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Bücher streicheln
Sonntag, 2. Dezember 2018 09:44
… Das Licht hatte Mücken ins Zimmer gelockt. Sie hörte ihr dünnes Pfeifen. Sie griff nach dem Elektroschläger neben ihrem Bett und fuhr damit durch die Luft. Ein Zischen. Ein Treffer. Totmachen war ganz einfach.
Sie formte das Kissen im Rücken neu und presste sich dran, um weiter zu lesen und ihm noch näher zu kommen. Sie las, das Mittelalter so brutal, voller Kot und Krankheiten. Wie seine Arbeit. Windeln wechseln, ohne dabei zu kotzen. Dass er das konnte! Er beeindruckte sie. Sie las von Zangengeburten, bei denen Babyköpfe zerquetscht und Fraueneingeweide zerrissen wurden.
Es war nicht zu fassen! Ein Glücksfall! Sie blickte auf die offene Buchseite. Das war ein Haar. Gekräuselt. Er hatte glatte, blonde, kurze. Das war ein Brusthaar. Sie nahm es zwischen ihre Fingerspitzen, als wäre es ein zerbrechlicher Falter. Er muss es verloren haben. Wahrscheinlich hatte er heiß und seinen weißen Kittel und das T-Shirt ausgezogen. Und dabei ist ihm das Haar ins Buch gefallen. Sie liess es langsam über ihre Wange gleiten.
Sie durfte es auf keinen Fall verlieren, kletterte aus dem Bett, holte sich aus dem Küchenschrank ein leeres Glas und legte das Haar hinein.
Mein Kräuselchen…
Aus «Sophie hat die Gruppe verlassen», Storys