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Nach einem halben Jahr auf Reisen kehrte Mishael in seine Heimatstadt zurück und erlebte dort einen umgekehrten Kulturschock. Das allzu vertraute Jerusalem war ihm plötzlich unerträglich.
Serbien, Tschechien, Deutschland, Belgien, Niederlande, Frankreich, Portugal, Spanien, Russland und Nepal – Mishael zählt auf, welche Länder er in den letzten sechs Monaten bereist hat, während er ein Paar Frauenbeine lässig unter dem Arm hält. Letztere fand er im Müll und schenkte sie später einem selbsterklärten Schaufensterpuppen-Sammler.
Ich frage ihn nach dem besten Erlebnis, das er auf seinen Reisen hatte.
Berge von Fleisch und eine Karaffe Wein
«Ich war gerade in Spanien und an einer Tankstelle gestrandet. Eine geschlossene Tankstelle überdies, es war zehn Uhr abends und ich sass mitten in der Pampa fest.» Doch Mishael hatte Glück im Unglück: Der Tankstellenwart bot ihm an, ihn mitzunehmen in sein Dorf, wo er bestimmt eine Übernachtungsmöglichkeit finden würde.
Gesagt, getan. Bald fand sich Mishael in einem winzigen spanischen Dörfchen wieder und machte sich auf die Suche nach einem Abendessen und einer Unterkunft für die kommende Nacht. Er stiess auf ein altes, aus Stein gebautes Haus, aus dem laute Musik drang und dessen Schornstein einladend rauchte. Sein Klopfen und Rufen blieb zunächst unbeantwortet, schliesslich bat ihn ein Mann hinein.
Es war ein kleiner Raum, doch in dessen Mitte stand ein niedriger Tisch, auf dem sich Berge von Fleisch und Würsten türmten. Der Nachschub wartete bereits im Ofen. Eine Karaffe Wein fand sich ebenfalls. Und so setzten sich die beiden Männer, assen Fleisch und tranken Wein, während der Einheimische ununterbrochen auf Mishael einredete. Er erinnert sich: «Ich verstand kein Wort von dem, was der Alte mir sagte, doch das schien ihn nicht zu stören.»
Am nächsten Morgen erhielt Mishael von seinem Gastgeber – wen wundert’s – Fleisch und eine Flasche Wein mit auf den Weg als Proviant.
Kulturschock nach Rückkehr
Doch mittlerweile ist Mishael wieder in Jerusalem; wir sitzen in einem Kaffee und er blickt mehr traurig als fröhlich auf die Strasse und die vorbeiziehenden Passanten.
«Es war furchtbar schwierig, wieder hier zu sein», sagt er. Er ging nach seiner Rückkehr in die Stadt, stieg aus dem Bus und sah all die Jerusalemer Menschen, die Deligiösen mit den Bärten und Hüten, die Touristen – und er kehrte wieder um. «Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen, all das Vertraute, immer und immer wieder dasselbe», versucht er zu erklären. Es sei schlussendlich ja doch seine Heimat, meint er, aber hier kenne er jeden Stein, jeden Baum, es wiederhole sich immer dasselbe. Auf seinen Reisen war das anders: «Wenn ich in Kathmandu aus der Tür trat, war alles so frisch und neu, ich konnte staunen.»
Und so kehrte er von der Stadt zurück in sein Zimmer und «tauchte, tauchte, tauchte» während neun Tagen immer tiefer und tiefer in depressive Gefühle hinein, blieb zuhause, dachte nach und las viel. Schliesslich erholte er sich wieder von dem ersten Schock – nicht angesichts des Fremden, sondern des allzu Vertrauten.
Nun könne er wieder die Schönheiten Jerusalems sehen, sagt er, auch wenn ihm diese neun Tage etwas Wichtiges über sein Verhältnis zu seiner Heimat gelehrt haben. Ausserdem sei ihm ein Rest Melancholie geblieben, das Fernweh ist noch nicht abgeklungen. Und er lacht: «Ein Ersatzpaar Beine habe ich ja mittlerweile auch gefunden.»