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Inhalt

Quintessence
Meine primäre Kategorie ist herstellende Tätigkeit. Es geht nicht ums Überleben, sonst wäre das Überleben die Kategorie. Ich stelle her, was das Herstellen möglich macht, wobei ich die entwickelte Herstellung antizipiere.
Beim hergestellten Gegenstand unterscheide ich die komplementären Aspekte Gegenstandsbedeutung und Artefakt. Ich stelle beides gleichzeitig her.
Beim Herstellen eines Artefaktes wähle ich Material und Form.
In meinem Geld-Buch habe ich ein paar Bemerkungen zur meiner Theorie gemacht(1). Nachträglich ist mir bewusst geworden, dass ich meine Theorie bisher nicht systematisch beobachtet habe. Das werde ich nun in einem Projekt nachholen.
Ich bezeichne meine - hier noch weitgehend implizite - Theorie als materialistisch und als kybernetisch. Das sind aber Labels, die nicht viel mehr erhellen als sie verstecken, weil ich auch mit diesen Wörtern sehr eigene Vorstellungen verbinde. Gleichwoh zeigen mir diese Bezeichnungen ein benennbares kategorielles Vorverständnis, das meiner Sicht auf den von mir gewählten Gegenstand Theorie zugrunde liegt. Ich sehe mich als Subjekt meiner Theorie, gleichgültig wie bewusst sie mir ist.
Die Ausdrücke Materialismus und Kybernetik beziehe ich nicht nur auf meine Theorie, sondern auch als Bezeichnungen für die Literatur, die für mich relevant geblieben ist. Ich habe nur sehr diffuse Ahnungen, warum ich gerade die Bücher gelesen habe, die ich gelesen habe, und ich finde kaum Menschen, die dieselben Bücher gelesen haben. Und selbst wenn jemand das gleiche Buch wie ich gelesen hat, hat er doch normalerweise ein ganz anderes Buch gelesen. Was ich wie gelesen habe, war immer auch von meiner Theorie abhängig, die aber gerade dadurch erst entstanden ist. Diese Wechselseitigkeit werde ich meinem Projekt zugrunde legen, nicht in Bezug auf das Lesen, sondern in Bezug auf das Schreiben. Eine wesentliche Kategorie in meinem Materialismus erkenne ich - hier vorab - darin, dass ich gegenständliche Tätigkeiten beobachte. Was ich gelesen habe, ist weg, was ich schreibe, bleibt ein Zeitlang da. Ich schreibe meine Theorie und werde dabei insbesondere mein Schreiben über das Schreiben beobachten.
Meine Theorie ist ein - jetzt noch nicht geschriebener - Text darüber, wie ich mein Beobachten beobachte. Der Text ist mithin auch ein Text darüber, was ich Text und als Beobachten bezeichne. Den Ausdruck Theorie verwende ich dabei in Anlehnung an eine Konvention, in welcher das griechische 'theorein" für "sich selbst beobachten" steht. Ich werde aber nicht mich selbst, sondern mein Beobachten beobachten. Theorie begreife ich als eine explizite Widerspiegelung der Kategorien, die ich beim Beobachten verwende. Als eigentliches Beobachten bezeichne ich eine textherstellende, gegenständliche Tätigkeit, in welcher ich Unterscheidungen bezeichne, die ich im Hinblick auf Kategorien beobachten kann.
Ich begreife mein Vorhaben, meine Theorie gegenständlich herzustellen, als Projekt. Was ich dabei materiell herstelle, ist ein Text. Als Theorie bezeichne ich den Text selbst, also nicht etwas, was im Text beschrieben ist, das es jenseits des Textes - etwa in meinem Kopf - nochmals geben müsste. Es ist Teil meines Theoriebegriffes, dass in einer Theorie nicht der beobachtete Gegenstand, sondern das Beobachten beobachtet wird. In einer Theorie schreibe ich nicht, wie die Welt ist, sondern wie ich sie beobachte. Im umgangssprachlichen Sin von Theorie ist diese Unterscheidung aufgehoben. Die umgangssprachlich gemeinten "Theorien" von Einstein oder Darwin beschreiben - auch im Selbstverständnis dieser Autoren - die Realität.
Es ist überdies Teil meiner Theorie, dass ich die Verwendung von Wörtern nicht in irgendeinem umgangssprachlichen Sinn voraussetzen kann, sondern vereinbaren muss, weil niemand weiss, wie ein bestimmtes Wort richtig verwendet wird. Wenn ich von umgangssprachlicher Wortverwendung spreche, bezeichne ich eine Art diffusen Commonsense, um darauf aufmerksam zu machen, dass ich meine eigene Wortverwendung explizit erläutere, wie ich es hier für Theorie bereits angefangen habe. In gewisser Weise reflektiere ich meine Theorie durch die Explikation perspektivischer Wortbedeutungen.
Als Projekt bezeichne ich die konzipierte einmalige Produktion eines hinreichend genau abgegrenzten Gegenstandes. Diese Produktion wird durch ein vorausgesetztes Produkt bestimmt und beendet. Ein Beispiel dafür ist etwa der Bau einer Eisenbahnbrücke an einer bestimmten Stelle innerhalb eines Eisenbahnnetzes. Das Projekt betrifft eine konkrete Brücke an einem bestimmten Ort, also eine Instanz des Objektes "Eisenbrücke", die beispielsweise eine Hängebrücke oder eine Betonkonstruktion mit einer gegebenen Spannweite sein kann und natürlich den Bedingungen der entsprechenden Eisenbahn genügen muss. Das Projekt ist abgeschlossen, wenn die Eisenbahn über die Brücke fährt - oder abgebrochen, wenn der Brückenbau beispielsweise mangels Geld eingestellt wird.
Wenn ich einen Gegenstand herstelle, verfolge ich ein Ziel, dem der Zweck des Gegenstandes unterliegt. Der Zweck des Gegenstandes erscheint als dessen Gegenstandsbedeutung oder als dessen Funktion. Zweck einer Eisenbahnbrücke ist, dass die Eisenbahn auf die jeweils andere Seite des überbrückten Hindernis fahren kann. Hergestellte Gegenstände befriedigen die Bedürfnisse, die deren Antizipation schaffen. Wenn ich beim Verlegen von Eisenbahnschienen an einen Fluss komme, entsteht in mir das Bedürfnis auf die andere Seite des Flusses zu kommen, weil ich mir vorstellen kann, dass das beispielsweise mit einer Brücke möglich ist. Projekte haben oft evidente Zwecke, aber manchmal wird die Erläuterung des Zweckes als Teil des Projektes gesehen. Wenn ich andere Menschen für das Projekt gewinnen will, muss ich erläutern, wozu es gut ist. Dabei kann das auch mir klarer werden.
Jedes mir hinreichend wichtige Projekt beschreibe ich in einem Konzept, das mir als Anweisung dient. Im Konzept beschreibe ich, was ich im Projekt weshalb tun werde und welche Resultate mir als Abbruchkriterien genügen. In diesem Sinne ist das Konzept immer auch ein erstes Resultat des Projektes, das seinerseits auf einem mehr oder weniger impliziten Konzept beruht, das bereits im Bedürfnis nach dem Projektgegenstand enthalten ist. Wenn ich mir eine Eisenbahnbrücke wünsche, weiss ich im Prinzip, wie die herzustellen wäre - auch wenn "im Prinzip" sehr oft "eigentlich nicht" heisst. Das jeweils erste Konzept ist entsprechend allgemein, aber bereits als Anweisung formuliert. In der Ausarbeitung des Konzeptes ersetze ich Tätigkeiten durch Handlungen, die ich zunehmend operativer beschreibe, so dass ich die Beschreibungen schliesslich - der Tendenz nach - als Programm lesen kann, in welchem die einzelnen Teilschritte des Projektes beschrieben sind. Als Konzept bezeichne ich in diesem Sinne einen nicht formalisierten Entwurf zur geplanten Tätigkeit. Ich mache hier aber noch ein paar Anmerkungen dazu, was ich von Konzepten überhaupt erwarte und was das Konzept in diesem nicht kommerziellen Fall hier erfüllen muss. In vielen Konzepten wird auch die Strategie und die Taktik explizit behandelt, die sich später in Form von Methoden zeigt. Strategie und Taktik sind kriegerische Konzepte, die einen Projektgegner implizieren. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand etwas gegen mein Projekt haben könnte.
Die Systematik der Konzeption erscheint gebrochen, wenn ich das Projekt als Differenz zwischen Auftrag und Projekt beobachte. Wenn ich ein Konzept schreibe, habe oder will ich einen Auftrag. Ich kann mit einem Konzept Geldgeber oder Mitarbeiter für eine bestimmte Produktion suchen. Dann beschreibe ich natürlich den Sinn des Projektgegenstandes und im kommerziellen Bereich auch den finanziellen Gewinn, der mit dem Projekt verbunden ist. Wenn dagegen bereits klar ist, dass beispielsweise eine bestimmte Eisenbahnbrücke gebaut werden muss, beschreibe ich im Konzept nur noch, wie die Brücke gebaut wird. Wenn ich ein Projekt nur für mich plane, brauche ich weder Geldgeber noch Mitarbeiter, aber ich kann mir natürlich trotzdem Gedanken über den Sinn des Projektes machen. Und logischerweise kann jedes Konzept auch als eigenständiges Projekt aufgefasst werden.
In kommerziellen Konzepten wird Aufwand und Nutzen in Geld aufgewogen. In einem allfälligen Gewinn sind Sinnfragen aufgehoben. Wenn in Bezug auf Geld nur Kosten ausgewiesen werden können, muss der Gewinn vermittelt im Sinn des Projekts gefunden werden.(2) Die akademische Forschung und deren Institutionen beispielsweise postulieren einen durchaus materiellen Gewinn für die Allgemeinheit, die die Kosten trägt, wobei die Verteilung der Gewinne innerhalb der Gesellschaft normalerweise nicht thematisiert wird. Die Volksschule etwa hat neben ihrem eigentlichen Nutzen ein Zivilisierungsinstrument zu sein, den oft propagierten Nutzen, dass alle, die die Volksschule durch Steuern bezahlen, lesen und schreiben können, auch wenn ganz und gar unklar bleibt, wie das für die Einzelnen die Kosten materiell aufwägen sollte. Wenn die Regierung eines Staates beispielsweise in Form von gebundenen Subventionen, die als Projekt gesehen werden können, Geld ausgibt, um den CO2-Ausstoss zu verringern, haben die Empfänger der Subventionen einen materiellen Nutzen, während die Kostenträger insgesamt sich allenfalls damit trösten, dass es der Natur besser gehe. Es ist eine Frage des Projektes, inwiefern Termine, Ressourcen und Kosten eine nennenswerte Rolle spielen, in vorliegenden Projekt spielen sie keine.
Wenn ich keinen kommerziellen Zweck verfolge, kann ich meine Motivation in dem Sinne problematisieren, dass ich ein persönliches und ein gesellschaftliches Interesse unterscheide. Ich kann beispielsweise in meiner persönlichen Entwicklung ein Motiv sehen, das nicht nur mir Vorteile verschafft. Wenn ich einen Text herstelle, dient er mir beim Verfassen meiner Gedanken, er kann aber - wenn ich ihn publiziere - auch anderen Menschen helfen. Ich beobachte dieses Differenz in meinem Text über das Schreiben.
In vielen Projekten, vor allem in wenn das Konzept zur Abschätzung der Projektfinanzierung dient, gibt es fliessende Übergänge zwischen dem Konzept und der Planung im engeren Sinne. Insbesondere wenn der Projektgegenstand in dem Sinne arbeitsteilig hergestellt wird, dass Planung und Ausführung getrennt werden, wird die Konzeptarbeit abgeschlossen, wenn die eigentliche Projektarbeit in Form der Planung beginnt. Wenn ein Ingenieur eine Eisenbahnbrücke plant, stellt er keine Brücke, sondern Pläne her. Die Planung kann dann sowohl als Umsetzung wie auch als letzte Stufe des Konzeptes gesehen werden, die die Tätigkeiten vollständig bestimmt. Während das Konzept primär eine Abbildung des Projektes darstellt, wird in den Plänen hauptsächliche der Projektgegenstand abgebildet. Das ist insbesondere der Fall, wenn ein Konstruktionsplan der gemeinten Arbeit vorausgeht. Eine weniger klare Trennung zwischen Konzept und Planung besteht in Fällen, in welchen die Pläne der praktischen Projektentwicklung wie etwa ein Stadtplan nachgeführt werden, wenn das Projekt vom Konzept abweicht.
Wenn der Gegenstand des Projektes als Resultat einer Entwicklung gesehen wird, kann das Konzept den Entwicklungsprozess beschreiben. Das ist insbesondere der Fall, wenn es sich um ein Forschungsprojekt handelt, bei welchem das Resultat noch nicht bekannt ist, obwohl klar ist, was erforscht wird. Im vorliegenden Fall geht es um die Entwicklung einer bestimmten Theorie, also um einen recht genau bestimmten Gegenstand, wobei aber nicht vorab geklärt ist, was überhaupt als Theorie bezeichnet wird und inwiefern eine Theorie ein Projektgegenstand sein kann. Das Konzept ist in diesem Sinne ein Entwurf zu einer Theorie, den ich in der Theorie reflektiere. Ich beschreibe auf der Stufe des Konzeptes Voraussetzungen der Theorie, die später in der Theorie aufgehoben sind - oder im Konzept entsprechend korrigiert werden. Als Voraussetzung bezeichne ich in diesem Zusammenhang nur, was ich später in der Theorie aufheben will. Ich selbst bin in diesem Sinne keine Voraussetzung des Projektes, obwohl es dieses Projekt ohne mich nicht geben würde.
Im vorliegenden Fall beschreibe ich im Konzept, wie ich meine Theorie entwickle. Das beinhaltet viele Entscheidungen, die sich in der Theorie erst noch bewähren müssen, aber vor allem auch implizite Annahmen darüber, was ich als Theorie begreife. Implizit sind diese Annahmen, weil ich die Theorie ja noch nicht geschrieben habe. Umgangssprachlich würde man sagen können, dass ich meine Theorie bereits im Kopf habe, wo sie aber eben - auch von mir - nicht gesehen werden kann.
Ich fasse nochmals zusammen. In diesem Projekt will ich über meine je eigenen Theorie nachdenken, wozu insbesondere auch gehört, was ich als Theorie bezeichne und auf welchem Weg ich mir meine (je) eigene Theorie bewusst mache. Der Gegenstand dieses Projektes ist die Entwicklung im Sinne einer Herstellung meiner Theorie. Als Gegenstand ist meine Theorie ein Text, in welchem ich die Kategorien, die ich beim Beobachten verwende, reflektiere. Die Kategorien, die ich verwende, sind kontingent. Genau deshalb spreche ich von meiner Theorie. Andere Beobachter verwenden andere Kategorien und haben in diesem Sinne andere Theorien.
Der Sinn dieses Projekts besteht für mich darin, mir mein Beobachten bewusst zu machen. Ich setze dabei voraus, dass ich beobachte und dass ich adäquater beobachte, wenn ich mir dessen nicht nur bewusst bin, sonder auch weiss, wie ich beobachte. Gegenstand des Projektes ist also nicht irgendetwas in meinem geistigen Bewusstsein, auf das ich introspektiv Zugriff habe, sondern ein hergestellter Text, den ich und eben auch andere beobachten können.
Ich mache mir so auch bewusst, dass ich mir meines Beobachtens nicht bewusst sein muss und auch ohne Theorie gut leben kann. Ich bezeichne das, was ich in Form der Theorie erst hervorbringen will, als tacit knowledge, also als eine Art Können, über welche ich ohne Theorie kaum Auskunft geben kann.(3) Ein Teil dieses Können zeigt sich mir darin, dass ich schreiben kann. Ich kann beispielsweise ein Buch über das Schreiben schreiben. Das kann ich ohne zu wissen, weshalb ich den Text gerade so schreibe, wie ich es mache. Naturwüchsig schreibe ich in diesem Fall einfach, was der Fall ist, ich beschreibe einfach die Wirklichkeit. Ich muss nicht darüber nachdenken, warum oder wie ich die Wirklichkeit wahrnehme. Aber ich kann es tun. Ich brauche keine Theorie, aber ich kann meine Theorie herstellen.
Mein Motiv, mich mit meiner Theorie zu befassen, entspringt der Verallgemeinerung einer einfachen Erfahrung, wobei ich mir weder meine Erfahrungen noch deren Verallgemeinerungen jenseits meiner Theorie vorstellen kann. Die noch nicht reflektierte Erfahrung besteht darin, dass meine Tätigkeiten effizienter werden, wenn ich sie mir bewusst mache.(4) Dieser Erfahrung liegt auch jedes entwickeltere Unterrichten zugrunde, bei welchem nicht nur nachgeahmt, sondern erläutert wird, was weshalb wie nachzuahmen ist. Unterrichten hat in diesem Sinne auch zwei sehr verschiedene Bedeutungen. Im eigentlichen Unterrichten erläutere ich, weshalb ich das unterrichte, was ich unterrichte. Im institutionalisierten Unterricht, als in der Schule, sind die Unterrichteten noch nicht in der Lage, den Sinn des Unterrichtes zu verstehen, weshalb sie als Schüler bezeichnet werden. Mein Text richtet sich nicht an Schüler.
Das Konzept soll ein eigenständiger Text werden. Deshalb lassen sich Redundanzen mit der Projektbeschreibung nicht vermeiden. Und weil im vorliegenden Fall der Projektgegenstand auch ein Text ist, wird sich ein Teil der Redundanz auch dort nochmals zeigen.
In diesem Konzept beschreibe ich, wie ich meine eigene Theorie in einem Projekt entwickle. In seiner ersten Version beschreibt das Konzept die voraussichtliche oder beabsichtigte Projektarbeit und deren begrifflichen Voraussetzungen. Wenn sich unterwegs zeigt, dass das Projekt andere Wege geht, werde ich das Konzept anpassen. Ich werde solche Entwicklungen aber sichtbar machen, indem ich allfällige Korrekturen im Konzept kennzeichne.
Im Konzeptes beschreibe ich zuerst den prinzipiellen Projektgegenstand und dann wie ich ihn entwickeln werde. Den Projektgegenstand kann ich nur beschreiben, weil ich ihn bereits in irgendeiner Weise kenne. Ich weiss im umgangssprachlichen Sinn, was ich als Theorie bezeichne, sonst könnte ich nicht über meine Theorie nachdenken. Dass ich über meine Theorie nachdenken kann, zeigt mir umgekehrt, dass sie mir nur teilweise bewusst ist. Ich beginne die Beschreibung des Projektgegenstandes also auf dem mir aktuell gegebenen Vorwissen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch, der dieses Konzept liest, auch vorab wenigstens implizit weiss, was er als Theorie bezeichnet. Und ich rechne damit, dass jeder Leser rasch Differenzen erkennen wird.
Das Verfahren, das ich im Projekt verwende, ist logischerweise auch an den Projektgegenstand gebunden, setzt also auch voraus, was es als Verfahren hervorbringen wird.
Und schliesslich schreibe ich dieses Konzept nicht bevor ich mit der eigentlichen Projektarbeit beginne, sondern während ich bereits an meiner Theorie arbeite. Auch in diesem Sinne ist das Konzept theoretisch belastet. Nicht nur meine Theorie reflektiert, was ich bereits mache, sondern auch das Konzept dazu.
Ich entwickle meine Theorie. Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion (Widerspiegelung) der Kategorien, die beim Beobachten von Sachverhalten verwendet werden. Meine Theorie ist also ein Text darüber, wie ich mein Beobachten beobachte.
Als eigentliches Beobachten bezeichne ich eine textherstellende, gegenständliche Tätigkeit, in welcher ich Unterscheidungen bezeichne, die ich dann im Hinblick auf Kategorien beobachten kann. Die umgangssprachliche Metapher "beobachten" interpretiere ich als Verkürzung, in welcher nur noch Teile oder Aspekte des eigentlichen Beobachtens gemeint sind. Die Herstellung von Text wird in der umgangssprachlichen Verkürzung zunächst auf Sprechen reduziert und schliesslich sogar auf Denken im Sinne eines bewussten Wahrnehmens, wofür ich das Wort Schauen verwende. Im umgangssprachlichen Sinn nehme ich beim Beobachten Dinge, Eigenschaften oder Verhältnisse wahr, die ich bezeichnen könnte, die ich aber eben auch nur wahrnehmen kann. Und selbst wenn ich sprechend bezeichne, was ich wahrnehme, übe ich damit - von sehr speziellen hochtechnologischen Fällen abgesehen, die ich in meinem Buch über das Schreiben behandle - keine herstellende Tätigkeit aus. Sprechen wird erst durch spracherkennendeTextproduktionssysteme zu einer herstellenden Tätigkeit. Wenn ich aber beobachtend einen Text herstelle, habe ich auch über Dinge und Eigenschaften nachgedacht, die ich wahrgenommen habe. Ich stelle dabei aber einen materiellen Gegenstand, eben einen Text, der aus materiellen Zeichenkörpern, beispielsweise aus Graphitstrukturen besteht her.
Hier geht es vorerst nur darum, dass ich einen Text herstelle, wenn ich meine Theorie entwickle. Nicht jeden Text bezeichne ich als Theorie, der Text muss bestimmte Bedingungen erfüllen, die ich als Beobachten des Beobachtens bezeichne. Die Bestimmung des Projektgegenstandes als Text impliziert, dass eine Theorie ein Text ist. Damit habe ich eine Voraussetzung bezeichnet, die ich später in der Theorie aufheben muss. Und darüber, welche Texte ich als Theorie bezeichne, ist damit noch nichts gesagt. Hier geht es zunächst nur darum, ein Abschlusskriterium für das Projekt zu formulieren.
Umgangssprachlich wird "Theorie" nicht für das Beobachten verwendet, weil ja auch der Ausdruck Beobachten anders verwendet wird als hier. Als Theorie gilt umgangssprachlich viel mehr das Resultat einer je bestimmten Beobachtung, das als Lehre oder Dogma verwendet wird. Die sogenannte "Evolutionstheorie" etwa impliziert, wie ich beobachten muss, wenn ich sehen will, dass Menschen von Affen abstammen oder wenn ich sehen will, dass die Tüchtigen überleben. Ich verwende den Ausdruck Theorie quasi invers. Wenn ich schreiben würde, dass Menschen von Affen abstammen, würde ich in meiner Theorie nach den dazu passenden Kategorien suchen. Die Perspektive etwa von A. Wallace, die C. Darwin sich in Herrschftsmanier angeeigentet hat, ist jene eines hilflosen Züchters. J. Lamarck dachte noch, dass der Schöpfer die Zucht nicht dem Zufall überlässt, während die Kreationisten den Schöpfer noch als Hersteller, nicht nur als Züchter sehen. In meinem - hier noch konzeptionellem - Theorieverständnis, folgt die Theorie der Praxis im Sinne einer Reflexion.
Jede Theorie im hier gemeinten Sinne ist die Theorie eines Beobachters. Eine bestimmte Theorie kann aber von verschiedenen Beobachtern als adäquate Beschreibung ihres Beobachtens gesehen werden. Jeder Theorietext wird von jemandem geschrieben. Aber wenn der Text vorliegt, ist der Schreibprozess aufgehoben. Die Bedeutung des Textes liegt dann unabhängig davon, was der Autor gemeint hat, im Text und wird in jedem Lesen durch den jeweils Lesenden realisiert. Beim Lesen irgendeines Textes frage ich mich, ob und unter welchen Umständen ich den Text auch so schreiben würde. Ich eigne mir so die Bedeutung des Textes in der Vorstellung an, dass ich den Text auch so geschrieben hätte.
Gegenstand meines Projektes ist mithin kein psychologisches oder geistiges Phänomen, sondern ein in gewisser Hinsicht immer unvollständig bleibender Text. Ich betrachte den Text und mithin das Projekt für abgeschlossen, wenn ich den Text als Buch publiziere. Das ist eine etwas vage und auch beliebige Begrenzung des Projektgegenstandes. Ich betrachte sie aber für hinreichend, weil ich abschätzen kann, wann ich aus einem Text ein Buch mache.
Ich reflektiere die Kategorien, die ich beim Schreiben verwende, indem ich meine Texte unter diesem Gesichtspunkt beobachte. Da meine Theorie auch in Form eines Textes erscheint, muss sie in gewisser Weise auch sich selbst genügen. Natürlich beobachte ich nur Texte, die ich hinreichend ernsthaft geschrieben habe, also keine Einkaufszettel, Computerprogramme und dergleichen. Im Projekt beobachte insbesondere mein Schreiben über das Schreiben. Ich schreibe dazu - in einem eigenständigen Projekt - ein Buch über das Schreiben und ich schreibe hier - in diesem Projekt - eben über die dabei verwendete Sichtweise. Ich schreibe also meine Theorie, während ich an einem Text über das Schreiben schreibe, weil ich so fortlaufend beobachten kann, wie sich meine Theorie mit meinem Schreiben verträgt. Die Theorie soll nicht etwas vorab Geklärtes darstellen, sondern sich zusammen mit dem Text über das Schreiben entwickeln, so dass ich jeweils den Text oder die Theorie anpassen kann. Ich will zunächst nicht bereits von mir geschriebene Texte beobachten, weil ich dabei nur die Theorie anpassen könnte, oder aber die bereits vorhandenen Texte kritisch umschreiben müsste, was auch einem Neuschreiben gleichkommen würde. Ich schreibe einen neuen Text, weil ich so den Gegenstand des Textes auch theoretisch bewusster wählen kann. Aber schliesslich geht es darum, meine Theorie in allen meinen Texten zu erkennen, respektive darum, die Texte oder die Theorie entsprechend nachzuführen.
Ich mache mir dia logos, also durch eine Reflexion meiner Wortverwendung bewusst, was ich wie begreife. Im Dialog beobachte ich, was wie gesagt wird und was ich davon unter welchen Voraussetzungen auch sagen kann. Die Worte, die ich verwende, sind nicht von mir. Ich finde sie in meiner Sprachgemeinschaft, also im Sprechen mit andern. Ich wähle Worte, die mir passen und ich erkenne durch meine Worte, was ich mir wie vorstelle oder wie ich meine Vorstellungen zur Sprache bringe, wodurch sie für mich erst zu Vorstellungen werden. Im Dialog können alle Beteiligten auch untersuchen, wie sie selbst sprechen, also untersuchen, inwiefern welche Redeweisen für sie selbst passen. Im Dialog achte ich auf die Worte. Keine Wirklichkeit zwingt mich, bestimmte Worte zu wählen. Mit der Wahl meiner Worte zeige ich - vor allem mir selbst - welche Form(ulierung) ich für adäquat halte. Ich entfalte im Projekt eine Sichtweise, die ich als meine Theorie bezeichne, aber keineswegs die Vorstellung, dass jemand die Sache auch so sehen müsste. Ich suche im Dialog Nachahmung in Bezug auf das Entfalten von Sichtweisen, nicht in Bezug auf eine bestimmte oder meine je eigene Sichtweise. Jede Sichtweise erhöht auch meine Kontingenz.(5)
Ich fasse meine Texte als Resultate eines Sprachspiels auf, das bestimmte Wortfolgen zulässt und andere nicht. Die Grammatik bestimmt, welche Wörter und welche Wortfolgen innerhalb einer Sprache überhaupt zulässig sind. Aber ich kann natürlich nicht alles sagen, was grammatikalisch sagbar ist. Im Hinblick auf Wörter beobachte ich meine Wortverwendungen, indem ich mich primär auf Begriffe konzentriere. Darin sehe ich eine strategische Entscheidung, die ich im Konzept als Anweisung explizit mache. Als Begriffe bezeichne ich Wörter, die ich durch Definitionen ersetzen kann.
Ich schreibe meine Texte als Hypertexte und verlinke Begriffe mit meinem Hyperlexikon, in welchem ich meine Begriffe definiere. Auf diese Weise kontrolliere ich meine Begriffsverwendung. Wenn ich beispielsweise hier schreibe, wie ich den Ausdruck Begriff verwende, prüfe ich, ob das mit meinem Lexikoneintrag verträglich ist. Definitionen sind sehr einfache, klar strukturierte Formulierungen, auch wenn ich sie nicht immer einfach finden und nicht immer einfach umgesetzt finden kann. Definitionen kann ich aber in Hinblick auf Kategorien sehr gut beobachten, weil sie einerseits Unterscheidungen explizit machen und andrerseits auch zeigen, wo Oberbegriffe fehlen.
Ich zitiere auch an dieser Stelle des Konzeptes bereits meine Theorie, damit die grundlegende Idee des Konzeptes klarer wird. Definitionen sind Aussagen, die ihren Gegenstand nicht nur umschreiben, sondern bestimmen. Ich erläutere diese Differenz anhand eines Beispiels, mit welchem ich auch zeigen will, was ich als Kategorie bezeichne. Ich sage beispielsweise, dass Maschinen spezifische Werkzeuge sind, nämlich solche, die ich nicht von Hand antreiben muss. Das steht als Definition auch in meinem Begriffslexikon. Das Werkzeug erscheint dabei als Oberbegriff, den ich wiederum definieren müsste, wobei ich einen weiteren Oberbegriff einführen würde. Für "Werkzeug" habe ich aber keinen Oberbegriff. "Werkzeug" umschreibe oder erläutere ich mit einer Aussage, die ihren Sinn teilweise zirkuär durch die Definition von Maschine bekommt: Ein Werkzeug ist ein Artefakt, das als Mittel in einer Tätigkeit verwendet wird und konstruktiv in eine Maschine überführt werden kann. In solchen Aussagen bezeichne ich oft Kategorien. In diesem Beispiel bezeichne ich die Kategorie Tätigkeit.
Ich verwende in der Theorie Begriffe, die ich manchmal auch erläutere, indem ich beschreibe, wie ich sie verwende. Die eigentliche Aufgabe der Theorie besteht aber darin, den Kontext der Begriffe auszuweisen. Auch das passiert in Form von Begriffen. Wenn ich in der Theorie von grundlegenden Begriffen spreche, werde ich diese Begriffe erläutern, viel wichtiger aber scheint mir, zu zeigen, inwiefern diese Begriffe für die Theorie grundlegend sind. Auch dazu nehme ich hier die Theorie vorweg, indem ich drei Begriffe bezeichne, die in der Theorie wichtig sind.
Begriffe brauche ich insbesondere in sachlichen Erklärungen. Und Theorien haben den Sinn, Erklärungen zu plausibilsieren. Begriffe und Erklärungen unterstellen - in meiner Theorie - Deutungs- oder Handlungszusammenhänge, die durch Kategorien bestimmt werden. Die Kategorien bestimmen zunächst vortheoretische - der Theorie vorausgesetzte - Gegenstände meines Beobachtens oder meiner Anschauung. Gemäss dieser Konzeption etwa werde ich das Schreiben als Tätigkeit beobachten. Die Art, wie ich das Schreiben beobachte, zeigt dann, wie ich es als Tätigkeit begreife und was ich als Tätigkeit bezeichne.
Tätigkeit begreife ich nicht als Oberbegriff zu Schreiben, sondern als Kategorie, durch die ich das Schreiben beobachte. Als Kategorien bezeichne ich die für eine Theorie fundamentalen Beobachtungen, die durch die jeweilige Theorie explizit und bewusst gemacht werden. Kategorien sind einerseits das vorausgesetzte Resultat der jeweiligen Theorie und andrerseits das Kriterium, nach welchem ich Theorien unterscheide. Eine Theorie zu entwickeln heisst in diesem Sinne, die Kategorien zu bezeichnen.
Mit dem Ausdruck Theorie bezeichne ich komplementär die Beschreibung und das so Beschriebene. Indem ich meine Theorie schreibe, mache ich mir bewusst, was ich zuvor bereits getan habe, respektive welche Kategorien ich unbewusst bereits verwendet habe. Hier mache ich mir meine Theorie selbstbezüglich dadurch bewusst, dass ich sie zum Gegenstand eines Projektes mache, in welchem ich mein Vorgehen, das meiner Theorie entspricht, erläutere. Dazu habe ich vorab geschrieben, was ich als Theorie bezeichne, obwohl das natürlich Gegenstand meiner Theorie ist.
Was immer ich herstelle, ich mache es in Form eines Projektes. Ich weiss vorab, was ich herstellen will und ich überlege mir vorab, wie ich es machen will. Im Falle meiner Theorie beobachte ich meine Kategorien, die ich praktisch auch beim bisherigen Schreiben impliziert habe. Natürlich ist extrem unwahrscheinlich, dass ich unbewusst immer dieselben Kategorien verwendet habe und auch nur, dass die von mir verwendeten Kategorien sich in einer Theorie zusammenbringen lassen. Wie im Konzept geschrieben, beginne ich deshalb mit einem einzelnen und überdies erst entstehenden Text, bei dessen Schreiben ich mir bereits theorietheoretische Gedanken mache. Ich werde aber auch insbesondere die Einträge in meinem Hyperlexikon reflektieren.
Einleitende Bemerkungen haben oft den Charakter eines Konzeptes oder einer Projektbegründung. Das ist auch hier der Fall. Ich beschreibe aber mein Theorieprojekt in einem eigenständigen Konzept, in welchem ich auch Aussagen über den Projektgegenstand Theorie mache. Mir ist vorab nicht ganz klar, was ins Konzept gehört und was in die Theorie. Ich werde mich später darum kümmern und hier Überschneidungen und Wiederholungen in Kauf nehmen, in dieser Einleitung als einiges aus dem Konzept nochmals schreiben, damit man meine Theorie auch lesen kann, wenn man das Konzept dazu nicht kennt.
Den Ausdruck Theorie verwende ich in Anlehnung an eine Konvention, in welcher das griechische 'theorein" für "sich selbst beobachten" steht. Ich beobachten aber nicht mich selbst, ich beobachte mein Beobachten. Den Ausdruck Beobachten verwende ich hier aber nicht im umgangssprachlichen Sinn. Als Beobachten bezeichne ich hier eine textherstellende Tätigkeit, in welcher ich Unterscheidungen bezeichne, die ich im Hinblick auf Kategorien beobachten kann. Ich beobachte also mein schreibendes Beobachten und bezeichne den dabei entstehenden Text als Theorie.
