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Krämpfe in den Griff bekommen
Krämpfe können die verschiedensten Ursachen haben, von der eher harmlosen Muskelverkürzung bis zur gefährlichen Erbkrankheit. Gefragt sind massgeschneiderte Diagnostik und Therapie.
Fast jeder Mensch hat schon mal unter einem schmerzhaften Muskelkrampf gelitten, und rezidivierende Crampi sind ein häufiger Vorstellungsgrund beim Neurologen. Nur bei einer Minderheit der Betroffenen liegt jedoch eine neuromuskuläre Erkrankung zugrunde (1). Wegen der Vielzahl der möglichen Ursachen ist eine sorgfältige Diagnostik wichtig.
Als Krampf gilt die unwillkürliche, schmerzhafte Verkürzung eines Muskels, ausgelöst durch eine supramaximale Kontraktion. Dehnen verschafft üblicherweise Erleichterung. Eine Kontraktur kann verwechselbare Symptome auslösen. Hierbei entsteht die Verkürzung jedoch dadurch, dass sich der Muskel nicht entspannen kann, Stretching ist wirkungslos. Kontrakturen sind im Allgemeinen myogen und die Beschwerden halten länger an als bei Crampi.
Idiopathische Krämpfe treten meist nachts auf
Anhand des Symptommusters der Krämpfe sowie ihrer mutmasslichen Ursache werden drei Formen unterschieden:
- Am häufigsten sind die belastungsinduzierten Krämpfe, die sich als physiologische Reaktion auf eine exzessive körperliche Betätigung manifestieren.
- Idiopathische Crampi treten vor allem nachts und bei älteren Menschen auf. Typischerweise betroffen ist die Waden- und Fussmuskulatur.
- Als symptomatisch gilt ein Muskelkrampf, dem eine andere Erkrankung oder exogene Trigger zugrunde liegen.
Erwachsene entwickeln symptomatische Muskelkrämpfe etwa im Zusammenhang mit Motoneuronerkrankungen, Radikulopathien und peripheren Neuropathien. Die gestörte Relaxation bei metabolischen und mitochondrialen Myopathien entsteht infolge eines ATP-Mangels. Eine Differenzierung zwischen neurogenem Krampf und myogener Kontraktur allein aufgrund des Auftretens bei Bewegung ist nicht möglich. Sie gelingt jedoch mithilfe einer fokussierten Anamnese und neurologischer Untersuchung.
Als Warnsignale gelten Second-Wind- und Warm-up-Phänomene, neu aufgetretene Krämpfe im mittleren Lebensalter, ein Befall mehrerer Regionen und die Beteiligung von Muskeln ausserhalb von Waden und Füssen. In diesen Fällen ist eine zusätzliche Abklärung zum Beispiel mittels Labor, Elektromyografie, Gentest und/oder Biopsie indiziert.
Patienten mit überlastungsbedingten oder idiopathischen Muskelkrämpfen sind oft schon beruhigt, wenn sie erfahren, dass ihre Symptome in der Regel harmlos sind. Ausserdem sollten Trigger wie Elektrolytstörungen, Hypothyreose und Vitaminmangel angegangen werden.
Medikamente, die potenziell Krämpfe auslösen können, möglichst absetzen
Potenziell auslösende Medikamente gilt es nach Möglichkeit abzusetzen. Dazu gehören unter anderem Statine, Diuretika, Fibrate, inhalative Betamimetika, Antiarrhythmika und Glukokortikoide, aber noch viele weitere Substanzen.
Zudem raten die Autoren einer aktuellen Übersichtsarbeit (1) ihren Patienten, falls zutreffend, mit dem Rauchen aufzuhören sowie den Alkohol- und Koffeinkonsum zumindest einzuschränken. Gegen bewegungsbedingte Crampi hilft eine adäquate Flüssigkeitsaufnahme (1,5–2 Liter pro Tag).
