Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03341.jsonl.gz/2395

Kirschessigfliege
Drosophile du cerisier (franz.); cherry fruit fly oder spotted wing drosophila (engl.)
wissenschaftlicher Name: Drosophila suzukii Matsumura
Taxonomie: Animalia, Arthropoda, Insecta, Diptera, Drosophilidae
Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) stammt ursprünglich aus dem Fernen Osten. Sie breitete sich nach Nord- und Südamerika aus und wurde in Europa (Spanien) Ende 2008 erstmals beobachtet. Im Jahre 2011 erreichte D. suzukii die Schweiz (Kehrli et al., 2012). Die Liste der Wirtspflanzen von D. suzukii ist lang, wobei Beeren die bevorzugten Wirte sind. Auch Weintrauben werden befallen. Frühe rote Sorten mit dünner Fruchthaut sind am anfälligsten. Die Kirschessigfliege bevorzugt eher feuchte, schattige und windgeschützte Lebensräume. Die Weibchen haben einen gut entwickelten, gezähnten Ei-Legeapparat (Ovipositor), mit dem sie intakte, reifende Früchte anstechen können, um ihre Eier abzulegen. Die Entwicklung der Larven im Inneren der Frucht führt zu einer schnellen Zersetzung des Fruchtfleisches und zum Verfaulen der Frucht. In feuchten und heissen Jahren sind befallene Beeren ein Grund für einen Befall mit Grau- und Essigfäule. Diese Sekundärschäden können sich stark auf die Qualität des Weins auswirken und wirtschaftliche Folgen haben, die weitaus grösser sind als der Ernteverlust durch die Larven selbst. Eine Behandlung der Trauben mit dem Tonmineral Kaolin (Surround ® WP) reduziert die Eiablage deutlich.
Abb. 1. Eine Larve von Drosophila sp. in einer Weinbeere
Schadsymptome und Schadwirkung
Die Kirschessigfliege befällt reifende Weinbeeren etwa zum Zeitpunkt des Farbumschlags. Befallene Früchte zeigen kleine Einstichlöcher aus denen oft ein Traubensafttropfen herausfliesst. An der Eiablagestelle befinden sich zwei weisse Fäden, die mit dem Ei im Inneren der Beere verbunden sind. Später erscheinen in den Früchten die Larven (Maden), die das Fruchtfleisch fressen (Abb. 2). Auch können Sekundärinfektionen durch Pilze (Graufäule) oder Bakterien (Essigfäule) entstehen. Das Fruchtfleisch zersetzt sich schnell und verliert seine Festigkeit. Die befallenen Trauben verfärben sich zunehmend, trocknen aus oder verfaulen, je nach Witterungsbedingungen (Abb. 1).
Die Larven von D. suzukii sind visuell nicht von denen anderer Drosophila Arten (zum Beispiel D. melanogaster) unterscheidbar. Dies macht es sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, später die Verantwortung für den Schaden einer bestimmten Art zuzuordnen.
Beschreibung des Schädlings
Die adulten Tiere von D. suzukii sind 2-4 mm lang und haben eine Flügelspannweite von 6-8 mm (Linder et al., 20016). Sie haben rote Augen, einen hellbraunen oder gelbbraunen Körper und schwarze durchgehende Querstreifen auf dem Hinterleib. Die Fühler sind kurz und stummelartig. Die Männchen haben einen dunklen Fleck am äusseren Flügelrand (Abb. 2). Männchen ohne dunkle Flügelflecken können vorkommen, da es zwei volle Tage dauern kann, bis die Flecken sichtbar werden (bei hohen Temperaturen erscheinen sie allerdings schon innerhalb von 10 Stunden nach dem Schlüpfen). Bei anderen europäischen Drosophila-Arten fehlt dieser Fleck. Die Weibchen sind größer als die Männchen und besitzen einen kräftigen, gezahnten Ei-Legeapparat (Ovipositor). Kirschessigfliegen, die überwintern, sind grösser und dunkler gefärbt als die Sommertiere.
Die Eier sind milchig-weiss, oval, 0.2-0.6 mm lang und werden einzeln in die Frucht gelegt. Die Eier besitzen zwei charakteristische dünne weisse Fäden, die ausserhalb der Frucht sichtbar sind.
