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Der Prototyp Zenit 18M
Im Frühling 2007 kam ich zu einer eher seltsamen Kamera, über die keine Informationen zu finden waren. Lediglich der Hersteller KMZ verzeichnet ein Projekt mit diesem Namen auf seiner Internet-Seite, weitere Anhaltspunkte sind keine zu finden. Lesen Sie hier, wie die Geschichte begann und welche Erkenntnisse sich daraus ergaben.
Am Anfang
Nachdem ich bei Valdis aus der Ukraine (www.rus-camera.com) schon ein paar alte russische Kameras gekauft habe, ging ich auf sein Angebot bezüglich einer seltenen Variante mit der Bezeichnung Zenit 18M gerne ein. Meine Erwartungen waren dabei gedämpft, denn zu dieser Kamera sind keinerlei Informationen zu finden, was mich aber nicht sonderlich beunruhigte. Die Kamera wurde mir als defekt angeboten und wechselte für einen akzeptablen Preis den Besitzer.
Zwei Wochen später, Anfang Mai 2007: Das Paket war nach seiner Ankunft schnell ausgepackt und zum Vorschein kam eine äusserlich ansprechende Kamera in recht gutem Zustand. Mein erster Eindruck war verhalten positiv, obschon mir ein Detail nicht so recht gefallen wollte: Der offenbar aufgeklebte Buchstabe "M" hinter der Typenbezeichnung.
Das Plastik-"M"
Die folgenden Bilder dokumentieren das billige aufgeklebte "M" an der Front der Kamera, das mich immer mehr von einer plumpen Fälschung ausgehen liess:
Ein Rundumblick
Anhand der folgenden Bilder versuchte ich allfällige Unterschiede zwischen der Zenit 18M und einer normalen Zenit 18 herauszufinden. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch über keine Zenit 18 verfügte, belästigte ich damit andere Zenit 18-Besitzer.
Die Herkunft
Die Zenit 18M entstammt wie die Zenit 18 der Zenit 19-Familie. Während die Zenit 19 noch als Halbautomat ausgelegt war, präsentierte KMZ mit dem Nachfolger Zenit 18 im Jahr 1980 die erste vollautomatische Spiegelreflexkamera von KMZ mit Zeitautomatik, die in Serie hergestellt wurde.
Zenit 18 - eine verwirklichte Innovation
Die nur in vergleichsweise geringer Stückzahl von 7001 Exemplaren zwischen 1980 und 1987 gefertigte Zenit 18 verwendete das beste in dieser Zeit von KMZ hergestellte Gehäuse der Zenit 19, das 1979 in die Fertigung ging und ebenfalls bis 1987 produziert worden ist.
Neben der Zeitautomatik unterscheidet sich die Zenit 18 von der Zenit 19 durch das Fehlen der Schärfentiefenkontrolle und einen neuen Sucherverschlussmechanismus, wie er ab 1984 auch bei der Zenit Automat verwendet wurde. Ebenso wanderte bei der Zenit 18 die Filmempfindlichkeitseinstellung vom Boden auf den Gehäusedeckel unter den Rückspulknopf.
Optischer Vergleich Zenit 18 vs. Zenit 18M
Erst dank der neu eingetroffenen Zenit 18 konnte ich Anfang Juni 2007 selber einen direkten Vergleich der beiden Modelle anstellen. Hier das Familienfoto:
Deutlich zu erkennen ist in diesem Vergleich, dass die Zenit 18M etwas weniger hoch ist, als die Zenit 18. Bei genauerem Hinsehen ist der höhere Plastikboden der Zenit 18 auch gut zu sehen.
Abklärungen
Noch recht unerfahren mit der Einordnung solcher spezieller Kameramodelle, über die keinerlei Informationen existieren, habe ich mich natürlich umgehend mit Personen in Verbindung gesetzt, die mehr davon verstehen:
Erste Expertenmeinungen
Mit einer ersten öffentlichen Anfrage wandte ich mich an die Mitglieder der Yahoo!-Gruppe Zenitcamera, wo ich mir ein Feedback der dort ansässigen Spezialisten erhoffte. Ein Sammler aus Frankreich, Alain Berry, antwortete auch umgehend, meinte aber noch nie von so einem Modell gehört zu haben. Besonders strich er den gegenüber der Zenit 18 geänderten Boden hervor, wo nur ein statt zwei Batteriefächer zu finden sind. Er erschien mir optimistisch, was die Authentizität der Zenit 18M angeht.
Milos Mladek aus Wien, Sammler russischer Kameras, antwortete auf meine Fragen besonders bezüglich des komischen Logos in aller Kürze: "1. ich habe es noch nicht gesehen 2. ich halte es für echt." Er führte unter anderem aus, dass die Ingenieure ihre Kraft damals wohl eher darauf verwendet haben dürften, ein funktionierendes Modell zu realisieren, während so Kleinigkeiten wie das Logo keine allzu grosse Priorität genossen haben.
