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In Spanien bleibt die franquistische Vergangenheit heftig umstritten: Ein während der Diktatur in Madrid errichteter Triumphbogen darf bleiben, ein Denkmal für die Internationalen Brigaden soll entfernt werden.
Im Jahr 2001 gab es in Madrid 165 Strassen, die franquistische Namen trugen. Heute, zwölf Jahre und ein «Gesetz des historischen Gedächtnisses» später, gibt es in der Stadt immer noch 165 Strassen mit franquistischen Namen. Das Ende 2007 von der sozialistischen Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero beschlossene Gesetz bestimmte, dass alle Reminiszenzen an Francisco Franco und seine fast vierzig Jahre währende Diktatur von öffentlichen Orten zu tilgen seien.
Aber weiterhin sind nicht nur in Madrid den wichtigsten aufständischen Generälen des Bürgerkriegs Strassen oder Plätze gewidmet, sondern auch den Gefallenen der División Azul – der Blauen Division, die Hitler beim Russlandfeldzug militärische Hilfe leistete –, dem Caudillo Franco höchstpersönlich oder dem verrückten Psychiater Antonio Vallejo-Nájera, der nach einem Studienaufenthalt im «Dritten Reich» bei Interbrigadisten und Häftlingen ein «rotes Gen» konstatierte, das sie für die Gesellschaft untragbar mache. Aufgrund seiner Theorien wurden den inhaftierten «roten» Müttern ihre Kinder weggenommen und in Adoption gegeben, rund 30 000 in knapp zwanzig Jahren. Viele dieser Kinder kennen bis heute ihre tatsächlichen Eltern nicht.
45 Meter hohe Verherrlichung
Das «Gesetz des historischen Gedächtnisses» war nicht nur in alt- und in neofranquistischen Kreisen auf Widerstand gestossen, sondern auch bei sich nicht unbedingt als rechts definierenden Menschen, die meinten, man solle die Vergangenheit auf sich beruhen lassen, sie sei vergangen und so schlecht nicht gewesen.
Ein Beispiel für viele: An der Plaza de la Moncloa im Norden Madrids ragt ein 45 Meter hoher Triumphbogen im klassizistischen Stil empor, der den Verkehr teilt und den symbolischen Eingang zur Universitätsstadt bildet. Er wurde 1956 eingeweiht und soll den Sieg der franquistischen Armee verherrlichen, aber auch an die Kämpfe um die Universitätsstadt im November 1936 erinnern, bei denen die kurz zuvor gegründeten Internationalen Brigaden eine entscheidende Rolle spielten.
Kaum einen Kilometer weiter nördlich steht eine vier Meter hohe und achtzig Zentimeter schlanke Metallstele. Auf ihr prangen der dreizackige Stern der Internationalen Brigaden sowie die Worte von Dolores Ibárruri: «Ihr seid die Geschichte, ihr seid die Legende, ihr seid das heroische Beispiel der Solidarität und der Universalität der Demokratie», Worte, die die «Pasionaria» am 1. November 1938 beim Abschied der Mitglieder der Internationalen Brigaden in Barcelona sprach. Es war kein sehr glücklicher Moment in deren Geschichte, da sie das Bauernopfer der Spanischen Republik waren, um die weitaus massivere Unterstützung Francos durch Deutschland und Italien zu stoppen – ein vergeblicher Versuch.
«Jemand» legt Berufung ein
Dieses Denkmal wurde am 22. Oktober 2011 eingeweiht. Der «Verein der Freunde der Internationalen Brigaden» hatte es durch einen Spendenaufruf finanziert, der unentgeltliche Entwurf stammte von Professoren der Fakultät der Schönen Künste. Eingeweiht wurde das Denkmal vom Rektor der Universität, José Carrillo, Mathematiker und Sohn des im Oktober 2012 verstorbenen einstigen Vorsitzenden der spanischen Kommunistischen Partei, Santiago Carrillo.
Noch während der Einweihung wurde bekannt, dass zwei Tage zuvor «jemand» Berufung gegen die Errichtung des Denkmals eingelegt hatte, da die Universidad Complutense über keine Baubewilligung verfüge. In der Anzeige wurde gefordert, die Einweihung des Denkmals zu untersagen, denn der Rektor wolle das Denkmal «ohne die vorgeschriebene Vorgehensweise und die legalen Anforderungen errichten und (…) so Politik im universitären Umfeld» machen. Dieser «Jemand» war der Anwalt Miguel García Jiménez, der an der Madrider Privatuniversität CEU San Pablo studiert hatte, die seit den neunziger Jahren zum Wiedererstarken einer neofranquistischen Geschichtsschreibung beiträgt.
