Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03251.jsonl.gz/1491

Schoppen für verwaiste Seekühe
Im Park des Amazonas-Forschungsinstituts INPA mitten in der brasilianischen Millionenstadt Manaus leben über 50 Seekühe. Die meisten sind Waisen, deren Mütter getötet wurden. Ein paar von ihnen sollten bald wieder frei durch den Amazonas schwimmen – doch das ist einfacher gesagt als getan.
Biologin Vera da Silva erklärte unlängst bei einem Besuch von Schweizer Journalisten: «Wir haben etwa vor zwei Jahren mit der Auswilderung von vier Seekühen begonnen. Das ging aber nicht sehr gut.» Die Tiere hätten ihre gewohnte Nahrung nicht gefunden, seien abgemagert und hätten zurückgeholt werden müssen.
Bei der ersten Freisetzung starb eine Seekuh
Inzwischen leben die sanftmütigen Pflanzenfresser in einem 13 Hektare grossen halb-natürlichen Teich, wo sie auf die Wildnis vorbereitet werden. «Hier müssen sie sich bewegen, um Nahrung zu finden», sagte da Silva. «Sie sollen lernen, wieder wild zu sein.» Auch eine gewisse Scheu vor dem Menschen sollen sich die zahmen Tiere angewöhnen.
Einen neuen Versuch wollen die Biologen zur nächsten Trockenzeit in einer entlegenen Region des Amazonas starten, wo die Tiere nicht gejagt werden. Die Wissenschaftler sind vorsichtig geworden. Eine erste Freisetzung im Jahr 2008 endete katastrophal: Eine Seekuh starb, eine andere verlor den Radiosender und verschwand.
Täglich vier Liter Milch für ein Baby
Seekühe, auch Manatis oder Lamantin genannt, sind im Wasser lebende Säugetiere, die sich von Wasserpflanzen ernähren. Sie werden bis zu 60 Jahre alt. Die Amazonas-Seekuh ist mit maximal drei Metern Länge kleiner als die bekanntere westindische Seekuh (auch karibische Seekuh genannt) in Florida. Ihre nächsten Verwandten unter den lebenden Tieren sind die Elefanten.
Die Jungen der Amazonas-Seekühe kommen mit etwa 80 Zentimetern zur Welt und säugen gut ein Jahr lang bei der Mutter. Darum müssen viele der Waisen am INPA mit dem Fläschchen grossgezogen werden. Ein Wärter sitzt am Beckenrand und plätschert mit den Händen im Wasser, bis eine mit Borsten besetzte Schnauze aus dem Wasser auftaucht und sich den Gummisauger des Riesenschoppens schnappt. Bis zu vier Liter Milch – eine Spezialmischung aus dem Labor – trinkt ein Seekuh-Baby pro Tag.
Bis zum Jagdverbot 1973 wurden die Seekühe für Öl, Fleisch und ihre Haut gejagt, die sehr gute Maschinenriemen abgab. Auch heute fangen die Menschen am Fluss noch Seekühe zum Verzehr – das fette Fleisch sei eine gute Proteinquelle, erklärte da Silva. Doch die Traditionen änderten sich, die jungen Leute hätten keinen Appetit mehr auf Seekuh. «Die Bestände erholen sich», schätzt die Biologin.
Wasserkraft und Boote bedrohen die Tiere
Pessimistischer ist die Internationale Naturschutzbehörde IUCN, die vor abnehmenden Beständen warnt. Die genauen Zahlen sind unbekannt – die Tiere verbergen sich im trüben Wasser unter Pflanzen und lassen sich kaum zählen. In den frühen 1950er Jahren wurden in Amazonien noch 10'000 Tiere pro Jahr erlegt, was laut da Silva zeigt, wie häufig die Spezies damals war.
Sorge machen der Biologin die vielen Wasserkraftprojekte, die derzeit in Brasilien geplant und durchgeführt werden. Auch Fischernetze und Boote sind für die knapp unter der Wasseroberfläche lebenden Tiere eine Gefahr. Und doch gebe es im immensen Amazonas-Gebiet noch viele wilde Regionen: «Wir hoffen, dass sich ein gesunder Bestand erhält», sagt da Silva.