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Das «erste Mal»
Nancy Bodmer
Das Sexualverhalten von heutigen Jugendlichen in der Schweiz ist in einer Online-Befragung bei 12- bis 20-Jährigen untersucht worden.
In jeder Lebensphase werden Menschen mit altersspezifischen Entwicklungsaufgaben konfrontiert, deren erfolgreiche Bewältigung das Individuum stärkt. Im Jugendalter stehen etwa die Verarbeitung der biologischen Entwicklung, das Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und der Aufbau neuer Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen im Vordergrund; eng damit verbunden ist auch die Entwicklung einer neuen Identität.
Neue Beziehungen
Kennzeichnend beim Aufbau neuer Beziehungen im Jugendalter ist das intensive Interesse für eine Person des gleichen oder andern Geschlechts. Pubertäre biologische Veränderungen bewirken ein zunehmendes sexuelles Interesse an Gleichaltrigen. Dabei gilt es, die reifende reproduktionsfähige Sexualität in die psychophysische Bedürfnisstruktur zu integrieren und sie gleichzeitig normativ zu regulieren. Diese Regulierung richtet sich nach kulturell verankerten Moralvorstellungen. Die Fachliteratur nennt zwei hauptsächliche Rahmenbedingungen für das Ausleben von Sexualität in der heutigen Gesellschaft: – Sexualität sollte in das eingebettet sein, was eine Person für sich als gut und ihren Bedürfnissen und Erwartungen entsprechend empfindet. – Sexualität muss, wenn es mehr als das blosse Ausleben von Bedürfnissen bedeuten soll, mit sozialen Verpflichtungen und Bindungen gekoppelt sein. Sexualität ist damit heute zu einem gewissen Grad «verhandelbar » geworden: Es wird erwartet, dass PartnerInnen gewählt, Beziehungsideale ausgesprochen und Grenzen gesetzt werden können. Damit wird verständlich, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Sexualität eine wichtige Entwicklungsaufgabe des Jugendalters ist. Zum Sexualverhalten von Jugendlichen in der Schweiz wurde von der Fakultät für Psychologie im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen 2008 eine Befragung bei 12- bis 20-Jährigen durchgeführt. Die Analysen dieser Daten bestätigen weitgehend Tendenzen früherer Studien aus Deutschland und der Schweiz, geben allerdings über eine breitere Altersspanne Auskunft. Ein Vergleich macht ersichtlich, dass von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren eine Vorverlegung des ersten Geschlechtsverkehrs um etwa zwei Jahre stattgefunden hat. In den Jahren darauf wurde dieser Prozess gestoppt. Unter den 14- und 15-Jährigen ist der Anteil koituserfahrener Jugendlicher jedoch deutlich angestiegen. Da die Mehrheit der Jugendlichen heute viel Zeit im Internet verbringt, wurden die Teilnehmenden der Online-Befragung dort rekrutiert: über zwei rege benutzte Plattformen, die Information und Rat zu diversen jugendspezifischen Themen bieten (tschau.ch und ciao.ch). In Anlehnung an eine deutsche Studie von 2006 wurde ein Fragebogen mit 43 Fragen entwickelt (auf Deutsch und Französisch) und im Jahr 2008 während zwei Monaten aufgeschaltet. 1449 Jugendliche beantworteten den Fragebogen vollständig; zwei Drittel von ihnen waren Mädchen und rund 60% der Jugendlichen im Alter zwischen 15 bis 18. 51% der befragten Jugendlichen gaben an, koituserfahren zu sein. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Anteil jeweils, nachdem er bei den 12-Jährigen noch bei 5% lag. Der Übergang in die Normativität fand nach dem 17. Geburtstag statt: Bei den 17-Jährigen hatten 62% der Jugendlichen bereits Geschlechtsverkehr, wobei der Anteil erfahrener Mädchen höher (65%) war als jener erfahrener Jungen (55%). Die meisten der 17-jährigen Jungen hatten den ersten Geschlechtsverkehr mit 15, die meisten der gleichaltrigen Mädchen mit 16 Jahren. Die überwiegende Mehrheit aller erfahrenen 17-Jährigen ging davon aus, dass mindestens die Hälfte der Gleichaltrigen ebenfalls koituserfahren ist. Generell waren die Jugendlichen der Meinung, dass man oder frau für den ersten Geschlechtsverkehr 16 bis 17 Jahre alt sein sollte. Knapp die Hälfte hat den ersten Geschlechtsverkehr als etwas Schönes erlebt. 86% gaben an, dabei verhütet zu haben; wenn nicht, so deshalb, weil «alles zu schnell gegangen» sei.
Druck und Risikoverhalten
Problematische Aspekte im Sexualverhalten von Jugendlichen beleuchten zwei im Rahmen der Studie entstandene Masterarbeiten. Die erste (Denis Joset, 2009) befasste sich damit, dass etwa 10% angaben, sich beim «ersten Mal» unter Druck gefühlt zu haben. Mädchen mit dieser Aussage hatten den Geschlechtsverkehr seltener geplant als die andern Mädchen, gaben weniger an, einen festen Partner zu haben, meinten, die Initiative sei nicht von beiden ausgegangen, und dachten öfter als die andern Mädchen, der Zeitpunkt für den ersten Koitus sei zu früh gewesen. Jungen, die einen Druck angaben, empfanden diesen Zeitpunkt eher als zu spät als die andern Jungen und erlebten ihr «erstes Mal» öfter mit einer unbekannten Person. Die Befunde lassen vermuten, dass Mädchen eher einen Druck von aussen empfanden, während sich die Jungen möglicherweise selbst unter Druck setzten. Fehlen den Jugendlichen Selbstkompetenzen, die ihnen ermöglichen, in solchen Situationen nein zu sagen, kann dies schlimme Folgen haben. Einige wenige Jugendliche zeigen sexuelles Risikoverhalten. Wie die zweite Masterarbeit (Fabienne Wicki, 2009) bestätigte, kann dies mit einer frühen pubertären Reife zusammenhängen. Frühreife Mädchen waren in der Stichprobe beim ersten Geschlechtsverkehr tatsächlich jünger und verhüteten auch seltener als andere Mädchen. Frühreife Jungen unterschieden sich von andern Jungen nur darin, dass sie beim ersten Geschlechtsverkehr jünger waren. Es wird angenommen, dass sich frühreife Jugendliche älteren, ähnlich weit entwickelten Jugendlichen zuwenden. So ergeben sich mehr Möglichkeiten, mit nicht altersgemässem, teils auch deviantem Verhalten konfrontiert zu werden.
Ungezwungener Umgang
Im Ganzen lässt sich aufgrund der Daten sagen, dass die meisten Jugendlichen einen ungezwungenen Umgang mit Sexualität pflegen. Erst unter den 17-Jährigen hat die Mehrheit erste sexuelle Erfahrungen gesammelt und geht auch zutreffenderweise davon aus, dass die meisten Gleichaltrigen ebenso erfahren sind. Unter den 13- bis 14-Jährigen gibt es knapp 20% koituserfahrene Jugendliche. Obschon die Ergebnisse bei den meisten Jugendlichen auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität hinweisen, ist eine frühe Aufklärung und Information als Vorbereitung auf erste sexuelle Kontakte von grosser Bedeutung. Nach wie vor überlassen Eltern (vor allem Väter) die Aufklärung lieber der Schule, weil sie das Thema Sexualität nicht ansprechen können oder befürchten, «schlafende Hunde zu wecken». Doch gerade frühreife Jugendliche sollten nicht von ihren körperlichen Veränderungen überrumpelt werden.