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Am 6. Dezember 2018 starb «Nutcarsuitok» im stolzen Alter von 15 Jahren und vier Monaten. Er war der letzte von drei Inuithunden, die Timothy und Sheena Socha im aargauischen Dorf Auw hielten und galt als der älteste Inuitrüde überhaupt. «Man wusste gar nicht, wie alt sie werden können», sagt Socha. Denn die Bedingungen für die Arbeitshunde waren dermassen hart, dass sie früh starben oder getötet wurden, weil man «pensionierte» Tiere nicht durchzufüttern vermochte.
In ihrer ursprünglichen Heimat, der nordkanadischen Baffininsel, wurden die Inuit Dogs als Eisbärjäger, Pack- und Schlittenhunde domestiziert. Sie weisen einen fast übermässigen Eifer auf, sei es beim Fressen, Spielen oder bei der Arbeit. Auf einer gut begehbaren Eisfläche können Inuit Dogs täglich bis zu 100 Kilometer zurücklegen und dabei Gewichte bis zu 80 Kilogramm ziehen. Die Tiere sind von äusserst kompakter und kräftiger Statur, mit breiten Pfoten, grossem Kopf und langen Zähnen; zudem haben sie ein ausgezeichnetes Sehvermögen.
Wer im Verzeichnes des internationalen Hundeverbandes FCI nach dem Inuit Dog sucht, wird nicht fündig; denn der FCI führt die Rasse als «Kanadischer Eskimohund». Tim Socha gibt zu bedenken, dass «Eskimo» übersetzt «Rohfleischesser» bedeute und ein Schimpfwort für die indigene Volksgruppe der Inuit sei. «Deshalb sagen wir Inuit Dogs.» Weiter erklärt er, dass die Rassenbezeichnung Husky vom Wort Eskimo (französisch «Esquimau») komme, somit nichts anderes als
«Eskimohund» bedeute und heutzutage ganz allgemein zur Bezeichnung von nordischen Schlittenhunden verwendet wird (siehe Box Ähnliche Rassen).
Viel Bewegung, Fleisch und Fett
«Doch der einzig wahre Husky ist der Inuit Dog», sagt Socha. Im Gegensatz zum Husky habe er braune Augen, keine blaugrauen oder zweifarbigen. Zudem seien Inuit Dogs hochintelligent und hätten ihre eigene Sprache. Sie bellen nicht im gleichen Sinne wie normale Hunde, sondern haben ein äusserst vielfältiges Repertoire, das von Knurren, Japsen bis zum Heulen reicht. Inuit Dogs seien eigentlich mehr Wolf als Hund, sagt der gebürtige US-Amerikaner, das höre man und sehe es an ihrem Verhalten.
Während in den 1920er-Jahren noch rund 20 000 Inuithunde in Kanada lebten, ist die Rasse heute vom Aussterben bedroht. Zum einen wurden viele Schlittenhunde nach der Erfindung des Schneemobils nicht mehr gebraucht, zum anderen wurden Tausende Inuit Dogs in den 1950 / 60er-Jahren von der kanadischen Polizei erschossen. Dabei ging es darum, den nomadischen Inuit eine wichtige Lebensgrundlage zu nehmen und sie zur Sesshaftigkeit zu zwingen.
Die Faszination für die imposanten Tiere mit dem buschigen, dicken Fell ereilte Timothy Socha, als er 1999 zu seiner ersten Expedition nach Spitzbergen aufbrach. «Eine solche Reise kann man nicht ohne Gewehr und Hundeteam unternehmen», erzählt er. «Die Inuit Dogs haben mir so gefallen, ich wollte meine eigenen.» Dass die nordischen Hunde nicht unbedingt in eine Schweizer Wohnung gehören, war ihm dabei durchaus bewusst. «Ich nahm eine Auszeit und habe drei Monate bei Polarforscher Paul Schurke als Hilfsexpeditionsführer gearbeitet, um den Umgang mit den Inuit Dogs besser zu verstehen.»
Zurück in der Schweiz baute der damals 53-Jährige einen grossen Zwinger für seine drei Hunde, zwei Weibchen plus der Rüde «Nutcarsuitok», was in etwa «der mit der enormen Energie» heisst. Nomen est omen, so musste der Hundehalter dafür sorgen, dass die Hunde genügend Bewegung bekommen sowie hochwertige Lebensmittel. «Fleisch und Fett vor allem. Oder manchmal Lachs, dazu ein bisschen Reis.» Das meiste Futter stellte Socha selber her, denn das handelsübliche Trockenfutter tauge für diese Rasse nichts. Es seien halt auch keine typischen Haustiere, sondern eher Partnerhunde in extremen Verhältnissen. «Man kann sie auch nicht als Schutz- oder Wachhunde brauchen, denn die Inuit Dogs sind Hunde von einem Volk, das nicht sesshaft ist und keinen Besitz hat.» Folglich hätten sie nie gelernt, etwas zu verteidigen.
Dem Rudel ewig treu
Aufpassen musste Timothy Socha allerdings bei Begegnungen mit anderen Hunden. «Inuit Dogs sehen alle anderen Hunde als minderwertig an.» Dieser Tatsache müsse man sich bewusst sein, wenn man die Rasse halten wolle. Er erzählt, wie er oft frühmorgens oder spätnachts mit einem 3-Rad-Wagen, den die Hunde ziehen konnten, durch den Wald zog, um Begegnungen mit anderen Hunden zu vermeiden. Zum Glück gab es keine Probleme mit dem Nachbarshund Bernie, einem Appenzeller, der habe sich von Anfang an unterworfen.
Inuit Dogs sind äusserst rudelorientiert – man sollte sie aus diesem Grund keinesfalls alleine halten – und leben in klaren hierarchischen Strukturen. «Einer ist der Boss Dog, das ist klar geregelt und muss nicht ständig ausgefightet werden», so der Inuitkenner. Wichtig ist, dass jeder Hund seinen eigenen Schlaf- und Futterplatz hat. Und man dürfe nicht den Fehler machen, einem rangniedrigen Tier zuerst ein Guetzli zu geben, sonst gäbe es Ärger. «Es sind Führungspersönlichkeiten. Ich konnte viel von ihnen lernen, gerade als Lehrer», sagt Dirigent Socha, der in Rotkreuz AG eine Musikschule leitet.
Doch immer wieder zieht es ihn vom Aargau in die Arktis, wo er auf geführten Touren durch die Wildnis zieht – begleitet von den geliebten Inuit Dogs, die manchmal mit den Wölfen heulen.