Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03518.jsonl.gz/743

In der heissen Phase des Kalten Krieges galten Atombomben als ultimative Waffe. Dementsprechend häufig demonstrierten die Grossmächte ihren Besitz. Allein zwischen 1957 und 1961 testeten die USA, die UdSSR, Grossbritannien und Frankreich mindestens sechs Mal ihre nuklearen Potentiale, Die Machtdemonstrationen hatten einen Dramatischen Nebeneffekt, lenkten sie doch Spezialisten und Öffentlichkeit von der folgenschwersten Arzneimittelkatastrophe des 20. Jahrhunderts ab.
Im Mai 1957 hatte Grossbritannien auf der Weihnachtsinsel im Zentralpazifik seine erste Wasserstoffbombe zur Explosion gebracht. Im selben Jahr, im Juli, folgten die USA in Nevada mit einer nuklearen Luft-Rakete.
Am 1. Oktober, 1957, also in derselben Zeitspanne, kam in der Bundesrepublik eine Innovation auf den Markt, die den Menschen den Weg in eine wesentlich friedlichere Zukunft eröffnen sollte: das Beruhigungsmittel Contergan. Der darin enthaltene Arzneistoff Thalidomid wurde bereits 1954 entwickelt.
Das Aachener Pharmazieunternehmen Grünenthal pries sein Medikament als gefahrloses Wundermittel an.
Der Zentrale Wirkstoff, Thalidomid beruhige bei Nervosität, Schlafstörungen, klimakterischen Beschwerden, Angstzustände und sei zudem gut verträglich. Selbst im Zusammenspiel mit anderen Schmerzmitteln sollte es seine Wirkung entfalten. Da es vorwiegend in Deutschland rezeptfrei zu kaufen war, eröffnete sich ein weites Feld zur Selbsttherapie. Es ging nicht lange, etablierte sich Contergan als das meistverkaufte Arzneimittel, um wie es durch Werbung publiziert und angepriesen wurde, Ruhe und Schlaf zu fördern.
Vor allem schwangere Frauen fühlten sich angesprochen.
Das Wundermedikament versprach ihnen Linderung der morgendlichen Übelkeit.
Was dazu kam, das Contergan konnte für sich in Anspruch nehmen, das erste Bromfreie Beruhigungsmittel zu sein. Die Gefahr, Opfer des gefürchteten Bromismus mit Schwindel, Konzentrationsmangel, Gedächtnisverlust zu werden, schien damit erstmals ausser Gefecht.
Das Medikament Contergan hatte die übliche Freigabe Prozedur durchlaufen, hatte zahlreiche Tests mit Mäusen bestanden und damit seine gute Verträglichkeit bewiesen.
Was darauf folgte, hat der Mainzer Medizinhistoriker Klaus- Dieter Thomann rekonstruiert.
1958 wurden in der Bundesrepublik 24 Kinder mit verkürzten oder fehlenden Armen oder Beinen und anderen schweren Fehlbildungen geboren.
1961 waren es inzwischen 1515, hinzu kamen tausende Totgeburten. Insgesamt kamen bis 1962 weltweit bis zu 10`000 Babys mit schweren Missbildungen zur Welt, in Deutschland waren es rund 5000, von denen bis heute 2500 überlebt haben.
Thomann verwies auf einen Beitrag in der Schwäbischen Landeszeitung vom Mai 1958.
Darin wurde über die Beobachtung des ehemaligen Chefarztes der Kinderklinik in Bayreuth, Karl Beck, berichtet, der eine deutliche Zunahme missgebildeter Neugeborener erkannt haben wollte.
Allerdings kam der Spezialist auch in einem Buch zu einer Schlussfolgerung, die somit gänzlich in eine ganz andere Richtung wies: «Immer, wenn Atombomben explodieren, wurden kurz darauf im Bereich der fränkischen Klinik Embryos geschädigt, um sieben bis acht Monate später als missgebildete Kinder geboren zu werden.
Im politischen Klima des Kalten Krieges schlug die Expertise bald hohe Wellen. Die FDP richtete im Bundestag eine Anfrage an die Bundesregierung, ob die Zahl der Missgeburten (Lebend- und Totgeburten seit 1950 zugenommen habe und ob ein Zusammenhang mit der Einwirkung radioaktiver Strahlung bestehe. Das Bundesinnenministerium wurde einer Überprüfung und einer Antwort beauftragt. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch kein Gesundheitsministerium.
Ein solches Amt wurde erst im Jahr 1962 eingerichtet.
Für den Bericht, der im März 1959 dem Bundestag vorgelegt wurde, waren umfangreiche statistische Untersuchungen durchgeführt worden. In Bayern gingen die Beamten sogar bis zum Jahr 1933 zurück. In allen Bundesländern und ebenso dort, schien das Ergebnis eindeutig zu sein: Seit 1950 sei nicht nur keine Zunahme, sondern in manchen Entbindungsstationen sogar eine Abnahme der Missgeburtenhäufigkeit zu verzeichnen.
Es gebe kein Äusseres Ergebnis wodurch das in den letzten zehn Jahren Missbildungen gehäuft entstanden sein könnten.
