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Begeistert vom italienischen Neo-Realismus war ich 1947 zum ersten Mal nach Genua gefahren, um mir Italien anzusehen, dem zu dieser Zeit noch die Verwüstungen des Krieges anzusehen waren. Fünf Jahre später ging ich wieder dorthin. Diesmal, um der Enge meiner Heimat zu entfliehen. Ich hatte beschlossen, mich von der Handelsmarine anheuern zu lassen, um die Welt zu sehen. Bevor ich auf Frachtern rund um Afrika fuhr, blieb ich ein Jahr in Genua. Dort arbeitete ich bei einer Schiffahrtsgesellschaft. Es war mein erster Kontakt mit der Arbeitswelt, mit den Männern des Meeres und mit den Häfen.
Vierzig Jahre später komme ich erstmals wieder nach Genua. Vierzig Jahre lang bin ich nicht mehr hier gewesen. Der Anblick von Hafen und Stadt hat sich nicht gross verändert, aber was sich heute dort abspielt, ist etwas total anderes. Die Stadt ist immer noch gleich schön, gleich fremd, und ein bisschen traurig. Der Hafen aber stirbt. Viele andere grosse Häfen sterben auch.
In Genua, wie überall in Italien, ist das ökonomische, das soziale und das politische Umfeld höchst explosiv. Aber man spürt auch, dass sich etwas bewegt und dass das Land vor wirklichen Veränderungen steht.
Während den letzten vierzig Jahren habe ich natürlich (wenn auch mit einem gewissen Bedauern) das Leben als Seemann aufgegeben und habe Kino gemacht. Heute möchte ich mit diesem Film das eine in den Dienst des anderen stellen oder das andere in den Dienst des einen. Über das Kino möchte ich in meine Erinnerung an den Hafen von Genua eintauchen, die Gegenwart ergründen und versuchen, die Zukunft zu erraten. Genua, diese schöne, diese traurige, diese fremde Stadt erscheint mir heute als Metapher für eine Gesellschaft im Wandel.
Mein Aufenthalt in Genua, Anfang der 50er Jahre, war schwierig. Ich war ein bisschen einsam, verdiente knapp meinen Lebensunterhalt, trug Schuhe mit Löchern und halbierte die Zigaretten, um vierzig Stück pro Paket zu haben. Aber dieser Aufenthalt, in einem gewissen Sinn eine «Initiation», hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen, der jetzt wieder auftaucht und es mir erlaubt, das Thema gleichzeitig objektiv, aus der Distanz, aber auch sehr persönlich anzugehen. Alain Tanner