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Drei Jahrzehnte brauchte China , um sich zur viertgrössten Volkswirtschaft zu entwickeln. Als Folge des rasanten Aufstiegs sind qualifizierte Arbeitskräfte heute knapp.
Das Ausbildungssystem ist völlig veraltet. Das spüren auch Schweizer Konzerne wie ABB, Geberit und Comet, die auf dem boomenden chinesischen Markt tätig sind.
Internationale Firmen, die sich in China angesiedelt haben, um in der Produktion, Forschung und Entwicklung Gewinne einzustreichen, erkennen, dass die Rechnung nicht immer aufgeht. Der Grund dafür ist ein Mangel an gut ausgebildeten Mitarbeitern.
Zum Beispiel ABB: Der Schweizer Elektro- und Automationskonzern hat in China 12'000 Angestellte, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Rund 50% davon sind Ingenieure.
Diese zu finden sei jedoch "extrem schwierig", sagt Konzernsprecher Wolfram Eberhardt. "Wir würden gerne noch viel mehr einstellen, finden aber kaum qualifizierte Leute."
Zwar verlassen dieses Jahr 4,9 Millionen Absolventen die chinesischen Universitäten. Sie sind oft so schlecht ausgebildet, dass sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben.
Eine Studie von McKinsey schätzt, dass von 600'000 jährlichen Absolventen der Ingenieurwissenschaften weniger als 10% die Fähigkeit haben, in einem internationalen Konzern zu arbeiten.
Das Problem ist das völlig veraltete Ausbildungssystem. Trotz gleicher Titel lässt sich die Qualifikation chinesischer Abgänger nicht mit denen europäischer Hochschulen vergleichen.
Mangelnde Selbständigkeit
Studenten in China lernen vor allem, Aufgaben anhand vorgegebener Standardmodelle zu lösen. Nicht gefördert werden Analysefähigkeit und die Entwicklung eigener Problemlösungs-Kompetenzen.
Entsprechend erwarten Berufseinsteiger von ihren Vorgesetzten genaue Vorgaben und sind kaum in der Lage, selbstständig Projekte auszuführen.
"Ein Uni-Abschluss in China ist nicht zu vergleichen mit einem in Europa", bestätigt Felix Aepli, China -Chef von Geberit. "Wenn ich chinesische Absolventen mit Praktikanten aus Europa vergleiche, sind letztere meist viel besser ausgebildet."
Geberit, Europas führender Sanitärtechniker, erwirtschaftet im asiatischen Raum bisher nur einen geringen Anteil seines Umsatzes. Doch der Erlös nimmt hier prozentual am stärksten zu.
"Hat man qualifizierte Mitarbeiter gefunden, ist die zweite Hürde, sie dazu zu bringen, für einen zu arbeiten", sagt Friedhelm Maur, in Schanghai ansässiger Asien-Salesmanager der Freiburger Comet-Gruppe. "Vor allem, wenn die Firma in dem betreffenden Land noch keinen klingenden Namen hat."
Kaufen, wenn man sie findet
Letzteres ist für den Weltmarktführer für industrielle Röntgentechnologie in China mittlerweile einfacher. Die Suche nach qualifiziertem Personal aber bleibt schwierig.
"Wir stellen oft Leute ein, wenn noch nicht klar ist, für welchen Job wir sie benötigen", so Maur. "Das ist wie mit Handschuhen: Man muss sie kaufen, wenn man sie findet, nicht erst, wenn man sie braucht."
Die wenigen qualifizierten Fachkräfte, die es gibt, sind für die Unternehmen schwierig zu halten. Denn sie sind bereit, für nur wenig mehr Geld pro Monat den Arbeitgeber zu wechseln. Eine hohe Fluktuation bedeutet für die Firmen wiederum, dass Know-how-Aufbau schwierig ist – besonders in Bereichen, in denen Erfahrung notwendig ist.
Nicht alles ist in China billiger
Das bestätigt auch Wolfgang Hennig. Der deutsche Genetiker versucht seit fast 20 Jahren, in China Forschung zu betreiben. Er lehrt an den Shanghai Institutes for Biological Sciences.
"Mitarbeiter zu finden, ist schwierig. Die guten Leute streben ins Ausland." Es sei unmöglich, stabile Arbeitsgruppen aufzubauen. Ursache sei nicht zuletzt die schlechte praktische Ausbildung. Zudem stünden angehende Wissenschaftler unter enormem Druck, möglichst viel zu publizieren – und sie beschönigten nicht selten Forschungsergebnisse.
"An unserem Institut trauen wir keinen Daten, die wir nicht selber nachgeprüft haben", so Hennig. Chinesischen Kollegen sei die einseitige Ausbildung bewusst. Nicht umsonst sei der Drang ins Ausland gross – viel grösser als vor zehn Jahren. "Europa kann froh sein, dass es in der chinesischen Forschung noch so schlecht bestellt ist", so Hennig. "Bis sich dies ändert, wird es Jahre dauern."
Die grosse Nachfrage nach qualifiziertem Personal und das geringe Angebot hat die Löhne in China nach oben getrieben. "Die Löhne in China und Europa nähern sich immer mehr an", bestätigt ABB-Sprecher Ebenhardt. "Trotzdem ist es für uns wichtig, Forschung in China zu betreiben, denn sie muss nah an den Fabriken stattfinden."
Geberit-Manager Aepli bestätigt: "Die Aussage 'In China ist alles viel billiger' stimmt so nicht."
swissinfo, Kristina Reiss, Schanghai
Kein Billigland
Die Gehälter für mittleres und oberes Management in China stiegen in den vergangenen zwei Jahren um jährlich bis zu 10%.
Das besagt eine Studie der Deutschen Bundesagentur für Aussenwirtschaft (BFAI).
Fachleute gehen gar von noch höheren Zuwächsen aus.
Laut BFAI werden sich die Engpässe bei Experten noch verschärfen und zu Wettbewerbsnachteilen führen.
Bereits jetzt verhielten sich ausländische Investoren gegenüber bestimmten chinesischen Hot Spots reservierter, weil die dortigen Lohnkosten zu hoch seien.
"Die Volksrepublik China ist kein Billiglohnland mehr", folgert die BFAI.
Das Lohnniveau für Fachkräfte und Personal in Leitungsfunktionen erreiche inzwischen internationales Niveau.
Die BFAI-Erhebung, basiert auf Datenmaterial von 2005. Demnach verdient ein Geschäftsführer einer grossen Niederlassung in Schanghai zwischen 6700 und 16750 Euro monatlich.