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Die Erosion zerstört die Lebensgrundlage ganzer Gemeinschaften an den westafrikanischen Küsten. Viele flüchten in Richtung Norden, andere in den Alkohol und die Drogen.
Am frühen Nachmittag wird David Buabashs Nervosität spürbar. Ständig läuft der 32-Jährige von seinem Haus zum Meer, um den Pegelstand zu prüfen. Als die Flut nicht aufhört, den Strand emporzuklettern, stellen sich die EinwohnerInnen des kleinen Fischerdorfs Fuvemeh auf das Schlimmste ein. «Wenn die grossen Wellen kommen, können sie dich töten. Letzte Woche spülte das Meer mein Haus weg, während meine Familie darin schlief», sagt der Fischer Buabash und zeigt mit dem Finger auf eine zerbröckelte Backsteinwand und zwei frei stehende Türrahmen – die Überreste seines Hauses.
Das Meer schwillt weiter an und peitscht bald Welle um Welle durchs Dorf und an die bereits zerstörten Behausungen. Weitere Mauern zerbersten unter den Wassermassen. Im Dorfzentrum bilden sich grosse Salzwassertümpel und hindern die Leute daran, ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Die BewohnerInnen der vordersten Häuser können nur noch zusehen, wie ihr gesamtes Hab und Gut vom Meer weggetragen wird. Abends werden sie im Haus von Verwandten oder auf dem Schulhof unterkommen. Ruhe werden sie kaum finden, denn die nächtliche Flut steht bevor.
Hunderte Meter Küste abgetragen
Bis Anfang der neunziger Jahre florierte das ghanaische Dorf, das auf einem Landstreifen zwischen dem Atlantik und dem Delta des Volta-Flusses im Bezirk Keta liegt. Die 2500 EinwohnerInnen lebten vom Fischfang und den Kokosplantagen, die einst zwischen den Behausungen und dem Meer angelegt worden waren. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten war Fuvemeh zunehmend vom Klimawandel und anderen menschengemachten Umweltproblemen betroffen. Der Anstieg des Meeresspiegels und die Erosion der Küste durch die steigenden Temperaturen haben sich seit 2005 nochmals beschleunigt. Allmählich trug das Meer Hunderte Meter der Küste ab, frass sich durch die Kokosplantagen hindurch und riss die ersten Häuserzeilen mit sich.
Zunächst bauten die BewohnerInnen an der Meeresfront ihre bedrohten Häuser ab, um sie auf der anderen, dem Fluss zugewandten Seite der Siedlung wiederaufzubauen. Inzwischen ist der Landstreifen zwischen den beiden Gewässern jedoch kaum noch 300 Meter breit, und zum Ausweichen bleibt kein Platz mehr. So baute Buabash sein Haus einst auf der Flussseite, inzwischen liegt es direkt am Meer. Die letzten verbliebenen Bäume wurden von den Wellen entwurzelt und liegen tot am Strand. Ein beängstigendes Omen für eine Bevölkerung, die seit zwei Jahrzehnten schleichend ihrer Lebensgrundlage beraubt wird.
Fuvemeh ist nur ein besonders anschauliches Beispiel. Das Problem betrifft 7000 Kilometer Küste in dreizehn westafrikanischen Ländern, von Mauretanien bis Kamerun. Aufgrund der globalen Klimaerwärmung steigt der Meeresspiegel, der Meeresgrund justiert sich neu, und der Küste werden Sedimente abgegraben. Als Folge davon fallen jährlich Dutzende Meter Küste der Erosion zum Opfer.
Besonders gravierend sind diese Entwicklungen, weil gemäss Weltbank 31 Prozent der Bevölkerungen der betroffenen Länder an den Küsten leben und dort 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. «Die Infrastruktur und die Wirtschaft sind an den Küsten konzentriert. Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht deshalb unsere Existenzgrundlage. Wir sitzen auf einer Zeitbombe», erklärt Kwasi Addo Appeaning, Professor an der Fakultät für Fischerei und Meeresforschung an der Universität Ghana in Accra.
Während die Lokalbehörden sich um die Rettung von Städten und Industriekomplexen bemühen, überlassen sie Tausende Dörfer ihrem Schicksal. Wenn nichts unternommen wird, droht eine jahrtausendealte Lebensweise auszusterben. Einst säumten florierende Fischerdörfer die Küsten Ghanas und Togos, heute tun es Ruinen und Geisterstädte. Mit Häusern und Plantagen wird nicht nur die Lebensgrundlage, sondern auch das kulturelle Erbe und letztlich das soziale Gefüge ganzer Gemeinschaften zerstört. Die Konsequenzen davon werden weit über die betroffenen Gebiete hinaus zu spüren sein.
Der Anstieg der Wassertemperatur trieb Fischbestände in kühlere Gewässer, die Erosion zerstörte fruchtbares Land, und das Trinkwasser wurde versalzen. Ihrer Lebensgrundlage und des Glaubens an die Zukunft beraubt, verlieren die Gemeinschaften diejenigen Mitglieder, die es sich leisten können, durch Migration. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und treibt viele der Verbliebenen in den Drogen- und Alkoholkonsum. Die einzigen einträglichen Jobs gibt es bei kriminellen Organisationen im Benzinschmuggel oder beim illegalen Sandabbau.
Teure Abwehrmassnahmen
Diese Probleme in Afrika sind ein Vorbote dessen, was die ganze Welt erwartet, wenn die Menschen nicht rasch das Gleichgewicht mit der Natur wiederherstellen. «Eine Hauptsorge der entwickelten Welt ist die Migration. Doch Migration ist Armut, und Migration ist Klimawandel», sagt Fredua Agyeman, Umweltdirektor des ghanaischen Ministeriums für Umwelt, Wissenschaft, Technologie und Innovation. «Solange dieses Problem nicht gelöst ist, werden weder Mauern noch Waffen die Menschen davon abhalten, in den Norden zu kommen.»
Mögliche Massnahmen gegen die Folgen der Erosion sind komplex und kostspielig: Schätzungen zufolge müssten die betroffenen Länder hierfür fünf bis zehn Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts aufwenden. Denkbar wären eine bessere Küstenbewirtschaftung oder der Wiederaufbau der Infrastruktur fernab der Küsten und die Umsiedlung der am meisten bedrohten Gemeinschaften. Über solch kurzfristige Massnahmen hinaus, so sind sich ExpertInnen einig, kann es keine nachhaltige Lösung des Problems geben, wenn nicht unser Entwicklungsmodell als solches infrage gestellt wird.
In einer Welt, die «Fortschritt» als Synonym für «Urbanisierung» und «Konsumismus» versteht, werden traditionelle Gemeinschaften systematisch auf dem Altar der Modernität geopfert. «Wenn wir kein Gleichgewicht finden zwischen unserem unersättlichen Appetit auf Modernität und dem Bedarf der Natur, sich zu regenerieren, werden die Probleme nicht aufhören, ungeachtet der technischen Fortschritte», ist Agyeman überzeugt. «Wir betrachten uns als zivilisiert, weil wir den Mond besucht haben. Doch wir werden überhaupt nichts erreicht haben, solange es uns nicht gelingt, eine Lebensweise zu finden, die mit der Umwelt in Einklang steht.»