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Der letzte noch lebende Enkel des Ölbarons John D. Rockefeller feiert heute seinen 100. Geburtstag. Als Chef der Chase Manhattan Bank war er einst einer der mächtigsten Manager der Welt. Sehr enge Beziehungen hatte er auch zu einigen Schweizer Bankiers.
In seiner Funktion als Bankchef beriet David Rockefeller (Bild) zahlreiche US-Präsidenten sowie Politiker aus vielen anderen Ländern. Zeitweilig war die Chase Manhattan Bank das grösste Finanzinstitut der Welt.
Regelmässig reiste Rockefeller auch in die Schweiz, wo er in den 1960er-Jahren sogar über die Gründung einer gemeinsamen Investmentbank mit der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft (heute UBS) verhandelte. Diese besass nach der Regelung der Interhandel-Affäre mit den USA enorme Mengen an freiem Kapital. Allerdings kam dieses Vorhaben, bei dem auch deutsche Geldhäuser beteiligt gewesen wären, nie zustande.
Milliardär, Philanthrop, Kunstliebhaber
Rockefeller war 56 Jahre mit Margaret «Peggy» McGrath verheiratet. Sie verstarb 1996. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Sein Vermögen wird auf rund 3 Milliarden Dollar geschätzt. Rockefeller lebt heute hauptsächlich in Westchester County, hat auch Wohnsitze in Manhattan, Columbia County, NY, sowie in Maine.
Er ist seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Philanthrop und Kunstliebhaber. Zu seinem heutigen (12. Juni) 100. Geburtstag hat er einer gemeinnützigen Organisation ein riesiges Landstück geschenkt, das an einen Nationalpark angrenzt.
finews.ch-Mitgründer Claude Baumann (Bild oben) führte 2008 ein Interview mit Rockefeller, anlässlich des Erscheinens seiner Biographie «Erinnerungen eines Weltbankiers». Auszüge des Interviews erschienen seinerzeit in der «Weltwoche», nachstehend sind einige Passagen daraus.
Herr Rockefeller, Ihr Name steht für Reichtum und Macht. Haben Sie sich jemals gewünscht, anders zu heissen?
Nein, ich bin zufrieden mit meinem Namen. Ich habe ihn nie als Last empfunden, eher als göttlichen Segen, um das Vermächtnis meiner Familie fortzuführen.
Ihr Grossvater John D. Rockefeller schaffte es vom Büroangestellten, der fünf Dollar pro Woche verdiente, zum Ölmagnaten und reichsten Mann der Welt. In der Öffentlichkeit war er jedoch grösstenteils verhasst. Er galt als habgierig und skrupellos. Wie haben Sie ihn erlebt?
Die Leute sind immer überrascht, wenn ich ihnen sage, dass ich eine behagliche Beziehung zu meinem Grossvater hatte. Ja, behaglich ist der richtige Ausdruck dafür. Aus meiner Perspektive war er ein liebevoller, wenn auch gestrenger Grossvater, der mich Anstand lehrte.
«Er schenkte uns manchmal ein funkelnagelneues Zehn-Cent-Stück»
Ich erinnere mich, wie er mir manchmal ein funkelnagelneues Zehn-Cent-Stück schenkte. Damit wollte er uns Enkelkindern nicht nur den Umgang mit Geld beibringen, sondern auch die Wertschätzung kleiner Dinge. Er verlangte auch, dass wir Buch über unsere Ausgaben führten. So lernten wir, Verantwortung zu tragen.
Wann wurden Sie sich bewusst, dass ein Rockefeller etwas Besonderes ist?
Meine Geschwister und ich spürten schon, dass wir einer ungewöhnlichen, ja aussergewöhnlichen Familie angehörten. Unsere Eltern bemühten sich, uns mit den Realitäten vertraut zu machen, in denen wir dereinst als Erben leben würden. Dazu gehörte die «Kunst des Gebens».
«Das war eine andere Zeit»
Mein Grossvater hat sein Leben lang zehn Prozent dessen gespendet, was er sich selbst zubilligte. Der Name Rockefeller steht somit auch für Mäzenatentum.
Zur reichsten Familie der Welt wurde der Rockefeller-Clan durch Öl und angeblich auch durch kriminelle Machenschaften – bis hin zu Mord.
Das war eine andere Zeit, ohne die vielen Gesetze, die den Wettbewerb heute regeln. Zugegeben, der Konkurrenzkampf war unerbittlich. Doch mein Grossvater und seine Partner waren höchstens im Sinne der damals üblichen Geschäftsgebaren schuldig. Alle weiteren Anschuldigungen sind absolute Erfindungen.
Tatsache ist, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft Ihres Grossvaters, Standard Oil, alle Konkurrenten ausgeschaltet hatte und die gesamte Ölindustrie der Vereinigten Staaten kontrollierte. Robert La Follette, der mächtige Gouverneur von Wisconsin, bezeichnete Ihren Grossvater damals als den «grössten Kriminellen seiner Zeit». Wie denken Sie darüber?
Das Unternehmen Standard Oil war ein Vorreiter in der Wirtschaftswelt, ein neues, noch unerforschtes Konglomerat. Klar ging es da manchmal wie im Wilden Westen zu und her. 1911 löste der Oberste Gerichtshof den Konzern nach einem unerbittlichen Rechtsstreit auf.
«Mein Bruder Winthrop litt sehr unter der Bürde der Familie»
Damit wurde das industrielle Monopol gebrochen. Mein Grossvater musste als Sündenbock herhalten.
Wurden Sie als junger Mensch gezielt darauf vorbereitet, dereinst das Familienerbe zu übernehmen?
Nein, aber viele Türen standen mir offen. Für mich war das eher eine Chance als eine Last. Mein Bruder Winthrop dagegen litt zeit seines Lebens unter der Bürde der Familie und verfiel zeitweise dem Alkoholismus.
Erst später, nach der Beerdigung meines Grossvaters, erfuhr ich, dass ich sein Lieblingsenkel gewesen war. Ich studierte in Harvard, in Chicago und an der London School of Economics.
Nach Ihrem Ökonomiestudium und dem Militärdienst heuerten Sie 1946 bei der Chase National Bank (später: Chase Manhattan) in New York an. Was gab den Ausschlag, ins Geldgewerbe einzusteigen?
Mein Onkel Winthrop Aldrich leitete damals die Chase. Eines Tages sagte er mir: «David, ich möchte Dich bei uns beschäftigen.» Natürlich hätte ich auch eine akademische Karriere einschlagen können, doch die Finanzwelt interessierte mich.
«Unweit des Kremls haben wir im Jahr 1973 eine Bankfiliale eröffnet»
Ausserdem erhoffte ich mir, in der Welt herumreisen zu können, weil die Chase ihre internationale Präsenz ausbauen wollte. Schliesslich blieb ich der Bank 36 Jahre treu.
Mit der Zeit machten Sie sich einen Ruf als Weltbankier, und die Chase war so etwas wie der Aussenposten der amerikanischen Wirtschaft. Man könnte auch sagen, sie war mehr als nur eine gewöhnliche Bank.
Ich baute das weltweite Filialnetz sukzessive aus. Das lief in manchen Ländern nicht ohne Vermittlung der US-Regierung. Während meiner Zeit für die Chase unterhielten wir Geschäftsaktivitäten in siebzig Ländern. Wir waren das erste US-Institut, das 1973 unweit des Kremls eine Bank eröffnen konnte.
«Zahlreiche Kritiker ignorieren meine aktive internationale Rolle»
Natürlich hat man mir oft vorgeworfen, Teil einer Gruppe internationaler Banker und Kapitalisten zu sein, welche die Weltwirtschaft kontrolliert. Auf Grund meines Namens und meiner Prominenz galt ich sogar als Kopf einer solchen Verschwörung. Doch das trifft nicht zu.
Die Kritiker ignorieren meine aktive internationale Rolle, die zum globalen Handel, zu grundlegenden Verbesserungen in vielen Gesellschaften und zu einem engeren Zusammenwirken der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen beigetragen hat.
Welche Beziehung hatten Sie zum Schweizer Finanzplatz?
Die Chase besass nie eine eigene Niederlassung in der Schweiz, aber ich kam oft hierher. Wir hatten ein Netz von Korrespondenzbanken. Das verband mich beispielsweise mit Hans J. Bär. Oft wenn ich in der Schweiz war, kümmerte er sich rührend um mich.
