Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/2704

In einer bislang beispiellosen Verhaftungswelle hat die Führung Saudi-Arabiens Dutzende Prinzen und Amtsträger des Landes festnehmen lassen. Ihnen werden unter anderem illegale Geschäfte, Geldwäscherei und Veruntreuung öffentlicher Gelder vorgeworfen.
SRF News: Warum kommen diese Festnahmen in Saudi-Arabien gerade jetzt?
Toby Matthiesen: Alle dieser Festnahmen haben mit Kronprinz Mohammed bin Salman zu tun. Letzte Woche fand in Saudi-Arabien eine grosse Investorenkonferenz im Zusammenhang mit der geplanten Retortenstadt «Neom» statt. Im gleichen Hotel, dem Ritz Carlton in Riad, wo die Konferenz stattfand, kam es auch zu den Verhaftungen.
Der relative Erfolg dieser Investorenkonferenz und die guten Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump haben den Kronprinz offenbar darin bestärkt, dass er jetzt gegen alle Rivalen in der Königsfamilie vorgehen kann.
Unter den Festgenommenen befindet sich auch Prinz Al-Walid bin Talal, ein milliardenschwerer Geschäftsmann sowie Prinz Miteb bin Abdullah, der abgesetzte Chef der Nationalgarde. Sind sie Feinde des Kronprinzen?
Das sind insofern Feinde, als sie Cousins sind. Sie stehen in der Thronfolge vor Mohammed bin Salman. Sie waren viel prominenter, erfahrener und hatten auch eine grössere Machtbasis, vor allem der Chef der Nationalgarde, Prinz Miteb bin Abdullah.
Die Nationalgarde wurde seit Jahrzehnten aufgebaut als tribale Machtbasis der saudischen Herrscherfamilie al-Saud. Die Garde ist eine schwer bewaffnete und hoch motivierte Truppe und war in den letzten Monaten die einzige militärische und sicherheitspolitische Institution, die noch nicht direkt dem Kronprinzen unterstand. Sie wurde jetzt quasi «loyal» gemacht. Da kann man sich vorstellen, dass das nicht einfach so glimpflich verläuft.
Und der Geschäftsmann, Milliardär und Prinz Al-Walid bin Talal?
Prinz Walid ist einer der reichsten Männer der Welt und bekannt als das Gesicht des wirtschaftlich orientieren Saudi-Arabiens. Er kontrolliert grosse Teile der saudischen Wirtschaft und ist damit ein grosser wirtschaftlicher Rivale des Kronprinzen Mohammed bin Salman.
Prinz Walids Vater ist eigentlich der alte liberale Reformer in der Königsfamilie, der seit Jahrzehnten eine Öffnung und demokratische Reformen verlangt hat und der Familie eher kritisch gegenüberstand. Walid selber hat sich kaum politisch geäussert, aber er gehört einem Teil der Familie an, der Kronprinz Mohammed bin Salman kritisch gegenübersteht. Durch seine wirtschaftliche Macht und Popularität ist er natürlich ein Konkurrent.
Saudi-Arabien erlebt derzeit einen starken Wandel. So dürfen Frauen jetzt Auto fahren oder der weltgrösste Ölkonzern Aramco soll privatisiert werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Veränderungen und den Festnahmen?
Es hängt alles irgendwie zusammen und vor allem mit der Person des Kronprinzen Mohammed bin Salman. Er will sich nach aussen in der Welt und auch gegenüber der saudischen Bevölkerung als liberaler Reformer präsentieren. Andererseits greift er knallhart gegen seine Gegner durch und lässt jetzt seine Konkurrenten verhaften und somit ausschalten. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Mohammed bin Salman sich bald zum König propagieren lassen möchte. Und diese Verhaftungswelle und die angestossenen Reformen im Land gehörten dazu.
Das Gespräch führte Roman Fillinger.
Toby Matthiesen
Der Islam- und Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Oxford. Er ist Spezialist für Saudi-Arabien und die Golfstaaten. Zu diesem Thema hat er auch zwei Bücher publiziert.