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Von Martin Leutwiler (5. Sohn von Toni Leutwiler)
Dies ist die kurzgefasste Lebensgeschichte eines vielseitigen Musikers. Beim Rückblick wurde mir erst klar, dass das Musikerleben meines Vaters Toni Leutwiler eigentlich vier Karrieren beinhaltet:
als Geiger
als Dirigent
als Komponist und Arrangeur
als Leiter und Musiklehrer einer Heimorgelschule
In den 60er Jahren befand er sich auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn. Im Zeitraum von etwa 20 Jahren komponierte und arrangierte er rund 2000 Werke; Musik jeder Art. Es waren fast alles Aufträge von europäischen Rundfunkanstalten, in erster Linie vom Südwestfunk (D). Als einer der am meisten gespielten Schweizer Komponisten gehobener, orchestraler Unterhaltungsmusik, gehörte er damals zur jungen Elite in Europa.
Gibt es Vergleiche zu früher? Zum Beispiel Joseph Haydn. Er würde vielleicht sagen: "Ja, so habe auch ich es gemacht. Mein Brotgeber war der Fürst von Esterhasy und das Publikum vor allem die Hofgesellschaft." Tonis Auftraggeber waren die Rundfunkanstalten und sein Publikum Millionen von Radiohörern. Auch Haydn komponierte jegliche Art Musik, sei es Kirchenmusik, Unterhaltungs- oder Tanzmusik; er wurde ebenso durch gute Solisten zu neuen Werken inspiriert. So schrieb auch Toni interessante Klaviersolis für den Meisterpianisten Willi Stech, virtuose Violinmusik für Konzertgeiger und romantische Lieder für den allzu früh verstorbenen Tenor Fritz Wunderlich.
Toni kam am 31. Oktober 1923 in Zürich zur Welt. Bereits mit 3 Jahren spielte er auf der Mundharmonika zugeflogene Melodien nach und mit 6½ Jahren erhielt er seine erste (halbe) Geige (Die spätere "ganze" Geige wurde einmal bei einem "Notenpult-Unfall" halbiert; da hatte er 2 "halbe" Geigen).
Musikdirektor Josef Herger (Zürich/Schwyz) nahm Toni 1930 mit viel Liebe unter seine Fittiche (Violin- & Klavierunterricht, sowie Theorie). Seine Freude am auffallend begabten Schüler äusserte sich oft darin, dass er während der Unterrichtsstunden einen seiner Freunde telefonisch mithören liess. 1932 nahm er Toni zu einem Symphoniekonzert in die Tonhalle Zürich mit, wo der erst 16jährige Jehudi Menuhin solistisch auftrat. Das erweckte in ihm den Wunsch, Geiger zu werden (welcher ihm 12 Jahre später erfüllt wurde).
Als Junge besass er einen schönen Sopran und sang in einem Knabenchor mit. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit den Wiener Sängerknaben zusammen. Ihr Film "Singende Jugend" lief 1936 in den Schweizer Kinos und gleichzeitig konzertierten sie in Zürich und Winterthur. In der Kirche sangen sie eine Messe. Sie drückten Toni ein Notenblatt in die Hand und er sang mit - natürlich ohne Probe. Zur Abwechslung spielten sie, zusammen mit dem Kapellmeister, sogar Fussball (was gar nicht seine Leidenschaft war!).
Die Stadt Zürich war damals ein vielfältiges Betätigungsfeld für einen Musikstudenten. Neben Violine, Klavier und Orgel spielte er auch Saxophon und Akkordeon. Immer gab es Engagements verschiedenster Art, wodurch er Geld für sein Musikstudium verdienen konnte, zum Beispiel
Die erste Orchesterroutine holte er sich im Orchester des Kurtheaters Baden. Ins damals alte Gebäude regnete es hinein und bei starkem Donner verstand man den Dialog auf der Bühne kaum mehr. Das Lustigste passierte jeweils am Schluss der Vorstellung: Die von auswärts kommenden Musiker mussten unbedingt ihre letzte Zugverbindung erreichen. Einer nach dem anderen packte sein Instrument zusammen und verliess ganz leise den Orchesterraum. Zum guten Glück betätigte sich ein routinierter Pianist als Lückenbüsser. Er musste bis zum Schluss ausharren.