Ich beobachte dabei exemplarisch, was ich wie über das Schreiben schreibe. Ich könnte auch mein Schreiben über etwas ganz anderes beobachten. Ich treffe also eine Wahl. Damit ich mein Schreiben beobachten kann, schreibe ich einen Text über das Schreiben, in welchem ich meine Theorie bewusst reflektiere. Mein Text über das Schreiben und meine Theorie halte ich dadurch konsistent, dass ich beide Texte einander laufend anpasse.
Methodologisch verwende ich dabei, was ich als Hyperkommunikation bezeichne. Ich schreibe Hypertexte und verlinke die verwendeten Begriffe in einem Hyperlexikon, womit ich meine Begriffsverwendung kontrolliere.
Ich unterscheide Schreiben und Beschreiben. Als Schreiben bezeichne ich das Herstellen von Text, jenseits davon was im Text beschrieben wird. Ich unterscheide in Bezug auf das Herstellen Produktion und Produkt. Text sehe ich zwar als Produkt, aber eben als bewusst hergestelltes Produkt, in welchem die Herstellung wie in jedem Produkt aufgehoben ist.(6) Das Produkt ist das Produkt der Herstellung, es zeigt im Prinzip, was wie gemacht wurde oder was wie gemacht werden könnte. Ich erkenne ein Artefakt und eine Herstellerintention, weil ich darin meine eigene Tätigkeit wiedererkenne.(7) Ich kann nicht jedem Produkt ansehen, wie es hergestellt wurde, aber ich kann mir das vom Hersteller zeigen und erklären lassen. Jedes Produkt repräsentiert gesellschaftlich vorhandenes Herstellungswissen - wenigstens solange jemand das Produkt herstellen kann. Ich bezweifle beispielsweise ohne jedes Wissen darüber nicht im Geringsten, dass die ägyptischen Pyramiden von Menschen hergestellt wurden. Soweit ich sehe, weiss niemand, wie das geschehen ist. Aber mit moderner Technik wäre es einfach, solche Pyramiden zu bauen, weil sie ja bereits gebaut wurden - falls das der Fall ist.
Wenn ich Text herstelle, mache ich beides, schreiben und beschreiben. Das Textherstellen ist die Einheit der Differenz. Text hat in diesem Sinn zwei nicht trennbare, aber unterscheidbare Bedeutungen. Schreibend stelle ich das Textartefakt her, beschreibend stelle ich ein Symbol her. Der Text, den ich herstelle, ist ein Gegenstand wie etwa ein Hammer oder eine Eisenbahnbrücke. Beim Herstellen verforme ich Material. Ich kann beispielsweise "hammer" schreiben oder - um einen Satz zu machen - "Der Schmied hat einen Hammer in der Hand". Das Wort "hammer" ist dann ein Gegenstand, aber es ist kein Hammer.(8) Die beiden Artefakte "hammer" und Hammer haben ganz verschiedene Zwecke, die ich bei der Herstellung bewusst intendiere, und die sich in zwei ganz verschiedenen Produkten zeigt.
Seine Bedeutung bekommt jedes Artefakt bei seiner Herstellung, die Gegenstandsbedeutung entspricht der Herstellerintention. Wenn jemand einen Hammer als Briefbeschwerer verwendet, bleibt der Hammer ein Hammer, weil er als Hammer hergestellt wurde. Was ein Hammer ist, zeigt sich in seiner intendierten Verwendung, die ich kenne, wenn ich einen Hammer herstelle. Auf der noch nicht entwickelten Produktion von einfachen Gegenständen stelle ich einen Gegenstand für mich selbst her. Dabei weiss ich nicht nur vorweg, was ich herstelle, sondern im Nachhinein auch, wozu ich den Gegenstand hergestellt habe. Andere Menschen können dann sehen, was ich mit dem Hammer mache und im Sinne der Mimesis auch einen Hammer herstellen oder verwenden wollen.
Das Wort "hammer" kann ich ebenso wie einen Hammer für mich selbst herstellen. Es ist üblich, aber gleichwohl historisierend naiv, Text als Vergegenständlichung einer nicht-gegenständlichen Sprache aufzufassen, und so zu tun, als ob „Sprache" sehr viel mit Bewusstsein und Geist, aber nur ganz wenig mit konstruierten, materiellen Strukturen zu tun hätte. Dass ich beim Herstellen von Texten „sprachlich denke", sagt weder etwas darüber aus, was Text ist, noch darüber, was Denken und Bewusstsein sein soll. Dass ich aber den Handlungszusammenhang, den ich mit materiellen Text-Konstruktionen begründe, Sprache nenne, sagt etwas darüber aus, dass ich „Sprache" mindestens in bestimmten Hinsichten auch konstruktiv und nicht nur funktional verstehe.(9)
Wenn ich das Symbol "hammer" für mich herstelle, weiss ich nicht nur vorweg, was ich herstelle, sondern im Nachhinein auch, wozu ich das Wort geschrieben habe. Anderen Menschen mag ein Aspekt des Zweckes, den ich mit diesem Gegenstand verfolge, zunächst verborgen bleiben. Ich aber weiss, weshalb ich den Gegenstand so herstelle und wie er seinen - doppelten - Zweck erfüllt.
Mit Text steure ich das Lichtmuster, das in das Auge des Lesers fällt. Die Funktion von Text besteht darin, dem Beobachten eine unendliche Menge von möglichen Mustern zu geben. Darin sehe ich die primäre Gegenstandsbedeutung von Text. Ich komme später ausführlich darauf zurück, wenn ich die Entwicklung der Schrift beschreibe. In dieser Hinsicht dient Text als Zeichenkörper anstelle von mit Händen winken oder Zurufen. Als Zeichen ist Text eine im Produkt geronnene Tätigkeit. Das Winken ist nicht mehr sichtbar, wenn mit der Tätigkeit aufgehört wurde, Text bleibt als hergestelltes Produkt eine Zeitlang erhalten.
Text dient mir als externes Gedächtnis. Mit "hammer" referenziere ich den Hammer. Nachdem ich diese Zuordnung zwischen "hammer"und Hammer gemacht habe, muss ich den Gegenstand "hammer" hinreichend adäquat herstellen, damit er seine Funktion erfüllen kann. Aber ich muss ja auch einen Hammer oder ein Brücke hinreichend adäquat herstellen, damit sie ihre Funktionen erfüllen.
Der Text, den ich hier herstelle, ist nicht deshalb eine Theorie, weil es ein Text ist. In der umgangssprachlichen Verkürzung wird ja sogar vom Textsein der Theorie abstrahiert. Theorie erscheint dann als etwas Immaterielles oder Geistiges. Wenn ich beispielsweise ein Brücke aus Steinen herstelle, ist die Brücke auch nicht eine Brücke, weil sie aus Steinen besteht, sondern weil die Steine auf ganz bestimmte Weise angeordnet sind. Natürlich könnte man sagen, dass die Brücke etwas Geistiges ist und dass die Steine nur das Material liefern. Dann würde man einfach andere Kategorien verwenden, als ich es tue, wenn ich von einer Brücke spreche. Als Theorie bezeichne ich nur bestimmte Texte. Sie können so verschieden sein, wie auch Brücken verschieden sind, aber es müssen Theorien sein.
Dass ich Wiederholungen und Überschneidung mit meinem Konzept in Kauf nehme, hat auch damit zu tun, dass meine Theorie wie das Konzept ein Text ist. Wäre mein Projektgegenstand beispielsweise eine Brücke, würde ich Teile des Konzeptes im Bauplan, der eine Abbildung ist, wiederholen. Die Brücke aber wäre keine Abbildung einer Brücke, sondern eine Brücke. Meine Theorie dagegen hat die Funktion einer Abbildung, sie ist wie das Konzept eine Beschreibung. Ich beschreibe die Kategorien, die ich beim Beobachten verwende.
Als Reflexion bezeichne ich meine Theorie, weil ich in ihr lesen kann, was ich beim Schreiben mehr oder weniger bewusst mache. In einem metaphorischen Sinn repräsentiert die Theorie ein Spiegelbild, welches ich mit dem gespiegelten Gegenstand vergleichen kann, weil ich beides vor Augen habe.
In meiner Theorie setze ich voraus, dass ich beobachtend mehr oder weniger bewusst auswähle, was ich beobachte. Ich bin keine Kamera obscura, ich sehe bei weitem nicht alles, was sichtbar vor meinen Augen steht. Keine Wirklichkeit zwingt mich, etwas Bestimmtes zu beobachten. Ich beobachte, was mich interessiert. Und was mich auf welche Weise interessiert, kann ich erkennen, wenn ich mein Beobachten im Hinblick auf Kategorien beobachte.
Als Beobachten bezeichne ich das implizite Bezeichnen von Unterscheidungen, wenn ich beschreibe, was ich beobachte. Ich beobachte immer etwas Bestimmtes, das ich als Referenzobjekt der Beobachtung bezeichne. Indem ich sage, was ich beobachte, bestimme ich das Objekt. Dabei unterscheide ich das Objekt von seiner Umwelt. Wenn ich das Objekt beschreibe, bezeichne ich, wie das Objekt ist, aber gleichzeitig auch, wie es nicht ist. Ich kann beispielsweise von einer Brücke sagen, dass sie mit Steinen gebaut wurde. Dabei wähle ich die Brücke als eine Einheit und sage etwas, über das Material, aus welchem sie besteht. Implizit spreche ich dann nicht von einem Brückenpfeiler oder etwas ganz anderem und sage nicht, die Brücke bestehe aus Stahl oder einem noch anderen Material. Die Wahl des Gegenstandes, über den ich etwas sage, und die Wahl der Eigenschaft, die ich beim Beschreiben thematisiere, sind Aspekte meiner Beobachtung. Ich könnte etwas anderes beobachten, oder eine andere Eigenschaft derselben Brücke, etwa, ob es eine Hängebrücke ist. Mein Beobachten mag beliebig scheinen, aber ich habe natürlich jeweils - mehr oder weniger bewusst - gute Gründe.
Als eigentliche Beobachtung bezeichne ich meine jeweilige Beschreibung in schriftlicher Form. Wenn ich nur sage, was ich beobachte, habe ich die Beobachtung nicht vollbracht, wie wenn ich nur wahrnehme, ohne zu bezeichnen. Es gibt in der Philosophie viele Spekulationen, ob Menschen ohne Sprache denken oder wahrnehmen können. Solche Fragen interessieren mich hier nicht, was einfach heisst, dass ich etwas anderes beobachte. Ich unterscheide schreiben und sprechen, und ich verwende den Ausdruck beobachten im eigentlichen Sinn nur für schreiben, weil ich das Schreiben als die primäre Sprachform begreife. Im Sprechen sehe ich eine flüchtige Ersetzung des Schreibens. Wenn ich jemanden sprechen höre, höre ich nur, dass er einzelne Wörter sagt, weil ich die Wörter unterscheide, während im Gehörten zwischen den Wörtern kaum Pausen zu hören sind.
Ich beobachte das Schreiben, indem ich einen Text über das Schreiben herstelle. In diesem Text, der zu meinem Buch über das Schreiben wird, bestimme ich das mit Schreiben bezeichnete Referenzobjekt und die Aspekte, durch die ich dieses Objekt charakterisiere. Hier geht es mir zunächst darum, die Beobachtung, die ich beobachte, etwas zu erläutern, indem ich eine Zusammenfassung oder ein Konzept des Buches mache, damit diese Theorie auch ohne das Buch über das Schreiben gelesen werden kann. Ich schreibe also ein Konzept zum Projekt "meine Theorie" und innerhalb dieses Theoriekonzeptes ein Konzept zu meinem Text über das Schreiben.
Als Schreiben bezeichne ich - nicht nur in diesem Text, sondern generell - das Herstellen von Text. Beim jedem Herstellen treffe ich zwei Unterscheidungen, ich wähle ein Material und eine Form. Es macht keinen Sinn, das ein vor dem andern zu entscheiden, Material und Form sind Aspekte des je hergestellten Artefaktes. Beim Schreiben kann ich beispielsweise aus Graphit Buchstaben, Wörter und Text formen. Das hergestellt Artefakt hat als Worte immer eine doppelte Bedeutung, so dass ich zwei Zwecke unterscheiden kann, die funktionale Aspekte sind: Den Text als Gegenstand und den Text als Symbol. Gemeinhin interessiert das Symbol, während der materielle Gegenstand ignoriert wird.
Als Text bezeichne ich jede durch eine Grammatik generierte Menge von Zeichenketten, unabhängig davon, wozu ich sie verwende. Als Texte sind sich ein Computerprogramm und ein Liebesbrief gleich. Wenn ich schreibe - egal wozu und was ich schreibe - stelle ich ein Artefakt her, indem ich Material forme. Die Form von Text ist vielfältig bestimmt, zuletzt dadurch, was ich in welcher Sprache wie sagen kann. Davor aber halte ich mich an die Vorgaben einer jeweils von mir gewählten Schrift. Jede mir bekannte Schrift beruht auf Schriftzeichen, die ich der jeweiligen Grammatik gemäss anordnen muss.
Symbole kann ich nicht anders als in Form von materiellen Gegenständen herstellen. Und dass Symbole nicht nur Symbole für mich sind, kann ich gar nicht herstellen. Ich kann nichts dafür, dass andere meine Texte auch lesen können - ausser eben, Texte herzustellen und weiterzugeben.
Ich beobachte nicht Texte, sondern die Herstellung von Text. Text ist dabei ein expemplarischer Gegenstand, den ich verwende, um das Herstellen konkret zu begreifen.
Das Herstellen von Gegenständen bezeichne ich als Tätigkeit. In einer Abrenzung zur Umgangspache, wo vieles als Tätigkeit bezeichnet wird, spreche ich in Anlehnung an A. Leontjew etwas tautologisch von gegenständlicher Tätigkeit, obwohl ich keine anderen Tätigkeiten erkenne.(10)
Als Tätigkeit bezeichne ich Schreiben, wenn ich das Schreiben als solches meine. Ich spreche dagegen von Handlungen, wenn ich Briefe, Computerprogramme oder Bücher schreibe. Als Tätigkeiten bezeichne ich Handlungsweisen. Handlungen haben in dieser Unterscheidung immer einen konkreten Zweck und bestehen aus konkreten Operationen. Als Tätigigkeit bezeichne ich das, was bleibt, wenn Handlungen ersetzt werden: Schreiben bleibt Schreiben, auch wenn ich keinen Bleistift mehr verwende und etwas anderes als einen Brief schreibe, also andere Handlungen vollziehe.
Tätigkeiten beziehe ich auf die darin angelegte Gegenstandsbedeutung, die den hergestellten Gegenständen als Intention des Herstellers als Sinn und Zweck innewohnt. Verschiedene Herstellungsverfahren, die dieselbe Gegenstandsbedeutung aus verschiedenen Materialien und in verschiedenen Formen produzieren, bezeichne ich als dieselbe Tätigkeit.
Beim Herstellen verwende ich normalerweise Werkzeuge. Schreiben bleibt Textherstellen, gleichgültig mit welchen Werkzeugen ich das tue. Die gegenständlichen Tätigkeiten unterliegen der Entwicklung der Technik und der Produktionsweisen. Technisch verändern sich diese Tätigkeiten durch neue Werkzeuge und Materialien und auf einer anderen Ebene durch Mechanisierungen und Automatisierungen. Die Produktionsweise entwickelt sich vom Handwerk über die Manufaktur zur Fabrik, indem das Zunftwesen durch die Industrialisierung abgelöst wird.
Tätigkeiten, die in unserer Gesellschaft als Arbeit organisiert werden, werden durch die betriebliche Arbeitsteilung so zerlegt, dass zunächst verschiedene Teilarbeiten entstehen, die später durch die Automatisierung wieder aufgehoben werden. Der Text in einem herkömmlich gedruckten Buch beispielsweise wird gedruckt, obwohl er wie ein von Hand geschriebener Text aus einer Art Tinte besteht, die gemeinhin Druckerschwärze genannt wird und die auch auf Papier aufgetragen wird. Im manufakturellen Buchdruck wurde das Schreiben durch eine innerbetriebliche Arbeitsteilung zerlegt. Die eigentliche Textherstellung wurde dabei Menschen übertragen, die nur mit den Händen und nur auf Geheiss arbeiten, und auf den Inhalt des Geschriebenen keinerlei Einfluss haben. Gutenbergs revolutionärer Beitrag war, dass er das Schreiben in eine Menge verschiedener Lohnarbeiten aufgeteilt hat. Manufaktur ist ein kapitalistischer Euphemismus, der das von „Hand hergestellt“ bezeichnet und das „auf Geheiss zerlegte Herstellen“ versteckt.
Diese industrielle Zerlegung des Schreibens in Teiltätigkeiten wie Setzen und Drucken führte zu einer sprachlich repräsentierten Vorstellung, wonach mit Schreiben eine Kopfarbeit bezeichnet wird, während die Textherstellung im engeren Sinne mit anderen Wörtern wie etwa Drucken bezeichnet wurde. Darin kann man einen Bedeutungswandel des Ausdruckes Schreiben sehen, weil in dieser Ideologie der vermeintlich Schreibende nicht mehr für die Textherstellung zuständig scheint. Gutenberg ist aber auch exemplarisch dafür, dass Kopfarbeit bei der Textherstellung keineswegs den Inhalt des Textes betreffen muss. Gutenberg hat ja seine Bibel nicht geschrieben, aber er hat den Arbeitsprozess im Sinne einer abgetrennten Kopfarbeit als Kapitalist organisiert.
