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Nach Ihrem ETH-Studium gingen Sie nach Korea um dort an der Seoul National University ein Praktikum zu absolvieren. Was hat Sie dazu bewogen, soweit weg von zuhause zu gehen?
Es ist wie oft die Verknüpfung von vielen Zufällen und Geschehnissen, die mich nach Korea verschlagen hatten. Ich hatte schon in der Kanti-Zeit einen Kommilitonen, der ein Waisenkind aus dem Koreakrieg war und mit mir nachher auch in Zürich zusammen studiert hat. Zudem war bei der Praktikantenvermittlungsstelle der ETH gerade eine Stelle in Korea frei und ich habe diese bekommen.
Nachdem der koreanische Präsident Park ermordet wurde, wurden die Universitäten wegen Massendemonstrationen geschlossen und Sie konnten Ihren Job nicht mehr ausüben. Auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld fanden Sie eine Marktlücke und gründeten Ihre erste Firma, die Schweizer Spezialitäten für Hotels importiert und ein Erfolg wird.
Es war noch ein bisschen komplexer. Ich habe eigentlich nicht eine Marktlücke gesucht; ich wusste nicht, soll ich zurück in die Schweiz oder soll ich bleiben. Deshalb suchte ich in Korea einen Job und fand eine Schweizer Firma, die Produkte exportierte. Nach drei Monaten habe ich gemerkt, dass angestellt zu sein nicht meine Welt ist; ich wollte mich an der Firma beteiligen und tat das auch. Anstelle des Lohns wollte ich einen Drittel des Gewinns. Zwei Jahre später habe ich die ganze Firma übernommen und so bin ich quasi in die Selbständigkeit hineingerutscht.
Gab es Schwierigkeiten oder kulturelle Differenzen, als Sie versuchten in diesem Korea der 80er-Jahre Fuss zu fassen?
Ich habe generell keine Schwierigkeiten im Leben, Hindernisse sind Herausforderungen und dazu da, überwunden zu werden. Das Leben ist ein Abenteuer und dieses Erlebnis war für mich Abenteuer pur. Die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Korea haben mich auch fasziniert, wegen denen bin ich nach Korea.
Sie haben lange in Korea gelebt, Ihre Frau ist Koreanerin, Sie haben drei Pflegekinder aus Afrika. Wie hat Sie dieses internationale Umfeld geprägt?
Das ist bereichernd. Jede zusätzliche Kultur ist eine Bereicherung.
Gibt es Sachen, die Sie aus diesen unterschiedlichen Kulturen gelernt haben?
Ja, vor allem von der afrikanischen. Unser Pflegesohn Pepito ist aus Angola; er tickt anders, er kennt die Uhr nicht so genau wie wir und er hat beim Arbeiten auch nicht den gleichen Speed und das ist natürlich eine Herausforderung, aber auf der anderen Seite auch eine Bereicherung. Er ist immer fröhlich, immer aufgestellt. Eine neue Kultur ist eine Einschränkung, wenn man miteinander etwas machen muss, eine Herausforderung welche ich gerne gemeistert habe; man kann nicht einfach so weitermachen wie man es bisher getan hat, weil andere Menschen anders ticken.
Nach Ihrem ersten Erfolg in Korea gründen Sie dort zwölf weitere Unternehmen, die alle sehr profitabel werden. Ende 1990 kehren Sie aber wegen eines Burnouts in die Schweiz zurück, kaufen einen Bauernhof und sind seit dazumal Selbstversorger. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Viel, immer wieder. Ich hatte damals auch noch ein Drogenheim, in das ich alles Geld hineingesteckt habe. Ich habe nach dem Sinn des Lebens gesucht und gemeint, wenn man Selbstversorger ist, dann ist das die absolute Freiheit. Ich musste dann aber lernen, dass es nicht so ist. Wir bauen noch immer fast 100 Prozent von unseren konsumierten Lebensmittel selbst an. Ich denke aber, die Umstände – was ist meine Arbeit, wer ist meine Frau – sind nicht das, was am Ende entscheidend ist. Das Entscheidende kommt von innen heraus, wie man als Mensch ist.
Sie sagten, Sie wollten die Freiheit, aber sind dann eines Besseren belehrt worden. Wie haben Sie sich die Freiheit vorgestellt? Und wie war sie dann tatsächlich?
In Korea war ich gefangen von mir selber, von meinen Vorstellungen vom Erfolg. Ich wollte immer mehr – Gier. Gefangen von den eigenen Energien, vom eigenen Erfolg. Weil wenn man sieht, was läuft, dann will man das multiplizieren. Wenn man Unternehmergene hat, dann möchte man das erweitern, man will wachsen ohne Rücksicht auf den eigenen Körper – und dieser hat mir meine Grenzen gezeigt. Deshalb bin ich dann in die Schweiz zurück und sagte mir: nie mehr Unternehmer, weil die Gier einen zerstört. Selbstversorger war ein Idealbild, ich habe dann aber über die Umstände realisiert, dass es das nicht ist. Ich habe all mein Geld in das Drogenheim gesteckt und das hat nicht funktioniert. Ich merkte, dass ich die ganze Arbeit selbst mache und die Drogensüchtigen nur herumhängen. Mir ging das Geld aus und ich konnte ich nicht mehr für meine sieben Kinder sorgen. Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, dass ich wieder etwas Anderes machen muss.
Und dann sind Sie wieder Unternehmer geworden. Wie gehen Sie mit diesem Erlebnis um? Wie gehen Sie jetzt mit Ihrem Körper um, dass es nicht wieder zu einem Burnout kommt?
Das Leben ist da zum Lernen. Die Gier im Zaun zu halten ist nicht einfach, auch wenn man das so leicht annimmt. Der Mensch ist ein gefährliches Tier; man sieht ja auch die Auswüchse, die es in dieser Welt gibt – und Gier ist natürlich ein Aspekt davon. Ich habe, als ich zurück in die Schweiz gekommen bin, nach dem Sinn des Lebens gesucht und diesen für mich persönlich in der Bibel gefunden und diese als meine Richtschnur fürs Leben definiert. Der tägliche Kontakt mit Gott gibt einem eine andere Lebenseinstellung, als wenn der Mensch nur nach seinem eigenen Egoismus lebt. Das ist mein Fundament für das Leben, das nicht mehr die Arbeit als Sucht zulässt, sondern als Berufung. Mir ist es wichtig, dass meine Mitarbeiter in Ihrer Berufung arbeiten. Mir ist wichtig, dass die Menschen in ihrem Umfeld in Ihrer Berufung leben. Dann macht das Leben auch mehr Sinn.
Dann halten Sie sich an die Vorgaben der Bibel?
Ja genau, sie gibt mir die richtige Lebensweise vor. Ich will aber nicht wie Jesus oder Maria werden.
Den eigenen Wein machen Sie ja bereits oder?
Ja, aber nicht durch ein Wunder.
Ihre Anteile bei MBT haben Sie verkauft, weil Sie sich mit Ihren Minderheitspartnern über die Schuhsohle nicht einig waren. Sie haben sich von Ihnen getrennt. Weshalb haben Sie nicht einfach Ihren Willen durchgesetzt und die anderen überstimmt?
Ich besass 99.25 Prozent von dieser Firma. Es war mir eine Lehre, dass Minderheitsaktionäre einem wie ein Stein im Schuh vorkommen können. Damals war mir eigentlich schon lange bewusst, dass das MBT-Konzept mit der runden Sohle irgendwann ausläuft und ich es nicht mehr weiterführe. Das heutige Kybun-Konzept hätte eigentlich MBT 2.0 werden sollen, doch ich habe dann lieber mit dem Geld eine neue Firma gegründet.
Sie sind ein ETH-Abgänger, ein Ingenieur, der auf die Unternehmerschiene gekommen ist, ohne Management-Hintergrund. Wie haben Sie sich selbst die Eigenschaften angeeignet? Oder hatten Sie schon von Grund auf eine Unternehmerhaltung?
Ich glaube, dass man als Mensch mit einem Auftrag geboren wird und sozusagen ein Startpaket mitbekommt. Jeder hat eine Gabe und im Leben geht es darum, diese Gabe zu finden und zu nutzen. Dabei kann man nicht zwischen guten und schlechten Gaben unterscheiden. Jeder Mensch hat seine Daseinsberechtigung und soll dies machen, was er am besten kann. Die Ausbildung ist das Werkzeug, die Gabe, dieses Werkzeug einzusetzen. Aber nicht jeder, der gute Werkzeuge hat, ist zugleich ein guter Schreiner.
