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Kapitel 1
New York, 1942
Lily Rose setzte ihren roten Filzhut auf, schlüpfte in den roten Mantel samt passenden Handschuhen und stürmte aus dem Haus in Gramercy Park. Über den kleinen, ordentlich eingezäunten Privatpark des Wohnviertels hinweg hallte das Geschrei ihrer Mutter Victoria durch die friedliche Morgenluft, erwartungsgemäß gefolgt von den Beschwichtigungen ihres Vaters.
Lily stieg in ihren kleinen American Bantam, legte den Kopf eine kostbare Sekunde lang aufs Lenkrad und dankte dem Himmel für das wunderbare Automobil, mit dem sie die Flucht ergreifen konnte, wann immer es nötig war. Sie ließ den Motor des hübschen blau-weißen Wagens mit der rosa Lederausstattung aufheulen und sauste davon, die Third Avenue hinauf bis zu dem Parkplatz, der ihrem geliebtenValentino’s am nächsten lag, dem Restaurant, in dem sie alsSous-Chef arbeitete.
Sie stieg aus, schloss das Auto mit einem satten Klick ab, rückte den schicken roten Hut zurecht und marschierte los, freudig erregt beim Gedanken an die raffinierten Speisen, die sie heute mit ihren Kollegen imValentino’s zaubern würde.
Vom Parkplatz aus nahm sie die Route über die East 63rd Street zur Park Avenue. Sie eilte über die Läufer vor den imposanten, in der herbstlichen Morgensonne schimmernden Beaux-Arts-Gebäuden, vorbei an Portiers in eleganten Uniformen, die an den Türen zu den prachtvollen Foyers Wache hielten, ihre weiß behandschuhten Hände hinter dem Rücken verschränkt. Erst als sie vor demValentino’s stand, hielt sie inne, um zu verschnaufen.
Der repräsentative Eingang zum Restaurant war flankiert von zwei kunstvoll verschnörkelten Laternen, deren gelbliches Licht im letzten Morgendunst beinahe geisterhaft wirkte. In ihrem Schein funkelte die Art-déco-Bar desValentino’s im Inneren vor großen, fächerförmigen Spiegeln. Die geometrische Wandvertäfelung aus Holz bildete einen prächtigen Hintergrund für die gepolsterten Lederbänke, romantische Leuchten tauchten das geschmackvolle Interieur in warmes Licht.
Neugierig beäugt von älteren Männern, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden waren und die in diesen Tagen zahlreich in den Straßen von Manhattan unterwegs waren, ging sie zum Dienstboteneingang auf der Rückseite des Hauses.
Lily hatte sich in derBrigade de Cuisine, der Küchenbrigade, von einer bescheidenen Gemüsebeiköchin zum Rang einesSous-Chef hochgearbeitet. In den vergangenen Jahren war sie so vielen vertrauten Namen unter den Gästen begegnet, die in den gleichen Kreisen verkehrten wie ihre Familie, dass sie rasch gelernt hatte, sich davon nicht beirren zu lassen. Sie kochte zu den Debütantinnenbällen von Mädchen, mit denen sie aufgewachsen war, sie verzierte die Hochzeitstorten junger Frauen, mit denen sie in ihrer Schule in der Upper East Side Zette