Obwohl es damit also amtlich bescheinigt war, dass es sich bei Neugeborenen mit schweren Fehlbildungen um Einzelfälle handeln würde, schürte jeder neue Fall Kritik und Ängste.
Schliesslich kam der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz, im Herbst 1961 auf die Lösung.
Mit dem Schicksal von mehr als 20 fehlgebildeten Neugeborenen konfrontiert, befragte er die Betroffenen und die sie betreuenden Ärzte bis ins Detail. Die Interviews dauerten mehrere Stunden.
Gemeinsam mit den Müttern inspizierte er die Hausapotheken und befragte die Ärzte, die die Frauen während der Schwangerschaft betreut hatten. Am Ende war er überzeugt, das Contergan die Fehlbildungen verursacht hatte.
Er trug seine Erkenntnisse erstmalig auf einer Kinderarzttagung am 19. November 1961 vor. Eine Woche später informierte die Zeitschrift «Die Welt» ihre Leser, am darauffolgenden Montag war das Medikament nicht mehr in der Apotheke erhältlich.
Die Aufdeckung der Ursachen der Contergan-Schädigung sollte die westdeutsche Gesellschaft verändern. Der weit verbreitete Fortschrittsglaube erhielt einen ersten Dämpfer, die Gefahren der Arzneimittel rückten in das Interesse der Öffentlichkeit und der Gesetzgebung. In der sich anbahnenden Kapitalismuskritik der 1960er-Jahre war Contergan das Paradebeispiel für profitgierige Konzerne. Das Ministerium für Gesundheitswesen wurde eher zufällig zu diesem Zeitpunkt gegründet. In der Öffentlichkeit wurde der Gesundheitsabteilung des Innenministeriums der Vorwurf gemacht, die Katastrophe nicht rechtzeitig erkannt zu haben.
Die Experten erhoben ihre Daten exakt bis zum Beginn der Katastrophe. Danach sahen sie «den Wald vor lauter Bäumen» nicht mehr. Sie vertrauten ausschliesslich auf die «harten Fakten» der Epidemiologie und die langjährige wissenschaftliche Statistik. Die nicht dazu passenden «Einzelfälle» wurden als Bestätigung, «Keine Regel ohne Ausnahme», interpretiert. So war die Öffentlichkeit immunisiert, die Angst vor Missbildung wurde als übertrieben abgetan. Die Contergan–Katastrophe nahm seinen Lauf.
Im November 1961, auf einem Ärztekongress in Düsseldorf, äusserte Lenz den Verdacht, dass zwischen diesem Medikament und der in letzter Zeit häufenden Zahl von Missgeburten ein Zusammenhang besteht.
Er betonte: «Das Mittel muss sofort zurückgezogen werden.»
Die Pharmafirma war zwar bereit, einen Warnhinweis in die Gebrauchsanleitung zu schreiben, doch erst als die Presse Verdacht Publik machte, zog sie das Medikament per Ende November vom Markt zurück. Das Medikament wurde aber inzwischen millionenfach verkauft. Erst danach wurde das ganze Ausmass der Katastrophe sichtbar. 10000-12000 schwerbehinderte Kinder, Kinder ohne Beine, ohne Arme, blinde Kinder, taube Kinder, Kinder mit verkümmerten Gelenken oder mit geschädigten inneren Organen. Contergan-Kinder.
Am 26. November 1961 berichtete die Welt am Sonntag darüber, noch ohne den Namen des Medikamentes zu erwähnen: «Missgeburten durch Tabletten?»
Nur grad einen Tag später nahm die Firma Grünenthal ihren Bestseller, der sich inzwischen in mehr als 40 Ländern verkaufte, vom Markt. Schliesslich stellte sich heraus, dass der Wirkstoff Thalidomid, in bestimmten Phasen der Schwangerschaft genommen, für die Missbildungen verantwortlich war.
Thomann sieht den Fehler nicht bei den Behörden. Aber die Experten erhoben eben ihre Daten nur exakt bis zum Beginn der Katastrophe. Bei einem geringfügig verschobenen Zeithorizont hätte die frühzeitige Aufklärung über die teratogene Wirkung des Thalidomids die Leistungsfähigkeit der Kontrollorgane unter Beweis gestellt.»
Erst 1968 wurde ein Strafermittlungsverfahren gegen die Verantwortliche Firma Grünenthal eingeleitet. Die Anklage wegen vorsätzlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung wurde aber 1970 nach 283 Verhandlungstage vom Landgericht Aachen fallen gelassen und das Verfahren wegen geringfügiger Schuld eingestellt. Zuvor war es zu einem zivilrechtlichen Vergleich gekommen. Dabei hatten der Hersteller und der Bund jeweils 100 Millionen Mark als Entschädigung gezahlt, als ein Grundstock für die Contergan-Stiftung.
Eine im Jahr 2016 vorgestellte Studie der nordrhein-westfälischen Landesregierung zur Aufarbeitung des Skandals belegt, dass die Gesundheits-und Justizbehörden eine schwache Figur machten. Wegen der damaligen Rahmenbedingungen für die Medikamentenzulassung habe es den Landesbehörden, massiv Schwierigkeiten bereitet die Wirkung von Contergan zu klären, die Zahl der Betroffenen festzustellen und das Schlafmittel verbieten zu lassen.
Zugleich weist die Untersuchung darauf hin, dass die Aufsichtsbehörden Grünenthal völlig unterlegen waren. Als in Fachkreisen erste schwere Nebenwirkungen von Contergan beobachtet worden seien, habe der Hersteller mit gezielter Desinformation und Verzögerungstaktiken versucht, das Mittel am Markt zuhalten. Dabei habe Grünenthal mit hohen Schadenersatzforderungen gegenüber dem Staat gedroht. Das Unternehmen habe schliesslich erheblich schneller grössere Ressourcen mobilisieren können, als staatliche Stellen-etwa durch die Verpflichtung kostspielige Anwälte.
Kritischen Beamten sei Grünenthal mit Dienstaufsichtsbeschwerden und Schadenersatzandrohungen entgegengetreten.
Im August 2012 hat der damalige Geschäftsführer Grünenthal Harald F. Stock sich endlich bei den Betroffenen und deren Familien für das Leiden und das lange Schweigen der Firma entschuldigt. Im selben Jahr sei die Grünenthal- Stiftung gegründet worden, die Contergan- Opfer unterstütze-über die Leistung der Conterganstiftung hinaus.
Die weltweit noch lebenden 2700 Contergangeschädigten davon etwa 2400 aus Deutschland und 9 bekannt in der Schweiz, sind mittlerweile zwischen 56 und 61 Jahre alt.
Viele leiden wegen der Jahrzentelangen Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur unter Folgeschäden.
Neuerdings beunruhigen Hinweise, dass bei einem Teil der Betroffenen Blut- und Nervenbahnen nicht an den üblichen Stellen liegen, was bei Operationen das Risiko unbeabsichtigter Durchtrennungen erhöht.
Düsseldorf- Der Skandal um das Arzneimittel Thalidomid (Contergan) ist ein Beispiel für unternehmerische Verantwortungslosigkeit und staatliche Passivität und Hilflosigkeit. Das geht aus einem 690 Seiten starken Forschungsbericht hervor den der Lehrstuhl für neuere und neusten Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster jetzt vorgestellt hat.
Die Studie, die Haltung des Landes Nordrhein- westfälische zum Contergan- Skandal und den Folgen hatte das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium Ende Mai 2013 in Auftrag gegeben.
«Mit der Historischen Aufarbeitung legen wir gegenüber den Opfern von Contergan, ihren Angehörigen und der gesamten Öffentlichkeit, das damalige Handeln des Landes durch unabhängige Forscher offen. Auf diese Informationen haben die Opfer und ihre Eltern, die bis heute unter den Folgen von Contergan leiden, ein Recht, sagte die Gesundheitsministerin Barbara Steffen.
Der Fall Contergan gilt als der grösste Arznei- Skandal der deutschen Geschichte. Bei dem 1957 in den Handel eingeführtem Contergan handelte es sich um ein vielseitig einsetzbares Medikament. Vorwiegend eingesetzt als Schlaf- und Beruhigungsmittel, das sich bis Frühjahr 1961 zu einem der meistkonsumierten Arzneimittel der Bundesrepublik Deutschland entwickelte.
Bis zur Marktrücknahme im November 1961 verkaufte der Hersteller, das Stolberger Pharmaunternehmen, Chemie Grünenthal, über 300 Millionen Tagesdosen.
Der wirtschaftliche Erfolg des Präparates war wesentlich bedingt durch eine aggressive Vermarktungsstrategie, die das Mittel als gefahrlos und «völlig ungiftig» bewarb.
Erdrückend deutlich wird laut der Studie die strukturelle Unterlegenheit aller Behörden gegenüber dem Hersteller. Dieser konnte erheblich schneller grösste Ressourcen mobilisieren, etwa kostspielige Gutachter und Fachkräfte. Die Stolberger Firma engagierte im Strafverfahren die Elite der deutschen Strafverteidiger und nutzte die Presselandschaft mithilfe einer eigenen Presseabteilung, während den Beamten allzu weitgehende Erklärungen gegenüber der Presse verwehrt blieben.
Aus heutiger Sicht waren sowohl die Rahmenbedingungen, nach denen Medikamente auf den Markt kommen konnten, als auch der Umgang der Verwaltung mit dem Contergan- Skandal verheerend!
Contergan war ohne ein öffentlich-rechtliches Zulassungsverfahren auf den Markt gebracht worden.
Bei den Pharmakonzernen galt das Prinzip der Selbstüberwachung.
Dagegen stand das immens gestiegene Risikopotential der neu synthetisierten Stoffe, die seit 1930er Jahren in immer neuen Varianten und enormen Mengen in den Verkehr gebracht wurden. So waren Patienten und Konsumenten zugleich auch Versuchskaninchen, an denen neuen Präparates erproben liessen!
Das ganze Ausmass und die Tragödie nehmen seinen Lauf......