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von F. Séguin
Die Cevennen gehören zu den einzigartigen Landschaften im Süden Frankreichs. Das vielfältige Mittelgebirge endet im Norden ungefähr an den Gorges du Tarn und dem Mont Lozère, im Westen bei der Stadt Alès und im Süden bei Le Vigan – insgesamt etwa 100–150 Kilometer oberhalb des Mittelmeeres, östlich der Rhone gelegen.
Mit seinem Tagebuch «Reise mit einem Esel durch die Cevennen» hat der schottische Schriftsteller Robert Stevenson die Gegend im 19. Jahrhundert bekanntgemacht. Er ging in seinen – heute noch gut lesbaren Notizen – auf seiner aus Liebeskummer begonnenen Wanderung auch auf die wertvolle und sehr prägende Geschichte des Landes ein: 1685 hob der römisch-katholische Sonnenkönig Ludwig XIV. das Edikt von Nantes auf, das den Protestanten in Frankreich relative Religionsfreiheit gewährte. Die Kirchen der Reformierten wurden auf eigene Kosten abgerissen, die Pfarrer des Landes verwiesen und die Gottesdienste unter härtesten Strafen (Galeere, Gefängnis) verboten.
Heimlich traf sich trotzdem die Schar der Gläubigen weiter in den meist undurchdringlichen Cevennen-Wäldern, aber auch in den zahlreichen Höhlen. Tausende flohen in andere Länder, auch in die Schweiz.
«Le temps du desert», die «Zeit der Wüste», nennt man die 100 Jahre Unterdrückung durch die konfessionell einseitige Staatsgewalt, die erst mit dem Toleranzedikt von 1787 und der Französischen Revolution endete. Das Hugenottenmuseum «Musée du desert» in Mialet, im Süden der Cevennen gelegen, dokumentiert anschaulich diesen in ganz Frankreich bekannten Abschnitt der Geschichte des Landes. Nur hier in den Cevennen fanden auch die Camisardenkriege – gewalttätige Erhebungen gegen die Unterdrückung – von 1702 bis 1704 statt. «Résister», «Widerstehen», ritzte eine tapfere Hugenottin – so wurden die französischen Protestanten damals genannt – in einen Stein des Festungsturms von Aigues-Mortes. Diese Südfranzösin namens Marie Durand musste fast 40 Jahre ihres Lebens in Gefangenschaft in diesem Turm verbringen.
«Widerstand» blieb für die ortsansässige und stark religiös geprägte Bevölkerung zentral. Besonders in der Zeit des Vichy-Regimes (1940–1942) und der im selben Jahr erfolgten deutschen Besetzung eines Teils von Südfrankreich erhob sich auch hier der bewaffnete Widerstand, der «Maquis». Zahlreiche Juden und auch vor den Nazis geflüchtete Deutsche wurden ohne viel Aufhebens in den Cevennen versteckt, besonders in Bauernhäusern und abgelegenen Gehöften. Ein Beispiel dafür ist das Dorf Vialas.
Patrick Cabanel, der heutige Präsident des «Club Cevenol» – ein Verein, der sich seit über 100 Jahren für den Erhalt der typischen Kultur und Natur der Cevennen einsetzt und dazu eine vierteljährliche Zeitschrift herausgibt – hat mit seinem Buch «Die Cevennen – ein Garten Israels» das Werk und die Kultur der Cevennen-Bewohner in dieser oft auch unwirtlichen Gegend mit grosser poetischer Kraft in Form eines Ganges durch die Geschichte gewürdigt. Immer wieder hat der Mensch hier «Widerstand» geleistet, unter anderem auch mit grosser Zähigkeit und beeindruckendem Einfallsreichtum den harten, natürlichen Bedingungen getrotzt. Ein Beispiel: Um eine kleine Wiese von 20 m Breite zu bewässern, hat man von einer Quelle eine ein Kilometer lange Wasserrinne in den Felsen gehauen, berichtet der ortsansässige Schriftsteller Jean-Pierre Chabrol. An vielen anderen Orten hat man Kastanienbäume gesetzt und gepflegt und aus deren Früchten unter anderem Mehl zubereitet, oder man hat herrliche «Faisses» genannte Terrassen angelegt, um dort dem Boden auch noch Getreide abtrotzen zu können (Detailbeschreibung zu finden im Büchlein von P. Cabanel auf S. 44ff.).
