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das Anschwellen der Flüsse
[* 4] und die Entstehung von Überschwemmungen infolge einer größern Zufuhr meteorischer
Niederschläge, als die Flüsse momentan abführen können. In der neuern Zeit haben im allgemeinen die Hochwasser unsrer Flüsse eine
Zunahme erfahren, während der gewöhnliche Wasserstand ein niederer geworden ist. Die Ursachen der Hochwasser sind
verschiedene, in erster Linie sind jedoch die Entwaldungen zu nennen. Der Wald und dessen Streudecke verteilt die plötzlich
bei starken Niederschlägen oder beim Schmelzen des Schnees auftretenden Wassermassen auf eine längere Abflußperiode, und
die Nachteile, welche der schnelle Abfluß des Wassers von den kahlen Hangflächen im Gefolge hat, wie
Abschwemmen des Bodens, Herabführen von gewaltigen Geschiebemassen, welche in der Thalebene und den Wasserläufen die ärgsten
Verwüstungen anrichten und auch hierdurch die Hochwasser vermehren, treten in weit geringerm Maß auf, sobald die Hänge bewaldet
und die Geschiebemassen, wo dies möglich, durch Thalsperren zurückgehalten werden.
Eine weitere Ursache der Steigerung der Hochwasser sind die in sehr vielen Flußgebieten ausgeführten Entwässerungen,
Auflassungen von Seen sowie die Umwandlung von Bruch- und Weideländern in Ackerland. Der Einfluß der Entsumpfungen auf das
Regime der Flüsse, d. h. auf die Beziehung der Niederschlagsmengen in einem Flußgebiet zu der Wassermenge und deren periodischer
Verteilung im Flußlauf, ist ein sehr erheblicher, da Sumpfgebiete, Moräste etc. beträchtliche Wassermengen aufnehmen und
zur Verdunstung bringen, während die Entwässerungsanlage den Boden schnell abtrocknet.
Die Sümpfe befinden sich vorwiegend in dem Gebiet des Mittel- und Unterlaufs der Flüsse und Ströme; ihre Trockenlegung übt
hier die gleiche, oft sogar eine noch verstärkte nachteilige Wirkung auf das Flußregime aus wie der
fehlende oder nicht genügend vorhandene Wald im Quellengebiet. Hiernach ist also darauf zu achten, daß jede größere Entwässerung
rationell durchgeführt werde, d. h. daß vermittelst derselben nur eine zweckmäßige Regulierung
der Wasserverhältnisse stattfinde, daß also nicht ein einfaches Abzapfen des Wassers aus dem Boden erfolge,
wodurch dieser in den meisten Fällen in nicht zu langer Zeit aus einem Sumpf in eine Wüste verwandelt wird, daß vielmehr
durch Aufforstung der gewonnenen Kulturfläche, durch Anlage von Wiesen und Weiden, deren Graswuchs eine ähnliche günstige
Wirkung auf die Verzögerung des Wasserabflusses ausübt wie der Wald, oder endlich durch eine mit der Entwässerung
kombinierte Bewässerung dem Boden in der Periode der Dürre der nötige Grad an Feuchtigkeit zugeführt werde.
Eine Steigerung der Hochwasser entsteht auch durch fehlerhafte Flußregulierungen, welche vielfach als lokale Arbeiten, ohne Berücksichtigung
der oberhalb und unterhalb gelegenen Flußstrecken, ausgeführt werden. Die meisten Flußkorrektionen
haben eine wesentlich beschleunigte Ableitung des Wassers zum Zweck oder zur Folge, wie z. B. die Geradelegung sich stark schlängelnder
Strecken, bei welcher zuweilen im Interesse der Schiffahrt, vorwiegend aber, um den Wasserstand zum Zweck der Entsumpfung des
anliegenden Landes zu senken, eine beschleunigte Abführung des Wassers stattfindet. In jedem Fall gelangt
mithin nach erfolgter »Streckung« das Wasser schneller in die untern Strecken als vorher. Trifft es hier auf zu enge Profile,
Flußeinbauten, Wehre etc., so können die verheerendsten Überschwemmungen stattfinden.
Das Nämliche ist der Fall, wenn infolge
einer Korrektion das Hochwasser eines Nebenflusses zugleich mit dem eines Hauptflusses stattfindet,
während früher die Hochwasser beider Flüsse, in der Regel infolge der verschiedenen klimatischen Verhältnisse in den Niederschlagsgebieten,
nacheinander eintraten.
