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Sebastian Kurz hat mit 35 Jahren schon viel hinter sich. Er war Aussenminister und von 2017 bis 2021 – mit Unterbruch – der jüngste Bundeskanzler Österreichs. Nun ist er in der Privatwirtschaft tätig. Noch immer beschäftigt ihn aber die geopolitische Lage, wie er in einem Interview am Swiss Economic Forum in Interlaken beweist.
Sebastian Kurz
Ehemaliger Bundeskanzler der Republik Österreich
Der heute 35-jährige gebürtige Wiener stieg früh in die Politik ein. Mit 23 Jahren wurde er Vorsitzender der Jungen Volkspartei, der Jugendorganisation der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP).
Nach jeweils zwei Jahren im Wiener Landtag und als Staatssekretär für Integration wurde er 2013 mit 27 Jahren der jüngste Aussenminister der österreichischen Geschichte.
2017 errang er den Vorsitz der ÖVP, die er nach seinen Vorstellungen umbaute. Nach dem Wahlsieg im Oktober wurde er erstmals Bundeskanzler. Im Mai 2019 zerbrach seine Koalition mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) im Zuge der Ibiza-Affäre. Kurz musste nach einem Misstrauensvotum abtreten.
Die vorgezogene Neuwahl im Oktober 2019 gewann Kurz erneut. Im Januar 2020 trat er seine zweite Amtszeit als Kanzler an. Im Oktober 2021 trat Kurz zurück, weil er verdächtigt worden war, in einem Boulevardblatt Medienberichterstattung gekauft zu haben.
SRF: Man spricht angesichts des Kriegs in Europa von einer Epochenwende. Österreich liegt geografisch nahe an der Ukraine. Was würden Sie tun, wären Sie noch Bundeskanzler?
Sebastian Kurz: Was-wäre-wenn-Fragen beantworte ich nicht. Aber die wirkliche Herausforderung ist, dass viele Krisen gleichzeitig stattfinden. Wir haben nach wie vor die Pandemie mit Lockdown, mit der Gefahr, dass das Virus im Herbst wieder stärker zuschlägt. Darüber hinaus gibt es eine massive Teuerung und den Krieg in der Ukraine. Vielleicht haben wir in gewissen Teilen der Welt bald sogar eine Nahrungsmittelknappheit, die zu unheimlichem Leid führen könnte.
Überfordert diese Gleichzeitigkeit von Krisen die Politik?
Nein. Für einen positiven Impuls sollte man aber in einem Bereich vorankommen. Bei der Inflation besteht die Chance, dass man nach einer Zinserhöhung die Dinge positiv sieht – nämlich, dass sich die starke Inflation wieder ein Stück weit beruhigt. Was die Ukraine-Krise betrifft, gab es für die EU keine Alternative, als entschlossen auf diesen aggressiven Angriffskrieg der Russen zu reagieren. Die gute Nachricht ist vielleicht, dass Kriege immer mit Verhandlungen enden. Und insofern habe ich doch ein Stück weit Hoffnung in den Istanbuler Friedensprozess, dass es vielleicht zu einer friedlichen Lösung kommt.
Abgang und Neuanfang
Sebastian Kurz trat im vergangenen Herbst wegen Politskandalen als Bundeskanzler ab und zog sich ganz aus der Politik zurück. Er war verdächtigt worden, in einem Boulevardblatt Medienberichterstattung gekauft zu haben. Inzwischen hat der Österreicher in die Privatwirtschaft gewechselt und arbeitet für den Silicon-Valley-Tech-Investor Peter Thiel als «Global Strategist». Zudem ist er Mitglied des Europäischen Rats für Toleranz und Versöhnung. Eine Rückkehr in die Politik schliesst Kurz gegenüber SRF aus. Er sei «sehr glücklich» in seinen neuen Aufgaben und geniesse diese.
War der Westen zu blauäugig in Bezug auf Putin? Auch in Österreich gibt es viele Leute, die Putin nahe waren oder vor dem Krieg viel Verständnis für ihn gehabt haben.
Blauäugig war niemand. Die Frage ist, welcher Zugang der richtige ist. Es gab schon 2014 eine massive russische Aggression gegenüber der Ukraine. Ich war damals Aussenminister und habe die Ostukraine auch besucht.
Die Ukraine beklagt sich, dass damals nichts Wesentliches passiert ist, und dass die heutige Situation die Folge dieses Nichtstun der Politik von 2014 ist.
Dazu gibt es unterschiedliche Thesen. Hätte die EU früher härter reagiert, hätte das vielleicht etwas gebracht. Vielleicht hätte es aber zu einer noch früheren Eskalation geführt. Im Nachhinein zu beantworten, was wäre gewesen, wenn – das kann niemand. Es gibt zwar einige, die so tun, als hätten sie das alles kommen sehen. Ich war in all diesen Jahren als Aussenminister und Regierungschef an vielen Verhandlungen dabei. Ich hab niemanden getroffen, der diese Aggression der russischen Führung gegenüber der Ukraine vorausgesehen hat.
Viele Menschen, auch unser Gast gestern – die Osteuropakennerin Anne Applebaum – sagen, es gäbe nur eines: Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen. Was sagen Sie?
Es gibt unterschiedliche Zugänge: Die russische Seite hat sicher die Wehrhaftigkeit der Ukrainer unterschätzt. Der Plan, den es anscheinend von Präsident Putin gegeben hat, ist so nicht aufgegangen. Aber es sterben täglich viel zu viele Menschen. Dieser Krieg hat zu einem unglaublichen Leid in der Ukraine geführt. Aus meiner Sicht wäre eine friedliche Lösung dieses Konflikts absolut wünschenswert. Zumindest ein Waffenstillstand wäre ein Schritt nach vorne, in Richtung weniger Blutvergiessen. Das sollte das Ziel sein.
Das Gespräch führte Reto Lipp.