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In der Schweiz besitzt die religiöse Ausrichtung für die nationale Identität heute laut einer Umfrage keine grosse Bedeutung. Das Meinungsforschungsinstitut Isopublic hat im Auftrag des Magazins Reader's Digest Schweizerinnen und Schweizer gefragt, was für sie die schweizerische Identität ausmache. Nur magere 3,5 Prozent der Befragten räumten der Religion eine ausschlaggebende identitätsstiftende Wirkung ein. Mit 35.5 und 34.4 Prozent liegen die gemeinsame Geschichte und die gemeinsamen Werte bei der Frage nach dem prägendsten nationalen Identifikationsmerkmal an erster und zweiter Stelle. Die Religion scheint hierzulande also nicht bestimmend für das Gefühl des Schweizerseins zu sein.
Evangelisch-reformierte Vorherrschaft im liberalen Bundesstaat
Um diesen fehlenden Zusammenhang von Religion und Nation im kollektiven Identitätsgefühl der Schweizer zu erklären, lohnt es sich gerade, die Geschichte heranzuziehen und einen Blick auf die konfliktgeprägte Zeit um die Entstehung des modernen Bundesstaates zu werfen.
Während sich unter den bürgerlichen Eliten bereits im 18. Jahrhundert ein 'nationales Bewusstsein' herausbildete, erhielt die Idee der Republik mit dem Einsetzen des Nationalismus als politische Bewegung in den 1820er-Jahren auch in der Schweiz Eingang in die Ausformung und Verbreitung des Nationalbewusstseins. Im Gegensatz zu den katholisch-konservativen Kreisen war für die dominierenden national-liberalen, reformierten Eliten der Wille, eine Nation zu sein, entscheidend. Nicht Sprache, Sitte oder Religion, sondern die republikanischen Ideale des gleichen Rechts, Glücks und der gleichen Freiheit sollten die Schweiz zusammenhalten. Durch ihren Sieg im Sonderbundskrieg setzten die Vertreter des radikalen Liberalismus ihre Vorstellungen eines liberalen, zentralisierten Bundestaates entgegen den Bestrebungen der im Sonderbund vereinten katholischen Kantone durch. Mit der Verfassung von 1848 wurde der Nationalstaat gegen den Willen der katholisch-konservativen Minderheit als zentraler Bundesstaat und Staatsbürgernation konzipiert und die katholische Teilgesellschaft darin an den Rand gedrängt.
Stärkung des Nationalbewusstsein und Integration der Katholiken
Um den Konflikten der Industrialisierung und der Klassengesellschaft zu entgehen, versuchte die liberale Elite gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Nation und das Volk als ein einig Volk von Brüdern ideologisch zu überhöhen. Die Stärkung und Ausbreitung des Nationalgefühls sollte der internationalen Arbeiterbewegung das Wasser abgraben und die Spannung zwischen dem national-liberalen und katholisch-konservativen Block überwinden. Dazu bot sich idealerweise ein Rückgriff auf die Geschichte des Mittelalters an, da sich der Bund der drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden als integrative Ursprungserzählung nutzen liess und die Geburt des Bundesstaates so auf eine Zeit vor den konfessionellen Konflikten zurückgeführt werden konnte.
Mit der Neuinterpretation der Gründungsgeschichte folgte eine Emporhebung des gewöhnlichen regionalen Bundes der drei Waldstätten zu einer Art 'Magna Charta' des eidgenössischen Rechtes, der nationalen Unabhängigkeit und Freiheit. Die Katholiken partizipierten nun am nationalen Diskurs und die katholische Geschichtsschreibung fügte sich in die von national-liberalen Historikern geprägte Gründungserzählung um Wilhelm Tell ein. Sie stellte sich hinter den sagenumwobenen Nationalmythos von 1291, der 1891 mit der Feier des 600-jährigen Jubiläums der Eidgenossenschaft und der Einführung des 1. Augusts als Nationalfeiertag gefestigt werden sollte. Nun folgte auch die Eingliederung der Katholiken in den politischen Betrieb des Bundesstaates. 1891 wurde der erste katholische Bundesrat in die Landesregierung aufgenommen. Der politische Katholizismus gab seine Opposition gegen den Bundesstaat auf und verabschiedete sich von der Vorstellung eines katholischen Staates. Die Katholiken akzeptierten die Demokratie und es folgte ihre schrittweise Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Auch die Nation bekam in der katholischen Wertegemeinschaft ihre Bedeutung als identitätsstiftendes Element und die Katholiken verstanden sich nun sowohl als gute Kirchenmitglieder wie auch als gute Bürger ihres Vaterlandes.
Einende Gründungserzählung – ausschliessender Rütli-Mythos
Der Rückgriff auf den Mythos des Rütlischwurs und die von Historikern konstruierte Erzählung einer langen, gemeinsamen Geschichte vermochte die Nation trotz konfessionell-religiöser Spannungen zu einen. Die Vorstellung gemeinsamer Werte und einer geteilten Herkunft und Identität konnte die Grenzen zwischen den konfessionellen Gemeinschaften zugunsten einer nationalen Vergemeinschaftung überwinden. Hätte man die Religion in der Schweiz auf Basis des religiös-konfessionellen Glaubens zum zentralen Identitätsfaktor gemacht und die Katholiken nicht integriert, wäre die Schweiz wahrscheinlich nicht durch ein ausgleichendes und konsensorientiertes demokratisches System zusammengewachsen.
Die Geschichte der Integration der Katholiken in den Nationalstaat könnte uns nicht zuletzt auch hinsichtlich der Abwehrreflexe gegenüber muslimischen und anderen nichtchristlichen Gemeinschaften in der Schweiz eine Lehre sein. Denn die Einbindung der Katholiken dauerte Jahrzehnte, und so braucht auch die Integration der Muslime Zeit und Gelassenheit. Statt die beschworenen freiheitlichen Werte wie beispielsweise die Religionsfreiheit, die doch unser geschichtliches Erbe sein sollen, einzuschränken, sollten wir heute noch einen Schritt weitergehen und diese zum vereinenden Identitätsmerkmal machen. Mit der Überwindung der lebendig gehaltenen Gründungsmythen liesse sich die Schweiz tatsächlich als Wertegemeinschaft denken und für multikulturelle Realitäten öffnen, jenseits von ausschliessenden Ursprungserzählungen.