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Die bestrafte Zunge (Aus: Favole, Atl. 67 v. a)
Es war einmal ein Junge, der hatte die Angewohnheit, über alles Maß hinaus zu reden.
"Welche Zunge!" seufzten eines Tages die Zähne. "Sie steht nicht still, sie gibt nicht Ruhe!"
"Was habt ihr zu murmeln?" antwortete hochmütig die Zunge. "Ihr Zähne seid nur Diener, beauftragt zu kauen, was ich auswähle. Zwischen uns gibt es nichts Gemeinsames, und ich erlaube euch nicht, euch in meine Angelegenheiten zu mischen."
So fuhr der Junge zu reden fort, einfach so vor sich hin, während seine Zunge in eitler Wonne jeden Tag Bekanntschaft mit neuen Worten machte. Aber eines Tages, als der Junge, nachdem er einen Schaden angerichtet hatte, seiner Zunge eine dicke Lüge zu sagen erlaubte" gehorchten die Zähne dem Herzen, machten sich selbständig und bissen die Zunge.
Diese rötete sich vom Blut, und der Junge seinerseits errötete vor Scham und Reue.
Von diesem Tag an wurde die Zunge vorsichtig und klug, und bevor sie etwas sagte, bedachte sie sich zweimal.
aus: www.maerchen.com/home2.htmlGrimms's gesammelte Märchen sind Geschichten für Erwachsene, die in schlichter, aber ausdrucksstarker Bildsprache mit raschem Handlungsfortgang viele grundlegende menschliche Fragen und Probleme thematisieren.
Die meisten dieser Geschichten haben keinen einzelnen Urheber sind damit Volksgut mit einem Erfahrungsschatz der gewissermassen eine "verbalisierte Essenz des Menschlichen" enthält. Damit schaffen diese Geschichten einen großen Spielraum für Interpretationen.
www.hekaya.de/anzeigen.phtml/maerchen/grimm_m_26Blaubart
In einem Walde lebte ein Mann, der hatte drei Söhne und eine schöne Tochter. Einmal kam ein goldener Wagen mit sechs Pferden und einer Menge Bedienten angefahren, hielt vor dem Haus still, und ein König stieg aus und bat den Mann, er möchte ihm seine Tochter zur Gemahlin geben. Der Mann war froh, dass seiner Tochter ein solches Glück widerfuhr, und sagte gleich ja; es war auch an dem Freier gar nichts auszusetzen, als dass er einen ganz blauen Bart hatte, so dass man einen kleinen Schrecken kriegte, sooft man ihn ansah. Das Mädchen erschrak auch anfangs davor und scheute sich, ihn zu heiraten, aber auf Zureden ihres Vaters willigte es endlich ein. Doch weil es so eine Angst fühlte, ging es erst zu seinen drei Brüdern, nahm sie allein und sagte: "Liebe Brüder, wenn ihr mich schreien hört, wo ihr auch seid, so lasst alles stehen und liegen und kommt mir zu Hülfe." Das versprachen ihm die Brüder und küssten es. "Leb wohl, liebe Schwester, wenn wir deine Stimme hören, springen wir auf unsere Pferde und sind bald bei dir." Darauf setzte es sich in den Wagen zu dem Blaubart und fuhr mit ihm fort. Wie es in sein Schloss kam, war alles prächtig, und was die Königin nur wünschte, das geschah, und sie wären recht glücklich gewesen, wenn sie sich nur an den blauen Bart des Königs hätte gewöhnen können, aber immer, wenn sie den sah, erschrak sie innerlich davor. Nachdem das einige Zeit gewährt, sprach er: "Ich muss eine große Reise machen, da hast du die Schlüssel zu dem ganzen Schloss, du kannst überall aufschließen und alles besehen, nur die Kammer, wozu dieser kleine goldene Schlüssel gehört, verbiet ich dir; schließt du die auf, so ist dein Leben verfallen." Sie nahm die Schlüssel, versprach ihm zu gehorchen, und als er fort war, Schloss sie nacheinander die Türen auf und sah so viel Reichtümer und Herrlichkeiten, dass sie meinte, aus der ganzen Welt wären sie hier zusammengebracht. Es war nun nichts mehr übrig als die verbotene Kammer, der Schlüssel war von Gold, da gedachte sie, in dieser ist vielleicht das Allerkostbarste verschlossen; die Neugierde fing an, sie zu plagen, und sie hätte lieber all das andere nicht gesehen, wenn sie nur gewusst, was in dieser wäre. Eine Zeitlang widerstand sie der Begierde, zuletzt aber ward diese so mächtig, dass sie den