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1722 porträtiert der junge Konstanzer Maler Jacob Carl Stauder seinen Förderer, den Salemer Abt Stephan I. Jung. In einem fensterartigen Oval stellt er den 58-jährigen Vorsteher der mächtigen Reichsabtei als liebenswürdigen Prälaten im Zisterzienserhabit dar. Eine blau-rote Draperie und barocke Putten rahmen das Porträt. Unten links hält eine Putte mit Schwert das Wappen des Abtes und die dem Abt zustehenden Bischofsinsignien, die Mitra und den Krummstab.[1] Das durch eine aufsteigende und eingeschweifte Spitze gespaltene Wappen finden wir auch an prominenter Stelle an der südlichen Schmalseite im Kaisersaal. Es steht für den Bauherrn des grossen Klosterneubaus in Salem, den von Stauder porträtierten Abt Stephan I. Jung.
Am 8. Februar 1664 wird er als Christian Jung in Koblenz geboren. Sein Vater Johann Jakob Jung ist Zimmermann und als Salemer Untertan in Nussdorf aufgewachsen. Er wandert nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges aus und wird in Koblenz sesshaft. Seinem Sohn Christian verschafft er eine gute Ausbildung. Nach Schulen in Koblenz und Mainz studiert Christian Jung 1680 bis 1683 in Wien. Am 3. August 1683 tritt er ins Kloster Salem ein. Ein Jahr später legt er das Gelübde ab und nimmt den Namen Stephan an. Er ist 1688 und 1689 an der Jesuitenuniversität Freiburg, die wegen der französischen Besatzung bis 1698 nach Konstanz verlegt ist, immatrikuliert und studiert hier Theologie.
1698, mit 34 Jahren, wird Stephan Jung als 35. Abt des Reichsstiftes gewählt. Zum Zeitpunkt seiner Wahl ist das noch vor dem Dreissigjährigen Krieg neu erbaute Kloster eine Brandruine. Zwar hat Abt Emanuel Sulger, sein Vorgänger, sofort nach dem Brand am 30. April 1697, einen ersten Generalakkord mit dem Baumeister und Architekten Franz II Beer geschlossen. Die Wiederherstellung und der Neubau der barocken, schlossähnlichen Anlage läuft nun aber unter der Regierung von Abt Stephan. Die Stuckaturarbeiten unter der Leitung des Unterelchingers Michael Wiedemann werden durch Wessobrunner Stuckateure aus der Werkstatt Johann Schmuzers ausgeführt. Nach 1703 verdingt Abt Stephan auschliesslich die Trupps der Wessobrunner Franz und Joseph Schmuzer. Als Maler bestellt er Franz Carl Stauder, der ihm 1711 als letztes Werk in Salem die Gemälde des Kaisersaales erstellt und das Wappen von Abt Stephan I. anbringt. Es ist auch der Abschluss der Konventneubauten. Der Sohn Stauders, Jacob Carl, setzt das Werk seines Vaters in Salem fort und ist praktisch Hofmaler von Abt Stephan I.
Abt Stephan I. ist 1700, 1701, 1705 und 1714 auf Visitationsreisen in Kurbayern unterwegs. Der Generalabt in Cîteaux beauftrag ihn mit der Visitation der Zisterzienserabteien Raitenhaslach, Fürstenzell, Aldersbach und Fürstenfeld. Die Visitationen dienen der Durchsetzung der Ordensdisziplin. Für den bayrischen Kurfürsten, der kirchliche Kreise in seinem Land am kurzen Zügel hält, sind diese Reisen «ausländischer» Reichsäbte allerdings eine Provokation. Dem Konflikt mit dem Kurfürsten und dem kurfürstlichen Geistlichen Rat geht Abt Stephan I. nicht aus dem Weg und beharrt auf seinen Rechten. In Raitenhaslach und in Fürstenzell bewegt er 1700 die Äbte zur Resignation. Zum Eklat kommt es 1701 in Fürstenfeld. Nach einer Audienz bei Max II. Emanuel von Bayern in Schleissheim reist er ins neu gebaute Herrschaftskloster der Wittelsbacher in Fürstenfeld und verfügt anschliessend dem Abt und den Konventualen mehr Distanz zum Münchner Hof. «Dieser Schwab hat mich hintergangen» ist die anschliessende Reaktion von Max II. Emanuel. Er erteilt Abt Stephan I. Landesverbot. Erst 1705 und 1714, nach der Flucht des Herrschers ins Ausland, sind in Kurbayern wieder Visitationen möglich.
Der auf dem Porträt Stauders väterlich wirkende Prälat wird als dritter Gründer von Salem beschrieben und als einziger Abt mit Eberhard von Rohrdorf (1191–1240) verglichen, der Salems Blüte im Mittelalter begründet hat. Sicher kann er als guter Verwalter bezeichnet werden, denn für die Bauten seiner Regierungszeit soll er 450 000 Gulden[2] investiert haben, eine Riesensumme, die heutigen 120 bis 150 Millionen Euro entspricht. Gewaltig ist auch die Kontribution von 150 000 Gulden, welche er 1703 im Spanischen Erbfolgekrieg für die kaiserlichen Truppen aufwenden muss. Abt Stephan I. hat alle diese Ausgaben ohne Verschuldung bewältigt und kann sogar noch die Herrschaft Ostrach erwerben, was nebst der guten Verwaltung auch für die blühende Wirtschaft des Reichsstifts zur Zeit seiner Regierung spricht. Es bestätigt sich auch hier, dass die Klöster zu dieser Zeit wahre Wirtschaftlokomotiven und Förderer von Künstlern und Handwerkern sind.
Abt Stephan I. stirbt am 15. April 1725 im Alter von 61 Jahren.
An ihn erinnert nebst dem Klosterneubau auch die Kapelle Maria vom Siege[3] auf dem ehemaligen Laienfriedhof der Abtei Salem. Er baut sie als 1707–1710 als Memorialkapelle anlässlich der Abwehr der Türken und der vollendeten Wiederherstellung des Klosters und Friedhofskirche. Baumeister ist wieder Franz Beer II. Die Kapelle wird gebaut, nachdem die Planung einer grösseren sogenannten Bruderschaftskirche[4] beim Münster nicht mehr weitergeführt wird. Im Namen Stefansfeld-Kapelle und der Ortschaft Stefansfeld ist der grosse Bauabt von Salem verewigt.
Pius Bieri 2009
Benutzte Literatur:
Schneider, Reinhard: Die Geschichte Salems, in: Salem, 850 Jahre Reichsabtei und Schloss, Konstanz 1984.
Dillmann, Erika: Stephan I. – Fundamente des Barock, Tettnang 1988.
[2] Der Klosterneubau allein verschlingt 350 000 Gulden. In dieser Summe sind die Eigenleistungen nicht enthalten.
[3] Die Kirche mit Zentralkuppelbau über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes ist heute nur noch in der äusseren Form original erhalten. Die reiche barocke Innenausstattung wird 1856 entfernt.
[4] Das Projekt dieser Kirche, 1705–1707 von Franz Beer II geplant, ist architekturgeschichtlich hochinteressant und entsteht unter dem Einfluss der 1696–1707 erbauten Kollegienkirche in Salzburg von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Das Projekt der Bruderschaftskirche ist das Bindeglied seiner seit 1700 laufenden Planungen für die Stiftskirche in Weingarten. Auf der «Wahrhaften Abbildung» von 1707 ist die auch von Abt Stephan I. geförderte Kirche als gebaute Realität dargestellt.
|Abt OCist Stephan I. Jung 1664–1725 in Salem|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|8. Februar 1664||Koblenz (Rheinland-Pfalz D)||Kurfürstentum Trier|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Abt OCist der Reichsabtei Salem||1698–1725|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|15. April 1725||Salem (Baden Württemberg D)||Reichsabtei Salem|
|Kurzbiografie|

Stephan I. Jung weiss bei seiner Abtwahl 1698, was ihn erwartet. Ein Jahr vorher sind die Klostergebäude der Abtei Salem einem Grossbrand zum Opfer gefallen, nur die Mauern der Kirche halten stand. Der neue Abt, zur Zeit des Brandes noch Cellerar, begleitet während seiner ganzen Regierungszeit Bau und Ausstattung der neuen Anlage, die ihr Vorbild unverkennbar im neuen Konventbau der Zisterzienserabtei Fürstenfeld hat. Das Hauskloster der Wittelsbacher ist den Äbten von Salem durch ihre Reisen zu Abtswahlen und Visitationen in kurbayrische Zisterzienserabteien bekannt. Widerstand des bayrischen Herrschers gegen diese Visiten ausländischer Prälaten beindrucken Abt Stephan I. nicht, der auch in Kurbayern die Ordensdisziplin durchsetzen will.
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