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Wenn Giraffen sprechen - Monatsgedanken Oktober 2016
Wölfe heulen und Enten schnattern, doch wie sprechen Giraffen? Diese anmutigen Wesen wirken friedlich und elegant, sie haben ein grosses Herz und sind meist in der Gemeinschaft ihrer Artgenossen anzutreffen.
Wie Giraffen können Menschen zugleich einander zugewandt und verständnisvoll sein, aber auch wie Wölfe heulen und zu Abscheulichkeiten bereit sein. Dies wunderte Marshall Rosenberg (1934-2015), der in Detroit (USA) inmitten von Gewalt und Hass aufwuchs.
Als Psychotherapeut entwickelte er vor 50 Jahren inmitten der Rassentrennung ein Konzept zur Konfliktbearbeitung an Schulen und öffentlichen Einrichtungen. Dieser Ansatz half, den Rassismus zu mindern und auch zu überwinden. So entstand die Idee der „Gewaltfreien Kommunikation“, die er später auch „Giraffensprache“ nannte.
Dabei tritt jemand mit sich selbst und seinem Gegenüber in Kontakt, und es sind vier Aspekte wichtig. Zum einen gehört es dazu, neutral eine Beobachtung zu machen und zu formulieren. Meist neigen wir dazu, etwas zu bewerten, wie „Ich darf NIE als erstes dran.“ Der indische Philosoph Krishnamurti meinte: „Die höchste Form der Intelligenz ist es, zu beobachten, ohne zu urteilen.“ Es bedeutet auch, wie eine Kamera etwas zu sehen, oder eine Wertung des anderen neu zu formulieren. „Schon wieder zu spät“, wird aufgenommen: „Ja, ich bin soeben drei Minuten später gekommen als wir vereinbart hatten.“
Als zweites Element ist bedeutsam, dass das Gefühl wahrgenommen und ausgesprochen wird, z.B.: „Ich bin vielleicht genervt, …“ oder als verständnisvolle Reaktion: „Und du bist sauer, weil du dich gerne auf mich verlassen möchtest …?“.
Gefühle sind Signale, wie Warnlampen in einem Auto.
Sie zeigen an, ob die Bedürfnisse erfüllt oder unerfüllt sind. Und ein tieferes Verständnis füreinander kann entstehen, wenn das eigene Bedürfnis und das des anderen erkennbar wird, das dem Gefühl zu Grunde liegt.
„Ich bin vielleicht genervt, weil ich den Arzt anrief und ich in der Warteschleife hing und doch Klarheit und Sicherheit haben möchte, was nun ist.“
Das ist das dritte Element: Unsere Bedürfnisse stellen meist die Motivation für unser Handeln dar, und wenn wir uns ihrer im Klaren sind, dann können wir unsere Handlungsmöglichkeiten erweitern.
Dazu gehört auch als viertes Element, dass wir andere bitten, sie mögen dazu beitragen, dass ein Bedürfnis erfüllt wird. Ob der andere auf die Bitte eingeht, oder jemand anderes dies tut, ist Freiheit, und doch ist ein Kontakt hergestellt.
„Was siehst du den Splitter im Auge der anderen und nimmst nicht wahr den Balken in deinem eigenen Auge?“, fragte Jesus in der Bergpredigt. Ganz ähnlich zeigt gelingende Kommunikation nicht mit dem Finger auf andere (Weil er …, darum bin ich wütend), wie es oft im Alltag die sog. „Sprache der Wölfe“ macht, sondern es übernehmen Menschen Verantwortung für sich und ihre eigenen Gefühle.
M. Rosenberg gestaltete mit dieser Haltung auch als Mediator zwischen verfeindeten Gruppen Friedensprozesse. Als Ausweg aus der Gewaltspirale wurden so Kontakte und Kommunikation möglich, z. B. im Balkan und in Palästina und Israel.
Die Giraffensprache ermöglicht auch Kontakt und Verständigung im Alltag, ähnlich dem Wort von Rumi, dem islamischen Mystiker (13. Jhdt): „Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Raum. Dort werden wir uns treffen“.
Eine achtsame Zeit wünscht Ihnen
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss