Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03269.jsonl.gz/1505

Hanna Mittelstädt: Arbeitet nie! Die Erfindung eines anderen Lebens. Ne travaillez jamais!
Sachliteratur
Hanna Mittelstädt war Mitbegründerin des Hamburger Verlags Edition Nautilus, der ab 1972, inspiriert durch den Pariser Mai 1968, aufrührerische Schriften verbreitete.
Mit dem Umsturz der alten Ordnung und der Umgestaltung hin zu einer freien Gesellschaft war es jedoch nicht so einfach. Auch der Kapitalismus zeigte sich als recht widerstandsfähig. So wurde statt der Revolution vor allem Lektorat, Werbung und Vertrieb gemacht, all das, was einen Verlag am Laufen hält. Das Geld war knapp und deshalb kamen die fatalen Auswirkungen der Lohnarbeit wie Entfremdung und Konsumwahn gar nicht erst auf. Man konnte es selbstverständlich Selbstausbeutung nennen, aber es war vor allem auch Entdeckungslust, Lernen und Leben.
Insofern war diese Parole aus dem Pariser Mai 1968 auch kein Koketterie: „Ne travaillez jamais!“, Arbeitet nie, entzieht euch einfach der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie.
Und durch den Verlag gelangte das radikale Denken in den gesamten deutschsprachigen Raum. Da las man beispielsweise in den 1970er-Jahren in der Schweiz gerne die Artikel in der „Revolte“, der Kampfschrift aus dem Hause Nautilus. Umgeben von den braven Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke und den zwanghaften Versuchen, eine linke, marxistische Partei zu gründen, genoss man geradezu den anmassenden, polemischen Ton der Publikation aus Hamburg. Man war nicht allein.
Wie gesagt, in diesem Spannungsfeld zwischen politischem Wollen und realen Zwängen entstand über die Jahre ein erstaunlich breitgefächertes Verlagsprogramm. Neben den politischen Schriften wie den zweibändigen Mitteilungen der Situationistischen Internationale, einer radikalen Gruppe, die seit den 1950er-Jahren gegen die Gesellschaft des Spektakels theoretisierte, erschien auch vermehrt literarische und künstlerische Avantgarde – wobei man das ja alles nicht so einfach trennen kann.
Bei Nautilus versammelten sich die Dadaisten, die Surrealisten, Leute wie Francis Picabia oder Arthur Cravan oder der Subcomandante Marcos aus dem lakandonischen Dschungel. Dazu kamen die junge Feministin Laurie Penny, politische Thriller, das dichterische Werk der Künstlerin Etel Adnan und vieles mehr. Als man noch alles sagen durfte, war auch die Satire ein wichtiger Teil des Verlagsprogramms.
Eine zentrale verlegerische Tat war die Werkausgabe des literarischen Tausendsassas Franz Jung, dessen Autobiographie „Der Weg nach unten“ ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts ist.
Hanna Mittelstädt hat 2016, drei Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Lebensgefährten und Verlagsmitbegründers Lutz Schulenburg die Edition Nautilus an eine jüngere Nachfolgeschaft abgegeben. Nun hat sie eine Geschichte des Verlags und die damit einhergehende Erfindung eines anderen Lebens aufgeschrieben. Sie erzählt sehr persönlich von einem kollektiven Projekt, vom Reichtum an Wissen, Lust und Autonomie, der beim Büchermachen überkommt, aber auch, wie man elegant die Armut umschifft. Im Buch sind viele Briefe abgedruckt, die ein lebendiges Bild der Zeit und der Handelnden ergeben.
Hanna Mittelstädt: Arbeitet nie! Die Erfindung eines anderen Lebens. Edition Nautilus 2023. 360 Seiten. ca. 32.00 SFr. ISBN: 978-3-96054-317-6.
Hanna Mittelstädt liest in der Schweiz aus „Arbeitet nie! Die Erfindung eines anderen Lebens" (Edition Nautilus, Hamburg 2023)
RIEHEN DIENSTAG, 9. MAI, 20 UHR
Lesung und Gespräch
Moderation: Wolfgang Bortlik
Veranstaltungsort: Kellertheater im Haus der Vereine, Baselstrasse 43, Riehen
Eine Veranstaltung der Arena Literatur-Initiative Riehen
ZÜRICH
DONNERSTAG, 11. MAI, 19.30 UHR
Lesung und Gespräch
Moderation: Merièm Strupler
Veranstaltungsort: Paranoia City Buchhandlung, Ankerstrasse 12, Zürich
Eintritt gegen Spende
BASEL
FREITAG, 12. MAI, 20 UHR
Lesung und Gespräch
Veranstaltungsort: Restaurant Hirscheneck, Lindenberg 23, Basel
Eintritt gegen Spende
AARAU SAMSTAG, 13. MAI, 18 UHR
Lesung und Gespräch
Moderation: Peter Kuntner
Veranstaltungsort: Restaurant Speck, Zollrain, Aarau
Eintritt frei, Spende erwünscht