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Benjamin Tunubala, Medium
Fruchtiges Kolumbien
Ausgewogen & bunt
Wir stehen in einem einfachen, etwas heruntergekommenen Raum und schauen dem geschäftigen Treiben zu. Das Licht ist gedämpft, so wie die Gespräche der Männer, die ebenfalls in dieser kleinen Halle stehen. Von draussen dringt durch ein halb geöffnetes Tor etwas Tageslicht und Strassenlärm herein, Fahrzeuge hupen, Menschen rufen sich zu. Plötzlich wird es dunkel und ein Bus-Taxi quält sich mit lautem ächzen direkt vor der Halle durch. Kaum ist das Licht wieder da, wird auch der Lärm wieder leiser.
Überall an den Wänden stapeln sich Kaffee-Säcke, es hat einen kleinen Tisch an dem jemand Notizen macht. Mit einem Mal wird das Tor mit einem Fusstritt aufgestossen und sofort wird es heller im Raum. Ein Kaffeesack schwebt auf den Schultern eines Kaffeebauers herein. Wie ich später erfahren werde, auf den Schultern von Jose Dolores Figueroa. Er wirft den Sack in der Mitte des Raumes auf die Waage, wo dieser sogleich gewogen wird. Ein Mann sticht mit einer übergrossen Nadel in den Jute-Sack hinein, und entnimmt diesem eine Probe. Es sind schnelle und routinierte Bewegungen. Der Mann mit der Nadel bestimmt den Feuchtigkeitswert und somit ein Qualitätsmerkmal des soeben gelieferten Kaffees. Die Preise schockieren mich. Sie sind seit ein paar Jahren im Keller, und haben sich bis heute nicht erholt. Es ist mir rätselhaft, wie man so billig produzieren kann. Jose kann zufrieden sein, sein Kaffee erfüllt die Anforderungen für Specialty Coffee.
Jose wird, wie alle Mitglieder der «Asociación de Productores de Café del Oriente Caucano», gleich bar ausbezahlt. Das lang ersehnte, und wirklich bei allen bitter benötigte Bargeld lässt Freude und auch etwas Feststimmung aufkommen. Nicht nur bei den Bauern, sondern auch beim Kiosk-Besitzer gleich um die Ecke. Dort wandeln nämlich einzelne Bauern einen recht ansehnlicher Teil ihres Kaffees in Bier um.
Während dem Jose einen weiteren Sack in die Halle schleppt, werde ich in den Nebenraum gerufen. Ich komme in ein einfaches, aber qualitativ sehr gut ausgerüstetes Labor. Hier werden die angelieferten Kaffees vor Ort verkostet. Die Kaffees stehen bereit: drei Tassen frisch gerösteter und aufgebrühter Kaffee, die dazugehörigen grünen Bohnen in einem Schälchen daneben und darin ein Zettel mit dem Namen des Kaffee-Bauers. Ich kann also mit meiner Arbeit beginnen. Ich führe den Cupping-Löffel zu meinem Mund und schmecke sogleich eine unglaubliche Vielfalt an spannenden Aroma-Kominationen. Die kolumbianischen Kaffees sind in der Regel voll gewaschen aufbereitet und enthalten viele fruchtige Aromen, was ich persönlich sehr gerne mag. Ich «cuppe» mich also um den ganzen Labor-Tisch herum und erlebe ein wahres Aroma-Fest: ich schmecke Beeren, Aprikosen, Teerose, Hibiskus, Schwarze Johannisbeeren. Viele der hier verkosteten Kaffees erhalten hohe bis sehr hohe Punktzahlen, vereinzelte sogar unglaubliche 88 Punkte, also die Spitze der Spitze sozusagen.
Ein Kaffee fällt mir auf: seine fruchtigen Aromen sind besonders vielschichtig und reichhaltig. Seine Aromen harmonieren ausgesprochen schön und sind sehr stimmig ausgearbeitet. Ich greife nach dem Zettel in der Bohnen-Schale und lese: Benjamin Tunubala.
Qualität hat seinen Preis
Benjamin Tunubala ist ein Indio und lebt in El Cabujo-Guanácas, Mesopotamia, einem Indianer-Reservat in der Nähe von Inzá. Als wir ihn am nächsten Tag besuchen, wird mir bewusst, unter was für schwierigen Bedingungen diese Bauern hier produzieren.
Wir starten mit unserem roten alten Geländewagen, irgendwann wird die Strasse so schlecht, dass wir nur noch mit dem Pferd weiterkommen. Das Gelände wird immer steiler, und so müssen wir auch das Pferd stehen lassen. Wir kommen erschöpft bei Benjamin und seiner Familie an, einem wunderschönen, idyllischen Ort – aber unglaublich abgelegen. Die Familie lebt in einfachen, ja man muss sagen, ärmlichen Verhältnissen und die finanziellen Aussichten sind schwierig. Dazu kommt der tiefe Kaffee-Preis, aber auch die politische Situation steht auf wackeligen Beinen.
Benjamin produziert wenig Kaffee in schwierigem, steilen Gelände, aber dafür stark im Einklang mit der Natur, rücksichtsvoll und nachhaltig. Er erreicht eine absolute Topqualität. Wenn ich mir vergegenwärtige, wie aufwändig seine Produktion ist und wie tief der gegenwärtige Kilo-Preis liegt, dann ist es für mich klar, dass dies in einem Missverhältnis zueinander steht. So kaufe ich Benjamins-Kaffee über das Dezalé-Projekt. In diesem Projekt bezahlen wir den Bauern rund das Doppelte, als dies der jeweilige Tagespreis vorsieht. Ich bin überzeugt, dass eine gerechte Entlöhnung der einzig richtige Weg ist, aus Qualitäts-Gründen, und auch aus Menschlichkeit.