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Das Zwiefalter Kollegium und spätere Konvikt
Eine Bildungsstätte der Benediktinerabtei Zwiefalten
Die vorderösterreichische Stadt Ehingen[1] betreibt bereits vor dem 17. Jahrhundert eine rege besuchte Lateinschule, die im Dreissigjährigen Krieg eingeht. Versuche einer Neubelebung unter der Leitung von Franziskanern scheitern 1655. Auch Verhandlungen mit den Jesuiten führen nicht zum Ziel. An deren Stelle tritt jetzt der Benediktinerorden. 1685 gelingt den Stadtverantwortlichen ein Abkommen mit der Benediktinerabtei Zwiefalten.[2] Drei Zwiefalter Patres können als Lehrer der lateinischen Lehranstalt verpflichtet werden. 1686 beginnt für die sechs Jahre dauernde «studia inferiora» der gymnasiale Unterricht in einem städtischen Schulhaus. Die bedrängten baulichen Verhältnisse, verbunden mit der Absicht der Reichsabtei Zwiefalten, in Ehingen ein Kollegium in eigener Trägerschaft zu führen, führen 1692 zum Erfolg. Zwiefalten kauft die seit dem Dreissigjährigen Krieg verlassene österreichische Statthalterei, die erhöht im Norden der Altstadt an der Stelle einer Stadtburg steht. Hier soll ein Kollegium mit angeschlossenem Gymnasium, nun durch ein Lyzeum ergänzt, entstehen. Die Stadt erklärt sich zur Besoldung der zusätzlichen Lehrkräfte bereit, obwohl ihr wegen der 1688 erfolgten Plünderung und Brandschatzung durch die Franzosen die finanziellen Mittel noch fehlen. Für die Erstellung von Gärten überlässt sie zudem den östlich anstossenden Stadtgraben mit einigen Häusern und Scheunen.
Bau des Kollegiums
Abt Ulrich Rothheusler von Zwiefalten[3] überträgt den Bau des neuen Kollegiums mit Gymnasium an den Vorarlberger Franz Beer,[4] der seit 1692 auch Baumeister in Zwiefalten ist. Nach dem Abbruch der alten Statthalterei beginnt Beer 1698 mit dem Neubau, der schon Ende 1699 im Rohbau erstellt ist. Erst 1706 kann er bezogen werden. Hauptgrund der Verzögerung ist der Kriegseintritt Bayerns als Verbündete der Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg. Die obere Donauregion wird damit 1702–1704 Kriegsschauplatz. Die jüngeren Zwiefalter Patres flüchten mit ihrem neuen Abt Wolfgang Schmid[5] in die Schweiz. Der Unterricht wird nach der Kriegswende 1704 mit drei Professoren wieder aufgenommen. 1706, mit dem Bezug des neuen Kollegiums und nach einem neuen Vertrag mit der Stadt, sind es sechs Professoren. Ein Konvikt oder Pensionat in den neuen Gebäuden wird von der Stadt ausgeschlossen. Die Schüler sollen von den Stadtbürgern Kost und Logis erhalten. Für ärmere Gymnasiasten umgehen die Patres diese Bestimmung und nehmen einige Dutzend Studierende auf.
Das Bauwerk
Franz Beer baut einen 54 Meter langen Hauptflügel entlang der alten, nördlichen Stadtmauer über dem Stadtfluss Schmiech. Diesem Hauptflügel fügt er rechtwinklig einen 32 Meter langen Ostflügel an. Beide Flügel haben drei Vollgeschosse und ein Mezzaningeschoss. Das namengebende Kollegium, die gemeinsame klösterliche Wohnung der Professoren, liegt im südlichen Bereich des Nordflügels bei der späteren Kirche. Hier befinden sich auch das Refektorium und ein Oratorium. Nebst den Schulräumen werden auch eine Bibliothek, ein «museaum» (Studiersaal) und ein Saal für Physikgeräte eingerichtet. Im dritten Geschoss des Nordflügels und mit Einbezug des Mezzaningeschosses erstreckt sich auf die ganze Länge ein grosser Komödiensaal. Seine gewölbte Decke ist am Dachstuhl aufgehängt. Er besitzt ein eigenes Treppenhaus und zeigt die Bedeutung des Schultheaters für die Benediktiner. Heute ist von diesen barocken Räumen als einziges Relikt die bemalte Kassettendecke des Refektoriums wieder freigelegt.
