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Titel
Thur
(Kt. St. Gallen,
Thurgau
und Zürich).
1028-348 m.
Grosser linksseitiger Zufluss des
Rheins. 131 km lang. Das Einzugsgebiet
umfasst 1734 km2, wovon 348 auf die
Sitter und 211 auf die
Murg entfallen.
a) Oberlauf.
Die
Thur entspringt im obersten
Toggenburg, das orographisch und geologisch eine weite Mulde bildet, im N. vom
Säntisgebirge
und im S. von den
Churfirsten begrenzt ist, sowie eine durchschnittliche Breite von 6 km und eine Länge
von 8 km hat. Ihr Kern besteht aus Flysch, einem schiefrigen und leicht verwitternden Gestein, auf dem die schönen
Alpen
s.
Wildhaus liegen. Im tiefsten Teil dieser Mulde hat sich ein Längenthal gebildet, das von der Passhöhe
bei
Wildhaus bis nach
Starkenbach reicht.
Den obersten Teil der Thallinie nimmt die
Wildhausthur ein, deren Quellen im Munzenriet (1028 m) auf der Passhöhe gegen das
St. gallische
Rheinthal hin liegen und die bis
Unterwasser, wo sie sich mit der Säntis
thur vereinigt, auf Flysch fliesst.
Sie hat eine Länge von 4,5 km und ein Gefälle von 128 m oder 2,85%. Da die beiden Thalflanken hauptsächlich
aus Kreidekalken bestehen, die Regen- und Schneewasser leicht in ihren vielen Spalten einsickern lassen, ist das Gebiet der
Ausbildung von starken Seitenbächen ungünstig.
Während so z. B. die Kammlinie der
Churfirsten von der
Thur etwa 5 km entfernt liegt, kommen von dieser
Seite nur
Bäche von 0,5-2 km Länge herab. Einzig bei
Starkenbach erscheint von links ein «starker» Bach, der 5 km lange
Leistbach, der aber nicht auf Kalkstein, sondern auf den eozänen Bildungen sich entwickelt, welche die w. Fortsetzung
der Mulde von
Wildhaus darstellen. Auch von rechts kommen mit einer einzigen Ausnahme nur unbedeutende
Bäche. Diese Ausnahme ist die Säntis
thur, welche sich bei
Unterwasser mit der
Wildhausthur vereinigt, nachdem sie die südliche
der beiden westlichen Säntisketten durchbrochen hat.
Als ihren
Ursprung kann man den
Gräppelensee (1308 m) ansehen. Damit hat sie eine Länge von 4,8 km und
ein Gefälle von 408 m oder 8,5%. Sie zeigt demnach noch mehr als die
Wildhausthur Wildbachcharakter. Die so aus der Vereinigung
von
Wildhausthur und Säntis
thur entstandene Thur durchfliesst nun von
Unterwasser bis zur Ruine
Starkenstein ein ziem-ich breites
Thal, das bis
Starkenbach in der Mulde von
Wildhaus liegt, von da an aber Querthal
ist. Dennoch hat das
ganze Thalstück den einheitlichen Typus einer mit
Schutt erfüllten Rinne.
Anschwemmungen der Thur und des Leistbaches bilden zusammen mit Gehängeschutt eine Aufschüttungsebene von 5,3 km Länge und 500-600 m Breite. Die Thur selbst hat auf dieser Strecke eine Lauflänge von 6 km und ein Gefälle von 38 m oder 0,6%. Dieses Gefälle wird durch den Felsriegel von Starkenstein (862 m) bestimmt, der auch die ganze thalaufwärts gelegene Alluvion veranlasst hat. Es ist stark genug, um der Thur zu gestatten, die von den Seiten herkommenden Schuttmassen anzugreifen und in ihnen ein breites und flaches Thal auszutiefen, an dessen Erweiterung sie stetsfort arbeitet. Auf den Terrassen liegen die Ansiedlungen des obern Toggenburgs: Starkenbach, Alt St. Johann und Unterwasser, die aber, wie auch das weiter oben befindliche Wildhaus, nur rudimentäre Ansätze zu Dörfern geblieben sind, da die überall vorhandenen Quellen die Hofsiedelung begünstigten.
