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Amüsante und skurrile Geschichten aus den Annalen der Leichtathletik.
Reden ist Silber
Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 waren nur wenige der damaligen Spitzenathleten anwesend. Die meisten Länder verzichteten auf eine Teilnahme. So auch Italien. Doch Carlo Airoldi, ein 27-Jähriger aus Saronno in der Lombardei, damals ein prominenter Langstreckenläufer, wollte diesen Entscheid nicht akzeptieren. Und so entschloss er sich, auf eigene Faust nach Athen zu gehen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: zu Fuss. Er verliess Mailand am 28. Februar und traf am 31. März in Athen ein. Zwischen Ragusa und Corfu und von Corfu nach Patras sass er im Schiff. Zu Fuss legte er 1338 Kilometer zurück, im Durchschnitt 50 km pro Tag. In Athen angekommen, erlebte der tüchtige Italiener dann allerdings eine böse Überraschung. Als er den griechischen Offiziellen nämlich von seinen verschiedenen Siegen erzählte und dummerweise auch ein paar Preise und Preisgelder nicht verschwieg, wurde er von der Teilnahme ausgeschlossen.
Inneramerikanische Meisterschaften
Die Spiele 1904 in St. Louis waren nicht viel mehr als amerikanische Interklub-Meisterschaften. Unter den wenigen Ausländern hatte es ein paar Kubaner, darunter auch einen Läufer. Der kleingewachsene Felix Carvajal hatte zuvor jedoch noch nie an einem Marathon teilgenommen. Er war von seinem Land an die Olympischen Spiele geschickt worden, nachdem er sich auf eine öffentliche Ausschreibung hin gemeldet und die Verantwortlichen überzeugt hatte, dass in ihm ein grosses Lauftalent schlummerte. Als er in New Orleans ankam, verlor er all sein Geld in einem Glücksspiel und musste die Reise per Autostopp fortsetzen. Zum olympischen Marathon trat Carvajal in Strassenschuhen und -kleidern an. Trotzdem lief er lange Zeit an der Spitze, bis er stoppte und sich von einem Baum ein paar grüne Äpfel als Zwischenverpﬂegung pﬂückte. Kurz darauf bekam er Magenkrämpfe.
Der schnellste Zuckerbäcker
Die wohl berühmteste Episode in der olympischen Geschichte ist mit dem Marathon von 1908 in London verbunden. Der Hauptdarsteller des Dramas hiess Dorondo Pietri, ein Zuckerbäcker aus Carpi. Nach einem kurzen Intermezzo als Radfahrer begann Pietri sich einen Namen als Läufer zu machen. Das kam so: Als Pericle Pagliani, in jenen Jahren Italiens bester Langstreckenläufer, für ein «Schaulaufen» nach Carpi kam, stürmte Pietri aus der Bäckerei, entledigte sich seines Schurzes und nahm die Verfolgung von Pagliani auf. Und er vermochte das Tempo des bekannten Läufers bis ins Ziel mitzugehen. Von da an war Dorando Pietri ein Läufer. Er gewann verschiedene internationale Langstreckenrennen, und so schickte man ihn 1908 an die Olympischen Spiele nach London. Dort wurde der Marathon vor dem Windsor Castle gestartet, damit die königliche Familie vom Balkon aus zuschauen konnte – und so kam die abstruse Distanz von 26 Meilen und 393 Yards oder 42,195 km zustande, die ab 1924 dann als offizielle Marathondistanz galt. Pietri überquerte nach 2:54:46 Stunden als Erster die Ziellinie, aber nur, nachdem er völlig erschöpft mehrmals hingefallen war. Und nur mit fremder Hilfe. Für die letzten 300 Meter im Stadion hatte er 10 Minuten gebraucht. Die Regeln waren schon damals klar: Dorando Pietri wurde disqualiﬁziert. Der tragische Held von London wechselte darauf zu den Berufsläufern und absolvierte in den USA in 165 Tagen 22 Rennen zwischen 10 Meilen (16 km) und Marathon, von denen er 17 gewann.
