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Andili Memetkerims Gesicht wird ernst, seine ruhige Stimme zittert etwas, obwohl er den Satz nicht zum ersten Mal sagt: «Seit mehr als zwei Jahren habe ich von meiner Familie nichts mehr gehört.» Dies sei die Realität der meisten der rund 120 Uiguren in der Schweiz, sagt er. Als Präsident des uigurischen Vereins der Schweiz kennt er viele von ihnen persönlich. Die meisten seien – wie er – als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen.
Der Traum von der Rückkehr
«Das chinesische Regime will uns Uiguren auslöschen.» Auch diesen Satz spricht er immer wieder aus. Andili Memetkerim ist seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern im Kanton Aargau. Dort betreibt er eine Naturheilpraxis, die auf Traditionelle Chinesische Medizin spezialisiert ist.
Bei ihm heisst diese allerdings «Uigurische Medizin». Seine Wurzeln aus Ostturkestan, wie er das Gebiet in Westchina nennt, in dem er geboren und aufgewachsen ist, sind ihm wichtig. «Irgendwann werde ich dorthin zurückkehren. Jedes brutale Regime hat irgendwann ein Ende.»
Die wissen genau, was ich hier mache.
Eine Rückkehr wäre im Moment allerdings unmöglich, sie würde ihn direkt ins Gefängnis führen, davon ist er überzeugt. Als einer, der sich für die Unabhängigkeit der muslimischen Minderheit in China einsetzt, gelte er als Separatist, als Staatsfeind Chinas, erzählt er. Eine Reise zurück in die Heimat würde mit grosser Sicherheit in einem der umstrittenen Umerziehungslagern enden. Andili Memetkerim spricht gar von Konzentrationslagern, wenn er die Institutionen nennt, die China seit ein paar Jahren in der Provinz Xinjiang betreibt, um angeblich die Berufsbildung der Uiguren zu fördern. «Die wissen genau, was ich hier mache», erzählt der Arzt und verweist damit auf die Überwachung der chinesischen Staatsicherheit.
Abgehörte Telefongespräche
Sein Vater hätte ihn vor über zwei Jahren bei ihrem letzten Telefongespräch gebeten, nicht mehr anzurufen. Zwei Jahre lang hat sich Andili Memetkerim daran gehalten, er wusste genau, dass die Gespräche zwischen ihm und seiner Familie in China abgehört wurden.
Irgendwann hielt er es aber nicht mehr aus und wollte die Stimme seines Vaters hören. Doch weder der Festnetzanschluss noch das Mobiltelefon seines Vaters waren noch in Betrieb. Die Nummer sei ungültig, hiess es. Memetkerim befürchtet das Schlimmste: «Ich weiss nicht, ob er noch am Leben ist oder nicht. Vielleicht sitzt er auch in einem Konzentrationslager.»
10 vor 10, 27.02.2020; blac