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Persönliches vs Geschäftliches Die Professorin Arlie Russell Hochschild sprach an der HSG über die Kommerzialisierung des persönlichen Lebens. Wo verläuft die Grenze? 15 November 2011. Wie ziehen wir die Grenze zwischen unserem persönlichen Leben und dem Markt? Dies war eine der Schlüsselfragen, die Soziologieprofessorin Arlie Russell Hochschild stellte, als sie während der Gastvorlesung an der HSG am Montag, 14. November, eine Vorschau auf ihr demnächst erscheinendes Buch «Commercialization of the Personal Life» gab. Prof. Hochschild erörterte ihre Forschung über die Wachstumsbranche der persönlichen Dienstleistungen, im Verlaufe derer sie sowohl Dienstleister als auch Kunden befragte. Diese Dienstleistungen reichen von der Beratung auf dem Gebiet der Partnersuche über die Hochzeitplanung zu bezahlten Leihmüttern. In sämtlichen Fällen beobachtete sie Tätigkeiten, die traditionellerweise Eigenverantwortlichkeiten waren, wie z.B. das Ausführen des Hundes, und untersuchte, wie sich sowohl die Aufgabe als auch unsere Wahrnehmung davon verändert, wenn sie zur kommerziellen Dienstleistung wird. Die Grenzen werden versetzt Prof. Hochschild begann mit einer Beschreibung von Dienstleistungen, die in den letzten paar Jahrzehnten aufgekommen und zunehmend in die Sphäre der persönlichen Verantwortlichkeiten eingedrungen sind. Sie gelangte zur Erkenntnis, dass viele Menschen heute regelmässig Dienstleistungen bezahlen, die früher in der Verantwortung von Einzelpersonen oder Familien lagen. Beispielsweise kann man heute eine Dienstleistung für das Töpfchentraining eines Kindes beanspruchen. Während dies traditionellerweise in die Verantwortung der Familie fiel, bietet die moderne Gesellschaft Gelegenheit, diese Verantwortlichkeit auszulagern. Gemäss Prof. Hochschild ist dies teilweise der Fall, weil Frauen heute oftmals nicht zu Hause arbeiten und weniger abkömmlich sind. Also hat der Markt damit begonnen, diese Lücke zu füllen. Falls sich diese Dienstleistungen jedoch einmal eingebürgert haben und im persönlichen Leben eine grössere Akzeptanz für den Markt besteht, beginnt sich die Grenze zwischen dem Persönlichen und dem Markt zu verschieben. Infolgedessen werden neue Dienstleistungen lanciert wie z.B. «Rent a Friend», wo man eine Einzelperson einen Abend lang für eine platonische Beziehung mieten kann, ohne dass man sich emotionell investieren muss. «Auf dieser Reise geht es darum, den Unterschied zwischen dem persönlichen Leben und dem Markt zu verstehen», sagte Prof. Hochschild. «Wie setzen wir die Grenze dazwischen?» Warum hat man überhaupt einen Hund? Im Verlaufe ihrer Forschungsarbeiten befragte Prof. Hochschild einen berufsmässigen Hundeausführer. Er könne zwar verstehen, führte sie aus, weshalb die Leute ihn von Montag bis Freitag mieteten, um ihren Hund auszuführen. Er sei jedoch betroffen, wenn ihn Leute mieteten, um ihren Hund am Wochenende auszuführen. «Das war seine Grenze zwischen Persönlichem und Geschäftlichen», sagte Prof. Hochschild. «Wenn man den Hund unter der Woche nicht ausführt, ist dies der Fall, weil man keine Zeit dazu hat, aber wenn man ihn am Wochenende nicht ausführt, heisst dies, dass man kein Interesse an ihm hat. Warum hat man dann überhaupt einen Hund?» Gemäss Prof. Hochschild setzen wir alle verschiedene Grenzverläufe zwischen dem, was wir willens sind zu bezahlen, und dem, was unter unsere eigene Verantwortung fällt. Sie führte das Beispiel einer Frau an, die einen «Love Coach» mietete, um ihr beim Erstellen ihres Partnersuchprofils behilflich zu sein. Sie war willens, den Rat des Coachs darüber zu akzeptieren, wie sie sich durch den Wortlaut ihres Profils vermarkten solle, aber sie war nicht willens, seine Meinung darüber zu akzeptieren, an wem sie nun auch Interesse zeigen solle. «Die Grenze ist für jeden anders», sagte Prof. Hochschild, «doch gibt es einen Punkt, an dem die meisten Menschen den kommerziellen Dienstleistern das Heft aus der Hand zu nehmen und ihr eigenes Leben zu gestalten brauchen.» KIM-Vorlesungsreihe Prof. Arlie Russell Hochschild war die erste Referentin in der neue KIM-Vorlesungsreihe, die vom Profilbereich «Kulturen, Institutionen und Märkte» durchgeführt wird. KIM untersucht die Grundlagen kultureller Orientierungen, gesellschaftlicher Strukturen, organisationaler Handlungszusammenhänge und ökonomischer Systeme. Dabei wird grosser Wert auf fachübergreifende Zugänge gelegt. Die Forschungsergebnisse werden in wissenschaftlichen Zeitschriften, Handbüchern und thematischen Sammelbänden publiziert.