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Vor einem Jahr verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika. Das Drama habe die Probleme der internationalen Hilfe offenbart und die humanitären Aspekte der Krise verdrängt: Diese Meinung vertritt Jean-Clément Cabrol, operativer Leiter von Ärzte ohne Grenzen, im Interview mit swissinfo.ch.
Die Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mit Sitz in Genf engagiert sich an vorderster Front gegen die Ausbreitung von Ebola. Offiziell gab die Weltgesundheitsorganisation diese Epidemie am 23.März 2014 bekannt. Mit mittlerweile mehr als 10‘000 Toten handelt es sich um die schlimmste Epidemie seit der Entdeckung des Virus in den 1970er Jahren.
swissinfo.ch: Man hört fast nichts mehr von Ebola - die Epidemie ist von den Frontseiten der Zeitungen verschwunden. Bedeutet das, dass alles unter Kontrolle ist?
Jean-Clément Cabrol: Mehr oder weniger schon, auch wenn stets das Risiko einer neuen Epidemie besteht. Die Situation hat sich stabilisiert und Liberia hat beispielsweise das Ende der Epidemie verkündet. (2 Tage nach dem Interview hat Liberia einen neuen Fall von Ebola bekannt gegeben.)
Doch es gibt durchaus noch neue Ebola-Fälle, etwa in Guinea oder Sierra Leone. Es besteht das Risiko, dass man von einer Epidemie zu einer endemischen Krankheit übergeht. In den betroffenen Ländern macht das Wort "Ebola" immer noch Angst.
swissinfo.ch: Bis vor einigen Monaten hörte man Stimmen, die von einer weltweiten Epidemie und der Möglichkeit von mehr als einer Million Toten sprachen. Gemäss Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO sind bisher 10‘000 Todesfälle verzeichnet worden. Wie erklären sich solche Differenzen?
Es ist sehr schwierig, Schätzungen zu machen. Die Vorhersagen nutzen mathematische Modelle mit einer Reihe von Variablen. Doch die Vorhersagen zeigten ganz einfach auf, dass das Risiko sehr real war. Es gab eine deutliche Ausbreitung der Epidemie und die Mittel zu ihrer Bekämpfung waren ungenügend.
Auch wenn man von 10‘000 Toten spricht, handelt es sich nur um Schätzungen. Wir wissen, wie viele Menschen in unseren Behandlungszentren gestorben sind, aber wir wissen nicht, wie viele Todesfälle es ausserhalb dieser Zentren gab. Zudem gibt es eine ganze Reihe indirekter Todesfälle, ausgelöst durch die Schwächung des ganzen Gesundheitssystems, etwa die Unterbrechung von Impfungen oder die Schwierigkeiten von Frauen bei der Geburt. Für alle diese Fälle haben wir nur sehr wenige Zahlen.
Es wurden weltweit Massnahmen getroffen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch es ist schwierig zu sagen, ob diese effizient waren. Ausschlaggebend war sicherlich die Übertragbarkeit von Ebola, für die es einen direkten Kontakt braucht. Die Verbreitung von Ebola ist nicht mit einer Grippe vergleichbar.
swissinfo.ch: Wie weit ist man mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Ebola?
In Liberia und Sierra Leone hat man erste Versuche gestartet. Sie kommen voran, aber es braucht Zeit. Es ist nicht ganz leicht, solche Tests durchzuführen, denn viele Menschen haben Angst, infiziert zu werden. Ich glaube nicht, dass bis zum Ende dieses Jahres ein Impfstoff verfügbar sein wird.
swissinfo.ch: Welche Lehren lassen sich aus dieser Ebola-Epidemie ein Jahr nach ihrem Ausbruch ziehen?
Zuerst einmal gilt es festzustellen, dass dieser Planet nicht darauf vorbereitet ist, mit einer Epidemie dieses Ausmasses umzugehen. Es wurde viel zu spät reagiert. Die Reaktion erfolgte erst, als Fälle ausserhalb der vom Virus hauptsächlich betroffenen Gebiete auftraten. Zudem ist es nicht normal, dass man sich auf eine Nichtregierungsorganisation wie Ärzte ohne Grenzen stützt, um ein globales Problem zu bekämpfen.
