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38. Ulrich Wittwiler von Rorschach
Ulrich Wittwiler von Rorschach. Administrator (1579-85), Abt (1585-1600). Geboren im Jahre 1535 war Wittwiler 1549 in das Stift eingetreten. Er wurde den 1. März 1550 Subdiakon, den 21. Februar 1551 Diakon. Dann sandte ihn Abt Joachim 1553 nach Freiburg i. Br., von wo er 1556 als Magister artium et philosophiae zurückkehrte. Im gleichen Jahre empfing er den 21. Dezember die Priesterweihe. Schon 1558 ernannte ihn der Abt zum Pfarrer von Einsiedeln, welches Amt er bis 1580 innehatte. Vorübergehend versah er vom Januar bis März 1568 auch die Pfarrei Schwyz940. Den 11. Juli 1573 ernannte ihn Abt Adam zum Dekan. Durch Nuntius Bonhomini wurde er den 17. August 1579 zum Administrator des Stiftes bestellt. Als solcher hatte er keine leichte Aufgabe zu bewältigen. Seine Stellung dem frühern Abte gegenüber war keine leichte, wie sich aus Briefen Bonhominis ergibt. Aber auch manche seiner Untergebenen wollten sich nicht an eine rechte Zucht gewöhnen, wie wir ebenfalls von Bonhomini erfahren941. Die Schwyzer suchten ihre Ansprüche auf das Gotteshaus aufrecht zu erhalten: er mußte ihnen stets Rechnung ablegen. Nicht geringe Sorgen verursachten aber vor allem der Wiederaufbau des Stiftes und die Tilgung der Schulden, die sich 1585 auf 25 000 Gulden beliefen. Nach der Resignation des Abtes Adam wurde er den 23. Oktober 1585 zum Abte gewählt942. Die Bestätigung der Wahl erfolgte erst den 17. April 1586 durch Sixtus V.943; die Schwyzer hatten sich schon den 23. Oktober dafür verwandt944; ebenso die 5 katholischen Orte den 4. Januar 1586945. Die Regalien erhielt Abt Ulrich durch Kaiser Rudolf II. den 23. Mai 1588946; dieser Kaiser berief ihn auch 1594 und 1597 auf die Reichstage947. Von Abt Ulrich wie seinen nächsten Nachfolgern hat sich keine Erneuerung des Burgrechtes mit Zürich erhalten; indessen stellt aus spätem Ausfertigungen fest, daß auch diese Äbte es besessen haben948.
Schon als Administrator hatte Abt Ulrich sich von den Gotteshausleuten an den verschiedenen Orten im Laufe des Jahres 1582 (in Dagmersellen erst 1588) huldigen lassen949. Er ließ, um mehr Ordnung in die Verwaltung zu bringen, eine ganze Reihe von Urbarien und Rodeln neu anlegen, so von Stäfa und Erlenbach, Männedorf, Reichenburg und Luggschwyl; auch die Urbarien der St. Johannespfründe im Kreuzgang, der Maria-Zellpfründe bei Sursee, und der Pfarrkirche in Freienbach950 wurden neu bereinigt. Für Einsiedeln stellte er 1584 eine neue Gerichtsordnung auf951. Zwischen Höfe und March wurden die Grenzen 1581, im Frauenwinkel 1586 erneuert952.
Da der Abt glaubte während seiner Administrationszeit den Beweis für eine gute Haushaltung erbracht zu haben, wandte er sich am 25. August 1586 an Schwyz mit der Bitte, ihm inskünftig die Rechnungsablage zu erlassen. Doch erreichte er sein Ziel nicht. Und dennoch gestaltete sich das Verhältnis zu Schwyz ganz ordentlich. Gelegentlich setzte es freilich sowohl mit Schwyz wie mit den Waldleuten kleinere Reibereien ab953. Auch mit Zürich hatte der Abt 1585 einen Anstand wegen verbrannten Büchlein und Kalendern, in denen der alte Julianische Kalender beibehalten war954. Bei Zürich und Rapperswil mußte sich der Abt 1595 für die Rechte der Fischer im Frauenwinkel wehren, da man dort die Albelen wegfing955. Mit dem Stifte St. Gallen schloß er den 27. September 1588 einen Zehntenvertrag. Einen Streit wegen den Zehnten vom Sclilatthofe in Eschenz mußte der Abt zweimal (1581 u. 1583) vor die Tagsatzung bringen.
Unter andern Gütern erwarb der Abt 1581 die Beuggen um 260 Pfund, ferner die sogen. Eselsweid; auswärts erwarb er den halben Hof in Windshausen bei Eschenz um 1200 fl. (1592) und den Zehnten in Utzwil um 39 Kronen. In Meilen kaufte er 1600 ein Pfarrhaus. Umgekehrt veräußerte er 1582 in Pfäffikon die sogen. Obermühle und in Einsiedeln das Kanzlerhaus in der St. Johannesmatte. Auch die von Abt Adam verkaufte Roßweide auf der Brunnern erwarb er wieder zurück.
Auch die Stiftspfarreien gaben verschiedentlich zu schaffen. In Eschenz begehrten die Neugläubigen 1582 wieder einen Prädikanten, wurden aber mit ihrer Forderung abgewiesen. Die Hofleute von Reichenburg, die bisher nach Tuggen, das dem Kloster Pfäfers unterstand, pfarrgenössig gewesen waren, machten sich 1596 unabhängig von ihrer Mutterpfarrei.
Im Jahre 1599, den 24. November, weihte Abt Ulrich die Kapelle zu Bonart bei Kaltbrunn. Das Jahr darauf delegierte ihn der Nuntius für die Glockenweihe in Glarus956. In Egg stiftete Hans Konrad bei seinem Hause eine Kapelle, die Abt Ulrich 1597 zu Ehren der Heiligen Johannes d. T., Konrad, Katharina und Antonius einweihte. In der Propsteikirche zu St. Gerold weihte Bischof Peter von Chur den 2. Mai 1594 vier neue Altäre und einen in der St. Antoninskapelle. Der Weihbischof Balthasar von Konstanz weihte 1594 in Pfäffikon die St. Katharinenkapelle im Oberdorf, sowie die St. Magdalenenkapelle am Fuchsberg. Wahrscheinlich wurde auch 1599 die Kapelle an der Schindellegi vollendet und eingeweiht, die 1600 erstmals erwähnt wird.
Der Umstand, daß Konstanz 1592 sich im Stifte beklagt hatte, daß man in seine Jurisdiktionsgewalt eingreife957, mochte die Veranlassung bieten, daß man im folgenden Jahre sich in Rom um die Bestätigung der Privilegien bemühte958. Kardinal Paravicini teilte im folgenden Jahre mit, daß die alten Privilegien in Kraft bleiben, daß man aber neue kaum erlangen könnte959. Clemens VIII. bestätigte am 24. Juli 1597 die Engelweihbulle960. Für die Pilger erhielt man 1593 die Vollmacht von dem hl. Stuhl reservierten Sünden zu absolvieren961.
Die Wallfahrt hob sich zusehends. Unter den Pilgern finden wir 1589 die Kardinale Andreas von Österreich, Bischof von Konstanz und Ottavio Pallavicini; 1593 ist der spätere Kurfürst von Bayern, Maximilian I. hier. Herzog Ferdinand, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Nieder- und Oberbayern, schenkte für das Gnadenbild eine goldene Krone. Für einen Kelch schickte 1599 Kaiser Rudolf II. 350 Gulden. Auf dem Brüel wurden 1598 die sogen. sieben Fäll gestiftet (sieben Kreuze)962. Besonders bemühte sich Abt Ulrich, für die Kirche Reliquien zu erwerben; es kamen denn auch schon vor 1600 eine große Zahl solcher her963. Im Jahre 1600 wurde auch die Rosenkranzbruderschaft eingeführt.
Der Wiederaufbau des Stiftes nahm den Abt die ganze Regierungszeit über sehr in Anspruch. Das «Bawbuch», in dem alles, was er gebaut, verzeichnet, hat sich leider nicht mehr erhalten. «Aber das soll man gewiss wissen, vnd halten das Er, was in dem Gottshaus und darumb bis auf das Jahr 1590, das bawen ist, gesehen wird, Er diser Abbt Virich kleines vnd grosses inwendig vnd auswendig mithin beystendiger Göttlicher Hilff gebawen hat. Darzu bey 9 new Gadenstätt hin vnd her auff des Gottshaus Gütter lassen von newem aufsetzen; auch die Mauren vor der Abbtey, so nit wenig kostet, lassen aufführen». Bis 1590 hatte er nur für die Bauten über 40 000 fl. ausgegeben, dazu 13 000 fl. Schulden abbezahlt und an die 500 Pfund Geld ausgeliehen964. Auch den Fraubrunnen ließ der Abt 1594 neu erstellen. Er hatte Kegelform. Im untersten Geschoß war das Brunnenhaus mit 16 Röhren; das zweite barg in Nischen die Standbilder der Stiftsheiligen und zuoberst war die Madonna965.
Ganz besonders bemühte sich der Abt um die Hebung der Disziplin. Er führte dem Stifte 15 neue Mitglieder zu. Von den Konventualen wurde 1586 der 1580 als Administrator nach Pfäfers berufene Johannes Heider zum Abte daselbst erhoben. Nach Beinwil kam 1589 P. Wolf gang Spieß als Administrator, der sich um die Wiedererrichtung des dortigen Klosters große Verdienste erwarb. Ein dritter Konventuale, Andreas Hersch, wurde 1592 Abt von Engelberg. Den Fr. Benedikt Kessel schickte der Abt 1596 nach Monte Cassino, damit er die dortige Regelzucht kennen lerne. Im Jahre 1598 hielt Nuntius della Torre eine Visitation ab. Schon 1593 wurde ein Vorschlag für einen engern Zusammenschluß der schweizerischen und deutschen Klöster gemacht, doch kam das Projekt noch nicht zur Ausführung. Von den Konventualen studierten mehrere in Freiburg i. Br., Dillingen, Mailand, Pavia und Bologna. - Auch im Kloster Fahr sorgte Abt Ulrich für Hebung der Zucht; für den Propst erließ er 1586 eigene Verordnungen.
Abt Ulrich starb den 10. Oktober 1600, nachdem ihm im gleichen Jahre die beiden Äbte Johannes Heider von Pfäfers (5. März) und Adreas Hersch von Engelberg (9. August) im Tode vorangegangen waren. Er hinterließ den Ruf eines frommen, umsichtigen, gütigen und arbeitsamen Mannes, der sich um die Hebung des Stiftes bestens verdient gemacht. Ein Bruder, Gallus, war in St. Gallen eingetreten, führte sich aber nicht gut auf. P. Ulrich mußte für ihn 1561 bei Abt Diethelm Fürbitte einlegen966.