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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1996 von Peter Ziegler
PESTALOZZIS BEZIEHUNGEN ZU WÄDENSWIL
Seit nunmehr 150 Jahren erinnert der Pestalozziverein Wädenswil mit seinem Namen an den Pädagogen Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Dieser hatte zu Wädenswil enge Beziehungen. Seine Mutter Susanna Hotz (1720-1796) stammte aus Wädenswil. Sie war die Tochter des Chirurgen Hans Jakob Hotz (1653-1732) und der Barbara Haab (1679-1751). Ihr Bruder Johannes Hotz (1705-1776) – also Pestalozzis Onkel – und dessen Sohn Johannes Hotz (1734-1801) praktizierten in Richterswil als weitherum bekannte Ärzte. Wiederholt hielt sich der junge Pestalozzi in der Herrschaft Wädenswil auf, sei es in der Familie des befreundeten Landvogts David von Orell (1749-1813) auf Schloss Wädenswil, bei Landschreiber Hans Konrad Keller (1741–1802) oder im Doktorhaus zu Richterswil. Ein weiterer Kontakt zu Wädenswil ergab sich im Jahre 1814. Damals begann Pestalozzis Enkel Gottlieb (1797-1863) die Lehre in der renommierten Gerberei Hauser. Er blieb hier bis zum Oktober 1816.
PESTALOZZIFEIER 1846
Im November 1845 regte Pfarrer Friedrich Häfelin-Schulthess (1808−1878) an, man solle den hundertsten Geburtstag Pestalozzis in Wädenswil würdig feiern. Die Gemeindeschulpflege handelte zügig. So zogen denn am 12. Januar 1846 rund 1100 Schulkinder aus dem Dorf und den selbständigen Sektionen Langrüti, Stocken und Ort vom Dorfschulhaus unter Glockengeläute in geordneten Reihen zur Kirche, wo Ortspfarrer und Kirchenrat Häfelin die Feier eröffnete. Nach Gemeindegesang und Liedvorträgen des Sängervereins und der Schulkinder gab Pfarrer Johann Jakob Heer (1784–1864), Leiter eines von ihm gegründeten Knabeninstituts im Freihof Wädenswil, «einen kurzen Abriss von dem Leben und Wirken des merkwürdigen Mannes», dem die Feier galt. Dabei bekannte Heer, dass «dieser Edle» einst auch ihm «ein väterlicher Freund» gewesen war. Anschliessend verglich der Wädenswiler Sekundarlehrer Carl Ludwig Walter die Volksschule der Zeit vor Pestalozzi mit der gegenwärtigen. Der Präsident der Wädenswiler Gemeindeschulpflege, Kantonsrat Heinrich Hauser-Ulrich (1778−1853) zur Treu, sprach von Pestalozzis Wirken in Stans, «wo er ihn selbst in Mitten seiner Schaar armer Kinder gesehen habe». Zum Schluss der Feier ermunterte Pfarrer Häfelin die Anwesenden zu einer Liebessteuer, woraus arme Kinder mit Kleidungsstücken für den Winter versehen werden sollten, «damit es diesen auch möglich sey, die Schulen fleissig zu besuchen». Für diesen Zweck kamen als Kollekte an den Kirchenausgängen 168 Franken zusammen.
Pfarrer Friedrich Häfelin, Gründer und Präsident des Pestalozzivereins Wädenswil von 1846 bis 1878.
GRÜNDUNG DES PESTALOZZIHÜLFSVEREINS
Am selben 12. Januar 1846 beschloss die im Gemeindehaus Sonne tafelnde Festversammlung, «die Gründung eines Vereines zur Bekleidung armer Kinder anzubahnen». Hiefür wurden am Mittagessen rund 200 Franken gespendet, und noch einmal so viel zeichneten Wädenswiler in den folgenden Tagen auf im Dorf herumgebotenen Subskriptionslisten. Auch die Kirchenkollekte sollte in diesem Sinne verwendet werden. Sofort wurde eine vorbereitende Kommission bestellt. Sie bestand aus:
Heinrich Hauser-Ulrich, Gerber, Kantonsrat, zur Treu, Präsident der Gemeindeschulpflege
Jakob Isler (1795-1854), am See, Armenpfleger.
Schon am Tag nach der Pestalozzifeier trat der Ausschuss im Armenhaus zur ersten Sitzung zusammen. Man beschloss, sich von den Lehrern der Gemeinde Verzeichnisse der dürftigst gekleideten Kinder geben zu lassen. Nach Sichtung der eingegangenen Listen verteilte man am 15. Januar bereits die ersten Gaben: 6 Paar Holzschuhe, 13 Paar Lederschuhe und 19 Paar Strümpfe.
Am 17. Januar 1846 rief die Kommission im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» die Bewohner der Gemeinde auf, bei einem der Mitglieder ausgetragene, aber noch verwendbare Kleider von Kindern und Erwachsenen, Kinderschuhe und Kinderstrümpfe abzugeben, damit sie für «dürftige Kinder» hergerichtet werden könnten. Die Wädenswiler Bevölkerung reagierte schnell auf die öffentlich vorgebrachte Bitte. Nach Zuzug eines Frauenvorstandes von ebenfalls sechs Mitgliedern konnten am 24. Januar die ersten 14 Knaben- und Mädchenröckli, 9 Paar Hosen, 2 Westen, 2 Hemdchen für Knaben, 4 Hemdchen für Mädchen und ein Unterrock ausgegeben werden.
MITGLIEDER, VORSTAND UND STATUTEN
Nach ersten praktischen Taten ging die am Pestalozzifest gewählte Kommission an die Gründung des «Vereins für Bekleidung armer Schulkinder» Am 7. März 1846 teilte der Ausschuss durch Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» der Öffentlichkeit mit, dass binnen kurzem in der ganzen Gemeinde Listen herumgeboten würden, auf denen «Frauen und Jungfrauen wie Männer und Jünglinge» ihren Beitritt zur neuen Fürsorgeinstitution erklären könnten. 316 Mitglieder fanden sich bereit, für die Jahre 1846, 1847 und 1848 einen Beitrag von je einem Franken zu entrichten.
Das Zirkular enthielt am Kopf auch schon die Namenliste des Frauenvorstandes, welchen der Männerausschuss für die Kleiderverteilung am 19. Januar in Amt und Funktion eingesetzt hatte. Bald war dem Frauenvorstand eine weitere Aufgabe zugedacht. In Anbetracht der prekären Zeitverhältnisse erwog man nämlich ab 21. Februar den Gedanken, den Zweck des Vereins, soweit die Geldmittel reichten, auch auf die Unterstützung armer Kranker mit Bettwäsche auszudehnen. Für diesen Zweig der Fürsorge war man unbedingt auf weibliche Fähigkeiten und Erfahrungen angewiesen.
