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«Nicht nur anders, besser!»
Muss man sich wundern, dass sie neben ihrer Arbeit abends Schauspielunterricht nahm? Denn: «Wenn ich schon in der Stadt von Hollywood wohne, will ich auch die Erfahrung als Schauspielerin machen.» Nächste Stationen waren eigene Studios in London und Berlin, heute arbeitet sie in London und Mailand.
Ein vielseitiges Repertoire
Während ihrer Zeit in Kalifornien baute sie beispielsweise eine Villa in Beverly Hills um, eine ehemalige Beatles-Villa, ein Haus für das Lieblings-Bunny von Hugh Hefner sowie das bekannte Restaurant Manhattan West von Sylvester Stallone. Sein Film «Lock up» kam grad heraus, damit wurde die Eröffnungsparty gefeiert. Dafür wählte sie Motive aus New York, das Brooklyn-Thema mit den typischen Feuerleitern als optischem Merkmal. Der Boden wies Gebrauchsspuren auf, die Risse wurden mit Farbpigmenten gefüllt als eine Anspielung an die stete Gefahr der Erdbeben in Kalifornien. Eine der Feuerleitern war auch der Arbeitsplatz des DJs, als Axonometrie entworfen. Weitere kommerzielle Projekte entstanden in Bel Air und Pacific Palisades. Retail war gefragt, sie nahm an Wettbewerben teil und gewann sie, hielt Vorträge und war Gastdozentin in New York so wie auch während 9 Jahren an der, wie sie selbst sagt, «besten Hotelfachschule» in Lausanne.
Sie arbeitete auf allen Kontinenten, zu Wasser und in der Luft am «Airbus A380». Sie prägte und prägt Luxushotels, aber auch Museen, Kreuzfahrtschiffe, Ausstellungen oder Produkte. Sie war Vorreiterin der heute nicht mehr weg zu denkenden organischen Formensprache. Ihr ganzheitlicher Zugang zu Design in Verbindung mit modernster Spitzentechnik resultierten in preisgekrönten und viel beachteten Projekten. Dem interdisziplinären Wirken gehört ihre Vorliebe, sie entwickelte für ein grosses Projekt den Masterplan für ein urbanes Zentrum mit kulturellem Anspruch. Mit Schulen, einer Akademie für Kunst, Kultur und Design, Golfplatz, Wohnungen und Hotels. Eine attraktive Stadt auch für diejenigen Menschen, die dort leben und arbeiten. Ein Vorteil waren und sind sicherlich ihre vielseitigen Talente und Kenntnisse in Verbindung mit Architektur, Design und Unternehmertum. Produkte entwirft sie oft und gern im Zusammenhang mit ihren Projekten, das sei eine andere Herangehensweise, die ihr entspreche. Dies für namhafte internationale Hersteller wie Dornbracht, Bisazza, Duravit, um nur ein paar zu nennen. Den für den deutschen Büromöbelhersteller Erpo entworfenen Bürostuhl veränderte sie zum Lounge-Sessel, der in allen Business Lounges der Lufthansa eingesetzt wurde.
Hotels sind bis heute ihre Leidenschaft
Die klassischen Luxushotels hatten vor der Jahrtausendwende kaum ein eigenes Gesicht, Wettbewerb bestand lediglich punkto Service und luxuriöse Ausstattung. Als die bekannten Mode-Marken das Branding als bestimmenden Teil des Erfolges erkannten und einsetzten, war das für Hotels noch lange kein Thema. «Dabei benötigen alle grossen Ketten ihr eigenes Branding, nicht austauschbar sein, das ist weit wichtiger als Kategorien oder Sterne. Der Gast muss spüren, in welchem Land er sich befindet, die kulturellen Werte eines Landes müssen erlebbar sein», sagt Mahmoudieh.
Ihr Interesse an Psychologie ist wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Ihr Zugang zu Design aus der Sicht menschlicher Psychologie und der Einbezug von Innovation und modernster Technologie helfen ihr bei aussergewöhnlichen Projekten. Den Menschen begreifen und wertschätzen, das fehlt ihr bis heute allzu oft in der Architektur. Schliesslich soll ein Haus, ein Raum glücklich machen und begeistern. Sie selbst sieht sich als Interpretin, die die DNA eines Ortes in eine architektonische Sprache übersetzt, in der die Menschen sich wiederfinden. Hotel-Architektur entstehe leider oft zu sehr getrennt von der Innenarchitektur, dabei sollten Innenarchitekten von Anfang an dabei sein und viel Freiraum haben. Architekten sollten so kreativ wie möglich die Hülle bauen, gemeinsam sei es danach einfach, vom Grossen ins Kleine zu planen, aber Architekten wollen oft alles selbst machen. Nach wie vor unterschätzt würden leider Einflüsse bezüglich Nachhaltigkeit, Transformation, Emotionen oder Meditation.
