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Hochgeachteter Herr Präsident!
Wir haben das Terrain für unsern Zweck hier nicht so günstig gefunden, als wir gehofft hatten.1 Zwar gebricht es der Berliner Finanzwelt ebensowenig an Sympathie & Verständniß für das Gotthard-Projekt als den übrigen Kreisen. Allein überall wurde uns die Stimmung des hiesigen Geldmarktes für neue Eisenbahn-Papiere, die nicht mit staatlichen Zinsgarantien versehen oder die nicht durch künstliche Reizmittel für die Spekulation mundgerecht gemacht werden, als eine höchst ungünstige bezeichnet. In dieser Hinsicht haben wir das schon vor 4 Monaten von Mevissen2 ausgesprochene Urtheil vollständig bestätigt gefunden.
Herr Hansemann3 zeigte für die Sache selbst großes Intereße, betonte aber die großen Schwierigkeiten ebenfalls sehr laut. Die Quinteßenz seiner Aeußerungen ist folgende: In Berlin reifen die Entschlüße in solchen Dingen sehr langsam; wenn es möglich wäre, | der Sache eine geschäftliche Seite zu verleihen, so würden hier mit Leichtigkeit noch viel größere Summen untergebracht werden können; diese geschäftliche Seite könne er aber für einmal nicht finden. Es werde daher auch äußerst schwer fallen, die nöthigen Personen zusammenzubringen, die die Verpflichtungen, welche wir wünschen, zu übernehmen bereit wären. Es werde seiner Ansicht [nach?] dieser nur im Wege der Bildung eines deutschen Comité's möglich sein. Dieses Comité sollte sich in drei Sectionen theilen, eine für Berlin, eine für die Rheinprovinz & Westphalen & eine für Süddeutschland. Jede dieser Sectionen würde in ihrem Kreis für die Sache thätig sein, d. h. die Beibringung der Verpflichtungsscheine zu bewirken haben. Die Sectionen wären zu bilden aus den dem Unternehmen günstigen größern Bankiers & denjenigen bedeutenden Industriellen der betreffenden Gegenden, denen aus dem Zustandekommen der Gotthardbahn indirekte Vortheile zufließen werden. |
Ganz gleich, wie Herr Hansemann, urtheilte auch der Chef der Häuser Bleichröder4 über die Schwierigkeit der Aufgabe. Dagegen hat derselbe einen andern Weg zur Lösung der Aufgabe vorgeschlagen, indem er aus den Subventionen einen Garantiefond gründen will & mittelst desselben dann das Kapital hofft anziehen zu können. Da der vorläufig angenommene Finanzplan zu einem derartigen Projekte nicht paßen würde, so haben wir gesucht, denselben von seinem dießfälligen Gedanken abzubringen, was jedoch für einmal nicht gelungen ist. Um seine Eigenliebe nicht zu verletzen, haben wir uns bereit erklärt, von ihm ein Exposé5 über die Art der Verwirklichung seiner Idee entgegenzunehmen. Er ist gestern verreist & wird erst morgen wieder zurückkehren; wir werden nun mit ihm Dienstags nochmals eine Unterredung haben.
Da wir aus den Aeußerungen der beiden bezeichneten Herren sowie aus den Aeußerungen noch anderer, mit der Lage des hiesigen | Platzes genau vertrauter Personen uns überzeugen mußten, daß es schwer fallen werde, jetzt schon von hiesigen Bankiers & Bank-Instituten eine Zeichnung für bestimmte Summen zu erlangen, wenn nicht noch ein anderer Agent in unserm Sinne thätig sei, so haben wir durch Herrn von Sybel6, der die ganze Zeit über hier ist, bei Herrn von Bismarck7 & Herrn von Delbrück8 sondiren laßen, ob dieselben unter Umständen nicht geneigt wären, eine Preßion auf die hiesige Finanzwelt auzuüben. Dieser Schritt hatte [...?] nicht gehofften Erfolg.
Wir hatten nun gestern Abend noch eine letzte Unterhaltung mit Hansemann, in welcher verabredet ward, daß er die Initiative für Bildung eines deutschen Komité in Berlin & im Rheinlande ergreifen solle, wobei ihm, was die letztern anbetrifft, Herr von Sybel unterstützend zur Seite gehen wird. Was die süddeutsche Section anbetrifft, zu welcher auch Frankfurt & Darmstadt gehören würden, so werden | wir darüber auf unserer Durchreise in Darmstadt noch mit Herrn Parcus9 verhandeln. Dieses Comité hätte die Aufgabe, in Deutschland die nöthigen Elemente zu sammeln, um dem schweiz. Consortium mit der für Deutschland reservirten Summe beitreten zu können. Wir zweifeln nicht daran, daß auf diesem Wege das von uns gewünschte Ziel sich sicher werde erreichen laßen, wenn es schon etwas mehr Zeit erfordern wird, als in Ihren & unsern Wünschen gelegen hätte.
Von unsern speziellen Freunden, namentlich Engel10 & Sybel, sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, daß es dringend wünschbar sei, daß die internationale Konferenz11 möglichst bald einberufen werde, indem während der Sommermonate es absolut unmöglich wäre, die Sache zum Abschluß zu bringen, wegen der Ferien der maßgebenden Personen der Regierungen. |
Sie betrachten auch die Bildung der Finanzgesellschaft als genügsam vorgerückt, um die Verhandlungen zwischen den Staaten beginnen laßen zu können.
Wir haben Ihre gefälligen Berichte über den Stand der Sache in Italien & über die Beschlüße12 der GotthardCommißion mit großem Intereße vernommen. Ich gratulire Ihnen zu letzterm Erfolge aufrichtig. Jene Beschlüße sind derart, daß sie unbedingt zu der Erwartung berechtigen, daß wir in der öffentlichen Meinung fast der gesammten Schweiz bald unsere mächtigsten Verbündeten haben werden.13
Wir werden Dienstag Abends von hier abreisen &, je nachdem wir in Darmstadt längere oder kürzere Zeit aufgehalten werden, Mittwochs oder Donnerstags | wieder zu Hause eintreffen.
In der Hoffnung, in wenigen Tagen das Vergnügen zu haben, Ihnen mündlich noch weiter rapportiren zu können, verbleibe ich mit aufrichtigster Verehrung
Ihr
ergebenster
G. Stoll
Zürich,
25. April
1869.