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Als Fürstbistum B. wird das Gebiet bezeichnet, das der weltl. Herrschaft des Bf. von B. unterstand, als Bistum B. dagegen der Sprengel, in welchem der Bf. geistl. Oberhirte war und ist. Die Grenzen des Fürstbistums und die weltl. Herrschaftsrechte des Bf. waren starken Schwankungen unterworfen: Schon vor 1500 verlor der Bf. die Stadt B., einen bedeutenden Teil des heutigen Kt. Baselland und kleinere Territorien im Kt. Solothurn. In der frühen Neuzeit umfasste das Fürstbistum den heutigen Kt. Jura, den Berner Jura, Teile von B.-Land (Birseck, Laufen) und eine Enklave im Breisgau (Schliengen). Einige der weltl. Herrschaftsgebiete des Fürstbf. unterstanden den Diözesen Besançon, Lausanne oder Konstanz. Die südl. Teile des Fürstbistums, die zum neuen Glauben übergetreten waren, gehörten zum eidg. Gebiet. Die Untertanen des Fürstbf. waren teils deutsch- und teils französischsprachig. Der Fürstbf. selber war Reichsfürst, aber seit 1579 auch Verbündeter der kath. Kantone.
Das Basler Münster war bis zur Reformation der Mittelpunkt der fürstbischöfl. Herrschaft. 999 schenkte der letzte Kg. von Burgund, Rudolf III., dem Bf. von B. die Abtei Moutier-Grandval mit all ihrem Besitz. Mit dieser Schenkung wollte der Kg. die weltl. Macht des episcopatus Basiliensis stärken, denn die Abtei Moutier-Grandval war im oberen Birstal fest verankert und verfügte daneben noch über viel Streubesitz zwischen dem Bielersee und dem Elsass. Der Basler Bf., dessen weltl. Macht bis dahin nicht über die Stadt B. hinausgereicht hatte, war nun mit einem Mal Herr bedeutender Gebiete.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Beim Tode Kg. Rudolfs III. von Burgund (1032) fielen B. und sein jurass. Hinterland an das Reich. Der Bf. wurde nun Vasall des dt. Kg., der - wie es im Reichskirchensystem der Ottonen und Salier üblich war - den Bischofsstuhl besetzte und dem Bf. die Regalien in den fürstbischöfl. Besitztümern verlieh. Während mehr als einem Jahrhundert zog die Basler Kirche Nutzen aus der königl. Grosszügigkeit. Die Erwerbungen der Bf. waren freilich sehr verschiedenartig und lagen weit verstreut. So schenkte 1041 Kg. Heinrich III. die weitläufige Grafschaft Augst, die sich im Augstgau und Sisgau vom Rhein über die Juraketten bis zur Aare erstreckte. Die Königstreue der Bf. im Investiturstreit wurde belohnt: 1080 schenkte Kg. Heinrich IV. die Grafschaft Härkingen im zwischen Jura und Aare gelegenen Buchsgau, 1084 Burg und Lehen Rappoltstein im Elsass und 1095 die bedeutende Abtei Pfäfers in Rätien. Von der Mitte des 11. Jh. an diente das Schenkungsgut von 999 als Basis für das Ausgreifen des Fürstbistums B. in den Jura.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
1053 begannen sich die Begehrlichkeiten der Basler Fürstbf. auf die Abtei Saint-Ursanne zu richten, die in der Diözese Besançon lag. Zwischen 1096 und 1100 gelang es ihnen dann auch, das Kloster unter ihre weltl. wie geistl. Hoheit zu bringen. Damit konnte die bischöfl. Machtstellung in den Juratälern erhebl. verstärkt werden. Im 12. Jh. wurden die Bf. von B. entgegen den Bestimmungen des Wormser Konkordats (1122) weiterhin vom dt. Kg. ernannt. Die mit dem Machtschwund der Zentralgewalt einhergehende Feudalisierung lässt sich auch im Fürstbistum B. beobachten. Gf., Lehensträger der Fürstbf. und Kastvögte der grossen Gotteshäuser bauten Burgen aus Stein und banden Dienstmänner an sich, die ihren Herren mit der Waffe dienten. Dieser Adel begünstigte die Klostergründungen des 12. Jh., namentl. der Klöster Lützel (1124) und Bellelay (1140), die rasch aufblühten. Im selben Zeitraum mussten die Basler Fürstbf. ihre Ansprüche auf die zu weit entfernten reichen Kirchen im Schwarzwald, Elsass und in Rätien aufgeben. Um 1200 hatte der Fürstbf. so gut wie alle Besitzungen rechts des Rheins und im Elsass verloren, und am Ende des MA besass er auf der rechten Rheinseite einzig die Herrschaft Schliengen mit dem Dorf Istein. In realist. Einschätzung ihrer Möglichkeiten konzentrierten sich die Fürstbf. in ihren Bemühungen um weltl. Herrschaftsrechte auf die oft französischspr. Gebiete des Jurabogens. Dieser Raum war allerdings von Gotteshäusern übersät, die sich ihre Rechte und Besitzungen 1179 vom Papst bestätigen liessen.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Im 13. Jh. schwächte sich die Königsmacht ab, und die Bischofswahl stand fortan dem Domkapitel zu. Das Feudalsystem wurde nun aber durch eine neue Macht erschüttert: das Geld. Ein Grossteil des nur von Abgaben lebenden Adels geriet in Geldnot, und die durch ihre Besitzungen am Oberrhein reich gewordenen Bf. kauften nun Herrschaften und Rechtstitel und bauten so ihre Macht aus. Viele Lehensherren mussten damals Güter und Rechte an den Bf. von B. verpfänden, so Berchtold von Neuenburg, der 1234 dem Bf. die Vogtei über die Stadt Biel überliess. Selbst Gotteshäuser veräusserten Besitz, wie etwa die Äbtissin von Odilienberg im Elsass, die dem Bf. 1239 Arlesheim verkaufte. 1241 schenkte der Herr von Hasenburg seinen gesamten Besitz dem Basler Fürstbf., der damit einen verheissungsvollen Schritt in Richtung Ajoie machte. Im Tal der Schüss festigte das Fürstbistum seine Herrschaft dank der Vogteirechte, die Bf. Heinrich III. von Neuenburg 1264 Otto von Erguel (Arguel) abkaufte. Einer der mächtigsten Nachbarn, der Gf. von Pfirt, nahm seinen Besitz 1271 vom Fürstbf. zu Lehen. Damit fiel auch die Vogtei Delsberg an das Fürstbistum. 1280 kam es wegen der Vogteien Bure und Ajoie zum Konflikt zwischen Rainald von Burgund, Gf. von Montbéliard, und dem Fürstbf., der militär. durch Kg. Rudolf I. unterstützt wurde. Durch seinen Sieg bei Pruntrut gewann der Bf. 1283 die Oberhand über diese Stadt und die Ajoie. Die Expansion des Fürstbistums wurde jedoch 1296 durch den Sieg des Gf. von Neuenburg über das fürstbischöfl. Heer bei Coffrane gestoppt. Fortan lag die südwestl. Grenze am Bielersee bei der um 1310 durch Bf. Gérard de Vuippens gegr. Stadt La Neuveville. Nördl. der Jurakette jedoch, im deutschspr. Gebiet, bot sich die Aussicht auf eine erhebl. Ausdehnung des fürstbischöfl. Machtbereichs durch den Kauf der Herrschaften Liestal, Neu-Homberg und Waldenburg für 2'100 Mark Silber im Jahr 1305. Kg. Albrecht I., der ebenfalls an diesen Herrschaften interessiert war, hatte diese Summe nicht aufzutreiben vermocht. Er verweigerte daher Bf. Otto von Grandson die Regalien, und so entgingen diese Herrschaften schliessl. dem Fürstbistum B. Um ihre Macht gegen den Adel abzusichern, begünstigten die Fürstbf. die aufsteigenden Bürgerschaften der Städte, v.a. Biel (1275), Pruntrut (1283), Delsberg (1289), Laufen (1296), La Neuveville (1312) und Saint-Ursanne (1338). Zu Beginn des 14. Jh. stand das Fürstbistum B. auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der Bischofsstaat reichte von La Neuveville bis Pfirt (F). Er erstreckte sich über Bewohner franz. und dt. Sprache, und lag in vier Diözesen: B., Lausanne, Besançon und Konstanz.