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6.1 Rollen- und Arbeitsteilung früher - heute
Früher
In der Zwischenkriegszeit verrichteten die Bäuerinnen nicht auf allen Betrieben dieselben Arbeiten. Je grösser der Betrieb, desto stärker war die Tätigkeit der Bäuerin auf den Hausbereich konzentriert, da es auch mehr erwachsene Kostgänger zu ernähren galt. Kleinbäuerinnen wendeten nur 55 Prozent ihrer Arbeitszeit für Hausarbeit auf, Grossbäuerinnen hingegen 93 Prozent. Wichtige Tätigkeitsbereiche der Bäuerinnen auf kleinen und mittleren Betrieben waren die Hühner- und Schweinehaltung; auf den grösseren Betrieben wurden die Schweine meistens von Dienstboten und nicht der Bäuerin besorgt.
Walter Studer, ein Agronom, der in den Vierzigerjahren Untersuchungen durchführte, hielt fest, dass Männer und Frauen für die Bewältigung der Gesamtarbeit im Betrieb gleichermassen wichtig seien; sie würden sich in der Regel nur dann gegenseitig vertreten, wenn sie im Arbeitserfolg ungefähr gleichwertig seien. Es liege im Interesse der Gesamtleistung, wenn die Frauen auf den Betrieben nur jene Verrichtungen, bei denen sie dem Manne ebenbürtig seien, vornehmen würden. Diese natürliche Arbeitsteilung sei im bäuerlichen Familienbetrieb eine Selbstverständlichkeit. (1)
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten mussten die Bäuerinnen vermehrt
Arbeiten auf dem Feld übernehmen. (Cinématèque Suisse)
Heute
Arbeitsteilung auf dem landwirtschaftlichen Betrieb
Laut Stucki (14) betätigten sich Bäuerinnen 2002 am meisten in den Bereichen Haushalt, Familie und Garten. Neun von zehn Bäuerinnen pflegten einen Garten. Dennoch schien die traditionelle Bedeutung des Gartens für die Selbstversorgung abzunehmen. Für viele Frauen war Blumenschmuck wichtiger geworden. Zweitwichtigstes Tätigkeitsgebiet der Bäuerin war der Betrieb. Mehr als zwei Drittel führten die Buchhaltung und waren für weitere administrative Arbeiten wie etwa die Korrespondenz zuständig. Im Stall fütterten und tränkten die Bäuerinnen vor allem die Tiere, draussen halfen sie vorwiegend beim Heuen oder bei den Spezialkulturen wie Gemüse, Beeren und Obst mit. Oft war die Bäuerin für einen Betriebszweig verantwortlich: am häufigsten für die Direktvermarktung - auf rund vier von zehn Höfen gab es Direktvermarktung – gefolgt von den Spezialkulturen und der Kleintierhaltung. Bis anhin war der Agrotourismus eine Nische geblieben. Bäuerinnen verrichteten 1992 in der Regel weniger Stall- und Feldarbeiten als 15 Jahre vorher, d.h. 1977. Hingegen gehörten 1996 die Betriebsbuchhaltung und der Direktverkauf von landwirtschaftlichen Produkten vermehrt zum Aufgabengebiet der Bäuerin.
Nach Rossier, ART, (9, 10) gab es in den Neunzigerjahren auf den meisten Landwirtschaftsbetrieben typische Männer- und Frauenarbeiten. Milchgeschirr waschen, Kälber tränken, Ziegen-, Schaf- und vor allem die Hühnerhaltung waren eindeutig Frauendomänen. Viele Bäuerinnen waren für die Aministration des Betriebes zuständig. Das Melken, das Eingrasen und die maschinelle Bodenbearbeitung wie Pflügen, Eggen, Säen etc. galten als Männersache.
"Zuverdienermodell" als Erwerbskonstellation
DIE Bäuerin früherer Generationen zeichnete sich durch drei Merkmale aus: erstens Herkunft aus einer landwirtschaftlichen Familie, zweitens Ausbildung in der ländlichen Hauswirtschaft und drittens Mitarbeit im von den Schwiegereltern ererbten Betrieb des Ehemannes. Diese Paarkonstellation ist heute nicht mehr der Regelfall. Junge Landwirte heiraten heute auch Frauen, die familiär und beruflich nicht aus der Landwirtschaft kommen. Ähnlich wie in anderen Ehen hat sich auch in landwirtschaftlichen Ehen das "Zuverdienermodell" durchgesetzt: Die Frau geht einer Teilzeitbeschäftigung ausserhalb des Betriebes und der Landwirtschaft nach. Heute wird weniger als früher erwartet, dass die Ehefrau dem Betrieb als ständige Arbeitskraft zur Verfügung steht. Eine ausserlandwirtschaftliche Erwerbstätigkeit der Ehefrau wird als Möglichkeit gesehen, der Familie ein ausserlandwirtschaftliches Einkommensstandbein zu sichern.
