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Das Freiamt und Auw im Umbruch
Maria Bernarda wurde 1848 als Verena Bütler im Jahr der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates geboren. Es war besonders für ihre Heimat eine unruhige Zeit. Das Freiamt stand politisch wie auch wirtschaftlich in grösseren Umbrüchen.
Politisch war das Freiamt immer noch traumatisiert und politisch aufgeheizt von der Klosteraufhebung 1841 und dem Sonderbundskrieg 1847, welche grosse konfessionelle Spannungen hinterliessen. Dies besonders auch in Auw und Sins, wo 1849 die Engelberger Patres auf Beschluss der Aargauer Regierung der Pfarrerstelle enthoben wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie das Volk gegen die Aargauer Regierung aufgewiegelt und die waffenfähigen Männer zum Kampf auf Seiten des Sonderbundes ermuntert hätten. Ein Vorwurf, der übrigens nie untersucht und bewiesen wurde. Erst die fünfte Verfassung von 1852 brachte Verbesserungen in Sachen Gewaltentrennung und diese Verfassung war dann auch bei den Katholiken nicht mehr umstritten, so dass sich die konfessionellen Spannungen langsam legten. Die Verfassung von 1852 schloss aber immer noch gewisse Schichten von politischen Tätigkeiten aus, so konnte ein Mann nur Gemeinderat werden, wenn er sich über einen Vermögensbesitz von wenigstens 1000 Schweizerfranken in schuldenfreien Liegenschaften oder zinstragenden Schuldtiteln ausweisen konnten. Zum Vergleich verdiente damals ein Baumwollweber rund 11 Rappen die Stunde.
Auch das Landschaftsbild veränderte sich stark. Mitte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurde die seit dem frühen Mittelalter praktizierte Dreifelderwirtschaft durch die Fruchtfolge ersetzt. Der Kartoffelanbau begann sich durchzusetzen. Die Allmenden wurden aufgelöst und mehr und mehr Weideland entstand. Dies führte zu einer Zunahme der Viehwirtschaft. Auw bildet darin keine Ausnahme und die Getreidefelder machten vermehrt den Weiden für das Vieh Platz. Die aufkommende Viehwirtschaft war ertragsreicher und machte es möglich, dass die Höfe geteilt wurden. Auch wurden die Bodenzinsen sowie die Zehnten wurden bis 1850 durch Kapitalleistungen abgelöst, was den Übergang zur Viehwirtschaft beschleunigte.
Das Leben in den Jugendjahren von Maria Bernarda war hart. Die Kinder- und Erwachsenensterblichkeit war hoch und die Erwartung 60 Jahre alt zu werden lag etwa bei 50%. Der Tod war ein ständiger Begleiter. Im späteren 19. Jahrhundert wurde die Landwirtschaft weiter modernisiert, und die Ausbreitung von Heimarbeit (besonders im Freiamt wegen der Strohindustrie) und Industrie erlaubte es auch landlosen Bevölkerungsgruppen, sich regelmässiger zu ernähren. Gleichzeitig wurden gesundheitspolitische Kampagnen sowie neue Sauberkeits- und Hygienenormen durchgesetzt. Damit verbesserten sich langsam die Chancen, ein höheres Lebensalter zu erreichen. Auw hatte zudem das Glück einen Arzt zu haben.
Wie eingangs erwähnt musste der Auwer Pfarrer Pater Zelger seine Pfarrei im Januar 1849 verlassen. Damit erlosch eine über 400-jährige Tradition der Bestellung der Auwer Pfarrstelle durch Engelberger Mönche. Die Bestellung der Patres war eine Folge, da das Kloster Engelberg die Kollatur über Auw, Sins und Abtwil besass. Für die Monate bis November 1849 wurde der Deutsche Josef Butterstein Pfarrverweser. Danach liess die Aargauer Regierung die Pfarrstelle 1850 durch den liberalen gesinnten und politisch genehmen Priester Karl Suter aus Rain LU besetzen. Er sollte bis 1866 als Pfarrer in Auw bleiben. Über ihn ist bekannt, dass er sehr streng war und in der Pfarrei unbeliebt. Interessant ist aber dass gerade viele Kinder aus seiner Zeit später in Klöster eintraten. 1865 trat das Kloster Engelberg die Kollatur über Auw auch formell an die Pfarrgemeinde ab und die Kirchgemeinde Auw wurde souverän. Sie wählte Sebastian Villiger aus der Egg bei Alikon als ihren Pfarrer. Er war in der Bevölkerung sehr beliebt und sollte auch bald Einfluss auf Maria Bernarda gewinnen.
Die Familie „Bütler untere Meissen“
Maria Bernarda wurde als Verena zwar als Kind der Familie Heinrich und Katharina Bütler geboren, doch die Familie wohnte in einem grossen Familienverbund auf dem Hof der unteren Meissen. Der Name Meisen geht auf „Meis“ zurück und ist eine Abkürzung für Jeremias, einem Urahnen der Familie. Es ist auch die Schreibweise „Meisen“ bekannt.