Trotz seiner zahlreichen Verpflichtungen und steter Eile verliebte er sich Ende der 30er Jahre, was die 1940 bis 1943 gedichteten und komponierten "Liebeslieder an Angelina" verraten. Was jedoch der Hintergrund seiner geistlichen Komposition "Ave Maria" (1942) war, kann niemand erahnen. Seine Liebste (spätere Ehefrau) sang in einem Töchterchor mit, wo er leider nicht mitsingen konnte. Was macht nun ein Komponist und Geiger in einem solchen Fall. Er komponierte ein Stück für "Solovioline, Frauenchor und Orgel".
Mit 19½ Jahren absolvierte er das Lehrdiplom für Violine mit Nebenfach Klavier, und da ein Studienaufenthalt im Ausland wegen des Krieges nicht möglich war, trat er danach in die Konzertausbildungsklasse ein.
1944 trat Toni nach einem Probespiel als Orchestergeiger ins Winterthurer Stadtorchester ein (ein qualitativ hochstehendes Konzert-Symphonieorchester ohne Theaterdienst) und trat zu Sylvester 1944 bereits als Solist auf. Erfreut über diese Anstellung planten meine Eltern ihre Hochzeit und suchten sich eine Wohnung. Wegen sozialer Forderungen der Orchestermusiker und des schweizerischen Musikverbandes wurde den beiden jüngsten Mitgliedern des Orchesters unerwartet auf Ende des ersten Vertragsjahres gekündigt, weshalb sogar die Hochzeit verschoben werden musste (dafür konnte am 8. Mai 1945 der Friedenstag gefeiert werden).
Am 5 Juli 1945 fand dann die verschobene Hochzeit doch noch statt. Die "Hochzeitsreise" führte nach Zermatt, resp. ins Hotel Riffelalp, wo Toni kurzfristig einen Sommerjob annahm.
Dann stiess er auf das Inserat: "Orchestergeiger für das Berner Stadtorchester gesucht" (heute Berner Sinphonieorchester). Er bewarb sich und wurde sofort engagiert. So kamen meine Eltern 1945 nach Bern und bis 1952 lernte er als Orchestergeiger die Werke der grossen Meister kennen, sowohl im Konzertsaal als auch in Kirchen und im Theater. Leider war die Besoldung im Berner Stadtorchester zu klein, um davon leben zu können. Die Musiker erteilten nebenbei Musikunterricht, dirigierten Blasmusiken, spielten Tanzmusik etc. So hatte auch Toni schon bald eine Schar Musikschüler (darunter war auch meine Gotte, die heute mit ihrer Familie im Wallis wohnt).
Am Radio ertönten die grossen Unterhaltungsorchester aus Amerika und England (z.B. Glenn Miller, Mantovani und andere) mit guter, moderner Unterhaltungsmusik. Getreu nach dem im Münster Bern verewigten Spruch "mach's na" verhandelte Toni mit dem Radio Bern, engagierte geeignete Kollegen aus dem Symphonieorchester, schrieb Arrangements und begann mit Aufnahmen. Die erste Radiosendung unter dem Titel "beliebte Melodien auf neue Art mit dem Streichorchester Toni Leutwiler" wurde am 27. Juni 1946 ausgestrahlt. Dieses Streichorchester brachte harte Aufbauarbeit. Es bestanden weder Musiknoten noch Erfahrungen bei Tonaufnahmen. Toni musste damals fast alles selbst erledigen (komponieren, arrangieren, kopieren, herausschreiben von Orchesterstimmen, dirigieren, Funktion als Tonmeister ausüben, Sendeprogramme schreiben etc.). Dies dauerte bis 1956 an (später auch unter dem Titel "Toni Leutwiler präsentiert seine neusten Arrangements"). Das Echo war überraschend: neben lobender Kritik im Inland interessierten sich nun auch ausländische Radioensembles für seine Kompositionen (z.B. Paris, Nizza, Torino, Berlin, Stuttgart, Dornbirn, Kopenhagen etc.).
