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Aktualisiert: 9. Sept.
Kaspar Burkhard, den es hier vorzustellen gilt, war nicht nur Zeichner, er war auch Maler, und er war vor allem auch Kupferstecher. Er wurde geboren 1810 im Stammhaus der alten Wollishofer Familie Burkhard an der (heutigen) Kilchbergstrasse im Quartier Erdbrust (siehe Blog Erdbrust). Ein erster Burkhard, Heinrich, erscheint im Bevölkerungsverzeichnis 1637 in Wollishofen. – Kaspars Vater war Johannes Burkhard (1781-1843). Wie alle Burkhards vor ihm war er Landwirt. Die Familie war nicht reich, gehörte aber zur sog. Ehrbarkeit, d.h. fähige Vertreter der Familie konnten dörfliche oder kirchliche Ämter übernehmen. So war ein Johannes um 1800 Schulmeister, und 1832 wurde ein Rudolf Gemeindepräsident. Auch in der Bürgerlichen Abendgesellschaft finden wir Vertreter der Familie.*
Über die Kinder- und Jugendjahre Burkhards wissen wir kaum etwas. Er erlernte indessen einen Beruf, der Konjunktur zu haben schien. Der Markt für Stiche und Radierungen wuchs im frühen 19. Jahrhundert an, zahlreiche junge Zürcher, vor allem auch aus der Landschaft, ergriffen einen künstlerischen Beruf. Burkhard lernte bei Johann Jakob Sperli in Zürich und Johann Baptist Isenring in St. Gallen, zwei bekannten Kleinmeistern jener Zeit. Frühe Belege seines Schaffens sind aus den 1830er Jahren erhalten. Burkhard ging auf Künstlerreise nach Bayern, dort schuf er in Nürnberg (um 1835) und München mehrere Blätter.
Sehr aktiv in der Vermittlung solcher Kunstwerke im Rahmen von Stichsammlungen und -büchern war die 1817 in Zürich eingebürgerte Familie Trachsler, insbesondere Hermann.** Burkhard musste mit ihm gut ausgekommen sein, jedenfalls konnte er einige Blätter zeichnen oder stechen – oder beides. Der «Tiefenhof», der Familiensitz der Familie Bürkli, auf den «neuen Markt», dem heutigen Paradeplatz, ausgerichtet, wurde von J.J.Meyer gezeichnet, und von Kaspar Burkhard gestochen: «Meyer del. – Burkhardt sc.».
Tiefenhof. Zeichner Schmid, Stecher Burkhard(t). Um 1840. Privatbesitz.
Doch die Konjunktur der Kleinmeister flaute ab. Burkhard konnte nach 1850 kaum mehr als Auftragsstecher arbeiten. Wo er während seiner aktiven Kleinmeisterzeit wohnte, ist nicht bekannt. 1848 erbte er aber das Haus «Tivoli» an der Bachstrasse (vgl. Blog Tivoli), und bezog es nicht nur als Wohnsitz, sondern auch als Sitz seiner beruflichen Tätigkeiten. Diese verlagerten sich auf einen «Brotberuf» – er eröffnete einen Spezereien-Laden und galt manchen sogar als Confiseur. Sein erlernter Beruf wurde ihm wohl eher zum Hobby. Und er konzentrierte sich als Maler und Zeichner vornehmlich auf Wollishofer Sujets.
Über diese Aktivitäten sind wir dank der Wollishofer Chronik von Emil Stauber relativ gut informiert. Stauber kannte als Primarlehrer und als renommierter Historiker in Wollishofen Hinz und Kunz, und er wusste, in welchen Wollishofer Stuben die Ölbilder und die Zeichnungen Burkhards hingen. Staubers Werk gilt heute als sperrig, was nicht zuletzt mit der Aufnahme zahlreicher farbiger Kunstwerke Burkhards zu tun hat: Die Reproduktion dieser Bilder im Buch erforderte ein stärkeres Papier, so dass das grossformatige Buch sich einem einfachen Durchblättern widersetzt. Aber der Schatz, den Stauber durch sein Vorgehen schuf und erhielt, ist immens. Besonders reizvoll finde ich seine Zeichnung des Kirchenhügels Wollishofens – von der Bachstrasse aus aufgenommen. Gut erkennbar sind neben der Kirche (links) das erste Schulhaus am Rumpumpsteig sowie gleich daneben das Bürgli sowie – noch weiter links – das erste Pfarrhaus. Das Haus links im Vordergrund dürfte zum Weiler Rumpump gehört haben. Wunderschön der Baumgarten, der den Hang zur Kirche ziert.
Kaspar Burkhard. Kirche Wollishofen und Umgebung. Um 1870.
Zeichnung. Aus: Stauber, Tafel 29.
Als Beispiel für ein Ölbild Burkhards wähle ich aus Staubers Sammlung die «Bachstrasse, um 1880» aus. Auch hier kann man die Topografie Wollishofens wegen des Orientierungs-punktes alte Kirche im Hintergrund erkennen, von den Häusern der Bachstrasse jener Zeit ist allerdings nichts auf uns gekommen. Die Siedlung «Bachstrasse» ist eine alte Siedlung, auf dem Gygerplan 1667 mit «Köchli-Häusern» bezeichnet. Und es waren eher kleine, einfache Häuser, die schon kurz nach der Malerei Burkhards abgerissen und durch neue Häuser an der neuen – boomenden – Albisstrasse ersetzt wurden. Die Häuserzeile der ungeraden Nummern (1-7) kam schon anfangs des 20. Jahrhunderts weg, das Tivoli von der Gegenseite erst um 1930, als die «neue Post» errichtet wurde.
Kaspar Burkhard. «Am Bach», Wollishofen 1880. Tafel 26.
Stauber schreibt: «Das Aquarell ist Eigentum der Besitzerin des Hauses,
Frl. Ida Baumann, am Bach.»
Kaspar Burkhard starb 1882. Das Haus Tivoli wurde abgerissen und durch den Neubau der Post im ersten Rank der Albisstrasse ersetzt. Das Stammhaus der Burkhard von Wollishofen steht indessen dank Glück und dank Denkmalschutz noch immer – und es ist noch immer ein Bauernhaus. Im Hause Kilchbergstrasse 101 wohnten anfangs des 20. Jahrhunderts mit Hartmann Burkhard und seinen Erben noch Landwirte, Nachkommen der Wollishofer Burkhard, bis die Stadt Zürich das Haus kaufte – in der Meinung, es abzureissen und die Strasse zu verbreitern. Dass es nicht dazu kam, hilft, dass man in der Erdbrust das Alte Wollishofen noch heute erleben kann. Hier steht nicht nur das Ortsmuseum, sondern es gibt da eben auch noch weitere alte Häuser, und mit dem letzten Bauernbetrieb des Quartiers ist auch noch die letzte Reminiszenz an die bäuerliche Vergangenheit Wollishofens intakt. Im Burkhardschen Stammhaus, in der Kilchbergstrasse Nummer 101, wohnt just Wollishofens letzter Landwirt!
Emil Stauber hat uns und der Ortsgeschichte mit seiner Idee der farbigen Reproduktion des Burkhardschen Wollishofen einen grossen Dienst erwiesen. Heute ist kaum mehr bekannt, wo sich die Originale, die Stauber noch zur Verfügung hatte, befinden. Die alten Wollishofer Bauernfamilien sind ausgestorben bzw. weggezogen. Eigentlich müsste das Ortsmuseum Buch führen können über die Standorte dieser Juwelen der Wollishofer Ortsgeschichte!
(SB)
* Zur Schreibweise des Namens: Ich verwende Burkhard, wie es in den frühen Quellen meist heisst. Später ist auch Burkhardt häufig. Dasselbe beim Vornamen: Kaspar nennt sich häufig Caspar. Es sind also verschiedene Schreibweisen möglich. – Zur Bürgerlichen Abendgesellschaft folgt in Bälde ein eigener Blog!
** Zur Familie Trachsler vergleiche: Conrad Ulrich. Herr Biedermann sieht Zürich. Verlag Berichthaus. Zürich 1969.