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Fritjof Capra
Ursprung von Geist und Bewusstsein
Peter Walde, Pier Luigi Luisi (Hrsg.)
Vom Ursprung des Universums zu Evolution des Geistes
Mein zentrales Thema ist die vielleicht bedeutendste philosophische Konsequenz des systemischen Verständnisses des Lebens - ein neuer Geistesbegriff, der die kartesianische Trennung von Geist und Materie zum ersten Mal in der Wissenschaft wirklich überwindet.In den drei Jahrhunderten nach Descartes verstanden Natur- und Geisteswissenschaftler den Geist immer als eine immaterielle Substanz und konnten sich nie vorstellen, wie diese Res Cogitans, dieses «denkende Ding», mit dem Körper verbunden ist. Der entscheidende Fortschritt der systemischen Sicht des Lebens besteht darin, die kartesianische Auffassung von Geist als einer Substanz fallen zu lassen, und zu erkennen, dass Geist und Bewusstsein keine Dinge sondern Prozesse sind.
Die Santiago-Theorie der Erkenntnis
Die zentrale Einsicht der Santiago-Theorie ist die Gleichsetzung der Kognition, d.h. des Erkenntnisprozesses, mit dem Prozess des Lebens. Nach Maturana und Varela ist Kognition die mit der Selbstorganisation lebender Netzwerke verbundene Tätigkeit. Mit anderen Worten: Kognition ist nichts anderes als der Lebensprozess selbst. Die selbst-organisierenden Prozesse lebender Systeme, auf allen Ebenen des Lebens, sind geistige Prozesse.
Geist und Materie scheinen nicht mehr zwei getrennten Kategorien anzugehören, sondern stellen nur noch zwei verschiedene Aspekte - den Prozessaspekt und den Strukturaspekt - ein und desselben Phänomens, des Lebens, dar.
Auf allen Lebensebenen, von der einfachsten Zelle ange-fangen, sind Geist und Materie, Prozess und Struktur, untrennbar miteinander verbunden. Das heisst auch, dass der Ursprung des Geistes untrennbar mit dem Ursprung des Lebens verbunden ist.
Bewusstsein - d.h. bewusste, gelebte Erfahrung - entfaltet sich auf der Ebene einer gewissen kognitiven Komplexität, für die ein Gehirn und ein höheres Nervensystem notwendig sind. Mit anderen Worten: Bewusstsein ist eine besondere Art von Geistesprozess, der auftritt, wenn die Kognition einen bestimmten Grad der Komplexität erreicht.
Bewusstsein ist ein kognitiver Prozess, der aus komplexer Nervenaktivität entsteht.
Und zweitens: Man kann zwischen zwei Arten von Bewusstsein unterscheiden - d.h. zwischen zwei Arten von kognitiven Erfahrungen -, die auf verschiedenen Ebenen der Gehirnkomplexität auftreten.
Die erste Bewusstseinsart wird als «primäres Bewusstsein» bezeichnet und tritt auf, wenn kognitive Prozesse von grundlegenden Wahrnehmungs-, Sinnes- und Gefühlserlebnissen begleitet sind. Dieses primäre Bewusstsein besitzen wahrscheinlich die meisten Säugetiere und viel-leicht sogar Vögel und andere Wirbeltiere.
Die zweite Bewusstseinsart hat mit Selbsterfahrung zu tun - d.h. mit dem Begriff eines Selbst, der von einem denkenden und reflektierenden Subjekt empfunden wird. Dieses «reflektive Bewusstsein», wie ich es nenne, entstand während der Evolution der Menschenaffen und Hominiden, zusammen mit der Sprache und dem abstrakten, begrifflichen Denken.
Bewusste Erfahrung ist ein so genanntes «emergentes» (d.h. neu auftretendes) Phänomen und kann daher nicht allein durch Gehirnmechanismen erklärt werden.
Erfahrung entsteht aus der komplexen nichtlinearen Dynamik der Nervennetzwerke und kann nur verstanden werden, wenn die Neurobiologie mit einem Verständnis dieser nichtlinearen Dynamik verbunden wird.
Ein volles Verständnis des Bewusstseins kann nur durch ein Wechselspiel von drei Beschreibungsebenen erreicht werden: der sorgfältigen Analyse von gelebter Erfahrung; der Physik, Biochemie und Biologie des Nervensystems; und der nichtlinearen Dynamik von Nervennetzwerken.
Bewusstsein und Gehirn
Damit komme ich jetzt zur Gehirnphysiologie, dem anderen Zweig der Neurophänomenologie. Wie entsteht primäres Bewusstsein aus den Nervenprozessen im Gehirn?
In den letzten Jahren sind Kognitionswissenschafter in der Beantwortung dieser Frage einen guten Schritt weitergekommen. Die vielversprechendsten Modelle wurden meines Erachtens im Jahr 1995 von Francisco Varela und 1998 von Giulio Tononi und Gerald Edelman entwickelt.
