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VERMITTLUNG
Die Vermittlung in der Shedhalle versteht sich in enger Zusammenarbeit mit dem Kuratorium als Generator von gesellschaftlichen und kulturellen Dialogräumen.
Museen und Ausstellungshäuser zeitgenössischer Kunst sind Räume, die „symbolisches Kapital“ produzieren und in denen solches akkumuliert wird. Die damit verbundenen Mechanismen der Repräsentation, der Distinktion und des Ausschlusses dienen der Legitimation von sozialen und „kulturell“ interpretierten Hierarchien und tragen damit einen Teil dazu bei, wie das gesellschaftliche Zusammenleben strukturiert und gestaltet ist.
Auch die Shedhalle ist als Institution von diesen Machtverhältnissen durchzogen und Teil einer Maschine symbolischen Kapitals.
Mit der Verteilung symbolischen Kapitals wollen wir uns im Rahmen der Vermittlungsprojekte der Shedhalle gesellschaftsbezogen, reflexiv und selbstkritisch auseinandersetzen. Wer bekommt hier symbolisches Kapital wofür? Wie wird es produziert? Von wem, womit? Wer eignet es sich wie an und warum?
Arbeit mit und an unterschiedlichen Wissenstraditionen
Die Vermittlungsarbeit in der Shedhalle macht es sich zur Aufgabe, einen Raum zu öffnen, in dem die Verbindung von Macht und Wissen kritisch diskutiert werden kann. Sie überprüft verschiedene Begriffe von „Bildung“. Dabei gilt es, die repressiven Funktionen von „Wissen“ und „gewusst werden“, aber auch die Herstellung von Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen zu hinterfragen. Wieviel kulturelles Kapital eine Person in der Gesellschaft besitzt, hängt nicht nur von ihrer formellen Ausbildung ab, sondern vor allem von der (oft informellen) Anerkennung oder Nicht-anerkennung ihr es Wissens. Wir interessieren uns für die Geschichte der Verdrängung bestimmter Wissensformen aus hegemonialen Wissenstraditionen. Beispielsweise bildet sich in der Höherbewertung von eurozentrischem Wissen gegenüber Wissen aus nicht-europäischen Ländern oder auch von akademisiertem Wissen gegenüber mündlichen Tradierungen oder Erfahrungswissen eine Hierarchisierung ab. Bei der Auseinandersetzung mit der (Re)Produktion von kulturellem und symbolischem Kapital setzt sich die Vermittlung dafür ein, dass verschiedene Wissenstraditionen nicht nur gehört werden, sondern dass sie „die bestehende Wissensordnung grundlegend befragen, angreifen und verändern können“ (Sternfeld 2010).
In Anbetracht der Existenz unterschiedlicher Wissenstraditionen verstehen wir Vermittlung als Schaffung eines Raums, in dem verschiedene Erfahrungen der Welt (Weltanschauungen) in Dialog treten können. Wir gehen davon aus, dass dieser Dialog Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung der sozialen Realität aufzeigt. Für diese Dialoge versuchen wir im Vermittlungsprogramm die Bedingungen und Räume zu schaffen.
Netzwerkarbeit
Solche Räume zu „schaffen“ bedeutet, sich bewusst zu sein, dass klassen- , geschlechts-, herkunfts- und sprach-, aber vor allem auch bildungsbezogene Barrieren für den Zugang zur Shedhalle nicht einfach „aus dem Weg geräumt“ werden können. Was uns interessiert, ist nicht die Partizipation an, sondern die Transformation (Mörsch 2011) der Shedhalle selbst. Wir verstehen das Arbeiten an den Bedingungen für Dialog als bewusstes Anarbeiten gegen und das Verlernen von eingeübten Hierarchien und Strukturen der Asymmetrie.
Durch den Aufbau eines Netzwerks an Akteur_innen, für die die genannten Aufgabenstellungen im Bereich von Kunst und Institutionen, Bildung und Gesellschaft ebenfalls relevant sind, wird der angesprochene Raum des Dialogs auch über den unmittelbaren Ausstellungsraum hinaus wirksam. Der Dialog verändert den Kunstraum und die Institution(en) selbst und erstreckt sich somit auch in andere Öffentlichkeiten hinein. Längerfristig ist mit dieser Veränderung eine Entwicklung ein demokratisierender Prozess gemeint, der sowohl die Strukturen in der Institution als auch jene darüber hinaus betrifft.
