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Aus dem Amerikanischen von Michael Grabinger
Worum geht’s?
Maryam und Driss Guerraoui emigrieren 1981 mit ihrer kleinen Tochter Salma von Marokko in die USA, in eine kleine Stadt mitten in der Mojave-Wüste. Der Hauptteil des Buches wird aus der Sicht der erwachsenen zweiten Tochter Nora erzählt.
Die Guerraouis bauen sich mit einem kleinen Diner gleich neben einer Bowlingbahn eine Existenz auf. Von Beginn an herrscht ein Konkurrenzkampf zwischen ihnen und dem Besitzer der Bowlingbahn, der sich vor allem an den Parkplätzen entzündet. An einem späten Abend, als er als Letzter den Laden verlässt, wird Driss von einem Auto angefahren. Der Fahrer fährt weiter, Driss stirbt noch auf der Unfallstelle. Nora, die inzwischen als Komponistin in der Grossstadt lebt, kann nicht an einen Unfall glauben. Sie kommt in ihre Heimatstadt zurück, unterstützt die Mutter im Diner und beginnt eine Affäre mit ihrem Jugendfreund Jeremy, der inzwischen bei der Polizei arbeitet. Die beiden möchten den Fall aufklären, der Fahrer wird auch bald gefunden, doch damit ist der Roman noch lange nicht zu Ende.
Jedes Kapitel wird von einer anderen Person in der ich-Perspektive erzählt, was einen am Anfang etwas irritieren kann. Wenn man sich aber daran gewöhnt hat, macht der Perspektivenwechsel Spass, weil man eben genau dieselben Geschehnisse unterschiedlich erzählt bekommt. Insgesamt erzählen neun Personen: Nora, ihre Eltern Maryam und Driss, ihre Schwester Salma, ihr Jugendfreund Jeremy, der Mexikaner Efraín, der mit Frau und Kindern ohne Papiere in die USA kam und deshalb lange zögert, für eine Zeugenaussage zur Polizei zu gehen, die schwarze Polizistin Coleman, Anderson, der Besitzer der Bowlingbahn und A.J., sein Sohn. Nach und nach erfährt man, wie latenter Rassismus in einer Kleinstadt funktioniert. Wer sind «Die Andern»?
Man merkt, dass die Autorin weiss, wovon sie schreibt. Laila Lalami wurde in Rabat geboren, hat in Marokko, Grossbritannien und den USA studiert, hat bisher vier Romane und zahlreiche Essays geschrieben und ist Professorin für kreatives Schreiben an der University of California.
Was mir am Buch besonders gefällt
Der Plot ist spannend, die Themen brisant. Wenn Nora Jeremy erzählt, dass A.J. ihr in der Schule kurz nach 9/11 «Kameltreiber» auf ihr Schliessfach geschrieben hat, erfährt man später von Jeremy, dass er solche Ausdrücke als Soldat im Irak auch nicht gescheut hatte. Die Welt wird nicht schwarz-weiss gezeichnet, auch wenn einiges im Roman voraussehbar ist – zum Beispiel die etwas bemühte Romanze zwischen Nora und Jeremy.
Der Roman zeichnet ein Bild der ländlichen amerikanischen Gesellschaft, in der man mit anderer Hautfarbe und Religion nie wirklich dazugehört.
Wem ich das Buch empfehlen würde
Leser*innen, die alles aufs Mal mögen: Familienroman, Gesellschaftsstudie, Krimi, Liebesgeschichte.
Originalton aus dem Buch
Den Kopf in den Wolken tragen. Die Redewendung zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Begonnen hatte es, als ich neun oder zehn war und mich so in meine Bücher vertiefte, dass ich den Ruf zum Abendessen nicht mitbekam. «Du trägst den Kopf in den Wolken», sagte meine Mutter dann, aber meistens klang es liebevoll. Als ich einige Jahre später nach der Schule im Diner mithalf, wurde die Bemerkung allerding zum harschen Tadel: «Du hast dem Gast falsch herausgegeben, du trägst den Kopf in den Wolken.» Und als ich mich wieder ein paar Jahre später gegen das Medizinstudium entschieden hatte, wurde aus dem Tadel eine Anklage: «Du ruinierst dir dein Leben, benti. Du trägst den Kopf in den Wolken!»
Den Kopf in den Wolken zu tragen, war meine Art, mit dem Leben klarzukommen.