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Am 9. September eröffnet der Stromkonzern Axpo im Kanton Glarus das grösste Pumpspeicher-Kraftwerk der Schweiz. Das Kraftwerk soll als "Batterie" dienen, um Schwankungen von Solar- und Windenergie in Europas Stromnetzen auszugleichen. Doch das Risiko besteht, dass es zu einem finanziellen Reinfall wird.
Zehn Jahre wurde geplant und gebaut. Vom technischen Aspekt her ist Linthal 2015 ein weiterer Meilenstein im schweizerischen Wasserkraft-Sektor. Dieser leistet seit über einem Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.
Da die Schweiz über keine Rohstoffe verfügt, nutzte sie die Kraft des Wassers schon früh, um einen grossen Teil ihres Energiebedarfs zu decken. Noch heute liefern die mehr als 600 Wasserkraftwerke 56% des im Lande produzierten Stroms. In Europa ist diese Quote nur in Norwegen und Österreich höher.
Potentestes Pumpspeicher-Kraftwerk
Mit seiner Leistung von 1000 Megawatt ist Linthal 2015 seit diesem Jahr das stärkste Schweizer Pumpspeicher-Kraftwerk. In der Schweiz gibt es zwar etwa hundert Stauseen zur Stromerzeugung. Doch nur 15 davon verfügen über ein Pumpsystem.
Solche Kraftwerke haben zwei Stauseen, einen am Berg und einen weiter unten. Wasser aus dem höher gelegenen See wird durch Druckleitungen über Turbinen in den unteren See geleitet, wodurch Strom erzeugt wird. In Zeiten geringerer Stromnutzung wird das Wasser erneut in den Bergsee hochgepumpt und dort gestaut.
Pumpspeicher-Kraftwerke spielen eine wichtige Rolle, um bei Wassermangel (besonders im Winter) eine stabile Stromproduktion zu garantieren. Im folgenden Video erklärt der Stromkonzern Axpo die Funktionsweise von Linthal 2015.
Höchster Stausee Europas
Der untere See, der Limmernsee, wurde vor einem halben Jahrhundert aufgestaut und liegt auf 1857 Meter über Meer. Er hat eine Leistung von 500 Megawatt. Das obere Becken, der Muttsee, wird am 9. September in Betrieb genommen. Er liegt auf 2474 Meter über Meer und ist damit der höchste Stausee Europas. Dank ihm kann die Leistung der gesamten Anlage verdreifacht werden.
Der Bau des Staudamms und der unterirdischen Pumpstation, welche die beiden Stauseen in den Glarner Alpen verbindet, gilt als beeindruckende Ingenieursleistung. Um Maschinen und Material in diese Höhe zu bringen, musste unter anderem eine eigens dazu bestimmte Seilbahn gebaut werden.
Neben Stollen und Pumprohren wurde ein 4 Kilometer langer Tunnel erbaut, um die 200 bis 300 Tonnen schweren Transformatoren und Generatoren in zwei 50 Meter hohe Kavernen zu transportieren.
Insgesamt kostete das neue Pumpspeicher-Kraftwerk 2,1 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Der neue Gotthard-Basistunnel, der im Juni eröffnet wurde – mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt –, kostete 12 Milliarden Franken.
Längste Staumauer der Schweiz
Doch auch wenn die komplexesten Arbeiten im Untergrund durchgeführt wurden, ist das spektakulärste Element des neuen Kraftwerks doch die Muttsee-Staumauer. Sie ist zwar nicht sehr hoch, aber mit 1025 Metern die längste Staumauer der Schweiz. Dadurch fasst der Muttsee nun bis zu 25 Millionen Kubikmeter Wasser, dreimal mehr als bisher.
Batterien für Europa
Die Staumauer ist seit einem Vierteljahrhundert die erste, die in den Schweizer Alpen erbaut wurde. Mit der Inbetriebnahme von fünf Atomkraftwerken zwischen 1969 und 1984 schien das Interesse für den Bau neuer Stauseen geschwunden zu sein.
Seit etwa einem Jahrzehnt allerdings haben Investitionen in diesem Sektor wieder zugenommen, unter anderem mit der Aussicht auf den Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa.
In der Tat erscheinen Stauseen, besonders solche mit Pumpspeicher-Kraftwerken, als ideale Lösung zur Kompensation von Schwankungen durch Solar- und Windkraft im europäischen Stromnetz.
Wenn eine Überproduktion an Energie vorhanden ist und die Stromtarife tief sind, wird Wasser in den höher gelegenen Stausee gepumpt. Produzieren die alternativen Kraftwerke zu wenig und sind höhere Stromtarife gültig, wird mit dem Wasser Strom produziert. Solche Pumpspeicher können deshalb als Strombatterien für die Schweiz und andere Länder dienen.
Grosses Finanzloch?
Pumpspeicher-Kraftwerke liefern bis jetzt etwa 5% der in der Schweiz produzierten Elektrizität. Ihre Kapazität wird sich in einigen Jahren verdoppeln, mit der Inbetriebnahme von Linthal 2015 und zweier weiterer grosser Kraftwerke, die sich gegenwärtig im Bau befinden: Nant de Drance im Kanton Wallis (Bauherrin: Alpiq) und Veytaux im Kanton Waadt (Bauherrin: Kraftwerke Hongrin-Léman).
Doch schon seit einigen Jahren werden Zweifel laut über die Rentabilität solcher Kraftwerke. Weil für das Hochpumpen des Wassers eine Menge Energie nötig ist, zahlen sich Pumpspeicher-Kraftwerke nur dann aus, wenn ein grosser Preisunterschied besteht zwischen Zeiten hohen und tiefen Strombedarfs. In den letzten Jahren aber hat sich diese Preisspanne wegen der immer häufigeren Überproduktion von Elektrizität in Europa beträchtlich verkleinert.
Linthal 2015 und die anderen sich im Bau befindlichen Kraftwerke erscheinen heute für die Schweizer Stromkonzerne – seit einigen Jahren mit der schwierigsten Marktsituation ihrer Geschichte konfrontiert – als Investitionen mit grossem finanziellen Risiko.
"Wir rechnen mit zehn oder mehr Jahren, bis Linthal 2015 rentieren kann", sagte denn auch kürzlich der Konzernchef von Axpo, Andrew Walo. Der Konzern verfügt über eine Konzession bis 2096 zur Nutzung der Anlage. Er hat also 80 Jahre Zeit, zu beweisen, dass er sich nicht verrechnet hat.
(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)