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Benjamin Quaderer
Alp Arktis
Inspiriert wurde dieser Text durch einen Aufenthalt in einer Panoramaherberge auf dem St. Anton in Oberegg mit Blick auf den Bodensee und übers Rheintal. Der in Berlin lebende Autor sah sich seiner Herkunftslandschaft gegenüber: Quaderer ist in Liechtenstein aufgewachsen.
Unruh folgte den Eisbären aus Plastik, die abseits der Strasse im Gras, auf Astgabeln oder Stromkasten standen und ihm in schmutzigem Weiss leuchtend den Weg wiesen. Die gartenzwerggrossen Tiere schickten ihn eine Strasse entlang, die sich: futuristisch, dachte er, den Hügel hochwand wie ein hingeworfenes Stück Schnur. Sah er sich erst von Wiesen umgeben, war er bald ins Dunkelgrün gedrängt stehender Tannen gehüllt. Wie im Versuch, sich zu berühren, waberten die Äste über dem Wagen und bildeten einen Tunnel, den Unruh mit gut achtzig durchfuhr. Er benötigte sein ganzes Geschick, die Geschwindigkeit des Wagens zu drosseln und in den Kiesweg einzubiegen, dem zu folgen ihn ein weiterer kleiner Eisbär, hinter einem Baumstamm versteckt, anwies. Es ging steil bergauf durch ein Waldstück. Die Scheinwerfer stanzten Löcher in die Schwärze, Kies knirschte unter dem Gewicht des Wagens. Unruh vermutete Tannen um sich, das Autoradio rauschte; waren es Eulen, die riefen?
Es war bereits nach zehn Uhr, als Unruh den Audi auf einem wunderschön asphaltierten Parkplatz zum Stehen brachte. Die Luft war gut. Die Aussicht schön. Das Rheintal glühte. Die Räder des Trolley Case quietschten, als er in Richtung des Gebäudes schritt, von dem er hoffte, dass es dasjenige sei, in dem er ein Zimmer gebucht hatte für zwei Nächte. Es war ihm nicht möglich, zu verifizieren, ob die Bilder, die er auf der Internetseite der Herberge Alp Arktis gesehen hatte, das Objekt zeigten, vor dem er sich befand. Auf den Fotos war das Gebäude nie in der Totalen zu sehen, sondern nur in Ausschnitten und Details. Die Struktur einer Holzwand; ein Fenster, das die Aussicht auf das Rheintal freigab; gemangelte Bettwäsche; Schallplatten, die in einer Weinkiste standen; ein Duschkopf mit feinen Düsen; ein Riss in der Form eines Blitzes, der sich über mehrere Bodenplatten erstreckte.
Alp Arktis oder das, was Unruh dafür hielt, lag auf einem Hügelkamm, der dicht mit Nadelbäumen bewachsen war. Obwohl die Farbe präzise gewählt worden war – das Dunkelgrün der Fassade wirkte, als hätten sich die dahinter befindenden Tannen gekrümmt und die Holzverkleidung des Gebäudes mit ihren immergrünen Nadeln getüncht –, wollte sich das kubistische Gebäude nicht in die geschwungene Appenzellerlandschaft einfügen. Wie ein Spion am Anfang seiner Laufbahn, der die totale Unscheinbarkeit, das vollständige Verschwinden noch zu lernen hatte, stand es über dem Rheintal thronend zwischen Bäumen.
Unruh schritt die steil ansteigende Treppe nach oben, bis er vor einer Tür stand. Es gab kein Klingelschild und keine Leuchtreklame, kein Logo und keinen Schriftzug, es gab nichts, das darauf verwies, dass es sich bei dem Gebäude, vor dem Unruh stand, um eine Herberge handelte, um eine Institution, die Menschen eine Auszeit bot, ein paar Tage Abstand und Erholung. Er sah ein Gebäude auf einem Hügelkamm. Mehr war es nicht, dachte er und berührte den Türknauf.
Unruh betrat einen weitläufigen Raum mit Panoramafenstern, es lief Lady Stardust von David Bowie, in der Ecke brannte eine Stehlampe, neben der ein Ohrensessel, ein Tischchen und eine halb volle Flasche Mineralwasser standen. Wo war die Rezeption?
«Hallo?»
Ausser David Bowie und den Geräuschen, die Unruhs Trolley Case machte, war nichts und niemand zu hören. Er zog den Rollkoffer durch den Flur und trug ihn ein Stockwerk höher.
«Hallo?»
An der Wand im Treppenhaus hingen mehrere Bilder. Auf einem Foto erkannte er einen gross gewachsenen Mann hinter einer Schneewehe knien, die ihn halb verdeckte. Die Wehe befand sich im Inneren eines Zimmers, dessen Wände aus zersägten Baumstämmen bestanden, wie Unruh es von nordamerikanischen Blockhütten kannte. Der abgebildete Mann trug einen roten Anorak, der ihn dick erscheinen liess, dicker, als er war, die schmalen Handgelenke verwiesen darauf; die Finger der linken Hand, die den Lauf eines Jagdgewehrs umfassten, wirkten dünn, fast zerbrechlich. Er kniete über der Schneewehe wie ein Jäger über einem Tier nach dessen Abschuss, den Ausdruck von herrischem Stolz in den Augen. Unruh griff nach seinem Telefon und fotografierte den Mann im Anorak ab.
«Hallo? Ist hier irgendjemand?»
Im Flur spürte Unruh einen schwachen Luftzug. Die von aussen hereindringenden Rufe der Vögel vermengten sich mit der Singstimme Bowies, die gedämpft zu hören war. Vom Flur zweigte ein weiterer Flur ab, von dem aus mehrere Zimmer zu erreichen waren. An dessen Ende sah Unruh ein Podest stehen, auf dem sich in einer Vitrine, auf einer Drehscheibe positioniert, ein Kristall, gross wie der Kopf eines Kindes, gemächlich um die eigene Achse drehte. War es ein Rauchquarz? Silvretta Nova, 1931 las Unruh auf dem gravierten Messingschild, das am Podest angebracht war. Er richtete sein Telefon auf den Kristall und filmte ihn. Im Glas der Vitrine erkannte er die Spiegelung seines Oberkörpers. Unruh winkte. Eine ganze Umdrehung dauerte exakt dreissig Sekunden, stellte er fest, als er die Stopptaste drückte. Dann schickte er das Video an Emma. Schon im Gehen begriffen, hielt er noch einmal inne. Weisst du noch?, sendete er eine Nachricht hinterher, um dem Film den nötigen Kontext zu liefern.
Als er über den Flur zurückging, bemerkte Unruh einen Zettel, den er zuvor übersehen haben musste. An der Zimmertür mit der Nummer drei hing ein weisses Blatt Papier, auf dem sein Name stand. Zweifellos. Die saubere Handschrift, die auf jeden Schnörkel verzichtete, meinte ihn. Unruh. Wieso blieb er so lange vor der Tür stehen, bevor er anklopfte? Wieso klopfte er überhaupt gegen die Tür, bevor er sie öffnete? Er war ein unbescholtener Bürger. Er hatte nichts Falsches getan und beabsichtigte nicht, etwas Falsches zu tun. Es war sein Zimmer, er hatte es für zwei Nächte gebucht und das Geld im Voraus überwiesen. 48 Stunden lang gehörte es ihm, ausser dem Reinigungsdienst hatte dort niemand etwas verloren, und dass der Reinigungsdienst die Arbeit am Zimmer um diese Uhrzeit längst abgeschlossen haben müsste, war eine Selbstverständlichkeit. Es war kein billiges Zimmer. Er zahlte hundertzwanzig Franken die Nacht. Er musste nicht klopfen. Ihm gehörte, was er bezahlte. Energisch öffnete Unruh die Tür.