Dem sechsköpfigen Frauenvorstand, der unversehens in eine grosse Aufgabe hineinwuchs, gehörten folgende Mitglieder an:
Susanna Hauser-Obrist (1785-1857), im Freihof, Gattin von Jakob Hauser (1784-1841)
Sophie Hauser-Brändli (1807-1884), Gerbe, Gattin von Johann Carl Hauser (1804-1867), Gerber
Dorothea Häfelin-Schulthess (1817-1878), dritte Gattin von Pfarrer Friedrich Häfelin
Frau Kantonsrat Rensch
Anna Esther Henriette Pestalozzi Herdener (1822-1898), Gattin von Hans Heinrich Pestalozzi (1802-1853), Apotheker und Fabrikant chemischer Artikel
Elisabeth Hauser-Kunz (1791-1853), Sonnenhof, Gattin von Hans Ulrich Hauser (1793-1870), Oberst und späterer Regierungsrat.
Am Sonntag, 22. März 1846 trafen sich die Mitglieder des «Unterstützungsvereins für kleiderlose Schüler und arme Kranke» im Dorfschulhaus (Schulhaus Eidmatt I) zur ersten Vollversammlung. Sie anerkannten den Frauenvorstand als Organ der Gesellschaft, deckten den Männervorstand in seinem bisherigen Tun und bestätigten ihn. Dann wurden, in dieser eigentlichen Gründungsversammlung des Pestalozzi-Hülfsvereins, die auf den 12. Januar 1846 zurückdatierten Statuten genehmigt.
Gemäss § 2 verpflichteten sich die Mitglieder nur für drei aufeinanderfolgende Jahre. Nach Ablauf jeder Periode musste der Verein neu gegründet werden. Die Mitglieder hatten sich anfänglich ebenfalls neu zu verpflichten, später wurde die Mitgliedschaft stillschweigend erneuert, wenn man sich nicht vorher schriftlich oder mündlich beim Präsidenten abgemeldet hatte. Die Generalversammlung vom 22. Februar 1852 erhöhte die Zahl der Mitglieder des Männervorstandes von sechs auf sieben. Damit kam bei Abstimmungen über umstrittene Fragen auf alle Fälle ein entscheidendes Mehr zustande. Zu den regulären Jahresbeiträgen der Mitglieder und den Einnahmen aus Wohltätigkeitsveranstaltungen traten bald Spenden von Gönnern. So kam der Verein schneller als man je gedacht hatte zu Kapital. Hatten sich die Gründer noch 1850 geäussert, es möchte in ihrem Kreis «nicht allzusehr auf das Capitalisieren abgesehen» werden, zwang sie die Entwicklung nun dazu, Geld an Zins zu legen und eine Vermögensrechnung zu führen.
Im Jahre 1878 starben Herr und Frau Pfarrer Häfelin. Damit verlor der Pestalozziverein innert kürzester Frist seine beiden leitenden Köpfe. An der Generalversammlung vom 12. Januar 1879 – es war das erste Mal, dass der Pestalozziverein am Geburtstag Pestalozzis zusammentrat, obwohl § 4 der Statuten von 1846 dieses Datum verlangte – wurde Friedrich Häfelins Nachfolger im Pfarramt, Pfarrer Jakob Pfister, zum Präsidenten des Pestalozzivereins gewählt. An die Spitze des Frauenvorstandes trat anstelle von Frau Pfarrer Häfelin Frau Pfarrer Adelheid Pfister. Schon in der zweiten Vorstandssitzung, die der neue Präsident leitete, beantragte er eine Revision der Statuten. Nach vierzehn Tagen bereits lagen die neuen Satzungen vor; am 11. Januar 1880 wurden sie von der Generalversammlung genehmigt. Als wesentlichste Neuerung brachten sie das aktive und passive Wahlrecht für männliche und weibliche Vorstandsmitglieder. Fortan wurde der Frauenvorstand nicht mehr vom Männervorstand ins Amt eingesetzt, sondern ebenfalls von der Generalversammlung gewählt. Neu gehörten dem Vorstand neun Frauen und fünf Herren an. Die neuen Statuten beseitigten sodann die bisherige Verpflichtung, den Verein jedes dritte Jahr neu zu gründen und die Mitgliedschaft periodisch zu erneuern. Die Übernahme zusätzlicher Aufgaben nötigte zur Erweiterung des Vorstandes. Die 1933 erneuerten Statuten – sie ersetzten jene von 1909 und blieben bis zur Generalversammlung 1975 in Kraft – schrieben nebst dem Präsidenten zehn weibliche und fünf männliche Vorstandsmitglieder vor.
Pfarrer Jakob Pfister, Präsident des Pestalozzivereins von 1878 bis 1917.
Die schon beim hundertjährigen Bestehen, 1946, erreichte Zahl von 19 Vorstandsmitgliedern – elf Frauen und acht Männer – reduzierte sich mit dem Rückgang von Aufgaben – etwa der abnehmenden Bedeutung der Kleiderverteilung – auf fünfzehn im Jahre 1964, elf im Jahre 1970 und auf neun seit 1994.
Seit 1935 ist der Direktor der Bank Wädenswil und seit 1973 ihrer Nachfolgerin, der Schweizerischen Kreditanstalt, für die Rechnungsführung des Pestalozzivereins verantwortlich. Als Quästoren amteten:
1935–1948 Robert P. Flury
1949-1968 Ernst R. Decoppet
1969–1993 Herbert Jäger
Seit 1994 zeichnet Peter Schüepp für die Vereinsfinanzen verantwortlich.
Während den ersten hundert Jahren seines Bestehens wurde der Pestalozziverein Wädenswil von vier Pfarrherren präsidiert:
1846–1877 Pfarrer Friedrich Häfelin
1878–1917 Pfarrer Jakob Pfister
1917–1921 Pfarrer Albert Schreiber
1921–1945 Pfarrer Karl Otto Hürlimann.
In den letzten fünfzig Jahren waren die Wechsel im Präsidium häufiger. Zudem rückte man 1964 von der Tradition ab, dass der Präsident in Wädenswil den Pfarrerberuf ausübt. Seit 1945 stand der Pestalozziverein Wädenswil unter folgender Leitung:
1945–1946 G. Reiser, Vizepräsident
1946–1964 Pfarrer Walter Angst
1964–1970 Oskar Schudel, Reallehrer
1970–1972 Pfarrer Samuel Schmid, Vizepräsident
1972–1979 Peter Perschak
1979 übernahm Peter Ziegler das Vereinspräsidium.
