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Für die englische Version ihres Romans «Ein Winter in Sokcho» ist die Jurassierin Elisa Shua Dusapin mit dem National Book Award in der Kategorie «Übersetzte Literatur» ausgezeichnet worden. Eine grosse und verdiente Auszeichnung, sagt der Literaturkritiker und Autor Samuel Hamen.
Samuel Hamen
Kritiker und Autor
Samuel Hamen ist Literaturkritiker und Autor. Er hat mehrere Auszeichnungen für sein literarisches Werk erhalten und ist Präsident des luxemburgischen Schriftstellerverbandes.
SRF: Sie sind hoch erfreut über die Preisvergabe. Warum?
Samuel Hamen: Als das Debüt von Dusapin 2018 in deutscher Übersetzung erschien, gab es zwar ein gewisses Interesse und lobende Kritiken, aber die grosse Begeisterung blieb aus. Das mag an der Ruhe und Unauffälligkeit des Textes liegen, wird dessen Qualität aber nicht gerecht.
Wie schätzen Sie die Bedeutung des National Book Award für übersetzte Literatur ein? Und was wird diese Auszeichnung für Elisa Shua Dusapin bedeuten?
Solche Auszeichnungen wirken sich doppelt aus: auf das internationale Renommee einer Schriftstellerin, auf die die Verlage besonders schauen, zugleich auf die nationale Literaturszene, in der sie nun anders wahrgenommen wird.
Der National Book Award
Der National Book Award ist neben dem Pulitzer-Preis der renommierteste Literaturpreis der USA. Seit 2018 wird er wieder in der Kategorie «übersetzte Literatur» verliehen. Sowohl der Autor als auch der Übersetzer des ausgezeichneten Werks wird mit dem Preis geehrt.
Wie sehr diese Preise dabei helfen, neue Leserinnen und Leser zu gewinnen, hat man zuletzt bei Marieke Lucas Rijneveld gesehen, die 2020 mit ihrer Übersetzerin Helga von Beuningen den «International Booker Prize» zuerkannt bekam.
Ich kann mir vorstellen, dass die Übersetzungslizenzen für Dusapins zwei Romane, die nach «Ein Winter in Sokcho» erschienen sind, nun – völlig zu Recht und zur Freude zukünftiger Leser – sehr gefragt sind.
Sie haben «Ein Winter in Sokcho» im Deutschlandfunk mit Begeisterung besprochen. Was ist an dieser Geschichte dran, die einen in eine kleine südkoreanische Hafenstadt nah an der Grenze zu Nordkorea versetzt?
Die Geschichte ist archaisch einfach: Zwei Menschen treffen sich. Hier ein französischer Comic-Zeichner, der weltfluchtartig den Rückzug angetreten hat und in seinem Zimmer Tusche-Zeichnungen anfertigt, dort eine Frau, die in der Herberge als Rezeptionistin, Putzkraft und Köchin zugleich arbeitet.
Es ist auch ein Roman über die Suche einer jungen Frau, die versucht, zwischen dem Diktat der Tradition und jenem der Selbstbestimmung zu sich zu finden.
Während sie sich mit ihrer Mutter übers Heiraten, über Schönheits-OPs und einen Umzug nach Seoul streitet, wächst die Faszination für den Gast. Das heutige Südkorea mit seinen gesellschaftlichen Schieflagen ist dem Text eingeschrieben, zugleich transzendiert er diese Bezugnahmen immer wieder.
Die amerikanische Jury schreibt über das Buch: «Ein nüchterner Roman, der die Verwerfungen kultureller, intimer oder nationaler Identitäten erforscht. Die elegante Übersetzung von Aneesa Abbas Higgins sublimiert die Sprache von Elisa Shua Dusapin». Welche Begründung hätten Sie abgegeben?
Ich kann diese Jurybegründung nur fort-, nicht wirklich umschreiben: «Ein Winter in Sokcho» gelingt die Gratwanderung zwischen Aktualität und Atmosphäre. Es ist auch ein Roman über die Suche einer jungen Frau, die versucht, zwischen dem Diktat der Tradition und jenem der Selbstbestimmung zu sich zu finden.
Aber dieser zeitgenössische Diskurs ist eingebettet in eine Art «Geländeroman», in dem das Wetter, die Landschaften, die Stimmung eine wichtige Rolle spielen.
Buchhinweis
Die deutschsprachige Fassung von «Ein Winter in Sokcho» von Elisa Shua Dusapin ist 2018 im Blumenbar Verlag erschienen.
Mit welchen literarischen Verfahren arbeitet Elisa Shua Dusapin?
Dusapins Methode besteht in der stilistischen Zurückhaltung, darin, das Stichworthafte links liegen zu lassen und sich stattdessen auf die Kälte ausserhalb der Häuser zu konzentrieren, auf eine gefährdete Wärme, die sich zwischen den beiden Protagonisten ausbreitet. Der Impressionismus der Landschaft geht dabei einher mit zärtlichen, aber nie übergriffigen Porträts der Figuren.
Das Zwielicht der Welt wird zu einem Zwielicht des Textes.
Warum empfehlen Sie dieses Buch unbedingt zur Lektüre?
Mir gefällt die Konsequenz, mit der Dusapin ihr Schreiben umsetzt. «Ein Winter in Sokcho» ist nie auf grobianische Weise offensichtlich, ist keine süffige Romanze am Ende der Welt. Der Roman ist sprachlich ausserordentlich gut gearbeitet und seine Autorin auf verschlagene Weise hintersinnig.
Das Zwielicht der Welt wird zu einem Zwielicht des Textes, in dem vieles – ob nun Liebe, Emanzipation oder familiäre Solidarität – kurz an Kontur gewinnt, um sich dann doch wieder aufzulösen als erträumte Unmöglichkeit.
Das Gespräch führte Annette König.