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Jede fünfte Pflanzenart der Region Winterthur ist eine Waldpflanze. Von diesen Pflanzen ist fast jede dritte Art gefährdet oder bereits ausgestorben. Dieser Anteil hört sich im Vergleich mit unseren Magerwiesen bescheiden an, denn von den Magerwiesenpflanzen unserer Region sind bereits siebzig Prozent aller Arten gefährdet oder ausgestorben
Nicht viel besser sieht die Lage für unsere Sumpfpflanzen aus: 65 Prozent sind gefährdet oder ausgestorben. Nur: Der beschönigende Vergleich mit anderen Lebensräumen verhehlt nicht, dass bei uns auch der Anteil der bedrohten Waldpflanzen ausserordentlich hoch ist. Während nämlich gesamtschweizerisch nur acht Prozent der Waldpflanzen gefährdet oder ausgestorben sind, gehören hier 31 Prozent aller Waldpflanzen zu dieser Kategorie.
Damit weist unsere Region die meisten bedrohten Waldpflanzenarten in der ganzen Schweiz auf. Die Gründe hierfür sind vielschichtig; sie reichen von Lebensraumverlust über Ausgraben und Pflücken seltener Arten bis hin zum hohen Wildbestand.
Besonders schwer haben es bei uns die lichtbedürftigen Waldpflanzen – vor allem deshalb, weil landschaftsdynamische Ereignisse wie zum Beispiel Erdrutsche, Überschwemmungen oder Waldbrände selten geworden sind. Auch die jahrhundertelange, intensive und einseitig auf Ertrag ausgerichtete Waldbewirtschaftung sowie die Verarmung des Kulturlandes an Hecken und Feldgehölzen hat zur Gefährdung zahlreicher Waldpflanzen geführt. Und in den noch häufigen, fast reinen, dunklen Monokulturen der Wirtschaftswälder hat die ursprüngliche Flora der Laubmischwälder ohnehin keine Chance.
Ein wichtiger Grund, weshalb die lichtbedürftigen Waldpflanzen stark gefährdet sind, ist ausserdem die Aufgabe der traditionellen Nutzungsformen in den ehemaligen Nieder- und Mittelwäldern. Die starre Bewirtschaftung dieser stark genutzten Kulturwälder veränderte das ursprüngliche Bild des von Buchen beherrschten Urwaldes grundlegend – zum Glück für viele Insekten- und Vogelarten. Der heute gefährdete Mittelspecht zum Beispiel hatte von der Umwandlung der Buchenurwälder in Mittelwälder und der Förderung der Eichen stark profitiert. Die mächtigen Eichen mit ihrem lichten Kronendach boten dem Mittelspecht ideale Bedingungen. Als die Mittelwaldbewirtschaftung Anfang dieses Jahrhunderts aufgegeben wurde, verdunkelten sich die ehemaligen Mittelwälder beim Übergang zu den heutigen Hochwäldern nach und nach. Das wirkte sich für viele Tier- und Pflanzenarten verheerend aus. Auch der Mittelspecht geriet arg unter Druck. So arg, dass er heute auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten figuriert. Aus dem Winterthurer Waldbild ist der Mittelspecht verschwunden. Hingegen brütet er noch in den ausgedehnten Eichenwäldern im nördlichen Kantonsteil. Immerhin fordert das Naturschutzkonzept der Stadt Winterthur, einzelne ehemalige Mittelwälder, so zum Beispiel auf dem Beerenberg, wieder in Richtung Mittelwald zu bewirtschaften. Das gäbe auch dem Mittelspecht wieder eine Chance.
Selbst der an sich waldschädigende Weidebetrieb schuf für einige lichtbedürftige Pflanzenarten neue Lebensräume. Als die Waldweide aus den Winterthurer Wäldern verbannt wurde, verschwanden auch lichtbedürftige Pflanzenarten – und mit ihnen zahlreiche Tierarten.
Gute Bedingungen für das Aufkommen einer lichthungrigen Pioniervegetation ergaben sich früher aus den häufigen Erdrutschen in den lichten Steilhangwäldern entlang der Flüsse. Solche Rutsche rissen immer wieder die dunkle Walddecke auf und brachten Licht auf den kargen Waldboden. Heute sind diese Wälder dicht gewachsen und die Böden stärker entwickelt, stabilisiert und nährstoffreicher. Rutschungen finden nur noch sehr selten statt.
Dementsprechend selten sind heute an diesen Stellen die Lichtpflanzen. Kaum bessere Überlebenschancen bieten heute die Waldränder; sie sind vielerorts begradigt und bilden eine scharfe Grenzlinie zwischen dunklem Wald und intensiv genutztem Kulturland.
Naturschutz verschieden betrachtet
Für eine grosse Artenvielfalt ist weniger das Vorkommen bestimmter Waldgesellschaften ausschlaggebend, als vielmehr der Reichtum an verschiedenen Waldformen und -strukturen. Naturschutz im Wald bedeutet grundsätzlich zweierlei:
- Artenvielfalt: Die natürliche Vielfalt von Pflanzen, Tieren und Lebensräumen wird gefördert und erhalten. Das bedingt teilweise massive und auf bestimmte Tier-und Pflanzenarten ausgerichtete Pflegeeingriffe, damit sich diese Arten ansiedeln und halten können.
- Dynamik: Die natürliche Entwicklung des Waldes wird zugelassen. Das bedingt, dass geeignete Waldgebiete von jeglicher menschlicher Nutzung ausgeschlossen werden. Diese Waldgebiete werden zeitlich unbeschränkt einzig den Einflüssen und Kräften der Natur überlassen – unabhängig von der Artenvielfalt.
Das Naturschutzkonzept der Stadt Winterthur von 1994 formuliert für den Wald folgendes Hauptziel:
Erhaltung der Artenvielfalt aller natürlich vorkommenden Waldgesellschaften und Waldformationen in flächendeckend naturnahen Wäldern.
Mit welchen konkreten Massnahmen lässt sich dieses Ziel erreichen? Wie kann die Artenvielfalt erhalten – oder noch besser: gefördert – werden? Gleichförmigkeit von Waldstrukturen verhindert weitgehend das Aufkommen einer natürlichen Artenvielfalt. Immerhin werden die Wälder in Winterthur heute so bewirtschaftet, dass ein vielschichtiger Waldaufbau entstehen kann, der einer Vielfalt von Lebensformen ideale Entwicklungsmöglichkeiten bietet.
Waldränder: Vielfältige Lebensräume
Eine grosse Chance für die Natur sind dauernd vernässte Stellen im Wald. Dort stellt sich im Laufe der Zeit eine spezialisierte Pflanzengesellschaft ein, die allerdings nach Trockenlegungen wieder verschwindet. Grössere vernässte Stellen wurden in der Vergangenheit etwa im Eschenbergwald durch ein Netz von Gräben entwässert und damit dauerhaft verändert.
Als Übergangszonen zwischen Wiese und Wald stellen Waldränder einen vielfältigen Lebensraum für Kräuter und Sträucher, vor allem aber für Vögel, Kleinsäuger, Insekten und Reptilien dar. Von Natur aus sind sie stufig ausgebildet und weisen einen breiten Strauchgürtel sowie einen vorgelagerten Krautsaum auf. Leider sind heute viele Waldränder in Winterthur begradigt und bilden eine scharfe und artenarme Grenze zum intensiv bewirtschafteten Kulturland. Dabei wären gerade sie wichtige Lebensräume für Insekten wie zum Beispiel Heuschrecken. Dass die Waldheuschrecken in Winterthur heute relativ spärlich vertreten sind, ist nicht zuletzt auf den Mangel an gestuften Waldrändern zurückzuführen. Und die geschlossenen, dunklen Wirtschaftswälder sind ohnehin keine geeigneten Lebensräume für Heuschrecken. Deshalb sollten die Waldränder in Zukunft vermehrt zu stufigen, gebüschreichen und ausgebuchteten Randpartien ausgelichtet werden. Vor allem die in Winterthur häufigen südexponierten Waldränder weisen ein grosses Naturpotential auf. Hier könnten sich bald grössere Reptilienpopulationen entwickeln.
