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Ein Gastbeitrag von Patrick Truffer.
Bei der Recherche zu diesem Artikel fiel auf, dass es im Gegensatz zum iranischen Atomprogramm deutlich weniger öffentlich zugängliches Quellenmaterial gibt. Ausserdem überschätzen einige Autoren die Fähigkeiten der entwickelten ballistischen Raketen, fallen auf die iranische Propaganda herein oder verheddern sich in der teilweise chaotischen Namensgebung der verschiedenen Raketentypen. Dieser Artikel basiert deshalb hauptsächlich auf John Chipman und Mark Fitzpatrick, “Iran’s ballistic missile capabilities: a net assessment“, International Institute for Strategic Studies, 2010.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten ballistische Raketen zu klassifizieren, beispielsweise anhand ihrer Reichweite in Kurzstreckenraketen (bis 1’000 km), Mittelstreckenraketen (1’000 km – 3’500 km), Langstreckenraketen (3’500 km – 5’500 km) und Interkontinentalraketen (über 5’500 km). Den technologischen Aspekt im Vordergrund wird in diesem Artikel jedoch anhand der Triebwerkssystemen unterschieden (Flüssigkeitsraketentriebwerke bzw. Feststoffraketenetriebwerke). In einem eigenen Kapitel werden die im Rahmen des iranischen Raumfahrtprogramms eingesetzten Trägerraketen behandelt. Anschliessend wird anhand der Informationen der ersten drei Kapitel das iranische Entwicklungs- und Produktionspotential und die Eignung der vorhandenen Systeme zur Bestückung mit nuklearen Gefechtsköpfen beurteilt. Der Artikel wird mit einem Fazit abgeschlossen.Systeme mit Flüssigkeitsraketentriebwerken
Das ballistische Raketenprogramm des Irans hat seine Wurzeln im Ersten Golfkrieg (1980-1988). Während des Krieges feuerte der Irak eine hohe Anzahl Scud-Raketen gegen den Iran ab. Die iranischen Streitkräfte verfügten zu dieser Zeit nur über Langstrecken-Artillerie und Raketen bis zu einer Reichweite von max. 150 km. Erst 1985 wurde von Libyen 20 Scud-B Raketen (R-17 bzw. 8K14, 300 km Reichweite, 1’000 kg Gefechtskopf, 500-1’000 m CEP) sowie zwei MAZ-543 Raketenstart- und Transportfahrzeuge (Transporter-Erector-Launcher, TEL) erworben. Der Ersteinsatz erfolgte Mitte März 1985 als sieben Raketen gegen Baghdad und eine Rakete gegen Kirkuk abgefeuert wurden. Wenn auch militärisch irrelevant, setzten die Attacken das irakische Regim unter Druck und wurde in der iranischen Öffentlichkeit als strategischer Erfolg gewertet. Eine von Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, zu dieser Zeit iranischer Parlamentssprecher, angeführte diplomatische Mission konnte 1986 rund ein Dutzend Scud-B Raketen von Syrien erwerben. Die Sowjetunion missbilligte den Weiterverkauf ihrer Scud-B Raketen durch Libyen und Syrien an den Iran und unterbindete weitere Verkäufe. Deshalb wendete sich Rafsanjani 1987 an Nordkorea, wo ballistische Raketen durch Reverse Engineering selber produziert wurden. Zwischen 1987-1992 lieferte Nordkorea dem Iran schätzungsweise 6-12 TELs und 200 Raketen (für eine Übersicht unterschiedlicher Schätzungen vgl.: Anthony H. Cordesman, “Iranian Arms Transfers: The Facts“, Center for Strategic and International Studies, 30.10.2000, p. 19f). Bei den importierten Raketen handelte es sich um Shahab-1 (umbenannte Scud-B) und Shahab-2 (umbenannte Scud-C, 550 km Reichweite, 700 kg Gefechtskopf, 1’000-1’500 m CEP). Bei der Bestrebung eine eigenen Raketen-Industrie auf die Beine zu stellen, assistierten dem Iran ab 1990 rund 400 nordkoreanische Ingenieure und Spezialisten. Ungefähr seit 1997 verfügte der Iran über ausreichendes Know-How um Shahab-2 Raketen im Inland herzustellen, jedoch mit bestehender Importabhängigkeit bei