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Heinrich Wiesner wird 90 – fast eine lakonische Zeile
Heinrich Wiesner, in Reinach beheimatet und als Schriftsteller weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, feiert am nächsten Mittwoch seinen 90. Geburtstag. Für das «Wochenblatt» traf er sich mit Historiker René Salathé, seinem langjährigen Freund, zum Gespräch.
René Salathé / Thomas Kramer
Heinrich Wiesner wurde am 1. Juli 1925 in Zeglingen geboren. Er besuchte das Lehrerseminar Schiers und war zunächst als Heimerzieher und dann als Lehrer in Reinach tätig. Seit 1981 lebt er als freier Schriftsteller in Reinach, wo er zahlreiche Auszeichnungen entgegennehmen durfte. Unter anderem erhielt er den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1973), den Literaturpreis des Kantons Baselland (1980) und den Reinacher Kulturpreis (1986).
Heinrich Wiesner hat sich besonders mit seinen Kurz- und «Kürzestgeschichten» einen Namen gemacht. Noch heute lesenswert sind seine «Lakonischen Zeilen» aus dem Jahr 1965 (aktuelle Sonderausgabe im Lenos-Verlag), in dem er auf knappstem Raum so treffende Einsichten wie «Mit Schweigen reden. Mit Reden sein Schweigen verschweigen» oder «Komplimente sind Investitionen zwecks raschen Gewinns.» formuliert. Seit 1987 schreibt er auch Geschichten und Romane für Schüler. Er war Mitglied der Gruppe Olten, einer sich dem demokratischen Sozialismus in der Schweiz verpflichteten Schriftstellervereinigung, der auch der Literaturleuchtturm Max Frisch angehörte; nach deren Auflösung im Jahr 2002 trat Heinrich Wiesner in die Schriftstellervereinigung Autorinnen und Autoren der Schweiz ein.
René Salathé: Warum hast du ein Leben lang geschrieben? Wolltest du die Welt verändern?
Heinrich Wiesner: Gewiss – wenigstens in jungen Jahren. Ich war zum Beispiel ein Dienstverweigerer, der aber Dienst tat. Hätte ich tatsächlich den Militärdienst verweigert, die Existenz meiner Familie wäre gefährdet gewesen. So blieb es bei der gedanklichen Auflehnung. Im Übrigen möchte ich festhalten: Schreiben war für mich nie nur Hobby, es ist Teil meiner Existenz, es war und ist meine Passion.
René Salathé: Du bist im Oberen Kantonsteil aufgewachsen und gehörst damit zum Baselbieter Urgestein. Wie nachhaltig hat sich diese Tatsache in deinem Schrifttum niedergeschlagen?
Heinrich Wiesner: Urgestein? Besser wäre Gipsgestein, gab es doch in Zeglingen die grösste Gipsgrube der Schweiz. Meine Jugend in einem Bauerndorf hat mich nie freigelassen. Am Anfang stehen Gedichte, die das Baselbiet verherrlichen, dann die Porträts meiner Eltern «Der Riese am Tisch» und «Die würdige Greisin». In «Schauplätze»habe ich schliesslich beschrieben, wie ein Bauernbub den Zweiten Weltkrieg erlebt hat.
René Salathé: Seit 1981 wohnst du in Reinach, der heutigen «Stadt vor der Stadt». Wie hast du diesen Wohnortswechsel «verdaut», hat er dich in deinem literarischen Schaffen beeinflusst? Und falls, wie?
Heinrich Wiesner: Ja, es zog mich vom abseitigen Dorf in die dörfliche Nähe zum geschäftigen Basel. Dem Dorf Reinach, der «Stadt vor der Stadt», habe ich im «Dankschreiben» meinen Dank abgestattet.
René Salathé: Was bedeutet dir Heimat?
Heinrich Wiesner: Zunächst ganz einfach: Dort, wo man wohnt, dort ist man zu Hause. Meine innerste Heimat ist jedoch die deutsche Sprache, ihr fühle ich mich zutiefst verbunden – ihrem Duktus, ihrem Klang.
René Salathé: Du hast einmal gesagt: «Erst war ich ein junger Schriftsteller. Dann wurde ich ein jüngerer. Ich mache mich.» Wie machst du dich heute in deinem Jubiläumsjahr? Bewegst du dich noch immer in «Lakonischen Zeilen» oder «Kürzestgeschichten»?
Heinrich Wiesner: Ich habe nie aufgehört zu denken und könnte daher besonders angesichts der Globalisierung meine «Lakonischen Zeilen» ohne weiteres fortsetzen, ich habe es aber vorgezogen, mich nicht zu wiederholen, sondern neue Ziele anzusteuern. So erscheint nächstes Jahr ein Tierbuch besonderer Art, das sich vor allem an Erwachsene wendet und in Dialogform gehalten ist.