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Dalmatiens antike Landwirtschaftsparzellierungen
Monika Oberhänsli

Abstract
Im Rahmen des Forschungsseminars "Dalmatien: Siedlung, Verkehr und Gesellschaft" entstand die Forschungsseminararbeit "Dalmatiens antike Landwirtschaftsparzellierungen aus der Vogelperspektive", die sich die Erforschung der römischen und griechischen Parzellierungen und deren Charakteristika im Gebiet des heutigen Dalmatiens zum Ziel gesetzt hatte: Welche Struktur weisen die römischen und griechischen Parzellierungssysteme in Dalmatien auf? Inwiefern lassen sich die griechischen von den römischen Parzellierungssystemen unterscheiden? Können bzw. inwieweit können Luftbilder eine Intensivierung im Bereich des antiken Landwirtschaftsausbaus abbilden?
Um diese Fragen systematisch anzugehen, wurden alle bekannten und/oder publizierten antiken Parzellierungen mittels Google Earth lokalisiert, deren Strukturen vermessen und mit dem Forschungsstand verglichen. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den oben angeführten Fragestellungen implizierte zudem die methodische Analyse von Google Earth- und alten Luftbildern.
Der archäologische und historische Forschungsstand um Dalmatien zeigt sich im Allgemeinen lückenhaft und teilweise veraltet. Eine fundierte und methodisch stringente Auseinandersetzung mit einem dalmatinischen Thema wird zusätzlich durch den oftmals fehlenden Zugang zum archäologischen Material und den in kroatischer Sprache verfassten Publikationen und deren Verständnis erschwert. Mit der Zugänglichkeit von Luftbildern, wie in diesem Falle via Google Earth, eröffnen sich neue methodische Ansätze, die es in dieser Arbeit unter anderem zu prüfen gilt.
Die Fragestellungen dieser Arbeit zielen auf die Struktur der antiken Parzellierungen ab: Welche Struktur weisen die römischen und griechischen Parzellierungssysteme in Dalmatien auf? Inwiefern lassen sich die griechischen von den römischen Parzellierungssystemen unterscheiden? Weiter soll untersucht werden, ob und inwieweit Luftbilder eine Intensivierung im Bereich des antiken Landwirtschaftsausbaus abbilden können.
Die oben beschriebenen Fragestellungen werden mit der Diskussion von historischen und archäologischen Quellen beantwortet. Für diese Arbeit wurden alle bekannten und/oder publizierten dalmatinischen Parzellierungen griechischen und römischen Ursprungs berücksichtigt, wobei hier aus Platzgründen nur die wichtigsten Beispiele angeführt werden sollen. In einem ersten Teil wird der griechischen Landwirtschaft mit den dalmatinischen Beispielen von Pharos und Issa auf den Grund gegangen, bevor in einem zweiten Teil die römische Landwirtschaft mit den dalmatinischen Beispielen Iader und Salona thematisiert wird. In der Synthese werden die inhaltlichen und methodisch ausgerichteten Fragestellungen unter anderem auch in Form einer Auswertung der Google Earth-Bilder debattiert.
Abb. 1 Lage der wichtigsten dalmatinischen Beispiele für griechische und römische Landwirtschaftsparzellierungen (Google Earth 2012, bearb.).
An die griechische Kolonisation im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr. auf Inseln wie beispielsweise Pharos (Hvar), Issa (Vis) und Corcyra Melaina (Korcula) war auch das wirtschaftliche und politische Interesse Griechenlands gebunden, welches sich bald auch auf die Küstenregion Dalmatiens übertrug, wo weitere Kolonien entstanden (Zaninovic 1977, 770).
Die Gründungen von griechischen Kolonien in Dalmatien lassen verschiedene Beweggründe der Griechen annehmen: Einerseits bestand aufgrund der Intensivierung des Schiffsverkehrs in der Adria ab dem Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. Interesse an den strategisch wichtigen Häfen. Andererseits konnte der Bedarf an Land in Griechenland selbst nicht weiter gesättigt werden, der in der rasant steigenden Bevölkerungsdichte gegründet hatte. Daneben war die begrenzte Auswahl an zu kolonisierendem Land im Mittelmeerraum wahrscheinlich ein weiterer Faktor für die Landnahme in Dalmatien, wo von einer eher geringen Bevölkerungsdichte ausgegangen werden kann (Kirigin 2006, 43). Die griechische Besiedlung Dalmatiens ist nur in wenigen Fällen archäologisch grossflächig nachweisbar, da die meisten Kolonien später infolge der Einverleibung des griechischen Territoriums als römische Provinz Macedonia um 146 v. Chr. von den Römern überprägt wurden (Zaninovic 1977, 775).
