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Wird Málaga ein zweites Amsterdam, Venedig oder Luzern? Die Stadt wird von Touristen und Ausländern eingenommen. Deswegen steigt die Inflation höher als anderswo in Spanien, und die Wohnungsnot ist massiv.
Überrannt. Das ist das Wort, das Málaga beschreibt. Im Stadtzentrum flanieren in allen Gassen Touristen. In Massen. Die Cafés und Restaurants sind voll, die Leute stehen regelmäßig Schlange, um einen Tisch zu erhalten. Täglich landen Flugzeuge mit unzähligen Urlaubern, und am Hafen legen Kreuzfahrtschiffe an, spucken Tausende von Touristen aus, die dann Richtung Stadtkern strömen. Im Mai werden 35 Kreuzfahrtschiffe erwartet. Es ist wie eine Lawine von Menschen, die vor ein paar Monaten plötzlich ins Rollen gekommen ist – und seither nicht mehr abklingt. Mehr noch: Málaga ist zurzeit die meistgesuchte Stadt der Welt auf Airbnb.
«Ich weiß, man darf das eigentlich nicht sagen, aber manchmal halte ich sie fast nicht mehr aus, die Touristen», sagt Giselle Bruni. «Ich sehe einen, und urplötzlich spüre ich eine Aversion, obwohl er oder sie nicht Schuld an der Situation hat.» Die Spanierin sucht seit einem Jahr eine bezahlbare Wohnung und muss wöchentlich das Geld, das sie für Nahrungsmittel und andere Lebensnotwendigkeiten braucht, erneut anpassen. Denn in Málaga ist die Inflation höher als anderswo in Spanien. Wegen der Touristen. Sie treiben die Preise hoch.
Wann begann das, dieser Ansturm auf Málaga? Genau genommen vor der Coronakrise. Es zeichnete sich bereits ein paar Jahre zuvor ab, dass aus Málaga ein zweites Amsterdam, Venedig oder Luzern werden könnte. «Das erste Mal teilte uns unsere Vermieterin kurz vor der Pandemie mit, dass wir ausziehen müssen», so Bruni. Der Grund: Das zweistöckige Häuschen an der Strandpromenade soll saniert und an Touristen vermietet werden.
Die 35-Jährige sitzt vor dem heruntergekommenen Haus, das früher mal ein Zuhause von Fischern war. Davon gibt es in Pedregalejo – ein etwas außerhalb liegendes Viertel von Málaga – viele. Die tief und eng gebauten Häuser reihen sich aneinander. Einige stehen in der ersten Reihe mit Blick aufs Meer, andere in der zweiten oder dritten Reihe dahinter. Das Schöne: Die Gassen sind autofrei, Kinder können vor der Haustür spielen – und man riecht das Meer.
Restriktionen gingen, Ausländer kamen
Giselle Bruni ist desillusioniert. Sie ist Mutter einer 5-jährigen Tochter. Gemeinsam mit dem Vater des Kindes lebt sie in Pedregalejo. Während sie spricht, kommen gegenüber Nachbarn nach Hause. Sie zeigt auf sie: «Die da, die leben seit 17 Jahren hier, auch sie haben die Kündigung erhalten.» In einem Zug zählt sie weitere Nachbarn auf, zeigt auf mehrere Fischerhäuschen: «In dieser Straße lebt fast niemand mehr: alles Touristenwohnungen.»
Eine übliche Praxis ist es in Málaga, dass Immobilienbesitzer nach den Sommermonaten Verträge abschließen, die nur bis Juni des nächsten Jahres dauern. Denn im Juli und August wollen sie an Touristen vermieten – und das Fünffache verdienen. Kurzum: Nicht wenige Menschen, die in Málaga leben und arbeiten, müssen Ende Juni ihr ganzes Hab und Gut zusammenpacken, aus einer Wohnung räumen und bis September irgendwo Unterschlupf finden.
2021 war die Welt noch eine andere. Zwar waren die Corona-Restriktionen in Spanien fast alle weg, das Leben quasi normal, aber der Rest der Welt hatte die Restriktionen noch. Und fürs Reisen brauchte es Impfausweise oder Zertifikate. Was soviel bedeutete: Lediglich eine überschaubare Menge Touristen kam nach Málaga und nur wenige Ausländer ließen sich da nieder. Man fand rasch eine Wohnung, zu einem akzeptablen Preis. Vor einem Jahr aber, 2022, als die Restriktionen weltweit gelockert oder aufgehoben wurden, da ging es so richtig los.
Die ganze Welt scheint nach Málaga kommen zu wollen. «Die Mietzinsen sind mittlerweile derart hoch, das kann niemand mehr bezahlen», sagt die Spanierin, die in Argentinien auf die Welt gekommen ist. «Der Mindestlohn ist ein wenig mehr als 1000 Euro, und für eine 2-Zimmerwohnung zahlst du heute rund 1000 Euro. Wie soll das gehen!» Während sie spricht, nähert sich Polaco, ihr Hund. «Und eine Bleibe mit Hund zu finden: fast ein Ding der Unmöglichkeit», sagt die Fitnesstrainerin. «Die Malagueños mögen keine Hunde in ihren Wohnungen.»
Mittlerweile berichten die Zeitungen täglich über den Wohnungsmangel und die Mieterhöhungen. Es geht nicht nur um Touristen. In einem Jahr zogen so viele ausländische Menschen nach Málaga wie noch nie. Viele von ihnen kauften Häuser und Wohnungen. Wenn sie nicht selbst einziehen, dann richten sie sie her für Urlauber. In der Innenstadt, wie die Tageszeitung Málaga hoy berichtete, gibt es inzwischen mehr Touristenwohnungen als Einwohner. Und die spanische Zeitung El Español fragt lakonisch: «Kann eine Stadt wie Málaga an ihrem Erfolg sterben?»
Málaga ist topp
Ja, Málaga wurde entdeckt. In allen Reisemagazinen beworben, empfohlen, bejubelt. Gleichzeitig wird die Stadt aufgekauft, von Leuten mit Geld. Alleine in den letzten zwölf Monaten haben unzählige traditionelle Geschäfte die Storen runtergezogen und ausländische Unternehmen, etwa Starbucks, die Tore geöffnet. Unter uns: Kommt Starbucks, wirds ernst. Die Café-Kette scheint zu wissen, wenn es irgendwo schon bald sehr hipp wird. Damit kommt auch die Gefahr, dass ein Viertel oder eine Stadt in absehbarer Zukunft ihre Seele oder einen Teil ihrer Seele verliert. Wie viele andere Spanier sagt auch Bruni, dass die jetzigen Preise für einen Kaffee oder ein Bier im Stadtzentrum nichts mehr mit der Realität der lokalen Bevölkerung zu tun haben. «Bezahlte man vorher in Málaga für ein Bier 1,5 Euro, kostet es heute zwischen drei und vier Euro.»
Anfangs war nur das Stadtzentrum von steigenden Mieten und fehlendem Wohnraum betroffen, jetzt weitet sich das Problem auch auf die Randgebiete aus. Dass es Pedregalejo betreffen wird, wo Bruni mit ihrer Familie lebt, verblüfft nicht. Es ist ein beliebtes Viertel, idyllisch, mit Cafés, schön, bereits seit einer Weile eine Touristenattraktion. Neu ist jedoch, dass die Nachfrage nach Wohnraum so groß geworden ist, dass es alle Viertel betrifft. Auch Ortschaften weitab von Málaga.
Empörung und Wut nehmen in der Gesellschaft zu. Die Málagueños fordern Gesetze, die den Markt regulieren. «Ich verstehe nicht, wieso die Menschen nicht auf die Straße gehen, protestieren», so Bruni. Eine Art Schockstarre, scheint es wohl zu sein. An den Stammtischen und in den sozialen Medien wird nonstop kommentiert, bedauert, reklamiert.
Vor wenigen Wochen haben wir einen
Anwaltsbrief erhalten, mit sofortiger Frist.
Málagas Bürgermeister, Francisco de la Torre, weiß, dass Touristenunterkünfte Wohnraum verdrängen: «Es gibt viele davon, und wir wollen nicht, dass sie weiterwachsen.» Doch wenig hat die Stadt dagegen unternommen. Auf nationaler Ebene hat der spanische Regierungschef Pedro Sánchez reagiert. Er kündigte diesen April ein neues Wohnungsgesetz an, es will Mietsteigerungen begrenzen, besser vor Zwangsräumungen schützen sowie Wohnraum für sozial Benachteiligte schaffen. Dieses Gesetz ist allerdings in erster Linie eine Antwort auf die Inflation in Spanien. Wie es in Málaga weitergeht: Man wird sehen.
Und die Familie von Giselle Bruni? Wegen der Pandemie musste sie 2020 erstmal nicht ausziehen. Letzten Oktober aber teilte die Vermieterin zum zweiten Mal mit, «dass wir raus müssen». Die Familie sucht erfolglos. «Vor wenigen Wochen haben wir einen Anwaltsbrief erhalten, mit sofortiger Frist. Dagegen können wir zwar angehen, Verlängerung erwirken. Aber klar, der Anwalt kostet uns 1200 Euro.»
Giselle Bruni schließt nicht mehr aus, von Málaga wegzuziehen oder mit einer anderen Familie eine Wohnung zu teilen. Wenn sie in die Zukunft schaut, ist sie pessimistisch. «Eine Krise wird kommen», sagt sie überzeugt. «Wenn die Löhne nicht angepasst oder die Preise reguliert werden – dann kommt das hier nicht gut.»
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