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11. Juni 1955: 18 Uhr und 28 Minuten. Die dritte Stunde des 24-Stunden-Rennens von Le Mans ist angebrochen. Der Kampf an der Spitze ist hitzig. Die besten Piloten fahren die ersten zwei Stunden mit dem Tempo eines Grand Prix.
Mike Hawthorn auf einem Jaguar und Formel-1-Weltmeister Juan-Manuel Fangio auf Mercedes ringen um die Spitze. 400'000 Zuschauer verfolgen dieses Duell der weltbesten Piloten. Nun wird für Hawthorn der erste Boxenhalt fällig. Auftanken. Es ist die 32. Runde. In hohem Tempo fährt der Brite gegen die lange Boxenreihe, die baulich noch nicht von der übrigen Rennpiste getrennt ist. Vor ihm fährt noch der überrundete Wagen mit der Nummer 26, der Austin-Healey des Briten Lance Macklin.
Mike Hawthorn riskiert in der Eile noch ein Überholmanöver und schwenkt dann brüsk nach rechts vor seine Box ein. Lance Macklin, irritiert durch dieses Manöver, tritt auf die Bremse und schert links aus. Dahinter brausen drei Mercedes-Piloten an, angeführt vom bereits überrundeten 50-jährigen Franzosen Pierre Levegh. Er donnert mit 280 Stundenkilometern heran, als vor ihm Lance Macklin die gerade Linie verlässt und nach links ausschert. Der Franzose hebt noch die Hand, um den nachfolgenden Fangio zu warnen. Dann kracht es.
Leveghs Mercedes fährt links auf den niedrigeren Austin von Macklin auf und wird geschleudert. Dahinter, nur wenige Meter von der Rennpiste entfernt, stehen Mauern und ahnungslose Menschen. Pierre Levegh wird herausgeschleudert, während sein Auto förmlich zerrissen wird. Räder, Motor, Karosserieteile und Achsen fliegen wie Geschosse in die Zuschauer und schlagen blutige Breschen. Über 80 Menschen liegen tot oder verstümmelt hinter dem Wall. Pierre Leveghs Körper fängt Feuer. Der Gentleman Driver, auch ein begabter Eiskunstläufer, Eishockeyspieler und Tenniscrack, stirbt.
Der geborstene Benzintank hat die Flammen entfacht. Der steuerlose Wagen von Macklin rast über die Strecke, prallt gegen die Abschrankung, tötet einen Polizisten und einen Streckenposten, schiesst auf die andere Seite hinüber und bleibt dort liegen. Fangio hat dieses Inferno aus Trümmern, Rauch und Flammen passiert und bleibt wie durch ein Wunder unversehrt.
Während die ersten Hilfsaktionen beginnen, Sanitäter, Ärzte und Priester sich um die Opfer kümmern, geht das Rennen weiter. Die Nacht sinkt herab, von Motorenlärm erfüllt. Der greise Rennleiter Charles Faroux bleibt unerbittlich. Für ihn ist diese furchtbare Tragödie einfach ein Rennunfall. Mercedes hingegen zieht um 2 Uhr die beiden im Rennen verbliebenen Autos zurück. Der sich abzeichnende Sieg – Juan-Manuel Fangio und Sterling Moss liegen zur Zeit des Rückzuges mit Rundenvorsprung an der Spitze – wäre sinnlos geworden.
Nach dem Rennen gibt es eine heftige Debatte um die Schuldfrage. Mike Hawthorn, der sich am Ende als Sieger feiern lässt, wird zum Sündenbock. Er hat durch sein Manöver die Katastrophe ausgelöst. Allerdings gibt es auch eine andere Ansicht: Sein Manöver sei nicht ungewöhnlich gewesen. Lance Macklin habe falsch oder doch ungeschickt reagiert.
84 Menschen haben ihr Leben verloren. Diese furchtbare Tragödie hat internationale Auswirkungen. In der Schweiz wird ein Verbot für Rundstreckenrennen gefordert. Am 20. Juni 1955 wird der GP von Bern abgesagt. Der Verein «Grosser Preis für Automobile und Motorräder Bern» teilt mit: «Wir haben beschlossen, den diesjährigen Grossen Preis vom 21. August 1955 nicht durchzuführen. Die Organisatoren des Rundstreckenrennens, welche der Sicherheit der Zuschauer seit jeher grösste Aufmerksamkeit geschenkt haben, wollen zuerst die Untersuchungsergebnisse über die Ursachen des bedauerlichen Unglücks von Le Mans abwarten. Sie verzichten aus Pietät für dieses Jahr auf das Rennen.»
Der GP von Bern 1954 wird dadurch das letzte Rundstreckenrennen auf Schweizer Boden. Der letzte Sieger am 22. August 1954 heisst Juan-Manuel Fangio auf Mercedes-Benz W 196 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 159,650 km/h. Vor José Froilan Gonzales auf Ferrari 625 und Hans Hermann auf Mercedes-Benz W 196.
Die Motorsportgegner haben sich organisiert und lassen nicht mehr locker. Im Herbst 1955 lanciert der «Bund evangelischer Jugend der Schweiz» eine Petition, deren Ziel es ist, die Landesregierung zu einem allgemeinen Rundstreckenverbot zu bewegen. Mitte Dezember 1955 werden 106'718 Unterschriften deponiert. Am 3. Februar 1956 verweigert der Regierungsrat des Kantons Bern die Bewilligung für den GP von Bern 1956. Dabei spielt die Unfallstatistik des legendären Rennens auch eine Rolle. Zwischen 1947 und 1954, der letzten Austragung, hat es bei den Rennen in Bern 9 Tote und 44 Verletzte gegeben.
Am 19. März 1957 beschliesst der Nationalrat im Rahmen der Ausarbeitung des neuen Strassenverkehrsgesetzes ein allgemeines Rundstreckenverbot. Der Ständerat moniert allerdings eine Verletzung der Kantonshoheit. Schliesslich lässt die Endfassung den Kantonen noch gewisse Freiheiten. Kleinere Rundstrecken wie Lignières ob Neuenburg dürfen Rennen durchführen. Aber die Schweiz ist nun weltweit das einzige Land mit einem Rundstrecken-Rennverbot und ist es bis heute geblieben.
Es hat mehrere vergebliche Anläufe zur Aufhebung dieses Verbotes gegeben. Am 5. Juni 2007 hebt der Nationalrat das Verbot auf, aber der Ständerat geht auf das Geschäft nicht ein. Am 5. März 2009 das gleiche Szenario: Der Nationalrat stimmt einer Aufhebung des Verbotes zu, der Ständerat tritt nicht auf das Geschäft ein. Im März 2011 scheitert der bisher letzte Versuch erneut im Ständerat.
Die Schweiz hat zwischen 1923 (Meyrin) und 1954 (Bern) eine grossartige Epoche von hochkarätigen Motorsportveranstaltungen erlebt. Der Grosse Preis von Bern auf der Bremgarten-Rundstrecke war ein Klassiker auf Augenhöhe mit Monza, Nürburgring, Monaco und Silverstone. Daneben wurden in den 1940er Jahren in Genf und Lausanne einige Formel-1-Rennen organisiert. Die alten «Motorenschlachten» auf normalen und damit oft auch holprigen Strassen strahlen eine besondere Faszination aus. Zum GP von Bern kamen jeweils an den zwei Tagen zu Trainings und Rennen insgesamt mehr als 100'000 Zuschauer.
Aber während der hohen Zeit des Motorsportes wurde es versäumt, in unserem Land geschlossene Rennstrecken zu bauen. Der internationale Motorsport verlagerte sich mehr und mehr auf die geschlossenen Rennstrecken. Allerdings hat das Verbot für Rundstreckenrennen heute keine Bedeutung mehr: Die Bewilligung und Finanzierung einer Rennstrecke für Formel-1-Rennen oder Motorrad-GP wäre heute in der Schweiz sowieso nicht mehr machbar.