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Unter diesem Titel erschien 2012 in der sehr verdienstvollen Reihe der Manesse Bibliothek der Weltliteratur ein Sammelband mit 5 kürzeren und bisher noch nicht auf Deutsch übersetzten Erzählungen Henry James‘ aus verschiedenen Schaffensperioden:
- Georginas Gründe (1885)
- M. Briseux‘ Liebchen (1873)
- Wie alles kam (1896)
- Augengläser (1896)
- Kollaboration (1892)
Besonders bei der mittleren, der ganzen Sammlung den Titel gebenden Erzählung Wie alles kam war ich dann doch verwundert, dass sie noch nie auf Deutsch übersetzt worden ist – stellt sie doch (neben The Turning of the Screw) eines der Meisterwerke dar, die James dem Genre der „Ghost Story“ beigesteuert hat. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die zwei Freunde hat, einer männlich, eine weiblich. Obwohl diese Freunde zum Teil in denselben Zirkeln verkehren, treffen sie sich nie. Was zuerst als Zufall abgetan wird, dann zum Dauerscherz in der Gesellschaft wird, wächst schliesslich zu metaphysisch-bedrohlichen Dimensionen an und mündet in ein Drama. Die junge Frau, unterdessen mit dem männlichen Part verlobt, setzt sich in den Kopf, die beiden einander endlich vorzustellen. Doch ihre Freundin stirbt vorher. Hat aber ihr Verlobter sie tatsächlich nicht mehr kennen gelernt? Oder trifft er sie noch jetzt, nach ihrem Tod, regelmässig? Die junge Frau bildet es sich jedenfalls ein. Oder ist es doch nur eine überzogene Eifersucht post mortem? Wie immer lässt James die Lösung des Rätsels geschickt in der Schwebe.
Auch in den übrigen Geschichten sehen wir den Psychologen James in bester Manier an der Arbeit. In Georginas Gründe trifft ein einfach gestrickter, ehrlicher Seemann auf eine junge Frau, die ihm bei ihrer Heirat ein Versprechen abnimmt, das sein Leben ruinieren wird. Und trotz allem kann er sich nicht dazu durchringen, dieses sein Versprechen zu brechen.
M. Briseux‘ Liebchen beginnt in einem provinziellen Museum, wo ein einziges gutes Bild hängt – das einer jungen Frau mit einer goldenen Stola. Dem Ich-Erzähler wird vom Museumswärter weis gemacht, es handle sich bei der Frau um das Liebchen des Malers, Briseux. Doch da ist diese ältere Dame, die versunken vor dem Bild sitzt. Sie erzählt ihm schliesslich die wahre Geschichte des Bilds, die im Grunde genommen eine ist über echtes Künstlertum und nur scheinbares, dilettantisches. Sie war nämlich in ihrer Jugend einem reichen Nichtstuer verlobt, der sich als Maler gerierte. Zu Beginn in ihrer Verliebtheit blind gegenüber der Tatsache, dass der Verlobte keinen Pfifferling als Maler wert sei, wird sie durch Briseux eines Besseren belehrt, als der eines Tages zufälligerweise ins Atelier des Verlobten tritt und den fürchterlichen Entwurf zu einem Bild der jungen Frau sieht. Es kommt, wie es kommen muss: Briseux malt das Bild zu Ende; die Verlobung wird aufgelöst. Die Frau hat Briseux seit jener einzigen Sitzung nicht mehr gesehen. James‘ Sprachführung ist einmal mehr brillant: Noch bevor wir durch das Urteil anderer Künstler wissen, was wir von den malerischen Fähigkeiten des jungen Nichtstuers halten sollen, schildert uns James, wie und was der junge Mann einkauft, um malen zu können. Der junge Mann ist als Künstler tot und erledigt, bevor er überhaupt eine Chance hatte, einen seiner frisch gekauften Pinsel anrühren zu können! Und dies, ohne dass James es nötig gehabt hätte, ein Urteil abzugeben – es genügt ihm eine scheinbar simple Beschreibung.
In Augengläser beschreibt James Ausschnitte aus dem Leben einer jungen Frau, die kurz vor dem Erblinden steht; in Kollaboration, wie zwei Künstler, ein Deutscher und ein Franzose, zu einer gemeinsamen Oper zusammenfinden. Doch selbst die Bohémiens der Pariser Kunstszene können diese Kollaboration von Feinden nicht goutieren.
James gehört zu den wenigen Autoren, die offensichtlich sowohl den Roman meistern wie eine Kurzgeschichte. Seine psychologischen Finessen, gepaart mit einer grossen sprachlichen Meisterschaft, lassen eigentlich jedes seiner Werke zum Lesegenuss werden.