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Labmagenverlagerung
Wiederkäuer sind hochspezialisiert auf die Verwertung von pflanzlicher Nahrung. Sie können Bestandteile verwerten, welche für die meisten anderen Wirbeltiere unverdaulich sind. Nach der Futteraufnahme gelangt das Futter in die Vormägen (Pansen, Haube und Psalter). Viele Nahrungsbestandteile werden darin von Mikroorganismen (Bakterien, Einzeller, Pilze) abgebaut. Deren Abbauprodukte werden entweder aus dem Pansen resorbiert, dienen den Mikroorganismen für ihren Stoffwechsel oder sie werden an das nächste Verdauungsorgan weitergegeben, dem Labmagen. Dieser entspricht dem Magen von nicht wiederkäuenden Spezies und spaltet unter anderem mit Hilfe von Säure die Nahrungsbestandteile weiter auf, bevor sie in den Darm gelangen. Beim Rind befindet sich der Labmagen im unteren Abschnitt der rechten Bauchhöhle unmittelbar hinter dem Brustbein.
Verschiedene Einflüsse können den Labmagen in seiner Funktion stören. Es kommt zu unterschiedlichen Krankheitsbildern, wobei die Labmagenverlagerungen nach rechts oder nach links bei der modernen Milchkuh am häufigsten auftreten.
Labmagenverlagerungen mit oder ohne Drehung
Seit Anfang der fünfziger Jahre kommen Labmagenverlagerungen beim Milchvieh immer häufiger vor. Der Grund dafür dürfte vorwiegend in der Selektion von hoch leistenden und grossen Tieren liegen, welches auch mit einer Intensivierung der Fütterung (mehr Kraftfutter) einherging.
Die genaue Ursache oder der auslösende Faktor für eine Verlagerung sind noch unbekannt. Es wird jedoch angenommen, dass Störungen der Vormagen- und/oder Dünndarmfunktion die motorische Tätigkeit des Labmagens einschränken. Eine ungenügende Fortbewegung des Futterbreis ist die Folge und es kommt im Labmagen vermehrt zu einer mikrobiellen Gärung. Er füllt sich mit Gas und dieser „Luftballon“ kann sich auf der linken oder rechten Seite nach oben verlagern. Aufgrund der Gasfüllung kommt es auch zu einer (Über-) Dehnung der Labmagenwand, was die motorische Tätigkeit zusätzlich einschränkt. Der Teufelskreis ist eröffnet.
Labmagenverlagerungen können in jedem Alter und bei beiden Geschlechtern vorkommen, jedoch nimmt die Häufigkeit nach der ersten Kalbung dramatisch zu. Ca. 50 % der Fälle von links-seitiger Labmagenverlagerung werden in den ersten 2 Wochen nach der Geburt beobachtet und ca. 80% in den ersten 30 Tagen der Laktation.
In den meisten Fällen (85 - 90 %) handelt es sich um eine Labmagenverlagerung nach links, während rechtsseitige Labmagenverlagerungen viel seltener (10 - 15 %) auftreten. Aufgrund der anatomischen Begebenheiten besteht bei einem nach rechts verlagertem Labmagen ein grosses Risiko, dass er sich zusätzlich verdreht. Dies führt dann zu einem vollständigen Verschluss des Labmagenausganges. Schwere Allgemeinstörungen sind die Folge. Werden solche Fälle nicht umgehend behandelt, kann nach kurzer Zeit der Tod eintreten.
Labmagenverlagerungen sind weltweit verbreitet. Milchrassen sind viel häufiger betroffen als Fleischrassen. Bei diesen Rassen muss bei 2 -3% aller Laktationen mit einer solchen Erkrankung gerechnet werden.
Diagnostik
Diagnosestellung beim Einzeltier
Linksseitige (LLV) und rechtsseitige Labmagenverlagerung (RLV)
Die meisten Symptome einer LLV oder RLV sind unspezifisch und können auch bei anderen Krankheiten angetroffen werden. Diese sind eine Verminderung der Fresslust, ein reduziertes bis abwesendes Wiederkauen, eine verminderte Milchleistung und der Absatz von geringeren Mengen klebrigen, gut verdauten Kotes. Der Labmagen ist u. U. bereits mehrere Tage verlagert, bevor die Diagnose gestellt wird. Nicht selten tritt die Verlagerung auch nur zeitweise auf („pendelnder“ Labmagen), was zu wechselhaften Appetit führt.
Im Verlaufe einer LLV kann hinter der letzten Rippe eine leichte Vorwölbung in der linken Hungergrube beobachtet werden. Der Tierarzt stellt die Diagnose hauptsächlich mittels Perkussion (Klopfen) der linken Flanke bei gleichzeitigem Abhören mit dem Stethoskop (Auskultation). Ausserdem kann bei der Rektaluntersuchung ein gegen die Mitte verschobener Pansen gefühlt werden. Bei einer RLV kann der gasgefüllte Labmagen auf der rechten Seite unter dem Rippenbogen mittels Perkussion und Auskultation lokalisiert werden. In seltenen Fällen kann der Tierarzt den nach rechts verlagerten Labmagen vom Mastdarm her ertasten. Bei zweifelhaften Befunden können eine Ultraschall-Untersuchung sowie die Analyse von Blut und Pansensaft für die Diagnosestellung hilfreich sein.
