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Mein Grossvater Jakob Wirz-Büchi war ein Künstler des unfreiwilligen Humors. Ganz so als ob er diese Eigenschaft gepachtet hätte, gelangen ihm immer wieder Meisterstücke, die man als zirkusreife Nummern hätte bezeichnen können. Eine seiner bekanntesten Nummern war jene mit den Kutteln an Tomatensauce.
Obwohl Kutteln an Tomatensauce nicht jedermanns Sache war, so machten hier alle Berger-Wirz-Kinder eine löbliche Ausnahme. Auch mein Grossvater mochte die Kutteln, speziell dann, wenn sie von seiner Tochter Alice, meiner Mutter, zubereitet wurden, die ein herrlich mundendes Rezept besass, welches leider nicht detailliert überliefert ist. Mein langjähriger Dienstkamerad Rolf Springer hinterliess in meinen Kochunterlagen jedoch zahlreiche Spuren, sodass die OGS hier mit einem guten Ersatzrezept einspringen kann. Siehe dazu unter Kutteln an Tomatensauce!
An einem ziemlich gewöhnlichen Werktag hatte meine Mutter einen freien Tag und nahm sich die Zeit, die Kutteln an Tomatensauce zu kochen. Dazu gab es Kartoffelstock und grünen Salat. Für uns Kinder war das ein Festessen und auch für alle anderen am Tisch. Und hier begann das Unglück, seinen Lauf zu nehmen.
Ursache dafür war der Umstand, dass mein Vater wünschte, dass während des Essens die Kinder nicht schwätzen durften, während die Erwachsenen hin und wieder etwas Kurzes sagten. Mein kleiner Bruder Röbi war erst knapp 6 Jahre alt und ein ziemlich spontaner Mensch. Das heisst, dass bei ihm sehr gerne der Mund zu schwätzen anfing, bevor er das Hirn einschaltete.
Das hatte zur Folge, dass er bereits drei, vier Worte geplappert hatte, ehe er merkte, dass er ja gar nicht schwätzen durfte. Und genau diese Eigenschaft wurde dem Grossvater zum Verhängnis, denn er betrachtete sich als Wachhund über die Vorschriften, an welche sich die Kinder zu halten hatten. Und wehe, wenn eines sich vergass!
Dazu legte er jeweils vor Essbeginn seine Weiderute neben sich auf den Esstisch und verabreichte diesem einen für alle gut hörbaren kurzen Schlag, sodass alle Kinder gewarnt waren und wussten, dass sie nun ihre Zunge hüten mussten. Der kleine Röbi aber nahm dieses Warnsignal etwas zu schwach wahr und schon nach kurzer Zeit begann er zu plappern.
Der Grossvater war mitten am Essen und er mochte die feinen Kutteln und den Kartoffelstock ganz offensichtlich. Umso entrüsteter war er, als Röbi einfach so los plauderte. In solchen Momenten verlor er jede Beherrschung. Mit unvorstellbarer Geschwindigkeit packte er die Weiderute und schlug sie heftig auf den Tisch. Doch wie bei älteren Menschen so üblich, hatte er nicht mehr das erforderliche Tüpfi, um exakt zwischen Teller und Schüssel hindurch zu schlagen und traf diesmal seinen eigenen Teller.
Dieser beliebte, wegen der von der Rute übertragenen kinetischen Wucht, sein bisheriges Beharrungsvermögen zu überwinden, indem er die aufgenommene Bewegungsenergie dazu benützte, über dem Tisch einen halben Looping zu fliegen und um 180° gedreht am gleichen Ort wieder die alte Lage einzunehmen, nur eben umgekehrt. Der Teller vollbrachte aber noch ein weiteres Kunststück, denn im Gegensatz zu einem früheren Vorkommnis dieser Art, blieb er diesmal unzerbrochen. Dank dem weichen Tellerinhalt landete er sogar auffällig leise und gerade noch knapp vor dem Tischrand mit einem Geräusch, das man vielleicht mit «pflopf» umschreiben könnte.
Als alle am Tisch fertig erschrocken waren, schwiegen die Eltern vor lauter Betroffenheit noch ein Weilchen weiter, während der Grossvater relativ salonfähig fluchte, indem er sein Missgeschick mit "Proscht Nägeli!" kommentierte. Wir Kinder wussten aber von einem früheren Ereignis her, dass Lachen in dieser Situation sehr unzweckmässig gewesen wäre. Also rissen sich alle zusammen und schwiegen, während der Grossvater den Teller wendete und mit einem Esslöffel begann, die Kutteln, die Tomatensauce und den Kartoffelstock wieder in den Teller zu schaufeln und die letzten Spuren des Zwischenfalls mit dem Messer auf seinem Tellerrand abzustreifen.
Betreten und verunsichert schwieg der Grossvater und ass den inzwischen etwas ausgekühlten Zmittag auf. Der Vater nahm die grossväterliche Rute und zerbrach sie in Stücke. Gleichzeitig bat er diesen, in Zukunft keine Rute mehr zu benützen und die unartigen Kinder verbal zurecht zu weisen.