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Fussball und andere Randsportarten: Ein Cupfinal-Anti-Live-Ticker
Pedro Lenz über Live-Ticker-Literatur.
Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Fernsehen die Direktübertragung des Schweizer Fussballcupfinals 2013 zwischen dem Grasshoppers Club Zürich und dem FC Basel. Ich könnte nun, dem letzten Schrei der literarischen Mode gehorchend, einen Live-Ticker verfassen. Der Live-Ticker ist von seiner Natur her ein schriftlicher Widerspruch, weil es unmöglich ist, schreibend der Gegenwart zu folgen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb kommt es immer häufiger vor, dass diese Form der Berichterstattung in literarischen Versuchen zur Anwendung kommt. Der Unterschied zu herkömmlichen Geschichten besteht bei Live-Ticker-Literatur vor allem darin, dass vor jedem Satz eine Minuten- oder Zeitangabe steht. Diese Zeitangabe soll dann dem Text Echtheit verleihen, indem sie der Leserschaft das Gefühl vermittelt, sie habe einen zeitlich unmittelbaren Anteil an der Geschichte.
Schreibe ich also an dieser Stelle, dass, Sekunden bevor ich diesen Satz verfasste, Diaz vom FC Basel einen gefährlichen Schuss auf das Tor von GC-Goalie Bürki abfeuerte und dass Bürki den Ball gerade noch über die Latte fausten konnte, dann ist das noch kein Live-Ticker. Ein Live-Ticker wäre es nur, wenn ich die Spielszene im Präsens beschrieben und mit der Angabe der Spielminute präzisiert hätte. Doch dann hätte ich möglicherweise jene Szene verpasst, in welcher der Zürcher Gashi dem Basler Frei mit gestreckten Beinen entgegenflog und dafür mit einer gelben Karte bestraft wurde, obwohl am Ende er es war, der vom Gegner einen Fusstritt abbekam. Das geschah ziemlich viel später als das mit dem Weitschuss von Diaz, jedenfalls so viel später, dass ich den vorangehenden Satz schon fertig geschrieben hatte. Dass es anschliessend kurz nacheinander zwei gelbe Karten gegen Spieler des FCB gab, sei hier der Vollständigkeit halber noch nachgetragen. Dass Grichting von GC schmerzgeplagt liegen blieb, hatte mit den oben erwähnten Verwarnungen keinen direkten Zusammenhang. Kurz darauf vergab Gashi eine Torchance für GC, und der Südkoreaner Park vom FCB verdrehte sich das Knie.
Wenig später war Pause, was dem immer luziden Hanspeter Latour Gelegenheit für eine fachkundige TV-Analyse gab, bevor im Werbeblock ein Fernsehgerät und Bergkäse angepriesen wurden.
Wäre dies ein Live-Ticker, stünde hier zweifellos viel Unwichtiges drin, was allerdings bloss davon ablenken würde, dass es am Anfang der zweiten Halbzeit wenig spannende Szenen gab.
Interessanter wurde es erst, als Dragovic vom FCB den GC-Franzosen Anatole mit einer Notbremse stoppte und der darauffolgende Freistoss zu einem Lattenschuss der Grasshoppers führte. In welcher Minute dies genau geschah, dürfte jetzt, wo dieser Text gedruckt vorliegt, niemanden mehr kümmern. So wie einen bei einem Cupfinal im Hinterher meist überhaupt nur noch die ganz harten Fakten, also die Tore, interessieren. So ein Tor fiel dann tatsächlich irgendwann. Der FCB ging durch einen abgelenkten Schuss des eingewechselten Steinhöfer in Führung. Die Stimmung im Basler Fanblock erhitzte sich, und das Spiel musste kurz unterbrochen werden, bis sich der Rauch verzogen hatte. Kaum spielten sie wieder, erzielten die Zürcher den Ausgleichstreffer. Spätestens da begannen die Fachleute zu vermuten, dass es zu einer Verlängerung kommen könnte, was mich als Berichterstatter in eine gewisse Verlegenheit brachte, da ich wusste, dass der verantwortliche Redaktor dieser Seite auf meinen Text wartete.
Wie lässt sich ein Spielbericht über einen Cupfinal abschliessen, begann ich mich zu fragen, wenn das Resultat noch gar nicht feststeht? Andererseits hat ja das freie Berichten gegenüber einem Live-Ticker den unbestreitbaren Vorteil, dass es dabei keine Verpflichtung zu irgendeiner Resultatangabe gibt. Deshalb hört der Text irgendwo auf, nämlich hier.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Anfragen zum Verfassen von Live-Ticker-Literatur beantwortet er nicht.