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Die am Donnerstagmorgen aus Tokio in Zürich gelandete Swiss-Maschine war nur zu rund drei Vierteln besetzt. Am Flughafen Zürich sah man erleichterte und müde Gesichter in der Menge. Spürbar waren auch tiefer Schmerz und die Erleichterung, entkommen zu sein.
Hitomi Baltisberger versteckt ihre Ungeduld, während sie am Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr am Terminal 2 des Flughafens Zürich Kloten wartet. Der Swiss-Flug LX 2763 von Tokio, mit Zwischenlandung in Hong Kong, ist soeben gelandet und eine elektronische Stimme kündigt an, die Gepäckausgabe werde in 19 Minuten beginnen.
Ihre Tochter Gabi und der japanische Schwiegersohn waren mit ihrer 7 Monate alten Tochter an Bord. Hitomi wartet mit ihrer anderen Tochter Yuko. Sie sind aus Basel gekommen, um ihre Verwandten abzuholen. Gabi war es nicht leicht gefallen, Japan zu verlassen. Letztlich war es aber die Zukunft ihres Kindes, die den Ausschlag gegeben hatte.
Ein wenig später erscheint die junge Familie, sie wirkt angespannt. Nur die Kleine im Kinderwagen lächelt. Der junge Vater ist bedrückt, seine Eltern sind noch in Tokio. Er schüttelt den Kopf, als wolle er sagen: "Nein, es ist nicht okay." Die Gesichter der jungen Eltern sind ernst, und die ohne Schlaf verbrachte Nacht an Bord hat Spuren hinterlassen.
Fünf Stunden vor dem Erdbeben angekommen
Eine ähnliche Spannung, die aber durch ein erleichtertes Lächeln gemildert wird, findet sich auf den Gesichtern der Familie Zaugg. Sie hatte ihre Tochter, eine Japanisch-Studentin, in Tokio besucht. Silvia und Hugo, die Eltern, und William, ein Cousin, trafen am vergangenen Freitag in Tokio ein, "fünf Stunden vor dem Erdbeben", erklären sie immer noch unter Schock.
Sie befanden sie sich auf dem Weg von ihrem Hotel zu ihrer Tochter, als die Erde mit einer Stärke von 7,4 zu beben begann. "Ich habe sowas noch nie erlebt", flüstert Hugo. "Es gab keine Transportmittel, und es war unmöglich, zu unserem Hotel zu gelangen. Das Wohnheim unserer Tochter hat uns für eine Nacht eine Wohnung organisiert. Die Menschen waren sehr nett."
Die Familie Zaugg konnte ihre Flugtickets problemlos für eine frühere Rückkehr in die Schweiz umbuchen. Ihre Tochter Tarin ist auch mitgekommen, offenbar nur widerwillig: "Ich wollte eigentlich im südlichen Japan bleiben. Aber ich hoffe, dass ich bald zurückkehren kann."
Die Berichte in Europa über der Situation in Japan sei "viel drastischer" als in den japanischen Medien und der Gemeinschaft an der Uni. "Die Kommunikationsnetze haben schnell Physiker und andere Experten zu Wort kommen lassen, die den Studierenden die Situation erklärten. Unsere japanischen Freunde übersetzten dann ins Englische", sagt Tarin.
Ergreifendes Wiedersehen
Bei der Schranke am Ausgang des Terminal 2 umarmt sich ein junges Paar, wortlos. Sie lehnt ihren Kopf an seine Schulter, wortlos und bewegungslos stehen die beiden da, niemand stört sie.
Bei einer anderen Familie heben sich die Lebensgeister. Felix Studer, ein Basler, der seit 16 Jahren in Japan wohnt, ist mit seiner japanisachen Frau und dem sieben Jahre alten Sohn angekommen. Sie werden von seiner Schwester und ihrem Mann begrüsst.
Studer, Direktor eines Zahnmedizin-Unternehmens, hat Tränen in den Augen, während er erzählt. Er fühle sich als ob er "das sinkende Schiff" verlassen habe. "Das ist für mich ein Problem."
"Weshalb reist ihr ab?"
"Die anderen Mitarbeitenden der international tätigen Gesellschaft sind geblieben. Wir müssen weiter jene Zahnärzte beliefern, die ihre Praxen nicht geschlossen haben. Wir hoffen, vielleicht schon in zehn Tagen zurückkehren zu können."
