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«Ich habe Stimmübungen gemacht, bis mir die Tränen kamen»
In «Judy» spielt Renée Zellweger die vom Alkohol- und Medikamentenmissbrauch gekennzeichnete Entertainerin Judy Garland und positioniert sich damit als Top-Favoritin am nächsten Sonntag bei den Golden Globe Awards.
Herzliche Gratulation zur Golden Globe Nomination für «Judy»!
Danke, es freut mich, in der Gesellschaft der nominierten Damen zu sein, die ich bewundere und dass dabei auch eine Zuneigung für die unvergessliche Judy Garland mitschwingt.
Man erkennt Sie kaum im Film. Was empfanden Sie selber, als Sie sich zum ersten Mal als Judy im Spiegel sahen?
Anders als bei anderen Filmen, kam mir die Rolle als eine Reihe von Experimenten eines Teams vor, um ein Ziel zu erreichen: Jany mit den Kostümen, Jeremy und Robb mit der Maske und die Musiker. Ich hatte kein privates Aha-Erlebnis. Wir fanden Judy gemeinsam. Ich liebte die massiven Wangen, denn je weiter eine Figur von mir entfernt ist, desto authentischer kommt sie mir vor.
Wie lange dauerte die Maske?
Zwei Stunden. Manchmal länger. Meistens wegen der Kontaktlinsen. Aus Vertragsgründen darf ich die scheinbar nicht selber einsetzen und so hatten wir einen Gentleman, der das professionell macht. Nur waren seine Finger wie die eines Rugby-Spielers und dreimal so gross wie meine Augen! Wenn diese Pranken auf einen zukommen, ist das jeden Tag eine neue Herausforderung, die manchmal länger dauern konnte. Es war zum Schreien.
Können Sie sich damit identifizieren, wie Judy Garland ein Leben lang nach Äusserlichkeiten beurteilt wurde?
In gewisser Weise schon: Ich bin eine Frau, lebe in Amerika und arbeite in Hollywood. Wie man sich präsentiert, wird entsprechend diskutiert. Besonders, wenn man in verschiedene Rollen schlüpft, haben die Leute gewisse Vorstellungen. Aber mir kommt es nicht oft zu Ohren. Bei mir ist es auch nicht vergleichbar mit dem, was zum Beispiel eine Marilyn Monroe tolerieren musste. Sie musste eine bestimmte Art sein, wann immer sie das Haus verliess. Und Judy Garland musste auch immer sein wie 1939 – mit der reinen Stimme einer jungen Frau, die «Over the Rainbow» sang und immer daran erinnert wurde, dass andere Starlets grösser und glamouröser waren als sie. Dabei ist es wie Bono im Dokumentar-Film «Pavarotti» sagt: Später hat man die Lieder gelebt und man hört das Überleben in der Stimme. Das war bei Judy genau so.
Sie hat Zuflucht im Alkohol und Tabletten gesucht. Wie sind Sie dem Druck im Showbusiness ausgewichen?
Ich lebe in einer anderen Generation. Frauen haben heute mehr Einfluss auf ihre Karriere als damals und können auch mal sagen, wenn sie etwas nicht machen wollen. Judy war in gewissen Belangen auch ziemlich altmodisch: es gehörte sich für sie, verheiratet zu sein und sie wollte sich nicht um Finanzen kümmern, weil das nicht lady-like war. Den Effekt von Medikamenten versteht man heute auch besser. Ich kam als Kind nicht mit Drogen und Alkohol in Kontakt. Wann immer ich emotional in Gefahr war, hatte ich Familie und Freunde um mich, die mir halfen. Judy hatte diesen Schutz nicht.
Was ist in Ihren Augen schwieriger: Es nach oben zu schaffen oder oben zu bleiben?
Gute Frage. Ich weiss es nicht. Schwierig finde ich beides nicht, denn es kommt wohl darauf an, was man unter «es schaffen» versteht. Für mich beutetet es, nicht mehr als Kellnerin arbeiten zu müssen. Oben bleiben zu wollen suggeriert auch, dass man nicht aufgeben und etwas anderes machen will. So gesehen ist alles ein Abenteuer, ein Lernen durch verschiedene Erfahrungen.
Sie singen im Film selber. Wie haben Sie Ihre Stimme gefunden?
Zuerst habe ich sie verloren. Ich lernte auf die harte Tour, dass man nicht 28 Takes «The Man Who Got Away» auf einer kalten Bühne proben und dann am nächsten Tag im Studio Songs aufnehmen kann. Ich stellte auch fest, dass ich schon lange keine tieferen Töne mehr anschlug. Ich glaube, ich manifestierte so körperlich, wie unglaublich zugeknöpft ich emotional geworden war. Um mich zu öffnen, habe ich weiter Stimmübungen gemacht – bis mir die Tränen kamen.
Singen Sie auch privat gerne?
Ich sitze öfter am Klavier für eine Session, meine beiden Hunde zu meinen Füssen. Ihnen gefällt nich alles …
Sie können auch Klavier spielen?
So würde ich es nicht ausdrücken. Meine Hunde wohl auch nicht [lacht]. Aber man sollte die Freude herauslassen, aus dem Herzen musizieren und den Kritiker vor der Tür lassen.
Sie sind letzten Frühling 50 geworden. Wie fühlen Sie sich?
Grossartig. Ich fühle mich wie ein Kind! Ich hab’s bis 50 geschafft und was gibt’s jetzt Neues?! Ich freue mich darauf, was es noch alles zu entdecken gibt - jetzt, da ich um die Erfahrungen aus meinen jüngeren Jahren weiser bin.
Wie haben Sie Ihr Glück gefunden?
Ich wurde von zwei freigeistigen Globetrottern aufgezogen, die letzten August ihren 63. Hochzeitstag feierten. Das ist einerseits sehr traditionell, andererseits hat diese Wanderlust meiner Eltern im wörtlichen und übertragenen Sinn eine Neugierde in meinem Bruder und mir gefördert. Mir war nie langweilig, meine Mutter kannte das Wort gar nicht. Das hat sicher etwas damit zu tun, dass ich mich heute glücklich schätze und dass mich keine Langzeitschäden einschränken.
Angeblich hat Ihnen auch Salma Hayek eine Lebensweisheit vermittelt?
Ja, sie ist eine sehr bedachte Person. Ich habe sie durch einen gemeinsamen, inzwischen verstorbenen Freund kennengelernt. Einmal kreuzten sich unsere Wege an einem Flughafen und wir plauderten über unsere verrückt vollgestopften Terminkalender. Da sagte sie: «Eine Rose kann nicht das ganze Jahr blühen, es sei denn, sie ist aus Plastik.» Das habe ich mir zu Herzen genommen.
Sie haben ja Schweizer Wurzeln …
Ja, mein Vater emigrierte aber mit acht Jahren nach Australien. Habe ich Ihnen schon erzählt, dass er eine alte Schulkollegin aus der Schweiz getroffen hat?! Meine Eltern leben in Florida und gehören dort dem Schweizer Club an. Die haben tolle Picknicks, da war ich auch schon dabei. Da haben sie eine Frau kennengelernt und kamen darauf, dass sie in die gleiche Schule ging wie mein Vater: «Was, du warst der Junge, der so weit mit dem Schiff reisen musste?!» Dass sie sich 70 Jahre später wieder trafen, ist eine unglaublich süsse Geschichte. Ich müsste mir mal die Schule ansehen gehen.
Waren Sie überhaupt schon einmal in der Schweiz?
Ja, aber es ist schon eine Weile her. Ich nahm den Zug von Zürich nach Klosters und besuchte da Freunde. Es war Frühling und die Pisten entsprechend. Das habe ich auch auf die harte Tour gelernt [lacht]. Mein Manager rief mich an, dass ich nach Hause kommen müsste, um die Farrelly Brothers für einen Film zu treffen. So musste ich einen frühen Zug zurück nach Zürich nehmen. Diese Fahrt dem Sonnenaufgang entgegen durch die majestätische Landschaft werde ich nie vergessen.
Obwohl Garland als mehrheitlich fürsorgliche Mutter dargestellt wird, nahm deren Tochter Liza Minnelli vor einem Jahr gegen das Projekt Stellung – und Zellweger hatte keinen Kontakt zu den Garland-Kindern. Ob Minnelli den Film inzwischen doch gesehen hat, ist nicht bekannt.
«Judy» läuft seit 2. Januar in den Kinos.
Das sind die Kino-Highlights im Januar.Zurück zur Startseite