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Die Stadt Aarau liegt hart am Ufer der Aare, von welcher es seinen Namen führt, und hat also, so oft dieser Gebirgsstrom höher steigt, mehr Wasser in Gärten und Wiesen, als den Besitzern lieb ist; zum Ueberflusse aber wird es der Länge nach auch noch von einem eigenen Stadtbach durchzogen und gerade dessen Unentbehrlichkeit wird sich trotz des vorhandenen Uebermasses an Wasserkraft ein guter Ortsbürger niemals bestreiten lassen. Nachdrucksam hat sich früherhin die Stadt nach diesem geringen Bache zubenannt als „Aarau am Susbache gelegen“. Ob man ihn Susbach hiess nach dem städtischen Kaufhaus, an welchem er vorbeigeht, und das schon eine Freiheitsurkunde Herzog Leopolds III. von Oesterreich i. J. 1381 Sustenhaus (Lagerhaus) benennt; oder ob die freigebige Susanna Schännis ihren Taufnamen dazu geliehen hat, als sie diesen Stadtbach dem Orte zum Geschenke machte, dies kommt hier nicht in Frage. Die besondere Werthhaltung des Bächleins ist eine ausgemachte Sache und dauert jetzt noch fort. Man hat darüber folgende Tradition.
Im Jahre 1270 nahm Schultheiss und Rath von Aarau die Versammlung der geweihten und gottverlobten Schwestern Christi, genannt von Schännis, in Bürgerrecht zu Schutz und Schirm auf und schenkte ihnen eine zwischen den Mauern und dem Aarflusse gelegene Hofstatt (Aargau. Beiträge v. Kurz u. Weissenbach, 1847, S. 547).
Sie waren durch eine Feuersbrunst um ihr Frauenstift Schännis im Gasterlande gekommen (heute ein St. Galler-Pfarrdorf) und obdachlos geworden. Da man sie zugleich auch aller städtischen Umlagen und Tellen enthob, so war ihr Dank ein doppelter. Ein Stiftsfräulein von Schännis erbot sich daher der Stadt zum Gegendienste; sie liess den Bürgern die Wahl frei, ihnen entweder eine goldene Kette machen lassen zu wollen, die rings um ihre Mauern gienge, oder ihnen eine Quelle von der Mächtigkeit eines Baches auffinden und durch den ganzen Ort leiten zu lassen. Der Bürger Sorgfalt für den allgemeinen Nutzen und das Wohl der Nachkommen entschied sich zum Letztern und schlug den gleissenden Goldreichthum dagegen aus.
So müssen sich denn jetzt in einer viertelstündigen Entfernung von der Stadt reichliche Bergquellen beim Dorfe Sur sammeln und nach wenigen Minuten schon als ein ruhiger und bis zum Rande gefüllter Bach der Stadt zugehen. Zwar bezweifelt man die geschichtliche Gültigkeit jener Erzählung und behauptet, derselbe Bach, dessen eine Urkunde vom J. 1292 gedenkt (Aargau. Beiträge, 553) müsse schon in den frühesten Zeiten durch den Ort geflossen sein, da er die Burggräben des uralten Thurmes Rohre mit Wasser versah, der nachweislich lange vor dem Schänniskloster als Freiung hier gestanden hatte. Gleichwohl hat dieses Bächlein nach und nach neue Nahrungsquellen für die Bürger eröffnet, die zahlreichen Fabriken der Stadt hervorgerufen und sich dadurch in jene Goldkette verwandelt, welche von der Klosterfrau anerboten war und von der Genügsamkeit früherer Zeiten noch ausgeschlagen werden durfte.
Auch eine eigene Verehrung widmet man ihm noch, und dieselbe ist schon alt. In der handschriftlichen Stadtchronik von U. Fisch heißt es unter dem Jahre 1688: den 4. Herbstmonat sind die Burger von Aarau nach altem Brauch und Freiheit mit Trommen und Pfeiffen ausgezogen, den Bach zu fischen. - Diese Verehrung mag auf eine altreligiöse Beziehung der Einwohner zu einem Gewässer hindeuten, das zahm und wohlthätig ist und nicht, wie der wilde Aarfluss ein Menschenleben zum Opfer nimmt. Wenn alljährlich im Hochsommer der Bach zur Reinigung abgestellt worden und dann wieder losgelassen ist, so beginnt ein allgemeiner Feiertag. Die Schulen sind geschlossen, Fabriken und Werkstätten ruhen. Jung und Alt zieht sonntäglich geputzt, mit Maien und Ruthen geschmückt, unter Trommelschlag dem Bach bis zu seinem Ursprunge entgegen und marschiert Abends dann mit den wiederkehrenden Wellen in militärischer Ordnung zum Thore herein. Nach dem Trommeltakte rufen sich dann die Abteilungen des Zuges folgenden Reim wechselweise zu:
Der Bach chunnt, der Bach chunnt!
Sin mine Buebe-n-alli g'sund?
Jo - jo - jo!
Der Bach isch cho, der Bach isch cho,
Sin mine Buebe-n-alli do?
Jo - jo - jo!
Die Knaben, vor denen ein halbes Duzend ihrer eigenen Schultamboure hertrommelt, tragen lange grüne Zweige, auf welche ausgehöhlte beleuchtete Kürbisse gesteckt sind, auch brennende Wergbüschel liess man mit dem Wasser herabschwimmen; und eine Anspielung auf diese aussergewöhnliche Beleuchtung sowie zugleich ein Spott auf die zwei nächstgelegenen Dörfer soll es sein, wenn man dazu singt:
Füerjo, der Bach brünnt.
D'Surer händ-e-n-azündt,
D'Aarauer händ-ne g'lösche,
D'Chüttiger rite-n-üf de Frösche.
Eggen, in seiner hds. Sammlung zu Ulr. Fisch, hds. Stadtchronik von Aarau, meldet, dass im J. 1831 dieser Ruf auf polizeilichen Befehl untersagt worden ist. Ohne Folge.
Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 19
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.