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«Der RUZ-Unternehmensphilosoph»: Lohngerechtigkeit – mal anders
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Bei mir jedenfalls kommt ein leichtes Gefühl der Übelkeit auf, wenn ich den Begriff «Lohngerechtigkeit» irgendwo wieder lese. Wahrscheinlich kommt es von einem gewissen Verdruss. Immer wieder die gleiche Debatte, immer wieder die gleichen Argumente: Gewerkschaften gegen Management, linke gegen rechte Politiker, Profiteure, Armut usw. Dieses einfache Ringen um Interessen ist verständlich und menschlich. Aber so kommen wir nicht weiter.
Ich habe mir überlegt, wie mir die Philosophie helfen könnte, diese Dialektik der gegenseitigen Interessen zu überwinden. Im «Schleier des Nichtwissens» vom US-amerikanischen Philosoph John Rawls habe ich eine interessante Denkfigur gefunden. An alle Unternehmer, die für ein Gedankenexperiment über ihre betriebsinterne Lohnskala bereit sind: Lesen Sie weiter.
Der Schleier des Nichtwissens
Rawls beschäftigte sich mit Gerechtigkeit. Mit dem Schleier des Nichtwissens meint er Folgendes: wenn wir bei der Entscheidung nicht wissen, welche Rolle wir anschliessend bei der Umsetzung einnehmen werden, fällen wir gerechte Entscheide. Wir wollen nämlich nicht das Risiko eingehen, eine inakzeptable Rolle zu übernehmen; also treffen wir Entscheide, welche diese inakzeptable Rolle gar nicht erst entstehen lassen.
Dieser Leitsatz lässt sich am extremen Beispiel der Kohlenindustrie im England des 19. Jahrhunderts erläutern. Wenn man bei der Organisation dieser Kohlenindustrie nicht weiss, ob man die Rolle als Inhaber, Minenaufseher, Arbeiter oder Arbeiterkind erhält, erschafft man schon gar nicht die unmenschlichen Bedingungen, die damals geherrscht haben (und vom Geistesvater des Kommunismus Karl Marx angeprangert wurden). Das Risiko nämlich, die Rolle des Arbeiterkindes mit der hohen Sterblichkeit, harter körperlicher Arbeit, Unterernährung usw. übernehmen zu müssen, würde niemand eingehen. Da man in diesem Experiment nicht weiss, welche Rolle man einnimmt und auch nicht weiss, ob man die Fähigkeiten besitzt, aus dieser Rolle zu entkommen, erschafft man andere Lebensbedingungen für Arbeiterkinder. Quod erat demonstrandum: die Organisation der Kohlenindustrie war ungerecht.
Lohnskala im modernen Unternehmen: das Experiment...
In den modernen Gesellschaften der westlichen Welt sind diese extremen Beispiele zum Glück verschwunden. Die Frage der Gerechtigkeit im Allgemeinen und der Lohngerechtigkeit im Besonderen bleibt allerdings ein Dauerthema. Darauf lässt sich der «Schleier des Nichtwissens» anwenden.
Man stelle sich folgende Akteure eines modernen Schweizer KMU vor: ein Aktionär, der Geschäftsführer, ein Kadermitglied und ein Mitarbeiter. Man stelle sich weiter vor, dass diese Akteure gemeinsam bestimmen, wie die Lohnskala aussehen würde. Dabei wissen sie nicht, welche der vier Rollen sie anschliessend übernehmen. Ebensowenig ist ihnen bekannt, welche Fähigkeiten sie dabei haben und ob sie damit von der zugewiesenen Rolle entkommen könnten.
... und das Ergebnis
Das Ergebnis lässt sich einigermassen wie folgt voraussagen:
- Die Lohnskala enthält keinen Lohn, der zu einer Situation als «working poor» führt: jeder Lohn ermöglicht ein anständiges Leben.
- Die Lohnskala enthält Ungleichheiten, die immer sachlich gerechtfertigt sind: z. B. erhält der Geschäftsführer möglicherweise einen höheren Lohn, weil er mehr arbeiten muss und somit auf Freizeit, Familienzeit usw. in grösserem Masse als das Kadermitglied oder der Mitarbeiter verzichten muss.
- Die Lohnskala enthält eine Risikoprämie: Wer das Unternehmerrisiko trägt, wird dafür entschädigt. Der Inhaber (und vielleicht der Geschäftsführer) erhält eine solche Prämie in Form von Dividende oder variabler Lohnkomponente.
- Verfügt das Kadermitglied oder der Mitarbeiter über Spezialwissen, das er z. B. in einer langen Aus- oder Weiterbildung unter Verzicht auf Entlöhnung erwerben musste, wird dieser Umstand entschädigt.
Am Schluss wird jedem Akteur die Frage gestellt, ob er mit allen möglichen Rollen bzw. dem damit verbundenen Lohn «leben könnte». Lauten alle Antworten «ja», ist die Lohnskala gerecht.
Dies ist mit Sicherheit kein Wunderrezept für ein Ende der eingangs erwähnten Debatte. Aber als Test für die Gerechtigkeit der Lohnskala im eigenen Betrieb finde ich den Schleier des Nichtwissens von John Rawls durchaus tauglich.
Die RUZ-Reihe «Der Unternehmensphilosoph» greift ausgewählte unternehmerische Themen auf, um sie aus philosophischer oder manchmal historischer Sicht zu beleuchten. Die Serie zielt darauf ab, dem Unternehmer-Leser einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und Perspektiven zu eröffnen. Die Meinungen des Autors in dieser Serie spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des RUZ oder der Raiffeisen-Gruppe wider.
Über den Autor: Louis Grosjean, lic.iur., Inhaber eines Anwaltspatents, ist seit mehr als 10 Jahren in der Raiffeisen-Gruppe tätig, unter anderem für das RUZ. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat er sich in den Bereichen Wirtschaft und Philosophie weitergebildet und seine eigene Firma gegründet. Mit dem RUZ setzt er sich für das Unternehmertum in der Schweiz ein.