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Conférence de Christine Mondon, au Gstaad New Year Music Festival, le 6 janvier 2020
Beethoven, der um 1800 das Erbe Haydns und Mozarts antritt, betrachtet sich als ein neuer Lichtbringer nicht nur in der Musik, aber auch in dem Geist. 1792 hatte er sich in Wien niedergelassen. Auf dem Weg nach Wien hatte er die hessischen Armeen gekreuzt, die gegen Frankreich kämpften. Beethoven lebt in einer Epoche politischen Umbruchs, er hat die Größe des Zeitalters anerkannt, er fühlt sich vom Zeitgeist beflügelt und er sucht nach neuen Tönen, im Einklang mit der Zeit. Dass er das Tor zur Zukunft öffnet, verweist schon auf die Revolution der Musik, die er vorbereitet.
Berlioz schreibt, Beethoven sei « der Gott der instrumentalen Musik ». 23 Jahre trennen die Erste Sinfonie in C-Dur (1800) von der Neunten Sinfonie in D-Moll. Robert Schumann verglich die Sinfonien mit den neun olympischen Musen und Liszts Verehrung war so groß, dass er sie bearbeitete, um daraus ingeniöse Transkriptionen zu machen.
Ich möchte einen Schlüssel zum Verständnis der sinfonischen Welt Beethovens vorschlagen und besonders zwischen der Dritten Sinfonie (Beethovens Lieblingssinfonie) und der Fünften Sinfonie (der populärsten) eine Brücke schlagen. Die Dritte und die Fünfte ergänzen sich und sie erleuchten etwas, was Beethoven in sich trug : den heroischen Individualismus.
Entstehungsgeschichte der Dritten in Es-Dur op. 55 : Der neue Weg
Die Dritte Sinfonie entstand in den Jahren 1803-04. Die ersten Pläne für die Fünfte Sinfonie fallen gerade schon in diese Zeit. Beethoven hat sie dann erst 1807 wiederaufgenommen und parallel dazu arbeitete er an der Pastorale. Inzwischen hatte er in einem Zug die heitere Vierte Sinfonie in B-Dur heruntergeschrieben. Dass Beethoven mehrere Pläne in sich trug, zeigt, dass er seine kompositorische Arbeit in größeren Zusammenhängen begriff.
Immer klarer hat Beethoven die Vorstellung von einem neuen Weg, der sich schon in den Appassionata- (op. 57) und Waldstein-Sonaten (op. 53) niederschlägt. In dem erschütterndsten Bekenntnis des Heiligenstädter Testaments (6.10.1802), wo Beethoven eine existentielle Krise, seine Verzweiflung wegen der Ertaubung offenbart, kann nur die Kunst ihn erlösen. « Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück », heißt es im Heiligenstädter Testament. In seinem Hymnus auf Beethoven schreibt Victor Hugo : « Dieser Taube hört die Unendlichkeit. »
Beethoven identifiziert sich mit dem idealen Prometheus, dem Halbgott, dem Überbringer des Feuers, dem Schöpfer einer neuen Menschheit. In Anlehnung an Goethes Gedicht Prometheus (1774) zur Zeit des Sturm und Drang erhebt sich Beethoven zum Titanen der Musik, zum charismatischen Künstler. Er war der Ansicht, die Musik müsse das Feuer im Menschen entfachen und ihn von seinem Leiden befreien. Er sieht sich in seiner Erzieherrolle, um die Menschen zum Erleuchten zu bringen.
Mit der Dritten hat Beethoven ein sinfonisches Neuland betreten. Sie markiert den endgültigen Abschied von den ästhetischen Idealen von Haydn und Mozart. Entscheidend für ihre Wirkung ist das Legendenhafte um ihre Entstehung. Allerdings hat Beethoven die Dritte trotz der Beziehung zum Prometheus-Ballett (1800-01) (Die Geschöpfe des Prometheus op. 43) nicht Prometheus-Sinfonie genannt, sondern Eroica. Er plante zunächst, Bonaparte die Sinfonie zu widmen und sie eigentlich Bonaparte zu betiteln. Trotz der Spannungen zwischen Österreich und Frankreich hatte Beethoven freundschaftliche Beziehungen mit General Bernadotte geknüpft, der in ihm den Plan zu einer Verherrlichung des Konsuls angeregt haben soll. Beethoven hegte nämlich für den Ersten Konsul Bewunderung. Er verglich ihn mit den größten römischen Konsuln, mit den Helden von Plutarch und pries seinen hohen Verstand, seinen eisernen Willen, seine Selbstdisziplin. Beethoven träumte von einer Republik nach den Prinzipien Platons, die von Bonaparte gegründet sein würde und den Menschen das Glück bringen könnte. Eine solche Widmung war aber sehr riskiert wegen der Wiener Adligen, die eine tiefe Abneigung gegen alles, was mit dem damaligen Frankreich zu tun hatte. Beethoven konnte recht gut das Risiko einschätzen. Der Fürst Lobkowitz, sein Gönner, stand seinem Plan im Weg.
