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Stalker in Zürich und Umeå
Es gibt öffentliche und private Räume. Und kommune Räume, die niemand kontrolliert und die allen zugänglich sind. Theoretisch jedenfalls.
Von Philip Ursprung, 12.03.2019
Vor kurzem war ich in Umeå, im hohen Norden von Schweden, nahe dem Polarkreis. Der frühere Umschlagplatz für Holz, das den Fluss hinuntergeflösst und im Ostseehafen verschifft wurde, erhielt in den 1960er-Jahren eine Universität und galt lange als Geheimtipp für eine brodelnde Underground-Szene. Der Bauboom nach der Wahl zur Kulturhauptstadt Europas 2014 scheint diese aber vertrieben zu haben. Dafür gibt es noch richtige Winter mit wochenlangem Schneefall, Eiszapfen, die von den Dächern fast bis zum Boden reichen, und Temperaturen um minus 20 Grad. Bulldozer räumten den Schnee von den Strassen, Arbeiter mit Klettergerüsten schaufelten ihn von den Dächern. Studierende fuhren mit Skiern zur Uni. Bereits um 15 Uhr war es stockdunkel. Jogger trabten mit Stirnlampen durch die eisige Polarnacht.
Anlass für meinen Aufenthalt war ein Workshop an der Architekturschule von Umeå, den die italienische Künstlergruppe Stalker durchführte. Sie entstand 1995, als eine Gruppe von Assistierenden der Architekturschule der Universität Roma Tre nach alternativen Formen von Lehre und Forschung suchte. Stalker ist ein Kollektiv – derzeit besteht es aus Francesco Careri, Giulia Fiocca und Lorenzo Romito – und hat seinen Namen vom gleichnamigen Film von Andrei Tarkowski.
Das Kollektiv organisiert walks entlang der urbanen Peripherie und arbeitet meist mit Studierenden und Aktivisten zusammen. Es bezieht sich auf Vorbilder wie die «Spaziergangswissenschaft» des Soziologen Lucius Burckhardt oder die dérives der Situationisten, das heisst vom Zufall geleitete gemeinsame Wanderungen. Oft führt Stalker Aktionen mit sozialen Randgruppen durch, mit Geflüchteten, Fahrenden und ethnischen Minderheiten. Ziel ist es, Stadträume nicht aus der Distanz zu beobachten oder auf dem Papier zu entwerfen, sondern gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern aktiv in sie einzugreifen.
So wie die Figur des Stalkers in Tarkowskis Film mittels eines improvisierten Schleudergeschosses seinen Weg durch die mysteriöse Zone findet, so beginnen manche der walks von Stalker durch einen Zufall. Die Architekturschule von Umeå liegt am Fluss. Gemeinsam mit 30 Studierenden entschieden wir, über den zugefrorenen, verschneiten Fluss zu marschieren und uns durch ein Waldstück in Richtung Stadtrand zu bewegen. Eine Regel von Stalker ist, dass man nicht umkehren darf. Vor den Toren einer Sägerei machten wir den Arbeitern klar, dass wir hier durchmüssten. Sie liessen uns freundlich passieren und zeigten uns den Weg durch ihre Fabrik.
Etwas später standen wir vor dem Zaun eines Lagers für Baumaterialien. Auch hier öffnete ein Mitarbeiter nach einigen Erklärungen das Tor. Am Rand der Stadt erreichten wir eine enorme blaue Halle: Ikea. In den Kulissen eines Wohnzimmers machten wir es uns schliesslich in einer beigefarbenen Polstergruppe bequem und besprachen das, was wir am Nachmittag erlebt hatten.
Wir hatten die vertrauten Räume der Universität – des grössten Arbeitgebers der Stadt – verlassen und einen Weg über den gefrorenen Fluss eingeschlagen, den gelegentlich die Anwohner des anderen Ufers als Abkürzung nutzen. Ansonsten, so erzählten die Studierenden, würde niemand auf die Idee kommen, den Fluss zu betreten, obwohl er von November bis April mit seiner meterdicken Eisschicht sicher sei.
