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In regelmäßigen Abständen rufen Konservative, Schriftsteller und Sprachbewahrer dazu auf, sich dem Sprachwandel entgegenzustellen. Die jüngste Intervention des „Verein Deutsche Sprache“ führte zur Entstehung eines „Verein zur Verhunzung der deutschen Sprache“, der satirisch dagegenhält.
Die Sprachpuristen misstrauen einem Sprachgebrauch, der seinem Gegenstand gerecht werden will und Tradiertes so immer wieder prüft. Sie misstrauen einer Sprache, die für Änderungen offen ist und die ausstellt, dass sie und ihre Gegenstände etwas Kulturelles und damit auch Veränderbares sind. Der Gedanke, dass Sprache nicht etwas Unmittelbares, Natürliches ausspricht, sondern dass sie „fremde“ Einflüsse aufnimmt, sich also beständig verändert, gehört zu den Grundannahmen jeder Sprachwissenschaft.
Für die Überlegung, dass die Wörter unserer Sprache(n) künstliche Setzungen sind, dass sie mit ihrem Gegenstand nicht identisch sind, sondern diesen in vielfältigen und historisch wechselnden Bezeichnungen nur anzeigen, ist der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure bekannt: Das einzelne Wort verbinde eine Vorstellung mit einem Lautbild, und die Tatsache, dass andere Sprachen ein anderes Lautbild für dieselbe Vorstellung wählen, zeige, dass die Bezeichnung grundsätzlich beliebig ist. Ferdinand de Saussure gilt als Begründer der theoretischen Linguistik, als „Entdecker“ des arbiträren Zeichens und als Begründer der Wissenschaft der Semiologie, die – wie es bei ihm heisst – „das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens“ untersuchen und die gemeinsamen Gesetze von Sprache und Gesellschaft herausarbeiten soll.
Sprachwandel
Die prinzipielle Arbitrarität der Sprache lässt sich, so Saussure, leicht bewusst machen, wenn man reflektiert, dass Sprache geschichtlich ist (etwa mit Blick auf den Sprachwandel). Aus der grundsätzlichen Beliebigkeit der Wörter folgen zwei einander auf den ersten Blick entgegengesetzte Sachverhalte: Zum einen die Veränderlichkeit der Sprache in der Geschichte, durch sozialen Wandel oder Reformen und zum anderen ihre relative Unveränderlichkeit, die Tradition und der Codex der Sprache. Saussure formuliert das als dialektische Pointe (man merkt, dass er in Berlin und im Hegel-Kontext studiert hat): Dass wir die Sprache, die unsere Umgebung spricht und die wir als Kinder erlernen, nicht einfach grundsätzlich ändern können, ist gerade der Beweis für ihre innere Unmotiviertheit. Gerade weil die Bezeichnungen nichts Natürliches oder im Wesen der Dinge Verankertes sind, müssen sie gelernt, tradiert und festgeschrieben werden. Gerade weil der Sprache die radikale Möglichkeit der Veränderung eignet, braucht sie starke Strategien der Festschreibung (Duden und Gesetze). Was besonders starr und unveränderlich wirkt, ist also in Wirklichkeit besonders arbiträr und damit prinzipiell veränderbar. Gerade der Eindruck des Beharrlichen und Immer-schon-Gegeben weist den Weg, im vermeintlich Unwandelbaren das Künstliche und Erlernte und eben nicht das „Natürliche“ zu sehen: Das gilt für die Sprache wie für andere gesellschaftliche Einrichtungen.
Die Worte der Sprache sind Produkte sozialer und historischer Kräfte, sie reichern sich mit Kontexten an und rufen ihre gesellschaftlichen Produktionsbedingungen mit auf (das Wort „Neger“ die Sklaverei, das Wort „Fräulein“ die ganze Geschichte der bürgerlichen Ehe und Misogynie). Ein verändertes Sprachbewusstsein, ein bewusster Sprachwandel oder eine Sprachreform, auch wenn sie von etwas ausgehen, das so abwertend „political correctness“ genannt wird (als wäre die Korrektheit nicht ein Merkmal der Sprachstarren), ist der Sprache also nicht äußerlich, sondern gehört zur Anerkennung ihrer Geschichtlichkeit. Es gibt keine verlorene Unschuld oder kontextlose Jungfräulichkeit der Worte. Die einzenen Wörter sind immer historisch geworden (und historisch anders gewesen), mit sozialen Kontexten angereichert und politisch.