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Im 14. Jh. gerieten aber auch die Fürstbf. in immer grössere Geldnöte. Zudem verstärkte sich der Druck äusserer und innerer Gegner, hier v.a. der Städte, die sich der fürstbischöfl. Herrschaft zu entziehen versuchten. Die Ersten, die aus der Schwäche des Fürstbf. Nutzen zogen, waren die Habsburger. Beim Tode des letzten Gf. von Pfirt, 1324, heiratete Albrecht II. von Habsburg, Hzg. von Österreich, dessen Tochter. Die Grafschaft, die bis vor die Tore B.s reichte, hätte eigentl. an den Fürstbf. fallen müssen, dieser konnte aber nicht verhindern, dass Albrecht das Erbe an sich riss. Auch der Bürgerschaft von B. gelang es wegen der ständigen Geldnöte des Bf., ein Herrschaftsrecht nach dem anderen in ihre Hände zu bringen. Gleichzeitig schuf sie sich auf Kosten des Bischofsstaats in Richtung der Eidgenossenschaft ein eigenes Herrschaftsgebiet. Das Unabhängigkeitsstreben der Bürgerschaft weckte die Feindschaft des Adels, der sich auf das Haus Habsburg stützte, um diese fortschreitende Aushöhlung der fürstbischöfl. Macht aufzuhalten. Um den Verfall des Fürstbistums zu verhindern, widersetzte sich Bf. Johann III. von Vienne dem Burgrechtsvertrag, den Bern und Biel 1352 abgeschlossen hatten, wurde aber 1367 bei Malleray militär. besiegt. Biel, das im Süden des Fürstbistums den Einfluss Berns weiterleitete, hatte das militär. Aufgebotsrecht im Erguel und 1335 das Chorherrenstift Saint-Imier ins Burgrecht aufgenommen. Zudem stellten sich Saint-Imier und Bellelay 1404 unter den Schutz Solothurns. Diese Bindungen schwächten die fürstbischöfl. Macht im eigenen Herrschaftsgebiet erheblich.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Die Lage des Basler Fürstbf. verschlimmerte sich zusehends, als er aus Geldnot ganze Herrschaften verpfänden musste, so 1376 die Propstei Saint-Ursanne, Chauvilliers und Muriaux. 1386 verkaufte er Pruntrut an den Gf. de Montbéliard, wobei er sich das Rückkaufrecht vorbehielt. Die Burg Soyhières (Saugern) ging 1388 an die Herren von Neufchâtel aus der Freigrafschaft Burgund, die ihren Einfluss bis nach Laufen ausdehnten. 1389 verpfändete der Fürstbf. Stadt, Burg und Herrschaft Delsberg an die Bürgerschaft von B. Um das Fürstbistum vor dem völligen Ruin zu retten, legte das Domkapitel Ende des 14. Jh. das Schicksal des Bischofsstaats in die Hände Diebolds VI. de Neufchâtel, der so seinen Sohn Humbert auf den Bischofsstuhl brachte. Dieser musste zur Entspannung der finanziellen Lage im Jahr 1400 alle fürstbischöfl. Herrschaftsrechte im Sisgau der Stadt B. verkaufen. Als 1422 Bf. Hartmann Münch von Münchenstein zurücktrat, war das Fürstbistum prakt. zerfallen.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Im Lauf des 15. Jh. gelang es mehreren tatkräftigen Fürstbf., einige der verloren gegangenen Besitzungen zurückzugewinnen, v.a. im französischspr. Teil des Juras. So versuchte Johann IV. von Fleckenstein, Saint-Ursanne und Roche-d'Or von den Herren von Neufchâtel zurückzugewinnen. Nach seinem Sieg über Diebold VIII. von Neufchâtel, 1425, konnte er die Propstei Saint-Ursanne wieder in seinen Besitz bringen. 1434 zwang er die Leute der Vogtei Delsberg und der Herrschaft Moutier, ihr Burgrecht mit der Stadt B. aufzugeben. Andererseits musste er 1427 die Landgrafschaft Buchsgau den Städten Bern und Solothurn überlassen. 1486 konnte Fürstbf. Kaspar zu Rhein nicht verhindern, dass die Stadt Bern die Herrschaft Moutier in ihr Burgrecht aufnahm. Eine bessere Verwaltung der bischöfl. Einkünfte und erste Steuererhebungen moderner Art gestatteten es den Fürstbf. von den 1440er Jahren an, die Schulden zu tilgen, durch welche mehrere Herrschaften der fürstbischöfl. Macht entzogen worden waren. 1461 konnte Johann V. von Venningen dank der erhebl. Beiträge seiner jurass. Untertanen Pruntrut und die Ajoie auslösen. Im Gefolge der Burgunderkriege (1474-77) erwarb er 1478 in der Ajoie die Dörfer Damvant, Grandfontaine und Réclère, wo die fürstbischöfl. Herrschaft zuvor nur schlecht etabliert gewesen war. Auch das Lehen Franquemont am Doubs kam damals unter die Herrschaft des Fürstbischofs.
Beim Ausbruch des Schwabenkriegs im Jahr 1499 bestand der Bischofsstaat im Wesentl. aus drei Teilen: erstens der Stadt B. und dem Sisgau, wo fakt. der Basler Rat die Herrschaft ausübte, zweitens den Städten und Herrschaften im Süden, von Moutier bis La Neuveville, die so eng an Bern und Solothurn gebunden waren, dass der Fürstbf. nur eine beschränkte Autorität besass, und drittens aus dem "Kerngebiet" von Franquemont bis Laufen, dem einzigen Teil, in dem der Fürstbf. seine Herrschaft voll entfalten konnte. Der Eintritt der Stadt B. in die Eidgenossenschaft besiegelte 1501 diesen Zustand, und mit der Einführung der Reformation wurde die Spaltung, die sich bereits im 14. Jh. abgezeichnet hatte, endgültig. 1528 wurde Pruntrut die Residenzstadt des Fürstbf. In den südl. Vogteien, die zum Einflussbereich der Eidgenossenschaft gehörten, wurde die Macht des Fürstbf. nun noch schwächer als im SpätMA.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Die Wirtschaft des ländl., sehr gebirgigen und dünn besiedelten Gebiets des Fürstbistums war auf die Selbstversorgung ausgerichtet. Einzig die Stadt B., deren wirtschaftl. Einflusssphäre weit über die Grenzen des Bischofsstaates wie auch der Diözese B. hinausreichte, belebte die regionale Wirtschaft und bot Zugang zu den grossen internat. Handelsströmen. Die Basler Währung zirkulierte im Raum zwischen Vogesen und Aare, Doubs und Schwarzwald. Die fürstbischöfl. Städte in den Juratälern hatten dagegen nur eine beschränkte Bedeutung. Ihre Bewohner widmeten sich v.a. der Landwirtschaft, dem Weinbau und dem Handwerk. Ihr Wirtschaftsraum deckte sich häufig mit den Grenzen der Vogteien, deren Hauptorte sie waren. Delsberg, Hauptort der gleichnamigen Vogtei, war die einzige Stadt im Delsberger Tal. Dasselbe galt für Pruntrut in der Ajoie, sowie für Stift und Propstei Saint-Ursanne. Die Acker- und - am Bielersee - Weinbauern brachten vom Ende des 13. Jh. an ihre Produkte auf die Märkte dieser Städte. Der Abbau von eisenhaltigem Bohnerz und dessen Verarbeitung in Schmelzöfen geht mind. in röm. Zeiten zurück. Das Eisen, das die wirtschaftl. Bedeutung der Gegenden um Delsberg und Moutier steigerte, wurde im MA in genügender Menge produziert, um exportiert zu werden, wahrsch. v.a. ins benachbarte Flachland. Im 15. Jh. kam die Verhüttung in Hochöfen auf, die sich, von den Fürstbf. gefördert, nach und nach verbreitete.
