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Carl Albrecht Looslis «Habligen»
«Die Leiche lag, mit den Füßen gegen den Gartenzaun gerichtet, in halb kniender, halb liegender Stellung vornübergesunken, der Kopf dem Scheiterhaufen zugekehrt. Die Arme waren weit nach vorn ausgestreckt und lagen auf dem Boden auf. Der Kopf war mit dem Gesicht dem Holzhaus zuwandt; es wies einige Blutspritzer, aber keine Verletzungen auf. Das Hinterhaupt dagegen bot eine einzige, tiefe Wunde, ein gähnendes, blutiges Loch. Der Landjäger näherte sich der Leiche, und die Wunde betrachtend, meinte er: ‹Das war ein Schuß!›
Er erhob sich, machte seinen letzten Eintrag und wollte eben sein Taschenbuch zusammenklappen, als Fritz Grädel, der junge Bauer, zur hintern Haustüre heraustrat. Als er die drei Männer erblickte, blieb er überrascht stehen. Er sah ein wenig übernächtigt aus, wenn auch nicht eigentlich verkatert. Der Gemeindepräsident und der Tierarzt faßten ihn scharf ins Auge und sahen ihn unverwandt an. Als er sich von der ersten Überraschung erholt hatte, sagte Fritz:
‹Guten Morgen miteinander! Was ist denn los, daß ihr alle drei schon um diese Zeit in der Schattmatt droben seid?›»
Der Mord am Schattmattbauern Rees scheint schnell aufgeklärt zu sein. Haupttatverdächtiger ist sein Schwiegersohn Fritz. Es kommt zu Haft und Prozess, dann allerdings doch zu einem Freispruch. Doch der Freigelassene ist an Körper und Seele gebrochen, sein Zerfall unaufhaltsam. Die blutige Geschichte hat ein zweites Opfer gefordert. Und die Aufklärung des Mordes, die erst Jahre später erfolgt, ist so haarsträubend, dass man tatsächlich nicht hätte drauf kommen können.
Wo das alles spielt? «Loosli gibt ein Kulturbild der Emmentaler Verhältnisse in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Er schildert minutiös Land und Leute, die örtlichen Gegebenheiten des Dorfes Habligen und seiner Umgebung, so dass man darnach eine Skizze anfertigen könnte», schreiben Erwin Marti und Hans Wittwer zu ihrer Spurensuche im Emmental. Vor Ort entscheiden sie, dass am ehesten das Dorf Oberburg den Beschreibungen entspricht.
Man muss nach der Lektüre zum Schluss kommen: Nicht Friedrich Glauser und auch nicht Friedrich Dürrenmatt haben den Kriminalroman in die Schweizer Literatur eingebracht, sondern Carl Albert Loosli. Loosli, der «Philosoph von Bümpliz» ist auch in anderer Hinsicht eine hochinteressante Figur der Schweizer (Literatur-)Geschichte: 1877 kam er als uneheliches Kind zur Welt. Bis zu seiner Volljährigkeit lebte er bei einer Pflegemutter oder in Erziehungsanstalten in der welschen und der deutschen Schweiz. Er machte sich als Journalist und freier Schriftsteller einen Namen und engagierte sich im Kampf gegen die Anstalten und das Verdingkinderwesen und für ein humanes Jugendrecht («Anstaltsleben», 1924). Ausserdem war er einer der ersten, der vor den Gefahren des Antisemitismus und des Nazitums warnte («Die schlimmen Juden», 1927). Carl Albert Loosli starb 1959 in seinem Bümpliz. Sein Name steht noch heute für Kämpfertum und Zivilcourage. (BP)
Wo die Schattmatt genau liegt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Für Habligen, den Romanort, käme aber Oberburg als Modell in Frage: Mit heute 2‘924 Einwohnern, ist eine Gemeinde am Stadtrand von Burgdorf im Emmental. Ein Vorort, dessen dörflicher Kitt sich hält: Mehr als drei Dutzend Vereine gedeihen, darunter zwei Hornussergesellschaften (Hornussen ist ein im Bernbiet verbreitetes, bäuerliches Mannschaftsspiel). Oberburg ist der einzige Ort der Deutschschweiz, der einen Kommunisten – den Regisseur des Theatervereins – in die Gemeindeexekutive wählte. Unser Bild zeig einen Emmentaler Bauernhof bei Burgdorf – als «breit-behäbig» hätte ihn wohl Loosli beschrieben und so ungefähr kann man sich auch die Schattmatt vorstellen.