Auch die rechten Zeitungen und Internetforen machten Stimmung und erregten sich über die Zumutung eines Denkmals für die Abgesandten des «grössten Massenmörders der Geschichte der Menschheit, Stalin». Als Folge dieser Denunzierungskampagne wurde in der Nacht auf den 1. November das Denkmal beschmiert: «Asesinos», Mörder, war dort zu lesen.
Das Gericht liess zwar die Einweihung des Denkmals zu, ging aber der Anzeige nach und urteilte im April 2012, dass die Errichtung rechtswidrig und das Denkmal zu entfernen sei. Die Universität legte Berufung ein, der Fall wurde an den Madrider Verwaltungsgerichtshof weitergeleitet. In der Zwischenzeit war der positive Bescheid der Autonomen Region Madrid eingetroffen. Die Universität suchte daraufhin dreimal beim Bürgermeisteramt um die definitive Bewilligung nach. Die Fristen verstrichen, es kam keine Antwort. Bis Ende Mai 2013 der Madrider Verwaltungsgerichtshof den Entscheid der ersten Instanz bestätigte und der Universität vorschrieb, das Denkmal binnen zweier Monate zu entfernen. Es sei kein blosser Fehler beim Antrag zur Errichtung des Denkmals erfolgt, hiess es, sondern die Universität habe «auf jegliches urbanistisches Prozedere verzichtet». «Es ist Recht gesprochen worden!», wurde auf der Website der Francisco-Franco-Stiftung jubiliert.
Nach einem Artikel im «Guardian» reagierten im Juni 56 Abgeordnete des britischen Parlaments und sandten eine Unterstützungserklärung. Italienische und französische PolitikerInnen folgten ihrem Beispiel. Verschiedene Gedächtnisvereine organisierten Demonstrationen und sammelten mehr als 10 000 Unterschriften für die Erhaltung des Denkmals.
Keine Einsicht
Rektor José Carrillo liess verlauten, er denke nicht daran, das Denkmal zu entfernen. Einerseits habe das Rektorat unmittelbar nach der Anzeige um die Erlaubnis nachgesucht, die Stadtbehörden aber hätten auf die drei Anfragen nicht reagiert, sodass nach allgemeinem Usus aufgrund von «administrativem Schweigen» dem Antrag stattgegeben worden sei. Und da das Urteil bis heute nicht eingetroffen sei, könne die Universität ohnehin nichts unternehmen. Andererseits seien auch andere Denkmäler ohne Genehmigungen errichtet worden, etwa das weitaus grössere Denkmal zu Ehren der Opfer des 11-M, des 11. März 2004, bei dem islamistische Terroristen 191 Menschen getötet hatten.
Aber eben das ist der Punkt. Während sich das Gedenken an die Opfer des 11-M trotz aller Polemik auf einen «Feind von aussen» beziehen kann, entzweit das Gedächtnis des Bürgerkriegs immer noch das Land. 77 Jahre nach dem Ausbruch des Kriegs und 38 Jahre nach dem Ende der Diktatur wird die franquistische Vergangenheit von vielen als normal und positiv betrachtet, von Einsicht oder Katharsis kann keine Rede sein. Deswegen können einige auch nicht zulassen, dass in der Nähe des riesigen, einen ganzen Platz beherrschenden Triumphbogens eine kleine Stele an die Menschen erinnert, die der Republik gegen den Aufstand der Generäle zu Hilfe eilten – Menschen, denen im November 1995 im Parlament mit den Stimmen aller Parteien die spanische Staatsbürgerschaft zugesprochen worden war, «für ihre Verdienste um die Freiheit und die Demokratie».
Weitere Informationen: www.brigadasinternacionales.org
Georg Pichler unterrichtet deutsche Sprache und Literatur an der Universidad de Alcalá (Madrid). 2013 ist erschienen: «Gegenwart der Vergangenheit. Die Kontroverse um Bürgerkrieg und Diktatur in Spanien» (Rotpunktverlag, Zürich).