Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/345

Erste Analysen und Lehren aus dem Unglück in Fukushima
Der Bericht der japanischen Regierung beschreibt den Unfallablauf, identifiziert die Mängel in der Bauweise und der Notfallvorsorge der Kernkraftwerke in Fukushima-Daiichi sowie eine fehlende Unabhängigkeit der nuklearen Aufsicht. In allen von der Naturkatastrophe betroffenen Kernanlagen haben die sicherheitsrelevanten Systeme das Erdbeben überstanden und wie für diesen Fall vorgesehen funktioniert. Die Gefahr von Tsunamis wurde hingegen massiv unterschätzt und die Sicherheitssysteme waren nicht gegen Überschwemmung geschützt. Bislang ist noch unklar, weshalb die offensichtliche Gefahr eines grossen Tsunamis an der Küste von Fukushima während der vergangenen Jahrzehnte nicht in die Sicherheitserwägungen der Betreibergesellschaft Tokyo Electric Power Co. (Tepco) und der Aufsichtsbehörde einflossen.
Verheerende Tsunamis
Das Erdbeben vom 11. März 2011 war das bisher stärkste in der Geschichte Japans. Es löste eine Reihe schwerer Tsunamis aus, die über 25'000 Menschen das Leben kostete und riesige Schäden verursachten. Bei allen betroffenen Kernkraftwerken wurden unmittelbar nach dem Erdbeben die wesentlichen Schutzziele «Abschalten», «Kühlen mit Notstromdieseln» und «sicherer Einschluss der radioaktiven Stoffe» erfüllt. Auch überstanden 11 von 15 Kernkraftwerkblöcken die nachfolgenden Tsunamis. Hingegen eskalierte in den Blöcken 1–4 von Fukushima-Daiichi die Lage durch den totalen Ausfall der Notstromversorgung. Die Reaktoren konnten nicht mehr ausreichend gekühlt werden und der Kernbrennstoff begann zu schmelzen.
In der Folge gelang es den Operateuren mangels geeigneter Notfallmassnahmen nicht, eine Kernschmelze und Brennstoffschädigung in den Anlagen zu vermeiden und den Unfall auf die Anlage zu beschränken. Es kam zu Explosionen in drei Reaktorgebäuden, welche in grossem Mass zum Austritt von radioaktiven Stoffen beitrugen. Die Bevölkerung in der Umgebung musste evakuiert werden.
Kontamination von Boden und Ozean
Aufgrund der Windverhältnisse und der Regenfälle in der frühen Phase des Unfalls wurde eine Zone von etwa 30 km Länge und 10 km Breite im Nordwesten der Kernanlage stärker kontaminiert. Zurzeit kann der Umfang des Gebiets, in dem die Landwirtschaft allenfalls über längere Zeit eingeschränkt werden muss, noch nicht definiert werden. Als Folge des Unfalls gelangte stark kontaminiertes Wasser aus den Reaktorgebäuden ins Meer. Nach Angaben der Tepco sind die Leckagen inzwischen verschlossen. Zudem wurde leicht belastetes Wasser bewusst aus Sammelbecken ins Meer geleitet, um Platz für die Rückhaltung des stark kontaminierten Wassers zu schaffen. Modellrechnungen und Messdaten von Ende Mai zeigen, dass die Konzentrationen von radioaktiven Stoffen im Meerwasser unter den Grenzwerten liegen.
Bis Ende Mai 2011 wurden bei den Menschen in der betroffenen Region keine Anzeichen für gesundheitliche Beeinträchtigungen festgestellt. Bei keinem der untersuchten Kinder wurde in der Schilddrüse eine erhöhte Jod-Strahlendosis gefunden. Bisher sind auch innerhalb der Anlage Fukushima-Daiichi durch die Strahlung keine Menschen gestorben oder akut gesundheitlich geschädigt worden.
Mangelhafte Sicherheitskultur
In ihrer vorläufigen Gesamtwertung kommt die japanische Regierung zum Schluss, dass die Sicherheitskultur im Kernenergiebereich ungenügend war. Als Folge davon wurden die Einschätzung der Risiken weder von der Betreiberin noch von der zuständigen Atomsicherheitsbehörde kritisch hinterfragt. Die Kernkraftwerkseinheiten in Fukushima sind seit ihrem Bau nie grundlegend sicherheitstechnisch nachgerüstet worden. Die Gefahr von schweren Tsunamis wurde entgegen besseren Wissens massiv unterschätzt und die Sicherheitssysteme waren nicht gegen eine Überflutung geschützt.
Das weltweit für die nukleare Sicherheit zentrale Prinzip der «Verteidigung in die Tiefe» wurde in den Kernanlagen von Fukushima nicht eingehalten. So war es möglich, dass eine einzige Ursache – die Tsunamis – auf einen Schlag alle Sicherheitssysteme funktionsuntüchtig machte.