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Der tapfere
Hercules

von Pam Brand, Kirksville, Missouri, USA
Der schwarz-weisse Welpe aus einem ungeplanten Wurf war mir aus unerklärlichen Gründen besonders ans Herz gewachsen und so behielt ich ihn, obwohl er nicht das Zeug zu einer Ausstellungskarriere hatte. Ich brachte es nicht über mich, diesen kleinen Kerl mit einem herkulischen Mut zu verkaufen. So genoss er das Leben im Garten meines Hauses, obwohl ich fand, dass er mehr Aufmerksamkeit verdiente, als ich ihm als Besitzerin von sechs Hunden geben konnte.
Als dann aber eine Familie, deren Grossmutter einen meiner Hunde hatte, sich bei mir erkundigte, ob ich eventuell einen erwachsenen Hund abzugeben hätte, erwähnte ich etwas widerstrebend meinen Hercules (Glasdawn's Mercury Rising). Anscheinend hatten sie immer gesagt, dass wenn sie Inky, Grossmutters fluffy Rüden aus einem meiner früheren Würfe, klonen könnten, wäre das für sie der ideale Familienhund. Als sie erfuhren, dass ich einen 2 Jahre alten Neffen von Inky hatte, waren sie begeistert. Ich wusste, dass sie Hercules nehmen würden, noch bevor ich ihnen Fotos von ihm geschickt hatte. Er ist wirklich ein flotter Kerl und ein grosser Charmeur. Die zukünftige Familie von Hercules hatte drei Kinder im Alter von 7 bis 11 Jahren. Mein Entschluss war gefasst, ich würde meinem heiss geliebten Hercules eine eigene Familie schenken.
Also wurde Hercules an einem Mittwoch in Kansas City an Bord des ersten Flugzeuges gebracht, um nach einer unvermeidlichen Zwischenlandung die Reise mit einem zweiten Flugzeug nach Providence, Rhode Island fortzusetzen.
Die Nacht darauf erhielt ich die Nachricht, die kein Züchter je zu hören hofft - Hercules war verschwunden!!! Bei der Landung in Providence schien Hercules verstört und wollte von seinen neuen Besitzern rein gar nichts wissen. Bei der Ankunft an seinem neuen Zuhause kam eines der gespannt wartenden Kinder und befreite ihn aus seiner Transportkiste, noch bevor die Mutter aus dem Auto steigen konnte, und Hercules nahm Reissaus!! Er hat ein sehr weiches Wesen und war wahrscheinlich von der Reise traumatisiert.
Trotz sofortiger, grossangelegter Suchaktion einer Gruppe von Familienmitgliedern und Freunden, die das Gebiet nach ihm durchkämmten, war er nach 24 Stunden immer noch verschwunden. Ich war völlig verzweifelt. Er war mir so ergeben und ich fühlte, dass ich ihn im Stich gelassen hatte. Ich wusste, dass er mich suchen würde, falls er überhaupt noch am Leben war. Ich hatte geglaubt, für meinen geliebten Hercules das Richtige zu tun. Nun war er verängstigt und allein, oder noch schlimmer.
Ich war mir bewusst, dass die Chancen klein waren, aber ich beschloss, nach Providence zu fliegen und bei der Suche zu helfen. Ich war todunglücklich und wusste nicht, was ich bei meiner Ankunft machen sollte, ich konnte nur hoffen, dass Hercules mich irgendwie hören und meine Stimme erkennen würde.
Während ich den grössten Teil des Freitags mit der Reise nach Providence verbrachte, verteilte die Familie in der näheren Umgebung von North Providence eine grosse Menge Vermisstmeldungen, die Finderlohn versprachen. Im Süden von North Providence befindet sich die Brown Universität, im Osten und Westen die Strassen nach Maine und Hope. Jenseits dieser verkehrsreichen Strassen befinden sich das Stadtzentrum von Providence, Flüsse und Autobahnen und im Norden - der Atlantik. Wie sollte mein kleiner Junge vom Lande allein im Gewühl dieser Stadt überleben können?
Bei meiner Ankunft im Heim der Familie erwartete mich eine ermutigende Nachricht. Der Briefträger hatte Hercules am Morgen gesehen. Die Mutter der neuen Familie konnte sogar selbst noch einen Blick von ihm erhaschen. Anscheinend sass er ruhig da und betrachtete die Menge, die sich langsam um ihn versammelte. Als aber die Leute seinen Namen riefen und versuchten, ihn zu fassen, rannte Hercules von neuem weg und hinterliess nur ein Büschel Haare in der Hand, die ihn zu fassen versuchte.
Irgendwie war es meinem klugen Cardigan Boy gelungen, der Gefahr des Stadtverkehrs zu entrinnen und am Leben zu bleiben. Wenn ich ihn nur finden könnte, er würde bestimmt zu mir kommen.
