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Steigende Ölpreise und der schwächere Euro könnten dazu führen, dass der Präsident der Europäischen Zentralbank seine Projektionen für die Teuerung, die er erst vor weniger als einem Monat veröffentlicht hat, in diesem Jahr nach oben revidieren muss. Zwar wäre das für sich genommen eine gute Nachricht für die Geldpolitiker, die seit fast vier Jahren ihr Inflationsziel verfehlen. Allerdings würde eine solche Revision die anhaltende Schwäche in der Binnenwirtschaft verschleiern.
Ein beschleunigter Anstieg der Verbraucherpreise könnte überdies die Differenzen im Rat der EZB vergrößern, wo einige Vertreter bereits auf einen allmählichen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik drängen. Die anderen dagegen argumentieren, dass der Aufschwung für einen solchen Schritt noch zu fragil sei, und verweisen auf anstehende politische Wahlen, die das Vertrauen von Verbrauchern und Märkten erschüttern könnten.
Nachdem sich der EZB-Rat am 8. Dezember darauf verständigt hatte, das Anleihekaufprogramm zu verlängern - wenngleich zu geringeren Volumina -, warnte Draghi gleichwohl, dass "überall Unsicherheiten vorherrschen". Falls nötig, könnten die Anleihekäufe auch ausgeweitet werden, kündigte er an.
"Es ist angesichts dieses hohen Grads an Unsicherheit schwierig, Vorhersagen zu machen, zumal die größten Risiken wahrscheinlich weiter von politischem Kaliber sind", sagt Anatoli Annenkov, leitender Volkswirt bei Société Générale in London. "In diesem Sinne wäre es womöglich weise, wenn die EZB einen recht maßvollen Ansatz bei ihrem Inflationsausblick wählen würde."
Populisten beobachten
Der Ankauf von Anleihen im großen Stil, begonnen von der EZB im März 2015, soll nach dem jüngsten EZB-Beschluss bis wenigstens Ende 2017 fortgesetzt werden, wobei das monatliche Ankaufvolumen ab April von aktuell 80 Mrd. Euro auf 60 Mrd. Euro sinken wird.
Das bedeutet, dass die EZB ihre Käufe während der anstehenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland fortsetzt und während möglicher Neuwahlen in Italien und Griechenland. In allen genannten Ländern drohen populistische und europafeindliche Parteien an Boden zu gewinnen. Die Gespräche über den Brexit, den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, und die beginnende Präsidentschaft von Donald Trump in den USA gehören ebenfalls zu den Risiken, die Draghi zur Vorsicht mahnen ließen.
Gleichzeitig jedoch scheinen steigende Energiepreise das Zeug zu haben, die Inflationsrate nach oben zu schieben. Rohöl der Nordsee-Sorte Brent hat sich seit Mitte November um mehr als 25 Prozent verteuert, auch weil die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) erstmals seit acht Jahren wieder ein Abkommen über eine Fördereinschränkung getroffen hat.
Druck von der Bundesbank
Die jüngsten Preissteigerungen sind in den aktuellen EZB-Projektionen noch nicht enthalten. Diese sagen für 2017 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,3 Prozent voraus und eine Beschleunigung der Teuerungsrate auf 1,7 Prozent im Jahr 2019 - womit dann das Inflationsziel der EZB von knapp unter zwei Prozent nicht mehr weit entfernt wäre.
"Die Stabilisierung oder auch Erhöhung der Energiepreise lässt für 2017 einen deutlichen Anstieg der Inflationsraten erwarten", erklärte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny laut einer am Freitag von der Oesterreichischen Nationalbank veröffentlichten Mitteilung. "Auf europäischer wie auch auf österreichischer Ebene ist für 2017 freilich weiterhin eine Inflationsentwicklung unterhalb des Stabilitätszieles der Europäischen Zentralbank (EZB) zu erwarten. Es ist daher weiterhin – aber nicht auf unbegrenzte Zeit – mit einer expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu rechnen."
Jegliche Anzeichen dafür, dass das Preisstabilitätsziel der EZB in Sichtweite kommt, könnten die einer strafferen Geldpolitik zuneigenden EZB-Ratsmitglieder dazu bewegen, ein Ende der quantitativen Lockerung zu verlangen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann etwa sagte der Bild-Zeitung laut einem am 26. Dezember veröffentlichten Interview, es "wäre zu spät", mit einer Straffung der Geldpolitik bis 2019 zu warten.
Die EZB müsse vorausschauend handeln, erklärte Weidmann. "Das heißt, sobald sich die Inflation auf einem nachhaltigen Pfad hin zu unserem Ziel befindet, gilt es, die Zügel anzuziehen."
Nicht überzeugt
Der Dreh- und Angelpunkt in dieser Frage dürfte die Definition des Maßstabs "nachhaltig" sein. Der EZB-Rat hat den Mangel eines überzeugenden Aufwärtstrends bei der Kerninflation beklagt, jener Messgröße, die volatile Preisbestandteile wie die von Lebensmitteln und Energie ausklammert. Die Kernrate ist seit Juni nicht mehr gestiegen, und auch die Bloomberg-Umfrage deutet an, dass sie im Dezember unverändert bei 0,8 Prozent geblieben ist. Angesichts einer Arbeitslosenquote von kaum unter 10 Prozent und nur schwachen Lohnsteigerungen ist der Preisdruck für die Kerninflation gering.
Ein weiteres Risiko für die Eurozone - Nettoimporteur von Energie - besteht darin, dass das teurere Öl das wirtschaftliche Wachstum hierzulande dämpft.
"Es ist keine Frage, dass diese höheren Preise die Inflation befeuern", sagte EZB-Präsident Draghi nach der jüngsten geldpolitischen Sitzung. "Wir müssen allerdings abwarten, in welchem Maße es sich um einen Einmaleffekt handelt, in welchem Maße es zu Sekundäreffekten führen wird und in welchem Maße es die Inflation ohne Energie beeinflussen wird, was bislang aber nicht zu erkennen ist."
Dieser bislang unbekannte Einfluss und die Notwendigkeit, zu beobachten wie sich die Wirtschaft in einem potenziell politisch turbulenten Jahr entwickelt, dürften Draghi und die meisten seiner Kollegen 2017 sehr wachsam sein lassen. Ihre nächsten geldpolitischen Entscheidungen treffen sie am 19. Januar in Frankfurt.
"Die EZB wird sich wahrscheinlich gegen jegliche Veränderungen in Richtung einer Straffung entscheiden, die eine höhere Inflationsrate ansonsten nahelegen würde, und stattdessen im gesamten ersten Halbjahr eine äußerst vorsichtige Haltung einnehmen", sagt Frederik Ducrozet, leitender Ökonom bei der Banque Pictet & Cie SA in Genf. "Eine Rechtfertigung - oder Entschuldigung - könnte in der Tat sein, dass sie auf die politischen Unwägbarkeiten vor den entscheidenden Wahlen verweisen."
(Bloomberg)