Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03127.jsonl.gz/446

(Leader – August 2020 – Seite 31)
Wer heute den Industriellenfamilien des 18. und 19. Jahrhunderts eine Mitschuld an der Sklaverei vorwirft, misst die damalige Situation an den Massstäben von heute. Zeitzeugen und Briefe belegen, dass deren Unternehmertum andere Motive hatte als das reine Gewinnstreben.
Die karge voralpine Landwirtschaft genügte damals nicht mehr zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung, und es gab für deren Überleben nur drei Optionen: Auswandern, Nebenverdienst in der Textilindustrie oder Hunger. Dass es auch auf dem Land einflussreiche, international gut vernetzte Familien gab, welche durch ihre Importe, Exporte und Investitionen Nebenverdienste ermöglichten, war in dieser Situation ein Glücksfall und kein Fluch.
Die Familie Zellweger etwa aus Trogen und andere Unternehmer der industriellen Frühzeit haben als Fabrikherren und als Bauherren tausenden von Familien ein Leben und Überleben aufgrund eigener Arbeit ermöglicht. Das Leben von Teilzeit-Kleinbauern mit «Webkellern» und Handstickmaschinen war zwar vergleichsweise karg, aber die Alternativen dazu wären nur Verhungern oder Auswandern gewesen. Die sogenannten «Palastbauten» waren auch Arbeitsbeschaffung sowie Anwendung und Verbesserung handwerklichen Könnens. Sie waren somit gemeinnütziger als irgendwelche Zuwendungen an Arme ohne entsprechende Gegenleistung.
Umverteilung an Arme ohne Gegenleistung verewigt Armut und macht die Armen von den Reichen definitiv abhängig. Hätten die Unternehmer höhere Löhne bezahlt, wären die Produkte auf dem Markt nicht mehr verkäuflich und die Bauten nicht mehr finanzierbar gewesen. «Sklavenfrei» produzierte Baumwolle mit einem menschenrechtlichen Unbedenklichkeitszeugnis war damals weltweit nicht zu haben.
Es zeugt von einem ideologisch verzerrten Geschichtsverständnis, wenn man heute sämtliche Unternehmer und insbesondere die Baumwollhändler und -verarbeiter in der Ostschweiz pauschal als Mitschuldige an der Sklaverei diffamiert.
Robert Nef, Publizist, St.Gallen