Vergehen mehrere Tage bis zur Diagnosestellung, so verschlechtert sich der Allgemeinzustand der Tiere. Typischerweise fressen solche Tiere nichts mehr und sie beginnen „auszutrocknen“, was an den eingefallenen Augen erkennbar ist. Ausserdem nimmt der Mist oft eine dunkle Farbe an.
Rechtsseitige Labmagenverlagerung mit Drehung (RLVD)
Eine RLVD hat einen wesentlich dramatischeren klinischen Verlauf als die RLV oder LLV. Ursache dafür ist die komplette Behinderung der Nahrungspassage. Eine RLVD muss deshalb immer als Notfall betrachtet werden. Deshalb sind eine frühe Erkennung und eine schnelle Behandlung von rechtseitigen Labmagenverlagerungen von grosser Bedeutung. Im Unterschied zur LLV tritt die RLVD häufig auch in fortgeschrittenerem Laktationsstadium auf.
Die äusseren Zeichen einer RLVD sind ausgeprägter als bei einfachen Verlagerungen: schnelle Austrocknung, Zunahme des Bauchumfangs, Vorwölbung in der rechten Hungergrube, abwesendes Wiederkauen, verminderter Kotabsatz und bisweilen Kolikzeichen (Bauchschmerzen). Auch in diesen Fällen diagnostiziert der Tierarzt die Krankheit hauptsächlich mittels Perkussion und Auskultation der rechten Flanke und mit der Rektaluntersuchung. Eine definitive Abgrenzung zur RLV ist häufig erst nach der Eröffnung der Bauchhöhle möglich.
Risikofaktoren/Ursachen
Wie für viele Krankheiten hängt das Auftreten einer Labmagenverlagerung von mehreren Faktoren ab. Eine genaue Ursache kann nicht benannt werden. Folgende Faktoren scheinen jedoch das Auftreten einer linksseitigen Labmagenverlagerung zu begünstigen:
Rasse / Genetik
Labmagenverlagerungen kommen vermehrt bei der Rasse „Holstein-Friesan“ (HF) und deren Kreuzungen vor. Es ist unklar, ob dies auf die hohe Milchleistung, einhergehend mit einer hohen Kraftfutteraufnahme, oder auf Unterschiede in der Anatomie zurückzuführen ist.
Abkalbung
Die Mehrheit der linksseitigen Labmagenverlagerungen treten in den ersten vier Wochen nach der Abkalbung auf. Ausschlaggebend dafür ist u. a. die geringe Futteraufnahme im Geburtszeitraum. Zudem steht den Bauchhöhlenorganen nach der Geburt des Kalbes plötzlich mehr Platz zur Verfügung und einige Organe gewinnen dadurch eine grössere Bewegungsfreiheit. Insbesondere grosse Kühe mit einem schlecht gefülltem Pansen sind nach dem Abkalben gefährdet.
Fütterung
Abrupte Futterwechsel und kraftfutterreiche Rationen werden als begünstigend betrachtet. Die Mikrobenpopulation in den Vormägen benötigt bis zu zwei Wochen, um sich an eine veränderte Zusammensetzung der Ration anzupassen
Erkrankungen vor und nach der Geburt / Stress
Erkrankungen, die in den Wochen vor und nach dem Abkalben auftreten, (z. B. Ketose, Festliegen/Hypokalzämie, Nachgeburtsverhalten, Gebärmutterentzündung, Mastitis) sowie Stresszustände (z. B. Tiertransport, Rangordnungskämpfe nach Umstallung, schlechte Haltungssysteme) führen zu einer verminderten Futteraufnahme des Tieres. Je schlechter der Pansen gefüllt ist, desto geringer ist dessen Wirkung als mechanische Barriere, die eine Verlagerung des Labmagens verhindert.
Mechanische Einwirkungen
Zwillingsträchtigkeit, Schwergeburt, Transport, Wälzen der Kuh bei der Geburt sind zusätzliche Faktoren, die eine Verlagerung des Labmagens begünstigen.
Die rechtsseitige Labmagenverlagerung kann während des gesamten Laktationsverlaufes auftreten; die Erkrankung ist seltener als die linksseitige Verlagerung. Spezifische Risikofaktoren sind weitgehend unbekannt.
Prophylaxe
Für die Prophylaxemassnahmen hält man sich am besten an die Risikofaktoren.
Rasse
Kühe der Rasse Holstein-Frisian haben gegenüber anderen Rassen markant häufiger Labmagenverlagerungen. Will man auf diese hochleistende Milchrasse nicht verzichten, so lassen sich Labmagenverlagerungen vermutlich nie vollständig verhindern.
Fütterung
Eine wiederkäuergerechte Fütterung bietet die beste Voraussetzung dafür, die Anzahl Krankheitsfälle zu reduzieren. Im Vordergrund steht ein optimal funktionierender Pansen. Man muss sich bewusst sein, dass jede Änderung der Ration eine Auswirkung auf die Mikrobenpopulation im Pansen hat; gewisse Spezies gehen anteilmässig zurück, andere treten in den Vordergrund. Erst wenn ein neues „Gleichgewicht“ gefunden wird und die Ration immer noch wiederkäuergerecht ist, arbeitet der Pansen wieder optimal. Das „Gleichgewicht“ zu finden, kann bis zu 3 Wochen dauern. Je radikaler die Futterumstellung ist, desto schlechter arbeitet der Pansen und desto länger dauert es, bis es gefunden wird. Die Richtlinien einer guten Fütterung während der Altmelk- , Trockenstell- und Transitphase müssen daher erfüllt werden.
Ketose
Bei Kühen mit Labmagenverlagerung kann häufig auch eine Ketose diagnostiziert werden. Dabei ist es unklar, welche der beiden Krankheiten zuerst auftritt. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, die Prophylaxemassnahmen für Ketose bei der Vorbeugung von Labmagenverlagerungen mit einzubeziehen.
Therapie
Therapie beim Einzeltier
Ein rasches Erkennen der Erkrankung ist unabdingbar und beeinflusst die Wahl der Therapie. Verschleppte Fälle führen oft zu einer rapiden Verschlechterung des Allgemeinzustandes und zu irreversiblen Schädigungen am Magen-Darm-Trakt, so dass eine vollständige Heilung kaum mehr erreicht werden kann. Zur Behandlung einer Labmagenverlagerung gehört immer das Zurückverlagern in seine normale Lage und das Abgasen.
Behandlung ohne chirurgischen Eingriff
Im Anfangsstadium einer linksseitigen Verlagerung (LLV) kann eine Behandlung ohne chirurgischen Eingriff versucht werden. Durch Ablegen auf die rechte Seite und Wälzen des Tieres über den Rücken bei gleichzeitiger Massage von rechts kann das Problem eventuell korrigiert werden. Das Prozedere muss u. U. mehrmals wiederholt werden, bis der Labmagen wieder in die richtige Lage gelangt. In jeden Fall muss eine unterstützende Therapie durchgeführt werden um die Labmagentätigkeit zu unterstützen, die Fresslust zu fördern und Stoffwechselentgleisungen zu korrigieren. Der Rückfallrate dieser Behandlung ist aber hoch (ca. 60 %). So wird das Wälzen oft nur durchgeführt, um Zeit für einen chirurgischen Eingriff zu gewinnen.
Tiere, bei denen aus wirtschaftlichen Gründen eine Operation nicht in Frage kommt, sollten möglichst schnell nach der Diagnose geschlachtet werden. Berücksichtigt man aber, dass die Mehrzahl der LLV kurz nach der Kalbung auftritt, eine adäquate Therapie die Nutzung der Kuh für mindestens eine weitere Laktation ermöglicht und eine Schlachtung die Remontierung einer anderen Kuh erfordert, so überwiegen in der Regel die Argumente für eine chirurgische Therapie.
Chirurgische Therapie
Um eine korrekte Rückverlagerung des Labmagens zu garantieren, eine Drehung zu verhindern und die Rückfallrate zu minimieren, muss der Labmagen durch einen chirurgischen Eingriff an die Bauchwand fixiert werden. Dazu gibt es verschiedene Methoden:
- Zurückverlagerung des Labmagens durch Wälzen und Fixation des Labmagens durch die Haut mittels speziellen „Haltefäden“ (Toggle). Diese Methode ist nur bei LLV möglich.
- Entgasung des Labmagens unter endoskopischer Kontrolle, Zurückverlagerung des Labmagens durch Drehen des Tieres auf den Rücken (vorteilhaft mit speziellem Kipptisch) und Fixation durch die Haut. Diese Methode ist nur bei LLV möglich.
- Eröffnung der Bauchhöhle in der rechten Flanke, Entgasung, manuelle Reposition und Fixation des Labmagens oder des grossen Netzes an die Bauchmuskulatur.
- Eröffnung der Bauchhöhle in der linken Flanke, Entgasung, Zurückverlagerung und Fixation durch die untere Bauchwand. Diese Methode ist nur bei LLV möglich.
Insgesamt kann bei nicht verschleppten Fällen, einer linksseitigen Verlagerung und nach einem korrekt durchgeführten chirurgischen Eingriff von einer günstigen Prognose ausgegangen werden. Bei rechtsseitigen Verlagerungen muss die Prognose vorsichtiger gestellt werden.