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Kultur
100 Jahre Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG
Am 27. November 1904 schlossen sich 13 jüdische Gemeinden zum Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG zusammen. Aus Anlass seines hundertjährigen Bestehens ist eine Festschrift erschienen. In den Beiträgen wird zurück geblickt, werden aktuelle Fragen aufgegriffen und wird über Themen reflektiert, die das Judentum in der Schweiz betreffen.
Schächtverbot in der Schweiz
Der Anstoss zum Zusammenschluss der jüdischen Gemeinden war das Schächtverbot. Eine Volksinitiative zur verfassungsrechtlichen Verankerung des Schächtverbots, lanciert von den deutschschweizerischen Tierschutzvereinen, wurde 1891 angenommen und ist trotz verschiedener Anläufe zur Aufhebung heute noch in Kraft. Von einem Zusammenschluss versprachen sich die jüdischen Gemeinden ein stärkeres politisches Gewicht als Interessensgruppe.
Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen
Die Zusammenarbeit der Schweizer Juden gestaltete sich oft schwierig. In den ersten Jahrzehnten traten vor allem die Gegensätze respektive Animositäten zwischen einheimischen und aus dem Osten zugewanderten Juden zu Tage. Ausserdem bestand nicht immer Einigkeit darüber, wie mit dem Erstarken des Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg umgegangen werden sollte. Ist Zurückhaltung oder Aktionismus die bessere Reaktion? Konnte sich der SIG angesichts des weiteren Anschwellens des Antisemitismus in der Schweiz Anfang des Zweiten Weltkrieges zu Vorstössen auf politischer Ebene entscheiden, versandeten diese jeweils oder wurden gar klar von den Behörden abgelehnt. Es hatte sich in der Schweiz eine "diskrete Form des Antisemitismus" gebildet. Darüber hinaus bemühte sich der SIG, "die patriotische Gesinnung der Schweizer Juden und ihre Solidarität der offiziellen Schweiz gegenüber zum Ausdruck zu bringen", wie im einführenden Artikel festgehalten wird. Auch dieses Vorgehen war innerhalb des SIG umstritten. Zerreissproben gab es auch in jüngerer Zeit. Das Aufnahmegesuch der 1978 gegründeten Liberalen Gemeinde in Zürich führte zu Austrittsdrohungen orthodoxer Gemeinden und wurde schliesslich abgelehnt.
Heute eine feste Institution
Will man eine Bilanz ziehen, fällt als erstes auf, dass das Schächtverbot - das ursprünglich zu dem Zusammenschluss der jüdischen Gemeinden geführt hatte - heute noch besteht und wohl noch länger bestehen wird. Insofern kann nicht von einer Erfolgsgeschichte gesprochen werden. Auf der anderen Seite ist der SIG inzwischen eine feste Institution, die sich durchaus Gehör verschaffen kann. Was das Wirken gegen Antisemitismus, der offenkundig nach wie vor vorhanden ist, betrifft, kann gesagt werden, dass wenigstens die Gesetze mehr Reaktionsmittel zur Verfügung stellen (Antirassismusgesetz). Ein latentes Problem innerhalb der meisten jüdischen Gemeinden, die dem SIG angehören, ist die Überalterung. Demgegenüber erfreut sich die Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch in Zürich einer guten altersmässigen Durchmischung. Eine Öffnung des SIG gegenüber liberalen Strömungen dürfte von daher in Zukunft ein Thema bleiben.
Der vorliegende Jubiläumsband greift zurückliegende und aktuelle Themen, die das Judentum in der Schweiz betreffen, auf und bietet damit einen guten Überblick. Im Anhang werden die Jüdischen Gemeinden, Institutionen und Organisationen in der Schweiz aufgeführt. Ein Stichwortverzeichnis wäre für ein solch umfassendes Werk angebracht gewesen, soll es doch - wie es im Vorwort heisst - als Nachschlagewerk dienen. Die eingestreuten Bildteile mit Fotografien und Kunstwerken lockern die Festschrift wohltuend auf.