Die Erzeugnisse des Juras wurden, sofern sie nicht bereits vor Ort verbraucht wurden, nach B. ausgeführt. Das wichtigste Ausfuhrprodukt war zweifellos Holz. Es wurde die Birs hinabgeflösst und vom Basler Bauhandwerk verarbeitet. Die Metzger der Rheinstadt kauften Schafe und Rinder, welche sie in B. feilboten oder an elsäss. Viehhändler weiterverkauften. Auch der in den Juratälern gewobene Zwillich wurde in B. abgesetzt. Milchprodukte - Butter, Käse von Bellelay und Delsberg - standen an vierter Stelle der auf dem Markt in B. verkauften Waren. Die Kaufleute aus dem Kerngebiet des Fürstbistums kauften in B. v.a. Tuche, Getreide und Wein, die sie auf den Märkten ihrer kleinen Städte absetzten. Die Landwirtschaft und das Handwerk im Fürstbistum waren nur wenig spezialisiert. Verbunden mit der polit. Herrschaft des Fürstbf. verstärkte sich im Lauf des MA auch der wirtschaftl. Einfluss der Stadt B. Diese durch die einheitl. Währung erleichterte finanzielle und kommerzielle "Unterwerfung" erklärt z.T. die grosse Anzahl von bischöfl. Untertanen aus dem Jura, die - wie 1498 Diebold Merian aus Courroux - das Basler Bürgerrecht erwarben. Mochte die tatsächl. Macht des Fürstbf. auch von einer Vogtei zur andern stark schwanken, so erstreckte sich die Wirtschaftsmacht der Stadt am Rheinknie über das gesamte Fürstbistum.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / AW
Die Kultur im Fürstbistum B. (die Stadt B. bleibt hier ausgeklammert) war im MA eng an das geistl. Leben gebunden. Dank der Nähe der Freigrafschaft und des Offizialats Besançon finden sich in der Ajoie die ältesten Urkunden franz. Sprache in der Schweiz; die Erste datiert von 1244. Das im Wesentlichen vor dem 12. Jh. entstandene Pfarreinetz fand in den Freibergen seine endgültige Form erst in der frühen Neuzeit. Das ma. Fürstbistum war durch zahlreiche und bedeutende Klöster geprägt. Bereits im FrühMA standen hier drei Gotteshäuser, die alle im 7. Jh. gegr. worden waren: Saint-Imier, Saint-Ursanne und Moutier-Grandval, das berühmteste der drei. Saint-Imier und Saint-Ursanne waren zunächst blosse Eremitengemeinschaften, die sich mit der Zeit zu Klöstern entwickelten. Moutier-Grandval dagegen war eine Gründung von Luxeuil aus. Man weiss nur wenig über seine Frühzeit. Sicher ist, dass die Abtei sehr reich war und vom 8. Jh. bis zur Schenkung an den Bf. von B. im Jahre 999 die Immunität besass. Zwischen dem Ende des 11. Jh. und 1120 wurden Saint-Ursanne und Moutier-Grandval - etwas später dann auch Saint-Imier - unter nicht näher bekannten Umständen in Chorherrenstifte umgewandelt. Die aus Burgund eindringenden klösterl. Reformideen führten in der 1. Hälfte des 12. Jh. zu einer neuen Gründungswelle: Von Bellevaux aus wurde 1124 die Zisterzienserabtei Lützel gegr., die schnell aufblühte, und um 1140 gründeten die Prämonstratenser von Lac de Joux auf Bitten des Basler Bf. die Abtei Bellelay. Gegen Ende des 12. Jh. gründete Bellelay ein Priorat in Grandgourt, und Lützel errichtete gleich mehrere Priorate ausserhalb des Fürstbistums. Im 14. und 15. Jh. litt auch das Fürstbistum unter den Kirchenspaltungen. Im Zuge des Aufschwungs der Städte und als Ausdruck der Bedürfnisse der Gläubigen wurden viele Spitäler und religiöse Bruderschaften gegründet. Überdies kamen die Bf. nur schlecht ihrer Aufgabe nach, über Sittlichkeit und Ausbildung des Klerus zu wachen, dessen Qualitäten offenbar bescheiden waren. Auch für das wirtschaftl. und geistl. Leben in den Klöstern war das SpätMA eine schwierige Zeit.
Über das Erziehungswesen im Fürstbistum ist man sehr schlecht unterrichtet. Das gilt besonders für die Klöster, in denen man kein einziges Skriptorium mit Sicherheit nachweisen kann. Nach Moutier-Grandval liess man den berühmten Mönch Iso aus St. Gallen kommen, der hier 871 starb. Vom 13. und 14. Jh. an lassen sich in den Städten Laienschulen nachweisen. Die Kunstschätze waren meist das Werk fremder Künstler, so etwa die berühmte Bibel von Moutier-Grandval, die aus den Händen von Kopisten in Tours stammt. Die Einflüsse im Kunstschaffen kommen aus Burgund, dem Elsass, Schwaben und der Stadt B. Die Pfarrkirche von Courchavon besitzt eine bemerkenswerte Madonna vom Ende des 13. Jh., vielleicht das älteste erhaltene Muttergottesbild der Schweiz. In den Kirchen finden sich viele Skulpturen aus dem 14. und 15. Jh. Erwähnenswert sind auch einige rom. Baudenkmäler, etwa die Stiftskirchen von Saint-Ursanne (mit ihrem reichen Skulpturenschmuck) und Saint-Imier, die Kapelle in Chalières (Fresken des 11. Jh.), die Pfarrkirche von Courtelary, die Blanche Eglise bei La Neuveville und die Tour Réfous (Hauptturm der ehem. Bischofsresidenz) in Pruntrut. Gotisch sind die Kirchen Saint-Pierre in Pruntrut und St. Benedikt in Biel (Glasmalereien des 15. Jh.), sowie Teile der Burgen Vorbourg (Gem. Delsberg), Zwingen und Schlossberg (bei La Neuveville).
Autorin/Autor: Jean-Claude Rebetez / AW
In den Turbulenzen des 16. Jh. entwickelte sich das Fürstbistum B. zum frühmodernen Staat. Der Beitritt des Stadtorts B. zur Eidgenossenschaft bedeutete 1501 seine Loslösung von der weltl. Gewalt des Fürstbf., und die Reformation zog 1529 den Verlust der geistl. Gewalt nach sich. 1528 wurde die in der Diözese Besançon liegende Stadt Pruntrut zur neuen fürstbischöfl. Residenz. Nicht nur der Bf. residierte fortan ausserhalb seiner Diözese, sondern auch das Domkapitel, das sich in Freiburg i.Br. in der Diözese Konstanz niederliess, während das Offizialat nach Altkirch (Elsass) auswich. Der Übertritt der südl. Gebiete zur Reformation besiegelte das Ende der konfessionellen Einheit und hatte eine Schwächung der fürstbischöfl. Autorität über seine Untertanen zur Folge. Zu diesen Schwierigkeiten gesellten sich soziale Unruhen und chron. finanzielle Krisen. Im Bauernkrieg (1525) wurden die Abteien in Beinwil und Lützel geplündert. Der Aufstand war indes von kurzer Dauer. Nach dem Tod Philipps von Gundelsheim (Febr. 1552) nahm das Domkapitel in Biel eine Anleihe von 14'000 Pfund auf und bot der Stadt als Gegenleistung die Verwaltung des Erguel an. Dessen Einw. sträuben sich jedoch dagegen und erhielten die Unterstützung Solothurns, das sie im März 1555 in sein Burgrecht aufnahm. 1556 gestand ihnen Fürstbf. Melchior von Lichtenfels erste Freiheiten zu. Auch Delsberg und die Freiberge nützten die Umstände aus und schlossen 1559 ein Burgrecht mit der Stadt B. ab. 1566 berief der Fürstbf. Abgeordnete der versch. Vogteien ein, um über die Verteilung der Türkensteuer zu beraten (eine Reichssteuer zur Finanzierung des Kampfs gegen die Türken). Es fanden mehrere Treffen statt, gewissermassen Vorläufer der Landstände (Ständeversammlungen) des Fürstbistums, denen später grosse Bedeutung zukam.