Wie gestalten Sie Ihre Lernkurve, wie lernen Sie?
Das ist eine gute Frage; ich mag den Begriff Lernkurve, da das Leben zum Lernen da ist. Ich lerne durch das Gebet zu Gott, aber vor allem auch durch das Gespräch mit meinen Mitarbeitern, mit welchen ich einen regen Austausch pflege. Auch mit der Offenheit auf andere und neue Ideen zuzugehen.
Wie pflegen Sie den Austausch mit den Mitarbeitenden?
In der Firma haben wir sehr flache Hierarchien, was manchmal mühsam ist, da gewisse Mitarbeitende bei neuen Ideen eher kritisch eingestellt sind. Jedoch sind diese Mitarbeitende sehr wertvoll, sie denken viel und sehen schnell die Gefahren in einem Projekt. Dies hemmt zwar das zügige Vorwärtsschreiten, steigert dafür die Nachhaltigkeit und dies ist uns allen sehr wichtig.
Wie bewältigen Sie die Gratwanderung, wenn Sie mit neuen Visionen ein Risiko eingehen?
Man ist ständig ausserhalb seiner Wohlfühlzone und schaut, dass es vorwärts geht. Wir tasten uns aber langsam voran. Wenn das Ergebnis erfolgversprechend ist, dann schöpfen wir unsere Ressourcen aus.
Wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen, würden Sie etwas anders machen?
Nein. Selbst wenn ich alles wissen würde, auch dann nicht. Denn wenn man versucht Fehler zu vermeiden, dann kommt man nicht vorwärts. Ich würde die gleiche Frau nochmals heiraten. Dank ihr habe ich am meisten gelernt und dank ihr sind wir heute zufriedene Eltern und Grosseltern. Ohne meine Frau wäre ich nicht am Boden geblieben, ohne sie hätte ich das Gefühl, dass ich der König der Welt bin. Es war nicht einfach, doch sie hat es geschafft, dass ich so bodenständig bin.
Sie sind nun schon über dem Pensionsalter, wollen Sie sich überhaupt zur Ruhe setzen?
Ja klar! Ich fahre meine Arbeit zurück und bereite meinen zweiten Sohn Mathias auf die Übernahme vor. Er ist bei allen Meetings dabei und bei ihm laufen in Zukunft alle Fäden zusammen. Den Bereich Design und die Kooperation mit Joya, welches meinem anderen Sohn Karl Müller jr. gehört, hat Mathias bereits übernommen. So will ich in ca. zwei Jahren aus dem operativen Bereich aussteigen und mich nur noch um unsere wichtigen Kunden sowie die medizinischen Aspekte kümmern.
Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen danach langweilig wird?
Nein, ich habe viele Grosskinder und auf der ganzen Welt über 400 Händler. Die haben immer Freude, wenn ich sie besuchen komme; doch herumjetten möchte ich auch nicht. Wichtig ist auch, dass ich als Vorbild beweglich bleibe. Denn wenn ich anfange zu hinken, dann haben meine Schuhe nichts gebracht.
Was sind Ihre Tipps an die HSG-Studenten, welche ein Unternehmen gründen wollen?
Das Wichtigste finde ich, ist, dass man als Unternehmer geboren ist, dass diese Gabe vorhanden ist und die Motivation von innen herauskommt. Vielleicht hat man schon in der Kindheit gesehen, dass solche Tendenzen wie Organisieren und Planen vorhanden sind. Doch wie gesagt, Unternehmer sein ist nicht besser als ein anderer Beruf, jeder Beruf hat seine Daseinsberechtigung und wenn man dies mag, hat man dabei auch Erfolg. Weiter soll in der Berufswahl nicht das Geld, sondern die Berufung im Vordergrund stehen. Marketingmässig soll man die Menschen fangen können und das eigene Produkt soll so gut sein, dass die Kunden wiederkommen. Ich würde nie etwas verkaufen, bei dem ich nochmals einen Aufwand habe, um den Kunden ein zweites Mal zu einem Kauf zu bewegen.