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Der wortkarge Jean (Vincent Lindon) führt ein unbekümmertes Leben: Tagsüber verdient er seine Brötchen als Maurer, während er in seinen freien Momenten stets für seine Frau Anne Marie (Aure Atika) und seinen Sohn Jérémy (Arthur Le Houerou) da ist. Nebenbei kümmert er sich liebevoll um seinen 80-jährigen Vater (Jean-Marc Thibault).
Ein Anruf bringt Jeans Alltag ins Wanken: Anne Marie hat sich bei der Arbeit in der Fabrik verletzt und muss nun die nächsten Tage im Bett verbringen. Jean muss für sie einspringen und holt fortan Jérémy von der Schule ab, wo er stets auf dessen Lehrerin Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain) trifft. Als sie ihn bittet, ihrer Klasse über seinen typischen Männerberuf zu berichten, sagt er nur ungern zu. Kurze Zeit später nimmt Mademoiselle Chambon Jeans Fachwissen in Anspruch und bittet ihn, in ihrer Wohnung ein undichtes Fenster zu ersetzen. Dafür spielt sie ihm auf ihrer Violine ein Stück vor. Ein Gefallen scheint den anderen nach sich zu ziehen...
Es ist ein poetisch anmutendes Filmchen, das Stéphane Brizé (Je ne suis pas là pour être aimé), der offenbar eine Vorliebe für Geschichten über Paarprobleme hegt, hervorgezaubert hat. Von Zauber kann getrost gesprochen werden, insbesondere, weil mit kleinem Aufwand eine grosse Wirkung erzeugt worden ist. Es ist keine neue und unverbrauchte Handlung, es werden keine tricktechnisch grossartigen Spezialeffekte eingesetzt, und trotzdem versetzt Mademoiselle Chambon den Zuschauer in einen bannähnlichen Zustand. Weshalb?
In erster Linie liegt es an Sandrine Kiberlain (demnächst in Le Petit Nicolas zu sehen), die in der Rolle der titelgebenden Figur eine fühlbare Zerbrechlichkeit an den Tag legt. Überhaupt, sie und ihr Filmpartner Vincent Lindon vermögen durch blosse Mimik und Gestik mehr auszusagen als jeder überflüssige Wortwechsel (kleine Notiz am Rande: Kiberlain ist Lindons Ex-Frau, was die Konstellation in diesem Film um so interessanter macht). Mademoiselle Chambon kommt ohne unnötige Wortgefechte aus. Jeder Dialog ist gezielt eingesetzt und unterstreicht die Situation auf passendste Weise. Womöglich wäre die Geschichte ohne Ton genauso nachvollziehbar.
Nichtsdestotrotz spielen Töne, Stimmen und Musik eine zentrale Rolle. So beginnt der Film mit der Figur Lindons, die mit dem Drillbohrer arbeitet: Penetranter, lauter Bohrlärm weicht im Verlaufe der Geschichte Violinenklängen und ruhigeren Mal- und Streichgeräuschen. Mehr sei hierzu nicht beschrieben, da dies auch zu einem grossen Teil im Auge des Betrachters liegt - und zuviel Informationen verderben den unvoreingenommenen Genuss.
Das Schöne an Mademoiselle Chambon ist, dass hier nicht moralisiert wird. Der Filmemacher ergreift keine Partei, er urteilt nicht über richtig oder falsch. Keine der Figuren in der "Dreiecksbeziehung" wird favorisiert oder als unsympathisch dargestellt. Ziel dieses Filmes ist nicht eine Meinungsbildung sondern vielmehr das Einfangen einer Situation und das Erzählen einer Geschichte in Bildern und pointierten Dialogen.
Kurz gesagt: Mademoiselle Chambon ist ein poetischer Film mit einer wundervollen Sandrine Kiberlain in der Hauptrolle. Bilder zum geniessen und auf sich einwirken lassen. Definitiv kein Film für Pop Corn Kino Liebhaber, denen wird es wahrscheinlich zu ruhig zu und her gehen.