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Das Moos Sanionia uncinata könnte eventuell als Indikatorart für Klimaveränderungen im Norden der Antarktischen Halbinsel dienen. Ein Wissenschaftsteam fand zahlreiche Sporophyten des Mooses, die in der Antarktis normalerweise sehr selten und nur bei geschlechtlicher Vermehrung auftreten.
Ein brasilianisches Forschungsteam unter der Leitung von Professor Filipe de Carvalho Victoria, Koordinator des Forschungszentrums für antarktische Vegetation an der Federal University of Pampa, machte in den vergangenen beiden antarktischen Sommern, 2021/2022 und 2022/2023, eine sehr seltene Entdeckung auf King George Island.
In seinem Artikel, der sich momentan im Druck befindet und in Polar Science erscheinen wird, berichtet das Team von einer großen Anzahl an Sporophyten der Moosart Sanionia uncinata, die sie an acht verschiedenen Standorten auf der Insel fanden. Sporophyten von Moosen sind winzige gestielte Sporenkapseln, die sich ausschließlich bei der sexuellen Vermehrung bilden und aus den einzelnen Moospflänzchen herauswachsen.
In der Antarktis vermehrt sich S. uncinata vor allem vegetativ durch Knospung und wurde nur sehr selten bei der geschlechtlichen Fortpflanzung beobachtet, wie Professor Victoria gegenüber PolarJournal erklärte. «In der Antarktis breitet sie sich stark aus und bildet riesige grüne Teppiche, wahrscheinlich durch klonales Wachstum. Wie wir jedoch in unserer jüngsten Arbeit festgestellt haben, wurde in den letzten zwei Jahren ein massives Auftreten von Sporophyten beobachtet, was darauf hindeutet, dass sie zumindest in den letzten Jahren verstärkt auf sexuelle Fortpflanzung setzt», schreibt er in einer Email an PolarJournal.
Professor Victoria erklärt weiter, dass das vermehrte Auftreten von Sporophyten «Auswirkungen auf das Verständnis haben könnte, wie sich der Klimawandel auf die Physiologie der polaren Pflanzen auswirkt, und so kann für die Zukunft beispielsweise über die Begrünung der Antarktis spekuliert werden, allerdings mit Veränderungen im Verhalten und in der Biologie dieser Arten.»
Auch wenn das Team noch keine Belege dafür hat, vermuten die Forschenden, dass die rasche regionale Erwärmung nahe der Antarktischen Halbinsel für die vermehrte Ausbildung von Sporophyten verantwortlich ist. S. uncinata bevorzugt wassergesättigte Bereiche und ist häufig nahe Flussufern und Schmelzwasserbächen zu finden. Veränderungen im Mikroklima, wie höhere Lufttemperaturen können die Frost-Tau-Zyklen beeinflussen und zu mehr eisfreien Flächen und somit neuem Lebensraum für Moose führen. Die Nähe zu Schmelzwasserabflüssen in Bergregionen und zu Küsten scheint die Sporophyten-Bildung zu begünstigen und selbst kleinräumig auftretende Klimaveränderungen könnten zu einer häufigeren sexuellen Vermehrung führen, so das Autorenteam.
Sollte es einen Zusammenhang geben zwischen den veränderten klimatischen Bedingungen und dem Auftreten von Sporophyten, könnte S. uncinata als Indikatorart für den Klimawandel in der Region fungieren.
Moose im Allgemeinen — unscheinbar als Einzelpflanze und auch als leuchtend grüner Teppich von den meisten Nicht-Botanikern wohl eher nur am Rande wahrgenommen — nehmen eine wichtige ökologische Rolle im Wasser- und Nährstoffkreislauf ein, insbesondere in den Polargebieten, wo flüssiges Wasser rar ist. Die in der Studie untersuchte Moosart ist in der Lage, über seine gesamte Oberfläche Wasser und Nährstoffe aufzunehmen und wieder abzugeben, wovon andere Organismen profitieren.
S. uncinata ist Professor Victoria zufolge eine Moosart, die sowohl im äußersten Süden als auch im äußersten Norden des Planeten natürlicherweise vorkommt. Auf der Nordhalbkugel ist sie in Europa, Nordamerika und Grönland zu finden.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Maria Victória Magalhães de Vargas et al. Occurrence of Sanionia uncinata sporophytes on King George island, Antarctica: Exploring possible links to climate change. Polar Science, 2023, 101042. doi.org/10.1016/j.polar.2023.101042