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Das Stundenbuch ist ein Gebetbuch für Laien, das nach dem Muster des für den Klerus bestimmten Breviers aufgebaut ist, dessen Texte aber stark verkürzt. Seine Struktur orientiert sich an den über den Tag verteilten Gebetszeiten des Stundengebets der Klöster und Kathedralen (Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet). Im 13. Jahrhundert oft noch mit dem Psalter verbunden, wird das Stundenbuch schnell zu einem selbständigen Buchtypus, der den Psalter als privates Gebetbuch verdrängt. Wiederkehrende Textelemente der Stundenbücher sind der Kalender, das Marienoffizium und das Totenoffizium. Sie konnten durch verschiedene Zusätze wie die Busspsalmen, Lesungen aus den Evangelien, die Offizien des Kreuzes und des Heiligen Geistes erweitert werden.
Das Stundenbuch ist primär für das private Gebet ausserhalb der Liturgie bestimmt. Sein Gebrauch erstreckt sich von königlichen Familien über den Adel bis zum Bürgertum, wobei geographische Schwerpunkte in Flandern und den Niederlanden, in Frankreich und in England liegen. Typischerweise besitzen Stundenbücher ein kleines Format, das es den Besitzerinnen und Besitzern möglich machte, sie bei sich zu tragen und auf Reisen zu benutzen (Stundenbuch der Jeanne d‘Evreux). Zum Schutz wurden Stundenbücher oft in textile Hüllen eingeschlagen oder in Buchbeuteln aufbewahrt (Stundenbuch der Isabelle von Bayern). Neben dem Gebrauch in der Frömmigkeitspraxis konnte das Stundenbuch als soziales Statussymbol und als bibliophiles Sammelobjekt dienen (Très Riches Heures).
Stundenbücher wurden regelmässig mit Bildern und anderem Buchschmuck versehen. Die Spannbreite reicht von serieller Fabrikation, wie sie Ateliers in Gent und Brügge betrieben, bis zu kostbaren Einzelwerken, die nach individuellen Wünschen gefertigt wurden. Wiederkehrende Elemente sind die Kalenderbilder (Très Riches Heures) und die mit der Verkündigung beginnenden Bilder der Kindheit Christi im Marienoffizium (Stundenbuch aus Saint-Omer, Stundenbuch der Jeanne d‘Evreux). Dazu konnten Darstellungen der Passion Christi, des Weltgerichts, des Psalmisten David oder zu weiteren Mariengebeten wie dem „Obsecro te“ treten (Stundenbuch der Maria von Burgund). Besondere Aufmerksamkeit gilt der Gestaltung der Marginalzonen mit ornamentalen Bordüren, illusionistischen Motiven und Drôlerien (Stundenbuch aus Saint-Omer, Stundenbuch der Jeanne d‘Evreux). Wichtige Elemente der Personalisierung von Stundenbüchern sind Wappen und Porträts der Besitzerinnen und Besitzer (Stundenbuch aus Saint-Omer, Stundenbuch der Jeanne d‘Evreux, Très Riches Heures, Stundenbuch der Maria von Burgund).
Literatur: Art. „Stundenbuch“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8, Sp. 259.
Art. „Book of Hours“, in: Grove Art Online (2004) (https://doi.org/10.1093/gao/9781884446054.article.T010009)