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Ein Herz schlägt 70 Mal pro Minute. 4’200 Mal pro Stunde. 100’800 Mal pro Tag. 36’792’000 Mal im Jahr.
Ich stehe vor dem bunt bemalten Haus direkt hinter dem Bieler Bahnhof und nehme das rhythmische Pochen wahr, das durch eines der Kellerfenster an die Erdoberfläche dringt. Ich weiss, dass ich hier am richtigen Ort gelandet bin.„Suchst du jemanden?“ Erschrocken blicke ich auf. Ein junger Mann, gut einen Kopf kleiner als ich, steht erhöht auf einer Rampe vor mir und lehnt sich über das Geländer. In seiner rechten Hand hält er ein Skateboard. Seine direkte Art überrascht mich. „Ja. Wem gehört denn das Ganze? Also.., dieses Haus?“ Einen Moment bleibt er regungslos und schaut mir direkt in die Augen. Dann beginnt er zu schmunzeln. „Du bist wahrscheinlich das erste Mal hier.“ Er klettert über das Geländer, springt ab und landet direkt neben mir. „Komm, ich werde dir zeigen, wem dieses Haus gehört.“ Dabei klopft er mir auf die Schulter. Ohne eine Antwort abzuwarten, läuft er los. Ich sehe es als Aufforderung ihm zu folgen. Wir nehmen die Treppe.
„Es ist ganz einfach“, beginnt er zu erzählen als wir durch die erste offene Tür gehen: „Das hier ist der Skatepark. Was hier läuft, das kannst du dir ja vorstellen. Der hat siebenmal in der Woche geöffnet. Das kostet etwas, aber nicht viel. Par les jeunes, pour les jeunes… Wenn du lieber klettern möchtest, dann musst du in den oberen Stock. Dort ist die Crux-Boulderhalle.“ Ich werfe einen Blick in die grosse Halle und nicke beeindruckt.
Er führt mich weiter durch einen leeren Raum. „Das ist das Türfü. Das wird von diversen Leuten aus dem Haus betrieben. Diesen Raum kann man zu fairen Bedingungen mieten. Hier finden Flohmärkte, kulturelle Veranstaltungen und interne Sitzungen statt“, erklärt mir der Junge, der sich mittlerweile als X vorgestellt hat. Wir kommen durch eine Küche und er öffnet mir die nächste Tür. Durch den dahinterliegenden Raum zieht sich ein roter Faden. Allerlei Zettel und Flyer hängen daran. „Das Jugendparlament“, lese ich auf einem dieser Flyer. „Eine politische Partei ist hier zu Hause?“, frage ich ungläubig. „Nein, nein die sind nicht parteipolitisch“, beruhigt er mich, „die setzen sich ein für die Bedürfnisse der Jungen. Hier kannst du deine Visionen und Ideen umsetzen. Würde es dieses Haus nicht bereits geben, das Jugendparlament würde es aufbauen. Das ist eben aktive Politik. Weniger reden, mehr handeln.“
Von nun an lasse ich mich treiben. X führt mich durch das ganze Haus. Im unteren Stock befinden sich ein Fotoatelier einer jungen Künstlerin und 13 Musikräume, in die sich Bands aus diversen Musikgenres eingemietet haben. „Hier wird Tag und Nacht experimentiert und gespielt. So entstand zum Beispiel die Band Pegasus. Die kennst du sicher, oder?“
Immer wieder begegnen uns Leute. Manche grüssen wir mit einem Kopfnicken. Mit anderen wechselt X ein paar Worte. Jeder von ihnen grüsst auch mich, den Unbekannten. Das scheint hier normal zu sein. „Kennen sich denn alle hier im Haus?“, frage ich ihn in einem günstigen Augenblick. „Nein“, antwortet er mir, „das hat mit Respekt zu tun.“
