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Wer bin ICH?
Bei einem gedanklichen Kontakt mit früheren Philosophen räumen dieselben vermutlich unumwunden ein, sie würden auf dem Stand von Wissen heute mit den zwischenzeitlich erfolgten Paradigma-Wechsel [Materie = Energiebindung; Zeitbegriff als 4. Koordinate im Raum; Unschärfe-Relation von Position und Geschwindigkeit usw.] vielleicht anders denken wie zu ihrer Lebzeit.
Ein Beispiel, wie verwirrend [frühere] Philosophie und Metaphysik heute möglicherweise sein kann: die Trennung von Ich-Erkenntnis und einer angeblichen Selbst-Erkenntnis durch Auflösung vom Ich [Ego].
ICH und SELBST
Narziss von Caravaggio (1573 - 1610)
Lebewesen, genauer Säugetiere in der Fauna auf der Erde mussten schon von jeher zwingend das lebensnotwendige Wasser trinken. Völlig natürlich und folgerichtig wurde von Menschen irgendwann erkannt, das Bild im Wasser beim trinken spiegelt die Trinkenden selber, das "selbst" wird zum "ich".
Selbst-Erkenntnis ist so gesehen die Ich-Erkenntnis mit einem Spiegel.
Aus diesem Zusammenhang kann die Frage entstehen: Wer bin ich? Das ICH entsteht als Resultat von zwei sich gegenseitig zwingend bedingender gegensätzlicher und natürlicher Tatsachen [Polarität], nämlich von weiblicher Eizelle und männlicher Samenzelle.
Dieses ICH bildet eine grundsätzliche Annahme [Axiom]; die logische EINS als Gegensatz zur NULL.
Zu beachten ist eine weitere Grundannahme: Damit ein Mensch überhaupt irgend etwas denken kann, muss zwingend ein erster Vergleich und eine erste Unterscheidung mit etwas stattfinden können. Diesem Zweck dient die Annahme [Axiom] einer gedachten Einzigartigkeit [Singularität], welche wahlweise in einer Vorstellung von Ordnung oder von einem Chaos bestehen kann. Diese erste Dualität bedingt sich in der Folge gegenseitig.
Aus dieser gedachten Singularität resultiert die Folgerichtigkeit [Logik], global schon immer in allen Kulturen: Das Ganze besteht im alles und im nichts und ist erkennbar im bekannten und im noch zu erkennenden unbekannten. Bekannt ist die logische EINS [ICH-SELBST] im Gegensatz zur NULL als ein Resultat der sich gegenseitig bedingenden Polarität von Frau und Mann.
Allerdings, eine Vorstellung vom Chaos ist dem komplizierten Ganzen gegenüber die einfachste Variante, weil Chaos nicht erfasst werden kann und sich, so gesehen, weiteres Denken insofern erübrigen würde, als damit nicht neue menschliche Wirklichkeit aus dem Chaos herausgelöst wird.
Von der logischen Eins als ICH getrennt zu erfassen ist nun das Verb sein [bin], welches seiner Herkunft nach einer alt-indoeuropäischen Wurzel és- zugeordnet werde, über ein esse zu einem es ist wurde. Für ein menschliches SELBST bildet ein ICH zuerst einmal ein ES welches IST.
In einen philosophischen Irrtum führte die unbegründete Ideologie von einem SEIN als gegenständlichen Zustand. Die Vorstellung von jenem was IST zählt zu den zwingenden Konstanten im Denken und ausdrücklich nicht jene von einem ideellen SEIN als rein sprachlichen Oberbegriff. Durch die Annahme vom SEIN wird das organische Leben als etwas werdend SEIENDES unbemerkt zu einem fiktiven, gar nicht vorhandenen SEI[N]ENDEN; dieser Trugschluss im Denken löst sich auch nicht von selber auf, ist der Denkfehler doch schon vorgängig verankert im Ausschluss des Dritten, der willkürlichen Trennung vom IST durch den so genannten abendländischen Dualismus.
Das standard-deutsch formulierte ICH DENKE ALSO BIN ICH in der Philosophie stellt einen sprachlich verflachenden höheren Blödsinn dar: Die bis heute oft zitierte Version cogito, ergo sum stammt aus einer Verkürzung des lat. ego cogito, ergo sum aus der Principia philosophiae und kam durch das lateinische ins deutsche. Der im Original französisch formulierte Inhalt dieser Aussage von René Descartes im Discours de la methode ist jedoch das berühmte französische je pense, donc je suis, welches der eben genannten lateinischen Fassung vorausging und dieselbe Bedeutung habe. Hat sie eben nicht, nicht dieselbe Bedeutung, weil donc nicht also, sondern deshalb meint und das Sprachgefühl moi, je ... ausgeklammert wurde. Französisch wird nämlich gedacht: moi, je pense, donc je suis. Das bedeutet übersetzt in etwa: selber denke ich, deshalb bin ich selbst.
Ebenso falsch interpretiert im standard-deutschen und nicht korrekt transportiert wird das berühmte Zitat SEIN ODER NICHTSEIN aus der Tragödie Hamlet von William Shakespeare: to be or not to be heisst übersetzt nämlich zu sein oder nicht zu sein. Im philosophisch deutschen Gebrauch wird mit dem Oberbegriff das Sein als Substantiv einfach gedanklich etwas fiktives konstruiert ohne Rücksicht auf Verluste anstelle vom Neutrum, eigenschaftlich vorhandenes to be, pour être, zu sein wird ausgeblendet, was dann zwingend zu Irrtum führt mit Bezug auf das Verb sein, be, être.
Jenes, was vorhanden IST, das SEIENDE, stellt etwas dar, zeitlos und ohne Gegensatz. Seiendes IST schliesst etwas NICHTSEIENDES aus, weil ein NICHTS ist ohne den Gegensatz ALLES nicht logisch denkbar. Die auf der Zeit-Messung [Anfang/Ende] basierende Kausalität ist in diesem Kontext ein auf Grundlagen-Irrtum beruhender Denkfehler, weil das bereits eine vollzogene Schluss-Folgerung darstellt. Kausalität kann selber keine Kausalität begründen und ist nur innerhalb der vorgängigen Grund-Annahmen [Axiome] gültig. Das Werdende ist stets gegenwärtig, dreieinig im Angesicht von vorher und nachher. Wenn etwas nicht vorhanden ist [nicht ist, nicht existiert], dann erscheint dieses fiktive etwas auch nicht und wird ohne vorgängigen Dualismus auch nicht zu einem NICHT-SEI[N]ENDEN. Im Zentrum der Betrachtung steht das gegenwärtige werden und das ist nur und ausschliesslich monistisch ein IST, zeitlos, ewig.
Die Frage Wer bin ICH kann aus dem ideologischen SEIN heraus nicht folgerichtig beantwortet werden, sondern die Antwort ergibt sich aus dem tatsächlich SEIEND von SELBST. Die Seele als eigene Mitte.
© bzw. Autor: Rolf Pfister Zürich