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Es war einmal ein armer Bauer, der hatte sich von seinem reichen Nachbarn etwas Land gepachtet. Damit die Kühe des Reichen nicht auf sein Kornfeld gingen, legte er einen Graben um sein kleines Feld an. Doch das Unglück wollte es, dass eine Kuh hineinfiel und sich ein Bein brach. Da schleppte der Reiche den armen Bauern vor den Richter. Dieser sprach: „Das ist eine schwierige Angelegenheit, deshalb will ich euch ein Rätsel aufgeben. Wer es lösen kann, dem will ich recht geben. Hört gut zu: Wer ist von allen am reichsten? Wer läuft von allen am schnellsten? Was ist süsser als alles andere?“
Als der arme Bauer mit traurigem Gesicht nach Hause kam, fragte seine Tochter: „Vater, was hast du für einen Kummer?“ Der Bauer erzählte alles und berichtete auch von dem Rätsel. „Mach dir keine Sorgen, Vater, ich kann dir die Antworten sagen.“
Am anderen Tag trafen sich der reiche und der arme Bauer wieder beim Richter. „Wie ist eure Antwort auf mein Rätsel?“, wollte dieser wissen.
Der Reiche sprach: „Verehrter Richter, ihr seid der Reichste; meine Stute ist die Schnellste und mein Honig ist süsser als alles andere.“
Der arme Bauer aber sagte: „Am reichsten ist die Natur, am schnellsten der Gedanke und es gibt nichts süsseres als den Schlaf.“
„Deine Antwort ist richtig und du sollst recht bekommen!“ meinte der Richter. „Sag, woher hast du diese Weisheit‘“
„Oh meine Tochter hat mir die Antworten gesagt“, antwortete der arme Bauer.
„Wenn deine Tochter so schlau ist, so soll sie morgen zu mir kommen, doch hör gut zu: Sie darf nicht angezogen sein, aber auch nicht nackt. Sie darf nicht geritten kommen, aber auch nicht zu Fuss. Sie darf nicht auf dem Weg gehen, aber auch nicht neben dem Weg. Ihr Reittier aber soll sie zwischen Sommer und Winter anbinden. Sie darf mir nicht auf der Strasse begegnen, aber auch nicht im Haus.» Der arme Bauer war ganz bekümmert, als er die Bedingungen hörte und ging mit traurigem Gesicht nach Hause. «Vater, was hast du für einen Kummer?», fragte seine Tochter. Er erzählte alles und sie sprach: «Mach dir keine Sorgen, Vater, ich weiss schon, was ich tun muss.»
Am nächsten Tag hüllte sich die Tochter in ein Fischernetz, so dass sie weder nackt noch angezogen war. Dann setzte sie sich auf eine Ziege, so dass ihre Füsse den Boden berührten, so kam sie nicht geritten, aber auch nicht nackt. Sie führte die Ziege halb auf dem Weg und halb neben dem Weg und erfüllte damit die nächste Bedingung. Vor dem Haus des Richters stand ein Schlitten und daneben ein Wagen, dort band sie die Ziege fest, zwischen dem Wintergefährt und dem Sommergefährt und hatte auch die nächste Aufgabe erfüllt. Dann wartete sie auf der Türschwelle auf den Richter, so begegnete sie ihm weder auf der Strasse noch im Haus.
Der Richter sah, wie klug die Tochter des Bauern war und wollte sie heiraten. Sie war einverstanden und so gab es bald eine prächtige Hochzeit.
Nicht lange darauf, musste der Richter eine längere Reise machen. Vor seiner Abreise sagte er zu seiner Frau: «Halte kein Gericht ab, bis ich wieder zurück bin.» In seiner Abwesenheit kamen jedoch zahlreiche Menschen zu ihr, und verlangten, dass jemand Recht sprechen sollte. Also sprach sie bei allen ein kluges Urteil, bis ihr Mann zurückkehrte.
Als der Richter zurückkehrte, war er sehr verärgert. «Habe ich dich nicht gebeten, kein Recht zu sprechen? Da du mir nicht gehorcht hast, muss ich mich von dir trennen. Nimm dir aus meinem Haus, was dir am Liebsten ist, und geh wieder zurück zu deinem Vater!».
«Nun gut, dann wünsche ich mir, dass wir ein Fest geben und mit allen Bekannten feiern, bevor wir uns trennen», sprach seine Frau. Der Richter war einverstanden und so wurde ein prächtiges Fest gefeiert. Er trank viel, ja sogar sehr viel und merkte nicht, wie seine Frau ihn in der Nacht auf einen Wagen legen und zu ihrem Vater nach Hause bringen liess. Am nächsten Morgen erwachte er in der einfachen Bauernhütte und fragte: «Wo bin ich, wo bin ich?»
«Du bist im Haus meines Vaters. Du hast mir erlaubt, das Liebste mitzunehmen und deshalb habe ich dich hierhergebracht.» Da stand der Richter auf und sagte: «Du bist so klug, ich kann mich nicht von dir trennen», und so gingen sie wieder zurück in sein Haus und lebten dort noch viele Jahre glücklich und zufrieden
Fassung Djamila Jaenike, nach: O. Spies, Türkische Märchen, Düsseldorf 1967