Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/3701

Lehmbauer/in
Lehm stellt neben Holz und Stein seit ca. 12‘000 Jahren ein wichtiges Baumaterial dar. In Vorderasien und im Nahen Osten, wo der Lehmbau auch seine Wurzeln hat, wurden ganze Städte aus Lehm gebaut wie z.B. die Stadt Jericho in den Palästinensischen Autonomiegebieten am Westufer des Jordans. In Mitteleuropa hingegen ist der Lehmbau seit 8000 Jahren bekannt. Neben Maurer und Zimmermännern waren Lehmbauer[1] im vergangen Jahrhundert europaweit gefragte Bauhandwerker. Aus Lehm stellten sie sowohl Häusern, Ställe, Scheunen als auch Backöfen her.
mehr lesen
Beim Lehm handelt es sich allerdings um einen Erdbaustoff, der von Fundort zu Fundort in unterschiedliche Zusammensetzung (Farbe, Tonanteil, Silt-, Sand- und Kiesanteile) vorhanden ist. Diese Vielfalt erfordert zugleich unterschiedliche Techniken in der Verarbeitung. Im Dreieck Genf-Lyon-Grenoble z.B. ist, aufgrund der Vorkommnies eines stark kieshaltigen Lehms mit mittlerem Tongehalt, die Technik der sogenannten Stampflehmbauten weit verbreitet. Gebäude von eindrücklicher Kubatur mit massiven Aussenwänden, bestehend aus vierzig bis achtzig Zentimeter starken Lehmkörpern, stellen in dieser Region keine Seltenheit dar.
Stärker tonhaltige Lehme hingegen werden zumeist mit Stroh vermischt und als Lehmbewurf im Fachwerk auf Flechtwerk eingesetzt. Im Mittelalter fand diese Bauweise insbesondere in Mitteleuropa Anwendung[2]. Im 19. Jahrhundert allerdings im Zuge der Förderung von Kohle und der Entwicklung im Maschinenbau konnten gebrannte Baustoffe (z.B. Backstein, Zementmörtel, Beton und Stahlbeton) in grossen Mengen hergestellt und transportiert werden. Die Lehmbauweise verlor aufgrund dessen zusehends an Bedeutung. Einzig nach dem zweiten Weltkrieg wurde für kurze Zeit angesichts der vorherrschenden materiellen Not auf die Lehmbautechniken mit lokalem Material zurückgegriffen.
Nun aber erlebt der Lehmbau nicht als Notbaumaterial, sondern aufgrund eines stets wachsenden Umweltbewusstseins, seit den 1980er Jahren eine Renaissance. Das Bauen mit Lehm findet sowohl in ästhetischer als auch in ökologischer Hinsicht Gefallen. Der Lehmbau stellte heute dem konventionellen Bauen zwar eine intelligente Alternative gegenüber, dennoch gibt es in der Schweiz keine rechtlich geregelte Ausbildung für die Tätigkeit als Lehmbauer. Wer sich in der Schweiz vertieft mit der Lehmbauweise befassen möchte, findet über den Lehm Fachverband Schweiz diverse Angaben zu erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern, Naturbaustoffhändlern und zu Bildungsangeboten, wie beispielsweise zum „Lehmofenbaukurs“ oder zum Anwenderkurs „Lehmputze Spezial“ des Kurszentrums Ballenberg (vgl. hierzu die angegebenen Kontakte).
[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im weiteren Text nur die männliche Form verwendet. Alternative Schreibweise: Lehmbäuerin.
[2] „Hier galt es, den kalten Wintern und den starken Regenfällen zu trotzen. Dies führte zu einer Holzbauweise als tragende Struktur, deren Hohlräume mit Flechtwerk gefüllt und mit Strohlehm beworfen wurden. Daraus entwickelten sich die Fachwerkhäuser“ (www.iglehm.ch).
Artikel als PDF
Literatur
Reiter Raimond: Altes Handwerk. Der Lehmbauer. Hannover 1993, S. 66-69.
Zelouf Michal: Lehm ein nachhaltiger Baustoff. Basel 2013.
www.iglehm.ch → Lehmbau, abgerufen am 22.2.2018.
www.coviss.ch → Portrait eines globalen Baumaterials, abgerufen am 22.2.2018.
Ähnliche Berufe