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Im Mittelalter waren die Kräfte ungleich verteilt. Hier der gepanzerte Ritter, dort der einfache Bauer. Doch mit der Erfindung der Halbarte veränderten sich die Verhältnisse...
Adrian Baschung
Adrian Baschung ist Historiker und Leiter des Museums Altes Zeughaus in Solothurn.
Furchtbare Waffen trugen sie, die Schwyzer, als sie sich auf das Truppenaufgebot der Habsburger warfen. Gnade wurde keine gezeigt, alle Gegner, die sich nicht retten konnten, wurden ohne Unterschied niedergemacht. So beschrieb Johannes von Winterthur (um 1300-1348/49), Franziskaner und Chronist, den Kampf der Schwyzer gegen das habsburgische Aufgebot im November 1315 irgendwo an einer schmalen Stelle am Ufer des Ägerisees. Dieses Gefecht wird später als die «Schlacht am Morgarten» in die Schweizer Geschichtsschreibung eingehen und die Idee der kriegerischen «Befreiungstradition» der noch jungen Eidgenossenschaft gegen die Vorherrschaft der Habsburger in der heutigen Schweiz begründen.Doch was waren dies für äusserst furchtbare Waffen, die Johannes von Winterthur da umschrieb und wovon ihm möglicherweise auch sein eigener Vater berichtete, welcher zusammen mit weiteren Winterthurer Einwohnern dem habsburgischen Herzog Leopold Heeresfolge leistete und der Wut der Innerschweizer entkam? In Latein führte Johannes folgende Textpassage in seiner Chronik auf:
«Habebant quoque Switenses in manibus quedam instrumenta occisionis gesa, in vulgari illo appellata helnbartam, valde terribilia, quibus adversarios firmissime armatos quasi cum novacula diviserunt et in frusta conciderunt.»
Die Schwyzer hatten in den Händen auch gewisse Tötungsinstrumente, Gesen (gesa = Stangenwaffe mit breitem Eisen), in selbiger Volkssprache «Helnbartam» genannt, äusserst furchtbare, mit denen sie noch so stark gerüstete Gegner wie mit einem Rasiermesser zerteilten und in Stücke schnitten.Diese Passage in der Chronik des Johannes von Winterthur stellt die erste schriftliche Erwähnung dar, worin die ikonische Waffe in den Händen der «alten Eidgenossen» und deren Einsatz beschrieben wurde: Die Halbarte. Noch heute wird diese Stangenwaffe gewissermassen als Synonym alt-eidgenössischer Wehrhaftigkeit und Wehrwille verwendet. So finden wir zum Beispiel stilisierte Halbarten auf Emblemen von Schweizer Armeeverbänden, Gemeinde- und Familienwappen.
In der Folge soll ein Versuch unternommen werden, die «Erfolgsgeschichte» der Halbarte nachzuzeichnen und zu erklären, wie diese in die Hände der Eidgenossen kam.
Beschaffenheit und Einsatz einer Halbarte
Was genau ist eine Halbarte? Diese Frage wird durch die historische Waffenkunde im Allgemeinen so beantwortet: Eine Halbarte ist eine Stangenwaffe und ist gekennzeichnet durch ein beil- oder haumesserartiges Blatt in Kombination mit einer Stossklinge und, optional, mit einem Rückhaken. Dabei bilden Blatt, Stossklinge und Rückhaken augenscheinlich eine Einheit aus Eisen/Stahl und wurden beim Schmieden feuerverschweisst. Dies unterscheidet die Halbarte bespielsweise von Fussstreitäxten, Rossschindern oder auch Kriegsgerteln.Die Halbarte (von Halm = Schaft und Barte = Beil; auch Hellebarde oder Halmbarte genannt) war eine zweihändige Allzweckwaffe, welche sich für den Hieb, den Stoss, das Reissen und Schneiden eignete. Somit konnte sich deren Träger sowohl Berittenen, als auch Fusstruppen entgegenstellen. Diese Multifunktionalität der Halbarte vereinfachte deren Gebrauch. Damit könnte auch die Beliebtheit dieser Waffe zum Beispiel bei den eidgenössischen Kriegsknechten erklärt werden, welche praktisch ausschliesslich aus der einfachen Stadt- und Landbevölkerung rekrutiert wurden und auf kostspielige und schwer zu erlernenden Waffen gerne verzichteten. Denn die Beschaffung von Kriegsgerät war im Gebiet der heutigen Schweiz vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert jedem kriegspflichtigen Mann selbst auferlegt. Somit machte es Sinn, sich für eine Allzweckwaffe wie die Halbarte zu entscheiden.
Die möglichen Ursprünge der Halbarte
Wie und wo entstand nun diese Kriegswaffe, die man typischerweise in den Händen der «alten Eidgenossen» wähnt? Diese Frage kann momentan noch nicht abschliessend beantwortet werden, da die historische Waffenforschung interessanterweise erst in jüngster Zeit damit begann, sich mit diesem Sachverhalt vertieft auseinanderzusetzen. Folgt man dem Ansatz des Schweizer Waffenhistorikers Jürg A. Meier, lassen sich die möglichen Ursprünge der Halbarte in der Region des Elsass und Basels des 13. Jahrhunderts vermuten.
Die bisher älteste schriftliche Erwähnung der Halbarte lassen sich in Stellen des Trojanischen Krieges des «Meisters» Konrad von Würzburg (um 1220 – 1287) finden, einem der «Zwölf alten Meistern» des hochmittelalterlichen Minnegesangs. Konrad brachte diesen Versroman um 1281-1287 in der Stadt Basel zu Papier. Darin beschreibt er, ähnlich wie es später der eingangs erwähnte Johannes von Winterthur tat, wie die Krieger mit «hallenbarten» auf einander losschlugen und «[…] ze stûken si dâ spaltent Ros unde man diu beide» (in Stücke spalteten sie da beides, Pferd und Mann).Weitere Textstellen, in denen die Halbarte als Waffe genannt wird, finden wir in Verordnungen der Obrigkeit der Stadt Strassburg zwischen 1297 und 1322. Darin werden das Tragen und Verwenden von verschiedenen Waffen in der Stadt unter Strafandrohung verboten. Darunter wurden auch die «helmparten» ausdrücklich erwähnt.
Wie hat man sich aber diese Vorläufer der in der Eidgenossenschaft bekannten Halbarte vorzustellen? Hier kommt uns die Archäologie zu Hilfe. Boden- und Gewässerfunde, mehrheitlich im Rhein bei Basel und im Elsass entdeckt, welche heute in Schweizer Museen aufbewahrt werden. Es handelt sich um leichte, haumesserartige Eisen, mit leicht konvexen Klingen und mit sich nach oben hin zuspitzenden Enden. Zur Fixierung am Schaft wurden zwei runde Ösen übereinander am Klingenrücken angeschmiedet.Wie jedoch wurden die Innerschweizer mit dieser Stangenwaffe vertraut und nahmen diese in ihren Gebrauch? Es ist schriftlich belegt, dass die Region der Waldstätten bereits ab Mitte des 13. Jahrhunderts mit Truppen verschiedener Monarchen Kriegsdienste leistete. So unterstützten etwa Schwyzer Kämpfer König Rudolf I. von Habsburg in seinem Feldzug von 1289 ins Burgund, wo sie über Basel und das Elsass nach Besançon zogen und sich dort derart verdient gemacht haben, dass Rudolf ihnen angeblich die rote Reichsfahne mit dem Kreuz verliehen habe. Es ist daher möglich, dass auf diesem Feldzug Kenntnisse der in der Region von Basel/Elsass gebräuchlichen Waffe gewonnen wurden.
Es gilt hier festzuhalten, dass sich in Basel und dessen Umgebung zur Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts ein Zentrum der Messerklingenherstellung befand. Ein Erzeugnis dieses Zentrums war eine in ganz Europa verbreitetes und beliebtes Kampfmesser, welches aufgrund seiner Herkunft als «Baselard» bezeichnet wurde. Es ist daher vorstellbar, dass die Hersteller von Messern (Berufsbezeichnung wäre «Messerer») auch haumesserartige Klingen für Stangenwaffen herstellen konnten.Dieser oben beschriebene, vermutliche Vorläufer, von Jürg A. Meier als «Sichelbarte» bezeichneter Typ, der heute bekannten Halbarte wurde in der Folge weiterentwickelt. Ähnlich wie der heutige Rüstungswettlauf, mussten Schutz- und Kampfwaffen jeweils auf Fortschritte in der Entwicklung angepasst werden. Einfach gesagt, eine neue oder verstärkte Rüstung benötigt eine Anpassung der dagegen eingesetzten Waffe und umgekehrt. Somit lässt sich anhand von archäologischen Funden belegen, dass die «Sichelbarte» in der Folge von besserer Schutzausrüstung im Verlauf des frühen 14. Jahrhunderts abgeändert wurde. So wurde die Haumesserklinge nach oben verjüngt, um eine Stossklinge herauszubilden und das Blatt vermehrt hochrechteckig ausgearbeitet, die Stangenmontierung mittels zwei Ösen am Rücken der Klinge jedoch beibehalten.
Diese Entwicklung lässt sich an Halbarten-Eisen verfolgen, welche im Vierwaldstättersee bei Stansstad NW und im zürcherischen Rorbas (1. oder 2. Viertel 14. Jh.), auf der Burgruine Hünenberg ZG (Ende 14. Jh.) oder beim Greifensee ZH (1. Drittel 15. Jh.) gefunden wurden. Dabei ist auffallend, dass die Stossklinge, wie auch die Montageösen verstärkt ausgearbeitet wurden. Die Stossklinge erfährt neben der Verstärkung auch eine Verlängerung.
Die Weiterentwicklung
Im Verlauf des ausgehenden 15. Jahrhundert taucht vermehrt ein kompakter Typ Halbarte auf, wobei die Schaftmontage zwar noch über den Rücken des Eisens verläuft, jedoch nicht mehr aus zwei Ösen besteht, sondern aus einer Tülle, welche direkt in das Halbartenblatt übergeht. Illustriert wird dieser Typus beispielsweise in den Darstellungen des Chronisten Benedikt Tschachtlan (um 1420 – 1493). In dessen «Berner Chronik» von 1470 stellte der Illustrator Tschachtlans diesen Halbartentypus dar. Dabei ist auffallend, dass gewisse Stangenwaffen über einen Rückhaken verfügten. Dieser Haken oder Dorn findet sich auch bereits bei «Sichelbarten». Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Meinung, dass mit diesem Haken hochgerüstete Reiter von ihren Pferden geholt wurden, war der Grundgedanke dieses Waffenfortsatzes im Kampf wohl eher derjenige, die Rüstungsplatten besser durchschlagen zu können.Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Eidgenossenschaft eine Hochblüte im Bereich des Söldnerwesens verzeichnete, finden wir Weiterentwicklungen des Kompakttypus vor. So zeigen die Illustrationen in den amtlichen Berner Chroniken des Diebold Schilling d. Ä. (um 1445 – 1486), welche um 1483 verfasst wurden, Halbarteneisen, deren Schaftführung in der Mitte zwischen dem Halbartenblatt und dem Rückhaken über eine Tülle geführt wurde und in deren Verlängerung die Stossklinge zu liegen kam. Damit vereinfachte sich der Stoss mit einer solchen Waffe beträchtlich, da sich Schaft, also die Handhabe, und die Stossklinge auf derselben Linie zu liegen kam. Auch wird die Fixierung des Eisens über sogenannte Schaftfedern verstärkt, längliche Bandeisen, die mit der Tülle verbunden am Schaft mittels Nägel befestigt werden.Wohl durch Einflüsse aus den Konfrontationen mit den europäischen Mächten auf dem Kriegsschauplatz Oberitalien (Heiliges Römisches Reich, französischer König, italienische Fürstentümer...) wurde die Halbarte weiterentwickelt. Besonders eine Art kam in Mode, bei der Blatt zunehmend beilartige Formen annahm und die Stossklinge länger und vierkantig ausfiel. Solche Halbarten fertigte etwa Waffenschmid Jakob Ringier († 1586) in der Stadt Zofingen AG an. Jakob war übrigens ein Vorfahre der heutigen Familie Ringier, welche das Medienunternehmen Ringier aufgebaut hat, welches unter anderem die Zeitung «Blick» publiziert.
Eine Renaissance der Halbarte
Da die Halbarte eine ausgesprochene Nahkampfwaffe war, könnte man annehmen, dass diese mit vermehrtem Einsatz von Feuerwaffen spätestens ab dem frühen 17. Jahrhundert auf den Schlachtfeldern Europas an «Schlagkraft» einbüsste. Die Verteilung von Stangenwaffenträgern und Schützen verschob sich zunehmend zu Gunsten der mit Schusswaffen ausgerüsteten Soldaten. Jedoch können wir im Gebiet der heutigen Schweiz gegen Ende des 17. Jahrhunderts von einer Renaissance der Halbarte berichten.
Im Zuge des konfessionellen Konflikts zwischen den reformierten und katholischen Orten der Eidgenossenschaft im Ersten Villmergerkrieg von 1656 wurden die verhältnismässig modern ausgerüstete Streitmacht Berns durch die Truppen der katholischen Innerschweizer Orte vernichtend geschlagen, indem diese, mehrheitlich mit Stangenwaffen ausgerüstet, ungestüme Sturmangriffe in Heerhaufen wie zur Zeit des 16. Jahrhunderts durchführten. Der Einsatz von Feuerwaffen wie Luntenschlossmusketen musste koordiniert und in vielen Einzelschritten erlernt und durchgeführt werden. Der Ladevorgang war ebenfalls langwierig, so dass mit einem Sturmangriff das Feuer unterlaufen und der derart ausgerüstete Gegner in den Nahkampf verwickelt werden konnte. Hier war die Stangenwaffe, somit auch die Halbarte, der Flinte überlegen, denn komplizierte Abläufe im Gebrauch mussten nicht einstudiert werden: Stechen, Hauen, Reissen war da die Devise!Die Obrigkeiten im reformierten Bern und Zürich, aber auch jene in Solothurn erkannten, dass die Zeit für die Halbarte scheinbar noch nicht abgelaufen war und liessen durch Waffenschmiede grosse Aufträge zur Herstellung von Halbarten ausführen. Dabei wurden auf die Formen aus den kriegerischen «Glanzzeiten» der Eidgenossen im 14. Und 15. Jahrhundert zurückgegriffen, deren Vorbilder man in den Darstellungen in den oben genannten Bilderchroniken oder in Nachbildungen wie im Luzerner Zeughaus fand. So wurden die heute unter der historischen Bezeichnung «Sempacher Halbarten» unterschiedliche Typen entwickelt, in Massen hergestellt und in den Zeughäusern eingelagert. Dabei waren die Berner, Zürcher und Solothurner Sempacher Halbarten dominant. Diese Halbarten wurden später falsch ins 15. Jahrhundert datiert und entsprechend in der Schweizerischen Geschichtsschreibung und in historisierenden Darstellungen verortet.
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