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Der Zigarettenabsatz stieg von 8,9 Mrd. Stück im Jahr 2019 auf 9,3 Mrd. Stück im 2020, dies entspricht einer Zunahme von 4%. Dieser starke Anstieg kehrt einen Abwärtstrend um, der mehr als ein Jahrzehnt angedauert hatte. Auch die Steuereinnahmen sind leicht gestiegen. Die Gründe für diese starke Verkaufszunahme sind nicht eindeutig klar, jedoch können die Covid-19-Einschränkungsmassnahmen (z.B. Home-Office-Pflicht, Teil-Lockdown) den Konsumanstieg weitgehend erklären.
Die Zunahme wird durch die Eidgenössische Zollverwaltung nicht erklärt
Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) hat am 23. März 2021 ihr jährliches Dokument "Fakten und Zahlen" veröffentlicht.[1] Bei diesem Dokument handelt es sich um ein allgemeines und eher oberflächliches Kommunikationsmittel, in dem wir inmitten aller möglichen anderen Daten die Zahl der Zigarettenverkäufe auf Schweizer Gebiet in Millionen Stück für die letzten drei Jahre finden: 9'210 Millionen im Jahr 2018, 8'950 Millionen im 2019 und 9'306 Millionen 2020. Im Dokument selbst wird keine Erklärung oder Analyse geliefert. Auf der EZV-Website ist es ebenfalls nicht möglich, Details zu diesen Zahlen zu finden, wie z.B. eine Aufschlüsselung nach Marke, nach Kanton oder nach Verkaufsort. Der Anstieg 2020 kommt nach einer 12-jährigen Periode des ununterbrochenen Rückgangs der Anzahl der verkauften Zigaretten in der Schweiz.
Quelle : Eidgenössische Zollverwaltung EZV
Erhöhte Steuereinnahmen und zwei Ursachen führten gemäss der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV) zur Zunahme der Verkäufe
Auf einer Seite ihrer Website gibt die EFV an: «Die Einnahmen der Tabaksteuer liegen über dem Vorjahr (+63 Mio.) und über dem Budget (+105 Mio.)».[2] Wenn die Steuereinnahmen steigen, liegt das daran, dass die Anzahl der verkauften Zigaretten gestiegen ist. Nur einen mageren Satz widmet die EFV der Erklärung der Mehreinnahmen von 63 Millionen und nennt zwei Gründe: Erstens einen Rückgang des Einkaufstourismus ins benachbarte Ausland und zweitens ein weitgehendes Wegfallen der Einkäufe von steuerfreien Produkten aufgrund der starken Einschränkungen des Flugverkehrs. Die EFV hätte sich sicherlich etwas mehr Mühe geben können, die von ihr hier angeführten Gründe zu dokumentieren. Es ist daher notwendig, diese Gründe einer sehr kritischen Prüfung zu unterziehen.
Der Rückgang des Einkaufstourismus ins benachbarte Ausland hätte zu einer Umsatzsteigerung in der Schweiz geführt. Diese Erklärung lässt jedoch ausser Acht, dass es einen Einkaufstourismus in beide Richtungen gibt, also auch aus anderen Ländern in die Schweiz, der ebenfalls fehlt. So wie es Schweizer gibt, die für den Kauf von Zigaretten über die Grenze nach Deutschland reisen, so gibt es auch viele Franzosen, die über die Grenze in die Schweiz fahren, um Zigaretten zu kaufen (Preis für eine Schachtel in Frankreich im Jahr 2020: 10 Euro). Hier könnte eine kantonale Umsatzstatistik bereits helfen, die grenzüberschreitenden Einkäufe besser zu verstehen und zu analysieren. Es ist an der Zeit, dass die Eidgenössische Zollverwaltung viel detailliertere Statistiken erstellt.
Der zweite Grund wäre ein Rückgang der Einkäufe von Duty-Free-Produkten, was auch zu einem Anstieg der Einkäufe in der Schweiz geführt hätte. Die Statistik über die Anzahl der in der Schweiz verkauften Zigaretten berücksichtigt nicht jene Zigaretten, die von Schweizern und Schweizerinnen steuerfrei gekauft wurden.[3] Es ist daher schwierig zu sagen, wie viele dieser Käufe auf Käufe in der Schweiz veranschlagt wurden. Wir wissen nichts über die Mengen an Zigaretten, die an Flughäfen verkauft werden. Es besteht daher die dringende Notwendigkeit, Statistiken über zollfreie Produkte zu erstellen.
Auch wenn diese Hypothesen teilweise plausibel erscheinen, fehlen uns zum Nachweis genauere Daten. Ausserdem muss berücksichtigt werden, dass die Reisebeschränkungen nicht absolut waren und auch nicht während des ganzen Jahres 2020 galten. Das bedeutet auch, dass der Schweizer Konsum basierend auf den von der EFV zur Verfügung gestellten Verkaufszahlen unter einem Schätzfehler von weit über 4% liegt - und das war schon immer so.
Ein Grund, über den niemand spricht: Covid-19 kurbelt den Konsum an, nicht nur den Verkauf
Die Argumentation der Eidgenössischen Finanzverwaltung EFV scheint von der impliziten Annahme auszugehen, dass nur die Verkäufe gestiegen wären, und ignoriert einen möglichen Anstieg des Konsums völlig. Die Hypothese einer massiven Zunahme des Konsums ist jedoch keineswegs eine unplausible Hypothese. Eine aktuelle Studie zeigt einen Anstieg des Zigarettenkonsums in Italien von 9,1 % im Zusammenhang mit den Pandemie-Eindämmungsmassnahmen.[4] Auch andere in den letzten Wochen veröffentlichte Studien bestätigen tendenziell die Hypothese, dass die Eindämmungsmassnahmen negative Auswirkungen auf den Konsum von tabak- oder nikotinhaltigen Produkten in den Vereinigten Staaten hatten.[5] Die Auswirkungen der Einschränkungen sind nicht immer einheitlich. In Frankreich haben mehr Menschen ihren Tabakkonsum erhöht (27,6 %) als gesenkt (18,6 %), während er bei 54,7 % stabil geblieben ist. Die Zunahme des Konsums war in Frankreich mit der jungen Altersgruppe (18-34 Jahre), einem hohen Bildungsniveau und dem Vorhandensein von Ängsten assoziiert.[6]
Der Konsum von Tabak- und Nikotinprodukten ist generell gesundheitsgefährdend. Es besteht auch ein direkter Zusammenhang zwischen Rauchen und einem erhöhten Risiko einer Covid-19-Infektion und einem negativeren Verlauf der Erkrankung. Die Covid-19-Pandemie hat durch die Einschränkungen, die wiederholten Teil-Lockdwons und die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung auch zu einem höheren Drogenkonsum geführt. Wahrscheinlich ist die in der Schweiz im Jahr 2020 zu verzeichnende Verkaufsexplosion auch sehr stark mit einem tatsächlichen Anstieg des Konsums verbunden und nicht nur die Folge von zeitlich verschobenen Zigarettenkäufen, deren Nachweis auf unzureichenden Statistiken beruht.
Fazit
Die neuen EFV-Zahlen sind auf jeden Fall ernst und besorgniserregend und zeigen eine Trendwende beim Verkauf und wahrscheinlich auch beim Konsum von Zigaretten in der Schweiz. Sie zeigen aber auch Mängel in den vorhandenen Daten und Statistiken auf. Insgesamt unterstreicht dies einmal mehr die mangelnde Beachtung der gefährlichen Zusammenhänge zwischen Rauchen und Covid-19 durch die Behörden.
[1] https://www.ezv.admin.ch/ezv/de/home/dokumentation/publikationen/ueber-die-ezv/archiv.html
[2] https://www.efv.admin.ch/efv/de/home/finanzberichterstattung/bundeshaushalt_ueb/einnahmen.html#-916147128
[3] Bundesgesetz über die Tabakbesteuerung (TStG) (641.31), Art. 9: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1969/645_665_663/de
[4] Carreras, Giulia; Lugo, Alessandra; Stival, Chiara; Amerio, Andrea; Odone, Anna; Pacifici, Roberta et al. (2021): Impact of COVID-19 lockdown on smoking consumption in a large representative sample of Italian adults. In Tob Control. DOI: 10.1136/tobaccocontrol-2020-056440.
[5] Gonzalez, Mariaelena; Epperson, Anna E.; Halpern-Felsher, Bonnie; Halliday, Deanna M.; Song, Anna V. (2021): Smokers Are More Likely to Smoke More after the COVID-19 California Lockdown Order. In International journal of environmental research and public health 18 (5), p. 2582. DOI: 10.3390/ijerph18052582.
[6] Guignard, Romain; Andler, Raphaël; Quatremère, Guillemette; Pasquereau, Anne; Du Roscoät, Enguerrand; Arwidson, Pierre et al. (2021): Changes in smoking and alcohol consumption during COVID-19-related lockdown: A cross-sectional study in France. In European journal of public health. DOI: 10.1093/eurpub/ckab054.