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Es gibt viele Bike-Shops in Los Angeles. Aber nur wenige gehen bei ihren Umbauten so weit wie die Burschen von SLC
Zeit kann eine Fülle von Wissen produzieren, allein schon bei einer Spanne von zwanzig Jahren. Manchmal ist es einfach, sich an einige der härteren Lektionen zu erinnern, aber einige brauchen keine Reminder: Sie bleiben durch die geleistete Anstrengung und Handwerkskunst lebendig.
Brian Sloma, der Gründer und Mitinhaber der Spirit Lake Cycles, kurz SLC, begann seinen Lebensweg in einem umgebauten Bordell am Ufer eines Sees in Iowa. Der gleiche See wurde vom berühmten Banditen Mickey Cohen während der Prohibition verwendet, um Alkohol zu schmuggeln – Spirit Lake. Diese Tatsachen sollten als Beweis genügen, dass die kleine Ortschaft mit ihrer ruhigen, nur gelegentlich ausschweifenden Geschichte durchaus dazu taugt, auch eine der angesehensten Motorradwerkstätten in ganz Los Angeles hervorzubringen.
Brian hatte zunächst mehrere Rennautos aufgebaut, doch dann suchte er eine grössere Herausforderung mit stärkerer Ausdruckskraft. Nicht zuletzt ging es ihm darum, den stressigen L.A.-Verkehr wieder zu einem Abenteuer werden zu lassen. Anders als viele Bike-Bauer, die sich heute vorrangig dem Serienbau widmen oder eine Lehre machen, während sie eine Maschine vom Schrottplatz restaurieren, entstand SLC auf Brians Küchenboden. Beim Eintauchen in die Bike-Szene halfen Brian klassische Volkswagen: Sie pumpten Öl und Metall in seine Adern, und als die «Hood Ride»-Bewegung 2004 ihren Anfang nahm, war es sein Brezelkäfer, der national für Aufsehen sorgte. Der damals 17-Jährige hatte das Auto aus einem Feuchtbiotop gerettet und entschied, die dort angereicherte Patina nicht zu entfernen. Dieser VW sowie die Komplettrestauration eines zweiten Beetle von 1967 versorgten Brian mit allen Fachkenntnissen, die er für die Herstellung einmaliger Motorräder brauchte.
Der Umzug nach Kalifornien diente 2005 letztlich dem Zweck, Brians Umbau-Leidenschaft auf solidere Beine zu stellen. Mit öffentlich-nächtlichen Kursen am Art Center of Design in Pasadena trainierte er ein Styling, das künftigen Projekten zugutekommen sollte. Optik spielt bei SLC eine wesentliche Rolle. Dazu wird weniger gezeichnet als praktisch ausprobiert – mit mehreren Händen. Neben Brian sind inzwischen auch der hungrige Addison Weeks sowie der Künstler und Social-Network-Guru Ken Chan an Bord, doch nur Brian arbeitet fulltime für SLC. Gemeinsam nähern sie sich solchen Motorrädern, die ihre Vorstellungen am besten transportieren können. Das Motto lässt sich vielleicht mit «modernen Interpretationen für urbane Fahrer» umschreiben: eingelassene Scheinwerfer, verkürzte Kotflügel, Board-Track-artig vertauschte Handgriffe – alles kein Problem, bis hin zum bizarren Motortausch.
Der Wunsch nach Ruhm kam ausgerechnet mit einer Craigslist-Kleinanzeige – der klassischen Geschichte eines jungen wie naiven Besitzers, der nur wusste, dass er sich von seinem 1985er-Moped trennen wollte – zum Preis eines Abendessens. SLC schlug zu und brachte den 50-Kubik-Roller zur Vollrestaurierung in die Garage. Erst beim Zerlegen des Zweitakt-Motors merkte Brian, was sie da gekauft hatten – eine äusserst seltene Garelli Monza GT nämlich. Höchst erfreut recherchierten sie und fanden heraus, dass die italienische Marke einst Rekorde in Serie gesetzt hatte (VECTURA #8) – und sogar erfolgreich in Bonneville angetreten war. Von nun an widmete sich das Team mit mehr Enthusiasmus dem ursprünglich als Zwischenprojekt gedachten Töff: Ken experimentierte mit den Verkleidungen oder Farben, bis gegen Ende der Restaurierung die falschen Schriftzüge geliefert wurden – in Rosa anstatt dem bestellten Orange. Doch dieses Detail lenkte vielleicht die Aufmerksamkeit auf die Rennsemmel und bescherte SLC viel Internet-Präsenz; inzwischen ist die kleine Garelli in der Schweiz zuhause.
Einige Monate später machten sich Brian, Ken und Addison an die Umsetzung neuer Ideen. Als Anfänger in einer klar gegliederten Branche beschlossen sie bald, alle Konventionen über Bord zu werfen. Auch die Auffassung, dass bestimmte Motoren nur in bestimmten Rahmen mit kultigen Logos zu sitzen haben, ist keine Barriere für SLC, sondern wird eher als Herausforderung begriffen. So war es auch bei der nächsten Kreation, einer klassischen Honda CB, der kurzerhand ein robustes BMW-Herz implantiert wurde. Die Szene war in heller Aufregung ob dieser Frankenstein-Maschine, es gab böse (anonyme) Kommentare auf den Vimeo- und Facebook-Seiten von SLC – aber auch Applaus dafür, etwas gewagt zu haben, das anders war.
Viele Biker möchten ja gerne zurückreisen in vergangene Jahrzehnte. Doch abgetragene Stiefel, traditionelle Haarschnitte oder Lederjacken sind inzwischen Mainstream, was in einer Label-fokussierten Stadt wie L.A. leider mit allem passieren kann. Für Brian und seine Jungs hat Stil nichts mit den Klamotten, sondern den Bikes zu tun – mit einer Wertschätzung von Langlebigkeit und Verarbeitungsqualität. Es sind genau diese Attribute, welche die Motorräder und Zukunft von SLC ausmachen. Die Lagermöglichkeiten für Bikes sind allerdings beschränkt; auch gibt es keinen Fundus an Kunststoffkoffern… Eine praktikable Lösung sind alte Kamerataschen, die Brian & Co als platzmässig völlig ausreichend empfinden. Die Suche nach passenden Accessoires kann manchmal allerdings so lange dauern, wie einen neuen Kotflügel zu hämmern. Darum hat SLC vor, eigene Taschen aus haltbaren Materialien wie Leder, Canvas oder Nylon anzufertigen: «Es gibt praktisch nichts auf dem Markt, was unseren Ansprüchen genügt. Wir können also darauf warten, bis jemand etwas Passendes macht – oder selbst die Initiative ergreifen», erklärt der 28-Jährige.
Es geht also auch um Einzigartigkeit; nicht jede Umbau-Anfrage wird auch automatisch angenommen. Sicher, der Strom muss bezahlt werden und die Miete. Trotzdem ist man bei SLC nur selten bereit, die eigenen Ansprüche zu opfern und Kompromisse einzugehen. Schliesslich hat sich die Mannschaft in der örtlichen Bike-Szene den Ruf von Punkrockern erworben, und den gilt es zu wahren. Jede neue SLC-Maschine schiebt die Grenzen noch etwas weiter hinaus, und darin liegt für die Jungs auch der Reiz ihres Schaffens. Ausserdem werden sie von der Öffentlichkeit angespornt; manch interessierter Beobachter ist heute ein Kunde – wie jener Sammler in Mailand, der gleich mehrere SLC-Bikes besitzt. Sie parken inzwischen auch vor Pariser Cafés oder düsen durch schwedische Wälder.
Aktuell sind in Downtown L.A. zwei Motorräder in Arbeit, die für noch grössere Aufmerksamkeit sorgen dürften. Beim ersten handelt es sich um eine alte, vollverkleidete Ducati, beim zweiten um eine edle BMW, die im Board-Track-Stil modifiziert wird – inklusive spezieller Metallarbeiten im 1950er-Jahre-Look. Und während die BMW-Einzelteile in der ganzen Werkstatt verteilt sind, kann man an den massgefertigten Rohblechen bereits viel von der SLC-Kreativität erkennen.
So international die kleine Schmiede mittlerweile auch ist: Los Angeles wird ihr Standort bleiben. «In einem Radius von 15 Kilometer gibt es einfach alles, was wir zum Kaufen, Bauen und Veräussern brauchen», erklärt Brian. «Nennt mir nur einen anderen Ort, der all das plus so gute Fahr- und Fabrikationsmöglichkeiten bietet, dann werde ich es mir vielleicht überlegen.»
Fotos: Bruce Benedict