Neue Lebensräume für Amphibien
Mit gezielten Eingriffen im Sinne des Naturschutzes können im Wald viele neue Lebensräume und Brutstätten für Tiere und Pflanzen geschaffen werden. Zwei Beispiele für solche Eingriffe wurden bereits erwähnt: die Auflockerung dichter Waldbestände und das periodische Zurückschneiden der Waldränder. Ein anderes Beispiel ist die Schaffung neuer Nassstandorte als Laichgewässer für Amphibien und Wasserinsekten. In Winterthur wurden vor allem Anfang der siebziger Jahre einige solche bedeutende Lebensräume geschaffen. Zwischen 1971 und 1974 entstanden in den Winterthurer Wäldern nicht weniger als sieben neue Teiche oder Weiher. Schon kurze Zeit nach ihrer Entstehung wurden sie von zahlreichen Amphibienarten wie Grasfröschen, Erdkröten, Gelbbauchunken, Bergmolchen, Wasserfröschen oder Geburtshelferkröten besiedelt. Gleichzeitig fand sich eine Vielzahl von Insektenarten ein: Gross- und Kleinlibellen, Rückenschwimmer, Ruderwanzen, Wasserläufer oder verschiedene Wasserkäferarten. Innert weniger Jahre breiteten sich im und am Wasser zahlreiche Pflanzenarten aus. Die Vielfalt von Tierarten im Wald wird oft eingeschränkt durch ein zu dichtes Wegnetz. Denn: Waldstrassen können zu massiven Störungen im Lebensraum Wald führen. Einerseits zerschneiden und isolieren sie Lebensräume von Tieren, und andererseits erleichtern sie Erholungssuchenden das Vordringen in abgelegene, bisher wenig gestörte Waldgebiete. Bereits stark erschlossene Waldgebiete finden sich etwa auf dem Brüelberg. Als eigentliche Übererschliessung muss die hohe Waldstrassendichte im Eschenbergwald und im Lindbergwald bezeichnet werden. Mit neuen Erschliessungskonzepten können Besucherströme von empfindlichen Lebensräumen ferngehalten werden, um damit wenigstens in Teilgebieten die Störungen der Säugetier- und Vogelfauna auf ein erträgliches Mass zu reduzieren.
Laubbäume fördern
Das Ziel des naturnahen Waldbaus ist es, neben dem stufigen Aufbau eine Mischung von Baumarten zu erreichen, die möglichst artenreich, aufeinander abgestimmt und dem Standort angepasst ist. Deshalb müssen bei der Naturverjüngung in erster Linie die standortgerechten Baumarten begünstigt werden – das heisst: diejenigen Baumarten, die von Natur aus dort wachsen würden. An den meisten Standorten sind dies verschiedene Laubbäume: neben der dominierenden Buche die Esche, der Ahorn, der Kirschbaum, die Winterlinde oder die Eiche. Laubbäume zu fördern heisst aber auch, den Anteil der Nadelbäume konsequent zu reduzieren. Der Anteil der Rottannen und Föhren ist heute noch in zahlreichen Waldgebieten Winterthurs viel zu hoch. Je nach Standort kann jedoch die Rottanne als sogenannte Gastbaumart weiterhin mehr oder weniger häufig vorhanden sein, ohne negative Auswirkungen auf die Stabilität und die Artenvielfalt eines Bestandes. An geeigneten Standorten können auch Weisstannen und Föhren gefördert werden. Die Artenvielfalt kann zusätzlich erhöht werden, indem seltenere und ökologisch wertvolle Baumarten wie Eibe, Birke, Mehl-, Els- oder Vogelbeere gefördert werden. Für die Insekten- und Vogelwelt besonders wertvoll ist die Eiche. Sie wird deshalb an geeigneten Orten gezielt gefördert. Besonders schonende Bewirtschaftung ist bei den selteneren Waldgesellschaften angesagt: Sie gehören zu den wenigen Rückzugsgebieten von Tier- und Pflanzenarten, die sich auf extreme Bedingungen spezialisiert haben und deshalb selten sind. Durch kurzsichtige Waldnutzung oder falsche Bewirtschaftungsmassnahmen können diese Arten für immer verschwinden.
Die artenreichsten Waldgesellschaften in Winterthur sind nicht etwa die häufigen Waldmeister-Buchenwälder oder Waldhirsen-Buchenwälder, obwohl auch sie eine charakteristische Fauna und Flora aufweisen. Viel mehr Arten leben aber zum Beispiel in den wärmeliebenden, lichten Föhrenwäldern im Dättnau oder am Beerenberg.
Auch die Auenwälder würden von Natur aus eine grosse Artenvielfalt aufweisen: Durch die natürlich Dynamik entsteht ein kleinräumig wechselndes Mosaik von Wald, Saum, Feucht- und Trockenstandorten. Mit periodischen Auflichtungen kann verhindert werden, dass sich lichtbedürftige Waldgesellschaften wegen der fehlenden natürlichen Landschaftsdynamik zu dunklen Tannen-Buchenwäldern entwickeln.
Ebenfalls schonend müssen die ehemaligen Mittelwälder – zum Beispiel am Beerenberg – behandelt werden: Wenn mit gezielten Eingriffen die stärksten Bäume wieder begünstigt werden, könnte sich der ehemalige Artenreichtum typischer Mittelwälder bald wieder einstellen. Die Kraut- und die Strauchschicht würden mit wärmeliebenden Arten bereichert. Das bedingt eine teilweise Rückkehr zu den traditionellen Nutzungsformen vergangener Jahrhunderte. Von Natur aus durchläuft ein Wald verschiedene Phasen der Entwicklung: Der weichholzreiche Jungwald wächst innerhalb von Jahrzehnten zu einem Hochwald heran. Nach einigen Jahrzehnten Stabilität beginnt die natürliche Altersphase, in der die Vitalität der alternden Bäume nachlässt. Schliesslich folgt die alt- und totholzreiche Zerfallsphase, einzelne Bäume oder kleinere Bestände brechen gänzlich zusammen. Jetzt fällt wieder Sonnenlicht auf den Waldboden, wodurch sich lichthungrige Pionierarten der Tier- und Pflanzenwelt rasch ausbreiten und damit eine neue Runde der Waldentwicklung einläuten können. Dieser Entwicklungszyklus kann je nach Waldgesellschaft einige hundert Jahre dauern; das natürliche Alter der Bäume liegt weit über dem wirtschaftlichen Optimum. Für die Artenvielfalt besonders wichtig sind die ungestörte Pionier- und die Zerfallsphase eines Waldes. In der Pionierphase ist die reiche Kraut- und Strauchschicht Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Und in der Zerfallsphase ist es das reichlich vorhandene Alt- und Totholz, das wiederum einer grossen Palette von Tier- und Pflanzenarten Nahrung und Unterschlupf bietet. Um die natürliche Entwicklung unserer Wälder zu fördern, sollten geeignete Waldgebiete ausgeschieden und von jeglicher menschlicher Nutzung ausgeschlossen werden. Solche Gebiete können mehrere kleinere, nahe beieinanderliegende Waldinseln sein oder aber grössere zusammenhängende und möglichst ungestörte Waldreservate. Das kantonale Naturschutzkonzept empfiehlt ausdrücklich solche Waldreservate in der Grössenordnung von insgesamt zehn Prozent der gesamten Waldfläche des Kantons. Wichtig ist in jedem Fall die Einschränkung der Nutzung, bis hin zum Verzicht jeglicher Bewirtschaftungs- und Pflegemassnahmen. Geeignet für solche Waldreservate sind sicherlich die in Winterthur häufigen Steilhangwälder, in denen sich eine Bewirtschaftung ohnehin nicht rechnet: am Gamser, am Dättnauerberg oder am Chomberg. Tatsächlich wird zum Beispiel eine Fläche von sechs Hektaren am Osthang des Gamser seit zwanzig Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Höhlenbrüter wie etwa die stark gefährdete Hohltaube, der Schwarzspecht oder die Dohle sind auf Tot- und Altholz angewiesen, vor allem aber auf alte Buchen. Alle drei Vogelarten brüten übrigens in einem Altbuchenbestand im Geissbühl, südwestlich des Bruderhauses. Auch in anderen Gebieten des Stadtwaldes hat der Forstbetrieb in letzter Zeit etliche Alt- und Totholzinseln ausgeschieden. In diesen Waldgebieten werden alte und tote Bäume konsequent stehengelassen – bis sie umfallen und vermodern. Alt- und Totholz bietet einer Vielzahl von Pflanzen, Pilzen, holzbewohnenden Insekten – insbesondere Käfern und Hautflüglern – und höhlenbrütenden Vögeln Nahrung und Unterschlupf. Der Anteil der über 160-jährigen Bäume in den Winterthurer Wäldern dürfte im Bereich von wenigen Promillen liegen. Gerade deshalb ist es für die Artenvielfalt besonders wichtig, vermehrt Altholzinseln auszuscheiden und den Totholzanteil in allen Waldgebieten generell zu erhöhen. Das kann dadurch erreicht werden, dass abgestorbene, umgeworfene oder gefällte Bäume zum Teil nicht mehr weggeräumt werden. Allerdings darf das liegengelassene Holz den Boden nicht derart dicht bedecken, dass keine Krautpflanzen mehr aufkommen. Das Zusammentragen zu Asthaufen ist deshalb eine zwar wenig ästhetische, aber ökologisch wertvolle Lösung.
Dunkler Buchenwald: Ein Märchen?
Dass in einem von Nutzung und Bewirtschaftung ausgeschlossenen Waldgebiet bei uns immer ein einziger dunkler, artenarmer Buchenwald entstehen würde – eine häufig geäusserte Befürchtung –, muss nach dem heutigen Stand des Wissens in der Ökologie stark bezweifelt werden. Vielmehr dürfte sich ein Mosaik unterschiedlicher Waldstrukturen herausbilden, das zumindest auf den feuchten, trockenen, sauren, basischen, steilen oder sumpfigen Extremstandorten ausgeprägt in Erscheinung tritt. So entstünde in diesen unbewirtschafteten Gebieten ein kleinräumig wechselndes und von unterschiedlicher Fauna und Flora begleitetes Patchwork von jungen und alten, lichten und dunklen Baumbeständen. Als Ergänzung zu den erwähnten Waldinseln, die vollständig sich selbst überlassen werden, sollten an geeigneten Orten auch Kahlschläge durchgeführt werden. Solche Räumungen wirken sich für den Naturschutz interessanterweise kaum nachteiliger aus als etwa kleinflächige Verjüngungen. Denn: Kahlschläge bringen wieder Licht und Wärme auf den Boden und leiten eine neue Entwicklungsphase mit einer vielfältigen Pioniervegetation ein. Diese lockt eine Vielzahl wärmeliebender Insekten wie zum Beispiel Schmetterlinge an. Aber auch Vögel finden sich auf solchen Flächen ein. Sobald die Jungbäume eine bestimmte Grösse erreicht haben und genügend Schatten werfen, wird die Pioniervegetation wieder verschwinden – und mit ihr die entsprechende Fauna. Die Verjüngungsflächen eignen sich also nur wenige Jahre lang als Biotope für diese Lebensgemeinschaft. Durch immer neue Schläge können Pionierarten gezielt gefördert werden. Den gleichen Effekt haben starke Durchforstungen in stabilen Laubbaum- und Föhrenbeständen. Ein schönes Beispiel hierfür ist der Lichtschlag, den der städtische Forstbetrieb 1995 zwischen Ebnet und Hoh Wülflingen durchgeführt hat. Damit kann die mit seltenen Lichtarten bereicherte Bodenflora gefördert werden. Zur Flora lichter Föhrenwälder gehören etwa Orchideen.
In den Winterthurer Wäldern leben über dreissig verschiedene Schmetterlingsarten, darunter auch einige seltene Arten wie zum Beispiel der Grosse Schillerfalter oder der Waldteufel. Diese Schmetterlinge haben nur eine Chance, wenn im Wald immer wieder trockene, lichtdurchflutete Kahlflächen vorkommen. Auch einige bodenbrütende Vogelarten des offenen und halboffenen Kulturlandes wie etwa der Baumpieper besiedeln solche Kahlflächen. Naturschutz im Wald braucht keineswegs mit grossem Aufwand verbunden zu sein. Beispiel: Waldbäche. Wo immer möglich sollen Waldbäche unverbaut bleiben. Wenn dazu noch auf dunkle Fichtenmonokulturen in Bachnähe verzichtet wird, finden feuchtigkeits- und lichtliebende Kräuter und Insekten – zum Beispiel Libellen – neuen Lebensraum. Ein enormes Naturpotential weisen die Wälder entlang der Töss auf: Weil der Fluss aber im letzten Jahrhundert begradigt wurde, sind viele seltene Tier- und Pflanzenarten der Hart- und Weichholzauen verschwunden.
Das Leisental ist ein hervorragendes Beispiel für den heutigen Mangel an Landschaftsdynamik. Einst war es eine wilde Auenlandschaft, später ein Landwirtschaftsgebiet, heute immerhin eine einmalige Waldlandschaft: Bis zur Korrektion 1877 hatte die Töss zwischen Kyburgbrücke und Reitplatz keinen geregelten Lauf. Sie pendelte zwischen den Steilhängen des Eschenbergs und der Kyburg, wobei es im Talboden häufig zu Überschwemmungen kam. Heute fliesst die Töss in einem engen Korsett. Würde der Wald im Leisental sich selbst überlassen, ohne gleichzeitig das künstliche Flussbett zu öffnen, würde sich früher oder später eine Verdunkelung des Waldes und damit eine Verarmung von Fauna und Flora einstellen. Denn: Ohne die Dynamik des Flusses entstehen hier kaum neue Pionierstandorte. Immerhin sorgen Erdrutsche an den Steilhängen gelegentlich für neue Pionierlebensräume. Soll auch im Talboden die Vielfalt an lichtbedürftigen Pflanzen- und Tierarten gefördert werden, kommen vor allem zwei Massnahmen in Frage:
- Die Töss wird aus ihrem Korsett befreit. Sie kann dadurch, zumindest abschnittsweise, wieder frei mäandrieren. Damit kommt erneut eine natürliche Dynamik in eine Auenlandschaft, in der von Natur aus immer wieder neue lichte Pionierstandorte für seltene Tier- und Pflanzenarten entstehen.
- Die Töss bleibt begradigt oder wird nur langsam und stufenweise renaturiert. In diesem Fall müssen die Forstleute den Wald vorderhand periodisch und schonend auflockern, um so wenigstens eine künstliche Dynamik zu erzeugen.
Die Renaturierung der Töss ist heute Gegenstand intensiver Diskussionen. Naturschutzkreise, namentlich die aus verschiedenen Organisationen zusammengesetzte Interessensgemeinschaft Pro Töss, fordern heute die Befreiung der Töss aus ihrem künstlichen Flussbett. Die Stadtverwaltung hingegen möchte vorläufig nichts von einer solchen Massnahme wissen – nicht zuletzt aus Sorge um die hervorragenden Grundwasservorkommen, die die städtischen Wasserwerke seit 1925 intensiv nutzen. Hingegen hat der städtische Forstbetrieb schon vor einigen Jahren eine starke Durchforstung der Waldbestände im Leisental eingeleitet und damit auch bereits erste Erfolge erzielt. In den lichten Waldpartien wurden in den letzten Jahren zwei bei uns sehr seltene Schmetterlingsarten entdeckt: der Milchfleck und der Waldteufel. Ausserdem gedeihen im Leisental verschiedene Orchideen- und andere seltene Pflanzenarten.