Schlüsselkomponenten. Mit der Shahab-2 besitzt der Iran ein strategisches Abschreckungspotential gegenüber dem Irak, jedoch nicht gegenüber Saudi Arabien und Israel. Dazu sind ballistische Mittelstreckenraketen notwendig, was beispielsweise durch eine Kombination von vier Scud-Raketenantriebe erzielbar wäre. Teheran entschied jedoch anders und setzte auf die Entwicklung der nordkoreanischen Nodong (im Iran Shahab-3 benannt, um 1’000 km Reichweite, 760-1’100 kg Gefechtskopf, 2’500 m CEP). schlussendlich von der Leistung der gelieferten Nodongs nicht befriedigt, rüsteten iranische Ingenieure die Nodong im Jahre 2000 mit einem leichteren Raketenkörper, verlängerten Treibstofftanks und einem besseren Steuerungssystem aus und nannten die kampfwertgesteigerte Variante Ghadr-1 (1’500-1’600 km Reichweite, 750 kg Gefechtskopf, 1’500 m CEP). Die Ghadr-1 ist seit Mitte 2003 operationell. Die iranischen Streitkräfte verfügten 2006 über 25-100 Stück. Damit erreicht der Iran jedoch auch die Grenze seiner technischen Möglichkeiten: einerseits lässt sich die Leistungsfähigkeit der Ghadr-1 nicht weiter erhöhen, andererseits verfügt der Iran nicht über das notwendige technologische Know-How ohne ausländische Unterstützung eine leistungsfähigere Mittel- oder Langstreckenrakete mit einem Flüssigkeitsraketentriebwerk zu konzipieren (vgl.: “US-Russia Joint Threat Assessment Taks“, Secretary of State, 24.02.2010). Teheran konzentrierte sich deshalb zunehmend auf die Weiterentwicklung von ballistischen Systemen mit Feststoffraketentriebwerken.
Systeme mit Feststoffraketentriebwerken
Bereits im Ersten Golfkrieg wurde Artilleriemunition mit Feststoffraketentriebwerken eingesetzt, doch die erste erfolgreich einsetzbare ballistische Feststoffrakete, die ungelenkte Zelzal-2 (max. 200 km Reichweite, max. 600 kg Gefechtskopf), wurde erst in den 1990er Jahren mit chinesischer Hilfe entwickelt. Seit 1999 wird sie im Iran produziert und gilt seit 2004 als militärisch operationell. Der frühere iranische Botschafter in Libanon, Ali-Akbar Mohtashamipur, teilte gegen Ende des Libanonkriegs 2006 mit, dass der Iran die Hisbollah mit Zelzal-2 Raketen ausgerüstet habe (Quelle: Amos Harel, Yoav Stern, “Iranian official admits Tehran supplied missiles to Hezbollah“, Haaretz, 04.08.2006). Die erste rudimentär gesteuerte Feststoffrakete war die Fateh-110, welche ansonsten ähnliche Spezifikationen wie die Zelzal-2 aufweist (wegen dem Steuerungssystem verfügt sie bei gleicher Reichweite eine um 100 kg verringerte Nutzlast und eine um 50 cm grössere Länge).
Mittelstreckenraketen mit einem Feststoffraketentriebwerk müssen zweistufig konzipiert werden. Die Sajjil (um 2’200 km Reichweite, max. 750 kg Gefechtskopf, auch bekannt unter den Namen Sejil, Ashura oder Ghadr-110) war die erste solche Rakete, welche im Oktober 2008 getestet wurde (2009 wurde die Sajjil-2 getestet, welche jedoch der Sajjil identisch zu sein scheint). Sie ist so konstruiert, dass der TEL der Ghadr-1 verwendet werden kann. Die Sajjil verfügt über ein Steuerungssystem, welches jedoch ungenauer als dasjenige der Ghadr-1 ist. Sie wurde nur noch einmal, im Februar 2011 getestet und kann deshalb nicht als operationell bezeichnet werden. Der Grund für die ausbleibenden Tests liegt vermutlich in den Sanktionen, welche das iranische Raketenprogramm negativ beeinflussen (vgl.: “Iran sanctions halt long-range ballistic-missile development“, International Institute for Strategic Studies, Strategic Comments, Vol. 18, Juli 2012; “US-Russia Joint Threat Assessment Taks“, Secretary of State, 24.02.2010). Ausserdem fokussiert sich der Iran seit 2009 verstärkt auf sein Raumfahrtprogramm.
