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Die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo erzählt in ihren Büchern und Filmen stets aus ihrem eigenen Leben. Wie sie dank Salman Rushdie ein Visum für England bekam und warum sie im Westen ihre Identität verloren hatte.
WOZ: Xiaolu Guo, vor sechs Jahren haben Sie mit Ihrem Film «She, a Chinese» am Filmfestival Locarno den Goldenen Leoparden gewonnen. 2011 erhielten Sie in Genf für Ihren Dokumentarfilm «Once Upon a Time Proletarian» am Internationalen Filmfestival und Forum für Menschenrechte in Genf den Hauptpreis. Nun wurden Sie vom Literaturhaus Zürich für sechs Monate als «Writer in Residence» eingeladen. Hier in der Schweiz scheint man Ihre Arbeit zu mögen.
Xiaolu Guo: Ja, ich weiss auch nicht, warum das so ist, aber die Schweiz war immer sehr nett zu mir und meiner Arbeit. Ich lebe seit über zehn Jahren in England, aber England war nie nett zu mir – die englische Kultur ist allgemein sehr hart gegenüber Ausländern. Und als ich noch in China lebte, war China auch nicht nett zu mir.
Was meinen Sie mit «nicht nett»?
Ich habe viel gelitten. Meine Kindheit und meine Teenagerzeit waren sehr hart. Mein Vater, ein Maler, sass fünfzehn Jahre als politischer Häftling im Gefängnis. Deshalb bin ich mit meinen Grosseltern, die Analphabeten waren, in einer kleiner Provinzstadt am Meer im Süden Chinas aufgewachsen. Mein Leben war zum Teil von Gewalt geprägt, was sich auch auf meine Persönlichkeit auswirkte: Ich war stets selber aggressiv und wütend, und noch heute reagiere ich sehr emotional auf gewisse Dinge. Vielleicht ist das auch deshalb so, weil ich nicht in einer wirklich freien Umgebung aufgewachsen bin.
Sowohl in Ihrem Spielfilm «She, a Chinese» wie auch in all Ihren Büchern behandeln Sie stets explizit biografische Ereignisse. Was ist der Grund?
Ich schreibe und mache Filme darüber, was ich erlebt habe. Für mich wäre es unmöglich, mein Leben von meinen Werken zu trennen. Beim ersten Buch brauchte das noch Mut, weil ich ja von meiner Familie, meinen Freunden, meiner Wut und Liebe erzähle. Ausserdem publizierte ich damals noch in China. Doch nach ungefähr fünf Büchern hatte ich eine Art System gefunden, um emotional und künstlerisch damit umgehen zu können.
In Ihrem neusten Buch, «Ich bin China», gibt es zwei Protagonistinnen und einen Protagonisten: den politischen Punkmusiker Kublai Jian, der aus China nach England geflohen ist, seine frühere Freundin Mu, die in China und in den USA lebt, sowie Iona, eine englische Übersetzerin, die die Briefe des Paars zugespielt bekommt und diese nun übersetzt. Mit welchen der drei Figuren identifizieren Sie sich am meisten?
Ich bin ein Mix aus allen dreien. Aber meine erste und wichtigste Identifikationsfigur ist der wütende Punk Kublai Jian. Er muss aus China fliehen, weil er ein politisches Manifest verfasst hat. Doch im Westen angekommen, verliert er seine Identität total.
Ist Ihnen das auch passiert, als Sie nach England kamen?
Ja. Während meiner ersten Jahre in London und später auch in Paris hasste ich es, dass meine Wut, die ich von China mitbrachte, hier so bedeutungslos war. Nichts ist politisch hier, ich konnte meine Wut nirgends einbringen oder kommunizieren. Deshalb schreibe ich und mache ich Filme. Seit ein paar Jahren schreibe ich meine Bücher auf Englisch, denn ich realisierte in England, dass ich nicht mehr auf Chinesisch schreiben konnte. Dazu fehlte mir der ideologische und politische Kontext Chinas. Ausserdem konnte mich in England ja gar niemand lesen.
Kublai Jian versucht, in England Asyl zu bekommen, und schreibt dazu einen Brief an die Queen, in dem er sie um Hilfe bittet. Haben Sie auch einen Brief an die Queen geschrieben?
Nein, aber ich habe vor ungefähr zehn Jahren einen Brief an Salman Rushdie geschrieben – das war meine Inspiration für diesen Brief von Kublai Jian. Ich hatte Probleme mit dem Visum, weil das britische Migrationsamt sich weigerte, mich als Künstlerin anzuerkennen, und mir kein Künstlervisum geben wollte. So schrieb ich Rushdie einen Brief. Dieser schrieb wiederum sofort empört an das Amt: «Xiaolu Guo ist eine bekannte Schriftstellerin aus China, die bereits viele Bücher publiziert hat, und ihr wollt ihr kein Visum geben?» Das hat geholfen: Ich habe sofort ein Visum bekommen.
Das mit dem Brief an die Queen ist natürlich auch ein Witz: Ein politischer Kämpfer aus China glaubt, die englische Königin könne ihm helfen. Dabei ist die ja völlig macht- und nutzlos. Das ist für mich sowieso total komisch, dass die Engländer so viel Rummel um ihre Königin machen und sie so lieben. Wir in China haben unsere Royals umgebracht, und die hier machen so einen Wirbel um sie.
Anders als bei Ihnen nützt der Brief Kublai Jian jedoch nichts, er erhält kein Asyl in England, dafür schliesslich in der Schweiz. Warum die Schweiz?
Ich wollte lieber, dass mein Protagonist in der Schweiz glücklich ist als in England. Vielleicht einfach deshalb, weil ich hier stets glücklich war. Doch leider ist Kublai Jian auch hier unglücklich, und er verlässt die Schweiz: Es ist ihm zu einsam hier.
Die chinesische Autorin und Filmemacherin Xiaolu Guo (42) lebt seit 2002 hauptsächlich in London. In den dreizehn Jahren in Europa hat sie zehn Spiel- und Dokumentarfilme realisiert sowie vier Romane geschrieben. Ihr neuster Roman, «Ich bin China», ist diesen Frühling im Knaus-Verlag erschienen.