Nun interessierte sich auch Radio Genève für seine Kompositionen. Mit der Streicherformation "Tony Bell" nahm er 1949 bis 1952 mehrere seiner Berner Kompositionen in Genf auf.
Und dann geschah es: Radio Genève offerierte ihm eine feste Anstellung als Dirigent des Orchestre de la Suisse Romande mit Kompositions- und Bearbeitungsverpflichtung, Beginn 1. Oktober 1952. Eine solche Chance kommt nur einmal und so zog die ganze Familie (damals noch 6-köpfig; ich wurde als 5. Sohn in Genf geboren) in die Rhône-Stadt.
So kam es, dass er mit 28 Jahren am Dirigentenpult eines europäischen Spitzenorchesters stand (wieder war er einer der Jüngsten!). Man nannte die Formation, bestehend aus 50 Musikern, "Grand Jazz Symphonique". Von Genf aus wanderten seine beiden Streicher-Stücke "Happy Time" und "Lovely Day" in alle Welt hinaus (teils unter seinem Pseudonym Tom Wyler).
Ebenfalls 1952 gründete der bekannte Pianist und Kapellmeister Willi Stech das kleine Unterhaltungsorchester des Südwestfunks. Von Anfang an wurden Leutwiler-Stücke gespielt und daraus entstand eine tiefe Freundschaft, bis zu Stechs Tod im Jahre 1979.
Ein Kompositionsauftrag, der im viel Freude bereitete, war das "Konzert für Klavier, Jazz- und Sinphonieorchester". Am 4. März 1956 fand die Uraufführung unter seiner Leitung an einem öffentlichen Konzert statt. Als Stubenhocker tat ihm der rauschende Beifall wohl (ein Höhepunkt in seiner Karriere); doch es machte ihn etwas verlegen, als er danach auch noch Autogramme verteilen musste. Dasselbe Werk dirigierte er im gleichen Jahr noch an einer öffentlichen Aufführung im Palais de Chaillot in Paris (es wurde danach noch in München, Paris, Berlin, Köln, Frankfurt, Warschau aufgeführt).
Der Traumjob von Radio Genève ging 1956 zu Ende (schlechte Atmosphäre, Geldmangel u.a.m.). Da die Schweiz ihm nichts mehr zu bieten hatte, entschloss er sich, freischaffender Musiker zu werden. Durch Zufall fanden meine Eltern in Oetwil an der Limmat ein neu erstelltes Einfamilienhaus und es folgten die glücklichsten Jahre für die Familie und für seinen Beruf.
Seine Verdienstquelle war auf der anderen Seite des Schwarzwaldes und der Empfang der deutschen Sender war damals leider noch sehr schlecht. So waren monatliche Besuche in Deutschland notwendig.
"Glücksvogel" heisst eine seiner erfolgreichsten Kompositionen, und ein Radioreporter meinte einmal: "Sie sind doch selber dieser Glücksvogel".
Die nun folgende, schöpferisch fruchtbarste Zeit war für Toni beglückend. Er schrieb jede Art Musik und für jede Gelegenheit. Es trafen Aufträge für alle möglichen Orchesterbesetzungen ein
Durch Bandaustausch erklang seine Musik auch von anderen Sendern. Ein Abteilungsleiter in München sagte einmal: "Leutwiler ist für uns das tägliche Brot". Leider steckte die Schallplattenindustrie damals noch in den Kinderschuhen und Musikkassetten und CDs kannte man schon gar nicht; deshalb existieren heute nur noch wenige brauchbare Aufnahmen.
Die Schweiz ist ein Holzboden für einheimische Kunst. Dies belegte einmal mehr eine von der SUISA veröffentlichte Statistik über Musikaufführungen schweizerischer Autoren im Programm der SRG, verglichen mit dem Ausland:
In diesem Kapitel hat Toni ein paar interessante Erlebnisse gesammelt
(nicht chronologisch wiedergegeben).
