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Fully
(Kt. Wallis,
Bez.
Martinach). Ausgedehnte Gemeinde, am rechten Ufer der
Rhone zwischen den untern Hängen der Felspyramide
der
Grande
Garde und dem hohen Felssporn
Les Follaterres, Dorf
Fully in 480 m am Fuss des aus krystallinen
Schiefern bestehenden Thalgehänges auf einem Glazialschuttkegel gelegen, 3 km n.
Martinach. Seit 1891 zwischen den
Dörfern
Fully und
Charrat und 2 km s. von ersterem die Station
Charrat-Fully der Simplonbahn. Postbureau. Ausser dem Dorf
Fully umfasst
die Gemeinde noch eine Reihe von weiteren
Dörfern und Weilern, die meist unbewohnt sind, zur Zeit der
Fastnacht und Weinernte aber ein ausserordentlich reges
Lehen haben, da dann die Leute aus dem
Entremont ihre hier gelegenen
Rebhäuschen (mazots) zu beziehen und in ihren
Weinbergen zu arbeiten pflegen.
Die ansässige Bevölkerung der Gemeinde beschränkt sich auf den Landsaum längs der
Sohle des
Rhonethales
und die darüber aufsteigenden unteren Gehänge. Am
Rande des
Thales und am Fuss der Weinberge stehen die
Dörfer und
Weiler
Vers l'Église oder
Fully (der Sitz der Gemeindebehörden),
La Fontaine (n. Fortsetzung des Dorfes
Fully).
Branson,
Châtaignier,
Saxey und
Mazembroz; auf den Höhen und in den anbaufähigen Bodenfalten über den
Weinbergen finden sich
die Siedelungen
Neuloz,
Buitona,
Beudon,
Tassonnières,
Randonne,
Tschiéboz und
Plagnuy. Gemeinde: 277
Häuser, 1494 kathol. Ew.;
Dorf
Vers l'Eglise mit
La Fontaine: 106
Häuser, 575 Ew. Wein- und Obstbau, Wein- und Obsthandel. Pferde- u. Maultierzucht.
Eigene Kirchgemeinde. Die Kirche zu St. Symphorien ist im 17.
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Jahrhundert neu aufgebaut worden; der durch ein Erdbeben 1855 z. T. zerstörte und bald nachher ausgebesserte Glockenturm
weist eine Inschrift auf, die uns von der einstigen Bedeutung der Ortschaft zur Zeit der Eroberung des Landes durch die Römer
unterrichtet. Das Namensfest des Kirchpatrons (22. August) pflegt eine grosse Anzahl von Pilgern und anderen
Festgästen aus dem ganzen französisch sprechenden Teil des Kantons in
Fully zu versammeln, die sich entweder den die ganze
Nacht hindurch dauernden Andachtsübungen widmen oder auch dem Genuss der darauf folgenden weltlichen Freuden mannigfaltiger
Art sich hingeben. Das Gehänge von
Fully, welches von den gewöhnlich einer Schneedecke entbehrenden
und vegetationslosen Gipfeln des Six Carroz, Portail de Fully, Grand Chavalard und der Grande Garde überragt und beinahe einzig
nur von dem Abfluss des obern Lac de
Fully bewässert wird, ist nicht nur das sonnenreichste Gebiet des ganzen Kantons, sondern
auch dessen an Trinkwasser und künstlicher Bewässerung ärmste grössere Landschaft. Am Fusse dieser
kahlen und trockenen Felshänge, die nach unten von einer aus Mangel an Feuchtigkeit verkümmerten Waldzone begrenzt sind,
steht auf den von zahlreichen Bergstürzen angehäuften Schutthalden ein ausgedehntes Weinbaugebiet, das das vorzüglichste
des Kantons sein könnte, wenn es wie die übrigen von einem Netz von Bewässerungskanälen durchzogen
würde. Die Eigentümer dieser Weinberge, die Gebirgsleute aus dem Val de Bagnes und der Vallée d'Entremont, sind auf eine
fortgesetzte Parzellierung ihres Besitzes in kleine und kleinste Teile derart versessen, dass das Ganze darunter offenbar
Schaden leidet und von einer rationellen Bewirtschaftung keine Rede sein kann. Dekan Bridel sagt schon,
dass hier die Früchte mindestens 14 Tage früher reifen als am Genfersee und die Wiesen sich schon mit dem herrlichsten Blumenteppich
schmücken, wenn das übrige Land noch seine winterliche Schneedecke trägt.
Der Felsgrund des Hanges von
Fully besteht aus krystallinen Schiefern, über denen in der Gegend der beiden kleinen
Seen Karbon, dann ein Band triasischer Rauchwacke und endlich zu oberst am Grand Chavalard Malmkalke folgen. Da
Fully vor den
das Rhonethal aufsteigenden W.-Winden besser geschützt ist als das benachbarte Martinach, nähert sich sein Klima weit eher
demjenigen des zentralen Wallis
und entspricht, wenigstens
in Bezug auf seinen Regenfall (Durchschnitt 1885-94: 529 mm),
etwa den in Sitten herrschenden Verhältnissen.
Die für das zentrale Wallis
charakteristischen klimatischen Erscheinungen (wie klarer Himmel, seltener Regenfall, trockene Luft,
starke Insolation) machen sich sofort schon hinter dem Felssporn der Follaterres bemerklich und lassen sich an der Vegetation
unmittelbar erkennen. Daher weist
Fully bereits alle die dem warmen zentralen Wallis
eigenen Pflanzenarten auf.
Besonders reich entwickelt ist die Frühlingsflora, die hauptsächlich durch Knollengewächse und Arten mit langen und starken
Wurzeln (wie Anemone montana, Adonis vernalis, Iris, Asparagus, Gagea, Ornithogalum, Muscari, Bulbocodium) vertreten ist,
während der Sommerflora vorzüglich Labiaten angehören. Am häufigsten finden sich Pflanzen mit einem
Haarkleid, und selbst solche Arten, die an anderen Standorten der Haare ermangeln, weisen hier einen ansehnlichen Filzüberzug
auf.
Hier erreichen auch einige Baumarten ihre höchste bekannte vertikale Verbreitung; so steigen z. B. an der Joux Brulée Linde,
Eiche und Spitzahorn bis 1600 und 1650 m an. Ausser der Mehrzahl der im zentralen Wallis
wachsenden Pflanzenarten
hat
Fully noch eine Reihe von nur seinen Hängen eigenen interessanten Typen, wie Calepina Corvini, Helianthemum salicifolium,
Coronaria tomentosa, Trifolium subterraneum, Vicia pisiformis, Lonicera periclymenum. Der hervorragende Florenreichtum des
Gebietes von Fully ist ferner durch den vielfachen Wechsel des geologischen Untergrundes bedingt.
Der w. Abschnitt des Beckens der Montagne de Fully, sowie der Mont Bron und Portail de Fully bestehen bis zu den Seen aus karbonischen Konglomeraten und Quarzsandsteinen, der s. Abschnitt des Berghanges bis nahe zu dem das Becken der Seen abschliessenden Kamm hinauf wird von Glimmerschiefer und Gneis gebildet, und die ö. und n. Abschnitte der Gemeinde, gegen Dent de Morcles und Grand Chavalard hin, sind aus Kalksteinen jurassischen Alters und des Neocom aufgebaut. Daher denn auch der erstaunliche Wechsel in der Flora mit dem so auffallenden Kontrast zwischen den den Kalkboden fliehenden Arten im S. und W. und den Kalkpflanzen im N. und O. des Gebietes (Vergl. dazu Jaccard, Henri. Catalogue de la flore valaisanne in Neue Denkschr. Bd. 34. Zürich 1895).
Auf dem den krystallinen Schiefern angehörenden ¶
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Gehänge wachsen auch eine grosse Anzahl von in den Penninischen Alpen verbreiteten Arten, die dann vollständig aussetzen, um erst jenseits Leuk wieder zu erscheinen, wo sie neuerdings den für ihr Gedeihen notwendigen Untergrund vorfinden. Von diesen beschränken sich auf Fully Astragalus australis, Sedum anacampseros, Adenostyles eginensis u. A. leucophylla, Erigeron Villarsii, Centaurea nervosa; Hieracium sabinum, H. fuliginosum und H. ochroleucum; Scutellaria alpina, Androsace imbricata, Carex pauciflora und C. brunescens, Lycopodium alpinum, Allosurus crispes und Asplenum germanicum.
