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Die "Hypomanie", die "Manie" und die "bipolare Störung" (manisch-depressive Erkrankung) gehören wie auch die monopolaren Depressionen zu den sogenannten "affektiven Störungen" (=Gemütserkrankungen). Obwohl die ersten Symptome im Mittel mit 15,5 Jahren bemerkbar sind, kommt es im Durchschnitt erst im Alter von 22 Jahren zur ersten Behandlung! (Berger, 2004 S 549). Bei schwererer Ausprägung kommen nicht selten massive Massnahmen wie Zwangszuweisungen, Zwangsmedikationen zum Einsatz, um den Patienten selber und die Umgebung vor den Folgen manischer Fehlhandlungen zu schützen. Dadurch entstehen häufig Traumatisierungen, die bedeutsam sind für die spätere Rehabilitation und Prognose der Erkrankung.
Die typischen Symptome einer Manie sind Episoden unangemessen gehobener Stimmung, Antriebssteigerung, beschleunigtes Denken, Ideenflucht und Selbstüberschätzung. In der Manie kommt es oft zu exzessivem Kaufrausch, in manchen Fällen auch zu promiskuitivem Verhalten, zu Alkoholexzessen etc.. Statt einer gehobenen Stimmung kann auch ein impulsives, gereiztes und aggressives Verhalten dominieren. Diese zweithäufigste Verlaufform ist die oben bereits genannte „bipolare Störung“ (früher: manisch-depressive Krankheit), bei leichterer Ausprägung wird sie als „Zyklothymia“ bezeichnet. Wechseln depressive und manische Phasen sehr schnell, dann spricht man von „rapid cycling“.
Eine bipolare Störung beginnt zumeist mit einer (Hypo-)manie, seltener mit einer Depression. Nach Berger (2004, S. 548) beträgt die Wahrscheilichkeit der Entwicklung einer bipolaren Störung nach zwei monopolar depressiven Epiosden nur noch 10%. Nach drei monopolar depressiven Phasen sei die Wahrscheinlichkeit nur noch sehr gering, dass sich daraus eine bipolare Verlaufsform entwickeln könnte.
Bipolare Störungen beginnen meist früher als unipolare Verläufe, im Mittel mit 18 - 20 Jahren.
Bipolare Störungen werden in den Diagnosesystemen unterschieden nach
In den modernen Klassifikationssystemen (ICD-10 und DSM-IV) versucht man bewusst auf theoretische Vorannahmen über die Entstehungsursachen der Manie, der bipolaren Störung oder anderer Störungsbilder zu verzichten und macht die Definition möglichst ausschliesslich an objektivierbaren, beschreibbaren und "operationalisierbaren Kriterien" fest. Dieses Vorgehen hat grob gesagt den Vorteil, dass bei entsprechender Schulung auf die vorher festgelegten "Kriterien" Psychiater und Therapeuten unterschiedlichster Schulen diese Kriterien wiedererkennen und dann bei der Diagnosestellung zum gleichen Ergebnis kommen. Es hat, wenn man der diagnostischen Erfahrung eines Arztes einen Wert beimessen möchte, den Nachteil, dass die diagnostizierenden Ärzte eben nicht mehr ihrer Erfahrung und ihrer Intuition vertrauen können, sondern an das Manual mit den Diagnosekriterien gebunden sind, ferner dass davon abweichende Symptommuster oder Beschwerden nicht in einer Diagnose formuliert werden können und dass die "Validierung" des Diagnosemanuals, also die Feststellung, ob mit dem Kriteriensatz wirklich das abgebildet wird, was vorgegeben wird (z.B. eine Depression oder eine Manie) nur noch den mit der Weiterentwicklung des Manuals befassten Wissenschaftlern und Hochschullehrern vorbehalten bleibt. Pointiert und etwas provokativ formuliert: Der Arzt vor Ort wird gezielt zum "Spezialisten für die Anwendung eines vorgegebenen Diagnosemanuals" geschult, und die Forschung läuft Gefahr, sich im Kreise zu drehen und nur noch Belege für die selbst aufgestellten Prämissen (Vorannahmen) zu produzieren! Da auf theoretische Vorannahmen über die Entstehung der Störungen verzichtet werden soll, ist man in der Bezeichnung vorsichtiger geworden. Man spricht nicht mehr von der Manie als "Krankheit", sondern man spricht von einem "manischen Syndrom" und von einer "manischen oder bipolaren Störung". Die Bezeichnung "manisches Syndrom" kennzeichnet nur noch eine Gruppe von Kern-Symptomen, die vorhanden sein muss, um die Diagnose stellen zu können. Der Begriff "Störung" wirkt weniger wuchtig als "Krankheit" und öffnet die Türe zu einer "störungsorientierten" (d.h. Symptom-bezogenen) Forschung und Therapie. Philosophisch-hermeneutische Verstehens- und Forschungsansätze und psychodynamische Therapiemethoden verlieren aktuell eher an Bedeutung zugunsten einer pragmatisch ausgerichteten und am Symptom orientierten Forschung und Therapie. Dazu korrespondiert der Trend, der Behandlung mit und der weiteren Erforschung von spezifischen Medikamenten sowie den eher symptomorientierten Psychotherapieverfahren (kognitive Therapie, Verhaltenstherapie) mehr Bedeutung für die Heilung zuzuerkennen. Diese Behandlungs- und Forschungsschwerpunkte finden deshalb auch am ehesten eine begriffliche Entsprechung in den modernen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV.
Die genauen Ursachen der Manie und der bipolaren Störung sind immer noch nicht bekannt. Es gibt lediglich vage Modellvorstellungen hinsichtlich vermuteter Abweichungen im Hirnstoffwechsel, es gibt aber keine gesicherten Erkenntnisse. Es gibt Hinweise, dass die depressiven Phasen im Rahmen von bipolaren Störungen andere Ursachen haben als monopolare Depressionen, dass es sich also um eine andere Störung handelt. Für die medikamentöse Behandlung haben diese Vermutungen bislang keine Relevanz.
Wichtig bei einer erstmaligen manischen Epiosde ist der Ausschluss einer organischen (körperlichen) Erkrankung. Empfehlenswert ist daher eine gründliche körperliche, internistisch-neurologische Untersuchung inklusive Laborscreening und evt. bildgebenden Verfahren!
Manische Störungen gibt es als eigenständige Variante, die als "Hypomanie" bezeichnet wird. Es finden sich die Symptome einer Manie in geringerer Ausprägung. Echte "manische Phasen" treten mehrheitlich zeitversetzt zu depressiven Phasen auf. Es handelt sich dann um eine sogenannte "bipolare Störung" (manisch-depressive Erkrankung). Diese beginnt häufig mit einer Manie, die dann typischer Weise ohne freies Intervall in eine Depression umschlägt.
Recht selten ist das alleinige Auftreten manischer Phasen, es kommt aber vor. v.a. auch in Verbindung mit hirnorganischen Veränderungen.
Bei der Behandlung von Manien und bipolaren Störungen kommen medikamentöse und psychotherapeutische Methoden zum Einsatz. Medikamente, die gegen die depressiven Episoden bei bipolaren Störungen wirken, heissen „Antidepressiva“. Es gibt unter den Antidepressiva verschiedene Wirkgruppen, z.B. die alt bewährten, nachweislich wirksamen, aber recht „giftigen“ und nebenwirkungsreichen „klassischen Antidepressiva“ (Trizyklika, Tetrazyklika, MAO-Hemmer) und neuartige, ebenfalls offensichtlich gut wirksame, aber für weniger gefährlich gehaltene Substanzen, wie etwa die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Zu beachten ist, dass grundsätzlich bei allen Antidepressiva meist vorübergehend z.T. sehr unangenehme Nebenwirkungen auftreten können. Für alle Antidepressiva trifft ausserdem zu, dass die Nebenwirkungen sofort, die eigentlich erwünschten antidepressiven Wirkungen aber erst nach ca 14 Tagen, manchmal noch später, seltener früher auftreten und in manchen Fällen sogar ganz ausbleiben können. In der „Einstellungsphase“ heisst es also: durchhalten! Ein vorzeitiger Abbruch oder Medikamentenwechsel bedeutet (von ganz gravierenden Nebenwirkungen abgesehen) in der Regel lediglich Zeitverschwendung!!! Sowohl bei den häufigeren bipolaren Verlaufsformen als auch bei den seltenen einfachen Manien kommen sogenannte Mood-Stabilizer bzw. Antimanika(Valproinsäure, Carbamazepin, Lithium) zum Einsatz. Diese Substanzen haben einen zum Teil noch unbekannten Wirkmechanismus, führen aber zu einer Abmilderung der „Stimmungsschwankungen“.Die angewandten, spezialisierteren psychotherapeutischen Verfahren lassen sich grob in sogenannte „kognitiv-behaviorale Verfahren“ und „tiefenpsychologische Verfahren“ aufteilen.
Im akuten manischen Schub sind derartige Behandlungsmethoden nicht indiziert. Zur „Krisenintervention“ gehört hier neben einer guten Patientenführung die rasche Applikation eines antimanisch wirksamen Medikamentes. Dies kann im Bedarfsfall zur Verhütung von Selbst- oder Fremdgefährdung auch gegen den Willen des Patienten durchgeführt werden, wenn es sich nicht vermeiden lässt! Nach Abklingen der Manie ist eine psychotherapeutische Begleitung des Patienten zur Aufarbeitung des möglicherweise traumatisierenden Krankheitsverlaufes, zur Psychoedukation sowie zur Erstellung eines Krisenplanes dringend indiziert. Aber natürlich wird zur Durchführung einer Psychotherapie, ebenso wie zur Durchführung einer spezifischen medikamentösen Anschlussbehandlung und Prophylaxe das Einverständnis des Patienten benötigt!
Da die genaue Ätiologie und Entstehung Manien und bipolarenStörungen nicht bekannt ist, sind auch Aussagen zur Prognose dieser Störungen im Einzelfall schwierig. Die Prognose ist aber sicher auch davon abhängig, ob und wann die Störung diagnostiziert und behandelt wird. Die Traumatisierungen durch die direkten und indirekten Folgeschäden der Krankheit und des Behandlungsverlaufes stellen ein Kernproblem bei der Begleitung manisch-depressiver Patienten dar. Die Prognose der Krankheit hängt ganz entscheidend davon ab, ob es gelingt, teifgreifende Stigmatisierungen und Gesichtsverluste zu vermeiden, traumatische Situationen im Zuge von Hospitalisationen therapeutisch aufzuarbeiten und Vermögens- und Statusverluste in Grenzen zu halten. Die Scheidungsrate bei Menschen mit einer bipolaren Störung ist ausgesprochen hoch. Der Grund ist offenbar, dass Partner die extremen Stimmungsschwankungen und die im Gefolge der Erkrankung oftmals auftretenden o. g. sozialen Stigmatisierungen nicht aushalten. Gefürchtet und ein regelmässiges Rehabilitationshindernis sind auch die häufigen depressiven Nachschwankungen nach einer Manie oder depressive Episoden im Rahmen von bipolaren Störungen, weil für manische Patienten oft bereits ein "normaler" (euthymer) Affekt als langweilig und bedrückend erlebt wird und wirkliche depressive Phasen kaum auszuhalten sind.
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010