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Im Jahre 2012 wird der Männerturnverein Wädenswil (MTVW) feiern. Seit der Gründung im September 1862 sind dann 150 Jahre vergangen. Der erste Verein löste sich 1915 auf. Seine Geschichte wird nachstehend aufgezeichnet. 1916 bildete sich unter gleichem Namen ein neuer Männerturnverein. Dessen Entwicklung bis zur Gegenwart soll im Jahrbuch 2011 gewürdigt werden.
«Leider fehlen aus der Gründungszeit Protokolle oder sonstige Unterlagen.» Dies die Feststellung im Rückblick «125 Jahre Männerturnverein Wädenswil 1861–1986», der 1986 im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» veröffentlicht wurde.1 In der Zwischenzeit sind beim Abbruch des «Engel»-Saals die Protokolle des Turnvereins Wädenswil gefunden worden; sie werden heute in der «Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee» am Hoffnungsweg 5 aufbewahrt.2 Daraus geht eindeutig hervor, dass der Männerturnverein 1862 gegründet wurde, man also 1986 ein Jahr zu früh gefeiert hat.
Einen ersten Hinweis gibt das Protokoll der Generalversammlung des Turnvereins Wädenswil vom 13. Januar 1862: «Bei der grossen Zahl von Mitgliedern, worunter viele im vorgerückten Alter und teils verheiratet sind, wünscht man im Verein eine neue Organisation. Da alle damit einverstanden sind, wird dem Vorstand folgende Frage zur Beratung aufgegeben: Wie können die älteren Mitglieder dem Verein erhalten werden, ohne dabei dem Ganzen nachteilig zu sein? Hierüber soll bald möglich berichtet und bezüglich Austrittserteilungen zurückgehalten werden, bis obige Frage geregelt ist.»
An der Zusammenkunft vom 12. März 1862 teilte der Präsident mit, das Geschäft sei noch nicht entschieden, sondern zur Beratung einer Kommission überwiesen worden. Diese verhandelte mit verschiedenen älteren Mitgliedern und arbeitete Statuten aus, die am 27. September 1862 zur Gründung der neuen Turnsektion innerhalb des Turnvereins Wädenswil führten. Nochmals wurde an diesem Abend der Schritt begründet: Der grosse Altersunterschied im Turnverein behinderte den Turnbetrieb und auch das gesellschaftliche Leben. Viele Mitglieder traten daher aus dem Verein aus. Dies zu verhindern und den Älteren ein ihnen angemessenes Turnprogramm zu bieten, war das Ziel der Neugründung unter dem Namen «Männerturner».
Das Gründungsprotokoll vermerkt, welche Männer in die neue Alterssektion übertraten: «Walter Hauser (der späteren Bundesrat), Emil Höhn, Jakob Hofmann, Jacques Huber, Gottfried Staub, Jean Bachmann, Heinrich Wolfensberger, Eduard Höhn, Heinrich Kleiner, Fritz Häfelin, Jakob Rusterholz, Fritz Isler, Jakob Brupbacher, Albert Brupbacher, Jules Allemand, G. Hauser, August Leemann, Caspar Schärer, Jos Flach, Jacques Huber im Schloss, Walter Eschmann, Fischer in der Apotheke, Messerschmied Scheller, Jean Diener, Jacques Höhn, Arnold Pfister, Jacques Fleckenstein, Caspar Egg, Albert Leemann, Gottfried Flach, Michael Weber (Brauereibesitzer), Caspar Kleiner, W. Bäumlein, Heinrich Hochstrasser (Hutfabrikant), Jean Schnyder (Inhaber der Pferdehaarspinnerei), Sattler J. Brupbacher, Schmied Brupbacher, Lehrer Johann Jakob Schoch, Lehrer Meier.» Dem neu gewählten Vorstand gehörten an: Präsident Fritz Isler, Quästor Fritz Häfelin und Aktuar Heinrich Kleiner.
Am 10. Oktober 1862 trafen sich jene Turner, die nicht in den Männerturnverein übertraten, im Restaurant Frohsinn und konstituierten den Turnverein neu.3 Bereits am Samstag, 4. Oktober, hatten sich hier die Männerturner versammelt und dazu mit Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» auch neu eintretende Mitglieder «freundlichst eingeladen».4 Am 8. Oktober 1862 erschien in der Zeitung ein weiteres Inserat. Jean Schnyder, jetzt «Präses der Männerturner», gab bekannt, dass man dem neuen Verein diese Woche noch ohne Eintrittsgebühren beitreten könne. Geturnt werde jeweils am Mittwoch. Dem Inserat vom Mittwoch, 15. Oktober, ist zu entnehmen, dass an diesem Abend ab halb acht Uhr im Schulhaus Eidmatt geturnt wurde, dass man Fehlende büsste und dass man sich nach dem Turnen noch zu «Verhandlungen» traf.
Schulhaus Eidmatt I und reformierte Kirche. Zeichnung von Adolf Honegger, 1862. Im Schulhaus befand sich das erste Turnlokal des Männerturnvereins.
