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Album — Ursprünglich wollten sie nur hören, wie es klingen könnte, die im südöstlichen Nigeria verbreitete Sprache Ibibio mit möglichst eingängiger Musik zu paaren. Sängerin Eno Williams sollte ein paar in ihrer Kindheit aufgeschnappte Geschichten in Originalsprache singen, und einige ihrer Freunde würden dazu jammen. Bald war aus diesem locker entworfenen Projekt eine achtköpfige Band aus versierten, eklektischen Musikerinnen und Musikern geworden, beispielsweise Alfred Kari Bannerman, der als Mitglied der Afrobeat-Band Osibisa Legendenstatus hat. Deren Wichtigkeit für die Popularisierung moderner afrikanischer Musik im angelsächsischen Raum kann kaum überschätzt werden. Westafrikanische Highlife-Musik, Jazz-Funk, New Wave, Afrobeat, Disco, Soul, Post-Punk, karibische und lateinamerikanische Musik, Gospel und breitester 80er-Jahre-Schmalz-Rock – all das findet auf den Alben der Londoner Band zusammen.
Auf den ersten beiden Alben zwängten Ibibio Sound Machine (ISM) die ganze Bandbreite ihres rhythmischen Repertoires häufig noch in einzelne Tracks und führten dadurch in ihren besten Momenten zu berauschenden polyrhythmischen Reizüberflutungen, gelegentlich um den Preis anstrengender Überladenheit. «Doko Mien», ihr Drittling, verteilt diese Vielseitigkeit stärker und ausgewogener auf die elf Stücke, die dadurch mehr den Charakter von herkömmlichen Liedern statt fiebrigen Jams bekommen.
Trotzdem kommt auf «Doko Mien» ein erstaunliches Sammelsurium zusammen. «She Work Very Hard» etwa, das schmissigste Stück der zweiten Albumhälfte, unterlegt das Pathos eines lupenreinen 80er-Jahre-Disco-Hits mit treibend blubbernden Synthies und einem staubtrockenen, von einer zunehmend ekstatisch flimmernden Wah-Wah-Gitarre getragenen Funk. «Guess We Find a Way» hingegen überrascht mit einer warmen, schimmernden Psychedelik, die insbesondere Freundinnen und Freunde der wolkigen Spinnereien von Connan Mockasin oder Tame Impala betören wird.
Die Überführung einer Jam-Dynamik ins Studio scheint ISM hier gelegentlich Schwierigkeiten zu machen. Einige Stücke wirken dadurch eigentümlich zurechtgekürzt. «Basquiat» etwa lässt sich viel Zeit für die Eröffnung und leitet erstaunlich bald ins Fade-out über, deswegen wirkt es eher wie der Trailer für eine vermutlich enorm einnehmende Live-Version. Auch das bloss zweiminütige «I Will Run» ist schon zu Ende, wenn es kaum erst angefangen hat. Das ist ein wenig schade um den wunderschönen Electropop-Gospel-Song, der vom Kontrast zwischen nervösem Synthiesprudeln und fast andächtiger Vokalmelodie getragen wird und trotz seiner Kürze einen Höhepunkt des Albums darstellt.
Williams ist wichtig, dass es sich bei Ibibio Sound Machine nicht um ein rückwärtsgewandtes Projekt handelt – also um Musik, die bloss die Summe zahlreicher nostalgischer Verweise auf Genres ist, die in den 70ern und 80ern ihre Blüte hatten. Für sie sei ISM unbedingt eine Band des Hier und Jetzt. Im Gespräch mit der Online-Plattform Africavivre erwidert sie auf die Frage, ob ihre Musik «hybrid» sei: Durchaus, aber eher im Sinne eines modernen Hybridautos. Tatsächlich kommt ISMs Musik nicht collagenhaft oder als Stückwerk daher. Auf «Doko Mien» passt scheinbar Widerspruchsvolles oder Fremdes am Schluss immer besser und mit mehr Selbstverständlichkeit zusammen, als der erste Anschein erahnen lässt. Naysayers be damned! Wenn Williams Recht hat und die Zukunft der Popmusik so klingt wie die ihre, dann wäre das Grund zu Optimismus.