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Susanne Böhm (59): «Mich tröstet das Wissen, dass es ihm jetzt gut geht, und dass es für uns weitergehen wird.» (Bild: sa)
Susanne Böhm verlor ihren Mann Thomas vor einem halben Jahr. Der Kämpfer, der an einer aggressiven Form von Blasenkrebs litt, überwand unzählige Krisen und brachte mit Hilfe seiner Frau schier Unmögliches zustande. Kurz vor seinem Tod verbrachte er noch eine Woche in den Bergen und machte dort sogar eine Kutschenfahrt.
«Von der Diagnose bis Thomas‘ Tod dauerte es 20 Monate. Er war 60 Jahre alt und arbeitete als Primarlehrer. Er hatte einen äusserst aggressiven Blasenkrebs, und es hiess, wenn man nichts mache, habe er nur noch drei Wochen zu leben. Er erhielt eine palliative Chemotherapie, und diese schlug wider Erwarten gut an. Als sie fertig war, sind wir tatsächlich noch nach Kreta in die Ferien gefahren. Er wollte noch einmal das Meer sehen. Wir waren eine halbe Woche in den Ferien, und dann begann es wieder: Seine Füsse schwollen an. Er schickte seinem Onkologen ein Bild davon. Dieser meinte, wenn er keine Schmerzen habe, könne er noch bleiben. Tatsächlich sind wir mit Einschränkungen bis zum Schluss geblieben.
Im Zusammenhang mit seiner Krebserkrankung litt Thomas auch unter einer stark erhöhten Gerinnbarkeit des Bluts, und in der gesamten Krankenzeit erlitt er immer wieder Schlaganfälle. Es ging einfach nonstop rauf und runter, das zehrte an uns allen. Immer wieder fuhren die Ambulanz oder ich ihn in den Notfall. Gleichzeitig machten ihm die Leute Komplimente, wie gut er aussehe. Ich hätte innerlich schreien können, denn hinter der Fassade sah es ein bisschen anders aus.»
«Thomas sagte damals ganz klar: Wenn die OP schief läuft, sollen wir ihn gehen lassen.»
Zu welchem Zeitpunkt kam Onko Plus ins Spiel?
In seinem Herz wurde eine Art Fenster eingebaut, damit man die Perikard-Flüssigkeit (die Flüssigkeit zwischen den zwei Blättern des Herzbeutels) abfliessen lassen konnte, die voll Krebszellen war. Als er aus dem Spital entlassen wurde, trainierte er seine Fitness mit immer länger werdenden Spaziergängen. Ja, er ging sogar schwimmen. Diese Phase dauerte jedoch nur einen Monat. Das Fenster verklebte, und man musste zwei grössere machen. Thomas sagte damals ganz klar: Wenn die OP schief läuft, sollen wir ihn gehen lassen. Wie durch ein Wunder überstand er die Operation. Danach war er zwei Wochen in der Palliativstation in Affoltern am Albis. Bevor er wieder heim kam, organisierten wir ein Pflegebett, ein Sauerstoffgerät und holten die Hilfe der Spitex und von Onko Plus.
Weshalb haben Sie weitergearbeitet, als Ihr Mann die Diagnose Blasenkrebs erhielt?
Meine Hausärztin riet mir dazu, damit ich auch aus dem Haus komme. Ich arbeite in einem Altersheim, im Speisesaal und im Café: Ich hatte damals ein Pensum von 50 Prozent und arbeitete ganz in der Nähe, konnte in einem Notfall auch schnell zu Hause sein. Zudem wohnt meine Schwägerin im Haus. Mir tat die Arbeit in dieser Zeit gut, weil ich aus dem Haus kam und sie mich ablenkte.
«Er konnte einfach nicht loslassen, wollte die Kinder und mich nicht zurücklassen.»
War es manchmal auch schwierig, arbeiten zu müssen?
Es kam immer drauf an, wie es grad aussah zu Hause. Manchmal ging ich belastet, aber wenn ich im Altersheim war, musste ich mich auf die Arbeit konzentrieren und konnte die Belastung ausblenden. In der allerletzten Phase wurde ich freigestellt – man sagte mir, ich dürfe mir Zeit nehmen, so lange wie ich brauche.
Ihr Mann ging sehr offensiv mit seiner Krankheit um, er wusste genau Bescheid darüber und gab auch offen Auskunft. Was bedeutete das für Sie?
Ja, er war sehr informiert, für mich war das kein Problem. Das war einfach er.
Konnte er auch so offen über seinen bevorstehenden Tod und seine Ängste sprechen?
Nur mit mir. Bei ihm flossen viele Tränen. Er konnte einfach nicht loslassen, wollte uns nicht zurücklassen. Ich habe ihm zwar versichert, dass wir es ohne ihn schaffen werden. Aber dieser Schmerz kam immer wieder zurück.
«Ich habe mir das Ende manchmal herbeigesehnt.»
Wie haben Sie Ihre letzten gemeinsamen Monate erlebt?
Ich habe mir das Ende manchmal herbeigesehnt. Denn es war nicht einfach, zuschauen zu müssen. Er hat sich immer wieder aufgebäumt, gekämpft und gleichzeitig gemerkt: Es geht doch nicht mehr so, wie ich möchte. Gleichzeitig wollte ich ihn natürlich nicht verlieren.
«Ich hatte 14 Tage Sommerferien, die eine liebe Freundin mit uns verbrachte. Sie ist Pflegefachfrau und in Palliative Care ausgebildet. Wir blieben zwar zu Hause, bestellten aber die Spitex abends ab, die ihm jeweils die Thromboembolie-Prophylaxe verabreichte. Das konnte auch unsere Freundin. Plötzlich meinte Thomas tatsächlich, er wolle nach Zurzach baden gehen. Unsere Freundin hat sich um Notfallmedikamente gekümmert, und wir wagten den Ausflug. Mein Mann genoss ihn sehr.
In der zweiten Ferienwoche stellte uns eine andere Freundin ein Chalet in Braunwald zur Verfügung. Eigentlich war gedacht, dass ich und die Freundin dorthin fahren, um aufzutanken. Aber mein Mann hat das missverstanden und freute sich so auf Ferien. Der Hausarzt segnete die Pläne ab. Am Samstag hatten die Kinder noch Geburtstag – wir haben ja Drillinge – und am Montag fuhren wir los. Im Wissen, dass es auch schiefgehen kann. Der Allgemeinzustand meines Mannes war nicht sehr gut: Er hatte Wasser zwischen Lunge und Rippen, brauchte zusätzlich ziemlich viel Sauerstoff, ass nur noch wenig und hatte nicht einmal mehr die Kraft, einmal ums Haus zu gehen.
«Er lief nur noch einmal auf dem Balkon hin und her, konnte sich nicht mehr orientieren, hatte Halluzinationen.»
Bereits am ersten Abend in Braunwald hatte er eine medizinische Krise. Ich diente meiner Freundin zu. Am nächsten Tag ging es ein bisschen besser, er lief aber nur noch einmal auf dem Balkon hin und her, konnte sich nicht mehr orientieren, hatte Halluzinationen. Dennoch frühstückten wir draussen, es war schönes Wetter, und wir hatten das Gefühl, er freue sich. Eigentlich hatten wir gehofft, er könne dort oben loslassen und sterben. Aber das war unmöglich, ihm gingen Tausend Dinge durch den Kopf: «Würdest du, im Falle dass ich… ?» Wir nahmen erneut Abschied unter Tränen. Es war schon schwierig.
Am zweiten Abend hatte er wiederum eine medizinische Krise. Am dritten Tag war eine Kutschenfahrt geplant. Das wollte er noch unbedingt machen. Ich musste zuerst abklären, ob ich das portable Sauerstoffgerät irgendwo aufladen kann. Das ging alles gut, er konnte sogar beim Kutscher vorne sitzen. Abends trat die ganz grosse Krise ein. Wir dachten: Jetzt stirbt er uns. Es war ganz, ganz schlimm.
«Mein Mann hatte tatsächlich wieder zu kämpfen begonnen!»
Nach einem ernsten Gespräch zwischen Thomas und meiner Freundin beschlossen wir, Braunwald früher zu verlassen, und ihn in die Palliativstation in Affoltern am Albis zu bringen. Das sprachen wir natürlich mit dem Hausarzt und dem Team dort ab. Vor der Abreise ass er noch ein paar Löffelchen Joghurt und trank ein paar Schlucke Rimuss. Ich weiss nicht, wie meine Freundin es geschafft hat, ihn anzuziehen. Auf dem Berg waren sie sehr nett, hatten extra einen Rollstuhl und eine spezielle Transportvorrichtung organisiert. Der Ort ist ja autofrei und man erreicht ihn nur per Standseilbahn. Die Autofahrt danach war für mich ziemlich hart: Er musste vorn sitzen wegen des Sauerstoffs, meine Kollegin sass hinten und hatte ihn im Blick. Ich musste immer damit rechnen, dass ich irgendwo rausfahren und anhalten muss.
