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Versagen, Verwundung, Vergehen waren zu allen Zeiten für die Menschen Anlass, nicht
aufzuschieben, nicht der „Schokolade“ nach zu gehen, aber sich in die menschliche Existenz zu vertiefen. Das ist die Geburtsstunde der Philosophie, immer wieder, aber früher schon des
Schamanismus. Lange schon, bevor er betete: „Und gibt uns unser täglich Brot“ verband er sich beim Nil mit der Enttäuschung des Sterbens. Im Innern der Pyramiden aber, die das Materielle
repräsentieren, legte er Zeugnis ab von seinem spirituellen Kanon.
Die Pharaonen, und auch andere Priesterkulturen, hatten das Problem, dass der neue Pharao
resp. die neue Pharaonin über die Erbfolge sowohl als weltliches als auch geistliches Oberhaupt bestimmt war. Während das materielle Erbe übergeben werden konnte, sind vor den geistigen Instanzen
alle Menschen gleich. Nur auf Grund der gegenständlichen Erscheinungen lässt sich nicht sagen, bis wann diese noch dem Zustand der Erkenntnis entsprangen oder nur noch leere Hüllen waren wie etwa
beim Blendwerk des Core-Schamanismus oder dem Purpur beim katholischen Klerus[1]. Materieller Wohlstand und Macht können schon auch dazu führen, bequem zu werden, überheblich und
verdorben.
Die Schamanen waren die Ersten, die – auf alle erdenklichen Arten – den Zustand der Erkenntnis, jenseits von Raum und Zeit, aufsuchten und für sich und ihre Gemeinschaft nutzten. Es gibt keinen Schamanismus ohne diesen Zustand, den sie schamanische Reise oder Schamanenflug nannten. Gemeinsam, und damit bezeichnend für den Schamanismus, ist nicht die Art, wie sie das machten, sondern dass sie das machten und der Zweck. Somit handelt es sich bei angeblich schamanischen Methoden, mit denen dieser Zustand nicht erreicht wird, nicht um Schamanismus. Zudem gibt es Methoden, die nach dem historischen Schamanismus erst entwickelt wurden, welche sich dem wertvollen Gut des Zustandes der Erkenntnis ebenfalls annahmen[2]. Diese Methoden stehen somit in der Tradition des Schamanismus. Es sind weitere Formen von Schamanismus; Neoschamanismus.
[1] Dass die Kardinäle früher bei ganz besonderen Anlässen zu einem purpurnen Talar (Obergewand)
wechselten, jedoch ausgerechnet das scharlachrote Birett auf unserer höchsten Stelle beliessen, zeigt zumindest, dass in jener Zeit zwischen einer lebendigen Verbindung mit Gott und der
Position der Macht ein gewisses Missverhältnis bestand. Naturgetreu ist es ja gerade umgekehrt. Auf dem Kopf strahlen wir weiss mit einem Hauch von purpur, beim Allerwertesten rot. Mit
rot auf dem Kopf lässt sich wie beabsichtigt die Würde des Amtes nicht ausdrücken. Das Rot als Hinweis der Bereitschaft der Kardinäle, für den Glauben ihr Blut zu lassen, könnte wohl an
unserer höchsten Stelle stehen. Anderseits möchte ich mich als Gestalter hier dafür aussprechen, harmonisch zu gestalten, damit die Kräfte gleich laufen und sich verstärken, statt sich
zuwider zu laufen und aufzuheben. Und nachdem die Natur mit ihren Farben vermutlich ja nicht wechseln wird, liegt es am Menschen, für das Rot einen anderen sehr prominenten Platz zu
suchen, etwa an der kostbaren Hand als Ring. Sicher wäre es angebracht, wenn man die Spiritualität schon nicht in dem Masse hat, sich nicht im Turm zu verschanzen, sondern sich wenigstens
beraten zu lassen. Aber das lässt der Kopf dann meistens nicht zu, und da wären wir dann beim nächsten Problem. Im Gegenzug dazu sehen wir heute eine Reihe von höchsten Geistlichen, die
überaus bemüht sind, die alten Fehlentwicklungen zu korrigieren, etwa den Kurienkardinal Kurt Koch – es ist schon fast greifbar, wie er das Kreuz trägt – oder den Papst
Franziskus.
[2] etwa die aus dem Namaste heraus entwickelte Tranceposition des Sadhu im „Beitrag eines modernen Schamanismus“ auf Seite 49.