Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03302.jsonl.gz/2667

Nach den entsetzlichen Verbrechen an behinderten Menschen im Zweiten Weltkrieg hatte man in der Schweiz wie in Deutschland versucht, mit einem je nach Standpunkt differenzierenden oder separierenden Sonderschulwesen den besonderen Bedürfnissen behinderter Kinder und Jugendlicher umfassend Rechnung zu tragen. Kinder mit einer Lernschwäche, andere mit Verhaltens- oder Kontaktstörungen, weitere mit Körperbehinderungen oder Leistungseinschränkungen im Sehen oder Hören wurden in homogen zusammengesetzten Kleinklassen von dafür ausgebildeten Heilpädagogen unterrichtet.
In der Bevölkerung überwiegt bis heute eine positive Einstellung zu diesen Kleinklassen. Allerdings gab es auch eine leider recht verbreitete, überhebliche Einstellung gegenüber diesen Schülern, die sich insbesondere bei den Regelschülern im gleichen Schulhaus oder Dorf äusserte: Sie seien dumm und wenig bildbar; nicht selten wurden sie despektierlich behandelt und zuweilen gemobbt. Diese Problematik war ein wesentliches Argument für die Reform des Sonderschulwesens. Die Integration sollte den Vorurteilen und der Ausgrenzungstendenz entgegenwirken.
Integration kann funktionieren
Die Einführung des Integrationskonzepts in der Schweiz in den 1990er-Jahren führte zur Schliessung vieler Kleinklassen. Diese Reform war höchst umstritten: Die Praktiker bezweifelten, dass Integration den behinderten Kindern die erforderlichen Rahmenbedingungen zum Lernen bieten könne. Aus der Lehrerbildung hingegen hiess es, Integration sei mit der richtigen Didaktik ohne weiteres erfolgreich umzusetzen.
Tatsächlich gab es in der Schweiz und in den umliegenden Ländern vor der flächendeckenden Einführung der Integration bereits einiges an Erfahrung in kleinen Landschulen, wie man Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters und mit sehr unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen zusammen unterrichten kann. Der französische Dokumentarfilm «Être et avoir» von 2002 porträtiert eine solche Dorfschule in der Auvergne. Er zeigt den Alltag eines Dorfschullehrers mit seinen Schülern aus den umliegenden Bauerndörfern und Weilern im Alter von 6 bis 14 Jahren während etwas mehr als einem halben Jahr. Porträts der einzelnen Kinder vermitteln einen authentischen Einblick in das Klassenklima und die Arbeitsweise des Pädagogen, Herrn Lopez. Unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten sind in dieser Klasse vertreten, auch das heutige durchschnittliche Spektrum an Kindern mit Diagnosen wie ADHS, ADS oder Autismus gehört dazu. Die Freude der porträtierten Kinder und Jugendlichen am gemeinsamen Unterricht und ihre tiefe Zuneigung zum Lehrer ist augenfällig. Analysiert man die Arbeitsweise dieses Pädagogen, kristallisieren sich drei zentrale Erfolgsfaktoren heraus:
–
Erstens besteht in dieser Klasse eine freundschaftlich-kooperative Atmosphäre. Gelegentlich kommt es zu Verfehlungen, Missverständnissen und Grobheiten, und es fliessen Tränen. Diese werden aber stets ernst genommen und der väterlich vermittelnde Lehrer Lopez sorgt für Klärung und Versöhnung, so dass keine Ressentiments und Gefühle des Unverstandenseins zurückbleiben. Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Schreiben und Rechnen hat oder beim gemeinsamen Backen das Eigelb auf dem Boden landet, ist die Reaktion der Mitschüler nie spöttisch-abwertend, sondern aufmunternd.
–
Zweitens versteht es der Lehrer, den Unterricht für die Schüler ansprechend und gut verständlich zu gestalten, so dass deren Interesse geweckt wird. Lehrer Lopez führt seinen Unterricht interaktiv, indem er die Schüler alle zum Mitwirken animiert, jeden im Auge behält und, falls erforderlich, Hilfestellung gibt. In jeder Lektion ist eine vom Lehrer angeregte, erwartungsvolle Dynamik zu spüren. Ob man ein Diktat übt, geometrische Probleme löst oder das Einmaleins wiederholt – immer sind die Schüler geistig…