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Die 1973 gegründete Schule für hörgeschädigte Kinder in Meggen LU war vermutlich die erste integrierte Schule in der Schweiz. Sie wurde von der „Stiftung Schule für hörgeschädigte Kinder Meggen“ und Susann Schmid-Giovannini* gegründet und von ihr geleitet.
Die Kleinklasse der hörgeschädigten Kinder hatte ein eigenes Schulzimmer, das in die Primarschule Meggen integriert war und nach den gleichen Stoffplänen und Lehrmitteln arbeitete. Damit konnten die Leistungen dieser hochgradig hörgeschädigten Kinder erstmals mit denen hörender Kinder verglichen werden. Aufgrund der Förderung durch Susann Schmid in ihrem Kindergarten für Hörgeschädigte, konnten die hörgeschädigten Kinder beim Eintritt in die erste Klasse bereits lesen.
Eltern mussten mithelfen
Alle Eltern, die zur Mitarbeit bereit waren, konnten ihre hörgeschädigten Kinder in diese Schule schicken. Die Mitarbeit bestand in häufigem Besuch des Unterrichts und der Einzeltherapie, der Bereitschaft, die auditiv-verbale Erziehung zu Hause fortzusetzen sowie der Teilnahme an Fortbildungskursen. 1975 wurde für Eltern in Meggen eine Frühberatungsstelle eröffnet, die später zu einem internationalen Beratungszentrum erweitert wurde.
Die Hörgeräteentwicklung war erst am Anfang und es gab noch keine Hinterohrgeräte. Um ihre eigene Stimme hören zu können, mussten die Kinder in ein Mikrophon sprechen, das weitergereicht wurde. Da die Erstklässler jedoch schon lesen konnten, wurde mehr Zeit für den sprachlichen Ausdruck, den neuen Wortschatz, Satzformen und Redewendungen sowie das Gespräch über ein Thema aufgewendet.
Integration musste erarbeitet werden
Die Integration musste zuerst erarbeitet werden. Die Lehrer und Schüler der Regelklassen waren anfänglich zwar neugierig, aber sie suchten keinen Kontakt zu den hörgeschädigten Kindern. Susann Schmid-Giovannini übte mit ihren Kindern, die auf dem Pausenplatz üblichen Spiele und brachte ihnen das dort übliche Vokabular inklusive Kraftausdrücke bei. Eines Tages kamen hörende Mädchen auf den Schulhof und fragten, ob man mit den „Gehörlosen“ auch sprechen könne. Bald darauf waren hörende und hörbehinderte Mädchen gemeinsam in ein beliebtes Bewegungsspiel vertieft. Und die Buben stellten beim gemeinsamen Fussballspiel fest, dass die „Gehörlosen“ ausgezeichnete Fussballspieler waren.
Frau Schmid-Giovannini achtete darauf, dass ihre Klasse im Stoff immer gleich weit war wie die Parallelklasse der Primarschule, was ihnen dann ermöglichte, am dortigen Deutschunterricht teilzunehmen.
Frau Schmid-Giovannini achtete darauf, dass ihre Klasse im Stoff immer gleich weit war wie die Parallelklasse der Primarschule, was ihnen dann ermöglichte, am dortigen Deutschunterricht teilzunehmen. Das Erstaunen war gross, dass auch die „Gehörlosen“ fehlerfreie Diktate schreiben konnten. Mit den neuen, individuell angepassten Hinterohrgeräten verbesserten sich die Höreindrücke auch auf Distanz und damit auch der Sprachausdruck. Ab dem dritten Schuljahr besuchten die Hörbehinderten Handarbeit, Werken, Schwimmen, Turnen und Religion zusammen mit den hörenden Kindern. Deutsch kam dazu und allmählich konnten einzelne Schüler ganz in die Regelschule wechseln. Sie blieben aber in Meggen, machten dort ihre Hausaufgaben und gingen in die Einzeltherapie.
Später kamen auch hörbehinderte Schüler dazu, die nicht im ersten oder zweiten Lebensjahr erfasst und keine entsprechende Frühtherapie erhalten hatten. Sie mussten mit Einzeltherapie und zusätzlichem Einzelunterricht gefördert werden, bis sie dem normalen Schulstoff folgen konnten, damit sie die anderen Schüler nicht beim Erreichen des Lernzieles hinderten.
Die Erfahrungen in den Sonderkindergärten und in Meggen hatten gezeigt, dass Kinder Anregungen von gleichaltrigen hörenden Kameraden schneller aufnahmen als von den Erzieherinnen, was jedoch nicht bedeutete, dass man auf Letztere verzichten konnte.
Für Beratungskinder der Eltern in der Frühberatungsstelle im Alter zwischen zwei und fünf Jahren gab es wöchentlich eine Gruppentherapie, da es damals noch keine Spielgruppen gab, mit dem Ziel sie in einen Regelkindergarten an ihrem Wohnort einschulen zu können. Die Erfahrungen in den Sonderkindergärten und in Meggen hatten gezeigt, dass Kinder Anregungen von gleichaltrigen hörenden Kameraden schneller aufnahmen als von den Erzieherinnen, was jedoch nicht bedeutete, dass man auf Letztere verzichten konnte.
