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Berg der Wahrheit, Berg der Kunst
"Manche Jahre hatte Doktor Knölge die Zeit des Frühlings und Frühsommers in einer der vielen freundlichen Vegetarierpensionen am Lago Maggiore hingebracht. Er hatte vielerlei Menschen an diesen Orten kennengelernt und sich an manches gewöhnt, an Barfussgehen und langhaarige Apostel, an Fanatiker des Fastens und an vegetarische Gourmands. Da gab es Vegetarier, Vegetarianer, Vegetabilisten, Rohkostler, Frugivoren und Gemischtkostler. Der Doktor selbst gehörte nach dem Sprachgebrauch der Eingeweihten zu den Gemischtkostlern."
Der Autor Hermann Hesse hat sich 1907 einer längeren Alkoholentziehungskur auf dem Monte Verità unterzogen. Er befreundete sich mit Vegetarierinnen und Künstlerinnen, die über längere Zeit dort lebten.
Zahlreiche späte Erzählungen von Hesse handeln auf dem magischen Berg im Tessin.
Wie im englischen Bloomsbury oder im norddeutschen Worpswede, später im Bauhaus in Dessau, versuchten Künstlerinnen aus allen Richtungen zusammenzuleben und sich in einer Art Gegenwelt gegenseitig zu inspirieren.
Die "aktive" Monte-Zeit zwischen 1900-1940 kann in verschiedene Phasen eingeteilt werden: Anarchisten (Erich Mühsam, Gustav Landauer, Raphael Friedeberg, der Psychotherapeut Otto Gross) wurden durch eine Vegetarierbewegung abgelöst (die Feministin und Pianistin Ida Hofmann, Henri Oedenkoven, die Brüder Karl und Gusto Gräser). Dann besuchten vor allem Dadaisten und Expressionistinnen jeglicher couleur den kraftvollen Berg und schliesslich gründete die Wissenschaftlerin Olga Froebe-Kapteyn die "Eranos-Tagungen".
Ein veritables "retour à la nature", eine Gegenbewegung setzte ein, meist als alternative Antwort auf die rasche Industrialisierung in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Monte Verità wurde zum zentralen Versuchsfeld für alternative Lebens- und Kunstformen zwischen der Jahrhundertwende und dem zweiten Weltkrieg.
Der Fels über Ascona galt als künstlerische Landschaft par excellence. Zwischen 1926 und 1958 wohnten oder kamen für ein paar Tage ca. 35‘000 in- und ausländische Besucherinnen auf den magischen Berg. Die Tessiner betrachteten die illustren, teilweise äusserst speziellen Gäste dieses Ortes als eine Ansammlung von Spinnern. Henri Oedenkoven, langjähriger Besitzer des Berges, verlangte Eintritt, um seine prekäre finanzielle Lage etwas zu verbessern. Gegen ein Entgelt konnten die Einheimischen zusehen, wie die Kurgäste ihre Rohkost im Freien einzunehmen pflegten.
Neben Vegetariern, Pazifistien, Nudisten, Freimaurern, Feministinnen, Theosophen und Bohemiens fühlten sich auch viele Künstlerinnen von der Reformkulturlandschaft des Monte Verità angezogen. Sie kamen als Lebensform-Touristinnen zu kurzen, zuweilen auch längeren Kuraufenthalten.
Mit Ausnahmen waren sie schon vorher die geworden, als die sie in die Kunst- und Literaturgeschichte eingingen; und ihre bekanntesten Werke schufen sie anderswo. Es entstand keine bleibende eigentliche Monte-Verità-Kunst. Dennoch schlug sich der Besuch des sonderbaren Ortes in der Südschweiz in praktisch jedem Werk irgendwo nieder.
Der deutsche Ausdruckstanz jedoch hatte seine Wurzeln auf dem Monte Verità:
Tanzende Silben auf rohköstlichen Brettern
Rudolf von Laban war der Gründer einer neuen Tanzkunst: er wollte sich von der Ballett-Technik und überhaupt von allen Begrenzungen des Tänzerischen befreien. Daraus resultierten die Bewegungspädagogik, die chorischen Festspiele, die Entstehung der Tanztherapie (bekannte Schülerinnen waren Mary Wigman und Martha Graham, die danach den modern dance begründeten).
