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Gesang Weylas
Du bist Orplid, mein Land!Das ferne leuchtet;Vom Meere dampfet dein besonnter StrandDen Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!Vor deiner Gottheit beugenSich Könige, die deine Wärter sind.
Eduard Mörike
Zu den bewegt in sich ruhenden, rätselhaften Versen im «Gesang Weylas» von Eduard Mörike gibt es einen reichen Kommentar, der an die fremden Namen anknüpft, wie sie in Mörikes Roman «Maler Nolten» vorkommen. Er führt jedoch eher weg von diesem Gedicht als zu ihm hin. «Gesang Weylas» ist ein autonomes Gedicht, zuerst und zuletzt aus sich selbst verständlich. Der Sinn dieser kleinen Komposition ist unabtrennbar von deren Sinnlichkeit: von Versbau, Rhythmus, Lauten, die die Worte und Sätze tragen. Im folgenden wird der Zugang zum Gedicht nicht über philologisch-historisches Wissen, sondern über die poetische Komposition gesucht.
Die fremden Namen sagen schon etwas durch ihren Klang und ihre Beziehung zu anderen Gedichtworten.
O r p l i d: rhythmisch steigt das Wort an. Eine Richtung von unten nach oben nimmt auch die Lautfolge der konstrastierenden Silben: vom tiefen «or» zum hohen «plid». Für «or» liegt im Text «uralt» nah. Die Assoziation «Orkus» macht vor allem deutlich, wie sich hier aus dunklem Grunde das helle «plid» wie eine Blüte (b–l–t) erhebt.
W e y l a: die Vokale bilden den Laut «eia» (in der Kindersprache Gegenwort zum Schmerzlaut «aua» und ergeben mit den weichen Dauerlauten «w» und «l» einen weiblichen Namen, von dem Wohlwollen ausgeht. Die Vokalfolge erinnert an einen alten Inselnamen «Eiland»; auch «weiland» mag anklingen, es passt zum altertümlichen Relativpronomen «so» (Zeile 4). Die Assoziation «Weihe» und «Heil» braucht man nicht abzuweisen, wo die Sphäre der «Götter» genannt wird.
Der Titel stellt das Gedicht als «Gesang» vor, betont das aller Lyrik inhärente musikalische Element. Liedhaft sind die beiden Strophen durch klingende Symmetrien: jambische Vierzeiler von gleicher Silbenzahl, durch Kreuzreim gebunden. Was sie völlig von Volksliedstrophen unterscheidet, ist eine reizvolle Auflockerung durch verschiedene Länge der Einzelverse (zwei bis fünf Hebungen). Sie macht die Sätze, die je ein Verspaar füllen, freier, die Verse geschmeidig für angehaltenen oder ausschwingenden Atem. Das Gedicht, als Lied verstanden, ist differenzierend durchkomponiert, ein Kunstlied.
Die erste Strophe beginnt mit einem Anruf oder einer Evokation. «Du bist Orplid, mein Land!» So steht der Vers mit seinem Rufzeichen einen Moment allein. Ein Ich ruft ein Land bei seinem Namen, ein Land, das ihm zugehört. Der Nebensatz des nächsten Verses rückt es in eine Distanz, die es selbständig macht. Ein «Land, das «leuchtet»: die Alliteration intensiviert das Leuchten, und im kurzen Vers hat das Wort weiten Hall-Raum. «Mein Land», «ferne»: mit Sehnsucht scheint das Ich hinzuschauen.
Der Hauptsatz des langen dritten Verses reicht bis in den vierten hinein und erzeugt eine Anschauung. Im Vokabular liegen alle Elemente bereit: Land – besonnt – Strand – Nebel. Die Satzinversion baut sie in steigender Linie auf: das transitiv eingesetzte Verb («dampfet …/Den Nebel) dynamisiert das Bild. Wie eine Fata Morgana entsteht die dunstverschleierte Insel im Meer unter der Sonne, mit einer Aufwärtsbewegung im angedeuteten Kreislauf des Wassers.
Im schliessenden Nebensatz transzendiert die natürliche Erscheinung ins Übernatürliche. Das Ich schaut, so scheint es, horizontal hinüber zu seinem Land. Es sieht die lichtdurchflossene Bewegung des Nebeldampfes nach oben, nicht wie Opferrauch, eher als Weihgabe. Im reinen Reim – «leuchtet / feuchtet» – ist die spendende Ausstrahlung des Landes konzentriert.
In der zweiten Strophe ändert sich das Bild. «Uralte Wasser steigen / Verjüngt um deine Hüften…» Noch ist das aufgerufene «Land» vor Augen, an dessen Küsten die Wasser…