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|Berlöin 2. Oktober 1995|

An einem sonnigen Herbsttag, dem 2. Oktober 1995, Vortag der Fünfjahresfeier der deutschen Einheit, spazierte ich mit Alisha im Tragebeutel vor meinem Bauch über den Mauerstreifen. Auf dem Weg zum Mauermuseum hinunter erzählte ich meiner friedlich schlafenden Tochter, dass dies meine Wiese sei. Da sei ich Wiesenschafter. Früher hätte man vielleicht diese Berufsgattung als die der Hirten bezeichnet. Meine Schafe und Kühe hätten Flügel und sähen aus wie Schmetterlinge. Ein Hirte mit fliegenden Kühen also. Ich spazierte an den Brennesselbüschen vorbei, auf welchen die Raupen meiner fliegenden Kühe gegrast hatten. Nun waren sie herbstlich verdünnt. Am Flachdachbetonbau der Versöhnungsgemeinde prangte ein Plakat : "Bibeltage in 13355". Zunächst sah ich nur diesen seltsamen Titel. Was das bedeuten soll: "Bibeltage in 13355". Fehlten da die Punkte eines Datums? 13.3.55? Oder war das eine ganz neue utopistische Veranstaltung, eine Vorschau auf Bibeltage im Jahre 13355? Bei nährerer Begutachtung der Vortragsreihe erfuhr ich, dass 13355 die Postleitzahl von diesem Stadtteil in Wedding ist. Eine numerische Ortsbezeichnung also. Vor ziemlich genau einem Jahr war ich das letzte mal hier gestrandet. Damals noch nicht Vater, noch nicht Ehemann. Unterdessen waren ein paar Bücher zum 100. Gründungsjahr der Versöhnungskirche erschienen. Der Gottesbau stand da einst auf dem Mauerstreifen, wurde dann aber gesprengt, weil er der sicheren Bewachung des Schutzwalls gegen den Faschismus im Wege stand. Für die Bücher über diese gesprengte Kirche wurde da geworben. Dann waren Informationen über drei Projekte zur Gestaltung des Mauermuseums angeschlagen. Dazu hatte es offenbar einen Projektwettbewerb unter Architekten und Interessierten gegeben. Die ersten beiden Ideen sind mir gleich wieder entfallen. Von der dritten Idee war mir wenigstens noch der Titel in Erinnerung geblieben: "Keine Gedenkstätte". Das sollte der Titel des Mahnmals sein. Eine Furzidee, würden wir dem in gut Schweizerdeutsch sagen. Aber immerhin. Alisha war nicht aufgewacht. Und mit dieser süssen Last vor dem Bauch, konnte man sich nicht einmal aufregen. Es blieb bloss ein Staunen übrig. Durch die unterirdischen Gänge des Nordbahnhofs gelangte ich zur Invalidenstrasse und von dort weiter zur Post, um ein paar Briefe aufzugeben. Auf dem Rückweg nahm ich die Abkürzung durch den Sophienfriedhof, denn da konnte ich dem Autoverkehr entkommen und unter dem Blätterdach der herbstlich verfärbten, ehrwürdigen, Bäume wieder zum Mauerstriefen gelangen. Als ich durch das geöffnete schmiedeiserne Tor eintrat stutzte ich. Wir wurden empfangen von einer schwarzen Katze. Sie schaute neugierig auf die unerwarteten Besucher und sass wie aus schwarzem Marmor gehauen mit glänzendem Fell stolz und selbstsicher vor einer kleinen Statue, die von Efeu umrankt war. Ihr Platz war majestätisch erhöht auf einer kleinen Bühne, die wie für sie gemacht schien. Dieses Podest war aus schwarz gestrichenem Blech eine Abdeckung für eine darunterliegende Spendenkasse für die Pflege des Friedhofs. Die Katze hockte also über dem Einwurfsschlitz dieser Kasse und drehte bei meinem Vorbeigehen aufmerksam den Kopf nach uns um. Seltsame Wächterfigur, Seltsamer Ort ihres Aufenthalts. Die Wege an den Grabreihen vorbei waren bedeckt mit Kastanien. Sie waren teils aus den stacheligen, grünen Hüllen gesprungen und glänzten wie Augäpfel vom Boden herauf. Alisha schlief noch immer. Während ich an den lockeren Reihen der Grabsteine vorbeiging, wurden mir die Motive der Physiker und Geomanten klar. Diese Grabsteine sind eigentlich gemeint, nicht die schwarzen Löcher, durch die man in andere Welten und Zeiten reisen könnte. Das sind die Omphalos, die Orakel, die von den Kräften des Himmels und der Erde und von Orten der Kraft erzählen. Und hier lebt doch die Erinnerung an all diejenigen, die diese Erde bereits verlassen haben und auf andere viel feinere Weise heute bei uns sind. Auf halber Höhe des Weges beim Ausgang zur Ackerstrasse öffnete eben ein Totengräber das Tor, um mit seiner kleinen Zugmaschine und dem Anhänger den Friedhof zu verlassen. Das kleine Gefährt ratterte redlich. Eine Schaufel lag auf der leeren Ladefläche. Es war ein junger Mann mit zu einem Schwanz zusammengebundenen, langen Haaren. Eine wohltuende Ruhe lag in diesem schlichten Friedhof. Viele kleine, unscheinbare Steine markierten die Ruhestätten. Dazwischen standen hohe Bäume und viel Gewächs um die Gräber. Am Ausgang zum Mauerstreifen, wo sich die Bäume lichteten und die jüngsten Gräber lagen, bemerkte ich im Gegenlicht einen Mann, der sich bei einem frischen Grab niedergelasen hatte und einen kleinen Strauss Rosen umständlich aus dem durchsichtigen Cellophanpapier auspackte. Er gab seine Blumen zu den anderen Sträussen, die das Grab mit ihren kräftigen Farben ganz bedeckten. Als der ältere Mann mich sah, den Wanderer mit dem Baby vor dem Bauch, erhob er sich und schaute uns sinnierend nach.
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Seit einer Stunde war ich mit Alisha unterwegs. Es war ein prächtiger, klarer Herbstvormittag. Der Himmel glich einem tiefen See, die Häuser hoben sich im Sonnenlicht hell ab. Azita hatte mir gesagt: "Komm nicht vor 12 Uhr wieder." Sie wollte noch etwas ausruhen von den Anstrengungen der Mutterschaft und von ihrer Grippe, die auszuklingen schien, sie aber doch ziemlich hergenommen und geschwächt hatte. Und dann wollte sie in Ruhe eine Dusche nehmen, bis wir wieder kämen. Mein Spaziergang führte Alisha und mich zur Sparkasse, dann trank ich in der Bar "Kapelle" bei der Zionskirche einen Tasse Milchkaffee und schlenderte im Sonnenschein über den Grenzstreifen zur Strelitzerstrasse. Da also stand ich mit der schlafenden Alisha im Beutel um 11. 45. So entschied ich, noch zur Ackerstrasse weiterzugehen, durch das Gebiet, auf welchem ich meine Raupen des kleinen Fuchses gefunden hatte, und von wo ich die Brennesseln als Futter für meine Haustiere geschnitten hatte. Die Wege in diesem Gebiet nehmen einen seltsamen Verlauf. Von der Strelitzerstrasse führt er zu nächst 100 Meter geradeaus. Da sprach ich zu Alisha : " Was würdest Du wohl über Deinen Papi jetzt sagen, bei dem was er da empfindet, diesen Weg mit Dir zu gehen, den ich hunderte Male gegangen bin, als Du noch in Azitas Bauch warst. Da ging ich hinunter, immer wieder, um Brennesseln zu holen und täglich durchstöberte ich das ganze Gebiet um Raupen der Schmetterlinge zu suchen. Du würdest sicher sagen : der Papi ist ein Lappi. Du hättest recht. " Dann aber vor einem kleinen Abhang, zweigte ein Weg links ab, führte in einer Schleife in einen zweiten Weg, der dann fast parallell zum ersten in der Ackerstrasse mündete. Vor der Mündung waren sie nochmals miteinander schräg verbunden.
Doch nun, als ich da hinuntersah entdeckte ich plötzlich zwischen dem Weg und der Baumreihe an der Bernauerstrasse ein seltsames Gebilde. Auf meiner Wiese stand da ein etwa drei Meter hohes Gehege aus massivem Maschendraht, der an armdicken Holzpfählen befestigt war. In dem etwa drei auf zwei Meter grossen abgesteckten Gebiet standen zwei seltsame in orange Planen eingepackte Gebilde. Von weitem musste man vermuten, es seien technische Apparate darunter geschützt, Pumpen oder Transformatoren. Am Gehege waren an allen vier Seiten Tafeln befestigt: "Betreten der Baustelle verboten, Eltern haften für ihre Kinder." Da war ich also angesprochen in meiner Verantwortung für Alisha vor meinem Bauch. Doch die Gebilde sahen so in nichts nach etwas Lebensgefährlichem aus. Das eine glich in den Konturen der orangen Plane entfernt einem Pferd, einem mannshohen, trojanaischen oder Schauckelpferd vielleicht. Das zweite Gebilde besass dieselbe Höhe von vielleicht eineinhalb Metern, war aber kleiner als das erste. Unter der Plane lugten mächtige Holzbalken hervor, auf denen offenbar die eingepackten Objekte ruhten. Sie mussten sehr schwer sein, dass man sie auf Balken von der Grösse von Bahnschwellen stellen musste. Seltsamerweise aber waren diese Balken an den Enden geschnitzt. Grob zwar nur waren da Verzierungen in Form von geschwungenen Blättern zu sehen, und die Längsseiten der Balken waren ebenfalls in schlichten runden Rillen an den Ecken gestaltet und gehobelt. An einem Ende eines solchen Balkens ragte eine ellenlanger dicke, verkrümmte Eisenstange heraus. Sie trug am Ende ein Gewinde mit einer schweren Mutter. Da musste der Balken also befestigt gewesen sein. Die Enden der anderen Balken waren teilweise verrottet. Die Balken machten einen wertvollen Eindruck. Sicher aber waren sie zu wertvoll, um nur als Gestell unter einer Pumpe verwendet zu werden. So entstand nach und nach die Idee, dass da eventuell zwei Kunstwerke aus Metall darunter liegen könnten. Zwei Plastiken, die vielleicht auf diese Hölzer montiert waren. Durch die Verpackung in den orangen Planen mit den starken Stricken, die gekreuzt, längs und quer über die Objekte festgezurrt waren, musste ich an den verhüllten Reichstag denken, aber auch irgendwie an Tinguely. Mit roter Schrift war von Hand auf eine weisse Tafeln geschrieben worden. "Achtung, Lebensgefahr!" Das konnte also auch eine Rauminstallation sein, eins dieser modernen Objekte mit denen man die Menschen beschäftigen wollte, ohne sich selbst damit beschäftigt zu haben. Die Warnung klang keineswegs glaubhaft. Auch weil die Tafel von Hand geschrieben war und so inoffiziell aussah und die Schrift im Vergleich zu ihrem Inhalt so dünn und ungefährlich wirkte. Dies konnte nur jemand geschrieben haben, der nicht wusste was er schrieb, oder aber wusste, dass das, was er schrieb, eigentlich nicht stimmte. Das Gehege stand präzis in dem Gebiet, wo ich das Photo zu meinem Bild "Mittags in den Kräutern" gemacht hatte und auch wenige Meter neben der Stelle, wo ich vom kräftigsten Stock meine Brennesseln für die Raupenfütterung geerntet hatte. Als ich um das Gehege herumging, bemerkte ich die Lösung des Rätsels auf einer weiteren Tafel : " Glocken der Versöhnungskirche, Infos : Bernauerstrasse 111. " Diese Erklärung erschütterte mich. Nun konnte ich auch die Glocken unter den Planen erahnen. Es mussten drei Stück sein. Unter der Pferdeplane standen zwei nebeneinander, gemeinsam eingepackt. Die dritte war einzeln verhüllt. Und die Balken waren natürlich die Überreste des Glockenstuhls, an denen sie einst aufgehängt waren. Was aber suchten diese verpackten, eingezäunten, Glocken da und weshalb stand da etwas von "Baustelle" und von Eltern die für ihre Kinder haften und Lebensgefahr? Ich begab mich sogleich zur Bernauer 111, wo sich das Gemeindehaus der evangelischen Versöhnungskirche befand. Der Haupteingang war jedoch verschlossen. Ich bemerkte dort einen Anschlag dass heute der Kurs in Hatha-Yoga ausfallen müsse, wegen Krankheit. Die Öffnungszeiten besagten aber , dass man von 9 bis sechzehn Uhr im Büro, das sich gleich daneben befand, eintreten könnte. Als ich dort durch die ganz aus Glas bestehende Front, in der sich die Türe zum Büro befand hineinschaute, war es darin so dunkel, dass ich nur ein Architekturmodell des Mauermuseums erkennen konnte. Und dahinter, hinter einer weiteren Glaswand einen Mann, der am Telefon war, mich aber nicht sah. So kehrte ich um und entschied, später vielleicht nochmals zu kommen. Ich trat unter dem schweren Betonvordach des Eingangs auf den Gehsteig hinaus ins warme Sonnenlicht, das zwischen den herbstbunten Bäumen hindurch schien. Da blieb ich kurz stehen. Ich sah, wie ein Mann das Büro des Gemeindehauses durch die Türe verliess vor der ich zuvor gestanden hatte. Meine Blick richtete ich nun zum Grenzstreifen hinüber, ich blieb aber auf dem Gehsteig stehen, betrachtete die Menschen, die auf den Autobus warteten und zündete mir eine Zigarette an. Es war eine West. Sven hatte mir gestern das Paket ins Atelier gebracht, als wir seine Korrekturen zu meinem Text über die Wiesenschaft besprochen haben. Hier nun eine West zu rauchen machte tatsächlich Sinn. Das vergass ich aber gleich wieder. Plötzlich spürte ich, wie etwas auf meinen Kopf fiel und dann neben Alisha im Tragebeutel liegen blieb. Es war der Propeller des Ahornbaumes, eine dieser Nasen des Ahorns. Ich musste lachen und dachte dabei : "Du bist ein Schlingel, ehrlich." Nun kehrte ich wieder um und trat nochmals auf die Glasstüre der Büros des evangelischen Versöhnungsgemeinde zu. Nun konnte ich in der Dunkelheit erkennen, dass da ein Mann war, den ich zuvor nicht gesehen hatte. Er sass mit dem Rücken zur Türe vor einem Computer und telefonierte. Ich betrat den Raum. Der ältere Herr, der gerade irgendwelche Daten des Anrufers in eine Windowsmaske eintippte, schaute kurz zu mir auf. Ich grüsste und sagte, ich sei wegen dem Buch über die Versöhnungskirche gekommen. Ob man es hier kaufen könnte. Er fragte ob ich warten könnte. Ich bejahte. Während er weiter mit seiner Maus in der Maske auf dem Bildschirm herumfuhr und Telefonnummern eintippte, schaute ich mich um. Es stand da noch ein zweites Pult, auch mit Computer und einer ganzen Menge von Zetteln und Akten und Prospekten übersäät und daneben noch ein Pult mit einem Computer im Towergehäuse. Der Raum war halbiert mit einem Regal in welchem reihenweise Ordner standen, auf einem Tisch lag ein Stapel Zeitschriften mit dem Titel "Der Rabe Ralf, Umweltabhängiges Magazin," dazu Flugbläter über Bibelgespräche, Infos über Kurse und dergleichen. In nichts unterschied sich dieses Büro von dem eines Immbobilienmaklers, eines Greenpeaceshops, Versandhausbestellcenters, oder einer Behörde ausser in der etwa