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Obwohl er das Tennis gehasst hat, gewinnt Andre Agassi in seiner Karriere alles, was es zu gewinnen gibt. Heute wird der Amerikaner 50. Die Würdigung einer Laufbahn voller Kontraste.
«Um mich zu begreifen, muss man sich den Druck vorstellen können, unter dem ich schon als kleiner Junge stand», sagt Andre Agassi einst über die eigene Kindheit. Verantwortlich dafür sei sein Vater Emmanuel, ein ehemaliger iranischer Boxer, der 1948 und 1952 an Olympischen Spielen teilnimmt.
Er treibt seinen Sohn in jungen Jahren zu Höchstleistungen – oder zwingt ihn zu diesen: «Bei uns zu Hause war die Stimmung davon abhängig, ob ich gut oder schlecht trainierte, ob ich gewann oder verlor», erinnert sich Andre. Durch die Beziehung zu seinem Vater wird der Tennissport für Agassi beinahe zu einem Gefängnis. Er habe diesen Sport deshalb immer gehasst.
Talent allerdings hat er zuhauf. Bereits als 15-Jähriger betritt er 1986 die ganze grosse Tennisbühne. Mit wilden Frisuren, bunter Kleidung und regelmässigen Besuchen bei McDonalds überspielt der Amerikaner damals seine Schüchternheit, in der Tennis-Szene gilt er schnell als Paradiesvogel.
Der Durchbruch in Wimbledon
Doch auch mit seinem Temperament macht Agassi auf sich aufmerksam. Nach dem Debüt beim traditionsreichen Grand-Slam-Turnier in Wimbledon (1987) nervt sich der Teenager fürchterlich über die strengen Kleidungsvorschriften. «Was geht es die Leute an, was für Klamotten ich trage? Eher umarme ich meinen Vater nochmal, als dass ich hierher zurückkehre.»
Fünf Jahre später gewinnt Agassi ausgerechnet an der Church Road seinen ersten Grand-Slam-Titel, im Endspiel ringt er Goran Ivanisevic in einem Fünfsatz-Krimi nieder. Als er anschliessend seinen Vater kontaktiert, erwidert dieser am Telefon bloss: «Was hast du dir dabei gedacht, den vierten Satz zu verlieren?»
In der Folge etabliert sich Agassi Schritt für Schritt in der Weltspitze. Als ungesetzter Spieler gewinnt er 1994 erstmals die US Open. Und nachdem er sich die langen Haare – sein bisheriges Markenzeichen – abrasiert, triumphiert er an den Australian Open gleich bei seiner ersten Teilnahme 1995. Vier Monate später besteigt er erstmals den Tennisthron.
Die folgende Saison 1996 glückt ihm zwar nicht wie gewünscht, der Gewinn der Olympischen Goldmedaille in Atlanta entschädigt aber für einige bittere Niederlagen. Dann aber folgt der Tiefpunkt.
Agassi fällt in ein tiefes Loch
Aufgrund von Verletzungssorgen, fehlender Motivation und Eheproblemen gerät die Laufbahn ins Stocken. In seiner 2009 veröffentlichten Biographie gibt Agassi zu, in dieser Zeit das Aufputschmittel Crystal Meth konsumiert zu haben. Es ist womöglich der Versuch, aus dem Tennis-Gefängnis auszubrechen, der allerdings in einem positiven Dopingtest endet. Einer Sperre entgeht Agassi nach eigener Aussage nur, weil er sich in einem Brief an die ATP wendet und erklärt, das Rauschmittel versehentlich eingenommen zu haben. Dennoch stürzt der Amerikaner in der Weltrangliste bis auf Platz 141 ab, bevor er sich 1998 zum ersten Mal bewusst fürs Tennis entscheidet.
Agassi ändert sein Trainingsprogramm und sein Verhalten auf dem Platz. Über zweitklassige Turniere kämpft er sich an die Weltspitze zurück – und wird noch erfolgreicher als zuvor. Mit dem Triumph in Paris 1999 vollendet er seinen Karriere-Grand-Slam, als erst fünfter Spieler der Geschichte kann er jedes Major-Turnier zumindest einmal gewinnen. Einen Monat später ist der Amerikaner wieder die Weltnummer 1. Seinen grössten Erfolg sollte er aber abseits des Platzes feiern.
Steffi Graf als «stärkstes Licht»
Nach der glücklosen Ehe mit der Schauspielerin Brooke Shields lernt Agassi die deutsche Tennisspielerin Steffi Graf kennen – und lieben. Bis ihr Herz erobert ist, muss sich der Verehrer allerdings gedulden. Nach mehreren Absagen führt ein aus der Speisekarte im Flugzeug gebastelter Geburtstagsgruss schliesslich zum Erfolg. «Wieso weisst du, dass ich Geburtstag habe?», soll die Deutsche verblüfft gefragt haben, als ihr die umgewandelte Speisekarte 1999 in Wimbledon überreicht wird. Im Oktober 2001 folgt die Heirat. «Sie ist das stärkste Licht meines Lebens», sagt Agassi über seine grosse Liebe. Heute sind die beiden Eltern von zwei Kindern und leben zurückgezogen in Las Vegas.
Seine Karriere beendet Andre 2006 an den US Open mit einer Niederlage in der dritten Runde. «Die Anzeigetafel sagt, dass ich heute verloren habe, aber was die Anzeigetafel nicht verdeutlicht ist, was ich in den letzten 21 Jahren alles gewonnen habe: Loyalität, Inspiration, die Zuneigung dieses Publikums, auf dessen Schultern ich erst zu diesem Spieler wachsen konnte», verabschiedet sich Agassi von der grossen Tennisbühne.
Zum Ende der Laufbahn stehen 60 Turniersiege, acht Grand-Slam-Titel und eine olympische Goldmedaille zu Buche. Hinzu kommen 101 Wochen an der Weltranglisten-Spitze. Keine schlechte Bilanz für einen Spieler, der diesen Sport lange nicht freiwillig betreibt.