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Rückenschmerzen haben sich mittlerweile zu einer Volkskrankheit entwickelt. Abgesehen von Infekten, sind Rückenschmerzen der zweithäufigste Grund, einen Arzt aufzusuchen.
Erste Beschwerden verschwinden bei Betroffenen häufig spontan und ohne Behandlung. Bei über 60 Prozent kehren die Rückenschmerzen wieder zurück. Von chronischen Rückenschmerzen spricht man, wenn die Symptome länger als zwölf Wochen anhalten.
Rückenschmerzen können sowohl organische als auch psychische Ursachen haben – oft beeinflussen sich diese Komponenten gegenseitig.
In der Anfangsphase sind die Symptome häufig unspezifisch. Die Betroffenen klagen über Morgensteifigkeit, Verspannungen oder Schwäche. Viele bagatellisieren die Beschwerden zunächst oder verdrängen sie durch gesteigerte Aktivität. Mit der Zeit können sich die Schmerzen allerdings verstärken.
Man unterscheidet den plötzlich auftretenden Rückenschmerz (Lumbago) vom Wurzelreizsyndrom (Lumboischialgie) mit Kreuzschmerzen, die auch in die Beine ziehen. Auch Bandscheibenvorfälle verursachen starke Rückenschmerzen.
Unter Rückenschmerzen versteht man Schmerzzustände, die in unterschiedlichen Bereichen des Rückens auftreten. Die Ursachen des Rückenschmerzes zu finden, ist in vielen Fällen schwierig. Denn der Rücken wird mit vielen Nerven versorgt und im Laufe des Lebens können Verschleisserscheinungen auftreten – beispielsweise in den Wirbelgelenken.
Man unterscheidet zwischen einem radikulären und einem pseudoradikulären Schmerz:
Rückenschmerzen lassen sich weiterhin unterscheiden in:
60 bis 80 Prozent der 30- bis 60-jährigen Frauen sind von Rückenschmerzen betroffen, bei den Männern sind es 65 bis 70 Prozent.
Bei rund 50 bis 60 Prozent der von Rückenschmerzen Betroffenen besteht ein Zusammenhang der Schmerzen mit ihrem Beruf. Von den Betroffenen, die länger als sechs Monate an Rückenschmerzen leiden, kehren 50 Prozent wieder an ihren Arbeitsplatz zurück.
Über 75 Prozent aller Rückenschmerzen entstehen im Lendenbereich. Die Lendenwirbelsäule besteht aus fünf Wirbelkörpern, an die sich Kreuz- und Steissbein anschliessen. Ist das Gelenk zwischen dem Kreuzbein und einem Teil des Beckenknochens (Darmbein) betroffen, spricht man vom Kreuzschmerzen beziehungsweise von sogenannten iliosakralen Beschwerden. Das Gelenk heisst Kreuzbein-Darmbeingelenk oder Iliosakralgelenk, der Schmerz auch Iliosakralsyndrom (ISG-Syndrom).
Der obere Bereich der Wirbelsäule, die Hals-Nacken-Region, schmerzt Betroffene am zweithäufigsten: 25 Prozent der Rückenschmerzen gehen vom Nackenbereich aus.
Ähnlich ist die Verteilung auch bei Bandscheibenvorfällen: Die überwiegende Mehrheit betrifft die Lendenregion, während die Halswirbelsäule vergleichsweise selten betroffen ist.
Über 60 Prozent aller Kur- und Invaliditätsanträge werden wegen Rückenschmerzen gestellt.
Rückenschmerzen entstehen aufgrund körperlicher (organischer) und psychosomatischer Ursachen sowie durch Fehlhaltungen und Fehlbelastungen.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verschiedene organische Ursachen der Rückenschmerzen:
Organische Ursachen können sein:
Fehlhaltung und Fehlbelastung der Wirbelsäule können ebenfalls zu Rückenschmerzen führen. Unbewusst neigen Betroffene dazu, die auftretenden Schmerzen zu kompensieren, in dem sie versuchen, die Fehlhaltung dadurch auszugleichen, dass sie bestimmte Muskeln anspannen. Dies verursacht weitere Fehlhaltungen, die zu erneuten Rückenschmerzen führen. Ein klassischer Teufelskreis ist eröffnet. Ein Bandscheibenvorfall kann die Folge sein.
Die Rückenschmerzen werden dabei zunächst vom hinteren Längsband der Wirbelsäule verursacht, welches sich über die Rückseite der Wirbelkörper entlang der Körperachse spannt. Eine hervorquellende Bandscheibe, deren Hülle (Faserring) zu diesem Zeitpunkt noch intakt ist, verlagert möglicherweise das Längsband (sog. Protrusion).
