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Der Lauf des Lebens
Geburt: am 7. Nov., 06:10 Uhr im Vogelsang-Spital in Biel
Als Tochter von Marie-Louise Zwez-Irlet (1911-2001) und Georges Nicolas Zwez (1907-1992) wachse ich in Neuhausen a. Rhf. auf.
Die Eltern waren nach der kriegsbedingten temporären Schliessung von General Motors in Biel 1940 nach Chur gezogen, wo GNZ eine Ersatz-Stelle bei den Emser Werken gefunden hatte. Daselbst kam 1943 Stéphanie Zwez (heute Mörikofer) zur Welt. Nach dem Krieg wechselte GNZ zu +Georg Fischer+ in Schaffhausen, wo er zunächst als Kaufmann, später als Vize-Direktor tätig war. Die Mutter erzieht die Kinder, hält die Familie zusammen und verwaltet ab 1957 das elterliche Erbe mitsamt Pfahlbaumuseum in Twann (BE).
Das Erziehungsmotto meiner Mutter: „Sag nur nein, wenn es wirklich nötig ist“. Ihre Autorität ist indes so klar, dass es praktisch keine „nein“ braucht. Sie erzieht mit Liebe, auch mit Toleranz, verlangt aber, nicht zuletzt unter dem Druck des Vaters, ohne wenn und aber Anpassung, Folgsamkeit und Leistung. Vor der Matura werde ich nicht gefragt, was ich gerne möchte.
Die Primar- und die Realschule habe ich nicht in bester Erinnerung. Neuhausen war ein Arbeiterdorf und mein anderer erzieherischer, kultureller und sozialer Hintergrund machte mich zur Aussenseiterin. Ich wurde entsprechend geplagt (ich spüre die Maikäfer noch, die mir Mitschüler gewaltsam in den Pullover stopften). Die Befreiung kam mit der Kantonsschule, wo Interesse, Neugier, Arbeitsfreude endlich positiv bewertet wurden. Glücklich gehe ich mit dem ersten Schulschatz und seinem Hund (eine Lassie) spazieren. Auf dem Munot gibt’s Tanzabende und so wechseln die Freunde im Ein-bis-Zwei-Jahr-Rhythmus. Eine paar gute Jahre.
Musik wird im Elternhaus hoch gehalten – die Daten der Schaffhauser Abonnements-Konzerte sind „heilig“. Die Theatersituation in Schaffhausen ist zu meiner Jugendzeit grossartig – das Schauspielhaus Zürich kommt mit praktisch allen Vorstellungen ins Stadttheater und als Kantonsschülerinnen haben wir die Stehplätze fast gratis (wobei wir uns bei nicht ausverkauften Häusern zuweilen auf die besten Plätze setzen durften); der Schauspieler Peter Brogle ist mein Idol!
In Sachen Kunst hätte ich wohl wenig erfahren, hätte ich nicht das Glück gehabt, bei Max Freivogel Deutschunterricht zu haben, denn er war nicht nur Lehrer an der Kantonsschule, sondern auch Leiter der Abteilung bildende Kunst des Museums Allerheiligen. Und so sehe ich alle Ausstellungen, die dort gezeigt werden, insbesondere von Max Gubler, der in den 1960er-Jahren als „Van Gogh“ der Schweiz gehandelt wird. Ich kann mich heute noch erinnern, wie ich anhand von Gublers Werken erkannte, dass Malerei eine Form existentiellen Ausdrucks sein kann, was meinen beruflichen Weg massgeblich mitbestimmte. Ob meinem Wunsch, Journalistin zu werden, schlägt Max Freivogel allerdings die Hände über dem Kopf zusammen.
Irgendwie kriege ich plötzlich das Leben nicht mehr auf die Reihe und flüchte in eine jahrelange Magersucht. Ein Persönlichkeits-Gutachten ist für meine Eltern ziemlich katastrophal: Hat nie gelernt zu opponieren. Wie hätte mich das meine Mutter auch lehren sollen, hatte sie es, wie die meisten Frauen ihrer Generation, ja selbst nie gelernt.
Trotzdem haben meine Eltern den Mut, mich nach der Matura nach Grenoble ziehen zu lassen, um daselbst zu studieren. Ein richtiger Entschluss, denn ich zeige mich zäh, fahre selbst als Klappergerüst von 35 Kilogramm unermüdlich Ski (es ist ja gerade Olympiade) und lege auch wieder einige Kilos zu. Von Grenoble wechsle ich fast direkt nach Cambridge und tanze jetzt wieder in den Kellern, bei fürchterlich lauter (Beatles)-Musik. Was ich werden will, weiss ich nicht – ich werde immer noch mit „Glace-Handschuhen“ angefasst. Man sieht eine kaufmännische Ausbildung vor für mich. So absolviere ich den damals in Zürich berühmten „Heuss-Kurs“ – eine kaufmännische Schnellbleiche für höhere Töchter mit Matura.
