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Chandigarh ist eine Millionenstadt im Norden Indiens. Gebaut wurde sie in den 50er-Jahren nach den Plänen des Architekten, Architekturtheoretikers und Stadtplaners Le Corbusier (1887-1965). Karin Bucher und Thomas Karrer zeigen in ihrem neuen Dokumentarfilm «Kraft der Utopie - Leben mit Le Corbusier in Chandigarh», wie sich der Ort entwickelt hat.
Utopien würden oft nach Krisen wichtig, sagt die Co-Regisseurin, «dann, wenn wir uns fragen: Wie weiter?» Das sei in Chandigarh nicht anders gewesen. Die Stadt sei nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft, somit nach der blutigen Aufteilung von Indien in Pakistan und Indien entstanden. «Eine Utopie kann in einem solchen Zeitpunkt wie ein Phönix aus der Asche sein», so Bucher.
Zwei Welten
Ein Bild aus Chandigarh in einer Zeitschrift hat Thomas Karrer und sie auf die Filmidee gebracht. «Ich sah kühlturmartige Gebäude aus Beton, davor in farbige Saris gekleidete Menschen.» Zwei Welten treffen aufeinander. Zudem sei das Konterfei von Le Corbusier und Bauten aus Chandigarh auf der früheren gelben Zehn-Franken-Note abgebildet gewesen.
Die Planstadt gibt es nun seit 70 Jahren. Wir könnten - städtebaulich und grundsätzlich - viel von Chandigarh lernen, sagt Bucher. Denn: «Im Zentrum aller Überlegungen steht das Gemeinschaftliche.»
Städte würden nicht den Anforderungen des Menschen entsprechen, habe Le Corbusier bereits vor nahezu einem Jahrhundert vertreten. Man sollte sie abreissen und nach neuen Plänen wieder aufbauen. Bauen bedeute für ihn, sich einer gerechteren Welt anzunähern. Mit Chandigarh habe er die Möglichkeit bekommen, so Bucher, dies zu tun.
Die Stadt ist in fast 60 Sektoren aufgeteilt: Kleine Dörfer im Grossen, «weil wir alle in der Stadt oft überfordert sind». Und: Ein Drittel des Gebiets ist der Natur überlassen. «Es ist eine Gartenstadt und damit - gerade im Hinblick auf die Klimakrise - absolut zukunftsweisend», sagt die Co-Regisseurin.
Eine Bestandesaufnahme
Le Corbusier, mit bürgerlichem Namen Charles Edouard Jeanneret, wird wegen seiner politischen Nähe zu faschistischem Gedankengut, zum Vichy-Regime in Frankreich und zu Hitler kritisiert. Warum wird dieser Bereich nicht thematisiert? «Es geht nicht um Le Corbusier als Person, nicht um seine Biografie», erklärt Bucher. «Wir glorifizieren ihn aber auch nicht, wir beschränken uns einfach auf einen Aspekt.» Im Film kommen die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner zu Wort – und ihre Voten sind kontrovers.
Der Film ist dabei gleichsam Bestandesaufnahme, Rückblick und Ausblick und zeigt eindrücklich, wie die Stadt auch Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden ist.
«Filme sollen die Menschen anregen, über sich hinaus zu wachsen», sagt Bucher. «Ich möchte den Bad News Konstruktives entgegenhalten», so die Filmemacherin. «Utopien sind wichtig, um unserem Streben eine Richtung zu geben.»*
*Dieser Text von Raphael Amstutz, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.