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Literatur
Bukowskis letzte Worte
Er war uns ein weites Stück voraus und ist es vielleicht noch heute - aber nicht, weil er schon vor uns vom Sensenmann geholt wurde! Wir glaubten, ihn zu kennen, ihn zu verstehen, sein Werk zu begreifen. Aber zum damaligen Zeitpunkt gelang uns dieses Unterfangen - natürlich - nur zum Teil. Als diese Clique von pubertierenden, meist ausschließlich männlichen Jugendlichen auf Parkbänken saß, Hansa-Pils aus Dosen schlürfte und sich bei Bedarf vor der nahe gelegenen Rückwand der katholischen Kirche des heimatlichen Stadtteils entleerte - gelegentlich, der hauptsächlichen Tätigkeit geschuldet, auch oben heraus - nutzte man den Meister aus: Auf der einen Seite als Alibi fürs Saufen, auf der anderen Seite als Erklärung unserer intellektuellen Reife sowie Überlegenheit - und letzteres kam gerade bei den Mädels sehr gut an, wenn ihnen hin und wieder erlaubt wurde, sich dazu zu gesellen.
Henry Charles Bukowski hieß der verehrte Poet. Er war mit seinen Romanen, Kurzgeschichten aber vor allem Gedichten so etwas wie ein Gott für diese Gruppe junger Amateurtrinker, die sich weder an die etablierten Regeln des bürgerlichen Benehmens halten wollte, noch das ausschließliche zuführen von Alkohol als alleinigen Sinn des Lebens sah. So wurde neben den in der Hierarchie selbstverständlich weit unter ihm zu findenden üblichen Verdächtigen wie Kerouac, Fante, Hemingway oder Miller eben Bukowski zu unserer einzigartigen literarischen Legende. In diesem Alter - um die sechzehn Lebenslenze - hatten wir die eine oder andere Wahrheit bereits kapiert, welche uns der us-amerikanische Literat über das Leben und den entsprechenden Umgang mit selbigem mitteilte. Vieles jedoch, was den 1920 im deutschen Andernach geborenen Dichter aus den Vereinigten Staaten von Amerika bewog, so zu formulieren, wie er es tat, entzog sich damals unserer Erkenntnis. Erst später konnte mittels seines Schreibens viel tiefer hinter der aufgebauten und medial verbreiteten Fassade des aggressiven, a-sozialen, frauenfeindlich-sexistischen Alkoholikers die wahre "warmherzige, melancholische Grundierung" seines Werkes, wie es Jürgen Roth genialerweise beschreibt, ersehen werden. Dass Bukowski diese mediale, auf elend schwachen Füßen stehende Inszenierung seines Images sehr schnell durchblickte und vermarktungstechnisch nutzte, sollte nicht verschwiegen werden. Provokationen, wie exemplarisch während eines Gastauftrittes in der französischen Sendung "Apostrophes", als der seinerzeit beliebte Moderator ihm praktisch das Wort verbieten wollte, begegnete der US-Poet, deutlich angetrunken, äußerst cool: Er ging noch während der laufenden Live-Sendung aus dem Studio. In einem anderen Interview vor seiner Wohnung stellte Bukowski sich noch cleverer an: Hank erläuterte nebenläufig einem Journalisten, dass der Job als Straßenfeger für ihn nicht zu kriegen war und er deshalb jetzt vom Schreiben leben müsse. Letzteres war immer sein Ziel, ja der Zweck seines ganzen Lebens überhaupt - ganz konkret in vielen seiner Gedichte nachzulesen.
