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Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft
Jacob Wegener, 2003 | Dornach, SO
Es ist nie angenehm von Krieg zu reden, schon gar nicht über einen Krieg so gewaltig und grässlich wie der Zweite Weltkrieg. Daher wird der Zweite Weltkrieg gerne steril behandelt; Zahlen, Statistiken, Ortsnamen. Redet man über die Kriegserfahrung und Einzelschicksale, dann sind diese meistens jene der Opfer oder der Befreier. Selten aber befasst man sich mit der Perspektive von oberhalb des Schaftstiefels. Diese Arbeit behandelt daher die Sicht des deutschen Wehrmachtsoldaten auf den Krieg, sowie dessen Selbstbild. Es sind im Rahmen dieser Arbeit Feldpostbriefe von Wehrmachtsoldaten gelesen und auf spezifische Fragen hin untersucht worden. Aufgrund der Natur des Feldpostbriefes als Quelle, ist dies eher ein Forschen nach der Stimmung und sich wiederholenden Aussagen als nach klar geäusserten Fakten. Das Suchen einer Nadel im Heuhaufen.
Fragestellung
Die zentralen Fragen, unter welchen geforscht wurden, sind die folgenden: Wie nahm der Wehrmachtsoldat den Krieg wahr? Und wie schätzte er die eigene Rolle in diesem ein?
Methodik
Für diese Arbeit wurden Feldpostbriefe gelesen und auf etwaige Trends untersucht. Die Primärquelle war die Briefsammlung der Museumsstiftung für Post und Telekommunikation, mit ihrer Sammlung von etwa 120’000 Feldpostbriefen, wovon etwa 3’000 digitalisiert online verfügbar sind. Es sind diese 3’000, worauf diese Arbeit in erster Linie baut. Die ausgewerteten Briefe stammen mit wenigen Ausnahmen von Soldaten des Heeres. Es wurden keine Briefe aus anderen, gebundenen und verlegten Sammlungen verwendet. Zusätzliche Literatur wurde für das Feldpostwesen, sowie historische Hintergrundinformationen verwendet. Bezüglich der Frage der Sicht auf den Krieg, wurde Rücksicht auf Zeit, Ort und Kriegsgeschehen genommen. Bei der des Selbstbilds wurde hingegen nach allgemeineren Ansichten und Gefühlen der Soldaten zu bestimmten allgegenwärtigen Themen gesucht.
Ergebnisse
Es kann ein genereller Trend bezüglich des Zusammenhangs der allgemeinen Stimmung und des Kriegsverlaufs festgestellt werden. Wo das Gefühl des Triumphes nach 1940 zwei weitere Jahre anhielt und man sich 1941 zusätzlich als Befreier vom und Vernichter des Bolschewismus betrachtete, änderte Stalingrad alles. Man befand sich fortan in der Defensive und sah sich dementsprechend als Verteidiger der Heimat. Militärische Katastrophen führten zu extremeren Ansichten bezüglich der eigenen Lage ab 1944 bis zum Ende des Krieges, mit zwei kleineren Hoffnungsschimmern in der Normandie und später in der Ardennenoffensive. Es gab offenen Defätismus, Fanatismus wie auch Resignation. Die Aussichtslosigkeit der Lage war vielen jedoch spätestens anfangs 1945 klar, was viele jedoch nicht davon abhielt weiterzukämpfen, sei dies aus Gründen wie Fanatismus, oder schlichtweg für das eigene Überleben. Zum Selbstbild muss gesagt sein, dass viele Ansichten aufgrund der persönlicheren Natur der Themen stärker variierten. Es konnte im Großen und Ganzen jedoch festgestellt werden, dass im Laufe des Krieges ein Grossteil der Soldaten sämtliches Vertrauen gegenüber Hitler verloren. Themen grösser Variabilität waren jenes der SS, welche einige als Rohlinge, andere als Elitesoldaten wahrnahmen und das der Kriegsverbrechen. Beim Letzteren konnten viererlei Standpunkte beobachtet werden. Diese sind Anprangerung und Scham, Rechtfertigung, scheinbar gleichmütige Akzeptanz und zuletzt das Beschweigen dieser.
Diskussion
In Retrospektive lässt sich sagen, dass es überaus ambitiös war, zugleich das Selbstbild und die Sicht auf den Krieg zu behandeln. So mussten einige Fronten gekürzt, mehrere Unterthemen weggelassen und das Selbstbild auf einige wenige Aspekte heruntergebrochen werden. Deshalb bietet diese Arbeit nur einen gröberen Überblick bezüglich des Kriegs- und Selbstbildes. Darüber hinaus ist das Arbeiten mit der Feldpost als Quelle tückisch, da sie in ihren Aussagen selten eindeutig ist und viel Interpretation erfordert, was das Ziehen von Schlussfolgerungen, insbesondere beim Selbstbild, erschwert. Immerhin ist ein Brief höchst persönlich, der Autor verfolgt ausserdem auch bestimmte eigene Ziele.
Schlussfolgerungen
Der Wehrmachtsoldat sah sich bis 1944 grösstenteils als Soldat in einem gerechten Krieg. Erst als Rächer der Niederlage im Ersten Weltkrieg, dann als Verteidiger Europas gegen den Kommunismus bis hin zum Verteidiger von Heimat, Familie und Überleben. Die Feldpost verdeutlicht ausserdem die Schnelligkeit von Prozessen der Desensibilisierung und Radikalisierung bezüglich humanitärer, politischer und ideologischer Fragen, sowie der Sicht auf Kriegsverbrechen.
Würdigung durch die Expertin
Christine Stuber
Die Arbeit von Jacob Wegener beruht auf der Analyse einer online zugänglichen Briefsammlung des Museums für Post und Kommunikation in Berlin. Dank einer präzisen Fragestellung und einer akkuraten Auswahl an Textstellen aus Feldpostbriefen ist es dem Autor gelungen, aus dem riesigen Datenmaterial Stimmen und Stimmungen deutscher Wehrmachtsoldaten in unterschiedlichen Phasen des Zweiten Weltkriegs lebendig werden zu lassen. Eine beeindruckende wissenschaftliche Arbeit über die Sicht des einfachen Soldaten auf den Krieg und seine Rolle darin, die in ihrer Relevanz zum Nachdenken anregt.
Prädikat:
sehr gut
Gymnasium Laufental-Thierstein
Lehrer: Ronald Korak