Im 19. Jahrhundert wurde eine erfolgreiche Seidenraupenindustrie im Süden der Cevennen aufgebaut – mit den dafür notwendigen Tausenden neu gepflanzter Maulbeerbäume, die heute noch das Landschaftsbild des Südens prägen. Hier hat man in manchem Cevennen-Dorf einen Bachlauf gestaut und dort mit der Hilfe von etwas Beton ein kleines Naturschwimmbad errichtet. Ein grosses Freibad kann sich hier keine der armen Gemeinden leisten. Cabanels kleiner Band ist eine Würdigung, ja eine tiefe Verneigung vor dem widerspenstigen, zähen «Cevennen-Bewohner».
Zurück zur Naturlandschaft der Cevennen: Naturliebhaber kommen in diesem Land des sanften Tourismus immer auf ihre Kosten. Der bekannte Höhlenforscher Alfred Martel (1859–1938) plante schon Anfang des 20. Jahrhunderts, aus dem Gebiet ein Naturschutzgebiet zu machen, allerdings auch mit dem Gedanken, das Land für den Tourismus zu erschliessen.
Gründung des Nationalparks
Bedingt durch die Weltkriegswirren kam es erst 1970 zur Gründung des «Parc national des Cévennes», des Cevennen-Nationalparks. Wie Yves Betolaud – der damalige Verantwortliche (von 1960 bis 1971) für die Gesamtheit der französischen Nationalpark-Projekte – betonte, war das bis heute gültige Konzept bereits bei seiner Entstehung umstritten, vor allem auch bei der in der Region ansässigen Bevölkerung, die mit allen Weilern, Dörfern und Kleinstädten heutzutage knapp tausend Einwohner zählt.
Zurück zu den Cevennen: In den 60er Jahren waren es unter anderem «Tiefenökologen», die die Entleerung der Parkregion der Cevennen von allem menschlichen Einfluss forderten. Glücklicherweise wurde ihr Radikalkonzept jedoch 1970 nicht berücksichtigt.
Seit den 90er Jahren sind Bemühungen erkennbar, die Regelungen für diesen und die acht weiteren Nationalpärke Frankreichs zu verschärfen. Das 1960 vom französischen Parlament verabschiedete Rahmengesetz für Nationalpärke wurde 2006 in revidierter Form neu verabschiedet. Es verlangt nun unter anderem für jeden Nationalpark die Erarbeitung einer Park-Charta, an der sich verschiedene Kommissionen, die Bevölkerung, die Gemeinden und die betroffenen Departemente prozesshaft beteiligen sollen. Der Nationalpark der Cevennen soll bei dieser Gelegenheit noch etwas ausgeweitet und abgerundet werden. Neu wird die Kernzone des Parks 930 km2 und die sie umgebende periphere Zone 3720 km2 umfassen. 152 Gemeinden, die zu vier verschiedenen Departementen gehören, bilden das Territorium des Parks, in dem zurzeit rund 75 000 Menschen wohnen und arbeiten.
Was soll sich ändern? Der 1997 amtierende Direktor des Parks, Guillaume Benoit, sagte es in jenem Jahr, bereits vor 14 Jahren, auf einer grossen Konferenz über die Zukunft des Cevennen-Nationalparks, der 1985 auch zum Biossphärenreservat ernannt wurde.
Es geht vor allem um die Bevölkerung im und um den Park herum: «Die geschätzten Räume, erweitert an ihrer Peripherie (ihren Rändern), sind also eingeladen, soziale Laboratorien zu werden, wo der Mensch lernen muss zu handeln und seine Kräfte zu meistern, um das zu bewahren, was die Qualität und den Reichtum der betroffenen Gebiete ausmacht […]». (Hervorhebung durch den Verfasser)
Entnommen sei dieses Programm dem Unesco-Projekt «Mensch und Biosphäre». Also kein Wort mehr von einer Freiheit der Parkbewohner, einer nationalen Ausrichtung des Schutzgedankens wie 1970, sondern ein in die Zukunft und «planetarisch» ausgerichteter, ganz offener Prozess, dem die ganze Bevölkerung des Park-Areals – mit Randzonen – immer wieder unterworfen wird. In Kanada fiel hier der Begriff «Leadership» für das neue Parkmodell. Das Wort «Laboratorium» erinnert an Mäuse, Affen und leidende Tiere, die für irgendeine Sache geopfert werden. Es gehe, sagte 1997 der Parkdirektor, um ein neues Miteinander von Mensch und Natur, um das Modell einer «nachhaltigen Entwicklung». Und weiterhin um eine «tiefgreifende kulturelle Mutation», so der damalige Direktor.
Zählt die einzigartige Geschichte des Menschen über die Jahrhunderte in den Cevennen nichts mehr? Wird dieses kulturell tief geprägte Gebiet von Grund auf verändert? Bei der Diskussion der «Charta» am 24.10.2010, veranstaltet vom Club Cévenol – die auch in der Nummer 2/2011 der Zeitschrift des Clubs genau wiedergegeben wurde –, haben zahlreiche Bewoher in den betroffenen Gebieten aufgeschreckt gefordert, dass die Geschichte dieses Gebietes mit dieser neuen Charta nicht ignoriert werden darf. Aktuelle Veröffentlichungen des Nationalparks hätten die geschichtliche Identität der Bewohner leider nur verkürzt und reduziert wiedergegeben oder weggelassen. Der Bürgermeister von Lasalle in den Süd-Cevennen fragte an diesem Anlass, ob er ein Schwimmbecken reparieren darf, das «künstlich» am Fluss eingerichtet wurde. Bedeutet das in Zukunft etwa eine unzulässige Einmischung in die «Natur»? Zahlreiche andere brennende Fragen nach der Zukunft der Landwirtschaft, der Jagd, der mittelständischen Industrie, der Wassernutzung auch in den Randzonen, den Grenzen der Autonomie der Gemeinden wurden gestellt. Sie wurden – wenn überhaupt – oft unklar und wenig verbindlich beantwortet.
Bis Ende 2012 soll die Charta fertig verfasst sein. Anfang 2013 werden die betroffenen Gemeindebehörden noch ein letztes Mal Gelegenheit erhalten, ihre Teilnahme am Park zu bestätigen oder zu widerrufen. Wenn sie zustimmen, sind sie für die nächsten 10 Jahre unkündbar an die Charta gebunden.
Es wäre sicher ein einzigartiger kultureller Bruch, der sogar über die Grenzen Frankreichs hinausweist, würde man die Menschen, die in diesem Naturpark ihre Heimat haben, einer neuen Gesetzgebung unterwerfen, die, für viele unbemerkt, ihre Gegend der einzigartigen, gewachsenen religiösen und kulturellen Identität und Geschichte berauben würde. Es würde den «Pakt der bürgerlichen Rechte» brechen, die dort lebenden Menschen der Rechte und des Schutzes durch den Nationalstaat berauben und einer anonymen Feudalherrschaft unterwerfen. •
• «Causses et Cévennes». Revue trimestrielle du Club Cévenol, 116e année, No 2-2011 «Parc national des Cévennes – La rédaction de la Charte, un enjeu majeur pour l’avenir des Cévennes.»
• «Causses et Cévennes». No 1-2011 «L'accueil des juifs en Cévennes, 1940–1944». Nouveaux documents.
• Actes du Colloque de Florac 1er, 2 et 3 mai 1997. «Quelle nouvelle politique pour les espaces protegés? – Evolution des regards, solidarités et cooperation sur nos territoires». Editeur: Parc national/Réserve de biosphère des Cévennes et Horizons Parcs nationaux. Florac/Frankreich 1998
• Patrick Cabanel. «Die Cévennen. Ein Garten Israels». Ed. La Colombe. Moers 2011
«Alles verfolgt zwei Absichten: Die erste ist der vorgeschobene Grund, der das Ganze für die Menschen akzeptabel macht, die zweite ist die wahre Absicht, nämlich die Errichtung des neuen Systems voranzutreiben und durchzusetzen.»
Quelle: Le nouvel Ordre des Barbares,
Document d’origine américaine sur le projet mondialiste, Sondernummer zu Nr. 217 der Zeitschrift «Action Familiale et Scolaire», Oktober 2011
«Tiefenökologie»
zf. Wer mit dem Begriff «Tiefenökologie» nichts oder nur wenig anfangen kann, dem sei das Buch von Jean-Christophe Rufin, «100 Stunden», und im besonderen das Nachwort dieses Romans empfohlen. Rufin ist Arzt und französischer Diplomat und weiss, wovon er spricht. Auch wenn er seinen Roman als «Fiktion» bezeichnet, räumt er im Nachwort zum erwähnten Buch ein: «Die Ereignisse in diesem Roman sind zwar nicht wahr, aber leider, befürchte ich, nicht unwahrscheinlich.» Unter diesem Aspekt kommt dem Roman und dem Nachwort entscheidende Bedeutung zu, und er trägt viel zur Aufklärung über die Gesinnung der Tiefenökologie bei.
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