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Nara – in Japans alter Kaiserstadt
Etwa 40 Kilometer südlich von Kyoto und 30 Kilometer östlich von Osaka auf der japanischen Hauptinsel Honshū liegt Nara. Der Name der Stadt ist in Europa wenig bekannt, mit rund 380’000 Einwohnern ist sie kleiner als Zürich. Trotzdem besitzt Nara für die japanische Geschichte grosse Bedeutung. Im 8. Jahrhundert war es die Hauptstadt des Landes, ehe Kyoto diese Funktion übernahm. Heute wird die Stadt wegen ihrer zahlreichen historischen Tempel und anderer Sehenswürdigkeiten gerne besucht.
Zwischen 710 und 784 n. Chr. bildete Nara das politische Zentrum Japans. Damals hiess die Stadt Heijō-kyō und war die Metropole des Landes. Rund 200’000 Menschen sollen hier gelebt haben, darunter 10’000 Beamte. Die sogenannte Nara-Zeit war für Japan eine Ära des Um- und Aufbruchs. Während die japanische Gesellschaft noch ganz überwiegend ländlich strukturiert und vom Shintoismus geprägt war, orientierte man sich in Nara an chinesischen Vorbildern. Dazu gehörte die Übernahme der chinesischen Schrift ebenso wie der Buddhismus, der hier Einzug hielt. Dies erklärt die heute ungewöhnlich grosse Anzahl buddhistischer Tempel in Nara. In der Nara-Zeit ist auch der Beginn japanischer Literatur anzusiedeln.
Rekonstruiert: die alte Kaiserstadt
Heijō-kyō bedeutet „Kaiserliche Residenzstadt Friedensburg“; diese erstreckte sich in einem streng geometrischen Schachbrettmuster auf der Fläche des heutigen Nara. Das eigentliche Gelände des früheren Kaiserpalastes ist heute eine archäologische Ausgrabungs- und Ruinenstätte. Nach der Aufgabe Naras als Hauptstadt verfiel der Palastkomplex im Laufe der Jahrhunderte, so dass nur Ruinen blieben. Einige zentrale Gebäude und Elemente des Palastes wie die Eingangshalle – Suzaku-mon –, die Audienzhalle und der östliche Palastgarten wurden inzwischen rekonstruiert, so dass sich Besucher heute eine Vorstellung vom Aussehen der kaiserlichen Residenz machen können.
Buddhistische Tempel und Shinto-Schreine
Naras Wahrzeichen sind aber die buddhistischen Tempel, die nach wie vor das Bild der Stadt prägen. Sie blieben auch nach dem Ende der Hauptstadt-Zeit mächtig und einflussreich. Nara hatte daher noch lange eine bedeutende Stellung in Japan, auch als die Kaiser die Stadt verlassen hatten. Die Tempel bilden heute zusammen mit den Resten der kaiserlichen Residenz einen Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.
Der älteste ist der Gangō-ji, dessen Ursprünge auf das 6. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen und der als erster buddhistischer Tempel Japans überhaupt gilt. Eindrucksvoll zeigt sich auch der Tōdai-ji, der eine riesige Buddha-Statue beschützt. Die Haupthalle, die die Statue überdacht, ist der grösste Holzbau weltweit. Rund 140’000 Kubikmeter umschliesst das Gebäude. Zu dem Tōdai-ji gehört auch der Nigatsu-dō, die sogenannte Halle des zweiten Monats, ein schönes Ensemble von weiteren Bauten im Bereich des Tempels.
Einen ganz eigenen Tempelkomplex präsentiert auch der Kōfuku-ji. Er besteht aus drei Haupthallen und zwei Pagoden. Der Kasuga-Taisha ist dagegen ein Shinto-Shrein, der sich in seiner Anlage deutlich von den buddhistischen Tempeln unterscheidet. Tōdai-ji, Kōfuku-ji und der Kasuga-Taisha-Schrein liegen alle auf dem Gelände des Nara-Parks, der wegen seiner freilaufenden Hirsche und der – in Japan überall gern gesehenen – Kirschblüte beliebt ist.
Orte religiöser Zeremonien
Trotz sehr unterschiedlicher Wurzeln und Vorstellungen sind Buddhismus und Shintoismus in Nara häufig Verbindungen eingegangen. So gibt es auch in buddhistischen Tempeln Shinto-Schreine, und Shinto-Gottheiten werden als Beschützer von Buddha-Statuen verehrt. Jede Tempelanlage hat ihren eigenen Charakter. Die Tempel sind dabei nicht nur Museen, sondern nach wie vor Orte religiöser Verehrung und Zeremonien. Von daher überrascht es nicht, dass viele religiöse Feste das ganze Jahr über den Terminkalender in Nara bestimmen.
Yamayaki – jährliches Feuerspektakel
Wer sich für traditionelle japanische Gartenkunst interessiert, sollte den Isuen-Garten besuchen, einen traumhaften Ort in Nara. Er stellt eine gelungene Symbiose von Pflanzen, Bäumen, Wasser und Bauwerken dar und vermittelt eine ausgesprochen friedliche und meditative Stimmung. Einen guten Blick auf die Stadt hat man vom Berg Wakakusa aus, mit gut 340 Metern Höhe eher ein Hügel. Er ist Schauplatz einer der spektakulärsten Veranstaltungen in Nara, der sogenannten Grasverbrennungszeremonie (Yamayaki). Jedes Jahr am zweiten Montag im Januar findet dieses inszenierte Feuer, das von einem Feuerwerk begleitet wird, vor nächtlicher Kulisse statt – ein beeindruckendes Schauspiel, das Nara im wahrsten Sinne des Wortes in einem anderen Licht erscheinen lässt. Die Veranstaltung soll auf einen Grenzstreit zwischen zwei Tempeln im 18. Jahrhundert zurückgehen.
Mehr Vergangenheit im Nationalmuseum
Wer noch mehr von der buddhistischen Vergangenheit Naras und Japans erfahren möchte, sollte das Nara-Nationalmuseum besuchen. Es ist ein Ensemble von Gebäuden aus unterschiedlichen Zeiten. Der zentrale ursprüngliche Museumsbau entstand Ende des 19. Jahrhunderts im französischen Neorenaissance-Stil. Andere Teile sind moderner. Das Museum zeigt buddhistische Kunst und Kultgegenstände, bevorzugt aus den Tempeln der Stadt und Umgebung. Nara ist ein historischer Ort. Wer sich auf die Suche nach den Ursprüngen japanischer Geschichte machen möchte, kommt an Nara nicht vorbei.
Oberstes Bild: Isuien and Nandaimon in Nara (© Kimon Berlin, Wikimedia, CC)