Vorerst eine nette Geschichte von zwei jungen Berner Mädchen; Vanessa und Tina. Sie traten öffentlich auf und begleiteten ihre Lieder mit der Gitarre. Vanessa, die ältere, wollte Schlagersängerin werden, hatte auch schon eine Single auf dem Markt (siehe nächstes Bild) und Toni erteilte ihr Unterricht in Musiktheorie. In dieser Zeit vernahm er von einem Canzone-Wettbewerb in Prado (Italien). Kurz entschlossen meldete sie der Vater der beiden Mädchen an. Nun fehlte noch ein neues Lied. Toni forderte Vanessa auf, einen Liedtext zu schreiben; die Vertonung besorgte er selbst. So entstand ein originelles Lied über ihren Papagei. Dann reiste der wackere Papa mit seinen beiden (noch schulpflichtigen) Töchtern und dem vertonten Papagei nach Prado.
Nach ihrer Rückkehr erzählten sie mit strahlenden Gesichtern, sie hätten den grössten Erfolg von allen Konkurrenten gehabt; jedoch keinen Preis erhalten. Der Grund war folgender: Wir wussten nicht, dass es sich um einen Wettbewerb für "Mama-Lieder" handelte. Die Verwechslung, die dann passierte, ist das Lustige an der Sache. Die familienfreundlichen Italiener glaubten, die Mädchen singen ein "Papa-Lied", denn der Text lautete: "Mein Papa - Papa - Papagei ...".
Selbstbegünstigung und Bestechlichkeit gehören auch zum Leben eines Musikers. Entweder man macht mit (mit allen Vor- und Nachteilen) oder man bleibt ehrlich und aufrichtig (eben wie Toni).
Einmal wurde ihm die Arbeit als Programmgestalter entzogen, weil er die Erzeugnisse gewisser Radioleute nicht ins Programm integrierte (bringt Tantiemen - und schlechte Programme).
Oder ein Abteilungsleiter eines Radiosenders setzte auf eine Leutwiler-Partitur seinen eigenen Namen, meldete das Werk der Autorengesellschaft an, setzte es fleissig ins Programm und kassierte die Tantiemen.
Ein anderes Mal liess ein wichtiger Auftraggeber nichts mehr von sich hören. Man erklärte ihm, dass seine fröhliche und witzige Bearbeitung eines Volksliedes die Achtung vor dem Volksgut missachtet habe und deshalb nicht gesendet werden könne. "Leider" wurde genau dieses "ehrwürdige" Volkslied kurz danach zum Faschingsschlager auserkoren und auf jede erdenkliche Art verunstaltet - es trafen danach wieder Aufträge ein.
Jetzt will ich noch von einer ganz anderen Musik erzählen:
1967 erstellten meine Eltern in Finsterwald im Entlebuch, einem abgelegenen, ruhigen Voralpental, ein kleines Ferienhäuschen, unser "Tannehüttli". Mehrere Jahre träumte es mit uns in die prächtige Landschaft. In dieser erholsamen Ruhe und guten Luft schöpfte Toni wieder Kraft für den Alltag. 1979 erstellte die Erdölgesellschaft LEAG in diesem schönen Hochmoor eine Zubringerstrasse, eine riesige Plattform und einen Bohrturm für Tiefbohrungen; dies in Sicht- und Hörweite von unserem "Tannehüttli". Rund um die Uhr wurde gearbeitet und aus dem Alp-Traum wurde schnell ein Alptraum. Die Proteste verhallten ohne Echo. Der deutsche Bohringenieur meinte dazu: "Für mich ist das Musik". Nach ungefähr 1½ Jahren stiess man auf Erdgasvorkommen und meinen Eltern blieb nichts anderes übrig, als das liebgewordene Paradieschen zu verkaufen.
Im Januar 1954 und 1959 dirigierte Toni das grosse Rundfunkorchester des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart.
