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Vor kurzem deckten die Uber Files auf, dass renommierte Finanz- und Wirtschaftsprofessoren in Frankreich und Deutschland im Jahr 2016 für Uber Berichte verfasst hatten, in denen sie die Verdienste des Unternehmens in Bezug auf die Verkehrsanbindung von städtischen Randgebieten und die Steigerung der Produktivität lobten.
Es zeugt von einer gewissen Doppelbödigkeit, sogar von Zynismus, dass die Verfasser der Berichte den Stundenlohn der Fahrer in Höhe von 20 Euro hervorhoben (ohne Berücksichtigung der Versicherungs- und Treibstoffkosten), während sie selbst jeweils 100’000 Euro für diese Lobbyarbeit erhalten haben sollen.
Ganz allgemein ging es darum, die Uberisierung der Wirtschaft zu fördern, was in Wirklichkeit die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen vorantreibt.
Die abgeschirmte akademische Welt der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften spielt so eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung von Sonderinteressen. Die Tatsache oder die Hoffnung, zusätzliche Honorare von grossen (Finanz-)Institutionen zu erhalten, ist Anreiz genug.
Die Medien liefern gelegentlich Beispiele dafür. Laut der französischen Monatszeitung Le Monde diplomatique vom Mai 2011 soll vor der Finanzkrise von 2008 ein renommierter Professor der London Business School grosszügig dafür honoriert worden sein, einen Bericht über die Glanzleistungen des isländischen Finanzsektors zu verfassen.
Bekannterweise gingen in der Folge die drei Grossbanken des Landes innerhalb von wenigen Tagen in Konkurs.
Diese von den Medien an die Öffentlichkeit getragenen Beispiele sind nur Teil eines Gesamtphänomens und werfen ein grelles Licht auf die Korruption in akademischen Kreisen.
Zur besseren Einschätzung und Einordnung dieses Phänomens ist zu bemerken, dass die ersten eigenständigen Universitätsdepartemente für Finanzwissenschaft erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstanden sind. Zuvor gehörten die wenigen auf diesem Gebiet tätigen Professoren zu den Universitätsdepartementen für Volks- oder Betriebswirtschaftslehre.
Zu dieser Zeit begann der Neoliberalismus mit seinen Deregulierungs- und Privatisierungswellen eine dominierende Rolle zu spielen. Professoren mit einer herkömmlichen Ausbildung in Volks- oder Betriebswirtschaftslehre konnten auf die neuen Fragen der Finanzinstitutionen keine zufriedenstellende Antwort liefern.
Es ging um nicht mehr und nicht weniger als eine Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells. Die traditionelle Aufgabe der Grossbanken, bei der ein Gewinn aus der Differenz zwischen Kreditgeber- und Kreditnehmer-Zins erwirtschaftet wird, war und bleibt ein langsames Geschäft und ist für die neuen Bankiergenerationen geradezu langweilig.
Aufgrund der Deregulierungs- und Privatisierungswellen einerseits und des technologischen Fortschritts andererseits entwickelten sich weitere Tätigkeitsgebiete, die erhebliche und schnelle Gewinne versprachen.
Mit den Aktivitäten der Fusionen & Akquisitionen sowie der Entwicklung riesiger Handelsräume, wo Aktien, Obligationen, Derivate und so weiter gehandelt wurden, entstanden auch die akademischen Disziplinen rund um die Unternehmensfinanzierung und -bewertung („Corporate Finance“) sowie die Kapitalmarktheorie („Market Finance“).
Im letzteren Fall war eine Grundausbildung in Mathematik, Physik oder Informatik häufig nützlicher als ein Abschluss in Wirtschaftswissenschaften.
So entwickelte sich schnell eine Casino-Finanzwirtschaft. Die Grossbanken erreichten internationale Dimensionen und wurden systemrelevant, sodass sie bei unverhältnismässigen Risiken und zu grossen Verlusten auf staatliche Unterstützung zählen können.
Dies alles selbstverständlich im Namen des Liberalismus. Es musste daher ein Lehrkörper aus dem Boden gestampft werden, der die zukünftigen Experten auf diesen beiden Gebieten ausbilden konnte.
Die Kosten für diese Ausbildungen, die ursprünglich vielfach vom Privatsektor getragen wurden, insbesondere von Business Schools, wurden im Rahmen von akademischen Ausbildungen zunehmend der öffentlichen Hand übertragen – und somit vom Steuerzahler finanziert.
So werden heutzutage beispielsweise Gelder des öffentlichen Haushalts dazu verwendet, die zukünftigen Manager von Hedgefonds auszubilden.
Das Hauptziel dieser Fonds besteht darin, den Superreichen die Möglichkeit zu geben, noch reicher zu werden. Ein Mindestmass an Anstand würde es erfordern, dass diese privaten Strukturen die besagten Kosten selbst tragen.
Die Grossbanken, welche die Schaffung dieses Lehrkörpers vorantrieben, waren bestrebt darin, sich bei Bedarf in das Gewand der Wissenschaftlichkeit hüllen zu können. So ist es für sie beispielsweise besonders nützlich, die absurd hohen Vergütungen ihrer Geschäftsleitungen trotz teils katastrophaler Leistung „wissenschaftlich“, das heisst aufgrund von „akademischen“ Publikationen, zu rechtfertigen.
Die betreffenden Finanzinstitutionen wollten gegebenenfalls über akademische Söldner verfügen können, die sich öffentlich zu ihren Gunsten positionieren, oder über dienstbare Lakaien, die es vorziehen, zu schweigen.
Dies war ein strategischer Schachzug gegen diejenigen, die es wagten, die übermässig hohen Vergütungen und ganz allgemein die Casino-Finanzwirtschaft zu kritisieren.
In vielen öffentlichen Universitäten, insbesondere in Deutschland und in der Schweiz, werden Finanzprofessoren dank der Steuerzahler gut entlohnt. Es wäre daher logisch, wenn sie sich der Förderung des Gemeinwohls und den Interessen der Mehrheit widmen und die Fehlentwicklungen des Finanzsektors untersuchen sowie Lösungen vorschlagen würden, anstatt ihre Lehr- und Forschungstätigkeit auf dessen Bedürfnisse auszurichten.
Eine kritische Analyse der übermässigen Macht dieses Sektors und der Uberisierung der Wirtschaft drängt sich auf.
Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Zeitung Le Temps am 19. Juli dieses Jahres.