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Wer stiehlt, ist schöpferisch
Plagiatoren werden der Reihe nach aussortiert: erst der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, dann die Tochter von Edmund Stoiber, Veronica Sass, deren Doktortitel gestern von der Universität Konstanz aberkannt wurde. Und nun die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin. Ihre Dissertation über "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik. Die Lateinische Münzunion zwischen 1865 und 1927" wird an der Universität Heidelberg überprüft. Jetzt legte sie ihre Ämter als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP nieder.
Das Ganze geschieht mit bemerkenswerter Humorlosigkeit. Dem Akt des Kopierens wird eine Verwerflichkeit zugeschrieben, als ginge es um die Grundfesten abendländischer Kultur. Schuldbewusst flüchten sich die Plagiatoren in Ausflüchte, die sie nur noch schuldiger aussehen lassen. Dabei gäbe es einen Verteidiger, der die ganzen Plagiatsaffären in ein völlig anders Licht tauchen würde: Egon Friedell.
Ohne Diebstahl keine Kultur
In seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ beschäftigt er sich ganz am Anfang auch mit der Frage des Plagiats. „Genau genommen“, so schreibt er, „besteht die ganze Weltliteratur aus lauter Plagiaten. Das Aufspüren von Quellen, sagt Goethe zu Eckermann, sei «sehr lächerlich». «Man könnte ebenso gut einen wohl genährten Mann nach den Ochsen, Schafen und Schweinen fragen, die er gegessen und die ihm Kräfte gegeben. Wir bringen wohl Fähigkeiten mit, aber unsere Entwicklung verdanken wir tausend Einwirkungen einer grossen Welt, aus der wir uns aneignen, was wir können und was uns gemäss ist ...»“
Egon Friedell, der Kabarettist, Schauspieler, Feuilletonist und eben auch Schriftsteller war, hat 1927 seine Freunde mit dem ersten Band der "Kulturgeschichte der Neuzeit" regelrecht verblüfft. Keiner hatte damit gerechnet, dass er eine derartig detaillierte, gründliche und umfangreiche Arbeit, zudem durchtränkt mit Witz und Geist, vorlegen würde.
Nach dem Goethe-Zitat fällt Friedell noch eine Steigerung ein: „Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen. Alexander bestiehlt Philipp, Augustinus bestiehlt Paulus, Giotto bestiehlt Cimabue, Schiller bestiehlt Shakespeare, Schopenhauer bestiehlt Kant. Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, dass zu wenig gestohlen wird. Im Mittelalter wurden nur die Kirchenväter und Aristoteles bestohlen: das war zu wenig. In der Renaissance wurde alles zusammengestohlen, was an Literaturresten vorhanden war: daher der ungeheure geistige Auftrieb, der damals die europäische Menschheit erfasste. Und wenn ein grosser Künstler oder Denker sich nicht durchsetzen kann, so liegt es immer daran, dass er zu wenig Diebe findet. Sokrates hatte das seltene Glück, in Plato einen ganz skrupellosen Dieb zu finden, der sein Handwerk von Grund aus verstand: ohne Plato wäre er unbekannt."
Die Liebe des Genies
Für den begabten Menschen, so schreibt Friedell weiter, sei alles, worauf er treffe, neu. Denn am Bekannten nimmt er auch das bislang Übersehene und Unbekannte war. Und noch mehr: „Das Genie hat eine leidenschaftliche Liebe zum Guten, Wertvollen; es sucht nichts als dieses.“ - Ein solches Argument hätte man sich aus dem Munde des Freiherrn zu Guttenberg gewünscht. Warum sollte der leidenschaftliche Geist, so hätte er mit Friedell argumentieren können, sich mit Dingen zufrieden geben sollen, die schlechter sind als die aufgefundenen Originale?
Egon Friedell schliesst sein Plädoyer ebenfalls mit einem Zitat, diesmal von dem heute vergessenen Hermann Bahr: „Nehmen wir dem Künstler das Recht, das Schöne darzustellen, wie er es fühlt, unbekümmert, ob es schon einmal dargestellt worden ist oder nicht, und dem Kenner das Recht, nach dem Wahren zu trachten, ob es nun alt oder neu ist, und lassen wir bloss das gelten, was noch nicht da gewesen ist, dann machen wir allen Extravaganzen die Türe auf und der grösste Narr wird uns der liebste Autor sein.“