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Wir treffen Petar Misic in seiner Wohnung in Buchs, in welcher er seit gut einem Jahr wohnt. Seine Eltern sind ebenfalls anwesend. Sie sind vor ein paar Tagen für einen Besuch aus Kroatien angereist.
Geboren in Bruchsal (Deutschland), zog Petar im Alter von drei Jahren mit seiner Familie nach Vinkovci in Kroatien, wo er zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern aufwuchs. Als 6-Jähriger schloss er sich dem lokalen Verein HNK Cibalia Vinkovci an. Fünf Jahre später musste er den Club verlassen und wechselte zum Nachbarsverein NK Dilj. «Mein damaliger Trainer war der Auffassung, ich sei zu klein für Spitzenfussball», erzählt der 1,76 m grosse Mittelfeldspieler. Ein halbes Jahr war seither vergangen, als Misic mit seinem neuen Verein ein Testspiel gegen seine früheren Teamkollegen bestritt und dabei so zu überzeugen wusste, dass man ihn wieder zurückholte. Ab diesem Zeitpunkt durchlief er dort sämtliche Nachwuchsstufen und durfte im zarten Alter von 15 Jahren bereits mit der Profimannschaft trainieren. Sein Debüt für das Fanionteam feierte er mit 17 Jahren und wurde fortan regelmässig eingesetzt.
«Es macht mich schon stolz, mit so grossen Spielern zusammengespielt zu haben.»
Seine Leistungen blieben nicht unbemerkt, und so verpflichtete der kroatische Rekordmeister Dinamo Zagreb Petar Misic auf die Saison 2013/14. Zu dieser Zeit zählte das Talent regelmässig zum Aufgebot der U-21-Nationalmannschaft Kroatiens. Zu dieser Auswahl gehörten auch Marcelo Brozovic, Mateo Kovacic und Ante Rebic, welche bei der letzten WM 2018 in Russland sensationell Vizeweltmeister wurden. «Es macht mich schon stolz, mit so grossen Spielern zusammengespielt zu haben», betont Misic und fügt an: «Zu dieser Zeit spielte ich wahrscheinlich den besten Fussball meiner bisherigen Karriere.»
Für seinen neuen Verein Dinamo Zagreb spielte er jedoch nie. Über dreieinhalb Saisons wurde er an NK Lokomotiva Zagreb sowie Slaven Belupo in der kroatischen Profiliga ausgeliehen. «Mit Lokomotiva Zagreb durfte ich die Qualifikation zur Europa League spielen», so Misic. Er war jedoch nie glücklich in der Rolle als «ewiger» Leihspieler und entschied sich im Winter der Saison 2015/16 zu einem Wechsel zu RNK Split. «Da kamen dann die richtigen Probleme auf mich zu», führte Misic zum Abenteuer in Split aus. Der Verein befand sich zu dieser Zeit in grössten finanziellen Nöten. «Wir Spieler erhielten monatelang keinen Lohn. Ich wusste zeitweise nicht, wovon ich mir Essen kaufen soll», fuhr Misic fort. Nach einem Jahr kehrte Misic im Winter 2017 zu seinem Stammverein Cibalia Vinkovci zurück. Viele andere Spieler verliessen RNK Split zur selben Zeit ebenfalls. «Am Ende dieser Saison wurde der Verein zwangsrelegiert», erläutert Misic.
Schritt ins Ausland gewagt
Zurück bei Cibalia Vinkovci, deren finanzielle Situation nicht bedeutend besser war, begann Misic sich nach einem neuen Verein umzusehen. «In der kroatischen Profiliga gibt es vielleicht eine Handvoll Vereine, welche finanziell stabil sind. Alle anderen kämpfen Jahr für Jahr ums Überleben. So etwas wie in Split wollte ich mir nicht noch einmal antun.»
