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Wenn man im Bekanntenkreis das Thema fremdplazierter Kinder anspricht, so fällt auf, wie viele von einem Vater, einer Grossmutter, einer Tante oder einem Grossonkel zu berichten wissen, die als Kinder in fremden Familien aufgewachsen sind. Dies ist kein Wunder, lebte doch im Jahr 1910 schätzungsweise jedes 25. Kind in einer fremden Familie und konnte – aus welchen Gründen auch immer – nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen.
Je nach Region unterschieden sich die Zahlen stark. Während im Kanton Bern mit 5,7 Prozent überdurchschnittlich viele fremdplazierte Kinder lebten, waren es im Tessin nur etwas über ein Prozent. Die Gründe für die Unterschiede zwischen den Kantonen sind noch zuwenig erforscht. Allein die Art und Weise, wie diese statistischen Daten ermittelt wurden, zeigt jedoch auf, wie wenig sich die Öffentlichkeit und die Politik zu jener Zeit mit dem Schicksal Fremdplazierter beschäftigte.
Als sich der Pfarrer Albert Wild im Jahr 1915 an alle Kantonsregierungen der Schweiz wandte mit der Bitte, ihm die Zahlen der verkostgeldeten Kinder mitzuteilen, erhielt er lediglich von zwei Kantonen eine Rückmeldung. In der Folge erkundigte er sich beim Eidgenössischen Statistischen Bureau nach einer entsprechenden Statistik. Ihm wurde daraufhin eine Liste der «berufslosen 1896 und später geborenen Personen in fremden Familien» zur Verfügung gestellt, basierend auf der eidgenössischen Volkszählung von 1910, «da diese Personen offenbar mit den Kost- und Pflegekindern identisch sind». Dass nicht einmal das Statistische Bureau über die Anzahl der Pflegekinder Bescheid wusste, offenbart, wie marginal die Stellung fremdplazierter Kinder in der Gesellschaft war. Bemerkenswerterweise existiert bis heute keine Statistik zu Pflegekindern; die entsprechenden Daten dazu werden bis heute nicht erhoben. Gestützt auf die Volkszählung von 1990 wird geschätzt, dass zum damaligen Zeitpunkt rund 15’000 Kinder unter 15 Jahren nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen, fast die Hälfte davon, so die Annahme, lebte bei Verwandten.
Gründe für die Fremdplazierung von Kindern gab es viele. Die Kinder waren Waisenkinder, Findelkinder, Scheidungskinder, sie wurden aus Armutsgründen in fremde Hände gegeben oder weil beide Elternteile ihr tägliches Brot in der Fabrik erarbeiteten. Unehelich geborene Kinder erhielten einen Vormund und wurden der Mutter weggenommen, wenn der Erzeuger seine Vaterschaft nicht anerkennen und nicht für den Unterhalt aufkommen wollte. Auch konnte der Staat Kinder von Rechts wegen ihren Eltern wegnehmen, sei es aus moralischen oder finanziellen Gründen, sei es, weil die Eltern kriminell waren, als geistig unterentwickelt galten oder weil sie ihre Kinder misshandelten.
Vielen solcher Kinder war aber gemeinsam, dass sie niemand hatten, der sich um sie kümmerte. Oftmals fanden sich auch keine Verwandten, um sich solcher «Niemandskinder» anzunehmen, weil sie den Makel eines unehelich geborenen oder sozial niedrigstehenden Kindes nicht tragen wollten oder aber weil sie selbst kaum für ihren eigenen Unterhalt aufkommen konnten.
Unterschieden werden gemeinhin zwei verschiedene Formen von Fremdplazierung: einerseits die Versorgung in einer Institution, wie einem Heim oder einer Anstalt, und anderseits die sogenannte Familienpflege, also die Unterbringung in eine verwandte oder fremde Familie zur vorübergehenden oder dauernden Pflege, oder zur Adoption. Vor allem in verwandten Familien wurden Kinder bisweilen unentgeltlich aufgenommen; andere Pflegefamilien erhielten hingegen ein Kost- oder Pflegegeld. Je nachdem, wurde das Geld von den Eltern, Waisenbehörden oder aber, im Falle armenrechtlicher Kindswegnahmen, von Armen- oder Vormundschaftsbehörden bezahlt. Die Kinder wurden teils von den eigenen Eltern oder Müttern in Pflege gegeben; andere wurden durch staatliche Organe, wie Vormundschafts- und Armenbehörden, oder durch private Kinderschutzorganisationen plaziert.
Bis heute gibt es keine allgemeingültige Definition des Pflegekinds. Die schweizerische Pflegekinderverordnung PAVO aus dem Jahr 1978 umschreibt den Begriff als «Unmündigen ausserhalb des Elternhauses» und schreibt vor, dass eine Bewilligung benötigt, wer «ein Kind, das noch schulpflichtig oder noch nicht 15 Jahre alt ist, für mehr als drei…