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| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Drittes Buch
16. Cap. Mit noch weniger Recht durfte er den Namen Jesus annehmen.
[S. 237] Hat er sich nun den Namen Christus wie ein Gauner glücklich erschwindelt, warum wollte er denn jetzt auch noch Jesus heissen, ein Name, der bei den Juden nicht so sehr Gegenstand der Erwartung ist? Denn wenn wir, durch die Gnade Gottes zur Erkenntnis seiner Heilsgeheimnisse gelangt, auch wissen, dass dies einer der für Christus bestimmten Namen sei, so dürfte den Juden, denen die Weisheit entzogen ist, die Sache doch nicht bekannt sein. So hoffen sie denn noch heutigentages auf einen Christus, nicht auf einen Jesus, und geben Christum lieber für Elias aus als für einen Jesus. Wer also mit der Benennung erschien, unter welcher Christus erwartet wurde,1 der hätte auch unter dem Namen allein kommen können, der allein erwartet wurde. Wenn er aber beide miteinander vermengt, den erwarteten und den nicht erwarteten, so werden seine beiden Absichten zu Schanden. Denn er heisst entweder in der Absicht Christus, um sich vorläufig auch als den Christus des Demiurgen einzuschmuggeln — dann steht ihm aber der Jesus im Wege, weil man im Christus des Demiurgen keinen Jesus erwartet, — oder2 um als der Christus des andern Gottes zu gelten — das lässt dann aber die Benennung Christus nicht zu, weil kein anderer Christus erwartet wurde, als der des Demiurgen.
Was von diesen beiden Dingen sich halten lässt, weiss ich nicht. Bei dem Christus des Schöpfergottes aber, bei dem sich auch der Jesus findet, lässt sich beides halten. Wie denn das? fragst Du. — Lerne es mit den Genossen Deines Irrtums, mit den Juden! Als Auses, der Sohn des Nave,3 zum Nachfolger des Moses bestimmt war, wurde sein früherer Name beseitigt und er fängt an Jesus zu heissen. Ganz recht, erwiderst Du. — Gut, wir behaupten vorab, dass das ein Vorbild des Zukünftigen gewesen sei. Weil Christus nämlich das zukünftige Volk, und das sind wir, die in der Wüste der Heidenwelt Geborenen, in das Land der Verheissung, das von Milch und Honig fliesst, einführen sollte, d. h. in den Besitz des ewigen Lebens, welches das allersüsseste ist, und zwar sollte dies nicht durch Moses, d. h. nicht durch die Zucht des Gesetzes, sondern durch Jesus, die Gnade des Evangeliums, geschehen, nachdem wir durch die Schärfe des Steines, d. i. Christi, denn Christus war der Stein,4 beschnitten worden, — darum ist der Mann, der zum Sinnbilde dieses Glaubensgeheimnisses in Bereitschaft gehalten wurde, auch als Sinnbild des Namens des Herrn eingeführt und Jesus genannt worden.
Dass dies sein Name sei, bezeugte Christus schon damals, als er sich mit Moyses unterredete. Denn wer war es sonst, der redete, wenn [S. 238] nicht der Geist des Schöpfergottes, der Christus ist. Als er daher zu dem abgesendeten Volke sagte: „Siehe, ich sende meinen Engel vor Dir her, der Dich beschütze auf dem Wege und einführe in das Land, welches ich Dir bereitet habe; sei achtsam und höre auf ihn und sei ihm nicht unfolgsam; denn er steht nicht von dir ab und mein Name ist über ihm“,5 nannte er ihn allerdings einen Engel wegen der Grösse seiner Macht, die er an den Tag legen sollte, und wegen seines Prophetenamtes, da er den Willen Gottes verkündigte, Jesum aber nannte er ihn wegen des Geheimnisses seines künftigen Namens. Wiederholentlich hat er den Namen bestätigt, den er ihm beigelegt hatte, weil er ihn nicht Engel oder Auses, sondern Jesus in Zukunft zu nennen befahl. Wenn also beide Namen auf den Christus des Schöpfers passen, dann passen sie beide um so weniger auf den Christus des Gottes, der nicht Schöpfer ist, und ebenso wenig der übrige Verlauf der Dinge. Wir müssen also bereits an dieser Stelle eine Einrede erheben, die zwischen uns feststehend, gerechtfertigt und für beide Teile notwendig ist, nämlich die, dass zwischen dem Christus des andern Gottes und dem des Demiurgen durchaus nichts gemeinsam sein dürfe. Denn an Euch ist es ebenso sehr, die Verschiedenheit aufrecht zu erhalten, als an uns, sie zu bekämpfen, weil ihr anders die Ankunft des Christus eines andern Gottes nicht werdet beweisen können, als wenn ihr zeigt, dass er vom Christus des Demiurgen weit verschieden ist. Wir dagegen können nur dann aufrecht erhalten, dass er der Christus des Demiurgen sei, wenn wir darthun, dass er so ist, wie der Schöpfergott ihn hinstellt. In betreff seiner Namen haben wir obgesiegt. Mir gehört der Christus, mir eigne ich den Jesus zu.
1: Andere lesen non praesumebatur.
2: Einige wollen hier ideo Jesus einschieben; das wäre aber gegen den Zusammenhang.
3: IV. Mos. 13, 17. Auses ist die Form bei den LXX, Osee filius Nun die der Vulg. Hosea, Retter die Hebräische.
4: I. Cor. 10, 4.
5: III. Mos. 23, 20. Nach der LXX citiert.