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von Oliver Kaftan
Personen glauben oft, dass schlau wirkt, wer kompliziert schreibt. Auf den ersten Blick spricht auch einiges dafür, komplizierte Ausdrücke zu verwenden. Intelligentere Personen haben einen grösseren Wortschatz und komplexe Ideen lassen sich nicht immer einfach beschreiben. So müssten doch kompliziertere Texte auch aus der Feder von intelligenteren Menschen stammen. Andererseits raten die meisten Schreibexperten zur Einfachheit: Einfache Texte lesen sich flüssiger und lassen sich leichter verstehen. Die leichter zu verarbeitenden Inhalte wiederum könnten zu einer positiveren Einschätzung des Verfassers führen. Doch ist dies wirklich so? Wirken wir auf andere intelligenter, wenn wir weniger komplizierte Ausdrücke verwenden? In fünf Experimenten ging Daniel Oppenheimer von der Princeton University genau dieser Frage nach.
Im ersten Experiment nahm er Essays von Studierenden und ersetzte entweder fast alle (Bedingung „hochkomplexe Version“) oder jedes dritte Wort (Bedingung „mittelmässig komplex“) mit dem jeweils längst möglichen Synonym. Anschliessend legte er den Teilnehmenden einen dieser beiden Texte oder das Original vor und bat sie zu entscheiden, ob sie deren Verfasser zur Universität zulassen würden. Ebenso gaben die Teilnehmenden an, wie komplex und schwierig der Text war.
Die Analysen zeigten, dass der Text mit zunehmender Komplexität als schlechter bewertet wurde, und zwar weil er schwieriger zu verstehen war. Oppenheimer fand diesen Effekt unabhängig davon, wie gut das Original war.
Wörter einfach auszutauschen ohne zu berücksichtigen, wie sie im Kontext anderer Wörter wirken, könnte aber natürlich dazu führen, dass die komplizierteren Texte in der Tat schlechter waren. Im zweiten Experiment verzichtete Oppenheimer deshalb auf das Austauschen von Wörtern und verwendete stattdessen zwei bereits vorhandene Übersetzungen eines Textes des Philosophen Descartes, die sich in ihrer Komplexität unterschieden und somit auch unterschiedlich flüssig lesbar waren. Unabhängig davon, ob die Teilnehmenden wussten, von wem der Originaltext war oder nicht, stuften jene Teilnehmenden, welche den einfacheren Text lasen, den Autoren als intelligenter ein.
Hier könnte man allerdings einwenden, dass die einfachere Übersetzung besser war und Descartes deshalb in der einfachen Bedingung als intelligenter wahrgenommen wurde. Des Weiteren war im ersten Experiment die einfachste Version das Original und im zweiten Experiment handelte es sich bei beiden Übersetzungen um Originale. Es stellt sich deshalb die Frage, was geschieht, wenn der komplexe Text das Original ist und die vereinfachte Version nicht. Analog zum ersten Experiment nahm Oppenheimer deshalb eine komplexe Kurzzusammenfassung einer Doktorarbeit und liess manche Wörter automatisch mit kürzeren Synonymen ersetzen. Wiederum schätzten die Teilnehmenden den Autoren des einfacheren Textes als intelligenter ein. Ferner deuteten die Ergebnisse erneut darauf hin, dass die höhere Intelligenzeinschätzung durch das flüssigere, leichtere Lesen des einfachen Textes miterklärt werden konnte.
Da Oppenheimer jedoch bislang lediglich die Wortlänge bzw. Komplexität der Texte, nicht aber die Leseflüssigkeit direkt experimentell beeinflusst hatte, wollte er sichergehen, dass die Leseflüssigkeit ein entscheidender Einflussfaktor ist und machte eine weitere Studie. In dieser Studie lasen die Teilnehmenden genau den gleichen Text, aber in unterschiedlich gut lesbaren Schriftarten. Klugerweise präsentierte Oppenheimer auch die Instruktionen zur Aufgabe in derselben Schriftart wie den Text. Unterschiedlich intelligente Autoren könnten nämlich verschiedene Schriftarten verwenden. Wenn folglich die Instruktionen in derselben Schriftart verfasst sind wie der Text, deutet dies darauf hin, dass nicht der Autor des Textes, sondern der Versuchsleiter die Schriftart ausgewählt hatte. Auch in dieser Studie bewerteten die Teilnehmenden den Verfasser des besser lesbaren Textes als intelligenter. Dies zeigte, dass tatsächlich der bessere Lesefluss für den Effekt verantwortlich war.
Um zusätzlich zu untermauern, dass die Intelligenzwahrnehmung durch die Leseflüssigkeit beeinflusst wird, nutzte Oppenheimer schliesslich eine einfache Manipulation, die auf folgender Erkenntnis bisheriger Forschung gründet: Personen stützen ihre Urteile häufig unbewusst auf einen einzelnen Grund und unterschätzen die Wahrscheinlichkeit anderer Gründe. Wenn ihnen diese Tatsache jedoch bewusst ist, reagieren sie darauf mit einer Abwertung dieses einen Grundes. Fragt man also beispielsweise eine Person, wie häufig der Nachname „Müller“ vorkommt, nutzen sie die Leseflüssigkeit unbewusst als Indiz für ihr Urteil: Müller liest sich sehr schnell, was darauf hindeutet, dass man den Namen schon sehr oft gelesen hat und er folglich häufig vorkommen muss. Handelt es sich allerdings z.B. um den Nachnamen einer berühmten Person, z.B. „Federer“, liest sich der Name zwar auch schnell, weil man ihn häufig gelesen hat, aber Personen sind sich dessen bewusst, dass es sich wohl um denselben Federer handelt. Dies führt dann zur Unterschätzung der Häufigkeit dieses Nachnamens.
Oppenheimer hatte darauf aufbauend die Idee, den Teilnehmenden ein Essay vorzulegen, das entweder normal oder, aufgrund einer fast leeren Tintenpatrone des Druckers, weniger flüssig lesbar war. Er vermutete, dass die Teilnehmenden automatisch darauf schliessen, dass die schlechtere Lesbarkeit des einen Textes durch die leere Tintenpatrone bedingt ist und nicht durch die Qualität des Textes. Entsprechend sollten sie die Leseflüssigkeit bei diesem Text als Kriterium für die Intelligenz des Autors abwerten, was zu höheren Intelligenzeinschätzungen führen sollte. In der Tat fand Oppenheimer, dass die Teilnehmenden eher bereit dazu waren, den Verfasser des schlechter lesbaren Textes zur Universität zuzulassen und diesen als intelligenter bewerteten.
Die Experimente von Oppenheimer zeigen eindrücklich auf, dass sich mit geringen Abänderungen eines Experiments verschiedene Alternativerklärungen ausschliessen bzw. verschiedene „Beweise“ für eine Erklärung sammeln lassen. Die Intelligenzwahrnehmung eines Autors kann natürlich durch zahlreiche weitere Faktoren als die Leseflüssigkeit beeinflusst werden. Inhaltlich legen die Studien jedoch ganz klar nahe, dass es sich nicht lohnt, Texte komplexer als nötig zu schreiben. Ganz im Gegenteil: kompliziert wirkt weniger schlau.
Literaturangaben:
Oppenheimer, D. M. (2006). Consequences of erudite vernacular utilized irrespective of necessity: Problems with using long words needlessly. Applied Cognitive Psychology, 20, 139–156.
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