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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Der alte Mann erwachte nach einem üblen Traum sehr überrascht in seinem eigenen Bett. Er wollte diesen Traum seiner Frau berichten. Aber sie war nicht mehr da. Im Traum wollte er bloss eine Zeitung kaufen. Die Verkäuferin forderte dafür £ 10. „Das ist ein unverschämter Preis“, begehrte er auf und forderte eine Erklärung. Sie speiste ihn mit Ausflüchten ab. Zornig verliess er den Laden.
Seine Wohnung war ganz in der Nähe. Doch er verfehlte die Abzweigung und fuhr gedankenlos weiter. Seine Irrfahrt endete eine halbe Stunde später in Kilburn, weit entfernt im Nordteil der Grossstadt. Beim Marktplatz geriet er in einen Stau. Vergeblich suchte er einen Parkplatz. Der Novemberregen verstärkte sich. Zuletzt fand er die Einfahrt zu einem baufälligen Hotel. „Hier kann mir gewiss jemand helfen und mir den Weg zurück weisen“, dachte er. Niemand konnte ihm in der Rezeption helfen. Auch der Stadtplan versagte den Dienst. Den Ort, den er suchte, gab es nicht mehr …
Verzweifelt setzte er sich wieder ins Auto und fuhr weiter. Er schnitt einem Taxi die Fahrbahn ab. Der Taxifahrer war sehr verärgert. „Fahren Sie mir bitte voraus“, bat er den Mann und nannte ihm sein Fahrziel.
„Diesen Ort kenne ich nicht“, antworte der Chauffeur. „Versperren Sie mir nicht länger die Strasse!“ Seine Irrfahrt dauerte bis tief in die Nacht. Verwirrt erwachte der alte Mann. Ein solcher Traum spottet der Deutung. Der vom Traum heimgesuchte Mann hiess Albert.
*
Im November war Alberts Frau schlagartig gestorben. Das Leben verteilt solche Schicksalsschläge gänzlich unerwartet. Albert lebte im 1. Stock im Haus seiner verstorbenen Eltern. Seine betagte Schwester hatte ihre Wohnung im Parterre, denn ihre Beine behinderten sie sehr. Sie hatte eine Haushaltshilfe, die täglich mit Einkäufen erschien, die Wohnung säuberte und den Vorgarten pflegte. Der Mann seiner Schwester war vor einem Jahr gestorben. Aber sie hatte sich rasch vom Verlust aufgefangen. Mit Freundinnen spielte sie einmal wöchentlich Bridge.
*
Dieses Sonett von John Milton (englischer Poet, 1608‒1674) trifft genau, wie sich Albert nach dem Hinschied seiner Gattin fühlte:
On his deceased wife
Methought I saw my late espoused saint
Brought to me, like Alcestis, from the grave,
Rescued from death by force, tough pale and faint.
Whom Jove’s great son to her glad husband gave,
Mine, as whom wash’d from spot spent child-bed teint
Purification in the old law did save,
And such, as yet once more I trust to save,
Full sight of her in heaven without restraint,
Came, vestet all in white; yet to my fancied sight
Love, sweetness, goodness, in her person shined
So clear, as in no face with more delight,
But, O! as to embrace me she inclined,
I waked; she fled; and day brought back my night.
(Siehe gekürzte Übersetzung im Anhang)
Tiefer hätte Alberts Trauer nicht sein können. Ihr gemeinsamer Lebensabend war vom Tod zerrissen. Albert war ein wortkarger Mensch, in seinen eigenen Gedanken versponnen; seine Frau sprudelte vor Lebensfreude. Jetzt schlich sich Reue ein. Warum hatte er sich in der Stille eingebettet, statt ihre Frohmut zu teilen? Die Stille in seiner Wohnung bedrückte ihn. Ihre eingerahmten Fotos betrachtete er täglich. Erinnerungen überfluteten Albert. Kurz nach der Beerdigung erschienen ihre Freundinnen und wollten ihm beistehen und behilflich sein. Das belästigte ihn, und er wimmelte sie ab. Niemand durfte in seine Trauer eindringen. Er teilte sie nicht einmal mit seinen erwachsenen Kindern und wurde immer verschlossener.
Die Weihnachtszeit näherte sich. Was sollte er allein in seiner Wohnung tun? Albert beschloss, ihren gemeinsamen Lieblingsort aufzusuchen, und packte seinen Koffer. Diese Bahnfahrt sollten seine Erinnerungen mit ihren verknüpfen. Albert verschwieg sein Reiseziel und übergab den Wohnungsschlüssel seiner Schwester. Er bestieg den Zug der „grande vitesse“ mit „grande tristesse“. Er hatte sich zuvor im Hotel „Trois Rois“ in Vevey VD am Genfersee eingebucht. Mit einem Rosenbouquet bezog er sein Zimmer. Seine Frau liebte Rosen. An Rosen sollte es ihr fortan nicht fehlen!
Trotz der Bise spazierte Albert der Seepromenade entlang bis nach Montreux. Viele Familienferien hatten sie in dieser Gegend verbracht. Nachher fuhr er im Bus nach Vevey zurück. Am frühen Abend bezog er den Tisch im Restaurant. „Truite bleue“ (Forelle blau) hatte sie immer genossen. So bestellte er eine Forelle und eine Flasche Weisswein.
Ein Mann ungefähr gleichen Alters sass ihm auf der anderen Seite des Restaurants gegenüber. „Bon appetit“, wünschte er. Albert hob sein Weinglas aufs Wohl seines Gegenübers. Kaum war das Geschirr abgeräumt, winkte ihn der Mann an seinen Tisch. Der Kellner trug ihm die halbe Flasche Wein nach. „Appelez-moi Louis“, stellte sich der Mann vor. Das Gespräch war angekurbelt.
„Seit ich Witwer bin, meide ich Weihnachten“, gestand ihm Louis, „und das schon seit vielen Jahren.“
„Das ist meine 1. Weihnacht ohne meine Frau. Sie ist im November gestorben“, sagte Albert. „Man merkt immer zu spät, was man verloren hat“, fügte er hinzu.
„Tout à fait“, stimmte ihm Louis bei.
Was bewog Albert, ihm über seinen im Traum erlebte Irrfahrt zu berichten?
Louis war ein aufmerksamer Zuhörer und kam zum Schluss: „Ihre Rekonvaleszenz hat begonnen.“
Albert hatte den Ort, den es scheinbar nicht gab, gefunden.
Anhang
Die gekürzte Übersetzung des Sonetts
Seiner verstorbenen Gemahlin gewidmet
Mir schien, ich sehe meine verstorbene Heilige.
Mir gebracht, wie Alcestis, vom Grab,
Dem Tod entrissen, blass und fahl.
Und ich wollte sie wieder haschen und erlösen,
In weisser Robe erschien sie mir vor Augen:
Sie strahlte voller Liebe, Anmut und Güte
So klar ihr Angesicht, erweckte sie mein Entzücken.
Und O! beugte sie mir zu, als wollte sie mich umarmen.
Ich erwachte; sie floh; und der Tag brachte meine Nacht.
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