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Barcelona-Verteidiger Gerard Piqué ist längst nicht mehr nur Fussballer. Seit Jahren bastelt er an seinem Imperium. Nun mischt er sich auch in den Tennis-Sport ein und ist mitverantwortlich für die radikalste Davis-Cup-Reform aller Zeiten. Wie es dazu kam.
Eloquent, privilegiert, intelligent, ausgebildet an der katholischen Elite-Schule La Salle Bonanovo, das Gesichtshaar zu einem modischen Dreitagebart getrimmt, Sohn eines Anwalts und einer renommierten Hirnchirurgin, Enkel eines ehemaligen Vize-Präsidenten des FC Barcelona.
Nein, Gerard Piqués (31) Biografie hat wenig mit jenen Heldengeschichten zu tun, in denen ein Kind aus einer mittellosen Familie als Fussballer Weltruhm erlangt. Doch genau das hat der Katalane getan: Er wurde achtmal Meister, gewann viermal die Champions League, dreimal die Klub-WM, wurde Welt- und Europameister.
Seiner Übersicht und Technik wegen hatten sie ihn in Spanien in Anlehnung an Franz Beckenbauer als «Piquénbauer» bezeichnet. Dabei war Gerard Piqué im Team von körperlosen Schönspielern stets der Leidensmann, bis er im Juli nach 102 Länderspielen aus dem Nationalteam zurücktrat. Er war der Kritik überdrüssig geworden, die ihn verfolgt hatte, seit er sich für die Unabhängigkeit Kataloniens ausgesprochen hatte.
Das ist ein Teil der Wahrheit. Piqué ist mit der kolumbianischen Pop-Sängerin Shakira verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Doch vor allem bastelt der Mann, der von sich sagt, er sei ein rastloser Typ, seit Jahren fast unbemerkt an seinem Imperium. 2016 gründete er die Firma Esports Media Rights, die sich mit dem Spielehersteller Konami verbündete und einen professionellen E-Sports-Wettbewerb ins Leben rief, dem Barcelona, Schalke und Monaco beigetreten sind.
Doch das ist nur eines seiner zahlreichen Betätigungsfelder. Über seine «Kerad 3 Invest», die über ein Vermögen von knapp 14 Millionen Euro verfügt und bei der Bruder Marc als Geschäftsführer wirkt, hält Piqué weitere Beteiligungen: Sein Geld steckt er in Eisenbahnen, in die Gastronomie, Immobilien, in Medien und Investmentfonds. Dabei zahlte er als Unternehmer auch Lehrgeld: Seine «Kerad Games» verzeichneten über Jahre sechsstellige Verluste, wie auch die Nahrungsmittelfirma Natrus, die Öko-Hamburger produzierte.
Kürzlich verlängerte Piqué seinen Vertrag bei Barcelona bis 2022. Sechs Millionen Euro bringt ihm das ein. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein: Sein Jahreseinkommen wird auf 50 Millionen Euro geschätzt. Wer so gut verdient, kann sich auch den viertägigen Kurs in Business of Entertainment, Media and Sports an der US-Elite-Universität von Harvard leisten. Kostenpunkt: 10'000 Euro. Viel wichtiger aber sind die Kontakte, die Piqué dort geknüpft hat: Im Frühling gründete er mit zwei Mitstudenten die «Starcat Media Rights».
Heute heisst das Konstrukt Kosmos-Gruppe. Erstmals trat diese vor der Fussball-WM öffentlich in Erscheinung, als der Franzose Antoine Griezmann in einem Kurzfilm voller Pathos und mit dem Titel «Die Entscheidung» seinen Verbleib bei Atlético Madrid verkündete. Zuvor war er wochenlang von Barcelona umgarnt worden. Produzent des Films? Die Kosmos Studios von Gerard Piqué, dem Spieler des FC Barcelona.
Zwar kündigte die Klubführung Massnahmen an, doch passiert ist: nichts. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass sich der Stammspieler neben dem Platz noch unverzichtbarer gemacht hat. Mitinhaber der Kosmos-Gruppe ist Hiroshi Mikitani, mit einem Vermögen von 7.1 Milliarden Dollar einer der 400 reichsten Menschen der Welt. Er ist der Gründer des japanischen Online-Händlers Rakuten, der mit 6.5 Milliarden Dollar Umsatz zu den zehn grössten Playern in diesem Segment zählt.
Von Piqués Nähe zu Mikitani profitiert seit 2017 auch der FC Barcelona: 220 Millionen Euro erhält der Verein bis 2021 für Trikotwerbung. Piqué soll beim Deal eine zentrale Rolle gespielt haben. Dafür drückt man auch gerne ein Auge zu, wenn der Verteidiger im Training fehlt.
Wie vor einer Woche. Damals weilte Piqué im Hotel Ritz-Carlton in Orlando, wo der Tennisweltverband ITF mit einer Zweidrittelmehrheit die radikalste Reform in der 118-jährigen Geschichte des Davis Cups verabschiedete. «Beruflich und persönlich ist dieser Tag einer der glücklichsten meines Lebens», sagte Piqué und versprach: «Wir werden den Davis Cup auf ein neues Niveau heben.» Bei seinem Vorhaben profitierte er offenbar auch von mafiösen Tendenzen.
So soll der einflussreiche britische Verband der Reform in der geheimen Abstimmung zugestimmt haben, obwohl man tags zuvor ein gegenteiliges Bekenntnis abgegeben hatte. Der französische Verbandspräsident Bernard Giudicelli, der auch im ITF-Board sitzt, war einer der lautesten Befürworter. Dass er an der Abstimmung teilnehmen durfte, ist indes umstritten. Er wurde im letzten September in Frankreich wegen Verleumdung mit einer Geldstrafe belegt. Die Statuten der ITF sehen den Ausschluss Verurteilter aus sämtlichen Gremien vor. Das Problem: Diffamierung gilt nicht überall als Straftat. Und der ukrainische Verbandschef soll mit Luxusferien auf Bali geködert worden sein. Gastgeber: Giudicelli. Und wo findet der erste Davis-Cup-Final nach neuem Format statt? In Lille, Frankreich.
Dass mit den USA, das mit David Haggerty den ITF-Präsidenten stellt, Frankreich und Grossbritannien drei Verbände, deren Stimmenpakete grösser sind, für die Reform gestimmt haben, hat viel mit deren Binnenklima zu tun. Selbst die vehemente Opposition der Spieler blieb ohne Wirkung. So sprach sich der Spielerrat um Novak Djokovic gegen die Reform aus und Alexander Zverev sagte, er bevorzuge Ferien auf den Malediven, statt im Davis Cup zu spielen.
Entscheidend aber war ein anderer Faktor: das Geld. Für kleine Verbände waren Heimspiele schon lange ein Minusgeschäft. Selbst in der Schweiz mit Roger Federer und Stan Wawrinka liess sich kein Geld verdienen. Das neue Format verspricht einen Geldregen: 3 Milliarden Dollar in 25 Jahren. Zuletzt gewann Kosmos mit Larry Ellison – mit 60 Milliarden Dollar Vermögen einer der zehn reichsten Menschen der Welt – und der China Media Capital weitere potente Investoren.
Mittwoch, 11. Juli: Spanien ist bei der Fussball-WM längst ausgeschieden. Auf einer Terrasse in Wimbledon unterhält sich Piqué mit Tony Godsick, Manager von Roger Federer. Mit den Mächtigen in diesem Zirkus ist er längst vertraut. Hier lobbyiert er für die Davis-Cup-Reform. Für ihn ein Geschäft.
Seine Kerad Invest ist eine Investmentgesellschaft mit variablem Grundkapital. Gesetzlich sind 100 Teilhaber vorgeschrieben. Das soll verhindern, dass solche Konstrukte zur Steueroptimierung missbraucht werden.
Der Vorteil: Gewinne werden nur zu einem Prozent besteuert, bei Unternehmen beträgt der Satz bis zu 30 Prozent. Fakt ist: Piqué hält 87 Prozent der Anteile. Der Rest verteilt sich auf 121 Teilhaber. In Spanien bezeichnet man solche Strohmänner als «Mariachis». Illegal ist das nicht. Gerard Piqué ist neu der heimliche Boss im Welttennis. Für ihn ist es verschmerzbar, dass er bei Traditionalisten als Totengräber gilt.