Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03206.jsonl.gz/1678

Strauss
Struthio camelus
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Als vor ungefähr 65 Millionen Jahren das grosse Sauriersterben einsetzte und ganze Äste der damals enorm vielgestaltigen Echsenfauna innerhalb kurzer Zeit ausstarben, da ging das Mesozoikum («Erdmittelalter») und mithin das «Zeitalter der Reptilien» abrupt zu Ende. Es begann das Neozoikum («Erdneuzeit»), welches bis heute andauert und im allgemeinen als das «Zeitalter der Säugetiere» bezeichnet wird, da nun diese Warmblüter die dominanten Landtiere sind.
Mit guten Gründen könnte man das Neozoikum allerdings auch das «Zeitalter der Vögel» nennen. Zum einen leben nämlich heute beinahe doppelt so viele Vogelarten wie Säugetierarten auf unserem Planeten. Und zum anderen sind die Vögel an Land deutlich weiter verbreitet als die Säuger, denn im Gegensatz zu diesen haben sie selbst die abgeschiedensten ozeanischen Eilande zu besiedeln vermocht.
Einzig im Hinblick auf die Körpergrösse werden die Vögel durch die Säuger auf den zweiten Rang verwiesen. Selbst diesbezüglich ist der Unterschied zwischen den beiden Sippen aber nicht so markant, wie man im ersten Moment vielleicht denkt. Zwar erreicht kein Vogel die Grösse der mächtigsten Landsäugetiere, der Elefanten, Nashörner und Giraffen. Andererseits sind ein paar Laufvögel deutlich grösser und gewichtiger als die überwiegende Mehrzahl der Säuger, von denen ja die kleinwüchsigen Nagetiere und Fledertiere allein schon sechzig Prozent ausmachen.
Der grösste aller Laufvögel - und damit der grösste aller Vögel überhaupt - ist der Strauss (Struthio camelus)
. Über ihn soll auf diesen Seiten berichtet werden.
Löcherige Restbestände
Noch bis vor verhältnismässig kurzer Zeit war der Strauss ein weitverbreiteter und häufiger Bewohner der weiten Trockensavannen und Halbwüsten Afrikas, Arabiens und Vorderasiens gewesen. Innerhalb dieses weiten Areals wurden aufgrund diverser körperbaulicher Eigenheiten fünf Rassen unterschieden: der Arabische Strauss (Struthio camelus syriacus)
auf der Arabischen Halbinsel und im Nahen Osten, der Nordafrikanische Strauss (S.c. rothschildi
oder camelus)
in Nordafrika, in der Südsahara und im Sahel, der Somalistrauss (S.c. molybdophanes)
in Somalia und Nordkenia, der Massaistrauss (S.c. massaicus)
in Ostafrika und der Südafrikanische Strauss (S.c. australis)
im südlichen Afrika (südlich des Sambesi).
In vielen Gebieten ist der Strauss inzwischen leider selten und sind seine Bestände «löcherig» geworden. Dies vor allem aufgrund der direkten Nachstellungen seitens des Menschen, teils aber auch aufgrund der durch diesen verursachten Beeinträchtigungen seiner Lebensräume. Gänzlich ausgestorben ist in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Arabische Strauss; er vermochte dem übermässigen Jagddruck nicht standzuhalten.
Von den vier überlebenden Straussenunterarten gilt der Nordafrikanische Strauss heute als am stärksten gefährdet: Er kam einst vom Atlas in Marokko und Algerien südwärts bis Mauretanien und von da ostwärts über die ganze südliche Sahara-Randzone sowie die Sahelzone bis zur Küste des Roten Meeres im Sudan und in Südägypten vor. Heute ist er aus Nordwestafrika sowie aus Ägypten vollständig verschwunden, und am Südrand der Sahara sind seine Bestände überall besorgniserregend ausgedünnt.
