Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03627.jsonl.gz/659

Wann genau Anna Seiler, genannt die Seilerin, geboren wurde, ist nicht bekannt. Sie wird erstmals 1348 in den Archiven erwähnt.
Kaum der Kindheit entwachsen, wird die Halbwaise Anna von ihrem Vater Peter ab Berg, einem Tuchherrn, mit dem vermögenden Kaufmann Heinrich Seiler verheiratet. Im Haus ihres Mannes fühlt sie sich fremd, ebenso in ihrer Rolle als Ehefrau. Ihr Mann stirbt früh, sie muss sich als reiche, junge Witwe in der aufstrebenden Stadt behaupten. An Heiratsangeboten mangelt es nicht.
Die Besuche mit Heinrich im Niederen Spital, als dessen Vorsteher er einige Jahre gewaltet hat, haben ihr jedoch eine ganz andere Welt gezeigt: die der Armen, Kranken und Elenden. Soll sie ein Leben als einfache Begine[1] oder Nonne führen? Oder geht sie, obschon sie als Frau auf viel Widerstand treffen wird, ihren eigenen Weg und setzt sich für die Notleidenden ein?
In Bern wütet um 1350 die Pest – mit verheerenden Folgen. Dies dürfte den späteren Entscheid der verwitweten, kinderlosen Bernburgerin Anna Seiler entscheidend beeinflusst haben: sie betreut zu jener Zeit Kranke im «Spital vor den Predigern» in Bern. Am 29. November 1354 erstellt sie eine Stiftungsurkunde, in der sie ihren ganzen Reichtum zur Schaffung eins Spitales mit 13 Betten und 3 Pflegepersonen einsetzt, das «stets und ewig» Bestand haben soll. Kurz vor dem 14. August 1360 – das genaue Datum ist auch hier nicht überliefert – stirbt Anna Seiler. Das «Spital vor den Predigern», an der heutigen Zeughausgasse in Bern gelegen, wird unter dem Namen «Seilerin-Spital» weitergeführt.
1531 zieht das «Seilerin-Spital» mit mittlerweile 34 Krankenbetten in das leerstehende Kloster der Dominikanerinnen St. Michaels Insel. Von diesem Gebäude, am Standort des heutigen Bundeshauses Ost gelegen, hat das Inselspital seinen Namen. Das «Insel»-Spitalgebäude brennt 1713 vollständig nieder. Fünf Jahre später wird an gleicher Stelle mit dem Wiederaufbau begonnen.
Noch heute werden im Inselspital unbemittelte Kranke unentgeltlich gepflegt.
1545/46 wurde in der Marktgasse als Ersatz für einen Brunnen aus dem 14. Jahrhundert ein neuer Brunnen errichtet. Die Brunnenfigur zeigt eine Frauengestalt, die in der einen Hand eine Schale hält und mit der anderen Hand aus einem Krüglein Wasser hineingiesst. Sie stammt aus der Werkstatt von Hans Gieng und versinnbildlicht vermutlich die Kardinaltugend der Mässigung, was den bis ins 19. Jahrhundert verwendeten Namen Temperantia-Brunnen erklären würde. Da der Brunnen in der Nähe des Käfigturmes steht, der früher als Gefängnis diente, nannte man ihn ursprünglich auch «by der Gefangenschaft» oder «Kefibrunnen».
Seit dem 19. Jahrhundert ist der Brunnen Anna Seiler gewidmet. Dieser Name geht auf Karl Howald zurück. Er wollte im Standbild Anna Seiler erkennen.
Die Frauenloge Nr. 1 «Anna Seiler» der Odd Fellows wurde am 24. April 1971 gegründet.
[1] Beginen waren Frauen, die alleine oder in Gemeinschaften ein religiöses Leben ausserhalb eines Klosters ohne Klausur, Ordensregel und dauerhaft bindende Gelübde führten. Von ihrem weltlichen Umfeld unterschieden sie sich vor allem durch die Verpflichtung zur Keuschheit und durch intensivierte Frömmigkeitsausübung.