Nach Stucki (14) generieren trotzdem die Männer durch eine Tätigkeit ausserhalb des eigenen Betriebes mehr Einkommen als die Frauen. Bei den Frauen gehen vier von neun einer nichtbetrieblichen Erwerbstätigkeit nach, bei den Bauern sind es vier von zehn in der Deutschschweiz und jeder dritte in der Westschweiz respektive im Tessin.
6.2 Arbeitsbelastung früher – heute
Früher
Wie schwer die Arbeitsbelastung für Mann und Frau früher war, zeigt der Bericht eines armen Kleinbauern vor dem ersten Weltkrieg, der versuchte, mit den vorhandenen Familienarbeitskräften die Arbeit zu bewältigen: Er, seine Frau und der alte Vater arbeiteten täglich von halb vier morgens bis zehn Uhr abends – im Heuet begannen sie um 2 Uhr morgens. Sie hatten nie ein Dienstmädchen. Die Frau besorgte neben den fünf Kindern den Stall, molk sieben Kühe, ging zur Sennhütte, kam früh aufs Feld. Der Kleinbauer schrieb: Sie war ein "Schaffteufel ohnegleichen". Daneben war ihr die Obhut von 12 Mutterschweinen mit den Jungen anvertraut.
Agronom Studer beobachtete in den Vierzigerjahren, dass im Durchschnitt 30 Prozent der Arbeitskräfte Frauen, 10 Prozent Kinder und 60 Prozent Männer waren. Zu den effektiv geleisteten Arbeitsstunden trugen die Kinder 10 Prozent bei, die Frauen 32 Prozent und die Männer 57 Prozent. Auf sämtlichen Betriebsgrössenklassen war der Anteil der von den Frauen geleisteten Arbeit um 2-4 Prozent höher als der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte am Personalbestand. Die Erklärung dafür liegt nach Studer beim meist späteren Feierabend der Bäuerin – die Frauen arbeiteten länger am Tag als die Männer. Im Durchschnitt arbeiteten alle Familienmitglieder – namentlich auf den kleineren Betrieben – länger als die familienfremden Arbeitskräfte.
In vielen Betrieben war die Bäuerin schwer mit Arbeit überlastet. Dies traf vor allem für jüngere Bäuerinnen mit kleinen Kindern zu, wenn die Eltern nicht mehr lebten und die wirtschaftliche Lage die Einstellung einer ständigen weiblichen Hilfskraft nicht erlaubte. Die Arbeitszeit überstieg unter solchen Verhältnissen regelmässig 4,000 Stunden pro Jahr.
Zu berücksichtigen ist, dass zumindest bei den Familienmitgliedern auf den Bauernhöfen Arbeit, Beschäftigung und Mussezeit meistens noch ineinander übergingen, so dass es schwer war, die richtige Abgrenzung der eigentlichen Arbeitszeit zu treffen. Aber namentlich in kleinbäuerlichen Verhältnissen war es so, dass jede Zeitaufwendung für andere als Produktionsarbeit als Zeit- und Geldverschwendung angesehen werden musste. (1)
Heute
Im Bericht von Stucki "Die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft" (14) schilderte eine Tessiner Bäuerin 2002 ihren Arbeitsalltag: "Ich bin um 5 Uhr im Stall, dann bereite ich das Morgenessen vor, wecke um 7 Uhr die Kinder. So geht das den ganzen Tag weiter. Meine Arbeitszeit beträgt 17 Stunden, das heisst 24 Stunden minus 7 Stunden Schlaf". Dem steht die Haltung einiger Bäuerinnen gegenüber, sich ganz bewusst Freitage oder freie (Halb-) Stunden zu nehmen. Auch gibt es Bäuerinnen, die mit ihrem Partner oder mit der ganzen Familie gelegentlich für ein Wochenende oder einige Tage vom Hof wegehen. Rund die Hälfte der Bäuerinnen sagte 2002, dass sie weniger Freizeit als vor zehn Jahren hätten, unabhängig von Sprachregion und Betriebstyp.
Rossier schrieb in ihren Berichten 1992 und 1996 (9, 10), dass die Schweizer Bäuerinnen im Durchschnitt rund 20 Stunden pro Woche im Betrieb arbeiteten und 41 Stunden im Haushalt. Die Anwesenheit von Kindern erhöhte den Gesamtarbeitszeitaufwand in den untersuchten Haushalten stark. Bergbäuerinnen arbeiteten in der Regel mehr im Betrieb als ihre Kolleginnen aus dem Talgebiet.
Betriebsleiterinnen
Europaweit wird rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Arbeit von Frauen erbracht. In der Europäischen Union wird jeder fünfte Betrieb von einer Frau geleitet, in der Schweiz jeder dreiunddreissigste (im Jahr 2002 waren es 3.1 Prozent). Die Betriebsleiterinnen in der Schweizer Landwirtschaft sind bis anhin fast nicht "erforscht".
