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Nehmen wir einmal an, dies wäre eine reale Aufgabe. Zugegeben, sie ist - vergleichsweise - leicht. Zumindest für Schweizer Erwachsene, die schon lange in der Schweiz leben und mit den einzelnen Kantonen persönliche Erlebnisse verbinden können. Die Aufgabe ist aber schwierig für Kinder oder für Menschen, denen die Schweiz unbekannt ist. Für diese lautet die Aufgabe: Packe 26 Informationseinheiten so in deinen Kopf, dass du sie wiedergeben kannst.
Die Aufgabe könnte auch lauten: Nenne alle in der Schweiz existierenden Pilzsorten. Oder: Zähle die wichtigsten anorganischen Verbindungen auf.
In anderen Worten, wir untersuchen diese Grundfragestellung: Bringe XY Informationen solide in Deinem Langzeitgedächtnis unter.
Vorbereitung: Überblick verschaffen
Bevor ich mich ans Lernen mache, muss ich eine grundlegende Frage klären: Wie viele Kantone sind es eigentlich? Es ist wichtig, dass ich den Umfang des zu Lernenden weiss, damit mir nicht etwas Wichtiges entgeht. Konkret: Es wäre doof, wenn ich nur 23 Kantone lernen würde, obwohl es insgesamt 26 sind. Möglicherweise würden mir die drei Fehlenden einen Nachteil verschaffen in der Prüfung.
Zum Überblick kann auch gehören, das zu Lernende ein- oder gegenüber anderen Inhalten abzugrenzen. Dazu muss ich im konkreten Beispiel wissen, was Kantone eigentlich sind und wie sie sich beispielsweise von Bundesländern anderer Nationen unterscheiden. Vielleicht ist es für mich auch nützlich, wenn ich weiss, woher der Begriff «Kanton» stammt und was er bedeutet. Wenn ich die Begriffe «Gemeinde», «Regionen» und «Kantone» nicht unterscheiden kann, wäre das problematisch.
Kleinere Portionen machen: Chunking
Also - ich weiss jetzt, dass es 26 Kantone sind. Natürlich könnte ich ihre Namen einfach auf eine Liste schreiben und diese dann auswendig lernen. Das wird häufig getan - nicht selten sogar mit leidlich guten Ergebnissen. Viele Schüler, die so lernen, erzielen genügende Noten. In der Prüfung können sie die 26 Kantone benennen. Doch wie sieht es am Tag danach aus? Von den 26 Namen werden einige schon wieder vergessen sein - denn es sind einfach nur zufällig wirkende, austauschbare Begriffe.
Besser ist es, die 26 Informationseinheiten in eine Form zu bringen, die es mir ermöglicht, sie so abzuspeichern, dass sie leicht wieder abgerufen werden können. Der amerikanische Psychologe George A. Miller hat dafür 1956 den Begriff des «Chunking» geprägt. Dahinter steht die Hypothese, dass wir uns im Kurzzeitgedächtnis nur eine gewisse Anzahl von Informationseinheiten merken können. (Die Arbeit von Miller wurde seither teilweise widerlegt und weiterentwickelt - wie hier nachgelesen werden kann.)
Einfach ersichtlich wird das Prinzip des Chunking an Telefonnummern, die seit vielen Jahren in kleinen «Chunks» geschrieben werden, weil wir sie uns so besser merken können:
0789346666 - es ist schwierig, sich eine solche Ziffernfolge einzuprägen!
078 934 66 66 - so ist es bedeutend einfacher.
(Zwar merkt sich heute kaum noch jemand Telefonnummern, doch das Prinzip hat sich bewährt.)
Übertragen auf die 26 Kantone, die ich lernen soll, heisst das: Es dürfte mir sehr schwer fallen und sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, sie in dieser Form zu lernen: Zürich, Basel Stadt, Basel Land, Bern, Fribourg, Waadt, Genf, Wallis, Tessin, Jura, Neuenburg, St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Graubünden, Aargau, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Luzern, Solothurn, Zug, Uri, Schwyz.
