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Acht chinesische Skilehrer werden sich in diesem Winter auf Schweizer Skipisten weiterbilden lassen. Schweiz Tourismus hat sie eingeladen, um das wachsende Interesse der Chinesen am hiesigen Schneesport zu fördern. swissinfo.ch hat in China zwei von ihnen vor deren Reise in die Alpen getroffen.
Bei einem mongolischen Fondue lernen wir uns kennen, in Xiwanzi, Hauptort des Distrikts von Chongli. Der Ort liegt rund 250 km nordwestlich von Peking im Yin-Gebirge. Das Massiv trennt die grosse chinesische Ebene im Norden Chinas von der mongolischen Steppe. Wir befinden uns an der Strasse, auf der früher Dschingis Khans Reiter während der Eroberung Chinas vorbeizogen.
Heute preist Chongli seine Wintersportorte, und zwar unter dem Namen "Davos des Orients". Hier ist der 25-jährige Xu Zhongxing aufgewachsen. Er und sein 23-jähriger Kollege Liu Jinyu gehören zu jenen acht chinesischen Skilehrern, die ausgewählt wurden, den Winter in den Schweizer Alpen zu verbringen.
Eine Woche vor ihrer Abreise können die Beiden, die China noch nie in ihrem Leben verlassen haben, ihre Neugier auf die Alpenwelt nicht verstecken. Ob sie wohl einen Reiskocher mitnehmen sollten? Käse-Fondue oder Raclette haben sie noch nie gegessen, aber sie freuen sich, es auszuprobieren. "Wir werden uns so gut wie möglich an die lokale Kost anpassen", sagt Jinyu.
Skifahren in China
Schweiz Tourismus schätzt die Zahl der aktiven Skisportler in China auf 5 bis 10 Millionen. Skistationen sind in China in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen.
Die meisten befinden sich im Norden von Peking, in der Mandschurei und im Tian Shan Gebirge, der autonomen Region Xinjiang.
Im Allgemeinen befinden sich die Skistationen in mittleren und unteren Höhenlagen. In Yabuli liegt der höchste von den Sportbahnen erschlossene Punkt auf 1374 Metern über Meer. Die Station Wanlong im Distrikt von Chongli erstreckt sich bis auf 2110 m ü. M. Im Norden von Peking behilft man sich in grossem Umfang mit der Herstellung von künstlichem Schnee.
Die Skigebiete sind noch nicht sehr ausgedehnt und für angrenzende Stationen gibt es oft kein Pauschalangebot. Deshalb bleiben die Skifahrer selten länger als zwei Tage am gleichen Ort.
Auf den Pisten von Wanlong ist das durchschnittliche Fahrniveau der Skifahrer eher schwach, im Unterschied zur Qualität der Ausrüstung: Skianzüge nach dem "letzten Schrei", Walkie-Talkie, Helm-Kamera – für die betuchte Pekinger Jugend ist nichts schön genug.
Die Erwartungen der chinesischen Ski-Schüler unterscheiden sich von jenen der Ausländer, sagt Skilehrer Liu Jinyu aus Yabuli. Während letztere Fortschritte machen wollen, begnügen sich die Chinesen damit, einen schönen Moment zu erleben, ohne sich zu verletzen, das sei alles. Oft vertraut sich nur die ältere Generation den Skilehrern an, während sich der Rest der Familie den eigenen Rhythmus vorgibt.
Später Anfang
Auch Jinyu ist mit dem Skisport durch die geografische Lage seines Geburtsorts verbunden. Er ist in der Region von Yabuli in der Mandschurei aufgewachsen, im grossen Khingan Gebirge. Dort, wo übrigens der Club Méditerranée 2008 sein erstes Etablissement im Reich der Mitte eröffnet hat, ist Jinyu Skilehrer geworden.
Zhongxing, dessen Vater Bauingenieur ist, hat eine jüngere Schwester. Jinyu ist der Sohn von Gemüsegärtnern. Seine Eltern produzieren Erdbeeren, Trauben und bewirtschaften eine Baumschule. Jinyu und seine beiden jüngeren Schwestern beteiligen sich auch an der Arbeit auf dem Feld. Die beiden Familien haben es – wie viele andere auch im ländlichen China – mit der chinesischen "Ein-Kind-Politik" nicht so genau genommen.
Vielleicht hat es das Schicksal gewollt, dass Zhongxing und Jinyu in den Wintersportorten zur Welt kamen, aber das familiäre Umfeld hat die Beiden nicht für das Skifahren motiviert. Jinyu ist erst mit 15 Jahren zum ersten Mal auf die Bretter gestiegen, ohne dass die Eltern davon wussten. Sein Cousin hatte ihm ein paar alte Skis geliehen, mit denen er einen Hügel in der Nähe seines Zuhauses hinunter fuhr.
"Eine nutzlose Tätigkeit"
Obwohl man in Yabuli im Winter nicht viel anderes machen kann, als sich im Schnee zu vergnügen, ist Skifahren in den Augen der Eltern eine nutzlose und kostspielige Zeitverschwendung. Nichts kann das Studium und die schulische Strebsamkeit ersetzen. Deshalb übt Jinyu während zweier Jahre im Versteckten. Erst als er mit 17 Jahren Skilehrer wird, beginnen seine Eltern zu begreifen, dass man mit dem Beruf Geld verdienen kann.
