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Wo aus menschlichen Schwächen starke Köpfe werden
Autor: Carole Schneuwly
Zweieinhalb Jahre nach der Eva-Aeppli-Retrospektive im Museum Tinguely in Basel steht die heute 83-jährige Künstlerin wieder im Mittelpunkt einer grossen Ausstellung. Anlass ist dieses Mal eine umfangreiche Schenkung von Christoph Aeppli, dem Bruder der Künstlerin. Gemäss Mitteilung des Tinguely-Museums handelt es sich um die grösste Schenkung, die das Museum seit seiner Eröffnung vor zwölf Jahren erhalten hat.
Die Schenkung umfasst sämtliche Bronzeköpfe von Eva Aeppli, dazu zwei Gemälde und eine kleine Nana von Niki de Saint Phalle, ein frühes Relief von Jean Tinguely sowie Zeichnungen, Briefe und Archivalien.
Christoph Aeppli, selber ein erfolgreicher Grafiker, unterstützte seine zwei Jahre ältere Schwester stets bei ihren zahlreichen Engagements. Früh erkannte er die Bedeutung ihrer Bronze-Köpfe und begann, eine Sammlung aufzubauen. Bis auf eine Ausnahme, kaufte er seiner Schwester alle Köpfe ab.
Einsamkeit und Tod
Die Köpfe sind der (vorläufige) Abschluss von Eva Aepplis Werk. Sie entstanden ab den späten Siebzigerjahren und reihten sich nahtlos an Aepplis frühere Schaffensphasen an, in denen zuerst Zeichnungen, dann Gemälde und schliesslich Stofffiguren im Mittelpunkt standen. Mit der Schenkung von Christoph Aeppli sind alle 43 Bronze-Köpfe der Künstlerin im Museum Tinguely vereint.
Immer drehte sich Eva Aepplis Schaffen um die Darstellung von Menschen und menschenähnlichen Gestalten, die mit ihren fahlen Gesichtern, leeren Augen und hageren Körpern trostlos, verlassen und rettungslos verloren wirken. Einsamkeit und Tod waren von Anfang an wichtige Themen. Das Leiden der Opfer des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs fand ebenso Eingang in Aepplis Werk wie das individuelle Leiden aller anderen Menschen. Daneben bewies die Künstlerin aber auch immer wieder ihren Sinn für Humor; viele ihrer Figuren haben lustige oder verspielte Seiten.
Gemälde und Stofffiguren
Aepplis frühe Zeichnungen entstanden in den Fünfzigerjahren in Paris, wo sie mit ihrem zweiten Ehemann Jean Tinguely lebte. Meist handelt es sich um mit Kohle oder Bleistift auf Papier ausgeführte Menschendarstellungen – eine Bilderwelt, in der es wenig Trost zu geben scheint.
Zu Beginn der Sechzigerjahre, sie war inzwischen mit Sam Mercer verheiratet, wandte sich Eva Aeppli der Malerei zu. Sie schuf grossformatige Bilder voller Totenköpfe, einige bedrückend düster, andere auch durchaus lustig. Im Gegensatz zu den früheren Zeichnungen vermitteln die Schädel in ihrer dichten Anordnung auf der Leinwand ein neues Gemeinsamkeits- und Gemeinschaftsgefühl.
Bereits in den Vierziger- und Fünfzigerjahren hatte Eva Aeppli mit selbst gestalteten Stoffpuppen Geld verdient. Zwanzig Jahre später vollzog sie den Schritt in die dritte Dimension auch in ihrer künstlerischen Entwicklung. Ihre Stofffiguren mit den ausdrucksstarken Köpfen, den skelettartigen Händen und den langen, wallenden Gewändern führten die Themen der Traurigkeit, der Einsamkeit und des Todes weiter.
Interesse für die Astrologie
Ab den späten Siebzigerjahren schliesslich verschwanden die Körper, und die Künstlerin begann, sich auf die Köpfe zu konzentrieren. Diese bestanden zuerst aus Seide, dann aus Bronze; später wurden einige gar vergoldet. Es entstanden Einzelköpfe wie «La Petite Marie» oder «De l’Autre Côté/ Avant», aber auch Zyklen wie «Planeten», «Einige menschliche Schwächen», «Sternzeichen» oder «Astrologische Aspekte».
Oft steht die Astrologie im Zentrum, die für Eva Aeppli in dieser Phase von grosser Bedeutung war. Eine besondere Geschichte haben die zehn Bronze-Köpfe der Planeten: Die Planetendarstellungen waren 1976 als Ganzkörperfiguren im französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig und im Musée d’Art Moderne in Paris ausgestellt. Nach den Ausstellungen zerstörte Aeppli die Figuren, verschenkte die Hände und liess nur die Köpfe unversehrt. Diese wurden 1990 in Bronze gegossen und vergoldet.
1977 entstanden die Köpfe dreier Erinnyen, in den folgenden Jahren die neun Astrologischen Aspekte und die zwölf Sternzeichen. 1993 schuf Aeppli mit den sieben Menschlichen Schwächen die letzte Serie. Die Bronzegüsse erfolgten teilweise erst Jahre nach der Kreation der Köpfe in Stoff. Als letzter Kopf wurde 2004 jener der «Petite Marie» gegossen, in einer Kleinauflage von fünf Stück, nach einem Stoffkopf des Jahres 1990.
«Aeppli schenkt Aeppli»: Museum Tinguely, Paul-Sacher-Anlage 1, Basel. Bis zum 1. Februar 2009. Di. bis So. 11 bis 19 Uhr. Details: www.tinguely.ch.