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(Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 1993 – Seite 549-550)
BLICKPUNKTE
Es gibt nicht nur die Angst vor der Leere, sondern offenbar auch eine tief verwurzelte Abneigung gegen alles Heterogene, Komplexe und Vielfältige. Einheitlichkeit und Regelmässigkeit erleichtern die Orientierung und befriedigen das Bedürfnis der eindeutigen Zuordnung von Ursachen und Wirkungen, von Problemen und Lösungen, von Kompetenz und Verantwortung und wohl auch von Kosten und Nutzen. «Klare Abschnittsgrenzen» schaffen Ordnung und Sicherheit, aber diese Ordnung hat einen hohen Preis. Die Wirklichkeit ist unendlich komplex, und jede Vereinheitlichung, jede Isolation von Bereichen und Erscheinungen ist immer auch eine Verfälschung und hat etwas Gewaltsames.
Trotzdem sind Grenzen im Raum, Abgrenzungen von Begriffen und Einund Ausgrenzungen von Personengruppen lebensnotwendig, sie können Probleme lösen, sie schaffen aber auch wieder Probleme, weil sie immer unter verschiedensten Gesichtspunkten «falsch» sind. Der geschlossene Kreis ist ein Symbol der Ganzheit und der Identität, aber die Wirklichkeit folgt eher dem Muster der überlappenden Kreise. «Overlapping circles» oder – schwer übersetzbar aber noch anschaulicher – «interlapping circles» stören unser ästhetisch und wohl auch ökonomisch ausgerichtetes Ordnungsbedürfnis und erschweren die Erfassung der Welt in Schubladen, Karteikästen und Rubriken. «Warum verläuft denn die Grenze hier nicht gerade!» ist der historisch verbürgte Ausruf eines deutschen Offiziers, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs mit dem komplizierten Verlauf der Schweizergrenze im Kanton Schaffhausen konfrontiert war. Ähnlichen Ärger haben wohl auch Lord Owen und Cyrus Vance empfunden, als sie ihren untauglichen Vorschlag zur Befriedung im ehemaligen Jugoslawien ausarbeiteten. Auch die «Kommission Widmer», hat mit ihren Vorschlägen für neue Grenzen zwischen dem Kanton Bern und dem Kanton Jura der Utopie von der «richtigeren Grenze» nachgejagt. Neue und «rationalere», in irgendeinem Sinn «geradere» Grenzen vermögen Probleme zwischen überlappenden Bereichen kaum je befriedigend zu lösen. Dies gilt in besonderem Ausmass bei Fragen der Zugehörigkeit, der nationalen, der religiösen und der kulturellen Identität und beim Versuch, Sprachgruppen und Sprachregionen ausschliesslich nach dem Grundsatz der Territorialität zuzuordnen.
Ich lebe als gebürtiger Appenzeller in St. Gallen, Hauptstadt eines Kantons, dessen Grenzen alles andere als «gerade» verlaufen. Er umschliesst den Kanton Appenzell, der sich in der Reformation in zwei Halbkantone gespalten hat. Die St. Galler bezeichnen die beiden Appenzell als «Kuhfladen in einer schönen Wiese», und die Appenzeller halten sich ihrerseits für das «Goldstück» auf einem Kuhfladen. Solche Neckereien sind älter als die Theorie der überlappenden Bereiche, aber sie sind vielleicht ein Anhaltspunkt dafür, wie im kleinräumigen Umkreis auch durchlässige, lebensnahe Abgrenzungen möglich werden.
Die Stadt St. Gallen hat ihren eigenen Reformator Joachim von Watt, genannt «Vadianus», ihre ganze Umgebung ist aber katholisch geblieben. Das innerhalb der Stadt gelegene Kloster blieb nach einem Schiedsspruch der Eidgenossen katholische Enklave und grenzte sich mit einer internen «Schiedmauer» ab. Also doch – «Frieden durch Grenzziehung»? Ja und nein. Die Grenze schuf eine neue kleine katholische Minderheit innerhalb einer städtischen Mehrheit von Protestanten, die aber nach der Kantonsgründung ihrerseits eine Minderheit im mehrheitlich katholischen Kanton bildet. Die Grenze hat also keine neue und «bessere» Homogenität geschaffen, sondern spiegelt die Heterogenität: «Wie im Grossen, so im Kleinen», die Mikrovielfalt als Spiegel der Makrovielfalt – und nicht die Utopie homogener Räume und Gruppen.
Gibt es denn angesichts dieser überlappenden Bereiche noch so etwas wie Identität? Auf meinem Estrich befindet sich ein Koffer, in dem diverse Fahnen aufbewahrt werden. Eine übergrosse Schweizerfahne, die einmal als offizielle Schweizerflagge an der Weltausstellung in Montreal wehte (ein Geschenk eines Verwandten aus Kanada), ein Appenzeller Bär aus meinem Heimatkanton Appenzell-Ausserrhoden, aus dem mein Urgrossvater nach St. Gallen «hinunterstieg», eine Fahne der Stadt St. Gallen, ebenfalls ein Bär, gezähmt mit einem goldenen Halsband, aus dem «Familienerbe» meiner Stadtsanktgaller Mutter, sowie ein «Berner Mutz» von meinem Schwiegervater, der sich als Berner fühlte, obwohl sein Vater schon mit 14 Jahren von dort ausgerissen war, um in der Ostschweiz Arbeit zu finden. Meine Frau blieb bis zu unserer Heirat Bürgerin von Huttwil im Kanton Bern, ohne je dort gewesen zu sein. In meinem ererbten Fahnensortiment fehlt die Fahne des Kantons St. Gallen mit dem historisch nicht ganz unbelasteten Liktorenbündel und die Europafahne mit den zwölf goldenen Sternen auf blauem Grund – ein Mariensymbol. Ich vermisse sie nicht.
So komplex und heterogen ist also meine familiäre gebietskörperschaftliche Identität – überlappende Flaggen… Meine beiden Söhne halten nichts von nationalen, kantonalen und kommunalen Fahnen. Ihre Zimmer sind mit den Vereinsinsignien ihres Fussballklubs dekoriert – zwei verschiedene Klubmannschaften, in denen sie aktiv sind. Innerfamiliäre Heterogenität und Vielfalt, die natürlich auch Konfliktpotentiale enthält, die aber insgesamt das friedliche Zusammenleben nicht in Frage stellt. Je kleiner und kleinräumiger die überlappenden Bereiche sind, desto verzichtbarer wird die Homogenisierung durch «gerade Grenzen» und einheitliche und einfältige Kreise. Ob sich aus diesen Erfahrungen «Friedenspläne» schmieden lassen? Vielleicht hat man da und dort das Problem der Grenzziehung zu grossräumig angepackt und die Chancen unterschätzt, welche in den Verflechtungen liegen, die Lösungen im heterogenen Mikrobereich anbieten, statt in Trennungen und Säuberungen, mit dem Ziel erhöhter Homogenität. Es sollte eben nicht nur im Grossen «zusammenwachsen, was zusammengehört», sondern im Kleinen sich vertragen lernen, was ursprünglich verschieden war. So werden Grenzen nicht aufgehoben, aber sie werden zu Bereichen des Austauschs, des Gebens und Nehmens und des Lernens in Vielfalt.
Robert Nef