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Die 100 Verbandsmitglieder zählende Non-Profit-Organisation befasst sich mit allen Anliegen der Wärme- und Kältewirtschaft in der Schweiz und vertritt deren Interessen.
ee-news.ch: Herr Böhlen, der Verband Fernwärme Schweiz VFS erachtet das Nutzungspotenzial von erneuerbaren Energien in der Schweiz erklärtermassen als «bedeutend» und die Nah- und Fernwärmesysteme als «die richtige Technologie für eine unabhängige schweizerische Energieversorgung». Können Sie das bitte erläutern.
Walter Böhlen: Von den grossen schweizerischen Fernwärmebetreibern werden heute in den Städten und grösseren Agglomerationen ca. 55 Fernwärmenetze betrieben. Im Zusammenhang mit der Holzenergienutzung entstanden in den letzten 20 Jahren ca. 1000 kleinere Nahwärmeverbunde. Im Weiteren wurden ca. 200 Nahwärmenetze in Verbindung mit Blockheizkraftwerken, Grosswärmepumpen und industrieller Abwärme in Betrieb genommen. Investoren und Gemeinden sind je länger je mehr von der Fernwärme mit erneuerbaren Energieträgern überzeugt. Doch die Gemeinden könnten in Energierichtplänen noch vermehrt Gebiete ausscheiden, in denen Fernwärmeversorgungen mit erneuerbaren Energiesystemen für das Heizen und die Warmwasserversorgung vorgesehen sind.
Gehen wir einmal davon aus, dass in der Schweiz 40 bis 50 % der Energie fürs Beheizen unserer Räumlichkeiten und zur Aufbereitung von Warmwasser benötigt wird. Wie lässt sich in Zukunft ein Beitrag zur Reduktion dieser Energie erreichen?
Durch Verbesserung der Baukörper kann in Zukunft sicher ein grosser Beitrag zur Reduktion dieser Energie erreicht werden. Ob dies in jedem Fall wirtschaftlich vertretbar ist und ohne Subventionen durch den Staat auch vollzogen wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. In städtischen Gebieten und dicht besiedelten Agglomerationen sind zusätzliche Isolationen aus Gründen des Objektschutzes sowie bei Altstadtgebäuden nur beschränkt möglich; der Einsatz von Wärmepumpen ist oftmals problematisch. Eine Fernwärmeversorgung mit erneuerbaren, CO2 –freien Energieträgern ist hier die richtige Lösung. Durch Nutzung von Abwärme, welche bei vielen Prozessen anfällt und heute vielfach noch ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben wird, sowie durch den Einsatz von erneuerbaren Energieträgern könnte im Verbund mit Fern- oder Nahwärme etwa die Hälfte der notwendigen Heizenergie genutzt werden. Hier verweise ich auf unsere Studie «Weissbuch Fernwärme» welche auf unsere Homepage www.fernwaerme-schweiz.ch jedermann Verfügung steht.
Am 21. Januar 2016 hielt der VFS im Bieler Kongresshaus zum 15. Mal sein alljährliches Fernwärme-Forum ab, diesmal mit rund 420 Teilnehmenden – ein Besucherrekord! Gab es auch für Sie als Präsident die eine oder andere Schlüsselerkenntnis?
Die Energiestrategie 2050 der Schweiz sieht einen starken Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Die Integration dieser intermittierenden dezentralen Generationen erfordert zusätzliche Optionen für die Speicherung über verschieden Zeitskalen. Erneuerbarer Strom, der im Überfluss anfällt, muss für die Langzeitspeicherung zu einem energiereichen Gas wie Wasserstoff umgewandelt werden. Diese Gase können später bei Bedarf wieder in elektrischen Strom, Wärme oder Bewegungsenergie umgewandelt werden. Das wäre eigentlich der Ersatz von Erdgas und somit die Befreiung von der ganzen Ausland-Abhängigkeit. Unsere Herausforderung ist es, verschiedenen Technologien der Speicherung und Energieumwandlung in einem vernetzen Anlagensystem zu realisieren, deren komplexes Zusammenspiel zu untersuchen und die dadurch erreichbare Flexibilisierung des Energiesystems nachzuweisen.
