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David Fincher begibt sich auf die Spuren eines der grössten Filme der Hollywood-Geschichte – und auf jene seines verstorbenen Vaters. Nach einem Skript von Jack Fincher rekonstruiert er in «Mank» die Geschichte von Herman J. Mankiewicz und der Entstehung seines Drehbuchs zu «Citizen Kane».
«Citizen Kane», der 1941 uraufgeführte Jahrhundertfilm vom damals erst 26-jährigen Regie-Wunderkind Orson Welles, ist eine kuriose Grundlage für ein Künstler-Biopic – handelt das wohl berühmteste Werk von Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz doch nicht zuletzt davon, dass sich die Komplexität eines ganzen Lebens nicht auf eine Handvoll Schlüssel-Anekdoten reduzieren lässt. Man kann Charles Foster Kane, ein fiktionalisiertes Amalgam von US-Zeitungsmagnaten wie William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer, anhand seiner Biografie posthum nicht «verstehen» – was ihn im Innersten zusammenhält, bleibt ein unergründliches Mysterium.
Jack Fincher, der 2003 verstorbene Vater von Regisseur David Fincher («Fight Club», «The Social Network»), ist sich dieses Defizits des biografischen Films in seinem Drehbuch zu «Mank» vollauf bewusst. Sein Herman J. Mankiewicz, genannt «Mank» und gespielt von Gary Oldman, verkündet während der Arbeit am «Citizen Kane»-Skript: «You cannot capture a man’s entire life in two hours. All you can hope is to leave the impression of one».
«You cannot capture a man’s entire life in two hours. All you can hope is to leave the impression of one.»
Das und noch mehr gelingt Fincher Junior und Senior mühelos. Jacks zweigleisige Annäherung an die Titelfigur gibt Aufschluss sowohl über die Person als auch seine Zeit: Manks zweimonatige Schreib-Retraite, in der er, im eingegipsten Bein ans Krankenbett gefesselt und mit seinem akuten Alkoholismus ringend, «Citizen Kane» aufs Papier zwingt, ist eine elegant schwarzhumorige und angenehm unklischierte Auseinandersetzung mit dem «wahnsinnigen Genie». Indessen zeigen ausgedehnte Rückblenden ins Hollywood der Dreissigerjahre, wie sich der scharfzüngige Mank als austauschbares Rädchen in der Traumfabrik mit den legendären Studio-Mogulen Louis B. Mayer (Arliss Howard), Irving G. Thalberg (Ferdinand Kingsley) und David O. Selznick (Toby Leonard Moore) sowie dem mächtigen William Randolph Hearst (Charles Dance) und dessen blitzgescheiter jungen Ehefrau Marion Davies (Amanda Seyfried) arrangieren muss – und welchen Einfluss diese Erfahrungen auf «Citizen Kane» haben sollten.
«Jack Fincher hat es auch geschafft, mit seinen rasanten Dialogen voller Wortwitz und Esprit den geschliffen-forschen Tonfall von Golden-Age-Hollywood zu treffen, dem zuzuhören nach wie vor eine Freude ist. David steht ihm in Sachen Verneigung vor der Filmgeschichte in nichts nach.»
Jack Fincher hat es auch geschafft, mit seinen rasanten Dialogen voller Wortwitz und Esprit den geschliffen-forschen Tonfall von Golden-Age-Hollywood zu treffen, dem zuzuhören nach wie vor eine Freude ist. David steht ihm in Sachen Verneigung vor der Filmgeschichte in nichts nach: «Mank» ist in wunderschön kontrastreichem Schwarzweiss gedreht – Erik Messerschmidts Achtung vor «Citizen Kane»-Kameramann Gregg Toland ist unübersehbar –, das Setdesign hält die perfekte Balance zwischen Authentizität und stimmiger Künstlichkeit, und die Komponisten Trent Reznor und Atticus Ross verabschieden sich vom Elektro-Sound von «The Social Network» (2010), «The Girl with the Dragon Tattoo» (2011) und «Gone Girl» (2014) und schlagen klassischere, aber nicht minder effektive orchestrale Klänge an.
Doch obwohl sich «Mank» handwerklich auf höchstem Niveau bewegt – und der Film gerade Liebhaber*innen der Kinogeschichte immer wieder mit raffiniert eingebauten Details belohnt –, kann er sich niemals gänzlich von der fundamentalen Biopic-Problematik befreien. Die Finchers eröffnen, via der einnehmend widersprüchlichen Figur Herman Mankiewicz, einen durchaus anregenden Zugang zum überlebensgrossen «Citizen Kane», fördern dabei aber kaum Neues zutage. Es entsteht nicht das Gefühl, Künstler oder Kunstwerk in einem neuen Licht zu sehen.
«Die Finchers eröffnen, via der einnehmend widersprüchlichen Figur Herman Mankiewicz, einen durchaus anregenden Zugang zum überlebensgrossen ‹Citizen Kane›, fördern dabei aber kaum Neues zutage. Es entsteht nicht das Gefühl, Künstler oder Kunstwerk in einem neuen Licht zu sehen.»
Insofern erinnert «Mank» mitunter an die (deutlich inferioren) Hollywood-Biopics «Hitchcock» (2012) und «Trumbo» (2015): Wie sie entführt auch dieser Film sein Publikum in die sagenumwobene Zeit des Studiosystems mit seinen exzentrischen Persönlichkeiten, seinen politischen Mauscheleien, seinen Drogen- und Sexskandalen – jedoch ohne sich wirklich in die Tiefe zu wagen. Immerhin ist er weitaus kompetenter gemacht.
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Kinostart Deutschschweiz: 19.11.2020 / Netflix-Start: 4.12.2020
Filmfakten: «Mank» / Regie: David Fincher / Mit: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Charles Dance, Lily Collins, Tuppence Middleton, Tom Burke, Arliss Howard, Sam Troughton / USA / 131 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Netflix
David Finchers «Mank» ist ein ästhetisch hochstehendes Künstlerporträt vor dem Hintergrund von Golden-Age-Hollywood. Schade, geht der Film nicht mehr in die Tiefe.