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Am Anfang waren... Herzog & de Meuron und Peter Zumthor
Philip Ursprung, der neue Architekturgeschichte-Professor der ETH Zürich, begann mit seiner Einführungsvorlesung am 22.9. seine eigene Geschichtsschreibung der Schweizer Architektur seit den 1980er Jahren.
Begonnen hat der Kunsthistoriker mit den Schutzbauten von Peter Zumthor in Chur (1986) und der Lagerhalle für Ricola von Herzog & de Meuron in Laufen (1987). Diese beiden Bauten seien exemplarisch und in ihrer Art im damaligen Architekturdiskurs einzigartig. Ursprung baute die folgenden 45 Minuten auf den Werken dieser beiden Protagonisten auf. Beide Infrastrukturbauten etwa «quetschten den inneren Raum nach aussen» und zeigten das Abwesende, so Ursprung. Die Fassade sei in beiden Fällen aber keineswegs ornamental, sondern reagiere auf den Kontext. So gelang den beiden Protagonisten eine Vereinigung der «Unvereinbarkeit von Innen und Aussen». Diese sei mit den Werkzeugen der Moderne und Post-Moderne bis anhin nicht möglich gewesen, so Ursprung. Die Moderne arbeitete mit Transparenz um das Innen mit dem Aussen zu verbinden, die Postmoderne mit der Kodierung ihrer Bauten. Weil Zumthor und Herzog & de Meuron eine «eigene Räumlichkeit» entwickelten, versteht sie Ursprung als Begründer einer der Schweizer Architektur.
Die beiden Bauten (und die vielen anderen, die in dieser Zeit entstanden sind und die Ursprung in dieselbe Kategorie stellt) haben in der Szene der amerikanischen Architekturtheoretiker eine heisse Diskussion entfacht. Allen voran Peter Eisenman und Kenneth Frampton rümpften damals die Nase ob der «oberflächlichen Opportunisten» Herzog & de Meuron und ob des «anachronistischen Perfektionisten» Peter Zumthor.
Diese neuen Tendenzen seien aber nicht dem Minimalismus zuzuordnen, wie es etliche Architekturtheoretiker und -historiker damals fast reflexartig rund um den Globus getan hätten, sondern – und nun kommt Ursprungs These – einer «neuen Räumlichkeit», welche die Schweizer Architekten damals entwickelt und welche die «Begrifflichkeit der Architektur» gesprengt hätten.
Beim «Warum?» legte Ursprung mehrere Gedankenstränge aus. Sie waren weniger stringent formuliert, als die Herleitung des Phänomens: Etwa nennt der Professor wirtschaftliche Gründe, insbesondere die «entfesselten Wechselkurse der deregulierten Märkte» (s. Bild) in den 1980er Jahren, die zu globalen Märkten und zu einer anderen Begriffswelt für die Architektur geführt hätten. Oder auch die hiesige Unabhängigkeit von einer internationalen Architekturtheorie (oder auch das Desinteresse daran?). Sie hätte den Architekten ermöglicht, sich eine eigene historische Dimension offen zu halten, so Ursprung.
Bemerkenswert waren zwei Absenzen in den munteren 45 Minuten: 1. Ursprung schaffte es, einen Architekturgeschichte-Vortrag zu halten, in dem Gordon Matta-Clark und seine zersägten Häuser (Ursprungs ureigenes Forschungsthema) nicht auftauchten. 2. Auch die «Swiss Box» fehlte. Unter diesem Titel wurde die Schweizer Architektur der späten 1980er- und 1990er-Jahre weltberühmt und zum wohl wichtigsten Kultur-Exportartikel der Schweiz. Es scheint, dass Ursprungs «neue Räumlichkeit» auch dazu führt, dass eingesessene architekturhistorische Begriffe aufs Abstellgleis geführt werden. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.