Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03504.jsonl.gz/500

Ein sehr umfassender Review-Artikel ist durch PSC Mitglieder zum Thema Pestizidreduzierung veröffentlicht worden: Pathways for advancing pesticide policies (Möhring et al., 2020). Die Autoren analysiseren die politischen Massnahmen, um weniger Pestizide zu verwenden und gleichzeitig die Produktion von Nahrungsmitteln sicherzustellen.
Einige ihrer Schlussfolgerungen zusammengefasst:
Unterstützung der Entscheidungsprozesse der Landwirte
Die Politik muss die Entscheidungsprozesse der Landwirts unterstützen, da Entscheide zum Pestizideinsatz auf Betriebsebene getroffen werden. Landwirte treffen Entscheidungen aufgrund ihrer individuellen Risikopräferenzen : Wie viel Risiko, einen Teil der Ernte zu verlieren oder ein neues Pestizig einzustzen, möchte ich eingehen? Sie haben einem Blick auf die Kosten: Wie viel kostet das Pestizid? Wie viel kann ich durch einen Pestizidersatz einsparen? Was kostet mich ein Ernteausfall? Sie bringen ihre Wertehaltungen, Wahrnehmung und Gewohnheiten ein: Wie werte ich generell den Pestizideinsatz? Mit welchen Pestiziden und Schädlingsbekämpfungsstrategien habe ich Erfahrung? Wie bewerte ich diese?
Effektive Strategien zur Vermeidung von Pestiziden sollten die heterogenen Verhaltensweisen und Entscheidungen der Landwirte berücksichtigen und differenzierte politische Lösungen bieten. Zum Beispiel:
- Eine Versicherung, die die Unsicherheit für sehr risikoaverse Landwirte verringert.
- Besteuerung der Prestizide als ein Anreize, der zur Veränderungen im Wirtschaftsverhalten führen.
- Mehr Informations- und Beratungsdienste für Landwirte, denen Informationen über Alternativen fehlen.
Die Rolle der Konsumenten
Konsumenten evaluieren Pestizide mittels einfacher Entscheidungshilfen – natürlich ist besser und Pestizide sind gefährlich unabhängig von ihrer Dosis oder ihrer tatsächlichen Wirkung. Es besteht deshalb wenig Bedarf auf der Konsumentenseite nach Nahrungsmitteln, die den Pestizideinsatz nur verringern. Es werden Lebensmittel, die ohne künstliche Pestizide hergestellt wurden, bevorzugt.
Preissignale, die die externen Kosten der Pestizide auf die Umwelt und die Gesundheit des Menschen den Produkten aufschlagen und den Verursachern verrechnen, zusammen mit der notwendigen Informationen, können Kaufentscheide und landwirtschaftliche Systeme ändern.
Es sind konkrete Pestizid-Risikoindikatoren erforderlich, die nicht nur quantitativ sind
Eine Politik, die sich nur auf eine nachträgliche quantitative Bewertung konzentriert (=Kilogramm Wirkstoffe oder Anzahl Standarddosen), könnte einen niedrig dosierten Pestizideinsatz mit einer höheren Wirksamkeit der Pestizide gegen Zielorganismen kombinieren, während die Wirkung für Nicht-Zielorganismus ungleich stärker wird.
Neue Sensor- und Überwachungstechnologien würden die Implementierung einer kostengünstigeren Echtzeit-Risikoüberwachung über Zeit und Raum ermöglichen. Diese kann potenzielle Umwelt- und Gesundheitsrisiken mit konkreten Indikatoren überwachen. Denkbare Beispiele sind die Rückstände im Oberflächen- und Grundwasser oder nicht beabsichtigte Auswirkungen auf die Bienenpopulationen in Echtzeit.
Nachhaltige Agrarökosysteme etablieren
Der gezielte Einsatz nur genau da, wo zu einem Zeitpunkt notwendig, kann z.B. mit Hilfe der Präzisionslandwirtschaft gelingen. Der Ersatz kann gefördert werden durch den Einsatz von Nützlingen, den sogenannten integrierten Pflanzenschutz oder durch vermehrtes mechanisches Jäten und Hacken mit Hilfe von Jät-Robotern. Das Umgestalten zu Agraökosystemen bedingt neuartige Mischkulturen, die sich im Ganzen als gegenüber Schädlingen resistent erweisen.
In nachhaltigen Agrar-Anbau-Systemen können Pestizide effektiver eingesetzt werden, ersetzt werden oder durch das Design von Agrarökosystemen überflüssig gemacht werden.
Um Landwirte dabei zu unterstützen, den Umbau zu wagen, braucht es politische und wirtschaftliche Anreize, aber auch viel Wissen. Netzwerke und Beratende sind notwendig, um den Wissensaustausch und die Wissensweitergabe zu gewährleisten.
Anreizsysteme für Smart Farming
Smart Farming oder Präzisionslandwirtschaft kann beinhalten: Artificial Intelligence um Unkraut, Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten-Befall schnell zu entdecken und danach gezieltes Ausbringen von sehr kleinen Pestizidmengen durch Drohnen. Noch sind viele Herausforderungen bezüglich der Präzision und der technologischen Infrastruktur zu lösen, aber es braucht auch die richtigen Anreizsysteme, damit diese Technologien in Agrarökosystemen für die Nachhaltigkeit eingesetzt werden können.
Geänderte Politikmassnahmen zur Vermeidung von Pestiziden
Neue Politikmassnahmen könnten beispielsweise sein: die Reinvestition der Einnahmen aus Pestizidsteuern (= diese schaffen Anreize für Änderungen des individuellen anwendungsspezifischen Verhaltens) in eine Förderung von Agrarökosystemen , was verschiedenen Branchen die Umstellung auf alternative Pflanzenschutztechniken erleichtert.
Quelle:
Pathways for advancing pesticide policies. Niklas Möhring, Karin Ingold, Per Kudsk, Fabrice Martin-Laurent, Urs Niggli, Michael Siegrist, Bruno Studer, Achim Walter & Robert Finger. Nature Food volume 1, pages 535–540 (2020).
Bild: Mischkultur im Kleingarten. By Burkhard Mücke – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40984201