«Es gab diesen Plan, gemeinsam mit der SBG eine Investmentbank zu gründen»
Die Schweizer Banker waren sehr angesehene Leute, immer kompetent, fleissig und zuverlässig. Weil es mir meine Gastgeber besonders recht machen wollten, gab es zum Essen häufig Geschnetzeltes mit Rösti. Mit der Zeit hatte ich mehr als genug davon.
In den 1960er-Jahren gab es einen Plan, zusammen mit der Schweizerischen Bankgesellschaft, der Deutschen Bank und anderen Häusern eine Investmentbank zu gründen. Ich traf mich mit Alfred Schaefer, dem obersten Mann der SBG. Ein beeindruckender Mensch, prinzipientreu wie nur wenige andere. Das Projekt kam jedoch nie zustande.
Kannten Sie noch andere Schweizer Bankiers?
Ich hatte eine enge Beziehung zu Nationalbankpräsident Fritz Leutwiler. Ich erinnere mich, wie ich ihn einmal in Amsterdam traf. Er kam gerade aus Moskau, wo er Alexei Kosygin getroffen und dieser ihm gesagt hatte, er sei besorgt über meine Kritik am Rubel. Ich hatte Kosygin vorgehalten, dass die Sowjetunion keine konvertierbare Währung habe.
Sie trafen sich mit vielen wichtigen Politikern der Welt, selbst mit Erzfeinden der USA, wie Castro und Chruschtschow.
Nikita Chruschtschow empfing meine Tochter Neva und mich im Kreml. Damals besass die Sowjetunion noch ein grosses Sendungsbewusstsein, von dem auch eine spürbare Feindseligkeit ausging. Chruschtschow hielt uns einen Vortrag, wie die Welt zu regieren sei.
«Nelson Mandela hinterliess den stärksten Eindruck auf mich»
Dann nahm er meine Tochter beiseite und sagte ihr, eines Tages werde sie so denken wie er. Das werde der Beweis sein, dass das sozialistische Modell überlegen sei. Neva nahm das ernst, ich weniger.
Wer hinterliess den stärksten Eindruck auf Sie?
Nelson Mandela. Er war zwanzig Jahre im Gefängnis, kam ohne Bitterkeit frei und leitete als politischer Führer die Wende in Südafrika ein. Ich erinnere mich, wie bescheiden er immer war, ein wunderbarer Mensch und ein grosses Vorbild.
Das kann man zumindest von Ihren Berufskollegen nicht behaupten. Der Ruf der Banker ist heutzutage schlechter denn je.
Das Image ist wirklich unvorteilhaft.
Berechtigt?
Ich habe den Eindruck, dass die persönliche Gier den Willen verdrängt hat, die Kunden anständig zu behandeln. Selbst wenn sich nur eine Minderheit so verhält, schadet sie der ganzen Branche.
«Fehler und Betrügereien sind zwei Paar Schuhe»
Man muss jedoch auch unterscheiden zwischen strategischen Fehlern, die manche Bankchefs in ihrer Karriere machen, und eigentlichen Betrügereien. Das sind zwei Paar Schuhe.
Welcher Banker hat Sie in Ihrer langen Karriere am meisten beeindruckt?
Kein Amerikaner, sondern der frühere Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank: Hermann Abs. Ein stiller Mann, gläubiger Katholik, hochgebildet, prinzipientreu und in jeder Hinsicht integer. In den USA waren die Notenbank-Präsidenten William McChesney Martin Jr. und Paul Volcker herausragend.
Paul Volcker arbeitete zunächst bei der Chase, wo ich ihn angestellt hatte, weil er mir überdurchschnittlich intelligent vorkam. Später wechselte er die Fronten und wurde im Prinzip mein Chef.
«Ein paar Albträume hatte ich schon»
William McChesney Martin Jr. war der am längsten amtierende Vorsitzende der US-Zentralbank. Er sorgte für einen stabilen Dollar und legte sich mehrmals mit dem Weissen Haus an, weil er sich darauf berief, nur dem Kongress verpflichtet zu sein.
Hat Ihnen der Reichtum schlaflose Nächte bereitet?
Sicher. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich deswegen jemals eine Schlaftablette geschluckt hätte. Solche Dinge brauche ich lediglich, wenn ich über den Atlantik fliege.
Ein paar Alpträume hatte ich schon. Geld schafft hin und wieder Probleme. Doch sie sind immer noch angenehmer als solche ohne Geld.