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Einige Kilometer nördlich von Dézè steht die Ruine einer Burg – niemand weiss, wie alt die Mauern sind. Doch man ist sich allgemein einig, dass sie wohl sehr sehr alt sind. Die Burg wirdLakay Makak (das Haus der Affen) genannt – und das hat natürlich einen Grund. Vor langer, langer Zeit nämlich, «als man den Himmel noch mit den Händen berühren konnte»*, lebten Menschen und Affen auf der Insel miteinander als gleichberechtigte Wesen. Ja sie bepflanzten gar gemeinsam die Felder und teilten sich die Ernte. Die Affen konnten damals sprechen wie die Menschen – und es heisst sogar, sie hätten immer die besseren Witze erzählt. Die Menschen bewohnten ein Schloss im Norden der Insel – die Affen eine Burg weiter südlich, eben jenen Gebäudekomplex, der heute Lakay Makak genannt wird. Auf den Feldern der Menschen wurden vor allem Bananen angebaut. Die Äcker der Affen hingegen brachten vor allem Erbsen und Linsen hervor. Über viele hundert Jahre hinweg klappte die Zusammenarbeit aus gezeichnet. Wenn es Zeit war, die zarten Sprösslinge an den Bananenbäume vor gefrässigen Tiere zu schützen, dann standen die Affen den Menschen bei – und wenn es darum ging, die Erbsen zu setzen oder die Linsen zu ernten, dann traten die Menschen Seite an Seite mit den Affen auf den Feldern an.
* «Als man den Himmel noch mit den Händen berühren konnte» – dieser etwas seltsame Ausdruck kommt in den Erzählungen der Insel immer wieder vor. Wir wissen nicht genau, was er bedeutet. Aber wahrscheinlich ist einfach eine Zeit gemeint, als der Himmel und damit die Götter den Menschen noch näher waren.
Eines Tages aber kam in der Burg der Affen der Dicke Kahn an die Regierung. Er war ein Freund grosser Gelage – und so etwas macht ganz allein nun mal keinen Spass. Also befreite er einige seiner Arbeiterinnen und Arbeiter von ihren Pflichten und machte sie zu seinen Tischgenossen. Die Menschen merkten nicht, dass da plötzlich ein paar Affen weniger mit ihnen die Felder bestellten – und alles nahm seinen gewohnten Gang.
Doch die Festlaune des Dicken Kahn nahm zu – und also zog er immer mehr Arbeiter von den Feldern ab. Irgendwann fanden sich die Menschen so ganz allein auf den Äckern wieder – und begannen sich Fragen zu stellen. Warum, so überlegten sie, sollten sie mit den Affen eine Ernte teilen, die sie doch offensichtlich ganz alleine erschufen? Nach eingehender Beratung sandten sie eine repräsentative Delegation auf die Burg der Affen, um diese zur Rückkehr auf die Felder zu überreden. Die Delegierten staunten nicht schlecht als sie Lakay Makak betraten. Zu Hunderten lagen die Affen da faul und betrunken herum. Einige summten leise und sehr falsch vor sich hin, andere starrten wie hypnotisiert an die Wand, dritte kicherten, kratzten sich an allen möglichen Stellen oder verdrehten die Augen - ganz als suchten sie nach irgendeiner Lösung für irgendein Problem in ihren völlig versoffenen Hirnen. Die Menschen versuchten, die Affen zur Rede zu stellen – doch die taten als verstünden sie die Menschensprache nicht mehr und zogen bloss an ihren Lippen und Ohren herum.
Das erzürnte die Menschen noch mehr und also zogen sie sich von den Feldern der Affen zurück. Da Linsen bescheidene Pflanzen sind, wuchsen sie tapfer weiter. Irgendwann platzten die Schoten und die Früchte fielen auf die Erde, wo sie ganz allmählich verdorrten. Den Affen war das ziemlich gleichgültig – denn ihre Vorratskammern waren voll. Nachts tranken und assen sie, tagsüber sonnten sie sich auf den Mauern ihrer Burg oder schliefen im Schatten der umstehenden Bäume ihre Räusche aus. Eines Tages allerdings war die letzte Banane gegessen, die letzte Linse vertilgt. Hungrig stürzten die Affen nun auf ihre Felder – doch die Linsen waren längst vertrocknet oder von Vögeln aufgefressen. Jetzt brach ein grosses Jammern unter den Affen aus und sie hüpften verzweifelt auf ihrer Burg umher.
