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Von Big Blue, versteht sich...
Wird irgendwann in Zukunft "das Internet" – sämtliche Websites und Internet-Services dieser Welt – nicht mehr auf über den Globus verteilten Servern und Server-Clustern sondern auf einem einzigen Supercomputer laufen? Drei Forscher aus IBMs T.J. Watson Research Center argumentieren in einem Forschungsbericht
, den der 'Register' entdeckt hat, dass dies nicht nur möglich, sondern auch eine kluge Idee wäre. Die Forscher konnten demonstrieren, dass es möglich ist, auf einem kleinen "Blue Gene/P"-System einige normale Applikationen, wie sie heute im Internet gebräuchlich sind, zu installieren und zu betreiben.
Die Architektur des von IBM entwickelten Supercomputers "Blue Gene/P" würde schon heute viele der grundsätzlichen Anforderungen einer Hardwareplattform für "DEN WEBSERVER" - man kommt kaum umhin, dies in Grossbuchstaben zu schreiben - erfüllen, meinen die Forscher. Dessen Hardware würde zwar zufälligerweise von IBM stammen, ansonsten aber wäre er gemäss ihrer Vision eine freie Plattform, auf der sich alle Internet-Companies der Welt einmieten könnten. Um dies zu ermöglichen, wäre die Software so weit von der Hardware unabhängig, dass darauf jegliche Art von gewünschter Software, vom Betriebssystem bis zu den Applikationen, laufen könnte.
Webcompanies als realistische Kunden
Der globale Superwebserver ist wohl eher ein Denkanstoss und in der realen Welt kaum denkbar. Realistischer ist ein unmittelbareres Ziel der IBM-Leute: Einzelne Internet-Companies davon zu überzeugen, dass es langfristig billiger sein könnte, skalierbare Supercomputer als Plattform für ihre Internet-Services zu benutzen, als Massen von normalen Servern. (Interessant übrigens: Andere IBM-Leute propagieren auch Mainframes für genau den gleichen Zweck
.)
Wie dem auch sei. Die Forscher zielen wahrscheinlich vor allem auf sehr grosse Sites und massive Applikationen wie Suchmaschinen, "Software-as-a-Service"-Angebote, Social Networking-Sites oder virtuelle Welten ab. Für diese werden heute hauptsächlich "Cluster" benutzt, die ihrerseits aus relativ normalen Standard-Servern und Komponenten bestehen. Diese Komponenten kann man billig kaufen und mit den heutigen Kentnissen und Tools ist es relativ einfach, Cluster aufzubauen, die von der Rechenpower her mit Supercomputern mithalten können.
Standard-Server wurden aber ursprünglich nicht dafür entwickelt, Teile von massiven Clustern zu sein. Sie verbrauchen viel mehr Platz und Energie, als ein Supercomputer à la Blue Gene, argumentieren die IBM-Leute. Ausserdem seien Switching-Komponenten mit genügend hoher Kapazität, um grössere Cluster zu verbinden, keine Massenprodukte mehr. Die Netzwerkkosten würden daher ab einem bestimmten Punkt überproportional steigen.
Hyperskalierbar
Dazu komme das Problem des Wachstums beziehungsweise der Skalierbarkeit. Tausend neue "Nodes" bzw. Server in einen Cluster einzubinden, erfordere viel Integrationsaufwand und möglicherweise wochenlange Arbeit. Ein Blue Gene-Rack werde dagegen schon "ab Band" als ein einzelnes System validiert – und enthält 1024 Nodes.
Auch Supercomputer wie Blue Gene bestehen aus einer Vielzahl von einzelnen "Nodes", die durchaus mit einem Server oder Serverblade zu vergleichen sind. Blue Gene/P-Nodes bestehen aus einem Prozessor, Speicher und IO-Komponenten zur Verbindung mit anderen Nodes. Die "Nodes" von Blue Gene/P wurden aber Anfang an darauf ausgelegt, ohne Kühlprobleme sehr eng gepackt zu werden und Teile eines massiven Systems zu sein, das einfach ausgebaut werden kann.
Auch Blade Server können von der Kompaktheit her bei weitem nicht mithalten: Ein Blue Gene-Node enthält eine PowerPC-CPU mit vier Kernen und 2 GB RAM-Speicher. 32 Nodes passen auf eine "Node-Card" und wiederum 32 "Node-Cards" in ein Rack, das von der Grösse her ungefähr einem Standard-Serverschrank entspricht. Und schon ein heutiger Blue Gene/P könnte theoretisch bis zu 16'384 Racks beziwehungsweise lockere 16'777'216 CPUs umfassen.
Blue Gene/P wäre allerdings nur eine Basis für einen tatsächlichen "Superwebserver". Es gäbe noch zahlreiche technische Probleme zu lösen, was, auch falls Webunternehmen Interesse signalisieren und IBM das nötige Geld in die Hand nehmen wollte, um ein kommerzielles Produkt zu entwickeln, wohl noch einige Jahre dauern würde. (Hans Jörg Maron)