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Fründenhorn
Aufstieg über den Nordostgrat.
Von Jakob Berger.
Wer je den klassischen Flecken Erde am Öschinensee betreten hat, der denkt immer an die Schönheit dieser Landschaft zurück. Der blaugrüne See ist gegen den Beschauer zu begrenzt von saftiger Alpenweide, die unterbrochen wird von lichten Waldungen aus knorrigen Bergtannen, Arven und Lärchen. Der Hintergrund ist abgeschlossen von jäh ansteigenden Felswänden. Darauf lagern mächtige Gletscher, und über diesen ragen wild geformte Spitzen in den Himmel: links das Blümlisalphorn, rechts die Doldenhörner, dazwischen etwas kleiner das Öschinenhorn und das Fründenhorn.
Das Fründenhorn gleicht einer dreieckigen Pyramide. Die eine Kante dieser Pyramide ist ein Eisgrat, der jäh zum Öschinensee abfällt, rechts steigt vom Fründenjoch jener wildzerklüftete Felsgrat auf, der vor zehn Jahren von Hans Lauper und Max Liniger erstmals erklettert wurde, links vom Öschinenjoch aus der felsige Nordostgrat, der bisher im Aufstieg noch nicht, im Abstieg mehrmals begangen worden 3 ).
Anfangs Juli 1931 sah ich den Bergführer Oskar Ogi und befragte ihn über den Nordostgrat. Seine Aussagen deckten sich mit der Beschreibung Linigers: « Dieser Ostgrat ist nur im Abstieg begangen worden. Er enthält drei sehr nette Abseilstellen, die durch alte Seilringe deutlich gezeichnet sind.... Wenn auch diese oder jene Stelle etwelche Schwierigkeiten bereiten mag, so dürfte diese anziehende Kletterei wohl auch im Aufstieg durchführbar sein. » Die schwierigste Stelle sei die mittlere Abseilstelle, ein zirka 15 Meter hohes, senkrechtes, oben überhängendes Gratstück. Jedoch habe er volle Zuversicht, dass die Möglichkeit bestehe, den Grat zu ersteigen. Er fügte bei, dass sein Bruder Kilian sich geäussert habe, mir darüber zu berichten. Kurz entschlossen sagte ich zu.
1 ) M. Liniger und H. Lauper, 18. Juli 1921.
2 ) H. Runge mit Abraham und Gottfried Müller, 14. August 1922; persönliche Mitteilung von Abraham Müller jun.
3Erster Abstieg durch Julien Gallet und Frau mit Führer Abraham Müller sen. und David Wandfluh aus Kandersteg, am 14. Juli 1900.
Vgl. SAC-Jahrbuch 36, S. 104—105; « Echo des Alpes » 1900, S. 306.
Die erste Erkletterung des Südwestgrates durch Hans Lauper und Max Liniger und den Abstieg über den Nordostgrat schildert Liniger anschaulich im Jahrbuch 1921, S. 210—216.
Am 8. Juli verliessen wir 230 Uhr bei zweifelhaftem Wetter das Hotel Öschinensee und stapften gemütlich das verzwickzwackte Weglein über knorrige Wurzeln und halbdürre Lärchenstauden hinauf. Öfter und öfter hielten wir nach dem immer mieser werdenden Wetter Ausschau. Immer mehr hingen sich Regen an die Felswände, die Luft war feucht, und schliesslich fing es leise an zu regnen. Trotzdem stiegen wir bis zur Zürcherschneide an. Hier suchten wir unter einer Balm Unterschlupf und hofften auf Besserung. Doch der Regen fiel dichter, und immer schwerere Nebelschwaden zogen vom See herauf. So entschlossen wir uns zur Umkehr.
Am 12. Juli zogen wir — Adams Carter, ich und die beiden Ogi — um 2 Uhr früh wieder los, auf demselben Pfade. Die sternenklare, ruhige Nacht versprach einen prächtigen Tag. Von der Zürcherschneide stiegen wir zunächst zu den untersten Felsen des Fründenhorn-Westgrates hinan. Von da hielten wir links hinüber auf den Öschinenjochgletscher und über diesen auf die öschinenhornseite, weil von den steilen Wänden des Fründenhorns hin und wieder Steinschläge mahnend herniedersausten. Ohne nennenswerte Schwierigkeiten erreichten wir das Öschinenjoch um 8 Uhr und genossen hier die prächtige Rundsicht. Das Hauptaugenmerk richteten wir jedoch auf « unsern » Grat. Vom Öschinensee aus sieht er ziemlich harmlos aus; doch hier macht er ein bedeutend ernsteres Gesicht.
An die Arbeit! mahnten die Führer, und 840 Uhr brachen wir auf zum Gang über den Nordostgrat.
