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Stichwort: Dolmetschen 27.3.03
Sehr geehrte Frau Birkenbihl, ich studiere Dolmetschen an der FH und habe gemerkt, dass ich sehr viele Probleme habe. Abgesehen von den sprachlichen Schwierigkeiten, habe ich auch Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme Dinge im Gedächtnis zu behalten.
Ich lerne Englisch und Spanisch. Habe kürzlich Ihren Kurs Spanisch für Fortgeschrittene gekauft und versuche damit weiterzukommen. Ihre Methodefasziniert mich. Es heisst ja: Mit Ihrem Sprachkurs hat man einen"MINIAUFENTHALT" in dem jeweiligen Land. Meine Dozentin meinte letztens, ichmüsste für ein halbes Jahr nach Spanien um überhaupt hier weiterzukommen. Stimmt das?
====== natürlich! darf ich fragen, wieso Sie zwei sprachen ernsthaft "studieren", ohne je in den jeweiligen ländern gewesen zu sein? mein vorschlag: leben Sie je einige wochen in beiden ländern (z.b. in den sommerferien), man kann keine sprache nur im unterricht lernen, früher oder später braucht man EXPOSURE, insbes. wenn man die sprache zum hauptberuf machen will.
Ich würde es ja gerne... wenn ich nur nicht familiärbedingt ortsgebunden wäre ;-)
====== dann bin ich nicht sicher, ob Sie das richtige studieren... vielleicht könnten Sie eine unilaterale "austausch-situation" herbeiführen? erklären Sie den leuten, die austausch-schüler und studenten vermitteln, daß Sie jemanden einladen wollen, der KEIN DEUTSCH lernen, wohl aber deutschland kennenlernen möchte, damit Sie sich darin üben, in einen fall englisch, im anderen fall spanisch zu sprechen. ohne echte kontakte zu "natives" hat ein sprachenstudium null sinn. fremdsprachen sind keine ansammlungen von wörtern, sondern kulturen.
wenn wir im deutschen sagen, daß wir eine entscheidung TREFFEN wollen, implizieren wir, es gäbe nur eine einzige (wie in der schule, wo es angeblich immer nur eine einzige richtige antwort gibt).
dies refklektiert eine grundlegenden EINSTELLUNG, an der wir deutsche KRANKEN und die uns so INTOLERANT machen kann! lernen SIe, daß angelsachsen in amerika eine entscheidung MACHEN (to make a decision), dann spiegelt dies den amerikanischen pragmatismus wieder. weniger rigide, aber auch GEFÄHRLICH, denn diese leute meinen, ALLES SEI MACHBAR, bis hin zur re-organisation von tausendjährigen kulturen, so mal schnell mit einem blitzkrieg.... und die engländer? die können eine entscheidung auch "machen" aber neigen eher dazu, sie zu NEHMEN (to take a decision), was dem französischen vorbild entspricht (prendre une decision). dies impliziert etwas ganz anderes, nämlich eine WAHL. sowie, daß man mit der entscheidung die dazugehörige zukunft GEWÄHLT (genommen) hat. merken Sie, worauf ich hinaus will? ohne kontakt mit menschen der jeweiligen kulturen werden Sie null gefühl für das entwickeln, was zwischen den zeilen "hängt", für die sog. EXFORMATION (nach Nørretranders). und ohne so ein gefühl kann ein computer genau so gut übersetzen wie Sie! das kann doch nicht Ihr berufsziel darstellen, oder?
mit meinen sprachkursen bedeuten die stunden des PASSIVEN hörens einen mini-aufenthalt, was sprachmelodie etc. angeht, also die dinge, für die wir neue nervenbahnen anlegen müssen, was im land schneller geht als außerhalb. aber ein sprachkurs kann doch keine echten kontakte mit menschen ersetzen. und ohne diesen ist das, was Sie lernen TOT. kein wunder, daß Sie konzentrationsprobleme haben - es ist ja nicht gehirn-gerecht und deshalb wehrt sich Ihr gehirn. es weiß eben schon mehr als Sie als gehirn-besitzer (hi hi)
Ich möchte gerne diese Ausbildung machen und bitte Sie, mir einige Tipps mit auf den Weg zu geben damit ich den ANSATZ richtig mache.
