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Meine Meinung: Das Risiko wenn Frauen mehr Lohn fordern
Text: Barbara Achermann, Illustration: Grafilu
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Ich lud ihn zum Kaffee ein und entschuldigte mich umständlich für die indiskrete Frage, die ich ihm gleich stellen würde. Es kostete mich grosse Überwindung, den Arbeitskollegen zu fragen, was er verdient. Ich arbeitete temporär und war kurz davor, meine erste Festanstellung zu bekommen. Bei der Gewerkschaft hatte ich mich bereits erkundigt, wie viel ich in etwa verdienen sollte. Der Kollege gab mir freundlich Auskunft. Sein Lohn war 500 Franken höher als das Gehalt, das mir angeboten wurde.
Tags darauf im Anstellungsgespräch forderte ich mehr. Ich wollte nicht zu den Frauen gehören, denen man vorwarf, sie würden zu wenig hart verhandeln. Trotzdem fühlte ich mich dabei schlecht. Meine Stimme klang zu laut, ich kam mir gierig und unhöflich vor. Mein Gegenüber, mit dem ich mich bisher sehr gut verstanden hatte, reagierte genervt. Er hielt mir einen Vortrag über die Krise in der Printmedienbranche und gab mir zu verstehen, ich müsse dankbar sein, überhaupt einen Job zu kriegen. Schliesslich bekam ich 300 Franken mehr als ursprünglich angeboten. Es blieben 200 Franken Unterschied, bei gleichem Studium, gleichem Alter und vergleichbarer Berufserfahrung.
Die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen die hartnäckigen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Differenz beträgt 18.9 Prozent und ist sogar noch einen halben Prozentpunkt grösser als vor zwei Jahren. Drei Fünftel kann man auf Funktion, Ausbildung oder Dienstalter zurückführen, zwei Fünftel sind unerklärbar. Sprich: Es handelt sich um Diskriminierung.
Roland Müller, Direktor des Arbeitgeberverbands, weist die Schuld hingegen den Frauen zu, genauer ihrer mangelhaften «inneren Einstellung». Männer seien eher bereit, Sonderanstrengungen auf sich zu nehmen und «Arbeitszeiten weit über die regulären acht Stunden hinaus zu leisten». Das hätten interne Recherchen ergeben. Interne Recherchen?! Müllers schwammige Erklärung steht im Gegensatz zu einer in der «American Economic Review» publizierten Studie der Universität Harvard, die nicht die Frauen rügt, sondern die Unternehmen. Sie zeigt auf, dass Firmen Präsenzzeit im Büro überproportional entlöhnen – unabhängig von der Leistung. Verliererin ist häufig die berufstätige Mutter, die den Abend mit ihren Kindern verbringen will. Selbst wenn sie nach der Gutenachtgeschichte noch zwei Stunden von zuhause aus arbeitet.
Der Bund lancierte vor fünf Jahren den sogenannten Lohngleichheitsdialog, um solche Missstände auszumerzen. Firmen durften freiwillig überprüfen lassen, ob sie ihre Angestellten fair entlöhnen. Doch fast niemand machte mit, das Projekt wurde in diesem Frühjahr eingestellt.
Auch ich habe kapituliert. Heute würde ich mich wegen 500 Franken im Monat vermutlich auf keine hitzigen Diskussionen mehr einlassen. Nicht weil ich Konflikte scheue, sondern weil ich gelernt habe, dass solche Forderungen meiner Karriere schaden können. Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook und Verfasserin des Ratgebers «Lean In», schreibt, sie habe selber ihren Lohn sehr hart verhandelt, würde es aber nicht unbedingt weiterempfehlen. Stelle ein Mann Lohnforderungen, gelte er als zielstrebig. Eine Frau hingegen riskiere, dass man sie als zu aggressiv wahrnehme und nicht weiterbefördere. Sandberg zieht einen drastischen Vergleich: Frage eine Frau nach einer Gehaltserhöhung, sei das, als versuche sie, über ein Minenfeld zu gehen, rückwärts, in Highheels.
Welcher Frau kann man es da übel nehmen, wenn sie die Stilettos abstreift, die Füsse auf den Tisch legt und auf die späte Einsicht der Arbeitgeber hofft.