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Im Interesse Frankreichs diktierte Napoleon, damals Erster Konsul der Republik, den Schweizer Gesandten 1803 in Paris eine föderalistische Verfassung, die Mediationsakte. Sie enthielt 19 Kantonsverfassungen und eine Bundesverfassung mit einem Landammann an der Spitze. Damit bildete er die Schweizerische Eidgenossenschaft als lockeren Staatenbund. Von ihnen entsprachen 13 den alten Orten und 6 kamen neu als gleichberechtigte Kantone hinzu.
Neu für Zürich war 1803 nicht nur die Kantonsverfassung, sondern auch die Bildung der Stadtgemeinde mit den entsprechenden Behörden. Wie in anderen ehemaligen Stadtstaaten mussten nun Vermögen und Zuständigkeiten ausgeschieden werden. So gingen Justiz, Militär, Aussenbeziehungen und Kirche an den Kanton, während etwa die Aufsicht über Lebensmittel, Trinkwasser und Regeln des Alltags Sache der Gemeinde war. Festzulegen waren auch die territorialen Grenzen. Die Stadt zählte 11‘000 Einwohner, die Landbevölkerung etwa 182‘000 Einwohner.
Dargestellt seien hier jene Personen, die als Ingenieure oder in nahestehenden Funktionen an dieser Neugestaltung mitgewirkt hatten. Sie sind aber auch Beispiele dafür, wie sich in Zeiten gesellschaftlicher Umstrukturierung das Ingenieurwesen selbst wandelt.
Einen ersten Aufschluss ergeben das Amt des Schanzenherrn, obwohl es nicht immer mit einem Ingenieur besetzt war, und die Stadtbefestigung. Zuständig in der Stadt Zürich war Hans Caspar Fries (1739-1805). Schanzenherr war er schon seit 1776. Zuvor stand er als Offizier in französischen Diensten. In der kantonalen Interimsregierung von 1799 war er Fortifikationsdirektor und musste die Feldbefestigung ausserhalb der Wälle aufwerfen lassen. Während der Helvetik war er Mitglied der Gemeindekammer der Stadt und Bauinspektor (1799-1803). Er gilt als Schöpfer von Promenaden (Hirschengraben und hohe Promenade). In der neuen Kantonsregierung von 1803 sass er im Grossen und im Kleinen Rat. Dort hatte er das Präsidium des Bau- und Kriegsdepartements sowie das Vizepräsidium der Spitalpflege inne. Als er am 26. Juni 1805 verstarb, suchte die Regierung einen Ersatz. Der Amtsbürgermeister Hans von Reinhard berief Johannes Fehr. Im Schreiben vom 14. Dezember erscheint diese Stelle auf Fehr zugeschnitten, denn sie wurde als „Civilingenieur-Architekt und Fortifications-Direktor“ des Kantons bezeichnet.
Johannes Fehr (1763-1823) war in Zürich nicht unbekannt. Als 20jähriger hatte er vom Stadtstaat Zürich ein Stipendium erhalten. Er nutzte es für eine mehrjährige Bildungsreise quer durch Europa und knüpfte wertvolle Beziehungen zur Welt der Gelehrten. 1786 fand er in Zürich bei Schanzenherr Fries eine bescheidene Anstellung als Ingenieur und konnte heiraten. Aus dieser Zeit zu erwähnen sind kleinere Vermessungsarbeiten in der Umgebung und vor allem die Karte des Rheintals von 1796 auf trigonometrischer Grundlage. Sehr geschätzt waren seine Vorträge bei der Mathematisch-Militärischen und bei der Naturforschenden Gesellschaft. So wurde 1790 für seine Vermessung mit astronomischen Methoden auf dem Grossmünster eine Sternwarte bewilligt und eingerichtet. Es war die erste in der Schweiz. Noch vor dem Umsturz von 1798 suchte Fehr eine Stelle im Ausland und fand sie als Bauinspektor beim Herzog von Sachsen-Meiningen. Die Berufung von 1805 zurück nach Zürich brachten ihm keine „grossartigen“ Aufträge. Als Schanzenherr musste er die bestehenden Festungswerke reparieren lassen. Neue Strassenzüge und Flusskorrektionen hatte er nicht zu planen. Für längere Zeit beansprucht war er allerdings nach dem Bergsturz von Goldau (1806), wo er eine Schadenkarte erstellte. Am wichtigsten war ihm das Arbeiten im vertrauten Beziehungsnetz, das er von Zürich aus aufgebaut hatte.
Für die Strassen zuständig war seit 1780 Sigmund Spitteler (1732-1818) als Strasseninspektor. Zum Gärtner und Strassenbauer in Savoyen und Bern ausgebildet, unterzeichnete er seine Pläne von 1800 als „Ingenieur vom Damm- und Brückenbau“. Ab 1803 wirkte er im neuen „Landstrassen-Departement für den ganzen Canton“, wo 1811 sein Sohn Caspar Spitteler (1763-1838) das Amt übernahm. Strassenbau bedeutete Unterhalt der drei bestehenden Hauptstrassen in Richtung Schaffhausen, Baden und Frauenfeld/St. Gallen. Gebaut wurden drei grössere Brücken, allerdings von Werkmeister Hans Konrad Stadler (1752-1819). Er war Staatsbauinspektor und machte Projekt und Bauleitung in dieser Funktion.