Zwischen 1954 und 1962 stand er viermal am Dirigentenpult des ausgezeichneten grossen Rundfunkorchesters vom Bayrischen Rundfunk München.
Eine komische Situation entstand 1954 in Torino, als meine Eltern von ihrem guten Freund Alberto Meyer chauffiert und begleitet wurden. Seine Muttersprache war italienisch und er war 11 Jahre älter als Toni. Von Radio Torino eingeladen, sollte er eigene Werke für grosses Orchester aufnehmen. Eine Delegation erwartete sie im Grand Hotel und begrüssten den guten Freund herzlich mit "Maestro" und vielen italienischen Komplimentausdrücken. Toni, als junger Mann, stand unbeachtet daneben. Die Verlegenheit dieser Herren war gross, als der gute Freund den Irrtum aufklärte.
Alberto Meyer schrieb für Toni einige Texte zu seiner Musik. So zum Beispiel auch für den bekannten, leider früh verstorbenen Tenor Fritz Wunderlich.
Die nächste Story führt uns 1960 nach München, in ein privates Tonstudio. Dort produzierte Toni mit Fred Böhler und einem kleinen Ensemble einige lustige Eigenkompositionen (14 Stunden Nachtarbeit ohne Unterbruch). Mitten in der Nacht erschien die Hausbesitzerin im Morgenrock und mit einem grossen, altmodischen Wecker und fragte: Könnt ihr den für eure Spässe gebrauchen?". Toni baute ihn als Glockenwirbel ein. Etwas Peinliches passierte danach in Italien bei der Pressung der Schallplatte: statt "Die vier Lausbuben" war auf der Etikette "Die vier Lausbusen" zu lesen.
Zwischen 1955 und 1960 lud Radio Graz Toni mehrere Male ein, mit dem Philharmonischen Orchester Graz eigene Kompositionen aufzunehmen.
1959 und 1960 brachten Toni zwei Gastspiele mit vorwiegend eigenen Kompositionen ans Dirigentenpult des Radioorchesters DRS in Zürich.
1965 erhielt Toni z.B. vom WDR Köln für das Festival der leichten Musik in München einen sehr speziellen und originellen Auftrag mit folgenden Bedingungen:
Da hatte er etwas zum "Grübeln" und was daraus entstand, nannte er "Bachiale". Solche Festivals waren damals der Treffpunkt der Elite und das künstlerische Niveau war dementsprechend sehr hoch.
Im November 1966 und im Juni 1968 leitete er auch das Unterhaltungsorchester DRS in Basel, bei Aufnahmen mit eigenen Titeln. Dabei entstand auch die Big-Band-Komposition "March in Blue", in Zusammenhang mit einem Schlussstück-Wettbewerb.
Folgende Entwicklungen am Radio beunruhigten Toni sehr:
Die Sendezeiten für anspruchsvolle Unterhaltungsmusik schrumpften immer mehr zusammen, entsprechend auch die Produktionen.
Zu den guten Sendezeiten hörte man immer mehr moderne Musik, und die Unterhaltungsmusik degenerierte zur blossen Geräuschkulisse.
Das sich ausbreitende Fernsehen benötigte Geld, Eigenproduktionen rentierten nicht mehr und "Konserven" (Tonträger) gab es genug (gratis). Deshalb wurde ein Orchester nach dem anderen aufgelöst und folglich wurden auch keine Dirigenten, Komponisten und Arrangeure mehr benötigt.
1968 wurden in Hamburg und Köln zwei bedeutende Radioorchester aufgelöst; 1970 kam dann auch für das Willi Stech-Orchester am Südwestfunk die traurige Stunde des Abschieds. Während 18 Jahren haben sich Dirigent und Musiker mit grossem Idealismus für gute Unterhaltungsmusik eingesetzt. Toni verlor damit seinen wichtigsten Arbeitgeber (und viele Radiomusiker ihre Existenz). Sein lieber Freund Willi Stech blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1979 sein bester Berufskamerad.