GENERALVERSAMMLUNGEN ALS GESELLSCHAFTLICHES EREIGNIS
Von 1846 bis 1964 fanden die Generalversammlungen des Pestalozzivereins Wädenswil traditionsgemäss an einem Sonntag statt. Anfänglich tagte man ab 15 Uhr im Gemeindehaus Sonne. Nach dem geschäftlichen Teil tischte man den Mitgliedern ein einfaches Abendessen auf. 1866 versprach der Vorstand zudem für einige Stunden gesellige Unterhaltung. Über diesen «zweiten Teil» vermerkte der Berichterstatter zur Generalversammlung 1867:
«Die Feier des Abends wurde hauptsächlich erhöht durch die freundlichen Gesänge des nie müd werdenden und deshalb schon oft gekrönten Sängervereins 'Eintracht' und des jüngst entstandenen Gemischten Chores.» 1872 hiess es: «Es bietet das 'Pestalozzifest' sozusagen den einzigen Anlass während des Jahres, wo sich beide Geschlechter der verschiedensten Stände zu fröhlich ernsthafter Unterhaltung zusammenfinden. Die Beteiligung war dieses Jahr ausserordentlich zahlreich, indem der weit über 200 Personen fassende Saal kaum Platz genug bot für die grosse Zahl der Teilnehmer, unter denen namentlich auch das schöne Geschlecht aussergewöhnlich zahlreich vertreten war.»
«Der 'Engel' vereinigte die grösste Gesellschaft Wädensweils. Diesmal waren die Frauen und Fräuleins besonders zahlreich, wir denken in einer Gesamtmacht von über hundert angerückt» stand über die Generalversammlung 1877 im «Anzeiger» zu lesen. Bei gegen fünfhundert Mitgliedern war der Andrang zum «Pestalozzifest» bald so stark, dass die Versammelten 1881 einstimmig dem Antrag des Vorstandes folgten, die Jahresversammlung sei künftig nur noch im «Engel» durchzuführen, wo seit 1877 ein grosser Saal zur Verfügung stand.
Der Männerchor Eintracht war während Jahrzehnten regelmässiger, gerne empfangener Gast. Dazu kamen mit der Zeit musikalische Auftritte von Solisten, Theaterstücke, Gedicht-Rezitationen und launige Reden. Und dann tanzte man meist bis tief in die Nacht hinein. Am Pestalozziabend wurden auch Kontakte angebahnt. Noch in den 1950er Jahren war die Generalversammlung ein gesellschaftliches Ereignis. Man sass an weiss gedeckten Tischen im Engelsaal; die Damen erschienen im langen Abendkleid und die Herren im schmucken Sonntagsgewand. Und eifrig sperberten die Älteren, welche Begleiterin ein Jüngling mitbrachte. Bahnte sich da wohl demnächst eine Hochzeit an?
Mit vielfältigerem geselligen Angebot in Wädenswil und rückläufiger Mitgliederzahl büssten die Generalversammlungen des Pestalozzivereins ihre fühere zentrale Bedeutung ein. 1964 wurde der Anlass zum letzten Mal an einem Sonntag durchgeführt. Nachdem man vorübergehend auf einen Samstagabend ausgewichen war, setzte der Vorstand die Versammlung 1969 auf einen gewöhnlichen Wochentag an, und dabei ist es bis heute geblieben.
KLEIDERFÜR ARME SCHULKINDER
In seiner Unterstützungspraxis ging der Pestalozziverein von Anfang an vom Grundsatz aus, zu jedem Kinde gehörten verantwortliche Besorger. Wer für sein Kind eine Gabe erwirken wollte, musste sich persönlich beim Präsidenten anmelden, ihm sein Anliegen vorbringen und die fehlenden Kleidungsstücke klipp und klar bezeichnen. Der Präsident trug die Namen der Bittsteller und die gewünschten Kleidungsstücke in eine Liste ein und leitete diese zur Vorberatung an den Gesamtvorstand weiter. Ende Oktober/Anfang November hatten die angemeldeten Kinder und deren Besorger dann vor der in ihrer ganzen Grösse von zwölf bis dreizehn Personen im Armenhaus versammelten Kommission zu erscheinen und die Wünsche nötigenfalls noch näher zu begründen. Hielt man das Begehren für berechtigt, bekamen die Gesuchsteller die Kleidungsstücke aus dem Lager des Pestalozzivereins sofort zugeteilt. Fanden sich die passenden Grössen nicht vorrätig, nahm man den Kleinen das Mass und beschaffte das Fehlende innert zehn bis vierzehn Tagen.
Der Gang vor die Kommission war für viele Wädenswilerinnen und Wädenswiler hart. Sie mussten über ihre wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse Auskunft geben, die oft lästigen Fragen der Kommissionsmitglieder über sich ergehen lassen; sie wurden von Kopf bis Fuss gemustert und mit praktischen Ratschlägen für die Gestaltung der häuslichen Ordnung auf den Heimweg geschickt!
Die Kleiderspenden des Pestalozzivereins waren als Winterhilfe gedacht. Darum sah der Vorstand scharf darauf, dass alle gespendeten Stücke nur im Winter angezogen wurden. Wahl der Stoffe, Schnitt und Verarbeitung waren auf Schutz gegen winterliche Kälte angelegt. Ein geschenktes Gewand sollte während des ersten Jahres nur an Sonntagen getragen werden und erst im zweiten Winter als Alltagskleid. Oder: Erst der sonntägliche Gang zur Kirche, dann der werktägliche Gang zur Schule.
Anfänglich wurden die Kleidungsstücke im Armenhaus hergestellt. Die Strümpfe lieferte der Frauenverein. Die Zusammenarbeit mit dem Armenhaus scheint aber nicht befriedigt zu haben. Darum gab man die Kleider bei Wädenswiler Schneiderinnen und Schneidern in Auftrag. Man stellte den Stoff zur Verfügung und bezahlte aus der Vereinskasse den Macherlohn. Gemäss lokalem Wortschatz gab es nun in Wädenswil den «Pestalozzi-Schuster» den «Pestalozzi-Schneider» die «Pestalozzi-Näherin» Sie alle blieben recht lange in ihrer Funktion. Wohl ein Beweis dafür, dass sie rechte Arbeit lieferten und anständig bezahlt wurden.
