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Die Stadt Rio muss wahrscheinlich kaum vorgestelt werden, ist sie doch meist weit herum bekannt. Dazu beigetragen haben sicher auch Olympiade und Fussballweltmeisterschaft. Als erster europäischer Entdecker gilt der Portugiese Gonçalo Coelho der im Januar (janeiro) 1502 hier an Land ging. Die riesige Bucht verwechselte er mit einem Fluss, somit war der Name der zukünftigen Stadt geboren: Rio de Janeiro (Januarfluss).
Schon im 17.Jh. war Rio drittwichtigste Siedlung hinter Salvador und Recife-Olinda. Afrikanische Sklaven wurden hierher geschleppt, um die Zuckerrohrplantagen zu bewirtschaften, und im 18 Jh. in den Goldminen des Minas Gerais zu arbeiten. 1807 floh der portugiesische Prinzregent (der spätere Dom João) mit seinem 15 000 Personen umfassenden Hofstaat vor der drohenden Invasion Napoleons hierher. Das Land gefiel ihm so gut, dass er Rio kurzerhand zur Hauptstadt des Vereinigten Königreichs von Portugal, Brasilien und der Algarve erklärte. Er war und blieb der einzige europäische Monarch, der von einer Kolonie in der Neuen Welt aus regierte. Die grösste Blütezeit erlebte Rio zwischen den beiden Weltkriegen. Mit der Errichtung von Grandhotels wurde es zu einem exotischen und romantischen Reiseziel für Hollywoodgrössen und High Snobiety. Ab 1960 entstanden die modernen Wolkenkratzer aber auch die Favelas, die Armenviertel, die Slums, die geprägt sind durch Armut, Gewalt und Drogen. Morde sind an der Tagesordnung. Trotzdem ist die zwischen üppig bewaldeten Bergen und atemberaubenden Stränden gelegene Cidade Maravilhosa (wunderbare Stadt) voll von joie de vivire, Lebenslust, die sich die cariocas, Rios Einwohner, total verinnerlicht haben. Es gibt immer irgend einen Grund ein Fest zu feiern, berühmt insbesondere der Karneval. Und genau zu dieser Zeit lagen wir in der Bucht von Urca, unterhalb des Zuckerhutes. Klar doch, dass wir dieses Karnevalstreiben auch ein wenig mitverfolgen wollten. Katja, die sich hier in Rio mit ihren Schweizer und anderen europäischen Freunden im Nobelquartier Santa Teresa ein Zimmer in einer der zahlreichen Villen genommen hatte, empfahl uns, den Umzug in diesem Viertel mit zu verfolgen. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Santa Teresa ist eines der ganz alten und ursprünglichen Quartiere Rios, welches auch heute noch besonderen Charme und Wärme ausstrahlt. Einst war da ein Karmelitenkloster. Eine der Klosterfrauen hiess Teresa. Santa Teresa liegt auf einem aussichtsreichen Hügel. Auf diesen führt einerseits die Bonde, eine historische Strassenbahn, mit welcher man vom Centro über die Arcos da Lapa bis hinauf zum Largo do Curvela gelangt.
Die Arcos da Lapa
Anderseits gibt es da noch die Escaderia Selarón, eine Treppe, die vom in Chile geborenen brasilianischen Künstler Jorge Selarón als bunte Kunstinstallation gestaltet wurde. Eines Tages begann er, diese Treppe mit Mosaiken zu schmücken, bis alle 215 Stufen in leuchtenden Farben erstrahlten. Während zwanzig Jahren arbeitete er an diesem Werk, fügte Kachel an Kachel, die er selbst bemalte oder auch von Freunden erhielt.
Selarón, hier im Selbstbildnis, hat sein Werk als Hommage an die brasilianische Bevölkerung verstanden
und sympathisierte mit den Leuten in den Favelas.
HIer mit dieser Kachel, übersetzt etwa:
In einer Favela zu leben ist eine Kunst. Niemand raubt, niemand hört. Nichts geht verloren. Die Weisen gehorchen denen, die befehlen.
Ausdruck wahrscheinlich von purem, resignativem Fatalismus.
Schon auf dieser Treppe herrschte ein ordentliches Gedränge, das sich, oben angekommen, deutlich verdichtete. Doch es ging noch deutlich mehr. Während des Umzuges gab es praktisch gar kein Durchkommen mehr. Auch der Umzug selbst kam kaum voran. Das störte aber gar niemanden, das ist völlig normal. Es herrschte überall nur ausgelassene Lebensfreude, die sich darin äusserte mit möglichen und unmöglichen Instrumenten zu musizieren, d.h. möglichst viel Lärm zu produzieren und dazu zu singen und zu tanzen. Masken? Nein, natürlich nicht! Man darf doch sehen, wer in den teils kunstvollen Kostümen steckt. Und genau diese Kleider sind der Stolz der Cariocas. Das ganze Jahr über wird genau für diesen Moment geschneidert und geschustert. Hier in Santa Teresa identifizierten sich viele mit den Karmelitern und trugen entsprechende Kleidung und Aufschriften.
