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Anitha Gunnarsson, die Kinder in Ihrer Vorschule kommen zu 90 Prozent aus dem Ausland und sprechen insgesamt 30 bis 35 verschiedene Sprachen. Gemäss Gesetz haben Migrantenkinder das Recht, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Tun Sie das?
Nein, in Stella Nova sprechen wir mit den Kindern Schwedisch, weil das Personal nicht alle Sprachen der Kinder beherrscht. Einige von ihnen sprechen drei Sprachen: jene der Mutter, jene des Vaters und Englisch als gemeinsame Familiensprache. Sprechen wir mit ihnen Schwedisch, lernen sie es umso schneller.
Warum sollen Migrantenkinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden? In der Schweiz betrachten wir die Sprache als Schlüssel zur Integration.
Das sehen wir auch so. Aber meistens denkt man dabei nur an die gesprochene Sprache. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Kind mit 100 Sprachen zur Welt kommt und 99 davon verliert, wenn es sie nicht braucht. In unserer Vorschule pflegen wir so viele Sprachen wie möglich und lassen die Kinder sich unterschiedlich ausdrücken: durch Tanzen, Gestalten mit Tonerde, körperliche Kommunikation und so weiter.
Die Eltern haben ein ausgeprägtes Mitspracherecht in Ihrer Vorschule. Was, wenn sie kein Schwedisch können?
Wir kommunizieren auf verschiedene Weise, unter anderem mit Bildern.
Wenn die Kinder aus der Vorschule in die Schule kommen, sind sie dann alle auf dem gleichen Level in Schwedisch?
Nein, das ist nicht möglich, aber auch kein Problem.
In der Schweiz diskutieren wir über eine Quote von deutschsprachigen Kindern in jeder Klasse, sodass die Fremdsprachigen Gschpänli haben, von denen sie Deutsch lernen können. So können alle einem deutschsprachigen Unterricht folgen. Gibt es eine solche Diskussion hier auch?
Nein, wie sähe das in der Realität denn aus? Von 100 Kindern würde man 50 in ein anderes Quartier schicken, quer durch die Stadt, weil sie kein Schwedisch können? Wer entscheidet, welche Kinder das sind? Und wer sagt ihnen, dass sie das tun müssen, weil sie nicht gut genug Schwedisch können? Wichtig ist doch, dass sie den Schulweg mit ihren Freunden machen können und dass sie da zur Schule gehen können, wo sie wohnen.
Ist die Landessprache nicht auch eine Grundlage für ein erfolgreiches Arbeitsleben?
Natürlich ist sie das. Aber entscheidend ist, wie wir den Menschen die Sprache beibringen. Wenn wir die Kinder immer korrigieren, wenn sie etwas falsch sagen, sagen sie irgendwann nichts mehr. Wenn wir uns aber richtig interessieren und sie so reden lassen, wie sie es können, dann erzählen sie uns ihre Geschichten. Wenn wir dann nachfragen, reden sie weiter, und so lernen sie Schwedisch.
Wie sieht Schwedens Integrationskonzept für Migranten und ihre Kinder aus?
Es gibt kein Konzept für das ganze Land, das würde auch keinen Sinn machen. Jeder ist doch anders, es gibt kein Rezept, das für alle passt.
Gibt es keine Diskussion über Migranten, die nicht integriert sind und in einer Art Parallelwelt leben, in ihren eigenen Quartieren und Gesellschaftskreisen?
Doch, manchmal. Aber ich mag diese Diskussionen nicht. Wir haben Agglomerationsgemeinden, in denen viele Migranten leben. Dort sprechen die Menschen tatsächlich nicht so gut Schwedisch. Aber was tun? Die Stadt Stockholm hat sehr viel Geld in verschiedene Integrationsprojekte gesteckt – hauptsächlich sprachlicher Art – Millionen über Millionen. Ohne Erfolg. Das Geld war verschwendet.
