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Will man den Atlantik in Richtung Westen überqueren, so kann man grundsätzlich zwischen drei Routen wählen: Die direkte Route (Nördliche Route) von den Kanaren zu den kleinen Antillen dauert ca. 20 Tage. Die Südroute führt zuerst Richtung Südwesten zu den Kapverden, die man meist nach 6 Tagen erreicht. Nach einem Zwischenstopp segelt man 15 Tage genau Richtung Westen um zu den Ostkaribischen Inseln zu gelangen. Diese Route ist zwar ein klein wenig länger, hat aber den Vorteil, dass man auf den Kapverden nochmals Food, Wasser, Diesel bunkern und Reparaturen vornehmen kann. Und dann gibt es die Mittlere Route. Sie geht zuerst Richtung Kapverden, biegt jedoch nördlich dieses Archipels in Richtung Westen ab. Diese Route hat den Vorteil, dass man die Überquerung zwar am Stück macht, aber auf Kapverden einen Halt einlegen könnte, falls dies erforderlich wäre.
Wir wählten die Südroute mit Zwischenstopp in Mindelo (Kapverden). Das vor allem weil wir auf dem ersten Teilstück Crew mitnehmen wollten. Mindelo ist flugtechnisch gut an Europa angebunden und die Crew würde von dort rasch wieder zu Hause sein. Den zweiten Schlag von Kapverden in die Karibik würden dann Bea und ich zu zweit machen. So segelten wir also von San Miguel/Teneriffa/ Spanien aus zu viert nach Mindelo/San Vincente/ Kapverden. Der Schlag war total 835sm lang (ca. 1550km) und dauerte 5 Tage und 18 Stunden. Wir segelten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas mehr wie 6kn.
Die zwei Damen, die sich für die Überfahrt angemeldet hatten, kamen am Samstag 12. März auf Teneriffa an, aber los ging es erst vier Tage später am Mittwoch. Vorher hiess es warten! Am Sonntag wollte ich nicht los, weil ab Sonntagabend Starkwind angekündigt war. Ich kannte die Crew nicht, sie kannten das Boot nicht und schweres Wetter war im Anmarsch. Nein, rausfahren macht so keinen Sinn.
Am Montag blies es tatsächlich mit Sturmstärke und der Wind baute eine 5m Welle auf. Am Dienstag hatte der Wind zwar abgeflaut, aber die Welle war immer noch 4m hoch. Also warteten wir bis Mittwoch, da betrug die Wellenhöhe nur noch 3m und der Wind war moderat. Leinen los, Good Bye Europe!
Am ersten Tag segelten wir gemeinsam und stellten dann in der ersten Nacht auf ein 3–3 System um: Zu zweit hatten wir jeweils 3 Stunden Wache und danach 3 Stunden Pause. Bea übernahm mit Kathrin eine Wache, und ich mit Jeanne die andere. So hatten wir die Möglichkeit, die neuen Leute persönlich einzuweisen.
In der Nacht gelten verschärfte Sicherheitsregeln. Man trägt immer die Rettungsweste und ist im Cockpit immer an einer Sicherheitsleine eingepiekt. Es wird klar kommuniziert, welche Entscheidungen die Wache selber treffen kann und wann man den Skipper weckt. Ab der zweiten Nacht auf See stellten wir auf ein 2–6 System um: 2 Stunden Wache alleine und danach 6 Stunden Pause. Dieses System zogen wir bis zum Schluss der Reise durch, auch am Tag, so hatte jeder genug Zeit um sich auszuruhen. Hat gut funktioniert.
In den ersten Tagen plagte uns eine mühsame Kreuzsee. Die 3m Welle von Norden wurde von einer etwa 1,5m Welle von Ostnordost überlagert. Die Wellensysteme kreuzten sich und erzeugten kurze, hohe Wellenberge, die das Boot in unvorhersehbarer Weise in alle Richtungen schüttelten. Nicht schön!
Wenn das Boot derart unkontrolliert herumtanzt, ist alles schwierig. Sitzen ohne sich festzuhalten ist schwierig. Stehen, auch wenn man sich festhält, ist streng. Sich umziehen ist sehr anspruchsvoll, auf die Toilette gehen eine echte Herausforderung! Selbst schlafen geht kaum. Essen ist nur mit einer Hand möglich. Mit der anderen krallt man den Teller fest, damit er nicht quer durchs Cockpit fliegt.
