Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/826

Innovative Jungunternehmen schaffen Arbeitsplätze, tragen zur Stärkung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft bei und fördern den Strukturwandel. Dennoch treffen Start-ups bei der Finanzierung ihres Projekts regelmässig auf eine bedeutende Herausforderung. Da sie meistens keine Sachanlagen als Sicherheit hinterlegen können und ein hohes Risikoprofil aufweisen, gelangen sie nur erschwert an Fremdkapital – beispielsweise von Banken. Hinzu kommt: Der Aufbau eines tragfähigen Verhältnisses zu Finanzierungspartnern für Eigenkapital benötigt Zeit und Kompetenzen.
Die Finanzierungsengpässe sind hauptsächlich auf die Risiken, die sich aus Informationsasymmetrien zwischen Gläubigern und Schuldnern ergeben, zurückzuführen und damit auf höhere Transaktionskosten. Da es für die Gläubiger meist schwierig ist, potenziell erfolgreiche Unternehmen von weniger erfolgreichen Unternehmen zu unterscheiden, stellen sie Jungunternehmen möglicherweise weniger Geld zur Verfügung, als diese benötigen. Zudem fordern sie ein höheres Risikoentgelt.
Rolle des Staates – ein Blick ins Ausland
Ein Ansatz bei der Suche nach Fremdkapital sind beispielsweise staatliche Bürgschaften. Sie geben Gläubigern die geforderten Sicherheiten, um Finanzierungslücken zu schliessen. Gemäss der OECD[1] stellten Kreditgarantiesysteme gerade während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 in vielen Ländern die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sicher.
Neben solchen Absicherungsinstrumenten kann der Staat Jungunternehmen direkt oder indirekt mit Eigenkapitalprogrammen unterstützen. Viele OECD-Länder verfügen über solche staatlichen Eigenkapitalprogramme. Von 2007 bis 2012 haben diese als Antwort auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise in den Industrieländern zugenommen – insbesondere im Vergleich zu fiskalischen Förderinstrumenten. Den grössten Zuwachs verzeichneten die Ko-Investitionsfonds, bei denen öffentliche Gelder die privaten Investitionen ergänzen sollen: Im Jahr 2012 bewirtschafteten 21 von 32 OECD-Staaten diesen Fondstypus. Ebenfalls zugenommen haben öffentlich-private Dachfonds, welche ihrerseits in private Risikokapitalgesellschaften investieren. Solche Fonds fanden sich 2012 ebenfalls in 21 von 32 Staaten. Gleichzeitig ist die Anzahl der direktinvestierenden öffentlichen Fonds zurückgegangen, über welche 2012 nur 13 von 32 OECD-Ländern verfügten.
Allgemein kann festgestellt werden: Öffentliche Direktinvestitionen sind weniger effektiv als öffentliche Investitionen in sogenannte Ko-Investitionsfonds oder Dachfonds, welche danach streben, private Investitionen zu mobilisieren. Dabei ist jedoch darauf hinzuweisen, dass kaum Evaluationen von staatlichen Start-up-Finanzierungsprogrammen veröffentlicht werden, weshalb empirische Nachweise über deren Effektivität fehlen.
Europäischer Investitionsfonds spielt Schlüsselrolle
Der wichtigste Akteur in Europa bei der Risikokapitalfinanzierung und bei Garantien für KMU und Start-ups ist der Europäische Investitionsfonds (EIF). Seine Eigen- und Fremdkapitalinstrumente richten sich an die Finanzpartner von KMU und Start-ups – also an Banken, Finanzinstitutionen oder Fonds. So fliessen die vom EIF (beziehungsweise von den staatlichen Auftraggebern) bereitgestellten Gelder nicht direkt, sondern via Finanzvermittler an die Unternehmen.
Die Schweiz ist geografisch umgeben von EU-Staaten und daher naturgemäss im Investitionsbereich des EIF einbezogen. Insgesamt investierte der EIF in 67 Fonds, die auch die Schweiz einschliessen. Diese Fonds verfügen über ein Investitionskapital von rund 8 Milliarden Euro. Obwohl die Schweiz nicht Mitglied des EIF ist, können somit auch hierzulande ansässige Risikokapitalfonds von der Investitionstätigkeit des EIF profitieren. Weiter wurden in den letzten zehn Jahren 56 Schweizer Start-ups mit EIF-Geldern kofinanziert. Die Schweiz bildet jedoch keinen Investitionsschwerpunkt des EIF per se.
