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Wenn es nach den Leuten ginge, die mir täglich Vorschläge zu «Partnerschaften» schicken, würdet ihr hier im Blog nur noch gesponsorte Beiträge lesen und nichts anderes mehr. Diese «Gastbeiträge» werden, so verspricht man mir jeweils, professionell getextet und «speziell auf die Bedürfnisse meiner Leserschaft» zugeschnitten. Woraufhin ich mir ein Grinsen nicht verkneifen kann, weil es da draussen offensichtlich Leute gibt, die die «Bedürfnisse meiner Leserschaft» besser kennen als ich.
Normalerweise lösche ich derlei Mails ungelesen. Klar, ich könnte ich auf mein «Mission Statement» verweisen, das es auch auf Englisch gibt. Aber wieso sollte ich? Das wäre ähnlich sinnvoll, wie dem Viagra-Spammer zurückzuschreiben, dass man aktuell keinen Bedarf hat.
Neulich habe ich eine Ausnahme gemacht und einer gewissen Manuela eine Antwort zukommen zu lassen. Sie hat sich als Mitarbeiterin der Marketing-Agentur «Digital PR Rocks» vorgestellt und mein Interesse mit folgender Formulierung geweckt:
Da wir einen informativen Mehrwert bieten wollen, sind unsere Artikel nicht werblich, sondern hochwertig und natürlich geschrieben. Daher sollten diese Artikel auch im redaktionellen Kontext erscheinen und nicht als Anzeige markiert werden.
Als ob es bei der Kennzeichnung von gesponsorten Inhalten um die Sprache und den Stil ginge und nicht um die Geldflüsse hinter der Veröffentlichung. Gibt es tatsächlich Blogger, die auf eine so fadenscheinige Argumentation hereinfallen? Schwer zu glauben.
Also, ich habe Manuela eine E-Mail-Nachricht mit folgenden vier Fragen zurückgeschickt:
- Was ist die typische Preisspanne, die Sie für eine Veröffentlichung bezahlen?
- Welche Inhalte werden in den Artikeln behandelt?
- Wer ist Digital PR Rocks und wo sind Sie domiziliert? Ich habe auf Ihrer Website leider kein Impressum gefunden.
- Haben Sie ein reales Beispiel eines Artikels in einem Blog wie meinem, der auf Ihre Initiative hin veröffentlicht worden ist?
Ich habe versucht, mich offen zu zeigen und Fragen zu stellen, die auch jemand stellen würde, der ein echtes Interesse an einer solchen Zusammenarbeit hat. Doch ich habe von Manuela keine Antwort bekommen. Das liegt vielleicht daran, dass sie nicht auf Leute wie mich angewiesen ist, weil ein normaler Blogger den Blankovertrag ohne weitere Nachfragen sofort unterschreibt. Oder womöglich ist das Geschäft derartig halbseiden, dass sie mir auf meine Fragen keine glaubhaften Antworten hätte geben können¹.
In Malta wird viel gerockt
Ich habe daraufhin eine kleine Whois-Anfrage vorgenommen und nicht überraschend festgestellt, dass der Domainhalter sich nicht zu erkennen gibt (siehe Sollen Domainhalter anonym bleiben?). Es fällt auf, dass die Domäne digital Bindestrich pr dot rocks erst vor ein paar Wochen registriert worden ist, nämlich am 16. Juni 2022.
Immerhin ist eine Registrant Org angegeben, also ein Unternehmen, das als die Domain registriert hat. Das heisst Kafe Rocks Ltd, ist auf Malta zu Hause und verwendet die Domain kafe dot rocks, die zufälligerweise die gleiche, ungewöhnliche Top-Level-Domain .rocks verwendet wie «Digital PR Rocks». Eine Google-Suche reicht, um herauszufinden, dass Manuela, die mir das Mail geschrieben hat, für Kafe Rocks arbeitet: Das steht auf ihrer Linkedin-Seite, wo sie sich als Spezialistin für die Suchmaschinenoptimierung (SEO) zu erkennen gibt.
Damit ist klar, welche Art Inhalt ich auf mein Blog stellen müsste; denn Kafe Rocks ist nach eigenem Bekunden «einer der führenden iGaming-Affiliates»:
Mit mehr als 35 Online-Casino- und Sportwetten-Marken in mehr als zwanzig Märkten und in mehr als neun Sprachen verfolgen wir einen lokalisierten Ansatz, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse stets aussagekräftig, relevant und korrekt sind.
Damit sind wir bei der Erkenntnis angelangt, dass sich in dieser Sphäre seit bald zehn Jahren nichts geändert hat: Schon 2013 hat man mir versucht, Gastbeiträge für Online-Casinos anzudrehen. Damals haben die Absender solcher Offerten aus ihren Absichten keinen Hehl gemacht.
Die Casinobetreiber und ihre Strohmänner
Warum gibt es heute ein solches Versteckspiel? Diese Frage habe ich Manuela via Linkedin gestellt, doch bislang auch da keine Antwort erhalten. Eine einleuchtende Erklärung wäre, dass E-Mails, in denen von «Online-Casinos und Sportwetten» die Rede ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit im Spamfilter hängenbleiben oder vom Empfänger auf händischem Weg als unseriös eingestuft werden. Ich gehe davon aus, dass Blogger, die sich interessiert zeigen, sanft ans eigentliche Thema herangeführt werden.
Nachdem ich zwei meiner vier Fragen durch eine investigative Recherche selbst beantworten konnte, bleibt die Frage, wie viel Geld ich mir habe entgehen lassen, indem ich Manuela mit meinen neugierigen Fragen wahrscheinlich endgültig abgeschreckt habe. Auf Quora habe ich eine unverblümte Aussage gefunden. Saleh Ahmed ist Chef eines Unternehmens namens Rank Wizards, das offensichtlich ebenfalls SEO-Dienstleistungen anbietet. In seiner inzwischen fünfjährigen Antwort heisst es:
Backlinks durch Gastbeiträge: Sie bieten dem Webmaster einer anderen Website einen Artikelbeitrag an und können so einen Backlink von diesem Artikel zu Ihrer Website erhalten. Die Links können sowohl do-follow als auch no-follow sein. Bei Hobby-Bloggern ist das in der Regel kostenlos, aber professionelle Website-Betreiber verlangen zwischen zwanzig und 500 US-Dollar (je nach Website-Metriken).
Und klar: Für Blogger, die nicht in einer Hochpreis-Insel zu Hause sind, mögen diese Preise attraktiver wirken als auf einen Schweizer wie mich. Entgegen unserer Selbstwahrnehmung sind wir Eidgenossen nicht immun gegen Korruption. Aber wir lassen es uns etwas kosten.
Das lohnt sich nicht
Was dieses Geschäft möglich macht, ist das Preisgefälle: Als Blogger in einem Niedriglohnland können gesponsorte Artikel eine interessante Einnahmequelle sein. Ich, der ich in einer Hochpreis-Insel lebe, werde meinen Ruf als Journalist nicht für zwanzig oder fünfhundert US-Dollar aufs Spiel setzen.
Trotzdem erinnere ich an die Risiken: Unternehmen wie Google, deren Suchmaschinen durch solche Gastbeiträge ausgetrickst werden sollen, neigen dazu, Gegenmassnahmen zu treffen: Wenn ein Unternehmen durch allzu forsches SEO auf sich aufmerksam macht, läuft es Gefahr, abgestraft zu werden. Das schlägt auch auf die Websites zurück, die sich für solche Backlinks haben einspannen lassen. Darum bleibt es dabei: Als Blogger sollte man selbst bloggen – und das nicht durch Manuela und Konsorten erledigen lassen …
Fussnoten
1) Im Versuch, meinen Beitrag noch etwas breiter abzustützen, habe ich seit dem Experiment mit Manuela auch ein paar anderen solchen SEO-Spezialistinnen mit drei, vier Fragen zu den Inhalten der Gastbeiträge zurückgeschrieben. Die Rücklaufquote dazu war null. Ich nehme an, dass das kein Zufall ist: Wahrscheinlich haben diese Leute die Erfahrung gemacht, dass Leute, die selbst harmlose Gegenfragen stellen, sich letztlich nicht auf solche Deals einlassen. Ich würde das so deuten, dass sie sich an Leute wenden, die genau wissen, worauf sie sich einlassen, keine Skrupel haben und dementsprechend auch keine «blöden» Fragen stellen. ↩