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Margarete Susman galt als eigenständige Stimme im Zeitdiskurs. Sie war eine prominente Figur in Frankfurts Intellektuellenszene und gewann insbesondere in der jüdischen Öffentlichkeit Autorität. In der Frankfurter Zeitung, einer der führenden Zeitungen der Zeit, besprach sie von 1907 bis 1932 die philosophischen Neuerscheinungen. Zudem war sie vertraute Mitarbeiterin des Philosophen Georg Simmel, in dessen Umkreis auch die Bekanntschaft mit weiteren Philosophen wie Martin Buber, Ernst Bloch, Georg Lukács und Siegfried Kracauer fiel. Ebenso wenig wie Buber, Bloch oder Franz Rosenzweig wurde sie jedoch damals als «jüdische» oder theologische Denkerin marginalisiert.
Um Susmans nuanciertes Denken in seiner Komplexität zu verstehen, ist es entscheidend, den hohen Grad an Differenziertheit des damaligen Zeitdiskurses zu berücksichtigen, der bis zum Ende der Weimarer Zeit die geistige Intensität auf Hochtouren hielt. Diese Situation und die Anforderungen, die sie mit sich brachte, prägten nicht nur Susmans denkerisches Profil, sondern bestimmte auch die Art und Weise, wie sie als Philosophin in den Zeitdiskurs eingriff. Ihre Bedeutung ist darum in ihrem ganzen Ausmass erst mit Blick auf die zeithistorischen Kontexte zu verstehen: Zu schnell wurde sie bei ihrer Wiederentdeckung in den 1990er Jahren als Dichterin oder lyrische Denkerin abgetan oder als deutsche Jüdin im Nischendiskurs um die Shoa abgestellt.
Gewiss, für Susman stehen Fragen der jüdischen Existenz und ihres grundlegenden Beitrags zu Religion, Kultur und Geistesleben im Mittelpunkt. Gleichzeitig stellt die Frage der Existenz als Frau in einer durch männliche Denk- und Handlungsmuster bestimmten Welt den zweiten Brennpunkt ihres Denkens dar. Diese zwei Gesichtspunkte begleiten Susmans Denken durch ihr Werk, ohne dass sie jeweils eigens benannt werden müssen. Ihr Judentum ist ihr ebenso eine Selbstverständlichkeit wie ihre Existenz als Frau. Das philosophisch Innovative besteht aber in der Art, wie sie diese auf theoretisch entscheidende Weise konsequent einbringt.
Susman wurde nicht an der Wiege gesungen, Philosophin zu werden. Im Gegenteil, ihr Vater verbot ihr das Studium ausdrücklich, und sie begann dieses denn auch erst nach seinem Tod. Andererseits besorgte ihr Vater zu ihrem zwanzigsten Geburtstag einen Privatdruck ihrer Gedichte. Denn Dichten war sozial akzeptabel. Den Weg ins Studium fand Susman um die Jahrhundertwende zunächst als Studentin der Malerei. Doch bald zog es sie zur Philosophie, wobei auch das damals keine so unproblematische Angelegenheit war, jedenfalls für Frauen: Selbst als nicht immatrikulierte Hörerin in den Seminaren des Philosophen Georg Simmel musste Susman eine Genehmigung einholen. Eine Promotion war zu jener Zeit in Deutschland noch undenkbar; erst 1916 promovierte dort mit Edith Stein die erste Frau im Fach Philosophie; die Habilitation, die Lehrgenehmigung, war eine andere Sache. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich Frauen in Deutschland im Fach Philosophie habilitieren. In der Schweiz hätte Susman zwar promovieren können, wie es zum Beispiel die ein Jahr ältere Rosa Luxemburg bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts in Zürich getan hatte, aber dies war für die damals in Berlin lebende Susman keine Option.
Dennoch darf Susman durchaus als erste deutsche Philosophin mit Wirkung – jedenfalls zu Lebzeiten – betrachtet werden. Posthum ist ihre Bedeutung als Denkerin erst wieder neu zu entdecken. Ihr philosophisches Werk und ihre zahlreichen geistesgeschichtlichen Deutungen historischer Konstellationen und exemplarischer Dichter*innen und Denker*innen finden heute seltsam wenig Beachtung. Dabei artikuliert ihr denkerisches Werk ein kritisches Programm, das in seiner Art noch immer seiner Verwirklichung harrt. Den Philosophen Theodor W. Adorno variierend könnte man sagen, dass Susmans Philosophie zwar überholt scheinen mag, sich aber gerade darum am Leben erhält, «weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward», wie es der erste Satz seiner Negativen Dialektik von 1966 formuliert.
