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Vor einigen Jahren wurde ich auf wundersame Weise von einer lästigen Sucht nach teuren Süssweinen kuriert. Ich ging zu einer Blindverkostung von grossen Sauternes, in die ein Freund heimlich einen billigen Eiswein aus Kalifornien einschmuggelte, der durch Lagerung der Trauben in einer riesigen Tiefkühlkammer hergestellt worden war. Bis zur Präsentation der Etiketten waren sich alle einig, dass der Frosttropfen der beste sei. Dann wurde enthüllt, dass er auch bei weitem der billigste war. Meine Suche nach dem Heiligen Gral, der in jenen Tagen die Gestalt einer halben Flasche Rieussec 1976 angenommen hatte, endete schlagartig.
Manche Verkoster waren wütend, weil die Fälschung obsiegt hatte, bei der edle Natur durch eiskalte Technik imitiert worden war. Der kalifornische Winzer hatte den zarten Morgennebel über einem Nebenfluss der Garonne durch eine brummende, hundert Kilowatt starke Gefriertrocknungsanlage ersetzt – und gewonnen. Mit anderen Worten: Durch ein Wunder biblischen Ausmasses hatte er Wein (einen Zufall der Natur) in Bier (ein Industrieprodukt) verwandelt.
Das wäre nicht der Rede wert, wenn sich unsere Vorliebe für himmlische Zufälle anstelle menschlicher Planung auf alkoholische Getränke beschränkte, doch im Lauf der Jahrhunderte hat sie mehr Chaos und Elend über uns gebracht, als man denkt. Nehmen wir zum Beispiel die Einführung des salischen Rechts bei den Franken. Diese klugen germanischen Stämme hatten ihre Könige ursprünglich gewählt und dabei den Stärksten und Weisesten zum Herrscher bestimmt. Dann tauchte die Idee auf, dass der älteste Sohn des Königs den Titel erben solle, und das Schicksal ganzer Nationen hing plötzlich von einem Ereignis im Nanobereich ab, nämlich welche DNA-Sequenzen die Rekombinationen in den königlichen Geschlechtsdrüsen überlebten. War die DNA zweitklassig, wie im Falle der Könige von Valois, konnte dies über Jahrzehnte katastrophale Folgen haben. Warum hat man die Gesetze nicht geändert?
Oft wird behauptet, das Erstgeburtsrecht sei einfach, stabil und vernünftig, aber endlose Erbfolgestreitigkeiten strafen diese Behauptung Lügen. Ich halte die Primogenitur für den Ausdruck eines tiefverwurzelten menschlichen Hangs zum Glücksspiel. Wir glauben, Glück sei ein Zeichen der Gnade Gottes, und benutzen Würfel, Roulette und (früher) königliche Hoden als Gnadenbarometer. Aber im grossen Casino der Weltgeschichte haben die Zocker immer den kürzeren gezogen. Inzwischen setzen wir auf Technologie und Demokratie, um eine vernünftige Ordnung der Dinge und Institutionen zu erhalten, und in einigen Jahrhunderten wird es auch so weit sein.
Aber noch gibt es erhebliche Widerstände gegen die Planung von Bereichen, die seit je vom Zufall regiert wurden. Die Vorstellung, dass Mutter Natur es gut mit uns meine, ist, obschon vieltausendmal widerlegt, noch immer weit verbreitet. Bei der Schönheit: Denken Sie an die allgemeine Geringschätzung der Schönheitschirurgie, die so viel Glück schaffen kann; bei Krankheiten: die irrationale Angst vor Impfungen, die in den reichen Ländern um sich greift; beim Klima: die Vorstellung, dass jeder menschliche Einfluss von Übel sein müsse; in der Landwirtschaft: die absurde Abneigung gegen genveränderte Pflanzen.
Doch die Maschinenstürmer unserer Tage sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass uns billige Sauternes, kleine Nasen und Hochertragsmais für immer erhalten bleiben. Zum Wohl!