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«Meine Füsse schmerzen, die Sohlen meiner Schuhe sind abgelaufen. Mein Blick ist fest nach vorne gerichtet. Ich gehe immer weiter, denn hinter mir liegen eingefallene Häuser und Trauer. Eine Angst, die ich am ganzen Körper spüre, begleitet mich. Ich frage mich, wann ich wieder aufatmen darf, und halte mich an der Hoffnung fest, dass es woanders besser ist». Diese Gedanken gingen Amir vor sechs Jahren durch den Kopf, als er mit seiner Familie die Flucht vor dem Krieg in Afghanistan antrat.
Wir treffen Amir bei der Sissacher Tafel an. Er ist Teil des ehrenamtlichen Teams und hilft, wo er kann. Insbesondere beim Tragen von schweren Sachen sind ihm die älteren Teamkolleginnen und Teamkollegen dankbar. Wir setzen uns mit Amir in die Sofaecke. Er beginnt zögerlich zu sprechen: «Ich kann euch nicht alles erzählen, die Erinnerungen sind noch zu frisch und aufkommende Gefühle würden mich wieder unendlich traurig stimmen.» Der 21-jährige Mann überlegt, wo er anfangen soll: «Als ich 15 Jahre alt war, entschied meine Mutter, mit mir und meinen zwei jüngeren Geschwistern Afghanistan zu verlassen. Die Tatsache, dass unser Vater durch die Taliban umkam, schockierte uns immer noch. Unser Heimatland war durchzogen von Kriegsgefechten, die Bevölkerung lebte in ständiger Angst und täglich verloren wir Menschen, die wir kannten und liebten. Meine Mutter, die mit drei Kindern auf sich allein gestellt war, packte das Nötigste zusammen. Es durfte nicht viel sein, denn die erste Etappe traten wir zu Fuss an. So begann unsere Flucht.»
Amir rutscht auf dem Sofa etwas hin und her und erzählt weiter: «Zu Fuss liefen wir in Richtung Iran. Unterwegs hatten wir Glück und konnten einen Teil der Reise in einem Auto mitfahren. Wir waren nicht die erste Familie, die sich auf den Weg gemacht hatte. Im Iran angekommen, wurde ich vom Rest meiner Familie getrennt. Verzweifelt versuchte ich zu erfahren, was mit meiner Familie geschah. Ich erfuhr dann, dass meine Mutter und meine Geschwister kein Asyl vom Iran erhielten und nach Hause zurückgeschickt wurden. Was nun, sollte ich ebenfalls zurückkehren, an einen Ort ohne Zukunft? Bei einem Telefonat mit meiner Mutter beschlossen wir gemeinsam, dass ich weitergehen sollte. Wir wussten, dass wir uns für sehr lange Zeit nicht sehen würden. Vielleicht nie wieder. Vom Iran aus ging es für mich weiter in die Türkei, dann nach Griechenland. Dort hörte ich, dass Albanien Flüchtlinge aufnimmt; doch in Albanien angekommen, realisierte ich, dass dies eine Sackgasse war. Ich kehrte um, nach Griechenland zurück, nahm ein Schiff nach Italien und dann kam ich in der Schweiz an. Nach drei Jahren Flucht, mit 18 Jahren.» Amir räuspert sich und fährt fort: «Hier durfte ich endlich aufatmen und fühlte mich seit Langem wieder sicher. Meine Flucht hat an meinen Kräften gezehrt, ich war einfach nur froh, angekommen zu sein.»
Amir ist heute 21 Jahre alt und gibt seit seiner Ankunft in der Schweiz sein Bestes, um sich eine neue Heimat aufzubauen. Er hörte durch neue Bekanntschaften von der Sissacher Tafel und stand schon bald in der Reihe für Lebensmittelhilfe. Aufmerksam wie er war, sah er, dass das Tafel-Team ein paar helfende Hände mehr gebrauchen könnte. Er bot seine Unterstützung an und packt seither jeden Freitag beim Bereitstellen der Tische, Sortieren der Lebensmittel und beim anschliessenden Aufräumen mit an. Amir ist dankbar, dass er eine Chance auf ein Leben in Sicherheit bekommen hat. Mit seinem Engagement bei der Lebensmittelabgabe möchte er etwas zurückgeben und seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Die Verantwortliche vor Ort sagt: «Amir ist eine unglaubliche Entlastung für uns. Er sieht schnell, was noch getan werden muss, und ist ein selbständiger junger Mann. Schön, dass er Teil des Teams ist.»