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Gesundheitsdienste für Nomaden im Tschad
Die Gesundheit von Mensch und Tier im Auge behalten
Von Jakob Zinsstag / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)
Die Gesundheit von Nomaden ist für diese untrennbar mit der Gesundheit ihrer Tiere verbunden. Im Folgenden soll der Frage, wie Gesundheitsdienste für Nomaden zu organisieren sind, aus der Sicht der Tiermedizin nachgegangen werden.
Allein in Afrika leben 20 bis 30 Millionen Menschen als Nomaden. Mit ihren Herden von Kamelen, Rindern und kleinen Wiederkäuern sind sie, den jahreszeitlichen Niederschlägen folgend, zwischen der Wüste und den Feuchtsavannen auf dauernder Suche nach neuen Weidegebieten und Wasser. Sie stehen unter grossem Druck seitens der sesshaften, Ackerbau treibenden Bevölkerung und müssen ihre Weideflächen und den Zugang zum Trinkwasser zugunsten des sich ausdehnenden Ackerbaus laufend einschränken. Jedes Jahr werden Dutzende von Todesfällen bei Konflikten zwischen Ackerbauern und Nomaden gezählt. Die Dürrekatastrophen der letzten Jahrzehnte wirken sich noch heute aus und haben das sozioökonomische Gefüge der nomadischen Viehzucht aus den Fugen gehoben. Die nomadische Gesellschaft steht in einem grossen Umbruch, teils zur Sesshaftigkeit hin, teils zu anderen Formen sozialer Organisation. Trotzdem ist, zum Beispiel im Tschad, die nomadische Viehzucht ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das ganze Land und von grosser sozialer Bedeutung.
Vom Staat werden die Nomaden marginalisiert und oft der Rebellion bezichtigt, wodurch sie kaum Zugang zu Erziehungs- und Gesundheitswesen haben. Nomaden sind davon bedroht, vom Gesundheitssystem ausgeschlossen zu werden; ihr Gesundheitszustand ist weitgehend unbekannt. In diesem Rahmen stehen der Gesundheits- und Erziehungsbereich vor grossen Herausforderungen. Anstrengungen in diesen Bereichen sind aber Grundbedingungen für eine verbesserte Einbindung der Nomaden in den Entwicklungsprozess.
Vom Tier auf den Menschen übertragenen Krankheiten (1)
Pastoralnomaden leben in einer sehr engen Beziehung mit ihren Tieren. Dadurch sind sie in einem besonderen Masse Zoonosen, vom Tier auf den Menschen übertragenen Krankheiten wie Brucellose, Tuberkulose, Anthrax, Toxoplasmose, Echinococcose und Coxiellose ausgesetzt. Ihre Prävalenz ist nur vereinzelt bekannt und wird wahrscheinlich unterschätzt. Es ist unbekannt, welche Rolle Mycobacterium bovis bei der wachsenden, durch HIV/AIDS verschärften humanen Tuberkuloseepidemie spielt. In der Gourmaregion Malis reagierten 24 Prozent der Bevölkerung serologisch positiv auf die Untersuchung für Brucellose. Die Schlussfolgerung einer ähnlichen Studie im Tschad, die eine erhöhte Seroprävalenz bei Schlachthofangestellten nachwies, ist hier zitiert: "...il convient ici de rappeler que la prophylaxie chez l’homme passe par la lutte contre la maladie chez l’animal".
Die weitgehende Ausrottung der bovinen Tuberkulose in Europa gelang einerseits durch die Pasteurisation der Milch und andererseits durch die Schlachtung tuberkulinpositiver Tiere mit staatlichen Kompensationsleistungen. Im nomadischen Kontext Afrikas müssen die Veterinärdienste neue, an die Verhältnisse angepasste Wege finden, verbunden mit viel Aufklärung, um diese Krankheiten einzudämmen. Eine Kompensation für geschlachtete Tiere ist undenkbar bei der gegenwärtigen Finanzlage der meisten afrikanischen Staaten. Risikoanalysen sind deshalb nötig, um die Kontaminations- und Infektionsabläufe zu kennen und sie an geeigneten Stellen zu unterbrechen. Als Beispiel sei das Ausräuchern der Melkkalebassen in Somalia erwähnt. Durch die regelmässigen Ausbrüche von Anthraxepidemien im Tschad sind weite Gebiete des Chari-Baguirmi mit Sporen verseucht, weil die Kadaver nicht vergraben werden können. Im Jahre 1994 kam es zu einer humanen Epidemie mit über 700 Fällen. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist Milch, die häufig roh konsumiert wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass die traditionellen Krankheitskonzepte der Nomaden zum Teil die Übertragbarkeit von Krankheiten durch Tiere und Milch ignorieren.
