Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03164.jsonl.gz/2396

Päpstliches Bekenntnis
Was bedeutet es, wenn Benedikt XVI anlässlich einer Dankesrede verkündet, dass die abendländische Musik „ihren Quellort in der Liturgie“ habe und für ihn persönlich sogar einen „Wahrheitsbeweis des Christentums“ darstelle? - so geschehen in Castel Gandolfo am 04. Juli 2015. Der vollständige Text ist im Blog dieser Page wiedergegeben.
Welche Verlinkung gibt es zwischen Musik und Kirche? Die Rede ist ja nicht von einem- oder mehreren Komponisten, sondern von der Musik als solcher und damit vom abendländischen Tonsystem – also von jenem Stoff, mit dem sowohl Klavierbauer als auch Musiker tagtäglich zu tun haben.
Wer sich mit Harmonielehre beschäftigt, dürfte sich bestimmt irgendwann einmal die Frage gestellt haben, warum die Oktav (von lateinisch octava‚ die achte) eigentlich Oktav heisst, wenn sie in diatonischer Lesart aus 5 Ganzton- und 2 Halbtonschritten besteht. In mathematischer Betrachtung ergeben 5 Ganze und zwei Halbe doch 6! In chromatischer Betrachtung wiederum besteht die Oktav aus 13 Tasten und 18 Tonbezeichnungen. Was ist nun richtig: 6, 8, 13 oder 18?
Blicken wir auf die Intervalle, begegnen uns solche wie die „kleine und grosse Sekund“, wörtlich: eine „kleine und grosse Zwei“, doch auch das führt nicht zu mathematischem Durchblick, ebenso wenig die engl. Variante: „b-flat“, das „flachgeklopfte“ b. Drücken wir dann eine jener Tasten mit Doppelbenennung, z.B. Cis/Des, setzen wir einen vorbereiteten Funktionsablauf in Gang und am anderen Ende der Mechanik schlägt ein Hammer gegen eine Saite, die jedoch in keiner der zu erwartenden Frequenzen erklingt.
Mit der gleichschwebend-temperiertem Stimmung kommt ein neues Ordnungssystem zur Anwendung. Nur die Prim und Oktav – die Inbegriffe der Konsonanz – bleiben akustisch, was sie waren. Gemäss Teiltonaufbau repräsentiert "die so genannte Oktav" den 2. Teilton eines beliebigen Saitenklanges, mathematisch charakterisiert durch die Verdopplung der Grundtonfrequenz. Mittels Cent-Rechnung wird die Oktav in 1200 Teilabschnitte unterteilt.
Ähnliche Verwirrung finden wir in dem Versuch, mittels Alphabet etwas Ordnung in die Sache zu bringen. Zumindest im englischen Sprachraum kennt man noch das durchgehende A-B-C-D-E-F-G. Wie aber gelangte C-Dur in den Zenit des Quintenzirkels als einzige lupenreine Tonart ohne jedes Vorzeichen? Akustisch würde sich doch durch die Verwendung anderer Buchstaben gar nichts ändern. Da kann man nur Verständnis für all jene aufbringen, die die Harmonielehre als trockensten Stoff der Schulzeit in Erinnerung haben, weil ihnen das alles ohne hinreichende Begründung zugemutet wurde. Im Rahmen der allgemein hohen Bildungsanforderungen darf man das durchaus als bestürzend bezeichnen. Die vorgestellten Sachverhalte machen deutlich, dass unserem Tonsystem ein ausserakustisches Denkmodell zugrunde liegen muss. Auf eine theologische Verankerung weist bereits der Begriff Kirchentonarten hin.
Sehr viel leichteren Zugang haben daher diejenigen, die die Dinge nicht aus logischem- sondern vielmehr aus theologischem Blickwinkel betrachten. Benedikt XVI hat das offensichtlich getan. Das Manuskript zur 2. Auflage von Sakrale Handys lag ihm - und ebenso seinem Bruder Georg - bereits im November 2012 vor.