So auch im Tschad, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Ab 1969 hatte der Nordafrikanische Strauss zwar im 80 000 Quadratkilometer grossen Wadi-Rimé/Wadi-Achim-Reservat im Norden des Landes (Schweiz: 39 990 km2
) vorübergehend eine sichere Heimat. Dann aber führten schwere Bürgerkriegswirren in der jungen Republik Ende der siebziger Jahre zur Aufgabe dieses bedeutenden Reservats - und in der Folge zu einer massiven Verminderung der darin heimischen Wildtierbestände. Es ist sehr zu hoffen, dass es der neuen, vor wenigen Monaten eingesetzten Regierung des Tschad endlich gelingt, dem noch immer unbewältigten politischen und wirtschaftlichen Chaos im Land ein Ende zu bereiten - zum Wohl der notleidenden menschlichen Bevölkerung ebenso wie zugunsten der bedrängten Wildtiere des Landes, darunter dem grössten Vogel der Welt.
Die Bestände der drei Straussenunterarten im östlichen und südlichen Afrika gelten derzeit nicht als ernstlich gefährdet. Allerdings wurden auch sie in unserem Jahrhundert massiv zurückgedrängt und weisen heute grundsätzlich nur noch im Bereich grossflächiger Schutzgebiete gesunde Bestände auf.
Abwechslungsreiche Kost im öden Lebensraum
Mit ihren langen, muskulösen Beinen und ihren grossen, scharfsichtigen Augen sind die Strausse körperlich hervorragend an verhältnismässig öde Lebensräume mit spärlicher und weit verstreuter Nahrung angepasst. Tatsächlich sind die grossen Laufvögel unermüdliche Wanderer: Sie streifen den grössten Teil des Tages halbnomadisch umher, und dabei übersehen sie nicht das kleinste Nahrungsding. Den Hauptteil ihrer Kost bilden Blüten, Samen, Schösslinge, Blätter und allerlei andere pflanzliche Stoffe. Aber auch Kleintiere wie Insekten, Eidechsen und Nager, die ihnen über den Weg laufen, werden blitzschnell und zielsicher gepackt. Man kann die Strausse als echte Allesesser bezeichnen.
Die Fortpflanzungszeit der Strausse richtet sich nach dem im Jahresverlauf schwankenden Nahrungsangebot, fällt also je nach geografischem Vorkommen in unterschiedliche Jahreszeiten. Zur Vorbereitung des Brutgeschäfts errichtet das erwachsene Straussenmännchen ein Territorium und scharrt darin an günstigen Stellen ein paar flache Nestmulden. Regelmässig patrouilliert es sodann entlang der Territoriumsgrenzen und vertreibt vehement sämtliche Rivalen, denen es begegnet. Hin und wieder lässt es im übrigen seine dumpfen, weittragenden Rufe hören, welche entferntem Löwengebrüll ähneln und mit denen es sowohl Rivalen als auch Weibchen kundtut: «Hier ist mein Reich!».
Hat sich ein Weibchen zu ihm gesellt und nach langwieriger Balz mit ihm gepaart, so wählt es eine der vorbereiteten Nestmulden aus und legt dann jeden zweiten Tag ein Ei hinein, insgesamt acht bis zwölf Stück. Die Eier sind 13 bis 16 Zentimeter lang und wiegen mitunter mehr als anderthalb Kilogramm. Es sind die grössten Eier im ganzen Vogelreich - allerdings nur absolut gesehen. In Relation zur Körpergrösse und zum Gewicht des Straussenweibchens sind es hingegen die allerkleinsten!
Haupthenne und Nebenhennen
In der Regel hat der Straussenhahn neben der erfahrenen Haupthenne, mit der er eine enge Beziehung pflegt, noch eine, zwei oder drei jüngere Nebenhennen. Diese werden von der Haupthenne zwar geduldet und legen ihre (oft nur drei oder vier) Eier in dasselbe Nest wie sie, doch werden sie in den meisten Fällen durch die Haupthenne vom Nest vertrieben, sobald deren eigenes Gelege fertiggestellt ist. Es sind also ausschliesslich der Hahn und die Haupthenne, welche das Grossgelege bebrüten, und zwar gewöhnlich tagsüber das Weibchen, nachts das Männchen.
