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Wie stark fällt so ein einzelnes menschliches Leben ins Gewicht, im kosmischen Sinne? Simon Stones Romanadaption «The Dig» nimmt einen der grössten archäologischen Funde in der Geschichte Grossbritanniens zum Anlass, die grossen Fragen der menschlichen Existenz zu stellen.
Als der englische Archäologe Howard Carter am 26. November 1922 an der Schwelle zum seit mehr als drei Jahrtausenden ungeöffneten Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun stand, soll er einen Augenblick lang innegehalten haben. Obwohl nur wenige Schritte vor ihm eine Kammer voller unschätzbarer historischer Artefakte auf ihn wartete, blieb sein Blick, so die Legende, an einem kleinen, bescheidenen Detail hängen: In der Farbe, mit der der Eingang bemalt war, erkannte er einen Fingerabdruck – die wohl einzige sichtbare Spur, die von einem unbekannten Menschenleben noch übrig ist.
Diese Anekdote erzählt die herzkranke Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) zu Beginn von «The Dig» dem Ausgrabungs-Autodidakten Basil Brown (herausragend: Ralph Fiennes) – und definiert damit auch gleich die philosophische Grundeinstellung von Simon Stones Verfilmung von John Prestons faktenbasiertem Roman: Wir sind denkende, fühlende Wesen mit komplexen Biografien, aber auch winzige, bedeutungslose Staubkörner in der endlosen Weite von Geschichte und Universum, die irgendwann im Dunkel der Vergangenheit verschwunden sein werden.
«Wir sind denkende, fühlende Wesen mit komplexen Biografien, aber auch winzige, bedeutungslose Staubkörner in der endlosen Weite von Geschichte und Universum, die irgendwann im Dunkel der Vergangenheit verschwunden sein werden.»
Der Gedanke ist beängstigend, vielleicht aber auch ein wenig tröstlich, und er drängt sich besonders dann auf, wenn auf einmal etwas Licht in dieses Dunkel fällt. In «The Dig» geschieht dies, weil Pretty, von einem Bauchgefühl ausgehend, Brown damit beauftragt, die grasbewachsenen Grabhügel auf ihrem Landgut Sutton Hoo im ostenglischen Suffolk genauer unter die Lupe zu nehmen. Brown, anfangs noch skeptisch, dann aber gereizt von Prettys Standhaftigkeit (und dem vergleichsweise fürstlichen Lohn), macht sich an die Arbeit und fördert schon bald eine archäologische Sensation zutage: ein angelsächsisches Schiffsgrab aus dem sechsten Jahrhundert – ein Fund, der die Geschichtsschreibung Grossbritannien nachhaltig beeinflussen sollte.
Doch es steht in den Sternen, wie dauerhaft dieser einmalige Blick in eine bis anhin kaum bekannte Welt ist – ein Blick, den Brown schon bald mit den selbsternannten, Lob einheimsenden Profis vom British Museum teilen muss. Denn das Jahr ist 1939, England hält auf einen wohl apokalyptischen Krieg mit Hitlers Deutschland zu; sämtlichen Ausgrabungen im Land droht die Zwangspause. Ob sie je wieder aufgenommen werden können, ist ungewiss. Wird am Ende überhaupt noch jemand übrig sein, um Pickel und Schaufel in die Hand zu nehmen? Was, wenn eines Tages gar niemand mehr gräbt? Sich niemand mehr Geschichten über längst dahingeschiedene Generationen erzählt?
Historische Forschung gegen militärische Landesverteidigung, Prettys Kampf um Leben und Tod, Browns Erkenntnis, dass seine Karriere als Amateurwissenschaftler ein Auslaufmodell ist – Stone und Drehbuchautorin Moira Buffini («Jane Eyre», «Viceroy’s House») verdichten die diversen Konflikte zwischen Vergangenheit und Zukunft zu einem bewegenden Drama über den verzweifelten Versuch, dem unaufhaltsamen Strom der Geschichte wenigstens einen Moment lang standzuhalten.
Davon zeugt schon der lyrisch-entrückte Erzählstil: Immer wieder finden Dialoge, fast schon Terrence–Malick-artig, per Voiceover statt, begleitet von Mike Eleys atemberaubenden Weitwinkel-Landschaftsaufnahmen. Anderswo geriert sich «The Dig» geradezu impressionistisch, wie ein Werk von James Gray («The Lost City of Z», «Ad Astra») – Szenen und Gespräche bleiben scheinbar unvollendet, als wäre der Film selbst nichts weiter als eine halb vergessene Erinnerung. Sogar die zunächst etwas irritierende Tendenz, Figuren spontan biografische Details über sich selbst zu Protokoll zu geben, kann als thematisch stimmiges Element verstanden werden: Man ist ja letztlich wirklich nichts anderes als die Summe der persönlichen – und der globalen – Geschichte.
«Immer wieder finden Dialoge, fast schon Terrence-Malick-artig, per Voiceover statt, begleitet von Mike Eleys atemberaubenden Weitwinkel-Landschaftsaufnahmen. Anderswo geriert sich ‹The Dig› geradezu impressionistisch, wie ein Werk von James Gray.»
Dass sich zu Pretty und Brown im weiteren Verlauf noch das unglückliche Archäologenpaar Stuart (Ben Chaplin) und Peggy Piggott (Lily James) sowie der Royal-Air-Force-Anwärter Rory Lomax (Johnny Flynn) als Quasi-Protaginist*innen dazugesellen, ist ein etwas allzu oberflächlich behandeltes Zugeständnis an die Konvention, dass historische Filme auch romantische Melodramen zu sein haben. Doch auch in diesen Passagen finden Stone und Buffini die melancholische Poesie der Vergänglichkeit allen Seins: Was würden sie hinterlassen, fragen sich Peggy und Rory am nächtlichen Lagerfeuer, wenn die nächsten tausend Jahre in einer Sekunde vorüberziehen würden? Nicht viel, ist die Antwort – ausser vielleicht einem Stück Armbanduhr.
Vom Schiff aus mag Stones Aufarbeitung der Sutton-Hoo-Ausgrabung wie eine jener blutleeren Prestige-Historienproduktionen über die ach so gloriosen Errungenschaften Grossbritanniens aussehen. Doch in diesem Fall könnte der Schein kaum mehr trügen: «The Dig» begegnet seiner Thematik mit ästhetischer Virtuosität und der Bereitschaft, sie in einen weitaus grösseren, existenzielleren Zusammenhang zu stellen. Hier wird Faszination für Geschichte nicht nur abgebildet – sie wird gelebt.
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Filmfakten: «The Dig» / Regie: Simon Stone / Mit: Carey Mulligan, Ralph Fiennes, Lily James, Johnny Flynn, Ben Chaplin, Archie Barnes, Ken Stott, Monica Dolan / Grossbritannien, USA / 112 Minuten
Bild- und Trailerquelle: / Cr. Larry Horricks / Netflix© 2021
«The Dig» ist ein nachdenklicher, berührender, wunderschön bebilderter Film über die unermesslichen Tiefen der Geschichte. Daran ändern auch die kleinen Drehbuchschwächen nichts.