Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03493.jsonl.gz/2362

Knappe Agrarrohstoffe: Kurzfristiges Phänomen oder langfristige Herausforderung?
In den letzten 30 Jahren sind Agrarrohstoffe real laufend billiger geworden. Zwar gab es vereinzelt auch Preisausschläge nach oben. Diese waren jedoch im Vergleich zu heute weniger ausgeprägt und nur von kurzer Dauer.
Bis Mai 2008: Starker Preisanstieg auf breiter Front
Die Preishausse bis Mai 2008 ist dadurch gekennzeichnet, dass die Preise wichtiger Grundnahrungsmittel in einem kurzen Zeitraum sehr stark und parallel zueinander angestiegen sind (siehe Grafik 1). Die Hausse auf den Weltmärkten begann Ende 2006 bei den Milchprodukten. Deren Preise lagen 2007 (Jahresdurchschnitt) bei Butter um 67%, bei Magermilchpulver um 93%, bei Vollmilchpulver um 91% und bei Cheddar-Käse um 51% über jenen von 2006 (Jahresdurchschnitt). Mit Ausnahme von Magermilchpulver (-18%) sind die entsprechenden Preise bis im April 2008 weiter angestiegen (Butter +33%, Vollmilchpulver +9%, Cheddar-Käse +25% gegenüber dem Jahresdurchschnitt von 2007). Beim Weizen begann die kräftige Hausse Mitte 2007. Amerikanischer Weizen kostete im April 2008 zwischen 76% und 85% mehr als im Vorjahresmonat. In der Zwischenzeit sind die Preise für Weizen wieder etwas gesunken; sie bleiben allerdings auf dem hohen Niveau von Ende 2007. Der Preisanstieg beim Mais setzte Ende 2007 ein und ist etwas weniger ausgeprägt als beim Weizen. Der Preis von amerikanischem Mais lag im April 2008 um 65% höher als im Vorjahresmonat. Im Unterschied zum Weizen sind die Maispreise danach weiter gestiegen und lagen im Juni 2008 auf Rekordhöhe. Am spätesten begann der Preisanstieg beim Reis, wobei der massivste Anstieg in der ersten Jahreshälfte 2008 zu verzeichnen war. Im Mai 2008 hatte sich der Preis von thailändischem Reis gegenüber dem Vorjahresmonat knapp verdreifacht (+296%).
Auswirkungen
Höhere Preise für Agrarrohstoffe verteuern die Lebensmittel für die Konsumentinnen und Konsumenten. In den entwickelten Ländern schlägt die Erhöhung nicht eins zu eins auf die Konsumentenpreise durch, da der Anteil der Rohstoffe am Endprodukt im Laden im Durchschnitt nur ungefähr 20% beträgt. In der EU haben die zum Teil markant höheren Rohstoffpreise im Zeitraum April 2007 bis April 2008 im Durchschnitt zu einer Zunahme der Konsumentenpreise um 6,9% geführt. In der Schweiz waren es demgegenüber nur 2,2%. Diese Differenz hat mit den unterschiedlichen Schutzniveaus für die Landwirtschaft in der EU und in der Schweiz zu tun. In der EU sind die Preise für Agrarrohstoffe fast ebenso stark gestiegen wie diejenigen auf dem Weltmarkt. In der Schweiz ermöglichen Massnahmen an der Grenze eine weitgehende Abkoppelung vom Weltmarkt und damit Preise für die Agrarrohstoffe, die wesentlich über dem Weltmarktpreisniveau liegen. Grundsätzlich hatte dies bisher zur Folge, dass sich die Erhöhung der Weltmarktpreise kaum auf die Schweizer Produzentenpreise auswirkte. In den Entwicklungsländern sind die Auswirkungen der Preissteigerungen bei den Agrarrohstoffen bedeutend gravierender als in den Industrieländern. Das betrifft insbesondere jene Länder, die Nettoimporteure von Nahrungsmitteln sind. Vgl. dazu den Artikel von O. Burki und M. Mordasini auf S. 28ff in dieser Ausgabe.
