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Nachdem im letzten Artikel über die offenen Fragen der Sexualität gesprochen , und ein historischer Überblick über die Sexualaufklärung dargeboten wurde, widmet sich dieser Artikel den Problemen der monogamen Beziehung.
Die monogamische Dauerbeziehung ist in heutigen Zeit immer wieder anzutreffen. Sie ist die Primärform der Partnerschaften, und es fällt schwer, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in denen keine monogamen Partnerschaften existieren würden. Letzteres soll hier auch nicht als Ziel dargestellt werden. Dieser Artikel zeigt nur auf, wie und inwiefern es zu psychisch-gesundheitlichen Schwierigkeiten führen kann, wenn eine monogame Beziehung über ihre natürliche Zeitspanne hinaus aufrechterhalten wird.
Die (sexuelle) Dauerbeziehung besitzt gegenüber der umgangssprachlich als “One-night-stand” genannten Zusammenkunft mancherlei Vorteile. Der Sexualforscher Wilhelm Reich nennt als wichtigsten Nachteil der “vorübergehenden Beziehung”, “dass nie eine so vollständige sinnliche Angleichung der Partner, mithin auch keine so vollkommene sexuelle Befriedigung möglich wird wie in der Dauerbeziehung.”[1] Da die orgastische Potenz - also die eigene Fähigkeit zur ausreichenden sexuellen Befriedigung - Ziel und Motivation jeglicher Liebesbeziehungen ist, scheint also ein vorübergehendes Zusammenkommen aus sexuellen Gründen, nicht in jedem Fall vorteilhaft. Die Dauerbeziehung zu Zweit besitzt also durchaus ihre - auch sexuelle - Berechtigung. Denn das sinnliche Angleichen an einander, das Kennenlernen auch im sexuellen Sinne spielt eine enorme Rolle, wenn es um Erreichen der eigenen orgastischen Potenz geht. Reich geht soweit, als dass er behauptet, dass volle orgastische Potenz überhaupt eine Voraussetzung für die Dauerbeziehung sei. [2] Es sind also grundsätzlich nur psychisch und sexuell gesunde Menschen in der Lage, eine solche Beziehung aufrechtzuerhalten, und zu ihren Gunsten zu verwenden.
Wo liegt also das Problem der relativ üblichen monogamen Dauerbeziehung? “Die Grundschwierigkeit jeder sexuellen Dauerbeziehung ist der Konflikt aus der (zeitweiligen oder endgültigen) Abstumpfung des sinnlichen Verlangens einerseits und der mit der Dauer wachsenden zärtlichen Bindung an den Partner andererseits.” [3]
Diese von Reich schon in seinem Werk “Die Funktion des Orgasmus” (1927) angesprochene “Abstumpfung des sinnlichen Verlangens” ist weitaus problematischer, als man sich dies auf den ersten Blick vorstellt. Zunächst einmal führt die Abstumpfung zu weniger Verlangen in Sachen geschlechtlichem Verkehr. Dies betrifft natürlich nur den eigenen Partner - was zwangsweise dazu führt, dass der Wunsch, mit anderen Partnern zu verkehren, wächst. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, mit diesem zunehmenden Drang nach Verkehr ausserhalb der eigenen Partnerschaft umzugehen. Die einfachste, und dabei auch gefährlichste Methode, wäre diejenige der moralischen Zurückweisung des persönlichen Wunsches. Wie immer, wenn moralische Bedenken den eigenen “Sexualhaushalt” (Reich) stören, führt dies zu Neurosenbildungen, und damit einer Einschränkung der Möglichkeit, sowohl beruflich als auch privat weiterhin mit derselben Energie Tätigkeiten aller Art nachzugehen. Letzteres mag paradox erscheinen, da die Vorstellung häufig ist, dass durch den Sexualakt ja Energie absorbiert wird, und somit weniger Energie für andere Tätigkeiten vorhanden ist. Tatsächlich entspringt Freuds gesamte Kulturtheorie (“Das Unbehagen in der Kultur”) diesem Gedanken: Freud weist auf die Wichtigkeit der (sexuellen) Triebverdrängung hin, da diese Energie folglich für kulturelle Glanzleistungen des Menschen aufgebracht werden könne. Kultur - so Freud - sei demnach nur in Gesellschaften möglich, wo Triebverdrängung und die sogenannte (sexuelle) Sublimierung stattfindet.
