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Seit der Jahrtausendwende stiegen die Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten in ihre Heimatländer von 126 auf 575 Milliarden US-Dollar jährlich. Davon flossen 2016 über 450 Milliarden in Entwicklungsländer. Doch nur ein kleiner Teil fliesst in die ärmsten und die am wenigsten entwickelten Länder (13.9 resp. 38.2 Milliarden). Eher überraschend stammt jeweils nur rund die Hälfte der Überweisungen aus Industrieländern, 34% sind Überweisungen zwischen Ländern des globalen Südens (s. Diagramme). Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) konzentriert sich in seinem Bericht «Sending Money Home» auf die Überweisungen von Industrieländern in Entwicklungsländer. Die weiteren Zahlen in diesem Artikel basieren weitestgehend auf diesem Bericht.
Es überrascht nicht, dass die bevölkerungsreichsten Länder auch zu den grössten Empfängerländern von Rücküberweisungen gehören. Kleinere Länder erhalten zwar kleinere Summen, anteilmässig tragen diese Transfers zum Teil bis ein Drittel ans Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. In besonders hohen Masse abhängig sind Nepal, Liberia und Tadschikistan. Die enorme Wichtigkeit der Überweisungen lässt sich auch am Beispiel Ägyptens ablesen. Diese übertreffen die staatlichen Einnahmen durch den Suezkanal um das Vierfache.
In der Diskussion um Entwicklungsfinanzierung wird den Rücküberweisungen entsprechend immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Die UNO geht davon aus, dass für die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung 5‘000-7‘000 Milliarden US-Dollar jährlich notwendig sind. 450 Milliarden in Form von Überweisungen können hier einen willkommenen Beitrag leisten. Allerdings gilt es diesen Zuflüsse auch die Abflüsse gegenüberzustellen. So schätzte Global Financial Integrity die unlauteren Finanzflüssen aus Entwicklungsländern im Jahr 2013 auf 1‘100 Milliarden. Diese Abflüsse übertreffen also die Zuflüsse durch Rücküberweisungen um weit mehr als das Doppelte.
Wie wird das Geld verwendet?
Studien zur Verwendung von Überweisungen ausgewanderter Familienangehörigen zeigen auf, dass der Umfang solcher Rücküberweisungen relativ stabil ist und weniger stark auf Finanzkrisen oder sinkende Konjunktur reagiert als andere Finanzflüsse. Offenbar sparen Migrantinnen und Migranten zuerst bei ihren eigenen Ausgaben, bevor sie die Summe ihrer Überweisungen an Familienangehörige senken. Damit helfen sie insbesondere in Krisenzeiten, Konjunkturschwankungen aufzufangen. Nebst allgemeinen Haushaltsausgaben kommt dieses Geld oft der Ausbildung der Kinder zu gute oder wird in ein eigenes Geschäft investiert. Für den Entwicklungsnutzen ist hier relevant, ob Investitionen und Konsum eher in importierte Güter fliessen oder die lokale Wirtschaft fördern. Die Überweisungen können sich entsprechend kontextabhängig positiv oder negativ auf die Entwicklung der lokalen Wirtschaft auswirken. Wenn mit regelmässigen und stetigen Überweisungen gerechnet werden kann, kann es auch zu einem Rückzug aus dem Arbeitsmarkt kommen, da kein zusätzliches Einkommen notwendig ist, um einen gewissen Lebensstandard zu halten. Im positiven Fall wird dadurch Kinderarbeit gesenkt.
Je nach Kontext decken Überweisungen aus dem Ausland jedoch ganz einfach den nötigsten täglichen Bedarf und müssten statt zur Entwicklungsfinanzierung eher der Nothilfe bzw. dem Wiederaufbau zugerechnet werden. So profitierte zum Beispiel die philippinische Bevölkerung nach dem Taifun Hainan enorm von der Solidarität der Diaspora.
