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Mit Bach auf dem Marktplatz
Mit dem Koffer eile ich durch die Berner Bahnhofunterführung, als Musik an mein Ohr dringt. Ein Geiger spielt «Air» von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Ich habe keine Zeit, ihm zuzuhören, werfe aber eine Münze in den Hut und rufe: «Ich fahre ans Bachfest in Leipzig.» In der Comic-Gedankenwolke über meinem Kopf ist zu lesen: «Der Musiker verschafft mir einen Bern-Bezug für meine Kolumne.» Tags darauf sitze ich in der Thomaskirche zu Leipzig, wo Bach von 1723 bis zu seinem Tod Thomaskantor war, damals die Top-Charge im deutschen Kulturleben. Die Kirche ist voll. Hinter mir liegt Bachs Grab, vorne auf der Empore wird seine Musik aufgeführt! Was würde Bach sagen, wenn er dem Grab entstiege? Er würde die Musik erkennen, selbst wenn sein Œuvre riesig ist.
Bach würde aber auch staunen. Der Dirigent mit der schlohweissen Mähne ist ein Japaner, Masaaki Suzuki. Er gehört zu den weltweit besten Bach-Interpreten. Gespielt wird auf historischen Instrumenten, die anders tönen. Würde Bach das Spiel mit modernen Instrumenten besser gefallen, mit der Bach-Trompete etwa, die es zu seinen Lebzeiten gar nicht gab? Seine Meinung wäre eine Stimme von unanfechtbarer Autorität in der Auseinandersetzung zwischen Musikkritikern. Nach dem Konzert geht der «Poller»-Schreiber mit dem Meister hinaus auf den Marktplatz und deutet auf das grüne S-Signet. «Herr Bach, unter diesem Platz fährt eine Eisenbahn.» Bach würde fragen, was das sei. Kutsche ist er gefahren, als er 1720 seinen früheren Dienstherrn, Fürst Leopold von Anhalt-Köthen, ins böhmische Karlsbad begleitete. Kutsche fuhr er auch beim Umzug von Köthen nach Leipzig. Darüber berichtete 1723 eine Hamburger Zeitung: «Am vergangenen Sonnabend zu Mittage kamen 4 Wagen mit Haus-Rath beladen von Cöthen allhier an, so dem gewesenen dasigen Fürstlichen Capell-Meister, als nach Leipzig vocirten Cantori Figurali, zugehöreten.» Oft war Bach zu Fuss unterwegs, etwa 1705, als er als 20-Jähriger Organist die 400 Kilometer von Arnstadt nach Lübeck zurücklegte, um den dortigen Meisterorganisten Dietrich Buxtehude zu hören.
Sonst aber kam Bach kaum aus Mitteldeutschland hinaus. Heute kommt die Welt zu ihm. Bach und der «Poller»-Autor gehen über den Marktplatz. Auf der Open-Air-Bühne spielt ein Orchester sein Violinkonzert. Es hören Menschen zu, die nie ein klassisches Konzert besuchen würden. Da ist eine Frau mit Kopftuch. Herr Bach wundert sich, der Autor fragt sie auf Englisch, woher sie komme – er tippt auf Indonesien. Sie antwortet auf Deutsch: «Ich wohne in Halle.» Plötzlich merkt der Autor, dass hinter ihm Klaus Mertens steht, ein Bass. Der Autor sagt zu Bach: «Herr Mertens hat mit Ton Koopman das Lied ‹Komm süsser Tod› wunderbar eingespielt, es ist auf Youtube.» Bach fragt: «Was für ein Ton?» Darum gehen wir am Sonntag ins Konzert in die Thomaskirche. Mertens singt. Koopman dirigiert. «Weshalb wackelt der Dirigent immer mit dem Kopf?» fragt Bach. «Das ist seine Marotte», sage ich. Auch Koopman gilt als Bach-Crack. Neben uns sitzt eine Familie aus Indien. Kennt man Bach dort? «Oh yes», sagt der Mann. «He belongs to the world.» Bach versteht es nicht. Sein Zeitgenosse und Landsmann Friedrich Händel hätte es verstanden, war er doch in London ein gefeierter Star, quasi der Andrew Lloyd Webber («Cats») jener Zeit. Die beiden Musiker liessen sich in Leipzig beziehungsweise London vom gleichen Starstecher-Scharlatan behandeln, bei beiden mit fatalen Folgen. Bach seufzt. Es muss schrecklich gewesen sein.
Später kommt uns in einer Gasse John Eliot Gardiner entgegen, auch er eine Bach-Autorität. Gedanklich ist der Engländer schon beim Auftritt vom Sonntagabend in der Nikolaikirche: «Wachet auf, ruft uns die Stimme». Auch hier ist die Kirche voll. Es gibt nur noch Plätze auf der zweiten Empore, von wo man nichts sieht, aber alles hört. Gardiners Monteverdi-Chor umfasst 19 Personen, alle mit Solistenqualitäten. «Hatten Sie grosse Chöre, Herr Bach, oder auch so kleine?» Auch so ein Streitpunkt unter Musikkritikern. Das Konzert ist grandios. Die Leute jubeln und stampfen. «Bei uns im Gottesdienst wurde nie geklatscht», sagt Bach. Dirigent Gardiner dreht sich um und lässt das Publikum beim Schlusschoral als Zugabe mitsingen. Bach singt mit. Er kanns ja auswendig.
«Bund»-Redaktor Markus Dütschler gibt zu, dass er Bach nicht persönlich getroffen hat. Aber alles andere ist wahr.
derpoller.derbund.ch