Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/2539

Enthält:
Franz Hutchesons,
der Rechte Doctors und der Weltweisheit Professors
zu Glasgow,
Untersuchung
unserer Begriffe
von Schönheit und Tugend,
in zwo Abhandlungen.
I. Von Schönheit, Ordnung, Uebereinstimmung und Absicht
II. Von dem moralischen Guten und Uebel.
und
Cato
ein
Trauerspiel
von Addison.
Ersteres 1762, zweiteres 1763 erschienen1).
Nach zwei Jahren also fahren Ulrike Leuschner und der Wallstein-Verlag mit der Ausgabe der Werke Mercks weiter, diesmal mit einem Doppelband Übersetzungen aus dem Englischen. Das bedeutet, dass man diese Werke unter einem zweifachen Gesichtspunkt betrachten muss – einmal als Werke der Original-Autoren in ihrer originalen Bedeutung, dann aber auch als Werke Mercks, eines Übersetzers, und in der Bedeutung, die die Werke für Merck und das deutsche Geistesleben der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts generell hatten. All diese Zusammenhänge liefert auf ausgezeichnete Weise Marie-Luise Spieckermann in ihrer Einleitung (die den Übersetzungen folgt!), und auf die ich mich im Folgenden denn auch stütze.
Die Werke in ihrem originalen Zusammenhang
Francis Hutcheson (1694-1746): Inquiry into the Origin of Our Ideas of Beauty and Virtue (1725)
Hutcheson war zu seiner Zeit ein Weltstar am philosophischen Himmel. Heute kennt man ihn vor allem als Vorläufer bzw. Lehrer der schottischen Aufklärer David Hume und Adam Smith. Seinerseits war er ein Schüler Shaftesburys. Auch in diesem, auf Ethik (bzw. Staatsphilosophie) wie Ästhetik zugleich ausgerichteten Werk erkennt man ihn als solchen. Genau wie Shaftesbury, aber im Gegensatz zum immer wieder zitierten Verfasser des Bienenstaats2), geht Hutcheson davon aus, dass der Mensch über einen eingeborenen Sinn fürs Schöne und fürs Gute verfügt, der ihn auch leitet. Dieser Sinn ist nur einer – wer fürs Schöne empfänglich ist, so sein Raisonnement, muss auch fürs Gute empfänglich sein, und vice versa. Wie dieser Sinn in den Menschen gekommen sei, kann er allerdings nicht erklären; er versucht es gar nicht erst.
Joseph Addison (1672-1719): Cato
Auch Addison war ein Star am aufklärerisch-literarischen Himmel Englands. Zusammen mit Richard Steele gründete er die grossen, wichtigen Zeitschriften der Aufklärung, die bis in den deutschen Sprachraum ausstrahlten: Tatler, The Spectator, The Guardian. Alexander Pope und Jonathan Swift gehörten zu den berühmtesten darin publizierenden Autoren. (Und es heisst, sie – oder vor allem Pope, der einen, von Merck ebenfalls übersetzten Prolog verfasste – hätten auch Anteil an Cato gehabt.) Das Stück macht Anleihen sowohl bei Shakespeare wie beim französischen Klassizismus. Es geht um ein Stück wahre Geschichte: Cato, der sich in Utica vergebens der Machtergreifung Julius Cäsars widersetzte und schliesslich Selbstmord beging, um nicht in Cäsars Hände zu fallen. Republikanismus vs. Monarchie, Gefühl vs. Logik sind die zentralen Elemente von Addisons Stück. Es wurde damals in einer politisch aufgeheizten Stimmung uraufgeführt, als die Thronfolge in Grossbritannien wieder einmal umkämpft war. Da allerdings Whigs wie Tories sich mit der Handlung identifizieren konnten (wenn auch auf je verschiedene Weise), erlebte das Stück einen ungeahnten Erfolg. Der hat sich mittlerweile gelegt; Cato wird heute selbst in England kaum noch gelesen, geschweige denn gespielt. Aber noch George Washington liess das Stück vor seiner Armee aufführen, im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, um seine Leute zu motivieren.
Merck als Übersetzer aus dem Englischen
Woher Merck seine Englisch-Kenntnisse nahm, so dass er sich für befähigt hielt, zwei3) so unterschiedliche Texte übersetzen zu können, wissen wir nicht. Wahrscheinlich wurden sie ihm vom Darmstädter Pädagog vermittelt, das er besucht hatte, und das grossen Wert auf neusprachliche Ausbildung legte. Warum er ausgerechnet die Auswahl traf, die er getroffen hatte, wissen wir auch nicht. Waren es Auftragsarbeiten? Wir wissen es nicht.