Ich beobachte hier als meine Theorie, dass ich in meinem Text über das Schreiben das Schreiben als gegenständliche Tätigkeit beobachte. In einer bestimmten Hinsicht scheint sinnenklar, das Schreiben eine Tätigkeit ist, was denn sonst? Hier geht es aber darum, für meine Theorie zu beobachten, dass ich auf diese Weise über das Schreiben schreibe. Ich beobachte ein Motiv, das in meinem Text als gegenständliche Tätigkeit oder als Herstellen thematisiert ist. Das Schreiben würde nicht in dieser Art und Weise interessieren, wenn der Text Kapitalismus oder Menschenrecht behandeln würde. Schreiben wäre dann zumindest kein exemplarisches Thema. Die Wahl der Beobachtung des Schreibens ist von der gewählten Kategorie Tätigkeit abhängig.
Ich könnte mich natürlich auch für das Schreiben interesieren, wenn ich andere Kategorien verwenden würde, etwa Kategorien wie Autorenschaft oder Urheberrechte. Dann würde ich aber ganz anders über das Schreiben schreiben. Ich würde es wohl als Tätigkeit sehen, aber mir dazu keine Gedanken machen. Mich würde dann mehr interessieren, was geschrieben wird, als dass geschrieben wird. Mich würde dann auch nicht interessieren, dass beim Schreiben Material geformt wird, obwohl ich auch das nicht bestreiten würde. Theoretisch interessiert mich, wie ich weshalb worüber schreibe.
In meiner Theorie beobachte ich Kategorien. Aber natürlich sind auch das kontingente Beobachtungen, die sich im weiteren Text und anderen Texten bewähren müssen. Andere Leser könnten im gleichen Text andere Kategorien erkennen. Die Kategorie Tätigkeit erkenne ich im Text als fundamental, als grundlegende Entscheidung.
Natürlich kann man auch Tätigkeit sehr verschieden beobachten. Die gängige arbeitspsychologische Auffassung, nach welcher sich der Mensch beim Arbeiten im Sinne von "tätig sein" entwickelt, sieht das Tätigsein als Reaktion auf die Umwelt oder auf die je eigenen Bedürfnisse. Obwohl solche Psychologie der Tätigkeit eine grosse Bedeutung zumisst, verwendet sie Bedürfnis als fundamentale Kategorie. In dieser Perspektive ist der Mensch tätig, weil er Hunger hat. In meiner Theorie leidet der Mensch nicht an Hunger, weil er jenseits davon tätig ist. Wenn ich trotz meinen Tätigkeiten nichts zu essen habe, habe ich natürlich Hunger. Aber damit bezeichne ich einen Widerstand gegen mein Tun, nicht ein Motiv für mein Tun. Hunger ist dann Ausdruck davon, dass ich etwas falsch oder nicht gemacht habe, so wie eine nicht funktionierende Maschine Ausdruck eines Konstruktionsfehlers ist.
In meinem Text über das Schreiben beobachte ich, dass die Tätigkeit des Schreibens als Herstellen, nicht als Arbeiten bestimmt wird. Arbeit ist eine sehr spezielle Kategorie, die in verschieden entwickelten gesellschaftlichen Verhältnissen auch sehr verschiedene Sichtweisen provoziert. In der kapitalistischen Gesellschaft ist meistens Lohnarbeit gemeint, in der sogenannt postkapitalistischen Gesellschaft dämmert, dass diese Art Arbeit langsam ausgehen könnte. Das Herstellen von Gegenständen ist nicht an Arbeitsauffassungen gebunden, auch wenn es in unserer Gesellschaft fast immer so zugerechnet wird. Wo aber die Evolutionstheorie als fundamentale Kategorie verwendet wird, werden Menschen und Affen normalerweise nicht durch Arbeit, sondern durch Werkzeugherstellung unterschieden.(11) Wenn ich gegenständliche Tätigkeit als Kategorie verwende, macht die Frage nach dem Unterschied zu Tieren keinen Sinn. Auch darin zeigt sich die Relevanz der Wahl von Kategorien.
In meinem Text über das Schreiben beobachte ich, dass Schreiben einer technologischen Entwicklung unterliegt, die ich für jede gegenständliche Tätigkeit beobachte. Gegenständliche Tätigkeit wird dort implizit und hier theoretisch explizit genau dadurch, dass sie dieser Entwicklung unterliegt, bestimmt. Natürlich scheint auch diese Bestimmung sinnenklar. Jeder Gegenstand, den ich von Hand herstellen kann, kann ich mit einem passenden Werkzeug besser herstellen und jedes Werkzeug lässt sich - im Prinzip - durch einen Automaten ersetzen. Hier geht es aber wieder darum, dass ich beobachte, dass ich auf diese Weise über das Schreiben schreibe. Mich interessiert in diesem Text und mithin in dieser Perspektive nicht, was Kaligraphen als Kunst betreiben und nicht, ob das Schönschreiben die Psyche der Schulkinder fördert - und schon gar nicht, was von irgendwelchen Autoren geschrieben wird. Mich interessiert die gegenständliche Tätigkeit, die sich im Schreiben exemplarisch zeigt.
Text als hergestelltes Produkt dient mir insofern exemplarisch, als ich das Textherstellen wie keine andere Tätigkeit sonst auf den verschiedenen Stufen ihrer technologischen Entwicklung selbst ausübe und deshalb in einem spezifischen Sinn erkenne. Ich benutze auch heute noch Bleistifte zum Schreiben, aber ich stelle auch Texte im Internet her, die ich manchmal auch selbst sogar zu Büchern mache.
Das herstellen von Texten ist aber auch in einer anderen Hinsicht interessant, weil Texte - als Computerprogramme - eine entscheidende Rolle beim gegenständlichen Herstellen insgesamt spielen.
Als Tätigkeit bezeichne ich ein Aneignungsverhalten, in welchem ich dieses Verhalten auch in Bezug auf dessen Effizienz reflektiere. Wenn ich tätig bin, denke ich immer auch darüber nach, wie ich es besser machen könnte. Unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten scheint mir dies ein signifikateres Kriterium fürs Menschsein als das Herstellen von Werkzeugen, auch wenn dieses Nachdenken sich hauptsächlich in Form von verbesserten Werkzeugen zeigt.(12) Ich spreche aber - metaphorisch - auch von verschiedenen Techniken, wenn ich Tätigkeiten ausübe, bei welchen ich keine Werkzeuge verwende. Ich kann beispielsweise beim Schwimmen oder Hochspringen verschiedene Techniken verwenden, was ich im Verhaltensrepertoir von Tieren nie sehen kann. Dass ich in solchen Fällen von Techniken spreche, zeigt mir, dass ich an Technik denke, wenn ich wirklich effizienter sein will. Ein Motorboot oder eine Brücke ist viel effizienter als jede Form von Schwimmen, wenn Schwimmen nicht als reines Practise gesehen wird, sondern den Zweck hat, ein Gewässer zu überqueren.
Den Ausdruck Technik verwende ich für die Kunst des Effizient-Seins. Eigentlich verwende ich den Ausdruck als Produkt-Bezeichner für in Artefakten konservierte Verfahren, die mich effizienter machen. Dann verwende ich den Ausdruck Technik in einem verallgemeinerten Sinn als Prozess-Bezeichner für effiziente Tätigkeiten, wenn ich etwa von Verhandlungstechnik oder der Technik eines Künstlers oder eines Fussballers spreche. In diesem übertragenen Sinn beobachte ich Verfahren, die in einem Artefakt, etwa in einem Roboter aufgehoben werden können. Als Technik bezeichne ich mithin einen Handlungszusammenhang, in welchem Verfahren in Artefakten aufgehoben werden.(13)
Technik heisst in diesem Sinne die intendiert wiederholbar Verursachungen von institutionalisierten Verfahren, die im entwickelten Fall im externen Gedächtnis, also in Artefakten, die das Verfahren rekonstruierbar machen, gespeichert sind. Ich gebe dazu ein Beispiel. Wasser schöpfen kann ich, indem ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann jemandem zeigen, wie ich mittels meiner Hände Wasser aus einem Bach trinke. Er kann das Verfahren kopieren und wendet dann eine bestimmte Technik an, die beispielsweise meine Katze nicht anwendet. Ich kann statt meiner Hände eine Schale verwenden - was mir dann auch zeigt, warum ich davon spreche, dass ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann beispielsweise eine hohle Fruchtschale verwenden oder eine hergestellte Schale. Jede hergestellte Schale ist bewusst geformtes Material. Ich kann beispielsweise mit meinen Händen eine Schale aus Lehm formen, was etwas ganz anderes ist als eine Schale in Form meiner Hände zu formen. Die hergestellte Schale hat eine Gegenstandsbedeutung, die ich erkenne, wenn ich sie als Schale verwende. Die Schale ist in diesem Sinne eine konservierte Anweisung für ein Verfahren, das ich als Schöpfen bezeichne. Ich bezeichne sie als externes Gedächtnis, weil sie mich an das Schöpfen erinnert. Als externes Gedächtnis ist sie in dem Sinne sozial, als auch andere Menschen deren Sinn rekonstruieren können.
Eine Schale mittels der Hand zu verwenden, ist in vielen Fällen nicht effizient. Deshalb wird sie oft in Maschinen, beispielsweise in Wasserschöpfeinrichtungen oder in Baggern eingesetzt. Und natürlich sind auch Maschinen nicht sehr effizient, wenn man sie von Hand steuern muss. Deshalb verwende ich lieber geregelte Maschinen, also Automaten. Das Herstellen einer Schale beinhaltet nicht nur, wozu die Schale gut ist, sondern auch dass und wie sie technologisch weiterentwickelt werden kann.
Ein Schale ist zunächst kein Werkzeug, sondern ein Gerät, das aber im Laufe seiner Entwicklung in ein Werkzeug einfliesst. Die gegenständliche Tätigkeit besteht im Kern darin, Werkzeuge zu verwenden, die ihrerseits Produkte gegenständlicher Tätigkeiten sind. Die grösste Effizienz besteht darin, mittels Werkzeugen, entwickeltere Werkzeuge herzustellen. Die technische Entwicklung repräsentiert sozusagen eine selbstbezügliche Produktion, in welcher Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen hergestellt werden.
Die entwickelsten Werkzeuge sind mittels sogenannter Programmiersprachen programmierbare Automaten. Wenn ich einen Automaten programmiere, stelle ich den jeweiligen Automaten her. Bevor er programmiert ist, ist er lediglich ein Halbfabrikat. Die Programme von entsprechend entwickelten Automaten werden als Texte hergestellt.(14) Als Programmiersprache bezeichne ich eine Steuerungsmechanik, deren Konfiguration als Steuerungselemente so angeordnete Zeichenkörper, beispielsweise Lochkarten verlangt, so dass diese sekundär lesbar sind. Wenn ich Programme schreibe, stelle ich schreibend materielle Teile jener Automaten her, in welchen die Programme verwendet werden. Darin zeigt sich das Textherstellen als subtiles Herstellen von Werkzeugen.
Dass ich Programme schreiben und lesen kann, ist nur für mich wichtig, für deren Funktion in der Maschine ist es ohne Relevanz. Programmieren ohne Programmiersprache ist aber extrem kompliziert und sehr ineffizient. Programme als Texte herzustellen, zeigt in einem spezifischen Sinn, was Texte sind - und inwiefern Schreiben schon immer eine Technik der Technik war. Wenn ich einen Konstruktionsplan einer Maschine zeichne, muss danach ein Mechaniker die Maschine herstellen. Wenn der Arbeitswissenschaftler F. Taylor genau beschreibt, wie welche Arbeit ausgeführt werden muss, muss diese Arbeit von Arbeitern ausgeführt werden. Wenn ich dagegen ein Programm schreibe, muss niemand mehr Hand anlegen. Schreiben erscheint in dieser Hinsicht als die höchstentwickelte technische Tätigkeit, in welcher der Unterschied zwischen Herstellen und Beschreiben aufgehoben ist.
Ich habe diese technologischen Zusammenhänge in meinem Buch "Technische Intelligenz" ausführlich dargestellt.(15) Hier geht es nur darum, die Kategorie gegenständliche Tätigkeit zu erläutern, die meiner Theorie zugrund liegt. Ich reflektiere dabei meinen Text über das Schreiben, aber natürlich sollen sich die Kategorien auch in meinen anderen Texten beobachten lassen oder bewähren.
Meine grundlegende Kategorie ist also das gegenständliche Herstellen. Als gegenständliches Herstellen bezeichne ich dabei jene Tätigkeiten, die Material formen und dabei einer technischen Entwicklung unterliegen, in welcher Werkzeuge durch Maschinen und Automaten ersetzt werden. In meinem Text über das Schreiben, mit welchem ich meine Theorie begründe, beobachte ich das Herstellen von Text. Beim Herstellen von Text forme ich verschiedene Materialien wie etwa Tinte oder Kreide mit verschieden entwickelten Werkzeugen wie Bleistift, Schreibmaschine oder Computer.
Indem ich das Herstellen als gegenständliche Tätigkeit an den Anfang stelle, stelle ich mich oder genauer mein Tun ins Zentrum. So wie kein Physiker erklären kann, weshalb ein Apfel vom Baum fällt, oder anders formuliert, weshalb sich Massen anziehen, kann ich - in meiner Theorie - nicht erklären, wieso Gegenstände hergestellt werden, weil ich darin den Grund für alles andere sehe. So wie die Naturwissenschaften eine gottgegebene Natur voraussetzen, setze ich das Herstellen von Gegenständen voraus. Was immer ich beobachte, beobachte ich als - wie auch immer abgeleiteten - Aspekt des Herstellens.(16)
Durch die Kategorie des Herstellens unterscheide ich Hergestelltes von nichthergestellter Natur.(17) Als Natur, zu welcher ich selbst auch gehöre, erscheint mir die materielle Voraussetzung meines Herstellens, die nur kybernetisch bestimmt, was ich herstelle, indem sie viele Gegenstände, die ich herstellen möchte, nicht zulässt oder verhindert.(18) Natur kann ich weder herstellen noch erklären. Ich kann verstehen, inwiefern sie mein Herstellen zulässt und was sie meinem Herstellen entgegensetzt. Natur erscheint mir als komplementärer Aspekt des Herstellens.
Ich beobachte das gegenständliche Herstellen nicht als Reaktion auf irgendwelche Ursachen, sondern als Ursache überhaupt. Als Ursache bezeichne ich in diesem Kontext nicht eine Differenz zur Wirkung, sondern die erste Sache meines Beobachtens, auf die ich alle meine Beobachtungen beziehe. Ich beobachte - wie früher schon erläutert - auch das Beobachten als gegenständliche Tätigkeit und mich selbst wie andere Menschen als Subjekte dieser Tätigkeit im engeren Sinne des Wortes. Als Subjekt bezeichne ich hier mein eigenes Unterstelltsein unter jene Kategorien, die ich mir durch meine Theorie bewusst mache.
Umgangssprachlich bezeichne ich Menschen als Subjekte der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. In diesem Sinne bin ich Subjekt einer Verfassung, in welcher die herrschenden Verhältnisse, die als Gesetze beschrieben sind, mit Gewalt durchgesetzt werden. Virtuelles Subjekt der Verfassung bin ich, weil ich die gesellschaftlich anonymisierten Sichtweisen virtuell teilen muss, weil deren Verletzung mit Sanktionen verbunden sind. Dabei geht es nicht darum, dass gesetzwidriges Verhalten bestraft wird, sondern darum, dass ich durch die institutionalisierte Erziehung zur mindestens virtuellen Übernahme der Sichtweisen gezwungen werde. Als Schüler beispielsweise muss ich die vorgegeben Sichtweisen reproduzieren, um hinreichend gute Bewertungen zu erhalten.
Als Physik beispielsweise bekam ich in der Schule die Vorstellung, dass der Apfel vom Baum fällt oder anders formuliert, dass sich Massen anziehen. In dieser Vorstellung komme ich selbst nicht (oder nur als Masse) vor, obwohl ich es bin, der sich diese Sache vorstellen muss. Als Biologie bezeichne ich die Vorstellung, dass ich Hunger habe oder anders formuliert, dass ich stoffwechseln muss. In dieser Vorstellung komme ich zwar vor, aber nicht so, dass ich bezüglich der Vorstellung eine Zuständigkeit hätte. F. Freud schrieb, dass solche wissenschaftlich genannten Lehren den Verstand des Menschen dadurch kränken, dass sie ihm seine Bedeutungslosikeit vor Augen führen.(19) Mir aber führt solche Wissenschaft - wenn ich über meine eigene Theorie nachdenke - vor allem eine Perspektive vor, in welcher ich als Mensch - unmittelbar - auf eine gottgegebene Welt reagiere, wobei sogar mein Reagieren noch von gottgegebenen Genen abhängig sein soll.
