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Jesus betrat den Ocean Club in Lower Manhattan durch den Eingang, der direkt von der Avenue in die Bar führte. Um diese Zeit trafen hier die Broker von der Wall Street auf die selbsternannten Reichen und Schönen der Stadt. Der Türsteher, ein bulliger Kerl mit tätowierten Armen und Narbengesicht, nickte ihm beinahe unmerklich zu. Jesus erwiderte den Gruss ebenso unauffällig, doch er musterte den Türsteher im Vorübergehen genau. Jose hiess er, sein Vater war ein Latino aus Albuquerque, seine Mutter stammte von ehemaligen Sklaven aus Haiti ab. Ihre Blicke kreuzten sich. Auch wenn sich Joses furchteinflössendes Gesicht nicht veränderte, leuchteten seine Augen für einen Moment auf. Auf dem Parkplatz neben dem Eingang parkten vor allem amerikanische und japanische Autos, Stretchlimos und Offroader. Die wenigen europäischen Limousinen wirkten im Vergleich dazu beinahe niedlich. Jesus betrat den Club. Schlagartig umgaben ihn gedämpftes Licht und die Chillout Musik aus der Bar. Die stickige Korridorluft mit ihrem undefinierbaren Potpurri von den zu dick aufgetragenen Parfüms, den Emissionen der Nachbarschaft, den Abgasen der Strasse, der Aircondition aus dem Club und den Lufterfrischern den Toiletten drohte ihn zu ersticken. Dennoch blieb er einen Moment stehen und lauschte einen Moment auf das Stimmengewirr, das aus dem Club zu ihm hinausdrang und betrat danach die gut besetzte Bar.
Für einen Moment blieb er in der geöffneten Glastüre stehen und sorgte so für etwas Luftaustausch. Dabei liess er seinen Blick über die Gäste schweifen. Er suchte niemand bestimmtes, doch er wusste, dass ihn jemand erwartete. War es die blonde Frau mit den rot geschminkten Lippen und den Smokey Eyes, die auf ihrem iPhone gelangweilt eine Statusmeldung auf Facebook verfasste? Oder der irischstämmige, pausbäckige Jüngling aus der Gruppe Investmentbanker, die gleich am nächsten Tisch bei einem Feierabendbier sass und lauthals über die Aktuere auf dem Aktienmarkt schwätzte? Jesus schloss für einen Moment die Augen und lauschte der Melodie, die dezent aus den Lautsprechern klang. Sie kam ihm bekannt vor und so summte er mit dem müden Saxofon mit, ehe er «Here, There And Everywhere» von den Beatles in dieser Lounge-Version mit verklemmt swingendem Piano und keusch in den Hintergrund gemischten Beats erkannte. Sich in Gedanken bestätigend, dass er die Originalversion in seiner Beatles-Playlist auf seinem iPod gespeichert hatte, verharrte noch einen Moment in der Eingangstüre und schaute sich noch einmal in der Bar um. Eine kleine, schwarze Frau in einem schwarzen Deuxpièces und weisser Bluse, die sie einen Knopf zu weit geöffnet trug, trat auf ihn zu. Ein Tribal-Tattoo streckte seine gierigen Spitzen von ihrer üppigen Brust in Richtung linker Schulter. Sie lächelte ihn an, als sie sich an ihm vorbeidrückte. Jesus lächelte zurück und dann entdeckte er ihn an der Bar. Der Hocker rechts von ihm war leer. Judas sass vornübergebeugt hinter einem Bier. Seiner windschiefen Haltung nach zu urteilen, war dies nicht sein erstes Glas. Jesus ging direkt auf ihn zu, doch auf einmal stand dieser Schwarze in der braunen Lederjacke und der verkehrt herum getragenen grauen Ledermütze vor ihm. Der Schwarze murmelte einige Worte, Jesus glaubte Sugar und Speed verstanden zu haben und schüttelte mit ernstem Blick seinen Kopf. Noch immer murmelte der Schwarze und entfernte sich hastig. Nun hatte es sich wie bitte vergib mir angehört.
Jesus trat an die Bar. Der Bartender schaute ihn fragend an. Jesus zeigte mit der rechten Hand auf das Glas von Judas und hielt danach den Daumen in die Höhe. Der Bartender nickte, nahm ein frisches Glas von der Theke und spülte es kurz mit kaltem Wasser aus, ehe er das Bier zu zapfen begann. Jesus legte Judas die linke Hand auf die rechte Schulter und sprach:
«Habe dich schon lange nicht mehr gesehen.» Mürrisch drehte sich Judas um und wollte losbellen, als er Jesus erkannte. Er liess es geschehen, dass er sich neben ihn setzte. Der Bartender stellte Jesus das Bier hin. Dieser nickte dankend und zeigte mit dem Daumen der linken Hand auf Judas. Erneut nickte der Bartender verständnisvoll und wiederholte mit einem neuem Glas die Prozedur.
«Ich habe alles im Griff. Ich schlage nur die Zeit tot», entgegnete Judas. Der Bartender stellte ihm das frischgezapfte Bier hin.
«Das letzte Mal haben wir uns in einem schwach beleuchteten Raum getroffen», sprach Jesus.
Judas nickte: «Wir haben uns so nahe gestanden wie Braut und Bräutigam.»
«Ich habe das Brot gebrochen…»
«… und wir haben den Wein getrunken», ergänzte Judas. Er nahm das neue Glas und hielt es Jesus entgegen. Sie stiessen miteinander an. «Wir alle hatten eine gute Zeit…», sagte Judas nach dem ersten Schluck. Das amerikanische Bier schmeckte schal. Er wischte sich den Schaum vom Mund und schaute Jesus an.
«Ausser mir… Ich habe vom Ende der Welt gesprochen», erinnerte sich Jesus.
Sie sassen schweigend nebeneinander und starrten gedankenverloren auf das Bier vor ihnen. Das fade Bier wurde nicht besser, die Clubmusik malträtierte weiterhin nichts sagend die grossen Hits und vermischte sich mit den Geräuschen der Bar zu einem sekkierenden Lärmpegel. Könnte man noch wie früher Rauchen, es wäre im Ocean Club so unangenehm gewesen wie in den schmuddeligen Absteigen der Schausteller in Coney Island oder den verfallenden Wohnblocks in der Bronx. Am morgen war Jesus im Vergnügungsviertel in Coney Island gewesen und dort Vanessa, einer älteren Frau schwarzen Frau, begegnet, die ihm von ihrer kranken, alleinerziehenden Tochter erzählt hatte. Jesus war mit Vanessa in der U-Bahn in die Bronx gefahren und hatte mit ihr vergebens auf ihre Tochter Sally wartend, ein kärgliches Mittagsmahl geteilt. Nun sass er in einer stylischen, aber nicht minder armseligen Umgebung in Lower Manhattan im Ocean Club und trank mit Judas ein pitoyables amerikanisches Bier.
«Ich habe das Geld genommen…», sagte Judas larmoyant in das bleierne Schweigen. «Ich habe Alkohol in deinen Drink gemischt», fuhr er fort. Er schaute Jesus an, doch der zeigte keine Reaktion, ausser dass er sich ihm zugewandt hatte und auf eine Fortsetzung seines Monologes wartete. «Du vermisst diese Tage viel zu sehr, wenn du mit dem Denken aufhörst», fuhr er fort und dann schaute er Jesus in die Augen und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum: «Du hast mich weiter mit diesen unschuldigen Augen geführt.» Jesus schwieg und trank einen Schluck Bier. Judas tat es ihm gleich und starrte danach auf einen imaginären Punkt hinter dem Tresen. Jesus staunte ob der schieren Anzahl von Flaschen, die von bunten LED-Lämpchen beleuchtet wurden. Auf den ersten Blick erkannte er zwei Dutzend Whiskys aus Schottland, Kanada und den USA, acht Cognacs, sechs Wodkasorten und vier Ginmarken. Alles globalisierte Spirituosen, die überall auf der Welt gleich schmecken sollten und dennoch je nach Verfassung ihres Bestellers anders schmeckten. Oder wie dieses wässerige amerikanische Bier, das vom puren Konsum zum reinen Genuss der regionalen, oft überteuerten Getränke, wenn nicht gar in die Abstinenz, überleiten sollte. Doch den wenigsten Trinkern gelang dies. Jesus schaute auf die traurige Gestalt neben ihm und spürte den überraschend bitteren Nachgeschmack des Bieres im Gaumen. Er zeigte kurz auf Judas und sein Bierglas und dachte an ein belgisches Bier, das seit dem Spätmittelalter nach unverändertem Rezept in einem Kloster gebraut wurde. Abwesend trank Judas einen weiteren Schluck. Erstaunt hielt er inne und trank nochmals einen Schluck. Verwundert schaute er Jesus an.
«Du weisst, ich liebe das Überraschungsmoment», entgegnete Jesus und trank seinerseits einen Schluck. Judas prostete Jesus dankbar zu und führte das Glas erneut zu seinem Mund. Danach setzte er das Bier ab und schaute Jesus an. Dieser blickte in ein Gesicht, das sich über das belgische Bier freute. Doch Judas’ Augen waren noch immer zwei dunkle Seen in der hügelig runzeligen Landschaft seines Gesichtes. Schlussendlich schüttelte Judas den Kopf und sagte traurig:
«Im Garten habe ich die Nutte gespielt. Ich habe deine Lippen geküsst und anschliessend dein Herz gebrochen. Und du… Du hast dich aufgeführt, als ob es das Ende der Welt wäre.»
Mit einem Winken seiner rechten Hand verscheuchte Jesus die teuflische Anfechtung, Judas Bier ob dieser infamen Verleumdung wieder in das amerikanische zurückzuverwandeln. Der Bartender deutete die Handbewegung als erneute Bestellung und zapfte ein weiteres Bier, das Jesus mit dem Absetzen seiner Hand wieder in das belgische Klosterbier verwandelte. Obwohl er wusste, was seit jenem Kuss in Gethsemane aus Judas geworden war, wollte er es mit dessen eigenen Worten hören. Und so schob der Bartender ein weiteres Bier über den Tresen zu Judas hin. Danach ging er zu einem MacBook, das unterhalb aufgereihten Whiskyflaschen im Hintergrund stand und den Ocean Club mit seinem Muzak betäubte. Der Bartender wählte eine neue Playlist und schon bald erklang in gedämpfter Lautstärke ein Rocksong, worin der Sänger mit den Worten Liebe, Liebe, Liebe gegen den manisch schneidenden Klang einer elektrischen Gitarre ankämpfte.
Judas bedankte sich für das neue Bier und trank einen grossen Schluck. Er stellte das Glas ab und wischte sich den Schaum vom Mund. Danach sprach er:
«In meinem Traum ertränkte ich meine Sorgen. Doch meine Sorgen lernten zu schwimmen. Sie haben mich umgeben, sind über mich hereingebrochen, sie sind über den Rand hinausgeschwappt. Wellen der Reue, Wellen der Freude…» Judas drehte sich um und schaute Jesus direkt in die Augen: «Ich habe mich nach demjenigen ausgestreckt, den ich zu zerstören versucht habe. Aber du… Du hast gesagt, du würdest bis zum Ende der Welt warten.»
«Nein, das ist nicht das Ende der Welt!», sagte Jesus und schwieg danach. Er trank einen Schluck des belgischen Biers und sah sich das Häufelchen Elend auf dem Barhocker neben sich an. Danach lauschte er der Musik. Der Sänger wiederholte die Worte Liebe, Liebe Liebe und schien den Kampf gegen die Gitarre zu gewinnen. Dann endete der Song.
Dem Text liegen aus narrativen Gründen die Live-Versionen von «Until The End Of The World» zu Grunde, die U2 1992, 2001 und 2010 an ihren Konzerten in Zürich gespielt haben. Die wichtigsten Änderungen gegenüber der Originalversion auf dem Album «Achtung Baby» sind, dass Jesus das Brot mit den Jüngern bricht (24. Juli 2001) und dass er sagt, dass dies nicht das Ende der Welt sei (27. Mai 1992). Generell ist es in der Liveversion Jesus, der sagt, beim letzten Abendmahl schlecht gelaunt gewesen zu sein.
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