Document ID: /curiavista/filtered/00000_business.jsonl.gz/113773

<h2>SubmittedText<h2><p>Bei der grauen Energie spricht man von der Energie, die bei Produktion, Transport, Entsorgung usw. von Gütern verbraucht wird. Bundesrätin Doris Leuthard sagte in einem Zeitungsinterview Ende Mai u. a.: "Wenn z. B. TV-Geräte praktisch keinen Strom mehr verbrauchen, spielt es keine grosse Rolle, ob man ein oder zwei Geräte besitzt." Sie verkennt offenbar die Bedeutung der grauen Energie.</p><p>Dieser für die Konsumentinnen und Konsumenten nicht sichtbare Energieverbrauch beträgt immerhin rund ein Drittel der Schweizer Endenergie. Er entsteht nicht bei der Nutzung von Gütern, sondern eben bei den vor- und nachgelagerten Prozessen. In vielen Dingen des Alltags (beispielsweise in unserer Bekleidung) steckt viel graue Energie.</p><p>Mit dem Konsumverhalten kann der Energiebedarf stark, direkt und sofort beeinflusst werden. Eine Deklarationspflicht bezüglich der grauen Energie für sämtliche Produkte könnte hier zur nötigen Sensibilisierung beitragen. Eine Studie des Bundesamtes für Umwelt liefert bereits wichtige Zahlen.</p><p>In diesem Zusammenhang bitte ich den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:</p><p>1. Welche Anstrengungen gedenkt er zu unternehmen, um den Verbrauch an grauer Energie zu senken?</p><p>2. Ist er gewillt, eine Deklarationspflicht für graue Energie auf allen Produkten einzuführen? Wenn nein, warum nicht?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Der Bundesrat ist sich bewusst, dass der Umweltbelastung über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts und insbesondere der grauen Energie in vielen Bereichen des täglichen Lebens eine grosse und zunehmende Bedeutung zukommt. Er hat deshalb die Verwaltung im Rahmen des Programms grüne Wirtschaft beauftragt, Massnahmen zur Verbesserung der Information über Umweltbelastungen von Produkten vorzubereiten. Die Bundesverwaltung hat dazu bereits verschiedene Untersuchungen durchführen lassen (z. B. Analyse, Bewertung und Kommunikation von Umweltinformationen für Produkte). In Bezug auf die Quantifizierung der grauen Energie einzelner Produkte können konkrete Zahlenangaben allerdings nur mit gewissen Unschärfen ermittelt werden. Entsprechend müssten in vielen Bereichen allgemein anerkannte, zuverlässige Standards zur Ermittlung der grauen Energie noch etabliert werden. Bei der Umsetzung ist die Verhältnismässigkeit für die Wirtschaft zu beachten.</p><p>Aufgrund der Komplexität des Sachverhalts ist die Frage nach der grauen Energie zudem nach Branchen differenziert zu betrachten. Beispielsweise macht der Anteil des Verbrauchs im Betrieb von Elektrogeräten in den meisten Fällen noch immer mehr als 90 Prozent des Gesamtverbrauchs aus; dies, obwohl der Bund und viele Akteure der Elektrogerätebranche mit grossem Einsatz an der Optimierung der Energieeffizienz der Geräte arbeiten. Ohne die graue Energie zu negieren, muss daher für den Bereich der Elektrogeräte der Verbrauch im Betrieb weiterhin im Vordergrund stehen. Bei der Erarbeitung von Empfehlungen für den Ersatz alter Geräte wurde die graue Energie allerdings bereits berücksichtigt. Ferner kann im Gebäudebereich festgestellt werden, dass die relative Bedeutung der grauen Energie in den letzten Jahren zugenommen hat, weil die Energieeffizienz von Gebäuden im Betrieb durch Isolation und Gebäudetechnik bereits wesentlich verbessert werden konnte. Zu beachten ist, dass die Definition von grauer Energie im Baubereich von jener für Geräte unterschieden werden muss. Gemäss Merkblatt SIA 2032, "Graue Energie von Gebäuden", ist graue Energie im Baubereich wie folgt definiert: Es ist die gesamte Menge nichterneuerbarer Primärenergie, die für alle vorgelagerten Prozesse, vom Rohstoffabbau über Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse und für die Entsorgung, inklusive der dazu notwendigen Transporte und Hilfsmittel, erforderlich ist. Sie wird auch als kumulierter Aufwand an nichterneuerbarer Energie bezeichnet.