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Sie ernten Gemüse oder arbeiten in der Fabrik; sie posieren im Hochzeitskleid oder flanieren durch die Stadt; sie regeln den Verkehr oder demonstrieren für Frauenrechte: Diese und viele andere Bilder von Frauen zwischen 1868 und 2018 hat die Initiative «Regards retrouvés» für den soeben erschienenen Bildband «Elle(s) – Sie» zusammengetragen. Das Buch umfasst rund 130 Fotografien von Berufs- und Amateurfotografen; etwa fünfzig davon sind derzeit in der Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg ausgestellt. Die Bilder stammen aus den Fotosammlungen der Kantons- und Universitätsbibliothek und des Greyerzer Museums in Bulle sowie aus dem Archiv der Zeitungen «Freiburger Nachrichten» und «La Liberté». Redaktionsleiter Christophe Dutoit hat Zehntausende von Fotos gesichtet, um die Auswahl zu treffen. Die Vielfalt der Frauenbilder und der Wandel im Laufe der Zeit hätten ihn beeindruckt, sagt der Journalist und Fotograf.
Männlicher Blick auf die Frauen
Auffallend sei, dass der Blick auf die Frau in der Freiburger Fotografie bis in die 1980er-Jahre ein fast ausschliesslich männlicher sei. Erst in den letzten dreissig Jahren wurden hier Berufsfotografinnen tätig, doch sie holten schnell auf: «Heute teilen sich die Frauen den Markt mit den Männern, und an den Kunstschulen studieren mehr Frauen als Männer Fotografie», so Dutoit. So wird die Fotografie selbst zum Sinnbild für das, wovon die Bilder im Buch erzählen: vom Wandel der weiblichen Lebenswelt, von der Emanzipation der Frauen, von ihrer Kraft und ihrem Selbstbewusstsein.
Als in den 1860er-Jahren die ersten Porträts von Freiburgern entstanden, hatten die Frauen auf den Bildern oft nicht einmal einen Namen. «Sie wurden porträtiert als Ehefrauen, Mütter oder Töchter, doch oft vermerkten die Fotografen nur die Namen der Männer», sagt Dutoit. Bis in die 1950er-Jahre kümmerten sich die Frauen vornehmlich um Kinder und Haushalt und arbeiteten als Bäuerinnen, Krankenschwestern oder Zahnarztassistentinnen. Dann tauchen allmählich Bilder auf wie das einer jungen Chemikerin aus dem Jahr 1950 von Benedikt Rast (1905–1993) oder das undatierte Foto eines unbekannten Urhebers von Solange de Diesbach de Belleroche (1904–1983), die als eine der ersten Frauen in der Schweiz eine Militärkarriere einschlug. Auch die politischen Vorkämpferinnen fehlen nicht: die erste Freiburger Nationalrätin Liselotte Spreng (1971), die erste Staatsrätin Roselyne Crausaz (1986) oder Staatsrätin Ruth Lüthi, die als erste Westschweizerin eine kantonale Regierung präsidierte (1996). Die jüngsten Bilder im Band stammen aus den letzten Jahren und zeigen etwa Frauen am nationalen Frauenstreiktag 2011 oder an der Gay Pride 2013. «Das Projekt ‹Regards retrouvés› beschäftigt sich mit der Vergangenheit, doch diese Vergangenheit reicht bis in die Gegenwart hinein», sagt Christophe Dutoit. Als Ganzes betrachtet trügen so alle ausgewählten Fotografien dazu bei, das Gestern und das Heute besser zu verstehen.
Werbung, Laufsteg und Cabaret
Mit dem besonders reizvollen Kapitel «Charme und Verführung» enden Buch und Ausstellung. Hier finden sich Werbefotografien für Perlen, Waschmittel oder Bier von Leo Hilber (1930–1986), Bilder von Models, Schönheitsköniginnen und Cabaretkünstlerinnen und gar die eine oder andere Aktfotografie. Besonders viele dieser Bilder stammen von Jacques Thévoz (1918–1983), jenem Freiburger Fotografen, der dem weiblichen Charme vielleicht mehr als jeder andere erlag und der es als erster wagte, die weibliche Nacktheit zu inszenieren. Die Dominanz des männlichen Blicks werde in diesen Bildern besonders deutlich, sagt Christophe Dutoit. Freizügige und aus heutiger Sicht sexistische Bilder habe es durchaus auch im katholischen Freiburg gegeben, doch die Grenzen der Vulgarität hätten die Freiburger Fotografen kaum einmal überschritten.
Ausstellung: Bis zum 1. September in der Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg: Mo. bis Fr. 8 bis 22 Uhr, Sa. 8 bis 16 Uhr.
Buch: Ab sofort erhältlich im Buchhandel oder bei Editions La Sarine (45 Franken).
Projekt
Ungewisse Zukunft für «Regards retrouvés»
«Regards retrouvés» ist eine Initiative der Kantonsbibliothek, des Greyerzer Museums, der Editions La Sarine und der Plattform notrehistoire.ch. Sie wurde 2013 gegründet, um die Freiburger Fotosammlungen mit Büchern und Ausstellungen besser bekannt zu machen. «Elle(s) – Sie» ist der dritte Teil der Reihe nach «Die Strasse» (2014) und «Der Berg» (2016). Wie es weitergeht, ist derzeit unklar. Bisher habe eine Handvoll Personen das Projekt getragen, sagt Jean-Bernard Repond von Editions La Sarine. Jetzt brauche es eine stabilere Basis wie etwa einen Verein. Der Wille, weiterzumachen, sei aber da.