Im Wasserbau wurden nur vereinzelte Flusskorrektionen ausgeführt. So wirkte der Winterthurer Johann Jakob Sulzer (1781-1828) als Ingenieur bei Arbeiten an der Töss ab 1804, bis er nach zehn Jahren aus gesundheitlichen Gründen um Entlassung bat. Ausgebildet als Zeichner und Maler wandte er sich aber der Schule zu. Er erteilte Privatunterricht in Geometrie und Naturkunde, ab 1809 an den Knaben- und Mädchenschulen, und wurde später Stadtrat und Kirchenpfleger in Winterthur. – Ein grösseres Vorhaben war die Korrektion der Glatt. Sie war 1812 nach einem Bericht von Hans Conrad Escher beschlossen worden. Als Leiter der 1813 begonnenen „Einwuhrung“ wirkte der hoffnungsvolle, jung verstorbene Ingenieur David Breitinger (1789-1815).
Offenbar war es Johannes Fehr trotz Beanspruchung infolge Oberaufsicht gelungen, seine Zeit für „die höhere Mathematik“ und weitere Vermessungen zu nutzen. So erstellte er das Nivellement vom Walensee zum Zürichsee (1807) als Vorarbeit für die Linthkorrektion von Hans Conrad Escher, Naturwissenschafter und Staatsmann. Auf Anordnung von Hans Konrad Finsler machte er die Triangulation der Nordostschweiz (1809). Mit seiner Basismessung im Sihlfeld von 1794-97 hatte er sie eigentlich schon vorbereitet. Auf die Kartographie des Kantons hatte er keine direkte Folge, da Finsler sein Schwergewicht auf das Gebiet der Schweiz verlegt hatte. Er konnte aber die gegenseitige Lage von Zürich und St. Gallen bestätigen, die er zuvor schon astronomisch bestimmt hatte. Er setzte seine astronomischen Beobachtungen fort und erteilte den gewünschten Privatunterricht in Mathematik und Geodäsie. Dazu hatte ihm die Regierung eigens eine Behausung als Sternwarte auf dem Wall neben der Kronenpforte errichtet.
Auf Stadtgebiet bestand eine Karte von Johannes Müller (1733-1816). In den Jahren 1788-93 hatte Müller die Stadt neu vermessen und als „Grundriss der Stadt Zürich“ im Massstab ca. 1:1000 aufgezeichnet. In seiner Jugend hatte er sich um ein städtisches Stipendium in fremden Diensten beworben und konnte 1753-54 beim französischen Ingenieurcorps in Schlettstadt und Strassburg die Ingenieurkunst erlernen. Seit 1756 stand er als obrigkeitlicher Ingenieur im Dienst des Stadtstaats Zürich, unter anderem bei Schanzenherr Fries. Von 1759-1804 war er Herausgeber des „Zürcher Taschenkalender“. Er erstellte zahlreiche Gemeinde- und Zehntenpläne sowie Karten, u.a. Kopien der Kantonskarten von Hans Konrad Gyger aus dem vorigen Jahrhundert. Ferner erteilte er Unterricht in mathematischen Fächern und gab ein archäologisches Sammelwerk der Schweiz heraus (1773-1783). Sein Stadtplan war 1794 von der Regierung angekauft worden.
Nach den Kriegsereignissen in Zürich entstand der Wunsch nach einem genaueren Plan der Stadt. Oberst David Breitinger, Instrumentenbauer und ab 1804 Zeugherr, hatte einen „Plan de la ville et des environs de Zurich“ im Massstab 1:17‘500 herausgegeben. Sein gleichnamiger Sohn befand sich damals zur „Ausbildung in Wasserkunst“ in Wien und sammelte weitere Erfahrungen in Deutschland und in den Niederlanden. Ab 1810 war er zurück in Zürich und wirkte an der erwähnten Glattkorrektion als Ingenieur mit. In dieser Zeit zeichnete er den „Plan der Stadt Zürich“, indem er den Plan von Müller benutzte und sehr genau reduzierte (Massstab 1:3‘333). Nach seinem Unfalltod 1815 veranlasste der Vater die Herstellung einer Kupferplatte und verkaufte die Rechte daran 1817 an die Stadt zur Veröffentlichung. Johannes Fehr hatte zuvor den Inhalt noch aktualisiert.
Aus dem Privatunterricht, den Johannes Fehr auf Wunsch der Behörde erteilte, sind bedeutende Zürcher hervorgegangen. Als Ingenieur nachgewiesen ist Heinrich Pestalozzi (1790-1857), und im eidg. Generalstab wirkte David Nüscheler (1792-1871) als Genieoffizier. Ingenieur wurde auch der Sohn von Fehr, Johannes Fehr (1796-1830), der topographische Pläne erstellte. Der Winterthurer Salomon Hegner (1789-1869) hingegen holte seine Ausbildung an der Ecole polytechnique (1807) und an der Ecole des Ponts et Chaussées in Paris.
Soweit erkennbar sind es etwa 10 Personen, die zur Zeit der Mediation in Zürich als Ingenieur tätig oder in der Ausbildung waren. An Neuerungen im Festungsbau war dabei nicht zu denken. Der Strassenbau stagnierte aus finanziellen Gründen und im kantonalen Wasserbau wurde nur das Nötigste in Angriff genommen. Sehr gefragt hingegen waren Karten und Pläne auf topographischer Grundlage, also die Kompetenz in Vermessung. Diese Werke dienten militärischen Zwecken und der zivilen Verwaltung. Dadurch veränderten sie auch die Stellung der Ingenieure in den neuen kommunalen und kantonalen Behörden.