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Robert Schweer studierte Theater- und Veranstaltungstechnik in Berlin und wurde nach Abschluss seiner Ausbildung Werkstätten- und Produktionsleiter am Theater Basel. Seit 1998 arbeitet Schweer als freischaffender Bühnenbildner mit unterschiedlichsten Regisseur*innen an verschiedenen internationalen Häusern. Nachdem er in der Spielzeit 22/23 am Luzerner Theater das Bühnenbild für «Das Versprechen» gestaltete und die Kostüme gemeinsam mit Zoé Brandenberg entwarf, kehrt er in dieser Spielzeit als Bühnenbildner für die Oper «Hänsel und Gretel» an das Haus zurück.
Lieber Robert, du gestaltest die Bühne für die Oper «Hänsel und Gretel». Welche Assoziationen hast du zu diesem Märchen?
Ich bin eigentlich nicht mit Märchen aufgewachsen - meine Eltern hielten das für erzieherisch nicht sinnvoll. Aber sie haben mich in die Deutsche Oper Berlin mitgenommen, wo ich «Hänsel und Gretel» gesehen habe. Bei dem Stück denkt man vor allem an das Knusperhäuschen der Hexe. Ausserdem frage ich mich, was das für Eltern sind, die ihre Kinder in den Wald schicken und aus welcher Situation das kommt: Armut und Hunger. Die Eltern schicken ihre Kinder in den Wald, weil sie sie nicht mehr ernähren können. In den Märchen der Gebrüder Grimm wird vieles brutal auf die Spitze getrieben. Man denke auch an das Bild und die Rezeption der Hexe, die sich in den letzten Jahrhunderten sehr verändert hat: Diese Figur der Hexe mit dem Raben auf der Schulter und der hässlichen Nase ist nicht mehr zeitgemäss. Man muss sich dazu verhalten.
Was waren deine ersten Erfahrungen mit Theater?
Ich muss ganz ehrlich sagen: Obwohl ich zum Beispiel «Hänsel und Gretel» in der Oper oder den «Nussknacker» als Ballett gesehen habe, hatte ich als Kind keinen grossen Spass am Theater. Ich war zwar im GRIPS-Theater in Berlin, aber die Faszination kam erst später. Kino fand ich als Kind immer viel cooler.
Wie bist du Bühnenbildner geworden?
Ich komme aus einem technokratischen Elternhaus und konnte mir lange Zeit keinen künstlerischen Beruf vorstellen. Über Umwege bin ich dann auf den Studiengang Theater- und Veranstaltungstechnik in Berlin gestossen. Das war damals ein ganz neuer Studiengang, der Themen wie Bühnenbild und Dramaturgie mit Maschinenbau und Lichttechnik verband. Ich dachte, das wäre eine interessante Brücke zwischen meinem technikaffinen Background und dem Drang nach künstlerischer Verwirklichung. Mit diesem Studium begann mein Interesse am Theater. Die Motivation, als Bühnenbildner zu arbeiten, kam aber erst später: Nach dem Studium habe ich drei Jahre am Theater Basel als Werkstätten- und Produktionsleiter gearbeitet – also die Ideen anderer Bühnenbildner*innen realisiert. Ich habe viel gelernt, aber irgendwann gemerkt, dass mich viele der Entwürfe nicht interessieren. Ich wollte versuchen, es selbst besser zu machen. Mit jungen Regisseur*innen, die ich am Theater kennengelernt habe, konnte ich erste Schritte machen. Das Gefühl, etwas selbst Entworfenes auf der Bühne umgesetzt zu sehen, hat mich motiviert, weiter in Richtung Bühnenbild zu gehen.
Wie frei ist man bei der Gestaltung der Bühne für eine Inszenierung?
Am Anfang treffen wir uns im Leitungsteam mit dem*der Regisseur*in, dem*der Kostümbildner*in und dem*der Dramaturg*in und besprechen, was am Stück für uns interessant ist. Ich versuche dann, einen ästhetischen Ausdruck zu entwickeln, der unserer Interpretationslinie des Stoffes entspricht und eine Welt zu schaffen, in der der Regisseur oder die Regisseurin glaubt, das Stück erzählen zu können.
Bei «Hänsel und Gretel» arbeitest du mit dem Regisseur Dirk Schmeding zusammen – und das nicht zum ersten Mal. Warum funktioniert eure Zusammenarbeit so gut?
Wir haben das erste Mal vor etwa vier Jahren zusammengearbeitet. Dirk hat mich angesprochen, weil er eine Arbeit von mir gesehen hat. Wir haben uns super verstanden und beschlossen, in Augsburg die deutsche Erstaufführung einer zeitgenössischen Oper zu machen: «Solaris» von Dai Fujikura. Obwohl ich Dirk noch nicht kannte und noch nie an diesem Haus gearbeitet hatte, sagte ich zu, weil ich den Stoff sehr inspirierend fand. Die Zusammenarbeit war überaus fruchtbar und schön. Wir sind beide in der Lage, eine verrückte Fantasie zu entwickeln, haben eine grosse Lust am Theater und wollen, dass auf der Bühne etwas Sensationelles, Spektakuläres passiert. Wir können uns gut über ästhetische Konzepte unterhalten und verstehen schnell, was der andere meint.
Wie hast du dich auf die Oper vorbereitet?
Gerade bei einer Oper hört man sich gemeinsam die Musik an und sucht darin nach szenischen Wendepunkten. Bei «Hänsel und Gretel» gibt es zum Beispiel bestimmte Orte, die in der Oper behandelt werden. Die sind auch in die Musik eingewoben: Der Komponist schreibt eine andere Musik, wenn die Szene abends im Wald spielt oder zu Hause bei Mutter und Vater. Als Bühnenbildner versuche ich, diesen Effekt zu verstärken. Wenn wir herausgefunden haben, was uns besonders an einem Stück interessiert, suche ich in meiner Bibliothek und anderen Quellen nach inspirierenden Bildern. Ich sammle alles, was mich irgendwie an «Hänsel und Gretel» erinnert. Dieses Material sortiere und verdichte ich so lange, bis ich das Gefühl habe, dass in mir eine Idee reift. Dann verabschiede ich mich von dem Ganzen und schaffe etwas Eigenes – etwas, das den restlichen Kolleg*innen Lust macht, sich auf die gleiche Reise zu begeben. Bei Themen wie «Hänsel und Gretel» hilft es auch, meine Kinder nach Assoziationen zu fragen. Ich tausche mich auch viel mit meiner Frau aus, die ebenfalls Bühnen- und Kostümbildnerin ist.
In der Inszenierung des Luzerner Theaters sind Kreidezeichnungen auf der Bühne zu sehen. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Dirk und mir war schon früh klar, dass wir die Inszenierung unter anderem von Kindern erzählen lassen wollten. Wir fanden es schade, dass der Kinderchor im Stück nur am Schluss auftritt und wollten ihm eine grössere Rolle geben. So haben wir nach einer ästhetischen Form gesucht, die zu einer kindlichen Darstellung der Geschichte passt. Da sind wir sehr schnell auf Kreidezeichnungen gekommen. Das Schöne ist, dass die Kinder während der Oper selbst am Bühnenbild mitarbeiten. Das passt auch zum Thema Kinderarbeit im Stück: Die Mutter schimpft mit Hänsel und Gretel, weil sie spielen, statt Besen und Bürsten zu binden.
Du arbeitest als freischaffender Bühnenbildner an verschiedenen Theatern. Wie unterscheidet sich das Luzerner Theater von anderen Häusern?
Das Luzerner Theater ist ein sehr kleines Haus. Das hat grosse Vorteile: Man schafft eine unglaubliche Intimität, weil das Publikum nahe an den Sänger*innen ist. Die technischen Möglichkeiten sind jedoch eingeschränkt: Man kann nicht die Opulenz erreichen, die man von anderen Häusern kennt. Man muss sich darauf einlassen und einen ästhetischen Weg suchen, der trotz der reduzierten Mittel grosse Bilder schafft. Das hat man in der Diskussion um den Neubau erkannt. Es ist der Wunsch des Architekten – und hoffentlich auch der Luzerner Bevölkerung – ein flexibleres Theater zu schaffen.
Du hast am Luzerner Theater auch schon als Kostümbildner gearbeitet. Wie bist du dazu gekommen, diese beiden Berufe zu kombinieren?
Ich arbeite nur in Ausnahmefällen als Kostümbildner – ich bin Bühnenbildner und sehe mich auch so. Aber es gibt immer wieder Produktionen, bei denen ich Lust habe, beide Ausdrucksfelder in die Hand zu nehmen. Das war auch bei «Das Versprechen» der Fall, wo ich zusammen mit Zoé Brandenberg die Kostüme entworfen habe. Das sind verwandte Bereiche, weil man die ästhetische Gestaltung für die Umsetzung eines Stoffes sucht und das Hand in Hand gehen muss.
Was unterscheidet die Inszenierung von «Hänsel und Gretel» am Luzerner Theater von anderen Produktionen?
Wir geben den Kindern eine viel grössere Bedeutung für den Fortgang der Handlung. Wir machen kein Kindertheater – die Kinder erzählen eine Geschichte für Erwachsene und Kinder. Ich glaube, das ist der grösste Unterschied zu den «Hänsel und Gretel»-Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe: dass der Zauber des Märchens durch und mit den Kindern erzählt wird.