Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/921

«Münchhausen by internet»: Das ist eine neuere Pathologie, wenn Menschen via Internet eingebildete Krankheitsgeschichten verbreiten. Es sind Fälle bekannt geworden, in denen über Jahre hinweg Krebsopfer ihre horrenden Erkrankungen, Behandlungen und mirakulösen Gesundungen dokumentierten – obwohl nichts davon stimmte. Dabei ging es nur im Ausnahmefall um finanziellen Betrug, sondern zumeist darum, bei Mitmenschen Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu gewinnen.
Münchhausen by internet ist ein zeitgenössischer Sonderfall des 1951 vom britischen Arzt Richard Asher diagnostizierten «Münchhausen-Syndroms», das mittlerweile als psychische Störung anerkannt ist. Sie äussert sich darin, dass jemand sich mit wechselnden, aber ausgeprägten Krankheitssymptomen in Krankenhäusern und bei Ärzten präsentiert; und wenn die Zuwendung nicht wie gewünscht ausfällt, versucht es der Patient an der nächsten Adresse. Das Internet verleiht diesem Syndrom durch seine globale Reichweite und die gesteigerte Möglichkeit, fiktionale Krankheitsgeschichten zu kreieren, eine neue Dimension.
Das Münchhausen-Syndrom geht auf die literarische Figur des Barons von Münchhausen zurück. Der hat sich einen Namen gemacht als Lügenbaron, Aufschneider und Prahlhans. Weit herum bekannt ist er als Jugendbuch, zumeist in der Version von Erich Kästner. Ebenso weit verbreitet ist das Bild von Hans Albers, wie er auf einer Kanonenkugel reitet. Als Lügenbaron ist die Figur satirisch eingesetzt worden; Klaus Staeck hat zum Beispiel Helmut Kohl dargestellt, wie der über die «blühenden Landschaften des Ostens» fliegt.
So ist Münchhausen vielseitig bekannt. In über sechzig Sprachen sind seine Abenteuer übersetzt, auf allen Kontinenten kennt man ihn, zum Teil in regionalen Abwandlungen. Aber kennt man ihn wirklich, wahrhaftig und ganz? Münchhausen ist ursprünglich zweifellos ein Deutscher – es gab einen realen Rittmeister Hieronymus von Münchhausen, über den allerlei Anekdoten kursierten. Aber das originale Buch ist auf Englisch erschienen. Von einem emigrierten Deutschen geschrieben, Rudolf Erich Raspe, am Ende des 18. Jahrhunderts. Bei der ersten Übertragung ins Deutsche ist einiges hinzugekommen, und noch mehr auf der Strecke geblieben. Zum Beispiel eine Fortsetzung, ein ganzer zweiter Band mit Geschichten von Münchhausen, die 1792 in London erschienen sind. Im Englischen gehören die zu den gesammelten Abenteuern des Barons. Im deutschen Sprachraum sind sie – vollkommen unbekannt. Erstaunlich, kaum glaublich.
Titelbild der deutschen Übersetzung des englischen Originals von «Münchhausens Abenteuern» (Stefan Howald // Bernhard Wiebel)
Schwarze Sklavenhalter
Erstmals nach über zwei Jahrhunderten sind diese Abenteuer des Barons nun auch im Deutschen zu lesen. Das ist durchaus ein kulturgeschichtliches Ereignis. Diese Geschichten sind ebenso unterhaltsam wie die früheren und doch ein wenig anders. Das Fantastische kommt auf seine Rechnung, wenn Münchhausen auf einem Adler die Welt umrundet oder durch Afrika und Indien jagt. Stärker als bisher wirft er aber einen satirischen Blick auf die Welt und setzt sich mit der zeitgenössischen Politik sowie modischen Torheiten auseinander. Und diese Satiren haben aktuelle Bedeutung.
