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1997
Wie alles begann
Im Frühjahr 1997 fand in Frauenfeld im Cinema Luna die Mitgliederversammlung der Aids-Hilfe Thurgau-Schaffhausen statt. Ich hatte kurz davor die Leitung ihrer Fachstelle im Thurgau übernommen. Der Präsident Andreas Schneider lud die Presse ein, um mich vorzustellen. Ein Journalist interviewte mich. Zum Schluss bat er, draussen am Tageslicht ein Foto machen zu dürfen. Dort unter vier Augen erzählte er, dass er nicht nur für die lokale Tagespresse schreibe, sondern auch im aK berichten wolle, wer der neue Fachstellenleiter sei. Ich liess ihn merken, dass ich wusste, was aK bedeutet. Aus meiner Reaktion leitete er ab, dass ich schwul sein müsse. Das war ein Test, wie mir Thomas "Tom" Müller, der Journalist, später erzählte, um herauszufinden, ob der neue Stellenleiter auch "zur Familie" gehöre. So "enttarnte" man zu jener Zeit andere Schwule, die nicht offensichtlich als solche zu erkennen waren.
Wir freundeten uns an und diskutierten gelegentlich über die Situation von Schwulen und Lesben im Thurgau. Ende der 1990er Jahre existierten dort nur wenige nicht öffentliche Treffpunkte. Es gab die HOT (Homosexuellen Organisation Thurgau) und die LUST (Lesben und Schwule Thurgau). Erstere pflegte regelmässige Treffs in Frauenfeld, letztere kämpfte von Beginn weg mit Ressourcen-Problemen und bot kaum Begegnungsmöglichkeiten. Viele Schwule wendeten sich Konstanz oder, noch häufiger, Zürich zu, oder wanderten ganz ab in die Städte.
Tom und ich diskutierten öfter über diese Situation und wie sie zu ändern wäre. Schliesslich brachte uns ein Gespräch über schwule Filme auf eine Idee. Tom meinte, dass er gerne Filme mit schwuler Thematik auf der Kinoleinwand sehen möchte. Damals kamen solche Filme kaum ins Kino. Verleiher und Kinobesitzer waren wohl der Meinung, das wolle niemand sehen. Solche Filme kaufte oder lieh man sich als VHS-Kassette und schaute sie zuhause an. Ich meinte, dass ich gerne wüsste, wo im Thurgau diese fünf bis zehn Prozent Schwule und Lesben wären, von denen man annahm, dass es sie geben müsse. Daraus entwickelte sich die Idee, ein Filmfestival zu schaffen.
Daniel Bruttin, April 2022