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Von Rätsel zu Rätsel
Der Jesuitenpater und Astronom Guy Consolmagno entdeckt in der Wissenschaft die Liebe Gottes.
Ich erinnere mich, als ich 30 Jahre alt und im Anschluss an mein Doktorat als Astronom arbeitete, lag ich um drei Uhr früh im Bett mit der Frage: Warum verschwende ich meine Zeit mit Sorgen um die Jupitermonde, wenn es Leute auf der Welt gibt, die Hunger leiden? Ich hatte keine Antwort. Schliesslich kündigte ich meinen Job, ich kündigte der Wissenschaft, und ich trat dem amerikanischen Friedenscorps bei. Ich sagte dem Friedenscorps: «Ich gehe überallhin, wo sie mich hinschicken, ich mache alles, worum sie mich bitten. Ich möchte nur Leuten
helfen.» Sie schickten mich nach Afrika, nach Kenia, wo ich dann Studenten der Universität von Nairobi in Astronomie unterrichtete!
Wir alle wissen, dass es viele Probleme in einer technologischen Gesellschaft wie der unsrigen im Westen gibt: Umweltverschmutzung, Konsumdenken, die Entfremdung des Menschen von der Natur. Das sind echte Probleme, die wir zu bewältigen haben.
Aber trotz all diesen Problemen ist die technisch fortschrittliche Gesellschaft die einzige, die wir bis jetzt entwickeln konnten, die in der Lage ist, Menschen in der Regel zu ernähren.
Für eine Gesellschaft braucht man eine gebildete Bevölkerung. Auf die Studenten, die ich unterrichtete, warteten Arbeitsplätze am «Science Teachers College» in Kenia, wo Lehrer und Schüler unterrichtet wurden, damit eines Tages Kenia in der Lage ist, seine Bevölkerung selbst zu ernähren.
An den Wochenenden besuchte ich meine Kollegen im Friedenscorps an anderen Schulen im Land, wo sie unterrichteten. An den Abenden stellte ich jeweils ein kleines Teleskop auf, das ich mitgebracht hatte, und jeder im Dorf kam, um durch das Teleskop zu sehen. Sie riefen «Wow», wenn sie die Ringe des Saturns sahen, den Orionnebel, die Krater des Mondes.
Die Sterne ansehen und sich fragen, woraus sie bestehen und wie wir in das Ganze hineinpassen – das ist etwas, das uns menschlich macht.
Die Astronomie, die wir betreiben, von der Landung auf dem Mars bis hin zur Entdeckung der Dunklen Energie, ist etwas, auf das jeder Mensch stolz sein kann. Und jemandem diesen Stolz zu verweigern, nur weil er auf dem «falschen» Kontinent geboren wurde, bedeutet letztlich, ihm seine Menschlichkeit zu verweigern.
Darüber hinaus wurde ich im Laufe der Zeit immer überzeugter, dass Glaube eine fundamentale Rolle dabei spielt, Astronomie zu betreiben.
Es gibt drei religiöse Überzeugungen, die jemand teilen muss, bevor er oder sie Wissenschaftler sein kann:
Als Erstes muss man daran glauben, dass das Universum existiert. Das mag offensichtlich sein, aber wenn man glaubt, wie in einigen Religionen, dass alles eine «Illusion» sei, was gibt es da für einen Wissenschaftler zu studieren?
Zweitens muss man daran glauben, dass das Universum nach Gesetzen funktioniert. Wie kann man nach physikalischen Gesetzen im Universum suchen, wenn man nicht glaubt, dass es Gesetze gibt, die gefunden werden können? Heute blicken wir auf tausend Jahre des Findens solcher Gesetze zurück und des Herausfindens, wie wir sie nutzen können, damit beispielsweise Telefone funktionieren.
Und das Dritte, an das man als Wissenschaftler glauben muss: Man muss daran glauben, dass das Universum gut ist. Wenn wir meinen, das Universum sei ein Morast der Versuchungen, dann wird man Angst haben, zu sehr daran beteiligt zu sein. Man wird vielleicht auf einer höheren Ebene meditieren wollen. Aber man wird kein Wissenschaftler sein wollen. Stattdessen glauben wir Christen an Gott, der das Universum so sehr geliebt hat, dass er uns seinen einzigen Sohn sandte.