So trifft der Baron beispielsweise auf ein Schiff, auf dem weisse Sklaven von ihren schwarzen Herrn abtransportiert werden. Sofort entert Münchhausen das Schiff, wirft den schwarzen Kapitän und die schwarze Schiffsbesatzung kurzerhand über Bord. Das ist die gerechte Strafe für ihr ungeheuerliches Verbrechen. Man stelle sich vor: Neger, die Weisse zum Südpol transportieren, um sie dort auf Plantagen als Sklaven arbeiten zu lassen. Und ihnen dabei, um das schändliche Verhalten zu rechtfertigen, auch noch die Seele absprechen! Kein Wunder lässt Münchhausen gegenüber den schwarzen Unmenschen keinerlei Gnade walten.
Wer diese Episode im zweiten Band von «Münchhausens Abenteuer» 1792 in London las, stellte sogleich die Parallele zur aktuellen Debatte um die Abschaffung des Sklavenhandels her. Zehn Jahre zuvor war der Fall des Sklavenschiffs Zonga gerichtsnotorisch geworden. Das war während der Fahrt von Liverpool nach Jamaika vom Kurs abgekommen, und angesichts knapper Nahrungsmittel an Bord waren 140 schwarze SklavInnen in den Atlantik geworfen worden.
Solche Verbrechen waren nicht unüblich. Von jenen AfrikanerInnen, die in die amerikanischen Plantagen verschleppt wurden, starb ein horrender Prozentsatz während der Überfahrt. In die Öffentlichkeit geriet dieser einzelne Fall bloss, weil die Reeder des Schiffs nach der Reise ihre Versicherung einklagten, ihnen seien durch die Preisgabe der menschlichen Fracht legitime Profite entgangen. Das war selbst in Britannien, das einen Teil seines Reichtums dem Sklavenhandel verdankte, zuviel des Zynismus. Das «Zonga massacre» wurde zu einem Fanal für die Antisklavenhandel-Bewegung.
Indem er seinem weissen Lesepublikum das spiegelbildliche Verhalten vor Augen führte, benutzte Münchhausen seine Erzählung als politisches Pamphlet.
Ein Universalgelehrter
Das Leben des Münchhausen-Autors Rudolf Erich Raspe könnte in seiner Vielfältigkeit und seinen überraschenden Wendungen den eigenen fantastischen Erzählungen entsprungen sein. Raspe wurde 1736 in Hannover geboren, wirkte in verschiedenen deutschen Fürstentümern und ab 1775 in Grossbritannien; 1794 verstarb er in Irland. Vielseitig begabt, war er unermüdlich tätig.
So edierte er in Hannover von ihm entdeckte Manuskripte von Gottfried Wilhelm Leibniz und wirkte als Übersetzer. In Kassel betreute er ab 1767 die kurfürstliche Kunstsammlung und Bibliothek, gab eine Wochenschrift heraus, war bildungspolitisch tätig und betrieb Studien zu vulkanischen Landschaften in Deutschland. 1774 katalogisierte er die Münzen seines Dienstherrn – und zwar so zuverlässig, dass dieser entdeckte, welche Raspe davon in die eigene Tasche versilbert hatte, da ihn der Landgraf zu knapp entlöhnte.
Raspe flüchtete, steckbrieflich gesucht, nach London. Dort arbeitete er an der Übersetzung des Berichts über James Cooks Weltreise ins Deutsche und übertrug geologische Fachliteratur sowie «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Lessing ins Englische. Er diente als Reisesekretär, erstellte einen riesigen Gemmenkatalog und arbeitete in verschiedenen Funktionen im Bergbau.
Rudolf Erich Raspe, Autor des englischen Originals von «Münchhausens Abenteuern»
1785 erschien, anonym und anglisiert, ein Büchlein mit Abenteuern von «Munchausen», in der Folge mehrfach erweitert und 1792 um einen zweiten Band ergänzt. Auf einer geologischen Inspektion in Irland starb Rudolf Erich Raspe vermutlich am 18. November 1794 in Muckross bei Killarney.
