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Die Sternenfrau
In der Kalahari lebte vor langer Zeit ein Mann, der besass eine stattliche Rinderherde. Kräftig waren seine Kühe und wunderschön war ihr Fell, schwarz und weiss gefleckt, geheimnisvoll wie der Sternenhimmel bei Nacht.
Der Mann liebte seine Tiere und brachte sie jeden Morgen auf gute Weideplätze, und wenn er sie am Abend in den Kral zurückführte und sah, wie die Tiere satt und zufrieden wiederkäuten, dann freute er sich: „Viel Milch werden sie morgen geben…… viel Milch!“
Als er die Kühe jedoch eines Morgens melken wollte, waren ihre Euter schlaff und leer. „Es hat vielleicht gestern an Futter gefehlt“, warf er sich vor und führte die Tiere auf eine noch bessere Weide mit saftigem Gras. Da frassen sie und frassen, bis rundum satt und zufrieden waren. “Morgen werden sie bestimmt wieder viel Milch geben.“
Doch am nächsten Morgen hingen ihre Euter wieder schlaff und leer. Da trieb der Mann seine Kühe beim dritten Mal auf den allerbesten Weidegrund und liess sie dort den ganzen Tag grasen. Und am Abend verschloss er den Kral mit Dornenzweigen. Er selbst legte sich auf die Lauer und liess seine Kühe nicht aus den Augen.
Um Mitternacht, als der Mond weiss am Himmel stand, sah er, wie sich eine goldene Strickleiter von den Sternen auf die Erde niedersenkte, und zwölf Sternen-Frauen aus dem Himmelsvolk schwebten daran herab. Schön waren sie, jung und fröhlich; sie flüsterten miteinander und lachten leise. Leichtfüssig liefen sie zu den Kühen und molken sie in Kürbiskalebassen.
Da sprang der Mann auf und wollte sie fangen. Doch die Sternen-Frauen stoben auseinander und flohen flugs zum Himmel hinauf. Es gelang ihm aber, eine von ihnen festzuhalten; die Schönste war es. Er behielt sie bei sich und machte sie zu seiner Frau.
Seine neue Frau ging nun täglich auf die Felder ihres Mannes und arbeitete dort für ihn, während er sich um sein Vieh kümmerte. Die beiden lebten glücklich miteinander, um die gemeinsame Arbeit machte sie reich.
Eines aber liess den Mann nicht zur Ruhe kommen: Als er seine Frau in jener Nacht eingefangen hatte, da trug sie einen Korb bei sich, der mit einem Deckel verschlossen war. „Versprich mir“, hatte sie zu ihm gesagt, „dass du nie in den Korb hineinschaust. Tust du es trotzdem, so werden wir beide unglücklich werden.“
Der Mann hatte es ihr versprochen. Doch mit der Zeit fing er an, sein Versprechen zu vergessen. Und als er einmal alleine im Haus war und den Korb im Dunklen stehen sah, konnte er seine Neugier nicht länger bezähmen, er lüftete den Deckel, blickte in den Korb hinein – und fing laut an zu lachen.
Als seine Frau heimkam, wusste sie sofort, was geschehen war. Sie sah ihm mit Tränen in den Augen an und sagte: „Du hast in den Korb geschaut!“
Der Mann gab es lachend zu: „Mein dummes Weib! Was soll denn das Getue um diesen Korb? E ist ja leer. Es ist doch gar nichts drin!“
Da legte sie die Hand auf ihr Herz und weinte sehr. „Ich muss dich nun verlassen“, sagte sie, „nicht, weil du dein Versprechen nicht gehalten und in den Korb geschaut hast, sondern weil du nichts darin gesehen hast, weil du ihn für leer hältst.“
Und während sie so sprach, wandte sie sich von dem Mann ab und ging geradewegs in den Sonnenuntergang hinein. Sie wurde nie wieder auf Erden gesehen.
Märchen aus Südafrika
Aus: 3 – Minuten – Märchen aus aller Welt / Marlis Arnold