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Besonders für den Europäer steht Brasilien in krassem Gegensatz zu seiner gewohnten Welt: Winter ist dort zwischen Juni und September – und Sommer zwischen Dezember und März! Ausserdem weist das Land aufgrund seiner ungeheuren Ausmasse – 8,5 Millionen Quadratkilometer (grösser als die Fläche Europas) – unterschiedliche Klimazonen auf: Tropisch feucht und heiss im Norden, heiss und trocken im Nordosten, Subtropisch, mit regelmässigen Niederschlägen, im Südosten und Süden. Das Landesinnere des Zentralen Westens ist überwiegend trocken und warm, mit starken Regenfällen im Sommer. Und die Temperaturen könnten wohl kaum noch gegensätzlicher sein: Über +400 Celsius im Nordosten (Sommer) und bis -100 Celsius im Süden (Winter) – dort ist auch Schnee nicht unbekannt.
Als die ersten Europäer (Portugiesen) vor nunmehr 500 Jahren den Boden betraten, den sie später Brasilien nannten, lebten hier zwischen 8 und 10 Millionen Eingeborene, deren Vorfahren mindestens 10.000 bis 12.000 Jahre vorher über die Behringstrasse eingewandert waren. Intoleranz und Besitzgier, sowie die überlegenen Waffen der Invasoren, rotteten sie aus – heute steht 180 Millionen Brasilianern ein kläglicher Rest von zirka 250.000 Indianern gegenüber, von denen die meisten in prekären Umständen, entwurzelt und gedemütigt, ihr Leben am Rande einer Pseudo-Zivilisation fristen, deren Begründer ihre lusitanischen Ahnen als die Entdecker Brasiliens verehren. Und sie haben monumentale Städte gebaut, in denen man heutzutage grösseren Gefahren ausgesetzt ist, als im dichtesten Amazonas-Urwald – sie brennen immer noch die Wälder ab in ihrer unstillbaren Gier, noch mehr “produktives” Land zu gewinnen und verwandeln ein tropisches Paradies zunehmend in eine Wüste. Manchmal trifft der staunende Besucher in der hypermodernen Hauptstadt Brasília auf steinzeitliche Indianer im Lendenschurz, Federschmuck und voller Kriegsbemalung, die gerade mit entschlossenen Minen, Keulen oder Pfeil und Bogen in der Hand, die marmornen Stufen zum Regierungspalast emporsteigen oder von einer erzwungenen Audienz im Justizpalast zurückkommen. Es sieht auf den ersten Blick nicht so aus, aber diese “Steinzeitmenschen” haben längst gelernt, wie man mit den “verlogenen Vertretern jener weissen Rasse” umgeht: Mit einem Tonbandgerät halten sie deren Versprechungen hinsichtlich Regierungsunterstützung in Indianerfragen fest, um sie im Falle einer Nichteinlösung vor der Presse als Druckmittel zu gebrauchen.
Apropos Regierung: Dort in Brasília sitzen der Welt teuerste Politiker aller Zeiten. Nachdem sie, nach vielem Hin und Her, ihrem Volk endlich einen monatlichen Mindestlohn von 360,00 Reais (zirka 200,00 USD) zugesprochen hatten, haben sie sich selbst ihre “Diäten” auf 24.800,00 Reais (zirka 14.000,00 USD) erhöht – das ist jedoch noch nicht alles: Mit sämtlichen staatlichen “Beihilfen zu Reisen, Kleidung, Fahrzeug, Urlaub, und sonstigen Extras” kommen jene korrupten Volksvertreter, sage und schreibe, auf rund 80.000,00 Reais (zirka 45.000,00 USD) pro Monat – das ist allgemein bekannt. Dass viele von ihnen, darüber hinaus, sich mit illegalen Geschäften zusätzlich bereichern, ist seit Jahren zentrales Thema der hiesigen Medien, aber im Gegensatz zu anderen Völkern dieser Welt, bringt auch solch offensichtlicher Amtsmissbrauch die friedlichen brasilianischen Bürger nicht auf die Barrikaden – allerdings ist ihr Vertrauen in Politiker inzwischen stark gesunken. 20% der brasilianischen Bürger existieren unterhalb der Armutsgrenze, 30% gehören zur armen Bevölkerung, etwa 42% zur Mittelklasse, und 8% sind wohlhabend bis superreich. Die so genannten “Favelas”, deren Elend aus mit Kistenbrettern und Wellblech selbstgebastelten Heimstätten an den die “Cidade Maravilhosa” umgebenden Berghängen klebt, ist ein Markenzeichen aller brasilianischen Metropolen – in manchen Fällen nur wenige Meter von den Hunderte Quadratmeter grossen Apartments der Schickeria entfernt.
Brasilien, das Land der unendlichen Kontraste
Wenden wir uns jedoch lieber weniger unerfreulichen Gegensätzen zu – die wurden und werden von den brasilianischen Bürgern selbst geschaffen – zum Beispiel die kulturellen: aus der ganzen Welt haben sich Menschen aller Nationen auf den Weg nach Brasilien gemacht – mit Ausnahme der afrikanischen Sklaven, kamen die meisten freiwillig, weil sie sich in dem Riesenland, so gross wie ein Kontinent, einen neuen Anfang und ein bisschen mehr Lebensqualität erhofften – die ersten, Deutsche und Italiener, kamen bereits vor mehr als einhundert Jahren. Indianer, Nachkommen afrikanischer Sklaven, Europäer und Asiaten (in São Paulo befindet sich die grösste japanische Kolonie ausserhalb Nippons) gaben dem Land eine kulturelle Vielfalt mit Kontrasten, die es auf unserem Planeten kein zweites Mal gibt – und die heute zweifellos zu den grössten touristischen Attraktionen Brasiliens zählen.
