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«Legastheniker sind nicht dumm»
Wenn für ein Kind Lesen und Schreiben zum Kampf mit den Buchstaben wird, hat es vielleicht eine Legasthenie. Je früher die Lese- und Rechtschreibschwäche erkannt wird, umso besser lassen sich Legastheniker fördern.
Wenn für Ihr Kind Lesen und Schreiben ein Mühsal ist, sollten Sie aufmerksam werden. Bild: Pixabay
Das Lesen ist so anstrengend! Dem Kind fällt es schwer, aus den einzelnen Buchstaben Worte zu formen und das Gelesene zu verstehen. Beim Schreiben verwechselt es immer wieder Buchstaben. Auch Rechtschreibregeln kann es sich einfach nicht merken. Wenn ein Kind diese Schwierigkeiten hat, ist es vielleicht Legastheniker.
Legasthenie ist eine Teilleistungsstörung
Von Legasthenie, auch als Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) bekannt, spricht man in der Regel, wenn es einem Kind sehr schwer fällt, Lesen und Schreiben zu lernen, obwohl es sonst, in anderen Gebieten, eine gute Auffassungsgabe hat. Legasthenie gehört zu den Teilleistungsstörungen und gilt als Entwicklungsstörung der Lese- und Schreibfähigkeiten.
Typische Probleme von Legasthenikern:
- Hohe Fehlerzahl beim Schreiben von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und ganzen Texten sowie beim Abschreiben und selbständigen Verfassen von Texten
- Fehlerinkonstanz: Trotz eingehendem Üben werden Wörter verschieden fehlerhaft geschrieben.
- Geringe Lesegeschwindigkeit (wesentlichstes Merkmal) und Leseflussstörung
- Schwierigkeiten, Buchstaben korrekt zu benennen und das Alphabet aufzusagen
- Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text
- Auslassen, Ersetzen, Vertauschen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen
- Ersetzen von Wörtern durch ein in der Bedeutung ähnliches Wort
- Eingeschränktes Leseverständnis: Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben, aus Texten Zusammenhänge zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen.
(Quelle: Merkblatt «Umgang mit Lese-Rechtschreib-Störungen und Rechenstörungen an den Volksschule» des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern)
Legastheniker sind nicht dumm
Noch sind die Ursachen der Legasthenie nicht ganz geklärt. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass im Gehirn die Fähigkeit, visuelle und auditive Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten, gestört ist. Die Anlage für Legasthenie scheint darüber hinaus genetisch vererbbar zu sein. So tritt sie in Familien oft gehäuft auf. Legasthenie und Intelligenz stehen in keinem Zusammenhang, im Gegenteil. Legastheniker müssen mindestens eine durchschnittliche Intelligenz haben, damit ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben überhaupt auf Legasthenie zurückgeführt werden können.
Legasthenie wirkt sich auf alle Fächer aus
Legastheniker haben in der Schule grosse Schwierigkeiten. Denn die Lese-Rechtschreib-Schwäche wirkt sich nicht nur auf das Fach Deutsch aus. Das Lesen und Schreiben von Fremdsprachen kann noch grössere Probleme machen. Und auch in anderen Fächern ist es wichtig, Texte zu erschliessen, sie zu lesen und zu verstehen, um sich weiteres Wissen anzueignen. So lässt sich zum Beispiel eine Mathematik-Aufgabe nicht lösen, wenn die Textaufgabe nicht verstanden wurde. Legastheniker haben also in vielen Bereichen hohe Hindernisse zu überwinden.
Diagnose durch Legasthenie-Test
Erste Adresse für Eltern, die glauben, ihr Kind könne eventuell ein Legastheniker sein, ist der lokale schulpsychologische Dienst. Auch Beratungsstellen für Lese-Rechtschreib-Schwäche, lerntherapeutische Praxen und Logopädische Praxen können mit Kindern den speziell entwickelten und normierten Test auf Lese-Rechtschreib-Schwäche durchführen. In der Regel besteht das Diagnose-Verfahren, das auf das Alter des Kindes und seine Schullaufbahn zugeschnitten ist, aus einem Rechtschreibtest, einem Lese-Test und einem Test zur allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Stellt sich heraus, dass tatsächlich eine Legasthenie vorliegt, wird sie vom schulpsychologischen Dienst schriftlich bestätigt. Er schlägt dann vor, auf welche Weise die Schule das Kind fördern und wie sie Nachteile bei der Benotung ausgleichen kann.
Die Schwächen wachsen sich nicht heraus
«Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben sind sehr entwicklungsstabil», heisst es im Merkblatt des Kantons Luzern. Allerdings lassen sich die Schwierigkeiten, die durch die Legasthenie entstehen, mindern – umso nachhaltiger, je früher die Störung erkannt wird. In einem Artikel über Legasthenie schreibt der «Beobachter»: «Erhalten Kinder mit LRS eine rechtzeitige Förderung, können sie ihre Lese- und Rechtschreibfähigkeiten deutlich verbessern – eine leichte Lese- und Rechtschreibschwäche lässt sich oft völlig beheben und eine schwere Legasthenie zumindest ausgleichen.»
Legastheniker brauchen Förderung
«In vielen Fällen reichen die Förderangebote der Schule jedoch nicht aus», darauf macht das LRS-Zentrum aufmerksam. Eltern sollten daher ausserschulische Angebote wahrnehmen, um ihr Kind zu fördern. Aber nicht alle Therapieplätze halten, was sie versprechen. «Je vollmundiger die Versprechungen und je grösser die Hoffnungen sind, die man Ihnen macht, umso skeptischer sollten Sie sein!», so das LRS-Zentrum. Kompetenter Ansprechpartner zu Themen wie Lernstrategien und geeignete Therapieangebote ist der Verband Dyslexie Schweiz im Internet.
«Du bist gut so wie Du bist!»
Legastheniker hadern oft mit ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Immer wieder haben sie das Gefühl, dass andere Menschen abfällig über sie denken. Doch der Wert eines Menschen bemisst sich nicht in Lese- und Schreibfähigkeiten, auch nicht in Schulnoten. «Nehmen Sie die Schule nicht wichtiger als ihr das zukommt», rät das LSR-Zentrum. «Der spätere Berufs- und Lebenserfolg entscheidet sich nicht schon im ersten und zweiten Schuljahr, vielleicht gar nicht in der Schule.» Wichtig sei stattdessen, dem Kind so lange wie möglich eine unbeschwerte Kindheit zu erhalten. Wer das Selbstwertgefühl seines Kindes stabilisieren will, lenkt den Blick stets mehr auf seine Talente und Leidenschaften als auf die Gebiete, mit denen es sich schwer tut. Vielleicht kann es seine Freude an bestimmten Hobbys am Nachmittag nachgehen? «Du bist gut so wie du bist» - nach diesem Leitsatz sollten Eltern ihrem Kind immer wieder signalisieren, dass es einen sicheren Platz in der Familie hat, hier anerkannt wird und auftanken kann.