Tritt die Bandscheibe durch den gerissenen Faserring nach hinten aus, kann sie dadurch eine Nervenwurzel reizen. Dies verursacht innerhalb des Nervengewebes komplexe Veränderungen. Dazu gehören Durchblutungsstörungen, chronische Entzündungen, Nervenschwellungen sowie die Ausschüttung bestimmter Eiweisse, die beim Aufbau der Rückenschmerzen eine Rolle als Boten spielen.
Der Begriff psychosomatisch umfasst die Wörter psyche (Seele) und soma (Körper). Psychosomatische Erkrankungen sind Ausdruck seelischer Befindlichkeiten, Probleme oder Krankheiten, die sich in körperlichen Beschwerden zeigen. Dasselbe gilt auch andersherum: Körperliche Beschwerden können ihrerseits psychische Probleme verursachen.
Ein Teil des Nervensystems bildet eine Brücke zwischen Psyche und Körper. Angst- oder Stresssituationen erhöhen zum Beispiel den Herzschlag und steigern die Durchblutung. Dauert die Stressüberbelastung zu lange an, können psychosomatische Störungen auftreten. Äussern sich diese in dauerhaften Schmerzen, so wird wiederum eine Stresssituation geschaffen und ein Teufelskreislauf entsteht.
Menschen, die Gefühle wie Aggression, Wut oder Trauer ausleben sind sieben Mal weniger gefährdet, Rückenschmerzen zu bekommen.
Rückenschmerzen mit psychosomatischen Ursachen treten vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule auf. Während Schmerzen für den Körper Stress bedeuten, löst umgekehrt Stress bei Rückenschmerzpatienten wiederum (Dauer-)Schmerzen aus. Bandscheibenoperationen sind in diesen Fällen nicht immer das geeignete Mittel, um Schmerzen im Rücken zu beseitigen.
Anfangs treten bei Rückenschmerzen Symptome auf, die Betroffene häufig nicht ernst nehmen oder durch Aktivität verdrängen. Hierzu zählen:
Im Verlauf der Rückenschmerzen verstärken sich die Symptome und halten eine längere Zeit an.
Häufig lösen verspannte und schmerzhafte Muskeln ebenfalls Rückenschmerzen aus. Betroffene spüren den Schmerz häufig nicht an der Körperstelle, an der die Muskeln verspannt sind. Beispielsweise können Schäden beziehungsweise Muskelverspannungen an der Halswirbelsäule Schmerzen in der Schulter, im Arm und in den Fingern verursachen.
Bei Rückenschmerzen hängt die genaue Diagnose von der Ursache ab. Der Arzt nutzt verschiedene Methoden, um die Ursache zu ermitteln. Hierzu zählen
Bei der Diagnose von Rückenschmerzen ist eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) besonders wichtig. Der Arzt erfasst Vor- oder Begleiterkrankungen wie Arthrose (Gelenkverschleiss) oder Osteoporose (Knochenschwund), die als Auslöser infrage kommen. Des Weiteren erforscht er mögliche psychosomatische Gründe der Rückenschmerzen. Hierzu gehören zum Beispiel dauerhafter Stress oder psychische Probleme wie etwa Depressionen. Auch berufliche Aspekte spielen bei der Beurteilung der Rückenschmerzen eine Rolle. Arbeitet der Betroffene beispielsweise überwiegend im Sitzen oder im Stehen, kann dies seine Beschwerden verursachen beziehungsweise verstärken.
Als weiteres Element der Diagnostik stehen sogenannte Schmerztagebücher zur Verfügung. Der Betroffene dokumentiert dabei mithilfe einer Skala, wie er die Rückenschmerzen im Verlauf des Tages empfindet. Schmerztagebücher helfen, die Rückenschmerzen zu beurteilen und spätere Therapiemassnahmen zu kontrollieren.
Der Arzt beziehungsweise Orthopäde untersucht den Betroffenen zudem körperlich. Er beurteilt dabei Veränderungen, die er von aussen erkennen kann. Dazu zählen beispielsweise die Stellung des Beckens und der Schultern, Verkrümmungen der Wirbelsäule sowie die gesamte Körperhaltung. Ausserdem prüft er Muskelkraft, Reflexe, Berührungsempfinden und die Beweglichkeit der Gelenke und der Wirbelsäule. In vielen Fällen gibt dies Aufschluss über Ursache und Diagnose der Rückenschmerzen. Weitere Untersuchungen sind nicht nötig.
