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«Auf und davon. Schweizer Auswanderer und ihre Abenteuer» beanstandet (II)
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Mit Ihrer E-Mail vom 11. Februar 2019 beanstandeten Sie die Sendung «Auf und davon» (Fernsehen SRF) vom 25. Januar 2019 und dort den Erzählstrang zu Südafrika.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Unsere Beanstandung bezieht sich auf die Sendung ‘Auf und davon’, Folge 4/6, ausgestrahlt am 25. Januar 2019 um 19:00 Uhr. Die Beanstandung betrifft nicht die gesamte ‘Auf und davon’-Episode, sondern konzentriert sich spezifisch auf den Erzählstrang ‘Südafrika’.
Wir beziehen uns einerseits auf den durch das SRF nachträglich hinzugefügten Off-Kommentar und die stellenweise äusserst manipulative Schnittarbeit, andererseits sind auch bestimmte Aussagen der Protagonist*innen als problematisch einzustufen – solche Aufnahmen hätten im Schnitt keine Berücksichtigung finden dürfen.
1. Off-Kommentar
Als Erstes möchten wir auf die Sequenz ab 00:22:34[2] Bezug nehmen. Hier ist es besonders auffällig, dass die Bildebene den hinzugefügten Off-Kommentar in keiner Weise legitimiert. Auf der Bildebene sehen wir Kinder: Die ersten Einstellungen zeigen diese draussen beim Spielen. Die darauffolgenden Bilder zeigen die Kinder beim Basteln und Malen in einem Innenraum. Der Kommentar erklärt: <Ein paar Stunden raus aus dem harten Alltag der Elendsviertel> (00:24:12).
Einige Sekunden später folgt: <Aus einem Alltag voller Vernachlässigung und schlechter Ernährung> (00:24:24).
Es ist uns durchaus bewusst, dass einem Off-Kommentar gewisse Eigenständigkeiten im Hinblick auf Auslegung des Gezeigten zugesprochen werden müssen. In dem genannten Fall sind die Ausführungen aber dennoch problematisch (wir beziehen uns in unseren Ausführungen auf die Punkte 1 und 2 des Artikel 4 des RTVG):
Das Bild legitimiert die Aussage keineswegs. ‘Harter Alltag’, ‘Vernachlässigung’, ‘schlechte Ernährung’: Worin gründen diese Aussagen? Die Sendung ‘Auf und davon’ liefert hierfür keine Anhaltspunkte (diese Episode nicht und die vorangegangenen ebenso wenig). Solch starke Behauptungen müssten zwingend durch Hinweise in den Bildern gestützt sein. In diesem Fall geschieht aber das Gegenteilige: Die Bilder werden durch den Kommentar mit dessen transportierter Bedeutung ‘aufgeladen’, zeigen also, obwohl auf der Bildebene keinerlei Anhalt dazu gegeben ist, plötzlich hungrige und vernachlässigte Kinder. In dieser Hinsicht möchten wir die Schnittarbeit als manipulativ bezeichnen.
2. Off-Kommentar und Kontextualisierung
Das in der südafrikanischen Gesellschaft starke ökonomische Gegensätze und stark segregierte Wohnviertel existieren (Townships vs. Villenviertel), ist sicherlich korrekt. Townships sind in Südafrika als Siedlungsgebiete für nicht-weisse Bevölkerungsgruppen während der Apartheid entstanden. Sie stellen somit insbesondere auch eine Bezeichnung für historisch entstandene Viertel dar, die oftmals – aber nicht immer und überhaupt nicht zwingend – von schlechter Infrastruktur und Armut geprägt sind. Der Südafrika-Teil der ‘Auf und davon’-Episode liefert zur Thematik der Townships keine Informationen (insbesondere auch keine Bilder). Am Anfang der Sendung vom 25. Januar 2019 erzählt uns die Off-Stimme in Bezug auf eine Ansammlung von Ferienhäusern an der Küste: <Weit weg vom Elend der Townships geniessen hier reiche Gäste Südafrikas Naturreichtum> (00:07:16). Townships werden somit pauschal mit Elendsvierteln gleichgesetzt und deren Bewohner*innen mit im Elend wohnenden Menschen. Dieses Bild greift zu kurz und ist undifferenziert.
