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Annette Hug kommt in Südkorea von einem Namen nicht los
Wo ich in Seoul auch hinkomme, Lotte ist schon da. Dabei will ich mich in Korea nicht mit einer Deutschen beschäftigen. Vermittelnde Figuren, die sich zwischen ein westliches Publikum und ferne Länder stellen, sind langweilig. Steve Martin, zum Beispiel, ist eine traurige Figur, er war schon 1954 überflüssig. Damals drehte Ishiro Honda in Japan den ersten Godzilla-Film. Für den US-amerikanischen Markt drehte Terry O. Morse zusätzliche Szenen mit einer neuen Hauptfigur und schnitt sie in den ursprünglichen Film hinein.
In dieser Version macht der Reporter Steve Martin in Tokio Zwischenhalt, gerade an dem Tag, da ein Atombombentest im Pazifik ahnungslose Fischer ums Leben bringt. In der Originalversion spielt ein Kapitän der japanischen Küstenwache die Hauptrolle, ein finster-genialer Physiker ringt mit seinem Gewissen, ein älterer Zoologe will das Schöne im Monster sehen und besteht darauf, dass seine Tochter Emiko den Physiker und nicht den Kapitän heiratet. Für das amerikanische Publikum war das nicht genug, alle paar Minuten musste ein weisser Mann ins Bild treten – «Was kommt da über uns?», fragt ihn Emiko, dabei weiss er am wenigsten von allen. Und er kann nichts anderes tun, als die Handlung in sein Tonbandgerät zu kommentieren, die japanischen Helden anzufeuern, Pfeifenrauch in die Beratungen der Küstenwache zu paffen und Dinge auszusprechen, die bereits klar geworden sind. Als das Meermonster Godzilla aus dem Meer stapft und Tokio in ein Flammenmeer verwandelt, wird auch Steve Martin fast erschlagen. Aber er bleibt auf Sendung: «Ich spreche ein Gebet, ein Gebet für die ganze Welt.»
Heute ist es selbstverständlich, dass asiatische Filme unverändert auf den westlichen Markt kommen. Auch Kunst- und Literaturbesprechungen von Steve-Martin-WiedergängerInnen, die «uns» umständlich an der Hand nehmen, um die kulturelle Distanz gleichzeitig zu überbrücken und zu beschwören, sind seltener geworden. Auf dem Weg nach Seoul habe ich mich auf ungeschminkt Koreanisches eingestellt, und dann das: Schon das Unterhaltungsprogramm im Flugzeug bot einen Kostümfilm von «Lotte Entertainment». In Seoul prangt die Leuchtschrift überall: «Lotte Outlets», «Lotte Plaza», am Hauptbahnhof steht eine Filiale der Pizzakette «Lotteria». Dahinter steht offenbar Shin Kyuk Ho, einer der reichsten Männer der Welt. 1948 gründete er eine Kaugummifabrik, die er nach dem Krieg zum multinationalen Unternehmen ausbaute. Als begeisterter Leser von Goethe benannte er seine Firma nach Charlotte aus «Die Leiden des jungen Werther».
Aber auch in der Gegenwartsliteratur tritt mir Lotte entgegen. Hwang Sok Yong erzählt im Roman «Der ferne Garten» von zwei Generationen linker Oppositioneller in Südkorea, von jahrelanger Einzelhaft und Ächtung. Der Partisan kämpfte gegen die Japaner und lehnte nach dem Krieg die Militärregierung in Südkorea ab. Dafür zahlte er sein Leben lang. Aus seiner Zeit als Kämpfer hatte er drei Bücher in sein ziviles Leben zurückgebracht: eins von Tschechow, eins des Schamanen Yi Yongok und «Die Leiden des jungen Werther». Was ihm Charlotte bedeutete, blieb auch der Tochter des alten Kommunisten ein Rätsel. Mir wird langsam klar, dass Lotte eine koreanische Figur geworden ist.
Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Zurzeit ist sie am Seoul International Writers Festival.