Besser: ich versuche, diese 26 Begriffe in kleinere Gruppen zu unterteilen - die für mich Sinn ergeben. Diese Ordnungen können, müssen aber nicht unbedingt logisch oder sachlich sein. Wichtig ist, dass ich einen Bezug dazu herstellen kann - und dass die Untergruppen klein genug sind, dass ich sie mir leichter merken kann.
Beispiele für Ordnungsmöglichkeiten:
- alphabetisch: Ich versuche, Gruppen zu bilden nach dem Anfangsbuchstaben der Kantone (Aargau, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden - Bern, Basel Land, Basel Stadt - und so weiter). Das mag im Fall der Kantone nicht unbedingt die beste Art der Ordnung sein, denn ich erhalte eine grosse Menge an Gruppen (von denen viele nur einen einzigen Namen beinhalten), aber möglicherweise hilft es mir zu wissen, dass es drei Kantone in der Gruppe A sind.
- chronologisch: Ich ordne die Kantone nach den Jahreszahlen, nach denen sie zur Schweiz stiessen. Dafür muss ich mich mit der Geschichte der Schweiz befassen - was bedeutet, dass ich zusätzliche Informationen mit den Kantonsnamen verbinde. So angereichert kann ich sie mir vielleicht besser einprägen. Vor allem, wenn ich ein Mensch bin, der sich für Geschichte interessiert.
- nach der Grösse: Ich ordne sie der Grösse nach, entweder mit dem kleinsten oder dem grössten beginnend. Dafür muss ich natürlich die Flächen der Kantone kennen. Noch besser merken werde ich sie mir, wenn ich sie selber zeichnen kann. Ich könnte aber auch eine Karte der Schweiz, auf der alle Kantonsgrenzen eingezeichnet sind, ausschneiden und die Kantone wiederholt nach der Grösse ordnen, so lange, bis ich mir die Reihenfolge eingeprägt habe.
- nach Sprache: Wenn ich weiss, dass es in der Schweiz vier Landessprachen gibt, kann ich die einzelnen Kantone diesen Sprachen zuordnen. Möglicherweise muss ich noch eine zusätzliche Gruppe bilden für Kantone, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden.
- Ich teile auf nach Kantonen nördlich und südlich der Alpen.
- Ich unterscheide Kantone, die die Landesgrenze bilden von Kantonen, die im Inneren des Landes liegen.
- Ich verbinde die Kantonsnamen mit berühmten Bergen, Flüssen, Seen oder anderen Sehenswürdigkeiten.
- Ich verbinde sie mit eigenen Ferienreisen, mit dort lebenden Verwandten, Bekannten oder Prominenten.
- Ich erfinde ein Gedicht, einen Rap oder eine Geschichte, in der alle Kantonsnamen vorkommen.
- Ich erfinde ein Akronym, indem ich die Anfangsbuchstaben aller Kantone in ein Wort oder einen Satz packe, der Sinn ergibt oder mir zumindest hilft, mich an die einzelnen Kantone zu erinnern. Bei 26 Buchstaben ist das nicht ganz einfach...
Die Vielfalt an Ordnungsmöglichkeiten mag verwirrend sein. Doch stellt sie nicht eine schöne, bereichernde Freiheit dar: Ich darf ganz nach meinen Interessen und Launen entscheiden und gewichten - einfach so, wie ich mir etwas am einfachsten merken kann.
Meine ganz persönliche, politisch und diplomatisch unkorrekte Ordnung? Die sieht so aus:
Meine Top-4-Lieblingskantone: Tessin, Wallis, Graubünden und Zürich (3 schöne Ferienkantone und mein Wohnkanton)
Die 8 Zwergli: Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Glarus, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden.
Die 5 Wilden im Westen: Waadt, Genf, Neuenburg, Jura, Fribourg
Die 4 Fragezeichen: Luzern, Bern, Aargau, Solothurn (Fragezeichen, weil ich nicht so recht weiss, wie ich sie zuordnen soll)
Die 3 am Rhein: Basel Land, Basel Stadt, Schaffhausen
Die 2 im Fernen Osten: St. Gallen, Thurgau.