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Impfungen: zwischen Pflicht und Freiheit
Was ist wichtiger: die freie Impfentscheidung oder eine öffentliche Gesundheitsstrategie, die auch die Schwächsten vor ansteckenden Krankheiten schützt?
Foto: Nevit Dilmen, Licence Creative Commons
In den meisten Ländern besteht keine Impfpflicht; stattdessen geben die Behörden bevorzugt Impfempfehlungen und informieren die Öffentlichkeit über die Gefahren der Infektionskrankheiten. Wenn sich immer mehr Menschen nicht impfen lassen, hat der Staat dann das Recht, einzugreifen und eine Impfpflicht einzuführen? Wie weit reicht die Entscheidungsfreiheit der Bürger, wenn es nicht nur um ihre eigene, sondern auch um die Gesundheit ihrer Mitbürger geht? Und in welchem Mass kann der Staat bei Fragen eingreifen, die das Privatleben der Bürgerinnen und Bürger berühren? Das Problem ist aktuell. Frankreich, Italien und einige östliche Länder haben die Impfpflicht eingeführt, um eine bessere Durchimpfungsrate zu erreichen und die Ausbreitung bestimmter Infektionskrankheiten einzudämmen. Kinder werden ohne bestimmte Impfungen nicht in die Schule aufgenommen. Auch in der Schweiz taucht die Debatte bei jeder neuen Masern-Epidemie wieder auf.
Angst und Geborgenheit
Es ist ein Teufelskreis: Wenn eine Krankheit sich innerhalb einer Bevölkerung ausbreitet, haben die Leute Angst und alle rennen, um sich mit einer Impfung zu schützen. Die dann folgende geringere Ausbreitung des Krankheitskeims, die dank einer hohen Durchimpfungsrate erreicht wird, lässt uns die Gefahr dieser Krankheit vergessen, und wir meinen, dass die Impfung keinen Nutzen mehr hat. In dieser Phase ist die Durchimpfungsrate der Bevölkerung geringer und der Staat lanciert angesichts des erhöhten Risikos, dass besiegt geglaubte Krankheiten wieder auftreten, neue Informationskampagnen. Wenn Informationen nicht ausreichen, «verpflichten» einige Staaten die Menschen dazu, sich impfen zu lassen. Diese Entscheidung ergibt sich daraus, dass die Impfung zugleich eine individuelle Handlung und eine Frage der öffentlichen Gesundheit ist. Natürlich wird niemand mit Gewalt geimpft! Die Verpflichtung bedeutet meistens, dass die Nichtimpfung mit dem Verlust bestimmter Vorteile verbunden ist (wie in die Krippe oder die kostenlose öffentliche Schule gehen zu können).
Öffentlichen Gesundheit
Das Konzept der «öffentlichen Gesundheit» spricht sicherlich für diese Verpflichtung. Die Verpflichtung ist nicht nur ein Zwang, sondern auch eine starke Botschaft: Denken Sie daran, dass Impfungen sehr wichtig für uns, für unsere Kinder und für die Gesellschaft insgesamt sind. Wenn der Staat eine Handlung verpflichtend macht, bedeutet das, dass die Handlung von grundlegender Bedeutung ist. Es ist zum Beispiel vorgeschrieben, an einer roten Ampel anzuhalten, um nicht sein eigenes Leben und das Leben Anderer zu gefährden. Im Bereich der Impfungen sind die Dinge jedoch nicht so einfach. Das Injizieren einer Substanz in einen gesunden Körper wird anders wahrgenommen als das Einnehmen eines Aspirins gegen Fieber oder das Anhalten an einer roten Ampel. Experten wissen es: Wenn ein wissenschaftliches Thema zum Diskussionsthema wird, fliessen sofort Elemente ein, die über das Rationale hinausgehen. Imaginäre Wahrnehmungen, unterschiedliche Kulturen und Überzeugungen sind dann genauso wichtig wie wissenschaftliche Daten. Sie können nicht mit einer einfachen Informationskampagne vom Tisch gewischt werden.
Zwang oder Verantwortung
Mit anderen Worten: Die Kenntnisse und Entscheidungen der Öffentlichkeit ergeben sich immer aus einem komplexen Gewebe von Vorurteilen, imaginären Wahrnehmungen und realen Daten. Aus diesem Grund findet die Impfung nur mit Mühe aus diesem gewundenen Labyrinth heraus. Hierauf beruhen die Argumente gegen die Impfpflicht, und die Fakten bestätigen die Theorie: In Italien und Frankreich hat die Impfpflicht die Gegenpositionen radikalisiert und neue Protestargumente begünstigt. Gleichzeitig steigen jedoch die Impfraten – was einen Meinungswandel bei denjenigen zeigt, die gezögert haben und sich dann für eine Impfung entscheiden.
In der Schweiz gibt es zurzeit keine Verpflichtung, sich impfen zu lassen. Die Behörden haben sich für das ethische Prinzip der Selbstbestimmung entschieden und sind sich dabei bewusst, dass die Bürger dadurch eine grössere Wahlfreiheit und mehr Verantwortung erhalten. Jenseits der lebhaften Diskussionen ist vielleicht Folgendes interessanter: Die Durchimpfungsrate ist in den Ländern, in denen eine Impfpflicht für die Bürger besteht, nicht viel höher als in unserem Land. Soweit es möglich ist, scheint die solidarische Verantwortung jedes Bürgers in einem Klima des Vertrauens und der Transparenz das bessere Argument zu sein
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