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Geneigte Leserin, geneigter Leser, ich will Dich nicht mit den Assoziationen und Wortspielen belästigen, die der Titel dieses Buchs evoziert. Es ist ganz klar, dass der Autor diese Assoziationen beabsichtigt hat, und wer mag, kann sie in diversen Rezensionen des professionellen Feuilletons nachlesen. Für meinen Teil möchte ich nur darauf hinweisen, dass es in der Umgangssprache des süddeutschen Raums (Österreich, Bayern, Schwaben und Schweiz) völlig normal ist, sich gegenüber Dritten auf eine Person mit dem bestimmten Artikel plus Vor- oder Nachname (je nach Grad der vorhandenen Intimität) zu beziehen: der Peter, der Meier, der Peter Meier. Beim vorliegenden Buch ist „Der Hammer“ des Titels also ganz einfach der Joseph Hammer, geboren 1774 in Graz als Sohn eines österreichischen Subaltern-Beamten. Sein Vater, der ebenfalls Josef zum Vornamen hieß, wurde 1791 in den untersten erblichen Adel erhoben; somit durfte sich auch der Sohn ab da „Joseph Edler von Hammer“ nennen. Durch eine Erbschaft erhielt er ein Schloss in der Steiermark, zusammen mit der dortigen Fideikommissherrschaft, und durfte sich ab 1835 „Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall“ nennen. 1856 starb er in Wien. Zwei Töchter überlebten ihn, aber kein Sohn, weshalb es mit der Freiherrschaft ein ziemlich rasches Ende nahm.
Anders formuliert: Wir haben in diesem Roman den bekannten Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall vor uns. Dirk Stermann hat das Genre des historischen Romans bzw. der Romanbiografie einer eigentlichen Biografie vorgezogen – wohl , weil ein Roman ihm größere Freiheit in der Behandlung seiner Figuren gibt, eine eigentliche Biografie wohl auch tieferes Eingehen auf Hammer-Purgstalls Tätigkeit und Fähigkeit als Orientalist und Übersetzer verlangt hätte, der hier – das bereits eine erste Kritik an Stermanns Roman – eindeutig zu kurz kommt. Dazu müsste man aber wohl selber Orientalist sein. Außerhalb der Zirkel der Orientalisten und Osmanisten ist Hammer-Purgstall bekannt als der Mann, dessen Hafis-Übersetzung den alten Goethe dazu anregte, seinerseits einen Lyrik-Zyklus im orientalischen Gewand zu schreiben, den West-östlichen Divan. (Auch auf diesen Punkt in Hammer-Purgstalls Leben, bzw. eben überhaupt auf seine Hafis-Übersetzung geht Stermann nur ganz im Vorübergehen ein. Er zitiert ein Gedicht aus dessen Hafis. Er hat es im Internet gefunden.)
Der Autor konzentriert sich auf Hammers Karriere im diplomatischen Dienst Österreich-Ungarns. Schon mit 15 Jahren trat Hammer in die k. k. Akademie für Orientalische Sprachen ein. Diese Schule bildete zu jener Zeit vor allem Dolmetscher für den diplomatischen Dienst aus – sog. Sprachknaben. Hammer ist einer von ihnen. Er ist der beste, denn er ist ein Sprachtalent. Schon bald übertrifft er in seinen Sprachkenntnissen seine Klassenkameraden. Dumm an der Geschichte ist nur, dass Hammer – jedenfalls in der Darstellung durch Stermann – von Ehrgeiz zerfressen ist (er will um jeden Preis Botschafter in Konstantinopel werden), aber zugleich so undiplomatisch agiert wie nur möglich. Immer und immer wieder schafft er sich Feinde – unter Kollegen und Vorgesetzten ebenso, wie auf dem politischen Parkett – weil er lautstark darauf beharrt, dass er durch seine überragenden Sprachkenntnisse zu jeder jeweils anstehenden Beförderung der einzig brauchbare Kandidat ist. Doch sein Umfeld fühlt sich durch diese Megalomanie des Bürgerlichen, später kleinen Adligen, brüskiert. Er wird – so jedenfalls die Darstellung durch Stermann – regelmäßig hintangestellt. Natürlich kann man ihn nicht ganz übergehen, aber Botschafter wird er nie. Als Verantwortlicher für die k. k. Bibliotheken rettet er Hunderte von alten Handschriften vor dem persönlichen Zugriff durch Napoléon, aber Dank erfährt er dafür nicht. Später beim Wiener Kongress werden seine Dienste, obwohl er unterdessen offiziell als Hofdolmetscher fungiert, von Metternich, seinem Intimfeind, nicht in Anspruch genommen. Und je mehr er hintangestellt wird, umso arroganter pocht er – jedenfalls in der Darstellung durch Stermann – auf seine überlegenen Kenntnisse. Ein Teufelskreis.
Dabei könnte er sich eigentlich auf seinen philologisch-übersetzerischen Lorbeeren ausruhen, bzw. seine Karriere auf diesem Gebiet ausbauen. Er hat schon als junger Mann in Wielands Teutschem Merkur publiziert; die orientalische Märchensammlung Tausendundeine Nacht nach einer vollständigen Ausgabe übersetzt (auch da kommt wieder seine unangebrachte Megalomanie in Spiel: Er übersetzt sie ins Französische, nur weil er dem Franzosen Antoine Galland schwerwiegende Fehler in dessen Übersetzung nachweisen will. Resultat: Die Franzosen ignorieren seine Übersetzung ganz einfach und seiner Karriere in der Heimat ist sie so auch nicht förderlich); den Stoiker Marc Aurel überträgt er für den Schah von Persien in dessen Muttersprache; er steht in Briefwechsel mit Goethe; mit Johannes von Müller hat er zusammen gearbeitet; Haydn hat er in Wien zumindest gesehen, dem tauben Beethoven bei Partys ins Hörrohr gebrüllt; er steht in Kontakt mit den beiden Brüdern Schlegel, der ältere, August Wilhelm, besucht ihn auf seiner Deutschland-Tour mit der Frau von Staël; Chamisso und Friedrich Rückert stützen seine Übersetzungsarbeiten; Schleiermacher ist zwar sein Gegner, aber Wilhelm von Humboldt scheint ihm auch gewogen; er trifft Grillparzer, der sich zu der Zeit aber schon verärgert vom Theater zurückgezogen hat; in der Mitte seines Lebens heiratet er eine bedeutend jüngere und reichere Frau; er befreundet sich in späteren Jahren mit Honoré de Balzac, der ein ähnliches Arbeitstier ist, wie er selber. Aber alles wird – jedenfalls in der Darstellung durch Stermann – für ihn überschattet dadurch, dass es ihm nicht gelingt, seinen Botschafterposten in Konstantinopel zu erhalten.
Der so einseitig geschildert Charakter Hammer-Purgstalls beginnt, mit zunehmender Fortdauer des Romans zu irritieren. Es fühlt sich an, wie wenn ein Heer von Steckmücken immer wieder am selben Ort in die Haut sticht. Mit der Zeit juckt die Stelle einigermaßen unangenehm. Dazu krankt Stermanns Schreibe noch an einem andern Punkt. Immer wieder finden sich Stellen, in denen Hammer-Purgstall sich gewisse Dinge denkt oder vorstellt, die dann – Jahre später – tatsächlich verwirklicht wurden. Stermann beruft sich darauf, dass seine Hauptquelle Hammer-Purgstalls Autobiografie gewesen sei, und es mag sein, dass sich diese Stellen sogar dort finden lassen – ich habe sie nicht gelesen. Aber irgendwann sieht der Leser gewisse Anspielungen schon weither kommen, weil diese ganz einfach an dieser Stelle zu erwarten waren – sei es, dass Hammer, als er (allerdings in äußerst subalterner Stellung!) dann doch in Konstantinopel ist und vor der Meerenge zwischen Europa und Asien stehend, davon träumt, wie schön es doch wäre, wenn da ein Brücke stünde und man einfach zu Fuß von Europa nach Asien gehen könnte. Oder wenn er gegen Ende seines Lebens davon hört, dass die neu erbauten Eisenbahnen immer größere Strecken abdecken, und er nun davon träumt, dass es möglich sein sollte, quer durch Europa im Zug nach Konstantinopel zu fahren. Zu oft spielt Stermann solche Spielchen mit dem Leser, zu lange wartet er aber mit der Pointe, zu wenig vermag er ihn deshalb schlussendlich zu überraschen. Das gilt im Kleinen wie auch im Großen des ganzen Romans. Wie soll er uns auch überraschen? Letzten Endes muss sich ein biografischer Roman an die Biografie des Protagonisten halten, wenn die historische Korrektheit gewahrt bleiben soll. (Spoiler: Hammer-Purgstall stirbt am Ende.)
Fazit: Der Autor wollte ein klein bisschen zu viel – Roman (also: Unterhaltung) und Biografie (also: Faktentreue). Dadurch kommt er sich schlussendlich selbst in die Quere. Das ist schade, denn schreiben könnte Stermann.
Dirk Stermann: Der Hammer. Hamburg: Rowohlt, 2019.

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