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Sprache lenkt unsere Wahrnehmung der Welt, sie konstruiert Realitäten, formt unser Bewusstsein. Dies belegen immer mehr Studien. Und sie beeinflusst in grossem Masse unsere Wahrnehmung der Geschlechter. Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel «Ingenieurinnen und Ingenieure» statt nur «Ingenieure»), schätzen die meisten befragten Kinder traditionell männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.[1] In einer Welt, in der der nicht-behinderte, cis-hetero weisse Mann immer noch als Normalfall gilt, fühlen sich viele, die nicht in dieses Schema passen, ausgegrenzt, ausgeblendet, unsichtbar gemacht. Selbst Männer können durch eine Sprache, die überholte und zum Teil schädliche Geschlechterstereotypen reproduziert, unter Druck gesetzt werden. Das generische Maskulinum wird in der deutschen Sprache häufig verwendet mit dem Argument, Frauen seien mitgemeint. Ausserdem würde sich die Nennung von Männern und Frauen negativ auf die Lesbarkeit von Texten auswirken. Beides ist wissenschaftlich widerlegt.[2] Auch Sprache beeinflusst die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und wenn Frauen nicht explizit genannt werden, werden sie auch nicht mitgedacht. Das Spektrum der Geschlechter geht über Mann und Frau hinaus, auch non-binäre und intersex Menschen existieren in unserer Gesellschaft, obwohl sie im alltäglichen Sprachgebrauch kaum mitbedacht und angesprochen werden.
Die Schule ist der Ort, an dem ein Grossteil der Persönlichkeitsentwicklung stattfindet.
Gerade im Bereich von Schule und Bildung kann der gendersensiblen Sprache eine grosse Bedeutung beigemessen werden. Die Schule ist der Ort, an dem ein Grossteil der Persönlichkeitsentwicklung stattfindet. Dazu gehört die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung. Sie ist aber auch ein Ort, an dem Jugendliche, die nicht der (cis-hetero) Norm entsprechen, die vorgeblich geschlechtsuntypische Verhaltensweisen zeigen oder gleichgeschlechtliche Eltern haben, Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt sind.
Das Verwenden der richtigen Pronomen für Transgenderpersonen ist Suizidprävention.
Wenn Schulen nicht in der Lage sind, Machtverhältnisse aufzubrechen, können eine Verinnerlichung von Abwertung, Rückzug, Depression und Selbstmord(versuche) die Folge sein. Das Verwenden der richtigen Pronomen für Transgenderpersonen ist Suizidprävention. So wichtig ist die Rolle, die Sprache und Geschlecht spielen. Nicole Kastirke und Jochem Kotthaus konstatieren, dass die Schule als Institution derzeit keinen besonders geeigneten Rahmen bietet, um diskriminierungs- und angstfrei eine gesunde sexuelle Identität zu entwickeln.[3] Gerade wir Pädagog*innen können unseren Teil dazu beitragen, dies zu ändern.
Der Gender_gap, das Gender*sternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt sind Möglichkeiten, Formulierungen inklusiver zu gestalten.
Eine gendersensible Sprache ist eine, die alle anspricht und sichtbar macht. Dabei geht es nicht um Pedanterie oder Perfektion, sondern um Empathie, Respekt und Gleichberechtigung. Sprache ist etwas Lebendiges, das sich verändert und entwickelt. Das gendergerechte Deutsch gibt es (noch) nicht, genauso wenig wie die gendergerechte Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung und Marginalisierung gibt. Sie lässt sich auch nicht von heute auf morgen erfinden und umsetzen. Der Gender_gap, das Gender*sternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt sind Möglichkeiten, Formulierungen inklusiver zu gestalten. Vielfach können gegenderte Bezeichnungen durch geschlechtsneutrale oder kreative Formulierungen ersetzt werden. Diese Option ist schliesslich als einzige auch barrierefrei, denn Sonderzeichen können für Screenreader, wie sie von Personen mit einer Sehbehinderung verwendet werden, ein Problem darstellen.
Alle Menschen, die eine Sprache sprechen und dadurch an ihr teilhaben, verändern sie. Die aktuelle Sprache ist exklusiv und benachteiligend. Das, finden viele, soll sich ändern. Ich versuche, wie viele andere Menschen, mich gendersensibel auszudrücken, um meinen Teil zur Sprachentwicklung beizutragen. Ich bin mir sehr bewusst, welchen Einfluss meine Ausdrucksweise auf die Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, haben kann. Sie entscheidet, ob man mir vertraut, sich bei mir sicher, akzeptiert und ernstgenommen fühlt. Der Wandel hin zu einer inklusiveren Gesellschaft wird nicht durch Sprache allein bestimmt, doch sie ist ein nicht unbedeutender Teil davon.
So hat zum Beispiel bis jetzt niemand ernsthaft das Wort Menschin oder Mitgliederin einzuführen versucht. Hier wehren sich die Schreibenden gegen Missstände, die sie selbst erfunden haben.
Natürlich gibt es auch diejenigen, die solche Bemühungen zu anstrengend, radikal oder irritierend finden und sie gerne «den anderen» überlassen, während sie es sich auf dem Podium der eigenen Privilegien gemütlich machen. Die Kommentarspalten im Internet und die Kolumnen von Zeitungen sind voll von Männern, die sich persönlich angegriffen fühlen, wenn sich für einmal nicht alles nur an ihnen orientiert. Die sich gegen Exzesse wehren, die so nicht existieren. So hat zum Beispiel bis jetzt niemand ernsthaft das Wort Menschin oder Mitgliederin einzuführen versucht. Hier wehren sich die Schreibenden gegen Missstände, die sie selbst erfunden haben. Meine Hoffnung ist, dass auch sie sich trauen, ihre eigene Haltung kritisch zu hinterfragen und versuchen, die Welt aus anderen Perspektiven als der eigenen zu sehen. Dass sie zuhören und Raum geben, wenn andere von ihrer gelebten Realität erzählen. Dass sie positiver Veränderung doch zumindest nicht im Wege stehen, wenn sie schon nichts dazu beitragen möchten, weil ihnen das alles zu belanglos und pedantisch vorkommt und es ihrer Meinung nach dringendere Probleme gibt (um die sie sich freilich in aller Regel auch nicht kümmern möchten).
Abschliessen möchte ich mit einem Zitat der Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky:
„Ich hoffe, dass uns das Wissen darüber, wie Sprache unser Bewusstsein formt, die Möglichkeit eröffnet, unsere Gedanken und Wirklichkeiten stärker zu hinterfragen. Sie sind ja durch Sprache und Kultur konstruiert – und wir haben sie von unseren Vorfahren mitbekommen. Dieses Erbe sollten wir mehr hinterfragen, und nicht diesem ‚naiven Realismus‘ folgen, der besagt, dass alles, was ich erlebe – und wie ich es erlebe –, die wahre Wirklichkeit ist. Das würde nämlich bedeuten, dass alle anderen falsch liegen – und das ist nicht richtig. Ich hoffe, dass Menschen über Sprache und das Wissen darüber lernen und erfahren können, dass die Dinge anders sein können; dass sie sich öfter fragen, ob sie die Dinge nicht auch aus einer anderen Perspektive betrachten könnten, und dies dann auch tun, weil es sie verändern und die Welt für sie zu einem größeren Ort mit mehr Möglichkeiten machen wird.“[4]
In diesem Sinn wünsche ich allen Leser*innen des Condorcet-Blogs die Erkenntnis, dass «jedes Sehen perspektivisches Sehen ist» (Friedrich Nietzsche) und die Bereitschaft, möglichst viele Perspektiven zuzulassen.
Jasmin Frey, Sozialpädagogin, Basel.
[1] Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76-92.
[2] https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gleichberechtigung-in-der-sprache-nur-wer-von-frauen-spricht-meint-sie-auch.39a3ca8e-d760-4eac-a9ad-c50ca1e64966.html
[3] Kastirke, Nicole / Kotthaus, Jochem (2014). Jugendliche Sexualität und sexuelle Identität. In: Jörg Hagedorn (Hrsg.) Jugend, Schule und Identität. Selbstwerdung und Identitätskonstruktion im Kontext Schule. Springer Verlag.
[4] https://www.forbes.at/artikel/wirklichkeiten-konstruieren.html