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Es gab eine Zeit im Kalten Krieg, da war eine Schach-WM auch ein Kampf der politischen Systeme West gegen Ost. Viktor Kortschnoi stand als Grossmeister deshalb bei seinen zwei Titelkämpfen 1978 und 1981 im internationalen Schaufenster. Weit über die Schweiz hinaus wurde dem russischen Emigranten der Daumen gedrückt in der Hoffnung, dem Sowjetsystem eins auszuwischen. Doch daraus wurde nichts.
Dass der Schachweltmeister aus der Schach-Grossmacht Sowjetunion kommt, war jahrzehntelang ein ungeschriebenes Gesetz. Doch im sogenannten Match des Jahrhunderts hielt sich der Amerikaner Bobby Fischer nicht an dieses Gesetz. Das eigenwillige Genie besiegte Boris Spasski. Aber der Querkopf Fischer konnte sich mit dem Weltverband nicht auf eine Titelverteidigung im Jahr 1975 einigen, weshalb der Russe Anatoli Karpow den Titel zugesprochen erhielt und diesen dann zweimal gegen den Herausforderer Kortschnoi erfolgreich verteidigte. Kaum ein Duell war derart politisch aufgeladen wie jene zwei WM-Finals.
Der WM-Kampf 1978 im philippinischen Baguio City zwischen dem systemtreuen Karpow und dem abtrünnigen Kortschnoi entwickelte sich zu einem Nervenkrieg mit zahlreichen Protesten. Letztlich setzte sich Karpow mit 6:5 Siegen durch, was im Prinzip erst drei Jahre später feststand. Kortschnoi scheiterte vor einem Gericht in Amsterdam mit seiner Klage gegen den Weltverband FIDE und Karpow wegen der seiner Ansicht nach unfairen Bedingungen.
1981 in Meran in Südtirol war die Angelegenheit auf dem Schachbrett eine klare Sache. Karpow gewann gleich die ersten zwei Partien und setzte sich letztlich mit 6:2 Siegen durch. Gleichwohl: Kortschnoi galt später für viele als der stärkste Schachspieler des zwanzigsten Jahrhunderts, der nie Weltmeister wurde.
Kortschnoi wurde 1931 im heutigen Sankt Petersburg geboren. Die Leningrader Blockade des Zweiten Weltkrieges überlebte er nur knapp, er verlor seinen Vater und fast seine ganze Familie. Viermal gewann er den Titel des UdSSR-Meisters (1960, 1962, 1964, 1970), insgesamt sechsmal war er mit der sowjetischen Mannschaft bei Schacholympiaden (1960, 1966, 1968, 1970, 1972 und 1974) siegreich. Anlässlich eines internationalen Turniers in Amsterdam setzte sich Kortschnoi 1976 in den Westen ab. Ab 1978 wohnte er in der Schweiz, 1991 erhielt er im aargauischen Wohlen das Schweizer Bürgerrecht.
Kortschnoi war bis ins hohe Alter am Brett aktiv. 2006 wurde er Senioren-Weltmeister, im Januar 2007 belegte er noch Rang 85 in der Weltrangliste. Damit war er seit deren Einführung der älteste Spieler in den Top 100. 2001 als 70-Jähriger sorgte Kortschnoi mit dem Sieg beim internationalen Schachfestival Biel nochmals für Aufsehen. 2009 und 2011 liess er sich im hohen Alter zum vierten und fünften Mal als Schweizer Meister feiern.
Klare, undiplomatische Worte zeichneten ihn aus, sie spiegelten im Grunde seinen kompromisslosen Spielstil bis ins hohe Alter. Sein Spitznahme Viktor der Schreckliche hatte viel mit seinem Temperament zu tun, sagen die, die ihn lange kannten. Ohnehin war Kortschnoi gemäss den Experten nie für ein faules Remis zu haben. Als Nonkonformist und lebenslustiger junger Mann hatte er sich bei einem Showkampf des Sowjetteams in Havanna über die Anweisung seines Mannschaftsleiters hinweggesetzt und Che Guevara geschlagen.
(sda)