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Dass der Freiherr Knigge mit seinem Über den Umgang mit Menschen kein Benimm-Buch geschrieben hat, sondern eher eine Art Karriere-Ratgeber, der über die Wichtigkeit – aber auch über die soziologischen und psychologischen Hintergründe – von Umgangsformen, von guten Umgangsformen vor allem, orientiert, ist mittlerweile wohl ins Bewusstsein der meisten literaturgeschichtlich interessierten Leser eingedrungen. Dass er neben diesem seinem bekanntesten Werk auch noch anderes geschrieben hat, scheint aber vielen Leuten heute nicht mehr bewusst zu sein. Dabei war Knigge zu seiner Zeit fast so etwas wie ein Bestseller-Autor …
Knigge lebte von 1752 bis 1796 und wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer Vertreter der deutschen Aufklärung: adelig und intellektuell, ein gebildeter Fürstendiener. Allerdings gehörte er trotz seiner Herkunft eindeutig dem radikaleren Flügel der Aufklärung an. Sein adeliger Stammbaum war nämlich finanziell ziemlich vertrocknet. So versuchte er zwar sein Brot bei verschiedenen Höfen zu verdienen; auch am weimarischen Hof von Herzog Carl August hielt er sich eine Zeitlang auf. Lieber denn als Höfling war er aber als Schriftsteller tätig, und die Orden der Freimaurer und der Illuminaten hatten in ihm einen fleissigen Propagandisten. (Goethe soll durch ihn Illuminat geworden sein.)
Als Romancier ragt Knigge allerdings nicht besonders hervor. Der mir vorliegende Roman Die Reise nach Braunschweig von 1792 ist verfasst mit dieser Mischung von Empfindsamkeit, Aufklärung und Satire, die durch Oliver Goldsmith’ The Vicar of Wakefield auch in Deutschland Mode geworden war. Der Inhalt ist rasch erzählt: In Braunschweig ist Messe und bei dieser Gelegenheit will auch der Franzose Blanchard mit einem Ballon in die Luft gehen. (Diesen Blanchard gab es wirklich, und er führte im Gefolge der Brüder Montgolfier an verschiedenen Orten Schauaufstiege mit einem Wasserstoff-Ballon durch. Auch in Deutschland fanden solche Aufstiege statt, selbst wenn ich jetzt so auf die Schnelle keinen Hinweis darauf finde, dass er in Braunschweig gestartet wäre.) Eine Gruppe von Landeiern (ein Pastor, ein Amtmann, ein Förster) beschliesst, mit Weib und Kind der Vorstellung beizuwohnen. Dazu bedarf es einer kleinen Reise. Der Roman erzählt nun die Geschicke, die unsere Landeier unterwegs ereilen. Eine fast tragisch endende Liebesgeschichte darf so wenig fehlen wie der Klassiker, dass ein gewitzter (Gross-)Städter unsere Reisenden über die in der Stadt herrschenden Sitten bewusst falsch informiert, so dass sie sich mit ihrer Aufführung, ihrer Kleidung, unsterblich blamieren. Dazu werden sie unterwegs bestohlen. auch sonst über den Tisch gezogen, und selbstverständlich verpassen sie den Aufstieg Blanchards. Dennoch folgt ebenso selbstverständlich ein Happy Ending. Selbstverständlich zurück auf dem Land.
Der Autor schliesst das Buch folgendermassen: “Die Hauptlehre aber, die man aus diesem Werklein ziehen mag, sei die: daß, wenn ein Autor nur Leute findet, die ein solches Buch verlegen und lesen wollen, er leicht mit der Beschreibung einer dreitägigen Reise zwölf gedruckte Bogen füllen kann.” Diese meta-textliche Erkenntnis ist vielleicht das Gelungenste an diesem Büchlein, das ansonsten wenig Witz hat. Die Geschichte plätschert harmlos vor sich hin. Weder werden die Landeier noch werden die Städter so richtig durch den Kakao gezogen. Es stehen eher allgemeine menschliche Schwächen im Fokus des Erzählens – ohne dass sie allerdings so richtig herausgearbeitet würden. Im Grunde genommen propagiert Knigge in der Reise nach Braunschweig die Erkenntnis, die einen andern Reisenden (Voltaires Candide) runde 50 Jahre zuvor zum Schluss von dessen Odyssee ereilt hat: „Il faut cultiver notre jardin“ (dt.: „Unser Garten muss gepflegt werden“). Eine magere und wenig revolutionäre Erkenntnis, selbst für nur zwölf Bogen … In seinem um ein Jahr älteren Roman Benjamin Noldmann’s Geschichte der Aufklärung in Abyssinien, oder Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufenthalte an dem Hofe des großen Negus, oder Priesters Johannes ist Knigge bedeutend satirischer, politischer und auch mit aggressiverem Witz am Werk. (Vielleicht werde ich hier später einmal ein paar Worte auch über diesen Roman verlieren.)
Fazit: Man wird angenehm unterhalten. Nicht mehr, nicht weniger.
(Meine Ausgabe: Adolph Freyherr von Knigge [sic!]: Die Reise nach Braunschweig. Ein komischer Roman. Berlin: Eulenspiegel Verlag, 1956. Diese Ausgabe enthält die Illustrationen von G. Osterwald, mit denen die 7. Auflage des Buches (1839) versehen war.)