Ab 1846 geführte Listen verzeichneten alle Gaben an Schülerinnen und Schüler. Sie wurden zudem in den Jahresberichten, die vollumfänglich im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» abgedruckt wurden, öffentlich bekanntgemacht Da figurieren Holzschuhe, Lederschuhe, Strümpfe, Hemdchen, Röckli, Überhemden, Büffel (eine Art Leibchen oder Pullover), Hosen, Westen, Unterröcke, Schürzen, Schlüttchen, Halstücher, Kappen, Nastücher, «Gstältli» Garn und Wolle für die Arbeitsschule, Zeug zum Flicken und Garn «zum Anlismen».
Es gab in Wädenswil aber nach wie vor Arme, die sich weigerten, beim Pestalozziverein um eine Spende anzuhalten. Sie wollten unbedingt vermeiden, dass ein Mitglied des Frauenvorstandes inspizieren kam, wie es dem Schützling des Pestalozzivereins gehe und wie es um dessen Kleider stehe. Seit der Mitte der 1850er Jahre war es nämlich Norm geworden, dass die Damen des Frauenvorstandes hin und wieder einmal in der Wohnung eines Unterstützten einen Besuch machten und dabei ihr Augenmerk weisungsgemäss auch auf den Reinlichkeitsgrad richteten.
Eine besondere Bedeutung erhielten die Kleiderabgaben des Pestalozzivereins während den von der Wirtschaftskrise gezeichneten dreissiger Jahren und zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Grosse Probleme brachte die Rationierung, waren doch auch Kleider und Schuhe nur noch gegen entsprechende Coupons erhältlich.
In den ersten Nachkriegsjahren hielt die Nachfrage nach Kleidern an. Im September 1960 lagen dem Vorstand immer noch 27 Gesuche vor. Um sicher zu gehen, dass es sich um wirkliche Notfälle handelte, wurden die Begehren vom Sozialfürsorgeamt Wädenswil überprüft. Das Angebot an Kleidungsstücken war gegenüber früher allerdings grosszügiger. Anstelle von Nachthemden gab es jetzt auch Pyjamas, und selbst Skihosen und Skischuhe stufte der Vorstand nicht mehr als Luxus ein.
Mitte der Sechziger Jahre trafen nur noch vereinzelte Gesuche ein. Dadurch hatte der Frauenvorstand weniger Arbeit zu leisten, und man ersetzte verschiedene austretende Damen nicht mehr. 1968 beschloss der Vorstand nochmals eine Neuerung: Da Stimmen laut geworden waren, bei der Kleiderverteilung sei die Anwesenheit von Vorstandsdamen unerwünscht und die Abgabe komme Almosen gleich, gab man fortan Gutscheine ab, mit denen in einzelnen Geschäften die gewünschten Sachen nach Wahl eingekauft werden konnten. Auf ein Inserat, das im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» auf die Kleiderabgabe 1972 aufmerksam machte, ging keine Meldung mehr ein. Darum verzichtete der Verein 1973 auf einen entsprechenden Hinweis in der Lokalzeitung. Er gewährte da und dort noch eine Unterstützung; seit den 1980er Jahren war die früher so wichtige und zeitaufwendige Kleiderabgabe im Vorstand des Pestalozzivereins kein Traktandum mehr.
UNTERSTÜTZUNG KRANKER ARMER
Um dem zweiten Zweck des Vereins genügen zu können, der Unterstützung kranker Armer, tätigte der Frauenvorstand im Sommer 1846 verschiedene Anschaffungen. Aus Vereinsgeldern wurden damals erworben: 24 Leintücher, je zwölf Frauen und Männerhemden, zwei Betten, vier vollständige Bettanzüge, vier Unterbettanzüge, eine Rosshaarmatratze samt Anzug, zwei Strohsäcke und zwei wollene Sommerdecken. Dazu spendeten die Mitglieder des Frauenvorstandes aus eigenen Mitteln zwei Unterleintücher, drei Leintücher, zwei Männernachtröcke, einen Weibernachtrock, fünf Nachtschlutten, drei Männer- und vier Frauenhemden, sechs Nachtkappen für Männer und sechs Nachtkappen für Frauen, zwei Strohsäcke und zu guter Letzt noch einen messingenen Stempel mit der Aufschrift «Pestalozzi-Verein» um diese Dinge alle fein säuberlich zu zeichnen. Im Gegensatz zu den Kleidungsstücken, die verschenkt wurden, sollten die Hausratsgegenstände ja auf Zusicherung der Rückgabe nur ausgeliehen werden.
Das Jahr 1864 brachte die Anschaffung eines Transportbettes, dazu bestimmt, Patienten einigermassen sachgerecht zu befördern, wenn sie in ein Spital verbracht werden mussten. Diese Tragbahre, wohl eine Wädenswiler Eigenkonstruktion, war dasjenige Stück, das von allen Pestalozzi-Utensilien am meisten benutzt wurde. Vom Eidgenössischen Kriegskommissariat requiriert, stand es 1871 täglich bei den Internierten der Bourbaki-Armee in Gebrauch. Dabei wurde es freilich ganz zusammengeritten. Der Bund kam jedoch für die recht hohen Reparaturkosten auf. An weiterem Krankenmobiliar schaffte der Pestalozziverein 1869 ein vollständig ausgerüstetes Kinderbett an und 1870 einen Krankensessel.
Um die bedürftigen Kranken in Wädenswil richtig betreuen zu können, teilte man das Gemeindegebiet in sechs Sektionen ein. Von den sechs Mitgliedern des Frauenvorstandes verpflichtete sich jedes zur Aufsicht über eine Sektion. Den Anschauungen der Zeit entsprechend, wollte man den Kranken vor allem stärkende Nahrungsmittel zukommen lassen: Fleisch, Dimergerste für Suppe sowie Wein. Angehörige eines Kranken durften zulasten des Pestalozzivereins bei bestimmten Metzgern, Wirten, Krämern und Bauern für eine Woche drei Pfund Rind- oder Kalbfleisch, zwei Pfund Ulmergerste und anderthalb Mass Wein (2 1/4 Liter) abholen. Als Krankenwein gab man 1847 Marktgräfler, 1849 Yvorne, 1869 Herrliberger 1865er ab.
Unterstützung mit Lebensmitteln wurde immer gerne angenommen. Das hing wohl damit zusammen, dass der Bezug anonymer erfolgen konnte. Auf direkte Anweisung des behandelnden Arztes wurden auch weitere Lebensmittel verabreicht: Milch, Eier und 1870 erstmals Kindermehl von Nestle. Auf Vorschlag der Ärzte war man bereit, anstelle von Krankenwein Milch abzugeben. Fortan stand der Verein für ein Milchquantum von drei bis vier Litern pro Kopf und Woche gut. Dabei machte man die Erfahrung, dass sich je länger je weniger männliche Kranke vom Pestalozziverein unterstützen liessen. Einen letzten Rest Krankenwein in Flaschen trat man 1903 gratis an das Krankenasyl ab.