|Links: Gouache-Ansicht der Baugruppe des ehemaligem Kollegiums mit der Studienkirche aus Norden, gemalt vor 1881. Seit dem Brand von 1769 fehlen dem Kirchturm die Obergeschosse. Sie werden erst 1884 rekonstruiert. Während der Maler die Gebäude in den Details korrekt darstellt, ist das 1881 abgebrochene Nikolaus- oder Burgtor (links) zu nah gezeichnet.

Quelle: Museum der Stadt Ehingen (Inv. Nr. 773).
|Rechts: Die Baugruppe des ehemaligen Kollegiums mit der Studienkirche aus Nordwesten, in einer Aufnahme vor 1917 (Vorsatzblatt in August Breucha: Die Kollegiums-Kirche in Ehingen).

Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg (http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1102931)
Folgen der Säkularisation
Schon 1760 beginnt die österreichische Regierung, alle Mittelschulen zu verstaatlichen. Die Kaiserin Maria Theresia verfügt wenig später sogar die Aufhebung aller österreichischen Lyzeen. Das Lyzeum von Ehingen entgeht diesem Schicksal, zusammen mit einigen weiteren vorderösterreichischen Lyceen. Das endgültige Ende bedeutet erst die 1802 erfolgte Annektion der Reichsabtei Zwiefalten durch das Herzogtum Württemberg. Die in Ehingen lehrenden Paters müssen 1803 Ehingen verlassen. Die Gebäude werden jetzt von Österreich beansprucht. Die Abtei Wiblingen, die noch bis 1805 existiert, übernimmt kurzfristig die Schule. 1806 kommt Ehingen zum neuen Königreich Württemberg. Die Schule wird aufgehoben. Die Stadt erwirbt 1811 die Gebäude des ehemaligen Kollegiums zur Einrichtung eines Spitals. Weil alle Klostergymnasien seit der Säkularisation ersatzlos aufgehoben sind, entsteht im Süden des neuen Königreichs eine grosse Lücke an Bildungseinrichtungen. Schon 1823 lässt deshalb der seit 1816 regierende König Wilhelm I. in Ehingen wieder ein Lyzeum einrichten. Oberschwaben hat trotz dieser Anstrengungen erst 1950 wieder die gleiche Anzahl Gymnasien wie vor der Säkularisation.
Konvikt Ehingen
Die fehlenden Klosterschulen zwingen den katholischen Klerus im neuen Königreich, auch wegen des zunehmenden Priestermangels, zur Einrichtung eigener Bildungsstätten. Deshalb kann mit königlicher Unterstützung 1825 in Ehingen eines der zwei katholischen Konvikte des Königreichs eingerichtet werden. Die Stadt willigt für die Realisierung in einen Tauschhandel ein. Sie übergibt der neuen Trägerschaft die seit 1811 als Spital genutzten Kollegiengebäude im Tausch mit den Räumen des aufgehobenen Franziskanerklosters. Das damit realisierte katholische Konvikt bleibt fast 150 Jahre am alten Ort. Nur die nationalsozialistische Umwandlung in ein Schülerheim bedeutet 1939–1945 einen Unterbruch. 1974 bezieht die Bistums-Trägerschaft neue Gebäude ausserhalb der Altstadt. Die Gebäudegruppe des ehemaligen Kollegiums ist seither eine Grundschule mit der Bezeichnung «Altes Konvikt».
