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Die Universität Basel und die ganze schweizerische Hochschullandschaft erhielten in den frühen 1960er Jahren über die Auslandaufenthalte und insbesondere die USA-Aufenthalte ihres akademischen Nachwuchses wichtige Impulse. Man kam mit einem neuen Lehr- und Forschungsstill in Berührung und wollte diesen in die Schweiz übertragen.
In den sechziger Jahren nahm der Auswanderungsverlust im akademischen Bereich derart beunruhigende Dimensionen an, dass das Phänomen als brennendes Problem in der Presse, in diplomatischen Berichten und an Konferenzen diskutiert wurde. Die Akademiker gingen vor allem in die USA und nach Kanada, solche aus der deutschsprachigen Schweiz aber auch nach Deutschland. Die schweizerische Abwanderung war allerdings keine singuläre Erscheinung; alle anderen westeuropäischen Staaten sahen sich mit dem gleichen Problem konfrontiert. Ausschlaggebend für diesen Bezug waren die persönliche Besserstellung und die berufliche Entfaltung. Beides konnten die schweizerischen Universitätsbetriebe, die noch ganz nach dem alten Pyramidensystem und mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln geführt wurden, nicht bieten.
Die Zahl der in den 1950er/60er Jahren aus der Schweiz nach den USA ausgewanderten Akademiker belief sich in die Tausende. Schätzungen sprachen von einem jährlichen Nettoverlust (nach Abzug der Rückwanderer) von 150 bis 200. Dieser wurde wie die analoge Verluste der Entwicklungsländer der Dritten Welt als brain drain, als «Abfluss» intelligenter Köpfe verstanden. Bei den westeuropäischen Staaten kam allerdings noch hinzu, dass diese ihre begabten Leute mit hohen Kosten zunächst selbst ausgebildet hatte, dann aber in einem Moment verloren, da diese Investition einen volkswirtschaftlichen Nutzen hätte einbringen sollen. Es wurde durchaus anerkannt, dass der Zug nach den USA auch Vorteile bringen konnte, wenn man mit den dort tätigen Schweizern in Kontakt blieb und wenn, was in hohem Masse der Fall war, die Ausgewanderten mit ihren Erfahrungen nach einigen Jahren wieder in die Schweiz zurückkehrten.
1960 erklärte der an der Universität Pittsburg tätige Basler Biochemiker Hans Noll: «Das Studium amerikanischer Verhältnisse mag für Europa und besonders für die Schweiz in mancher Hinsicht lehrreich sein; denn es muss doch wohl vermutet werden, dass zwischen der Struktur der amerikanischen Universität und ihrer führenden Stellung in der Grundlagenforschung ein innerer Zusammenhang besteht.» Noll warnte seine Landsleute ganz entschieden davor, die Krise an den Schweizer Universitäten (die er für gegeben hielt) bloß auf finanzielle Engpässe zurückzuführen. Die vom Nationalfonds zur Verfügung gestellten Mittel hätten weder die Grundlagenforschung belebt, noch die Abwanderung der akademischen Nachwuchselite ins Ausland zu bremsen vermocht. Was Probleme schaffe, das sei die geistige Krise: «Ihre Überwindung setzt daher eine Änderung des geistigen Klimas voraus, welche durch rein organisatorische oder finanzielle Maßnahmen kaum herbeizuführen ist. Eine wesentliche Bedingung für das Gelingen einer Reform ist eine erneute Besinnung über das Wesen, die Stellung und Aufgabe der Universität. Erst im Zusammenhang mit Bemühungen um die geistigen Grundlagen und einer sich darauf gründenden Gesamtkonzeption werden praktische Maßnahmen sinnvoll.»
Der Basler Jungphysiker Uli W. Steinlin erklärte, es genüge nicht, in der schweizerischen Botschaft in Washington neben dem militärischen und dem wirtschaftlichen auch einen wissenschaftlichen Attaché zu installieren, damit dieser Botschaftsbeamte schweizerische Wissenschafter für ihr Heimatland zurückgewinne; man müsse die Arbeitsbedingungen in der Schweiz ändern, und zwar grundlegend.
Die Schweizerische Vereinigung Junger Wissenschafter (SVJW)
Solche Meinungen wurden nicht nur von einzelnen geäußert, sie wurden auch von der 1964 gegründeten Schweizerische Vereinigung Junger Wissenschafter (SVJW) propagiert und in den schweizerischen Medien aufgenommen und verbreitet. Die Vereinigung vertrat ein Programm, das der in Basel ausgebildete und später an der Universität Basel tätige Physiker und Astronom Uli W. Steinlin nach einem längeren Amerikaaufenthalt bereits 1962 propagiert hatte. Damals wollte Steinlin mit der engagierten, beinahe pamphletartigen, doch sachlich fundierten Schrift «Hochschule wohin?» die interessierten und massgebenden Kreise wachrütteln und ihnen bewusst machen, dass die Leistungsfähigkeit der schweizerischen Hochschulen seit ein bis zwei Jahrzehnten nachgelassen habe, dass sie zum Teil bereits auf einen drittrangigen Stand abgesunken seien und daß diese Rückständigkeit ihre Ursache nur zum kleineren Teil in der schwächeren materiellen Ausstattung habe. Allerdings räumte auch er ein, daß die Universitäten zusätzliche Mittel benötigten und dass vor allem der Bund diese zur Verfügung stellen müsse, damit die Schweiz im internationalen Wettbewerb bestehen könne.
Dem damals 35jährigen «Jung»-Wissenschafter Steinlin ging es in erster Linie darum, einer immobilen, von der Vergreisung bedrohten Gesellschaft klar zu machen, «wie sehr wir heute in der Schweiz in einem zusehends beunruhigender werdenden Ungenügen einer altväterlichen Organisation und Auffassung des Hochschulbetriebes stecken bleiben, die ohne eine grundlegende Änderung jeden Versuch zu einer notwendigen Leistungssteigerung ersticken lassen.» Steinlin schlug vor, dass die im naturwissenschaftlichen Bereich zum Teil bereits verwirklichten, zum Teil erst vorgesehenen departments in der Universität generell eingeführt würden. Er erwartete von dieser Umstrukturierung drei Vorteile: eine intensivere Zusammenarbeit in einer von Zersplitterung in Teilspezialitäten bedrohten Universität, einen Rationalisierungsgewinn durch die Zusammenlegung administrativer Aufgaben und einen stärkeren Ausgleich zwischen den verschiedenen Stufen der in Lehre und Forschung beschäftigten Universitätsangehörigen.
Steinlins Schrift erregte Aufsehen und löste große Diskussionen aus. Alexander von Muralt, der damals 60jährige Ordinarius für Physiologie, nicht nur ehemaliger Rektor der Universität Bern und mehrfacher Dr. h. c, sondern vor allem erster Forschungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds und Mann mit Harvard-Studien, widersprach Steinlin: Das Niveau der schweizerischen Hochschulen entspreche durchaus demjenigen erstklassiger Hochschulen der USA. Und der schweizerische Einfluss auf das internationale wissenschaftliche Leben sei «sehr viel» stärker, als dies der Größe des Landes nach erwartet werden dürfte. Der Forschungsratspräsident gab zu, dass die Forschungsausgaben gemessen am Nationaleinkommen wesentlich bescheidener seien als in anderen Ländern (bloss 1/4 Prozent, in den USA dagegen 1,7 Prozent, in England 2 Prozent).