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Einzelne helle Lichtstrahlen durchdringen einen dichten Bambuswald, wo sie auf den am Boden vorbeiziehenden Nebeldunst treffen. Eine Gruppe von Kämpfern späht wartende Soldaten aus. Das Licht, der rauchartige Nebel und die regelmässigen Vertikalen des Bambuswaldes lassen die Szene, vermittelt in geometrisch harmonischen Totalen, äusserst friedlich wirken. Wenn der Kampf beginnt, verändert sich auch die Geometrie, entwickelt sich gleichsam weiter. Horizontale Kamerabewegungen verfolgen abgeschossene Pfeile und rennende Kämpfer, die sich mit unnatürlich hohen Sprüngen fortbewegen. Der Schnitt beschleunigt sich, allerdings nur zeitweise und nie auf Kosten der Übersichtlichkeit, nicht nur um durch Ellipsen und Jump Cuts die übermenschlichen Sprünge als praktischen Special Effect möglich zu machen, sondern auch, um diesen Kämpfen eine bis dahin ungesehene poetische Dynamik zu verleihen.
Die zehnminütige Kampfszene im Bambuswald, deren Dreh 25 Tage dauerte, gilt als eine der schönsten der Filmgeschichte. Zuletzt wurde sie von Ang Lee in Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000) zitiert, mit an Stahlkabeln hängenden Schauspielern und digitalen Effekten, zwar schwerelos wirkend, aber doch ohne diesen Eindruck natürlicher Eleganz, die King Hus Meisterwerk A Touch of Zen (1971) nach wie vor zu erwecken vermag.
Der chinesische Regisseur, der das zuvor eher rustikale Genre des Schwertkampffilms (chinesisch: wuxia pian) zum Kunstkino erhob, war nach dem Abschluss zweier anderer Klassiker des Genres unter der Ägide der legendären Hongkongproduzenten Shaw Brothers ob einer Differenz um eben diesen künstlerischen Zugang nach Taiwan übergesiedelt. Dort nahm er das Mammutprojekt A Touch of Zen in Angriff, dessen Dreharbeiten mehr als zwei Jahre in Anspruch nehmen sollten. Obwohl als erster chinesischsprachiger Film mit einem Preis in Cannes ausgezeichnet, stellte sich das dreistündige Epos auf dem Heimatmarkt als finanzieller Flop heraus. Zu ungewohnt waren die langsame Erzählweise sowie Kampfszenen, die sich eher an den geschmeidigen Bewegungen der chinesischen Oper orientierten als an den harten, schnellen, vielleicht realitätsgetreueren Kampfdarstellungen, die das Publikum vom Hongkong-Actionkino damals gewohnt war. Einen «Hauch von Zen» wollte er dem Wuxia-Genre verleihen, sagte King Hu in einem Interview und bezog sich damit eher auf seine ruhige, auf Atmosphäre ausgerichtete Inszenierungsweise als auf den Ausflug in den buddhistischen Mystizismus, durch den sich das letzte Drittel des Films auszeichnet.
So dauert es in A Touch of Zen fast eine Stunde, bis es überhaupt zur ersten Kampfhandlung kommt. Das erste Drittel des Films konzentriert sich darauf, die Figuren und deren Welt einzuführen, und zwar mit einem Sinn fürs Detail, der für das Genre unüblich ist. Wunderschöne, der chinesischen Malerei nachempfunde Landschaftsaufnahmen, die in der neuen Restaurierung schlicht atemberaubend wirken, durchziehen den ganzen Film und verleihen ihm eine Atmosphäre, die seine späteren Ausflüge ins Psychedelisch-religiöse schon fast als notwendig erscheinen lassen. Auch die Figuren selbst werden weniger über Dialoge oder Plot definiert, sondern über ihre Platzierung in dieser Landschaft wie auch über ihre Bewegungen und Blicke. Dass im chinesischen Martial-Arts-Film die Kämpfe immer mehr sind als rein funktionale Actionsequenzen; Momente, in denen sich die Psychologie, das Wesen dieser Figuren erst richtig erkennen lässt, gründet mutmasslich in Filmen wie A Touch of Zen.
Der Plot ist hier hingegen schon wieder vergleichsweise klassisch. Die Generalstochter Yang Hui-ching ist auf der Flucht vor den Soldaten eines korrupten Regierungsbeamten und versteckt sich im verlassenen Fort einer Kleinstadt. Der dort lebende Schreiber und Porträtmaler Gu Sheng-tsi verliebt sich in sie und wird in eine epische Geschichte um Spione, Krieger und buddhistische Mönche hineingezogen. Dabei macht er selbst eine Entwicklung vom gutmütigen, aber etwas naiven Muttersöhnchen zum skrupellosen taktischen Genie durch. Das Besondere dabei ist natürlich, wie diese Geschichte erzählt wird. Mittels Flashbacks etwa, die die Handlung trotz ihrer Vielzahl an Figuren nie unübersichtlich gestalten, sowie ändernden Figurenperspektiven und abrupten Wechseln in Ton und Atmosphäre, die trotzdem sonderbar schlüssig wirken. Gu Sheng-tsi, über dessen Blickwinkel wir anfangs in die Geschichte eingeführt werden, tritt nach der Hälfte des Films beispielsweise fast vollkommen in den Hintergrund, um der eigentlichen Hauptfigur Yang Hui-ching – eine der bemerkenswertesten weiblichen Kämpferinnen der Filmgeschichte – Platz zu machen. Das Setting reicht dabei vom Gothic-mässigen verwunschenen Fort über die meditative Szenerie des Bambuswalds bis zu den atemberaubend schönen Berglandschaften, in denen sich der Film in einer an Jodorowsky erinnernden psychedelischen Schlusssequenz schliesslich entlädt.
Allein seine erzählerischen und filmtechnischen Virtuositäten würden schon ausreichen, dem Film einen Platz an der Spitze des chinesischsprachigen Actionkinos zu sichern. Wenn Crouching Tiger, Hidden Dragon eine Art Best-of des Wuxia-Kinos darstellt und Hou Hsiao-hsiens The Assassin (2015) so etwas wie dessen Dekonstruktion, so ist A Touch of Zen dessen unbestrittener Höhepunkt, in dem es zu seiner inszenatorischen und spirituellen Blüte gelangt. Dazu gelingt es King Hu dann wie nebenbei auch noch, über den Subtext Jahrhunderte von chinesischer Kulturgeschichte miteinzubringen, sodass sich die drei Teile des Films samt jeweils korrespondierenden Kampfsequenzen mitunter als Progression vom archaischen, geistergläubigen Taoismus über den weltlichen und militärischen Konfuzianismus bis zum ausserweltlichen Buddhismus lesen lässt. All dies macht A Touch of Zen zu einem der grossen Meisterwerke der Filmgeschichte.