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In der Alltagssprache ist heute der Ausdruck ‹ästhetisch› Synonym für ‹schön, geschmackvoll, formvollendet›. Wer auf schöne und schöngeistige Dinge besonderen Wert legt, wird als ‹Ästhet› bezeichnet. In der Fachsprache hat jedoch das Wort ‹Ästhetik› eine breitere Bedeutung, was gelegentlich zu Missdeutungen führt; etwa wenn Laien ein Kant-Zitat mittels der heutigen Wortbedeutung falsch entschlüsseln und unzulässig interpretieren. Wenn Immanuel Kant von Ästhetik spricht, meint er nicht die Schönheit und nicht zwingend etwas Schönes.
Das Wort ‹Ästhetik› leitet sich ab von Griechisch ‹αἴσθησις› [aísthēsis] (Wahrnehmung, Empfindung). Ästhetisch ist demnach im ursprünglichen und eigentlichen Sinn alles, was unsere Sinne wahrnehmen, und die Weise, wie sie es wahrnehmen, wenn wir etwas betrachten, ertasten, riechen, schmecken oder akustisch erfassen: sowohl Schönes als auch Hässliches, Angenehmes wie Unangenehmes. — Wenn man in diese Wahrnehmungen eine qualitative Beurteilung und Bewertung hineinflicht, das Hässliche, Geschmacklose, Disharmonische vom Wahrgenommenen ausschließen möchte, müsste man das Wort ‹Kallistik›, von ‹κάλλιστος› [kállistos] (Schönster, sehr Schöner) und von ‹κάλλιστα› [kállista] (am schönsten, sehr schön), verwenden. Kallistik ist die Lehre, die sich ausschließlich mit den schönen Dingen und mit der Schönheit an sich beschäftigt. Die Kallistik ist also ein Teilgebiet der Ästhetik. — Dem Wortstamm ‹κάλλος› [kállos] (Schönheit) begegnen wir auch in den Wörtern ‹Kalligrafie› (die Kunst des schönen Schreibens), Kalliope (die Schönstimmige, die Tochter des Zeus, die schön singen konnte) und in den neugriechischen Grußwörtern ‹καλημέρα, καλησπέρα, καληνύχτα› [kaliméra, kalispéra, kaliníchta] (guten Morgen, guten Abend, gute Nacht).
Zurück zur Ästhetik in ihrem neutralen, wertfreien und ursprünglichen Sinn, und weiter zum Begriff, den ich in diesem Artikel besonders hervorheben und genauer untersuchen möchte: zur Synästhesie.
Es gibt ein neurophysiologisches Phänomen, das in geringerem Maße bei allen Menschen vorkommt, bei einigen jedoch besonders stark ausgeprägt ist und sich individuell in sehr verschiedener Weise manifestiert: die Synästhesie, von ‹συναισθάνεσθαι› [synaisthánesthai] (zusammen wahrnehmen, gleichzeitig empfinden). Bei dieser Art der Kognition (bewusste Informationsverarbeitung) werden völlig unabhängige Sinneseindrücke, die in verschiedenen Gehirnarealen verarbeitet werden, mit bereits gemachten Erfahrungen und Erlebnissen gekoppelt, auch wenn es dafür keinen erkennbaren Grund gibt. So werden fast bei allen Menschen gewisse Farben mit einer ‹Wärmeempfindung› verbunden: Gelbrote, rote, orange, braune Farbtöne werden als warm, helle, bläuliche oder helle grünlich gelbe Farben als kalt empfunden, obwohl aufgrund der physikalischen Wärmestrahlung in den meisten Fällen das Gegenteil realitätsnäher wäre: eine blaue Flamme und ein blauer Stern sind fast immer heißer als rote und orange Flammen und Sterne. Auch Tönen und Klängen werden Wärmeempfindungen zugeordnet. Darüber, was eine ‹warme Stimme› ist, gibt es offenbar ebenso einen allgemeinen Konsens wie über kalte Klänge.
Als Synästhetinnen und Synästheten oder Synästhetikerinnen und Synästhetiker bezeichnet man Menschen, bei denen diese Eigenschaft erstens besonders stark ausgebildet ist, zweitens die Koppelung von sinnlichen Wahrnehmungen, Begriffen und Wörtern mit vorgestellten, selbsterzeugten Sinneseindrücken eigenen, individuellen, persönlichen und neurologisch (noch?) nicht erklärbaren Mustern und Regeln folgt. Häufig ist, dass für Synästhetikerinnen und Synästhetiker Ziffern, Zahlen und Buchstaben Farben ‹haben›. Für die einzelne Synästhetikerin und den einzelnen Synästhetiker bleiben diese Farben immer gleich, aber die Zuordnung ist für verschiedene Individuen mit Synästhesie nicht dieselbe. Das heißt: Für die eine Synästhetikerin wird die Fünf immer dieselbe Farbe haben, zum Beispiel Blau. Für einen andern Synästhetiker kann jedoch die Fünf immer braun oder immer orange sein. Andere Synästhetikerinnen und Synästhetiker können Töne, Klänge und Intervalle ‹schmecken›. Wieder andere können Farben ‹hören›.
Diese Eigentümlichkeit tritt meistens in der Kindheit und familiär gehäuft auf. Etwa sechzig Prozent der untersuchten und befragten Synästhetikerinnen und Synästhetiker geben an, Geschwister, Eltern oder andere Familienmitglieder mit Synästhesie zu haben, und dass diese jedoch in ihrer assoziativen Wahrnehmungen jeweils anderen Verknüpfungsmustern folgen.
Leider kann man diese ‹Fähigkeit› mit der Zeit auch verlieren. Ich erinnere mich, dass ich als Kind bei Zahlen, Buchstaben, bei den Tonarten und den Wochentagen Farben ‹sah›. Interessant finde ich, dass es bei Zahlen, Buchstaben und bei den Tonarten auf Deutsch und auf Italienisch (meine beiden Muttersprachen) dieselben Farben waren — außer bei dem Buchstaben ‹H›, der auf Italienisch weiß und auf Deutsch grau war — während kein Wochentag auf Deutsch dieselbe Farbe hatte wie auf Italienisch. Erstaunlich finde Ich heute, dass die Tonarten, die wie die Wochentage auf Deutsch und auf Italienisch anders heißen, in beiden Sprachen gleichfarbig waren. An einige erinnere ich mich noch: F-Dur (fa maggiore) war purpurfarben, D-Dur (re maggiore) gelb, Es-Dur (mi bemolle maggiore) dunkelblau, E-Dur (mi maggiore) zart grün. Merkwürdigerweise weiß ich ausgerechnet von der einfachen C-Dur nicht mehr, wie die Tonart ‹aussah›. — Alle Moll-Tonarten hatten in beiden Sprachen ausschließlich verschiedene Brauntöne, die von pastellfarbenem Ocker bis Dunkelbraun gingen.
Leider ist mir meine Synästhesie gänzlich abhanden gekommen. Ich würde sie jetzt gern erforschen, untersuchen und systematisch zu beschreiben versuchen.