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Animationsfilme sind Kinderfilme – das ist ein Klischee, das auch «Sausage Party» und «Waltz With Bashir» nicht aus den Köpfen des Publikums verdrängen können. Und so werden die Animationsfilme auch bei den Oscars entsprechend stiefmütterlich behandelt: Erst drei Trickfilme waren für den Oscar als «Bester Film» nominiert – und keiner davon war «Inside Out». Welche Filme sich dieses Jahr Hoffnungen auf den Oscar für den «Besten Animationsfilm» und den «Besten animierten Kurzfilm» machen können, erfahrt ihr in dieser Übersicht.
Die Ignoranz der Academy gegenüber dem Animationsschaffen hat Tradition: 1937 legte Walt Disney mit «Snow White and the Seven Dwarfs» den Grundstein für das erfolgreichste Zeichentrickstudio aller Zeiten. Und auch wenn der Filmemacher noch im selben Jahr von der Academy für seinen Film mit sieben kleinen Spezialoscars ausgezeichnet wurde, dauerte es fast 75 Jahre, bis der Animationsfilm endgültig bei den Oscars angekommen war. Erst 2002, nachdem mit DreamWorks ein weiterer Player auf den Trickfilmmarkt drängte, sah sich die Academy gezwungen, auch Animationsfilme in einer eigenen Kategorie anzuerkennen. Damit ist der Oscar für den besten Animationsfilm der jüngste Preis, den die Academy vergibt.
Wer nun aber denkt, dass die Oscars damit das vielseitige Filmschaffen der Animationsindustrie würdigen, irrt gewaltig. Von sechzehn bisher verliehenen Goldmännchen gingen bisher deren 11 in die Hände von Disney/Pixar. In den letzten zehn Jahren wurde der Animations-Oscar nur einmal nicht an den Mauskonzern verliehen (2011 als er an «Rango» ging). Das liegt weniger an der bestechenden Qualität der Filme (schliesslich wurden sowohl «Big Hero 6» als auch «Brave» ausgezeichnet), als an der generellen Ignoranz der Wählerschaft, die ausser der heimischen Fastfood-Kost von Disney, DreamWorks und Co. praktisch sämtliches Trickfilmschaffen verschmäht. Und gegen das seit Jahren serbelnde DreamWorks hat Disney natürlich leichtes Spiel. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders, wie diese Vorschau auf die beiden Animationsfilmkategorien zeigt:
«Bester Animationsfilm» – die Nominierten:
«The Boss Baby»
Kaum ein Film bekam dieses Jahr für seine Oscar-Nomination soviel Häme wie «The Boss Baby», der auf Rotten Tomatoes gerade einmal eine Wertung von 52% hat und damit komplett chancenlos ist. Sicher, es gibt weissgott verdientere Filme, die nicht nominiert wurden. Aber das wird es immer geben. Und gibt man «The Boss Baby» eine Chance, dann merkt man, dass alles nur halb so wild ist. Der Film scheitert zwar grandios an seiner unsinnigen Prämisse und dem durchschaubaren Plot – doch man muss Regisseur Tom McGrath für die Konsequenz, mit der er seine überdrehte und kunterbunte Geschichte erzählt, loben. «The Boss Baby» ist ein absurdes Spektakel, das mit seinem 60er-Charme so cartoony und selbstironisch ist, wie schon lange kein Trickfilm mehr – alleine für den Elvis-Gag lohnt sich der Film. Wenn doch nur die Story ansatzweise so gut wäre wie die Animation und die Gags.
«The Breadwinner»
Der dritte Film des irischen Studios Cartoon Saloon («The Secret of Kells», «Song of the Sea») ist auch der dritte Film des Studios, der für einen Oscar nominiert wird. Nach zwei irischen Fabeln erzählt der visuell beeindruckende «The Breadwinner» eine Geschichte über ein afghanisches Mädchen, das nach der Inhaftierung seines Vaters für das Überleben der Familie aufkommen muss. Als Frau ist ihr das im von den Taliban regierten Staat jedoch untersagt, weshalb sie sich als Junge ausgibt. «The Breadwinner» zeigt schonungslos die Ungerechtigkeit des afghanischen Patriarchats und kann getrost als feministisches Statement bezeichnet werden – spätestens nach seinem berührenden Schlussakt.
