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I’m a spider, so what
Lea Schaffner
4.9 - 3.10.20
Bilder: Jeremy Ayer
Wir ziehen unsere Fäden, tagein, tagaus. Anderer Tag, gleiche Geste, gleiches Ergebnis; sozial, politisch, persönlich. Hat Sisyphus jemals aufgehört diesen Felsbrocken den Hügel hinaufzurollen? Wird die Spinne jemals aufhören ihre Netze zu spannen?
Es gibt zahlreiche Interpretationen der Symbolik der Spinne. Im Stammesglauben der Hopi, Pueblo, Navajo, Choctaw und Cherokee erscheint die Mutterspinne als Schöpferin der Welt, während in der griechischen Mythologie, durch die Moiren und Arachne, das Weben und Spinnen stark mit dem Schicksalshaften und Bedrohlichen verbunden wird. So wird Arachne von Athene in eine Webspinne verwandelt und dazu verdammt in alle Ewigkeit zu weben, Fäden zu ziehen und in Netzen zu hän- gen. Die Ausstellung ist unter anderem inspiriert durch das Mangabuch «I’m a spider, so what?» von Okina Baba. Die Geschichte handelt von einem Mädchen, welches als Spinne wiedergeboren wird und lernen muss, sich im Spinnenkörper und mit ihren neuen Fähigkeiten zurechtzufinden.
Wir ziehen unsere Fäden, tagein, tagaus. Das Feministische und das Politische verflechten sich in Lea Schaffners Textilbannern, die zwischen den beiden Räumen verstreut sind. Die sorgfältig aufgenähten Sätze, die entlang des herabfallenden Textils verlaufen, erinnern uns sowohl an die körperliche Arbeit als auch an die Manifestation dessen, was es braucht, um zu weben, zu han- deln oder für seine Überzeugungen einzutreten. Die besondere Wahl dieses Stoffes, welcher übli- cherweise für Mockups verwendet wird, ist weder zufällig noch unschuldig; ihre Absicht ist es, die Schichten dieser «Plakat»-Ästhetik zu sezieren, die Netze der dahinter stehenden Agenten und die sowohl körperliche als auch die geistige Arbeit in deren Herstellung sichtbar zu machen.
Wir ziehen unsere Fäden, tagein, tagaus. Die Spinne hat unter anderem die Fähigkeit, ein Netz zu spinnen, das nur teilweise aus klebrigen Fäden besteht. Um nicht selbst in die Falle zu tappen, muss sie genau wissen, wo sie sich sicher bewegen kann – eine mögliche Metapher für die Diplomatie. Mit kalkulierten Gesten baut sie immer wieder ihr Netz auf und repariert es. Wie in dem Kinderlied «Itsy Bitsy Spider» hält sie entschlossen an ihrem Vorhaben fest und lässt sich auch nicht durch den Regen erschüttern. Der Liedtext des 5-Kanal-Audiostücks entspricht dem angeblich originalen Text und wurde von einer Freundin der Künstlerin eingesungen. Die Wiederholung suggeriert eine parallele Realität, sowohl die des Prozesses zur Erreichung des Ziels als auch die des Ziels selbst. Die resultierende Schleife schwankt zwischen einer Kritik und einer Darstellung des feministischen Kampfes und baut ihr Netz in einer sisyphusartigen Geste immer wieder auf. Angezogen werden wir wie Motten und Fliegen vom grellen UV-Licht, von diesem spezifischen Violett, der einzigen Farbe neben dem Grün, die von der Spinne erkannt werden kann.
Wir ziehen unsere Fäden, tagein, tagaus. Die Spinne als Mutterfigur, als Jägerin, Weberin, als ten- takuläres Wesen, Linien ziehend, Netze spannend und das über Generationen. In dem autobiograf- ischen Bericht über Netze, die gesponnen und Textilien, die genäht werden müssen, um sich nicht anzupassen, sehen wir die Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrer eigenen Grossmutter. In den gefundenen Aufnahmen von der Feier zum 60. Geburtstag der Grossmutter entdeckt Schaffner erneut Linien und Fäden, die ein Netz von der Vergangenheit in die Gegenwart und noch viel weiter spannen, wobei vor allem die unsichtbaren Fäden Gegenstand der Untersuchung werden. Die Far- be Gelb ist die Farbe der Bluse, aber auch Signalfarbe, Farbe zur Vorsicht, Farbe zur Sichtbarma- chung und wird durch die Erzählung die Farbe der Erinnerung und des Nichtvergessens.
3.9.20 / 18.00
Vernissage
3.10.20 / 14 - 17 Uhr
Finissage
Do - Sa
14 - 17 Uhr
Werkliste:
The Blooming Bloody Spider, 2020
Video, 01:02 min, Loop 5-Kanal Audio-Installation 8 UV-Röhren
Grossmutter Spinne Teil 1, 2020
Video, 06:46, Loop, Sound
Don’t blow the cobwebs away, 2020
Stoff, 6m x 1.35m
Speziellen Dank an:
Stiftung BINZ39
Stefan Fankhauser
Angela Gallati
Johanna Kotlaris
NUNO des amis
Elisa Kalt und Martina Heldstab
Niki Shento
Joris Stemmle