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2.1 Zur geschichtlichen
Entwicklung
des enzyklopädischen Denkens
Etymologisch stammt "Enzyklopädie" von enkuklioz paideia (enkyklios paidaia) ab und bedeutet "Kreis der Bildung"; schon Plinius der Ältere, noch vor Quintilian [152] der erste Verfasser eines enzyklopädischen Werkes [145], erwähnt den Begriff: "Ante omnia attingenda quae Graeci ths enkuklioz paideiaz vocant...". Wir verweisen für eine fundierte Diskussion des Wesens enzyklopädischen Denkens, welches in der Topica universalis humanistischer und barocker Wissenschaft eine vielschichtige Ausprägung fand, auf Wilhelm Schmid-Biggemanns Monographie [158] und für das mit dem Enzyklopädismus eng verbundene Problem der universellen Sprache auf Umberto Ecos historische Synopsis [31].
Wesentlich für unsere Optik ist die Tatsache, dass Enzyklopädismus sich notwendig zwischen drei Grundanliegen erstreckt: dem Kosmos der Fakten, dem System des Begreifens und der Ordnung des Diskurses. Diese drei fundamentalen Aspekte von Orientierung und Navigation treten in allen Abhandlungen und Theorien der Scientia universalis von Petrus Ramus [144] an immer wieder auf und haben sich bis zu Diderots Encyclopédie, die wir nachfolgend ( 2.1.2) genauer diskutieren, erhalten.
Sowohl für das System des Begreifens als auch in der Ordnung des Diskurses findet sich durchgehend ein Prinzip des Denkens in der Orts-Kategorie des topoz (topos) wieder. Dies unabhängig davon, ob der Zugang zur Scientia universalis mehr rhetorisch-artistisch oder metaphysisch-kontemplativ ist. Enzyklopädismus als Topica universalis geht auf Aristoteles' Topik zurück, die als erste überlieferte Abhandlung zur Navigation in Begriffsräumen gesehen werden kann. Nach einer Einführung in die vier Argumentationskoordinaten: Definition, Proprium, Gattung und Akzidenz, klassifiziert Aristoteles 41 Topoi, also lokale Örter, worin die Navigation sich abspielt.
Bei Cicero und Agricola [158] dann wird die aristotelische Dialektik nur noch auf die Prämissen der Argumentation reduziert, wodurch topos als "sedes argumenti" erscheint: Der Begriff rückt in den Mittelpunkt und wird von der Schluss-Logik getrennt. Der Topos wird zum Sitz des Begriffs, und dies ist auch die räumliche Verankerung der Begriffsbestimmung, welche Immanuel Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" gibt [159] : "Man kann einen jeden Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, einen logischen Ort nennen." ([110], p. B 324)
Ein solches räumliches Verständnis von Begriffen wird in der Enzyklopädik des Barock nicht nur abstrakt, sondern auch in der artistischen Operationalität angewendet. Das Feld allen möglichen Wissens der Ars Magna eines Raymundus Lullus [121] liefert eine Topologie alles Wissbaren [158], und dies in Johann Heinrich Alsteds nachschöpferischer Ausformulierung konkret als alphabetisch koordiniertes dreidimensionales Feld von Möglichkeiten [158]. Für Alsted war das lullistische Lexikon "enim bibliotheca universalis locorum communium." Bild 2 zeigt das Titelblatt der Alstedschen Enzyklopädie von 1630, dessen graphische Gestaltung heutigen Internet-Seiten erstaunlich nahe kommt: Man könnte sich durchaus vorstellen, mit der Maus auf eines der Bilderrähmchen der Enzyklopädie zu klicken.
Entscheidend für die Entwicklung der Enzyklopädien war (und ist) das Verhältnis der Ordnungsfähigkeit universeller Topik zum Umfang des dargestellten Gesamtwissens. In der Tat kann die topische Ordnung nicht beliebig viele Topoi umfassen, ohne irgendwann das System der Topoi selber zu strapazieren. Schmidt-Biggemann schreibt dazu in [158], p. 66: "Der Vorrang der Disponibilität der Historie, der Vorrang der Inventionserleichterung für Fachwissenschaften vor der universalen dialektischen Disposition entstand, als die Menge des ' Wissensstoffs ' durch eine Sachordnung nicht mehr fassbar erschien und nicht mehr der Kapazität einer Gedächtnisleistung zuzumuten war. Dieser Sachverhalt indizierte den Anfang vom Ende einer topischen Universalwissenschaft, indizierte zugleich auch das Ende des Ramismus." Das gegenwärtige Chaos im Internet scheint also nicht erstmalig in der Geschichte der Wissensräume ein Ungenügen der Ordnungswerkzeuge angesichts einer Flut von Wissen zu bezeugen. Der Untergang des Ramismus brachte die Einführung einer rein alphabetischen Gesamtordnung der enzyklopädischen Gegenstände mit sich. Diese Notlösung war eine semantisch beliebige lineare Ordnung, zu der sich die Verlage schon 1656 zu ungunsten der mnemotechnisch strapaziösen Topik entschieden. Betreffend weitergehende Aspekte der Mnemotechnik resp. der ars memorativa verweisen wir auf Anhang 9.5.
Um diesen Abschnitt abzuschliessen, erörtern wir knapp eine zentrale Konsequenz des Raumparadigmas: die Formalisierung in der Enzyklopädik. Sie tritt erstens auf in der Lullischen Topologie des dreidimensionalen Feldes von Möglichkeiten, entwickelt dann aber kombinatorisch eine Eigendynamik der Raumform: Die Begriffs-Vielfalt ergibt sich als Mannigfaltigkeit möglicher Topoi-Stellen im Raum. Diese kombinatorische Potenz führt etwa bei Athanasius Kirchers "Ars Magna Sciendi" [112] zu einer Arithmetik aus einem Alphabet von 36 Begriffen. Kircher gibt für die Kombinatorik dieses Alphabets eine 67-stellige Zahl an [112], p.157, eine für damalige Verhältnisse unbeherrschbare Vielfalt. Dass Kirchers immense Kombinatorik durch keine reglementierte Syntax (Grammatik) eingeschränkt werden konnte, bestimmte die inneren Grenzen seiner Kunst [158], eine Schwierigkeit, die vorher schon Alsted durch seinen "Fragenkreis" und nachfolgend auch Gottfried Wilhelm Leibniz vermöge seiner "dyadischen" (binären) Deduktionsmethodik zu beheben versuchte. Diese Problematik führt direkt zum aktuellen Problem der Beherrschbarkeit von Datenbanken, die durch rein technologische Potenz erstellt werden können.
Formalisierung in der Enzyklopädik tritt zweitens auf im Anspruch des Universalismus der Sprache, der die Forderung nach Unteilbarkeit des Wissenssystems einlöst. Kircher hat diese Aufgabe wie auch die "Ars combinatoria" in seiner "Polygraphia universalis" [113] durch 'maschinenlesbare' Formalisierung zu lösen versucht; es handelt sich dabei um eine Übersetzungskiste mit Schubladen und Vokabeln-Täfelchen. Indes, die Technologie des 17. Jahrhunderts konnte eine solche Maschine -- auch wenn sie logisch konsistent gewesen wäre -- nicht realisieren. Schmidt-Briggemann fasst diese Grenzlage so zusammen: "Mit dem Vorschlag, ein solches dreidimensionales Universallexikon anzulegen, geriet die Topik als Universalwissenschaft über den Rand wissenschaftlicher Zumutbarkeit hinaus." Dieser grundlegende Punkt wird uns noch intensiv beschäftigen zum Thema geisteswissenschaftlicher Experimente in Abschnitt 6, geht es hier doch letztlich um die Frage der Wechselwirkung von Technologie und enzyklopädischen Denkentwürfen. Oder, zugespitzter formuliert: Inwiefern kann Technologie Denken substantiell mitbestimmen, beschränken oder erweitern?
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