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Lohnt es sich, einen Aufklärer und Publizisten, einen Satiriker, der seine beste Zeit in der Mitte des 18. Jahrhudnerts hatte, noch zu lesen, einen, den selbst die Literaturgeschichte zu vergessen beginnt? Der junge Jean Paul verdankte Gottlieb Wilhelm Rabener viel – und gab es auch zu. Einen Versuch war es also allemal wert. Rabener gehört zur Gattung der vorsichtigen Satiriker. Die Obrigkeit, die Lehrer und die Pfarrer nimmt er ganz offen aus seinen Satiren aus. Ebenso will er keine Satiren ad personam liefert. Was bleibt, sind Typensatiren, Ständesatiren. Er karikiert den (männlichen oder weiblichen) Grossbürger, der mehr sein will, als sein Stand zugibt – nämlich adelig. Er karikiert den Adel, der mehr sein will, als sein Stand zugibt – nämlich vermögend wie das Grossbürgertum. Sein Adel ist allerdings der politisch irrelevante Landadel seiner Zeit. Regierende Fürsten werden nicht einmal erwähnt. Er karikiert den kleinen Schriftsteller, der, um von seiner Arbeit leben zu können, auf der ständigen Suche nach einem Gönner ist. Handwerker oder Bauern geraten selten in den Blickbereich Rabeners.
Als Autor handwerklich solide, wenn Rabener auch in keinem Moment an einen Lessing (der ihm mangelnde Aggressivität als Satiriker vorwarf) oder Lichtenberg heranreicht. Swift, mit dem ihn seine Zeitgenossen verglichen, spielt ebenfalls in einer andern Liga. Rabener ist satirisch genug, um Erfolg zu haben, zahm genug, um nicht verfolgt zu werden. Zu Lebzeiten war er ein Bestsellerautor.
Und heute? In seinen Satirischen Briefen gibt es durchaus Sequenzen, die eine Lektüre nach wie vor lohnen. Selbst Anton Panßas Exkursionen über Sprichwörter können auch heute noch ein Schmunzeln hervorrufen. Am besten ist wohl der Teil, wo er in den Himmel sich träumt und die Abgeschiedenen bei ihren Tätigkeiten beobachtet. Die sind nämlich auch als Tote um kein Haar besser als sie als Lebende waren.
Rabener hat seine Satiren 1751-1755 in vier Bänden gesammelt. Diese vier Bände erlebten bis ca. 1790 insgesamt 11 Auflagen. Dementsprechend sind sie auch immer wieder ohne Probleme und ohne grössere Kosten antiquarisch erhältlich. Selber habe ich die 6. Auflage aus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts erstanden.