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Meine vierte und wirkungsvollste Substanz, Weissrussisch, ist ein Strom kaltes, klares Wasser. Ich brauche es, um mein Gesicht zu waschen, meine Augen und meinen Nacken, wenn ich gelangweilt von anderen Sprachen bin. In Weissrussisch zu schreiben ist wie das Erwachen am dritten Abend eines riesigen Ravefestivals. Eine Rückkehr zu meinem wahren Selbst.
In einer Welt, in der alle von nichtsubstanziellen Drogen besessen sind – einer neuen Staffel «Game of Thrones», einem neuen Königreich in «Civilisation VI» oder dem neuen Radiohead-Album –, ist nur high, wer vollkommen nüchtern bleibt. Solche Nüchternheit suchte ich, als ich an meiner Dystopie «Mova» arbeitete.
«Mova» heisst Weissrussisch auf Weissrussisch. Bei uns gibt es zwei Sprachen – in einem Land, das wohl bekannt ist für totalitäre Kontrolle. Vor zehn Jahren wurden in Mova geschriebene Bücher aus den staatlichen Verlagen verbannt und man konnte verhaftet werden, wenn man Mova sprach. Die Dichterin Maryjka Martysevich schrieb damals, dass das Schreiben weissrussischer Literatur wie der Verkauf von Drogen sei. Ihre Worte waren Jägermeister, kaltes Wasser, Kokain, lateinischer Chorgesang, Tanzbären und alle Writing-Residencies, zusammengemixt zu einem einzelnen Was-auch-immer-es-war. Es war das einzige «Writer’s High», das ich bei der Arbeit an meinem Buch erlebte.
Viktor Martinowitsch
geboren 1977 in Weissrussland, ist Schriftsteller und «Writer in Residence» im Literaturhaus Zürich. Zuletzt von ihm erschienen: «Mova» (Voland & Quist, 2016).