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Unter den spanischen Reben nimmt der Tempranillo, in Katalonien als Ull de Llebre und in Valdepenas / La Mancha als Cencibel bekannt, eine Sonderstellung ein.
Er ist ein Teil der Traubenmischung in vielen nordspanischen Gebieten - für den Charakter des Weins mindestens so bestimmend wie die alkoholreiche «Basistraube» Garnacha (Grenache).
Für die besten Rioja-Weine wird sogar auf den Garnacha zugunsten eines höheren Tempranillo-Anteils verzichtet. Von wachsender Bedeutung ist diese Sorte im Qualitätsweinbau von Navarra und in andern Regionen, die sich um Hebung der Weinqualität bemühen.
Tempranillo wetterfester Spanier
In einem Standardwerk über die Rebsorten der Welt wird das Kapitel «Tempranillo» mit einigen bemerkenswerten Sätzen eingeleitet: «lässt man Rioja als Spaniens Burgund und Bordeaux in einem gelten, dann muss man die berühmte Tempranillo-Rebe als Vereinigung von Cabernet und Pinot Noir betrachten: als die edelste Traube Riojas nämlich, die trockene, bouquet-reiche und langlebige Weine hervorbringt.» (Jancis Robinson, Reben, Trauben, Weine)
Vergleiche hinken zwar stets, doch in einem hat die Autorin zweifellos recht: Keine andere spanische Rotweinrebe kann sich, fast unabhängig von der Anbauregion, hinsichtlich Wertschätzung mit dem Tempranillo messen. Und kaum eine andere bringt unter so unterschiedlichen Klimabedingungen mehr oder weniger grosse Weine hervor.
Der Tempranillo lässt sich darum nicht einmal von den französischen Modesorten wie Cabernet-Sauvignon verdrängen; wo diese sich ausbreiten, geschieht es fast überall auf Kosten der Garnacha. Er ist zurzeit im Vormarsch begriffen. Die Spanier scheinen zu erkennen, was sie an dieser Sorte haben.
Urspanier... oder doch nicht?
Ampelographen (Ampelographie = Die Wissenschaft über das Beschreiben der Rebsorten) sind der Ansicht, dass der Tempranillo nordspanischen Ursprungs oder zumindest seit dem Altertum in Nordspanien heimisch ist.
Die Rioja reklamiert sie als ihr Kind. Im benachbarten Navarra weist man auf Zeugnisse hin, denen zufolge die Sorte wenigstens seit dem Hochmittelalter im Gebiet vorkommt: Ein Halbrelief am Portal der Kirche Santa Maria la Real in Olite zeigt Traubenblätter mit eindeutigen Tempranillo-Konturen.
Allerdings machen auch andere Theorien die Runde. So soll die Rebe erst im Mittelalter von Burgunder Mönchen auf der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela nach Spanien gebracht worden sein. Eine Legende vielleicht, doch mit einiger Glaubwürdigkeit: In seiner Blütezeit zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert zog der «Camino» zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus mehr Pilger an als Rom und Jerusalem, und zu Zeiten durchquerten täglich zwischen tausend und zweitausend Wallfahrer die Orte am Weg nach Santiago. Viele hinterliessen bleibende Erinnerungen aus ihren Herkunftsländern. Im Weinbau sind sie allerdings schwerer nachzuweisen als beispielsweise in der Architektur.
Tempranillo-Anbauschlacht in Navarra
Die aufstrebende Weinregion Navarra hat 1980 einen bemerkenswerten Beschluss gefasst: Die weitaus überwiegende Sorte Garnacha, die alkoholreiche, etwas breitschultrige, mitunter plumpe Weine ergibt, soll nicht weiter angebaut, sondern nach und nach vom Tempranillo abgelöst werden, allenfalls auch von den Bordeaux-Sorten Cabernet-Sauvignon und Merlot.
Zehn Jahre später begann die Massnahme bereits merklich zu greifen. Standen 1980 noch rund 90 Prozent der gesamten Anbaufläche (rund 20’000 Hektaren) unter Garnacha-Reben, waren es 1991 nur mehr 70 Prozent. In der gleichen Periode wuchs die mit Tempranillo bestockte Fläche von etwa drei auf nahezu 15 Prozent an.
Die Absicht dahinter war klar. Navarra wollte das Ansehen seiner Weine verbessern, wollte dahin kommen, wo die Rioja stand, und schuff mit dem forcierten Tempranillo-Anbau eine der Voraussetzungen dafür.
