Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03649.jsonl.gz/1159

Liebesbeziehungen zerbrechen oft an der romantischen Vorstellung, dass es möglich sei, leidenschaftliche Gefühle und Geborgenheit bis ans Ende des Lebens zusammen mit nur einem einzigen Partner erleben zu können. Das meint jedenfalls der populäre deutsche Schriftsteller und Philosoph Richard David Precht. Die von der Mehrheit der Menschen in den westlichen Industrienationen angestrebte monogame Ehe auf der Grundlage romantischer Liebe glücke jedenfalls nur selten. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet Precht die Liebe in seinem jüngsten Bestseller als ein unordentliches Gefühl.
Die 22-jährige Journalistikstudentin Rugeshi Ana sieht das ganz ähnlich. Sie kann überhaupt nicht verstehen, dass die meisten ihrer Kommilitoninnen an der Central University for Nationalities in Peking zwar unabhängig sein wollen, aber trotzdem eine Ehe anstreben. «Alle wollen heiraten», teilt sie dem Reiseautor Ricardo Coler verständnislos mit: «Liebe und Lebensgemeinschaft, das geht für mich nicht zusammen.»
Der 1958 in Buenos Aires geborene argentinische Arzt und Journalist Coler traf die junge Frau, als er auf der Suche nach dem «letzten wirklichen Matriarchat» für drei Monate ins südwestliche China reiste. Seine Gesprächspartnerin beschreibt er als eine selbstbewusste moderne Frau, die vom Land in die Grossstadt aufbrach, um zu studieren, und dabei das moderne Leben kennenlernte. Ihre Ansichten zu Ehe und Familie entwickelte sie aber nicht erst in der freizügigen Luft der Metropole. Die stammen aus dem abgeschiedenen Bergdorf, in dem sie aufgewachsen ist. «Die beste Art, eine Familie zu haben, ist gerade, nicht zu heiraten», hat sie dort gelernt.
Freie Liebe
Rugeshi Anas Heimat ist das im Grenzgebiet der Provinzen Yunnan und Sichuan gelegene Hochtal von Yongning. Sie gehört zur ungefähr 35 000 Menschen zählenden Gemeinschaft der Mosuo, die überwiegend in mehreren Dörfern rund um den Lugu-See leben und dort vor allem Landwirtschaft betreiben: Acker- und Gartenbau, Fischerei und Viehzucht. Von den chinesischen Behörden werden sie nicht als eigenständige Minderheit geführt, sondern der viel grösseren Ethnie der Naxi zugerechnet.
Während die Naxi ihre Zugehörigkeit zu einer Verwandtschaftsgruppe über die Reihe der männlichen Vorfahren bestimmen – die Verwandtschaftsforschung spricht in diesem Fall von Patrilinearität –, leiten die Mosuo ihre Herkunft von der Mutterlinie her. Zur Familie gehören nur direkte Blutsverwandte. Der Haushalt wird von einem weiblichen Oberhaupt geleitet, das Besitz und Geld verwaltet und gemeinsam mit dem Familienrat alle wichtigen Entscheidungen trifft. «Es ist nicht so, dass die älteste Frau automatisch das Familienoberhaupt ist, sondern es ist die klügste und fähigste Frau in der Familie», liess sich eine Forscherinnengruppe um Heide Göttner-Abendroth, die das Gebiet fünfzehn Jahre vor Coler bereiste, von einer Mosuo-Frau erklären: «Wir halten nicht eine Wahl ab, sondern diese Frau ist von allen anerkannt. Es erweist sich einfach!»
Zum Haushalt gehören die Mutter dieser Frau, ihre Schwestern und Brüder, die Kinder der Schwestern und die Enkel. Ehemänner, Väter und Grossväter gibt es in den Mosuo-Familien dagegen nicht. Die Männer leben im Haushalt ihrer Mutter und besuchen ihre Geliebten in der Regel nur während der Nacht. Dabei bestimmen die Frauen, mit wem sie jeweils die Nacht verbringen.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein hat es neben dieser lockeren Besuchsbeziehung eine arrangierte Wechselheirat zwischen je zwei Sippenhäusern gegeben, sagt der chinesische Ethnologe Wang Shu Wu vom Institut für Nationale Minderheiten Yunnan. Nachdem sich diese Form der politischen Allianzbildung im Rahmen des chinesischen Zentralstaates zunehmend erübrigt hatte, blieb das «Azhu» genannte System freier Liebesbeziehungen übrig.
Es gibt kein Wort für «Vater»
Wie undramatisch die Mosuo das Thema «Trennung» auffassen, zeigen Sprichworte, die von der Ethnologin Susanne Knödel notiert worden sind. Im Falle einer Trennung sagen die Mosuo-Männer: «Eine Türe schliesst sich, zehn Türen öffnen sich.» Die Frauen dagegen: «Geht ein Mann, so kommt dafür ein anderer.»
