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Schwarzspecht
Dryocopus martius
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Der Schwarzspecht (Dryocopus martius) ist der grösste Specht Europas und nach dem in Süd- und Südostasien heimischen Puderspecht (Mulleripicus pulverulentus) das zweitgrösste der weltweit rund 220 Mitglieder der Spechtfamilie (Picidae). Mit einer Gesamtlänge von 45 bis 50 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 67 bis 73 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 250 und 370 Gramm ist er ungefähr krähengross.
Die Männchen und die Weibchen unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum: Erstere sind im Durchschnitt nur unwesentlich grösser als Letztere, und beide Geschlechter tragen - wie der Artname besagt - ein überwiegend schwarzes Federkleid. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass die roten Gefiederpartien am Kopf unterschiedlich ausgeprägt sind: Bei den Männchen ist der ganze Scheitel rot, bei den Weibchen nur der Hinterkopf.
Der Schnabel ist bei den erwachsenen Schwarzspechten fünf bis sechs Zentimeter lang. Wie bei allen Spechten ist er ein überaus robustes Gebilde, mit einer breiten Basis und einer sehr harten Hornscheide. Tatsächlich bildet er ein bedeutsames Werkzeug: Er wird zum Zimmern der Schlaf- und Nisthöhlen benutzt; er dient dazu, Nahrung im Holz mit wuchtigen Schlägen freizulegen; und er ist unentbehrlich für das «Trommeln», jener für die Spechte so typischen Form der Lautgebung.
Das Verbreitungsgebiet des Schwarzspechts erstreckt sich über die meisten Bereiche Europas und von hier über die nördliche Hälfte Asiens ostwärts bis nach Japan. Innerhalb dieses weiten Areals erweist sich der grosse Specht zwar als ein strikter Waldbewohner. Hinsichtlich des Waldtyps ist er jedoch sehr flexibel. Er kommt in urtümlichen wie durchforsteten, zusammenhängenden wie zerstückelten Laub-, Nadel- und Mischwäldern von Meereshöhe bis zur Baumgrenze vor. Wesentlich für sein Wohlbefinden scheinen bloss zwei Dinge zu sein: erstens ein ganzjährig ausreichendes Nahrungsangebot in Gestalt von Ameisenkolonien und zweitens ältere, hochstämmige, möglichst freistehende Bäume, die sich für den Bau von geräumigen Schlaf- und Bruthöhlen eignen.
Ameisen, welche in lebenden oder toten Bäumen ihre Bauten anlegen, bilden die Hauptspeise des Schwarzspechts. Die Löcher, die er beim Aufhacken von deren Gängen und Nestern hinterlässt, können sehr tief ins Holz hinein reichen. Gerne entrindet er auch kranke Bäume, manchmal auf der ganzen Länge ihres Stamms, um an darunter verborgen lebende Insekten zu gelangen. Nicht selten sucht er auch die grossen Haufen bodenlebender Ameisen auf und gräbt mit seinem Schnabel tiefe, trichterförmige Löcher hinein. Neben Ameisen umfasst sein Speisezettel vor allem noch verschiedene Holz bewohnende Käfer und deren Larven, darunter Borkenkäfer (Scolytidae), Bockkäfer (Cerambycidae) und Rüsselkäfer (Curculionidae), ferner die Larven von Holzwespen (Siricidae).
Die Schwarzspechte sind in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet standorttreue Vögel. Nur im Notfall - wenn in schneereichen Wintern die Ernährung nicht mehr gewährleistet ist - weichen sie vorübergehend in günstigere Regionen aus. Jeweils im Frühling führen sie eine monogame «Saisonehe», wobei häufig dieselben Partner zusammenfinden wie im Vorjahr. Tatsächlich scheint eine lose Partnerschaft auch ausserhalb der Fortpflanzungszeitzeit erhalten zu bleiben.
Die Eiablage erfolgt meistens im April, und das Gelege besteht gewöhnlich aus vier (drei bis sechs) Eiern. Während der 12 bis 14 Tage dauernden Bebrütungszeit lösen die beiden Altvögel einander regelmässig ab. Nach dem Schlüpfen werden die Jungen von ihren beiden Eltern mit einem nahrhaften Brei aus Ameisen und Ameisenlarven gefüttert. Im Alter von 24 bis 28 Tagen sind sie flugfähig und verlassen alsbald das Nest. Nach dem Ausfliegen teilt sich der Familienverband meistens in zwei Gruppen, und jeder Elternteil führt ein bis drei Junge bis in den September hinein.
25 Mitglieder der Spechtfamilie stehen heute auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten. Der Schwarzspecht gehört zum Glück nicht dazu. Allein in Europa, welches flächenmässig weniger als die Hälfte des Artverbreitungsgebiets ausmacht, wird seine Population auf 1,5 bis 2,9 Millionen Individuen geschätzt.
Dies ist insofern erfreulich, als die geräumigen Schwarzspechthöhlen wertvolle Unterkünfte für erstaunlich viele andere Tierarten bilden, welche nicht in der Lage sind, solche selbst zu zimmern. In Europa sind bislang 58 Tierarten verzeichnet, welche regelmässig Schwarzspechthöhlen entweder als Nachnutzer oder als Wettstreiter verwenden, darunter Hohltaube, Dohle, Star und Kleiber, verschiedene Eulenarten, verschiedene Fledermäuse, verschiedene Bilche, Eichhörnchen und Baummarder, Hornissen, Wespen und Hummeln. Für sie alle ist der Schwarzspecht ein unentbehrlicher Höhlenlieferant und damit ein wichtiges Glied im komplexen ökologischen System der europäischen und nordasiatischen Waldungen.
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