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Sie waren Lieblingsaufenthalt und Bildungsstätte der Jünglinge (Epheben), welche die Ringschule (Palästra)
bereits hinter sich hatten und hier von Gymnasien und Pädotriben (Turnlehrern) unter Leitung eines Gymnasiarchen und Oberaufsicht
des Sophronisten (Sittenmeisters) unterwiesen wurden. Die Gymnasien verbreiteten sich mit der griechischen Bildung in den Mittelmeerländern
und galten als Merkmal derselben. In Rom
[* 5] fanden sie keinen rechten Eingang. Von dem geistigen Leben, das
sich in ihnen neben dem Turnwesen entwickelte, gibt die Wirksamkeit des Sokrates, wie sie Platon und Xenophon schildern, und
ebenso Lukian im »Anacharsis« eine lebendige Anschauung. Auch Platon lehrte in der Akademie, Aristoteles im Lykeion.
An diese Verwendung der Gymnasien für die geistige Ausbildung der Jugend anknüpfend, nannten einzelne
Städte und einzelne Privatunternehmer im Mittelalter, namentlich aber die Humanisten des 15. und 16. Jahrh., ihre in erster
Reihe der Pflege der alten Sprachen gewidmeten Schulen gern Gymnasien; so wurde allmählich diese Bezeichnung der gelehrten Schulen
in Deutschland
[* 6] gebräuchlich und verdrängte schließlich die gleichbedeutenden Namen, die nun den bestimmten
Begriff von halbakademischen Anstalten (Lyceum), von Anstalten mit Kosthäusern (Pädagogium) oder von Bildungsstätten für
Lehrer (Seminarium) annahmen, während die Bezeichnung als lateinische oder gelehrte Schulen fast ganz abkam.
Das hingebende Studium der Alten, die noch mit Recht als Lehrmeister auch der Sachen gelten konnten, die Nachahmung ihrer unvergleichlichen
Weise zu reden, aber beides in den freien Dienst des wieder erweckten Evangeliums und seiner sittlichen Grundansicht gestellt,
das war das Ideal jener vielbewunderten und in ihrer Art wirklich klassischen Schulmeister. Aber schon
wenige Jahrzehnte später war das Vertrauen zu dem einseitig gelehrten Gymnasium wesentlich erschüttert.
Die strenge Ausschließung der Muttersprache vom Lehrplan, ja vom Umgang der Lehrer und Schüler war von vornherein seine schwache
Seite, und die Beschränkung auf das Wissensgebiet der Alten wurde immer mehr unnatürlich, je mehr die
Keime einer neuen wissenschaftlichen Forschung erstarkten. Während in dem humanistischen Kreise
[* 18] selbst das vordem so frische
Leben zu totem Wortkram erstarrte, erhob sich, durch ausländische Einflüsse gestärkt (Rabelais, Montaigne, Bacon), bald nach 1600 lebhafter
Widerspruch gegen den Verbalismus.
Als
eine besondere Abart des humanistischen Gymnasiums muß das Kollegium der Jesuiten bezeichnet werden, indem die »Ratio atque
institutio studiorum« (1599) sich eng an die Schulordnung von J. ^[Johannes] Sturm in Straßburg anschloß.
Schon die Namen der sechs Klassen ihrer studia inferiora, d. h. des Gymnasiums, zeigen diese Art an; sie heißen,
von unten begonnen: Principia, Rudimentum, Grammatica, Syntaxis, Poetica oder Humanitas, Rhetorica und sind mit Ausnahme der
zweijährigen Rhetorik auf je ein Jahr berechnet.
Auch bei den Jesuiten tritt das Griechische hinter dem Lateinischen zurück und die »Erudition«, das Wissen von der äußern
Welt, beschränkt sich auf eine nach dem kirchlichen Zweck der Gesellschaft getroffene und sehr begrenzte Auswahl aus den Realien.
An die Stelle der alten Komödien des Terenz, der Gespräche Lukians u. a., welche die Humanisten
lesen und wohl auch aufführen ließen, traten bei den Jesuiten vielfach religiöse, namentlich allegorische, Schauspiele,
und auch hierin berühren sich ihre Anstalten mit dem protestantischen Gymnasium des 17. Jahrh.
