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Der neue Trainer Franco Foda folgt beim FCZ auf eine historische Saison: vielleicht sogar die beste der Vereinsgeschichte? Zumindest kann man mit Fug und Recht Trainer André Breitenreiter die beste Meisterschafts-Bilanz eines FCZ-Trainers attestieren. Bei den ersten zwei Meistertiteln 1902 und 1924 gab es noch keine Spitzenliga im eigentlichen Sinn. Alle anderen Meistertitel folgten ab den 60er-Jahren. Seit 1960 hat nur ein FCZ-Coach umgerechnet nach Dreipunkteregel einen besseren Punkteschnitt als Breitenreiter erreicht: der Basler René Brodmann, welcher zum Ende seiner fünfjährigen Aktivzeit beim FCZ in der Rückrunde 1967 als Spielertrainer waltete (trotz der Top-Rückrunde blieb damals am Ende der FCB einen Punkt vor dem FCZ und Lugano). Brodmann kam gemäss FCZ-Biographie „Eine Stadt, Ein Verein, Eine Geschichte“ im Jahr 2000 auf tragische Art und Weise bei einem Unfall ausgerechnet direkt vor dem Letzigrund-Stadion ums Leben.
Lehren aus der Geschichte
Breitenreiter ist trotz zweitbestem Punkteschnitt in unserem Trainer-Ranking an erster Position, denn wir haben den Punkteschnitt mit der Qualität der Gegner gewichtet, gegen welche diese Punkte geholt wurden. So liegt beispielsweise Albert Sing, der 1980 durchschnittlich 1,3 Punkte in der Finalrunde gegen die Top 6-Mannschaften der Schweiz geholt hat, vor Uli Forte mit dessen 1,99 Punkten vorwiegend gegen die Nummern 11 bis 20 des Schweizer Fussballs und in zweiter Linie gegen die besten 10. Oder Gilbert Gress mit 1,31 Punkten gegen vorwiegend die besten 12, teilweise die besten 8 und die Nummern 9 bis 16 liegt vor Herbert Neumann mit 1,40 Punkten zu grossen Teilen gegen die Nummern 9 bis 24 der Schweiz. Und so werden die 2,10 Punkte Breitenreiters gegen die Top 10 etwas höher gewichtet, als Brodmanns 2,23 Punkte gegen die Top 14.
Die beiden grossen Figuren sind Breitenreiter und Favre – gefolgt von den erfolgreichen Coaches zuerst der 70er- (Cajkovski, Konietzka) und dann der 60er-Jahre (Gawliczek, Maurer, Mantula). Eine aufschlussreiche Lehre ergibt sich aus der Geschichte, wenn die Zeit nach den „Überfliegern“ Favre und Konietzka / Cajkovski betrachtet wird. Die Nachfolger (Jeandupeux sowie Challandes / Fischer / Meier) erreichten nicht mehr die Top-Punktzahlen von zuvor, arbeiteten aber trotzdem immer noch ziemlich erfolgreich. Jeandupeux und Challandes vermochten gar in Sachen Meistertitel nachzudoppeln. Mit Challandes, Fischer und Meier schien vor dem Hintergrund der Favre-Zeit jeweils die Geduld etwas zu fehlen. Eine kleine Resultatbaisse führte in den jeweiligen Fällen zur Freistellung. Besser wurde es danach aber nicht – im Gegenteil. Die Gefahr besteht, dass man an die Nachfolgetrainer zu hohe Ansprüche stellt und dadurch vom Regen in die Traufe gerät.
Das Ranking der FCZ-Trainer
Kommt eine Mannschaft nicht ins Spiel, wie der FCZ in Thun, dann sind die Erklärungen in der Live-Berichterstattung schnell zur Hand: „Sie sind nicht wach“, „Es fehlt der Biss“, „Mit den Gedanken irgendwo anders“. Die Züri Live-Übertragungen sind da keine Ausnahme. Da keiner von uns Lucien Favre heisst, erkennen wir manchmal nicht auf den ersten Blick, was tatsächlich falsch läuft. Dazu ist dann die ausführliche Match-Analyse da, für die wir uns nach jedem Spiel die nötige Zeit nehmen. Diese fördert immer interessante Aspekte zutage: manchmal sind es Details, manchmal stellt sie die LIve-Einschätzung des Spiels aber auch so ziemlich auf den Kopf.