Nach der Eröffnung des Krankenasyls an der Schönenbergstrasse im Jahre 1886 sah es der Pestalozziverein als seine erste Pflicht an dafür zu sorgen, dass auch arme Kranke ins Asyl aufgenommen werden konnten. Auf Kosten der Vereinsrechnung leistete man nun Beiträge an Pflege- und Verpflegungskosten im Wädenswiler KrankenasyL Andererseits baute der Pestalozziverein die Krankenfürsorge aus eigenen Kräften nach und nach ab. Dementsprechend wurde aus dem Vereinsinventar das eine und andere Stück weggegeben. 1898 zum Beispiel trat man das Kinderbettli an die neu gegründete Kinderkrippe ab.
KRÄFTIGE SUPPE UND EIN STÜCK BROT
An der Generalversammlung 1893 des Pestalozzivereins ermunterte Pfarrer Jakob Pfister die versammelten Mitglieder, auf dem Gebiet neuzeitlicher Fürsorge für das Schulkind einen weiteren Schritt zu wagen. Der Vorstand möge die Frage prüfen, «ob nicht während der kalten Monate eine kräftigende Suppe und ein Stück Brot an die weiter entfernt wohnenden Kinder in einem geeigneten Lokal im Dorf verabreicht werden soll». Bereits am 4. November 1893 beschloss der Vorstand, im Winter 1894/95 abgelegen hausenden armen und schwächlichen Schulkindern bei schlechtem Winterwetter am Montag, Mittwoch und Donnerstag gratis eine kräftige Suppe mit einem Stück Brot und eventuell auch einen Apfel abzugeben. Die Suppe bezog man zum Preis von 15 Rappen pro Portion aus der «Sonne» das Brot lieferte der Verein selbst, und ein Vorstandsmitglied beaufsichtigte die in einem Zimmer des Alten Eidmattschulhauses ab Jahresbeginn 1895 erstmals durchgeführte Schülerspeisung.
Die Jahresberichte informieren regelmässig über die am Mittagstisch geschöpften Portionen. Im Vereinsjahr 1902 beispielsweise erhielten fünfzehn Kinder im kalten Februar zwölfmal Suppe, Brot und gedörrtes Obst. 1907 wurden 127 Portionen Suppe ausgegeben, 1910 bereits 2042 Portionen und im Januar/Februar 1913 während 31 Tagen an 76 Schülerinnen und Schüler gar 2356 Portionen. Dazu kamen im Dezember des gleichen Jahres weitere 2244 Portionen und am Schulsilvester als Zugabe eine Apfelsine und ein Tirggel. Im Jahresbericht 1921 wird überliefert, dass 65 Kinder ihre Suppe im Schulhaus assen – beaufsichtigt von Frauen des Vorstandes und aus dem Kreis der Mitglieder. Weitere hundert trugen Suppe im Kesselchen nach Hause. In den zwanziger Jahren kochte der Pestalozziverein die Suppe für die Mittagsverpflegung in der Schulküche des Glärnischschulhauses. Dies war 1928 wegen anderweitiger Belegung nicht mehr möglich. Stimmen, die für die Aufhebung der Suppenanstalt laut wurden, konnten nicht durchdringen. Fortan liess der Verein die Schülersuppe im Gasthof Sonne zubereiten. Als Speisesaal diente während manchen Jahren das Hortlokal im Alten Eidmattschulhaus. Nachdem dieses neu möbliert worden war und damit weniger Platz für die Mittagsverpflegung bot, dislozierte man 1933 in ein Schulzimmer im ersten Stock des Freischulhauses.
Im Winter 1935 gingen für die Schülersuppe nur rund dreissig Anmeldungen ein, weniger als die Hälfte des Vorjahres.
Pfarrer Albert Schreiber, Präsident des Pestalozzivereins von 1917 bis 1921.
Im ehemaligen Gessnerheim an der Glärnischstrasse, der Kantonalen Haushaltungsschule, konnte eine heimelige, gut geheizte Stube gefunden werden. Die Aufsicht führte die «Suppenmutter» Frau Weber, die im Umgang mit Kindern erfahrene Bademeisterin der Badeanstalt Wädenswil. Das Essen für die «Schützlinge» kochten – gemäss Jahresbericht 1938 – die Töchter der Haushaltungsschule unter Anleitung ihrer Lehrerinnen. Der Speisezettel war gegenüber früher abwechslungsreicher: Neben Suppe und Brot gab es nun auch etwa Wienerli, Käse, Wähe und Äpfel. 1940 kamen am Mittwoch oder Freitag gar Reis mit Apfelmus oder Teigwaren mit Hackfleisch auf den Tisch.
Als während des Zweiten Weltkrieges die Lebensmittel rationiert wurden, verschwand das beliebte Dienstag-Wienerli vom Mittagstisch. Zunächst füllten Hirsebrei und Apfelmus oder gespendete Kartoffeln die Lücke. 1942 erklärte sich der Wirt des Gemeindehauses Sonne bereit, gegen Abgabe entsprechender Mahlzeitencoupons wöchentlich einmal gehacktes Fleisch zu kochen. Aber immer bildeten Suppe aus der Suppenküche und ein Stück Brot den Hauptgang.
Mit grossem Einsatz, mit Liebe und Geduld leitete und beaufsichtigte Frau Dohner-Weber die vom Pestalozziverein organisierte und finanzierte Schulsuppe bis 1949. Dann trat Frau Rosenherger die Nachfolge als «Suppenmutter» an. Das Essen lieferte der Alkoholfreie Gasthof «Sonne» Da die Kinder für das Mittagessen pro Woche nur 50 Rappen zu bezahlen hatten, wurde die Kasse des Pestalozzivereins stark belastet. 1951 regelte der Vorstand darum die Verpflegungspreise neu. Fortan hatten Vollzahler pro Mahlzeit einen Franken zu entrichten, Teilzahler fünfzig oder zwanzig Rappen. Als Essraum diente jetzt der östliche Turnkeller im Neuen Eidmattschulhaus.
DER VEREIN FINANZIERT DEN KINDERGARTEN HERRLISBERG
Im Jahre 1928 ging beim Pestalozziverein ein Gesuch vom Herrlisberg ein, der Verein möge die dort 1926 von Albert Meier-Haab und Lehrer Hans Jakob Rinderknecht ins Leben gerufene «Gfätterlischule» übernehmen, organisatorisch ausbauen und finanzieren. Bisher hatten verschiedene Töchter auf freiwilliger Basis die Kleinkinder betreut; nun stellte sich heraus, dass eine einheitliche Leitung von Vorteil wäre. Der Pestalozziverein stand dem Anliegen positiv gegenüber und übernahm den Kindergarten Herrlisberg am 1. November 1928.
