Die geistige und wissenschaftliche Ausbildung steht noch auf einer sehr niedrigen Stufe. In den nur von Knaben besuchten Elementarschulen (Anhängseln der Moscheen oder Privatunternehmungen) wird notdürftig Lesen und Schreiben und der Koran auswendig gelernt; in der hohen Schule der Moschee El Azhar wird fast nur Religions- und Gesetzeslehre gepflegt. Die eben genannte Universität ist die bedeutendste des Orients und zugleich Hauptsitz des mohammedanischen Fanatismus; sie wird von ca. 10,000 Studenten aus allen Ländern des Islam besucht.
Zwar machte schon Mehemed Ali den Versuch, höhere Lehranstalten nach europäischem Muster zu gründen; aber erst der Chedive Ismail rief eine Reihe von Regierungsschulen ins Leben, in welchen Unterricht und Lebensunterhalt unentgeltlich gewährt werden: Elementarschulen, Sekundärschulen und Spezialschulen. Zu den letzten gehören eine polytechnische Schule, eine Rechtsschule, eine philologische und arithmetische Schule, eine Kunst- und Gewerbeschule, Medizinalschule, Marineschule und eine Schule für Ägyptologen, welche sich auf das ägyptische Museum zu Bulak stützt. Doch kränkeln alle diese Anstalten infolge der allgemeinen zerrütteten Verhältnisse Ägyptens. Als Rechtskodex für die Mohammedaner gilt der Koran. Der Großkadi zu Kairo [* 6] ist oberster Landesrichter, der in den Provinzen durch Substituten (Naibs) vertreten wird.
Der Kunstfleiß des Landes ist noch nicht weit gediehen. Die besten Handwerker und Künstler finden sich unter den Kopten, [* 7] Griechen und Armeniern, welche grobe Leinwand, Segeltuch, baumwollene und seidene Zeuge, feine Matten aus Binsen und namentlich in Oberägypten treffliche Geschirre aus ungebranntem Nilschlamm herstellen. Feine Juwelierarbeiten werden in Kairo und andern größern Städten gefertigt. Im Gefolge europäischer Unternehmer sind in den größern Städten einige Fabriken, Baumwollspinnereien, Pulverfabriken, Bierbrauereien entstanden; doch können sie bei dem lebhaften Handel und den verbesserten Verkehrsmitteln mit europäischen Erzeugnissen nicht konkurrieren. Ansehnlich ist noch die Fabrikation von Natron aus den erwähnten Natronseen und ausgedehnt endlich die Produktion junger Hühner [* 8] mittels Brütöfen.
Einen bedeutenden Aufschwung hat in neuerer Zeit der Handel Ägyptens genommen, seit die Überlandroute von Europa [* 9] nach Indien mit der Eisenbahn und durch den Suezkanal ihren Weg wieder über Ägypten [* 10] nimmt und dort zahlreiche europäische Handelshäuser, namentlich in Alexandria, sich niedergelassen haben. Die wichtigsten Handelshäfen für den Verkehr mit Europa sind Alexandria und Port Said; für Indien Suez; für den Verkehr mit dem afrikanischen Binnenland und Arabien Kosseir, Suakin und Massaua. [* 11]
Die Einfuhr betrug 1883: 732,9, die Ausfuhr 1217,7 Mill. Piaster. Ausfuhrprodukte sind: Baumwolle [* 12] und Baumwollsamen, Zucker, [* 13] Bohnen, Mais, Gummi, rohe Häute, Reis, Gemüse und Früchte, Weizen, Elefantenzähne, arabischer Kaffee, Datteln u. a. Im Innern ist trotz des Verbots der Sklavenhandel noch stark im Schwange. Hauptplätze für den Karawanenhandel daselbst sind: Berber, Kassala, Chartum, Senaar, El Obeïd. Einfuhrartikel sind allerlei europäische Fabrikate, namentlich baumwollene Stoffe, Steinkohlen, Kramwaren, Bauholz, Kaffee, Indigo, [* 14] Weine und Spirituosen, Tabak, [* 15] ¶
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raffinierter Zucker, Maschinen u. a. Der überwiegende Teil der Einfuhr findet von England her statt, wohin auch weit über die Hälfte der Ausfuhren geht. In zweiter Linie stehen Frankreich und Österreich, [* 17] dann folgen Rußland, die Türkei und Italien. [* 18] Der direkte Verkehr nach Deutschland [* 19] ist sehr gering. Die ägyptische Handelsflotte zählt ca. 600 Schiffe [* 20] und 40 Dampfer mit 61,000 Ton. Gehalt. Die Handelsflagge ist grün mit einem horizontalen gelben Streifen.
