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Bei der Erforschung der Geschichte des Autismus bin ich auf einige Forscher und ihre Arbeit gestossen, über welche ich noch nie zuvor gelesen habe. Ich hoffe, dass diese Zeitleiste einige Informationen bieten, die auch für die Leser neu sind – obwohl die Informationen selbst ziemlich alt sind und sogar bis 1887 zurückreichen.
1887
Entwicklungsverzögerung
Der britische Arzt John Langdon Down (1828–1896) beschrieb in einem Vortrag von 1887 das Savant-Syndrom. Weiters beschrieb er auch eine Untergruppe von Kindern mit «geistiger Behinderung», welche nicht viele Merkmale einer typischeren geistigen Behinderung aufwies, und bezeichnete es als «Entwicklungsverzögerung». Er beschrieb Fälle von früh einsetzendem und spät einsetzendem (regressivem) Autismus.
Lesen Sie hier eine digitalisierte Publikation, welche auf John Langdon Downs Vortrag von 1887 basiert : «On some of the mental affections of childhood and youth».
1908
Autismus
Das Wort Autismus (griechische Autos, was Selbst bedeutet) wurde erstmals vom Schweizer Psychiater und Eugeniker Eugen Bleuler (1857–1939) verwendet, um schizophrene Patienten zu beschreiben, die besonders in sich selbst zurückgezogen waren. Bleuler beschreibt in seinem Aufsatz mit dem Titel «die Prognose der Dementia praecox» von 1908 :
Der autistische Rückzug des Patienten in seine Fantasien, gegen die jeder Einfluss von aussen zu einer unerträglichen Störung wird. Dies scheint der wichtigste Faktor zu sein. In schweren Fällen kann es selbst Negativismus erzeugen.
In einer Fussnote einer seiner Notizen (1910) mit dem Titel «die Theorie der schizophrenen Negativismus», hat er folgendes geschrieben:
Was ich als Autismus verstehe ist ungefähr das Gleiche wie Freud’s «autoerotism»,
aber ich ziehe es vor diesen Ausdruck zu vermeiden, weil jeder, der nicht
Freud’s Schriften kennt, es missverstehen wird.
1926
Schizoide Persönlichkeitsstörung
Die sowjetische Kinderpsychiaterin Grunya Sukhareva (1891-1981) hat 1926 ein Papier mit dem Titel «die schizoiden Psychopathien im Kindesalter» veröffentlicht, in welchem sie Knaben mit einer schizoide Persönlichkeitsstörung beschrieb.
Nicht viele Menschen haben von ihrer Arbeit gehört, aber das was sie Beschrieb entsprach fast identisch jenen Aussagen, welche Hans Asperger 18 Jahre später gemacht hat.
1943
Autistische Störung
Der Österreichisch-amerikanische Kinderpsychiater Leo Kanner (1894-1981) veröffentlichte 1943 ein Papier mit dem Titel «autistische Störungen des Affective Kontakts». In diesem Papier beschreibt er 11 hochintelligente Kinder, welche jedoch Probleme im sozialen Bereich hatten:
- Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen.
- Schwierigkeiten bei der Anpassung an veränderte Routinen.
- Gutes Gedächtnis.
- Empfindlichkeit gegenüber Reizen (insbesondere Geräusche).
- Resistenz und Allergien gegen Lebensmittel.
- Gutes intellektuelles Potenzial.
- Schwierigkeiten bei der spontanen Aktivität.
- (die Neigung, Worte des Sprechers zu wiederholen).
Er beschrieb diese Kinder als:
Sie haben ein starkes Verlangen alleine zu sein und haben einen Drang auf gleichbleibende Routinen.
1944
Frühkindlicher Autismus
Leo Kanner überarbeitete seine Dokumente von 1943 und nannte die autistischen Störungen 1944 «frühkindlicher Autismus». Ein Zitat aus der Zusammenfassung des Papiers:
Alle waren sehr besessen von dem Wunsch nach gleichbleibender Routine. Sie ärgerten sich sehr über Veränderungen jeglicher Art. Es wird angemerkt, dass die meisten Kinder aus Familien mit akademischer Auszeichnung stammten. Neun der 20 Familien wurden entweder in Who’s Who in Amerika oder American Men of Science oder in beiden aufgeführt.
