Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03543.jsonl.gz/1731

Verena Stefans Bärengraben
«In Bern…beginnst du wieder. Die Worte sind in deiner Kehle gefangen wie die Bären im Bärengraben. (…). Du weißt das Wort für Bärengraben nicht. Ein Zwinger... Später wirst du im Wörterbuch nachschauen, später werden sich bei jeder Tafelrunde die gerade anwesenden Ginettes, Chantals, Gails, Martines, Lises, Louises, Annes, Anns bolzengerade aufrichten, das Glas absetzen, Gabel und Messer ablegen, sobald das Wort gefallen ist, und alarmiert fragen: Une fosse d'ours? Mais qu'est-ce une fosse d'ours? Es-tu sérieuse, toi? Helena, die während einer Europareise durch Bern gekommen ist, meint: Do they still have that terrible bear pit in the city?»
Es fällt der Erzählerin sehr schwer, den Bericht fortzusetzen, sie kann es nur stockend: «Die Bären sind eingesperrt, so weit hast du Bericht erstattet. Nein, nicht im Zoo. (...) Die Bären sind tiefer... fährst du fort, sie befinden sich ein Stockwerk unter dem Straßenniveau.... es ist eine Art eingestülpter Turm... aus Stein... Lous Gesicht ist ausdruckslos geworden. Die Touristen und die Einheimischen stehen im Kreis oben am Geländer, erklärst du, rings um den abwärts errichteten Turm, und schauen auf die Bären hinab... sie kreischen und lachen und werfen Möhren hinab... die Bären schauen hinauf und fangen das Futter mit den Tatzen oder dem Maul auf. Lous Gesicht ist reglos geblieben, zwei Tränen lösen sich aus ihren Augenwinkeln. Willst du damit sagen, daß sie nie in die Weite sehen?, fragte sie schließlich.»
Die Szene mit der schockierten Tischrunde spielt in Montreal, Kanada, die Erzählerin ist Schweizerin und gerade frisch in Übersee angekommen. Sich als Fremde erfahren in einem neuen Land, ist aber nur die eine Ebene. Zugleich entdeckt die Frau einen Fremdkörper im eigenen Leib: Krebs. Die Grunderfahrungen von Immigration und Krankheit verschränken sich in Verena Stefans Roman mit dem wunderbar mehrdeutigen Titel «Fremdschläfer» auf sehr persönliche und poetische Weise.
Verena Stefan (geboren 1947 in Bern) hat viele Jahre in Berlin gelebt, als Schriftstellerin, Übersetzerin und Dozentin für kreatives Schreiben. Im Jahr 2000 ist sie nach Montreal ausgewandert. Stefan gehört zu den wichtigen Stimmen feministischer Literatur, mit dem Prosaband «Häutungen» gelang ihr 1975 der literarische Durchbruch. (BP)
Der Bär ist das Wappentier von Stadt und Kanton Bern. Seit 1513 werden in Bern Bären gehalten - Chroniken besagen, dass der erste Bär als Kriegsbeute von siegreichen Schweizer Söldnern nach Bern gebracht worden sei. Bis 1857 wurden die Tiere in der Stadt selbst gehalten (noch heute heisst der Ort «Bärenplatz»), danach im Bärengraben vor den Toren der Stadt. Zahlreiche Beschwerden aus dem In- und Ausland führten dazu, dass die Stadt Bern das Thema «Bärenhaltung» Ende des 20. Jahrhunderts grundsätzlich überdenken musste. Seit 2009 haben es die Berner Bären geradezu luxuriös. Sie leben auf 6000m2 im neu erstellten Bärenpark am Ufer der Aare. Der Bärengraben Teil des Parks und ein historisches Monument. Wenn die Bären wollen, könne sie ihn noch immer benutzen.