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Es ist kalt im Operationssaal. Eine himmelsblaue, sterile Abdeckung überzieht zwei Tische, auf denen die Instrumente liegen. Es sind schrecklich viele Werkzeuge, schön nach Grösse sortiert und fein säuberlich aufgereiht. Von den Chirurgen, Operationspflegern, Anästhesisten kann man nur die Augenpartie erkennen, der Rest verschwindet unter Mundschutz und Haube. «Hammer und Meissel bitte.» Ein grosser blauer Berg von sterilen Abdeckungen steht in der Mitte des Raumes, der Chirurg steht über den Berg gebeugt, schlägt mit seinem Hammer zu. Hat sich da etwas bewegt? «Anästhesie, mehr Hypnotika, der Patient wacht auf.»
Momentan absolviere ich gerade ein Praktikum auf der Wirbelsäulenchirurgie, es werden folglich viele Skoliosen, Bandscheiben-Hernien und enge Spinalkanäle operiert. Hier in Frankreich wird die Entscheidung zu operieren oder nicht meistens ziemlich rasch gefällt, basierend auf den Symptomen und dem MRI-Bild des Patienten. Da wird nicht lange diskutiert, in drei Minuten ist es entschieden. Oft werden dabei Teile der Wirbelsäule versteift, was mit einer einschneidenden Bewegungseinschränkung einhergeht. Doch so kann oft Schlimmeres verhindert werden.
Emanzipierte Hauben
Ich stehe vor einem grossen Regal mit blauer Operationskleidung. Hosen, T-Shirt, Gummipantoffeln. Alles blau, als wäre ich aus einem der Schlümpfe-Filme entschlüpft. Es fehlt noch die Haube. Zwei, drei Minuten versuche ich, jene möglichst sinnvoll um meinen Kopf zu drapieren, sieht aber alles nicht ganz richtig aus. «Können Sie mir sagen, wie man das am besten bindet?» Eine schlanke, schöne Frau mit einem leichten Zucken im linken Mundwinkel bindet ohne Worte meine Haube, macht mir einen hübschen Knoten im Nacken, schaut mir in die Augen und flüstert kokett: «Die feminine Art.»
Den richtigen Riecher haben
«Wird die Operation lange dauern?» Die Krankenschwester umfasst die Füsse des Patienten mit ihren starken Händen und massiert sie ein wenig. «Wissen Sie, mein Lieber, das kann man nicht so genau sagen. Jeder Mensch sieht ein wenig anders aus dadrinnen», sie klopft sich auf die Brust, «Man kann das mit den Nasen vergleichen: Jeder hat eine andere Nase. Eine grosse, eine kleine, eine knollige. Das kann dann manchmal länger dauern.» Dabei kräuselt sie ihre eigene und zwinkert ihm zu.
Die Ruhe selbst
Alle sind bereit für den Schnitt, nur der Anästhesist ist noch nicht einverstanden. «Ich habe sehr komische Puls- und Sauerstoffwerte, vielleicht ist die Maschine kaputt», denkt er laut. Das machen alle unablässig im Operationssaal: Laut denken. Auf jeden Fall diejenigen, die etwas zu melden haben. Dabei äussern vor allem Chirurgen manchmal Dinge, die sie in aller Öffentlichkeit sonst nie sagen würden, wie ‚Fuck.‘, ‚Putain‘, ‚Das nervt‘, ‚Ein schöner Körper hat dieser Herr, der hat sich fit gehalten‘ und nochmals ‚Fuck‘.
Da passt mein «Die Schutzkleidung zwickt ein wenig…» nicht ins Bild. «Spritz doch einfach ein bisschen Atropin und lass uns anfangen», meint der Chirurg ein wenig genervt. Atropin lässt das Herz schneller schlagen. Doch der Anästhesist lässt sich nicht so einfach abspeisen. Er kontrolliert nochmals gewissenhaft alle Steckdosen. Das dauert. Der Chirurg spritzt immer wieder mit einer fiktiven Luftspritze imaginäres Atropin in den Operationssaal, rollt mit den Augen. «So, es funktioniert. Du kannst loslegen.» – «Skalpell. [Pause] Erster Schnitt.»
Die Werkstatt
Jeder hat eine andere Nase. Das wird mir in dieser Woche immer wieder bewusst. Man schneidet zwar an den gleichen Stellen auf, sieht sich dann aber jedes Mal mit ganz anderen Situationen konfrontiert. Das Ziel ist es aber immer, die Nase wieder zu richten, wofür man immer die gleichen Werkzeuge zur Verfügung hat. In der Orthopädie sind das richtig grosse Instrumente, welche auch etwas Kraft benötigen. Wäre da nicht das Blut, die sterile Arbeit sowie die Röntgenbilder, man könnte meinen, man wäre in einer Werkstatt. Man muss praktisch veranlagt sein und den Kopf beisammen haben. Es wird gebohrt, gehämmert und am Ende aufgeräumt.
Der blaue Berg
Spannung liegt in der Luft, erwacht gerade der Patient? «Anästhesie, wurde schon nachgespritzt?», fragt der Chirurg nach. Der blaue sich bewegende Berg macht mir Angst und Bange. Es kann schon mal vorkommen, dass die Patienten aufwachen. Dies sind aber Ausnahmen und oft erinnern sich die Patienten danach nicht mehr an ihr kurzes Erwachen. Doch der blaue Berg hat sich seither nicht mehr bemerkbar gemacht und die Anästhesie-Geräte zeigen wieder ein gutes Schlafniveau an. «Alles in Ordnung.»
Wir sind gerade dabei, die Halswirbelsäule zu operieren. Dabei wählt man oft einen vorderen Eingang. Das bedeutet, man macht einen Schnitt etwas seitlich von der Luftröhre und sucht sich einen Weg durch den Hals, ohne dabei grosse Gefässe oder Nerven zu verletzten, bis man an der Wirbelsäule ankommt. Hört sich ziemlich unheimlich an, ist aber wunderschön zum Zuschauen.
«Kannst du bitte meine Stirn abtupfen?», fragt der Chirurg eine Krankenschwester. Flink wie ein Wiesel wird die feuchte Stirn abgewischt. Der Chirurg beugt sich wieder über sein Kunstwerk, wo er von zwei grossen Operationsleuchten, einer dicken Haube, doppelter steriler Kleidung, Röntgenschutzweste und vor allem von der grossen Verantwortung ins Schwitzen gebracht wird.
Eine heisse Sache, so eine Zervikal-Operation. Da muss man seine Energie manchmal schon etwas gehen lassen in einem kurzen: «Scheisse, was für eine Hitze, senkt mal die Temperatur.» Ich hingegen stehe fasziniert in einer Ecke, schaue zu, versuche zu lernen und mache kaum bemerkbar kleine Squats, um nicht zu erfrieren.
Diese Woche bin ich das erste Mal mit der Chirurgie warm geworden. Es ist ein sehr wichtiger Teil der Medizin, den man als Medizinstudentin unbedingt kennen lernen sollte. Bis ich aber vor Hitze und Aufregung möglicherweise einmal ausrufe «Seit wann operiert man in einer finnischen Sauna?» ist noch ein weiter Weg, geprägt von Fleiss und viel Schweiss.