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Geoffrey Chaucer, Canterbury-Erzählungen
Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1971
Geoffrey Chaucer schreibt sein epochales Werk, die „Canterbury-Erzählungen“, zwischen 1387 und 1400, also nur wenige Jahrzehnte nach Boccaccios „Decamerone“. Dass sich die beiden Klassiker der Weltliteratur in Form und Inhalt ähneln, ist kein Zufall. Chaucer, der als Diplomat im Staatsdienste Englands auch Italien und Frankreich bereist, kennt mindestens Boccaccios Werk, möglicherweise sogar den Dichter persönlich. Beide Werke folgen dem gleichen Bauprinzip, der Novellensammlung eingefasst in eine Rahmenerzählung, die durch ihre Vielzahl an Erzählstimmen ein detailreiches Gesellschaftsbild zeichnet.
In den Canterbury Tales machen 30 Pilger auf dem Weg nach Canterbury Zufallsbekanntschaft in einem Wirtshaus. Man beschließt nicht nur gemeinsam zu reisen, sondern außerdem einen Erzählwettbewerb zu veranstalten. So soll jeder Pilger vier Geschichten zum Besten geben, zwei auf dem Hin- und zwei auf dem Rückweg. Der Reisende mit der besten Geschichte, was in diesem Fall „die erbaulichste und lustigste“ heißt, gewinnt ein Mahl im Wirtshaus. Chaucer beendet sein Mammutprojekt nie, von den im Prolog angekündigten 120 Geschichten schreibt er lediglich 24 bevor er stirbt.
Doch auch mit nur 24 Erzählungen wird sein Werk ihn unsterblich machen. Die Vielzahl der erhaltenen Manuskripte bietet Grund zur Annahme, dass die Geschichten schon kurz nach seinem Tod beliebt gewesen sein müssen. Sprachgeschichtlich haben die Canterbury Tales einen fast singulären Status als wichtigstes Werk des Spätmittelenglischen. Ähnlich wie Dantes Werke im Italienischen, etablieren Chaucers Erzählungen Englisch als Literatursprache, als die bis dato fast ausschließlich Latein und Französisch gelten. Ist das Original in Versform geschrieben, macht die Prosafassung der Manesse Ausgabe die bekannten und häufig zitierten Erzählungen dem modernen Leser zugänglicher.
Und zugänglich sind die Geschichtchen allemal. Während die Runde von Boccaccios Figuren sehr homogen ist, ähnelt Chaucers Gesellschaftsporträt mehr einem Wimmelbild: Außer König und Bettler sind alle Stände und Ränge vertreten. Hier treffen sich Ritter und Müller, Kaufmann und Nonne, Landvogt, Koch und Arzt. Unter den Pilgern sind schöne und unansehnliche, dicke und dünne, dumme und kluge Gesellen. Dem sozialen Status der unterschiedlichen Reisenden entsprechend changieren die Erzählungen stark im sprachlichen Ausdruck, zwischen gehobener und einfacher Sprache, aber auch in der Annäherung an ein Thema. Häufig nehmen zwei oder mehr Geschichten ein Thema auf und beleuchten es aus verschiedenen Perspektiven. So wird das Ideal der höfischen Liebe aus der Erzählung des Ritters von der wesentlich derberen Variante des Müllers ergänzt, die mit Ehebruch und einer nackten Arschbacke endet. Selbst die Schönheit der Zimmermannsfrau entspricht einem durchaus weltlicheren Ideal als den üblichen Sternen am Firmament, mit denen die Augen der Angebeteten so oft verglichen werden. Hier – Freunde der Numismatik aufgepasst – glänzen die Augen „frischer als neugeprägte Münzen“!
Wie Boccaccio hält auch Chaucer mit seiner Meinung über die Kirche kaum hinterm Berg: Die Geistlichen saufen, brechen ihr Zölibat und erpressen sich mit dem Ablasshandel ein goldenes Näschen. Chaucer ist ein Meister der subtilen Ironie, was das Lesen zum reinsten Vergnügen macht. Und sollte dem verehrten Leser eine Geschichte doch einmal zu unzüchtig sein, erinnert uns Chaucer, solle man sie getrost auslassen und dran denken: „Es ist doch alles nur ein Spaß.“
Teresa Teklić