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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität
27. Kapitel. Unterschied zwischen Zeugung und Hauchung.
48. Weil es indes so schwer ist, in dieser gleichewigen, gleichförmigen, unkörperlichen, unsagbar unwandelbaren und untrennbaren Dreieinigkeit die Zeugung von der Hauchung zu unterscheiden, möge denen, die sich [S. 326] nicht weiter emporzustrecken vermögen, vorläufig genügen, was wir über diese Frage in einer Predigt, die für die Ohren des christlichen Volkes bestimmt war, sagten und hernach niederschrieben. Unter anderem sagte ich, nachdem ich durch Zeugnisse der Heiligen Schrift bewiesen hatte, daß der Heilige Geist von beiden hervorgehe, folgendes: „Wenn also der Heilige Geist sowohl vom Vater als auch vom Sohne hervorgeht, warum sagte dann der Sohn: ‚Er geht vom Vater hervor?‘1 Warum anders als deshalb, weil er, auch was sein ist, auf den zurückzuführen pflegt, von dem auch er selbst ist? Dahin gehört auch sein Wort: ‚Meine Lehre ist nicht die meinige, sondern die Lehre dessen, der mich sandte.‘2 Wenn also hier seine Lehre gemeint ist, die er doch nicht die seinige nennt, sondern die Lehre des Vaters, um wieviel mehr ist seine Aussage dort so zu verstehen, daß der Heilige Geist auch von ihm hervorgeht, dort, wo er in der Weise sagt: ‚Er geht vom Vater hervor‘, daß er nicht sagt: Er geht von mir hervor! Von demjenigen aber, von dem der Sohn sein Gottsein hat — er ist ja Gott von Gott —, von dem empfing er, daß der Heilige Geist auch von ihm hervorgeht. Und so hat der Heilige Geist, daß er auch vom Sohne ausgeht, wie er auch vom Vater ausgeht, ebenfalls vom Vater. Da läßt sich nun einigermaßen auch begreifen, soweit das von Leuten unserer Art überhaupt begriffen werden kann, warum es vom Heiligen Geiste nicht heißt, daß er geboren ist, sondern vielmehr, daß er hervorgeht. Würde nämlich auch er Sohn genannt, dann wäre er offensichtlich beider Sohn. Das ist eine große Torheit. Keiner nämlich ist Sohn von zweien, außer von Vater und Mutter. Ferne aber sei es, zwischen Gott Vater und Gott Sohn ein solches Verhältnis zu vermuten! Auch ein menschlicher Sohn geht ja nicht zugleich von Vater und Mutter hervor, sondern, wenn er vom Vater in die Mutter ausgeht, dann geht er nicht [S. 327] von der Mutter aus; und wenn er von der Mutter ans Tageslicht hervorgeht, dann geht er nicht vom Vater hervor. Der Heilige Geist aber geht nicht vom Vater in den Sohn aus, und nicht geht er vom Sohne aus zur Heiligung der Schöpfung. Er geht vielmehr von beiden zugleich hervor, wenngleich der Vater es dem Sohne verlieh, daß der Heilige Geist wie von ihm, so auch vom Sohne hervorgeht. Wir können auch nicht sagen, daß der Heilige Geist nicht Leben sei, während der Vater Leben ist und auch der Sohn Leben ist; denn so hat der Vater, wie er das Leben in sich selbst hat und dem Sohne verlieh, das Leben in sich selbst zu haben, auch diesem verliehen, daß das Leben von ihm hervorgeht, wie es von ihm selbst hervorgeht.“3 Diese Worte habe ich aus jener Predigt in dies Buch übernommen; ich predigte indes da für Gläubige, nicht für Ungläubige.