Die griechische Landvermessung und -verteilung innerhalb einer Kolonie spiegelt einen grundlegenden Wert der griechischen Kultur wider; Herodot (*490/480; † 424 v. Chr.) schreibt, dass die Auseinandersetzung der Griechen mit Geometrie (altgriech. geometria, zu dt. 'Landmessung') aus dem Bedürfnis nach der gleichmässigen Distribution von Boden resultierte (Lewis 2001, 14).
Der griechische Geometer oder Geodät führte relativ kleinräumige Vermessungen an der Erdoberfläche durch, die die Kalkulation eines Gebietes und die Aufteilung desselben in normalerweise rechteckförmige Areale beinhalteten. Bei der zu vermessenden Fläche konnte es sich sowohl um eine zu planende Stadt (polis) wie auch um die an die Kolonisten zu verteilenden Ackerflächen im Hinterland der Stadt (chora) handeln, die beide in einer gleichmässigen Gitterform auszugestalten waren (Lewis 2001, 3). Dass schon in den frühesten griechischen Kolonien die Einteilung von Landwirtschaftsflächen üblich war, deutet wiederum auf den unmittelbaren Bedarf an weiteren Ländereien hin, der in den Mutterstädten nicht mehr zu decken war (Carter 2006, 13−14).
Die griechische Art der Vermessung hatte ihre Vorbilder in Ägypten und Mesopotamien und basierte auf einfachen Techniken. Distanzen wurden mithilfe einer vielfasrigen Schnur gemessen, wobei sich an der Länge der Schnur gleichzeitig die Masseinheit ablesen liess (Lewis 2001, 19). Die Bildung eines Achsenkreuzes bedeutete die Grundlage für die Parzellierungen: Nachdem ein Ausgangspunkt und eine diesen überschneidende Grundlinie bestimmt worden war, wurden von letzterer rechte Winkel einvisiert und Parallelen verschoben (Heimberg 1977, 35). Mittels einfacher geometrischer Kontrollen liessen sich die rechten Winkel leicht überprüfen (Lewis 2001, 121). Eine generelle Standardgrösse einer Parzelle lässt sich weder räumlich noch zeitlich fassen; wie die verschiedenen hier zu präsentierenden Beispiele zeigen werden, weisen eine polis und die jeweilig dazugehörige chora aber in der Regel in sich einheitliche Grössen auf. Die Masseinheiten variieren ebenfalls je nach Ort und Zeitstellung; grundsätzlich wird die griechische Landvermessung aber in plethra (1 plethron = 100 griech. Fuss = 100 x 30.8 cm) angegeben, das daraus resultierende Flächenmass, das Quadratplethron, bezeichnet eine Fläche von 1x1 plethron (Lewis 2001, XIX; wie in der Literatur üblich, ist in dieser Arbeit mit plethron bzw. plethra fortan das Flächenmass gemeint).
Land zu besitzen impliziert Charakter und Wohlstand des Eigentümers; in Homers Ilias (Il. 5.612−13) wird Amphius als ein man rich in substance, rich in grain land beschrieben (Burford 1993, 34). Dennoch war es unvermeidlich, dass sich die Besitzverhältnisse und somit auch die Feldergrössen der Kolonisten unterschieden, dies nicht nur aufgrund sozialer, sondern auch bodengeographischer Gegebenheiten. Isager und Skydsgaard fassen in ihrem Epilog zusammen: The presentation of various aspects of ancient Greek agriculture does not yield a simple and clear overall picture. You might say that the most charateristic feature is that of variety. This is due to the variety of the landscape and the position of the arable areas, often scattered in small pockets (...) (Isager/Skydsgaard 1992, 199).
Im Rahmen des Adriatic Islands Project (AIP) wurde in den 1990er Jahren die griechische Kolonie Pharos (heutiges Stari Grad) untersucht, dessen Felderparzellierungen zu den besterhaltenen überhaupt gehören und 2008 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden (Kirigin 2006, 1). Die Gründung der Kolonie erfolgte um 385 v. Chr durch die Mutterstadt Paros (Kirigin 2006, 70).
Abb. 2 Fundstellen auf Hvar, u.a. Pharos mit den noch sichtbaren Parzellierungsgrenzen (Kirigin 2003, Map II).
