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1973 kaufte sich Max Frisch eine Wohnung in Berlin und zog dahin um, zusammen mit seiner damaligen Frau Marianne. Er begann gleich nach dem Umzug damit, ein weiteres Tagebuch zu schreiben. Eine Veröffentlichung war – zumindest zu Beginn – immer schon vorgesehen; später legte Frisch seinen Testaments-Vollstreckern allerdings eine Wartezeit von 20 Jahren nach seinem Tod auf, weil zu viel Privates darin sei, das verletzen könnte. 2011 war die Frist abgelaufen; jetzt, 2014, sind Auszüge aus dem Journal publiziert worden. Auszüge deshalb, weil weite Teile (Hefte 3-5, aber auch Teile von 1 und 2) aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nach wie vor unter Verschluss bleiben. (Wo hört das legitime Interesse des Lesers auf an – auch intimen – Details aus dem Leben eines Autors, die ihm ein besseres Verstehen seines Werkes ermöglichen, und wo beginnt der reine Voyeurismus? Ich bedauere den Entscheid der Herausgeber; aber vielleicht stehen im übrigen Tagebuch wirklich nur Dinge, die ich weder wissen will noch muss. Vieles wird das sich anbahnende Scheitern der Ehe mit Marianne betreffen, einiges vielleicht auch die immer noch nicht verarbeitete Beziehung zu Ingeborg Bachmann.)
Der Beginn des Journals ist noch rückwärts gewandt. Frisch hat soeben eine heftige Gelbsucht hinter sich, und er ist bedrückt ob des Einflusses, den die Erkrankung auf sein Hirn, auf sein Gedächtnis und sein Denken, hatte. Er fürchtet sich vor dem Alter, dem Tod, und realisiert den grossen Altersunterschied zu Marianne. Dazu verfolgt ihn immer noch das für ihn mit der Erkrankung verknüpfte Scheitern seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Geschildert wird das zarte Keimen der Freundschaft zu Uwe Johnson in Berlin, und als Kontrast – wiederum im Rückblick – das Zerbrechen derjenigen mit Alfred Andersch. Zwei Sensibelchen als direkte Nachbarn in einem Tessiner Kaff: Das konnte nicht gut gehen. Selbst aus Zürich ist Frisch geflohen, weil ihm die Enge unbequem wurde, die Tatsache, dass er an jeder Ecke erkannt wurde. Eine gewisse Nähe braucht Frisch dennoch: Berlin als neuer Wohnort wurde u.a. deshalb gewählt, weil Frisch hier in der Nähe (aber nicht in unmittelbarer Nachbarschaft!) von Uwe Johnson und Günter Grass leben konnte.
Grass bringt ihm das Radieren bei, und doch bleibt Frisch dem Schriftsteller-Kollegen gegenüber distanziert. Er mag Grass‘ Tendenz nicht, jeden Tag, jede Woche, einen Hirtenbrief zur Tagesaktualität verfassen zu müssen. Sehr scharfsichtig meint Frisch:
Er [Günter Grass] hasst Böll nicht, aber Böll, der andere Staatschriftsteller, macht ihm zu schaffen: nicht als Konkurrenz literarisch, aber als Schlagzeilen-Name. […] wenn Fremde zugegen sind, kann er nicht umhin, redet als Instanz: GERMANY’S GÜNTER GRASS.
Wir erfahren auch von Frischs eigenen Problemen als Autor. Er hat Mühe, sich zu konzentrieren und kommt kaum voran. Vor allem mit einem längeren Text, betitelt Regen, geht es nicht so, wie es Frisch und sein Verlag wünschen. Er zieht ihn sogar vor der Publikation zurück. (Später wird daraus Der Mensch erscheint im Holozän werden, Frischs vielleicht bester Text.) Ein anderer Text, das Dienstbüchlein, in dem sich Frisch ebenso wie im Journal mit seiner Identität als Schweizer auseinander setzt, scheint hingeben problemlos zu wachsen, wird im Journal auch kaum erwähnt.
Zusehends verlagert sich Frischs Interesse nach Osten, in die DDR. Wir finden im Berliner Journal verschiedene Schilderungen seiner Besuche bei DDR-Kollegen. Frisch erweist sich dabei als sehr feinfühliger Zuhörer. Er sucht nicht die ideologische Debatte, weder von rechts noch von links. Er will verstehen, wie der Einzelne ‚drüben‘ als Schriftsteller leben, überleben, kann. Da ist z.B. Wolf Biermann, der System-Kritiker, der nur deshalb unbehelligt bleibt, weil er a) Westgeld bringt und b) im Westen Freunde hat, die sein Verschwinden sofort bemerken würden. Biermann weiss dies und zeigt sich sehr bewusst in der Öffentlichkeit mit seinem Freund aus dem Westen. Er wäre, so Frisch abschliessend und sinngemäss, höchstens ein zweitklassiger Autor, müsste er im Westen, ausserhalb dieses Spannungsfeldes schreiben.
Frisch trifft auch andere: Jurek Becker, Günter Kunert oder Christa Wolf. Aber obwohl es bei Frischs Besuchen im Osten auch darum geht, dass er ein weiteres Buch dort veröffentlichen soll, bleibt der grosse Schriftsteller-Funktionär Hermann Kant ihm fern.
Daneben in diesem Journal auch kleine Texte, Skizzen, Gedankenspiele. Zürich z.B., mit dem Schicksal Berlins zwischen Ost und West zweigeteilt zu sein. Frisch als eine Art Fremdenführer, der einem Besucher diese Mauer als des Fotografierens werte Sehenswürdigkeit von Anfang bis Ende zeigt.
Frischs konzise Sprache und Ehrlichkeit tut gut.