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Solidarische Ökonomie
«Solidarische Ökonomie» beschreibt ein Ensemble von verschiedenen Praktiken, Initiativen und Projekten, Organisationen und Diskursen, die auf eine andere bzw. soziale Form des Wirtschaftens abzielen. Im Vordergrund einer solidarischen Ökonomie – synonym werden in der Schweiz dafür auch die Begriffe «soziale Ökonomie» oder économie solidaire verwendet – steht die Entwicklung und Erprobung einer Ökonomie, die nicht primär am finanziellen Profit, sondern an sozialen, solidarischen, ökologischen und demokratischen Prinzipien orientiert ist. Leitend sind dabei insbesondere die Idee der Selbst- und Mitbestimmung sowie Grundsätze der sozialen, ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit. In dem Sinne versteht sich solidarische Ökonomie immer auch als ein Gegenentwurf zu einer kapitalistischen und globalisierten, an erster Stelle am Profit orientierten Ökonomie.
Historisch knüpft solidarische Ökonomie an Traditionen und Ansätzen der sozialen Bewegungen der frühen Industriegesellschaft an, namentlich an Konzepten der «Frühsozialisten» wie zum Beispiel Robert Owen (1771–1858), Charles Fourier (1772–1834) und Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865). Diese diskutierten gesellschaftlich-wirtschaftliche Modelle, die nicht auf der Ausbeutung von Mensch und der Zerstörung von Natur beruhten. Ein besonders erfolgreiches und heute auch allgemein anerkanntes «Produkt» dieser frühsozialistischen Bewegung sind Genossenschaften, also eine demokratische Organisationsform, die vom Ursprung her auf der Idee der solidarischen Mitbestimmung und Miteigentümerschaft der Arbeiterschaft gründet. Den Genossenschaftsgedanken für eine ganze Region erfolgreich realisiert, hat die mittlerweile weltweit tätige Genossenschaft Mondragón Corporación Cooperativa (MCC), die oft auch als ein funktionierendes Modell für eine solidarische Ökonomie herangezogen wird. Gegründet wurde diese Genossenschaft in den 1940er Jahren in der baskischen Kleinstadt Mondragón von dem Priester José María Arizmendiarrieta (1915–1976), der die lokale Massenarbeitslosigkeit und -armut auf der Basis genossenschaftlicher Selbsthilfe bekämpfen wollte. Auch heute ist das primäre Ziel der solidarischen Ökonomie nicht, das kapitalistisch-wirtschaftliche System zu revolutionieren, sondern – vom lokalen Bedarf und den lokalen Ressourcen ausgehend – die Menschen vor Ort mit den notwendigen Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. Insofern verstehen sich die meisten Projekte solidarischer Ökonomie, wie es Roland Bunzenthal 2011 formulierte, als «Inseln im kapitalistischen Meer», die bewusst nach einer anderen, einer lokal eingebetteten Logik funktionieren. Gleichwohl zielt solidarische Ökonomie nicht auf ein geschlossenes Inseldasein ab, vielmehr versucht sie, mit anderen «Inseln» und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen, im Sinne eines Netzwerkes, zu kooperieren, um andere Formen des Wirtschaftens zu etablieren und zu verbreiten und im Endeffekt auch wieder lokal mehr Wirkungen zu entfalten.
Versucht man nun die solidarische Ökonomie mit der Sozialpolitik und dem Sozialwesen in einen Zusammenhang zu bringen, setzt dies ein wohlfahrtspluralistisches Verständnis von Sozialpolitik voraus. Ein Verständnis von Sozialpolitik, das auch zivilgesellschaftliche Akteure als Akteure der Wohlfahrtsproduktion und -sicherung wahrnimmt, begreift und anerkennt, auch wenn diese nach einer eigenen Logik zwischen Staat und Markt funktionieren. Versuche, solche grass-roots Innovationen für «fremde» Zwecke zu absorbieren und anderen Regimes zu unterwerfen, laufen jedoch stets Gefahr, diese damit gleichzeitig längerfristig zu zerstören. Zivilgesellschaftliche Ansätze wie die solidarische Ökonomie, die ihre Wurzeln in sozialen Bewegungen haben, «leben» davon, dass sie ein kritisches Moment darstellen. Sie sind soziale Experimente auf der Suche nach neuen Lösungen für gesellschaftliche Probleme, welche zu der staatlichen Sozialpolitik (die einer politisch-bürokratischen Logik folgt) oft in einem Spannungsverhältnis stehen, das jedoch über einen Dialog, in eine produktive Kooperation transformiert werden könnte, in der die Koexistenz von verschiedenen Logiken möglich ist.
