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Die Bernburger besitzen ein Drittel des städtischen Bodens. Und sie üben in aller Diskretion ihre Macht aus, wie das aufschlussreiche Buch der Berner Historikerin Katrin Rieder zeigt.
WOZ: Katrin Rieder, Sie forschen seit Jahren über die Berner Burgergemeinde. Haben sich die BurgerInnen darüber gefreut?
Katrin Rieder: Nicht wirklich. Sie haben es mir nicht leichtgemacht, an die Quellen heranzukommen, nur solche aus dem 19. Jahrhundert sind frei zugänglich. Ich musste ein Gesuch stellen, um zumindest einige Akten aus dem 20. Jahrhundert einsehen zu können. Zu den Dokumenten aus den letzten dreissig Jahren wurde mir der Zutritt vollumfänglich verwehrt. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Wie haben Sie das Problem gelöst?
Ich habe mehrmals nachgefragt, doch letztlich hätte ich es juristisch einfordern müssen, und das habe ich nicht getan. Eigentlich begründete das neue kantonale Informationsgesetz von 1993 das Öffentlichkeitsprinzip - auch die Burgergemeinde ist diesem Gesetz unterstellt. Die Gespräche mit der Burgerbibliothek waren nicht einfach. Man war über meine Forschungen - gelinde gesagt - «not amused».
Oh! Inwiefern?
Es gab Drohungen, wenn auch nur subtile. Man sagte mir etwa, falls aus meinen Nachforschungen jemandem ein Schaden entstehen würde, dann sicher nicht ihnen, den Burgern. Und als ich nach meinem Lizenziat meine Dissertation zum gleichen Thema in Angriff nahm, teilte man mir mit: «Diese Diss wird es nie geben.»
Das ist schweres Geschütz.
Ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte. Doch ich entschied mich dazu, weiterzuforschen. Das Thema ist historisch zu interessant.
Gab es weitere Probleme?
Meine Seminararbeit über das Villette-Quartier wurde aus einem Buch zur Berner Stadtentwicklung gekippt. Das war vorauseilender Gehorsam der Herausgeber, die von der Burgergemeinde und den Zünften finanziell unterstützt worden waren.
Dann ist eine direkte Machtausübung wohl gar nicht notwendig.
In Bern weiss man intuitiv, was den Burgern gefällt und was nicht, und man verhält sich dementsprechend. Die Macht der Burgergemeinde ist ein Tabu. Nach verschiedenen ähnlichen Geschichten wurde mir klar, dass ich als Historikerin in Bern kaum einen Job finden würde. Ich habe daraufhin eine Stelle in Zürich angenommen.
Sie sind also in Bern eine unerwünschte Person?
Nein, so weit geht es nicht, ich wohne ja noch immer in Bern, im Alltag ist das überhaupt kein Thema. Aber vielleicht in jenen Bereichen, in denen die Burger viel Macht haben.
Und wo ist das?
In allem, was mit der Berner Geschichte zu tun hat, ganz allgemein in der Kultur: Ihr gehören das Kultur-Casino und das Naturhistorische Museum, am Historischen Museum ist sie zu einem Drittel beteiligt, sie unterstützt historische Publikationen und Ausstellungen. Dabei bevorzugte sie lange Zeit Projekte mit einer konservativen Orientierung. Sie ist aber auch einflussreich in der Stadtentwicklung. Man darf nicht vergessen: Die Burgergemeinde besitzt einen Drittel des städtischen Bodens. Dazu kommen weiterer Grundbesitz und Wälder im Kanton Bern und anderswo. Sie ist die reichste Korporation des Landes.
Die reichste? Wie gross ist das Vermögen?
Hochrechnungen sind schwierig, aber man kann von einem Milliardenvermögen ausgehen. Und weil die Berner Einwohnergemeinde und auch der Kanton relativ arm sind, können die Burger ihre Macht sehr gut ausspielen. Die Burger würden dann jeweils sagen: «Wenn ihr uns jetzt nicht helft, helfen wir euch das nächste Mal auch nicht.» Insofern erstaunt es nicht, dass es kaum je zu einer expliziten Machtdemonstration in aller Öffentlichkeit gekommen ist. Die Dinge werden diskret ausgehandelt.
Auch mit der rot-grünen Regierung?
Am Abhängigkeitsverhältnis hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Auch die gegenwärtige Regierung muss mit der Burgergemeinde zusammenarbeiten, klar.
Gibt es denn gar keine öffentlichen Auseinandersetzungen?
Nur beim Umbau des Bahnhofplatzes ist es den Burgern nicht gelungen, ihre Interessen im Vorfeld durchzusetzen, deshalb wurden sie aktiv. In anderen Fällen werden die burgerlichen Interessen nicht öffentlich gemacht oder sogar verschleiert.
Besetzen BurgerInnen politische Ämter?
Wichtige öffentliche Positionen werden durchaus angestrebt, etwa im Grossen Rat, in der Zentralen Steuerverwaltung oder in der Denkmalpflege. Es gibt über 17 000 Burgerinnen und Burger, und sie bilden eine gesellschaftliche Elite.
Weiss man denn in Bern, wer zur Burgergemeinde gehört?
Kaum jemand ist sich bewusst, wer alles zur Burgergemeinde gehört. Man kennt nur einige alte patrizische Geschlechter, jene mit dem «von» im Namen. Die Burger stehen aber im Burgerbuch, inklusive Beruf, Arbeitsort, familiären Verbindungen. Die Burger selbst kennen sich untereinander natürlich. Wenn Besuch kommt oder wenn man geschäftliche Beziehungen aufnimmt, dann schaut man schon mal schnell im Burgerbuch nach, in welchem Grad man verwandt ist.
Was steht denn sonst noch alles in diesen Burgerbüchern?
Alle fünf Jahre erscheint ein neues Buch, häufig besitzen die Leute mehrere Bände. Darin stehen die Verwandtschaftsbeziehungen, die Herkunft, der Zeitpunkt der Einburgerung, die Zunftzugehörigkeit, aber auch, ob jemand verheiratet oder geschieden ist oder unehelich geboren wurde. Ein hilfreiches Nachschlagewerk auch für Medienschaffende.
Und, schauen die JournalistInnen da nach?
Es ist erstaunlich, dass dieses mächtige Netzwerk von den Medien praktisch nicht thematisiert wird. Letzthin erzählte ein Redaktor erstaunt, der Denkmalpfleger habe ihm gar nicht mitgeteilt, dass er ein Burger sei. Natürlich nicht!
Haben einzelne Familien besonders viel Einfluss?
Das kann man so nicht sagen. Die Gemeinde ist gross und heterogen, es kommen alle möglichen Berufsgattungen vor, auch wenn es vielleicht einen hohen Anteil an Juristen, Bankiers, Vermögensverwaltern oder Architekten gibt. Generell sind Burger und Burgerinnen überdurchschnittlich ausgebildet und vermögend. Die Berner Historikerin Karoline Arn hat aufgezeigt, dass Burger in vielen Berner Firmen Führungspositionen besetzen, zum Beispiel in den achtziger Jahren in den Bernischen Kraftwerken, bei der Berner Versicherung oder der Mobiliar. Auch der marktbeherrschende Medienkonzern Espace Media Groupe war in Burgerhänden, bevor er kürzlich an die Zürcher Tamedia verkauft wurde. Die Burgergemeinde besitzt übrigens auch eine eigene Bank, die Deposito Cassa.
Gibt es denn Unterschiede zwischen den alten und den neuen Familien?
Ja, sie sind im Burgerbuch abgebildet. In den burgerlichen Räten gibt es eine Übervertretung patrizischer Geschlechter. Die Abgrenzung erfolgt auch über einen patrizisch-altburgerlichen Soziolekt, man sagt etwa nicht «gäub» für gelb, sondern «gälb», nicht «Ussteuig», sondern «Usstellung», und die Sprache ist mit französischen Ausdrücken durchsetzt. Allerdings verliert sich diese Dialektfärbung heute zunehmend.
Bleibt man unter sich?
Neben der Burgergemeinde, in die auch bürgerliche Familien aufgenommen werden, existieren weiterhin exklusive Gesellschaften, die Grande Société, die Bogenschützengesellschaft oder der adelige Johanniterorden. Da wird deutlich, dass die Aufnahme in die Burgerschaft niemals bedeutet, dass man den alten patrizischen Familien gleichgestellt ist. Wussten Sie, dass es in Bern noch Barone und Grafen gibt?
Barone und Grafen?
Ja. Und das, obwohl seit der Bundesverfassung von 1848 das Prinzip der Gleichheit gilt. Innerhalb der Burgergemeinde werden die Adelstitel aber nicht gebraucht. Doch noch bis Ende 19. Jahrhundert hat die Burgergemeinde den patrizischen Familien aufgrund von Reglementen aus dem Ancien Régime die Adelspartikel «von» verliehen.
Was verbindet denn die Angehörigen der Burgergemeinde miteinander?
Verbindend ist eine konservative Wertehaltung, eine «burgerliche Gesinnung».
Wie hilft man sich?
Das Netzwerk funktioniert sehr gut. Burger können Aufträge erhalten von anderen Burgern und von burgerlichen Institutionen. So war klar, dass ein burgerlicher Architekt das Naturhistorische Museum bauen durfte. Für einen Burger, der in der städtischen oder kantonalen Verwaltung sitzt, kann es schwierig sein, etwas zu unternehmen, das gegen die Interessen der Burgergemeinde geht. «Burger gegen Burger, das geht nicht», heisst es.
Ein richtiger Ehrenkodex?
Ja, dem könnte man so sagen.
Und interne Kritik ist wohl nicht willkommen?
Offenbar nicht. Bei Abstimmungen in der Burgergemeinde gibt es stets zwischen neunzig und hundert Prozent Zustimmung.
Davon träumen Diktatoren!
Bei Wahlen werden die vorgeschlagenen Kandidaten gewählt, Abwahlen gibt es nicht. Es gibt nie Sprengkandidaten, es ist ganz klar, der Vizepräsident wird mal Präsident und so weiter. Eigentlich sind es Ernennungen, die Kandidaten haben vorher eine lange innerburgliche Karriere absolviert.
Wird man als Burger, als Burgerin geboren?
Ja, denn die Burgergemeinde hat ja die Funktion einer Heimatgemeinde. Ob es sich um Nachfahren des Patriziats handelt oder um neu aufgenommene Stadtbürger: Wer in eine solche Familie geboren wird, ist Burger oder Burgerin.
Und es gibt kein Entkommen?
Man kann nicht austreten, nein. Aber man kann aufgenommen werden. Offenbar wollen noch immer viele zu diesen Kreisen gehören.
Was muss man mitbringen, um aufgenommen zu werden?
Den Glauben an diese Institution, an ihre informellen Hierarchien. Dann braucht man einen guten Leumund, eine stabile Vermögensgrundlage ...
... wie teuer ist denn die Aufnahme?
Das ist von Zunft zu Zunft unterschiedlich - es gehören ja praktisch alle einer Zunft an -, es geht in die Zehntausende von Franken. Nicht willkommen sind Leute, die die Burgerschaft lediglich als Karriereinstrument sehen. Früher war zudem klar, dass man protestantisch sein musste, und man hatte ein ärztliches Zeugnis abzuliefern, das eine gute Gesundheit und das Fehlen von Erbkrankheiten nachwies. Früher wie heute sind eine andere Hautfarbe, andere kulturelle oder ethnische Hintergründe nicht beliebt. Der erste Jude wurde in den Neunzigerjahren aufgenommen - der Akt wurde öffentlich zelebriert.
Wie weit nach rechts reicht der Konservatismus?
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im Burgerrat Frontisten, einer war in den dreissiger Jahren Gauleiter der Nationalen Front. Er wurde 1968 gar Burgerratspräsident - gewählt ohne Gegenstimme, und die Öffentlichkeit reagierte überhaupt nicht darauf. In der Forschung wurde diese frontistische Vergangenheit bis heute nicht thematisiert, auch im Historischen Museum nicht. Das erstaunt wiederum wenig, wenn man weiss, dass im Aufsichtsrat des Museums lange Zeit zwei burgerliche Vertreter sassen, die sich selbst in der Frontenbewegung engagiert hatten.
Welche Privilegien geniessen die BurgerInnen heute?
Früher wurde jährlich ein sogenannter Burgernutzen ausgeschüttet, das war Bargeld und Holz. Heute profitiert man vom sozialen und symbolischen Kapital und von sozialen Leistungen: Es gibt ein Burgeraltersheim, eine Burgersozialfürsorge, Burgerstipendien.
