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| Athanasius (295-373) - Vier Briefe an Serapion v. Thmuis (Epistulae ad Serapion)

Erster Brief
20.
Da nun in der heiligen Trinität solcher Zusammenhang und solche Einheit waltet, wer dürfte da den Sohn vom Vater oder den Geist vom Sohne oder auch vom Vater trennen? Oder wer ist so verwegen, daß er behaupten möchte, die Trinität sei in sich selbst ungleichen Wesens und verschiedener Natur, oder der Sohn besitze eine andere Wesenheit als der Vater, oder der Geist sei dem Sohne wesensfremd? Wie ist das aber möglich, könnte vielleicht wieder jemand forschen und fragen? Wie kann man sagen, wenn der Geist in uns ist, so ist der Sohn in uns, und wie kann man sagen, wenn der Sohn in uns ist, so ist der Vater in uns, oder wie kann überhaupt, da eine Trinität existiert, dieselbe in einem Gliede bezeichnet werden, oder wie kann man sagen, wenn einer in uns ist, daß die Trinität in uns sei? Ein solcher trenne zuerst den Glanz vom Lichte und die Weisheit vom Weisen, oder sage, wie das möglich sei. Wenn er aber das nicht kann, so ist es eine noch viel größere Dreistigkeit wahnsinniger Menschen, solches über die Gottheit ergründen zu wollen. Denn die Gottheit wird, wie gesagt ist, nicht durch einen Wortbeweis überliefert, sondern durch den Glauben und durch frommes, ehrfürchtiges Nachdenken. Wenn nämlich Paulus die Bürgschaft vom heilbringenden Kreuz „nicht mit Weisheitsworten, sondern mit der Beweisführung des Geistes und der Kraft"1 verkündete, und „im Paradiese unaussprechliche Worte hörte, die keinem Menschen auszusprechen vergönnt ist"2, wer kann dann über die heilige Trinität selbst reden? Trotzdem wird man diesem Mangel abhelfen können, in erster Linie durch den Glauben, dann aber auch durch die angeführten Beispiele, nämlich des Ebenbildes, des Abglanzes, der Quelle und des Flusses, des Wesens und des Abdrucks. Denn wie der Sohn im Geist als seinem Ebenbilde ist, so ist auch der Vater im Sohn. Um nämlich unserem Unvermögen, das durch Worte zu erklären und es zu begreifen, entgegenzukommen, hat uns die göttliche Schrift diese Beispiele gegeben, damit wir auf [S. 432] diese Weise wegen des Unglaubens der Verwegenen darüber einfacher und ohne Gefahr reden und mit dem Recht auf Nachsicht erkennen und glauben können, daß die Heiligung eine einzige ist, die aus dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geiste kommt. Denn wie der Sohn eingeboren ist, so ist auch der Geist, der vom Sohne gegeben und gesandt wird, gleichfalls einer und nicht viele, auch nicht einer aus vielen, sondern einzig selbst Geist. Wenn nämlich der Sohn, das lebendige Wort, einer ist, dann muß auch seine vollkommene und volle, heilige und erleuchtende, lebendige Wirksamkeit und Gabe eine sein, von der gesagt ist, daß sie vom Vater ausgeht, weil sie aus dem Logos, der nach aller Zugeständnis aus dem Vater ist, hervorstrahlt, gesendet und gegeben wird. Der Sohn wird tatsächlich vom Vater gesendet; denn „so", heißt es, „hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn sandte"3. Der Sohn aber sendet den Geist; denn er sagt: „Wenn ich hingehe, werde ich den Tröster senden"4. Der Sohn verherrlicht den Vater, da er sagt: „Vater, ich habe dich verherrlicht"5. Der Geist aber verherrlicht den Sohn; denn „jener", sagt letzterer, „wird mich verherrlichen"6. Der Sohn spricht ferner: „Was ich vom Vater gehört habe, das rede ich auch zur Welt"7. Der Geist aber nimmt vom Sohne; denn „von dem Meinigen", sagt er, „wird er nehmen und euch verkünden"8. Der Sohn ist im Namen des Vaters gekommen; der Sohn sagt aber: „Der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird"9.
1: 1 Kor. 2,4; vgl. 1,17.
2: 2 Kor. 12,4.
3: Joh. 3,16.
4: Joh. 16,7.
5: Joh. 17,4.
6: Joh. 16,14.
7: Joh. 8,26.
8: Joh. 16,14.
9: Joh. 14,26.