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| Zeno von Verona (um 370) - Traktate (Predigten und Ansprachen)

Buch 1
Traktat XIV. Von der Auferstehung.
4.
Höre noch andere Beispiele, und zwar solche noch sicherer Art. Nach dem ersten Buch der Könige1 erscheint der ausgezeichnete Priester Samuel, der schon durch das Gesetz des Todes betroffen war, auf Verlangen des Königs Saul demselben nicht nur in zweifelloser Weise gegenwärtig, sondern er antwortet ihm auch auf seine Fragen und weissagt ihm im Zustand des Gestorbenseins freimütiger, als er's zu Lebzeiten getan. Man kann von ihm sagen: Er ist mehr weggegangen als gestorben. Auch im Evangelium2 sehen Petrus und die Söhne des Zebedäus Moses und Elias beim Herrn in seinem Glänze3 stehen, sehen sie, die sie wegen des Hindernisses des Fleisches nicht hätten sehen können, in der Freiheit des Geistes; sie mochten daran erkennen, daß das, was man auf dieser Welt für die Zeit untergehen sieht, doch in der Schatzkammer der Natur geborgen unversehrt [S. 190] ruhen bleibt. Ähnlich erkennt der geizige Reiche in der Hölle, 4 den eine unermeßliche Kluft von der Glückseligkeit des Armen trennt, in seiner Gluthitze um Kühlung bittend zu spät, daß Lazarus der wahre Reiche ist. Schon tot, bittet er, nur mit dem Finger einer Hand von dem berührt zu werden, dem er zu seinen Lebzeiten die Gabe verweigert hatte. Jetzt haßt er, was er früher ohne Grund geliebt; jetzt macht er die Erfahrung, daß das, was er gehaßt, das Glücklichere ist. Er klagt, daß nichts von all seinen Reichtümern5 ihm ein Heilmittel bietet gegen die quälende Strafe; und er wäre doch bereit, für einen Augenblick der Ruhe unbedenklich alles hinzugeben, wenn es möglich wäre.6 Er wünscht, daß wenigstens seinen überlebenden Brüdern eine Warnung zukommt. Inständig bittet er den Vater Abraham, es möge ein Bote an sie abgehen, der sie von der so bedeutungsvollen Angelegenheit unterrichte. Aber Abraham antwortet: ,,Sie haben Moses und die Propheten; wenn sie ihnen nicht glauben, so werden sie auch dem nicht glauben, der von hier aus zu ihnen gesandt wird."7 Damit gibt er klar zu erkennen, daß die Wahrheit nicht auf den Augen des Fleisches, sondern auf dem Glauben der Gläubigen beruht.
1: Die Ausgaben geben durchweg die Lesart: Primo in libro verborum. Hier liegt wohl ein Versehen vor, das schon auf die ältesten Handschriften zurückgeht: primo in libro regnorum. 1 Kön. 28.
2: Matth. 17, 7 ff.; Mark. 9, 1 ff.; Luk. 9, 31 ff.
3: Nach der Lesart Giuliaris: cum Domino adstare fulgente Moysen Eliamque, die der Lesart der Ballerini: fulgentes vorzuziehen ist, da die evangelischen Berichte nur vom Glänze des Herrn sprechen.
4: Luk. 16, 19ff.
5: Nach der Lesart von Giuliari: aliquid de facultatibus totis, die handschriftlich gut begründet ist und auch dem Sinne nach der Lesart der Ballerini: aliquid de facultatibus notis vorzu ziehen ist.
6: Nach der Lesart der Ballerini: incunctanter tota, si liceat, paratus offerre. Giuliari bietet, nach mehreren Handschriften: tota scilicet paratus offerre.
7: Luk. 16, 29. 31.