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Was Richard Strauss dem Publikum am 25. Januar 1909 in Dresden zumutete, war einigermaßen verwegen. Mit der Uraufführung seiner Oper „Elektra“ preschte er in harmonische Regionen vor, die menschliche Ohren bis dahin kaum vernommen hatten – auch wenn zeitgleich Arnold Schönberg bereits an den Grundfesten der Dur-Moll-Tonalität sägte. Geschuldet ist die hochkomplexe „Elektra“-Partitur freilich ihrer nicht minder komplexen Hauptfigur, die sich, zerfressen von Rachegelüsten, selbst an den Rand des Wahnsinns bugsiert. Dabei hatte Strauss zunächst Skrupel, den antiken Stoff in der Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthal aufzugreifen, weil er glaubte, er sein in seiner dramatischen Anlage und Entwicklung seiner 1905 uraufgeführten „Salome“ zu ähnlich. Hofmannsthal konnte Strauss’ anfängliche Bedenken jedoch zerstreuen, und so kam es zur ersten gemeinsamen Zusammenarbeit von Komponist und Dichter, die bis 1933 insgesamt sechs Opern umfassen sollte und die in dieser Form in der Musikgeschichte einzigartig ist.
Elektra im Bannkreis der Psychoanalyse
Der „Elektra“-Stoff reicht bis in die griechische Antike zurück und war dort offenbar so beliebt, dass sich jeder der drei großen attischen Tragiker Aischylos, Euripides und Sophokles mit ihm befasste. Elektra leidet unermesslich unter dem gewaltsamen Tod ihres Vaters König Agamemnon. Siegreich aus dem Trojanischen Krieg zurückgekehrt, wurde dieser von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Geliebten Aegisth heimtückisch und brutal beim Baden ermordet. Elektra brachte damals ihren kleinen Bruder Orest außer Landes in Sicherheit und wartet nun hasserfüllt auf dessen Rückkehr, um mit ihm gemeinsam den Mord am Vater zu rächen.
Schon Sophokles verschiebt mit seiner Bearbeitung des Stoffes den Fokus vom rächenden Orest auf die leidende Elektra, deren pathologisch veranlagter Charakter im Zentrum seiner Tragödie steht. Warum Hugo von Hoffmannsthal im Jahr 1903 Sophokles’ Tragödie „Elektra“ aufgriff und zur Vorlage seines gleichnamigen Dramas machte, ist vor allem vor dem Hintergrund der damaligen Blütezeit der Psychoanalyse erhellend. Unmittelbar vor Niederschrift seines Stücks hatte der Dichter die von Sigmund Freud und Josef Breuer gemeinsam verfassten „Studien über Hysterie“ gelesen. Später griff Carl Gustav Jung das Modell des Ödipuskomplexes seines Lehrers Freud auf und entwickelte als Pendant dazu seine These vom „Elektrakomplex“ als Ausdruck der überstarken Bindung einer weiblichen Person an den Vater bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber der Mutter.
Ekstatische Expressivität und dissonante Musiksprache
Für sein „Elektra“-Libretto nahm Hofmannsthal nur leichte Änderungen an seinem Dramentext vor, wobei er auch die Wünsche Richard Strauss’ berücksichtigte. Eine Kontrastfigur zu Elektra ist ihre Schwester Chrysothemis, die Elektras Rachsucht nicht teilt, die Vergangenheit ruhen lassen möchte und sich nach dem unbeschwerten Familienglück sehnt. Für sie hat Strauss eine lyrisch-emotionale, fast walzerartige Musik komponiert, während er das Innenleben seiner Protagonistin mit geradezu ekstatischer Expressivität nach außen kehrt. Die erweiterte Orchesterbesetzung und die hochromantische, oft extrem dissonante Musiksprache mit ihrer bitonalen Harmonik heben „Elektra“ auf eine Stufe, die Strauss mit seinen späteren Bühnenwerken – es folgten noch elf weitere Opern – an Kühnheit nicht mehr überbieten konnte und wohl auch nicht wollte.
Perlen im Meer der Aufnahmen
Die Uraufführung der „Elektra“ am 25. Januar 1909 im Königlichen Opernhaus in Dresden unter dem Dirigat von Ernst von Schuch und in der Regie von Georg Troller bezeichnete der Komponist als „einen anständigen Achtungserfolg“. Noch im selben und im Folgejahr wird die Oper in zehn weiteren europäischen Städten und in New York auf die Spielpläne gesetzt. Bis heute ist das Werk fest im Repertoire der großen Opernhäuser verankert, wobei sich seine ungebrochene Popularität auch in einer unüberschaubaren Fülle von Aufnahmen widerspiegelt.
Berühmtheit erlangt hat der Live-Mitschnitt einer Aufführung des New York Philharmonic unter Dimitri Mitropoulos aus dem Jahr 1949 mit Astrid Varnay in der Titelpartie. Acht Jahre später zeigte unter demselben Dirigat mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg die Sopranistin Inge Borkh ihre staunenswerte Eignung für die Rolle. Unter den neueren Einspielungen sticht die Studioproduktion des Chors und Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Wolfgang Sawallisch hervor, in der 1990 die ungarische Sopranistin Éva Marton eine herausragende Elektra abgibt. Hörens- und auch sehenswert ist nicht zuletzt Götz Friedrichs Verfilmung des Stoffs aus dem Jahr 1982. Unter dem Dirigat von Karl Böhm präsentiert sich Leonie Rysanek in stimmlicher Bestform, während ihre vom Dauerregen durchnässte Elektra in die Abgründe der eigenen zerrissenen Seele blickt.
Die wichtigsten Fakten zu Richard Strauss› „Elektra“:
Libretto: Hugo von Hofmannsthal
Ort und Zeit der Handlung: Mykene, nach dem Trojanischen Krieg.
Personen:
Elektra (Sopran)
Chrysothemis, ihre Schwester (Sopran)
Klytämnestra, ihre Mutter, Witwe Agamemnons (Mezzosopran)
Aegisth, Klytämnestras neuer Gemahl (Tenor)
Orest, Elektras Bruder (Bariton)
Pfleger des Orest (Bariton)
Vertraute (Sopran)
Schleppträgerin (Sopran)
Junger Diener (Tenor)
Alter Diener (Bass)
Aufseherin (Sopran)
Erste Magd (Alt)
Zweite Magd (Mezzosopran)
Dritte Magd (Mezzosopran)
Vierte Magd (Sopran)
Fünfte Magd (Sopran)
Diener und Dienerinnen
Orchesterbesetzung:
Holzbläser:
Piccolo, 3 Flöten (3. auch Piccolo), 3 Oboen, (3. auch Englischhorn), Heckelphon, Es-Klarinette, 4 Klarinetten, 2 Bassetthörner, Bassklarinette, 3 Fagotte, Kontrafagott
Blechbäser:
8 Hörner (5.–8. auch je zwei Wagnertuben in B und in F), 6 Trompeten, Basstrompete, 3 Posaunen, Kontrabassposaune, Kontrabasstuba
Schlagwerk:
6–8 Pauken, Glockenspiel, Triangel, Becken, Tamtam, Tamburin, kleine Trommel, große Trommel, zwei Kastagnetten, Rute
Celesta (ad libitum)
2 Harfen (ggf. verdoppelt)
Streicher
Spieldauer: ca. 1 Stunde, 50 Minuten
Uraufführung: 25. Januar 1909, Königliches Opernhaus Dresden
Referenzeinspielung
R. Strauss: Elektra
Regina Resnik (Klytämnestra), Birgit Nilsson (Elektra), Marie Collier (Chrysothemis), Gerhard Stolze (Aegisth), Tom Krause (Orest), Wiener Philharmoniker, Georg Solti (Leitung)
DECCA (Aufnahme 1968)