Nebst dem Turnen legte man im Männerturnverein grossen Wert auf die Geselligkeit. Die Statuten von 1871 bestimmten: «Der Verein versammelt sich in der Regel wöchentlich ein Mal in einem allmonatlich vom Verein zu bestimmenden Lokal.»5 Wie die mit M T gekennzeichneten Inserate im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» belegen, waren solche Zusammenkünfte bereits ab 1863 üblich. Die Versammlung beschloss jeweils, in welcher Wirtschaft man sich im nächsten Monat nach dem Turnen treffen wollte. Für 1863 lautete die Reihenfolge von Januar bis Dezember: Hirschen, Frohsinn, Hirschen, Hamburg, Frohsinn, Hirschen, Engel, Hamburg, Frohsinn, Hirschen, Engel, Hirschen. Am Freitag trafen sich die Männerturner offenbar zum Singen. Am 4. März 1863 gab der Vorstand in einem Inserat bekannt, das Singen müsse auf den Donnerstagabend vorverlegt werden. Am Sonntag, 26. April, begaben sich die Männerturner auf eine Turnfahrt, deren Ziel in der Annonce leider nicht genannt wird.6 Standen wichtige Verhandlungen an, fiel die Turnstunde aus. Wer nicht zur Versammlung erschien, hatte eine doppelte Busse – 60 Rappen – zu gewärtigen.7 Ab Ende September 1871 erschienen die Bekanntmachungen unter einem neuen Logo: 4 F in Lorbeerkranz.8
Die ersten gedruckten, knapp gehaltenen «Statuten des Männerturnvereins Wädensweil» tragen das Datum 20. September 1871. Als «Zweck des Vereins» wird genannt: «Förderung des gesellschaftlichen Lebens, Turnfahrten, Turnen, Hebung des Turnens durch Unterstützung des Turnvereins.» Die Vorsteherschaft besteht aus drei Mitgliedern, die auf die Dauer eines Jahres gewählt sind. Von jedem Mitglied wird ein halbjährlicher Beitrag von 1.50 Franken erhoben. Unterzeichnet sind die Statuten von den Vorstandsmitgliedern Jean Lattmann, Joh. Schnyder und J. Schoch-Wiedemann.9
Die Männerturner trafen sich am Mittwochabend im Turnkeller des Schulhauses Eidmatt. Eine Turnhalle fehlte bis 1871. Die Gemeindeversammlung vom Sonntag, 12. März 1871, beschloss, auf dem Platz beim Dorfschulhaus einen hölzernen Turnschopf bauen zu lassen, 70 Fuss (21 m) lang, 40 Fuss (12 m) breit und mit 22 Fuss (6,6 m) Gevierthöhe. Die Kosten waren auf 10‘800 Franken veranschlagt und konnten durch den Rechnungsüberschuss des Schulgutes vollständig gedeckt werden.10 Die Dorfschulpflege liess sofort das Baugespann aufstellen, und der Gemeinderat gab bekannt, allfällige Einsprachen seien bis 8. April dem Präsidenten des Bezirksgerichts einzureichen.11 Opposition blieb aus, und der Bau schritt zügig voran. Am 16. Dezember 1871 inserierte der Turnverein Wädenswil: «Heute Abend obligatorische Turnstunde in der Turnhalle». Auch die Männerturner trafen sich fortan am Mittwochabend in der Turnhalle, im «Turnschopf», wie der 1962 abgebrochene hölzerne Bau vielfach auch genannt wurde.
Der hölzerne Turnschopf in der Eidmatt, erbaut 1871, abgebrochen 1962.
Das Innere der ersten Turnhalle. An der südöstlichen Schmalseite drei Scheiben für das Armbrustschiessen, rechts der Gerätekasten. An Turngeräten sind vorhanden: Reck, Ringe, Barren und Kletterstangen.
