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Zukunftsaussichten ehemaliger Nonnen aus dem in der Reformation aufgehobenen Kloster St. Katharinen
Die Familie Mangold war sehr einflussreich und begütert und hatte ihren Lebensmittelpunkt in Konstanz. Petronella Mangolt trat noch als Kind im Januar 1500 ins Dominikanerinnenkloster St. Katharinen in St. Gallen ein. Knapp fünfeinhalb Jahre später, im Mai 1505, legte sie die Gelübde ab. Damit war sie definitiv in die Klostergemeinschaft aufgenommen. Als Nonne wurde sie – wie andere Frauen, wenn sie heirateten – mit einer Mitgift ausgestattet. Dieser Besitz ging mit ihrem Klostereintritt an St. Katharinen über; er setzte sich aus verschiedenen Einkünften aus Bodenbesitz und Liegenschaften in der Region zusammen. Dank Petronella erhielt das Kloster jährlich knapp 20 Gulden an Einkommen. Die Reformation setzte dem blühenden und reichen Kloster St. Katharinen und dem Alltag Petronella Mangolts ein jähes Ende. Die städtische Obrigkeit drängte die Nonnen dazu, aus dem Kloster auszutreten. Petronella hielt dem Druck nicht stand und kehrte schliesslich nach 28 Jahren als Dominikanerin in den weltlichen Stand zurück. Auf Anordnung des St. Galler Rates wurde ihr ihre Mitgift ausbezahlt. Sie heiratete daraufhin in Augsburg und muss spätestens in der Mitte der 1540er-Jahre wieder in die Ostschweiz zurückgekehrt sein. Sie hatte sich im Heiliggeist-Spital in St. Gallen eine Rente auf Lebenszeit [Liptingg] gekauft, um sich finanziell für die Zukunft abzusichern. Die vorgestellte Quittung bestätigt, dass Petronella Mangolt im Jahr 1546 vom St. Galler Heiliggeist-Spital ihre jährliche Rente von achteinhalb Gulden ausbezahlt bekommen hatte. Deshalb sprach sie den dafür verantwortlichen Spitalmeister von seiner jährlichen Schuld frei; das Schriftstück ist also eine Quittung für die erhaltene Zahlung. Die Lebensrente wurde ihr zunächst halbjährlich und später jährlich ausbezahlt, bis Petronella im Jahre 1551 starb.
Ich, Petronell Mangoltin, der Zit wonhafft zuo Bischoffzell,
bekenn offenlich mit disser miner aignen Hand Gschrifft,
das mich der ersam, wis Peter Graff, diser Zit Spital Maister zuo Sant Gallen, früntlich bezalt und gewert
hat achtenhalben Guldi Liptingg Costantzer Müntz
und Werung, so mir verfallen ist uff nechst verschinen
Mitfasten. Sölicher achtenhalben Guldi und des vor
verfallnen Lipting sag ich den ob genamten Heren
Spitalmaister und alle, so quitierens noturfftig sind,
fry, quit, ledig und loß. Des zuo warem Urkund hab ich min Bitschet zuo End diser Geschrifft uff ge-
druckt, die geben ist uff den nünden Tag Aprillis
im sechs und fiertzgosten Jar.
Ich, Petronella Mangolt, derzeit wohnhaft in Bischofszell, bekenne öffentlich mit dieser meiner eigenen Handschrift, dass mir der ehrsame, weise Peter Graf, derzeit Spitalmeister (des Heiligeist-Spitals) zu St.Gallen, freundlich ausbezahlt und in meinen Besitz übergeben [gewert] hat 8,5 Gulden Konstanzer Geld [Müntz] und Währung, welche mir als Leibding (Rente auf Lebenszeit) zustehen seit vergangener [nechst verschinen] Mittfasten (4. Fastensonntag, hier 4. April 1546). Von diesen 8,5 Gulden und vom mir geschuldeten [verfallnen] Leibding (Rente auf Lebenszeit) spreche ich den oben genannten Herrn Spitalmeister und alle, die eine Quittung darüber (über die Auszahlung) benötigen, frei, quitt, ledig und los. Als rechtskräftiges Zeugnis dafür [Des zuo warem Urkund], habe ich meine Petschaft [Bitschet] (ein Teil des Siegelstempels, gemeint ist das Siegel selbst) am Ende dieses Schriftstücks [Geschrifft] aufgedrückt; dies geschah am neunten Tag des Monats April im 46. Jahr (Freitag, 9. April 1546).
