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Im Januar 2015 posieren zwei junge Männer im Ural mit einer entsicherten Handgranate; nur das Handy überlebt. Im gleichen Monat sterben drei junge Inder, die sich so dicht wie möglich vor einem herannahenden Zug ablichten wollten.
Im März drängen sich sieben Inder für ein Selfie auf die eine Seite eines Bootes; das Schiff kentert, alle ertrinken. In Rom verbietet das Kolosseum den Zutritt mit Selfie-Sticks, nachdem zwei amerikanische Touristinnen verhaftet worden sind. Sie hatten ihre Initialen in eine antike Mauer geritzt und sich davor fotografiert.
Im Mai fällt ein 21jähriger Indonesier in einen Vulkankrater auf Java und stirbt; die Parkverwaltung verspricht, bald einen sicheren «Selfie Spot» auf dem Berg einzurichten.
Natürlich hatte Wayne Fromms Mutter nicht ahnen können, dass ihre Fotoregel die Maxime einer ganzen Generation werden würde. «Wenn du Bilder von Landschaften willst, kauf dir Postkarten», hatte sie ihrem 17jährigen Sohn vor seiner Europareise eingeschärft. «Wenn du Bilder von Sehenswürdigkeiten willst, sorg dafür, dass du davorstehst. Fotos sind später nur interessant, wenn man im Bild ist.» Drei Monate lang trampte Wayne durch England, Frankreich, die Schweiz, und als er nach Kanada zurückkam, brachte er eine einzige Filmrolle mit: Er selbst vor dem Genfer Jet d’eau. Er selbst, einen Schneehang hinabrutschend. Er selbst vor einem Gletscher, leider gerade blinzelnd. Vierundzwanzig Fotos, und auf jedem war er drauf. Das war 1972. Bis Wayne auf die Idee kam, dass es dafür eine andere Möglichkeit gab, als die Kamera Fremden in die Hand zu drücken, sollte es noch dreissig Jahre dauern.
Wayne Fromm ist 60 und sieht aus wie eine optimierte Version seiner selbst. Kein graues Haar, kein Gramm zu viel, ein Gesicht wie weichgezeichnet. Gerade wühlt er in einem Stapel Fotostangen in einem Souvenirgeschäft. Fünfzehn kanadische Dollar kostet der billigste Selfie-Stick auf der kanadischen Seite der Niagarafälle, rund elf Franken. «In ein paar Monaten sind die kaputt», sagt Wayne, dreht ein bisschen an der Stange, rüttelt ein wenig an der Halterung, dann hat er das Interesse verloren. Früher durchkämmte er das Internet und die Geschäfte, um Kopien seines «Quickpods» zu finden. Aber das sei Zeitverschwendung. «Fälscher sind wie Ameisen, die sich über ein Picknick hermachen – gierig und unkontrollierbar.»
Wayne hat Erfahrung, er hält ein Reihe von Patenten, darunter das amerikanische mit der Nummer 7684694 für einen «Apparat, um eine Kamera zu stützen, und eine Methode, wie der Apparat zu gebrauchen ist». Zwar gibt es noch ein abgelaufenes Patent von 1983 für eine Fotostange, die ein Japaner für Minolta entwickelt hatte. Aber diese war nur für eine bestimmte Kamera zu gebrauchen und setzte sich nie durch; überlebt hat die Stange als Eintrag in einem Buch über 101 nutzlose japanische Erfindungen. Der Hype um den Selfie-Stick sei jedenfalls nicht auf das obskure japanische Modell zurückzuführen, sagt Wayne, sondern auf seine Arbeit. Die Idee sei nur der Anfang gewesen. «Ich habe danach Jahre investiert, um den Leuten zu erklären, wozu man das Teil überhaupt braucht.»
Der Gedanke kam Wayne, als er mit seiner Tochter Sage Florenz besichtigte und wie immer Mutters Fotogesetz befolgte: Er knipste Sage vor dem Ponte Vecchio, sie knipste ihn vor dem Ponte Vecchio, dann versuchten sie, jemanden zu finden, der Englisch verstand und sie gemeinsam vor dem Ponte Vecchio knipsen würde. In dem Moment erkannte Wayne, dass es für dieses Problem eine bessere Lösung geben musste. Eine, die Hunderttausende Touristen davor bewahren würde, Fremde anzusprechen. Eine, bei der keine Passanten mehr ins Bild stolperten und kein Risiko mehr bestünde, dass jemand mit der Kamera türmt. «Wouldn’t it be nice», fragte sich Wayne, und dieser Halbsatz stand am Anfang all seiner Erfindungen: «Wäre es nicht nett, wenn die Kamera schweben könnte, als würde ein Geist sie halten?» Gleichzeitig tauchte auf der anderen Seite der Welt ein neues Wort auf. In Australien, wo sich die Einheimischen «Aussies» nennen und wo man jeden «policeman» zum «policie» und jedes «barbecue» zum «barbie» macht, postete ein Mann ein Foto in einem Forum. Darauf waren seine zerschundenen Lippen zu sehen, genäht nach einem Sturz in betrunkenem Zustand. «Und sorry wegen des Ausschnitts», schrieb der Mann mit dem Nickname Hopey dazu. «Es war ein Selfie.»
