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Wie man Verwandtschaft darstellen kann, erforscht das Team von Marianne Sommer im Rahmen von «In the Shadow of the Tree». Im Interview spricht die Kulturwissenschafts-Professorin über ihren Zugang zum Thema und erklärt, wie das gross angelegte Projekt funktioniert.
Marianne Sommer, wie kamen Sie auf dieses Thema?
Marianne Sommer*: Ich arbeite unter anderem zur Geschichte der Anthropologie. Dabei ist mir die zentrale Rolle von Bildern, vor allem auch von Diagrammen, für die Analyse von Daten und das Teilen von Informationen aufgefallen. Bilder konnten im 19. Jahrhundert die Betrachtung des Gegenstands, zum Beispiel eines Schädels, teilweise ersetzen. Über den Vergleich von Skeletten und Messgrössen in Bildern und Diagrammen wurden Rassenhierarchien aufgestellt. Wenn diese in einen evolutionären Zusammenhang gebracht wurden, geschah das meist durch das Baumdiagramm.
Woher kommt das Baumdiagramm?
Die Baumstruktur diente in der Frühen Neuzeit zur Legitimation von Dynastien, indem sie edle Abstammung darlegte oder gar auf Adam zurückführte. Es ist nicht sicher, inwiefern diese Techniken mit den mittelalterlichen arbores consanguinitates (Baum der Blutsverwandtschaft) und arbores affinitates (Baum der Verwandtschaft) oder mit den ebenfalls mittelalterlichen Bäumen Jesse, welche die Abstammung Christi zeigen, zusammenhängen [siehe Bild oben; N.A.]. Die Baumstruktur war demnach schon vor der Verwendung in der Biologie Teil der Ikonografie bürgerlicher Genealogie. Falls da eine Übertragung stattfand, ist sie alles andere als abschliessend dokumentiert. Auch enthielten diese Bäume Elemente der Ikonografie der scala naturae. Diese geht davon aus, dass sich alle Lebensformen, aufsteigend vom tiefsten bis zum höchsten Entwicklungsstand, anordnen lassen. Des Weiteren scheint es Verbindungen zu Darstellungstechniken aus der Tier- und Pflanzenzüchtung zu geben, die später wiederum die eugenischen Vererbungsaufzeichnungen von Krankheiten prägten. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts sind genealogische Daten nach bestimmten diagrammatischen Verfahren in der Psychiatrie aufgenommen worden.
Das Baumdiagramm scheint äusserst dominant zu sein. Daher also der Titel des Projekts?
In the Shadow of the Tree bedeutet «vom Baum überschattet». Das «Baumdenken» wurde mitunter als ein westliches Phänomen beschrieben, das Verwandtschaft auf Abstammung reduziert. Wie schon angedeutet, ist die Geschichte des Stammbaums beziehungsweise der Darstellung von Verwandtschaft aber enorm komplex. Naturhistoriker haben zum Beispiel im 18. Jahrhundert mit zahlreichen Formen von Diagrammen experimentiert, um Affinität zwischen Organismen auszudrücken – mit Kreis- oder Kegeldiagrammen, mit Vielecken oder linearen Serien, und vor allem mit Netzwerken. Mit Blick auf die Genom-Analyse argumentieren Forschende heute wieder, dass der Baum des Lebens eigentlich netzwerkförmig ist, z.B. aufgrund von Gentransfers über die Artgrenzen hinweg.
Welche Problemstellungen stehen im Zentrum der Studie?
Wir stellen uns die Frage, wie das Baumdiagramm so dominant werden konnte, obwohl es heute zum Beispiel mit der anthropologischen Denkweise nicht mehr übereinstimmt. Wir wollen die Nichtlinearität der Entwicklungen in Verwandtschaftsdiagrammen zeigen. Es ist uns wichtig, hinter die Diagramme zu gehen und zu schauen, welche Praktiken, Annahmen und Daten den Darstellungen zugrunde liegen. Diagramme haben eine sehr einfache Struktur. In der heutigen Populationsgenetik stecken in Diagrammen jedoch neben vielen Entscheidungen auch grosse Datenmengen. Die algorithmische Verarbeitung ist mit enormen Vorannahmen verbunden und bei der Visualisierung stehen einem etliche Möglichkeiten zur Wahl. Das ist den Betrachterinnen und Betrachtern oft nicht bewusst. Es interessieren uns also nicht nur die Praktiken, sondern auch die Politiken von Verwandtschaftsdiagrammen. Methodologisch entwickeln wir eine interdisziplinäre Diagrammatik.
Wie ist das Projekt organisiert und wieso braucht es die Interdisziplinarität?
Innerhalb von «In the Shadow of the Tree» gibt es vier eigenständige Arbeitsgruppen, die sich jedes Semester treffen und austauschen. In der Luzerner Gruppe werden zwei Postdocs und ein/e Doc tätig sein. Daneben sind drei weitere Professuren, an denen jeweils zwei Doktoratsprojekte angesiedelt sind, involviert: jene von Simon Teuscher, Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich, jene von Staffan Müller-Wille, Professor am Center for the Study of Life Sciences der Universität Exeter (GB), der zudem an der Universität Lübeck (DE) einen Honorary Chair innehat, sowie jene von Caroline Arni, Professorin für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Basel. Durch die Zusammenarbeit können wir die Zeitspanne vom Mittelalter bis in die Gegenwart abdecken. Zudem ermöglicht uns die Kooperation, die Perspektiven von mehreren Disziplinen und Ansätzen auf eine Vielfalt von Gegenstandsbereichen – von Recht über Biologie bis zur Genealogie oder Medizin – einzubeziehen. Interessant wird dabei auch sein, ob wir konkrete Verbindungen aufzeigen können. Schliesslich bewirkt die Kollaboration mit Staffan Müller-Wille einen internationalen Austausch. Aufenthalte an Universitäten ausserhalb der Schweiz und den Kontakt mit den Forschenden vor Ort halten wir für sehr gewinnbringend für das Projekt.
«Der internationale Austausch ist sehr gewinnbringend für das Projekt.»
In welchen Gebieten wird an den beteiligten Professuren geforscht?
Simon Teuscher von der Universität Zürich forscht mit seinem Team zu Diagrammen im Bereich Recht zur Zeit des Mittelalters bis ins 18. Jahrhundert. Dabei geht es um die bereits erwähnten arbores consanguinitatis und affinitatis. Diese Diagramme wurden von der katholischen Kirche zur Unterbindung von Inzucht genutzt. Staffan Müller-Wille wird mit seiner Gruppe auf die Entwicklungen in der Naturgeschichte und Genetik vom 17. bis ins 19. Jahrhundert fokussieren. Das Team um Caroline Arni befasst sich mit der Rolle bourgeoiser Stammbaumpraktiken und der Technik der Aufzeichnung von genealogischen Daten in der psychiatrischen Anstalt der Stadt Basel. Meine Gruppe analysiert die Entwicklung und Wirkungen von diagrammatischen Praktiken in der physischen, evolutionären und genetischen Anthropologie sowie in der Ethnographie vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Die Universität Luzern hat den Lead bei diesem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) innerhalb des Programms «Sinergia» geförderten Projekt. Haben Sie bzw. die Uni hier spezielle Aufgaben?
Für die Universität bedeutet dies wohl in erster Linie die Gesamtkontrolle der Finanzen. Es ist jedoch sowohl für mich wie auch für die Universität Luzern eine neue Erfahrung. Neben der Kontrolle über die Finanzen liegt die Koordination des Gesamtprojekts hier. Wir sind gerade dabei, eine Postdoc-Stelle [100%; Stelleninserat] zu schaffen. Neben dem Organisieren wird diese Person auch im Projekt forschen. Der erste Workshop, an dem alle Gruppen teilnehmen, ist bereits in Planung. Der offizielle Start für das auf vier Jahre angelegte Projekt ist am 1. Februar 2019.
* Marianne Sommer ist seit August 2011 ordentliche Professorin für Kulturwissenschaften an der Universität Luzern, wo sie den Integrierten Studiengang Kulturwissenschaften leitet.