Mit ihren beiden Monografien von 1910 und 1912 trat Margarete Susman als philosophische Autorin an die Öffentlichkeit. In ihrer Schrift mit dem unscheinbaren Titel Das Wesen der modernen deutschen Lyrik (1910) führte Susman den Begriff des «lyrisches Ichs» ein. Die entscheidende Pointe ist hierbei, dass Lyrik gerade kein authentisches, sich als gelebtes Leben erfahrendes Ich zum Ausdruck bringt. Vielmehr biete Lyrik die reine Form des Ichs in sprachlich vermittelter Weise dar, die der Dichter oder die Dichterin in der symbolischen Repräsentation des Gedichts erschafft. Die Produktion der symbolischen Repräsentation des Ichs, das heisst die Darstellung der Erfahrung des Ichs mit Mitteln der Sprache, die ja letztlich Wirklichkeit symbolisch konstruiert, findet für Susman so in einem sprachlichen Akt statt, aufgrund dessen das moderne Ich erst zum Gegenstand denkerischer Betrachtung werden kann.
In ihrer zweiten Monografie, dem Buch Vom Sinn der Liebe (1912), machte Susman die Liebe zu einem für die Philosophie grundsätzlich relevanten Thema: Sie lieferte eine Theorie und Metaphysik der Liebe, die, wie Simmel formulierte, mindestens so wichtig wäre wie Erkenntnistheorie und Metaphysik der Kunst. Dass sie mit diesem Buch in programmatischer Weise die Perspektive einer Frau in einen prinzipiell männlichen Diskurs hineintrug und diesen von innen her zum Umdenken zu bewegen suchte, zeigt, was für radikal kritisches Potenzial sich in diesem Buch verbarg, das nach aussen hin in der Camouflage verstiegener Metaphysik auftrat. Es ist bloss eine einzige Rezension des Buches bekannt: Ein noch junger, kaum bekannter Robert Musil ist der Autor, der allerdings dem Buch mit enttäuschendem Unverständnis gegenübertritt. Anders sah es ein anderer Schriftsteller, Gustav Landauer. Er schrieb der Philosophin: «Wir lesen in Ihrem Buche und sind beglückt, Sie zu haben.»1
Im renommierten Verlagshaus Eugen Diederichs erschienen, formuliert Vom Sinn der Liebe eine Position, die nicht nur damals bahnbrechend war, sondern auch heute noch Beachtung verdient. Es geht dabei nicht nur um die Frage der Geschlechtlichkeit. Diese denkt Susman, im Gegenzug zur vorherrschenden Gewohnheit, mit philosophisch kritischer Konsequenz zu Ende. Sondern sie macht auch die Dialektik der menschlichen Beziehungsdynamik in der Radikalität als philosophische Grundfrage deutlich:
«Liebe ist das unaufhörlich brennende Gefühl des Einsseins, das unaufhörlich zerschnitten und bedrängt wird von dem grausamen Gefühl des Andersseins alles Lebens ausserhalb meiner – diesem Gefühl, das anhebt bei jeder Regung meines Selbst [...]. Liebe ist Leiden am Anderssein und tieferes Leiden am Einssein – und ihre ewige Forderung ist, das Anderssein dem Einssein zu versöhnen. [...]. Das Wesen des Du bleibt in aller Liebe unangetastet [...] und nie wird Einsamkeit tiefer gefühlt als in der Liebe zu einem anderen Menschen» (S. 33, 51 f.).
Differenz und Alterität, mit anderen Worten, halten die Liebe in einer Grundspannung, die das Selbst in beständiger Verwiesenheit auf die oder den andere*n gefangen hält, mit dem oder der es eins zu werden wünscht – ein Wunsch, dessen Erfüllung jedoch den Menschen sein Anderssein nur umso schmerzhafter erfahren lässt. Das trifft entgegen romantischer Annahmen, wie Susman argumentiert, auch für den Fall der Mutterschaft zu, die gerade am Beispiel des Prozesses von Zeugung, Gebären und elterlicher Begleitung die Erfahrung des Andersseins in verschärfter Form deutlich macht: eine Erfahrung, die eine Mutter die beglückende wie schmerzhafte Radikalität der Alterität umso intensiver zu erleben zwingt.
Mit diesem Ansatz der Differenz und Alterität nimmt Susmans Buch Vom Sinn der Liebe Grundüberlegungen vorweg, die die Philosophie von Martin Buber und Franz Rosenzweig bis Emmanuel Levinas und Jacques Derrida beschäftigt haben und unter den Begriffen des dialogischen Denkens und Differenzdenkens bis heute den Gegenwartsdiskurs bestimmen. Daneben artikuliert das Buch auch die Problematik der prägenden Gewalt der Geschlechterrollen und artikuliert Vorschläge, wie diese emanzipatorisch transformiert werden können. Diese laufen bei Susman zunächst darauf hinaus, das reale Problem gesellschaftlicher Wandlung erst einmal durch eine Veränderung des Denkens und der es bestimmenden Sprache zu ermöglichen, wodurch die repressive Gewalt, die unsere Sprach- und Denkfähigkeit bis ins Einzelne beherrscht, verabschiedet wird. Das heisst: Wir müssen zuerst Strategien entwickeln, um die kulturellen Narrative abzulegen, die sich um die Erfahrung der Liebe spinnen und die wir uns in männlichen Denkmustern ausmalen. Erst dann können wir sie durch solche ersetzen, die auch die Erfahrungen von Frauen in ebenbürtiger Weise repräsentieren. So liesse sich schliesslich die reale Welt wirklich verändern. Wenn wir uns nämlich nicht länger durch altbackene Denkmuster zwingen lassen, uns die Liebe im Begriffsinstrumentarium von Tragik und Erlösung vorzustellen, können wir uns Menschen, Frauen wie Männer, aus den Klauen repressiver Fantasie emanzipieren.
In der Zeit nach Vom Sinn der Liebe entwickelte Susman diese Gedanken weiter und reflektierte dabei auch die Ideen der entstehenden Frauenbewegung. Susman distanzierte sich zuweilen aber auch von bestimmten Strömungen der damaligen Frauenbewegung, weil sie der Ansicht war, sie würden den theoretischen Voraussetzungen echter Gleichstellung nicht genügend Beachtung schenken. Denn für Susman war klar, dass der Diskurs der Befreiung nicht wirksam werden kann, solange dieser selbst nicht von den repressiven Zügen der Konventionen befreit werde.
Neben der Thematik der rechtlichen und politischen sowie der nachhaltigeren gesellschaftlichen und also auch kulturellen Gleichstellung von Frauen steht die Thematik der jüdischen Moderne. Ein hoher Anteil von Susmans Aufsätzen und Büchern ist dem Bemühen gewidmet, die Bedeutung jüdischer Denker*innen und Autor*innen von Moses Mendelssohn bis Franz Kafka als grundlegend für die Kultur der Moderne vor Augen zu führen. In ihrem essayistischen Werk, das sich seit den 1920er Jahren und besonders in der Weimarer Zeit zu entfalten beginnt und dann im Schweizer Exil vor allem in den Neuen Wegen eine neue Heimat findet, schafft Susman eine Form, ihre philosophische Arbeit in Gestalt geistesgeschichtlicher Rekonstruktionen oder «Deutungen» weiterzuführen. Diese historischen Deutungen sind Orientierungshilfen, die eigene Situation als geschichtliche zu reflektieren, das heisst, ihre Singularität als eine irreduzible zu begreifen, die jeweils kontextspezifische Handlungen erfordert. Im Aufsatz Auflösung und Werden in unserer Zeit (1928) hält Susman fest,
«dass das Verstehen selbst zeitlich, geschichtlich ist, dass die Einheit, die es schafft, nicht mehr ist als das Leben
eines vergänglichen Augenblicks. [...] Unsere Aufgaben schenkt uns einzig die Geschichte; aber nur wir sind es, die sie ergreifen können. Darum ist die Wahrheit des Heute immer streng und fordernd, weil sie niemals etwas Geringeres von uns fordert als uns selbst.»2
Mit ihren zahlreichen Aufsätzen zu historischen Themen und Figuren, aus denen Susman mit ihrem Buch Gestalten und Kreise (1954) eine stattliche Auswahl ihrer früheren Texte wieder zugänglich machte, schuf sie ein interpretatorisch dichtes Gewebe historischer Rekonstruktion. Es führt eine eigene Form philosophisch reflektierenden Schreibens ein, das als Susmans besondere Form einer écriture féminine gelten darf. Ihre entscheidenden Gedanken erschliessen sich so erst im Prozess einer aufmerksamen Lektüre, sofern sich Leser*innen auf ihren anspruchsvollen Stil einlassen. Wo dies geschieht, lädt ihr Schreiben immer wieder zum Um- und Neudenken ein, wie es nur genuin philosophische Intensität ermöglicht. Man mag sich über Stileigenheiten ärgern. Man kann sie aber auch als diskursive Stolpersteine verstehen, die immer wieder aus der verschlafenen Routine des Gewohnten aufwecken und so auffordern, aus dieser Routine auszubrechen, anders und neu zu sehen und zu verstehen.
Mit diesem Perspektivenwechsel erweist sich Susman in entscheidender Weise als jüdische Denkerin im Sinn des oben zitierten Auftrags historischer Deutung auf dem Boden der Gegenwart.
In diesem Licht erscheint ihr oft als Vermächtnis verstandenes Buch Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes (1946) weniger als ein theologisches Bekenntnis. Es ist vielmehr ein Versuch, vom Standpunkt jüdischer Tradition her philosophisch auf die Herausforderung zu antworten, wie man als jüdischer Mensch nach der Shoa weiterleben kann. Mag die empathische Sprache Leser*innen zuweilen irritieren oder das eine oder andere in diesem Buch Gesagte problematisch scheinen: Der entscheidende Beitrag Susmans zeichnet sich dadurch aus, dass ihr Buch jede Versuchung verbrämender Deutung des Geschehenen zurückweist. Sie beharrt vielmehr darauf, dass es nicht an uns ist, teleologische Geschichtskonstruktionen zuzulassen, sondern dass es vielmehr nur darum gehen kann, im Vertrauen auf den Sinn der Existenz, den wir immer nur selbst bewähren können, weiterzuleben. Und dass, wo dies nicht geschieht, wir uns dem unerbittlichen Abgrund des Nichts gegenüber finden. Denn Schicksal, wie es Susman versteht, ist nicht ein Geschick, in das wir gebannt wären. Es ist umgekehrt die Aufgabe, die wir uns selbst als Menschen, Juden und Jüdinnen, Christ*innen, Muslim*innen und Anders- sowie Nichtgläubige stellen. Das Schicksal des jüdischen Volkes aber ist es, sich nicht durch Fremdbestimmung, mag sie auch noch so zerstörerisch wüten, bestimmen zu lassen, sondern seine messianische Botschaft umso treuer zu bewahren:
«Es gibt vom Menschen aus gesehen keine Lösung des jüdischen Problems, wie es keine Lösung des Menschheitsproblems gibt; das jüdische Problem ist unauflösbar an das Menschheitsproblem gebunden, es ist als das in letzter Tiefe gestellte Problem des Menschseins selbst dies Problem. [...] Denn nicht allein das Bild des jüdischen Menschen, das Bild des Menschen überhaupt ist uns ja verloren; der Name Mensch ist für uns heute nicht lesbarer als der Name Gott.»3
Margarete Susmans philosophische Intuitionen aufzunehmen, wäre nicht, ihr fraglos auf Wegen zu folgen, die uns nicht länger zugänglich sind, sondern vielmehr die kritischen Impulse ihrer Denkmotive als Herausforderungen an unser eigenes Denken zu begreifen.●
Martin Buber (Hrsg.): Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen. Unter Mitarbeit von Ina Britschgi-Schimmer, Frankfurt a. M. 1929. Bd. 1, S. 418 (Brief vom 21. September 1912).
Margarete Susman: Auflösung und Werden in unserer Zeit. In: Der Morgen 4.4 (Oktober 1928), S. 335–353, S. 352.
Margarete Susman: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes. Zürich, 2. Aufl. 1948, S. 216 und S. 151.