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China verzeichnet in den Jahren 2010 bis 2020 das langsamste Bevölkerungswachstum seit den 1950er-Jahren. Die Regierung zögerte mit der Veröffentlichung der Zahlen, die alle zehn Jahre erhoben werden, denn sie weisen auf ein Zukunftsproblem mit einer massiven Überalterung hin. Nach Jahrzehnten der Ein-Kind-Politik werden heute aber zwei Kinder als unerschwinglich gesehen.
von Axel Amweg
In China entscheidet eine Behörde darüber, ob und wie viele Kinder man haben soll. Die Frauen werden gezwungen, auf intime und persönliche Entscheide zu verzichten, damit eine Behörde in ihr Leben eingreifen kann. Jetzt kommt in China von Demografen, Zentralbankern und Unternehmern der Ruf nach einer Aufhebung der Geburtenbeschränkungen. Sie erkennen in einem signifikanten Rückgang der Erwerbsbevölkerung ein grosses Problem.
China hat seit 1980 eine sehr strenge Geburtenkontrolle: ein Kind pro Paar. Überschreitungen werden seit Jahrzehnten mit Zwangsabtreibungen, Sterilisationen und Geldstrafen geahndet. Die offensichtliche Konsequenz ist: Es gibt keine Selbstbestimmung. Der Staat entscheidet, erlegt Regeln auf, schreibt vor und bestraft. Nach Jahrzehnten der strikten Geburtenkontrolle hat sich die Gesellschaft auf dieses Modell eingerichtet, das vor allem ein ökonomisches Modell ist. Die Kehrseite davon zeigt sich jetzt, da heute ein grosser Teil der Bevölkerung in mehr als einem Kind unerschwingliche Kosten sieht.
Bereits 2016 hatte China die Ein-Kind-Politik aufgegeben und allen Paaren erlaubt, zwei Kinder zu bekommen, aber die Lebenskosten hatten eine abschreckende Wirkung. Deshalb lautet heute die Aufforderung, doch drei Kinder zu bekommen. Kinder zu verbieten war wesentlich einfacher, als die Geburtenraten zu erhöhen.
Der politische Apparat betont deshalb, die Interessen der arbeitenden Frauen gut zu schützen, damit die Lust auf mehr Kinder steige. Denn in den vergangenen zehn Jahren ist die Bevölkerung nur noch um jährlich 0,53 Prozent gewachsen. Dadurch steigt die Überalterung weiter an.
Die über 60-Jährigen machen heute 264 Millionen von 1, 4 Milliarden Einwohnern aus, während die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter weiter zurückgeht.
Im Vergleich zu 2019 wurden im vergangenen Jahr 15 Prozent weniger Neugeborene gemeldet – etwa zehn Millionen Babys. Die Geburtenrate sank auf das Niveau von alternden Gesellschaften wie in Japan. Der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt steht somit ein Bevölkerungsrückgang bevor. Im Gegensatz zu andern Industrienationen konnten aber die Haushalte keine Vermögen anhäufen. Den künftigen Alten fehlt das Geld, wenn nicht neue Generationen die Wirtschaft weiter ausdehnen. Wirtschaftsexperten warnen deshalb, dass die Überalterung der Gesellschaft den Konsum auf dem Milliardenmarkt und das Wachstum bremsen werde, ebenso den Aussenhandel.
Zudem zweifeln Experten die veröffentlichten Zahlen an. Der Familienplanungsexperte Yi Fuxian von der Universität von Wisconsin geht bereits für die Zeit ab 2018 von einer Schrumpfung der Bevölkerung in China aus, wie er gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte. Aus seiner Sicht wurde China als bevölkerungsreichstes Land längst von Indien abgelöst, das 1,3 Milliarden Menschen zählt. «Die wahre Bevölkerungszahl hat 2020 höchstwahrscheinlich die 1,28 Milliarden nicht überschritten – weit weniger als die offiziell genannten 1,4 Milliarden», sagte Yi Fuxian. Er zählt mehrere Widersprüche auf: So seien im Jahr 2000 beispielsweise 17,8 Millionen Geburten gezählt worden, doch habe es 14 Jahre später nur 13,7 Millionen 14-Jährige gegeben. Aus seiner Erfahrung werde die Zahl der Geburten in der chinesischen Statistik ständig zu hoch angegeben.