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Was über Literatur geschrieben wird, befriedigt oft deshalb so wenig, weil die Grundfrage unbeachtet bleibt, womit man es eigentlich zu tun hat, wenn man von Literatur spricht. Das ist insofern verständlich, als die Literatur sich der gleichen Sprache bedient, die im Alltag verwendet wird, um Mitteilungen oder Vorschläge zu machen, Befehle zu erteilen oder sich mit anderen zu verständigen, und die deshalb kein wesentlich verschiedenes Sprachverständnis nahezulegen scheint. Während aber die Alltagsrede – nicht immer und nicht notwendigerweise, aber im allgemeinen – als Mittel aufgefasst wird, einen Gedanken zu transportieren, der, sobald dies gelingt, die Sprache überflüssig macht, entsteht ein literarischer Text von Anfang an aus der Absicht, ein Sprachgebilde zu formen, das als solches Bestand haben soll. Literatur entsteht nicht durch Sprache als etwas von ihr Verschiedenes, sondern als Sprache. Deshalb ist ein literarischer Text nie auf ein von seinem Gesagtsein ablösbares Gesagtes reduzierbar, sondern nur als das – allerdings variable – Verhältnis zu verstehen, in das der Gedanke und seine sprachliche Erscheinung als einander gegenseitig bestimmende gebunden sind. Das bedeutet nicht, dass die Sprache der Literatur eine andere ist, sondern nur, dass die Einstellung zur Sprachlichkeit des Gesagten eine andere ist. Die Sprachvergessenheit, die im gewöhnlichen Umgang vorherrscht und die Illusion begünstigt, man habe es mit den Sachen zu tun, wo es vorsichtiger wäre, nach ihrer Beziehung zu den Worten zu fragen, weicht in der Literatur der Anerkennung der Sprachgebundenheit des Gesagten.
Alles Reden über Literatur muss davon ausgehen, dass man sie immer schon verpasst hat, sobald man die alles Sprachliche begründende Beziehung zwischen dem, was gesagt wird, und der Weise seines Gesagtseins nach der einen oder andern Richtung reduziert. Die Gefahr, dies nach der inhaltlichen Seite hin zu tun, ist bei erzählenden Texten am grössten, weil das Interesse an der Handlung leicht von der Art ihrer Vermittlung ablenkt und der Sprachvergessenheit Vorschub leistet. Im Unterschied dazu verführt das Gedicht weniger zur Einseitigkeit, weil es deutlicher auf seine Sprachlichkeit aufmerksam macht und dadurch einer nur inhaltlichen Lektüre entgegenwirkt. Ich befrage deshalb im folgenden das Gedicht als jene Art von Text, die das Literarische am reinsten zur Erscheinung bringt.
Aber die Einsicht in die zentrale Rolle, die der Beziehung zwischen dem Gesagten und seinem Gesagtwerden zukommt, ist erst und nur ein Hinweis darauf, um was es gehen muss, wenn man über Literatur, und besonders über Gedichte, redet. Es bleibt die fundamentalere Frage, was die Rolle dieses Redens selbst ist, welche Aufgabe es zu erfüllen hat und welchen Sinn es haben kann. Wozu über Gedichte sprechen? Genügt es nicht, Poesie entgegenzunehmen, ohne sie durch eine Rede zu verdoppeln, die dann doch nicht an sie heranreicht? Das Reden über Poesie kann nur Sinn haben, wenn es etwas leistet, was die Poesie selber nicht zu leisten vermag. Wenn es ein solches Reden nicht gibt, so ist es nicht möglich, etwas über Poesie zu sagen, was diese nicht auch selbst sagt oder sagen könnte. Alles Reden über Poesie ausserhalb dieser selbst wäre dann redundant und daher überflüssig. Angenommen aber, es gibt ein Reden über Poesie, das in ihr etwas erschliesst, was sie selber zu sagen ausserstande ist, dann ist dieses Reden als etwas aufzufassen, das die Poesie ergänzt, ihr etwas hinzufügt, das ihr fehlt. Die Poesie ist dann nicht selber das Ganze, sondern wird es erst als ergänzte. Es gibt dann ein höheres Ganzes als sie, dessen anderer Teil das Reden über sie ist.
Der Gedanke, dass der Poesie – nicht diesem oder jenem Gedicht, sondern der Poesie als solcher – etwas fehlen soll, befremdet. Will man ihm trotzdem nachgehen, muss man annehmen, dass in der Poesie selbst die Forderung nach dem Reden über sie als einem anderen, von ihr zu unterscheidenden Reden angelegt ist, und dass die Poesie ihre Erfüllung zum Ganzen erst in der Erfüllung dieser Forderung findet. Aber die Trennung zwischen zwei einander ergänzenden Redeweisen stösst sogleich auf eine Schwierigkeit, der sie, so scheint es, zum Opfer fallen muss: es ist vorerst nicht einzusehen, was die Poesie daran hindern soll, von sich selbst zu sprechen. Es gibt viele Gedichte, in denen vom Gedicht die Rede ist, wie es anderseits auch ein Reden über Poesie gibt – etwa die artes poeticae –, das in Versen, also als poetische Rede abläuft. Es scheint möglich zu sein, das Reden über Poesie in die Poesie selbst zurückzunehmen, wodurch nicht nur die Trennung zwischen Poesie und dem Reden darüber verwischt, sondern auch die sich selbst genügende Ganzheit der Poesie zurückgewonnen würde.
Man nähert sich dieser Schwierigkeit am ehesten, wenn man das Reden über Poesie von seinen einfachsten und vertrautesten Erscheinungsformen her befragt, die, als seit langem überlieferte, die trügerische Fraglosigkeit des Selbstverständlichen erlangt haben. Die vielleicht elementarste Rechtfertigung dafür, über ein Gedicht zu sprechen, ist der Wunsch, es zu erklären. Erklären heisst erhellen, etwas ins Licht bringen, das dunkel ist. Es ist das Dunkle, das erklärungsbedürftig ist, und wenn es ein Bedürfnis gibt, Poesie zu erklären, so wirft das die Frage auf, was das Dunkle an der Poesie ist. Hier kann man sich an das lateinische Wort explicatio erinnern, das die Erklärung meint, aber ohne sich der Lichtmetaphorik zu bedienen. Erklären erscheint jetzt als ein Auseinanderfalten, ein Bild, das auch die Anschaulichkeit des deutschen Worts «Auslegung» ausmacht. Wenn man diese Wörter wörtlich nimmt, so nimmt die Erklärung das auseinander, was in der poetischen Rede in eins zusammengelegt ist. Sie macht explizit, was in der Poesie implizit ist, und das Implizierte, Eingefaltete, ist das Dunkle der Poesie, das erhellt werden muss.
Mit dieser Erklärung des Redens über Poesie als Erklären ist nun aber die Trennung zwischen der Poesie und dem Reden darüber bekräftigt, die sich eben noch als kaum haltbar erwies. Auch könnte der Einwand aufkommen, nicht alle Poesie sei dunkel, und ein leicht verständliches Gedicht bedürfe keiner Erklärung. Auf diesen Einwand gehe ich ein, bevor ich auf die Beziehung zwischen der Poesie und dem Reden darüber zurückkomme.
Das Dunkle des Gedichts ist nicht etwas Schwerverständliches, das so schwierig zu entziffern wäre, dass man es nochmals und einfacher auszudrücken versuchen müsste, um es zugänglich zu machen. Das Dunkle der Poesie gehört zum einfachen ebenso wie zum schwierigen Gedicht. Wo es fehlt, fehlt die Poesie selbst, die es ohne die Dunkelheit in dem hier gemeinten Sinn des Ineinandergefalteten nicht gibt. Das Dunkle des Gedichts ist seine Dichte. Dicht ist es dadurch, dass die poetische Rede die verschiedenen an der Gestaltung einer sprachlichen Äusserung beteiligten Ebenen – die Laute, den Rhythmus, die Grammatik, die Bedeutungen – zu einem einzigen einheitlichen Ablauf komponiert, das heisst: zusammenfügt, der sich von einer gewöhnlicheren, nur auf die Vermittlung einer Mitteilung ausgerichteten Rede dadurch unterscheidet, dass alles an seinem Zustandekommen Mitwirkende als gleich wichtig und um seiner selbst willen ernstgenommen wird, überdies aber sich in einer gleichzeitigen Überlagerung verbindet und zusammenballt, die als Dichte angemessen bezeichnet ist. Die Dichte des Gedichts ist seine Dunkelheit, die ineinandergefaltete Vielzahl der Aspekte, unter denen es erfahrbar ist. Dunkel ist die Dichte der poetischen Rede insofern, als das Gleichzeitige in einer einheitlichen Erfahrung aufgenommen wird. Eine solche Erfahrung ist ohne Zweifel möglich und findet bei jedem Aufnehmen jedes Gedichts statt. Sie ist eine Art von Verstehen, aber ein Verstehen, das nicht, oder nicht nur, rationaler Natur ist, das aber in dem, was es aufnimmt, die Möglichkeit einer Klärung ahnt, die eintreten könnte, wenn, wenn das zur Einheit Verdichtete entfaltet und die Beziehungen zwischen den Elementen des poetischen Geschehens ausdrücklich hergestellt würden. In dem Masse, als dies gelingt, kann die entfaltende Rede etwas leisten, was der Poesie versagt bleibt. Sie vermag zu sagen, was das Gedicht zwar nicht verschweigen, aber implizieren muss, damit die Dichte der poetischen Rede sich herstellt. Umgekehrt allerdings ist es unvermeidlich, dass im auslegenden Reden über Poesie diese verloren geht, weil durch das Zerlegen des Vereinten Klarheit auf Kosten der dunklen Dichte gewonnen wird.
Hier meldet sich nun die Schwierigkeit wieder, die aus der kaum zu widerlegenden Beobachtung entstand, dass Poesie sehr wohl von sich selber handeln kann. Wenn das stimmt, so scheint es nicht mehr möglich, Poesie und das Reden darüber auseinanderzuhalten. Aber die Unterscheidung bleibt sinnvoll, wenn man bedenkt, dass Dichte zwar notwendig zur Poesie gehört, aber sie nicht allein ausmacht. Nicht alles ist in der poetischen Rede, die ja ein Nacheinander ist, in die Gleichzeitigkeit zusammengedrängt, was sie, zum Äussersten getrieben, im Punktuellen verkümmern liesse. Weil die Poesie immer auch lineare Aussagen macht, deren Teile zu einer Abfolge entfaltet sind, spricht nichts dagegen, dass sie erklärend von sich selber spricht. Auch kann dies ohne weiteres so geschehen, dass diese Rede sich selbst als eine poetisch dichte konstituiert. Eines allerdings bleibt ihr verwehrt: was immer sie über Poesie sagt oder als solche erklären mag, sie kann ihre eigene dunkle Dichte nicht auflösen, denn diese ginge in der Auflösung verloren. Die Dichte der erklärenden poetischen Rede kann mit der Dichte, die durch sie erklärend aufgelöst wird, niemals zur Gleichzeitigkeit einer Einheit verdichtet werden. Die auslegende Rede, die selber poetische Dichte hat, verlangt wiederum nach einer Auslegung, die das in ihr Implizierte expliziert.
Um die in der zerlegenden Explizierung kompliziert erscheinende Verschränkung von Poesie und Erklärung etwas zugänglicher zu machen, verlagere ich sie in ein kleines Gedicht von Eichendorff, das unter der Überschrift «Wünschelrute» von der Entstehung des Gedichts handelt.
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Das Gedicht ist eine poetische Rede über die Poesie. Diese kommt zustande, wenn es gelingt, die Welt zum Singen zu bringen. Wie dies geschieht, wird im letzten Vers gesagt, wo vom Treffen des Zauberworts die Rede ist. Die vorgebrachte Erklärung für die Entstehung des Gedichts ist klar und so einfach ausgedrückt, dass nichts die Verständlichkeit des Textes in Frage stellt. Wo liegt dann aber hier die der poetischen Rede zugesprochene Dunkelheit? Man könnte darüber nachdenken, was es bedeutet, dass die Erweckung des Lieds aus den Dingen, in denen es schläft, in Liedform besprochen wird, dass also das, was beschrieben wird, gleichzeitig als diese beschreibende Rede geschieht. Das ist eine jener Überlagerungen, die zur poetischen Dichte beitragen, und die das Gedicht insofern, als sie in ihm und als es stattfinden, nicht zu entfalten vermag. Es gibt aber in diesem Gedicht eine unentfaltete Verdichtung, deren Auflösung sein Dunkles besonders deutlich macht.
«Das Zauberwort zu treffen» kann zweierlei heissen. Entweder trifft man es so, wie der Schütze ein Ziel trifft, das er anvisiert, oder man trifft es so, wie man jemanden antrifft, auf den man in der Menge stösst, ohne ihn gesucht zu haben. Im einen Fall ist der Treffer das Ergebnis einer Bemühung und eines Könnens, im andern handelt es sich um eine zufällige, ohne eigenes Zutun sich ereignende Begegnung. In Eichendorffs Gedicht ist die Zweideutigkeit des Treffens unentscheidbar. Das Lied ist ebenso von der Welt geschenkt, in der es immer schon schläft, wie es auf die Anstrengung des Dichters angewiesen ist, der mit der Wünschelrute sucht, was ihm von aussen gegeben werden muss. Die unentfaltete Mehrdeutigkeit des Wortes «treffen»
ist eine Erscheinungsform der Dichte der poetischen Rede, die hier zugleich eine erklärende ist, die aber ihre eigene poetische Dichte nicht erklärend auseinanderzufalten vermag. Dazu bedarf es einer weiteren erklärenden Rede, zum Beispiel der jetzt gerade stattfindenden, die zwar die Dichte preisgibt, indem sie sie auflöst, dafür aber die Mehrdeutigkeit expliziert und darin ihre Berechtigung findet, dass sie das Zauberwort «treffen», das Eichendorff hier trifft, zwar entzaubert, dafür aber erklärt.
Wenn der Anspruch zu Recht besteht, mit der Rede von der Dichte und deren Auslegung etwas Allgemeines des Gedichts und des Sprechens darüber getroffen zu haben, so müsste dieser Befund auch für das sogenannte moderne Gedicht gelten. Nun unterscheiden sich viele Gedichte, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind oder heute geschrieben werden, sehr stark von einem Gedichttypus, für den die zitierten Verse Eichendorffs als Beispiel dienen können. Auch wenn eine Definition des zeitgenössischen Gedichts nicht erstrebenswert ist, kann man doch eine Grundtendenz feststellen, die sich auf unterschiedlichste Weise, aber mit einer gewissen Konstanz, in neueren Texten zeigt. Sie besteht darin, dass der Anteil des Selbstverständlichen an der Gedichtrede abnimmt.
Es gibt Gedichte, die man in einem vordergründigen Sinn mühelos versteht. Mühelos ist dieses Verstehen, weil das Gedicht eine Reihe von Konventionen wie Grammatik und Wortbedeutungen unbefragt respektiert, so dass keine besondere Anstrengung verlangt ist. Vordergründig ist das Verstehen, weil es das Poetische der Poesie nicht erreicht. Ein Gedicht, das dem Verstand viel Selbstverständliches anbietet, ist dadurch noch kein Gedicht. Es wird erst dazu, wenn es alles, was am Zustandekommen der Sprachgestalt beteiligt ist, zu einer einheitlichen Ordnung verdichtet. Das Wort «triffst» in Eichendorffs Vierzeiler ist zwar Teil eines nach selbstverständlich gewordenen Regeln konstruierten und ohne weiteres verständlichen Bedingungssatzes und seine Bedeutung im Rahmen seiner anerkannten Verwendungen, aber darüber hinaus wird es auch als ein betontes einsilbiges Wort wahrgenommen, das an dieser Stelle des Verses verlangt ist, und es enthält den Laut i nicht zufällig, sondern weil es dadurch den Schlüsselwörtern «Lied», «Dingen» und «singen» zugeordnet wird.
So beruht bereits die Wirkung dieses traditionellen Gedichts auf einer Komplexität der sprachlichen Beziehungen, die ausschliesst, dass man nur auf das achtet, was es mitteilt. Das Neue heutiger Dichtung ist deshalb nicht etwas noch nie Dagewesenes, sondern besteht in einer Umverteilung der Prioritäten. In Gedichten, die als neuartig empfunden werden, findet eine Verlagerung der Akzentsetzung statt, die das Verhältnis zwischen den verschiedenen Aspekten des Sprachereignisses verändert. Der Vorrang dessen, was man in einem etwas verschwommenen Sinn das Inhaltliche nennen kann, ist entschieden in Frage gestellt. Lautliches und Rhythmisches ist nicht mehr nur eine Begleiterscheinung zu dem, was gesagt wird, sondern kann der Bedeutung übergeordnet sein. Sprache vermittelt nicht mehr einen vorgegebenen Gedanken, sondern bringt ihn unter Umständen erst hervor. Er wird zum Beispiel dadurch ausgelöst, dass ein Wort den Laut i enthält. Dass es auch etwas bedeutet, zwingt dann dazu, seiner Verwendung auch einen semantischen Sinn zu geben. All das ist nicht neu und lässt sich oft auch in alten Texten nachweisen. Neu ist die Bemühung, die Privilegierung des Inhaltlichen zu vermeiden und jene Aspekte des Sprachlichen aufzuwerten, die nicht verweisend mitteilen, sondern als die Materialität der Sprache wahrgenommen werden. Das zeitgenössische Gedicht nimmt sich tendenziell vom Aussersprachlichen, auf das es allerdings als Sprache notwendig auch ausgerichtet ist, auf die Sprache selbst zurück. Es verweigert in wechselndem Ausmass die Festlegung auf rational fassbare Mitteilungen und versteht sich immer in erster Linie als Sprachgebilde.
Zu den Folgen der Akzentverlagerung, die viele heutige Gedichte kennzeichnet, gehört die Ratlosigkeit, in die sie eine Kritik versetzt, die sich im Sog eines alltäglichen Sprachverständnisses mit der Reduktion der Sprache auf die konventionelle Art ihrer Mitteilungsfunktion zufriedengibt und deshalb in Verlegenheit gerät, sobald der Versuch, Inhalte zu paraphrasieren, auf Schwierigkeiten stösst oder sogar misslingt. Damit hat nicht nur die zunehmende Einengung der kritischen Würdigung von Literatur auf den Roman zu tun, sondern, ins Positive gewendet, die wachsende Beliebtheit von Gedichtlesungen. Im Vernehmen des gesprochenen Gedichts ist die Kritik als das Sprechen darüber ausgeschaltet zugunsten der unverstellten Präsenz der poetischen Dichte, an der alle Dimensionen des Sprachlichen mitwirken. Um diese Dichte geht es wie bei jedem auch beim zeitgenössischen Gedicht, aber auch hier entspringt, beim Hören oder Lesen, der gleichzeitigen Erfahrung der einander überlagernden Schichten der Wunsch nach zerlegender Erklärung des Zusammenhangs der verschiedenen Aspekte des Sprachlichen. Die Forderung an eine solche Erklärung, die vom zeitgenössischen Gedicht an das Reden über es ergeht, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem, was vom Sprechen über ältere Poesie zu verlangen ist; aber um sie zu erfüllen, braucht es eine Offenheit für die Umschichtung von Prioritäten, die sich nicht auf das Festhalten an bestimmten, in der Fraglosigkeit erstarrten Ordnungen versteift.
Hans Jost Frey, geboren 1933, ist emeritierter Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der
Universität Zürich. Nach einer Einführung in sein Werk durch Marco Baschera, der als Student seine Vorlesungen besuchte, folgt auf S. 60 sein Essay «Wozu über Gedichte sprechen?».