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Die WHO äussert sich kritisch über die Wirksamkeit von Remdesivir bei Covid-19. Schweizer Ärztinnen und Ärzte sind deshalb zurückhaltend in der Anwendung. Dennoch haben die Schweizer Behörden die Zulassung des Medikaments vorangetrieben und bemühen sich, mehr davon zu beschaffen.Dieser Inhalt wurde am 14. Dezember 2020 - 08:00 publiziert
Die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic erteilte am 25. November eine befristete Zulassung für Remdesivir (unter dem Markennamen Veklury). Dies nur fünf Tage nachdem die Weltgesundheitsorganisation davon abgeraten hatte, das Medikament zur Behandlung von Covid-19-Patienten einzusetzen.
Die Schweizer Regierung teilte auf Anfrage von SWI swissinfo.ch mit, dass sie mit der US-Firma Gilead, die das Medikament entwickelt hat, Gespräche führt, um auf der Grundlage einer Vereinbarung vom August 2020 mehr Dosen von Remdesivir im Kampf gegen Covid-19 zu beschaffen.
Die WHO stützte ihre Empfehlung auf die Zwischenergebnisse einer breit angelegten Studie und erklärte, es gebe "derzeit keinen Beweis dafür, dass Remdesivir die Überlebensrate und andere Ergebnisse bei diesen Patienten verbessert".
Andere Studien, darunter die ACTT-1 des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in den Vereinigten Staaten, ergaben jedoch, dass das Medikament die Genesungszeit um fünf Tage verkürzte.
"Es ist Sache der behandelnden Ärzte, die passende Therapie zu verschreiben – auf der Basis der Produktinformation, wie sie von Swissmedic zugelassen wurde, und in Kenntnis des Patienten", erklärte ein Sprecher von Swissmedic gegenüber swissinfo.ch. Und er betonte, dass der Entscheid zur Zulassung auf den Ergebnissen von drei Studien basiere, darunter die ACTT-1 des NIAID.
Unterschiedliche Handhabung
Ärztinnen und Ärzte der grossen Universitätsspitäler teilten swissinfo.ch mit, dass sie die Anwendung von Remdesivir einschränken oder das Medikament überhaupt nicht einsetzen – im Einklang mit den aufdatierten WHO-Richtlinien.
Alexandra Calmy, Oriol Manuel und Hansjakob Furrer waren an der von der WHO geleiteten Studie zur Erprobung von Remdesivir beteiligt. "Wir verschreiben Remdesivir nur in sehr ausgewählten Fällen. Wir haben unsere Haltung geändert, nachdem die Ergebnisse der Studie am 16. Oktober bekannt gegeben wurden", sagt Calmy, Assistenzärztin am Universitätsspital Genf.
Laut Manuel wird das Medikament am Universitätsspital Lausanne, wo er arbeitet, nicht verwendet. "Meiner Meinung nach ist der Nutzen sehr gering. In der Schweiz ist die Anwendung auf ganz bestimmte Fälle beschränkt und meist wird das Medikament höchstens fünf Tage gegeben. Die Entscheidung, ob das Medikament verschrieben wird, ist je nach Spital unterschiedlich."
In einem ArtikelExterner Link, der nach der WHO-Empfehlung in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht wurde, sagte Peter Steiger von der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich, dass Remdesivir bei frühzeitiger Anwendung nützlich sei. Gemäss dem Artikel setzt das Spital es nur gezielt ein.
Ähnliche Ansichten teilt Hansjakob Furrer, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Bern. Laut Furrer war das Inselspital sehr zurückhaltend, Prüfpräparate ausserhalb von Studienprotokollen einzusetzen.
"Wir haben Remdesivir nur in ganz bestimmten Fällen eingesetzt. Das Medikament darf nur in Hochrisikofällen und in der frühen Phase der Infektion eingesetzt werden", so Furrer. "Nur weil die WHO es nicht empfiehlt, heisst das nicht, dass wir es nie anwenden werden, denn COVID-19 ist eine sehr heterogene Krankheit. Es gibt kein Schwarz oder Weiss. Vielleicht zeigen spätere Studien, dass das Medikament in sehr spezifischen Fällen hilft", so Furrer.
Den Preis wert?
