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Kapitel 1
Es war, als würde es in einem Traum passieren.
Fünf Wochen bevor Kirsten Wallers Leiche in einem Cottage am Rand der Klippen in Cornwall gefunden wurde, räumte Grace Hobden das Mittagessen weg, vergewisserte sich, dass ihre drei Kinder auf dem Klettergerüst am Ende des Gartens spielten, und ging dann ins Haus, um ihren Ehemann zu ermorden. Paul Hobden, ein großer, speckiger Wal von einem Mann, schlief die Folgen von zu viel Alkohol zum Mittagessen aus. In einer Ecke des Zimmers lief im Fernsehen leise ein Schwarz-Weiß-Film mit reichlich Säbelgerassel. Während ein lachender Douglas Fairbanks Jr. mit tödlicher Präzision sein Schwert durch die Luft schwang, nahm Grace Hobden ein Sabatier-Filetiermesser von dem Regal in ihrer Küche, ging ins Wohnzimmer und rammte die Klinge, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, in die weiche Erhebung der Brust ihres Ehemanns.
In diesem Augenblick musste er verzweifelt versucht haben, sich aufzusetzen, doch schon der erste Stich durchdrang seine rechte Herzkammer und war tödlich: Grace war gelernte Röntgenassistentin und kannte sich aus mit Anatomie. Der zweite Stich traf seinen Brustkorb in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel, sodass eine beträchtliche Menge Blut auf den karierten Bezug des Sofas, ihren neuen olivgrünen Teppich und vermutlich auf Grace selbst quoll. Ein dritter Stich war nicht erforderlich.
Nachdem sie geduscht und sich umgezogen hatte, sammelte Grace ihre Kinder – Angus, acht, Matthew, sieben, und Susan, die erst drei war – ein und sagte ihnen, sie würden einen Ausflug unternehmen. Sie fuhr mit ihnen ans Meer, vierzig Meilen weit, wo sie einen schönen Nachmittag verbrachten, in der Maisonne Strandkricket spielten, Sandburgen bauten und Eis schlemmten. Gegen Abend rief sie die Polizei an, die schon auf sie wartete, als sie nach Hause zurückkehrte.
»Ich konnte es nicht mehr ertragen«, sagte sie zu ihnen, während sie die blutüberströmten Überreste ihres Ehemanns betrachteten. »Es war, als würde es in einem Traum passieren.«
Raph Howes blätterte den Stapel Unterlagen mit wachsendem Unglauben durch. Sein Hemd war schweißdurchnässt, und das nicht nur wegen der spätsommerlichen Hitze. Was in aller Welt dachte sich sein Büroleiter eigentlich? Wie alle anderen in der Kanzlei wusste Dermot durchaus, dass Raph in den zwei Monaten seit Kirstens Tod im Mittsommer Rechtssachen mit familiärem Bezug vermieden hatte. Und wer wollte es ihm verübeln? Während er die Fotos von Paul Hobdens blutüberströmtem Körper betrachtete, gruselig und leicht lächerlich zugleich, war es Kirstens Leiche, die er immer wieder vor seinem geistigen Auge sah. Immer noch schön, selbst im Tod, mit dieser kühlen skandinavischen Blässe lag sie nackt da, ein Bein über den Rand der Badewanne gestreckt, den Kopf zurückgeworfen, nirgends eine Spur von Blut. Aber trotzdem tot. Entsetzlich und unwiderruflich tot.
Wütend stand er auf und begann, zwischen den Schreibtischen in seinem Zimmer auf und ab zu laufen. Selbst vor dem Tod seiner Noch-Ehefrau hatte er solche Rechtssachen immer verabscheut. Ein Mord in der Familie war zu schmutzig, zu persönlich, zu schmerzlich. Man musste sich bloß diese drei unschuldigen Kleinen vorstellen, die im Garten herumtollten, während zwanzig Meter weiter ihre Mutter einen blutbeschmierten Vorhang über ihre Kindheit zog. Falls diese armen kleinen Würmchen überhaupt eine Kindheit gehabt hatten.
Ereignisse dieser Art trafen keine normale, alltägliche Familie. Ausgeschlossen.
Raphs Kehle wurde trocken, während sich die Auswirkungen bemerkbar machten. Schweiß rann ihm über die Wangen. Seine Nasenlöcher nahmen einen schwachen, aber unverwechselbaren Geruch von Verbranntem wahr; irgendein hirnloser Schwachkopf musste ein offenes Feuer entfacht haben.
Er beugte sich vor, schob die Unterlagen über seinen Schreibtisch und rief nach Dermot, damit er sie entfernte. Niemand kam.
Ein Foto rutschte aus dem Stapel. Mit Anfang dreißig war Grace Hobden auf eine unauffällige Art hübsch; die Frau, die ihren Ehemann tödlich aufgespießt hatte, hatte ein rundliches Gesicht mit stämmigen Zügen. Nichts an ihrem Aussehen ließ vermuten, dass sie die Art Frau war, die unter gar keinen Umständen mit einem scharfen Messer und einem schlafenden Ehemann allein gelassen werden sollte.
Aber andererseits sahen Mörder, wie Raph wusste, selten danach aus.
Sie schien verloren und verwirrt, und das aus gutem Grund. Er starrte das Foto aus sicherer Entfernung an. Wie lange hatte es