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Richard Dindo benutzt in seinem neuen Film Verhör und Tod in Winterthur keine Dramaturgie der Überraschung: Bereits in den ersten fünf Minuten erfahren wir vom Sterben der beiden Protagonisten Gabi und Aleks. 1984 wird das Paar zusammen mit rund dreissig anderen Jugendlichen aus Winterthurer Autonomenkreisen infolge eines Anschlags aut die Villa von Bundesrat Rudolf Friedrich verhaftet. Nach einem Monat in Isolationshaft nimmt sich Gabi am 18. Dezember 1984 das Leben.
Die 23-Jährige, der man einzig vorwerfen konnte, Farbbeutel an eine Kirchenwand geworfen zu haben, erhängte sich in ihrer Zelle nach einem siebenstündigen Verhör. Ihr Freund, der Kunstmaler Aleks Weber, wird in einem reinen Indizienprozess wegen Brand- und Sprengstoffanschlägen zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbringt drei Jahre in Einzelhaft, bis das Kassationsgericht das Urteil auf Grund ungesetzlicher Beweisführung aufhebt. 1994 stirbt Alex 33-jährig an Aids.
Die filmischen Mittel, die Dindo einsetzt, um die Geschichte von Gabi und Aleks und das damalige politische Klima in Winterthur zu schildern, sind aus seinem bisherigen Werk vertraut. Im selbst gelesenen Kommentar fasst er die wichtigsten Fakten zusammen. Beteiligte - hauptsächlich Aleks Mutter und ehemalige «Wintis» - kommen zu Wort. Den verantwortlichen Behördenvertretern - Alt-Bundesrat Friedrich, dem Polizeikommandanten Thomann sowie Bezirksanwalt Marti - stellt Dindo scheinbar unverfängliche Fragen aus dem Off. In inszenierten Szenen zeigt er, wie der Journalist Erich Schmid beim Recherchieren für sein 1986 erschienenes Buch, auf dem Dindos Film basiert, von der Polizei beschattet wurde. Und schliesslich verwendet er Ausschnitte aus den über 400 Bildern, die Aleks Weber während seiner Haftzeit schuf.
Auf den ersten Blick ist es vielleicht überraschend, sich solch geradezu klassischer filmischer Mittel zu bedienen - waren die «bewegten Achtziger» doch von einer gesellschafts- und medienkritischen Film- und Videobewegung geprägt (man denke beispielsweise an Züri brännt, Videoladen 1981). Jedoch überzeugt Verhör und Tod in Winterthur gerade durch seinen ruhigen, elegischen Erzählmodus sowie die Distanz, die Dindo - ungeachtet seiner deutlich gemachten Bewunderung für die Rebellen der Achtziger - in seinen Interviews mit den «Wintis» beweist.
Der Film wird denn auch zur bewegenden Anklage gegen die repressiven Vorgehensweisen der Behörden, unter deren Einfluss die Energie des kritischen Engagements der Winterthurer Jugend sich in eine selbstzerstörerische verwandelte. Zu Recht vermeidet es Dindo, aus einer subjektiven Perspektive zu sprechen, für die ihm die eigene Biografie keine Grundlagen gibt. Die persönliche und emotionale Ebene fehlt dem Film aber dennoch nicht. Dafür setzt Dindo Aleks expressionistische Bilder ein. Es reicht, deren Macht- und Hoffnungslosigkeit zu betrachten, um zu begreifen, wie es sich angefühlt haben muss, ein Angehöriger dieser verlorenen Generation zu sein.