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Einst durchstreiften die Nashörner zwar meist als Einzelgänger, aber dennoch zahlreich die Savannen und tropischen Regenwälder von Afrika und Asien. Sogar in Europa und Nordamerika gab es vor längerer Zeit noch zahlreiche Nashornarten. Das macht Rhinozeros zu einer der, naturgeschichtlich gesehen, vielseitigsten und erfolgreichsten Säugetierfamilien. Vertreter der Familie der Rhinocerotidae gibt es schon seit 50 Millionen Jahren, die letzten fünf rezenten Arten haben sich bis heute südlich der Sahara in Afrika und im süd- bis südöstlichen Asien vor dem Aussterben retten können.
Im Jahr 2020 sind von den Nördlichen Breitmaulnashörnern jedoch nur noch zwei Damen namens Fatu und Najin in Kenia übriggeblieben - und drei in Stickstoff gelagerte Embryonen in Italien.
Das Nördliche Breitmaulnashorn
Der Bestand lag in den 1960er-Jahren bei 2.000 Tieren, die in ganz Ost- und Zentralafrika beheimatet waren. Schon 2008 galt die Art in der Natur als ausgestorben. Durch das Aussterben der Tiere in der Wildnis ist das ganze Ökosystem in Gefahr, sich zu verändern: Die Tiere sind eine Schlüsseltierart, die für die Verbreitung vieler Pflanzen verantwortlich ist.
Ebenso wie das afrikanische Spitzmaulnashorn (von dem es weniger als 5.000 Tiere gibt) nehmen die Bestände der asiatischen Panzer-, Java- und Sumatra-Nashörner durch die Vernichtung ihres Lebensraumes und Wilderei ab. Die asiatischen Arten sind alle akut vom Aussterben bedroht: Schätzungen gehen von 60 Java-Nashörnern und etwa 100 Sumatra-Nashörnern aus. Lediglich das in Afrika beheimatete Südliche Breitmaulnashorn ist – dank intensiver Schutzbemühungen – mit einer Population von bald 20.000 Tieren nur noch „potentiell gefährdet“.
Vielleicht können sich einige an den Tod des letzten männlichen Tieres vor zwei Jahren erinnern. Damals musste Sudan- der letzte Bulle des Nördlichen Breitmaulnashorns - aufgrund seines hohen Alters und starker Schmerzen eingeschläfert werden. Fleissige Forscher entnahmen bereits vor 20 Jahren Spermien von anderen Bullen und froren diese ein, Eizellen der Damen fehlten bislang.
Im letzten Jahr gelang die erfolgreiche Entnahme von Eizellen aus Fatu und Ninjan. Das Problem der beiden Damen ist, dass sie beide schon zu alt, kränklich und obendrein unfruchtbar sind, um in vivo, also direkt befruchtet zu werden und eine Schwangerschaft natürlich auszutragen. Die einzige Möglichkeit für die Fortpflanzung besteht deshalb in einer künstlichen Befruchtung, die in vitro, also im Reagenzglas stattfindet. Die Wissenschaftler haben sich dabei die Methode abgeguckt, die auch bei einem menschlichen Kinderwunsch angewendet wird. Die 10 Eizellen, die von Berliner Wildtierärzten in einer schwierigen Operation in Kenia entnommen wurden, wurden nach Europa geflogen, um sie in einem italienischen Labor mit den Spermien der bereits verstorbenen Bullen künstlich zu befruchten. Die Zuversicht der Forscher, das Überleben der Art zu sichern, wuchs ein Stückchen, als die Zeugung von drei Embryonen gelang. Das erste Etappenziel des internationalen Projektes war damit erreicht.
Die einzige Chance für die schweren Kolosse sind nun diese drei winzigen Embryonen. Ohne den Einsatz moderner Technik wäre es unmöglich, noch Nachkommen dieser Art zu erzeugen. Die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts in Berlin nutzen Methoden aus der sogenannten assistierten Reproduktion sowie der Stammzellenforschung. Mit einem dritten Ansatz sollen noch weitere Embryonen generiert werden. Ihre internationalen Kollegen in Kenia, Italien, Japan und Tschechien wollen mit Projekt „BioRescue“ jedoch nicht den klassischen Artenschutz ersetzen. Die zum Einsatz kommenden Methoden, um die Nördlichen Breitmaulnashörner doch noch zu retten, sind teuer und aufwendig und deshalb nur für Ausnahmefälle gedacht. Auch von der Rückzüchtung ausgestorbener Arten wie Mammuts halten diese Wissenschaftler nichts.
„Die Technik ist eine Notlösung, um derzeit akut bedrohte oder ökologisch wichtige Arten zurückzuholen. Das Nördliche Breitmaulnashorn war eine Schlüsseltierart für viele Pflanzen und Tiere. Diese drohen jetzt ebenfalls zu verschwinden – und das wird gravierende Folgen haben.“
Thomas Hildebrandt, BioRescue-Projektleiter
Auch ist die Hoffnung trotz dieser Erfolge noch etwas einzudämmen: Bis heute ist kein erfolgreicher Transfer in eine Leihmutter geglückt. Bei den 10 durchgeführten Versuchen klappte zwar die anfängliche Implantation, eine Schwangerschaft resultierte daraus jedoch nicht. Erprobt wurde dies an Südlichen Breitmaulnashörner in europäischen Zoos. (Alle Tiere haben die Eingriffe gut überstanden.) Eine extra entwickelte Sonde mit Ultraschallführung soll nun zum gewünschten Ergebnis führen. Das Überleben der Art ist mit den drei Embryonen zum Greifen nah; umso grösser ist natürlich die Anspannung der Forscher und ihre Besorgnis, keine Risiken einzugehen, dieses fragile neue Leben zu gefährden.
Innerhalb des nächsten Jahres soll der Embryonentransfer stattfinden. In Kenia steht die Südliche Breitmaulnashorndame Tauwo schon bereit, die Leihmutterschaft zu übernehmen. Dort soll das Nashornkälbchen zusammen mit seinen zwei letzten verbliebenen Artgenossen aufwachsen. Bleibt zu hoffen, dass die Reisebeschränkungen dies bis dahin zulassen und bald ein gesundes Nashornbaby geboren wird. Um eine überlebensfähige Populationgrösse zu erreichen, würde es danach wohl noch 20 Jahre dauern.
Weshalb eine Rettung der nördlichen Breitmaulnashörner im speziellen und die Erhaltung der Biodiversität so wichtig ist, zeigt die aktuelle Situation. Der Preis, den die Menschheit für die Zerstörung von Lebensräumen zahlen muss, ist hoch. Der Artenschutz ist eine effektive Möglichkeit, Viren und Krankheiten einzudämmen. Zur Erinnerung: Wenn bestimmte Pflanzen sterben, fehlen die Insekten, die sie bestäuben. Fehlen diese, ziehen auch die Insektenfresser weiter. Besonders Fledermäuse, die als Krankheitsüberträger bekannt sind, haben es nur einen Flügelschlag weit in menschliche Siedlungen.