Nachfrage nach Agrarrohstoffen: Beschleunigte Zunahme
In den letzten 50 Jahren hat sich die Erdbevölkerung mehr als verdoppelt. Zusätzlich hat die Kaufkraft allein seit 1995 um 50% zugenommen. Damit einher ging eine kontinuierliche Steigerung der Nachfrage nach Agrarrohstoffen. In den letzten Jahren hat sich das Nachfragewachstum beschleunigt, weil vor allem bevölkerungsreiche Staaten im südostasiatischen Raum wirtschaftlich stark zugelegt haben. So kann sich heute eine wachsende Zahl von Menschen besser ernähren und insbesondere mehr Fleisch und Milchprodukte konsumieren. Dies wiederum hat zur Folge, dass mehr Futtermittel benötigt werden, da für eine tierische Kalorie zwei bis acht pflanzliche Kalorien eingesetzt werden müssen. Heute werden rund 36% des gesamten Getreides den Tieren verfüttert. Als zusätzlicher Faktor ist in den letzten Jahren die Nachfrage nach Biomasse zur Energiegewinnung hinzugekommen. Im Jahr 2007 wurden auf ca. 20 Mio. Hektaren Pflanzen angebaut, die zu Ethanol oder Biodiesel verarbeitet wurden. Damit stehen die entsprechenden pflanzlichen Produkte (Weizen, Zucker, Speiseöl oder Mais) für die direkte menschliche oder tierische Ernährung nicht mehr zur Verfügung. Weil die Abfallprodukte (z.B. Rapskuchen oder die Schlempe aus der Maisdestillation) in der Tierfütterung eingesetzt werden, bleibt ein Teil der Kalorien aus dem Anbau von Pflanzen für die Produktion von Biotreibstoffen aber indirekt für die menschliche Ernährung erhalten.
Angebot blieb hinter Nachfrage zurück
Die Entwicklung von Angebot und Nachfrage beim Getreide in den letzten acht Jahren zeigt, dass die Produktion nur gerade 2004 über der Nachfrage lag (siehe Grafik 2). Die Lagerbestände gingen in diesem Zeitraum fast auf die Hälfte zurück und betrugen im Frühjahr 2007 nur noch 15% des jährlichen Verbrauchs. Reserven in dieser Höhe werden international als untere Schwelle erachtet, um eine problemlose Versorgung sicherstellen zu können. Entsprechend nervös reagieren die Märkte, wenn in Hauptanbaugebieten Produktionsausfälle zu verzeichnen sind. Dies war in der Ernteperiode 2007/08 dürrebedingt in Australien für Weizen der Fall. Da Australien bei Weizen einen Weltmarktanteil von rund 15% aufweist, reagierte der Preis sehr stark und verdoppelte sich innerhalb kurzer Zeit. Wieder einmal zeigte sich, wie unelastisch Angebot und Nachfrage im Agrarbereich sind. Auch die Zunahme der Milchpreise ist auf ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zurückzuführen. Seit 2004 wurde weniger produziert als nachgefragt. Bis ins Frühjahr 2007 konnten die Lager bei Milchpulver und Butter diese Unterversorgung ausgleichen. Danach schlug das Ungleichgewicht voll auf den Preis durch.