Das iranisches Raumfahrtprogramm
[…] we are also investing in production of that military equipment that, with minimum cost, can have maximum effects on our deterrence capabilities. In fact we are investing in [our access] to space technology or its prerequisite field like missile technology by improving the range, accuracy, and destruction power of missiles. This is one of our main aims. — Ali Shamkhani, zu dieser Zeit iranischer Verteidigungsminister, im staatlichen Fernsehen, 23.08.2000, zitiert auf Charles P. Vick, “Shahab-4, No-dong-B – Satellite or Strategic Launch Vehicles?“, globalsecurity.org, 27.02.2007.
Oberflächlich gibt sich das iranische Raumfahrtprogramm zivil. Die Aussage von Shamkhani zeigt aber unverblümt auf, dass das iranische Raumfahrtprogramm und das ballistische Raketenprogramm miteinander verbunden sind. Sowohl die Sajjil wie auch die zweistufige Trägerrakete Safir (weniger als 26 Tonnen, 3 Tonnen theoretische Nutzlast, ca. 100 kg Nutzlast realistisch; auch bekannt unter dem Namen Kavoshgar-5) wurden im gleichen Zeitraum entwickelt und die Sajjil auf dem Gebiet des iranischen “Weltraumbahnhofs” im südlichen Semnan (35°14′05″N 53°55′15″E) getestet (vgl.: “Semnan“, Encyclopedia Astronautica). Die erste Stufe der Safir besteht aus einer verlängerten Ghadr-1, der Antrieb der zweiten Stufe stammt von einer R-27, welcher aus Russland über Nordkorea an den Iran geliefert wurde (Russland bestreitet dies jedoch, vgl.: “US-Russia Joint Threat Assessment Taks“, Secretary of State, 24.02.2010). Da der Iran nur eine limitierte Anzahl von R-27 Antriebssystemen besitzt (geschätzte 1-2 Duzend) und die Leistungsfähigkeit der Safir bereits ihre Grenzen erreicht hat, besitzt die Safir nahezu keine militärische Relevanz oder militärisches Entwicklungspotential.
Der eigentliche Durchbruch gelang dem Iran am 02. Februar 2009 als mit einer Safir-Trägerrakete (26 Tonnen Gewicht, weniger als 50 kg Nutzlast) der Omid-Satelliten (auf deutsch “Hoffnung”, 27 kg Masse) in seine Umlaufbahn gebracht wurde (siehe Video links). Einige Autoren verglichen die Safir mit der sowjetischen Sojus-Trägerrakete (mehr als 280 Tonnen schwer, 30 Tonnen theoretische Nutzlast), welche den Sputnik (84 kg) in die Erdumlaufbahn beförderte und das sowjetische Zeitalter der Interkontinentalraketen einläutete und prognostizierten eine ähnliche Entwicklung für den Iran (vgl.: “Iran’s satellite spells potential ICBM threat: experts“, AFP, 03.02.2009; Nazila Fathi, William J. Broad, Isabel Kershner, Alan Cowell und Sharon Otterman, “Iran Launches Satellite in a Challenge for Obama“, The New York Times, 03.02.2009). Die Safir und die Sojus sind jedoch derart unterschiedlich, dass diese Vergleiche einer vertieften Überprüfung nicht standhalten. Dies bestätigte der Abschuss zweier weiterer Satelliten: der Rasad (15,3 kg) wurde im Juni 2011 mit einer Safir-Rakete, der Navid im Februar 2012 mit einer etwas leistungsfähigeren Safir-1B in die Erdumlaufbahn befördert (vgl.: David Wright und Laura Grego, “Rasad-1: Iran Launches Its Second Satellite“, All Things Nuclear, 16.07.2011; “Iran feiert weiteren Raumfahrt-Erfolg“, N24, 03.02.2012). Das Safir-Trägerraketensystem ist damit jedoch bereits an ihre Leistungsgrenze angelangt (vgl.: Norbert Brügge, “Safir-1A & 1B IRILV“, Space Launch Vehicles, 21.07.2012).Irans Entwicklungs- und Produktionspotential
Basierend auf das technologische Know-How verfügt der Iran über das Potential die Shahab-1 und die Shahab-2 herzustellen, wobei Schlüsselgüter wie beispielsweise Triebwerke und Steuerung (beispielsweise Gyroskope) importiert werden müssen. Bei der Shahab-3, Ghadr-1 und Safir verfügt der Iran über die Fähigkeiten die Systeme zusammenzubauen, zu modifizieren und in einem limitierten Rahmen weiterzuentwickeln (vgl.: Michael Elleman, “How Serious Are Iran’s Threats?“, CFR, 05.01.2012). Bei den Systemen mit Flüssigkeitsraketentriebwerk verfügt der Iran über kein Entwicklungspotential und auf der Basis der Ghadr-1 sind keine Optimierungen mehr möglich. Deshalb sind technologisch neu entwickelte ballistische Raketen mit einem Flüssigkeitsraketentriebwerk in den nächsten 10 Jahre nicht zu erwarten. Der einfachste Weg um mit den bereits bestehenden Systemen die Reichweite und die mögliche Masse des Gefechtskopfes zu erhöhen, besteht in der Kombination bereits vorhandener Raketen. Dies ist technologisch relativ einfach und mit wenig Risiko verbunden. Nachteilig sind jedoch die daraus resultierenden Grössen und Massen der Raketen (ein Cluster von 4 Scud-Raketen würde einen Umfang von 1,5 m, eine Länge von 18-19 m und eine Masse von rund 30 Tonnen aufweisen).
Bei den Feststoffraketen verfügt der Iran über genügen technisches Know-How um alle Systeme bis zur Sajjil-2 herzustellen. Theoretisch kann durch Verlängerung der Rakete oder Vergrösserung des Durchmessers die Menge des Antriebssatzes und somit die Brenndauer des Feststoffantriebs bzw. die Reichweite der Rakete vergrössert werden. Dazu sind jedoch die entsprechenden Fertigungsgeräte notwendig, die den Umgang mit einem grösseren Durchmesser bzw. Länge möglich machen und die Qualität des Antriebssatzes bei grösserer Produktionsmenge garantieren. Es ist unsicher, ob der Iran über diese Fähigkeit verfügt. Die Achillesferse bei der Herstellung ballistischer Raketen sind die Bestandteile der Steuerung bzw. Navigation, die Antriebsdüsen sowie die chemischen Ausgangsstoffe zur Herstellung des Antriebssatzes. Die zunehmend restriktiveren Sanktionen behinderten die Entwicklung und den Bau von Raketen insbesondere seit 2010 spürbar. Der Iran ist Jahre von der Herstellung eines eigenen Navigationssystems für Langstreckenraketen entfernt. Der Einsatz veralteter Steurungssysteme führt zu höchst unpräzisen Raketen, was an einem sinnvollen militärischen Einsatz zweifeln lässt, sollte kein nuklearer Gefechtskopf eingesetzt werden.
[…] Iran’s missiles are already so inaccurate that knowing the starting point with precision will not yield a significant improvement in their military effectiveness. — John Chipman und Mark Fitzpatrick, “Iran’s ballistic missile capabilities: a net assessment“, International Institute for Strategic Studies, 2010, p. 118.
Nach eigenen Angaben entwickelt der Iran im Rahmen seines Raumfahrtprogramms eine neue, leistungsfähigere Trägerrakete, die Simorgh. Bis jetzt waren von der Rakete nur Einzelteile oder Modelle zu sehen und es wurden noch keine Testflüge durchgeführt. Sollte diese Trägerrakete tatsächlich jemals operationell sein, so wird die erste Stufe wahrscheinlich vier Shahab-3 Triebwerke umfassen, die zweite Stufe soll derjenigen der Safir entsprechen. Nach iranischen Angaben soll die Simorgh Satelliten bis zu 300 kg Masse in die Erdumlaufbahn befördern. Umfunktioniert zu einer ballistischen Rakete würde damit rein theoretisch ein 700 kg schwerer Gefechtskopf rund 5’000 km weit befördert werden können. Damit ist der Iran mit allen derzeitig verfügbaren Trägerraketen nicht in der Lage eine Interkontinentalrakete zu bauen und ohne ausländische Hilfe wird dies auch für die nächsten 10 Jahre so bleiben (vgl.: “US-Russia Joint Threat Assessment Taks“, Secretary of State, 24.02.2010). Momentan erhält Teheran keine solche Hilfe. Deshalb ist die Einschätzung des US-Verteidigungsminister Leon Panetta, dass der Iran bis 2015 eine Interkontinentalrakete testen könnte als höchst unwahrscheinlich zu bewerten (vgl.: Departement of Defense, “Annual Report on Military Power of Iran“, April 2012; Spencer Ackerman, “Calm Down – Iran’s Missiles Can’t (and Won’t) Hit the East Coast“, Wired, Danger Room, 24.02.2012; Jeffrey Lewis, “Iranian ICBM by 2015?“, Arms Control Wonks, 21.04.2010). Die Herstellung von Mittel- oder Langstreckenrakete mit möglichst wenig ausländischer Abhängigkeit ist nur mit Feststoffraketentriebwerken realisierbar.
