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Das Problem an Schneefrauen ist, dass die wohlmodellierten Brüste so schwer zu befestigen sind und meist herunterfallen, wir habens ausprobiert. Also werden wir in den Sportferien im Bündnerland eher wieder Schneemänner bauen. Wissend, dass manche dies diskriminierend finden. In amerikanischen Schulbüchern darf der «Snowman» nicht vorkommen. Es müsste geschlechtsneutral «Snowperson» heissen, haben Feministinnen angeführt.
In den Unterrichtsmaterialien der USA tauchen auch keine Dinosaurier auf. Das haben religiöse Fundis durchgesetzt, welche die Evolutionslehre negieren. An der Erwähnung eines Geburtstagskuchens könnten sich arme Kinder stören, die nie in den Genuss eines solchen kommen. (Wobei, halt! Das Wort «arm» ist auch schon wieder falsch. Es müsste «subprivilegiert» heissen.) Und Delfine wurden aus den Schulunterlagen gestrichen, weil ein Kind im Landesinnern zu ihnen nicht dasselbe Verhältnis haben könne wie eines in, sagen wir mal, Florida. «Regionale Benachteiligung», heisst das dann offiziell; sie könnte die schulische Leistung beeinträchtigen.
Wir werden wieder Schneemänner bauen.
Heimatland! Ob ich gegen Hans’ letzte Rechenprüfung protestieren sollte? «Auf der Wiese von Bauer Schmid weiden Schafe und Gänse. Es laufen 152 Beine umher, und es gibt 61 Köpfe. Wie viele Gänse und wie viele Schafe hat es?» Wie hätte er als Stadtkind die Aufgabe lösen sollen? Die schiere Schikane!
Der Grundgedanke der Amis ist ja gut: Alle Kinder, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, sollen die gleichen Chancen haben, niemand wird herabgesetzt. Nur hat dieses Denken absurde Auswüchse: Ein Klassiker der Literatur, Mark Twains «Die Abenteuer des Tom Sawyer», war in vielen US-Staaten lange Zeit verboten. Weil darin die abschätzigen Wörter «Nigger» und «Injun» vorkamen, Neger und Rothaut. 2011 erschien das Buch in gesäuberter Neuauflage, 219-mal war darin «Nigger» getilgt. Nur: Das Wort wurde um 1840 in Missouri nun mal benutzt, und davon handelt Twains Werk. Es zu zensurieren, ist heikel. Denn ein Buch erzählt auch von einem Zeitgeist, ob der uns erfreut oder nicht.
Seit ich unter den ausgemusterten Büchern einer Bibliothek im Baselbiet einen Band ergatterte, lesen Hans und ich gemeinsam die Geschichten von Doktor Dolittle. Ein Glücksgriff! Zwar kommt darin das Wort Neger vor, aber die veraltet anmutende Wortwahl gab uns Gelegenheit, über die Zeit zu diskutieren, in der sie entstanden: während des Ersten Weltkriegs. Der Autor Hugh Lofting, von der britischen Armee nach Flandern eingezogen, hatte seinen Kindern versprochen, seine Erlebnisse in Briefen zu schildern. Doch der Krieg war so unbeschreiblich grausam, dass er stattdessen seinen barmherzigen Dolittle erfand, den Doktor, der mit den Tieren sprechen kann. Wegen eines einzigen Worts diese wunderbaren Bücher zu verfemen, wäre verfehlt. Lofting war kein Rassist, im Gegenteil: Schon 1924 bekräftigte er in Zeitungsartikeln die Gleichwertigkeit aller Völker und Rassen.
Wenn nun, wie unlängst zu vernehmen war, aus Otfried Preusslers «Die Kleine Hexe» das Wort «Negerlein» gestrichen wird — meinetwegen. Solange die kleine Hexe, diese Heldin meiner Kindheit, noch Hexe sein darf und nicht politisch korrekt in «geschlechtsneutrales, jedoch im positiven Sinne weiblich konnotiertes, gesellschaftlich wertvolles, pfiffiges Fabelwesen» umbenannt wird…
Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
Die
Hausmann-Hörkolumne
, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli