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Wissenschaftliche Probleme und Methoden sind nur bedingt sprachlich vermittelbar. Die Rede von der 'Einheit von Lehre und Forschung' bringt das Kommunikationsdilemma auf den Punkt. Der Professor personifiziert die Überwindung des Problems und der Hörsaal ist die geeignete Kulisse für diese Aufgabe.
Hörsäle befinden sich in Kollegien- und Hauptgebäuden von Universitäten, in Instituten und in Kliniken. Ihre Gestaltung, der Ausbau und die Einrichtung, sollen "zunächst einmal den erfolgreichen Ablauf des Unterrichts dadurch verbürgen, dass der Vortragsgegenstand einer bestimmten Hörerzahl in der wirksamsten, die Arbeit des Vortragenden fördernden und die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer erhöhenden Weise mitgeteilt werden kann". So leitete der Berliner Architekt Gellinek den Abschnitt "Die Sehgüte" seiner an der Technischen Hochschule Berlin 1933 eingereichten Dissertation "Der Hörsaal im Hochschulbau" ein. Auch die in den hinteren Reihen Sitzenden sollen sehen, was der Professor vorn an die Tafel schreibt. Das einfachste Mittel, dies zu erreichen, ist ein Vortragspodium.
"Bei zunehmender Grösse des Saals und bei mehr als zehn Sitzreihen ist das andere Mittel, um eine gute Sicht herzustellen, das Ansteigen der Sitzreihen nach hinten. Bei grossen Hörsälen ist der Höhenunterschied zwischen der ersten und letzten Sitzreihe häufig eine Geschosshöhe des anschliessenden Gebäudes."
Die Besonderheiten der einzelnen Fachgebiete stellen je eigene Anforderungen an die räumliche Einbettung und Ausgestaltung des Auditoriums. Die Physik- und Chemiehörsäle - kleine für die Theorie und grosse für die Experimentalvorlesungen - sind in eigenen Institutsgebäuden untergebracht. Sie benötigen eine Versorgungsinfrastruktur, "weitverzweigte Leitungssysteme zu den energielieferenden Maschinenräumen" sowie Belüftungsanlagen. Der Anstieg der Sitzreihen in den grossen naturwissenschaftlichen Experimentalvorlesungsräumen ist darauf angelegt, dass die Versuchsanordnungen möglichst gut einsehbar sind. Die Reihen sind daher etwas steiler als in Hörsälen mit vorwiegend "rednerischem, von Tafelschrift und Lichtbild begleitetem Vortrag".

Wenn vom Podium als "Vortragsbühne" die Rede war, durfte das inszenatorische Hilfsmittel Licht nicht fehlen. Podiumbandleuchten, Tafelscheinwerfer und Saalleuchten optimierten den Auftritt des Professors. Er betrat den Hörsaal von der Seite her, wo die die Vorbereitungs- und Sammlungsräume lagen. Sie waren die faktischen und symbolischen Schleusen zwischen Forschung und Lehre, ein vom Hörsaal aus nicht einsehbarer Ort kanonischer Versuche und didaktischer Medien. Zutritt hatten nur die unmittelbar zum Institut gehörenden Professoren, Assistenten und Laboranten.
Auf der Fotografie aus den späten 1910er-Jahren ist der Professor für technische Chemie Hans Eduard Fierz mit einem Laborgehilfen im Hörsaal für organische und anorganische Chemie zu sehen. An der Decke sind die Scheinwerfer angebracht. Das Bild zeigt die Chemie als komplexe Anordnung von Wissen, Stoffen und Apparaten; die Handgriffe müssen sitzen. Der Chemieassistent Dr. Brenner, der die Aufnahme für sein privates Album machte, vermisste die studentische Zuhörerschaft offenbar nicht, um den Zweck des Hörsaals in Aktion festzuhalten. Brenners Kamera verlieh der Demonstration bereits insofern Sinn, als das Fach imposant repräsentiert wurde. Um die akademische Selbstbeschreibung 'Einheit von Lehre und Forschung' zu verstehen, reicht diese Momentaufnahme jedoch nicht. Die Einbeziehung eines über längere Zeit aufmerksamen Publikums ist dafür unerlässlich.
Im Hörsaal erleichterten Vorführtechniken die Kommunikation mit dem studentischen Publikum. "Der naturwissenschaftliche Vortrag lässt seine beweglich aufgebauten Versuchsanordnungen im grossen Hörsaal durch dahintergestellte Lichtwerfer als Schattenriss auf der ganzen Tafelwand erscheinen", beschrieb Gellinek den state of the art der Experimentalvorführung in den 1930er-Jahren. Auch der eben erfundene Hellraumprojektor kam zum Einsatz. Der von Zeiss-Jena konstruierte "Schreib-Projektionsapparat Belsazar", nach dem babylonischen König benannt, der Gott lästerte und dem daraufhin eine unheilkündende Flammenschrift an der Wand erschien, machte "den unbequemen Gebrauch von Kreide und Schwamm" überflüssig und schonte den eleganten Anzug des auf dem Podium agierenden Professors.
Ihm kam es zu, den Studenten die Komplexität der wissenschaftlichen Forschung und ihrer Methoden aufzuschlüsseln, durch Mitteilung, vor allem aber durch Anregung zum selbsttätigen Denken. In der Logik der Einheit von Lehre und Forschung war der öffentliche Denkakt ein genuiner Forschungsakt. Der freie Vortrag rege den Forscher ebenso an wie die einsame Musse des Schriftstellerlebens oder die lose Verbindung einer akademischen Genossenschaft, urteilte Wilhelm von Humboldt 1810 in dem Fragment "Die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin". Er untermauerte damit den Topos, Reproduktion von Wissenschaft sei Produktion von Wissenschaft.
Die Person des Professors profitierte ausserordentlich von den theatralischen Umständen und den Inhalten gelungener Vorlesungen. Zugleich garantierten seine mitreissenden Auftritte gelungene Lehre: Sie bescherten den Studenten Selbstbestätigung und Erfolgserlebnisse. Für die Dauer der Vorlesung partizipierten sie an der Wissenschaft.
Andrea Westermann
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2005
ETHistory 1855-2005
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15.6.2005 |
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