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2. August 2014 Bericht Seite 3 im Unter-Emmentaler. Von Liselotte Jost-Zürcher
Winzig klein und hervorragend getarnt
Nur selten wird der Waldbaumläufer, einer der kleinsten Vögel Europas, wahrgenommen; er ist hervorragend getarnt. War er in unserer Region längere Zeit nur noch sehr schwach vertreten, hat er sich nach dem Sturm Lothar Ende des Jahres 1999 deutlich vermehrt: Der Waldbaumläufer fühlt sich unter anderem im Totholz sehr heimisch.
Waldbaumläufer leben in Nadel- und Mischwäldern im Jura und in den Alpen und kommen auch im Mittelland sowie in der Region Emmental / Oberaargau in geringer Dichte vor. Sie sind eine der kleinsten Vogelarten Europas, werden nur etwa 12 bis 13 Zentimeter gross und zirka 9 Gramm schwer. Das allerdings ist nicht der einzige Grund, weshalb Waldbaumläufer von Menschen nur sehr selten wahrgenommen werden: Viel mehr sind sie an den Baumrinden, an welchen sie herumklettern, hervorragend getarnt. Verhält sich der Vogel still, hebt er sich farblich vom Hintergrund kaum ab und ist deshalb fast nicht erkennbar.
«Schwanzstütze» wie der Specht
Der Waldbaumläufer (Certhia Familiaris) trägt ein dichtes, wolliges Federkleid, das an der Unterseite hell, an der Oberseite dunkelbraun gefärbt ist. Das Häubchen ist rostfarben. Der Schnabel ist markant nach unten gebogen. Ein heller Streifen reicht vom Auge bis zum Schnabel. Der Schwanz besitzt eine Länge von gut fünf Zentimetern und dient zur Steuerung des Fluges und als Stütze, um sich am Stamm abzustossen; ähnlich wie der Specht, der allerdings ein Mehrfaches grösser ist als das kleine Vögelchen. Typisch für den Waldbaumläufer ist die Art und Weise der Fortbewegung: Er hüpft spiralförmig den Stamm hinauf, stösst sich mit dem Schwanz ab und lässt sich dann seitwärts fallen. Mit angelegten Flügeln landet er am nächsten Baum, wo er mit ausgebreiteten Flügeln seinen Flug wieder abbremst. Dies geht blitzschnell; er ist beim Baumwechsel kaum zu sehen. Mit seinem langen, gebogenen Schnabel kann der Waldbaumläufer Spinnen, Käfer, Larven und Insekten auch aus tiefen Rissen und Spalten der Baumrinden hervorziehen.
Verluste ausgleichen
Balzzeit des Baumläufers ist im April. Aus Tannenreiser, trockenen Holzfasern, Tierhaaren und Federn baut er ein Nest hinter abstehenden Rindenstücken oder in Baumspalten. Pro Tag legt er ein Ei, bis das Gelege mit fünf bis sieben Eiern komplett ist. Gelege wird nur vom Weibchen bebrütet. Bereits nach 15 Tagen schlüpfen die Jungen. Die Nestlingszeit dauert etwa zwei Wochen. Die Jungen werden jedoch noch längere Zeit von den Eltern gefüttert.
In den Nestern entstehen durch Räuber wie Marder, Wiesel, Eichelhäher, Krähen und andere Feinde grosse Verluste. Diese können durch sogenannte Schachtelbruten ausgeglichen werden: Ein Weibchen legt schon ein neues Gelege, bevor die Jungtiere des ersten Geleges selbständig sind.
Der Waldbaumläufer ist ein scheues, eigensinniges Wildvögelchen. Nur in ganz seltenen Fällen nimmt er künstliche Nisthilfen an. Untersuchungen haben ergeben, dass ein Baumläuferpärchen eine überaus grosse Rindenfläche von 18 000 m² benötigt, um eine Brut erfolgreich aufziehen zu können. Dabei bietet Baumrinde dem Baumläufer nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz vor Feinden und vor der Witterung.
Eis verhindert Nahrungsaufnahme
Prekär wird es, wenn die Bäume im Winter von einer Eisschicht bedeckt sind. Der Waldbaumläufer ist dann bedroht, weil keine Nahrungsaufnahme möglich ist. Passiert dies, kann es Jahre dauern, bis sich die regionalen Populationen wieder erholt haben. Der Waldbaumläufer verbringt das ganze Jahre bei uns. Er ist in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas verbreitet und wird auch in Ostasien bis nach Japan gesehen. In den Extremzonen Europas dagegen, wie in Spanien ausserhalb der Pyrenäen, in Südgriechenland und im Norden Skandinaviens oder auch im Westen Frankreichs fehlt er gänzlich.
In den Hochgebirgen brütet er bis hinauf zur Baumgrenze. Er bevorzugt Nadelwälder. Im Totholz, wie es nach dem Sturm Lothar im Jahr 1999 in den Schweizer und süddeutschen Wäldern immer noch häufig vorkommt, findet er besonders viel Nahrung. Damit hatte Lothar auf die Vermehrung des zuvor selten gewordenen Waldbaumläufers doch wenigstens einen guten Nebeneffekt. Im herumliegenden Totholz gab und gibt es Nahrung für den Insektenjäger zuhauf.