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Langsam werde ich Schweizerin
Mingjun Luo: Von Changsha nach Biel
Februar 2001
Als Mingjun Luo in China studierte, war Europa Traum und Ziel. Doch als sie in Biel ankam, wurde Lao Tse ihr Thema. Jetzt werde sie langsam Schweizerin, meint sie. Ein Porträt.
1992 beschrieb Mingjun Luo (1963) einen Raum im alten Centre PasquArt dreiseitig mit den ersten 17 Passagen von Lao Tse. Chinesische Kalligraphie pur. Ich wollte, dass die Besucher mitten drin stehen, um das Geschriebene von allen Seiten zu spüren. Lesen konnte es aber eigentlich nur sie selbst. In zwei weiteren Ausstellungen gab sie auch den Passagen 18 bis 81, somit dem Gesamtwerk des führenden fernöstlichen Philosophen Raum und Schrift. Seine Weisheiten waren ihr seit ihrer Ankunft in Biel Im Jahre 1987 lebenswichtig geworden, um sich in ihrer so völlig neuen Lebensumgebung nicht zu verlieren.
Zuhause, in Changsha, einer Stadt in Zentralchina, war das ganz anders. Damals träumte sie, und mit ihr die meisten Studenten an der Universität, von Europa. So bildete sie sich auch nicht in Kalligraphie aus, sondern in westlicher Ölmalerei. Europas Kunstgeschichte war freilich nicht von Bill, Beuys und Baselitz besetzt wie für ihre Altersgenossen in Biel, Berlin und Basel, sondern von Werken der Renaissance über Rembrandt bis zum frühen Picasso; da hielt die Zeit an.
Mingjun Luo war begabt. So konnte sie von den politischen Umwälzungen der Zeit nach Mao Tse Tung profitieren. 1977 wurden die Universitäten wieder geöffnet. Doch es gab keine Studenten. Deshalb wurde das Eintrittsalter temporär gesenkt. Mingjun Luo wurde eine der jüngsten Studentinnen der Universität von Hunan. Doch es gab auch keine Professoren ausser jenen der früheren Generation und entsprechend war der Unterricht. 1983 schloss Mingjun Luo die Kunstakademie, in China Teil der Universität, ab. Mit 20 Jahren war sie promovierte Lehrerin für Ölmalerei und unterrichtete dieses Fach in der Folge.
Die Zäsur kam 1985; die erste Kunstausstellung mit Werken des amerikanischen Pop-Pioniers Robert Rauschenberg zündete Feuer. Man schloss sich zu Gruppen zusammen; Mingjun Luo wurde Mitbegründerin der „0 Art Group“ (in Anlehnung an die Pariser Gruppe „Zéro“ aus den 40er Jahren). Es wurde diskutiert, westliche Musik gespielt. „Angst gehörte freilich immer dazu“, erinnert sich die Künstlerin. Ohne Geld, aber mit offizieller Erlaubnis, brach die Gruppe 1986 zum langen Marsch der grossen Mauer entlang bis hinauf in den Tibet auf. Doch dann merkten die Künstler, dass nur der Drang zum Aufbruch sie einte und nicht eine gemeinsame Gesinnung. „0 Art Group“ löste sich auf. Mingjun Luo ihrerseits hatte im Tibet einen Schweizer Touristen namens François Wagner kennengelernt … Die Kraft der Liebe schob die Steine aus dem Weg und die Künstlerin kam mit einem einzigen Rucksack am Rücken nach Biel. Als „Romande“ lebt sie heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Zentrum der Stadt.
Schon vor der Abreise aus dem Fernen Osten war klar, dass sie künstlerisch neue Wege gehen musste. Eine der letzten in China entstandenen Arbeiten zeigt nichts als einen vergrösserten Gesichtausschnitt mit Augen und Nase. Schauen, durchatmen und in die Zukunft sehen, scheint die Botschaft des Bildes, das mittlerweile Eingang in Anthologien zur Aufbruchzeit in China gefunden hat. Doch was dort galt, war für sie im völlig veränderten Kunstumfeld der Schweiz nicht linear fortsetzbar, hatte gar eine, scheinbar paradoxe, Umkehr zur Folge. Die europaorientierte Künstlerin in China wurde zur chinaorientierten Künstlerin in Europa.
Neueste Bilder und auch die Installation, die Mingjun Luo bis zum 19. Februar im Espace libre des CentrePasquArt in Biel ausstellt, zeigen freilich, dass erneut Aufbruch angesagt ist. Die nurmehr entferntest als kalligraphisch erkennbaren Bildzeichen sind in Aufruhr und die fragile, aus Zeitungen in verschiedensten Sprachen und Alphabethen geklebte Arche Noah im Espace hat Globalität im Visier. Wie sie denn für ihre Ausstellung ausgerechnet auf ein Motiv aus der Bibel gekommen sei, fragten wir sie und ernteten Lachen: „Biblische Themen waren in der retrospektiven europäischen Kunstgeschichte, wie man sie die Studenten in China lehrte, nichts Aussergewöhnliches!“ Allerdings habe sich in ihre Erinnerung nur das Bild vom Schiff, das die Welt retten sollte, eingeschrieben, nicht die Details und von dieser Erinnerung sei sie für ihre Installation ausgegangen. Schwierig ist es nun nicht mehr, ihre einzig an Nylon-Fäden hängende Arche Noah zu interpretieren: Die Vielsprachigkeit, die Kulturvielfalt muss ein Kommunikations-Welt-Schiff bilden, um zu überleben.
Wesentlich für ihre Integration in die europäisch-zeitgenössische Kunst sei eine „zufällige“ Begegnung auf einem Bieler Kinderspielplatz gewesen, erzählt Mingjun Luo. Die junge Mutter und ein junger Vater, namens Bernhard Fibicher trafen sich mit ihren Kindern und begannen über Kunst zu sprechen. Der heutige Berner Kunsthallendirektor nahm die junge chinesische Künstlerin daraufhin mit zu wichtigen Ausstellungen; sie knüpfte für den Schweizer Kunsthistoriker die ersten Kontakte zur Kunstszene Chinas, reiste gar als Dolmetscherin mit als es zu Gastvorlesungen an der Universität kam. So profitierten beide voneinander.
Seit zwei Jahren ist Mingjun Luo Mitglied der Kunstkommission der Stadt Biel. „Erstmals realisiere ich, dass ich nun als Schweizerin tätig bin; das ist ein ganz neues Gefühl und es gibt mir viel Rückhalt“. Mag sein, dass die Bildsprache der Künstlerin gerade darum aufbricht in den neuen Arbeiten, nicht Halt macht an den Rändern der Formate, sondern Bewegung über die Bildräume hinaus signalisiert. Erstmals habe sie sich im Verborgenen auch wieder gewagt die alte Ölmalerei, die ihr so vertraut sei, anzuwenden. Allerdings, so Mingjun Luo, habe sie die Einheit von Thematik und Technik noch nicht gefunden. Darum sei der bisherige Weg auch noch nicht abgeschlossen. Aber in Zukunft, wer weiss?