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Christoph Quarch, Sie machen sich in Ihren Büchern stark für das Schenken. Dabei artet Schenken in der Weihnachtszeit oft in eine Konsumorgie aus.
Wenn ich für das Schenken plädiere, tue ich das, um diesem ganzen Konsumwahn etwas entgegenzusetzen. Wer die Kunst des Schenkens beziehungsweise des Sich-beschenken-Lassens beherrscht, konsumiert nicht.
Geschenke sollen kein Konsum sein?
Wenn Sie Geschenke als Ware entgegennehmen – etwa, weil Ihnen jemand ein Geschenk macht, das sie sich ebenso gut selber hätten kaufen können –, dann konsumieren sie. Aber in diesem Fall ist etwas schiefgelaufen
Wie schenkt man richtig?
Schenken bedeutet, dem anderen etwas zu sagen, und beschenkt werden, sich vom anderen etwas sagen zu lassen.
Schenken als eine Art Gespräch.
Genau. Schenken ist kommunizieren. In traditionellen Kulturen hatte das Schenken schon immer diese Bedeutung. Bei den Indianern etwa gab es den Brauch, dass die älteren den jüngeren bei ihrer Initiation einen Gegenstand überreichten. Dieses Geschenk war eine Aufgabe oder eine Herausforderung. Bestand das Geschenk zum Beispiel aus einer Gänsefeder, so konnte das für das Kind bedeuten: Mein Grossvater möchte, dass ich die Qualitäten einer Gans entwickle – wozu unter anderem Ausdauer gehört.
Das klingt, als ob Geschenke auch eine erzieherische Funktion hätten.
Durchaus, aber nicht in einem pädagogisch massregelnden Sinn. Geschenke sollten eher wie ein Vorschlag funktionieren. Es liegt dann beim Beschenkten zu entscheiden, ob er diesen Vorschlag annehmen möchte oder nicht.
Ich habe meinem Freund vor ein paar Jahren Bücher geschenkt, die in die Kunst des Fahrradreparierens einführten, weil ich mir wünschte, er würde das beherrschen. Er hat sie nie aus dem Regal geholt.
Ihr Freund hat offensichtlich nicht verstanden, dass dieses Geschenk als eine Einladung gedacht war. Bei den Indianern hätte er die Bücher nicht annehmen dürfen, ohne sich dann auch auf die Herausforderung einzulassen.
«Der Wert eines Geschenks lässt sich nicht monetär bemessen.»
Darf man das überhaupt: ein Geschenk nicht annehmen?
Es gehört in die Kunst des Sich-beschenken-Lassens mit hinein, sich zu fragen: Kann ich dieses Geschenk entgegennehmen oder nicht?
Ich habe schon Badezusätze zu Weihnachten erhalten, dabei habe ich gar keine Badewanne. Trotzdem habe ich mich bedankt.
Ja, weil Sie höflich sind – und weil Sie den Schenkenden nicht beschämen wollten. Das ehrt Sie und ist okay, solange es um Badezusätze geht. Ein kleines Geschenk, das nur sagt: Ich möchte dir eine Freude machen. Wenn Ihnen aber jemand für 100 Franken einen Fussball schenkt, weil er Sie dazu bringen möchte, mit Fussballspielen anzufangen, und Sie wissen genau, dass Sie das nicht tun werden – dann sollten Sie das Geschenk dankend ablehnen.
56 Prozent der Schweizer planen, über die kommenden Festtage Bücher zu verschenken. Dabei hört man immer, es werde weniger gelesen.
Bücher eignen sich eben sehr gut als Inspiration oder Impuls. Natürlich nur, wenn man sich bei der Wahl etwas überlegt hat. Es kann passieren, dass sie über Jahre im Regal verschwinden und für den Beschenkten dann doch noch wichtig werden. Wenn er selber für das Geschenk reif geworden ist.
Und was soll ich von den Pralinés halten, die bestimmt wieder für mich unter dem Weihnachtsbaum liegen werden?
Pralinés sind oft ein Verlegenheitsgeschenk. Damit drückt man aus: Ich weiss, ich sollte dir was schenken, aber mir ist nichts anderes eingefallen. Auf der anderen Seite sagt man damit auch: Mir ist zwar nicht viel eingefallen, aber ich habe an dich gedacht. Wenn man die Pralinés vom Partner bekommt, muss einem das natürlich zu denken geben – wenn sie von fernen Bekannten oder Kollegen kommen, darf man sich freuen.
Was halten Sie von Geld als Geschenk?
Geld schenken ist ein Ausdruck der Verlegenheit. Geld heisst im Prinzip: Ich habe keine Ahnung, was ich dir schenken könnte – aber ich muss dir was schenken, also gebe ich dir Geld, und dann kannst du dir was kaufen. Das ist eben gerade nicht ein Miteinander-in-Beziehung-Treten, sondern eine Bekundung von Interesselosigkeit. Da wird Schenken zu einer ökonomischen Transaktion.
«Geld schenken ist eine Bekundung von Interesselosigkeit.»
Eine US-Studie hat Beschenkte nach dem subjektiven Wert des erhaltenen Präsents befragt und herausgefunden, dass dieser 10 bis 30 Prozent unter dem effektiven Preis lag. Ökonomisch rechnen sich Sachgeschenke also nicht.