Homebase London
2009 zog Mahmoudieh mit ihrer Familie und den beiden Kindern nach London, und wenn Mama arbeitete, sollten ihre Kinder beschäftigt werden. Sie startete also das Projekt «My kidsy». Eine Schule? Kindergarten? Nursery? Nein, ein Online-Marktplatz für Kinderaktivitäten. Ein Ort, wo Kinder an die Technik herangeführt werden, programmieren lernen, erste Kenntnisse in Unternehmertum erwerben, alles was die Schule nicht macht und man dringend früh lernen sollte. Dazu gehören auch Achtsamkeit, das Umgehen mit Geld, Kindern eine Zukunft in der modernen Welt des Designs bieten, Netzwerke aufbauen, aktive Menschen werden mit Interesse an Ethik und Ästhetik. Ein spannender Ort für Kinder, ein Projekt, wofür sich heute übrigens auch Hotels interessieren. Sie ist dabei, dies zu einem ihrer «dringenden Projekte» zu erklären, die Zeit sei reif dafür. Reichlich ungewohnt bisher ist allerdings ihre Vorgehensweise, erst Projekte zu entwickeln und danach Investoren zu suchen und zu begeistern.
Meilensteine und Projekte
Die Core- und European-Design-Auszeichnung für Hotel Rheinsberg, das erste 4-Sterne-Hotel für Menschen mit Behinderung, war ein wichtiger Meilenstein und zeigt gleichzeitig ihre Einstellung und Ideologie. 2018 nahm sie in London wiederum an der grossen Hotelshow «Sleep + Eat» teil, diesmal mit einem «Sleep Set». Noch unerfüllt ist ihr Traum einer eigenen Hotelkette mit grenzenlosem Freiraum für ein neues Marketing. Sie arbeitet daran, ein neuartiges Country-Club-Konzept ausserhalb von London hat das Potenzial dazu. Ausserdem arbeitet sie an Hotelprojekten für Athen und Usedom. Auch hier: kein Overkill. «Ein Hotel ist wie eine kleine Stadt und sehr anspruchsvoll.» Zu ihrem Gesamtkonzept gehören gründliche Recherche, den Ort verstehen, Neues und Einzigartiges kreieren, das Ziel definieren, eine Story entwickeln, funktionelle Räume gestalten, die alle fünf Sinne ansprechen. Besonders wichtig sei jeweils das Spiel von Licht und Schatten und natürliche, niemals aufdringliche Düfte. Für die Verwirklichung dieses Vorstellung entwickelte sie eine eigentliche Duftmaschine gemeinsam mit berühmten Parfümeuren. Genauso setzt sie Musik ein oder Geräusche aus der Natur, frei und leicht wählbar je nach Stimmung und Tageszeit. Sie will zudem mit dem Branding beauftragt sein – bis hin zu den Uniformen der Mitarbeiter – der Signaletik und der Beschriftung der Menükarten.
Sie will das Gegenteil von «Designerhotels». Sie, die oft in Hotels lebt, teilweise auch mit ihren Kindern, will nicht nur einen Übernachtungsraum, sondern Raum zur Entfaltung, Erfahrung und Erholung. Daher sei eines ihrer Lieblingsprojekte das Hotelkonzept «Five- + Sensotel». Funktionale Architektur, anspruchsvolles Design, innovativer Einsatz der Materialien und intelligenter Technologien: all das als ganzheitliches, sinnlichen Erlebnis.
Inspiration und Ausblick
Wo und womit inspiriert sie sich? Mit Musik, Dichtung, im Flugzeug, überall dort, wo es ruhig ist, nachts im Schlaf mit griffbereitem Block und Stift. Natürliche und neuartige Öko-Materialien, die neuen «smart materials», alles was clever recycelt wurde, fasziniert sie . Im 20 Quadratmeter grossen Micro Apartment an der «Interzum 2019» setzt sie beispielsweise den Stoff eines Schweizer Unternehmens ein, das elektromagnetische Strahlen absorbiert, ausserdem recyceltes Leder und auf die Wände eine moosartige Bekleidung, die Luftverschmutzung absorbiert.
Zu Mahmoudiehs Lieblings-Designern oder -Architekten gehören der chinesisch-amerikanische Architekt Leoh Ming Pei sowie Kengo Kuma, aber auch die Designerin Anna Castelli-Ferrieri, Persönlichkeiten mit einer starken Philosophie. Zu ihrem persönlichen Netzwerk gehören Dichter, Künstler und Designer ebenso wie Investoren. Projekte in Asien und Afrika beeindruckten sie kürzlich, aber auch Sizilien, wo Bürgermeister Häuser für 1 Euro anbieten, damit kleinere Städte wieder belebt werden und nicht nur die Alten zurückbleiben. Ihr schwebt dort ein Projekt vor, eine Art Co-Working- und Co-Living-Siedlung mit Familie und Freunden, wo man individuell und dennoch gemeinschaftlich zusammenlebt.
Wie schafft man den Durchbruch auf der internationalen Bühne, was würde sie einer jungen Innenarchitektin sagen? «Man muss sich sehr genau kennen und sich nicht in die erste Idee verlieben, frisch denken, nicht kopieren, an den oder die Menschen denken, die später damit leben.
Yasmine Mahmoudieh