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Literatur
Über den Schotterweg in den Teufelskeller
Der Tag beginnt wie viele andere auch: Der 11jährige Mark Morgan "brunzt" in sein Bett. Dass Mark das "Malheurchen", wie es seine Mutter Francesca nennt, selber wegmachen soll, stört ihn weit weniger als die Tatsache, dass er mit seinen Eltern nach Argdorf ziehen musste, wo das Bettnässen begonnen hat und er von den neuen Schulkameraden als einer, der nach Geld stinkt, verspottet wird.
Mark sehnt sich nach seinen Freunden - Robert, der Vater, bestenfalls nach den Schäferstündchen mit der früheren Geliebten, denn offensichtlich fällt ein Neuanfang nicht nur Mark, sondern auch seinen Eltern alles andere als leicht. Während Mark vor der Waschmaschine sitzt und "pipifernsieht", drehen sich seine Gedanken mit im Kreis und Robert und Francesca im Bett einander die Rücken zu - "er umarmte sein Kopfkissen, sie hatte die Decke."
In kurzen, schlichten Sätzen, die es in sich haben, erzählt Simon Libsig in seinem Romandebüt "Leichtes Kribbeln" einen Sonntag aus dem Leben einer dreiköpfigen, gutbürgerlichen Familie. Die anfangs harmlose Geschichte entwickelt sich zu einem mit Märchenelementen gespickten Abenteuerkrimi. Sagt beispielsweise Mark, "ich hoffe, ihr verschwindet alle!", so antwortet der Vater: "Dann sag ́s nochmal, vielleicht passiert's ja!" Daraufhin schwächt Mark die Verfluchung leicht ab und wünscht sich, von allen allein gelassen zu werden. Die Bitte wird - dank Marks Zutun - wenig später erhört.
Der klassischen Kriminalgeschichte entlehnt ist wiederum der Dorfpolizist Friedrich Knurr (der Name sei Programm!), der kurz vor der Pensionierung steht und sich in alter Detektivmanier darum bemüht, das plötzliche Verschwinden des Sohnemanns aufzuklären. Dieser ist nämlich beim Versuch, eine Ameise zum Ameisenhaufen zurückzubringen, von wo er sie zuvor ungewollt verschleppt hatte, in ein arges Unwetter geraten und hat sich daraufhin im Wald verirrt.
Etwas stutzig macht in diesem Zusammenhang, dass Marks Vater bereits auf seinem morgendlichen Toilettengang zwei Ameisen zertritt und dabei über das "scheiss Ameisenproblem" im Haus nachdenkt, es also auch sein könnte, dass Marks Ameise, die er in seinem Zimmer findet und liebevoll "Rocky" nennt, gar keine Waldameise ist. Somit wäre dann auch der nächtliche Ausflug in den "Teufelskeller" umsonst, womit der eigentliche Plot ins Wanken geriete. Warum der Autor, der sonst kaum Leerstellen zulässt, diese Möglichkeit offenhält, ist nicht ganz klar.
Fest steht hingegen, dass der als Bühnenpoet bekannte, 1977 geborene Simon Libsig ein wahrer Könner ist, ein geduldiger Beobachter, wenn es darum geht, Situationen und Stimmungen mit wenigen Worten einzufangen. Was verbirgt sich nicht alles in Sätzen wie: "Mark tupfte sein Gesicht mit dem Gästehandtuch. Es war noch nie benutzt worden." Oder: "Die Mutter klapperte in der Küche." Oder als Francesca beim gemeinsamen Nachrichtenschauen fröstelnd neben Robert sitzt: "Früher konnte sie ihm ihre kalten Füsse geben, nun war er zu weit weg."
Witzig-tragisch ist das Bild vom Seitensprungzimmer: "Es müsse immer "tipptopp" hergerichtet sein, sagte sie [Claire, Roberts Ex-Geliebte], und brauste regelmässig mit dem Staubsauger durch, bezog das Bett neu und richtete es her, sie stellte frische Blumen auf und versprühte eines ihren vielen Parfüms. Ihre Schwester hätte sich schon lange einmal für einen Besuch angekündigt, sagte sie, dafür wolle sie jederzeit "voll und ganz" parat sein." Berührend wiederum der Auftritt vom Obdachlosen, der Mark auf seinem Einkaufswagen nach Hause karrt - "für den Scheiss, den man mit sich herumträgt," so sagt der Obdachlose, "braucht man sich nicht zu schämen. [...] Man muss sich einfach irgendwann wieder davon lösen können, von allem."
"Leichtes Kribbeln" lesen ist ein bisschen wie Puzzle-Spielen: Jedes Teilchen passt millimetergenau ins Ganze hinein und je weiter fortgeschritten das Bild, desto schneller geht’s voran. So entsteht auf nur 147 Seiten ein kunterbunter, figuren- und schicksalsreicher Kosmos, in den einzutauchen echte Lesefreude bereitet.