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Seestrasse 11, «Bootshaus»
Das heute stolze Bootshaus des Ruderclub Cham an der Seestrasse 11 weist eine über 100-jährige Geschichte auf, an der sich der heutzutage höhere Stellenwert von Sport und Freizeit gut ablesen lässt.
Chronologie
1918 Mitarbeiter der Chamer Firma Nestlé & Anglo-Swiss gründen den Ruderclub Cham. Zuerst dürfen sie das erste Ruderboot im Zuckermagazin der Milchfabrik westlich des Bahnhofs an der Luzernerstrasse einlagern. Dann erhalten die Ruderer von Direktor Gustave Huguenin (1875–1961) eine Scheune auf dem Areal der Milchfabrik östlich der Lorze zur Verfügung gestellt, um dort die Boote einzulagern. Doch das Gebäude steht falsch: Die Ruderer müssen das Holzgebäude um 90 Grad drehen, damit das Eingangstor auf die Lorze ausgerichtet ist. [1] Die Milchfabrik ist grosszügig: sie bezahlt diese bauliche Massnahme.
1930 Das Bootshaus gehört noch immer der Nestlé und der Ruderclub ist Mieter. Die Liegenschaft wird Stück für Stück von den Nutzern des Ruderclubs optimiert. Im Jahresbericht 1930 schreibt Präsident Alfred Stöckli (1902–1964, später Kantons- und Gemeinderat): «Der primitive Umkleideraum unter den Ziegeln wurde ins Parterre in ein wohnliches Zimmer verlegt. Der Komfort lässt die Überschreitung des Kostenpunktes (Budget) leicht verschmerzen. An den Arbeiten der Erstellung haben die Mitglieder brav mitgeholfen. Die Eingangstüre erhielt ein neues Schloss, welches die Abgabe eines handlichen Schlüssels an jedes Mitglied erlaubte.»
1946 Der Ruderclub kann den Bootsschuppen mit dem angrenzenden Wohnhaus kaufen. An der Generalversammlung vom 18. Mai meint Alfred Stöckli unter Traktandum 9 «Bootshausfrage»: «Im Zuge der allgemeinen Liquidation der Nestlébesitzungen in Cham sei nun das Bootshaus und das anliegende Wohnhaus wiederum käuflich. Da mehrere Interessenten vorhanden seien, eine Eigentumsübertragung in fremde Hand aber das Bootshaus oder wenigstens unser Mietrecht daran stark gefährden würde, die Gemeinde Cham vorderhand keinen Bauplatz zur Verfügung stellen könne und Herr Basil Gretener als Sachverständiger im Handel von Liegenschaften glaube, dass die zur Diskussion stehende Liegenschaft keine Wertverminderung, sondern im Gegenteil eher eine Wertsteigerung erfahren dürfe, schlage er der Generalversammlung vor, den Kauf selbst zu tätigen. Gleicher Meinung wie er seien die Herren Locher und Rüttimann. Der Vertreter der Nestlé, Herr Widmer, verlange Fr. 19'000.00. Weil die Angelegenheit gedrängt habe, habe er aus eigenen Mitteln Herrn Widmer eine Anzahlung von Fr. 5'000.00 geleistet, um denselben wenigstens moralisch vorderhand zu binden. Die Finanzierung sehe er wie folgt: Eigene Mittel Fr. 4'000.00; Darlehen Zuger Kantonalbank Fr. 10'000.00; Übernahme eines Pfandbriefes durch die Gemeinde Cham Fr. 5'000.00. Jährliche Kosten: Verzinsung Fr. 642.50; Licht und Wasser Fr. 67.50; Total Fr. 710.00; abzüglich jährlicher Beitrag Gemeinde Fr. 100.00 und Zinseinnahmen Wohnhaus Fr. 480.00, somit verbleiben für den Verein von Fr. 130.00 / Jahr. Unter Berücksichtigung des bisherigen Mietpreises von Fr. 100.00 betragen die jährlichen Mehrkosten für den Club lediglich Fr. 30.00.» Gemäss dem weiteren Protokoll verdankt der Präsident die Ausführungen von Herrn Stöckli. Die namentlich durchgeführte Abstimmung zeigt, dass alle anwesenden Mitglieder für den Kauf des Bootshauses votieren. [2]
1965 Der Ruderclub kündigt die Wohnung der langjährigen Mieterin im angrenzenden Wohnhaus. Da die Mitgliederzahl stark zugenommen hat, muss der Ruderclub einen neuen Aufenthaltsraum schaffen. Unter Mithilfe von Junioren wird die Wohnung renoviert und ab November an den Bootshauschef Ruedi Jung vermietet.
1967 Der Aufenthaltsraum kann wegen eines Unfalls von Jakob Rüttimann jedoch erst nach zweijähriger Bauzeit im Dezember eingeweiht werden. Nach Differenzen unter den Trainern Peter Schmidle und Ruedi Jung beschliesst eine ausserordentliche Generalversammlung am 15. September 1967, dass Ruedi Jung die Wohnung im Bootshaus zu verlassen habe. [3]
1968 Der Ruderclub wächst am Mitgliedern und Booten. Deshalb diskutieren die Mitglieder an der Generalversammlung vom 1. März über die Varianten Umbau oder Neubau des Bootshauses. Schliesslich genehmigen sie den Vorschlag von Jakob Rüttimann: «Nebst dem Umstand, dass uns kein Land zur Verfügung steht, kann ein Neubau finanziell unmöglich verkraftet werden. Ein Anbau an das bestehende Bootshaus würde sich aber erst lohnen, wenn bis zur bestehenden Stützmauer an der Strasse gebaut werden könnte. Dieses Projekt des Anbaus hat zudem den Vorteil, dass mit verhältnismässig geringen Mitteln die bestehende Platznot behoben werden könnte.» [4]
1971 Die ausserordentliche Generalversammlung vom 26. November beschliesst anstelle eines Neubaus einen An- und Umbau: «a. Anbau einer 20m langen Bootshalle an der Südseite des bestehenden Bootshauses b. Umbau der jetzigen Garderobe zu einem leistungsfähigen Duschraum c. Umbau des jetzigen Aufenthaltsraumes zu einer Garderobe d. Ausbau der Obergeschossräume der Altwohnung zu einem Aufenthalts- und Clubraum e. Verlängerung und Erneuerung der bestehenden Steganlage.» Die Kosten belaufen sich auf 68'000 Franken. Davon zahlen die Gemeinde Cham 40'000 Franken, die Sport-Toto-Gesellschaft 10'000 Franken sowie der Club selber 18'000 Franken. [5]
1972 Der Aus- und Umbau des Gebäudes wird bewerkstelligt. Dabei leisten die Ruderer nicht weniger als 2150 Frondienststunden, so dass das Bauprojekt mit Kosten von 55'852 Franken und fünf Rappen unter dem Budget abgeschlossen werden kann.
1980 Es erfolgt eine Sanierung der Duschen.
1981 Der Ruderclub streicht die Aussenfassaden des Bootshauses neu.
1983 Das Dach im hinteren Teil des Bootshauses wird saniert. Trotz der Renovationsmassnahmen der letzten Jahre beurteilt der Vorstand den baulichen Zustand des Bootshauses als schlecht, die räumliche Einteilung als unzweckmässig. Der Mitgliederbestand habe sich verdoppelt und zusätzlicher Boote müssten angeschafft werden, dadurch seien die Platzverhältnisse zu knapp. Nach gründlichen Abklärungen durch Fachleute und nach reiflicher Überlegung entschliesst sich der Vorstand, von weiteren Renovationen abzusehen und den Neubau des Bootshauses in die Wege zu leiten. Erste Gespräche mit der Gemeinde Cham über ein Bauprojekt und ein Finanzierungsmodell verlaufen ermutigend.
1985 Die Generalversammlung bewilligt nach einem Planungskredit von 2000 Franken jetzt das Vorprojekt und den Projektierungskredit von 6000 Franken. Für die Umsetzung des Bauvorhabens setzte der Vorstand eine Baukommission ein: Richard Nigg, Präsident; Werner Schnyder, Stellvertreter; Christoph Bruckbach, Architektur und Bauleitung; Hans Jedelhauser, Innenausbau und Bootshallen; Kurt Schriber, Eigenleistungen; Guido Gretener, Finanzen und Aktionen; Hans Fellmann, Bootshausbetrieb.
1986 An der ausserordentlichen Generalversammlung vom 13. Mai beschliesst der Ruderclub den Abbruch des alten Bootshauses und den Bau eines neuen Bootshauses. Dabei genehmigen die Mitglieder das Raumprogramm mit zwei Bootshallen für ca. 40 Boote und einer Werkstatt im Erdgeschoss sowie je einer Herren- und Damengarderobe mit Duschen, eines Aufenthaltsraumes mit Terrasse und einem Massenlager für ca. zwölf Ruderer im Obergeschoss. Die Generalversammlung bewilligt einen Baukredit in der Höhe von 510'000 Franken, sofern die Gemeinde einen Beitrag von 350'000 Franken leistet. Als Gegenleistung für den Gemeindebeitrag tritt der Ruderclub Cham der Gemeinde das Grundstück ab und erhält dafür das kostenlose Baurecht auf dem Grundstück für 50 Jahre. Auch die Gemeindeversammlung von 23. Juni genehmigt den Gemeindebeitrag von 350'000 Franken - unter der Voraussetzung, dass die Einwohnergemeinde Eigentümerin der GBP Nr. 1185 mit 609 Quadratmetern wird. An einer Ausstellung im Neudorf am 27./28. Juni startet der Ruderclub eine Finanzierungsaktion. Dazu werden u.a. der Bevölkerung symbolische Backsteine für 20 Franken verkauft, welche auf das Bauvorhaben hinweisen und sich als Bleistifthalter eignen. Für die Lagerung der Boote während der Bauzeit stellte die Gemeinde dem Ruderclub von September 1986 bis April 1987 das Bad im Hirsgarten zur Verfügung. Das Abbruchfest vom 23. August 1986 bildet den Start zum Bau des neuen Bootshauses.
1987 Nach einjähriger Bauzeit kann der Ruderclub am 12. September das neue Bootshaus einweihen und den Ruderern zur Benützung übergeben. Dank guter Planung und Bauleitung durch Christoph Bruckbach, guter Begleitung durch die Baukommission und dank grossen Eigenleistungen durch Ruderclub-Mitglieder mit knapp 3000 Frondienststunden kann das neue Bootshaus mit einem Aufwand von 513'600 Franken im Rahmen des Baukredits abgeschlossen werden. Ebenso erfreulich präsentiert sich die Finanzierung. Nach den Baubeiträgen der Gemeinde (350'000 Franken), der Sport-Toto-Gesellschaft (30'000 Franken), Spenden und Gönnerbeiträgen (119'808 Franken) sowie verschiedenen Einnahmen (5762 Franken) bleibt dem Ruderclub lediglich ein zu deckender Aufwandüberschuss von 8'030 Franken.
2010 Gross ist der Schock bei den Mitgliedern des Ruderclubs, als am 22. April ein Brand das Obergeschoss des Bootshauses zerstört. Zum Glück blieben die Bootshalle sowie alle Ruderboote unversehrt, so dass der Sport- und Ruderbetrieb mit provisorischen Container-Garderoben weiterlaufen kann. Für die Ergometertrainings stellt die Gemeinde Cham dem Ruderclub Räume zur Verfügung. [6] Im Spätsommer nimmt der Club die Planungsarbeiten für den Wiederaufbau des Bootshauses an die Hand. Für die Planung und Bauleitung wird Architekt und Clubmitglied Simon Kretz beauftragt. Für die Umsetzung des Bauvorhabens wird eine Baukommission mit Germaine Bauer, Pius Nietlispach, Martin Käppeli, Jörg Erzinger, Adolf Durrer und Fabian Beyeler als Vertreter der Gemeinde eingesetzt. Beim Wiederaufbau setzt der Club auch zusätzliche Raumbedürfnisse für den Sportbetrieb sowie neueste energietechnische Anforderungen um:
- Änderung vom Satteldach auf ein Flachdach
- Energietechnische Verbesserung der Aussenhülle und umweltfreundliche Haustechnik mit Gasheizung und Solaranlage zur Wasseraufbereitung
- Neubau Obergeschoss (Ausnahme: Innenmauern) mit bisheriger Herren-Garderobe, Vergrösserung Damengarderobe und mit neuem Trainingsraum
- Neubau eines reduzierten Dachgeschosses mit Clubraum für max. 50 Personen, einer grosszügigen Küche und je einem Damen- und Herren-WC
2011 Der Kostenvoranschlag für den Wiederaufbau beläuft sich auf 810'000 Franken. Die Gebäudeversicherung bezahlt einen Versicherungsbetrag von 350'000 Franken. Für die Restfinanzierung genehmigt die ausserordentliche Generalversammlung vom 21. Februar einen Baukredit von 460'000 Franken. Diesen bezahlen sollen die Gemeinde Cham (250'000 Franken), die Sport-Toto-Gesellschaft (100'000 Franken), sowie Spenden und Eigenleistungen (110'000 Franken). Vor der Erteilung der Baubewilligung verlangt die Gemeinde Projektänderungen, welche zu Mehrkosten von 40'000 Franken führen. Daher genehmigt die Gemeindeversammlung vom 20. Juni einen Gemeindebeitrag von 270'000 Franken. Im Verlaufe der Bauausführungen entstanden weitere unvorhergesehene Mehrkosten, so dass der Wiederaufbau mit einem Kostenaufwand von 1'028'493 Franken abgeschlossen werden konnte.
2012 Am 21. Januar wird das neue Bootshaus in Anwesenheit der Mitglieder, Sponsoren und vieler Gäste eingeweiht und den Mitgliedern des Ruderclubs zur Benützung übergeben. Seither wird der wunderschöne Clubraum von den Mitgliedern sehr geschätzt und für verschiedene Clubveranstaltungen, Trainer- oder Teamsitzungen sowie für Kaffeehöckli usw. rege benutzt. Der Clubraum wird auch an Mitglieder und in beschränktem Rahmen auch an externe Personen oder Vereine für private Anlässe vermietet. Der neue Trainingsraum wird besonders von den Regattierenden - aber auch von Breitensportlern - zu allen Jahreszeiten intensiv benutzt.
Einzelnachweise
- Durrer, Adolf, Vom Ruderschuppen zum modernen Bootshaus, 100 Jahre Ruderclub Cham, Typoskript 18.08.2017
- Durrer, Adolf, Vom Ruderschuppen zum modernen Bootshaus, 100 Jahre Ruderclub Cham, Typoskript 18.08.2017
- Durrer, Adolf, Vom Ruderschuppen zum modernen Bootshaus, 100 Jahre Ruderclub Cham, Typoskript 18.08.2017
- Neue Zuger Zeitung, 23.04.2010