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Burnout: Interview mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe ‒ Teil 1
Stephan Scherrer*, lic. phil. Psychologe, behandelt und betreut seit vielen Jahren Menschen mit Burnout und Stresserkrankungen. In einem Gespräch mit der Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS) erklärt der Burnout-Spezialist, was ein Burnout ist, wie es erkennbar ist und wie es behandelt werden kann. Im ersten Teil beantwortet er Fragen zur Bedeutung von Burnout sowie zu dessen Ursachen und Symptomen.
Stephan Scherrer, woher stammt der Begriff Burnout?
Der aus dem Englischen stammende Begriff bedeutet «ausbrennen» und wurde erstmals Mitte der 70er-Jahre von Herbert Freudenberger, einem Psychoanalytiker und Arzt, verwendet. In den letzten beiden Jahrzehnten hat der Begriff zuerst in Amerika und mittlerweile in vielen westlichen Industriestaaten mit der stark leistungsorientierten Gesellschaft grosse Verbreitung gefunden.
Was ist ein Burnout?
Wie es der Begriff «ausbrennen» bereits ausdrückt, ist ein Burnout ein Prozess. Ein Burnout entsteht nie von heute auf morgen, sondern entwickelt sich über eine längere Zeit. Menschen mit einem Burnout fühlen sich extrem erschöpft und häufig innerlich leer. Ein Burnout ist eine Stressfolgeerkrankung, ein Erschöpfungssyndrom und eine Sinneskrise.
Was kann zu einem Burnout führen?
Das Burnout-Syndrom entsteht oft aus einer anfänglich grossen Begeisterung, die in Ernüchterung umschlägt. Es handelt sich dabei immer um eine Wechselwirkung zwischen der Person, die es betrifft, und dem beruflichen und privaten Umfeld, in dem sie sich befindet. Das Burnout-Syndrom scheint eine Folge der Diskrepanz zwischen überhöhten Erwartungen an eine berufliche Tätigkeit oder an ein privates Engagement und der tagtäglichen Wirklichkeit sowie der eigenen Möglichkeiten zu sein. Gerade Menschen, die sich stark engagieren, deren Leistungen und Engagement aber wenig anerkannt werden, haben ein erhöhtes Risiko, sich zu verausgaben. Auch begünstigen Eigenschaften wie ein ausgeprägter Perfektionismus, starker Ehrgeiz, ein hohes Verantwortungsbewusstsein und der Drang, alles allein managen zu wollen das Risiko für ein Burnout.
«Die vertrauten Bewältigungsstrategien führen bei Burnout-Betroffenen aufgrund des Kontextes noch mehr in die Erschöpfung.»
Es gibt auch Menschen, denen selbst höchste Belastungen und widrige Umstände nichts anzuhaben scheinen. Wann kann aus Stress ein Burnout entstehen?
Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Mass an Flexibilität und über die Kompetenz, mit herausfordernden Lebenssituationen so umzugehen, dass er auf körperlicher, seelischer, geistiger und sozialer Ebene gesund bleibt. Abhängig von den biografischen Erfahrungen, den erworbenen Kompetenzen sowie den aktuellen Schutz- und Risikofaktoren können Menschen deshalb mehr oder weniger resistent sein. Dabei kann es aber jedem passieren, dass die Mechanismen, die er sich angeeignet hat, um herausfordernde Situationen zu bewältigen, plötzlich nicht mehr greifen. Da Burnout ein Prozess ist, braucht es dafür manchmal Jahre. Das Entscheidende ist, dass die betroffene Person irgendwann keine funktionierende Bewältigungsstrategie mehr für eine Situation findet. Dabei kämpfen viele mit ihren bisherigen Erfolgs- und Bewältigungsstrategien weiter, beissen auf die Zähne und mobilisieren zusätzliche Kräfte, was noch mehr in die Erschöpfung und schliesslich in ein Burnout führt.
«Ein Burnout zeigt sich auf der körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Ebene.»
Wie zeigt sich ein Burnout?
Ein Burnout zeigt sich in der Regel auf der körperlichen, der seelisch-emotionalen, der geistig-mentalen sowie auf der sozialen Ebene. Typische Symptome auf der Körperebene sind Schlafstörungen und Erschöpfungszustände, oft auch verbunden mit körperlichen Schmerzen und der Unfähigkeit sich zu erholen. Eine solche körperliche Erschöpfung kann sehr weitreichend sein. Auf seelisch-emotionaler Ebene zeigen sich Burnout Betroffene deprimiert, haben Ängste und Panik und verlieren Motivation und Antrieb für bisher geliebte Tätigkeiten. Geistig-mental treten häufig Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auf und die Leistungsfähigkeit sinkt. Auf sozialer Ebene ziehen sich viele Betroffene zurück. Das heisst, sie verkriechen sich in den eigenen vier Wänden und scheuen zunehmend soziale Kontakte und Auseinandersetzungen. Betroffene reagieren vermehrt gereizt und aggressiv und entwickeln oftmals ein Suchtverhalten durch den Konsum von z.B. Aufputsch- und Beruhigungsmitteln oder Alkohol.
«Burnout kann jeden treffen!»
Welche Berufs- und Altersgruppen sind besonders betroffen?
Die Burnout-Erkrankung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, betrifft Frauen wie Männer und hat sich durch den zunehmenden Leistungsdruck in Beruf und Familie in den verschiedensten Berufsfeldern und Hierarchiestufen ausgebreitet. Burnout ist heute flächendeckend anzutreffen und geradezu epidemisch. Es kann im Prinzip jeden von uns treffen. In meiner Praxis sind es vom Alter her oft Menschen zwischen 35 und 55 Jahren, die in vielen Lebensbereichen stark gefordert sind. In diesem Alter sind viele Menschen beruflich sehr engagiert, haben Familie und kümmern sich allenfalls zusätzlich noch um betagte Eltern. Dabei möchten sie überall gleichzeitig die hohen Erwartungen erfüllen. Diese Mehrfachbelastung kann dazu führen, dass es einfach zu viel wird und das Fass überläuft.
Betrifft Burnout eher erfolgsorientierte und sehr pflichtbewusste Menschen?
Aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich tatsächlich bestätigen, dass erfolgsorientierte und pflichtbewusste Menschen eher gefährdet sind. Das heisst aber nicht, dass man dafür ein Top-Manager sein muss. Im Gegenteil, eine sehr bekannte Studie, die mehrere Tausend Führungskräfte im deutschsprachigen Raum untersucht hat, – die SHAPE-Studie (Kromm und Frank 2009) ‒ zeigt, dass in höheren Hierarchiestufen zwar mehr Stress vorhanden ist, gleichzeitig aber auch mehr Freiheiten bestehen. Im Gegensatz dazu stehen Personen im mittleren und unteren Management stärker unter Druck, was sich etwa in einem erhöhten Stresshormonspiegel (Cortisol) zeigt.
Burnout betrifft vor allem Menschen, die in Beruf und Familie stark gefordert sind. Diese Menschen haben meist sehr viele Ressourcen. Sie sind es gewohnt, Dinge anzupacken und können gut mit Schwierigkeiten umgehen. Und genau dies kann zum Problem führen, wenn die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen. Ein wichtiger Teil einer Therapie ist es deshalb, neue Strategien zu finden. Dadurch können sich Betroffene entwickeln, erlangen mehr persönliche Handlungsmöglichkeiten und vergrössern den eigenen Gestaltungsraum.
«Eine Person mit einem Burnout kämpft in einer Aufwärtsspirale, in einer Depression hingegen befindet sich der Betroffene in einer Abwärtsspirale.»
Noch eine letzte Frage, Burnout und Depression werden gerne gleichgestellt. Worin unterscheiden sich diese beiden Erkrankungen?
Ich höre in der Praxis tatsächlich oft, dass Burnout-Erkrankten unterstellt wird, sie hätten eigentlich eine Depression, würden jedoch nicht dazu stehen. Das ist falsch. Burnout und Depression sind nicht dasselbe. Eine Person mit einem Burnout kämpft, brennt und ist in einer Aufwärtsspirale gefangen. Sie ist überzeugt, dass sie einfach genügend kämpfen muss, um überfordernde und belastende Situationen zu meistern. Dabei mobilisiert sie immer mehr Energie, obwohl nicht mehr genügend Ressourcen vorhanden sind. Bei einer Depression ist genau das Gegenteil der Fall. Der Betroffene befindet sich in einer Abwärtsspirale und äussert Sätze wie: «Ich kann nicht, ich bin nicht fähig.» Die Person ist deprimiert und niedergeschlagen.
Studien zufolge leidet jedoch zirka die Hälfte der Menschen mit einem schweren Burnout auch an einer Depression. Es gibt also auf der Symptomebene Überschneidungen. Und das heisst auch, dass ein unbehandelter Burnout-Prozess in einer Depression enden kann, aber nicht zwangsläufig muss.
*Stephan Scherrer ist Psychologe, Coach und Supervisor. Während über zehn Jahren Tätigkeit als Klinischer Psychologe, Psychotherapeut sowie als leitender Psychologe hat er sich auf die Behandlung von Burnout und Stresserkrankungen spezialisiert. So war er unter anderem am Aufbau der Burnout-Beratungsstelle Zürich der Privatklinik Hohenegg beteiligt. Zudem leitete er den Fachbereich Psychologie am Zürcher RehaZentrum Davos und praktizierte in der Abteilung Psychosomatik am Universitätsspital Bern (Inselspital) sowie in der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach. Heute betreibt Stephan Scherrer seine eigene Privatpraxis in Zürich und berät, coacht und therapiert Burnout-Betroffene und Menschen in Krisensituationen. Gleichzeitig bietet er Workshops und Seminare für Unternehmen zu den Themen Resilienz, Kommunikation, Zusammenarbeit sowie Stress- und Burnout-Prävention an.
Burnout: Interview mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe – Teil 2
Zwei Filme mit Stephan Scherrer, lic. phil. Psychologe über das Burnout-Syndrom und die Zusammenarbeit mit Komplementärtherapeuten der Methode Shiatsu