A. Leontjew bezeichnet diese Perspektive mit seinem Unmittelbarkeitspostulat, nach welchem die Menschen wie Tiere unmittelbar auf Einwirkungen aus der Umwelt zu reagieren scheinen. Tätige Menschen dagegen reagieren auf Bedingungen ihrer Tätigkeit, was A. Leontjew als Vermittlung zwischen den menschlichen Motiven und der vermeintlich gegeben Umwelt bezeichnet.(20) Der Ausdruck Vermittlung ist ambivalent, weil damit nicht gemeint ist, dass Menschen - wie vermittelt auch immer - auf eine gottgegeben Natur reagieren, sondern dass sie sich selbst und ihre Umwelt durch ihre Tätigkeit vermittelt schaffen und entwickeln.
Ich erläutere diese Vermittlung anhand eines - in diesem Theorie-Projekt naheliegenden - Beispiels, nämlich anhand des Telefons. Dazu erläutere ich zunächst, was ich hier als Telefon bezeichne. Umgangssprachlich wird mit dem von P. Reis geprägten Ausdruck oft das Gerät bezeichnet, das die Benutzer beim Telefonieren unmittelbar vor Augen oder in der Hand haben. Hier ist aber die Technik insgesamt gemeint, die beim Telefonieren benutzt wird. Diese Technik wird heute gemeinhin als Internet bezeichnet und ist eigentlich die grösste Maschine der Welt. Der Ausdruck Telefon bezeichnet als Kunstwort die Fiktion, wonach "Töne" in die Ferne übertragen werden. Übertragen wurden aber zunächst ausschliesslich elektrische, später auch elektromagnetische Signale, die vor Ort zur Steuerung von Schallwellen verwendet werden. Bereits vor der vermeintlichen Tonübertragung wurde das technische Netzwerk als Telegraf für die Übermittlung von "Text" verwendet, wobei natürlich auch kein Text sondern Signale gesendet wurde. Telefon ist ein funktionaler Eigenname dafür, dass vermittelst dieser Technik mit einem nicht anwesenden Menschen in der Ferne gesprochen werden kann. Gesprochenes überwindet immer eine Distanz. Wenn ich mit anwesenenden Menschen spreche, gehen die Signale als Schallwellen vom Mund zum Ohr des jeweils anderen. "Tele" kann in diesem Sinn als Hinweis auf Distanzen verstanden werden, die ich ohne technische Mittel sprechend nicht überwinden kann.
Als Technik hat das Telefon eine lange Geschichte, die wohl mit den Kommunikationsschnüren von S. Gray ihren Anfang genommen hat. S. Gray hatte nasse Hanfschnüre als Stromleiter verwendet und dabei den Ausdruck Kommunikation in die Technik gebracht. Die Hanfschnur wurde in einem Klostergarten von Mönchen gehalten. Der letzte Mönch musste dann jeweils rufen, wenn ein Stromstoss bei ihm angekommen war. Es ging dabei wohl darum zu zeigen, dass Strom durch ein Kabel fliesst, nicht darum dem Mönch eine Nachricht zu schicken. Der Mönch schickte dann die Nachricht, dass der Strom bei ihm angekommen war durch Rufen, also nicht als elektrisches Signal. S. Gray hat eine Stromleitung hergestellt, die funktionierte. Diese Stromleitung wurde dann immer weiter entwickelt. Zusammen mit Mikrofon und Lautsprecher wurde die Leitung zum Telefon und zusammen mit Computern zum Internet.(21)
Hier interessiert mich die Leitung als hergestellte Übertragungsart. Es geht also nicht darum, dass die eigentliche Leitung, die zunächst eine nasse Schur und später ein Kupferdraht war, ein hergestellter Gegenstand ist, sondern darum, dass die Übertragung auf hergestellten Gegenständen beruht. Wenn anstelle einer Schnur, die elektrische Signale weiterleitet, der Funkäther elektromagnetische Signale transportiert, sind andere Sender und Empfänger im Spiel, aber es sind hergestellte Geräte. Wenn der Mönch dagegen ruft, dass das Signal bei ihm angekommen ist, ist kein Gerät im Spiel, obwohl ich seine Organe analog zu technischen Geräten begreife, wenn ich über deren Funktionsweise spreche.
Hier geht es darum, dass S. Gray eine Stromleitung hergestellt hat, die zuvor niemand brauchte oder wollte. Und auch vor der Erfindung des Telefons gab es kein Bedürfnis mit jemandem zu sprechen, der nicht anwesend war. Die Erfindung des Telefons erfüllte keine Bedürfnisse, sondern schaffte welche. Eine schöne Geschichte beschreibt, dass das Telefon zunächst als Radio gedacht war, also zur Übertragung von Tönen, aber nicht für Gespräche. A. Bell versuchte seine Installationen dann reichen Geschäftsleuten als praktische Form eines Telegrafen zu verkaufen, bei welcher die Nachricht nicht mehr geschrieben werden musste. Der Geschichte nach interessierte das die Geschäftsleute wenig, weil sie die Telegraphennachrichten ja nicht selbst geschrieben, sondern diktierend immer schon gesprochen haben. Es waren dann die Frauen der Geschäftsleute, die mit dem modernen Telegrafenersatz das Chatten durchs Telefon entdeckten und so einen neuen Markt eröffneten. Alsbald hatten ganz viele Menschen den Wunsch ein Telefon zu haben, weil man damit mit nicht anwesenden Menschen sprechen kann.(22)
Wenn ich einen Gegenstand wie etwa ein Telefon herstelle, weiss ich natürlich, was ich herstelle, auch wenn ich noch nicht weiss, was daraus alles wird. Die kaum zählbaren Erfinder des Telefons stellten Geräte her, mit welchen irgendetwas, was sie kannten besser ging. Nachdem ein bestimmter Gegenstand wie etwa das Telefon hergestellt ist, kann er als Motiv für gegenständliches Herstellen erscheinen. Dann ist der Zweck des Gegenstandes bekannt, weil er mit dem Gegenstand zusammen entwickelt wurde. Wenn dann viele Menschen ein Telefon wollen, werden allenfalls viele Telefon hergestellt. Dann geht es auch darum, das Herstellen zu organisieren und zu optimieren, was sich in weiterer Technik zeigt. Umgangssprachlich kann man von einem Bedürfnis nach einem Telefon sprechen, da aber die Menschen lange ohne Telefon gelebt haben und sich ein Telefon auch nicht vorstellen konnten, ist dieses Bedürfnis hergestellt. Das Telefon und die dazugehörenden Tätigkeiten vermitteln dann zwischen neu geschaffenen Handlungsmöglichkeiten und dem, was Menschen tun. Menschen sprechen miteinander, seit es das Telefon gibt, auch wenn sie an ganz verschiedenen Orten sind. Ich kann jetzt das Bedürfnis haben, mit jemandem zu sprechen, der nicht hier ist, weil ich weiss, dass es das Telefon gibt.
Hier geht es mir darum, dass ich das Bedürfnisse voraussetzen oder als Folge begreifen kann. Im ersten Fall verwende ich das Bedürfnis als primäre Kategorie, im zweiten Fall bezeichne ich mit Bedürfnis, dass ich etwas Hergestelltes gerne hätte oder es auch herstellen können möchte. Das sind zwei ganz verschiedene Funktionen, die zwei sehr verschiedenen Theorien gehören, was ich noch etwas verdeutlichen will.
In der hier verfolgten Perspektive der Tätigkeit ist beispielsweise Hunger ein ambivalentes Bedürfnis. Zunächst ist Hunger eine Emotion, die fehlende Einsicht kompensiert, wonach ein Organismus Nahrung braucht. Einfache Organismen haben dieses Wissen nicht, sie haben stattdessen Hunger. Die Nahrung, die ein Organismus braucht, bezeichne ich als dessen Bedarf. Das Wissen um diesen Bedarf habe ich unabhängig davon, ob ich Hunger habe und insbesondere auch dann, wenn ich keinen Hunger habe. Menschen produzieren Nahrungsmittel, weil sie einsichtig produzieren, nicht weil sie Hunger haben. Hunger haben Menschen nur, wenn die Produktion, die die Konsumption umfasst, nicht funktioniert.(23) Die Produktion erzeugt das Bedürfnis, das zunächst teilweise mit dem Bedarf zusammenfallen mag, aber das Bedürfnis kennt seine Grenzen nur in der Produktion. Menschen produzieren viel mehr Nahrungsmittel als sie brauchen, sie produzieren grenzenlose Gelüste, die mit ihrem Bedarf gar nichts zu tun haben.(24)
Zur jeder Produktion, die sich bewährt, indem deren Produkt konsumiert wird, kann man ein vorausgehendes Bedürfnis unterstellen. Bedürfnisse fungieren dabei als Erklärungsprinzipien, also als letzte Gründe, die keiner Erklärung bedürfen.(25) Durch die Kategorie Tätigkeit würde ich in diesem Sinn - wenn man das so sehen will - das Bedürfnis postulieren, tätig zu sein. Die herstellende Tätigkeit beobachte ich aber jenseits von Bedarf und Bedürfnis. Ich brauche dafür kein Erklärungsprinzip, aber natürlich eine entsprechende Theorie.
Erklärungsprinzipien wie Schwerkraft, Instinkt oder Bedürfnis dienen nicht als Erklärungen, sie erklären nichts. Sie dienen dazu, Theoriearbeit abzuwehren. Erklärungsprinzipien naturalisieren Verhältnisse, die impliziten Theoriebruchstücken geschuldet sind. Bedürfnisse - um beim Beispiel zu bleiben - erscheinen so als Natur jenseits der Kategorien dessen, der Bedürfnisse beobachtet. Wenn ich Bedürfnisse dagegen als Kategorie bezeichne, mache ich mir mein Beobachten als solches bewusst. Wenn ich meine Kategorien bezeichne, erkenne ich, wie meine Erklärungen und damit verbunden die zu erklärenden Phänomene von meiner Theorie anhängig sind.
Wenn ich mein Beobachten gar nicht beobachte, verzichte ich nicht nur auf das Bezeichnen von Kategorien, sondern auch auf Erklärungsprinzipien. Ich mache Erfahrungen als letzte Gründe. Ich kann erkennen, dass Gegenstände ein Gewicht haben, ohne irgendeine Schwerkraft zu bemühen. Und ich kann erkennendass ich atmen muss, ohne ein Bedürfnis dazu zu postulieren. So kann ich auch sehen, dass Menschen Gegenstände herstellen, ohne mir Gedanken über die von mir verwendeten Kategorien zu machen.
Dass Menschen beispielsweise sprechen, wird sehr selten mit einem entsprechenden Bedürfnis im Tier-Mensch-Übergangsfeld begründet. Das Sprechen fungiert viel mehr - wie etwa das Denken oder das Bewusstsein - als Wesensmerkmal des Menschen, das keiner Entstehungsgeschichte bedarf.(26) Sicher hatten - evolutionstheoretisch gesehen - werdene Menschen kein Bedürfnis zu sprechen. Wer will schon sprechen, wenn er niemanden kennt, der ihn verstehen könnte, weil es noch keine Sprache gibt? Dem Schreiben - also einer herstellenden Tätigkeit - wird dagegen oft ein Bedürfnis zugerechnet, etwas über das Sprechen hinaus festzuhalten. Schreiben scheint dabei das Sprechenkönnen vorauszusetzen, ich kann in dieser Sicht schreiben, was ich auch sagen könnte. In solchen Vorstellungen schimmert das Haeckelsche Prinzip durch, wonach sich die Phylogenes analog der Ontogenese begreifen lasse. Kinder können sprechen bevor sie schreiben können.
Weil ich meine Theorie anhand eines Textes über das Schreiben entwickle, zeige ich hier wie die Kategorie der gegenständliche Tätigkeit auch die naturwüchsige Vorstellung, wonach Menschen gesprochen haben, bevor sie geschrieben haben, problematisiert.
Schreiben hat als gegenständliche Tätigkeit auch einen Sinn, wenn es keine Sprache und mithin noch keine anderen Menschen als Adressaten gibt. Am Anfang der Entwicklung ist Schreiben wohl noch nicht das passende Wort, aber ich kann mir durch Striche, beispielsweise als Kerben in Erinnerung behalten, was ich damit verbinde.(27) Dazu muss ich weder eine Sprache haben noch muss jemand anderer meine Striche verstehen oder interpretieren können. Wenn ich mit dieser Technik einmal angefangen habe, kann ich die Striche für verschiedene Erinnerungen variieren. Die Vorstellung, wonach das Schreiben mit Strichen angefangen hat, ist Commonsense. Gemeinhin wird dabei aber unterstellt, dass vor allem auch für andere geschrieben wurde und dass sich die Schreibenden sprechend über die Bedeutung ihrer Striche verständigt hätten. Ich kann keinen plausiblen Grund dafür sehen, dass sich das Sprechen vorab entwickelt hat, nur weil Kleinkinder sprechen lernen bevor sich schreiben lernen. Hier geht es aber wiederum nicht darum, was wirklich der Fall war, sondern darum, was ich durch welche Kategorien beobachte.
Das Herstellen von gegenständlichen Zeichenkörpern und deren Entwicklung zu ikonischen Hieroglyphen bedarf keiner sozialen Vereinbarung und keiner interpersonalen Kommunikationsabsichten. Es ist eine gegenständliche Tätigkeit, die anfänglich nicht einmal Werkzeug braucht, die aber als Keimform der Textherstellung fungiert, auch wenn für das eigentliche Schreiben sehr viel mehr Voraussetzungen erfüllt sein müssen.
Ich will hier nur einen Aspekt hervorheben, der eine Priorität des Schreibens nahelegt. Sprachliche Ausdrücke bestehen aus Wörtern, Wörter sind diskret. Wenn ich jemanden sprechen höre, höre ich eine kontinuierliche Tonfolge, in welcher ich die einzelnen Wörter selbst unterscheiden muss, weil sie nicht wie in einem Text durch Leerstellen getrennt sind. Wörter sind überdies digitale Symbole, das heisst, sie müssen vereinbart werden, weil man ihnen nicht wie etwa bei konventionellen Zeichnungen ansieht, wofür sie stehen. Wenn ich die Rekonstruktion der Genesis der Sprache mit hergestellten Zeichenkörpern beginne, die mir selbst dienen, beginne ich mit diskreten Gegenständen, deren Bedeutung digital ist.(28). Solchen Zeichenkörpern kann ich ohne weiteres Laute zufügen, die ihren Sinn genau dann bekommen, wenn andere Menschen erkennen, wofür meine hergestellten Zeichenkörper stehen, weil sie dann auch die Zuordnung von Lauten nachvollziehen können. Hingegen ist extrem unwahrscheinlich, dass aus Laute wie Bellen oder Grunzen sprachliche Zeichen werden sollen. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass Affen nicht sprechen.(29) Ob Schreiben oder Sprechen zuerst auftraten, kann ich historisch nicht belegen, weil ich davon keinerlei Zeugnis erkennen kann. Allerdings geht es hier nicht darum, zu entscheiden, was historisch der Fall war, sondern darum zu zeigen, inwiefern Kategorien für Theorien, also dafür, was ich wie sehen kann, grundlegend sind. Mit der Kategorie der gegenständlichen Tätigkeit beobachte ich nicht naiv historisch, sondern eine logisch-genetische Entwicklung der Sache.
Ich beobachte überdies, dass ich die Entwicklung des Sprechens nicht beobachten kann. Ich kann annehmen, dass irgendwann in der Vorzeit das Sprechen zu den Menschen gekommen ist. Soweit ich aber zurücksehen kann, hat es sich nicht mehr verändert, genau wie das Bewusstsein und das Denken. Ich weiss zwar viel mehr als Aristoteles, aber ich glaube nicht, dass ich besser sprechen oder denken kann als er das gekonnt hat. Was ich mehr weiss als er betrifft die technologische Entwicklung. Ich schreibe wohl in vielen Hinsichten klüger als er(30), aber ich verwende beim Schreiben andere Werkzeuge als er. Das Schreiben dagegen unterliegt einer technischen Entwicklung, die ich als Zweck-Mittel-Verschiebung weitgehend rekonstruieren kann.
Alles, was Menschen verwenden und in irgendeiner Form der Produktion unterliegt, bezeichne ich als Lebensmittel oder als Mittel zum Leben. Sauerstoff in der Luft und Wasser aus dem Bach sind in diesem Sinne keine Lebensmittel, weil ich sie jenseits einer tätigen Vermittlung verwende. Zu Mitteln werden mir die Mittel, wenn sie in eine Zweck-Mittel-Verschiebung einbinde. Als Zweck-Mittel-Verschiebung bezeichne ich eine spezifische Entwicklung, in welcher Mittel zu neuen Zwecken werden, die ihrerseits nach Mitteln "rufen". Die Bestellung des Ackers beispielsweise hat nach dem Pflug als Mittel "gerufen". Der Pflug wurde zum Zweck in der Schmiede. Die Schmiede verlangte nach Werkzeugen. Die Werkzeuge nach Werkzeugmaschinen. Werkzeugmaschinen verlangen Konstruktionspläne.