Des Einen Not ist des anderen Geschäft
Am Geschäft mit Rücküberweisungen wird enorm viel Geld verdient. Im Schnitt sind die Kosten zur Überweisung von 200 US-Dollar in den letzten zwanzig Jahren zwar von über 15% auf 7.5% gesunken, haben zuletzt jedoch auf diesem Niveau stagniert. Dabei hat sich die Weltgemeinschaft 2015 im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung das Ziel gesetzt, die Transaktionskosten auf unter 3% zu senken. Geldtransferbüros wie Western Union oder Money Gram ermöglichen jährlich über 2 Milliarden Überweisungen wofür sie rund 30 Milliarden US-Dollar verrechnen. Insbesondere Überweisungen in Länder mit schlechter Finanzinfrastruktur, die ungenügend an die internationalen Bankennetze angeschlossen sind, sind immer noch an Transaktionskosten von über 20% geknüpft. Die Schweiz gehört für Überweisungen nach Serbien und Sri Lanka – also just jene Länder mit grossen Diasporagruppen hierzulande – zu den teuersten weltweit. Um 200 Franken zu überweisen fallen hier Gebühren von rund 30 CHF oder 15% an. Generell von hohen Kosten betroffen sind Überweisungen in muslimische Länder. Hier schliessen Banken teilweise Überweisungen aus, da sie den Aufwand zur Einhaltung von Gesetzen bezüglich Terrorismusfinanzierung scheuen. Migrantinnen und Migranten müssen entsprechend auf verfügbare formelle, dafür teurere Kanäle oder informelle Kanäle ausweichen.
In die Debatte um den Entwicklungsnutzen von Rücküberweisungen gilt es auch die Verdienstmöglichkeiten im Zielland und damit den Zugang zum Arbeitsmarkt einzubeziehen. Zumindest teilweise bekannt sind die haarsträubenden Bedingungen unter denen Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Asien in den Golf-Emiraten arbeiten. Doch auch in der Schweiz sind die Bedingungen nicht immer rosig. Ob Sexarbeiterin oder schwarz arbeitende Haushaltshilfen: viele von ihnen schicken regelmässig Geld nach Hause.
Um Rücküberweisungen in die Heimatländer der Migrantinnen und Migranten noch wertvoller für eine nachhaltige Entwicklung zu machen, braucht es Bewegung in drei Bereichen: die Gebühren müssen unter die vereinbarten 3% sinken; Arbeitsmigrantinnen und -migranten müssen einen existenzsichernden Lohn erhalten; und Migrantinnen und Migranten müssen Zugang zum regulären Arbeitsmarkt erhalten.
Private Entwicklungshilfe
es. Rücküberweisungen – auch Rimessen genannt – werden gemeinhin zur privaten Entwicklungszusammenarbeit gezählt. Doch die Datenlage ist unübersichtlich und basiert vielfach auf Schätzungen. Auch ist der Entwicklungsnutzen dieser Überweisungen stark kontextabhängig. Hauptquelle von Daten ist die Weltbank. Diese basiert ihre Berechnungen auf Angaben von Zentralbanken sowie nationalen Statistikbehörden und beinhalten insbesondere auch Zahlungen an ausländisches Personal (beispielsweise Botschaften, UNO-Organisationen, ausländische Firmen). Diese Definition entspricht nicht dem landläufigen Verständnis von Rücküberweisungen als Überweisungen von Migrantinnen und Migranten an Familienangehörige im Heimatland. Ausserdem werden Zahlungen über informelle Kanäle nicht in die Schätzungen einbezogen. Die Zahlen geben entsprechend ein verzerrtes Bild, das die Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten im engeren Sinn sowohl überschätzt (bei Ländern mit starker UNO-Präsenz oder vielen ausländischen Firmen) wie auch massiv unterschätzt.
Bei diesen Ländern war 2015 der Anteil der Rücküberweisungen am BIP am höchsten:
Nepal 32%
Liberia 31%
Tadschikistan 29%
Kirgisien 26%
Haiti 25%
Moldavien 24%
Aus diesen 10 Ländern stammt knapp die Hälfte aller Rücküberweisungen in Entwicklungsländer:
USA, Saudi Arabien, Russland, Vereinigte Arabische Emirate, Deutschland, Kuwait, Frankreich, Katar, Grossbritannien und Italien.