Die Studienkirche
Kirchenneubau
Eine Kirche im Westen des Kollegiums ist in der Gesamtplanung von 1698 bereits enthalten, anders ist die geschlossene spätere Baugruppe nicht zu erklären. Darauf deutet auch die 1706 erfolgte Sicherung des Bauplatzes hin. Bis zum Kirchenneubau finden die täglichen Schülermessen im mittelalterlichen Burg- oder Nikolaustor statt.[6] Abt Wolfgang Schmid von Zwiefalten setzt 1712 den Grundstein zur Studienkirche. Baumeister ist wieder Franz Beer.[7] Der in Konstanz wohnhafte Vorarlberger hat in der Zwischenzeit, meist in der vom Krieg verschonten Schweiz, mehrere wichtige Kirchen begonnen oder schon fertiggestellt.[8] Beer kann die Studienkirche bis 1715 im Wesentlichen vollenden. In diesem Jahr stirbt Abt Wolfgang Schmid. Sein Nachfolger, Abt Beda Summerberger,[9] ist ehemaliger Superior und Professor im Kollegium Ehingen. Die Fertigstellung von Ausbau und Ausstattung des Neubaus ist ihm zu verdanken. Er ordnet die neue Studienkirche dem von ihm gewählten Kirchenpatrozinium der «hll. Herzen Jesu, Mariä und Josephi» unter. Die Meister der Stuckaturen, Fresken und der reichen, heute verschwundenen Ausstattung sind nicht belegt. Angenommen wird, dass der Abt für die Stuckaturen Melchior Paulus aus Ellwangen[10] und für die Fresken Melchior Steidl aus Innsbruck[11] beauftragt. Das Bildprogramm der Gewölbe und die Themen der Bildwerke von Hochaltar und sechs Nebenaltären sind dem Herz-Jesu-Thema gewidmet und von Abt Beda derart gestaltet, dass die Ausstattung vollständig mit dem Gewölbe-Bildprogramm übereinstimmt. 1719 kann die fertig ausgestattete Kirche geweiht werden.
Veränderungen am Bauwerk nach 1769
Beim Dachstuhl- und Turmbrand von 1769 schützen die Massivgewölbe zwar den Innenraum, der anschliessende vereinfachte Wiederaufbau verändert aber die Architektur. Auf die Wiederherstellung des Turms wird ganz verzichtet. Der heutige Glockenturm ist eine neubarocke Schöpfung von 1884, die sich auf eine Stadtansicht von 1740 beruft. Die Gründe, warum Abt Nikolaus II. Schmidler auf Ausgaben für einen rekonstruierenden Wiederaufbau verzichtet, müssen in der drohenden Zwangsverstaatlichung aller Gymnasien durch die österreichische Regierung liegen. Der Fortbestand des Kollegiums unter Obhut Zwiefaltens ist zu dieser Zeit alles andere als sicher. Eine aussagekräftige Ansicht vor dem Brand fehlt. Nur die Vereinfachung der vier Giebel ist durch Restfunde gesichert. Sie sind vor 1769 zweigeschossig, unten mit Voluten geschweift. Das scheunenartig auf die seitlichen Quertonnenräume heruntergezogene Dach könnte allerdings eine Sünde von Franz Beer sein, und mit dem Wiederaufbau keinen Zusammenhang haben.[12]
Schicksale nach der Säkularisation
Die Vernichtung der Barockausstattung
1806 fällt Ehingen an das neue Königreich Württemberg. Das kurzfristig 1803–1805 noch durch Wiblingen betriebene Kolleg wird aufgelöst. Die ehemalige Studienkirche, jetzt königlicher Besitz, wird 1812 von der neuen Herrschaft zum Getreidespeicher umgewandelt. Die ganze Ausstattung mit sieben Altären, die Bildhauer- und Stuckaturarbeiten unterhalb der Kapitellzone mit Kanzel und Orgel werden ausgebaut oder an Ort zerstört.