Noch viel erstaunlicher ist aber die unter Punkt 1 geschilderte Schlussfolgerung im Off-Kommentar. Denn als Kind in einer Township zu leben (wie jene Kinder, die in der geschilderten Sequenz vorkommen), heisst noch nicht zwingend, unter Armut zu leiden, geschweige denn vernachlässigt bzw. schlecht behandelt zu werden. Insbesondere die Behauptung der ‘Vernachlässigung’ zeichnet ein an koloniale Erzählmuster erinnerndes Bild von schwarzen Eltern bzw. dysfunktionalen schwarzen Familien, die sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern können.
Die geschilderten Kommentarzeilen erinnern somit stark an westliche Stereotypen von Afrika: Afrika als durchwegs armer und rückständiger Kontinent. Der Kommentar arbeitet mit generalisierenden Vorstellungen von armen und folglich ‘vernachlässigten’, nicht geliebten und unglücklichen (schwarzen) Kindern und der Idee, dass es am weissen westlichen Mann bzw. an der weissen westlichen Frau sei, diese Kinder vor ihrem Elend zu bewahren. Wer die Kinder für <ein paar Stunden aus dem harten Alltag der Elendsviertel> holt, muss an dieser Stelle demnach nicht ausgeführt werden.
Wir finden es grundsätzlich problematisch, dass die ganze Sequenz ab 00:22:34, ohne Informationen zum Kontext zu liefern, auf den Gegensatz Helferinnen vs. Kinder, reich vs. arm und weiss vs. schwarz ausgerichtet ist.
3. Aussagen Protagonistin
Als weiterer Punkt wirft in derselben Sequenz (ab 00:22:34) die Verwendung von Bild- und Tonmaterial mit folgender Aussage der Südafrika-Auswanderin Fragen auf: <Möglichscht ohni Abfall, weisch, well si rüered alles weg. Möglichscht ohni – Banane wär...> (00:27:50). Dabei stellt sich die Frage, wieso diese Aussagen verwendet wurden, die, unabhängig von den Absichten und Ansichten der Protagonistin, auf koloniale Stereotypen und Denkmuster von ‘unzivilisierten’ schwarzen Kindern anspielen. Auch hier fehlt jegliche Einordnung: durch das von der Sendung (nicht) vermittelte Wissen und die Aussage der Südafrika-Auswanderin wird ein pauschalisiertes und verzerrtes Bild von ‘Afrika’ bzw. Südafrika (re-)produziert.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für „Auf und davon“ äußerte sich Herr Marc Gieriet, Executive Producer DOK-Serien:
„Gerne nehme ich, als leitender Produzent der DOK-Serien von SRF, zur Beanstandung von Frau X und Herrn Y zur DOK-Serie ‘ Auf und davon ’ vom 25. Januar 2019 Stellung:
Zum allgemeinen Vorwurf, dass <bestimmte Aussagen der Protagonistinnen und Protagonisten als problematisch> eingestuft wurden und diese <keine Berücksichtigung finden> sollten, möchte ich auf die wesentliche Aufgabe der Autoren/Reporter eines dokumentarischen Formates hinweisen: Wir zeigen, was ist. Wir beobachten unvoreingenommen und berichten sachgerecht. Wenn Protagonistinnen und Protagonisten sich allenfalls problematisch äussern, dann beschönigen wir dies nicht, sondern überlassen es dem Publikum selbst, sich darüber ein Bild zu machen. Wir sind entschieden der Meinung, dass sich die Protagonistin und der Protagonist im Rahmen der freien Meinungsäusserung ausgedrückt haben. Die Szenen enthielten nie rassistische, hetzerische oder strafrechtlich relevante Aussagen. Dass die Meinungen des betreffenden Ehepaars nicht in jedem Fall mit jenem des gesamten Publikums übereinstimmen, versteht sich von selbst. Ganz entschieden weisen wir den allgemein formulierten Vorwurf einer <stellenweise äusserst manipulativen Schnittarbeit> zurück.
In Punkt 1 ‘Off-Kommentar’ bemängeln Frau X und Herr Y , dass Bild und Kommentar nicht übereinstimmen. Filmwissenschaftlich könnten wir von einer Text-/Bildschere sprechen. Tatsächlich ist auf den Bildern der im Off-Kommentar angesprochene ‘Alltag im Elendsviertel’ nicht zu sehen. Es heisst aber <Ein paar Stunden raus aus dem harten Alltag der Elendsviertel>. Dieser Satz dient nicht der Beschreibung der eigentlichen Handlung im Bild, sondern der Einordnung. <Was sind das für Kinder, die hier basteln und spielen? Woher stammen sie und wie ist ihr Alltag?> Unser Reporterteam hat die Familie Tokay insgesamt viermal in Südafrika besucht und konnte sich im Rahmen dieser Besuche durchaus ein Bild über die Verhältnisse machen. Die Erfahrungen des Teams werden gestützt durch die Aussagen des Ehepaars, wonach explizit auch die Ärmsten dieser Kinder an der Veranstaltung teilnehmen sollten.
