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März 1992 in einer kleinen Vorstadt von Paris: Seit einigen Tagen meldet sich in der Schulklasse bei der Anwesenheitskontrolle niemand mehr, wenn der Lehrer beim letzten Namen im Alphabet, "Werner, Simon", angelangt ist. Keiner weiss, wo Simon (Laurent Delbecque) steckt, der 16-Jährige scheint spurlos verschwunden. In einem Klassenzimmer werden Blutspuren gefunden, was die Gerüchte anheizt, dass ein Verbrechen geschehen sein könnte.
Diese Gerüchte erhalten Aufschub, als einige Tage später auch Simons Klassenkameraden Laetitia (Selma El Mouissi) und Jean-Baptiste (Arthur Mazet) verschwinden. Hat eventuell Rabier (Serge Riaboukine) etwas damit zu tun, der Physiklehrer und Vater von Jean-Baptiste, der im Ruf steht, schwul zu sein? Oder der lokale Fussballtrainer Yves (Laurent Capelluto), der sich für manche etwas zu gut mit den Jungen seiner Mannschaft versteht? Und welche Rolle spielt Simons Freundin Alice (Ana Girardot)? Erst zwei Wochen später, nach einer feuchtfröhlichen Party im Hause der Eltern von Jérémie (Jules Pelissier), lichtet sich der Nebel...
Der Handlungsort und die Charaktere von Simon Werner a disparu... wirken sehr amerikanisch: eine gutmittelständische Vorstadtgegend mitten im Nirgendwo mit kleinen Einfamilienhäuschen inklusive Vorgarten; und eine High School mit Jugendlichen, die die Teenieprobleme haben, welche Teenies in entsprechenden Amifilmen von American Pie bis Superbad halt so haben. Sprich: Alkohol und Sex. Fabrice Goberts Regiedebut geht aber über die Teenieklamotte hinaus. Es handelt sich vielmehr um einen leise und zurückhaltend inszenierten Thriller im Stil von Brick, der seine Spannung nicht aus Schockmomenten bezieht, sondern auf subtilere Art und Weise vorgeht. Die Musik von Sonic Youth verleiht dem Film dabei eine passend grungige Nineties-Atmosphäre und damit ein angenehmes Retro-Feeling.
Rahmenhandlung ist die Party bei Jérémie, im Verlauf derer sich das Schicksal der verschwundenen Personen klärt. In Rückblenden werden die Geschehnisse der vergangenen zwei Wochen rekonstruiert - aus Sicht von Jérémie, Alice, Jean-Baptiste und zum Schluss schliesslich von Simon. Dementsprechend ist der Film in vier Kapitel gegliedert, mit der jeweiligen Person als Protagonist beziehungsweise Protagonistin. Dabei kreuzen sich natürlich immer wieder die gleichen Szenen, die jedoch vom Zuschauer aus unterschiedlichem Blickwinkel erlebt werden. Man kennt diese Erzählweise, die von Akiro Kurosawa in Rashômon eingeführt und auch von diversen aktuelleren Filmen wie beispielsweise 11 : 14 benutzt wurde.
Sorgfältig baut der Film die Spannung auf, in vielen kleinen, mysteriösen Szenen fügt sich langsam das Gesamtbild zusammen - das am Ende allerdings wieder in Frage gestellt wird. Leider ist die Auflösung am Schluss wohl etwas überraschend, aber nicht richtig befriedigend, da längst nicht alle offenen Fragen beantwortet werden. Dies ist freilich wohl auch nicht die primäre Absicht - gerade die offen bleibenden Fragen überlassen den Zuschauern eine gewisse Freiheit in der Interpretation. Dennoch hätte man sich gewünscht, dass die Auflösung etwas raffinierter konstruiert gewesen wäre.
Ein Thriller ist immer nur so gut wie sein Schluss - weshalb Fabrice Goberts Film Abzüge in der B-Note hinnehmen muss. Ein intelligenter und sehenswerter Film ist's aber trotzdem - und ein beachtliches Regiedebut, das Lust macht auf mehr.
Simon Eberhard [ebe]
Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.