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Die komplexe Comicvorlage von «The Sandman» hat bei Netflix ein Zuhause gefunden, das (fast) so traumhaft abgründig ist wie das Original und gleichzeitig massentauglich bleibt. Vor allem aber überzeugt die exzellente Besetzung.
Dream (Tom Sturridge), DCs Superman der Träume, ist Regent des Traumlandes (The Dreaming), wo sich die Menschen Nacht für Nacht einfinden, um zu träumen. Als aber der selbsternannte Magus Roderick Burgess (Charles Dance) Dream heraufbeschwört und einsperrt, beginnt das Traumland, langsam auseinanderzufallen. Albträume suchen die Menschheit auch tagsüber heim, viele wachen gar nicht mehr auf, und die Werkzeuge Dreams (ein Helm, ein Säckchen Sand und ein Rubin) gelangen in falsche Hände. Nach 100 Jahren Gefangenschaft kann sich Dream schliesslich befreien und sinnt nicht nur auf Rache, sondern hat auch einiges wiedergutzumachen.
Eigenwillige Comicverfilmung mit Content Warnings
«The Sandman» basiert auf dem gleichnamigen DC-Comic aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, den Neil Gaiman, seines Zeichens auch ausführender Produzent der Netflix-Serie, zusammen mit Sam Kieth und Mike Dringenberg ins Leben rief. Im Gegensatz zu DCs bekannteren Helden wie Superman oder Batman sind Dream und seine Endlosen Geschwister (Death, Desire, Despair) keine traditionellen Superhelden. Die abgeschlossene Comicreihe liest und versteht sich auch eher als Dark-Fantasy-Graphic-Novel und hat über die Jahre Kultstatus erreicht.
Wie so oft bei Comicverfilmungen hatte auch «The Sandman» mit vielen unzufriedenen Fans zu kämpfen, noch bevor die ersten Bilder veröffentlicht wurden. Insbesondere die Besetzung von Death durch Kirby Howell-Baptiste stiess bei einer kleinen, dafür umso lauteren Minderheit auf viel Widerstand, da die anthropomorphisierte Figur des Todes in den Comics meist als hellhäutige Frau gezeichnet wurde. Nicht ganz unerwartet trifft Howell-Baptistes Darstellung der gutmütigen, tiefgründigen Death, die einen mit einem Lächeln und einem warmen Händedruck ins Jenseits begleitet, den Nagel jedoch auf den Kopf. Auch sonst ist die Besetzung mit einer Mischung aus etablierten (David Thewlis, Gwendoline Christie, Jenna Coleman) und neu entdeckten Talenten (Kyo Ra, Mason Alexander Park) überaus gelungen. Einzig Sturridge wirkt zum Teil etwas leblos, wird damit aber dem stoischen, distanzierten Dream durchaus gerecht und wirkt umso emotionaler, wenn die harte Schale Risse bekommt.
«Obwohl Dream Empathie stellenweise wie sein persönliches Kryptonit behandelt, zeichnet sich Netflix’ Version von ‹The Sandman› durch seine Zugänglichkeit aus. Man hat sich zwar stark, bisweilen sogar Bild für Bild, an der Comicvorlage orientiert, aber gleichzeitig darauf geachtet, neue Zuschauer*innen nicht abzuschrecken.»
Obwohl Dream Empathie stellenweise wie sein persönliches Kryptonit behandelt, zeichnet sich Netflix’ Version von «The Sandman» durch seine Zugänglichkeit aus. Man hat sich zwar stark, bisweilen sogar Bild für Bild, an der Comicvorlage orientiert, aber gleichzeitig darauf geachtet, neue Zuschauer*innen nicht abzuschrecken. Dafür wurden unter anderem gewisse Handlungsstränge vereinfacht; und der Body-Horror wurde in der sechsten Episode merklich zurückgefahren. Das reduziert zwar ab und zu etwas die emotionale Schlagkraft der Serie, dürfte ihr aber wohl zusätzliches Publikum sichern, was dem quotenorientierten Netflix-Regime gefallen dürfte. Für eine Fortsetzung sollte es so – hoffentlich! – reichen.
Ein weiterer Marketingtrick wurde indes zwei Wochen nach dem Release der ersten zehn Episoden publik gemacht: Netflix veröffentlichte eine zweiteilige Episode, die narrativ nur lose mit dem Rest der Staffel zusammenhängt, aber trotzdem die Kernaussagen der Serie unterstreicht und gleichzeitig das episodenhafte Erzählen des Comics imitieren. Obwohl der erste Teil animiert dargestellt wird (mit einer erneut herausragenden Besetzung), sei hier erwähnt, dass diese Zusatzepisode, wie auch die Serie insgesamt, mit diversen Content Warnings, besonders bezüglich Gewalt, daherkommt.
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Jetzt auf Netflix
Serienfakten: «The Sandman» / Creators: Neil Gaiman, David S. Goyer, Allan Heinberg / Mit: Tom Sturridge, Boyd Holbrook, Vivienne Acheampong, Patton Oswalt, Charles Dance, Kirby Howell-Baptiste, David Thewlis, Gwendoline Christie, Stephen Fry, Jenna Coleman, Mason Alexander Park, Kyo Ra / USA / 11 Episoden à 37–64 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Netflix / Cr. Liam Daniel/Netflix © 2022
Trotz eigenwilliger Originalvorlage ist «The Sandman» erstaunlich massentauglich umgesetzt, was den Stoff – zum Glück – nur teilweise etwas verwässert.