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Der Künstler und die neun Prinzessinnen
Das Kunstmuseum Luzern bat zur Vernissage. Museumsdirektor Jean-Christophe Ammann hatte Markus Raetz zu einer Ausstellung eingeladen. Sie sprengte Übliches, denn Markus Raetz, im Alter von 34 Jahren als zweimaliger documenta-Teilnehmer (1968 und 1972) damals bereits eine Leitfigur der Schweizer Kunst, zeigte keine eigenen neuen Werke, sondern setzte ein Spiel in Gang: Er bat neun Frauen, ihm ihre „Geschichten“ zu erzählen. Dazu wurden im abgedunkelten Ausstellungssaal neun transparente Pavillons errichtet, die von innen her beleuchtet waren. Da konnten die neun Frauen es sich wohlgehen lassen, ihre Poesie ausspinnen und ihre „Geschichten“ in die Sprache des Visuellen übertragen. Die Spielleitung, eben Markus Raetz, bot ihnen die Gelegenheit dazu, mischte sich aber nicht weiter ein.
Nizamis Novellenkranz
Nur eine der Geladenen war bekannt als professionelle Künstlerin – Manon, die in ihrer schwarzen Installation als Lola Montez auftrat, als die aus München verjagte skandalträchtige Maitresse König Ludwigs I. Die meisten anderen Frauen wurden nur mit Vornamen genannt. Alle waren in der Kunstwelt unbekannt. Eine war ein sechsjähriges Kind, eine weitere war, was niemand wissen konnte, in Wirklichkeit ein Mann, dem Raetz einen Frauennamen gab. Biographien, Ausstellungshinweise, theoretische Überlegungen – alles, was ein Katalog üblicherweise bietet, suchte man vergebens. Es blieb auch nichts Museales zurück. Alle Werke sind verschwunden. Nur Manons Installation erfuhr 2006 im Kunstmuseum St. Gallen eine Rekonstruktion, allerdings ohne Präsenz der Künstlerin.
Im Katalog war ein Brief an Ester, eine der Geladenen, abgedruckt. Darin gab Markus Raetz einen Hinweis auf den Hintergrund des Unternehmens und nannte das Buch „Die sieben Prinzessinnen“ des persischen Dichters Nizami (gestorben 1209), ein Meisterwerk von weltliterarischem Rang. Darin ist die Rede von einem Prinzen, der sich in sieben Prinzessinnen verliebt und jeder einen überkuppelten Pavillon errichtet. Eine Woche lang verbringt er jede Nacht bei einer anderen Prinzessin und hört sich ihre Geschichte an. Diese Geschichten sind der Inhalt des Buches.
Anti-Ausstellung?
Es war eine geheimnisvolle Ausstellung ohne Titel, ohne bekannte Künstlernamen, voller Poesie, aber auch voller Irritationen. Dass es in Nizamis Novellenkranz sieben Prinzessinnen waren, bei Raetz jedoch neun, irritierte zusätzlich. Eine Anti-Ausstellung also mit einem Anti-Katalog?
Wenn man so will – ja. Aber auch eine Ausstellung, die sich bestens in die kulturpolitische Landschaft der 1970er Jahre einfügte. Mit Selbstironie stellte sich Raetz der Frage nach dem Künstler-Star, der er damals, auch wenn er sich nicht so empfand, eben war. Mit leichtfüssiger Poesie nahm er die in den 1970er Jahren weit verbreitete Kritik an den Institutionen Museum und Ausstellung auf. Und ohne ein Wort darüber zu verlieren und völlig undogmatisch schaltete er sich in die damals aufflammende Gender-Diskussion ein – nicht ohne Hinterlist, wenn man an den eingeschmuggelten Mann denkt.
Mentalität Zeichnung
In der Ausstellungstätigkeit der 1970er Jahre von Markus Raetz gab es nichts Vergleichbares. Er präsentierte sich der Öffentlichkeit als Konzeptkünstler („When Attitudes Become Form“ 1969 in der Berner Kunsthalle, „Visualisierte Denkprozesse“ 1974 im Kunstmuseum Luzern) und vor allem als Zeichner – als besonderer Zeichner allerdings, für den Denken Zeichnen und Zeichnen Denken war, als ein Künstler, der nicht Ideen aufzeichnete, sondern zeichnend zu seinen Ideen fand. In den 1970er Jahren füllte er zehn Taschenbücher mit täglichen Aufzeichnungen – pendelnd zwischen Tagebuch und einem immensen Schatz zeichnerischer Ideen. (Der Galerist Pablo Stähli publizierte 1975 eine Auswahl in drei schönen Faksimilebänden.) Raetz repräsentierte damals wie kaum ein anderer die „Mentalität Zeichnung“, wie Jean-Christophe Ammann 1976 eine wegleitende Ausstellung im Kunstmuseum Luzern betitelte, in der Raetz aber nicht vertreten war. (Dabei waren u. a. David Weiss, Hugo Suter, Claude Sandoz, Heiner Kielholz, Anton Bruhin, Martin Disler, Helmut Federle.)
Doch die Ausstellung mit den neun geladenen Frauen fügte sich trotz aller Andersartigkeit ins Werk von Markus Raetz, der immer wieder subtil und ohne Auftrumpfen kulturpolitische Akzente setzte. Zudem belegt der vom Künstler gestaltete Katalog, was eben über seine Art des Zeichnens gesagt wurde. Die Geladenen stellten sich und ihre Arbeit zeichnend vor. Raetz selber entwickelte zeichnend das räumliche Ausstellungskonzept als Plan in Form eines Frauenkörpers, in dem jede der Geladenen ihren Platz zugewiesen erhielt. Auch da zeigte es sich: Der Künstler fand in vielen Stufen zeichnend zu seiner Idee. In seinem Brief an Ester (Raetz fragte: „Liebe Est(h)er – mit oder ohne ha?“), der im Katalog abgebildet ist, verliess der Stift immer wieder den Verlauf der Schrift und setzte zur Zeichnung an. Und auf dem Deckblatt des Katalogs fügte er die Buchstaben, mit denen er die Erzählung vom Prinz und den Prinzessinnen formulierte, zum schmalen Kreissegment, an dessen Spitze eine Vaginalform sitzt.
Eine schöne Erinnerung
Am vergangenen Dienstag starb Markus Raetz, einer der wesentlichsten Schweizer Künstler seiner Zeit, im Alter von 79 Jahren. Das ist Anlass für diese weit zurückreichende Erinnerung an den Künstler, dessen Werk den Kritiker seit den 1970er Jahren begleitet hat. Es ist auch die schöne Erinnerung an einen Künstler, der sich, unprätentiös und bescheiden, zurückgenommen hat, um den neun Frauen das Wort zu geben. Über sein Werk gäbe es weit mehr zu sagen, als es dieser knappe Blick auf ein einziges Ereignis vermag – auch wenn in diesem Ereignis der ganze Markus Raetz sichtbar wird.