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die späteren Erzeugnisse (2200-1700 v. Chr.) - ich möchte sagen wegen eines Uebermaßes von Naturtreue, wobei auch unwichtige Einzelheiten stark betont wurden - in ihrer Gesamtheit nicht mehr so günstig. Auch macht sich bereits das Erbübel - die Befolgung überlieferter Ausdrucksformen - allmählich geltend, was namentlich bei solchen Bildwerken auftritt, für welche der Meister keine unmittelbare Vorlage hatte, also bei Götterbildern und anderen, nur zum Schmuck bestimmten Werken.
In der Folgezeit (1600-1000 v. Chr.) trat ein weiterer Verfall ein, gerade wegen der Zunahme solcher reinen Schmuckzwecken dienenden Bildnereiarbeiten, da die Künstler nicht mehr auf die Naturtreue des Menschenausdrucks das Hauptgewicht legten, sondern auf die Aeußerlichkeiten: die Gewandung und den Zierat.
So wertvoll nun diese Darstellungen für unsere kulturgeschichtlichen Kenntnisse sind, so bedeuten sie doch einen «künstlerischen» Rückschritt.
Verbindung der Standbilder mit den Bauwerken. Auf eine bezeichnende Erscheinung bei diesen Werken muß ich noch aufmerksam machen. Während die älteste Zeit vollständig freistehende Figuren kennt, erscheinen in der Folge die Standbilder fast durchwegs in engster Verbindung mit dem Bauwerk oder einem Baugliede, also entweder sozusagen an die Wand geklebt, oder an einen Pfeiler gelehnt. Es scheint später eine «Kunstregel» geworden zu sein, daß eine solche Verbindung, mindestens mit einer Pfeilerstütze, stattfinden müsse, denn sie findet sich, wenn auch in verkleinertem Maße und gewissermaßen andeutungsweise, auch bei Standbildern, die auf den ersten Blick als freistehend erscheinen.
Gebundenheit der Formen. Diese Abhängigkeit des Bildwerkes von den Bauteilen bedingte natürlich in erhöhtem Maße eine Starrheit und Gebundenheit der Körperformen, die nach baulichen Gesichtspunkten gebildet wurden. Wir sehen auch in den besten Freifiguren der Aegypter einen Mangel an Bewegung: der Körper wird entweder in voller Ruhestellung, höchstens mit zum Schritt gespreizten Beinen dargestellt;
immer erscheint die Gestalt, als wenn sie gewissermaßen im Augenblicke versteinert wäre. - Diese Art ist nun überhaupt aller älteren Kunst eigen;
der Fortschritt besteht
^[Abb.: Fig. 20. Holz-Flachbild von einer Scheinthür aus dem Grabe des Hesi in Sakkârah.
Etwa 3000 v. Chr. Museum zu Giseh.] ¶
eben darin, daß die Künstler zum Ausdruck der Bewegung auch bei den Bildnereiwerken gelangen. Dazu kamen aber die Aegypter nicht; einerseits lag die Ursache schon in ihrer Eigenart, welche die «Ruhe» als das Höhere, Göttliche ansah - eine allgemein orientalische Auffassung -, andererseits in der vorhin betonten Abhängigkeit der Bildnerei von der Baukunst und deren Gesetzen.
Eine Befreiung aus diesen beiden Fesseln hätte zweifellos die ägyptische Bildnerei zu ähnlicher Höhe gelangen lassen, wie die griechische; denn Anlage dazu war vorhanden, sowohl Handfertigkeit wie ein großer Scharfblick für das Wesentliche und Bezeichnende in den natürlichen Erscheinungen.
Flachbildnerei (Reliefs). Der Letztere giebt sich noch mehr als in den Standbildern, in den halberhabenen Flachbildnereien (Reliefs) kund. Nach dem vorhin über das Verhältnis von Bildnerei zur Baukunst Gesagten wird es verständlich, daß die Flachbildnereiwerke in weit überwiegendem Maß vertreten sind. Die riesig ausgedehnten - baulich ungegliederten - Wandflächen der Tempel forderten geradezu einen solchen Schmuck. Ich möchte aber fast bezweifeln, ob diese Forderung auch wirklich die Veranlassung war, und nicht vielmehr der Grund darin zu suchen ist, daß die Aegypter bei ihrem ausgeprägten Sinn für Nützlichkeit die Wände für eine - wenn man so sagen darf - öffentliche Geschichtsschreibung und Berichterstattung verwerten wollten. Neben den Bildnereiwerken treten ja auch die Inschriften in gleicher Ausdehnung auf.
Bedeutung und Eigenart der Flachbildnerei. Diese Flachbildnereiwerke sind für die Kenntnis des ägyptischen Lebens und der Geschichte noch bedeutsamer, als alles andere, denn sie geben uns getreue Darstellungen des ersteren und von Ereignissen aus der letzteren. Nach meinem Grundsatze, vorerst das Gute anzuerkennen, will ich die unbestrittenen Vorzüge hervorheben. Dazu gehört wieder in erster Linie die Naturtreue, die sorgfältige Wiedergabe aller wesentlichen Einzelheiten und eine gewisse Lebendigkeit, die jedoch nicht künstlerischen Ursprungs ist, sondern eine notwendige Folge, da ja Bewegungsvorgänge dargestellt werden. Bei schärferem Zusehen findet man auch hier, daß der volle, freie Ausdruck der Bewegung nicht erreicht wird, sondern die Gestalten ebenfalls den Eindruck machen, als wären sie, wie im Dornröschen-Schlosse die Leute, im Augenblicke ihrer Thätigkeit verzaubert worden.