Als Beethoven Napoleons Kaiserkrönung erfuhr, strich er voller Wut den Namen vom Titelblatt mit den Worten : « Ist der auch nichts anderes, wie ein gewöhnlicher Mensch ! […] Nun wird er dem Ehrgeiz frönen. » 1806 war die Sinfonie dem « Andenken eines grossen heldenhaften Menschen » gewidmet. Diese Widmung ist rätselhaft. Ist es der preussische Prinz Louis Ferdinand, mit dem Beethovens befreundet war und der 1806 gegen die
Franzosen fiel und somit zum Symbol des Freiheitskampfes geworden war ? Oder meinte Beethoven sich selbst, der mit seiner Sinfonie um sein Leben als Musiker rang ? Oder ist es der Held aller Nationen ? Beethoven verherrlichte nämlich die antiken Helden. Wagner liefert uns 1851 seine Interpretation in seinem schweizerischen Exil : der Held sei « der ganze volle Mensch ». Die Eroica exemplifiziert in einer heroischen Tonsprache das Überwinden des Leidens und das Erringen des Sieges.
Die ersten Probeaufführungen der Dritten im Jahre 1804 und die zweite halbprivate Aufführung vollzogen sich beim Fürsten Lobkowitz ; die öffentliche Aufführung fand am 7. April 1805 im Theater an der Wien statt. Ein Rezensent urteilte, sie sei « in einem ganz anderen Styl geschrieben ». Eines wollte Beethoven um jeden Preis : die Monumentalität, das Kühne und das Ungewöhnliche. Die Dritte setzt sich nämlich von den zwei vorhergegangenen Sinfonien in manchen Punkten ab. Sie hat nämlich eine überdimensionale Länge von 2325 Takten. Wenn man diese Zahl mit Mozarts Jupiter-Sinfonie n°41 (C Dur) vergleicht, die mit 1607 Takten schon recht umfangreich für die Zeit war, so wird einem klar, dass Beethoven den üblichen Zeitrahmen sprengte. Diese Tatsache wurde von den Zeitgenossen meist kritisch hervorgehoben.
Die vier Sätze stehen wie ein Monolith da. Die Sinfonie fängt mit zwei Forteschlägen, die etwas Großes, das Heroisch-Kämpferische ankündigen. Die dramatische Expressivität im zweiten Satz, dem « Trauermarsch », bildet das Pathetische an der Sinfonie. Es ist, als trüge Beethoven die ganze Last der Welt auf sich. Dass ein Sinfonie-Satz als Marsch bezeichnet wurde, war ebenfalls noch nicht da gewesen. In der groß angelegten Sonate in As op 26 (1802) fügte schon Beethoven dem dritten Satz einen
Trauermarsch ein. Im Scherzo hat das Heldenhafte seine Stärke gefunden. Kraftvoll ertönt die Musik. Im Finale dringt Beethoven in ein absolutes Neuland ein, indem er alle nur denkbaren musikalischen Topoi zusammenbringt, insbesondere Elemente aus dem Prometheus-Ballett. Das Finale erhebt sich nach Form und Inhalt über das gewöhnliche Maß und erreicht einen glanzvollen Höhepunkt.
Die Fünfte in c-Moll : Ein Mythos
Die Eroica ist das erste Ideenkunstwerk. Das, was Beethoven als Idee in sich trägt, als Idee von Befreiung und Freiheit, von heroischer Haltung, konkretisiert sich in der Fünften. Beethoven war in dieser Zeit als Komponist anerkannt, er war auf der Höhe. Das Jahr 1808 trägt reife dichterische Frucht mit dem Faust (I) von Goethe. Beethoven war von dem Werk so beeindruckt, dass er zu schreiben hoffte, was ihm in der Kunst das Höchste war : Fausts Streben nach dem Absoluten. Die Oper kam aber nicht wie geplant zustande.
Die Fünfte wurde am 22.12 1808 im Theater an der Wien uraufgeführt. Es wurden Meisterwerke von Beethoven aufgeführt, aber in der Wahrnehmung der Zeitgenossen war es eher ein Scheitern wegen der Kälte, wegen der Länge des Konzerts (mehr als vier Stunden), wegen der nicht gerade guten Aufführungsqualität des Orchesters.