Die Technik entfaltet sich durch eine Zweck-Mittel-Verschiebung. Jede Entwicklungsstufe der Technik erklärt, was zuvor noch in den jeweiligen Tätigkeiten aufgehoben war. Maschinen zeigen, dass Werkzeuge von Hand bewegt werden müssen, Automaten zeigen, dass Werkzeuge und Maschinen von Hand gesteuert werden müssen. Natürlich muss ich keine Maschine kennen, um zu merken, dass ich den Hammer und die Sichel von Hand bewege. Aber die Maschine zeigt mir, dass ich meine körperliche Energie nur brauche, wenn ich keine Maschine habe.(31)
Automaten sind die aktuell entwickelsten Werkzeuge. So wie der Mensch den Schlüssel zum Verständnis der tierischen Evolution darstellt, bilden Automaten den Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung der technischen Produktion. Sie zeigen im Nachhinein wohin sich Werkzeuge entwickeln, also welche Potentiale den Werkzeugen als Keimform innewohnen. Automaten bestimmen die Kategorien, unter welchen ich die technologische Entwicklung beobachte.
Ich verstehe diese Entwicklungsgeschichte theoretisch als Alternative zu Evolutionstheorien der Technik. In Evolutionstheorien wird eine andere Art der Differenzierung und ein anderer Prozess beschrieben. Die Zweck-Mittel-Verschiebung bringt nicht höher entwickelte Exemplare derselben Art hervor, sondern andere Arten. Die Evolution der Fauna zeigt sich in immer höherentwickelten Tieren, aber es bleiben Tiere.(32) Die Evolution der Fahrzeuge zeigt sich in immer entwickelteren Fahrzeugen, die aber eben Fahrzeuge sind. Die Zweck-Mittel-Verschiebung - die es in der Natur "natürlich" nur in einem differentiellen Sinne gibt - bringt Vertreter anderer Kategorien hervor. Ein Pflug ist kategorial etwas anderes als eine Maschinenfabrik oder als ein Konstruktionsplan.
In der Tierwelt beispielsweise kann ich evolutionstheoretisch neue Funktionen erkennen, etwa dass bestimmte Tiere fliegen können, weil sie Flügel haben. Die Flügel der Insekten sind aber gemäss der Evolutionsgeschichte nicht zum Fliegen "erfunden" worden, weil es in der Evolution weder einen entsprechenden Bedarf noch einen Erfinder gibt. Die Körperteile der Insekten, die ich jetzt als Flügel bezeichne, haben dazu geführt - hatten den Effekt -, dass die Insekten fliegen können. Als Effekt bezeichne ich das "Fliegenkönnen", weil es keiner Intention entspricht und nicht Folge einer Zweckursache ist. Diese Geschichte wird gemeinhin so erzählt, dass sich anfänglich eine Körperoberflächenvergrösserung evolutionär bewährte, weil damit mehr Wärme aufgenommen werden konnte. Die Ausstülpungen bewährten sich dann als "Falschirme" beim Springen, was eine Art Übergang zum Fliegen darstellt. Schliesslich ergaben sich eigentliche Flügel als Selektionsvorteil. So wird wird beschrieben, wie Flügel allmählich und ohne vorausgesetzten Zweck - evolutionär - entstehen konnten.
Das Fliegenkönnen mag ein Wunsch - kein Bedürfnis - von Menschen gewesen sein, als sie noch nicht "fliegen" konnten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Menschen quasi evolutionsgeschichtlich darauf hofften, ihnen würden eines Tages Flügel wachsen. O. Lilienthal, einer der Erfinder des Flugzeuges, schrieb anfänglich irritiert durch die Metapher des "Fliegens", die er mitbegründete: "Mit welcher Ruhe, mit welcher vollendeten Sicherheit, mit welchen überraschend einfachen Mitteln sehen wir den Vogel auf der Luft dahingleiten! Das sollte der Mensch mit seiner Intelligenz, mit seinen mechanischen Hilfskräften, die ihn bereits wahre Wunderwerke schaffen liessen, nicht auch fertigbringen? Und doch ist es schwierig, ausserordentlich schwierig, nur annähernd zu erreichen, was der Natur so spielend gelingt". Die in der nicht bewussten Metapher begründete Verwechslung zwischen Fliegen und in einem Flugzeug sitzen ist offensichtlich. Flugzeuge sind kein Produkt einer Evolution und sie imitieren im Unterschied zum schliesslich abgestürzten Ikarus keineswegs Insekten oder Vögel. "Mit überraschend einfachen Mitteln auf der Luft dahingleiten" sehe ich keine Vögel, sondern die - wenn man überhaupt Vergleiche anstellen wollte - extrem primitiven Gleiter, die O. Lilienthal konstruiert hat.
Auf die wirkliche Konstruktionstätigkeit bezogen, schrieb er aber bereits während der langjährigen Entwicklungsphase des Flugzeuges, also lange bevor die ersten Flugzeuge geflogen sind: "Ob nun dieses direkte Nachbilden des natürlichen Fluges (des Vogels) ein Weg von vielen oder der einzige ist, der zum Ziel führt, das bildet heute noch eine Streitfrage. Vielen Technikern erscheint beispielsweise die Flügelbewegung der Vögel zu schwer maschinell durchführbar, und sie wollen die im Wasser so liebgewonnene Schraube auch zur Fortbewegung in der Luft nicht missen". Sehr tiefschürfend konnte dieser Streit nicht gewesen sein, haben sich doch bislang immer die Ingenieure durchgesetzt, die die Natur nicht imitierten, sondern wie im Falle der "liebgewonnenen Schraube", die mittlerweile nur noch in der Luft Propeller heisst, ein Mittel gefunden haben, das dem gesetzten Zweck diente. Überdies gibt uns die Natur, wie man sich etwa anhand des Schiffes bewusst machen kann, für die meisten Produkte, die wir bauen, überhaupt keine Vorbilder. Schwimmen überhaupt war nie eine Motivation für Ingenieure, und wenn wir nur wie Vögel fliegen könnten, hätten wir mehr Spass als Transportkapazität gewonnen.(33)
Die Zweck-Mittel-Verschiebung beschreibt etwas, was Menschen tun, nicht etwas, was sie wie die Evolution nur erleiden. Durch die Zweck-Mittel-Verschiebung, das zeigt der Propeller, werden Mittel generiert, die auch auf andere Zwecke übertragen werden können, während die wunderbare "Erfindung" der natürlichen Flügel von anderen Lebewesen nicht übernommen werden kann. Was zunächst als Mittel für einen Zweck erscheint, wird als Zweck zum Mittel für neue Zwecke. Der Teflonbelag aus der Raumfahrt wird zum Bratpfanenbelag. Die Zweck-Mittel-Verschiebung vervielfacht die Entwicklungschancen, weil jedes Mittel als neuer Zweck eine eigene Entwicklung durchlaufen kann. Ackerbau mit verschiedenen Pflügen, Pflüge mit verschiedenen Antrieben, Pflüge aus verschiedenen Herstellungsverfahren mit verschiedenen Werkzeugen aus verschiedenen Werkzeugmaschinen.
Unter dem Gesichtspunkt der herstellenden Tätigkeit beschreiben Evolutionstheorien eine Art der Herstellung ohne Hersteller. Die menschliche Intention wird in eine Götterwelt oder moderner in eine sich selbst organisierende Welt projiziert.(34) H. Maturana hat dafür den sinnigen Ausdruck Auto-Poiesis geprägt. Poiesis bedeutet in einer spezifischen Differenz zur Praxis das Herstellen, und Lebewesen erscheinen in dieser Projektion als hergestellte Dinge, die keinen Hersteller haben. H. Maturana spricht explizit von autopoietischen Maschinen und meint damit nicht wie KI-Phantasten Roboter, die sich selbst herstellen, sondern alle Lebewesen.(35)
Bei hergestellten Gegenständen unterscheide ich die komplementären Aspekte Gegenstandsbedeutung und Artefakt, ich beobachte also einerseits die Bedeutung des Gegenstandes und andrerseits dass er ein Faktum ist, das ich im Prinzip in die Hände nehmen kann. Im Herstellen sind die beiden Aspekte wie die Pole eines Magneten untrennbar vereint. Als Artefakt bezeichne ich das, was ich eigentlich herstelle, während die Bedeutung des Gegenstandes quasi als autopoietische Emergenz aus dem Herstellen hervorgeht, obwohl sie natürlich das ist, was ich beim Herstellen als Zweck des Gegenstandes beabsichtige.
Beim Herstellen eines Artefaktes forme ich Material. Ich muss dabei das Material und die Form wählen. Wenn ich beispielsweise ein Messer herstelle, muss ich einem Material die Form eines Messers geben. Beim Herstellen muss ich formen und ich kann nicht nichts formen. Durch Material und Form ist auch das Artefakt jenseits seiner Bedeutung doppelt bestimmt. Material und Form kann ich unterscheiden aber nicht trennen. Ich kann aber beobachtend vom Material abstrahieren und nur das Formen beobachten und umgekehrt. Viele Eigenschaften eines Gegenstandes sind hauptsächlich von dessen Form abhängig, andere von dessen Material.
Material und Form verwende ich als operationelle Hypostasierungen meiner Tätigkeit. Kategoriell setze ich Material und Form nicht im Sinne von ontologischer Substanz und Idee voraus, sondern bezeichne damit Aspekte meines Tuns. Die Begreiffe Material und Form verwende ich um mein Herstellen zu beschreiben. Es sind in diesem Sinne komplementäre Bestimmungen des Produzierens, die ich als Eigenschaften des artefaktischen Produktes erkennen kann, weil die Produktion im Produkt gerinnt oder aufgehoben ist.(36)
Ich erläutere meine Begriffe Material und Form etwas ausführlicher, weil sie umgangssprachlich selten als Verdinglichungen von Tätigkeitsaspekten aufgefasst werden. Material wird umgangssprachlich oft mit Materie gleichgesetzt, während Form sehr viele Verwendungen hat, die sich nicht auf gefomtes Material beziehen. Mir geht es bei den folgenden Erläuterungen der verschiedenen Wortverwendungen darum, die Begriffe auf Kategorien zu beziehen, um die Bedeutung der Kategorien und mithin der Theorie hervorzuheben.
Als Material bezeichne ich das, was ich durch gegenständliche Tätigkeit forme. Material bestimme ich in diesem Sinne operativ durch meine Tätigkeit, also nicht als eine Substanz, die ich jenseits meiner Tätigkeit beobachten könnte.(37) Ich unterscheide in demselben operativen Sinn verschiedene Materialien. Das je einzelne, konkrete Material bestimme ich durch Eigenschaften, die sich als Widerstände gegen meine Tätigkeiten beim Verwenden der Materialien zeigen. Materialien wie Bronze und Silber, oder allgemeiner wie Metalle sind in diesem Sinne Verdinglichungen von Eigenschaften, die ich - quasi-ontologisch formuliert - am Material wahrnehme. "Metall" etwa bedeutet "glänzend, stromleitend, schwer, ...", "Silber" bedeutet "Metall, helle Farbe, nicht oxidierend, ..." Materialbezeichnungen sind in diesem Sinne Sammelbezeichnung für eine Menge von Eigenschaften. Operationell verwende ich das Wort Metall genau dann, wenn ich mich auf den Träger der metalligen Eigenschaften beziehen will. Ich sage etwa: Dieses Schwert ist aus Holz, nicht aus Metall.
Die Eigenschaften, die ich dem Material zurechne, erkenne ich, wenn ich das Material oder den hergestellten Gegenstand verwende. Ich kann ein Messer aus Lehm, Holz oder Gold formen, wozu ich je verschiedene charakteristische Handlungen unterscheide. Und ich kann praktisch erfahren, welches der Messer und mithin welche meiner Handlungen den Zweck am besten erfüllt. Dabei erkenne ich Eigenschaften, auf die ich achten muss. Ich merke beispielsweise, dass eine bestimmte Materialhärte beim Herstellen grössere Aufwände verursacht, aber für die Funktion des Gegenstandes nützlich ist. Die Härte bezeichne ich dann als eine Materialeigenschaft, die mich interessiert. Härte überhaupt oder als Kategorie würde mich nicht interessieren.
Wenn ich an einer bestimmten Eigenschaft interessiert bin, kann ich Material in dieser Hinsicht wählen und verarbeiten. Wenn ich Eisen will, muss ich es in einer spezifischen Tätigkeit aus dem Boden holen und das Holz, das ich verwende, war zuvor ein Baum, den ich fällen musste. Beim Herstellen interessiert mich aber weder der Boden noch der Baum, sondern das, was ich tun muss für das Material.
Material, das aus einer Verarbeitung folgt, bezeichne ich als Werkstoff. Stahlbleche haben eine Protoform, die noch keinem Gebrauch entspricht und die ich deshalb auch als Halbfabrikat bezeichne. Diese Halbfabrikate sind nicht "konstruiert", ich verwende sie als Werkstoff für Konstruktionen. Ich forme aber auch beim Herstellen von Werkstoffen Material. Dabei interessiert mich die äussere Form nur sekundär, etwa so, wie die Form der Kuchenform beim Herstellen des Kuchenteiges.
Wenn ich Stahl oder Kuchenteig herstelle, stelle ich in gewisser Hinsicht die mich interessierende Eigenschaft des Materials her, indem ich Material umforme. Teig stelle ich her, indem ich Mehl, was auch ein hergestelltes Material ist, mit Wasser vermenge und knete. Stahl stelle ich her, indem ich Eisen und Kohle zusammen erhitze. In beiden Fällen verändere ich die äussere Form ohne dabei an der Form interessiert zu sein. In beiden Fällen interessiert mich ein Effekt des Umformens auf Materialeigenschaften. Wenn sich diese Eigenschaften ergeben haben, wähle ich eine Protoform, die sich für eine spätere Verarbeitung eignet. Die dabei entstehenden Eigenschaften bezeichne ich mit neuen Materialnamen. Stahl steht in diesem Sinn für relativ hartes Eisen, Teig für formbare Mehlmengen.
Ich kann Material in einer bestimmten Perspektive als Materie beobachten. Materie ist eine physikalische Kategorie. In der eigentlichen Physik spielt Material keine Rolle, weil Material dort ausschliesslich als Materie beobachtet wird. In den Materialwissenschaften wird Material zwar als Werkstoff begriffen, aber als Substanz gesehen, die weitgehend mit klassischer Physik beschrieben wird. Die klassische Physik beobachtet Körper mit Massen, die moderne Physik verwendet Materie als Kategorie oder noch viel mehr als Erklärungsprinzip, weil sie die Substanz der Masse nicht mehr vernünftig lokalisieren kann.(38) Materie hat natürlich keine Form, aber alles, was eine gegenständliche Form hat, wird als Materie oder äquivalent als Energie aufgefasst.
Gleichgültig wie fadenscheinig Materie in der Physik begriffen wird, es bleibt kategoriell eine ontologisch der Tätigkeit vorausgesetzte Substanz., während Material im hier gemeinten Sinne in der Physik eine Art Epiphänomen darstellt. Die Physik sagt über gesellschaftliche Verhältnisse und wie die Menschen ihre Umwelt entwickeln nichts Falsches, sondern gar nichts. Ich erkenne darin ein bewusstes Wegsehen, das durch die Wahl spezifischer Kategorien geleistet wird.
Das, was ich als Material bezeichne, kann tautologischerweise nur in einer - zwar beliebigen - Form erscheinen, weil es ja nur in einer Umformung erscheint. Das Referenzobjekt des Ausdruckes Bronze beispielsweise kann als Barren, Klumpen, Ohrring oder Statue, aber nicht ohne Form existieren.
Ich verwende den Ausdruck Form allerdings in zwei ganz verschiedenen Zusammenhängen. Zum einen spreche ich von der Form eines Gegenstandes, wenn ich von dessen Material abstrahiere, also nur den formenden Aspekt der herstellenden Tätigkeit beobachte. Den Ausdruck Form verwende ich aber auch in einem ganz anderen - formalen - Sinn für die Abstraktion des Gegenstandes selbst. Die gegenständliche Form beruht auf der Kategorie des Herstellens, die gegenstandslose Form dagegen ist wie die physikalische Materie eine fundamentale Kategorie, die Beschreibungen der Welt an sich begründet.
Als Form bezeichne ich im Kontext der Herstellung von Artefakten in einem operativen Sinn genau das, was ich zeichnen kann. Jede Zeichnung repräsentiert eine perspektivische Form des gezeichneten Gegenstandes. Dreirissige Konstruktionszeichnungen sind in diesem Sinne idealtypische Zeichnungen der Form, während einfache Zeichnungen als analoge Abbildungen konventionell den Aufriss des Gegenstandes darstellen. Ein Kuchen etwa hat die Form der Kuchenform. Die Kuchenform ist ein geformtes Blech. Der Kuchen besteht aus Kuchenteig. Das Kuchenblech besteht aus Metall. In der Zeichnung sehen beide gleich aus, weil ich beim Zeichnen vom Material abstrahiere.