Im obersten Stock befindet sich das Tanzlokal der Capsule Corporation. Sie sorgen dafür, dass der Ursprungsgedanke des Hip Hop nicht in Vergessenheit gerät. Das Angebot der Tanzschule, der Capsule Academy, beschränkt sich heute nicht bloss auf Breakdance-Kurse. Über die Jahre sind noch mehr Tanzstile dazugekommen. Die Jüngeren lernen von den Älteren. „Ist doch klar“, meint X und führt mich weiter zum Atelier der XBROS. „Die kennst du sicher. Das sind Graffitikünstler. Zusammen mit der HGK-Crew hinterlassen die ihre Spuren in der ganzen Stadt. Schau mal was sie auf der Esplanade bei diesem grossen Bauprojekt rund um den Chessu angerichtet haben. Mein Vater ist zwar kein Freund von Schmierereien an privaten Hauswänden, aber die legalen Arbeiten dieser Graffitikünstler, die gefallen ihm.“ X zwinkerte mir zu. „Willst du wissen, wie du mit einer Spraydose umgehen musst, welches Cap du brauchst, oder wo du eine Fläche zum legalen Malen findest, dann bist du hier an der richtigen Stelle. Kennst du Seyo oder Rosy One? Heute sind es die XBROS. Only paint!“ Ich bin fast überfordert von den Einblicken, die mir X in seine Welt gewährt. So viele Eindrücke und kaum Zeit, sie zu verarbeiten. Schon habe ich ihn aus den Augen verloren. Ich laufe weiter und höre sein Lachen bereits aus einem anderen Raum. Ich strecke den Kopf durch die offene Tür und tauche ein in den Hyperraum. Die professionelle Siebdruckanlage in der Mitte des Raumes gewinnt meine Aufmerksamkeit. Hier teilen sich junge Grafiker ein Atelier und versuchen sich mit ihrer Arbeit über Wasser zu halten. Doch diese Künstler scheinen gar keine Angst vor dem Wasser zu haben. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, fügt X hinzu: „Wer schon einmal am Tauchen war, der weiss, was für Traumwelten unter der Wasseroberfläche existieren.“ Auf diesem Stock gibt es zudem das Grafik- und Textilatelier Gawson und ein Designatelier, das von zwei Frauen betrieben wird. Und natürlich die ONC-Crew. „Die Frauen mit Feuer im Blut. Die sind sehr motiviert. Von denen wirst du in Zukunft bestimmt noch hören. Sie haben bereits die Kleidermarke Touche 3 ins Leben gerufen. Per Siebdruck bedrucken sie Bio-Fair-Trade-T-Shirts. Die stehen ein für ihre Sache.“
Die Eindrücke beginnen mich zu erdrücken. Und schon wieder versteht mich X ohne Worte. „Komm, wir gehen raus an die frische Luft. Das ist genug für heute“. Ich nicke und folge ihm. Bei einer Tür bleibe ich noch kurz stehen. „Öffnungszeiten Büro X-Project: Dienstag und Donnerstag, von 15:00 bis 19:00 Uhr“, steht auf einem Schild neben der Tür. „Irgendjemand muss ja den Überblick bewahren. Aber das Betriebsteam macht keinen Stress. Die schauen nur, dass mir nichts fehlt. Die vertrauen mir halt einfach.“ X lächelt zufrieden. Dann nimmt er einen grossen Satz und landet auf dem untersten Treppentritt. Er öffnet die Tür und wir treten raus in die kühle Luft der Abenddämmerung. „Du brauchst einen Schlüssel, um hier reinzukommen, musst Teil eines Projektes sein, einen Kurs besuchen, oder jemanden kennen, der dich einlädt. Im Moment sind alle Räume belegt. Es besteht sogar eine Warteliste. Am Besten du machst irgendwo bei einem bestehenden Projekt mit. Du hast ja gesehen, Angebote gibt es reichlich. Da ist sicher auch etwas für dich dabei.“
Ich lehne mich an die Mauer, schliesse die Augen und atme tief ein. Wieder nehme ich das leise Pochen des Herzens war, spüre den frischen Wind auf meiner Haut und die Kraft des Hauses in meinem Rücken.
