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Die Grünsten aller grünen Reisfelder gab es in Mian. Die Klarsten aller klaren Flüsse und die Höchsten aller hohen Berge. Das nannte Siu sein zu Hause. Er lebte mit seiner Familie auf der Anhöhe über dem mächtigen Fluss, wo die Reisfelder sich bis zum Horizont erstreckten.
Das Wahrzeichen Mians war das erhabene Kloster, da wo der mächtige Fluss aus dem Berg entsprang. Dem zweiten Sohn jeder Familie war es erlaubt, im Kloster zu leben und zu lernen.
Siu war der erste Sohn. Er blieb in seinem Elternhaus, während sein Bruder im Kloster lebte. Wenn er ihn besuchte, vernahm er wundersame Geschichten, welche die Mönche erzählten und hörte von übermenschlichen Kräften, die jeder Mönch entwickelt hatte. Der Eine konnte sich ganz klein machen. Ein Anderer singen, dass die Ohren bluteten und ein Dritter so hoch springen wie die Kirschbäume.
Siu würde nichts davon lernen. Aber er war stark. Die Arbeit auf den Feldern hatte seinen Körper geformt. Und er konnte gut zuhören. Er lauschte dem Wind, wenn er den Blumen vom nahenden Winter erzählte. Er konnte die Vögel hören, die den Fischen den Frühling ankündigten und schenkte sein Ohr den Grillen, die in den Kirschbäumen den Sommer besangen.
Eines Tages kam ein Bote des Kaisers ins Tal. Der Kaiser sei bereit, seinen Nachfolger zu wählen. Jeder junge Mann mit Talent und Geduld solle sich im Palast zur Musterung melden. Das Kloster sendete seine besten Schüler aus und Sius Bruder Miro war einer von ihnen.
Siu freute sich sehr darüber. Was wäre es für eine Ehre, der Bruder des Kaisers zu sein. Doch ihre Mutter machte sich Sorgen um den zarten Miro. Schon die Reise würde sehr beschwerlich für ihn werden. Also trug sie Siu auf, seinen Bruder zu begleiten.
Siu war überglücklich und schloss sich begeistert den reisenden Mönchen an. Diese gaben ihm bald zu verstehen, dass er keiner der Ihrigen war. Doch Siu machte es nichts aus für sie zu kochen und zu waschen. Er genoss es jeden Abend, die Reittiere zu versorgen.
Nach fünf langen Tagen unter der heissen Sommersonne erreichten sie endlich den Palast. Einigen der jungen Mönche hatte die lange Reise schwer zugesetzt. Sie waren sich weder die Sonne noch das Reiten gewohnt. Siu kümmerte sich gerne um sie. Das hatte ihm seine Mutter ja aufgetragen. Er errichtete die Schlafzelte und kochte das Essen, während sich seine Reisegefährten ausruhten. Als er gerade die Pfanne auf dem Feuer eingerichtet hatte, kam ein Hofdiener des Kaisers auf ihn zu.
„Name?“
„Ich bin Siu aus Mian.“
„Talent?“
„Nun ich habe kein besonderes Talent. Aber ich kann gut zuhören, schätze ich.“
Zum ersten Mal hob der Hofdiener den Blick und sah Siu direkt an.
„Morgen um neuen Uhr zur Musterung im Thronsaal.“
„Nein, dass ist ein Missverständnis. Meine Kameraden sind die Thronanwärter.“
Doch der Hofdiener hatte sich bereits entfernt und schenkte Sius Worten keine Beachtung. Siu ging ins Zelt um den Anderen vom Besuch zu berichten. Die Meisten stürmten sogleich ins Freie, um dem Hofdiener vorstellig zu werden. Doch Miro blieb.
„Ich freue mich für dich.“
„Ich kann da nicht hin. Was habe ich schon für Talente? Nichts weiss ich.“
„Das Schicksal hat dir eine Tür aufgemacht. Willst du nicht wenigstens hindurch sehen? Ausserdem will ich nicht Mutter erzählen müssen, dass du zu einer Audienz beim Kaiser nicht erschienen bist.“
Sie lachten beide, als wären sie immer noch zu Hause am mächtigen Fluss und nicht in dieser Unwirklichkeit, wo die Welt plötzlich verdreht und der falsche Bruder Thronanwärter wurde.
Am nächsten Morgen fand sich Siu mit hundert weiteren jungen Männern im Thronsaal ein. Sie wurden angewiesen zu sitzen und zu warten. Die Sonne stieg immer höher und sie warteten. Der Boden aus reinem Marmor war kalt und hart, doch sie warteten. Mal ging Einer zur Toilette, ein Anderer besorgte sich etwas zu trinken aber sonst unterbrach nichts die Stille.
Doch Siu wartete geduldig. Wie hätte er seiner Mutter erklären sollen, dass er auf der Toilette sass, als er hätte den Kaiser treffen sollen. Als die Sonne bereits die Hügel erreicht hatte, sassen nur noch vier Jungen auf dem Boden des Thronsaals. Nachdem der Hofdiener vor einer Stunde verkündet hatte, der Kaiser werde es wohl heute nicht mehr schaffen, waren alle anderen gegangen.
Doch Siu hatte es nicht eilig. Er lauschte den Mäusen hinter dem Thron, die gerade ein Stück Wurst erobert hatten. Die Fledermäuse vor den Fenstern lachten über die Neuankömmlinge im Hof und die Fliegen diskutierten über die schönsten der Pferde. Es musste gegen Mitternacht gewesen sein als sich die Hintertür öffnete und der Kaiser eintrat.
„Vier? Ich dachte es würden mehr sein. Ihr meine Freunde habt heute bewiesen, dass ihr über einen Hauch von Geduld verfügt. Morgen will ich eure Talente auf die Probe stellen.“
Siu war fassungslos vor Glück und zitterte gleichzeitig vor Angst. Er hatte kein Talent dem König zu zeigen. Am nächsten Morgen war der Thronsaal voller Menschen. Alle waren gekommen, den Kaiser um Rat zu fragen. Die vier Aspiranten hatten zur Rechten und zur Linken des Thrones Platz genommen.
„Ihr meine jungen Freunde, werdet diese Menschen mit euren Talenten beraten und ihnen den Weg zur Lösung ihrer Probleme weisen.“
Siu wurde ganz blass im Gesicht. Seine Hände zitterten, doch bevor er wegrennen konnte, stand bereits ein Bauer dicht vor ihm.
„Guten Tag mein Herr.“
„Guten Tag. Ich bin Siu.“
In der Zwischenzeit hatte der Aspirant neben ihm bereits zwei Personen mit Rat wieder entlassen.
„Wie ist dein Name?“
„Rotan“, antwortete der verblüffte Bauer.
„Guten Tag Rotan. Wie kann ich dir helfen?“
„Meine Ernteerträge sind heuer viel kleiner als üblich und ich bin gekommen, um Steuererleichterung zu bitten. Meine Frau ist krank, weil wir so wenig zu essen haben und wir können den Doktor nicht bezahlen.“
„Das tut mir sehr leid. Wieviel schuldest du dem Kaiser?“
„Fünf Kisten feinster Kirschen.“
„Das ist viel, wenn man nichts hat. Du hast gesagt, deine Ernte sei kleiner als üblich. Was ist den passiert?“
„Ich weiss es nicht, es ist wie verhext. Der Frühling war gut, die Kirschblüte vielversprechend, doch die Kirschen blieben aus. Meine Frau war sehr krank. Sie konnte sich noch nicht einmal um ihre geliebten Bienen kümmern und dann kam die schlechte Ernte...“ Der Bauer stockte und sah aus, als hätte er einen weissen Elefanten gesehen.
„Die Bienen!“
Da wurde der grosse Gong am Ende des Saales drei Mal geschlagen. Die Audienz war beendet. Die Massen verliessen den Saal und zurück blieb der Kaiser mit seinen vier Thronanwärtern.
Der Erste wurde gelobt, weil er über zwanzig Leute beraten hatte. Der Zweite hatte zusätzliches Geld für den Palast beschafft und der Dritte konnte eine Krankheit heilen.
„Und nun zu dir, Siu“, sprach der Kaiser in ernstem Ton. Du warst sehr höflich zu dem Mann. Du hast keine Lösung für das Problem des Mannes gefunden. Du sollst mein Nachfolger werden.“
Die anderen Anwärter waren mindestens so empört wie Siu verwundert war.
„Ein guter Kaiser hat erkannt, dass er keine Probleme zu lösen vermag. Er hat seine Aufgabe erfüllt, wenn er den Menschen hilft, die Lösungen selbst zu erkennen. Dies ist das wahre Talent. Alles andere kann man lernen.“
Zur Feier der Wahl des Nachfolgers des Kaisers wurden tausend Kirschbäume gepflanzt. Siu blieb im Palast und wurde in den Pflichten des Kaisers unterrichtet. Seine Weisheit und seine Geduld wuchsen mit jedem Tag so wie die Äste der Kirschbäume. Und als sich der alte Kaiser im fünften Frühling dem Flug der Kirschblüten anschloss, wurde Siu zum Kaiser gekrönt.
So erhielt Mian einen neuen Kaiser, der viel zuhörte und wenig sprach. Und es war ein guter Kaiser.