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Tüchelbohrer/in
Der Tüchelbohrer (auch: Teuchelbohrer) höhlt Baumstämme aus und fügt die entstandenen Röhren, die sogenannten Tüchel (Teuchel), zu hölzernen Wasserleitungen zusammen.
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Verwendet werden möglichst gerade gewachsene Baumstämme – besonders geeignet sind Weisstannen, Föhren oder Lärchen – von mittlerer Dicke (ca. 20-25 cm Durchmesser). Sie werden zunächst auf 2.5-3 m lange Teilstücke zurechtgesägt. Diese Masse werden bedingt durch das hauptsächlich verwendete und namengebende Werkzeug, den Tüchelbohrer, dessen Länge 2.8-3.5 m beträgt. Ein versierter Handwerker kann auch bis zu doppelt so lange Tüchel herstellen, indem er die Stämme von beiden Enden her anbohrt. Dies erfordert allerdings höchste Präzision; wenn der Bohrer nur im geringsten von seiner Bahn abweicht, kann keine durchgehende Höhlung geschaffen werden, das ganze Teilstück ist unbrauchbar, und die Arbeit muss neu begonnen werden. Damit eine gerade Bahn gebohrt werden kann, müssen Stamm und Bohrer so fixiert werden, dass sie während der Arbeit absolut unbeweglich bleiben. Der Stamm wird auf einer soliden Unterlage festgekettet, der Bohrer liegt auf einem Bohrbock auf. Der Bohrbock ist in der Höhe verstellbar, dadurch kann der Bohrer genau senkrecht zum Stamm ausgerichtet werden. Damit der schwere und massive Tüchelbohrer gut greifen kann, wird vor seinem Ansetzen mit dem Handbohrer ein Loch vorgebohrt. Während des Bohrens wird anhand der Position des Markpunktes in jedem entnommenen Bohrzapfen kontrolliert, ob sich der Bohrer noch auf dem richtigen Kurs befand; falls nötig, wird nachjustiert. Wenn alles gut geht, durchdringt der Bohrer das andere Ende des Stammstückes exakt in der Mitte.
Da sich zwischen Rinde und Holz bei Eindringen von Feuchtigkeit leicht Fäulnis bilden sowie Schädlinge und Pilze einnisten können, müssen die fertigen Tüchel entrindet werden, bevor man sie zur Leitung zusammensetzt und in die Erde legt. Die Tüchel können auf verschiedene Arten zu einer durchgehenden Leitung zusammengefügt werden. Früher wurden sie am einen Ende zugespitzt, während am anderen die Höhlung gegen aussen trichterförmig ausgeweitet wurde, so dass jeweils das spitze Ende des einen Teilstückes in die konische Ausbuchtung des nächsten passte. Mit dem Aufkommen von Verbindungsringen aus Eisen oder Zink, die an beiden Enden um die Höhlung ins Holz eingeschlagen werden, wurde das Zuspitzen und Ausbuchten überflüssig.
Die hölzernen Leitungen werden meist in Gruben verlegt, die mit festgestampftem Lehm ausgekleidet worden sind. Nach dem Einsetzen der Röhren werden die Gruben mit Lehm zugeschüttet. Die Lehmpackung schützt das Holz vor Fäulnis. In schwierigem Gelände können die Leitungen auch oberirdisch verlaufen. Da sie hier der Witterung ausgesetzt und auch gegen mechanische Schäden nicht geschützt sind, ist ihre Lebensdauer viel geringer.
Geschichte
Bereits die Römer verlegten nebst steinernen auch hölzerne Wasserleitungen. Letztere wurden jahrhundertelang nach mehr oder weniger unveränderter Technik hergestellt und waren in ganz Europa verbreitet. Die Vorgehensweise beim Anlegen von Wasserleitungen war regional verschieden, auch innerhalb der Schweiz lassen sich Unterschiede feststellen. In Graubünden zum Beispiel war dies eine korporative Arbeit, an der sich die ganze Gemeinde beteiligte. Als Tüchelbohrer betätigte sich hier häufig ein in dieser Tätigkeit besonders geübter Bauer oder auch ein Zimmermann, Wagner, Schmied oder Küfer. In anderen Gegenden, so im Luzernischen, war der Tüchelbohrer ein Wanderhandwerker, der mit seinem Werkzeug auf einem Pferde- oder Ochsenkarren von Hof zu Hof zog und an Ort neue Leitungen anlegte oder bestehende ausbesserte. Da in landwirtschaftlichen Regionen Leitungen nicht nur für Wasser, sondern auch für Jauche benötigt wurden, fand der Tüchelbohrer hier stets Arbeit.
Während in den Städten bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts Leitungen aus Metall, vor allem Eisen, Einzug hielten und die Holzleitungen allmählich ersetzten, war in den ländlichen Regionen der Schweiz die hölzerne Wasserleitung noch in den 1870er Jahren überall anzutreffen. Danach verschwand sie rapide: Bis 1900 war die Umstellung auf metallene oder irdene Leitungen in der Schweiz weitgehend abgeschlossen; nur in abgelegenen Dörfern waldreicher Regionen konnte sich die hölzerne Leitung länger halten. Der Nachteil der eingeschränkten Lebensdauer einer Holzleitung – je nach Anlage, Bodenbeschaffenheit und Witterung musste sie alle 10 bis maximal alle 100 Jahre ersetzt werden – wurde hier durch die vergleichsweise geringeren Material-, Herstellungs- und Unterhaltkosten ausgeglichen. Viele kleine Bauern- und Berggemeinden konnten sich noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein eisernes Leitungssystem schlicht nicht leisten.
Als Hans Marti und Paul Hugger 1967 ihren Film über den Sodmacher (Brunnenmacher), der sich auch als Tüchelbohrer betätigte, drehten, gehörte der portraitierte Handwerker bereits zu den letzten dieses Berufes. Heute erinnern vielerorts nur noch die erhaltenen und aufbewahrten riesigen Tüchelbohrer sowie hie und da an die Erdoberfläche tretende Überreste noch im Boden befindlicher Holzleitungen an dieses ehemals so elementare, lebensnotwendige und universal ausgeübte Handwerk.
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Literatur
Maissen Alfons: Die hölzerne Wasserleitung, in: Sache, Ort und Wort. Jakob Jud zum sechzigsten Geburtstag, Romanica Helvetica 20, Genf/Zürich 1943, S. 49-98.
Marti Hans und Hugger Paul: Der Sodmacher, in: Hugger Paul (Hg.): Sterbendes Handwerk, Heft 18, Basel 1968.
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