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Der Begriff Ma-ai (間合い) lässt sich vereinfacht mit „Abstand oder Zwischenraum“ übersetzen. Er findet in verschiedenen Martial Arts sowie als eines der Nine Gates des Osada Ryu Verwendung. In den Martial Arts bezeichnet er den “richtigen” Abstand zwischen zwei Kämpfenden. Dieser Abstand ist keine fixe oder messbare Grösse. Er beschreibt den dynamischen Raum, in welchem sich der Krieger im bestmöglichen Abstand für einen eigenen Angriff befindet, aber dennoch ausreichend weit vom Gegner entfernt ist, um schnell auf einen Angriff reagieren zu können. Dieser Abstand hängt deshalb von verschiedensten Faktoren wie der Art der Waffen, Zeit, Winkel bzw. Richtung und der eigenen Geschwindigkeit sowie jener des Gegners ab.
Beim Fesseln geht es zwar nicht um einen Kampf, aber um eine vergleichbare Interaktion zwischen zwei Menschen, die ebenfalls auf Nähe und Distanz beruht. Das Ziel ist es auf Aktion und Reaktion aufbauend eine spannende Geschichte zu erzählen, einen Dialog zu führen, Spannung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dazu nutzt die aktive Person verschiedene Möglichkeiten um Gefühle und Emotionen zu erzeugen, zu provozieren. Hier kommt das bewusste Einsetzen von Ma-ai ins Spiel. Es geht um das Empfinden von Nähe und Distanz und deren Dynamik durch das aktive Verändern des Abstandes. Als Rigger muss ich mir Gedanken darüber machen, welche Emotionen ich transportieren will und wie ich diese aktiv kreieren und steuern kann.
Jetzt stellt sich die Frage: Was ist Nähe und ab wann sind wir nahe an einer Person? Wann nehmen wir einen Menschen wahr und ab welcher Distanz verschwindet dieser wieder aus unserem Wahrnehmungsbereich? Bei der Beantwortung dieser Fragen kann uns die Forschung der Proxemik, insbesondere die Distanzzonen nach Edward T. Hall (1914-2009), helfen. Er definierte vier verschiedene Zonen, welche psychische und physische Reaktionen beim Gegenüber provozieren. Diese nannte er die öffentliche, die soziale, die persönliche und die intime Distanzzone.
Die Zentimeter-Angaben in diesen Zonen sind als Richtwerte zu verstehen. Man findet dazu auch abweichende Angaben in den verschiedenen Quellen. In der Realität weichen diese je nach Persönlichkeit und Kulturzugehörigkeit voneinander ab. Zudem werden die Empfindungen durch die gegebene Situation und die persönliche Beziehung zum Gegenüber beeinflusst. Es geht mir hier mehr darum, das Konzept von Nähe- und Distanzempfinden und der Wirkung des jeweiligen Abstands auf die Personen zu vermitteln um auf dieser Grundlage Ma-ai als Werkzeug im Fesseln besser erklären zu können.
Betritt eine Person unsere soziale Zone (Radius von ca. 3,70 Meter), nehmen wir diese aktiv wahr und interagieren mit ihr. Man kann sich fühlen. Ausserhalb dieser Distanz, in der öffentlichen Zone, verschmilzt sie für uns mit der Umgebung oder den anderen Menschen und wird nicht als Individuum wahrgenommen.
Die Kommunikation mit Menschen, welche wir nicht gut kennen, wie Verkäufer, Handwerker usw. findet in der sogenannten sozialen Distanzzone (zwischen 1,2 bis 3,7 Meter) statt. Es ist unsere Komfortzone, welche beiden ein neutrales und entspanntes Gespräch ermöglicht. Sie schafft einen entspannten Raum, der auch ein Händeschütteln bereits zulässt.
Näher als 50 Zentimeter an uns heran lassen wir nur Personen, die wir kennen und denen wir vertrauen. Diese Intimzone ist also denjenigen Menschen vorbehalten, welche uns wirklich nahe stehen, wie Partner, Familienmitglieder oder gute Freunde. Natürlich kommen uns teilweise auch andere Personen so nahe, zum Beispiel beim Umarmen zur Begrüssung bei (entfernteren) Freunden. Diese verlassen diese Zone jedoch mehr oder weniger rasch und “gehen” zurück auf die entsprechende Wohlfühldistanz. Diese rund 50 Zentimeter entsprechen auch der berühmten Armlänge Abstand.