===== s. oben
Kennen Sie z.B. Gedächtsnis-Trainings-Methoden speziell für Dolmetscher.
====== es gibt keine. Sie können eine lebendige sprache nicht mit eselsbrücken-mätzchen lernen. das geht mit 50 namen von leuten, nicht aber mit 30.000 wörtern einer lebenden sprache! außerdem gilt für dolmetscher eine zusatzregel (vs. normale lernerInnen); in meinen buch (sprachenlernen leicht gemacht) erkläre ich genau, welchen zusätzlichen 5. lernschritt (angehende) dolmetscher durchlaufen müssen, da sie ja später (im gegensatz zu übersetzern) LIVE reagieren müssen.
Vielleicht haben ja andere Insider-Leser auch einige Erfahrungen oder Tipps.
====== ja, allerdings: sollten viele reaktionen eintreffen, müßten Sie Ihre frage im forum plazieren, insbes. wenn Sie persönlich in kontakt mit anderen treten wollen. dafür ist die wandzeitung kein forum, das sind die foren! dafür benötigt man jedoch das paßwort, haben Sie das schon?
vfb
ps betreff: Ihr name: Sind sie eigentlich ein Mann oder eine Frau? das geht leider nicht hervor. aber ich nehme eher an ein mann.... richtig?
Vielen Dank..... :-)
MFG
H.
Dolmetschen 2.4.03
Ich kann den Kommentar von Vera F. Birkenbihl aus eigenem Erleben nur bestätigen. Ich habe vor vielen Jahren Sprachmittler, übrigens die gleichen Sprachen - Englisch/Spanisch -, in der DDR studiert. Damals war es recht schwierig, für manchen sogar unmöglich, ein Land zu bereisen, in dem die beiden Sprachen gesprochen werden. Meine Dozentin hatte mir damals den Rat gegeben, das Studium abzubrechen, << Sie schaffen es nie, Herr Streuber!>>. Mit Glück hatte ich dann die Chance, nikaraguanische Studenten für einen Zeitraum von mehr als drei Monaten zu betreuen. Ich war mit ihnen den ganzen Tag zusammen, habe Freud und Leid mit ihnen geteilt. Da platzte bei mir der Knoten. Das Studium meisterte ich schließlich mit gutem Erfolg.
===== genau das ist es. sie haben eine LEBENDE SPRACHE in lebendigen situationen er-LEBT und dann wird es spannend, horizont-erweiternd. es gibt NICHTS besseres, um unsere inseln zu erweitern, als andere sprachen zu studieren und die DENKWEISE der menschen kennenzulernen (was auch tiefe einsichten in unsere eigene sprache vermittelt)...
Wenn sich die Gedächtnisprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten mehr auf das Dolmetschen beziehen, dann könnte doch ein Rat von Frau Birkenbihl helfen: Die Methode, sich Nachrichtensendungen in kleine Häppchen zu zerschneiden und sich das Gesagte bildlich vorzustellen, bis man immer größere Abschnitte bildlich/"filmisch" re-konstruieren kann. Ich glaube, ich habe darüber im ersten "Stroh im Kopf" gelesen. Wenn wir, beim Konsekutiv-Dolmetschen, schon Schwierigkeiten haben, das in der Originalsprache Gesagte zu behalten, wie sollen wir es dann in der Zielsprache widergeben können?
===== natürlich. im übrigen gilt das für normale gespräche auch. deshalb habe ich eine PSEUDO-DOLMETSCHER-KOMMUNIKATIONSÖ-ÜBUNG erfunden, bei der wir die worte des anderen "schattensprechen" (also ca. einen halben satz hinterher sagen) entweder als zitat oder als paraphrasie (in eigenen worten), das zweite ist die fortgeschrittenen übung. die leute tun sich anfangs extrem schwer, weil wir gute kommunikatione grundfähigkeiten in der schule ebenso wenig lernen, wie andere wichtige fertigkeiten (z.b. wie man lernt).
Für das Simultan-Dolmetschen hilft vielleicht die Vorstellung, das Gesagte nicht zu übersetzen, sondern die dadurch produzierten Bilder in der Zielsprache zu beschreiben.
===== jau. großartige beschreibung. glückwunsch!!
Dadurch kommen wir auch dem eigentlichen Ziel des Sprachmittelns näher, im Bild des Zuhörers die gleichen Bilder zu erzeugen, wie sie der Sprecher in der Originalsprache erzeugt hat bzw. erzeugen wollte. Dabei könnten durchaus von einer "korrekten" Übersetzung abweichende Formulierungen verwendet werden. Bestes Beispiel dafür sind Sprichwörter.
======= ebenfall sehr gutes beispiel. danke! es kann übrigens faszinierend sein, den wurzeln der REDEWENDUNGEN nachzugehen. so stammt z.b. das süddeutsche GRÜSS GOTT aus der römerzeit. jeder römer wählte iom alter von 14, als er erwachsen wurde, seinen hausgott (z.b. jupiter). wenn er andere leute besuchte, insbes. wenn er mehrere tage/wochen dort weilen würde, sagte er an der türschwelle: GRÜSSE DEINEN GOTT und sagen ihm, daß er jetzt bitte auch auf mich achten möge, solange ich hier bin. das "deinen" fiel später raus und so kam "grüße gott", verkürzt zu "grüss gott" dabei heraus. solche hintergründe finde ich absolut faszinierend, in ihnen stecken jahre - bis jahrtausendealte entwicklungen, die sie konservieren..
Wenn Sie, liebe(r) H., ortsgebunden sind, sollten Sie sich vielleicht doch noch einmal überlegen, ob Sie wirklich Dolmetscher werden wollen, oder ob nicht vielleicht Übersetzer die bessere Wahl wäre.
====== na ja, ich habe schon über 50.000 mark für übersetzungen von birkenbihl-texten ins englische ausgegeben, die letztlich ALLE nicht zu gebrauchen waren, weil das typisch birkenbihl'sche, der humor etc. VERLOREN GINGEN, sie lesen sich wie eine ingenieursfibel zum gehirn-gerechten arbeiten - ätzend. man sollte nicht immer davon ausgehen, mindertrainierte und motivierte könnten ja gerne übersetzen - diese leute haben die zeit zu überlegen und liefern trotzdem oft entsetzliche stümpereien ab. da wäre es besser, der mensch hätte live gearbeitet, da kann man sich wenigstesn herausreden, daß er nicht nachschlagen, nachdenken etc. konnte. im klartext. ohne die LIEBE zur sprache an sich und zur zielsprache im besonderen kann da nichts gescheites bei herauskommen!
Ich bin leider nicht mehr in diesem Beruf tätig. Ich kenne jedoch Profis, die sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum in einem Land aufhalten, wo ihre Zweitsprache gesprochen wird.
====== natürlich. und heute können wir mit satelliten-fernsehen auch weit leichter stetigen anteil nehmen und via internet (mit web-phone) direkten kontakt mit leuten pflegen, die wieder in ihre heimat reisen mußten. es war noch nie so leicht wie heute! ausreden sollten nicht mehr gelten, gell?
Mit den besten Grüßen, good luck/buena suerte, Manfred Streuber
===== thanks a lot for your fascinating and thoughtful comments,vfb:-)
Antwort 14.4.03
Liebe Frau Birkenbihl, vielleicht habe ich mich in meinemBeitrag mißverständlich ausgedrückt: Wenn ich H. empfehle, sich als Übersetzer zu etablieren, dann meine ich damit nicht, daß er/sie mindermotiviert sei oder nicht gut genug zum Dolmetschen. Meine Empfehlung bezog sich lediglich auf die Ortsgebundenheit von H.
===== so hatte ich es auch verstanden!
