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Beinahe täglich werden Firmen wegen ethischen Fehlverhaltens an den medialen Pranger gestellt. Auch Schweizer Unternehmen sind davon betroffen, wie die jüngsten Ereignisse bei der Post und der Raiffeisen-Bank zeigen. Führungskräften wird vorgeworfen, ihre Bilanzen gefälscht zu haben, um ungerechtfertigte Subventionen zu erhalten, oder dass sie Insider-Wissen genutzt zu haben, um sich persönlich zu bereichern. Auch die katastrophalen Explosionen von Tepcos Kernkraftwerk in Fukushima oder BPs Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko gründen im unverantwortlichen Handeln ihrer Führungskräfte. Bei der Aufarbeitung des Abgasskandals bei VW wies der CEO Matthias Müller sogar in aller Öffentlichkeit den Vorwurf zurück, es handele sich dabei um ein ethisches Problem.
Responsible Leadership gegenüber allen Anspruchsgruppen
Verantwortliche Führung (Responsible Leadership) basiert auf Tauschverhältnissen zwischen Unternehmen und allen Stakeholdern (Anspruchsgruppen). Denn diese investieren und erwarten dafür eine Gegenleistung. Der Kunde investiert sein Geld und erwartet im Gegenzug ein Produkt oder eine Dienstleistung zu einem marktgerechten Preis. Der Mitarbeiter investiert seine Arbeitskraft und beansprucht im Gegenzug einen sicheren, sinnvollen und angemessen bezahlten Arbeitsplatz. Der Anwohner einer Fabrikhalle investiert sein Wohlwollen und erhofft sich im Gegenzug möglichst geringe Immissionen, eine verbesserte Infrastruktur und vielleicht noch niedrige Steuern in seiner Gemeinde.
Tauschgerechtigkeit durch Goldene Regel der Ethik
Ein Tausch wird dann als gut angesehen, wenn die Tauschpartner ihn als fair bewerten, sonst wird der Tausch zur Täuschung. Fairness ist aber ein Wert der Ethik. So gesehen ist ökonomisches Handeln ein Spezialfall der Ethik, die mit ihrer Goldenen Regel die Rahmenbedingungen für einen gerechten Tausch angibt: Behandle deinen Tauschpartner so, wie du gerne selbst behandelt werden willst. Da du als Tauschpartner nicht gerne über den Tisch gezogen werden willst, ziehe auch den anderen nicht über den Tisch. Du sollst nicht mehr nehmen als du gibst. Alles andere wäre nicht mehr Tausch, sondern, wie schon Georg Simmel in seiner berühmten „Philosophie des Geldes“ herausgearbeitet hat, entweder „Raub“ oder „Geschenk“, wenn also mehr genommen als gegeben wird, bzw. wenn mehr gegeben als genommen wird.
Abbildung 1: Tausch zwischen Raub und Geschenk
Quelle: Autor
Kostspielige Handelskriege durch kurzfristige Gewinnmaximierung
Wenn der Homo Oeconomicus die kurzfristige Maximierung seines eigenen Gewinns verfolgt, so neigt er dazu, den Gewinn seines Tauschpartners zu missachten oder ihn gar zu täuschen – etwa Informationen über die verborgenen Mängel seines Tauschmittels vorzuenthalten oder seine Markmacht dazu zu nutzen, ihm jeden Preis zu diktieren. Die so Getäuschten werden bei erstbester Gelegenheit alles daran setzen, die von ihnen gestohlenen Güter – unter Umständen sogar mit Gewalt – wieder zurückzuholen. Streiks, Liefer-, Produkt- oder Firmenboykotts, Bürgerinitiativen und mediale Shitstorms oder gar Strafzölle im internationalen Handel sind ihre Mittel und Wege, ein Stück weit wieder Tauschgerechtigkeit herzustellen.
Empathie als Schlüssel zum fairen Tausch
Solche Kriege sind mit hohen Transaktionskosten verbunden. Es ist daher für alle Beteiligten von Vorteil, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Die Goldene Regel der Ethik ist ein Wegweiser zu einem fairen Tauschverhältnis. Wer sie im Handel anwendet, erhöht die Chancen, selbst fair behandelt zu werden. Voraussetzung für einen fairen Interessenausgleich ist allerdings Empathie. Durch sie erst nehme ich die Interessen des Anderen wahr, die nur selten mit den meinen übereinstimmen. Empathie ist der Schlüssel zum fairen Aushandeln der Interessen und Ansprüche. Sie ist ein wichtiges Instrument zur „Responsible Leadership“ und Sicherung des langfristigen Unternehmenserfolgs.