Nachfrage nach Agrarrohstoffen wird weiter wachsen
Gemäss Schätzungen der FAO soll die Nachfrage nach Agrarrohstoffen bis 2030 um 50% und bis 2050 um bis zu 100% zunehmen. Ein wesentlicher Faktor dieser Nachfragesteigerung ist weiterhin das Wachstum der Erdbevölkerung von heute rund 6,6 Mrd. Menschen auf ungefähr 9,1 Mrd. Menschen im Jahr 2050. Pro Jahr müssen heute rund 75 Mio. Menschen mehr ernährt werden. Zusätzlich ist damit zu rechnen, dass sich die Kaufkraft in bevölkerungsreichen Schwellenländern ebenfalls weiter erhöht und damit die Nachfrage nach tierischen Produkten überproportional zunimmt. Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen für die Energieproduktion und für industrielle Zwecke dürfte ebenfalls weiter zunehmen. Beim Erdöl zeichnet sich ab, dass der Höhepunkt der Förderung mehr oder weniger erreicht ist. Damit verknappt sich die Leitenergie der weltwirtschaftlichen Entwicklung. So ist der Güter- und Individualverkehr zu einem hohen Prozentsatz von Diesel und Benzin abhängig, und ein rascher und vollständiger Ersatz der erdölabhängigen Transportinfrastruktur ist kurz- und mittelfristig nicht in Sicht. Treibstoffe aus agrarischen Rohstoffen sind eine rasch verfügbare Alternative, ohne dass die ganze Infrastruktur umgebaut werden muss, wie dies z.B. bei einer auf Wasserstoff basierten Mobilität der Fall sein würde. Wie sich die Nachfrage effektiv entwickeln wird, ist schwierig vorauszusagen. Auf der einen Seite regt sich politischer Widerstand gegen einen unüberlegten Ausbau der Treibstoffproduktion aus Agrarrohstoffen. Auf der anderen Seite wirken die heutigen politischen Rahmenbedingungen der USA und der EU mit der aktiven Förderung der Produktion von Ethanol und Biodiesel auf einen Ausbau hin. Auch die Marktkräfte ziehen in diese Richtung. Erdöl dürfte weiterhin knapp und somit teuer sein. Die Agrotreibstoffe bieten in diesem Umfeld eine attraktive Alternative.
Natürliche Ressourcen sind nur begrenzt verfügbar
Mit den hohen Preisen für Agrarrohstoffe stellt sich die Frage, ob auf Grund dieses Anreizes nicht einfach mehr produziert werden kann. Dabei gilt es zu beachten, dass das organische Pflanzenmaterial die Basis aller Nahrungsmittel ist und deren Produktion Boden (landwirtschaftliche Nutzfläche), Wasser, Nährstoffe und Licht benötigt. Im Jahreszyklus wandeln die Pflanzen mittels der Photosynthese die Ausgangsstoffe zu organischem Material (resp. den für menschliche Zwecke brauchbaren Rohstoffen, z.B. Getreidekörner) um. Ein wesentliches Merkmal der Agrarproduktion ist die Gebundenheit an die jahreszeitlichen Rhythmen. Ist die Ernte schlecht, kann nicht sofort, sondern erst mit der Aussaat der nächsten Ernte darauf reagiert werden. Ein anderes entscheidendes Element ist die Gebundenheit an die natürlichen und nur begrenzt verfügbaren Ressourcen Boden und Wasser. Begrenzt sind auch die Möglichkeiten, Ackerbau zu betreiben. Gemäss einer IIASA/FAO-Studie aus dem Jahr 2001 eignen sich höchstens rund 3,3 Mrd. Hektaren für den Ackerbau. Davon sind fast 800 Mio. Hektaren bewaldet, und 600 Mio. Hektaren sind nur bedingt für den Ackerbau nutzbar. Für die Ausdehnung der Produktion von Agrarrohstoffen stehen also nur noch beschränkt Flächen zur Verfügung. Die Konkurrenz um Flächen kann heute an verschiedenen Fronten bereits beobachtet werden. So wurde in den USA 2007 die Maisfläche (+6 Mio. ha) zu Lasten der Sojafläche (-5 Mio. ha) erhöht. 2008 wurden dagegen die Weizenfläche (+2 Mio. ha) und die Sojafläche (+4 Mio. ha) ausgedehnt, dafür die Maisfläche (-3 Mio. ha) wieder reduziert. Diese Anbauentscheidungen wurden auf Grund der relativen Preisverhältnisse getroffen. 