Es war Fürstbf. Jakob Christoph Blarer von Wartensee, der dem Bischofsstaat neues Leben einhauchte, sei dies auf den Gebieten der Wirtschaft und Finanzen oder der Politik und Verwaltung. Kaum hatte er sein Amt angetreten, musste er den Autonomiebestrebungen der Bieler entgegentreten. Sein Vorschlag, Biel an die Berner abzutreten, die dafür auf ihre Rechte im Fürstbistum verzichten sollten, stiess bei den Eidgenossen wie bei den Bielern auf Ablehnung. Die Bieler richteten ihr Augenmerk auf das Erguel, das aber seine Unabhängigkeit zu behaupten vermochte. 1579 verbündete sich Blarer mit den kath. eidg. Orten und sicherte sich deren militär. und diplomat. Unterstützung. Dank den Badener Verträgen von 1585 gelang es ihm, von der Stadt B. den Gegenwert der Besitztümer und Rechte zu erhalten, die seine Vorgänger vor langer Zeit verpfändet hatten, und so die Schulden des Fürstbistums zu tilgen. Ebenso konnte er im Bieler Tauschhandel (1599-1610) seine landesherrl. Rechte im Süden des Hochstifts gegen Biel und Bern teilweise wieder durchsetzen. Am Ende seiner langen Regierungszeit hatten sowohl die Diözese wie auch das Fürstbistum ihre Prosperität wiedererlangt.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
Während des Dreissigjährigen Kriegs war das Fürstbistum B. wegen seiner Lage auf dem Schachbrett der Kriegsparteien deren Gelüsten ausgeliefert, umso mehr, als es keine militär. Verteidigungsmöglichkeiten besass. Besonders der Norden war dieser Gefahr ausgesetzt, und der Fürstbf. musste als Reichsfürst mit gutem Grund befürchten, dass sein am Krieg beteiligter Ks. die fürstbischöfl. Interessen mit seinen eigenen vermengen würde. Das Eindringen der Schweden ins Oberelsass liess ab 1632 zahlreiche Flüchtlinge nach Pruntrut strömen. Mit Hilfe der kath. eidg. Orte erreichte der Fürstbf., dass sein Territorium vorläufig respektiert wurde. Zwischen 1634 und 1640 aber wurde der Norden nacheinander oder gleichzeitig von schwed., franz. und kaiserl. Truppen besetzt, was zu einer totalen Auflösung der Gesellschaft bis in die Spitzen des Bischofsstaats führte. Zum materiellen Ruin gesellten sich z.T. von Pestepidemien ausgelöste Bevölkerungskrisen. Dem Süden des Fürstbistums blieb - mit Ausnahme des Erguel 1639 - dank den bestehenden Burgrechten, insbes. mit Bern und Solothurn, ein vergleichbares Schicksal erspart.
Durch den Westfäl. Frieden erhielt das Fürstbistum B. 1648 neue Nachbarn: Im Elsass trat Frankreich die Nachfolge der Habsburger an, und die Loslösung der Eidgenossenschaft vom Reich wurde besiegelt. Daraus ergab sich, dass die Bistumsgrenzen fortan nicht mehr mit den Reichsgrenzen übereinstimmten. Die Stadt Biel war zugewandter Ort der Eidgenossenschaft und nahm an deren Tagsatzungen teil. Dieser Verbindung und dem Burgrecht mit Bern stand das Bündnis des Fürstbistums von 1579 mit den sieben kath. Orten als Gegengewicht gegenüber, das bis 1717 mehrmals erneuert wurde. 1663 versuchte der Fürstbf. vergebl., sein Fürstentum in die Erneuerung der Allianz zwischen dem Corpus helveticum und Frankreich einzubeziehen. Als anlässl. der zweiten Eroberung der Freigrafschaft Burgund franz. Truppen 1675 auch in die Ajoie eindrangen, erreichte der Fürstbf. dank seinem Bündnis mit der Eidgenossenschaft, dass seine Neutralität respektiert wurde. Nach 1648 versuchte er mehrmals, aber stets erfolglos, in die Eidgenossenschaft aufgenommen zu werden. 1735 verzichtete Fürstbf. Johann Conrad von Reinach-Hirzbach darauf, das Bündnis mit den kath. Orten zu erneuern, nachdem diese ihm ihre Hilfe anlässl. der Landestroublen (1730-40) verweigert hatten. 20 Jahre später normalisierte Fürstbf. Joseph Wilhelm Rinck von Baldenstein seine Beziehungen zu Bern, welches sich bereit erklärte, seinen Einfluss nur in den mit ihm verburgrechteten Gebieten geltend zu machen. Unter diesen Umständen erübrigte sich ein Bündnis mit den kath. Orten als Gegengewicht.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
Im 18. Jh. beherrschten die Beziehungen zu Frankreich die fürstbischöfl. Aussenpolitik. Von 1726 an wurde das Fürstbistum von Unruhen erschüttert, den sog. Landestroublen, die 15 Jahre anhielten. Da der Fürstbf. nicht in der Lage war, die Ordnung selbst wieder herzustellen, bat er den Ks. und die Eidgenossen um Hilfe, die sie ihm aber verweigerten. Er wandte sich darauf an Frankreich und unterzeichnete 1739 ein Geheimabkommen, das hauptsächl. die Verteidigung der Grenzen, die innere Sicherheit des Fürstbistums, die Privilegien von Personen und die zukünftigen diplomat. Beziehungen zum Inhalt hatte. Gestützt auf dieses Abkommen intervenierten franz. Truppen im Fürstbistum: Die Landestroublen wurden beendet, die Anführer gefangen genommen und drei davon, u.a. Pierre Péquignat, 1740 hingerichtet. Danach herrschte bis zur Revolutionszeit Ruhe im Fürstbistum, dessen Beziehungen mit Frankreich im Laufe der Zeit immer enger wurden. 1744 wurde eine Kompanie ausgehoben und Frankreich zur Verfügung gestellt, 1758 das fürstbischöfl. Regiment in franz. Diensten aufgestellt. Es zeichnete sich Mitte des 18. Jh. im Siebenjährigen Krieg in Korbach und im Korsika-Feldzug aus. 1792 wurde es in Dünkirchen aufgelöst. Drei rasch aufeinander folgende Abkommen besiegelten die enge Verbindung des Fürstbistums mit Frankreich: 1779 wurden 20 Pfarreien in der Ajoie der Diözese B. zugeteilt. Im Gegenzug erhielt das Erzbistum Besançon 29 frankophone Pfarreien östl. von Belfort. Von nun an stimmten die polit. und kirchl. Grenzen der Ajoie überein. Im folgenden Jahr wurde durch einen Gebietsaustausch zwischen Frankreich und dem Fürstbistum das Ostufer des Doubs zur gemeinsamen Grenze. Schliessl. bestätigte und präzisierte 1780 ein Verteidigungsbündnis dasjenige von 1739. Es erlaubte der Revolutionsarmee im April 1792, den Norden des Fürstbistums rechtmässig zu besetzen.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
In der frühen Neuzeit hatte das fürstbischöfl. Territorium im Wesentlichen unveränderte Konturen (die Verschiebungen im 18. Jh. waren im Ausmass geringfügig). Es war in 17 Vogteien oder Herrschaften aufgeteilt, was ebenso viele polit., administrative und rechtl. Einheiten bedeutete. Die Herrschaft Moutier, von 1486 an unter der Schutzherrschaft Berns, und das mit Solothurn verburgrechtete Bellelay profitierten von der eidg. Neutralität, obwohl sie Reichsgebiet blieben. Zusammen mit den anderen fünf südl. Herrschaften (Erguel, Orvin, La Neuveville, Tessenberg und Biel) wurden diese Gebiete der Eidgenossenschaft zugerechnet, die nördl. Vogteien dagegen dem Reich. Die Institutionen waren sehr komplex und von Herrschaft zu Herrschaft sehr unterschiedlich. Ein Vertreter des Fürstbf., der sich je nach Herrschaft als Vogt, Bürgermeister oder Kastlan bezeichnete, konnte mit Hilfe von Stellvertretern mehrere Vogteien zugleich verwalten. Mit der Zeit wurden zahlreiche dieser Ämter erblich.
Die Institutionen des Fürstbistums entwickelten sich langsam. Das Domkapitel, das zuerst in B., ab 1529 in Freiburg i.Br. und ab 1679 in Arlesheim residierte, verstärkte allmähl. seinen Einfluss auf den fürstbischöfl. Hof und die Verwaltung. Der Fürstbf., den das Domkapitel immer aus den eigenen Reihen wählte, wurde vom Ks. in seine weltl. und vom Papst in die geistl. Hoheitsrechte eingesetzt. Meistens regierte er mit Hilfe seiner Räte und erliess seine Gesetze auf dem Verordnungsweg. Die bis zur Mitte des 16. Jh. erteilten Freiheiten bremsten eine Entwicklung in Richtung Absolutismus und Zentralismus. Die Untertanen waren dem Fürstbf. durch den Huldigungseid verbunden. Bei Streitigkeiten in Zivilsachen konnten sie sich an die Reichsgerichte wenden. Die eidg. Gebiete südl. der Pierre Pertuis waren davon allerdings ausgenommen.
Urspr. waren die Räte Mitglieder des Domkapitels. Nach dessen Wegzug ersetzte sie der Fürstbf. nach und nach mit weltl. Ratgebern aus Bürgertum und Adel. Mit der wachsenden Fülle von Staatsgeschäften nahmen auch die Zahl und die Funktionsvielfalt der Räte zu. Die Verordnung von 1726 gab ihnen eine hierarch. Struktur. Dennoch blieben in der Praxis die polit., rechtl. und administrativen Aufgaben nicht klar getrennt, und Ämterkumulierung war keine Seltenheit. Eine hervorragende Rolle spielte die Kanzlei. Die Gerichtsbarkeit, ein wichtiges Rad im Getriebe des öffentl. Lebens im Ancien Régime, blieb lange ma. Strukturen verhaftet. Das Gewohnheitsrecht hatte Vorrang. Jede Region, jede Stadt hatte ihr eigenes System, das sich von genossenschaftl. Gerichtsversammlungen (plaids) bis hin zur hohen Gerichtsbarkeit erstrecken konnte. Meistens wurde die Gerichtsbarkeit über Stellvertreter ausgeübt. Mit der Zeit erfuhr sie eine Vereinfachung und Zentralisierung. Der Hofrat bildete das oberste Gericht des Fürstbistums in Kriminal- und manchmal auch in Zivilfällen und diente als Appellationsgericht der Herrschaften auf Reichsgebiet (anderswo wurden die Appellationsfälle unterschiedl. behandelt). Geurteilt wurde nach dem Strafgesetzbuch Ks. Karls V., der Carolina, wobei der Fürstbf. über das Begnadigungsrecht verfügte. Zivilrechtl. Urteile konnten an das Reichskammergericht in Wetzlar weitergezogen werden, während der kaiserl. Hof in Wien die Fragen regelte, welche die Reichslehen betrafen. Auch in der Verwaltung wies die Entwicklung in Richtung Zentralisierung.
Die Gemeindeorgane, in all ihren lokalen und regionalen Varianten, sahen ihre Autonomie durch die Beschlüsse der Zentralverwaltung ernsthaft gefährdet. Die fürstbischöfl. Verordnung von 1726 verstärkte die administrativen Funktionen mit dem Ziel, mehr Ordnung in das öffentl. Leben zu bringen. Dieses Ziel wurde langsam erreicht, trotz mehr oder weniger offener Obstruktionsbemühungen. In der Folge enthielten die Verordnungen immer weniger Ausnahmebestimmungen. Die Versammlung der Landstände vereinigte ab 1566 in unregelmässigen Abständen die Vertreter des Klerus, des Adels und des Dritten Standes. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die ausserordentl. Beiträge an das Fürstbistum aufzuteilen. Vorsitzender der Landstände war bis zu den Landestroublen, in die er verwickelt war, der Abt von Bellelay. Ein Syndikus stand ihm zur Seite und vertrat ihn bei Bedarf. Zwischen 1752 und 1791, dem Jahr ihrer Auflösung, wurden die Landstände nicht mehr einberufen. Die sog. Schweizer Vogteien lehnten es (mit Ausnahme von Bellelay) immer ab, darin Einsitz zu nehmen und beglichen folglich auch den ihnen auferlegten Teil der Zahlungen nicht. Die Herrschaft Moutier wiederum beteiligte sich nur in beschränktem Umfang an den Steuerabgaben.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
Vom 16. bis 18. Jh. war die Bevölkerungszahl starken Schwankungen ausgesetzt. Missernten, Seuchen und Kriege beeinträchtigten das Wachstum. Der Bevölkerungszunahme anfangs des 16. Jh. folgten tiefe Einbrüche. Die wiederholten Versorgungskrisen führten zur Erhöhung der Getreidepreise und Verlangsamung des wirtschaftl. Wachstums. Diejenige von 1770-71 gab den Anstoss zu einer Zählung der Bevölkerung und der Nahrungsmittelressourcen im gesamten Fürstbistum. Ein Vergleich mit den Teilzählungen zu Beginn des 18. Jh. zeigt, dass die Bevölkerung nur sehr wenig zugenommen hatte. Kriege, v.a. der Dreissigjährige, senkten die Geburtenrate. Waren sie von Pestepidemien begleitet, so zeitigte dies katastrophale Folgen. Durch Zuwanderung konnte der Bevölkerungsmangel zeitweise oder dauerhaft wettgemacht werden: Vom 16. Jh. an kamen Täufer, um 1580 Untertanen der Herrschaft Valangin, im 17. Jh. Juden in die Vogteien auf Reichsgebiet, nach dem Dreissigjährigen Krieg Neuenburger in die Freiberge, nach der Widerrufung des Edikts von Nantes Hugenotten. Binnenwanderungen waren seltener und ergaben sich aus konfessionellen oder wirtschaftl. Gründen. Im 18. Jh. nahmen die individuellen, wirtschaftl. bedingten Auswanderungen zu. Die Bevölkerungsstruktur blieb vom SpätMA an mehr oder weniger stabil. Die Mehrheit war frankophon, Biel und dessen nähere Umgebung, der untere Teil des Birstals und die Herrschaft Schliengen waren deutschsprachig, wobei im Patois bzw. in Dialekten geredet wurde. Die Alphabetisierung kam nur langsam voran; 1784 wurde die Volksschule reorganisiert. Am Fürstenhof verdrängte die franz. Sprache vom 18. Jh. an allmähl. die dt., auch wenn die Fürstbf. selbst, die alle deutschspr. Adelsfam. entstammten, sich mit Beratern dt. Sprache umgaben.
