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Der Schuhmacher
Ein Märchen für Erwachsene
Enzo war Schuhmacher. Schuhe waren seine Leidenschaft, schon seit er als kleiner Junge die meiste Zeit des Tages im Geschäft seines Vaters verbrachte, wo dieser in einem kleinen Raum, zwischen Nähmaschine, Schleifmaschine und vielen anderen, kleineren Arbeitsgeräten und unzähligen Paar Schuhen sein tägliches Brot verdiente. Die geflickten Schuhe stellte der Vater in einen Schrank mit Glasscheibe. Sie waren gut sichtbar und wurden nicht staubig in der manchmal langen Zeit, in der sie auf ihre Besitzer warteten.
Enzo stellte sich die Menschen vor, die in diese Schuhe passten, und manchmal war er enttäuscht, wenn ein Paar Schuhe abgeholt wurde und der Besitzer oder die Besitzerin so gar nicht seiner Vorstellung entsprach.
Als Enzo sechzehn Jahre alt wurde, lernte er bei seinem Vater die Kunst des Schuhflickens. Er wollte nicht mehr zur Schule gehen und auch keinen anderen Beruf erlernen. Er wollte Schuhmacher werden. Enzo bewunderte seinen Vater, der mit kräftigen Händen Leder verarbeitete und gute, solide Schuhe anfertigte, mit dicker Sohle für Männer und elegante, mit kleinem Absatz für Frauen. Auch Enzo lernte die Kunst des Schuhe Machens, und, als eine paar Jahre später sein Vater starb, führte er mit Liebe und Leidenschaft das Geschäft weiter.
Viele Jahre waren seither vergangen und die Zeiten hatten sich, wie bei Allem und überall, verändert. Immer weniger wurden der Menschen, die bei ihm Schuhe anfertigen ließen. Heutzutage wurden die Schuhe in großen Geschäften gekauft. Billiger, und manchmal so billig, dass es sich nicht einmal lohnte, sie reparieren zu lassen, und sie einfach weggeworfen wurden.
Doch er hatte noch genügend Arbeit, um sich sein Leben zu verdienen, und mit seinen bald fünfzig Jahren wollte er auch nichts Anderes mehr tun. Er war fasziniert von der Vielfalt, die der Menschen Füße zierten. Schwarze, braune, blaue und weiße, beigefarbene und graue, ja, manchmal sogar knallrote Schuhe standen im Regal hinter der Glasscheibe. Oft blickte er zu ihnen, sie waren sein Brot von morgen.
Enzo war ein schöner Mann. Groß und kräftig, mit einem schon fast weiß gewordenen Bart, zwischen dem ein Mund mit weißen Zähnen lachte und das Strahlen seiner fast schwarzen Augen noch unterstrich. Enzo liebte die Frauen. Er liebte sie alle dermaßen, er konnte sich nie für eine entscheiden, mit welcher er durch das Leben gehen wollte. Jede Frau bekam ein umwerfendes Lächeln und einen mit der Hand zugeworfenen Kuss, wenn sie sein Geschäft verließ. Enzo war einfach so, und er war überzeugt, die eine oder die andere würde wiederkommen. Und vielleicht…
Eines Tages trat eine Frau in sein Geschäft, und da war es um ihn geschehen. Sie war so wunderschön, noch nie in seinem Leben hatte er ein so schönes Wesen gesehen. Ihr rotgoldenes Haar fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern und ihre grünen Augen leuchteten so lieblich, dass ihn das Gefühl überkam, seine Knie wären aus Gummi.
Sie grüßte ihn mit ihrer warmen, etwas rauen Stimme. Auch Enzo stammelte einen Willkommensgruß und fühlte sein Herz bis zum Hals schlagen. Es schlug so stark, er glaubte, es würde zerspringen. Die Frau war eher klein, zierlich mit gebräunter Haut und umweht von einem Duft, den er für den Rest des Lebens nicht mehr vergessen würde.
Aus ihrer Tasche zog sie ein paar Schuhe, die genau so schön waren wie sie selbst. Beigefarben, mit vielen glitzernden Steinchen und hohen Absätzen. Sie bräuchte neue Absätze und vielleicht neue Sohlen, was er dazu meine. Ja, neue Sohlen wären schon gut, damit sie sich in ihren Schuhen sicher und bequem fühle, sagte Enzo.
Sie könne aber erst nächste Woche wiederkommen, sagte sie. Enzo nickte, gab ihr ein Zettelchen mit einer Nummer drauf, und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und einen Handkuss, in den er alle seine Gefühle legte.
Noch tagelang umgab ihn das Parfüm dieser Frau. Es kam ihm entgegen, wenn er sein Geschäft betrat, es hatte den Platz des Geruchs von Leder eingenommen. Doch vielleicht entsprang dies auch nur seiner Fantasie.
Die Schuhe flickte er noch am selben Tag. Mit viel Liebe, geradezu mit Zärtlichkeit und noch nie zuvor gefühlter Leidenschaft erneuerte er Absätze und Sohlen und strich dabei immer wieder mit zitternder Hand über die Schuhe. Diese Schuhe waren für ihn von unbezahlbarer Kostbarkeit, sie waren für ihn Hoffnung auf Liebe und Erfüllung, wonach er sich seit vielen Jahren sehnte.
Er freute sich auf die nächste Woche und schreckte jedes Mal auf, wenn die Glocke an der Eingangstür klingelte. Er freute sich so sehr auf die nächste Woche, es schmerzte ihn in seiner Brust.
Oft nahm er diese Schuhe aus dem Schrank, streichelte sie, hielt sie an sein Herz, an seine Wange, küsste sie, ja, ihm war dabei, als drücke er seine Liebste an sich, rieche den Duft ihrer Haare, ihrer Haut, als spüre er die Zartheit ihres Körpers, das Klopfen ihres Herzens.
Enzo wartete. Tage, Wochen, Monate vergingen. Die Verliebtheit zehrte an ihm, er aß kaum noch und sogar sein Wesen veränderte sich. Er lächeltenicht mehr und blickte oft traurig vor sich hin, und die Frauen bekamen keinen mit der Hand geworfenen Kuss mehr. Seine Freunde wunderten sich, was wohl mit ihm los sei. Wenn sie ihn danach fragten, zuckte er nur mit den Schultern.
Er drückte weiterhin täglich die Schuhe seiner Liebsten an sein Herz, als wäre sie endlich gekommen und er sie in die Arme nehmen konnte. Sie kam nicht. Enzo hoffte weiter. Bis, eines Tages…
Mit der Frau wehte ein Hauch von teurem Parfüm ins Schuhmachergeschäft. Enzo stand vom Arbeitstisch auf. „Guten Tag.“ „Guten Tag“, grüßte sie zurück und begann, mit ihren verkrümmten und verknoteten Fingern in ihrer Tasche zu nesteln. Sie zog ein Ticket aus der Tasche und streckte es ihm hin. Er erkannte, von seiner Hand geschrieben, die Nummer 77. Wäre sein Gesicht nicht so braun gewesen, von den am See verbrachten Sonntagen, hätte man es wohl als bleich bezeichnen können. Seine Knie ließen nach, er zitterte am ganzen Leib und hielt sich krampfhaft am Comptoir fest. „Ist alles in Ordnung, Monsieur?“, hörte er die besorgte Stimme der Frau. Enzo brachte keinen Laut heraus, nickte nur bejahend. „Wollen Sie das Ticket nicht?“ „Doch, doch“, stammelte er und griff nach dem hellblauen Zettelchen.
