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Was ist das für ein Buch? Alle brauchen es. Niemand liest es.Das Fragezeichen kommt darin nie vor. Lösung: Eine Enzyklopädie.
VON PAUL MICHEL
Der Prospekt für die ne ueste Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie verspricht «das Wissen der Welt» in 24 Bänden, auf den neuesten Stand gebracht, ein Nachschlagewerk, «das man von Generation zu Generation vererbt», mit Kopfgoldschnitt, auf säurebeständigem Papier. Marcel Reich-Ranicki raunt auf dem Prospekt: «Wer viel weiss, will noch mehr wissen.» Eine Enzyklopädie ist nicht bloss ein Nachschlagewerk, sondern auch eine Art der Selbstvergewisserung einer Kultur und ein stolzer Ausweis dessen, «wie wirs zuletzt so herrlich weit gebracht».
Kleine Geschichte der Enzyklopädie
Mittelalterlichen und barocken Enzyklopädisten kann man nicht einfach Stolz über angehäufte Schätze unterstellen, sie wollten durch das Ausbreiten des Wissens über alle geschaffenen Dinge die Schönheit der göttlich durchwalteten Schöpfung sichtbar werden lassen. Die grossen Werke des Spätmittelalters (Vinzenz von Beauvais , Ü 1264, «Speculum majus»; Petrus Berchorius, Ü nach 1361, «Reductorium morale») entstanden durch Kompilierung älterer Werke. Es hat offenbar niemanden gestört, dass die einzelnen Wissensfetzen innerhalb desselben Artikels redundant oder widersprüchlich waren. Nur keine Information verkommen lassen, scheint die Devise gewesen zu sein. Wissen wird stets wieder rezykliert.
Bereits im 16. Jahrhundert war das Wissen so gross und heterogen geworden und wurde nun durch den Buchdruck verbreitet, dass das Bedürfnis nach einer methodischen Disposition aufkam. Eine beispielhafte Figur ist der Zürcher Universalgelehrte Konrad Gessner (15161565), der es unternahm, eine umfängliche und systematische Bestandesaufnahme der gelehrten Bücher zu machen.
In der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts gehörte der Rückgriff auf Zitate aus dem Lexikon zur Ausstattung des gebildeten Laien, der durch den Standard der Konversation die Illusion einer gebildeten Gesellschaft aufrecht erhalten konnte. «Um in der Gesellschaft mitreden zu können» so heisst es in einem «Lehrbuch der guten Lebensart» vom Jahre 1888 , «bedarf der Mann von gutem Ton dringend zweier Werke: ein Fremdwörterbuch und ein gutes Conversationslexikon. Freilich ist die Anschaffung etwas theuer.» Das ist die Stunde von Brockhaus Conversationslexikon (1. Auflage 17961808).
Absoluter Anspruch
Enzyklopädien haben einen Totalitätsanspruch, der auf verschiedene Weise glaubhaft gemacht werden kann. Beispielsweise durch den Titel: die frühen Drucker gaben der Enzyklopädie des Maurus (um 780856) schlicht und ergreifend den Titel de universo. Es kann dadurch geschehen, dass man das ganze Werk in ein stringentes System zwängt (Beispiel: Johann Heinrich Alsteds «Encyclopædia» 1630). Aber auch schon die Einklammerung zwischen den Buchstaben A und Z (alpha bis omega) stellt diese Ambition dar. Der Zürcher Johann Jakob Scheuchzer hat den Anspruch auf die Totalität seiner Weltsicht damit begründet, dass er (1731/35) die Naturdinge entlang der biblischen Bücher von der Genesis bis zur Apokalypse angeordnet hat.
Das Wissen wuchs stets an, wurde kumuliert, aber nie entsorgt, was zu Rekordleistungen führte (betrachten wir nur schon deutschsprachige Enzyklopädien): Zedlers «Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste» (17321754) umfasst 64 Folio-Bände; 750 000 Artikel auf 62 571 Seiten; es ist das grösste zu Ende geführte deutsche Lexikon. Die «Ökonomisch-technologische Enzyklopädie» von Krünitz (17861809) hat 242 Bände. Krünitz selbst starb über dem Redigieren des Artikels «Leiche» (Band 75). Ersch & Gruber, «Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste», 18181889, 168 Bände; das Schlagwort Griechenland füllt allein 8 Bände.
Vom Mittelalter bis zum Barock wurde das Wissen oft auf eine für unser Empfinden exotische Weise präsentiert: Das «Speculum Naturale» des Vinzenz von Beauvais ist nach dem Sechstagewerk geordnet, also kommt zuerst Theologie, dann Astronomie, dann Geographie usw. bis zur Krone der Schöpfung. Die Exempla-Sammlung des Antoine dAveroult (1603) folgt dem Katechismus. Der Prediger orientiert sich also nach den einzelnen Artikeln des Glaubensbekenntnisses, den Vaterunserbitten, dem Dekalog..., um an die für seinen Zweck gesuchte Beispielgeschichte zu kommen.
