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Ballet-Kritik: Nationaloper Lviv – Shadows of Forgotten Ancestors
Blutjunges Nationalballett über ewige Liebe
(Lviv, 3.12.2023) Die Ballett-Kantate über eine im slawischen Raum sehr bekannte romantische Liebesnovelle ist das selbstbewusste Manifest einer eigenständigen Kultur und demonstriert im westukrainischen Lemberg entschieden die Befreiung von russischen Tanz-Traditionen.
© Wikimedia Commons
In den Bestrebungen zur Erweiterung eines spezifisch nationalen Repertoires mit deutlicher Abgrenzung zur früheren russischen Suprematie waren die Premieren von „Shadows of Forgotten Ancestors“ (Тіні забутих предків) an der Nationaloper Lviv am 2. und 3. Dezember ein großes Ereignis. Im slawischen Raum gehört der Stoff zum kollektiven Gedächtnis: Die romantische Liebesnovelle „Shadows of Forgotten Ancestors“ von Mykhailo Kotsiubynskyi erschien 1911. Der sowjetische Spielfilm „Schatten vergessener Ahnen“ (deutsch „Feuerpferde“, russisch „Тени забытых предков“) von Sergei Paradschanow aus dem Jahr 1965 wurde auch im Westen bekannt. Bereits 1960 kam an der Oper Lviv ein Ballett von Vitaly Kyreiko nach einem Libretto von Natalia Skorulska und Florian Kotsyubynsky heraus, das auch in Kyiv gespielt und 1990 verfilmt wurde. Doch seit dem Angriff Russlands im Februar 2022 sind alle Ballette mit Musiken und Choreografien russischen Ursprungs aus dem Repertoire ukrainischer Theater verbannt. Das bezieht sich auch auf Partituren französischer Komponisten wie „Giselle“ von Adolphe Adam, deren wichtigste Choreografie bis heute die für das zaristische Ballett blieb. Desto wichtiger ist es jetzt in der Ukraine, die zwangsläufigen Spielplanlücken mit Neuschöpfungen zu schließen.
Ein Stück Normalität im Krieg
Man möchte in der Westukraine trotz des vor allem in der Ostukraine virulenten Kriegsgeschehens eine „Normalität“ mit allen möglichen Mitteln. Die Vorstellung am 3. Dezember um 17:00 Uhr war ausverkauft. Nur wenige Plätze blieben im ersten Teil leer. Nach der Pause waren auch diese voll besetzt. Dem Ende folgte langer synchroner Applaus des stehenden Publikums. Am Sonntag tanzten Roksoliana Iskra (Marichka) und Maksym Kadykalo (Ivan) das verhinderte Liebespaar in der „Romeo-und-Julia“-Konstellation zwischen zwei verfeindeten Hirtenstämmen. Es sind ihre ersten großen Solorollen – damit war der Abend ein Meilenstein ihrer jungen Karriere. Romana Dumanska als Ivans ungeliebte Ehefrau Palihna erhält mit ihrem akrobatischen Part das Diplom aus einem Tanz-Wettbewerb, und Andrii Mykhalikha gibt ihren Liebhaber, als welcher der Naturgott Chuhaister wieder in die Handlung eintritt.
Ukrainischer Ballett- und Kantaten-Frühling
Bei der Entscheidung für den Choreografen Artem Shoshyn spielte nicht nur seine nationale Identität als Ukrainer eine Rolle. Shoshyn war eine Spielzeit Solist in der St. Petersburger Männer-Ballettkompanie von Valery Mikhailovsky. Dann wirkte Shoshyn in der Leitung und als Choreograph des Kyiv Modern-Ballet. Er ist gut in die baltischen Staaten vernetzt und seit 2022 Solist des Luxembourg Ballet. – Der ukrainische Komponist und Musikproduzent Iwan Nebesnyj (geboren 1971) gründete 1996 das Neue-Musik-Ensemble Cluster und zeigt in seinen Musiktheater-Werken eine große Affinität zu performativen Ausdrucksformen. Zuletzt gelangte an der Nationaloper Lviv 2020 „Fuchs Mikita“ (Лис Микита) nach einer Erzählung des galizisch-österreichischen Schriftstellers Iwan Franko zur Aufführung. Intendant Vasyl Vovkun inszenierte die Uraufführung der als Auftragskomposition der Nationaloper Lviv entstandenen Märchenoper.
„Richtige“ neue Märchenopern und -ballette sind in Mitteleuropa relativ selten. In der Ukraine sind sie dagegen auch deshalb naheliegend, weil sie im jetzt abgeschmetterten russischen Repertoire einen hohen Stellenwert haben. Es bietet sich also an, die Entwicklung und Erneuerung eines genuin ukrainischen Repertoires bei diesem Genre anzusetzen, für das es in der Ukraine auch hochklassige Literatur gibt.
