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An dieser Stelle veröffentliche ich im allgemeinen kürzere Blog-Beiträge zu Aktualitäten in den Themen Biodiversität in der Stadt oder Klimaschutz. Zur Abwechslung stelle ich hier einen längeren Essay vor, der sich der Natur in der Stadt auf andere Weise, mit dem Tiber auf Augenhöhe nähert. In vier Teilen werden Sie viel über den Tiber erfahren, die Gründungsgeschichte von Rom und die Rolle, die der Fluss darin gespielt, über die Quelle der Nymphe Egeria und ihre Rolle in der Gründung der Ewigen Stadt, über die Funktionalisierung von Wasser durch die Römer:innen, die Instrumentalisierung des Flusses durch den Faschismus – und was diese Vergangenheit mit unserer Gegenwart zu tun haben könnte. Dies ist Teil 3 des Essays.
Einer meiner Spaziergänge entlang des Tibers führt mich zu einer kleinen Insel inmitten der Stadt. Die Tiber-Insel habe ich anlässlich meiner Besuche von Rom in der Vergangenheit von oben, von der nahegelegenen Brücke betrachtet. Doch als ich mich dieses Mal auf Augenhöhe mit dem Fluss durch den Trog auf sie zubewege – mit dem abschätzigen Begriff Trog meine ich das künstliche Flussbett durch das Zentrum der Stadt –, verstehe ich sofort, weshalb die Tiber-Insel stets ein Ort der Heilstätten war. Es ist ein Leichtes, die zwei Brücken zum linken und rechten Ufer abzuriegeln. Die Insel ist geradezu prädestiniert für die Quarantäne während einer Epidemie. Auch heute noch befindet sich ein Spital darauf.
Ich überquere die rechte Brücke von Trastevere aus und begebe ich mich zunächst an die Spitze der Insel, dort, wo sich die Fluten des Tibers teilen. Erstaunt spüre ich, dass die Strömung hier für eine feine Schwingung sorgt, die ich in Füssen und Beinen wahrnehme. Es ist als würde der Tiber durch die Reibung des Wassers an der Insel diese energetisieren. Ich höre Tiberinus sagen: „Erinnere dich an mich. Erinnere dich an mich, so wie ich heute bin. Erinnere dich an uns.“ Endlich erklärt sich der Flussgott und legt seine Absicht offen. Ihm scheint es wichtig, auf der Tiber-Insel auf seine Rolle aufmerksam zu machen. Denn nirgends wird diese sinnfälliger als hier. Doch was meint er mit dem „uns“. Die Erklärung dafür bleibt er mir zunächst schuldig.
Einst war die Tiber-Insel der Übergang zwischen der etruskischen und latinischen Seite der Stadt. Darum bewachte einer der wenigen eigenständigen römischen Götter, der doppelgesichtige Janus, die Brücken. Diese kleine Insel, die von der Seite betrachtet wie in Schiff in der Brandung aussieht, hatte in der Antike gleich mehrere Funktionen: als Heiligtum und Heilstätte, als Umschlagplatz für Lebensmittel, als Verkehrskreuzung für die zwei Stämme, die sich erst mit Numa Pompilius’ Regentschaft so richtig zusammenrauften, und zeitweise auch als Gefängnis.
Die Vorläufer des heutigen Spitals entstanden bereits dreihundert Jahre vor Christus. Damals wurde wegen einer Epidemie eine Delegation ins griechische Epidauros geschickt – dies auf Anregung eines Eintrags in den Sibyllinischen Büchern. Die Delegation sollte aus dem dortigen Tempel des Äskulap, des Gottes der Heilkunst, eine heilige Schlange nach Rom bringen. Die Schlange entkam auf dem Tiber, schwamm den Fluss entlang und versteckte sich schliesslich auf der Insel. Deshalb entstand darauf ein erster Tempel des Äskulap und später folgten Kultorte für den Flussgott Tiberinus, Jupiter Iurarius oder Faunus, den Gott der Wälder und Hirten. Fluss und Insel, so könnte man sagen, bildeten das Fundament für ein römisches Gesundheitswesen.
Die Insel liegt auch nahe dem ersten Zentrum von Rom. Tiberinus hatte wahrgemacht, was er Äneas im Traum einflüsterte, auch wenn sich nur wenige heute daran erinnern. Der Flussgott und sein Fluss halfen mit, Rom zu gründen und sukzessive zu erweitern: Am linken Ufer des Tibers entstand der Portus Tiberinus mit entsprechenden Schutzheiligtümern. Die Lage zwischen den Hügeln Campidoglio, Palatino und Aventino bildete gute geographische Voraussetzungen für den Transport und Handel von Gütern. In der Velabro-Ebene etwa zwischen Kapitol und Palatin entstanden das Foro Boario, der Rindermarkt, und weitere Märkte für den Verkauf von Gemüse usw. Der vierte König von Rom, Anco Marzio, baute ausserdem die erste Holzbrücke über den Fluss, die viele Male vom Tiber weggespült und wieder aufgebaut wurde.
Um ehrlich zu sein: Der Tiber gab, aber er nahm auch. Wiederkehrende Überflutungen und Hochwasser forderten Todesopfer, förderten den Ausbruch von Epidemien trotz Schutztempeln und regelmässigen Festen für Tiberinus und Hafen und verursachten konstante Reparaturarbeiten. Dennoch blieben die Römer und Römerinnen ihrem Tiber über 400 Jahre treu.
Doch mit der Zeit reichten Fluss und Quellen nicht mehr aus. Im schnell wachsenden Rom spielte Wasser eine zunehmend wichtige Rolle. Als die Gewässer die Bedürfnisse der Stadt nicht mehr erfüllen konnten, erhielten sie nicht nur Konkurrenz durch menschliche Bauten, sondern auch ihre Aura als lebensspendende oder heilende Akteure wurde ramponiert, mehr noch, sie büssten ihre Göttlichkeit ein.
Sextus Iulius Frontinus, ein römischer Senator, Statthalter von Britannien und dreimaliger Konsul, wird 97 n.Chr. „curator aquarium“, Oberaufseher über die Aquädukte von Rom. In seiner Bestandesaufnahme der Wasserversorgung von Rom schreibt er: „441 Jahr lang nach der Gründung der Stadt Rom waren die Römer und Römerinnen mit der Nutzung von Wasser zufrieden, das sie aus dem Tiber, aus Brunnen und Quellen schöpften. Die Erinnerung an die Quellen ist bis jetzt mit religiöser Verehrung gepflegt worden: Man glaubte, dass sie auf Kranke heilbringend wirken, wie zum Beispiel die Quellen der Camena, des Apollo und der Interna.“[i] Diese Zeiten sind zumindest teilweise vorbei. Denn: „Heute aber führen folgende Wasserleitungen in die Stadt: die Appia, die Anio Vetus, die Marcia, die Tepula, die Iulia, die Virgo, die Alsietina, welche auch Augusta genannt wird, die Claudia und die Anio Nova.“ Frontin, den man heute wohl als einen Manager bezeichnen würde, geht nach dieser historischen Fussnote nahtlos zur eigentlichen Absicht des Berichts als Grundlage für seine Verwaltungstätigkeit über.
Während der Kaiserzeit gab es in Rom eine munizipale Hierarchie, in der selbst wohlhabende Personen aus der Provinz aufsteigen konnten. Der Standardweg dafür war damals die Aufnahme einer solchen Person in die Armee als Ritter, gleich von Beginn weg mit Befehlsgewalt ausgestattet. Weil eine Karriere in der Armee gleichzeitig für das entsprechende soziale Kapital einer Person sorgte, war es von dort nur noch ein kleiner Schritt in die kaiserliche Verwaltung. Frontins „De aquis urbis Romae“ war ein Arbeitsinstrument für die kaiserliche Administration, für die er nüchtern und systematisch folgende Themen abarbeitete: Bau und Geschichte der Aquädukte, Zustand der Bauten, Wassermengen, die transportiert werden, und Missstände bzw. Misswirtschaft. Er erwähnt auch, dass es im Verlauf der Geschichte Widerstand gegen einzelne Bauten gab. Das Aquädukt Marcia etwa war von einem zehnköpfigen Priestergremium kritisiert worden, da es göttlichem Recht widerspreche. Die Priester hatten den Sibyllinischen Büchern ausserdem entnommen, dass kein Wasser bis aufs Kapitol geführt werden sollte. Auch andere Akteure waren dagegen, aber beide Male hat sich der damalige König Quintus Marcius Rex durchgesetzt.
Frontin mass den Durchfluss von Wasser in sogenannten Quinaren und fand dabei Diskrepanzen zu früheren Messungen. Es fehlten 10’000 davon. Bereits an den Quellen wurde Wasser für Private abgezweigt oder Leitungen der Aquädukte angebohrt. Der Politiker Marcus Caelius Rufus hielt dazu fest: „Durch strenge Untersuchungen haben wir beweisen müssen, was man sich alles herausgenommen hat, als hätte man ein Recht dazu: Wir finden, dass auf bewässerten Feldern, in Kneipen, sogar Fresslokalen und letztlich Absteigen von üblem Ruf fliessendes Wasser installiert worden ist.“[ii] Die sogenannten Wassermeister teilten das Wasser nicht immer fair zu.
Wasser wurde also gemanagt, gemessen und gestohlen. Es war eine wertvolle Ressource und jeder wollte in den Genuss davon kommen. In den besten Zeiten der Antike lebten 1.5 Millionen Menschen in Rom. Zur Zeit des Kaisers Konstantin existierten 19 Aquädukte für 200 Brunnen, 11 grosse kaiserliche Thermen und 900 öffentliche Bäder. Das Wasser diente zu 44 Prozent öffentlichen Anlagen – Fontänen, Brunnenhäusern, Badebecken, Zisternen –, zu 38 Prozent dem privaten Bedarf in den Häusern und zu 19 Prozent dem kaiserlichen Hof. Es leuchtet also ein, dass die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Zugänglichkeit zu dieser Ressource verbunden war.
Klingt eigentlich ganz modern. Auch heutige Menschen haben einen selbstverständlichen und, wie es sich in Zeiten des Klimawandels herausstellt, verschwenderischen Umgang mit Wasser. Aber im Römischen Reich wird sichtbar, dass mit dieser Entwicklung auch ein Paradigmenwechsel in Bezug auf die Gewässer stattfindet. Wer sich Wasser für ein Nymphäum in seiner Villa, für Felder oder Kneipen aneignet, der hat Wasser zu einer Ware gemacht, hat es objektiviert und funktionalisiert. Römer und Römerinnen fürchten keine Rache von Flussgöttern oder Nymphen, wenn sie Wasser rauben oder zumindest aus dem üppig vorhandenen Vorrat abzweigen. Wenn man etwas fürchtete, dann wohl eher die Verfolgung durch den Kaiser.
Augustus nahm sich der Wasserversorgung persönlich an. Denn ihre Qualität war für ihn eine Frage der Reputation. Der Ziehsohn Caesars gilt als einer der grössten Kaiser von Rom, weil er im Stande war, nachhaltige Verwaltungsstrukturen aufzubauen genauso wie die Grenzen des Römischen Imperiums in ungeahnte Weiten auszudehnen. Beides mag dazu beigetragen haben, dass Augustus am Ende seines Lebens einen gottähnlichen Status erhielt. Die göttliche Hierarchie hatte sich seit Anbeginn bis zur Kaiserzeit geändert. Waren in archaischen Zeiten und für die Gründungsgeschichte Roms die Naturgottheiten noch zentral, so wurden sie zuerst durch die griechisch-römischen, menschenähnlichen Götter und Göttinnen abgelöst und zuletzt durch sterbliche Kaiser.
Was bedeutete diese Entwicklung für den Tiber und den stets wachsamen Tiberinus? – Mit den Aquädukten war die Rolle des Flusses als Wasserspender ein erstes Mal deutlich beschnitten worden. Allerdings sollte sich die Situation in der Phase des Niedergangs von Rom und dem Einfall der Banden von Goten, Vandalen und Langobarden nochmals drastisch ändern. Aquädukte wurden plötzlich zu idealen Angriffspunkten und Einfallswegen für die Feinde Roms. Teilweise zerstörten die Römer und Römerinnen ihre Wasserleitungen gar selbst. Einer der Gotenführer hatte auch die Idee, an den Ufern des Tibers, ausserhalb der Stadt, Wachtürme zu bauen und damit die Zufuhr von Gütern in die Stadt zu kontrollieren. Die stark geschrumpfte Bevölkerung war gezwungen, zum Tiber und seinen Brunnen zurückzukehren.
Nochmals rund tausend Jahre später folgte der zweite grosse Schnitt. 1870 – zeitlich ganz in der Nähe des Risorgimento – verlegte man den Lauf des Tibers durch das Zentrum der Stadt in den oben genannten Trog, in ein tief gelegenes steinernes Flussbett. Wie bereits erwähnt, waren die häufigen Überschwemmungen Roms durch den Tiber ein permanenter Stein des Anstosses, dem die Gründerväter Roms auszuweichen versuchten, indem sie ihre Stadt bewusst auf höher gelegene Hügel gebaut hatten.[iii] Aber im 19. Jahrhundert war man der Unkontrollierbarkeit der Natur endgültig leid. Eine aufstrebende Gilde von Ingenieuren und Stadtarchitekten traute es sich zu, das komplexe Projekt einer Zähmung des Tibers anzupacken.
Laut der Architekturhistorikerin Segarra Lagunes wurde im Zuge der Flusskorrektur aber nicht nur der Tiber beschnitten, sondern ein ganzes menschliches Ökosystem, das in einer Symbiose mit dem Fluss entstanden war und Jahrhunderte lang existiert hatte. Sie schreibt: „Der radikale Einschnitt, den der Bau der Mauern für diese Orte darstellte, hat ein Universum von Ereignissen und wirtschaftlichen, sozialen und architektonischen Verflechtungen hinweggefegt, die ein genau definiertes Stadtgebiet bereicherten und belebten und die mit einer Dynamik von Wohn-, Handels-, Produktions- und Freizeitcharakter verbunden waren.“[iv]
Als ich an einem wolkenverhangenen Märzmorgen wieder einmal den Tiber entlang gehe, knallt es laut. Eine junge Frau und ich sind eben dabei uns zu kreuzen, als etwas neben uns förmlich explodiert. Ich denke, dass es eine Flasche gewesen sein muss. Wie gefährlich! Doch als wir zwei genauer hinsehen, bemerken wir, dass es sich um einen Plastikbecher handelt, der durch die Höhe des Falls und das Gewicht seines Inhalts eine rechte Wucht entfaltet hat. Irgendjemand hat achtlos sein noch volles Getränk über die steinerne Brüstung zum Tiber hinunter geworfen. Die Person bleibt ohne Gesicht. Dass sie die junge Frau oder mich mit ihrer Achtlosigkeit hätte verletzen können, hat sie nicht gekümmert.
Mir wird jedoch klar, dass der Tiber in den Tiefen des Flussbettes nicht nur sein Gesicht verloren hat. Jeglicher Respekt ihm und Tiberinus gegenüber scheint verloren gegangen zu sein. In einer Zeit, in der uns zunehmend bewusster wird, dass wir die Natur geschädigt und ausgebeutet haben, erhält das „Erinnere dich an mich“ eine neue Bedeutung. Was heute so locker als Ökosystemleistung der Flüsse und Quellen abgetan wird, ist viel mehr. Wasser ist Leben und als solches so lebendig wie wir.
Endnoten
[i] Weck, W. (2013). Die Gestalt Frontins in ihrer politischen und sozialen Umwelt. In: Frontinus Gesellschaft e.V. (Ed.), Die Wasserversorgung im antiken Rom. Sextus Iulius Frontinus, sein Werk in Lateinisch und Deutsch und begleitende Fachaufsätze. DIV Deutscher Industrieverlag.
[ii] Dito.
[iii] Schwartz, P.-A. (2006). Gewässerkorrektur in römischer Zeit. Gewässer zwischen wirtschaftlichem Nutzen und religiöser Verehrung. Forschung in Augst 39.
[iv] Segarra Lagunes, M. M. (2004). Il Tevere e Roma. Storia di una simbiosi. Gangemi Editore.
(„Il taglio radicale che la costruzione dei muragli ha costituito per questi luoghi ha spazzato via un universo di eventi e di intrecci economici, sociali e architettonici che arrichivano e rendevano vitale un ambito urbano, preciso e ben delimitato, e che aveva attinenze con dinamiche di tipo abitativo, commerciale, produttivo, ludico.”)
Hier geht es zum Teil 1 des Essays:
Hier geht es zum Teil 2 des Essays: