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Friedensnobelpreis mit FamilieZum Muttertag: Porträt einer engagierten Mutter
Drei Lebensziele wollte Alva Myrdal verwirklichen: «Eine wunderbare Zweisamkeit mit einem geliebten Mann aufbauen, Kinder und Familie um sich haben und mit anderen zusammen etwas bewirken und verändern dürfen». Der erste Wunsch ging früh in Erfüllung. Siebzehnjährig traf sie den vier Jahre älteren Jurastudenten Gunnar Myrdal. Die Volksschülerin stellte dem Studenten «ehrerbietig Fragen, die zeigten, dass sie weit belesener war, tiefer dachte als er».
Alva Reimer wurde am 31. Januar 1902 in Uppsala geboren und wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Ihre Mutter war gelernte Schneiderin und vermittelte der Tochter sicheres Stilgefühl für Stoffe und Farben. Alva bezeichnete ihr ausgeprägtes und lustvolles Interesse an Kleidern später als ihre «Erbsünde». Ihr Vater war ein Bauunternehmer, der sich in der Arbeiterbewegung autodidaktisch Bildung angeeignet hatte. Eine Gymnasialbildung für Mädchen, die im Gegensatz zu der für Jungen Geld kostete, war für Alva nicht vorgesehen. Ihre lebenslange Verbundenheit mit der Frauenbewegung wurde von der Erfahrung beeinflusst, als Mädchen benachteiligt worden zu sein. Bei ihrem Vater setzte Alva doch noch durch, das Gymnasium besuchen zu dürfen. Nach dem Abitur studierte sie mit Gunnar Myrdal in Stockholm, London und Leipzig. Gemeinsam entwickelten sie ihr Interesse für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Eigenständigkeit bewahrt
Zu Beginn ihrer 1924 geschlossenen Ehe begleitete Alva den beruflichen Werdegang ihres Mannes, sie wollte aber immer auch ein eigenes selbständiges Leben führen. Dass ihr dies gelang, obwohl die doppelte Belastung durch Beruf und Familie sie weit mehr als ihren Mann forderte, macht den Lebensweg des Ehepaars Myrdal so ungewöhnlich. Beide erhielten 1970 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, und Alva wurde zusammen mit A. Garcia Robles 1982 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Einsatz für berufstätige Mütter
Ihr zweites Lebensziel erreichte Alva erst nach mehreren Fehlgeburten. Jan – der ihr durch seine anklägerische Autobiographie «Kindheit in Schweden» (1982) den Lebensabend vergällen sollte – wurde 1927 geboren, die beiden Töchter Sissela und Kaj 1934 bzw. 1936. Beide Töchter schrieben liebevolle Biographien über ihre Mutter. Die gemeinsam mit Gunnar geschriebene und 1934 veröffentliche Untersuchung zur «Bevölkerungsfrage» wurde Basis für tiefgreifende Veränderungen in der Sozial- und Familienpolitik der schwedischen Sozialdemokratie und bildete die Grundlage für den schwedischen Wohlfahrtsstaat. Alva kritisierte die mangelhafte Betreuung der Kinder erwerbstätiger Mütter; sie wurde aufgefordert, ein sozialpädagogisches Seminar in Stockholm zu gründen und zu leiten, das Kindergärtnerinnen ausbildete.
Verzicht und Karriere
Die Kinder erlebten eine Mutter, die sich mit intensivem und positivem Engagement ihrer Berufstätigkeit und während des Krieges der Flüchtlingshilfe widmete, sich aber zugleich auch für das Wohlbefinden der gesamten Familie zuständig fühlte. Als Gunnar 1947 in Genf einen Posten in der UNO erhielt, musste Alva alles abbrechen, was sie bisher an Berufs- und Parteiarbeit in der schwedischen Sozialdemokratie aufgebaut hatte. Als begleitende Ehefrau erhielt sie in der konservativen Schweiz Berufsverbot. Zweimal verzichtete sie der Familie wegen auf bedeutende Angebote; 1949 aber – mit 47 Jahren – nahm sie das Angebot an, Leiterin der sozialwissenschaftlichen Abteilung bei der UN in New York zu werden. Ihre Familie blieb in Genf.
Gegen das Wettrüsten
Mit dieser Berufung an die UN kam Alva Myrdal ihrem dritten Lebensziel, «mit anderen etwas bewirken und verändern» einen grossen Schritt näher. 1961, nach ihrer Rückkehr aus Indien, wo sie fünf Jahre lang Botschafterin ihres Landes war, wurde sie mit den Debatten um die atomare Abrüstung konfrontiert. Seit diesem Zeitpunkt liess das Thema Frieden sie nicht mehr los. In ihrer Analyse des atomaren Wettrüstens «The Game of Disarmament» (deutsch: Falschspiel mit der Abrüstung), erschienen 1976, übte sie scharfe Kritik an den Supermächten. Gemeinsam mit Gunnar setzte sie durch, dass in Schweden ein internationales Friedensforschungsinstitut gegründet und staatlich gefördert wurde. Von 1962 bis 1973 war sie die schwedische Chefdelegierte bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen. In Schweden war sie zwölf Jahre lang Ministerin für Abrüstungsfragen. Zwei Jahre lang litt Alva Myrdal an einem Gehirntumor und Sprachlähmungen; sie starb am 1. Februar 1986. Die Frauenbewegung, die Arbeiter- und Friedensbewegung trauerten um eine engagierte Frau.
Hiltrud Schröder/www.fembio.org
Bild: Gräfingholt, Detlef/Bundesarchiv