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Bei seiner Premiere am 30. Oktober 1921 in Los Angeles brach «Der Scheich» alle Zuschauerrekorde. Hauptdarsteller Rudolph Valentino wurde durch den Stummfilm von Regisseur George Melford zum Superstar. Die Rolle des exotischen Verführers schien dem jungen Schauspieler aus Italien auf den Leib geschneidert.
von John Micelli
Der Aufstieg von Rodolfo Alfonso Raffaello Piero Filiberto Guglielmi hat vermutlich unzählige europäische Träume von Karriere, Starruhm und Reichtum in der neuen Welt beflügelt: Während seiner Schulzeit in der süditalienischen Kleinstadt Castellaneta fiel der 1895 geborene Sohn des Militärtierarztes Giovanni Guglielmi vor allem durch respektloses Verhalten auf, einen Abschluss schaffte er nur mit Mühe. Die italienische Marine lehnte es ab, den abenteuerlustigen jungen Mann in ihre Reihen aufzunehmen. Mit 17 Jahren reiste er in das Heimatland seiner Mutter Marie Berthe Gabrielle Bardin, verjubelte aber in Paris seine gesamten Ersparnisse. Anstatt ihm wie gewünscht das Geld für die Rückreise zu schicken, entschied die Familie, dass aus dem Bengel nun ein Mann werden müsse: Seine Eltern bezahlten die Überfahrt über den Atlantik, im Dezember 1913 wurde Guglielmis Ankunft auf Ellis Island registriert. Die Entdeckung seines Talents aber liess noch auf sich warten: In den ersten Jahren seines Aufenthalts in den USA verdingte sich der spätere Weltstar als Gärtner, Hilfskellner und Autowäscher. In Kontakt mit der gehobenen Gesellschaft New Yorks kam er als Eintänzer in einem der angesagtesten Cabarets der Stadt, das Maxim’s. Gemunkelt wird, dass Guglielmi den Damen der High Society nicht nur als buchbarer Tanzpartner zur Verfügung gestanden habe. Aktenkundig ist seine Verwicklung in den dramatischen Rosenkrieg des vermögenden Ehepaares Blanca und John de Saulles, der für den Ehegatten tödlich endete. Vor dem Skandal floh Guglielmi an die US-amerikanische Westküste und änderte seinen Namen: Fortan wollte er Rudolph Valentino genannt werden.
Geliebt und gehasst
Auch in Hollywood verliefen die ersten Jahre harzig. Bis aus dem neuen Namen eine Marke wurde, hielt sich Valentino mit Gelegenheitsjobs über Wasser und verzichtete bei ersten Auftritten auf der Leinwand auch mal auf die Gage, um im Filmgeschäft Fuss zu fassen. Im Abspann wurde sein Name selten zweimal gleich geschrieben: Er war mal Rodolpho De Valentina, mal Rudolph Volantina oder wurde als Rudolph Valentine aufgeführt. 1919 wurde die Drehbuchautorin June Mathis auf ihn aufmerksam, die den irischstämmigen Regisseur Rex Ingram davon überzeugte, Valentino 1921 die Hauptrolle des Argentiniers Julio in der Verfilmung des Familienepos «Die vier Reiter der Apokalypse» spielen zu lassen. In einer Schlüsselszene tanzt Julio leidenschaftlich Tango und bringt eine bis dahin unbekannte Erotik ins US-amerikanische Kino: Das Magazin Life beschrieb Valentinos Anziehung als «das Symbol für alles Wilde, Wunderbare und Unerlaubte in der Natur» für die durch den Ersten Weltkrieg emanzipierten Frauen. Die Männer allerdings taten sich schwer mit der neuen Konkurrenz durch den Latin Lover: «Ich hasse Valentino!», ereiferte sich Journalist Dick Dorgan in der Filmzeitschrift Photoplay, «ich hasse seine orientalische Optik. Ich hasse seine klassische Nase. Ich hasse sein römisches Gesicht. Ich hasse sein Lächeln. Ich hasse seine glitzernden Zähne. Ich hasse ihn, weil er so gut tanzt. Ich hasse ihn, weil er ein Herzensbrecher ist. Ich hasse ihn, weil er zu gut aussieht.»
Valentino war aber nicht nur Schönling und Verführer. Er war der perfekte Leinwandschauspieler, bewegte sich mit ausserordentlicher Anmut und passte seine elegante Mimik gekonnt dem Alter oder der Stimmung seiner Figuren an. Sein Spiel war für die damalige Zeit ungewöhnlich zurückhaltend, aber gleichzeitig sehr ausdrucksstark. Und vielleicht hat auch seine klinische Kurzsichtigkeit zur Tiefe des melancholischen Blicks beigetragen, der oft unter fragend zusammengezogenen Augenbrauen in seinen Augen lag.
Valentino Superstar
1921 war für Rudolph Valentino ein sehr produktives Jahr – und brachte dem talentierten jungen Mann endlich den lange ersehnten Durchbruch. Vier Filme realisierte er zwischen Januar und Dezember. Unsterblich wurde er aber nicht als Tango tanzender Julio, sondern als lüsterner Scheich in George Melfords Kostümdrama. In «The Sheik» brachte er als Scheich Ahmed Ben Hassan eine junge Engländerin in seine Gewalt. Die Darstellung der Araber entsprach zeitgenössischen stereotypen Vorstellungen. Aber: «Wüstenwind, weisse Pferde, die schutzlose Schöne und die begehrlichen Blicke des Entführers – Valentino wird mit dem Film zum globalen Phänomen», fasst die deutsche Filmjournalistin Katja Nicodemus die Ereignisse zusammen: «Sein Gesicht mit den kühn geblähten Nasenflügeln und den dunkel-glänzenden Augen unter dem pomadisierten Haar wurde zum Inbegriff einer geheimnisvollen männlichen Sexyness. Valentino war einer der ersten Superstars der Kinogeschichte.» Ein Status, der sich für den Auswanderer auch wirtschaftlich niederschlug: 200 000 Dollar brachte «Der Scheich» Rudolph Valentino ein – eine für die damalige Zeit astronomische Gage.
Was daraus wurde
Im Privatleben war Rodolfo Guglielmi weit weniger erfolgsverwöhnt als auf der Leinwand: Zwei Ehen wurden nach kurzer Zeit wieder geschieden. Öffentlich war er aufgrund seiner bevorzugten Rollen Anfeindungen ausgesetzt: Ihm wurde vorgeworfen, den «All-American Man» zu verweichlichen. Filme, in denen er andere Figuren als den lasziven Liebhaber verkörperte, fanden wenig Beachtung. Mit nur 31 Jahren verstarb der Weltstar im August 1926 an den Komplikationen eines perforierten Magengeschwürs. Seinem Begräbnis wohnten 100 000 Menschen bei und bis heute ist die Grabstelle Rudolph Valentinos die meistbesuchte auf dem Prominentenfriedhof «Hollywood Forever Cemetery».