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Nyon bei Genf ist seit Montag Schauplatz eines der bislang grössten Verfahren wegen Wirtschaftsdelikten in der Schweiz.
Sechs Jahre dauerten die Voruntersuchungen - jetzt steht der Geschäftsmann Jürg Stäubli vor Gericht. Ihm wird qualifizierter Betrug in der Höhe von 250 Mio. Franken vorgeworfen.
"Ich habe nie den Lebensstil eines Prinzen geführt und mich nie
persönlich durch meine Gesellschaften bereichert", sagte Stäubli am
ersten Tag des auf zwei Monate anberaumten Prozesses.
Der 47-jährige Stäubli wies die Anschuldigungen zurück, er habe seine
Firmen systematisch ausgebeutet.
Grösstes Wirtschaftsdelikt in Waadt
Jürg Stäubli betrieb seine Geschäfte erst in Bern, bevor er als junger Immobilienpromotor nach Genf zog.
Stäubli gilt heute, rückblickend, als "enfant terrible" der Westschweizer Wirtschaft der 80er und 90er Jahre. Nun beschert er der Waadt das grösste Verfahren wegen Wirtschaftsdelikten in der Geschichte des Kantons.
Der Prozess soll zwei Monate dauern und sei, nach Angaben des Generalstaats-Anwalts Jean-Marc Schwenter, punkto Umfang und Gewicht "die Summe von 20 bis 30 normalen Prozessen".
Wegen des besonders komplexen und umfangreichen Dossiers vertritt Schwenter die Anklage gemeinsam mit seinem Stellvertreter – eine Premiere für die Waadtländer Justiz.
Es begann mit einer CD-ROM
Die juristischen Auseinandersetzungen um den Geschäftsmann Stäubli begannen 1996, als er versuchte, an eine CD-ROM über seinen Rechtsstreit mit der Genfer Kantonalbank zu kommen.
Auf der vertraulichen CD-ROM ist eine Studie des Genfer Anwaltes Charles Poncet zum Rechtshändel zwischen Stäubli und der Bank festgehalten. Dabei geht es um ein Darlehen der Bank an Stäubli von 80 Mio. Franken.
Stäubli wollte diese CD-ROM für 20'000 Franken von einem unabhängigen Informatiker beschaffen. Der Deal platzte. Der Mann benachrichtigte den Anwalt Poncet. Schliesslich wurde Stäubli für diese Tat im Jahre 2000 in Genf zu drei Monaten Gefängnis bedingt verurteilt.
Die Genfer Kantonalbank, BCGe, ist mit einem Guthaben von 150 Mio. Franken auch im jetzt angelaufenen Prozess die grösste Geschädigte.
Stäubli droht hohe Gefängnisstrafe
Die damals eröffneten Untersuchungen seien jetzt abgeschlossen, sagte Richter Nicolas Cruchet letzte Woche zu einem Bericht der Westschweizer Zeitung "Le Matin".
Laut der Zeitung soll Stäubli ein Finanzloch von 250 Mio. Franken hinterlassen haben. Angeklagt ist er des qualifizierten Betrugs, der qualifizierten Veruntreuung, des erschlichenen Bankrotts, der Urkundenfälschung sowie der Erschleichung einer falschen Beurkundung.
Stäubli riskiert mehrere Jahre Gefängnis. Allein für qualifizierten Betrug kann eine Zuchthausstrafe von 10 Jahren ausgesprochen werden.
Migros-Chef Pierre Arnold als Ziehvater
Rund 100 Zeugen werden aufgeboten. Unter ihnen bekannte Namen wie der frühere Migros-Chef Pierre Arnold. Dieser hatte vor rund vier Jahren – aus Freundschaft, wie er damals sagte – mindestens 2,2 Mio. Franken auf den Tisch gelegt, um zwei Stäubli-Firmen vor dem Konkurs zu retten.
Um zu verstehen, wie diese Bekanntschaft zu Stande kam, muss man den Werdegang Stäublis etwas genauer anschauen.
Zum erstenmal machte der Zürcher Immobilienmann in Genf Schlagzeilen, wo er besetzte Häuser mit Hilfe von Rocker-Schlägern räumen liess.
Allmählich schaffte Stäubli den Sprung in den Genfer Prominenten-Kreis. Einmal, weil er offenbar mit Immobilien in den 80er Jahren ziemlich viel Geld verdiente und dieses Geld fast demonstrativ unter die Leute brachte. Er spendete zum Beispiel dem lokalen Eishockey-Club genauso wie dem Berner Spitzen-Fussballverein Young Boys, dem er zwei namhafte Spieler kaufte.
Stäubli galt damals als seriös. Es war die Zeit, als ihn Pierre Arnold unter seine Fittche nahm. Die Wirtschaftszeitung "Bilanz" kürte Stäubli gar zum "Mann des Monats".
Wie Werner K.Rey oder Bernard Tapie
Allgemein wurde Stäubli als Schweizer Variante des Franzosen Bernard Tapie gehandelt. Ähnlich wie Tapie wollte Stäubli marode Firmen aufkaufen, sanieren und sie mit Gewinn wieder abstossen. Geschäfte, wie sie auch der Deutschschweizer Financier Werner K. Rey betrieb - und damit Pleite ging.
Bald wurde seine Jürg Stäubli Holding (JHS) zum Gemischtwarenladen. Stäubli trat damals als Immobilienhändler auf und war daneben in den Sektoren Industrie, Detailhandel, Freizeit, Medien und Sport tätig.
Aus dieser und der nachfolgenden Zeit, als ein Börsengang missglückte, sollen die 250 Mio. Franken Schulden stammen, für die er nun angeklagt ist.
Stäubli selber, der heute in Genf ein Beratungsbüro hat, weist die Anschuldigungen zurück. Alle Geschäfts-Operationen seien immer korrekt abgelaufen, betont sein Verteidiger.
swissinfo und Agenturen