Vom Nordkap bis zu den Kanarischen Inseln müsste ein Europäer reisen, um die Entfernung zurückzulegen, die allein der brasilianischen Küste entspricht! Besonders ein Neuling (Gringo) in unserem Land wird eine Fülle von Kontrasten entdecken, die den besonderen Reiz Brasiliens als Reiseland ausmachen: Die immensen, dschungelartigen Regenwaldgebiete des Amazonasbeckens, zum Beispiel, in denen statistisch nur ein einziger Mensch auf fast zwei Quadratkilometern existiert – und dagegen der Stadtteil Copacabana von Rio de Janeiro, in dessen schmalem Streifen Land zwischen Bergen und Meer 25.000 Menschen pro Quadratkilometer zusammengepfercht sind! Der Nordosten mit seiner rauhen Dünenlandschaft, die an ein Wüstenszenario erinnert, in deren Abgeschiedenheit sich menschliche Gemeinschaften noch ohne Elektrizität und Technik der Aussenwelt erhalten haben – die aber andererseits den Besucher mit lieblichen Strandidyllen, Kokospalmenhainen, feinstem Sand und lauwarmem, kristallklarem Wasser überraschen. Der “Sertão“ (halbtrockenes Interior) ist die Heimat verarmter Siedler, deren Hauptbeschäftigung der Beschaffung von Wasser gilt – dazu unternehmen sie täglich kilometerweite Wanderungen zu Wasserlöchern – und ihre Hauptsorge gilt dem Regen – jede kleine Wolke am Horizont nährt die Hoffnung, erweist sich allerdings monatelang als herbe Enttäuschung. Währenddessen lassen sich fürstlich verdienende Firmenbosse von den Plattformen der Wolkenkratzer São Paulos per Helikopter zum Mittagessen abholen – im Schatten ihrer marmornen Säulen kauern Flüchtlinge aus dem menschenfeindlichen Sertão, um bei Vorübergehenden um ein paar Münzen zu betteln.
Im Mittelwesten, im “Pantanal”, hat sich Südamerikas grösste Artenvielfalt erhalten, begünstigt durch eine riesige Tiefebene, so gross wie Holland, Belgien und die Schweiz zusammen, welche alljährlich von den sie durchquerenden Flüssen unter Wasser gesetzt wird und damit einer unglaublichen Anzahl von Vögeln, Reptilien und Fischen stets neue Nahrung bietet. Säugetiere, und besonders auch die Räuber unter ihnen, werden ebenfalls von den guten Möglichkeiten Beute zu machen, angelockt. Im krassen Gegensatz zu diesem Tierparadies, die Hauptstadt Brasília in derselben Region, in der in erster Linie die gewagte Architektur von Oscar Niemeyer den Besucher in Staunen versetzt. Nur zwei Tagesritte von Brasília entfernt, herrscht allerdings noch heute devote Ergebenheit gegenüber dem Grossgrundbesitzer, der hier allein bestimmt, was Recht zu sein hat. Für den “Vaqueiro”, seinen Angestellten, gibt es hier keine andere Arbeit als die Betreuung der unübersehbaren Herden auf einem endlos erscheinenden Land.
Die einzige Region Brasiliens, in der man vier Jahreszeiten deutlich unterscheiden kann, ist der Süden. Der Winter kann kalt werden – Schneefall in den Bergen ist nicht ungewöhnlich. Hier fühlen sich Brasiliens “Exoten”, die eingewanderten Europäer, am wohlsten – stellen Wurst und Käse her, brauen Bier und keltern ihren Wein – das “Blumenauer Oktoberfest” im deutschen Santa Catarina gehört für die Brasilianer zum exotischsten Kontrastprogramm ihrer Heimat. Ein ganz anderer Menschenschlag sind die “Gaúchos“ im tiefsten Süden – sie schätzen den “Churrasco” aus gegrilltem Rindfleisch über alles – aber durch ihre Angewohnheit, glühend heissen Mate-Tee, ohne Zucker, durch silberne Röhrchen aus Kalebassen zu saugen, stehen sie den übrigen Brasilianern, die einen quietschsüssen Cafezinho über alles lieben, als Sonderlinge gegenüber.
Brasilien ist ein Land der unendlichen Kontraste, wenn man es mit offenen Augen und Ohren bereist! Beeindruckende Gegensätze innerhalb seiner Landschaften, seiner Fauna und Flora, und seinen Menschen. Das brasilianische Selbstverständnis ist die “Morenidade” (Braunheit), womit man jedoch in erster Linie ein starkes Nationalbewusstsein definiert, ein kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl, dass bereits äusserlich erkennbar – an der Musik, der Küche oder der allgemeinen Lebensart – sich tief nach innen fortsetzt. Und dort hat sich eine einzigartige Toleranz entwickelt, die mit Gegensätzlichkeiten fertig wird, die jedes andere Volk längst gesprengt hätten.