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Band 2 von Gomperz‘ Philosophiegeschichte der Antike ist Sokrates gewidmet, den Sokratikern und Platon. Um Sokrates darstellen zu können, öffnet Gomperz den Blick zuerst auf – wie wir heute sagen würden – die sozioökonomische Situation Athens unmittelbar vor und während Sokrates‘ Zeit. Die Ausbildung der Stadt hat auch die archaischen Religionsformen zurückgedrängt. Athen als Erbin Milets musste diesem Rechnung tragen. Die faktisch ständigen Bürgerkriege waren Ausdruck einer religiösen Krise, die eine Krise der staatlichen Institutionen nach sich führte. Wohl nie vor- oder nachher hat ein Staat, selbst ein so kleiner Stadtstaat wie Athen, in so rascher Folge und so oft hintereinander seine Verfassung gewechselt. Nicht sanft restauriert, sondern mit blutiger Gewalt z.B. einer Demokratie eine Aristokratie aufgepfropft, nur um kurze Zeit später zu einer Oligarchie zu mutieren, wiederum unter Anwendung von Gewalt. Und so immer weiter im Kreis der möglichen Verfassungen.
Und mitten darin die bekanntesten Philosophen der westlichen Hemisphäre. Als frühester: Sokrates. Wie alle Philosophiehistoriker kämpft auch Gomperz mit der Tatsache, dass über Sokrates eigentlich nur die Erinnerungen zweier seiner Schüler auf heute überliefert worden sind. Die Xenophons verwirft Gomperz rasch; er hält den Berufsmilitär und späteren Gentlemanfarmer nicht für fähig, Sokrates‘ tiefste Gedanken auch nur fassen, geschweige denn überliefern zu können. Es bleibt Platons Sokrates: der Mann, der der prinzipiellen Anarchie Athens zu steuern versucht, indem er der Begriffsbildung grosses Gewicht beilegt, der Mann, der alle und jeden darauf hinweist, dass er im Grunde genommen nicht einmal genau weiss, worüber er denn da mit so grosser Sicherheit spricht. Der Mann, der sich trotzdem aus diesem sprachlich-erkenntnistheoretischen Kuddelmuddel in eine Ethik rettet, die man kurz so zusammenfassen könnte, dass der Mensch nur fehlt mangels besseren Wissens. Eine zutiefst aufklärerische Position also.
Nach Sokrates die Sokratiker, allen voran Xenophon. Obwohl Gomperz ihn für philosophiegeschichtlich wertlos hält, bespricht er doch mit grosser Unparteilichkeit dessen Leben und Werke. Die Kyniker, die Megariker und die Kyrenaiker finden ebenfalls Erwähnung in je einem Kapitel. Sie sind für Gomperz die eigentlichen Erben Sokrates‘, weil sie vor allem dessen ethische Seite weiterentwickelt haben, dessen Missachtung der Naturwissenschaft übernommen haben.
Mit Platon ist der Rest des zweiten Bandes dann dem grössten und bekanntesten Schüler Sokrates‘ gewidmet. Platon ist für Gomperz zuerst, noch mehr als Sokrates, ein „Begriffs-Ethiker“. Ethik, in der Form begrifflicher Untersuchungen, steht im Zentrum von Platons frühen Schriften, den Schriften, denen wir auch ein historisch einigermassen korrektes Bild seines Lehrers Sokrates entnehmen können. Gomperz folgt in seiner Darstellung von Platon dessen Schriften in ihrer historischen Reihenfolge (bzw. in der Reihenfolge, die er für die historisch korrekte hält – grössere Abweichungen zur heutigen Lehrmeinung konnte ich aber nicht feststellen). So entwickelt uns Gomperz, immer nahe am Text bleibend, Platon vom „Begriffs-Ethiker“ zum Verfechter der Ideenlehre, d.i. der Lehre, dass nur die Ideen real sind, die irdischen Formen nur irgendwie daran Anteil haben. Auch Gomperz, wie Zeller, kann dieses „Anteil-Haben“ nicht näher definieren – weil Platon selber es nicht konnte. So ist es für Gomperz denn auch kein Wunder, dass der ganz alte Platon die Ideenlehre wieder fallen lässt, um sich der Zahlenmystik der Pythagoräer anzunähern.
Auf diese Weise macht Gomperz die Reise vom Gorgias über (um nur ein paar zu nennen) das Symposion, den Phädros, den Staat, den Sophist und den Staatsmann, Kratylos, Timäos zu den Gesetzen. Nicht nur Platons erkenntnistheoretische Entwicklung wird so dargestellt, sondern auch z.B. seine staatsphilosophische, indem einem bedingungslos aus dem Boden gestampften Staat im Alter die an der Realität orientierten Gesetze folgen. Auch der Naturphilosoph wird gestreift. Dem hier im Detail zu folgen, würde bedeuten, Gomperz oder Zeller zum andern Mal schreiben zu wollen.
Gomperz Werk macht v.a. im Teil über Platon wirklich Lust, den einen oder andern Dialog des alten Griechen (wieder) zu lesen, was ich zweifellos einmal tun werde. Im übrigen habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen, dass Gomperz dem blumichten Stil des ersten Bandes weitgehend entsagt hat, auch wenn er sich nicht enthalten kann, die Gründe für die Verurteilung Sokrates‘ in einem Zwiegespräch eines athenischen Bürgers mit einem Fremden darzulegen. Mir will scheinen, dass Gomperz sich doch ein bisschen vom Stil der Darzustellenden beeinflussen lässt. Nach den – aufgrund ihrer fragmentarischen Überlieferung dunklen und sibyllinischen – Vorsokratikern nun der (zum Glück kurze!) Versuch eines platonischen Dialogs. Doch Gomperz erliegt dieser Versuchung nur einmal; der Rest seines Werkes ist gut lesbar und macht Freude.
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Last but not least möchte ich meine Aussagen zu den beiden Geschichtswerken über die antike Philosophie (Zeller und Gomperz) noch korrigieren, bzw. ergänzen. Wie bereits in den Anmerkungen zum ersten Band von Gomperz‘ Philosophiegeschichte diskutiert wurde: Die beiden Monumentalwerke erschienen nicht komplett parallel, was mein Beitrag zum ersten Band von Gomperz suggerierte, sondern überlappend. Die letzten Auflagen zur Vorsokratik konnte Zeller noch überarbeiten und die ersten Auflagen von Gomperz zum selben Thema berücksichtigen. Gomperz seinerseits konnte Zeller natürlich einarbeiten. Zellers weitere Bände, die Sokrates und die Späteren betreffen, aber erschienen in Zellers Bearbeitung nur noch vor Gomperz‘ Werk. Zeller konnte Gomperz nicht mehr einarbeiten; die parallel zu Gomperz erschienenen Neuauflagen sind tatsächlich nur fotomechanische Nachdrucke. Jede Referenz zu Gomperz fehlt ihnen demzufolge.
Auch inhaltlich sind die Parallelen kleiner, als ich beim ersten Band schrieb. Zeller und Gomperz überschneiden sich in der Besprechung der Vorsokratiker bis hin alten Akedemie und der alten Peripatetik; tatsächlich aber bespricht Zeller einen grösseren Zeitraum, indem er die spätere Entwicklung der beiden Schulen ebenfalls verfolgt, während Gomperz da abbricht, sein Werk unmittelbar nach der alten Akademie und der alten Peripatetik beendend.