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Die Schweiz gilt nicht gerade als Kolonialmacht. Und trotzdem war auch sie in internationale Kolonialgeschäfte verwickelt. Eine Künstlerin suchte in Brasilien nach den Spuren eines Schaffhauser Sklavenhalters.
Eine Gruppe Palmen wiegt sich träge im heissen Wind. Die Aargauer Künstlerin Denise Bertschi nimmt ihre Videokamera und filmt die Szene. Sie ist auf Spurensuche, hier, im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia, wo vor genau 200 Jahren die «Colonia Leopoldina» gegründet wurde. Es waren Siedler aus Deutschland und der Schweiz, die der gelockerten Siedlungspolitik des Landes folgten, das sich erst wenige Jahre zuvor für den Aussenhandel geöffnet hatte.
Die Leopoldina wurde eine der ersten wirtschaftlich erfolgreichen Kolonien Brasiliens. Sie profitierte vom boomenden Handel mit Kolonialwaren und exportierte vor allem Kaffee, damals bekannt als «Caravelas Café». Ihr Reichtum beruhte auf der Ausbeutung von Hunderten Sklavinnen und Sklaven. Auf dem Platz, wo heute die Palmen stehen, wurden früher widerspenstige Sklaven für alle sichtbar bestraft – auch vor den Augen des Schaffhausers Johann Martin Flach.
Jacyntha, 6 Jahre, defekt
Während die neue Heimat nicht für alle vor Hunger und Armut geflohenen Auswanderer ein besseres Leben bereithielt, wurden einige Plantagenbesitzer sehr vermögend – unter ihnen besagter Flach (1781–1855), das zweitjüngste Kind eines Müllers aus Schaffhausen. Aus welchen Gründen er nach Brasilien ausgewandert ist, bleibt unklar, aber er gehörte zu jenen ersten Siedlern, die es in den 1810er-Jahren in das ferne Brasilien zog. João Martinho Flach, wie er sich nun nannte, gründete in der Leopoldina eine Kaffeeplantage, die zu einer der grössten der Region werden sollte. Er taufte sie «Helvécia».
Im Jahr 1850 wurde der Sklavenhandel in Brasilien verboten, nicht aber deren Besitz. Fünf Jahre später ging die Fazenda nach Flachs Tod an seinen Sohn Johannes über. Als 1868 auch er starb, erstellte das Schweizer Vize-Konsulat der Region eine Inventarliste seines Besitzes. Denise Bertschi fand diese im Bundesarchiv in Bern, darauf verzeichnet sind neben Gebäuden, Möbeln und Vieh – akribisch durchnummeriert – die Namen, das Alter und der Wert von 151 Sklavinnen und Sklaven. Bei einigen ist zusätzlich eine Notiz zum Gesundheitszustand zu finden: «malade» oder «défectueuse». Die Grösse der Plantage wurde in ihrer Länge und Breite mit 1500 brasses angegeben, was einer Fläche von etwa 7500 Fussballfeldern entspricht.
Drei Jahre nach Flachs Tod trat das «Gesetz des freien Schosses» in Kraft, wonach die von Sklavinnen geborenen Kinder als freie Menschen zu behandeln waren. Daraufhin sank der Wohlstand der Schweizer Plantagenbesitzer schnell, was Flachs Witwe 1874 dazu veranlasste, die «Helvécia» zu veräussern. Mit ihren fünf Kindern kehrte sie in die Schweiz zurück.
Es sollte noch bis 1888 dauern, bis die Sklaverei in Brasilien endgültig abgeschafft wurde. Und als die einstigen Herren ihre nun nicht mehr rentablen Plantagen verliessen, bauten sich die ehemaligen Sklaven eine Existenz auf – häufig an den Orten, an denen sie zuvor unterdrückt und misshandelt worden waren. Auch der Name «Helvécia» hat die Zeit überdauert, als eingetragener «Quilombo», ein Dorf mit vom Staat zugesichertem Land, auf dem die Nachfahren damaliger Arbeiter ihre afro-brasilianischen Traditionen leben können. Und als Wegweiser in eine Epoche, die hierzulande kaum jemandem bekannt ist.
«Neutralität ist unmöglich»
Erst kürzlich wurde vermehrt damit begonnen, die Rolle der Schweiz in internationalen Kolonialgeschäften von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Vor wenigen Monaten machte die Tatsache Schlagzeilen, dass das Vermögen des Zürcher Wirtschaftspioniers Alfred Escher aus Sklavenarbeit stammte. Lange konnte das unter dem Tisch gehalten werden. Dass die Schweiz – und nicht nur einzelne Bürger, sondern auch der Staat selbst – den Fortbestand der Sklaverei wenn nicht aktiv unterstützte, dann wenigstens duldete, ist kaum bekannt. Die kleine Schweiz gilt nicht gerade als Kolonialmacht. Und doch hat auch sie eine koloniale Vergangenheit, war Teil eines gesamteuropäischen Kolonialismus, dessen Spuren heute noch zu finden sind, nur schon bei einem Spaziergang durchs Zürcher Niederdorf: Stichwort «Schwarzenbach Kolonialwaren».
Das glatte Image einer neutralen Schweiz wird immer rissiger. Ein Mythos, der sich hartnäckig hält. «Neutralität ist unmöglich. Ein Phantasma, eine nette Vorstellung, aber nicht realistisch», sagt Denise Bertschi. Das habe sich während ihrer Recherchen wieder neu gezeigt. «Es gab viele Dinge, die im Hintergrund passierten und nicht mit den hoch gelobten Tugenden der Schweiz übereinstimmten.» Das mag auch daran liegen, dass die Beteiligten diese Episoden in der Heimat weit positiver schilderten, als sie tatsächlich waren. Die Verstrickungen in Sklavengeschäfte gehören dazu. Und auch die Reaktionen auf Denise Bertschis künstlerische Arbeit fielen nicht nur positiv aus. Warum musste eine junge Frau in der dreckigen Vergangenheit wühlen?
«Was mich überraschte, war die grosse Präsenz, die der Schweizer Staat in Bahia hatte. Er war direkt involviert», sagt die Künstlerin. Während die Kolonien florierten, befand sich ein Vize-Konsulat direkt in der Kolonie Leopoldina und kümmerte sich um die Anliegen der Schweizer Plantagenbesitzer.
Ein Vielfaches an Erinnerungen
In heutigen Helvécia gibt es wenige sichtbare Zeugnisse aus jener Zeit. Aber für Denise Bertschi war schnell klar, dass ihre Recherchen unbedingt vor Ort geschehen mussten. Also reiste sie nach Südamerika, ohne sich ihrer Rolle ganz klar zu sein. War sie eine Schweizerin auf den Spuren ihrer Landesgenossen? Oder die Künstlerin, die sich dem Thema auf konzeptuelle Weise nähert? Sie versuchte, die Unsagbarkeit der Geschichte visuell zu fassen: Wie kann man etwas sichtbar machen, das nicht mehr das ist? Ein vergessener Friedhof im Wald, längst verwilderte Obstbäume und Tonscherben auf der Strasse zum Dorf: «Das war Archäologie.» Sie bekam Unterstützung von der Dorfgemeinschaft, die ebenfalls daran interessiert war, die Zeugnisse der Vergangenheit zu finden. «So fühlte ich mich nicht als Eindringling, der den Ort für sich beanspruchen wollte», sagt Denise Bertschi. Dass sie ein zweites Mal nach Brasilien reiste, stärkte das Vertrauen der Anwohner. «Sie hatten Bedenken, dass sie nichts zurückerhalten, nachdem sie mir ihre Geschichten erzählt hatten.» Denn wichtiger als die noch sichtbaren Spuren waren die mündlich überlieferten Erzählungen der Quilombolas. Es sind schmerzhafte Erinnerungen, von brutaler Willkür und der harten Arbeit auf der Plantage, die zwar bewahrt werden sollen, aber mit viel vergangenem Leid verbunden sind.
In Helvécia leben einige über Hundertjährige, es sind ihre Grosseltern, welche von der Sklaverei noch direkt betroffen waren. Denise Bertschi sprach aber auch mit den Nachfahren der Schweizer Familie Sulz, die damals in der Leopoldina lebte. Ihr Bild der Vergangenheit beruht auf einem Protokollbuch, in dem die Fazendabesitzer ihre Sicht der Dinge festhielten. Das Wort «Sklave» wird darin nie erwähnt, was die Nachkommen annehmen lässt, dass diese gar keine «richtigen» Sklaven waren und es ihnen besser ging als anderswo. Zwei ganz verschiedene Narrative.
Die Erzählungen konnte Denise Bertschi erst im Nachhinein so richtig begreifen: «Ich verstand ja kaum Portugiesisch. Als ich dann die Übersetzungen las, war ich erschrocken, wie brutal die Erzählungen teilweise waren.» Fragmente, manchmal lückenhaft, aber sicherlich immer mit einem wahren Kern. Der Künstlerin ging es nie darum, eine in Stein gemeisselte Beschreibung jener Zeit zu schaffen, sondern darum, dieses Vielfache an Erinnerungen zu sammeln – ohne zu werten.
Und die Geschichte geht weiter. Denise Bertschi ist es wichtig zu zeigen, was heute in Helvécia passiert. Es wächst hier zwar kein Kaffee mehr, aber rund um das Dorf erstrecken sich Eukalyptusplantagen; die Bäume laugen den Boden aus und machen ihn auf Dauer unfruchtbar. Die Besitzer sind multinationale Konzerne, die versuchen, den Anwohnern Stück für Stück ihr Land abzukaufen. Aber sie wehren sich, das Gesetz ist auf ihrer Seite. Ihr Status als Nachkommen ehemaliger Sklaven gibt ihnen heute die Präsenz und Kraft, sich zu behaupten. Anders als ihre Vorfahren, deren Schicksal ganz in den Händen ihres Besitzers Johann Martin Flach lag.