Das eigentliche Epizentrum des Karnevals von Rio liegt aber im von Oscar Niemeyer gebauten Sambódromo. Dort defilieren die verschiedenen Gruppen und stellen sich kritischen Juroren, um als schönste, prächtigste Gruppe gekürt zu werden. Diese Wagen fahren gar nie durch die Stadt, so wie ich mir das bisher vorgestellt habe. Wenn man sich diese lebhaften Kunstwerke anschauen will, zahlt man dort Eintritt, kann dann dafür stundenlang diese quirligen Gruppen geniessen. Gefestet wird allerdings auch (kann hier gar nicht anders sein). Dafür geht man aber an den Strand der Copacabana, wo ausgelassen gefeiert wird. Auch hier muss man sich nicht wirklich einsam fühlen. Katja hat beides für uns dokumentiert und uns diese Fotos geschickt.
Im Sambodrom
An der Copacabana
Wenn wir von unserer KAMA* an Land wollten, hatten wir zwei Möglichkeiten. Entweder wir ruderten mit unserem Dingi an Land, wo wir es festmachen konnten, oder, die faule Variante, wir funkten Giovanni, der uns für ein Trinkgeld mit seinem kleinen Boot zum Strand brachte. Diese Möglichkeit schied aber öfters aus, da Giovanni selbstverständlich auch in einer Karnevalsgruppe engagiert war. Als wir eines Tages durch die vielen Ankerlieger paddelten, machten wir unter anderen mit Martin Bekanntschaft. Er konnte perfekt Deutsch, was uns die Konversation wesentlich erleichterte. Als Sohn deutscher Einwanderer wuchs er hier in Rio auf, studierte aber in Deutschland und arbeitet jetzt wieder hier in Brasilien für die Deutsche Bahn. Er hat sich hier einen kleinen Holzkatamaran zusammengeschustert, der zwar etwas schräg aussah, aber von diesem Ingenieur sicher so konstruiert wurde, dass man damit auch segeln konnte. Sein Wochenendurlaubsziel wollte er aber doch nicht mit diesem Boot erreichen. Er fahre mit dem Auto zur Ilha Grande. Da diese Insel unser nächstes Ziel war, wurden wir natürlich hellhörig und profitierten von seinen Ortskenntnissen.
Der kleine Strand von Urca war überfüllt mit hunderten oder gar tausenden sich in der Sonne räkelnden Badenden. Ein unglaubliches Gewusel! Und hier mussten wir also irgendwo, irgendwie unser Dingi lassen, wenn wir in die Stadt wollten. Ob das wohl gut kommt? Wir liessen uns nicht entmutigen und wanderten stundenlang durch diese vielseitige, unerschöpfliche und weitläufige Stadt, in welcher sich alte barocke Bauten zwischen schmuddeligen oder hochglanzpolierten Hochhäusern ducken. Dahinter die mit dem atlantischen Regenwald bewachsenen Hügel. Man hat den Eindruck, die Stadt ringe mit dem Urwald, alles ist ineinander geschachtelt. Wie hat Stefan Zweig so schön geschrieben:
…denn hier hat die Natur in einer einmaligen Laune von Verschwendung von den Elementen der landschaftlichen Schönheit alles in einen engen Raum zusammengerückt, was sie sonst sparsam auf ganze Länder verteilt… eine Luxusstadt, eine Hafenstadt, eine Geschäftsstadt, eine Fremdenstadt, eine Industriestadt. Und über dem allen ein seliger Himmel, tiefblau des Tags, wie ein riesiges Zelt und nachts besät mit südlichen Sternen…Es gibt – wer sie einmal gesehen, wird mir nicht widersprechen – keine schönere Stadt auf Erden… (Dank an Verena, die diesen Abschnitt 2008 in ihrem Bericht zitierte).