Der Jahresbericht 1929 verriet mehr über den neu geschaffenen «Kindergarten in Langrüti»: «Vom November bis Ende März werden an vier halben Tagen die Kleinen versammelt. Es sind 20 bis 25 Kinder, die sich jeweilen einstellen und unter umsichtiger Leitung eine frohe Gemeinschaft bilden. Der Kindergarten belastet uns jährlich mit fast 400 Franken, ein Betrag, der für uns als erträglich bezeichnet werden darf und den wir gerne leisten in der Gewissheit, den Familien im Vorderen Berg damit einen wirklichen Dienst zu leisten.»
Nach zwanzig Jahren des Wirkens trat Fräulein Hedwig Stünzi als Leiterin des Kindergartens Herrlisberg zurück. Ihre Nachfolgerin, Fräulein Marthi Haab im Steinacher, nahm die Arbeit im Winterhalbjahr 1948/49 auf. Im Winter 1965/66 führte der Pestalozziverein den nun von Fräulein Ruth Haab betreuten Kindergarten Herrlisberg zum letzten Mal auf eigene Rechnung. Dann wurde er geschlossen, nachdem die Primarschule Wädenswil in einem Pavillon beim Schulhaus Langrüti einen eigenen Kindergarten eröffnet hatte.
ERSTE FERIENKOLONIEN
An der Generalversammlung 1891 zeichnete Pfarrer Pfister das Lebensbild des Zürcher Pfarrers Walter Bion (1830–1909), des Gründers der «Ferienversorgung der Schulkinder». Die Versammlung lud den Vorstand ein zu prüfen, ob eine solche Institution auch in Wädenswil einzuführen sei und auf welche Weise dies am besten geschehen könnte. Bald gab es konkrete Vorschläge. Und am 15. Juli 1891 fuhren bereits zwanzig Kinder- acht Mädchen und zwölf Knaben -unter der Leitung von Fräulein Luise Steiner für drei Wochen in die erste Ferienkolonie nach Hütten in den Gasthof Kreuz. Die Südostbahn beförderte die Kinder gratis bis Samstagern; von dort aus buckelte man Hab und Gut den Berg hinauf. «Der Herz und Leib erquickende Aufenthalt in sonniger Höhe» zeigte positive Auswirkungen. So konnte der von Aktuar Ernst Flaigg verfasste Jahresbericht 1891 vermerken: «Den meisten Kindern sah man den Erfolg des Ferienaufenthaltes schon äusserlich an; bei andern wird sich der gute Einfluss der gesunden Luft und der kräftigen Nahrung erst später kund geben, aber
gewiss nicht ausbleiben. In verdankenswerter Weise hat der Männerchor Eintracht bereits einen Grundstock für die Kolonie 1892 gelegt, indem der Ertrag des letzten Konzertes, 375 Franken, für die Ferienversorgung armer Schulkinder bestimmt wurde.»
Bis 1916 fanden Sommerkolonien an folgenden Orten statt:
1892 Rössli Schönenberg
1893–1904 Alp Scheidegg ob Wald
1905–1907 Menzingen
1908–1915 Mezzaselva bei Serneus
1916 Hirschen Schwellbrunn.
Unliebsame Erfahrungen bei der Suche nach Lagerorten bestärkten die Verantwortlichen des Pestalozzivereins im schon lange gehegten Gedanken, ein eigenes Ferienheim zu erwerben, wofür bereits zu Beginn der 1890er Jahre ein Fonds geäufnet worden war.
DAS FERIENHEIM IN SCHWENDE
Am 20. Januar 1917 verkaufte der während des Ersten Weltkrieges in finanzielle Schwierigkeiten geratene Josef Anton Fässler dem Pestalozziverein Wädenswil die Kuranstalt Felsenburg in Schwende, bestehend aus Kurhaus, Stadel, freistehender Remise und Umschwung an Acker, Holz und Feld. Dies zum Preis von 45 920 Franken.
Unter der Leitung des Wädenswiler Baumeisters Alfred Dietliker wurde das Haus sofort für die Bedürfnisse von Ferienkolonien umgebaut und möbliert. Da die Säle für das Beherbergen von Kurgästen ungeeignet waren, unterteilte man die Räume im Jahre 1924 in grosse Zimmer.
1927 investierte der Pestalozziverein weiter in bauliche Verbesserungen im Ferienheim. Der Koloniebericht dieses Jahres rühmte: «Die Esshalle hat durch Täfelung und Erstellung eines fugenlosen Bodens ihren allzu alpinen Charakter verloren und präsentiert sich nun sehr wohnlich. Der Speisenschalter zwischen Küche und Speisesaal bewährt sich aufs beste. Überaus gelungen ist ferner der gedeckte Übergang von der Esshalle und den Waschräumen ins Treppenhaus. Er führt sehr romantisch an den senkrechten Felsen des 'kleinen Säntis' vorbei und hat seiner architektonischen Gestaltung wegen die Bezeichnung 'Kreuzgang' erhalten» Der Waschraum wurde neu eingeteilt; für die Kinder standen im Haus einfache hölzerne Kleiderkasten zur Verfügung, dazu 50 neue, strapazierfähige Betten.
1928 wurde das Ferienheim, wiederum nach Plänen von Alfred Dietliker, um einen Anbau Richtung Pächterhaus erweitert. Dadurch erhielt man das Mädchenspielzimmer, ein zweites Treppenhaus, weitere Schlafzimmer und unter dem Dach das allerdings erst 1935 zum vollwertigen Schlafraum mit acht bis zehn Betten ausgestaltete «Paradiis». Besonders aber schätzte man die neue Wasseranlage. Im Frühsommer 1939 wurde der Mädchen-Waschraum erweitert und mit einer Duschenanlage versehen. Gleichzeitig wurde der Wirrwarr von Wasserleitungen geordnet, und im alten Hausteil – wo man jeweils die Kurgäste beherbergte – ersetzte man die alte Kastenspülung der Abortanlagen durch eine neuzeitliche direkte Wasserspülung.
Pfarrer Karl Otto Hürlimann, Präsident des Pestalozzivereins von 1921 bis 1945.
1944 erhielt die Küche einen elektrischen Herd und einen grossen KippkesseL 1950 rüstete man Tagräume, Gänge und Aborte mit Heizkörpern aus und beschaffte neue Matratzen, Leintücher und Decken.
Das 1917 erworbene Ferienheim des Pestalozzivereins in Schwende AI in einer Aufnahme um 1920.
Im Jahre 1953 konnte das Ferienheim in Schwende an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen werden. Dadurch war man nicht mehr ausschliesslich auf das eigene Quellwasser angewiesen, das oft verunreinigt war und in trockenen Sommern beinahe versiegte. In Küche und Waschräumen floss fortan hygienisch einwandfreies Trinkwasser.
Durch bauliche Massnahmen wurde das Ferienheim im Jahre 1957 wohnlicher gestaltet, indem man die grossen Schlafsäle weitgehend in Dreier- und Viererzimmer unterteilte. Dies wirkte sich namentlich in den Nächten beruhigend auf den Koloniebetrieb aus. Im selben Jahr unterzog man das benachbarte Pächterhaus einer gründlichen Innenrenovation. 1973 schenkte der Pestalozziverein dem Brandschutz im Ferienheim besondere Aufmerksamkeit. Der Wunsch, in Schwende auch Herbstkolonien durchführen zu können, führte 1974 zum Einbau einer elektrischen Zusatzheizung im Essraum. Zum Jubiläum «60 Jahre Schwende, 1917–1977» wurde das Ferienheim in den Jahren 1977 bis 1979 einer totalen Aussen- und einer teilweisen Innenrenovation unterzogen.
Dem Trend der Zeit folgend, wenn auch mit etwas Verspätung, liess der Pestalozziverein 1983 in den Waschräumen neue Tröge – nun mit Warmwasser – installieren, und für die Betten schaffte man Fixleintücher an. In den nächsten Jahren wurden die Korridore und weitere Zimmer renoviert und mit isolierenden Wandverkleidungen versehen, sodass das Haus nun als innen und aussen saniert gelten konnte. Einzig die Wasch- und Duschenanlagen befriedigten noch nicht. Sie sind im Winter 1995/96 erneuert worden.
1990 entschied die Generalversammlung des Pestalozzivereins, das baufällige hölzerne Pächterhaus in Schwende solle nicht ersatzlos abgebrochen, sondern mit vertretbarem Aufwand saniert und marktgerecht vermietet werden, was 1991 geschah.
In den Jahren 1977-1979 unterzog der Pestalozziverein das Ferienheim in Schwende einer gründlichen Aussenrenovation.
Ferienheim Wädenswil in Schwende, mit Erweiterungsbau (links) von 1928.
VON DEN FERIENKOLONIEN IN SCHWENDE
Mitte Juli 1917 reiste eine erste Ferienkolonie für einen dreiwöchigen Aufenthalt ins eigene Heim nach Schwende. Es waren 72 Knaben und Mädchen. 1918 gingen rund 260 Anmeldungen ein. Der Vorstand entschloss sich deshalb, zwei Sommerkolonien durchzuführen. Und dabei blieb es auch in den kommenden Jahren. Die im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» abgedruckten Schwende-Berichte geben Einblick ins Kolonieleben. Auszüge daraus finden sich für die Jahre 1917 bis 1935 im Jahrbuch 1992.
Mit Rücksicht auf die gestiegenen Lebenskosten erhöhte der Pestalozziverein im Jahre 1946 den Mindestbeitrag für den Besuch der Ferienkolonie von zehn auf zwanzig Franken. 1948 trat Fräulein Th. Reck, welche der Vorstand als Nachfolgerin der Hausmutter Fräulein Hugentobler als Köchin verpflichtet hatte, wieder zurück. Fortan musste der Verein für jede Kolonie neu auf die Suche nach einer Lagerköchin.
1974 bot der Pestalozziverein erstmals drei Ferienkolonien an, nämlich zwei Sommerkolonien von je 2 1/2 Wochen Dauer und neu eine dreizehntägige Herbstkolonie. Diese erfreute sich in den folgenden Jahren steigender Beliebtheit. Nachdem der Pestalozziverein 1981 die beiden Sommerkolonien von 18 Tagen auf je 15 Tage verkürzt hatte, sah er sich wegen mangelnder Nachfrage gezwungen, im Sommer 1982 nur noch eine einzige Ferienkolonie zu bilden. Sie war von 35 Kindern besucht, während sich für die Herbstkolonie 46 Schülerinnen und Schüler interessierten. Angesichts der geringen Nachfrage beschloss der Vorstand, 1991 auf die Sommerkolonie zu verzichten. Seither führt der Verein nur noch die Herbstkolonie durch, diese aber bei guter Belegung.
Eine Ferienkolonie in den frühen 1920er Jahren. Im Hintergrund links das Ferienheim, daneben die alte Kirche Schwende, abgebrochen 1928.
DAS FERIENHEIM -ERHOLUNG FÜR ERWACHSENE
Von Anfang an war vorgesehen, das Ferienheim in Schwende nicht nur für die Ferienkolonie zu öffnen, sondern das Haus auch als Erholungsheim für Erwachsene zu betreiben. Die Idee wurde im Jahre 1919 verwirklicht. Dazu der Jahresbericht: «Unser Ferienheim in Schwende ist zum Erholungsheim für Erwachsene ausgestaltet worden, das das ganze Jahr über geöffnet ist. Es hat seit seiner Eröffnung am 7. Juni 1919 zwanzig Gäste aufgenommen, die alle voll befriedigt waren über ihren Kuraufenthalt. Es steht zu hoffen, dass immer mehr Gäste aus unserer Gemeinde sich dort einfinden. Sie werden gewiss eine gute Kur machen, ohne allzu schwere Belastung ihres Geldbeutels.»
Ferienkolonie 1946, Aufstieg zum Hohen Kasten. Die Mädchen, mit Zöpfen und Haarmaschen, tragen zum Wandern noch Röcke.
Die Ferienkolonie 1948 ist vorbei. In Schwende wird das Gepäck − zum Teil noch geflochtene Körbe − in die Appenzeller-Bahn verladen.
Peter Perschak (links), Präsident des Pestalozzivereins von 1972 bis 1979, weiht in Schwende den neuen Ping-Pong-Tisch ein, eine Spende der Wädenswiler Arbeitsgruppe «Kind und Spiel».
1921 wurde das Ferienheim in Schwende anfangs Mai geöffnet und von der «Ferienheimmutter» Fräulein Binggeli bis anfangs Oktober geführt. Gäste aus Wädenswil bezahlten einen Pensionspreis von 6 Franken pro Tag, auswärtige 7 Franken. Im Jahre 1922 stand das Ferienheim unter der Leitung der neuen Hausmutter Frau Leupp. Das regnerische Nachsommerwetter lockte indessen nicht zum Besuch im Appenzellerland, und so wurde das Heim frühzeitig geschlossen.
Noch selten war das Ferienheim mit erwachsenen Erholungssuchenden so wenig besetzt wie gerade letztes Jahr, hiess es im Rückblick auf 1936. Der Vorstand diskutierte deshalb die Frage, ob auch Gäste aus anderen Gemeinden aufgenommen werden sollten. Bisher stand das Haus nur Bewohnerinnen und Bewohnern von Wädenswil offen. 1938 wurden dann erstmals auch «Fremde» berücksichtigt. Den Haushalt führte wie in den Vorjahren Fräulein Hugentobler. Während des Zweiten Weltkrieges konnten sich nur wenige Erwachsene Erholung in Schwende gönnen. So wurde das Haus im Jahre 1940 schon Ende August geschlossen. 1943 verzichtete der Pestalozziverein ganz auf das Angebot von Erholungsaufenthalten. Das Ferienheim stand fortan meist nur noch sechs Wochen den Ferienkolonien offen.
VERMIETUNG DES FERIENHEIMS AN KLASSENLAGER
Vom 22. Juni bis 4. Juli 1959 führte das Mädchengymnasium Basel mit 17 Schülerinnen im Ferienheim Wädenswil ein Klassenlager durch. Damit begann eine neue Tradition und Vermietungsmöglichkeit für das sonst häufig leerstehende und geschlossene Haus in Schwende. 1964 folgten Klassenlager der Primarschule Wädenswil und der Realschule Glattbrugg. 1967 konnte das Haus bereits während sieben Wochen an auswärtige Klassenlager vermietet werden. Bald entwickelte sich dieser Zweig für den Pestalozziverein zu einer willkommenen Einnahmequelle. Dies ist bis heute so geblieben. 1995 beherbergte das
Haus Schulklassen und Gruppen aus Appenzell, Bem, Bern-Bethlehem, Dietikon, Dinhard, Küsnacht, Maur, Richterswil, Schwyz, Seengen, Teufen, Wädenswil und Winterthur. Dies ergab 2829 Logiernächte.
Ferienheim Wädenswil des Pestalozzivereins Wädenswil in Schwende (Vordergrund Mitte). Links das Pächterhaus, im Hintergrund Kirche, Pfarrhaus und Friedhof. Luftaufnahme von 1990.
JUBILÄUMSFEIERN
50 Jahre Pestalozziverein, 1896
Am Sonntagnachmittag, 12. Januar 1896, feierte der Pestalozziverein Wädenswil mit einer ausserordentlich gut besuchten Generalversammlung im Hotel Engel das 50jährige Bestehen. Aktuar Heinrich Blattmann-Ziegler zum Grünenberg hatte auf diesen Tag verschiedene Statistiken erstellt, welche über die segensreiche Vereinstätigkeit im vergangeneu halben Jahrhundert Auskunft gaben. Im genannten Zeitraum hatte der Verein an 5347 Kinder in 3110 Familien folgende Kleidungsstücke abgegeben: 4689 Paar Schuhe, 2057 Paar Strümpfe, 1559 Paar Hosen, 845 Büffel, 1446 Röcke und 460 Hemden. Die Ausgaben für Bekleidung hatten damit die Gesamtsumme von 53 425.38 Franken erreicht. Das entsprach einem durchschnittlichen jährlichen Aufwand von 9.95 Franken pro Kind. An über tausend arme Kranke waren Lebensmittel im Betrag von 11 819.37 Franken verteilt worden. Ferienkolonien und Suppenverteilung miteinberechnet, hatte der Pestalozziverein in den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens gar 63 349.80 Franken für wohltätige Zwecke aufgewendet. Das Vermögen wurde Ende 1895 mit 32 586.92 Franken ausgewiesen. Die zwischen 1846 und 1895 dem Verein überwiesenen Legate machten die stolze Summe von 33 878.49 Franken aus.
100 Jahre Pestalozziverein, 1946
Am Sonntag, 10. Januar 1946, zwei Tage vor dem zweihundertsten Geburtstag Heinrich Pestalozzis, beging der Pestalozziverein Wädenswil die Hundertjahrfeier. Die Lesegesellschaft Wädenswil widmete dem Jubiläum ihr Neujahrsblatt 1946, zum Thema «Pestalozzi in Wädenswil» Diese umfassende Studie des Historikers Diethelm Fretz brachte viele neue Einsichten und gab im Schlusskapitel auf Grund heute im Stadtarchiv verwahrter Akten erstmals auch detailliert Einblick in die wechselvolle Geschichte des Pestalozzivereins. Der Gemeinderat, die beiden Schulpflegen und die reformierte Kirchenpflege luden die Wädenswiler Bevölkerung auf Sonntagnachmittag, 10. Februar, zu einer öffentlichen Feier in die reformierte Kirche ein. Hier hielt Dr. P. Baumgartner eine Ansprache über «Pestalozzis Vermächtnis». Sie wurde umrahmt von Liedern der Schülerchöre der Primarschule und der Sekundarschule. Anschliessend fand um 17 Uhr im Hotel Engel die hundertste Generalversammlung statt, der sich eine Jubiläumsfeier mit Empfang von Ehrengästen, Ansprache des neu gewählten Vereinspräsidenten Pfarrer Walter Angst, Imbiss und Darbietungen anschloss. Das Unterhaltungsprogramm kam auf der neuen «Engel»-Bühne wirkungsvoll zur Geltung. Schulklassen sangen, musizierten und rezitierten in bunter Folge; und ein Einakter von Traugott Vogel veranschaulichte das Wirken des Waisenvaters Pestalozzi in Stans, 1799. Natürlich nahmen auch der dem Pestalozziverein seit jeher verbundene Männerchor Eintracht und der Kirchenchor an der eindrücklichen Jubiläumsfeier teil.
Pfarrer Walter Angst, Präsident des Pestalozzivereins von 1946 bis 1964.
150 Jahre Pestalozziverein, 1996 Sein 150jähriges Bestehen feierte der Pestalozziverein Wädenswil im Jahre 1996 vor allem mit einer Tat: Im Winter 1995/96 wurden mit erheblichem finanziellen Aufwand die beiden Waschräume im Ferienheim Schwende erneuert und vergrössert und mit modernen Duschanlagen versehen. Der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» veröffentlichte im Juli und August in sieben Folgen einen ausführlichen Rückblick auf die Vereinsgeschichte seit 1846. Eine Carfahrt nach Schwende für Vereinsmitglieder und Angehörige schloss die Jubiläumsaktivitäten am 21. September 1996 ab.