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Mit DEATH STRANDING (2019) präsentiert der gefeierte Videospiele-Entwickler Hideo Kojima – u.a. bekannt für die METAL GEAR-Reihe – seine jüngste Kreation. 2015 verliess Kojima den Spieleproduzenten Konami und ein Jahr später kündigte er seine nächste Videospielidee unter eigenem Label – Kojima Productions – an. Seither wurde dessen neues Projekt von den Gamern heiss diskutiert und sehnlichst erwartet. DEATH STRANDING wartet mit einem gewaltigen Produktionsaufwand auf, wobei sich die Nähe zu einem Film nicht nur aufgrund des beeindruckenden grafischen Designs, der langen Zwischensequenzen und der verworrenen postapokalyptischen Geschichte ergibt, sondern auch wegen der vielen bekannten Filmbranche-Gesichter im Videospiel – u.a. Norman Reedus, Mads Mikkelsen, Léa Seydoux, Tommie Earl Jenkins und die Filmregisseure Guillermo del Toro und Nicolas Winding Refn. Die Musik stammt vom schwedischen Komponisten Ludvig Forssell (mit Ausnahme der Stücke «Cargo High» und «Demens» auf der CD 2, die von Joel Corelitz komponiert wurden). Forssell verbindet eine langjährige Arbeitsbeziehung mit Hideo Kojima und er amtet bei Kojima Productions als Audioregisseur. Vor DEATH STRANDING schrieb er bereits Musik für die Kojima-Games METAL GEAR SOLID V: GROUND ZEROES (2014) und METAL GEAR SOLID V: THE PHANTOM PAIN (2015), wobei er die Komponisten-Credits mit Harry Gregson-Williams und Justin Burnett geteilt hatte.
DEATH STRANDING nimmt den Gamer mit in eine postapokalyptische, unglaublich dunkle Zukunft. Sam Porter Bridges (Norman Reedus) durchstreift als eine Art Bote nach dem Zusammenbruch der Zivilisation eine verwüstete, ständig bedrohliche Welt. In dieser Rolle liefert er Waren und lebensnotwendige Gegenstände in verschiedene Lager mit überlebenden Menschen. Die Mission des Gamers in der Rolle von Sam ist keine geringere, als die zersplitterte Gesellschaft wieder miteinander zu verbinden und die Menschheit vor dem Aussterben zu retten. Die stetig präsente Todesgefahr in Form von Mules (Outlaws) und GDs (Monster) rührt vom titelgebenden «Death Stranding» her. Hierbei handelt es sich um ein grausiges Ereignis in der noch nicht allzu fernen Vergangenheit: eine Reihe mysteriöser Explosionen löschten weltweit grosse Teile der Menschheit aus. Doch damit nicht genug. Die Explosionen und das Massensterben lösten drastische Umweltveränderungen aus wie beispielsweise den «Zeitregen». Dieser Zeitregen birgt tödliche Gefahren wie Seelen aus dem Totenreich und weitere mysteriöse Phänomene.
Liest man diese Synopsis, könnte man meinen, dass hier eine Weiterentwicklung von Kevin Costners THE POSTMAN (1997) erfolgt ist, doch DEATH STRANDING ist viel grimmiger, perfider und dunkler – und besser. Die Musik von Ludvig Forssell hat mit der orchestralen Komposition von James Newton Howard für THE POSTMAN indes – leider – nicht viel zu tun. Zugegeben, dieser Vergleich ist unsinnig, zumal in keiner Art und Weise eine Beziehung zwischen DEATH STRANDNG und THE POSTMAN besteht und eine patriotische, thematische Orchestermusik in Kojimas Welt wohl unpassend wäre, aber stellenweise wünscht man sich als Hörer während den vielen harschen, kühlen, atmosphärischen DEATH STRANDING-Momenten etwas orchestralen «Balsam» herbei. Ludvig Forssells Musik ist jedoch nicht durchgehend kühl, synthetisch und kantig, doch über die gesamte Dauer von 106 Minuten betrachtet, ist dieses postapokalyptische Musikporträt mit vielen dunkel-mystischen, unheimlichen und teils aggressiven Action-Stücken schon eher fordernd.
Dass im Vorfeld der CD-Veröffentlichung um Forssells Musik recht viel Aufsehens gemacht wurde, hängt wohl zu einem grossen Teil mit der Komposition «BB’s Theme» (CD 2, 2. Stück) zusammen. Dieser eigentliche Song wurde für einen langen Promo-Trailer des Videospiels verwendet. Er wird gesungen von Jenny Plant und fügt sich perfekt in die weitere Musik ein. «BB’s Theme» zählt zusammen mit Stücken wie «An Endless Beach» (CD 1, 9. Stück) und «A Final Waltz» (CD 1, 15. Stück) zu den wirklich schönen Momenten in DEATH STRANDING. Hier regieren Melancholie, hypnotische Ruhe und Fernweh nach vergangenen, friedvolleren Tagen – Klavier, Gesang und Geige auf atmosphärischem Streicher-/Synthi-Bett mit aufleuchtenden Klangeffekten. In diesen melancholischen, ruhigen, teils lichteren Momenten wähnt man sich stellenweise in musikalischen Welten des Isländers Jóhann Jóhannsson (besonders in Stücken wie «Chiralium» und «Frozen Space» auf CD 2). Wenn auch in der Grundstimmung wenig erbaulich, so lullen einem solche Klänge, wenn man sich darauf einlässt, dennoch ein. Doch wenn Forssell mit Stücken wie «Claws of the Dead», «Flower of Fingers», «Decentralized by Nature», «Mules» und «Porter Syndrome» die Action- und Horror-Momente in Musik überführt, wird es mit Strobo-Effekten, wummerndem Bass und Perkussion laut, aggressiv und auf die Dauer einfach zu repetitiv und anstrengend, als dass man mit diesen Klängen verweilen möchte. Dass während diesen Momenten oftmals Live-Chor (Chorus of the City of Prague Philharmonic Orchestra) zu hören ist, schafft anfänglich eine effektvolle Tiefenwirkung, doch auch dieser Effekt wird etwas überstrapaziert.
Fazit: Wenn man die Welt von DEATH STRANDING etwas erkundet und man in den Liner Notes im CD-Booklet von Komponist Ludvig Forssell liest, dass er «verstümmelte synthetische Klänge mit Klängen aus der uns vertrauten Realität» kombinierten wollte, kann man sich vorab eine recht gute Vorstellung der Musik zu DEATH STRANDING machen. Hier treffen viele Elektor- und Synthi-Sounds auf einzelne Soli von Klavier, Geige und Gesang. Die Einbindung eines Chors schafft stellenweise effektvolle Epik und hilft im Aufbau der Drohkulisse, doch an sich gesehen ist Forssells Ansatz für diese Postapokalypse nicht wirklich originell. Das Zusammenführen von fremdländischer, unwirklicher Elektro-Musik mit organischen, intimen Klängen uns vertrauter Instrumente hat schon manch einer als Konzept für düstere Zukunftsvisionen herangezogen. Da war die Musik für das Apokalypse-Videospiel EVERYBODY’S GONE TO THE RAPTURE von Jessica Curry frischer und überraschender ausgearbeitet. Zudem vermag die vorliegende 106 Minuten lange Präsentation von Forssells Musik – zu viel repetitive Atmosphäre- und Action-Musik zwischen den Highlights – das Interesse des Hörers über die gesamte Spielzeit kaum zu halten.
Basil 25.5.2020
DEATH STRANDING
Ludvig Frossell
Sony Music
106:00 Min.
29 Tracks