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Die Schweiz bildet ein hartes Pflaster für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Adel. Die freiheitlich-bäuerliche Geschichtstradition hat allzu lange den Blick auf die Adligen im Gebiet der nachmaligen Schweiz verstellt, weil sie als Hauptfeind der eidgenössischen Orte galten. Die militärischen Niederlagen im Spätmittelalter schienen den politischen Bedeutungsverlust zu besiegeln und gar den Untergang des Adels zu symbolisieren. Kein Wunder also, dass sich die Forschung bestenfalls im Rahmen regionaler Studien für einzelne Geschlechter interessierte, den Adel im übrigen aber von der Schweizer Vergangenheit ausklammerte. Diese Haltung änderte sich erst in den 1970er Jahren. Der postulierte Gegensatz von Adel und Eidgenossenschaft wich einer differenzierteren Betrachtungsweise, die das Gewicht zunehmend auf langfristige Wandlungsprozesse verlagerte und dem Adel eine eigenständigere Rolle zugestand.
Diese Öffnung führt die Basler Historikerin Dorothea A. Christ weiter, die mit ihrer voluminösen Habilitationsschrift über Grafengeschlechter eine Schweizergeschichte aus umgekehrter Sicht präsentieren will. Zum einen fragt sie nach «Merkmalen hochadeligen Handelns und Selbstbewusstseins», zum anderen nach «Formen und Konsequenzen der Nachbarschaft zwischen Hochadeligen und eidgenössischen Orten». Im Zentrum stehen die Grafen von Thierstein, die mit Burgen wie Pfeffingen, Thierstein und Farnsburg, der Vogtei über das Kloster Beinwil, den Landgrafschaften Sisgau und Buchsgau sowie der Nähe zu Stadt und Bischof von Basel über eine ansehnliche Stellung verfügen. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Als «Protektor» des Konzils von Basel, als österreichischer Rat, als Vertrauensmann der Stadt Basel, als Hauptmann der St. Georgsritterschaft und als bischöflicher Pfalzgraf scheint Graf Hans auf allen Hochzeiten mitzutanzen. Das Erwachen kommt im «Adelskrieg» von 1444. Basel grenzt sich vom österreichischen Adel ab, schliesst gräfliche Anhänger aus dem städtischen Rat aus und besetzt die Burg Pfeffingen, Zentrum der thiersteinischen Herrschaft.
Der Konflikt mit Basel spitzt sich unter dem Sohn von Hans, Oswald I. von Thierstein, einem erfolgreichen Söldnerführer, zu. Oswald schliesst mit Solothurn, Rivalin der Rheinstadt, ein Burgrecht, versucht im Elsass mit der Hohkönigsburg ein neues Machtzentrum aufzubauen, dient verschiedenen Fürsten und stirbt schliesslich als Geächteter. Die Übernahme seiner Erbschaft fällt den Söhnen schwer. Die herrschaftliche Konkurrenz im Jura und die zunehmende Verschuldung führen zu einem langsamen Ausverkauf der thiersteinischen Güter; noch zu Lebzeiten des letzten, 1519 verstorbenen Grafen regeln Solothurn, Basel, der Bischof und Österreich die Liquidation der Herrschaft.
Diese im ersten Teil dargestellten Entwicklungen skizzieren den Zusammenhalt des thiersteinischen Verwandtschaftsverbandes und schildern so die Grafenfamilie als Schicksalsgemeinschaft. Trotz des engen Spielraums vermögen sich die Thiersteiner gegenüber ihren Nachbarn - und Konkurrenten - lange zu halten. Der Wille und die Fähigkeit zur Selbstbehauptung hängt zweifellos mit dem familiären Beziehungsnetz zusammen. In einem zweiten Abschnitt erweitert deshalb Christ den Horizont und untersucht die Heirats- und Erbpraxis verschiedener hochadliger Geschlechter zwischen Genfersee und Bodensee, um die Grafen als geschlossene soziale Gruppe besser zu erfassen. Die heikle Balance zwischen Sicherung des Familienbesitzes, Wahrung des standesgemässen Auskommens und Heirat im Interesse des dynastischen Überlebens bedroht regelmässig den verwandtschaftlichen Zusammenhalt und damit die Stellung. Während Fürsten wie Städte solche Situationen wiederholt zu ihren Gunsten auszunützen versuchen, unterstützen nachgeborene Brüder, wie bei den Thiersteinern, das Familienoberhaupt und festigen mit der komplementären Rollenteilung innerhalb der Familie die gräfliche Herrschaft. Im letzten Kapitel geht die Autorin schliesslich kurz auf das Verhältnis der Grafen zu den Eidgenossen ein, beschränkt sich aber auf die Funktion der Bündnisse als «Rechtsgrundlage» von gleichwertigen Beziehungen.