Die Grundeinsicht ist in beiden Modellen dieselbe. Bewusste Erfahrung ist nicht in einem bestimmten Gehirnteil lokalisiert und kann auch nicht mit bestimmten Nervenstrukturen in Verbindung gebracht werden.
Erfahrung ist ein emergentes oder neu auftretendes Phänomen, das aus spezifischen kognitiven Prozessen entsteht, und zwar aus einer vorübergehenden Synchronisierung von Nervengruppen.
Varela nennt das Resultat dieser Synchronisierung «resonant cell assemblies» ("in Resonanz schwingende Zellenansammlungen"). Tononi und Edelman sprechen von einem «dynamic core», einem «dynamischen Kern».
Reflektives Bewusstsein
Wir Menschen erleben nicht nur die integrierten Zustände des primären Bewusstseins, sondern wir reflektieren auch; wir drücken unsere Gedanken in Symbolen aus, bilden Meinungen und Werturteile; wir handeln vorsätzlich, sind uns unseres Selbst bewusst und empfinden in unseren Handlungen eine gewisse persönliche Freiheit.
Diese «innere Welt» unseres reflektiven Bewusstseins entwickelte sich in der Evolution zusammen mit der Evolution der Sprache und der Gesellschaft.
Das heisst, dass das menschliche Bewusstsein untrennbar mit Sprache und mit der sozialen Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Kultur verbunden ist. Mit anderen Worten: Unser Bewusstsein ist nicht nur ein biologisches, sondern auch ein soziales Phänomen.
Nach Maturana ist Kommunikation zuerst einmal kein Übermitteln von Information, sondern eine Koordination des Verhaltens zwischen Lebewesen. Die wechselseitige Koordination von Verhalten ist eine Schlüsseleigenschaft der Kommunikation bei allen Lebewesen, mit oder ohne Nervensystem, und diese Koordination wird mit der Evolution von Nervensystemen immer subtiler und komplexer. Sprache entsteht, wenn eine Ebene der Abstraktion erreicht wird, auf der es zu Kommunikation über Kommunikation kommt. Mit anderen Worten: Es kommt zu einer Koordination der Koordination von Verhalten. Maturana veranschaulicht das gerne mit dem folgenden Beispiel. Wenn ich einem Taxifahrer auf der anderen Strassenseite winke und da-durch seine Aufmersamkeit erlange, so ist das Kommunikation, d.h. eine Koordination von Verhalten. Wenn ich dann mit der Hand eine Schleife beschreibe, um ihm anzudeuten, dass er umkehren soll, so koordiniert dies die vorangegangene Koordination, und dadurch entsteht die erste Ebene einer sprachlichen Kommunikation. Die mit der Hand beschriebene Schleife wird zum Symbol meiner Vorstellung der Taxifahrbahn.
Dieses Beispiel veranschaulicht die wichtige Tatsache, dass menschliche Sprache ein System symbolischer Kommunikation ist. Ihre Symbole - Worte, Gesten, oder Bilder - dienen als Zeichen für die sprachliche Koordination von Handlungen.
Maturana betont, dass das Phänomen der Sprache nicht im Gehirn entsteht, sondern in einem fortwährenden Fluss von Koordinationen der Koordinationen von Verhalten. Sie entsteht, wie er sagt, «im Fluss der Wechselwirkungen und Beziehungen des menschlichen Zusammenlebens». Als Menschen existieren wir in der Sprache, und wir weben ständig am sprachlichen Netzwerk, in das wir eingebettet sind.
Verständigung mit Schimpansen
Wie haben wir nun in unserer menschlichen Evolution den aussergewöhnlichen Grad von Abstraktion entwickelt, der für unsere Gedanken und unsere Sprache typisch ist? Die Antwort auf diese Frage ist noch lange nicht definitiv, doch in den letzten zwanzig Jahren gab es auf die-sem Gebiet mehrere dramatische Entdeckungen.
Ein radikal neuer Ansatz zum Verständnis von menschlicher Sprache ergibt sich aus der jahrzehntelangen Kommunikationsforschung mit Schimpansen. Die jüngsten DNS-Analysen haben gezeigt, dass die gene-tischen Unterschiede zwischen Menschen und Schimpansen nur 1,6 Pro-zent betragen. In der Tat, Schimpansen sind uns Menschen genetisch näher verwandt als den Gorillas oder Orang-Utans. Die Ähnlichkeit zwischen Menschen und Schimpansen ist nicht nur anatomisch, sondern erstreckt sich auch auf soziale und kulturelle Merkmale. Anthropologinnen waren äusserst erstaunt, als sie entdeckten, dass Schimpansen-gemeinschaften ihre eigenen Jäger-und- Sammler-Kulturen besitzen, in denen die Jungen gewisse Fertigkeiten, einschliesslich der Herstellung und Handhabung von Werkzeugen, von ihren Müttern lernen.