grösseren Unordentlkichkeit und in der Dunkelheit, die da herrschte. Ich konnte beim besten Willen keine Anhaltspunkte finden dafür, dass dies das Büro einer religiösen Gemeinschaft sein sollte. Ja, mit sehr viel Phantasie konnte man im Towergehäuse des Computers vielleicht noch das Modell eines modernen Kirchturms erblicken. Während ich gelangweilt den "Raben Ralf" durchblätterte trat aus dem nur mit Glas begegrenzten Gang durch eine Glastüre ein junger Mann ein und setzte sich ans zweite Pult. Er schaute mich fragend an, ich trat zu ihm und unterbreitete mein Begehren, ob es hier das Buch über die Versöhnungskirche zu kaufen gäbe, für welches man am verschlossenen Eingang des Gemeindehauses Werbung mache. Er schaute etwas konsterniert in die Runde und sein Bedauern war schon zu spüren. Das Buch lag auch nirgend auf. Und es schien , als ob er danach suchen würde, obwohl er wusste, dass hier im Büro eigentlich keins sein konnte. Dann tauschte er mit dem älteren Mann, der sein Tlefongspräch unterdessen beendet hatt ein paar kurze Worte, in denen es um einen Raum oder einen Kasten oder einen Tresor ging, der vielleicht nun geschlossen sei, und in welchem wahrschenlich die Bücher oder aber die Kasse lagerte. Es schien also Komplikationen zu geben. Deshalb richtete ich das Gespräch nun auf den Kern meines Besuches und erklärte dem jungen Mann, dass ich die verpackten Glocken auf dem Grenzstreifen gesehen hätte. "Wie haben sie bemerkt, dass das Glocken sind", verwunderte er sich. "Es steht angeschrieben" entschuldigte ich mich. "Ach ja." erinnerte er sich. "Wollen sie sich setzen" fragte er , indem er auf den Klappstuhl aus Chromrohren und gelochtem Blech vor seinem Glastisch wies. Es war aber nicht einfach sich da hinzusetzen, weil ich ja Alisha im Tragebeutel vor meinem Bauch trug. "Warum stehen diese Glocken da", konkretisierte ich meine Frage. "Also, begann er, "1985 wurde die Versöhnungskirche gesprengt..." "Das weiss ich bereits" versuchte ich die Einleitung abzukürzen. So erfuhr ich anschliessend, dass die Glocken an genau dem Ort stünden, wo einst der Kirchturm der Versöhnungskirche gestanden hätte. Da wollte man nun ein Holzgerüst bauen, um die Glocken einzuhängen, damit man sie wieder läuten konnte. Der freundliche Mann erklärte dazu, dass ja der Streifen nun schon seit Jahren nutzlos brachliege und dass man da etwas machen müsste. Die Idee sei also, dieses Holzgerüst mit den Glocken aufzustellen und die Fundamente der früheren Kirche abzustecken, vielleicht mit Steinen auszulegen und den früheren Boden der Kirche mit grobem Kies aufzufüllen, damit man sehen könnte, wo genau die Kirche gestanden habe. Mir fiel gleich auf, dass man selbst in Verteilstellen von umweltbewussten Magazinen unheimlich Schwierigkeiten zu haben schien mit nutzlosem Land, und dass dieser Widerspruch, ja, diese Faulheit des Denkens, mich eigentlich an der ganzen Umweltszene anekelte. Der junge Mann war aber sympathisch und hilfsbereit. Und mein Vorwurf hätte ihn bestimmt ganz unschuldig getroffen, da er ja dafür nicht verantwortlich wäre. Ich bin ja meist auch höflich, besonders bei Sonnenschein, und wollte ihn nicht belästigen mit einer Diskussion über den Widerspruch des Umweltschutzes und der Denk- und Mahnmalpflege. Deshalb erklärte ich ihm nur kurz, dass ich Künstler sei und mich für den Grenzstreifen sehr interessieren würde. In kurzen Zügen