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In Sambia bei den Aquariumfischen
Ostafrikas Buntbarsche sind mehr als beliebte Fische fürs Aquarium: Ihre vielfältigen Farben und Formen sind ein gutes Beispiel für die Geschwindigkeit der Evolution. Fabrizia Ronco, Doktorandin am Zoologischen Institut der Universität Basel, studiert die Artbildung. Dafür sammelt sie an den afrikanischen Binnenküsten DNA von Buntbarschen.
(Aus "Horizonte" Nr. 105, Juni 2015)Der Tanganjikasee ist nach dem Baikalsee das zweitgrösste Süsswasservorkommen
der Erde und einer der artenreichsten Orte der Welt. Wir erforschen dort das Ergebnis von rund 12 Millionen Jahren Fisch-Evolution. In diesem relativ kurzen Zeitraum haben sich etwa 250 Arten von Buntbarschen entwickelt. Eine solche Artenexplosion findet statt, wenn eine Tiergruppe neue ökologische Nischen besiedelt und sich an die neuen Umweltbedingungen anpasst. Die bekanntesten
Beispiele dieses Vorgangs sind die Darwinfinken auf den Galapagosinseln und eben die Buntbarsche in den ostafrikanischen Seen.
Die Buntbarsche konnten neue ökologische Nischen erschliessen, als sich eine
neue Erfindung durchsetzte: Buntbarsche haben tief im Schlund einen zweiten Kiefer, ähnlich wie das Alien aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Film. Diese Schlundkiefer sind spezialisierte Kauwerkzeuge, und damit konnte der vordere Kiefer sehr vielseitig zum Fangen und Aufnehmen der Nahrung umgebildet werden. Es gibt Buntbarsche mit ausstülpbaren Mäulern, die wie ein Staubsauger vom Sandboden fressen. Andere raspeln mit ihren Rundmäulern die Schuppen von Fischen ab, und die Augenbeisser haben es auf die Hornhaut von Fischaugen abgesehen.
Mindestens zweimal im Jahr fange ich im Tanganjikasee Buntbarsche, bringe sie
zurück an die Universität Basel und extrahiere aus den Flossen die DNA. Das Ziel ist,
die genetische Ausstattung aller Arten des Sees zu kennen und die Wege zu verstehen, die die Evolution bei der Entwicklung der verschiedenen Farben und Formen genommen hat. Wir arbeiten in Afrika hauptsächlich an Toby’s Place, einer ehemaligen Fischzuchtanlage in Sambia am Südufer des Sees. Toby war ein Fisch-Exporteur, der Liebhaber aus der ganzen Welt mit Buntbarschen für ihre Aquarien beliefert hat. Der Ort liegt etwa eine Bootsstunde von der nächsten Küstenstadt entfernt. Es gibt keine Strasse und keine Stromleitung, aber Steinhäuser mit Strohdächern und vom Generator zwei Stunden Strom am Tag. Weil die Bewässerungsanlage eine Oase in der trockenen Umgebung geschaffen hat, kommen Grünmeerkatzen, um Früchte zu fressen. Mit den Insekten und anderem Kleingetier muss man sich anfreunden, und vor dem Anziehen werden die Skorpione
aus den Schuhen geklopft.
Toby’s Place liegt 20 Stunden mit Bus und Boot von der sambischen Hauptstadt
Lusaka entfernt. Damit auch die einheimischen Forscher von unserer Arbeit
profitieren, arbeiten wir mit Kollegen der Universität Lusaka und der lokalen
Fischereibehörde zusammen. Dieses Jahr haben wir mit einem Boot die sambische
Küste abgeklappert. Kapitän war Heinz Büscher aus Pratteln (BL), ein pensionierter
Buntbarsch-Experte, der Unterwasserfilme dreht und 16 neue Fischarten entdeckt hat. Heinz übernachtete immer auf dem Boot. Ich ging mit meinen Kollegen
Walter Salzburger und Adrian Indermaur zum Schlafen an den Strand, oder
wir übernachteten in Dörfern. Die Leute leben von dem, was der See und die Felder
ihnen geben. Sie lachen meist über unsere Sonnencreme und die Malaria-Prophylaxe. Ein Einheimischer sagte uns: "Malaria ist nicht mein Freund, aber mein ständiger Begleiter" – fast jeder macht ein- bis zweimal im Jahr ein paar Wochen Malaria durch. Zu essen gibt es Maisbrei oder Reis und Fisch. Buntbarsche essen lohnt sich für uns kaum, denn die meisten sind zu klein; die grossen schmecken dafür umso besser. Ich habe auch Kinder mit aufgeblähtem Bauch gesehen. Meistens sehen die Leute aber glücklich aus, und alle sind hochinteressiert an unserer Arbeit.
Ich plane noch drei Expeditionen an die Küsten des Sees in Tansania und Sambia.
Dann können wir die Genome der meisten Buntbarscharten analysieren. Ein Problem
sind für uns die Arten der kongolesischen Küste, die wir wegen der instabilen politischen Lage des Landes nicht besuchen können. Wir müssen aus dem Kongo
zusammensuchen, was wir überall auf der Welt in den Aquarien finden.
Aufgezeichnet von Valentin Amrhein.