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(Tuscia, von den Griechen Tyrrhenia genannt, s. Karte »Altitalien«),
[* 3]
Landschaft auf der westlichen Seite von
Mittelitalien, vom etruskischen Apennin bis zum Tiberisthal; im Altertum stark bevölkert, blühend und fruchtbar und im Besitz
einer alten und eigentümlichen Kultur und politischen Bedeutung. Die Hauptflüsse von Etrurien waren der Arnus
(Arno), der Clanis (Chiana), der mit einem Arm dem Arnus, mit einem andern dem Tiber zufloß, und die Küstenflüsse Umbro (Ombrone),
Albinia (Albegna), Armenta, Marta (Ausfluß
[* 4] des Volsinischen Sees) und Minio.
Erst spät benutzt wurden dagegen die Marmorbrüche von Luna, wo jetzt der karrarische Marmor gewonnen wird. Den besten Thon,
aus welchem die berühmten irdenen Geschirre gefertigt wurden, grub man bei Arretium, welche Stadt der
Hauptsitz der tuskischen Töpferarbeit und Plastik war. Erwähnenswert sind endlich noch die zahlreichen warmen Heilquellen
und Schwefelbäder zu Pisä, Clusium, Vetulonia, Populonia, Volaterrä, Cäre u. a. Seiner politischen Einteilung nach zerfiel
Etrurien in zwölf Republiken mit aristokratischer Verfassung, die bei völliger Unabhängigkeit in betreff ihrer
innern Angelegenheiten durch ein Bündnis vereinigt waren.
Ob die
Etrusker, die sich selbst Rasenna nannten, ein Mischvolk (aus Ureinwohnern und spätern semitischen Einwanderern) gewesen
sind, oder ob sie ein selbständiger Volksstamm waren, der sich von Rätien aus über einen großen Teil
der Halbinsel verbreitete, bis er von den Kelten in die Alpen
[* 15] und nach Tuscien zurückgedrängt wurde, endlich welcher Sprachfamilie
das Etruskische angehört, ist noch eine ungelöste Streitfrage (s. unten). Die Blütezeit der etruskischen Macht fällt in
die Zeit von 800 bis 400 v. Chr. Sie bewohnten außer Etrurien auch das Gebiet zwischen Apennin und Po und den
mittlern Teil der nördlichen Poebene; Mantua,
[* 16] Melpum und Felsina (Bologna) waren etruskische Städte.
DenL.Tarquinius Priscus nennt die Sage einen vornehmen, ursprünglich aus Korinth
[* 18] stammenden Bürger von Tarquinii. Ob freilich
durch dessen Thronbesteigung zu Rom ein Einfluß Etruriens auf Rom oder gar eine etruskische Herrschaft
begründet wurde, ist ungewiß; wohl aber scheint nach dem Sturz der römischen Königsherrschaft Rom eine Zeitlang infolge
der Siege des clusinischen FürstenPorsena in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu Etrurien gestanden zu haben.
Längere Zeit ruhten sodann die Fehden zwischen Rom und den etruskischen Städten, abgesehen von kürzern
Grenzstreitigkeiten, in deren Folge 426 Fidenä von den Römern zerstört wurde. Erst die Eroberung des mächtigen Veji durch
Camillus 396 war epochemachend und schien die römische Herrschaft über Etrurien anzubahnen. Doch wurde Rom durch die gallische
Invasion, die übrigens auch Etrurien hart betraf, auf längere Zeit lahmgelegt. Als es aber
wieder zu Kräften kam, wurde es für das ohnedies zurückgekommene Etrurien immer gefährlicher.
Daher verbanden sich die Etrusker 311 mit den Samnitern und erneuerten diesen Bund auch im dritten Samniterkrieg 298, gerieten
aber mit ihren Verbündeten nach dem Sieg derRömer
[* 19] bei Sentinum 295 unter die römische Herrschaft, welche sich
von da an mehr und mehr befestigte, so daß Etrurien ums Jahr 280 als den Römern völlig unterworfen gelten konnte; doch bestanden
Sprache,
[* 20] Sitte, religiöse Disziplin und meist auch die innere Verfassung der einzelnen Staaten noch fast zwei Jahrhunderte in
ihrer Eigentümlichkeit fort, und Etrurien war, nachdem es sich von seinen Kämpfen erholt, noch immer ein reiches,
blühendes Land. Durch die LexJuliadesKonsulsL.Julius Cäsar erhielt es 89 das Bürgerrecht, weil es während des Bundesgenossenkriegs
Rom treu geblieben war.
ward hierauf französische Provinz und durch Senatsbeschluß vom für einen Teil des französischen Kaiserreichs
erklärt, 1809 aber als Großherzogtum Toscana der SchwesterNapoleons I., Elisa, zugewiesen, die es 1814 wieder an das frühere
Regentenhaus abtreten mußte. Vgl. Toscana.
