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| Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 16. Pachomius schlichtet einen Streit zwischen einem Klostervorstand und einem von dessen Brüdern.
Nach einigen Tagen kam ein Asket, ein Vater von vielen Brüdern, der gewohnt war, ihn öfter zu besuchen, mit einem Bruder zu ihm. Es war nämlich in dem unter ihm stehenden Kloster folgender Streit entstanden: Der Bruder, der mit ihm da war, belästigte den Leiter des Klosters fortgesetzt mit dem Verlangen, die geistliche Würde zu erhalten. Der Vorstand aber wußte, daß er dieser Gnade nicht wert sei und verschob die Angelegenheit auf die verschiedenste Weise. Als er aber die Belästigung durch den Bruder nicht mehr ertragen konnte, da ging er zum heiligen Pachomius und erzählte ihm so gut wie möglich die ganze Angelegenheit. Denn er war überzeugt, daß dieser allein eine Lösung für den Ehrgeiz des Bruders finden könne.
[S. 838] Wie dieser nun die ganze Sache erfahren hatte, sagte er zu dem Priester: "Du bist nicht gekommen, damit ich den Willen Gottes nur erforsche. Höre also auf mich und gewähre die Bitte des Bruders! Und ich verzweifle nicht, vielleicht werden wir dadurch seine Seele der Hand des Feindes entreißen. Denn es kommt vor, daß auch ein schlechter Mensch Sinn für das Gute bekommt, wenn ihm eine Wohltat erwiesen wurde. Denn die Begierde nach dem Besseren pflegt den Seelen, welche noch nicht gänzlich gefallen und leichtfertig geworden sind, Sicherheit zur Betätigung der Tugend einzuflößen. Uns, mein Bruder, ziemt es, so zu handeln; denn die Liebe im Sinne Gottes besteht darin, miteinander zu dulden."
Nachdem der Vorstand diese Antwort erhalten hatte, tat er, wie ihm befohlen worden. Als der Bruder aber seinen Wunsch erfüllt sah, da kehrte er wieder zurück zu dem Heiligen in Besonnenheit und tiefer Erschütterung, er warf sich nieder auf sein Antlitz, bekannte und sprach: "Mann Gottes, hoch erhoben wurdest du vom Herrn, da du im Guten das Schlechte besiegst. Denn wenn du gegen mich nicht langmütig gewesen wärest, sondern gegen mich gesprochen hättest, dann wäre ich aus dem Kloster gegangen und Gott entfremdet worden. Jetzt aber bist du gelobt im Herrn, denn durch dich ist meine Seele gerettet worden." Pachomius hob ihn von der Erde auf und ermahnte ihn, ein der Verheißung würdiges Leben zu führen, "damit du nicht in der Zukunft eine weniger gute Rechenschaft ablegst", er umarmte ihn, geleitete ihn bis zum Tore des Klosters und entließ ihn.