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Es scheint ein Widerspruch zu sein, Dada archivieren zu wollen. Denn Dada war die Avantgarde-Bewegung, welche gerade die bürgerliche Kunst mitsamt ihren Museen und allzu frommen Ewigkeitsansprüchen radikal in Frage stellte. Tristan Tzara wollte höchstens Kunst als Ausdruck der anarchischen Lebensprozesse erkennen. Wie kann man da auf die Idee kommen, diese lebendige Anarchie auf Eis zu legen und sie archivarisch erstarren zu lassen?
Vielleicht gibt es wenigstens zwei Gründe für die Notwendigkeit einer Dokumentation der Dada-Bewegung. Dada hat die Künstler nach 1945 gewaltig angesprochen. Wenn wir an Lettrisme, Fluxus, Pop- und Op-Art, Conceptual Art, Minimalismus und Performance Art denken, so können wir die Bedeutung von Dada für die Kunst des 20. Jahrhunderts kaum überbewerten. Dada scheint auch heute noch Künstler anzuregen, während der Kubismus und andere Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts bereits als mehr oder weniger abgeschlossene Stationen der Moderne dastehen. Noch viel mehr als Kunst- und Literaturhistoriker sind es Künstler, die sich heute noch für die Dada-Dokumente interessieren. Und es sind vor allem die experimentellen Musiker, Dichter, Stückeschreiber und Filmemacher, welche die Spuren dieser Bewegung aufsuchen, Spuren, die Greil Marcus in seinem Buch «Lipstick Traces» von Dada bis Punk Rock aufzeigte.
Der zweite Grund besteht darin, dass Veröffentlichungen dieser Bewegung in der Form von Zeitschriften, Programmen, Flugblättern und Büchern auf säurehaltiges Papier während und unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg gedruckt wurden, so dass sie heute buchstäblich zerfallen. Eine Dokumentation dieser Bewegung bewahrt diese Texte in einem andern Medium für die heutigen Künstler auf.
Trotz des grossen Interesses für Dada gab es kein Museum oder keine Bibliothek, welche diese Bewegung dokumentarisch erfasste. Fluxus-Leute mussten Raoul Hausmann in Limoges besuchen oder Eintritt in Tzaras riesige Dada-Sammlung erbitten, um seltene Dada-Dokumente zu sehen. Ironischerweise hatte nämlich Tzara, der sich gegen jegliche museale Form auflehnte, selber jedes Flugblatt und jede Veröffentlichung bis zum Visitenkärtchen sorgfältig aufbewahrt. Er engagierte sogar zur Dada-Zeit drei Zeitungsausschnittdienste, die ihm jede veröffentlichte Notiz über Dada zuschickten, die er dann sorgfältig und chronologisch in seinen Ordnern aufbewahrte.
Urlaub mit der Mikrofilmmaschine
Um die vielen Dada-Dokumente leichter zugänglich zu machen, beschlossen vor allem Künstler, die am internationalen Dada-Symposium im Jahre 1978 an der Universität von Iowa teilgenommen hatten, eine Dokumentationsstelle einzurichten. Sie wählten dazu die Universität von Iowa, weil sich an dieser Staatsuniversität mit 30 000 Studenten viele Künstler, Musiker, Tänzer, Filmemacher und Schriftsteller für Dada interessierten und vom Rektorat, Dekanat und der Universitätsbibliothek die Unterstützung für eine solche Dokumentation erhielten.
Die hohen Preise, das geringe käufliche Angebot an Publikationen und der oft zerbrechliche Zustand der Dokumente regten uns bald an, die Dada-Bewegung durch Mikrofilme zu erfassen. Mit der Unterstützung des amerikanischen Nationalfonds und der Jerome Foundation, einer privaten Stiftung in Minneapolis, reiste ich während sechs Jahren in meinen Ferien mit meiner tragbaren Mikrofilmmaschine, die mir manchmal wie eine mechanische Braut vorkam, von Sammlung zu Sammlung. Ich filmte Briefe, Zeichnungen, Collagen, Entwürfe, seltene Ausstellungskataloge und Dada-Veröffentlichungen auf Küchentischen von ehemaligen Freundinnen und Freunden, von Töchtern und Söhnen der Dadaisten. Ich klopfte bei privaten Sammlern wie Hans Bolliger in Zürich an, der unser Projekt immer grosszügig unterstützte. Im Jahre 1982 filmte ich mit Regierungserlaubnis sogar Dada-Dokumente im damaligen Ostberlin.
Als ich erfuhr, dass das Getty Institute in Los Angeles eine Dada-Sammlung mit Manuskripten vom «Oberdada» Johannes Baader erstand, flog ich hin und filmte. Die öffentlichen Sammlungen wie das Museum of Modern Art in New York, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, die Berlinische Galerie und die Akademie der Künste in Berlin erkannten die Notwendigkeit, die zerfallenden Dada-Publikationen durch Mikrofilme aufzubewahren. Viele private Sammler begrüssten unsere Bemühungen, da sie hofften, in Zukunft die zahlreichen Anfragen an…