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Laut dem Weltklimarat IPCC wird der Meeresspiegel bis 2050 weltweit um geschätzte 20 bis 30 Zentimeter ansteigen, vollkommen unabhängig davon, wie viele Emissionen sich bis dahin noch vermeiden lassen. Bis Ende des Jahrhunderts könnte das Wasser gar bis um einen halben Meter ansteigen. Für einen Binnenstaat wie die Schweiz mag das keinen grossen Unterschied machen. Viele Staaten, darunter eine Vielzahl von Inseln im Pazifik, müssen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aber mit einschneidenden Veränderungen rechnen. Nach Einschätzungen des Weltrisikoberichts, der die Vulnerabilität einzelner Länder gegenüber extremen Naturgefahren berücksichtigt, landet der kleine Inselstaat Vanuatu auf dem bedauerlichen ersten Rang. Neben jährlich stattfindenden Erdbeben und tropischen Stürmen, drohen Vanuatu langfristig gesehen vor allem auch hohe Risiken durch den Anstieg des Meeresspiegels.
Die unsichere Zukunft von Kiribati
Der aus 33 Atollen bestehende Inselstaat Kiribati liegt durchschnittlich zwei Meter über Meer. Ihm droht Ähnliches wie Tuvalu. Soll man die missliche Lage akzeptieren und alternative Lösungen für die Zukunft suchen oder den Inselstaat mit allen Mitteln zu retten versuchen? Von 2003 bis 2016 wurde Kiribati von Präsident Anote Tong geführt. Jahrelang kämpfte er für Aufmerksamkeit für die pazifischen Inseln und deren bedrohende Lage angesichts des Meeresspiegelanstiegs. Er klopfte beim damaligen US-Präsidenten Barack Obama an, warb bei der Generalversammlung der UNO in New York für seine Belange oder auch beim Papst Franziskus. Plötzlich wurden die Dinge real. Zuvor abstrakt wirkende Klimadaten bekamen ein Gesicht – viele Gesichter: immerhin leben rund 120'000 Menschen auf Kiribati. Besonders ergreifend ist denn auch die Tatsache, dass eine solche Inselgruppe, die nur einen Anteil von 0.0002 Prozent zu den globalen Emissionen beiträgt, verhältnismässig stark von den Folgen betroffen sein wird. Regelmässige Wetterextreme mit Dürren in den einen und viel Regen und Stürmen in den anderen Jahren machen Kiribati sowieso schon zu schaffen. Mit dem Meeresspiegelanstieg frisst sich nicht nur die Küstenerosion immer mehr ins Landesinnere, auch die Grundwasserversorgung wird durch die vermehrte Versalzung bedroht. Obwohl Kiribatis ehemaliger Präsident sich für die Anliegen der Inselbewohner im Pazifik unermüdlich einsetzte, sah er für seinen eigenen Inselstaat wenig Hoffnung. Er glaubte nicht daran, dass genügend Ressourcen und Finanzen vorhanden sein würden, um Kiribati für den Kampf gegen den Klimawandel umzurüsten: Ein Plan B musste also her. 2014 erstand Tong für 8 Millionen Dollar eine Ersatz-Heimat auf der Fidschi-Insel Vanua Levu, für den wahrscheinlichen Fall, dass die Menschen Kiribati in der nahen Zukunft würden verlassen müssen. Tong wollte bereit sein und seinen Bewohnern seines Staates ein würdevolles Auswandern ermöglichen.
Seit 2016 der der Opposition angehörige Taneti Maamau das Präsidentschaftsamt auf Kiribati übernommen hat, weht wieder ein anderer Wind. Zwar ist auch er sich der schwierigen Lage durchaus bewusst, allerdings will er (noch) nicht klein beigeben – im Gegenteil. Als Teil seines 20-Jahre-Plans soll die Fischerei ein Wachstum von 100 Prozent bis 2036 realisieren und der Tourismus nach Phoenix Island, eines der weltweit grössten Meereschutzgebiete, nachhaltig gestärkt werden. Will man auf Kiribati eine Zukunft haben, sind drastische Eingriffe vor allem aber auch zum Schutz gegen den erhöhten Meeresspiegel nötig: Auf einer Fläche von rund drei Quadratkilometern soll die Hauptinsel Süd-Tarawa mit Sand und Kies aus der Lagune aufgeschüttet werden. Ökologische Auswirkungen könnten dramatisch sein, befinden sich da doch vulnerable Lebensräume wie Korallenriffe. Kompliziert ist das Ganze schliesslich auch hinsichtlich der geopolitischen Beziehungen. Um seine Pläne für Kiribati durchzusetzen, benötigt der Präsident viel finanzielle Unterstützung – aus China. Die Amerikaner betrachten dies mit Sorge, denn sie fürchten, dass China unter anderem Pläne hegt, militärische Einrichtungen auf Kiribati aufzubauen. Bereits jetzt gehen die Emotionen also hoch. Falls der Plan des jetzigen Präsidenten nicht zustande kommt, können die Einwohner Kiribatis aber immerhin noch Zuflucht in ihrer Ersatz-Heimat auf Fidschi suchen.