Mary Wigmans Ansatz war, den Tanz als grundlegenden Bestandteil der Lebens- und Erziehungsform zu definieren und somit die Verdrängung der Körperlichkeit und Natürlichkeit im Zivilisationsprozess zu bremsen. So wurde während des recht strengen "Arbeitstherapieprogramms" Gemüse für die Monte-Gäste mit Tanzbewegungen gerüstet. Um sich von den Strapazen der körperlichen Arbeit zu erholen, tanzte man in den Pausen Eurythmie.
Für die Entwicklung des Cabaret Voltaire und der Dada-Bewegung, die von Deutschland nach Zürich "emigrierte" (Hugo Ball, Emmy Hennings, Iwan und Claire Goll, Klabund, Tristan Tzara, Oskar Schlemmer, Hans Richter u.v.a.) war der Monte Verità nicht unwichtig. Rudolf von Laban führte seine Tanzschule in den Wintermonaten in Zürich, sommers auf dem Monte Verità. Die Beziehung von Laban und seinen Tanzschülerinnen zu den Künstlerinnen des Dada-Kreises wickelte sich auf verschiedenen Ebenen ab. Die Tänzerinnen spielten bereits in Zürich bei den Dada-Aktivitäten im Cabaret Voltaire eine Rolle, indem sie beispielsweise Gedichte von Arp oder Ball rezitierten.
Im Sommer weilten sie zusammen mit den Dadaisten auf dem Monte Verità, wo verschiedene Happenings stattfanden (chorische Festspiele, sprechende Tänzerinnen, Maskenfeste etc.)
Claire Goll schreibt: "L’atmosphère de Zurich n’inicitait pas au travail. Trop d’amis, trop de sollicitations, une vie de café passionnante mais superficielle. Ascone était un monastère ou dans le calme et sous un ciel tranquille, le travail était facile."
Aus Berlin, München und anderen deutschen Grossstädten kamen Künstlerinnen teils weil sie in Deutschland mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren (Ball, Hennings), teils weil sie die Schweiz als friedliche Insel ansahen — die Südschweiz als Erleuchtung per se.
Ball und Hennings liessen sich Ende der 20er Jahre ganz im Tessin nieder. Sie tauschten somit die Grossstadt gegen eine vermeintliche Idylle. Nach dem Tod von Ball ging es Emmy Hennings finanziell so schlecht, dass sie auf Unterstützung vor allem auch vom im benachbarten Montagnola wohnenden Hermann Hesse angewiesen war.
Expressionistische Utopien
Im Juli 1919 entfloh der Deutschschweizer Schriftsteller Friedrich Glauser der Heilanstalt Münsingen bei Bern, wo er einer Morphiumentziehungskur wegen interniert war. "Es kam mir sonderbar vor, ganz in Freiheit zu sein. Doch kam ich von einer bohrenden Angst nicht los."
In Ascona trifft er u.a. die Malerin und ehemalige Apothekerin Marianne Werefkin, Hugo Ball und Emmy Hennings. Glauser stand den Dada-Kreisen nahe, trat einige Male Verse rezitierend auf. Wegen seiner Morphiumsucht wird er von einem Asconeser Apotheker denunziert und nach Münsingen zurückgeschafft. Auf die Zeit in Ascona zurückblickend schreibt er: "Ich habe dort viel gelernt, weniger von den Menschen, obwohl auch diese nicht ohne Einfluss auf mich geblieben sind. Vielleicht ist das Wichtigste, was ich dort gelernt habe, die Einsicht, dass man Geistesprodukte nicht überschätzen darf und besonders sich selbst nicht als Schöpfer dieser Geistesprodukte. Denn was wir zu sagen vermögen, die Worte und Bilder, mit denen wir, schwach nur, zu wirken versuchen, sie hängen nicht von unserem Willen ab. Sie werden uns geschenkt, und als Geschenk haben wir sie zu betrachten. Aber wir haben kein Recht uns viel auf unser Können einzubilden. Und Eitelkeit ist leider sehr häufig."
Weitere Schweizer Expressionisten, die den Monte besuchten, waren: Hans Arp, Sophie Taeuber, Hans Morgenthaler, Fritz Pauli, Robert Schürch und der Puppenspieler Jakob Flach.
Die Bauhaus-Künstlerinnen aus Berlin und Dessau entdeckten den Monte und bezeichneten die ganze Lebens- und Kunstreform-Anlage als "Gegenwelt" im Sinne einer Oase in bereits stark nationalsozialistisch gefärbten Zivilisation (Breuer, Albers, Bayer etc.). Der Architekt Emil Fahrenkamp baute im unvergleichlichen rationalen Bauhausstil die Albergo Monte Verità. Wenig später erschien der bibliophile Bildband "Ascona-Baubuch" (die Typographie besorgte Max Bill).
Zu den literarischen Gästen aus Deutschland gehörten beispielsweise Gerhart Hauptmann, Else Lasker-Schüler, Emil Ludwig, Erich Maria Remarque, René Schickele, Albert Ehrenstein sowie die Verfechterin weiblicher Emanzipation Franziska Gräfin zu Reventlow, schliesslich Heinrich Vogeler aus Worpswede.
Marianne von Werefkin, eine der wichtigsten expressionistischen Künstlerinnen des vergangenen 20. Jahrhunderts, die in Ascona lange Jahre bis zu ihrem Tod lebte, wurde von den Einheimischen ausserordentlich geachtet. Was eher selten war — die Tessinerinnen betrachteten mit grosser Skepsis das bunte und schräge, immer leicht verrückte Treiben auf dem Monte Verità. Am Begräbnis von Marianne von Werefkin im Februar 1938 hat ganz Ascona teilgenommen. Die Künstlerin schenkte einen Grossteil ihrer Werke der Gemeinde Ascona; diese sind heute im Museo communale zu besichtigen.
Weitere expressionistische Malerinnen auf dem Asconeser-Berg waren Alexey von Jawlensky, Arthur Segal, Annette Kolb, Louis Moilliet u.v.a.
1978 veranstaltete Harald Szemann eine grossangelegte Ausstellung unter dem Titel "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" über Kunst und Leben auf dem Monte Verità. Später wurde die Ausstellung auch in Zürich, München und Wien gezeigt.
Heute werden die übriggebliebenen renovierten Gebäude (inkl. die Lichtlufthütte) vor allem für Kongresse gebraucht.
Sollte sich eine Kongressbesucherin in den weitläufigen Park begeben, um sich von einem besonders strengen oder nachhaltigen Vortrag mit einem kleinen Imbiss (z.B. Schinkenbrot) zu erholen, ist jedoch Vorsicht geboten: Falls er/sie nämlich von einem Urvegetarier hinter einem dicken Baumstamm erblickt würde — es könnte sein, dass dieser Gewalt anwenden würde!
"Schon hatte Knölge beschlossen, im nächsten Monat die Provinz zu verlassen und nach seiner Heimat zurückzukehren, da führte ihn, beinahe wider seinen Willen, in einer strahlenden Vollmondnacht ein Spaziergang in die Nähe des Gehölzes. Mit Wehmut dachte er früherer Zeiten, da er noch voller Gesundheit als ein Fleischesser und gewöhnlicher Mensch unter seinesgleichen gelebt hatte, und im Gedächtnis schöner Jahre begann er unwillkürlich ein altes Studentenlied vor sich hin zu pfeifen.
Da brach krachend aus dem Gebüsch der Waldmensch hervor, durch diese Töne erregt und wild gemacht. Bedrohlich stellte er sich vor dem Spaziergänger auf, eine ungefüge Keule schwingend. Grimmig lächelnd verbeugte er sich und sagte mit Hohn und Beleidigung in der Stimme: Sie erlauben, dass ich mich vorstelle, Doktor Knölge.
Da warf der Gorilla mit einem Wutschrei seine Keule fort, stürzte sich auf den Schwachen und hatte ihn im Augenblick mit seinen furchtbaren Händen erdrosselt. Man fand ihn am Morgen, manche ahnten den Zusammenhang, doch wagte niemand etwas gegen den Affen Jonas zu tun, der gleichmütig im Geäste seine Nüsse schälte. Die wenigen Freunde, die sich der Fremde während seines Aufenthaltes im Paradiese erworben hatte, begruben ihn in der Nähe und steckten auf sein Grab eine einfache Tafel mit der kurzen Inschrift: Dr. Knölge, Gemischtkostler aus Deutschland." (Aus Hermann Hesse: Weltverbesserer, suhrkamp 1985)
Christine Eggenberg, 9. Februar 2000
Bauhaus- KünstlerInnen sind z.B. Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger, Georg Muche, Wolfgang Tümpel und Margit Téry-Buschmann.
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