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Sogyal Rinpoche
Prof. Georg Schmid, September 2019
Sogyal Gyaltsen Lakar Rinpoche, einer der umstrittensten und erfolgreichsten tibetischen Meister der Gegenwart, verstarb am 28. August 2019 in einem Spital in Bangkok.
Geboren 1947 im Kreis Garzê in der damaligen Provinz Xikang, Republik China, floh er mit seinen Eltern 1954 vor der chinesischen Invasion nach Indien. In Westbengalen besuchte er eine katholische Primarschule. Nach Studien in Delhi studierte er ab 1971 Religionswissenschaft in Cambridge und begann, Buddhismus im Westen zu unterrichten. Zur Vorbereitung des Besuchs des Dalai Lama 1973 traf er sich u.a. mit Papst Paul VI. Als guter Kommunikator und Autor wuchs seine Bekanntheit stetig.
Besonderen Erfolg hatte Sogyal 1992 mit seiner Publikation des tibetischen Totenbuches „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“, das in verschiedenen Sprachen und Auflagen erschien. Die Popularität dieses Werkes erklärt sich nicht nur mit der Mischung von luzider Vision und bunter Bildsprache, die den tibetischen Buddhismus seit Jahrhunderten in vielen Bereichen auszeichnet, son- dern auch mit dem breiten modernen Interesse für Nahtoderfahrungen und fürs mögliche Nachher zu dieser vergänglichen Existenz.
Mit der von ihm gegründeten, bis 2017 geleiteten und in vielen Ländern tätigen Bewegung Rigpa gelang es Sogyal, zahllose Zeitgenossen anzusprechen und sie mit den Traditionen der Nyingmapa, der ältesten der vier tibetischen Schulen, bekannt zu machen.
Mit dem Dalai Lama war er freundschaftlich verbunden, bis massive Vorwürfe aus dem innersten Kreis seiner Schüler dem Dalai Lama vorgelegt wurden. Der Dalai Lama empfahl den Schülern, ihre Kritik offen zu äussern. Ihr Brief an den bisherigen Meister (https://www.buddhistdoor .net/upload/article/ 7112/Letter-to- Sogyal-Lakar- 14-06-2017.pdf) spiegelt das beklemmende Drama der grenzenlos gehorsamen und doch jahrelang missbrauchten Schüler, die ihrem Meister ihre tiefe Enttäuschung zeigen müssen.
Sogyal Rinpoche, mit den Vorwürfen konfrontiert, deutet sein in mehrfacher Hinsicht anstössiges Verhalten (seine Tätlichkeiten, seine sexuellen Übergriffe und seine ihm vorgeworfene Verschwendungssucht) mit der „verrückten Weisheit“, die tantrische Meister gerne anwenden, um den Schülern den Durchbruch zur tieferen oder höheren Erkenntnis zu ermöglichen. Die bisherigen Schüler können aber in ihrem Schreiben keinen pädagogischen Nutzen seiner Ausbrüche und seiner dubiosen Moral mehr erkennen.
Rigpa liess die öffentlich gemachten Vorwürfe untersuchen. Nach Abschluss des Berichts musste Sogyal Rinpoche als spiritueller Leiter von Rigpa demissionieren.
Rigpa entschuldigte sich bei allen Opfern im inneren Kreis des Meisters.
Der aussenstehende kritische Beobachter fragt sich, ob das im Grunde tragische Schicksal des Sogyal Rinpoche nur selbstverschuldet war. Hat nicht die immense westliche Begeisterung für tibetischen Buddhismus Karrieren wie diejenige von Sogyal Rinpoche erst möglich gemacht? Wurden und werden auf den Wellen spiritueller Sehnsucht nicht manche Gestalten in höchste Guru-Ehren hinaufgehievt, die dieser Rolle menschlich nicht gewachsen sind? Kurz – Sogyal Rinpoche war nicht nur ein äusserst erfolgreicher und umstrittener buddhistischer Meister. Er war auch ein Produkt unserer Zeit.