Die Eltern seiner japanischen Ehefrau, ihre beiden Brüder und deren Familien sind noch dort. "Meine Frau wollte das Land so rasch wie möglich verlassen – wegen unseres Sohnes", sagt Felix Studer. "Als wir das ihren Eltern sagten, fragten diese 'warum?'. Sie verstehen das nicht, denn die japanischen Medien berichten nicht so dramatisch wie die westlichen."
"Tokio funktioniert", fügt der Basler hinzu, aber es herrsche eine besondere Atmosphäre. "Viele Leuchtreklamen sind ausgeschaltet, das ist eigenartig. Auch die Läden waren am Sonntagabend leer, und sie sind nicht mehr so mit Konsumgütern gefüllt wie zu Beginn der Woche."
Transportprobleme
Es war nicht einfach, den Flughafen zu erreichen. "Die Züge verkehren nicht, und Busse sind rar. Schlussendlich hat uns mein Schwiegervater zum Flugplatz gebracht. Gestern konnte mein Schwager kein Benzin mehr tanken." Wie Zauggs haben auch Studers die Hilfe der Schweizer Botschaft nicht in Anspruch nehmen müssen.
"Am Flughafen müssen jene, die das Land verlassen, ein Ausreiseformular ausfüllen. Meines ist drei Jahre gültig, da ich viel reise. Aber ein deutscher Bekannter hat die Insel seit sieben Jahren nicht mehr verlassen. Die Warteschlangen für diese Art Dokumente sind viel länger als normal…"
Es ist gar nicht so überraschend, dass die beiden Familien keine Probleme hatten, Flugtickets zu organisieren. Denn sie wohnten in der Nähe von Tokio, und die Swiss-Maschine hatte noch viele Plätze frei. In der Maschine vom Donnerstag waren nur 166 der 228 Sitzplätze besetzt", sagt Jean-Claude Donzel, Sprecher der Swiss.
Wie Yuko Baltisberger ist auch Felix Studer überzeugt, dass sich Japan wieder erholen wird. "Die Unternehmen werden sich gegenseitig helfen und Lösungen finden. Aber der enorme Energieverbrauch in Japan wird noch zu reden geben. Eine Reduktion ist die einzige praktikable Lösung."
Ausreise aus Japan
Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer wollen wegen der drohenden Gefahr eines Super-GAU im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 das Land verlassen.
Das EDA hat deswegen bei der Swiss für die kommenden drei Tage alle verfügbaren Sitzplätze gebucht und zudem einen Charter-Flug für kommenden Sonntag geplant.
Die Schweizer Botschaft in Tokio habe in einem Mail darauf hingewiesen, dass man allen Schweizern im Nordosten Japans und im Grossraum Tokio/Yokohama empfehle, das Gebiet möglichst zu verlassen, schrieb das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Donnerstag in einer Stellungnahme.Infobox Ende
Entwicklung im AKW Fukushima
Mit Helikoptern und Wasserwerfern haben japanische Helfer versucht, im AKW Fukushima 1 einen Super-Gau abzuwenden.
Militärhelikopter schütteten am Donnerstag Wasser auf die Reaktoren 3 und 4. Später wurden auch Wasserwerfer der Armee eingesetzt.
Es sei Dampf aufgestiegen, folglich hätten die Wasserwerfer das Becken von Reaktor 3 mit den Brennstäben getroffen, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. Block 3 ist auch mit hochgiftigem Plutonium bestückt.
Soldaten versuchten, 30 Tonnen Wasser in ein Abklingbecken zu pumpen, um verbrauchte Brennstäbe zu kühlen. Das Abklingbecken des Blocks 4 gibt aber weiter Anlass zu "ernster Sorge". Die Atombehörde vermutet, dass dort die Brennstäbe trocken liegen. Das Gebäude ist beschädigt, Radioaktivität kann so ungehindert entweichen.
Als Folge des Bebens der Stärke 9,0 waren Stromversorgung und Kühlungen der Reaktorblöcke ausgefallen. Ausserdem ist es nach vier Wasserstoff-Explosionen und zwei Bränden unmöglich, die Wasserstände in den Becken der Reaktoren 1 bis 4 zu kontrollieren.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Etienne Strebel), swissinfo.ch