Was wäre Ihrer Meinung nach zu tun?
Wir sollten die Menschen, die in unser Land kommen, fragen, was sie wollen und was sie brauchen. Einige von ihnen haben in ihrem Herkunftsland studiert, sie sind Ärzte und Anwälte und haben Doktortitel. Wir können ihnen nicht einfach erklären, wie sie sich hier zu verhalten haben. Klar, sie müssen sich ans Gesetz halten, aber wir sollten nicht versuchen, aus ihnen Schweden zu machen. Das ist respektlos. Warum sollten wir das tun?
Weil sie nun in Schweden leben.
Ja, aber sie sind keine Schweden. So sehe ich das. Wir besuchen die Familien unserer Schützlinge zu Hause in ihrem Umfeld und lernen sie dort kennen. Wir fragen, woher sie kommen, wie ihre Kinder sind und was sie von der Vorschule erwarten. Ich weiss nicht, ob das besser ist als die verschiedenen Integrationsprojekte, aber so machen wir es in Stella Nova. Und die Zusammenarbeit mit den Eltern klappt sehr gut. Sie kommen gerne und oft zu Festen in die Vorschule. Dann sitzen wir zusammen und essen miteinander.
Gibt es also kein Programm, das darauf abzielt, die Eltern der Kinder, die Ihre Vorschule besuchen, im Land zu integrieren?
Doch, es gibt solche Absichten, aber ich halte nichts davon. Das sind kompetente Familien, und das waren sie schon, bevor sie nach Schweden kamen. Es ist nicht an mir, sie danach zu unterscheiden, ob sie integriert sind oder nicht. Wenn sie Fragen haben, zum Beispiel, welches die passende Schule für ihre Kinder ist, helfe ich gerne. Aber nur, wenn sie fragen.
Wie Schweden mit Migranten umgeht, gilt als vorbildlich. Wissen Sie, warum?
Ach, wir haben auch viele Probleme mit Migranten. Das kommt daher, dass wir sie nie fragen, was sie brauchen, sondern ihnen nur sagen, was sie sollen. Ich bin kein Fan von den USA, aber eines machen sie richtig: Sie nehmen die Menschen als das, was sie sind. Kommt ein Arzt aus dem Ausland, arbeitet er bald auch in den USA als Arzt, vielleicht nach einem kleinen Adaptationskurs, damit er die richtigen Papiere hat und die Gesetze kennt. In Schweden arbeiten eingewanderte Ärzte als Taxifahrer! Viele sind ganz arbeitslos, wegen ihres Namens, selbst solche, die hier geboren sind.
Haben die Kinder in Ihrer Vorschule ein Lernziel zu erreichen, sodass sie auf die Schule vorbereitet sind?
Wir haben einen Lehrplan, den wir verfolgen müssen, aber darin halten wir nur die Entwicklung der Kinder fest. Es gibt kein bestimmtes Level, das die Kinder erreichen müssen, und ich finde es auch wichtiger, in ihnen die Wissbegier zu wecken. Ich möchte, dass sie wissen, welches ihre Art zu lernen ist, dass sie an sich selber glauben, Fragen stellen und nicht einfach alles als gegeben hinnehmen, was die Erwachsenen ihnen erzählen.
Haben die Lehrer und Betreuer in Stella Nova eine besondere Ausbildung, weil sie fast ausschliesslich Kinder mit Migrationshintergrund betreuen?
Nein, die Anforderungen sind die gleichen wie überall. Es ist allgemein schwierig, genügend Personal zu bekommen, und bei uns besonders. Gerade die Jungen haben keine Lust auf eine Vorschule wie unsere, in der Agglomeration, wo sie mit Migrantenfamilien zu tun haben. Sie bevorzugen eine schicke Gegend, neue Gebäude, schwedische Familien. Und das wählen sie dann auch.
Autor: Yvette Hettinger
Fotograf: Yvette Hettinger