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Zürich 19 Januar 1870.
Hochverehrter Herr!
Indem ich mich auf meine ergebenen Schreiben vom 4. & 9. dss. Mon. beziehe, beehre ich mich, Sie gewissermaßen als Nachtrag zu denselben noch auf einen Punct aufmerksam zu machen, der mir für das Gelingen der großen Unternehmung, deren Verwirklichung wir anstreben, von nicht untergeordneter Bedeutung zu sein scheint, ich meine die Betheiligung des Italienischen Privatcapitales bei der Bildung der Gesellschaft. Sie haben mir zwar unter dem 1 dss. Mon. geschrieben, «wenn in Deutschland im Einverständnisse mit unserem Schweizerischen Consortium ein verständiger Finanzplan zu Stande komme, so möge ich | mich ja nicht durch Bedenken oder Forderungen Italienischer Banquiers abhalten lassen, vorwärts zu gehen.» Wenn ich nun auch durchaus der Ansicht bin, daß zunächst die Deutsche & die Schweizerische Finanz den Plan für die finanzielle Begründung der Gotthardunternehmung aufzustellen berufen sind, so glaube ich hinwieder, daß dieser Plan noch der Italienischen Finanz mit der Einladung zum Beitritte für eine gewisse Quote, beziehungsweise zur Abgabe etwaiger Gegenerinnerungen wird übermittelt werden müssen. Würde dieses Verfahren nicht in Anwendung gebracht, so kann man mit Sicherheit darauf zählen, daß die Empfindlichkeit der Italienischen Finanzwelt verletzt & dadurch dem Gotthard eine nicht zu verachtende Gegnerschaft, welche das Italienische Parlament in unliebsamer Weise beeinflussen dürfte, geschaffen würdde. Die Correspondenz, welche ich mit dem Baron Podesta, dem Sindaco von Genua, pflege, ist von Brief zu Brief mehr dazu geeignet, mich in die| ser Anschauungsweise zu bestärken.
Noch muß ich Ihnen melden, daß das Project einer Splügenbahn wieder in den Vordergrund gedrängt wird. Ein Subventionsgesuch für diese Bahn ist gestern dem Züricher'schen Cantonsrathe eingereicht worden & ähnliche Ansinnen werden nun wohl auch an andere Schweizercantone gerichtet werden. Man wird auf das Italienische Parlament wirken & die Meinung in demselben hervorrufen wollen, daß die Schweizerischen Subventionen ebensogut für den Splügen, wie für den Gotthard erhältlich seien. Dabei darf ich eine Thatsache nicht unerwähnt lassen, die ich gestern aus zuverlässigster Quelle vernahm. Letzten April war das Capital für den Bau der Lucmanierbahn in Paris bereits in vollem Umfange gezeichnet, als die Nachricht, daß unser Gotthardcomité im Ctn. Tessin das Terrain durch Erwirkung der Conzession für die Gotthardbahn | occupirt habe eintraf & die zum Abschlusse gebrachte Lucmanier Combination über den Haufen warf. Ich bin überzeugt davon, daß das gleiche Capital, welches sich für den Lucmanier zur Verfüngung gestellt hat, unter Umständen auch für den Splügen zu haben sein wird & daß die Begründung einer Gesellschaft zur Ausführung der Splügenbahn unser Gotthardproject in Italien zu nichte machen würde. Wie ich in Folge dessen dafür halte, daß ein rasches & energisches Vorgehen des offiziel len Norddeutschen Bundes, bez.weise Deutschland's zu Gunsten der Gotthardbahn sehr wünschbar ist, so scheint es mir auch dringend geboten, daß das finanzielle Deutschland die Bildung der Gesellschaft für Ausführung des Gotthard's thunlichst befördern helfe.
Ich wollte nicht unterlassen, Sie auf diese Momente, welchen ich eine große Bedeutung beilege, aufmerksam zu machen, & indem ich Nachrichten von Ihnen mit Spannung entgegensehe, verbleibe ich mit herzlichem Gruße
Ihr ergebener
Dr A Escher