Schon bei Starkenbach wendet sich die Thur nach NW. und wird ihr Thal zum Querthal durch das Säntisgebirge. Bei der Ruine Starkenstein verengt sich das Thal plötzlich zu einer Schlucht, die aber nur etwa 600 m lang ist. Dieser Durchbruch schneidet das westl. Ende des Säntisgebirges, den Hädernberg, vom übrigen Gebirgskörper ab. Dicht an der Thur erheben sich links der Mittagberg (1552 m) und rechts der Rotenstein (1344 m). An dieser Stelle verlässt die Thur das Kalksteingebiet, um nun rasch das subalpine Eozän zu durchqueren und bis Dietfurt in der dislozierten Molasse zu fliessen, die schon bei Stein beginnt.
Damit quert sie nacheinander: die auf sich selbst zurückgelegte Molasse (zwischen Stein und Nesslau), die zweite Synklinale (zwischen Nesslau und Neu St. Johann), die zweite Antiklinale (ob Ebnat), die erste Synklinale (bei Ebnat) und die erste Antiklinale (bei Kappel). Auf diesem Teil ihres Laufes trifft die Thur also lauter schief bis senkrecht gestellte Schichten von Nagelfluh, Sandstein und Mergel, die je nach Lage und Widerstandsfähigkeit sowohl die Details als auch die Hauptzüge der Orographie bedingen.
Gerade unterhalb der Schlucht von Starkenstein tritt die Thur in das subalpine Eozän ein, in dessen weichen, schiefrigen Schichten sie eine Thalerweiterung geschaffen hat, der an der Grenze zwischen Eozän und Molasse unmittelbar eine zweite folgt. Beide zusammen sind bloss etwa 2 km lang und mit Alluvionen bedeckt, in denen man deutlich alte Thurufer unterscheiden kann. Zwischen beiden ragt aus dem Schutt anstehender Molassefels auf, der Gelegenheit zu einem Flussübergang bot und so die Entstehung des Dorfes Stein begünstigte. Das Eozän veranlasste die Bildung eines Längenthälchens, in welchem der 4 km lange Dürrenbach oberhalb Stein von links der Thur zustrebt. Von der selben Seite kommt unterhalb des Dorfes Stein die Weisse Thur, die ihr Thal ungefähr auf der Grenze zwischen Eozän und Molasse gebildet hat und mit ihrem 8 km langem Lauf bis an den Gipfel des Speer hinaufreicht.
Unterhalb Stein treten die stark geneigten Schichten der Kalknagelfluh der Speerkette dicht an den Fluss heran, indem sich links davon der Blaskopf (1446 m) und rechts der Stockberg (1754 m) erhebt. Die nach SO. fallenden Nagelfluhbänke bilden lauter unsymmetrische ¶
mehr
Firsten mit steilerem Nordabbruch und sanfterem Südgehänge. Zwischen den Firsten sind kleine Isoklinalthälchen entstanden, in welchen kurze Bäche von links und rechts der Thur zuströmen. Diese selber fliesst in enger Schlucht, hat aber auf der rechten Thalseite eine Erosionsterrasse stehen lassen, welcher die Thalstrasse folgt.
Von Nesslau aus sieht man thalaufwärts die Steilabstürze von Blaskopf und Stockberg, während nach unten ein sanfter geformtes Gelände sich ausdehnt. Wir sind in eine an Nagelfluh arme Zone gelangt, in welcher die Thur zwei Thalerweiterungen ausgegraben hat, zu denen sich von links das 5 km lange Jenthal und von rechts das 8 km messende Lauternbachthal öffnen. Diese weicheren Stellen sind wiederum mit Anschwemmungen ausgefüllt, und es hat namentlich der Lauternbach einen grossen Schuttkegel abgelagert, auf welchem die Ortschaften Neu St. Johann, Sidwald und Wasserbrugg liegen.
Der Kern von Nesslau steht dagegen auf dem Molasseriegel, welcher die zusammen 3 km langen beiden Thalkessel voneinander trennt. Nördl. Neu St. Johann wird das Thal wieder eng. Neuerdings treten Nagelfluhbänke an den Fluss heran und bauen auf beiden Seiten hohe Berge auf, die das selbe schematische Querprofil zeigen wie diejenigen der ersten Nagelfluhzone. Diese Schichten bilden den südl. Schenkel der zweiten Antiklinale und fallen also ebenfalls nach SO. ein. Das linke Ufer zeigt denn auch genau die nämlichen Erscheinungen wie der Durchbruch durch die erste Nagelfluhzone.
Anders ist aber das rechte Ufer entwickelt. Die mächtigen Bänke von bunter und Kalknagelfluh, welche hier den Stoffelbuck (1428 m) aufbauen, bilden eine grosse Zahl von übereinanderliegenden, thalaufwärts fallenden Verwitterungsterrassen, auf denen mehrere Bäche der Thur oder dem Lauternbach zueilen und dabei der Richtung des Hauptstroms direkt entgegenströmen. Dieser fliesst meist in einer engen Schlucht. Oberhalb Krummenau sieht man in ihr die berühmte Naturbrücke, deren Entstehung sich folgendermassen erklären mag: An dieser Stelle bildete die Thur einen Wasserfall, veranlasst durch eine der Erosion starken Widerstand bietende Nagelfluhbank. Die weicheren Schichten am Fuss dieses Wasserfalles wurden vom Fluss weggenommen und jene Nagelfluhschicht weit unterhöhlt. Ihrer Unterlage beraubt, sank sie an der schwächsten Stelle ein, merkwürdigerweise nicht an ihrer thalabwärts gerichteten Front, sondern etwa 10 m flussaufwärts. Dadurch entstand der auf unserem Bild sichtbare, thalaufwärts gerichtete Abbruch ¶
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der Nagelfluhschicht, während ein etwa 10 m breiter Streifen derselben ihre ursprüngliche Lage beibehielt und nunmehr eine Brücke bildet. Ihre flussabwärts gerichtete Kante ist frei in der Luft, wogegen die flussaufwärts gerichtete sich an die Blöcke des eingesunkenen Teils der Schicht anschliesst. In deren Spalten und Erosionslöchern versinkt das Wasser der Thur, um unterhalb der Brücke wieder zum Vorschein zu kommen. Diese selbst senkt sich sanft vom linken zum rechten Ufer und ist stark genug, um dem Flurverkehr dienen zu können. Auf dem rechten Ufer treffen wir über der Schlucht wieder eine Erosionsterrasse, die auch hier der Thalstrasse den natürlichen Weg wies. An dieser liegt in einem kleinen, mit Gletscherschutt erfüllten Thalkessel das Dorf Krummenau.
Erst bei Ebnat, wo der vom Speer herkommende Steinthalbach mündet, ändert sich der Charakter des Thales. Von Starkenstein bis dahin hat die Thur eine Länge von 13,7 km und ein Gefälle von 224 m oder 1,64%.
Schon oberhalb Ebnat verlässt die Thur die zweite Nagelfluhzone. Da die vom Appenzellerland heranstreichende dritte Zone dieses Gesteins bloss bis ins Neckerthal reicht, tritt Nagelfluh erst mit dem Eintritt der Thur in die vierte Zone wieder auf. Von Ebnat an liegt das Thurthal hauptsächlich auf Sandstein, der im Gebiet der ersten Antiklinale und Synklinale vorherrscht. Das weichere Gestein hat die Entstehung eines breiten Thales veranlasst, das aber in nachfolgenden Perioden mit Schutt überdeckt worden ist.
Diese Anschwemmungen haben eine Breite von 700 m und von Ebnat bis Lichtensteig eine Länge von 8 km. Der Fluss selber hat bei 38 m absolutem oder 0,37% relativem Gefälle eine Länge von 10,4 km. Er beschreibt zahlreiche Serpentinen und arbeitet daran, sein Thal in den Schuttmassen auszuweiten. Darum sieht man auch links und rechts der jetzigen Flussebene alte Ufer, die mehrere Meter hoch sind. In der Höhe von 10-15 m bemerkt man eine Terrasse, die aus den zusammengewachsenen Schuttkegeln der Seitenbäche besteht und vielleicht schon vor der Eiszeit gebildet worden ist.
Die hier sehr zahlreichen Zuflüsse kommen alle aus isoklinalen Längenthälern. Als die wichtigsten nennen wir: von links den Rickenbach, den Hacktobelbach und den Feldbach, von rechts den Gerenbach und den Wattwilerbach. Die Siedelungen stehen seitlich vom Fluss, meist auf der eben genannten Terrasse. An Flussübergängen liegen die grossen Dörfer Kappel und Wattwil-Ennetbrugg, von welch letzterm aus der Rickenpass nach dem Gaster führt. Links und rechts begleitet das Thal je eine Strasse, längs welcher die Höfe ununterbrochene Reihen bilden.
In den genannten Dörfern wird die Thur industriell ausgenutzt. Oberhalb Wattwil befinden sich viele Steinbrüche auf sog. granitische Molasse, die den Sandsteinen von Bollingen (am Zürichsee) und St. Margrethen entspricht. Bei Wattwil beginnt schon die bunte Nagelfluh, welche den weit ausgedehnten N.-Schenkel der ersten Antiklinale bildet. Deren Bänke treten bei Lichtensteig an die Thur heran und bilden die Enge, an welcher das einstige Hauptstädtchen des Toggenburgs in dominierender Lage und an «leichtem» Flussübergang entstand.
Die nach NW. einfallenden Nagelfluhbänke beherrschen die Landschaft von Wattwil an bis Bütswil, wo sie allmählig in die horizontale Lage übergehen. Sie bilden eine Reihe von Verwitterungsterrassen, die viel rascher ansteigen als die Thalsohle und in senkrecht zum Thal verlaufenden Felswänden abbrechen. Die dem rechten Thurufer folgende Strasse sieht sich darum, nachdem sie eine Zeit lang auf einer Terrassenfläche sich gehalten hat, genötigt, die Felswände zwischen den Terrassen durch Kunstbauten zu überwinden; noch reicher ist an solchen die dem linken Ufer folgende Bahn.
Zwischen den unsymmetrischen Firsten, die das Gegenstück zu den früher erwähnten bilden, liegen wiederum Isoklinalthälchen, aus denen Seitenbäche (Krinauer- und Dietfurterbach) kommen. Durch ein solches Thälchen geht auch die Strasse von Lichtensteig hinüber nach Brunnadern im Neckerthal. Die Thur fliesst in junger und tiefer Schlucht und bildet grosse Serpentinen, an deren Prallstellen halbkreisförmige Felszirken ausgespült worden sind. Flussübergänge befinden sich bei Lichtensteig, St. Loretto, Felsenthal und Dietfurt.
Von Dietfurt an abwärts behält die Thur ihren seit Lichtensteig angenommenen Charakter zunächst bei. Derart bleibt nun der Flusslauf bis nach Altbrugg, dem Thalübergang bei Wil, ein typisches Beispiel für einen Fluss, der durch Unterspülen der Gehänge an der Erweiterung des Thales arbeitet. Trotzdem ändert sich aber bei Dietfurt das Aussehen des Thales im weitern Sinne. Ueber den genannten Felswänden liegt ein erstes Terrassensystem und weiter oben ein zweites, auf welchem die Dörfer Bütswil, Bazenheid, Kirchberg, Ganterswil, Lütisburg und Jonswil, sowie viele kleine Siedelungen stehen und Strasse wie Bahn thalaufwärts gehen.
Neu ist, dass Erratikum alle diese Terrassen (mit Ausnahme derjenigen von Lütisburg) bedeckt. Es herrscht links der Thur vor, wo es bei Bütswil 1 km und bei Bazenheid 4 km breit ist. Rechts vom Fluss befindet sich einzig die diluviale Kiesebene von Ganterswil, die bei 1,5 km grösster Breite eine Mächtigkeit von etwa 10 m hat. Dieses ganze Erratikum stammt von dem Gletscher her, der zur Eiszeit zwischen Churfirsten und Säntis lag und durch das Toggenburg herunterfloss, um in der Gegend von Bazenheid mit dem von O. kommenden Rheingletscher zu verschmelzen.
Hier hat er denn auch die bedeutendsten Endmoränen abgelagert, welche heute die Hügellandschaft zwischen Bazenheid und Kirchberg bilden. Andre Endmoränen durchqueren die Terrasse bei Bütswil. Die stärkern Seitenbäche haben sich durch den Gletscherschutt hindurch bis in die hier waagrecht liegende Nagelfluh eingeschnitten, so der Gonzenbach gegenüber Lütisburg und der Bazenheiderbach. Die kleinern Nebenadern haben ihre Thälchen noch nicht so weit zu vertiefen vermocht. Die Flussübergänge befinden sich zumeist an Stellen, wo die Thur durch Felsen eingeengt ist (Dietfurt, Soorbrücke bei Bütswil, Bütswil-Ganterswil, Lütisburg, Bazenheid).
b) Mittellauf.
Bei Wil am untern Ende des Toggenburgs, bis wohin die Lauflänge 54 km beträgt, wendet sich die Thur im rechten Winkel nach O., während man ihre natürliche Fortsetzung über Sirnach und durch das Murgthal hinunter erwarten würde. Es ist auch anzunehmen, dass ihr Lauf einst bei Wil nach N. ging. Ablagerungen des Rheingletschers haben ihr jedoch an dieser Stelle das Thal versperrt und ein wechselvolles Schicksal bereitet. Eine Zeit lang mag sie durch das nunmehr von seinem Fluss verlassene Thal von Egelsee-Busswil-Littenheid-Dussnang-Bichelsee-Selmatten-Turbenthal geflossen sein und sich ¶