erzählte ich ihm von den Kräutern und Unkräutern die da wüchsen und dass es genau dieses vermeintlich Unnütze sei, das diesem Grenzstreifen seine besondere Bedeutung gäbe. Diese Unberührtheit sei eine Chance zur Betrachtung, wie eine Wunde zuwächst. Als ich von den Schmetterlingen erzählte, den Schwalbenschwänzen und so, bemerkte ich in den Zügen meines Gegenübers eine Mischung aus Mitleid und ungläubigem Interesse. Um ihm nicht Anlass zu geben, mich als geistig Verwirrten zu betrachten, lenkte ich das Interesse auf den Grundriss der Kirche. Dieser Stemmbogen ins Technische lockerte die Athmosphäre augenblicklich. Er holte einen Plan, den er offenbar griffbereit abgelegt hatte hervor und erläuterte ihn mir. Irgendwie schien er auch Angst zu haben, dass da jemand kommt, der diese Idee des Glockengerüstes behindern könnte. Es war mehr diese Unsicherheit, dass er meine Absichten nicht erkennen konnte, oder dass er den angegebenen Motiven nicht folgen konnte, die ihn so dienstfertig machten. Der Plan der Versöhnungskirche aber war für mich höchst interessant. Der Grundriss der Kirche war nicht länglich, wie ich immer angenommen hatte, sondern fast quadratisch. Der Turm stand zur Bernauerstrasse hin und das Kirchenschiff erstreckte sich zum Sophienfriedhof hin. Es stand also wie ein Riegel oder eine Staumauer quer über den Grenzstreifen. Ich erhielt die Auskunft, dass die Glocken, die wertvollen Gegenstände und der Altar vor der Sprengung entfernt worden seien und vom Ostteil der Versöhnungsgemeinde eingelagert worden seien. Da man die Glocken nicht für einen anderen Kirchturm verwenden konnte, der dazu zu wenig stabil gebaut wurde, sei nun das Projekt zur Erstellung dieser Turmmarkierung gekommen. Weil ich angegeben hatte Künstler zu sein, erhob sich dann der junge Mann, um mir ein Flugblatt über eine demnächst geplante Rauminstallation auf dem Streifen zu geben. Es schien sich dieser Streifen also für Veranstaltungen jeder Art geradezu anzubieten. Die scheinbare Leere musste unheimlich provozierend und beschämend wirken. Da man den Blick nicht auf die Dinge lenken wollte oder konnte, die aus dieser Wunde hervorbrachen, musste man sie also mit solchen Pflastern immer wieder zudecken. Letztes Jahr hatte man noch ein Zirkuszelt in den Abschnitt zwischen Brunnen und Chornierstrasse gestellt, da soll nun demnächst ein Altersheim gebaut werden. Das Buch war tatsächlich in einem Kasten oder so eingeschlossen und der Mann entschuldigte sich, dass er auch nicht wüsste, was das Buch koste. Als ich ihn fragte, ob es denn in Buchhandlungen erhältlich sei, sagte er, dass diese es wahrscheinlich bei ihnen hier bestellen müssten, aber dass es dann wahrscheinlich teurer sei. Ob ich morgen kommen solle, erkundigte ich mich. "Besser nächste Woche, dann sind alle wieder im Büro". Damit verabschiedete ich mich von dem zuvorkommenden Mann und spazierte mit Alisha nochmals zum Ort, wo die verhüllten Glocken in diesem Hochsicherheitsgehege standen. Da nun fiel mir auf, dass der Brenesselbusch, von dem ich die Futterpflanzen für meine Raupen gepflückt hatte, genau im Altarraum der früheren Kirche stand und dass das Photo, das ich als Studie zum Bild "Mittags in den Kräutern" gemacht hatte, in unmittelbarere Nähe des Kirchturms entstanden war. Ich war also, ohne es zu wissen fast täglich zur Kirche gegangen, um da die Brennesseln vom Altar zu holen.