49. Wenn sie aber schon nicht recht fähig sind, dies Bild zu schauen und zu sehen, welch wahres Sein die Wirklichkeiten haben, die im menschlichen Geiste sind und nicht in der Weise eine Dreiheit darstellen, daß sie drei Personen sind, sondern so, daß sie eine Dreiheit in einem Menschen sind, der eine Person ist: wenn sie schon hierzu nicht recht fähig sind, warum wollen sie von jener höchsten Dreieinigkeit, die Gott ist, nicht lieber glauben, was sich in den heiligen Schriften findet, statt zu verlangen, daß man ihnen ganz durchsichtige Verstandesgründe darbietet, die von dem menschlichen Geiste bei seiner Schwerfälligkeit und Schwäche nicht erfaßt werden können? Wenn sie allerdings den heiligen Schriften als den wahrhaftigsten Zeugen unerschütterlich glauben, dann sollen sie durch Gebet, Forschung und gutes Leben darauf hinarbeiten, daß sie zur Einsicht kommen, das heißt, daß sie, soweit es gesehen werden kann, im Geiste sehen, was sie im Glauben festhalten. Wer soll sie daran hindern? Wer soll im Gegenteil nicht dazu mahnen? Wenn sie aber meinen, diese [S. 328] Wirklichkeiten leugnen zu sollen, weil sie sie mit ihrem blinden Geiste nicht zu sehen vermögen, dann müssen auch jene, die von Geburt an blind sind, die Sonne leugnen. Das Licht leuchtet also in der Finsternis. Wenn die Finsternis es nicht begreift,4 dann mögen sie durch das Geschenk Gottes erleuchtet werden, damit sie gläubig werden und, mit den Ungläubigen verglichen, Licht zu sein beginnen, und damit sie, wenn einmal diese Grundlage vorher geschaffen ist, auferbaut werden, damit sie einmal sehen können, was sie glauben. Es gibt nämlich Dinge, die so geglaubt werden, daß sie überhaupt nie gesehen werden können. Nicht nämlich kann Christus ein zweites Mal am Kreuze geschaut werden; wenn man aber nicht glaubt, daß dies einmal geschah und gesehen wurde, und so nicht darauf hofft, ihn in der Zukunft zu sehen, gelangt man nicht zu Christus, wie er ohne Ende zu sehen ist. Was aber jene höchste, unaussprechliche, unstoffliche, unwandelbare Natur angeht, die durch die Einsicht irgendwie zu sehen ist, so übt sich die Sehkraft des menschlichen Geistes nirgends besser, wenn sie nur unter der Leitung der Glaubensregel bleibt, als in dem, worin die Natur des Menschen den Vorrang hat vor den übrigen Lebewesen, ja was auch über die sonstigen Teile der Seele hinausragt; das ist eben der Geist. Von ihm wurde eine Art Schau der geistigen Dinge ausgesagt; ihm, der gleichsam an einem höheren und innerlicheren Ort ehrenvoll den Vorsitz führt, melden auch die Leibessinne alles zur Beurteilung. Über ihm ist kein Höherer, dem er zur Leitung Untertan wäre, als Gott allein.