Die madenartigen Larven (ohne Beine) sind weiss mit sichtbaren inneren Organen. Sie haben schwarze Mundwerkzeuge und am hinteren Ende Stacheln. Die Larven durchlaufen drei Larvenstadien und können im ausgewachsenen Zustand bis zu 3.9 mm lang und 0.9 mm breit werden.
Die rötlich-braunen Puppen sind 3 mm lang und 1 mm breit und tragen zwei Ausstülpungen mit kleinen fingerartigen Fortsätzen (Atemschläuche). Die Form der Fortsätze ist charakteristisch und unterscheidet die Puppen von D. suzukii von denen der gewöhnlichen europäischen Drosophila-Arten.
Lebenszyklus
Die Kirschessigfliege (D. suzukii) überwintert als adultes Tier unter immergrünem Laub oder abgestorbenen Blättern. Sobald die Temperaturen tagsüber hoch genug sind (etwa 5 bis 10 °C), kommen sie aus ihrem Unterschlupf hervor und suchen aktiv nach Nahrung. Im Frühjahr, nach der Paarung, beginnen die Weibchen mit der Eiablage in gesunde, heranreifende Früchte (bei Weinreben zum Zeitpunkt des Farbumschlags der Trauben). Die Anzahl abgelegter Eier pro Weinbeere reicht von einem bis zu mehreren, die über die Frucht verstreut sind. Nach drei Larvenstadien verlassen die Maden die Beere, verpuppen sich im Boden und schlüpfen später als erwachsene Fliegen. Einzelne Maden verpuppen sich bereits in den Beeren.
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines erwachsenen Tieres beträgt drei bis neun Wochen, überwinternde Individuen können aber mehr als sechs Monate alt werden. Die Entwicklung vom Ei zum erwachsenen Tier variiert je nach Temperatur und Wirtspflanze von etwa dreissig Tagen im Frühjahr und Herbst bis zu nur zehn Tagen im Hochsommer (Linder et al. 2016). Die Anzahl der Generationen pro Jahr liegt je nach Temperatur und geografischer Lage zwischen 5 und 12.
D. suzukii kann sich auf einer Vielzahl von kultivierten und wilden Früchten entwickeln, die das ganze Jahr über reifen. Das Insekt wird von allen dunklen, weichen, dünnhäutigen Früchten angezogen, um dort seine Eier abzulegen. Dies erfolgt im Allgemeinen von April bis November. Mit ihrem gezähnten Ei-Legeapparat können die D. suzukii-Weibchen die Haut der Trauben durchstechen und legen durchschnittlich fast 400 Eier in gesunde Früchte. Dabei wird die Fruchthaut verletzt und bietet Eintrittspforten für Pilze (Graufäule: Botrytis cinerea) oder Bakterien und stimuliert auch die Besiedlung durch die gemeine Drosophila.
Die Kirschessigfliege kann sich in einer Region das ganze Jahr über ohne Unterbrechung vermehren und dabei eine sehr grosse Population bilden.
Epidemiologie
Die optimale Temperatur für die Entwicklung von D. suzukii liegt bei etwa 25 °C. Ab 30 °C werden die Männchen vorübergehend steril und ab 32 °C legen die Weibchen keine Eier mehr (Cini et al., 2012).
Im Allgemeinen ist die Kirschessigfliege in der Nähe von Wäldern, Hecken, Steinobstplantagen oder Beerenkulturen häufiger anzutreffen als in grossen Flächen mit Weinmonokulturen.
Insgesamt bevorzugt das Insekt gemässigte Klimazonen und eher feuchte, schattige und windgeschützte Lebensräume.
Mit zunehmender Reife der Traube steigt das Risiko eines Befalls. Weitere Faktoren, welche dieses Risiko vergrössern, sind unter anderem: Frühreife Sorten, eine dünne Haut der Trauben, kompakte Trauben, Dichte des Laubes im Traubenbereich und die Höhe des Unkrautbewuchses.
