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Thomas Jordan hat die Diskussion zwar nicht erfunden, doch weil er als Präsident der Schweizerischen Nationalbank nun mal der «Herr der Zinsen» ist, wird eine seiner Aussagen immer wieder zitiert: «Für den globalen Rückgang der Realzinsen gibt es verschiedene Gründe. Vereinfacht ausgedrückt spielt einerseits die demografische Entwicklung eine wichtige Rolle, weil eine alternde Bevölkerung aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung tendenziell mehr spart.»
Simon Schmid hat diese vage Andeutung in einem längeren Text für die Online-Zeitung «Republik» wie folgt ausgedeutscht: «Die höhere Lebenserwartung hat die Sparneigung zusätzlich verschärft. Wer seinen Lebensunterhalt fast ein Vierteljahrhundert über die Pensionierung hinaus finanzieren muss, handelt anders als jemand, der nur halb so lang von der Rente und dem Ersparten leben muss. Der Effekt auf die Zinsen ist wie gehabt: Sie werden durch das enorme Sparangebot nach unten gedrückt.»
Höhere Lebenserwartung erhöht den Spardruck
Machen wir es mit einem kleinen Rechenbeispiel noch deutlicher: Als das BVG 1985 eingeführt wurde, betrug die mittlere Lebenserwartung nach der Pensionierung noch 19 Jahre. Man musste also mit dem Einkommen von 45 Arbeitsjahren insgesamt 64 Lebensjahre finanzieren. Um das Einkommen gleichmässig auf die Lebensjahre zu verteilen, musste man also – Dreisatz – jedes Jahr 30% des Einkommens zur Seite legen. Falls man ab 65 – von der Last der Kinder befreit – 20% weniger Einkommen braucht, reduziert sich der Sparbedarf auf 25% des Einkommens.
Wenn nun aber die Lebenserwartung nach der Pensionierung – wie Schmid sagt – auf 25 Jahre steigt, muss man mit weiterhin 45 Arbeitsjahren 70 Lebensjahre finanzieren. Unter der unveränderten Annahme eines um 20% niedrigeren Bedarfs im Rentenalter errechnet sich jetzt eine zur Finanzierung der Rente nötige Sparquote von 31%. So viel muss man in den aktiven Jahren zur Seite legen, um die Kaufkraft gleichmässig auf die Lebensjahre verteilen zu können.
Individuelle Logik des Alterssparens nicht übertragbar auf Gesamtwirtschaft
Das ist genau das, was Jordan meint, wenn er behauptet, dass eine alternde Bevölkerung einen höheren Sparbedarf hat: Die Aktiven müssen mehr auf die hohe Kante legen, damit sie nach 65 noch genug zum Leben haben. So weit, so logisch. Das Problem dabei ist allerdings, dass der individuelle Sparbedarf jedes Einzelnen einer ganz anderen Logik gehorcht, als der Investitionsbedarf der ganzen Wirtschaft. Dieser hängt nämlich nicht vom Anteil der Alten ab, sondern allein von der Nachfrage und vom Stand der Technologie. Aktuell muss die Schweiz bloss 21% (und nicht 31%) des BIP aufwenden, um den Kapitalstock zu erhalten, der nötig ist, um den – zum grossen Teil aus Dienstleistungen bestehenden – Konsumbedarf zu decken. (Und darüber hinaus noch einen Exportüberschuss von rund 10% des BIP zu produzieren.)
Kommt hinzu, dass die Unternehmen und der Staat seit Jahren ihre Investitionen aus dem laufenden Einkommen selbst finanzieren können. Anders gesagt: Die Privathaushalte haben alle Investitionen bereits über die Preise der Konsumgüter bzw. mit den Steuern bezahlt. Volkswirtschaftlich gesehen sind die Ersparnisse aus der Altersvorsorge nicht nur so überflüssig wie ein Kropf, sondern auch noch schädlich: Je mehr gespart wird, desto weniger wird konsumiert, und desto weniger muss oder kann investiert werden. Das ist ein Teufelskreis, der – wie Jordan und Schmid beide richtig bemerkt haben – die Zinsen nach unten drückt.
