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In seinem Vorwort zu diesem relativ schmalen Büchlein – sofern man 112 Seiten „schmal“ nennen will (und ja: ich konnte dem albernen Witz nicht widerstehen!) – Albert Einstein also schreibt im Vorwort zu diesem Text Folgendes:
Das vorliegende Büchlein soll solchen eine möglichst exakte Einsicht in die Relativitätstheorie vermitteln, die sich vom allgemein wissenschaftlichen, philosophischen Standpunkt für die Theorie interessieren, ohne den mathematischen Apparat der theoretischen Physik zu beherrschen. Die Lektüre setzt etwa Maturitätsbildung und – trotz der Kürze des Büchleins – ziemlich viel Geduld und Willenskraft beim Leser voraus. Der Verfasser hat sich größte Mühe gegeben, die Hauptgedanken möglichst deutlich und einfach vorzubringen, im ganzen in solcher Reihenfolge und in solchem Zusammenhange, wie sie tatsächlich entstanden sind. Im Interesse der Deutlichkeit erschien es mir unvermeidlich, mich oft zu wiederholen, ohne auf die Eleganz der Darstellung die geringste Rücksicht zu nehmen; ich hielt mich gewissenhaft an die Vorschrift des genialen Theoretikers L. Boltzmann, man solle die Eleganz Sache der Schneider und Schuster sein lassen.
Maturität, für unsere deutsche Leserschaft, ist in der Schweiz, was in Deutschland das Abitur ist: der Abschluss des Gymnasiums und die Eintrittskarte für die Universität. Einstein hat ja bekanntlich diese Prüfung in der Schweiz absolviert (und außer im Fach Französisch glänzende Noten geschrieben – nebenbei vermerkt, hat er dasselbe Gymnasium besucht, das meine Wenigkeit rund 80 Jahre später ebenfalls besuchen sollte). Maturitätsbildung also setzt Einstein voraus, und meint damit eine Maturität, wie sie vor 120 und auch noch vor 50 Jahren abgelegt wurde, wo auch im humanistischen Zweig nicht nur Latein bis zum großem Latinum gelehrt wurde, sondern der Lehrplan im Fach Mathematik ein Vorangehen bis zu den Grundlagen der Infinitesimalrechnung vorsah.
Wenn Einstein schreibt, seine Leserschaft müsse den mathematischen Apparat der theoretischen Physik nicht beherrschen, so heißt das keineswegs, dass er gar keine Mathematik voraussetzt. Denn eben: Algebra mit Gleichungen höheren Grades und ein bisschen Infinitesimalrechnung sollte man zumindest lesen können. Im Übrigen aber darf man sagen, dass Einstein gelungen ist, was er sich vorgenommen hat: eine Darstellung der Relativitätstheorie für Laien, die dabei ohne größere ‘kindgerechte’ Anschauungsbeispiele auskommt als den Eisenbahnwagen, der auf seinem Bahndamm fährt und der von innen wie von außen beobachtet wird. (Und der dann von Generationen von Wissenschaftsjournalisten übernommen worden ist.)
So kann Einstein zunächst die spezielle Relativitätstheorie vorstellen, als ein System Galileischer Bezugskörper, bevor er zu allgemeinen Relativitätstheorie übergeht, wo dann der galileisch-euklidische Fixpunkt fehlt, mit dem schon Kopernikus die Welt aus den Angeln heben wollte. Erste Beweise dafür, dass seine Theorie mehr als eine Theorie ist, kann er auch noch beibringen. Fotografische Beobachtungen der von der Theorie geforderten Ablenkung von Licht durch große und kräftige Gravitationsfelder wie das der Sonne kann er gegen Ende des Textes mit Genugtuung notieren. (Der Text, nebenbei, stammt in seiner Grundlage aus dem Jahr 1916!) Damit ist für ihn die physikalische Theorie des Äthers als Bezugskörper und Transportmittel der Lichtwellen endgültig verabschiedet.
Den Abschluss macht Einsteins Versuch, mittels der Berechnungen der allgemeinen Relativitätstheorie Einsicht zu erhalten in Form und Größe (bzw. räumliche Endlichkeit oder Unendlichkeit) des Universums. Hier wird er allerdings nun vage, sehr vage – offenbar noch vager als es einer Darstellung der Relativitätstheorie für Laien geschuldet ist. Einstein wusste selber nicht genau, wie es sich mit dem Universum verhalten könnte. Noch war die Physik ja der Meinung, das Universum sei ohne zeitlichen Beginn, auch wenn erste Messungen bereits darauf hinwiesen, dass es anders sein könnte, das All einen Anfang und ein Verfallsdatum habe. Hier aber reichte Einsteins Relativitätstheorie nicht mehr hin.
Dennoch ein interessantes Büchlein, um so mehr, als hier ein großer Physiker für ein Publikum von Laien schreibt – aber so, dass sich der Leser vom Fachmann durchaus ernst genommen fühlt. Immerhin streift er sogar erkenntnistheoretische Fragen (und findet Kants Ding an sich einen schlechten Witz). Er gibt sich die Mühe einer schrittweisen Herleitung seiner theoretischen Annahmen, ohne allzu viel Mathematik zu verwenden und hat damit auch Erfolg. (Auch vermeidet er, herablassend zu erklären, dass man das und das nur genau verstehen könnte, wenn man die und die Gleichungen verstehen könnte.)
Albert Einstein: Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag 24 2009