Wir wissen nur, dass im deutschen Sprachraum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die englische Kultur, Literatur und Philosophie langsam die französischen als Leitkultur, -literatur und -philosophie abzulösen begannen. Das hatte direkte und kaufmännische Auswirkungen aufs Verlagswesen: Immer mehr Übersetzungen aus dem Englischen wurden auf den Markt geworfen; immer mehr legten die Verleger auch Wert auf den Vermerk, direkt aus dem Englischen übersetzt zu haben – also nicht die französische Übersetzung eines englischen Textes seinerseits ins Deutsche übertragen zu haben. In gewissem Sinn sprang also der junge Merck hier auf einen abfahrenden und Erfolg versprechenden Zug auf.
Francis Hutcheson
Hutcheson, wie gesagt, war ein Star; die Übersetzung eines seiner Hauptwerke ein von der deutschen Intelligentsia stark verspürtes Bedürfnis. Immerhin hatte sogar ein Lessing 1756 das ein Jahr zuvor postum erschienene System of Moral Philosophy verdeutscht, und das Publikum wünschte mehr.
Mercks Übersetzung ist so übel nicht. Im Grossen und Ganzen übersetzt er die philosophischen Fachbegriffe korrekt und – was noch wichtiger ist! – auch konsistent. Die von Spieckermann monierten Abweichungen finde ich nicht schlimm, waren doch im 18. Jahrhundert die Autoren selber noch ständig im Clinch mit ihrer Begrifflichkeit – Philosophieren in der Umgangssprache und nicht auf Latein war auch in Grossbritannien neu. Auch wenn heute eine andere Übersetzung zirkuliert (Meiners Philosophische Bibliothek 364), kann man meiner Meinung nach Hutcheson in der Merck’schen Übertragung problemlos lesen und nachvollziehen.
Joseph Addison
Ein wenig anders sieht es bei Cato aus. Es gab damals in Deutschland schon zwei Übertragungen. Davon war die eine, Der sterbende Cato von Gottsched, so frei, dass Gottsched sie mit Fug und Recht als eigene Schöpfung ausgeben konnte. Die andere, getreuere, stammte von seiner Frau und erschien 1735. Es ist bezeichnend für das Tempo, in dem sich die deutsche Sprache im 18. Jahrhundert zu einer vollwertigen Literatursprache wandelte, dass keine 30 Jahre später der Markt offenbar bereit war, für eine neuere, modernere, ‚bessere‘ Übersetzung.
Allerdings ist Merck der Cato keineswegs so gelungen, wie die Übersetzung Hutchesons. Merck verzichtet auf die Verse4), die Addison verwendet hat, und wirkt immer wieder mal hölzern und schulmässig. So schulmässig in der Tat, dass man sich fragt, ob er diesen Cato nicht tatsächlich noch fürs Darmstädter Pädagog übersetzt hat. Gottscheds eigener Sterbender Cato war mittlerweile von der Bühne verschwunden; Mercks Übertragung schaffte es nicht, für Addisons Cato die Bühne zurück zu erobern. (Ausser in Nordamerika, wo Cato, wie schon gesagt, zum Repertoire der um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Siedler gehörte, gewissermassen ihre literarische Leitfigur war, ist Addisons Stück eigentlich rasch in der Versenkung verschwunden.)
Band 8.1
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Band 8.1 der Gesammelten Werke vorzüglich gestaltet und kommentiert ist. Merck hatte insofern ein gutes Gespür für seine Übersetzungen, als er Werke bzw. Autoren auslas, die man unabhängig vom Übersetzer – und sei es nur aus geistesgeschichtlichem Interesse – auch heute noch lesen kann. Dazu ist er kein übler Übersetzer, und die deutsche Sprache steht schon dem jungen Merck perfekt zur Verfügung.
Die Anmerkungen und Einleitungen, vor allem von Marie-Luise Spieckermann, sind mehr als dekoratives Zubehör, sondern erhellen den Kontext der Rezeption fremd-, vor allem englischsprachiger Texte im Deutschland des 18. Jahrhunderts ausgezeichnet. So machen historisch-kritische Ausgaben dem Leser Spass!
1) Wobei ich Ulrike Leuscher, der Herausgeberin, zustimme, wenn sie vermutet, dass wohl der Cato zuerst übersetzt, aber erst ein Jahr später wegen des gut laufenden Verkaufs der Untersuchung publiziert wurde.
2) Bernard Mandeville (1670-1733): The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits. Darin beschrieb er als einer der ersten, dass die Wirtschaft ein Kreislaufsystem ist und stellte die provozierende These auf, dass nicht die Tugend, sondern das Laster die eigentliche Quelle des Gemeinwohls sei. Er steht damit Thomas Hobbes bedeutend näher als eben z.B. Shaftesbury. (Im Übrigen darf Bernard Mandeville nicht verwechselt werden mit John Mandeville, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen fiktiven Bericht über eine Reise nach China veröffentlichte, mit dem er Marco Polo konkurrenzierte.)
3) Mit Thomas Shaws Reisen oder Anmerkungen … in Band 8.2, die nochmals ein ganz anderes Genre betreffen, sind es sogar deren drei.
4) Das tat Luise Gottscheds Version allerdings auch.