Zwar hat sich die Situation in den Townships seit den Integrationsprojekten Mandelas in den 90er-Jahren sichtlich verbessert. Die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner dieser Siedlungen ist aber immer noch stark benachteiligt und lebt in unterdurchschnittlicher Wohnqualität. Der Kommentar mag in dieser Szene ein wenig verkürzt formuliert sein, er trifft aber leider auf die meisten Bewohner und insbesondere auf die hier gezeigten Kinder zu.
In Punkt 2 ‘Off-Kommentar und Kontextualisierung’ monieren die Beanstander, dass die Townships nicht mit Elendsvierteln gleichzusetzen sind. Diese seien <nicht zwingend von schlechter Infrastruktur und Armut> geprägt. Die Sendung ‘Auf und davon’ setzt nicht alle Townships in Südafrika generell mit Armut und Elend gleich. Vielmehr beschränkt sich die Aussage explizit auf diese Gruppe von Kindern, von der wir wissen, dass sie tatsächlich aus unterprivilegierten Verhältnissen stammt.
Es war der Redaktion bereits zu Beginn der Dreharbeiten klar, dass Südafrika mit seiner Geschichte vom Publikum anders rezipiert wird, als die ‘üblichen’ (sprich mehrheitlich gewählten) Auswanderungsdestinationen wie Kanada, Schweden, Australien etc. Es war deshalb erst recht unser Anliegen, sachgerecht und sorgfältig zu berichten. Dass westliche Touristen in Südafrika oft ihre Aufmerksamkeit auf die Schönheit der Natur und weniger auf die immer noch herrschenden Missstände werfen, ist eine Tatsache. Diesen Gedanken nimmt die Kommentarstelle <Weit weg vom Elend der Townships geniessen hier reiche Gäste Südafrikas Naturreichtum> auf. Auch hier geht es nicht darum, die Townships gänzlich mit Elend gleichzusetzen, sondern darauf hinzuweisen, dass noch immer eine grosse Lücke zwischen Arm und Reich klafft, die sich im Tourismus besonders akzentuiert.
Frau X und Herr Y wünschen sich ausserdem weitergehende Informationen zu diesem Kontext. Verglichen mit den Auswanderungsgeschichten in früheren Staffeln und auch mit den beiden übrigen Geschichten in dieser Staffel nimmt die Information über die kulturellen Verhältnisse in Südafrika - aus obengenannten Gründen - einen eher höheren Anteil ein. Es sei aber darauf hingewiesen, dass das Format ‘Auf und davon’ seit zehn Jahren die Geschichten von Schweizerinnen und Schweizern erzählt, die in eine neue Heimat ziehen. Diese Abenteuer sind klar erkennbar immer aus der Sicht dieser Schweizer Protagonistinnen und Protagonisten erzählt. Indem wir den handelnden Personen folgen, lernt das Publikum in erster Linie die Protagonisten kennen. Es kann sich identifizieren, sich fragen, wie es selbst handeln würde. In zweiter Linie erfährt das Publikum etwas über das fremde Land. Das Format ‘Auf und davon’ hat jedoch definitiv keinen wissenschaftlichen, ethnologischen Anspruch. Vielmehr versucht die Serie das Publikum in seiner eigenen Erlebniswelt abzuholen und diese Welt durch die Erlebnisse der Auswandererfamilien zu erweitern. Dass es zuweilen zu vereinfachten, aber niemals verfälschten Darstellungen kommen kann, lässt sich schwer vermeiden, ohne das Format grundlegend zu verändern.
