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Hausgärten zur Selbstversorgung
In Basels ummauertem Altstadtbereich war der Gegensatz zwischen grünarmem Siedlungsraum, in dem nur die Klöster über grössere Grün- und Anbauflächen verfügten, und dem siedlungsarmen Grünraum ausserhalb der Stadtmauern ausgeprägt. Innerhalb der ersten Mauern von 1200 beschränkte sich das private Grün auf ein Minimum, nämlich auf kleine Hausgärten und begrünte Höfe. Diese lieferten einen wichtigen Beitrag zur Selbstversorgung. Sie waren aber für die Ernährung nicht ausreichend, weshalb die einfache Bevölkerung zusätzlich wildes Obst, Beeren und Nüsse ausserhalb der Stadtmauern sammelten. Die jahrhundertealte, vielseitige und extensiv betriebene Selbstversorgerwirtschaft bot in unmittelbarer Stadtnähe einer vielfältigen Unkrautflora mit kleinwüchsigen Arten einen Lebensraum.
Handels- und Blumengärtnereien
Mit der Gründung der Zunft zu Gartnern um 1260 und dem gewerbsmässigen Anbau und Verkauf von Gemüse und Obst in den grösseren Gärten in den Vorstädten wurde es für die wohlhabenden Bürger möglich, ihre Gärten für den Anbau von Handelspflanzen (Beispiel ) sowie exotischen Pflanzen (Beispiel ) und zur Erholung zu nutzen. Die Bankiers, Seidenbandfabrikanten und Kaufleute erreichten jedoch erst im 18. Jh. einen Wohlstand, der es Ihnen erlaubte, repräsentative Gärten anzulegen. Die erste solche Gartenanlage der Stadt entstand um 1735 an der Hebelstrasse. Sie erstreckte sich über drei Terrassen und zeichnete sich durch unzählige Tulpensorten aus. Der Gärtnerberuf erfuhr bis im 19. Jh. einen Aufschwung. Im Bereich des Spalentors, im heutigen Neubad, auf dem Gundeldingerfeld und Richtung Riehen und Kleinhüningen entstanden Handels- und Blumengärtnereien. 1856 wurde die Basler Gartenbaugesellschaft gegründet. Sie hatte den Zweck, den Anbau der Blumen, den Gemüsebau und die Obstzucht zu fördern, die Einführung neuer Arten zu unterstützen und den Gartenbau zu verbreiten.
Pflanzplätze auf der Allmend
In der Zeit vor dem Abbruch der Stadtmauern stellte die Regierung für die landlose Stadtbevölkerung im Stadtgraben und entlang der Mauer Pflanzland gegen Pachtzins zur Verfügung. Diese Pflanzplätze sind als Vorläufer der Familiengärten anzusehen. Die Behörden standen der grünen Idylle skeptisch gegenüber, da sich die Beete in Befestigungsanlagen befanden. Der Rat behielt sich deshalb vor, «die verliehenen Stücklein Gelände zu handen zu ziehen». Zwischen 1850 – 1910 verdreifachte sich die Bevölkerung. Mit dem Abbruch der Stadtmauern und der Stadterweiterung in der zweiten Hälfte des 19. Jh. veränderte sich die Stadt radikal. Die Stadtgräben wurden aufgefüllt, die Pflanzplätze vor den Toren mussten neuen Strassenzügen und Häuserreihen weichen. Neue Flächen mussten zur Verfügung gestellt werden. 1909 wurden unter der Leitung des Stadtgärtners die ersten 25 Pflanzgärten – die sogenannten Schrebergärten – geschaffen, 1911 waren es bereits 200. Insbesondere während der Wirtschaftskrise und Depression in den Dreissiger Jahren verhalf die Stadt dem Kleingarten zu Aufschwung. Sie erwarb ausserkantonales Land und stellte im Zweiten Weltkrieg für die Anbauschlacht städtischen Boden zur Verfügung.
Gärten zur Erholung und für den Nutzpflanzenanbau
Nach dem Mauerfall 1860 und der darauffolgenden Stadterweiterung wurden die neuen Quartiere grüner als die Innenstadtquartiere gebaut. Vorbild war die Idee der Gartenstadt, die für jedes Haus einen Garten zur Erholung und Bepflanzung vorsah. Die Vorläufer waren die Arbeitersiedlungen, wie sie 1852 in der Breite mit Reiheneinfamilienhäusern und kleinen Nutzgärten erstellt wurden. Eines der ersten Gartenstadt-Quartiere in der Schweiz entstand 1912 in Münchenstein. Der Name Münchenstein-Gartenstadt ist bis heute geblieben. 1919 folgte Muttenz mit dem Freidorf, einer Siedlung, welche Gartenstadt-Ideale und dörfliche Gemeinschaft verband. In Basel wurde mit dem Bau des Hirzbrunnenquartiers versucht, mit Vorgärten und Pflanzgärten der Idee der Gartenstadt nachzuleben. Die Gartenstadt als typisches Produkt der zwanziger Jahre wurde bald vom sozialen Wohnungsbau abgelöst. In den Wohnvierteln St. Alban und Gellert hingegen wurden grosse Parks und Villengärten angelegt.
Verdrängen der Gärten aus der Stadt
Zwischen 1945 und 1980 wurden die letzten landwirtschaftlich oder kleingärtnerisch genutzten Flächen im äusseren Iselin- und Bachlettenviertel, auf dem Bruderholz, im Gellert, in den Lehenmatten, im Wettstein und im Hirzbrunnenquartier überbaut. Durch Gesamtüberbauungen mit Hochhäusern wurden mehr zusammenhängende Grünflächen gewonnen – oft jedoch nur optisches Grün mit beschränkter Nutzbarkeit. Heute sind in Basel die noch am häufigsten anzutreffende Form von Hausgärten die langen schmalen Reihenhausgärten, zum Beispiel Im Langen Loh. Im Gellert machte sich der Strukturwandel besonders bemerkbar. Innert kurzer Zeit verschwand der artenreiche Privatpark fast vollständig aus dem Stadtbild.
Pflanzgarten wird Freizeitgarten
In den Nachkriegsjahren stand die Zuteilung von Pflanzbeeten vor allem im Zeichen der Erholungsfunktion. Ab 1939 (Landesausstellung in Zürich) entwickelte sich der Arbeiter-Pflanzgarten zum Wohn- und Freizeitgarten mit der Dreiteilung in Pflanzgarten, Gartenhäuschen und Rasen- und Liegefläche. Mit der Kommerzialisierung des Gartenbaus wurde der private Gemüseanbau weiter eingeschränkt, der Garten diente vermehrt als Ausgleich für beengte Wohnverhältnisse. Reglementierung, Normierung und Kommerzialisierung führten dazu, dass die Familiengärten (heute Freizeitgärten) oft dieselbe Monotonie und Sterilität aufweisen wie Wohnblock-Grünflächen oder neue Einfamilienhausquartiere in der Agglomeration. Anstelle der alten Gemüse- und Obstbaumgärten, wie sie auch in den ehemaligen Bauerndörfern der Nordwestschweiz nur noch selten anzutreffen sind, lassen sich heute vor allem Einfamilienhausquartiere mit Ziergärten finden, die nur der Erholung dienen. Diese beherbergen zumeist exotische Pflanzenarten und gärtnerische Züchtungen. Heute ziehen sich diese Gartenflächen über die ganze Nordwestschweiz hin und nehmen einen beträchtliche Fläche ein.
Vögel und Stadtgärten
Über die Jahrhunderte betrachtet, hatte die Stadterweiterung und das Verdrängen der Gärten aus der Stadt auch Folgen für die Vogelwelt. Die Zusammensetzung der Vogelarten in der Stadt änderte sich, so wie sich die Stadt veränderte. Die kleinen Hausgärten waren bäuerlich geprägt. Sie boten Nist- und Brutmöglichkeiten. Diese verschwanden während der Industrialisierung, tauchten aber an anderen Orten, zum Beispiel in der Innenstadt oder in den baumbestandenen und vegetationsreichen Villengärten, wieder auf. Für Höhlen- und Felsbrüter wie die Alpen – und , für Grünfinken oder den und für die Stadt- und wurde die zugebaute Altstadt attraktiv. Die dicht gebauten Häuserzeilen mit Schlupflöchern in den Hauswänden erinnern an ihre Lebensräume – an Felslandschaften und Felsnischen. Die Villengärten hingegen bieten vielfältigere Brut- und Nistmöglichkeiten als die Altstadt und sind deshalb für Zugvögel wie die Mönchsgrasmücke interessant. Auch die viel kritisierten Rasenflächen der Blockzonen oder der Agglomerationsgärten bieten Lebensräume, zum Beispiel für die , die kurzgeschnittenen Rasen bevorzugt. Dort kann sie einfach nach Regenwürmern und Insekten suchen.
Neuer Trend: Städtischer Nahrungsmittelanbau
Eine neuer Trend bringt um 2010 den Nutzgarten und damit den städtischen Nahrungsmittelanbau wieder in die Stadt zurück: die urbane Landwirtschaft. Diese thematisiert nicht nur den Nahrungsmittelanbau, sondern auch den sozialen Zusammenhalt und die ökologischen Vorteile des naturnahen Anbaus. Probleme ergeben sich in den zunehmend verdichtet gebauten Städten, weil ungenutzter Stadtboden in der Form von Baulandreserve meist nur als Zwischennutzung bewirtschaftet werden kann.
MJ