Zhongxing hat mit dem ersten Versuch sogar bis zum 21. Altersjahr gewartet. Als 1990 die erste Skistation von Chongli eröffnet wurde, betrachtete die ländliche Gesellschaft Chinas das Skifahren als Luxussport für wohlhabende Müssiggänger aus Peking, die am Wochenende ihr Geld verschleuderten. Deshalb begnügten sich Zhongxing und seine Kameraden damit, auf einem improvisierten Schlitten die Hügel hinunter zu gleiten.
Zhongxing hat in der düsteren Industriestadt Qinhuangdao in der Ebene von Hebei ein "Englisch-Studium für Touristen" absolviert. Als man ihn fragte, woher er komme, beschreibt er Chongli als eine Stadt, wo man Ski fährt. Dabei wird ihm erst bewusst, dass er selber noch nie auf Brettern gestanden war. Aber als ihm 2009 während der chinesischen Neujahrs-Ferien ein Kollege ein Billet für den Skilift schenkt, versucht er endlich selber Ski zu fahren.
Der Virus, trotz Muskelkater
Nach einigen ziemlich überzeugenden Versuchen am Anfänger-Hang, wagt sich der künftige Skilehrer, mit der Sesselbahn ganz nach oben zu fahren. Die erste Abfahrt auf der Piste ist beschwerlich und mit zahlreichen Stürzen verbunden. Ein über Tage dauernder Muskelkater ist die Folge davon, aber der Virus hat ihn gepackt. Während den Semesterferien 2010 absolviert er einen 4-wöchigen Intensivkurs zur Erlangung des Skilehrerdiploms.
Jinyu hat das Diplom auf eher natürlichem Weg erlangt. Sein Albtraum an der Schule war das Fach "Englisch", dessen Sinn er damals nicht erkannte und deshalb das Studium aufgab. Erst als er zum Club Méditerranée stiess, begann er die Wichtigkeit der Sprache Shakespeares zu begreifen und beeilte sich, den Grundstock der englischen Kommunikation zu lernen. Die Angestellten des Touristik-Unternehmens kommen aus allen Ecken der Welt, wie auch dessen Klientel.
Für Zhongxing lag der Berufsentscheid weniger klar auf der Hand. Seine Universitäts-Kollegen übernahmen nach dem Studium alle eine öffentliche Funktion. Auch heute noch sind seine Eltern der Meinung, dass es keine bessere Karriere gebe als jene eines Staatsbeamten. "Ich habe eigene Überzeugungen und werde beweisen, dass man auch Erfolg haben kann, wenn man seinen Weg geht", sagt er. Eine Funktionärs-Stelle, eine Wohnung und ein Auto, dies seien nicht die einzigen erstrebenswerten Dinge.
"Die Welt kennenlernen"
Zhongxing und Jinyu waren von Freunden auf das Angebot aufmerksam gemacht worden, für eine Ski-Saison in die Schweiz zu fahren: Die Chance, einen Traum zu verwirklichen, in den Alpen Ski zu fahren, einige Monate im Ausland zu verbringen, die Welt zu sehen. Diese Gelegenheit liessen sich die Beiden nicht entgehen. Ab Anfang Dezember gehören sie zur 8-köpfigen chinesischen Delegation – darunter eine einzige Frau, die von ihren Kollegen "Schneewittchen" genannt wird –, die bis Ende März 2014 auf Schweizer Skipisten fortgebildet wird.
Jinyu wird den Winter in St. Moritz, Zhongxing in Grindelwald verbringen. In ihrer Freizeit wollen sie sich gegenseitig besuchen. Jinyu hat bereits eine Fahrt mit dem Glacier-Express vorgesehen, Zhongxing den Erwerb von Schweizer Uhren und Taschenmesser. Aber am meisten freuen sie sich auf die alpinen Skipisten.
Das Projekt von Schweiz Tourismus
Schweiz Tourismus hat 8 chinesische Skilehrer vom 8. Dezember 2013 bis 31. März 2014 in die Schweiz eingeladen. Sie werden auf 8 Wintersportorte verteilt und absolvieren dort in den Skischulen ein Praktikum. Sie nehmen auch an technischen und methodologischen Weiterbildungsprogrammen in St. Moritz teil.
Ausgewählt wurden jene Schweizer Wintersportorte, die in der Saison 2013/2014 am meisten chinesische Gäste beherbergen: Davos, Engelberg, Grindelwald, Gstaad, St. Moritz, Verbier, Villars und Zermatt. Während des Projekts werden die Skilehrer eine Smartphone-Applikation mit Inhalten füllen, die sich mit Skilektionen und Online-Ratschlägen an ein chinesisches Publikum richten.
Ziel des Projekts sei es einerseits, das chinesische Publikum mit dem Wintersport vertraut zu machen, sagt Batiste Pilet, der bei Schweiz Tourismus für den chinesischen Markt verantwortlich ist. Es gebe ein wachsendes Interesse für den Schneesport, aber auch viel Unwissen darüber im Reich der Mitte. Andererseits gehe es darum, das Image des Skifahrens mit der Schweiz als Tourismusland zu verbinden.
Schweiz Tourismus rechnet damit, dass die von Chinesen für den Wintersport gebuchten Übernachtungen jährlich um rund 1000 zunehmen werden. Eine zu starke Zunahme sei nicht erwünscht, weil chinesische Gäste manchmal andere Erwartungen hätten und man den Skistationen Zeit lassen müsse, sich anzupassen, sagt Pilet.
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch