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Ich bin nervös, bald werde ich in einer anderen Welt landen. In der reinen Natur. Als könnte ich mich, sobald ich das Flugzeug verlassen hätte, auf den Rücken einer Riesenschildkröte setzen und gemächlich davonreiten, und sie würde es nicht mal merken. Im Flugzeug Richtung Galápagos ertönen die üblichen Durchsagen, die Stewardessen öffnen die Gepäckabteile und besprühen sie mit Insektizid. Ich halte Charles Darwins Buch über den Archipel in den Händen, zumindest leuchtet der Titel auf meinem Tablet auf: «Die Reise der Beagle». Dann ist der Akku leer. Vor dem Fenster tauchen die Inseln auf, umgeben von einem Meer in leuchtendem Aquamarin.
Nach der Landung fahren wir vierzig Minuten nach Puerto Ayora, einer Stadt mit 12 000 Einwohnern. Meine ersten Stunden sind anders, als ich erwartet hatte. Im Sonnenuntergang spaziere ich durch die Avenida Charles Darwin, schlendere durch den Barrio El Edén, als plötzlich die Autos zu hupen beginnen. Im Autokorso wehen blaue Fahnen, Werbung für die bevorstehenden Wahlen. Mir fällt ein Mann auf, der allein am Strassenrand steht und als Einziger eine weisse Fahne hochhält. Ich gehe auf ihn zu und frage ihn, wer denn sein Kandidat sei. «Ich bin der Kandidat», sagt der Mann. Er stellt sich als Leonidas Parrales vor, Anwärter aufs Bürgermeisteramt und Reiseführer wie viele hier. Warum er in der Menge von Gegnern stehe, frage ich. «Wenn diese Leute gewinnen, sehe ich eine düstere Zukunft auf uns zukommen. Mehr Hotels, mehr Schiffe. Wenn es so weitergeht, wird sich Galápagos noch stärker verändern.»
Immer mehr Touristen erreichen auch die abgeschiedensten Gegenden der Welt. Auch das Inselreich Galápagos ist erschwinglich geworden. Dafür sorgt die zunehmende Konkurrenz von Hotels, Gasthäusern und Airlines, die von Ecuadors Festlandstädten Quito und Guayaquil herüberfliegen. «Wir können diesen Ort retten», sagt Linda Cayot. Sie ist seit über dreissig Jahren Beraterin bei der Galápagos Conservancy. Die Tiere und Pflanzen des Archipels mit seinen rund 130 Inseln konnten sich fünf Millionen Jahre lang fast ungestört entwickeln. Als Cayot zum ersten Mal nach Galápagos kam, um Schildkröten zu beobachten, gab es kaum Autos, kaum Strom, kaum Menschen. Wenn Cayot sich daran erinnert, sieht sie sich unaufhörlich lächeln. «Als Biologin nach Galápagos zu gehen ist wie eine Reise nach Mekka für Muslime.» Sie bewegte sich zwischen Vulkanen, wandelte durch Wälder, stand unter Baumfarnen, die grösser als Menschen waren. Grüne Mangroven, schwarze Lava, pinkfarbene Flamingos. Ströme träg fliessender Lava. Tausend Iguanas beim Sonnenbaden. Hunderte von Hammerhaien, die dicht gedrängt vorbeischwammen.
Hier hat sich die Evolution besonders stark ausgeprägt. Galápagos, etwas mehr als neunhundert Kilometer von Ecuador entfernt, besteht aus über einem Dutzend Hauptinseln, besiedelt sind nur vier. Als Charles Darwin 1835 hier landete und von Insel zu Insel fuhr, bemerkte er bald die feinen Unterschiede zwischen den Tieren. Die Panzer der Schildkröten, deren Farbe immer ein wenig anders war. Die Schnäbel der Finken, mal kürzer, mal länger, mal runder. Er fragte sich: Was wäre, wenn Gott nicht alle Arten erschaffen hätte? Wenn das Leben aus nichts als Wandel bestünde? Die Wochen auf Galápagos brachten ihn dazu, seine Theorie zu entwickeln. Deshalb denken wir, wenn wir an Evolution denken, an diese Inseln. Vor allem aber denken wir an zwei Tiere: Schildkröten und Finken.Konzentrieren wir uns auf die Schildkröte. Es ist heiss und hell, ein perfekter Tag für eine Schildkrötenjagd. Obwohl wir sie natürlich nicht jagen, sondern einfach aufspüren wollen. Ich wandere über die Insel Floreana. Unter einem Baum erkenne ich plötzlich drei Riesenschildkröten, die sich dort niedergelassen haben. Sie sind so gross, dass sie mich erdrücken könnten. Sie werden älter als hundertfünfzig Jahre. Ihr Atem ist tief und röchelnd, wie man sich die Lebensäusserungen eines Drachen vorstellt.
