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Die Seelsorgerin der Unterwelt
Sie war ein Gewohnheitstier. Jeden Tag stand sie um die gleiche Zeit auf, trank den gleichen Nachtschattengewächstee und las am gleichen Ort die Dunkelgazette. In der Unterwelt passierte stets genug um gut dabei unterhalten zu werden. Neue Dämonen und Plagen rangen um die Herrschaft, schichteten die Welt um und fanden neue Opfer. Alleine in ihrer Nachbarschaft hatten die Besitzer von mannigfaltigen Geschäften mehr gewechselt als sie Klauen am Körper besaß. Ihr kleines Refugium bestand jedoch jeden Sturm und alle Unruhen. Es gab ein stillschweigendes Einverständnis, dass Fräulein Goschmar und ihr Laden unantastbar waren. Niemand hätte das offen zugegeben, es galt schliesslich seinen Ruf zu wahren; die Reputation war ein Statussymbol für jeden Bewohner der Unterwelt. Je stärker jemand auf der Oberfläche verwünscht wurde, desto mächtiger wurde er hier. In den grossen, alten Villen saßen die Gildenführer von Gier und Eifersucht, Hass und Angst. Aber in jüngster Zeit hatten neue Emporkömmlinge von sich Reden gemacht. Sie waren spezifischer, als die Altehrwürdigen, genauer, und dafür umso hinterlistiger. Da gab es die Körperwahrnehmungsverzerrung, kurz KWV, die eine ganze Strasse mit Modegeschäften unterhielt, oder die Goldenekäfigsflucht, kurz GKF, die ein Reiseveranstalter war und die Generelle Abgestumpftheit, kurz GA, die ein Unterhaltungsimperium aufgebaut hatte. Sie alle verdienten viel Geld, aber Geld war nicht so wichtig für Fräulein Goschmar. Sie sah sich nicht so sehr als Verkäuferin, sondern eher als Seelsorgerin.
Als sie um acht Uhr abends den Laden aufschloss und ihre Artikel ein letztes Mal zurechtrückte, dauerte es nicht lange, bis die Ladenglocke bimmelte. Gemächlich ging die Besitzerin weiter zum Tresen und wandte sich dann langsam um, sodass ihr Kunde Zeit hatte, sich umzusehen. So früh kamen stets nur die Neulinge und keine Stammkunden. «Düstere Nacht», grüsste sie freundlich. «Nacht», murmelte es hinter einem hochgeschlagenen Kragen hervor. Das Gesicht des Dämons war hinter einer tief ins Gesicht gezogenen, karierten Schiebermütze versteckt. Das wäre nicht nötig, denn Fräulein Goschmar wahrte die Privatsphäre eines jeden Kunden, aber sie verstand, dass der Neuling vorsichtig war.
«Was kann ich für Sie tun?»
«Kann ich erst ein bisschen schauen?»
«Natürlich. Aber bitte nichts anfassen. Die Ware ist zerbrechlich», bat die Ladenbesitzerin.
Der Dämon schlurfte zu den Regalen und studierte die Inhalte. Der gezackte Schwanz, der unter dem langen Tweedmantel hervorschaute, zuckte nervös hin und her. Ein paar Minuten starrte der Besucher ihre Auslage an.
«Viele mögen diese Linie hier.» Das Fräulein deutete auf eine Auslage von in goldblaue Folie eingepackte Bonbons. «Sie sind leicht bekömmlich, machen nicht abhängig und sind trotzdem befriedigend.» Der Dämon wiegte den Kopf. «Sie können natürlich ein Muster probieren. Ich habe eigens einen Raum dafür.» Diese Aussicht schien den Kunden zu freuen.
«Wie viele könnte ich denn probieren?»
«Maximal drei.»
«Das sollte reichen. Woher kommen diese hier?» Er deutete auf eine Reihe von in Kupferfolie verpackten Bonbons, die kleine schwarze Tupfer aufwies.
«Die kommen aus Kriegsgebieten. Den meisten Jungen ist das zu schwer. Ich empfehle Ihnen eher die da:» Sie führte ihn zu einer Auslage an kleinen Bonbons, die in regenbogenfarbene Folie gewickelt waren und deren Enden überdimensioniert gross waren. Ihr Kunde nickte, doch seine Augen wanderten zu einem weiter entfernten Regal, wo eine Reihe von schwarzen Kugelbonbons lagen.
«Die sind für die alten Stammkunden, die Abhängigen. Soweit kommt es mit Ihnen nicht, mein Lieber.»
Sie wies den Dämon an, sich ein wenig umzusehen. Als er soweit war, führte Fräulein Goschmar Ihren Kunden in ein kleines Nebenzimmer, dessen Wände aussahen, als wären sie mit leeren Eierschachteln tapeziert.
«Sie erlauben?»
Die Ladenbesitzerin nahm das goldblaue Bonbon in die Finger und zog kräftig an den abstehenden Folienende. Es gab einen Knall und dann erfüllten Schreie den kleinen Raum. Es waren keine Schmerzensschreie sondern reichten von frustriertem Ächzen über entnervtes Stöhnen bis zu kurzen, pointierten Schreien. «Die werden in Büros gesammelt.» Der Dämon schob die Schiebermütze zurück und schloss entzückt die Augen, als die Schreie ertönten. Seine verkrümmte Haltung wurde entspannter und die steilen Falten auf seiner ledernen Stirn glätteten sich.
«Erfrischend, nicht?», wollte Fräulein Goschmar wissen.
Der Dämon nickte.
«Gut dann lass ich sie für den Rest alleine. Lassen Sie sich Zeit.»
Sie verließ den Raum und ging zum Regal mit den schwarzen Schreibonbons. Wie sie sich gedacht hatte, fehlte eins. Der Dämon hatte es sich nicht verkneifen können. Damit war er nicht der erste, der die Lektion selbst lernen musste.
Fräulein Goschmar kehrte zu ihrem Tresen zurück und nahm ein Stapel pinkfarbener Folie sowie einen Topf mit unscheinbaren Kugeln hervor. Sie hatte bereits ein Dutzend weitere Bonbons erstellt, als der Dämon aus dem Nebenzimmer trat. Seine teigige Gesichtsfarbe und der kalte Schweiss auf der Stirn verrieten ihr, dass er das schwarze Exemplar probiert hatte.
«Für was haben Sie sich entschieden?»
«Die Grünen da.»
«Hervorragende Wahl. Die Linie «Ehekrise» kommt bei den Kunden sehr gut an.»
Sie verkaufte ihm ein Dutzend Schreibonbons und geleitete ihn zur Tür. «Vergessen Sie nie, die Bonbons behandeln nur die Symptome. Die wahre Ursache ihres Bedürfnisses nach Befriedigung liegt in ihrer eigenen Zufriedenheit. Wenn Sie in Ihrer Arbeit wieder zufrieden sind, dann brauchen Sie auch die Bonbons nicht mehr.»
«Das sagten Sie so einfach. Aber meine Lage ist aussichtslos!»
«Keine Lage ist aussichtslos!», beharrte Fräulein Goschmar.
«Ich lebe von der Angst, die verspürt wird, wenn ein gutes Buch endet und man kein neues findet, das ihm das Wasser reichen kann. Aber die Leute heutzutage lesen kaum noch!», jammerte der Dämon.
Das Gesicht der Ladenbesitzerin wurde ernst.
«Wie wäre es, wenn ich Ihnen eine Kundenkarte ausstelle?»
***
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.