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Dem Monat Juni wird ein nasskalter Witterungsregelfall zugeschrieben, die Schafskälte. In älteren Messreihen lässt sich ein regelmässiger Temperaturrückgang Mitte Juni zeigen. Heute ist diese Singularität nicht mehr zu erkennen ist. Vielmehr hat sich der Juni in den letzten Jahren oft von seiner hochsommerlichen Seite gezeigt, etwa in den Jahren 2002, 2003, 2005 und 2006.
Schafskälte im Juni
Als Witterungsregelfall oder Singularität wird eine an bestimmten Kalendertagen mehr oder weniger regelmässig auftretende Abweichung vom mittleren jährlichen Gang der meteorologischen Elemente bezeichnet. Allerdings kann nicht jede nasskalte Phase im Juni als Schafskälte bezeichnet werden, vielmehr muss sie an ganz bestimmten Kalendertagen auftreten.
Zur Bedeutung des Begriffs
Die Herkunft des Begriffs «Schafskälte» wird je nach Quelle unterschiedlich erklärt. In der deutschen Literatur wird der Begriff vielfach darauf zurückgeführt, dass die nasskalte Witterungsphase im Juni frisch geschorenen Schafen übel mitspielen kann. In den Schweizer Alpen erfolgt die Schafsschur jedoch bereits im April. Bis im Juni ist dann wieder genügend wärmender Schafspelz nachgewachsen. Vom 15. bis 20. Juni findet jedoch der Alpauftrieb der Schafe statt. Und dann kommt es oft vor, dass der Beginn der Alpsömmerung der Schafe mit nasskalten Bedingungen zusammenfällt, was zum Begriff «Schafskälte» geführt hat (mündliche Mitteilung durch Herrn Alexander Dönz, Chur, Juni 2009).
Wie typisch ist die Schafskälte in der Schweiz?
Falls die Schafskälte tatsächlich als Witterungsregelfall, oder eben als Singularität, zum Juni-Klima gehört, sollte dies im langjährigen durchschnittlichen Juni-Temperaturverlauf durch einem klaren Rückgang um die Monatsmitte erkennbar sein. In der Schweiz sind markante Kaltlufteinbrüche im Juni oft begleitet mit Neuschnee bis hinunter in Passlagen oder noch etwas tiefer. Nicht selten weist zum Beispiel Arosa, auf rund 1850 m ü. M. gelegen, im Juni einen oder mehrere Tage mit Neuschnee auf. Das zeigt, dass diese Kaltlufteinbrüche in höheren Lagen mit einem empfindlichen Temperaturrückgang auf ein winterliches Niveau verbunden sind.
Schafskälte nur in der Vergangenheit nachweisbar
Der Rückfall von frühsommerlicher Milde auf winterliche Kälte lässt sich am besten mit der Tagesmaximum-Temperatur zeigen. Die Analyse der durchschnittlichen Tagesmaximum-Temperatur der Messreihe Davos ab 1901 zeigt klar auf, dass die Schafskälte keine generelle Singularität darstellt. Vielmehr wird ersichtlich, dass sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein recht regelmässig eintretendes Phänomen war. Der durchschnittliche Verlauf der Tagesmaximum-Temperatur in der Periode 1901-1950 weist für den 13., 14. und 15. Juni einen markanten Temperaturrückgang auf. Eine solche dominante Abweichung zur Monatsmitte ist bei keiner der anderen Analyseperioden nachweisbar. Insbesondere ist festzuhalten, dass die Schafskälte heutzutage als Singularität, das heisst als mehr oder weniger regelmässig um Mitte Juni auftretende Phase mit ausgeprägt kühlen Temperaturen, nicht mehr zu erkennen ist.
Nicht jeder Kaltluftvorstoss ist eine Schafskälte
Eine ganz wesentliche Aussage bezüglich der jährlich wiederkehrenden Frage, ob ein Kaltlufteinbruch im Juni nun als Schafskälte zu bezeichnen sei, ergibt sich aus dem Verhalten der Tagesmaximum-Temperatur in der Periode der automatischen Messungen von 1981-2007. Der durchschnittliche sommerliche Temperaturanstieg im Juni ist in den letzten knapp 30 Jahren offensichtlich charakterisiert durch sehr regelmässig über den Monat verteilte Temperatureinbrüche von ähnlichem Ausmass. Das unterstreicht, dass nicht jeder Kaltluftvorstoss im Juni mit der klassischen Schafskälte in Verbindung gebracht werden darf.
Schafskälte früher auch im Mittelland ein Thema
Richtig kalt, oft sogar winterlich und verbunden mit Neuschnee, kann es während einer Schafskälte vor allem in höher gelegenen Regionen werden. Doch auch im Mittelland vermag die Schafskälte ihre ganz typischen Züge zu zeigen. Das in der Definition der Schafskälte erwähnte unbeständige, regnerische Wetter trat im Mittelland in der Periode 1901-1950 bevorzugt am 13. und 14. Juni auf. Tage mit unbeständigem, regnerischem Wetter werden hier definiert mit einer Tagesmaximum-Temperatur unter dem langjährigen Monatsdurchschnitt der Tagesmaximum-Temperatur (Norm 1961-1990), mit einer relativen Sonnenscheindauer unter 50% sowie mit einer Niederschlagsmenge grösser als Null.
Temperaturrückgang im Mittelland
Die zwischen 1901 und 1950 gehäuft am 13. und 14. Juni aufgetretene unbeständige, regnerische Witterung im Mittelland ging einher mit dem bekannten, ausgeprägten Temperaturrückgang, analog zur Situation in höheren Lagen, wie die Messreihen für Bern und Zürich / Fluntern zeigen.
Typische Schafskälten in den letzten Jahren
Auch wenn die Schafskälte als Witterungsregelfall unter dem heutigen Klimaregime nicht mehr erkennbar ist, schliesst dies nicht aus, dass das Phänomen in seiner ganz typischen Ausprägung nach wie vor auftreten kann. Typisch bedeutet dabei, dass dem markanten Temperatureinbruch zur Monatsmitte eine mehrtägige Periode mit frühsommerlichen Bedingungen vorausgeht, und anschliessend die Temperaturen schnell wieder auf das frühsommerliche Niveau ansteigen.
Neben diesen ganz typischen Fällen ist eine ganze Reihe von Varianten zu erwarten, wie das in der Natur üblich ist. So trat zum Beispiel in Davos in den Jahren 1981 und 1987 nach einem Kälterückfall eine ausgeprägt lange Erholungsphase auf. Die Grundcharakteristik des einmaligen, markanten Kälterückfalls im Monatsablauf bleibt dabei aber erhalten.
Referenzen
- Scherhag R., W. Lauer, 1982: Klimatologie. Das Geographische Seminar. Westermann Verlag, Braunschweig.
- Schirmer H., 1987: Meyers kleines Lexikon Meteorologie. Meyers Lexikonverlag. Mannheim, Wien, Zürich.