Reich fand diese Kulturtheorie nicht überzeugend. Er wies auf die - von Reich dem Mediziner klinisch nachgewiesene - Tatsache hin, dass der “psychische Apparat” Triebverzicht “nur unter ganz bestimmten sexualökonomischen Bedingungen leisten” kann. [4] Mit den “ganz bestimmten Bedingungen” ist natürlich ein erfülltes, die orgastische Potenz erreichendes Sexualleben gemeint. Nur dann - unter freiem, moralisch ungesteuertem Triebausleben - ist das Individuum in der Lage, wiederkommende Triebe zu sublimieren, und sowohl im beruflichen, im privaten, als auch im kulturellen Bereich Leistungen zu erzielen, die ansonsten aufgrund der neurotischen Einschränkungen infolge eines gehemmten Sexuallebens nicht möglich gewesen wären.
Was dies für die monogame Dauerbeziehung bedeutet ergibt sich von selbst: Tritt einmal die Abstumpfung des sinnlichen Verlangens auf, so gilt es, möglichst rasch diesem durch andere Methoden als Triebverdrängung entgegenzutreten. Ein anderer Weg, dies zu tun, wäre “die Selbstverständlichkeit des Wunsches nach anderen” [5] anzuerkennen, und zeitweise Seitensprünge zu erlauben. “Keinem Menschen wird es einfallen, einem anderen einen Vorwurf daraus zu machen, dass er nicht jahrelang gern das gleiche Kleid trägt, oder dass man überdrüssig wird, immer die gleiche Speise zu geniessen.” [6] sagt Reich - und spricht damit den Tatbestand aus, dass das sexuelle Verlangen zugunsten der eigenen psychischen Gesundheit beinahe als wichtig als der Wunsch nach Nahrung angesehen werden sollte. “Nur im Sexuellen ist die Ausschliesslichkeit des Besitzes zu einem starken Gefühlswert geworden, weil die Vermengung von ökonomischen Interessen und Sexualbeziehung die natürliche Eifersucht zum Besitzanspruch erweitert hat.” Auch wenn es schwer scheint, diese natürliche Eifersucht zu überwinden, so geschieht dies zugunsten des eigenen Wohlbefindens, und auch zum Wohle der Dauerbeziehung; da - wie Reich glaubt - “unzählige Beispiele lehren, dass Treue aus Gewissen mit der Zeit dem sexuellen Verhältnis schadet.” [7]
Was sind nun die Schlussfolgerungen solcher Erkenntnisse? “Die Ideologie der Askese und Dauermonogamie steht […] in krassem Widerspruch zum körperlichen und seelischen Entwicklungsporzess” [8] stellt Reich fest. Dass man sich also nur selber schädigt, wenn man in einer monogamen Partnerschaft dauerhaft auf Treue besteht, sollte klar geworden sein. Doch dass die Folgen davon, dass es auch heute noch zahlreiche geschlossene Ehen gibt, deren Partner unter der Abstumpfung zu leiden haben, und selbst deswegen Leid zu verursachen beginnen, weitaus gravierender sind, lässt sich mittels Statistiken erweisen.