Rein physikalisch betrachtet gibt es keine hohen und tiefen Töne – und daher auch keine Tonleitern – sondern nur rasche und weniger rasche Schwingungen. Die Beziehung zur räumlichen Dimension steht in Verbindung mit dem Traum des Jakob, denn in diesem Traum sah er vor sich eine Leiter, die bis in den Himmel hinauf ragte, und auf dieser Leiter sah er Engel hinauf- und hinabsteigen. Folgt man dem Kirchenvater Aurelius Augustinus, so bilden die 7 Gaben des Heiligen Geistes jene Stufen, auf denen der Mensch zu Gott gelangt. Dies sind: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Oder anders ausgedrückt: Ut, Re, Mi, Fa, So, La und Si, die Anfangssilben des Johannes-Hymnus, lobpreisen jenen, der das Kommen Christi ankündigte, denn Johannes der Täufer war Schutzpatron der Kirchenmusik, bevor ihn die Hl. Cäcilia ablöste. Was kommt nach der 7? Mathematisch gesehen die 8, theologisch gesehen die ersehnte Nähe Gottes als Lohn für ein tugendsames Leben und als Kompensation für erlittenes Leid. Welche Zahl vermag es, Gottesnähe zum Ausdruck zu bringen? Es sind die 8 Seligkeiten, wie sie in der Bergpredigt genannt werden. Theologen und Kunsthistoriker könnten zahlreiche visuelle Beispiele für die Bedeutung der Zahl 8 vorlegen.
Mit der Prim – man denke an die Trinität und die Lehre vom Zusammenfallen der Drei in Eins – und der Oktav, den Inbegriffen der Konsonanz, schliesst sich bereits ein erster Kreis. Er ist abbildlich zu finden auf einer Altarplatte in Besançon aus der Zeit um 1050:
In einem Achtblatt findet sich das Chi-Rho mit eingeschriebenem Alpha und Omega, darunter das Lamm, darüber die Taube, alles in drei konzentrischen Kreisen, umschrieben mit den Worten: HOC SIGNUM PRAESTAT POPULIS CAELESTINA REGNA, was bedeutet: Dieses Siegel gibt den Menschen das Himmelreich. Die musikalische Sichtweise war selbstverständlich mit einbezogen, da die Musik zum Quadrivium gehörte. Eine Bestätigung liefern die den 8 Kirchentönen gewidmeten Kapitelle der Abtei Cluny, denn dort erscheinen sie jeweils in einer Mandorla, d.h. in einem Insignium, welches üblicherweise der Majestas Domini vorbehalten ist. Hierbei handelt es sich buchstäblich um in Stein gemeisselte Bild- und Schriftquellen.
Und nachdem die 5 chromatischen Töne hinzu traten gelangte folgerichtig das C wie Christus in den Zenit des Quintenzirkels – der zuvor ein Kreis der Seligkeiten war – gemäss der Aussage des Messias: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“. Jenseits des Bosporus ist das alles freilich ohne Bedeutung.
Die Klaviatur zeigt demnach mehrere historische Schichten übereinander. Nur durch das Festhalten an der gegeben Anzahl von Tasten - denn aufmerksame Hörer forderten weitaus mehr - war es möglich, nach Jahrhunderten des Gelehrtenstreits zur gleichschwebend temperierten Stimmung zu gelangen. Allein dieser Beharrlichkeit verdanken wir bewegende tonkünstlerische Schöpfungen, denn was wären Schubert, Schumann, Liszt, Chopin und all‘ die anderen ohne Ordnung in den Schwebungen?
