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In der Geschichte stossen wir immer wieder auf Persönlichkeiten, die nicht so sehr durch ihre Leistung in Erinnerung bleiben als dadurch, dass in ihrer Individualität der Geist einer Epoche seinen besonders prägnanten Ausdruck gefunden hat. Einer solchen Persönlichkeit hat der Zürcher Historiker Helmut Meyer eine lesenswerte Biografie gewidmet: „Hans Mühlestein (1887–1969). Leben und Werk eines Aussenseiters“ (1).
Der aus Biel stammende Hans Mühlestein war ein Mensch von vitaler und vielseitiger Schaffenskraft, der sich bereits kurz nach Abschluss des Berner Lehrerseminars der Schriftstellerei zuwandte. Einer weiteren Öffentlichkeit wurde Mühlestein durch eine Biografie des Kunstmalers Ferdinand Hodler bekannt. Das Buch ist in der pathetisch-gestelzten Sprache des Geniekultes verfasst und ersetzt Werkinterpretation oft durch geschichtsphilosophische Deutung; auch neigte der Autor dazu, seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem noch lebenden Maler ein Gewicht beizumessen, die sie nicht besass. Als Pionierwerk zur Hodler-Forschung behält das Buch jedoch seine Bedeutung.
Traum von einem Idealstaat
Während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit studierte Mühlestein an verschiedenen deutschen Universitäten. Er reagierte äusserst sensibel auf die Turbulenzen des Zeitgeschehens, verkehrte in politisch-philosophischen Zirkeln und hielt Vorträge, die nationalistischem wie sozialistischem Ideengut verpflichtet waren. Zugleich verfasste er Schriften zur deutschen und europäischen Zukunft, die stärker von des Autors Begeisterungsfähigkeit als von analytischer Begabung und vom Sinn für das politisch Mögliche geprägt waren.
Im besiegten Deutschland sah Mühlestein den Träger einer künftigen europäischen Kulturmission, und er träumte von einem Idealstaat, der aus der humanistischen Bildung einer neuen Generation herauswachsen sollte. „Rüstet euch“, rief er aus, „einen grossen Bund der gebildeten Jugend in Europa zu begründen.“
„Menschen ohne Gott“
Gegen Ende der zwanziger Jahre warf sich der unruhige und unermüdliche Geist auf das Gebiet der Etruskologie. Er publizierte gleichzeitig mehrere Bücher über die Kultur der Etrusker, ohne sich mit seinen steilen Thesen freilich wissenschaftlich durchsetzen zu können.
Zu Beginn der dreissiger Jahre in die Schweiz zurückgekehrt, besann sich Mühlestein auf seine literarische Begabung und verfasste mehrere Theaterstücke und einen Roman, der sich mit dem heldenhaften Aufstand von Bergarbeitern in Asturien befasst. Sein bekanntestes Theaterstück, das Drama „Menschen ohne Gott“, das im stalinistischen Russland spielt, wurde 1932 unter der Regie von Oskar Wälterlin am Stadttheater Basel uraufgeführt und verzeichnete einen Achtungserfolg: der Basler Literaturprofessor Walter Muschg sprach sogar vom „bedeutendsten Ereignis der schweizerischen Bühne“.
Kommunist Mühlestein
Allgemein bekannt wurde Mühlestein in der Schweiz nicht durch sein seine wissenschaftlichen, politischen und literarischen Arbeiten, sondern durch sein Engagement im Spanischen Bürgerkrieg. Er verfasste ein Lobgedicht auf die spanische Revolutionärin Dolores Ibarruri („La Pasionaria“), das für seinen expressionistisch-pathetischen Schreibstil typisch ist: „Stolz bezwingt/Die steile Linie deiner Nase/Der weite Bogen deines Busens,/Der lichte Dom der Stirn/Den Sturm des Elends von Jahrhunderten ...“
In zahlreichen leidenschaftlich bewegten Vorträgen trat Mühlestein für das republikanische Spanien ein und zog den Verdacht auf sich, Schweizer Bürger zum Eintritt in fremde Kriegsdienste anzustiften. Dies führte im Dezember 1936 zu einem Prozess vor dem Zürcher Divisionsgericht: Mühlestein wurde zu einer unbedingten Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. Nach 1938 wurde Mühlestein zum Kommunisten, der sich weder durch die stalinistischen Säuberungen noch durch den russischen Einmarsch in Ungarn von seinen Überzeugungen abbringen liess. Er lebte in sehr bedrängten materiellen Verhältnissen, zuerst im Engadin und dann in Zürich. Im Jahre 1942 erschien eine der wenigen Darstellungen zur Schweizergeschichte aus konsequent marxistischer Sicht, die wir besitzen: „Der grosse schweizerische Bauernkrieg“. Hochfliegende Pläne zu weiteren Werken konnten nicht verwirklicht werden, und Mühlestein starb gesellschaftlich isoliert und mittellos in Zürich.
Wichtiger Beitrag zur Geistesgeschichte
Der Biograf, der sich dieser eigenwilligen Figur nähert, sieht sich mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Quellen zu Mühlesteins Leben und Werk sind lückenhaft und lassen nicht immer ein zuverlässiges Urteil zu. Mühlesteins autobiografische Aufzeichnungen zeugen von einem Geltungsbedürfnis, das die eigene Leistung gern ins beste Licht rückt. Es war im übrigen diese kreative Egozentrik, die den Umgang mit der Persönlichkeit Mühlesteins erschwerte und seinen beiden Gattinnen einen hohen Preis abforderte.
Der Zugang zu Mühlestein wird auch durch den rhetorisch überhöhten Stil fast aller seiner Texte erschwert, der sich nicht selten dem Kitsch nähert und – schlimmer noch – gelegentlich an nationalsozialistische Kulturpropaganda erinnert. Mühlesteins Sprache, die das Erhabene leicht ins Lächerliche umkippen lässt, fordert beim heutigen Leser den spöttischen Widerspruch geradezu heraus, und es ist eines der Verdienste des Biografen Helmut Meyer, dass er die Überzeugungen Mühlesteins ernst nimmt und sich nicht zu wohlfeiler Kritik verführen lässt. So ist ein Buch entstanden, das der Persönlichkeit Mühlesteins gerecht wird und einen wichtigen Beitrag zur Geistesgeschichte unseres Landes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt.
(1) Helmut Meyer: Hans Mühlestein (1887–1969). Leben und Werk eines Aussenseiters. Chronos Verlag, Zürich 2017.