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Otto Zipfel nimmt Stellung zum englischen Vorschlag für eine Beteiligung der Schweiz am wirtschaftlichen Aufbau von Süd-Rhodesien. Aus wirtschaftlichen aber auch politischen Gründen ist Zipfel gegen die Unterstützung dieses Projektes durch die Schweiz.
Printed in
dodis.ch/7860 Der Delegierte des Bundesrates für Arbeitsbeschaffung, O. Zipfel, an den Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, R. Rubattel1
KOLONISATION VON SÜD-RHODESIEN
Ich danke Ihnen für die Übermittlung der Akten der Mobile Development Services Limited betreffend die Beteiligung der Schweiz an einem Studienkomitee für die Entwicklung Süd-Rhodesiens und die Mitwirkung unseres Landes am wirtschaftlichen Aufbau dieses Landes2.
Das Geschäft ist mir seit den ersten Unterhandlungen zwischen Sir Claude Auchinleck und Herrn E. Bührle bekannt, da mich dieser zu den Besprechungen eingeladen hat. Ich lehnte aber eine Teilnahme ab und verwies Herrn Bührle an das BIGA, da mir das vorgelegte Projekt einzig vom Standpunkt der Auswanderung aus interessant erschien. Später nahm ich an einer Aussprache zwischen Sir Auchinleck, General Woods und Vertretern verschiedener Departemente beim BIGA teil3. Auch kenne ich den Schriftwechsel zwischen Herrn Direktor Kaufmann und dem Vorort. Persönlich bin ich folgender Ansicht:
1. Das Projekt der Mobile Development Service Ltd. bezieht sich auf ein Kolonisationsproblem grossen Stils. Es ist auffallend, dass England, das in Kolonisationsfragen über eine jahrhundertelange Erfahrung verfügt, die Mitarbeit schweizerischer Unternehmungen wünscht. Es kann dies nur auf den Wunsch zurückgeführt werden, schweizerisches Kapital in grossem Umfang zur Durchführung der Pläne zu gewinnen.
Unsere Erfahrungen in Kolonisationsfragen sind gleich null. Wir müssen vorsichtig sein in Angelegenheiten, die wir nicht beherrschen und die mit Risiken verbunden sind, die wir nicht zu überblicken vermögen.
2. Die schweizerische Wirtschaft müsste sich an einem Unternehmen in einem fremden Lande beteiligen, bei dem niemand voraussagen kann, wie es sich in einigen Jahren gegen uns einstellen wird. Auch Verträge geben uns keine Garantie dafür, dass das investierte Schweizerkapital nicht eines Tages einfriert oder dass durch staatliche Beschränkungen unsere Tätigkeit in Süd-Rhodesien behindert oder gar verunmöglicht wird. Es handelt sich ja nicht um ein Geschäft, das in einigen Jahren abgewickelt werden kann, sondern um ein solches von wahrscheinlich sehr langer Dauer.
3. Die Pläne der Gesellschaft lassen erkennen, dass in erster Linie eine Schwerindustrie zur Verwertung der Bodenschätze (Eisen und Kohle) aufgezogen werden soll. Auf diesem Gebiete sind wir, im Gegensatz zu den Engländern, nicht Spezialisten. Im weiteren sollen Fabriken zur Verwertung der Rohstoffe gebaut werden. Hier könnten wir zweifellos mitwirken. Dabei stellen sich aber sofort verschiedene Fragen, auf die das Exposé der Mobile Development Services Ltd. keine Antwort gibt. Da das Land mit 120’000 weissen und 1’500’000 schwarzen Einwohnern nur einen bescheidenen Markt darstellt, müssten die in den neuen Fabriken hergestellten Produkte zum weitaus grössten Teil exportiert werden. Wie stellt man sich die Bezahlung dieser Waren vor, da man gleichzeitig durch den Ausbau der Landwirtschaft das Land von Lebensmittelimporten frei machen will? Die Bezahlung könnte doch nur durch Importe oder Devisen erfolgen, wobei der Absatz auf erhebliche Schwierigkeiten stossen dürfte, sofern Bezahlung in Devisen verlangt wird. Es dürfte sich ja meist um Erzeugnisse handeln, die auch in Europa oder Amerika hergestellt werden und somit keine Notwendigkeit bestünde, sie in Süd-Rhodesien zu kaufen. Die gegenwärtige Struktur der Weltwirtschaft macht es unwahrscheinlich, dass ein Land dauernd Rohstoffe oder Fertigwaren exportieren kann, ohne in angemessenem Rahmen von den Kundenländern Waren zu beziehen.
4. Die wirtschaftliche Entwicklung eines Neulandes erfordert eine sehr lange Zeit. Im Exposé der genannten Gesellschaft ist angenommen, dass Ingenieure, Techniker, Spezialisten und Farmer aus Europa zugezogen würden. Offenbar nehmen die Projektverfasser an, die eigentlichen Arbeitskräfte würden aus der einheimischen schwarzen Bevölkerung rekrutiert. Bis aus dieser für die Metallindustrie geeignete Arbeiter ausgebildet sind, braucht es aber viele Jahre der Schulung und Erziehung. Die Industrie inzwischen mit europäischen Arbeitern in Gang zu setzen, dürfte kaum angehen, da diese einen ähnlichen Lebensstandard wie in ihrem Heimatland verlangen würden, also recht teuer zu stehen käme. Dabei würde nicht einmal die Lohnfrage die Hauptrolle spielen, sondern diesen Arbeitern müssten vor allem Wohnungen zur Verfügung gestellt werden, was den Bau ganzer Ortschaften mit allen Einrichtungen (Strassen, Wasser, Elektrizität, Kanalisationen usw.) zur Voraussetzung hätte4. Man müsste sich also mit dem Gedanken abfinden, dass die Entwicklung nur langsam erfolgen könnte und dass sehr grosse Kapitalinvestitionen nötig waren, bevor ein wirtschaftliches Ergebnis zu erwarten wäre. Ob sich für dieses Kapital weitab der europäischen und amerikanischen Forschungs- und Entwicklungszentren und der Märkte überhaupt eine Verzinsung und Rückzahlung herausschaffen liesse, scheint mir keineswegs sicher zu sein.
5. Vom Arbeitsbeschaffungsstandpunkt aus sehe ich nur ein Interesse in der Möglichkeit, Techniker und Spezialisten auswandern zu lassen. Lieferungen von Maschinen, Einrichtungen usw. dürften erst nach langer Zeit in Frage kommen. Auch dies nur, wenn unser Land bereit wäre, sehr langfristige Kredite zu erteilen, deren Rückzahlung höchst problematisch erscheint.
6. Länder wie Süd-Rhodesien zu entwickeln ist Sache einer auf lange Sicht betriebenen Kolonisationspolitik. Eine solche Politik können nur Grossmächte mit entsprechenden wirtschaftlichen und militärischen Hilfsmitteln betreiben.
7. Ich vermute stark, dass hinter den wirtschaftlichen Plänen der Gesellschaft auch militärische Interessen stehen. Nicht ohne Grund hat sich Sir Auchinleck zuerst an Herrn Bührle gewandt5. Es liesse sich aber kaum verantworten, wenn wir mithelfen würden, mit Schweizergeld in Südafrika eine ausserhalb Europas liegende Waffenschmiede für das englische Empire aufzubauen. Mit unserer Neutralität liesse sich dies bestimmt nicht vereinbaren.
8. Wenn wir im Ausland zur Befruchtung unseres Aussenhandels Kapital investieren wollen oder investieren müssen, so wird dies besser in Ländern geschehen, die sofort als Bezüger unserer Waren in Frage kommen. Wollen wir weiter gehen und unentwickelten Ländern Kredite gewähren, so gibt es solche, die in kurzer Zeit für Warenbezüge grösseren Umfanges in Frage kommen könnten, da bereits ein Bedarf an Gütern besteht. Ich denke hier an Indien6, Pakistan7, den mittleren Osten8 oder Südamerika9.
- 1
- E 7001(B)-/1/537.↩
- 3
- Zu diesem Gespräch vgl. die Notiz von M. Kaufmann an R. Rubattel vom 1. Februar 1949. Nicht abgedruckt. Zum Gespräch von C. L. Auchinleck mit Vertretern der schweizerischen Gesandtschaft in London, vgl. das Schreiben von H. de Torrenté an die Handelsabteilung vom 17. Mai 1949, E 6100(B)1973/141/74.↩
- 4
- Zur Auswanderung nach Süd-Rhodesien und den wirtschaftlichen Beziehungen vgl. E 2200.35(-)1970/193/3.↩
- 6
- Zu den Wirtschaftsbeziehungen mit Indien vgl. E 7110(-)1967/32/1089 –1092, E 2200.64 (-)1967/101/4; vgl. auch den nicht datierten Bericht der Handelsabteilung über die wirt- schaftlichen Beziehungen der Schweiz mit Südasien, Südostasien, Australien, Neuseeland, E 2200.170(-)1969/134/7 (dodis.ch/8150).↩
- 8
- Zu den Wirtschaftsbeziehungen mit Iran, Jordanien und Libanon, vgl. E 7110(-)1967/32/ 1188, 1304 und 1353.↩
- 9
- Zu den Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern Südamerikas vgl. E 7110(-)1967/32/666 – 668 für Argentinien oder E 7110(-)1967/32/657 –661 für Brasilien.↩
- 10
- Vgl. das Schreiben von H. Homberger und H. Wehrli an R. Rubattel vom 16. Juli 1949 über die Umfrage unter einigen Branchenverbänden über deren Haltung zum vorgeschlagenen Projekt. Nicht abgedruckt (dodis.ch/7894).↩
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