Ausgangspunkt ist die Arbeit in Netzwerken, wie sie der spanische Vermittler und Theoretiker Javier Rodrigo Montero entwirft: Im Gegensatz zum Konzept des Zugangs zu Kultur, das die Kunstinstitution als Zentrum konzipiert, an welches Zielgruppen herangeführt werden müssen, plädiert er für ein Verständnis der Kulturinstitution als ein Akteur in einem Netzwerk: „Das Museum wäre dann nicht der zentrierende Brennpunkt der Kultur, nicht einmal ein Katalysator, sondern ein weiterer Vermittler in einem Netzwerk diverser, differenter und selbst antagonistischer sozialer Akteure“ (Rodrigo Montero 2012, Übersetzung Nora Landkammer). Als Netzwerkarbeit verstanden, initiiert Vermittlung eine Vielzahl an Dialogen und Verhandlungen zwischen Akteur_innen, und bindet den Kunstraum als einen möglichen Ort des Handelns in ein grösseres Netzwerk ein.
Aufmerksamkeit für Ausschlüsse und Privilegien
In der Vermittlungsarbeit berücksichtigen wir daher durchgehend gesellschaftliche Diskriminierung und die Fremdbestimmung, aber auch Selbstbestimmung von Subjekten und Gruppen in der Gesellschaft. In der Einladungs- und Repräsentationspolitik bedeutet das, dass wir explizit die Shedhalle auch als Raum für jene verstehen, die mit strukturellen Ausschlüssen und Diskriminierung kämpfen. Dabei geht es auch das Sichtbarmachen von Ausschlüssen und die Verschiebung von Zugängen zu symbolischem Kapital.
Es wird nicht nur der Raum Shedhalle als „zugänglich“ markiert und der (Wissens-)Kanon im Kunstraum in Frage gestellt, sondern auch aktiv zur Teilnahme in und an der Shedhalle angestiftet sowie sich für Formen von gegenseitiger Solidarität und Organisierung entscheidet. Wir wollen also die Shedhalle nicht nur als Übungsraum sehen, sondern im Sinne der Netzwerkarbeit das Projekt der Shedhalle auch mit Initiativen und Kämpfen anderer in Allianz bringen.
Es geht dabei auch um das Erlernen aktiven „Gemeinsinns“ das Verlernen von Selbstverständlichkeiten und den strategischen Einsatz von Privilegien in und ausserhalb der Shedhalle.
Kunst
Die Vermittlung in der Shedhalle ist Kunstvermittlung. Ausgehend von künstlerischen Praktiken und Diskurse um zeitgenössische Kunstproduktion und -rezeption, ermöglicht die Vermittlung Momente der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Akteur_innen.
- Zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird – wie bereits erwähnt - das Kunstfeld und die Mechanismen der Kanonisierung und Autorisierung in diesem Feld (siehe oben, symbolisches Kapital): Wer darf/kann/soll Kunst machen und verstehen?
- Weil jede Kunsterfahrung auch eine Welterfahrung ist, entsteht bei der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischen Arbeitsweisen ein Dialog über Weltanschauungen, subjektive Erfahrungen und ästhetische (Ausdrucks-)Formen.
- Künstlerische Arbeitsweisen und Strategien ermöglichen eine weitere Ebene und stiften Prozesse der Resignifikation der Welt an.
- Zeitgenössische Kunst, wie sie in der Shedhalle gezeigt wird, ist mit politischen Anliegen und Themen verknüpft. Die Vermittlungsarbeit greift die Auseinandersetzungen mit Ausdrucksformen von Politik und der Politik des Visuellen in der Kunst auf, um mit Teilnehmer_innen zu reflektieren, was Bilder tun und wie die eigenen Anliegen repräsentiert werden können.
Selbstreflexivität
Das sind hohe Ziele. Wir wollen daher die Vermittlung in der Shedhalle bewusst als Übungs- und Ausübungsraum verstehen, in dem Fehler gemacht werden und Ungewisses probiert wird. Auch im eigenen, engeren Zusammenhang sucht das Vermittlungsteam aktiv nach antirassistischen, antisexistischen, antipatriarchalischen und emanzipatorischen Massstäben zu handeln. Dabei ist es zentral, die eigenen Verstrickungen im Dialograum, in der Institution Shedhalle, im Kunst- und Bildungssystem und in der Welt zu reflektieren und entsprechend den ausgeführten Maximen handlungsleitend zu machen.
Literatur:
- Mörsch, Carmen / Settele, Bernadett (eds.), Kunstvermittlung in Transformation. Perspektiven und Ergebnisse eines Forschungsprojekts, Scheidegger+Spiess, Zurich 2012.
- Sternfeld, Nora, “Das gewisse savoir/pouvoir. Möglichkeitsfeld Kunstvermittlung,” in Collaboration: Vermittlung - Kunst - Verein : ein Modellprojekt zur zeitgemäßen Kunstvermittlung an Kunstvereinen in Nordrhein-Westfalen, 2010, pp. 27–32.
- Collados, Antonio / Rodrigo Montero, Javier (eds.), Transductores: Pedagogías en red y prácticas instituyente, Centro de Arte José Guerrero, Granada 2012.