Bis das Gelege der Haupthenne vollständig ist, vergehen rund drei Wochen. Erst dann beginnt das Paar zu brüten, und deshalb schlüpfen die Jungen - nach einer Brutzeit von rund sechs Wochen - alle ungefähr gleichzeitig aus den Eiern. Sie sind typische Nestflüchter, und so ist die ganze Jungenschar nach kurzer Zeit fähig, den Eltern auf den Streifzügen durchs Lebensgebiet nachzufolgen.
Hahn und Henne bewachen ihren Nachwuchs aufmerksam und wehren allfällige Fressfeinde nach Möglichkeit mit eindrücklichen Drohangriffen und notfalls kraftvollen Tritten ab. Als Halbwüchsige schliessen sich die Jungstrausse dann häufig mit ihresgleichen zu grösseren Schwärmen zusammen, was ihnen ebenfalls eine gewisse Sicherheit vermittelt, weil stets ein paar von ihnen den Kopf heben und nach Gefahren Ausschau halten. Dennoch überlebt durchschnittlich nur etwa jedes sechste Straussenkind das erste Lebensjahr und erreicht damit Erwachsenengrösse.
Die Junghennen pflanzen sich im allgemeinen im Alter von zwei Jahren erstmals fort. Die Junghähne tragen dann zwar ebenfalls bereits das schwarzweisse Männchengefieder, doch gelingt es ihnen meistens erst im Alter von drei oder vier Jahren, ein eigenes Brutterritorium zu errichten und ein Weibchen für sich zu gewinnen.
Die erwachsenen Strausse sind ungemein wachsame Vögel. Sie werden darum oft ungewollt zum zuverlässigen «Wächter» für Zebras, Antilopen und andere Savannentiere. Gefährlich können ihnen praktisch nur Löwe und Leopard werden, falls es diesen Grosskatzen gelingt, sich während einer nächtlichen Tiefschlafphase oder während des Brütens unbemerkt anzupirschen. In allen anderen Fällen entdecken die Strausse etwaige Feinde nicht nur frühzeitig, sondern rennen diesen bei Bedarf auch mühelos davon. Sie machen beim Rennen spielend Schritte von dreieinhalb Metern Länge und können über eine Viertelstunde lang mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Kilometern je Stunde dahineilen, ohne Anzeichen der Ermüdung zu zeigen. In Notfällen können sie kurzfristig sogar auf siebzig Kilometer je Stunde beschleunigen und dabei noch mit unglaublicher Leichtigkeit beinahe rechtwinklige Haken schlagen, wodurch sie jeden Verfolger leicht abzuschütteln vermögen. So können die grossen Laufvögel mit etwas Glück ein Alter von über vierzig Jahren erreichen.
Eier als Opfergaben
Die Zoologen hatten lange Zeit gerätselt, weshalb sich die Straussenhaupthenne wohl um Eier kümmert, welche nicht ihre eigenen sind. Gemäss der Selektionstheorie müsste sie ja bestrebt sein, ihr eigenes Erbgut möglichst stark zu vermehren, also ihre ganze Energie in die Aufzucht eigener Nachkommen und auf keinen Fall in diejenige fremder Jungen zu investieren. Heute wissen wir, dass sich die Haupthenne keineswegs altruistisch - also «falsch» - verhält. In Wirklichkeit profitiert sie von den zusätzlichen Eiern, denn sie kann mit deren Hilfe gezielt Verluste an ihrem eigenen Gelege durch Nesträuber abpuffern. Dies muss kurz erläutert werden:
Strausseneier sind ein begehrter Leckerbissen für eine Vielzahl von Tieren, darunter vor allem Hyänen und Schakale. Vielen dieser Eierdiebe gelingt es allerdings nur, jeweils ein Ei von der Peripherie des Nests zu stehlen, bevor sie vom Hahn oder von der Henne entdeckt und vertrieben werden. Der springende Punkt ist nun der, dass das Straussenweibchen offensichtlich - auf bislang ungeklärte Weise - seine eigenen Eier von denen der fremden Weibchen zu unterscheiden vermag. Tatsächlich ist es stets bestrebt, die eigenen Eier in der Gelegemitte zu halten und die fremden Eier an die Peripherie zu schieben. Befinden sich allzuviele (über zwanzig) Eier in der Mulde, so dass das Weibchen nicht in der Lage ist, alle mit seinem Körper zu bedecken, so rollt es sogar die überzähligen Eier über den Rand der Mulde hinaus - wobei es stets sicherstellt, dass es sich nicht um eigene handelt.