Und werde darauf hin – ich staune heute noch darob – auf Anhieb Geschäftsführerin eines schwedischen Sprachreiseveranstalters für Jugendliche. Wie ein Fisch werde ich ins Wasser geschmissen, aber so wie Kleinkinder automatisch schwimmen, so packe ich die Aufgabe, die alles andere als einfach ist, mit Erfolg. Tagsüber bin ich im Büro, abends verfolge ich Kunstgeschichte-Vorlesungen an der Uni. Dass die Versuche, offiziell zu studieren, scheitern, ist mir zu diesem Zeitpunkt egal.
Irgendwann lerne ich einen Journalisten namens Heiner Halder (HH) aus Aarau respektive Lenzburg kennen. Er hat meinen Traum-Beruf! Und so kommt es wie im Büchlein vorgezeichnet. Im Oktober 1971 wird geheiratet und im November 1972 kommt Dominik Halder zur Welt. Die (weniger meiner Emanzipation als seiner persönlichen Freiheit zugedachte) Forderung, auch als Ehefrau und Mutter berufstätig zu sein, nehme ich mit Engagement auf.
Ich habe das Glück, anfangs der 1970er-Jahre mit der richtigen Hintergrundausbildung auf das vermehrte Bedürfnis der Zeitungen nach Kulturjournalistinnen antworten zu können. In einem Nachtdienst hecken HH und der Verleger des Aargauer Tagblatts, Walter Widmer, eine Sonderaufgabe für mich aus: Zwei Kulturseiten für die im AT-Verlag erscheinende Gratis-Wochen-Zeitung „Aargauer Kurier“. Nach nur wenigen Wochen steht der „Kultur-Kurier“ bereits und der Verleger meint geradezu irritiert: „Das ging aber schnell“. Das ist wohl ein Stück von mir. Ein paar Jahre lange sind diese Kultur-Seiten für mich ein grossartiges Tummel-Feld, mit dem ich nicht nur alle Kultur-Veranstalter des Aargaus kennen lerne, sondern auch schreibenderweise meine eigenen Prioritäten setzen kann.
In unserem Zweifamilien-Haus in Lenzburg ist das Parterre inzwischen eine kleine Dépendance des Aargauer Tagblatts und zugleich mein Büro. Nicht selten ist hinter mir das Laufgitter mit Dominik drin und vor mir die Schreibmaschine. Schwiegermutter Anna Halder in Aarau hütet den Junior, wenn ich auf Atelier-, Künstler- oder Museumsbesuch bin. 1975 kommt Caroline zur Welt. Jetzt wird es komplizierter. Darum entschliesse ich mich, eine Haushalt-Lehrtochter einzustellen. Doris heisst die erste und ist ein Goldschatz. Dann ist es nicht immer so einfach – einmal haben Freunde einer Lehrtochter in meiner Abwesenheit alle mit Zwetschgen gefüllten Einmach-Gläser mit Wodka gefüllt! (Ich hatte ja auch noch einen grossen Garten mit vielen Früchten). Trotzdem waren die elf Lehrtöchter, die bei mir kochen, bügeln und vieles – auch Menschliches – lernten wohl eine Win-Win-Situation für beide Seiten (und die Kinder obendrein).
Im Juli 1978 kommt Evelyne zur Welt. Gleichzeitig gebe ich den „Kultur-Kurier“ auf und schreibe jetzt als freie Kunstkritikerin für alle vier Aargauer Tageszeitungen. Das sind damals das Aargauer Tagblatt, das Badener Tagblatt, das Aargauer Volksblatt und das Zofinger Tagblatt. Weil man in dieser Zeit als Frau das Gefühl hatte, besser und zuverlässiger und fleissiger sein zu müssen als die Männer, war es für mich selbstverständlich, dass ich über dieselbe Ausstellung (z.B. bei Elisabeth Staffelbach im „Brättligäu“) vier verschiedene Texte zu schreiben habe (erst in den 1980er-Jahre reduziere ich auf zwei Texte).
