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Das Schiffsunglück bei Berlingen im Jahr 1869
Bericht über die Explosion auf der "Rheinfall" (von Pfarrer Hans Heeb)
Es war am 20. Dezember des Jahres 1869. Jener 20. Dezember war ein schöner Wintertag. Es wehte aber ein frostiger Südwestwind. Kurz nach 2 Uhr erreichte das Dampfschiff Rheinfall - von Konstanz herkommend - die Landungsstelle in Berlingen. Der Kapitän des Schiffes war Johann Martin Maron aus Berlingen. - Weil die Bahnlinie Winterthur-Etzwilen-Konstanz erst im Jahr 1875 eröffnet wurde, fuhren die Schiffe auf dem Untersee und Rhein damals noch während des ganzen Jahres.
Bildquelle: Die Kopien der beiden Gemälde von Adolf Dietrich verdanken wir der Thurgauischen Kunstgesellschaft
In Berlingen wurden zunächst Fässer und Frachtpoststücke ausgeladen. Die für diese Jahreszeit recht zahlreichen Passagiere hielten sich im Unterdeck auf. Eine Frau, die sich nach Steckborn begeben wollte und auch im Besitz der entsprechenden Fahrkarte war, verliess zusammen mit ihrer Tochter das Schiff. Sie erklärte, dass sie die Strecke nach Steckborn noch zu Fuss zurücklegen wollten. Was aber hat diese Frau wohl bewogen, trotz des frostigen Südwestwindes diesen Entschluss zu fassen, um so - zusammen mit ihrer Tochter - der Katastrophe, die sich wenige Minuten später ereignen sollte, zu entgehen?
Ein donnerähnlicher Knall
Das Schiff wurde losgebunden und wollte weiterfahren. Nachdem es sich wenige Meter vom Landungssteg entfernt hatte, war ein donnerähnlicher Knall zu hören, gefolgt von einem langen Krachen. Die erschrockenen Passagiere versuchten so schnell wie möglich nach oben zu kommen. Der hintere Teil des Schiffes war bereits in Rauch und Dampf gehüllt. Zu sehen war allerdings noch die Kohlenglut im unteren Teil. Im vorderen Teil des Schiffes probierten Mitglieder der Schiffsmannschaft mit schwarzen, blutigen Gesichtern die verängstigten Passagiere zu beruhigen. Sie wären jetzt ausser Gefahr. Das Schiff liege bereits auf Grund. Dann aber begann das Schiff plötzlich zu sinken. Ob es gleichsam in der Mitte auseinanderbrach und so von der Mitte her unterging oder ob es mit dem Heck voran versank, vermag ich nicht zu sagen. Auf alle Fälle - die Annahme, dass das Schiff bereits auf Grund liege, war falsch gewesen. 22 Passagiere und verschiedene Besatzungsmitglieder wurden gerettet. Berlingen waren mit ihren Booten schnell zur Stelle. Die Geretteten wurden in ein nahegelegenes Gasthaus gebracht -es dürfte das «Schiff» gewesen sein. Dort wurden sie von hilfsbereiten Berlingern verpflegt und mit trockenen Kleidern versehen. Der Schriftsteller Ernst Nägeli berichtet in seiner Erzählung «De Schiffbroch vor Bedinge» folgendes - die Angaben habe er von Adolf Dietrich erhalten - : «Der junge, noch stellenlose Er-matinger Lehrer Hans Läubli habe auf der «Rheinfall» aushilfsweise Dienst getan. An der Landungsstelle in Berlingen aber habe - ebenfalls aushilfsweise - die Lehrerstochter Hanneli Brugger ihren Dienst versehen. Die beiden hätten sich sofort gut gemocht. An der Berlinger Chilbi habe Hans Läubli frei genommen und die beiden seien mitenander auf dem Tanz gewesen. Als sich das Unglück ereignet habe, sei es Hanneli Brugger dann gelungen, Hans ein Seil zuzuwerfen und ihn aus dem Wasser zu ziehen. Sie habe ihn mit nach Hause genommen und dort sei er gut betreut worden. Als Lehrer Brugger im Frühling dann von seiner Stelle zurücktrat, wurde Hans Läubli sein Nachfolger und verheiratete sich mit seiner Lehrerstochter.
Ermatinger Pfarrer kommt ums Leben.
Vier Passagiere, und ein Besatzungsmitglied sowie drei Stück Vieh kamen bei dem Unglück ums Leben.
In einem Bericht der Schifffahrtsgesellschaft heisst es, dass auch der Heizer und der Maschinist ihr Leben verloren hätten. Sicher ist, dass der Heizer - allerdings mit schweren Verbrennungen - noch in's nahe gelegene Gasthaus verbracht wurde. Vom Maschinisten erfahren wir nichts. Wäre es möglich, dass diese beiden nachträglich noch gestorben wären? Die Frage, ob das Unglück fünf oder sieben Tote forderte, muss hier offen bleiben.
Pfarrer Jakob Ackermann stand im 51. Lebensjahr und wirkte seit 1854 in Ermatingen. Er soll ein sehr geschätzter Pfarrer gewesen sein. Was heute aber sicher nicht mehr denkbar wäre - er war unter anderem auch Präsident des Frauenvereins.
Luise Seeger war 53 Jahre alt. Sie war auch Kassierin des Frauenvereins. Dieser war damals auch zuständig für den Kindergarten. Weil dieser damals in der Stube der Kindergärtnerin stattfand oder in einem Haus eingemietet war, hatte sie dem Frauenverein für den Bau eines Kindergartens bereits ein Grundstück und tausend Franken vermacht. Ernst Schärer in Berlingen, dem ich für wesentliche Angaben zu diesem Artikel zu danken habe, konnte mir sagen, dass sich Luise Seeger an jenem Unglückstag nach Schaffhausen begeben wollte, wo sie eine Patenschaft übernehmen sollte. Als Patengeschenk hatte sie bereits sechs kleine Löffel mit den eingravierten Initialen bei sich. Einer dieser Löffel wurde später im Segelnauen eines Berlinger Bauern gefunden. Die «Rheinfall» konnte nach mehrmonatigen Anstrengungen gehoben werden. Sie wurde wieder Instand gestellt und fuhr unter dem Namen Neptun dann bis 1939 auf dem See und Rhein. 1939 wurde sie altershalber als Schrott verkauft.
Explosion bleibt unerklärlich
Eine Schuld traf niemanden. Das Schiff war erst 1864 nach den gleichen technischen Grundlagen wie das Schwesterschiff l Arenaberg von Escher-Wyss in Zürich erbaut worden. Die Wartung des Schiffes war einwandfrei. Wenige Tage vor dem Unglück fand eine Reinigung und Visitation des Dampfkessels statt. Warum es zur Explosion kam, blieb rätselhaft. Drei Dinge erinnern heute noch an die Katastrophe: Beim Landungssteg in Berlingen ist der Dampfkessel der untergegangenen «Rheinfall»aufgestellt. Nach monatelangen Vorbereitungen hat ihn die Tauchsportgruppe Kreuzungen im Jahr 1995 gehoben. Bei der Nebelglocke, die heute in Berlingen bei der Landungsstelle hängt und dort gelegentlich zu hören ist, handelt es sich um die Schiffsglocke der untergangenen «Rheinfall». Auf Grund eines alten Stiches hat Adolf Dietrich im Jahr 1935 den Schiffsuntergang bei Berlingen in einem Ölgemälde festgehalten. Das Gemälde befindet sich heute im Besitz der politischen Gemeinde Berlingen.
(Quellenangabe: Dieser Artikel ist zuerst erschienen in "Bote vom Untersee und Rhein, Steckborn " am 5. 3. 2010)