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Ökologie und Wein, sollen wir Weine aus der neuen Welt konsumieren?
Diese Fragestellung beschäftigt mich schon lange, ich bin der Antwort aber bisher nicht vertieft nachgegangen und eine schlüssige Antwort hatte ich bisher auch nie erhalten.
Im August 2011 war ich zusammen mit dem Gründer der Biomarktkette Alnatura, Götz Rehn, auf der Besichtigung einer seiner Läden. Als wir vor dem Weingestell standen, fiel mir auf, dass Weine aus der neuen Welt im Gestell lagen. Ein Bio-Markt mit Weinen aus Übersee, geht das, war mein spontaner Gedanke. Herr Rehn erklärte mir dann kurz und bündig, dass der Transportweg aus Übersee nicht ausschlaggebend für eine gute Ökobilanz eines Weines sein muss. Im Jahr 2020, beim Schreiben meiner Diplomarbeit zum Weinakademiker, bin ich wieder mit dieser Frage konfrontiert worden nach dem ich verschieden Weinkarten studierte. Die neue Welt war nur etwa auf der Hälfte aller Karten vertreten. Ob die Gastronomen aus falsch verstandenem Umweltbewusstsein diese Weine nicht auf der Karte haben oder sich diese Weine aus den gleichen Gründen schlechter verkaufen lassen, bleibt offen.
Ist das Verzichten von Weinen aus Übersee aus ökologischen Gründen eine falsche Überlegung, wie es der Gründer von Alnatura, Götz Rehn, mir gegenüber vor Jahren unvergesslich kundtat?
Veranschaulichen wir uns die Weinwelt, der grösste Teil (87 Prozent) der Weine, die wir in der Schweiz konsumieren, kommen aus der Schweiz, Italien, Spanien und Frankreich. Europa produzierte gemässe Vinum im Jahr 2021 58 Prozent der weltweiten Weinmenge. Sollen wir somit auf 42 Prozent der weltweiten Weinvielfalt aus einem vermuteten Trugschluss verzichten?
Ich machte mich auf die Recherche im Internet und suchte Studien oder Aussagen von Experten und Kollegen, die mir helfen sollen, ein weniger schlechtes Gewissen zu haben beim Konsum eines Weines aus Australien, Südafrika oder dem Napa Valley.
Vorweg, es scheint nicht die einfache Antwort auf die Fragestellung zu geben. Aber was den Anteil von Transport und Distribution im CO2-Fussabdruck des Weines betrifft, scheinen sich doch die meisten Expertenmeinungen und Studien einig zu sein.
So habe ich in je einem Blog und einer Kolumne zwei übereinstimmende Aussagen von Experten gefunden, dass der Anteil des Transportes nur 25 Prozent des CO2-Fussabdrucks des Weines ausmachen. Im Wirtschaftsteil der Neuen Zürcher Zeitung vom 21. Oktober 2021 wird im Artikel «Regionalität wird überschätzt» sogar von einem Anteil von nur 13 Prozent für Transport und Distribution geschrieben.
Übereinstimmend schreiben die Experten den weitaus grössten Teil der Emissionen der Verpackung zu. So schreibt nochmals die NZZ: «…, denn die Produktion von Glasflaschen ist mit beträchtlichem Energieverbrauch und CO2-Emissionen verbunden. Wein aus Übersee ist deshalb von der Ökobilanz her nicht zwingend schlechter als Wein aus der Nähe… »
Der Rest konzentriert sich auf dann auf Weinbau und Weinproduktion. Im Umkehrschluss heisst das also, dass maximal 75 Prozent unseres «schlechten Gewissens» gar nichts damit zu tun haben, ob der Wein in der Schweiz oder in Australien produziert wurde! Entscheidend ist vielmehr z.B. das Gewicht der Glasflasche und der damit verbundenen Herstellung. Diese Gewicht variiert übrigens von ca. 400 Gramm bis weit über 1.2 Kilo! Im Weinbau geht es um Einsatz von Maschinen, Anzahl Anwendung und Fahrten in den Weinberg und die Menge der eingesetzten Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen und Pilzkrankheiten und vielem mehr. Dies wiederum ist sehr abhängig vom Klima, in welchem wir in der Schweiz weniger begünstigt sind als z.B. in Süditalien, Südfrankreich und in weiten Teilen der neuen Welt wie z.B. in Südafrika!
Ein Händler für südafrikanische Weine in der Schweiz hat eine Berechnung des CO2-Fussabdrucks mit Weinen aus der Region von Stellenbosch (Südafrika) und Weinen aus dem Ribera del Duero in Spanien gewagt. Er kommt zum Schluss und beweist es rechnerisch, dass der Wein aus Spanien, was den Transport angeht, schlechter abschneidet. Er erklärt den Grund damit, dass die weitaus grössere Strecke von Südafrika bis nach Wädenswil in der Hauptsache auf dem Seeweg erfolgt und der Wein aus Spanien die weitaus grössere Strecke mit LKWs unterwegs ist. Die Emissionen aus Weinberg und Weinproduktion sind hier nicht berücksichtigt für die gesamte Betrachtung. Und hier sieht man auch, wie schnell, sehr kompliziert die Berechnung des CO2-Fussabdruckes einer Flasche Wein werden kann. Man bedenke, dass gerade Wein aus Südafrika in grossen Mengen erst in Europa abgefüllt wird und die Ökobilanz dann erst recht günstig aussehen lässt.
Zusammenfassend halte ich fest, dass der Anteil des Transportes bzgl. des CO2-Fussabdruckes im Verhältnis eher gering ist, aber immer noch relevant. Aber, es ist nicht die Distanz des Transportweges, sondern die Wahl des Transportmittels.
Letztendlich werde ich nun mit gutem Gewissen Weine aus Übersee bestellen und geniessen. Generell werde ich aber darauf achten, wie der Winzer im Weinberg vorgeht, wie er vinifiziert und wie der Wein verpackt wird. Dann spielt nämlich die geografische Herkunft keine Rolle mehr.