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1993 veröffentlichte das Kundenmagazin einer Grossbank eine Meinungsumfrage, die Erstaunliches zutage brachte: Würden die Schweizer, die 1992 den EWR-Vertrag abgelehnt hatten, jetzt wieder abstimmen, würden sie sogar einen EU-Beitritt akzeptieren. Ich war skeptisch und beschaffte mir, was Agenturen und Redaktionen kaum je tun, die Fragetexte zu jener Umfrage. Und da war sofort alles klar.
Es wurde nämlich nicht gefragt: «Wenn Sie am kommenden Sonntag über den Beitritt zur EU abstimmen müssten, würden Sie ein Ja oder ein Nein in die Urne legen?» Die Schlaumeier des Umfrageinstituts hatten die Frage mit einem Zusatz ergänzt: «… und wenn der Schweiz die gleichen Vorteile wie Österreich gewährt würden, …». Nicht nur, dass es solche Vorteile nicht gab – nur Übergangsfristen wurden festgelegt –, der Antwortende wurde so zur Überlegung veranlasst: «Wenn die Österreicher etwas bekommen, wollen wir es auch.» Eine grobe Beeinflussung in der Fragestellung also, die die Vergleichbarkeit mit der Vorjahresfrage – in der Pressemeldung gross herausgestrichen – verunmöglichte.
Das ist die Krux jeder Meinungsumfrage im politischen Bereich. Es wird immer so getan, als gehe es um etwas mit einer Volksabstimmung Vergleichbares. Aber die Formulierung der Fragen wird kaum je mitgeliefert. Unbekannt bleibt zudem das Umfeld der Frage. Nicht berücksichtigt wird die Tatsache, dass die Antwortenden ausserhalb der Anonymität des eigentlichen Abstimmungsvorgangs recht häufig zu politisch korrekten Reaktionen neigen, die gar nicht ihren wirklichen Präferenzen entsprechen. Und regelmässig ist, aus dem gleichen Grund, die Zahl jener, die angeben, an der Abstimmung voraussichtlich teilzunehmen, deutlich höher als die tatsächliche Abstimmungsteilnahme. Es kommt sogar nicht allzu selten vor, dass Leute um ihre Meinung angegangen werden, die aus Gründen des Alters oder des Bürgerrechts gar nicht stimmberechtigt sind. Kommen dann noch Fehler – wie aus Kostengründen statistisch zu kleine Befragtenzahlen – hinzu, beziehungsweise eine zu geringe Berücksichtigung der Tatsache, dass Wahlen in der Schweiz kantonal organisiert sind, dann kann es geschehen, dass – wie 1999 am Fernsehen – aufgrund von «Hochrechnungen» gescheit über die Gründe der CVP-Mandatsverluste gesprochen wird, auch vom Präsidenten dieser Partei, wenn in der Realität ein Mandatsgewinn vorliegt.
Eine Volksabstimmung oder -wahl ist eben keine Meinungsumfrage. Zum einen ist die Zahl der Teilnehmenden sehr viel grösser, zum andern müssen sich diese selber zur Teilnahme entscheiden. Die grösste Fehlerquelle der Demoskopie ist jedoch – wenn das Ziel die Voraussage des wirklichen Abstimmungsergebnisses oder der wirklichen Präferenzen der Bürger sein soll – das völlig andere Umfeld. Volksabstimmungen sind grossflächige, organisierte Diskussionen. Von verschiedenster Seite werden Tatsachen, Meinungen und Argumente zu einer bestimmten, vorher definierten Frage eingebracht. Der Bürger nimmt sie zur Kenntnis – oder auch nicht – und kombiniert sie mit seinen eigenen Vor-Urteilen. Daraus entsteht dann eine Stimmabsicht, die in einem amtlich kontrollierten Verfahren anonym ausgedrückt wird (heute leider während eines viel zu langen Zeitraums). Die Meinungsumfrage deckt sich mit dem nur darin, dass ebenfalls eine Meinung erhoben wird. Alles weitere ist jedoch anders. Gefragt wird nicht nach einer definitiven Meinung, sondern nach einer momentanen Stimmung. Der Vorgang ist dem Befrager gegenüber nicht anonym, und er kann auch durch den Kontext gesteuert werden. Die Meinungsäusserung kann so «verfeinert» werden, dass das herauskommt, was der Frager wünscht (das erklärt zum Teil die zuweilen diametral auseinanderliegenden angeblichen Präferenzen). Die Umfrage ist nur zum Teil synchron mit einer öffentlichen Diskussion, findet recht häufig sogar ohne eine solche statt. Und so weiter.
Kann man bei der Abstimmungsprognose allenfalls noch sagen, dass sie wenigstens auf einen politisch strukturierten Rahmen Bezug nehme, ist das bei den regelmässig abgedruckten Umfragen zu generellen politischen Präferenzen nicht mehr der Fall. Es ist irrelevant, zu sagen: «Über 7 Prozent der Bevölkerung unterstützen die Entwicklung hin zu mehr naturnahen Gewässern». Nach einer Flutkatastrophe…