Nun begann Toni sich nach einem Musikerjob in der Schweiz umzusehen. Da suchte man für eine grössere Region Nähe Zürich einen fachlich bestens ausgewiesenen, diplomierten Musiker als Direktor einer Jugend-Musikschule; Wohnsitz am Arbeitsort. Er bewarb sich und fuhr hin. Die Herren Gemeinderäte offerierten ihm für diesen verantwortungsvollen Posten ein Jahresfixum, das etwa dem Monatslohn eines kleinen Beamten entsprach. Mit Musikunterricht könne man dann das Einkommen allmählich aufbessern. Welche Zumutung!
1966 begab er sich, zwecks Anmeldung, mit den persönlichen Schriften in die Einwohnerkontrolle der Stadt Bern. Der Bürochef begrüsste ihn persönlich und freute sich sehr, den Komponisten seiner Lieblingsmusik kennenzulernen. Im Gespräch machte Toni die Andeutung, er suche in Bern eine Arbeit und als er die städtische Einwohnerkontrolle verliess, hatte er einen Bürojob im Sack. Nach 1½ Jahren Unterbeschäftigung und einer Nikotinvergiftung als Passivraucher musste er diese Anstellung wieder aufgeben.
Danach versuchte er sich als Primar- und Sekundarschullehrer an einer Berner Privatschule, unterstützt von meiner Mutter, die das Mädchenturnen und die Mädchenhandarbeit übernahm. Bei den Korrekturen half mein Bruder Hanspeter jeweils mit, der in Bern gerade das Gymnasium besuchte. Es war eine aufreibende und hektische Zeit.
Doch bei diesem Abenteuer kam eine unerwartete Wendung: eine Anfrage für Heimorgelunterricht. Auf dem Dachboden der Schule befand sich eine kleine Orgel und im Musikgeschäft wurde ein Notenheft "Orgelschule für Anfänger" aufgetrieben. Damit waren die Weichen für die Zukunft gestellt.
In der Schweiz war 1969 die elektronische Heimorgel noch wenig bekannt. Es fehlte an Unterrichtsliteratur und qualifizierten Lehrkräften. Eindeutig eine Marktlücke in Bezug auf den Verkauf und den Unterricht. Die Klavierbaufirma Schmidt-Flohr AG in Bern gelangte an Toni, ob er bereit wäre, als freier Mitarbeiter (und späterer Angestellter) eine Orgelabteilung aufzubauen. Zum Aufgabenbereich zählten: Orgeldemonstrationen und -verkauf sowie Unterricht.
Toni begann am 1.1.69. Dies bot ihm wieder eine Chance, sein Wissen und Können als Allroundmusiker einzusetzen. Der Erfolg stellte sich überraschend schnell ein, da er als Komponist und Arrangeur amüsante Unterrichts- und Spielliteratur für jeden Schwierigkeitsgrad schreiben konnte. So kam es, dass 1970 die Zahl seiner Orgelschüler bereits auf 50 stieg und er junge Lehrkräfte ausbilden musste (die heute mehrheitlich noch eigene Orgelschulen leiten). Er führte mehrere öffentliche Schülerkonzerte durch.
Mit seinen Bearbeitungen und Kompositionen wurde ein eigener Musikverlag und Orgelclub gegründet. Noch nicht genug! Der Bedarf an solcher Literatur war gross. Etwa 300 von seinen Bearbeitungen wurden von Verlegern im In- und Ausland gedruckt und in Alben herausgegeben. Bis 1990 wurden trotz der grossen internationalen Konkurrenz bereits 100'000 Orgelalben verkauft.