2006 war der Maispreis im Verhältnis zu Soja und Weizen sehr gut, 2007 war es umgekehrt. Daran zeigt sich, dass in den USA – mit Ausnahme von Wald und geschützten Gebieten – nur sehr begrenzt Flächenreserven für die Produktion von Agrarrohstoffen vorhanden sind. Die hohen Preise haben auch sofort auf die Bodenrente durchgeschlagen. So verzeichneten in den besten Gebieten der USA und Europas die Pachtpreise und die Preise für landwirtschaftlichen Boden einen starken Anstieg. Und schliesslich bemühen sich Länder wie Japan, Südkorea, China oder Staaten aus dem Nahen und Mittleren Osten darum, in Drittländern Landwirtschaftsland zu kaufen oder zu pachten. Neben dem Land ist Wasser für die Produktion von Agrarrohstoffen unverzichtbar. So benötigt die Produktion von 1 Kilogramm Weizen rund 1000 Liter Wasser und jene von 1 Kilogramm Rindfleisch bis 20 000 Liter. Eine fleischreiche Ernährung braucht deutlich mehr Wasser als eine vegetarische. Heute gehen rund 70% des weltweit genutzten Wassers in die Produktion von Agrarrohstoffen. Besonders kritisch ist Wasser in Gebieten mit wenig Niederschlag. Nach Schätzungen der UNO dürften bis im Jahr 2025 rund 1,8 Mrd. Menschen in Gebieten mit akutem Wassermangel leben. Eine nachhaltige Produktion ist vor allem dort gefährdet, wo mit Grundwasser intensiv bewässert und zu diesem Zweck mehr Wasser entnommen wird, als während des Jahres wieder nachfliesst. Dies gilt heute z.B. für den Norden Chinas, die Punjab-Region Indiens oder für Gebiete im Nahen und Mittleren Osten. So hat Saudi-Arabien angekündigt, die Weizenproduktion bis 2016 aufzugeben, weil es die Grundwasservorkommen für andere Zwecke verwenden will.
Nachhaltige Steigerung der Flächenerträge notwendig
In den letzten 50 Jahren sind die Erträge sowohl beim Pflanzenbau als auch in der Tierproduktion stark angestiegen. Beim Pflanzenbau haben sich die Ertragszunahmen aber mit der Zeit abgeflacht. In Regionen, in denen bereits seit langer Zeit mit intensiver Bewirtschaftung hohe Erträge erwirtschaftet werden, kann teilweise gar ein Rückgang beobachtet werden. Insgesamt hat die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion dazu geführt, dass die durchschnittliche Kalorienzahl pro Bewohner trotz steigender Weltbevölkerung angestiegen ist und prozentual weniger Menschen ungenügend ernährt sind als noch vor 30 Jahren. Die Steigerung der Flächenerträge kann aber auch negative Auswirkungen auf die natürlichen Ressourcen haben. So sinkt in vielen Anbaugebieten die Bodenfruchtbarkeit als Folge einseitiger Fruchtfolgen. Gleichzeitig werden Wasser und Luft durch den Einsatz moderner Produktionsmittel belastet. Das Millennium Ecosystem Assessment (MEA) stellt fest, dass in den letzten drei Jahrzehnten bei fast allen natürlichen Ressourcen Rückschritte zu verzeichnen waren (siehe
Kasten 2
Das Millenium Ecosystem Assessment (MEA) wurde im Jahr 2000 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan lanciert und hatte zum Ziel, die Auswirkungen der Ökosystemveränderungen auf die Wohlfahrt der Menschheit zu analysieren sowie die wissenschaftlichen Grundlagen für die nachhaltige Nutzung der Ökosysteme zu schaffen. Der Schlussbericht wurde im Jahr 2005 publiziert. Das MEA kam u.a. zu folgenden Schlüssen: – Die Struktur und die Funktionsweise der Ökosysteme der Welt haben sich durch menschlichen Einfluss in den letzten 50 Jahren stärker verändert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte: So wurde beispielsweise zwischen 1950 und 1980 mehr Land in Ackerland umgewandelt als zwischen 1700 und 1850. Seit 1950 sind 20% der Korallenriffe und 35% der Mangrovenwälder verloren gegangen. Die atmosphärische Konzentration von Kohlendioxid hat seit 1750 um 32% zugenommen. Die Biodiversität sinkt; 10%-30% aller Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht.- Die Veränderungen der Ökosysteme haben wesentlich zu Wohlfahrtssteigerung und Wirtschaftswachstum beigetragen. Der Preis dafür ist, dass die Natur ihre Funktionen (Ökosystemdienstleistungen) immer weniger wahrnehmen kann. Heute sind ca. 60% der im MEA evaluierten Ökosystemdienstleistungen degradiert oder werden unnachhaltig genutzt. Dazu gehören die Meerfischbestände und das Frischwasser, die beide übernutzt werden. Abgenommen haben auch die Wasserqualität und die natürliche Fähigkeit der Natur, auf Pflanzenkrankheiten zu reagieren. Gewisse Dienstleistungen – z.B. die Nahrungsmittelproduktion – haben zugenommen, allerdings auf Kosten anderer Funktionen.). Damit verbunden ist eine verminderte Fähigkeit der Ökosysteme, grundlegende Funktionen der Regulation von stofflichen Kreisläufen zu gewährleisten. Für die Zukunft besteht folglich die Herausforderung darin, hohe Erträge mit nachhaltigen Methoden zu erzielen. Zu diesem Zweck sind Investitionen in Forschung, Bildung und Beratung unabdingbar, ebenso Investitionen in Infrastrukturen in den bisher vernachlässigten ländlichen Gebieten.
