Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03373.jsonl.gz/1594

«Karl Güntner, Marienbad» lautet der blaue Stempelaufdruck auf der Rückseite der Schwarzweiss-Fotografie. Das Bild stammt aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Drei Herren und zwei Damen posieren vor dem Fotografen. Es ist ein kühler Tag, einzig der Mann in der Mitte, es ist mein Grossvater mütterlicherseits, hat keinen Mantel an. Die beiden anderen Herren und die beiden Damen tragen lange Mäntel. Die Herren in Krawatte, die beiden Damen haben Hüte an. Das Bild wurde in einem weiten Hof aufgenommen. So wie die fünf Personen dastehen stelle ich mir vor, dass die Kamera des Fotografen auf einem Stativ gestanden haben muss. Am linken Bildrand ist eine Dame im Vorbeigehen zu sehen, die die Gruppe und den Fotografen anschaut. Auch mit der Lupe kann ich nicht erkennen, was mein Grossvater in der Hand hält. Die Haltung seines linken Arms und meine Erinnerungen an ihn, lassen mich vermuten, dass er eine Zigarre in der Hand hat.
Ich habe das Bild im Nachlass meiner Mutter gefunden. Karl Güntner muss regelmässig Kurgäste in Marienbad fotografiert haben. Im Netz finde ich bei der Suche nach ihm ein Bild einer Frau mit Regenschirm im genau demselben weiten Hof aus dem Jahr 1935. Das Bild gehört einem englischen Anbieter, die Bildlegende in englischer Sprache lautet: “Photograph of the Hon. Violet Agar-Robartes wearing matching patterned top and cardigan, a large checked bow at neck and a beret walking down a boulevard in Marienbad with umbrella. A woman with glasses on her left. c.1935”. Ähnlich wie auf dem Bild, auf dem die fünf Personen zur Kamera blicken, schaut auch hier eine vorbeigehende Person zum Fotografen hin. Neun Euro kostet das Bild von Karl Güntner – Versand inklusive – im Internet. Für die schöne Beschreibung gebe ich gerne noch zwei zusätzliche Euros aus.
Ich besitze mehrere Bilder, auf denen mein im Jahr 1960 im Alter von 72 Jahren verstorbener Grossvater zu sehen ist. Ich soll ihm ähnlich aussehen, sagen Leute, die ihn auf Fotos gesehen haben. Ich weiss nicht, ob das wirklich stimmt. Ich habe auch schon Leuten gesagt, dass ihre Tochter oder ihr Sohn ihnen so sehr gleiche. Dabei waren die betreffenden Kinder adoptiert worden.
Ich kannte meinen Grossvater so wie Enkelkinder halt ihre Grosseltern kennen. Ich durfte mir von ihm Sachen wünschen, die ich von meinen Eltern nie gewünscht hätte. Ich erinnere mich an ausgedehnte Besuche in Konditoreien und Eisdielen. Meine Liebe zu deutschen Sahnetorten muss direkt von ihm gekommen sein. Mein rotes amerikanisches Fahrrad hatte er mir aus den USA schicken lassen. Dafür dass der Chemiekasten, den er mir geschenkt hat, Spielzeug meines Vaters wurde, konnte er nichts. Meine Märklin-Eisenbahn hatte er mir geschenkt. Grosszügig war er. Er sei ein Lebemann gewesen, hat es geheissen. Kann sein, das weiss ich nicht. Seine erste Frau, meine Grossmutter, hat sich 1935 umgebracht. Sie hatte die Auswanderung aus Deutschland nach Palästina nicht verkraftet. Das Bild aus Marienbad könnte nach ihrem Suizid aufgenommen worden sein. Denn die beiden anderen Herren auf dem Bild gehören eindeutig zu den beiden Damen.
Es gibt noch zwei andere Bilder meines Grossvaters, die über meine Mutter zu mir gekommen sind. So wie er auf diesen Fotografien zu sehen ist, habe ich ihn gekannt. Ob ich ihm da ähnlich aussehe? Auf dem einen Bild sieht man ihn im Mittelgang in einem Treibhaus stehen. Er hält etwas, wahrscheinlich einen kleinen Blumentopf. Zu beiden Seiten des Gangs sind Pflanzentische aus Beton zu sehen. Grossvater in Arbeitskleidung betrachtet eine Pflanze. Ich kann mich an seine sandgelben Arbeitskleider noch gut erinnern. Auf dem Boden des Gewächshauses ist ein langer Wasserschlauch zu sehen. Die Lüftungsfenster des Gewächshauses sind geschlossen. Beim Betrachten des Bildes erinnere ich mich an die Feuchtigkeit und Wärme des Gewächshauses. Es gibt noch ein weiteres Bild von ihm: Grossvater hat einen kleinen Blumentopf vor sich. Er ist wohl am Eintopfen einer Pflanze. Er presst die Erde im Topf, er wird wohl gleich eine kleine Pflanze, einen Setzling, in die Erde stecken. Auf dem Arbeitstisch liegen mehrere Instrumente aus seiner früheren Zahnarztpraxis. Vor sich, wohl vom Fotografen extra hingestellt, steht die Tafel seiner früheren Zahnarztpraxis, sein Name in lateinischen und hebräischen Lettern und gut sichtbar sein Doktortitel. Auf der Rückseite der beiden Fotografien ist der Stempelaufdruck des Fotografen zu sehen: «Comeriner Photo» in Tel Aviv. Erich Comeriner war ein am Bauhaus in Dessau geschulter österreichischer Grafiker und Fotograf, der eine Zeitlang mit László Moholy-Nagy gearbeitet hat, bevor er 1934 nach Palästina ausgewandert ist.
Ich kannte meinen Grossvater zuerst als Zahnarzt und später als Besitzer einer grossen Sukkulentengärtnerei. Grossvater war mein erster Zahnarzt. Er wurde in dieser Funktion von einem Onkel abgelöst. Denn in den 50er Jahren hatte er genug von den Zähnen seiner Patienten. Er löste seine Praxis auf, machte in einer Gärtnerei eine einjährige Ausbildung, zog aufs Land und baute zwei Gewächshäuser und war fortan in seiner Sukkulentengärtnerei beschäftigt. In den langen Sommerferien wurde ich jeweils zu Grossvater und seiner zweiten Frau aufs Land geschickt. Fünf Wochen lang wohnte ich dann in ihrem Landhaus. Fünf Wochen lang durfte und musste ich Grossvater in der Gärtnerei helfen. Ich habe die Arbeit in der Gärtnerei geliebt. Das schreibe ich obschon ich mittlerweile längst vergessen habe, was genau ich damals in den Gewächshäusern gemacht habe. Ich kann mich an die Instrumente aus der früheren Zahnarztpraxis erinnern, die auf den Arbeitstischen der Gärtnerei herumlagen. Mit den Zahnreinigungsinstrumenten hat er die Erde in den Blumentöpfen gelockert. Ich kann mich an die Stille erinnern, in der Grossvater und sein Angestellter gearbeitet haben.
Am schönsten aber waren die Ausfahrten mit Grossvaters Auto zu den Kunden. Ich muss nur die Augen schliessen und schon sehe ich uns, wie wir in einem alten Ford Lieferwagen nach Norden fahren. Auf der offenen Ladefläche die Kakteen, die er alle mit Namen und Herkunftsland benennen kann. Es ist ein heisser Sommertag, die Dünen und das grelle Sonnenlicht blenden mich. Ich bin schläfrig. Ich drücke auf den geheimen Knopf am Armaturenbrett – Grossvater kennt die phantasierte Funktion dieses Knopfes nicht. Langsam steigen jetzt die Standarten der USA auf beiden Kotflügeln in die Höhe. Grossvaters Lieferwagen verwandelt sich in eine schwarze Staatslimousine, rechts und links weht der Sternenbanner im Fahrtwind. Hinter uns rollen zwei schwarze Motorräder mit uniformierten Leibwächtern. Wir fahren langsam durch das Ortszentrum. Grossvater war nie ein schneller Fahrer. Wir fahren so langsam und vornehm, wie Diplomatenlimousinen eben immer fahren. Grossvater zieht an seiner Zigarre, beim Fahren spricht er nie. Bei der Einfahrt zum Grand Hotel Dan drücke ich wieder auf den Knopf, um die Standarten einzuholen. „Du musst nicht dauernd mit dem Zigarettenanzünder spielen“, sagt Grossvater. Hinter uns fährt jetzt niemand mehr, die Motorräder der beiden uns begleitenden Polizisten sind verschwunden. „Zuerst kommen die kleinen Töpfe dran“, sagt Grossvater, der den Pick-up beim Lieferanteneingang angehalten hat.
PS Ein Cousin von mir, Enkel desselben Grossvaters, hat im Gartenbau grosse Karriere gemacht. Er war lange Zeit Direktor eines grossen weltweit operierenden Pflanzenhandels. Er importierte Blumen aus Südamerika und Kenia nach Europa. Eine Tochter von mir ist Landschaftsgärtnerin, ihr Sohn macht eine Lehre als Landschaftsgärtner. Ich habe keinen grünen Daumen, mich hat das Pflanzen-Gen meines Grossvaters offenbar übersprungen.
Eingeworfen am 5.7.2023