Ich will es nicht beschönigen: Danke dieser Welle war mir die ersten 3 Tage schlecht. Ich war nicht seekrank mit Erbrechen, Apathie und so, aber hatte permanent ein kotzelendes Gefühl im Bauch. Und dann schleppe ich mich um Mitternacht pflichtbewusst zu meiner Wache und sehe am Horizont die Lichter eines grossen Schiffes. Das AIS zeigt es in 5 Meilen Distanz an: AIDA – Mein Schiff 3. In dem Moment verwünsche ich die ganze Seglerei und denke nur: Wieso habe ich Idiot nicht eine Kabine auf der AIDA gebucht? Jetzt würden wir gemütlich vom Dinner in unsere Kabine kommen und uns in ein bequemes, nicht schaukelndes, Bett legen..
Am 4. Tag legte sich die seitliche Welle und wir hatten nur noch regelmässige Seen von achtern (hinten). Der Wind blies gemütlich mit 12-16 kn und wir setzten das Parasail. Dieses Segel stabilisiert das Schiff deutlich. Fertig mit dem Geschaukele! Die Sonne schien, das Schiff lief mit 6,5 – 7kn. Wir nahmen uns Zeit für eine Dusche, Bea kochte ein wunderbares Ragout mit Polenta und ich war froh nicht auf der AIDA gebucht zu haben. Ab diesem Tag ging es gut, auch wenn die Welle zwischendurch wieder mühsamer wurde.
Ja, mit der Fischerei habe ich es auch auf dieser Überfahrt zu nichts gebracht. Ich hatte zwar die Schleppangel ausgelegt, aber irgendwie wollte wieder mal keiner beissen. Allerdings haben wir 3 Fische gefangen. Einige fliegenden Fische haben sich verflogen und landeten bei uns an Deck. Die warfen wir wieder ins Meer. Ich weiss, ich weiss, die zählen nicht…
Nebst der üblichen Delfin-Show sichteten wir auf dieser Überfahrt einen Wal. Ganz unverhofft erhob sich wenige Meter vom Schiff entfernt ein riesiger grauer Rücken aus dem Wasser. Sah zuerst aus wie eine Welle, aber dann merkten wir, dass es ein Tier war. Im nächsten Moment tauchte er schon wieder ab und bevor irgendwer ein Foto schiessen konnte, waren wir schon weit entfernt. Einige hatten das Atemloch am Kopfende gesehen, so muss es wohl ein Wal gewesen sein, welcher auch immer.
Was mich am meisten faszinierte, waren die vielen Portugiesischen Galeeren, die wir immer wieder sichteten. Ich dachte zuerst, da schwimmt eine pinkige Sandale im Wasser, doch dann erinnerte ich mich an diese sonderbare Qualle, die einen Teil ihres gallertartigen Körpers wie ein Segel aus dem Wasser hält und sich so mit dem Wind treiben lässt. Die Tierchen sind faszinierend, allerdings auch hochgiftig.
Eine Ozeanpassage ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es spielt keine Rolle, ob man ein paar Stunden früher oder später ankommt. Wichtig ist, dass man ankommt, und dazu braucht man intaktes Material. Das Rigg mit Mast, Segeln, Baum, Wanten und Stagen (Metallseile, die den Mast halten) ist bei Wind und Welle besonders hohen Belastungen ausgesetzt. Wenn z.B. das Vorsegel nicht sauber steht, und stattdessen immer wieder zusammenfällt und dann durch den Wind aufknallt, dann ist das jedes mal ein gewaltiger Schlag auf das Vorstag und die dazugehörigen Beschläge. Das geht vielleicht 1000 mal gut, aber beim 1001 mal bricht irgendein Schäkel und das ganze Vorstag kommt runter. Und dann vielleicht auch der Mast. Und dann Gute Nacht. Ich habe der Crew darum eingeschärft und gelegentlich nachgedoppelt: Wir müssen materialschonend segeln. Prio 1 ist die Sicherheit der Crew – niemand geht über Bord. Klar. Prio 2 ist das Rigg – die Segel dürfen nicht schlagen. Prio 3 ist dann alles andere: Unser Speed, unser Kurs, welches Joghurt man zum Frühstück wählt etc.
Wir hatten den Wind während fast der ganzen Strecke von hinten. Daher segelten wir meist mit einer ausgebaumten Genoa im Butterfly. D.h. das Grosssegel (das hintere Segel) und die Genoa (vorderes Segel) stehen sich gegenüber. Der achterliche Wind wird durch die zwei «Schmetterlingsflügel» eingefangen und schiebt das Schiff voran. Das funktioniert am besten, wenn die Genoa mit dem Baum leicht ins Luv (gegen den Wind) gesetzt wird und das Gross leicht im Lee steht. Dann ist das System am effizientesten. Den Genoabaum haben wir erst vor kurzem in Las Palmas gekauft und mussten zuerst ausprobieren, wie wir ihn am besten einsetzen.
