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Nicole Boss erklärt ihren Rücktritt
Boxwelt.com, Johannes Passehl, 10.11.2015 & Berner Zeitung
Eine der wenigen Boxerinnen aus der benachbarten Alpenrepublik hat gestern ihren Rücktritt vom aktiven Boxsport erklärt. Die 36-jährige Freizeitboxerin Nicole Boss war seit 2008 im Profiboxen unterwegs und brachte es im Leichtgewicht auf einen Kampfrekord von 20 Fights. Davon konnte sie 13 gewinnen (7 KO), verlor 5 (1 KO) und boxte 2x ein Unentschieden. Ihr größter Erfolg war der Gewinn des EBU-Europameistertitels.
Foto: Ueli E. Adam
Wie die „Berner Zeitung“ in einem Interview berichtet, gab Nicole Boss als Grund an, dass sie für sich Alles erreicht hat, was ihr möglich war. Offenbar hat sie sich mit ganzer Absicht noch einmal mit Weltmeisterin Delfine Persoon in den Ring gestellt um ihre boxerischen Grenzerfahrungen zu machen. Sie unterlag der Belgierin im April 2015 durch TKO 9. Die erste und einzige vorzeitige Niederlage ihrer Boxkarriere. Dabei ging es um den WBC-Titel im Leichtgewicht. Bereits im Jahr 2011 unterlag sie Persoon nach Punkten im Kampf um den vakanten EBU-Titel. Den konnte sie dann aber im Dezember 2013 erkämpfen, als die Belgierin bereits einen WIBF-WM-Gürtel trug.
Hier der Wortlaut des Interviews mit der „Berner Zeitung“:
Was hat für den Entscheid, Ihre Karriere zu beenden, letztlich den Ausschlag gegeben?
Nicole Boss: Die Gewissheit, dass ich im April den grösstmöglichen Kampf bestritten habe. Ich trat gegen Delfine Persoon, die weltbeste Boxerin, an. Leider reichte es nicht zum WM-Titel.
Es gäbe bei anderen Verbänden WM-Titel, die leichter zu gewinnen wären.
Das stimmt, doch es bedeutet mir nichts, mich Weltmeisterin nennen zu können, wenn ich genau weiss, dass ich nicht die Beste der Welt bin. Persoon ist das Mass aller Dinge und erst noch fünf Jahre jünger als sich. An ihr führt kein Weg vorbei. Ich habe alles erreicht, was mir möglich ist.
Welches Gefühl herrscht jetzt vor, da Sie wissen, dass Ihre Zeit als Spitzensportlerin zu Ende ist?
Es sind zwei Gefühle: Einerseits Wehmut, andererseits Freude. Es war eine schöne, emotionale Zeit, die nun zu Ende ist. Doch jetzt freue ich mich auf die Zukunft, darauf, mehr Freiheiten zu geniessen. Wobei ich betonen möchte: Ich habe diese Freiheiten bisher nicht vermisst.
Reich sind Sie durch den Sport nicht geworden. Was hat Ihnen das Boxen rückblickend gebracht?
Es hat meinen Charakter gestärkt. Ich wage zu behaupten, dass ich heute nicht der gleiche Mensch wäre, wenn ich nicht geboxt hätte. Zudem habe ich durchs Boxen viele Freunde gefunden – und diese Freundschaften sind unbezahlbar.
Welches war der schönste Moment in Ihrer Laufbahn?
Ich muss zwei Momente nennen. Wenn ich an den Gewinn des Europameistertitels denke, bekomme ich noch immer Hühnerhaut. Und stolz bin ich auch, dass es uns gelang, den WBC-WM-Kampf nach Bümpliz zu holen. Es ist gewaltig, was wir mit der Box Academy Bern auf die Beine gestellt haben.
Bereuen Sie rückblickend etwas? Was würden Sie anders machen?
Nein, es gibt keinen Moment, auf den ich verzichten wollte. Selbst die Niederlagen möchte ich nicht missen, weil sie lehrreich waren. Alle meine Schritte hatten mich dorthin gebracht, wo ich am Ende meiner Karriere war.
In Ihrem Rücktrittsbrief erwähnen Sie unter anderem Ihre Wahl zur «Berner Sportlerin des Jahres». Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Ich hatte den Rücktrittsentscheid für mich schon zwei, drei Tage gefällt, bevor ich den Preis erhielt. Die Auszeichnung kam für mich sehr unerwartet, weil es viele tolle Berner Sportlerinnen gibt. Der Preis ist für mich eine extreme Genugtuung; es ist schön, zu wissen, dass registriert worden ist, was ich geleistet habe.
Boxen ist ein harter Sport; Sie dürften vor und während der Kämpfe viel Adrenalin ausgeschüttet haben. Wo holen Sie sich künftig den Kick?
Ich werde weiterhin trainieren, insofern habe ich mir durch den Entscheid nur den Wettkampf genommen. Als Amateurin und Profi habe ich insgesamt gegen 60 Kämpfe bestritten – das ist genug. Es ist nicht unbedingt ein schönes Gefühl, wenn du vor einem Kampf derart nervös bist, dass es dir fast den Magen umdreht.
Bisher haben Sie neben Ihrer Vollzeitstelle meist zweimal täglich trainiert. Wie nutzen Sie künftig Ihre Freizeit? Werden Sie Trainerin?
Derzeit bin ich noch nicht so weit, dass ich als Trainerin arbeiten könnte. Einmal täglich Sport zu treiben, wird weiterhin zu meinem Standardprogramm gehören, aber ich werde es geniessen, im Training in der Menge unterzutauchen und nach der Einheit auch mal sitzen bleiben und ein Bier trinken zu können. (Berner Zeitung)
Mit Nicole Boss gibt eine engagierte Kämpferin ihre aktive Laufbahn auf. Wie sie sagt, hat sie alles erreicht was für sie zu erreichen war. Sie war von Beginn an eine Freizeitboxerin mit sicherer beruflicher Existenz und nicht darauf aus, von den Börsen leben zu wollen, was gerade im Frauenboxen kaum gelingen kann. Sie wird dem Boxen gewiss in der einen oder anderen Art treu bleiben und wir werden sie zumindest in der Schweiz bei zukünftigen Boxevents als gern gesehener Ehrengast oder Kommentatorin erleben können. Wir wünschen Nicole Boss für die Zukunft alles Gute.
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