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Alles halb so schlimm, behauptet Markus Schär in seiner Kritik an den Befunden des Jahrbuchs «Qualität der Medien». Die Medienwissenschaften würden die wahren publizistischen Leistungen von Forumszeitungen und Blogs verkennen, ja verachten. Für Mark Eisenegger, Co-Autor des Jahrbuchs, zeugt diese Sichtweise von einem verengten und unvollständigen Blick auf die Folgen der Medienkonzentration.
Für Markus Schär ist klar: Medienkonzentration muss nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil: Medienkonzentration sei sogar ein Mittel zur Steigerung der publizistischen Vielfalt. Das versucht er am Beispiel der Thurgauer Zeitung zu exemplifizieren. Was hier anklingt, ist auch die von Verlegerseite immer wieder bemühte These, wonach eine reduzierte Titelvielfalt durch grössere Vielfalt innerhalb der verbliebenen Medien mehr als kompensiert werden könne.
Reduzierter Aussenpluralismus werde also einfach durch vergrösserten Binnenpluralismus aufgewogen, d.h. auch in den wenigen verbliebenen Medientiteln erhielten alle Akteure, die das wollten, eine Plattform. Aus der Tatsache, dass die Forschung dieser Sicht widerspricht, leitet Schär dann seinen spitzigen Titel ab, wonach Medienforscher die Vergangenheit verklären und die Gegenwart verachten.
Nun denn, wir nehmen das gerne auf und formulieren ebenso zugespitzt zurück: Herr Schär verklärt die Gegenwart und verachtet die Vergangenheit. Denn in der Kommunikationswissenschaft ist unbestritten, dass Medienkonzentration zwar nicht einfach monokausal, aber doch in der Grundtendenz die publizistische Vielfalt reduziert. Erstens ist Medienkonzentration mit dem Ausrollen von Kopfblatt- und Mantelsystemen verbunden. Wird dadurch publizistische Vielfalt reduziert? Ja, das lässt sich an vielen Beispielen zeigen, so auch an der Thurgauer Zeitung, die Herr Schär als strahlendes Gegenbeispiel beizieht. 2005 ging die Thurgauer Zeitung an das Verlagshaus Tamedia und wurde in der Folge in den Zeitungsverbund Nordostschweiz eingebunden. Der Mantel, also der überregionale und internationale Teil, kam hinfort vom Landboten. 2011 wurde die Thurgauer Zeitung im bekannten Zeitungstausch an die NZZ-Gruppe verkauft und die St. Galler Tagblatt-Gruppe integriert, zu der auch die Appenzeller Zeitung, das Toggenburger Tagblatt und der Rheintaler gehören. Der Mantel der Thurgauer Zeitung kommt seither aus St. Gallen. In Frauenfeld wird der Lokalteil produziert.
Was bedeutet dies? Das Ausrollen von Kopfblatt- und Mantelsystemen reduziert die publizistische Vielfalt insbesondere im Bereich der überregionalen und der internationalen Berichterstattung massiv. Interessant ist auch das Beispiel des Winterthurer Landboten, der nun dem Zürcher Verlagshaus Tamedia einverleibt wird. Nationale und internationale Berichterstattungsinhalte werden zentral von der Berner Zeitung beigesteuert, wie auch für die anderen drei Tamedia-Regionalzeitungen im Kanton Zürich. Pikantes Detail. Die Auslandberichterstattung der Berner Zeitung wiederum stammt nahezu ausschliesslich von der Schweizer Nachrichtenagentur sda. An diesem Beispiel lässt sich sehr eindrücklich aufzeigen, wie die Medienkonzentration negativ auf die publizistische Vielfalt innerhalb der betroffenen Medientitel durchschlägt. Gleichzeitig hat diese Medienkonzentration – und das ignoriert Markus Schär komplett – zu einem massiven Abbau an Personal in den Redaktionen und damit verbunden zu einem Know-how-Verlust geführt.
Zweitens reduziert Medienkonzentration auch die Anbietervielfalt. In der Schweiz ist das sehr eindrücklich. In der Deutschschweiz sind zwischen 2001 und 2012 allein zwölf Verlage komplett verschwunden. In der Suisse romande im gleichen Zeitraum sechs. Warum ist das problematisch? Schlicht deshalb, weil Verlagshäuser interessenorientiert handeln. Themen- und Meinungsvielfalt wird dabei umso stärker eingeschränkt, je mehr Interessen beim Anbieter tangiert sind. Das lässt sich an der aktuellen Mediendebatte zur Qualität der Medien in der Schweiz einfach zeigen, aber nicht nur hier. Wenn das Zürcher Verlagshaus Tamedia entscheidet, einem bestimmten Thema oder einer bestimmten Meinung öffentliche Geltung zu verschaffen, erreicht es sofort ein Millionenpublikum. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Drittens haben wir eine höchst unglückliche Melange von Medienkonzentration, Ressourcenverlust und Beschleunigung im Medienwesen. Je stärker das Mediensystem konzentriert ist, je weniger Ressourcen u.a. in Form von Werbeeinkünften zur Verfügung stehen und höher der Aktualitätsdruck, desto grösser wird die Gefahr für eine gleichförmige Berichterstattung. Honoriert werden dann vor allem jene Themen und Meinungen, die zugespitzt und plakativ Aufmerksamkeit erheischen, und die sich mit wenig Aufwand in verschiedene Kanäle einspeisen lassen.
Wird mit dem Netz alles besser? Markus Schär preist in seinem Beitrag die neuen Möglichkeiten im www und nennt als Beleg verschiedene Blogs, u.a. jenes von Paul Krugman. Zunächst ist interessant, dass Schär derart stark die Alternativen im Netz preist. Daraus lässt sich ableiten, dass er die Qualität der etablierten Informationsmedien nicht allzu hoch einstuft, wenn er offensichtlich die Notwendigkeit eines solches Korrektivs sieht. Jedes Aufkommen einer neuen Medientechnologie ist immer mit überschiessenden Erwartungen verbunden. Das gilt ganz besonders für das Internet und in jüngster Zeit auch für Social Media. Die Hoffnung war und ist, dass das Netz neue demokratische Potentiale freisetzt, dass jeder eine Stimme erhält, dass die Themen- und Meinungsvielfalt wächst, dass relevante Themen früher das Licht der Öffentlichkeit erreichen oder dass die Mächtigen der Welt effektiver kontrolliert werden als zuvor. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Die Hoffnung war, dass das Internet die Kanäle multipliziert und dass dadurch das Sterben im Blätterwald kompensiert wird. Das Gegenteil ist eingetreten. Nur gerade die grössten drei Verlagshäuser in der Schweiz sind bisher – neben der SRG SSR – in der Lage, einigermassen reichweitenstarke Newssites zu betreiben. Nicht nur die Anbietervielfalt ist online aber eingeschränkt, sondern auch die Titelvielfalt. Im Bereich der nutzungsstärksten Informationsangebote ist die Titelvielfalt um nicht weniger als 40% geringer als im Printbereich.
Nun würde Markus Schär an dieser Stelle auf die Bedeutung von Blogs und Social media in Ergänzung zu den genannten Internet-Posaunen wie dem Newsnet verweisen. Das Problem ist, dass die meisten dieser Online-Angebote in ihrer Reichweite stark limitiert sind. Deshalb vermögen Blogs & Co. die Schwäche der etablierten, reichweitenstarken Informationsmedien keinesfalls zu kompensieren. Sie können den öffentlichen Diskurs bestenfalls situativ bereichern, aber nur im Wechselspiel mit den etablierten Informationsmedien, welche die partikulären Kommunikationsflüsse im Netz bewerten, sie zusammenführen und ihnen unter Umständen gesellschaftsweite Resonanz verschaffen. Genau dies findet aber nur sehr selten statt. Auch dazu liefert das neue Jahrbuch Beispiele. Wir haben untersucht, wie Journalisten Twitter nutzen. Es zeigte sich, dass auf Twitter zwar ein Diskursraum für medienkritische Fragen besteht. Aber diese Medienkritik diffundiert nicht in die etablierte Medienarena und bleibt dadurch dem breiten Publikum verborgen. Exakt dies ist das Problem der meisten Online-Communities im Social Web: Die kommunizierenden Gruppen bleiben in den meisten Fällen unter sich.
Zum Abschluss noch diese Bemerkungen. Selbstverständlich ist es legitim, dass Medien dem Publikum auch «leichte Kost» (Softnews) präsentieren. Die Frage allerdings ist, in welchem Ausmass das geschieht. Wenn sich durch die Gratis- und die Boulevardmedien on- und offline sowie durch die meisten übrigen Newssites im Internet allein im Zeitraum 2001-2012 der Anteil reichweitenstarker, boulevardesker Softnewsangebote verdoppelt, sind kritische Schwellenwerte erreicht. Es steckt dann bei Informationsmedien (und nur diese untersuchen wir!) nicht mehr das drin, was draufsteht.
Dann noch dies: Selbstverständlich ist der Fall Carlos ein Thema. Und es ist auch ok, wenn das Thema im Themenranking noch vor der Gripen-Debatte erscheint. Aber es kann nicht sein, dass die Carlos-Debatte zu rund 90% rein episodisch geführt wird, indem man sich auf die Person Carlos, seinen Thaibox-Lehrer, sein Parfüm, die angeblich fehlbaren Strafvollzugsbehörden, vor allem aber die CHF 29‘000 einschiesst, die der jugendliche Straftäter monatlich kostet. Es ist die Aufgabe der Medien, solche Ereignisse einzuordnen. Dies hätte vorausgesetzt, vom konkreten Fall zu abstrahieren und sich z.B. mit den Kosten im offenen und geschlossenen Strafvollzug generell auseinanderzusetzen. Solches konnten wir nur gerade in 10% der untersuchten Berichterstattung feststellen. Das ist dann tatsächlich als «qualitätsniedrig» einzustufen.
Und schliesslich: Der Qualitätsunterschied von NZZ und NZZ Online, respektive NZZ.ch, lässt sich einfach erklären. Zum einen wurde das gesamte Jahr 2012 untersucht, also auch die Zeitspanne vor der Einführung der Paywall, wo sich die beiden Titel noch deutlich unterschieden. Aber auch nach der Einführung der Paywall sind die NZZ und NZZ Online keineswegs deckungsgleich, weder auf der Frontpage noch in den tiefer liegenden Schichten bzw. hinteren Teilen. Das verrät ein Blick in die Medienstatistik im letzten Teil des Jahrbuchs. Eine lohnenswerte Lektüre.