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BUDAPEST – NEW YORK – PRAG
Am 20. März 1929 erlebte Béla Bartóks viertes Streichquartett in Budapest seine Uraufführung. Wenig später erhielt der Komponist die Nachricht, dass sein drittes Streichquartett in Philadelphia einen hoch dotierten Preis gewonnen hatte – ein Erfolg, der auch dem vierten Streichquartett den Weg ebnete: Schon bald folgten Aufführungen im Ausland, die Bartóks internationales Ansehen mehrten. «Der langsame Satz bildet den Kern des Werkes, die übrigen Sätze schichten sich um diesen. Und zwar ist der IV. Satz eine freie Variation des II., die Sätze I und V wiederum haben gleiches Material» – mit diesen Worten beschreibt Bartók selbst die Form seines Quartetts.
Es handelt sich damit um eine so genannte Brücken- oder auch Bogenform. Entsprechend der symmetrischen Anlage fussen die energiegeladenen Ecksätze auf demselben Material. Auch die beiden scherzo-artigen Sätze an zweiter und vierter Stelle ähneln sich. Den grössten Kontrast bildet der langsame Mittelsatz mit seinen liegenden Akkordklängen und der volksmusikalisch inspirierten Cello-Kantilene. Spätestens hier offenbart sich das vierte Streichquartett als eine Gipfelleistung im Schaffen Bartóks.
Paris, Prag, Pratteln – das sind nur einige der vielen Stationen in der bewegten, von Flucht und Exil geprägten Biographie Bohuslav Martinůs. Ähnlich vielgestaltig wie dieser Lebensweg ist das Œuvre des Komponisten. Einflüsse des Impressionismus, des Jazz und der populären Musik, aber auch der Neoklassizismus und nicht zuletzt die Rückbesinnung auf das nationale Erbe tschechischer Musik prägen viele seiner Werke und vereinen sich zu einem Personalstil, der sich in seiner emotionalen Kraft und seinem unmittelbaren Ausdruck im Umfeld des 20. Jahrhunderts einzigartig ausnimmt.
Sein siebtes, als «Concerta da camera» bezeichnetes Streichquartett schuf Martinů 1947 in New York. Die Ecksätze folgen dem klassischen Modell der Haydn’schen Sonatensatzform. Der langsame Mittelsatz mit seiner innigen Melodieführung wirkt wie eine Hommage an die grossen tschechischen Meister. Im Finalsatz wird das klassische Idiom noch einmal wirkungsvoll aufgegriffen. Das konzertante Element, das der Beiname suggeriert, tritt dabei in den Vordergrund und sorgt für einen fulminanten Abschluss des Werkes.
«Aus meinem Leben» – nicht nur der Beiname, auch die programmatischen Notizen aus der Entstehungszeit des Werkes weisen Bedřich Smetanas erstes Streichquartett als eine Art tönende Autobiographie aus: «Was ich beabsichtigte, war, den Verlauf meines Lebens in Tönen zu schildern», so der Komponist.
Romantische Stimmung und ein sehnsuchtsvoller Unterton repräsentieren im ersten Satz die Jugend. Die fallende Quinte des Hauptthemas, anfänglich von der Viola intoniert, steht gleichzeitig wie ein schicksalhafter Warnruf im Raum. Die anschliessende Polka repräsentiert ausgelassenes Jugendleben. Der dritte Satz erinnert an erstes Liebesglück. Die verschiedenen Gedanken vereinen sich am Schluss zu einem Thema von besonderer Gefühlstiefe. Das Finale schliesslich beschreibt die «Entdeckung, dass ich nationale Elemente in meine Musik einarbeiten konnte, und die Freude an den Ergebnissen des beschrittenen Weges». Das Quartett endet – positiv gestimmt – in E-Dur.
Christian Müller
Konzertprogramm
Béla Bartók 1881 – 1945
Streichquartett Nr. 4 Sz 91 (1928) (22’)
Bohuslav Martinů 1890 – 1959
Streichquartett Nr. 7 «Concerto da camera» H. 314 (1947) (21’)
Bedřich Smetana 1824 – 1884
Streichquartett Nr. 1 e-Moll «Aus meinem Leben» (1876) (26’)
PAVEL HAAS QUARTET
Veronika Jarůšková & Marek Zwiebel Violine
Jiří Kabát Viola
Peter Jarůšek Violoncello
Als «aufregendstes Streichquartett der Welt» (Gramophone) wird das Pavel Haas Quartet für seinen Reichtum an Timbre, die ansteckende Leidenschaft und ein intuitives Verständnis verehrt. Das Quartett ist in den renommiertesten Konzertsälen zu Gast und wurde für seine Aufnahmen bereits mit fünf Gramophone Awards und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet. In der Vergangenheit gastierte das Quartett unter anderem beim Edinburgh Festival, in der Londoner Wigmore Hall, im Pariser Théâtre de la Ville, dem Münchner Herkulessaal oder dem Teatro della Pergola in Florenz. Das Pavel Haas Quartet nimmt exklusiv für das tschechische Label Supraphon auf. Die im Herbst 2017 veröffentlichte Dvořák-Aufnahme mit dem Streichquintett Es-Dur (mit dem Bratschisten und früheren Quartettmitglied Pavel Nikl) und dem Klavierquintett in A-Dur (mit Boris Giltburg) wurde mit einem Gramophone Award ausgezeichnet. Im Jahr 2005 gewann das Pavel Haas Quartet den Paolo Borciani Streichquartett-Wettbewerb.