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BEREDTES SCHWEIGEN
Seit Paul Watzlawicks Untersuchungen zur menschlichen Kommunikation wird zwischen digitalen und analogen Modalitäten unterschieden. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitig logische Syntax, jedoch auf dem Gebiet der menschlichen Beziehungen eine unzulängliche Semantik. Dagegen besitzen analoge Kommunikationen dieses semantische Potenzial, ermangeln aber eine für die eindeutige Kommunikation erforderliche Syntax. Dass menschliche Kommunikation sich verbaler und nonverbaler Ausdrucksmittel bedient, äussert sich bereits in sprachlichen Wendungen wie DAS BEREDTE SCHWEIGEN oder DER STRAFENDE BLICK. Mithin kann ich schweigen und trotzdem etwas sagen bzw. jemanden durch die Art, wie ich ihn anschaue, strafen. Ähnliches gilt für den Umgang mit Tieren. Kratzt die Katze am Boden, weiss ich, dass sie etwas zu fressen will, und reibt sie den Kopf an meinem Bein, so gilt das als Zeichen der Zuneigung. Digitale Kommunikation ist daher mit Tieren oder ganz kleinen Kindern nicht möglich, analoge jedoch schon. Gleiches gilt für Erwachsene, die eine andere Sprache sprechen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich eines Ereignisses mit einer Schulklasse in Perpignan. Ein Schüler teilte mir etwas hilflos mit, dass sein Steak zu wenig lang auf dem Grill gelegen habe. Er wollte kein »steak saignant «, wusste aber nicht, wie er das dem französischen Kellner erklären sollte. Wie dieser einmal an unserem Tisch vorbeikam, zeigte ich auf das Steak meines Schülers, worauf er es mitnahm und 10 Minuten später nachgegrillt zurückbrachte. Gleichermassen konnte man Schülerinnen und Schüler in Erstaunen versetzen, wenn man ihnen vor den mündlichen Maturaprüfungen mitteilte, ihre Noten stünden bereits fest, nachdem sie das Prüfungszimmer betreten hätten. Auch wenn es sich hierbei um eine starke Vergröberung handelt, macht die Aussage deutlich, dass es oft weniger wichtig ist, was man sagt, als wie man es sagt. In diesem Sinne ist denn auch der nonverbale Aspekt der Kommunikation in persönlichen Beziehungen für gewöhnlich gewichtiger als der verbale. (Wenn uns ein wildfremder Mensch beleidigt, trifft uns das naturgemäss weniger, als wenn unser Partner das tut.)
Ist der Inhaltsaspekt also das, was wir sagen, so beinhaltet der Beziehungsaspekt das, wie wir etwas sagen, jedoch auch, wer etwas sagt. Wer etwas sagt und wie etwas gesagt wird, wiegt immer schwerer, als was gesagt wird. Freilich gibt es kein allgemeingültiges Lexikon nonverbaler Kommunikation, anhand dessen wir nachschlagen können, was welche Körperhaltung, Gestik oder Mimik zu bedeuten hat. Dennoch läuft die nonverbale Kommunikation nicht gänzlich regellos ab. Jeder spürt zum Beispiel, wie lang und intensiv ein Blickkontakt sein darf, wie gross die Distanz in einem förmlichen Gespräch zu sein hat und wann ein Händeschütteln bei einer Begrüssung zu beenden ist. Wir alle haben ein empfindliches Gespür dafür, wenn diese Regeln verletzt werden.
Was also lässt sich ohne Sprache ausdrücken, wenn wir – gemäss der Axiomatik von Watzlawick – gar nicht umhinkönnen, nicht zu kommunizieren? Das wohl meistdiskutierte Beispiel wird zurzeit von Journalisten gerne unter dem Begriff »Sofagate« rubriziert. Es handelt sich dabei um den Besuch der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Istanbul. Da der EU-Ratspräsident Charles Michel und der türkische Präsident Erdogan frühzeitig die Stühle besetzten, musste Frau von der Leyen allein auf dem Sofa Platz nehmen. Dieser Vorfall wird nun in der Öffentlichkeit symbolisch so gedeutet, dass sich Europa immer stärker ins aussenpolitische Abseits manövriert. Auch beim Staatsbesuch von Angela Merkel bei Donald Trump im Jahre 2017 gab es viele Zeichen der Dominanz des amerikanischen Präsidenten. So verweigerte er zum Beispiel den obligaten Handshake oder den Augenkontakt bei ihrem Treffen in Washington. Beim Besuch des japanischen Premierministers Shinzo Abe unterwirft sich Donald Trump scheinbar, indem er diesem bei der Begrüssung die Oberhand überlässt, nur um ihn nachher näher zu sich zu ziehen und mit seiner freien Handfläche auf die Oberhand des Gastes zu tätscheln. Eine klare Dominanzgeste also.
Um Missverständnisse zu vermeiden, ist klarzustellen, dass Beziehungen verhältnismässig selten bewusst und ausdrücklich definiert werden. Im Allgemeinen tritt die Definition der Beziehung umso mehr in den Hintergrund, je gesünder und spontaner diese ist.
Im täglichen Umgang mit andern äussert sich die nonverbale Kommunikation unter anderem darin, dass verschränkte Arme Verschlossenheit und Distanz signalisieren, der Blick auf die Uhr Langeweile oder Desinteresse andeutet, das Kratzen am Kopf Ratlosigkeit oder Verlegenheit, das Händereiben mit Selbstzufriedenheit oder Arroganz gleichgesetzt wird sowie das Aufstützen des Kopfes in der Regel ein Zeichen von Erschöpfung oder Müdigkeit ist.
Schätzungen zufolge sind 65 bis 90 Prozent unserer Kommunikation nonverbaler Art. Da sie ausserdem kontextsensitiv ist, solltest Du Dir immer der Tatsache bewusst sein, dass Mimik und Gestik selbst innerhalb Europas unterschiedlich aufgefasst werden und so zu Missverständnissen führen können. So bedeutet Kopfschütteln in West- und Nordeuropa Ablehnung, wohingegen in Bulgarien und Griechenland dieselbe Geste als Zustimmung interpretiert wird.
Check out President Donald Trump’s weird handshakes. CNN’s Jeanne Moos shows us the Presidential »grab and yank. «
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich