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Die deutschen Bewohner von Macugnaga sprechen von einem verlorenen Tal, dessen unzugängliche Stätte sie hinter das Filarhorn verlegen. Aus diesem eingebildeten Tal strömt der Große Brunnen, eine prächtige Quelle am Fuße des begrasten Abhanges. Sie ist die einzige im Tal, die im Winter nicht versiegt, ja, sie fließt das ganze Jahr hindurch ungefähr gleich stark und selbst mit gleicher Wärme, so daß sie des Winters lau, des Sommers eiskalt erscheint. Der Boden ist rings an einzelnen Stellen eingesunken; auch glaubt das Auge durch einige Strecken, die mit Erlen (Troseln) bewachsen sind, den Lauf des unterirdischen Baches gegen die Gletscher hin verfolgen zu können. Das Volk hat sich diese Erscheinung nach seiner Weise erklärt.
Der Große Brunnen strömt aus dem "verlorenen Tal" herab, das jenseits des Filarhorns zwischen Schneefeldern und Gletschern verborgen liegt, abgeschlossen von aller Welt, so daß selbst die kühnsten Gemsjäger sich begnügen müssen, es von der Zinne irgendeiner jähen Felswand herab zu betrachten. Es ist reich an Wäldern und Wiesen, ein Wohnsitz wilder Tiere. Früher war es bewohnt, wie noch aus den Mauern verlassener Hofstätten erkennbar ist. Aber die Menschen sind fortgezogen, weil die Gletscher allmählich jeden Ausgang geschlossen haben. Auch dem Wasser wurde derselbe zuletzt gesperrt, und es mußte sich die unterirdische Bahn suchen bis ins Tal von Macugnaga, dem es nun als Großer Brunnen seine Segnungen spendet.
(A. Schott, Die deutschen Kolonien in Piemont)
Textquelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858