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Als die Wirtschaftswissenschafter Shai Danzinger und Liora Avnaim-Pesso israelische Richter fragten, von welchen Faktoren ihre Entscheidung abhänge, einen Gefangenen auf Bewährung freizulassen, nannten sie Dinge wie: Gibt es Platz für den Häftling in einem Wiedereingliederungsprogramm? Wie oft hat er schon gesessen? Wie schwer ist sein Verbrechen gewesen? Nicht im Traum wären die Richter auf das wichtigste Kriterium gestossen: Wie viele Entscheidungen sie davor schon getroffen hatten.
Darauf stiessen Danzinger und Avnaim-Pesso in einer Studie, die sie mit dem dritten beteiligten Forscher, Jonathan Levav, durchführten. Die Keimzelle war eines von Levavs Experimenten aus dem Jahr 2006.
Der Marketingprofessor von der Stanford University hatte zusammen mit Kollegen in Deutschland und der Schweiz gezeigt, dass die Reihenfolge, in der Käufer Entscheidungen über die Ausstattung eines Autos fällen, die Art dieser Entscheidungen beeinflusst. Damit widersprachen sie dem Standardmodell aus der Ökonomie und auch dem gesunden Menschenverstand. Ob man die Farbe des Wagens am Anfang oder am Schluss auswählt, sollte eigentlich keine Rolle spielen, wenn man ein rotes Auto will – tut es aber.
In Zusammenarbeit mit VW veränderten die Forscher die Reihenfolge bei der Wahl von 7 Ausstattungsmerkmalen: Einmal entschieden sich die Käufer zuerst für eine von 56 Farben des Innenraums und arbeiteten sich dann über 13 verschiedene Bereifungen und 6 mögliche Aussenspiegel zu 4 Optionen der Gangschaltung vor. Einer zweiten Gruppe wurden die Merkmale in der umgekehrten Reihenfolge präsentiert: zuerst die Posten mit wenigen Optionen, am Schluss jene mit vielen.
Das Resultat stimmte mit neueren Ideen über geistige Kosten von Entscheidungen überein: Jedes Mal, wenn man einen Entscheid fällt, fliesst Energie aus dem Reservoir der Selbstkontrolle ab. Die Käufer der Autos, die am Anfang unter vielen Merkmalen auswählen mussten, wurden bald entscheidungsmüde und fielen gegen Ende auf die vom Hersteller vorgeschlagene Standardempfehlung zurück.
Levav sah, dass die eine Gruppe durchschnittlich 1482 Euro mehr für die Ausstattung ausgegeben hatte als die andere. Das deutete darauf hin, dass ein Verkäufer allein durch eine für ihn günstige Reihenfolge der Optionen und geschickt gewählte Standardempfehlungen mehr Geld einnehmen konnte. Bald sollte Levav feststellen, dass noch viel bedeutendere Entscheidungen vom endlichen Reservoir der Energie für Selbstkontrolle abhingen.
In Israel hatte nämlich der mit ihm befreundete Forscher Shai Danzinger die 2010 publizierte Arbeit über die Reihenfolge der Optionen bei der Autoausstattung gelesen. Gleichzeitig suchte Danzingers Studentin Liora Avnaim-Pesso nach einem Thema für ihre Dissertation. Bei ihren Diskussionen erwähnte sie ihren Nebenjob bei der Bewährungskommission, wo Richter den ganzen Tag anhand von Dossiers von Häftlingen über deren Freilassung auf Bewährung entscheiden. Bald fragten sie sich, ob diese Entscheidungen einem ähnlichen Effekt unterlägen wie die Wahl von Rückspiegeln und Scheibenwischern.
Die Richter bearbeiteten zwischen 14 und 35 Fälle pro Tag, für die sie durchschnittlich je 6 Minuten benötigten. Sie unterbrachen ihre Arbeit für zwei Pausen – einen Snack am Vormittag und das Mittagessen. Die Forscher analysierten 1112 Richtersprüche nach ihrer Position. Das Resultat war erschütternd – jedenfalls für jene Häftlinge, deren Dossiers im unteren Teil eines Stapels lagen.
Unmittelbar nach Arbeitsbeginn am Morgen, nach dem Snack oder nach dem Mittagessen betrug die Chance eines Häftlings, auf Bewährung freizukommen, etwa 65 Prozent, sie sank dann während der nächsten Stunden kontinuierlich und betrug unmittelbar vor den Pausen meistens 0 Prozent!
Wie bei den Autokäufern war der Entscheidungsmuskel im Hirn der Richter müde geworden, und sie taten, was sie die geringste Anstrengung kostete: den Status quo aufrechterhalten. Die Häftlinge blieben im Gefängnis.
Die Studie mit den Richtern ist strenggenommen kein Experiment. Weil die Forscher die Reihenfolge der Dossiers nicht beeinflussen konnten, ist nicht sicher, dass sie wirklich zufällig war. Theoretisch könnte der beobachtete Effekt auch zustande kommen, wenn die Dossiers in einer bestimmten Weise geordnet auf den Pulten der Richter landeten. Das ist allerdings unwahrscheinlich. Alles deutet darauf hin, dass Justitia nicht nur blind sein sollte, sondern auch nicht müde.
Dass diese spezielle Form der mentalen Ermüdung immer eintritt, wenn viele Urteile in Folge gefällt werden, lässt erahnen, wie gross ihr Einfluss bei medizinischen, politischen oder finanziellen Entscheidungen sein könnte.