Das Herz der Bieler Jugendkultur
Seit 17 Jahren ist das Jugendkulturzentrum X-Project an der Aarbergstrasse 72 zu Hause. Die Zukunft ist und bleibt unsicher.
Auf einer Fläche von total 2900m² haben sich heute 27 Projektgruppen eingemietet. Insgesamt 150 junge Menschen initiieren hier ihre Projekte und fördern damit die Kreativität, die Sozialkompetenz und die Selbstverantwortung der Jungen.
Man muss noch Chaos in sich haben
Im Jahr 2000 stellt die Stadt Biel dem Verein X-Large die Räumlichkeiten als Zwischennutzung zur Verfügung. Interessenüberschneidungen und ständige interne Wechsel führen zu Beginn zu einem unübersehbaren Chaos. Diesem kann man mit der Gr entgegenwirken. Nach fünf Jahren professionalisiert sich die Führung des Betriebes. Das X kann sich nun vermehrt seinen Zielen, der Partizipation, der Prävention und der Integration widmen. Heute ist ein professionelles Betriebsteam für das Haus zuständig. Das Team arbeitet zu einem Total von nur 145 Stellenprozenten (Co-Leitung 100%, 25% Buchhaltung und Administration, 20% Hauswart). Dazu kommen pro Jahr 800 Stunden ehrenamtliche Vorstandsarbeit und rund 2800 Stunden ehrenamtliche Arbeit der Nutzerinnen und Nutzer. 2013 wird das X-Project zum Bieler des Jahres gewählt.
Der geplante Umzug, die grosse Unsicherheit
Seit 2014 wird der Umzug des X-Projects konkreter. Das Gebäude steht auf dem Masterplan-Gebiet der Stadt Biel. Beim Verkauf der Parzelle an einen Investor muss das X weichen. Der Rennweg 62 soll das neue zu Hause des Jugendkulturzentrums werden. Bereits 2016 sollte der Umzug stattfinden, doch der Umbau am Rennweg zieht sich in die Länge. Die Sanierungskosten müssen zuerst vom Stadtrat abgesegnet werden. So lange kann das X am alten Standort bleiben. Die Investoren für das Grundstück hinter dem Bahnhof halten sich bisweilen noch zurück. Der TCS, der reges Interesse daran gezeigt hatte und einer der Auslöser für die Umzugsplanung war, konnte sich bis heute nicht entscheiden. Diese Planungsunsicherheiten stellen das Betriebsteam vor neue Herausforderungen. Sie sind darauf bedacht, das Vertrauen der Jungen nicht zu verlieren. Zudem müssen sie aufpassen, dass sie mit ihren Finanzen im grünen Bereich bleiben. Denn wer will schon in ein Haus investieren, das bald abgerissen wird?
Freiraum, Rückhalt und Sicherheit
Viele Fragen stellen sich dem heute 17-jährigen X und nur eines ist sicher: Das X-Project ist ein Vorzeigeprojekt und in dieser Form einmalig im deutschsprachigen Raum anzutreffen. Als Herz der Bieler Jugendkultur hat es einen grossen Einfluss auf unsere Zukunft. Denn das X wirkt weit über die Grenzen des Hauses hinaus. Nicht zuletzt ist es dafür verantwortlich, dass ich in diesem Moment einen Text für die Vision 2035 verfasse. Hatte denn der Verein am Anfang keinen Vorstand? Den braucht es doch immer, das versteh eich nicht.
Stephan Eichenmann ist im Vorstand des Jugendparlaments, welches im X-Project untergebracht ist. Er besucht das Propädeutikum der Schule für Gestaltung und schreibt das erste Mal für die Vision 2035.