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Was auch wissenschaftlich nachweisbar ist: Singen kann das Leben nachhaltig verändern.
Über einen Hinterhof und den mit Fahrrädern verstellten Korridor erreichte man das Probelokal im Untergeschoss eines Wohnhauses nahe beim Eigerplatz, wo ich heute die Workshops an der Jazzschule besuche. Ich hatte Barbara La Faro einige Wochen vor dem ersten Konzert mit dem «Sing-Ding» Chor gefragt, ob wir die schwierigen Passagen der Bassstimme nicht einmal individuell in einer Singstunde anschauen könnten. Ich wusste dass sie neben ihrer Arbeit mit Chören und als Opernsängerin auch Privatstunden erteilte.
Wie üblich war ich viel zu früh und hörte vor der Tür wartend einer Schülerin zu, die eine Arie lernte. Barbara unterstützte sie, indem sie auf dem Klavier bei kritischen Stellen mit grossen Intervallen die Töne anspielte oder kurz mitsang. Unglaublich, diese Stimme, es war, als sässe man im Theater in der ersten Reihe. Endlich verklang der Gesang, gefolgt vom Ritual am Ende der Stunde: die Lektion bezahlen, einen Termin für die nächste Stunde vereinbaren.
«Wärst Du doch hereingekommen», sagte Barbara, als sie die Tür öffnete und in den Korridor schaute, ob ich den Weg gefunden hatte. Nein, nein, das würde ich nicht tun. Das wäre, als würde ich beim Arzt in die Sprechstunde des vor mir behandelten Patienten hineinplatzen. Ich schätzte es auch nicht besonders, wenn jemand wartet, wenn ich noch singe. Manchmal dachte ich aber auch, Barbara liesse diese Begegnungen zwischen ihren Schülerinnen und Schülern absichtlich geschehen, um auf diese Weise Hemmungen abzubauen, vor anderen Leuten zu singen.
Während die Schülerin vor mir ihre Sachen zusammenpackte, konnte ich mich im grossen, mit einem Tuch unterteilten Raum umsehen. In der Mitte stand das Klavier. Teppiche, ein paar Möbelstücke und Bilder machten den Kellerraum etwas wohnlicher. Durchs Fenster waren die Füsse der Passanten und der Verkehr auf der dicht befahrenen Strasse zu sehen. Barbara setzte sich ans Klavier, spielte einen Dreiklang, ich sollte «Jo-Jo-Jo» singen. Das ging ähnlich wie beim Einsingen in der Chorprobe mit unterschiedlichen Vokalen Silben und Intervallen eine Weile weiter, bis Barbara schliesslich fand, die Stimme töne gar nicht schlecht, wir könnten nun loslegen. Doch bevor wir uns mit den Liedern des Chors befassten, möchte Sie noch etwas anderes singen: «Avvezzo A Vivere».
Die Fotokopie auf blauem Papier sticht mir in der immer umfangreicher werdenden Mappe mit den Noten auch heute noch ins Auge. Das Lied heisst zwar nur ganz profan «Lektion II: Quintensprünge», wie auch die übrigen Lieder aus der «Metodo Partico di Canto Italiano» von Nicola Vaccai entsprechend der darin gestellten Aufgabe überschrieben sind. Wir hatten uns aber daran gewöhnt, jeweils den Anfang des Liedes zu nennen. Nach dem ersten oder zweiten Jahr hatte mir Barbara zu Weihnachten eine Ausgabe des Vaccai für die tiefe Stimme geschenkt. In den wöchentlichen Singstunden schauten wir in der Zwischenzeit fast alle der italienischsprachigen Etüden des Vaccai an. So trocken und antiquiert das auf den ersten Blick erscheinen mag, es scheint mir die perfekte Methode zu sein, um unterschiedliche Intervallsprünge, Synkopen, Rouladen oder Triller singen zu lernen.
In der Zwischenzeit findet die Singstunde in einem hübschen Lokal in einem ruhigen Quartier statt. Immer beginnt sie mit dem Einsingen. Es sei denn, wir müss ten zuerst noch über eines unserer Projekte sprechen, besonders oft über den Chor des Besuchsdienst Bern. Viele Schülerinnen und Schüler richten der Zeitpunkt der Singstunden nach den Terminen in der Agenda. Ich mache das gerade umgekehrt. Wenn Barbara nicht gerade eine wichtige Probe hat oder sich für eine Aufführung vorbereitet, findet meine Stunde wöchentlich zur selben Zeit statt, gleich wie die Gymnastikstunde bei der Physiotherapeutin. Nach diesen beiden für mein Wohlbefinden so wichtigen Fixpunkten richte ich die übrigen Termine aus.
Die positive Wirkung des Singens für die körperliche und psychische Gesundheit wurde empirisch mehrfach nachgewiesen. Ich kann dies Woche für Woche erleben. In welcher Stimmung ich auch immer in die Stunde marschiere, ob ich noch an einem Problem grüble, müde bin oder unbeschwert das schöne Wetter geniesse, nach der Stunde fühle ich mich wie bei einem Neustart. Und ähnlich wie in der Gymnastikstunde, wenn Pirjo Sorjonnen wieder einmal meine unkorrekte Ausführung der Übungen korrigiert, kann auch Barbara mit ihren Unterbrechungen und Wiederholungen nerven. Das akzeptiere ich hier wie dort ohne zu murren, schaue aber schon gelegentlich verstohlen auf die Uhr. Doch kaum ist die Stunde um, freue ich mich schon auf das nächste Mal. Eine Woche ohne diese Fixpunkte ist einfach keine richtige Woche.
Mit den Singstunden aufzuhören, stand darum gar nie zur Diskussion, als sich nach dem Konzert mit dem Chor die Nachhilfestunden erübrigten. Zudem reizte es mich, einmal eine «richtige» Arie zu singen, liebe ich doch neben dem Jazz auch die Oper leidenschaftlich. «Cheti, cheti, immantinente» aus Donizettis Don Pasquale war eine der ersten Arien, die wir gemeinsam anschauten. Als die Oper im Stadttheater Bern gespielt wurde, hätte ich am liebsten mit Orazio Mori mitgesungen. Es war schon ein ganz besonderes Gefühl, auf diese Weise «mein» Lied zu hören.
Zu dieser Arie habe ich eine besondere Beziehung, hatte sie mir später zwar nicht gerade das Leben gerettet, mich aber mindestens vor einem Biss in die Wade bewahrt. Thomas und ich fuhren in der Provence mit dem Velo von Villecroze nach Tourtour hinauf, als bei einem Gehöft plötzlich ein Hund laut bellend auf die Strasse rannte, Thomas verfolgte und dessen Waden ungemütlich nahe kam. Mit einem trockenen Antritt konnte sich mein Freund retten, worauf sich der Hund umdrehte und nun mich anvisierte. Ich holte tief Luft und schmetterte ihm «Cheti, cheti, immantinente, nel giardino discendiamo!» entgegen, worauf er wie im Trickfilm die Vorderbeine ausstreckend abbremste, mich mit offener Schnauze und aufgerissenen Augen anstarrte, dann den Schwanz einzog und wieder zum Hof zurückrannte.
Nach vielen weiteren Liedern wie «In diesen heil’gen Hallen», der Arie des Sarastro aus der Zauberflöte, oder «Ach, ich hab Sie ja nur auf die Schulter geküsst» aus dem Bettelstudent, «Hat man nicht auch Gold beineben» aus Fidelio und «Studio il passo» aus Verdis Macbeth legte Barbara gelegentlich die Stunde mit anderen Sängerinnen und Sängern zusammen, um gemeinsam ein Duett einzustudieren. Besonders gerne erinnere ich mich an das Duett in der Rolle des Germont aus der Traviata, meiner Lieblingsoper.
Gelegentlich engagiert Barbara für die Singstunde eine Pianistin als Korrepetitorin. Ich war anfänglich so beeindruckt, wie Corinne die Klavierbegleitung ab Blatt spielte, dass ich statt zu singen einfach zuhören wollte. Mit Klavierbegleitung zu singen, stellt einen vor die Herausforderung, erstens im richtigen Tempo zu singen und sich zweitens in die Geschichte hineinzudenken. Eine Binsenwahrheit, die man gerne vergisst, wenn man fremdsprachige Lieder einstudiert. Man will ja zuerst einfach einmal die Worte mit der Melodie in Einklang bringen, ohne gross über den Inhalt nachzudenken.
Ungefähr im Jahresrhythmus veranstaltet Barbara ein Konzert mit Schülerinnen und Schülern. Wir singen uns gegenseitig und unseren Angehörigen Lieder vor, die wir das Jahr durch gelernt haben, in der Regel von der Pianistin begleitet. Vor anderen Leuten zu singen oder zu spielen, unterstützt den Lernprozess und stellt wieder eine besondere Herausforderung dar. Auch scheinbar abgeklärte Menschen werden nervös, spüren Lampenfieber. Es geschehen unerwartete Fehler und Pannen. Für meinen ersten Auftritt wählte ich «If I Were A Rich Man» aus dem «Fidler On The Roof». Das lag für mich stimmlich gut und lässt in geradezu idealer Weise singend eine Geschichte erzählen. Es fiel mir nicht schwer, mich mit dem Milchmann Tevje zu identifizieren, ich stellte mir einfach Shmuel Rodensky vor, wie er in der Freilichtaufführung von Anatevka im Park des Museum Rietberg in Zürich den Tevje gab.
Die Arie des Osmin aus der «Entführung aus dem Serail», die ich zwei Jahre später vortrug, liess mich nicht nur immer wieder über Mozarts Genialität staunen. Deutlich zeigte sie mir auch Grenzen auf. Statt den witzigen Text der Arie «Oh, wie will ich triumphieren» richtig geniessen zu können, dachte ich pausenlos an die näher und näher kommende schwierige Passage mit den Koloraturen. Prompt verlor ich den Faden und musste mich bis zum Ende der Arie durchmogeln. Zum Glück hatte ich mit «Sixteen Tons» noch ein zweites, völlig anderes Stück auf Lager. Dazu spielte ich erstmals ganz vorsichtig auch ein paar Töne mit dem Kontrabass. Ein Jahr später war ich noch etwas mutiger und sang mit eigener Bassbegleitung und einem Playalong «Softly, As In A Morning Sunrise» und «Body And Soul».
Im Rückblick gesehen stellte dieses Konzert einen Wendepunkt dar. Zwar studierten wir in den Singstunden von Anfang an neben den Opern- und Operettenliedern auch immer wieder bekannte Jazz- und Musicalmelodien ein. Ich setzte mir das Ziel, mit eigener Bassbegleitung singen zu können, was einiges schwieriger als mit der Gitarre zu bewerkstelligen ist und sowohl beim Singen als auch am Kontrabass grosse Unabhängigkeit erfordert.
Neben der regelmässigen Stimmschulung rückten nun die Songs in den Vordergrund, die ich auch in der Bassstunde mit Housi oder an den Jazzworkshops kennenlernte. Das dient in erster Linie der Vertiefung. Ich bin sehr froh, dass Barbara darauf eingeht. Einerseits kann ich mich so mit dem Liedtext und der Bedeutung des Songs vertraut machen. Ist das Herz wirklich «sad and lonely», überträgt sich das auf die Intonation mit dem Instrument. Andererseits lassen sich rhythmisch schwierige Stellen singend einfacher erarbeiten, wenn nicht zuerst die Finger auf dem Griffbrett die richtigen Töne fin-
den müssen. Auch das Improvisieren fällt mir singend leichter. Ich profitiere dabei davon, dass wir uns in den Singstunden längere Zeit intensiv mit Scat, dem Singen mit Silben ohne Bedeutung, befasst hatten. In der Zwischenzeit richtet sich die Planung der Singstunden an der laufend wachsenden Sammlung von Jazz-Standards aus. Langweilig wird es dabei wohl nie, ist der Vorrat an Liedern doch unerschöpflich.
Singen wurde für mich das Lebenselixier. Ich konnte damit nicht nur die Stimme schulen und Sicherheit beim Singen gewinnen. Ich fand mit Barbara auch eine Mentorin meiner persönlichen musikalischen Entwicklung, die mich immer wieder zu weiteren Abenteuern ermutigt und dabei unterstützt. Ich begann so wieder Gitarre zu spielen, lernte Chöre zu begleiten, verliebte mich im Chor des Besuchsdienst Bern in den Kontrabass und so weiter.
Sich an ein einfaches Leben zu gewöhnen, bedeutet «Avvezzo a vivere, senza conforto» frei übersetzt. «Senza conforto» könnte ich mir vorstellen. Es wäre ja nicht das erste Mal in meinem Leben. Aber «senza musica»? Ausgeschlossen.