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Es ist ein Standardsatz, den man in Politik und Wirtschaft häufig hört: „Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell“. Die Aussage wird meistens mit der Präsentation von imponierenden Rankings begründet, bei denen die Schweiz tatsächlich auf Spitzenplätzen figuriert: Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Bildung, Pro-Kopf-Einkommen, Sicherheit – ja sogar bei der Frage nach der glücklichsten Natione ist die Schweiz jeweils weit vorne. Das ist schön, und Grund, auch einmal ab und zu festzustellen, dass in der Schweiz die Wirtschaft, die Politik und die Gesellschaft nicht ganz alles falsch gemacht haben in den letzten Jahrzehnten. Den lauten Klagen und den Katastrophenbeschwörungen mancher in diesem Lande zum Trotz.
Dennoch soll die Zufriedenheit nicht zu Nachlässigkeit führen. Beim „ease of doing business“ Index der Weltbank ist die Schweiz nicht mehr top. Dieser Index ermittelt, ob ein Land Rahmenbedingungen aufweist, die wirtschaftliche Tätigkeit und das Unternehmertum fördern oder nicht. In diesem Ranking figuriert die Schweiz aktuell auf Rang 33. Weit hinter Ländern wie Mazedonien (Rang 11) und Estland (12), und immer noch hinter Malaysia (24) und Mauritius (25). Hätten Sie das erwartet?
Natürlich hat die Weltbank auch einen etwas stärkeren Fokus auf Faktoren, die in weniger hoch entwickelten Ländern eine grössere Wirkung erzielen können, als in der Schweiz, wo viele dieser Rahmenbedingungen existieren, und zu einem grossen Wohlstand geführt haben. Dennoch sollte die Politik solche Indikatoren ernst nehmen, und versuchen, besser zu werden. Die Schweiz macht vieles richtig, aber sich kann manches besser machen, oder andere Prioritäten setzen. Dazu zwei Beispiele:
Die Schweiz hat Hochschulen, die zu den weltbesten gehören. Deshalb sind sie attraktiv für weltbeste junge Talente. Für Absolventen aus sogenannten Drittstaaten (Staaten, die nicht Mitglieder des europäischen Personenfreizügigkeitsraums sind) wird es nach Abschluss ihres Studiums in der Schweiz kritisch. Sie müssen spätestens 3 Monate nach ihrem Studienabschluss die Schweiz verlassen haben. Das heisst: Talente aus von allen Kontinenten ausser Europa, die eine Topausbildung in der Schweiz erhalten haben, bringen der Schweiz grösstenteils keinerlei Nutzen. Demgegenüber suchen Schweizer Unternehmen verzweifelt hochqualifizierte Mitarbeitende, und kommen mit den engen Kontingenten kaum über die Runden. Nur die Schweiz leistet sich eine derartige Verschwendung von Ressourcen, einen Brain drain.
Zweites Beispiel: Estland ist das digitalste Land Europas. Der digitale Staat ist dort so weit fortgeschritten wie nirgends. Computer, Smartphones und Tablets gehören an estnischen Schulen zum Alltag. Bereits seit 1999 sind alle Schulen mit dem Internet verbunden. Ab 2020 soll es alle Schulbücher auch digital geben. "Es geht nicht darum, alles zu digitalisieren. Wir wollen den Kindern beibringen, wie sie Technik am besten für sich nutzen können." Natürlich gebe es auch an estnischen Schulen Frontalunterricht, Schreibhefte und Bücher, sagt ein estnischer Schulleiter (Spiegel online 8.11.17). Aber die Esten sind Europas digitale Wunderkinder.
Vielleicht sind diese zwei Beispiele eine Teilerklärung für das ungenügende Ranking der Schweiz. Jedenfalls könnten wir darüber nachdenken, ob es wirklich zukunftsweisend ist, wenn wir in der Schweiz ausgebildete kluge Köpfe nicht bei uns halten wollen, obwohl sie der Wirtschaft Nutzen bringen könnten. Oder ob wir wirklich die richtigen Prioritäten setzen, wenn wir endlos darüber diskutieren, welches Schulfach wann mit wie viel Lektionen im Lehrplan erscheinen soll.