Der Schiffsverkehr der wichtigsten Häfen betrug 1880 im Eingang 8748 Schiffe mit 3,255,674 Ton., davon unter ägypt. Flagge 3579 mit 296,259 T. Landesmünze ist der Piaster, bei dem zu unterscheiden ist der Piaster Tarif (Regierungsgeld) = 20 Pf. und der Piaster Kurant = 10 Pf.; 1 Piaster = 40 Para Kupfer. [* 21] Bei großen Summen rechnet man nach Beuteln à 500 Piaster = 5 Pfd. Sterl. = 100 Mk. In Kairo und Alexandria kursiert sehr viel gemünztes Geld europäischer Staaten, nur kein deutsches und österreichisches. Es laufen nur Gold [* 22] und Silber um, auf dem Land auch Kupfer, aber kein Papiergeld. Maße und Gewichte: 1 Pik = 0,67 m, 1 Kassaba = 3,35 m. 1 Feddân = 4200 qkm. 1 Ruba = 7,5 Lit., 4 Ruba = 1 Webe, 6 Webe = 1 Ardeb. 1 Dirhem = 3,93 g. 1 Rotl = 445,46 g, 100 Rotl = 1 Kantar. 1 Akka = 1,237 kg.
Die Verkehrsmittel haben sich in in letzterer Zeit entschieden gehoben. Voran steht der 1869 dem Verkehr übergebene Suezkanal (s. d.), welcher über Zagazig mit dem Nil durch einen nach Suez führenden, schon 1863 vollendeten Süßwasserkanal in Verbindung steht. Eisenbahnen und zwar Staatsbahnen [* 23] standen 1883: 1518 km in Betrieb. Das Delta [* 24] ist von zahlreichen Linien durchschnitten, von Kairo geht eine Bahn nach Ismailia und dann längs des Suezkanals nach Suez.
Die Bahn von Kairo nach Suez durch die Wüste ist aufgegeben. In Mittelägypten besteht die von Gizeh nach Siut längs des Nils verlaufende Bahn. In Privathänden ist nur die 8 km lange Bahn Alexandria-Ramle; 1880 wurden 3,093,840 Reisende befördert. Staatstelegraphenlinien verzweigen sich über das Delta und sind seit 1869 bis Chartum und bis Dar Fur [* 25] geführt worden; ein Draht [* 26] geht auch von Chartum nach Suakin am Roten Meer. Im J. 1882 betrug die Länge sämtlicher Linien 8645 km, davon ist eine 728 km lange Linie von Kairo nach Suez in englischem Besitz. Die ägyptische Staatspost zeichnet sich durch Pünktlichkeit aus; sie expedierte 1881 in 140 Postämtern 8,414,000 Sendungen. Europäische Postämter unterhalten die Konsulate in den großen Städten.
Überblicken wir nochmals die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse Ägyptens, wie sie sich unter dem Einfluß der Europäer seit einigen Jahrzehnten entwickelt haben, so finden wir äußerlich wohl einen Fortschritt, im ganzen aber mehr Schein als Wesen. Der geistige und moralische Fortschritt ist fast Null. Was Europa nachgeahmt wurde, besteht in Äußerlichkeiten oder noch Schlimmerem. Europäische Wissenschaft hat nicht eindringen können, wohl aber die europäische Halbwelt, geführt vom Hof, [* 27] der die Schattenseiten von Paris an [* 28] den Nil verpflanzte.
