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Ernest Hemingway wäre nie der Autor geworden, der er heute ist, hätte er nicht schon in seiner Jugend Erfahrungen mit Krieg, Tapferkeit und Tod gemacht. Hemingway war sicher eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Doch wenn man sich heute die Frage stellt, was den Kriegsreporter ausmacht, warum es manche Menschen zu Krisen und Kampfgeschehen zieht, um darüber zu berichten, dann lohnt es sich, Leben und Psychogramm ihres berühmtesten Vertreters anzusehen.
Viele Legenden ranken sich um Hemingways Kriegseinsätze. Legenden, an denen er selber eifrig strickte und von denen man nie weiss, was tatsächlich geschah und was ausgeschmückt wurde. Doch so gern Hemingway mit seiner Männlichkeit prahlte, er beeindruckte seine Weggefährten, viele legten Zeugnis über seine Einsätze an der Front ab, so dass sich ein stimmiges Bild ergibt.
Sicher war er ein geborener Abenteurer, doch das allein kann seine Faszination nicht erklären. Aus seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg nahm er einerseits körperliche Wunden mit: Nachdem er sich freiwillig zum Dienst beim Roten Kreuz gemeldet hatte, wurde er an der italienischen Front von einer Granate lebensgefährlich am Bein verletzt. Die Erfahrung sollte sein weiteres Leben prägen, denn sie hinterliess auch psychische Narben. Er behielt vom Einsatz auch eine lebenslange Faszination für den Tod, die zugleich eine Faszination für das Leben war, das sich nie so intensiv zeigt wie angesichts seiner Endlichkeit. Hemingway suchte lebenslang nach seiner grösstmöglichen Intensität, eine Suche, die ihn immer wieder in den Krieg führte.
Zu Hemingways Kriegserfahrungen gehörten immer auch Frauen. Seine erste grosse Liebe war die Krankenschwester, die ihn im Lazarett in Italien gesund pflegte. Danach war er mit mehreren Journalistinnen verheiratet, die zweite davon, Martha Gellhorn, war ebenfalls Kriegsreporterin. Zusammen mit ihr reiste er 1937 und 1938 in den Spanischen Bürgerkrieg. Noch war er mit seiner zweiten Frau Pauline Pfeiffer, ebenfalls eine Journalistin, verheiratet, doch er hatte seine Augen bereits auf Gellhorn geworfen, die er nach Spanien ehelichen würde.
Zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs hatte Hemingway den Journalismus bereits aufgegeben, um als Literat zu reüssieren. Für einen Einsatz als Kriegsreporter machte er aber eine Ausnahme, was sich auch im Zweiten Weltkrieg wiederholen würde. Nachdem sie den Entschluss gefasst hatten, auf der republikanischen Seite über den Kampf gegen die Faschisten zu berichten, begaben sich Hemingway und Gellhorn nach Teruel und checkten im Hotel «Florida» ein. Die Stadt lag direkt an der Front, und das Hotel wurde während des Aufenthalts immer wieder beschossen. Sehr zum Schreck der Anwesenden Gäste, die meisten ebenfalls Reporter. Hemingway aber hatte sich die Zimmer 112 und 113 gesichert, die laut seinen Angaben als einzige sicher waren, denn sie lagen in einem toten Winkel und konnten wegen anderer Häuser nicht von Granaten getroffen werden. Wenn sich also die anderen Gäste in der Lobby zusammenkauerten, blieben Hemingway und Gellhorn in ihren Zimmern und liessen es sich gutgehen.
Auch zu seinem nächsten Fronteinsatz wurde Hemingway von Gellhorn begleitet, allerdings unter vollkommen anderen Vorzeichen. 1944 war sie seine dritte Ehefrau, eine gefragte Kriegsreporterin, die in Krisengebiete überall auf der Welt reiste. Hemingway war in seinem 45. Lebensjahr ein wohlhabender und weltweit gefeierter Autor, dessen Kriegsroman «Wem die Stunde schlägt» in Hollywood verfilmt worden war. Er verbrachte die meiste Zeit auf seiner Finca in Kuba mit Hochseefischen und hätte eigentlich niemandem mehr etwas beweisen müssen. Wäre da nicht seine ehrgeizige Frau gewesen. Als die USA in den Krieg eintraten, setzte sie alles daran, nach Europa geschickt zu werden. Sie wollte sich die historische Chance, von der Invasion in der Normandie zu berichten, nicht entgehen lassen – sehr zum Ärger Hemingways, der sie lieber an seiner Seite oder noch besser an seinem Herd gesehen hätte. Schliesslich gelang es Gellhorn, auch für ihn ein Engagement zu organisieren, so dass sie beide nach Europa gehen konnten. Hemingway ging es mehr darum, Material für künftige Storys zu sammeln. Beide wollten darüber hinaus auch ihre zerrüttete Ehe retten. Er flog mit dem Flugzeug, sie nahm den beschwerlichen und gefährlicheren Seeweg auf sich.
Abenteuer erlebte Hemingway dann reichlich, seine ohnehin schon bewegte Biographie wurde durch weitere Heldentaten ergänzt. London litt immer noch unter deutschem Bombardement, als Hemingway sich im Mai 1944 im solid gebauten «Dorchester»-Hotel einquartierte. Wiederum habe er ein Zimmer bezogen, das vor Einschlägen geschützt sei, wie er alle wissen liess, die es interessierte. Während er auf seine Frau wartete, hielt er Hof für Freunde und Bewunderer – und begann eine Affäre mit einer weiteren Journalistin. Auch Robert Capa war vor Ort, die beiden kannten sich aus Spanien. Als der Kriegsfotograf von seiner Anwesenheit erfuhr, organisierte er sofort eine Party für seinen alten Freund, der schliesslich extravaganterweise in einer britischen Uniform aufkreuzte und kräftig mitfeierte. Auf dem Rückweg zum Hotel aber verunfallte Hemingway mit dem Auto schwer. Er erlitt eine Platzwunde und eine schwere Gehirnerschütterung und wurde in eine Privatklinik gebracht.
Der Unfall konnte ihn nur kurz von seinen Plänen abhalten – und auch nicht von seinen Trinkgewohnheiten. Auch im Spital besuchten ihn seine Freunde, seine neue Geliebte Mary Welsh, und die leeren Flaschen stapelten sich bald rund um sein Bett. Bereits nach vier Tagen wurde er aus dem Spital entlassen, um sich im Hotel zu erholen. Gleichzeitig bereitete er sich auf die im Juni angesetzte Invasion vor. Bei der Invasion am Omaha Beach am 6. Juni war nur eine handverlesene Gruppe Reporter zugelassen. Ernest und seine Frau konkurrierten darum, wer dem Geschehen am nächsten kommen konnte. Martha versteckte sich im Badezimmer eines Schiffs des Roten Kreuzes und landete am 7. Juni am Omaha Beach. Sie ging an Land und half, Verwundete zurück zum Schiff des Roten Kreuzes zu bringen. Ernest reiste am frühen Morgen des D-Day mit einem kleinen Schiff an die Strände der Normandie und beobachtete die Invasion am Fox Green Beach vom Wasser aus. Hinter ihm beschossen amerikanische Kriegsschiffe den Strand, um den Weg für die Soldaten frei zu machen. Es tönte, «als ob sie ganze Eisenbahnzüge über den Himmel schiessen würden», schrieb Hemingway später. Er kehrte dann noch am selben Tag nach London ins «Dorchester»-Hotel zurück.
Später begleitete er einen Piloten in einem Mosquito-Flieger, fühlte sich aber alles in allem zu weit entfernt von der Front. Gleich nach seinem 45. Geburtstag im Juli setzte er wieder nach Frankreich über und schloss sich der 4. Infanterie-Division an. Wenig später freundete er sich mit verschiedenen Militärs an, darunter der Kommandant Charles Lanham. Dieser konnte sich am 3. August selber davon überzeugen, dass Ernest kein gewöhnlicher Kriegsreporter war.
An jenem 3. August waren Lanham und Hemingway zusammen in dem kleinen Städtchen Villedieu und beobachteten die Kämpfe. Hemingway beeindruckte mit seinem Auftreten nicht nur den Kommandanten, sondern offenbar auch die Bewohner des Städtchens so sehr, dass sie ihn für einen Offizier hielten. Sie informierten ihn, dass sich eine SS-Truppe im Keller eines Bauernhauses hinter der alliierten Front versteckt hielte. Hemingway zögerte nicht, begab sich schnurstracks zu besagtem Bauernhaus, brüllte hinunter, man solle sich ergeben, und warf dann drei Handgranaten hinunter. Kommandant Lanham organisierte zum Dank drei Magnum-Flaschen Champagner.
Hemingway verbrachte seine Zeit in Europa auch mit befreundeten Kriegsreportern wie Robert Capa, Bill Stringer (Reuters), Helen Kirkpatrick (Chicago Daily News) und A. J. Liebling (New Yorker). Auch Filmemacher John Ford gehörte zur Gruppe (von ihm stammt auch das einzige Filmmaterial von Hemingway aus dieser Zeit). Sie residierten im August im Hotel «La Mère Poulard» in Mont-Saint-Michel, beobachteten am Tag die Kampfhandlungen und feierten in der Nacht mit exklusivem Essen und viel Alkohol.
