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JUDGMENT NIGHT ist ein währschaftes Kleinod von Alan Silvestri aus dem Jahr 1993, das mir damals, 2005, als Intrada den Score in seiner Special Collection Reihe als 2000er Limitierung veröffentlichte, durch die Lappen gegangen ist. Per Zufall und mit Glück stiess ich bei einem Filmmusikhändler erst dieses Jahr auf die CD. Lieber spät als nie.
Der Film von Regisseur Stephen Hopkins (THE GHOST AND THE DARKNESS; 1996) ist ein wenig bekannter Actionthriller mit Emilio Estevez, Cuba Gooding jr. und Stephen Dorff in den Hauptrollen. Ein richtiger «Männerfilm» also. Vier Freunde haben einen Mord beobachtet und sind fortan auf der Flucht vor einer fiesen Killerbande. Schliesslich entscheiden sie sich, gegen die Verbrecher ihren Mann zu stehen. In der Hoffnung mit Film und CD einen Hit zu landen, veröffentlichten Studio und Produzenten ein Rap und Rock Album anstelle der Filmmusik. Silvestri und Hopkins haben zuvor bei PREDATOR 2 (1990) und nach JUDGMENT NIGHT bei BLOWN AWAY (1994) zusammengearbeitet.
Mit maskulin kann man auch Silvestris Score umschreiben. Ähnlich wie PREDATOR 2 ist auch die vorliegende Musik eine no-nonsense Komposition, die bleiern schwer, düster und von Spannungsmomenten dominiert wird. Silvestri hat dafür ein grosses Orchester mit Synthesizern und einer unüberhörbaren Perkussionssektion sowie dem Ende der 60er Jahre entwickelten Waterphone versammelt, wobei es vor allem die drückende Schwere, hervorgerufen durch die tiefen Register, die Verwendung der Elektronik und des Waterphones und die damit hervorgerufene unheimlichen Stimmung sind, die einem haften bleiben. Als Beispiel dient der fast 10minütge Track «Ladder Crossing», in dem zugleich die Rolle der Synthesizer und des Waterphones deutlich wird. Spannungssteigernd dienen hier die Violinen und das kurze, simple Spiel des Klaviers. Die Holzbläser, die um die 7 Minuten Marke kurz erklingen, erinnern kurz an PREDATOR und die eingestreuten metallisch anmutenden Perkussionsschübe treiben die Spannung auf die Spitze.
Silvestri hat für den Film ein Titelthema geschrieben, welches aber nicht verwendet wurde. Es wird im Score hin und wieder kurz angedeutet oder ist versteckt herauszuhören und als Stück 19 sowie zu Beginn von «Frank Takes the Wheel» in den Bonusstücken enthalten.
Ein 4-Noten-Motiv, das als tragisches Hauptmotiv von JUDGMENT NIGHT dient, taucht im ominösen «New Passenger» intoniert von Celli und Bratschen auf, Silvestri wird sich dessen wieder bedienen. Actionmusik à la frühe 90er Jahre ist in «Execution», «Train Yard» und «Ray Eats it» zu vernehmen, wenn (akustische!) Perkussion auf Tempo macht. Doch richtig in die Vollen geht Silvestri in Stücken wie dem kurzen «Hello Ladies» oder in Teilen von «Some ‘Splainin’ to Do», in dem er das ganze Orchester oder im furiosen «Final Fight» aggressive Streicher, Blechbläser sowie einschneidende Xylophon- und Piccoloakzente erklingen lässt. Das hat Klasse.
Als Gegenstück zu den viel verwendeten, mit tiefen Klängen ausgestatteten Orchestration hält Silvestri in «Ray’s Deal» eine in einer höheren Tonlage erklingende Synthesizerlinie bereit. Kurze Momente der Reflektion, von denen es nicht allzu viele gibt, verschafft er in «Make a Stand» mit Englisch Horn und Hörnern, während ein lebendiges Ostinato der Holzbläser, begleitet von Streichern und metallischen Synthesizern, den Track ausklingen lassen. Die erwähnten Bonusstücke sind übrigens für einmal wirklich geniessbar, auch weil sie sich doch deutlich vom restlichen Score unterscheiden. JUDGMENT NIGHT ist eine überraschend dichte und durchdacht gemachte Genre-Filmmusik, so wie man sie heute in ähnlich gelagerten Filmen leider kaum mehr zu hören bekommt. Umso schöner, wenn man sich diese eher unbekannte Komposition von Alan Silvestri in den Player schieben kann.
Phil 18.9.2020
JUDGMENT NIGHT
Alan Silvestri
Intrada
72:44 Min.
19 Tracks