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Es hätte diesen Film nicht unbedingt gebraucht. Fünf Jahre nach 2 Days In Paris erzählt Julie Delpy in der Fortsetzung 2 Days In New York wenig Neues. Der Grundkonflikt ist derselbe: hier die sinnlichen, freizügigen, chaotischen Franzosen, dort der eher prüde, reinliche Amerikaner, hier Marion mit ihrer Familie, dort Marions Freund. Und dazwischen: jede Menge Missverständnisse, Sprachschwierigkeiten, kulturelle Fettnäpfchen, peinlich-komische Momente, herrlich ironische Kommentare, Kalauer, temperamentvolle Streitereien und neckische Versöhnungsversuche.
Marions Freund ist zwar nicht mehr derselbe wie im ersten Teil, und auch «Hier» und «Dort» wurden vertauscht (nicht die Amerikaner fahren nach Paris, sondern die Franzosen sind zu Besuch in New York), trotzdem hat sich die Perspektive kaum geändert. Obwohl Marion erneut als Off-Erzählerin durch den Film führt, ist die eigentliche Identifikationsfigur auch diesmal ihr Freund. Warum das so sein muss, lässt sich aus der Logik einer romantischen Culture-Clash-Komödie heraus leicht erklären: Marion, die in Paris aufwuchs und schon seit Jahren in New York lebt, kennt sich in beiden Welten einfach zu gut aus. In 2 Days In Paris musste es deshalb ihr Freund Jack sein, der den Kulturschock erlebte, das verschimmelte Badezimmer zur Sperrzone erklärte, beim Kaninchenbraten an sein Lieblingshaustier dachte und beim Fleischer auf dem Markt an «Schweinchen Babe». Jack-Darsteller Adam Goldberg sah man wunderbar an, wie sehr ihn das ganze «Laissez-faire» überforderte, die offene Art, in der die plötzlich überall auftauchenden Exfreunde Marions über Sex, Marion und den Sex mit Marion sprachen. Goldberg verdrehte die Augen und stotterte seine sarkastischen Bemerkungen hervor, wie man das von Adam Sandler, Ben Stiller kennt und natürlich von Woody Allen.
Nach der “Hölle”, die Jack in Paris erlebte, hätte ihn ein Besuch von Marions Familie wohl nicht so schnell aus der Fassung gebracht. Konsequenterweise hätte Delpy für 2 Days In New York den Schwerpunkt auf Marions Familie und deren umgekehrten Kulturschock verlagern müssen, was aber das Konzept einer Beziehungskomödie aufgeweicht hätte. Da Delpy das offenbar nicht wollte, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als Marions Freund auszutauschen. Das hatte den willkommenen Nebeneffekt, dass die beiden «2 Days»-Filme sich ein wenig mehr von den beiden Indie-Romanzen Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004) unterschieden, in denen Julie Delpy und Ethan Hawke ein Liebespaar spielten.
Dass Adam Goldberg in 2 Days In New York nun aber gar nicht mehr auftaucht, ist natürlich schade. Zumindest einen Gastauftritt wie der von Daniel Brühl, der als esoterisch angehauchter Globalisierungsgegner im Central Park eine Eiche besetzt, hätte das Script durchaus hergegeben. Immerhin haben Jack und Marion einen gemeinsamen Sohn. Trotzdem ist der ehemalige Stand-up-Comedian Chris Rock in der Rolle von Marions neuem Freund Mingus keinen Deut weniger komisch. Sein ironisches Spiel wirkt im Gegenteil fast noch pointierter, auch wenn es eher an Will Smith erinnert als an Woody Allen. Die kulturelle Blickrichtung aber bleibt dieselbe: auch in New York sind es die französischen Eigenheiten, die fremd, schräg, kauzig und masslos erscheinen. Wieder ist es der Amerikaner, der damit nicht klarkommt.
Marions mittlerweile verwitweter Vater (auch Delpys Mutter, die im ersten Teil noch an der Seite von Delpys Vater zu sehen war, verstarb 2009), ihre nymphomane Schwester Rose und deren kiffender Freund Manu verwandeln das New Yorker Patchwork-Appartement, in dem sich Marion mit ihrem Sohn und Mingus mit seiner siebenjährigen Tochter eingerichtet haben, kurzerhand in Klein-Paris. Ähnlich wie einst Jack ist diesmal Mingus der Aussenstehende, der nichts versteht, wenn am Küchentisch lautstark geschimpft, gelästert und gelacht wird. Rose läuft nackt durch die Wohnung, Manu schleppt einen Dealer an, und Marions Vater bedrängt Mingus mit schlüpfrigen Bemerkungen und zweideutigen Gesten. Also mal wieder: die wilden, anarchistischen Franzosen und die bieder-braven Amerikaner. Auch wenn mit Manus Hippie-Familie und dem progressiven Radiomoderator und Obama-Fan Mingus ja nicht die “typischen” Amerikaner und Franzosen aufeinandertreffen wie etwa noch in Amy Heckerlings European Vacation (1985), ist das wahrlich nichts Neues. Das Spiel mit kulturellen Klischees macht trotzdem immer wieder Spass, vor allem, wenn man es so unverkrampft betreibt wie Julie Delpy.
Etwas hat sich dann aber doch geändert: Delpy, die in 2 Days In Paris noch fast alles selber mach te, Produktion, Drehbuch, Schnitt, Soundtrack, war diesmal nicht ganz so rührig, behielt als Co-Produzentin und federführende Autorin aber stets die Fäden in der Hand. Es scheint, als sei die Filmemacherin ebenso wie die von ihr gespielte Marion reifer und ruhiger geworden. Der quirlige Handkamera-Look ist klaren, sauberen Einstellungen gewichen. In einigen Szenen jedoch trägt Delpy zu dick auf: etwa in der Traumsequenz, in der sich Marions Familie in eine Gruppe dekadenter Rokoko-Adliger verwandelt, oder wenn Marion sich mit dem Schauspieler Vincent Gallo trifft, der im Rahmen eines Kunstprojektes ihre “Seele” ersteigert hat. Irgendetwas wollte Delpy dann eben doch anders machen. Etwas wirklich Neues ist am Ende aber nicht daraus entstanden. Das Gesicht des Films hat sich gewandelt, sein Charakter ist im Wesentlichen derselbe geblieben: lässig, charmant, irre komisch, mit einer leichten Prise Poesie. Wie eingangs erwähnt: Es hätte diesen Film nicht unbedingt gebraucht. Aber: Es ist schön, dass es ihn gibt.