</p><p>1. Der Bundesrat ist grundsätzlich gewillt, Anstrengungen zur Senkung des Verbrauchs an grauer Energie zu unternehmen. Dabei steht für den Bundesrat zurzeit die Schaffung der erforderlichen Grundlagen im Zentrum.</p><p>Beispielsweise unterstützt das Bundesamt für Energie (BFE) im Bereich der Gebäude und Baumaterialien im Rahmen des Programms Energie Schweiz eine externe Gruppe mit der Etablierung eines unabhängigen und transparenten Systems von Ökobilanzdaten, welches als Grundlage zur Deklaration der grauen Energie dienen könnte (Plattform Ökobilanzdaten im Baubereich). In der Plattform sollen alle wesentlichen Interessengruppen vertreten sein. Mit zunehmender Verwendung von Ökobilanzdaten wird sich der Druck zur Verwendung ökologischer Produkte und zur Optimierung von Materialien und Bauteilen erhöhen. Das BFE ist inhaltlich an diesen Arbeiten beteiligt. Ein Schlussbericht zur Pilotphase der Plattform wird im Verlauf des Jahres 2013 vorliegen.</p><p>Im Rahmen der laufenden Arbeiten an der Energiestrategie 2050 strebt der Bundesrat eine saubere, sichere, weitgehend autonome und wirtschaftliche Stromversorgung an. Wie der Bundesrat hat auch das Parlament beschlossen, dass der Energiemix der Schweiz grundsätzlich verstärkt auf erneuerbaren Energien basieren soll, sodass indirekt Produkte in der Schweiz vermehrt mit erneuerbarer Energie hergestellt werden. Eine prioritäre Rolle spielt in der Energiestrategie 2050 auch die Verstärkung der Energieeffizienz. Diese soll nicht nur bei der Nutzung oder dem Betrieb, sondern auch bei der Herstellung von Produkten erhöht werden. Diese Effizienzverbesserungen werden dabei auch den Verbrauch an grauer Energie dieser Produkte entsprechend senken.</p><p>2. Aufgrund der einleitenden Bemerkungen erachtet der Bundesrat eine generelle Deklarationspflicht für graue Energie auf allen Produkten zurzeit weder als praktikabel noch als zielführend. Er schliesst dabei nicht aus, dass die Deklaration der grauen Energie in einzelnen Bereichen als sinnvolles Instrument zur Erhöhung der Transparenz gegenüber den Konsumenten dienen kann. Der Bundesrat würde deshalb insbesondere Bemühungen der Branchen unterstützen, eine solche Deklaration auf freiwilliger Basis einzuführen.</p><p>Abschliessend weist der Bundesrat darauf hin, dass eine Deklarationspflicht kaum mit der von ihm im Produktesektor verfolgten Strategie vereinbar ist, wonach technische Handelshemmnisse zu vermeiden, zu beseitigen oder abzubauen sind. Als technische Handelshemmnisse werden Behinderungen des grenzüberschreitenden Warenverkehrs bezeichnet, die u. a. auf unterschiedliche Anforderungen an Produkte zurückgehen. Demgemäss sind die technischen Vorschriften, wie z. B. Deklarationsvorschriften, nach dem Bundesgesetz über die technischen Handelshemmnisse vom 6. Oktober 1995 (SR 946.51) so auszugestalten, dass sie sich nicht als Handelshemmnisse auswirken. Eine Massnahme zur Erfüllung dieses Zwecks ist es, Vorschriften der Schweiz mit den Vorschriften der wichtigsten Handelspartner der Schweiz abzustimmen. In vielen Bereichen ist dies die EU, welche ihrerseits für graue Energie heute keine Kennzeichnungspflicht kennt.</p>  Antwort des Bundesrates.