Document ID: /curiavista/filtered/00000_business.jsonl.gz/104062

<h2>SubmittedText<h2><p>Das Sentinella-Meldesystem trägt zur Überwachung der Entwicklung übertragbarer Krankheiten in der Schweiz bei und funktioniert dank der freiwilligen Mitarbeit der Hausärztinnen und -ärzte. Letzten Frühling berichteten die Medien, dass sich mehrere Dutzend Medizinerinnen und Mediziner vom Sentinella-Netzwerk zurückgezogen hatten.</p><p>Angesichts dessen stelle ich dem Bundesrat folgende Fragen:</p><p>1. Gilt das Konzept des Sentinella-Meldesystems als angemessen und wirkungsvoll bei der Überwachung übertragbarer Krankheiten, oder gibt es in diesem Bereich Alternativen?</p><p>2. Reicht die Anzahl der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte (etwa 130) aus, und welche kritische Masse ist notwendig, damit das System funktioniert?</p><p>3. Sind die in den Medien erwähnten Ärztinnen und Ärzte tatsächlich vom Sentinella-Netzwerk zurückgetreten, und was würde das für die Organisation bedeuten?</p><p>4. Braucht es neue, zusätzliche Anreizmassnahmen, damit mehr Ärztinnen und Ärzte am Sentinella-Netzwerk mitarbeiten?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Seit 1986 überwacht ein Kollektiv von 150 bis 250 Hausarztpraxen im schweizerischen Sentinella-Meldesystem übertragbare Krankheiten, die für die öffentliche Gesundheit relevant sind. Es handelt sich dabei um Krankheiten, die relativ häufig sind und deshalb für ein Meldeobligatorium aller Ärzte nicht infrage kommen. Diese überaus geschätzte, freiwillige Meldetätigkeit der beteiligten Ärztinnen und Ärzte gewährt unersetzliche Einblicke in das Krankheitsgeschehen und unterstreicht die Bedeutung der Hausarztmedizin in der medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung der Schweiz.</p><p>Als Beispiel sei die Grippeüberwachung erwähnt: Das Sentinella-System überwacht seit rund 25 Jahren effizient die Grippeaktivität in der Schweiz und erlaubt eine zuverlässige Darstellung der jährlichen Grippewellen. Eine Vollerhebung mit dem Meldeobligatorium hätte jährlich bis zu 300 000 Fallmeldungen zur Folge. Dies würde einen Aufwand verursachen, der weder für die Ärzteschaft noch für die Überwachungsbehörden tragbar wäre.</p><p>2. Der Bundesrat ist der Auffassung, dass das Sentinella-Meldesystem die pandemische Grippe 2009 und 2010 auch mit 136 Teilnehmenden zuverlässig überwacht hat. Im Hinblick auf die Bewertung regionaler und altersklassenspezifischer Unterschiede - beispielsweise bei den weniger häufigen Mumps- und Keuchhustenerkrankungen - ist die bewährte Anzahl von 200 Teilnehmenden anzustreben. Im europäischen Vergleich hat die Schweiz ein dichtes Meldenetz. Es würde auch noch mit 100 Teilnehmenden für die Gesamtschweiz verlässliche Aussagen erlauben. Regionale Aussagen wären dann allerdings keine mehr möglich.</p><p>3. In der Tat haben im Frühling 2009 etwa 50 Teilnehmende während des Boykott-Aufrufes das System verlassen. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeinmedizin hatte aus Protest gegen das Vorgehen bei der Revision der Analysenliste (Anhang 3 der Krankenpflege-Leistungsverordnung; SR 832.112.31) dazu aufgerufen. Das Sentinella-System geriet dabei nie in Gefahr, zumal der Aufruf wegen der drohenden Grippepandemie fallengelassen wurde. Die Teilnehmerzahl steigt wieder und beträgt momentan 150 Ärztinnen und Ärzte.</p><p>4. Angesichts des in der Hausarztmedizin zu verzeichnenden Strukturwandels und der altersbedingten Rücktritte wurden verschiedene Anreize zur Teilnahme in die Wege geleitet: a. das System steht neben den übertragbaren Krankheiten Erhebungsthemen offen, die von der Hausärzteschaft selbst eingebracht worden sind, wie Zeckenstiche (seit 2008) oder Adipositas und Essstörungen (2008), b. bei der Festlegung von Erhebungsthemen werden die neu entstandenen universitären Institute für Hausarztmedizin (Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich) mit einbezogen, und c. das Bundesamt für Gesundheit entschädigt neu seit 2009 den Aufwand der Meldenden finanziell.</p>  Antwort des Bundesrates.