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Wiederentdeckung Fibonaccis im 18. und 19. Jahrhundert
Fibonaccis Werk wurde erst im 18. und 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Seine Leistungen gaben Anlass zur Bewunderung und wurden erstmals in einen historischen und kulturellen Kontext gesetzt. Auch die erste und einzige vollständige Edition von Fibonaccis Gesamtwerk wurde in diesem Zeitraum herausgegeben.
Johann Christoph Heilbronner (Link verlässt diese Seite) wurde 1706 in Ulm geboren und verstarb 1745 oder 1747 in Leipzig. Er studierte anfänglich Theologie, dann Mathematik und hielt in Leipzig auch Vorlesungen in diesem Fach. Bekannt wurde Heilbronner aufgrund seiner Veröffentlichungen über die Geschichte der Mathematik. Sein wichtigstes Werk, die "Historia matheseos" (Link verlässt diese Seite) (1742), wurde sehr unterschiedlich bewertet. Jean-Etienne Montucla äusserte sich zu dieser gewaltigen, wenngleich wenig geordneten Materialsammlung, sie habe ihm Tatsachen vermittelt, die ihm sonst entgangen wären. Neben Viten von Mathematikern enthält die Sammlung auch eine Zusammenstellung der mathematischen Stellen bei Aristoteles sowie Berichte über mathematische Handschriften, die in europäischen Bibliotheken zu finden sind.
Der Abschnitt über Leonardo Pisano zeigt, dass Heilbronner von Fibonaccis Leben und Werk keine genauen Kenntnisse hatte. Er verlegte ihn ins 15. Jahrhundert und verwechselte ihn darüber hinaus mit John Peckham, dem Verfasser eines Werkes über Optik ("Perspectiva Communis").
Bernardino Baldi (Link verlässt diese Seite) wurde im Jahr 1553 in Urbino geboren. Nach einer klassischen Ausbildung durch einen Privatlehrer schloss er sich dem Kreis um den berühmten Mathematiker Federico Commandino an und begann unter ihm ein Studium der Mathematik. Im Jahr 1573 wechselte er an die Universität von Padua, wo er ein Studium der Medizin, Philosophie und Literatur aufnahm.
Angeregt durch die Biographie seines Lehrers Commandino, begann Baldi unmittelbar nach dessen Tod im Jahre 1575 umfangreiches historisch-biographisches Material zusammenzutragen, wobei er sich auf ein genaues Studium der damals vorhandenen Quellen abstützte. In zwölf Jahren Arbeit sammelte Baldi auf diese Weise mehr als 200 Mathematiker-Biographien, die er anschliessend auf fast 2000 Manuskriptseiten unter dem Titel "De le vite de' matematici" niederschrieb.
Mathematikgeschichte der Neuzeit
Das monumentale Werk ist die erste umfassende Mathematikgeschichte der Neuzeit. Es wurde jedoch zu Baldis Lebzeiten nie und auch später nur auszugsweise veröffentlicht. Auch der Grossteil der an die 100 weiteren wissenschaftlichen und literarischen Schriften dieses vielseitigen Universalgelehrten blieb unpubliziert. Baldi verstarb im Jahr 1617 in Urbino.
Eine viel genutzte Kurzfassung der "Vite" ist die im Jahre 1707 in Erstausgabe erschienene "Cronica de' matematici" (Link verlässt diese Seite). In ihr findet sich auch ein Abschnitt über Leonardo Pisano. Zeitlich wird Fibonacci hier um 1400 angesiedelt, also fast zwei Jahrhunderte nach seiner tatsächlichen Lebenszeit. Der Artikel erwähnt unter anderem, dass Commandino eine Edition der "Practica geometriae" geplant hatte, und nennt Pacioli und Tartaglia als wichtige Rezipienten der Werke Fibonaccis.
Jean-Etienne Montucla (Link verlässt diese Seite) wurde im Jahr 1725 in Lyon geboren. Seine schulische Ausbildung erhielt er im dortigen Jesuitenkollegium. Im Alter von 20 Jahren ging er zum Studium der Jurisprudenz nach Toulouse. Ferner erweiterte er sein Wissen durch Studien in Paris und freundete sich dort mit d'Alembert, Diderot und Lalande an. In Paris begann Montucla mit dem Studium der Geschichte der Mathematik. Die Ratschläge seiner Freunde sowie des Buchhändlers und Verlegers C.A. Jombert bewogen ihn dazu, eine Geschichte der Mathematik zu schreiben und zu publizieren. Der Erfolg seines Erstlings "Histoire des recherches sur la quadrature du cercle" (Link verlässt diese Seite) (1754) war ihm Ansporn für die Weiterarbeit an seiner "Histoire des mathématiques". Eine erste Ausgabe des Werkes erschien im Jahr 1758 in zwei Bänden.
Histoire des mathématiques
Montuclas Meisterstück zeichnet sich durch eine ungemeine Materialfülle aus. Es ist die erste Darstellung, die auch die Anwendungen der Mathematik mit einbezieht. Der erste Band behandelt die Geschichte der Mathematik von ihren Anfängen bis zum Jahr 1700. Der zweite Band ist gänzlich der Mathematik des 18. Jahrhunderts gewidmet. Im Jahr 1799 erschienen die beiden ersten Bände der auf vier Bände angelegten, verbesserten und erweiterten zweiten Auflage seiner "Histoire des mathématiques" (Link verlässt diese Seite). Die Arbeit am dritten Band war weit fortgeschritten, als Montucla im Jahr 1799 in Versailles verstarb. Sein Freund Lalande vollendete die Bände 3 und 4, so wie es Montucla ursprünglich beabsichtigt hatte.
Montucla anerkennt das Verdienst Fibonaccis, die Algebra der Araber in Europa bekannt gemacht zu haben, siedelt ihn jedoch zeitlich im 15. Jahrhundert an. Er stützt sich offenbar auf Baldis "Cronica de' matematici" und ignoriert die Erkenntnisfortschritte, die italienische Gelehrte zu seiner Zeit bereits gemacht hatten.
Der Mathematiker Pietro Cossali (1748–1815) entstammte einer adeligen Veroneser Familie. Von 1786 an lehrte er an der Universität in Parma die Fächer Physik, Astronomie und Hydraulik. 1806 wurde er als Mathematikprofessor an die Universität Padua berufen. Cossali befasste sich intensiv mit dem Werk Fibonaccis. Von ihm ist auch ein Exzerpt aus dem Mailänder Codex des "Liber abaci" erhalten, das von Baldassarre Boncompagni zusammen mit anderen nachgelassenen Schriften Cossalis ediert wurde. Cossali gebührt neben Giambattista Guglielmini das Verdienst, als erster die Werke Fibonaccis und dessen Bedeutung als Mittler zwischen der arabischen Welt und dem Abendland bei der Verbreitung des mathematischen Wissens kritisch gewürdigt zu haben.
Würdigung Fibonaccis
In Cossalis zweibändigem Hauptwerk "Origine, trasporto in Italia, primi progressi in essa dell'algebra" (Link verlässt diese Seite) (1797–1799) ("Herkunft der Algebra, wie sie nach Italien gebracht wurde, und ihre ersten Fortschritte daselbst") werden schon im Vorwort die mathematischen Leistungen Fibonaccis ausdrücklich hervorgehoben. Diese stünden am Anfang aller mathematischen Bemühungen in Italien, wirkten in der ganzen Welt fort und seien daher zu Unrecht so lange Zeit unbeachtet geblieben. Das erste Kapitel beginnt dann mit dem Namen von Leonardo Pisano und widmet sich einer eingehenden Analyse seines Werkes. Bei Cossali findet sich auch einer der frühesten Belege für den Namen "Fibonacci". Dieser wird in der Literatur oft fälschlicherweise als Kontraktion von "filius Bonacci" ("Sohn des Bonaccio") gedeutet. Die Silbe Fi- steht jedoch, wie Baldassarre Boncompagni überzeugend dargelegt hat, für "de filiis", das heisst "aus der Familie Bonacci". Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Leonardo von Pisa schon von seinen Zeitgenossen "Fibonacci" genannt wurde.
Giambattista Guglielmini (Link verlässt diese Seite) wurde im Jahr 1760 oder 1763 in Bologna geboren. Schon in frühester Jugend erhielt er die Tonsur. Mit Unterstützung von Kardinal Ignazio Boncompagni konnte er studieren und schloss mit 24 Jahren ein Philosophiestudium ab. In seiner Vaterstadt realisierte er im Jahr 1792 sein berühmtes Experiment zum Beweis der Erdrotation, veröffentlicht unter dem Titel "De diurno terrae motu" (Link verlässt diese Seite). Guglielmini wirkte von 1794 bis zu seinem Tode im Jahr 1817 als Professor für Mathematik an der Universität in Bologna. Er sorgte dort für die Überführung der Klosterbibliotheken in öffentliche und Universitätsbibliotheken. Daneben baute er sich eine bedeutende Privatbibliothek auf. Darin befand sich auch eine Handschrift von Fibonaccis "Practica geometriae", die später von Baldassarre Boncompagni in seinen "Scritti di Leonardo Pisano" beschrieben wurde.
Zur Eröffnung des akademischen Jahres 1812 hielt Guglielmini seine Lobrede auf Fibonacci: "Elogio di Lionardo Pisano". In dieser essayistischen Laudatio legte Guglielmini eine reichhaltige Dokumentation zu Fibonaccis Leben und Werk vor und stellte dieses erstmals in einen kulturellen und geschichtlichen Kontext.
Guglielmo Libri (Link verlässt diese Seite), im Jahr 1803 in Florenz geboren, entstammte einer der ältesten Adelsfamilien von Florenz. Er war mathematisch ausserordentlich begabt und publizierte bereits als 17jähriger eine Arbeit zur Zahlentheorie und zum Theorem von Fermat, über die sich Carl Friedrich Gauss lobend äusserte. Im Jahr 1823 wurde Libri Professor für mathematische Physik in Pisa. Nach einer politischen Affäre musste er im Jahr 1831 nach Südfrankreich fliehen. Er wurde französischer Staatsbürger und lehrte ab 1833 am Collège de France in Paris. Er wurde als Mitglied in die Académie des Sciences gewählt und zum "Inspektor der Bibliotheken von Frankreich" ernannt. Als Professor für Analysis und Wahrscheinlichkeitsrechnung an der Sorbonne war Libri auch Redakteur des "Journal des savants".
Geschichte der Mathematik von den Römern bis Galilei
Sein vierbändiges, wissenschaftlich und stilistisch brillantes Werk "Histoire des sciences mathématiques en Italie", eine Geschichte der Mathematik von den Römern bis zu Galileo Galilei, erschien zwischen 1838 und 1841 und sicherte ihm die einhellige Wertschätzung der Fachwelt. Um einer Anklage wegen Diebstahls wertvoller Bücher, für die ihm eine zehnjährige Gefängnisstrafe drohte, zu entgehen, floh Libri im Jahr 1848 nach London. Im Jahr 1861 kehrte er in seine Heimat Italien zurück, wo er 1869 verstarb.
Libri widmet Fibonacci im zweiten Band seiner "Histoire" 22 Seiten. Er würdigt sein Verdienst, als erster das indisch-arabische Zahlensystem in der christlichen Welt verbreitet zu haben, und betont seinen Einfluss auf die Entwicklung der Mathematik in Europa. Dabei bezieht Libri ausdrücklich Position gegen den Mathematikhistoriker Michel Chasles, der die Bedeutung der arabischen Mathematik und Fibonaccis Rolle bei deren Vermittlung herunterspielte und das dezimale Stellenwertsystem als eine Leistung des Abendlandes darzustellen versuchte.
Baldassarre Boncompagni (Link verlässt diese Seite) wurde als Sohn einer Adelsfamilie im Jahr 1821 in Rom geboren, wo er 1894 verstarb. Er studierte Mathematik und Physik und widmete sich insbesondere der Mathematikgeschichte. Seine wertvolle Privatbibliothek soll über 600 Handschriften und 40 000 gedruckte Werke umfasst haben. Boncompagni gründete das "Bullettino di bibliografia e di storia delle scienze matematiche e fisiche", eine der ersten Zeitschriften, die ganz der Geschichte der exakten Wissenschaften gewidmet war. Sie erschien von 1868 bis 1887 und trug viel zum Studium der Geschichte der Mathematik bei.
Die 1852 veröffentlichte Schrift "Della vita e delle opere di Leonardo Pisano" stellt gewissermassen das Vorwort zu seiner Fibonacci-Edition dar. Sie bietet einen Abriss über Fibonaccis Biographie und eine detaillierte Übersicht über die Handschriften, die Boncompagni für seine Edition konsultierte. Im Rahmen seiner Nachforschungen entdeckte Boncompagni noch drei weitere Handschriften, über die er 1854 unter dem Titel "Intorno alcune opere di Leonardo Pisano" berichtete.
Einzige vollständige Edition der Werke Fibonaccis
Boncompagnis bedeutendste Leistung ist die Erforschung des Lebens und Werkes von Leonardo Pisano. Erst durch ihn wurden die Bücher Fibonaccis einem grösseren Publikum zugänglich und eine Erforschung seiner Leistungen möglich gemacht. Zwischen 1857 und 1862 publizierte Boncompagni mit grossem finanziellem Engagement in seiner Druckerei Tipografia delle scienze matematiche e fisiche, die in seinem Palazzo in Rom untergebracht war, das Gesamtwerk Fibonaccis unter dem Titel "Scritti di Leonardo Pisano" (Link verlässt diese Seite). Band 1 enthält den "Liber Abaci", Band 2 die "Practica geometriae" sowie die drei "opuscoli" "Flos", "Epistola ad Magistrum Theodorum" und "Liber quadratorum". Diese kleineren Schriften hatte Boncompagni schon zuvor in drei Editionen publiziert: "Tre scritti inediti di Leonardo Pisano" (1854), "Sopra tre scritti inediti di Leonardo Pisano" (1855) und "Opuscoli di Leonardo Pisano" (1856). Bis heute sind die "Scritti di Leonardo Pisano" die einzige vollständige Edition der Werke Fibonaccis.