FernereUrsachen der Überschwemmungen, bez. der Steigerung derselben, sind zu enge Durchflußprofile für das Hochwasser, wie sie durch
Profilengen in den Hochwasserdeichen, durch fehlerhaft angeordnete Brückendurchlässe, durch Wehre und Schleusen entstehen.
Wo aus irgend einem Grunde das Vorland zu schmal bemessen wurde, da stauten sich die Hochwasserfluten an; es entstanden gerade
an diesen Stellen Eisstopfungen, welche die gefährlichsten, sich jeder vorhergehenden Berechnung entziehenden Hochwasser verursachten.
Lassen sich zu enge Profile für den Abfluß des Wassers, wenigstens vom technischen Standpunkt aus, unschwer
beseitigen, so würden dagegen die Kosten namentlich bei der Beseitigung oder Tieferlegung von Wehren oder bei der Herstellung
von Grundablässen in denselben oft geradezu unerschwingliche sein. In sehr vielen Ländern sind überdies die rechtlichen
Schwierigkeiten bei der Erwirkung einer Wehrbeseitigung so erhebliche, daß bereits aus diesem Grunde dieses Mittel zur
Beseitigung der Hochwasserschäden kaum angewendet werden kann.
Zum Schutz gegen Überflutungen sollte bei allen Maßnahmen das gesamte Flußgebiet als ein einheitliches aufgefaßt werden,
und Einzelprojekte für bestimmte Strecken sollten in der Regel ausgeschlossen werden. Ferner sollte man die Besserung der bestehenden
Verhältnisse durch eine Änderung des Stromregimes zu erreichen suchen, dergestalt, daß die Verteilung
der Hochwasser auf eine längere Abflußperiode stattfinde, so daß die plötzlich auftretenden außerordentlichen
Wasserstände nach Möglichkeit reduziert werden.
Als Schutzmaßregeln werden in erster LinieWiederbewaldung kahler Abhänge im Quellengebiet und das Zurückhalten des Wassers
durch Reservoirs oder andre Maßregeln gleichfalls vorwiegend im Quellengebiet genannt. Die Anschauung,
daß diese Mittel im stande sind, die gefährlichen Hochwasser überall zu beseitigen, bedarf jedoch einiger Einschränkung.
Nur wenn die Bewaldung auf einen sehr erheblichen Teil des Flußgebiets ausgedehnt werden kann, wird hierdurch eine beträchtliche
Verzögerung des Wasserabflusses stattfinden, so daß sich derselbe auf eine längere Zeitperiode verteilt und extreme
Hochwasser gewöhnlich vermieden werden.
Die Aufforstung wird indes aus allgemeinen ökonomischen Gründen nicht überall durchführbar, ja in sehr vielen Fällen wird
der mögliche Zuwachs an Wald ein im Vergleich zu der Größe des Flußgebiets nur geringer sein. Trotzdem wird man überall,
wo es zulässig, zu diesem Mittel greifen müssen, wenn man die Hochwasser nach Möglichkeit verhüten will, zumal
auch die Bewaldung noch andre Vorteile gewährt: die Verhütung der Abschwemmung, bez.
des Abbruchs des Bodens, der Verwüstung der Thalebene durch das von den kahlen Hängen herabgeführte feste Material, ferner
eine Vermehrung der mittlern und Kleinwassermengen der Flüsse.
Verhältnis 1:70 der kleinsten zur größten Wassermenge, während dieses Verhältnis unterhalb des Bodensees, bei Basel,
[* 6] 1:14 beträgt.
Eine ähnliche regulierende Wirkung auf die Wassermengen und entsprechend auf die Wasserstände üben die oberitalienischen
Seen auf die am Südabhang der Alpen
[* 7] entspringenden Flüsse aus. KünstlicheReservoirs, welche die natürlichen ersetzen sollen,
können aber nur im Gebirge, in schmalen, steil aufsteigenden Thälern erstellt werden, da andernfalls,
wollte man die Mittelgebirgsthäler, wo diese in die Stromniederung übergehen, hierzu verwenden, die Kosten geradezu unerschwingliche
werden.
Der Einfluß der im Quellengebiet anzulegenden Reservoirs auf die Verminderung der Hochwasser ist aber infolge des hier nur geringen
Niederschlagsgebiets kein sehr beträchtlicher; ihr Fassungsraum, bez.
die Anzahl der für einen einzigen Wasserlauf von nennenswerter Bedeutung zu erstellenden Reservoirs müßte, wie die einfachste
Betrachtung ergibt, ein außerordentlicher sein, wenn der beabsichtigte Erfolg auch nur annähernd erreicht werden soll.
