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«Manche Leute hier sind sehr mager geworden», sagt Maria Kazirnitschik: «Man würde nicht denken, dass auch ich bei Tschernobyl wohne!» Sie deutet auf ihren Körperumfang und lacht. Nein, sie mag keinen Kaffee. Wir sitzen im Aufenthaltsraum des Sanatoriums von Rogatschew, 150 Kilometer östlich der weissrussischen Stadt Minsk.
Maria ist eine kräftig gebaute, ruhig wirkende Frau. Mit 150 anderen Müttern Weissrusslands bezieht sie hier die vierzehn Tage «Erholung», die ihr von Staats wegen zustehen. Das Kurhaus verlässt sie wenig. Auch ihre Söhne nicht. Die drei schauen, wie alle andern,vor allem Fernsehen. «Meine Kinder sind meine Freunde»,sagt sie.
Während zehn Jahren arbeitete sie als Kassierin in einem Warenhaus. Von ihrem Mann, einem Alkoholiker, hatte sie sich 1991 getrennt. Choiniki, ihr Wohnort, liegt 40Kilometer nördlich von Tschernobyl. Die Söhne Pawel, sechzehn, und Sascha, zehn Jahre alt, erzieht Maria alleine.
Als der Reaktor explodierte, war Maria25 Jahre alt. Sie arbeitete in einer Schreinerei. Einen Alarm gab es nicht. Zwei Tage später kursierte ein Gerüchtin Choiniki: Es sei etwas Schlimmes geschehen. «Wir arbeiteten weiter, passiert war ja schon vieles.»
Die 1.-Mai-Parade lief ab wie immer.«Meine Nachbarin pflanzte Kartoffeln», sagt Maria. Erst am 2. Mai 1986, sieben Tage nach der Explosion - der Reaktorunfallbe herrschte schon seit fünf Tagen die Schlagzeilen der westlichen Medien -, wurden die Bewohnerinnen und Bewohner von Choiniki in Bahnwagen befohlen und in die verschiedensten Richtungen deportiert.
Maria und ihre Söhne landeten in einer Achtzimmerbaracke in Grodno. «Das Lager war gross. Ich kochte für viele Kinder. Ich hatte Heimweh.» Wass ich genau ereignet hatte, erfuhren die Evakuierten erst nachund nach. Nach drei Monaten wurde ein Teil der Leute nach Hause geschickt. Maria kam zurück nach Choiniki. Sie pflügte Gemüsefelder um und deckte Quellen ab – so genannte «Aufräumarbeiten nach dem Unfall». Ihre zweieinhalb Zimmer waren seit dem Unglück weit günstiger zu mieten.
Choiniki liegt in hochverseuchtem Gebiet.«Viele gebildete und reiche Leute verliessen die Stadt»,sagt Maria. Luda, ihre Freundin - sie wanderte 1986 aus -, kommt Maria zweimal im Jahr besuchen. «Dann trinken wir zusammen ein bisschen Tee, und wir weinen ein bisschen. Am Abend geht Luda wieder weg.» Hatte die Region Choiniki vor der Explosion noch 30'000 Einwohner, sind es heute 10'000. «Manchmal schreibe ich meiner Schwester, wie es mir geht», sagt Maria. Telefon oder Bahn sind zu teuer.
Marias Söhne haben Probleme mit der Schilddrüse. Sascha, der zwei Jahre nach der Katastophe zu Welt kam, leidet zudem an Herzrhythmusstörungen. Die Medikamente, die der Arzt ihren Kindern verschrieb, kann Maria nicht bezahlen. Sie wären bitter nötig: Gemüse und Obst aus dem Garten sind hochverseucht. Die Mutter hat keine Ahnung, wie die Nahrungsmittel auf ihren Strahlungsgehalt überprüft werden könnten - geschweige denn, wie dieser zu verringern wäre. «Essen muss ich sowieso», sagt sie.
Maria arbeitet heute als Waldarbeiterin. Sie ist die einzige Frau unter rund hundert Männern. Ihr Arbeitsplatz ist mit einem Stacheldraht umzäunt. «Es ist der schmutzigste Ort in der Gegend.» Wie hoch die Verstrahlung ist? «Keine Ahnung.» Die Leute nennen den Landstricheinfach «Zone». Hier, keine fünfzig Kilometer vom Reaktor entfernt, pflanzt Maria Bäume, macht Rodungen, schlägt Feuerschneisen. Die Arbeit beginnt um acht Uhr morgens und endet um vier Uhr nachmittags.
«Seit ich erwachsen bin, höreich, was Tschernobyl bedeutet», sagt Maria, «aber dies ist nicht das normale Leben, auch wenn die Regierung es behauptet.»Maria möchte in Choiniki bleiben. Nach einer Pause ergänzt sie: «Ich habe keine andere Wahl.»
Um ihren Jüngsten macht sich Mariagrosse Sorgen. In der Schule schläft er sehr oft ein. Manchmal beginnt er «grundlos» zu weinen. Er möchte Polizist werden. Vorläufig aber wacht noch sein Bruder über ihn.«Pawel erzieht Sascha», sagt die Mutter. «Manchmal gehorcht er», sagt der Ältere. «Ich möchte eine normale Familie», sagt Maria:
«Es ist schwer, alleine zu leben, heute.» Der Dolmetscher reicht ihr ein Taschentuch. Sie sei etwas rührselig, sagt sie. Sie schneuzt sich, atmet durch.«Aber stark bin ich auch.» Sie nickt langsam vor sich hin.
Zehn Jahre nach der Katastrophe tagte die so genannte Wiener Konferenz. Über tausend Wissenschafter und Politiker diskutierten Ende April 1996 über die gesundheitlichen, ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Folgen der Katastrophe. Die Meinungen gingen zum Teil weit auseinander. Im Schlussbericht fand, nach hitzigen Debatten, ein sehr umstrittener Passus Eingang: «Die Zahl der Strahlenopfer ist deutlichkleiner als bisher angenommen; es wurden keine offensichtlichlangfristigen Auswirkungen auf die Bevölkerung beobachtet.»
Rund siebzig Prozent der Radioaktivität, die der ukainische Reaktor in die Atmosphäre spie, gingen über Weissrussland nieder. Nach der Explosion trieb der Wind die radioaktive Wolke nach Nordwesten. Über Belarus regnete es Unmengen von radioaktivem Cäsium, Plutonium und Strontium.
Als die Wolke sich einen Tag später Richtung Moskau bewegte, wurde sie von der Luftwaffe wie eine Eiterbeule aufgestochen. Erneut fiel Gift über Belarus - doch die sowjetische Hauptstadt war gerettet.
Über 130'000 Menschen wurden inWeissrussland umgesiedelt. Wo dies nicht möglich war, erklärtendie Behörden, auch im hochverseuchten Gebiet liesse sichproblemlos leben. In der «Prawda» war zu lesen, die Nachtigallen sängen nach wie vor in Tschernobyl...
Ein halbes Gramm radioaktives Cäsium genügt, um einen Quadratkilometer Land unbewohnbar zu machen. Zum Vergleich: Für dieselbe «Zerstörungsarbeit»werden rund 80 Kilogramm Seveso-Dioxin benötigt - 650 weissrussische Dörfer liegen in hochbelasteten Zonen. Noch heute sind in Belarus Tausende von Hektaren Ackerland unbrauchbar. Sie werden es auf Jahrzehnte hinaus bleiben.
Die Folgen sind verheerend: 25 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion stammen aus stark verseuchten Böden. 70 Prozent der Kühe erhalten ihr Futter aus gefährlichradioaktivem Gebiet. Brauchbares Weidland ist sehr teuer. Die Wirtschaft des Landes bietet dasselbe Bild wie die verwüsteten Felder: Nichts geht mehr. Der Hitler-Verehrer Alexander Lukaschenko, der Präsident von Belarus, hat sein Land in die internationale Isolation getrieben. Der Staat ist bankrott.
Der erste Schock ereignete sich 1986.Der zweite drei Jahre später, als die Bevölkerung erfuhr, wie massiv die Sowjets die «strahlende» Wahrheit vertuscht hatten. Der dritte Schock kam mit der Unabhängigkeit. Belarus handelte sich wirtschaftliches Elend ein. Nur wenige Menschenhaben die Möglichkeit, das Land zu verlassen. «Zuersthiess es, nach zehn Jahren hätten sich die meisten Opfervon Tschernobyl erholt», sagt Jurij Bandaschewskij, Direktor des medizinischen Instituts von Gomel: «Diese Einschätzung ist barer Hohn, misst man sie an heutigen Erkenntnissen.»Der Arzt, der auch Studenten ausbildet, ist aufgewühlt.
