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SSV – Schweizerischer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verband
1912 wurde der S. unter dem Namen Schweizerischer Schriftsteller-Verein in Olten gegründet: Carl Albert Loosli hatte gemeinsam mit Hermann Aellen, Heinrich Federer und →Alfred Huggenberger einen Aufruf zur Gründungsversammlung erlassen, dem rund neunzig Autorinnen und Autoren folgten. Die Gründung wurde begünstigt durch die positiven Erfahrungen der anderen, kurz zuvor entstandenen Künstlervereinigungen "Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA)" und der Musiker im "Schweizerischen Tonkünstlerverein (STV)", die vom Bund bedeutende finanzielle Unterstützung erhielten. Loosli wurde erster Präsident des S.; ihm folgten bis zum Zweiten Weltkrieg Ernst Zahn, Paul Seippel, Rudolf von Tavel, →Robert Faesi und →Felix Moeschlin. Von Anfang an verfolgte der S. sowohl die gewerkschaftliche und kulturpolitische Interessenvertretung als auch die konkrete Literaturförderung. Die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Interessen konzentrierte sich unter anderem auf die Urheberrechte (Rechtsschutz und Tarifpolitik, vor allem bei neuen Medien wie Radio und Fernsehen), die Vertrags- und Tarifpolitik bei Zeitungs- und Buchverlagen, die Mindesthonorargarantie bei Lesungen, die Einrichtung von Verwertungsgesellschaften (beispielsweise die Pro Litteris) und den Beistand in der Altersvorsorge (anfänglich Vergabe jährlicher Unterstützungsbeiträge, 1974 Gründung des Sozial- und Altersfonds’ des S.). Zwei Beispiele, die sich auf das Schreiben für die Bühne beziehen, sollen diese Tätigkeit illustrieren: Als Erfolg konnte der S. die Revision des Urheberrechtsgesetzes von 1922 werten, das 1923 in Kraft trat und insbesondere dramatische Werke besser schützte. 1924, kurz vor der Gründung der Fachsektion →GSD, aber unabhängig von ihr, setzte der S. das "Rechtsschutzbüro schweizerischer Bühnenschriftsteller (RSB)" ein, das sich ausschliesslich um die Auszahlung von Aufführungstantiemen an die Autorinnen und Autoren kümmerte. Es arbeitete so erfolgreich, dass die Bezahlung der Tantiemen selbstverständlich wurde; 1935 konnte das Rechtsschutzbüro aufgelöst werden. Im Rahmen der konkreten Literaturförderung richtete der S. 1921 unter Präsident Faesi die "Werkbeleihungskasse (WBK)" ein, die Vorschüsse zur Fertigstellung eines Werks gewährte. Ab 1936, nachdem der Bund auf Anregung des S. die nötigen Mittel bereitgestellt hatte, konnte der Verein Beiträge an Übersetzungen von einer Landessprache in die andere auszahlen und ab 1946 ermöglichte er Werkjahre durch seine Vermittlung zwischen öffentlichen Geldgebern und privaten Spendern einerseits und den Schritstellerinnen und Schriftstellern andererseits. Ab 1943 kam es zur Gründung von lokalen Vereinigungen wie dem Basler, Berner, Innerschweizer oder Zürcher Schriftsteller-Verein sowie von Vereinigungen, welche die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz umfassen, wie beispielsweise die "Uniun da scripturas e scripturs rumantschs (USR)" oder die "Associazione Scrittori Italiani in Svizzera (ASIS)". Diese regionalen Verbände kamen oder kommen Sektionen des S. gleich, wenn sie von diesem auch nicht explizit als solche ins Leben gerufen worden waren, und betrieben die Förderung ihrer Mitglieder mit unterschiedlich intensiver Aktivität.
