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Es ist kurz vor halb neun. Die Stadt liegt im frühen Sonnenlicht. Es ist kühl. Ich schaue aus dem Fenster nach unten auf den Platz vor dem Hotel.
Eine Frau mit einem kleinen Kind im Arm geht auf und ab. “Eine Bettlerin?”, geht mit durch den Kopf. Da dreht sie sich um und ich sehe die umgehängte Laptoptasche.
Von links und rechts kommen Männer und Frauen mit kleinen Kindern an der Hand. Die Erwachsenen eilen, ziehen die Kleinen mit sich, die mit kleinen Trippellschrittchen das morgendliche Tempo mithalten wollen.
Sie alle streben zum Tor zu diesem weissen, zweistöckigen Gebäude, das gestern Nacht als einziges ohne ein Licht war.
Ich gehe raus auf den kleinen Balkon.
Ich denke: “Es muss ein Kinderhort, ein Kindergarten sein. Keine Schule. Für eine solche sind die Kinder noch zu klein.”
Auf der Strasse zwischen unserem Hotel und den Platz vor dem Kindergarten stauen sich die Autos.
Ein Fahrer beginnt zu hupen, ein anderer stimmt ein.
Ich schaue nach unten und sehe, dass eine schwarze Limousine den Verkehr in beide Richtungen blockiert.
Der Fahrer ist mitten auf der Strasse stehen geblieben. Der Fahrer im weissen Auto gleich hinter dem schwarzen lehnt sich aus dem Fenster und ruft dem Fahrer im schwarzen etwas zu. Dieser schaut aus dem Fenster nach hinten und antwortet auf mongolisch, wobei auch eine mir geläufige Sprache keine weitere Erkenntnis gebracht hätte, denn die ersten Zurufe der beiden eskalieren zu einem wüsten Gebrülle, was sich auf dem Balkon im achten Stock eines Hotels in jeder Sprache wie Hundegebell anhört.
Die beiden Fahrer steigen aus und brüllen sich Auge in Auge an. Die anderen hupen im Konhzert. Autos weiter weg von der Blockade fahren Wendemanöver, weil man auch in Ulan-Bator um diese Zeit keine Zeit vertrödeln kann.
Derweil legt die Frau mit dem Kind im Arm ihr Kind in den Arm einer anderen Frau, die eben gekommen ist.. Sie unterhalten sich kurz. Dann eilt die Frau mit der Laptoptasche in die andere Richtung davon.
Jetzt hupen noch mehr Autos und die beiden Streithähne brüllen einander derart laut an, dass demnächst auch noch Fäuste ein Wort mitreden könnten.
Vor dem Kindergarten herrscht aufgeregte Hektik. Eltern mit Kind an der Hand drängeln sich an der Eingangstüre mit Eltern ohne Kind an der Hand.
Die beiden Fahrer haben sich in ihre Autos zurückgezogen. Eine Frau rennt über den Platz, schlängelt sich zwischen den dicht an dicht stehenden Autos durch und steigt in die schwarze Limousine.
Deren Fahrer gibt Gas, der Stau löst sich auf.
Links rennt ein Vater mit seinem Kind auf dem Arm zum Kindergartentor, weiter die Strasse runter noch einer.
Es ist drei nach halb neun. Kurz danach ist es so, als ob nichts gewesen wäre.
Wir gehen frühstücken.
PS: In Ulan-Bator, liest sie mir vor, leben 3’000 Strassenkinder. Der Staat hat in den letzten Jahren 16 neue Kinderheime erstellt, um die Lage dieser Kinder zu verbessern.