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Die Keilhose der Kunstturner – eine Oltner Erfindung
Briefgeschichten Ein Glücksfall: Zwei Männer waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und verhalfen einem neuen Turnertenue zum Durchbruch.
Von: Urs Amacher
Zunächst sind die Namen auf dem Brief mit Datum 9. Mai 1913 recht rudimentär. Der Empfänger heisst «Mein lieber Sohn Oskar!», und unterzeichnet ist das Schreiben von «Deiner Mutter». Nur mit diesen Angaben hätten die Personen nicht identifiziert werden können. Doch der Brief ist auf Geschäftspapier geschrieben. Die Mutter entschuldigt sich im ersten Satz dafür: «hab heute ein Postpapier nicht mehr, dessen ungeachtet nehm ich ein Rechnungsformular & schreibe dir doch», und dieses trägt im Briefkopf das Firmenlogo der Tuchhandlung A. Disteli.
Arnold Disteli war Malermeister und Negotiant, er handelte mit Farbwaren, Lacken und Tapeten. Seine Frau Anna Disteli Fluri war Damenschneiderin und Weissnäherin. Sie führte im Haus an der Ecke Baslerstrasse/Konradstrasse in Olten eine Tuchhandlung «zum Rabattladen», wo sie neben Baumwollstoffen selber genähte Hemden und Modewaren verkaufte. Das Geschäft rentierte, jedenfalls konnte die Häuserreihe Munzingerplatz 2 bis 8 hinter der Stadtkirche ausgebaut und aufgestockt werden, 1907 das vordere und 1910 das westliche Eckhaus «zum Distelfink» (siehe Stadtanzeiger vom 27. Oktober 2022).
Das Ehepaar Disteli-Fluri hatte drei Kinder, den 1888 geborenen Arnold junior sowie Oskar (geboren 1890) und Max (geboren 1892). Es war vorgesehen, dass die beiden älteren Söhne ins mütterliche Textilunternehmen einsteigen. Deshalb machte Arnold eine Ausbildung zum Kaufmann, und auch Oskar absolvierte eine kaufmännische Lehre, die er mit einer Prüfung als Zuschneider ergänzte. Aber Oskar entschied anders, kaum achtzehneinhalbjährig verliess er das Elternhaus.
Über Italien gings nach Spanien
In Italien arbeitete er zuerst als Lehrer, Ende 1913 wechselte er nach Spanien. In dieser Phase schrieb ihm die Mutter am besagten 9. November: «Nimmst du in Valencia auch gerade ein Zimmer, ich meine ja, es kostet dich doch nicht mehr glaub ich als wenn du in einer Wirtschaft bist. Wir sind jetzt alle gespannt, wie es dir geht, hof[f]entlich gut. Das Geld wird noch nicht in deinem Besitz gewesen sein, wo du von Barcelona fort bist, es ist fileicht[!] erst am Samstag nach Barcelona gekommen oder noch später. Schreibe uns, wie du auch auskommst mit dem Geld, wie viel du noch in der Kasse hast & wie viel du noch bei dir hast.»
Doch dann fiel sein älterer Bruder Arnold, der in Pruntrut Aktivdienst leistete, am 26. Oktober 1918 der damals wütenden Spanischen Grippeepidemie zum Opfer. Und als Vater Disteli am 13. August 1919 ebenfalls starb, musste Oskar ins Oltner Unternehmen einsteigen. Das Malergeschäft liquidierte er, und am 10. September 1919 übernahm er offiziell die Firma für «Manufakturwaren, Wäsche, Mercerie sowie Import und Export verschiedener Waren» die er 1924 um die «Fabrikation von Turn- und Sportkleidern, Turnschuhen und Spezialberufskleidern» erweiterte. Gleichzeitig liess Oscar Disteli das mit einem Ehrenkranz geschmückte «odo» als Firmenlogo eintragen. In der Freizeit tat er im Turnverein Olten mit und kehrte von manchem Turnfest mit einem Kranz nach Hause. Hier kommt der zweite Mann ins Spiel: Georg Miez.
Der im Jahre 1904 geborene Georg Miez wuchs in Töss bei Winterthur auf und lernte Mechaniker in der Lokomotiv- und Maschinenfabrik «Loki» in Winterthur. 1922 wurde er Turnfestsieger in Kreuzlingen und qualifizierte sich für die Olympischen Sommerspiele 1924 in Paris, wo der kaum 20-Jährige eine Bronzemedaille errang. Dabei seien sich die Schweizer Kunstturner in ihren wadenlangen Hosen bäuerisch gekleidet vorgekommen, erinnerte sich Miez. Und Trainingsanzüge hätten sie auch keine gehabt, sondern sich mit den Wolldecken aus der Barackenunterkunft warm gehalten.
Nach einem Intermezzo als holländischer Nationalcoach kehrte Georg Miez Anfang Februar 1927 zurück. Da damals selbst ein Olympionike nicht vom Sport leben konnte und einen bürgerlichen Beruf ausüben musste, trat Miez in Olten die Stelle als Reisender bei der Turnkleiderfabrik Odo Oscar Disteli an.
Die neue Keilhose
Traditionell traten die Kunstturner in ¾-langen Hosen zu ihren Matches (Wettkämpfen) an. Gewitzt durch die Erlebnisse in Paris entwarf Georg Miez einen eigenen Schnitt von eleganten weissen Turnhosen. Es waren lange, enganliegende Hosen mit einem Steg unter den Fersen. Diese Hosen in Keilform bot er seinem Firmenchef Oscar Disteli an. Odo übernahm das Modell in seine Produktepalette. Und mit Miez hatte er den richtigen Mann für den Verkauf. Als Vertreter der Odo ging Georg Miez praktisch täglich auf Verkaufstour. Er besuchte die Vereine und turnte einige Übungen in seiner neuen Hose vor, um deren Vorteile zu demonstrieren. Die satten Keilhosen behinderten insbesondere beim Geräteturnen weniger als die alten Röhrenhosen. Meistens verkaufte Miez sogleich alle Exemplare, die er mitgebracht hatte.
Für die Olympischen Sommerspiele 1928 in Amsterdam konnte Odo die Schweizer Kunstturner-Nationalmannschaft mit dem neuen Dress ausrüsten. Der Sportanlass geriet zum Triumph: Die achtköpfige Schweizer Matchgruppe wurde Olympiasiegerin in der Mannschaftswertung, Georg Miez gewann die Silbermedaille am Pauschenpferd, zudem holte er olympisches Gold am Reck und im Mehrkampf.
In der Folge liess Oscar Disteli die Marken «Olympiade» und «Olympia» für seine Turnkleidungen schützen. Spätestens auf das eidgenössische Turnfest in Aarau 1932 hin wurden die «Olympiahosen» aus dem Hause Odo zum allgemeinen Standard. Auch wenn die Turner murrten, dass sie nun Geld für zwei neue Paar Hosen ausgeben mussten.
Aus Georg wird Giorgio Miez
Der Olympiasieger Georg Miez verliess im Sommer 1929 die Oltner Firma, um sich in Basel und dann als Giorgio Miez im Tessin ganz dem Turnsport zu widmen. Odo bezog 1932 neue Räume in der ehemaligen Druckerei der Oltner Nachrichten an der Ringstrasse, und 1948 errichtete Oscar Disteli ein eigenes neues Fabrikgebäude an der Einmündung Katzenhubelweg / Solothurnerstrasse, wo noch heute das Odo-Logo die Fassade ziert.
Quellen: Marlis Keller, Rickenbach; Nicolas Hermann, Winterthur; Oltner Neujahrsblätter.