Gomel, rund 100 Kilometer nördlich von Tschernobyl gelegen, ist eine mittelgrosse Industriestadt. Die meisten Einwohner arbeiten in der Maschinenindustrie – sofern sie überhaupt eine Arbeit haben. Markt ist täglich, ausser montags. Welche Strahlungswerte Obst und Gemüse aufweisen, wird in der Regel nicht kontrolliert.
Jurij Bandaschewskij ist Vater von zwei Töchtern. Er hatte soeben sein Studium beendet, als«es» passierte. Die Auseinandersetzung mit der Katastrophe liess ihn nicht mehr los. 1993 entschloss er sich zu einem Schritt,den in Belarus nur wenige Intellektuelle tun: Er verliess seinen unversehrten Wohnort und nahm eine Stelle im verseuchten Gebiet an.
Seit «zwei, drei Jahren»ist der Wissenschafter Zeuge von rätselhaften Todesfällen. Immer wieder kommt es vor, dass «Menschen im besten Alter tot zusammenbrechen: Aus heiterem Himmel fallen sie um - und bleiben liegen». Bandaschewskij hat die Fälle systematisch untersucht und entdeckt, dass das Herzmuskulaturgewebe aller Verstorbenen von denselben Veränderungen befallen war. «Die konstante Strahlung addiert sich im Körper. Die Auswirkungen können verheerend sein.»
Bandaschewskij legte seine Untersuchung verschiedenen westlichen Medizinern vor: «Ihr Interesse war nicht überwältigend.» Der Arzt ist überzeugt, dass die einschneidenden Folgen der Explosion erst noch auf Belaruszukommen werden.
Es gibt ein Leben nach Tschernobyl. Eine Untersuchung in den mittel bis schwer verseuchten Gebietener gab: Bei Kindern hat der Schilddrüsenkrebs um das 50fachezugenommen. Bei Erwachsenen hat sich die Häufigkeit knapp verdoppelt. Die Erkrankung der Atemwege nahm um 76, jene des Magen-Darm-Traktsum 79 Prozent zu. Zerebrale Schädigungen haben sich um ein Dreifaches erhöht. Die schulpflichtigen Kinder sind in vermehrtem Mass unkonzentriert, schlafen während des Unterrichts ein, brechen unvermittelt in Tränen aus. Viele sind zuckerkrank.
Die genannten Zahlen sind die Bilanzeiner grossangelegten medizinischen Untersuchung, an der auch westliche Wissenschafter beteiligt waren. Verglichen wurde die Zahl der Krankheitsfälle in verseuchten Gebieten mit jener in unverseuchten Zonen. Zur Verfügung standen auch Datenaus der Zeit vor der Katastrophe. «Die Verlässlichkeit von Tschernobyl ist sehr hoch»: Dieser Satz fand sich inder deutschen Fachzeitschrift «Atomwirtschaft» im Dezember1983. Drei Jahre später kam es zur Explosion.
Minsk, 28. April 1986. Kurz nach drei Uhr früh landet ein Hubschrauber vor Wassilij Nesterenkos Datscha. Der Direktor des Instituts für Nuklearenergie in Minsk soll die Löscharbeiten am Reaktor überwachen. Die Zentrale brennt seit zwei Tagen. In wenigen Minuten ist Nesterenko bereit. «Feuersäulen, mehrere Dutzend Meter hoch, spieen uns entgegen. Die radioaktiven Messgeräte waren am Anschlag. Es waren Minuten, die entschieden. Ich kannte die Materie. Nein, ich hatte keine Angst.»
Mehrere Tonnen Sand, Blei und Bor wurden auf die Reste des Reaktors geworfen. Die Kabine war nicht strahlensicher. Pausen gab es nicht. Die Aktion dauerte über zehn Stunden.
Wassilij Nesterenkos Gesichtshaut ist leicht geschuppt und gerötet. Spuren der radioaktiven Verbrennung. Der zweite Fachmann der Mission starb an strahlungsbedingtem Krebs.Der Pilot nahm sich 1987 das Leben.