Zahlreiche Finanzierungsangebote in den Kantonen
In der Schweiz besitzen die Kantone die wirtschaftspolitische Kompetenz, Finanzierungsprogramme zugunsten von Unternehmen einzurichten. Sie bieten eine grosse Vielfalt von Finanzierungsangeboten für Unternehmen und Start-ups an. Gemäss einer Umfrage des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) bei den Kantonen existieren insgesamt 87 Finanzierungsangebote.[2] 15 Kantone verfügen über mehr als ein Angebot, wobei die Kantone Jura, Tessin und Wallis mit je 9 Programmen an der Spitze liegen. Auf der anderen Seite bieten Basel-Landschaft, Luzern, Nidwalden, Schwyz, Solothurn, St. Gallen, Thurgau und Zug kein Finanzierungsangebot an.
Die kantonalen Angebote unterscheiden sich stark. So bieten 15 Kantone beispielsweise Fremdfinanzierungsprogramme an, welche hauptsächlich Darlehen und Bürgschaften von Bankkrediten enthalten. Vier Kantone haben sogenannte Eigenkapitalangebote, bei denen sich der Kanton am Eigenkapital eines Start-ups beteiligt.
Rolle des Bundes
Auch auf Ebene des Bundes erleichtern Förderinstrumente wie das gewerbeorientierte Bürgschaftswesen, die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) und der Technologiefonds KMU und Start-ups den Zugang zu Fremdkapital.
Trotz den zahlreichen privaten und kantonalen sowie bestehenden erwähnten Finanzierungsangeboten des Bundes steht regelmässig die Forderung nach einem Finanzierungsinstrument des Bundes zur Unterstützung von Start-ups im Raum. Ein entsprechendes Postulat des Waadtländer FDP-Nationalrats Fathi Derder ist beispielsweise beim Bundesrat hängig.[3] In seiner Antwort wird der Bundesrat im Rahmen der Analyse von rasch wachsenden, jungen Unternehmen auch die Frage eines öffentlichen Finanzierungsprogramms des Bundes eingehend prüfen. Der Bericht wird voraussichtlich im Frühjahr 2017 veröffentlicht.
Gleichzeitig streben die zuständigen Bundesstellen aktiv nach weiteren privatwirtschaftlichen Lösungen. Bundesrat und Parlament haben 2014 eine Motion des Luzerner CVP-Ständerats Konrad Graber mit dem Titel «Langfristanlagen von Pensionskassen in zukunftsträchtige Technologien und Schaffung eines Zukunftsfonds Schweiz» angenommen.[4] In einem in diesem Kontext vom Seco organisierten Workshop fanden im Juni 2015 erstmalig Gespräche zwischen der sogenannten Risikokapitalindustrie und den Vorsorgeeinrichtungen statt. Dabei wurden Abklärungen getroffen, und Fondsanbieter hatten die Möglichkeit, direkt mit potenziellen Nachfragern Gespräche zu führen.
Im Oktober 2016 unterzeichneten die Akteure nach einem Spitzentreffen[5] auf Einladung der Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) und des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) eine gemeinsame Erklärung, dass sie den Risikokapitalmarkt und damit die Finanzierungsmöglichkeiten mittels grösserer Risikokapitalfonds für rasch wachsende Jungunternehmen in der Schweiz weiterentwickeln und stärken wollen: Insbesondere sollen Risikokapitalfonds mit grösseren Volumina für institutionelle Anbieter, einschliesslich Pensionskassen, zur Verfügung stehen. Im nächsten Jahr soll die Informationslage mit einer weiteren Veranstaltung, organisiert durch das Bundesamt für Sozialversicherungen, verbessert werden.
Gutes Gesamtbild – Handlungsbedarf im Einzelnen
Die Schweiz ist im internationalen Vergleich überdurchschnittlich von rasch wachsenden Jungunternehmen und bestehenden Unternehmen geprägt.[6] Trotz dieses im Allgemeinen positiven Bildes darf nicht verkannt werden, dass in einzelnen Bereichen, wie beispielsweise bei den Steuern, Handlungsbedarf besteht.
Auch hinsichtlich der Start-up-Finanzierung gibt es Verbesserungspotenzial, das insbesondere durch die erwähnten Massnahmen im Rahmen der Motion Graber gehoben werden soll. Ein stetes schrittweises Vorgehen, abgestimmt mit den betroffenen und interessierten Kreisen, ist auch in diesem Bereich der Königsweg.
- OECD (2013): Financing SMEs and Entrepreneurs, an OECD Scoreboard.
- Stand 1. Februar 2016
- Postulat 13.4237: Für eine bessere Entwicklung innovativer Jungunternehmen.
- Motion 13.4184.
- Am Treffen nahmen u. a. auch der Schweizerische Pensionskassenverband (ASIP), die Schweizerische Bankiervereinigung Swissbanking, der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) sowie Venture-Capital-Unternehmen teil.
- Zur Studie im Auftrag des Seco siehe den Beitrag von Michael Mattmann und Felix Walter (Ecoplan) in dieser Ausgabe.