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Die Novelle
Die Novelle ist eine epische Kunstform, die durch einem strengen Aufbau gekennzeichnet ist. Meist ist sie eine kürzere Erzählung, in der der Autor ohne grosse Umschweife einem erzählerischen Höhepunkt zustrebt. Die Zeit läuft in der Novelle kontinuierlich, auf verschiedene Zeitebenen (Rückblenden, Schauplatzwechsel…) wie beim Roman wird hier verzichtet.
Meist ist die Novelle eine Rahmenerzählung, d. h. in der Rahmenhandlung (die mit dem Inhalt der Novelle noch nicht unbedingt etwas zu tun hat) erzählt ein fiktiver Erzähler die Binnenerzählung (um die s im Titel geht). Durch die Rahmenerzählung entsteht eine „geschlossene“ literarische Form. Der Zuhörer ist so in der Lage, den Inhalt der Erzählung,der aus der Distanz objektiv erscheint und meist eine belehrende Absicht hat, zu reflektieren und seine Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.
Im deutschen kennt man diesen Begriff erst seit dem 18. Jahrhundert. Der Erzähltypus geht auf das ca. 1350 erschienene Hauptwerk Giovanni Boccaccios „Il Decamerone“ (ital.; gr. deka (δέκα) zehn; hemera (ἡμέρα) Tag) zurück. Sieben junge Frauen und drei Männer fliehen 1348 vor der verheerenden Pestepidemie in Florenz. Um die Arbeiten in ihrem Exil zu organisieren, übernimmt jeweils abwechselnd eine der zehn Personen die Tagesregentschaft.
Daneben bleibt aber auch viel Zeit, um sich Geschichten zu erzählen. Zur Regentschaft gehört auch jeden Tag die Vorgabe eines Themas für die Tagesgeschichte. Freitag und Samstag bleiben erzählfrei. Themen sind: Religion, Gastfreundschaft, Laster, Liebe…
Insgesamt kommen so 10 x 10 Erzählungen zusammen. Da die jungen Leute nicht unbedingt damit rechnen können, ihr Exil zu überleben, werden auch Dinge erzählt, die man unter „normalen Umständen“ wohl kaum zu hören bekommen hätte. So entsteht neben der ersten Novellensammlung auch ein interessanter und unterhaltsamer Einblick in die Welt der Frührenaissance in Italien.
Der Prototyp einer Novelle ist die „Falkennovelle“, die wir ebenfalls in Boccaccios Decamerone finden.
Rechercheauftrag: Du musst den Inhalt der Novelle kennen und aus der Erzählung die typischen Elemente einer Novelle herauslesen können.
Rahmenerzählung: Ergibt sich aus der Situation des Decamerone
Erzählung: Kurz
Zeitlicher Ablauf: Linear über einige Jahre, keine Rückblenden, kein Szenenwechsel
Nobles Motiv: Ritter, Falke, Minne, Aufopferung, Dienst an einer geliebten Frau
Trotz allem den Schein wahren, sich nicht blossstellen und auch den anderen nicht
Tragödie: Ritter völlig verarmt, Tod des Kindes der Frau
Höhepunkt: Opferung des Falken, der dem Ritter als einziger Besitz geblieben ist
Auflösung/Moral: Erkenntnis der Frau, was sie da gegessen hat und was der Ritter für sie getan hat.
Der zuvor verschmähte Ritter erhält die Hand der geliebten Frau:
„Ich ziehe den Mann, der des Vermögens entbehrt, dem Vermögen vor, das des Mannes
entbehrt."
Die Falkennovelle
Federigo, ein Florentiner von niederem Adel, verehrt die verheiratete adlige und reiche Monna Giovanna mit solchem Aufwand, dass er darüber verarmt und sich auf sein kleines Landgut zurückzieht. Der letzte Rest von Federigos adliger Existenz ist ein edler Falke, der beste Jagdfalke weit und breit.
Der Falke ist Federigos ganzer Stolz und er liebt ihn sehr. Giovannas Mann stirbt und Giovanna zieht auf das Nachbargut. Ihr kleiner Sohn ist sehr angetan von dem wunderbaren Falken. Als der Junge schwer krank wird, verlangt er nach dem Vogel. Seine Mutter macht Federigo einen Besuch, um den Falken zu erbitten. Doch fällt sie nicht mit der Tür ins Haus; sie lädt sich mit ihrer Freundin bei Federigo zum Essen ein. Federigo, erfreut über den baldigen Besuch seiner Angebeteten, aber beschämt, ihr keinen gebührenden Empfang und kein feines Essen bieten zu können, lässt sein Bestes, den Falken, schlachten und für ein Festessen zubereiten.
Als Giovanna nach dem Essen ihre Frage an ihn richtet, ist der Falke bereits verspeist. Federigo ist erschüttert, dass er die Bitte nicht gewähren kann, er bricht in Tränen aus und hält eine Rede, die die Tiefe seiner Liebe zu der standesmässig höher stehenden Frau zeigt.
Nachdem das Kind gestorben ist und Giovanna nach einem Trauerjahr von ihren Brüdern zu einer standesgemässen Ehe gedrängt wird, beehrt sie den überhaupt nicht standesgemässen, verarmten Federigo mit ihrer Hand: »Ich ziehe den Mann, der des Vermögens entbehrt, dem Vermögen vor, das des Mannes entbehrt.«