Von Anfang an wurde das "Schweizerische" sowohl in der gewerkschaftlichen Arbeit als auch in der Literaturförderung betont. Damit bot der S. eine Basis für die politisch-kulturelle Bewegung der geistigen Landesverteidigung und arbeitete dieser, wenn auch ohne erklärte Absicht, bis in die Formulierung von deren offizieller Politik zu. Zentrale Exponenten dieser Bewegung innerhalb des S. waren Karl Naef und Moeschlin, ersterer 1923–40 Sekretär, letzterer 1924–42 Präsident des S. An der Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich präsentierte sich der Verein selbstbewusst mit einem "Weiheraum der Dichtung", in dem Lesungen stattfanden. Das den Anliegen der geistigen Landesverteidigung entsprechende Selbstverständnis des S. führte an der Generalversammlung vom 13./14.5.1933 zu dem Beschluss, den prominenten Vertreterinnen und Vertretern des deutschen Schrifttums sowie den literarisch Tätigen unter den politischen Flüchtlingen Asyl in der Schweiz zu gewähren. Die Fremdenpolizei auf Kantons- wie auf Bundesebene übertrug daraufhin die Verantwortung für die Beurteilung der Aufnahmegesuche von geflüchteten Schriftstellerinnen und Schriftstellern de facto dem S. Die damals entstandenen und später umstrittenen Gutachten zeugen von dieser Praxis. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich lange keine Alternative zu diesem Selbstverständnis; den Vorständen unter den Präsidenten Henri de Ziégler, Hans Zbinden und Maurice Zermatten gelang keine grundsätzliche Neuorientierung des Vereins. Das führte schliesslich zu einer internen Krise, die 1970 mit der Abspaltung einiger Mitglieder endete und die Gründung der →Gruppe Olten zur Folge hatte. Nach 1971 unter den Präsidenten – erstmals war auch eine Präsidentin dabei – Giovanni Bonalumi, René Kaech, Alfred A. Häsler, →Theo Candinas und Mousse Boulanger (→Pierre Boulanger) modernisierte der S., nun unter dem leicht veränderten Namen "Schweizerischer Schriftsteller-Verband", seine Strukturen und revidierte sein Selbstverständnis; schon bald arbeitete er in den Bereichen Interessenvertretung und Literaturförderung eng mit der Gruppe Olten zusammen. In den achtziger Jahren (der S. wurde von André Imer, →Hugo Loetscher, Ernst Nef und Janine Massard präsidiert) waren der Grad und die Bereiche der Zusammenarbeit oft Diskussionsgegenstand. 1987 erfolgte eine weitere Namensänderung, die den weiblichen Mitgliedern Rechnung trug: Der S. nannte sich nun "Schweizerischer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verband". Unter dem ab 1998 amtierenden Präsidenten →Tim Krohn fand eine deutliche Verjüngung des S. statt, die Zahl der Mitglieder stieg wieder an. Gleichzeitig unterstrichen strengere Aufnahmebedingungen (mit einer klaren Ausrichtung auf professionelles Schreiben) das eigentliche Ziel, die Interessen eines Berufsstands zu vertreten. Seine Vereinsmitteilungen publizierte der S. anfangs in bestehenden Zeitschriften (1913–23 in "Wissen und Leben", ab 1924 in "Der Geistesarbeiter", der ab 1929 offizielles Organ des S. war) und ab 1948 in eigenen Mitteilungsblättern mit wechselnden Namen. 1987–98 gab der S. zusätzlich das Jahrbuch "Forum der Schriftsteller/Forum des écrivains" heraus. 1962 edierte er das Lexikon "Schweizer Schriftsteller der Gegenwart", das in der Schweiz tätige Autorinnen und Autoren, unabhängig von ihrer Nationalität sowie der Verbands- und Gruppenzugehörigkeit aufnahm und unter dem Titel "Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Gegenwart" wiederholt neu aufgelegt wurde (1978, 1988, 2002). In jüngerer Zeit gab der S. "Vertragsverhandlungen Belletristik. Ratgeber für AutorInnen anhand des Muster-Verlagsvertrags" (1999) und "Zweifache Eigenheit. Neuere jüdische Literatur in der Schweiz" (2001) heraus. In den späten neunziger Jahren begannen konkrete Gespräche über die Möglichkeiten einer Wiedervereinigung mit der Gruppe Olten. Am 12. Oktober 2002 lösten sich die beiden Verbände formell auf, um einen neuen gemeinsamen Verband zu gründen. Seit dem 1. Januar 2003 nimmt die neue Vereinigung "Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)" die Interessen der Schreibenden in der Schweiz wahr (wie zuvor der S. mit Sitz in Zürich). Bei seiner Auflösung 2002 hatte der S. rund 600 Mitglieder, der AdS zählte nach seiner Gründung rund 750, 2004 bereits über 800 Mitglieder.
Literatur
- Böni, Otto et. al.: Literatur geht nach Brot. Die Geschichte des S., 1987.
- Niederer, Ulrich: Geschichte des S., 1994.
- Schmid, Peter A./Roth-Hunkeler, Theres (Hg.): Abschied von der Spaltung. Fin d’une division, 2003.
- Amrein, Ursula: "Los von Berlin!"Die Literatur- und Theaterpolitik der Schweiz und das "Dritte Reich", 2004.
Archiv
- Schweizerisches Literaturarchiv, Bern.
Autor: Ulrich Niederer
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Niederer, Ulrich: SSV – Schweizerischer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verband, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1717–1718.