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Bestand und Verbreitung der Dohle wurden bereits viermal untersucht. Jede dieser Studien wies den Aargau als Kanton mit dem höchsten Bestand und der grössten Dichte aus. Auch die grösste Kolonie befand sich bis 2006 im Kanton Aargau, und zwar im Schloss Hallwyl. Diese Kolonie erfuhr im Juni dieses Jahres einen ganz empfindlichen Rückschlag, da rund 100 Vögel einer gegen die Rabenkrähe gerichteten Vergiftungsaktion zum Opfer fielen. Die Kolonie erholt sich langsam wieder und wächst der ursprünglichen Grösse entgegen. Die aktuellste Verbreitungskarte findet sich im «Schweizer Brutvogelatlas» (Schweizerische Vogelwarte 1998); zwischen 1993 und 1996 wurden 1100 bis 1200 Paare gefunden.
Seit 1992 koordiniert die Schweizerische Vogelwarte unter Mithilfe von Freiwilligen ein Monitoring zur Überwachung der Dohle. Ab 2010 fliessen auch die Beobachtungen an der Kirche Schöftland und anderer Brutplätze in diese Studie ein. Nun sind ca. 3/4 des schweizerischen Brutbestands einer Überwachung unterworfen, und es zeichnet sich eine leichte Zunahme ab. Die Bewohnerinnen und Bewohner in Schöftland werden dies kaum bemerkt haben.
Die Dohle gilt mit einem geschätzten Brutbestand von rund 1200 Brutpaaren in der Schweiz als eher seltene Vogelart und wird in der «Roten Liste Brutvögel» (BAFU 2010) als «verletzlich» geführt. In der Fachliteratur wird erstmals 1906 eine Felskolonie im Kaltbrunner Boden erwähnt, möglicherweise bestand diese bereits früher. Als Brutvogel an der Kirche Schöftland ist die Dohle seit 1935 nachgewiesen. Diese Kolonie erreichte im Frühjahr 2011 eine erfreuliche Grösse von mindestens 26 Brutpaaren!
Als sozialer Rabenvogel brütet die Dohle in zum Teil sehr grossen Kolonien. Der einzige Höhlenbrüter in der Gattung Krähen Corvus sucht dunkle und vor Zugluft geschützte Nistplätze. Und diese findet der anpassungsfähige Kulturfolger besonders häufig im Siedlungsraum. Rund 60 % des Schweizer Brutbestands sind denn auch Gebäudebrüter in historischen Bauten, aber auch in Industrieanlagen, an Brücken und Hochspannungsmasten und sogar in Laufkränen, Schornsteinen und Sickerröhren! Daneben bezieht die Art Baumhöhlen (25 % der Brutpaare) sowie freistehende Molasse- und Kalkwände (15 %).
Die Dohle sucht Futter für die Nestlinge in niedriger Vegetation in Kolonienähe. Wenn die Vegetationshöhe in Getreide-, Mais- und Hackfruchtkulturen zu hoch wird, weicht sie auf Alternativen aus. Als Opportunistin verfüttert die Dohle anstelle von Wirbellosen dann zunehmend auch Siedlungsabfälle wie Brot, Teigwaren, Reis und Fleisch. Schlechte Kondition der Altvögel, geringes Eigewicht und eine hohe Jungensterblichkeit sind die Folgen. Untersuchungen an Kolonien im Zentrum von Siedlungen zeigen einen sehr geringen Bruterfolg. Aus diesem Grund raten wir von Fördermassnahmen mitten in Agglomerationen eher ab.
Die Dohle – auch Turm- oder Graudohle genannt – ist ein sehr geselliger Rabenvogel. Bei allen Verhaltensweisen im Jahreslauf sucht sie die Nähe zu Artengenossen, aber auch zu anderen Rabenvögeln. Ausserhalb der Brutzeit versammelt sie sich zu Hunderten an traditionellen Schlafplätzen, oft in Gesellschaft mit Raben- und Saatkrähen.
