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Das Wiederaufblühen der Abtei St.Gallen unter Abt Ulrich Rösch nach der Mitte des 15. Jahrhunderts führte auch zur Anschaffung erster gedruckter Bücher. Diese bilden die Grundlage für die heutige Inkunabelsammlung der Stiftsbibliothek. Obwohl der heutige Fachbegriff der Inkunabel nur gedruckte Werke bis 1500 umfasst, sind in St.Gallen die Inkunabeln und Frühdrucke in einem gemeinsamen Katalog erfasst und auch annähernd geschlossen im Barocksaal aufgestellt. Als Frühdrucke oder Postinkunabeln werden hier die gedruckten Werke bis 1520 bezeichnet. Die Gesamtzahl dieser Sammlung beträgt 1650 Titel, ein grosser Teil davon ist in Sammelbänden zusammengefügt.
Seit 2010 sind Inkunbabeln und Postinkunabeln der Stiftsbibliothek im Online-Katalog erfasst und suchbar.
Dem heutigen Besucher präsentiert sich der Inkunabelbestand im Barocksaal einheitlich. Im 18. Jahrhundert waren die meisten alten Einbände entfernt und die Bücher in neue, identische Buchdeckel eingebunden worden. Die gleichförmige Erscheinung täuscht jedoch über die Vielfalt der Bücher hinweg, die sich nur teilweise in klare Bestandesgruppen gliedern lassen.
Ständiger Neukauf und Schenkungen mehrten den Bestand, aber auch Büchersammlungen aus Privatbesitz wurden erworben, wie etwa der Nachlass des Matthias Bürer (gest. 1485). Im Besitz dieses Geistlichen befanden sich, nebst Handschriften und Büchern, zwei Einblattdrucke: je ein Indulgenzbrief und eine Buchhändleranzeige aus dem Jahr 1473, die zusammen mit weiteren Einblattdrucken und vier Blockbüchern eine besondere Untergruppe im Bestand der Inkunabeln bilden. Einen zweiten bedeutenden Zuwachs an Altbeständen erhielt die Bibliothek, als der Bibliothekar Pater Nepomuk Hauntinger gegem Ende des 18. Jahrhunderts die Frauenklöster der Umgebung mit neuer Andachts- und Erbauungsliteratur versorgte und dafür die "veralteten", kaum mehr gelesenen Bestände mitnahm.
Inhaltliche Schwerpunkte liegen in der Theologie und bei den (grösstenteils lateinischen) Klassikern, daneben wurde aber auch Weltliches gesammelt, etwa die Schöne Melusine(1480) oder die erste datierte und illustrierte Boccaccio-Ausgabe von De mulieribus praeclaris (1473). Die Bibel ist in sieben verschiedenen deutschen Ausgaben aus der Zeit vor Luther vorhanden, besonders schön ist die neunte deutsche Bibel, ein illustrierter Koberger-Druck von 1483. Die Bände bieten nebst ihrem Inhalt auch Hinweise auf frühere Besitzer oder tragen die Anmerkungen ihrer ehemaligen Leserschaft. Von Joachim von Watt (Vadian), dem St.Galler Reformator, sind sowohl Bücher mit Besitzeintrag vorhanden als auch Werke, die er selbst verfasst hat, wie etwa die Libri de situ orbis (1518), eine Bearbeitung der Geographie des antiken Autors Pomponius Mela.