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Entschlossen führt die Hand des adretten Befreiers die Feder zur Unabhängigkeitserklärung. Cartagena im Jahr 1811, kitschiger Sonnenuntergang. Die Inquisition ist vorbei. Endlich frei nach 250 Jahren spanischer Unterdrückung, Verletzung so ziehmlich aller Menschenrechte und forscher Bekehrerei. Keine königliche Order mehr von Übersee. Spaniens Kolonien in Lateinamerika hatten die Bevormundung schon länger satt, die Einheimischen sowieso. Inspiriert von Jeffersons und Napoléon Bonapartes Politik kehrte der „Libertador“ Simon Bolívar wie ein grosser Besen über das Land. Ganz oben auf der Liste stand die Abschaffung der Sklaverei, die Verbannung der Tyrannei und mal eben die Befreiung Lateinamerikas von Spanien.
In seinem Leben schrieb Bolívar so an die zehntausend Briefe, Verfassungen, Reden, Essays und Erklärungen. In Cartagena verfasste er jedoch das wichtige Manifest, in dem er die Ursachen für das Scheitern der Ersten Venezolanischen Republik zusammenfasste und die Freiheit Lateinamerikas proklamierte. Wenig später nahm er mit seinen Truppen Caracas ein, die heutige Hauptstadt Venezuelas. Es folgte die Eroberung von Kolumbiens Bogota und Cartagena wenige Jahre später. 1821 gründete Bolívar die Republik Grosskolumbien, einen Staat, der die bis dahin befreiten Provinzen Venezuela, Ecuador, Panama, Kolumbien, Teile von Peru und Guyana umfasste.
Der argentinische General José de San Martín hatte die Unabhängigkeitskriege in Argentinien, Chile und Peru geführt. Auch Held, auch Ikone. Sein Ansehen bei den Peruanern war jedoch nicht rosig, freundschaftlich gab er den Weg frei für Bolívar. Beim Kongress von Hoch-Peru 1825 benannte sich die neue Republik nach ihrem Befreier in „Bolivien“ um. Kurz nach Bolívars Tod zerbrach die Republik Grosskolumbien schliesslich in die einzelnen Staaten Ecuador, Venezuela, Panama, Guyana und Kolumbien. Die Flaggen dieser Länder teilen sich daher die gleichen Farben.
Zu Spaniens Blütezeit vor knapp 300 Jahren war die koloniale Hafenstadt Cartagena grösser als New York. Eine Drehscheibe des Waren- und Sklavenhandels. Ich verbringe einige Tage in der geschichtsträchtigen Altstadt. Architektonischer Reichtum ohne Ende, ein Augenschmaus. Wer in der Altstadt eine Bleibe erwerben will muss tief in die Tasche greifen, um 1,5 Millionen Dollar sollen rund 150 bis 200 m2 kosten. Cartagena hat den Ruf der touristischsten Stadt Kolumbiens. Bei Dämmerung, täglich um Punkt sechs werden Lautsprecher auf die Balkone geschleppt oder in die offenen Fenster gestellt. Latine Klänge scheppern durch die Gassen. Die Gastronomie, eine kulinarische Offenbarung. Man spürt, dass Cartagena Geschichten erzählen will. Der Schutzwall, der die Stadt umgibt, birgt Ironie. Während 200 Jahren wurde das Bollwerk mühselig erbaut um Cartagena vor diebischen Piraten wie Sir Francis Drake zu schützen. Als die Spanier nach der Unabhängigkeitserklärung von Cartagena die abtrünnige Kolonie wieder zurückerobern wollten, scheiterte die Flotte an ihrer eigenen Festung.
Die letzten Tage in Kolumbien geniesse ich im weisssandigen Paradies Isla Baru. Ein karibisches Schmuckstück. Den Hängemattenverschlag teile ich den ersten Tag mit vier Polizisten in Uniform. Von Hektik darf keine Rede sein. Auch die symphatischen Strandverkäufer stellen keine brodelnde Gefahr dar. Was sich der Vorgesetzte in Cartagena wohl dabei gedacht hat, seine Schäfchen zu den schwingenden Betten abzukommandieren. Ich rätsle und ziehe in ein Erststockhütte weiter weg. 2:1 Kolumbien scheidet aus. Kein Wunder wenn ihnen der Schiri ein Tor klaut und Brasilien Hulk im Team hat. Der Diesel im Generatortank reicht noch um die Arbeiter am Abend eine Stunde mit Seifenopern zu unterhalten.
Hola Amigo! Eeey hermano! Todo bien? Te gusta Colombia? À la orden! Jeder Kolumbianer ist irgendwie Freund oder Bruder, eine grossartige Nächstenliebe mit einer Prise Oberflächlichkeit. An der einer Strandbar von Santa Martas Rambazamba-Vorort Taganga drückt mir die achtjährige Maria einen Kuss auf die Backe, begrüsst mich liebenswert und tanzt mir eine Choreografie von Kolumbiens Singtalent Shakira vor. Ihre Mutter erzählt mir von ihrer Vergangenheit in Medellín. Manuel, Oscar, Andrés und Julian aus dem südöstlichen La Macarena hinterlassen einen prägenden Eindruck von Kolumbiens Gastfreundschaft. Imponiert von all den Hochhäusern falle ich in ein leicht übersehbares Loch im Gehweg Medellíns. Der ältere Mann, der nebenan mit einer Waage sein Geld verdient, entschuldigt sich. Zu nachlässig von seinem Land, die dort lauernde Gefahr nicht gebannt zu haben. Cartagena, Anna-Marta schenkt mir in einem Kaffeehaus ihre Tortilla, die letzte, einfach so. Wir kennen uns zehn Sekunden.
Kolumbiens Menschen sind einzigartig, interessiert und warmherzig. Ich werde sie vermissen. Jeden einzelnen. Fue una chimba.