Angesichts der Tatsache, dass einige Spitäler in der Schweiz die WHO-Leitlinien befolgen, bleibt abzuwarten, wie häufig Remdesivir letztendlich eingesetzt wird.
Weder der Hersteller Gilead noch die Schweizer Regierung verraten, wie viel Remdesivir die Schweiz bestellt hat. Beide verweisen auf "vertragliche Verpflichtungen" beziehungsweise auf die laufenden Verhandlungen.
Die Schweizer Regierung hat jedoch bestätigt, dass sie den von Gilead für ein Fläschchen (Dosis) festgelegten Preis von 390 Dollar (380,50 CHF) zahlt.
"Die Geschichte von Gileads Remedesivir erinnert uns stark an das antivirale Tamiflu von Roche: ein ungerechtfertigt hoher Preis angesichts der niedrigen Produktionskosten, massive öffentliche Finanzierung sowie überdimensionierte staatliche Vorräte, und das alles für ein Medikament, das es letztlich nicht wert ist", sagt Patrick Durisch, Gesundheitspolitik-Experte der Nichtregierungsorganisation Public Eye.
Remdesivir ist eine antivirale Therapie, die ursprünglich für Hepatitis entwickelt wurde und gegen Ebola eingesetzt wurde. Frühere Studien hatten gezeigt, dass es eine gewisse Wirkung bei anderen Coronaviren (SARS und MERS) hatte, aber vor Covid-19 war es von den wichtigsten Zulassungsbehörden noch nie für den Einsatz gegen irgendeine Erkrankung zugelassen worden.
In der Panik der ersten Welle der Pandemie erlaubten viele Regierungen den Krankenhäusern gestützt auf Notfallzulassungen die Verwendung des Medikaments auch ohne schlüssigen Beweis, dass es tatsächlich wirkt.
Im Fall der Schweiz erhielt Swissmedic im Juni einen Antrag auf die vorläufige Zulassung von Remdesivir. Die Zulassungsbehörde leitete ein Schnellverfahren ein, damit das Medikament zugelassen werden konnte. Gemäss Schweizerischem Heilmittelgesetz können Gesuche eingereicht werden, noch bevor die Arzneimittelentwicklung vollständig abgeschlossen ist. Dies erlaubt es Swissmedic, die verfügbaren Daten zu überprüfen, während weitere klinische Studiendaten zu einem späteren Zeitpunkt eingereicht werden.
Im Rahmen der vom Bundesrat beschlossenen Notfallmassnahmen erlaubte der Bund Swissmedic auch die Beschaffung von unentbehrlichen Arzneimitteln bei Versorgungsengpässen. Anfang Juli erlaubte Swissmedic die befristete Abgabe von Remedesivir, während sie ihr Zulassungsgesuch prüfte.
Laut Gilead hängt die Menge des gelieferten Remdesivir gemäss Vereinbarung, die im August 2020 mit dem Bundesamt für Gesundheit unterzeichnet wurde, von der lokalen Entwicklung der Pandemie ab. Das bedeutet, dass die Menge von den Schweizer Behörden je nach den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten erhöht oder verringert werden kann.
Anfang November stiegen die Covid-19-Ansteckungen in der Schweiz auf über 10'000 neu gemeldete Fälle pro Tag an, was weit über den Zahlen der ersten Welle lag. Die Ausbreitung des Virus hat sich seither verlangsamt, aber die Situation ist nach wie vor "sehr besorgniserregend", wie Gesundheitsminister Alain Berset kürzlich erklärte.
Dieser Artikel ist Teil der Serie #BehindThePledge, einer grenzüberschreitenden Untersuchung der Geldspur von Medikamenten und Impfstoffen im Zusammenhang mit der Pandemie. Das Projekt wird unterstützt vom Journalismfund und der IJ4EU. Ludovica Jona (Italien), Lise Barnéoud (Frankreich), Lucien Hordijk (Niederlande), Hristio Boytchev (Deutschland) und Staffan Dahllöf (Dänemark) trugen zu diesem Artikel bei.
Priti Patnaik ist Gründungsherausgeberin von Geneva Health Files, einer journalistischen Initiative, welche die Governance der globalen Gesundheit verfolgt und über Macht und Politik in der internationalen Gesundheitspolitik berichtet.End of insertion
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