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Ein schickes Deux-Pièces. Auf dem Kopf ein adrettes Hütchen mit Schleife und Schleier. Maria Düring aus Zürich-Wipkingen ist gekleidet wie jede Frau, die in den 1950er-Jahren etwas auf sich hält. Doch etwas unterscheidet sie von Ihresgleichen. Auf dem Foto hält sie anstelle eines der Kleidung angemessenen Handtäschchens eine schwere Korbflasche in den Händen. Darin: rund 50 Liter Entkalkungsmittel. Aus eigener Herstellung. Dieses hat sie selbst entwickelt und will es nun eigenhändig unters Volk bringen.
Sämtliche Entkalkungsmittel, die in den 1950er-Jahren erhältlich sind, stinken. Deshalb versucht Drogisten-Gattin Maria Düring-Keller unter Verwendung von allerlei Chemikalien aus der Drogerie ihres Mannes Walter einen effizienten und gut riechenden Entkalker zu mischen. Schliesslich gelingt es ihr. Allerdings hat sie sich nicht gemerkt, welche Substanzen sie in welcher Menge zusammengemischt hat. Ein Chemiker der ETH Zürich eilt zu Hilfe. Er analysiert die Rezeptur und Maria Düring geht fortan mit dem Durgol, wie sie das Produkt nun nennt, auf Werbetour.
1951 kauft Maria Düring-Keller einen gebrauchten DeSoto. Das Auto ist von solch imposanter Grösse, dass die zarte Frau kaum über dessen Lenkrad schauen kann. Sie kutschiert durch die ganze Schweiz und besucht die am stärksten frequentierten Toiletten: in Schulhäusern und grossen Unternehmen. Dort schwingt Maria Düring höchstpersönlich und unter Aufsicht der strengen Hauswarte die Toilettenbürste, um zu zeigen, was in ihrem Mittel steckt. Dessen Wirksamkeit und wohl auch ihr Auftritt hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Durgol wird zum Renner. Zunächst jedoch nur bei Grossabnehmern.
Um weiterhin die Löhne zahlen zu können, lässt sich Walter Düring nebenher in einer anderen Firma anstellen.
Der 1935 geborene Sohn trägt nicht nur denselben Vornamen wie sein Vater, er wählt auch denselben Beruf: Er wird Drogist. Und 1963 steigt der Junior, Walter Düring-Orlob, in den elterlichen Betrieb ein. Er entwickelt die erste professionelle Abfüllanlage für Durgol. Als der Absatz immer grösser wird, wandelt er das Geschäft der Eltern in die Düring AG um. Wie er erfährt, dass die Schweiz 1968 das Giftgesetz ändern will und Durgol danach nur noch mit einem offiziellen Bezugsschein erhältlich sein wird, entwickelt er eine neue Rezeptur. Zwei Jahre später kommt Durgol ME auf den Markt, das heute unter dem Namen Durgol Express verkauft wird. So steigt der Absatz weiter an. Zudem hört Walter Düring-Orlob als Drogist mit eigenem Laden aus erster Hand, was sich die Kundinnen für den Haushalt wünschen: sie sind vor allem an kleineren Mengen interessiert. Also füllt er die Rezeptur fortan auch in kleine Flaschen ab.
Zwar verkauft er auch weiterhin grosse Mengen an öffentliche Einrichtungen und Firmen; aber sein eigentlicher Vertriebskanal sind nun die Drogerien. Als diese wegen der aufkommenden Grossverteiler immer mehr an Bedeutung verlieren, gerät auch Dürings Existenz ins Wanken: Im Jahre 1976 ist in der Firma Kurzarbeit angesagt. Um weiterhin die Löhne zahlen und seine Familie ernähren zu können, lässt sich Walter Düring sogar nebenher in einer anderen Firma anstellen. Zudem versucht er in seiner Freizeit die Angebotspalette zu optimieren: Auf Anregung seiner Frau Vera hin macht er sich daran, eine Flasche zu entwickeln, mit der sich die Entkalkungsflüssigkeit direkt unter den Toilettenrand spritzen lässt. Während Vera eine Rezeptur speziell für die WC-Reinigung entwickelt, plant, zeichnet und verwirft Walter seine Ideen. Zwei Jahre lang. Dann hat er den Prototypen der WC-Ente erschaffen: eine ergonomische Flasche mit elegant geschwungenem Hals, mit welchem sich das Putzmittel ohne Verrenkungen unter den Toilettenrand spritzen lässt.
Marketing-Experten rieten von dem Namen WC-Ente ab. Er erinnere zu sehr an «lahme Ente».
Bis daraus aber der Welterfolg wird, den heute alle kennen, dauert es: Walter Düring muss Klinken putzen, um Partner zu finden, die bereit sind, in die Marke und in neue Maschinen für die Produktion der neuartigen Flasche zu investieren. Zudem muss ein Name gefunden werden. Marketing-Experten raten Walter von seiner Idee ab, die Flasche WC-Ente zu nennen. Die Assoziationen reichten von «lahmer Ente» über «Zeitungsente» bis hin zu der Bemerkung, dass Homosexuelle zu dieser Zeit abschätzig als «Enten» bezeichnet werden. Doch Düring setzt sich durch und die WC-Ente startet 1981 ihren Siegeszug um die Welt. Mehr als 100 Millionen Flaschen werden heute jährlich verkauft.
27 Jahre lang ist der Toiletten-Entkalker mit dem praktischen Flaschenhals auch fester Bestandteil im privaten Alltag der Wipkinger Familie. Nur selten darf zu Hause nach dem WC-Besuch das Fenster geöffnet werden. Stattdessen liegen Fragebögen bereit, auf denen zu notieren ist, wie es 10 und 30 Minuten nach dem Geschäft noch riecht. Und die drei Kinder von Vera und Walter Düring trinken auf Schulreisen ihren Eistee nicht aus Thermoskannen, sondern spritzen sich das Getränk aus nagelneuen WC-Enten-Flaschen an den Gaumen.
Doch trotz der engen Bindung trennen sich die Dürings im Jahr 2008 von ihrer Ente. Sie verkaufen die Markenrechte an die US-Firma SC Johnson aus unternehmensstrategischen und ökonomischen Gründen – und schweren Herzens. Damit folgen sie einem Leitsatz ihrer Grossmutter: «Was du machst, mache richtig.» Und so konzentrieren sie sich seither auf das, was einst eine schicke Dame im Deux-Pièces und adrettem Hut gemischt hat: Durgol. Und das in allen seinen Variationen.