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Mascha träumt wie viele junge Russinnen von Schönheit und Reichtum. Sie will als Schauspielerin ein Star werden, beim Vorsprechen will es mit dem Weinen auf Befehl aber nicht so richtig klappen. Obwohl ihr das Talent fehlt, hat sie sich einen Plan zurechtgelegt, um ihr Ziel dennoch zu erreichen: eine stattliche Liste der vermeintlich notwendigen und teuren Schönheitsoperationen, von den Ohren über die Brustvergrösserung zu den krummen Beinen. Das Geld dafür fehlt, und so lässt sie sich in einem Nachtclub als Meerjungfrau in ein rundes Wasserbecken stecken.
Während Mascha in einer Bruchbude haust, residiert die nicht mehr ganz junge, aber perfekt gestylte Rita in einer Luxusvilla. Sie hat sich den Oligarchen Sergei geangelt, hält sich daneben aber einen trendigen Galeristen als Liebhaber. Was noch fehlt, sind der Trauschein und ein Kind. Dieses Leben hat aber einen Preis: Rita muss nach Terminplan sexbereit sein und sich um die Stuhlproben ihres Verlobten kümmern, die sie täglich zur Kontrolluntersuchung noch warm in eine Klinik bringt.
Von dieser Ausgangslage geht es für Mascha steil nach oben. Auch als falsche Meerjungfrau erscheint sie erlösungsbedürftig. Als sie von anderen unbeachtet fast ertrinkt, rettet sie der junge Kostia und verliebt sich in sie. Um ihre Wünsche zu erfüllen, besorgt er Geld, allerdings nicht, wie sie glaubt, durch Raubüberfälle, sondern von seinem Vater Sergei, der mit Rita liiert ist. Mit einer Operation nach der anderen rückt Mascha ihrem Ziel ein Stück näher.
Ritas Leben gerät währenddessen in eine Abwärtsspirale, nachdem sie statt der frohen Botschaft von der lang ersehnten Schwangerschaft die Diagnose einer tödlichen Krankheit erhalten hat. Sie leide an einer seltenen, degenerativen Autoimmunkrankheit und habe nur noch wenige Wochen zu leben. Rita verliert die Fassung, lässt ihren Verlobten ihren bisher verborgenen Hass spüren und verliert dabei von einer Minute auf die andere alles, bis auf ihre 40 000 Rubel teure Handtasche und die Kleider, die sie trägt. An diesem Punkt begegnen sich die beiden Frauen.
Der dritte Spielfilm der in Aserbaidschan geborenen und in Russland arbeitenden Regisseurin Anna Melikian ist ein märchenhaftes Lehrstück, das etwas weniger offensichtlich dem magischen Realismus angehört als der an Festivals erfolgreiche Vorgänger Rusalka. Melikian arbeitet auch hier mit fantasievollen Metaphern, die geschickt durch die filmische Realität motiviert sind, und mit einer stark konstruierten und auf Vergleiche angelegten Handlungsstruktur. Und sie schlägt dabei wieder einen gesellschaftskritischen Ton an. Mascha müsste zwar erlöst werden, aber nicht mittels entstellender Operationen. Kostia hat als Spross eines Ultrareichen schon als Fünfzehnjähriger scheinbar alles, bloss keine Perspektiven und keine Liebe. Und Rita, die wasserstoffblonde Vorzeigeehefrau eines erfolgreichen Mannes, erkennt erst dank dem Wissen um ihren baldigen Tod, was im Leben wirklich wichtig ist.
Zwischen Moskaus Baustellen, halbfertigen Gebäuden und Abbruchhäusern, die Maschas Leben kennzeichnen, und der kalten, perfekten und hermetisch abgeschlossenen Architektur der wohlhabenden Rita liegen der Nachtclub und die Klinik als Orte der schicksalshaften Begegnung. In der weiss strahlenden, himmlisch wirkenden Klinik lässt sich Rita auf Unfruchtbarkeit behandeln und Mascha verschönern. Dort wird über Tod und Leben entschieden, dort lässt sich das Schicksal mittels Geld scheinbar steuern und dort ändert es sich tatsächlich in einer unvorgesehenen Art für beide Frauen.
In Melikians Filmuniversum begegnen sich die sonst segregierten Schichten einer moralisch verkommenen postkommunistischen Gesellschaft, in der es unglaublich viele Arme und wenige unglaublich Reiche gibt. Immer wieder blitzt im Märchenhaften der Realismus auf, denn Melikian streut Bilder von Bauarbeitern, Gärtnern und Haushälterinnen ein, um ihre These zu belegen, dass ein kulturelles Erbe erst durch den handfesten gesellschaftlichen Beitrag von Individuen entsteht. Sie alle tragen zur Veränderung der Stadt bei und damit der Gesellschaft. Was Oligarchen den ganzen lieben Tag tun, bleibt uns in diesem Fall vorenthalten.
Das Bindeglied zwischen den beiden Frauen ist neben Kostia, der zum emotionalen Zentrum wird, der alte Sammler, um den sich erst Mascha und danach Rita kümmern. Er hat seine Wohnung seit zehn Jahren (sprich seit Putins Wiederwahl zum Präsidenten 2004) nicht mehr verlassen. Draussen sei ohnehin alles verkommen. All seine Schätze, mit denen er sich umgibt, stellen die Sicht der Menschen auf den Tod dar. Er erinnert Rita daran, dass der Unterschied zwischen Tieren und Menschen darin liege, dass Letztere auch nach dem Tod eine Spur in der Gesellschaft hinterliessen.
Star ist ein Kommentar zur aktuellen russischen Gesellschaft und gleichzeitig ein russisches Märchen. Es setzt der Oberflächlichkeit einer Konsumgesellschaft zwischenmenschliche Wärme und kulturellen Tiefgang entgegen. So wirft sich Rita auf die Peiniger ihres Stiefsohns und ruft: «Ich bin seine Mutter!» Maschas Traum vom makellosen Aussehen erscheint am Ende nicht mehr so hohl. Sie entpuppt sich wahrlich als eine zvezda, was im Russischen sowohl Star als auch Stern bedeutet. Nicht das finanziell motivierte Konstrukt Star, sondern ein leuchtender Stern, an dem man sich orientieren kann und der Trost in der Nacht spendet. Sie ist ein Stern, der auch noch, wenn er längst erloschen ist, als heller Punkt am Himmel eine Spur hinterlässt.