Der für mich seit anfangs der 1970er-Jahre prägendste Ausstellungsort ist aber ganz klar das Aargauer Kunsthaus. Heiny Widmers Programm-Ausrichtung auf Outsider einerseits, aktuelles Schweizer Kunstschaffen andererseits, wird zu meinem eigenen Blickwinkel. Zwar ist Heiny Widmer keineswegs erbaut davon, dass jetzt eine junge Frau über seine Ausstellungen schreibt – in einem Gespräch, bei welchem ich nota bene dabei stehe, beklagt er sich einmal bitter darüber, dass die Frauen jetzt meinten, der Kochherd genüge ihnen nicht mehr. Das hat mich selbstverständlich verletzt, aber irgendwie habe ich es dann wieder verdrängt, genau so wie den Satz des Lenzburger Ortsbürgerkommissions-Präsidenten, der mich um 1973 mit einer Trauerrede in seinem Gremium begrüsst hatte: „Meine Herren, wir müssen mit Wehmut zur Kenntnis nehmen, dass die schönen Zeiten unter uns nun zu Ende sind“ (frei nach Schiller).
Einer, der mich indessen stets unterstützt hat, der für mich – ohne dass er sich selbst dessen bewusst gewesen wäre – Lehrerstatus hatte, war der Lenzburger Bildhauer Peter Hächler. Mehrfach darf ich Ausstellungen im Aargauer Kunsthaus mit ihm zusammen anschauen; mit seinem scharfen Auge zeigt er mir, wo Kunst Qualität hat und warum und wo eben nicht. Ich habe seine Worte aufgesaugt wie ein Schwamm. Auch über die wöchentlichen Porträts von Kulturschaffenden, die ich schreibe, habe ich unmittelbaren Kontakt mit verschiedensten künstlerischen Positionen, aber zur Kunstszene im engeren Sinn gehöre ich nicht. Ich bin aufgrund meiner Familien-situation Teil der bürgerlichen Gesellschaft und schaffe es auch nicht, nach Vernissagen zum Beispiel, mit der Szene in den Ausgang zu gehen; ich wäre dort wahrscheinlich auch gar nicht willkommen gewesen.
Ein für meine persönliche Welt-Sicht entscheidendes Ereignis ist Mitte der 1970er-Jahre die Begegnung mit der Malerin Tamara Alexandrides, die in ihrem Haus in Oberwil (AG) die Galerie mati führt. Sie und ihr Freund (später Ehemann) Uri Erez erzählen mir erstmals von energetischen Kräften ausserhalb meiner selbst, von Dingen wie Aura, Charma, Tod und Wiedergeburt, von energetischen Kräften, die in uns, mit uns und um uns sind. Tamara selbst ist ein Medium, weiss wovon sie spricht. Mein Unglauben, meine Abwehr wandelt sich mit einem Stapel von Büchern in immer grössere Neugierde. Vorträge, Gruppengespräche, Diskussionen weiten das Bild.
1977 erteilt mir Tamara den Auftrag einen Text für ein Buch über sie zu schreiben. Gleichzeitig fahre ich, dem Rat von „Gotte Martha“ folgend, zu einer Entschlackungskur nach Österreich, um meine Stoffwechselprobleme und meine häufigen Kopfschmerzen los zu werden. So nutze ich die verordnete Musse, um zu lesen und zu schreiben. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Tamara und Uri je an die Realisierung des Buches dachten, oder ob sie mich einfach dazu bringen wollten, mich in die Materie zu vertiefen. Letzteres ist in ihnen jedenfalls gelungen.
Der für mich entscheidenste Denk-Schritt kommt allerdings erst später, mit der Lektüre von Vilem Flusser, der, wenn auch in anderem Kontext, sagt: Es gibt keinen Unterschied zwischen materieller und immaterieller Erscheinungsweise. Damit öffnete er mir gedanklich eine Welt, die eine faszinierende Einheit zwischen Leben und Tod, hier und dort, sichtbar und unsichtbar, fassbar und unfassbar bildet. Das ist mir bis heute „heilig“, auch wenn es nicht mehr so im Zentrum steht wie damals, und ich – ähnlich wie Josef Beuys – vorsichtig mit den Wörtern umgehe, um nicht undifferenziert in den Esoterik-Topf geschmissen zu werden. Bücher wie das „Tao der Physik“ (Fritjof Capra) und „The spiritual in art – abstract painting 1890-1980“ werden zu „Bibeln“. Meine Texte zum Werk der Pendlerin Emma Kunz sind ein beredtes Beispiel dafür.
