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Frau Krummenacher hatte ein reiches, teilweise turbulentes Leben. Ein Wunsch blieb ihr verwehrt: eine Reise durch Amerika.
Steckbrief
Name: Margaretha Krummenacher
Aufgewachsem in: Bern
Alter: 92 Jahre
Beruf: Corsettière
Im Alterszentrum Alenia seit: 2007
Guten Tag, Frau Krummenacher. Wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es gut, danke.
Warum sind Sie gerade im Alterszentrum Alenia?
Mein Mann hatte lange bei der Haco gearbeitet. Als er 1994 verstarb, zog ich von Bern nach Gümligen in eine Dienstwohnung. Nach einer Knieoperation meldete ich mich für einen dringenden Eintritt in das Alterswohnheim an. Meine Kinder waren sehr froh über meine Entscheidung. Auch ich habe diese nie bereut und bin dankbar und glücklich.
Was gefällt Ihnen hier besonders und was weniger?
Mir gefällt es hier sehr gut. Ich bin nicht allein. Wenn ich Gesellschaft will, finde ich in der Cafeteria Gesprächspartner. Für meine Kinder ist es eine grosse Erleichterung, dass ich so gut untergebracht bin.
Was würden Sie in Ihrem Leben anders machen, was nie mehr?
Ich lernte den Beruf der Corsettière (Herstellerin von Korsetts und Büstenhaltern) in einem Fachgeschäft in Bern. Nach meiner dreijährigen Lehrzeit wechselte ich den Betrieb und absolvierte die Zusatzausbildung als Zuschneiderin. Nun war ich für das Zuschneiden der Stoffe vor der weiteren Verarbeitung verantwortlich. Leider wurde ich durch eine Näherin schikaniert und verlor so die Freude an meiner Arbeit. Ich beschloss, meinen Beruf aufzugeben und ins Ausland zu gehen. Im Anzeiger von Bern wurden per Inserat junge Mädchen für Auslandaufenthalte gesucht. Ich bewarb mich und erhielt die Zusage für eine Stelle bei einem älteren Ehepaar.
So zog es mich 1946 für 13 Monate nach England. Es war keine ein- fache Zeit. Auch die Menschen in England litten unter den Folgen des Krieges. Um ein Brot zu erhalten, musste ich manchmal zwei Stunden anstehen. Ich hatte oft Hunger. Nach meiner Rückkehr wollte ich im Verkauf arbeiten. In der Spitalgasse im «Au bon marché» fand ich eine Anstellung als Rayonleiterin mit Verantwortung für den Einkauf und die Personalführung. Mit 25 Jahren heiratete ich erstmals. Wir bekamen zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Leider scheiterte diese Beziehung. Nach zwölf Jahren wurden wir geschieden. Ich musste von vorne anfangen und war plötzlich auf mich alleine gestellt. Durch die Lehrerin meiner Tochter kam ich zu einer Bürostelle in einem Velogeschäft. Die fehlenden Kenntnisse in der Buchhaltung und im Schreiben auf der Schreibmaschine eignete ich mir in der Rischik-Schule an. 1965 heiratete ich ein zweites Mal.
Ich hatte es nicht immer einfach. Ich hinterfrage mein Leben aber nicht. Ich musste diesen Weg gehen, um diejenige Person zu werden, die ich heute bin. Mein Vater hatte mich sehr behütet und mir immer alle Hürden aus dem Weg geräumt. Nach meiner Scheidung holte mich die Realität sehr schnell ein. Ich musste lernen, mir selbst zu helfen oder mir Hilfe zu holen.
Was ist Ihre liebste kulturelle Beschäftigung?
Klassische Musik und Klavierkonzerte liebe ich.
Womit kann man Ihnen eine Freude bereiten?
Mit einem Konzert- oder Theaterbesuch.
Welche Lebenswünsche sind in Erfüllung gegangen, welche nicht?
Ich wollte immer eine Reise durch Amerika unternehmen. Früher hatte ich zu wenig Geld, heute bin ich zu alt. Das ist aber nicht schlimm. Ich hatte ein reiches, teilweise turbulentes Leben. Ich bin hier und durch meine Familie gut behütet. Meine Kinder sind sehr gut zu mir. Ich fühle mich sehr eingebettet in meine Familie. Ich habe miterlebt, wie einfühlsam ein Mitbewohner auf dem Sterbebett begleitet wurde. Das hat mir die Angst vor dem Sterben genommen.
Was möchten Sie unbedingt noch erleben?
Nichts, ich bin wunschlos glücklich.
Was könnten junge Menschen von Ihrer Generation lernen?
Es ist eine andere Zeit. Wir hatten nicht so viel Geld zur Verfügung und waren bescheidener. Man sollte weniger Wert auf Materielles legen und das Menschliche mehr schätzen.
Können Sie uns noch eine Anekdote aus Ihrem Leben erzählen?
Während meines Auslandjahres in England hatte ich pro Monat einen freien Tag. Diesen verbrachte ich jeweils mit einer Gruppe Schweizer Mädchen. Einmal planten wir einen Besuch im Wachsfigurenkabinett in London. Als wir aus dem Bahnhof hinaustraten, standen wir ziemlich ratlos herum. Keine von uns wusste, in welche Richtung wir gehen mussten. Vor uns auf der Kreuzung regelte ein Bobby (englischer Polizist) auf einem kleinen Podest den Verkehr.
Die Mädchen drängten mich, ihn nach dem Weg zu fragen. Ich beherrschte die französische Sprache immer noch besser als die englische. Deshalb wollte ich ihn fragen, ob er auch Französisch spreche. Als ich endlich ziemlich aufgeregt vor ihm stand, kam mir nur ein «Do you speak English?» über die Lippen. Er schaute mich verdutzt an und lachte laut los. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Nachdem er sich von seinem Lachanfall erholte hatte, bot er uns an, uns nach seinem Dienstende zu unserem Ziel zu führen.
Monika Di Girolamo