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2021 wird als Jahr des welschen Eishockeys in die Geschichte eingehen. Aber warum schreibt Servette die Schlagzeilen und nicht Lausanne oder Fribourg-Gottéron? Lausanne wird nur noch am Montag mit der Entlassung von Craig MacTavish Schlagzeilen machen.
Ajoie steigt auf. Nicht Kloten. Servette spielt im Final. Nicht die ZSC Lions. Zweimal haben Mannschaften aus der Romandie Gegner aus der «Megalopolis» Zürich, aus der reichsten Gegend der Schweiz, gebodigt. 2021 ist das Jahr des welschen Eishockeys.
Warum gerade Servette? Warum nicht Lausanne oder Gottéron? Wir können es polemisch auf den Punkt bringen: Weil Lausanne zu dumm und Gottéron zu weich ist. Das mag grob formuliert sein. Wenn wir uns näher mit der Thematik befassen, dann wird klar: Wir könnten es noch gröber formulieren.
Als Dummheit bezeichnen wir den Mangel an Weisheit und eine daraus resultierende törichte Handlung. Ein paar Sprichwörter sagen, dass Dummheit manchmal ohne Folgen bleibt. Das schönste: «Das Volumen der subterranen Agrarprodukte variiert in reziproker Relation zur intellektuellen Kapazität ihres Produzenten.» Kapiert? «Die dümmsten Bauern ernten die grössten Kartoffeln».
In Lausanne gibt es keine grossen Kartoffeln. Nie zuvor in unserer Geschichte ist so viel Geld und so viel Talent so miserabel gemanagt worden wie von Petr Svoboda.
Die Wahl des Trainers ist nicht das Problem. Auch kluge Sportmanager irren sich oft in diesem zentralen Personalgeschäft. Das Problem: Der NHL-Veteran Petr Svoboda holt nicht den für die besondere Kultur in unserem Hockey geeigneten Mann. Er verpflichtet Craig MacTavish. Den Trainer mit der ruhmreichen NHL-Vergangenheit und stattet ihn mit einem Dreijahresvertrag aus.
Die Gewährsleute aus Lausanne melden, am Montag solle der Kanadier entlassen werden. Eigentlich hatte Petr Svoboda ihn schon während der Viertelfinalserie gegen die ZSC Lions durch John Fust ersetzen wollen. Und es dann doch nicht gewagt. Eigentlich schade. Die Unterhaltung wäre vorzüglich gewesen. Er kann nun versuchen, mit viel, viel, viel Geld Ralph Krueger zu engagieren. Allerbeste Unterhaltung wäre garantiert.
Das Problem ist letztlich nicht der Trainer. Petr Svoboda hat den Final schon im Herbst verspielt. Wegen einer Streitigkeit unter Männern, die längst beigelegt ist, transferiert er Joël Vermin und Tyler Moy ohne jede Not zu Servette und bekommt im Gegenzug bloss die Mitläufer Tim Bozon, Floran Douay, Guillaume Maillard und Petr Cajka. Vermin und Moy haben in den Playoffs bisher mehr als einen Punkt pro Spiel produziert. Die Spieler, die Lausanne in diesem Geschäft bekommen hat, kein einziger und nicht einmal alle sind im Viertelfinal eingesetzt worden.
Mit der Vertreibung von Joël Vermin aus Lausanne hat Servettes Finalstory begonnen. Der WM-Silberheld hätte auch beim SC Bern landen können. In welchem Zustand die sportliche Führung der Berner im letzten Herbst war, ist ja hinlänglich bekannt. Also gehen wir nicht mehr näher auf dieses Thema ein. Wer weiss, vielleicht kommt es ja bald wieder zu Tauschgeschäften. Christoph Bertschy wird, wie mehrere Sportchefs bestätigen, von Petr Svoboda bereits angeboten. Auch Mark Barberios Tage in Lausanne dürften gezählt sein. Kommt vielleicht sogar Joël Genazzi auf den Markt?
Lausannes schlechtestes Tauschgeschäft unserer Hockeygeschichte wird zum letzten, entscheidenden Teilchen in Servettes Final-Puzzle. Ganz abgesehen davon, dass Petr Svobodas unberechenbarer Führungsstil zum permanenten Störfaktor im Tagesgeschäft geworden ist. So kann eine Mannschaft nicht zur Mission Titelgewinn aufbrechen.
Lausanne hat das Geld und das Talent für mindestens den Final und eine einmalige Chance verpasst. Mit dem smarten sportlichen Management von Ajoie würde Lausanne Meister.
Gottéron fehlt es auch nicht an Geld und Talent. Ja, Gottéron hat von den drei welschen Hockey-Titanen sogar am meisten Talent. Und ist gegen Servette im Viertelfinal doch kläglich gescheitert. Nie zuvor ist der 3. der Qualifikation im Viertelfinal so abgefertigt worden (6:21 Tore).
