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Wir freuen uns INSIGHT – ARTWORKS IN THE SPOTLIGHT #3, Zeichnungen von Fred Sandback zu präsentieren. Die drei ausgewählten Werke aus den Jahren 1974 und 1982 bezeugen das genuine Potential von Fred Sandbacks Zeichnung im Spannungsfeld von räumlicher Situation und zweidimensionalem Papier.
Insight #3 - Zeichnungen von Fred Sandback
Umrisslinien erzeugen durch Begrenzung eine Gestalt und heben diese von ihrem Hintergrund oder ihrer Umgebung ab. Fred Sandback wurde bekannt für seine in den Raum gespannten Skulpturen, die er zuerst mit Gummischnüren und feinen Metallstäbchen, später mit Acrylgarn anfertigte. Die Linien evozieren skulpturale Volumen unter Einbezug des Ausstellungsraums. Ausführungsort und architektonische Bedingungen sind damit konstitutiv für seine Skulpturen. Sandback beschrieb den Raum in Bezug auf seine Skulpturen so:
«Wie die Leinwand für den Maler oder die Bühne für den Tänzer; er ist das, worauf ich aufbauen muss.»1
Welche Rolle aber spielen im Werk von Fred Sandback die Zeichnungen? Wie lassen sie sich einordnen? Sind es Skizzen, Vorzeichnungen, Entwürfe oder Studien?
1) Fred Sandback in: «Befragung durch Linien: Interview von Joan Simon», in: Art in America 85, Nr. 5 (Mai 1997) S. 86-93, wiederabgedruckt und übersetzt in: Fred Sandback, Kat. Ausst. Kunstmuseum Liechtenstein et. al., hrsg. v. Friedemann Malsch, Christiane Meyer-Stoll, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2005, S. 143-151, S. 145.
«Die Zeichnungen standen immer auf unterschiedliche Weise in einer spekulativen und dokumentarischen Beziehung zu meinen dreidimensionalen Arbeiten.»2
Sandbacks Zeichnungsvokabular kreist eng um die Typologie seiner Skulpturen, um spezifische Ausstellungsräume von Galerien oder Museen und um räumliche Situationen im Allgemeinen. Sandback führte ein Skizzenbuch, das er im Sinne eines Experimentierfeldes verwendete. Daneben existieren einige wenige, schnell skizzierte Notationen, die sich spezifischen Skulpturen und Ausstellungen zuweisen lassen. Der überwiegende Teil seiner Papierarbeiten aber besteht aus autonomen Zeichnungen, die nicht als Vorbereitung für Skulpturen entstanden sind.
Vielmehr sind es Möglichkeits-Partituren. Sie erlaubten es Sandback, Ausstellungsituationen und Werktypen zeitlich unbegrenzt und in immer wieder neuen Kombinationen und Verhältnissen zu überprüfen und erproben. Mittels der Zeichnung dachte der Künstler darüber nach, was war, was ist und was sein könnte.
2) Fred Sandback in: «Befragung durch Linien: Interview von Joan Simon», in: Art in America 85, Nr. 5 (Mai 1997) S. 86-93, wiederabgedruckt und übersetzt in: Fred Sandback, Kat. Ausst. Kunstmuseum Liechtenstein et. al., hrsg. v. Friedemann Malsch, Christiane Meyer-Stoll, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2005, S. 143-151, S. 144.
Die beiden Blätter Untitled von 1982 stehen exemplarisch für den Typus von Zeichnungen, bei denen Fred Sandback einen spezifischen Ort abbildet, in diesem Fall die Galerie Editions Média in Neuchâtel (CH). Hier richtete Marc Hostettler 1982 mit Fred Sandback und Lawrence Weiner eine Doppelausstellung ein. Unter dem Titel One of 16 Sculptures in Two Parts and Two Colors hat Sandback für die beiden Galerieräume im Erdgeschoss eine zweiteilige Skulptur entwickelt. Im ersten Raum spannte er einen orangen Faden entlang der Bodendiagonale. Den zweiten, graugestrichenen Raum durchzog in gleicher Ausrichtung ein schwarzes Garn auf einer Höhe von ungefähr 120cm.
Der Titel der Skulptur verweist auf die Möglichkeit, die beiden Garne auf 16 unterschiedliche Arten zu platzieren. Gezeigt wurde während der Ausstellung nur eine Ausführung.
Die Skulptur als eine Abfolge verschiedener Situationen zu verstehen, skulpturale Setzungen zu variieren und in unterschiedlichen räumlichen Situationen anzuwenden, ist grundlegend für Sandbacks Schaffen. Sein Skulpturenvokabular war nie darauf angelegt, eine möglichst breite Palette abzudecken, sondern bildet eine konzentrierte Auswahl unterschiedlicher Werktypen, die er über die Jahre immer wieder angewendet hat.
