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Als die Sitzplätze noch versteigert wurden
16. Dezember 2021 von Martin Bürlimann
Online seit
16. Dezember 2021
Printausgabe vom
16. Dezember 2021
In früheren Zeiten galt ein guter Sitzplatz in der Kirche als Statussymbol. Die besten Plätze wurden versteigert.
Es war damals in der Reformierten Kirche Wipkingen Brauch, Sitzplätze zu versteigern. Die Sitze nannte man «Kirchenort», sie wurden vergantet in Form von Spenden. Für einen Geldbetrag vergab der Pfarrer oder die Kirchenpflege einen bestimmten Sitz im Gestühl. Meist gab es Quittungen oder schriftliche Bestätigungen für die Spende, verbunden mit der Garantie auf den gewünschten Platz. Dies gab manchmal Anlass zu Streit, es kam deswegen sogar zu Gerichtsprozessen. Mit dem Umbau der alten Kirche von 1764 erhöhte sich die Anzahl Sitzplätze deutlich. Der sonntägliche Gang in die Kirche war nicht nur Pflicht, sondern eine Ehre, und die Gläubigen taten dies mit Freude und Ehrfurcht. Der Kirchensonntag war zudem Zeit und Ort für Mitteilungen und für gesellschaftliches Zusammentreffen. Die besten Plätze waren begehrt und zeigten die Rangordnung eines Kirchenmitglieds innerhalb der weltlichen Gemeinde. Der Umbau 1764 kostete 827 Pfund und erwies sich als ein gutes Geschäft für die Kirche. Die Versteigerung der Sitze ergab einen Erlös von 2654 Pfund. Dieses stolze Ergebnis verdankte die Gemeinde dem Säckelmeister Hans Rudolf Syfrig. Stühle bis 25 Gulden hatten die Kirchgänger in bar zu bezahlen. Für grössere Beträge musste nur der über 25 Gulden hinausgehende Betrag bar bezahlt werden. Für den Grundbetrag war ein jährlicher Zinsbetrag von einem Gulden fällig, was einem Zinssatz von vier Prozent entspricht. Säckelmeister Syfrig liess ein Notariatsprotokoll über die Sitzplätze und ihre Eigentümer erstellen. Es gab Männerörter und Weiberörter. Den besten Platz erhielt Frau Dorothea Hotz im Röthel. Ein Bestuhlungsplan von 1881 zählt 80 Sitze auf der Empore und 325 Plätze unten, also insgesamt 405 Sitzplätze, mitgerechnet jene im Chor hinter dem Taufstein. Das Kirchenörter-Urbar von 1848 verzeichnete die neuen Besitzverhältnisse an den Kirchenörtern. Das System der Versteigerung erschien den Kirchgängern mittlerweile als überholt. Der alte Brauch blieb in Wipkingen aber noch lange bestehen. Er überdauerte die Zeit bis 1893; dann galt er als antiquiert und wurde abgeschafft.
Der neue Ofen
Die Predigten zogen sich manchmal in die Länge, und im Winter war es im Kirchlein auch auf den teuersten Plätzen bitterkalt. Kirchenpfleger Fürst gab den Anstoss. Johann Jakob Mahler, Besitzer der Schännishalde, erneuerte seine Gaststätte und nannte sie «Waid». Der alte eiserne Zylinderofen hatte ausgedient. Fürst steckte dies dem GGW-Aktuar Enderli, der 1860 die «Heizbarmachung der Kirche» traktandierte. Im Herbst 1861, nach der Einweihung der Waid, fragte die Gemeinnützige Gesellschaft Wipkingen (GGW, heute Quartierverein) Mahler an, was mit dem alten Ofen geschehen sollte. Er verstand die diplomatische Anfrage und schenkte seinen Ofen der Kirche. Kirchenpfleger Fürst und Fuhrhalter Siegfried transportierten den Zylinderofen samt Gussplatte und Ofenrohr von der Waid in die Kirche, wo Schlossermeister Rudolf Fritschi die Rohre und den Kamin einbaute. Pfarrer Diethelm Finsler war erfreut über das Geschenk; schliesslich wäre es nach dem Neumünster die zweite beheizte Kirche im ganzen Kanton Zürich. Am Neujahrstag 1863 weihte Pfarrer Finsler den Ofen ein, welcher der Kirchgemeinde viel Freude bereitete. Kohlehändler David Esslinger, Bezüger der GGW und Schulpfleger, schenkte Schieferkohle, Jakob Mahler spendete Holz, und Armenpfleger Siegfried offerierte ein Drahtgitter um den Ofen, damit sich niemand die Kleider versenge. Im Sommer demontierte man jeweils den Ofen, um ihn im darauf folgenden Winter wieder zu installieren. Die gewärmte Kirche wollte niemand mehr missen. Kirchenpfleger Fürst, mittlerweile pensioniert, besorgte das Heizgeschäft und trug gespendete Kohle und Briketts zusammen. Zwölf Winter lang diente der Zylinderofen, bis man ihn 1874 durch einen neuen Koks-Füllofen ersetzte.
Das Harmonium
Im alten Kirchlein gab es seit alters her einen Vorsänger. Das Amt wurde bescheiden entlöhnt und war ein wichtiger Teil des Gottesdienstes. Eine Orgel war der grosse Wunsch vieler Kirchgänger,aber dies war nicht finanzierbar.Die Kirchenpflege schlug die Anschaffung eines Harmoniums vor und bat die GGW um Mithilfe. Als Präsident amtierte Lehrer Kaspar Bleuler. Er traktandierte im Vorstand das Geschäft «Anschaffung eines Harmoniums». Im Frühling 1867 hatte Frau Brunner- Koller vom Sydefädeli einen respektablen Beitrag zugesagt. Die Kirchgemeinde nahm es mit Freuden zur Kenntnis, doch es gab eine unerwartete Schwierigkeit: Der Vorsänger, dessen Name nicht mehr bekannt ist, wollte seinen Gesang nicht an ein seelenloses Instrument abtreten. Er war gar nicht glücklich über seine drohende Absetzung und den Verlust seiner bezahlten Nebeneinkunft. Lehrer Bleuler nahm die Spende dennoch entgegen, und die GGW verwaltete sie treuhänderisch. Sieben Jahre dauerte es, bis die Zeit reif war. Die Kirchgemeinde schaffte ein Estey-Harmonium an und installierte es in der Kirche. Die Auslagen betrugen 1713 Franken, nebst Frau Brunner-Koller spendeten 76 weitere Kirchgänger einen Batzen, insgesamt 1678 Franken, so dass dem Kirchengut nur 35 Franken belastet wurden. Am Sonntag, den 1. September 1874, wurde das Instrument feierlich eingeweiht, «von vorzüglicher Klangfarbe, ein künstlerischer Schmuck unserer Kirche», wie freudig vermerkt wurde.
Quellen
Archiv der Reformierten Kirche Wipkingen
Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Wipkingen – Vom Dorf zum Quartier», Wibichinga Verlag, 2006