Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03660.jsonl.gz/2014

… vor Jahrtausenden und heute
Flöten in verschiedensten Formen wurden von den meisten Urvölkern gespielt und hatten häufig eine spirituelle magische Bedeutung. Die ersten Gefässflöten, zu deren Familie die Ocarina gehört, wurden in fast allen alten Hochkulturen in Mittelamerika, Ägypten und China aus Bienenwachs, Muscheln, Knochen, Ton, oder aus einer hohlen Fruchtkapsel gebaut. Diese Urflöten waren meist in den Formen von Menschen und Tieren, im Besonderen Vögel geschaffen und hatten vier oder weniger Fingerlöcher. Die im Alten China bekannte eiförmige ‚Xun‘ hat ein Blasloch und 8 Fingerlöcher.
Aus der Zeit der Mayas und Azteken wurden Tonflöten gefunden deren Form von der reichhaltigen Glaubenswelt dieser Völker zeugen. Vogelfedern, kostbare Edelsteine und symbolreiche Muster verstärkten die Macht der Instrumente.
In der Mythologie der Indianer gelten Vögel als besonders bedeutungsvolle und magische Tiere, da sie sich zwischen Himmel und Erde bewegen und somit die Verbindung dieser zwei Welten verkörpern.
Mit dem reinen, Vogelstimmen ähnlichen Klang der kleineren Ocarinas, welche die Kräfte der Vogelwesen in sich tragen, riefen die peruanischen Schamanen die Geister zur Unterstützung ihrer Heilungszeremonien. Noch heute ist für sie die Ocarina ein machtvolles Instrument in der Durchführung ihrer spirituellen Rituale.
Von der Urzeit bis etwa ins Mittelalter wurde angenommen, dass das Spielen eines Instruments eine Art zu zaubern sei. Das Märchen vom Rattenfänger von Hameln mit seiner magischen Flöte ist hierfür ein gutes Beispiel. In einigen angelsächsischen Ländern setzte man eine Art Flöte aufs Dach. Der durch den Wind entstandene Ton sollte die ‚bösen Geister‘ in sicherem Abstand vom Haus halten. In Bayern wurden kleine Tonflöten in die Wiege gelegt, um das Baby zu beschützen.
Es war in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Italiener Giuseppe Donati von Budrio in der Emilia Romagna diese Gefässflöten ‚wieder entdeckte’ und ihnen den Namen ‚Ocarina’ gab, was auf italienisch ‚kleine süsse Gans’ oder ‚Gänschen‘ bedeutet und der damaligen Form entsprach. Donati, Hobbymusiker und Tonbrenner, entwickelte die Ocarina soweit, dass er ein Set von acht Grössen produzieren konnte, von den klitzekleinen Sopranos bis zu den riesengrossen Bassocarinas von dem jede Ocarina mehr als eine Oktave umfasste. Mit der Methode des Ton-Giessens gelang es Donati Serien in Konzertqualität zu produzieren. Dies führte zur Bildung eines reinen Ocarina Ensembles, dem ‚Gruppo Ocarinistico Budriese‘ und seinem ersten öffentlichem Auftritt 1863 in Budrio. Die darauf folgenden Tourneen durch Europa, Amerika, Australien und andere Länder waren der Beginn eines weltweiten Ocarinabooms.
Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Ocarina auch in den Vereinigten Staaten wegen ihrer Form unter dem Namen ‚Sweet Potato‘ (deutsch: Süsskartoffel) bekannt. Während des zweiten Weltkrieges soll die amerikanische Regierung für die Soldaten massenproduzierte Ocarinas aus Plastik als seelenstärkendes Aufmunterungsmittel eingeführt haben.
Im Konsolenspiel ‚The Legend of Zelda: Ocarina of Time‘, das weltweit millionenfach verkauft wurde, spielt der Held seine magische Ocarina, um sich an verschiedene Orte zu teleportieren oder andere Aufgaben zu bewältigen. Nicht zuletzt auch dadurch, gewann dieses archaische, als magische geltende Instrument mit dem reinen, warmen Klang heutzutage auch in der breiten Bevölkerung an Popularität.Durch den Südtiroler Volksmusikant Franz Kofler, der die Ocarina in sein umfangreiches Volksmusikschaffen einbaute, lebte die Ocarina im deutschsprachigen Raum neu auf. Seither wuchs die Ocarina zu einem festen Bestandteil in der alpenländischen Volksmusikszene Österreichs, Südtirols und Bayerns.
Heute gibt es Ocarinas in so vielen verschiedenen Formen und Variationen wie es OcarinabauerInnen gibt denn der Gestaltung von Ocarinas sind (fast) keine Grenzen gesetzt. Die innewohnende Magie der Ocarina lebt weiter und begeistert immer mehr Kinder und Erwachsene rund um die Welt.