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Das Königsgambit – mit Risiko zum (Lern-)Erfolg
Das berüchtigte Königsgambit bewegt die Gemüter der Schachspieler, ob nun Amateure oder Grossmeister, seit seiner ersten Erwähnung im ältesten erhalten gebliebenen gedruckten Schachbuch (1497!) vom italienischen Schachmeister und -autor Lucena. Seinen Namen erhielt das "gambito de rey" aber erst rund 70 Jahre später vom berühmten spanischen Schachautor Ruy Lopez, der uns auch aus der Spanischen Partie bestens bekannt ist. In der romantischen Ära des Schachspiels, in der es als Ehrensache galt, ein dargebotenes Gambit anzunehmen, erlebte das Königsgambit seine grosse Zeit. Und wir verdanken ihm einige der grossartigsten Partien in der Geschichte des königlichen Spiels. Als Beispiel sei hier die Adolf Anderssens "Unsterbliche" genannt, der ihr in einer anderen Lektion noch begegnen werdet.
Pläne im (angenommenen) Königsgambit
Die Grundstellung des Königsgambits entsteht nach 1.e4 e5 2.f4. Weiss spielt schon im zweiten Zug seinen schwachen f-Bauer gleich zwei Felder vor. Wie wir in Damianos Verteidigung gelernt haben, ist dies doch ein katastrophaler Zug, oder nicht? Die Antwort hierauf ist etwas kompliziert. Ein Zug wie 2.Sf3 gilt sicherlich als objektiv besser, weil er nicht direkt eine Schwäche in der eigenen Stellung generiert, der Weisse hat aber ein paar Gründe, diesen Umstand zu akzeptieren, er will...
- auf Gewinn spielen und die Partie wenn möglich bereits im Mittelspiel entscheiden.
- den schwarzen Bauer auf e5 mit f4 vom Zentrum ablenken, um später mit d4 ein starkes, dynamisches Zentrum aufzubauen.
- seinen König mittels einer schnellen kurzen Rochade in Sicherheit bringen und mit dem Turm auf der (halboffenen) f-Linie angreifen.
- die Entwicklung vorantreiben und aktive, drohende Züge spielen, er darf sich nicht scheuen, Material für seine Ziele zu opfern.
- Er muss aber dabei beachten, dass er die Sicherheit seines Königs nicht vernachlässigt.
Verglichen mit unserer bereits bekannten "Traumposition" in der Eröffnung gibt es also folgenden erheblichen Unterschied:
Unsere Figuren stehen aktiv, wir haben viel Raum im Zentrum, unser König hat rochiert. So möchten wir unser Spiel gerne aufbauen, ob der Gegner das zulässt, ist eine andere Frage.
Dasselbe gilt nämlich auch in der "Traumposition" des angenommenen Königsgambits. Im nächsten Zug würden wir den Bauer auf f4 schlagen und erhalten dieselbe Stellung mit Zugabe der halboffenen f-Linie für unseren Turm, welcher den Druck auf f7 erhöht.
Ein bunter Mix soll's sein
Eins mal vornweg, ich werde euch hier nicht die ganze Theorie dieser Eröffnung erklären, dies würde eine ganze Bibliothek, oder sogar zwei, füllen. Was ich euch zeige, sind Beispiele, wie man mit dieser gefährlichen Waffe umgeht. Das Königsgambit birgt unzählige Varianten, und auch weitere coole Gambits, in sich. Es ist aber meist der Führer der schwarzen Steine, der entscheiden darf, in welche Richtung (eher positionell oder doch taktisch geprägt) die Partie gehen wird. Die Topics hier werden nach und nach (auch mit Gifs!) erweitert.
Schwarz lehnt das Gambit ab und spielt einen soliden aber "harmlosen" Zug
Hier ist es vielfach so, dass wir unserer oben beschriebenen Traumstellung recht nahe kommen. Eine mögliche Position kann so entstehen:
1.e4 e5
2.f4 exf4
3.Sf3 (um das Damenschach auf h4 zu verhindern!)
6...d6 (Eine andere Möglichkleit ist 6...d5)
4.Lc4 Sf6
5.0-0 Le7 (Warum sollte Schwarz den Bauer auf e4 nicht mit seinem Springer nehmen? Ich suche die komplette Lösung)
6.d3 (Warum ist es in dieser Stellung besser, d3 zu spielen statt 6.d4?) 0-0
7.Lxf4 Sc6
Wir haben hier eine schöne Stellung mit guten Chancen dank der halboffenen f-Linie erreicht und können mit natürlichen Zügen schon sehr viel Potenzial aus der Stellung holen. Auf die geschwächte Diagonale g1-a7 ist jedoch aufzupassen, früher oder später könnte eine Dame oder ein schwarzfeldriger Läufer dort mit einem bösen Schachgebot aufkreuzen. In exakt dieser Stellung würde ich persönlich euch empfehlen, a3 zu spielen, um dem starken Läufer auf c4 ein Fluchtfeld zu geben, falls der Gegner Sa5 spielt.