Schon zuvor, exakt im Frühling 1981, kommt wieder einmal der Skorpion zum Zug und reisst alles Bestehende ein. Ich verliebe mich in den 25 Jahre älteren, verwitweten Aargauer Unternehmer und Kunstsammler Max Amsler aus Biberstein. Alles geht drunter und drüber. Schliesslich etabliere ich mich mit zwei Leben – eines in Lenzburg mit den Kindern, wo sich Vater und Mutter mit beidseits viel gutem Willen in die Erziehung teilen, eines an der Seite meines neuen Partners. Der Beruf hält mich, wenn das Gerüst wieder einmal arg am Wanken ist und das ist nicht selten.
Mit der neuen Lebenssituation ab 1981/82 ändert sich vor allem der Rayon; Max Amsler nimmt mich mit in nationale/internationale Ausstellungen – unvergessen ist der Ausflug nach Sachseln, wo 1981 zum 500-Jahr-Jubiläum des Stanser Verkommnis eine grosse Freilichtausstellung stattfindet – und so schreibe ich fortan sowohl über Aargauer wie über Schweizer Ausstellungen, insbesondere für das Kulturressort des Aargauer Tagblatts und bald darauf auch der Solothurner und weiterer Zeitungen. Biennale Venedig und documenta Kassel werden zu periodischen „must“. Das „neue“ Leben hat mich auch finanziell in eine neue – nicht eben einfache! – Situation katapultiert.
Ich muss nun – abgesehen von den Alimenten, die ich für die Kinder erhalte – selbst für die Familie aufkommen. Das klingt selbstverständlich, ist aber für meine Generation ein Schritt, der zuerst integriert werden muss. Als Frau war ich gewöhnt (und auch dahingehend erzogen), dass das Elternhaus die Kinder unterstützt und dann der Ehemann – das selbst Verdiente war für mich nur so eine Art Zusatz – und jetzt oblag mir plötzlich alles – die Erziehung der Kinder, das Geld verdienen, das Haushalten usw. Und trotzdem sollte/wollte ich genügend Zeit haben für die Partnerschaft. Wie ich das in dieser Zeit alles geschafft habe, weiss ich nicht mehr, wahrscheinlich zuweilen mit zu viel Härte allen Seiten gegenüber. Manchmal auch Tränen vergiessend. Manchmal auch an meinen Kräften zweifelnd. Aber helfen sollte niemand.
Als freie Kunstkritikerin verdiene ich pro Text sehr wenig – wenn ich auf einen den Gesamtaufwand berechnenden Stundenlohn von 20 Franken komme, bin ich in der Regel zufrieden. Dennoch ist die schlechte Entlöhnung ein Dauerthema und führt auch innerlich immer wieder zu „Kämpfen“. Eine feste Anstellung, wo auch immer, ist aber nicht denkbar, da ich nur als „Freie“ zuhause arbeiten kann und damit für die Kinder präsent bin, was mir wichtig ist, nur als „Freie“ ebenso tagsüber, nachts oder am Morgen in aller Hergottsfrühe arbeiten kann. Entschädigt werde ich durch einen der spannendsten Berufe, die man sich denken kann.
Fast zwangsläufig wird in dieser Zeit der Blick auf die Situation der Frau in der Gesellschaft virulent. Vieles wird mir erst jetzt, anfangs 1980er Jahre, bewusst. Miriam Cahn wird mir eine Art Vorbild. Wenn ich wieder einmal nicht den Mut habe, Forderungen zu stellen, Honorare zu definieren, Einzahlungsscheine zu verschicken, denke ich an MC, kippe Scheu und Angst aus dem Fenster und sage mir: Mein Frausein ist mein Recht. Auch schreibenderweise wird die Situation der Frau, der Künstlerin, zu einem Thema.
Ich beginne mit einer gewissen Sturheit bei jeder Gruppen-Ausstellung fein säuberlich aufzulisten, wie viele Künstlerinnen und wie viele Künstler mit dabei sind. Was vielen Kuratoren ziemlich auf den Wecker geht. Auch beginne ich darüber nachzudenken, wie sich denn Werke von Frauen und Männern unterscheiden und wie ich das positiv in mein Schreiben integrieren kann. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist 1989 der Text über die Präsenz respektive Nichtpräsenz von Schweizer Künstlerinnen in Schweizer Museen im Kunstbulletin.
Meine berufliche Tätigkeit ist immer mehr als Beruf, sie ist in gewissem Sinn identisch mit mir selbst. Das heisst aber mitnichten, dass nicht auch die Kinder ihren ganz hohen Stellenwert in meinem Leben gehabt hätten und noch immer haben. Weil Sohn Dominik – wie alle Kinder macht er Freude und Sorgen zugleich – die Schule schlecht und recht durchläuft, habe ich in den 1980er-Jahren eine glänzende Idee (für ihn und mich). Ich sage nämlich: Wenn Du die Bezirksschule mit einer runden Fünf abschliessest, bezahle ich Dir eine grosse Reise.