«In Anbetracht der schönen Turnlokalitäten, welche die Dorfschulpflege in letzter Zeit erstellen liess», erklärte sich der Turnverein Wädenswil bereit, das Kantonale Turnfest 1872 zu organisieren. Bei der Vorbereitung und Durchführung half der Männerturnverein tatkräftig mit. Das Fest fand am Sonntag und Montag, 23./24. Juni 1872 statt. Die Turner erreichten Wädenswil mit dem Dampfschiff und zeigten auf dem Platz beim Steg ihre Freiübungen. Der Wettkampf im Kunstturnen wurde in der Eidmatt ausgetragen, auf dem Platz zwischen Schulhaus und Turnschopf. Das Festbankett fand im Hotel Engel statt. Zur Feier des Tages erstrahlte der Springbrunnen des Seidenindustriellen Zinggeler bei der «Krone» in bengalischer Beleuchtung.12
Im Männerturnverein Wädenswil wurde nicht nur geturnt; man befasste sich auch mit der Dorfpolitik und traf sich zu interessanten Vorträgen. 1872 diskutierten Industrielle und Gewerbetreibende im Männerturnverein die Errichtung eines eigenen Gaswerks. Nationalrat Walter Hauser, geachtetes Mitglied, unterstützte die Idee. Er präsidierte eine provisorische Gaskommission, die sich am 11. Januar 1873 auf der Frontseite des «Allgemeinen Anzeigers vom Zürichsee» an die Wädenswiler Dorfbewohner wandte. Mit der Einweihung des Gaswerks Wädenswil am 13. September 1874 war eine Idee aus dem Männerturnverein verwirklicht.13 Der damalige Präsident des Männerturnvereins, Lehrer Meier, würdigte an der Feier im «Engel» besonders die Verdienste von Nationalrat Walter Hauser und lobte die gute Zusammenarbeit, welche dessen Initiative zum Durchbruch verholfen hatte.14
Am 22. November 1872 feierte der Männerturnverein den Ustertag. Die Zeitung berichtete darüber: «Von mehreren Rednern wurde des unvergesslichen und erfolgreichen Tages gedacht, und musikalische Vorträge, Gesänge und Deklamationen wechselten in höchst gemütlicher Weise miteinander ab. Voll dieses Hochgenusses wurde mit Bedauern vermerkt, dass es auch dieses Jahr wieder nicht zu einer öffentlichen Feier gekommen sei, wie es früher von Seite der Lesegesellschaft der Fall war. Daher fand der Antrag, nächstes Jahr vom Männerturnverein aus eine grössere und allgemeine Feier zu veranstalten, allseitigen Anklang.»15
Am 3. Januar 1873 trafen sich die Männerturner in der «Hamburg» und besprachen das neue Zürcher Unterrichtsgesetz. Im April 1874 diskutierte man die kantonalen Abstimmungsresultate über die Revision der Bundesverfassung und im Mai die erstmals an der Urne vorzunehmenden Wahlen für den Wädenswiler Gemeinderat, die Kirchenpflege und die Schulpflege.16
1876 lud der Vorstand zu einem Vortrag über die «Statistik der Steuerverhältnisse speziell für Wädensweil» ein. 1877 referierte Nationalrat Walter Hauser über die kurz vor der Einweihung stehende Eisenbahn Wädenswil–Einsiedeln.17
Blick von der Eintrachtstrasse gegen das 1889/90 erbaute Schulhaus Eidmatt II, Hochkamin, Kohlenschuppen und die beiden Gasbehälter, vor dem Abbruch im Dezember 1926.
In den Wintermonaten hielt ein Referent aus den eigenen Reihen oder ein Gast im Anschluss an die Turnstunde einen Vortrag. Bisweilen und später immer öfter, fiel die Turnstunde sogar aus, und man lauschte nur noch dem Redner. Am 30. Oktober 1872 gab es Informationen über «Die Milch, ihr Wesen, ihre Bewertung und Prüfung».18 Von Oktober bis Dezember 1873 lauteten die Themen «Über die schrotisch-diätische Kur», «Geschichtliches über die Gasbeleuchtung», «Vor hundert Jahren», «Die Anwendung der Strafen in der häuslichen Erziehung».19
1876 standen zwei aktuelle Vorträge auf dem Programm: «Die Erfindung der Dampfmaschine» und «Über Sternschnuppen». 1877 liessen sich die Männerturner über «Lungenschwindsucht», «Erdbeben», die «Wüste Sahara», «General Werdmüller auf der Au» und über die «Geschichtliche Entwicklung des Welthandels» informieren.20 Und dies war das Angebot 1878: «Die Ursachen der atmosphärischen Niederschläge», «Die Gotthardbahn», «Die Wädenswiler Unruhen im Jahr 1646», «Über Feuer-Erzeugung, Kochen und Geschirr», «Über Ägypten», «Erläuterung des von der Engel-Terrasse aufgenommenen Gebirgspanoramas», gezeichnet von Mitglied Walter Hauser, Nationalrat.21
1879 sprach Fotograf Ganz aus Zürich über Vergrösserungsgläser und demonstrierte das Pinakoskop, eine Form der Laterna magica. 1880 liessen sich die Männerturner orientieren über «Die Trachten im 15. bis 18. Jahrhundert», «Desinfektionsanlagen für private und öffentliche Gebäude», den «Wädenswiler Schlossbrand von 1804» und «Neuste Entdeckungen in Zentral-Afrika». 1881 und 1882 galten die Vorträge unter anderem der Erfindung der Lokomotive, dem Feuerlöschwesen, Waldmanns Privatleben, der Tier- und Pflanzenwelt auf Inseln, den Holländischen Inseln in Ostindien sowie den Gewittererscheinungen.22 Für 1883 bis 1885 standen unter anderem folgende Themen auf dem Programm: «Die Bergkrankheit», «Amtliche Inventarisation nach jedem Todesfall», «Die Schweizer Truppen im Dienste Napoleons I.», «Das Telephon, «Das Mikrophon», «Das Armenwesen im Bezirk Horgen», «Das Sprichwort in der Erziehung» und «Die Pflege der Zähne».23
Gebirgs-Panorama von der "Engel"-Terrasse aus, gezeichnet vom späteren Bundesrat Walter Hauser, 1878.
Die Protokolle des Männerturnvereins Wädenswil sind erst seit 1888 erhalten. Vorher ist man vor allem auf Informationen aus der Zeitung angewiesen. Und diese berichtete nur ausnahmsweise über den Turnbetrieb. Bei schönem Wetter führte eine Turnfahrt am Samstag, 20. Juni 1874, auf den Speer. Die Teilnehmer waren derart begeistert, dass sie die Tour im «Anzeiger» weiterempfahlen: «Freunde vom Bergbesteigen machen wir neuerdings auf unsern kleinen Rigi, den Speer, aufmerksam, welcher bei günstiger Witterung die gehabte Mühe herrlich lohnt. Wir raten den Aufstieg von Weesen aus über das so anmutig gelegene Bergdorf Amden zu nehmen, wo, da bekanntlich vor Kurzem der Gasthof Rössli abgebrannt ist, wir das Gasthaus zum Hirschen empfehlen. Von da aus sollte man noch am Abend die Speer-Wirtschaft auf der Alp Oberkäsern, etwa eine Stunde unterhalb der Speerspitze, erreichen. Den Abstieg kann man von da entweder direkt nach Weesen oder nach Nesslau durchs Toggenburg nehmen.»24
Im August 1874 wirkten die Wädenswiler Männerturner bei den Turnübungen am Eidgenössischen Turnfest in Zürich mit. Zwei Dampfschiffe führten alle Turner mit Damen und Gästen – über 800 Personen – zum Schlussfest auf die Halbinsel Au.25
Wenn es die Witterung erlaubte, wurde jedes Jahr eine Turnfahrt durchgeführt. Ziele waren 1877 der Üetliberg, 1878 der Bachtel, 1884 der Alvier und das Weisstannental, 1887 der Fronalpstock.
1878 ist erstmals vom Stabturnen die Rede, 1881 von einem Turnkurs für Frei- und Stabübungen.26 1882 nahmen die Männerturner am Eidgenössischen Turnfest in Aarau teil. Siegesbekränzt kehrten sie am 2. August mit ihrer neuen Vereinsfahne nach Wädenswil zurück. Eine grosse Menschenmenge empfing sie am Bahnhof und begleitete sie zum Vereinslokal «Eintracht».27
Früh legte man im Männerturnverein auch grossen Wert auf Geselligkeit. Sie wurde in den wöchentlichen Zusammenkünften und auf den Turnfahrten gepflegt, dazu an besonderen Anlässen. So schloss sich an die Generalversammlung 1875 eine «musikalische Unterhaltung» an, und im November fand ein Gesellschaftsabend statt.28 Auch im Februar 1876 lud der Verein zu einer gemütlichen Abendunterhaltung ins Hotel Engel ein.29 Im Anschluss an die Generalversammlung 1879 waren die Mitglieder zu einem Nachtessen mit Tanzunterhaltung eingeladen, «mit oder ohne Frauenzimmer».30 Am 13. Dezember 1891 fand nach der letzten Turnstunde des Jahres eine «Abendunterhaltung mit Ball» statt.
Seit dem Jahre 1888 sind die Protokolle des Männerturnvereins lückenlos erhalten. Sie erlauben einen genaueren Einblick in die Vereinstätigkeit. Der Verein zählte damals 72 Mitglieder, von denen 16 noch militärdienstpflichtig waren. Als Präsident amtete Bezirksrichter Daniel Meier, als Quästor Zahnarzt A. Kilchsperger und als Aktuar Walter Treichler.31
1888
Der Vorstand beschliesst, die Bussengelder der turnenden Mitglieder sollten nicht mehr dem Turnleiter Rüetschi-Meier zukommen, sondern in die Vereinskasse fliessen. Dafür erhält der Leiter fortan eine bescheidene Entschädigung. Die zweitägige Vereinsreise 1888 führt von Appenzell über den Gäbris nach Altstätten. Die Durchführung wird mit gehisster Fahne auf dem Sekundarschulhaus angezeigt. Albert Blattmann zur Eichmühle hält dieses Jahr im «Frohsinn» einen Vortrag über die Pfahlbauten der Schweiz, Sekundarlehrer Jakob Isler referiert im «Du Lac» über die Bestrebungen zur Wiederbelebung des Verschönerungsvereins Wädenswil und Sekundarlehrer Ernst Flaigg über Goethe in der Schweiz. 22 Kanonenschüsse zeigen am 13. Dezember an, dass das Vereinsmitglied Walter Hauser zum Mitglied des Bundesrates gewählt worden ist. Am folgenden Tag lädt der Gemeinderat zu einer Feier ins Hotel Engel ein, wo Jean Schnyder-Blattmann zum Morgenstern, einer der Gründer des Männerturnvereins, Hauser im Namen des Vereins begrüsst.
1889
Am 16. Januar verabschiedet sich Bundesrat Walter Hauser von seinen Turnkameraden. Er versichert ihnen, er werde auch in der Ferne oft an den Verein denken. Eine Statutenänderung ermöglicht es, Ehrenmitglieder zu ernennen. Erste Ehrenmitglieder werden Bundesrat Hauser und Sekundarlehrer Johann Jakob Egg-Diezinger (1829–1906) in Thalwil. Egg hatte von 1853 bis 1862 in Wädenswil als Primarlehrer gewirkt und den 1848 gegründeten Turnverein Wädenswil mitgeprägt. Später setzte sich der «Turnvater» für das Schulturnen ein und verfasste 1869 den «Leitfaden für den Turnunterricht in der Zürcher Volksschule».32
Am 20. Januar konstituiert sich der Vorstand neu, mit Louis Diezinger als Präsident, Herrn Basler-Fürst als Quästor und Gottlieb Brupbacher-Fleckenstein als Aktuar. Die Generalversammlung greift gemäss Protokoll «bedenklich in den Morgen hinüber und verläuft bei Gesang und Maskerade in heiterster und gehobenster Stimmung».
Turnvater Johann Jakob Egg-Diezinger (1829-1906).
1890
Gemäss Statuten vom 8. Februar 1882 muss der Vorstand jedes Jahr bestätigt oder neu gewählt werden.33 Dies führt schon 1890 wieder zu einem Wechsel. Lehrer Jean Lattmann übernimmt das Präsidium, Notar J. Nägeli das Quästorat und Herr Stünzi das Aktuariat. Gemäss Jahresbericht besuchen jeweils 16 Mann die Turnstunden am Mittwochabend. Dies bei einem Mitgliederbestand von 76. Viel beliebter sind die wöchentlichen Zusammenkünfte im «Engel», «Frohsinn», «Du Lac» oder «Hirschen», mit Vorträgen im Winterhalbjahr.
1891
Wieder wird ein neuer Vorstand gewählt, mit Hans Blattmann zum Seehof als Präsident, Herrn Gränicher-Brupbacher als Quästor und Sekundarlehrer Caspar Schweiter als Aktuar. Eine neu ins Leben gerufene Unterhaltungskommission sorgt für mehr Abwechslung im zweiten Teil der Generalversammlung. Auf dem Programm stehen Lieder-, Klavier- und Violinvorträge, Schattenbilder, kleine Toaste und militärische Produktionen. Revidierte Statuten übertragen die Kompetenz, die Versammlungslokale zu bestimmen, dem Vorstand. Dieser entscheidet sich für grössere Konstanz: vier Monate «Engel», je drei Monate «Frohsinn» und «Du Lac», zwei Monate «Hamburg». Präsident Hans Blattmann regt an, für Anlässe und Reisen einige Lieder einzuüben. Der Verein kauft 50 Exemplare des «Liederbuchs für die Schweizerischen Wehrmänner» von Ignaz Heim. Unter der Direktion von Lehrer Johann Caspar Willi üben sich fortan Freiwillige bereits um 19 Uhr im Lokal im Gesang. Auf der zweitägigen Turnfahrt besuchen die Männerturner Kreuzlingen, Konstanz, Schloss Arenenberg, Schloss Salenstein, Stein und Hohenklingen. Ein Jahr nach der Gründung der Obst-, Wein- und Gartenbauschule im Schloss Wädenswil treten Direktor Hermann Müller-Thurgau, Obergärtner Theodor Echtermeyer, Weinbautechniker Heinrich Schellenberg und Chemiker Walter Kehlhofer dem Männerturnverein bei.
Das Haus Eintrachtstrasse 2 beherbergte von 1878 bis 1968 das Restaurant Eintracht.
Gasthof Hirschen, ein weiterer Treffpunkt der Männerturner. Das Gebäude wurde im Winter 1975/76 für eine Neuüberbauung abgebrochen.
1892
Die Vortragsabende werden im Männerturnverein, der jetzt 78 Mitglieder zählt, immer beliebter. Dies aber geht auf Kosten des Turnens und des Gesangs. Enttäuscht stellt der zurücktretende Präsident Hans Blattmann an der Generalversammlung fest, seine Anregung, hie und da auch den Gesang zu pflegen, sei auf wenig fruchtbaren Boden gefallen. Und zudem findet er, auch das Turnen verdiene grössere Aufmerksamkeit. Trotz geringem Kassabestand entschliesst man sich zu einem zweitägigen Ausflug. Er führt aufs Rütli und nach der Übernachtung in Seelisberg über Emmetten – Schönegg – Beckenried – Gersau – Brunnen und Goldau zurück nach Wädenswil. Die Vereinskasse übernimmt die Kosten für das Billet Wädenswil – Brunnen.
Hotel Du Lac von Norden, 1941. Im Hintergrund das Hotelgebäude an der Seestrasse, davor das Restaurant, darüber der Pavillon mit Saal. Links die Gartenwirtschaft. Die Gebäude mussten 1956 einem Neubau weichen.
1893
Leider ist dem Turnen wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, heisst es auch 1893. Ob der neu gewählte Vorstand mit Baumeister Heinrich Blattmann (Präsident), dem Arzt Dr. Carl Kälin (Quästor) und Gemeindeschreiber Jakob Höhn (Aktuar) Abhilfe schaffen kann? Lehrer Jean Lattmann erklärt sich bereit, die Turnübungen weiterhin zu leiten. Sein Kollege Jakob Isler findet jedoch, «das Turnen sollte auf etwas anderen Grundlagen betrieben werden».
1894
Das 1894 angelegte Mitgliederverzeichnis führt Namen auf, die in Wädenswil sehr bekannt sind. Darunter finden sich die Lehrer Ernst Flaigg, Salomon Grob, Jakob Isler, Jean Lattmann, Rudolf Leuthold, Caspar Schweiter, Abraham Sigg, Johann Caspar Willi und Arnold Zuberbühler, Hutmacher Felber zur Gerbe, Fabrikant Wilhelm Pfenninger im Giessen, der Seidenindustrielle Emil Gessner, Jean Schnyder zum Morgenstern, Goldschmied Fritz Hug, Architekt Carl Schweizer, Baumeister Alfred Dietliker, der Arzt Dr. Carl Kälin, der Zahnarzt Dr. Eugen Müller, Gemeindepräsident Dr. Robert Haab, Notar J. Nägeli, Prof. Dr. Hermann Müller-Thurgau und die in Zürich wohnenden Jakob Schoch-Wiedemann und Maler Christian Schmidt. Besonders stolz ist man immer noch auf das Ehrenmitglied Bundesrat Walter Hauser in Bern. Vorträge dieses Jahres gelten der Elektrizität, dem im Bau befindlichen Elektrizitätswerk an der Sihl, der Zollinitiative und dem Heilserum gegen Diphterie.
1895
Da die bisherigen Mitglieder eine Wiederwahl ablehnen, muss der Vorstand neu besetzt werden. Zur Verfügung stellen sich Fritz Hug (Präsident), Zahnarzt Dr. Eugen Müller (Quästor) und Otto Höhn (Aktuar). Zuhanden der Landesausstellung in Genf reicht der Männerturnverein Wädenswil folgende Statistik ein: Bestand 77 Mitglieder, davon 7 aktive; 33 über 50 Jahre alt. 70 Schweizer, 3 Ausländer. 4 Soldaten, 10 Unteroffiziere, 11 Offiziere. Die Verteilung der Berufe ergibt folgendes Bild: 2 Landwirte, 6 Handwerkermeister, 18 Kaufleute und Fabrikanten, 16 Angestellte und Beamte, 21 wissenschaftliche Berufe, 10 andere Berufe.
1896
Nach den Wahlen setzt sich der Vorstand wie folgt zusammen: Lehrer Heinrich Kübler (Präsident), Heinrich Schwarzenbach zur Flora (Quästor), Hutfabrikant Heinrich Hochstrasser (Aktuar). Lehrer Jean Lattmann amtet weiter als Vorturner. Geklagt wird nun auch über schlechten Vortragsbesuch in den drei Vereinslokalen «Engel», «Frohsinn» und «Du Lac». Vom Turnen ist kaum die Rede. Einzig die Vereinsreise Wald – Scheidegg – Fischenthal findet etwas grössere Beachtung.
1897
Im Jahre 1897 steckt der Männerturnverein Wädenswil in einer Krise, die sich schon seit längerem angekündigt hat. Der Präsident Heinrich Kübler beklagt, dass der Verein seiner ursprünglichen Bedeutung kaum mehr gerecht werde. Weder das Turnen, das dem Verein den Namen gebe, noch die geistige Anregung durch Vorträge und Besprechungen sei vielen Mitgliedern ein Bedürfnis. Mehrere Vorschläge für eine Turnfahrt werden abgelehnt, dann verschiebt man die Reise auf den Herbst, und schliesslich kommt es nur zu einem Bummel auf den Gottschalkenberg.
1898
Auch der im Vorjahr gewählte neue Präsident A. Strickler sieht sich an der Generalversammlung zur Mahnung veranlasst, man solle dem aktiven Turnen etwas mehr Interesse entgegenbringen, damit der Verein den Namen Männerturnverein noch zu Recht weiterführen könne. Der neue Vereinsvorstand – Emil Hauser (Präsident), J. Jucker (Quästor) und Eduard Schoch (Aktuar) – arbeitet neue Statuten aus. Der mit grossem Fleiss vorbereitete Entwurf wird aber in der Sitzung vom 7. April «stückweise zerzaust».
1899
Im ersten Vortrag des Jahres äussert sich der Oberturner, Lehrer Jean Lattmann, zur Frage: «Was kann zur Hebung des Männerturnens getan werden?» Seit langem wieder einmal lässt sich der bisherige Vorstand für eine zweite Amtsdauer bestätigen. Man ist gewillt, die Krise zu meistern. Erfreulicherweise treten 1898/99 über ein Dutzend neue Mitglieder in den Männerturnverein ein, darunter die in Wädenswil bekannten Herren Jakob Baumann-Isler zum Florhof, Franz Weber-Hauser, Jakob Treichler zum Neuhof, Korsettfabrikant Bernhard Rütter und Friedensrichter Wilhelm Hartmann. Höhepunkte des Vereinsjahres sind die Vereinsreise nach Engelberg und ein Besuch in der Brauerei Weber mit Besichtigung der neuen Eismaschine, angetrieben mit Strom aus dem Sihlwerk Waldhalde. Dazu vermerkt der Protokollführer: «Das Weber-Bier ist für den grössten Teil der Männerturner unentbehrlich.»
1900
An der Generalversammlung vom 21. Februar im «Engel» verliest Präsident Emil Hauser die Themen der 141 Vorträge, die im Männerturnverein Wädenswil zwischen 1873 und 1899 gehalten worden sind. Vorgelesen werden auch Berichte, die im separaten Turnfahrtenbuch festgehalten worden sind. Der Verein zählt nun 83 Mitglieder. Wegen leerer Kasse wird nur ein eintägiger Ausflug organisiert: von Oberrieden über Sihlwald auf das Albishorn. Im Winter fallen die üblichen Turnstunden aus.
1901
Ein Antrag, die Generalversammlung künftig statt am Mittwoch nun an einem Samstag abzuhalten, wird abgelehnt. Man will an der Tradition festhalten. Schlecht steht es um das Turnen. Aktuar Walter Müller hält fest: «Das Turnen, unseres Vereins ehemalige Devise, ist im abgelaufenen Jahr 1900 nicht mehr in Ehren gezogen worden. Auch das von Dr. Eugen Müller eingeführte Zimmerturnen konnte nicht zu grosser Prosperität gebracht werden. Wohl aus diesem Grund lässt sich die Sympathie erklären, welche dem am Fasnacht-Dienstag gegründeten Damenturnverein von Seiten des Männerturnvereins entgegengebracht wird.»
Im Sommer 1901 schloss Aktuar Eduard Schoch das erste Protokollbuch ab und eröffnete ein neues, das Einträge bis 1915 enthält.34 Festgehalten sind die Beschlüsse der Generalversammlung, die Ergebnisse der Vorstandswahlen, die Ziele der Turnfahrten und Ausflüge sowie die Themen der Vortragsabende. Daneben gab es aber auch weniger Erfreuliches zu berichten, und dies ausgerechnet zum Turnbetrieb.
Anlässlich des 8. Seeverbandsturnfestes vom 10. Juli 1904 wird zwischen Gerbestrasse und Zugerstrasse ein Denkmal für Bundesrat Walter Hauser eingeweiht.
Am 22. Oktober 1902 stirbt in Bern das Ehrenmitglied Bundesrat Walter Hauser im Amt. Einen Monat später wird im Restaurant Schiffli in Wädenswil ein Initiativkomitee gegründet, das ein Denkmal für Bundesrat Hauser zu errichten gedenkt. Als Präsident amtet Paul Schnyder, als Aktuar Dr. Eugen Müller und als Quästor Sparkassa-Verwalter Eduard Frick-Rusterholz. Anlässlich des 8. Seeverbandsturnfestes wird am 10. Juli 1904 in der Anlage zwischen Gerbestrasse und Zugerstrasse, nahe dem Haus zur Gerbe, das von Bildhauer Adolf Meyer in Zollikon geschaffene Bundesrat-Hauser-Denkmal eingeweiht. Die Festrede hält Hausers Nachfolger, Bundesrat Ludwig Forrer. 1969 wurde das Denkmal verlegt. Der Mittelteil, mit der Büste von Walter Hauser, steht heute im Rosenmattpark.
VORTRÄGE
Die Protokolle belegen es: Die Vortragsabende im Männerturnverein Wädenswil sind wichtiger als das Turnen. Die Zahl der Referate hat aber gegenüber früher stark abgenommen. Hier eine Auswahl der Themen: 1901 referiert J. Zürrer zum Lustgarten über das Stimmrecht bei Gemeindewahlen, 1902 Walter Müller, «Zigarren-Müller», über Neuste Tiefseeforschungen, 1903 Professor Walter Wyssling über Verwertung von Naturkäften und Professor Hermann Müller-Thurgau über Gärungsvorgänge.
Präsident Fritz Weber-Lehnert erläutert 1904 die Herstellung des Bieres und berichtet 1905 über seine Reise nach Spitzbergen. 1907 informiert Sekundarlehrer Jakob Isler über die Gewinnung des Kautschuks in den Wäldern Brasiliens, 1908 zeigt Professor Walter Wyssling Lichtbilder aus Nordamerika, 1909 schildert Eduard Schoch die Entstehung der Wädenswiler Wasserversorgung, 1911 diskutieren die Männerturner im «Gambrinus» die Nationalratswahlen. Rechtsanwalt Dr. E. Barich erklärt 1913 das Erbrecht nach dem neuen Schweizerischen Zivilgesetzbuch; 1914 führen die Kantonsratswahlen zu hitzigen Diskussionen.
Denkmal für Bundesrat Walter Hauser, seit 1969 im Rosenmattpark.
Festgehalten werden im Protokollbuch die Turnfahrten. Sie führen 1901 auf die Kyburg, 1902 an den Hallwilersee, 1903 zum Kloster Wettingen, 1904 auf die Uehlialp im Glarnerland, 1905 in die Viamala-Schlucht, 1906 zum Schloss Horben und 1907 auf die Luzisteig. Und dies sind die Ziele in den folgenden Jahren: 1908 Stein am Rhein und Insel Mainau, 1909 Zugerberg und Morgarten-Denkmal, 1910 Küssaburg – Waldshut, 1911 Ricken – Degersheim – Schwellbrunn – Waldstatt – Herisau – Uznach – Ziegelbrücke – Wädenswil; 1912 Lägern, 1913 Emmental. 1914 und 1915 werden keine Reisen mehr durchgeführt.
Auf Antrag von Dr. Eugen Müller beschliessen die Turner im September 1901, den Beginn der wöchentlichen Turnstunde künftig erst auf 20 Uhr anzusetzen. Dadurch hofft man auf eine regere Teilnahme. Zur gleichen Zeit turnt auch die Altersriege des Turnvereins. Ein Zusammenschluss liegt daher nahe und kommt zustande. Die Bedächtigeren wünschen aber, dass mit den leichteren Übungen begonnen werde.
Übungen am Pferd vor dem Turnschopf in der Eidmatt, 1905. Im Hintergrund rechts das Julius-Hauser-Haus am Kirchweg, mit verputzter Fachwerkfassade.
Hotel Engel mit Saalbau von 1878, Versammlungsort der Männerturner.
An der Generalversammlung 1902 wird festgestellt, dass die auf acht Uhr abends angesetzte Turnzeit ein Fehlentscheid war: «Den Jungen fehlt der Schneid für das Turnen, die überwiegende Zahl der Aktivmitglieder akzeptiert die Verschiebung nur schwer.» Erneut ergeht im November 1902 der Aufruf an die Mitglieder, sich vermehrt dem Turnen zu widmen. Geprüft wird wenig später die Verschmelzung des Männerturnvereins mit dem sozialdemokratischen Grütliverein. Dessen Generalversammlung lehnt jedoch eine Fusion mit 44 gegen 7 Stimmen ab. Die Politik bildet ein unüberbrückbares Hindernis. In einem Artikel im «Volksrecht» wird der Männerturnverein noch 1906 als «erzreaktionärer Verein» bezeichnet. Spannungen gibt es 1906 auch mit dem jüngeren Gemeindeverein Wädenswil. Um diese abzubauen, ruft der Vorstand die Turner auf, sich vermehrt auch an den Versammlungen des Gemeindevereins zu beteiligen. Vom Turnen ist im Zusammenhang mit der Generalversammlung 1907 wieder die Rede. An diesem Anlass zeigen die Männerturner respektable Leistungen am Pferd sowie beim Steinheben und Steinstossen, und Höhepunkt ist die «Pyramide mit bengalischer Beleuchtung».
Das abnehmende Interesse wird auch in den Generalversammlungen sichtbar. 1910 erscheinen dazu nur noch 14 von rund 80 Mitgliedern. Im Oktober 1910 regt Präsident Jean Ammann an, die Männerturner sollten die Turnstunden der Altersriege besuchen. Da sich dazu aber nur vier Mann melden, belässt man es beim alten Zustand.
1915 heisst es im Protokoll: «Wir haben keine Aktivturner mehr. Daher soll der Kantonalbeitrag nicht mehr bezahlt werden.»
An der Generalversammlung vom 20. Februar 1915 im Hotel Engel nehmen die 24 Anwesenden zur Kenntnis, dass sich von den 75 Mitgliedern deren 64 schriftlich für die Auflösung des Vereins entschieden haben. Dies die Begründungen: Ursache für den Beschluss ist das mangelnde Interesse. Seit einer Reihe von Jahren hat sich die Zahl der Turnfreudigen vermindert. Der Verein hat sich überlebt. Er pflegt nur noch das gesellige Zusammensein und macht alljährlich einen Ausflug. Auch seine ehemals politische Bedeutung hat der Männerturnverein verloren. Nicht mehr er, sondern der Gemeindeverein hat nun Einfluss auf die Wahl der Gemeindebehörden.
Gemäss Versammlungsbeschluss wird der Verein aufgelöst. Der Vorstand – Präsident Wilhelm Hartmann, Quästor Eduard Fürst-Zurlinden, Aktuar Albert Hug und Oberturner Johannes Schläpfer – tritt zurück. Vom Vermögen, das 265 Franken beträgt, erhält der Turnverein 150 Franken für die Anschaffung eines Turnpferdes. Der Rest geht an das Kadettenkorps Wädenswil. Die Altersriege bekommt Keulen, Hanteln und weitere Turngeräte. Die Protokolle werden dem Gemeindearchiv übergeben.
Der letzte Eintrag von Aktuar Albert Hug schliesst mit der Feststellung: «Durch diese Auflösung hat ein Stück Wädenswiler Vereinsgeschichte ihren Abschluss gefunden.»
Peter Ziegler
AAZ = «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee»
DOZ = Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee