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Unter dem schlichten Titel «Picasso – El Greco» setzt das Kunstmuseum Basel zwischen den beiden berühmten Künstlern einen Dialog über die Jahrhunderte hinweg in Szene.
Zwei Ebenbürtige begegnen sich – so könnte der Titel der Basler Ausstellung lauten. So weit ihre Lebensdaten auseinander liegen, so unterschiedlich ihre Lebensläufe und vielleicht auch ihre Charaktere waren, beide haben Meisterwerke geschaffen. Die des Älteren, El Greco, waren jahrhundertelang wenig beachtet, sie wurden um die Wende zum 20. Jahrhundert wiederentdeckt, nicht nur durch den jungen Picasso.
Pablo Picasso, geb. 1881 in Málaga, hat das Glück, dass seine künstlerische Begabung früh erkannt und gefördert wird, nicht nur von seinem Vater, ebenfalls Maler und Zeichner, sondern auch in den Kunstschulen, die Pablo schon mit 11 Jahren besuchen darf. Mit El Greco beschäftigt er sich wohl erst 1897/98, als er sich zum zweiten Mal in Madrid aufhält. Damals entstand seine Faszination für den 340 Jahre älteren Maler aus Kreta, dessen Name Domenikos Theotokopoulos spätestens in Spanien zu El Greco verkürzt wurde.
links: El Greco: Die Anbetung des Namens Jesu, um 1577/79 Patrimonio Nacional, Colleciones Reales, Real Monasterio de San Lorenzo de El Escorial
rechts: Pablo Picasso: Evokation (Das Begräbnis Casagemas’), 1901 Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, © Succession Picasso / 2022, ProLitteris, Zürich
Schon als 22jähriger wird El Greco, geb. 1541, in einem Dokument als maestro betitelt. Er hat wohl seine Ausbildung auf dem damals venezianischen Kreta schon abgeschlossen. Später zieht er nach Venedig. Der Kontakt zu grossen dort ansässigen Malern, u.a. Tizian, Tintoretto, Veronese beeinflusst seine künstlerische Entwicklung entscheidend, auch wenn nicht genau bekannt ist, bei wem El Greco wirklich gearbeitet hat. Nach acht Jahren Aufenthalt in Italien reist er nach Spanien, wo er sich in Toledo niederlässt, heiratet und wo sein Sohn Jorge Manuel geboren wird, sein späterer Gehilfe und Erbe. El Greco lebt und wirkt in Toledo bis zu seinem Tode 1614.
Die Einzigartigkeit seiner Werke besteht darin, dass er aus drei Traditionen schöpfte: der griechisch-byzantinischen Ikonenmalerei, der venezianischen und der spanischen Malerei. Er war wohl nicht nur in seiner Kunst unkonventionell, sondern durch und durch ein Individualist. Er scheute sich nicht, seine Honorare vor Gericht durchzusetzen, damals eine äusserst ungewöhnliche Vorgehensweise. – Die entsprechenden Dokumente wurden erst vor kurzem entdeckt.
Pablo Picasso: Fünf Skizzen von Figuren im Stil El Grecos, um 1899, Conté-Stift und Rötel auf Papier, Museu Picasso, Barcelona, © Succession Picasso / 2022, ProLitteris, Zürich
Als Pablo Picasso auf El Greco und zugleich auf Velásquez und Goya aufmerksam wurde, bewegte er sich in einem Kreis aufgeschlossener junger Künstlerinnen und Künstlern, die sich auf ihr spanisches Erbe besinnen wollten, nachdem das spanische Kolonialreich in Amerika verloren gegangen war.
Picasso zeichnete anfangs viel im Stil von El Greco, wie in Basel zu sehen ist, nach Skizzen, über die ein früherer Prado-Direktor geseufzt hatte, er hätte sie wegwerfen wollen, was er glücklicherweise nicht tat. Damals wurden nur einige Gemälde des griechischen Meisters wahrgenommen, man hätte gern über die wertvollen Vorstudien hinweggesehen. – Nicht so Picasso! Er studierte die Skizzen als Vorstufen zu den Portraits, die er bewunderte. Davon ist die Fachwelt in der Kunstgeschichte heute allgemein überzeugt. Josef Helfenstein sagt: «Die Serie von Apostelportraits gehört zum Besten, was El Greco geschaffen hat.»
Beim Gang durch die Räume zeigt sich das Prinzip dieser Ausstellung: Konsequent werden die Werke der beiden Künstler in Verbindung gebracht; sie werden nebeneinander gehängt, oder die Werke des einen umrahmen die des anderen. Das angestrebte Ziel, den Dialog beider über die Epochen hinweg aufrechtzuerhalten, wird so anschaulich verwirklicht.
links: Pablo Picasso: Sitzender Akt, 1909/1910 Tate Modern, London, © Succession Picasso / 2022, ProLitteris, Zürich
rechts: El Greco: Büssende Magdalena, um 1580/85 The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri
Bilder, die durch Jahrhunderte getrennt sind, lassen Feinheiten erkennen, die sich gegenseitig beleuchten. Picassos Werk «Femme assise», eine Frauenfigur, die vollkommen in kubistische Formen zerlegt ist, hängt zwischen zwei Bildern El Grecos, beide betitelt «Büssende Magdalena». Innerhalb des Kubismus nahm sich Picasso durchaus konventionelle Themen vor: Aktdarstellungen, Portraits, u.a. Sowohl El Greco als auch Picasso setzen für Spanien charakteristische Farben ein: Erdtöne, Weisstöne, starkes Licht.
links: Alonso Sánchez Coello (früher El Greco zugeschrieben): Die Dame mit dem Pelz, um 1580/88 Glasgow Museums, Stirlin
rechts: Pablo Picasso: Madame Canals (Benedetta Bianco), 1905 Museu Picasso, Barcelona, © Succession Picasso / 2022, ProLitteris, Zürich
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich Picasso bei seinen El Greco-Studien an einem Gemälde orientierte, das gar nicht von diesem griechischen Meister stammt. Er konnte das nicht wissen, denn erst vor einigen Jahrzehnten entschieden die Fachleute, wer als eigentlicher Maler anzusehen sei. – Noch heute bestehen Zweifel an dieser Zuschreibung. Es könnte vielleicht das Werk von Sofonisba Anguissola sein, einer italienischen Malerin (um 1535-1625), die einige Jahre als Hofdame die junge spanische Königin in Toledo unterrichtete. Dass Picasso von der Frau auf dem Bild fasziniert war, lässt sich gut nachvollziehen.
Im Grossen und Ganzen folgt die Ausstellung Picassos Lebensphasen, sie beschränkt sich nicht auf die frühe Blaue, dann die Rosa Periode und den Kubismus, sondern zeigt an einigen Spätwerken, dass sich Picasso immer noch von den alten Meistern inspirieren liess.
links: Pablo Picasso: Der Musketier (auf der Rückseite schreibt der Künstler die Namen der drei verehrten Maler: Domenico Theotocopoulos van Rijn da Silva), 1967, Öl auf Sperrholz, Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest, © Succession Picasso / ProLitteris, Zürich
rechts: El Greco: Bildnis eines Mannes aus dem Adelsgeschlecht der Leiva, um 1580/85 The Montreal Museum of Fine Arts, Adaline Van Horne Bequest
In der Einführung sprach Picassos Tochter Paloma von der besonderen Haltung ihres Vaters. Die alten Meister seien ihrem Vater immer präsent gewesen, erzählte sie, El Greco sei auch ihr nahe gewesen wie ein Onkel. Egal, wie lange diese Künstler schon gestorben waren, sie gehörten zur Familie. Picasso verband Realität, Geschichte und Imaginäres, es war für ihn eine Welt. Josef Helfenstein formulierte es so: Mit vielen Künstlern seiner Zeit empfand sich Picasso in einem Wettbewerb, mit El Greco stand er in Konversation. Ein Gang durch die Säle bestätigt diese Aussage: Nie geht es ums Kopieren alter Werke, schon gar nicht um Nachahmung, Picasso bietet mit seinen Stilmitteln künstlerische Variationen an. Paloma Picasso rät allen Betrachtenden, sich tief in die Werke zu versenken, um sie zu begreifen.
Carmen Giménez als erfahrene Kuratorin und Josef Helfenstein, Kurator und Direktor des Kunstmuseums Basel, planten seit etwa zehn Jahren eine solche Gegenüberstellung der beiden Meister. Basel bot sich als geeigneter Ort an, denn Picasso hatte eine besondere Beziehung zu Stadt und Museum.
Katalog: Picasso – El Greco. Hrsg. Carmen Giménez, Josef Helfenstein, Text(e) von Gabriel Dette, Carmen Giménez, Javier Portús, Richard Shiff, Gestaltung von Rutger Fuchs. Hatje Cantz Verlag 2022. 192 Seiten, 150 Abb. ISBN 978-3-7757-5212-1
Titelbild: Ausstellungsansicht / Kunstmuseum Basel, Foto Julian Salinas © Succession Picasso 2022, ProLitteris, Zürich