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Frauen leben gesunder und deswegen rund vier Jahre länger als Männer. (Bild: Keystone)
Im internationalen Vergleich hat die Schweiz eine ausserordentlich hohe Lebenserwartung. Abgesehen von einem grösseren Einbruch im Jahr 1918 wegen der Spanischen Grippe ist sie in den letzten 150 Jahren stetig gestiegen. Für Frauen betrug sie im Jahr 1876 bei der Geburt 42,4 Jahre und für Männer 39,1 Jahre (siehe Abbildung 1). Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stiegen diese Werte rapide an: Im Jahr 1950 wurde eine Frau durchschnittlich 71,1 Jahre, ein Mann 66,6 Jahre alt. Gründe dafür sind die stark zurückgegangene Kindersterblichkeit sowie die niedrigere Sterblichkeit von Erwachsenen aufgrund von Infektionskrankheiten, zum Beispiel Tuberkulose.
Der Anstieg der Lebenserwartung kam in der nachfolgenden Zeit hauptsächlich durch den Rückgang der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei älteren Menschen zustande. Der Fortschritt verlangsamte sich jedoch 1990 bis 2010, vor allem bei den Frauen. Bei den Männern war in diesem Zeitraum ein erneuter Fortschritt zu verzeichnen. Im Jahr 2021 betrug die Lebenserwartung bei der Geburt für Frauen 85,7 Jahre und für Männer 81,6 Jahre: Sie hat sich also über die letzten rund 150 Jahre quasi verdoppelt.
Abb. 1: Entwicklung der Lebenserwartung bei der Geburt nach Geschlecht (1876–2021)
Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft
Lebenserwartung ab 65
Nebst der Lebenserwartung bei der Geburt gibt es auch Statistiken zur Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren. Wie lange leben also Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt noch, sobald sie diese Altersgrenze überschritten haben? In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs stagnierte die Lebenserwartung von Männern und Frauen im Alter von 65 Jahren bei etwa 10 Jahren (siehe Abbildung 2). Erst ab 1920 wurden ältere Menschen immer älter: Um 1940 lebten Frauen noch 12,5 bis 13 Jahre und Männer 11 bis 11,5 Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich der Anstieg bei den Frauen bis in die 1990er-Jahre. Jener bei den Männern blieb gleich ansteigend. Erst in den 1970er-Jahren nahm der Anstieg auch bei den Männern zu. Der Rückstand der Männer ist wahrscheinlich zum Teil auf den höheren Alkohol- und Tabakkonsum zurückzuführen und die in der Folge gestiegene Anzahl von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen, die zum vorzeitigen Tod führten. Ab 2010 ist sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern eine starke Verlangsamung des Fortschritts zu verzeichnen.
Gegenwärtig wird die Entwicklung aufgrund von Grippeepidemien, Covid-19 und Hitzewellen unregelmässiger. Im Jahr 2021 liegt die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren für Frauen bei rekordhohen 22,7 Jahren und der entsprechende Wert für Männer bei 19,9 Jahren.
Abb. 2: Entwicklung der Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren nach Geschlecht (1876–2021)
Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft
Frauen leben länger
Über die gesamte Zeitspanne von 150 Jahren lebten Frauen im Durchschnitt länger als Männer. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Frauen bei allen Todesursachen eine niedrigere Sterblichkeit aufweisen. Im Allgemeinen haben Frauen einen gesünderen Lebensstil: Sie trinken weniger Alkohol, konsumieren weniger Tabak und ernähren sich gesünder, weswegen sie weniger oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs sterben. Dazu kommt ein tieferes Risikoverhalten zum Beispiel beim Autofahren oder beim Konsum von Drogen. Sie haben auch hormonell bedingte, biologische Vorteile, die sie besser vor bestimmten chronischen Krankheiten schützen.
In den letzten Jahrzehnten jedoch hat sich die Lebenserwartung von Männern und Frauen angenähert. Zum einen leben Männer seither gesünder, Frauen verhalten sich gleichzeitig häufiger gesundheitsschädigend.
Zukünftige Lebenserwartung
Wie sich die Lebenserwartung künftig entwickelt, hängt stark vom medizinischen Fortschritt und vom Klimawandel ab, insbesondere von der Dauer und der Häufigkeit von Hitzewellen. Diese Faktoren sind allerdings mit grossen Unsicherheiten behaftet und die zukünftige Lebenserwartung daher schwer vorherzusagen. Es scheint sich jedoch eine insgesamt positive Entwicklung abzuzeichnen.
Auffällig ist, dass Personen mit hohem Bildungsniveau im Allgemeinen eine höhere Lebenserwartung haben, da sie über ein höheres Einkommen verfügen und dazu neigen, mehr auf ihre Gesundheit zu achten. Da ihr Anteil an der Bevölkerung stetig wächst, sollte auch die durchschnittliche Lebenserwartung vermutlich allein aufgrund der Veränderung in der sozioökonomischen Struktur der Bevölkerung steigen.
Die Projektionen des Bundesamts für Statistik (BFS) sind relativ optimistisch: Sie gehen von einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung aus, der sich in den nächsten Jahrzehnten allmählich abschwächt. Nach dem Referenzszenario wird die Lebenserwartung der Frauen im Jahr 2050 bei knapp 89,5 Jahren und die der Männer bei über 87 Jahren liegen. Frauen im Alter von 65 Jahren könnten also noch etwa 24,5 Jahre leben, die Männer 22 Jahre.
Zitiervorschlag: Raymond Kohli (2023). Wir leben immer länger. Die Volkswirtschaft, 21. Februar.