Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03325.jsonl.gz/215

Mit dem Etikett «erste Basler Professorin» ist ein ungewöhnliches Schicksal verbunden. Elsa Mahler, die in Moskau geborene Tochter eines Schweizers und einer Deutschbaltin, studierte in St. Petersburg, Berlin und München und blieb 1920 - unfreiwillig - in Basel, wo sie 1938 zur Extraordinaria ernannt wurde.
Elsa Mahler wurde am 15. November 1882 als Tochter eines ausgewanderten Schweizer Kaufmanns und einer deutschbaltischen Mutter in Moskau geboren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Moskau, die höhere Ausbildung erlangte sie an der philologisch-historischen Abteilung der einzigen Lehreinrichtung, die damals Russlands Frauen offen stand: der Bestužev-Hochschule für Frauen in St. Petersburg. In Berlin und München studierte Elsa Mahler danach Klassische Philologie und Kunstgeschichte, kehrte jedoch 1913 ohne Abschluss wieder nach Petersburg zurück. In der Zeit des Ersten Weltkriegs, der Revolution und des Bürgerkriegs unterrichtete sie an verschiedenen Petrograder Schulen – bis diese geschlossen wurden.
1919 – relativ spät – begann die wissenschaftliche Laufbahn von Elsa Mahler. Sie wurde Assistentin der Russländischen Akademie der Wissenschaften, zuständig für die Altertumssammlung. Als sie 1920 von einem Weiterbildungsurlaub in der Schweiz an ihren Arbeitsort zurückkehren wollte, wurde ihr dies von den sowjetischen Behörden verwehrt; vermutlich wollten diese sie abschieben. So blieb sie wohl oder übel in Basel.
Die Situation war schwierig, aber eines stand für Elsa Mahler fest: Sie wollte wissenschaftlich weiterarbeiten. Dieses Ziel realisierte sie im Lauf der folgenden Jahre, aber nicht auf ihrem Spezialgebiet, den Altertumswissenschaften, sondern auf dem Gebiet der Russistik, für die sie durch Herkunft, Ausbildung und Unterrichtspraxis bestens ausgerüstet war. Zwar schloss sie das Archäologie-Studium 1924 mit der Promotion ab, gleichzeitig aber bemühte sie sich um die Stelle einer Russisch-Lektorin an der Universität Basel, die ihr im April 1923 zugesprochen wurde. Mit bewundernswerter Zähigkeit arbeitete sie nun an ihrer akademischen Karriere. 1928 habilitierte sie sich in Basel mit einer Arbeit über die russische Totenklage und wirkte danach zehn Jahre als Privatdozentin. 1938 wurde sie als erste Frau der Alma Mater Basiliensis zur ausserordentlichen Professorin ernannt.
Lehre und Forschung
Während über vier Jahrzehnten hat Elsa Mahler russische Sprache, Literatur und Kultur unterrichtet. Da auch nach ihrer Ernennung als Professorin die Russistik ein Einpersonenfach blieb, erteilte sie weiterhin die Sprachkurse auf allen Niveaus. Generationen von Studierenden aller Fachrichtungen und von Personen, die als Nichtstudierende am Russischen interessiert waren, führte sie in die Sprache ein oder pflegte mit ihnen vorhandene Kenntnisse. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Russisch besonders gefragt war, publizierte sie das Lehrbuch der russischen Sprache (1944) und ein Russisches Lesebuch (1946). Ihre Vorlesungen behandelten Themen aus dem Gesamtgebiet der Russistik, waren aber doch zum grössten Teil der russischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Das entsprechende Buchprojekt – eine russische Literaturgeschichte mit Porträts der grossen Gestalten – ist unvollendet geblieben.
Gemessen an der Zahl von Schülerinnen und Schülern, die Elsa Mahler während ihrer langen Lehrtätigkeit betreute, haben relativ wenige bei ihr das Studium abgeschlossen. Dies liegt u.a. daran, dass in ihrer Zeit nur die Promotion als Abschluss möglich war. Von ihren Schülern seien hier aber doch zwei erwähnt: Rudolf Bächtold, Lehrbeauftragter und seit 1963 Extraordinarius für die Geschichte der slavischen Völker und ihre Sprachen an der Universität Basel (1953–1983) und Robin Kemball, ordentlicher Professor für Russistik an der Universität Lausanne (1970–1987).
In der Forschung ging Elsa Mahler eigene Wege, indem sie sich ganz dem russischen Volkslied widmete. Während sie das Material zu ihrem Buch «Die russische Totenklage» von 1936 (eine stark erweiterte Fassung der Habilitationsschrift) noch aus schriftlichen Quellen zusammentrug, waren ihre beiden anderen Hauptwerke die Frucht ihrer Volkslied-Exkursionen der späten dreissiger Jahren ins Pečoryland – eine Art Reservat russischer Kultur im damaligen Estland. Das erste Buch, «Altrussische Lieder aus dem Pečoryland» von 1951, ist «mehr als eine Sammlung, nämlich eine eigentliche Studie zu Liedleben und Liedgebrauch, mit Sängerinnen-Porträts, Texten und Melodien.» (Christine Burckhardt-Seebass, S. 174). Als noch wichtiger beurteilt Burckhardt-Seebass das zweite Buch – Die russischen dörflichen Hochzeitsbräuche (1960) –, das zudem «eine brisante frühe volkskundliche Monographie zur Geschlechterfrage» darstellt (S. 174f.). Dieses Alterswerk widmete Elsa Mahler der Universität Basel zu ihrem 500jährigen Bestehen.
Anfang und Kontinuität
In der biographischen Studie über Elsa Mahler wird gesagt, der 17. April 1923 gelte als Gründungstag des Slavischen Seminars (Kalmykov/Riggenbach, S. 592). Dies muss präzisiert werden: Der Tag markiert den Beginn der Tätigkeit von Frau Mahler an der Universität Basel. Der lange und steinige Weg von der Eröffnung des Russisch-Lektorats bis zur Anerkennung des Faches als einer eigenständigen Disziplin im Institutsrang ist in den Vorlesungsverzeichnissen ablesbar: Bis zum Sommersemester 1949 war Frau Mahler Vorsteherin der «Russischen Bibliothek», danach des «Russischen Seminars», und erst im Wintersemester 1958/59, als sie schon fünf Jahre pensioniert war, aber immer noch Übungen abhielt, wurde aus dem «Russischen» das «Slavische Seminar».
Elsa Mahler hatte als Angehörige der Universität Basel viele Hindernisse zu überwinden: als Frau in einer Männerdomäne und als Vertreterin eines Randfaches, dem breite Schichten der Gesellschaft – besonders während des Kalten Kriegs – argwöhnisch gegenüberstanden. Trotzdem hat sie mit ihrem persönlichen Engagement und ihrer wissenschaftlichen Leistung die Slavistik so zu etablieren vermocht, dass das Fach weitergeführt wurde. Die Nachricht im August 2008 – 70 Jahre nach ihrer Ernennung zur a.o. Professorin –, dass die Slavistik ab 2009 mit der Wahl von Thomas Grob zum vierten Mal neu besetzt werde, hätte Elsa Mahler mit Freude und Genugtuung erfüllt.