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Nachdem Erwin Graf fast sein ganzes Leben in derselben Firma gearbeitet hat, verliert er von heute auf morgen seinen Job. Restrukturierungen zwängen ihn zur Entlassung, so der Chef, aber Erwin werde mit seinen Qualifikationen bestimmt etwas Neues finden.
Erwins Frau Kathrin leidet unter Angstzuständen, welche die ganze Familie belasten; ihre Tochter Lisa steckt mitten in der Pubertät, und dazu sind die Grafs auch noch gerade dabei, ihr lang ersehntes Einfamilienhaus zu bauen: ein denkbar schlechter Zeitpunkt für eine Entlassung. Erwin verschweigt der Familie seine Kündigung, mietet ein Hotelzimmer und fährt jeden Morgen zur Arbeit, als ob nichts passiert wäre. Er repräsentiert eine Figur zwischen zwei Welten, eine Figur, die mit den Forderungen unserer Zeit nicht zurecht kommt, deren Wahrheiten sich plötzlich in Nichts auflösen. Darüber hinaus steht er für eine Generation, die Stärke mit der Fähigkeit, finanziell für die Familie aufkommen zu können, verwechselt. Schwächen zeigen zu können und über persönliche Probleme zu reden, liegt ihm fern.
Allen Figuren scheint die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich zu spüren, so dass sie zu extremen Mitteln greifen: Lisa schneidet sich in die Unterarme; Kathrin beginnt eine Affäre mit einem Arbeitskollegen.
Im Nordwind ist Bettina Oberlis erster Langspielfilm. Nachdem sie bereits in den Kurzfilmen Supernova (2000) und Ibiza (2002) bewiesen hat, dass sie meisterhaft eine Stimmung zu evozieren weiss, zeigt sie in ihrem neusten Werk, dass sie trotz der Liebe zum Detail alle Fäden, die diese Geschichte zusammenführt, in der Hand hält. Im Gegensatz zu Anna Luif, die nach einem Pubertäts-Kurzfilm mit Little Girl Blue (2003) einen PubertätsSpielfilm produziert hat, wählt Oberli nach ihrem ähnlich gelagertem Ibiza eine Thematik, die näher an der sozialen Realität der schweizerischen Erwachsenenwelt ist, auch wenn mit der Figur der Lisa wieder ein adoleszenter Blickwinkel eingeführt wird. Formal und auch inhaltlich erinnert Im Nordwind an Luki Friedens November: In blaustichigen Bildern – nicht ohne Schönheit, aber voller winterlicher Kälte – erzählt Oberli von einer Familie, die gemeinsam einsam ist. Dabei tappt sie nicht in die gleiche Falle wie Frieden, dessen leicht verzetteltes Szenario eine tiefere Auseinandersetzung mit den ProtagonistInnen erschwert.
Wie auch schon in Ibiza bemüht Oberli dennoch einige Klischees, vermag aber die Balance von realistischer Figurenzeichnung und Karikatur gekonnt zu halten. Darüber hinaus schafft sie es, die ZuschauerInnen gerade durch die geschickte Knüpfung und die hinausgezögerte Auflösung an den Film zu fesseln, so dass trotz der monotonen Erlebniswelt von Oberlis Figuren keine Langeweile aufkommt. Im Nordwind ist ein Film aus einem Guss mit einer subtilen persönlichen Handschrift der Regisseurin, die, so hoffen wir, noch einige Akzente in der Filmlandschaft des Jungen Schweizer Films setzen wird.