Sandra Contzen’s Lizentiatsarbeit "Landwirtschaftliche Betriebsleiterinnen – Frauen in einer Männderdomäne – eine qualititative Untersuchung" (2) bestätigt als Ausnahme die Regel. Für ihre Studie hat Sandra Contzen 10 Betriebsleiterinnen in unterschiedlichen persönlichen und betrieblichen Situationen anhand von problemzentrierten Interviews befragt. Es ging der Autorin darum, die Motive und Erfahrungen von landwirtschaftlichen Betriebsleiterinnen und insbesondere ihre persönliche Geschichte - wie sie lebten, arbeiteten und handelten - zu ergründen. Die qualitative Analyse zeigte, dass verschiedene Motive für den Entscheid, Betriebsleiterinnen zu werden, eine Rolle spielten. Das Interesse an der Landwirtschaft stand jedoch im Vordergrund. Ja, das persönliche Interesse war für die Betriebsleiterinnen so gross, dass sie unter Umständen den Betrieb einer Partnerschaft vorgezogen hätten. Acht von zehn befragten Betriebsleiterinnen stammten aus einer bäuerlichen Familie und übernahmen den elterlichen Betrieb. Aufgrund ihres Geschlechts wurden sie zuerst als Hofnachfolgerinnen zurückgestellt, um später als Lückenbüsserinnen einzuspringen.
Einer der Gründe für die geringe Anzahl landwirtschaftlicher Betriebsleiterinnen in der Schweiz könnte in der auf Söhne fixierten Vererbungspraxis liegen, stellen Ruth Rossier und Brigitta Wyss in ihrer Arbeit "Interessen und Motive der kommenden Generation an der Landwirtschaft" (11) fest: Nach wie vor heiratet in der Regel die Bäuerin in den Betrieb ihres Ehemannes. Nur sehr wenige Frauen übernehmen als Hofnachfolgerinnen den elterlichen Betrieb und werden Betriebsleiterinnen. Landwirtschaftliche Familien funktionieren häufig nach dem traditionellen Rollenmuster, bei dem die Vererbungspraxis auf die Söhne fixiert ist. Das Interesse von Mädchen an der Landwirtschaft wird weniger gefördert als das von Jungen. Die Rolle als Hofnachfolger wird sehr früh zugewiesen, z.B. durch regelmässigere Mitarbeit und Übertragung komplexerer Tätigkeiten an Jungen im Vergleich zu Mädchen. Töchter werden für die Hofnachfolge oft nur dann in Betracht gezogen, wenn die Familie keinen Sohn hat. Landwirtschaftliche Familien ohne Söhne warten vor der Hofübergabe oft die Heirat der Töchter ab. Sie hoffen, dass ein Schwiegersohn den Betrieb weiterführt. Ein klare Trennung "männlicher" und "weiblicher" Arbeitsbereiche auf den Betrieben fördert bei der nachwachsenden Generation die Übernahme traditioneller Rollenmuster.
In Schweden ist das Erbrecht anders geregelt als in der Schweiz: Dort erbt der oder die Erstgeborene den landwirtschaftlichen Betrieb. Dies könnte den höheren Anteil an landwirtschaftlichen Betriebsleiterinnen in Schweden teilweise erklären.
Zusammenfassend stellte Contzen in ihrer Arbeit fest, dass sich die interviewten Frauen in ihrer Rolle als Betriebsleiterinnen und als Frauen in dieser Männerdomäne zufrieden fühlten und darin behaupteten. Sie passten den Betrieb ihren Interessen, Fähigkeiten und Ressourcen an und erhielten sowohl vom engen Umfeld wie auch von der bäuerlichen Bevölkerung die nötige Unterstützung in der täglichen Betriebsarbeit. Es zeigte sich, dass Frauen durchaus fähig sind, diese traditionelle Männerrolle zu übernehmen und einen Landwirtschaftsbetrieb zu führen.
Am Schluss ihrer Arbeit stellte Contzen einige Thesen auf. Die Autorin hatte gezeigt, dass Frauen Traditionen brachen und neue Formen landwirtschaftlicher Betriebsführung lebten. Deshalb stellte sie die Frage, ob Frauen in Zukunft wohl vermehrt in der Landwirtschaft tätig seien, um eine "neue" Landwirtschaft hervorzubringen? Ferner meinte Contzen, in der Landwirtschaft sei ein Prestigeverlust zu verzeichnen. Das teilweise negative Image der bäuerlichen Bevölkerung in der Gesamtbevölkerung sowie die geringen landwirtschaftlichen Einkommen seien ein Zeichen dafür. Abschliessend stellte Contzen die Frage, ob sich nun in der Landwirtschaft das zeige, was schon für andere Wirtschaftszweige zu beobachten sei, dass nämlich Männerdomänen dann für Frauen geöffnet würden, wenn es an männlichen Arbeitskräften mangle und dass die Feminisierung von Männerdomänen mit einem Prestigeverlust verbunden sei. (2)