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Der Weg, um Menschen zu berühren: Interview mit Kunin Sensei
Auf Einladung der Taisho-Karateschule unterrichtete Alexey Kunin Sensei, 10. Dan Ju-Jitsu, am Lehrgang vom 21./22. März 2015 in Luzern und stand Magdalena Zurfluh für ein Interview zur Verfügung.
Kunin Sensei, wie kamen Sie zum Kampfsport (Judo/Ju-Jitsu)?
Ich wollte schon immer Kampfsport ausüben. In der UdSSR, wo ich aufgewachsen bin, konnte man nur Wrestling und Judo lernen. Ich kannte Ju-Jitsu aus Büchern und von meinem Onkel, der KGB-Mitglied war. Da nur Angehörige des Militärs und hochrangige Funktionäre Zugang zu Ju-Jitsu hatten, praktizierte ich als Junge Judo. Erst 1978, als ich in die USA auswanderte, suchte ich mir ein Dojo und fand einen japanischen Lehrer, der traditionelles Ju-Jitsu unterrichtete. Ich hatte die Kampfkunst meines Herzens gefunden.
Was unterscheidet Karate und Ju-Jitsu?
Die Distanz; Ju-Jitsu ist eine Infight-Technik und basiert auf der Hebelwirkung. Die Philosophie ist eine andere. Man kämpft nahe an der Person. Durch den nahen Kontakt und durch Fassen hat man den Gegner und die Situation besser unter Kontrolle, kann aber auch leicht jemanden verletzen. Der Grat zwischen Kontrolle und Verletzung ist denn auch sehr dünn. Aufgrund der Kontrolle wird Ju-Jitsu vorwiegend in Militär- und in Polizeikreisen angewendet. In den USA wurde Ju-Jitsu anfänglich nur in reichen Kreisen trainiert. Die Lehrer behielten diese Kampftechnik bei sich und gaben sie nur innerhalb der Familie und im inneren Kreis weiter. Darum ist Ju-Jitsu kein Breitensport und nicht so populär wie Karate. Die Praktik von Ju-Jitsu fördert die physische und psychische Balance.
Wie lautet Ihr Leitsatz?
Ich möchte das traditionelle japanische Ju-Jitsu bewahren, beschützen und bekannt machen. Indem ich Ju-Jitsu bewahre, bewahre ich die ihm zugrundeliegende Kultur und das Erbe. Wenn ich Ju-Jitsu weitergebe, bekomme ich viel zurück. So ist es ein ständiges Geben und Nehmen.
Ju-Jitsu ist wie fliessendes Wasser. Je nach Gefäss verändert das Wasser stetig die Form. Ju-Jitsu ist Lebenskunst, weil immer in Veränderung. Die Philosophie des Ju-Jitsu verändert die Sicht auf das Leben. Ju-Jitsu hat tiefe spirituelle Wurzeln. Wenn man die Philosophie des Ju-Jitsu verstehen will, muss man meditieren. Wenn man den tieferen Sinn versteht, versteht man auch den Sinn jeder Lebenssituation.
Was ist die Essenz aus der jahrelangen Kampfkunst-Praxis für Ihr persönliches Leben?
Ju-Jitsu basiert auf den drei philosophischen Prinzipien. Erstens der Flexibilität, versinnbildlicht durch den Bambus, zweitens der Balance, symbolisiert durch die Wurzeln und drittens der Weichheit ähnlich dem Wasser.
Wieso haben Sie den Weg des Unterrichtens gewählt?
Der Lehrer ist eine spezielle Person. Er hat die Möglichkeit und die Fähigkeit andere Menschen zu erreichen. Er unterrichtet nicht einfach Techniken, sondern reales Leben. Im japanischen Sprachgebrauch heisst «Sensei» nicht einfach Lehrer, sondern «die Person, die mir vorausgeht». Der Lehrer zeichnet sich nicht durch sein Alter aus, sondern durch seine Lebenserfahrung. Ein Dojo ist nicht nur eine Schule, sondern ein Ort, um sich zu transformieren.
Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt in Ihrer Karriere?
Die Menschen zu berühren. Indem ich Menschen berühre, kann ich ihren Blick auf die Realität verändern. Wenn die Anderen sich verändern, verändere ich mich auch.
Kunin Sensei, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.
Altdorf im April 2015, Magdalena Zurfluh