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Linke Printmedien muss man in Österreich mit der Lupe suchen. Der «Augustin» fällt Armin Thurnher ein, eine Obdachlosenzeitung, die von Unterstandslosen an den U-Bahn-Stationen feilgeboten wird. Aber der ist ebenso ein Nischenblatt wie die Migrantenzeitschrift «Die Bunte» oder die «Aktuellen Informationen» (AKIN), die seit dreissig Jahren in einer Auflage von 300 Stück als Bündel von Fotokopien verschickt werden. Inhalt und Schwerpunkt jeder Nummer sind flexibel gestaltet. Der grösste Teil wird - meist gekürzt - aus nationalen und internationalen Periodika übernommen, zum Beispiel aus der WOZ.
Sein eigenes Blatt, die jeden Mittwoch erscheinende Wiener Stadtzeitung «Falter», will Armin Thurnher gar nicht als links bezeichnen: «Dafür sind wir zu wenig dogmatisch.» Links, gar «kommunistisch» ist der «Falter» nur für die Rechte. Thurnher bevorzugt das Attribut «kritisch - unberechenbar, sicher nicht rechts oder konservativ.» Konservativ sei nur das Bestreben Qualitätsjournalismus zu machen: solid recherchierte Artikel, die schon manchen Politiker in Verlegenheit gebracht haben. Davon lebt der «Falter», von Enthüllungsgeschichten über haarsträubende Zustände im Strafvollzug, über Rassismus bei der Polizei oder von den PolitikerInneninterviews, die immer wieder originell angelegt sind und als Vorausmeldung Schlagzeilen machen.
Österreichs einst blühende und traditionsreiche Presselandschaft ging unter, als der austrofaschistische Ständestaat Zensur übte und die Nazis die jüdischen Intellektuellen vertrieben oder ermordeten. Was nach dem Krieg aus den Ruinen entstand, war neben der Parteipresse eine Anzahl von Organen der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Mentalität. Inzwischen sind Parteizeitungen wie die sozialdemokratische «Arbeiterzeitung» oder die kommunistische «Volksstimme» als unrentabel eingestellt worden. Obwohl die Meinungsvielfalt durch Presse- und Publizistikförderung stimuliert werden soll, mussten fast alle Zeitungen potente ausländische Teilhaber ins Boot holen.
Der «Falter» ist da in jeder Hinsicht ein Unikum: 1977 von einer Gruppe hochmotivierter DilettantInnen am WG-Tisch gegründet, ist er heute eine nicht wegzudenkende Lichtgestalt in der finsteren Medienlandschaft Österreichs. Die ersten Auflagen von je 3000 Stück wurden von den BlattmacherInnen selbst auf der Strasse und in den Szenebeizen vertrieben. Heute wirft das Blatt Gewinn ab, es werden durchschnittlich 25 000 Stück verkauft, 60 Prozent davon im Abo. Armin Thurnher ist Gründervater, Herausgeber und Mehrheitseigentümer in einem. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer Sigmar Schlager hält er 75 Prozent der Anteile. Das vierte Viertel teilen sich zwei Anwälte.
Auf Bettelaktionen und Rettungskampagnen hat man selbst Ende der achtziger Jahre verzichtet, als das Weiterbestehen des Blattes auf dem Spiel stand. «Wir können gegenüber den Anzeigenkunden nicht glaubwürdig bleiben, wenn wir betteln gehen», sagt Thurnher, der heute noch die Schulden von damals abstottern muss. Aber das Konzept ging auf, das Anzeigengeschäft macht inzwischen wie bei kommerziellen Zeitungen siebzig Prozent aus. Nicht einmal bei Verkaufspreis und Gehältern muss der «Falter» an die Leidensfähigkeit der politisch denkenden Menschen appellieren. Ladenpreis und Abo liegen auf dem Niveau der kommerziellen Wochenmagazine. Und die Mitarbeiter werden so gut bezahlt, dass schon lange keiner mehr von reicheren Medien abgeworben werden konnte.
Geliebt wird er nicht, der «Falter». Aber inzwischen ist er so anerkannt, dass sich kein Politiker mehr verweigert. «Sie rufen sogar zurück, wenn man einen Interviewtermin beantragt», sagt Armin Thurnher zufrieden. Ausser Jörg Haider hat noch niemand behauptet, er sei falsch zitiert worden. Und Haider wurde durch ein Gerichtsurteil gezwungen, seine Behauptung zurückzunehmen, ein dem «Falter» gegebenes Interview sei «frei erfunden».