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"Ich bin Clara" - als sich ihm auf einer Weihnachtsparty eine faszinierende junge Frau mit diesem Satz vorstellt, ist es um den Erzähler geschehen. Wie aus dem Nichts steht sie vor ihm und schlägt ihn mit ihrer Schönheit, ihrem Temperament und ihrem klugen boshaften Witz in Bann. Augenblicklich weiß er, dass er diese Begegnung niemals vergessen wird. Im verschneiten New York nimmt eine spannungsgeladene Affäre ihren Lauf. Doch seine Gefühle für diese Unbekannte sind so plötzlich und so tief, dass er es nicht wagt, sie offen auszusprechen. Je öfter er Clara sieht, desto mehr wird ihm bewusst, dass ihm entweder unermessliches Glück bevorsteht oder ein schmerzlicher Verlust, der ihn zeichnen wird.
ERSTE NACHT
Als das Essen halb vorbei war, wusste ich, dass ich den ganzen Abend gedanklich in der umgekehrten Reihenfolge noch einmal durchspielen würde – den Bus, den Schnee, den Gang die kleine Anhöhe hoch, die Kathedrale, die vor mir aufragte, die Unbekannte im Aufzug, den Salon, in dem sich die Menschen drängten und das Kerzenlicht auf lachende, ahnungsvolle Gesichter fi el, die Klaviermusik, den Sänger mit der kehligen Stimme, den allgegenwärtigen Duft von Kiefernholz, während ich von einem Raum zum anderen ging und dachte, ich hätte vielleicht viel früher oder ein wenig später oder vielleicht gar nicht kommen sollen, die klassischen Sepia-Radierungen an der Wand neben dem Badezimmer, wo sich eine Pendeltür auf einen langen Gang zu Privaträumen öffnete, die nicht für Gäste bestimmt waren, einen Gang, der in die Halle und dann wunderbarerweise wieder ins Wohnzimmer führte, in dem sich inzwischen noch mehr Gäste versammelt hatten und mir plötzlich jemand am Fenster, wo ich mich in einen vermeintlich stillen Winkel hinter dem großen Weihnachtsbaum verzogen hatte, eine Hand hinstreckte und sagte: »Ich bin Clara.«
Ich bin Clara, blitzartig herausgeschleudert wie das Natürlichste von der Welt, als hätte ich es von Anfang an gewusst oder wissen müssen, und als wollte sie mir, da ich sie nicht zur Kenntnis genommen hatte oder vielleicht versucht hatte, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen, aus der Verlegenheit helfen, indem sie einem Namen, den bestimmt alle schon häufig erwähnt hatten, ein Gesicht gab.
Bei einer anderen Frau wäre Ich bin Clara dahergekommen wie der zaghafte Versuch, ein Gespräch anzuknüpfen – bescheiden, scheinbar selbstbewusst, übertrieben lässig, distanziert und als nachträglicher Gedanke das verbale Äquivalent eines Händedrucks, der es gelernt hat, durch die Übertreibung eines ansonsten schlaffen und leblosen Griffes Festigkeit und Kraft zu vermitteln. Einer schüchternen Person würde Ich bin Clara so viel Anstrengung abfordern, dass sie erschöpft und fast dankbar wäre, wenn man es versäumte, das Stichwort aufzugreifen.
Hier war Ich bin Clara weder keck noch aufdringlich, wurde ausgesprochen mit dem geübten, leicht wehmütigen Lächeln einer Frau, die diesen Satz so oft gesagt hat, dass ihr nichts mehr daran lag, wie dieser Satz das Schweigen gegenüber Fremden brach. Angespannt, gleichmütig, müde und belustigt über sich, über mich, über das Leben, das aus ersten Begegnungen eine gezwungene, befangene Angelegenheit macht, schien es wie eine hohle Formalität, die es galt abzuhaken, und warum nicht jetzt, da wir ein wenig abseits von denen standen, die sich in der Mitte des Zimmers versammelt hatten und gleich anfangen würden zu singen. Ihre Worte sprangen mich an wie eine dieser Böen, die Hindernisse beiseiteräumen, alle Türen und Fenster weit auffl iegen lassen und mitten im Winter Aprilblumen mitbringen, alles mit der hastigen Vertraulichkeit von Menschen streifen, die im Umgang mit ihren Mitmenschen völlig gleichgültig sind und nichts zu verlieren haben. Sie drängte sich nicht auf, sie hüpfte nicht über lästige Stufen, aber in ihren drei Worten war eine Spur von Krise und Erregung, die nicht unwillkommen und nicht ganz unbeabsichtigt war. Sie passten zu ihrer Figur, der herausfordernden Arroganz ihres Kinns, der scharlachroten Chiffonbluse, die bis zum Brustbein offen stand, den Rundungen, die sie freigab und die so glatt und abweisend waren wie der Brillant an der dünnen Halskette aus Platin.
Ich bin Clara. Das platzte ohne Ankündigung herein wie eine Theaterbesucherin, die sich, Sekunden ehe der Vorhang aufgeht, in einen voll besetzten Zuschauerraum drängt und alle stört, sich dabei aber so deutlich über den von ihr veranstalteten Wirbel amüsiert, dass sie, kaum hat sie den Platz gefunden, der für die ganze Saison der ihre sein wird, den Mantel auszieht, ihn über die Schulter hängt, sich an ihre neue Nachbarin wendet und in der Absicht, sich für die Störung zu entschuldigen, ohne zu viel davon herzumachen, ein verschwörerisches »Ich bin Clara« flüstert. Ich bin die Clara, die du das ganze Jahr über sehen wirst, also machen wir das Beste daraus. Ich bin die Clara, von der du nie gedacht hast, dass sie direkt neben dir sitzen würde, aber da bin ich nun. Ich bin die Clara, von der du dir wünschen wirst, sie für den Rest dieses und aller übrigen Jahre deines Lebens einmal jeden Monat hier vorzufi nden – und ich weiß es, und seien wir ehrlich, sosehr du auch versuchst, es dir nicht anmerken zu lassen: Du hast es in dem Augenblick gewusst, als du mich sahst. Ich bin Clara.
Es war eine Mischung aus einem neckenden Wie konntest du es nicht wissen? und Was soll dieses Gesicht?. Du da, schien sie zu sagen, wie ein Zauberer, der sich anschickt, einem Kind ein einfaches Kunststück beizubringen, nimm diesen Namen fest in die Hand, und wenn du allein zu Hause bist, machst du die Hand auf und denkst: Heute habe ich Clara kennengelernt. Es war, als böte man einem älteren Herrn, der kurz vor einem Wutanfall stand, eine Schoko-Haselnuss-Praline an. Sagen Sie nichts, bis Sie hineingebissen haben. Sie bedrängte einen, machte das aber sofort wieder gut, ehe man es gemerkt hatte, sodass nicht klar wurde, was zuerst da gewesen war, die Entschuldigung oder die kleine Spitze, oder ob nicht beides ineinander verflochten war – drei Worte wie verspielte Todesdrohungen, die sich als belanglose Possen verkleidet hatten. Ich bin Clara.
Das Leben davor. Das Leben danach. Alles vor Clara schien leblos, hohl, provisorisch. Das Leben nach Clara erregte und ängstigte mich, eine schimmernde Fata Morgana hinter einem Tal voller Klapperschlangen.
Ich bin Clara. Es war das, was ich am besten kannte und zu dem ich immer zurückkommen konnte, wenn ich an sie denken wollte – wach, herzlich, bissig und gefährlich. Ihr ganzes Sein ging von diesen drei Worten aus, Worten wie eine dringende Botschaft, auf die Rückseite eines Streichholzbriefchens gekritzelt, das ich in die Tasche stecken würde, als Erinnerung an einen Abend, an dem ein Traum, ein erhofftes Leben jäh vor mir aufgeblüht war. Es konnte genau das sein – ein Traum und nicht mehr – , aber es weckte ein so heftiges Verlangen, glücklich zu sein, dass ich fast bereit war zu glauben, dass ich an jenem Abend glücklich war, als eine Frau hereinwehte, die mitten im Winter Aprilblüten mitbrachte.
Würde ich noch ebenso empfi nden, wenn ich heute Abend die Party verließ? Oder würde ich mich listenreich an geringfügigen Fehlern festhalten, die es mir ermöglichen würden, den Traum allmählich erlöschen zu lassen, bis er seinen Glanz verloren hatte und mir wieder einmal vor Augen führte, dass Glück das Einzige ist, was andere uns nicht schenken können? ...
Wesdeutsche Allgemeine Zeitung
»Ein kluges Buch über das moderne Liebeswerben, über die Leidenschaften und Unsicherheiten der Jugend. Über Nähe und die Angst davor.«
NZZ
»Acimans Sprache ist kunstvoll. Er beschreibt wortgewaltig und künstlerisch auf höchstem Niveau.«
NDR
»Selten wurde eine sich anbahnende Liebe mit so viel Spannung erzählt.«
Leipziger Volkszeitung
»Scharfsinnig, elegant und sehr romantisch.«