Dass der FC Thun in den ersten 20 Minuten scheinbar mühelos gleich mit 3:0 in Führung gehen konnte, hatte zu grossen Teilen taktische Gründe, wobei „Taktik“ nicht nur die entsprechenden Vorgaben, sondern auch deren Umsetzung auf dem Platz beinhaltet. In der 29. Minute reagierte der FCZ und stellte seine ursprüngliche Taktik um. Ab da bekam man die Partie sofort deutlich besser in den Griff. Schon zwei Minuten später führte dies zum ersten Eckball, ersten Torschuss und Tor zum 1:3. Was war also das Problem der ersten 28 Minuten?
Dafür muss man erstmal etwas Ausholen: Kompakt stehen und dem Gegner wenig Raum zum Spielaufbau geben ist schon seit Jahrzehnten das A und O des modernen Defensivfussballs. Gewisse Abweichungen davon gibt es seit ein paar Jahren mit dem ultraschnellen Umschaltfussball à la St. Gallen und dessen Vorbildern, bei welchem die Reihen automatisch weiter auseinanderrücken, als dies in Partien mit Beteiligung von anderen Teams der Fall ist. Diese grösseren Räume kommen speziell dem FCZ und dessen Qualitäten entgegen, was mit ein Grund ist, warum das Magnin-Team zur Zeit gegen St. Gallen so viele positive Resultate liefert. Unabhängig davon, ob man das Pressing hoch, im Mittelfeld oder tief ansetzt, und ob man schnell in die Offensive umschaltet oder nicht (wie schnell man in die Defensive umschalten muss, hängt im Wesentlichen vom Gegner ab), ist schon seit langer Zeit das Essenzielle jeder Defensivarbeit, den jeweils ballführenden Gegner mit unterschiedlichen Mitteln so unter Druck zu setzen, dass dieser keine gefährlichen Pässe spielen kann, eben, zu „pressen“. Freies Spiel lassen kann man gegnerischen Verteidigern und dem Torhüter höchstens in einer Zone, in welcher unmittelbar gefährliche Pässe in die Tiefe, auf welche die eigenen Verteidiger allenfalls nicht mehr schnell genug reagieren können, nicht möglich oder zumindest sehr unwahrscheinlich sind.
„Die Verteidigung beginnt vorne“ ist nicht nur ein Spruch. Qualitätsunterschiede zwischen der Verteidigungsarbeit der Stürmer sind heutzutage in einer Liga beispielsweise im Vergleich der Mittelfeldteams häufig wegweisender für die defensive Stabilität, als die meist etwa ähnlich guten Verteidigungsreihen. Der FCZ hatte hier lange ein grosses Problem. Kaum ein anderes Team der Liga hatte so schwach verteidigende Vorderleute wie Kramer, Ceesay, Mahi, Kololli, Schönbächler oder Marchesano. Nun ist der FC Zürich auch heute in dieser Kategorie noch nicht top, es ist aber in dieser Saison eine klare Verbesserung festzustellen – angeführt vom sich enorm entwickelnden Antonio Marchesano, welcher das Pressing im 4-4-2 vorne (abgesehen von ein, zwei Momenten pro Spiel) mittlerweile sehr gut steuert. Marchesano sorgt dafür, dass der Zweierblock gut funktioniert, wobei es da je nach Partner noch Unterschiede gibt. Blaz Kramer hat sich zwar auch etwas entwickelt, nimmt sich aber immer noch zu viele defensive Auszeiten. Marchesanos Copain aus Bieler Zeiten Benjamin Kololli erweist sich hingegen speziell seit der Corona-Pause wie ein umgekehrter Handschuh.
In Thun hatte der FCZ in der ersten halben Stunde nun in der vorderen Reihe zwei entscheidende Probleme. Erstens: Marchesano war abwesend. Die Personaldecke speziell in den vorderen Reihen ist zur Zeit dünn. So kam Adrian Winter im offensiven Zentrum neben Benjamin Kololli zu seinem Startelf-Comeback ausgerechnet in dem Stadion, wo er sich vor mehr als einem Jahr seinen Kreuzbandriss zugezogen hatte. Winter vorne zentral einzusetzen, ist grundsätzlich ein logischer Schritt, denn die auf dem Flügel so entscheidende Antrittsschnelligkeit hat er altersbedingt auf Super League-Niveau nicht mehr in entscheidendem Masse. Im Offensivzentrum für Unberechenbarkeit sorgen, ist hingegen eine Rolle, die ihm auch als Charakter liegt und in der er der Mannschaft immer noch helfen kann, wie dies die Tessiner TV-Kommentatoren Cerone / Tarchini (Ex-FCZ) zuletzt richtigerweise bemerkt haben.
Zweitens wurde gegen den FC Thun von der bisherigen standardmässigen Verteidigungsformation des flachen 4-4-2 leicht, aber entscheidend abgewichen. Thun spielt wie der FC St. Gallen mit einer Raute im Mittelfeld, dies aber mit mehr Präzision / langsamerem Umschalten. In diesem Zusammenhang wurde offenbar vom FCZ der auf der Sechserposition spielende Thun-Captain Leonardo Bertone als entscheidende Relais-Station im Spielaufbau ausgemacht. Adrian Winter und Benjamin Kololli standen daher nicht auf der gleichen Höhe, um auf der ganzen Breite des Spielfeldes Störarbeit verrichten zu können, sondern einer von beiden nahm jeweils auf der 10er-Position Bertone in Deckung und diesen somit aus dem Spiel. Dies bedeutete für den jeweils Anderen (in der Regel Kololli) lange Laufwege, ohne die beiden Innenverteidiger Stillhart und Havenaar wirklich entscheidend beim Spielaufbau behindern zu können. Der Gedankengang aus FCZ-Sicht lässt sich nachvollziehen. Bertone gilt als einer der Liga-Spezialisten für lange Bälle auf der Sechserposition, während die Innenverteidiger Stillhart und Havenaar nicht den gleichen Ruf geniessen. Allerdings: beide haben sich in letzter Zeit in spielerischer Hinsicht klar verbessert und Stillhart, welcher durchaus das Potential hat, zumindest teilweise in die grossen Fussstapfen des zurückgetretenen Thuner Captains Dennis Hediger zu treten, gelang zudem just gegen den FCZ eine der besten Halbzeiten seiner bisherigen Karriere. Aus diesem Grund ging die Rechnung des FCZ trotz Unterzahl in der vordersten Pressing-Reihe gleichzeitig mit der Viererabwehr relativ hoch stehen zu können, nicht auf.
Den Schuss vor den Bug bezüglich der taktischen Marschroute gab es für den FCZ in der 6. Minute. Weil Winter strikt bei Bertone blieb, musste der fleissige Kololli einen sehr langen Weg gehen und konnte Havenaar nicht hindern, mit Ball am Fuss mehr als fünf Meter in die Zürcher Hälfte vorzudringen (siehe Standbild oben). Dies brachte aufgrund der nun kurzen Passwege des Gegners die kompakt im Raum stehenden beiden Zürcher Viererreihen in Verlegenheit und verschärfte zwei zusätzliche Probleme. Einerseits das geschickte sequentielle Positionsspiel Thuns, in welchem die „Achter“ Tosetti und Hasler in der Angriffszone auf den Flügel ausweichen und dann beim Zurücklaufen den gegnerischen Aussenverteidiger Richtung Mitte mitziehen, um dem eigenen Aussenverteidiger Raum nach vorne zu verschaffen. Andererseits die in Thun nach längerer Zeit wieder aufgetretenen Probleme einer hoch stehenden Zürcher Viererabwehrkette mit der Offsidefalle. Das Duo Mirlind Kryeziu / Kempter stand mehrmals deutlich höher als auf rechts Nathan / Britto.
Die Szene endete mit einer gefährlichen scharfen Hereingabe von Joss von der rechten Seite, die Brecher knapp vor Hassane Bandé am nahen Pfosten wegfausten konnte. Die Zürcher Forwards lernten daraus: über Havenaar kann Thun gefährliche Vorstösse lancieren. Fünf Minuten später lief Adi Winter daher den ballführenden Basil Stillhart von der Mitte an, um den Pass zu Havenaar zu verhindern oder zumindest zu erschweren – und gleichzeitig machte sich sogar Kololli noch zusätzlich für den Fall eines Querpasses auf den Weg Richtung Havenaar und liess dafür sogar Bertone vorläufig stehen (siehe Standbild unten).
Stillharts Reaktion darauf ist logisch: er macht rechtsumkehrt, nutzt den sich durch die Fokussierung der Zürcher auf Havenaar bietenden Raum selbst und spielt unbedrängt auf seiner Seite einen Traumpass in die Tiefe für Nias Hefti. Der Ball driftet dabei auf seiner Bahn auf dem Thuner Kunstrasen stabil und präzise wie eine Bowlingkugel in den Lauf des offensiven linken Aussenverteidigers. Rapp verwertet dessen ideale Hereingabe zum Thuner 1:0.
Man kann in der ganzen Szene Willie Britto nicht zum Vorwurf machen, dass er sich in der Nähe von Nicolas Hasler aufhält und nach innen ziehen lässt, aber er müsste aufgrund der Angriffsauslösung auf seiner Seite sich mindestens zwei bis drei Meter weiter nach rechts begeben, um die Distanz zur Aussenbahn nicht zu gross werden zu lassen. Wohlgemerkt: Thun macht es in dieser Situation richtig gut. Die Spielsituation ändert sich enorm schnell. Zu behaupten, Britto würde „schlafen“, wäre ungerechtfertigt. Er ist durchaus aufmerksam und bemerkt Heftis Lauf nur eine Zehntelssekunde nach obigem Standbild. Das Problem des Ivorers wie auch einiger anderer Zürcher Spieler in ähnlichen Situationen ist aber: er ist noch am „bouncen“. Der trabende, leicht hüpfende Schritt hilft Energie und Kräfte sparen, ist aber komplett ungeeignet, wenn Gefahr im Verzug ist, und verhindert die notwendige ultraschnelle Richtungsänderung. Da muss man stattdessen „auf den Zehenspitzen stehen“.
Stillhart leitet mit ähnlichen weiten Bällen auch das zweite und das dritte Tor ein, wobei er bei letzterem den Ball tief aus der eigenen Hälfte in Bedrängnis durch Kololli mit dem linken Fuss spielt – sein Meisterstück. An diesem Abend schien dem Ostschweizer bis zu seinem Ausschluss alles zu gelingen. In der 29. Minute dann die taktische Änderung des FCZ auf eine Dreierkette, die das Spiel veränderte. Man wollte dabei weiterhin Bertone aus dem Spiel nehmen und stellte daher auf ein 3-4-1-2 um. Nun waren die Zürcher vorne im Dreieck des Thuner Spielaufbaus zwischen Havenaar, Stillhart und Bertone nicht mehr die ewig zu spät kommenden Unterzahlspieler. Der linke (Mirlind Kryeziu) und rechte Innenverteidiger (Willie Britto) vermochten zudem sowohl das Mittelfeld gegen die beiden Thuner Achter Tosetti und Hasler, als auch die Aussenspieler besser zu unterstützen. Vorne führte die Präsenz des zentralen Offensivtrios Kololli – Schönbächler – Winter sofort zum ersten Corner und Tor. In der Zweiten Halbzeit rückte Hekuran Kryeziu zurück auf die mittlere Position der Dreierabwehrkette, was für ihn durchaus eine Position mit Zukunft sein könnte.
Leider griff das 3-4-1-2 Pressing auch nicht immer ganz reibungslos, dies aber nicht aus taktischen, sondern aus personellen Gründen – Marco Schönbächler erwischte nach einigen guten Leistungen in Thun einen schlechten Tag. Ganz anders Benjamin Kololli, dem trotz Niederlage möglicherweise gar seine bisher beste Leistung im FCZ-Dress gelang. Zu seiner allgemeinen Aufwärtstendenz nach der Coronapause (bisher in jedem Einsatz ein Tor und ein Assist, wichtige Rolle in der Sturmspitze, deutlich verbesserte Defensivleistung) kam die Erholungspause gegen Lugano und der Fakt hinzu, dass die Berner Oberländer sein klarer Lieblingsgegner zu sein scheinen – bei bisher schon sieben Treffern und zwei Assists in elf Begegnungen.
Mirlind Kryeziu gelang in der Stockhorn Arena per Kopf endlich sein erstes Super League-Tor. Auch dies hatte seine Vorgeschichte in den Testspielen, wo er in Schaffhausen ein identisches Tor nach Corner Kolollis von rechts erzielt hatte – ebenfalls via Lattenunterkante. Nathan und Kempter spielten in Thun zwar immer noch solide, aber nicht mehr so zwingend, wie noch in den Partien davor. Rüegg und Winter zeigten grosses Kämpferherz, begingen aber auch viele Fehler. Willie Britto fühlte sich in der Viertelstunde vor der Pause in der Dreierabwehr deutlich wohler als zuvor und war für wichtige Spielauslösungen über rechts zuständig, die über Standards zu den beiden Anschlusstreffern führten. Die Erste Halbzeit bestätigte die aktuell hohe Effizienz und Standardstärke des Letzigrund-Clubs. In der Zweiten Halbzeit war die Mentalität der Mannschaft stark und man spielte deutlich besser, als in vielen Überzahlsituationen der gleichen Saison. Dass man in extremer Weise aufs Tempo drückte und den Gegner kaum noch verschnaufen liess, war richtig, aber es fehlte ein Quäntchen mehr Ruhe und Geduld zwischendurch. Auf jeden Fall bleibt wie schon in den vorangegangenen Partien die halbe Stunde nach der Pause die beste Phase im Zürcher Spiel. Der Energiehaushalt ist auf diese Phase ausgerichtet, während beispielsweise ein Team wie St. Gallen die Entscheidung in der Regel bereits in den ersten 30 Minuten der Partie sucht – und danach abbaut.
Vor der Pause hatte der FCZ etwas Glück, dass Ref Tschudi nach einem Tackling von Basil Stillhart gegen den ballführenden Benjamin Kololli auf Freistoss und Gelb entschied. Das hätten nicht alle Schiedsrichter so gesehen. Der anschliessende Penaltyentscheid und die zweite Gelbe Karte gegen Stillhart war dann aber korrekt. Bei einem leichten Halten von Kempter gegen Bandé und auf der anderen Seite einem unabsichtlichen Ellbogenschlag von Havenaar gegen Kololli im Strafraum war es zudem jeweils nachvollziehbar, dass nicht auf Penalty entschieden wurde.
Thun – FC Zürich 3:2 (3:2)
Tore: 11. Rapp (Hefti) 1:0, 14. Tosetti (Hefti) 2:0, 21. Karlen (Stillhart) 3:0, 31. M. Kryeziu (Kololli) 3:1, 45+5 Kololli (Penalty, Nathan) 3:2.
Thun – Faivre; Joss, Havenaar, Stillhart, Hefti; Bertone; Tosetti (46. Sutter), Hasler; Karlen; Bandé (61. Fatkic), Rapp.
FCZ – Brecher; Britto (46. Domgjoni), Nathan, M. Kryeziu, Kempter (81. Pa Modou); H. Kryeziu, Janjicic (46. Sohm); Rüegg, Winter, Schönbächler (72. Koide); Kololli.
(Standbilder: Teleclub)
Der ehemalige FCZ- und Thun-Trainer sowie FCZ-Legende Urs Fischer will heute in der Stockhorn Arena ein spannendes Duell seiner beiden Ex-Klubs geniessen. Der aktuelle FCZ-Trainer Ludovic Magnin hat für die heutige Partie in der Stockhorn Arena eine begrenzte Personalauswahl in den vorderen Reihen. Benjamin Kololli kehrt zwar wieder zurück, aber dafür ist Blaz Kramer gesperrt – wegen eines „Fouls“ in der Anfangsphase der Partie gegen Lugano, das keines war. Dazu fallen die vom Platz gefahrenen / getragenen Tosin und Omeragic verletzt aus. Mahi und Marchesano sind ebenfalls nicht fit. Neu in die Startformation rücken Adi Winter, Mirlind Kryeziu, Hekuran Kryeziu und Willie Britto. Es ist sowohl eine Variante mit Dreierabwehr, als auch mit Viererabwehr denkbar.
Beim FC Thun hat Stürmer Ridge Munsy einen Lauf und seit seinem ersten Rückrundeneinsatz gegen Lugano in sechs Partien jedes Mal getroffen! Mit Hassane Bandé hat Thun-Trainer und FCZ-Gott Marc Schneider eine zusätzliche Option im Sturm, was Simone Rapp zu motivieren scheint, der zuletzt in St. Gallen nach seiner Einwechslung zur Halbzeit stark dazu beigetragen hat, dass die Berner Oberländer beinahe noch einen Punkt aus der Gallusstadt entführt hätten. Gegen den FCZ beginnt etwas überraschend das Duo Rapp / Bandé und Munsy sitzt als Joker auf der Bank. Seit einiger Zeit lässt Marc Schneider im Mittelfeld mit einer Raute spielen, wodurch die Position des Top-Assistgebers Tosetti auf dem offensiven Flügel normalerweise aus dem System rausfällt. Der FCZ hat in den letzten Jahren aber immer wieder Mühe mit Tosetti gehabt, daher bringt ihn Schneider heute trotzdem von Anfang an, ob als Achter in der Raute oder in einem flachen Vierermittelfeld wird sich noch zeigen. Grégory Karlen könnte in Abwesenheit von Miguel Castroman auf die 10er-Position rücken und der offensiv orientierte Nias Hefti ersetzt links hinten Chris Kablan.
Aktuelle Daten des „CIES Football Observatory“ in Neuenburg zeigen, dass der FCZ aktuell zu den konsequentesten Talentförderern Europas gehört. In der Rangliste des Anteils der Spielminuten von Spielern aus dem eigenen Nachwuchs liegt der FC Zürich mit 38,6% an 24. Stelle von 464 untersuchten europäischen Erstligisten. Ganz vorne liegen Sigma Olomouc (Tschechische Republik) und Zilina (Slowakei) mit beinahe zwei Drittel Spielzeit für eigene Junioren. Nur neun Mannschaften liegen über 50%, darunter Dynamo Kyiv und Celta Vigo. Ebenfalls noch vor dem FCZ liegen unter anderem Athletic Bilbao, als einziges Schweizer Team Basel (14., 46,8%), Dinamo Minsk, Anderlecht und Espanyol. Die Zahlen führen die sich unter Deutschschweizer Fussballjournalisten (Print und TV) hartnäckig haltende Behauptung, unter Trainer Ludo Magnin würde gar nicht wie versprochen auf die eigene Jugend gesetzt, oder es handle sich beim aktuellen FCZ gar um eine „Söldnertruppe“, einmal mehr komplett ad absurdum. Zu den Junioren aus der eigenen Academy dazu kommen Talente wie der 17-jährige Becir Omeragic, der zuletzt über die U21 an die Super League herangeführt wurde und in den 38,6% nicht mit enthalten ist, da er dem Servette-Nachwuchs entstammt.
Die Super League als Ganzes liegt in Bezug auf die Einsatzzeiten von im eigenen Klub ausgebildeten Spielern mit im Durchschnitt 24,8% der Spielzeit europaweit gar an der Spitze! Über mangelndes Identifikationspotential mit der Mannschaft können sich die Fans in der Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern nicht beklagen. Über der Marke von 20% liegen ansonsten nur noch die Slowakei, Norwegen, Slowenien, Tschechische Republik und Dänemark. Unter 10% liegen Schlusslicht Türkei (3,7%), Zypern, Italien (5,4%), Portugal (!), Griechenland, Bulgarien und auch Deutschland (8,8%). Bemerkenswert, dass die Premier League-Klubs (12%) mittlerweile mehr als die Bundesliga-Teams auf Spieler aus dem klubeigenen Nachwuchs setzen. Die Super League ist zudem mit 25,7 Jahren die fünftjüngste Erste Liga Europas – nach der Slowakei, den Niederlanden, Slowenien und Kroatien. Am anderen Ende der Skala befinden sich wiederum die Türkei und Zypern. Dabei sticht der FC St. Gallen als mit durchschnittlich 23,0 Jahren europaweit sechstjüngstes Team hervor: jünger sind nur noch Nordsjaelland (Dänemark, 22,3), Energetik-BGU (Weissrussland, 22,3), DAC (Slowakei, 22,8), Heerenveen (Niederlande, 22,8) und Anderlecht (Belgien, 22,9). Trainer Peter Zeidler liegt damit nochmal deutlich unter den Werten seiner ehemaligen Klubs Salzburg und Hoffenheim, welche als Inspiration für St. Gallens laufintensiven Fussball dienen, für welchen möglichst viele junge Spieler benötigt werden. Der FCZ ist mit Durchschnittsalter 25,1 knapp hinter YB und Luzern aktuell das viertjüngste Team der Liga und europaweit an 67. Position der 464 untersuchten Erstligisten.
Ebenfalls im europaweiten Vergleich hoch ist die Klubtreue bzw. die „Stabilität“, wie dies vom CIES genannt wird, der eingesetzten FCZ-Spieler. Im Durchschnitt sind diese bereits 29,2 Monate in der 1. Mannschaft des FC Zürich engagiert. Im schweizerischen Vergleich sind nur bei Xamax die eingesetzten Spieler noch länger mit dabei. In Bezug auf den Ausländeranteil und die prozentuale Spielzeit der Einwechselspieler liegt der FCZ im europäischen Durchschnitt. Recht hoch ist hingegen mit 182,9 cm die durchschnittliche Körpergrösse der eingesetzten Spieler. Zu berücksichtigen ist am Beispiel von Assan Ceesay, dass Körpergrösse nicht immer automatisch auch eine grosse „Wasserverdrängung“ bedeutet. Bei YB ist das etwas anders. Die Berner sind mit durchschnittlich 183,6 cm das „grösste“ Team der Super League. Am meisten nach oben gucken müssen die Gegenspieler, wenn sie gegen Union Berlin antreten – Urs Fischer trainiert mit durchschnittlich 187,1 cm das „grösste“ Team Europas.
(Archivbild, von links nach rechts: FCZ-Junioren Nicolas Stettler, Kevin Rüegg und Nils Von Niederhäusern bei einem SFV-Zusammenzug)
Cédric Brunner war beim Saisonauftakt im Letzigrund als Fan mit dabei und im Pauseninterview bei Züri Live! Der 24-jährige verrät dabei wie er sich gegen den FC Thun auf der Tribüne fühlte, die wichtigsten Gründe für seinen Wechsel nach Bielefeld, woran er sich dort noch anpassen muss und worauf er sich freut…nicht ohne sich auch nochmal mit glühendem Herzen an den Cuptitel im Mai zurückzuerinnern…
https://soundcloud.com/fcz-radio/cedric-brunner-wir-reden-immer-noch-uber-den-cupsieg
Die „Angst vor einer Negativspirale“ war gemäss Präsident Ancillo Canepa an der heutigen Medienkonferenz im Letzigrundstadion der Grund für die Entbindung vom Amt als Cheftrainer von Urs Meier beim FC Zürich, . Hätten nur 20 Stunden zuvor Gavranovic und Sadiku in der 93.Minute an der Seitenlinie nicht gemeinsam den Zweikampf gegen Kim Källström verloren, und damit dem jungen Florian Kamberi im Derby die Chance auf den Siegtreffer in letzter Sekunde eröffnet, würde der Trainer heute immer noch Urs Meier heissen. Dies wollte der FCZ-Präsident zwar verständlicherweise nicht zugeben, aber die detaillierte Begründung der Freistellung lässt keinen anderen Schluss zu.
Situation der Freistellung wie bei Urs Fischer
Die Situation erinnert sehr stark an die Freistellung von Urs Fischer, dem späteren erfolgreichen Thun- und jetzigen Basel-Trainer vor dreieinhalb Jahren. Auch damals hatten in der Winterpause Leistungsträger wie Rodriguez, Mehmedi, Djuric, Alphonse und Margairaz alle gleichzeitig den Klub verlassen. Auch damals wurde der Trainer von den Medien mit unfundierter Kritik eingedeckt. Dabei gelang es Fischer damals erstaunlich schnell, den Umständen entsprechend mit dem noch vorhandenen Personal und einzelnen eher namenlosen Zuzügen in kurzer Zeit das Team neu auszurichten. Mehrere Spieler (Buff, Drmic, Djimsiti, Nikci) blühten auf, die „Neuen“ Glarner und Pedro Henrique fügten sich gut ein, es gab damals in sechs Partien nur eine einzige schlechte Halbzeit: gegen Sion. Die Resultate waren natürlich schwankend, was aber in einer solchen Phase völlig normal ist.
Auch im Sommer 2015 agierte die durch Verletzungen und Abgänge stark ersatzgeschwächte Mannschaft von Urs Meier in den ersten vier Partien der Saison schon erstaunlich kreativ, spielfreudig, kämpferisch und geschlossen. Der Start gegen YB war stark, gegen Vaduz ging es zu Beginn nahtlos so weiter, bis ein Spieler, welchem sonst nie einen Fehler unterläuft, eben auch mal einen solchen beging: Burim Kukeli. Dies brachte die ganze Mannschaft kurzzeitig etwas aus dem Tritt. Die Partie gegen Dinamo Minsk war dann wirklich als einzige schlecht, bevor das stark ersatzgeschwächte Team im Derby wieder eine klare Reaktion zeigte, und gegen offensiv zur Zeit enorm starke Grasshoppers mindestens ein Unentschieden verdient gehabt hätte. Spieler, die zu Beginn noch Problemspieler waren, wie Chermiti, Sadiku oder Koch, zeigten zuletzt klar aufsteigende Tendenz, Buff übernahm immer mehr Verantwortung, die jungen Sarr, Brunner und Simonyan begingen zwar Fehler, aber die positiven Eindrücke überwogen.
Meier mit bester Punktebilanz nach Favre
Niemals werde ich die Gesichter der Spieler im persönlichen Gespräch vergessen, nachdem im November 2012 Urs Meier definitiv neuer Cheftrainer geworden war: offen, fröhlich, optimistisch, mit strahlenden Augen, als habe soeben die Sonne eine schwere Nebelschicht vedrängt. Sie fühlten sich von Meier respektiert und teilten seine Ideen von Fussball. Dementsprechend gedrückt war nun offenbar auch die Stimmung heute bei der Verkündung von dessen Freistellung. Präsident Ancillo Canepa ist sicherlich hoch anzurechnen, dass er Urs Fischer und später Urs Meier eine Chance als Cheftrainer gegeben hat. Und die lokalen Medien, welche von Beginn weg eine negative Einstellung gegenüber diesen beiden Trainern gehabt hatten, wurden Lügen gestraft. Dass nun aber in beiden Fällen nach einem enormen personellen Umbruch und dem Abgang von mehreren Leistungsträgern die Geduld beim Präsidenten aufgrund der durchzogenen Resultate bereits nach wenigen Spielen aufgebraucht war, scheint eher unverständlich.
Zusätzlich unverständlich ist es, wenn man die Punktebilanz von Urs Meier beim FCZ anschaut – er kommt auf 1.66 Punkte pro Spiel. Seit Jeandupeux-Zeiten vor mehr als 30 Jahren hatte nur ein einziger FCZ-Trainer in der NLA/Super League einen besseren Punkteschnitt: Lucien Favre (1.86). Sogar der später mit dem FC Thun und aktuell mit Basel sehr erfolgreiche Urs Fischer hatte einen leicht schlechteren Schnitt (1.59) genauso wie Meistertrainer Bernard Challandes (1.63). Fischer und Challandes sind bekannt dafür, aus einem Team das Maximum herausholen zu können – Meier hat diese beiden nun sogar noch übertroffen. Ist dies nicht eher ein Zeichen dafür, dass diese Bilanz unter den aktuellen Voraussetzungen das maximal Erreichbare für den FCZ darstellt? Sind die Erwartungen nicht etwas zu hoch? Der Erfolg und die Titel, welche der FCZ in den letzten Jahren feierte, hätten viele Teams, die vor der Ära Favre auf Augenhöhe mit dem FCZ oder gar vor diesem waren, sehr gerne selber gefeiert. Und dass ein neuer Weltklassetrainer à la Favre dem FCZ erneut über den Weg läuft, ist eher unwahrscheinlich.
„Unruhe“ im Blätterwald wird kein Ende nehmen
An der Pressekonferenz wurde Ancillo Canepa gefragt, ob er nun die Hoffnung habe, dass mit den Abgängen von Meier und Chikhaoui die Unruhe rund um den Verein ein Ende haben werde. Canepa antwortete, dass im Verein selber in letzter Zeit immer Ruhe geherrscht habe. Dies klingt für jemanden, der regelmässig die lokalen Medien wie Tages-Anzeiger oder NZZ konsumiert, auf den ersten Blick etwas unglaubwürdig, entspricht aber tatsächlich der Realität. Die „Unruhe“ findet vorwiegend im Biotop des Blätterwaldes statt. Der Journalist hätte die Frage also eher sich selber stellen müssen.
Canepa äusserte zum Abschluss dann noch die Hoffnung, dass der neue Trainer bei den Medien besser ankommen würde. Diese Hoffnung ist aber illusorisch. Wir reden hier von den gleichen Medien, die auch gegenüber Favre, Challandes und Fischer immer sehr kritisch waren. Einzig bei Rolf Fringer (Punktebilanz: 1,21) waren sie dank dessen Eloquenz etwas gnädiger eingestellt. Aber der Trainer des FCZ und alle Situationen rund um den Klub werden auch in Zukunft in den Zürcher Medien immer aus dem negativst möglichen Blickwinkel dargestellt werden. Dies wird sich so lange nicht ändern, wie die aktuelle Generation der Zürcher Fussball-Journalisten aktiv sein wird, denn diese besteht zur Mehrheit aus GC- und FCB-Sympathisanten. Diese werden auch in Zukunft nicht müde werden, möglichst wenig über Fussball, und möglichst viel über „Unruhen“ und Pseudo-Problemchen beim FCZ zu schreiben und zu berichten. Damit muss man sich als FCZ-Supporter einfach abfinden, und auch in Zukunft nur den eigenen Augen und Ohren vertrauen.