Besteht der Verdacht auf eine Nervenschädigung, empfiehlt sich jedoch eine Untersuchung bei einem Neurologen.
Um die Ursache der Rückenschmerzen abzuklären, kann eine Röntgenaufnahme nötig sein. Eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule wird in zwei Ebenen durchgeführt: von vorne und von der Seite. Die Röntgenbilder geben einen Eindruck von der Beschaffenheit der Wirbelknochen, der Haltung und Krümmung der Wirbelsäule sowie dem Zustand der Wirbelgelenke.
Bei bestimmten Fragestellungen kann man die Wirbelsäule auch in Vor- und Rückwärtsbeugung röntgen. Diese sogenannten Funktionsaufnahmen geben Aufschluss über die Beweglichkeit der Wirbelsäule und lassen Rückschlüsse über die Rückenschmerzen zu.
Häufig ist auch eine gezielte Diagnostik mithilfe der Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspin) sinnvoll, um die Ursache der Rückenschmerzen abzuklären. Diese sogenannten Schnittbildverfahren dienen dazu, bestimmte Abschnitte der Wirbelsäule gezielt zu untersuchen. Sie erzeugen Schnittbilder von Muskeln, Wirbelkörpern, Bandscheiben und Gelenken, die dem Arzt helfen, sich ein genaueres Bild über eventuelle Ursachen der Rückenschmerzen zu verschaffen. Gewöhnlich reicht eine Untersuchung ohne Kontrastmittel aus. Wird jedoch eine Entzündung oder ein Tumor als Ursache der Rückenschmerzen vermutet, kann auf die Gabe eines Kontrastmittels nicht verzichtet werden.
Ein besonderes Verfahren namens Myelographie kann den Rückenmarkskanal und die Rückenmarksnerven (Spinalnerven) darstellen. Bei der Myelographie spritzt der Untersucher ein Kontrastmittel in den Bindegewebsschlauch, der das Rückenmark umgibt (sog. Duralsack). Mithilfe des Kontrastmittels kann der Arzt neben den Knochen der Wirbelsäule auf dem Röntgenbild auch das Rückenmark und die Nervenwurzeln sehen. Durch eine Computertomographie (CT) im Anschluss an eine Myelographie lässt sich das Rückenmark bei besonderen Fragestellungen bezüglich der Rückenschmerzen genauer beurteilen.
Bei Rückenschmerzen richtet sich die Therapie nach den Ursachen und dem Ausmass der Beschwerden. Generell können Rückenschmerzen mit folgenden Methoden behandelt werden:
Wärme lindert in vielen Fällen die Rückenschmerzen – insbesondere bei leichten Rückenschmerzen oder Schmerzen aufgrund von Verspannungen. Hierfür empfehlen sich:
Wenn eine Operation nicht zwingend erforderlich ist, kann man viele Rückenschmerzen mit Schmerzmitteln und Ruhigstellung behandeln (sog. konservative Therapie). Um irritierte Nerven zu entlasten, kann eine Lagerung im Stufenbett zur Ruhigstellung notwendig sein. Im Bereich der Halswirbelsäule hilft das Anlegen einer stabilisierenden Halskrawatte.
Als Schmerzmittel setzt man bei Rückenschmerzen Rheumamittel ohne Kortison ein. Sie lindern die Rückenschmerzen und hemmen die Entzündung.
Als effektiv bei der Behandlung akuter und chronischer Rückenschmerzen erwies sich das Spritzen von Schmerzmitteln unter computertomographischer Überwachung. Die Schmerzmittel wirken direkt an der Einspritzstelle und können mit sogenannten Kortikoiden kombiniert werden, welche stark entzündungshemmend sind. Hierzu spritzt man während einer Computertomographie (CT) ein Schmerzmittel in die schmerzverursachende Region der Wirbelsäule. Abhängig vom Ausgangsort der Rückenschmerzen bringt der Arzt das Schmerzmittel in den Bereich der Nervenwurzeln der Wirbelgelenke oder dem Spaltraum im Bereich der Rückenmarkshäute (Periduralraum) mit Schmerzmitteln. Allerdings sollten Schmerzmittel und Kortikoide möglichst nur über eine begrenzte Zeit verabreicht werden.
Eine besondere Stellung bei der Behandlung von Rückenschmerzen nimmt die Akupunktur ein. Sie ist eine der wichtigsten Methoden der traditionelle chinesischen Medizin (TCM). Zusätzlich zur Akupunktur wird die sogenannte Moxibution angewandt. Bei der Moxibution verbrennt der Akupunkteur über oder auf der Haut Kräuter und regt damit die Akupunkturpunkte durch Wärme an. Die Haut wird dabei nicht geschädigt. Weitere Elemente der chinesischen Medizin, die die Behandlung der Rückenschmerzen unterstützen, sind die Bewegungslehre (Tai Chi), die Kräuter-Therapie und eine richtige Ernährung.