Etwa ein Jahr später kommt er nach Hause und sagt: „Mami, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, a) ich werde die Fünf haben und b) Du musst zahlen.“ So kommt es zu unserer grossen Mexiko- und vor allem auch Maya-Reise 1988. Eigentlich wollten wir nach Peru, doch das war aus politischen Gründen damals nicht möglich. Lateinamerika war aber klar, wohnte doch Gross- respektive Urgrossvater Zwez einst in Honduras. Noch heute lebt ein grosser Teil der Zwez-Verwandtschaft in den USA. Dass ich mit dem Versprechen an Dominik mir selbst die seltene Möglichkeit grosser Ferien einfädelte, war mir anfänglich nicht klar, war aber wohl schon so.
Klar ist, was dem einen Recht, ist für die anderen billig. Und so reise ich 1991 mit Caroline (noch vor ihrer Genfer-Zeit) nach New York (ihr Wunschziel ist expressis verbis eine Grossstadt). Paritätisch teilen wir unsere Aktivitäten in „Kunst“ und „Nichtkunst“. Noch vor Evelynes Matura geht es 1996 nach Ecuador – Natur ist angesagt, inklusive Galapagos-Inseln. Eine wunderbare Reise, die uns – ohne dass wir das wissentlich so gebucht hätten – einen Privat-Führer und einen -Chauffeur zuhielt, sodass wir wie Prinzessinnen durch Hochebenen und Dschungeldickichte (inkl. River Rafting auf einem Seitenarm des Amazonas, oh Schreck) geführt werden. Die Galapagos-Inseln können uns da kaum mehr beeindrucken, umso mehr als die üblichen Bilder zahmer Tiere von Erinnerungen an Seekrankheit und wilden Kakerlaken überschattet sind.
1992 war ein einschneidendes Jahr in meiner Biographie. Anfangs März hat mein Lebenspartner – nicht ohne Vorankündigung! – einen Hirnschlag, von dem er sich nie mehr ganz erholt. Ich renne zwischen Spital – Beruf – Lenzburg – Kinder und mehr und mehr auch meinen alt werdenden Eltern hin und her; Stress. Am 31. Mai stirbt die der Familie sehr nahe stehende „Tante Ruth“ (eine Schwester meiner Mutter) im Alter von 84 Jahren; das Räumen der Wohnung ist aufwändig, doch es ist berührend, wie man einen Menschen in diesem Moment rückblickend besser kennen und verstehen lernt als je zu Lebzeiten. Weil unser Haus (ihr Elternhaus!) in Twann sehr gross ist, geht vieles von Bern zurück nach Twann.
Anfangs November, exakt am 20. Geburtstag von Dominik wird mein Vater (85) von einem Auto angefahren – er geht nachts bei Regen und in dunklem Mantel nicht über den Fussgängerstreifen! – und stirbt in der Folge. Just als meine Schwester zur Aargauer Regierungsrätin gewählt wird. Meine Mutter bleibt in ihrem Haus in Neuhausen, doch erholt sie sich – für mich immer noch erstaunlich – nicht mehr vom Verlust ihres Partners. Sie, die immer so autonom war, die manchmal auch über zu wenig Freiheit klagte, mag jetzt selbst nicht mehr gehen.
Zu meiner Bürde kommen jetzt immer öfter auch noch Fahrten nach Neuhausen hinzu und das Haus in Twann obliegt jetzt auch mir, da Mutter nicht mehr kann. Ich gebe mir Mühe, aber es ist zu viel; mein Rücken macht nicht mehr mit. 1994 fällt meine Mutter hin – ich bin „zufällig“ gerade bei ihr – und bricht den Oberarm. Eh schon von einer beginnenden Parkinson-Krankheit geschwächt, muss ich sie ins Spital bringen und von da geht es direkt ins Pflegeheim – gut war sie im „Schindlergut“ schon lange angemeldet.
Noch volle sechs Jahre lebt sie da, körperlich zwar geschwächt, aber geistig fit bis zum Ende und die Besuche bei ihr sind nie Pflicht, sondern immer Bereicherung – umsomehr als ich – nun selbst mit dem Familiengut betraut – immer etwas zu fragen habe und dabei viel erfahre, das ich zuvor nicht wusste (oder das mich früher nicht interessierte).
