Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/3769

Rolf Dobelli, bisher ein Geheimtip unter den Schweizer Intellektuellen, dessen Lebenshilfe-Bücher grosse Auflagen erzielen, wurde von seinem Freund Nassim Taleb, einem Weltstar unter den Sachbuch-Autoren, vom Thron gestossen: „Dobelli hat bei mir abgeschrieben.“
Der Luzerner verteidigte sich, gemessen an seiner sonstigen Reaktionsgeschwindigkeit, eher unbeholfen. Der Gründer von „ZürichMinds“, einer Selbsthilfe-Organisation intellektuell sonst wenig verankerter Mittvierziger, zeigte Reue und gelobte Besserung. Wen wundert’s? Dobelli, erfolgreicher Unternehmer, dessen Mitarbeiter Buchinhalte auf ein Minimum komprimieren, damit deren Leser gegenüber Nichtlesern beweisen können, sie würden die Werke von Balzac und Tolstoi intim kennen, hat diese Technik nach Meinung von Taleb auch bei der Übernahme von Inhalten aus dessen Büchern angewendet. Wem ist zu glauben? Ich jedenfalls lese Taleb und erspare mir Dobelli.
Die Krise der Zeitgeist-Schriftsteller geht tiefer. Mario Vargas Llosa, Nobelpreisträger für Literatur, hat uns soeben wissen lassen, er sei nicht mehr sicher, ein grosser Schriftsteller zu sein. Sein jüngstes Buch „Alles Boulevard“ (ein sehr unglücklicher Titel) setzt auf bürgerliche Werte gegen deren Zerstörung. Die Medien und das urbane Volk waren „not pleased at all“. Imre Kertesz, ebenfalls Nobelpreisträger für Literatur, zieht Bilanz in der deutschen Zeit und sagt „Die Geschichten sind alle schon erzählt.“ Er lässt sich zitieren „Ich war ein Holocaust-Clown“ und tritt damit in die Gruppe jener über, denen man gerne „jüdischen Selbsthass“ zuspricht. Der späte Camus-Leser („Der Fremde“) sagt, ganz wie Camus auch: „Der Nobelpreis hat mich vernichtet.“
Stellt sich die Frage, was man im beginnenden Herbst unbedingt lesen sollte. Tim Clark, der in England lehrende australische Historiker, nimmt in seinem Werk „Die Schlafwandler“ den Deutschen die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg von den Schultern. Yang Lian, ein chinesischer Poet im englischen Exil, lässt in seinen „Konzentrischen Kreisen“ (Lyrik bei Hanser) Düsternis über die Welt kommen, formuliert aber eklektisch gewagt. Als Geheimtip Jiri Mordechai Langer, dessen vor gut hundert Jahren verfasstes Werk „Die neun Tore. Geheimnisse der Chassidim“ von ungeahnter Gegenwart ist. Alleine schon unsere emanzipierten Frauen dürften seine Aussage schätzen „Der Seele der Frau steigt aus höheren Welten auf die Erde herab als die Seele des Mannes.“
Ich wünsche allen einen leuchtenden Literaturherbst.