Rennen gegen Pferde
An den Olympischen Spielen 1936 in Berlin war der schwarze Amerikaner Jesse Owens der überragende Athlet. Zum Leidwesen von Adolf Hitler, zur Freude aber von Adidas, denn Owens trug damals als erster bekannter Athlet die Schuhe der Schuhﬁrma aus Herzogenaurach. Owens gewann die 100 m in 10,3, die 200 m in 20,7, den Weitsprung mit 8,06 m und mit seinen Staffelkollegen die 4-mal 100 m in 39,8. Etwas, was erst Carl Lewis 48 Jahre später in Los Angeles egalisieren kann. Kurz nach seinem Triumph in Berlin und noch vor seinem 23. Geburtstag gab Owens seine Amateurkarriere bereits auf und verdiente sich sein Geld fortan, indem er auf Jahrmärkten selbst gegen Pferde rannte. Später versuchte er sich mit mässigem Erfolg als Geschäftsmann. Es heisst, er sei im Laufe der Jahre zwar ein ausgezeichneter Redner geworden, aber mit der Rechtschreibung habe er Zeit seines Lebens Mühe gehabt. In seinen alten Tagen war er als populärer PR-Mann für das amerikanische olympische Komitee im Einsatz. Jesse Owens, 13. und jüngstes Kind einer armen Familie aus Cleveland (Ohio), hiess eigentlich James Cleveland. Den Namen Jesse bekam er an seinem ersten Schultag. Auf die Frage der Lehrerin, wie er heisse, sagte er in einem breiten Südstaaten-Slang: J. C. («Tschei-Sii»). Die Lehrerin verstand «Jesse» und fragte, ob das richtig sei. Er versuchte es noch einmal mit J. C., doch ohne Erfolg. Schliesslich gab er klein bei und sagte: Yes, Ma’am, Jesse Owens.
Kenias erste Medaille
Die Bronzemedaille von Wilson Kiprugut 1968 in Mexico-City war die erste für einen Athleten aus Kenia. Die erste einer ganzen Sammlung von Gold-, Silber- und Bronzemedaillen: In acht olympischen Rendez-vous – 1976 und 1980 boykottierte Kenia die Spiele aus politischen Gründen – kamen inzwischen 47 Leichtathletik-Medaillen zusammen, davon 15 in Gold. Alle in Laufdisziplinen zwischen 800 m und Marathon. Mit zwei ersten und zwei zweiten Plätzen ist Kipchoge Keino nach wie vor der erfolgreichste Olympiateilnehmer des ostafrikanischen Landes. Der heutige Präsident des nationalen olympischen Komitees wurde 1968 Olympiasieger über 1500 m und 1972 über 3000 m Steeple und in beiden Jahren gewann er auch die Silbermedaille über 5000 m.
Verspätete Favoriten
Was Eddie Hart und Rey Robinson 1972 erlebten, kann als Alptraum jedes Olympiateilnehmers bezeichnet werden. Die beiden galten in München als Mitfavoriten über 100 m, nicht zuletzt nach ihren 9,9 an den US-Trials. Am Morgen des 31. August hatten sie sich als Vorlaufsieger souverän für die Zwischenläufe qualiﬁziert, die nach ihrer Meinung und jener der amerikanischen Teamleitung am gleichen Abend um 18 Uhr stattfanden. Doch der Zeitplan war längst geändert worden, die Zwischenläufe um zwei Stunden vorverlegt. Hart und Robinson waren mit Sprintkollege Robert Taylor im Medienzentrum und schauten sich am Fernsehen das Geschehen im Stadion an, als auf dem Bildschirm plötzlich Sprinter erschienen. Zuerst dachten die drei, es handle sich um eine Aufzeichnung, doch sehr schnell wurde ihnen klar, dass das die 100-m-Zwischenläufe waren. Eiligst wurde das Trio ins nahe Stadion gefahren, doch für Hart und Robinson war es zu spät. Nur Taylor, der in den letzten Zwischenlauf ausgelost worden war, schaffte es noch. Er wurde Zweiter hinter Waleri Borsow und gewann einen Tag später dann die Silbermedaille hinter dem Russen.
Mysterium Lasse Viren
Trotz Pavo Nurmi, Emil Zatopek und Haile Gebrselassie: Es gibt in der Geschichte der Leichtathletik nur einen, der zweimal hintereinander Doppel-Olympiasieger über 5000 m und 10000 m wurde: Lasse Viren schaffte dieses Kunststück 1972 und 1976. Das Merkwürdige an der Sache: In den Zwischenjahren zeigte sich der schweigsame Finne kaum und wenn, dann meist nur in mässiger Form. Er war der erste Läufer aus Europa, der auf 2400 m ü.M. im kenianischen Hochland in Nyahururu trainierte, doch war das der einzige Grund für seine olympischen Glanztaten? In Montreal 1976 musste er nicht nur 35 Wettkampf-Kilometer abspulen, er musste sich auch einem IOC-Hearing stellen. Es ging dabei um den Vorwurf des Blutdopings, das im Vorfeld der Spiele in verschiedenen Zeitungen gegen ihn erhoben worden war. Als ihn später ein Journalist darauf ansprach, antwortete Viren ruhig und gelassen: «Ich laufe 8000 km im Jahr. Das ist genug für mich.» Bis heute hat Lasse Viren, inzwischen ein erfolgreicher Politiker und Parlamentarier, den Verdacht nie entkräften können.
König der Serien
Es liegt in der Natur der Sache, dass auch der grösste Champion früher oder später mit einer Niederlage konfrontiert wird. Das passierte Emil Zatopek 1954 in einem 10 000-m-Rennen nach 38 Siegen in Folge. Carl Lewis, von vielen als der grösste Leichtathlet des Jahrhunderts angesehen, brachte es im Weitsprung sogar auf 65 Siege zwischen 1981 und 1991. Die Serie ging im besten Weitsprung-Wettkampf aller Zeiten an den Weltmeisterschaften in Tokio zu Ende, wo Lewis gegen seinen Landsmann Mike Powell verlor. Lewis sprang viermal über 8,80 m, doch selbst (windunterstützte) 8,91 m reichten nicht zum Sieg. Powell ﬂog im fünften Durchgang auf 8,95 m, womit er nicht nur den WM-Titel gewann, sondern auch Bob Beamons legendären Weltrekord von 1968 in Mexico City um fünf Zentimeter übertraf. Edwin Moses, ein Jahrzehnt lang König auf den 400 m Hürden, ist der Rekordhalter, wenn es um die längste Siegesserie geht: Er gewann 122 Hürdenrennen hintereinander, im Laufe seiner Karriere 178 von 187 Rennen.
Mit fremder Hilfe
Giavanni Evangelisti war während Jahren einer der besten Weitspringer Europas. Er gewann Medaillen an Olympischen Spielen (Bronze 1984), Hallen-Weltmeisterschaften (Bronze 1987), Europameisterschaften (Bronze 1986) und Hallen-Europameisterschaften (Bronze 1982 und 1988, Silber 1987). An den Weltmeisterschaften 1987 in Rom erhielt er eine Bronzemedaille, die ihm gar nicht gehörte. Sein sechster und letzter Sprung war von den italienischen Kampfrichtern um mindestens einen halben Meter auf 8,38 m verlängert worden. Diese 8,38 m brachten Evangelisti vom vierten Rang (8,19 m) auf den dritten vor Larry Myricks von den USA (8,33 m). Viele Zuschauer auf der Tevere-Tribüne entlang dem Weitsprung-Anlauf bemerkten den Fehler sofort. Tagelang hielten sich Gerüchte, es sei zugunsten des Landsmannes manipuliert worden, bis eine italienische Fernsehstation eine Computeranalyse veröffentlichte, die keine Zweifel offen liess. Der italienische Verband leitete darauf eine Untersuchung ein, die dazu führte, dass die fehlbaren Kampfrichter auf Lebzeiten gesperrt wurden. Das bewog die IAAF schliesslich, Evangelistis 8,38 m aus der Rangliste zu streichen und die Medaille an Larry Myricks zu geben. Der «Fall Evangelisti» war ein Schlag für Italiens Leichtathletik, die in jenen Jahren auch wegen (Blut-)Doping ins Gerede gekommen war.
Aufholjagd der Frauen
Wie im normalen Leben hatten es die Frauen auch in Sachen Sport sehr schwer mit der Gleichberechtigung. Während die Männer seit den ersten Olympischen Spielen 1896 Marathon laufen durften, mussten die Frauen 88 Jahre warten, bis ihnen die 42,195 km erstmals 1984 in Los Angeles zugetraut wurden. Es war ein Leidensweg. Der Boston-Marathon, der älteste in der Welt, spielte dabei eine Hauptrolle. Es war 1966, als sich Roberta Gibb ins reine Männerfeld schmuggelte und den Marathon in 3:21:40 Stunden beendete. Ein Jahr später lief sie erneut mit, ohne Startnummer, aber trotzdem mehr oder weniger unbehelligt. Kathrine Schwitzer dagegen meldete sich im gleichen Jahr als K. Schwitzer an und erhielt die Startnummer 261. Zum damals noch obligaten medizinischen Checkup ging sie aus naheliegenden Gründen allerdings nicht. Im Rennen wurde sie dann von einem Offiziellen bald einmal als «Fremdkörper» in der laufenden Männerwelt entdeckt. Der übereifrige Helfer versuchte sie von der Strasse und aus dem Rennen zu zerren. Zur Rettung tauchte nun aber Kathrines Ehemann auf, der seinerseits den Kampfrichter aus dem Weg beförderte. Schwitzer beendete die 42,195 km in 4:20:02 (1975 dann sogar in 2:51:37), aber was viel wichtiger war: Der Zwischenfall hatte rund um die Welt für Schlagzeilen und Diskussionen gesorgt. Fortan durften auch Frauen in Boston und anderswo laufen.