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Le son que faisait Musy
Im Sommer 2016 fuhren Seraina Rohrer und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl von Solothurn nach Rolle. Für die Vorbereitung unseres «Rencontre»-Programms wollten wir den berühmtesten Toningenieur der Schweiz, François Musy, treffen. Wir hatten eine Liste mit 170 Filmen dabei, bei denen er in 35 Jahren mitgearbeitet hatte. Wie um Gottes Willen sollten wir diesem Menschen gegenübertreten? Bestimmt würde er sofort entdecken, dass wir nur einen Bruchteil davon gesehen hatten.
Wir bereiteten uns darauf vor, unvorbereitet zu sein – und wurden angenehm überrascht. Denn nach einem freundlichen Empfang im Innenhof seines Studios hatte François Musy die monstruöse Liste bereits selber auf 25 Titel reduziert: «J’ai fait un peu d’ordre dans votre liste.»
Heute weiss ich: das war die natürlichste Reaktion eines Tontechnikers. Denn sie entspricht genau seiner täglichen Arbeit: Antizipation von Bedürfnissen (normalerweise eines Regisseurs) und deren Reduktion aufs Wesentliche. Er zeigte uns sein Studio und die Apparaturen, die mich an das Cockpit eines Raumschiffs erinnerten. Er erzählte vom Wesen der Töne und vom meist schönen und manchmal harten Leben in der Postproduktion. Dort, sagte er, würde man im Film am häufigsten geprellt, weil die Produzenten ihr Budget schon vorher aufgebraucht hätten.
Wir fragten François Musy, ob es Filme gäbe, die wir besser nicht zeigen sollten, weil seine Arbeit nicht bezahlt worden sei. Er sagte: «Ces films existent, mais ce ne sont pas les pires.» Da hatten wir verstanden, dass François Musy ein ziemlich grosszügiger und loyaler Mensch sein musste. Also fragten wir nach, wie es denn um seine Freundschaft mit dem Regisseur stehe, mit dem er am meisten Zeit (auf 20 Filmen!) verbracht hatte, mit Jean-Luc Godard. Er antwortete: «Vous savez… on ne peut pas être ami avec dieu.»
1981, in Godards «Passion», wird der Name François Musy zum ersten Mal als Tonmeister in einem Abspann erwähnt. Drei Jahre später wird in der Schweiz der erste Spielfilm in Stereo-Ton gedreht. Es ist Francis Reussers Bergdrama «Derborence» und den Rekorder «Nastro 407» steuert François Musy. Die Aufnahmen am Set sind anspruchsvoll, der Film muss im Studio komplett nachvertont werden. Trotzdem wird der Film – 1985 im Wettbewerb in Cannes – wegweisend für François Musys weitere Karriere. Französische Regisseure wie Maurice Pialat («Police», 1985) wollen danach ihre Werke ebenfalls in Stereo abmischen und suchen ihn in Rolle auf.
Eine gute Tonspur glänzt fast immer durch angenehme Unaufdringlichkeit. Genauso lernten wir auch den Menschen François Musy kennen. Er sprach wenig, doch das meiste davon prägte sich ein. Bei seiner Masterclass sagte er: «Viele Töne nehmen wir nicht bewusst wahr. Erst wenn sie nicht mehr da wären, würden wir es merken. Wenn du am Morgen aufstehst und keine Vögel pfeifen, dann weisst du: jetzt bist du tot.»
Die Fähigkeit, die Tonalität eines Films immer wieder von neuem und für die unterschiedlichsten Werke zu (er)finden, machte aus François Musy einen beliebten und international gefragten Tonmeister. Neben Godard und Reusser verband ihn mit zahlreichen Filmschaffenden eine über Jahrzehnte dauernde Zusammenarbeit, zum Beispiel mit Xavier Giannoli oder Silvio Soldini. Dabei verstand François Musy sein Handwerk immer als akustischer Generalservice. Vom Setton über den Tonschnitt zur Mischung beherrschte er sämtliche Arbeitsschritte und führte sie auch selber aus.
2017 zeigten die Solothurner Filmtage wichtige Etappen seines Schaffens, von den Anfängen mit Godard über den Tierfilm «L’ours» (1988) von Jean-Jacques Annaud, Alain Tanners «Requiem» (1998), den Horrorfilm «Dead End» (2003) oder den Historienfilm «Marguerite» (2015). Für letzteren musste François Musy die Stimme einer kreuzfalsch singenden Sängerin akustisch beseelen – eine Aufgabe, die für den Meister des Tons wie geschaffen war und für die er – zusammen mit Gabriel Hafner – zum zweiten Mal einen César gewann.
Erst im vergangenen Januar kehrte François Musy nach Solothurn zurück. Der Grund war eine Ehrensache: er stellte in Gedenken an seinen Freund Godard den Film «Eloge de l’amour» (2001) vor. Im Gespräch mit Emilien Gür erzählte er von der Zusammenarbeit mit «Gott» und später von der emotionalen Schliessung seines Tonstudios und dem Eintritt ins Leben als Pensionär. Nach dem Wiedersehen verabredeten wir uns im April zu Filets de perches in François Lieblingsrestaurant in Rolle. Wir trafen uns dann auch, und für seine Verhältnisse war François ziemlich gesprächig. Es war ein sonniger Frühlingstag und die Vögel sangen.
Am 22. November 2023 ist François Musy verstorben.
Hier geht es zum Nachruf der Cinémathèque suisse.