Bald wurde Toni gezwungen, für angemeldete Orgelschüler eine Warteliste zu erstellen. Zuletzt unterrichteten fünf Lehrkräfte in fünf Orgelstudios; eines davon war sogar in Thun. Nun hatte Toni wieder eine neue Existenz als Musiker. Es war eine schöne Aufgabe zu demonstrieren, dass man mit einer guten Heimorgel auch gute Musik machen kann. Meine Eltern blickten wieder vertrauensvoll in die Zukunft. Inzwischen war auch klar abzusehen, welche Berufe wir Söhne auswählten:
1974 feierte die weltbekannte Klavierbaufirma Schmidt-Flohr AG ihr 140jähriges Jubiläum. Während des Festessens flüsterte ein Tischnachbar Toni ins Ohr: "Wissen Sie, dass die Klavierproduktion in den roten Zahlen steckt?". Sofort erkannte Toni die Tragweite dieser unheilvollen Äusserung: das Fundament der gesamten Unternehmung wackelte. Noch im gleichen Jahr verliess er das sinkende Schiff, das wenig später liquidiert wurde.
Toni steht wieder einmal vor einem existentiellen Problem: soll er privat weiter unterrichten? Doch sein Vertrauen in den Musikerberuf war endgültig am Boden. So bewarb er sich auf eine ausgeschriebene Stelle in der Verwaltung des Kantons Bern (Fischereiinspektorat). Im Gegensatz zur früheren Anstellung in der Stadtverwaltung war dieser Job harte Arbeit. Personalmangel in der damals selbsttragenden Fischerei brachte eine enorme Überbelastung für den Inspektor und ihn. Die Sekretariatsarbeiten waren jedoch sehr abwechslungsreich.
Tröstlich war auch das sonnige, rauchfreie Einzelbüro in der Berner Altstadt, an der Herrengasse, wo in alten Zeiten die Adeligen wohnten. Kein Verkehrslärm störte. Die grossartige Fernsicht vom 300jährigen Holzbalkon auf die Berner Alpen genoss er oft über die Mittagszeit.
Wegen der ständigen Überbelastung erlitt der Fischereiinspektor einen Herzinfarkt und Toni sorgte mit einem Kreislaufkollaps für Aufregung. Darauf reduzierte er für die letzten 5 Jahre freiwillig sein Arbeitspensum auf 50%. So konnte er diese Tätigkeit bis zu seiner Pensionierung 1988 ausüben.
Mit diesem Kapitel klingt diese Suite aus. Sie ist in Dur und Moll, wie alles im Leben. Vieles, sehr vieles ist ungesagt geblieben, jedoch alles Gesagte hat sich zugetragen. Die ihm reichlich zugeflossenen Talente hat Toni den Mitmenschen zur Freude weitergegeben. Es war ein ehrlich errungener Erfolg mit wertvollen Erfahrungen. Ohne die ständige, tüchtige Mithilfe seiner Lebensgefährtin (meiner Mutter) hätte er diese aussergewöhnliche Karriere nicht geschafft.
Was macht nun seine Musik heute?
Die vielen hundert Tonaufnahmen in den unzähligen Radiostudios wurden teilweise gelöscht oder sie gehen langsam zu Grunde. Wer rettet sie? Wenn die noch vorhandenen Orchesterpartituren bei seinen Musikverlegern nicht vergilbt sind und ein Orchester zur Verfügung steht, könnten Neuaufnahmen realisiert werden. Vielleicht wird eines Tages der Wert der schönen, gehobenen Unterhaltungsmusik wieder entdeckt. Es blieb ihm bis vor kurzem noch die Hausmusik auf seiner Heimorgel.
Zum Verständnis möchte ich hier noch zwei Jahreszahlen nennen:
In den 90er Jahren wurden einige Titel neu auf einer CD herausgegeben. So z.B. die CD "In A Happy Mood" von Reto Parolari mit einer Neuaufnahme der Suite "Am Lago Maggiore" und die CD "Memories Of The Light" mit dem Titel "Lovely Day" (alte Originalaufnahme).
1993 veröffentlichte Frau Dr. Engeler ein Buch über gehobene Unterhaltungsmusik, in dem das Schaffen von Toni gut dokumentiert wurde.
Als Schlussakkord zu dieser Suite soll ein altes, englisches Gebet unbekannter Herkunft erklingen. Es hat ihn ein grosses Stück seines Weges begleitet:
"Gott schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die in meiner Macht stehen und die Klugheit, beides voneinander zu unterscheiden."
Toni Leutwiler jun.
Präsident
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