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Video-Buchtipp
Treue Seele
Es gibt Bilder, die aus vielen Millionen von Pixeln bestehen und Hunderte von Details zeigen. Solche Bilder schiessen die Kameras in unseren Mobiltelefonen. Wir sind heute daran gewöhnt. Und dann gibt es Bilder, die aus ein paar wenigen Strichen bestehen, die ein Künstler auf ein Blatt Papier geworfen hat. Obwohl eine solche Skizze nur einen Bruchteil der Bildinformation transportiert, kann sie aussagekräftiger sein als ein hochauflösendes Bild. Auch in der Sprache gibt es diese Unterschiede: Es gibt Bücher, die auf vielen hundert Seiten quasi hochauflösende Beschreibungen bieten. Und dann gibt es Bücher wie die Romane von Castle Freeman, die auf wenigen Seiten mit wenigen, präzisen Strichen aussagekräftiger sind als viele dicke Wälzer. Das gilt auch für seinen neuesten Roman «Treue Seele». In meinem 173. Buchtipp sage ich Ihnen, warum ich ein Fan der Schreibweise von Castle Freeman bin und Ihnen auch seinen neuesten Roman zur Lektüre empfehle.
Die Romane von Castle Freeman spielen alle in Vermont. Der Name des Bundesstaates stammt aus der französischen Kolonialzeit: «Les Verts Monts», die grünen Berge, nannten die Kolonialherren die Region. Obwohl Vermont flächenmässig etwa 60 Prozent der Schweiz entspricht, leben hier nur rund 650’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Vermont ist damit auf dem amerikanischen Festland nach Wyoming der bevölkerungsmässig kleinste Bundesstaat der USA. Anders gesagt: Vermont ist sehr ländlich geprägt.
In diesem Vermont also spielen die Geschichten von Castle Freeman. Sie sind nie in realen Orten angesiedelt, sondern in prototypischen Dörfern hinter den sieben Bergen irgendwo in den Wäldern von Vermont. Auch «Treue Seele» spielt in einem solchen Vermonter Dorf. Wie in den vergangenen Romanen taucht auch Sheriff Lucian Wing darin auf, er spielt diesmal allerdings nur eine Nebenrolle.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von drei Personen erzählt und spannt sich über drei Zeitabschnitte, im Jahr 1990, im Jahr 2000 und im Jahr 2010. Jeder der drei Teile beginnt damit, dass Porter Conway als Volkszähler unterwegs ist und bei Arthur Bennet anklopft. Jedes Mal schickt der alte Bennet den Volkszähler zum Teufel, er soll seinen «Schnüfflerarasch» von seinem Grundstück schaffen und verschwinden. Jedes Mal zeigt Port seine Erkennungsmarke und erklärt dem alten Bennet, dass der verpflichtet sei, ihm Auskunft zu geben, weil er von der Bundesregierung komme. Und jedes Mal reagiert Bennet allergisch auf das Wort «Bundesregierung». Wie das die Leute auf dem Land halt tun.
Port wohnt noch nicht lange in der Gegend. Er hat in der Vergangenheit für verschiedene Regierungsstellen gearbeitet. Er hat von einem Onkel ein Haus am Rand des Dorfes geerbt, deshalb ist er in die Gegend gezogen. Alle zehn Jahre arbeitet er für die Volkszählung. Er ist offenbar gebildet und muss in der Vergangenheit zu Geld gekommen sein.
Port ist mit Cliff Copeland befreundet. Cliff geht Port in dessen Haus zur Hand und hilft ihm, den alten Bau zu sanieren. Cliff ist das Gegenteil von Port: Er hat kaum eine formale Bildung, ist aber handwerklich begabt und zupackend. Cliff ist mit Constance Bennet verheiratet. Connie ist die Tochter des alten Bennet. Der widerspenstige Alte, der Port jedesmal von seinem Grundstück verjagt, ist also Cliffs Schwiegervater.
Castle Freeman erzählt seine Geschichte abwechslungsweise aus der Perspektive von Port, von Cliff und von Connie. Port schaut er dabei distanziert über die Schultern, die Partien aus der Perspektive von Cliff sind protokollarisch aus der Ich-Perspektive erzählt und enthalten viele Dialoge. Connie berichtet auch aus der Ich-Perspektive, aber ganz anders als Cliff: Es ist eher ein Bewusstseinsstrom. Während Cliff nur knapp schildert, was passiert, macht sich Connie viele Gedanken und Sorgen und schildert ihre Gefühle. Über Cliff sagt sie einen Satz, wie er typisch ist für Castle Freeman:
«Ich finde es seltsam, dass in diesem Land, den guten alten USA, wo man den Menschen immer sagt, dass sie sein können, was immer sie wollen, so viele eigentlich gar nichts wollen. Cliff zum Beispiel.» (Seite 27)
Castle Freeman beschreibt seine Figuren kaum. Aber durch die unterschiedlichen Erzählstile erhalten wir ein genaues Bild von ihnen. Das ist typisch für den Schreibstil von Freeman: Es ist eben keine hochauflösende Fotografie, es sind knapp gehaltene Zeichnungen, die er in wenigen präzisen Strichen aufs Papier wirft.
Inhaltlich handelt die Geschichte davon, wie Port zwanzig Jahre lang auf eine Frau wartet. Er ist die treue Seele, die dem Roman den Titel gegeben hat. Schon bei seiner ersten Volkszählung trifft er beim alten Arthur Bennet auf dessen zweite Tochter Lucy, die zu diesem Zeitpunkt noch ein Mädchen ist. Und zwar ein wunderschönes Mädchen. Es ist Port schon damals klar, dass es in ein paar Jahren wehtun würde, sie anzuschauen. Zwanzig Jahre später heiratet er Lucy. Das ist kein Spoiler, das erzählt Castle Freeman schon im Prolog des Buches. Denn wie treu Port ist, wird einem nur bewusst, wenn man während der Lektüre des ganzen Buchs weiss, dass Port auf Lucy wartet. Im Gegensatz zu Cliff weiss Port genau, dass er sein kann, was er will. Und er weiss, was er will.
Warum das Buch lesenswert ist? Weil Castle Freeman alle Figuren gern hat und keine gegen die andere ausspielt. Er hat für sie alle Verständnis und erzählt in knappen, lakonischen Worten, aber liebevoll, wie sie sich durch ihre Leben wursteln. Dieses Verständnis für die Figuren steckt an. Nach der Lektüre des Buchs haben Sie, vielleicht, auch etwas mehr Verständnis für die schrulligen Figuren, denen Sie im Alltag begegnen.
Castle Freeman: Treue Seele. Roman. Hanser, 224 Seiten, 32.50 Franken; ISBN 978-3-446-27753-3
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446277533
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Basel, 26. September 2023, Matthias Zehnder
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