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Bevor Sie sich jetzt wegen des Titels aufregen und gleich einen scharfen Kommentar verfassen, halten Sie kurz inne und stellen Sie sich ganz entspannt die Frage: Gibt es ein verbrieftes Recht, dass man als Geldgeber Anrecht auf Zinsen hat?
Oder etwas weniger prosaisch: Ist der Anspruch auf Zinsen gottgegeben?
Sie finden solche Sinnfragen im Zusammenhang mit Negativzinsen unangemessen? Nun gut, zumindest ist die Phase des Zinses in der gesamten Geschichte des Geldes die Ausnahme und nicht die Regel.
Geld in unserer heutigen Vorstellung entstand rund 1000 v. Chr., als die Chinesen Spaten aus Bronze für Zahlungen zu nutzen begannen, gefolgt von richtigen Münzen bei den Lyder um 700 v. Chr. mit ihrem Elektron.
Seit dieser Zeit waren Zinsen bis in die 1500er Jahre unüblich, moralisch verwerflich oder gar verboten. Sowohl im Christentum als auch im Judentum und im Islam.
Das begann schon bei Moses („Du sollst nicht Zinsen von ihm nehmen“) bis zum kanonischen Recht, das Zinseinnahmen als Raub deklarierte. Erst um 1500 wurde das Zinsverbot aufgehoben, jedoch 1548 mit einem Höchstzins von 5 Prozent für Christen und Juden gedeckelt.
Wenn also zum grössten Teil der Geschichte des Geldes Zinsen unüblich waren, darf der Anspruch auf einen positiven Zins zumindest in Frage gestellt werden. Dies rechtfertigt aber noch keinen negativen Zins.
Das Konzept des Kredits ist wohl die genialste Erfindung seit dem Entstehen des Geldes. Nur damit können ungenutzte Gelder anderweitig produktiv zugeteilt werden. Es scheint intuitiv logisch, dass man dafür einen Preis verlangt und ihn auch erhält.
Weshalb überlässt man überhaupt jemand anderem sein Kapital? Logischerweise nur, weil man davon ausgeht, dass dieser „jemand“ einen höheren Ertrag mit diesem Geld erzielt, als man selbst.
Man fordert also ein Entgelt dafür ein, dass jemand anders eine bessere Idee hat – oder weil man selbst gar produktive Idee hat.
Die Hypothese für diese Annahme ist, dass es eine entsprechend grosse Nachfrage für dieses Kapital gibt. Die Sparer und Investoren gehen deshalb davon aus, dass ihnen der Kreditnehmer einen Zins bezahlen muss.
In jedem klassischen Ökonomiebuch wird Kapital neben Boden und Arbeit als Produktionsfaktor definiert und muss deshalb einen Preis haben – als wäre es ein Axiom.
Die Grundsatzfrage, die sich die Apologeten des Zinskonzeptes stellen könnten, ist, ob wirklich alles immer so bleiben muss, nur weil es in der Vergangenheit entsprechend der Fall war.
Es sind ja nicht nur die Zentralbanken, die mit der ultra-lockeren Geldpolitik zu Geldschwemme beitragen, sondern auch die demographische Entwicklung. Die Menschen werden immer älter und sparen entsprechend.
Gemäss OECD hat beispielsweise die Sparquote der privaten Haushalte in der Schweiz von 14 Prozent der verfügbaren Einkommen im Jahr 2000 auf zuletzt 18 Prozent zugenommen.
In anderen Ländern ist die Entwicklung ähnlich, wenn auch auf tieferem Niveau. So in Deutschland von 9 auf 11 Prozent oder in den USA von 5 auf 7 Prozent.
Dies führt zu einem Überhang an Kapital, weil auf der anderen Seite durch die Digitalisierung, Effizienzsteigerungen und Optimierungen laufend eine Abnahme der Nachfrage nach Kapital stattfindet – und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht.
Beispielsweise dürfte es in 10 Jahren deutlich weniger Rechtskanzleien geben. Alle Gesetzestexte sind vorhanden und werden weiter ergänzt. Algorithmen können so programmiert werden, dass fast alle Fragen von einem System beantwortet werden können.
