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Im «Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil taucht im 11. Kapitel plötzlich der Baron von Münchhausen auf. Die Stelle wird vom Germanisten und Musikwissenschaftler Frieder von Ammon in einem Beitrag zu einem Sammelband zu Münchhausen zitiert, der nächstens erscheinen wird. Musil nennt jenes Posthorn von Münchhausens Postillion, in dem die Töne beim ursprünglichen Blasen steckenbleiben und erst freigesetzt werden, nachdem sie in der warmen Herberge aufgetaut sind, in einer Aufzählung, in der die Entzauberung der Natur durch die Moderne beschrieben wird. Einst als wundersam erlebte und beschriebene Dinge sind plötzlich Realität geworden. «Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren», kommentiert Musil. Der Verlust ist klar: «Münchhausens Posthorn war schöner als die fabriksmässige Stimmkonserve.» Das ist der Blick aus Musils Zeit, also fast aus der Gegenwart, zurück, ein ganz klein wenig nostalgisch; aber der Blick aus Münchhausens Zeit nach vorn lässt sich ebenso, wie von Ammon am Posthorn zeigt, als Vorwegnahme der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst verstehen, so dass der Traum auf seine Verwirklichung drängt.
Münchhausen wird auch von einer anderen Ikone der Moderne – oder einem ikonischen Vorläufer der Moderne – ins Feld geführt. Georg Büchner beschreibt im Juli 1834 in einem Brief an seine Eltern, wie der zuständige kleinhessische Polizeikommissär das Haus von Schreiner Kraus in Butzbach, dem Wohnort des aufrechten Demokraten Ludwig Weidig, nach aufrührerischen Schriften durchsucht habe: «Er rennt, wie Münchhausen, an einen Balken, er schlägt Feuer aus seinem Nasenbein, das Blut fliesst, er achtet nichts und findet nichts. Unser lieber Grossherzog wird ihm aus einem Zivilverdienstorden ein Nasenfutteral machen.» Zu dieser Zeit müssen also selbst mindere Abenteuer des Barons bekannt gewesen sein. Doch nimmt Büchner eine Akzentverschiebung vor. Beim klassischen Münchhausen zieht dieser aus dem Zusammenprall seines Gesichts mit dem Türpfosten einen handfesten Nutzen, da er, aus der durchaus schmerzhaften Erfahrung schlau geworden, auf der Jagd in Ermangelung eines Zündsteins mit der Faust gegen seine Augen schlägt und mit den so entstehenden Funken die Lunte seiner Flinte entzünden kann. Bei Büchner fliesst neben den sprühenden Funken auch Blut, und es resultiert gar nichts daraus: Der Staatsbüttel ist in Parallele zu Münchhausen zum Hanswurst geworden.
Musil stiftet andernorts eine weitere Beziehung zu Münchhausen. Jürgen C. Thöming, idiosynkratischer emeritierter Germanistikprofessor aus Dresden, in den 1980er Jahren Herausgeber des Musil-Forums, hat zu einer vor zwei Jahren erschienenen Festschrift für die Germanistin Gudrun Schulz mit einem fulminanten Artikel zu Paul Celan und Ingeborg Bachmann beigetragen. Es ist ein dicker Band, 690 Seiten, und er enthält einen Strauss unterschiedlichster Beiträge, ganz dem Titelbild angemessen, das ein Stillleben von exotischen Blumen zeigt. So findet sich darin zum Beispiel ein Gedicht über Hölderlin, den die deutschsprachige Nation ja eben ausführlich gefeiert hat. Es findet sich weiterhin ein Gedicht von Volker Braun, über Bertolt Brecht zwar, doch Volker Braun hat früher ja auch einmal ein Gedicht über Hölderlin geschrieben, so wie er natürlich auch zu Büchner reflektiert hat – nicht allerdings zu Münchhausen.
So weit, so weit weg vom Baron. Doch findet sich im Band mit dem schönen Titel «Genussvolles Aneignen der Künste» ein scheinbar weniger spektakulärer Beitrag mit der Überschrift «Besser als jedes Messer?», worunter freilich vom Autor Hans Gärtner keine Gartenschere verstanden wird (welch schrecklicher Kalauer …), sondern ein Buchzeichen, das als «Aufschneider Münchhausen» benannt worden ist. Beigelegt war es einer Luxusausgabe eines Bandes mit Goethe-Gedichten, herausgegeben vom Verlag Langewiesche-Brandt. Und der Verlag warb sogar in Anzeigen mit den grossen Fähigkeiten dieses kleinen Instruments: «Eignet sich besser als jedes Messer zum Aufschneiden des Buches und kann auch als Lesezeichen verwendet werden». Aus der Beschreibung im Artikel wird allerdings nicht klar, ob man damit – etwa mit einer besonders geschärften Kante, die ja nicht ganz ungefährlich gewesen wäre – wirklich Seiten aufschneiden konnte, oder ob das eine blosse Aufschneiderei (und ein Reim) war und der Zweck des mit Jugendstilornamenten gestalteten Kartonstreifens nur darin bestand, als Buchzeichen zu dienen, was durchaus ehrenwert genug wäre.
Schliesslich besteht ein Buch nicht nur aus dem Buch selbst, diesem technischen Wunderwerk und ästhetisch-philosophischen Universum, sondern auch aus zusätzlichen Marginalien. Dazu zählt ein Lesebändchen, natürlich, und zuweilen als Ersatz oder als Ergänzung eben ein Buchzeichen, dessen Gestaltung sich in den letzten Jahrzehnten eher kühlem Werbekalkül unterworfen hat. Zu nennen wäre ebenso das Exlibris, das seinen Wert und seinen Platz allerdings in letzter Zeit etwas verloren hat. Zudem ist es durchaus ambivalent. So repräsentiert es ein individuelles Besitzdenken und ist zugleich mehr, weil es den Besitzer oder die Besitzerin noch nach der Veräusserung des damit geschmückten Buchs einbindet in die heimatsprachliche, ja globale Bücherwelt.
Der eminente Münchhausen-Kenner Bernhard Wiebel – um den Kreislauf zu schliessen – hat vor einiger Zeit aus seinem Familienbestand ein Exlibris sichergestellt. Es gehörte dem Theologen Martin Kähler, wurde etwa 1860 verfertigt, versehen mit einem religiösen Spruch in Latein über das Wort, das jenseits der irdischen Vergänglichkeit bleibt, und man möchte das in entzauberten Zeiten nicht nur aufs biblische Wort und auf das Buch der Bücher beschränkt wissen, sondern aufs Wort und das Buch generell ausweiten. Was bleibet aber, stiften die Dichter, lautet ja ein ikonischer Satz, und was von Münchhausen bleibt, wird in dem demnächst erscheinenden Sammelband zum «Phänomen Münchhausen» vielfältig untersucht, wobei Münchhausen in einem Beitrag von Thomas Fries zur Weltliteratur als Kontinuum der Literaturen der Welt geschlagen wird, so wie Musil und Büchner dazu gehören, die schliesslich Münchhausen ihrerseits zitiert haben.
Stefan Howald / Bernhard Wiebel (Hrsg.): Das Phänomen Münchhausen. Neue Perspektiven. Kassel: kassel university press 2020. 264 Seiten.