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Im Wortspiel mit «landmarks» («Wahrzeichen», «Orientierungspunkt») dient in Luc Schaedlers Dokumentarfilm das Wasser als Leitmotiv und als roter Faden: Watermarks – Three Letters from China gibt anhand dreier Kapitel Einblick in die Gesellschaft des heutigen China. Der Film beginnt in Minquin – einem Kreis der Nordprovinz Gansu, die zu den vom Monsun geprägten trockenen Hochlandgebieten Chinas gehört. Nur wenige grüne Dornbüsche lockern die eintönige Weite des Lehmbodens auf, der bis an den Horizont reicht. Porträtiert wird hier ein älteres Paar, das als einziges der früheren Bewohner in einem abgelegenen Dorf zurückgeblieben ist. Längst bereuen es die beiden, nicht mit den andern weggegangen zu sein. Nun fristen sie in der Einsamkeit mit ihren Schafen, Hühnern und Anisfeldern ein kärgliches Dasein. Ihr (einziger) Sohn schaut mit Frau und Kind höchstens einmal im Jahr zur Erntezeit vorbei, um Hand anzulegen. Bedingung bei seiner Heirat war seitens der Braut, aus dem Dorf wegzuziehen. Und so wohnt das junge Paar nun in einer gesichtslosen Vorstadtsiedlung – einem gigantischen Mehrfamilienhausriegel – in einem rund sechshundert Kilometer entfernten Industriegebiet, wo er sich als Wanderarbeiter verdingt, aber eigentlich lieber zu Hause seinen Eltern zur Hand ginge, während seine Frau als Gelegenheitswäscherin arbeitet. Sie ist sich des Dilemmas wohl bewusst – und doch möchte sie nicht zurück. Unter Tränen formuliert sie, was sie bislang tief in ihrem Inneren verbarg: nämlich, dass sie nicht einmal mehr vom Glück zu träumen wagt – hat sie doch trotz allen Bemühungen keine Hoffnung mehr, ihr prekäres Dasein irgendwie zu ändern.
Das zweite Schlaglicht richtet Watermarks auf ein bis heute von den Gewalttaten der Revolution vor rund einem halben Jahrhundert traumatisiertes Dorf im wasserverwöhnten Süden: Juxiancun – umgeben von grünen, üppigen Wäldern, fruchtbaren Reisfeldern und Teichen mit dicken Karpfen. Hier versucht der Dorfbürgermeister Frieden und Versöhnung sowie (wieder) einen Zusammenhalt unter den Menschen zu schaffen. Er ist geachtet und geehrt – und seine Aussagen lassen erahnen, wie zerrüttet die Gemeinschaft durch die dramatischen Ereignisse noch immer ist, wie stark die Verletzungen physischer und psychischer Art waren, die bis heute nachwirken. Und man spürt, wie sein Bemühen um Versöhnung im Zeichen der Gemeinschaft langsam Früchte zu tragen beginnt – und sei es in Form einer zeremoniellen Beerdigung eines verstorbenen älteren Bürgers, an der das ganze Dorf teilnimmt und die zu einem feierlichen Volksfest wird.
Der dritte Teil von Watermarks gehört der Grossstadt Chongqing, mit rund dreissig Millionen Einwohnern die mutmasslich grösste Stadt der Welt. Sie liegt am Jangtsekiang mitten in China. Hier steht eine junge Frau im Zentrum, die wir in den ersten Einstellungen in Partylaune mit Freundinnen und Freunden in einer Karaoke-Bar sehen. Mit ihrer gelben Daunenjacke und der Schirmmütze repräsentiert sie eine neue Generation Chinas, eine, die das Leben geniessen möchte – und dies in einem möglichst urbanen Umfeld. Dabei ist ihre Lebensgeschichte ebenso eigenwillig wie berührend: Sie war ein Findelkind und wuchs mit ihren Adoptiveltern auf einem Boot auf dem Jangtsekiang auf. Für ihre gute Tat wurden die Eltern mit dem Entzug des Fernsehgeräts bestraft – als präventive Massnahme für den Verstoss gegen die Einkindpolitik (obwohl das Paar in der Folge auf ein eigenes Kind verzichtete). Das Paar lebt immer noch auf dem engen Hausboot und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ihre Tochter studieren würde. Doch diese möchte in erster Linie selbständig und unabhängig sein und schlägt sich deshalb mit Gelegenheitsjobs durch.
Der Ethnologe und Filmemacher Luc Schaedler (Angry Monk – Reflections on Tibet, 2005) kennt Land und Leute gut und vermag viel Nähe zu seinen Protagonisten herzustellen. Exemplarisch skizziert er anhand seiner Porträts Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eines Landes, das in jüngster Zeit regelmässig mit Schlagworten wie Landflucht, Verstädterung und Überalterung, mit Berichten zu den katastrophalen Arbeitsbedingungen ebenso wie zur boomenden Wirtschaft in den Medien der Welt aufscheint.
Schaedlers Film liefert dafür eindrückliche Beispiele, zeigt, was sich hinter den Schlagzeilen an menschlichem Leid und Glück, an Verzweiflung und Hoffnung verbirgt – und ergänzt die Erzählungen auch immer wieder mit eindrücklichen Bildern einer einerseits unversehrten, andererseits vom Raubbau geprägten Landschaft oder einer gigantischen urbanen Skyline, die vom Smog verschluckt wird.
Zwar wirkt der Aufbau von Watermarks mitunter etwas konzeptuell und fragmenthaft, und bei einigen der Persönlichkeiten hätte man gerne mehr erfahren – oder auf eine der Figuren verzichtet, um bei einer anderen etwas mehr in die Tiefe zu gehen (etwa in der letzten Episode, wo man lieber noch etwas mehr bei der jungen Frau verblieben wäre und dafür auf den blass bleibenden Professor für Umweltschutz verzichtet hätte). Und doch gelingt es dem Film, die zurzeit grosse Umwälzung in China auf Einzelschicksale und deren Befindlichkeiten und Nöte herunterzubrechen. So zeigt Watermarks zwar wohl Machtlosigkeit und auch Resignation – aber auch Zuversicht und Hoffnung seitens der Protagonistinnen und Protagonisten und ihr Bestreben, ihren Träumen doch irgendwie ein kleines oder grösseres Stück näherzukommen.