BurgerInnen beziehen Sozialhilfe nicht bei der Einwohnergemeinde? Die Burgergemeinde übernimmt also staatliche Aufgaben?
Ja. Problematisch ist, dass die entsprechenden Ämter bei den Zünften ehrenamtlich ausgeübt werden, nicht von Fachleuten. Auch die familiären Verbindungen widersprechen den Anforderungen an eine professionelle Sozialfürsorge. Zudem kann nach wie vor ein moralischer Ton mitschwingen, man erwartet eine gute, eine bürgerliche Lebensführung. Also kann sich die Angehörigkeit zur Burgerschaft für einige sehr wohl auch negativ auswirken.
Normalerweise wirkt sie sich aber positiv aus. Die Burgergemeinde verleiht Status.
Genau. Das hat einen Einfluss auf das Auftreten, auf den ganzen Habitus. Man gehört dazu und kennt wichtige Leute. Dass man so wenig über die Burger weiss, verleiht zudem vielleicht einen geheimnisvollen Nimbus.
Wurde dieser Status denn nie hinterfragt?
Doch, und wie. Im 19. Jahrhundert waren die Burgergemeinden höchst umstritten. Die Liberalen wollten sie in der Revolution von 1831 abschaffen, die Radikalen 1846 und so weiter. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts reformierte sich die Burgergemeinde und formulierte ihren Willen, der Allgemeinheit zu dienen. So verschaffte sie sich Legitimität. Man darf nicht vergessen, dass Ende des 19. Jahrhunderts der bürgerliche Block enger zusammenrückte, gegen die Sozialdemokraten. Die Burger politisierten in der Folge gemeinsam mit ihren früheren Gegnern, den Liberalen.
Ist das bis heute so?
Ja, das blieb im ganzen 20. Jahrhundert so. 1993 gab es eine neue Kantonsverfassung, in der Vernehmlassung schlugen die Sozialdemokraten, die Freie Liste und die Grünen zwar die Abschaffung der Burgergemeinde vor, machten daraus aber kein Politikum. Vielerorts wird die Macht schlicht nicht wahrgenommen, oder man hat sich einfach damit arrangiert. Alle betonen immer wieder, dass die Burger viel Gutes für die Stadt tun, aber es spricht niemand über die Nachteile dieses Systems.
Was sind die Nachteile?
Wenn es die Burgergemeinde nicht gäbe, wäre die Einwohnergemeinde der Stadt Bern viel reicher. Sie hätte dann zwar mehr Aufgaben, aber auch die Mittel dafür, und es könnte die gesamte Stadtbevölkerung mitbestimmen.
Wie kam denn die Burgergemeinde zu ihren Reichtümern?
Während des Ancien Régime im 18. Jahrhundert war Bern aristokratisch und wurde von wenigen patrizischen Burgerfamilien beherrscht. Dies wurde durch die Helvetik gebrochen, der Kanton Bern entstand, und 1832/33 wurden die Einwohnergemeinde und die Burgergemeinde Bern gegründet. Danach wurde das Vermögen des alten Stadtstaates Bern aufgeteilt: Ein Teil ging an den Kanton, der Rest wurde zwischen der Einwohner- und der Burgergemeinde aufgeteilt. Die Burgergemeinde landete damals einen grossen Coup, sie erhielt viel wertvollen Grundbesitz und etliche gut dotierte Kassen. Die Verträge wurden unterschrieben von einem, der gleichzeitig Burgerratspräsident, Burgergemeindepräsident, Gemeindepräsident und Gemeinderatspräsident war.
Die Burger sind also klassische Grossgrundbesitzer.
Ja. Dahinter steht historisch gesehen das adelige Selbstverständnis des Patriziats, bei dem Handel und Industrie keine grosse Wertigkeit hatte. Man war Staatsdiener oder Grundbesitzer. Deshalb ist Bern auch keine Industriestadt.
Letzte Frage: Gibt es Witze über die BurgerInnen?
Ich kenne keine, nein. Vielleicht ist das Thema zu stark tabuisiert.
Selbst über Kriegsverbrecher gibt es Witze.
Aber nicht über Bernburger.