Eignung für einen nuklearen Sprengkopf
Die Masse eines nuklearen Sprengkopfs der zweiten oder dritten Generation beträgt 500-1’000 kg. Libyen verfügte beispielsweise über Dokumente eines auf ein chinesisches Atombombendesign aus den 1960er beruhenden nuklearen Sprengkopfs mit einer Masse von 453 kg. Die von der Schweizerische Bundesanwaltschaft bei Urs Tinner sichergestellten Dokumenten beinhalten zwei fortgeschrittenere Pläne zur Herstellung von kompakteren Atombomben. Somit sind theoretisch alle ballistischen Raketen (jedoch nicht die Trägerraketen des iranischen Raumfahrtprogramms) in der Lage ein nuklearer Sprengkopf in den Einsatz zu bringen. Am geeignetsten scheint jedoch Shahab-3 zu sein. Die Ghadr-1 und die Sajjil verfügen mit ihren Wiedereintrittskörper über zu wenig Platz für eine den technischen Möglichkeiten des Irans entsprechende Atombombe aufnehmen zu können. Eine Vergrösserung der Wiedereintrittskörper würde zu einer verringerten Reichweite führen.
Das ballistische Raketenprogramm beweist nicht, dass der Iran Atomwaffen herstellen will. Es gibt jedoch Indizien, die darauf hinweisen, dass der Iran den Einsatz eines nuklearen Sprengkopfes bis 2003 nicht ausschliessen wollte. 2004 übergab die USA der Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) eine über tausend Dokumente umfassende Sammlung von einem aus dem Iran sichergestellten Laptop, welche aufzeigen soll, dass der Iran an für den Einsatz von Nuklearwaffen essentiellen Technologien forschte. Darin wird das “Projekt 111” beschrieben, welches zwischen 2002 und 2003 das Ziel hatte, eine sphärische Ladung mit einer Shahab-3 Rakete zu transportieren, die von Form, Grösse und Gewicht einer Atombombe ähnelt und in einer Höhe von 600 m detonieren soll (Quelle: William J. Broad und David E. Sanger, “Relying on Computer, U.S. Seeks to Prove Iran’s Nuclear Aims“, The New York Times, 13.11.2005; “Little Boy” detonierte am 6. August 1945 in 600 m Höhe über Hiroshima). Ausserdem war die Erstellung eines 400 m tiefen Schachts zum unterirdischen Testen einer Atombombe geplant (Quelle: Dafna Linzer, “Strong Leads and Dead Ends in Nuclear Case Against Iran“, Washington Post, 08.02.2006; “Implementation of the NPT Safeguards Agreement and relevant provisions of Security Council resolutions in the Islamic Republic of Iran“, IAEA – Board of Governors, GOV/2011/65, Restricted Distribution, 08.11.2011).
Since 2002, the Agency has become increasingly concerned about the possible existence in Iran of undisclosed nuclear related activities involving military related organizations, including activities related to the development of a nuclear payload for a missile, about which the Agency has regularly received new information. — “Implementation of the NPT Safeguards Agreement and relevant provisions of Security Council resolutions in the Islamic Republic of Iran“, IAEA – Board of Governors, GOV/2011/65, Restricted Distribution, 08.11.2011, p.3.