Weshalb benötigt es da noch Millionen von Anwälten? Wozu braucht es noch Kapital, um Investitionen in Advokaturen zu tätigen und Menschen zu beschäftigen? „Google Law“ wird es richten.
Bei den bisherigen drei industriellen Revolutionen wurden obsolet gewordene Berufe durch neue ersetzt. Dem Postkutscher folgte der Lokführer, die einzeln tätigen Handwerker wurden am Fliessband vereinigt, diese Arbeiter wurden durch Roboter ersetzt – jede dieser Umwälzungen benötigte Kapital.
Diese Wirkungskraft hat sich umgekehrt. Heute liefert der Kunde seine Daten freiwillig in den sozialen Medien und wirkt kostenlos an wirtschaftlichen Prozessen mit.
Dieser Tage übernimmt der Bankkunde die Arbeit des Bankangestellten, indem er Zahlungen erfasst und Börsenaufträge selbst eingibt. Und von grossen Investitionen in die IT-Infrastruktur ist nichts zu sehen.
Im Coop scannt der Kunde selbst ein, am Flughafen checkt der Passagier selbst ein. Sie kennen das.
Wir sind auf dem Weg von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft eigentlich bei der Selbstdienstleistungsgesellschaft angekommen.
Als Indiz dafür, welche Wirtschaftszweige boomen, lohnt sich ein Blick auf den Arbeitsmarkt, wo Personal stark nachgefragt wird, beziehungsweise fehlt – Stichwort Fachkräftemangel.
Gemäss Statistik ist dies eindeutig im Gesundheitswesen der Fall (Ärzte, Pflegepersonal, Spitex), einer Branche, die wenig Kapital benötigt. Klar wird ab und an ein Spital gebaut. Dies wird jedoch meistens durch Steuergelder finanziert.
Die industrielle Revolution 4.0 hat schlicht und einfach die bis anhin gültigen Gesetze ausgehebelt. Es hat mehr renditesuchende Kapitalgeber als nachfragende Kreditsucher.
Trotz günstigen Refinanzierungsbedingungen sinkt die globale Kreditnachfrage im Nicht-Finanz-Sektor seit Jahren weltweit.
Solange die Geldschwemme der Notenbanken anhält, die Menschen mehr und länger sparen und weniger Kredit nachgefragt wird, bleibt der ausgleichende Faktor tief beziehungsweise negativ.
Die Geldpolitik der EZB und damit der SNB erscheint uns wie ein schlechter Witz, aber sie ist letztendlich nur die Folge einer demografischen Entwicklung und einer geringer werdenden Kapitalnachfrage.
Auch diese Damen und Herren leben mit ihren Lehrbüchern, und bei seit Jahren kaum vorhandenem Preisdruck sind ihre Lösung die Negativzinsen, um die Konsumentenpreise irgendwie wieder nach oben zu bringen – auch wenn es ein hoffnungsloses Unterfangen bleiben wird.
Was jedoch letztendlich entscheidend ist, ist der Realzins. Was nützt es, optisch attraktive Nominalzinsen zu haben, aber wegen der Inflation massiv an Kaufkraft zu verlieren?
Von 1970 bis 1975 war der Realzins durchs Band negativ und erreichte 1973 minus 7 Prozent.
Weitere negative Perioden – wenn auch weniger stark ausgeprägt – folgten in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts (minus 1 bis 3 Prozent) und zuletzt 2008 (minus 2 Prozent).
Der Mittelwert des realen Sparzinses in der Schweiz von 1932 bis heute liegt bei schlappen 0.08 Prozent (durchschnittliche Verzinsung von Sparkonten minus Teuerung; Quelle SNB). Da sind wir heute mit einem Realzins von null doch gar nicht so schlecht bedient.
Seien Sie entspannt und denken Sie in einer ruhigen Minute über das althergebrachte Konzept des Zinses nach. Frohe Weihnachten.