Für Sandback lag das Potential seiner Skulpturen sowohl in der Zeit als auch in den räumlichen Veränderungen. Davon zeugen die beiden Blätter Untitled von 1982 eindrücklich. Sie sind während der Ausstellung in Neuchâtel entstanden und zeigen zwei alternative Setzungen von One of 16 Sculptures in Two Parts and Two Colors.
Auf den beiden Zeichnungen Untitled 1982 ist mit feinen Bleistiftlinien das zweiräumige Erdgeschoss der Galerie wiedergegeben. Darin zeichnet Sandback mit roter und schwarzer Pastellkreide eine zweiteilige Fadenskulptur. Es handelt sich bei den beiden Blättern um eine Variation von Diagonalen. Die roten Linien verlaufen entlang des Bodens, die schwarzen etwa in der Mitte der Raumhöhe. Im direkten Vergleich unterschieden sich die beiden Zeichnungen visuell stark. Ist auf dem einen Blatt die Horizontale dominant, ist es auf dem anderen die Vertikale. An der Raumsituation hat sich dabei nichts geändert. Aber die Platzierung und Ausrichtung der beiden Linien wurde gespiegelt und sie haben die Räume getauscht.
Fred Sandback hat für die Raumdarstellung die isometrische Ansicht gewählt. Das heisst, Raum und dargestellte Körper orientieren sich nicht auf einen Fluchtpunkt hin. Parallele Linien werden nicht perspektivisch verzerrt, sondern verlaufen im immer gleichen Abstand. Eckpunkte können dabei sowohl nach vorne wie in die Raumtiefe kippen. Die jederzeit klare Unterscheidung zwischen Hinter- und Vordergrund wird so aufgehoben.3
Die dargestellten architektonischen Situationen und Skulpturen springen zwischen Raum und Fläche hin und her. Blickpunkt und Isometrie führen dazu, dass die beiden skulpturalen Situationen, die im realen Raum grosse Ähnlichkeiten hätten, auf den beiden Zeichnungen Untitled 1982 komplett unterschiedlich aussehen. Raumerfahrung hilft beim Lesen von Sandbacks Zeichnungen also nur bedingt.
In dieser Mehrdeutigkeit liegt die Eigenständigkeit von Sandbacks Zeichnungen, machen sie doch die Skulptur auf eine Art und Weise erfahrbar, die im realen Raum nicht möglich ist.
3) Vazquez, Edward A.: «Der Zug des Raums», in: Fred Sandback. Zeichnungen, Kat. Ausst. Kunstmuseum Winterthur et al., hrsg. v. Dieter Schwarz, Richter Verlag, Düsseldorf 2014, S. 174-182, S. 178.
«[…] manche [Zeichnungen] sind Spekulationen über einen Ort, der gar nicht existiert, andere betreffen einen Ort, den es gibt, und andere sind mit Nostalgie verbunden, mit der Erinnerung an einen Ort, den es gegeben hat. Es gibt da Zeichnungen zu Ausstellungen, die ich niemals realisiert habe.»4
Die beiden Arbeiten Untitled 1982 zeigen zudem, wie stark in Sandbacks isometrischen Zeichnungen nicht nur die Eigenarten der jeweils abgebildeten Skulptur, sondern auch des jeweiligen Ortes zur Geltung kommen. Niveau-Unterschiede, Proportionen, abweichende Winkel und Durchgänge machen aus Räumen differenzierte Orte. Diese lassen sich innerhalb der Werkgenese lokalisieren und wiedererkennen.
Die Zeichnungen ermöglichten es Fred Sandback, die Galerie- und Museumsräume aus einer anderen Perspektive und von einem Standpunkt ausserhalb des Geschehens zu betrachten. Die Auseinandersetzung damit war mittels der Zeichnung über die Laufzeit einer Ausstellung hinaus möglich. «Fred sammelte recht eigentlich die Räume, mit denen er intensive Arbeitserfahrungen hatte machen können.»5 Auch waren ihm so Räume zugänglich, die ihm ausserhalb der Zeichnung verschlossen blieben.
Die Zeichnungen von 1982 gehören zu denjenigen, die etwa ab 1970 entstanden und bei denen Werk und Raum ineinander verschränkt sind. Im Lauf seines künstlerischen Lebens entwickelte Fred Sandback ab etwa 1980 auch Zeichnungen, bei denen er sich ausschliesslich mit dem Raum beschäftigte. In diesen Pastellkreide-Zeichnungen interessierten ihn die unterschiedlichen Aspekte von Räumen wie Raumvolumen, Wandbegrenzungen oder durch Türen und Fenster einfallendes Licht.
