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Pascal Gendre begann sein Berufsleben 1965 als Maurerlehrling. Während seiner fast 50 Jahre dauernden Tätigkeit in der Baubranche hat sich diese extrem gewandelt.
1965 begann Pascal Gendre die Lehre als Maurer im Familienbetrieb seines Onkels in Neyruz (FR), seinem Geburtsort. «Damals war der Maurer ein Allrounder, der ein Haus von A bis Z baute: Von den Fundamenten und Erdarbeiten über die Rohre, den Platten- und den Wandbau, die Estrichverlegung, die Isolierung, das Verputzen, den Aussenausbau bis hin zur Ausstattung war er für alles zuständig», hält Gendre fest. «Es war körperlich sehr anstrengend und wir haben eine Menge Dinge von Hand gemacht.» Eine grosse Mehrheit der Arbeiter hatte keine Ausbildung. Sie lernten ihr Handwerk, indem sie mit den Ältesten arbeiteten. Die Sicherheit war mangelhaft oder nicht vorhanden. Die Gerüste wurden mit Holzmasten und Tabletts gebaut, die alle sehr wackelig waren. Der Beton wurde von Hand aufbereitet, der Zement in 50-Kilo-Säcken zum Bahnhof geliefert, wo er abgeholt, auf den Lastwagen verladen und dann in einer Zementhütte deponiert wurde.
«Jeder sorgte nach Gutdünken für seine eigene Sicherheit.» Pascal Gendre über den Arbeitsalltag vor fünfzig Jahren.
10,5 Stunden pro Tag, 5,5 Tage die Woche, ein Lohn von einem Franken pro Stunde und 2 Wochen Urlaub im Jahr. Als Arbeitskleidung: ein blauer Overall, eine Jacke, eine Mütze und einfache Espadrilles.
Gendre: «Im Nachhinein ist es verrückt, dass diese Arbeiter körperlich so widerstandsfähig waren, obwohl auf den Baustellen viel Alkohol getrunken wurde!» Der hohe Alkoholkonsum war unter anderem dem Konkurrenzkampf zwischen den Brauereien geschuldet. So wurde jeweils regelrecht darum gekämpft, wer zuerst seine Kisten mit Bier ausliefern durfte. Dass die Zahl der Unfälle zu besagter Zeit trotzdem verhältnismässig niedrig war, ist wohl unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Druck geringer war: «Die Maurer arbeiteten in ihrem eigenen Tempo, jeder war für seine Sicherheit selber verantwortlich. Ständig hörte man jemanden schöne Melodien singen oder pfeifen. Die 9-Uhr-Pause, in der wir jeweils ein Stück Brot und einen Servelat assen, war heilig. Und wir alle freuten uns auf das Richtfest – die Belohnung und Anerkennung für die geleistete Arbeit.»
Die Ausbildung zum Bauleiter, welche Gendre zwischen 1968 und 1971 absolvierte, fiel mehr oder weniger mit der Einführung der Verordnung über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer im Bauwesen im Jahr 1967 zusammen. «Es hatte zuvor schon Gesetze gegeben, aber von diesem Zeitpunkt an haben wir mehr über Sicherheit gesprochen. Auch die Suva hat begonnen, ihre Kontrollen zu intensivieren», so der Freiburger. Die Freude über diese Entwicklung hielt sich jedoch in Grenzen: «Wir mochten es nicht, wenn die Jungs von der Suva zu unseren Baustellen kamen, weil wir alle Angst vor ihnen hatten. Es war eine Art Polizei!», erinnert sich Gendre.
Zur selben Zeit wurde er als Bauleiter bei Tacchini SA eingestellt. Dadurch erhielt die Sicherheit für ihn eine ganz neue Dimension, denn Tacchini SA, heute Teil der Frutiger-Gruppe, beschäftigte mehr als 100 Mitarbeiter und war gut mechanisiert. Sicherheit gehörte zum Alltag.
Bei der Tacchini SA gehörte Sicherheit bereits 1967 zum Arbeitsalltag. Das Bild zeigt Pascal Gendre mit Hansjörg von Gunten, dem Sicherheitsbeauftragten der Frutiger-Gruppe.
Die Tacchini SA beschäftigte viele Gastarbeiter aus Italien, Spanien und Portugal. Die meisten von ihnen waren qualifizierte Maurer und lernten unsere Sprache schnell. Wir haben uns verstanden und auch nicht über die Hierarchie gesprochen, so war es relativ einfach, Sicherheitsregeln aufzustellen.
Im Lauf der Jahre wurden die Arbeiten auf den Baustellen durch die Modernisierung der Bautechnik immer weniger physisch und mühsam: Beton wird heutzutage gebrauchsfertig geliefert, die Schalung ist standardisiert und mit integrierten Schutzvorrichtungen versehen, das Gerüst hat Geländer. Die Arbeiter sind alle – auf Kosten des Unternehmens – mit Helmen, Schutzbrille, Sicherheitsschuhen und passender Arbeitskleidung ausgestattet. Kurz: Die heutige Situation ist kaum noch vergleichbar mit derjenigen von früher, auch in Bezug auf die Arbeitssicherheit. «Die Fortschritte, die die Unternehmen in den vergangenen Jahren in der Prävention von Verletzungen gemacht haben, sind vor allem Interventionen und Instrumenten wie dem ‹Bonus-Malus›-System zu verdanken. Diese haben die Arbeitgeber angetrieben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Zahl der Unfälle und dadurch auch ihre Prämien zu reduzieren», resümiert Gendre. «Aber die fortschreitende Technisierung der Baustellen hat auch einen Nachteil: Das Bautempo und die Arbeitsbelastung haben sich erhöht, die Fristen sind kürzer geworden, die Zahl der Spezialisierungen ist explodiert und der Respekt vor der Arbeit anderer fast verschwunden».
Im Jahr 2001 wurde der Freiburger zum Direktor der Frutiger SA Fribourg ernannt, eine Position, die er bis 2014 ausfüllte. Leider musste er in dieser Zeit einen tödlichen Unfall miterleben, wodurch er und seine Kollegen auf ziemlich brutale Art und Weise daran erinnert wurden, wie wichtig die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften ist. «Unfälle sind immer noch zu oft auf Verhaltensfehler zurückzuführen, man trifft schlechte Entscheidungen, weil es schnell gehen muss», erklärt der Neurentner. Es geht also darum, diese Gewohnheiten zu ändern, die richtigen Massnahmen durch Kurse, Schulungen und vor allem durch den Dialog zu fördern. «Aber Geschäftsführer, Bauherren, Architekten und Planer sollten sich mehr um die Sicherheit sorgen und sie nicht aus Kosten- und Zeitgründen aufgeben. Denn das Tempo auf den Baustellen erhöht das Unfallrisiko noch weiter. Sicherheit sollte eine separate Position im Budget sein, damit sie zur Finanzierung unterschiedlicher Sicherheitsbedürfnisse während des Projekts verwendet werden kann - ohne Wenn und Aber. Nichtsdestotrotz: Der Bau eines Hauses und das Betrachten des fertigen Werkes werden immer grosse Vergnügen bleiben!» schliesst Gendre seinen Bericht.