Die Namen der Bildhauer und der Altarbauer dieser nun nicht mehr vorhandenen Barockausstattung sind völlig unbekannt. Erhalten bleiben einzig die Gewölbe mit den Stuckaturen und den Fresken, die heute Melchior Paulus und Melchior Steidl zugeschrieben werden. Die beiden Künstler arbeiten schon 1711–1712 in der Schönenbergkirche über Ellwangen zusammen. Sie könnten auch für die Ausstattung tätig sein, denn Paulus, der in Ellwangen die hochbarocke Kanzel erstellt, wäre auch in Ehingen als Bildhauer denkbar. Steidl ist sogar mit Sicherheit Maler des 4 x 7 Meter grossen, gerollt wieder aufgefundenen, aber dann erst bei der letzten Renovation wieder museal aufgehängten ehemaligen Hochaltarblattes von 1716.[13] Von der zerstörten Barockausstattung ist einzig das Altarblatt des ehemaligen Marienaltars im westlichen Kreuzarm von Johann Georg Bergmüller,[14] allerdings stark lädiert, erhalten. Das Blatt mit dem Thema des Marientodes hängt heute als Gemälde im Eingangsbereich der Kirche. Das zweite Altarblatt Bergmüllers für den östlichen Kreuzarm-Altar ist seit 1812 verschwunden.
Konviktskirche nach 1841
1838 erfolgt die Rückgabe der ausgeräumten Kirche an die katholische Bistumsverwaltung, die seit 1825 im ehemaligen Kolleg ein bischöfliches Konvikt betreibt. 1841 wird die Studienkirche als Konviktskirche mit einer bescheidenen Einrichtung neu eröffnet. Sie erhält in den 1880er-Jahren neue Ausstattungen. 1880 folgt der Hochaltar in der Form eines Neorenaissance-Ziboriums, 1882 der Marienaltar mit dem alten Altarblatt Bergmüllers, dann 1890 der gegenüberliegende Altar im östlichen Kreuzarm. Schon 1884–1886 wird der neubarocke Turm gebaut. Die nun erneute Akzeptanz des Barocks Anfang des 20. Jahrhunderts ist 1919 Grund für die Ablösung des düster wirkenden Ziboriums durch einen grossen neubarocken Hochaltar.

Der Innenraum mit dem Hochaltar von 1880.
Foto um 1900.
Quelle: August Breucha 1917.

Eine Zeitschriften-Foto vor der grossen Räumaktion der 1960er Jahren zeigt den Innenraum mit dem neubarocken Hochaltar von 1919.
Quelle: journals.ub.uni-heidelberg
Falschverstandene Modernisierung 1960–1963
Die Kollegienkirche ist bis 1960, wie alle katholischen Zentralbauten des 17. und 18. Jahrhunderts, eine Wegkirche mit klarer Längsbetonung und Ausrichtung zum Hochaltar.[15] Ein zu dieser Zeit verbreiteter Glaube, die Liturgie müsse im Sinne der Urkirche wieder in der Mitte der versammelten Gläubigen vollzogen werden, führt nach 1960 zu einem radikalen Umbau des Innenraums. Seit 1963 liegt deshalb eine freie Altarinsel im Zentrum von vier Bankblöcken. Die Vierung ist jetzt Altarraum. Dass die drei neubarocken Retabel wieder verschwinden müssen, ist dem damaligen Unverständnis gegenüber dem Historismus zu verdanken. Zudem hätten die Gläubigen allen Retabeln den Rücken zugekehrt. 2011–2015 wird der Innenraum im Geist der 1960er-Jahre erneut umgestaltet.
Die Gebäudeform
Der Grundriss der Ehinger Kollegien-oder Studienkirche und heutigen Konviktskirche ist ein in der ehemaligen Hauptrichtung doppelt verlängertes griechisches Kreuz, das in einen kompakten Rechteckgrundriss eingebaut ist, dem nur die Kreuz-Querarme leicht vorstehen. Die Kompaktheit des Grundrisses ergibt sich aus den abseitenähnlichen, in die Kreuzarm-Zwickel eingefügten ovalen Quertonnenräume, die auch als Diagonalkapellen bezeichnet werden.