In die Regelschule schickte Susann Schmid-Giovannini die Kinder erst, wenn sie über eine ausreichende Sprache verfügten.
In die Regelschule schickte Susann Schmid-Giovannini die Kinder erst, wenn sie über eine ausreichende Sprache verfügten, ihr Hören gut nutzten und dem Unterricht ohne Begleitung folgen konnten. Heute können hörgeschädigte Kinder bei Anpassung von Hörgeräten oder dem Cochlea-Implantat in den ersten Lebensmonaten die Sprache normal im täglichen Leben über das Ohr erlernen und ihr Wissen ganz normal entwickeln.
* Die österreichisch–schweizerische Pädagogin Susann Schmid-Giovannini ist eine international anerkannte Pionierin der auditiv-verbalen Therapie und des Cochleaimplantat–Hörtrainings. Sie hat durch ihre einzigartige Initiative und ihr hervorragendes Einfühlungsvermögen neue Massstäbe in der Frühbehandlung hörgeschädigter Säuglinge und Kleinkinder gesetzt. In Meggen schuf sie jenes Konzept der frühen Sprachanbahnung gehörloser und hörgestörter Säuglinge und Kleinkinder, das mit Hilfe der Eltern zur Integration in die Welt der Sprechenden führt. Durch die Gründung des Internationalen Beratungszentrum für Eltern hörgeschädigter Kinder sowie durch internationale Fortbildungstätigkeit hat sie diese Programme der frühen Sprachanbahnung zum Teil gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt, so dass gehörlosen Kindern eine neue Chance eröffnet wurde, durch eine normale Sprache in die Welt des Gesunden eingegliedert zu werden. Sie lebt in Meggen LU.
Quellen:
* Susann Schmid-Giovannini: Vom Stethoskop zum Cochlea-Implantat. Geschichte und Geschichten aus einem sechzigjährigen Berufsleben. Verlag S. Schmid-Giovannini, Meggen 2007
* Susann Schmid-Giovannini: Hören und Sprechen. Anleitung zur auditiv-verbalen Erziehung hörgeschädigter Kinder. Replikat als eBook und Printausgabe, Verlag Edizio, Meggen 2014, ISBN 978-3-9524315-0-4
* https://de.wikipedia.org/wiki/Susann_Schmid-Giovannini
2 Kommentare
Aus meiner Sicht muss bei der Diskussion um die Integration zwischen Schülern und Schülerinnen unterschieden werden, die entweder sinnes- oder körperbehindert, oder kognitiv beeinträchtigt sind. Ich beziehe mich bei meinen Kritiken, die ich in den letzten ca. 20 Jahren zu dieser Thematik veröffentlicht habe, ausschliesslich auf kognitiv beeinträchtigte und/oder stark verhaltensauffällige Kinder und nie auf sinnes- und/oder körperbehinderte Kinder. Unter lernbehinderten Kindern verstehe ich die Klasse von Schülern und Schülerinnen, deren schulischer Leistungsstand sich mindestens mehr als drei Jahre vom Durchschnitt eines Regelschülers unterscheidet. D.h., wenn ein solcher Schüler, eine solche Schülerin 9 Jahre (oder 10 bei Wiederholung einer Klasse) die Schule besucht hat, weist er im besten Fall das Niveau eines 6.-Klässlers auf. Unter Geistiger Behinderung verstehe ich gemäss der Definition der Schweizerischen Invalidenversicherung die Klasse von Schülern und Schülerinnen, deren IQ unter 75 IQ-Punkten liegt. Bei stark verhaltensauffälligen Schülern verhält es sich so, dass sie schulleistungsmässig mit lernbehinderten Schülern, was ihre schulischen Leistungen anbelangt, verglichen werden können. Bei sinnes- und/oder körperbehinderten Schülern und Schülerinnen, die über keine kognitiven Beeinträchtigungen verfügen, verhält sich die Sachlage völlig anders und deswegen äussere ich hierzu auf ihre eventuelle Behinderung in keiner Art und Weise.
Die Integration von Sinnes- oder Körperbehinderten sind Spezialgebiete der Pädagogik, die allgemein wenig bekannt sind. Die Geschichte von Frau Schmid zeigt exemplarisch, wie kognitive Beeinträchtigungen, die Sinnes- oder Körperbehinderung als Ursache haben, behoben werden können, wenn sie pädagogisch adäquat angegangen werden. Frau Schmid nannte die von ihr in internationaler Zusammenarbeit entwickelte pädagogische Arbeit Auditiv-verbale Erziehung oder Therapie. Als sie 1949 mit ihrer Pionierarbeit in Wien begann, konnten „Gehörlose“, weil sie oft als schwach begabt angesehen wurden, nur aus fünf Berufen auslesen. Frau Schmid wollte den sogenannten „Gehörlosen“ das Sprechen beibringen, damit sie mit Hörenden kommunizieren sowie die gleiche Schulbildung und Berufschancen erhalten konnten. Heute erlaubt die Früherfassung mit dem Neugeborenen Hörscreening, die Weiterentwicklung der Hörgerätetechnik und des Cochleaimplantats zusammen mit einem Hörtraining mittels der auditiv-verbalen Methode, den gehörlosen oder hochgradig schwerhörigen Kindern die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten wie den Hörenden.