Form ist in diesem Sinne eine sinnliche Kategorie, die durch die Zeichnung charakterisiert ist. Die Zeichnung ist natürlich auch ein hergestellter Gegenstand mit einer Form. Wenn ich mit einem Bleistift zeichne, stelle ich einen dreidimensionalen Gegenstand aus Graphit her, der in einer bestimmten Weise dieselbe Form hat, wie der gezeichnete Gegenstand. Diese Gleichheit der Form besteht darin, dass ich - in einem operativen Sinn - mit meinen Augen dieselben Bewegungen, wenn ich den Umriss des Gegenstandes und dessen Zeichnung betrachte. Beim Lesen eines Stadtplans etwa mache ich mit den Augen die Bewegungen, die ich dann mit meinem Körper mache, wenn ich durch die Stadt gehe.(39) Und wenn ich zeichne, bewege ich den Schreibstift analog zu meinen der Form des Gegenstandes folgenden Augen.
Wenn ich einen Gegenstand herstellen will, mache ich zuerst eine Zeichnung vom intendierten Gegenstand und forme dann den Gegenstand so, dass er der Form der Zeichnung entspricht. Arbeitsteilig kann das Zeichnen und das Herstellen getrennt werden. Dabei dient die Zeichnung als Informationsträger für andere Menschen. Ich brauche aber - wie ich bereits bezüglich des Schreibens erläutert habe - keine soziale Vereinbarung und keine interpersonalen Kommunikationsabsichten, damit Zeichnen für mich einen Sinn macht. Im Unterschied zum Schreiben muss ich mir auch nicht - im Sinne einer Selbstvereinbarung - merken, wofür meine Zeichnung steht, weil ich das naturwüchsig wiedererkenne, wenn ich die Zeichnung betrachte. Zeichnungen sind analoge Abbildungen.
Die Zeichnung der Form eines Kuchens lässt offen, ob eine Kuchenform oder ein Kuchen dargestellt ist. Ein gezeichnetes Rechteck zeigt noch viel weniger als eine Kuchenform, welcher Gegenstand gemeint ist, weil sehr viele Gegenstände die Form eines Rechteckes haben. Natürlich kann ich ein Rechteck als solches erkennen, aber ich kann nicht sehen, was damit abgebildet ist, ich kann nur erkennen, dass es ein rechteckiger Gegenstand ist. Und wenn ich die Zeichnung eines seriellen Produktes, beispielsweise eines VW Käfers sehe, sehe ich nicht welcher Käfer damit abgebildet ist, weil sich diese Produkte hinreichend ähnlich sind. Von solchen speziellen Fällen abgesehen, kann ich jeden Hund zeichnen, aber nicht den Hund, den ich mit dem Wort referenziere. Die gegenständliche Form ist die Form eines konkreten materiellen Gegenstandes.
Jede Form, die ich zeichne, kann ich auf einen Vieleck-Kreis reduzieren, indem ich die Auflösung reduziere, also die Form nur grob angenähert zeichne. Jede gezeichnete Form ist ein geschlossenes Gebilde und trennt einen Inhalt von seiner Umwelt ab. Dass ich den Inhalt zeichend nicht bezeichne, also dessen Material nicht bestimme, bedeutet, dass mich das Material nicht interessiert, aber nicht dass es Gegenstände ohne Material gäbe.
Von einem Medium spreche ich, wenn ich Form von etwas unterscheiden, aber keine Aussagen über das von der Form Unterschiedene machen will. Das Medium stellt dann die unspezifische Möglichkeiten (Potential) zur Formgebung dar. Wenn ich ein Messer forme, forme ich die Eigenschaft "schneidend", die keine Metalleigenschaft ist. Wenn mich nur Formeigenschaften interessieren, kann ich einerseits das Material weglassen und andrerseits die Form von verschiedenen möglichen Formen unterscheiden.
Wer in technischer Hinsicht von Medien spricht, lässt Materialeigenschaften generell ausser Acht und bezeichnet nur Formeigenschaften. Wenn ich aber die andere Seite der Unterscheidung markiere, erkenne ich Eigenschaften, die der Eigenschaft durch die Form vorausgesetzt sind. Ich kann eben aus beliebigem Material ein Messer herstellen, aber nicht ohne Material. Differenztheoretisch kann "Material" durch die Differenz zwischen Material und Medium sehen, wobei Medium für die nicht aktualisierte Form steht, also keine Eigenschaft hat, während ich mit Materialbezeichnungen Eigenschaften benenne.
Ich veranschauliche die Differenz anhand von zwei gängigen Medium-Diskursen, in welchen das gegenständliche Herstellen aus sehr verschiedenen Gründen ignoriert oder verdrängt wird. Zum Einen forme ich nicht nur Artefakte, und zum Andern kann ich metaphorisch von eine Art geistig ideellen oder mentalen Form sprechen, wenn ich mir die Form nur vorstelle.
Wenn jemand seinen Körper durch Diät, Body Bulding oder Verstümmelung formt, ist der Körper Medium in verschiedenen Formen, weil dabei kein Material gewählt wird. Ich kann - von einer noch viel weiteren Mediumsvorstellung abgesehen - meinen Körper nicht wählen. Wenn dagegen der berühmte Genfer Arzt Frankenstein eine Kreatur herstellt, muss er sich überlegen, ob er das aus Stein (Pygmalion), Lehm (Golem), Holz (a la Pinoccio), Puppenmaterial (im Sandmann), Haushaltsgeräten (Sennentuntschi) oder aus Teilen, die er im Friedhof ausgräbt, verwenden soll. Er braucht also Material, wobei ihm auch der Körper von anderen Menschen als Material erscheint. Und wenn ich eine Prothese für ein Bein oder ein Herz herstelle, muss ich ein Material wählen, aber dann forme ich nicht meinen Körper. Als Artefakte bezeichne ich Gegenstände, die auf einer Materialwahl beruhen - und die ausserdem noch auffindbar sind, was bei Frankensteins Moster und dessen Variationen ja nicht der Fall zu sein scheint.
Wenn ich ein Lebewesen forme, etwa einen Bonsai stutze, spreche ich von Form, weil ich das geformte Lebewesen identifizierbar zeichnen kann. Ich kann dazu natürlich unter vielen Bäumen oder Büschen wählen, aber ich kann dessen Sein als Lebewesen nicht wählen. Die Pflanze hat sich autopoietisch selbst hervorgebracht, sie hat keinen Zweck, auch wenn sie mir als Zierde meines Gartens dienen muss.
Wenn ich mir eine Form vorstelle, bezeichne ich die Vorstellung nicht als Form sondern als Vorstellung. Vorstellungen kann ich nicht zeichnen. Ich erlebe sie. Natürlich kann ich mir Gegenstände und Zeichnungen vorstellen. Und weil das Gegenstände oder Zeichnungen sind, kann ich sie im Prinzip herstellen. Ich kann mir beispielsweise ein Rechteck oder einen Hammer vorstellen, aber ich kann mir weder das ein noch das andere in meinem Kopf vorstellen. Als Gegenstände sind sie ausserhalb von mir.
K. Marx hat geschrieben, dass eine Biene durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister beschäme. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichne, sei, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut habe, bevor er sie in Wachs baue. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideel vorhanden war.(40) Davon abgesehen, dass nicht viele Baumeister Wachszellen bauen, baut kein Mensch etwas in der Vorstellung. Ich mache mir Vorstellungen, von dem, was ich herstellen will. Sich etwas vorstellen ist etwas ganz anderes als etwas herstellen.
E. von Glasersfeld spricht von mentalen Prozessen oder Operationen. Wenn ich beispielsweise die Form eines Gegenstandes mit der Form einer Zeichnung des Gegenstandes vergleiche, vergleiche ich vordergründig zwei Augenbewegungen, die nicht gleichzeitig stattfinden. Dazu muss ich meine Aufmerksamkeit erstens auf die Augenbewegung lenken und zweitens brauche ich eine Repräsentation der Augenbewegung, die ich zuvor in Bezug auf den Gegenstand gemacht habe, wenn ich sie mit jener auf der Zeichnung vergleiche. Gemeinhin wird dabei von einem Gedächtnis gesprochen. Ich habe keine Ahnung, was ein Gedächtnis ist und wo es sein könnte. Ich spreche umgangssprachlich von meinem Gedächtnis, wenn ich meine Erfahrung, dass ich mich erinnern kann, bezeichnen will.(41) In meinem Gedächtnis sind also keine Bilder oder Formen und schon gar keine Gegenstände, sondern - im hier beschriebenen Fall - konnotierte Augenbewegungen gespeichert, die ich wiedererkennen kann, wenn ich der Form eines Gegenstandes mit meinen Augen folge.
Unabhängig davon, wie ich mir mein Gedächtnis vorstelle, habe ich nicht nur die Erfahrung, dass ich auf Zeichnungen den gezeichneten Gegenstand erkennen kann, sondern auch eine technische Vorstellung davon, was ich bei Computern als "Gedächtnis" bezeichne. Im Computer bewahre ich materielle Texte auf, die ich wie ein Buch zu beliebigen Zeitpunkten wieder lesen kann. Das erspart mir gerade, ein Gedächtnis zu haben. R. Keil-Slavik hat von einem externen Gedächtnis gesprochen.
In diesem ganz abstrakten Sinn erscheint das Gedächtnis als Medium, und das, was jeweils erinnert oder vergessen wird als Form.
In der Umgangssprache der Ingenieure und speziell der Informatiker erscheint die Form differenzlos als Information. Duden etwa schreibt in seinem Informatiklexikon, Information stelle neben Energie und Materie einen der "drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar. Für die Informatik als der Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen sollte der Begriff von zentraler Bedeutung sein; dennoch ist er bisher kaum präzisiert worden".(42) Für die Informatiker, die keine Naturwissenschaftler sondern Ingenieure sind, die elektrische Maschinen programmieren und so im eigentlichen Sinne materiell herstellen, spielt der Informationsbegriff keine Rolle.
Ich hole hier etwas aus, weil ich so wieder die Bedeutung der Kategorie erläutern kann.
Naturwissenschaften beschreiben Messverfahren und deren Resultate. Ingenieure beschreiben, was sie herstellen. Ingenieure verwenden dabei auch Resultate der Naturwissenschaften, aber sie sind Teil der gegenständlichen Herstellung. Ingenieure verwenden Material und Energieträger. Materie interessiert sie nicht und Energie ist für sie eine physikalische Grösse wie Masse oder Länge, die beim Herstellen relevant ist. Praktisch kann ein Mensch natürlich sowohl als Wissenschaftler wie auch als Ingeineur tätig sein, er kann beide Rollen spielen, aber ich unterscheide die Rollen aufgrund meiner Kategorie des gegenständlichen Herstellens. Informatiker, auch wenn sie sich gelegentlich mit Mathematik befassen, stellen Computer her.
Die Bezeichnung Informatik widerspiegelt eine Arbeitsteilung, in welcher das Programmieren als withecollar-Tätigkeit vom Herstellungsprozess der Computer getrennt wurde. Ein Computer erfüllt seinen Zweck als Werkzeug erst, wenn er programmiert ist, davor ist er ein Halbfabrikat. Die Trennung des Programmierens von der Herstellung der sogenannten Hardware hat ihr Vorbild in der industriellen Trennung der Planung im Konstruktionsbüro und der bluecollar-Werkstatttätigkeit. Beim Computer wird aber nicht nur die vorausgängige konstruktive Planung von Ingenieuren geleistet, sondern auch der letzte Arbeitsgang bei der Herstellung, der Programmierung. Im Programmieren ist die Unterscheidung zwischen Herstellen und Beschreiben aufgehoben, das Beschreiben ist gleichzeitig das Herstellen. Das Programm ist eine perfekte Beschreibung davon, was im Computer abläuft, wenn das Programm läuft. Was im Programm beschrieben wird, muss im Unterschied zur Beschreibung durch einen Konstruktionsplan nicht von einem Bluecollar gearbeitet werden. Eine Programmiersprache ist ein Mechanismus, der die Ausdrücke dieser "Sprache" umsetzen kann.(43)G. Batesons hat seinen Informationsbegriff 1979
In der Perspektive des gegenständlichen Herstellens erscheint die Wahl dieser Kategorien den Gegenstandsbereich je einseitig einzuschränken, so wie die newtonsche Physik im Vergleich zur Relativitätstheorie eine Nische beschreibt.
In den sogenannten Sozialwissenschaften besteht eine von A. Leontjew kritisierte Beschränkung darin, dass die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft überhaupt beobachtet wird. Information verweist im Paradigma der Medienwissenschaften, die "bedeutungsübertragende" Mitteilungen oder Nachrichten anhand eines Kommunikations-Mittel-Modelles beschreiben, auf etwas, was mitgeteilt wird und für den Empfänger neu ist oder wenigstens ungewiss war. ----
Material hat zwei Verallgemeinerungen: Materialien und Materie. Den Plural verwende ich, wenn ich auf die Verschiedenheit der Materialien verweisen will, von Materie spreche ich, wenn ich das Gemeinsame hervorheben will.
Materialismus heisst eben Marterial-Ismus und nicht Materie-Ismus. Davon abgesehen, dass -Ismen fragwürdige Hypostasierungen sind, bezeichne ich mit Materialismus etwas, was mit Materie nichts zu tun hat, sondern sich auf die doppelte Unterscheidung im Herstellen des toolmaking animals bezieht.
In anderen Zusammenhängen wird der Ausdruck Form metaphorisch sehr weitläufig verwendet, worauf ich später zurückkommen werde. Hier interessiert mich nur die gegenständliche Form - und natürlich inwiefern ich dabei die Materialität des Gegenstandes beobachte.xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Materie ist eine spezifische Beobachtung, die ich auf Material anwenden kann xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Ich forme sozusagen die Form und das Material ist der Träger dieser Form. Form und Material sind Aspekte, die ich zwar unterscheiden aber nicht trennen kann.
Ich verwende den Ausdruck Form in sehr vielen sehr verschiedenen Bedeutungen. Ich spreche etwa von Herrschaftsformen, von Wertformen, von mehr oder weniger höflichen Umgangsformen, von grammatikalischen Wortformen, von juristischen Formvorschriften, aber auch von körperlich in Form sein. Schliesslich verwende ich die Redeweise "in Form von". In all diesen Fällen verwende ich Form als generalisierte Redeweise, die eine Differenz in den thematisierten Sachen bezeichnet. Wenn ich beispielsweise von Herrschaftsformen spreche, meine ich dass ich verschiedene Arten der Herrschaft unterscheide. Die Monarchie ist in diesem Sinn eine Herrschaftsform, weil es auch die Diktatur gibt. Mit Form verweise ich auch darauf, das ich die unterschiedenen Arten als irgendwie gestaltet auffasse.
Form dient aber in verschiedenen Theorien als fundamentale Kategorie Ich veranschauliche die kategoriellen Differenzen anhand von zwei gängigen Diskursen, in welchen Form als Komplement von Materie oder als Komplement von Medium begriffen wird.
Fortsetzung folgt
1) Todesco, Rolf: Geld. CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (4. August 2016, Amazon), ISBN-10: 1535554452
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2) N. Luhmann schrieb: "Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine." (Die Gesellschaft der Gesellschaft:11) Damit hat er geflissentlich übersehen, was (s)eine Professur kostet, aber wohl richtig eingeschätzt, dass der Kostenträger kaum Nutzen erkennen wird.
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3) tacit knowledge kann in diesem Zusammenhang nicht übersetzt werden. Es ist ein Kunstwort für noch nicht explizite Theorie. Eingeführt wurde der Ausdruck von I. Nonaka im Kontext der industriellen Automatisierung für die Idee, wonach die Arbeitenden Fähigkeiten besitzen, über die sie nicht so sprechen können, dass daraus Machinenfunktionen ableitbar würden.
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4) Der sprichwörtliche Tausendfüssler macht scheinbar die gegenteilige Erfahrung, er verliert seine graziöse Beweglichkeit, wenn er darüber nachdenkt, wie er sich bewegt. Im Unterricht etwa der Ballerina wird deren Bewegung durch unfreeze, change, refreeze (K. Lewin) vorübergehend ins Bewusstsein genommen und dann wieder automatisiert.
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5) Das dialogische Prinzip habe ich im Buch Der Dialog im Dialog dargestellt
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6) Charakteristikum dieser Tätigkeit ist ihre Vergegenständlichung, ihr "Erlöschen" im Produkt, wie K. Marx es ausdrückt. Er schreibt im "Kapital": "Was auf seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins." Und wir lesen weiter: "Während des Arbeitsprozesses setzt sich die Arbeit beständig aus der Form der Unruhe in die des Seins, aus der Form der Bewegung in die der Gegenständlichkeit um." (Marx: Das Kapital, S. 195 und 204.)
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7) G. Bateson stellt sich die Frage ganz anders. Er macht den Vorschlag, sich anhand eines frisch gekochten Krebses zu überlegen, woran wir erkennen, ob ein Gegenstand ein Artefakt oder Natur sei (Geist und Natur:14). Und er gibt kategoriell auch eine ganz andere Antwort. Er erkennt ein "schliesslich leeres" rekursives Muster, das sich durch die ganze Natur hindurchziehe und diese erkennbar mache. Man kann nicht beschreiben, worin dieses Muster besteht, man erkennt es, weil man ihm selbst unterliegt, als analog zum eigenen Muster. Ein Pferd hat auch ein Skelett wie ich, die Vorderbeine sind wie die Hinterbeine, usw. Er beobachtet nich sein Tun, sondern ein naturgegebenes Muster.
