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von Jürg Schoop, 16.11.2015
Jürg Schoop
Louis XIV, der Sonnenkönig, soll 1723, die Dimanchée, eine sonntägliche Morgenveranstaltung eingeführt haben, weil ihm die wochentäglichen Lustbarkeiten etwas gar karg bestückt erschienen. Aus Rücksicht auf die sich überall einmischende Kirche wurde auf deren Messe-Zelebrationen abgestellt und die königlichen Veranstaltungen, die sich hauptsächlich um Tanz und Gesang drehten, auf 11 Uhr mittags angesetzt.
Comte Henri Bourbon-Bouillabaise, dessen Briefwechsel mit Madame de Stael immer wieder Erstaunliches hervorgerufen hat, fand die Art der Veranstaltung eines vertieft gebildeten Standes nicht würdig. Es sollte nach seiner Meinung eher der Hunger nach Bildung und verfeinertem Genuss genährt werden. Die vormittägliche Stunde, in der Geist und Aufmerksamkeit noch frisch sind, erschien ihm richtig. Doch warum nur ausschliesslich am Dimanche?
Bourbon-Bouillabaise trommelte alle bedeutenden Musiker, Rezitatoren, Philosophen zusammen, die er kannte, auch solche, die am Hof nicht anerkannt waren, wie den Marquis de Sade. Die Kokotten waren an seinen Anlässen, die er im Gegensatz zu seinem wenig erbauten König Matinéen nannte und vozugsweise am Samstag durchführte, nicht mehr anwesend.Die Matinéen haben sich über Jahrhunderte gut erhalten und sich bis in die Verästelungen der europäischen Provinz und darüber hinaus festgesetzt.
Im Programm des Museums Rosenegg in Kreuzlingen, unter der Leitung der initiativen Kuratorin Heidi Hofstetter, haben sie seit der Gründung des Museums vor circa neun Jahren einen dauerhaften Platz eingenommen. Mit Vorliebe wird eine Kombination von Text und Musik geboten, wie etwa unter dem Titel «Guten Tag, Frau Eule!» ein literarisch-musikalisches Programm mit Texten von Wilhem Busch und dem Klinghoff-Duo.
Von ähnlicher Struktur war das literarische Menu mit Piano Häppchen unter dem provozierenden Titel «Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen». (Ehepaare wurden auf die Gefährdung hingewiesen und Haftung wurde kategorisch abgelehnt...)
Am 20. März 2011 stellte der Schauspieler Marcus Schäfer und der Akkordeonist Willi Häne Texte und Lieder des Kabarett-Urgesteins Hanns Dieter Hüsch vor. Pure Lust an der Musik konnte sich dazwischen immer wieder zeigen, sei es solo, im Duo oder Trio. Oder gar im Quintett mit der Gruppe MUYTANGO, die uns argentinische Komponisten vorstellte. Aber nicht nur strenge Klassik: Kürzlich überraschte uns das junge Duo Fabian Ziegler (ein Thurgauer) und Jonathan Salvi mit Marimba- und Vibraphon-Klängen von neuklassischen Inspiratoren wie Piazolla und Rosauro.
Auf die Frage, was denn der stupend versierte Marimbaspieler Ziegler in seinem Studium noch lernen könnte, meinte er bescheiden, es gäbe immer noch viel zu lernen. Das lieben wir doch alle: bescheidene, hochbegabte Jugendliche, die das etwas in Verruf geratene Bild der Jugend hervorragend aufmotzen! Vielleicht ist die Zeit nicht mehr ferne, in der auch Jugendliche Zuhörer die Matineen geil finden – wenn sie nur zwei Stunden später angesetzt wären...
Frau Hofstetter, wann wurde denn mit diesen Matineen begonnen und in welcher Absicht?
Wir stehen nun im 9. Jahr seit der Museumsgründung und von allem Anfang an waren sich alle Beteiligten einig darin, dass sich der historische Saal, der gut 90 Besuchern Platz bietet, hervorragend für solche Veranstaltungen eignet. Wer Matineen besucht, wird auch stärker ans Museum mit all seinen Tätigkeiten und Sehenswürdigkeiten angebunden.
Denken Sie bei der Programmierung an ein bestimmtes Zielpublikum?
Wir möchten uns gerne an jede Art von Besuchern wenden. Unser treues Stammpublikum ist in der Regel ziemlich gesetzt, wir überlegen uns immer wieder, wie man jüngere Leute dazu gewinnen könnte.
Warum fehlt denn die junge Garde, Kreuzlingen besitzt doch mit den Ausbildungsstätten ein grosses Reservoir? Ich habe z.B. beim letzten Konzert der beiden jungen Musiker keinen Erwachsenen unter 25 entdecken können...
Eine der Ursachen ist sicher, dass die jungen Studenten der pädagogischen Ausbildungsstätten Pendler sind, sie fahren am Wochenende in Richtung ihres Elternhauses. Wir versuchen stets, mit Ausbildnern und Lehrern guten Kontakt zu haben und Angebote auch ausserhalb der Matineen zu ermöglichen. Dem sind aber auch enge Grenzen gesetzt, wenn man an den Stundenplan der Lehrinstitute denkt. Was soll man denn hinter sich bringen in 50 Minuten, das reicht gut für An- und Rückfahrt, aber nicht für eine sinnvolle Vermittlung. Eine erspiessliche Beziehung haben wir zum Humboldt-Gymnasium in Konstanz, das für Sonderregelungen offen ist, wie wir überhaupt sehr glücklich sind über die Konstanzer Besucher und Besucherinnen. Zum Glück gibt es nicht nur den Einkaufstourismus.
Ich denke auch, dass die Jugend heute andere Prioritäten hat, dass da kulturell eine neue Gesellschaft im Entstehen ist und ein Auseinenderklaffen fast unvermeidlich ist.
Wie muss man sich Ihre Programmierung vorstellen? Haben Sie die Qual der Wahl oder sind Sie stets emsig am Suchen?
Wir erhalten wöchentlich Anfragen von Interpreten. Da war kürzlich ein Quartett, das sich interessierte, sich aber unmittelbar zurückzog als es hörte, dass wir anstelle eines schnell ausgestellten Schecks, eine Kollekte veranstalten. Wir verfügen über eine kleine Auswahl-Kommission, in der sich auch Jörg Engeli, Präsident der GLM, befindet. Wir können auswählen, treffen aber auch unvorhergesehen auf ein Ereignis, das wir auswerten möchten. An Ideen fehlt es uns nicht. Wir bevorzugen regionale Künstler, wobei wir diesen Bogen ziemlich weit fassen. Auch mal etwas andere Instrumente sind gefragt. Wir sprechen uns auch stets mit der GLM Kreuzlingen ab, um keine Doppelgleisigkeiten entstehen zu lassen. Eine Beschränkung macht sich in der Wahl der Instrumente bemerkbar. Riesenpauken und Gongs würden den altehrwürdigen Boden, vielleicht das ganze Haus, zum Schwingen bringen. Das liegt nicht drin, abgesehen von unseren finanziellen Limiten.
Vielleicht Paukenschläge im Torkel-Keller?
Theoretisch ja, der ist ja viel robuster. Wir möchten, wenn es sich ergibt, immer die ganze Umgebung miteinbeziehen. Auch den Hof, der schon manche Veranstaltung im Sommer gesehen hat. Die Jugendmusikschule, an der wir interessiert sind, befindet sich ganz nahe.
Sind Sie denn zufrieden mit dem Ergebnis der Kollekten?
Generell kommen wir da ans Ziel mit unserer Besucherschaft. Wenn wir mal einen, der eher seltenen Reinfälle erleben, steht auch noch der «Kultursee», eine Trägerschaft von kulturfördernden Gemeinden, die auch vom Kanton unterstützt wird, hinter uns. Sponsoren sind natürlich jederzeit gern gesehen...
thurgaukultur dankt Ihnen für das Gespräch!
***Mehr zum Thema:
MUSEUM ROSENEGG, Bärenstrasse 6, 8280 Kreuzlingenwww.museumrosenegg.ch – Tel. 071 672 8151
Nächste Matinée-Veranstaltung: Sonntag, 6. Dez. 11 Uhr«Mozart und Saint Saens» - Musikalische Matinée mitJohannes Mock, Violine; Hana Grubenko, ViolaJohannes Topius, Cello; Timon Altwegg, Klavier
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