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Sand, Rand
Entre nous, Alice Grünfelder!
Alice, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
Immer an meinem Schreibtisch, ich kann nirgendwo anders schreiben, was auch bedeutet, dass für mich das Nicht-Schreiben wie Schreiben ist. Das heißt, ich schreibe in Gedanken beim Blick in die Wolken, auf Zugfahrten, wenn ich hinausschaue und Ideen zu Bildern werden. Oder wenn ich mit meinem feuerroten Kajak über den See paddle, da entsteht bei jedem Schlag ins Wasser ein Schreibgedanke, wird beim nächsten Schlag wieder verworfen, beim übernächsten Eintauchen des Paddels entsteht ein anderer, und so kann es Schlag auf Schlag gehen.
Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Am Anfang war der Ort, also Xinjiang, ich wollte etwas über die Unruhen in dieser Region erzählen, die anders als Tibet hierzulande ziemlich unbekannt ist, über die Völker, die diesen Unruhen ausgeliefert sind und welche Folgen sie für den einzelnen Menschen haben. Um von dieser Region berichten zu können, erschuf ich zwei Frauenfiguren, die im Abstand von zwanzig Jahren die Seidenstrasse entlang reisen, und lasse sie erzählen von Ereignissen und Begegnungen etwa mit einem Zimmermädchen, einer alten Kirgisin in einem rätselhaften Dorf, einer Handleserin, vertriebenen chinesischen Arbeitern.
Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Vom Rande her auf Versteinerungen schauen, über Geplagte, Aussenseiter, Vergessene schreiben, um diese Menschen bangen, so wie es der völlig unterschätzte Lyriker Iason Depountis in einem seiner Fragmente formulierte. Und dabei gleichzeitig um Worte ringen, um die Eleganz der Relevanz, wie es Nora Gomringer einmal sagte. Drittens ist da immer auch das Misstrauen dem Wort gegenüber, denn was vermag das Wort mehr als das Bild, was muss es mehr leisten können, um zutreffend zu sein? Wie schreibe ich über Konzentrationslager? Wie über indische und chinesische Arbeiter, die am Ende des Ersten Weltkriegs in Nordfrankreich Graben und Gräber aushoben? Wie über Strassenbahnfahrer, Automechaniker, Putzfrauen, verlassene Seniorinnen?
Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Relevanz ist für mich wichtig, die Themen, über die ich schreibe, müssen eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung haben, das kann auch schon eine einzelne Gedichtzeile sein, die auf Verwerfungen hinweist, auf Abgründe. Ich lese gern Texte, die nicht durchschaubar sind, die mich überraschen, bestenfalls aufwühlen. Und deshalb schreibe ich auch gern Texte, die nicht beruhigen, sondern aufregen.
Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Das Schreiben in Gedanken, so wie ich es oben skizzierte, bedeutet auch, dass ich langsam schreibe. An dem Roman «Die Wüstengängerin» habe ich zehn Jahre lang geschrieben, erst dann begann ich mit der Überarbeitung, danach suchte ich einen Verlag. All das dauerte, dauerte lange, sodass mir das Buch beim Überarbeiten der Lektoratsfahnen bereits ein wenig fremd geworden war und ich merkte, dass ich heute ganz anders schreiben würde. Weniger «bildstark» vielleicht, was die RezensentInnen allerdings gerade an diesem Roman so schätzen.
Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Nun, ich hatte damit gerechnet, dass es schwer sein würde, für dieses Thema eine breite Resonanz zu erzielen, regelrecht überrumpelt wurde ich indes von den vielen positiven Reaktionen auf diesen Roman. Offenbar ist es mir unbewusst gelungen, Frauen entlang der Seidenstrasse reisen zu lassen und dabei Informationen über eine unbekannte Weltregion einzustreuen, damit gewissermassen einen blinden Fleck auf der literarischen Weltkarte zu füllen, aber auch mit einer spannenden Geschichte, einem politischen Reiseroman zu unterhalten. Der Roman sei, so sagte mir eine Leserin, Frauen-, Abenteuer- und politischer Roman in einem, ein Genre-Mix, den Literaturagenturen, Verlage und Feuilletons nicht goutieren. So ist jede Besprechung, jeder noch so kleine Hinweis auf «Die Wüstengängerin» für mich ein Geschenk; mein Herz macht dann geradezu einen Sprung.
Wie würdest Du es einordnen in die Reihe Deiner Bücher?
«Die Wüstengängerin» ist mein Debüt, das in Nordwestchina spielt; mein zweites Buch ist ein Langessay über Frieden und Zivilcourage, mein dritter Roman, an dem ich gerade arbeite, ein stacheliger Familien- und Heimatroman – oder auch (Un-)Sittengemälde? Insofern ist jeder Text einzigartig. Mein Schreibimpuls, über unbekannte Themen, vergessene Menschen zu schreiben, um dem gewohnten Gang, dem überfliegenden Blick etwas entgegenzustellen, ist allerdings all meinen Texten gemein.
Alice Grünfelder, «Die Wüstengängerin»,
Roman, edition 8, Zürich 2018, geb., 240 Seiten.