Wer der Vater der während einer Besuchsbeziehung gezeugten Kinder ist, spielt in der Welt der Mosuo keine Rolle. Sie kennen kein eigenes Wort für «Vater» oder für die Brüder des Vaters. Das Zusammenleben von Liebespartnern im gleichen Haushalt kommt bei den Mosuo bis heute kaum vor – allenfalls in dem seltenen Fall, dass eine Familiengruppe in einer Generation keine weiblichen Nachkommen hat. Um ihren Fortbestand zu sichern, kann dann eine Frau von aussen aufgenommen werden. Der Fall, dass ein nicht blutsverwandter Mann einzieht, tritt nur dann ein, wenn es weder Brüder noch Cousins gibt, die auf dem Hof die ganz schwere körperliche Arbeit machen können.
Dabei sind es die Frauen, die den Löwenanteil sowohl der landwirtschaftlichen als auch der häuslichen Arbeit tragen. Dafür geniessen sie auch einen höheren Status als die Männer und nehmen in einem grösseren Mass Führungsrollen in der Familiengruppe ein. Sie sitzen auf der linken Seite des Feuers, was als statushöher gilt. Im Unterschied zu den jungen Männern, die im Heu oder auswärts schlafen müssen, verfügen sie (und die alten Männer) über einen festen Wohnplatz im Haus.
Die Dominanz der Frauen findet ihren symbolischen Ausdruck in der traditionellen Sitzordnung in der Wohnung. Trotzdem sind die Mosuo-Gemeinschaften kein auf den Kopf gestelltes Patriarchat. Eher handelt es sich um eine geschlechtsegalitäre Gesellschaft, wie sie die Soziologin Frigga Haug im «Historisch-kritischen Wörterbuch des Feminismus» beschreibt. Die Frauen dominieren wichtige gesellschaftliche Bereiche, aber sie herrschen nicht. Denn im Rat des Haushalts gilt das Konsensprinzip: «Es soll so lange diskutiert werden, bis ein für alle akzeptabler Beschluss gefasst ist», berichtet die Ethnologin Susanne Knödel. Nimmt man hinzu, dass die materielle und emotionale Versorgung der Alten, der Kinder und der Behinderten durch den Zusammenhalt der Familiengruppe gesichert ist, könnte einem die Gesellschaft der Mosuo fast wie die Realisierung eines utopischen Ideals vorkommen.
Doch gibt es auch Hinweise, die das harmonische Bild stören. Knödel spricht davon, dass es bei den Mosuo Sprichwörter gibt, durch die Frauen abgewertet werden. In ihren Augen arbeiten die Frauen auch deutlich intensiver als die Männer. «Man hat das Gefühl, dass in diesem Dorf zwei Formen von Zeit existieren: die davonfliegende, stets knappe Zeit der Frauen und die zähe, im Überfluss vorhandene Zeit der Männer», bestätigt Coler diesen Eindruck.
Kommunisten sind Traditionalisten
Unklar ist, welchem Druck Menschen ausgesetzt sind, die vom gängigen erotischen Rollenverständnis abweichen und beispielsweise homosexuelle Neigungen verspüren. Als die Forscherinnengruppe um Heide Göttner-Abendroth ihre Mosuo-Gastgeberinnen nach Beziehungen zwischen Frauen fragte, antworteten diese erst nach längerem Ratschlag: «Wir haben in unserer Gemeinschaft bislang noch nichts davon gehört, und wir wissen noch nicht mal, was das ist.»
Für die an patriarchalische Verhältnisse gewöhnten Funktionäre der Kommunistischen Partei waren die Liebessitten der Mosuo in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik freilich auch ohne offen gelebte Homosexualität ein grosses Ärgernis. Nachdem Mao Zedong am 1. Oktober 1949 den Sieg der Revolution erklärt hatte, gerieten die Mosuo als matriarchalische Gesellschaft unter Druck. «Sie führten ein aktives Liebesleben, die viel gepriesene Institution der Ehe ignorierten sie. Und dass die Figur des Vaters keinerlei Bedeutung hatte, durchkreuzte die Pläne, Mao zum Vater und Oberhaupt aller Chinesen zu erheben», fasst Coler die wichtigsten Gründe zusammen.
Doch der Versuch, die Monogamie einzuführen, scheiterte. «Die wenigen Paare, die dem Aufruf folgten, hatten grosse Schwierigkeiten im täglichen Zusammenleben», so Coler. «Wer in das Haus der Familie seines Partners zog, wurde dort als Eindringling betrachtet.» Während der Kulturrevolution verstärkte sich der Druck noch einmal. Doch nach 1976 änderte die Regierung ihren Kurs: Sie vertritt seither eine behutsamere Minderheitenpolitik. Vor allem begann sie, den Wert der Mosuo-Kultur nicht zuletzt als Zielgebiet für den inländischen Tourismus zu schätzen. Während die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth meint, dass hierdurch eine Aushöhlung der Mosuo-Kultur drohe, gibt es auch gegenläufige Anzeichen. Denn die Frauen sind es, die vor Ort das Touristengewerbe organisieren und als Reiseführerinnen stolz und würdevoll ihre traditionelle Tracht zur Schau stellen.
⇒ Literaturauswahl:
Ricardo Coler: «Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat». Kiepenheuer Verlag bei Aufbau. Berlin 2009. 165 Seiten. Fr. 31.50.
Heide Göttner-Abendroth: «Matriarchat in Südchina». Kohlhammer. Stuttgart 1998. 224 Seiten. Fr. 35.50.