Übrigens dienen die meisten bisher erbauten Reservoirs vorwiegend andern Zwecken, als die Hochfluten nur
allmählich an den untern Flußlauf abzugeben, welch letztere Aufgabe zumeist nur als eine sekundäre betrachtet wurde.
Sie dienen zur Speisung der obern Haltungen von Schiffahrtskanälen, zur nachhaltigen Versorgung von Triebwerken mit dem erforderlichen
Wasser, zur Bewässerung sowie zur Versorgung von Städten mit Nutzwasser. Diese Aufgaben vertragen sich in der
Regel nicht mit der hier in Rede stehenden; die erstern verlangen gefüllte Reservoirs, während die Milderung der Hochfluten
leere oder nur zum Teil gefüllte erfordert. Horizontalgräben im Quellengebiet, welche von verschiedenen Seiten empfohlen
wurden, bezwecken ein Zurückhalten des Wassers, Abführen desselben in den Untergrund, bez. allmähliche Abgabe an den Fluß.
In gewissen Fällen ist dieses Mittel neben andern zweifellos am Platz, selbst im günstigsten Fall wird aber die Wirkung dieser
Gräben keine sehr erhebliche sein. Überdies hängt die Möglichkeit der Anlage derselben wesentlich von der geognostischen
Beschaffenheit des Terrains und von den Besitzverhältnissen ab. Nur wo ein starkes Einsickern des Wassers
in den Untergrund zu erwarten steht, könnten derartige Grabennetze von einigem Nutzen sein.
Auch die Schaffung von seitlichen Bassins zur Einleitung der Hochfluten, in denen das Wasser keinen Schaden anrichten kann, und
seitlich des Flußlaufs anzulegende Entlastungskanäle haben wenig praktischen Wert, wenn nicht ganz besonders günstige
Terrainverhältnisse vorliegen.
Stets wird man unter den jetzigen Verhältnissen gezwungen sein, neben den oben genannten Mitteln solche anzuwenden, welche
bei außerordentlichen Hochwassern, deren Eintritt nicht abgewehrt werden kann, die Überschwemmung unmittelbar verhüten.
Zu diesen gehören außer den bereits erwähnten Flußkorrektionen vor allen die Deiche (Dämme), welche denn auch von alters
her die größere Zahl unsrer Flüsse und Ströme an beiden Seiten begleiten, soweit nicht das natürliche
Ansteigen des Terrains eine künstliche Sicherung desBinnenlandes unnötig macht.
Diese Hochwasserdeiche haben manche erhebliche Übelstände im Gefolge. Das im Schutz des Deiches liegende Land ist ausgeschlossen
von den fruchtbaren Überschlickungen, welche bei uneingedeichtem Land häufig den Ertrag der Wiese und
Weide
[* 8] außerordentlich steigerten, und oft ergibt das Terrain zwischen dem
Fluß und dem Deiche günstigere Erträge als das geschützte
Gebiet. Gleichzeitig erhöht sich aber auch durch die Niederschläge bei Hochfluten das Außenland, und viele Niederungen erhalten
im Lauf der Jahre eine tiefere Lage als die gewöhnlichen Wasserstände der Flüsse.
Dadurch werden die Anwohner zur steten Erhöhung und wegen des verstärkten Wasserdrucks auch zur Verstärkung
[* 9] der Deiche genötigt,
und wegen des hohen Wasserstandes im Rezipienten, verglichen mit demjenigen der Niederung, wird die Abwässerung der letztern
außerordentlich erschwert, oft sogar mit den gewöhnlichen Mitteln geradezu unmöglich gemacht. Der beträchtliche
Wasserdruck, das oft mangelhafte Material der Deiche sowie Fehler im Innern derselben bewirken häufig ein Durchsickern des
Hochwassers, so daß die Niederung lange Zeit hindurch mit Wasser bedeckt ist und somit der Versumpfung mit allen ihren schlimmen
Folgen anheimfällt.
Man ist nunmehr vorwiegend auf das Ausschöpfen des Wassers durch Pumpwerke angewiesen, ein Verfahren,
welches in ausgedehnten Flußniederungen bereits vielfach angewendet wird, dessen Kosten aber häufig nicht in einem günstigen
Verhältnis zu dem Wert und dem Reinertrag der Niederung stehen. Dazu kommt, daß der Getreidebau, in dessen Interesse die Deiche
hauptsächlich angelegt wurden, mehr und mehr dem Futterbau weicht, welcher durch die Überflutung des
Terrains zu gewissen Zeiten, ein rechtzeitiges Zurücktreten des Wassers vorausgesetzt, nicht geschädigt wird.