Wirtsspektrum
Die Liste der Wirtspflanzen von D. suzukii ist lang. Sie enthält viele Arten der Familie der Rosaceae wie Kirschen (Prunus avium), Johannisbeeren (Ribes sp.), Himbeeren (Rubus idaeus), Brombeeren (Rubus fructicosus aggr.), Erdbeeren (Fragaria ananassa), Pflaumen (Prunus domestica), Pfirsiche (Prunus persica) und Aprikosen (Prunus armeniaca). Ausserdem werden auch Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Geissblatt (Lonicera sp.), Hartriegel (Cornus sp.), Heidelbeeren (Vaccinium sp.) oder Weinreben (Vitis vinifera) befallen (Cini et al., 2012).
Obwohl die Weinrebe kein Hauptwirt von D. suzukii ist, kann die Kirschessigfliege verschiedene Rebsorten schädigen. Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass weisse Rebsorten meist weniger besiedelt sind als rote, rosa oder aromatische Sorten.
Abb. 3. Die Behandlung der Trauben mit Kaolin (Surround ®) zeigt im Weinbau eine sehr gute Wirkung gegen die Kirschessigfliege (D. suzukii).
Vorbeugende Massnahmen und Bekämpfung
- Wahl der Sorte oder des Klons: Ein hohes Risiko für einen Befall zeigen Sorten/Klone mit dünnschaligen, blauen Trauben und kompakter Traubenstruktur.
- Eine fachgerechte Entblätterung der Traubenzone bewirkt, dass die Trauben gut durchlüftet sind, schneller abtrocknen und mehr Licht haben. Ein rechtzeitiges Auslauben verhindert Sonnenbrand, weil sich die Beeren an die Sonne gewöhnen können.
- Häufiges Mulchen des Unterwuchses sorgt für ein trockenes Klima in den Reben.
- Überwachung der D. suzukii-Populationen ab Farbumschlag mit Fallen (selbst gebaute oder im Handel erhältliche) und Fruchtkontrollen. Es wird empfohlen Beeren aus der oberen Hälfte einer Traube zu kontrollieren. Die Eier, die an den beiden weissen Fäden zu erkennen sind, werden oft in der Nähe des Stiels abgelegt und können mit einer Lupe gut beobachtet werden (Linder et al., 2016).
- Massenfang mit einem geeigneten Lockmittel in Fallen (Kirschessigfliegen werden von einer mit Wasser verdünnten Mischung aus Apfelessig und Rotwein angelockt, eine Zugabe von 1-2 Tropfen Seife wird empfohlen)
- Die Behandlung der Trauben mit dem Tonmineral Kaolin (Surround ® WP) zeigt im Rebbau eine sehr gute Wirkung gegen die Kirschessigfliege (Abb. 3). Kaolin reduziert die Eiablage deutlich. Neuere Untersuchungen zeigten, dass Surround ® keinen Einfluss auf die Weinbereitung hat und gesundheitlich unbedenklich ist.
- Folgende Hygienemassnahmen werden empfohlen: Nach der Regulierung des Behangs die am Boden liegenden Weintrauben mulchen, frischen Trester nicht in die nicht abgeernteten Rebparzellen zurückführen, alle befallenen Trauben aus der Rebanlage entfernen und vernichten.
- Physikalische Kontrolle: Die Verwendung von feinmaschigen Netzen (Maschenweite 0.8 mm) kann die Trauben vor einem Befall durch die Kirschessigfliege schützen.
- Zugelassene Pflanzenschutzmittel zum Schutz gegen die Kirschessigfliege finden sie für die Schweiz unter Agroscope und BLW Pflanzenschutzmittelverzeichnis; für Deutschland in der online Datenbank des BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) und für Österreich im Verzeichnis der zugelassenen Pflanzenschutzmittel.
Literatur
Cini A, Ioriatti C, Anfora G, 2012. A review of the invasion of Drosophila suzukii in Europe and a draft research agenda for integrated pest management. Bulletin of Insectology 65 (1): 149-160.
Kehrli P, Hohn H, Baroffio C, Fischer S, 2012. La drosophile du cerisier, un nouveau ravageur dans nos cultures fruitièresa. Revue Suisse de Viticulture, Arboriculture, Horticulture, 44 (1) 69-71.
Linder C, Kehrli P, Viret O, 2016. La Vigne, vol. 2. Ravageurs et auxiliaires. AMTRA, route de Duillier 50, 1260 Nyon: 393 S.