Er brauchte es nicht, er kannte die Nummer auswendig, sie gehörte den wunderbaren Schuhen seiner Liebsten. Er ging zum Glasschrank, seine Beine ihm kaum gehorchend. Wie oft hatte er diesen Schrank geöffnet um diese Schuhe herauszunehmen und an sein Herz zu drücken! Diese Schuhe, die ihm so unendlich viel bedeuteten, Hoffnung auf eine ewige Liebe, diese Schuhe, die zu seinem ganzen Lebensinhalt geworden waren. Und nun, nein das durfte nicht sein, wurden die Schuhe seiner Liebsten von einer alten Frau abgeholt. Seine Welt zerbrach. Er wusste in diesem Moment, er würde seine Liebste nie mehr sehen. Vielleicht wollte sie ihn nicht mehr sehen. „Geht es Ihnen wirklich gut?“, hörte er eine beunruhigte Stimme, die ihn aus seinen Gedanken riss.
Wie gerne hätte er geschrien, nein, es geht mir nicht gut. Es wird mir nie mehr gut gehen. Nie mehr! Doch Enzo schrie nicht, er antwortete der alten Frau auch nicht, weil er nicht wusste, was er ihr hätte sagen können. Die Wahrheit? Nein, er wollte sein Geheimnis nicht freigeben. Niemand sollte es kennen. Vielleicht würde er es auch bald vergessen. Nicht mehr an die Liebste denken, die nie seine Liebste war noch sein würde. Vergessen all die Monate, an denen er an sie gedacht hatte bis fast zum Zerplatzen seines Herzens. Niemand sollte wissen von dem Schmerz, den er jetzt empfand, zu dem sich immer mehr Wut mischte, weil er so blind sein konnte, so naiv zu glauben, eine so wunderschöne Frau könnte ihm, einem Schuhmacher, Interesse entgegenbringen.
Enzo stellte die Schuhe, beigefarben, mit vielen glitzernden Steinchen und hohen Absätzen auf das Comptoir und suchte in einer Schublade nach Seidenpapier, um sie einzupacken. „Das ist nicht nötig, ich lege sie in meine Tasche“, sagte die Frau. Sie nahm die Schuhe in die Hände, schaute sie lange an, streichelte sie und drückte sie ans Herz. Dann hob sie den Kopf und blickte, die Augen voll Tränen, in die erstaunten, erschrockenen Augen des Schuhmachers. „Es sind die Schuhe meiner Tochter“, ihre Stimme erstickte unter den Tränen. Enzo, der nicht begreifen konnte, was da geschah, ging um das Comptoir herum zu der Frau und reichte ihr ein Taschentuch. Sie tupfte sich die Tränen weg, die Schuhe immer noch an ihr Herz gedrückt. Dann öffnete sie die Tasche und legte sie hinein. „Wieviel?“, fragte sie. Enzo, der seine Fassung noch nicht wiedergefunden hatte, stammelte nur: „Nichts. Sein schmerzendes Herz zerriss. Nein, nein, das war alles nur ein böser Traum. Er würde gleich erwachen und seine Liebste würde hereinkommen, ihn anlächeln und sagen: Es tut mir leid, aber ich konnte nicht früher kommen, und er würde ihr antworten, er wäre so glücklich, sie wieder zu sehen, er hätte gewusst, sie würde wiederkommen. Und er würde ihre Schuhe in rosa Seidenpapier, das er schon so lange dafür bereithielt, einpacken und die Liebste dann in die Arme nehmen und ihr sagen, wie sehr er sich nach ihr gesehnt hatte und er sie nie mehr loslassen wolle. „Aber Sie haben doch diese Schuhe geflickt, und ich will Sie dafür bezahlen.“ Die weiche Stimme der alten Frau riss Enzo aus seinen schmerzlich-süßen Gedanken. Enzo riss sich zusammen. „Ihre Tochter ist so sympathisch." „Meine Tochter lebt nicht mehr.“ Doch Enzo hörte sie nicht. „Ich hätte mich gefreut, wenn Ihre Tochter selbst gekommen wäre, grüßen Sie sie wenigstens von mir.“ „Meine Tochter lebt nicht mehr“, sagte die alte Frau ein wenig lauter, „sie ist vor einem Monat an Krebs gestorben.“ „Ge…an Kre…Krebs…gestorben, nein!“
Enzo fiel auf den Stuhl und brach in Schluchzen aus. Er vergaß die Anwesenheit der alten Frau, der Botschafterin der entsetzlichsten Nachricht, die er je in seinem Leben erhalten hatte. In seinen Gedanken durchzog die ganze Zukunft, die er sich mit seiner Liebsten vorgestellt hatte. Den Kopf auf dem Arbeitstisch, seine Tränen netzten das Leder eines Männerschuhs. Eine zarte Hand berührte Enzos Schulter, und nochmals glaubte er, von einem bösen Traum zu erwachen, er drehte sich um und blickte in das traurige Gesicht über ihm. Nun wusste er, es gab keinen bösen Traum, es gab nur die böse Wirklichkeit. „Kannten Sie Virginia gut?“ Virginia hieß sie. Die Jungfräuliche. Meine Liebste, und jetzt ein Engel, dachte er. Enzo erhob sich, trocknete sein tränennasses Gesicht mit dem Ärmel seiner Arbeitsschürze. „Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen, als sie die Schuhe brachte. Sie war so schön.“ Enzo seufzte. „Ja, Enzo…ich darf Sie doch Enzo nennen?“ Er nickte mit traurigem Blick. „Sie müssen es wissen Enzo, Virginia hat mir von Ihnen erzählt. Sie hatte sich in Sie verliebt, Enzo, sie sprach tagelang nur von Ihnen. Aber sie hat mir nie gesagt, dass sie Ihnen nur ein einziges Mal begegnet ist. Sie war nie vorher in einen Mann verliebt gewesen. Sie waren der Erste und Einzige.“
Sie hatte ihn also auch geliebt. Konnte sie seine Liebe spüren? Waren sie sich doch begegnet, da draußen im Kosmos, wenn er ihre Schuhe an sich drückte? Er fühlte, wie sein Herz von einer tiefen Liebe erfüllt wurde. Es war ihm, als wären sie nie getrennt gewesen in all dieser Zeit. „Warum ist sie nicht nach einer Woche wiedergekommen?“, fragte Enzo. „Am Tag, nachdem sie die Schuhe gebracht hatte, begann ihre erste Chemotherapie, die sie sehr schlecht vertrug. Danach war sie nicht mehr dieselbe. Virginia sagte immer, sie spüre, dass der Schuhmacher an sie denkt und wollte in guter Erinnerung bleiben. Glauben Sie mir, es ist besser so.“
An diesem Tag arbeitete Enzo nicht mehr. Und auch an den folgenden Tagen nicht. Viele Tage suchte er die Einsamkeit, schloss sich zu Hause ein oder spazierte, schon früh am Morgen zum See, wo er den ganzen Tag blieb und seine Gedanken mit den Wellen ziehen ließ. Manchmal spürte er Virginias Nähe, hörte ihre Stimme und sah sie, umgeben von einem goldenen Schleier, ihm zuwinken, bevor sie im Nichts verblasste.
Und dann, eines Tages beschloss er, wieder zu arbeiten und weiter zu leben. Sein Herz wurde leicht und froh. Enzo wusste, Virginia würde ihn erwarten, wenn die Zeit für ihn gekommen war.
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Es war ein kühler, grauer Morgen, als der Mann das schwere Gittertor öffnete und über den Kiesweg lief. Wenig später kniete er nieder. Auf dem geschliffenen blauen Marmor stand in goldenen Lettern:
Virginia Regaj
1987 – 2020
Der Mann sprach leise. Nur der Wind konnte das Flüstern verstehen, er trug es weit hinauf in den Himmel, zu den Engeln.
Als der Mann gegangen war, lag eine weiße Rose auf dem Grab. An einem Blatt war, wie an einem zarten Finger, ein goldener Ring.
Auf Wiedersehen meine Liebste
Enzo