Im Sommer 1228 wurde einer Gruppe frommer Frauen ausserhalb der Stadtmauern von St. Gallen ein Stück Land geschenkt, wo sie für immer bleiben und Gott dienen wollten. Die Wohltäter waren zwei St. Galler Bürger, die sich damit ihr Seelenheil sichern wollten. Der Lebensstil des Grüppchens muss anziehend gewirkt haben, denn die Frauen wurden immer zahlreicher und dank Schenkungen und Mitgiften immer wohlhabender. Sie bauten sich ein Zuhause mit Klosterkirche und Kreuzgang, Schlafräumen und Speisesaal, Gästehaus und Ökonomiegebäuden; heute steht nur noch ein Teil davon. Vor allem die Klausurmauern stehen nicht mehr; jene Mauern, welche die Nonnen nicht überwinden durften, da sie sich durch ihre Gelübde verpflichtet hatten, bis an ihr Lebensende in Gehorsam, Armut und Keuschheit Gott zu dienen.
In den letzten Jahrzehnten des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlebte das Katharinenkloster seine grösste Blütezeit. Zu Spitzenzeiten mussten ungefähr 60 Personen ernährt und bekleidet werden: Nonnen, Laienschwestern, Mägde und Knechte. Dank den Abgaben aus weitläufigen Besitzungen im Rheintal und im Thurgau sowie Zinszahlungen von Häusern in St. Gallen konnten die Nonnen ihren Lebensunterhalt gut bestreiten. Sie wirtschafteten erfolgreich mit Wein, Leinwand und Getreide und hatten so die Mittel und Möglichkeiten, sich eine ruhige Insel im Trubel der Stadt zu schaffen, wo sie sich auf den Gottesdienst konzentrieren konnten. Hinzu kam das fleissige Abschreiben von liturgischen Büchern; ihre Bibliothek war weit über die Region hinaus bekannt.
Die Reformation veränderte das Bild des religiösen Menschen grundlegend: Im neuen Welt- und Gottesbild hatte es keinen Platz mehr für Klöster. Die Stadt St. Gallen, welche die Reformation einführte und immer rigoroser durchsetzte, löste – mit verschiedenen Mitteln und gegen mehr oder weniger Widerstand der Betroffenen – alle Klöster auf ihrem Hoheitsgebiet auf. Im Jahre 1528 waren die Drangsalierungen des städtischen Rates so stark, dass für die Nonnen von St. Katharinen kein geregeltes Klosterleben mehr möglich war. Die Obrigkeit, aber auch die eigenen Familien in der Stadt – einflussreiche und finanzkräftige Bürgersfamilien – drängten die Nonnen zum Austritt und zur Heirat. Unter ihnen befand sich auch Petronella Mangolt. Manche bereuten später ihre Entscheidung, kehrten zu ihrem alten Lebensstil zurück und traten in ein anderes Kloster ein. Nur wenige blieben standhaft, setzten sich mit allen Mitteln zur Wehr und blieben trotz allen Widrigkeiten im Katherinenkloster. Die letzten beharrlichen Schwestern stritten sich mit der Stadt bis 1561, als sie definitiv weichen mussten.
Die letzten Nonnen von St. Katharinen hatten Glück im Unglück: Sie konnten im Thurgau ein temporäres Zuhause beziehen, bis sie durch den Abt des Benediktinerklosters St. Gallen in Wil SG eine neue Heimat fanden. Schliesslich kauften die Stadtsanktgaller Behörden den verbliebenen Nonnen ihre – zuvor beschlagnahmten – Besitzungen im Jahre 1594 offiziell ab. Mit dem Geld konnten sich die Frauen jenes Kloster in Wil bauen, wo sie heute noch zuhause sind.