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Aussatz.
Die Forschungen über den
Aussatz sind seit den
Jahren 1879-82 auf eine völlig geänderte Grundlage gestellt durch
die
Entdeckung des
Lepra-Bacillus (Armauer
Hansen und Neißer). In allen dem leprösen Krankheitsprozeß eigentümlichen Erzeugnissen
(Hautknoten, Schwellungen der
Nerven,
[* 3] Geschwürsbildungen innerer und äußerer Teile) finden sich die
Aussatzmikroben vor: feine, schlanke Stäbchen, an den
Enden leicht verjüngt, deren
Länge etwas mehr als die Hälfte des
Durchmessers eines roten Blutkörperchens beträgt. Im Innern hegen sie 2-3
Sporen, ihr Wachstum in künstlichen
Kulturen ist
ein ungemein langsames.
Durch den Nachweis dieses Mikroben ist einerseits die früher mögliche Verwechselung des Aussatzes mit äußerlich ähnlichen bloßen Hauterkrankungen wissenschaftlich beseitigt; als einer bacillären Allgemeininfektion entstehen ihm gegenüber die Aufgaben, die Einwanderung des geschilderten Krankheitskeims in den menschlichen Körper (seine Verbreitung innerhalb der einzelnen Gewebe), [* 4] die zur Vernichtung der letztern führenden Kämpfe des eingewanderten Mikroben mit der lebenden
Zelle
[* 5] zu verfolgen und in den groben pathologischen
Erscheinungen,
den klinischen
Formen des
Aussatzes das Widerspiel dieser
innern Vorgänge zu entdecken. In diesem
Sinn haben die fieberhaften Allgemeinleiden in den ersten Stadien der
Aussatzertrankung,
die plötzlichen Knotenausbrüche im weitern Verlauf, welche das
Wesen einer Selbstinfektion zeigen, das
Streben zur Ausheilung,
allerdings nach Zerstörung und Abstoßung der befallen gewesenen Teile (lepra mutilans), neuerdings ihre richtige Würdigung
erfahren.
Eifriger noch ist man den Wanderungen des zerrüttenden Mikroorganismus durch die einzelnen Gewebe: die Nerven, die Lymphdrüsen, die Schichten der Lederhaut und des Unterhautbindegewebes, die Milz, die Leber, die männlichen Generationsorgane, mittels der Färbemethoden gefolgt (Doppelfärbungen mit Fuchsin und Methylenblau). Ein Streit über den wichtigen Punkt, ob die Leprabacillen innerhalb der Leprazellen ihren Hauptaufenthalt nehmen und hier ihr zerstörendes Werk verrichten, oder ob sie frei von einer Zellenumhüllung, wenn auch zu Klumpen geballt, innerhalb der Lymphbahnen sich ansiedeln, darf als dahin entschieden gelten, daß nur in Ausnahmen Bacillen frei gefunden werden: vielleicht ausschließlich im Zwischengewebe der Hautschichten und der Muskeln. [* 6] Wo sie in den Lymph- und Blutgefäßen frei erscheinen, zeigt ein besonders verfeinertes Färbeverfahren sie doch als Bewohner der die Innenwand dieser Gefäße austapezierenden (Endothelzellen), und hinsichtlich ihres Hauptwohnsitzes innerhalb der in einer Art Entzündung begriffenen spezifischen Leprazellen bahnt sich mehr und mehr eine Einigung der Forscher an, seitdem man erkannt hat, daß die Erscheinungsform wie die Größe dieser Gebilde eine sehr variable ist.
Die Leprazellen erscheinen auch auffällig indifferent gegenüber dem an ihnen nagenden Krankheitsgift. Dies stimmt völlig überein mit der so außerordentlich chronischen Natur des Aussatzes, der selbst so zarte Gebilde wie das Innere des Auges und die Schleimhaut des Kehlkopfes deshalb so langsam zerstört, weil seine Mikroben, für gewöhnlich in Zellen eingekerkert, in mehr lokalisierter Weise ihre Wirkungen ausüben und in ihren Allgemeinwirkungen nicht zu vergleichen sind mit den Bacillen des Milzbrandes oder der Blutvergiftung (Septichämie), welche in ungeheurer Vermehrung bald die ganze Blutmasse erfüllen.