In der Akutsituation kann eine Dehnung des betroffenen Muskels oder eine Kontraktion des Antagonisten rasche Erleichterung verschaffen. Auch Massagen und Wärme (z.B. Bettflasche, Duschen, Baden) lindern die Beschwerden.
Bei Kontraktur verstärkt Dehnen den Muskelschaden
Metabolische Myopathien, die Kontrakturen auslösen, können nicht geheilt werden. Eine Symptomkontrolle ist jedoch möglich, zum Beispiel mit Physiotherapie und körperlichem Training, schreiben die Autoren. Dafür genügt eine regelmässige moderate Anstrengung wie Spazierengehen.
Zur Akuttherapie von Krampf und Kontraktion empfehlen die Autoren, die auslösende Aktivität zu unterbrechen, bis der Schmerz nachlässt. Die bei Krämpfen wirksame Dehnung kann im Fall einer Kontraktur die Muskelschädigung verstärken.
Zur Pharmakotherapie bei Muskelkrämpfen gibt es bisher nur eine geringe Evidenz. Häufig eingesetzt wird der Vitamin-B-Komplex (ca. 50 mg/Tag). Er lindert die Beschwerden und verursacht keine ernsten Nebenwirkungen. Allerdings kann eine übermässige Versorgung mit Vitamin B6 eine Neuropathie auslösen. Falls sich die Symptome nicht innerhalb von zwei Wochen bessern, sollte die Einnahme beendet werden. Zur Supplementierung mit Magnesium ausserhalb einer Schwangerschaft (s. Kasten) ist die Datenlage begrenzt.
Verkrampfte Schwangerschaft
Während der Gestation treten Muskelkrämpfe sehr häufig auf – bei 30–50 Prozent der werdenden Mütter. Die Datenlage zur Wirkung von Magnesium ist widersprüchlich. Eine Tagesdosis von 300–400 mg wird im Allgemeinen gut vertragen. Möglich sind gastrointestinale Nebenwirkungen wie Diarrhö. Auch Vitamin B kann die Häufigkeit und Intensität der Beschwerden senken. Chinin ist aufgrund seiner teratogenen Wirkung dagegen strikt kontraindiziert.
Chinin: Zu toxisch in der Anwendung
Auch der Kalziumkanalblocker Diltiazem findet in der Krampfprophylaxe oft Verwendung. Als Kontraindikation gelten schwere Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen. Empfohlen wird eine Dosis von 30 mg zur Nacht. Auch hier gilt: Tritt nach 14 Tagen keine Besserung ein, sollte man den Versuch beenden.
Chinin ist ebenfalls nachweislich wirksam. Aufgrund der Toxizität raten die Autoren jedoch von einer routinemässigen Anwendung ab. Zu den Nebenwirkungen zählen seltene, aber schwerwiegende Überempfindlichkeitsreaktionen wie das hämolytisch-urämische Syndrom.
Wegen des erhöhten Sturzrisikos sollten ältere Menschen das Malariamittel nicht einnehmen. Generell wird die Substanz nicht mehr zur Erstlinientherapie empfohlen, es kann aber bei schweren therapierefraktären Symptomen nützlich sein. Eine dauerhafte Anwendung (> 2 Wochen) ist in jedem Fall zu vermeiden.
Clonazepam wird häufig gegen nächtliche Krämpfe verschrieben, von einem primären Einsatz raten die Autoren aufgrund des Abhängigkeitsrisikos jedoch ab. Auch das zentral wirksame Muskelrelaxans Baclofen kann in niedriger Dosis (5 mg zur Nacht) manchmal Erleichterung verschaffen.
Für episodenhaft auftretende Muskelkontrakturen wird bei metabolischen Myopathien die Einnahme von Paracetamol nach dem Ende der auslösenden Aktivität empfohlen. Bei chronischen, mehrere Stunden anhaltenden Beschwerden sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Von Opioiden ist abzuraten, denn sie können das muskuläre Feedback überdecken und die Schädigung verstärken.