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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

32.
[S. 578] Auch noch folgendes soll beitragen zur gründlichen Widerlegung derer, die immer noch an der unverschämten These von der Vernunftlosigkeit (der Seele) festhalten. Wie kann ein Mensch, dessen Leib von Natur sterblich ist, über die Unsterblichkeit nachdenken und oft aus Liebe zur Tugend eher den Tod sich erbitten? Oder wie kann der Mensch, dessen Leib vergänglich ist, über das Ewige nachdenken, so daß er gar gegen das Gegenwärtige gleichgültig wird und nach dem Ewigen sich sehnt? Der Leib käme von sich aus nicht zu solchen Gedanken über sich, und er machte sich überhaupt keine Gedanken über die Dinge außer sich; denn er ist sterblich und vergänglich. Etwas anderes muß es sein, was das Gegensätzliche und über die Natur des Leibes Hinausragende denkt. Was könnte das wieder sein, wenn nicht die vernünftige, unsterbliche Seele? Denn nicht von außen, sondern inwendig entlockt sie dem Leibe, wie der Musiker der Leier, die erhabeneren Töne. Wie kommt es sodann, daß Aug' und Ohr, die natürlichen Organe zum Sehen und Hören, bald sich verschließen, bald sich öffnen? Wer ist es denn, der dem Auge das Sehen wehrt? Wer, der den natürlichen Gehörsinn gegen den Laut verschließt? Oder wer beschneidet oft dem Gaumen, dem natürlichen Geschmacksinne, seine natürlichen Triebe? Wer hält die von Natur geschäftige Hand ab, etwas anzurühren? Wer verbietet dem Geruchsinn, der doch zum Riechen geschaffen, das Riechen? Wer ist es, der den natürlichen Trieben des Leibes entgegenwirkt? Oder wie kommt es, daß der Körper seine Natur verleugnet und einlenkt auf die Ratschläge eines anderen und seinem Wink willfährig wird? Das alles beweist eben nur, daß eine vernünftige Seele den Leib regiert. Der Körper kann von Natur aus sich selbst keine Bewegung geben, erhält vielmehr von einem Dritten Bewegung und Leben, ähnlich wie das Roß, das auch nicht sich selbst ausspannt, sondern von seinem Herrn in Lauf gesetzt wird. Darum eben gibt es auch Gesetze für die Menschen, das Gute zu tun, das Böse zu lassen. Für die vernunftlosen Geschöpfe aber bleibt das Böse undenkbar und unerkennbar, da ihnen Vernünftigkeit und vernünftiges [S. 579] Urteil abgeht. So glaube ich, im vorausgehenden bewiesen zu haben, daß es in den Menschen eine vernünftige Seele gibt.