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Der Themenabend über die Zeugen Jehovas bestand aus zwei Teilen. Im 1. Teil fasste Olivier Braun die Entstehungsgeschichte und die Hauptmerkmale des Glaubens der Zeugen Jehovas zusammen. Im 2. Teil konnten die Anwesenden Fragen an ein ehemaliges Mitglied stellen, welches aus der Sekte ausgetreten war.
Im 1. Teil erfuhr man beispielsweise, dass die Religionsgemeinschaft von Charles Russel (1852 – 1916) gegründet worden war. Dieser wuchs im presbyterianischen Glauben auf, wobei er schon früh von gewissen Lehren dieser Religion irritiert war. Als 18-Jähriger initiierte er deshalb mit Bekannten einen Kreis zur Erforschung der Bibel. Auf der Basis der daraus gewonnenen Erkenntnisse gründete er 1881 die «Internationale Vereinigung ernster Bibelforscher», welche 1931 in Zeugen Jehovas umgetauft wurde. Da die Lehre auf der Bibel basiert, gibt es verschiedene Religionsinhalte, die jenen von anderen christlichen Religionen entsprechen (z.B. Vorstellungen von Himmel, Hölle, Teufel). Andere hingegen, vor allem eschatologische Vorstellungen (= Lehre von den letzten Dingen), weichen stark davon ab, so beispielsweise,
– dass 1878 die 40-jährige Endzeitschlacht begonnen hat, in welcher Christus den Kampf gegen irdische Regierungen und gegen das Böse schlechthin führte,
– dass 1914 das letzte Millennium (bzw. die letzten 1000 Jahre bzw. der letzter Gerichtstag) begonnen hat, in welchem alle Menschen von Gott und von 144’000 auserwählten Zeugen Jehovas gerichtet werden
– dass anschliessend die für gut befundenen Menschen das ewige Leben im Paradies auf Erden erhalten werden.
Nach dem Tod von Charles Russels wurde der Richter Joseph Franklin Rutheford (1869 – 1942) als oberster Hirte der Religionsgemeinschaft gewählt. Er übte sein Präsidentenamt als regelrechter Alleinherrscher mit eiserner Hand aus. Unter seiner Leitung wurden wesentliche Verhaltensregeln aufgestellt, welche die Zeugen Jehovas bis heute prägen. Darunter fällt beispielsweise die von den Mitgliedern erwartete Pflicht, 17 Stunden pro Monat zu missionieren bzw. den Glauben von Tür zu Tür zu verkünden.
Im 2. Teil berichtete die Sektenaussteigerin vom Leben in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas. Da ihre Eltern überzeugte Zeugen Jehovas waren, wuchs sie mit diesem Glauben heran. Sie spürte allerdings schon früh, dass ihr diese Religion nichts bedeutete. Trotzdem wurde selbstverständlich von ihr verlangt, dass sie an den wöchentlichen Versammlungen teilnahm, dem jährlichen Abendmahl beiwohnte, sich taufen liess und missionierte. Hätte sie ihre Pflichten vernachlässigt oder hätte sie einem Ältesten gegenüber den Wunsch nach einem Austritt geäussert, hätte dies ein sogenanntes „Gemeinschaftsentzugsverfahren“ mit „rechtlichem Gehör des Betroffenen“ zur Folge gehabt, welches bei fehlender Reue zum Gemeinschaftsentzug (= Exkommunikation) führt. Da sich sonst alle Mitglieder linientreu verhielten, konnte sie ihre Zweifel am Glauben auch nicht einfach mit einem anderen Mitglied besprechen. Im Alter von 21 Jahren reifte in ihr der Entschluss, die Zeugen Jehovas definitiv zu verlassen. Sie bestimmte für sich im Voraus einen Tag, ab dem sie an den Versammlungen nicht mehr teilnahm. In der Folge nahmen verschiedene Zeugen Jehovas Kontakt mit ihr auf, um sich nach den Gründen für ihr Fernbleiben zu erkundigen und sie nach Möglichkeit umzustimmen. Um auch dies abzustellen, schrieb sie schliesslich einen Brief an den Ältestenrat, in welchem sie die Beziehung zu den Zeugen Jehovas ausdrücklich kündigte und bat, auf jede weitere Kontaktaufnahme zu verzichten. Die Familienangehörigen, insbesondere die Mutter und die Geschwister, reagierten mit Unverständnis auf ihren Trennungswunsch, sodass auch diese Kontakte seitdem fast nicht mehr existent sind. Die Sektenaussteigerin betonte, dass diese Trennungsphase eine sehr harte Zeit für sie war. Niemand half ihr, sich in einem Leben ohne Zeugen Jehovas zurechtzufinden. Es wurde ihr bewusst, dass sie die Neuausrichtung in ihrem Leben aus eigener Kraft schaffen musste.
Viele Fragen wurden von den Anwesenden gestellt, auf welche die Sektenaussteigerin bereitwillig und offen Auskunft gab. Kurzum, es war ein informativer und spannender Themenabend. Dafür sei ihr sehr herzlich gedankt.