Die zweite Auflage des «Munchausen» von 1786 diente dem als Balladendichter bekannten Gottfried August Bürger (1747–1794) in Göttingen als Vorlage. Bürger übertrug anschaulich, üppig und fügte auch einige Anekdoten hinzu, so zwei Episoden, die sprichwörtlich geworden sind: der Ritt auf der Kanonenkugel und wie sich Münchhausen samt Pferd am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht. Knapp verdichtet spielt letztere mit dem Motto der Aufklärung von der Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Bürger hat allerdings etliches aus dem Original weggelassen, und er hat die Fortsetzung von Raspe aus dem Jahr 1792 nicht gekannt. Raspe setzt sich darin mit dem wissenschaftlichen Fortschritt auseinander, mit englischer Literatur und Politik, vor allem mit dem Kolonialismus. Münchhausen unternimmt Expeditionen nach Afrika, Indien und Amerika, immer im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Kommerz.
Wahre Zerrspiegel
Münchhausens Abenteuer spiegeln europäische Sitten im fiktionalen afrikanischen Zerrspiegel. Das Verfahren hat bekannte aufklärerische Vorgänger, etwa Montesquieus «Persische Briefe» (1721) oder Jonathan Swifts «Gullivers Reisen» (1726) in entlegene Weltgegenden und eigenwillige Gesellschaften. Raspe hat sein Buch ab der dritten Auflage mit einem entsprechenden Titel versehen: «Der auferstandene Gulliver, oder das Laster zu lügen, umfassend dargestellt». Aber was heisst schon lügen? Raspes Zeitgenosse Adolphe Freiherr Knigge beschreibt etwa gleichzeitig in seinem Roman «Benjamin Noldmanns Geschichte der Aufklärung in Abyssinien» (1791), wie in Abessinien eine fiktive aufklärerische Verfassung eingeführt und erprobt wird, und benutzt dadurch die Utopie als Mahnmal für Europa.
In den 1935 nach dem Sieg des deutschen Faschismus geschriebenen Erörterungen «Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit» hat Bertolt Brecht auch auf Jonathan Swift hingewiesen. 1729 erschien von diesem «Ein bescheidener Vorschlag, um zu verhindern, dass die Kinder armer Leute in Irland ihren Eltern oder dem Staat zur Last fallen, sondern zum öffentlichen Wohl genutzt werden können»: indem man sie einpökelt und «als schmackhaftes Nahrungsmittel und eine gesunde Speise, ob geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht» verkauft. Für Brecht ist das ein Beispiel, wie die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit bewältigt werden können, nämlich sich der List zu bedienen, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten. Solche List benützt auch Raspe. Er entfaltet die Logik einer Situation, die zeigt, wohin ihre Konsequenzen führen und wem das dienen mag.
Die List kann sich eindeutiger, ja grober Mittel bedienen, wenn Raspe beim Sklavenhandel die Vorzeichen umkehrt. Sie kann beiläufiger eingesetzt werden. In einer kurzen Geschichte bettet sich Münchhausen in einem schattigen Kanonenrohr zu einem kurzen Mittagsschlummer, wird versehentlich über die Themse in den Londoner Vorort Deptford geschossen, wo er auf einem Heuhaufen landet und dort drei Monate lang weiter schläft; erst als der Gutsbesitzer den Heuhaufen angesichts angestiegener Preise verzetteln und verkaufen will, wacht Münchhausen auf, fällt aber beim Versuch, sich davonzumachen, auf den reichen Hofsbesitzer und tötet ihn. Doch gibt es ein gutes Ende. «Nachher fand ich zu meiner beträchtlichen Beruhigung heraus, dass dieser Kerl ein höchst verabscheuungswürdiger Mensch gewesen war, der die Ernte seines Bodens immer für aussergewöhnliche Märkte zurückbehielt» – und damit ist nicht nur die Nahrungsmittelspekulation gemeint, denn Deptford war damals auch ein Zentrum des Sklavenhandels.
Baron Münchhausen mag lügen. Raspes «Münchhausen» tut es, listig, nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Stefan Howald ist Übersetzer und zusammen mit Bernhard Wiebel Herausgeber von Rudolf Erich Raspes «Münchhausens Abenteuer». Frankfurt/Main: Stroemfeld Verlag, 2015.