Mit größter
Spannung hat sich aber die
Mehrzahl der
Aussatzforscher dem Tierexperiment in der Form zugewandt, bacillenbewohnte
Aussatzgewebe, besonders die Aussatzknoten, welche von Leprastäbchen wimmelten, auf
Kaninchen,
[* 7]
Meerschweinchen und andre warmblütige
Tiere zu
übertragen.
Drei Meinungen über die experimentelle
Übertragbarkeit oder Nichtübertragbarkeit
der
Lepra auf
Tiere bekämpfen sich. Von einigen Seiten wird die
Übertragung durch den Einimpfungsversuch beschränkt oder
unbeschränkt zugegeben.
Eine starke Gegenpartei leugnet jede Übertragung einschließlich jeder Spur übertragener krankhafter Reste. Vermittelnd tritt die Meinung ein, welche zwar die wirkliche Übertragung (besonders in Gestalt einer Allgemeininfektion) in Abrede stellt, jedoch als bewiesen annimmt, daß nicht selten an der Stelle (Auge, [* 8] Unterhautbindegewebe, Bauchhöhle), auf welche die Übertragung ausgeführt wurde, deutliche Überbleibsel der übertragenen Parasiten nachzuweisen waren. Als Zufälligkeiten, welche wahrscheinlich dem Gelingen eines Teils der Experimente mehrfach hinderlich waren, bezeichnet man: nicht genügende Frische des Impfmaterials, Inokulationen ¶
forlaufend
an wenig empfänglichen Stellen, Anwendung ungeeigneter Färbemethoden beim Nachweis. Jedenfalls ist der Eifer zu vervollkommten
Übertragungsversuchen, welche den Beweis der kontagiösen Natur des Aussatzes liefern sollen, neu angefacht worden durch ein
Experiment am Menschen (Arning). Mit Einwilligung der hawaischen Behörden wurde Ende 1885 ein zum Hängetod verurteilter Kanake
methodisch mit
Aussatzmaterial geimpft. Nach Ablauf
[* 10] von noch nicht drei Jahren wurde die knotige Form der
Lepra an ihm behördlich und protokollarisch festgestellt.
Völlig einwandsfrei ist diese Thatsache nicht, da die Versuchsperson einer Rasse angehörte, welche für den
Aussatz auch sonst
(durch Erblichkeit) empfänglich und disponiert ist. Ein vermehrtes Gewicht erhält er jedoch durch gewisse
gut beglaubigte Fälle, in denen Kinder europäischer Eltern durch humanisierte Lymphe (die von latent aussätzigen Kindern entnommen
war) infolge der Schutzpockenimpfung ebenfalls aussätzig wurden; durch Fälle ferner, in denen durch sehr intimes Zusammenleben
(auch abgesehen vom geschlechtlichen Verkehr) Ansteckungen erfolgten; durch Fälle endlich, in denen auf diesem
Weg die Übertragung (anscheinend mit dem syphilitischen Gift gleichzeitig) bewirkt wurde mit dem Erfolg, daß zuerst Erscheinungen
der Syphilis, später unverkennbare Merkmale des Aussatzes sich geltend machten.
Alle diese vielfach und besonders in der Pariser Akademie der Medizin (1886-88) erörterten Thatsachen haben die Lehre
[* 11] von der
Erblichkeit des Aussatzes, welche auch Armauer Hansen nach seinen Untersuchungen über die Schicksale norwegischer
Aussatzfamilien in Dakota und Wisconsin völlig fallen ließ, nahezu verdrängt. Die Mehrzahl der Forscher bekennt sich schon
jetzt zu den Sätzen: der
Aussatz kommt ausschließlich vom Aussätzigen her;
keine Rasse und kein Individuum ist gegen ihn völlig gesichert (immun), mögen auch gewisse Rassen, Klimate oder Gegenden die Entwickelung des Leprakeims begünstigen, andre ihm feindlich sein;
ein ursachliches Verhältnis des Bacillus Hansen zum Aussatz ist erwiesen, lepröse Menschen sind die Träger [* 12] des handgreiflichen Krankheitsgifts, wenn auch die Fragen nach dem Wie der Übertragung, nach dem Weg der Ansteckung, noch ihre Schwierigkeiten haben.