G. Bateson fragt: Gibt es ein Muster, das allen Lebewesen gemeinsam ist? Ökologie des Geistes)
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8) Ceci, n'est pas une pipe (R. Magritte)
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9) Ich habe anhand der Diskussion von Hypertext argumentiert, dass die im intuitiv geprägten Ausdruck „Konstruktivismus" gemeinten Konstruktionen materielle Texte sind - und nicht irgendwelche geistige Konstruktionen in den Köpfen der Beobachter, die die Texte deutend. (Todesco, R.: Hypertext oder Was heisst Konstruktion im konstruktivistischen Diskurs?)
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10) A. Leontjew unterscheidet - anders als ich - Tätigkeit (Motiv), Handlung (Ziel) und Operation (Aufgabe). In seinem Buch "Tätigkeit – Bewusstsein – Persönlichkeit" unterscheidet er die Ebene der Tätigkeit (Gesamtprozess, vollständiger Arbeitsprozess wie beispielsweise das Jagen) von der Ebene der Handlungen (Teilaufgaben wie das Treiben der Herde) und von der Ebene der Operationen (Handgriffe, instrumentelle Fertigkeiten).
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11) Mit der Kategorie Evolutionstheorie kann man sich natürlich fragen, was den Menschen von andern Lebewesen unterscheidet und dabei "Werkzeugherstellung" als Kriterium wählen. Dieses Kriterium hat etwa K. Marx im Kapital von B. Franklin übernommen und dazu geschrieben, dass dieses Kriterium für einen Yankee typisch sei, während es den alten griechischen Sklavenhaltern kaum in den Sinn gekommen wäre. "Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozess, und Franklin definiert daher den Menschen als "a toolmaking animal", ein Werkzeuge fabrizierendes Tier" (K. Marx, Das Kapital, 194).
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12) K. Marx beispielsweise hat die Verwendung des Kriteriums "toolmaking animals" ja recht eigentümlich kommentiert, auch wenn ich nicht sehe, dass er es verworfen hätte (vgl. Fussnote 11).
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13) Im Kontext der ökonomischen Produktion dient die Technik der materiellen Verbesserung des Wohlstandes oder anders ausgedrückt, dem Erübrigen von Arbeit. Ein Roboter kann einen Arbeiter ersetzen, ein PC kann eine Sekretärin zehn Mal schneller machen. "Technik = Arbeit sparen" (Ortega y Gasset, Ropohl, 1979:197).
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14) Anschaulich sind diese Maschinenteile beispielsweise als Lochkarten, wo ihr sekundäres Textsein noch nicht so augenfällig ist, etwa bei J. Jacquards Webstuhlsteuerung. Die Programme der ersten Computer wurden noch nicht als Texte gesehen, weil die Programmiersprache noch nicht erfunden war und die Computer (etwa der Colossus oder die Eniac) durch eine Anordnung von Kabeln programmiert wurden.
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15) Todesco, Rolf: Technische Intelligenz oder Wie Ingenieure über Computer sprechen. Stuttgart, frommann-holzboog, 1992.
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16) In der Soziologie hat N. Luhmann die Kategorie Kommunikation vorgeschlagen. Er schreibt dazu: Es gibt Systeme. "Die folgende Ueberlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt." (Soziale Systeme: 30). ...und auch ... "Die Aussage 'es gibt Systeme' besagt also nur, daß es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind." (Soziale Systeme: 16).
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17) G. Bateson macht am Anfang seines Buches Geist und Natur den Vorschlag, sich anhand eines frisch gekochten Krebses zu überlegen, woran wir erkennen, ob ein Gegenstand ein Artefakt oder Natur sei. Er postuliert im Buch, dass wir Natur an einer Art Muster erkennen, welchem wir selbst unterliegen. Ich beobachte dagegen, dass ich Artefakte erkenne.
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18) Als Natur begreife ich mit einem Ausdruck von K. Marx meinen "unorganischen Leib". Die Natur, die meinen Organismus umfasst, beobachte ich darin als Differenz, in welcher der Teil der Natur, der nicht zum Organismus gehört, als Material des Stoffwechsels zum Organismus gehört. Der Organismus fungiert so als Aspekt des natürlichen Stoffwechsels. Er beruht auf einer Autopoiese, in welcher er sich als organische Natur durch die Bildung einer Haut von seiner unorganischen Natur abgrenzt. (Marx-Lexikon)
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19) F. Freud, drei Kränkungen
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20) A. Leontjew in seinem Buch Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit
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21) Natürlich gehört neben einigen anderen Dingen immer auch die Stromproduktion zu dieser Maschine
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22) Als S. Jobs seinen Mac auf den Markt brachte, wurde er gefragt, ob er davor eine Marktanalyse gemacht habe. Er soll zurückgefragt haben, ob wohl Alexander Bell etwa Marktforschung betrieben habe, bevor er das Telefon erfunden habe. Siehe dazu auch Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge
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23) Menschen fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Bedarfsmittel zu produzieren. "Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegessnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten." (MEW23, S. 624)
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24) Hier geht es mir um Kategorien, nicht Bedarfszustände und Bedürfnisse. Da ich aber Hunger als Beispiel verwende, komme ich nicht umhin, auf zwei spezifische Verhältnisse hinzuweisen. Die Erfindung des Getreideanbaus führte zu einer Bevölkerungsexplosion, weil viel mehr Nahrung produziert wurde, als die Menschen, die davor von Jagen und Sammeln lebten, brauchen konnten. Hungersnöte sind die Kehrseite der Bevölkerungsexplosion, die mit dem sie verursachenden Getreideanbau nicht immer und überall kompensiert wird, weil Getreideanbau Landeigentum und Eigentümerklassen hervorgebracht hat. Getreide ist eine der übelsten Erfindungen für die Menschheit, die sehr direkt für Hungerkatastrophen bis zum heutigen Tag Ursache ist. Getreide ist überdies als Zucker auch eine sehr biologisch sehr schlechte Nahrung, was sich in Fettleibigkeit zeigt, überall, wo gerade keine Hungersnot herrscht.
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25) Man sagt gemeinhin, dass Aristoteles vier Arten von "Ursachen" unterscheide. Aristoteles bezieht sich mit seinen "Ursachen" (die erst in der lateinischen Uebersetzung zu Ursachen wurden) aber auf das Wissen über Sachverhalte, also darauf, wie wir auf warum-Fragen antworten, nicht auf die Sachverhalte selbst. E. von Glasersfeld übersetzt deshalb adäquater mit "Prinzipien" (1997:115ff).
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26) D. Zimmer meint, rezente Affen könnten nicht sprechen, weil sie die nötigen Laute nicht modulieren können. Dass sie intelligent genug wären, schliesst er aus den Experimenten, die unter anderen D. Premack mit Schimpansen gemacht hat. Solche Argumentationen beruhen auf unbewussten Kategorien, die auf Affen projiziert werden. In meiner Theorie fehlt den Affen die Begriffsbildung, weil sie keine Gegenstände herstellen. Mit den Geräuschen, die sie machen, könnten sie zwar nicht so wie Menschen sprechen, aber sprechen könnten sie allemal.
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27) Man kann sich natürlich auf sein Gedächtnis verlassen. Aber Kopfrechnen zeigt die Grenzen im Vergleich zum Schreiben. Eichhörnchen verzichten ganz darauf sich zu erinnern, wo sie ihre Nüsse versteckt haben. Wenn sie diese Nüsse brauchen, schauen sie einfach dort, wo sie aktuell Nüsse verstecken würden.
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28) D. Zimmer schreibt: "Es entstanden ungezählte, teils gelind absurde Theorien, später meist auf farbige Spitznamen getauft. Die Wauwau-Theorie: Ihr zufolge ahmte die menschliche Sprache in ihrem Ursprung natürliche Laute nach, zum Beispiel Hundebellen. Die Aua-Theorie: Sprache wäre aus stark gefühlsbetonten Ausrufen hervorgegangen. Die Hauruck-Theorie: Am Anfang der Sprache stünden die Ausrufe bei gemeinsamer anstrengender körperlicher Arbeit. Die Bimbam-Theorie: So wie jedes Ding eine natürliche Resonanz habe, so bringe auch jeder Eindruck im Kopf einen charakteristischen Laut hervor. Die Tata-Theorie: Die Zunge mache die Handbewegungen der Gebärdensprache (etwa des Winkens) nach. Die Trarabumm-Theorie: Sprache habe mit rituellen Tänzen und Beschwörungen begonnen. Sie alle und viele mehr hatten denselben Fehler: Sie konnten ebensogut richtig wie falsch sein. Vielleicht gerade darum war die „Glottogenese“, die Sprachentstehung, das Lieblingskind der Spekulierer. Die Pariser Sprachgesellschaft erwehrte sich ihrer, indem sie 1866 in ihren Statuten die Annahme von Sprachentstehungstheorien (sowie von Vorschlägen für Weltsprachen) rundheraus verbot. Aber so sehr die glottogeneosche Spekulation unter Wissenschaftlern auch in Verruf geriet: die Menschen konnten es niemals, lassen." So kommt der Mensch zur Sprache.
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29) Es gibt viele Belege dafür, dass Affen mit geschriebenen Wörtern gut umgehen können, weil das diskrete Zeichen sind, die sich per Dressur vereinbaren lassen. Nur können Affen solche Gegenstände nicht herstellen.
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30) Was Aristoteles beispielsweise über Sklaven geschrieben hat, zeigt mir, dass er nicht nur technologisch einen anderen Horiziont hatte als ich. Das hat aber mit dem Schreiben im Sinne der Textherstellung so wenig zu tun wie mit grammatikalisch und stilistisch korrekten Formulierungen.
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31) Umgangssprachlich werden Maschinen und Kraftmaschinen, beispielsweise Motoren oft nicht unterschieden. Technologisch beruhen Maschinen aber auf Kraftmaschinen. Lange Zeit war der tierische Körper die einzige "Kraftmaschine", die Sonnenenergie in Bewegung umwandeln konnte - bis Dampfmaschinen hergestellt wurden. Diese Energieumwandlung ist die eigentliche Revolution, die umgangssprachlich oft als industrielle bezeichnet wird.
Ich sehe hier davon ab, dass es davor bereits Anwendungen von Schiesspulver gab. Und Industrie verwende ich für die kapitalistische Produktion, nicht für die maschinelle.
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32) F. Engels spricht von einem dialektischen Grundgesetz, wonach die Quantität in Qualität umschlägt. Anschaulich meinte G. Hegel dazu, dass Eis, wenn man es erwärmt, zu Wasser und dann zu Dampf wird, was eben neue Qualitäten seien. Und analog dazu wird das Tier der Evolutionsgeschichte an einem bestimmten Punkt der Entwicklung zum Menschen. Als Quanität wurde später das Wachsen der grauen Hirnmasse nachgeliefert.
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33) Die Zitate von O. Lilienthal stammen aus Technische Intelligenz (1992), wo R. Todesco aus der Geschichte der Technik von F. Klemm (1983) zitiert.
"Der Streit dauert an. Die kanadische Firma Battelle hat nach eigenen Angaben 1992 ein Patent für einen Flügelkippmechanismus angemeldet, mit welchem ein Ornithoper genanntes Flugzeug wie ein Vogel fliegen kann (Battelle today, zit. in: Tagesanzeiger, Zürich, 24.10.92, 88). LeonardodaVinci wollte den Streit auch nicht entscheiden. Neben technisch begründeten Beispielen musste auch der Flug des Vogels als Beweis dafür herhalten, dass seine konstruktiven Überlegungen zum Fliegen richtig waren: ”Mit einem (bewegten) Gegenstand übt man auf die Luft eine ebenso grosse Kraft aus wie die Luft auf diesen. Du siehst, wie die gegen die Luft geschwungenen Flügel dem schweren Adler ermöglichen, sich in der äusserst dünnen Luft nahe an der Sphäre des feurigen Elements zu halten. Weiter siehst du, wie die bewegte Luft über dem Meere das schwer beladene Schiff dahinziehen lässt, indem sie die geschwellten Segel stösst und zurückgeworfen wird” (Leonardo, zit: Klemm, 1983,79).
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34) In seinem Roman Die Ästhetik des Widerstands beschreibt P. Weiss solche Projektionen in eine Welt, in welcher die Menschen als Erleidende, keineswegs nur Göttern ausgeliefert sind. Die Evolutionstheorie zeichnet nicht nur als Sozialdarwinismus seltsame Bilder des Menschen.
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35) H. Maturana bringt die Verdoppelung dieser Projektion schön auf den Punkt, wo er sagt, dass Chemie Kochen und Biologie Züchten sei, womit er herstellende Tätigkeiten im Sinne des Konstuktivismus ins Spiel bringt. Naturwissenschaften erscheinen dabei als ideologische Verklärung eines Engineerings, das die Welt herstellt. (Reality and Explanations, 1992)
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir gefällt die Vorstellung einer Autopoiesis sehr gut, hier geht es nur um die verwendete Sprache, die auf das Herstellen Bezug nimmt, obwohl das in keinster Weise gemeint sein kann.
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36) "Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d. h. nur die Formen der Stoffe ändern. Noch mehr. In dieser Arbeit der Formung selbst wird er beständig unterstützt von Naturkräften. Arbeit ist also nicht die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte, des stofflichen Reichtums. Die Arbeit ist sein Vater ... und die Erde seine Mutter." (K. Marx, Das Kapital, MEW 23, 57f.)
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37) Interessanterweise wird Material auch in der Wikipedia auf die Herstellung bezogen: "Material ist in der Fertigungstechnik ein Sammelbegriff für alles, was zur Produktion oder Herstellung eines bestimmten Zwischen- oder Endproduktes verwendet wird und in dieses Produkt eingeht oder verbraucht wird. Das Material umfasst gegebenenfalls Rohstoffe, Werkstoffe, Halbzeuge, Hilfsstoffe, Betriebsstoffe, Bauteile und Baugruppen."
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38) In der Wikipedia steht: "In den Lehrbüchern der Physik wird er [der Materiebegriff] überwiegend ohne eine genauere Definition einfach vorausgesetzt." Mit etwas mehr Nachsicht würde man wohl sagen, dass die Physik auch eine Art operative Bestimmung verwendet, die sich als Messverfahren bezeichnen lässt.
Material hat so gesehen zwei Verallgemeinerungen: Materialien und Materie. Den Plural verwende ich, wenn ich auf die Verschiedenheit der Materialien verweisen will, von Materie spreche ich, wenn ich das - physikalisch - Gemeinsame hervorheben will.
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39) von Glasersfeld, Ernst: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt 1996, S. 163
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40) Marx, K.: Das Kapital, S. 193
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41) R. Ashby problematisiert den Begriff des Gedächtnis als Beobachterkonstruktion, die sinnvoll ist, wenn der Beobachter nicht alle Variablen eines Systems beobachten kann. Der Zustand einer Variablen X wird durch den Zustand von 2 anderen Variablen (A / B) bestimmt, die ihrerseits in einer Abhängigkeit stehen. Wenn man beide Variablen A und B sehen kann, kann man ohne Rückgriff auf früher sagen, was die Variable X macht. Wen man aber nur A sieht, muss man X via Gedächtnis rekonstruieren. In seinem Beispiel, muss man wissen, ob B zuvor in einen bestimmten Zustand versetzt wurde. Das heisst, man muss etwas über das Vorher wissen, was als Gedächtnis bezeichnet wird, weil man im Augenblick nicht genug weiss. (R. Ashby 1974, S.172f)
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42) Duden Informatik 1988:273. Im Vorwort erhebt Duden einen gnadenlosen Kompetenzanspruch. Er will zwischen den verschiedenen Informatikrichtung vermitteln und spricht explizit auch Hochschulprofessoren an. Das Lexikon ist bezüglich der Hardware auf einem guten Stand, was Software betrifft, aber schwacher Commonsense.
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43) Ich habe oben (Fussnote 15) bereits auf mein Buch verwiesen
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|Todesco, Rolf:||Geld. CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (4. August 2016, Amazon), ISBN-10: 1535554452|
|Todesco, Rolf:||Was heisst Konstruktion im konstruktivistischen Diskurs? in: Rusch, G. / S.J. Schmidt (Hrsg): Konstruktivismus in Psychiatrie und Psychologie, Delfin 1998/99, Suhrkamp, stw 1503, Frankfurt 2000|
|Todesco, Rolf:||Technische Intelligenz oder Wie Ingenieure über Computer sprechen. Stuttgart, frommann-holzboog, 1992|

andere Autoren
|Einführung in die Kybernetik. stw 34, Frankfurt, Suhrkamp 1974|
|Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt 1987 (Original: Mind an Natur, 1979), 4. A. 1995, Suhrkamp-Tb. Wissenschaft [stw 691], 3-518-28291-3|
|Luhmann, Niklas.:||Die Gesellschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt. 1997, ISBN 3-518-58247|
|Marx, Karl:||Das Kapital, Band 1: Der Produktionsprocess des Kapitals. Meissner, Hamburg 1867.|
|Maturana, Humberto:||Reality and Explanations. Plenarytalk, Kongress "die wirklichkeit des konstruktivismus", Heidelberg, 18.10.1992|
|Ropohl, Günther:||Eine Systemtheorie der Technik. Hanser, München 1979|
|Wege des Wissens. Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken. Heidelberg 1997, Carl Auer Systeme|
|Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt 1996|