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Interview mit Sergio Devecchi
Das ehemalige Heimkind Sergio Devecchi wurde später selber Heimleiter. Eine eher seltene Karriere. Über Jahrzehnte hat er zu seiner Vergangenheit geschwiegen und sich relativ spät geoutet.
netzwerk-verdingt: Du bist Tessiner, ein Kanton, der sich mit der Aufarbeitung der Fremdplatzierung immer noch schwer tut . Wie hast Du Deine Kindheit in den Heimen erlebt?
Sergio Devecchi: Als Heimbub, der nichts anderes kannte als das Heimleben, passt man sich - der Not gehorchend - den Gegebenheiten an. Erst viel später stellt sich Trauer ein darüber, kein Familienkind gewesen zu sein. Geschämt habe ich mich allerdings schon als Kind, weil ich dachte, an meinem Heimschicksal selber schuld gewesen zu sein. Denn es wurde nie mit mir darüber geredet, woher ich komme und warum ich im Heim war. Es galt vielmehr das Motto: Beten und arbeiten! Diese konsequente Tabuisierung hat mir den Mund ein Leben lang verschlossen. Erst heute kann ich angst- und schamfrei über mein Heimleben reden.
n-v.: Darf ich annehmen, Du hattest insofern Glück gehabt, dass Du nicht wie in früheren Jahrhunderten als Spazzacamino irgendwo in einem europäischen Land ausgebeutet wurdest?
S.D.: Es war wohl die „Gnade der späten Geburt“, die mich verschonte ein „schwarzer Bruder“ zu werden. Denn die Spazzacamini wurden mehrheitlich im 19. Jahrhundert und Anfangs des 20. Jahrhunderts nach Mailand und in andere Städte verkauft. Sehr wohl wurden wir Heimkinder aber schon früh im Hof und auf dem Feld gebraucht.
n-v: Wie bist Du persönlich mit Deiner Situation, Isolation im Heim zurechtgekommen? Gab es für Dich bestimmte Überlebensstrategien?
S.D.: Das Leben im Grosskollektiv Heim hat viele Nachteile, aber auch Vorteile. Du lernst früh, dich, dort wo nötig, anzupassen und, dort wo nötig, zu behaupten. Und dann gab es immer wieder vereinzelt Mitarbeitende im Heim, die Dir wohlgesinnt waren und Dich förderten. An diese Mitarbeitenden klammerst Du Dich und an Diesen Orientierst Du Dich. Und dann waren da immer wieder die Träume vom Familienglück, die Dich begleiteten und die Dir Hoffnung auf ein besseres Leben gaben.
n-v: Was hat Dich nach Deiner Entlassung aus dem Heim bewogen, selber Heimleiter zu werden, und was hast Du anders gemacht?
S.D.: Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch Vorsehung. Ich weiss es nicht. Sicher aber ist, dass ich meinen Beruf als Sozialpädagoge und Heimleiter mit einer grossen anthropologischen Leidenschaft ausübte. Einer Leidenschaft für den Menschen! Mir war es wichtig, den Jugendlichen mit Respekt zu begegnen, sie zu fördern und stets ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu haben. Und es war mir auch wichtig, meine Arbeit nicht im stillen Kämmerlein „Heim“ zu machen, sondern die Anliegen der benachteiligten Kinder und Jugendlichen der Öffentlichkeit kund zu tun, sie für unsere Arbeit zu sensibilisieren, um so die Rahmenbedingungen für eine moderne Heimerziehung zu schaffen. Im weitesten Sinne Heimpolitik!
Interview: Walter Zwahlen
Kurzbiografie:
«Eigentlich hätte ich ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen werden müssen. Denn es ist zu vermuten, dass ich der Heiminsasse der Schweiz mit den meisten Jahren war. 60 Jahre! Vom Vater verleugnet und von der Mutter verstossen wurde ich als unehelich neugeborenes Kind sofort abgeschoben. In Heimen in Pura (TI) und Zizers (GR) lernte ich beten und arbeiten. Auf meine Fragen nach dem „Warum?“ gab’s keine Antworten. Ich hatte zu schweigen und zu gehorchen. Die Scham, keinen Vater, keine Mutter und keine Familie zu haben und das Gefühl, an allem selber schuld zu sein, begleitete mich mein ganzes Leben. Kurz nach der Entlassung aus dem Heim und nach einer KV-Lehre stieg ich als Praktikant wieder ins Heim ein. Bin ich deswegen vielleicht vom „Opfer“ zum „Täter“ mutiert? Es folgte die Ausbildung zum Sozialpädagogen und dann die Karriereleiter empor, vom Erzieher über den Teamleiter zum Heimleiter, bis hinauf zum Präsidenten des Schweizerischen Fachverbandes für Sozial- und Sonderpädagogik. Ein Heimleben eben! Und immer schwieg ich mich über meine Heimvergangenheit aus. Die Angst, vom Stigma des verschupften Heimbuben eingeholt zu werden, war gross. Und dann, Tage vor meiner Pensionierung das Outing! An einer von mir organisierten Fachtagung zum Thema „60 Jahre Heimerziehung, ein Blick zurück in die Zukunft und ein Abschied“ erzählte ich meine Geschichte und löste weitherum ungläubiges Erstaunen aus. Mein Heimleben ist nun zu Ende. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass wir Heim- und Verdingkinder aus den 40ziger, 50ziger und 60ziger Jahre mehr Aufmerksamkeit verdienen. Unsere traurigen Lebensgeschichten müssen ins gesellschaftliche Bewusstsein eindringen, denn nur so kann das unrühmliche Kapitel der unschuldig weggesperrten Kinder und Jugendlichen als Teil der Geschichte begriffen und aufgearbeitet werden. Ich möchte meinen bescheidenen Beitrag dazu leisten.»