Spätestens mit Hilfe der "Schreie vom Balkon", einer Sammlung von Briefen Bukowskis, die im Jahr 2005 im Ginko-Verlag erschienen ist, gelangt man zumindest in die Nähe des tatsächlichen Wesens dieses Künstlers - sollte man es nicht durch Rezeption des literarischen Werkes schaffen. Diese, diesen Schreiben zu entnehmende authentische Seele seines grundsätzlich gesamten Werkes, ist auch in den nunmehr vom Verlag Zweitausendeins herausgegebenen "Letzten Meldungen" zu finden. Möglicherweise sind es tatsächlich die letzten, vielfach im deutschen Sprachraum bisher unveröffentlichten Gedichte des am 09.03.1994 in Los Angeles an Blutkrebs verstorbenen Meisters des us-amerikanischen Undergrounds. Underground? Die Frage, das sei am Rande bemerkt, ist durchaus berechtigt. Denn Bukowskis Zuordnung zu einem Stil, einer Epoche, eine Einordnung in gängige Schubladen der etablierten Literaturkritik, das ist deren Epigonen bis zum heutigen Tage nicht gelungen - und wird es auch nicht. Vielmehr kann und muss man soweit gehen, ihm eine eigene, neue Richtung zuzurechnen. Was "Hank’, so der alte Ego von Bukowskis autobiographischer Figur Chinaski, im tiefsten Herzen vom offiziellen, meist akademisch verseuchten Literaturbetrieb und seinen Protagonisten nicht alleine in den Vereinigten Staaten hielt, ist eindeutig. Alleine folgendes Statement verdeutlicht dies unmissverständlich: "Ich bin kein lyrischer Entertainer, und ich habe nicht vor, mich auf die goldenen Scheißhäuser der Kultur zu abonnieren." Klarer geht es kaum.
Carl Weissner, Bukowskis Freund, Übersetzer, Agent, im Grunde genommen sogar Entdecker für den bundesdeutschen Buchmarkt, hat sich augenscheinlich viel Mühe gemacht, diesen Band zusammen zu stellen. Er nahm nicht jedes Fragment, nicht jedes Gedicht, von denen Hank in seinen mal mehr mal weniger stark durchtrunkenen Schaffensnächten eine Menge produzierte. Die zahlreichen Unveröffentlichten harren übrigens der Dinge, die da vielleicht noch auf sie zukommen werden. Nein, der deutsche Freund wählte gezielt aus, was gebraucht werden konnte und was den Kriterien der Qualität nicht genügte. Denn Bukowski selber hat einmal behauptet, dass von dem, was er so in einer Nacht produziere, maximal zur Hälfte als passable zu bezeichnen ist. Weissner hat gute Arbeit geleistet. Er kann dem deutschsprachigen Leser nunmehr eine Mischung aus neuen und gerne wiedergelesenen Gedichten vorlegen, die genau das halten, was man sich verspricht, wenn ein Buch Bukowskis in die Hand genommen wird: Den Leser erwartet weitestgehend ein Feuerwerk. Es ist beispielweise faszinierend, mit welch klaren Worten, welch ungekünstelter Sprache - die aufgrund der Übersetzung ins Deutsche nicht zuletzt auch Carl Weissner zu verdanken ist - der Poet Dinge auf den Punkt zu bringen wusste. So spitzt er die enorme Problematik, als Mann Frauen verstehen zu wollen, auf seine ganz spezielle, witzige und doch ernste Weise zu. In einem Gedicht wird beschrieben, wie der autobiographische Protagonist mit einem von Fingernägeln einer Frau zerfetzten Gesicht beim Arzt auftaucht: "’Sagen Sie - warum hat Ihnen / die Frau das angetan?’ / "Wenn ich das wüßte’, sagte ich. /"Ich gäbe was drum.’" (S. 13)
Kollege Tod, der seinem Werk eigentlich schon immer immanent war, bekommt in den "Letzten Meldungen" seinen ihm gebührenden Platz mitten in erheiternder Selbstironie: "Den nahenden Tod fest im Blick: / Und du stirbst auch / bald, alter Mann: du / und deine weißen Beine / und deine Posen, dein / Leichtsinn, dein taffes / Getue, als hättest du Durchblick." (S. 56) Auch der konkrete, letzte Fight Bukowskis, der Blutkrebs, wird in einigen Gedichten auf seine spezielle Weise thematisiert.
Man kann nur hoffen, dass offene Geister jugendlichen Alters mit diesem Band den Einstieg zur Rezeption Bukowskis schaffen. Es wäre äußerst begrüßenswert, würde das Interesse an seinem Werk geweckt. Vielleicht könnte sowohl der Neuleser als auch erfahrene Fan mit einem Sixpack Bier auf der einen Seite und diesem Buch in der anderen Hand zumindest einen ruhigen Abend genießen, statt Kino und Kommerz zu frönen. Die Thematisierung seiner Schriften alleine in universitären Literaturseminaren mit dem entsprechenden akademischen Geschwafel aufgetakelter Professoren drumherum hat Henry Charles Bukowski sicherlich am wenigsten verdient.