Erkenntnis und Sprache
Was bedeutet das für Erkenntnis und Sprache? Sprachforscher nahmen seit langer Zeit an, dass die Kommunikation unter Schimpansen nichts mit menschlicher Kommunikation zu tun habe, da das Grunzen und Schreien der Affen von der menschlichen Sprache so grundverschie-den ist. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Wissenschaftler sich mit
dem falschen Kommunikationsweg befassten. Sorgfältige Beobachtungen der Schimpansen in der freien Natur haben inzwischen ergeben, dass sie ihre Hände nicht nur zur Herstellung von Werkzeugen benutzen.
Schimpansen verständigen sich durch Handzeichen in einer Weise, die bis vor kurzem unvorstellbar war. Sie benützen bestimmte Gesten, um um Nahrung zu bitten, Beruhigung zu suchen oder um Ermutigung zu erteilen. Es gibt viele dieser Schimpansengesten, und, was am erstaun-lichsten ist, manche Gesten ändern sich von Stamm zu Stamm. Diese Beobachtungen wurden von Schimpansenstudien mit Hilfe von Zeichensprache auf dramatische Weise bestätigt.
Ursprung der menschlichen Sprache
Die beispiellosen Dialoge zwischen Menschen und Schimpansen eröffneten einen einzigartigen Zugang zu den kognitiven Fähigkeiten der Menschenaffen, der den Urprung der menschlichen Sprache in neuem Licht erscheinen lässt. Wie Fouts in allen Einzelheiten dokomentiert, zeigte seine jahrzehntelange Forschungsarbeit mit Schimpansen, dass diese Tiere abstrakte Symbole und Metaphern benützen können, Klassifikationen verstehen und einfache Grammatik beherrschen. Sie sind auch in der Lage, Syntax zu benützen, d.h. Symbole in einer bestimmten sinnvollen Ord-nung zu reihen; und sie kombinieren bekannte Symbole in neuer, kreativer Weise, um neue Worte zu erfinden.
Diese einmaligen Entdeckungen veranlassten Roger Fouts zur Hypothese, dass die frühen Menschenarten sich zuerst mit den Händen verständigten und präzise Handbewegungen sowohl zur Formung von Hand-zeichen als auch zur Herstellung von Werkzeugen entwickelten.
Die Sprache entstand dann später aus der Fähigkeit zur Syntax, d.h. aus der Fähigkeit, komplexe Bewegungsfolgen zu entwickeln - sei es in der Werk-zeugherstellung, in Gebärden oder in der Formulierung von Worten.
Nun, die Idee, dass sich Sprache aus Gesten entwickelt haben mag, ist nicht neu. Seit Jahrhunderten haben Menschen bemerkt, dass Kinder gestikulieren, bevor sie sprechen, und dass Gesten ein universelles Kommunikationsmittel sind, dessen wir uns immer bedienen können, wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Für die Wissenschaft bestand das Problem darin, zu erklären, wie sich die gesprochene Sprache physisch aus der Gestik entwickelte. Wie schafften es unsere hominiden Ahnen, die Kluft zwischen Handbewegungen und Worten, die aus dem Mund strömen, zu überbrücken?
Dieses Rätsel fand eine Lösung, als Neurologinnen entdeckten, dass Sprache und präzise Handbewegungen von der gleichen Gehirnregion gesteuert werden. In gewissem Sinn können Zeichensprache und gespro-chene Sprache als zwei verschiedene Formen von Gesten gesehen wer-den. Mit den Worten von Fouts: «Zeichensprache benützt die Gestik der Hände, gesprochene Sprache die Gestik der Zunge. Die Zunge macht präzise Bewegungen und hält an bestimmten Stellen im Mund an, sodass wir bestimmte Geräusche erzeugen. Die Hände und Finger halten an bestimmten Stellen am Körper an, um Zeichen zu erzeugen.»
Diese Präzisionsbewegungen der Zunge und Hände sind durch eine spezifische Bewegungsregion im Gehirn verbunden.
Diese Einsicht machte es für Fouts möglich, eine grundlegende Theorie des evolutionären Ursprungs der menschlichen Sprache zu formulieren.
Unsere hominiden Ahnen haben sich sicher mit ihren Händen verständigt, ebenso wie es ihre Cousins, die Menschenaffen, taten. Als sie aufrecht zu gehen begannen, hatten sie ihre Hände frei und konnten so ausführlichere und subtilere Gesten entwickeln. Im Laufe der Zeit wurde ihre Zeichengrammatik immer komplexer, während sich die Zeichen selbst von groben zu immer feineren und präziseren Bewegungen entwickelten.
Schliesslich lösten die präzisen Handbewegungen präzise Zungenbewegungen aus, und somit hatte die Evolution der Gesten zwei wichtige Vorteile zur Folge: die Fähigkeit, komplexe Werkzeuge herzustellen und zu benützen, und die Fähigkeit, komplexe Stimmengeräusche hervorzu-bringen. Verständigung durch Stimmengeräusche brachte bedeutende evolutionäre Vorteile, die schliesslich zu den für die Entwicklung der vollständigen Sprache notwendigen anatomischen Veränderungen führten.
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