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Eine von etlichen Unterbrechungen durchzogene Nacht liess mich am Morgen müde aufstehen. Meine Hirnsynapsen empfahlen mir, auf dem Sofa ein wenig nachzuschlafen und die Zeitungen nach Schlagzeilen abzusuchen. Mich hatte ein seltsamer Traum geplagt. Ich irrte in einer virtuellen Welt herum, Algorithmen führten mich in einen Menschenwirbel hinein. Und ich hörte: «Auch du bist ein Massenmensch. Du kannst dich gar nicht von den anderen ausnehmen. Was bildest du dir eigentlich ein?» Mit dieser Frage allein gelassen, erschrak ich. Ich habe doch immer gedacht, die Masse, das sind die andern. Nun knöpfte mich der Algorithmus vor und stellte mich mit der Masse gleich. Ich wehrte mich.
Als ich erwachte, gab ich mir einen Ruck, stand auf, erinnerte mich an mein Generalabonnement und befahl mir, eine Lesereise zu unternehmen, irgendwohin. Ich steckte den Hölderlin von Safranski in den Rucksack. «Bei Hölderlin fühle ich mich wohl», sagte ich mir. In Luzern stand ich vor vielen Möglichkeiten, und da ich gerade an der Anzeigetafel las, dass 10 Uhr 06 ein Zug nach Interlaken fahre, sass ich schneller als gedacht im Bahnabteil Richtung Brünig.
Ein wunderbarer Tag hatte sich bereits entfaltet. Ich las, etwas mühsam, wie mir schien. Sarnen, Sachseln und Giswil hatte ich hinter mir. Ich bemühte mich zu lesen. Seltsam, ich begann zweimal auf der gleichen Seite. Mir schien, was ich gerade las, komme mir bekannt vor. Das hatte ich doch schon gelesen. «Du bist eingenickt, mein lieber Leser!», sagte die innere Stimme. Also legte ich das Buch auf das Tablar beim Fenster, zog es aber immer wieder heran, blieb, das merkte ich, irgendwie an der gleichen Stelle stehen. Endlich ging mir durch die Synapsen der Befehl zu, den krampfhaften Lese-Versuch aufzugeben, ein wenig zu dösen und mit den etwas verschleierten Augen das Panorama auf der Gegenseite zu betrachten. Ich glaube, ich habe dann den Brienzersee verschlafen. In Interlaken stieg ich um und meldete per SMS, dass ich im Zug nach Hamburg sei und gedenke, eventuell in B auszusteigen. «Ich sitze im Speisewagen und gönne mir ein Glas Rotwein und Zürcher Geschnetzeltes.» Worauf bald die etwas spitz formulierte Botschaft eintraf. «Das tönt ja richtig nach Savoir vivre, derweil Aschenputtel Erbsen zählt.» Das SMS weckte mich vollends.
Der Zug fuhr die langen Schleifen dem Thunersee entlang, der bei prächtigem Licht und glatter Spiegelfläche wunderbar sanft leuchtete und sich erlaubte, den Niesen und andere Berge auf den Kopf ins Wasser zu stellen. Ich liess mir verweilend Zeit, genoss das Essen, liess Safranski Safranski und Hölderlin Hölderlin sein. Schluckweise trank ich den Wein, der durchaus seine Würze hatte, den ich aber doch nicht zu den grossen zählen mochte. Sollte er einer sein? Nein, dafür entschädigte mich die Landschaft. In Bern entschloss ich mich weiter zu fahren und berichtete: «Ich werden in B vor Hamburg aussteigen.»
Nun spürte ich, dass ich wieder richtig wach war. Die Augen fielen mir nicht mehr zu. Mit Genuss las ich, wie Safranski seinen Helden Hölderlin in der Geistesgeschichte seiner Zeit zu Erkenntnissen kommen lässt, die ihn fortan durch das Leben begleiteten. Kant, der rationale Denker, habe die Einbildungskraft auf den Thron erhoben und Hölderlin habe diese Thronerhebung gleich als das schönste Geschenk empfunden, das die Philosophie der Poesie habe machen können. Die Phantasie ist es, die den Dichter krönt. Sie verhalf Hölderlin zur schöpferischen Selbstermächtigung und zu seinen grossartigen Dichtungen.
Als ich in Basel in den Zug nach Zürich stieg und einen Platz suchte, entdeckte ich auf einem Sitz, bei dem ein Koffer stand, den mir bekannten Buchumschlag von Safranskis Werk über Hölderlin. Unmittelbar wusste ich, dass auch ich zur Masse der Leser gehöre. Wer unter den Leserinnen und Lesern die Biographie schon kennt, weiss, dass ich erst auf Seite 60 war, wo die Kraft der dichterischen Einbildungskraft gefeiert wird, und dass ich wohl noch einige Lesereisen werde unternehmen müssen, bis ich am Schluss auf Seite 306 angelangt das Wort des Untertitels finde: «Komm! ins Offene, Freund!» Das richtige Motto für weitere Fahrten mit der Eisenbahn, mit Schiffen und Bergbahnen, aber auch zu Museen und Freunden an verschiedenen Orten.