Wie ich bereits erwähnte, habe ich Sprachmitteln studiert. Dieses Studium umfasste Dolmetschen und Übersetzen. Das sind, wenn man sie ernst nimmt, zwei verschiedene Berufungen. Ich habe tolle Übersetzer kennengelernt, die nicht in der Lagewaren, vernünftig in der Zielsprache zu sprechen. Der Dolmetscher(ver-)mittelt für den Augenblick, der Übersetzer für die "Ewigkeit". BeideRichtungen des Sprachmittelns erfordern unterschiedliche Herangehensweisen.
===== richtig, ich dachte, ich hätte das in meinen beiträgen auch bereits gesagt?
Als verantwortungsbewußter Übersetzer muß ich eine Menge Recherchenbetreiben, um eben genau jenes NACH zu schaffen, was den Autor in seiner Gesamtheit ausmacht. Trotzdem kann ich hier relativ ortsgebunden sein. Wie Sie auch erwähnten, kann ich mir die notwendigen Informationen in (Online-)Bibliotheken, im Internet oder mittels Telefon beschaffen. Hinzu kommt, wie Sie bemerkten: Man muß die Sprache LIEBEN, wie ein guter Handwerker sein Werkzeug liebt und pflegt.Ihre Werke zu übersetzen ist m.E. nicht möglich, wenn der Übersetzer nicht wenigstens eine wie auch immer geartete Beziehung zu Ihnen und Ihrem Werkaufgebaut hat. Er muß sich wenigstens teilweise in Sie hineinversetzenkönnen (besser noch, ein Fan von Ihnen sein), etwa wie ein Schauspieler sichin die jeweilige Person hineinversetzen muß, um die Rolle authentischspielen zu können. Wie viele der von Ihnen (hoch-)bezahlten Übersetzer haben sich auch sonst mit Ihrem Wirken beschäftigt? Sie, liebe Frau Birkenbihl, sind ja eine ganz besondere Persönlichkeit, und auch die meisten Ihrer Ideen und Entwicklungen sind z.Z. noch etwas ganz Besonderes. Wenn ich als Übersetzer noch keinen gehirn-gerechten Arbeitsstil entwickelt habe, kann ich doch kaum ihre gehirn-gerechten Arbeiten übersetzen!
===== na ja, einige behaupteten fans zu sein und meine arbeit über längere zeit hinweg verfolgt zu haben.... soweit war mein denken auch schon gediehen, trotzdem kam leider ziemlicher mist... schade.
Obwohl ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr als Sprachmittler tätig bin, habe ich mich doch schon an dem ein oder anderen kurzen Text von Ihnen versucht (Sci-Vi). Dies habe ich jedoch nicht getan, um damit Geld zu verdienen, sondern aus dem Bestreben, Ihr Gedanken gut einem größeren Kreis von Menschen zugänglich zu machen.
====== aha! interessant!
Dabei ist mir die Schwierigkeit, Ihre besondere Art "rüber zu bringen" sehr bewußt geworden: Wie gehe ich z.B. mit Ihren KAWAS und KAGAS bei einer Übersetzung um (discover - entdecken)? Ich bleibe aber am Ball. Zum einen, weil es für mich eine Herausforderung ist, zum anderen, weil ich andere Menschen teilhaben lassen möchte.
===== jeder kurze text, den jemand übersetzt, kann bitte ins BIRKENBIHL INTERNATIONAL eingebracht werden, damit er nicht-deutsch-sprechenden leuten von Rumänien über Polen bis nach sonstwo helfen kann, wenn SIe wollen, senden Sie mir Ihre "versuche" gerne. danke.
Viel Erfolg in Ihrem weiteren Wirken, auch im nicht-deutschen Raum (vielleicht finden Sie ja doch noch DEN Englisch-Übersetzer),
====== derzeit gibt es viele übersetzungen (vgl. birkenbihl international, liste) aber dort wird oft ein solcher mist gebaut. die italiener haben jetzt das rhetorik buch mit falschen titel, ohne alle abbilder und ohne kawas. etc "übersetzt" und deutsche verlag, der derzeit die rechte hält, hat sich nicht gekümmert, es ist zum weinen.... na ja. damit muß man leben...
Ihre vfb
Manfred Streuber