Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/807

|06.10.2014

«Das Politische war mir von Anfang an wichtig»
Mann mit dem Super-8-Blick: Jaap Pieters alias das «Auge von Amsterdem»
Mit seinen einzigartigen dreieinhalb Minuten-Dokumentationen auf Super 8 hat sich Jaap Pieters einen Namen in der internationalen Experimentalfilm-Szene geschaffen. Mittlerweile zeigen ihn Festivals in der ganzen Welt.
Von Beatrice Jäggi
Der Mann hat einen ernsten Blick, und einen aufmerksamen. Mit dem Bart und seinen langen Haaren erinnert er an Gandalf, dem weissen Magier aus den «Herr der Ringe»-Verfilmungen von Peter Jackson. Jaap Pieters zaubert aber nicht. Er filmt. «Das Auge von Amsterdam», so sein Name in der internationalen Experimentalfilmszene, arbeitet seit den frühen 1990er-Jahren an seiner äusserst eigenwilligen Filmserie. Die Hauptdarsteller sind zumeist Ausserseiter und Obdachlose, denen im geschäftigen Alltag kaum einer Beachtung schenkt. Pieters Arbeitsinstrument, Beobachtungsgabe und die stets griffbereite Super-8-Kamera. «Der Blechbüchsenmann», «Fleischfuhre» oder «Saitenlos» heissen die kleinen Meisterwerke. Sechs dieser dreieinhalb Minuten langen Film-Rollen lagern mittlerweise als 35-mm-Kopien im «Light Cone»-Archiv in Paris, das weltweit als grösstes Archiv für Experimentalfilme gilt.
Ein Filmabend mit Jaap Pieters ist ein Erlebnis. Die mehrheitlich stumm gedrehten Filme vertont Pieters sozusagen mit den Anekdoten, die er über die Begegnungen mit seinen Protagonisten erzählt. Etwa über Jimmy, jenen Obdachlosen, dessen sisyphusartigen Tagesbeschäftigungen Pieters in mehreren Filmen festhielt. In «Jimmys Ballett» (1993) regelt er mitten auf dem Platz stehend den Verkehr. Die orangefarbene Weste hatte er zuvor von Bauarbeitern geschenkt bekommen. Mit grossen Lettern schrieb er darauf HILFSPOLIZIST. In «Der Einkaufswagenmann» (De Winkelwagenman, 1991) karrt Jimmy mit all seinen Sachen vollgepackte Einkaufswagen von einer Strassenecke in die andere. «Jimmy kannte in unserer Nachbarschaft jeder», erinnert sich Pieters. Viele der Filme drehte er aus dem Fenster seines Wohnhauses im Amsterdamer Quartier De Pijp wo er seit 28 Jahren lebt. So entstand auch der «Blechbüchsenmann» (De Blikjesman, 1991) in dem man einen Mann sieht, der pausenlos Bierdosen von der Strasse aufliest. Was er vorne in seine Manteltaschen steckt, fällt hinten durch das löchrige Futter wieder auf die Strasse. Das einzigartige Dokument einer tragischen Situationskomik.
«Es ist an der Zeit, dass du mit Filmen anfängst»
Für das Gespräch treffen wir uns am Videoex-Festival in Zürich, wo Jaap Pieters seit Jahren regelmässig mit Filmen zu Gast war. Nur allmählich öffnet er das Türchen in die Schatzkammer vieler Erinnerungen als Künstler und Filmer. Ende der 70er-Jahre knüpft er Kontakte zur Kieler «Filmgruppe Chaos». Die alternative Kunstszene hatte eben Super 8 als neues Ausdrucksmedium für sich entdeckt. Das Schmalfilmformat passte angesichts der aufkommenden Videowelle nicht mehr ins Konzept des konsumbewussten Hobbyfilmes. «Super 8 war ein Abfallprodukt und damals noch spotbillig» erinnert sich Pieters, und genau das faszinierte die damalige alternative Kunstszene, deren Message «mehr Freiräume» hiess. 1985 senden Freunde aus Kiel Pieters per Post eine Super-8-Kamera eingewickelt in einem warmen Pullover und in einer Kaufhaustüte. «Es war eine Minolta. Ein kleines, extrem lichtstarkes Modell.» Auf einem Zettel stand die unmissverständliche Botschaft: es sei an der Zeit, dass er mit Filmen anfange. 1991 dreht Pieters erste Filme in der unverkennbaren Art.
Auf der Suche nach dem Publikum
