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Forschungsprojekt finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds (April 2013 bis März 2017)
(English version below)
Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie der Import indischer Baumwolltextilien nach Europa seit dem 16. Jahrhundert und die Produktion einheimischer Indiennes im 18. Jahrhundert Handel, Konsum und materielle Kultur im deutschsprachigen Raum beeinflussten, prägten und veränderten. Das Forschungsprojekt verzahnt damit drei unterschiedliche Themenkomplexe und will einen Beitrag zur Erforschung der Zusammenhänge von europäisch-indischer Verflechtung durch Handel, lokalem Konsumwandel und Innovation der materiellen Kultur in der Frühen Neuzeit leisten.
Die europäische Sachkultur der Frühen Neuzeit war eine dynamische Welt, die sich durch Vervielfältigung, Verfeinerung und Erneuerung auszeichnete. Textilien nahmen in dieser Entwicklung aus drei Gründen einen besonderen Platz ein. In Form von Hausrat und Kleidung waren sie erstens Träger steigender Konsumbedürfnisse und sich wandelnder Moden in der Frühen Neuzeit. Zweitens machten sie einen der grössten Posten der von Portugiesen, Holländern und Engländern nach Europa importierten Güter aus. Vor allem indische Baumwollstoffe, die sich durch exotische Designs und hochwertige Qualität auszeichneten, stiessen bei Europäern auf hohe Nachfrage. Drittens führte gerade diese Nachfrage dazu, dass Calicos zu regelrecht „revolutionären Gütern“ (Lemire/Riello) auf europäischen Märkten wurden, die im 18. Jahrhundert den Aufstieg der europäischen Kattundruckindustrie bewirkten und damit letztlich die ökonomische Auseinanderentwicklung von Orient und Okzident im 19. Jahrhundert beflügelten. Den Europäern gelang es, die begehrten indischen Stoffe zu imitieren, zu ersetzen und im Prozess der Industrialisierung letztlich so massenhaft zu produzieren, dass sie damit weltweit Märkte eroberten, die zuvor von Indien beliefert worden waren.
Während diese Zusammenhänge für den Britischen Kontext mittlerweile gut erforscht sind, wissen wir kaum etwas darüber, welche Rolle der deutschsprachige Raum in diesen Prozessen spielte. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Alte Eidgenossenschaft als einem der wichtigsten Standorte der europäischen Kattundruckindustrie in die internationale Debatte einzubringen, und die ältere Schweizerische Textilindustriegeschichte an aktuelle kultur-, konsum- und globalgeschichtliche Fragestellungen anzubinden.
Perspektivisch und methodisch ist das Projekt an den Schnittstellen von Konsumgeschichte, Geschichte der materiellen Kultur, history of shopping und history of commodities sowie der Globalgeschichte angesiedelt. Untersucht wird die Frage, auf welchen Wegen Calicos und Indiennes distribuiert, vermarktet, gekauft und verkauft wurden, wie sie angeeignet und gedeutet wurden, wer sie besass und wie sie Moden und Geschmäcker veränderten. Das Ziel des Gesamtprojekts ist es zu erklären, wie sich die europäische Textilkultur durch den Fluss von Kattundruckstoffen veränderte, auf welche Weisen Produzenten- und Konsumentenkulturen verflochten wurden und welche Innovationen diese transkulturelle Verflechtung in Europa freisetzten. Zur Bearbeitung dieser Fragen greifen wir auf vielfältige unterschiedliche Quellen zurück. Neben gedrucktem Material werden archivalische Bestände wie Inventare, Selbstzeugnisse, Firmenkorrespondenzen und Handelsakten, Musterbücher und Werbeblätter ausgewertet sowie überlieferte Textilien herangezogen.