Die hochbedeutende Rezension (1810) des Theaterkapellmeisters, Komponisten und berühmten Schriftstellers der Romantik Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822) hat zu der Beachtung der Sinfonie beigetragen : « So öffnet uns auch Beethovens Instrumental-Musik das Reich des
Ungeheueren und Unermesslichen. Beethovens Musik bewegt die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens, des Schmerzes, und erweckt jene unendliche Sehnsucht, die das Wesen der Romantik ist und den Zuhörer unwiderstehlich fortreisst in das wundervolle Geisterreich des Unendlichen. » E.T.A. Hoffmann erkennt die neuen Dimensionen der Sinfonie und erhebt Beethoven zum Wegbereiter der Romantik.
Da beginnt das Interesse für die Fünfte und besonders für den prägnanten Anfang, der sie zum Mythos erhob. Das war unerhört : nur vier Töne ; keine Melodie. Das Ziel Beethovens war es gerade, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu jener heroischen Haltung zu bringen.
Die Fünfte ist die populärste Sinfonie. Wahrend des Zweiten Weltkriegs hat das Anfangsmotiv eine politische Resonanz gehabt : das war das Indikativ des Radiosenders der BBC ; in Morseschrift entsprechen die vier Töne dem Buchstaben für Sieg. Der erste Satz der Fünften gehört auch seit 1977 zum Weltraum : die Nasa hat das berühmte Anfangsmotiv auf einer vergoldeten Schallplatte eingestanzt ins Weltall geschossen.
Die Fünfte ist als « Schicksalssinfonie » in die Musikgeschichte eingegangen. Als der Privatsekretär und Biograf Anton Schindler Beethoven nach dem Eingangsmotiv der Fünften Sinfonie fragte, soll dieser geantwortet haben: « So pocht das Schicksal an die Pforte ». Schindler war aber kein zuverlässiger Zeitzeuge und hat immer mehr Sachen ausgeschmückt. Es spielt aber kaum eine Rolle, ob der von Schindler überlieferte Ausspruch tatsächlich so gefallen ist. In einem Brief an den Freund Franz Gerhard Wegeler schrieb Beethoven 1801 : « Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen ; ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht. »
Die grandiose Steigerung
Als wollte Beethoven sich gegen das Schicksal aufbäumen, tragen die Dritte und die Fünfte den Stempel des Heroischen. Der Weg von der Dritten zu der Fünften bedeutet einen Gewinn an Prägnanz. Nach dem Schicksalsmotiv des 1. Satzes überwindet das Andante (der zweite Satz) das Pathetische des Trauermarsches der Eroica durch den Hoffnungsgesang, durch die « holde Geisterstimme » (ETA Hoffmann). Der Übergang vom Scherzo zum Finale bereitet das Durch-Nacht-zum-Licht vor : Auf dem Höhepunkt einer grandiosen Steigerung erscheint das Licht als Ausdruck des Sieges. Wie in der Dritten ist alles auf Apotheose hin angelegt. Goethe reagierte 1830 erschrocken : « sehr gross, ganz toll ; man möchte fürchten, das Haus fiele ein. » Die Wirkung war so groß, dass die Fünfte in Frankreich als Revolutionssinfonie bezeichnet wurde.
Die Klänge werden in der Dritten und in der Fünften zum Energieaustausch. Sie sind wichtige Beispiele dafür, dass eine Sinfonie vom ersten bis zum letzten Satz von einer Idee getragen wird, namentlich dem Heroischen, dem Sieg über das Schicksal. Von Anbeginn steuern sie beide auf das Finale zu, wo die Idee ihre Krönung findet.
Die Fünfte vertieft das Heroische der Dritten. Der Trauermarsch der Eroica führt zur Kraft der Revolte in der Fünften und besonders zur tragischen Katharsis im Finale.
Welche Botschaft vermitteln uns heute die Dritte und die Fünfte ?
Jeder empfindet diese Sinfonien je nach seiner Sensibilität, nach seinen Erfahrungen, sei es das eigene Schicksal. Sie verbinden sich mit Fortschritts- und Befreiungsgedanken, die in der Tradition der Aufklärung wurzeln. Beethoven appelliert an uns alle, an den freien und aufgeklärten Menschen. Die Bedeutung seiner Musik liegt in ihrer einenden Kraft. Diese Werke entfalten nämlich eine große Dynamik. Beethoven schrieb, daß derjenige, der den Sinn seiner Musik verstünde, vom Elend der Welt befreit sein würde. Die Kunst der Überwindung, der Kampf mit dem Schicksal charakterisieren seine Musik. Die Musik hat aufgehört, bloße Zerstreuung zu sein, und Beethoven schuf die Ideen-Musik.
Zwei aufschlußreiche Zitate veranschaulichen die beiden Sinfonien :
« Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen » Goethe (Faust)
« Die Idee ist ein Funke, der ins Unendliche gestohlen wurde. Dieser Funke ist die ganze Symphonie ». (Beethoven).
So hat Beethoven seine Aufgabe erfüllt : seine Musik steht für ein höheres Ziel, für ein zu erringendes Glück ein.