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Kultur
Feier des Plakats
Vorläufer des Werbeplakats, wie wir es heute kennen, gab es bereits im 17. und 18. Jahrhundert. Weite Verbreitung hat es aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfahren, als der Wettbewerb auf dem Markt intensiver wurde und Produkte Käufer finden mussten, indem sie sich eben plakativ bekannt machten. Das Plakat wurde zum bedeutendsten Werbemittel jener Zeit. Bis heute ist es in der Produkt- und politischen Werbung nicht wegzudenken, trotz neuer visueller Kanäle wie Fernsehen oder Internet, über die eine grosse Anzahl Empfänger unkompliziert erreicht werden kann. Der Plakatwerbung ist zudem etwas gelungen, das kein anderes Werbemittel geschafft hat: Es ist zu einer anerkannten Kunstform geworden. Und so spricht man auch von Plakatkünstlern respektive Künstlerplakaten. In der Blütezeit der Plakatwerbung gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Plakate wie Kunstwerke beurteilt und als Sammlerobjekte entdeckt, nicht zuletzt weil anerkannte Künstler Aufträge für das Entwerfen von Werbeplakaten annahmen Es gab sogar Kunsthändler, die sich auf Plakatkunst spezialisiert hatten.
In diese Zeit fallen die Anfänge der grossen Nürnberger Plakatsammlung, die im vorliegenden, äusserst attraktiv gestalteten Werk ausführlich gewürdigt wird. Die Sammlung umfasst mehr als 10’000 Plakate von 1880 bis 1970. Das Buch ist Teil einer Vereinbarung, die das Germanische Nationalmuseum mit den Eigentümern getroffen hat, der Nürnberger Akademie für Absatzwirtschaft e. V. und der Gesellschaft für Konsumforschung e. V., im Jahr 2002, als die Sammlung dem Museum als Dauerleihgabe anvertraut wurde. Teil der Vereinbarung war auch eine öffentliche Ausstellung, in der die im Buch abgebildeten etwa 350 Plakate, also ein kleiner Bruchteil der ganzen Sammlung, gezeigt wurden.
Der Umfang der Sammlung stellte das Museum vor grosse Herausforderungen. Nur schon die Sichtung und würdige Lagerung des Materials dürfte viel Zeit und Ressourcen in Anspruch genommen haben und die Pflicht, die Sammlung einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, erforderte eine Gliederung der Plakate nicht nur nach wissenschaftlichen, sondern nach für jeden nachvollziehbaren Kriterien. Die sowohl für die Ausstellung als auch für den Katalog gewählte Gliederung nach Konsumwelten, in denen wir uns alle bewegen, erscheint sehr sinnvoll. Dieses "imaginäre Warenhaus" zeigt Produktplakate aus den Bereichen Lebensmittel, Haushalt, Körperpflege, Mode, Medien/Büro und Freizeit. Zum Abschluss eines jeden Bereichs wird die Geschichte einer besonders bekannten Marke anhand der Plakatwerbung nachgezeichnet. Ausgewählt wurden die Marken Maggi, Coca-Cola, Osram, Persil, Nivea, Palmers, Agfa und Volkswagen. Unter dem Titel "Versprechungen der Markenwelt" sind zudem Plakate versammelt, die ein bestimmtes Thema verbindet: Die Hand als Symbol für Begehren und Besitz, Frauen als Werbefigur und Zielgruppe, die heile Welt der Familie, das Bedürfnis nach Lifestyle und die Sehnsucht nach der Ferne.
Die Kapitel werden von fundierten, sehr lesenswerten Texten begleitet, die einzelne Aspekte aus den riesigen Themenbereichen Werbung und Markenprodukte, die direkt und indirekt mit der Wirtschafts- und Kulurgeschichte, aber auch politischen Geschichte verwoben sind, aufgreifen. Dass die verantwortlichen Herausgeber und Ausstellungsmacher mit Begeisterung am Werk waren, erkennt man sofort: Das Buch ist eine Feier der über hunderjährigen Geschichte der Plakatwerbung. Die grossformatigen, qualitativ hochstehenden Abbildungen könnte man ausschneiden und an die Wand hängen. Fundamental werbekritische Aussagen fehlen. Sie wären irgendwie auch unpassend, aber gerade im Kapitel "Versprechungen der Markenwelt" hätte es durchaus Platz für eine tiefergehend Diskussion der Frage gehabt, "darf Werbung lügen?". Eine bis heute kontrovers und auch vor Gerichten geführte Debatte. Erst kürzlich sorgte die sogenannte Health-Claims-Verordnung des Europäischen Parlaments, die den Gesundheits- und Verbraucherschutz stärken soll, für Aufruhr in der Lebensmittelindustrie.
Das Buch ist eine Augenweide und verspricht interessante Lektüre. Kultur-, wirtschafts- und kunstgesichtlich Interessierte kommen gleichermassen auf ihre Kosten.