Mehrsprachigkeit
Auch die Mehrsprachigkeit macht die Arbitrarität der Sprachzeichen bewusst. Man könne, sagt Saussure, darüber streiten, ob die monogame Ehe vernünftiger sei als die polygame, aber man kann nicht darüber streiten, ob die Wörter „sœur“ oder „sister“ für die Vorstellung einer „Schwester“ passender sei. An der Vorstellung „Schwester“ lässt sich zeigen, dass Lautfolge und Bedeutung gerade nicht „verwandt“ sind. Linguistisch betrachtet ist die Sprache polygam, eine Vorstellung paart sich mit mehreren Lautbildern, die Bedeutung verhält sich (in Anlehnung an eine Formulierung Walter Benjamins) wie der Sultan im Harem der Worte. Die Beliebigkeit der Wörter zu erkennen ist ein Moment der Säkularisierung: Es gibt keine heilige Sprache, nur eine soziale, historische und durch und durch menschliche. In dieser Überlegung steckt, so Adorno, ganz grundsätzlich der „Sprengstoff der Aufklärung“.
Die Theorie der Arbitrarität richte sich „gegen den konformistischen Zug der Sprache“ und gegen den konformistischen Umgang mit ihr – gegen das, was Adorno den „Jargon der Eigentlichkeit“ nannte und was heute vielleicht der Jargon des Authentischen wäre. Beim Nachdenken über die Sprache wird deutlich, wie es um alle sozialen Einrichtungen und kollektiven Übereinstimmungen bestellt ist, etwa – um an die vorherige Metaphorik anzuknüpfen – um die kulturellen Vorstellungen von Ehe (wer darf sie schließen?) und Elternschaft. Die sozialen Einrichtungen sind gerade nicht natürlich, sondern Kulturprodukte, nicht statisch, sondern veränderbar. Eine Veränderung, die mit einer Veränderung der Sprache einhergehen oder von dieser indiziert werden kann.
Wörter aus der Fremde
Im Fremdwort, so schreibt Adorno Saussures Verwandtschaftsmetaphern fort, lockt eine „Exogamie der Sprache“, „die aus dem Bann dessen, was man ohnehin ist und kennt, herausmöchte“. Das fremde Wort ist für Adorno eine besonders wichtige Reflexionsfigur des Gesellschaftlichen. Es unterläuft die Vorstellungen einer homogenen, von Einflüssen unberührten Sprache und damit auch das Phantasma eines homogenen Volkes. Mit seinem Essay Wörter aus der Fremde (1959) formuliert Adorno vor dem Hintergrund deutscher Stammes- und Reinheitsphantasien eine Verteidigung des Gebrauchs von Fremdwörtern und von Fachsprache. Hinter der Abwehr des Fremdworts meint er die Abwehr gegen eine offene Gesellschaft, die reaktionäre Rückführung des Sozialen auf ein vermeintlich Natürliches zu erkennen. Adorno schreibt dabei aus der Defensive: Seine Texte und Vorträge sind und waren berüchtigt für einen Einsatz von Fremdwörtern, der wenig Zugeständnisse an die Allgemeinverständlichkeit macht. Adorno gibt denn auch zu, dass der Versuch einer Verteidigung des bildungssprachlichen Fremdwortes, solange Bildung ein soziales Privileg und nicht allen gleich zugänglich ist, „hilflos“ ausfallen muss: Sein Essay ist eine immer wieder neu ansetzende Rede, deren Teile einander immer wieder relativieren.
Das Fremdwort als Widerstand
In seiner Jugend, so schreibt Adorno, „bildeten [die Fremdwörter] winzige Zellen des Widerstands gegen den Nationalismus im ersten Weltkrieg.“ Adorno spricht nicht nur von französischen Vokabeln in Schulaufsätzen, die zu Gebärden des Widerstands werden, sondern auch vom Lateinischen der höheren Bildung. Im Deutschen, so Adornos sprachgeschichtliche These, ließe sich an der (älteren neuhochdeutschen) Sprache ablesen, dass die lateinische Zivilisation, der Humanismus und die Integration ins christliche Westeuropa abgewehrt wurden und dem Denken fremd blieben. Die unassimilierten lateinischen Wörter, die fremd aus der deutschen Sprache herausragen, zeigen, dass keine „pax romana“ geschlossen wurde, dass der Humanismus nicht „als Substanz der Menschen selber erfahren wurde, sondern als ein Unversöhntes und ihnen Auferlegtes.“
Eine ähnliche Überlegung bringt Ernst Robert Curtius dazu, während des Nationalsozialismus über das geteilte „römische Erbe der europäischen Literatur“ zu forschen. 1948 veröffentlichte Curtius seine Studie Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, die dieselben antiken (Sprach-)Bilder und Themen in verschiedenen europäischen Sprachen aufzeigt und auch das Deutsche (sprachlich und politisch) ins lateinische Europa integriert. Der deutsche Nationalismus wird hier mit einem, wie Curtius schreibt, „Europabewusstsein“ konfrontiert, ein Europa, das allerdings mit dem römischen Recht und Christentum in eins gesetzt wird und den slawischen Raum ganz ausspart: „Man ist nur Europäer, wenn man civis Romanus geworden ist“, so Curtius‘ Fazit. Adorno geht es in seinem Essay dagegen weniger darum, einem christlichen Westeuropa das Wort zu reden, als um eine Faschismusanalyse. Darum, aus dem deutschen Umgang mit dem Fremdwort die Fremdenfeindlichkeit der Nationalsozialisten (die „das Fremde“ erst konstruiert) und aus dem Umgang mit der Bildungssprache das typisch deutsche „Unbehagen an der Zivilisation“, das Ressentiment gegen das Friedensrecht herauszulesen, das Norbert Elias dem deutschen Bürgertum 1939 in seiner Forschung zum „Prozess der Zivilisation“ attestierte.