Systematische Ordnungsprinzipien setzen einen das System kennenden Benutzer voraus. Alphabetische Gliederung ist eine junge Entwicklung und bedarf noch 1712 der Rechtfertigung. Sie hat andere Nachteile: Sie zerreisst Zusammenhänge (zum Beispiel von «Krieg» und «Frieden») und stellt Unzusammenhängendes nebeneinander («Mammon» und «Mammut»). Der Benutzer muss zwar das System nicht kennen, findet aber nichts, wenn er das Stichwort nicht weiss.
Information Retrieval
Die kognitionspsychologischen Grundlagen eines Lexikons oder einer Datenbank sind vereinfacht die: ein Teil des Wissens ist mir unbekannt, aber mindestens einen Zipfel davon kenne ich, kann es wenigstens an einem Stichwort packen oder kenne den ungefähren Ort im System. Wer eine Datenbank absucht, muss also schon eine Vorinformation über das Gesuchte haben.
Die Informationssuche klappt in der Regel auch nur in einer Richtung. Keine Mühe bereitet eine Abfrage wie zum Beispiel «Wann hat Cézanne gelebt?». Wenn der mir bekannte «Wissenszipfel» aber nur eine vage umrissene Vorstellung ist, bin ich aufgeschmissen. Versuchen Sie es einmal mit der Abfrage: «Wie hiess doch gleich der Maler, der horizontale und vertikale Balken über die Bildfläche legt und die Zwischenräume farbig ausmalt?» Daher ist der Begriff des «information retrieval» sehr gut; «to retrieve» wird auch für das Apportieren im Hundesport gebraucht. Produktives Denken indessen rechnet immer damit, dass mir beim Problemlösen «etwas einfällt», das heisst, meinen Erwartungshorizont durchbricht.
Kritiker der Enzyklopädien
Es gibt in der Kulturgeschichte Phasen der Sammler und Phasen der Kritiker an den Enzyklopädien. Skeptisch waren schon die alten Griechen: «Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben» sagt Heraklit.
François Rabelais (14941553) hat sich über die kaum je noch lesbaren Bibliotheken der Spätscholastik lustig gemacht, und sein Übersetzer Johann Fischart (15461590) übernimmt diese Satire in der «Geschichtklitterung» (17. Kapitel).
Michel de Montaigne (15331592) äussert sich in einem Essay (I, 24) sehr skeptisch über die naive Art der Wissensvermittlung seiner Zeit:
«Wir bemühen uns weiter um nichts, als um unser Gedächtnis anzufüllen, lassen aber den Verstand und das Gewissen leer. Gleichwie die Vögel zuweilen Futter suchen und es im Schnabel tragen, ohne etwas davon zu geniessen, ebenso plündern auch unsere Pedanten die Wissenschaft aus den Büchern und tragen sie nur auf den Lippen.» [...] «Wir heben anderer Leute Meinung und Gelehrsamkeit auf, und das ist auch alles. [...] Was hilft uns, dass wir den Magen voll Speise haben, wenn sie nicht verdaut wird und uns nicht anschlägt? [...] Wir lehnen uns so stark auf des anderen Arm, dass wir darüber unsere eigenen Kräfte schwächen.»
Der grösste Zweifler an Enzyklopädien und daraus paradoxerweise selbst Verfasser einer solchen war Pierre Bayle (16471706). Er unternimmt es, in den neunziger Jahren Artikel eines schlechten Lexikons zu kritisieren. Diese Notizen wuchsen sich dann aber aus zu einer Summe der Irrtümer, einer Anti-Enzyklopädie, zum «Dictionnaire Historique et Critique», der in zwei Foliobänden 1696/1697 erschien. Jeder Meinung gesellt er sofort eine Gegenmeinung bei, um dem Benutzer selbständiges Denken abzunötigen. Die Paradoxien, die er in seinen Fussnoten erzeugt, führen mitunter freilich in die Nähe einer bodenlosen Skepsis. Das Buch wurde sofort von der Zensur verboten.
Der durch seine Aphorismen berühmte Georg Christoph Lichtenberg (17421799) vermerkt in den Sudelbüchern:
«Der allzu schnelle Zuwachs an Kenntnissen, der mit zu wenigem eigenem Zutun erhalten wird, ist nicht sehr fruchtbar, die Gelehrsamkeit kann auch ins Laub treiben ohne Früchte zu tragen. Man findet oft sehr seichte Köpfe, die zum Erstaunen viel wissen. Was man sich selbst erfinden muss, lässt im Verstand die Bahn zurück, die auch bei einer anderen Gelegenheit gebraucht werden kann.» (C 196).
