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Die Entwicklungsgeschichte der Pinguine ist immer noch lückenhaft. Man geht davon aus, dass die Vogelgruppe vor 62 Millionen Jahren im Bereich von Neuseeland entstand und die Südhalbkugel danach eroberte. Entsprechende Fossilfunde der vergangenen Jahre zeichnen zumindest dieses Bild. Nun hat ein Forschungsteam aus Deutschland, den USA und Neuseeland Knochen einer Vogelgruppe untersucht, die zwar «nur» 34 – 37 Millionen Jahre alt sind, aber den frühen Pinguinen verblüffend ähnlich sahen. Das Besondere: Diese Vögel lebten auf der oberen Seite des Globus.
Das Forschungsteam um Hauptautor Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Museum in Frankfurt hatten die Knochen von Plotopteroiden untersucht, die an verschiedenen Orten in den USA, Kanada und Japan entdeckt worden waren. Sie verglichen sie mit Funden von prähistorischen Pinguinen aus Neuseeland, da sie schon zu Beginn Ähnlichkeiten entdeckt hatten.
«Plotopteriden sahen aus wie Pinguine, schwammen wie Pinguine, frassen wahrscheinlich wie Pinguine – aber sie waren keine Pinguine.»Dr. Paul Scofield, Canterbury Museum
Es zeigte sich, dass die Flügelknochen, die Brust- und Schulterknochen und auch die Schnäbel wirklich sehr ähnlich in ihrem Aussehen und ihrem Aufbau waren. Da man weiss, dass die frühen Pinguinarten wie Waimanu und Kumimanu bereits an ein Leben im Wasser sehr gut angepasst waren, nimmt man dasselbe für die Gruppe der Plotopteriden auch an. «Diese Vögel entwickelten sich in verschiedenen Hemisphären, Millionen von Jahre voneinander entfernt, aber aus der Ferne würde man sie kaum auseinanderhalten können», meint Dr. Paul Scofield vom Canterbury Museum, Neuseeland. «Plotopteriden sahen aus wie Pinguine, schwammen wie Pinguine, frassen wahrscheinlich wie Pinguine – aber sie waren keine Pinguine.»
Doch anders als die Pinguine und ihre Vorläufer, konnten sich Plotopteriden nicht bis in die Neuzeit halten und starben vor rund 25 Millionen Jahren aus. Die Gründe dazu sind aber nicht bekannt. Sicher ist aber, dass in den rund 12 Millionen Jahren ihrer Existenz die Plotopteriden unterschiedliche Gebiete besiedelt hatten und entsprechend auch verschieden Formen und Grössen entwickelten, ähnlich wie die Frühpinguinarte. Fossilien der Letzteren zeigten Grössen von knapp 40 Zentimeter bis zu Menschengrössen. «Das Faszinierende an der Sache ist die Tatsache, dass Plotopteriden und frühe Pinguine die ähnlichen Merkmale unabhängig voneinander entwickelt hatten», erklärt Vanesa De Pietri vom Canterbury Museum. «Das ist ein Beispiel von konvergenter Evolution, wenn entfernt verwandte Organismen ähnliches Aussehen unter ähnlichen Bedingungen entwickeln.»
Das Forschungsteam untersuchte auch die Flügelknochen, denn Plotopteriden waren, wie die frühen Pinguine, Flügelschwimmer. Anstatt sich mit übergrossen Füssen anzutreiben, wie das Enten und Kormorane tun, nutzen ein paar wenige Arten ihre Flügel zum Schwimmen. Doch wie und warum diese Fortbewegungsart, die zum Verlust der Flugfähigkeit führte, sich entwickelte, ist immer noch ein Geheimnis. «Wir glauben, dass sowohl Pinguine wie auch Plotopteriden fliegende Vorfahren hatten, die auf der Nahrungssuche aus der Luft ins Wasser stiessen. Im Laufe der Zeit wurden diese Vorfahren besser beim Schwimmen und schlechter beim Fliegen», erklärt Dr. Gerald Mayr. Vielleicht war einer der Vorteile dieser Entwicklung eine bessere Nahrungsausbeute oder mehr Nahrung insgesamt. Zumindest bis auf weiteres weiss man aber nun, dass die die Lebensart der Pinguine unter bestimmten Umständen ein Erfolgsmodell ist.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zur Studie: Mayr et al (2020) J Zool Syst Evol Res EPub „Comparative osteology of the penguin-like mid-Cenozoic Plotopteridae and the earliest true fossil penguins, with comments on the origins of wing-propelled diving“