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Das Schweizer Kohledreieck
Adrià Budry Carbó und Robert Bachmann, 7. November 2022
Als Marc Rich & Co. 1990 bei Xstrata einsteigt, heisst das Unternehmen noch Südelektra und ist auf die Finanzierung von grossen Infrastruktur- und Stromprojekten in Lateinamerika spezialisiert. Unter der Leitung ihres neuen Mehrheitsaktionärs nutzt das Unternehmen seine Börsennotierung, um für Marc Rich & Co. Geld zu beschaffen, und beginnt so seine Diversifizierung im Bergbausektor3.
Zur gleichen Zeit wird Ivan Glasenberg zum Leiter der Kohle-Abteilung von Marc Rich & Co. ernannt, die 1994 in Glencore umbenannt werden sollte. Für Marc Rich besteht kein Zweifel daran, dass Ivan «der Richtige ist, um Glencore auf die nächste Stufe zu heben»4. Ab 1998 bringt Ivan das Unternehmen dazu, sich für den Kauf von Kohleminen zu verschulden. Die Rohstoffpreise sind zu diesem Zeitpunkt auf einem Tiefststand und stehen kurz vor einem «Superzyklus» – einer anhaltenden Periode mit steigender Nachfrage, die das Angebot übersteigt – der die Branche begünstigen würde. Die Rechnung geht auf. Glencore, bisher ein reiner Händler, verschafft sich einen sicheren Zugang zu Dutzenden Millionen Tonnen Kohle sowie die Möglichkeit, den Preis zu beeinflussen, indem der Konzern die eigene Produktion des Rohstoffs steuert. Im Jahr 2000 ist Glencore der weltweit grösste Exporteur von Kraftwerkskohle, auf den ein Sechstel des Welthandels entfällt5.
Doch das Leben dieser Unternehmen ist nicht immer einfach. Als Glencore im Jahr 2002 dringend Geld braucht, entwickelt das Management in Zug einen Plan, der auf einen Schlag zwei Kohleriesen erschaffen sollte. Die in London und Zürich notierte Xstrata verkauft Aktien im Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar, um die australischen und südafrikanischen Kohleminen von Glencore aufzukaufen. Der ehemalige Konzern von Marc Rich spezialisiert sich wieder auf den Handel mit Kohle, die nun von Xstrata produziert wird, wo Glencore mit 39% auch der grösste Anteilseigner ist. Glencore behält sein Imperium und Zug seine Rolle als Plattform für Kohle.
Im Jahr 2013 wird Xstrata schliesslich von Glencore geschluckt. Glencore hatte die Operation finanziert, indem das Unternehmen zwei Jahre zuvor sein Kapital an der Londoner Börse öffnete. Der von Ivan Glasenberg geführte Konzern ist nun der unangefochtene Spitzenreiter im Kohlegeschäft. Er ist so einflussreich, dass er andere Unternehmen anzieht und bei kleineren Händlern Interesse an einem Markt weckt, den man für tot und (fast) begraben gehalten hatte.
Schon Anfang der 2000er-Jahre hatten die meisten internationalen Bergbaukonzerne ihren Handelszweig und/oder Sitz in Zug, Lugano oder Genf errichtet.
Um sie herum tummeln sich nun Dutzende von Händlern, die sich auf den Verkauf eines plötzlich global gewordenen Rohstoffs spezialisieren. Die Schweiz wird zur Drehscheibe des internationalen Kohlehandels.
Laut der Zählung von Public Eye gibt es in der Schweiz derzeit 245 Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind, um Kohle zu vermarkten, die in unternehmenseigenen Minen abgebaut, auf dem Markt gekauft oder in ausserbörslichen Geschäften gehandelt wird; oder aber, um Finanzdienstleistungen im Zusammenhang mit Kohle oder Kohlederivaten zu erbringen. In Zug sind es 54 Unternehmen, im Tessin 55 und in Genf 78.
- Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seiten 43 bis 71.
- Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 182.
- Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 190.
- Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 183.
- Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seiten 186-187.