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Dein erstes Bilderbuch «Once Upon a Time There Was and Will Be so Much More» ist letztes Jahr gleich in neun Sprachen erschienen, hat gerade den Schweizer Kinder und Jugendbuchpreis gewonnen und ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Um was geht es im Buch?
Es geht um Zeit. Das Buch beginnt in der Vergangenheit und geht über das Jetzt bis in die Zukunft. Das Spezielle am Buch ist, dass die Buchseiten bis zum Jetzt, das genau in der Mitte des Buches liegt, immer kleiner werden und danach wieder grösser. Auf der Textebene erzählt das Buch keine klassische Geschichte. In der Vergangenheit gibt es zu jedem Bild einen Satz, der eine Tatsache beschreibt. In der Zukunft gibt es zu jedem Bild eine Frage.
Wie kamst du auf die Idee mit den kleiner und grösser werdenden Seiten?
Mich faszinieren Bücher, bei denen Form und Inhalt zusammenspielen. Ich spielte darum von Beginn weg mit dem Format. Ursprünglich hatte ich zwei Hauptideen. Die eine war ein Zoom von weit weg zu einem Kind und die andere war das Thema Zeit. Als ich begann, die beiden Ideen zu verbinden, kam ich auf dieses Buchkonzept. Ich wollte damit durch die Form des Buches die Zeit erfahrbarer machen.
Was stand am Beginn deiner Arbeit?
Ich habe nicht tausend Geschichten auf Lager. Als ich wusste, dass ich ein Bilderbuch machen will, ging ich von Begriffen aus: Zeit, Nacht, Luft.
Das sind erst einmal abstrakte und aufgeladene Begriffe.
Ich bin interessiert an Themen, die universell sind. Mich interessieren Dinge, die uns alle betreffen. Als ich die Begriffe hatte, machte ich mir in meinem Notizbuch Gedanken dazu. Zudem machte ich schon bald darauf erste Skizzen. Das sind bei mir kleine, postkartengrosse Collagen. Mit diesen Bildern baute ich kleine Büchlein. Eines machte ich zu Augenblicken, ein anderes zu einem Tagesablauf. So versuchte ich, den abstrakten Begriff «Zeit» in verschiedenen Varianten anzugehen. Von diesen kleinen Büchlein kam ich zur Idee mit den kleiner und grösser werdenden Seiten.
Wie hast du entschieden, welche Sujets deine Geschichte erzählen?
Ein paar Dinge funktionierten schon in meinem ersten Entwurf. Ich merkte aber, dass von den Bildern her alles möglich ist und der rote Faden vom Text kommen muss. Zudem arbeitete ich an der Bildauswahl. In den ersten Skizzen sprang ich weiter in der Welt herum als jetzt. Ich machte darum weitere Büchlein.
Wie viele solcher Büchlein hattest du zuletzt?
Sicher fünfzehn bis zwanzig. In unterschiedlichen Grössen, denn wenn etwas klein funktioniert, heisst dies noch lange nicht, dass es gross auch funktioniert. Dazu kommen viele Skizzen.
Deine Bilder sind Collagen. Wie entsteht bei dir ein Einzelbild?
Bleistiftskizzen gibt es bei mir nicht und wenn es solche gibt, sind diese fast nicht lesbar. Ich collagiere direkt eine Skizze. Ich grundiere dazu Blätter farbig und schneide meine Elemente heraus, klebe die Formen auf und zeichne direkt auf die Collagen.
Wie geht es nach der Collagen-Skizze weiter?
Es gibt Bilder, die bleiben eng an der Skizze. Bei anderen muss ich immer wieder neu ansetzen, weil die Perspektive oder die gezeigte Situation nicht stimmt. Die grösste Herausforderung besteht darin, die Skizze, die eine gewisse Frische hat, in ein Original zu übersetzen. Besonders herausfordernd waren – im Gegensatz zu Landschaften und Stimmungen – die Menschen.
Wie hast du die Menschen doch noch so locker hingekriegt?