Gemeinsame Gesundheitsdienste für Tier und Mensch
Die Bedrohung der westafrikanischen Viehzucht durch die Rinderpest, welche aus Ost- und Zentralafrika sich auszubreiten drohte, konnte erfolgreich durch eine gut koordinierte internationale Aktion (Pan African Rinderpest Campaign, PARC) eingedämmt werden. Aber auch Impfungen gegen andere Krankheiten wie Pasteurellose, Anthrax und Rauschbrand sind gängig, und jährliche Impfkampagnen funktionieren vergleichsweise gut, zum Teil auch wegen der zunehmenden Privatisierung der Tiermedizin. Trotz grossen Schwierigkeiten in der tiermedizinischen Versorgung darf man ohne weiteres festhalten, dass die Versorgung der Tiere besser ist als die der Nomaden selber. Tiergesundheitsdienste können eine gewisse Rolle bei der Gesundheitsversorgung für Nomaden spielen. Als einer der ersten hat Louis Loutan (2) nach seinen Erfahrungen im Niger anfangs der achtziger Jahre einen "service de santé désectorisée" vorgeschlagen. Damit meinte er einen gemeinsamen Gesundheitsdienst für Tiere und Menschen, um den guten Zugang der Veterinärequipen zu den Nomaden für die Humangesundheit auszunutzen. Dies wird mittlerweile auch von der WHO gefordert. Impfkampagnen für Rinder werden regelmässig jährlich abgehalten und funktionieren. Es ist durchaus vorstellbar, dass humanmedizinisches Personal an Impfkampagnen der Veterinärdienste teilnimmt und gleichzeitig die Kinder der Nomaden impft und andere Gesundheitsdienste anbietet. Durch den gemeinsamen Gebrauch der teuren Logistik und der Kühlkette könnte dabei sehr kostengünstig gearbeitet werden. Der Synergismus wäre aber vor allem bei prophylaktischen Massnahmen möglich. Länger dauernde Behandlungen (z.B. Tuberkulose) benötigen andere Ansätze. Dazu spielen Tierärzte, eine wichtige Rolle bei der Aufklärung und Information zu humanmedizinischen Fragen der Nomaden und um sie gegen illegale, ambulante Medikamentenverkäufer (Docteur Choukou), zu schützten.
Das "one medicine" Konzept
Der Begriff "one medicine" wurde vom amerikanischen Veterinärepidemiologen Calvin Schwabe (3) geprägt und bedeutet, dass die gemeinsame Wissensbasis der Human- und Veterinärmedizin nicht nur auf den gleichen Paradigmen aufbaut, sondern alle Aspekte und gegenseitigen Abhängigkeiten, die das Gesundheitssystem beeinflussen, beinhaltet. Auf dieser Grundlage besteht seit etwas mehr als einem Jahr vom Schweizerischen Nationalfonds (4) finanzierte Forschungspartnerschaft des Schweizerischen Tropeninstitutes mit tschadischen Volksgesundheits- und Veterinärinstitutionen zur Gesundheit der Nomaden. Sie ist Teil einer interdisziplinären Forschungsgruppe "Santé des Nomades au Tchad", zu der neben Ärzt/innen, Tierärzt/innen und Mikrobiolog/innen und Public Health Spezialisten auch ein Anthropologe und ein Geograf gehören. Dabei besteht eine Zusammenarbeit mit den Universitäten Köln und Freiburg im Breisgau sowie dem Schweizerischen Roten Kreuz. Das Ziel dieses Teils der Forschungsgruppe ist es, einen Beitrag zur Entwicklung eines Gesundheitsdienstes für Nomaden zu leisten, der auf einem gemeinsamen human- und veterinärmedizinischen Zugang besteht und ein Schwergewicht auf die Bekämpfung von Zoonosen legt.
Die mit wenigen Ausnahmen schwache Interaktion der Volksgesundheits- und Veterinärdienste haben wahrscheinlich vielmehr historische als ökonomische Ursachen. Der politische Wille sowie der Abbau von Misstrauen sind nötig, um in der speziellen, ressourcenarmen Situation der nomadischen Viehzüchter neue, an ihre Lebensweise angepasse Mischformen von human- und tiermedizinischen Gesundheitsdiensten zu entwickeln.
Dr. med. vet. Jakob Zinsstag leitete 1990-93 ein Tierparasitologieprojekt der Universitäten Bern und Neuenburg am International Trypanotolerance Centre in Gambia. Er war danach von 1994-98 Direktor des Centre Suisse de Recherches Scientifiques in Abidjan, Côte d'Ivoire, und ist seit 1998 Projektleiter am Schweiz Tropeninstitut in Basel.
Anmerkungen
1. Literatur beim Verfasser
2. Loutan L. (1989) Les problèmes de santé dans les zones nomades. In: La santé en pays tropicaux, A. Rougemont et J. Brunet-Jailly (editeurs) 219-253
3. Schwabe C. (1984) Veterinary Medicine and Humand Health, 3rd Edition, Williams and Wilkins, Baltimore/London
4. NF Projekt Nr. 3233-52202 The interface between human and animal health in West African nomads: towards "the one medicine". (www.sti.unibas.ch )