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Phasen der Helvetischen Republik
Der Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz versucht eine Periodisierung der von 1798 – 1803 bestehenden Helvetischen Republik und spricht dabei von einer Entstehungs- und Organisationsphase (1798), einer Modernisierungsphase (1798–1800) sowie einer Stagnations- und Zerfallsphase (1800 – 1803).[1] Dies suggeriert, dass nach einer Übergangszeit, in welcher der Staat nach dem Untergang der alten Ordnung erfolgreich neu gestaltet wurde, eine kurze stabile und produktive Phase folgte, bevor die junge Republik bereits ihrem Ende entgegenging. Andere Darstellungen betonen jedoch die durchgehende Instabilität der Helvetischen Republik, ihre wenigen Jahre seien von einer massiven Dichte von militärischen Ereignissen, Staatsstreichen und Protestbewegungen geprägt gewesen, sie habe letztlich gar nie zu einer soliden Ordnung gefunden.[2]
In diesem Sinne soll hier neben einer Darstellung der wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse des Jahres 1798 auch ein Aspekt zur Sprache kommen, der massgeblich zur permanenten Instabilität der Helvetischen Republik beigetragen hat; der antihelvetische Widerstand.
Der „Franzoseneinfall“ 1798
Nach dem Ende des 1. Koalitionskrieges 1797 erhielt das revolutionäre Frankreich freie Hand zur Durchsetzung seiner machtpolitischen Ziele gegenüber den eidgenössischen Orten. Nachdem französische Truppen bereits im Dezember 1797 in die südlichen Teile des Fürstbistums Basel vorgestossen waren, marschierten sie nach dem Ausbruch der Helvetischen Revolution auch in die Waadt ein. Die bernische Obrigkeit zog ihre Kräfte vor den französischen Einheiten zurück und versuchte vergeblich, durch partielle innere Reformen, eine breitere Legitimation ihrer Herrschaft zu erreichen. Am 4. März 1798 dankte die alte Regierung ab, eine neue provisorische Regierung kapitulierte nach Gefechten bei Neuenegg, Fraubrunnen und Grauholz. Bern, wie auch die Orte Freiburg und Solothurn, wurden von Frankreich besetzt, bis Anfang April 1798 wurde die Besetzung auf die Kantone Zürich, Zug und Luzern ausgedehnt. Es kam zu Plünderungen, die besetzten Orte mussten für die Einquartierung der französischen Truppen sorgen, grosse Teile der Bevölkerung wurden dadurch desillusioniert, die negativen Erlebnisse durch die Besetzung überdeckten vielerorts die positiven Errungenschaften der Revolution. Den besetzten Orten wurden massive Kontributionen auferlegt, die Berner und die Zürcher Staatskasse wurden beschlagnahmt.[3]
Entstehungs- und Organisationsphase der Helvetischen Republik (1798)
Bereits Ende 1797 war in Paris ein Verfassungsentwurf für die zukünftige Helvetische Republik ausgearbeitet worden, der vorsah, die Schweiz in einen zentralistischen Einheitsstaat nach französischem Vorbild zu verwandeln. Der Entwurf wurde im Februar 1798 durch französische Agenten in der ganzen Eidgenossenschaft verbreitet, wo er fast durchwegs auf Ablehnung stiess. Die Basler Nationalversammlung, die sich nach der Revolution in Basel konstituiert hatte, änderte die Pariser Verfassung in einigen Punkten ab und versuchte eine föderalistischere Ausgestaltung der neuen Republik. Diese Basler Fassung wurde angesichts der brenzligen Situation, in der die besetzte Schweiz stand, in vielen Kantonen, wenn auch widerwillig, akzeptiert. Am 28. März 1798 machte jedoch der französische Regierungskommissär Le Carlier klar, dass nur die unveränderte Pariser Verfassung in Kraft treten könne.[4]
Bereits kurz zuvor waren auf französischen Druck in den Gemeinden der Kantone Waadt, Solothurn, Freiburg, Bern, Oberland, Aargau, Luzern, Zürich und Schaffhausen so genannte Urversammlungen zusammengekommen, um über die Verfassung und die Bestimmung von Wahlmännern zu befinden. Diese Wahlmänner bestimmten pro Kanton vier Senatoren und acht Grossräte für die gesetzgebenden Versammlungen der Helvetischen Republik. Die gewählten Abgeordneten trafen sich Anfang April in Aarau, welches vom französischen Regierungskommissär als provisorische Hauptstadt bestimmt worden war. Am 12. April 1798 wurde die Helvetische Republik in Aarau von den anwesenden Mitgliedern der Helvetischen Legislative konstituiert.
Der antihelvetische Widerstand in der Innerschweiz
Zahlreiche Kantone lehnten aber die neue Verfassung nach wie vor ab und erschienen nicht in Aarau. Insbesondere die Kantone der Innerschweiz waren zum militärischen Widerstand entschlossen. Am 21. April begannen deshalb französische Truppen von Zürich aus einen militärischen Vorstoss gegen die inneren Orte. Anfang Mai gab Schwyz, das Zentrum des Widerstands, den Kampf auf, Uri, Ob- und Nidwalden schlossen sich der Kapitulation an. Gezwungenermassen nahmen die inneren Orte in der Folge die Helvetische Verfassung an. Der Widerstand der Innerschweiz gegen die helvetische Verfassung hatte auch Einfluss auf die Kantonsbildung. Die Bildung von Verwaltungseinheiten dauerte länger als vorgesehen, die Einteilung der Kantone in Distrikte war erst im Juli 1798 abgeschlossen. Um den Einfluss, der gegenüber der Verfassung feindlich gesinnten Orte abzuschwächen, beschloss der Grosse Rat der Helvetischen Republik die betreffenden Kantone gruppenweise zu neuen Kantonen zu verschmelzen. Mit letztlich 18 Kantonen besass die Helvetische Republik nun die territoriale Gestalt, welche sie bis zu ihrem Ende beibehalten sollte.[5]
Zur Ruhe kam die Helvetische Republik aber auch nach Einführung der Verfassung und der Festlegung von Verwaltungseinheiten nicht. Bereits im Sommer 1798 kam es zu einem offenen, blutig niedergeschlagenen Aufstand in Schwyz und Nidwalden. Der Protest richtete sich gegen einen Beschluss der helvetischen Räte, gemäss dem alle Bürger den Eid auf die Verfassung abzulegen hatten. In der Folge rissen kleinere und grössere Widerstandsbewegungen nicht mehr ab. Bis zu ihrem Ende 1803 musste die Helvetische Republik damit leben, dass in weiten Teilen des Landes grosse Anteile der Bevölkerung der neuen Ordnung feindlich gesonnen waren.
Der antihelvetische Widerstand stellte ein sehr vielschichtiges Phänomen dar, involvierte verschiedene soziale Gruppen und trat je nach Region stärker oder schwächer auf. Neben den zwei Hauptrichtungen, Konterrevolution der alten Eliten und Widerstand der breiten Bevölkerung, können weiter die zwei Grundmodelle, traditionalistischer Widerstand gegen die republikanische Staatsform einerseits, quasi antifeudaler Widerstand gegen restaurative Tendenzen in der Helvetik andererseits, unterschieden werden. Traditionalistische Widerstandsbewegungen waren vor allem im alpinen Raum verbreitet, besonders ausgeprägt in Gebieten katholischer Konfession. Widerlegt ist die lange verbreitete These, breite Bevölkerungsschichten hätten sich bloss als passive Mitläufer von konterrevolutionären Eliten an Protesten beteiligt. Viele untersuchte Widerstandsbewegungen zeigen, dass die lokale Bevölkerung oft autonom handelte und eigene Ziele verfolgte, ohne von örtlichen Eliten angeführt worden zu sein.[6]
Michael Rosin
[2] Junker, Beat, Geschichte des Kantons Bern seit 1798, Bd. 1, Helvetik Mediation Restauration 1798 – 1830, Bern 1982, S. 69; Walter, François, Histoire de la Suisse, Bd. 3, Le temps des révolutions (1750–1830), Neuchâtel 2010, S. 84.
[3] Holenstein, André, Das Ancien Régime am Ende, in: Berns goldene Zeit. Das 18. Jahrhundert neu entdeckt, Bern 2008, S. 514 – 517; Stähelin, Andreas, Helvetik, in: Handbuch der Schweizer Geschichte, Bd. 2, Zürich 1980, S. 785–839. Hier: S. 787–790, Stüssi–Lauterburg, Jürg; Luginbühl, Hans, Vivat das Bernerbiet Bis an d’r Welt ihr End! Berns Krieg im Jahr 1798 gegen die Franzosen, Baden/Lenzburg 2000, S. 15–50.
[4] Fankhauser, Andreas, Die „Staats–Machine“ der Helvetischen Republik. Institutionelle und personelle Kontinuität innerhalb eines revolutionären Verwaltungsapparates, in: Schläppi, Daniel (Hg.), Umbruch und Beständigkeit. Kontinuitäten in der Helvetischen Revolution von 1798. Basel 2009, S. 65–82. Hier: S. 67.
[5] Stähelin, Helvetik (wie Anm. 3), S. 792–796, Fankhauser, Helvetische Republik (wie Anm. 1), S. 259–260.
[6] Guzzi, Sandro, Widerstand und Revolten gegen die Republik. Grundformen und Motive, in: Helvetik – neue Ansätze, hrsg. von André Schluchter und Christian Simon. Basel 1993. S. 84–104 (= Itinera, Fasc. 15); Fankhauser, Andreas, Widerstand gegen die Helvetik im Kanton Solothurn, in: Simon, Christian (Hg.), Widerstand und Proteste zur Zeit der Helvetik. Basel 1998, S. 143–157; Schmid, Adrian, Widerstand gegen die Helvetische Republik im Kanton Oberland – die „Insurrektion“ von 1799, in: Berner Zeitschrift für Geschichte, 71. Jg., 2009, Heft 1. S. 3–47.