Wassilij Nesterenko ist der einzige Überlebende des Auftrags. Zufall? Bestimmung? Darüber macht er sich keine Gedanken. Sicher ist nur: Sein Auftrag hat sich geändert. Nesterenko ist vom führenden Kernkraftentwickler zum Gegner der Atomenergie geworden.
Ein verletzter Mann, eine schwierige Geschichte. Aber Wassilij Nesterenko hat die Gabe zu überzeugen. Er spricht hochkonzentriert, holt aus, stellt rhetorische Fragen,lächelt. Das Telefon auf seinem Pult läutet umsonst.«Es gibt keine Gesetze, die die Bevölkerung vor der Radioaktivität schützen können», sagt er:«Deshalb gibt es auch kein Recht, diese Radioaktivität zu nutzen.»
An der Entwicklung des Reaktors in Tschernobyl war Nesterenko «auch nicht am Rande» beteiligt. Für die Katastrophe fühlt er sich in keiner Weise verantwortlich.«Verantwortlich fühle ich mich, Hilfe zu leisten: den vielen tausend Kindern, deren Leben gefährdet ist.»Diese Hilfe kommt genau 12 Jahre zu spät: «Hätte man 1986 die Verbreitung der Radioaktivität genau festgehalten, wären Zahlen über die ersten Strahlungswerte vorhanden, könnte man heute auch viel gezielter behandeln.»
Nesterenko gründete 1991 das Institut für Strahlensicherheit Belrad. Es arbeitet unabhängig vom Staat. Sein Ziel: Die weissrussische Bevölkerung zu lehren, wie sie sich vor weiterer Bestrahlung schützen kann. «Die äussere Bestrahlung, die über die Atmosphäre wirkt, ist längst gefahrlos geworden. Verheerend ist die innere Bestrahlung, die über den Boden durch die Nahrung in den menschlichen Körper dringt.»
Der grosse Teil der Bevölkerung weiss wenig davon, wie man Früchte, Pilze, Fleisch «gesund»zubereitet: «Cäsium ist wasserlöslich, aber nichtfettlöslich. Ein Liter Milch hat die dreifache Radioaktivität des daraus gezogenen Rahms. Wenn dieser Rahm mit sauberem Wasserverdünnt wird, ist die Milch nur noch ein Drittel so gefährlich.»Geschälte Kartoffeln, zweimal gekocht, verlieren bis zu 80Prozent der Strahlung. Pilze und Fleisch können im Salzwasserbad bis zu 60 Prozent ihres Gifts abgeben.
Nesterenko entwickelte ein einfaches, aber höchst sensibles Gerät, um Lebensmittel zu testen. Er begann, ein Netz von Strahlenmesszentren einzurichten. Sein Ernährungs-Erziehungsprogramm wird vereinzelt bereits praktiziert. Unterstützt wird der Forscher von ausländischen Organisationen. Staatliche Förderung gibt es nicht. «Einen Fünftel seines Staatsbudgets hat Belarus für die Schadensbegrenzung von Tschernobyl festgelegt; der Schaden beläuft sich aber auf das 40fache des Jahresbudgets», sagt Nesterenko: «Die Zusammenarbeit mit dem Staat ist sehr schwierig.»
Der Atomphysiker veranlasste eine detaillierte Erhebung über die kindliche Ernährung. In Zusammenarbeit mit Lehrern und Ärzten wurde aufgeführt, welcher Jugendliche welche Nahrung zu sich nahm - und woher diese stammte. Im Vergleichmit den betreffenden Krankengeschichten konnten Gefahrenherde ermittelt werden.
Ermittelt wird nach wie vor. Nesterenkos Erhebung wird vom Staat allerdings nicht gern gesehen. Die betreffenden Daten seien im Besitz der Regierung, heisst es dort; derlei Forschung sei illegal. Dass Eltern und Kinder persönlich dazu einwilligten, ist für die Regierung ohne Belang.
Wassilij Nesterenko ist kurz nach der Katastrophe aus allen Staatsämtern entlassen worden: Fürjene, denen so sehr am inneren Frieden lag, wurde der stille Mann zu laut. In den drei Monaten nach seinem Helikoptereinsatz verlor er strahlungsbedingt mehr als zwanzig Kilo. Er wird lebenslänglichallergisch auf Milch, Tomaten, Gurken bleiben. Vom Saulus zum Paulus geworden, ist er überzeugt vom Weg der kleinen Schritte: «Einen anderen haben wir nicht.»