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Edle Einfalt und stille Größe – dieser Ausdruck, mit dem er berühmt geworden ist, fällt zwar in einem früheren Werk Winckelmanns (Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst), zieht sich aber als eine Art Leitmotiv auch durch dieses sein Hauptwerk.
Es geht Winckelmann in seiner Geschichte um die Entwicklung der antiken Kunst. Er hat, so viel ich weiss als erster oder einer der ersten, diesen Gedanken einer Entwicklung der Kunst ins Zentrum seiner Anschauung gesetzt. Und ja: Auch das Wort ‘Anschauung’ ist wichtig bei Winckelmann. Immer und immer wieder betont er, dieses oder jenes Werk selber in Händen gehabt zu haben, es selber untersucht zu haben. Damit will er sich abheben von jenen, die ihr Wissen nur aus zweiter oder dritter Hand bezogen haben und sich dennoch erfrechen, über die antike Kunst zu schreiben. (Nicht, dass Winckelmann selber nicht auch von Vorgängern profitieren würde. Bei ihm sind es aber vor allem antike Autoren, auf die er sich beruft – v.a. Plinius und Pausanias, die noch Statuen gesehen haben, die seither vom Erdboden verschwunden sind.)
Entwicklung der Kunst bedeutet, dass Winckelmann das Altertum mit dem alten Ägypten beginnen lässt, mit einer Untersuchung der Frage, wie weit Ägypten und Griechenland einander beeinflusst haben. Während er im ersten Teil der Geschichte der Kunst des Altertums einzelne Kunstwerke skizziert, schildert er im zweiten Teil die Entwicklung zuerst der griechischen, dann der römischen Kunst. Dabei ist die römische für ihn ganz klar von der griechischen abhängig – ja, meist von griechischen Künstlern ausgeführt. Die Abfolge von Frühzeit, Blüte und Dekadenz ist für Winckelmann wegleitend. Die Blüte findet er im Athen des Perikles gegeben.
Winckelmann findet die Ergänzungen antiker Fragmente, die vor allem die Renaissance den alten Statuen so häufig zukommen liess, meist falsch und unnötig. (Bei den Namen der so tätigen Renaissance-Künstler fällt auch der Benvenuto Cellinis; vielleicht war das mit ein Grund, warum sich Goethe, als er sich auf eine weitere Italien-Reise vorbereitete – die er nie gemacht hat – auf Cellinis Autobiografie fiel.)
Ob Winckelmann heute als Kunsthistoriker noch Bestand hat, weiss ich nicht. Als Autor ist er sicher immer noch lesenswert. Dass er Kunst als sinnliches Erleben des Kunstwerks auffasst, lässt ihn zeitlos erscheinen, und sein Stil ist frisch und modern – einzig sein häufiger Gebrauch des Wortes ‘Skribent’ für ‘Autor’ verrät die mehr als 250 Jahre, die der Text unterdessen auf dem Buckel hat.
Gelesen in einer Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, 1993 erschienen als Reprint einer Ausgabe von 1934, in der Reihe Bibliothek klassischer Texte.