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Tendol Gyalzur weiss nicht, wann sie geboren wurde. Nicht, in welchem Jahr, und schon gar nicht, an welchem Tag. Sie ist sich aber sicher, dass sie im Oktober 1950, als vierzigtausend Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet eimarschierten, noch nicht auf der Welt war. 1959 floh sie aus Tibet. Auf dem beschwerlichen Weg über die Pässe des Himalajas verlor sie ihre Eltern und ihren Bruder. Jahre später nahm sich der Dalai Lama des Waisenmädchens persönlich an, schickt es nach Deutschland, wo es zusammen mit elf anderen tibetischen Waisen in Wahlwies in einem Pestalozzi-Dorf aufwuchs. Nachdem Tendol ihren späteren Mann Lobsang Tsultim Gyalzur kennen gelernt hatte, kam sie in die Schweiz. Die beiden heirateten und wurden Eltern von zwei Buben. Als die Söhne vierzehn und sechzehn Jahre alt waren, kehrte Tendol zum ersten Mal nach Lhasa zurück. Allein. Sie stand vor dem Potala-Palast und realisierte, dass an diesem heiligen Ort Kinder auf der Straße lebten, hungerten. Kinder, wie sie eines war. Tendol konnte nicht anders, sie blieb. Mit ihren bescheidenen Ersparnissen eröffnete sie das erste Waisenhaus Tibets. Heute sind Tendol und Lobsang Ersatzeltern von über dreihundert tibetischen und chinesischen Kindern. Ihre Söhne, für die Tendols Entscheid, in Tibet zu bleiben, anfangs schwer zu verstehen war, unterstützen sie heute mit all ihrer Kraft. Der ältere, Songtsen, lebt im tibetischen Hochland und hat dort die erste Craft-Beer-Brauerei Tibets eröffnet, die zu einem Ausbildungs- und Arbeitsort für ehemalige Heimkinder geworden ist. Der jüngere, Ghaden, lebt in der Schweiz und fördert das Projekt von hier aus. Tendol lebt heute zur Hälfte in der Schweiz und in Tibet.