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Rennes – junge Universitätsstadt und Zentrum bretonischer Kultur
Rennes, die Hauptstadt der Bretagne, ist unter Reisenden eher ein Geheimtipp. Anders als das nahegelegene Saint-Malo liegt Rennes im Landesinneren, und wer auf der Suche nach mächtigen Steilküsten und malerischen Hafenstädten ist, nutzt die 200.000-Einwohner-Stadt meist nur als Durchgangsstation.
Tatsächlich ist Rennes schon seit dem Mittelalter ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, der die Städte im französischen Nordwesten verbindet. Unter römischer Herrschaft gegründet, zeichnet sich die Stadt wie so viele Orte in der Bretagne durch eine stark eigenständige kulturelle Identität aus.
Heute ist die Regionshauptstadt eine junge, pulsierende Studentenstadt. Rund 60.000 Studenten – etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung – bereichern das kulturelle Leben von Rennes und machen die Stadt zu einem aufregenden, abwechslungsreichen, Reiseziel, das trotz seiner geringen touristischen Bedeutung überraschend viel zu bieten hat.
Rennes – Zentrum der bretonischen Kultur
Die Bretagne ist historisch geprägt durch ihre Lage zwischen Grossbritannien und dem europäischen Festland – eine Lage, die stark zur Bildung einer eigenständigen Kultur beigetragen hat. Ursprünglich war die Region von keltischen Stämmen besiedelt, wurde jedoch im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung von den Römern erobert. In diese Zeit fällt die Gründung vieler bedeutender Städte, darunter auch Rennes. In den folgenden Jahrhunderten erfolgte ein beständiger kultureller Austausch im Gebiet der heutigen Bretagne. So liessen sich nach dem Niedergang des Römischen Reiches viele christianisierte Waliser und Inselkelten auf der bretonischen Halbinsel nieder und förderten so die Entwicklung einer eigenständigen Kultur und Sprache in der Bretagne.
Aufgrund seiner bedrohten Lage und der strategischen Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt erhielt Rennes bereits im Jahr 275 seine Stadtbefestigung, von der bis heute Überreste erhalten sind. Während der Unterwerfung der vormals eigenständigen Bretagne durch die französische Krone zählte Rennes im 15. Jahrhundert zu den letzten Städten, die sich der Eroberung widersetzten. Der Drang nach Eigenständigkeit ist in der Stadt bis heute ungebrochen und drückt sich nicht zuletzt in der Wiederbelebung und Förderung der bretonischen Sprache aus.
Zeugnisse bretonischer Geschichte in der Altstadt von Rennes
Das Stadtbild von Rennes entstand in seiner heutigen Form erst im 18. Jahrhundert, nachdem ein verheerendes Feuer im Jahr 1720 weite Teile der Stadt zerstört hat. Viele mittelalterliche Gebäude konnten in der Altstadt jedoch erhalten werden und zeugen von der langen Geschichte der Stadt. Vor allem die mittelalterlichen Fachwerkhäuser an der Place des Lices, dem historischen Marktplatz, bieten einen Eindruck vom einstigen Charakter der Handelsstadt Rennes. Die Place des Lices wurde bereits im 15. Jahrhundert eingerichtet und dient bis heute nicht nur als städtischer Wochenmarkt, sondern als Schauplatz für Veranstaltungen, Kundgebungen und künstlerische Darbietungen. Er zählt zu den grössten Wochenmärkten in Frankreich.
Für die bretonische Geschichte von besonderer Bedeutung ist das Parlement de Bretagne, das bretonische Parlament und Gerichtsgebäude aus dem 17. Jahrhundert. Das Gebäude diente noch bis 1789 als Versammlungsort für ein eigenständiges bretonisches Parlament, das sich der französischen Zentralgewalt bis zum Schluss widersetzte und seine Auflösung durch die französische Nationalversammlung nie anerkannte. Heute tagt im Parlement de Bretagne der höchste Gerichtshof der Bretagne.
Einen Eindruck von den mächtigen historischen Befestigungsanlagen bietet das Porte Mordelaise, ein altes Stadtschloss mit Zugbrücke, das in einem der historischen Stadttore aus dem 3. Jahrhundert errichtet wurde. Der Schlossbau selbst, auch als „königliches Tor“ bekannt, stammt aus dem 15. Jahrhundert und diente einst als Haupteingang zur Stadt. Zu den sehenswerten Bauwerken der Stadt zählt ausserdem die Kathedrale Saint-Pierre, die bereits seit Beginn des 6. Jahrhunderts in mehrfach veränderter Form als Kathedrale dient. In seiner heutigen Form mit den neoklassischen Granittürmen wurde das Gebäude im 16. bis 18. Jahrhundert errichtet. Der prächtige, reichverzierte Innenraum bildet einen überraschenden Kontrast zum düster wirkenden Äusseren der Kathedrale.
Junge Studentenstadt Rennes
Rennes ist über die Region bekannt hinaus für sein Nachtleben und seine lebendige Kulturszene, die in erster Linie den vielen Studenten der Stadt zu verdanken ist. Vor allem in der Altstadt laden unzählige Bars und Restaurants zu einem abendlichen Besuch ein, und schon am Donnerstag – dem traditionellen Studententag – geht es in den Strassen, Terrassenbars und Kneipen von Rennes meist hoch her. Legendär sind aber vor allem die Festivals der Stadt, darunter das Musikfestival „Les Transmusicales“, das Musik- und Strassenkunstfestival „Les tombées de la nuit“ und das erste Studentenfestival in Frankreich „Rock’n Solex“.
Wer es lieber etwas ruhiger angehen lässt, findet in zahlreichen Stadtparks Gelegenheit, an sonnigen Tagen ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Einen Besuch wert ist vor allem der Jardin du Thabor, der zentral gelegene botanische Garten der Stadt. Auf mehr als 10 ha Fläche umfasst die Parkanlage englische und französische Gärten, eine Orangerie und den botanischen Garten selbst mit einer faszinierenden Artenvielfalt. Neben Hunderten von Rosenarten, tropischen Bäumen und seltenen Pflanzen aus aller Welt werden in grossen Käfiganlagen auch Wellensittiche und andere farbenfrohe Vögel gehalten.
Obwohl der Park besonders an den Wochenenden ein beliebtes Ausflugsziel ist, wirkt er dank seiner Grösse nie überlaufen und bietet zu jeder Tageszeit ein ruhiges Plätzchen für ein Picknick oder ein paar ruhige Stunden abseits des Stadtlärms.
Oberstes Bild: Mittelalterliche Fachwerkhäuser an der Place des Lices (© Erwan Corre / Wikimedia / CC)