Unter Sportchef und Trainer Christian Dubé ist Fribourg eine Wohlfühloase geworden. Gottérons legendärer Kampfgeist («heiliger Zorn») ist verraucht und verloren gegangen. Die schöne Hockeymaschine, die während der Qualifikation wie geölt und praktisch störungsfrei lief und Siege und Punkte wie am Fliessband produzierte, ist in den Playoffs zerbrochen wie billiges Plastikspielzeug.
Christian Dubé ist ein exzellenter Ingenieur, der es versteht, eine Hockeymaschine zusammenzubauen und auf der Autobahn der Qualifikation zu steuern. Aber er ist offensichtlich noch nicht der fordernde Bandengeneral, um auch im schwierigen Gelände der Extremsituation Playoffs zu bestehen.
Für Gottéron eigentlich kein Problem: Was sind denn schon ein paar sportlich verregnete Tage im April gegen eine schöne Zeit zwischen September und April? Eben. Das Büro von Geschäftsführer Raphael Berger ist halt auch eine Wohlfühloase geworden.
Nie war Gottéron so weich und welsch wie in dieser Saison unter Christian Dubé. Der Kaisertransfer Raphael Diaz wird Fribourg in der nächsten Saison auch nicht robuster machen. Mit dem Coaching von Gary Sheehan und der Leidenschaft Ajoies würde Gottéron Meister.
So ist es Servette vorbehalten, das Jahr des welschen Hockeys im Final zu krönen. Genf erlebt einen wunderbaren Frühling. Die Mannschaft, noch von Chris McSorley zusammengestellt, ist gut ausbalanciert, robust und tempostark. Bei all seinen Transfers hat der Kanadier auf schnelle Füsse und eine gute Postur geachtet.
Servette ist nicht das talentierteste Team der Liga. Dafür reicht das Geld nicht. Aber die schnellste und robusteste. Und sie hat mit Henrik Tömmernes den smartesten Steuermann.
Der kanadische Trainer Patrick Emond, noch von Chris McSorley ins Amt eingesetzt, hat als Juniorentrainer in Genf angefangen und ist seit mehr als zehn Jahren mit Servettes Kultur vertraut. Kein grosser charismatischer Bandengeneral. Aber ein durch und durch ehrlicher, authentischer und kompetenter Chef, der es versteht, seine Jungs um sich zu scharren. Servette ist das klassische Beispiel für Spieler, die für ihren Trainer kämpfen. Durchaus vergleichbar mit den Lakers.
Noch nie hat eine Mannschaft aus der Westschweiz im Playoff-Zeitalter den Titel geholt. Den Final haben Gottéron (1992, 1993, 1994, 2013) und Servette (2008 und 2010) erreicht. Dem Titel am nächsten kommt Gottéron 1992 gegen den SC Bern. Ein Sieg im 5. Spiel (Best of Five) auf eigenem Eis hätte den Titel gebracht. Bei der 1:4-Niederlage wird Gottéron das Opfer der «Schiedsrichter-Mafia».
Damals ist der heutige Spielplan-General Willi Vögtlin Manager beim SC Bern. Da er zuvor Schiedsrichter gewesen war, glaubt die Liga mit der Berufung des deutschen, international hoch geachteten Spitzenrefs Gerhard Lichtnecker erneut einen neutralen Spielleiter gefunden zu haben. Aber diesmal trifft Willi Vögtlin, anders als vor anderen Partien, seinen Kumpel vor dem Anpfiff und rät ihm schlau und eindringlich: «Gerd, dieses Mal einfach das Spiel laufe lasse. Denk dran: laufe lasse, laufe lasse ...»
Und so können die Berner ungestraft die russischen Künstler Slawa Bykow und Andrej Chomutow halten, haken und auch sonst traktieren. Es wird die einzige Finalpartie, in der die beiden russischen Weltklassespieler zu keinem einzigen Skorerpunkt kommen.
Seither ist nie mehr eine Mannschaft aus der Westschweiz dem Titel näher gekommen. Servette führt zwar 2008 gegen die ZSC Lions 2:0, verliert aber schliesslich klar 2:4. Und 2010 reicht es gegen den SCB zu einem 7. Spiel in Bern. Aber die Batterien sind leer. Auch eine frühe 1:0-Führung reichte nicht und am Ende steht eine 1:4-Niederlage.
Und nun also erneut Servette. Die Chancen für den ersten Titel aus der Westschweiz seit 1973 stehen so gut wie noch nie. Sie sind grösser als damals 1992 für Gottéron.
Es ist eine einmalige Chance für Servette. Elf Verträge laufen in einem Jahr aus. Das Geld wird nicht reichen, um die Finalmannschaft von 2021 zusammenzuhalten.
So oder so wird es erstmals in diesem Jahrhundert einen neuen Meister geben. Lugano, die ZSC Lions, Davos und der SCB, die seit 1999 alle Titel geholt haben, sind nicht im Final.