Der alte Stammesadel war fast vollst. erloschen und Nobilitierungen selten. Der Fürstbf. zog Adlige aus der Schweiz, dem Elsass, Deutschland und Frankreich nach Pruntrut. Ihnen waren die adligen Lehen, die erbl. Hofämter und die Vogteistellen vorbehalten. Der Adel lebte unter sich und vermied Mesalliancen. In der Revolutionszeit wanderten viele Adlige aus. Die nichtadlige Bevölkerung bestand zum grossen Teil aus Gemeindebürgern, die uneingeschränkt am kommunalen polit. Leben teilnehmen und den Gemeindebesitz mitnutzen konnten. Das Gemeindebürgerrecht war erblich. Um darin aufgenommen zu werden, bedurfte es eines Beschlusses der Gem. oder des Fürstbischofs. Die Ewigen Einw. waren von den polit. und wirtschaftl. Rechten der Bürger ausgeschlossen, aber trotzdem fürstbischöfl. Untertanen. Die Niedergelassenen hingegen hatten keine Rechte, und Ausländer konnten jederzeit ausgewiesen werden. Bei der Bürgerrechtsaufnahme waren die Landgem. zurückhaltend, da neue Bürger die Ressourcen an Boden, Wald und Weiden belasteten. Auch die breite Bevölkerung des Fürstbistums blieb somit in sich geschlossen, und Endogamie war verbreitet.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
Im MA diente die Landwirtschaft hauptsächl. der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln. Der Grossteil der Nutzfläche diente dem Getreidebau. Im 16. Jh. gesellte sich die auf Fleischproduktion und Export ausgerichtete Viehwirtschaft hinzu. Die Urbarisierung der Hochtäler im Süden und der Hochebene der Freiberge beschleunigte sich. Es entstanden Streusiedlungen, die Überwinterung der Tiere verlangte den Bau von Scheunen und grossräumigen Ställen. Neue Pfarreien entstanden. Der Weinbau hatte am Jurasüdfuss und im unteren Birstal seinen festen Platz. In Ackerbaugebieten wurde traditionell Dreifelderwirtschaft betrieben. Die Agrarmodernisierung - von der in der 2. Hälfte des 18. Jh. der Anbau von Kartoffeln, die Bewässerung der Wiesen, die Einführung von neuem Saatgut und die Verbesserung der Viehhaltung durch gezielte Zucht Zeugnis ablegen - setzte sich nur langsam durch.
Von den Basler Fürstbf. tatkräftig unterstützt, entwickelte sich vom 16. Jh. an die Metallverarbeitung. Dank finanzieller und techn. Hilfe von Ausländern entstanden an den Wasserläufen Fabriken, deren Produktionsüberschüsse in die Schweiz ausgeführt wurden. Unter Fürstbf. Blarer wurden die Hochöfen von Undervelier und Courrendlin gebaut, die zusammen mit Bellefontaine die einzigen Produktionsstandorte des 17. und 18. Jh. blieben. Die unter strenger Staatskontrolle stehende Eisenindustrie bildete zu dieser Zeit eine der wichtigsten Einnahmequellen im Aussenhandel. Die Glasindustrie entwickelte sich ähnlich. Im 14. Jh. sind Glashütten in La Heutte belegt; später breiteten sie sich in der ganzen Gegend aus. Da sie stärker von der Versorgung mit Brennmaterial (Holz) als mit Rohstoff (Quarzsand) abhängig waren, wurden sie in der 2. Hälfte des 17. Jh. in abgelegenen Waldgegenden errichtet: in Lobschez bei Soubey (1659), weiter flussaufwärts im Doubstal und in der Freigrafschaft Burgund. Wie beim Eisen waren auch hier die Pioniere dt. Herkunft. Vom 15. Jh. an blühte in Bonfol die Töpferei, nach 1760 in Cornol die Steingut-Herstellung. Alle diese Industrien bedingten einen riesigen Verbrauch an Holz, was den Wald nach und nach zerstörte. Die Waldverordnung von 1755, eine europ. Pionierleistung auf diesem Gebiet, bot Möglichkeiten, um diesem Missbrauch Einhalt zu gebieten, doch dauerte es lange, bis sie Wirkung zeigte.
Die Verschuldung des Fürstbistums B., dessen Rechnungswährung das Pfund blieb, war ein Dauerübel. Die Stadt B. und das Domkapitel waren die hauptsächl. Kapitalgeber. Bis zum Ende des 16. Jh. verschlang der Schuldendienst einen Grossteil der Staatseinnahmen. 1587 gelang Fürstbf. Blarer die Tilgung der Schulden, und er konnte nun daran denken, in die Industrie zu investieren. Der Bischofsstaat bezog seine Einnahmen aus versch. Steuern, von denen allerdings Adel und Klerus ausgenommen waren. Die ma. Freiheiten und die Sonderstatuten der südl. Herrschaftsgebiete lieferten weitere Argumente, um sich der Steuerpflicht zu entziehen. Die Bauern, v.a. diejenigen auf den Jurahöhen, waren überschuldet. Ihr Land war mit Grundpfändern belastet bzw. in einem solchen Umfang an Adlige, Stadtbürger und kirchl. Institutionen überschrieben worden, dass der Fürstbf. weitere derartige Verkäufe untersagen musste. Selbst in Zeiten des Wohlstands blieb die Zahlungsbilanz des Fürstbistums meist defizitär und dies trotz eines nachweisl. gepflegten Protektionismus. Der Einnahmenüberschuss um 1760 beruhte hauptsächl. auf den Einkünften des Fürstbf. und des Domkapitels im Elsass und im Breisgau. Die seit dem MA kaum verbesserten Verkehrswege eigneten sich lange Zeit nicht für den internat. Austausch. Nach 1740 jedoch baute der Staat die grossen Strassen aus, die in moderner Manier dem Talboden folgten. Das Post- und Meldewesen wurde reorganisiert und ausgebaut, kurz darauf auch der Passagiertransport.
Am Vorabend der Franz. Revolution präsentierte sich das Fürstbistum B. als kontrastreiches Gebilde, sei dies unter dem Blickwinkel der Geographie, der Institutionen, der Bevölkerung, Politik oder Konfessionen. Trotz ihrer relativen Abgeschiedenheit waren die Bewohner für die Ideen ihrer Zeit offen. Sie behielten davon, was ihnen nützl. schien, kümmerten sich wenig um Theorie und legten während der Revolutionszeit einen gewissen Opportunismus an den Tag.
Autorin/Autor: Philippe Froidevaux / MS
Das 16. Jh. war geprägt von den konfessionellen Auseinandersetzungen. Bern und Biel führten 1528, die Stadt B. 1529 die Reformation ein. Unter dem Einfluss dieser drei Städte traten das Birstal und der ganze Süden des Fürstbistums (Erguel, die Herrschaft Moutier und La Neuveville) zum neuen Glauben über. Das Stift Saint-Imier wurde aufgehoben, dasjenige von Moutier nach Delsberg verlegt. Die Lehre der ref. Kirchen im Fürstbistum basierte auf der Berner Konfession, in La Neuveville und im Erguel hatte Neuenburg einen Einfluss auf die Liturgie. Die Kirchen von Biel und La Neuveville waren vollkommen unabh., diejenigen im Erguel von Beginn des 17. Jh. an ebenfalls. Dagegen gehörten die Pfarrer in den Herrschaften Moutier und Tessenberg zum Kapitel Nidau. Ende des 16. Jh. gelang dem Fürstbf. die Rekatholisierung des Birstals, nicht aber der südl. Vogteien des Fürstbistums. Allerdings behielt er in zahlreichen Kirchen das Kollaturrecht.
