Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/1832

Regie: Wayne Wang Drehbuch: Paul Auster Besetzung: Harvey Keitel, William Hurt, Forest Whitaker Kamera: Adam Holender Produzenten: Greg Johnston, Peter Newman, Hisami Kuroiwa Kenzo Horikoshi Exec. Producer: Bob Weinstein, Harvey Weinstein, Satoru Iseki Produktion: Miramax Verleih: Monopole Pathé Films Format: 35mm 1:1.85 Sound: Dolby SR-D Auszeichnungen: Silberner Bär (Spezialpreis der Jury), Berlin Publikumspreis, Locarno
"Smoke", die neueste Charakterstudie von Wayne Wang ("The Joy Luck Club"), entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Paul Auster ("The Music of Chance"). Der Film besteht aus mehreren in sich verflochtenen Kurzgeschichten, deren gemeinsamer Nenner ein Tabakgeschäft in Brooklyn darstellt. Wie in Lawrence Kasdans "Grand Canyon" haben in diesem Film zufällige Begegnungen erhebliche Auswirkungen über den Fortgang des Lebens der porträtierten Personen. Diese "zufälligen Begenungen" und die Rolle des Menschen als "unbeteiligter Passant" ziehen sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film.
Die zentrale Figur ist Austers alter ego, der Schriftsteller Paul Benjamin, (mit einer fast stoischen Gelassenheit verkörpert von William Hurt). Er gehört zu den Stammkunden des altklugen und geschwätzigen Geschäftsinhabers Auggie Wren (Harvey Keitel) und versorgt sich in dessen Laden mit seiner täglichen Nikotin-Ration und Ideen für neue Geschichten. Von dem Tod seiner Frau als unbeteiligte Passantin bei einem Banküberfall hat sich Paul nicht mehr so richtig erholt. Er erwacht erst wieder aus seiner Ziellosigkeit, als ihn ein afro-amerikanischer Teenager (Harold Perrineau, Jr.), der sich Rashid nennt, in letzter Sekunde vor einem heranbrausenden Bus rettet.
Als Zeichen seiner Dankbarkeit bietet Paul dem heimatlosen Jugendlichen an, ein paar Tage bei ihm zu wohnen. Rashid selber ist auf der Suche nach seinem Vater (Forest Whitaker), lässt aber Paul im Dunkeln über seine eigentlichen Absichten. Schliesslich wird Paul in Rashids Geschichte hineingezogen. Doch auch Auggie bekommt Probleme, als seine verflossene Liebe Ruby McNutt (Stockard Channing) unerwartet auftaucht, und ihm nach 18 Jahren eröffnet, er sei der Vater einer drogenabhängigen und schwangeren Tochter namens Felicity (Ashley Judd).
"Smoke" endet mit einem der bewegendsten Film-Monologe seit Jahren. Während sich die Kamera in einer respektvollen Bedächtigkeit immer näher ans Gesicht von Harvey Keitel heranpirscht, erzählt Auggie seine rührende Weihnachtsgeschichte. Eigentlich ist "Smoke" nämlich eine Gesichte über Geschichtenerzähler. Jede Person in diesem Film hat ihre Geschichte zu erzählen, ob sie wahr, falsch oder einfach nur etwas übertrieben ist, interessiert letztlich nicht.
In "Smoke" entfalten sich die Geschichten zuerst fast ermüdend langsam und die Zusammenhänge werden erst mit der Zeit klar. Eine der zentralen Aussagen fällt schon ganz zu Beginn, wenn der Zuschauer sich über die symbolische Bedeutung noch überhaupt nicht im Klaren ist: Auggie zeigt Paul sein Lebenswerk, zwei Fotoalben mit der immergleichen Aufnahme. Jeden Morgen während elf Jahren fotografierte er mit einer Kleinbildkamera, deren Herkunft erst ganz zum Schluss geklärt wird, sein Geschäft von der anderen Strassenseite aus. Pauls erste Reaktion ist ganz natürlich. Er kann den Sinn der auf den ersten Blick identischen Fotos nicht verstehen ("I don't get it!"). Erst als ihn Auggie bittet, die Bilder doch genauer zu betrachten ("You don't get it if you don't slow down."), entdeckt er plötzlich auf einem Bild seine verstorbenen Frau. Auf einen Schlag wird ihm die Bedeutung der Bilder klar: Jedes Foto ist eine zufällige Begegnung, jedes Foto erzäht seine ganz eigene Geschichte.
Aus dem Sumpf der gegenwärtig die Kinos dominierenden hirnlosen, millionenschweren Materialschlachten sticht dieser sorgfältig gemachte, kleine Film durch seine sensible Menschlichkeit hervor.
****1/2
M. Blatter
(Anmerkung: "Smoke" kann übrigens trotz der ständig qualmenden Darsteller auch militanten Nichtrauchern bedingungslos empfohlen werden. Der Film wird nicht in Smell-O-Vision gezeigt)