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Dea Lohers Lago Maggiore
«Er war an der Stelle angekommen, musste sich jetzt über dem Wrack befinden, das auf Grund lag. Er legte die Ruder ein und ließ das Boot richtungslos auf den Wellen treiben. Es war eine sternklare Nacht, noch kalt für die Jahreszeit. Er würde seine Kräfte einteilen und sich auf eine lange Zeitspanne einstellen müssen, in der er tagsüber seine Aufträge erledigen und abends und nachts an der Bergung des gesunkenen Autos arbeiten würde. Jordi blickte um sich. Er hätte die Silhouette der Berge, die den See umgaben und ihn in den Kessel ihrer steilen Wände fassten, auswendig zeichnen können, so vertraut waren sie ihm. So steil sie zum See abfielen, so steil ging es unter Wasser weiter abwärts, in einer 45-Grad-Neigung zuerst, dann allmählich schwenkten die Wände in einen sanfteren Hang aus, aber eben wurde der Grund des Sees nie, an der tiefsten Stelle hatten sie 372 Meter gemessen, insgesamt war es eine Schlucht, die da unten auf sie wartete.»
Dea Loher: Bugatti taucht auf (2012)
»Ich bin vollkommen unfähig, irgendetwas zu erfinden«, sagt Dea Loher (geb. 1964), die zu den wichtigsten und gefeiertsten Dramatikerinnen der Gegenwart zählt. Da ist es nur konsequent, dass auch ihr Romandebüt «Bugatti taucht auf» ausschliesslich auf wahren Begebenheiten beruht. Der Autorin gelingt es, drei Handlungsstränge zu einem beeindruckenden Ganzen zusammenzufügen: die Tagebucheinträge des melancholischen Künstlers Rembrandt Bugatti, der beschliesst, sich umzubringen; das präzise Protokoll einer sinnlosen Gewalttat in Locarno, bei der ein junger Mann, Luca Mezzannotte, von einer Dreierbande zu Tode getreten wird; die Geschichte des Tauchers Jordi, der einen vor fünfundsiebzig Jahren im Lago Maggiore versunkenen Bugatti heben will. Jorgi, ein Freund der Trauerfamilie, will dem Mord etwas entgegensetzen, «etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas, das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben, trotzen konnte; etwas Unfertiges, Fragendes, das Fantasien und Interesse auf sich zog; eine Geschichte, die von irgendwoher kam und von der man nicht mehr sagen konnte, wo sie enden würde. Ein Riesending, ein Zartes.» (BP)
Der 66 km lange und beim Abschmelzen der Eiszeitgletscher entstandene Lago Maggiore (der «Langensee») liegt im Kanton Tessin sowie den italienischen Regionen Piemont und Lombardei. An seiner tiefsten Stelle erreicht der See 372 m. Ein beliebtes Ausflugsziel sind die Inseln im Lago Maggiore. Mit einem Shuttleboot erreicht man die Insel San Pancrazio, die grössere der beiden Brissago-Inseln (Isole di Brissago), auf der sich der botanische Garten des Kantons Tessin befindet. Übrigens: Das wärmste Klima der Schweiz herrscht auf diesen Inseln. Hier gedeihen Palmen- und Pflanzenarten, die in diesen Breitengeraden eigentlich nicht wachsen würden.