Dennoch: Zwischen Biberstein – ich betreue meinen Lebenspartner (fast) jedes Wochenende – Lenzburg (gut sind die Kinder inzwischen grösser) und Twann pendelnd, versuche ich auch mein berufliches Pensum über die Runden zu bringen (mehr denn je halte ich mich an diesem roten Faden meines Lebens). Neu wird nun auch das Bieler Tagblatt zu einem Abnehmer meiner Texte und ich beginne mich mehr und mehr in die mir privat seit Kindsbeinen vertraute Region Biel-Bern-Neuenburg einzuleben.
Ich bin 1995 zum Beispiel die erste, die in der Deutschschweiz über das lebendige neue Centre d’Art Neuchâtel (CAN) berichtet. Es ist mir nicht einfach nur als Ort sympathisch, vielmehr entdecke ich in Marc Olivier Wahler einen jungen Kurator, der mir aufzeigt, wie man auch junger Kunst mit Intellekt begegnen kann. Das funktioniert vermutlich weil er nicht einseitig frankophon denkt – da sind die unterschiedlichen Denk-Referenzen manchmal Gräben – sondern sich als anglophil bezeichnet und damit ähnlicher argumentiert wie die deutsch-englisch-amerikanische Denk-Achse. Später haben wir dann im Rahmen der Bieler Plastikausstellung von 2000 noch intensiver miteinander zu tun.
Die Annäherung an die Westschweiz macht Spass und erweckt die lange schlafenden Französisch-Kenntnisse zu neuem Leben. Dennoch bleibt die Deutschschweiz mein primäres Blickfeld.
Anfangs 1995 sagt mir mein Chiropraktiker: „Ich sehe, dass sie einen Bandscheiben-Schaden haben, aber das ist nicht der Grund für ihre Rückenschmerzen; entweder sie ändern ihr Leben oder sie arrangieren sich mit den Schmerzen.“ Das war Klartext, hilft aber den schwierigen Schritt eines stückweisen Rückzugs aus der Betreuung meines Partners – Liebe hält sich schwer unter solchen Bedingungen – zu vollziehen.
Noch im selben Jahr hat er – ebenfalls nicht ohne Vorankündigung – eine Hirnblutung, die nach langem Spitalaufenthalt eine Überführung ins Pflegeheim notwendig macht. Anfänglich ist sein Zimmer nur zwei Türen von jenem meines ehemaligen Schwagers (dem Zwillingsbruder meines Ex-Mannes), der seit 1987 (ca.) als Tetraplegiker im „Lindenfeld“ in Suhr wohnt. So gehört ab jetzt wenn immer möglich zwei Mal die Woche ein Besuch im „Lindenfeld“ zum Programm. Max Amsler ist schwerst behindert, aber ich kann ihn immer noch abholen da wo er ist und mit Fragmenten aus seinem Langzeitgedächtnis Brücken zur Gegenwart, zum Leben heute herstellen.
Im Jahr 2000 stirbt er nach einem einwöchigen Abschiedskampf. Paradoxerweise bin ich im ersten Moment ganz euphorisch und denke nur „endlich hat er es geschafft“. Nie vergesse ich den Abend bevor er nachts die Embolie hatte und ins Koma fiel. Da bin ich – völlig zufällig (scheinbar) – am frühen Abend eine Stunde zu früh in Aarau, wo ich irgendeinen Termin habe. Gut, denke ich, das reicht gerade, um Max im Heim „Gute Nacht“ zu sagen. Nie war ich zuvor an einem Freitag um diese Zeit im „Lindenfeld“. Kaum bin ich da, geht die Türe zum Zimmer auf und Max’ Tochter Elisabeth tritt herein.
Unvorhergesehenerweise hatte sie beruflich noch zu tun und kam darum vor der Rückreise ins Bernbiet noch kurz vorbei. Wir waren in dieser Zeit beide häufig da, aber nie zusammen. Doch jetzt hatte Max – davon bin ich überzeugt – seine „beiden Frauen“ gleichzeitig „bestellt“, um von beiden gemeinsam Abschied zu nehmen. Wir haben ihm beide beim Hinausgehen gewinkt und ihn nie wieder bei Bewusstsein gesehen.
Im Jahr darauf stirbt meine Mutter. Auch für sie ist der Tod eine Erlösung. An einem wunderschönen Tag Ende Juni nimmt die Familien in Twann von ihr Abschied. Doch das Rad hat sich nun definitiv um eine Runde gedreht, ich – inzwischen 54 – bin jetzt die ältere Generation und auch meine Kinder sind um einen „Rang“ nachgerückt. Man spürt das.