Ja, es ist gut gekommen mit unserem Gummibötli. So benutzten wir es mehrfach und fanden es abends jeweils unbehelligt wieder vor. Erstaunlich in einer so von Kriminalität und angsteinflössenden Bandenkriegen dominierten Stadt. Nun, Urca ist ja keine Favela, sondern eher ein friedfertiges Nobelquartier, wo sich im Schatten des Zuckerhutes genüsslich entlang des Meeres flanieren lässt. Um auch die unschönen Seiten der Stadt kennen zu lernen schlug Katja vor, uns in der Favela Santa Rita umzusehen, die an schönster Aussichtslage Rios liegt. Man kann einen Führer buchen, der einem einigermassen sicher durch dieses Elend führt. Schwieriger war es einen Taxifahrer zu finden, der einem dorthin führt. Viel zu gefährlich! So mussten wir schliesslich mit der U-Bahn dorthin fahren. Je näher wir unserer Zielstation kamen, desto leerer wurde der Zug. Man fährt einfach nicht dorthin. Wir hätten uns das auch schenken können, denn als wir dort ankamen, waren wir zu spät und der Führer weg. Wir verzichteten darauf selbständig herum zu lungern und fuhren wieder zurück.
Die Lage an der Copacabana war viel entspannter, auch wenn man auch hier nicht vor Übergriffen sicher ist. Wir hatten unser Frühstück verdient. Hei! diese Pommes werde ich mein Lebtag nicht vergessen, eine riesige Portion leckerster Fritten mit Knoblauchstreusel.
Auch hier in Rio besuchten wir den botanischen Garten, den Jardim Botânico. Dieser 137ha grosse Garten wurde 1808 auf Geheiss von Dom João angelegt. Heute bildet er eine grüne Oase inmitten der städtischen Steinwüste, wobei am westlichen Rand der atlantische Regenwald Teil dieser Anlage wird. Hier in diesem königlichen Garten gedeihen über 8000 Pflanzenarten. Allein im separaten Orchideengarten finden sich 600 verschiedene, teils seltene Orchideen. Hauptattraktion sind die Reihen von Palmen, die hier seit der Gründung des Parks hier wachsen. Im See dürfen die riesigen Vitória-Régia-Seerosen nicht fehlen. Hinter den mächtigen Bambusstauden gibt es eine Abteilung für Medizinalpflanzen.
Einen Baum möchte ich hier noch zeigen: den Kapokbaum. Ein Baum der in den Tropen rund um den Erdball vorkommt und entsprechend auch verschiedene Namen trägt. Hier in Brasilien wird er sumaúma genannt und dürfte einer der grössten Bäume Amazoniens sein. Er wird über sechzig Meter hoch, hat eine Krone mit einem Durchmesser von fünfzig Metern und wird von mächtigen Wurzeln gestützt. Er kann 500 Jahre alt werden. Vielen indigenen Völker ist dieser Baum heilig. Er blüht in der Trockenzeit. In einem Zeitintervall von zwei bis drei Wochen verliert er sämtliche Blätter und entwickelt abertausende von stark nektarhaltigen Blüten, die sich alle genau in einer Nacht öffnen und hauptsächlich von Fledermäusen bestäubt werden. Die reifen Früchte öffnen sich und es entleeren sich Myriaden von schwimmfähigen Samen. Die Kapselschale besteht aus fetthaltigen Fasern, die kein Wasser aufnehmen und werden daher noch heute gerne gebraucht um Matratzen, Kopfkissen, aber auch Rettungsringe und Bojen herzustellen.
Ja, in diesem Garten lässt es sich wirklich gut sein!
An unserem letzten Abend besuchten wir noch den Zuckerhut. Mit der Seilbahn gelangt man zuerst auf den Morro da Urca, steigt dort um und gelangt mit der in der Schweiz hergestellten Bahn dann ganz nach oben. Hier öffnet sich der Blick über die ganze Stadt und die weite Bucht, hinüber nach Niteroi und hinaus in die unendliche, hügelige Landschaft. Der Sonnenuntergang liess nicht mehr lange auf sich warten. Noch ein kurzer Spaziergang und wir mussten wieder nach unten.
Mit Giovanni, der am Strand geduldig auf uns gewartet hat, fuhren wir hinaus zur KAMA*. Da es unser letzter Abend war, wir frühmorgens losfahren wollten, beabsichtigten wir Giovanni noch die Gebühr für die Bojenbenützung zu begleichen. Dieser winkte nur ab und meinte, wir sollen im halt geben, was wir denken. Er wäre auch mit der Tafel Schweizerschoggi zufrieden gewesen. Er ist aber, so hoffen wir, nicht zu kurz gekommen.
Am nächsten Morgen, es war noch dunkel, lösten wir uns von der Boje, verliessen die Bucht von Botafogo, den Strand von Urca, wendeten uns südwärts und entlang der wunderschönen Strände Rios, Copacabana, Ipanema, Leblon, vorbei an den Ilhas da Palmas setzten wir unseren Kurs ab in Richtung Ilha Grande.