In Bezug auf Präventions- und Informationsmassnahmen wurde die Situation in den jeweiligen Ländern berücksichtigt, statt auf eine regionale Herangehensweise zu setzen. In politischer Hinsicht ist es wichtig, nicht die Risiken herunter zu spielen und das Auftreten einer Epidemie schneller bekannt zu machen. Hier denke ich an die betroffenen Länder. In jüngster Zeit konnte zudem nachgewiesen werden, dass einige drastische Massnahmen – etwa die Quarantäne-Pflicht in einem Quartier von Liberias Hauptstadt Monrovia ohne gesundheitliche Begleitmassnahmen – einen gegenteiligen Effekt haben können.
Zudem ist wichtig: Wir müssen auch die humanitären Aspekte dieser Krise sehen, nicht nur die medizinischen. Wir haben zu wenig vom menschlichen Drama gesprochen, das mit dieser Epidemie einhergeht – und bei dieser Kritik schliesse ich Ärzte ohne Grenzen ein. Ich denke etwa an Personen, die ihre kranken Kinder oder Angehörigen in ein Behandlungszentrum begleiten mussten. Überlebende werden heute stigmatisiert. Sie leben in Angst.
Ein krankes Kind am Anfang der Epidemie
Beim ersten Fall der aktuellen Epidemie, dem so genanntem "Patient null“, handelte es sich um ein18 Monate altes Kind, das im Dorf Meliandou in Guinea geboren wurde.
Es entwickelte plötzlich hohes Fieber, Kopfschmerzen und Durchfall. Zwei Tage später, am 28. Dezember, starb es.
Die Infizierung mit dem Ebola-Virus erfolgte wahrscheinlich durch einen Kontakt mit wilden Tieren, möglicherweise mit Fledermäusen.
Am Anfang dachte man an eine Cholera-Epidemie, weil die Symptome ähnlich sind. Der Ebola-Virus konnte erstmals am 22.März 2014 isoliert werden. Einen Tag später rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell den Ausbruch der Ebola-Epidemie in Guinea aus.
Quelle: WHOInfobox Ende
swissinfo.ch: Über welche Erfolge sind Sie in diesem Kampf gegen Ebola besonders stolz?
Im Vergleich zu früheren Ebola-Epidemien konnte die Sterblichkeitsrate deutlich gesenkt werden: Von 80-90 Prozent auf 50 Prozent.
swissinfo.ch: Die Ausbreitung der Krankheit wurde in Afrika begünstigt durch das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Ärzten und Pflegern. Auch gewisse Bestattungspraktiken spielten eine Rolle. Wie kann in dieser Hinsicht besser sensibilisiert werden?
Ebola löst in der Tat häufig heftige Reaktionen aus und führt zu Misstrauen gegenüber dem medizinischen Personal, egal ob es Ausländer oder Einheimische sind. Dies gilt besonders für Guinea. Ein Beispiel: Wir müssen in einigen Gegenden sanitäre Behandlungszentren erstellen, um für den Notfall vorbereitet zu sein, doch die lokale Bevölkerung will diese Zentren nicht in ihrer Nähe haben.
Ganz wichtig ist es, mit den lokalen Gemeinschaften zu sprechen und sie direkt einzubinden. Im Norden Liberias, wo man viel über die Folgen der Bestattungsrituale gesprochen hat, zeigte dieser Ansatz eine positive Wirkung. Ich besuchte Ende 2014 dieses Gebiet. Und obwohl seit einigen Monaten keine neuen Ebola-Fälle mehr aufgetreten waren, bestatten die Einwohner ihre Angehörigen nach wie vor so, als ob der Virus nach wie vor präsent wäre. Das ist gut, doch leider funktioniert es nicht überall so.
swissinfo.ch: In Zukunft wird es wohl erneut Ebola-Epidemien geben. Was wird sich in der Bekämpfung solcher Epidemien ändern?
Alles hängt davon ab, welche medizinischen, aber auch politischen Schlussfolgerungen wir aus der aktuellen Epidemie ziehen. Wir müssen die positiven und negativen Punkte heraus arbeiten. Es gibt schon Personen, die fordern, eine Einsatzgruppe von "Weisshelmen“ zu schaffen, um auf solche Epidemien zu reagieren. Das ist sicherlich eine gute Idee, aber man muss sich überlegen, ob solche Interventionseinheiten geschaffen werden müssen, um überall in jedem Moment eingreifen zu können, oder nur dann, wenn das Risiko einer globalen Krise besteht. Das ist eine Frage des politischen Willens.
Auf alle Fälle können wir nicht darauf vertrauen, dass die betroffenen Länder in der Lage sein werden, solche Epidemien alleine zu bekämpfen. Wenn wir uns auf solche Hypothesen stützen, wird auch die Reaktion auf eine künftige Epidemie ein Misserfolg sein.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch