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Erdöl hat der Menschheit eine in der bisherigen Geschichte nie dagewesene Mobilität ermöglicht; zugleich ist es aber auch eine der Haupttriebkräfte für die Klimaerwärmung und die mit ihr verbundene Gefahr der Zerstörung dieses Planeten. Im Krieg ist Erdöl wichtig als Transportmittel der immer schwerer gewordenen Kriegsmaschinerie. Auch aus diesem Grund ist es eine gesuchte Beute der Militärstrategen; das gilt nicht nur für die Ölquellen selbst, sondern auch für die Pipelines. Fortsetzung der Serie über Energieträger.
Von Ueli Schlegel
Unsere Abhängigkeit vom Öl
Seit 164 Jahren1 haben sich die Länder unseres Planeten in eine immer stärkere Abhängigkeit vom Erdöl manövriert. Wir benötigen Öl für den Verkehr und die Heizung, für die chemische Industrie, für Gebrauchsgüter und für die Herstellung von Baumaterialien. Kriege verschlingen gewaltige Mengen dieses Energieträgers. Der Abrams-Kampfpanzer, den die USA an die Ukraine liefern wollen, verbraucht etwa 700 Liter Kerosin auf 100 km; der deutsche Leopard-2-Panzer, den Deutschland der Ukraine verkaufen will, etwa 500 Liter Diesel pro 100 km.2 Nazi-Deutschland wollte im zweiten Weltkrieg für seine Kriegsmaschinerie mit einem Blitzkrieg die Ölquellen des Kaukasus erobern, um danach genügend Treibstoff für die Eroberung weiterer Teile der Sowjetunion und Europas zu haben: «Jetzt wollen wir die Weizenfelder am Don und Kuban besitzen und wollen damit die Hand auf dem Brotbeutel Europas haben! Wir wollen jetzt die Ölquellen und die Eisen-, Kohlen- und Manganlager besitzen. Wir wollen uns einen kolonialen Besitz auf eigenem europäischen Raum schaffen.» (Josef Goebbels, 17. November 1942)3
Produzenten und Konsumenten
Für die einzelnen Ölquellen gilt, dass sie einen Zeitpunkt maximaler Ergiebigkeit haben, nach dem die Ausbeute wieder sinkt; dieser Vorgang kann in der Form einer Glockenkurve dargestellt werden – den Zeitpunkt der höchsten Ausbeute nennt man Peak-Oil. Zugleich bestimmen ökonomische, politische und militärische Gesichtspunkte, ob und wie lange eine bestimmte Ölquelle ausgebeutet werden soll.
Neue Techniken ermöglichen neue Arten der Förderung und die Erschliessung neuer Ölquellen. So haben zum Beispiel die USA in den letzten Jahren die Frackingmethode4 forciert, bei der Chemikalien in die Gesteine (und das Grundwasser) gepresst wir. So konnten sie die Ölgewinnung im eigenen Land massiv steigern und ihre Abhängigkeit von ihren bisherigen Hauptlieferanten, den Golfstaaten, eben so massiv verringern. Etwa ab 2015/2016 begannen die USA, mehr Erdöl als Russland zu fördern, ab 2017 auch mehr als die heutige Nummer drei, Saudi-Arabien.5 Seit einiger Zeit investieren Ölkonzerne in Zusammenarbeit mit ukrainischen Oligarchen in der Ukraine grössere Summen in Erdölbohrungen, so z.B. der US-amerikanische / brasilianische Konzern Chevron.6
Bei den Konsumenten stehen die USA nach wie vor absolut und noch viel stärker pro Kopf an erster Stelle mit 987 Millionen Tonnen pro Jahr (2017), das sind 22 Prozent des Ölverbrauchs bei einem Bevölkerungsanteil von vier Prozent der Weltbevölkerung.7 Zum Vergleich: Die Volksrepublik China hatte 2017 einen Verbrauch von 596 Millionen Tonnen bei einer 3,5 Mal so grossen Einwohnerzahl.
Pipelines, Transport und Verteilung
Während das Erdöl in den Anfangszeiten seiner industriellen Gewinnung in Holzfässern («Barrels») zu je 159 Litern transportiert wurde8, was umständlich und aufwändig war, setzten sich später Tankzüge, Tankschiffe und Lastwagen durch und vor allem auch die Pipelines, die Öl preisgünstig und kontinuierlich transportieren konnten, falls am Ende der Pipeline eine Raffinerie oder ein Abnehmer sass. Während die USA in ihrem Land schon in den 30er und 40er Jahren Pipelines bauten, wurden die ersten Erdölrohre in Europa von den US-Truppen nach ihrer Normandie-Landung verlegt; sie dienten zuerst der Versorgung der eigenen Streitkräfte und wurden dann später im Sinne der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus den westeuropäischen Regierungen übergeben.9
Die Sowjetunion baute ab den 50er Jahren ebenfalls Pipelines. Die bekannteste Ölpipeline ist die Erdölleitung Freundschaft (Druschba)10, deren Ende bei der Ölraffinerie in Schwedt an der Oder (DDR) 1963 fertiggestellt wurde. Die Route des Nordstranges der Pipeline führt von Russland durch Polen bis zur PCK-Raffinerie in Schwedt, während der Südzweig einerseits durch die Ukraine nach der Slowakei und nach Tschechien und anderseits über Ungarn zur Adria-Pipeline läuft. Auch an diesen Ästen sind verschiedene Raffinerien angeschlossen.
Wegen der von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland stoppte Deutschland den Import des preisgünstigen Erdöls aus Sibirien auf den 1. Januar 2023, allerdings planlos und nicht, um den fossilen Energieträger Öl durch Sonnen- und Windenergie zu ersetzen; Deutschlands Wirtschaftsminister Habeck und Deutschlands Kanzler Scholz suchen seither mit mässigem Erfolg auf der ganzen Welt nach Ersatz, der dann freilich grösstenteils auf riskantere Weise und mit höheren Kosten in Tankschiffen herangeschafft werden muss. Ungarn und Serbien haben sich diesen Sanktionen der EU nicht unterworfen.
Es soll hier nochmals betont werden, dass es nicht um einen Lieferstopp seitens Russlands geht, sondern um die Politik der USA und einiger europäischer Regierungen, die versuchen, Russland von und in Europa zu isolieren.
Der Ölpreis
Der Ölpreis hängt von zahlreichen Faktoren ab, er ist ausserordentlich volatil geworden und unterliegt zahlreichen Spekulationen und Wetten an den Börsen. Kriege sind nur ein Faktor von vielen bei der Preisentwicklung. So bewirkte nur schon die pure Ankündigung Russlands, wegen des vom Westen verordneten «Preisdeckels» für seine Sorte «Ural» auf 60 Dollar seine Fördermenge um fünf Prozent zu kürzen, einen sofortigen Anstieg des Ölpreises an der Börse um zwei Prozent.11 Während ein Fass (159 Liter) der Sorte «Brent» im Januar 1999 noch 10 Dollar kostete12, schwankt der Preis seit einigen Jahren zwischen etwa 70 und 150 Dollar. Die Endkunden zahlen dann für das verarbeitete Öl (Heizöl, Benzin usw.) so hohe Preise, dass die Rohstoffhändler exorbitante Gewinne erzielen (sogenannte «Übergewinne» – eine seltsame Wortschöpfung im Kapitalismus, in dem ja Zusatzprofite System sind).
Gewinne der grössten Ölkonzerne:
- Exxon Mobil / Esso (USA): 56 Milliarden Dollar
- Shell / Royal Dutch (NL/UK): 40 Milliarden Dollar
- Chevron (USA/Brasilien): 36 Milliarden Dollar
- Total (Frankreich): 36 Milliarden Dollar
- BP (UK): 28 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Gewinn der 114-jährigen Firmengeschichte
- Aramco / Saudi Aramco (Saudiarabien): 42 Milliarden (allein im 2. Quartal 2022)
- Gazprom (Russische Föderation): rund 40 Milliarden Dollar (allein im ersten Halbjahr 2022)
(Quelle: 13, 14)
Die Öl-Sanktionen und ihre Umgehungen
Russisches Öl wird vom Westen sanktioniert, allerdings nicht von allen Staaten. Russland hat sich schon seit einigen Monaten darauf verlegt, ältere Tankschiffe aufzukaufen oder das Öl über Reedereien transportieren zu lassen, die sich nicht den Sanktionen beugen müssen. Ein weiterer Trick besteht darin, das Öl im Meer umladen zu lassen, so dass die genaue Herkunft der Ladung nicht mehr so einfach nachgewiesen werden kann. Eine Mischung von 49 Prozent der sibirischen Sorte «Ural» mit 51 Prozent nichtrussischem Öl gilt zudem nicht mehr als russisches Öl. Russland wird tatsächlich weniger an die westlichen kapitalistischen Staaten verkaufen, jedoch mehr zu relativ günstigen Preisen (zu Zeiten, an denen die Preise u.a. wegen der resultierenden Turbulenzen an den Rohstoffbörsen und den zunehmenden Gewinnen ohnehin steigen) an die Staaten, die sich nicht an die Sanktionen halten. Diese Staaten wiederum – beispielsweise Indien und die Türkei – verkaufen verarbeitetes russisches Öl mit Gewinn an die Sanktionierer, die nun Beschaffungsprobleme haben, weil sie auf das russische Pipelinerohöl verzichten. Das Ganze kommt so im neoliberalen «freien» Markt nicht so heraus, wie es gedacht war. Wieder einmal erleben wir eine gehörige Portion Polit-Show für das gemeine Volk.
Die Profiteure und die Verlierer
Profiteure an der ganzen zunehmenden Um- und Unordnung im Bereich der Energieträger sind natürlich die grossen Rohstoffkonzerne. Entgegen der Absicht westlicher Politiker scheint auch Russland weiterhin hohe Gewinne zu erzielen. Verlierer sind eindeutig die inflationsgeplagten Menschen in Europa und noch viel mehr jene auf anderen Kontinenten, die wegen der Turbulenzen auf dem Ölmarkt, der inflationsbedingten Abwertung ihrer Währung, den exorbitanten Gewinnen der Konzerne und der Stilllegung bisheriger Transportwege, Verarbeitungsbetriebe und weiterer Infrastrukturen das Ganze zu bezahlen haben; dies zu einem Zeitpunkt, wo der schon längst fällige Umstieg auf erneuerbare Energien vor allem in den USA und in Europa stockt, weil scheinbar die Mittel fehlen – genauer gesagt, weil die Mittel an die Rohstoff- und Energiekonzerne und vor allem auch im Zusammenhang mit der momentanen Aufrüstungswelle an den militärisch-industriellen Komplex umgeleitet werden.
1 Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch – Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit; Zürich (2) 2013, S. 164.
2 https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/abrams-m1-panzer-im-portraet-kosten-daten-ukraine-einsatz-id65291471.html
3 Zitiert nach Kurt Pätzold: Stalingrad und kein Zurück – Wahn und Wirklichkeit, Leipzig 2002, Einleitung.
4 Unsere Welt Nr. 4, Herbst 2022.
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken
6 https://weltnetz.tv/story/2833-bandera-champion-des-westens
7 https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l/Tabellen_und_Grafiken
8 Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch – Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit; Zürich (2) 2013, S. 131.
9 Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch – Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit; Zürich (2) 2013, S. 132.
10 https://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6lleitung_Freundschaft
11 https://www.reuters.com/markets/commodities/oil-dips-heads-weekly-gain-despite-us-downturn-fears-2023-02-10/
12 Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch – Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit; Zürich (2) 2013, S. 311.
13 https://www.infosperber.ch/wirtschaft/konzerne/rohstoffhaendler-erzielten-riesige-kriegs-und-sanktionsgewinne/
14 Domizilangaben aus Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien und Frankfurt am Main (6) 2004.