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Kein fliessendes Wasser, keine Toilette und keine Dusche
Die Fahrt mit dem Auto führte uns an den Stadtrand der Stadt Nikolajew. Ich erfuhr dabei, dass Zarin Katharina am Ende des 18. Jahrhunderts ihrem Lieblingsfürsten Potjemkin befahl, einen geeigneten Ort für die Gründung der künftigen Werft mit Zugang zum Schwarzen Meer zu finden. Dies war die Stelle, wo zwei grosse Flüsse zusammen kommen: der Südliche Bug und Ingul. Hier, in dieser Umgebung, wo neu gebaute oder renovierte Häuser und Ruinen sich abwechseln, inmitten dieser harten Widersprüchlichkeit sozialer Schichten, hielten wir an. Das Haus, in welchem Julia (18) mit ihren drei Brüdern (21, 15, 10) und ihrer Mutter lebt, ist im Prinzip ein nie vollendeter Bau. Vor dem Eingang weht ein schäbiges Stück Stoff, im Dachstock sind keine Fenster. Vor der Türe empfingen uns magere Katzen und ein zerzauster, kleiner Hund. Wir wussten nicht, wie wir uns bemerkbar machen sollten. Es gibt keine Klingel. Schliesslich erschien eine junge Frau, die uns schüchtern ins Haus bat. Julia erzählte uns, dass Mitarbeiter von SOS Gerasjuta in ihre alte Schule gekommen seien und über ihre Tätigkeit informiert haben. Bisher habe ihnen niemand geholfen. Niemand. Viele frühere Bitten um Hilfe beim Staat, um ihre direkte Lebens- und Wohnsituation zu verbessern, seien unbeantwortet geblieben. Zwar habe ihre Mutter – die sich von ihrem Vater habe scheiden lassen – teilweise eine kleine finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, diese sei jedoch mit Julias 18. Geburtstag weggefallen. SOS Gerasjuta habe sehr unbürokratisch sofortige Hilfe geleistet: Zuerst in Form von finanzieller Hilfe.
Ganz konkrete Hilfe kam jedoch in materieller Form. Sie setzten neue Türen und Fenster ein, damit das Haus besser bewohnt werden kann. Sie haben das elektrische Netz installiert, welches ihr Vater bei der Scheidung aus Wut zerstört habe. Das Steinhäuschen der Familie Jarmoschewitsch hat zwei Räume: im ersten Raum steht ein uralter Gaskochherd und eine Art Kommode mit schief hängenden Türen, daneben ein Schrank, ein kleiner Tisch vor dem Fenster. Es gibt einen uralten Holzofen. Im anderen Raum stehen zwei Einzelbetten und ein kaputtes Kajütenbett mit eingerollten dünnen Matratzen. Hier leben fünf Menschen. Alles ist sauber und aufgeräumt, eine graue, sehr dünne Katze schaut vom Bett auf. Julia ist mit Katzen aufgewachsen, sie haben sie ihr Leben lang begleitet. Im Haus gibt es kein fliessendes Wasser, es gibt überhaupt keinen Wasseranschluss. Wasser zum Kochen bekommen sie von Nachbarn. Wasser für die tägliche Hygiene ist also nicht selbstverständlich. Sie fahren, wenn immer möglich, zu einer Tante, die ebenfalls in Nikolajew lebt, um dort regelmässig ein Bad zu nehmen. Es gibt auch keine Toilette im Haus. Draussen im verwilderten Hinterhof steht ein schiefer Bretterverschlag: das Klo. Im Hof haben Julia und ihre Brüder als Kinder früher gespielt. Es könnte ein schöner Garten sein, wenn die Familie die Mittel dazu hätte, daraus einen Garten zu machen. Julia besucht zur Zeit das Zentrum der speziell technischen Bildung: dort studiert sie Modellieren und Frisieren. Ihr Traum ist es, Kleider zu entwerfen und in einem Atelier zu verkaufen, denn das Schneidern ist ihre Leidenschaft, es liegt ihr im Blut. Sie sagte mit wehmütigem Blick in die Wildnis um ihr Haus herum: „Das Leben ist hart, aber meine Träume gebe ich deswegen nicht auf!“ Und dabei streichelt sie zärtlich eine ihrer Katzen.
Der Bittbrief von Julia Jarmoschewitsch
Wie eine Ertrinkende klammere ich mich, Jarmoschewitsch Julia (18), an einen Strohhalm und bitte Sie, liebe Menschen, um Hilfe. Ich bin noch jung, doch ich habe keine Kraft mehr weiterzuleben, weil mein ganzes Leben eine Qual ist.
Ich wohne mit meiner Mutter und meinen jüngeren Brüdern Kostantin, 15-jährig, und Anton (10) zusammen. Unser Vater sitzt im Gefängnis. Leider habe ich keine Ahnung, was Familienglück oder Harmonie bedeuten. Jeder Tag ist ein Kampf ums Dasein...
Vor einigen Jahren hatten wir kein gutes Omen. Mein Vater, der als Bauer tätig war, hat mit dem Bau unseres Häuschen angefangen, aber es nicht beendet. Er erkrankte an Leberzirrhose, begann zu trinken und zu stehlen. Klar, dass er dann einmal bei einem Diebstahl erwischt wurde und ins Gefängnis kam. Ich kann keine Erklärung für ein solch verantwortungsloses Benehmen finden. Meine Mama blieb alleine mit uns vier Kindern. Im Aussendienst verdient sie so wenig, dass es praktisch für nichts reicht. Wir haben keinen Groschen in der Tasche, können weder etwas zu Essen, noch zum Anziehen kaufen.
Jedes Mal wenn ich nach Hause komme, erstarre ich vor Entsetzen: Fast nichts ist vom Dach übrig, wenn ich die Türe abschliessen will, benutze ich einen Stock, da wir kein Türschloss haben.
Unsere Nachbarn geben uns Wasser, da wir keine eigene Wasserleitung haben und Holz, um den Ofen zu heizen. Wegen der schlechten Heizung zieht der Rauch ins Zimmer, so dass die Wände mit Russ bedeckt sind. Die Küche ist gleichzeitig unser Wohnraum, wo es nur einen Stuhl und zwei alte Tische gibt. Wir schlafen auf Metallbetten mit alten feuchten Matratzen ohne Bettwäsche, verfaulte Wattejacken dienen uns als Decken...
Ich könnte noch weitererzählen, aber ich kann meine Tränen nicht zurückhalten: Warum sitzen wir in einer solchen Misere, warum?
Meine Brüder studieren jetzt im Internat und ich gehe in die Schule. Was erwartet uns? Abends flehe ich Gott um Schutz an, damit uns in der Nacht niemand etwas Böses antut. In unserem Haus erklingen selten glückliche Stimmen, da wir niemanden einladen. Man sagt, dass sogar das Hausvieh im Ausland in besseren Bedingungen lebt als wir!
Jede Ihre Spende bedeutet für uns eine Überlebenschance, deshalb bitte ich Sie um Verständnis und um jede mögliche Unterstützung!
Hoffnungsvoll und mit viel Liebe
Julia Jarmoschewitsch und Familie