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Wie die filigranen Formationen von Salzkristallen in einem chemischen Experiment erscheinen bei Margaret Atwood die irritierenden und verwirrenden Familienverhältnisse und Konflikte. In dreizehn Geschichten erzählt sie von skurrilen Charakteren und Konstellationen, die sie mit Witz, Ironie und Originalität in Szene setzt ... 'Margaret Atwood ist die stille Mata Hari, die geheimnisvolle, gewalttätige Gestalt, die sich wie eine Brandstifterin gegen die geordnete, zu saubere Welt wirft.' Michael Ondaatje
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr 'Report der Magd' wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Vorwort
Die kleinen und großen Katastrophen des Lebens
Autorentext
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr "Report der Magd" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Leseprobe
Bedeutende Augenblicke im Leben meiner Mutter
Als meine Mutter klein war, schenkte ihr jemand einen Korb mit Küken zu Ostern. Sie sind alle gestorben.
»Ich wusste nicht, dass man sie nicht herausnehmen darf«, sagt meine Mutter. »Die armen kleinen Dinger. Ich habe sie alle in einer Reihe auf ein Brett gelegt, ihre kleinen Beine so steif wie Feuerhaken, und sie danach lange beweint. Ich hatte sie totgeliebt.«
Vielleicht will meine Mutter mit dieser Geschichte bloß veranschaulichen, wie dumm sie war, und wie sentimental. Sie will uns damit zu verstehen geben, dass sie heute so etwas nicht mehr tun würde.
Vielleicht ist es eine Erläuterung der Liebe; aber da ich meine Mutter kenne, halte ich das für unwahrscheinlich.
Der Vater meiner Mutter war Landarzt. In den Tagen, bevor es Autos gab, fuhr er mit einem Pferdegespann und einem Wagen in seinem Gebiet herum, und in den Tagen vor den Schneepflügen kutschierte er mit einem Pferdegespann und einem Schlitten mitten in der Nacht durch Schnee und Regen zu Häusern, in denen Öllampen brannten und Wasser auf dem Holzherd kochte und über dem Tellerbord Flanelltücher zum Wärmen hingen, für die Babys, denen er verhalf, das Licht der Welt zu erblicken, und die nach ihm benannt wurden. Seine Praxisräume waren im Haus, und als Kind sah meine Mutter die Leute über die vordere Veranda an seine Tür kommen, mit Teilen von sich, die sie fest umklammert hielten - Daumen, Finger, Zehen, Ohren, Nasen -, die sie bei einem Unfall verloren hatten und die sie an die rohen Stümpfe ihrer Körper pressten, als könnten diese abgetrennten Teile wie Teig darangeklebt werden, in der meist vergeblichen Hoffnung, mein Großvater würde sie ihnen wieder annähen und so die klaffenden Wunden, von Äxten, Sägen, Messern und dem Schicksal verursacht, zu heilen imstande sein.
Meine Mutter und ihre jüngere Schwester lungerten so lange dicht beim Eingang zur Praxis herum, bis man sie verjagte. Hinter der Tür konnte man Stöhnen, erstickte Schreie, Hilferufe hören. Für meine Mutter waren Krankenhäuser nie etwas Schönes, und Krankheiten haben nie Aufschub oder Ferien bedeutet. »Werdet bloß nie krank«, sagt sie und meint es ernst. Sie selbst wird fast nie krank.
Nur einmal wäre sie fast gestorben. Das war, als sie einen Blinddarmdurchbruch hatte. Mein Großvater musste die Operation selbst durchführen. Hinterher sagte er, dass er dies eigentlich nicht hätte tun dürfen: Seine Hände hatten viel zu sehr gezittert. Das war eines seiner wenigen Eingeständnisse von Schwäche, von denen meine Mutter je berichtet hat. Meist wird er als ernst dargestellt, als jemand, der alles im Griff hat. »Wir hatten Respekt vor ihm«, sagt sie. »Alle hatten Respekt vor ihm.« (Das ist ein Wort, das seit der Kindheit meiner Mutter etwas an Wert eingebüßt hat. Früher war es sogar noch wichtiger als Liebe.)
Die Geschichte von der Bisamfarm meines Großvaters erzählte mir jemand anders: Wie er und ein Onkel meiner Mutter den Sumpf im hinteren Teil ihres Anwesens einzäunten und die Ersparnisse einer unverheirateten Tante meiner Mutter in Bisamratten investierten. Sie hatten die Idee, diese Bisamratten sich vervielfältigen zu lassen und zu Bisampelzmänteln zu verarbeiten, aber ein Nachbar mit einer Apfelfarm pflegte seine Spritzgeräte ein Stück weiter flussaufwärts zu waschen, und das Gift brachte die Bisamratten alle um, so dass sie mausetot waren. Das war zur Zeit der Depression und gar nicht witzig.
Als sie noch jung waren - das kann heutzutage so gut wie alles bedeuten, aber ich nehme an, es war mit sieben oder acht -, hatten meine Mutter und ihre Schwester ein Haus in den Bäumen, wo sie einen Teil ihrer Zeit mit ihren Puppen verbrachten, um mit ihnen Tee zu trinken und so. Eines Tages fanden sie eine Schachtel mit niedlichen kleinen Fläschchen vor der Apotheke meines Großvaters. Die Fläschchen waren zum Wegwerfen, aber meine Mutter (die schon immer gegen Verschwe