Physische Energie ohne romantische Schwebezustände
Artem Shoshyns Choreografie unterscheidet sich durch die Vielzahl der Sprünge und Hebungen vom in der ganzen Welt bekannten Stil der romantisch-sozialistischen Schule, die in Russland bis in die Gegenwart dominiert. Generell sind in „Schatten vergessener Ahnen“ die Beinbewegungen mit Ausnahme der „stillen“ Liebesszenen ausholender und kraftvoller als im klassischen Ballett und Spitzentanz. Besonders eindrucksvoll gerät die Szene, in welcher Tänzer als Wellen die tote Marichka davontragen. Mindestens sechzehn Männerarme halten sie in die Höhe, fangen sie auf und lassen sie in die Tiefe fallen. Die Szene hat eine schon akrobatische Spannung und wird vom Publikum mit angehaltenem Atem verfolgt. In pantomimischen Details erhält jede Ensemblefigur individuelles Bewegungsmaterial. Im zweiten Akt schiebt Shoshyn bei Ivans Abneigung gegen Palihna einige Szenen von mit Lachen beantworteter, eigentlich aber melancholischer Komödiantik ein. In der Brautnacht, bei der es zu keinen Berührungen zwischen dem jungen Paar kommt, werden die Tänzerinnen zu Türen, Möbeln und sogar zum Bett, auf dem die einsame Palihna sitzt, bis sie wenig später zum Vamp in Rot und zur Geliebten des schwarz glitzernden Chuhaister wird.
Arvydas Buinauskas färbte den Boden und die Wände in einen hellgrünen, moosartig wirkenden Belag. Ein Baum als Skulptur an der Wand mit seinem „Schatten“ nach unten und auch Natalia Mishchenkos poetische bis groteske Kostüme zwischen Fantastik und stilisierter Folklore vermeiden jede Annäherung an Foto-Realismus. Man merkt der Partitur, der Choreografie und der Ausstattung an, dass man im Aufbruch zu einer eigenen Kultur ist und plakativen Foto-Realismus unbedingt vermeiden will.
Seltenes Werkgenre: Eine Tanzkantate
Der Chor der Nationaloper Lviv und drei Solisten sind um die Choreografie auf der Bühne im Einsatz. Die Erwartungen an die hohe Qualität slawischer Chöre erfüllen sich in der Einstudierung durch Vadym Yatsenko eindrucksvoll. Spuren der Huzulen-Kultur in den Karpaten fanden in die Musiksprache Ivan Nebesnyis und die Inszenierung nach dem Libretto von Intendant Vasyl Vovkun Eingang. Westeuropäische Ohren nehmen ein sparsames slawisches Klangidiom wahr, das regional nicht genau fixierbar ist, für einheimische Ohren aber vertraut klingt. Anastasiia Kornutiak, Iryna Chikel und Yurii Trytsetskyi gestalten die mittelgroßen Soloaufgaben. „Shadows of Forgotten Ancestors“ lässt sich am ehesten als Chorkantate mit Tanz bezeichnen – vergleichbar sind am ehesten Orffs „Carmina burana“ und Bohuslav Martinůs „Špalíček” (Liederbündel).
Tanz-Glanzleistung
Die Gesamthaltung ist energisch, kraftvoll und sehr physisch. Eine atmosphärische Entkörperlichung wie in den weißen Akten von „Schwanensee“ & Co. ist nicht beabsichtigt. Am Pult stand der Ballett-Dirigent Yurii Bervetskyi. Er modellierte mit dem Orchester dramatische, starke, lyrische und schmelzende Akzente in einer pointierten, üppig instrumentierten und meist tonalen Partitur. Das Resultat ist in diesem Fall eine 90-minütige Tanz-Glanzleistung mit einem außerordentlich geschickten musikalischen Timing, folkloristischen Szenen und einem kräftigen dramatischen Sog.
Keine Kriegsappelle!
Mit der Nähe zu archaischen Riten ukrainischer Regionen und durchaus patriotischen Bezügen versteht sich „Shadows of Forgotten Ancestors“ nicht als militaristischer Appell. Diese Ballettkantate ist das selbstbewusste Manifest einer eigenständigen Kultur, welche frühere Adaption langfristig verdrängen soll. In unserem Gespräch nach der Premierenfeier mit Büffet und Freigetränken sagt Vasyl Vovkun: „Dieses Sujet zeigt eine Liebe, die über alle Hürden, gegen alle kleinlichen Rivalitäten zwischen den Sippen siegt und über den Tod dauert. Wir hatten das Projekt bereits 2020, also lange vor dem Angriff Russlands geplant. Aber es ist jetzt unter den derzeitigen grausamen, ungewissen Bedingungen von noch größerer visionärer Kraft und Bedeutung. Ich kämpfe nicht mit Waffen, sondern mit Kultur.”
Nationaloper Lviv
Ivan Nebesny / Artem Shoshyn: Shadows of Forgotten Ancestors (Тіні забутих предків)
Yurii Bervetskyi (Leitung), Artem Shoshyn (Choreografie), Tetiana Kuruoglu (Choreografische Mitarbeit), Vadym Yatsenko Chordirektor), Arvydas Buinauskas (Bühne und Licht), Natalia Mishchenko (Kostüme), Roksoliana Iskra, Maksym Kadykalo, Romana Dumanska, Andrii Mykhalikha, Kateryna Suprunenko, Bohdan Kliuchnyk, Yuliia Yermolenko, Andrii Bilous, Hanna Yefremeniuk, Bohdan Kliuchnyk, Yuliia Ushakova, Chorsolisten: Anastasiia Kornutiak (Sopran), Iryna Chikel (Trauernde), Yurii Trytsetskyi (Liedsänger), Ballett der Nationaloper Lviv, Chor der Nationaloper Lviv