Fazit
Der Iran verfügt über eine robuste Industrie zur Herstellung von ballistischen Raketen. Die Produktion ist jedoch nicht autark – der Import von Schlüsselgütern ist notwendig. Dies ist eine Achillesferse, welche sich durch die zunehmenden Sanktionen ab 2010 spürbar auswirkte. Bei der Entwicklung neuer Raketensystemen konnte der Iran lange auf die Unterstützung aus Nord Korea, China und Russland zählen. Diese Unterstützung nahm ab Ende 2000 zunehmend ab und versiegte bis spätestens 2006 gänzlich. Ohne diese Unterstützung wird Teheran kaum in der Lage sein in den nächsten 10 Jahren die Leistungsfähigkeit seiner ballistischen Raketen mit Flüssigkeitsraketentriebwerken deutlich zu erhöhen. Ausserdem wird der Iran in den nächsten 10 Jahren ebenso wenig eine Interkontinentalrakete erfolgreich bauen können. Durch Kombination der gegenwärtig verfügbaren Raketen lässt sich zwar theoretisch eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit erzielen, praktisch sind damit jedoch einige Nachteile verbunden, wie beispielsweise Grösse, Gewicht, fehlende Präzision usw. Die Produktion einer einstufigen ballistischen Rakete mit einer Reichweite von max. 4’000 km wäre zwar womöglich realisierbar, die Rakete würde jedoch rund 65 Tonnen wiegen. Die Genauigkeit einer solchen Rakete – insbesondere wenn auf die momentan vorhandenen Steuerungssysteme abgestützt werden muss – stellt einen sinnvollen militärischen Einsatz in Frage. Abgeschossene Raketen dieses Typs würden mit einer 50%iger Wahrscheinlichkeit ausserhalb eines Zielradius von mindestens 10 km einschlagen (Russland geht sogar von noch schlechteren Werten aus, vgl.: “US-Russia Joint Threat Assessment Taks“, Secretary of State, 24.02.2010; Michael Elleman, “How Serious Are Iran’s Threats?“, CFR, 05.01.2012). Ausserdem wären solche Bestrebungen – würden sie tatsächlich stattfinden – kaum im Verborgenen umzusetzen, sondern am ehesten noch durch ein “zivilen Raumfahrtprogramm” begründbar. Die Trägerraketen Safir und auch die (womöglich) in Entwicklung befindliche Simorgh sind jedoch keine Vorstufen einer militärisch einsatzbaren Interkontinentalrakete – dazu verfügen sie über zuwenig Leistung.
Das ballistische Raketenprogramm beweist nicht, dass der Iran Atomwaffen herstellen will, doch werden die einzelnen Mosaiksteinchen zusammengesetzt – das höchst fragwürdige Atomprogramm, die Bestrebungen im Bereich der ballistischen Raketen, die Indizien aus der umfangreichen Dokumentensammlung und die öffentlich geäusserten Bedenken der IAEA – so wird der Verdacht erhärtet, dass der Iran im Minimum die Kapazität zur Herstellung von Atomwaffen in kurzer Zeit erlangen will.
Countries developing these systems tend to have regional adversaries and those regional adversaries are within 2000 km anyway. So unless you can develop an extremely accurate ballistic missile, it really makes no sense to have anything but a nuclear warhead on it. — Michael Elleman, “How Serious Are Iran’s Threats?“, CFR, 05.01.2012.
Panik ist trotzdem nicht angesagt, denn Regierungen – auch die iranische Regierung – handeln rationell und sind an Machterhaltung interessiert. Sollte der Iran über genügend Ausgangsmaterial und das Know-How verfügen in kürzester Zeit eine Atombombe zu bauen, so heisst dies noch lange nicht, dass eine solche Waffe tatsächlich gebaut oder gar getestet wird. Sollte der Iran eines Tages tatsächlich über Atomwaffen verfügen, so ist ein iranischer Erstschlag höchst unwahrscheinlich, käme er doch einer Selbstvernichtung gleich. Doch bloss die Fähigkeit eine Atombombe in kürzester Zeit zu bauen bzw. das Vorhandensein eines Verdachts, dass der Iran über Atomwaffen verfügt, könnte zu einer Machtverschiebung und eventuell zu einem Wettrüsten im Nahen Osten führen. Bei Konflikten würde das Risiko einer nuklearen Eskalation mitschwingen, was insbesondere der Handlungsspielraum Israels deutlich einschränken könnte (vgl.: Yoa Hendel, “Iran’s Nukes and Israel’s Dilemma“, The Middle East Quarterly, Winter 2012, p. 31-38). Somit könnte ein nuklear aufgerüsteter Naher Osten durch die gegenseitige Abschreckung sogar eine gewisse Stabilität erfahren (vgl.: Kenneth N. Waltz, “Why Iran Should Get the Bomb – Nuclear Balancing Would Mean Stability“, Foreign Affairs, July/August 2012, kostenpflichtig).