Trotz aller Vorsicht mussten unterwegs zwei kleine Reparaturen vorgenommen werden: Das grüne Navigationslicht auf Steuerbord leuchtete in der 4. Nacht nicht mehr. Das Lämpchen war rasch gewechselt, wir haben Reservematerial dabei.
Die zweite Sache war etwas schmieriger: Die Steueranlage begann ab dem 3. Tag zu quietschen. Das war ihr nicht zu verübeln, schliesslich musste sie tagelang ohne Pause durcharbeiten. Da wird jeder grummelig. Bei einer bestimmten Bewegung des Ruders quietschte es einfach, anfangs nur leise, mit der Zeit aber immer lauter, so dass es störend wurde. Auch hier gilt: Wenn dir das Schiff etwas sagen will, dann höre gut zu. Wenn nämlich etwas quietscht, hat es irgendwo Reibung. Das bedeutet die Steuerung braucht unnötig mehr Kraft, der Autopilot mehr Energie, irgendwo wird etwas warm etc etc. Das sind immer Verkettungen und man kann bei einer so langen Passage eben nicht sagen: Das schaue ich mir dann am Abend im Hafen an. Also durfte der Skipper in der 3. Nacht (das war die Nacht mit der AIDA) im Heck des Schiffes die Rettungsinsel raushiefen, ein paar Bretter entfernen und dann zur Ruderanlage runterklettern. Leider sind diese Hohlräume in unserem Boot doch recht klein und ich viel zu gross und es dauerte ein Weile bis ich unten war und mit einem Pinsel und Fett die Lager der vielen Umlenkrollen der Ruderanlage schmieren konnte. Unterdessen quietschte es fröhlich weiter und mir war klar, dass ich die verlustbehaftete Stelle noch nicht gefunden hatte. Also weiter suchen, mich in Ecken zwängen, schmieren – und… plötzlich war ES weg. Was für eine wunderbare Stille sich da auf dem Atlantik ausbreitete!
Den stärksten Wind hatten wir in den letzten Stunden der Passage. Landfall war mitten in der Nacht. Wir sahen kein Land sondern nur die Lichter auf den Inseln Santo Antao und San Vincente. Wir steuerten in den Kanal zwischen diese zwei Inseln während dem der Wind stetig zunahm. Um 3 Uhr morgens liefen wir in die Bucht von Mindelo ein und der Wind pfiff uns mit 30kn um die Ohren. Da ist Kommunikation schwierig. Bea war mit dem Scheinwerfer am Bug und leuchtete nach vorne. Ich war am Navi und gab Kathrin am Ruder Anweisungen. Jeanne stand mittschiffs und gab Infos von mir zu Bea weiter und umgekehrt. So tasteten wir uns vor und fanden am hinteren Ende der Bucht die Stege der Marina. Am Funk antwortete niemand, auch nicht der Nachtwächter, was mich überraschte. Zum Glück war aber gleich am ersten Steg viel Platz. Ich übernahm das Ruder, wendete das Schiff und nachdem wir Fender und Leinen vorbereitet hatten, fuhren wir rückwärts gegen den Wind an den Steg. Das ist die einfachste und sicherste Methode. Bea stieg auf den Steg über und belegte eine Heckleine. Es folgte die zweite Heckleine und die Mooringleinen – wir waren angekommen.
Hier eine Videozusammenfassung der Passage
Unterdessen sind Katrin und Jeanne abgereist, und wir zwei sind wieder am warten. Diesmal ist es nicht das Wetter, das uns zu einer Pause zwingt, sondern die afrikanische Bürokratie. Und die scheint wesentlich weniger vorhersagbar zu sein als der Wind. Ich hatte von einem Segler auf den Azoren über ein Inserat ein spezielles Rundsegel gekauft (mehr dazu im nächsten Blog). Das Segel machte per Post den Weg über Lissabon nach Kapverden und war da, als wir ankamen. «Da» heisst, im Zoll in Mindelo. Um es kurz zu machen: Es ist immer noch im Zoll. Zwei Tage Behördenmarathon hatten nicht gereicht um das Paket rauszubekommen. Ich wäre durchaus auch bereit, das so zu lösen wie mir der quietschenden Ruderanlage, wenn das helfen würde, aber da bin ich doch zu wenig mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut. Auf jeden Fall wurde uns so ein Wochenende in dieser kleinen, lebensfrohen Stadt genannt Mindelo geschenkt. Wir hoffen, dass am Montag die Behörden das Paket öffnen, rein gucken, uns eine Rechnung vorlegen und dann heisst es am Dienstag: Good Bye, Africa!