Robert Capa (links) und Ernest Hemingway (recht) mit ihrem Fahrer in Frankreich, 1944. (Keystone/Everett Collection)
Hemingway organisierte sich über befreundete Militärs sogar die Erlaubnis, eine eigene Gruppe von Widerstandskämpfern zu befehligen, mit denen er gegen Paris zog. Sie bezogen ein leerstehendes Hotel in Rambouillet im Südwesten der Hauptstadt, das sie in ein quasimilitärisches Hauptquartier verwandelten. Von dort aus betrieben sie Aufklärungsarbeit und befragten deutsche Gefangene. Die wichtige Rolle Hemingways bei der Vorbereitung der Befreiung von Paris ist durch zahlreiche, auch militärische Zeugen belegt. Dass seine Rolle als Kriegsreporter dadurch in den Hintergrund rückte, zeigte sich daran, dass er die Abzeichen, die ihn als solchen auswiesen, von seiner Uniform entfernte. Damit verletzte er zwar die Genfer Konvention, das war ihm natürlich egal. Allerdings gefiel sein Gebaren nicht all seinen Kollegen. So unterhaltsam ihn die einen fanden, so sehr ärgerte er die anderen mit seiner Wichtigtuerei.
Auch bei der Befreiung von Paris war Hemingway an vorderster Front dabei, obschon es unklar ist, welche der vielen Heldengeschichten, die darüber kursieren, letztlich wahr ist. Er soll Mitglieder seiner Truppen schon im Voraus zur Aufklärung in die Stadt geschickt haben. Später schlüpften sie über Bois de Boulogne in die Stadt, wo sie beschossen wurden, noch auf den Champs Elysées sollen sie gegen Deutsche gekämpft haben. Zunächst feierten sie auf dem Arc de Triomphe, von da ging es weiter zum Travellers Club, wo noch mehr getrunken wurde, bevor er und seine Mannen das Hotel «Ritz» «befreiten», ein Ereignis, zu dem er nicht weniger als fünfzig Martinis bestellt haben soll. As General Leclerc Paris offiziell erreichte, hatten Hemingway und seine Männer bereits Zimmer im «Ritz» bezogen, und er lud die nach und nach eintröpfelnden Reporter-Kollegen dazu ein, mit ihm zu feiern. Als Helen Kirkpatrick sich am nächsten Tag zur Sieger-Parade aufmachen wollte, sagte Hemingway zu ihr: «Sitz still und trink diesen guten Brandy. Paraden kann man sich immer anschauen, aber du wirst nie mehr die Gelegenheit haben, die Befreiung von Paris im «Ritz» zu feiern.»
Die Berichte über Hemingways Heldentaten im Zweiten Weltkrieg sind zahlreich und farbig. Überliefert wurden sie vor allem von seinen zahlreichen Reporter-Kollegen, die ihn bewunderten oder verabscheuten, aber an ihm vorbei kam man offenbar nicht. Zusammen mit seinen eigenen, zum Teil traumatischen Kriegsgeschichten, die er in späteren Romanen und Kurzgeschichten verarbeitete, strickte sich eine Legende, die ihn weit überdauert hat und es auch weiter wird.
Was seine Erfahrungen in den verschiedenen Kriegen für seine psychische und physische Gesundheit bedeutete, ist eine andere Frage. Was er als junger Mann im Ersten Weltkrieg erlebte, trug mit dazu bei, ihn zu jenem Mann zu formen, der sich in zeitloser Literatur verewigen würde, Literatur, die vom Kerngedanken vorangetrieben wird, die Essenz des Lebens und des Todes zugleich zu erfassen. Aus den Erlebnissen im Spanischen Bürgerkrieg gingen viele Erzählungen hervor, unter anderem einer seiner besten Romane, «Wem die Stunde schlägt», in dem auch seine intimen Kenntnisse des Kriegshandwerks deutlich werden. Der Zweite Weltkrieg schliesslich bildete seine unsterbliche Legende, hatte aber auch den dramatischsten Effekt auf seine Gesundheit. Wegen seiner nicht ausgeheilten Gehirnerschütterung und seines massiven Alkoholkonsums litt er immer wieder unter Migräne und verschwommener Sicht, und allgemein wurde er immer unempfindlicher gegen Kritik. Darunter litt letztlich auch seine kreative Arbeit. In der Folge pflegte er immer mehr seine eigene Legende, umgab sich mit Jasagern, und Selbstkritik sowie sein Sinn für objektive Realität kamen ihm fast gänzlich abhanden.
Doch die Storys, die er der Welt über seine Einsätze im Krieg hinterliess, sind auch Gold wert.
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