Gerade deshalb muss man sich fragen, warum die Produzenten (unter ihnen auch Angelina Jolie) ihren Film, der erst im September uraufgeführt wurde und eigentlich erst nächstes Jahr in die Kinos kommt, um jeden Preis auf die diesjährigen Oscars pushen wollten. Mit seiner überhasteten Kampagne und ohne den dringend nötigen Buzz dürfte es «The Breadwinner» eher schwerfallen, gegen den Überfavoriten «Coco» anzukommen. Das ist doppelt schade, denn mit seiner relevanten Geschichte über Unterdrückung und den Drang nach Selbstbestimmung hätte der Film in jedem anderen Jahr reelle Chancen auf einen Oscar.
«Coco»
Man möchte es Disney wirklich gönnen, endlich mal wieder ein Jahr ohne das Goldmännchen auszukommen. Die Voraussetzungen für einen mauslosen Jahrgang wären eigentlich gar nicht schlecht – schliesslich ist 2017 kein eigener Animationsfilm des Studios erschienen. Und auch «Cars 3» aus dem Hause Pixar war bereits von vornherein ohne jegliche Oscar-Chance. Doch dann kam «Coco» – ein Film, der zwar nicht perfekt ist, aber verdammt viel richtig macht. Das mexikanische Totenmusical ist ein mutiges Werk, das überrascht und zum Nachdenken anregt. Dieser Film hat den Oscar tatsächlich verdient und wird ihn wohl auch bekommen – was angesichts der starken Konkurrenz in diesem Jahr halt schon auch ein bisschen schade ist.
«Ferdinand»
Wenn ein Film wie «Ferdinand» es unter die angeblich besten fünf Animationsfilme schafft, sagt das eigentlich schon viel über den Jahrgang aus. Die Verfilmung des Kinderbuchklassikers ist nach «Ice Age» erst der zweite Langfilm von BlueSky der für einen Oscar nominiert wird. Das seit Jahren kriselnde Studio bräuchte dringend wieder einen grossen Erfolg, wenn es im immer härter umkämpften Trickfilmmarkt mithalten möchte. «Ferdinand» unterstreicht aber lediglich den Negativtrend von BlueSky, das nach der Disney-Übernahme von Fox wohl in absehbarer Zeit in eines der anderen Trickfilmstudios integriert werden dürfte. Und vielleicht ist das auch besser so. Nicht nur technisch bleibt der Film über einen blumenliebenden Stier vieles schuldig, auch die Story dieser überdrehten Buchverfilmung bleibt flach.
«Loving Vincent»
Als vor einigen Jahren Meldungen zu «Loving Vincent», der gemalten Biografie über Vincent van Gogh, die Runde machten, war klar, dass hier viel Oscar-Potential schlummerte. Der Film des polnisch-britischen Künstlerpaars Dorota Kobiela und Hugh Welchman punktet mit seiner aufwendigen Machart – über 70’000 Ölgemälde wurden für «Loving Vincent» angefertigt, um dem Werk des niederländischen Malers neues Leben einzuhauchen. Der Film wurde mit Preisen überhäuft und galt Mitte Jahr noch als sicherer Oscar-Kandidat, bevor ihm der überraschend überragende «Coco» die Favoritenrolle abnahm. Verdient hätte der erste komplett aus Ölgemälden bestehende Film den Oscar aber so sehr wie wohl kaum ein anderer Kandidat.
«Bester animierter Kurzfilm» – die Nominierten:
«Dear Basketball»
Glen Keane war fast 40 Jahre lang eine der wichtigsten Figuren bei Disney und hauchte als Character Designer und Animator Ariel, Tarzan oder dem Biest aus «Beauty and the Beast» Leben ein. Seit seinem Austritt 2013 wurde der Trickfilmer bereits für zwei Kurzfilmoscars nominiert. Eine späte Ehrung für die Animationslegende scheint also unausweichlich. Mit «Dear Basketball» stellt Keane denn auch sein ganzes Können unter Beweis und setzt ein Gedicht von Kobe Bryant auf zeichnerisch beeindruckende Weise um. Die Musik dazu stammt von keinem Geringeren als John Williams, womit der Film eigentlich der klare Favorit auf den Oscar wäre. «Eigentlich», denn Kobe Bryants Vergewaltigungsvorwürfe überschatten die Oscar-Kampagne des Films. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, dass die Academy-Mitglieder ausgerechnet im Jahr von #MeToo einen potentiellen Vergewaltiger auszuzeichnen.
«Garden Party»
Der gemächliche Abschlussfilm «Garden Party» aus Frankreich ist ein aussergewöhnlicher Beitrag, der seinen Platz in dieser Auswahl aber auf jeden Fall verdient hat. Die Geschichte über eine Schar Frösche und Kröten in einem Nobelanwesen besticht durch fotorealistische Bilder und einen herrlich makabren Unterton. Damit vermag er die Academy zwar wohl eher zu verstören als zu überzeugen – aber Dabeisein ist in dieser Kategorie ohnehin Alles. Erst recht, wenn man das schon mit einem Abschlussfilm kann.
«Lou»
Natürlich ist Pixar auch bei den Kurzfilmen am Start, wobei man sagen kann, dass «Lou» kein Film für die Ewigkeit ist. Der Kurzfilm, der vor «Cars 3» gezeigt wurde, erzählt von einem Bully, der von einer lebendigen Spielzeugkiste geläutert wird. Animationstechnisch ist das natürlich sehr eindrücklich, aber die Story bleibt leider sehr simpel. Es würde mich nicht wundern, wenn es für «Lou» dennoch für einen Oscar reicht – schliesslich ist die Academy in solchen Fragen sehr einfach gestrickt. Andererseits scheint man sich in Extremfällen auch gegen Disney zu wehren: Etwa beim vor «Coco» gezeigten «Frozen»-Kurzfilm, der weltweit von zahlreichen Kinos boykottiert wurde und es nicht einmal auf die Shortlist der Academy schaffte.
«Negative Space»
Der Festivalliebling gewann im vergangenen Jahr am Fantoche den Publikumspreis und gilt bei einigen Beobachtern als Favorit für den Oscar, da sich die Konkurrenz mit Sexskandalen («Dear Basketball»), langen Laufzeiten («Revolting Rhymes») oder Langeweile («Lou») selbst aus dem Rennen zu nehmen scheint. Der Stop-Motion-Kurzfilm des japanisch-kanadischen Regie-Duos Ru Kuwahata und Max Porter erzählt von einem Jungen, der beim Packen seiner Koffer an die sonderliche Beziehung zu seinem Vater erinnert wird. Mit seiner feinfühlig erzählten Vater-Sohn-Geschichte wäre der Film auch für die Pixar-Stammwählerschaft eine vertretbare Option. Und in der Kategorie der animierten Kurzfilme bewies die Academy bislang eine grössere Bereitschaft über den Tellerrand zu schauen, als noch im Langfilm-Pendant.
«Revolting Rhymes»
Die Frage, was denn als Film gilt, beschäftigte die Academy schon im vergangenen Jahr, als die fünfteilige Serie «O.J.: Made in America» als fast achtstündiger Film verpackt den Oscar für den Besten Dokumentarfilm gewann. Mit «Revolting Rhymes» gibt es dieses Jahr bei den animierten Kurzfilmen einen ähnlichen Fall – wenn auch deutlich weniger krass. Bei der BBC-Produktion handelt es sich im Grunde einfach um die erste Folge einer zweiteiligen Mini-Serie. Doch auch wenn diese mit einem Cliffhanger endet, kann man «Revolting Rhymes» getrost als eigenständige Produktion betrachten. Der fast halbstündige Animationsfilm basiert auf einem Kinderbuch von Roald Dahl, das einige grimm’sche Märchen neu erzählt und dabei mit dem ein oder anderen düsteren Twist aufwartet. Für diese leicht erzwungene Oscar-Nomination dürfte die Academy wohl kaum noch ein Goldmännchen lockermachen – aber das kleine britische Studio Magic Light Pictures hat sich seine dritte Oscar-Nomination auf jeden Fall verdient. Mit seinem haptischen Look und den einzigartigen Figuren ist der aberwitzige «Revolting Rhymes» ein kleines Juwel.