Vor der analytischen Folie des Wohlfahrtspluralismus leistet die solidarische Ökonomie als zivilgesellschaftlicher Ansatz einen (potenziellen) Beitrag zur Wohlfahrt, ohne aber dabei Teil der staatlichen Sozialpolitik zu sein. Auch wenn es kaum möglich ist, eine solidarische Ökonomie top-down aufzubauen, ist es trotzdem von sozialpolitischer Relevanz, ob die staatliche Politik eine solidarische Ökonomie begünstigt, unterstützt, nicht behindert und als lokale «Gegen»-Ökonomie neben der globalen Ökonomie entfalten lässt. Denn eine solidarische Ökonomie kann im Sinne des Wohlfahrtspluralismus mit ihrer sozial durchlässigen Kultur dazu beitragen, dass Menschen, insbesondere Menschen die über wenig finanzielle Ressourcen verfügen und/oder in der anderen Ökonomie aus verschiedenen Gründen keinen Platz finden, an der solidarischen Ökonomie ökonomisch und sozial betrachtet, teilhaben, und so in Selbsthilfe einen Beitrag zur Sicherung ihrer Existenz leisten können. In dem Sinne eröffnen solidarische Ökonomien immer auch noch nicht erschlossene reziproke (Hilfe-)Potenziale, die auf anderen Märkten und in sozialstaatlichen Massnahmen nicht entfaltet werden. Solidarische Ökonomie leistet in der Regel einen direkten Beitrag oder Nutzen für die Beteiligten, meist aber auch einen «Mehrwert» der dem Gemeinwesen, der Gemeinde, dem Quartier oder der Stadt als Überschuss oder nicht verursachte Kosten zu Gute kommt.
Die Art und Weise wie die solidarische Ökonomie hier dargestellt wird, geht von einem Verständnis von solidarischer Ökonomie aus, wie es vor allem in der Deutschschweiz bzw. im deutschsprachigen Raum üblich ist. Da solidarische Ökonomien als bottom-up-Initiativen häufig stark lokal oder regional geprägt sind, können sich auch in relativ kleinen Ländern wie der Schweiz in den verschiedenen (Sprach-)Regionen ganz unterschiedliche Verständnisse und Ansätze herausbilden. In der Schweiz, aber auch Deutschland und Österreich, sind exemplarisch etwa folgende Aktivitäten solidarischer Ökonomie zu beobachten: Die Herausgabe von Alternativ- oder Lokalwährungen, die Einführung von Zeittauschsystemen, die Gründung von Kollektiv-Genossenschaften, der Aufbau von Verbraucher-Konsumenten-Kooperativen im Bereich der Landwirtschaft und die gemeinschaftliche Kultivierung und Verwaltung von Allmend (z. B. in Form von Urban Gardening). Vereinzelt werden solche Projekte auch durch Gemeinwesenarbeiter und -arbeiterinnen aus der Sozialen Arbeit angeregt oder unterstützt (Community Development). In den frankophonen und lateinischen Sprachgegenden gibt es hingegen insgesamt eine stärkere Beziehung der solidarischen Ökonomie hin zum staatlich subventionieren zweiten Arbeitsmarkt bzw. zu anderen (arbeitsmarktlichen) «Integrationsmassnahmen». Diese Tendenz ist in der deutschsprachigen Rezeption der solidarischen Ökonomie, wo der Begriff stärker mit zivilgesellschaftlichen Initiativen assoziiert wird, bisher jedoch nicht auszumachen.
Aktuelle soziale, ökonomische und ökologische Herausforderungen (Stichworte dazu sind: «Postwachstumsgesellschaft», «neue Prekarisierung», «Krise der Arbeit» und «Verlierer-Regionen») können dazu führen, dass die Auseinandersetzung mit Solidarischer Ökonomie auch in der Schweiz in den nächsten Jahren intensiviert wird. Die grosse Herausforderung dabei ist, wie es gelingen kann, diese Projekte so zu konzipieren und zu stabilisieren, dass sie gerade auch für arme und erwerbslose Personen zugänglich sind und es in den Projekten zu milieu- und soziale Lagen übergreifenden reziproken und gleichzeitig existenzverbessernden Austauschprozessen kommt.
Literaturhinweise
Bunzenthal, R. (2011). Solidarische Ökonomie: Inseln im kapitalistischen Meer. In Verein zur Förderung der Solidarischen Ökonomie e. V. (Hrsg.), Schritte auf dem Weg zur Solidarischen Ökonomie (S. 273–275). Kassel: Kassel Univ. Press.
Nerge, H. (2001). Auf der Suche nach der zukunftsfähigen Gesellschaft: Fundort Mondragon (unveröffentlichte Publikation). N.p.: Eigenverlag.
Wallimann, I. (2014). Social and solidarity economy for sustainable development: its premises – and the social economy Basel example of practice. International Review of Sociology, 24(1), 48–58.