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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

4. Cap. Diese Schrift beschäftigt sich mit Untersuchungen über das Wesen der Seele, zunächst ob sie geworden oder ungeworden sei, gemacht oder nicht.
Nächst der Bestimmung ihres Ursprungs unterliegt die Seele der Untersuchung über ihr Wesen. Denn wenn wir eingeräumt haben, dass sie aus einem Hauche Gottes entstanden sei, so ist die unmittelbare Folge, dass wir ihr einen Anfang zuschreiben. Diese Behauptung weist Plato ab, indem er lehrt, die Seele sei ungeboren und ungemacht. Wir lehren aber, sie sei sowohl geboren als gemacht, nachdem festgestellt ist, dass sie einen Anfang hat. Wir haben nicht damit sofort einen Irrtum begangen, [S. 293] wenn wir beides behaupten, weil, wohlgemerkt, geboren sein etwas anderes ist als gemacht sein, indem jenes nur den lebendigen Wesen eignet. Die Unterschiede besitzen aber, indem sie ihre eigenen Orte und Zeiten haben, zuweilen auch die Reziprozität der Gemeinsamkeit. Die Seele lässt also auch ein Machen zu als Form ihres Insdaseingesetztwerdens,1 da bekanntlich alles, was auf irgend eine Weise das Sein empfängt, erzeugt wird. Der Erzeuger selbst kann Macher genannt werden; so drückt sich auch Plato aus. Was also unsern Glauben an eine gemachte oder geborene Seele angeht, so ist die Ansicht des Philosophen ebenfalls durch die Autorität der Prophezie beseitigt.
1: Ich folge den Handschriften pro in esse poni. Wird in esse poni als ein Substantiv gefasst, so bedarf es keiner Konjekturen. Das Wort esse aber darf nicht fehlen, da es durch das nachfolgende accipit esse wieder aufgenommen wird. Zu capit ergänze ich als Subjekt anima aus dem vorhergehenden.