Als Misic im Sommer 2017 auf das Interesse aus Aarau aufmerksam gemacht wurde, war er sehr erfreut. Über den Verein wusste er zu diesem Zeitpunkt nur, dass der FCA jahrelang in der obersten Schweizer Liga gespielt hatte und ambitioniert sei, dorthin zurückzukehren. «Zudem war für mich der Zeitpunkt gekommen, den Schritt ins Ausland zu wagen», so Misic. Nach kurzen Gesprächen einigten sich alle Parteien, und so unterschrieb Petar Misic seinen Vertrag über zwei Jahre bis zum Ende der Saison 2018/19. Schnell habe er sich im Team eingelebt. «Ich wurde von meinen Teamkollegen sehr gut aufgenommen. So fiel mir der Einstieg viel leichter», erzählt Misic. Auch sportlich startete er seine Zeit bei Aarau erfolgreich, als ihm in seinen ersten drei Pflichtspielen gleich zwei Tore gelangen. Doch in seinem fünften Einsatz für den FCA verletzte sich Misic am 20. August 2017 beim Heimspiel gegen den FC Vaduz am linken Knie – Diagnose: Kreuzbandriss!
«Das war ein Schock für mich. Noch nie in meiner bisherigen Karriere hatte ich mich so schwer verletzt. Dies war eine komplett neue Erfahrung für mich, mit welcher ich zuerst zurecht kommen musste», erinnert sich Misic. Da er noch nicht lange in der Schweiz war und sich auch noch nicht so gut in der neuen Heimat auskannte, war Misic oft zuhause, alleine. «Nach so kurzer Zeit in der Schweiz kannte ich ja nur meine Teamkollegen, doch die hatten jeweils Training.» Nach einer Weile versuchte er die Zeit zu nutzen, um sich über das Leben in der Schweiz zu informieren und um Deutsch zu lernen. «Ich wollte mich so schnell wie möglich in der Schweiz verständigen können und habe deshalb selber angefangen, die gängigsten Wörter und Sätze zu lernen», erinnert sich Misic. Nach einigen Wochen wurde er immer selbstständiger und fand sich besser zurecht. «Wenn meine Verletzung etwas Positives hatte, dann, dass ich genügend Zeit hatte, mich überall etwas umzusehen und das Leben hier kennenzulernen», sagte Misic lächelnd.
«Ich war einfach nur froh, der Mannschaft wieder aktiv auf dem Platz helfen zu können.»
Nach über acht Monaten Rehabilitation und hartem Training feierte Misic am 7. Mai 2018 beim 3:1-Auswärtserfolg im Kantonsderby gegen den FC Wohlen sein Comeback mit einem Kurzeinsatz und kam bis Ende Saison jeweils zu Teileinsätzen. Doch das störte Misic nicht. «Ich war einfach nur froh, der Mannschaft wieder aktiv auf dem Platz helfen zu können.» Zu diesem Zeitpunkt der Saison waren Aufsteiger (Neuchâtel Xamax FCS) sowie Absteiger (FC Wohlen) bereits festgestanden, und so konnte Misic ohne grossen Druck wieder Selbstvertrauen gewinnen.
In der laufenden Spielzeit startete der FC Aarau schlecht und belegte nach den ersten elf Spieltagen den letzten Platz mit gerade mal vier Punkten. Trotz allem war Misic überzeugt, dass seine Mannschaft zurück auf die Erfolgsspur kommen würde. «Natürlich hatten wir uns das anders vorgestellt. Doch die Mannschaft, der Staff sowie alle im Verein glaubten an die Wende», erzählt Misic. Es brauchte Zeit, bis sich die auf vielen Positionen veränderte Mannschaft kennengelernt hatte und alle Automatismen griffen. Nun ist der FC Aarau seit neun Spielen ungeschlagen. «An unserem Beispiel sieht man, wie wenig im Fussball zwischen Erfolg und Misserfolg liegt», so Misic. «Man darf einfach nie den Glauben verlieren und man muss noch härter arbeiten als sonst.» Nur zusammen schaffe man es, aus einer solch misslichen Lage herauszukommen.
Erst kürzlich hat Petar Misic seinen laufenden Vertrag vorzeitig bis zum Ende der Saison 2020/21 verlängert. Er fühle sich in Aarau sehr wohl und sei froh über das Vertrauen in seine Person seitens des Vereins. «Gerne möchte ich dieses Vertrauen bestmöglich zurückgeben.» Welche Ziele hat Misic mit dem FC Aarau? «Das Wichtigste für mich persönlich ist es, gesund zu bleiben und so oft es geht zu spielen. Wenn wir als Mannschaft so weiterspielen und weiterhin hart an uns arbeiten, ist diese Saison noch vieles möglich.»
Matchzeitung Nr. 12 (2018/19) lesen
Dieser Artikel ist am 17. Februar 2019 in der Ausgabe Nr. 12 (Saison 2018/19) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Chiasso erschienen.