Klimawandel und knappe Lagerbestände sorgen für volatile Agrarmärkte
Der Prozess der Photosynthese setzt den Ertragszuwächsen der einzelnen Pflanzen Grenzen. Die Flächenerträge hängen zudem von den natürlichen Voraussetzungen – wie Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit, Temperatur, Höhenlage, Saisondauer, Sonneneinstrahlung usw. – ab. Innerhalb einer Produktionsperiode ist ausserdem das Wetter entscheidend für Erfolg und Misserfolg. Dies unterscheidet die landwirtschaftliche von der industriellen Produktion. In den letzten Jahren hat die Klimavariabilität zugenommen und dürfte sich in Zukunft noch verschärfen. Für die Produktion von Agrarrohstoffen ist das eine schlechte Nachricht, denn sowohl zu trockene als auch zu nasse Verhältnisse können die Produktion erheblich beeinträchtigen. In einer Situation mit tiefen Lagerbeständen, wie sie heute besteht, schlagen sich schlechte Nachrichten bereits vor der Ernte in Preissteigerungen nieder. So haben 2008 die Überschwemmungen in Iowa, der Kornkammer der USA, sofort zu höheren Preisen für Weizen, Mais und Soja geführt. Die Höhe der Preisausschläge ist abhängig vom vermuteten Produktionsausfall. Die Ausschläge können sich entweder verstärken oder wieder in sich zusammenfallen, je nachdem, ob sich die befürchteten Ernteausfälle bestätigen oder nicht. Im Agricultural Outlook der OECD/FAO für das Jahr 2017 wird auf der Basis von Modellrechnungen davon ausgegangen, dass die Lagerbestände für Getreide auf dem aktuell tiefen Niveau bleiben. Damit hat die Grundkonstellation wie vor der Preishausse 2007 Bestand – sie wird quasi zum Normalfall. Da die Nachfrage relativ unelastisch ist, ist davon auszugehen, dass Preissprünge, wie sie in letzter Zeit zu beobachten waren, jederzeit wieder eintreten können. Damit dürfte auch die Spekulation attraktiv bleiben und Preisentwicklungen verschärfen. Auch politische Eingriffe – wie z.B. die Exportrestriktionen bei Reis im Frühjahr 2008 – dürften die Volatilitäten an den Agrarmärkten hoch halten. Insgesamt sind Spekulation und politische Eingriffe aber nicht Auslöser der Preishausse, sondern verstärken Entwicklungen, die auf Grund der Besonderheiten der Agrarmärkte (unelastische Nachfrage, natürliche Begrenztheit des Angebots, Wettereinflüsse) entstehen.
Fazit
Die seit 2007 beobachteten Preissteigerungen bei verschiedenen Pflanzenbauprodukten und bei der Milch haben ihre Ursache in einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Dies hat zu einem kontinuierlichen Rückgang der Lagerbestände auf ein kritisches Niveau geführt. Da die Nachfrage relativ unelastisch ist, können in einer derartigen Situation erntebedingte Ausfälle grosse Preissprünge verursachen. Verstärkt werden diese durch spekulative Anlagen oder durch politische Entscheide. Für die nächsten 10 Jahre dürfte diese Grundkonstellation bestehen bleiben. Preissprünge sind jederzeit möglich. Ähnlich wie beim Erdöl muss davon ausgegangen werden, dass die Zeit der günstigen Bereitstellung von Agrarrohstoffen vorbei ist. Die besten und kostengünstig zu bewirtschaftenden Böden werden heute bereits – zum Teil sogar zu intensiv – genutzt. Zusätzlich verteuern die steigenden Energie- und Rohstoffpreise die Vorleistungen der Landwirtschaft laufend. Die Preise dürften also trendmässig weiter steigen. Wie stark dieser Trend sein wird, ist schwierig vorauszusagen. Die FAO geht davon aus, dass die Höchststände im Frühjahr 2008 erreicht wurden. Gemäss ihren Prognosen werden sich die Preise für die nächsten 10 Jahre auf etwas tieferem Niveau stabilisieren. Dieser Prognose liegt allerdings ein Ölpreis von rund 100 US-Dollar im Jahr 2017 zu Grunde und blendet zudem die durch Klimavariabilitäten verursachten Ernteschwankungen aus. Sie könnte damit eher zu optimistisch sein.
Grafik 1 «Preisentwicklung bei verschiedenen Produktegruppen, 2000-2008»
Grafik 2 «Entwicklung von Angebot und Nachfrage bei Getreide (ohne Reis),1998/99-2007/08»
Kasten 1 FAO-Preisindex für Nahrungsmittel
FAO-Preisindex für Nahrungsmittel: Neueste Entwicklungen
Die Preise haben ihren Höchststand verlassen. Der Grund für die Preissenkungen ist, dass die Ernteerträge besser ausfielen als urspünglich erwartet. Aber der allgemeine Preisindex bewegt sich anfangs August immer noch 44% über den Stand vom Juni 2007. Gemäss FOA werden die Preise zwar weiter sinken, aber dennoch über mehrere Jahre auf höherem Niveau bleiben.
Zu einzelnen Preisen:
Weizen: Seit März 2008 hat sich der Preis um 30% gesenkt. Mais: Der Preis sank vom Juni 2008 bis heute um 25%. Seither waren die Preise sehr volatil. Reis: Gegenüber dem Höchststand von 835 US-Dollar im Juli für thailändischen Reis, beträgt dieser anfangs August 715 US-Dollar.
Kasten 2: Millennium Ecosystem Assessment
Das Millenium Ecosystem Assessment (MEA) wurde im Jahr 2000 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan lanciert und hatte zum Ziel, die Auswirkungen der Ökosystemveränderungen auf die Wohlfahrt der Menschheit zu analysieren sowie die wissenschaftlichen Grundlagen für die nachhaltige Nutzung der Ökosysteme zu schaffen. Der Schlussbericht wurde im Jahr 2005 publiziert. Das MEA kam u.a. zu folgenden Schlüssen: – Die Struktur und die Funktionsweise der Ökosysteme der Welt haben sich durch menschlichen Einfluss in den letzten 50 Jahren stärker verändert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte: So wurde beispielsweise zwischen 1950 und 1980 mehr Land in Ackerland umgewandelt als zwischen 1700 und 1850. Seit 1950 sind 20% der Korallenriffe und 35% der Mangrovenwälder verloren gegangen. Die atmosphärische Konzentration von Kohlendioxid hat seit 1750 um 32% zugenommen. Die Biodiversität sinkt; 10%-30% aller Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht.- Die Veränderungen der Ökosysteme haben wesentlich zu Wohlfahrtssteigerung und Wirtschaftswachstum beigetragen. Der Preis dafür ist, dass die Natur ihre Funktionen (Ökosystemdienstleistungen) immer weniger wahrnehmen kann. Heute sind ca. 60% der im MEA evaluierten Ökosystemdienstleistungen degradiert oder werden unnachhaltig genutzt. Dazu gehören die Meerfischbestände und das Frischwasser, die beide übernutzt werden. Abgenommen haben auch die Wasserqualität und die natürliche Fähigkeit der Natur, auf Pflanzenkrankheiten zu reagieren. Gewisse Dienstleistungen – z.B. die Nahrungsmittelproduktion – haben zugenommen, allerdings auf Kosten anderer Funktionen.