Alle Hergänge, welche sich auf die geographische Verbreitung des Aussatzes während der letzten zwei Jahrzehnte beziehen, scheinen sich nicht allein zur Unterstützung der Ansteckungshypothese zu eignen, sondern sie zeigen aufs klarste, daß der Aussatz sich in beunruhigender Weise Terrain zu erobern beginnt, und dies dort am meisten, wo man an die aus der Ansteckungslehre abzuleitende Konsequenz: die Absonderung der Aussätzigen, nicht geglaubt oder nicht gedacht hat. Auf indirektem Weg dient hier Norwegen [* 13] als Beweis, wo man seit 1869 auf Isolierung der Kranken gesetzlich drang und ein Fallen der [* 14] Krankenzahl von 2689 (im I. 1868) auf 1433 (1882) erreichte. Im Distrikt Sandfjord, wo 70 Proz. der Aussätzigen in Asylen isoliert sind, war das Veränderungsverhältnis sogar 431:132, während im Distrikt Nordmar, wo nur ein Fünftel der Aussatzkranken isoliert ist, das Absinken der Ziffer ein entsprechend geringeres: von 106 auf 90, war. Eine sichtliche Vermehrung des Aussatzes zeigt sich zunächst in Amerika, [* 15] wo längs der südlichen Pacificbahn eine Anzahl Kranker lebt; in San Francisco sind ihrer einige 20; im übrigen Kalifornien, in Louisiana und Florida gibt es bereits Kolonien von Aussätzigen. In Louisiana wurde der von den französischen Akadiern eingeschleppt, nach den
nordwestlichen Staaten haben ihn die Skandinavier gebracht, nach Florida ist er von Westindien, [* 16] nach den Küsten des Stillen Meers von China [* 17] gekommen. In Hawai, [* 18] wo es gegenwärtig über 1100 Aussätzige gibt, und wohin die Seuche ebenfalls durch chinesische Kulis geschleppt wurde, steht man bestürzt vor der Entdeckung, daß es zu spät ist, sie auszurotten. Eine deutliche Vermehrung der Aussätzigen ist in Skutari und Konstantinopel [* 19] bemerkbar, auch in Italien [* 20] zwischen dem Val di Nervia und dem Val d'Argentina. In Spanien [* 21] haben ernste Maßregeln unter Hinblick auf die Ansteckungslehre den Aussatz aus seinen frühern Gebieten vertrieben, so aus Valencia, [* 22] Alicante; wo solche Maßnahmen unterlassen wurden, breitet er sich auch dort (so in Parcent, Sunal, Valldegna) unaufhaltsam aus.
Die bedrohlichsten Fortschritte hat er aber einerseits in Frankreich, anderseits in Rußland gemacht; in Paris [* 23] hat es keine Schwierigkeiten, in Jahresfrist mindestens 80 Aussätzige zu sehen (Doyon, Diday); in Petersburg [* 24] ermittelten Ärzte ein Mateterial von 43 Aussatzkranken in den verschiedenen Kliniken und Hospitälern, und die offiziellen Zählungen der Leprösen in den baltischen Provinzen erwiesen sich als derart unzuverlässig, daß statt einer (durch das Gouvernement veröffentlichten) Zahl von 171 bereits 1884 nicht weniger als 378, im J. 1888 aber 803 Aussatzfälle zur Ermittelung gelangen konnten (Petersen).
Die Bedeutung dieser Thatsachen läßt sich leicht abschätzen an der Hand [* 25] der Erwägung, wie außerordentlich Gesetze und Verordnungen, betreffend die Isolierung und den bürgerlichen Tod der Aussätzigen, in das Zivil- und Familienrecht eingreifen, und im Hinblick auf die völlig trostlosen Aussichten, welche die Unheilbarkeit des Aussatzes darbietet. Genau wie früher Bäder, aromatische und zerteilende Stoffe, balsamische und reizende Salben, Eisen [* 26] und Leberthran sich als gänzlich unwirksam erwiesen, hat auch die neuere Therapie mit all ihren Hilfsmitteln: Gurjunöl, Ichthyol, Pyrogallol, Resorcin, Chrysorabin, ferner Salicyl und Jodkalium, hat die Stichelung und das Ausschneiden der erkrankten Partien sowie die Nervendehnung den Dienst bei der Heilung des Aussatzes regelmäßig versagt. - Zur Litteratur: Leloir, Traité pratiqueet théorique de le lèpre (Par. 1886).