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In der ersten Klasse hatte ich mit einer Freundin eine hitzige Diskussion, ob nun Schoko- oder doch Erdbeereis die bessere Sorte der leckeren Nascherei sei. Unerschütterlich vertritt ich meinen Standpunkt und weigerte mich, auch nur im Entferntesten meiner Freundin Recht zu geben. Sie tat dasselbe. Nach einigen Minuten legte sich der fast schon Streit, da wir vor dem Kühlregal im Dorfladen standen und feststellten, dass es eigentlich egal ist, wer Recht hat, denn wir konnten uns mit unseren zwei Franken Taschengeld beide sowieso nur ein Wasserglace leisten.
Mittlerweile ist mir natürlich bewusst, dass diese Diskussion von Anfang an übertrieben war, da jeder seinen Geschmack hat und diesen auch äussern darf. Meinungsfreiheit und so. Natürlich führe ich auch heute noch mehr oder weniger laute Unterhaltungen mit meinen Freunden darüber, ob nun die letzte Episode einer Fernsehserie schlechter war als der ganze Rest oder nur halb so schlimm. Oder darüber, ob nun ein Hund oder eine Katze das bessere Haustier ist. Oder selbst darüber, ob Morgen- oder Abendmenschen besser im Lernen sind. Es sind meist belanglose Dinge, über die sich jeder Mensch äussern kann, und bei denen die eigene Meinung keine sozialkritischen Probleme aufwirft. Lassen Sie mich erläutern.
Die obengenannten Beispiele beziehen sich meist auf den Geschmack oder die Erfahrungen der jeweiligen Person. Dabei ist jede Meinung als solche genügend und in Ordnung, denn niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wieso er nur Schokoeis, aber nicht Erdbeereis mag. Genau so sollte sich – und jetzt halten Sie sich fest für diese unglaubliche Ableitung – niemand rechtfertigen müssen, ob er oder sie nur Männer oder nur Frauen (oder beide oder gar nichts) mag. Nun haben aber sehr viele Leute ihre eigene Meinung zu Themen wie Homosexualität oder Bisexualität oder jeglicher Sexualität, die nicht ihrer (meist Heterosexualität) entspricht. Das hat sich auch in den letzten Tagen wieder stark gezeigt, als die sogenannte Pride Week war. Und wenn ich dann in Diskussionen gezogen werde, wo Leute ihre intolerante Meinung zu ebendiesen Themen äussern, (wo dann beispielsweise Sätze fallen wie: „nur Ehe zwischen Mann und Frau ist natürlich, denn es steht in einem uraltem Buch, das ich gelesen habe“ und: „all diese Leute suchen sowieso nur nach Aufmerksamkeit, sie wollen einfach speziell sein“ oder der Klassiker: „ich bin ja nicht Homophob, aber-„) dann fällt es mir schwer, das Ganze als Meinungsfreiheit anzusehen. Denn wenn deine Meinung die simple Existenz eines andern Menschen in Frage stellt, als gegenstandslos darstellt und ihre Lebensweise – die und dich in keiner Form und Weise beeinträchtigt oder beeinflusst – diskriminiert, weil man sie nicht versteht und sich weigert, etwas Toleranz in einem Zeitalter wie dem 21. Jahrhundert zu zeigen, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln und zu hoffen, dass wir Menschen uns doch noch weiterentwickeln.
Denn wenn ein solches Denken heutzutage noch besteht und vertreten wird, dann sind wir als Gesellschaft definitiv noch nicht dort, wo wir sein sollten.
Nicole Langhart,
24.6.2018, 117. Jahrgang, Nr. 175.
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