Tempranillo, der Anpassungskünstler
Der Tempranillo hat im Laufe der Zeit in vielen spanischen Regionen mit sehr unterschiedlichem Klima Fuss gefasst - und sich den Bedingungen vorzüglich angepasst. In der Rioja Alta und Alavesa sowie im nördlichen Navarra kommt die Rebe gut mit dem relativ feuchten, noch unter leichtem Atlantikeinfluss stehenden Klima zurecht.
In Katalonien, wo sie Ull de Llebre (Hasenauge) heisst, gedeiht sie im Mittelmeerklima und - in höheren Lagen und hinter den Küstenbergen - in gemässigtem Klima. In der Appellation Ribera del Duero behauptet sie sich als Tinto Fino oder Tinto del País in stark kontinentalem Klima mit strengen Wintern und heissen Sommern.
Noch krasser sind die Temperaturunterschiede in der jungen Appellation Toro bei Zamora, wo die Sorte den Namen Tinto de Toro trägt. (Einige Spanien- Experten wie Miguel A. Torres halten sie zwar für eine eigenständige Sorte, doch für die Mehrheit der Ampelographen ist sie eine Tempranillo-Varietät.) In der extrem trockenen Mancha-Ebene wird sie vor allem im Südteil, in der Appellation Valdepeñas, unter dem Namen Cencibel gepflegt.
So verschieden das Umfeld, so verschieden die Weine. Eher belanglos, von Ausnahmen abgesehen, fallen sie in Valdepeñas aus. Beachtliche Qualitäten erreichen sie im katalanischen Penedès, in Navarra und in Toro. Am höchsten eingestuft werden die Tempranillo-Weine aus der Rioja und der Region Ribera del Duero - wo sie allerdings nicht sortenrein gekeltert werden, sondern wertvolle Hilfe von andern Trauben erhalten.
Einige weitere Synonyme: Escobena und Chinchillano in der Region Estremadura, Vid de Aranda in der Provinz Burgos, Tinto de Madrid, Arganda, Jacibiera.
Ausserhalb Spaniens ist der Tempranillo einzig in Argentinien in grösserem Umfang vertreten und liefert recht stoffige Weine. Der Versuch, die Rebe in Südfrankreich anzusiedeln, war von wenig Erfolg gekrönt: Die Qualität hielt nicht ganz, was man sich davon versprach, und vor allem bleiben die Erträge unter jenen des Massenträgers Carignan.
Von einiger Bedeutung sind die Anbauflächen in den portugiesischen Anbaugebieten Douro und Alentefo. In Kalifornien sind wenige hundert Hektaren mit einer Sorte namens Valdepeñas bepflanzt, von der aber nicht feststeht, ob es sich tatsächlich um einen Tempranillo-Abkömmling handelt.
Tempranillo-Erkennungsmerkmale
- Die Triebspitze ist weiss wollig und hat einen rötlichen Rand. Die jungen Blätter, orange bis bronzefarbig getönt, tragen flaumige Behaarung; die Unterseite der Blattspreite ist wollig.
- Die ausgewachsenen Blätter sind gross, abgestumpft, eingerollt, am Stielansatz waffelartig geprägt, durch spitze Seitenbuchten und eine lyraförmige Stielbucht deutlich in fünf Lappen gegliedert.
- Die Ränder der Stielbucht und der oberen Seitenbuchten überlappen gelegentlich. Die mittelgrossen Blattzähne haben Spitzbogenform. Die spinnwebige Blattunterseite ist von leicht flaumigen Blattnerven durchzogen. Im Herbst färbt sich das Laub fast vollständig rot.
- Die grünen Triebe sind gerippt und auf der sonnenausgesetzten Seite rotbraun. Die verholzten Zweige sind hellgelb mit mehr oder weniger grauer Tönung; die Knoten sind dunkel gefärbt und nicht bereift.
- Die Trauben werden mittelgross bis gross, lang, schmal, zylinderförmig, gelegentlich geflügelt. Ihre rnittelgrossen, kugeligen, blau-schwarzen Beeren haben eine ziemlich dicke Haut über dem fleischigen, nicht besonders saftigen Innern.
- Der Tempranillo zählt zu den früh reifenden Sorten. (Der Name könnte sich von temprano = frühzeitig herleiten.) In der Rioja blüht er in der ersten Junihälfte, und die Trauben reifen in der Regel in der ersten Septemberhälfte, gut 14 Tage vor der Garnacha.
- Die Rebe ist etwas anfällig auf Echten Mehltau, erweist sich sonst aber als weitgehend widerstandsfähig gegenüber den meisten Krankheiten. Am besten gedeiht sie auf kalkhaltigen, tiefgründigen Böden.