Bert Brecht schreibt in einer Miszelle mit dem Titel «Darstellungen von Sätzen in einer neuen Enzyklopädie» ganz knapp:
«1. Wem nützt der Satz? 2. Wem zu nützen gibt er vor? 3. Zu was fordert er auf? 4. Welche Praxis entspricht ihm? 5. Was für Sätze hat er zur Folge? Welche Sätze stützen ihn? 6. In welcher Lage wird er gesprochen? Von wem?»
Vom Wissen zum Fetisch «Information»
Ich könnte jederzeit nachschlagen, und dann wüsste ichs.
Naiv ist die Vorstellung, Wissen sei speicherbar, und das sei einfach eine Frage von Laufmetern Büchern beziehungsweise Gigabytes und grösserer Harddisks. Naiv ist die Vorstellung, Wissen könne weitergegeben werden, und dies sei einfach eine Frage der Übertragungsrate (in Baud). Naiv ist die Vorstellung, dass blosse Informationsvermittlung Aufklärung zur Folge haben könnte. (Bei Kant heisst es deshalb auch, Aufklärung sei der «Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit», nicht Uninformiertheit.)
All unser Wissen ist vermittelt, durch die (stets trügerischen) Sinne, durch Instrumente, Archivalien, gebrochen durch modische Vorurteile, durch ästhetische Präferenzen, durch das Persönlichkeitsprofil der Forschenden usw. Der grösste Anteil unseres Wissens ist von anderem Wissen hergeleitet, beruht auf Schlüssen oder wohl häufiger auf blindem Glauben, ist in Theorien eingebettet, denen wir bis zum Erweis ihrer Unhaltbarkeit folgen müssen.
Unsere Physik ist ein Modell der Natur; die Geschichte beruht auf Deutungen der Geschichtsschreiber; und auch die Theologie ist keine Schöpfung Gottes. Die Aufbereitung des Wissens zwecks Erschliessung, Verfügbarmachung der Information in einer Enzyklopädie bedingt, dass die Herleitung dieser Information nicht mehr dargestellt wird. Das Wissen wird entwurzelt. Das Lexikon verhindert so die Einsicht in den Konstruktcharakter unseres Wissens.
Lexika sind nie skeptisch wie auch? Sollten sie leeren Platz lassen für die Dinge, die noch gar nicht gewusst sind? Und unter welchen Stichwörtern sollte diese Lücke denn bloss eingefügt werden? Lexika stellen keine Fragen. Das überlassen sie ihren Benutzern. Sie selbst geben nur Antworten. Das heisst aber auch: die allen Wissensfortschritt beflügelnde Neugierde muss vom Benutzer vorgeleistet werden, sie wird im besten Fall befriedigt, aber nicht angestachelt.
«Dies ist die charakteristische Erfahrung des Weisheit liebenden Mannes: das Staunen. Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.» (Plato, Theaitetos 155d.) Merkwürdig, dass uns die Lexika nicht viel mehr in Staunen versetzen. Ich meine nicht staunen darüber, dass der Mississippi jährlich 200 Millionen Tonnen Geschiebe ins Meer trägt oder dergleichen.
Die grossen weiterbringenden Denkleistungen waren Problemlösungen, die durch «Umstrukturieren» zustande kamen. Wie kann das mit ad hoc abgerufenem Lexikonwissen geschehen? Weiter: Das Lexikon, gerade das benutzerfreundliche, führt zum Abhandenkommen kreativer Fähigkeiten beim blossen «User». Er muss Probleme nicht mehr ausformulieren, sondern blättert beziehungsweise klickt sich durch die Datenbank, bis er irgend etwas Brauchbares findet. Dann lehnt er sich blinzelnd zurück und ... wähnt zu wissen.
Was hier über Enzyklopädien gesagt ist, wäre zu übertragen auf andere Formen der «Wissens»-Vermittlung: das Web, die Medien, den Hochschulunterricht in gewissen Formen. Dazu nochmals Lichtenberg: «Jetzt sucht man überall Weisheit auszubreiten, wer weiss, ob es nicht in ein paar hundert Jahren Universitäten gibt, die alte Unwissenheit wieder herzustellen.» (K 236.)
Meine Thesen sind beeinflusst durch Gedanken von Jürgen Mittelstrass und Martin Wagenschein. Den Teilnehmerinnen des Kolloquiums «Wissenspräsentation in Enzyklopädien des Mittelalters und der frühen Neuzeit» im Sommersemester 1998 danke ich für weitere Anregungen.
Dr. Paul Michel ist ausserordentlicher Professor für Ältere deutsche Literaturgeschichte am Deutschen Seminar der Universität Zürich.
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Nicolas Jene (<email-pii>)
Last update: 22.12.98