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Der demokratische Backpacker
Der freie Backpacker (自由背包客), so nennt sich der neueste Taiwan-Reiseführer. Anstatt mit Sehenswürdigkeiten wie dem Palastmuseum, Sonne-Mond-See oder dem 101-Wolkenkratzer, beschäftigt er sich mit der dunklen Vergangenheit der Insel.
Taiwan ist nämlich erst seit 26 Jahren eine Demokratie. Zuvor herrschte auf der Insel während vier Jahrzehnten das Kriegsrecht. Kritik an der Regierung von Chiang-Kai-Shek und dessen Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo wurde gnadenlos unterdrückt (Asienspiegel berichtete hier und hier).
Ob in der Hauptstadt Taipeh oder auf der Grünen Insel im Südosten Taiwans: Die diktatorische Vergangenheit hat überall ihre Spuren hinterlassen. Wie zum Beispiel im Machangding Memorial Park in Taiwans Hauptstadt. Auf dem früheren Trainingsplatz japanischer Soldaten exekutierte später Chiang-Kai-Sheks Regierung während vier Jahrzehnten Regimekritiker.
Spuk im Fünf-Sterne Hotel?
Dort wo jetzt das Sheraton Hotel in Taipeh steht, wurden bis Ende der sechziger Jahre mutmassliche Regimegegner festgehalten, während diese auf ein Urteil warteten. Bis zu fünfzig Gefangene mussten sich eine fünfzig Quadratmeter kleine Zelle teilen. Um verlorene Seelen zu beruhigen, soll das Fünf-Sterne-Hotel zwei grosse chinesische Kalligrafien in der Lobby aufgehängt haben. Gerüchten zufolge, so der Reiseführer, soll es dort nämlich spuken.
Jeden morgen sei die Namensliste für die Todesurteile ausgerufen worden, erinnert sich Kun-Lin Tsai. Tsai ist einer der Überlebenden, die wegen «kommunistischen Gedankenguts» festgenommen wurden. Später wurde er auf die Grüne Insel gebracht, wo er als politischer Gefangene zehn Jahre seines Lebens verbrachte.
Es sei ein tolles Buch, sagt der heute 83-jährige, das ihn überrascht und sehr bewegt habe. Natürlich gebe es auch andere Bücher über jene Zeit, so Tsai gegenüber Asienspiegel, jedoch nicht in der Form eines Backpacker-Reiseführers, der eine junge Generation anspreche.
Das Teehaus der Dissidenten
Empfohlen wird das Buch auch von Historikerin Chen Tsuilian, Professorin für taiwanische Geschichte an der Nationalen Taiwan Universität. Der Reiseführer biete den Backpackern viele verschiedene Routen, auf denen sie die Geschichte Taiwans und den Willen seiner Bewohner entdecken könnten.
Der Backpacker-Guide erteilt aber nicht nur Geschichtslektionen, sondern gibt etwa auch praktische Tipps, wo man sich verpflegen kann. Dazu gehört etwa das Wistaria-Teehaus, ehemals ein bekannter Treffpunkt von Künstlern und politischen Dissidenten, heute eine Gaststätte für Teekultur. Und auf der Grünen Insel werden neben dem Gefängnis und dem Museum auch die bekannten heissen Quellen oder eine lokales Dessert aus Meeresalgen vorgestellt.
Geschrieben hat den Reiseführer die taiwanische Drehbuchautorin Wu I-chen, die dafür ein Jahr lang während ihrer Freizeit die verschiedenen Orte der Insel bereiste. Es sei auch eine Reise zu ihrer eigenen Identität als Taiwanerin gewesen, sagt die Autorin auf der Buchvorstellung gegenüber Asienspiegel.
Das Buch sei aber nicht nur für Taiwaner gedacht, auch Hongkonger und Chinesen sollen dadurch mehr über den langen Weg der Insel zur Demokratie erfahren. Auch westliche Taiwan-Besucher sollen vom Reiseführer profitieren, der gesamte Inhalt ist deshalb auf Chinesisch und Englisch.
Buchinfo:
Chinesischer Titel: 自由背包客，台灣民主景點小旅行
Englischer Titel: On the road to freedom: A Backpacker’s Guide to Taiwan’s Struggle for Democracy
Autorin: Wu I-Chen
ISBN: 978−986−294−066−2
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