Das war 2002. Zwei Jahre, bevor Facebook online ging, vier Jahre, bevor Twitter gegründet wurde, fünf Jahre, bevor Apple das iPhone auf den Markt brachte, acht Jahre, bevor Instagram im App-Shop zu finden war, elf Jahre, bevor Oxford Dictionaries den Ausdruck «selfie» zum Wort des Jahres wählte. Und zwölf Jahre, bevor der Selfie-Stick von Südostasien her die Welt eroberte, ohne Wayne Fromm dabei zum Multimillionär zu machen.
Im Mai 2015 stolpert ein Tourist aus Singapur von einer Klippe in Bali, als er ein Selfie aufnimmt; er ertrinkt.
Im Juni zückt ein Mann auf einer Achterbahn im Disney California Adventure Park seinen Selfie-Stick. Die Fahrgäste hängen nach dem Notstop eine Stunde in der Luft, Disney verbannt die Fotostangen weltweit aus seinen Parks.
Im Juli nimmt ein Bison im Yellowstone-Park eine 43jährige Frau auf die Hörner, als sie ihm den Rücken zudreht und vor ihm ins Smartphone lächelt; sie wird verletzt. In Wales stirbt ein Wanderer in einem Gewitter; möglicherweise, so die Behörden, hat sein Selfie-Stick als Blitzableiter gewirkt.
Die Niagarafälle sind für Wayne günstig gelegen. Er lebt im kanadischen Toronto und hat in Buffalo auf der amerikanischen Seite einen Geschäftssitz: Das Städtchen Niagara Falls liegt dazwischen. Die Fälle haben für ihn aber auch nostalgischen Wert. Hier sind einige der Werbeaufnahmen für seine erste Fotostange entstanden. «The world’s first handheld extendible monopod» nannte Wayne das Teil damals. «Das war natürlich etwas weniger eingängig als der Name Selfie-Stick», sagt er.
Hunderte von Arbeitsstunden hatte er getüftelt. Allein die ausziehbare Stange: Wayne studierte die Mechanismen von Stativen, Regenschirmen und Radioantennen. Anders als bei Antennen durften die ineinandergleitenden Stangen aber nicht rund sein, weil sie sich sonst drehten – und mit ihnen die Kamera, die darauf befestigt war. Ovale Stangen konnte ihm aber keine Fabrik in Nordamerika liefern, er musste in China produzieren lassen. «Ich wurde von Monat zu Monat nervöser, dass jemand auf die gleiche Idee kommen und schneller sein könnte», sagt Wayne. Aber er wollte unbedingt ein Gerät auf den Markt bringen, das langlebig war, wasserfest und leichter als eine Sonnenbrille. Eines, das man einmal kauft und ein Leben lang benutzt. Ein unverwüstliches Qualitätsprodukt nach all den flüchtigen Plasticvergnügen, die er bis dahin erfunden hatte.
Wayne hatte Karriere in der Spielzeugwelt gemacht; sein erstes Produkt war ein Seifenblasenset gewesen, das Kinder als Kette um den Hals trugen. Ende der 1980er Jahre hatte Wayne einen Prototyp entwickelt und die Telefonnummer von Disney aus dem Telefonbuch herausgesucht. Die ersten 10 000 Stück waren noch ein Verlustgeschäft; vor Begeisterung über die Zusage hatte er den Preis zu tief angesetzt. Aber als er daraus blaue «Arielle»-Flaschen machte, verkauften sich Hunderttausende davon. Danach dachte sich Wayne anderes Quengelzeugs aus, das er an seiner Tochter und ihren Freundinnen testete: den «Magic Milkshake Maker» für Mickey Mouse und Nesquik, Aladins sprechende Wunderlampe und eine Art narzisstischer Vorläufer des Selfie-Sticks: batteriebetriebene Plasticspiegel zu «Schneewittchen», «Die Schöne und das Biest» und «Barbie», die ihren Besitzerinnen versicherten, wie schön sie seien.
Wayne meldete seinen Quickpod 2005 zum Patent an und verbrachte die nächsten Jahre damit, ihn vorzuführen. Wenn Leute sahen, wofür er taugte, kauften sie ihn auch, die Einkäufer der grossen Fotohändler etwa. In den Geschäften aber blieben die Stangen in den Gestellen liegen. Heute könne man sich das nicht mehr vorstellen, sagt Wayne. «Es war, als müsste man Steinzeitmenschen Sonnenbrillen näherbringen.» Er schaltete einen Selfie-Cartoon im Werbefernsehen, machte Verkaufsdemonstrationen in Fotofachläden und an Elektronikmessen, trat in Home-Shopping-Sendungen auf, und gerade als das Geschäft Fahrt aufnahm – «eine weitere clevere Lösung für ein Problem, von dem Sie nicht wussten, dass Sie es haben», stand 2007 auf der Technikseite der «New York Times» –, beging Wayne einen Fehler, «aus Eitelkeit», wie er zugibt. «Never ship to China», hatte ihm das Hongkonger Büro, das seine Spiele vertreibt, immer geraten, und Wayne hatte sich stets daran gehalten. Doch dann wurde er angefragt, ob er seinen Quickpod zu den Olympischen Sommerspielen 2008 in einem Geschäft am Flughafen von Peking verkaufen wolle, und Wayne dachte an all die Touristen, die sein Produkt dort sehen würden. «Ich bildete mir ein, Peking könnte mein Eintrittstor zum asiatischen Markt sein.» Danach ging es los.
Die ersten sah er an der internationalen Photoshow 2010 in Las Vegas, am Länderstand von China; es waren nicht einfach andere Selfie-Sticks, sondern Klone seines Quickpods. An einer Trade-Show in Indonesien tauchten dann Exemplare auf, die jeden Zweifel ausräumten: Wayne hatte für die Verpackung Fotos von Familie und Freunden verwendet, die den Quickpod vorführten; nun lächelten Waynes Tochter, seine Nichte, sogar er selbst von den Verpackungen der Fälschungen. Auf Alibaba ploppten Hunderte von Angeboten mit diesen Fotos auf, sie waren jetzt überall. Rechtlich konnte Wayne wenig dagegen ausrichten, aus Kostengründen hatte er sein Patent auf Kanada und die Staaten beschränkt. Ausserdem schützen Patente nicht Ideen, sondern nur technische Lösungen; jeder, der sich vom Quickpod inspiriert fühlte, durfte eine eigene Fotostange entwickeln. Beinahe jeder schien das auch zu tun. Anfang 2014 berichtete die «Huffington Post» über indonesische Touristen in Singapur mit «sogenannten Selfie-Sticks», als hätte die Reporterin Rituale eines fremden Stammes beobachtet; Ende 2014 berichtete «Bloomberg», der Selfie-Stick sei in den Staaten das beliebteste Weihnachtsgeschenk des Jahres gewesen.
Im Juli 2015 startet Russland eine Warnkampagne, da bereits Dutzende von Menschen wegen Selfies gestorben und Hunderte verletzt worden seien, so das Innenministerium. In San Diego wird ein Mann ins Spital eingeliefert, der versucht hat, sich mit einer Klapperschlange zu fotografieren; unklar ist, ob die Versicherung die Kosten von 153 161 Dollar und 25 Cents übernehmen muss.
Im August wird in Colorado der Waterton Canyon Park auf unbestimmte Zeit geschlossen, weil sich zu viele Wanderer mit Selfie-Sticks zu nahe an die Bären herangepirscht hatten und diese aggressiv geworden waren. In Kalifornien gelingt einem 36jährigen das Selfie mit Klapperschlange Sekunden, bevor sie zubeisst; die Ärzte befürchten, er könnte die rechte Hand verlieren. Die Geschichte geht, so wie alle diese Geschichten, um die Welt.
Auch in den Tragödien der Gegenwart kommt die Eitelkeit stets vor dem Fall. Selfies verwandeln jedes Missgeschick in eine Lektion, jedes Unglück in eine Strafe. Dabei, sagt Wayne Fromm, seien sie nichts anderes als ein neues Werkzeug für eine alte Sehnsucht. «Sie helfen, unser Leben zu teilen und zu archivieren.» Wayne, der Erfinder ohne Ruhm, wird von den Medien nun oft um einen Kommentar gebeten, wenn es um «Narcisstick» oder «Deppenzepter» geht. Er begrüsst Verbote in Museen oder an Festivals, sagt aber: «Ungehobelte Menschen gibt es mit und ohne Stange.»
Diskret lässt Wayne nun auch billigere Selfie-Sticks produzieren, die Quickpods richtet er auf qualitätsbewusste Sportler aus, die sich auf Tauchgängen oder Wüstenreisen ins Bild setzen wollen. Und er hat etwas Neues erfunden, aber das ist noch geheim. Keine Kamera mit Panoramafunktion, um mehr Leute auf sogenannte We-fies, Us-ies oder Grou-fies zu kriegen, das haben andere getan. Keine Selfie-Drohne, die es auch schon gibt. Sondern ein kleines Teil, das den Selfie-Stick oftmals unnötig macht, weil es die ganze Welt in ein Stativ verwandelt. Falls Wayne Fromms nächstes Produkt sich durchsetzt, werden wir in Zukunft Touristen sehen, die Bäume, Wände, Felsen anlächeln; die Gefahr, dass der eine oder andere dabei von einer Klippe stürzt oder von einem Bären angefallen wird, ist damit leider nicht gebannt. «Aber wenigstens bleibt der Nachwelt so das letzte Bild erhalten», sagt Wayne.
Im Juli 2015 schwimmt eine 16jährige mit ihrem Vater und einer Kamera vor Neuengland im Meer und wird von einem starken Sog erfasst. Dank dem Selfie-Stick, der an ihrem Handgelenk befestigt ist, kann ihr Vater sie über Wasser halten; beide schaffen es zurück ans Ufer. Es ist der bisher einzige bekannte Fall, bei dem ein Selfie-Stick Leben gerettet hat.