1944
Autistische Psychopathie
Der österreichische Kinderarzt Hans Asperger (1906–1980) wurde lange als derjenige Eissenschaftler bezeichnet, der das Asperger-Syndrom erstmalig beschrieben hat. 1944 veröffentlichte erein Papier mit dem Titel «Autistischen Psychopathen im Kindesalter» , in dem er vier Knaben nicht nur zu deren besonderen Talenten beschreibt, sondern auch:
Mangelndes Einfühlungsvermögen, geringe Fähigkeit Freundschaften zu schliessen, einseitige Gespräche, intensive Beschäftigung mit einem besonderen Interesse und ungeschickte Bewegungen.
Der Begriff autistische Psychopathie hat übrigens nichts mit dem heute bekannten Begriff «Psychopathie» zu tun, sondern bedeutet eher «Psychopathologie» oder psychische Störung. Im Wesentlichen ist es ein Begriff für die Autismusstörung, welche 1987 im DSM III erstmals verwendet wurde.
1952
Schizophrenie im Kindesalter
In im ersten amerikanischen DSM-I von 1952 (Diagnostic and Statistical Manual) wird Autismus unter Schizophrenie im Kindesalter eingestuft .
Diese Klassifizierung wurde in der zweiten Ausgabe (DSM-II, 1968) übernommen.
1980
Infantiler Autismus
36 Jahre nach Leo Kanners Einführung des Begriffs «frühkindlicher Autismus» wurde der Begriff «kindlicher Autismus» im DSM-III ( 1980 ) aufgeführt und offiziell von der Schizophrenie im Kindesalter getrennt.
Interessanterweise wurde die Autismusdiagnose im DSM-III (1980) noch viel enger Abgestuft als im aktuellen DSM-5 (2013 ), so dass viele Menschen welche heute im Autismus-Spektrum diagnostiziert werden, 1980 noch keine Autismusdiagnose erhalten hätten.
1981
Asperger-Syndrom
Die englische Psychiaterin Lorna Wing (1928–2014) nahm Aspergers Arbeiten, welch etwas in Vergessenheit gerieten auf und stellte ihre Nachforschungen mit dem Bericht «Asperger-Syndrom» von 1981 sowie einem klinischen Bericht der medizinischen Welt nochmals (als Erinnerung) zur Verfügung.
Sie führte dabei auch den heute sehr bekannten Begriff Asperger-Syndrom ein – genannt nach Hans Aspergers Forschungen. In ihrer Arbeit schreibt sie:
Der Name, den er für dieses Muster wählte, war autistische Psychopathie, wobei das letztere Wort im technischen Sinne einer Abnormalität der Persönlichkeit verwendet wurde. Dies hat zu Missverständnissen geführt, da die Tendenz der Bevölkerung besteht, Psychopathie mit soziopathischem Verhalten gleichzusetzen.
Aus diesem Grund ist der neutrale Begriff Asperger-Syndrom vorzuziehen und wird hier nun verwendet.
1987
Autismusstörung
Der Begriff «kindlicher Autismus» wurde durch den Begriff «Autismusstörung» im DSM-III-R (1987), einer überarbeiteten Ausgabe des DSM-III (1980), ersetzt
Erstmals war auch eine Checkliste mit diagnostischen Kriterien verfügbar.
1993–1994
Asperger-Syndrom
Der von Lorna Wing 1981 neu geprägte Begriff «Asperger-Syndrom» wurde in den ICD-10 (1993) und etwas später auch in den DSM-IV ( 1994 ) aufgenommen. 50 Jahre nachdem Hans Asperger und 67 Jahre nachdem Grunya Sukhareva diesen Autismus-Zustand beschrieben hatten.
Im äusserst einflussreichen Artikel von Lorna Wing wurde der Begriff «Asperger-Syndrom» erstmalig vorgeschlagen. Das hat dazu führte, dass diese neue klinische Diagnosebezeichnung entsprechend in die Diagnosehandbücher aufgenommen wurde. Anstelle Asperger-Syndrom hätte es aber genauso gut «Sukhareva-Syndrom» heissen können.
Man stelle sich das mal vor: Aspies wären dann Sukharies geworden…
1994
Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
Das DSM-IV (1994) führte den Überbegriff der «tiefgreifenden Entwicklungsstörungen» ein, welcher folgende Störungen umfasst
- frühkindlicher Autismus (F84.0)
- atypischer Autismus (F84.1)
- Rett-Syndrom (F84.2)
- Andere desintegrative Störungen des Kindesalters (F84.3)
- Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien (F84.4)
- Asperger-Syndrom (F84.5)
- Sonstige tief greifende Entwicklungsstörungen (F84.8)
- Tief greifende Entwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet (F84.9)
2013
Autismus-Spektrum-Störung
Dem DSM-5 ( 2013 ) wurde die Grundbedingung «Autismus-Spektrum-Störung» hinzugefügt, welche alle vorherigen separaten autismus-bezogenen Diagnosen (F84.x) zusammenfasst. Die soziale (pragmatische) Kommunikationsstörung (SCD) wird als eindeutige Diagnose eingeführt.
Alle Unterkategorien und Unterscheidungen werden somit unter dem Begriff «Autismus-Spektrum-Störung» verallgemeinert. Das Asperger-Syndrom wird nicht länger als eigenständige Erkrankung angesehen, sondern als hochfunktionierende Form von Autismus. Der internationale ICD wird vermutlich diese Anpassung bis 2022 ebenfalls übernehmen.
2018
Asperger-Syndrom und hochfunktionierender Autismus
Die Forschung hat seit den Anpassungen 2013 immer noch einige Unterschiede innerhalb des Autismus-Spektrums beibehalten. Begriffe wie Asperger-Syndrom und hochfunktionierenden Autismus werden weiterhin oft verwendet. Tatsächlich liefert Google (im Zeitraum zwischen 2014 – 2020) immer noch 18.100 Ergebnisse bei einer Suche nach dem Begriff «Asperger-Syndrom» und 18.700 Ergebnisse bei einer Suche nach «hochfunktionierenden Autismus». Beide Begriffe sind in der Forschungsliteratur somit immer noch sehr populär.
Es gibt aber auch immer mehr neue Forschungsergebnisse, die auf Unterschiede zwischen dem Asperger-Syndrom und hochfunktionierendem Autismus hinweisen, was darauf hindeutet, dass ein Teil der Terminologie, welche 2013 aufgegeben wurden, einen gewissen Nutzen zu haben scheint. Der Begriff «hoch funktionierend» ist zwar etwas fragwürdig, aber die Korrelationen sollten nicht ignoriert werden. Es kann sich als nützlich erweisen, eine andere Terminologie zu entwickeln, um über echte Unterschiede zwischen hochfunktionierendem Autismus und Asperger-Syndrom sprechen zu können.
Autismus-Spektrum-Zustand
Ich stimme nicht mit allem überein, was der englische Psychologe und Professor für Entwicklungspsychopathologie Simon Baron-Cohen (1958—) sagt, aber ich lobe ihn dennoch dafür, dass er den Begriff Autismus-Spektrum-Zustand (autism spectrum condition (ASC)) anstelle von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) in vielen seiner Arbeiten verwendet, zumindest seit 2000. Ein Zustand anstelle einer Störung scheint mir viel neutraler, was nur richtig ist, wenn man bedenkt, dass ASS nicht ausschliesslich durch irgendwelche Defizite gekennzeichnet ist. Meinen Zustand als Störung zu bezeichnen wird dem nicht wirklich gerecht.
Einige andere Forscher verwenden ebenfalls bereits den Begriff Autismus-Spektrum-Zustand (ASZ/ASC). Er ist aber noch nicht allgemein gebräuchlich. Aber die Sache sieht immer positiver aus, da die Popularität des Begriffs zu steigen scheint. In der Google-Suche findet man:
- 6 Suchergebnisse des Begriffs im Jahr 2000
- 8 im Jahr 2005
- 56 im Jahr 2010
- 204 im Jahr 2015
- 262 im Jahr 2018
Vielleicht hat das mit einer generellen Zunahme der politischen Korrektheit zu tun, aber ich hoffe auch, dass die Menschen beginnen, nicht nur unsere Schwächen, sondern vor allem auch unsere Stärken zu erkennen.