Die Eier der Nebenhennen dienen der Haupthenne also gewissermassen als «Opfergaben» für die allgegenwärtigen Eierdiebe, mit denen sie deren Aufmerksamkeit von den eigenen Eiern ablenkt.. Sind die Eiverluste hoch, so bleiben in vielen Fällen doch wenigstens ein paar eigene Eier übrig, wo sonst alle verloren worden wären. Und sind die Eiverluste gering, so stört es nicht, wenn neben den eigenen Jungen auch noch ein paar der Nebenhennen aufkommen. Im Gegenteil: Sie tragen - durch den «Verdünnungseffekt» - dazu bei, die Überlebenschancen der eigenen Nachkommen während deren ersten Lebensmonaten zu erhöhen.
Straussenfedern als Modeschmuck
Der Mensch stellt dem Strauss von alters her und in dessen ganzem Verbreitungsgebiet eifrig nach - teils wegen seines Fleischs, das sehr schmackhaft ist, teils wegen seines Leders, aus dem sich hübsch genarbte Ledertaschen und Kleidungsstücke fertigen lassen, teils auch wegen seiner schönen, wallenden Federn, welche beispielsweise während des Mittelalters als Helm- und Hutschmuck sehr begehrt waren. Daneben werden auch die Strausseneier gern eingesammelt, und zwar wegen ihres nährreichen Inhalts ebenso wie wegen ihrer Schale, die sich als Wasserbehälter und für die Herstellung von Halsketten, Knöpfen und anderem Zierat gut eignet.
Während vieler Jahrhunderte vermochten die Strausse die wenig systematischen Nachstellungen seitens des Menschen dank ihrer Langlebigkeit und ihrer verhältnismässig hohen Nachzuchtrate gut zu verkraften. Erst als im vorigen Jahrhundert Straussenfedern bei den Damen Europas und Amerikas in Mode kamen, wurde die Situation für die grossen Laufvögel bedrohlich. In Nordafrika und Ägypten waren sie alsbald ausgerottet, und auch in Vorderasien und Arabien waren bald keine mehr zu finden.
Dass der Strauss damals nicht auch in Afrika südlich der Sahara vom Erdboden verschwand, liegt einzig daran, dass ab 1838 besonders in Südafrika zahlreiche Straussenfarmen aufgemacht wurden, um von diesem unglaublichen Bedarf an Straussenfedern profitieren zu können. Tatsächlich war um die Jahrhundertwende die Straussenzucht eines der einträglichsten Geschäfte in Südafrika: Jahr für Jahr wurden damals mehrere hunderttausend Kilo Federn aus dem Land ausgeführt! Der Druck auf die Wildbestände wurde dadurch massiv gemildert.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Straussenfedern aus der Mode gekommen waren, wandten sich die meisten der Straussenfarmen anderen Einnahmequellen zu und gaben die Zucht der grossen Vögel auf. Wenn heute Straussenfleisch als exotische Nahrung einen Boom in Europa und Amerika erlebt, stammt es dennoch nicht von wilden Straussen, sondern wiederum aus Straussenfarmen hauptsächlich in Südafrika, die nach dem vorübergehenden Verfall jetzt wieder am Aufblühen sind.
ZurHauptseite