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Ende Mai erhielt Werner Kramer den mit 30'000 Franken dotierten Anerkennungspreis 2008 der Paul Schiller Stiftung. Er wurde dafür ausgezeichnet, sich «in besonders hervorragender Weise für Interessen der Allgemeinheit» eingesetzt zu haben. Gemeint ist damit insbesondere seine Tätigkeit als Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS), welche Kramer bis April 2008 ausübte.
Die GMS setzt sich für die Rechte und den Schutz von Minderheiten ein. Gehörten früher beispielsweise Rätoromanen und Fahrende zu den Schwerpunkten der Tätigkeit, waren es in der jüngeren Vergangenheit jüdische Gemeinschaften oder Muslime in der Schweiz. «Die Beschäftigung mit diesen Fragen war für mich immer ein spannendes Lernfeld. Ich hatte beispielsweise ein theoretisches Wissen über den Islam, aber Begegnungen mit muslimischen Immigranten ergaben sich erst über meine Tätigkeit bei der GMS», so Werner Kramer.
Familiäre Tradition
Das Interesse für gesellschaftliche Belange hatte in der reformierten Herkunftsfamilie von Werner Kramer Tradition. Seine Eltern engagierten sich in der Kirchenpflege, der Nachbarschaftshilfe und der Schulpflege. Schon als Jugendlicher erlebte Werner Kramer die Diskussionen um jüdische Flüchtlinge in der Schweiz hautnah mit. Als junger Lehrer lernte er zu Beginn der 1950er Jahre im Tösstal die ärmlichen Verhältnisse vieler Familien kennen.
Um Menschen darin unterstützen zu können, ihr Leben zu meistern und um sich für gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse einzusetzen, nahm er 1954 das Studium der Theologie an der Universität Zürich auf: «Für mich war immer klar, dass Bildung massgeblich dazu beitragen kann, dass sich das Leben der Menschen verbessert», so Kramer.
Neue Wege in der Bildung
Nach dem Studium und zwei Jahren als Assistent am Theologischen Seminar hatte Werner Kramer Gelegenheit, diese Bildungsaufgabe am evangelischen Lehrerseminar Zürich Unterstrass umzusetzen. Während den kommenden zwanzig Jahren war er dort als Direktor tätig, unterrichtete Religion, Pädagogik und Religionspädagogik und hielt den Schulgottesdienst.
Die Erfahrungen zeigten ihm auch die Grenzen der herkömmlichen Wissensvermittlung auf: «Ich fragte mich immer wieder: Wie kommuniziere ich Werte, so dass sie beim Menschen etwas auslösen können? Es ging mir darum, die Theologie stärker für das Leben wirksam werden zu lassen.»
Das sollte nicht über Belehrung von der Kanzel, sondern über eigene Erfahrungen ermöglicht werden. Werner Kramer stellte aber fest, dass es dem Protestantismus an einer «Sprache der Innerlichkeit» fehlt, um das eigene spirituelle Erleben auszudrücken. Er kam zur Überzeugung, dass effizientes Lernen und Selbsterkenntnis ein Klima der Besinnung und Entspannung benötigen. So begann er sich mit Meditation und Tiefenpsychologie zu befassen.
Zurück zur Wissenschaft
Nicht zuletzt die vermehrte Auseinandersetzung mit solchen Fragen der Religionspädagogik und Kommunikation liessen ihn wieder an die Universität zurückkehren, als Ordinarius für Praktische Theologie an der UZH von 1984 bis 1997.
Daneben war er in verschiedenen gemeinnützigen Funktionen tätig, etwa als Mitglied des Kirchenrates des Kantons Zürich und ab 1989 als Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. Leiten liess er sich dabei vom religiösen Verständnis eines mitmenschlichen, vorurteilslosen und gerechten Gottes.
Die vorurteilslose Wissenschaft war diesem Verständnis naturgemäss nah: «Ich erlebte meine wissenschaftliche Arbeit und mein gesellschaftliches Engagement nie als entgegengesetzte oder gänzlich andersartige Tätigkeiten», so Werner Kramer.
Das Bewusstsein klären
So ist er auch heute überzeugt, dass die Geisteswissenschaften einen wichtigen Beitrag leisten zur «Klärung des Bewusstseins des Menschen», indem sie beispielsweise der Selbstreflexion einer Gesellschaft dienen. Interessiert verfolgt er aber auch die Entwicklung in den Naturwissenschaften. «Mich faszinieren vor allem Fachgebiete, wo es um zentrale Fragen des Menschseins geht, etwa die Neurobiologie.»
Erfreut stellt er fest, dass die Wissenschaft die pluralistische Gesellschaft heute besser abbildet und sich auch Fragen von Minderheiten widmet, etwa was Armut oder Diskriminierung anbelangt.
Für die Gesellschaft sieht er allerdings noch einen weiten Weg zu Vorurteilslosigkeit und Offenheit: «Da gibt es noch viel zu tun.» So setzt sich Werner Kramer, inzwischen als Ehrenpräsident der GMS, etwa dafür ein, dass Muslime eigene Grabfelder auf Friedhöfen in der Schweiz bekommen.
«Ich erlebe dabei zum Teil erschreckende Reaktionen und Unverständnis. Im Einzelfall resultieren aus diesen Diskussionen zwischen Muslimen, Behörden und der Bevölkerung aber auch immer wieder Begegnung und Verständnis.» Zu verdanken ist dies nicht zuletzt brückenbauenden Persönlichkeiten wie Werner Kramer.
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