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Als das Licht in der Aula ausgeht, könnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Vorne an einem kleinen Pult steht Tswi Herschel, ein drahtiger 79-jähriger Mann. Ein paar Hundert Schüler:innen des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums in Berlin hängen gebannt an seinen Lippen.
Mit einer Power-Point-Präsentation berichtet Tswi Herschel, 1942 im niederländischen Zwolle geboren, wie seine Eltern mit ihm ins Ghetto von Amsterdam zogen und ihn, gerade vier Monate alt, Pflegeeltern übergaben, auf dass er die deutsche Besatzung überlebe. Sie selbst wurden im Sommer 1943 deportiert und im polnischen Sobibor ermordet, 24 und 27 Jahre alt.
Nach seinem Vortrag bleibt Herschel am Podium der Aula stehen, als nach einem respektvollen Zögern zahlreiche der Jugendlichen zu ihm kommen. In seiner schwarzen Lederjacke wirkt er jünger, die blauen Augen blicken aufmerksam und kämpferisch, als er sagt: «Ich bin ein Überlebender, kein Opfer. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt. Ich bin sehr froh, dass ein lebendiger Jude vor der deutschen Jugend den Mund aufmachen kann, damit sie im Hinblick auf Judenhass in eine andere Richtung geht. Es ist ihre Zukunft, aber ihre Zukunft ist auch meine Zukunft und die meiner Familie.»
Wie ein zerrupfter Baum
Ende August 2021 ist Herschel für Lesungen und Diskussionen nach Berlin gekommen. Er ist nicht allein unterwegs. Bei ihm ist, wie immer auf Reisen, seine Tochter Natali (54), und zum ersten Mal ist auch Enkelin Jessica (17) dabei. Natali ist nicht einfach nur die Begleiterin ihres Vaters, die seit mehr als zehn Jahren an seiner Seite ist, wenn er über den Holocaust berichtet. Die Präsentation hat sie, basierend auf seiner Lebensgeschichte, entwickelt. Er beschreibt ihre Rolle so: «Sie wurde zum Motor des Ganzen.»
Zwei Tage später steht Natali nach dem Vortrag ihres Vaters im Berliner Anne-Frank-Zentrum selbst vor den Besucher:innen. Unter dem Titel «Where is my family?» erzählt sie, wie es ist, in einer Familie aufzuwachsen, deren meiste Mitglieder ermordet wurden. Sie zeigt das Bild eines kargen, vollkommen zerrupften Baums – ein Symbol für ihren Stammbaum. «Wir sind die Kinder ohne Fotoalben und Familienporträts an der Wand», sagt sie. «Im Kindergarten sah ich, wie die anderen von ihren Grosseltern abgeholt, umarmt und geküsst wurden. Abends traf mich dann die Realität, dass in meinem Leben etwas Wesentliches fehlt.»
Unter den Zeitzeug:innen, die über die Shoah berichten, sind Natali und Tswi Herschel ein besonderes Duo. Das wird umso deutlicher, je weniger Überlebende es noch gibt, die Zeugnis ablegen und damit der Botschaft des «Nie wieder!» persönlich Ausdruck verleihen können. Gerade in Zeiten von rasant eskalierendem Antisemitismus und nationalistischen Tendenzen werden Erinnern und Gedenken zu einem politisch umstrittenen Terrain, auf dem identitäre Kräfte gerne ihre Propaganda verbreiten. Umso wichtiger ist es, dass jene, die den Überlebenden nahe waren und sind, das Wort ergreifen.
Ihr gemeinsames Engagement kommt daher, dass Natali just durch das frühe Gefühl, dass da etwas in ihrem Leben fehle, von klein auf an mit der Shoah beschäftigt ist. «Schon als Kind fragte ich mich, wie es möglich war, Millionen von Menschen nur wegen ihrer Religion zu ermorden», sagt sie zurückblickend. Familie Herschel wohnt zu jener Zeit vor den Toren Amsterdams. Tswis Frau Annette, 1946 geboren, ist Tochter einer Auschwitz-Überlebenden, ihr Vater überlebte im Versteck. Schon als kleines Mädchen hat Natali einen besonderen Draht zu ihrem Vater. Der Unternehmer nimmt sie zu Kundenterminen und Geschäftstreffen mit. Im Auto führen sie lange Gespräche.
In den achtziger Jahren siedeln Tswi und Annette Herschel nach Israel über – per Segelboot. Auch Natali zieht nach der Schule nach Israel. Als «Holocaust lecturer» spricht Tswi erstmals kurz nach dem Millennium in der Öffentlichkeit. Bei einer Konferenz ehemals untergetauchter Kinder trifft er auf eine Vertreterin des US-Holocaust-Museums in Washington. Er berichtet ihr von den Tagebüchern, die sein Vater Nico von 1932 bis 1942 führte, und vom Lebenskalender, in dem Nico zur Geburt seines Sohnes in optimistischen Bildern die Stationen des eigenen Lebenswegs zeichnete.
Auf diesem einzigartigen Dokument, das später ein Exponat des Museums wird, und seinem schrillen Kontrast zur Realität basiert heute Tswi Herschels Präsentation. In Washington trifft er zum zehnjährigen Museumsjubiläum Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der ihm einen Auftrag mitgibt: «Wir sind beide Überlebende, aber du ganz anders als ich. Du kannst junge Leute inspirieren, also geh, und erzähle deine Geschichte!» Die ersten Lesungen erfolgen an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Als er 2009 zum ersten Mal nach Deutschland eingeladen wird, ist Natali mit dabei.