In der Religion besteht nach wie vor der finstere Fanatismus; auf die Volksmoral kann das luxuriöse Beispiel des Hofs und der zum großen Teil aus Schwindelelementen bestehenden ansässigen Europäer nur verderblich wirken. In der Justiz herrscht die alte sprichwörtliche Bestechlichkeit, wonach Kadi und Rechtsverkäufer gleichbedeutend sind. Der Unterricht beschränkt sich im wesentlichen auf die alten Koranschulen; was außerdem geschah, ist Karikatur Europas. Im Handel und Wandel herrscht die größte Unsicherheit.
Was endlich die Staatswirtschaft betrifft, so ist sie eins der größten Rätsel, welches die Nationalökonomie des Orients bietet. Eins der reichsten Länder, in welchem der gesamte Bodenertrag Staatseinkommen bildet, in welchem Beamte wie Militärs fast nie bezahlt werden, ist Ägypten ungeheuer mit Schulden belastet. Ordnung und Sparsamkeit sind den Finanzen fremd; es herrscht die schändlichste Verschleuderung des öffentlichen Staatseigentums. »Zivilisation und Humanität«, von der Regierung oft gebrauchte Worte, sind leerer Schall [* 29] geblieben. Die Mißhandlung des Volks, der armen Fellahs, ist eine arge, und Ägypten wird sich nicht eher heben, bis das Los dieser armen Menschen erleichtert wird.
Alte Kultur Ägyptens.
Die Kultur Ägyptens ist wie die keines Volks ein Abbild der Eigenart des Landes, welches schon den Alten als ein Wunderland galt. Herodot, welcher um 450 v. Chr. besuchte, bemerkt: wie dort Himmel [* 30] und Strom eine ganz abweichende Art und Natur hätten, so unterschieden sich auch die Bewohner in ihren Sitten weit von andern Völkern, und führt zum Beweis Gebräuche an, bei denen die Geschlechter die Rollen [* 31] vertauscht zu haben scheinen, sowie eine Reihe andrer Seltsamkeiten, die vielleicht in der Eigentümlichkeit des Landes ihre Erklärung finden.
Die Abstammung der alten Ägypter ist noch dunkel. Ihre Sprache [* 32] hat sich zwar erhalten in der koptischen; doch verbreitet diese nur wenig Licht [* 33] über die Abkunft des Volks, welches sie einst gesprochen, da sie zur indogermanischen Sprachfamilie in keiner deutlich erkennbaren, zur semitischen nur in entfernterer Beziehung steht. Die durch die Entzifferung der Hieroglyphen (s. d.) erschlossene altägyptische Sprache verrät dieselbe Stammverwandtschaft mit der semitischen, aber sie ist einfacher und ursprünglicher in ihrem Bau als diese.
Sie bildet mit einigen andern afrikanischen Sprachen den hamitischen Sprachstamm. [* 34] Was wir über die Körperbildung der alten Bewohner aus Beschreibungen, aus der Betrachtung der Mumien und aus den Abbildungen auf den Monumenten wissen, berechtigt zu der Vermutung, daß die Ägypter nicht einem und demselben Volksstamm angehört haben. Vermutlich hat die Verschiedenheit der Rasse auch auf die bei ihnen übliche Kasteneinteilung Einfluß gehabt. In waren, wie in Indien, die höhern Kasten von einem in der Körperbildung edlern und geistig begabtern Stamm kaukasischer Rasse, während die niedern zwischen dieser und der Negerrasse gestanden zu haben scheinen.
Sicher war auch hier der weißere Stamm der später eingewanderte. Woher die Einwanderung kam, darüber fehlt jede Spur; doch
deutet schon die kaukasische Rasse darauf, daß die höhern Volks
klassen aus Asien
[* 35] hergezogen sein mögen. Auch manches Übereinstimmende
in Einrichtungen, Vorstellungsweisen und Kenntnissen spricht dafür. Insbesondere haben die ägyptische
Kasteneinteilung und die Lehre
[* 36] von der Seelenwanderung zu der Vermutung geführt, daß von Indien aus eine Priestereinwanderung
geschehen sei, was jedoch wenig wahrscheinlich ist. Schon der Weg, den eine solche Einwanderung genommen haben könnte, bietet
große Schwierigkeiten. Daß indische Kolonisten durch Iran etc. zu Lande nach Ägypten
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