Der Dicke Khan bildete eine Delegantion und sandte sie zu der Burg der Menschen im Norden der Insel – mit dem Ziel, diese um die Abgabe einiger Bananen zu bitten. Doch als die Delegierten im Palast der Menschen eintrafen, mussten sie feststellen, dass sie deren Sprache längst verlernt hatten. Sie wollten um Bananen bitten – doch aus ihren Kehlen drang bloss ein unartikuliertes Kreischen. Die Menschen glaubten, die Affen wollten sich über sie lustig machen – und vertrieben sie aus ihrem Palast.
Für die Tiere war das eine schwierige Situation und bei dem Versuch, eine Lösung zu finden, zerstritten sie sich. Einige zogen sich in die Wälder zurück, wo die Natur ganz von alleine ihre Früchte hergibt. Andere gingen dazu über, die Bananen heimlich aus den Gärten der Menschen zu stehlen. Der Dicke Khan baute sich mit ein paar Getreuen ein Floss und fuhr damit gegen Osten davon – auf der Suche nach einem Land, wo man sich besser aufs Feiern verstand. Manche behaupten, er sei in einer arabischen Menagerie gelandet. – Mit den Jahren zerfiel die Burg der Affen zur Ruine und wo einst Feste gefeiert wurden, wuchsen nun mehr und mehr Bäume und Sträucher gegen den Himmel.
Zwar sieht man auch heute noch dann und wann ein paar Affen in dem alten Gemäuer, vor allem aber ist Lakay Makak ein überaus beliebter Picknick-Platz. Auf den diversen Terrassen der Burg und den organisch geformten Steinbrocken in ihrer Umgebung kann man sich bequem zum Gelage ausbreiten. Nach dem Essen legt man sich im Schatten der Bäume zu einem Verdauungsschläfchen hin. Und von überall hat man eine phantastische Sicht auf die überaus fruchtbare Ebene nordöstlich von Dézè, die sogenannten Gärten der Königin (Jaden di Laren). In früheren Zeiten war dieser Streifen Land eher trocken – ein idealer Ort also für den Anbau von Linsen. Königin Adrienne aber liess um 1840 ein Kanalsystem bauen, dank dessen der Fluss Vlou nun die ganze Ebene in einen Garten verwandelt, wo diverse Früchte und Palmfrüchte angebaut werden. Adrienne selbst soll sich in der Mitte dieser Ebene ein hölzernes Haus auf Stelzen errichtet haben, in dem sie sich ihrem ausschweifenden Leben hingab. Davon allerdings hat sich keine Spur erhalten.
Auch die Geschichte des Dicken Khan und seiner faulen Affenbande ist immer noch fest mit diesem schönen Ort verbunden – das schlägt sich nicht zuletzt auch in einem kleinen Ritual nieder, das die meisten praktizieren, die sich hier zum Picknick niederlassen. Wer in der Burg der Affen zu speisen gedenkt, bereitet nebst anderen Dingen traditionell auch einen kleinen Eintopf aus Linsen, Reis und Joghurt zu, der kalt gegessen werden will. In den Ruinen opfert man, bevor man sich selbst über die mitgebrachten Leckereien hermacht, einen Löffel dieses Eintopfs den Geistern der Affen, die einst hier hausten, damals, «als man den Himmel noch mit den Händen berühren konnte.» Dieser Eintopf heisst Makak fenyan (Fauler Affe) und und wird traditionell aus halbierten Linsen zubereitet – in Erinnerung daran, dass sich die Menschen und die Affen auf Santa lemusa einst die Arbeit wie auch die Ernte teilten (Rezept).
First Publication: 10-2006
Modifications: 14-2-2009