Kasten 3: Grüne Gentechnologie
Seit 12 Jahren werden gentechnisch veränderte Nutzpflanzen angebaut. 2007 gediehen in 23 Ländern vor allem gentechnisch veränderte Soja- und Maissorten (vorwiegend für Futtermittelzwecke) sowie Baumwollsorten auf einer Fläche von 114 Mio. Hektaren, was ca. 9% der weltweiten Ackerfläche entspricht. Bezüglich Nutzen und Gefahren von Gentechpflanzen (Produktivität, Einkommenswirkung, Insektizid-, Herbizid- und Energieeinsatz, Resistenzbildung, Saatgutpreise und -sortenvielfalt etc.) gehen die Einschätzungen nach wie vor weit auseinander. Hauptanbauländer sind die USA, gefolgt von Argentinien, Brasilien und Kanada. Im Zusammenhang mit der Rohstoffknappheit interessiert vor allem die Frage, ob die Gentechnologie zu einer Steigerung der Erträge resp. zu einer besseren Stresstoleranz (Wasser, Hitze etc.) beitragen kann. Bisher sind die Haupteigenschaften der angebauten Gentechsorten vor allem Insektenresistenz und Herbizidtoleranz. Sie tragen hauptsächlich dazu bei, Arbeit und Produktionsmittel einzusparen. Interessant waren sie damit vorwiegend für den grossflächigen Anbau in guten Agrarregionen. Entscheidend für die Welternährung ist, ob auch die Entwicklungsländer – und dort insbesondere die kleinen Selbstversorger – in Zukunft mehr vom Fortschritt bei der Gentechnologie profitieren können. Bisher bauen im Süden Kleinbauern vor allem insektenresistente Baumwolle (Bt Baumwolle) und nur wenige gentechnisch veränderte Grundnahrungsmittel an. Zur Zeit gibt es Erfahrungen mit insektenresistentem Mais (zum menschlichen Verzehr) in Südafrika. Zudem befinden sich verschiedene Sorten im Stadium der Entwicklung. Am meisten Hoffnung wird auf Gentechreissorten gesetzt, die krankheitsresistent sind oder eine Vitamin-A-Quelle darstellen («Golden Rice»). Die Weltbank nennt in ihrem World Development Report 2008 verschiedene Gründe, weshalb in den Entwicklungsländern die Fortschritte im Bereich der gentechnisch veränderten Pflanzen kleiner sind als in den Industrieländern: An erster Stelle erwähnt sie, dass die Forschung und Entwicklung vor allem auf die kommerziellen Bedürfnisse in den Industrieländern und weniger auf jene der Kleinbauern im Süden ausgerichtet sei. Die Weltbank schlägt aufgrund ihrer Analyse vor, die öffentliche GVO-Forschung auf nationaler und internationaler Stufe zu stärken und vermehrt auf die Bedürfnisse der Kleinbauern des Südens auszurichten («Pro-Poor-Fokus»). Zudem verlangt sie, dass mehr Geld in die Institutionen zu investieren sei, die neue Produkte evaluieren und zulassen. Das International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) fordert in seinen Schlussfolgerungen vom April 2008, dass die Forschungsprioritäten im Bereich GVO und ganz allgemein vermehrt im Rahmen von partizipativen Prozessen auf lokaler Ebene definiert und damit auf die Bewältigung lokaler Herausforderungen ausgerichtet werden. Damit soll auch sichergestellt werden, dass in Zukunft die Gentechnologie vermehrt zur Bewältigung der Nahrungsmittelknappheit und des Klimawandels beitragen kann.
Kasten 4: Ausgewählte Literatur
– FAO: Food Outlook, Rom, Juni 2008;- Millennium Ecosystem Assessment: Ecosystems and Human Well-being: Synthesis, Washington, 2005;- OECD-FAO Agricultural Outlook 2008/2017, 2008;- Weltbank: World Development Report 2008: Agriculture for Development, Washington, 2007.
Zitiervorschlag: Werner Harder ; Vinzenz Jung ; (2008). Knappe Agrarrohstoffe: Kurzfristiges Phänomen oder langfristige Herausforderung. Die Volkswirtschaft, 01. September.