Das katholische Weltbild (gr. katholikós allumfassend) sieht so aus, dass Gott am Anfang aller Dinge steht. Daher unsere Zeitrechnung ab Christi Geburt. Und nachdem wir selbst sowie alles um uns herum als Gottes Schöpfung betrachtet wurde, musste sich auch in allem die corporate identity des Weltherstellers erkennen lassen – so der Gedanke. Daher kongruieren die 12 Tonarten in Dur und in Moll mit den 12 Stunden des Tages und der Nacht sowie mit den 12 Monaten des Jahres. Daher stehen unsere Wochentage in Analogie zur Schöpfungsgeschichte. Daher finden wir die christliche Symbolik in allen Bereichen der Kunst sowie im Brauchtum in mannigfacher Wiederholung, ebenso in Redensarten. Jede Zahl von 1-15 weist mindestens einen klaren theologischen Bezug auf , darunter natürlich die 13, die vielerorts aus genau diesem Grunde gemieden wird. Der ständige Verweis auf die Bibel prägte die europäische Kultur über viele hundert Jahre und es ist sehr verwunderlich, warum diese bedeutenden Zusammenhänge an unseren Schulen nicht unterrichtet werden.
Dabei zählt die abendländische Harmonielehre zum wertvollsten Kulturerbe des Christentums. Allein die Erkenntnis, dass es fünf weiterer Fähigkeiten jenseits der eigenen Meinung bedarf: der Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit, macht sie zum Weltkulturerbe und zum Bildungsgut erster Ordnung. Dieses Erbe ist wegen des Gehalts der Feindesliebe nur durch Anwendung zu verteidigen und es ist bestürzend genug, dass man sich schon zur Zeit der Kreuzzüge nicht daran orientierte.
Musiker haben also ein Kulturerbe unter ihren Händen, gewiss nicht irgendeins, sondern einen akustischen Sakralraum. Der Aufenthalt darin ist vor allem Orgelbauern sehr vertraut, denn Orgeln und Kirchen gehören in besonderem Masse zusammen. Als Jakob aus seinem Traum erwachte erkannte er: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist des Himmels Pforte.“ Gleichrangig mit Altären sind Orgeln Teil eines liturgischen Konzeptes und nicht selten tragen sie die vielsagende Inschrift: MUSICA DONUM DEI.
All das mag den Diskussionen über religiöse Symbole in Klassenzimmern neue Nahrung geben, doch der Sache nach geht es um Harmonie unter den Menschen und um die Fähigkeit, den Umgang mit Andersdenkenden zu erlernen. Daniel Barenboim zeigt dies in bewusster Zusammenarbeit mit Musikern aus Palästina und Israel. Auch liegt es nicht fern, an das Pfingstwunder zu denken, denn Musik ist eine Sprache, die von allen Menschen verstanden wird, und die Taube ist nicht umsonst sowohl ein Symbol des Hl. Geistes als auch ein Symbol des Friedens. Wenn also von den kulturellen Werten Europas die Rede ist – nicht zufällig erinnern uns die 12 Sterne der Europäischen Flagge an den Quintenzirkel und das Zifferblatt der Uhr – so ist der ethische Gehalt unseres Tonmaterials einer dieser Werte. Er steht auf Augenhöhe mit der Demokratie, weil die Achtung des Anderen zuweilen wichtiger werden kann als das fundamentalistische Durchsetzen der eigenen Meinung. Den Verzicht auf Synergie kann sich eine Menschheit mit Interesse an Zukunft nicht leisten.
Klavier- und Orgelbauer wissen, was dabei herauskommt, wenn sie an der Vollkommenheit einzelner Intervalle festhalten. Solches Vorgehen führt zwangsläufig zur Dissonanz an anderer Stelle. Der Fachausdruck für das Festlegen der Tonabstände nach dem Prinzip gegenseitiger Rücksichtnahme heisst temperieren – und Temperantia (Mässigung) ist eine der 4 Kardinaltugenden. Noch liegt ein langer Weg vor uns, bis die Inhalte an den Schulen unterrichtet werden, doch erst dann wird unsere Gesellschaft eines ihrer wertvollsten Kulturgüter wieder in Besitz nehmen können.