Im Anschluss an das Reformkonzil von Trient nahm der Fürstbf. seinen Klerus wieder an die Zügel. Er verkündete neue Diözesanstatuten, visitierte sämtl. Pfarreien und gründete 1591 ein Jesuitenkolleg in Pruntrut. Obwohl diese Stadt damals ausserhalb der Diözese B. lag, fiel die Wahl aus prakt. Gründen auf sie (insbes. auch, weil der Fürstenhof hier residierte). Eine Druckerei wurde eröffnet, die das Privileg hatte, Schulbücher zu drucken. Ein Priesterseminar wurde allerdings erst 1716 mit Erfolg gegründet. Das 17. Jh. ist gekennzeichnet durch die Gründung zahlreicher Klöster, hauptsächl. von Frauenorden: Ursulinen, denen die Mädchenerziehung oblag (1619 Pruntrut, 1698 Delsberg), Annuntiatinnen (1647 Pruntrut) und Kapuziner (1626 Delsberg, 1655 Pruntrut). Im 18. Jh. griff der rationalist. Reformgeist, der bereits Veränderungen in Staat und Wirtschaft ausgelöst hatte, auch auf das Bildungswesen über. Der Fürstbf. wollte die Erziehung fördern und sie den Bedürfnissen des Alltags anpassen: 1705 führte er am Jesuitenkolleg einen Mathematikkurs für Handwerker ein. 1752 beauftragte er den Architekten Pierre-François Paris, die Vermesser des Fürstbistums mit den neuen Methoden vertraut zu machen. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens, 1773, setzte er sich für die Reorganisation des Kollegs ein. Die Abtei Bellelay gründete 1772 ebenfalls ein Kollegium. Aus bescheidenen Anfängen entfaltete es sich dank der Anstrengungen der Chorherren, die moderne Lehrmethoden einsetzten und auch die exakten Wiss. lehrten. Die Pläne der Abtei, eine Schule und ein Arbeitshaus für Mädchen aus der Region ins Leben zu rufen, scheiterten allerdings. Im Bemühen um die Hebung der Volksbildung erklärte der Fürstbf. 1784 die Ganzjahresschule für obligator., entwarf ein Minimalprogramm und nahm sich der Kontrolle der Lehrer an. Über die effektiven Folgen dieser Bestimmungen ist wenig bekannt. Im ref. Süden waren die Gem. ebenfalls angehalten, eine allg. Grundausbildung sicherzustellen. Kinder aus wohlhabenden Fam. wurden dagegen zuerst in Privatschulen, dann an Univ. oder ref. Akad. geschickt (hauptsächl. B. und Bern).
Das Ancien Régime brachte im Fürstbistum B. auch kulturelle und künstler. Blütezeiten. Es entstanden bedeutende Bibliotheken, namentl. diejenige des Jesuitenkollegs in Pruntrut. Nicht nur liess man Kunstobjekte oder Kunstschaffende aus dem Ausland kommen, gefördert wurden auch einheim. Schaffen und Künstler, z.B. die Bildhauer Breton aus Boncourt (Ende 17.-Anfang 18. Jh.) oder der Bieler Maler Emmanuel Witz (1717-97). Auch viele städt. Bauwerke wurden realisiert, insbes. Brunnen (zahlreiche Renaissancebrunnen in Delsberg, Pruntrut, Biel, La Neuveville) und Stadttore. Obwohl überall reiche Privatsitze zu finden sind (z.B. die Häuser Wicka in Delsberg und Rockhall in Biel), zeichnet sich doch v.a. der kath. Norden, dank des bischöfl. Hofs und der Ordenshäuser, auf dem Gebiet der Architektur aus. Zwischen dem 16. und 18. Jh. bauten die Fürstbf. ihr Schloss in Pruntrut aus. Sie liessen durch den Architekten Pierre- François Paris so versch. Gebäude wie das Spital (1765), das Rathaus (1764) oder das Kaufhaus (1769) erstellen. Auch die Abteien Lützel und Bellelay schmückten sich mit grossen barocken Bauten.
Autorin/Autor: Jean-Claude Rebetez / MS
Am 20.4.1792 erklärte Frankreich Ks. Franz II. den Krieg. Daraufhin marschierten franz. Truppen, gestützt auf das Bündnis von 1780, in den dem Reich zugehörigen Teil des Fürstbistums B. ein. Ende April bezogen die Truppen des Feldmarschalls de Ferrières in Delsberg Quartier. Die südl. Vogteien und die Abtei Bellelay kamen vorläufig in den Genuss der eidg. Neutralität. Die vom geflohenen Fürstbf. Franz Joseph Sigismund von Roggenbach für die Zeit seiner Abwesenheit in Pruntrut und Delsberg eingesetzten Regentschaftsräte konnten nirgends den Ausbruch von Unruhen verhindern. Im Herbst griff der Revolutionsgeist der franz. Freiwilligenbataillone auf das ganze Land über, und den Bürgerschaften von Pruntrut und Delsberg schien es opportun, Volksgesellschaften (sociétés populaires) zu gründen und Freiheitsbäume aufzustellen. In der Zeit, da der franz. Nationalkonvent die Befreiung der Völker und den Propagandakrieg verkündete, fanden im Fürstbistum B. folgende Umwälzungen statt: In Pruntrut wurde am 17.12.1792 die freie und unabh. Raurachische Republik ausgerufen, die erste Schwesterrepublik der Grande Nation, die Generalversammlung des Erguel brach mit dem nach Konstanz geflüchteten Fürstbf. von Roggenbach, die Einw. der Herrschaft Moutier lehnten die Regentschaft ab und schufen einen provisor. Verwaltungsrat.
Drei sich ablösende Nationalversammlungen der Raurach. Republik scheiterten an ihrer Uneinigkeit. In der dritten erzwangen die Kommissäre des franz. Nationalkonvents eine gefälschte Abstimmung: Die Abgeordneten, deren Stimmen sie nicht für ungültig erklärten, befürworteten den Anschluss an Frankreich. Am 23.3.1793 wurde die Annexion in Paris registriert, worauf unter dem Namen Mont-Terrible das 87. Dep. der Franz. Republik gebildet wurde. Es bestand aus den Distrikten Pruntrut und Delsberg. Hauptort war die Stadt Pruntrut, Sitz des Militärkommandos Delsberg. Die Behörden der Munizipalitäten und auf den versch. anderen Ebenen wurden durch Wahlen bestimmt. Die Priester zogen das Exil und die Papsttreue dem zivilen Eid vor. Die Verfassung von 1793 wurde knapp befürwortet, die Direktorialverfassung von 1795 (dem Jahr III der Republik), welche die Distrikte und Gem. zugunsten der Zentralverwaltung des Dep. und der kant. Munizipalitäten abschaffte, klar abgelehnt. Dies war das einzige negative Resultat in ganz Frankreich. Die positiven Auswirkungen der Agrarreform wurden in den Augen vieler Einw. durch den Kirchensturm, die Subsistenzkrise und die alles verschlingenden Bedürfnisse der Rheinarmee zunichte gemacht. Während der Schreckensherrschaft stand Josef Anton Rengger dem Dep. vor, bevor die Reaktion des Thermidor der alten polit. Elite des Landes die Gelegenheit zur Revanche gab und einem Kommissar des Direktoriums, François Augustin Roussel von Belfort, die Führung eintrug. Im März 1797 beschloss die Landschaft Montbéliard, sich dem Dep. Mont-Terrible anzuschliessen. Gestützt auf den Frieden von Campoformio besetzte General Gouvion Saint-Cyr am 15.12.1797 auch die südl. Gebiete des Fürstbistums B. So verdoppelte sich zwar die Bevölkerung des Dep. Mont-Terrible, doch erreichte sie noch immer nicht den Umfang eines mittelgrossen Departements. Einzig die rechtsrhein. Herrschaft Schliengen blieb im Besitz des Fürstbf. Sie wurde durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 der Markgrafschaft Baden angeschlossen, wodurch zugleich das Fürstbistum B. als Reichsstand zu bestehen aufhörte.
Die Reorganisation des Konsulats (Gesetz vom 17.2.1800) löste das Dep. Mont-Terrible auf, indem der Name auf der Liste der Dep. gar nicht aufgeführt wurde. Montbéliard und das ehem. Fürstbistum wurden dem Dep. Haut-Rhin zugeschlagen. Dessen Präfekt übermittelte seine Anweisungen von Colmar aus an die Vorsteher der beiden jurass. Arrondissements und an ihre zahlreichen Gem. gemäss der alten Gebietseinteilung. Im April 1800 installierte sich der Unterpräfekt Théodore Frédéric Louis Liomin in Pruntrut, im Juni Jean-Baptiste Holtz in Delsberg. Der Erstere verwaltete die Ajoie, Montbéliard und die Freiberge, der Letztere die Täler der Birs, der Sorne (Delsberger Tal) und der Schüss sowie Biel und La Neuveville. Nach der Justizreform von 1802 umfassten die beiden Unterpräfekturen je fünf Kantone. Montbéliard, das eine höhere Bevölkerungszahl aufwies, machte Pruntrut den Rang als Sitz der Unterpräfektur streitig. Bis zur Mediationsakte (1803) hofften die Reformierten auf einen Anschluss an die Schweiz. Aber die Rückkehr der "guten Priester", das Konkordat mit dem Hl. Stuhl, die Reorganisation der kath., ref. und luth. Kirchen führten zu einem Gesinnungswandel. Überall wurden das Konsulat Bonapartes und seine Kaiserkrönung als Napoleon I. begrüsst. Eine verbesserte Organisation, die der lokalen Verwaltung sehr zuträgl. war, eine geschickte Propaganda, das Gefühl, an einer aussergewöhnl. Epoche teilzuhaben, sowie reiche Ernten bis 1810 trugen das ihre zur Stärkung des Regimes und zur myth. Verklärung Napoleons I. bei.
Autorin/Autor: André Bandelier / MS
Bürger und Einw. des ehem. Fürstbistums liessen sich vom Grundsatz der zivilrechtl. Gleichheit kaum inspirieren und vergassen bald die Vorteile, die ihnen die Abschaffung der Agrarverfassung des Ancien Régime gebracht hatte. Die Umwandlung der Gemeingüter der Bürgerschaft in solche der Einwohnergem. wurde nicht konsequent vollzogen: Die Verteilung des Bodens und der Lasten beweist, dass weiterhin die Rechtsstellung der alten Bürgerschaft mit der des neuen Staatsbürgers verwechselt wurde. Die Abschaffung von Zehnten und Grundzinsen, die Orientierung des Erbpachtrechts an feudalrechtl. Formen sowie die Umwandlung von Schulden in Assignaten brachten den Landpächtern Vorteile und vervielfachten die Zahl der kleinen Grundbesitzer. Anlässl. der Versteigerungen der Nationalgüter sowie der ehem. fürstbischöfl. und geistl. Güter nach den Anschlüssen von 1793 und 1797 fielen zwar 60% der Lose an Einheimische. Diese Lose stellten aber nur einen Viertel des Wertes dar, und vom Besitztransfer profitierten hauptsächl. Nachbarn, Franzosen aus dem Landesinnern. Der Konflikt zwischen der Individualisierung der Landwirtschaft und traditionell kollektiven Nutzungsweisen mündete in einen wirtschaftl. und sozial günstigen Kompromiss: Die Wegrechte auf den Gemeindeweiden blieben erhalten, das Allmendland reduzierte sich jedoch durch die zahlreichen Einhegungen.
Die "angegliederten Franzosen" mussten auch ihre neuen Pflichten als Steuerzahler und Soldaten hinnehmen. Das Dep. Mont-Terrible beglich seine Steuern mit Requisitionsmarken, die der Finanzierung der Kriegsanstrengungen dienten. Der napoleon. Fiskus zog mit hoher Zuverlässigkeit direkte Steuern ein, die v.a. auf dem Boden lasteten. Mangels Katastern konnte das Gerechtigkeitsprinzip, das der Steuerreform zu Grunde lag, nicht umgesetzt werden. In der Kaiserzeit wurden nur die Kt. Biel und Montbéliard systemat. vermessen. Die zusätzl. Steuerbelastung auf Salz, Zucker, Getränken und Tabak verdoppelte die Abgaben.
Die Massenaushebungen der Revolutionszeit und die Bildung eines Freiwilligenbataillons des Dep. Mont-Terrible zogen zahlreiche Desertionen nach sich. In offener Revolte verschanzten sich im Aug. 1793 die jungen Männer des Delsberger Tales auf dem Mont sur Courtételle. Das Gesetz Jourdan-Delbrel vom 5.9.1798 führte die allg. Wehrpflicht ein, welche die Präfekten und Unterpräfekten mit Nachdruck durchsetzten, unterstützt von den Kirchenleuten, den Bürgermeistern (maires) und anderen Notabeln. Trotz Dispensationen und der Möglichkeit, einen Ersatzmann zu stellen, wog der Blutzoll schwer. 2'000 Männer aus dem ehem. Fürstbistum B. - bei einer Gesamtbevölkerung von rund 60'000 - sollen auf diesen "Wegen des Ruhms" ihr Leben verloren haben. Andererseits erreichten in der Revolutionszeit und der napoleon. Ära fünf Jurassier den Generalsrang: Ignace-Xavier Comman, François-Joseph Gressot, Jean-Pierre Jaquet, Jean-Pierre Mercier und Théophile Voirol.
Die polit. Veränderungen wurden von der wirtschaftl. Umorientierung nach Westen begleitet. Der Rückgang des Verkehrs auf den jurass. Strassenachsen wurde durch die Erneuerung des lokalen Strassennetzes (mit Alleen) nicht wettgemacht. Die Textil- und die Uhrenindustrie litten unter der franz. Zollpolitik, die den Schmuggel durch die Schweiz förderte. Die Öffnung der kontinentalen Märkte liess Hoffnungen aufkeimen, die durch die napoleon. Niederlagen zunichte gemacht wurden. Zur gleichen Zeit geriet die Uhrenmanufaktur durch die industriellen Innovationen der Fam. Japy in der Landschaft Montbéliard ins Abseits. Die Kaiserzeit war einzig für die Eisenwerke ein goldenes Zeitalter, infolge ihres Anschlusses an die oberrhein. Metallurgie und dank der Kriegswirtschaft. Der Reformeifer im Erziehungs- und Sozialwesen wurde mangels finanziellen Möglichkeiten gedämpft. 1796-1803 kam Pruntrut in den Genuss einer Zentralschule, eines vom Direktorium eingeführten neuen Schultyps. Die Gründung der kaiserl. Univ. und die der Akad. von Strassburg unterstellten Gymnasien (collèges) in Pruntrut, Montbéliard und Delsberg verliehen der höheren Bildung neuen Auftrieb. Vier 1803 gegr. Komitees sorgten v.a. im ref. Gebiet für eine Verbreitung der Pockenimpfung. Eine tödl. Epidemie im Dep. Haut-Rhin führte 1800-01 (im Jahr IX der Republik) im Arrondissement Pruntrut zu einem Sterbeüberschuss. Nach den Parteikämpfen der Revolutionszeit gelang dem napoleon. Regime die Verschmelzung der versch. Eliten. Die Listen der Notabeln und der besten Steuerzahler sowie Wahlen und Ernennungen zeigen deren gesellschaftl. Basis in den versch. Regionen: Pruntruter Juristen, Handelsleute und Industrielle aus Montbéliard, Notare, Ärzte, ref. Pfarrer sowie Bieler Fabrikanten.
Autorin/Autor: André Bandelier / MS
Durch den Einmarsch der Koalitionstruppen am 22.12.1813 in Delsberg und am 24.12. in Pruntrut war die Zugehörigkeit dieser beiden Unterpräfekturen in Frage gestellt. Von Ende Jan. bis zum 30.5.1814 verwaltete sie der Kommissar Ursann Konrad Joseph von Billieux im Auftrag des in Vesoul (F) residierenden alliierten Generalgouverneurs Konrad Karl Friedrich von Andlau. Der erste Pariser Frieden bestätigte die Souveränität Frankreichs über Montbéliard und wandte das sog. Kompensationssystem auf das Fürstbistum B. an. Durch die Erklärung vom 20.3.1815 beschloss der Wiener Kongress dessen Anschluss an die Schweiz und die Vereinigung seines Territoriums mit den Kt. Bern und B. (Vereinigungsurkunden). Die franz. Herrschaftsstrukturen gingen in der allg. Indifferenz oder Erleichterung unter. In der Munizipalität Pruntrut schickten allerdings Verfechter der sozialen Errungenschaften der franz. Periode eine Gesandtschaft zu Kg. Ludwig XVIII. Die im Mai 1814 eingesetzte Präfektur von Colmar versuchte zwar die jurass. Arrondissements zurückzugewinnen, jedoch ohne Einverständnis der Regierung in Paris. Das abrupte Ende der franz. Herrschaft kontrastiert stark mit der identitätsstiftenden Instrumentalisierung ihrer Errungenschaften im Berner Jura und mit der späteren Mythenbildung.
Autorin/Autor: André Bandelier / MS
Autorin/Autor: François Noirjean / MS