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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

102. Vortrag
2.
„Bis jetzt“, sagt er, „habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude voll sei.“ Das, was er „volle Freude“ nennt, ist wahrlich keine fleischliche, sondern eine geistige Freude, und wenn sie so groß sein wird, daß ihr nichts mehr hinzuzufügen ist, dann wird sie ohne Zweifel voll sein. Um was immer man also bittet, das, was auf die Erlangung dieser Freude Bezug hat, muß man im Namen Christi bitten, wenn wir die göttliche Gnade verstehen, wenn wir das selige Leben wahrhaft verlangen. Um was immer man aber sonst noch bittet, man bittet um nichts; nicht weil es überhaupt nichts ist, sondern weil im Vergleiche mit einer solchen Sache alles andere, was man verlangt, nichts ist. Es ist ja doch auch der Mensch nicht ganz und gar nichts, von dem der Apostel sagt: „Wer etwas zu sein meint, obwohl er nichts ist“1. Im Vergleich nämlich mit einem geistigen Menschen, der weiß, daß er durch die Gnade Gottes das ist, was er ist, ist jeder, der sich Eitles anmaßt, nichts. Auch so also kann man mit Recht verstehen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bitten werdet, so wird er es euch geben“, daß man unter dem Ausdruck „etwas“ nicht alles Beliebige versteht, sondern etwas, was im Vergleich mit dem seligen Leben nicht nichts ist. Auch das Folgende: „Bis jetzt habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten“, kann man auf zweifache Weise verstehen; entweder weil ihr nicht in meinem Namen gebeten habt, indem ihr diesen Namen nicht, wie er erkannt werden soll, erkannt habt, oder ihr habt um nichts gebeten, weil im Vergleich mit dem, um was ihr hättet bitten sollen, für nichts zu achten ist, um was ihr gebeten habt. Damit sie also in seinem Namen nicht um nichts, sondern um die volle Freude bitten möchten (denn wenn sie um etwas anderes bitten, ist dieses „etwas“ nichts), mahnt er mit den [S. 1024] Worten: „Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude voll sei“, d. h. um das bittet in meinem Namen, daß eure Freude voll sei, und ihr werdet es empfangen. Denn um dieses Gut wird der barmherzige Gott seine im Gebet beharrlichen Heiligen nicht bringen.
1: Gal. 6, 3.