Die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist in den heutigen Tagen sehr geläufig. Die “Stiftung Kinderschutz Schweiz” entnimmt Statistiken, dass “jede dritte bis vierte Frau und jeder siebte bis zehnte Mann in seiner Kindheit sexuelle Ausbeutung erlebt” hat. [9] Da jedoch längst nicht alle Fälle von sexuellem Übergriff auf Kinder bekannt wird, scheint die Dunkelziffer viel höher zu sein. Die kinag-Nachrichtenagentur spricht von schätzungsweise 40’000 bis 50’000 sexuellen Übergriffen an Kindern in der Schweiz. Auch bezüglich des Kindesmissbrauchs besteht die gängige Vorstellung, dass diese praktisch ausschliesslich von pädophilen Tätern - also solchen mit pädophilen Neigungen - begangen werden würden. Dies ist aber nicht der Fall: Der österreichische Psychologe und Gastdozent am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Sozial - und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität Linz konstatiert unter Bezugnahme verschiedenster Quellen, Statistiken und Schätzungen, dass 90 % der Täter im Falle von Kindesmissbrauch dem sogenannten “regressiven“ Täterprofil zuzuordnen sind. Deren Sexualinteresse ist primär auf Erwachsene gerichtet, sie greifen also ersatzweise auf Kinder zurück. [10] Dieses asoziale, sexuelle Verhalten, das oft als Gegenargument gebraucht wird, wenn es um den Begriff der sexuellen Befreiung geht, scheint hier also nicht ein Problem der sexuellen Neigung zu sein. Es ist aber durchaus auszunehmen, dass es sich bei diesen häufigsten Tätern im Falle von Kindesmissbrauch um (im Reich’schen Sinne) sexuell gestörte Menschen handelt, und dass deren Impuls zu sexuell-asozialen Handlungen aus dem widersprüchlichen Empfinden der eigenen Moral und den eigenen Bedürfnissen stammt. Reich führt dazu aus:
"Der früher unlösbare Konflikt zwischen Triebanspruch und moralischer Hemmung bewirkte, dass der Kranke alle seine Handlungen nach den Massen einer über ihm oder jenseits seiner Person schwebenden Norm regulieren musste. Alles, was er tat und dachte, wurde an dem moralischen Mass, dass er sich geschaffen hatte, gemessen; gleichzeitig protestierte er dagegen. Erkennt er nun im Verlaufe der Umstrukturierung nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Unerlässlichkeit der genitalen Triebbefriedigung an, dann verliert sich die moralische Zwangsjacke und mit ihr die Stauung seiner Triebbedürfnisse [Hervorhebung: J.Ch.]. Hatte vorher die hochgespannte Moral den Trieb verstärkt, bzw. unsozial gemacht und der verstärkte Trieb die Verschärfung der moralischen Hemmung gefordert, so bewirkt die Angleichung der Befriedigungsfähigkeit an die Triebstärke einen Abbau der moralischen Regulierung im Betreffenden. Dadurch verliert sich auch der früher unerlässliche Mechanismus der Selbstbeherrschung. Es werden nämlich dem asozial gewordenen Trieb die wesentlichsten Energien entzogen [Hervorhebung: J.Ch.]”. [11]
Wenn man angesichts dessen bedenkt, dass es sich bei den meisten repressiven Täter - die ja 90 % der Kindesmissbräuche verschulden - um Bekannte und Verwandte handelt, so liegt die Vermutung nahe, dass diese sich entweder in sexuell frustrierten Ehesituationen befinden oder allgemein Schwierigkeiten damit haben, ihre Sexualität auszuleben (Stangl bringt das Beispiel des “Opas”). Es ist ohne Zweifel der Fall, dass - wendet man die eine Statistik auf die andere an - die hohe Zahl der schätzungsweise 45’000 von regressiven Tätern missbrauchten Kinder pro Jahr gesenkt werden könnte, wenn in monogamen Beziehungen nicht ersatzweise auf Kinder ausgewichen werden müsste und stattdessen ein Partnerwechsel stattfände. Die Forderung nach einer Lockerung monogamer Dauerbeziehungen und erlaubten Seitensprüngen ist also nicht bloss der Wunsch einer “lockeren” Kultur oder nach einem ausschweifenden Lebensstil. Es geht hier um die psychische und physische Gesundheit des Grossteils einer Bevölkerung und um die Gesellschaft, welche auf dem Spiel steht, solange die monogame Ehe die hauptsächliche Art der Partnerschaft bleibt.
Ganz abgesehen vom Problem, dem sich der nächste Artikel der Paria widmen wird - dass durch die Ehe eine autoritäre Sexualerziehung stattfindet, die dazu führt, dass Kinder schon von klein auf ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Sexualität zu entwickeln beginnen. Dass dies zu einer unterwürfigen Charakterstruktur führt, soll ebendort gezeigt werden.
[1] Reich: Die sexuelle Revolution. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004 (1971), S. 131.
[2] Reich, S. 132.
[3] Reich, ebd.
[4] Reich, S. 38.
[5] Reich, S. 134.
[6] Reich, ebd.
[7] Reich, S. 135.
[8] Reich, S. 138.
[9] http://kinderschutz.ch/cmsn/de/category/rubriken/themen/pr%C3%A4vention-sexuelle-ausbeutunggewalt/zahlen-und-fakten (Zugriff 30. April).
[10] http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MISSBRAUCH/MissbrauchFormen.shtml#Taeter (Zugriff 30. April).
[11] Reich, S. 30.