Sehen Sie, schon die Studie verrät den ökonomischen Ungeist, der hier nichts verloren hat. Der Wert eines Geschenks lässt sich nicht monetär bemessen – denn es gibt keine Währung, in der sich Inspiration verrechnen liesse. Nicht umsonst nimmt man bei Geschenken das Preisschild weg. Denn wer bei einem Geschenk auf den Preis schaut, hat aus dem Geschenk eine Ware gemacht und verhält sich wie ein Händler.
Darf man für ein Geschenk eine Gegenleistung erwarten?
Nein, wenn man Schenken nur noch als Tauschhandel sieht, dann ist die Idee des Schenkens tot.
Was raten Sie Grosseltern, die wissen, dass das andere Grosselternpaar mit einem teuren Geschenk auffahren wird, aber vielleicht nicht gleichziehen wollen oder können?
Auch da wird die Kulturform des Schenkens entartet. Ein solches Konkurrenzdenken weist darauf hin, dass die involvierten Menschen die Kunst des Schenkens nicht beherrschen. Wer wirklich sinnvoll schenken will, muss sich immer fragen: Was löst das Geschenk aus? Wie kann es dem Beschenkten helfen, das in ihm schlummernde Potenzial zu wecken? Darin liegt die Verantwortung des Schenkenden und der Wert des Geschenks.
Und da ist das neuste Smartphone nicht unbedingt sinnvoll.
Es wäre klüger, gemeinsam mit den Eltern zu überlegen, wie und welches Geschenk man machen kann, damit es kein böses Blut gibt. Aber wenn ein Geschenk letztlich dazu dient, die andere Partei zu übertrumpfen, dann hat das mit Schenken nichts zu tun, sondern verkommt zur blossen Selbstdarstellung.
Wie reagieren Sie, wenn Sie an ein Fest eingeladen werden und explizit keine Geschenke gewünscht werden?
Wenn es mir ein Bedürfnis ist, etwas mitzubringen, dann halte ich mich nicht daran.
Oft hört man: «Das wäre doch nicht nötig gewesen: Du musst mir doch nichts schenken.»
Das ist der heimliche Code für: Ich will dir aber nichts schenken. Man möchte nicht in die Abhängigkeit, in die Pflicht genommen werden, nun auch etwas zurückzuschenken. Aber wer so denkt, hat die Idee des Schenkens eben missverstanden.
Jetzt haben Sie mich schon fast überzeugt, dass Schenken eine fantastische Sache ist. Aber trotzdem: Darf man sich überhaupt Weihnachtsgeschenke machen in einer Welt, in der alle zehn Sekunden ein Kind verhungert.
Den Umstand, dass es in dieser Welt Menschen gibt, die Not leiden, dürfen wir nie vergessen. Er sollte uns aber nicht davon abhalten, unseren Nächsten eine Freude zu bereiten. Man kann nicht das eine gegen das andere ausspielen.
Haben Sie selber die Weihnachtsgeschenke schon beisammen?
Teilweise. Da ich freiberuflich arbeite, mache ich mir schon immer sehr früh darüber Gedanken, was ich meinen Kunden und Geschäftspartnern schenken kann. Mir ist sehr wohl bewusst, dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten.
Das heisst, das Geschäft kommt vor Ihren Liebsten?
Nein! Aber für Freunde und Familie warte ich noch auf die richtige Eingebung.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie das Geschenk für Ihre Frau suchen?
Ich weiss, was meiner Frau gefällt und ihr Freude macht. Ich weiss auch, was sie sich selber nicht leistet, aber vielleicht trotzdem gerne hätte. Und natürlich überlege ich mir, ob ich sie mit dem, was ich auswähle, auch irgendwie inspirieren kann.
Was haben Sie ihr letztes Jahr geschenkt?
Im vergangenen Jahr war sie total begeistert von der Schriftstellerin Jane Austen. Als ich mich umsah, habe ich ein Reisebuch gefunden, das auf den Spuren dieser Autorin durch England führt. Ich wollte meine Frau damit ermutigen, diese Passion fortzusetzen – und es war zugleich ein Wink, dass wir über Ostern gemeinsam mit den Kindern auf Jane Austens Spuren durch England reisen werden.
Sie haben eine Tochter und einen Sohn im Primarschulalter. Wie suchen Sie deren Geschenke aus?
Die beiden schreiben eine Wunschliste. In der Regel stehen da Legos drauf. Legos finde ich super: Sie fördern die Kreativität und bleiben lange interessant. Ich unterstütze mit diesem Geschenk etwas, das ich in meinen Kindern sehe und bestärken möchte.
Auf Wunschzetteln steht aber nicht nur Sinnvolles: Was halten Sie von Barbies oder Pistolen?
Wenn sie diese Dinge unbedingt haben wollen, dann kauft man sie halt. Aber ihnen etwas zu kaufen, ist eben was anderes als ihnen etwas schenken.
Haben Sie auch schon eine Fehlentscheidung getroffen?
Ja, mein Sohn war einmal total enttäuscht, weil er ein Spielzeug bekam, das er sich ein Vierteljahr zuvor gewünscht hatte. Am Geburtstag hatte er sich aber schon weiterentwickelt und das Gefühl, mit Babykram beschenkt worden zu sein.
Autor: Andrea Freiermuth