Der Duft von Lavendel schlug ihm entgegen. Es war angenehm kühl, die Fenstertür zum Balkon stand auf Kipp. Von aussen drang leises monotones Gesumme. Unruh machte das Licht an und schloss die Tür hinter sich. Das Zimmer war winzig, eine einzige Verniedlichung, dachte Unruh. Es bestand aus Einzelbett, Tisch, Stuhl, Nachtkästchen und Nachttischlampe. Gleich würde ein Zwerg den Raum betreten und ihn fragen, warum er in seinem Bettchen liege, warum er das Trolley Case auf seinem Tischchen abgestellt habe, ob er nicht sehe, dass das Tischchen das Gewicht des Trolley Case nicht trage, warum er überhaupt so viel mit sich herumschleppe, Besitz sei eine Bürde, wie lange er denn bitte schön vorhabe zu bleiben.
Es gab keinen Schrank. Verärgert, dass es keine Möglichkeit gab, die Hemden, die Unruh aus dem Rollkoffer nahm, an Kleiderbügel zu hängen und die Kleiderbügel in einen Schrank – Hemden müssen gehängt werden, das weiss man, sie dürfen nicht knittern, ein Hemd muss glatt sein und faltenlos, das ist wichtig –, hängte er sie über die Lehne des Stuhls. Was es wohl für ein Typus Mensch war, der in der Herberge übernachtete? Ein Hemdenträger war er mit Sicherheit nicht.
Unruh nahm die restliche Kleidung aus dem Trolley Case und drapierte sie auf dem Tischchen. Er klappte den Laptop auf und hörte etwas gegen die Balkontüre schlagen. Als er aufsah, erkannte er vereinzelte schwarze Punkte in der Grösse von Kirschen, die sich dem Fenster näherten. Unbemannte Flugobjekte, dachte sich Unruh, fliegende Tollkirschen. Ihr Näherkommen war von einem Summen begleitet, in das mehr und mehr Stimmen einsetzten, erneut schlug etwas gegen das Glas, ein Orchester, in seiner Ausdehnung offen, und Unruh erkannte, dass es Fliegen waren, fette schwarze Stubenfliegen, die als Schwarm auf ihn zukamen.
Er löschte das Licht und schloss die Balkontür. Es gab kein Internet. Als wäre das nicht schlimm genug, hatten es zwei der Fliegen geschafft, einen Eingang ins Zimmerinnere zu finden, und umschwirrten Unruhs Kopf. Er wünschte sich Spinnen herbei, denen die Stubenfliegen ins Netz gingen und die sie danach, eine nach der anderen, in hymnischer Langsamkeit auffrassen. Als er sich in Anbetracht der Grösse der Fliegen vorstellte, wie gross die Spinnen sein müssten, um die Fliegen in hymnischer Langsamkeit auffressen zu können, wünschte er sich, die Stubenfliegen würden einfach so verschwinden, grundlos und ohne Ausseneinfluss, und als er sich in Anbetracht des grundlosen Verschwindens der Fliegen vorstellte, das Gleiche könnte auch ihm widerfahren, dass er sich auflösen und einfach verschwinden würde, grundlos und ohne Ausseneinfluss, wünschte Unruh sich nichts mehr und akzeptierte die Situation. Er klappte den Laptop wieder zu. Wünsche waren gefährlich. Nach wie vor. Wünsche würden niemals aufhören, gefährlich zu sein. Spätestens nach der Hochzeit mit Emma hätte er das begriffen haben müssen. Darum war er doch hier. Wenn auch indirekt. Aber trotzdem. Unruh schrieb zwei Sätze in sein Notizbuch, legte sich hin, ohne die Zähne zu putzen, und fotografierte die Decke des Zimmers, gegen die er starrte. Das Foto war schwarz. Wie viel wäre von der Welt noch übrig, wenn alles, was je fotografiert worden wäre, nach Auslösen der Kamera nicht mehr existierte? Wenn jedes Foto ein kratergrosses Loch in die Landschaft risse? Vielleicht würde die Erde dann zu einem zweiten Mond, dachte Unruh, darauf wartend, dass der Schlaf in seinen Kopf fuhr und ihn mitnahm an einen Ort, an dem er ungestört unsichtbar werden konnte.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 334–337.
Erstpublikation: Benjamin Quaderer: Alp Arktis. In: Schweizer Monat 95 (2015), 23 (Dezember 2015 – Februar 2016), Sonderbeilage Literarischer Monat. S. 8–9.