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Neben mir brummt ein Ventilator sein monoton einschläferndes Lied, vor mir auf dem Tisch steht ein Pappbecher voll mit Wassermelonensaft und dahinter ein Flachbildfernsehgerät mit einem Durchmesser von gut einem Meter. Eine breit lächelnde Nachrichtensprecherin liest die News vor, dazu eindrückliche Bilder des Taifuns, der vor drei Wochen viele Teile Taiwans zerstört hat. Links und rechts im Bildschirm laufen unzählige Werbeanzeigen durchs Bild und lenken einen vom wesentlichen Inhalt der Nachrichtensendung ab, was aber nur halb so schlimm ist, da diese meistens über das gleiche Thema berichtet. Wenn nicht gerade ein Taifun in Taiwan für Gesprächsstoff sorgt, dann ist es der China-Taiwan-Konflikt, der in Taiwan immer wieder aufs neue analysiert, diskutiert und debattiert wird. Dies scheint bei der jüngeren Generation zu einem grossen Desinteresse am politischen Geschehen geführt zu haben.
Crash-Kurs in Geschichte
Nachdem meine Gastschwester von den Nachrichten auf irgendeine überdramatisierte Seifen-Oper umgeschaltet hat, frage ich meine Gastmutter nach den Einzelheiten der heutigen Nachrichten und bekomme als Antwort einen Crash-Kurs in Taiwanesischer Geschichte, die ich jetzt geschwind in einer Kurzfassung hier wiedergeben möchte: Shan Kai Shek flüchtet vor Mao nach Taiwan und errichtet dort seine Diktatur des „wahren China“. Natürlich demokratisch. In Wahrheit kann man allerdings erst seit circa 25 Jahren von einer Demokratie in Taiwan sprechen.
Mit Shan Kai Shek flohen auch unzählige Festlandchinesen nach Taiwan und machten es der einheimischen Bevölkerung nicht gerade leicht. So kommt es, dass die heutigen Parteien in Taiwan einerseits aus den National-Taiwanesen bestehen, die ein eigenständiges Taiwan mit eigener Sprache (Taiwanesisch anstelle von Chinesisch) und Kultur haben wollen. Auf der anderen Seite gibt es die Partei, die einst Shan Kai Shek gegründet hat, die darauf beharrt, das wahre China zu sein. Weder die eine noch die andere Partei ist allerdings bestrebt, Teil der Volksrepublik China zu werden, was jedoch ein Herzenswunsch des grossen Nachbarn wäre.
Sicht eines Europäers
Fest steht, dass trotz der Konflikte die wirtschaftlichen Beziehungen inzwischen so eng verwoben sind, dass der eine nicht ohne den anderen sein kann und möchte. So ist es meiner Meinung nach nicht wichtig, danach zu fragen, wohin Taiwan gehört, sondern ob man miteinander reden und Handel betreiben kann, denn das wird zu Zeiten der Globalisierung der entscheidendere Gesichtspunkt sein.
Da ich aber nicht nach Taiwan gekommen bin, um den Taiwanesen zu erklären, was sie tun oder lassen sollten (solche Westler gibt es hier leider mehr, als genug), behalte ich meine Meinung für mich. Der Ventilator brummt links neben mir und in meinem Kopf brummt die taiwanesische Geschichte. Jetzt, nachdem ich einen Teil kenne, habe ich noch viel mehr Fragen als zuvor. Aber halb so wild, wir wissen ja, was morgen in den Nachrichten kommt: Taifun und Taiwan-China-Konflikt.
Infos zum ICYE
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