Beruflich findet bereits 1998 eine Zäsur statt; ich werde mit einem 50%-, später 60%-Pensum Kulturredaktorin beim Bieler Tagblatt und wechsle damit quasi die Seite; ich kann nun selbst bestimmen, über was in der Zeitung geschrieben wird (im Rahmen gegebener Parameter selbstverständlich). Auch die Art und Weise wie die Texte im Blatt erscheinen, kann ich definieren und so wird das Bieler Tagblatt zu einer „Hochburg“ im Bereich der bildenden Kunst – im Vergleich mit dem was vergleichbare Zeitungen sonst in diesem Ressort veröffentlichen. Das macht Spass.
In der Stadt/der Region wird das bald bemerkt und lobend erwähnt (zumindest in meinem Umfeld). Zu dieser Anstellung gibt es ein interessantes Phänomen: In meinem Hinterkopf gab es bezüglich meiner Rolle als nicht ganz freiwillig als Freie Publizistin Tätige einen stetig wiederkehrenden Satz. Er hiess simpel und einfach: Wenn meine jüngste Tochter 20 Jahre alt ist, darf ich. Nicht dass ich mir je hätte vorstellen können, was das genau heisst, aber effektiv meldete sich der Chefredaktor des Bieler Tagblatts (damals Thomas Dähler) zwei Monate nach dem 20ten Geburtstag von Evelyne bei mir und fragt, ob ich Lust hätte zum Team des BT zu stossen … ja, ich hatte und bekam damit zum ersten Mal in meinem Leben einen festen Lohn für meine Arbeit (kein Manager-Gehalt, aber für mich wohl wichtig).
Um nicht plötzlich in eine sehr regionale Tätigkeit eingeengt zu werden, nehme ich zur gleichen Zeit sehr gerne (und stets dankbar) das Angebot von Reinhard Storz vom Internet-Projekt www.xcult.ch an, meine wichtigeren Texte in seinem online-Magazin zu veröffentlichen. So erreichte ich mit meinem Tun stets mehr Leute als nur die Leser des BT, umsomehr als xcult bestens mit der Suchmaschine „google“ vernetzt ist und mir so bei Recherchen nicht selten meine eigenen Texte auf den Schirm bringen. Auch die Arbeit fürs Kunstbulletin nehme ich weiterhin wahr und andere Aufträge auch.
1998 gibt es noch eine weitere Zäsur: Ich werde zum ersten Mal Grossmutter. Sohn Dominik wird Vater von Florin Schweizer. (Ein Schreck für Genealogen: Wenn ich (Zwez) mit meinem Sohn (Halder) und meinem Enkel (Schweizer) spazieren gehe, gibt’s in direkter Linie drei Namen!).
Pendle ich in dieser Zeit noch zwischen all meinen Wohnorten, entschliesse ich mich 1999 definitiv ins historische „Fraubrunnenhaus“ in Twann zu ziehen, ohne freilich die Bleibe in Lenzburg aufzugeben. Das bedeutet unter anderem, dass ich in Twann nun wieder freie Wände habe, um Kunst aufzuhängen … wunderbar!.
Unserem Familienhaus in Twann tut die kontinuierliche Präsenz gut; nicht zuletzt das Ausführen von Renovationen wird nun organisatorisch leichter. Sowieso: Mit all meinen Hausbetreuer-Funktionen in Twann, in Lenzburg, in Bern werde ich mehr und mehr zur Baufach-Frau. Im historischen Fraubrunnenhaus heisst die Devise: Ziel jeder Renovation ist, dass sie niemand bemerkt oder zumindest die Verbindung von alt und neu als „gelungen“ empfindet. Jahr für Jahr gehen Handwerker ein und aus – bis ich sie manchmal am liebsten gleich alle „über Bord“ werfen würde, um das Haus wieder für mich zu haben.
Anfangs des neuen Jahrhunderts werden die Zeiten in der Medienbranche härter, eine Sparrunde folgt um die andere. Meinem Naturel und meiner Liebe zum Beruf entsprechend nehme ich das Minus im bewilligten Budget für Fremdaufträge auf meine Schultern und versuche den Standard trotz allem zu halten und dazu auch noch die Zusatzaufgaben innerhalb der Redaktion zu bewältigen, was mittelfristig immer stärker zu Stresserscheinungen führt, aber einen substantiellen Abbau der Leistungen des Kulturressorts bringe ich nicht zustande.
