Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03124.jsonl.gz/1038

Die bewegte Geschichte der Rosablanche (heute 3336 m ü. M.) begann im 1888. Damals erhob der Landesvermesser Max Rosenmund den Gipfel zu einem Fixpunkt des schweizerischen Triangulationsnetzes. Dieses Netz bestand aus gut sichtbaren Punkten, die sich über das ganze Land verteilten und oft mit einem Signal markiert wurden. Bekannte Signale sind die «Pyramiden», wie man sie beispielsweise auf dem Napf, dem Gurten oder dem Chasseral antrifft.
Die Lage und die Höhe der einzelnen Fixpunkte wurden mittels Winkelmessungen und Dreiecksrechnungen aufwändig ermittelt. Diese Arbeit war von grosser Bedeutung, denn das Triangulationsnetz schuf eine präzise Grundlage für die Karten der Schweiz.
Es dauerte gut ein Vierteljahrhundert, bis der Triangulationspunkt auf der Rosablanche zu einem «rechten Sorgenkind» wurde, wie es der Ingenieur Johann Ganz 1916 ausdrückte.
Im September 1914 begab sich eine Equipe der Landestopografie (heute: swisstopo) auf den Gipfel, um Winkelmessungen durchzuführen. Die Messresultate zeigten, dass sich auf der Rosablanche Ungewöhnliches zugetragen hatte. Laut Hans Zölly (1880–1950), dem damaligen Hauptverantwortlichen für die Landestriangulation, stellten sich «unliebsame Überraschungen ein»: Alle Dreiecksberechnungen, die mit der Rosablanche zu tun hatten, gingen nicht auf.
Zunächst wurden Mess- und Rechenfehler als Ursache vermutet, doch die zur Kontrolle angestellten Doppelrechnungen bestätigten Zöllys Beobachtung: Der Triangulationspunkt auf der Rosablanche hatte sich zwischen 1895 und 1914 um circa 3,5 Meter bewegt. Der Ingenieur zog ein dramatisches Fazit: «Wir standen […] vor der Tatsache, dass einer unserer wichtigsten trigonometrischen Fixpunkte kein Fixpunkt war.»
In der Folge setzte die Landestopografie alles daran, mitzuverfolgen, ob und wie der Fixpunkt weiterwanderte. Zwischen 1915 und 1921 erklommen fast jeden Sommer Ingenieure mit ihren Messgehilfen die Rosablanche. Sie konnten der Bewegung des Gipfels buchstäblich zuschauen:
Berechnungen aus dem Jahr 1921 zeigten schliesslich, dass der Fixpunkt gut 21 Meter tiefer lag als bei der ersten Messung von 1891. Der einst klar vom Rest des Bergs abgehobene Gipfel war so stark eingesunken, dass er immer mehr zum Teil des Berggrats wurde.
Zunächst nahmen die Ingenieure der Landestopografie an, dass ein Erdbeben die Rosablanche in Bewegung gebracht hatte. Weil aber kein anderer Triangulationspunkt der Region eine ähnliche Wanderung hingelegt hatte, erschien diese Vermutung bald unplausibel. Auch poröses Gestein oder tektonische Verschiebungen konnten als Ursachen ausgeschlossen werden.
Die Landesvermesser tappten jahrelang im Dunkeln, bis sie um 1920 auf den Neuenburger Geologieprofessor Émile Argand (1879–1940) aufmerksam wurden. Argand war ein Kenner der Walliser Alpen und hatte den Berg ebenfalls genau studiert. Darin lag eine gewisse Ironie des Schicksals: Ohne voneinander zu wissen, hatten die Ingenieure und der Geologe die Rosablanche zeitgleich beobachtet.
Émile Argand hatte bereits 1916 festgestellt, dass eine Gletscherschmelze die Felsmassen ins Rutschen gebracht hatte. Unmittelbar unter dem Kulminationspunkt des Bergs lag der Glacier de Prafleuri. Sein Eis stabilisierte die Gipfelpartie nicht nur von aussen, sondern auch im Untergrund: Der Gletscher hatte den Rosablanche-Gipfel während Jahrtausenden unterhöhlt und stützte ihn mit seinen festen Eismassen. Doch um die Jahrhundertwende begann der Glacier de Prafleuri in hoher Geschwindigkeit zu schmelzen. In der Folge verlor der Gipfel das eisige Fundament, auf dem er stand – die Gipfelbewegung begann.
Argands Erkenntnisse hatten auch für die schweizerische Landesvermessung Folgen: Als Standort eines Triangulationspunkts hatte der instabile Gipfel ausgedient. Der «zentral gelegene, prächtige Gipfelpunkt» La Ruinette trat an seine Stelle.
Der Fall der Rosablanche zeigt beispielhaft, dass die Bergwelt der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert unter immer genauerer Beobachtung stand. Landesvermessung, Gletscherforschung und Alpinismus halfen dabei, Veränderungen im alpinen Raum zu dokumentieren und frühzeitig zu erkennen. Dieser Trend setzt sich bis heute fort: Hochpräzise Höhenmodelle, das Gletschermessnetz GLAMOS und das Netzwerk für Permafrostmonitoring PERMOS, um nur einige Beispiele zu nennen, dokumentieren Veränderungen in Berggebieten heute in grosser Detailtreue.
Der Niedergang der Rosablanche in den 1910er-Jahren warf zudem ein frühes Schlaglicht auf das Verhältnis von Eis und Fels. Dass Gletscher und Permafrost eine wesentliche Rolle beim buchstäblichen Zusammenhalt der Alpen spielen, zeigt sich mit der fortschreitenden Klimaerwärmung immer deutlicher.
Jüngstes Beispiel ist der massive Bergsturz am Fluchthorn im schweizerisch-österreichischen Grenzgebiet. Eine Million Kubikmeter Gestein stürzten dort am 11. Juni 2023 in die Tiefe, was den Gipfel um 19 Meter kürzer machte. Die Ursache: Auftauender Permafrost und das Schmelzen des Fluchthornferners. Dieser Gletscher hatte die Westflanke des Fluchthorns gestützt, bis er sich zurückzog und damit – wie einst der Glacier de Prafleuri – den Berg ins Wanken brachte.
Die SBB wollen grüner werden. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2018 halbiert werden. Ausserdem sollen die Züge so bald wie möglich nur noch mit erneuerbarer Energie fahren. Damit dies gelingt und die Bahn, neben dem Langsamverkehr, das klimafreundlichste Verkehrsmittel bleibt, laufen mehr als 200 Nachhaltigkeitsprojekte.