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| Athanasius (295-373) - Vier Reden gegen die Arianer (Orationes contra Arianos)

Erste Rede
38.
Wenn sie nun so auch vom Erlöser reden, so wird sich daraus ergeben, daß er weder wahrer Gott, noch wahrer Sohn, noch dem Vater ähnlich ist, noch überhaupt Gott zum Vater seines wesenhaften Seins, sondern nur zum Vater der ihm verliehenen Gnade hat, für sein wesenhaftes Sein aber ist ihm Gott wie allen Dingen nur ein Schöpfer1. Wenn er aber so beschaffen ist, wie diese ihn zeichnen, dann wird sich herausstellen, daß er nicht einmal von Anfang an den Namen "Sohn" hatte, wenn er ja diesen als Preis für seine Werke und seine Zunahme empfing, die keine andere war als die, da er Mensch geworden war und die Gestalt des Knechtes angenommen hatte2. Denn damals, als er gehorsam geworden bis zum Tode, heißt es von ihm, er sei erhöht worden und habe als Gnade den Namen empfangen, "damit im Namen Jesu sich beugen alle Knie". Was war also vorher, wenn er jetzt erhöht wurde, und [S. 73] man jetzt anfing, ihn anzubeten und er jetzt Sohn genannt wurde, nachdem er Mensch geworden war? Denn er scheint selbst das Fleisch in nichts verbessert zu haben, sondern eher selbst durch dasselbe verbessert worden zu sein, wenn er ja nach ihrer verkehrten Ansicht damals erhöht und Sohn genannt wurde, als er Mensch geworden ist. Was war er also vordem? Wieder muß man sie fragen, damit man auch ihre vollendete Gottlosigkeit sieht. Denn wenn der Herr Gott, Sohn, Wort ist, dies aber nicht war, bevor er Mensch wurde, so war er entweder etwas anderes als dies und nahm später wegen seiner Tugend daran teil, wie wir gesagt haben, oder sie müssen ein Zweites behaupten, was auf ihr Haupt fallen möge, daß er vorher gar nicht gewesen und überhaupt von Natur nur ein Mensch sei und nichts weiter. Aber das ist nicht die Anschauung der Kirche, sondern des Samosateners3 und der jetzigen Juden. Warum lassen sie sich aber dann, wenn sie ihrer Ansicht beipflichten, nicht auch wie die Juden beschneiden, sondern bekennen sich dem Scheine nach zum Christentum, während sie doch mit ihm im Kampfe stehen? Denn wenn er nicht war oder wohl war, aber später besser wurde, wie ist dann durch ihn alles geworden bezw. wie konnte, wenn er ja nicht vollkommen war, in ihm der Vater sich freuen4? Und wenn er selbst jetzt erst besser wurde, wie freute er sich vordem im Angesichte des Vaters? Und wenn ihm erst nach dem Tode die Anbetung zuteil wurde, wie verstehen wir dann, daß Abraham ihn im Zelte anbetet5 und Moses im Dornbusch6, und wie dienten ihm, wie Daniel es sah, Myriaden von Myriaden und Tausende von Tausenden7? Und wenn der Sohn nach ihrer Ansicht erst jetzt eine Vervollkommnung erfuhr, wie konnte er dann selbst, als er von der himmlischen Herrlichkeit sprach, die er vor der Erschaffung der Welt hatte, sagen: "Verherrliche mich, Vater, mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe [S. 74] die Welt war"8? Wenn er aber nach ihrer Ansicht jetzt erhöht wurde, wie hatte er vordem "die Himmel geneigt und ist herniedergestiegen"9 und hat wiederum "der Höchste seine Stimme erschallen lassen"10? Wenn also der Sohn, bevor die Welt entstand, die Herrlichkeit inne hatte und der höchste Herr der Herrlichkeit war und vom Himmel herabstieg und immer anbetungswürdig ist, so wurde er also, indem er herabstieg, nicht besser, vielmehr verbesserte er das Besserungsbedürftige. Und wenn er um zu verbessern herabgestiegen ist, so wurde ihm doch fürwahr die Bezeichnung Sohn und Gott nicht als Belohnung zuteil, sondern er machte vielmehr uns zu Söhnen des Vaters und, selbst Mensch geworden, vergöttlichte er die Menschen.
1: Athanasius sagt: Die Arianer nehmen nur eine moralische Vaterschaft des Sohnes an, wie eine solche nach der Schrift auch anderen Geschöpfen zukomme.
2: d. h. jene Zunahme des Menschen Jesus an "Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen". Luk. 2,52.
3: s. S. 55 [Kap. 25.], Anm. 2.
4: Sprichw. 8,30.
5: Gen. c. 18.
6: Exod. c. 3.
7: Dan. 7,10.
8: Joh. 17,5.
9: Ps. 17,10.
10: Ps. 17,14.