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Nach dem Reaktorunfall in Fukushima-Daiichi wird in Japan nicht nur über Kraftwerkssicherheit und die künftige Struktur des Kraftwerksparks nachgedacht, sondern auch über eine Neuorganisation des bislang wenig wettbewerblichen Strommarktes. Die Diskussion ist auch für die Schweiz interessant.
Vor der Katastrophe in Fukushima stammten rund 30% des japanischen Stroms aus Kernkraftwerken. Anfang Februar 2012 waren nur noch drei der 54 Reaktoren am Netz. Wegen der fehlenden Vernetzung kann das Land keinen Strom aus dem Ausland importieren. Zur Aufrechterhaltung der Versorgung wurden einerseits nachfrageseitige Massnahmen getroffen, welche die (besonders grossen) Bedarfsspitzen etwa im vergangenen Sommer um bis zu 20% reduzierten. Anderseits wurde die Produktion der fossilen Kraftwerke massiv erhöht. Ohnehin sind Erdöl-, Gas- und Kohlekraftwerke die bedeutendsten Technologien im japanischen Kraftwerkspark. Ihr Anteil an der Produktionskapazität beläuft sich auf über 60%, jener der Wasser- und der Kernkraft auf je etwa 20%.
Geringe Effizienz bei der Stromproduktion
Dass die Versorgung trotz Abschaltung der meisten Kernkraftwerke aufrechterhalten werden kann, deutet ironischerweise auf die ineffizienten Strukturen im japanischen Strommarkt hin. Denn die Kompensation der Kernkraft war nicht zuletzt darum möglich, weil der Kraftwerkspark zuvor besonders schlecht ausgelastet war. Einen Hinweis darauf gibt der geringe Auslastungsgrad bei den Kernkraftwerken. Dieser lag in Japan vor der Katastrophe bei knapp 70%, während in anderen Ländern ein mittlerer Auslastungsgrad von etwa 85% erreicht wird. Tatsächlich kritisierte die IEA (International Energy Agency) schon in ihrem Länderbericht 2003 die Ineffizienz der japanischen Energieversorgung, die hohen Preise und die undurchsichtigen finanziellen und fiskalischen Instrumente zur Förderung bestimmter Technologien.
Dies ist nicht zuletzt eine Folge verkrusteter Marktstrukturen. Obschon Japan bereits im Jahr 2000 eine Teilmarktliberalisierung einleitete, kam bis heute kein effektiver Wettbewerb zustande. Die Versorgung wird von zehn privaten, monopolartigen und vertikal integrierten Unternehmen dominiert. Sie kontrollieren nicht nur die Produktion, sondern auch die Übertragungs- und Verteilnetze sowie den Vertrieb. Zwischen diesen Regionalversorgern existiert kaum Konkurrenz. Dies hängt damit zusammen, dass die Übertragungsnetzkapazitäten zwischen den Regionen relativ gering sind. Dadurch wird nicht nur der Wettbewerb behindert, sondern auch die Versorgungssicherheit geschwächt – im Fall von Kraftwerksausfällen können sich die Regionen nur beschränkt aushelfen. Der innerjapanische Stromhandel wird ausserdem durch die faktische Zweiteilung des Übertragungsnetzes behindert. Im Osten beträgt die Frequenz im elektrischen Netz 50 Hertz, im Westen 60 Hertz. Die beiden Systeme sind zwar zusammengeschlossen, doch beträgt die Verbindungskapazität lediglich rund 1 GW – das entspricht etwa der Leistung des Kernkraftwerks Leibstadt. Zum Vergleich: Die Produktionskapazität von Tokyo Electric Power (Tepco), dem Versorger der Region Tokyo und Eigner des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi, beläuft sich auf über 60 GW.
Notwendige Reformen und die Parallelen zur Schweiz
Obschon es sich bei den grossen Versorgern wie Tepco nicht um staatliche Unternehmen handelt, ist ihre Vernetzung mit der Politik besonders eng. Durch fehlende Transparenz, lasche Aufsicht sowie mangelnden Wettbewerb entstand eine Art öffentlich-privates Kartell. Was der japanische Strommarkt braucht, sind fundamentale Strukturveränderungen, um die Macht und den Einfluss der regionalen Monopole zu brechen. Das hat man nun auch in Japan verstanden. Endlich wird eine konsequentere Marktöffnung diskutiert, vor allem die Entflechtung der Übertragungsnetze von den Produzenten, die Vereinfachung von Markteintritten sowie die bessere Vernetzung der Regionen. Vorgeschlagen wurden sogar Netzverbindungen mit dem Ausland, etwa nach Südkorea oder Russland.
Doch was kann die Schweiz von Japan lernen? Ähnlich wie in Japan wird auch hier oft davor gewarnt, dass der offene Markt die Versorgungssicherheit bedrohe. Das Beispiel Japan lehrt das Umgekehrte: Verkrustete Strukturen behindern die Effizienz und stellen eine Gefahr für die Versorgungssicherheit dar. Letztlich sind Kraftwerksüberkapazitäten ein ineffizientes und auch riskantes Instrument zur Sicherstellung der Versorgung. Daher sollte die Integration der Schweiz in den europäischen Strommarkt nicht als Gefahr, sondern vielmehr als Chance für Effizienz und Versorgungssicherheit verstanden werden. Die Schweiz täte gut daran, die Marktöffnung vollständig umzusetzen. Dazu gehört auch eine konsequentere Entflechtung von Politik und Strombranche sowie von Produzenten und Netzen.