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Wer die Filmkunst des 1965 im deutschen Wallfahrtsort Altötting geborenen Regisseurs Hans-Christian Schmid auf den Punkt bringen will, könnte sagen: Schmid ist der Dokumentarfilmer der deutschen Spielfilmbranche. Sein dokumentarischer Ansatz kommt nicht von ungefähr: Er studierte an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, und zwar in der Abteilung Dokumentarfilm. In seinen ersten Kurzfilmen spielten Automatensüchtige und das organisierte Frömmlertum mit. Danach ging er zum Drehbuchstudium nach Los Angeles.
Komplexe Materie
Sein aktuelles Werk, «Sturm», ist ein Film über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, für den Schmid an der Berlinale den Amnesty-International-Filmpreis 2009 bekommen hat. Es ist eine komplexe und schwer fassbare Materie, die Schmid in seinem jüngsten Werk erklären will. Wie arbeitet der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag? Wie funktioniert internationale Rechtsprechung, kann sie überhaupt funktionieren?
Vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal ist ein ehemaliger Befehlshaber der jugoslawischen Armee angeklagt, für Massenvergewaltigungen und Erschiessungen bosnischer Zivilpersonen verantwortlich zu sein. Zeugen sterben, andere haben Angst auszusagen. Die Zulassung einer in Deutschland lebenden Zeugin wird zum dramatischen Höhepunkt des Films.
«Wenn es eine Verhaftung gibt, ist das ein oder zwei Wochen in aller Munde,» sagt Schmid, «aber danach ist alles vergessen». Nein, auch für einen Spielfilm reiche das Thema Kriegsverbrechen nicht aus. Irgendwann müsse er die Infos beiseitelegen und sich fragen: «Wie kann ich jetzt eine Geschichte erzählen?» Entscheidend sei, dass der Film auch für sich selbst bestehe.
«Grosse Leistung»
Zu zeigen, wie die Mühlen der europäischen Bürokratie mahlen, um Kriegsverbrecher und Dokumente zu überstellen, und die juristische Archivarbeit zu visualisieren, das ist die formale Stärke von «Sturm». Wie unter diesen Umständen das Zusammenleben in Europa funktioniert, ist sein Thema. Denn mit der Erweiterungspolitik werden Konflikte auch gern unter den blauen Teppich mit den goldenen Sternen gekehrt. Auch dies erklärt der Film genau – und überlässt es dem Zuschauer, zu entscheiden, ob diese Haltung berechtigt ist.
«Hans-Christian Schmid ist es gelungen, ein abstraktes Thema – die juristische Aufarbeitung von schweren Menschenrechtsverbrechen – emotional bewegend darzustellen, ohne dabei den politischen Tiefgang zu verlieren», begründete die Jury die Auszeichnung mit dem Amnesty-International-Filmpreis.
Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion