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Nach Freddie Mercury, Elton John und den Beatles erhält nun auch Bruce Springsteen einen leidenschaftlichen filmischen Liebesbrief: In «Blinded by the Light» verwebt Gurinder Chadha («Bhaji on the Beach», «Bend It Like Beckham») geschickt die Musik von «The Boss» mit dem Leben eines britisch-pakistanischen Teenagers in Margaret Thatchers England und spricht so aktuell und gefühlvoll über zeitlose Themen.
Das Jahr ist 1987. Unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher schwappt eine Welle von Arbeitslosigkeit und Xenophobie über England. Luton, ein trister Vorort Londons, scheint eine urbane Manifestation der Perspektivlosigkeit – und der sensible 16-jährige Poet Javed (Viveik Kalra) fühlt sich eingesperrt. Als Sohn pakistanischer Immigranten sieht er sich mit zwei Zukunftsvisionen konfrontiert, die unvereinbar scheinen: Javed möchte Literatur studieren und Schriftsteller werden, während seine Eltern – im Kontext der hoffnungslosen Thatcher’schen Wirtschaft und der eigenen kulturellen Erwartungen – sich eine finanziell gesicherte Zukunft als Arzt oder Jurist für ihn wünschen. Da leiht ihm sein Klassenkamerad Roops (Aaron Phagura) zwei Kassetten, die Javeds Leben schlagartig verändern. Ganz plötzlich ist da etwas, das die ungestümen Emotionen des Teenagers in elektrisierend klare Worte bündelt: Die Musik und die Texte Bruce Springsteens – geboren 1949 als Sohn einer Arbeiterfamilie in New Jersey – gehen Javed durch Mark und Bein und motivieren ihn, seine Ziele zu verwirklichen.
«Schwung- und hoffnungsvoll erzählt ‹Blinded by the Light› von einem Teenager, der lernen muss, die Kultur seiner Eltern und die Kultur seiner Heimat zu vereinen.»
Diese Prämisse klingt bekannt – nicht zuletzt dank Regisseurin Gurinder Chadhas Fussballkomödie «Bend It Like Beckham» (2002), in der es um ähnliche Abnabelungsprozesse und die Erfüllung individueller Träume ging. In der Tat hält sich Chadha weitgehend an ihre eigene bewährte Erzählvorlage: Schwung- und hoffnungsvoll erzählt «Blinded by the Light» von einem Teenager, der lernen muss, die Kultur seiner Eltern und die Kultur seiner Heimat zu vereinen und seinen eigenen Weg zu gehen – Streitgespräche mit der Familie, innere Konflikte und eine zarte Romanze mit einer Klassenkameradin (Nell Williams) inklusive. Frei von jeglicher Ironie und mit tiefer Aufrichtigkeit sprechen die Charaktere aus, was sie bewegt, oder singen und tanzen ihre Gefühle zu Springsteens mitreissend rebellischen Songs, während die Texte gross und eindringlich auf der Leinwand erscheinen.
«Lässt man sich auf diese Coming-of-Age-Fabel ein, mag man sich in den jugendlichen Gefühlen der Charaktere wiederfinden.»
Hier mag sich ein zynischeres Publikum am Kitsch stören, der sich immer wieder in Bilder und Dialoge schleicht, oder daran, dass der Film selten den Pfad des Altbewährten verlässt und so kaum für Überraschungen sorgt. Lässt man sich allerdings dennoch auf diese Coming-of-Age-Fabel ein, mag man sich in den jugendlichen Gefühlen der Charaktere wiederfinden, etwa im verzweifelten Ringen um Individualität, im Hadern mit der Gesellschaft, im Abstrampeln elterlicher Erwartungen oder im Erlebnis, sich von einem Kunstwerk zum ersten Mal tief und innig verstanden zu fühlen. «Blinded by the Light» zeigt nicht nur, wie die Kunst Menschen über zeitliche und geografische Grenzen hinweg zusammenbringt, sondern auch, wie sich durch den richtigen Text zum richtigen Zeitpunkt einer Person völlig neue Horizonte eröffnen können: Arbeiterklasse und Poesie, England und Pakistan, familiäre Erwartungen und persönliche Ambitionen – für Javed vereint die Musik plötzlich diese scheinbar gegensätzlichen Welten.
«Chadha schaut keineswegs nur in die Vergangenheit – sie trifft gerade heute den Nerv der Zeit.»
Trotz einiger Schwächen im Skript überzeugt «Blinded by the Light» deshalb mit viel jugendlichem Enthusiasmus – und obendrein mit einer gehörigen Portion politischer und sozialer Aktualität: Die Parallelen zwischen Thatchers England, in dem der Individualismus jeder Form von sozialer Gemeinschaft vorangestellt wird, und dem momentanen politischen (Brexit-)Klima, sind zweifellos kein Zufall und treffen das Publikum wiederholt mit aufrüttelnder Wucht. Auch die gewalttätigen Skinheads der National Front, die das Luton der Achtzigerjahre bevölkern und Illusionen von weisser Dominanz hegen, sprechen von einem hasserfüllten Weltideal, das sich in einem solchen Klima schimmelartig verbreitet und dem – damals wie heute – entschieden die Stirn geboten werden muss. Mit ihrem Plädoyer für Kunst, Empathie, Gemeinschaft, Diversität und Optimismus schaut Chadha deshalb keineswegs nur in die Vergangenheit – sie trifft gerade heute den Nerv der Zeit.
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Kinostart Deutschschweiz: 22.8.2019
Filmfakten: «Blinded by the Light» / Regie: Gurinder Chadha / Mit: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Aaron Phagura, Nell Williams, Rob Brydon, Dean-Charles Chapman, Tara Divina, Nikita Mehta, Sally Phillips / UK / 118 Minuten
Bild- und Trailerquelle: 2019 Warner Bros. Schweiz
Gurinder Chadhas Porträt einer Jugend in Thatchers England ist dank mitreissender Musik und viel Empathie unbedingt sehenswert.