Dank seinem Klima und der ausnahmsweise reichen Entwicklung seiner Flora besitzt das Gebiet von Fully auch eine sehr grosse Anzahl von seltenen oder anderswo gar nicht vorkommenden Insekten. Schmetterlinge aus südlichen Gebieten, wie Lycaena amanda und Argynnis pandora, umgaukeln die Blüten; die Gottesanbeterin (Mantis religiosa) findet sich auf allen Wiesen; die Cicaden (Cicada orni, C. viridinervis und C. haematodes) lassen während des Sommers Tag für Tag ihren betäubenden Gesang ertönen.
Besonders zahlreich vertreten sind die Käfer, von denen man viele der hier lebenden Arten sonstwo in der Schweiz vergeblich suchen würde; wir nennen davon Lebia cyathigera und L. turcica, Diachromus germanus, Harpalus attenuatus, Pterostichus Koyi, Colymbetes collaris und C. adspersus, Saprinus conjungens, Onthophagus vacca u. O. Schreberi, Osmoderma eremita, Hypebaeus flavicollis, Ochina hederae, Mylacus globulus, Rhinocyllus latirostris, Mecinus collaris, Acalyptus sericeus, Orchestes signifer, Gymnetron noctis, Ceutorhynchus horridus, Timarcha metallica, Psylliodes Kunzei. (Näheres siehe bei Favre, Ém. Faune des Coléoptères du Valais in Neue Denkschr. Bd 31. Zürich 1890).
Keine andere Gemeinde des Wallis vereinigt wie Fully auf so kleinem Raum alle die mannigfachen Naturerzeugnisse, auf deren Gedeihen der Kanton mit Recht so stolz ist. Das den Ueberschwemmungen der Rhone entzogene, trocken gelegte und der Kultur zurückgewonnene Gebiet in der Thalsohle übertrifft an Fläche diejenigen der meisten anderen grossen Gemeinden am Fluss; Fully's Rebberge liefern die frühesten Trauben des Landes; alle Obstbäume finden sich hier zusammen, und der Nuss-, Pfirsich-, Kastanien- und Aprikosenbaum, sowie Gemüse mannigfaltigster Art gedeihen hier besser als an irgend einer andern unter gleicher Breite gelegenen Stelle. Im Vallon de Sorniot oder auf der Montagne de Fully (am Fuss der Dent de Morcles) findet das Vieh bis hinauf zum ewigen Schnee sein Futter.
Die Bürgergemeinde Fully zieht sich nicht nur längs des trocken gelegten Landstreifens am rechten Ufer der Rhone hin, sondern greift in der Richtung auf Saxon, Charrat und Martinach Stadt noch weit auf das linke Flussufer über. Diese seit der Eindämmung des Flusslaufes diesem abgewonnene Gemeindeländereien werden in Parzellen von je 47 Aren (700 Toisen) an die in Fully verbürgerten Haushaltungen verteilt, sodass jedes junge Ehepaar schon gleich von Anfang an ein hübsches Stück Land zum Anbau und zur Verwertung erhält.
Nicht umsonst ist jetzt die einst so arme Gemeinde auf dem besten Wege zu blühendem Wohlstand. Im Mittelalter war das Gelände von Fully eine Waldvogtei (sog. Salterie), deren Vögte (Sautiers genannt) der Burgherrschaft Saillon unterstanden und der Reihe nach den Grafen von Savoyen, dem Staat Wallis, dem Geschlecht Charnavalli aus St. Gingolph u. den Edeln Le Châtelard aus Martinach den Treueid leisten mussten. Sie wohnten in Branson, wo die älteste und bedeutendste der zwischen Riddes und St. Maurice über die Rhone führenden Brücken ist.
Diese Holzbrücke soll in Bälde durch eine eiserne Brücke ersetzt werden. Lange Zeit stand Fully mit Dorénaz, Collonges, Lavey und Bex nur durch einen von Branson ausgehenden und um den Sporn der Follaterres sich herumziehenden schmalen Fussweg in Verbindung. Beim Umgraben eines Feldes bei Le Carroz (oberhalb Branson) hat man 1901 22 Skelete zu Tage gefördert, bei denen sich aber keinerlei Gegenstände vorfanden, aus welchen man auf das Alter der Gebeine hätte einen Schluss ziehen können. Gräber mit Skeleten ohne Beigaben auch bei Saxey und Mazembroz. Römergräber mit Inschriften, Fibeln und Münzen.
[L. Courthion u. H. Jaccard.]