Der Grundriss zeigt damit Ähnlichkeit mit der Salzburger Kollegienkirche und auch mit der älteren Kollegienkirche San Carlo ai catinari in Rom. Tatsächlich befasst sich der Baumeister Franz Beer seit der Fertigstellung der Salzburger Kollegienkirche 1707 in seinen Planungen stark mit dem Salzburger Bauwerk.[16] Seine Ehinger Lösung zeigt allerdings nur im Grundrisstypus, nicht aber in der Raumarchitektur oder in der Grösse Verwandtschaft mit den beiden erwähnten Vorläufer-Bauwerken. Abweichend ist beim bedeutend kleineren Bauwerk Ehingen das Fehlen der Tambourkuppel über der Vierung, vor allem aber der völlig andere Querschnitt im Bereich der Quertonnenräume. Es ist derjenige einer Wandpfeilerhalle, wie bei allen Kirchen von Franz Beer, nicht ein basilikaler Querschnitt wie in Salzburg und Rom.[17] Dies lässt vermuten, dass die für eine Kreuzkirche wenig aussagekräftige Dachgestaltung mit dem scheunenartig heruntergezogenen Dach tatsächlich von Franz Beer stammt. Dafür ist ihm die grosszügige, an Freipfeilerhallen anklingende Wirkung des Ehinger Innenraums zu verdanken. Mit seiner eigenwilligen Interpretation der erwähnten Vorbildern hat ihn Beer erst ermöglicht.
Stuck und Fresken
Die barocke Gewölbearchitektur mit dem reichen Stuck und den vielen Fresken wirkt über dem heute nüchtern weissen Kirchenraum wie eine andere Welt. Unterhalb der Pilaster-Kapitellen ist alles leergeräumt. Über den Kapitellen akzentuieren und betonen Stuckaturen und Fresken die Tektonik. Ihnen hat der Brand von 1769, die Umwandlung in einen Getreidespeicher, selbst das barockfeindliche 19. Jahrhundert und mehrere wohlwollende Restaurierungen scheinbar wenig zugesetzt.
Die Stuckaturen sind für einen Bau von Franz Beer eher ungewöhnlich. Der Baumeister bevorzugt, falls er den Stuckateur bestimmen kann, Stuckateure der Wessobrunner Régence. Melchior Paulus zählt 1716 nicht zu ihnen. Seine Stuckaturen sind noch der Hochrelief-Modellierung des Hochbarocks verpflichtet, in Ehingen sogar dichter und plastischer als die ältere Arbeit in Ellwangen.[18] Seinen ornamentalen Stuck bereichert er mit Figuralplastiken, meist Engel und Putti. Auch das ausserordentlich zurückhaltenden Pfeilergebälk, dessen Attika mit Segmentgiebeln endet, die rötlich gefärbten Reliefs der Kuppel-Pendentifs[19] und die Stuckmedaillons der Querschiffgewölbe sind sein Werk.[20] Zwölf Nischen unter einer zwischen den Kapitellen der Doppelpilaster erhaltenden Inschriftenkartusche weisen auf 1812 entfernte Statuen von Benediktinerheiligen hin. Sie müssen als zerstörte Arbeiten von Melchior Paulus betrachtet werden.
Die Freskenthematik ist mit der verschwundenen Ausstattung gekoppelt. Im Kuppelfresko ist die Verehrung des Herzen Jesu in einer scheinperspektivischen, zum Himmel geöffneten Tempelarchitektur dargestellt.[21] Die beiden grösseren Deckenbilder des Hauptraums zeigen im Südarm das Abendmahl und im Nordarm den ungläubigen Thomas. Vier weitere Deckenbilder sind in die Quertonnen der sogenannten Diagonalkapellen gemalt.[22] Raumprägend sind zudem zwölf Ovalmedaillons in den Hauptgewölben und weitere zwölf Oval-Embleme in Camaïeutechnik mit der Herz-Jesu-Symbolik. Insgesamt sind damit nebst dem Kuppelfresko weitere 30 Gewölbebilder erhalten.
Pius Bieri 2020
|Literatur

Oswald, Konrad: Geschichte der lateinischen Lehranstalt zu Ehingen. Ehingen 1858.
|Paulus, Eduard von (Hrsg.): Die Kunst und Altertums-Denkmale in Württemberg, Donaukreis, Oberamt Ehingen. Esslingen 1914.|
|Breucha, August: Die Kollegiums-Kirche zu Ehingen. Ehingen 1917.|
|Wieland, Georg: Vom Colleg zum Konvikt Ehingen. Ehingen 1970.|
|Kolb, Günther: Barockkirchen im Gebiet der Abtei Zwiefalten, in: 900 Jahr Benediktinerabtei Zwiefalten. Ulm 1990.|
|Ohngemach Ludwig: Der Übergang Ehingens an das Königreich Württemberg 1805, in: Alte Klöster Herren. Begleitbuch Band 2.2. zur Ausstellung 2003. Ostfildern 2003.|
Anmerkungen:
[1] Ehingen liegt im Tal der oberen Donau südlich von Ulm. Es wird, obwohl nicht direkt an der Donau gelegen, zur Unterscheidung als Ehingen (Donau) bezeichnet.
[2] Abt der Reichsabtei Zwiefalten ist 1675–1699 Johann Martin Gleutz (1620–1692).
Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite. Zu Zwiefalten siehe die Baudokumentation in dieser Webseite.
[6] Quelle: Georg Wieland 1970. Das Tor der oberen Stadt steht bis zum Abbruch 1881 in der Flucht des Konvikt-Ostflügels (heute Hauptstrasse 34–35). Der Raum im ersten Obergeschoss ist auf alten Abbildungen durch ein grosses spätgotisches Masswerk-Fenster gekennzeichnet. Warum dieser kleine Raum den grossen Sälen im Kolleg vorgezogen wird, ist nicht erklärbar. Im Salzburger Kolleg wird für den gleichen Zweck bis zum Bau der Kollegienkirche der «Akademische Saal» benutzt.
[7] Alle Quellen zu den ausführenden Künstlern und zum Bauverlauf fehlen. Als Baumeister ist inzwischen Franz II Beer kunsthistorisch erhärtet.
[8] 1699–1702 Stiftskirche Irsee. 1700–1702 Pfarrkirche Tannheim. 1704–1710 Stiftskirche Rheinau. 1708–1714 Stiftskirche Bellelay. 1709–1716 Kloster und Kirche Münsterlingen. 1711–1715 Stiftskirche St. Urban. Siehe zu diesen Kirchen die entsprechenden Baudokumentationen in dieser Webseite.
[9] Beda Summerberger (1660–1737), 1715–1725 Abt OSB in Zwiefalten. 1693–1700 Professor der Rhetorik in Ehingen. Er ist unter den Benediktinern einer der ersten Verehrer des Herzen Jesu in Deutschland, einer Form schwärmerischer Frömmigkeit. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.
[10] Melchior Paulus (1669–1745) aus Ellwangen, Bildhauer und Stuckateur. Er ist als Stuckateur der nach dem Brand von 1709 erstellten Stuckaturen der Deckengewölbe der Kirche auf dem Schönenberg bekannt, die er 1710 nach einem Entwurf von Carlo Maria Pozzi ausführt.
[12] Der Stich von 1740 gibt darüber keine Auskunft. Die Quertonnenseiten fehlen bei ihm, das Gebälk ist auf gleicher Höhe durchgezogen. Die Darstellung der Fassade (Ost?) ist in diesem Punkt nicht korrekt. Dieser Stich ist die einzige Grundlage für den Turmneubau 1884. Im Dehio (1997) schreibt Dagmar Zimdars, dass das heruntergeschleppte Dach eine Notlösung nach dem Brand von 1767 sei. Ohne den fehlenden Querschnittsplan lässt sich nur vermuten, dass vor dem Brand ein kleiner Dachabsatz auf Höhe der Kreuzarm-Gesimse die Struktur betont.
[13] Die Informationen über die heute wieder aufgehängten Altarblätter sind zurzeit noch dürftig. Das Hochaltarblatt mit dem Thema der Kreuzigung (Lanzenstich) Christi wird 1921 für den neubarocken Altar von Waldemar Kolmsperger neu gemalt. Es hängt heute an der Aussenwand der nordöstlichen Diagonalabseite. Das alte Altarblatt von Seidl hängt nun, restauriert und gerahmt, wieder im ehemaligen Altarraum. Das stark lädierte Bergmüller-Altarblatt mit dem Marientod hängt an der Aussenwand der Südostabseite.
Ein barockes Altarblatt mit der Taufe Christi im Jordan, das heute museal in der Kirche aufgehängt ist, hat keinen Zusammenhang mit Ehingen und stammt vielleicht aus der ehemaligen Jesuitenkirche Rottenburg (Vermutung Hubert Hosch). Der Maler Franz Sebald Unterberger (1706–1776) aus Brixen wiederholt hier um 1755 sein 1741 geschaffenes Altarblatt in der Pfarrkirche Brixen. Immerhin kann das Unterberger-Altarblatt zeitlich in die Bauzeit eingeordnet werden. Für die zwei in der südwestlichen Diagonalabseite rechts des Eingangs aufgehängten Tafelbilder trifft nicht einmal dies zu. Sie sind Arbeiten des 16. Jahrhunderts.
[15] Auch bei evangelisch-lutheranischen Zentralbauten in Form des griechischen Kreuzes (Michaeliskirche und Dreifaltigkeitskirche in Hamburg) oder bei reinen Zentralbauten (Frauenkirche Dresden) bleibt die Längsbetonung mit Richtung zum Altar bestehen. Die Ehinger Radikallösung mit vier Bankblöcken um einen zentralen Tisch ist im Barock nur bei wenigen calvinistischen und zwinglianischen Predigerkirchen zu beobachten, weil diese den Altar nicht benötigen und sie das «theatrum sacrum» nicht akzeptieren. Aber selbst bei berühmten calvinistischen Rundkirchen wie dem Temple de Quevilly (1601) ist der Tisch nicht in der Mitte.
[16] Zur Kollegienkirche Salzburg, 1696–1707 von Johann Bernhard Fischer von Erlach gebaut, siehe die Dokumentation in dieser Webseite. Auch Fischer hat Vorbilder, so die Kirche der Sorbonne in Paris und die Kollegienkirche San Carlo ai catinari in Rom. Ein Vergleich des Ehinger Grundrisses mit Salzburg und Rom (gehe zum Plan!) zeigt Gemeinsamkeiten.
[17] Der Querschnitt vor und nach dem Vierungs-Kreuzarm ist identisch mit der Wandpfeilerhalle Rheinau (siehe dazu das Glossar, Buchstabe W, in dieser Webseite). Wie üblich fehlen leider auch bei der Ehinger Kirche die wirklich aussagekräftigen Quer- und Längsschnitte, nur ein nichtssagender Querschnitt durch die Kreuzarme ist veröffentlicht.
[18] In Ellwangen muss er sich 1711 dem Entwurf von Carlo Maria Pozzi (1676–1741) beugen, einem in Fulda, Mainz und Koblenz wirkenden Tessiner Meister, der sich schon früh von der Hochrelief-Modellierung des Hochbarocks abwendet und das Bandelwerk der Régence bis 1715 voll übernimmt. Melchior Paulus will den Schritt zu einer flachen Ornamentik ohne plastische Elemente nie vollziehen, obwohl das Rahmensystem in Ellwangen die Régence aufnimmt. Der modebewusste Fürstpropst von Ellwangen lässt ihn mangels dieser Adaption des französischen Geschmacks 1725 im Schloss Ellwangen nicht mehr stuckieren. Zu Carlo Maria Pozzi siehe die Biografie in dieser Webseite.
[19] Es sind weibliche Allegorien als Versinnbildlichung der Unschuld, der Demut, der Liebe und der Sanftmut.