Warum denken Leute, dass es einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion gibt? Allzu oft wird einfach die Annahme getroffen, dass Wissenschaft und Religion Systeme der Erkenntnistheorie seien. Die Wissenschaft gibt mir einen ganzen Satz an Fakten. Religion gibt mir jedoch einen anderen Satz an Fakten. Und deshalb wird es Gelegenheiten geben, bei denen die zwei Systeme in Konflikt geraten. Aber das trifft nicht das, was Wissenschaft und Religion wirklich sind.
Wir alle lernen Wissenschaft in der Schule, wo sie uns durch ein grosses Buch mit Fakten unterrichtet wird. Es ist vorzugsweise ein Buch aus diesem Jahr und nicht aus dem letzten, weil dieses nicht mehr auf dem aktuellen Stand wäre.
Aber genau das zeigt uns, dass Wissenschaft nicht nur Faktenwissen bedeutet. Wissenschaft bleibt, selbst wenn sich die Fakten ändern. Was wir in der Wissenschaft lernen, ist, wie wir über diese Fakten sprechen.
Wissenschaft ist also kein grosses Buch mit Fakten. In der Wissenschaft geht es nicht darum, irgendetwas zu «beweisen». Wissenschaft beschreibt und diese Beschreibungen sind unvollständig. Aber wir hoffen, dass diese immer besser werden. Aus diesem guten Grund kann man die Wissenschaft nicht dafür nutzen, die Existenz Gottes zu beweisen oder zu widerlegen.
Ein Merkmal Gottes ist, so finde ich, dass er uns immer eine «plausible Abstreitbarkeit» gibt.
Jedes Mal, wenn wir eine seiner Aktionen im Universum sehen, können wir, wenn wir wollen, eine andere Erklärung dafür finden. Es könnte nur ein Zufall oder eine Illusion sein. Das kann man nie sicher wissen, und deswegen brauchen wir den Glauben. Die Postulierung eines Gottes hilft uns, mit klassischen Geheimnissen der fundamentalen Natur unserer Existenz umzugehen. Von Leibniz stammt die berühmte Frage: «Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?»
Das «Nichts» aus der «Schöpfung aus dem Nichts» ist mehr als nur die Abwesenheit von Materie, das Fehlen von Raum, Zeit und physikalischen Gesetzen an sich. Warum gibt es ein Universum? Das Universum selbst kann sich nicht erklären. Entweder es gibt keine Erklärung, was sicherlich möglich ist, oder es gibt einen Grund für seine Existenz ausserhalb seiner selbst, den wir mit Gott identifizieren.
Ich erinnere mich an einen verregneten Sommernachmittag, als ich ein Kind war, und ich nicht draussen spielen konnte. Meine Mutter brachte mir ein Kartenspiel bei. Nun, sie war erwachsen und ich ein Kind. Es stand ausser Frage, dass sie jederzeit das Spiel gewinnen konnte, wenn sie wollte. Aber das Ziel des Spiels war nicht das Gewinnen. Das Ziel war für sie, mir damit zu zeigen, dass sie mich liebte.
Wenn ich wissenschaftlich arbeite, spielt Gott ein Spiel mit mir. Er legt ein Rätsel vor, und ich löse es. Und wie bei allen Rätseln ist die Antwort nicht von Bedeutung, sondern der Weg zur Lösung. Die Antwort zählt nur, wenn sie ein nächstes Rätsel setzt.
Wissenschaft ist dort, wo ich Zeit mit dem Schöpfer verbringen kann. Es ist ein Spiel, in dem er mir sagt, er liebt mich. Und deshalb bin ich dankbar, ein Astronom zu sein.
Text: Guy Consolmagno SJ
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Der Jesuit Guy Consolmagno (64) ist amerikanischer Forscher und Direktor der Vatikanischen Sternwarte. Diese wurde 1891 von Leo XIII. gegründet, befindet sich in Castel Gandolfo bei Rom und wird traditionell von Jesuiten geführt. Im US-Bundesstaat Arizona betreibt die Sternwarte ein weiteres Observatorium.