Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/1495

BERUFSBERATUNG
Berufswahl und Arbeitsmarkt
Berufliche Interessen im Schweizer Arbeitsmarkt
Die Berufswahl hängt wesentlich von den eigenen beruflichen Interessen ab, wird aber auch von der Arbeitsmarktlage bestimmt. Basierend auf sechs Berufstypen wurde der schweizerische Arbeitsmarkt über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren bezüglich Häufigkeiten, Geschlechterverteilung, Lohn und Kompetenzanforderung analysiert.
Von Andreas Hirschi, Ordinarius und Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern, und Anja Ghetta, Doktorandin
Quelle Grafiken: Ghetta, A. et al. (2018)
Handwerklich-technisch (realistic), untersuchend-forschend (investigative), künstlerisch-kreativ (artistic), erziehend-pflegend (social), führend-verkaufend (enterprising) und ordnend-verwaltend (conventional): Diese sechs Interessenfelder von John Holland sind die weltweit am meisten verwendete Interessentypologie («RIASEC»). Die Berufsberatung in der Schweiz ist hierbei keine Ausnahme – berufliche Interessen von Personen dienen häufig als Ausgangspunkt, um zu einem Klienten und einer Klientin passende Berufe zu identifizieren. Bisher wurde jedoch nie systematisch analysiert, wie stark bestimmte berufliche Interessentypen im schweizerischen Arbeitsmarkt vertreten sind, wie das Geschlechterverhältnis in einem Berufstyp ist oder wie hoch der durchschnittliche Lohn in den verschiedenen Berufstypen ausfällt. In unserer Studie haben wir basierend auf Angaben der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) von über einer halben Million Berufstätigen den schweizerischen Arbeitsmarkt anhand Hollands Berufstypen analysiert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich zwischen 1991 und 2014 die sechs Berufstypen stark unterschiedlich entwickelt haben (Abbildung 1). Prozentual arbeiteten stetig weniger Menschen in handwerklich-technischen Berufen, allerdings stellt dieser Typ durchgehend das Interessenfeld mit den meisten Beschäftigten dar. Untersuchend-forschende Berufe verzeichneten in den letzten Jahrzehnten einen Zuwachs, blieben absolut gesehen allerdings auf niedrigem Niveau. Der Anteil künstlerisch-kreativer Berufe verharrte durchgehend auf sehr tiefem Niveau. Die Anzahl Beschäftigte in erziehend-pflegenden Berufen ist hingegen stark angewachsen und stellte 2014 16% des Arbeitsmarktes dar. Noch stärker stieg die Anzahl Personen in führend-verkaufenden Berufen an, welche 2014 mit 25% aller Beschäftigten das zweitgrösste Interessenfeld darstellten. Bleibt das Wachstum ungebremst, werden in den kommenden Jahren führend-verkaufende Berufe im schweizerischen Arbeitsmarkt häufiger vertreten sein als handwerklich-technische Berufe. Das Berufsfeld ordnend-verwaltend ist über die beobachtete Zeitspanne leicht geschrumpft. Insgesamt zeigte sich, dass der schweizerische Arbeitsmarkt für Personen mit unterschiedlichen beruflichen Interessen unterschiedliche Möglichkeiten bietet. Für die Berufsberatung ist daher wichtig, neben den Interessen der Klientinnen und Klienten auch die jeweilige Arbeitsmarktlage zu berücksichtigen. Beispielsweise finden Personen mit handwerklich-technischen Berufsinteressen nach wie vor einen grossen Arbeitsmarkt vor, weswegen trotz Rückgang gute Aussichten bestehen. Weiter weist der starke Anstieg an erziehend-pflegenden und insbesondere führend-verkaufenden Berufstätigen auf wichtige künftige Beschäftigungsmöglichkeiten für Personen mit entsprechenden Interessen hin.
Die Geschlechterverteilung Zwischen Männern und Frauen liessen sich stabile Unterschiede finden. In Berufen mit handwerklich-technischen Interessen waren Männer konstant in der Mehrheit, wohingegen Berufe mit erziehend-pflegenden Interessen immer grossmehrheitlich von Frauen ausgeübt wurden. Am ausgeglichensten ist das Geschlechterverhältnis in Berufen mit führend-verkaufenden Interessen. Bemerkenswert ist, dass während den letzten 23 Jahren trotz zunehmender Gleichberechtigung in der Gesellschaft keine grossen Schwankungen der Frauen- und Männeranteile in den sechs Berufstypen zu verzeichnen war. Die Resultate zeigen auch, dass sich Frauen verglichen mit Männern weniger stark auf ein Interessenfeld konzentrieren, sondern in einem breiteren Berufsspektrum tätig sind (Abbildung 2). Dass jede fünfte Frau in einem handwerklich-technischen Beruf tätig ist, ist bemerkenswert, da Frauen diesem Berufstyp generell das geringste Interesse entgegenbringen.
Wer verdient wie viel? Unterschiede zwischen den Berufstypen ergeben sich auch im durchschnittlichen Lohnniveau (Abbildung 3). Diese Informationen können gut in die Berufsberatung einfliessen, da der zu erwartende Lohn für viele Klientinnen und Klienten relevant sein dürfte. Am tiefsten fällt der Medianlohn für handwerklich-technische Berufe aus. Besonders tief fällt das monatliche Einkommen für Frauen in handwerklich-technischen Berufen aus; sie verdienten 64'000 Franken, verglichen mit einem Medianlohn von 81'000 Franken für Männer. Die höchsten Löhne wurden in untersuchend-forschenden Berufen erzielt. Der Lohn für künstlerisch-kreative, erziehend-pflegende, führend-verkaufende sowie ordnend-verwaltende Berufe lag zwischen 90'000 und 98'000 Franken. Die grössten Lohnunterschiede für Männer und Frauen traten in führend-verkaufenden Berufen auf; ganze 41'000 Franken weniger verdienten Frauen in diesem Berufstyp. Gemäss der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) lässt sich jeder Beruf einer von vier Anforderungsstufen zuordnen, wobei höhere Stufen komplexere Arbeitsaufgaben umfassen und eine höhere Ausbildung oder umfangreichere Arbeitserfahrung erfordern. Unsere Analysen zeigten, dass insbesondere handwerklich-technische Berufe sowie ordnend-verwaltende Berufe auf den unteren Anforderungsstufen vertreten sind, wohingegen Beschäftigte in untersuchend-forschenden und künstlerisch-kreativen Berufen auf den höchsten Stufen tätig sind. Dies vermag auch einige der oben angetroffenen Lohnunterschiede zu erklären: Betrachtet man den Medianlohn getrennt nach Kompetenzanforderung, verkleinern sich die meisten Lohnunterschiede zwischen den Berufstypen massiv. Lohndifferenzen können somit grossmehrheitlich auf die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Berufstypen zurückgeführt werden.
Links und Literaturhinweise
Ghetta, A., Hirschi, A., Herrmann, A., Rossier, J. (2018): A Psychological Description of the Swiss Labor Market from 1991 to 2014: Occupational Interest Types, Gender, Salary, and Skill Level. In: Swiss Journal of Psychology (Nr. 2[77]).