Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/2731

«Stell dir vor, hier stand früher eine ganz hohe Mauer, die Berlin in zwei Teile geteilt hat. Es gab zwei ‹Berlins› und man konnte nicht einfach von einer Seite zur anderen gelangen.»
Ich sitze in der Berliner S-Bahn, im gleichen Abteil mit einer Mutter und ihrem 6-jährigen Kind. Die Mutter versucht, dem Kind etwas zu erklären, das schwer verständlich ist. Berlin (West) war komplett von einer Mauer umschlossen und lag wie eine Insel inmitten der DDR. Unsere teilweise erwachsenen Kinder kennen auch die historischen Hintergründe, wirklich verstehen kann dies jedoch nur, wer es selbst erlebt hat ...
Fremder Geruch
Geboren wurde ich in den 60er-Jahren in der DDR, im sozialistischen Teil Deutschlands. Von klein auf lernte ich die Tatsache kennen, dass es zwei Teile Deutschlands gab, den «Westen» und den «Osten». Wir lebten im Osten, in dem Teil, der von den Russen besetzt war. Das politische System der DDR war eine Diktatur. Man war unfrei, durfte nicht sagen, was man dachte, und nicht reisen, wohin man wollte. Wenn Menschen versuchten, in den anderen Teil Deutschlands zu gelangen, wurden sie an der Grenze erschossen. Zudem gab es in den Geschäften viele Waren nicht, die im Westen erhältlich waren und die wir auf heimlich ins Land geschmuggelten Hochglanzprospekten sehnsüchtig bewunderten. Oder wir durften diese begehrten Dinge auch in «Intershops» betrachten, in welchen Waren aus Westdeutschland mit D-Mark gekauft werden konnten. Ab und zu bekamen wir einige Münzen von Besuchern aus dem Westen. Ich kann mich noch gut an den Geruch in diesen Intershops erinnern – ein Gemisch von Waschpulver, Kaffee und allem, was gut roch, im Gegensatz zu dem allgegenwärtigen Desinfektionsgeruch im Osten. Wir bewunderten die Schätze in den Auslagen und verliessen den Laden meist mit einer Stange Kugelkaugummi – das höchste und erschwinglichste Gut für uns Kinder.
Meine Schulzeit in den 70er-Jahren verlief einigermassen reibungslos, da ich sehr gute Noten erzielte und von Anfang an gelernt hatte, was ich sagen durfte und was nicht. Äusserlich gesehen war ich trotzdem ein Aussenseiter. Als überzeugte Christen wollten meine Eltern nicht, dass ich der kommunistischen Kinder- und Jugendorganisation beitrat. So trug ich auch keine Uniform und war sofort als nicht zugehörig erkennbar.
Ich bin sehr dankbar, dass ich keine schlimmen Repressalien erleben musste. Die einzige Folge für mich: Ich durfte kein Abitur machen und auch nicht studieren. Später holte ich das nach, indem ich ein Fernstudium absolvierte. Im Vergleich zu Verfolgungssituationen in anderen Ländern war das jedoch ein kleines Übel.
Klar erkennbare Grenzen
Im Alltag arrangierten wir uns mit den Gegebenheiten und ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit verlebte. Obwohl wir nicht viel besassen, hatten wir keinen Mangel, es ging uns gut. Meine Eltern gehörten zu einer Brüdergemeinde. Von klein auf besuchten mein vier Jahre jüngerer Bruder und ich die Sonntagsschule. Wir lernten, Gott und sein Wort zu lieben, und die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. So hegte ich auch in jungen Jahren kaum Zweifel an der Wahrheit von Gottes Wort. Zu offensichtlich zeigten sich das Versagen und die Heuchelei der atheistischen, «sozialistischen» Weltanschauung. Die Grenzen waren klar erkennbar, nicht nur äusserlich ...
Wenn ein Mensch in einer Höhle geboren wird und nichts anderes kennt, arrangiert er sich damit und entwickelt vielleicht sogar eine gewisse Form der Zufriedenheit. Kommt jedoch jemand von ausserhalb in die Höhle und berichtet von der schönen, bunten Welt da draussen, könnte im Höhlenbewohner ein Freiheitsdrang entstehen, die unbekannte, aber verlockende Welt auch einmal kennenzulernen. So erging es mir, als ich ins Jugendalter kam. Jeden Sommer besuchten meine Verwandten aus dem Westen meine Grosseltern und wir verbrachten einige gemeinsame Tage. Ich hörte von der anderen Welt, sah die Fotos von Orten, an die ich niemals kommen konnte, und spürte massiv das Gefühl des Eingesperrtseins, wenn sie wieder losfuhren. Was würde passieren, wenn ich im Auto mitfahren würde? Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Aber es gab keine reale Chance, über die Grenze zu gelangen.
Bis heute ein Rätsel
Im Sommer 1989 heiratete ich und zog in die Wohnung meines Mannes nach Stolpe-Süd, nahe Hennigsdorf bei Berlin. Nun erlebte ich die Mauer noch viel intensiver, denn vom Wohnzimmerfenster aus konnte ich sie sehen. Wenn wir im Wald spazieren gingen, wurden unsere Personalien regelmässig von den dort patrouillierenden Grenzsoldaten kontrolliert. Diese Nähe zur Mauer und damit zur Grenze verstärkte in mir noch intensiver das Gefühl von Unfreiheit.
Keiner von uns hätte geahnt, dass nur wenige Monate später die Mauer fallen und Deutschland wieder eins werden würde. Natürlich hatten wir uns das gewünscht, aber die Chancen dafür standen gleich null.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 11/2019.