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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Ein Mann geht auf ein Haus zu. Es liegt an einer längeren, wenig befahrenen Strasse oberhalb eines Ferienorts. Sie ist keine Durchgangsstrasse und mündet am Ende in einen Fussweg, der einen Hügel hinunter an einigen mit Maschendraht geschützten Villengrundstücken vorbei führt und an der Strandpromenade direkt an der Ostsee endet. Der Mann geht um das Haus herum. Dort befindet sich eine Holzscheune. Der Riegel am Toreingang ist nicht durch ein Schloss gesichert. Der Mann öffnet die Tür und geht hinein. Niemand interessiert sich für ihn. Zielsicher sucht er in dem fast leeren Raum die Wände der Scheune ab, nur ein Netz für einen Tennisplatz und 2 Tennisschläger werden dort gelagert. Auf einem Holzbalken steht eine blaue, runde Plastikdose. Der Mann nimmt diese Dose und schaut hinein. Er findet einen Schlüssel. Er verlässt die Scheune und steckt den Schlüssel ins Schloss der Eingangstür zur Wohnung. Er passt; die Tür lässt sich öffnen. Der Mann geht hinein.
Er findet eine zweckmässig eingerichtete Wohnung vor, mit Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad. Alles ist sehr geräumig. Der Boden ist gefliest. Im Wohnzimmer befinden sich ein kleiner Radiorecorder und ein Fernsehgerät. Im Küchenbereich sind eine komplette Ausstattung mit Geschirr, Töpfen und Pfannen und Besteck für 4 Personen und eine Kaffeemaschine vorhanden. Der Kühlschrank ist leer. Der Boiler im Bad erhitzt gerade das Wasser. Das Bett ist nicht bezogen, ebenso fehlen Handtücher.
Der Mann und seine Frau, die im Wagen gewartet hatte, tragen Koffer und allerlei Dinge aus ihrem Auto ins Haus. Die Frau beginnt in aller Seelenruhe Kaffee zu kochen. Der Mann trägt die Koffer ins Schlafzimmer.
Ist das ein Einbruch, ein unbefugtes Betreten eines Hauses? Was hat das Paar vor? Will es die Wohnung ausräumen?
Mitnichten! Es war alles ganz legal. Es sind die Mieter einer Ferienwohnung (FeWo), die für eine Woche hier einziehen. Hier brauchen sie niemanden um Erlaubnis zu fragen. Der Mietpreis wurde in 2 Raten, vor 3 Monaten mit einer Anzahlung und vor 3 Wochen mit dem Rest, bereits überwiesen.
Gestern hat der Mann bei der Vermieterin angerufen. Sie hat ihm das Schlüsselversteck bereitwillig bekannt gegeben. Sie wohnt etwa 150 km entfernt. Sie muss bei der Ankunft ihrer Mieter nicht persönlich dabei sein.
Das Paar macht sich daran, sein Bett zu beziehen. Der Kaffee hat gut geschmeckt. Der Mann und die Frau essen noch ein selbst belegtes Brot und trinken Tee. Dann gehen sie ins Wohnzimmer und sehen fern.
Es ist spät. Aus der Nebenwohnung hört man leise Geräusche. Es läuft jemand umher.
Vor der Tür des Hauses stehen ausser dem Auto des Ehepaars noch 2 weitere Fahrzeuge aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, wie an den Nummernschildern erkennbar ist.
Es gibt also noch 2 weitere Ferienwohnungen in diesem Haus; sie haben separate Eingänge. Das Ehepaar wird sie die ganze Woche über nicht sehen. Das Haus ist von einer Hecke umgeben. Nachts ist es sehr ruhig. Nur tagsüber hört man ab und zu einen Personenzug auf dem nahe gelegenen Gleis vorbeifahren. Das Geräusch ist aber nicht störend.
Der Ferienort ist eher klein. Über den Fussweg kann man in wenigen Minuten am Strand sein. Es ist schönes, warmes Wetter, die Wassertemperatur etwa 22 Grad Celsius. Der Strand ist so flach, dass man weit hineinlaufen muss, um eine Wassertiefe zu erreichen, die das Schwimmen erlaubt. Auf dem Strand stehen eine Reihe von Strandkörben. Ein Schild informiert darüber, dass die Tagestaxe zum Betreten 2.50 Euro pro Person kostet.
Zum Boulevard kommt man nach ein paar Minuten Spaziergang über den Strand. Es gibt dort nur ein kleines Lokal für kleine Gerichte und Getränke. Da ist es ideal, dass in der FeWo gekocht werden kann. Der Supermarkt ist einige Kilometer entfernt im nächsten Ort.
Das Ehepaar verzichtet auf die Anmeldung im Touristenbüro. Für einen kurzen Strandbummel oder ein kurzes Stück Schwimmen im Meer wird auch nicht nach dem Tagesticket gefragt. Es bleibt völlig anonym.
Diese Situation ist selten. Oft wohnen die Vermieter im selben Haus oder in einem Nebengebäude. Sie begrüssen die Gäste, zeigen ihnen die Räumlichkeiten. Wir haben es auch schon erlebt, zu einem Umtrunk oder Grillabend eingeladen zu werden. Gäste und Vermieter sehen sich gegenseitig an. Je nach dem kommt es zu einer Unterhaltung, zum Gedankenaustausch oder näheren Kontakten. Manchmal sorgt der Vermieter auch für Brötchen zum Frühstück, die bereits an der Tür hängen, wenn man aufgestanden ist.
Das Mieten einer Ferienwohnung ist inzwischen bei einem längeren Aufenthalt, etwa ab einer Woche, üblich. Für ein (verlängertes) Wochenende eignet sie sich nicht, dann sind ein Hotel oder eine Pension idealer. Es gibt Frühstück, das Zimmer wird gesäubert, und die Betten werden gemacht. Meistens ist aber nicht viel Platz im Hotelzimmer. Für einen längeren Aufenthalt, besonders wenn es regnet und man nicht viel unternehmen möchte, ist es eher beengend und ungemütlich.
In einer Pension geht es oft familiär zu. Man trifft sich in einem gemeinsamen Aufenthaltsraum zum Frühstück und auch zu anderen Tageszeiten. Man kann die anderen Gäste kennenlernen, die Kinder können evtl. miteinander spielen.
Wir haben ein bestimmtes Alter erreicht und lieben die Bequemlichkeit, die ein Zelt beispielsweise nicht hergibt. Viele meist ältere Zeitgenossen schwören auf ihren Wohnwagen oder ihr Wohnmobil.
Jeder so, wie er es mag. Wir sind gern in einer FeWo. So war es auch, als die Kinder noch klein waren und mit uns in den Urlaub fuhren. Auch preislich sind wir immer gut damit gefahren. Bis auf das Zelten sind alle Übernachtungsarten im Urlaub teurer.
Nach einer Woche in der Ferienwohnung zieht das Paar wieder aus. Es hat das benutzte Geschirr gespült und verlässt die Wohnung etwa so, wie es sie angetroffen hat. Nur die Endreinigung überlässt es geschultem Personal. Die Kosten dafür erhöhen den Tagespreis nur geringfügig.
Der Mann legt den Wohnungsschlüssel wieder an den Ort, an dem er ihn gefunden hat.
Vielleicht kommt das Paar ja wieder!
Hinweis auf weitere Ostsee-Blogs
04.11.2011: Sanddorn: Die „Zitrone des Nordens“ und die „Ostseeliebe“