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Sigfried Schibli, Mittelland-Zeitung (20.09.2010)
Seit 1933 wurde Bizets Oper «Les Pêcheurs de Perles» nicht mehr in Zürich gespielt. Die Premiere der Neuinszenierung konnte die Zweifel am Werk nicht ganz beseitigen.
Es ist eine der wenigen Opern, in deren Titel nicht eine Person oder ein Paar, sondern eine Personengruppe steht: die Perlenfischer. Damit hat Bizets Oper «Les Pêcheurs de Perles» von 1863 auf vertrackte Weise etwas gemeinsam mit den fast gleichzeitig entstandenen «Meistersingern von Nürnberg» von Richard Wagner, mit denen sie ansonsten kaum etwas verbindet. Während Wagner die deutsche Vergangenheit idealisierte, steht Bizets Oper für das in Frankreich erwachende Interesse an exotischen Ländern – das Stück spielt auf Ceylon.
Friedrich Nietzsche hat auf dem Gegensatz von Wagner und Bizet eine halbe Musikphilosophie aufgebaut: bei Wagner die christlich schwere Musik des Nordens, bei Bizet «der Süden der Musik» mit seiner Leichtigkeit und Anmut. Doch die Handlung dieses Dreiakters ist keineswegs leichtgewichtig. Der Fischer Nadir trifft nach langer Zeit seinen alten Freund wieder, den König Zurga, der einst mit ihm die Bewunderung einer jungen Priesterin teilte. Als diese unverhofft unter dem Namen Leila wieder ins Leben der beiden Männer tritt, flammt Nadirs Liebe zu ihr auf, und sie gibt sich ihm trotz des Askese-Schwurs hin. Beide werden vom König zum Tod verurteilt. Im letzten Moment lässt Zurga das Paar entkommen, bevor es von der wütenden Meute der Perlenfischer gelyncht wird. JensDaniel Herzog zeigt das Volk der Perlenfischer in seiner Zürcher Neuinszenierung als dumpfe, mechanisch gleichgeschaltete Arbeitermasse, deren entfremdetes Dasein in Intoleranz und Brutalität den Liebenden gegenüber umschlägt. Konsequenterweise ist Zurga kein Märchenkönig eines Zauberlandes, sondern der Manager einer industriellen Perlenzucht, der in seinem Büro die Verkaufszahlen studiert und über die Effizienz seiner Mitarbeiter wacht. Das Ganze spielt in einem rostenden Schiffsbauch (Bühne: Mathis Neidhardt), wo die Perlen erntefrisch verarbeitet werden.
Das ist mit grosser szenischer Konsequenz gezeichnet – eine Aktualisierung ohne Gewaltsamkeit. Aber was fängt man in einem solchen Regiekonzept mit der geheimnisvollen Priesterin an, die nicht recht ins Zeitalter der industriellen Ausbeutung der Meere passen will? Herzog lässt sie als übernatürliche Erscheinung von oben einschweben und zeigt sie im zweiten Akt als moderne junge Frau, die Zigaretten raucht, Wasser aus PET-Flaschen trinkt und punkto Sex nicht von gestern ist.
Ganz kann Bizet in dieser Oper nicht verhehlen, dass er noch am Lernen ist – sein Meisterwerk «Carmen» entstand erst zwölf Jahre später. Der musikalische Ideenvorrat ist begrenzt. Dass er viele seiner melodischen Einfälle aus dem Duett von Zurga und Nadir – einem der schönsten Stücke des Opernrepertoires – ableitet, ist allzu leicht durchschaubar, und auf Dauer ermüdet die über weite Strecken undramatische Musik.
Dirigent Carlo Rizzi unternimmt mit dem Opernhaus-Orchester nicht eben viel, um den Eindruck des Gleichförmigen zu zerstreuen. Von solider Qualität ist der von Jürg Hämmerli einstudierte Chor, und die Solistenbesetzung kann sich hören lassen. Zwar enttäuscht die Leila von Malin Hartelius durch das stereotype Tremolieren und das begrenzte Volumen ihrer Stimme. Doch hat sie in Javier Camarena einen tenoral höchst kompetenten Nadir. Auch die Baritonpartie des Zurga ist mit Franco Pomponi angemessen besetzt. Das Premierenpublikum spendete freundlichen, aber enden wollenden Beifall.