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1961, im Jahr, als die Berliner Mauer gebaut wurde, verliebt sich die 20-jährige Studentin Monika Krause in den kubanischen Kapitän Jesús Jiménez, als sein Frachtschiff in ihrer Heimat Rostock getauft wird. Sie folgt ihm nach Havanna, wo sie bald in den besten gesellschaftlichen Kreisen verkehrt und einige Jahre später die Sexualerziehung Kubas begründen wird.
Silvana Ceschi und Reto Stamm zeichnen das Porträt der Sexologin Krause, einer Frau, die kaum dem Klischee der sexy Kubanerin entsprach: «Für die Kubaner war ich eine Karikatur», ostdeutsch, kurzhaarig, ungeschminkt und bald eine allbekannte Persönlichkeit.
Weil in den neu gegründeten Internaten zahlreiche Teenager schwanger wurden, die Schule abbrachen und dadurch in einen Widerspruch zur angestrebten Gleichberechtigung von Mann und Frau gerieten, war der Bedarf an sexueller Aufklärung deutlich geworden. Im Auftrag von Vilma Castro, der Vorsitzenden des kubanischen Frauenverbandes und Ehefrau von Raúl, sollte Monika Krause dabei helfen. Ihr erstes Buch wurde wegen der freizügigen Darstellung von Sexualpraktiken sofort zum Bestseller. Es folgten eigene Radio- und Fernsehsendungen. Der legendäre Auftritt, als sie vor laufender Kamera ein Kondom mit einem Liter Wasser füllte, brachte Krause den Übernamen «La reina del condón» – die Königin des Kondoms – ein, führte aber auch dazu, dass man sich auf höchster politischer Ebene mit ihren Tabubrüchen beschäftigte.
Vermag das punktuell eingesetzte Archivmaterial etwas von der Aufbruchstimmung des revolutionären Kubas zu vermitteln, so beruhen die im Film erzählten Ereignisse überwiegend auf Gesprächen mit Krause, die heute wieder in Rostock lebt. Jesús Jiménez, unterdessen ihr Ex-Mann, ergänzt ihre Sicht der Dinge aus Havanna; die zwei etwa 40-jährigen Söhne schliesslich, die ebenfalls in Deutschland leben, begeben sich gemeinsam mit den Filmemachern auf die Spuren des aufklärerischen Erbes ihrer Mutter. Zuweilen die zweite Kamera führend, vermag Daniel Jiménez Krause den Leuten in den Strassen von Havanna Erinnerungen an die Sexologin und ihr Werk wachzurufen. Entzückend beispielsweise der Mann, der ausführlich erzählt, wie er das Aufklärungsbuch als Onanier-Vorlage benutzte.
Neben solch lustvollen Episoden wirkt die Rekonstruktion der Ereignisse aus Krauses Leben durch den Verzicht auf einen erklärenden Kommentar streckenweise etwas umständlich. Dies macht die atmosphärische Dichte des Filmes aber wett. Die sorgfältig kadrierten Bilder in gedämpften Farben lassen uns in angenehmem Rhythmus zwischen winterlicher Nordsee und subtropischem Malecón hin und her reisen. Bleibt die Darstellung der Söhne und deren Vater eher flüchtig, so setzt sich die Protagonistin Monika Krause umso stärker in der Erinnerung fest. Im Ton leicht selbstironisch, aber freilich mit didaktischem Unterton, erzählt sie berührend von ihren 30 Jahren in Kuba. Sie nahm ihre Aufgabe äusserst ernst und ihr Verständnis von Aufklärung hörte nicht bei der Empfängnisverhütung auf. Sie thematisierte die weibliche Sexualität in einer machistisch geprägten Gesellschaft und befand, dass der Machismo nichts Angeborenes sei. Trotz Rückschlägen prägte sie lange den öffentlichen Diskurs über diese Themen.
Der Dokumentarfilm La reina del condón ermöglicht Einblicke in den real gelebten Sozialismus und in das Leben einer transnationalen Familie. Dabei drängt sich auch der Gedanke an die Subjektivität von Erinnerungen auf, etwa als das ehemalige Ehepaar die Gründe für ihre Trennung gänzlich unterschiedlich darlegt. Wahrscheinlich sind es die gegensätzlichen Ansichten über den Verlust und Verbleib der Vergangenheit, die dem Film eine melancholische Note verleihen und aus Monika Krause eine irgendwie tragische Heldin machen.