Die Dohle lebt in monogamer Dauerehe: einmal verpaarte Dohlen bleiben sich oft ein Leben lang treu. Dohlen verpaaren sich im Alter von einem Jahr, schreiten aber in der Regel erst mit zwei Jahren zur ersten Brut – sie sind also ein ganzes Jahr lang verlobt! Auch ausserhalb der Brutzeit sind Dohlenpaare als solche zu erkennen. Die Partner ruhen eng aneinander gedrückt, kraulen sich gegenseitig das Nackengefieder, gehen gemeinsam auf Nahrungssuche und sind sogar in einem fliegenden Schwarm als Paar auszumachen. Bei vielen dieser Verhaltensweisen können oft synchrone Bewegungsabläufe oder identische Haltungen beobachtet werden.
Dohlen sind im Gegensatz zu den meisten Singvögeln auch während der Brutzeit nicht territorial, sondern leben in Kolonien, womit diese Vogelart die wenigen günstigen Brutplätze optimal nutzen kann. Im engeren Nestbezirk ist die Dohle gegenüber Artgenossen aber genau gleich unverträglich wie etwa ein Buchfink in seinem ganzen Revier. Vor allem in der Zeit der Nistplatzwahl und des Nistbeginns werden Auseinandersetzungen um günstige Nistplätze lautstark ausgetragen. Dabei gilt nicht «jede gegen jede»: in einer Dohlenkolonie herrscht eine strenge Hierarchie, welche die Wahl der besten Nistplätze und die Reihenfolge beim Fressen an einer ergiebigen Nahrungsquelle regelt. Dabei orientiert sich der Rang eines Paares an der Stellung des Männchens. Es ist also möglich, dass ein junges Weibchen vom unteren Rand der Gesellschaft durch Verlobung mit dem Alpha-Männchen zur First Lady aufsteigt. Faszinierend dabei ist, dass die ganze Kolonie sofort über erfolgte Machtwechsel im Bilde ist! Eine Hierarchie funktioniert aber nur, wenn sich alle Dohlen persönlich kennen. Wie das im Detail geschieht, ist noch Gegenstand von Spekulationen. Der bekannte Zoologe Josef H. Reichholf vermutet in seinem Buch «Rabenschwarze Intelligenz» (Herbig Verlag 2009) feinste Unterschiede in der Augenpartie. Das Sozialleben der Dohle wurde vom 1989 verstorbenen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz erforscht, und zwar lange vor seinen viel beachteten Studien über die Graugans. Im Büchlein «Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen» (DTV 2002) schildert er seine Erkenntnisse über die «zeitlosen Gesellen» in überaus amüsanter und liebenswürdiger Weise.
Dohlen, aber auch Fledermäuse, Turmfalke, Schleiereule und Mauersegler, gehören als Kulturfolger zu grossen, alten Gebäuden und können zum Kulturgut gezählt werden wie die historische Bausubstanz. Dieser Aspekt sowie die Seltenheit dieser Vogelart sind Gründe genug, zur Kolonie an der Kirche Schöftland Sorge zu tragen. Das wird erreicht durch die Pflege der Nistplätze unter gleichzeitiger Schonung der Bausubstanz. Spannend für den NVVS wird es sein herauszufinden, ob sich in der näheren und weiteren Umgebung der Kolonie Ableger bilden. Neben Mitgliedern des NVV Schöftlands sind auch Spaziergänger, Förster und Jäger gefordert. Wenn sich die Dohle für andere hohe Gebäude oder Höhlen des Schwarzspechts interessiert, können rasch montierte Nistkästen dazu beitragen, dass sich weitere Kolonien etablieren. Das mildert die Wohnungsnot an der Kirche und verringert die Distanz zwischen Brutplatz und Nahrungsquellen.
Christoph Vogel-Baumann, Projektleiter Umweltbildung
Schweizerische Vogelwarte
Sempach, 21. Dezember 2011