Schmerzmittel können bei stressbedingten Rückenschmerzen akut die Schmerzen lindern, allerdings beheben sie nicht die eigentliche Ursache.
Der Teufelskreis aus Stress, depressiver Verstimmung, Rückenschmerzen und dadurch bedingtem weiteren Stress lässt sich auch durch natürliche Präparate durchbrechen. Beispielsweise hemmt Johanniskraut, eine alte europäische Hauspflanze, den Abbau der Glücksbotenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Körper. Es stabilisiert die Stimmung und hilft, den Teufelskreis der Rückenschmerzen zu beenden.
Physiotherapeutische Massnahmen gegen Rückenschmerzen sollen vor allem die Rückenmuskulatur kräftigen. Kräftigere Rückenmuskeln helfen, den Halteapparat der Wirbelsäule zu entlasten und Verspannungen – und damit Rückebnschmerzen – entgegenzuwirken.
Die Rückenschule vermittelt die richtige Haltung und rückenschonende Bewegungsabläufe, um Rückenschmerzen zu lindern oder ihnen vorzubeugen. Die zehn goldenen Regeln der Rückenschule lauten:
Nicht geeignet ist die Rückenschule allerdings bei schweren, chronischen Rückenschmerzen.
Zusätzlich kann auch eine Massage sehr entspannend für die Muskulatur sein und Rückenschmerzen lindern. Ätherische Öle und Wärmeanwendung unterstützen den Effekt der Massage. Besondere Formen wie etwa Shiatsu und Reflexzonenmassage heben die Einheit von Körper, Geist und Seele in besonderer Weise hervor.
Sportliche Betätigung in Abwechslung mit Entspannungsverfahren empfehlen Experten besonders in der Therapie von Rückenschmerzen. Speziell Sportarten, welche die Wirbelsäule entlasten und den Kreislauf gleichmässig anregen, sind sehr günstig, um Rückenschmerzen zu lindern oder ihnen vorzubeugen. Hierzu zählen Rückenschwimmen, sanftes Joggen und Walking sowie Aikido oder längere Spaziergänge. Diese sind generell sehr wirksam bei Rückenschmerzen. Besser als Bettruhe und Wärme hilft daher die regelmässige, individuell angepasste Bewegung.
Rückenschmerzen können vielfältige Ursachen haben. Nur bei wenigen ist heutzutage eine Operation notwendig.
Neben den grossen offenen Operationen wendet man auch Verfahren an, die einen kleineren Eingriff erlauben (sog. minimalinvasive Verfahren) – vor allem bei weniger schwer wiegenden Fällen und bei bestimmten Ursachen der Rückenschmerzen. Beispiele für minimalinvasive Verfahren sind:
Betroffene von chronischen Rückenschmerzen laufen Gefahr, in eine Schmerzspirale zu geraten. Aufgrund der Rückenschmerzen vermeiden sie zum Beispiel bestimmte Bewegungen oder unterlassen Aktivitäten aus Angst, die Rückenschmerzen könnten schlimmer werden. Sie erreichen dadurch aber genau das Gegenteil: Sie verstärken die Schmerzen durch ihre Schonhaltung. Da die Rückenschmerzen jetzt noch schlimmer geworden sind, meinen sie, sich noch mehr schonen zu müssen. In diesen Fällen kann eine Verhaltenstherapie hilfreich sein. Die Verhaltenstherapie verläuft in drei Phasen:
Der Verlauf hängt in erster Linie von der Ursache der Rückenschmerzen ab. Die meisten Rückenschmerzen sind eher harmlos. Erste Beschwerden verschwinden meist spontan und ohne Behandlung. In über 60 Prozent der Fälle treten jedoch erneut Beschwerden auf.
Als chronisch bezeichnet man Rückenschmerzen, wenn die Symptome länger als zwölf Wochen anhalten.
Mit bestimmten Verhaltensweisen und Methoden können Sie Rückenschmerzen vorbeugen. Hierzu zählen:
Bis vor einigen Jahren herrschte die Überzeugung, ein möglichst gerader Rücken sei besonders gesund. Heute steht man dieser Meinung kritischer gegenüber. Denn Menschen, die nur auf ihre gerade Haltung achten, schränken sich in ihrem gesunden, natürlichen Bewegungsspielraum ein. Sie scheinen langfristig für Wirbelsäulenverletzungen anfälliger zu sein.