Diese vier Zonen wurden noch weiter unterteilt in eine weite und eine nahe Phase. Spannend für uns als Fessler ist insbesondere die nahe Phase in der Intimzone. Sie umfasst den Raum von 15 Zentimeter rund um unseren Körper. Dringt jemand in diese Zone ein, reagieren unser Körper und Geist automatisch. Entweder versetzt uns das Eindringen in diesen Bereich in eine Flucht- oder Abwehrhaltung, oder bei uns sehr nahe stehenden Menschen in einen angenehm erregten Zustand. Wir geniessen die Intimität. Die physische Wahrnehmung in dieser Zone ist sehr intensiv und ich kann mein Gegenüber die Berührung spüren lassen, schon bevor sie tatsächlich geschieht. Dies kann beim Fesseln bewusst als Werkzeug eingesetzt werden. Zusätzlich lädt das Wissen um die möglichen Reaktionen zum Kreieren von Emotionen und Gefühlen ein.
Die gewonnenen Erkenntnisse aus der Proxemikforschung lassen sich nun in unserem Fesseln einsetzen. Als aktive Person mache ich mir Gedanken, welche Gefühle und Emotionen ich zu meinem Gegenüber transportieren möchte.
Die oben beschriebenen Distanzzonen helfen mir dabei einzuschätzen, welches die notwendige Distanz ist um ein bestimmtes Gefühl auszulösen. So weiss ich nun, dass mindestens 50 Zentimeter Abstand notwendig sind um eine spürbare Distanz zu schaffen. Nur etwas vom Partner wegrutschen beim Fesseln am Boden bringt also wenig. Um mit der Umgebung zu “verschwimmen”, muss ich mich sogar rund 4 Meter entfernen. Wenn ich dies tue, habe ich die Möglichkeit meinen Partner “alleine” zu lassen ohne dass ich effektiv weg bin.
Das Wissen um die nahe Phase in der Intimzone hilft mir beim Aufbau eines Spannungsbogens. Statt den Partner gleich direkt zu berühren, kann ich die nahe Intimzone nutzen, um eine prickelnde Spannung zu erzeugen. Ein Verharren in dieser Zone kann die Berührung als unausweichlich ankündigen und meinen Partner in eine nervöse Erwartung versetzen. Ich kann die Berührung aber auch bewusst deutlich länger hinauszögern und meinen Partner, der doch so gerne jetzt sofort berührt werden möchte, damit bis an den Rand der Verzweiflung zu bringen. Das Seil kann ich dabei als zusätzliches Werkzeug einsetzen. Die Möglichkeiten sind so vielfältig und es lohnt sich aus meiner Sicht, damit zu experimentieren.
Zur Unterstützung meiner zu sendenden Emotion wähle ich bewusst meine Position und Haltung. Ich mache damit meine Geschichte, die ich erzähle und die Akzente, die ich setze, bunter und aussagekräftiger. Da überschneidet sich das Gate Ma-ai mit dem Gate Tachiba (Positioning). Als aktive Person kann ich zum Beispiel von vorne ganz nah und drohend auftreten, oder mit etwas Abstand offen, freundlich und entspannt. Diese Emotionen werden durch den entsprechenden Abstand wie auch durch Körperhaltung, Gestik, und Mimik unterstützt. Dabei ist es essentiell, dass Mimik und Gestik nicht künstlich und aufgesetzt sind. Man darf das eine oder andere ausprobieren und überzeichnen um einen Akzent zu setzen, sollte sich jedoch im Grossen und Ganzen treu bleiben. Ich muss die ausgesandte Emotion in mir selber spüren und diese auch ausleben. Ich kann nicht vorne herum versuchen “böse” zu sein und innerlich über mich lachen. Wenn ich aggressiv wirken will, muss ich diese Aggressivität in mir auch spüren. Will ich prüfen und mein Gegenüber meinen Blick spüren lassen, fokussiere ich aktiv und bewusst und lasse mich nicht von dem, was rundherum passiert, ablenken.
Dabei ist es wichtig, den Abstand zwischen den agierenden Personen nicht als statisch, sondern als dynamisches Element zu betrachten. Dadurch berührt das Ma-ai noch zwei weitere Gates, nämlich Kankyū 緩急 (Tempo & Rythmus) und Kan 間 (Intuition). Der richtige Abstand ist immer im Moment richtig und ändert sich daher fortlaufend. Es bedarf also der Intuition, wann welcher Abstand für den aktuellen Moment passend ist. Dazu kommen die Bewegung, deren Tempo und die Richtung (vom Partner weg oder auf diesen zu). Sie alle verfeinern das Gate Ma-ai.
Um dieses grosse Gebiet zu erkunden, führen wir bei uns im Secret56 regelmässig Trainings und Workshops zu dem Thema durch, auf Anfrage/Einladung auch ausserhalb. Zudem fliessen immer wieder Übungen in den Unterricht ein, um das Bewusstsein für diese Stilmittel zu stärken und unseren Schülern so neue Aspekte, Gedanken und Ideen an die Hand zu geben. Sie können dadurch ihr Fesseln bunter und abwechslungsreicher gestalten.