Dem Wunsch nach einer «Darstellung einer lebendigen Vielfalt von Kontakten, Kooperationen und Konkurrenzen» zwischen Adel und Eidgenossen (584) vermag allerdings Christ nur ansatzweise zu entsprechen. Dieses Defizit hängt sicher mit dem Umfang, vor allem aber auch mit dem gewählten Vorgehen zusammen. Von einer «neuen» Adelsgeschichte ist gerade im ersten Teil wenig zu spüren, der eine erstaunlich traditionelle Sicht der Thiersteiner wiedergibt. Die Erforschung der «Generationen» und «Erlebnis- und Lernzusammenhänge» geht in einer Fülle von zwar lebendig, aber viel zu ausführlich geschilderten Ereignissen unter, was aufschlussreiche Befunde der Autorin überdeckt. Die oft beliebig wirkende Informationsflut verwischt so nicht nur die Fragestellungen, sondern auch die Konturen der Thiersteiner. Angesichts der Forschungsdiskussion eher überraschend, fehlen präzisere Aussagen zu den Strukturen der gräflichen Herrschaft. Besitzumfang, «Territorialisierungs»-Politik, Verwaltung und Schriftlichkeit, Beziehungen zu den Untertanen oder die Herrschaftspraxis werden knapp gestreift, vor allem aber bleibt offen, woher die beträchtlichen Geldsummen stammen, die den Thiersteinern ihre eigenständige Politik garantieren.
Bedeutend klarer und aussagekräftiger erscheint der zweite Teil, der sich in Fragestellung und Vorgehen auf die Untersuchungen von Karl-Heinz Spiess abstützt, dabei aber auf (veraltete) Sekundärliteratur zurückgreift und deshalb recht allgemein ausfällt. Familienstrukturen und Verwandtschaft formen die Grafen (und Freiherren) in den Augen der Autorin zu einer «sozialen Gruppe», die sich deutlich von Fürsten und Niederadel abgrenzt. Diese These bleibt jedoch solange unscharf, wie ein Vergleich mit dem übrigen Adel fehlt. Unterscheiden sich Grafen aber neben ihrer Heiratspolitik tatsächlich von erfolgreichen Niederadligen? Welche Rolle spielten etwa die österreichische Landesherrschaft oder die benachbarten Städte für die Grafen? Die Rolle des Hochadels bleibt schliesslich auch solange schwammig, wie sie nicht mit den regionalen Herrschaftsstrukturen verknüpft werden kann. Das von Christ anvisierte «hochadelige Handeln» bewegt sich gerade im Jura in einem komplexen Spannungsfeld von Bischof, Städten, kleineren Adligen und Fürsten, deren Rivalität das politische Überleben der Thiersteiner ermöglicht. Der Buchtitel ist insofern irreführend, als einzelne eidgenössischen Orte - von einer eidgenössischen Politik kann wohl kaum die Rede sein - erst im ausgehenden Spätmittelalter ihren Einfluss auf diese Gegend verstärken, ohne aber ihre Bündnispolitik speziell auf Grafen auszurichten. Zurück bleibt ein Buch, das eine Fülle von spannenden Einsichten vermittelt, insgesamt aber allzu stark an der Oberfläche bleibt. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Eidgenossenschaft und (Hoch-)Adel bleibt weiter zu erforschen.
Peter Niederhäuser (Winterthur)
traverse - Zeitschrift für Geschichte - Revue d'histoire 2000 / 02