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Sport bis zum Umfallen, auf Skiern und auf Turngeräten. Das machte Fredrik Hjalmar Johansen glücklich. Denn beim Sport musste der junge Norweger nicht über seine Schreibschwäche nachdenken und auch nicht über sein Jurastudium, das nur schlecht vorankam. 1885, da war der Sohn einer christlichen Bauernfamilie aus Skien gerade mal 18 Jahre alt, wurde Hjalmar norwegischer Gymnastik-Meister. Zwei Jahre später brach er sein Studium ab, und 1889 wurde er in Paris gar Turner-Weltmeister.
Das machte Hjalmar Johansen zum berühmtesten Sportler Norwegens. Aber irgendwie brachte der wortkarge Johansen sein Leben nicht richtig auf die Reihe. Er hielt sich mit belanglosen Bürojobs oder als Gefängniswärter über Wasser. Manchmal half er einfach zu Hause auf dem Hof.
Als sein Landsmann Fridtjof Nansen fähige Leute für seine geplante Driftfahrt mit der «Fram» zum Nordpol suchte, witterte Johansen Morgenluft in seinem ungeordneten Leben. Er bot Nansen an, ohne Lohn zu arbeiten, wenn er denn nur mitkommen dürfe. Er wurde – gegen Heuer – als Heizer und Hunde-Betreuer in die Crew aufgenommen.
In der Arktis fand Johansen endlich, was er suchte: Stille. Und die wilde Natur, in der keine Worte nötig waren, sondern unbeirrbarer Durchhaltewillen und sicherer Instinkt. Nansen erkannte Johansens Qualitäten und nahm ihn als einzigen Begleiter mit auf seinem Vorstoss zum Nordpol. Ein Jahr lang waren die beiden zu Fuss auf dem Eis unterwegs, allerdings ohne den Nordpol erreicht zu haben. Die beiden wurden nach ihrer Rückkehr 1896 in Norwegen trotzdem als Nationalhelden gefeiert. Aber Johansen wurde nicht zur offiziellen Ehrung am Königshof eingeladen. Dass ihn der König zum Hauptmann beförderte, war ihm ein schwacher Trost. Immerhin: Nansen gab mehrfach öffentlich zu, dass er ohne den untrüglichen Instinkt Johansens im ewigen Eis nicht überlebt hätte.
Fredrik Hjalmar Johansen wurde also ein zweites Mal berühmt. Aber wieder kam er mit dem Ruhm und dem Alltag nicht zurecht. Sein schwermütiger Charakter brach durch. Er begann zu trinken. Seinen Job bei der Armee kündigte er ohne Angabe von Gründen. 1898 heiratete er Hilda Øvrum und zeugte mit ihr vier Kinder, aber die Ehe ging in die Brüche.
In der Arktis, fernab von zu Hause, blühte er hingegen auf: 1907/1908 überwinterte er mit Theodor Lerner auf Spitzbergen. Irgendwann schrieb er in sein Tagebuch: «Oh, hier hat man es gut. Meist ist es kalt und dunkel, aber man ist frei!»
Auf Empfehlung von Fridtjof Nansen nahm ihn Roald Amundsen 1910 mit auf seine Expedition in die Antarktis. Das erklärte Ziel: Amundsen soll im Wettlauf gegen den Engländer Robert Falcon Scott als erster Mensch den Südpol erobern. Hjalmar Johansen war der Eiserfahrenste Mann der ganzen Crew.
Amundsens erster Vorstoss zum Südpol mit Johansen im Team misslang: Es war noch tiefster Winter, die Männer litten an Erfrierungen und kamen kaum voran. Amundsen befahl den Rückzug, beging aber einen Fehler: Er teilte sein Team in drei Gruppen auf, schnappte sich den besten Schlitten und eilte zur Basisstation zurück – ohne Rücksicht auf den Rest seiner Mannschaft.
Und der war schlecht beieinander: Ein junger Leutnant hatte schwere Erfrierungen erlitten. Hjalmar kümmerte sich um ihn und brachte ihn nach einem Gewaltsmarsch von 75 Kilometern bei minus 60 Grad lebend ins Lager zurück, wo Amundsen bereits am warmen Feuer sass. Johansen stellte Amundsen vor versammelter Mannschaft zu Rede. «Das nenne ich nicht Expedition», schimpfte Johansen, «das nenne ich Panik.»
Amundsen war blossgestellt. Und interpretierte Johansens Aufbegehren als Meuterei. Zur Strafe schloss er Johansen von der Pol-Gruppe aus. Amundsen befahl Johansen sogar auf eine unbedeutende Erkundung, während er selber im zweiten Anlauf als erster Mensch den Südpol erreichte. Als die ganze Mannschaft wieder nach Norwegen zurückkehrte, durfte Johansen nicht gemeinsam mit den Helden das Schiff verlassen. Erneut wurde Johansen bei den Feierlichkeiten «übersehen». Amundsen verschwieg sogar in seinen Memoiren die heldenhaften Taten Johansens.
Das war zuviel für Hjalmar. Er war doch Mitglied an zwei der wichtigsten Entdecker-Expeditionen der Weltgeschichte, er war doch fast am Nordpol und fast am Südpol und wurde dafür schlicht und einfach ignoriert. Er versank in tiefster Depression. Am 3. Januar 1913 schoss er sich in einem Park im heutigen Oslo eine Kugel in den Kopf. Heute gilt Fredrik Hjalmar Johansen als drittwichtigster Polar-Entdecker nach Fridtjof Nansen und Roald Amundsen.