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Wenn ich heute als Gasthörer in die Universität gehe, hat sich vieles geändert gegenüber meiner Studienzeit. Aber eines gibt es immer noch: die Tafeln, auf der man mit Kreide schreiben kann.
Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, dann kann man fast eine Kulturgeschichte des Schreibens schreiben.
Als ich1960 zur Schule kam, erhielt ich eine Schiefertafel und einen Griffel. DieTafel hatte einen Rahmen aus Holz. Auf der einen Seite waren Linien und auf deranderen Seite Karos. Die eine Seite zum Schreiben, die andere zum Rechnen. Wenn man mit dem Griffel schrieb, quietschte es manchmal. Man erzeugte einSchriftbild wie mit Kreide auf einer Tafel. Wenn der Lehrer die Hausaufgaben gesehen hatte, konnte man das Geschriebene einfach mit einem feuchten Lappen oder Schwamm, der mit einer Kordel am Holzrahmen befestigt war, wegwischen. Wir haben unsere Tafel mindestens 1, wenn nicht 2 Jahre benutzt. Es gibt also keine Schriftstücke mit meinen ersten Schreibversuchen. Falls derartiges auf dem Markt auftaucht, ist es eine Fälschung.
Danach kamder Füllfederhalter. In unseren Schulbänken waren noch die Aussparungen für dieTintenfässer, aber wir hatten «Füller» mit Patronen, entweder von Geha oder Pelikan. Später schrieb ich auch mit Kugelschreiber, auch wenn das von den Lehrern nicht gern gesehen wurde, weil es «die Handschrift unleserlich macht.»
Eine meinerTanten arbeitete in Leer bei den Olympia Werken und so erhielt ich während des Studiums eine Typenhebelschreibmaschine mit leichten Macken. Ein Hebel sprang nicht wieder zurück. Ich habe die Maschine selten benutzt, da ich mit dem «Ein-Finger-Suchsystem»nur langsam schreiben konnte und der Text bei meinen vielen Typfehlern schrecklich aussah.
Während des Studiums wurde ich aufgefordert meine Versuchsprotokolle in Maschinenschrift abzugeben. Ich habe behauptet, dass ich keine Schreibmaschine habe, mir vom BAFÖG keine leisten könne, aber bereits sei, im Institut zu tippen, falls man mir eine Schreibmaschine zur Verfügung stellt. Da meine Handschrift leserlich war, durfte ich mit der Hand schreiben. Die Diplomarbeit musste aber mit derMaschine geschrieben werden. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der eine elektrische Kugelkopfschreibmaschine von IBM besaß, die sich die letzten Buchstaben merken konnte, die man mit der Rücktaste korrigieren konnte. Wenn größere Änderungen zu machen waren, wurde einfach ein Absatz neugetippt, ausgeschnitten und auf den alten Text geklebt. Danach kam alles auf die bereits existierenden Kopierer. Während meiner Diplomarbeit erhielten wir im Institut den ersten Kleinrechner. Das Wort PC existierte noch nicht. Wir sind nicht auf die Idee gekommen, dass man so einen Rechner als Schreibmaschine benutzen kann.
An meiner ersten Arbeitsstelle in Berlin wurde alles mit der Hand geschrieben und wenn es offiziell an alle verteilt werden sollte, wurde es von der Sekretärin abgetippt. 1986 bei BBC in Mannheim wurden Texten auf der «Wang» geschrieben.Dies war ein Zentralrechner, der einen Plattenspeicher verwaltete und mehrere Arbeitsplatzstationen mit einem sagenhaften Speicher von 64 kB. Es gab aber immer noch Sekretärinnen, die Texte tippten. Vereinzelt tippen auch Ingenieureauf der Schreibmaschine. Dies war bei der BBC-Schweiz angeblich verboten, weil die Ingenieure zu langsam waren.
Wenn wir einAngebot machten, so wurden standardisierte Beschreibungen, die in einer Druckereiher gestellt wurden, zusammengestellt. Für ein Angebot für eine Gasturbine gab es für Deutschland die LfG (Lieferbedingungen für Gasturbinen). Das war ein standardisierter Text von etwa 50 Seiten, der zwischen den Anbietern Siemens, AEG (später zusammen als KWU), BBC und den Kunden wie VEW, Preussen-Elektra und anderen vereinbart worden war.
