Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/941

1991 streikten die Schweizer Frauen zum ersten Mal. Sie gingen für Lohngleichheit und ganz allgemein für gleiche Chancen auf die Strasse. 28 Jahre später sind viele Forderungen immer noch aktuell.
Am 14. Juni 1991 – 10 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsartikels – streikten rund 500'000 Schweizerinnen und einige Schweizer unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still». Gefordert wurde in erster Linie gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit. Der Anlass wurde von den meisten Schweizer Frauenorganisationen mitgetragen und war ursprünglich von einigen Arbeiterinnen der Uhrenbranche im Vallée de Joux initiiert worden. Es war nach dem Landesstreik von 1918 der grösste Streik, den die Schweiz je erlebt hatte.
Ursprünglich stammte die Idee zum Frauenstreiktag aus den USA. Dort fand 1970 der erste weibliche Massenstreik statt. Einige zehntausend Frauen gingen damals auf die Strasse und setzten sich für das Recht auf Abtreibung, gleiche Chancen in der Arbeitswelt und kostenlose Kinderbetreuung während der Arbeitszeit ein. Der Protest ging vor allem in städtischen Gebieten, vornehmlich in New York, über die Bühne. Es folgten Frauenstreiks in verschiedenen Ländern, unter anderem in Island, Spanien und eben der Schweiz.
Der erste kleinere Frauenstreik spielte sich übrigens nicht in den USA, sondern in Österreich ab. Im Mai 1893 traten rund 700 Arbeiterinnen mehrerer Textilfabriken in den Ausstand. Sie forderten eine Verkürzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden pro Tag, einen Mindestlohn von acht Kronen pro Woche – ihr Verdienst lag damals bei rund einer Krone – und einen arbeitsfreien Tag am 1. Mai. Nach zwei Wochen lenkten die Arbeitgeber ein und bewilligten die Forderungen. Der Anlass ging als «Streik der 700» in die österreichische Geschichte ein.
Auch in der Schweiz waren die Frauen bereits vor 1991 aktiv. 1945, gleich nach Ende des zweiten Weltkriegs, streikten beispielsweise die Arbeiterinnen der Schweizerischen Industriegesellschaft für Schappe (SIS) in Arlesheim. Die SIS stellte aus Seidenabfällen billige Garne her und beschäftigte vor allem Frauen. Die Löhne in dieser Branche waren mager und jene der weiblichen Angestellten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen noch einmal um fast einen Viertel tiefer.
Im Juni 1945 begannen die rund 400 Arbeiterinnen der SIS deshalb einen Streik. Dieser dauerte einen Monat und fand in der Schweiz grosse Beachtung. Schliesslich konnten die Streikenden ihre Forderungen durchsetzen. Es wurde ein Gesamtarbeitsvertrag abgeschlossen und die Löhne und Ferientage erhöht.
Danach kam es immer wieder zur Niederlegung der Arbeit. Teilweise waren diese Streiks von weiblicher Seite organisiert worden. Sie blieben jedoch meist lokal oder regional. National gingen die Frauen erst einmal gemeinsam auf die Strasse. Nun folgt eine zweite Auflage. Das Organisationskomitee rechnet mit rund 100'000 Teilnehmerinnen. Trifft ihre Erwartung ein, wird der 14. Juni 2019 als einer der grössten Streiks des Landes in die Geschichte eingehen.
Das Frauenstimmrecht war übrigens beim Landesstreik von 1918 ein zentrales Anliegen. Es stand noch vor Punkten wie der 48-Stunden-Woche oder jener einer Alters- und Invalidenversicherung auf der Liste der Forderungen.