Seit Jahren besuchen sie Universitäten, Schulen, Stadtverwaltungen und einmal auch eine Polizeiakademie. Was sie antreibt? Natali: «Dass die Shoah nicht vergessen wird. Und dann fühle ich als Tochter eines Überlebenden auch eine Art Berufung: Ich will, dass wir uns an die anderthalb Millionen Kinder erinnern. Für sie stehe ich eigentlich dort!» Ihr Vater will seinen Zuhörer:innen etwas zum Nachdenken mitgeben. «Nur meine Geschichte erzählen, damit sie sagen: ‹Oh, wie schrecklich!›, so was mache ich nicht!»
Versöhnen, Brücken bauen in eine bessere Zukunft, Warnen vor jeder Art der Diskriminierung: Diese Motive sind in den Vorträgen Tswi Herschels immer wieder präsent. Ab und an begibt er sich dabei auf neues Terrain. Wie an einem kühlen Sommernachmittag am Berliner Wannsee. Im Garten der Villa, in der im Januar 1942 die «Endlösung», also die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas, beschlossen wurde, findet eine Diskussion mit Johannes Spohr statt. Der Historiker ist der Enkel eines hochrangigen Wehrmachtsoffiziers. Die Nachforschungen darüber haben ihn und seine Mutter, ebenfalls anwesend, in der eigenen Familie isoliert. Auch die geladenen Gäste stammen aus Täterfamilien der Nazizeit.
«Natürlich hasste ich die Deutschen. Ich kaufte keine deutschen Produkte. Aber langsam wuchs die Idee, dass ich auf Hass nicht mein Leben aufbauen kann», beginnt Tswi Herschel. Johannes Spohr spricht über seine Kindheit, die Distanzierung von den Grosseltern, die Erkenntnis, «dass das Nazis waren». Natali greift zum Mikrofon und wendet sich an den Historiker und seine Mutter: «Sie sind nicht schuldig, Sie sind keine Verbrecher. Aber fühlen Sie trotzdem Schuld, weil Ihr Vater oder Ihr Grossvater ein Naziverbrecher war?»
Als die anderen Geladenen schon weg sind, steht Tswi Herschel alleine im Ausstellungsraum der Gedenkstätte. Er blickt auf die Porträts der Nazifunktionäre, die an der Wannseekonferenz teilnahmen. «Sie organisierten den Mord an elf Millionen Jüd:innen.» Er macht eine Pause, sammelt sich. «Hier wurde also das Todesurteil meiner Eltern unterzeichnet. Ich bin hier zum ersten Mal. Wenn man das Protokoll liest – das nimmt mir die Luft. Eigentlich bin ich furchtbar wütend.» Später sagt er: «Das Unbegreifliche ist noch unbegreiflicher geworden.»
Deutliche und scharfe Worte
Knapp zwei Monate nach dem Besuch in Berlin sind Natali und Tswi wieder nach Europa gekommen. Vom ostfriesischen Emden aus, woher Tswis Grossmutter stammte, reisen sie mit einer Gruppe Schüler:innen und ihrem Lehrer Kai Gembler per Bus nach Diepenheim. Im kleinen Dorf im Osten der Niederlande werden an diesem Tag elf «Stolpersteine» verlegt – unter anderem für Abraham Herschel, einen Bruder von Tswis Grossvater. Mirla, die ältere Schwester Natalis, ist extra in aller Frühe aus Amsterdam gekommen. Vor dem ehemaligen Haus seiner Verwandten spricht ihr Vater das Kaddisch, ein Gebet für die Verstorbenen.
Bei der Gedenkfeier in der voll besetzten Dorfkirche soll auch er eine Ansprache halten. Es ist eine berührende Zeremonie, von einer lokalen Initiative organisiert. Die Stimmung ist andächtig, doch Tswi Herschel, der Versöhner und Brückenbauer, äussert an diesem Morgen deutliche und scharfe Worte. Er verweist darauf, dass in den Niederlanden 75 Prozent der jüdischen Einwohner:innen ermordet wurden – mehr als in jedem anderen Land Westeuropas. Der Antisemitismus, der heute auf der Rechten wie der Linken zunehme, erinnere ihn an die 1930er Jahre, sagt er. «Wer hätte vermuten können, dass es 76 Jahre nach der Vernichtung des jüdischen Volks in Europa nötig ist, über Antisemitismus zu sprechen?»
Das Leben feiern
Am nächsten Tag reist die Gruppe weiter nach Westerbork, dem Durchgangslager im Norden der Niederlande. Von hier aus wurden die über 100 000 Menschen mit 93 Zügen in die Todeslager deportiert. Für die deutsch-israelische Reisegruppe, die zwischenzeitlich noch in Tswi Herschels Geburtsstadt Zwolle die Synagoge besuchte, ist es die letzte Station ihrer Reise. Gemeinsam gehen sie zum Monument mit den nach oben gebogenen Zuggleisen.
Natali hat aus Israel kleine Steine mitgebracht, die nun alle nach jüdischem Brauch im Gedenken an die Toten auf den Boden legen. Danach umarmen Natali und Tswi den Lehrer. Natali löst die Anspannung auf ihre Art: «Kommt, lasst uns das Leben feiern gehen, mit Kaffee», ruft sie den anderen zu.
Die Jugendlichen aus Emden sind sichtbar berührt von dem, was sie erlebt haben. «Wir können noch so viele Bücher lesen, aber ohne solche Begegnungen würde es nicht funktionieren», sagt die sechzehn Jahre alte Laura. «Genau darum ist es so wichtig, dass wir die Zeugen haben», meint ihre Kollegin Lea. Sie selbst sind durch die letzten Tage auch zu solchen geworden. Zu Hause wollen sie das, was sie erlebt haben, in Freundeskreise und Familien tragen – ganz wie der Name ihrer Projektgruppe es sagt: Keep the memory alive.