Pharos liegt auf der zentraldalmatinischen Insel Hvar, welche mit knapp 300 000 km2 die viertgrösste der adriatischen Inseln darstellt. Der nördlich-zentrale Teil der Insel bildet die fruchtbarste und weiträumigste Ebene aller adriatischen Inseln. Geomorphologisch zeichnet sich Hvar durch ein 628 m hohes Kalksteingebirge aus, das die fruchtbare Ebene im Süden begrenzt; im Norden wird die Ebene um Stari Grad von kleineren Kalksteinformationen umfasst. Die Bodentypen der Ebene um Stari Grad bestehen aus terra rossa-, Ton- und Sandböden und weisen somit eine gewisse Variabilität auf. Um das Land vor Erosion zu schützen, wurden seit Anbeginn der griechischen Kolonisation Trockenmauern, Terrassierungen und Drainagen im Gelände angelegt (Kirigin 2006, 5−6). Die polis Pharos und deren chora bestehen innerhalb des Vermessungssystems aus gleich grossen Einheiten, die in einem Längen-Breiten-Verhältnis von 1:5 aufgebaut sind. Die angelegten Vermessungsfelder wurden aufgrund der geographischen Gegebenheiten Hvars nicht genordet, sondern zeigen sich 12° im Uhrzeigersinn geneigt, wodurch die natürliche Ausdehnung der Ebene optimal ausgenutzt werden konnte (Kirigin 2006, 70). Das vermessene Land wurde wahrscheinlich in 73 Einheiten (striga) eingeteilt, welche jeweils 1x5 stadia (= 180 plethra [= 100x100 Fuss] bzw. 16.4 ha) beinhalteten und zusammen ungefähr 12 000 000 m2 fruchtbares Land ausmachten (Kirigin 2006, 92; für griechische und römische Masseinheiten und deren Umrechnung vgl. Lewis 2001, XIX). Die Fläche von 180 plethra scheint auf den ersten Blick sehr gross für einen griechischen Haushalt, geht man wie Kirigin von einem Bedarf von 3.6 bis 8 ha aus, um eine Familie von fünf Mitgliedern zu ernähren. Die mehr als doppelte Fläche könnte seiner Meinung nach für eine gezielte Überproduktion und, daraus resultierend, für Export sprechen. Aus dem Umfeld von Athen sind Angaben von 40 bis 60 plethra als für die Selbstversorgung einer durchschnittlichen Familie benötigte Fläche bekannt. Vergleicht man die Flächeneinheiten mit dem süditalienischen Beispiel Metapontum (26 ha) oder dem am Schwarzen Meer gelegenen Chersonesos (ca. 26.4 ha und 17.6 ha), scheinen sie aber durchaus realistisch (Kirigin 2006, 92).
Mit grosser Wahrscheinlichkeit handelt es sich beim Achsenkreuz der dritten vertikalen und der sechsten horizontalen Achse in der Mitte der Ebene um den omphalos (zu dt. 'Nabel'; siehe Abb. 2, Markierung 11), also den Ausgangspunkt für die Vermessung der chora von Pharos (Kirigin 2006, 76/84). Der omphalos dürfte nach eingehenden Untersuchungen von Luftbildern strategisch gewählt worden zu sein, um einerseits die grösstmöglichen Distanzen innerhalb der Grundlinien zu erfassen, andererseits aber auch aufgrund der regelmässigen − nämlich ebenen − Ausgestaltung der Topographie in diesem Bereich. Auch wenn die Luftbilder darüber hinweg täuschen mögen, dass das Vermessungsgitter auf Hvar zum Teil irregulär und asymmetrisch angelegt wurde (vgl. Abb. 3), wird von erheblichen Schwierigkeiten der Vermesser ausgegangen, wenn es darum ging, den rechten Winkel bei ungleichmässiger Topographie zu legen.
Abb. 3 Rekonstruktion der Vermessung (Kirigin 2006, 77).
Die Umsetzung des Vermessungsgitters auf die Ebene konnte im Falle von Pharos rekonstruiert werden und erfolgte demnach in mehreren Schritten (vgl. Abb. 3): Nach der Anordnung der beiden Hauptachsen (Abb. 3.1), ausgehend vom omphalos, wurden in regelmässigem Abstand im rechten Winkel liegende Parallelen zur vertikalen Achse angelegt und verlängert (Abb. 3.2/3.3). Als letzter Schritt erfolgte die Eingliederung der Parallelen zur horizonalen Achse (Abb. 3.4). Aufgrund der vermessungstechnischen Abweichungen gelang es Kirigin, das tatsächlich verwendete Vermessungsgerät mithilfe eines Ausschlussverfahrens zu ermitteln; interessanterweise handelt es sich hierbei um die sogenannte groma (für die Darstellung der groma siehe Kapitel 3), die später von römischen Autoren beschrieben wird und deshalb als das römisches Instrument schlechthin gilt, bei welcher der Vermesser die Ebene als Ganzes in ein System einbindet (Kirigin 2006, 84). Auch Lewis zieht in Betracht, dass es sich bei der groma um ein ursprünglich griechisches Instrument gehandelt haben könnte (Lewis 2001, 120). Nach der traditionellen griechischen Methode wären die Parzellen von einer Seite her angelegt und davon ausgehend um weitere erweitert worden. Pharos stellt nach Kirigin aufgrund dieser Beobachtung das älteste bisher dokumentierte Parzellierungssystem dar, das von einem zentralen Punkt aus vermessen wurde (Kirigin 2006, 85).
