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Als Verbrecherinnen noch Hüte trugen
Die Eleganz der ersten Verbrecherfotos
Vor mehr als 100 Jahren wurden die ersten Polizeifotos in den New Yorker Polizeistationen gemacht. Den festgenommenen Frauen machte man etwa mutwillige Beschädigung und Belästigung zum Vorwurf. Wer hätte gedacht, dass es sich dabei um Bilder handelt, bei denen man eine Reihe von faszinierenden Hüten, Pelzmänteln und High Heels sieht. Quinn Berkman grub diese Schwarzweissfotografien aus dem Stadtarchiv, um die Serie «Frauen und Verbrechen im frühen 20. Jahrhundert in New York City» zu zeigen. Sie sind die erste Generation von standardisierten Polizeifotos in den Vereinigten Staaten von Amerika.
1879 beschäftigte sich ein französischer Polizeibeamter namens Alphonse Bertillon (Sohn eines Statistikers, der eine Leidenschaft für Anthropologie hatte) mit der Arbeit, uneinheitliche Fotografien von Verdächtigen zu indexieren. Da die Identifizierung von Informationen nicht standardisiert war, war es schwierig, Wiederholungstäter zu finden und zu verfolgen. So erfand Bertillon das heutige Bertillon-System und revolutionierte damit die Kriminologie.
Bertillon schuf den ersten standardisierten Ansatz für die Kriminalfotografie. Er schrieb kennzeichnende Anweisungen: Verdächtige mussten von vorn, mit einem Hut, von der Seite und auch ohne Hut fotografiert werden. Hüte waren damals ein omnipräsentes Zubehör, daher war es wichtig, die Person sowohl mit Hut als auch ohne zu identifizieren. (Nicht alle Polizeifotos beinhalten tatsächlich Hüte, wahrscheinlich, weil die Verdächtigen zum Zeitpunkt der Festnahme keinen trugen.) Bertillon hatte auch standardisierte Anforderungen von der Pose, der Beleuchtung und der Distanz.
Zur weiteren Klassifizierung entwickelte Bertillon auch ein System, welches die Augenfarbe, Haarfarbe, Höhe, Kopfbreite, Kopflänge, Länge des linken Fusses, des äusseren Unterarms, des Rumpfs und des linken und des rechten Mittelfingers dokumentierte. Diese Messungen wurden dann sorgfältig auf kleine Karten mit dem Namen «Bertillon Cards» indiziert und archiviert. Gleichzeitig wurden sie in ein Archivierungssystem mit über 243 Kategorien notiert. Dieses System ermöglichte Strafverfolgungsbeamten, Verdächtige durch körperliche Merkmale anstelle von Namen zu suchen. Das Bertillon-System war ein Erfolg. Im Jahr 1887 wendete die gesamte Polizei in den USA das System an. 1893 schickte der New Yorker Superintendent der Gefängnisse einen Schreiber nach Europa, um das radikale neue System zu studieren. Bis 1918 wurden in den New Yorker Polizeidienststellen stehende Polizeifotos von Wiederholungstätern im Bertillon-Stil weitergeführt.
Aber das System war nicht ohne Fehler. 1903 wurde ein Mann namens Will West in Kansas festgenommen. Er wurde nach dem Bertillon-System gemessen und war nahezu in jeder Weise identisch mit einem anderen Mann namens William West, der wegen Mordes verurteilt worden war und eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüsste. Es gab keinen Beweis für eine Beziehung. Die Männer waren Doppelgänger, konnten aber schliesslich unter Verwendung ihrer Fingerabdrücke unterschieden werden. Das Bertillon-Identifizierungssystem wurde 1920 in den USA aufgehoben und durch noch strengere Fingerabdruck-Identifikationsverfahren ersetzt. Was bleibt, ist das Bertillon-artige Verbrecherfoto, das wir noch heute benutzen – aber streng ohne Hüte.