Exkurs ins Königsläufergambit: Schwarz nimmt das Gambit an und hält im Zentrum dagegen
"Wenn morgens in Afrika eine Gazelle aufwacht, dann weiss sie genau, dass sie heute schneller sein muss als der schnellste Löwe. Und wenn morgens in Afrika ein Löwe aufwacht, dann weiss er genau, dass er heute nicht langsamer sein darf als die langsamste Gazelle. Egal, ob wir nun Löwen oder Gazellen sind – wir müssen rennen!"
Ja, rennen tut er hier, der Morozevich. Hier überwältigt er die Verteidigungskünste des Spielers, der ein Jahr später den Weltmeisterthron besteigen wird, indem er ihm ständig neue Drohungen aufzwingt und ihm keine Verschnaufspause gönnt. Oder, um es in den Worten von IM Noël Studer zu sagen; er hält seinem Gegner die ganze Zeit den Kopf unters Wasser. Viel Vergnügen.
GM Alexander Morozevich – GM Viswanathan Anand, Moskau 1995, Königsläufergambit
1.e4 e5
2.f4 exf4 (Anand vertraut auf sein Repertoir und zeigt keine Furcht)
3.Lc4 (Das Königsläufergambit. Auf 3...Dh4 spielt Weiss cool den König nach f1, mehr dazu in einer anderen Lektion)
3...Sf6 (gilt als Hauptzug)
4.Sc3 c6
5.Lb3 (sieht d5 voraus) d5
6.exd5 cxd5 (und Schwarz hat einen isolierten Bauer auf d5)
7.d4 Lb4
8.Sf3 0-0 (Eine Neuerung. Auf 8...De7 9.De2 Se4 spielt Weiss cool 10.Lxf4 Sxc3 11.Dxe7 Kxe7 12.Le2 und gewinnt die Figur mit besserer Stellung zurück. 10...Lxc3+ 11.bxc3 Sxc3 12.Dxe7+ Kxe7 13.Ld2 Se4 14.Lxd5 ist auch nicht sehr verlockend für Schwarz)
9.0-0 Lxc3 (Dass Anand den Springer dem Läufer vorzieht, ist allgemein bekannt, trotzdem ist es hier der falsche Zeitpunkt für einen Abtausch)
10.bxc3 Dc7
11.De1 (öffnet der Dame das Tor zum Königsflügel) Sc6
12.Dh4 Se7
13.Lxf4 Dxc3 (ist schon fast erzwungen, der Bauer darf uns egal sein, Morozevich investiert ihn gleich in ein schönes Manöver)
14.Ld2 Dc7 (Der Läufer hat die f-Linie für den Turm ein wenig geöffnet, kontrolliert immer noch die wichtigen Felder am Königsflügel und Weiss hat auch noch ein Tempo gewonnen)
15.Se5 (bringt die Idee Txf6 ins Spiel) Sf5
16.Df4 Le6 (Drei Züge später hat auch Schwarz seine Entwicklung abgeschlossen, wobei seine Türme weitaus weniger aktiv sind)
17.Lb4 Tfc1
18.g4 (Morozevich macht keine Faxen und drückt Anands Kopf unter Wasser, ein solcher Zug braucht Mut)
18...Sd6 (Die schwarzen Figuren entfernen sich immer mehr vom Königsflügel...)
19.Tae1 Se4 (versucht wenigstens eine Figur aktiv zu platzieren)
Nun sind wir an dem Moment angelangt, wo eine Möglichkeit gefunden werden muss, den Kopf des Gegners weiterhin unter Wasser zu drücken. Bauernvorstösse am Königsflügel drohen nichts direkt und fast all unsere Figuren stehen super. Weiss muss einen Zug finden, den Schwarz nicht einfach ignorieren darf.
20.c4! dxc4 (Anand unterschätzt die weisse Idee)
21.Lc2 Sf6 ( und prompt steht der weissfeldrige Läufer aktiv auf einer freien Diagonale)
22.g5 Sh5? (Der einzig "rettende" Zug wäre Sd5 gewesen. Aber in einer solchen Position einen weiteren Verteidiger vom König zu entfernen, sieht auch nicht gerade rosig aus)
23.Df3 g6 (und die fast schon logische Konsequenz...)
24.Sxg6 hxg6
25.Lxg6 fxg6 (Die Annahme der Opfer ist faktisch erzwungen)
26.Txe6 Df7
27.Dd5!! Sf5 (Guter Rat ist teuer)
28.Txf5 (28.Txg6+ dürfte auch gewinnen, der gespielte Zug ist aber konsequenter. Schwarz gibt auf und holt tief Luft 1-0