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Wenn Theorie am Schreibtisch entsteht und nicht im Feld (wie in der empirischen Forschung), verliert sie schnell den Bezug zur Praxis - in unserem Fall zu kreativen Menschen, die mit Ideen, Techniken, Materialien und gesellschaftlichen Grenzen ringen. Es ist immer möglich, dass Theorien ihrer Natur nach wirklichkeitsfern sind, weil zu allgemein. Wie weit ich diesen Ansatz mit meinen beschränkten Mitteln ausarbeiten kann, wird sich weisen. In dieser Folge meiner objektivistischen Ästhetik geht es mir vor allem um die Motivation des Künstlers und um das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk. Die von Ayn Rand entlehnte Bezeichnung "objektivistisch" soll die Subjekt/Objekt-Dualität "objektiv" angehen, und zwar in einem soziologischen und sozialpsychologischen Sinn. Dabei geht es auch um Werte und im Vorfeld um Ideologie. Meine Position ist nicht einfach "antisubjektivistisch" und gegen Kant gerichtet (obwohl auch dies), sie ist in einem praktischen Sinn "antisozialistisch" und in einem theoretischen Sinn "antiatomistisch", das heisst: Kulturheroen wie Goethe, Beethoven oder Hegel fallen nicht einfach vom Himmel, sondern sie sind als Individuen ein unerwartetes (zuweilen unwillkommenes) Produkt einer komplexen gesellschaftlichen Situation mit einer widersprüchlichen Geschichte im Hintergrund. Das passende Bild dazu wäre die Blume, die aus dem Schmutz hervorspriesst und allen Widerwärtigkeiten trotzt. Das menschliche Potenzial ist immer da, aber es fehlt meistens an Wille und Kraft. Meine Herangehensweise ist im Prinzip naturalistisch, wobei mein Naturalismus genauer als gesellschaftlicher Realismus verstanden werden sollte. (1)
Grenzen der künstlerischen Freiheit
Wir wollen nicht mit einem theoretischen Netz fischen gehen, das nur ein paar wenige "erleuchtete" Fischchen einfängt, ansonsten aber nutzlos im Meer der Weltgeschichte den Strömungen ausgesetzt ist. Nun, was haben wir bis jetzt im Inventar? Was könnten Leitfragen sein, oder Eckpunkte? Abgesehen von einer grundsätzlich historischen (und anti-linken) Einstellung soll hier folgendes vertreten werden: sicher kein Relativismus, keine moralisierende Ethik, keine neue Philosophie (vom Typ "wir wissen nichts aber sagen alles"), keine Gewissheiten, und kein Anspruch auf Vollständigkeit, dafür aber Inspirierendes und Offensichtliches wie:
- die Motivationen des Künstlers
- das (wechselnde) Verhältnis des Künstlers zu seinem Werk
- Material und technische Möglichkeiten (auch das Können)
- Normen und Abweichungen davon (Konformismus und Devianz)
- der Kunstmarkt und Verdienstmöglichkeiten für Künstler
- Publikum und Kunstkritiker (Anerkennung oder Ablehnung)
- Verständnis und Missverständnis (auch Erfolg und Misserfolg)
Abgesehen von der Motivation des Künstlers lassen sich die anderen Aspekte des Kunstvorgangs alle als limitierende Faktoren ansehen, seien diese nun vom Willen, Fleiss und Können der kreativen Person abhängig oder nicht. Also, künstlerischer Flow auf der einen Seite, Hindernisse und Engpässe auf der anderen. Es scheint mir nicht besonders interessant, die Motivation des Künstlers unter limitierende Faktoren zu subsumieren. Theoretisch wäre das mit einer Begründung möglich, aber mein dualistischer Geschmack zieht die Gegenüberstellung Kunst - Nichtkunst allgemein vor (nicht alles ist potenziell Kunst oder Kultur). Das ist wieder eine Entscheidung, die nicht für alle gleich gefällt werden kann. Wenn wir nun Material, Normen, Publikum, Markt und Rezeption unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt betrachten, wird eine ganz allgemeine Frage auftauchen: Was bringt eine solche Diskussion in Gang? Diese erste Formulierung ist noch sehr unpräzis, sie scheint nicht viel zu enthüllen. Wenn wir das neutrale Wort "Diskussion" mit "Urteil" (und dem, was auf ein Urteil folgen mag) ersetzen, lässt sich schon eher sehen, was für eine Energie im Ringen um Anerkennung steckt. Auf den Punkt gebracht, auf den es mir in meinen Beiträgen ankommt: Konflikt ... Konflikt und dessen glückliche oder tragische Überwindung. Aufgang und Niedergang von Individuen, Praktiken, Richtungen, Publikumsvorlieben (Moden), Lehrmeinungen, Markttendenzen, Geldquellen usw. Es geht letztlich um Kreativität und um den Selbsterhalt des Künstlers - das eine fördert oder beschränkt das andere. Wenn der / die Künstlerin aus einem bestimmten Grund das Kunsthandwerk nicht mehr ausführen kann, wird er / sie für den Kunstbetrieb irrelevant. Das liegt auf der Hand, aber es geht uns in diesem Abschnitt eben um eine Theorie und Semiotik der Kunst - alle Phasen des Kunstprozesses als Zeichen "für oder gegen etwas" gelesen. Wir wollen uns Klarheit verschaffen und versuchen deshalb, das "Normale" am Kunstvorgang stilsicher zu formulieren - das, was wir aus Sicht des Künstlers gewärtigen sollten, um etwas Treffendes aussagen zu können. Meine nächste theoretische Entscheidung: Um weiter den Anschluss zu kriegen behaupte ich, dass in unserem speziellen Zusammenhang Konflikte auf "fehlender Zufriedenheit" zurückzuführen sind: Ekel, Irritation, Dissatisfaktion (2), will sagen, soziale und historische Erwartungen, die nicht erfüllt werden, oder ein Konfliktpotenzial, das immer schon da war und jetzt sichtbar wird (als Provokation oder anders). Dissatisfaktion als Zustand drückt sich in Ablehnung als Verhalten aus. Die psychologischen Vehikel, die wir hier entlehnen, sollen aufzeigen, wo eine Kunstsemiotik ansetzen kann, nämlich bei Zeichen (im weiteren Sinne), die einen Zustand "kennzeichnen" und ein Verhalten auslösen. Zeichen sind nicht statische, quasi-ästhetische Phänomene, die in sich selbst ruhen, kontempliert und entsprechend beurteilt werden könnten. Menschliche Kultur ist sozial und eben "menschlich", abhängig, konfliktträchtig, und mit "inneren und äusseren" Intentionen gesättigt (die Unterscheidung intrinsisch / extrinsisch auf Absichten angewendet, nicht auf sehr schwierig zu definierende Werte). Das scheint zunächst klar, aber Menschen sind ganz und gar widersprüchlich (wie Coleridge wusste). Wie ist zum Beispiel zu erklären, dass ein Filmkritiker einen Film lobt, der mir als einigermassen gebildeten Menschen langweilig oder sogar peinlich vorkommt? Gleiches für auffällig angepriesene zeitgenössische Literatur, die mir manchmal nur Beziehungskisten mit eingestreuten Obszönitäten zu sein scheint, oder noch schlimmer: ein genre-übergreifendes Mischmasch von halben Figuren, halben Geschichten und losen Enden, die sich nicht spielerisch verknüpfen lassen, da wegen postmoderner Ermüdung das Spielerische erlahmt und eine Handlung nur noch "den Anschein einer Handlung" zu sein vorgibt - warme Luft für avantgardistische Geister. Nun ein Blick ins turbulente Künstlerleben!
Die Motivation des Künstlers
In diesem Abschnitt werde ich versuchen, die Sicht des Künstlers einzunehmen. Ich möchte vorausschicken, dass ich dem Common Sense folge ohne in Sachen Philosophie "sehr englisch" und "sehr antideutsch" zu sein. Mit einem Lächeln nehme ich zur Kenntnis, dass die Briten eben das Rad ein zweites Mal erfinden müssen, um damit zufrieden zu sein (zum Beispiel Idealismus ohne Dialektik, oder Sprachphilosophie ohne Syntax). Davon habe ich mich bei aller Sympathie zu England und zum englischen 19. Jahrhundert nie beeindrucken lassen. Angenommen, es gibt eine Subjekt/Objekt-Trennung und eine Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre (pragmatisch notwendig, aber unzutreffend), dann möchte ich mit den amerikanischen Pragmatisten (plus A. N. Whitehead und A. Rand) die Relation von Subjekt und Objekt "objektiv" verstehen (objektivistischer Zugang). Objekt kann alles sein: das Material, die Technik, die Tradition, geltende Normen in Kunst, Geschäft und Moral, das Publikum, die Kunstkritik, die Biographie des Künstlers insofern er / sie sich von persönlichen Erlebnissen inspirieren lässt (Gefühle, Träume und Vorstellungen). Das Neue als Gegenstand kann kein Objekt sein bevor es im Schaffensakt entsteht, wohl aber das Gefühl und der Gedanke des Aufbruchs, des Ausbrechens und Experimentierens (das Konzept ist ein Objekt). Es gibt demnach Objekte, die eher ein Ding sind (auch soziale Tatsachen), und andere, die eher einer Idee entsprechen. Das war zu erwarten, aber es schadet nicht, sich erneut Klarheit darüber zu verschaffen. Platons Ideenlehre lässt verschiedene Anwendungen zu, man braucht sie nur an den Kontext anzupassen. Nun denn, es scheint, das Künstler mehr oder weniger introvertiert / extrovertiert sind und abgesehen von materiellen Interessen mehr oder weniger emotionale Motivationen haben. Ich sehe drei Arten der Motivation:
I - Genuss / Schaffensdrang / Ehrgeiz (aktives Erleben)
II - Leiden / Autotherapie / Selbstfindung (passives Erleben)
III - Denken / Überzeugung / Sendungsbewusstsein (geistiges Erleben)
Zum Vergleich mögliche Motivationen des Betrachters: Genuss, Ablenkung, Bildung, Kunstgeschäft, Schmuck am Arbeitsplatz, Suche nach Prestigeobjekten um sozialen Status zu markieren. Vielleicht auch Langeweile und andere unerfreuliche Gründe. Die Frage, warum es überhaupt "Verwender" von Kunsterzeugnissen gibt, deckt sich praktisch mit der Frage, warum es so etwas wie Kunst gibt.
Nicht alles ist Kunst
Es liesse sich lässig sagen, dass ja alle Menschen so motiviert sind wie Künstler. Vermutlich würde das dann gleich zum Anlass genommen, aus einem falschen Gefühl der Gerechtigkeit heraus alle Mitglieder der Gesellschaft als "potenzielle Künstler" (Literaten, Intellektuelle) zu betiteln und ihnen solche Rechte automatisch zuzusprechen. Wer es nicht schafft, ist Opfer der Gesellschaft, ganz einfach. Blicken wir zurück! William Morris, John Dewey und andere Linksintellektuelle haben zu ihrer Zeit versucht, von einer durchwegs erbaulichen, aber für Dritte opaken "konkreten Erfahrung" aus die Kunsterfahrung theoretisch zu begründen. Die allgemeine Auffassung war, dass etwas Hohes auf etwas Tiefem ruhen muss, um wirklich zu sein. Dabei wurde der Begriff der Kunst so auf Lebenswelt und Durchschnittsbürger (Mann oder Frau) überdehnt, dass jeder Mensch "potenziell ein Künstler" genannt werden kann. Von meinem Standpunkt aus gesehen, muss diese falsche Demokratisierung der Kunst abgelehnt werden. Wenn alles da oben "Wolke" genannt wird, weiss man am Ende des Tages nicht mehr, wie man über den blauen Himmel sprechen soll. Die Ästhetik des Alltags ist selbst nicht Kunst, sondern eine hübsche Art, sich einzurichten und Ordnung in sein Leben zu bringen. Das ganze Leben ist eine Kunst oder ein Kampf, aber das sind metaphorische Sprechweisen. Umgebungen, Gebrauchsgegenstände, Natureindrücke, Wünsche, Ängste oder was auch immer sind vielleicht Anlässe für das Erinnern, Denken, Deuten und Schaffen, aber nicht bereits Kunst. Denn Kunst ist wie alle Kultur eine Umwandlung von etwas in etwas anderes - von etwas Negativem in der Natur zu etwas Positiven in der Kultur (nicht moralisch gemeint). Ohne Natur formuliert gibt es in einer Gesellschaft Potenziale in Kunst und Wissenschaft, die verwirklicht werden oder nicht (potenzielle Künstler und Gelehrte). Was als "schön", "wertvoll" oder "heilig" gilt, ist Konvention (nicht Natur). Etwas ist schön, weil es die Tradition so will. Es verwundert nicht, dass ein Ausbruch aus dem Bekannten gerne als Provokation - oder einfach als "hässlich" - angesehen wird. Es erhebt sich die Frage, wie sich etwas Neues im Kunstbetrieb überhaupt etablieren kann, und an was dieses Neue zu erkennen gibt, dass es mehr als eine Schrulle oder eine Mode ist. Wie kann ein Zeichen seine Wertigkeit umkehren und plötzlich positive Reaktionen auslösen? Das Zeichen bleibt objektiv betrachtet das gleiche, aber Sender und Empfänger werten und verwenden es anders. Dies tun sie deshalb, weil sich etwas in der Rezeption verändert hat. Entweder weil Werte "umgewertet" werden (wie in unserer Zeit), oder weil das Kunstprodukt einer anderen Kategorie zugerechnet wird, und damit auch andere Erwartungen erfüllen kann. Umwertungen vom Negativen ins Positive seit dem späten 19. Jahrhundert sind zum Beispiel leere Fingerfertigkeit bei Virtuosen oder dumpfe Provokation bei Literaten und Philosophen (allgemein eine ideologische Einstellung bei heutigen Akademikern). Früher hat man sich mit solchen Attitüden den Ruf ruiniert, heute gelten solche Sachen als normal. Dieses Adjektiv deutet schon darauf hin, dass sich Normen (Konventionen) ändern, und zwar als Aspekt des allgemeinen sozialen Wandels. Veränderungen in der Gesellschaft müssen nicht im Sinne der Tradition "wertgeleitet" und wünschenswert, sondern sie werden primär durch Geld und Einfluss generiert oder künstlich verstärkt. Geld und Einfluss greifen dort, wo menschliche Bedürfnisse im Spiel sind, wo mit Bedürfnissen gespielt werden kann. Das wären einmal die Machtmittel. Dazu kommt die Rückseite der Demokratie, die mit der Masse rechnet, aber nicht mit der Bildung der Masse rechnen kann. Das Volk besteht halt nicht aus Künstlern und Intellektuellen, die alle das Gute verstehen und dieses auch wirklich wollen. Aufrichtige und tüchtige Künstler und Intellektuelle sind eine verschwindend kleine Minderheit. Bildung und Demokratie gehören zusammen, aber die Zukunft dieser Art der politischen Organisation ist sehr ungewiss.
Satisfaktion / Dissatisfaktion
Wir gehen von zwei Extremfällen aus, bei denen hinsichtlich Erwartungen Zufriedenheit oder Unzufriedenheit vorherrscht (Satisfaktion oder Dissatisfaktion in meiner Terminologie). Dies tun wir nach dem allgemeinen Schema Harmonie / Konflikt, wobei wir ebenso gut von einer erfolgreichen oder erfolglosen Übermittlung einer Botschaft (oder künstlerischen Absicht) sprechen könnten, was näher bei der Semiotik ist. In diesem Sinne nennen wir die Akteure "Sender", "Empfänger" und der anonyme "Zeitgeist", der als Gefäss für Werte, Normen und Vorurteile auch eine Ursache ist. Wir nehmen wieder die Perspektive des Künstlers ein, denn er / sie ist Anfang und Ende der gelebten Kreativität, zwar nicht der Voraussetzungen der Kunst, aber der Ausführung dessen, was im Brennpunkt seiner / ihrer Inspiration als erstrebenswert und möglich erscheint. Wir wollen, wie gesagt, von zwei Idealfällen ausgehen, um zum interessanten Fall zu gelangen, der als Konflikt gelebt wird.
Fall 1 - alles passt - tout va bien - also (SSSSS):
Künstler (S) - Techniken und Materialen ermöglichen das Kunstwerk (S) -
Kunstliebhaber (S) - Schulmeinung (S) - Kunstmarkt (S)
Fall 2 - Nichts geht mehr - rien ne va plus - also (DDDDD):
Künstler (D) - Techniken und Materialen ermöglichen das Kunstwerk (D) -
Kunstliebhaber (D) - Schulmeinung (D) - Kunstmarkt (D)
gemischter Fall - jener, der uns am meisten interessiert (SSDDD);
Künstler (S) - Techniken und Materialen ermöglichen das Kunstwerk (S) -
Kunstliebhaber (D) - Schulmeinung (D) - Kunstmarkt (D)
Zur "Schulmeinung" gehören Kunstkritik und Kunsthistorie: wie das gebildete Verdikt in einer bestimmten Epoche ausfällt (S oder D), dies mit dem Verweis, dass sich die Haltung der Kritiker / Historiker mit der Zeit wandeln kann. Analog zur Politik lassen sich "konservative" und vermeintlich "zukunftsgerichtete" Gruppen von Kunstbeteiligten ausmachen, typisch in der Musik des 19. Jahrhunderts. Wir gehen gleich zum wirklichkeitsnahen Fall (SSDDD). Das Neue erscheint, wird bekämpft, ausgeschlossen, sinnentleert, lächerlich gemacht - der Künstler und sein Werk. Inklusion und Exklusion. Konflikt und dessen Überwindung. Wie ist so etwas denkbar? Klar, man kann sich diese Situation gut vorstellen, aber wie ist sie theoretisch sauber zu fassen? Denn die Frage nach dem Neuen, nach dessen objektiver Emergenz und dessen Anerkennung als künstlerische Leistung ist keine einfache. Wie erklären wir, dass ein hervorragender Künstler die Situation (SSDDD) gewärtigen muss, und ein Kunsthändler hundert Jahre nach seinem Wirken einen Markt bedienen kann, der sich in Bezug auf seine Kunst theoretisch gesprochen zu (SSSSS) gewandelt hat? Was hat den Meinungsumschwung verursacht oder begünstigt? Wie steht es mit Urteilen und Kompetenzen? Wer kann etwas, wer weiss etwas, wo ist Mode das Geschäft? Die Kunstkritiker machen das Wetter nicht alleine, besonders wenn sie untereinander uneins sind, was neue Kunst, neue Musik und neue Literatur sein kann und sein darf. Und wo wäre in dieser begrifflichen Einrahmung der Platz für die Semiotik? Dieser Frage soll später in Teil VI nachgegangen werden.
Weiter unten werden wir ein paar Gedanken zur Metaphysik des Neuen notieren. Hier fragen wir wieder nach der Motivation, aber diesmal im Hinblick auf den Drang, Grenzen zu überschreiten und eine eigene künstlerische Identität zu erlangen. Was daraus resultiert, ist das Neue (das neuartige Werk). Wie lässt sich das fassen, wenn eine kreative Person eigene Wege einschlägt, also etwas tut, das nicht direkt erlernt wurde? Nun, es bieten sich mehr psychologische und mehr soziokulturelle Erklärungen an. Der Künstler weicht von einer geltenden Norm, von bekannten Techniken oder vom geläufigen Geschmack ab, weil er / sie ...
a) provozieren möchte (auf sich aufmerksam machen, Geschäftssinn, manchmal auch einfach Inkompetenz)
b) weil die letzte Konsequenz es verlangt oder möglich macht, ein künstlerisches Sujet auf die Spitze zu treiben (Perfektionismus)
c) Spiel- und Experimentierfreude (Prozess vor Produkt)
d) ein glücklicher Irrtum führt zu einer unbeabsichtigten Innovation (nicht als Folge von Inkompetenz)
e) eine unglückliche Lebensphase führt zu einer Disruption des Kontinuums der persönlichen Identität, entsprechend Selbstverständnis als Künstler (pathologisch oder nicht)
f) weil der künstlerische Ausdruck nicht primär Ausdruck einer Einzelperson ist, sondern einer Antibewegung oder einer Subkultur (alternative Gruppen), mit der sich der Künstler identifiziert
g) wie beim letzten Punkt, aber in Bezug auf eine Religion oder einen weltlichen Glauben (Ideologie)
