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Drei Fragen an Sabina Bürgin (61)
Liebe Sabina, woher kommst du?
Ich stamme aus einer unkonventionellen Familie. Mein Vater war Bildhauer und führte ein sehr künstlerisches Dasein, meine Mutter hingegen stammte aus der Basler Oberschicht – wie die Beziehung von Rose und Jack im Film Titanic. Wir lebten in Bubendorf, in Basel-Land, und waren etwas anders als die übrigen Leute im Dorf. Mein Vater machte oft den Haushalt; also gelebte Emanzipation. Wobei meine Mutter oft krank war, sie war für mich innerhalb der Familie nicht so präsent. Mein Vater missbrauchte mich als Kind. Ich ging durch viele Krisen, hatte viele gestörte Beziehungen zu Männern. Drei Suizidversuche liegen hinter mir. Ich hatte das Pech, dass der Vater meines Sohnes ebenfalls pädophil war. Ich konnte jedoch meinen Sohn davor schützen, und zog ihn alleine auf. Erst als er fünfzehn war, sagte ich ihm die Wahrheit. Heute kann ich sagen: Durch den Schmerz habe ich eine grosse Kraft und Unabhängigkeit entwickelt. Das ist wahre Emanzipation! Ich machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und später besuchte ich die Hebammenschule in Bern. Das war sozusagen «learning by doing», denn ich wurde prompt selber schwanger. Vom Vater meines Sohnes trennte ich mich kurz darauf. 23 Jahre lang arbeitete ich auf der Risikoschwangerschaftsabteilung, das gefiel mir. Später wechselte ich als Pflegefachfrau ins Altersheim.
Wo stehst du im Moment?
Ich fand mit 24 heraus, dass ich ausser meinen beiden Geschwistern noch zwei Halbgeschwister habe. Meinen Halbbruder werde ich wahrscheinlich nie kennenlernen. Mit meiner Halbschwester, die in Norddeutschland lebt, habe ich heute ein herzliches Verhältnis. Durch meine Vergangenheit habe ich eine Sensibilität für Menschen mit schwerem Schicksal erhalten. Ich denke, das ist eine grosse Ressource von mir. Ich kann sagen: Es gibt immer eine Lösung, es ist nur eine Frage der Betrachtung. Im Moment arbeite ich im Domicil Mon Bijou in Bern als Betreuerin; ich bin vor allem Supporterin der jungen Pflegefachfrauen. Nebenbei biete ich auch Lebensberatungen an; ich habe Schulungen in Naturheilpraxis und Astrologie absolviert. Ich liebe die Natur, gehe leidenschaftlich gerne in die Berge und habe einen Wohnwagen auf einem Zeltplatz. Philosophie und Religion interessieren mich, und ich spiele seit meinem 38. Lebensjahr Geige. Ich bin temperamentvoll, energiegeladen, manchmal ungeduldig. Ich glaube auch, dass ich mir zugestehen darf, eine gewisse Weisheit erlangt zu haben. Mich berührt aktuell, wie die Menschen weltweit zusammenstehen, um gegen Personen wie Trump zu demonstrieren. Ich fühle, dass wir alle miteinander verbunden sind – nicht nur durch das Internet, sondern auch immateriell. Wenn ich mich von der Mutter Erde und dem Vater Himmel eingebettet weiss, dann geht es mir gut.
Wohin gehst du?
Ich habe keine Angst vor der Zukunft. In zweieinhalb Jahren werde ich pensioniert. Für mich ist die Frage wichtig: Wie werde ich dann meine Tagesstruktur planen? Nach meiner Pensionierung möchte ich ein halbes Jahr lang nichts tun. Danach möchte ich vielleicht einen Bachblütenpfad im Wallis wieder zum Leben erwecken oder auch ehrenamtlich im Altersheim Menschen begleiten. Leute im Altersheim leben mir vor, wie man alt werden sollte: «Örgele» und zufrieden sein! Ich möchte möglichst lange unabhängig bleiben. Wenn es dann gar nicht mehr geht, wäre das Rütihubelbad für mich ein Thema; dort wird noch anders gepflegt als nur körperlich und das kulturelle Angebot ist super. Niemals will ich meinem Sohn zur Last fallen. Er weiss, dass ich Exit-Mitglied bin, und wir reden offen über das Thema. Ich will jeden Abend so ins Bett gehen, dass ich mir sagen kann: Ich habe gelebt, auch wenn ich morgen nicht mehr erwachen würde. Ich will den Moment packen und Impulse nutzen, nicht auf Morgen verschieben. Egal, was andere Menschen denken! ☐