Erst die neuere Zeit hat wieder anerkannt, welche bedeutende Stelle die Etrusker unter den Völkern des
Altertums einnahmen, obwohl man über ihren Ursprung noch nicht klar geworden ist. Während die altitalischen Mundarten (das
Umbrische, Oskische etc.) sich unzweifelhaft als Zweige des indogermanischen Sprachstammes auswiesen, bot die von jenen verschiedene
Sprache der Etrusker (das Tuskische) einer genügenden Erklärung bisher hartnäckig Trotz; man hielt sie
bald für eine Mischsprache, bald für eine semitische (so Stickel 1859). In neuerer Zeit versuchte Corssen (»Über die Sprache
der Etrusker«, Leipz. 1874-75, 2 Bde.)
den Beweis, daß wir, wie in der umbrischen und oskischen Sprache, so auch im Etruskischen einen dem Lateinischen verwandten
Zweig des großen indogermanischen Sprachstammes zu erkennen haben.
Dem Alphabet liegt das phönikische zu Grunde, das jedoch erst durch die Griechen zu den Etruskern kam, da sich nur sehr wenige
Buchstabenformen finden, die nicht auch auf griechischen Inschriften vorkämen. Dagegen wurde von den
Etruskern an der orientalischen Schreibweise von der Rechten zur Linken festgehalten. Von den Zahlzeichen, die auch von den Römern
angenommen worden sind, läßt sich bezweifeln, ob sie zu demselben Schriftsystem gehören wie die Buchstaben.
Was die politischen Verhältnisse betrifft, so bestand die Bevölkerung
[* 25] aus einem herrschenden und einem
unterthänigen Teil, welch letzterer sich mit den thessalischen Penesten oder den Heloten vergleichen läßt. Die Städte wurden
von einem Priesteradel regiert; die herrschenden Geschlechter (Lucumones) der einzelnen Städte entschieden zusammen über die
allgemeinen Angelegenheiten der Nation. Das Verhältnis der Bundesstaaten untereinander war ein unabhängiges
und ziemlich lockeres; doch scheint Tarquinii alte Ansprüche auf die Leitung des Ganzen gehabt zu haben.
Die Lucumonen bildeten den herrschenden Stand und hatten allein auf die höchsten Würden Anspruch, besonders
auf die königliche Würde, die in den frühern Zeiten Etruriens in den einzelnen Staaten verfassungsmäßig bestand. Später
wurde das Königtum aufgehoben und durch jährlich wechselnde Magistrate ersetzt.
Der öfters vorkommende Beiname Lars oder
Larth bezeichnete den Herrscher. Eigentümlich waren der tuskischen Adelsherrschaft ein großer Ahnenstolz und Neigung
zu Pomp in Kleidung und Insignien, wie ja auch vieles, was zu Rom die Magistrate äußerlich auszeichnete, wie die Lictores, Apparitores,
die elfenbeinernen Kurulsessel, die Toga
[* 28] praetexta, der Pomp der Triumphe etc., von den Etruskern entlehnt wurde.
Hauptbeschäftigung der Etrusker waren Ackerbau und Handel zur See und zu Lande, denn schon in sehr früher
Zeit führte von Etrurien ein Handelsweg über die Alpen nach dem Norden.
[* 29] Auf dem Meer waren die Etrusker nach den Griechen, Phönikern
und Karthagern das bedeutendste Handelsvolk, was auch durch ihre Handelsverträge mit Karthago
[* 30] bestätigt wird. Die wichtigsten
Häfen waren Pisä, Populonia und Cäre. Die ausgeführten Waren bestanden hauptsächlich in den reichen
Naturprodukten des Landes, aber auch in Erzeugnissen des Gewerb- und Kunstfleißes, unter welchen hauptsächlich tuskische
Schuhe, Thongeschirre und künstliche Erzarbeiten einen großen Ruf genossen.
Wie alle seefahrenden Nationen des Altertums, trieben die Etrusker auch Seeraub und waren deshalb übel berüchtigt und gefürchtet.
Für die Ausbreitung des tuskischen Handels sprechen namentlich die noch vorhandenen Münzen,
[* 31] welche beweisen,
daß Etrurien seit alten Zeiten sein eignes Münzsystem hatte und Kupfermünzen schlug oder vielmehr goß, ohne es von den Griechen
erlernt zu haben. Umbrien, Latium, das ganze Mittelitalien nahmen dieses Münzsystem an, ebenso die griechischen Kolonien und
Sizilien.
[* 32]
Die Form dieser gegossenen Kupferstücke (aes grave), die meist die Prägorte Volaterrä, Clusium, Telamon, Hatria tragen und
lange das alleinige Geld Mittelitaliens waren, war zuerst viereckig und erst später rund. Das Duodezimalsystem herrschte
auch hier. Was das Kriegswesen anlangt, so gehörte der Ruhm tuskischer Tapferkeit frühern Zeiten an, ehe die
Etrusker den Römern unterlagen. Später neigten die Etrusker zur Verweichlichung und Schwelgerei und zum Luxus.
Auch wurden in früherer Zeit Tempelzierden, Reliefs und Statuen in den Giebelfeldern häufig aus Thon gefertigt. Sehr zahlreich
waren auch Erzbilder, deren Volsinii bei seiner Eroberung gegen 2000 zählte. Besonders geschätzt waren aus Gold
[* 37] getriebene
Schalen und allerlei Bronzearbeiten, wie Kandelaber;
[* 38] ebenso wurden silberne Becher,
[* 39] Throne von Elfenbein und
edlem Metall, Bekleidungen für Prachtwagen von Erz, Silber, Gold und reichverzierte Waffenstücke in Menge gefertigt. In diese
Klasse gehören auch die auf der Rückseite gravierten Bronzespiegel. Weniger wurde die Skulptur in Stein geübt, dagegen in der
Steinschneidekunst
[* 40] Vorzügliches geleistet. Man verband mit einer bewundernswürdigen Feinheit der Ausführung eine
gewisse Vorliebe für gewaltsame Stellungen und übertriebene Bezeichnung der Muskulatur, wodurch selbst die Wahl der
¶
Die Götterlehre der Etrusker wich von der altitalischen vielfach ab. Sie unterlag frühzeitig griechischen Einflüssen, indem
man hellenische Gottheiten teils geradezu dem Götterkreis der Etrusker einverleibte, wie das z. B. beim
Bacchus der Fall war, teils dieselben den alten tuskischen Göttern unterschob, wodurch von mehreren der letztern der ursprüngliche
Begriff ganz verloren gegangen ist. Man unterschied zwei Ordnungen von Göttern: die obern oder verhüllten Gottheiten, welche
Jupiter befragt, wenn er eine Verheerung oder Veränderung des bisherigen Zustandes durch einen Blitz verkünden
will, und die Zwölfgötter, welche Jupiters gewöhnlichen Rat bilden, mit dem lateinischen NamenConsentes genannt.
die freundliche Göttin der
Geburt, MaterMatuta, mit einem berühmten Tempel zu Cäre, u. a. Auch Janus,
[* 48] als Himmelsgott, scheint tuskischen
Ursprunges, wie nicht minder Menerfa (Menrfa) für eine ursprüngliche tuskische Göttin zu halten ist.
Viele wichtige Notizen sind auch von den alten Auslegern zu Vergils »Aeneis« aufbewahrt
worden. Von neuern Schriften über Etrurien sind außer Dempster (»DeEtruria regali«, 1726) und Gori (»Museum etruscum«, 1737-43, 3 Bde.)
die wichtigsten: Inghirami, Monumenti etruschi (Flor. 1825, 10 Bde.);
O. Müller, Die Etrusker (Bresl. 1828, 2 Bde.;
neue Ausg. von Deecke, Stuttg. 1877);
Abeken, Mittelitalien vor den Zeiten der römischen Herrschaft nach seinen Denkmalen
dargestellt (das. 1843);