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Shorts & La Jetée (1962)
Sa 25.05. 20:15h Cinema Z3
- 100. Les Statues meurent aussi, Chris Marker, F 1950-53
- 101. Junkopia, Chris Marker, USA 1981
- 102. La Jetée, Chris Marker, F 1962
- 103. 2084, Chris Marker, F 1984
- 104. Les Astronautes, Chris Marker & Walerian Borowczyk, F 1959
100. Les Statues meurent aussi
1950 begannen Chris Marker und Alain Resnais auf Wunsch von Présence Africaine, einer Gruppe militanter Schwarzer Intellektueller, mit der Realisierung eines Films über die Auswirkungen des Kolonialismus auf die afrikanische Kunst. Nach der ersten Vorführung auf dem Festival von Cannes wurde der Film wegen antikolonialistischen Tendenzen durch die französische Zensur verboten. Das Verbot blieb fünfzehn Jahre bestehen. Die Zensur ist ein Hinweis auf die kritische Kraft des Films, die sich gerade auch in seiner Nicht-Klassifizierbarkeit zeigte. Er konnte nicht als «neutrale» Kunst-Doku abgehakt werden, sondern war eine weitreichende kolonialismuskritische Analyse, die das Ästhetische mit dem Historischen, das Politische mit dem Philosophischen verwob. Dieses Verweben und Verflechten von Geschichte und Sphären ist bereits eine grundlegende Kritik an der westlichen Logik des Unter/Gliederns und am kolonialen System der Kompartimentierung, der Aufteilung von Raum und Zeit in voneinander abgeschottete Bereiche und Sphären. Gleichzeitig lassen die filmischen Techniken von Collage und Kubismus nie die Vorstellung von Homogenität oder einheitlicher Perspektive aufkommen. Und dabei bezeugen sie die Wechselbeziehungen von afrikanischer und westlicher Kunst. Der Film nimmt sich damit eine der grundlegenden Mythen des Kolonialismus vor: die Vorstellung von Afrika als unergründliche, geheimnisvolle, gefährliche und unveränderliche, ja zeitlose Einheit, wohin das koloniale Projekt Fortschritt und Wandel (sprich: Geschichte) brachte. Das ist die zentrale Gründungsgeschichte und rassistische Legitimationserzählung des Westens und sie wird noch heute aufrecht erhalten, indem die Verwobenheit der Geschichte/n von Afrika und Europa ignoriert wird (eine grundlegende Verwobenheit, in der sich die Logiken von Zentrum und Rand auflösen), Les Statues meurent aussi ist nicht frei von Ambivalenzen und kann nicht alle Stereotypen vermeiden. Das «Wir» im Film ist ein westliches «Wir», aber eines das die Unzulänglichkeit westlichen Denkens anerkennt. Resnais' und Markers Film ist ein früher und weiterhin notwendiger Versuch einer geteilten Geschichte, ein Versuch das Gewebe zu reparieren, das zerrissen worden ist durch das westliche Weltverständnis, das klassifiziert und ordnet im Wunsch zu besitzen und zu transzendieren. Der Film verwebt: Afrika und Europa, Gegenwart und Vergangenheit, Alltag und Kunst, Leben und Tod. (bs mit Martine Beugnet)
Avec le soutien du Service de Coopération et d'Action culturelle de l'Ambassade de France en Suisse.
101. Junkopia
«Ein Tag vom Morgengrauen bis zum Abend am Strand von Emeryville bei San Francisco, wo unbekannte Künstler_innen ohne Wissen der restlichen Welt, einige aus Strandgut gebastelte Zeichen zurückgelassen haben, dem Meer überantwortet.» (Chris Marker) Eine mysteriöse Zeichenwelt in einer menschenleeren Bucht des Pazifik, durch exakte Breiten- und Längengrade bestimmt. Die sechsminütige, durch den Tagesablauf organisierte Betrachtung, entstand zeitgleich wie Sans Soleil.
102. La Jetée
Paris, nach Ausbruch des Dritten Weltkriegs und der radioaktiven Verseuchung. Überlebende flüchten in unterirdische Katakomben. Ein namenloser Protagonist wird als Kriegsgefangener von Wissenschaftlern für Experimente missbraucht, um als Zeitreisender Hilfe aus der Zukunft oder der Vergangenheit aufzuspüren. Er widersetzt sich allerdings den Plänen seiner Peiniger und dem totalitären Konformismus. Anstellle der geforderten Überlebenshilfe sucht er mehr und mehr in der Vergangenheit nach Begegnungen mit jener Frau, die sich ihm als kleiner Junge am Flughafen Orly in sein Gedächtnis festgebrannt hat. Marker sagte von seinem roman-photo, es sei ein Remake von Hitchcocks Vertigo, der 1958 in die Kinos kam und den Marker angeblich neunzehn Mal gesehen hat. Vertigo wird in La Jetée auf der Bildebene vielfältig zitiert. Die Entscheidung Markers, einen von der Erinnerung handelnden Film ausschliesslich aus Fotografien zu montieren, löste in Frankreich einen regelrechten Theorieeffekt aus. Auch heute hat der Film nichts von seiner Faszination eingebüsst. In den Worten Amos Vogels: «Dieses rätselhafte, tief beunruhigende Meisterwerk [...] ist eine subversive Verteidigung von Romantik und menschlicher Unvollkommenheit gegen Technologie und totalitären Konformismus; nachdem man ihn gesehen hat, bleibt nichts so, wie es vorher war. » (Kino wider Tabus, 1979).
103. 2084
«Wie zusammenleben, wie uns nicht vernichten, nicht verstümmeln, wie guten Gebrauch von unseren Unterschieden machen, wie die Zeit meistern?» Aus Anlass des 100jährigen Bestehens der Gewerkschaftsgesetze von 1884 realisierte Marker zusammen mit einer Gruppe junger Filmemachender im Auftrag der französischen sozialistischen Gewerkschaft CFDT einen zehnminütigen Werbefilm. «Markers sehr inspirierter, frecher, experimenteller Gewerkschaftsfilm fällt vor allem durch die unübliche Verbindung von gewerkschaftlicher Utopie und Science-fiction aus dem Rahmen, aber auch durch seine Form: ein Appell an die Fantasie, mit deren Hilfe das, was der Roboter im Jahr 2084 verkünden wird, beeinflusst werden kann.» (Thomas Tode)
104. Les Astronautes
Ist Markers Beteiligung an diesem Film nur ein Gerücht? Marker selbst erklärte einmal: «Les Astronautes stammt zu 100% von Borowczyk.» In Frankreich hatte der Graphikkünstler Borowcyk als Pole damals keine Arbeitserlaubnis. Vielleicht hat Marker nur seinen Namen (und eine Eule) als Co-Autor zur Verfügung gestellt, vielleicht passt seine spätere Selbstrücknahme auch einfach zu seinem legendären Understatement. Im collageartigen, aus Zeitungs- und Bildausschnitten animierten Stop-Motion-Film erlebt ein gewitzter Erfinder im selbstgebauten Raumschiff allerlei Abenteuer.