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Teleologische Ethik (Verantwortungsethik, Zweckethik, Utilitarismus)
Was ist Teleologische Ethik bzw. Verantwortungsethik?
Wo hat sie ihre Grenzen?
Verantwortungsethik am Beispiel von Dilemmasituationen
Das Ziel und die Folgen einer Handlung im Fokus
Handlungen sollen ein Ziel anstreben, das in einem umfassenderen Verständnis als 'gut' anzusehen ist, d.h. eine Handlung wird dann als gut bezeichnet, wenn die positiven Folgen voraussichtlich überwiegen (Konsequenzen-Prinzip). Dazu müssen die Argumente für und wider eine Handlung bzw. die dahinter liegenden Werte gegeneinander abgewogen werden. Es findet also eine Güterabwägung statt.
Teleologische Ethik am Beispiel des Utilitarismus
Es existieren verschiedene Ansätze einer teleologischen Ethik, wobei der durch Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) entwickelte Utilitarismus der bekannteste ist. Im Utilitarismus werden Handlungen danach beurteilt, inwiefern sie 'das grösste Glück der grössten Anzahl Menschen' bewirken. Es stellt sich in diesem Zusammenhang aber die Frage, was unter 'Glück' zu verstehen und wie es zu messen ist.
- Geht es um eine rein hedonistische Nutzenoptimierung oder wird der Begriff umfassender bzw. nachhaltiger verstanden?
- Wie wird das Glück der von einer Handlung positiv Betroffenen gegen den Schaden der von einer Handlung negativ Betroffenen abgewogen?
Herausforderung: Wie werden Werte gegeneinander gewichtet?
Die Beantwortung dieser Fragen setzt einen Massstab zur Beurteilung von Werten voraus. Die Frage nach dem Massstab führt zur Frage nach dem letzten Bezugspunkt bzw. Ziel des menschlichen Handelns. Dies wird oft mit dem 'Höchsten Gut' umschrieben. Was ist dieses 'höchste Gut'? In einer säkular-humanistischen westlichen Gesellschaft könnte dies z.B. die 'Unantastbarkeit der Menschenwürde' sein. Für die Alltagspraxis ist dies jedoch ein eher abstrakter Ansatz. Es braucht deshalb ein praktisches Verfahren, wie Werte gegeneinander abzuwägen bzw. Wertehierarchien zu bilden sind.
Ein praktisches Verfahren zur Klärung von Werthierarchien ist die Definition von Wertevorzugsregeln. Beispiele für solche Regeln sind:
- Höhere Werte vor niederen, z.B. Unversehrtheit des Lebens vor wirtschaftlichem Erfolg (aber: wer legt fest, was als 'höher' und was als 'niedriger' anzusehen ist?)
- Grössere Anzahl Menschen vor einer kleineren Zahl (aber: dürfen wir Menschenleben gegeneinander aufrechnen?)
- Grössere Erfolgsaussicht vor Handlungen mit geringerer Erfolgschance (aber: wer kann das sicher voraussagen?)
- Dringlichere Handlung vor weniger dringlichen (aber: wie wird die Dringlichkeit im konkreten Fall gemessen bzw. bewertet?)
- Besser geeignete Massnahmen vor weniger geeigneten (aber: wer kann das im Voraus beurteilen?)
- Gemeinnutz vor Eigennutz (aber: was bedeutet das im konkreten Fall?)
Kritik: Vernachlässigung zentraler humaner Werte
Dem Ansatz wird vorgeworfen, in erster Linie das persönliche Glück der Menschen im Fokus zu haben und anderen ethischen Gütern wie » Menschenwürde, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit oder Tugendhaftigkeit zu wenig Wert beizumessen. Das kann in der Praxis dazu führen, dass auf der Basis einer teleologischen bzw. utilitaristischen Ethik Handlung gerechtfertigt werden, die andere Ansätze von Ethik als unmoralisch bewerten würden. Harte Verhörmassnahmen beispielsweise wären nach diesem Ansatz gerechtfertigt, wenn sich dadurch voraussichtlich Leben retten liessen – auch wenn der Verhörte dabei sterben oder sich später als unschuldig herausstellen sollte.
Einbezug der mittel- bis langfristigen Perspektive
Versteht man unter 'Glück' jedoch nicht nur die kurzfristige hedonistische Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen, sondern bezieht man die mittel- bis langfristigen Lebensperspektiven aller Menschen mit ein, so wird auch mit einem utilitaristischen Ansatz nachhaltigen Lösungen der Vorzug gegeben – wenigstens in der Theorie.
Flugzeugabschuss
Auf das oben stehende Beispiel angewendet, würde man auf der Basis eines rein utilitaristischen Ansatzes je nach Situation das Flugzeug möglicherweise abschiessen, um auf diese Art mehr Menschenleben retten zu können.
In einem etwas differenzierter argumentierenden teleologischen Ansatz müsste erst geklärt werden, bei welcher Handlungsalternative die Menschenwürde insgesamt am besten gewahrt bliebe bzw. das grösste allgemeine Wohlergehen erzeugt würde. Man wird auf diesem Weg jedoch kaum zu einer eindeutigen Antwort kommen, denn man wäre ja gezwungen, die Leben einer Vielzahl von Menschen gegeneinander aufzurechnen, was der Idee der Menschenwürde schon im Grundsatz widerspricht.
Covid-19 Pandemie
Geradezu ein Paradebeispiel für eine rein utilitaristische Argumentation bot der ägyptische Tourismus-Unternehmer Samih Sawiris in einem Interview mit der Sonntags Zeitung Anfang Mai 2020: "Es gehen Milliarden von Franken verloren für ein paar Hundert weniger Tote." Der Aufwand in der Schweiz, um Menschen unter 60 Jahren vor Covid-19 zu retten, stehe in keinem Verhältnis zum Schaden für die Wirtschaft. Auf die hohen Kosten der Massnahmen angesprochen ergänzte Sawiris: "Hätten wir nur gerade ein Zehntel dieser Summen zur Verfügung, könnten wir in Ländern wie Ägypten hunderttausende Menschenleben retten."
Solche Worte klingen ungewohnt in europäischen Ohren, denn bei Fragen über Leben und Tod haben wir im Normalfall ein schwergewichtig deontologisches Ethikverständnis. Es gilt die Handlungsmaxime, wonach jedes Leben möglichst zu erhalten ist, unabhängig von den Folgekosten. Entsprechend ablehnend bis moralisierend fiel denn auch die öffentliche Reaktion auf die Aussagen von Herrn Sawiris aus. Dabei ist freilich zu beachten, dass u.a. bei teuren Krebsbehandlungen sowie bei heiklen und teuren Operationen für Personen in hohem Alter gewisse Kosten-Nutzenüberlegungen durchaus akzeptiert sind.
In einem etwas differenzierter argumentierenden teleologischen Ethikverständnis würde man vermutlich erst einmal feststellen, dass der Schutz von Menschenleben grundsätzlich höher zu gewichten ist, als wirtschaftlicher Erfolg. Man würde allerdings die wirtschaftlichen Folgen der Massnahmen nicht ausblenden, da die wirtschaftliche Existenz, die Lebensqualität und die Lebensperspektive sehr vieler Menschen von den Massnahmen betroffen sind. Zudem würde man die Massnahmen auch in Bezug auf ihre Eignung hinterfragen. In Summe käme man vielleicht zum Schluss, dass man schwergewichtig die Gruppe der verletzlichen Menschen so gut wie möglich schützt, Lockdown-Massnahmen nur wo absolut notwendig ergreift und ansonsten die Menschen ihr normales Leben so weit wie möglich weiterführen lässt.
Die Schweizer Regierung hat versucht, einen vorsichtigen Mittelweg zu gehen zwischen einer rein deontologischen und einer rein teleologischen Betrachtungsweise. Erstere hätte einschneidendere Massnahmen notwendig gemacht, letztere eine schnellere Rückkehr zur Normalität ermöglicht. Insgesamt hatte die Regierung für ihr Vorgehen die Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.
Fazit
Einmal abgesehen davon, dass die oben dargestellten Wertevorzugsregeln nicht unbedingt zu eindeutigen Antworten führen, stellt sich auch die Frage, wer überhaupt die Kompetenz hat, solche Regeln festzulegen und wie sie konkret anzuwenden sind. Es bräuchte dazu einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, wie ihn z.B. die » Diskursethik anbietet.
Version vom 04. August 2020
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