Ich versuchte, keinen Stau zu verursachen, während ich mit meinem Mietauto langsam immer grössere Kreise zog in der Hoffnung, Hercules zu entdecken. Ich sprach sämtliche Personen mit einem Hund an und drückte ihnen eine Vermisstmeldung in die Hand. Und in der ganzen Gegend waren Leute mit der gleichen Absicht unterwegs.
Als ich bei einem Haus anklopfte, in dessen Garten Hercules gesehen worden war, und meine Geschichte erzählte, stockte meine Stimme und ich brach in Tränen aus. Die freundliche Frau beharrte darauf, dass ich ins Haus kam und mich einen Moment hinsetzte, um mich etwas zu erholen.
Schüchterne Mädchen aus dem Mittelwesten wie ich stellen sich Städte immer als unfreundliche und feindselige Orte vor. Das trifft vielleicht auf gewisse Metropolen zu, aber bestimmt nicht auf North Providence! Ich war überwältigt von der Freundlichkeit, die mir entgegenbracht wurde, und dass alle Anwohner bereit waren, bei der Suche nach meinem verängstigten, entlaufenen Hund zu helfen. Obwohl ein Finderlohn ausgesetzt war, schien sich niemand davon leiten zu lassen, alle wollten einfach nur den kleinen vermissten Hund finden.
Als es dunkel wurde, begleitete mich der Familienvater durch die Strassen auf der Suche nach meinem Hund, indem ich dauernd seinen Namen rief. Wir trafen sogar zwei Schulkinder mit ihren Hunden und einer Vermisstmeldung in der Hand auf der Suche nach Hercules. Gegen 22 Uhr schwand meine Hoffnung und wir beschlossen, die Suche für eine Weile aufzugeben.
Zurück im Haus suchte ich im Internet nach jemandem mit einem Bluthund oder Spürhund, der vielleicht helfen könnte. Ist so etwas wohl jemals erfolgreich versucht worden? Noch bevor ich recht weit gekommen war, kam ein neuer Anruf. Hercules war wieder gesehen worden. Sogleich machten wir uns mit neuer Hoffnung auf die Suche, aber wieder ergebnislos. Um 1 Uhr nachts beschlossen wir widerstrebend, dass wir versuchen sollten, etwas zu schlafen und die Suche beim Morgengrauen fortzusetzen.
Eine Stunde später kam wieder ein Anruf. Eine Frau, die ihre Katze ins Haus lassen wollte, hatte ihn in einer Gasse hinter ihrem Haus gesehen. In Morgenrock und Pantoffeln eilte sie mit ihrem Handy und einer Taschenlampe zur Strassenecke, um eine Vermisstmeldung zu finden und zu telefonieren. Wieder machten wir uns auf den Weg. Mein Kopf schmerzte, meine Stimme wurde heiser und schwach vom Rufen und noch immer kein Zeichen. War er so verstört, dass er meine Stimme nicht erkannte?
Plötzlich, drei Hausblöcke weiter, rief die Frau uns wieder an. Sie hatte ihre Taschenlampe auf einen Hund gerichtet, von dem sie glaubte, er sei Hercules. Er befand sich im Garten eines Nachbarn. Ich rannte den gleichen Weg zurück und näherte mich langsam, mein Herz schlug bis zum Hals. Ja. Ja! Es war Hercules! Wieder sass er ruhig auf der anderen Seite einer immergrünen Rabatte. Vorsichtig machte ich ein paar Schritte auf ihn zu und beugte mich hinunter, um ihn zu rufen. Wie der Blitz rannte er 20 m weit .... weg von mir! Ungläubig schrie ich "Hercules, NEIN!". Er blieb auf der Stelle stehen und drehte sich um. Er kannte diesen Tonfall! Ich fiel auf die Knie und rief ihn. Im nächsten Augenblick war er in meinen Armen, winselte vor Freude und leckte mein Gesicht! Noch nie habe ich eine solche Erleichterung und Freude empfunden! Ich werde diesen Augenblick immer und immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen lassen, so lange ich lebe.
Hercules mit Priscilla und seinem Onkel Inky.
Mein Rückflug war erst am Montag. Die neue Familie von Hercules lud mich deshalb ein, zu bleiben und mit ihnen einen Tag in ihrem Sommerhaus in Nonquit, Massachusetts zu verbringen. Ich ergriff die Gelegenheit, um Hercules zu helfen, sich von seinem Trauma zu erholen und an seine neue Umgebung zu gewöhnen. Ich sah sogar seinen Onkel Inky wieder.
Was als unheimliche Reise ins Ungewisse für uns beide begonnen hatte, endete überaus glücklich. Zurück in Providence wurde Hercules von Sympathisanten empfangen, die die erstaunliche Geschichte bei einem Fussballmatch und einem Quartierfest erfahren hatten. Er ist immer noch etwas unsicher, wenn er ins Auto steigen muss, aber ich glaube, er ist auf dem Weg zu einem schönen Leben.
September 2003.
Übersetzung aus dem Englischen: ANo