In den protestantischen Gymnasien Deutschlands
[* 19] machten die Neuerungen seit dem WestfälischenFrieden sich immer mehr geltend
und drohten, allmählich die Einheit des Lehrplans und damit die Sicherheit der Ergebnisse völlig zu untergraben.
Da kam neues Leben aus der tiefern religiösen Erregung des pietistischen Kreises, dessen Häupter, vor allen A. H. Francke,
warme Freunde der Schule waren. Da auf der einen Seite die alten Sprachen des theologischen Studiums wegen
unentbehrlich blieben, auf der andern Seite der Pietismus das wirkliche Leben und seine Anforderungen gegenüber der kühlen
Gelehrsamkeit begünstigte, erwachte zuerst in diesem Kreis
[* 20] eine klarere Überzeugung von der Berechtigung einer zwiefachen
höhern Jugendbildung, der humanistischen, auf die alten Sprachen begründeten für diejenigen, welche sich einer gelehrten
Laufbahn widmen wollen, und der realistischen für Adel und Bürgerstand, deren Lebensaufgabe mehr unmittelbar
in dem Leben der Gegenwart liegt. Man errichtete an den Gymnasien Bürgerklassen für die, welche »unlateinisch«
oder wenigstens ungriechisch bleiben, d. h. nicht studieren, wollten, und bald auch gesonderte
Realschulen, wie die von Chr. Semler in Halle
[* 21] (gest. 1740) und von J. J. ^[JohannJulius] Hecker in Berlin.
[* 22]
Einem ähnlichen, obzwar auf ganz andern Voraussetzungen begründeten Bedürfnis sollten die in jener Zeit aufkommenden Ritterakademien,
höhere Schulen für junge Adlige, abhelfen. Wurde in den Realschulen mehr die »mathematische, mechanisch-technologische und
ökonomische« Seite betont und in den Ritterakademien mehr das Studium der lebenden Sprachen und die körperliche
Erziehung, so standen beide doch als moderne Bildungsanstalten dem altklassischen Gymnasium gegenüber. Übrigens
sind die wenigen bis heute erhaltenen Ritterakademien später dem Gymnasium wieder angenähert oder, wie in Preußen, ganz in dasselbe
zurückgebildet worden.
Nur sehr allmählich drangen in das altbefestigte Gebäude auch die bessern methodischen Grundsätze der neuen Pädagogik ein,
wie sie Pestalozzi und seine Jünger trieben, und es bleibt heute noch in dieser Hinsicht viel zu thun, wenn auch die Vorwürfe
der Vertreter jüngerer Schularten gegen die Gymnasiallehrer nicht immer gerecht sind und oft geringe
Selbsterkenntnis verraten. Richtige Wertschätzung der körperlichen Erziehung, umfangreichere Berücksichtigung auch der Realien,
freundlicheres Eingehen auf das Leben und Empfinden der Jugend hat man auch am Gymnasium den Philanthropen, methodisches Ausgehen von der
Anschauung und vom konkreten LebenPestalozzi und demnächst Herbart abgelernt, und daneben hat durch F.
A. Wolf und A. Böckh die Altertumswissenschaft neues Leben u. Interesse gewonnen.
Der Streit oder wenigstens die Spannung zwischen den Vertretern der humanistischen und der realistischen Bildung hat inzwischen
nicht aufgehört, und wie es in unsrer Zeit einmal liegt, hat fast jede mögliche Lösung dieses Widerstreits ihre namhaften
Vertreter gefunden. Diese hängen noch immer an dem jeder Verwirklichung widerstehenden Ideal einer Einheitsschule für die
höhere Bildung, dem bei der heutigen nur zu berechtigten Besorgnis vor ungesunder Überbürdung der Jugend weniger Aussicht
bleibt als je. Jene sind so fest und völlig von dem Wert sogen. klassischer Vorbildung für
das Leben ohne jede Rücksicht auf den künftigen Beruf durchdrungen, daß sie neben dem Gymnasium die realistische
Schule höchstens (wie jetzt in Elsaß-Lothringen)
[* 26] in der beschränkten Form der höhern Bürgerschule dulden möchten. Von
den wenigen zu schweigen, die fanatisch genug sind, um geradezu den bewährten humanistischen Bildungsgang an sich zu schmähen
und zu befehden, wünschen andre wenigstens alle Bahnen des öffentlichen Berufs ganz gleichmäßig den als reif entlassenen
Schülern der realistischen wie der humanistischen Anstalten von gleicher Dauer der Lehrzeit eröffnet zu sehen.
