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Adrian Knoepfli: gdz – Am Anfang war die Zeitung. Geschichte der Genossenschaftsdruckerei Zürich 1898–2022. Zürich, 2022
Die Genossenschaftsdruckerei Zürich (gdz) entstand 1898, als sich die aufstrebende Arbeiterbewegung daran machte, eigene Zeitungen und eigene Druckereien zu gründen. Mit der Gründung der gdz erschien am 1. April 1898 auch die erste Ausgabe des «Volksrecht». Die Anfänge gestalteten sich schwierig, doch bald entwickelte sich die gdz zu einem Grossbetrieb mit einem renommierten Namen, in dem zudem gute Arbeitsbedingungen herrschten. Technisch auf der Höhe der Zeit, gehörte die gdz zum Beispiel beim Rollenoffsetdruck und beim Filmsatz zu den Pionieren.
Eine Zäsur stellte in den 1970er Jahren die Einstellung der sozialdemokratischen Tageszeitung «Volksrecht» – zwischenzeitlich hiess sie auch «Zürcher AZ» – dar, die sich nicht mehr finanzieren liess. Die Strukturkrise der 1990er Jahre, die wirtschaftlichen Krisen im neuen Jahrtausend, das Internet, die Digitalisierung und die massive Verlagerung von Druckaufträgen ins Ausland führten schliesslich zum Entscheid, die Produktion 2019 einzustellen und die Firma zu liquidieren.
Der Historiker Adrian Knoepfli zeichnet die Geschichte der gdz nach; zahlreiche Bilder aus dem Nachlass des Zürcher Fotografen Ernst Koehli, der im Sozialarchiv archiviert ist, illustrieren die Untersuchung.
Bestände im Sozialarchiv:
- Ar 568 Vereinigung der Genossenschaftsdruckereien der Schweiz (VGDS)
- F 5144 Nachlass Ernst Koehli (1913-1983)
In den 1970er Jahren lebte die Autorin Susan Honegger als junge Kunst- und Architekturstudentin im Glarner Hinterland in einer alten Textilfabrik und war fasziniert von dieser Gegend, die stark von der Textilindustrie geprägt war. Dabei interessierte sie auch die Rolle der italienischen Fremdarbeiterinnen, deren Geschichte sie nun in der Form einer Graphic Novel erzählt.
Die Hauptrolle spielt Maria Santi, eine fiktive Textilarbeiterin aus Italien. Als billige Arbeitskräfte in die Schweiz gekommen, können die jungen Arbeiterinnen je nach Auftragslage beliebig entlassen und wieder zurückgeholt werden. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind hart, gewohnt wird in einem von Nonnen geführten Mädchenheim. Als Maria schwanger wird, wird sie dazu gedrängt, das Kind zur Adoption freizugeben. Die Geschichte findet dann trotzdem ein überraschendes Happy End – was der Ernsthaftigkeit des Themas aber keinen Abbruch tut.
Bestände im Sozialarchiv (Auswahl):
- Dossier 02.3 C «Ausländerfrage»; Einwanderung; multikulturelle Gesellschaft: Schweiz
- Dossier 75.8 C Ausländische Arbeitskräfte, Gastarbeiter/-innen in der Schweiz
- Ar 108 Nachlass James Schwarzenbach (1911–1994)
- Ar 40 Federazione Colonie Libere Italiane in Svizzera (FCLIS)
Thomas Färber: Protest mit der Schreibmaschine. «Splitter der Erinnerung» zu Walter Matthias Diggelmann. Zürich, 2021
Thomas Färber zeichnet das Leben dieses streitbaren Schriftstellers und Nonkonformisten nach und liefert zugleich neue Einsichten in das politische und kulturelle Klima der 1960er und 1970er Jahre. Walter Matthias Diggelmann gehörte einer Gruppe von Intellektuellen an, «die sich frevelnd über helvetisches Selbstverständnis hinwegzusetzen pflegen», wie Frank A. Meyer, der heutige Kolumnist des Sonntagblick, es 1968 formulierte. Oder wie es Peter Höltschi, ein Wegbegleiter, beschrieb: «Da war einer, der wild um sich schlagend seine private Wahrheit verbreitete, ohne Rücksicht auf Verluste, wohl wissend, dass es die ganze Wahrheit doch nicht gibt.» Er war ein Berserker mit all seinen Widersprüchen, der sich unter anderem auch immer wieder mit der NZZ anlegte. Diese Querelen kosteten seiner Partnerin, der Journalistin und Schriftstellerin Klara Obermüller, schliesslich ihre Stelle als Feuilletonredakteurin bei der NZZ.
Das Buch, eine überarbeitete Dissertation, zeigt, wie aus dem unehelich geborenen, in bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Walter Matthias Diggelmann ein Schriftsteller, Kolumnist und Schreibhandwerker wurde, der leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.
Kleine Auswahl der zahlreichen Bücher von Walter Matthias Diggelmann im Sozialarchiv:
Mychailo Wynnyckyj: Ukraine’s Maidan, Russia’s war. A chronicle and analysis of the revolution of dignity. With a foreword by Serhii Plokhy. Stuttgart, 2019
As you are reading this review, Ukraine is bravely fighting for its freedom for the seventh month. Or as they say in Ukraine: «It is the 7th month of a full scale invasion, of the 8-year war, that has been going on for the last 3 hundred centuries.» Such a long-time struggle, unfortunately, but inevitably, creates a large field for speculations, disinformation and simple lies. The shocking reality of war in Europe starts to seem mundane and not clear. Naturally, this state of things does not move us to the end of the aggression. Yet, what we can do is to deepen the knowledge and understanding of the real reasons behind current events.
A great help in this regard is the book of Mychailo Wynnyckyj, a prominent Ukrainian sociologist, historian and professor. As the nowadays invasion and ongoing war is a reaction to Ukraine’s Revolution in 2014, Wynnyckyj does a huge job by not only describing the events of the Revolution of Dignity, but also analysing it and defining its role in European and world history. It is extremely interesting to read this book as it points at phenomena of the Ukrainian Revolution, such as the lack of formal protest leaders, as well as debunking the vast majority of Russian myths that are spread by the propaganda.
Throughout his work, Mychailo Wynnyckyj keeps a constant connection between Ukrainian and Western narratives, comparing the events to European and American Revolutions. As the Russian war continues in Ukraine, we may assume that a big force is needed to fight the big changes. And if you want to discover what’s at stake in Ukraine it is highly recommended to read this book.
Die Klimaerwärmung ist nicht nur ein physikalisches Phänomen, die Klimakrise stellt auch unsere «condition humaine» auf den Kopf. Und die Forderung nach «Klimagerechtigkeit» (Wer ist für den Klimawandel verantwortlich? Wer ist am stärksten davon betroffen?) macht evident, dass die Massnahmen, mit denen die Weltgemeinschaft auf die Krise zu reagieren versucht, in höchstem Mass politisch und politisch höchst brisant sind.
Der indische Historiker entwirft in seinem Buch einen geisteswissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der es ermöglichen soll, sich den Herausforderungen der Klimakrise mental und politisch zu stellen. Dazu entwickelt er zuerst, in Abgrenzung zum «Globus», die Kategorie des «Planeten». Die beiden nebeneinander existierenden Grössen zwingen zu einer chronologischen Doppelperspektive: Neben das unbefristete Projekt der Moderne mit ihren Zukunftsversprechen tritt das begrenzte Zeitfenster zur Bewältigung der Klimakrise; neben die überlieferte humanozentrische Geschichtsschreibung tritt die Tiefenhistorie der biologischen und geologischen Evolution, die den Menschen dezentriert; neben die Menschen als politische Subjekte und in ihrer internen Pluralität tritt der Mensch als «geologischer Handlungsträger», der als Spezies Verursacher des Anthropozäns ist.
Als Ausgangspunkt wählt Chakrabarty einen Aufsatz, den er bereits 2009 veröffentlicht hatte und der damals im Umfeld der postkolonialen Geschichtswissenschaft für heftige Kontroversen sorgte.
“Viele Sans-Papiers sprechen nicht über die Angst, kontrolliert und ausgewiesen zu werden, doch sie frisst dein Leben auf.” Maria, 62, Hausarbeiterin und Sans-Papiers
Ungefähr 100’000 Sans-Papiers (Migrant:innen ohne geregelten Aufenthaltsstatus) leben und arbeiten in der Schweiz, das sind 1,2 Prozent der Bevölkerung. Die meisten von ihnen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen: in privaten Haushalten, auf Baustellen, in Restaurants oder bei Bauern – meist zu skandalös tiefen Löhnen und ohne arbeitsrechtlichen Schutz und Sozialversicherungen. Gemäss einer Studie des Migrationsamts des Kantons Zürich und des Amts für Wirtschaft verrichten Sans-Papiers in der Schweiz bis zu 50 Prozent der bezahlten Hausarbeit. Sie sind systemrelevant, der Zugang zu grundlegenden Menschenrechten ist ihnen aber verwehrt.
In 15 Interviews erzählen Frauen und Männer ihre Geschichte – besonders berührt diejenige der Schülerin Haveen, der die Anmeldung zur gymnasialen Eintrittsprüfung verwehrt wurde. Bei der Arbeit an diesem Buch haben sie und ihre Mutter den Ausweis F erhalten und sind damit keine Sans-Papiers mehr, aber auch mit diesem Status ist es fast unmöglich, eine Lehrstelle zu bekommen.
Nebst den Interviews mit Sans-Papiers machen Gespräche mit Expert:innen wie der Leiterin der Sans-Papiers-Anlaufstelle (SPAZ) das Buch zusätzlich lesenswert. Die Fotografin Ursula Markus findet für diejenigen Sans-Papiers, die ihre Identität nicht preisgeben können, eine gelungene diskrete Form des Porträtierens.