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Es ist ein scheusslicher Winterabend im Jahr 1988. Die damals 63-jährige Rosamunde Pilcher sitzt allein im riesigen viktorianischen Familienanwesen im schottischen Dundee und wartet auf ihren Gatten Graham. Plötzlich klingelt das Telefon, es ist ihre älteste Tochter aus Amerika, die aufgeregt meldet: «O Mami, du bist auf der Bestsellerliste.» Dann holt sie Pilchers Verleger an den Apparat. «Wir haben es geschafft, in nur zwei Wochen!», ruft dieser euphorisch.
Auch der Agent der bis dato unbekannten Schriftstellerin jubelt. Während Pilchers Tochter mit den Herren in New York freudetrunken am Champagner nippt, hat Pilcher keinen, mit dem sie den Moment feiern könnte. «Ich habe es meinen Hunden Tasha und Dora erzählt», erinnert sich die Schriftstellerin später an ihren Durchbruch. Pilchers Roman «Die Muschelsucher» katapultiert die Britin kurz vor dem Rentenalter über Nacht in die Liga der Superstars.
Die «Königin des Kitsches» im Kriegsdienst
Zu schreiben begonnen hat die «Königin des Kitsches», wie Pilcher in den Feuilletons oft abschätzig genannt wurde, schon als junges Mädchen. In der Nähe des Künstlerdorfes St Ives in der Grafschaft Cornwall geboren, wächst «Ros» Scott als Tochter einer musisch begabten und resolut strenggläubigen Schottin und eines kleinen Kolonialbeamten auf. Der Ort ihrer Kindheit und Jugend dient in Pilchers Romanen als romantischer Lokalkolorit.
Als Teenager segelt sie viel, meldet sich mit 18 zum Kriegsdienst beim Women’s Royal Naval Service in Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) und absolviert dort einen Sekretärinnenkurs. «Uns umschwärmten gut aussehende Männer. Waren wir nicht in der Schreibstube oder U-Boote putzen, gingen wir schwimmen. Wir waren frei und fröhlich – obwohl Krieg herrschte.»
«Ich war niemals verrückt vor Liebe»
Ein Frauenmagazin in London veröffentlicht erstmals eine ihrer Kurzgeschichten, zahlt Jane Fraser (so ihr damaliges Pseudonym) dafür 15 Pfund. Das Mädchen ist entzückt. «Nichts auf der Welt besitzt mehr Magie als jener Moment, wenn man jung ist und für sein erstes Stück Arbeit Geld erhält.»
Romantik war nicht ihr Ding. Ihren Ehemann Graham Pilcher, einen Offizier und Jutekaufmann, lernt sie nach dem Zweiten Weltkrieg kennen. 1946 heiratet das Paar, lässt sich in Dundee nieder, wo Pilchers Mann im Textilunternehmen seiner Familie arbeitet.
«Ich war niemals verrückt vor Liebe, ich bin keine Romantikerin», erklärte sie selbst im Beisein ihres Mannes. Als er 2009 an Herzschwäche stirbt, kann sie nicht weinen. «Ich habe ihn zu sehr geliebt.» Was für eine unromantisch- romantische Liebeserklärung. Vier Kinder hat das Paar, zwei Söhne, zwei Töchter. Nur Robin tritt in die Fussstapfen seiner Mutter, wird auch Schriftsteller.
Laptop? Nicht für Rosamunde Pilcher!
Eine uralte «Klapperkiste», die Rosamunde auf dem Dachboden ihrer Schwiegermutter findet, dient ihr lange Zeit als Schreibgerät. Als ihr Mann sie eines Tages mit einem Laptop überrascht, gibt sie das Geschenk einfach weiter. Selbst als sie Millionen verdient, bleibt sie schottisch sparsam.
Als ein Journalist wissen will, was sie mit ihrem neuen Reichtum anfange, antwortet sie: «Als der Frühling kam, schaute ich aus dem Fenster meines Schlafzimmers und sagte mir, okay, ich kann jetzt Geld ausgeben. Aber was will ich wirklich? Da kaufte ich mir einen Traktor, um das Gras zu mähen.» Pilcher, die clevere Geschichtenerzählerin.
Vermögen von 226 Millionen Franken
Sie hinterlässt ein Vermögen von schätzungsweise 226 Millionen Franken. Ausgegeben hat sie davon wenig. «Es käme mir nie in den Sinn, einfach nur zum Einkaufen nach London zu fahren.» Viel mehr schätzte die Schriftstellerin den Komfort eines warmen Hauses, gutes Essen, guten Wein und die Möglichkeit, diejenigen einladen zu können, deren Gesellschaft man liebt.
Nur einen Traum hatte sie: ein Mercedes 500-SL Cabrio. Sie beliess es beim Träumen. «Das geht nicht, damit kann ich mich doch hier nicht sehen lassen», so ihr Kommentar. Und so fuhr sie einfach Ford.