Bereits ab etwa 1973 entstanden im Gegensatz dazu Zeichnungen, die Skulpturen zeigen, die als Linien ohne Raumbezug frei auf die Papierfläche gesetzt wurden.
4) Fred Sandback in: «Sandback: Wo ist die Skulptur», Interview in: Sans Titre: Bulletin d’Art Contemporain, Lille, Nr. 16, Januar-März 1992, S. 1-2, wiederabgedruckt und übersetzt in: Fred Sandback, Kat. Ausst. Kunstmuseum Liechtenstein et. al., hrsg. v. Friedemann Malsch, Christiane Meyer-Stoll, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2005, S. 131-134, S. 133.
5) Verna, Gianfranco: «Fred Sandback», in: Fred Sandback. Zeichnungen, Kat. Ausst. Kunstmuseum Winterthur et al., hrsg. v. Dieter Schwarz, Richter Verlag, Düsseldorf 2014, S. 75-79, S. 77.
Die Zeichnung Untitled 1974 zeigt eine solche räumlich nicht festgeschriebene skulpturale Situation. Zwei Linien in Blau und Schwarz durchziehen in leicht diagonaler Richtung von unten links nach oben rechts die ungefähre Blattmitte. Die beiden Linien, die schwarze ist kürzer als die blaue, sind parallel geführt. Weder Längen noch mögliche Schnittpunkte, noch Ausrichtung scheinen dabei nach einem in Bezug auf das Blatt genau ausgelegten Raster ausgeführt. Vielmehr sind sie frei platziert. Der bestimmt aufgesetzte Pastellstift übersetzt die faserige Beschaffenheit des Acrylgarns, das Fred Sandback hauptsächlich für seine Skulpturen verwendet hat, anschaulich. Die Pastellstriche haben eine haptische Qualität.
Während die Skulpturen in Zeichnungen wie Untitled 1982 als Teil einer Situation relativ fein und in grossem Abstand zum Betrachterstandpunkt inszeniert sind, sind die autonomen Linien in Untitled 1974 stark und selbstbewusst aufs Papier gebracht. Sie sind aus der Tiefe des Blattes auf dessen Oberfläche hochgestiegen und nähern sich dem Betrachterraum. Im Prozess dieser Annäherung distanzieren sich die Linien von ihrer Repräsentationsfunktion und emanzipieren sich von der (vermeintlich) dargestellten Skulptur.
«Ihn beschäftigt die Ambivalenz der Linie, Ihre Vieldeutigkeit. Eine Linie stellt etwas dar, oder bloss sich selber, sie kann also repräsentieren oder präsentieren, eine Illusion erzeugen oder aufheben.»6
Die so freigespielten Linien von Untitled 1974 sind in ihrer räumlichen und ontologischen Auffassung offen. Ausgehend von Sandbacks Vokabular ist es legitim, sie weiterhin als Skulpturen zu lesen. Der Papierbogen fungiert dann als räumliche Komponente, entweder als Wand, auf der die Garnskulpturen aufliegen7, oder als Raumvolumen innerhalb dessen sich die Linien als diagonale Verbindungen zwischen Wand und Boden lesen lassen.
Gleichzeitig ist es aber auch möglich, die Zeichnung von jeglicher räumlichen Verortung zu lösen. Es sind dann die Eigenschaften der Striche, der Auftrag der Pigmente mit dem Pastellstift, die Grössenverhältnisse und in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Farbgebung, ebenso wie die Setzung innerhalb des Blattes, welche die Zeichnung ausmachen. Dabei wird eine eigentümliche Gleichzeitigkeit von Ruhe und Spannung spürbar.
Die kleine hier besprochene Auswahl zeigt exemplarisch, dass Sandbacks Zeichnungen ihm Möglichkeiten boten, die über die Arbeit mit effektiven Skulpturen im realen Raum hinausgehen. Die Zeichnungen stehen nicht im Dienst der Skulpturen, sind nicht bloss Hilfsmittel zur Konzeption neuer dreidimensionaler Arbeiten. Sie sind eigenständige Werke mit einer dezidiert eigenen Ästhetik, die bei den Betrachtenden gänzlich andere Erfahrungen möglich machen als die Werkbetrachtung in der Ausstellung. (Text: Laura Mahlstein)
Insight #3: hier als PDF downloaden
6) Gianfranco Verna, «Vorwort», in: Fred Sandback. Drawings 1968-2000, Kat. Ausst. Annemarie Verna Galerie, hrsg. v. Annemarie Verna Galerie, Zürich 2005, S. 30.
7) Solche Wall Construction genannte Skulpturen – in Form von Garn-Zeichnungen auf der Wand – entstanden aber wohl erst Mitte der 1980er Jahre.
Abbildungen: Copyright © 2022, Fred Sandback Archive