Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/2165

Ein Songtext über die Klimakrise, veranschaulicht mit einer Sexarbeiterin. Nein, das ist keine kreative Anfrage an eine Text-KI, sondern ein aktuelles Werk von Iggy Pop. «New Atlantis» heisst der Song über Miami, «eine schöne Hure von einer Stadt», wo «ein Mann er selber sein kann», nur leider droht die Stadt wegen des steigenden Meeresspiegels zu versinken. Zusammenhang? Nicht so wichtig.
Künstlerisch war Iggy Pop stets gut für unverhoffte Perlen und interessante Plottwists. Sein neues Album «Every Loser» gehört nicht dazu. Er habe es «auf die altmodische Art gemacht», sagt Pop, und das heisst in diesem Fall nichts Gutes. Ein paar Musiker von berühmten Rockbands aus den Neunzigern, zum Beispiel von den Red Hot Chili Peppers oder von Blink-182, einkalkuliert von einem Hitproduzenten, spielen belanglose, gepresst klingende Gitarrenriffs. Gleich mit der ersten Zeile setzt Pop eine Art Motto dazu: «Ich habe einen Schwanz und zwei Eier, das ist mehr als ihr alle.»
Ist der Macker sein Ernst? Bei der Figur Iggy Pop schwingt immer genug Wahnsinn mit, damit sie schön seltsam und glitschig bleibt. Und wenn ihm selber solche Fragen gestellt werden? Kürzlich gab er der «New York Times» ein Interview, die publizierte es unter dem optimistischen Titel «Iggy Pop will seine Vergangenheit nicht beschönigen». Man könnte auch sagen: Iggy Pop betreibt Gegenwartsverweigerung. Was tun mit einem rassistischen Song wie «African Man»? Ihm sei damals bloss kein Songtext eingefallen, also habe er einen von einem afrikanischen Musiker geklaut, der gerade in Berlin gespielt habe. Wie er heute darüber denke, dass er 1982 in seinen Memoiren über den Sex mit einer Dreizehnjährigen schrieb? Er glaube nicht, dass er wirklich über etwas nachgedacht habe. Nur: Junge Künstler gingen der Schönheit nach, wenn sie sich ihnen biete.
Der Mann ist mittlerweile 75 und macht klar: Gewisse Fässer werden jetzt nicht mehr aufgemacht. Für den Moment gilt das leider auch für seine Musik.
Immerhin: Den sauberen Abschluss mit dem vitalen «Post Pop Depression» (2016) hat er nun gründlich sabotiert.