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In einem New Yorker Wohnhaus ist der Lift so etwas wie der Dorfplatz. Man trifft sich, tauscht Neuigkeiten und Klatsch aus, lernt Leute kennen. Und manchmal wird man sogar an ein Konzert eingeladen.
Das ist der Grund, wieso ich mich an einem Frühlingssonntag zur Riverside Church begab. In dieser Baptistenkirche mit den Ausmassen einer französischen Kathedrale (inklusive Kiosk, Recyclingstation und Lounge) sang Irwin, unser Nachbar aus dem zwölften Stock.
Irwin ist ein pensionierter Tenor der Metropolitan Opera und Ende sechzig. Das hindert ihn nicht daran, sich supercool anzuziehen (der eng anliegende Retro-Rollkragenpullover steht ihm blendend), sodass man ihn an guten Tagen auf Anfang fünfzig schätzt. Mit seinen 1.90 Meter, dem Brustkorb eines Wettkampfschwimmers und dem astral-charmanten Lächeln gehört er definitiv in meine widerwillig zustande gekommene Serie «Männer, die besser aussehen als ich» (annabelle 2/14, 3/14 und 4/14). Irwin ist schwarz, womit wir beim Thema wären. Sein Rezital trug den Titel «The Black Man in Song». Ergreifende Lieder, phänomenale Stimme, tolles Konzert. Auf dem Nachhauseweg fragte ich mich allerdings, wieso einer wie er das Bedürfnis hatte, seine Hautfarbe zum Thema zu machen und über das, wie er sagte, «Los des schwarzen Mannes» zu singen. Er lebt doch in der Weltmetropole der Kulturen, noch dazu in einem Land, das von einem schwarzen Präsidenten regiert wird. Zudem ist Irwin kein Opfer, kein Verlierer. Sondern ein gut situierter Mann mit einem privilegierten Beruf und einer Eigentumswohnung in Manhattan.
Am folgenden Tag machte ich mich auf den Weg zum Rückentraining beim Elitehippie (2/14). Davor werde ich jeweils meinem Stammlokal, dem Hungarian Pastry Shop, untreu und begebe mich in ein schickes Café am Broadway, wo ich lustlos einen Milchshake in mich hineinleere. («Vor jedem Training Proteine!», hat mir der Elitehippie eingeschärft.) An diesem Morgen betrat ein dunkelhäutiger Mann das schicke Café. Im selben Moment wurde mir bewusst: Das war vermutlich das erste Mal in fünf Monaten, dass ich hier einen schwarzen Gast gesehen hatte. Und das mitten in Manhattan!
Stimmt, auch im riesigen, jedoch erstaunlich erträglichen Familienresort in Pennsylvania, in dem wir einige Tage verbracht hatten, waren von den gegen hundert Tischen im Speisesaal nur zwei von nicht weissen Familien belegt. Und ja, die Medien sind ganz verrückt nach New Yorks neuem Bürgermeister, Bill de Blasio, und seiner abgefahrenen Familie. Er selbst ist 1.96 Meter gross und war in der Jugend ein wilder Politaktivist. Seine Frau ist eine ehemals lesbische Poetin und 34 Zentimeter kleiner als er. Was für ein Paar! Und ihr Sohn Dante trägt den coolsten Afro in Town! Was aber nur mit grösster Vorsicht erwähnt wird: dass «Big Bill» weiss ist und seine Frau schwarz. Dabei ist dies das wirklich Besondere an dem Paar. Nur 0.4 Prozent aller weissen Amerikaner sind mit einem schwarzen Partner verheiratet. Andere gemischte Ehen sind noch seltener. So finden sich in dem grossen Land ganze 9000 schwarze Frauen mit einen Ehemann asiatischer Herkunft.
In New York leben 3.7 Millionen Weisse, 2 Millionen Schwarze, 2.3 Millionen Latinos und knapp eine Million Asiaten. Sie leben grösstenteils friedlich zusammen. Aber eben auch gründlich aneinander vorbei. Vielleicht hat sich Irwin gedacht: Wenn schon niemand über diese unsichtbare Schranke spricht, dann singe ich wenigstens davon.
Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an: <email-pii>
Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor der annabelle, Buchautor und zwischenzeitlich «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.