Ihr Grossvater Heinrich, der 1831 bereits verstarb, bewirtschaftet noch einen der grössten Höfe der Gemeinde. Danach übernahmen seine Söhne den Hof gemeinschaftlich, wobei Heinrich und Burkard zusätzlich den Beruf des Küfers ausübten. Die Familie baute 1843 das heutige Geburtshaus. Nach dem sich die zweite Schwester verheiratete wurden 1850 alle drei Schwestern von den fünf Brüdern ausgekauft. Zur Vorbereitung der Hofteilung wurde 1852 der spätere Gemeindeammann Josef Bütler von seinen übrigen vier Brüdern ausgekauft und das heute noch bestehende gleich daneben liegende Haus erbaut. 1853 teilten dann die vier Brüder Peter, Heinrich, Jakob und Burkard den Hof auch rechtlich auf. Maria Bernardas Vater Heinrich erhielt 12 Jucharten Land und den östlichen Teil des Geburtshauses sowie die notwendige Werkstatt für sein Küferhandwerk. Der westliche Teil wurde von seinem älteren Bruder Peter mit seiner Familie bewohnt. Die Familie sollte in diesem Hausteil bis 1870 wohnen. Vater Heinrich kaufte dann 1869 vom alten Auwer Seckelmeister (Finanzverwalter der Gemeinde) Johann Conrad Haus und Scheune. Das Haus der Liegenschaft an der Mühlauerstrasse 15 steht heute noch.
Eine Grossfamilie
Wie erwähnt wurde Maria Bernarda 1848 in eine Grossfamilie geboren. Gemäss der Volkszählungsliste von 1850 stand dem Haushalt Nr. 14 die Grossmutter Elisabeth Bütler (1780-1861) „Hübelijoggelis“ aus Rüstenschwil vor. Der Haushalt bestand weiter aus Maria Bernardas Vater Heinrich (1810-1889) und ihrer Mutter Katharina (1818-1891) „alt-Müllers“, die 1841 heirateten und neben Maria Bernarda (unter der Nr. 99 natürlich als Verena vermerkt) die Kinder Heinrich Niklaus (1841-1900) und Katharina (1845-1924) hatten. Nach Abschluss der Volkszählung 1850 wurden dem Paar noch die Kinder Jakob (1853-1913), Elisabeth (1854-1900) und Martina (1856- 1890) geschenkt. Letztere trat ins Kloster Au bei Einsiedeln ein. Zwei Brüder von Verena namens Burkard und Johann verstarben bereits als Säuglinge.
Neben der Familie von Maria Bernarda lebten im Haushalt folgende Onkel, Tanten und Cousins und Cousinen:
Die jüngere Schwester ihres Vaters Heinrich Maria (1816-1895) wohnte zum Zeitpunkt der Volkszählung nicht mehr zu Hause, da sie 1839 Josef Konrad Schärrers heirate und im heutigen Bürgerhaus wohnte. Ebenso Heinrichs ältere Schwester Maria Verena (1807-1891), die 1849 den Wittwer Michael Brunner „Battjoggelis“ heiratete. 1850 lebte auch noch der Grossonkel Burkard Bütler (1875-1850) im Haushalt.
17 Personen wohnen also im Meissen-Haushalt. Es darf angenommen werden, dass die Familie sehr eng im Geburtshaus zusammenwohnte und alle einen Einfluss auf Maria Bernarda hatten. Einen besonderen Einfluss soll ihr Onkel und Götti Josef ausgeübt. Von ihm ist überliefert, dass er sehr viel betete.
Ein normales Freiämter Dorfmädchen
Verena entwickelte sich wie ein normales Freiämter Dorfmädchen und besuchte ab 1856 die Schule in Auw. In der Schulchronik ist sie unter Nr. 226 eingetragen. Lehrer Bütler „Alt-Müllers“ bewertete sie mit „gut“. Sehr gut erhielt sie aber für den Schulbesuch. Mit dem Rechnen hatte sie es nicht so und der Lehrer vermerkte „Im Rechnen schwach“. Sie selber schrieb „in der Schule lernte ich was ich musste, um nicht ganz dumm zu bleiben“. Sie soll die Schulwände auch eher als Gefängnis empfunden haben.
Aus Verena wird Maria Bernarda
Nach der ersten Kommunion sollte sich Verena aber verändern. Es wird berichtet, dass sie sich von einem Tag auf den anderen anders als die übrigen Kinder kleidete. Eher ärmlich und altmodisch. Am 16. April 1860 empfing sie zum ersten Mal die Heilige Kommunion. Die eucharistische Verehrung wurde zu einem Grundpfeiler ihrer Spiritualität.
Schon als junges Mädchen hegte sie den Wunsch, sich ganz Gott zu weihen. Wie weit andere Verwandte, die in Klöster eintraten, einen Einfluss hatten ist nicht ganz bekannt. Auf jeden Fall war der Bruder ihrer Grossmutter Elisabeth Sub Prior im Kloster Wettingen. Eine Cousine ihres Vaters war im Kloster Sarnen und ein Onkel ihrer Mutter war Pater im Kloster Engelberg.
Verena trat zunächst ins Kloster Menzingen ein, kam aber schon nach acht Tagen zur Einsicht, dass dort nicht der Ort ihrer Berufung war. So kehrte sie ins Elternhaus zurück.
Auf Anraten ihres Pfarrers Sebastian Villiger trat sie am 12. November 1867 mit 19 Jahren ins Kloster Maria Hilf in Altstätten (St. Galler Rheintal) ein, wo sie am 4. Mai 1868 den Habit der Franziskanerinnen und den Ordensnamen Maria Bernarda vom Heiligsten Herzen Maria erhielt. Am 4. Oktober 1869 legte sie die Gelübde ab.
Forschungsstand: 08.09.2017 / Gerhard Imbach