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Der Schnee und das Schneeglöckchen
Als der Schöpfer alle Dinge erschuf, gab er ihnen auch die Farben. Die Sonne erhielt ein leuchtendes Gelb, der Himmel ein kühles Blau, die Erde hatte alle Brauntöne gewählt und die Blumen durften von allen Farben ein wenig nehmen.
Ganz zuletzt blieb nur noch der Schnee und der Schöpfer sagte zu ihm: «Du darfst dir die Farbe aussuchen. So einer wie du, der in jeden Winkel kommt, wird ja wohl etwas finden.»
Der Schnee war ein wenig eitel und wollte schöne bunte Kleider haben. Also ging er zum Gras und bat: «Bitte, gib mir ein wenig von deiner schönen grünen Farbe!»
Das Gras aber wollte nichts hergeben und sprach nicht mit ihm. Da ging der Schnee zur Rose und bat sie um ein Stückchen von ihrem roten Kleid. Doch auch sie wollte nicht teilen und das Veilchen und die Sonnenblume lachten gar über ihn.
Schliesslich setzte er sich traurig auf die Wiese am Waldrand und entdeckte dort ein kleines weisses Blümchen und bat: «Bitte, liebe Blume, gib mir doch ein wenig von deinem weissen Mäntelchen.»
Da erbarmte sich das Blümchen und sprach: «Wenn dir mein Mäntelchen gefällt, darfst du gerne davon nehmen.»
Der Schnee nahm dankbar ein Stück vom weissen Blütenmäntelchen und seither ist er weiss. Dem Blümchen gab er den Namen Schneeblume und ihm allein fügt er keinen Schaden zu.
Im nächsten Frühling weckte die Sonne mit ihren warmen Strahlen das schlafende Blümchen. Es drängte sich durch die kalte Erde und streckte seine Blütenköpfchen aus dem Schnee heraus, und der Frühling, der seine ersten Schritte über das Land zog, freute sich so sehr, dass er dem Blümchen den Namen Frühlingsglöckchen gab. Das wollte der Schnee nun nicht gelten lassen: «Im Schnee des Winters ist es gewachsen, hat sein Mäntelchen mit mir geteilt, so soll es auch meinen Namen tragen.»
Doch schliesslich einigten sie sich, dass jeder ihm die Hälfte des Namens geben durfte, und seither heisst es «Schneeglöckchen». Es wächst früh im Jahr und läutet den nahenden Frühling ein.
Aus: Blumenmärchen, herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung, ISBN 978-3-9523692-3-4