Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/1854

Köbi Kuhn erlag am 26. November 019 im Spital Zollikerberg den Folgen einer langwierigen Erkrankung an der Lunge. Die Fussball-Schweiz verliert damit eine grosse Figur. 2011 war bei ihm eine chronisch lymphatische Leukämie diagnostiziert worden. Aus Anlass seines Todes publizieren wir hier einen Beitrag zu seiner Karriere aus dem „Goldenen Buch des Shweizer Fussballs“.
Jakob „Köbi“ Kuhn ist der einzige Schweizer, der sowohl als Spieler wie auch als Nationaltrainer WM-Endrunden miterleben konnte. 1966 stand er in der „Nacht von Sheffield“ als Spieler im Mittelpunkt der Diskussionen, 40 Jahre später erlebte er als Schweizer Coach an der Endrunde 2006 in Deutschland die Achtelfinals. Kuhn prägte als Trainer eine der erfolgreichsten Perioden des Schweizer Fussballs mit drei Endrundenteilnahmen in Folge.
Die erste Berührung mit einer Fussball-Weltmeisterschaft gibt es für Jakob „Köbi“ Kuhn schon im zarten Alter von elf Jahren. An der WM im eigenen Land verkauft er vor dem Hardturmstadion Matchprogramme. Er ist damit mittendrin bei den ganz Grossen dieses Sportes, den er so liebt, und den er schon als kleiner Junge auf der Fritschiwiese vor der elterlichen Wohnung in Wiedikon mit grosser Leidenschaft betreibt. Mit zehn Jahren besucht er, animiert von älteren Kollegen, sein erstes Training beim FC Wiedikon. Mit einer Ausnahmebewilligung kann der talentierte Fussballer schon bald seine ersten offiziellen Spiele bestreiten, als jüngstes Mitglied seines Teams. Schon mit 15 Jahren spielt „Köbi“ in der ersten Mannschaft des FC Wiedikon, zwei Jahre später wechselt er zum FC Zürich und macht dort am 19. März 1961 sein erstes Spiel in der Nationalliga A – ein 3:1-Sieg gegen den FC Winterthur schaut heraus. Der gelernte Tiefdruckätzer ist endgültig an der nationalen Fussballspitze angekommen.
Es dauert nicht lange, und Köbi Kuhn ist auch Schweizer Nationalspieler. Noch nicht 20-jährig erlebt er seine Premiere am 11. November 1962 im EM-Qualifikatonsspiel gegen Belgien, das die Schweizer mit 1:3 verlieren. Trotz der Niederlage zeigt Kuhn das, was ihn in den folgenden Jahren im Nationalteam, mehr aber noch beim FC Zürich auszeichnen wird: eine grosse Eleganz im Umgang mit dem Ball, seine Dribbelstärke auf engstem Raum, sein scharfes Auge, eine Passsicherheit, dazu eine Leichtigkeit in den Bewegungen. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Karl Odermatt vom FC Basel wird er in den folgenden Jahren das ewige Duell zwischen den beiden Traditionsclubs mitprägen. 1963 wird er mit dem FC Zürich erstmals Schweizer Meister – es ist der erste Titel für die Stadtzürcher seit 1924, seit fast vier Jahrzehnten.
Im Meistercup gegen Real
Im Jahr darauf gibt’s ein erstes internationales Highlight. Im Europacup der Meister stösst der FC Zürich bis in die Halbfinals gegen das grosse Real Madrid mit Alfredo di Stefano vor. Der Letzigrund ist zum Bersten voll, einem 1:2 im Hinspiel folgt ein klares 0:6 im Rückspiel. 1966 holt der FC Zürich sein erstes Double – und kurz darauf steht Kuhn im Aufgebot von Nationaltrainer Dr. Alfredo Foni für die WM in England. Doch am Tag vor dem ersten Gruppenspiel gegen Deutschland entfernt sich Kuhn gemeinsam mit Werner Leimgruber und Leo Eichmann vom Teamhotel und kommt nach dem „Zapfenstreich“ zurück. Wilde Szenen spielen sich innerhalb der Schweizer Delegation ab, am Ende wird entscheiden, dass die „Ausflügler“ für das erste Spiel gesperrt sein würden. Die „Nacht von Sheffield“ und ihre Bearbeitung vor Ort vergiftet das Klima innerhalb des Schweizer Teams, alle drei Gruppenspiele gehen verloren, auch gegen Argentinien und Spanien, als der rehabilitierte Kuhn wieder mittun darf. Nach der WM wird Kuhn doch wieder gesperrt und bestreitet fast zwei Jahre lang kein Länderspiel mehr.