In der Sägerei trafen wir auf eine weniger wichtig gewordene, aber noch immer aktive Form von Wirtschaftstätigkeit, die den wichtigsten schwedischen Rohstoff verarbeitet. In der Lagerhalle hatten die Studierenden die Materialien gesehen, die sie üblicherweise abstrakt, auf ihren Bildschirmen, einzeichnen, ohne die aber kein Entwurf Wirklichkeit werden kann. Am Ende hatten wir das Schein-Interieur des globalen Möbelkonzerns als Klassenzimmer vereinnahmt. Zwischen erschöpften Kunden mit schweren Paketen fuhren wir danach in der Dunkelheit zurück ins Stadtzentrum.
Wir hatten öffentliche, halböffentliche und private Räume passiert. Besonderes Gewicht legt Stalker allerdings auf die kommunen beziehungsweise gemeinen Räume, die weder von der öffentlichen Hand – das gälte für die Räume der Hochschule oder den Strassenraum – noch durch Private – das träfe auf die Schreinerei oder das Möbelhaus zu – kontrolliert werden. Diese kommunen Räume erlebten wir auf dem breiten Fluss und in den Wäldern. Hier waren die Gespräche in der Gruppe am freiesten.
In den weichen Kissen des Möbelhauses erinnerte ich mich an den night walk, den wir im April 2018 gemeinsam mit Stalker und meinen Studierenden der ETH in Zürich veranstaltet hatten. Eine Gruppe rollte einen kolossalen Strohballen vom Hönggerberg in die Stadt hinunter. Eine zweite Gruppe trug ein langes Seil und ein riesiges Stoffduvet durch die Stadt. Treffpunkt war der Escher-Wyss-Platz. Dort wollten wir das Duvet mit Stroh stopfen und als Nachtlager am Ufer der Limmat verwenden. Der Zufall leitete den Weg des Seils. Vom Globusprovisorium aus zog es uns via Hauptbahnhof Richtung Carparkplatz, danach durch ein Parkhaus und über den Platzspitz zum Escher-Wyss-Platz. Der Zufall führte uns somit vom Brennpunkt der Globuskrawalle 1968 zum verschwundenen Autonomen Jugendzentrum der «Bewegung» von 1980/1981 und über den Schauplatz des einstigen «Needle Park» hin zum nie gebauten «Nagelhaus».
Anders als in Schweden, wo uns Passanten und Arbeiter jeweils freundlich zunickten, interessierte sich in Zürich niemand für uns. Mit Ausnahme der Polizei. Die Strohballengruppe musste sich wiederholt ausweisen und blieb unter Beobachtung. Die Gruppe mit dem Seil wurde gleich von zwei Streifenwagen gestellt. Die Beamten, denen es sichtlich peinlich war, erklärten, dass jemand, der das unbemannte Parkhaus anscheinend per Video überwachte, eine Bedrohung erkannt hätte und sie deshalb verpflichtet gewesen seien auszurücken. Wir gelobten, dem Parkhaus nichts zuleide zu tun, und durften mit unserem Seil weiterziehen. Die Nacht verbrachte die Gruppe danach ohne weitere Störung.
Für Stalker, die seit drei Jahrzehnten an verschiedensten Orten in Europa aktiv sind, war es die erste Begegnung mit der Polizei in ihrer gesamten Laufbahn. Mir brachte das Erlebnis zu Bewusstsein, was ich bisher von keinem Masterplan, keinem Modell und keinem Leitbild von Zürich hatte lernen können: Kommune Räume gibt es fast keine. Wer den öffentlichen Raum wie einen kommunen, also für alle zugänglichen, beansprucht, macht sich verdächtig. Der öffentliche Raum in Zürich ist keineswegs freier als der private.
Illustration: Michela Buttignol