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Die Ausstellung «Jain sein» im Zürcher Museum Rietberg lädt Besuchende ein, sich mit Toleranz, Gewaltverzicht und Besitzlosigkeit, den Leitgedanken der indischen Religion des Jainismus, auseinanderzusetzen.
Die Ausstellung führt in eine Religion ein, der heute etwa fünf Millionen Menschen weltweit angehören. Ausserhalb Indiens ist der Jainismus weitgehend unbekannt und wurde im Gegensatz zum gleichzeitig entstandenen Buddhismus, nie von westlichen Anhängern aufgenommen. Seit nahezu 50 Jahren ist es die erste Ausstellung zu diesem Thema.
Jina, Indien, 14. Jahrhundert. Der Jina ist Vorbild und Ideal. Er wählt den Weg des Verzichts, um das Ziel umfassender Erkenntnis und ein Ausscheiden aus dem Kreislauf der Wiedergeburt zu erreichen. Aus einem der Dokumentarfilme der Ausstellung, Filmstill: rv.
Zur Entstehungsgeschichte des Jainismus gibt es keine historischen Quellen. Belegt ist jedoch, dass um 500 v. Chr. im nordöstlichen Indien aufgrund sozialer Umbrüche eine spirituelle Bewegung gegen die Opferrituale der Brahmanen entstand. Anstelle von regelmässigen Opfern an die Götter, forderten die asketischen Wanderprediger einen moralisch einwandfreien Lebenswandel, Verzicht und Enthaltsamkeit. Aus den asketischen Reformbewegungen gingen der Jainismus und wenig später der Buddhismus hervor.
Jainistischer Asket bei einer Predigt. Die Fotografie von 1973 gehört zur Dokumentation, die der damalige Direktor des Museums Rietberg, Eberhard Fischer, in Indien machte. © Eberhard Fischer, Winterthur.
Wie jede andere Religion unterlag auch der Jainismus seit seiner Gründung einem steten Wandel, nicht immer ohne Konflikte, wie die Spaltung der Hauptrichtungen der «weiss gekleideten» Shevetambaras und der «nackt gehenden» Digambaras («die mit den Himmelsgegenden bekleideten») zeigt. Im 19. Jahrhundert bildete sich der moderne Jainismus unter dem Einfluss des britischen Kolonialwesens heraus. Heute tragen jainistische Gemeinden ausserhalb Indiens westliche Ideen in die religiöse Welt des Jains hinein.
Siddhacakra. Die bemalte Kupferschale zeigt in einer Lotusblüte fünf von den Jainas verehrte Persönlichkeiten. Indien, Rajasthan, 2. Hälfte 18. Jahrhundert, Museum Rietberg.
Jina Mahavira gründete einen Asketenorden, dessen Mitglieder als heimatlose Wanderasketen bettelnd durch das Land zogen. Sein Heilsweg beruhte auf strengstem Verzicht und Gewaltlosigkeit. War Mahavira in der älteren Literatur noch ein Mensch, wurde er mit der Zeit zum Heiligen verklärt und schliesslich vergöttlicht.
Jainistische Gemeinde, Indien, Rajasthan, frühes 19. Jahrhundert. Ein weissgekleideter Mönch mit einem Mundtuch predigt in einem Park. Das Mundtuch verhindert die Schädigung des in der Luft befindlichen Lebens durch den Atem.
Die jainistische «Urgemeinde» war anfangs eine Gruppe wandernder Asketen, die den Lehren ihres geistigen Oberhauptes folgend das nordöstliche Indien durchwanderten. Sie waren besitz- und heimatlos und auf Almosen angewiesen. Im Laufe der Zeit entstanden Gruppen von Gläubigen, die diese Asketen systematisch unterstützten. Sie bilden seither die Grundpfeiler jainistischer Gemeinden: Mönche und Nonnen unterweisen die Gläubigen in der Lehre, die Gläubigen wiederum versorgen die Asketinnen und Asketen.
Jainistische Mönche und Nonnen haben keine festen Wohnsitze. Die Shvetambara-Mönche und Nonnen tragen ungebleichten Baumwollstoff als Kleidung. Die nackt gehenden Digambara-Mönche benutzen eine einfache Strohmatte zum Schlafen, einen Buchständer zum Lesen der heiligen Texte, ein Holzpodest zum Sitzen, ein Wassergefäss, einen Feger sowie Öl zur Pflege und Wundheilung.
Der Tagesablauf jainistischer Nonnen und Mönche folgt strengen Regeln. Einen grossen Teil des Tages verbringen sie mit Meditation und dem Studium heiliger Schriften. Ausser ihrer Kleidung führen sie nur wenige Gegenstände mit sich, denn Besitzlosigkeit ist Teil des asketischen Lebens. Besonders streng wird diese Vorschrift von den nackt gehenden Digambaras ausgelegt, denn ihre Ordensregel verbietet den Besitz, auch von Kleidung. Ein unverzichtbarer Gegenstand aller Wandermönche und Nonnen ist jedoch ein Feger, mit dem sie die Flächen reinigen, auf denen sie etwas ablegen oder sich niederlassen wollen. Aus Baumwollschnüren oder Pfauenfedern hergestellt, dient er dazu, Lebewesen sanft zu entfernen, damit sie nicht verletzt oder getötet werden.
Jina Shanti, Indien, Karnataka, 10. Jh., Stein. Der 16. Jina steht unter einem dreifachen Schirm, der als Zeichen des altindischen Königtums seine Herrschaft über die drei Welten (Erde, Himmel und Hölle) symbolisiert.
Der traditionelle Jainismus lehrt, dass alle Menschen auf dem Weg zur Erlösung, d.h. das Verlassen des Kreislaufs der Wiedergeburten, auf sich selbst gestellt sind. Das können sie durch den Verzicht auf Gewalt, Reichtum, Besitz und weltliche Annehmlichkeiten erreichen. Obwohl Jains heute den antiken Vorstellungen von Himmel und Hölle weniger Bedeutung beimessen, halten sie an der Idee des Verzichtes fest. Durch eine freiwillige Beschränkung des Konsumverhaltens und einen bewusst einfachen Lebensstil bleibt das Ideal eines asketischen Lebens auch in der modernen Welt von Bedeutung.
Neben den Kunstwerken veranschaulichen auch fünf Kurzfilme die rituellen Praktiken, Pilgerreisen oder das Alltagsleben der Jain und erlauben Einblicke in persönliche Lebensgeschichten.
Das ursprünglich aus Indien stammende «Leiterlispiel» (Snakes and Ladders) spielt auch im Jainismus als Lehrmittel eine Rolle.
Die Ausstellung will mehr als nur einen Blick auf die Lebensweise von Jains werfen. Sie wendet sich auch an das Publikum und fragt, wie es sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt. Bieten jainistische Konzepte wie Toleranz und Gewaltlosigkeit Antworten auf unsere Fragen? Ein eigener Bereich mit einem grossflächigen Spiel «Und Du? Das Spiel der Fragen» ermöglicht analog und mit einer webbasierten App, eigene Fragen zu stellen.
Fotos: rv
Bis 30. April 2023
«Jain sein – Kunst und Leben einer indischen Religion», Museum Rietberg, Zürich
Die Publikation zur Ausstellung mit verschiedenen Essays enthält auch das Spiel mit Anleitung «Und Du? Das Spiel der Fragen», Hatje Cantz Verlag, Berlin, 2022, CH 39.00.