Eine schwimmende Stadt für die Malediven
Auch ein Grossteil der Landesfläche der Malediven könnte bis zum Ende des Jahrhunderts unter Wasser stehen. Schliesslich liegen nur 20 Prozent der 1196 Inseln mehr als einen Meter über dem Meeresspiegel. Rund zehn Bootsminuten von der Haupstadt Malé entfernt soll nun eine schwimmende Stadt, die «Floating City», für 20'000 Menschen entstehen – organisiert und finanziert ist sie schon; die ersten Bewohner sollen Anfang 2024 einziehen. Sollte die Floating City den Plänen entsprechend gebaut werden, kann sie durchaus als eine architektonische Meisterleistung betrachtet werden. Zu beachten gab es einiges: Die Bauzeit sollte kurz sein und die Kosten sollten niedrig gehalten werden. Die einzelnen Bausegmente werden über Brücken und Kanäle miteinander verbunden. Aus ökologischen Gründen werden auf den Malediven die natürlichen Küstenlinien beibehalten. Ein deutsches Forschungsprojekt konnte nämlich zeigen, dass nicht nur der steigende Meeresspiegel, sondern auch die menschlich beeinflussten Küstenstrukturen zur Küstenerosion beitragen können, beispielsweise indem der natürliche Sedimenttransport durch den Gebäudebau verhindert wird. Örtliche Korallenexperten wurden engagiert, um sicherzustellen, dass der Bau der Stadt genügend Sonnenlicht zum Meeresgrund durchlässt, sodass die darunterliegenden Meeres-Ökosysteme nicht zu Schaden kommen. Ebenfalls gibt es Pläne zur selbstversorgenden Infrastruktur. Der Strom für Elektroboote, E-Scooter etc. soll vor Ort mittels solarer Energiegewinnung erzeugt werden. Statt einer Klimaanlage soll die Stadt gekühlt werden, indem Wasser aus der Tiefsee in die Lagune gepumpt wird.
Tuvalus digitaler Zwilling
Tuvalu ragt höchstens 5 Meter aus dem Pazifik. Seine rund 12'000 Einwohner müssen voraussichtlich bis 2100 ihre Heimat verlassen, da der Inselstaat bis dahin überschwemmt und unbewohnbar werden wird. Damit mit der Insel nicht auch die ganze Geschichte, das Wissen und die Kultur für immer im Meer verschwinden, soll virtuell eine Nachbildung der physischen Welt mithilfe von durch Sensoren und Drohnen gesammelten Daten und maschinellem Lernen in Kombination mit künstlicher Intelligenz gestaltet werden. Der Pazifik-Staat könnte so für die Nachwelt als digitaler Zwilling erhalten bleiben. Tuvalu sucht ausserdem nach Möglichkeiten, auch nach dem physischen Verschwinden des Inselstaates ein Staat zu bleiben.
Migrationsflüchtlinge und andere Zukunftsszenarien
Im Lauf der Jahrzehnte werden sich viele Staaten mit dem ansteigenden Meeresspiegel befassen müssen. Knapp 700 Millionen Menschen leben laut IPCC in tief liegenden Küstenregionen, viele davon in Asien. Manche, vor allem reichere Staaten, werden sich anpassen können, während exponierten und armen Ländern wohl besonders schwierige Zeiten bevorstehen werden. Dies nicht nur im Hinblick auf den ansteigenden Meeresspiegel, sondern auch auf andere Wetterextreme wie Dürren, Stürme, Waldbrände, die ebenfalls vermehrt klimabedingte Fluchten verursachen können. Voraussichtlich werden daher Millionen von Menschen aus den betroffenen Gebieten Migrationsbewegungen bilden, um bessere Lebensbedingungen in anderen Erdteilen aufzusuchen.