„Kanak Sprak“
Die Verbindung von Sprache und Nationalismus und die Reglementierung von Fremdwörtern ist – auch jenseits von Adornos Fokus – ein immer wiederkehrendes Thema des politischen Diskurses: Sprachschutzgesetze wie in Frankreich, Polen, Ungarn, Rumänien und Schweden gehen mit einem Populismus einher, der die vermeintliche Reinheit der eigenen Tradition gegen fremde Worte, Konzepte und Menschen stark macht. Denn wie Fremdworte werden längst nicht mehr nur Einflüsse aus anderen Sprachen behandelt, sondern auch Begriffe aus den Gender-und Kulturwissenschaften, Formulierungen die Interessensverbände nahelegen und die Alternativen zu altehrwürdigen Chauvinismen bieten sollen.
Dass das Konzept des Fremdwortes auf andere Wörter und die gesamte Sprache ausgeweitet, und subversiv gewendet werden kann, ist auch die Pointe von Adornos Essay. Für Adorno ist das im Deutschen im Gegensatz zu den romanischen Sprachen so „unassimiliert herausstechende“ Fremdwort mehr als das geschichtliche Zeugnis für das Misslingen einer Vereinigung und eines Friedensschlusses.
Es kann zu einer bewussten Praxis werden, sich einer erzwungenen, sprachlichen und „völkischen“ Vereinheitlichung entgegenzustellen. „Keine Sprache, auch die alte Volkssprache nicht, ist, wozu restaurative Lehren sie machen möchten, ein Organisches, Naturhaftes“, schreibt Adorno, der im Abschotten der „Volkssprache“ von Einflüssen anderer Sprachen und Kulturen eine Analogie zu rassischen Reinheitsvorstellungen sieht. Die Fremdworte werden in der „Nehmersprache“ des Deutschen so zur Chance: zum Ort der Reflexion des Sozialen und zum Widerstand gegen das Politische. In einer Zeit der politischen Spaltung und Abschottung bieten Fremdwörter und Sprachmischungen die Möglichkeit, sich mit dem Ausgeschlossenen zu solidarisieren. Heute lägen dafür weniger die großen (europäisch-kolonialen) Weltsprachen nahe, als die Sprachen der sogenannten „Gastarbeiter“, der Migranten und aus ihrer Heimat Geflohenen – wie Monika Schmitz-Emans in ihrem Beitrag zur „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoglu zeigt.
Philosophie-Effekt
Auf einer ganz prinzipiellen, philosophischen, aber damit nicht weniger kritischen und praktischen Ebene dient das Fremdwort der Ver-fremdung des Gewöhnlichen. Es ist nicht nur subversiv, sondern, so Adorno, radikal: „Das Fremdwort mahnt krass daran, dass alle wirkliche Sprache etwas von der Spielmarke hat, indem es sich selber als Spielmarke einbekennt. Es macht sich zum Sündenbock der Sprache, zum Träger der Dissonanz (…). Wogegen man sich beim Fremdwort sträubt, ist nicht zuletzt, dass es an den Tag bringt, wie es um alle Wörter steht (…).“ Das Wort aus der fremden Sprache, dessen Zeichenhaftigkeit besonders hervorsticht, zeigt, dass in Wirklichkeit alle Worte fremd sind – manche ist man einfach nur gewohnt. Das Fremdwort „demaskiert“ die Sprache in seinem Umkreis; es zeigt, dass auch das vermeintlich Natürliche eine Setzung und Tradition ist – und bei weitem keine eindeutige und unwidersprochene. Auch innerhalb einer Sprache gibt es andere: ein Patchwork aus Dialekten, Soziolekten, Jargon und Fachsprache (die nicht jedem zugänglich ist). Das Fremdwort und der absichtliche Terminus der Wissenschaft vernichten „den Schein der Naturwüchsigkeit der Sprache“. Linguistisch betrachtet begegnen sich in jedem Wort fremde Elemente, ein Lautbild, das genauso gut ein anderes sein könnte, und eine Vorstellung. Alle Wörter muss man lernen, keines ist unvermittelt gegeben und daher normal oder natürlich. Fremde, das wäre das Fazit, sind die Worte sich selbst und Sprechen heißt immer in einer Gesellschaft mit Fremden sein.