Der Anfang des Grates wurde leicht überwunden. Auch die unterste Abseilstelle bereitete uns keine grossen Schwierigkeiten. Leicht ansteigend führt von hier ein Schneegrat, den wir auf der Gasternseite begingen, hinauf zur zweiten Abseilstelle. Carter und ich betrachteten dieses senkrechte, oben sogar überhängende Stück ziemlich kritisch. Weil die Schichtung des Gesteins nach Nordosten abfällt, sind die sowieso spärlichen Griffe und Standpunkte abschüssig. Oskar und Kilian beeilten sich inzwischen, ihre Bergschuhe mit den Kletterfinken zu vertauschen. Kaum gedacht, klebt Oskar schon an der Wand und zieht und windet und stösst sich langsam und sicher mit katzenartiger Behendigkeit und sehniger Kraft höher und höher hinauf. Mit gleicher Fertigkeit folgt ihm Kilian. Ich wagte kaum zuzuschauen, wie die beiden Führer an dieser senkrechten Wand hinaufkletterten. Besonders heikel und kitzlig wird die Sache oben, wo die Wand überhängt. Doch es gelingt, und von einer geschützten kleinen Plattform ruft Oskar zuversichtlich herunter: « So, von hier weg kommen wir sicher obenhinaus. » Nun werden die Rucksäcke und Pickel hinaufgezogen, einer nach dem andern, und als letzter folgt Kilians Rucksack. Jetzt komme ich an die Reihe. Anfangs geht die Sache ganz ordentlich, aber je mehr ich mich der überhängenden Stelle nähere, desto mehr werde ich vom sichernden Seil von der Wand weggezogen, um schliesslich ganz in der Luft zu baumeln. In dieser Stellung gönne ich mir einen kurzen Augenblick zur Ausschau. Vor mir zieht das Seil über den grauschwarzen Felsen, links sehe ich hinab auf den Kanderfirn und rechts hinunter auf den blaugrünen Öschinensee. Wie romantisch solche Situationen auch sein mögen, mit der Zeit wirken sie doch ziemlich ermüdend, und es regt sich bald einmal das Verlangen, aus dieser Lage befreit zu werden. Energisch wird zugefasst, und mit vereinten Kräften lange ich oben an und schlüpfe an sicherer Stelle zu den Rucksäcken. Als letzter folgt Carter, aber auch ihn erreicht das gleiche Schicksal, über das er unten so herzlich gelacht. Auch er wird von der Wand weggezogen und baumelt in luftiger Höhe zwischen Himmel und Erde.
Nach kurzer Rast folgen wir einem schräg nach links verlaufenden, sehr engen Couloir. Bald hernach erscheint die oberste Abseilstelle, die überwinden wir ohne besonders grosse Anstrengungen. Nun folgt das letzte Gratstück, das eine leichtere, wenn auch luftige Kletterei verlangt. Wohlbehalten gewinnen wir um 1120 Uhr den Gipfel, reichen uns beim Steinmann hoch erfreut die Hände, und alsobald lassen die Brüder Ogi einen prächtigen Jodler erschallen.
Für den ganzen Aufstieg vom Hotel Öschinensee bis zum Gipfel benötigten wir 9 Stunden und 20 Minuten, für den Grat allein ( Öschinenjoch bis Gipfel ) 2 Stunden und 40 Minuten.
Das Fründenhorn hat drei Gipfel, einen Felsgipfel mit dem Steinmann und zwei Eisgipfel. Zwischen diesen eingebettet liegt ein kleines Seelein, das durch das Schmelzwasser des umliegenden Eises und Schnees genährt wird. Offenbar infolge des diesjährigen kühlen Wetters ist wenig Eis und Schnee geschmolzen und somit der See äusserst klein.
Es war ein wunderschöner Tag. Die klare, ruhige Luft gewährte uns eine einzig schöne Rundschau. Wir konnten uns vom Gipfel fast nicht trennen. Es schien, als ob der allmächtige Baumeister der Berge uns, besonders aber dem lieben Oskar Ogi, noch einen letzten göttlich schönen Sonntag hätte bereiten wollen. Heute will mir scheinen, als ob damals auf Oskar eine Art Schwermut gefallen sei, so eine Art Vorahnung seines baldigen Todes. Wir schauten hinunter auf den Kanderfirn und hinüber zum Lauterbrunner Breithorn. Keiner von uns konnte voraussehen, dass Oskar Ogi acht Tage später, am 19. Juli 1931, am Breithorn einen tragischen Bergtod sterben werde. Grosse Sicherheit in den Bergen, stoische Ruhe, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, idealer Charakter, das waren die Eigenschaften, die man bei ihm so sehr liebte. Er wird in unserer Erinnerung gleichsam als Muster eines Bergführers und Bergfreundes weiterleben.
Wir schnallten unsere Steigeisen an, warfen die Rucksäcke um und begannen den Abstieg über den Nordwestgrat. Dieser Grat ist ein sehr steiler Eisgrat. Doch klebte eine dünne Schicht Neuschnee fest auf dem Eise, und mit Hilfe der scharfen Steigeisen stiegen wir verhältnismässig rasch ab. Unten gegen die Zürcherschneide zu gab es auf einem ziemlich flachen Schneehang noch eine lustige Rutschpartie, wobei es sich Carter nicht nehmen liess, mir mit einem spitzen Steigeisen sein Monogramm auf den Rücken einzugraben. Um 16 Uhr langten wir unten in den Fründen beim Öschinensee an. Hotelier Wandfluh fuhr uns mit einem Boot entgegen und ruderte uns über den See zurück.