In Affoltern wollten Ärzte und Pflegende noch mit ihm sprechen, das ging aber nicht mehr, denn die Emotionen gingen hoch. Sie liessen uns allein. Ich gab seinen Geschwistern Bescheid, dass er in einem ganz schlechten Zustand sei. Seine Schwester, die ihn einen Tag später besuchte, rief mich danach an und sagte, sie habe einen vitalen Thomas angetroffen. Mein Mann hatte tatsächlich wieder zu kämpfen begonnen! Er wollte den Rollstuhl nicht mehr und war mit dem Rollator unterwegs, genoss den Weitblick von der Terrasse aus. Wir planten eigentlich, dass er wieder nach Hause kommt.»
«Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, seine Unternehmungslust zu stoppen.»
Wegen seiner Unternehmungslust nahmen Sie ziemliche Strapazen und Unsicherheiten auf sich. Weshalb haben Sie ihn nicht irgendwann gestoppt und gesagt, er sei zu krank um zu verreisen?
Das hätte ich nicht übers Herz gebracht, wirklich nicht.
War es seine Art, niemals aufzugeben?
Ja, er ist schon immer eine Kämpfernatur gewesen, die sich nach aussen nichts anmerken liess. Letzteres war nicht immer nur positiv. Auf jeden Fall starb er nach zehn Tagen im Spital, in der Nacht vor dem Tag, an dem er wieder nach Hause gekommen wäre. Kurz zuvor hatte er einen Schlaganfall gehabt. Ich war in dieser Zeit freigestellt und so oft bei ihm, wie ich konnte.
Waren Sie bei ihm, als er starb?
Nein, ich war zu Hause – er hatte gesagt, ich solle ihn schlafen lassen und nicht bei Nacht und Nebel fahren –, hatte aber das Telefon auf dem Nachttisch. Aus Affoltern hiess es, er sei ohne Schmerzen friedlich eingeschlafen.
Ich war wie in einem Schockzustand, obwohl ich in diesen zwanzig Monaten mehr als einmal Abschied genommen habe. Wahrscheinlich wollte ich es noch nicht wahrhaben. Um sechs Uhr stand ich auf und orientierte zuerst das Militär: Meine Jungs leisteten grad Militärdienst und wurden von einem Care-Team nach Hause gefahren.
Konnten Sie sich noch verabschieden von Ihrem Mann?
Ja, meine Schwägerin kam auch mit. Danach gingen wir direkt aufs Amt und in die Druckerei für die Trauerkarte. An der Trauerfeier, die eine Woche später stattfand, hatte es wohl enorm viele Leute. Ich bekam gar nichts mit.
«Ich gehe wieder singen, ich gehe wieder turnen.»
Wie geht es Ihnen heute, fast ein halbes Jahr später?
Unterschiedlich. Ich merke, dass die Trauer erst im neuen Jahr so langsam kommt. Vorher war so viel zu tun, das Finanzielle und all die Sachen hatte immer mein Mann erledigt. Ich musste mich richtig reinknien.
Was hilft Ihnen heute, was tut Ihnen gut?
Ich gehe wieder singen, ich gehe wieder turnen. Die Arbeit mit den alten Menschen lenkt mich ab und erfüllt mich. Schön ist, dass ich ein gutes Verhältnis mit meinen Kindern habe, und sie auch noch zu Hause wohnen. Als sie mal alle 14 Tage weg waren, merkte ich schon, dass die Leere nicht einfach zu ertragen ist.
Wie trösten Sie sich?
Es wäre ein ganz schwieriger Weg geworden, wenn er noch hätte weiterleben dürfen – oder müssen. Es geht ihm jetzt gut. Dieser Gedanke hilft mir und ist ein guter Trost.
«Wir wussten, für uns wird es weitergehen. Diese Hoffnung habe ich weiterhin.»
Was half Ihnen als Angehörige in der belastenden Zeit, als er noch lebte?
Manchmal sagte ich schon: Jetzt mag ich dann nicht mehr. Aber wir hatten uns ja unser Eheversprechen «in guten wie in schlechten Zeiten» gegeben, das hat einfach Gültigkeit. Wir sind beide fest im Glauben verankert und wussten, auch wenn es traurig ist, ist es sein Weg. Und wir wussten, für uns wird es weitergehen. Diese Hoffnung hatte ich immer und habe ich weiterhin.
Der Glaube half Ihnen also. Und ausserdem?
Wir haben einen grossen Freundeskreis, das ist schön. Es gibt aber natürlich auch viele Menschen, die sich nicht mehr gemeldet haben, als sie hörten, dass Thomas so krank ist.
Geholfen haben auch die schönen Erinnerungen. Wir hatten es nicht nur paradiesisch und hatten auch unsere Krisen, aber das gehört dazu. Geblieben sind vor allem die schönen Momente. Dazu gehört auch Braunwald, weil wir ihm das ermöglichen konnten.