So kann man sich in etwa die subjektive Seite des Künstlerlebens vorstellen. Was zwischen Schaffensimpuls und öffentlicher Unzufriedenheit (Dissatisfaktion) steht, ist der Begriff der Devianz. Devianz ist nicht immer eine Intention und nicht einmal immer eine aktive Handlung. Devianz soll hier allgemein bedeuten, dass der Künstler (absichtlich oder nicht) zu etwas vordringt, das neu, provokativ und von Akademikern und Konformisten meist als "falsch" und "hässlich" aufgefasst und verworfen wird. Historisch gesehen sind das "objektive" Urteile (unter gegebenen Voraussetzungen), denn sie wurden tatsächlich gefällt (sie lassen sich kontextualisieren). Sie sind jedoch nicht "objektivistisch" in dem Sinne, dass sie den ganzen Kunstvorgang subjektiv, intersubjektiv und objektiv nachvollziehen oder gleichsam "abbilden". Es wird eine Perspektive eingenommen - die des Kritikers, die des Historikers, die der Hüter der Moral - und von dieser Warte aus wird dann etwas dargestellt. Man mag das "objektiv" oder "intersubjektiv" nennen, wir haben es jedenfalls nicht mit einer idealtypischen, soziologischen, "superobjektiven" Gesamtschau zu tun, die uns den Hintergrund unseres Kunstverständnisses liefern soll. Einverstanden, Philosophie ist weder Psychologie noch Soziologie, aber Philosophie kann auch nicht eine individualistische Irrlehre sein. Philosophie ist aus meiner Sicht nicht-spezifisches Verstehen von Inhalten und Fragestellungen, für die einzelne Disziplinen zuständig sind und Anschauungsmaterial liefern (etwa Linguistik als Grundlage für Sprachphilosophie, denn das spezialisierte Wissen geht vor). Damit können wir das Grundgerüst des vorliegenden Entwurfes in die Triade Künstler - Devianz - Konflikt fassen, welche das fertige Kunstwerk und dessen Rezeption / Interpretation mit einbezieht:
Künstler - (Kunstwerk) - Devianz - (Interpretation) - Konflikt
Wenn wir in Teil VI den Übergang zur Semiotik schaffen wollen, benötigen wir ein plausibles Gerüst, denn damit wird der theoretische Ansatz sichtbar, den wir nicht aus den Augen verlieren sollten.
Emergenz des Neuen
Wenn wir nun ein paar metaphysische Fragen im Umkreis von Kunst und Kreativität stellen, wird deutlich, was wir mit der Kunsttheorie bezwecken und was nicht unser Ziel sein kann. Metaphysik ist sinnvoll und interessant, denn wie alles andere auch, entspringt sie der menschlichen Neugier und Kreativität (Imagination). Es ist möglich - und ich glaube das sogar -, dass sich Fragen nach dem Neuen, nach der Natur der Kreativität "an sich" und nach dem "wahren Wesen" von Werten nicht endgültig beantworten lassen. All das lässt sich am einfachsten in einem wirklichkeitsnahen soziologischen Rahmen beobachten (als Konsequenzen von etwas). Das heisst nicht, dass wir einem Frageverbot folgen müssen, denn ein Frageverbot ist ein Denkverbot oder eine "Mystifikation" von etwas (Whitehead contra Russell / Wittgenstein, wie Studenten wissen). Prinzipiell kann das allgemeine etwas namens "das Neue" entweder absolut oder relativ neu sein. Was kann das sinnvoll heissen? Nun, "absolut neu" setzt eine gewisse Radikalität - ich möchte fast sagen "Entwurzelung" - voraus. "Neu" ist, was nie in dieser Art da war. Wenn ich "absolut neu" verwende, dann tue ich das, weil ich aus luftiger Höhe den Eindruck habe, dass "absolut" und "das Absolute" nicht fundamental verschieden sind, denn es handelt sich zunächst nur um zwei Wortarten. Ich lasse mir da keine Sprachverwirrung unterschieben. Die geschriebene Sprache verwirrt weder mich noch den aufmerksamen Leser, es sei denn, wir beherrschen die Grammatik und die Semantik von Worten und Sätzen nicht (etwa wenn Deutsch eine Fremdsprache ist). Die Frage nach dem Absoluten ist endgültig und positiv nicht beantwortbar, aber ex negativo durchaus interessant und angehbar. Das Absolute ist im Prinzip das, was von nichts anderem abhängt, sagen wir Selbstkonstitution statt Derivation (meine Wortwahl). Damit haben wir auch schon "relativ neu" und "Derivation" oder in Anlehnung an die Genetik "Neukombination" mittels der eine potenzielle Gestalt eine aktuelle Gestalt werden kann (mein freie Verwendung des Wortes). An diesem Punkt berühre ich wieder die Metaphysik von Whitehead (in der Folge von Leibniz, Bergson und anderen, und im Umfeld des Britischen Idealismus). Etwas wird wahrgenommen oder aufgenommen, verarbeitet und zu etwas anderem, zu etwas eigenem prozessiert. Dabei denke ich zuerst an die Genetik, wenn auch Whitehead-Schüler gerne auf die Physik des 20. Jahrhunderts verweisen. Rein theoretisch ist die Überlegung interessant, dass das Absolute - was immer das auch sein mag - nicht der Kausalität unterworfen ist. Metaphysisch gesprochen gibt es keine Relationen (keine Relativität), welche es intern formen, bedingen und motivieren könnten. Das Absolute ist eine Welt für sich. Indirekt können wir die prinzipiell korrekte Variante "absolut neu" verwerfen, wenn wir einen totalen Begriff des Absoluten voraussetzen. Das sollte man meines Erachtens tun, um Etymologie und Semantik nicht zu strapazieren. Das Neue in Kunst, Literatur und Wissenschaft kann nicht "absolut neu" sein, denn das würde nahelegen, dass es urplötzlich erscheint und nicht als Wirkung oder selbst als (neue) Ursache angesehen werden braucht. Das Neue wäre dann ein unerklärliches Phänomen ohne erkennbares Vorher und Nachher sein, etwa vergleichbar den rätselhaften Flugkörpern, welche amerikanische Piloten wegen deren extremen Geschwindigkeiten keiner bekannten Kategorie zuordnen können. Sie kamen und gingen, und der Effekt war Null. Ein Buch, ein Kunstwerk oder ein wissenschaftlicher Durchbruch ohne Vorher und Nachher (also ohne Relationen), das ist völlig undenkbar! Also ist das Neue in der Gesellschaft eine Wirkung vom Alten und von Erscheinungen, die in der jüngsten Vergangenheit liegen. Ob die Analogie mit der Genetik für das Verständnis des Neuen und der Kreativität hinreicht, sei dahingestellt. Ich denke, die Analogie mit den Neukombinationen und dem Umschlag von potenziell zu aktuell ist der richtige Weg (Genotyp zu Phänotyp :: Konzept zu dessen Realisierung). Analogien sind keine Homologien, aber sie können uns die Richtung zeigen, in die wir gehen möchten. Mit diesem kleinen metaphysischen Exkurs soll dieser Teil meiner improvisierten Kunsttheorie beschlossen werden.
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(1) Abgesehen vom näheren Thema mögen meine unfertigen Entwürfe auch als Kontrast zu gängigen Haltungen interessant sein, denn ich schreibe nicht von der politisch-korrekten linken Seite her, sondern von einer selbstbewussten, vernünftigen rechten Seiten. Studenten fehlt meistens die andere Seite der Argumentation, was sehr bedauerlich und für die Philosophie gänzlich unnatürlich ist. Pro und Contra, und einen vertretbaren (vorläufigen) Weg daraus hinaus - das wäre eigentlich die Flexibilität im Denken, die im Anschluss an die Tradition vom Mittelalter bis zu Hegel nötig wäre, um eine junge Elite hervorzubringen, die einen echten Beitrag zur Gesellschaft leisten könnten. Das ist leider nicht der Fall, deshalb meine gelegentliche Polemik. Mein sozialer Realismus und meine Betonung von Konflikten verraten keine überholte linke Gesinnung, ganz im Gegenteil. Das stelle ich da und dort klar.
(2) Ich erwähne zuweilen (ganz unverbindlich) die Namen Ayn Rand und Alfred North Whitehead. Mein Gebrauch des Wortes "dissatisfaction" wurde klar von Whiteheads technischem Term "satisfaction" in seinen berühmten Metaphysikvorlesungen von 1927 inspiriert. Das Gemeinsame ist die allgemeine Vorstellung eines Aneignungsvorganges, der positiv oder negativ verlaufen kann. Anders gesagt sprechen wir von einer Selektion aufgrund von gegebenen (gut oder schlecht gewählten) Kriterien.