Auf der Fläche der chora konnten nur wenige griechische (Oberflächen-) Funde gemacht werden; mehrere griechische Gräber und die Struktur eines kleinen Gebäudes, das Kirigin als Gehöft bezeichnet, datieren wahrscheinlich ins 4. Jahrhundert v. Chr. Mindestens zwei Türme (Tor und Maslinovik) dienten der Verteidigung der griechischen Besiedlung. Möglicherweise wurde die griechische Hinterlassenschaft von der römischen Überprägung überdeckt, da letztere bei Oberflächenfunden dominiert (Kirigin 2006, 86−91).
Folglich können kaum Angaben über die Bewirtschaftungsweise Pharos' gemacht werden. Einzig eine griechische Münze, die Weintrauben und eine kantharos zeigt, lassen die Weinproduktion vermuten (Kirigin 2006, 101).
Abb. 4 Die römische Zenturiation auf der ehemaligen griechischen chora (Zaninovic 1977, 782).
Die römische Umnutzung der chora von Pharos erfolgte durch die Integrierung römischer Parzellen in die bestehenden griechischen Landeinheiten. Zaninovic postuliert, dass durch die grosse Anzahl an römischen Kolonisten nur entsprechend kleine Landeinheiten verteilt werden konnten (Zaninovic 1977, 780). Aus meiner Sicht ist die eher ungewöhnliche Aufteilung von 5x5 actus (3.2 ha) wahrscheinlich auf die Übernahme der griechischen Felder und deren Unterteilungen zurückzuführen. Einige römische Steinpressen für Öl und/oder Wein stellen die einzigen vagen Hinweise auf die Nutzung der Parzellierungen dar (Kirigin 2006, 101).
Das landwirtschaftliche Territorium von Pharia (Hvar) gehörte zusammen mit Brattia (Brac) und Issa (Vis) zur römischen Kolonie Salona (Solin), die wahrscheinlich von Caesar zwischen 47 und 44 v. Chr. gegründet worden war (Zaninovic 1977, 781).
Die griechische Kolonie Issa (heutige Insel Vis), vor Pharos gelegen, zeichnet sich durch eine strategisch gute geographische Lage aus und wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. von Dionysius dem Älteren aus Syrakus gegründet. Zaninovic gelang es, die auf Dracevo-Polje im Südosten Issas gelegene chora zu rekonstruieren: Die über 3000 m lange und zwischen 500 m und 1000 m breite Landdivision beinhaltet Einheiten mit den Massen von 2 x 5 stadia, die somit doppelt so breit ausgestaltet sind wie jene von Pharos. Zaninovic weist darauf hin, dass die Strukturen des heutigen Weinanbaus das Erscheinungsbild der griechischen Einheiten verändert haben könnten (Zaninovic 1997, 77−84).
Abb. 5 Griechische Landdivision auf Issa (Vis) (Ilakovac 1997−1998, 81).
Die Expansion des römischen Reichs Richtung Osten begann mit dem 1. Illyrischen Krieg um 229 v. Chr., um die mit den Römern verbündeten Griechen vor der Bedrohung der indigenen Stämme zu verteidigen. Da die Befriedung Illyriens nicht von Dauer war, erfolgte 219 v. Chr. der 2. Illyrische Krieg, nach dessen Sieg Illyrien unter römischem Protektorat stand, wobei dieser Status nicht immer eindeutig zu fassen ist. Erst 9 n. Chr., nachdem der Pannonische Aufstand von den Römern niedergeschlagen worden war, wurden die Provinzen Dalmatia und Pannonia eingerichtet (Wilkes 1977, 736−737).
Die Gründung von römischen Kolonien an der für den Handel strategisch wichtigen adriatischen Küste wie Narona (Vid), Salona (Solin) und Iader (Zadar) erfolgte im 1. Jahrhundert v. Chr., während die Expansion ins Hinterland vorerst keine Priorität gehabt haben dürfte. Besonders wichtig für die Erschliessung Dalmatiens zeigte sich die Anlegung des römischen Strassensystems, das primär der Fortbewegung der römischen Armee diente, die in den Legionslagern Burnum und Tilurium stationiert war und somit die von den Römern kolonisierte Küstenregion effizient von einer möglichen Bedrohung durch die nun vorwiegend im Hinterland ansässigen illyrischen Stämme abzuschirmen vermochte (Zaninovic 1977, 778−779).
Die römische Art und Weise, Land zu vermessen, nennt sich Zenturiation (centuriatio) und weist eine Struktur aus Flächenquadraten von 20 x 20 actus (= 710 x 710 m = 200 iugera = 50.41 ha) auf (aus der sich über die Jahrhunderte leicht verändernden Grösse einer Masseinheit wie dem actus resultieren verschiedene Feldergrössen mit einer Streuung von 704 bis 711 m Länge, vgl. hierzu Dilke 1971, 85.). Diesen Quadraten liegt demnach die Struktur von kleineren Quadraten von einer Länge von 71 m (= 2 iugera = 1 heredium) zugrunde, wobei der Name centuria 100 heredia bezeichnet. Somit zeigt sich das römische Flächensystem kongruent mit dem römischen Masssystem, indem die Aufteilung des Landes der Gliederung desselben in kleinere Masseinheiten gleichkam. Dadurch war der Überblick über die Gliederung des jeweiligen Territoriums gewährleistet, als die auf den Flurkarten verzeichneten Einheiten einer Art Koordinationssystem mit Wegenetz glich (Tannen Hinrichs 1974, 49−50).
Die römischen Landvermesser, die agrimensores, verwendeten ein drehbares, eisenummanteltes Winkelkreuz mit je einem Lot an seinen vier Enden, das auf einem im Boden verankerten Schwenkarm angebracht war: die groma. Die Rekonstruktion dieses Instruments basiert vollständig auf einem Fund aus dem Hause des Feldmessers Verus von Pompeji (siehe Abb. 6) (Flach 1990, 7).
Abb. 6 Römische Landvermessung mit einer Groma (Chouquer/Favory 1992, 69).
Die groma erlaubte es den agrimensores, Geraden zu durchfluchten und rechte Winkel zu legen. Als erstes wurden mit dem 40 Fuss (= 11.8 m) breiten decumanus maximus von Ost nach West und dem 20 Fuss (= 5.9 m) breiten kardo maximus von Süd nach Nord die Hauptachsen vermessen. Nach der Anlegung des Wegekreuzes erfolgte in Abständen von jeweils 20 actus die Markierung der übrigen Grenzwege (limites), die mit Breiten zwischen 8 und 12 Fuss (= 2.3 bzw. 3.55 m) deutlich schmaler ausfielen.
Da diese Wege den Ansprüchen eines regulären Verkehrs zu genügen hatten, musste die Vermessung so genau wie möglich vonstatten gehen. Erfolgte eine Koloniegründung auf noch nicht urbar gemachtem Boden, so erhielten Stadt und Hinterland ein gemeinsames Wegenetz. War dies nicht der Fall, so wurde der schon bestehende Siedlungskern entweder gar nicht oder nur am Rande in das neue Raster integriert. Das Vermessungsnetz (limitatio) wurde entweder an geographischen Gegebenheiten wie Flusswindungen − oder wie im Falle von Iader am Verlauf der dalmatinischen Küste − orientiert oder folgte den vier Himmelsrichtungen. Stiessen die agrimensores auf eine bereits limitierte (also eine mit einem Wegenetz versehene) Fläche, so gliederten sie die neuen limites nicht etwa an die bereits bestehenden an, sondern liessen die neuen Winkel oder Seitenlängen dergestalt auf die alten treffen, so dass diese sich voneinander unterschieden (siehe beispielsweise Iader, Kapitel 3.2). Die jeweils angelegte limitatio wurde auf einer Flurkarte (forma) verzeichnet, die einerseits in der dazugehörigen Stadt öffentlich zugänglich war und andererseits als Kopie nach Rom gesandt wurde. Die Anordnung einer limitatio erfolgte durch den römischen Staat, wenn eine Kolonie anzulegen war oder Ländereien entweder verkauft, verpachtet oder Veteranen und anderen Bürgern geschenkt werden sollten (Flach 1990, 8−12).
Die Kenntnis der römischen Vermessung ist einerseits auf die im Gelände zum Teil noch sichtbaren Vermessungsstrukturen zurückzuführen, andererseits ist man aber auch durch die Landwirtschaftsautoren wie Columella, Varro, Cato und Palladius gut über die ars der Landwirtschaft, wie sie Columella nennt, unterrichtet (Diederich 2007, 59). Neben den oben bereits beschriebenen Masseinheiten und Vermessungsarten bemerkt Columella († 70 n. Chr.), dass (...) wir nach Varro [*116 v. Chr., † 27 v. Chr.] heutzutage ein Mass von 200 iugera als centuria bezeichnen; in alter Zeit dagegen hatte die centuria ihren Namen von iugera; dann wurde sie verdoppelt, behielt aber den alten Namen (...) (Columella, Richter [Hrsg.] 1981, 513). Somit beschreibt Columella Alternativen zur rein quadratischen Feldvermessung, die sich, nach den Lebensdaten Varros zu urteilen, schon im 1. Jahrhundert v. Chr. abgezeichnet haben dürften.
Nach der Gründung der römischen Kolonie Iader um ca. 27 v. Chr. durch Octavianus Augustus erfolgte die Zenturiation des Umlandes. Die nordöstlich vom heutigen Zadar gelegene Zenturiation ist besonders gut erhalten geblieben, da sich moderne Wege und Strassen in den originalen limites verankert haben. Die centuriae weisen erwartungsgemäss die Masse von mehr oder weniger 20 x 20 actus (= 710 x 710 m) auf, wobei die Längen zwischen 690 m und 720 m variieren (siehe Abb. 7 und 8).
Nach Zaninovic weist der ager von Iader 50 centuriae auf, wobei er nicht angibt, nach welchem Kriterium er diese Anzahl ermittelt hat (Zaninovic 1977, 780). Meines Erachtens dürfte die Anzahl der centuriae um einiges höher gelegen haben: Die Ausdehnung der limitatio deute ich aufgrund der Satellitenbilder (vgl. Abb. 8) auf mindestens 176 (8 x 22) centuriae, davon ausgehend, dass das heute überprägte Siedlungsgebiet um Zadar in der limitatio miteinbezogen war, ergibt sich doch als Grundfläche die Form eines Orthogons. Die Ermittlung der Hauptachsen, dem decumanus maximus und dem kardo maximus, ist hingegen nicht mehr möglich.
Im südlichen Drittel der limitatio lässt sich eine von einer centuriae abweichende Form feststellen (siehe Abb. 8, Pfeil), welche die Konturen der regelmässig angelegten centuriae durchbrechen. Die Breite dieser Struktur von etwa 250 m stimmt mit keiner der bei Columella erwähnten Masseinheiten überein, möglicherweise könnte dieser Unterbruch in der limitatio bedeuten, dass die Landvermessung in zwei Phasen erfolgte, wie es Flach für anderen Zenturiationen festgehalten hat (vgl. Kapitel 3). Eine Zweiphasigkeit und somit der Bedarf nach einem sekundären Landausbau würde mit dem zunehmenden Bevölkerungsanstieg der Kolonie Iader übereinstimmen, von welchem Zaninovic ausgeht (Zaninovic 1977, 780).
Abb. 7 Das Hinterland von Iader (Google Earth 2012, bearb.).
Abb. 8 Das Hinterland von Iader mit Zenturiationslayer (Google Earth 2012, bearb.).
Die Kolonie Salona, welche nach der Provinzeinrichtung als Hauptstadt Dalmatia fungierte, wurde wahrscheinlich von Caesar zwischen 47 und 44 v. Chr. gegründet (Zaninovic 1977, 780). Um den Golf von Salona wurde eine Zenturiation angelegt, deren centuriae − soweit sie auf den Satellitenbildern noch nachvollzogen werden können − die Grösse von ungefähr 20 x 20 actus aufweisen. Die Überprägung um den Golf von Salona ist heutzutage so stark, dass die limites der Zenturiation nur mehr noch schlecht zu erkennen sind (Abb. 9 und 10).
Abb. 9 Golf von Salona heute (Google Earth 2012).
Abb. 10 Golf von Salona heute mit Zenturiationslayer (Google Earth 2012, bearb.).
Mithilfe eines Luftbildes (Abb. 11 und 12), das aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammen dürfte, können auch auf den Satellitenbildern ein paar wenige Linien nachvollzogen werden. Heimberg, in deren Publikation das Luftbild abgebildet ist, beschreibt die gute Sichtbarkeit der limites aufgrund ihrer Einbettung als Wälle und Mauern in die karstige Landschaft, die den geologischen Gesteinsschichten deutlich entgegenlaufen, wodurch der anthropogene Einfluss umso offenkundiger zutage tritt (Heimberg 1977, 44).
Abb. 11 Golf von Salona auf einem alten Luftbild (Heimberg 1977, 42).
Abb. 12 Golf von Salona auf einem alten Luftbild mit Zenturiationslayer (Heimberg 1977, 42).
Auf Luftbildern soll nach Zaninovic neben dem Golf von Salona auch in der Ebene zwischen Tragurium (Trogir) und Epetium (Stobrec) eine Zenturiation festzustellen sein, die ebenfalls die Grösse von 20 x 20 actus aufweisen und aus 80 centuriae mit einer Gesamtfläche von 16 000 iugera bestehen soll. Zaninovic berechnet für diese Fläche eine Anzahl von 320 Kolonialfamilien, die so je etwa 50 iugera (entspricht einem Viertel einer centuria bzw. 12,6 ha) zu bewirtschaften hatten (Zaninovic 1977, 780−781). Der östliche Bereich dieser Zenturiation wurde von Suic rekonstruiert (siehe Abb. 13) (Demicheli 2007, 35).
Abb. 13 Rekonstruktion der Zenturiation um Salona nach Suic (Demicheli 2007, 35).
Die Zenturiation um Salona, die von Suic und Zaninovic beschrieben wird, ist via Google Earth nur in einer viel kleineren Ausdehnung sichtbar (vgl. Abb. 9–12). Die Rekonstruktion von Suic (Abb. 13) greift umso weiter, als sie wahrscheinlich auf alten Luftbildern basieren dürfte (Demicheli 2007, 31−48).
Die griechischen wie römischen Landwirtschaftsparzellierungen in Dalmatien bilden ein Element innerhalb der streng strukturierten Siedlungslandschaft der damaligen Zeit ab. Die griechischen und römischen Kolonien, wovon die chora bzw. der ager einen Teil bildet, beschränken sich auf die dalmatinische Küstenregion, welche die Grundlagen für die der Expansion zugrunde liegenden Kriterien erfüllt. Letztere sind einerseits wirtschaftlicher Natur − die Kontrolle des Schiffsverkehrs in der Adria − und andererseits gesellschaftlich-politischer Natur: Die geographische Ausdehnung erfolgte aufgrund von Machtanspruch und einer steigenden Bevölkerungsdichte, so dass zusätzliches Land urbar gemacht werden musste.
Die Grundstrukturen der Parzellierungen blieben aufgrund verschiedener Bedingungen bis ins 20. und 21. Jahrhundert erhalten: Zum Einen wurden die bereits in der Antike als Strassen und Wege fungierenden Parzellierungsgrenzen oftmals nicht umgenutzt und blieben somit im heutigen Wegesystem bestehen. Zum Anderen zeigen sich die parzellierten Regionen teilweise − von Iader und Salona abgesehen − kaum mittelalterlich oder neuzeitlich überprägt, so dass sich das jeweilige Parzellierungssystem in seinen ursprünglichen Massen erhalten konnte.
Das römische Beispiel Salona (Solin) hat jedoch in aller Deutlichkeit gezeigt, dass sich Satellitenbilder, wie in diesem Falle jene von Google Earth, nur bedingt eignen, weist die Region doch eine enorme Überprägungsdichte auf. Erschwert wird dieser Umstand zusätzlich durch die zum Teil unbefriedigende Auflösung der Satellitenbilder, so dass die 'virtuelle Prospektion' nur grossräumige Strukturen auszumachen vermag, ohne deren Details adäquat wiedergeben zu können. Besser geeignet sind an dieser Stelle Luftbilder, die − meist zu militärischen Zwecken − im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden sind und eine geringere Überprägung der Landschaft und in der Regel eine deutlich höhere Auflösung aufweisen; auch hierfür stellt Salona ein Paradebeispiel dar. Ein weiterer Nachteil von Satellitenbildern zeigt sich in dichter Vegetation, z. B. bei grossflächiger Bewaldung wie auf der Insel Ugljan, die das Erkennen von Strukturen enorm erschweren kann.
Nichtsdestotrotz stellt der Zugang zu Satellitenbildern via Google Earth einen Gewinn dar, kann doch mit relativ kleinem Aufwand ein Gebiet zumindest oberflächlich angegangen werden. Verschiedene Vergleichsbeispiele antiker Parzellierungen aus dem mediterranen Raum, auf die an dieser Stelle aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden soll, machen ebenso deutlich, dass die 'Prospektion' via Satellit nur einen Einstieg für die wissenschaftlich fundierte archäologische Forschung darstellen kann (vgl. hierfür die gut erforschten Parzellierungen von Metapont und Chersonesos als griechische Beispiele sowie das römische Pomptinus). Eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem archäologischen Thema kann nur gelingen, wenn die Befunde ausgegraben und ausgewertet werden. Die Stratigraphie spielt hierbei nicht nur für die Datierung, die sich bei oberflächlich noch sichtbaren infrastrukturellen Strukturen wie Parzellierungen ohnehin nur schwer ermitteln lässt, sondern auch für relativ chronologische Fragen wie beispielweise der Siedlungs- oder Nutzungsentwicklung eine entscheidende Rolle.
