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Maurice Martin, Junggeselle aus Überzeugung und Besitzer einer ansehnlichen Zuckerrohrplantage, war für seine Launen ebenso bekannt wie für die Wucht seines Stimmorgans. Wenn er aus dem Fenster seines Landhauses Befehle an seine Angestellten brüllte, dann fielen die Mangos in Massen von den Bäumen. So will es jedenfalls die Legende. Und in manchen Bars der Insel findet man auch tatsächlich einen Mango-Rum-Drink auf der Cocktail-Karte, der den schönen Namen «La Pluie Martin» trägt – eine Anspielung auf den von Martins gewaltigem Bass provozierten Mangoregen.
Wer für Maurice Martin arbeitete, brauchte starke Nerven. Auf der Plantage wie im Haus war seine Stimme allgegenwärtig - ein ständiges Donnern, das fluchte und zurechtwies, befahl und korrigierte, antrieb und verlangte. Martin hatte die Fünfzig wohl schon überschritten als eine junge Köchin namens Manon in seine Dienste trat – eine dunkelhäutige Schönheit mit einem blauen und einem grünen Auge, die ausserdem eine Reihe ausgezeichneter Speisen zu bereiten verstand. – Vielleicht war es Manons Anmut, vielleicht auch ihr Geschick am Herd, die ein wahres Wunder bewirkten: War nämlich Manon in der Nähe, hielt Martin seine Launen und seine Stimme zurück. Kein Wunder, war die junge Köchin bald im ganzen Haus beliebt. Einige Wochen ging das gut so, sehr gut sogar: Wo früher Martins Brüllen die Luft zum Zittern und die Räume in Aufruhr gebracht hatte, kehrte nun eine heitere Ruhe ein.
Dann aber kam das Erntedankfest und Maurice Martin, der sich sonst – wie alle Choleriker äusserst strengen Regeln folgend - immer erst nach dem Abendessen ein kleines Gläschen Rum gönnte, war schon am Mittag ziemlich betrunken. Und dann geschah, was die Pessimisten unter Martins Angestellten längst vorausgesehen hatten: Mit einer Flasche Rum und einem etwas zerknautschten Sträusschen aus Blüten der Schmetterlingserbse betrat der Gutsherr die Küche, befahl allen mit Ausnahme von Manon den Raum zu verlassen und machte der jungen Köchin, schwankend aber immerhin mit leiser Stimme, einen Heiratsantrag.
Nein sagen konnte Manon nicht, denn sie wusste um das aufbrausende Temperament ihres Patrons. Doch auch als sie sich eine wenig Zeit erbat, die Sache zu überdenken, verlor Maurice Martin die Contenance: Er drängte sie gegen den Küchentisch, drückte ihr das blaue Sträusschen an die Brust und einen Kuss auf den Mund. Dann schwankte er zurück, um das Ergebnis seiner kleinen Attacke zu besehen. Manon stand wie versteinert da und starrte auf die blauen Blüten, die langsam von ihrem Busen zu Boden glitten. Da setzte Martin zu einer neuen Offensive an. Betrunken wie er war verfehlte er die begehrten Lippen nun um etwa einen halben Meter und torkelte ins Leere. Manon entwich, rannte aus der Küche und raste davon.
Am nächsten Tag tat Martin, als sei nichts geschehen. Auch Manon stand pünktlich in der Küche und rüstete Gemüse für das Mittagessen – den Blick vielleicht etwas tiefer zu Boden gesenkt als sonst. Alles schien wie zuvor. Die Hausangestellten, denen der kleine Zwischenfall nicht entgangen war, atmeten auf. Erst einige Tage später machten sich erste kleine Veränderungen bemerkbar. Martin hatte die Speisen, die Manon für ihn kochte, bisher immer mit grösstem Lob bedacht. Nun aber hatte er plötzlich etwas an ihrer Küche auszusetzen: Da war ihm ein Stück Fleisch zu hart, dort hatte es zu wenig Salz in der Suppe. Seine Nörgeleien wurden mehr und mehr, ja auch seine Stimme wurde immer öfter laut wie in früheren Zeiten. Manons Küche hatte sich nicht verändert - aber ihm schienen die Speisen plötzlich gar nicht mehr zu schmecken. Mehrmals liess er das Essen sogar unberührt stehen. Eines Abends, Manon hatte eines ihrer delikatesten Reisgerichte gekocht, rief er sie mit wütender Stimme herbei. Und als die junge Köchin den Speiseraum betrat, warf er seinen gefüllten Teller nach ihr. Er traf sie an der Schulter. Manon las die Scherben auf und verliess schweigend den Raum.
Am nächsten Tag dann wartete Maurice Martin, die Serviette um den Hals gebunden, vergeblich auf sein Mittagessen. Wutentbrannt stand er schliesslich auf und stürmte schnaubend in die Küche. Manon war nicht da und auch sonst war niemand zugegen. Auf dem Herd indes stand ein Topf und ein wunderbar nussiger Duft füllte den Raum. Als Martin näher an den Herd trat, hörte er ein Geräusch wie von prasselndem Regen, das aus dem Innern des Topfes zu kommen schien. Neugierig hob er den Deckel.
Seit jenem Tag hat niemand mehr Maurice Martin schreien oder fluchen gehört. Denn was ihm in Manons Küche widerfuhr, war ein solcher Schrecken für ihn, dass es ihm auf alle Zeiten die Stimme verschlug. In dem Topf nämlich hatte die schöne Köchin Lopop (braune Senfsamen) zum Rösten aufgesetzt– und als Martin den Deckel hob, sprangen ihm die aufgeplatzten Samen zu Tausenden wie kleine, warme Geschosse ins Gesicht.
Diese Geschichte von Manon, dem lauten Martin und den platzenden Lopop-Samen ist als «La vengeance de Manon» («Manons Rache») in das Legendenreich der Insel eingegangen. Und zur Legende gehört auch ein Reisgericht gleichen Namens: La vengeance de Manon.
In manchen Versionen der Legende drückt Martin der schönen Manon statt der Erbsen-Blüten eine Orchidee an die Brust. Uns gefällt jedoch die Version mit den Erbsen-Blüten besser – zumal diese eher unscheinbaren Schönheiten sonst kaum je zu literarischen Ehren kommen.
First Publication: 12-2007
Modifications: 16-4-2009