Dank dem ägyptischen Scharfblick für das Bezeichnende und der Genauigkeit in der Darstellung, können wir ein völlig zuverlässiges Bild von der körperlichen Erscheinung - dem Rassemäßigen - nicht nur der Aegypter sondern auch fremder Völker gewinnen.
^[Abb.: Fig. 21. Flachbild in Kalkstein aus dem Grabe des Cha-Em-Het.
Vorsteher der Scheunen unter Amenophis III. Um 1450 v. Chr. Berliner Museum.] ¶
deren eigentümliche Züge getreu wiedergegeben werden. Selbstverständlich ist diese Treue hinsichtlich der anderen Aeußerlichkeiten, der Tracht und Bewaffnung.
Das Auge der ägyptischen Bildner blieb aber an diesen Aeußerlichkeiten haften. Wie bei den Standbildern fehlt auch den Gestalten der Flachbildnerei der Ausdruck der «persönlichen» Eigenart und des inneren Lebens. Ob nun eine Ackerarbeit, ein Tanz oder ein Kampf dargestellt wird, die Gestalten zeigen immer den gleichen Gesichtsausdruck. Nur die Geschlechter und Rassen werden unterschieden; nicht die einzelnen Persönlichkeiten.
Auch in der Flachbildnerei sind die älteren Werke freier und lebensvoller, als die späteren, bei denen für gewisse Vorgänge schon eine vorgeschriebene, überlieferte Form der Darstellung auftritt, was einer weiteren künstlerischen Entwicklung nur hinderlich wurde; eine vollkommene war schon deshalb unmöglich, weil den Aegyptern die Gesetze des Räumlichsehens (Perspektive) unbekannt blieben.
Besonderheiten der Darstellungsweise. Dieser Hauptmangel bedingte verschiedene bezeichnende Erscheinungen in den Flachbildwerken, sowie natürlich auch in der Malerei. Die auffälligste ist die sonderbare Verdrehung aller Körper, welche nicht in reiner Seitenansicht dargestellt sind. Die letztere wurde in der ältesten Zeit auch bevorzugt, und die Gestalten dieser Art machen auch den besten Eindruck, wie sich aus den hier gegebenen Proben ersehen läßt. Nun läßt sich aber nicht alles in reiner Seitenansicht geben, und da nahmen nun die Aegypter eine verwickelte Darstellungsweise an. Füße, Beine und in der Regel auch der Unterleib wurden in Seitenansicht, der Oberkörper und die Hände in Vorderansicht, der Kopf wieder seitlich, dagegen das Auge von vorne gezeichnet. Daß trotz dieser Verdrehung die Gestalten noch in verhältnismäßig so hohem Maße natürlich erscheinen, ist eigentlich bewundernswert.
Die Geschicklichkeit der Aegypter zeigt sich ferner in der Lösung der Aufgabe, die leichte durchsichtige Gewandung darzustellen, unter welcher die Körperformen hervortreten.
Bemerkenswert ist auch, daß die Darstellung von Tieren eine meist sehr gelungene ist; nicht nur sind die Arten scharf gekennzeichnet, auch die Bewegung ist natürlicher, und wenn freilich meist Seitenansicht gewählt ist, so sind doch manchmal Stellungen wiedergegeben, welche fast wie räumlich-gesehen erscheinen, wenigstens tritt die Verdrehung, wie bei den Menschenkörpern, nicht so auffällig hervor.
Minder glücklich ist die Wiedergabe der Pflanzengebilde, deren Gesamterscheinung ohne Kenntnis der Gesetze des Räumlichsehens freilich schwer darzustellen ist, und mußten sich die Aegypter daher auf die besonders bezeichnenden Einzelheiten (Blattformen) beschränken, die in flacher Seitenansicht gegeben werden konnten.
Eine weitere Folgeerscheinung des Unvermögens, räumlich zu sehen, ist es, wenn bei Darstellung von Vorgängen, an welchen Menschenmassen beteiligt sind, die Gestalten übereinander und zwar willkürlich - nicht im Verhältnis - verkleinert angeordnet werden.
Herstellungsweise der Flachbildwerke. Eigentümlich ist die Behandlungsart der ägyptischen Flachbildnerei. Die Werke, in welchen die Gestalten wirklich halberhaben herausgearbeitet sind, kommen verhältnismäßig selten vor; für die überwiegende Mehrzahl ist der Ausdruck «Flächebild» besonders zutreffend. Das Hervortreten der Figuren wird nämlich nur dadurch erzielt, daß rings um sie der Grund vertieft ist, so daß die Bildfläche mit der Wandfläche zusammenfällt - die Gestalten nicht aus letzterer heraustreten - und der Eindruck des Halberhabenen durch die umgebende Vertiefung in der Wandfläche hervorgerufen wird. (Die Griechen nannten diese Art Koilanoglyphe.)
Immerhin bleibt dieser Eindruck ein schwächlicher, und die volle Wirkung einer körperlichen Erscheinung wird nicht so erzielt, wie bei den halberhabenen Gebilden, die aus der Fläche herausragen. Bei den ägyptischen Werken wurde jedoch der Eindruck wesentlich verstärkt durch die Bemalung mit ungemein kräftigen Farben.
Malerei. Bemalung der Standbilder und Flachbildwerke. War die Bildnerei der Baukunst unterthänig, so erscheint die Malerei wieder im Dienste der ersteren. Schon die Standbilder wurden fast durchwegs bemalt; ausgenommen blieben nur solche, die ohnehin ¶