Zuhause angekommen traf ich Azita schlafend an. Sie erwachte, bemerkte, dass sie zu lange geschlafen hatte, um jetzt noch Duschen zu können, da Alisha um 12 Uhr gefüttert werden musste. Als ich Alisha wickelte und sie nackt auf dem Wickeltisch lag, erzählte mir Azita davon, dass sie vorhin einen lustigen Traum gehabt hätte. Wir seien im Auto unterwegs gewesen in einem Wald. Das Auto sei aber auch ein Schiff gewesen. Und der Wald auch ein See mit glasklarem Wasser. Das Autoschiff sei eine Art Glasbodenboot gewesen, man hätte da im Wasser eine Menge von Fabelwesen gesehen und auch die Wurzeln der Bäume. Der Wald habe wunderschön ausgesehen, So wie jetzt, die Pracht der Bäume im Sonnenglanz. Und die Sicht ins Wasser sei phantastisch gewesen. Plötzlich sei unter dem Bootauto eine grosse Schlange durchgeschwommen. Ein schönes, mächtiges Tier eine Phyton. Azita sagte, sie hätte Angst gehabt vor der Schlange, obwohl sie wirklich ganz wunderbar ausgesehen habe. Ich hätte sie beruhigt und gesagt : "Die macht uns doch nichts" . So wie ich oft sagen würde, dass sie keine Angst haben solle. Es waren da noch weitere Fabelwesen, die sie nicht näher beschreiben konnte. Dann aber sah sie auf dem Augendeckel von Alisha einen kleinen Wurm. Er sah aus wie die Made der Mehlmotte, die Azita gestern an der Schachtel ihrer Iranischen Kekse entdeckt hatte, und vor der sie sich geekelt hatte. Der kleine Wurm war eine Art Blutegel, der am rechten Augendeckel von Alisha saugte. Als Azita mir dies ängstlich bedeutet, hätte ich erklärt : "Ach ja, das ist der Egel, der gestern an meinem Augendeckel gesaugt hat", dann hätte ich ihn von Alishas Auge weggenomen. Azita hätte protestiert und gesagt :"Den kannst Du doch so nicht wegnehmen, du musst ihn rausdrehen, wie bei den Zecken, sonst bleibt der Kopf drin. " Ich aber hätte sie wieder beschwichtigt und gesagt :"Nein, nein, das ist schon gut. Das ist ein Egel und keine Zecke. Die kleine Wunde heilt bald zu." In der nächsten Szene hätte sie ihre Schamhaare abrasiert gehabt. Und wir seien miteinander ins Bett gegangen. Doch ich hätte ihr dauernd gesagt, während wir miteinander schliefen : "Nein, das musst Du nicht so machen, so musst Du das machen." So hätte ich sie ständig belehrt, bis sie die Lust verloren hätte. Dann sei ich mit Alisha im Zimmer erschienen und sie sei aus dem Traum erwacht.
Der Traum musste genau in der Zeit stattgefunden haben, als Alisha und ich den Glocken begegnet sind und das Büro der Versöhnungskirchgemeinde West besucht hatten.

Copyright: Daniel Ambühl Steintisch Verlag Zürich
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