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Literatur
Zufall ist die zentrale Kraft
An dem Tag, als Juan Domingo Remondo, genannt Nito, geboren wird, stirbt sein Namensvetter Juan Domingo Perón. "Mir fällt keine andere Situation ein, in der die Bürger unseres Landes ein derartiges Gemeinschaftsgefühl entwickeln - ausser vielleicht der Staatsbankrott, der ein geplagtes Land wie das meine alle zehn oder zwölf Jahre heimsucht, oder das ein oder andere Fussballspiel." Womit über Argentinien so recht eigentlich schon fast alles gesagt ist.
Mit seiner Auffassung: "Ich bin überzeugt, der Zufall ist die zentrale Kraft, die das Leben beherrscht, sprich: das absolute Chaos" erinnert mich Martín Caparrós an eine meiner Lieblingsautorinnen, Penelope Lively, und nur schon deswegen hat er meine Sympathie.
"Die Ewigen" ist ein gut geschriebenes, mit augenzwinkernd Bedeutungsvollem aufgeladenes Buch ("... wie folgenschwer es für mein Leben war, dass ich ausgerechnet an diesem regnerischen Tag geboren wurde" und auch der Geburtstag seines Vaters ereignete sich an einem historisch bedeutsamen Ereignis). Und der 1957 in Buenos Aires geborene Martín Caparrós ist ein sehr begabter Erzähler, der mich öfters schmunzeln machte und/oder zustimmend nicken liess: " Damals gab es die ersten langen Haare, die ersten Miniröcke, die ersten Jeans, und mein Vater verurteilte alles gleichermassen mit seinem Totschlagargument; Wenn das gut wäre, hätten unsere Eltern es bereits gemacht. Manchmal beneide ich ihn heute noch um diese Zuflucht: Leichtgläubig davon auszugehen, dass alles Neue verdammenswert - oder zumindest überflüssig - ist."
Die Geschichte, die Martín Caparrós erzählt, handelt von all den Möglichkeiten, die man im Leben so hat und die man nach und nach einbüsst. Und ist voller cleverer Einsichten wie etwa dieser: "Erinnerung ist permanente Ungewissheit - und nichts vergisst sich so leicht wie das, was wir erinnern wollten, und umgekehrt - , doch normalerweise vergessen wir einfach, dass wir uns an dieses oder jenes erinnern wollten, und wir haben unseren Frieden".
"Die Ewigen" ist aus der Perspektive des jungen Nito erzählt und spielt hauptsächlich während der Militärdiktatur und des Krieges um die Malvinas beziehungsweise um die Falklandinseln. Dabei entdecken die argentinischen Kinder auch ein neues Spiel: Krieg. Nur dass dabei niemand die Engländer spielen will. Schlauer kann man mit dem Thema Patriotismus eigentlich nicht umgehen.
Es ist sowohl Rhythmus wie Ton, die dieses sehr skurrile Buch auszeichnen. So mag etwa der Gynäkologe dem Neugeborenen, das keinen Laut von sich gibt, keinen Klaps auf den Hintern geben, denn er "hatte ein von Gandhi inspiriertes gewaltfreies Geburtsmodell übernommen: Das Baby sollte sein Leben in der Aussenwelt ohne Aggression beginnen, natürlich und in seinem Rhythmus." Nur regte sich das Baby nicht, der Gynäkologe verlor die Geduld, "warf seine Prinzipien und Lehrsätze über Bord - das hatte ich schon damals gut drauf - und verpasste mir einen schallenden Klaps auf meine winzige Pobacke. Derart gedemütigt, stiess ich gehorsam den Schrei aus. Meine Mutter schrie, die Krankenschwester schrie, Doktor Gruben schwieg, sah mich an, und dachte nach." Es sollte zum Wendepunkt seines Lebens ... doch nein, das soll hier nicht verraten werden ...
Martín Caparrós verfügt über viel komisches Talent, er schreibt ausgesprochen witzig. So lernt etwa der junge Nito von den Telenovelas, dass Menschen Geld verdienen müssen, "um heimlich telefonieren zu können, ohne dass die Ehefrau zuhört" oder "dass es in den Haushalten der Telenovelas Frauen gab, die dieselben Arbeiten verrichteten wie meine Mutter zu Hause, und dass diese sogenannten Zofen oder Hausmädchen oder Dienerinnen zugleich Geliebte waren, die häufig Besuch vom Hausherrn bekamen, und damals dachte ich, das läge daran, dass sie den Schlüssel zur Speisekammer hatten."
Fazit: ein gelungenes, gescheites und sehr unterhaltsames Werk.