In Punkt 3 ‘Aussagen Protagonistin’ wird beanstandet, dass SRF die Aussage der Protagonistin <Möglichscht ohni Abfall, weisch, well si rüered alles weg. Möglichscht ohni -Banane wär...> gesendet hat. Wenn uns in früheren Punkten u.a. eine ‘manipulative Schnittarbeit’ vorgeworfen wird, erstaunt es uns ein wenig, wenn nun von uns gefordert wird, wir hätten bei den Aussagen der Protagonisten eingreifen und gewisse, für die Szene essentielle Aussagen weglassen sollen. Das würde bedeuten, an der Wahrheit zu schrauben bzw. diese zu manipulieren. Wie erwähnt, ist das nicht nur nicht unsere Aufgabe, sondern nachgerade unzulässig. Abgesehen davon, dass es unseres Erachtens in dieser Szene keine publizistische oder gar juristische Notwendigkeit gab, eine der Aussagen nicht zu senden. Die Protagonistin, Frau Tokay, hat sich darüber Gedanken gemacht, was den Kindern idealerweise zum Zvieri ausgegeben werden soll. Sie überlegt sich dabei löblicherweise, dass möglichst kein unnötiger Abfall entstehen soll. Wir glauben, dass sich niemand daran stossen würde, wenn eine Schweizer Auswanderin im Südtirol den anwesenden Kindern die bestverfügbaren Früchte, nämlich Äpfel, offerieren wollte. Erst recht, mit dem Hinweis, dass die Kinder so am wenigsten Abfall verursachen. Ob sich die Bemerkung, dass alles weggeworfen werde, auf die Kinder oder auf die Hautfarbe der Kinder bezieht, erlaube ich mir nicht zu beantworten.
Wir sind überzeugt, dass wir die Geschehnisse und die Situationen wahrheitsgetreu und sachgerecht dargestellt haben. Dass nicht alle mit dem Inhalt, der Tonalität oder der Haltung der einzelnen Protagonisten einverstanden sind, verstehen wir sehr wohl. Jedoch sind wir überzeugt, dass wir ein falsches Bild gezeichnet hätten, wenn wir die beanstandeten Szenen nicht gezeigt hätten. Es liegt somit keine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots vor.“
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich stimme mit Herrn Gieriet überein, dass die Sendung «Auf und davon» keinen ethnologischen, wissenschaftlichen Anspruch einzulösen braucht. Es handelt sich um eine Reportage. Und eine Reportage stützt sich immer auf zwei Pfeiler: Auf die Recherche und auf den Augenschein. Der Augenschein verschafft der Reportage Lebendigkeit, Nähe, Authentizität. Die Recherche stellt sicher, dass die Fakten auch dann stimmen, wenn die Protagonisten sich falsch erinnern, fabulieren oder schlicht lügen.
In Ihrer Beanstandung kritisieren Sie drei Punkte:
- Die unbelegte Wiedergabe von Annahmen im Off-Kommentar, die durch die Bilder nicht gedeckt sind (die Township-Kinder würden für eine Weile dem «Alltag voller Vernachlässigung und schlechter Ernährung» entfliehen);
- Die Gleichsetzung der Townships mit Elendsvierteln;
- Das koloniale Denkmuster in einer Aussage der Protagonistin.
Über das, was Sie im ersten Punkt kritisieren, bin ich beim Betrachten der Sendung auch gestolpert: Warum sollen Kinder in den Townships zwingend vernachlässigt sein? Warum sollten arme Eltern ihre Kinder nicht ebenso liebevoll und fürsorglich betreuen können wie vermögende Eltern? Und warum muss die Ernährung, die auf einem kleinen Haushaltbudget basiert, schlecht sein? Es ist sicher richtig, dass ein großer Teil der Townships nach wie vor Elendsviertel sind[1], aber es gibt auch Housing Programme, durch die die Wellblech-Hütten durch Backstein-Häuser ersetzt werden. Ich finde wie Sie den Off-Kommentar deplatziert, vor allem die Annahme, dass Kinder in den Townships vernachlässigt werden. Das betrifft ein Stück weit auch Punkt 2.
Hingegen kann ich Ihnen beim dritten Punkt nicht folgen. Wenn eine Reportage vom Augenschein lebt, dann lebt sie auch von Aussagen, die unwillkommen, schroff oder politisch inkorrekt sind. Es wäre, wie Herr Gieriet schreibt, eine Manipulation, solche Aussagen nicht zu senden. Ich komme daher zum Schluss, dass ich Ihre Beanstandung teilweise unterstützen kann.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
[2] Die Zeitangaben beziehen sich auf die Version auf der Onlineplattform:
https://www.srf.ch/sendungen/auf-und-davon/staffel-2019/schweizer-auswanderer-und-ihre-abenteuer-4-6
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Ein Grandseigneur sagt «addio»!
2005 wurde Achille Casanova zum Ombudsmann der SRG Deutschschweiz gewählt. 11 Jahre und über 2000 Beanstandungen später, gibt er sein Amt per Ende März weiter. Eine Würdigung.
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