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Klima im Wandel Die Launen des Wetters
Lukrezia Seiler-Spiess
Lukrezia Seiler, vertraut mit wichtigem Quellenmaterial aus Riehen, und Hans-Rudolf Moser, Abteilungsleiter beim Lufthygieneamt beider Basel, berichten über Wetterbeobachtungen aus alter und neuer Zeit.
Ein unerschöpfliches Gesprächsthema ist das Wetter! Ob wir besonders wetterfühlig sind, uns an strahlendem Sonnenschein freuen, Regen ersehnen für den Garten oder an grauen Nebeltagen in Lrübsinn versinken wollen - immer beschäftigen uns die Launen des Wetters. In den letzten Jahren stellt sich darüber hinaus immer häufiger die bange Frage, ob nicht unser Klima in einem grossen, weltweiten Wandel begriffen ist, dessen Auswirkungen noch völlig unübersehbar sind.
Auf den folgenden Seiten stellen wir Wetterbeobachtungen aus zwei verschiedenen Zeiten vor, einerseits eine Chronik aus dem 19. Jahrhundert, in welcher die Chronistin über dreissig Jahre lang das Wettergeschehen protokollierte, andererseits Klimabeobachtungen anhand der Messreihe Basel, welche den Wandel des Wetters, vor allem die Erwärmung der letzten Jahrzehnte, dokumentieren.
Chronik der Magdalena Sieglin über dreissig Jahre lang, vom Januar 1845 bis zum November 1875, hat Magdalena Sieglin von Riehen ihre Beobachtungen über das Wetter, über Naturereignisse, Ernten und Preise aufgezeichnet. Mit schöner, zügiger Schrift notierte sie ihre Bemerkungen in einfache Schulhefte, und auf den Umschlag des ersten setzte sie den Titel: «Cronik. Angefangen im Jahr 1845. Von Magdalena Sieglin».
Magdalena Sieglin wurde 1809 in Riehen geboren. Sie war eine Tochter des begüterten Gemeinde- und Gerichtspräsidenten und Landwirts Nikiaus Sieglin-Schultheiss (1783-1835) und seiner Frau Anna Maria (1787-1840). Ihre Eltern waren der pietistischen Glaubensrichtung zugetan und schickten ihre 14-jährige Tochter für längere Zeit ins Pensionat «Montmirail» bei Neuenburg, einer 1776 durch die «Herrnhuter Brüdergemeine» gegründete Erziehungsanstalt für junge Mädchen; dort wurde Magdalena auch konfirmiert. Es muss eine wichtige und schöne Zeit im Leben der jungen Frau gewesen sein. Im einzigen erhaltenen Dokument, das uns Auskunft gibt über ihr Leben, der Leichenrede aus dem Jahre 1883, vermutlich von Pfarrer Johann Jakob Kägi, heisst es: «Der dortige Aufenthalt übte einen grossen Einfluss auf sie aus, [...] dass sie recht oft in der Erinnerung jene Zeit segnete, wo sie für Geist und Herz aussergewöhnlich viel hatte sammeln dürfen. Sie behielt das Erworbene mit einer seltenen Geisteskraft, behielt vor allem die Liebe zu Gottes Wort und zu Gottes Haus bis an ihr Ende und damit auch einen offenen Blick und ein warmes Herz für alle Arbeit zum Bau des Gottesreiches.» Nach ihrer Rückkehr nach Riehen übersiedelte sie mit ihren Eltern und Geschwistern im Jahre 1827 ins Lüscherhaus (Baselstrasse 30), das zusammen mit dem später abgebrochenen Bauernhof Baselstrasse 28 ein grosses Gut bildete. «Von da an war ihr Leben ein sehr einfaches und einförmiges», fährt Pfarrer Kägi in seinen Erinnerungen fort. «Es waren nur die Geschicke der Ihrigen, die ihrem Leben neue Aufgaben brachten. Sie lebte nur den Andern.» Magdalena Sieglin blieb unverheiratet, war eine treue Helferin ihrer Eltern und, nach deren frühem Tod, eine Stütze im Haushalt ihrer jüngeren Schwester Anna Barbara (1814-1874), welche 1841 den späteren Gemeindepräsidenten Heinrich Unholz-Sieglin (1809-1874) heiratete. Liebevoll widmete sie sich der Erziehung ihrer drei Nichten und später deren Kinder, denen sie in den letzten Lebensjahren die Grossmutter ersetzte. Man weiss aber auch, dass sie, besonders in jungen Jahren, tatkräftig und gerne im Bauernbetrieb der Familie mithalf.
Vielleicht gerade aus der Einförmigkeit ihres Lebens heraus begann Magdalena Sieglin im Jahre 1845 ihre Chronik. Sicher war es aber auch ihr grosses Interesse an der Landwirtschaft, welches sie anspornte, die selbstgewählte Aufgabe während dreier Jahrzehnte weiterzuführen.
Die ersten Jahre der Chronik berichten nur summarisch über das Wettergeschehen, etwa über frühe Ernten oder ein heftiges Hagelwetter. Doch ab 1850 werden die Eintragungen sehr ausführlich. Unter dem Zwischentitel «Witterungsbeobachtungen» beschreibt Magdalena Sieglin nun das Wetter fast von Tag zu Tag. Seite um Seite füllt sie mit ihren Angaben zu Regen und Sonne, Stürmen und Hagelschlag. Besonders interessant sind die Angaben, welche sie in einer seitlichen Spalte den einzelnen Monaten beifügt - über Feldarbeit, Ernten, Preise und besonde re Ereignisse im Dorf. Ab 1857 werden die Eintragungen wieder kürzer, sie lassen aber immer noch den Wettercharakter des einzelnen Jahres erkennen.
Interessante Wetterbeobachtungen Die Chronik der Magdalena Sieglin kann zwar nicht zu statistischen Zwecken herangezogen werden - nur selten machte sie präzise Temperaturangaben und eine Möglichkeit, Niederschlagsmengen zu messen, stand ihr natürlich nicht zur Verfügung. Trotzdem lassen sich aus ihren Beobachtungen die Schwankungen innerhalb der einzelnen Jahre und der Wechsel von nassen und kühlen zu heissen und trockenen Sommern zeigen. Diese Beobachtungen decken sich denn auch mit den Messungen der Klimareihe Basel, die schon seit 1755 durchgeführt werden.
Was schon beim ersten Lesen der Chronik auffällt, ist die Unbeständigkeit des Wetters, die heftigen Schwankungen innerhalb weniger Tage, welche wir ja gerne als typische Eigenschaft unseres heutigen Wetters betrachten möchten. Doch das war bereits im letzten Jahrhundert so, wie folgendes Beispiel zeigt: «August 1851. Den lsten vor Tages Anbruch ist der Bach vom gewaltigen Regen so heftig angeschwollen dass er beym obersten Brunnen fast in den Trog gelauffen, u. das Immenbächli über zehn Jucherten Acker. Vom 3ten bis zum 7ten war sehr schön Wetter, dann hats bis den 14ten wieder geregnet. Am Sonntag den 17ten wieder schön, die 2 folgenden Nächte dann starke Gewitter u. darauf schönes Wetter bis den 26ten dann hats bis Ende geregnet.»
Wenn wir die einzelnen Jahre miteinander vergleichen, zeigen sich grosse Unterschiede. Es gab extrem nasse Jahre, wie zum Beispiel das Jahr 1852, wo es nicht nur im Juni («Den ganzen Monat hats mit Ausnahm weniger Tage fast immer geregnet.»), sondern auch im Juli, August und September goss: «... den 16ten [September] hats angefangen zu regnen und hat 2 Tage u. zwey Nächte ohne Aufhören geregnet, u. in der Nacht vom 17 auf den 18ten war so ein gewaltiger Regenguss dass alle Bäche eine ungewöhnliche Höhe erreichten. Auch der Rhein war so gross dass er seit 200 Jahren nicht gewesen ist.»
Daneben gab es auch eigentliche «Traumjahre», wie etwa 1861, als von Juni bis Ende Oktober mit wenigen Unterbrüchen die Sonne schien. Jenem Sommer folgten dann vier Jahre mit auffallend schönem Herbstwetter.
Aussergewöhnliche Wetterereignisse wie Hagel, Sturm, Schnee und Gewitter wurden von Magdalena Sieglin sorgfältig notiert. Frost und Hagelwetter, welche ganze Ernten zerstören konnten, waren besonders gefürchtet. So hat zum Beispiel im Juni 1849 «ein Hagelwetter den Kilchgrund und Hackberg zerschlagen» und im April 1854 «hat es so stark gefroren, dass die Kirschen und Nuss gänzlich erfroren und die Reben in der Höhe und Tiefe auch grossentheils verfroren sind». Auch «orkanmässige Stürme» richteten oft grossen Schaden an - am 5. Oktober 1852 «hats bey warmer Luft den ganzen Tag furchtbar gestürmt, dass es die grössten Bäume zerbrochen und umgeweht hat».
Interessant sind die Aufzeichnungen zum Lhema Schnee. Es scheint, dass es ab 1855 einige schneereiche Winter gab, zum Beispiel den Februar 1855, in dem es «bis zum 19ten so eine Masse geschneit, dass er über 2 Schuh [= 60 Zentimeter] gelegen was seit 1788 nicht mehr der Fall gewesen. Den 20. hats den ganzen Tag Eis geregnet.» Auch 1853 und 1856 wird von VA Schuh Schnee berichtet, dann aber über ein Jahrzehnt lang nur von unbedeutenden Schneefällen. Erst 1867 berichtet die Chronistin wieder von Vi Schuh Schnee, und im Februar 1870 heisst es: «Den 12. den ganzen Tag geschneit dan Schlittweg gewesen bis d. 17ten.» Es muss aber in jedem Winter kürzere oder längere Frostperioden gegeben haben, immer dann, wenn Magdalena Sieglin berichtet, dass «die Fenster gefroren» waren. Nur einige wenige Male nennt sie Kältegrade, die tiefsten am 30. Dezember 1853, als «eine Kälte von 13 Grad» herrschte, vermutlich Réaumur, was minus 16 Grad Celsius entspricht.
Die Sommermonate waren oft heiss, aber wir finden in der Chronik nur zwei exakte Temperaturangaben: Im Juni und Juli 1853 «ist eine Hitze von 24 Grad gewesen», was 30 Grad Celsius entspricht. Wenn die einmalige Nennung dieser hohen Temperatur bedeutet, dass das wirklich eine Ausnahme war, so zeigt dies deutlich, wie viel wärmer unsere Sommer geworden sind, in denen es bis zu sechzehn Hitzetage (über 30 Grad) pro Sommer gibt.
Gute Jahre, reiche Ernten In einem Bauern- und Rebdorf wie Riehen waren Wetterbeobachtungen natürlich nie Selbstzweck, hingen doch Wohlstand oder Not ganz direkt mit dem Wetter zusammen. Magdalena Sieglin notiert denn auch das ganze Jahr hindurch, wann welche Arbeiten auf den Feldern und im Rebberg ausgeführt wurden. Die ganze Vielfalt der landwirtschaftlichen (Hand-)Arbeiten wird hier deutlich. Sie berichtet zum Beispiel im Jahre 1853 genau, wann man die Reben schneiden und abdecken konnte, wann sie angebunden wurden, wann sie blühten und natürlich wann geherbstet wurde und wie der Ertrag ausfiel. Oft hiess es dann: «Es hat wenig, aber guten Wein gegeben.» Auch der Beginn des «Heuets» und des «Emdets» wird notiert. Es gab extrem frühe Jahre, wie zum Beispiel 1847, als man schon im Mai heuen konnte, oder späte, in denen der Heuet «erst nach Johanni» (24. Juni) oder sogar erst anfangs Juli stattfinden konnte.
In Riehen, wo Ackerbau neben den Reben eine grosse Rolle spielte, war auch das jeweilige Erntedatum wichtig: «Vor Jacobi» (25. Juli) konnte man in frühen Jahren Korn und Gerste ernten, erst anfangs August in Jahren, in denen die Hitze spät einsetzte. Und manchmal wurde erst im September «der Haber eingeheimst». Immer wieder berichtet Magdalena Sieglin: «Es war eine schöne und reiche Ernte.» Auch der Obstbau spielte für die Riehener Bauern eine grosse Rolle, und so werden die reichen oder mageren Erträge an äpfeln, Birnen und «Zwegsten» alljährlich vermerkt. Die Kirschenernte findet nur einmal Eingang in die Chronik, als es 1865 «schon den 24ten Mai reiffe Kirschen» gab - eine extrem frühe Kirschenernte, sogar noch früher als die Ernte des Jahres 2000, der frühesten der letzten hundert Jahre.
Es fällt in Magdalena Sieglins Chronik auf, wie die alten vorreformatorischen Heiligennamen im evangelischen Kalender in Riehen weiterhin verwendet wurden. Neben «Jacobi» und «Johanni» finden wir auch «Martini» (11. November) und «Kathrein» (25. November), «Jerkentag» (23. April), «Gallentag» (16. Oktober) und viele andere. Sie geben der Chronik Farbe, genau wie die alten Monatsnamen Hornung, Herbstmonat, Weinmonat und Christmonat, die freilich gelegentlich durch die eleganteren «Octobre» oder «Novembre» ersetzt werden.
Von Krankheiten und Schädlingen In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde nicht nur in Riehen, sondern in grossen Teilen Europas die Landwirtschaft von einer Plage heimgesucht, die vorher - wenigstens in dieser Stärke - unbekannt war. Die durch einen Pilz verursachte Krautfäuleepidemie von 1845 zerstörte zum Beispiel in Irland praktisch die gesamte Kartoffelernte und verursachte dort eine gewaltige Hungersnot. Im gleichen Jahr erwähnt auch Magdalena Sieglin in ihrer Chronik erstmals «die Krankheit»1), wie sie sie stets nennt. Sie beobachtet sie zuerst an den Kartoffeln: «An die Erdäpfel ist im August eine Krankheit gekommen, zuerst wurde das Kraut schwarz, dann erst die Erdäpfel so dass man wenig bekommen hat. In Folge dessen wurde alles theurer.»
In den darauf folgenden Jahren erwähnt sie immer wieder die kranken Kartoffeln, doch ab 1853 erkranken auch andere Pflanzen. Magdalena Sieglin berichtet: «Anfangs Juni ist an den Kirschbäumen das Laub völlig dürr geworden, es hat fast keine Kirschen gegeben. Anfangs Juli [...] ist eine Krankheit an die Reben gekommen, die sahen aus wie verbrannt.» Zu allem Unglück tauchte um 1850 an den Riehener Reben erstmals auch der echte Mehltau auf, eine Pilzerkrankung, die dem Riehener Rebbau schwersten Schaden zufügte.2) Man spürt die Sorge, das Entsetzen über diese Bedrohung, wenn die Chronistin im Jahr 1854 schreibt: «Die 2te Woche im May ist die Krankheit schon wieder an die Bäume gekommen besonders an Kirschbäumen war viel Laub wie dürr geworden in den Aprikosen ists grün Laub abgefallen. Später sind fast alle Bäume krank geworden das Laub zusammen gelaufen u die kleinen äste von Aussen herein wie verbrannt auch sind grüne u schwarze Läuse an die Bäume u sonst an viel Pflanzen gekommen, sodass alles sehr dunkel u traurig ausgesehen. Auch die Trauben sind krank geworden, im Kirchgrund u Hinterengeli waren sie wie dürr u verbrannt, in den Trauben sind statt zu blühen Würmer gewachsen die fast alles verherten so dass wenig Trauben davon gekommen.»3) Es gab dann in der Folge in diesem Jahr fast keinen Wein, wenig Obst und sehr wenig Kartoffeln, daneben aber eine besonders reiche Getreideernte die Krankheiten, die so viel verheerten, befielen zum Glück das Getreide nicht.
«Die Krankheit» zieht sich nun durch die Aufzeichnungen aller folgenden Jahre hindurch, sogar das Gras wird einmal krank, dazu viele Bäume, die Reben und vor allem immer wieder die Kartoffeln. Nach einigen heissen, trockenen Sommern beruhigt sich die Lage gegen 1860, in verschiedenen Jahren verschwindet die Krankheit sogar ganz, aber sie flammt immer wieder auf, besonders an den Kartoffeln. 1875 schreibt Magdalena Sieglin: «Im Schlipf war die Traubenkrankheit» und der allerletzte Satz ihrer Chronik vom November des gleichen Jahres lautet: «Die meisten Bäume waren halber krank.»
Schädlinge scheinen die Riehener Bauern in jenen Jahren nicht so sehr beunruhigt zu haben; so wird zum Beispiel keine einzige Maikäferplage notiert. Nur 1862 berichtet die Chronistin von den Mäusen, «die durch den Winter sehr geschadet, besonders sehr viel Klee abgefressen».
Der Hungerbrunnen Im oberen Leil des Steingrubenwegs floss in alten Zeiten und noch bis ins 19. Jahrhundert ein heute versiegter Bach, der Hungerbach, im Volksmund «Hungerbrunnen» genannt. Er hatte die Eigenschaft, von Zeit zu Zeit zu versiegen, um dann plötzlich wieder zu fliessen. Emil Iselin schreibt in seiner «Geschichte des Dorfes Riehen» von 1923, dass das Fliessen des Hungerbaches in nassen Jahren Hunger bedeute. Wie allgemein dieser Volksglaube war, zeigt eine Zeitungsnotiz aus dem «Tagblatt der Stadt Basel» vom 9. Februar 1847, die auf das Fliessen des Hungerbrunnens hinweist.
Magdalena Sieglin beobachtet das «Lauften» des Hungerbrunnens genau und erwähnt ihn immer wieder in ihrer Chronik, ja sie beginnt ihre Aufzeichnungen sogar mit ihm: «1845 ist der Hungerbrunnen wie ein Bach gelauffen und war doch im Sommer eine Zeitlang trocken so dass man daraus gespritzt hat.» Im folgenden Jahr kam wirklich «eine grosse Theuerung über das ganze Land». 1847 berichtet die Chronistin: «Alles ist wieder wohlfeiler geworden. Der Hungerbrunnen hat aufgehört.»
Bereits im Mai 1851 beginnt die nächste «Hungerbrunnen-Periode», die diesmal drei Jahre lang, bis zum Februar 1854, dauert. Wie wir gesehen haben, handelte es sich hier um besonders nasse Jahre, in denen sich auch die Pilzkrankheiten rasant ausbreiteten. Magdalena Sieglin schreibt am Ende des Jahres 1854: «Obschon dieses Jahr eine so gesegnete Ernte gewesen, ist doch das Brot und die Erdäpfel noch gleich theuer wie voriges Jahr.» In den folgenden Jahren berichtet sie noch dreimal von kürzeren Perioden, in denen der Hungerbrunnen floss, zum Beispiel im heissen und trockenen Jahre 1855. Hier liess sich freilich keine Teuerung feststellen, sondern es war im Gegenteil ein fruchtbares Jahr.
Im August 1867 erwähnt Magdalena Sieglin den Hungerbrunnen zum letzten Mal: «Der Hungerbrunnen läuft in den Teich», was wohl bedeutet, dass er reichlich Wasser führte. Ob er nachher definitiv versiegte, wissen wir nicht, auf jeden Fall kommt er in ihren Aufzeichnungen nicht mehr vor.
Das Phänomen des Hungerbrunnens lässt sich aus dieser Chronik und aus dem wenigen, das wir von ihm wissen, kaum erklären, floss er doch nicht nur in nassen, sondern gelegentlich auch in ganz trockenen Jahren. Einzig Pfarrer Iselins Aussage wird hier bestätigt: Wenn der Hungerbrunnen in nassen Jahren floss, dann brachte er Missernte und Teuerung mit sich.
Von Preisen und Neuigkeiten
Es ist nicht möglich, Magdalena Sieglins Chronik auf knappem Raum vollständig auszuschöpfen, doch ein paar Punkte seien hier noch erwähnt. In alten Chroniken finden wir immer wieder Preisangaben über Grundnahrungsmittel, schwankten diese doch je nach Ernte sehr stark. Magdalena Sieglin notierte vor allem die Preise für Rindfleisch, die von 40 Centimes pro Pfund (1853) innert zwanzig Jahren auf 85 Centimes pro Pfund anstiegen. Dieser Anstieg erfolgte freilich nicht kontinuierlich, sondern war innerhalb der Jahre grösseren Schwankungen ausgesetzt. Das Kalbfleisch, das gelegentlich erwähnt wird, kostete übrigens stets einige Centimes weniger, ganz im Gegensatz zu heute.
Interessanterweise nennt Magdalena Sieglin keine Brotpreise, sondern, als Bauerntochter, den Preis des Korns, der zum Beispiel von acht Franken pro Sack im Jahre 1866, als das Korn «wohlfeil» war, auf 14 Franken im darauf folgenden Jahr anstieg. Auffallend ist der verhältnismässig hohe Preis der Eier, die zum Beispiel im Jahre 1854 acht bis zehn Centimes kosteten.
In einigen wenigen Fällen finden sich in Magdalena Sieglins Chronik auch Notizen, die nicht Wetter und Landwirtschaft, sondern das Dorfleben betreffen. Vor allem die Auswanderung von Riehenern in fremde Länder bewegten das Dorf. So schreibt sie im September 1854: «In der letzten Woche ist Jacob Vögeli nach Amerika verreist» und im April 1863: «Den 14. sind Samuel Suhr und Georg Schley nach Süd Amerika verreist.» Ereignisse, die ihr persönliches Leben oder die grosse Politik betrafen, fanden in ihrer Chronik keinen Eingang. Mit einer Ausnahme. Am Ende des Jahres 1870 notierte sie: «Ende Juli ist der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausgebrochen.»
In ihrem stillen, arbeitsamen Leben fand Magdalena Sieglin in ihrer Chronik eine Aufgabe, die sie mit Interesse und Sorgfalt ausübte. Uns aber hat sie damit ein Fenster geöffnet auf den Riehener Alltag im 19. Jahrhundert.
Anmerkungen
1) Bei der von Magdalena Sieglin beschriebenen «Krankheit» handelt es sich um verschiedene Pflanzenerkrankungen, die offenbar zum gleichen Zeitpunkt auftraten.
Kartoffeln: Gemeint ist die heute noch berüchtigte Kraut- und Knollenfäule der Kartoffeln, verursacht durch den Pilz Phytophthora infestans. Andere Pflanzen: Der gleiche Pilz geht beispielsweise auch auf die Tomaten.
Kirschen: Dies ist die Pilzkrankheit «Schrotschuss», verursacht durch Clasterosporium carpophilium.
Angaben von Richard Grimm, Eidgenössische Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau, Wädenswil.
2) Echter Mehltau (Uncinula necator bzw. Oidium), siehe Michael Raith, Gemeindekunde Riehen, S. 71.
3) Hier handelt es sich vermutlich um den «Bekreuzten Traubenwickler» (Lobesia botrana), erste Generation. Angabe von Richard Grimm.
Quellen
«Cronik. Angefangen im Jahr 1845. Von Magdalena Sieglin», Handschrift, Privatbesitz. Archiv Paul Wenk-Löliger (bei Johannes Wenk-Madoery). Transkription im Gemeindearchiv Riehen.
Zur Erinnerung an Jungfrau Magdalena Sieglin von Riehen. Leichenrede. Basel 1883.