Tom Piel aus den Niederlanden, Betreiber der auf russische Kameras spezialisierten Internet-Seite www.tomtiger.net, war nicht so überzeugt, sprach davon, dass es wohl ein modifiziertes Modell oder ein "Hybrid" - wie er sich ausdrückte - wäre, eher kein Prototyp.
Auch andere Meinungen wurden an mich heran getragen, die sich in der Bandbreite zwischen "weiss ich nicht" und "keine Ahnung" bewegten.
Anfrage beim Hersteller
Konsequenterweise war dann eine Anfrage beim Hersteller KMZ, Dmitry Kopp vom Entwicklungs- und Dokumentationszentrum angesagt. Die erste Reaktion war recht klar: "This is not a 'official' prototype ...". Er versprach mir aber, noch weiter zu forschen und sich dann wieder bei mir zu melden. Gegen Ende Mai erhielt ich seine Antwort: Der Entwickler der Zenit 18, A. Y. Padalko, konnte keine Arbeiten an dem Projekt Zenit 18M bestätigen. Das Projekt hätte zwar als Plan vorgelegen, aber es wurde nicht damit begonnen. Padalko habe aber ergänzt dass es möglich wäre, dass das Projekt auch auf private Initiative hin von einem Mitarbeiter weitergeführt worden sein könnte. Augenzwinkernd verweist Dmitry Kopp dabei noch auf N. M. Marenkov - einem berühmten und sehr umtriebigen Entwickler von KMZ -, der in dieser Zeit ebenfalls inoffiziell an der Zenit 19 mitentwickelt hätte und das ominöse "M" deshalb auch für "Marenkov" stehen könnte.
Technisches
Neben dem komischen "M" an der Front fiel der Boden nicht nur wegen der Batteriefächer auf, sondern ich bemerkte anhand der Fotos auch, dass dieser eine sichtbar geringere Höhe hat, als der auf den verfügbaren Bildern der Zenit 18. Nachdem hier eine Zenit 19 angekommen ist, welche über das selbe Gehäuse wie die Zenit 18 verfügt, stellte ich überrascht fest, dass deren Boden aus Plastik ist, während der der Zenit 18M aus Metall besteht. Ausserdem konnte ich erstmals den Höhenunterschied vermessen: Vier Millimeter.
Ein erster Blick unter den Boden
Da ich nicht sonderlich geschickt mit Werkzeugen umzugehen weiss, braucht es auch für kleinere Operationen immer eine gewisse Anlaufzeit. Ende Mai wagte ich dann den Schritt und montierte den Kameraboden der Zenit 18M ab, um einen Blick riskieren zu können:
Auffällig ist auf den ersten Blick die nicht sonderlich saubere Lötarbeit, die sich besonders im Bereich des länglichen schwarzen Steckers und zum Teil auch auf der kleinen Platine nachvollziehen ist. Die Kabel am Stecker sind teilweise geschwärzt, auch der Stecker selber hat wohl arg unter dem Einsatz des Lötkolbens gelitten.
Im rechten Batteriefach fällt zudem auf, dass der vertikale Strich des Plus-Zeichens mit weisser Farbe gemalt ist. Oben in der rechten Ecke sind ausserdem ein paar Kratzer zu erkennen, die mit viel gutem Willen auch als römische "7" (VII) interpretiert werden könnten. Was es mit diesem Zeichen auf sich hat, ist mir nicht ganz klar.
Die wichtigste Erkenntnis dieser ganzen Aktion ist wohl, dass diese Zenit 18M überhaupt über keine nennenswerte Elektronik im Bereich des Kamerabodens verfügt. Das kleine Platinchen rechts dient wohl hauptsächlich zum Anschluss des Kabelbaums, der aus den oberen Regionen des Gehäuses nach unten geführt wird. Bei den Zenit 19 finden sich in diesem Bereich gleich mehrere, übereinander liegende Platinen, die auch mit elektronischen Bauteilen (ua. einem IC) bestückt sind.
Unter dem Boden der Zenit 18
Die Überraschung war dann doch recht gross, als ich Anfang Juni 2007 den Boden der neu angekommenen, voll funktionsfähigen Zenit 18 abschraubte: Auch hier findet sich vergleichsweise wenig Elektronik! Es ist ein Platinchen vorhanden, das wieder hauptsächlich zum Anschluss eines Steckers diente, wobei der Stecker hier etwas professioneller und deutlich kleiner ausgefallen ist. Ansonsten sind noch zwei elektronische Bauteile sichtbar, viel mehr nicht.
Wegen der beiden im Boden eingelassenen Batteriefächern und den gelöteten, in die Kamera führenden Versorgungsleitungen, liegt beim obigen Bild der Boden vor der Kamera. Lassen Sie sich dadurch nicht verwirren.
Zum Schluss
Ich möchte mich bei allen im obigen Text erwähnten Experten und auch bei allen Ungenannten für Ihre Hinweise und Einschätzungen ganz herzlich bedanken. Selbstverständlich werde ich alle neuen Erkenntnisse hier nachtragen, bin aber auch über Fragen, Ideen oder Anregung froh, die mich über mein Kontaktformular oder via Mail erreichen.
13.08.2007

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