Am Ende malte ich sie grösser als sie im fertigen Bild erscheinen. Ich wollte damit verhindern, dass ich mich zu sehr im Klein-Klein verliere. Oft malte ich die Person in der gleichen Haltung mehrmals. Danach schnitt ich sie aus, scannte sie ein und montierte sie digital in der richtigen Grösse ins Bild.
Ein Arbeitsschritt ist also am Computer.
Digital setzte ich nur die Menschen ein, machte ein paar Kompositionen und Farbkorrekturen. Es gibt nur ein paar wenige Bilder, bei denen ich am Computer mehr machen musste.
Wie lange arbeitest du an einem solchen Bild?
Schwierig zu sagen. Pro Bild habe ich einen Tag oder experimentiere bis zu zwei Wochen, je nach Sujet. Beim Pyramidenbild machte ich zum Beispiel sehr viele Varianten. Denn jeder kennt Pyramiden und ich fragte mich: Wie zeige ich sie, wie sie im Bau sind und nicht wie wir sie heute im Kopf haben? Ich bin aber weder Historikerin noch wissenschaftliche Zeichnerin. Ich recherchierte darum erst einmal viel im Internet, sah mir Abbildungen in Büchern an und spazierte mit Google Maps vor Ort herum. Am Ende liess ich den Anspruch fallen, dass ich historisch präzise sein muss. Ich darf viel mehr das Gefühl vermitteln.
Dein Buch kam im schwedischen Verlag Lilla Piratförlaget heraus. Wie kam es dazu?
Das ist eine lange Geschichte. Ich habe mich 2018 für den Bolo Klub beworben. Das ist eine Netzwerkgruppe, die zum Ziel hat, das Schweizer Bilderbuchschaffen zu fördern. Der Bolo Klub ging damals in die erste Runde und meine Bewerbung wurde angenommen. Alle im Bolo Klub gingen zum Abschluss an die Kinderbuchmesse in Bologna und stellten dort den Verlagen ihre Projekte vor. Die Rückmeldung zu meinem Buch war immer: Schöne Idee, gutes Konzept, aber unmöglich zu produzieren. Viel zu kompliziert und teuer!
Trotzdem liegt das Buch nun vor.
Ich kam mit leeren Händen nach Hause. Ein halbes Jahr später reichte ich mein Buch beim Wettbewerb der Bilderbuch-Plattform dPICTUS ein. Eine Jury von dreissig internationalen Verlegerinnen und Verleger beurteilte die Bücher. Mein Buch bekam die meisten Stimmen: 23 von 30. Die Bücher mit den meisten Stimmen wurden an der Frankfurter Buchmesse ausgestellt und dort lernte ich meinen schwedischen Verleger kennen, der das Buch in Co-Produktion mit anderen Verlagen dann machte.
Wann hast du gemerkt, dass das Buch auch auf dem Markt erfolgreich ist?
Am deutlichsten als die Nomination zum Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis kam und kurz darauf jene vom Deutschen Jugendliteraturpreis. Das seltsame ist aber, dass ich das Buch schon vor zwei Jahren abgeschlossen habe. Die Arbeit ist gemacht und ich bin schon lange bei etwas anderem. Das Buch bekam ein Eigenleben und ich stehe erstaunt daneben. Was mich freut ist, dass ich etwas machen konnte, das mein eigenes ist: Ich hätte nicht anders gekonnt als so – und trotzdem trifft das Buch einen Zeitnerv.
Was steht nun an?
Es ist für mich die Zeit zum Aufbruch. Ich habe meinen Job beim Kinderkunstatelier, wo ich in den letzten Jahren arbeitete, und meine Wohnung gekündigt. Nun gehe ich mit meinem Partner los, erst mal Wandern und dann nach Europa. Ich kann von überall arbeiten. Bis jetzt habe ich mich nie getraut in der Selbstständigkeit alles auf eine Karte zu setzen und habe das Gefühl, dass ich das jetzt probieren muss. Das steht jetzt an.