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Zweiter Akt:
Das Gulliverspiel
Wie konnte nun dieses wissenschaftlich erhobene Selbstporträt der Schweiz in die Expo 64 integriert werden? Eine vom Ethnologen Jean Gabus eingeführte Figur half dabei, die soziologische Umfrage zu einem zum Nachdenken anregenden Spiel zu machen: Der Riese Gulliver kommt in die Schweiz, um deren Einwohner kennenzulernen.
Apothéloz’ interaktives Spiel, das sich auf die Ergebnisse der Voruntersuchung stützte, stand im Mittelpunkt des Sektors „Der Weg der Schweiz“. Die Expo-Besucher und -Besucherinnen (die damals noch kein Stimmrecht auf Bundesebene innehatten!) wurden eingeladen, den „Fragebogen von Gulliver“ auszufüllen. Dieser war in allen drei wichtigsten Landessprachen erhältlich und bestand aus zwölf Meinungsfragen und acht Fragen zur Schweizer Identität. Die Antworten wurden auf Lochkarten übertragen und von einem IBM-Computer verarbeitet; kurz darauf gab Gulliver den Besuchern ein Blatt ab, auf dem ihre individuellen Antworten mit den repräsentativen Ergebnissen der Voruntersuchung verglichen wurden. Die gesammelten Antworten hätten dann auf einer grossen Tafel angezeigt und laufend aktualisiert werden sollen. Das Projekt war in mehr als einer Hinsicht innovativ: IBM hatte für die Expo ein Spezialprogramm entwickelt, und der Computer, der in Echtzeit arbeitete, ermöglichte den Besuchern den ersten direkten Kontakt mit dieser neuen Technologie.
Doch im September 1963 beruft der Bundesrat die Leitung der Expo zu einer dringenden Sitzung ein. Mehrere Bundesinstanzen und besonders Hans Giger, der Expo-Delegierte des Bundesrates, haben Einwände gegen das Gulliverspiel, die die Regierung in Alarmbereitschaft versetzen. Sie äussert nun starke Zweifel am Projekt Gulliver im Allgemeinen und an bestimmten Fragen im Besonderen. Die Regierung droht, die Finanzierung einzustellen. Zwischen Lausanne und Bern beginnt ein langes Hin und Her, bis man sich nach 13 abgelehnten Entwürfen des Fragebogens schliesslich auf eine definitive Version festlegen kann. Die gestrichenen Fragen betreffen unter anderem den Schwangerschaftsabbruch, die nationale Verteidigung, die Bodenspekulation, die Militärdienstverweigerung, das Medienmonopol und die 40-Stunden-Woche. Die abgeänderten Fragen beziehen sich auf den gemeinsamen Markt, die Neutralität, den Kommunismus usw. Die 14. Version des Fragebogens wird schliesslich unter der Bedingung akzeptiert, dass die Ergebnisse weder gesammelt noch veröffentlicht werden.
Am 30. April 1964 öffnete die Expo ihre Tore und das Gulliverspiel weckte auf Anhieb das Interesse der Besucher. Die Ergebnisse der Umfrage wurden, im Hinblick auf eine zukünftige Auswertung, kontinuierlich im Elektronikzentrum der Expo registriert. Obschon die Aufbewahrung der Daten untersagt war, wurden jede Woche ganze Kartons voller Datenmaterial diskret in Apothéloz’ Keller gebracht.
Im Juni 1964 machen erstmals Gerüchte über eine Zensur die Runde, und schliesslich kommt die ganze Sache ans Licht und die Schweizer Medien greifen das Thema auf. Am 12. Juli 1964 deckt Apothéloz in einem Interview mit der „Tribune de Lausanne“ (Apothéloz, Cris et écrits) die Hintergründe der Affäre Gulliver auf und bestätigt, dass die Meinungsumfrage „in der Form nur noch ein sinnloses Spiel geworden sei“. Und schliesst mit der Aussage: „Wie ist es möglich, dass gewisse für die Demokratie bedeutsame Fragen in einem demokratischen Land nicht gestellt werden dürfen?“ (ibid.) Als die Expo am 25. Oktober 1964 ihre Tore schliesst, haben fast zwölf Millionen Personen die Ausstellung besucht, und mehr als 580’000 Fragebogen sind ausgefüllt worden.