Die Frage nach den Unterschieden zwischen der griechischen chora und dem römischen ager in Dalmatien impliziert die Frage nach der Art der griechischen wie römischen Koloniegründungen und deren Strukturen. Auch hier dürfte diese Frage unter anderem an der Anzahl der Befunde scheitern. Da die Römer das Prinzip der Kolonie und deren Aufbau von den Griechen übernommen hatten, kann also eher von einer Entwicklung und eben nicht von zwei unabhängigen Systemen die Rede sein. Das Grundprinzip, eine Siedlung mit exakt ausgemessenen Ackerflächen zu errichten, bedingt ein grosses Mass an Organisation und Verwaltung. Die Ausprägung einer Kolonie war demnach aber ebenso stark vom Koloniegründer abhängig wie vom Idealbild einer Kolonie, an dem sich der jeweilige Koloniegründer orientierte. Während die Infrastruktur, welche pragmatischerweise dem zu kolonisierendem Gebiet angepasst wurde (z. B. Ausrichtung der chora bzw. des ager), innerhalb der griechischen bzw. römischen Kolonie in deren Grundprinzipien identisch war, lässt sich über soziale und gesellschaftliche Unterschiede nur spekulieren: Inwieweit beispielsweise der Kontakt mit der indigenen Bevölkerung die Identität der griechischen oder römischen Kolonialbevölkerung tangierte, lässt sich für die dalmatinischen Beispiele nicht differenziert angehen, ist die Basis an Funden und Befunden doch zu gering.
Das folgende Zitat Ciceros, das auf das Vermessungssystem und deren mathematischen Grundlagen gemünzt ist, kann stellvertretend für die Unterschiede zwischen der griechischen und römischen Kultur stehen: To them (the Greeks) geometry stood in the highest honour, and consequently nobody was held in greater esteem than mathematicians. But we have restricted these arts to utilitarian measurement and calculation (Lewis 2001, 123).
Eine somit gewichtige Haupterkenntnis stellt demnach dar, dass die Römer neben der Vermessungstechnik, die sie nur minim optimierten und mit ihren Masseinheiten gleichsetzten, auch das griechische Kolonialsystem kopiert haben. Offen ist die Frage nach den Grundsätzen der jeweiligen Feldergrössen bzw. der vermessenen Einheiten. Auf welchen Kriterien oder Vorbildern die griechischen Felder mit Längen-Breiten-Verhältnis von 4:1, 5:1 oder 5:2 ursprünglich basieren, lässt sich nicht mehr festmachen. Auch die Flächengrössen, die sich doch enorm unterscheiden können, sind wohl eher auf geographische, bevölkerungs- und landwirtschaftsspezifische Faktoren zurückzuführen. Wie hoch der Anteil der Agrarprodukte gewesen sein mochte, der für den Export bestimmt war, ist reine Spekulation; besonders, solange die Nutzungsform(en) der jeweiligen Gehöfte gänzlich unbekannt bleiben: In der Literatur ist neben einer möglicherweise temporären, sprich einer jahreszeitlichen Nutzung ebenso von einer kollektiv verwalteten oder aber auch einer auf Familienverbänden basierenden Organisation der Gehöfte die Rede.
Der Zugang über die Produktionsstärke lässt demnach keine Aussagen über die Standardeinheiten der Feldergrössen zu. Gerade bei römischen centuriae, die zum Teil beliebige Subdivisionen aufweisen können, lässt sich nur bedingt nachweisen, wie gross eine bewirtschaftete Einheit gewesen sein könnte. Meines Erachtens ist die Grösse und Anlegung der römischen Zenturiation in Quadratform nicht auf einen bestimmten landwirtschaftlichen Produktionsrichtwert zurückzuführen, sondern dürfte eher pragmatischer Natur gewesen sein: Die Gleichsetzung der limitatio mit den römischen Masseinheiten vereinfachte die römische Landvermessung enorm. Der römische Pragmatismus zeigt sich auch in Pharos, wo die griechischen Parzellen umgenutzt und mit den neuen, ungewöhnlichen Massen von 5 x 5 actus (= 3.2 ha) verteilt wurden. Geht man von Richtwerten von 3.6 bis 8 ha aus, um eine fünfköpfige Familie zu ernähren (wenn man denn von einer familienbasierten Nutzung ausgeht), so benötigte letztere mit höchster Wahrscheinlichkeit mehr als eine Einheit − ein weiteres Indiz dafür, dass eine Landeinheit nicht unbedingt einer 'Nutzereinheit' zu entsprechen hat.
- Burford 1883: A. Burford, Land and Labor in the Greek World (Baltimore/Maryland 1993).
- Carter 2006: J.C. Carter, Discovering the Greek Countryside at Metaponto (Michigan 2006).
- Choquer/Favory 1992: G. Chouquer/F. Favory, Les Arpenteurs Romains. Arch. Aujourdhui (Paris 1992).
- Columella, Richter [Hrsg.] 1981: Columella Lucius Iunius Moderatus Columella, De res rustica, hg. von Will Richter, Bd. 1, München 1981.
- Flach 1990: D. Flach, Römische Agrargeschichte. Handbuch der Altertumswissenschaft, Abt. 3, Teil 9 (München 1990).
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