Hier kann weder in diesen Streit eingetreten, noch über die geradezu unabsehbare und täglich zunehmende Litteratur dieser
Frage nur eine Übersicht geboten werden. Nur kurz sei angedeutet, wie sich durch dies Gewoge der verschiedenen
Ansichten hindurch die Sache des Gymnasiums amtlich entwickelt und zu ihrer heutigen Lage gestaltet hat. Noch bis über die Mitte
des vorigen Jahrhunderts hatte im höhern Schulwesen Kursachsen nebst den sächsischen Herzogtümern die Führung
in Nord- und Mitteldeutschland; während im SüdenWürttemberg
[* 27] durch seine eigentümlichen Klosterschulen (Seminare) hervorragte,
galten hier die ähnlich entstandenen Fürsten- und Landesschulen neben einigen großen Stadtschulen (Thomasschule zu Leipzig)
als Muster. Im letzten Drittel des Jahrhunderts trat Preußen, vorzugsweise infolge seines allgemeinen politischen Aufschwunges
unter Friedrich II., nicht
am wenigsten aber durch das Wirken des Ministers v. Zedlitz (bis 1787, gest.
1791), auch in dieser Hinsicht an die Spitze, so daß seitdem in betreff der großen Grundzüge und des bis jetzt erreichten
Ziels die Geschichte des Gymnasiums in Preußen fast die des deutschen Gymnasiums überhaupt ist.
Eine den ganzen Betrieb der Gymnasien regelnde Unterrichtsverfassung ward seit 1810 bearbeitet, dann
von F. A. Wolf begutachtet und trat 1816 in Kraft. Unter andern wichtigen Neuerungen führte diese Unterrichtsverfassung das
Klassensystem allgemein ein und damit das Amt der Klassenlehrer oder Ordinarien, während bis dahin an vielen Anstalten das
Fachsystem vorgeherrscht hatte, so daß derselbe Schüler bei den einzelnen Fachlehrern in sehr verschiedenen
Klassen sitzen konnte.
Die Verfassung wurde unter dem Eindruck des Lorinserschen Streits über die gesundheitsgefährlichen Einflüsse
der Schulen abgelöst durch den »Normalplan«, der mit geringen Änderungen
vom bis zum gegolten hat. Durch den Normalplan von 1837 wurde das Turnen, nachdem es
seit 1820 ausgeschlossen gewesen war, wieder eingeführt. Inzwischen war auch für den Nachweis einer geeigneten Vorbildung
der Gymnasiallehrer gesorgt und damit ein Gymnasiallehrstand überhaupt erst geschaffen, nachdem bisher das Lehramt am Gymnasium der
Regel nach Durchgang für tüchtige, oft auch Zuflucht für untüchtige Theologen gewesen war.
Nach den jetzt geltenden Lehrplänen von 1882, wie bereits seit 1837, besteht das Gymnasium aus sechs aufsteigenden Klassen, deren
drei untere einjährigen, die drei obern zweijährigen Lehrgang haben. Die Klassen werden lateinisch benannt (von
unten auf Sexta, Quinta, Quarta, Tertia, Sekunda, Prima). Da an größern Anstalten die drei obern Klassen in je zwei Jahrgänge
(Unter- u. Obertertia etc.) zerlegt sind und für gewisse Unterrichtszweige
diese Teilung sogar geboten ist, hat das Gymnasium jedoch eigentlich neun einjährige Klassen, und diese Zählung wäre um so mehr
zu bevorzugen, da anderseits auch amtlich obere (I und Ober- II), mittlere (Unter- II, III) und untere Klassen unterschieden
werden und einer der praktisch wichtigsten Abschnitte des Gymnasialbesuchs, die Erlangung der wissenschaftlichen Reife für
den einjährig freiwilligen Heerdienst, mitten in die Sekunda fällt. Durch die Lehrpläne von 1882 ist die
höhere Einheitsschule oder
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