Die folgenden Jahre sind Jahre des Misserfolgs – die Schweiz bestreitet keine Endrunde mehr, zuletzt verpasst die Schweiz auch die Qualifikation für die WM 1978. Kuhn, der seit 1974 regelmässig als Captain des Nationalteams agiert hatte, beendet mit einer 0:1-Niederlage in Oslo am 8. September 1976 seine Karriere im Schweizer Team. Wieder hat er, diesmal mit Hansjörg „Joko“ Pfister die Bettruhe nicht ganz so wörtlich genommen. Die „Nacht von Oslo“ schrieb noch einmal grosse Schlagzeilen in der Heimat, Kuhn wurde vom Verband gesperrt und kehrte nie mehr ins Nationalteam zurück.
Naegeli blockiert alle Wechsel
Beim FC Zürich jedoch prägt Köbi Kuhn viele erfolgreiche Jahre. Insgesamt sechsmal holt er die Meisterschaft, fünfmal den Cup, zweimal das Double. 17 Jahre hielt er dem FC Zürich die Treue – was auch damit zu tun hatte, dass der charismatische und allesbestimmende Präsident Edi Naegeli entsprechende Anfragen für Kuhn durch den FC Anderlecht oder den Hamburger SV konsequent abblockte. Auch der Versuch, sich dem Stadtrivalen Grasshoppers anzuschliessen, scheiterte im Sommer 1969. Kuhn unterschrieb dort, geködert von einem grossen Geldkoffer, einen Vertrag, trainierte mehrere Wochen mit und posierte dann im GC-Trikot mit der Nummer 9 auf einem Mannschaftsfoto, das in der „Schweizer Illustrierten“ veröffentlicht wurde. Erst dann bemerkte Präsident Naegeli den Wechsel Kuhns über die Geleise, den er selbst tunlichst verschwiegen hatte. Naegeli war erbost, verlangte eine lange Sperre für Kuhn. GC-Präsident Albert Fader versteckte Kuhn in seiner Tessiner Villa. Nach tagelangem Hin und Her setzte sich Naegeli durch, Kuhn kehrte auf leisen Sohlen zum FCZ zurück, ohne je eine Minute für GC aufgelaufen zu sein.
Zum Ende seiner Karriere erlebt Kuhn als Captain des FC Zürich noch einmal grosse Momente. Nach dem Double 1976 stösst der FC Zürich zum zweiten Mal in der Clubgeschichte bis in die Halbfinals des Europacups der Meister vor. Diesmal war Kevin Keegan der grosse Start beim Gegner, wieder blieb der FCZ nach einem 1:3 und einem 0:3 ohne Chance auf den Final. Am 25. Juni 1977 macht Köbi Kuhn seit 396. und letztes NLA-Spiel für den FC Zürich. In einem Benefizspiel kurz darauf tritt Kuhn mit einem 2:1-Sieg gegen die AC Milan endgültig von der Bühne als aktiver Fussballer ab.
Versicherungsagent und Nachwuchstrainer
Danach eröffnet er die „Agentur Köbi Kuhn“, die vor allem für die Zürich Versicherungen arbeitet. Seit 1969 hatte sich Kuhn neben dem Fussball in dieser Branche spezialisiert. Beim FC Zürich übernimmt er bis 1995 verschiedene Funktionen als Sportchef, Juniorenobmann, Technischer Leiter des Nachwuchses und auch als Interimscoach der ersten Mannschaft in der Saison 1983/84. Seine Agentur geht 1990 in Konkurs, Kuhn arbeitet in der Folge bei der Treuhand AG in Zürich. 1996 steigt er beim Schweizerischen Fussballverband im Rahmen des neuen Nachwuchskonzeptes als Juniorentrainer ein, erreicht mit der U18 die EM-Endrunde und baut eine erfolgreiche U21 auf, die 2002 die EM im eigenen Land bestreitet. Dort wird das Schweizer Team schon von Bernard Challandes betreut, denn Kuhn wurde am 10. Juni 2001 zum neuen Schweizer Nationalcoach befördert.
Erfolgreiche Ära
Mit dieser erreichte er in sieben Jahren drei Endrunden, die EURO 2004 in Portugal und 2008 im eigenen Land sowie die WM 2006 in Deutschland, die erste Schweizer Weltmeisterschaftsteilnahme seit 1994, die im Achtelfinal gegen die Ukraine mündete. Aufgrund der emotionalen WM wurde er zum „Schweizer des Jahres 2006“ gewählt – in seinem Zürcher Heimatquartier Wiedikon wurde ausserdem an der Döltschihalde ein „Köbi-Kuhn-Platz“ inoffiziell beschildert. Kuhn galt als väterlicher Trainer, der es verstand, die richtige Balance zwischen Freiräumen und Leistungskultur zu finden. Spielerpersönlichkeiten wie Alex Frei, die Gebrüder Yakin, Patrick Müller, Jörg Stiel, Ricardo Cabanas, Raphael Wicky oder Marco Streller prägten seine Ära mit. Er überwarf sich aber auch mit Akteuren wie Ciriaco Sforza, Blaise Nkufo und Johann Vogel.
2008, nach der EURO in der Schweiz, die mit dem enttäuschenden Ausscheiden nach der Vorrunde endete, trat er – wie lange zuvor angekündigt – zurück und übergab die Führung des Nationalteams an Ottmar Hitzfeld. Die Mannschaft erweist ihm mit einem Transparent „Danke Köbi“ die Ehre für sieben aufregende Jahre. Kuhn zog sich in der Folge weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und widmete seine ganze Kraft der Pflegt seiner schwer kranken Frau Alice, die er am 6. März 1965 in der Kirche von Witikon geheiratet hatte.
Jakob „Köbi“ Kuhn
* 12. Oktober 1943 in Zürich-Wiedikon
Position: Mittelfeld
Nationalmannschaft
Erstes Länderspiel: 11. November 1962 gegen Holland in Arnheim (1:3)
Letztes Länderspiel: 8. September 1976 gegen Norwegen in Oslo (0:1)
64 Länderspiele, 5 Tore
WM-Teilnahme 1966
Vereinsstationen
1953-1960 FC Wiedikon
1960-1977 FC Zürich
Vereinserfolge
Schweizer Meister 1963, 1966, 1968, 1974, 1975, 1976
Schweizer Cupsieger 1966, 1970, 1972, 1973, 1976
Schweizer Double-Gewinner 1966, 1976
Halbfinalist im Europacup der Meister 1963/1964 (Real Madrid) und 1976/1977 (FC Liverpool), weitere Meistercupteilnahmen 1966/67, 1968/69, 1974/75, 1975/76
397 NLA-Spiele, 81 Tore
Trainerstationen
1983-1984 FC Zürich (Interimstrainer)
1996-2001 Schweizer U18- und U21-Nationaltrainer
2001-2008 Schweizer Nationaltrainer
Trainererfolge
EURO-Teilnahmen 2004 und 2008 mit der Schweiz
WM-Teilnahme 2006 (Achtelfinal) mit der Schweiz
EM-Endrundenteilnahme 1997 mit der U18
Schweizer Trainer des Jahres 2005
„Schweizer des Jahres“ 2006