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Am Filmfestival Locarno werden die Filme nicht nur einem kritischen Publikum und einer internationalen Jury vorgeführt, sondern zahlreiche andere Jurys reden in Locarno mit und vergeben ihre Preise - so zum Beispiel die ökumenische Jury. Sie zeichnet den französischen Beitrag "L'Afrance" aus.
Seit 1973 verleiht die ökumenische Jury ihren Preis am Internationalen Festival in Locarno. Geehrt werden Filmschaffende, denen es mit künstlerischer Begabung gelungen ist, ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck zu bringen, das im Einklang mit dem Evangelium steht oder das Publikum für spirituelle, menschliche oder soziale Werte sensibilisiert. Paolo Tognina, reformierter Pfarrer aus dem Tessin, vertritt die Schweiz in der sechsköpfigen Jury. swissinfo sprach mit ihm.
Paolo Tognina, nach welchen Kriterien beurteilt die ökumenische Jury die 19 Wettbewerbsfilme? Was heisst "im Einklang mit dem Evangelium"?
Das ist die grosse Frage. Wir haben uns zu Beginn gefragt, ob wir bestimmte Kriterien brauchen und, ob wir diese formulieren können. Es stellte sich aber bald heraus, dass wir zuerst die Filme anschauen wollten. Danach würde es uns einfacher fallen zu erklären, weshalb der eine Film uns gefallen hat und der andere nicht. Rein theoretisch argumentieren kann man in einem solchen Falle nicht.
Wie geht die Jury mit der Darstellung und Thematisierung von Gewalt und Sexualität um? Ohne "Sex and Crime" scheint man heute ja kaum mehr einen Film drehen zu können.
Wir haben dieses Jahr festgestellt, dass es sehr wenig Gewalt - physische, aber auch psychische - in den Filmen gab. Das hat uns überrascht und unsere Wahl erleichtert. Das heisst aber nicht, dass die Kirche Filme, in denen Gewalt oder Sex vorkommen, von vornherein ablehnt. Es ist eine Frage der Darstellung und Thematisierung. Wir fanden es zum Beispiel sehr interessant, dass die sexuellen Rollen in der Familie, in der Partnerschaft, in der Gesellschaft in mehreren Filmen thematisiert und neu hinterfragt wurden.
Das heisst, es ist keine Frage von Tabus, sondern der Art und Weise?
Genau. Die menschliche Würde muss respektiert werden. Menschen dürfen nicht einfach zu Maschinen, zu Robotern oder Sklaven gemacht werden. Der Mensch mit seinen Schwächen und Stärken muss im Mittelpunkt stehen.
Können Sie dazu ein negatives Beispiel nennen?
In einem Schweizer Beitrag werden Asylanten auf dem Flughafen Zürich gezeigt. Wir hatten das Gefühl, dass die Asylanten keine Ahnung hatten, in welchem Film sie mitspielten. Sie erzählten ihre ganz persönlichen Geschichten, meistens Tragödien, ohne eigentlich zu wissen, was damit geschieht. So schien es uns zumindest. Diese Art mit Menschen umzugehen, hat uns jedenfalls nicht gefallen. Sie scheint uns nicht fair.
Gefallen hat der ökumenischen Jury jedoch der französische Beitrag "L'Afrance". Er erhält den diesjährigen "Prix Oecuménique". Weshalb?
"L'Afrance" erzählt die Geschichte eines afrikanischen Immigranten in Frankreich. Die Geschichte wird aus der Sicht des Senegalesen erzählt. Er steht im Mittelpunkt, er zeigt uns seine Sicht, die durchaus Vorurteile gegen Frankreich beinhaltet. Aber es ist eine neue Art, das Thema zu behandeln. Während des Filmes lernt er zudem, dass nicht alle Vorurteile stimmen. Wir hingegen lernen, was er empfindet, wie er die Einwanderung erlebt. Es werden viele Fragen gestellt, aber keine Antworten gegeben. Das Ende ist völlig offen. Das hat uns sehr gefallen. Die Welt wird nicht erklärt, sondern die ganze Komplexität unserer Welt gezeigt.
Carole Gürtler, Locarno