Linda Cayot war vor dreissig Jahren zum ersten Mal hier und ging mit ihrem Rucksack um den Vulkankrater herum. Auf der Insel Isabela schlug sie sich durch einen schier undurchdringlichen Wald. Isabela ist für die Schildkröten ein idealer Ort, weil in der Trockenzeit ein dichter Nebel über die Insel driftet und sich in den Bäumen verfängt; das Wasser läuft die Stämme hinunter, und es entstehen Teiche, aus denen die Schildkröten trinken können. Oft liegen sie auch einfach darin herum. «Es war ein magischer Ort», sagt Cayot, die erst fünfzehn Jahre später nach Galápagos zurückkehrte, als der Wald bereits verschwunden war. Die Tümpel waren ausgetrocknet. Es gab keinen Schatten mehr. Die Schildkröten lagen neben dürren Stämmen. Alles war kahlgefressen. Der Grund: Ziegen.
Die Ziegen hatten Piraten und Walfänger auf die Inseln gebracht. Im 15. Jahrhundert war Galápagos ein wichtiger Hafen im Pazifik. Hier landeten sie, um sich mit Frischwasser zu versorgen und Schildkröten zu fangen. Oft nahmen sie Hunderte von ihnen mit an Bord und liessen sie auf dem Rücken liegen, so konnten sie ein Jahr lang gelagert werden. Die Ziegen hatten die Seeleute als Notvorrat ausgesetzt. Sollten sie die Schildkröten satthaben, konnten sie bei ihrem nächsten Landgang auf Ziegenfleisch zugreifen.
Auf Isabela hatten die Ziegen wenig Platz, weil sie von einem Lavastrom vom Rest der Insel abgeschnitten waren. Zwanzig Kilometer rauher Lava, die sie kaum überwinden konnten. In den späten 1970er Jahren waren sie aber mutiger geworden. Sie breiteten sich aus und vermehrten sich derart, dass es in den 1990er Jahren auf Isabela 100 000 Ziegen gab. Es waren schöne Ziegen, mit weichem Fell und geschwungenen Hörnern. Das Problem: Sie frassen alles. Alles, was auch Schildkröten mochten. Die Schildkröten brauchten Hilfe. Nur wie? Sollte man die Ziegen ausrotten, weil es die Schildkröten nur hier gab, Ziegen jedoch überall? Andererseits lebten die Ziegen auch schon seit fünfhundert Jahren hier, genossen eine Art Bleiberecht.
1994 fand in England ein Anlass statt, den die Forscher Schildkrötengipfel nannten. Einige wollten alle Ziegen töten. Andere hielten das für wahnwitzig. Die Wissenschafter sprachen gar über den Vorschlag, Löwen anzusiedeln, um die Ziegen los zu werden. Nach jahrelanger Planung begann man schliesslich mit dem «Projekt Isabela». Bald hob jeden Tag ein Helikopter ab, eine kleine und wendige Maschine, bemannt mit einem Piloten und zwei Schützen. Am Anfang gingen sie immer gleich vor: Sobald sie auf eine Ziege stiessen, die wegen des Lärms verschreckt davonstob, folgten sie ihr und liessen sich zur Herde lotsen. Wenn sie bei der Gruppe waren, flogen sie Kreise, um die Ziegen zusammenzutreiben. Dann eröffneten sie das Feuer. Videoaufnahmen zeigen, wie die Ziegen um ihr Leben laufen, meist aber doch getroffen werden und zusammensacken. Einige schlaue Tiere suchten in Höhlen Zuflucht. Doch auch dort spürten die Jäger sie auf. Sie flogen so nahe wie möglich an den Schlund der Höhle heran, seilten einen Schützen ab, der in die Höhle hinabstieg und die Ziegen erschoss.
Es dauerte weniger als ein Jahr, um mehr als neunzig Prozent der Ziegen auf Isabela auszurotten – eine verhältnismässig einfache Aufgabe. Aber je weniger Ziegen übrigblieben, desto schwieriger wurde es, sie aufzuspüren. Schon beim Geräusch der Rotoren des herannahenden Helikopters versteckten sich die Ziegen, duckten sich hinter Büsche, rührten sich nicht vom Fleck. Die Schützen im Helikopter suchten das Gelände stundenlang ab – oft kehrten sie zurück, ohne eine Kugel abgefeuert zu haben. Sie brauchten eine Lösung und fanden sie in der Judasziege.
