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Brückenechse
Sphenodon punctatus
© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)
Die in Neuseeland beheimatete Brückenechse (Sphenodon punctatus) steht innerhalb der Klasse der Reptilien ziemlich isoliert da: Sie ist der letzte lebende Abkömmling der Ordnung der Schnabelköpfe - einer Kriechtiersippe, welche sich schon vor etwa 220 Millionen Jahren, lange vor dem Erscheinen der ersten Dinosaurier, herausgebildet hatte. Interessanterweise hat die Brückenechse den Körperbauplan ihrer Urahnen nahezu unverändert beibehalten. Schon in jenen fernen Erdepochen krochen also auf unserem Planeten Wesen umher, die der heutigen Brückenechse sehr ähnlich sahen. Sie ist gewissermassen ein «lebendes Fossil».
Zwischen den Männchen und den Weibchen der Brückenechse
bestehen markante Grössenunterschiede: Die Männchen haben im Vergleich zu den Weibchen einen deutlich grösseren Kopf und einen ausgeprägten Rückenkamm. Sie erreichen eine Gesamtlänge von durchschnittlich etwa 60 Zentimetern gegenüber 45 Zentimetern bei den Weibchen. Und sie wiegen um 1000 Gramm, während die Weibchen nicht einmal die Hälfte davon auf die Waage bringen.
Die Brückenechse ist ausserhalb der Fortpflanzungszeit ein strikter Einzelgänger und ein weitgehend nachtaktives Tier, das den Tag gewöhnlich in einer Höhle verbringt und erst in der Nacht auf Nahrungssuche geht. Sie erbeutet dann allerlei wirbellose Kleintiere, besonders Käfer, Grillen und andere bodenlebende Insekten, aber auch Spinnen, Regenwürmer und Schnecken. Kotuntersuchungen zeigen, dass sie ferner kleine Wirbeltiere wie Geckos, Vogelküken und sogar Jungtiere der eigenen Art nicht verschmäht, sofern sie solcher habhaft werden kann.
Das Weibchen legt seine Eier jeweils im südlichen Frühling in eine selbstgescharrte kleine Erdgrube, deckt diese mit Laub, Gras und Erde sorgsam wieder zu, so dass das Versteck möglichst unkenntlich wird, und kümmert sich dann nicht mehr um seinen Nachwuchs. Das Gelege umfasst gewöhnlich 6 bis 15 Eier. Diese haben eine ovale Form, sind 25 bis 30 Millimeter lang und von einer pergamentartigen Schale umgeben.
Die Altersentwicklung der Brückenechse erfolgt in überraschend gemächlichem Tempo: Zwischen der Eiablage und dem Schlüpfen der Jungtiere vergehen etwa 15 Monate - das ist von allen Reptilien die längste Embryonalzeit. Die Geschlechtsreife tritt erst im Alter von angefähr 20 Jahren ein. Das Längenwachstum ist vermutlich nicht vor 60 bis 70 Jahren abgeschlossen. Und die Lebenserwartung dürfte bei ungefähr 120 Jahren liegen. Dies übersteigt das bei anderen Echsen übliche Zeitmass bei weitem und dürfte höchstens noch von einigen Schildkrötenarten erreicht werden.
Als Neuseeland vor etwa 700 Jahren von den polynesischen Maories entdeckt und besiedelt wurde, da war die Brückenechse noch weit
verbreitet. Heute überlebt sie einzig auf etwa dreissig unbewohnten kleinen Inseln, welche teils der neuseeländischen Nordküste vorgelagert sind, teils in der Cook-Strasse liegen, während sie vom neuseeländischen «Festland» vollständig verschwunden ist. Brückenechsen-Knochen, die bei zahlreichen archäologischen Fundstätten unter den Küchenabfällen gefunden wurden, deuten darauf hin, dass die frühen Maoris das urweltliche Reptil gerne verspeisten, und dies dürfte ein nicht unwesentlicher Grund für den Rückgang der Art gewesen sein. Der gewichtigste Grund dafür, dass die Verbreitung der Brückenechse dermassen geschrumpft ist, scheint jedoch die Präsenz der Polynesischen Ratte zu sein, welche als «blinder Passagier» auf den Booten der Maoris Neuseeland erreichte und die sich gerne an den Eiern und Jungtieren der Brückenechse vergreift.
Der Gesamtbestand der Brückenechse wird derzeit auf über 100 000 Individuen geschätzt. Dennoch gilt sie als gefährdet, da sie aufgrund ihrer beschränkten Verbreitung sehr schnell in eine unangenehme Lage geraten könnte, wenn sich die Umweltbedingungen ändern würden. Die Brueckenechse steht aber in ihrer Heimat unter striktem gesetzlichem Schutz. Ausserdem sind sämtliche Inseln, auf denen die Art vorkommt, als Reservate ausgewiesen und können nur mit schriftlicher Bewilligung besucht werden. Im übrigen führt die Naturschutzbehörde Neuseelands seit Jahren ein beispielhaftes Forschungs- und Schutzprogramm zugunsten der Brückenechse durch. Die Ausgangslage für die weitere Existenz dieses urtümlichen Reptils scheint also derzeit nach menschlichem Ermessen recht günstig zu sein.
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