Ich lasse mich hetzen (auch von mir selbst). Bis ich anfangs November 2005 zum Schluss komme: Es geht nicht mehr, so kündige ich meine feste Anstellung, was mein Körper noch in derselben Nacht mit einer Hirnhautblutung quittiert. „Ferien“ in der Insel sind angesagt. Obwohl ich – ewig dankbar – keinerlei Schäden davontrage, ist der Fingerzeig doch überdeutlich und es geht Monate, bis ich wieder voll bei Kräften bin. Aber: Es ist ab sofort definitiv ein langsameres Tempo angesagt (100% Arbeit statt 200 und zwar inklusive alle Nebenjobs).
Fürs Bieler Tagblatt schreibe ich nun – ich darf mich BT-Autorin nennen – noch ein bis zwei mal die Woche einen grösseren Text und bleibe auch als Beraterin in Kontakt mit der Redaktion. Das ist gut so und verhindert auch, dass ich plötzlich den Kontakt zu Biel verliere. Denn mit einem Generalabonnement der SBB spielt es keine Rolle, ob man ein Projekt in Biel oder in Zürich oder in Basel verfolgt und das geniesse ich.
Die Rückkehr in die Freiberuflichkeit ist wohltuend, habe ich doch eigentlich ein Leben lang meine Tage selbst organisiert. Ende 2011 gebe ich alle journalistische Tätigkeit auf. 40 Jahre sind genügend. Umsomehr als ich mich in der verbliebenden Zeit vermehrt um die historischen „Schätze“ kümmern will, die in unserem Familienhaus in Twann schlummern. Eine eigentliche Geschichte des 19. Jahrhunderts, mit Tausenden von Briefen, Dokumenten, „Journalen“ u.a.m. In einem denkmalgeschützten Haus kann man im übrigen nicht einfach „wohnen“ – hier gilt es auch Jahr für Jahr Unterhaltsarbeiten voranzutreiben, was mich ganz schön auf Trab hält!
Im Spätsommer 2012 erhalte ich ein überraschendes Telefon von der Abteilung Kultur der Stadt Biel. Es gehe um den Kulturpreis, sagt Pierre-Eduard Hefti. Ach ja, ich habe ja jemanden vorgeschlagen, antworte ich. Nein, nein tönt es aus dem Hörer: Ich solle die „Kulturelle Ehrung“ der Stadt Biel für meine Verdienste als Kunstkritikerin erhalten.
Was für eine Überraschung! – Dankesbriefe für einzelne Texte habe ich oft erhalten, aber eine offizielle Anerkennung für die lange, lange (und längst nicht immer bezahlte) Kulturarbeit – nein, das nie. Und so wird denn die Übergabefeier im Volkshaus mit sehr vielen Gästen zum Freudenanlass, den ich nie vergessen werde.
2012 erhalte ich ein Telefonat. Ein pensionierter Zahnarzt möchte wissen, ob es bei mir Unterlagen zur Immigration seiner verstorbenen Frau im Jahre 1935 gebe; sie sei damals im Rahmen einer Hilfsaktion der Schweizerisch-Ungarischen Gesellschaft in die Schweiz gekommen. Das erinnert mich unmissverständlich daran, dass ich endlich die riesigen, verstaubten Papierhaufen im „Oberen Berner Estrich“, die sich mit der grossartigen Kinderhilfsaktion meines Grossvaters ab 1920 befassen, ordnen muss. Über Wochen ist einer der grossen historischen Wohnräume übersät mit Protokollen, Korrespondenzen, Ein- und Ausreiselisten, Telegrammen (den damaligen SMS!) und vielem mehr. Eine aufwändige, aber letztlich wichtige Arbeit, denn ich fand nicht nur die erfragten Unterlagen von 1935, und später viele weitere, sondern habe nun auch ein Archiv der caritativen Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Ungarn, die bis in die heutige Zeit wirkt.
Oft werde ich gefragt, ob ich denn nicht Angst hätte, so allein in dem riesigen Haus in Twann. Nein, habe ich nicht, aber das Handy mitzunehmen in den Estrich oder den Keller ist ein must! Und auch nachts ist es neben mir auf dem Nachttisch. Denn es würde zwangsläufig einige Zeit dauern bis eines meiner Kinder unruhig würde und nachsehen käme.
Nun Bilanz ziehen? Nein, dafür bin ich denn doch noch nicht alt genug und das würde ja heissen, keine Pläne mehr haben. Und davon kann nicht die Rede sein, egal ob es sich um ein Buchprojekt handelt oder darum, das eigene Leben aufzuschreiben, wie es hier geschieht oder mit Geschichte bis zurück zu den Pfahlbauern zu befassen. Immerhin soviel: Es gibt einfachere Leben als meines, aber reiche Leben sind immer kompliziert.