1992 untersuchteMcKinsey unsere Firma und als Ergebnis erhielt jeder Mitarbeiter in den Büros einen PC. Auf diesem war anfangs PC Text von IBM, aber da sich Microsoft durchsetzte, kam bald Word für DOS. Der Text sah auf dem Bildschirm anders aus,als auf dem Papier. Das änderte sich erst mit Windows. Die Ingenieure in Mannheim schrieben ihre Texte jetzt selbst auf dem PC und die Sekretärinnen schrieben nur noch für die Chefs.
1996 kam ich zur ABB nach Baden in der Schweiz in die Angebotsabteilung. Inzwischen waren die Angebote viel umfangreicher geworden. Die Abteilung war in einemGrossraumbüro untergebracht, in deren Mitte drei Sekretärinnen saßen. Die meisten,vor allem ältere Kollegen, schnitten ihre Texte aus alten Angeboten aus, korrigierten sie mit einem Rotstift und klebten sie auf einem Blatt auf. Die Sekretärinnen tippten alles ab. Für mich war das hinterwäldlerisch und uneffektiv. Im Rahmen von Personalreduzierungen verschwanden so langsam die Sekretärinnen. Die Ingenieure lernten die wichtigsten Funktionen in WinWord kennen und entdeckten die größte Erfindung des 20. Jahrhunderts, wie ein indischer Kollege einmal sagte, «Copy / Paste». Auf diese Art und Weise änderten sich die Fehler in den Texten. Aus Tippfehlern, die man mit Rechtschreibprogrammen bekämpfen kann, wurden Kopierfehler, gegen die jedes Programm machtlos ist.
Ich hatte mit 40 Jahren noch Schlittschuhlaufen gelernt, so hatte ich die Idee, dass ich vielleicht mit 50 auch noch das Tippen mit 10 Fingern lernen könnte. Ich besorgte mir ein billiges Lehrheft und übte einige Wochen abends 5 bis 10 Minuten und dann war ich soweit, dass ich das Üben im Büro bei der Arbeit fortsetzen konnte. Ich hatte heimlich mitgestoppt wieviel Anschläge meine Kollegen schafften. Es gab Ausnahmen, aber die meisten lagen bei 40-60 Anschläge pro Minute. Ich habe nie das Niveau von Sekretärinnen erreichen können, aber 3 mal so schnell wie die meisten Kollegen war ich schon.
Ich hatte dann die Idee, vorzuschlagen, dass jeder Mitarbeiter einen Kurs zum Maschinenschreiben machen sollte. Die Reaktion war erstaunlich. Nach panischem Schweigen behaupteten die meisten, dass sie praktisch überhaupt nichts schreiben würden. Eine erstaunliche Behauptung für eine Abteilung, deren Produkte Angebote mit 1500-2500 Seiten waren. Wer schrieb denn diese Texte? EinVerkaufschef verstieg sich zu der Behauptung, dass bei ihm nicht das Schreiben, sondern das Denken die Begrenzung sei. Jemand, der langsamer denkt, als der schreibt, ist mir sonst nirgends untergekommen
Ich hatte ungewollt herausgefunden, was das größte Hindernis, für Fortschritt ist: Versagensangst. Dabei muss man sich dafür nicht schämen. Es handelt vielleicht um eine der menschlichsten Eigenschaften, die es gibt.
Ich habe mehrfach versucht, Texte auf dem PC mit Spracherkennung zu erstellen. Die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend. Aber hier gibt es viele Fortschritte. Ich hörte an der Universität von einem Professor, der seine Veröffentlichungen dem PC diktiert.
Meine ersten Schreibversuche auf der Schiefertafel liessen sich nicht archivieren. Wenn sich die Spracherkennung mal durchsetzt, könnten die gespeicherten Texte derart zahlreich werden, dass die, die es Wert wären, archiviert zu werden, in der Masse untergehen.