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Wie der Zweite Weltkrieg nach
Schaffhausen kam
Der Rhein bildet auf weite Strecken die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland, und meine Heimatstadt Schaffhausen liegt am nördlichen Ufer dieser natürlichen Grenze. Während des Zweiten Weltkrieges war es das falsche Rheinufer.
Wenn die Sirenen ertönten
Am Vormittag des 1. April 1944 ertönten, wie so oft in den letzten Jahren, die Sirenen. Das war nichts Neues für uns, denn während des Krieges gab es in der Stadt über 500-mal Fliegeralarm. Seit der Invasion der alliierten Truppen in der Normandie verbrachten wir deshalb viele Nächte im Keller. Aber wenn die Sirenen am Tag ertönten, liessen sich die Menschen bei uns durch die Sirenen nicht weiter stören und wir Kinder sahen den Flugzeugen jeweils nach, wie sie hoch über uns in Richtung der Städte am Bodensee flogen. Aber an diesem Frühlingstag war alles anders. Die amerikanischen Piloten, die sich anscheinend verirrt hatten, glaubten sich über deutschem Gebiet und warfen ihre Bomben kurz vor 11 Uhr über unserer Stadt ab. 371 Bomben fielen innerhalb von knapp einer Minute auf Schaffhausen. 40 Menschen starben, 450 verloren ihr Hab und Gut und gegen 1000 wurden arbeitslos, weil viele Fabriken bei diesem Angriff zerstört wurden. Auch das Haus meiner Grosseltern und das Geschäft meines Vaters wurden von Bomben getroffen und schwer beschädigt.
Auf der anderen Seite des Rheins
Als der Krieg ein Jahr später, am 8. Mai 1945, zu Ende ging, litt ganz Europa unter Hunger und einem grossen Mangel an allem, was überlebenswichtig war. Deshalb rief die Kinderhilfe des SRK eine Hilfsaktion für erholungsbedürftige Kinder ins Leben. Gastfamilien aus der ganzen Schweiz nahmen Kinder aus den kriegsversehrten Ländern für drei Monate bei sich auf. Sogar deutsche Kinder durften nach Verhandlungen mit den zuständigen Behörden zu uns kommen.
Im April 1946 trafen die ersten Kinder aus Deutschland in Schaffhausen ein. Meine Mutter konnte den kleinen Heinz nach einer Woche in Quarantäne dann zu uns nach Hause holen. Er war ein paar Jahre älter als ich, ein magerer, stiller Junge aus Hamburg, und er musste erst einmal mit guten Schuhen und neuen Kleidern ausgestattet werden. Anfangs hatte ich grosse Mühe, sein Hochdeutsch zu verstehen, aber mit der Zeit konnten wir uns ganz gut unterhalten. Seinen anfänglich spärlichen Erzählungen konnte ich entnehmen, dass sein Vater im Krieg gefallen war und dass er unzählige Bombennächte im Luftschutzkeller verbringen musste. Oft wachte er nachts auf und schrie laut vor Angst. Es brauchte viel Zeit, bis Heinz etwas lebhafter wurde, und ab und zu konnten wir ihn später sogar zum Lachen bringen. Seine Erzählungen von den Bombenangriffen auf Hamburg, vom Hunger und von der Kälte des letzten Winters gaben mir zu denken, und sogar mit meinem Kleinkinderverstand begriff ich schnell, dass wir in der Schweiz vor einem grossen Unheil verschont geblieben waren. Ich überlegte mir, was mit mir wohl geschehen wäre, wenn ich nur ein paar Kilometer von zu Hause entfernt, jenseits der Grenze, geboren worden wäre. Diese Grenze so nahe von meinem Elternhaus, das Zollhaus und der Schlagbaum schienen mir plötzlich sinnlos und vor allem ungerecht. Was konnte der kleine Heinz dafür, dass er in Deutschland geboren wurde? Was konnte ich dafür, dass ich wohlbehütet auf der anderen Seite der rot-weissen Barriere aufwachsen durfte? Warum entscheidet eine Grenze so oft über das Leben der Menschen? Ich habe bis heute keine Antworten auf meine Kinderfragen gefunden.
Ruhen in Unruhen
Einsatz im Durchgangszentrum
Tiszabecs, ein Dorf mit etwas über 1000 Einwohnern, liegt am linken Flussufer der Theiss – auf der anderen Seite der Ukraine. Nach dem 24. Februar 2022 wurde die kleine Grenzgemeinde immer wieder von einem Flüchtlingsstrom überrollt. Zu Spitzenzeiten überquerten hier bis zu 2000 Menschen an einem Tag die Grenze. Die Dorfbevölkerung leistete eine bemerkenswerte Soforthilfe: Die Schule wurde zu einem Durchgangszentrum umfunktioniert und unzählige Spenden gesammelt.
Vor Ostern kam ich zum ersten Mal über die Organisation «Baptista» zu einem Einsatz in diesem Durchgangszentrum: Lunchsäckli packen, Gabentisch mit Verpflegung und Hygieneartikeln auffüllen, neu gebrachte Spenden ausladen, Warenlager aufräumen, Boden wischen… es gab immer wieder verschiedene Arbeiten zu erledigen. Während den gut vier Wochen, die ich in diesem Zentrum in Tiszabecs verweilte, war es ruhig. Es trafen nur noch wenige Flüchtlinge ein und ich vebrachte friedliche Alltage. Es gab jedoch durchaus Momente, welche mich und andere Helfer innehalten liessen. Momente, die uns bewusst machten, dass in unserem Nachbarland Krieg herrscht.
Sirenenalarm
«Hört ihr das?», fragte plötzlich Bence beim Abendessen. Wir lauschten. «Tönt wie Sirenen», meinte István. Fragend blickten wir uns an und für einen Moment vergassen wir das Essen. Leichte Verunsicherung machte sich breit. Wir öffneten das Fenster. Ja, das waren Sirenen. Erneut blickten wir uns ratlos an. Da es im Zentrum aber ruhig blieb und keine Hektik ausbrach, kamen meine Freunde zum Schluss, dass die Sirenentöne von der ukrainischen Nachbargemeinde über den Fluss zu uns getragen wurden. Und mit dieser Erklärung war die Anspannung sofort verflogen und wir assen gelassen zu Ende. Das war das erste Mal, dass ich so bewusst die Sirenen wahrnahm. Auch bei dem Sirenengeheul in den folgenden Tagen hielt ich jedes Mal kurz inne, lauschte, um kurz darauf meine Tätigkeit achselzuckend wieder aufzunehmen.
Von einer ukrainischen Helferin bei uns im Durchgangszentrum erfuhr ich, dass sie kaum mehr ruhige Nächte verbringe. Immer wieder gäbe es Fliegeralarm. Dieser erreiche sie über eine App auf dem Handy überall. Glücklicherweise sei bis jetzt noch kein Dorf in dieser Umgebung bombardiert worden und der Alltag werde den Umständen entsprechend normal gelebt.
Viele Fragen
Charlotte stellte sich im Zweiten Weltkrieg als Kind viele Fragen. Ebenso viele Fragen und Unklarheiten schwirren mir heute als junge erwachsene Frau durch den Kopf. Vieles erschient mir gleichermassen sinnlos und ungerecht. Mich beschäftigt es, dass wir Menschen offensichtlich nicht in der Lage sind, aus der Vergangenheit zu lernen. Es beschämt mich zu erleben, dass die Menschheit immer noch nicht im Stande ist, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Glauben Sie, liebe Leserinnen und Leser, dass wir Menschen einmal friedlich zusammenleben werden?