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Der rumänische Autor beschreibt im Roman «Das Hühnerparadies» und in der Geschichtensammlung «Klasse Typen» den Alltag in der rumänischen «Übergangsgesellschaft» von heute. Die beiden Bücher liegen nun auch auf Deutsch vor.
«Nichts war jetzt mehr so wie früher! Damals war irgendwie jedes Ereignis wichtiger gewesen, und es ging ein stärkeres und länger anhaltendes Raunen durch die Strasse. Jetzt war das nicht mehr so. Zwischen fünf und sechs Uhr brachte keiner mehr dein Tor zum Quietschen. (…) Alle verbarrikadierten sich in ihren Häusern und sahen fern. (…) Wenn dir in einem solchen Moment, Gott bewahre, schlecht würde, wäre niemand da, der dir ein Glas Wasser bringen könnte.»
So sieht es in der Akazienstrasse in einer rumänischen Provinzstadt aus. Sie ist der Schauplatz des Romans «Das Hühnerparadies» von Dan Lungu. 1969 geboren, hat der Autor die Ceausescu-Zeit noch intensiv erlebt. Dank unentgeltlicher «Literatur- und Kreativlager» bereitete er sich nicht für den Kapitalismus, sondern fürs Schreiben vor. Dass die kommunistische Diktatur schon bald einmal vorbei und das verbotene Ausland betretbar sein würde, kam ihm damals nicht in den Sinn.
Flucht in Alkohol und Palaver
Nach der Revolution vom Dezember 1989 war es so weit. 1991 gab es für den damals 22-jährigen Soziologiestudenten die «erste Reise nach auswärts», über Ungarn, Österreich, Deutschland nach Frankreich. Heute lehrt Lungu Soziologie an der Universität von Iasi im Nordosten Rumäniens.
Zwei Bücher von ihm liegen nun auf Deutsch vor: der bereits erwähnte Roman «Das Hühnerparadies» und die Geschichtensammlung «Klasse Typen». Es sind Darstellungen der rumänischen «Übergangsgesellschaft» von heute, einer traurigen Gegenwart zwischen einem immer noch sehr nahen und klar umrissenen Gestern - dem kommunistischen Ceausescu-Regime - und einem vagen, unsicheren Morgen im Zeichen des kapitalistischen Westens. Die beiden Bücher sind vor Rumäniens Aufnahme in die EU im Jahr 2007 geschrieben worden, doch seither hat sich für gewöhnliche BürgerInnen nur wenig geändert: «Das hier ist das Nimm-das-Geld-und-renn-Land.» Das, was uns Lungu vorlegt, bleibt aktuell.
Lungu liebt die Form der längeren Kurzgeschichte. Auch sein Roman ist ein Geschichtenreigen. Immer geht es um den bleiernen, grauen Alltag, der eigentlich unerträglich wäre, wenn es nicht den Alkohol und das Palaver im «Zerknautschten Traktor», der Kneipe der Akazienstrasse, gäbe. Die meisten Leute sind arbeitslos, und wenn einem nichts einfällt, um sich das Leben ein bisschen leichter zu machen, flieht man in geschönte Erinnerungen an die Zeit des Diktators, der oft als der «Erschossene», der «Durchlöcherte» oder der «Durchsiebte» erwähnt wird und immer noch unheimlich präsent ist. Man lebt immer noch zu einem Teil in der damaligen Zeit, weil die heutige stets noch so ungewiss und unübersichtlich ist: «Wenn du bei dir zu Hause nicht alles neu gestrichen hast, war das auch wegen Ceausescu? Trauerst du ihm nach? (…) Kaum will man in Ruhe ein Glas trinken, hopp!, schon kommt der Kommunismus mit an den Tisch. Ich für mein Teil hab davon die Nase voll, von diesem ewigen Blabla wegen des Kommunismus.»
Regenwürmer für den Westen
Wenn dann jemand wie der Bürger Relu Covalciuc erzählt, was er im Garten mit seinen Hühnern erlebt hat, nämlich eine regelrechte Regenwürmerinvasion, kommt es zur Spekulation um mögliche Auswege aus der Lethargie. Ein Zechgenosse rät dem Hühner- und Regenwurmbesitzer, er solle die Regenwürmer doch «den Westlern» verkaufen: «Ich würde ernsthaft, so auf gut Glück, eine Annonce aufgeben: Verkaufe traditionelle rumänische Regenwürmer. Lebhaft, aus fruchtbarem Boden, ohne Pestizide. Die Westler haben nämlich einen Horror vor Chemikalien. Vielleicht findet sich ein Dummer.
Oder die Fischer, Herr Relu. Kaufen die keine Regenwürmer? Die haben nicht mal genug Geld, um im Zentrum pinkeln zu gehen. Den Westlern muss man es verkaufen, die haben das Geld. Nagat erzählte, dass er immer nach Deutschland fährt. Weil die wie verrückt natürlich gewachsene Äpfel suchen, ohne Chemikalien. Nur die, die Würmer haben, sind natürlich, also kosten die wurmstichigen ein Eckhaus. Herr Relu, Sie liefern die Würmer, und die sollen sehen, wie sie sie in die Äpfel reinbekommen.»
Auch die Menschen im Band «Klasse Typen» sind keine Ausnahmeerscheinungen, sie schlagen sich durchs Leben, so gut es eben geht. Und das sind dann meistens ziemlich traurige bis groteske, aber stets reale Abenteuer. Der wöchentliche «Nahkampf mit Carolina» ist für einen dieser Nichthelden von vitaler Bedeutung, aber wie so vieles andere keineswegs selbstverständlich. Der Unterschied zwischen Rumänien und dem westlichen Ausland klingt immer wieder an. Lungus Geschichten, und mögen sie noch so surreal klingen, haben einen dokumentarischen Wert. Für viele von uns, die wir uns um Rumänien viel zu wenig gekümmert haben, sind sie eine ebenso unterhaltsame wie nützliche Lektion.
Dabei ist - wie beim polnischen Autor Andrzej Stasiuk und dem Ukrainer Juri Andruchowytsch - die Atmosphäre wichtiger als die Handlung: die Stimmung einer Übergangszeit, deren Ende nicht abzusehen ist und die die Menschen einerseits lähmt und anderseits stimuliert - zu ironischen und sarkastischen Hirngespinsten und einem endlosen Lamento. «Das Lichtlein am Ende des Tunnels» erscheint in einem Kapitel des «Hühnerparadieses» nicht als wirkliches Tunnelende, sondern als Farbfernseher.