Ziegen sind Herdentiere. Diese Tatsache wollte man sich zunutze machen: Wenn man bei der aufwendigen Suche eine fand, landete man und fing sie ein. Man versah sie mit einem Peilsender und setzte sie wieder auf der Insel aus. Dann wartete man, während die Ziege mühelos zurück zur Gruppe fand. Schliesslich startete man den Helikopter, flog über die Insel und liess sich mittels einer Antenne den Weg zur Judasziege mit dem Peilsender zeigen. Der Helikopter flog über die Insel, die Gewehre ratterten.
Eine Judasziege ist allerdings nur gut, solange sie nicht trächtig wird. Dann zieht sie sich zum Gebären zurück. Darum musste eine besondere Judasziege her: eine, die nie trächtig wurde. Der Forscher Karl Campbell setzte auf Sterilisierung und versah die Ziegen mit Hormonimplantaten, damit sie während überdurchschnittlich langer Zeit läufig blieben, ein halbes Jahr statt ein paar Tage. So lockten sie die Böcke aus den Höhlen. Der Helikopter flog über die Insel, die Gewehre ratterten.
Das Projekt Isabela dauerte zwei Jahre, Hunderte von Judasziegen wurden eingesetzt. Am Ende trafen die Judasziegen nur noch auf andere Judasziegen. Das Ausrottungsprogramm war zu diesem Zeitpunkt bereits das grösste, das weltweit je in Angriff genommen worden war. Die Schützen verrichteten ihre Arbeit nicht nur auf Isabela. Sie flogen von Insel zu Insel und rotteten während sieben Jahren eine Viertelmillion Ziegen aus. Das Ergebnis war eindrücklich: Pflanzen kamen wieder zum Vorschein, Bäume wuchsen nach, auch Tümpel gab es bald wieder – die Schildkröten zogen in ihr altes Zuhause zurück.
Und die Judasziegen? Auch sie waren noch da. Warum? Man hatte sie wohlweislich dortgelassen, um ein anderes Problem anzugehen: wütende Fischer. Augustín López, ein alter Fischer, erzählte mir, dass es in den 1970er und 1980er Jahren kaum Einschränkungen für die Fischerei gab. Das ganze Jahr über fuhren sie zur See und fingen, was das Meer hergab, vor allem Seegurken. Irgendwann gefiel das den Naturschützern nicht mehr. «Sie sagten, wir würden zu viele Seegurken fangen, die Spezies sei bedroht», erzählt Lopez. Die Fischer rebellierten, niemand sollte ihnen vorschreiben, was sie zu tun und lassen hätten. In den 1990er Jahren zogen sie mehrfach wütend durch die Avenida Charles Darwin, durch den Barrio El Edén, warfen Steine und Stöcke. Paul Watson, der mit der Sea Shepherd Conservation Society eine Gegendemonstration veranstaltete, erzählte mir, dass die Fischer mit Molotowcocktails die Verwaltungsgebäude des Nationalparks angriffen und die Ranger aus dem Hauptquartier vertrieben. Sie brannten ein Gebäude nieder, entführten Mitglieder von Watsons Gruppe und schlitzten Schildkröten die Kehle auf. Es wird erzählt, dass Schildkröten auch an Bäumen aufgehängt wurden. Aus Bosheit, aus Angst, aus Eifersucht siedelten die aufgebrachten Fischer die gewöhnlichen Ziegen wieder an. Glücklicherweise gab es aber immer noch die Judasziegen, mit deren Hilfe man das Problem auf die bewährte Weise löste.
Mittlerweile haben die Fischer aufgehört, Nationalparks zu überrennen und Schildkröten zu töten. Anstatt weiterhin das Meer leerzufischen und ihre eigene Lebensgrundlage zu gefährden, beteiligen sie sich heute am Management der Fischerei. Einige wechselten die Branche und schippern seither Touristen um die Inseln.
In meiner letzten Nacht auf Galápagos treffe ich Leonidas Parrales wieder, den Mann mit der weissen Fahne. Wir verabreden uns in einer Pizzeria. Er hat die Wahl nicht gewonnen. Trotzdem ist er irritierend gut gelaunt. Er hat von allen vier Kandidaten am wenigsten Geld für den Wahlkampf ausgegeben und ist trotzdem auf Platz zwei gelandet. «Die Tiere haben jetzt auch meine Stimme», sagt er. Ganz ehrlich, dass das im Paradies einmal nötig sein würde, daran hatte ich bisher nie einen Gedanken verschwendet.
Dieser Artikel beruht auf dem Beitrag «Galápagos» von Radiolab, einem experimentellen Rundfunksender in den USA.
TIM HOWARD ist Radiojournalist; er lebt in New York.
Übersetzung: FLORIAN LEU.