Schlüssel nahm und zu der Kammer hinging: "Wer wird es sehen, dass ich sie öffne", sagte sie zu sich selbst, "ich will auch nur einen Blick hineintun." Da Schloss sie auf, und wie die Türe aufging, schwamm ihr ein Strom Blut entgegen, und an den Wänden herum sah sie tote Weiber hängen, und von einigen waren nur die Gerippe noch übrig. Sie erschrak so heftig, dass sie die Türe gleich wieder zuschlug, aber der Schlüssel sprang dabei heraus und fiel in das Blut. Geschwind hob sie ihn auf und wollte das Blut abwischen, aber es war umsonst, wenn sie es auf der einen Seite abgewischt, kam es auf der andern wieder zum Vorschein; sie setzte sich den ganzen Tag hin und rieb daran und versuchte alles mögliche, aber es half nichts, die Blutflecken waren nicht herab zu bringen; endlich am Abend legte sie ihn ins Heu, das sollte in der Nacht das Blut ausziehen. Am andern Tag kam der Blaubart zurück, und das erste war, dass er die Schlüssel von ihr forderte; ihr Herz schlug, sie brachte die andern und hoffte, er werde es nicht bemerken, dass der goldene fehlte. Er aber zählte sie alle, und wie er fertig war, sagte er: "Wo ist der zu der heimlichen Kammer?" Dabei sah er ihr in das Gesicht. Sie ward blutrot und antwortete: "Er liegt oben, ich habe ihn verlegt, morgen will ich ihn suchen." "Geh lieber gleich, liebe Frau, ich werde ihn noch heute brauchen." "Ach ich will dir's nur sagen, ich habe ihn im Heu verloren, da muss ich erst suchen." "Du hast ihn nicht verloren", sagte der Blaubart zornig, "du hast ihn dahin gesteckt, damit die Blutflecken herausziehen sollen, denn du hast mein Gebot übertreten und bist in der Kammer gewesen, aber jetzt sollst du hinein, wenn du auch nicht willst." Da musste sie den Schlüssel holen, der war noch voller Blutflecken.
"Nun bereite dich zum Tode, du sollst noch heute sterben", sagte der Blaubart, holte sein großes Messer und führte sie auf den Hausehrn. "Lass mich nur noch vor meinem Tod mein Gebet tun", sagte sie. "So geh, aber eil dich, denn ich habe keine Zeit lang zu warten." Da lief sie die Treppe hinauf und rief, so laut sie konnte, zum Fenster hinaus: "Brüder, meine lieben Brüder, kommt, helft mir!" Die Brüder saßen im Wald beim kühlen Wein, da sprach der jüngste: "Mir ist, als hätte ich unserer Schwester Stimme gehört; auf! wir müssen ihr zu Hülfe eilen!" Da sprangen sie auf ihre Pferde und ritten, als wären sie der Sturmwind. Ihre Schwester aber lag in Angst auf den Knien; da rief der Blaubart unten: "Nun, bist du bald fertig?" Dabei hörte sie, wie er auf der untersten Stufe sein Messer wetzte; sie sah hinaus, aber sie sah nichts als von Ferne einen Staub, als käme eine Herde gezogen. Da schrie sie noch einmal: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" Und ihre Angst ward immer größer. Der Blaubart aber rief: "Wenn du nicht bald kommst, so hol ich dich, mein Messer ist gewetzt!" Da sah sie wieder hinaus und sah ihre drei Brüder durch das Feld reiten, als flögen sie wie Vögel in der Luft, da schrie sie zum dritten Mal in der höchsten Not und aus allen Kräften: "Brüder, meine lieben Brüder! kommt, helft mir!" Und der jüngste war schon so nah, dass sie seine Stimme hörte: "Tröste dich, liebe Schwester, noch einen Augenblick, so sind wir bei dir!" Der Blaubart aber rief: "Nun ist's genug gebetet, ich will nicht länger warten, kommst du nicht, so hol ich dich!" "Ach! nur noch für meine drei lieben Brüder lass mich beten." Er hörte aber nicht, kam die Treppe herauf gegangen und zog sie hinunter, und eben hatte er sie an den Haaren gefasst und wollte ihr das Messer in das Herz stoßen, da schlugen die drei Brüder an die Haustüre, drangen herein und rissen sie ihm aus der Hand, dann zogen sie ihre Säbel und hieben ihn nieder. Da ward er in die Blutkammer aufgehängt zu den andern Weibern, die er getötet, die Brüder aber nahmen ihre liebste Schwester mit nach Haus, und alle Reichtümer des Blaubarts gehörten ihr.
|ISBN: 3518386948|
https://fk1-tu-berlin.de/litwiss/dephil/kvv/sose03neuere.html#PS14„Es gibt ein Blaubart-Zimmer in unserer Seele, das man nicht öffnen soll. Sie geben mir heute einen goldenen Schlüssel in die Hand; doch ich zittere vor der Tür, und ich weiß, daß dieser Schlüssel ins Blut fallen wird, wenn ich mich dem geheimnisvollen Befehl widersetze. Es gibt ein inneres Meer in unserer Seele, ein fürchterliches, wahrhaftes mare tenebrarum, in dem die seltsamen Stürme des Ungesagten und Unsagbaren wüten ...“ Maurice Maeterlinck
Die Geschichte vom Ritter Blaubart stammt von Charles Perrault und wurde in einer Märchensammlung im Jahr 1697 veröffentlicht, die unter dem Titel Contes de ma mère L’Oye (Märchen meiner Mutter Gans) bekannt geworden ist. Welcher anhaltenden Faszination sich diese literarische Extremfigur im Lauf der Jahrhunderte erfreute, belegen die zahlreichen Bearbeitungen des Blaubartstoffs, die bis ins späte 20. Jahrhundert reichen. Künstlerisch variiert wurde diese spannende und zugleich verstörende Geschichte von männlicher Gewalt und weiblicher Neugierde unter anderem von den Brüdern Grimm, Ludwig Tieck, Maurice Maeterlinck, Béla Bartók und Béla Balázs, Anatole France, Georg Trakl, Alfred Döblin, Max Frisch, Peter Rühmkorf, Pina Bausch, Margaret Atwood und Dea Loher. ...
Verkörperung der Dauerkrise
Monika Szczepaniak untersucht die Problematik der Männlichkeit anhand der literarischen Figur des "Blaubart"
Von Céline Letawe
Monika Szczepaniak, Literaturwissenschaftlerin am Lehrstuhl für Germanistik der Universität Bydgoszcz in Polen, legt mit ihrem Buch "Männer in Blau" die erste umfassende Darstellung der Blaubart-Bilder in der deutschsprachigen Literatur vor. Sie untersucht insgesamt mehr als sechzig Bearbeitungen des Blaubart-Stoffs in der Form von Märchen, Gedichten, Dramen, Erzählungen und Romanen. Ihr umfangreicher Textkorpus reicht von Charles Perraults Märchentext(1697) bis zu Judith Kuckarts Erzählung "Nadine aus Rostock" (2001).
Es handelt sich hier aber nicht nur um eine literaturwissenschaftliche Studie, sondern auch um einen Beitrag zur Problematik der Männlichkeit in der westlichen Welt. Durch die Analyse der Texte will die Autorin nämlich auch den historischen und soziokulturellen Kontext erhellen. Und Literatur ist dafür besonders gut geeignet: "Die literarischen Texte bieten - im Unterschied zu wissenschaftlichen und sozial-kulturellen Diskursen - die Gelegenheit, die einzelnen Akteure anzuschauen, die aus gesellschaftlichen Sanktionen und Tabus resultierenden rollenimmanenten Spannungen sichtbar zu machen, die Unsicherheiten und inneren Konflikte in individuellen männlichen Lebensläufen zum Ausdruck zu bringen." Die Blaubart-Figur betrachtet Szczepaniak als eine Verkörperung der sich in Dauerkrise befindenden Männlichkeit, die Blaubart-Texte als Dokumente der Problematisierung des Mannseins. Sie zeigt, wie die jeweilige literarische Figur die Zeit ihrer Entstehung widerspiegelt und stellt dadurch eine interessante Entwicklung sowohl der Blaubart-Figur als auch der Mentalitäten dar.
Blaubart fand Eingang in die Literatur dank Charles Perraults Märchen "La Barbe bleue", das als "archetypische" Blaubart-Geschichte betrachtet werden kann und als Vorlage für die Texte bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt. Den Kern dieser traditionellen Blaubart-Geschichten hält Szczepaniak in einer farbspielerischen Zusammenfassung fest: "Da ist ein reicher, erfahrener Mann, in dessen Adern meistens blaues Blut fließt und ein recht blauäugiges Mädchen, das von ihm umworben wird. Er verspricht ihr das Blaue vom Himmel herunter, sie lässt sich mit ihm ein, muss aber bald ihr blaues Wunder erleben. Er stellt nämlich harte Bedingungen und ärgert sich grün und blau, weil sie sich nicht daran hält. Die Lage ist kritisch, sie ist vom Tode bedroht, doch kommt sie mit einem blauen Auge davon."
Bei den Blaubart-Texten, die später entstanden sind, herrscht dagegen eine große Heterogenität. Die Varianten reichen "von extremen Radikalisierungen einerseits bis hin zu brisanten Entschärfungen und Verharmlosungen andererseits".
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wird von verharmlosenden Blaubart-Bildern dominiert: Blaubart existiert nur als Hirngespinst, "als Ausgeburt der Phantasie von hysterischen Frauen oder sensationslüsternen Bediensteten". Szczepaniak diagnostiziert in den Texten der Zeit eine Tabuisierung des Themas, die sich auf das damals herrschende repressive Klima zurückführen lässt. Bei Eulenbergs "Ritter Blaubart" (1905) stellt sie dann einen klaren Bruch fest. Männlichkeitskrise, Antifeminismus und Veränderungen in der Mentalität, die unter anderem mit der Entstehung der Psychoanalyse verbunden sind, lassen Blaubart in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Neurotiker erscheinen; die Blaubart-Bilder sind in extremer Weise von Gewalt und Sexualität dominiert. Das Ende des 20. Jahrhunderts ist, stellt Szczepaniak fest, von einer zweiten Männlichkeitskrise geprägt, die in den Blaubart-Texten einmal mehr deutliche Spuren hinterlässt. Der Titel der Anthologie "Blaubärtchen" (1990) ist in diesem Sinne viel sagend. Von Brautwerbung kann meistens nicht mehr die Rede sein - nun sind es die Frauen, die sich bemühen, um den Mann zu gewinnen. Blaubart erscheint auch nicht mehr als Frauenmörder, sondern als "ein schwacher, passiver Mann, der die Frau nicht lieben kann".
Die Studie beruht auf einer guten theoretischen Grundlage: Das erste Viertel des Bands enthält Überlegungen zu der Geschichte und der Problematik der Männlichkeit, die auch einzeln gelesen werden können. Erfreulich sind auch die vierundvierzig Abbildungen, die den Text begleiten. Neben Gemälden von Lucas Cranach und Lithografien von Franz Pocci stehen viele neuere Illustrationen zum Thema Liebe und Gewalt, zu denen auch erstaunlichere Beiträge wie zum Beispiel eine anonyme Schülerzeichnung zu Perraults Blaubart zählen.
In ihrer Untersuchung gelingt es Szczepaniak, ein Märchen, das ursprünglich als Warngeschichte über weibliche Neugier geschrieben und gelesen wurde, aus der Sicht der Männlichkeitsforschung neu zu perspektivieren. Sie fragt nach dem Grund für Blaubarts beunruhigende Gewalt - und wagt sogar eine Antwort: "male trouble - ein Männlichkeitsproblem, das nicht manifest werden darf und sorgfältig kaschiert werden muss".
Monika Szczepaniak: Männer in Blau. Blaubart-Bilder in der deutschsprachigen Literatur.
Böhlau Verlag, Köln 2005.
325 Seiten, 44,90 EUR.
ISBN 3412156051
https://zeus.zeit.de/text/1998/11/sisi.txt.19980305.xmlElisabeth nannte sich "Frau Ritter Blaubart", die ihr Gruselkabinett mit "Eselshäuten" tapeziert. Mit dem wienerischen "Gefrett" meinte sie all die Scherereien, die es zwischen ihr und Franz Joseph lebenslänglich gab. Sie war sich ihrer Liebe zu ihm gewiß und erst recht seiner Liebe zu ihr.
Seine Liebe war viel größer als die ihre, er war darin rührend hilflos und anhänglich. Sein Liebesunglück war primitiver, aber tiefer als ihr Lebensunglück, das durch Romantik, Ironie, Melancholie sublimiert schien.
Elisabeth galt als schweigsam, aber sie hinterließ 600 Seiten mit Gedichten. Die Leichtigkeit, mit der sie dahindichtete, hat ihren literarischen Ruf dauerhaft beschädigt. Aber es finden sich immer wieder Passagen mit Tiefgang, Witz und echtem Gefühl, das ins Leserherz schneidet.