Ende der 90er-Jahre erlebt Super 8 erneut ein Revival. Eine junge Szene erklärt Vatis alte Filmkamera zum Kultobjekt. An der Front agieren Aktionsgruppen wie die Hamburger All Nizo (Restricted Revolution Pictures) kurz ANRPP. Die am Elbestrand organisierten Street-Screenings entwickeln sich zum Publikumsmagneten. Hoch im Kurs stehen Filme, die in der Kamera geschnitten genau so lange wie eine Super-8-Filmrolle dauern dreieinhalb Minuten. Pieters nutzt regelmässig die Gelegenheit, dort seine Filme zu zeigen. Kulturell hat er mit der neuen Super-8-Szene jedoch nicht viel am Hut: «Es war eine hippe Welle» stellt Pieters heute fest. Die Botschaft seiner Filme sei für ihn immer auch eine politische gewesen. Im Sommer 1999 veranstaltet All NIZO ein Mega-Screening im Millerntor. 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer kommen ins Heimstation des Hamburger Kultclubs FC St. Pauli. Mit einer 500-Watt-Kiste projizieren die Organisatoren auf die aufblasbare Leinwand auf der Spielwiese. An diesem Abend wird das Comeback von Super 8 breitspurig gefeiert. Heimlicher Star des Abends: Jaap Pieters. Lutz Kayser, damals einer der führenden Köpfe bei ALL NIZO erinnert sich: «Als wir Jaaps «Tassentanz» zeigten, bebete die Tribüne.»
In «Tassentanz» (De Kopjesdans, 1993) filmte er einige Stapel von Kaffeetassen auf einer Waschmaschine im Schleudergang. Durch die Vibration vollführen die Tassen kuriose Drehbewegungen. Als die Maschine stoppt, fällt alles in sich zusammen. Seine Filmsprache kommt in der neuen Super-8-Szene an. Auf die Frage, ob er in seinem Werk einen persönlichen Lieblingsfilm habe, mag sich Pieters nicht festlegen. Eine besondere Bedeutung habe für ihn der Film «Bärenklau» (Bereklauw, 1992). Ein unscheinbares Werk, in dem sich eine Bärenklau-Pflanze hinter einer Bretterwand sanft im Wind wiegt.
Im November 2000 erhält Jaap Pieters eine Einladung nach Zürich an das Formel Super 8 Filmfestival. Bald folgen Einladungen zu weiteren Festivals, wie den Schmalfilmtagen in Dresden. 2006 dreht Fred Pelon einen Film über das «Auge von Amsterdam». Der Dokumentarfilm ist auch am Filmfestival in Rotterdam zu sehen. 2007 ist Pieters mit einem Programm in Spanien unterwegs, im Frühjahr 2011 tourt er für einige Wochen durch Kanada. Im darauffolgenden Herbst kann er auf seiner Reise durch die USA auch im renommierten New Yorker Anthology Film Archives Filme zeigen.
In den vergangenen Jahren war Pieters hauptsächlich mit der Organisation von Kunst-Events in Amsterdam zusammen mit einem amerikanischen Künstler beschäftigt. Eine Arbeit, die ihn kräftemässig sehr beanspruchte. Das Filmen hatte er dabei etwas aus dem Auge verloren. Seine Nachbarschaft da wo viele seiner Filme entstanden, habe sich zudem völlig verändert. Es fand eine Aufwertung statt. Menschen wie Jimmy seien von der Bildfläche verschwunden. Dafür ziehen sich seit rund elf Jahren die Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Station direkt vor seinem Wohnhaus in die Länge. Nur der stumme Ukulele-Spieler aus «Saitenlos» (Snaarloos, 1994) tauche von Zeit zu Zeit wieder an einer Ecke auf. Nun möchte Jaap Pieters sich wieder vermehrt seinem filmischen Schaffen zuwenden. Dabei kann er sich nicht vorstellen, mit etwas anderem zu Filmen als mit Super 8. Im Dezember 2012 konnte er sich kurz vor dem letzten massiven Preisanstieg noch rund 35 Film-Kassetten sichern. Ein schöner Vorrat, der Pieters wohl noch für einige Jahre reicht, sein filmisches Werk fortzuführen.

Jaap Pieters ist seit vielen Jahren in Zürich am Videoex-Festival zu Gast.
Jetzt will er nach einer Pause wieder Filme drehen.