Schuld daran ist aber nicht die Überalterung an sich, sondern bloss der Versuch, die individuelle Logik des Alterssparens mit Hilfe eines Kapitaldeckungsverfahrens auf die ganze Wirtschaft zu übertragen. Das geht einfach nicht. Und wenn man, wie das unter vielen anderen der Finanzprofessor Erwin Heri in einem Interview mit «Watson» fordert, die sinkenden Zinsen auf den BVG-Guthaben mit zusätzlichen, steuerlich privilegierten Spareinlagen kompensieren will, wird das Überangebot an Ersparnissen nur noch grotesker.
Auf den Sparguthaben sitzen primär die Reichsten
Nun sind aber sinkende oder gar negative Zinsen ein weltweites Phänomen, das auch Länder betrifft, die nicht den Fehler begehen, die Altersrenten mit einer kapitalgedeckten 2. Säule zu finanzieren. Simon Schmid liefert deshalb eine generelle Erklärung der sinkenden Zinsen: Seit 1975 ist der Anteil der 25- bis 70-Jährigen in den Industrieländern von 50 auf 60% gestiegen. «In dieser Phase verdienen Menschen typischerweise mehr Geld, als sie ausgeben – und bringen dieses deshalb zur Bank oder legen es in Wertpapieren an. Besonders zwischen dem 50. und dem 60. Lebensjahr ist die Sparneigung erfahrungsgemäss sehr hoch.» Deshalb, so Schmid weiter, «hat sich über die letzten Jahrzehnte eine Welle an Spargeldern aufgetürmt. Daran, dass irgendwer diese Gelder auch investieren und damit eine Rendite erzielen muss, haben die Babyboomer aber nicht gedacht. So sitzt diese Generation nun auf ihrem Sparguthaben – und realisiert, dass dieses viel weniger wert ist als gedacht.»
Richtig daran ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten wirklich eine Welle an Spargeldern aufgetürmt hat. Ferner trifft es zu, dass gleichzeitig der Anteil der Babyboomer an der Gesamtbevölkerung zunahm. Dass letzteres die Ursache von ersterem sein soll, ist jedoch unzutreffend. Vielmehr liegt die Ursache darin, dass die Ungleichheit der Einkommen seit einigen Jahrzehnten stark zugenommen hat. Auf den Sparguthaben sitzt nicht eine ganze Generation – wie Schmid schreibt – sondern im Wesentlichen bloss die reichsten 20% dieser Generation.
In der Schweiz und in Deutschland kassiert dieses reichste Fünftel rund 50% aller Einkommen vor und etwa 40% nach Steuern. In anderen Industrieländern sind die Einkommensunterschiede noch krasser. Beim Konsum ist die Diskrepanz naturgemäss viel geringer. Die Reichen, vor allem das reichste Prozent, kann unmöglich so viel ausgeben, wie es einnimmt. Das ärmste Drittel könnte von dem wenigen, was es verdient, nicht überleben, und sich auch keine Kinder leisten, was wiederum die Überalterung erklärt.
AHV ausbauen statt individuell fürs Alter sparen
Damit das ganze System nicht zusammenbricht, verschuldet sich Staat bei den Reichen und gibt das Geld an das ärmere Drittel weiter. Die Reichen sitzen so auf immer grösseren Finanzguthaben, die sie nicht real investieren können, weil dazu schlicht die Nachfrage fehlt. Sie fehlt erst recht, wenn diese Reichen für ihr Sparen noch steuerlich belohnt werden.
Die logische Schlussfolgerung aus diesen Überlegungen wäre, dass wir die Altersvorsorge wieder organisieren müssen wie einst – vor der Erfindung des Geldes. Damals musste man für seine alten und kranken Tage auch keine Essensvorräte anlegen, sondern man wurde von den Jungen und Aktiven durchgefüttert. Übertragen auf die moderne Zeit heisst das: «Umlageverfahren» oder Ausbau der AHV. Das hätte nebenbei auch den Vorteil, dass damit auch die Ungleichheit abgebaut würde. Zudem würde der mittlerweile auf über 1000 Mrd. Franken angewachsene Kapitalstock der 2. Säule zumindest nicht mehr ganz so schnell aufgebläht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.