Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03219.jsonl.gz/231

Der in Italien lebende amerikanische Schriftsteller, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer Tim Parks hat 2014 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel «Where I’m Reading From». Die deutsche Ausgabe erschien 2016 unter der sperrigen Überschrift «Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen». Darin findet sich der kurze Essay «Der langweilige neue globale Roman». Seine Hauptthese lautet: «Infolge der immer rasanteren Globalisierung bewegen wir uns auf einen Weltmarkt für Literatur zu. … immer mehr europäische, afrikanische, asiatische und südamerikanische Autoren sehen sich als gescheitert an, wenn sie kein internationales Publikum finden.» Immer mehr Autoren würden deshalb in ihren Texten alles aus dem Weg räumen, was verhindern könnte, dass sie international verstanden würden. Zeitgenössische Romane würden sich so immer mehr gleichen, sich kaum mehr unterscheiden und deshalb eben «langweilig» werden. Regionale kulturelle oder einfach auch sprachliche Eigenheiten würden vermieden.
Ich habe den Eindruck, dass das für die Schweiz nicht zutreffen könne und denke dabei an Autoren wie Michael Fehr, Tim Krohn oder Pedro Lenz. Sie suchen bestimmt kein internationales Publikum, treiben vielmehr die Zuwendung zu Kultur und Sprache der eigenen Region auf die Spitze.
Tim Krohn: Vrenelis Gärtli. Da schlage ich zufällig eine Seite auf (S. 89) und lese: «Als das Vreneli am Neujahrsmorgen erwachte und das Tal hinauf sah dem Tödi zu, hingen die Wolken nideldick zwischen den Bergen, und von den Bergen selber waren nur finstere Stümpfe zu sehen. Dazwischen lag der Schnee so dick und weich wie Katzenfell und stüübte unter jedem Lüftli, so dass der Vriinä war, als wäre sie in einer Schachtel, so war alles duster und heimelig in einem.» (Der Hexer und das Fralein Heer)
Michael Fehr: Simeliberg. Der Roman beginnt wie folgt:
Grau
nass
trüb
ein Schweizer Wetter
ziemlich ab vom Schuss
nur über einen pflotschigen Karrweg von oben herab zu erreichen
in einem Krachen ein wüstes
tristes Bauernhaus mit ungestümem Dach
ein zerklüfteter Haufen aus grauen und schwarzen Tupfen
unter dem ein Haufen blinder Fenster leer in die Öde starrt
in der wenig heiteren Stube hocket der Landmann mit dem Rücken zur
Fensterzeile
nach der drückenden Stille
mit der das Gebälk lastet und den Raum niedrig hält
der einzige Mann und Mensch im Haus
draussen motort es schwankend von oben herab zum Haus heran
Pedro Lenz:
«Wo der Martin chürzlech
der Sack mit den aute Chleider
i d Sammustöu heig wöue bringe,
heig er dä Sack im letschte Momänt
no einisch ufgmacht.»
(Der aut Mantu. Aus «Liebesgschichte»)
Pedro Lenz schrieb den Mundartroman «Di schöni Fanny», der nun in hochdeutscher Übersetzung erschienen ist: Die schöne Fanny.
Solche Texte sind also nichts für ein internationales Publikum. Das scheint die Autoren aber nicht zu kümmern, obwohl klar ist, dass ihre Auflagen in der kleinen Deutschschweiz sehr klein sein würden und es daher schwierig sein wird, überhaupt Verleger zu finden, die sich solchen Texten annehmen können oder wollen.
Zora del Buono legt in ihrer Novelle «Gotthard» trotz des Titels, der die Handlung ja geografisch sehr präzise der Grenze zwischen deutscher und italienischer Schweiz zuweist, einen Text vor, der durchaus global tauglich erscheint. Kein Wunder, sie lebt ja auch in Berlin, siedelt eine Hauptfigur der Novelle in Berlin an und publiziert bei Beck in München. «Gotthard» arbeitet zudem mit einer Hintergrundfolie voller Bilder und Mythen aus der Antike: Der Tunnel als griechische Unterwelt quasi, der talauf- und talab flitzende Motorradfahrer als Odysseus und Dora Polli-Müller als Penelope.
Der einzige Schweizer Schriftsteller, den Parks erwähnt, ist Peter Stamm, den der Amerikaner sehr lobt. Im Wikipedia-Artikel zu Peter Stamm lese ich: «er [verkaufte] im Unterschied zu den meisten Schweizer Autoren seine Bücher fünfmal häufiger in Deutschland als in der Schweiz. Daniel Arnet erklärte dies mit einer „helvetismenfreien Sprache“ und „Inhalten, die geranientröglifrei sind“ und in ihrer Universalität „nicht eidgenössisch codiert“». Dies bestätigt damit Parks These!
Für uns Leser aber präsentiert sich die Schweizer Literatur als abwechslungsreich, erfindungsreich, erfreulich glarnerisch oder bernisch, auch wenn da niemals ein Literaturnobelpreis winken wird. Mein Blick schweift über mein Bücherregal und findet von Juli Zeh «Unterleuten» und von Eugen Ruge «In Zeiten des abnehmenden Lichts», beides «neue» deutsche Romane mit deutlich regionalem Kolorit, einer sehr eigenen Sprache und alles andere als langweilig.
Allzu überzeugend und umfassend zutreffend scheint mir deshalb Parks These vom langweiligen neuen globalen Roman nicht zu sein. Er wettert übrigens in anderen Essays seines Buches auch sehr pointiert gegen internationale Literaturpreise und gegen die Angewohnheit vieler Übersetzer, die wenigen verbliebenen regionalen Eigenheiten eines Textes abzuschleifen – im Interesse einer globalisierten Leserschaft.
Alle hier erwähnten Romane und Lenz‘ Gedichtband sind sehr lesenswert:
Tim Parks. Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen. Verlag Antje Kunstmann. München 2016
Michael Fehr. Simeliberg. Verlag Der gesunde Menschenverstand. Luzern. 2015
Tim Krohn. Vrenelis Gärtli. Eichborn. Frankfurt am Main. 2007
Zora del Buono. Gotthard. C.H.Beck. München. 2015
Pedro Lenz. Liebesgschichte. Cosmos Verlag.Muri bei Bern. 2012
Eugen Ruge. In Zeiten es abnehmenden Lichts. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg. 2011
Juli Zeh. UNTERLEUTEN. Luchterhand. München. 2016