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«Bisher gab es nur verschiedene isolierte Forschungen zu Fremdplatzierungen von Kindern und Jugendlichen», sagt Anne-Françoise Praz, Professorin für Geschichte an der Universität Freiburg. Zusammen mit vier anderen Wissenschaftlern hat sie dieses Jahr das Werk «Fürsorge und Zwang: Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz 1850–1980» herausgegeben. Es sei wichtig gewesen, in einem einzigen Werk den Grossteil der Forscherinnen und Forscher, die in den letzten Jahren zu diesem Thema gearbeitet hätten, zusammenzufassen. «Es ist eine Synthese für die gesamte Schweiz.»
Ambivalentes Thema
In der Einleitung bieten die Herausgeber einen kurzen geschichtlichen Abriss zur Thematik der Fremdplatzierung. Danach folgt ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand in der Schweiz. Den Hauptteil bilden 28 Texte aus verschiedenen Sprachregionen und Landesteilen der Schweiz.
Die Fremdplatzierung sei eine ambivalente Massnahme, sagt Anne-Françoise Praz. «Auf der einen Seite wurde sie als eine Fürsorgemassnahme präsentiert, und in einigen Fällen war eine Platzierung tatsächlich eine Hilfe für die Kinder und entlastete die Familien.» Auf der anderen Seite sei die Massnahme für viele Kinder, arme Familien und alleinstehende Mütter auch oftmals zwangsweise erfolgt. Beide Seiten versucht das in vier Teile gegliederte Werk aufzuzeigen.Im Kapitel «Gesellschaft, Sozialpolitik und Institutionen» gibt es sowohl umfassendere Artikel, beispielsweise über die Kinderheime im Kanton Luzern von 1930 bis 1970, wie auch vertiefte Studien einer einzelnen Institution, beispielsweise im Artikel «Die Ingenbohler Schwestern und ihre ‹Zöglinge› in Hohenrain». Auf die Schicksale der Kinder und deren Lebensgeschichten fokussiert sind die Artikel unter dem Kapitel «Biografien und Interventionen». Mit allgemeineren Themen wie einer terminologischen Annäherung an den Begriff «Verdingkind» oder den psychologischen Folgestörungen befassen sich die Texte in den Kapiteln «Diskurs und Tabuisierung» und «Quellen, Methoden und Folgen».
Einzelne Studien laufen
Obwohl eine Freiburger Professorin unter den Herausgebern des Sammelbands figuriert: Ein Text, der auf eine Institution, einen Zeugen oder die Situation allgemein in Freiburg eingeht, ist in der Publikation nicht zu finden.
«Es gibt einige Forschungen in Freiburg, diese sind aber sehr vereinzelt», erklärt Praz. So hat die Doktorandin Eva Locher anhand von Archivalien, die im Freiburger Staatsarchiv liegen, die administrative Versorgung minderjähriger Frauen ins Institut Bon Pasteur am Stadtrand Freiburgs aufgearbeitet. Einen Aufsatz dazu hat sie im eben erst erschienenen 91. Band der Freiburger Geschichtsblätter publiziert. Noch im Gange sind die Forschungen der Historikerin Rebecca Crettaz über die sogenannte Mindersteigerung, also eine öffentliche Versteigerung von Verdingkindern an die Familien, die am wenigsten Kostgeld verlangten. «Diese Forschungsarbeit versucht, das Funktionieren und das spätere Verschwinden dieser Praxis in den Freiburger Gemeinden zwischen 1860 und 1930 zu erfassen», erklärt Anne-Françoise Praz. Für das kommende Jahr ist dazu eine Publikation geplant. Lanciert hat diese Forschungsarbeit die Société d’histoire du canton de Fribourg, finanziert wird sie vom Staatsrat.
Systematische Forschung
Einzelfälle sollen auch diese Studien nicht bleiben. Im Rahmen des interdisziplinären, vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekts «Placing Children in Care», an dem neben den Universitäten Freiburg, Genf und Zürich auch Fachhochschulen aus der ganzen Schweiz beteiligt sind, wird auch die Situation im Kanton Freiburg nach 1945 umfassender untersucht.
Auch schweizweit bleibe noch einiges zu tun, sagt Praz. Viele platzierte Kinder seien noch auf der Suche nach zusätzlichen Informationen. «Sie wollen wissen, wer ihre Familie war und warum sie überhaupt platziert wurden.» Der 2013 vom Bund einberufene runde Tisch (siehe auch Kasten) helfe dabei.
Was die Historiker betreffe, gelte es aber noch andere Punkte zu klären: So gebe es Fragen nach den Prozessen der Fremdplatzierung und nach der Rolle der Familien darin. «Und schliesslich ist es auch sehr wichtig für uns, zu verstehen, wie ab Beginn der 1960er-Jahre die Fremdplatzierungen nachliessen und die Rechte dieser Kinder vermehrt anerkannt wurden.»
Markus Furrer et al. (Hrsg.):Fürsorge und Zwang: Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz 1850–1980. Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte. Basel: Schwabe Verlag, 2014.
«Es gibt einige Forschungen in Freiburg, diese sind aber sehr vereinzelt.»
Anne-Françoise Praz
Professorin für Geschichte
Aufarbeitung: Initiative fordert Fonds für Opfer
D ie Geschichte der Fremdplatzierung in der Schweiz wird erst seit den späten 1970er-Jahren kritisch erforscht. Eine grosse Aufmerksamkeit erhielt die Thematik 2011 durch den Spielfilm «Der Verdingbub» des Schweizer Regisseurs Markus Imboden. 2013 entschuldigte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei einem Gedenkanlass im Namen des Bundesrats bei allen Betroffenen für das erlittene Unrecht. Auch setzte sie einen runden Tisch ein, an dem unter anderem Betroffene und Behörden mitwirken. Erst letzten Freitag wurde die Wiedergutmachungsinitiative in Bern eingereicht. Diese fordert eine Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sowie einen Fonds über 500 Millionen Franken für schwer betroffene Opfer. Zudem soll eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte erfolgen. rb