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In einer Klassikwelt, deren großteils konservatives Publikum bis heute meist eisern an der Idee des «Originalkunstwerks» festhält, müssen Mario Venzagos Bearbeitungen auffallen. Sie sind insofern überraschend und stehen für sich, als der Bearbeiter weder ein «im Stile von» aus seiner Feder fließen lässt, noch historischen Vorlagen etwas kontrastierend Neues, Eigenes anfügt. Sich selbst bewusst zurücknehmend, stellt Venzago musikhistorische Überlegungen an. Eine ziemlich unkonventionelle Form der «Quellenarbeit» folgt. So schöpfen Venzagos Ergänzungen sich ausschließlich aus Originalmaterial, das er collagiert und arrangiert, ohne selbst eine Note neu zu erfinden. Die Ergebnisse sind frappierend..
2013 legte Mario Venzago Franz Schuberts h-Moll-Sinfonie in einer rekonstruierten, vervollständigten Form vor, die inzwischen bei der Universal Edition Wien verlegt ist. Seine Ergänzung stellt sich gegen zwei legendenhafte Annahmen, die seit fast 200 Jahren die Musikgeschichtsschreibung dominieren: Schubert habe eine «Unvollendete», «konstituierend fragmentarische» Sinfonie hinterlassen, die zudem den Rang «Letzter Worte» des früh verstorbenen Komponisten einnehme. Die These, der dritte und vierte Satz der Sinfonie seien schlicht verloren gegangen und nicht etwa von dem entmutigten, an Syphilis dahinsiechenden Schubert (der noch fünf Jahre weiterleben sollte) niemals geschrieben worden, erläutert Venzago im Booklet seiner 2017 bei Sony Classical erschienenen CD mit dem Kammerorchester Basel überzeugend. Der Scherzo-Satz lässt sich aus Particell und überliefertem Reinschrift-Beginn rekonstruieren. Den verschollenen vierten Satz findet Venzago integriert in die Schauspielmusik zu Rosamunde und führt ihn zurück in ein Sinfoniefinale mit zyklischem Schluss.
Die «neuen» Sätze führen ein Moment fort, das in der h-Moll-Sinfonie von Anfang an gegeben war: Der schnelle, oft abrupte Wechsel zwischen Hell und Dunkel, Dur und Moll, schicksalhaft-düsteren und versöhnlichen Gedanken. In seinen Einspielungen erzählt Venzago diese Wechsel in leichtgängigen, schnellen Tempi, hebt die Sinfonie vom musealen Sockel und lässt sie wunderbar menschlich und lebendig klingen.
Das Kapitel der Schubert-Rekonstruktionen ist mit der «Vollendeten Unvollendeten» für Venzago keineswegs abgeschlossen. 2020/2021 galt sein Interesse der «Siebten» Sinfonie in E-Dur. Er beauftragte den österreichischen Komponisten Richard Dünser mit der Rekonstruktion und steuerte der bei Peters frisch verlegten Sinfonie eigens ein zweites Scherzo sowie eine Fassung für historische Instrumente bei.