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Geiser, Reto
Als der Schweizer Kunsthistoriker und Architekturkritiker Sigfried Giedion im Frühjahr 1938 ein Einladungstelegramm des Norton Komitee der Harvard Universität erhielt, konnte er die nachhaltige Wirkung dieses kurzen, aber signifikanten Engagements auf der anderen Seite des Atlantiks kaum erahnen. Aufgrund der geopolitischen Entwicklungen sah sich Giedion gezwungen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten zu bleiben. Während dieser Zeit der Isolation entdeckte er den kulturellen Kontext Amerikas als Inspiration für die Entwicklung seines Hauptwerks, das ausnahmslos in Englisch erschien und erst mit grosser zeitlicher Verzögerung in der Muttersprache des Autors veröffentlicht wurde. Seine regelmässige Unterrichtstätigkeit an der Harvard Universität und der ETH Zürich begünstigten die Verschmelzung zweier verschiedener Kulturen in seiner Arbeit wie auch den fruchtbaren Rückimport transformierter und durch die USA-Aufenthalte erweitete Ideen und Vorstellungen nach Europa.
In sechs Kapiteln, die sich jeweils einer spezifischen Mittler- und Zwischensituation Sigfried Giedions widmen, erläutert das Forschungsprojekt, wie seine Ideen die nordamerikanische Architekturdebatte prägten, sie dort aufgenommen und diskutiert wurden und wie sie schliesslich in einem zweiten Schritt von europäischen Architekten und Wissenschaftlern adaptiert oder auch abgelehnt wurden. Wie der Titel des Forschungsprojekts bereits vermuten lässt, beschäftigt sich die Arbeit mit Fragen des Ideentransfers, der Rezeption und kulturellen Übertragungs- bzw. Übersetzungsproblematiken und Missverständnissen. Das Projekt dokumentiert ebenfalls die Marginalisierung Giedions in Europa, während er sich gleichzeitig in den USA nie richtig integriert fühlte. Wiederholt musste er erleben, wie die Aufnahme seines Oeuvres durch Übersetzungsprobleme und die kulturelle Adaption verklärt wurde.
Als Primärquellen dienen der Forschungsarbeit Dokumente aus über zwanzig Archiven in Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada. Das erstmalige Studium dieses umfangreichen Archivalienkonvoluts erlaubt die Rekonstruktion und Vervollständigung von Giedions Korrespondenz und dokumentiert neben persönlichen Beziehungen vor allem den fachlichen Austausch mit führenden Intellektuellen auf beiden Seiten des Atlantiks, wie mit Josep Lluis Sert, Jaqueline Tyrwhitt, Marshall McLuhan, Lewis Mumford, László Moholy-Nagy und György Kepes.
Laufzeit: seit 2004