[20] Sie beziehen sich auf die Raumthematik. Im Westarm stellen die beiden Reliefs den Abschied Christi von der Mutter und die Erscheinung Christi vor Maria dar, im Ostarm ist es der Traum des Joseph und die Flucht nach Ägypten.
[21] Das Kuppelbild folgt den Traktaten des Jesuitenpaters Andrea Pozzo (1642–1709) aus Trient, der 1691–1694 die scheinperspektivischen Fresken in Sant'Ignazio in Rom erstellt. In Wien verfasst er das wohl wichtigste Werk für den spätbarocken Illusionismus, das 1709 in Augsburg mit dem Titel «Perspectivae pictorum atque architectorum = Der Mahler und Baumeister Perspectiv» erscheint. Es ist von derartiger Wirkung für die Deckenmalerei, dass bei vielen Kuppelmalereien von 1710 bis 1720 seine Lehre der scheinarchitektonischen Darstellung angewendet wird, manchmal sogar als wörtliche Übernahme seiner Vorlagen.
[22] Nordwest: Tod des hl. Benedikt. Nordost: Tod des hl. Anselms. Südwest: Engel verehren das Herz Jesu. Südost: Der Erzengel Michael mit Herz-Jesu-Schild.
|Altarblätter

Links:
Das Altarblatt des ehemaligen Hochaltars zeigt in hochbarocker Dramatik den Lanzenstich der Kreuzigung Christi. Es ist von Melchior Steidl 1716 signiert und hängt seit kurzem wieder im ehemaligen Altarbereich. Noch 1965 wird das wertvolle Gemälde von Kunstexperten als «künstlerisch nicht wertvoll bezeichnet, da sein Thema in einer Fülle von Nebensächlichkeiten untergehe», was viel über die Anmassung von Experten aussagt, die sich von «Nebensächlichkeiten» wie dem Würfeln um das Gewand Christi oder den klagenden Frauen gestört fühlen. Diese Anmassungen dürften auch für das jahrhundertlange Verbleiben auf dem Pfarrhaus-Dachboden verantwortlich sein.
Rechts:
1921 malt Waldemar Kolmsperger aus München ein neues Altarblatt für den neubarocken Hochaltar, offenbar in Kenntnis des Originalblattes. Es hängt heute an der Aussenwand der nordöstlichen Diagonalabseite.
|Links:

1718 signiert Johann Georg Bergmüller das Altarblatt des Marientodes für den Marienalter im Westarm. Das Bild weist zwar auch eine «Fülle von Nebensächlichkeiten» auf, ist aber nie aus der Kirche verbannt worden. Es hängt heute in der Südwestabseite des Eingangsbereichs. Trotz mehrfachen Restaurierungen (so 1842 und 1958) ist das bergmüllersche Pendant in Ummendorf (1719) in bedeutend besserem Zustand.
Gehe zum Altarblatt in St. Johannes von Ummendorf.
Rechts:
Nicht zur ursprünglichen Ausstattung gehört das Altarblatt der Taufe Christi im Jordan, das heute museal in der Kirche aufgehängt ist. Es stammt vielleicht aus der ehemaligen Jesuitenkirche Rottenburg. Der Maler Franz Sebald Unterberger (1706–1776) aus Brixen wiederholt hier um 1755 sein 1741 geschaffenes Altarblatt in der Pfarrkirche Brixen in gekonnter spätbarocker Darstellung.
Alle Fotos der Altarbilder: Bieri 2020.
|Ort, Land (heute)||Herrschaft (18. Jh.)|
|Ehingen an der Donau

Baden-Württemberg D
|Vorderösterreich

|Bistum (18. Jh.)||Baubeginn|
|Konstanz||1698 und 1712|
|Bauherr und Bauträger|
| Abt OSB Ulrich V. Rothheusler Zwiefalten

(reg. 1692–1699)
| Abt OSB Wolfgang Schmid Zwiefalten

(reg. 1699–1715)
| Abt OSB Beda Summerberger Zwiefalten

(reg. 1715–1725)