50. Indes mit all dem vielen, was ich gesagt habe, habe ich, wie ich einzugestehen wage, nichts der Unaussprechlichkeit jener höchsten Dreieinigkeit Würdiges gesagt, sondern, das wage ich zu bekennen, zu hoch ist mir geworden sein wunderbares Wissen, und nicht kann ich zu ihm.5 Du, meine Seele, wo bist du [S. 329] nach deiner Meinung, wo liegst du, wo stehst du, bis von dem, der all deinen Sünden gnädig ist, alle deine Gebrechen geheilt werden?6 Erkenne doch, daß du in der sicheren Obhut jener Herberge bist, in die dich der Samaritan führte, da er dich von vielen Wunden bedeckt fand, welche dir die Wegelagerer schlugen, und dich halbtot aufhob!7 Und doch hast du viel Wahres gesehen, nicht mit den Augen, mit denen man die Körper in ihrer Farbe sieht, sondern mit jenen, die der Beter meinte, als er sagte: „Meine Augen mögen Gerechtigkeit schauen!“8 Viel Wahres also hast du wahrhaftig gesehen, du hast es von jenem Lichte, in dessen Leuchten dein Schauen geschah. Erhebe deine Augen zu diesem Lichte und hefte sie darauf, wenn du kannst! So nämlich wirst du sehen, worin die Geburt des Wortes Gottes sich unterscheidet von dem Hervorgang des Geschenkes Gottes. Um dieses Unterschiedes willen sagte ja der eingeborene Sohn Gottes nicht, daß der Heilige Geist geboren wurde — er wäre sonst sein Bruder —, sondern daß er hervorging. Da sonach der Geist beider eine Art gleichwesentlicher Gemeinschaft des Vaters und Sohnes ist, heißt er nicht — ferne sei dies — der beiden Sohn. Indes du kannst nicht, um dies deutlich und klar zu sehen, dein Auge auf diese Wirklichkeit heften. Ich weiß, du kannst es nicht. Ich sage dies der Wahrheit gemäß, ich sage es mir selbst, ich weiß, was ich nicht kann. Aber die Dreieinigkeit selbst zeigte dir innerhalb deines Geistes jene drei Wirklichkeiten, in denen du das Abbild der höchsten Dreieinigkeit erkennst, die du noch nicht, die Augen auf sie heftend zu schauen vermagst. Sie zeigte dir, daß ein wahres Wort in dir ist, wenn es von deinem Wissen gezeugt wird, das heißt, wenn wir aussprechen, was wir wissen. Dies Wort ist in uns, auch wenn wir nicht in der Sprache irgendeines Volkes einen bedeutungserfüllten Klanglaut aussprechen oder denken, sondern nur aus dem, was wir [S. 330] wissen, unser Denken geformt wird. Es entstand so zugleich in dem Sehvermögen des Denkenden ein ganz ähnliches Abbild jenes Denkens, welches das Gedächtnis enthielt. Der Wille oder die Liebe eint dabei diese beiden, gleichsam also den Ursprung und den Sprossen, als Drittes. Daß der Wille selbst zwar vom Denken hervorgeht — niemand will ja etwas, dessen Wesen oder Beschaffenheit ihm völlig unbekannt ist —, daß er jedoch kein Bild des Denkens ist, daß sonach in dieser geistig erkennbaren Wirklichkeit irgendein Unterschied zwischen Geburt und Hervorgang nahegelegt wird — im Denken etwas schauen ist ja nicht soviel wie es mit dem Willen erstreben oder auch mit dem Willen genießen —: das erkennt und kennt auseinander, wer kann. Zu denen, die es konnten, gehörst auch du. Freilich konntest du nicht und kannst du nicht hinlänglich mit Worten deutlich machen, was du in den Nebeln der körperhaften Abbilder — ununterbrochen treten diese dem menschlichen Denken in den Weg — selbst kaum gesehen hast. Jenes Licht aber, das nicht ist, was du bist, zeigte dir auch dies: Etwas anderes sind die unkörperlichen Abbilder der Körper, etwas anderes ist das Wahre, das wir, die Bilder zurückweisend, mit der Einsicht schauen. Diese und andere in ähnlicher Weise sicheren Wahrheiten ließ jenes Licht dein inneres Auge schauen. Wo liegt denn also der Grund, daß du auf diese Wirklichkeit deine Sehkraft nicht zu heften und sie nicht zu schauen vermagst? Wo anders als in deiner Schwachheit? Und worin hat deine Schwachheit ihren Grund? Worin anders als in deiner Sünde? Wer anders heilt alle deine Gebrechen als der, der all deinen Sünden gnädig ist? So will ich denn nun endlich dies Werk lieber mit einem Gebete als mit einer wissenschaftlichen Darlegung schließen.
1: Joh. 15, 26.
2: Joh. 7, 16.
3: In Joh. tract. 99 n. 8 u. n. 9.
4: Joh. 1, 5.
5: Ps. 138, 6 [hebr. Ps. 139, 6].
6: Ps. 102, 3 [hebr. Ps. 103, 3].
7: Luk. 10, 30―34.
8: Ps. 16, 2 [hebr. Ps. 17, 2].