Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03329.jsonl.gz/1486

14,612 Kilometer Tunnel in viereinhalb Jahren
Am 31. März 1911 erfolgte der Durchstich des 14,612 Kilometer langen Lötschberg-Tunnels. Die seitliche Abweichung der Stollenachsen an der Durchbruchstelle betrug lediglich 247 Millimeter, die Höhenabweichung 102 Millimeter. 31 Jahre nach dem Durchstich des knapp 400 Meter längeren Gotthard-Tunnels hatte die Schweiz einen zweiten wichtigen Alpendurchstich für die Eisenbahn.
Der 34 Jahre vor dem Lötschbergtunnel begonnene Bau des 15 Kilometer langen Gotthardtunnels war geprägt von fast unmenschlichen Bedingungen. Dies galt von der Unterkunft über die Hygiene, Versorgung und Verpflegung der Bauarbeiter bis hin zu den aus heutiger Sicher äusserst schlechten und ungesunden Arbeitsbedingungen im Berg. Trotz der dieser schwierigen Umstände, aber auch trotz der damals bescheidenen Ausrüstungen und Hilfsmitteln wurden Vortriebsleistungen von durchschnittlich 4,47 Meter pro Tag erreicht. Der Bau bis zum Durchstich dauerte sieben Jahre und fünf Monate. 177 Tote unmittelbar auf der Baustelle und Tausende von Verletzten waren zu beklagen. In den ersten fast vier Jahrzehnten wurde die Gotthardstrecke und der Tunnel mit Dampflokomotiven befahren.
Von Anfang an gut geplante Bauinfrastruktur am Lötschberg
Bei Baubeginn des Lötschbergtunnels leisten in Kandersteg sowie in Goppenstein und in Naters grosse Installationsplätze mit Maschinenhallen, Magazinen, Werkstätten und Bürogebäuden wertvolle Dienste. Sowohl in Kandersteg wie in Brig wurden Notspitäler eingerichtet. In Brig bezahlte die Bauunternehmung 50'000 Franken an den Bau eines neuen Bezirkspitals – als Gegenleistung hielt man im Krankenhaus stets zwanzig Betten für kranke und verletzte Bauarbeiter bereit. Kandersteg und Goppenstein beherbergten während etwa fünf Jahren bis zu 10'000 Arbeiter: Tessiner, Berner, Franzosen, Serben, Mazedonier arbeiteten am Lötschberg – zum grössten Teil aber waren es Italiener, die als tüchtigste Tunnelarbeiter galten.
Auf der Südseite wurden die Leute vorerst im Knappenhaus eines alten Bergwerks und in Sommerhäusern oder Scheunen untergebracht. Viele der Italiener reisten jedoch mit der ganzen Familie an. Allein in Goppenstein erstellte man vierzig neue Wohnhäuser, die Bevölkerung wuchs um rund 5000 Personen an. Sowohl in Kandersteg wie in Goppenstein wurden 200 bis 240 Kinder in Schulen einer italienischen Organisation unterrichtet.
Der Kampf gegen einen gewaltigen Berg
Offiziell wird am 1. Oktober 1906 in Kandersteg der erste Spatenstich ausgeführt; in Goppenstein beginnt der Tunnel-Voreinschnitt 14 Tage später.
Die Arbeitsbedingungen sind, insbesondere für die unter Tag arbeitenden Mineure, hart, gefährlich und ungesund. Im Tunnelinnern herrschen Temperaturen bis zu 32,5 Grad und die Luft ist stickig und staubig. Gearbeitet wird in drei Schichten zu acht Stunden; sieben Tage pro Woche. Die Arbeit ruht nur an hohen Feiertagen. Die Dauer eines sogenannten Angriffs, bestehend aus Bohrung, Ladung, Sprengung und Schutterung (Abtransport des gesprengten Materials), beträgt im Durchschnitt 4,45 Stunden. Die Vortriebsleistungen von 7,33 Meter pro Tag, oder monatlich 220 Metern sind beachtlich im Vergleich zum Bau des Gotthardtunnels 35 Jahre früher. Bis zum Durchschlag werden 12'870 Angriffe ausgeführt. Insgesamt werden rund 460'000 Bohrer und 370'000 Kilo Dynamit verbraucht.
Die schlimmsten Unfälle und die Folgen
Insgesamt waren beim Bau des Lötschbergtunnels 64 Tote und 4596 Verunfallte zu beklagen. Bei den Opfern handelte es sich vorwiegend um italienische Bauarbeiter. Es gab zwei besonders schlimme Unfälle, die sich beide im Jahr 1908 ereigneten.
Am 29. Februar donnert eine Lawine auf ein Gebäude in Goppenstein, in dem 30 Leute beim Abendessen sitzen. Für zwölf der Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Am 24. Juli desselben Jahres bricht während den Bohrarbeiten direkt unter dem Gasterntal Wasser und Sedimentgestein in den Tunnel ein. Rund 7000 Kubikmeter Schutt füllte den Stollen innerhalb von zehn Minuten auf einer Länge von 1500 Metern ganz oder teilweise. Dabei kamen 25 italienische Mineure ums Leben. Nach diesem Unfall wurden die Bauarbeiten während mehreren Monaten unterbrochen. Fachleute projektierten eine drei Kurven umfassende Umfahrung der Problemzone. Dadurch verlängerte sich der Lötschbergtunnel um 800 Meter – auf total 14'612 Meter.
Der Tunnel wird durchschlagen
Ab 15. März 1911 erhalten die Mineure die Weisung, mit grosser Vorsicht zu arbeiten. Gemäss den Triangulationsberechnungen sind die beiden Stollen nur noch 100 Meter voneinander entfernt. 10 Tage später hören die Mineure der Südseite zum ersten Mal die Explosionen auf der Nordseite. Am 31. März 1911 um 3.50 Uhr morgens erfolgt die letzte Sprengung - der Lötschberg ist durchschlagen, nach viereinhalb Jahren harter Arbeit und etlichen Verlusten an Menschenleben.
Bereits Ende September 1912 war das erste Gleis gelegt und befahrbar. Und acht Monate später, Anfang Juni 1913 war auch das zweite Gleis gelegt und der ganze Tunnel elektrifiziert, am 3. Juni erfolgte die erste Durchfahrt mit einer elektrischen Lokomotive durch den Lötschbergtunnel.
Vom ersten Spatenstich bis zur ersten Durchfahrt wurden nur 6 Jahre und 8 Monate benötigt, eine auch heute noch höchst beeindruckende Leistung. (mai)