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Glarus den 13. Juni 1852.
Mein theurer Freund!
Wenn ich Deinen l. Brief1 vom 6. d. M., den ich Dir bestens verdanke, nicht sofort beantwortet habe, so glaube ja nicht, daß mich die Nachricht von meiner Nichtpromotion so sehr angegriffen habe, daß ich zuerst eine ruhigere Stimmung habe gewinnen wollen. Ich habe sie im Gegentheil mit dem größtmöglichsten kalten Blute vernommen u. die ganze Woche hindurch kaum mehr daran gedacht. Wenn ich eine Ehre nicht erhalte, die ich in keiner Weise gesucht, für die sich nur meine Freunde auf verdankenswerthe Art verwendet haben, so kann ich darin keine persönliche Niederlage erblicken. Zu großer Beruhigung muß es mir gereichen, daß gerade Wyß2, der, wie es scheint, sich vorzugsweise meiner Promotion widersetzte, in einem Briefe, den er mir vor einem Jahre schrieb, in schmeichelhaften Ausdrücken meiner Rechtsgeschichte3 erwähnte, so daß ich also wohl annehmen darf, es haben die ungünstigen Aeußerungen über mich nicht meinen wissenschaftlichen Leistungen, sondern meiner politischen Haltung gegolten. Daß es mir nun sehr gleichgültig ist, wie letztere von Wyss u. Genossen beurtheilt wird, versteht sich am Rande. Ich persönlich hätte auch gar nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn Segesser4 neben mir promovirt worden wäre, da ich seine rechtsgeschichtlichen Verdienste zu würdigen weiß u. die Wissenschaft eben als einen neutralen Boden betrachte, auf dem die politischen Meinungsverschiedenheiten zu vergessen sind! Daß er daneben ein Giftsch..... ist, davon hat er allerdings jüngsthin im Gr. Rathe von Luzern wieder eine eklatante Probe abgelegt.5 Wenn Du mir nun in Aussicht stellst, daß meine Promotion6 vielleicht doch noch im Laufe des Sommers werde durchgesetzt werden können, so muß ich Dir hierauf erwiedern, daß es mir viel lieber ist, wenn die Sache einstweilen nicht forcirt wird. Die mir zugedachte Ehrenbezeugung kann für mich nur dann Werth haben, | wenn sie als eine freiwillige, nicht als eine erzwungen erscheint, u. ich schätze die drei Mitglieder der Fakultät, welche für mich gestimmt haben, als Minderheit gerade so hoch, wie wenn sie durch Beiziehung eines Schweifes zur Mehrheit werden.
Ueber die Freiburger Angelegenheit habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht, u. sie kömmt mir, wenn ich meine innerste Ueberzeugung aussprechen soll, immer mehr als eine «wüste Geschichte» vor. Wohl werden die Bundesbehörden, da sich seither nichts Wesentliches geändert hat u. ein vernünftiger Ausweg aus der fatalen Sackgasse kaum wird gefunden werden können, an den Beschlüssen von 1850 festhalten müssen; aber daß dieser vorzugsweise formelle Standpunkt in der Schweiz recht populär sey, daß ein aufrichtiger Demokrat so recht freudig für ihn einstehen könne, das möchte ich nicht behaupten. Es ist eben sehr zu bedauern, daß die Regierung von Freiburg nicht gleich andern liberalen Regierungen der ehemaligen Sonderbundskantone durch Mäßigung u. praktisches Geschick sich eine Unterlage im Volke zu erringen gewußt hat; die Folge davon ist, daß nun im In-u. Auslande Jedermann mit Fingern hinweisen kann auf die sonderbare Anomalie, daß in unsrer grundsätzlich demokratischen Schweiz eine Kantonsregierung offenbar gegen den Willen ihres Volkes besteht u. gleichwohl noch für eine Reihe von Jahren von den Bundesbehörden geschützt werden muß. Es muß diese Erscheinung, je länger sie besteht u. je mehr sie von konservativer Seite ausgebeutet wird, namentlich im Auslande einen sehr ungünstigen Eindruck machen; man hat nun dort wieder eine Vogelscheuche, wie man früher eine an den vielen Putschen hatte, u. gewissermaßen noch eine schlimmere, indem man sagen kann: daß das demokratische Prinzip ein falsches ist, zeigt die Schweiz selbst, indem sie die in ihrer Verfassung niedergelegten Grundsätze nicht durchzuführen wagt. Auch im Inlande zeigen alle Unzufriednen, alle Feinde unsrer neuen Zustände fortwährend auf den wunden Fleck derselben: «Freiburg», u. sie finden hierin Anklang bei vielen aufrichtigen Freunden unsrer Bundesverfassung, welche dieselbe zu einer Mehrheit für Alle möchten werden lassen. In meinem Kanton wenigstens habe ich die Erfahrung gemacht, daß der Standpunkt, den die N.Z.Z. verficht, weit mehr Boden im Volke hat als der unsrige; er ist auch für einen Zeitungsschreiber offenbar der schönere u. angenehmere. Für den praktischen Staatsmann aber steigen | dann freilich eine Menge von Bedenklichkeiten auf; denn in eine Bundesrevision wegen Freiburgs werden sich doch wohl die Wenigsten einlassen wollen, u. jeder andere Ausweg erscheint als ungenügend. So kann ich mich auf die Debatten der Bundesversammlung über die Freiburger Angelegenheit in keiner Weise freuen, u. möchte vielmehr von Herzen wünschen, daß der Knoten vorher auf andere Weise gelöst würde. Jedenfalls wird man im In- u. Auslande dieser Verhandlung im gegenwärtigen Augenblicke weit mehr Aufmerksamkeit schenken, als im Spätjahr 1850, wo die Sache noch nicht recht in's Volk gedrungen war, u. es läßt sich nicht verkennen, daß die gegenwärtige ruhige u. gesetzliche Haltung der freiburgischen Opposition eben so günstig für sie auf die öffentliche Meinung einwirkt, wie die frühern Putschversuche der Regierung genützt haben.7
Die Neuenburger Frage , obgleich dem äußern Anscheine nach gefährlicher, macht mir weit weniger Bedenken. Die Schweiz ist in dieser Frage in ihrem Innern einig; auch die Konservativen werden, wenn auch zum Theil ungerne, sich für uns erklären müssen, weil es Gottlob! noch nicht populär ist in der Schweiz sich auf die Seite des Auslandes zu schlagen, u. weil sie den Boden der Bundesverfassung angenommen haben u. ihn für einmal noch nicht aufgeben dürfen, durch die Bundesverfassung aber die neuenburgische Frage mit vollem Rechte zu einer Existenzfrage für die neue Eidgenossenschaft gemacht worden ist. Die auswärtigen Mächte aber scheinen sich vorläufig nur über den Grundsatz u. noch keineswegs über die Ausführung geeinigt zu haben, so daß bei den bevorstehenden Unterhandlungen die Schweiz wohl an Neuenburg wird festhalten können, wenn nur sonst in irgend einer Weise dem König von Preußen8 ein wenig entgegengekommen wird.
Nach Zürich werde ich schwerlich früher als Donnerstags den 24. d. M. kommen, den Nachmittag u. Abend dort bleiben, u. Freitag Morgens nach Bern reisen. Die Rücksicht auf meine vielen Geschäfte, sowie auch der Gedanke, daß ich mit meinen besten Zürcher Freunden nachher wieder längere Zeit in Bern zusammen leben werde, wird den Entschluß, mich länger in Zürich aufzuhalten, kaum in mir aufkommen lassen. Bei so kurzem Aufenthalte versteht es sich, daß ich im Gasthofe absteigen werde; dagegen werde ich jedenfalls des Abends nach Belvoir hinaus kommen.
Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern u. sey herzlich gegrüßt von
Deinem treuen
J J Blumer.