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Technisches Forum Sicherheit
Frage 168: Niedrigdosisbereich – Auswirkungen auf den menschlichen Körper
Die Fragestellenden bitten um die Beantwortung der folgenden Fragen zum Thema ionisierende Strahlung im Niedrigdosisbereich. Sie definieren dazu die Begriffe «Niedrigstrahlung» für die ionisierende Strahlung mit einer Dosis von weniger als 100 mGy oder einer Dosisleistung von weniger als 5 mGy/h und «Niedrigststrahlung» für ionisierende Strahlung mit einer Dosis im Bereich von 0.00001 mSv (nSv – µSv):
- Es ist anerkannt, dass die Belastung mit ionisierender Strahlung bei Keimzellen Mutationen verursachen kann (z. B. gehäuftes Auftreten von Down-Syndrom /Trisomie 21 nach Strahlenexposition). Weil Mutationen in den Keimzellen vererbbare Auswirkungen haben können, lässt sich die logische Schlussfolgerung ziehen, dass die Strahlenbelastung der Geschlechtsdrüsen beim Menschen zu vererbbaren Schäden führen kann. Kann zum heutigen Zeitpunkt ausgeschlossen werden, dass der belegte Shift bei der Geschlechterverteilung bei Lebendgeburten im Umfeld von AKWs auf einen solche Keimzellen-Mutationen zurückgeführt werden kann? Falls dieser Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden kann, müsste ihm dann gemäss Vorsorgeprinzip nicht in der Gesetzgebung Rechnung getragen werden? Falls ja, wie?
- Die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz (KSR) stellt sich auf den Standpunkt, es sei bisher kein Beweis dafür erbracht worden, dass das Geschlechterverhältnis durch ionisierende Strahlung verändert wird (KSR 2011). Ist die Aussage richtig, dass ein fehlender Beweis für eine Beobachtung noch nicht bedeutet, dass die Beobachtung falsch ist, und dass vielmehr der Umkehrbeweis bis heute nicht erbracht werden konnte, dass nämlich ionisierende Strahlung keinen Einfluss auf das Geschlechterverhältnis hat? Wie könnte ein solcher Umkehrbeweis erbracht werden? Wie müsste gemäss Vorsorgeprinzip vorgegangen werden, solange dieser Beweis nicht erbracht ist?
- Hagen Scherb und Kristina Voigt kommen in ihrer Publikation vom 19. 2.2011 zum Schluss, dass sich der atmosphärische Atombombentest-Fallout insgesamt auf das menschliche Geschlechterverhältnis bei der Geburt auswirkte, und dass der Tschernobyl-Fallout ähnliche Auswirkungen in Europa und Teilen Asiens hatte (Scherb & Voigt 2011). Auch die Geschlechtschancen bei der Geburt in der Nähe von Atomanlagen seien verschoben. Die Schätzung des Einflusses auf das globale Geburtendefizit liegt gemäss Publikation im Bereich von mehreren Millionen Menschen. Können solche Publikationen negiert werden, ohne eine Diskussion über die Thematik zuzulassen?
- Es ist allgemein anerkannt, dass jede Exposition durch ionisierende Strahlung, selbst bei niedrigsten Dosen, das Risiko für Zellveränderungen birgt. Diese müssen nicht zu Krankheiten wie Krebs und/oder Erbkrankheiten führen, sondern können auch andere Auswirkungen haben, welche gemäss heutiger Genomforschung unberechenbar sind. Wer hat in Anbetracht dieser Eventualitäten die Kompetenz festzulegen, welches Risiko nicht nur für die heute lebenden Menschen, sondern auch für tausende von nach ihnen kommenden Generationen tolerierbar ist? Es ist als allgemeines Ziel anerkannt, die Strahlenexposition so gering wie möglich zu halten. Müsste das im Zusammenhang mit dem Linearitätsprinzip nicht bedeuten, auf eine „End-” Lagerung zu verzichten und die radioaktiven Abfälle nur zeitlich befristet im Untergrund zu lagern, und zwar so lang, wie gar keine Strahlung an die Oberfläche gelangt? Wäre es nicht künftigen Generationen geschuldet, in diesem Zeitraum in Verfahren zu investieren, welche eine ewige „End”- Lagerung überflüssig machen und damit die Emission von Niedrigstrahlung verhindern?
- In Langzeitstudien von Mitarbeitern nuklearer Anlagen (so etwa von Mayak) haben Studien verschiedene Krankheiten erfasst, die häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung auftreten. Insbesondere sind hier Grauer Star, Herzinfarkte, Parkinson, mental and behavioral disorder u.a.m. zu nennen. Welche Krankheiten sind durch Strahlenexposition öfters als im epidemiologischen Durchschnitt? Werden Mitarbeiter in nuklearen Anlagen der Schweiz gesundheitlich regelmässig abgeklärt und ihre Langzeitgesundheit auch nach einem Stellenwechsel oder der Pensionierung dokumentiert und ausgewertet? Gibt es Massnahmen auf Grund der wissenschaftlichen Studien, die bereits umgesetzt wurden oder noch werden? Gibt es epidemiologische Studien, die im Zusammenhang mit dem Fallout der nuklearen Tests eine Zunahme dieser Krankheiten beschreiben?
Referenzen
KSR (2011): Stellungnahme der KSR/CPR zur Publikation von Scherb und Voigt über einen möglichen Zusammenhang zwischen Strahlung und Geschlechterverhältnis, Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität, 10. Oktober 2011
Scherb H. and Voigt K. (2011): The human sex odds at birth after the atmospheric atomic bomb tests, after Chernobyl, and in the vicinity of nuclear facilities, Environ Sci Pollut Res 18:697–707.doi10.1007/s11356‐011‐0462‐z. https://link.springer.com/article/10.1007/s11356-011-0462-z
|Thema||Strahlenschutz||Bereich||Strahlenschutz|
|Eingegangen am||3. Oktober 2022||Fragende Instanz||FG Si ZNO|
|Status||offen|