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Dieses Buch gilt als Jaspersʼ Hauptwerk auf dem Gebiet der politischen Philosophie. Es wurde in einer Zeit geschrieben, in der noch der sogenannte „Kalte Krieg“ zwischen den Supermächten des 20. Jahrhunderts, der Sowjetunion und den U.S.A., stattfand und beide nach der Hegemonie in der Weltpolitik strebten. Für Jaspers bedeutete der Besitz der Wasserstoff-Atombombe durch beide Supermächte eine ungeheure Gefahr für das Menschsein. Wurde es doch damit zum ersten Mal in der bisherigen Menschheitsgeschichte möglich, durch eine zur Verfügung stehende Vernichtungswaffe die gesamte Menschheit vom Erdball verschwinden zu lassen. Jaspers reagierte auf die nun bestehende Möglichkeit der kollektiven Selbstausrottung der Menschheit unter anderem damit, dass er in diesem Buch den von ihm geschaffenen Begriff der Grenzsituation des menschlichen Lebens auf die damalige politische Gegenwartslage anwandte.
In Jaspersʼ existenzphilosophischer Denkperiode vor dem 2. Weltkrieg verwendete er diesen Begriff als eine subjektive Erlebniskategorie zur Bezeichnung von individuellen existentiellen Grenzerfahrungen wie Tod, Schuld, Leiden, Zufall, der unausweichlichen Geschichtlichkeit und Situationsgebundenheit persönlichen Lebens, dem unentrinnbaren Kampfcharakter im Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Jaspers dem Begriff der Grenzsituation einen politischen Bedeutungsakzent, indem er ihn auf die Lage des deutschen Volkes während und nach der NS-Herrschaft übertragen hat. Er sah das deutsche Volk bzw. jeden Deutschen, der unter dem NS-System gelebt hatte, in einer Grenzsituation, weil er eine Form von Schuld auf sich geladen habe. In dem Buch Die Schuldfrage. Zur politischen Haftung Deutschlands unterschied Jaspers zwischen vier Formen von Schuld (kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld). Die durch die Erfahrung mit dem NS-Herrschaftssystem hervorgerufene Grenzsituation sollte aus der Sicht von Jaspers eine radikale „Umkehr“ der bisherigen politischen Weltsicht der Deutschen hervorbringen, so u. a. eine Abkehr vom obrigkeits- und nationalstaatlichen Denken.
In dem Atombomben-Buch wird der Begriff der Grenzsituation nicht mehr auf existentielle Erlebnisse oder auf die politische Lage des deutschen Volks angewandt. Er wird vielmehr auf die weltpolitische Lage der gesamten Menschheit übertragen. Jaspers vertritt dabei die Auffassung, dass die Entwicklung der modernen Technik nicht nur zur Entwicklung der Atombombe geführt, sondern auch die Möglichkeit eröffnet habe, durch technische Kontrollinstrumente und Überwachungsapparate die Menschheit einer totalen Kontrolle und Manipulation zu unterwerfen. Deshalb stehe die ganze Menschheit in einer universalen Grenzsituation. In der weiteren politischen Entwicklung gebe es zwei äusserste, katastrophale Möglichkeiten, die es in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben habe. Dies sei (a) die Möglichkeit, dass die Menschheit in der nahen Zukunft den kollektiven Atomtod erleidet, und (b) die Möglichkeit, dass ein weltweiter terroristischer Überwachungsstaat errichtet wird. Die Konfrontation der damals einzigen Atommächte U.S.A. und Sowjetunion (Jaspers nennt sie Amerika und Russland) wird von Jaspers ausführlich analysiert und in möglichen katastrophalen Konsequenzen durchdacht. Auch die Stellung der UNO im damaligen weltpolitischen Kontext wird untersucht und die Forderung nach Abschaffung des Vetorechts im Sicherheitsrat erhoben.
Neben den zeitgeschichtlichen Ausführungen finden sich in diesem Buch auch eine ganze Reihe von grundsätzlichen Überlegungen zu verschiedenen Konzeptionen des Politischen, wie sie von politischen Philosophen in der politischen Ideengeschichte entworfen wurden, so etwa von Plato, Machiavelli, Tocqueville, Mahatma Gandhi, Max Weber und Hannah Arendt.
Als Konsequenz aus seiner These, dass sich die gesamte Menschheit in einer Grenzsituation befinde, erhebt Jaspers die Forderung, dass es einer universalen „Umkehr“ der politischen Denkungsart bedürfe: Die „alte Politik“, die primär durch nationale Macht-, Einfluss- und Herrschaftsinteressen bestimmt wird, muss schrittweise durch eine „neue Politik“ ersetzt werden, die vom „Überpolitischen“ (Ethos, Opfermut, Vernunft) her geleitet wird. Die neue, an der Vernunft orientierte Politik müsste vor allem durch vernünftige Staatsmänner verbreitet werden, die über alle ethnischen, weltanschaulichen und politischen Grenzen hinweg eine „Gemeinschaft der Vernünftigen“ bilden. Sie sollten Vorbilder für alle Staatsbürger sein und diese zu einem vernunftorientierten Handeln anleiten bzw. erziehen. Ihr gemeinsames, primäres Ziel muss die Herbeiführung eines dauernden Weltfriedenszustandes sein, der nicht durch ein totalitäres Herrschaftssystem, sondern nur durch ein demokratisches System der Politik verwirklicht werden kann.
Dass man in Jaspers auch einen bedeutenden Moralisten des 20. Jahrhunderts sehen kann, zeigen seine Überlegungen zum Verhältnis von Politik und Moral in diesem Buch. In Ausführungen über die neue, von Vernunft geleitete Politik bezieht er sich immer wieder explizit auf moralische Werteinstellungen oder Tugenden. Zum „Ethos“ der neuen Politik gehören für ihn Freiheitswille, Offenheit gegenüber anderen Menschen und deren Ideen, Kommunikationsbereitschaft, Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Opfermut, sowie die Bereitschaft, „das Prinzip der Lüge in der Politik, in Tun und Reden offen zu verwerfen“ (485).