Beim Forum ging es auch um die thermische Vernetzung, Fernwärmeforschung und Entwicklung sowie Solarthermie für Fernwärme. Lässt sich aus einem solch‘ komplexen Themenblock eine Quintessenz ableiten?
Um den elektrischen und thermischen Energiebedarf der Schweiz weitestgehend mit den lokal vorhandenen, erneuerbaren Energiequellen zu decken, sind ganzheitliche Lösungsansätze erforderlich. Die thermische Vernetzung von Quartieren und Arealen kommt nun allmählich auf die Agenda der Energieplaner. Soll vermehrt lokale, erneuerbare Energie genutzt werden, müssen vor allem geografisch gebundene Energiequellen in das dezentrale Energiesystem integriert werden. Es kann aber auch Überschussstrom in synthetisches Gas umgewandelt und zu eine späteren Zeitpunkt mit Brennstoffzellen wieder in Strom und Wärme umgewandelt werden. Mit einem zukünftigen Multi-Energy-Grid können solche Optionen genutzt werden.
«Welche Innovationen braucht die Branche?» So der Titel der Podiumsdiskussion, die von namhaften Branchenexperten aus dem In- und Ausland bestritten wurde. Worin war man sich einig, wo drifteten die Meinungen stark auseinander?
Zukünftig sollen Multi-Energy-Grids den wirkungsvollen Betrieb der dezentralen Energiesysteme ermöglichen. Multi-Energy-Grids sind techologieoffene Infrastrukturen für die Energieträger Strom, Wärme und Gas, mit welchen sich verschiedenste Komponenten zur Gewinnung, Umwandlung und Speicherung verbinden lassen. Was heute im Labor realisiert wird, muss industriell umgewandelt werden. Das erfordert Innovationen und neue Technologien seitens der Industrien. Weitere Punkte sind die Verrechnungsmodelle der Energie an den Konsumenten. Die Kosten für die Infrastruktur sind heute im Energietarif enthalten. Je weniger Energie gebraucht wird, desto teurer wird sie, damit die fixen Kapitalkosten gedeckt werden können. Als Grundgedanken wurde ein Modell vorgeschlagen, bei dem sich jeder Kunde für eine Leistung beim Energielieferanten einkaufen kann. Damit liessen sich die Infrastrukturkosten bezahlen. Anschliessend bezahlt er nur noch den Energiepreis, der nicht mehr durch die Infrastrukturkosten belastet ist.
Im abschliessenden 3. Block ging es um «Konzepte und Projekte». Auch hier wurde ein breites thematisches Spektrum diskutiert. Welches Konzept oder welches Projekt sollte Ihrer Meinung nach speziell gefördert und unbedingt weiterverfolgt werden?
Grundsätzlich tragen alle vorgestellten Projekte einen Anteil zur Verbesserung der Energieversorgung ohne fossile Energieträger bei. Eine Förderung über lange Zeit wirkt sich negativ auf die Marktwirtschaft aus. Für neue Innovationen sollte vermehrt eine Startup-Unterstützung geboten werden. Für grössere Risiken sollte ein Modell mit einer Risikogarantie ausgearbeitet werden.
Diskussionen und Pausengespräche dienen nicht bloss dem Networking. Sie zeigen auch immer wieder, wo der Schuh drückt. Wo drückt er in der Wärme- und Kältewirtschaft der Schweiz am Stärksten?
Ein Fernwärmesystem benötigt kapitalintensive Investitionen, um es überhaupt starten zu können. Das Akquirieren von Kunden geht nur sehr langsam vor sich. Mit besseren Rahmenbedingungen wie Gebietsausscheidungen und Energierichtplänen könnten weitsichtige Behörden einiges dazu beitragen, solche Systeme zu fördern.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde dieser lauten?
Heute werden fossile Energieträger mit CO2-Abgaben belastet. Zukünftig redet man von einer Energieabgabe. Beides soll wieder auf irgendeine Art an den Konsumenten zurückfliessen. «Gescheiter» wäre, das durch diese Abgaben kumulierte Kapital zur Finanzierung von neuen Technologien und die Realisierung von emissionsfreien Energiesystemen einzusetzen. So könnte man in kurzer Zeit viel erreichen und die Ziele der Energiestrategie würden wunschgetreu erreicht.
©Interview: Toni Rütti, Redaktor ee-news.ch