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Dora meldet:
Lagekarte von Europa, Sándor Radó, 1942
Aus der Akte der Roten Armee, 1935: Wir haben soeben den ungarischen Geografen Alex Radó als Agenten verpflichtet. Er ist seit 1918 Kommunist. Seine Frau, eine Deutsche, ist ebenfalls glühende Anhängerin unserer Sache. Radó gab bereits 1924 bei Westermann eine Karte des neuen Rätestaates heraus, für den er den Begriff Sowjetunion in die deutsche Sprache einführte. Sein Reiseführer der Union von 1928 gilt in den kapitalistischen Ländern als Standardwerk. Nach der Machtergreifung der Faschisten flüchtete Radó 1933 nach Paris, wo er die geografische Nachrichtenagentur Inpress gründete. Er ist ausserordentlich belesen, sprachgewandt, gut vernetzt und bereit, für uns Nachrichten zu beschaffen. Wir beschliessen, ihn in Belgien oder der Schweiz zu stationieren. Er wird den Decknamen Dora führen. – Nachtrag dazu, 1944: Dora gründete 1936 in Genf die Nachrichtenagentur Geopress. Diese Tarnung erwies sich als effektiv, da er als anerkannter Wissenschaftler und Redaktor einfach Zugang zu wichtigen Personen erhielt. Seine Infokarten zur politischen Lage fanden guten Absatz bei Zeitungen im In- und Ausland, was ihm ein regelmässiges Einkommen bescherte. Seit 1940 gab er den dreisprachigen permanenten Atlas heraus, der als periodische Zusammenfassung der tagesaktuellen Infokarten fungieren sollte. Davon sind 24 Lieferungen erschienen (Bild). Wir beförderten Dora zum Leiter der Nachrichtengruppe «Schweiz». Leider sind 1943 einige seiner Nachrichtenbeschaffer und alle Funker von der Schweizer Polizei festgenommen worden, wohl auf Druck der Nazis. Wir wissen, dass er in den Untergrund ging, allerdings haben wir seither keinen Kontakt mehr zu Dora herstellen können. – Aus der Akte des U.S. Office of Strategic Services, 1945: Während eines Zwischenhalts des Flugs von Paris nach Moskau wurde der sowjetische Agent Radó in Kairo verhaftet. Er wird von der Schweiz steckbrieflich gesucht. Nach Radós Aussage floh er 1944 mit Hilfe der französischen Résistance nach Paris. Er stellt sich als unschuldig dar, doch sind seine Darlegungen zur Zeit nicht im Einzelnen überprüfbar. Nach einigen Monaten wurde er nach Moskau überstellt. – Aus der Akte der CIA, 1968: 1955 ist der frühere Agent Sándor Radó aus russischer Gefangenschaft nach Budapest zurückgekehrt. Er wurde dort sofort voll rehabilitiert. Radó ist seither Professor für Geografie und Chef des ungarischen Staatsamtes für Kartografie, zugleich Leiter des Betriebs Cartographia und Herausgeber der kartografischen Fachzeitschrift Cartactual. Auf seine Anregung hin bearbeiten die sozialistischen Staaten die so genannte Karta Mira, ein Weltkartenwerk im Massstab 1:2,5 Mio. – Aus der Presse, 1981: In Budapest ist der führende ungarische Geograf und Kartograf Sándor Radó gestorben. Er war zuletzt Vorsitzender der Kommission für thematische Kartografie in der Internationalen Kartografischen Vereinigung. Dem breiten Publikum wurde diese schillernde Figur bekannt durch die Autobiografie «Deckname Dora» (westdeutsche Ausgabe) bzw. «Dora meldet» (ostdeutsche Ausgabe).
Bibliografische Angaben
Europe = Europe = Europa, von Sándor Radó. 1/IV/42. Genève: Vallier & Blanc, 1942. (Permanent atlas no. 16).
Bildauswahl und Text
Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich