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Glück gehabt Romeo & Chou-Chou
Im Frühjahr 2002 tauchte plötzlich auf dem zum Katzenhof gehörenden Grundstück eine eigenartige Katzengestalt auf. Grösse und kompakter Körperbau deuteten auf einen Kater hin.
Farblich wäre er ein Siam und blaue Augen hat er auch. Mit denen schielt er, dass man den Eindruck hat, er könne bestimmt um jede Ecke gucken. Ausserdem besitzt er ein Steh- und ein Knickohr, zwei dicke dunkelbraune Hängebacken und vier kurze Beine.
Im fehlt alles elegante des Siam, auch der lange Peitschenschwanz. Seiner ist gerade so lang wie der zu kurz geratene Schwanz einer Hauskatze. Sein Fell ist nicht kurz und fest anliegend wie das der Siamesen, sondern dick und dicht wie beim Kartäuser. Der Körperbau und der breite, runde Kopf erinnern tatsächlich eher an einen sehr schwer gebauten Kartäuserkater.
Jeder fühlt sich von dieser ulkigen Katzenerscheinung angesprochen, denn er "versprüht" einen gutmütigen, liebenswerten und tollpatschigen Charme. Anfassen kann man ihn nicht, er ist vorsichtig und achtet auf einen gewissen Abstand.
Tagtäglich lag er stundenlang beim Haus, auf den Plätzen, die eigentlich meinen Tieren gehörten und schien sich in deren Gesellschaft pudelwohl zu fühlen. Man kam gar nicht auf die Idee, dass er nicht dazu gehörte. Komischerweise wurde er zu keiner Zeit von einer der hier ansässigen Katzen, und das sind ja bekanntlich nicht wenige, angefeindet oder gar vertrieben.
Morgens tauchte er meist erst nach dem Frühstück auf, wobei er nie einen hungrigen Eindruck machte und abends, wenn ich fütterte, war er oft noch hier. Den Teller mit Katzenfutter den ich ihm hinstellte, ass er, wie es schien, eher aus Höflichkeit, ohne jede Hast und nicht gierig, wie es herrenlose Tiere sonst tun.
Je länger, je mehr war ich davon überzeugt, dass er irgendwo in Boppelsen wohnen könnte, vielleicht bei Menschen die den ganzen Tag berufstätig sind.
Was nicht ins Bild passte, was gegen ein gesichertes Zuhause sprach, war sein ungepflegtes Fell, das stellenweise regelrecht verfilzt und verklebt war. Für eine Katze aus "ordentlichen Verhältnissen" war er auch etwas zu mager und er war unkastriert.
Ich nannte ihn Romeo, weil er allen, zu diesem Zeitpunkt noch unkastrierten Kätzinnen, den Hof machte. Der Verdacht lag nahe, dass sie der Grund für seine Besuche waren. Aber auch nach ihrer Kastration kam er fleissig und regelmässig, in immer gleichbleibendem Rhythmus auf den Katzenhof.
Es wurde langsam wärmer und sonniger, es wurde Sommer. Romeo verbrachte jetzt häufig ganze Tage auf dem oberen Teil meines Grundstückes, in einem Grasnest auf einer wilden Wiese. Von dort hatte er den absoluten Überblick über den Katzenhof.
Eine Entscheidung, was weiter mit dem Kater geschehen sollte, vertagte ich bis zum Beginn der kalten Jahreszeit. Im Moment hatte ich auch sonst noch genug Sorgen, vor allem vordringlichere.
Etwa 3 Monate, nachdem er hier aufgetaucht war, rief mich eines schönen Tages eine Nachbarin an. Ich kannte sie nicht näher, wusste nur, dass sie noch nicht lange in Boppelsen wohnte, zwei Katzen hatte und nett war. Seit etwa 3 Monaten fütterte sie morgens und abends einen braunen Kater. Ein offener Abszess über seinen Augen der eiterte, machte ihr Sorgen.
Mir war sofort klar, dass es sich nur um Romeo handeln konnte, Jetzt war ich mir sicher, dass er wirklich ausgesetzt worden war, möglicherweise sogar ganz bewusst beim Katzenhof.
Meine nette Nachbarin wollte ihn zum Tierarzt bringen, wusste aber nicht wie man so etwas bewerkstelligen kann, wenn sich eine Katze nicht anfassen lässt.
Eigentlich hat man in so einem Fall nur eine Möglichkeit, nämlich die, eine Katzenfalle aufzustellen und zu beten, dass die Katze verfressen genug ist um hinein zu tappen.
Bevor man so eine Aktion startet, ist es ganz wichtig, dass alles gut organisiert und vorbereitet ist. Der Tierarzt muss kontaktiert und sein OK eingeholt werden, dass man die Katze zu jeder Zeit bringen kann, weil überhaupt nicht abzuschätzen ist, ob und vor allem wann man das Tier erwischt. Der Tierarzt muss auch darüber informiert werden, ob es sich eventuell um eine aggressive und verwilderte Katze handelt, denn nicht jeder Tierarzt ist bereit, so ein Tier überhaupt anzunehmen und zu behandeln.
Wenn eine herrenlose oder verwilderte Katze eingefangen wird, sollte auf gar keinen Fall die Chance verpasst werden, sie zu kastrieren. (Auch das muss vorher mit dem Tierarzt besprochen werden.) Kastriert kann sie leichter und besser über die Runden kommen und trägt in Zukunft nicht mehr zur endlosen Vermehrung bei.
Das Wunder geschah, Romeo tappte tatsächlich in die Falle hinein und das gleich beim ersten Anlauf.
So wie ich Romeo in den vergangenen Monaten kennen gelernt hatte, war ich überzeugt, dass es sich bei ihm um eine ehemals zahme Familienkatze handelte, die nur die Umstände scheu und vorsichtig gemacht hatten.
Meine Nachbarin war sogar so nett, dass sie sich ganz spontan bereit erklärte, nicht nur alle nötigen Aktivitäten, sondern auch die Kosten zu übernehmen. Für den Leukose- und FIV-Test, die Kastration, Impfungen gegen Katzenseuche, Katzenschnupfen und Leukose, das Scheren des verfilzten Felles und ihn als dritte Katze bei sich aufzunehmen.
Sie brachte ihn also in der Falle zum Tierarzt. Dort benahm sich Romeo sehr manierlich, wie ich vermutet und gehofft hatte. Bevor sie ihn wieder abholte, bereitete sie in ihrem Haus einen Raum mit Katzentoilette, Schlafkorb und frischem Wasser vor.
Zum Abholen gab ich ihr einen meiner Transportkörbe. Sie besass nur welche der alten Sorte, bei denen man die Katzen mühsam von vorne in den Korb zwingen oder sie herauszerren muss. Transportkörbe sollten prinzipiell oben komplett zu öffnen sein, vor allem für frisch operierte und schwierige Tiere. In solchen Körben kann ein ängstliches Tier, z.b. zum impfen, sogar im Korb gelassen werden.
Romeo erholte sich schnell und gut.
Zum Nachimpfen musste er nach 3 ½ Wochen noch einmal zum Tierarzt. Meine Nachbarin hatte sich vorsorglich dicke Handschuhe angezogen um ihn wieder in den Korb zu stecken. Romeo setzte sich aber weder bei ihr, noch beim Tierarzt, nennenswert zur Wehr, was die ganze Sache ungemein erleichterte und alle Beteiligten dankbar registrierten.
Als meine Nachbarin seinerzeit nach Boppelsen gezogen war, hatte sie zur Eingewöhnung ihrer Katzen den Balkon ihres Hauses vernetzt. So konnten ihre Katzen erstens im Sommer auch nachts gesichert draussen sein, zweitens war es Ideal um Romeo an das Haus zu gewöhnen, ihm aber auch Sonnenbäder auf dem Balkon zu ermöglichen. Eigenartigerweise hatten ihre Katzen, genau wie meine, auch nichts gegen den Eindringling Romeo einzuwenden.
Gegen meinen Rat liess sie sich bedauerlicherweise nach 5 Wochen dazu verleiten, ihn in den Garten zu lassen. Prompt war er erst einmal spurlos verschwunden, was meine Nachbarin nachts nicht mehr gut schlafen liess.
Es kostete mich einige Mühe, sie zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass Romeo schon zu lange bei ihr und bei mir gut gelebt hatte um abzuwandern, ausser er gehöre doch irgendwo in die Umgebung und sähe, nach der ganzen Tierarztprozedur, sein altes Zuhause als das kleinere Übel an.
Nach gut einer Woche war er wieder da, auf den Katzenhof kam er kaum noch.
Er lebte längere Zeit wie gewünscht fast ausschliesslich bei meiner Nachbarin. Trotz unterschiedlichster Anstrengungen konnte sie ihn aber nicht dazu bewegen wieder ins Haus zu kommen. Notgedrungen musste sie ihn draussen füttern und verwöhnen.
Er bekam, eingebaut im aufgestapelten Kaminholz, ein komfortables, wind- und wettergeschütztes Haus.
Nach gut zwei Monaten fing er wieder an, zwischen seinem Zuhause und dem Katzenhof zu pendeln, also bekam er in meiner Garage auch ein warmes Styropor-Haus und daneben einen grossen Korb mit weichen Kissen zur Auswahl. Beide Plätze sind hoch oben auf einem grossen Regal platziert, wo er sich sicher fühlen kann. In der Garage gibt es noch mehr extra eingerichtete Katzenplätze, weil meine Katzen sich auch gerne dort zurück ziehen.
Romeo scheint mit seinem jetzigen Leben rundherum zufrieden zu sein. Er ist nach wie vor eine kuriose Erscheinung und dazu, durch übertrieben reichliche und gute Fütterung meiner Nachbarin, kugelrund.
Im Oktober 2002 stellte meine Nachbarin ihre Nettigkeit und ihr gutes Herz noch einmal unter Beweis. Sie war gerade bei mir, als eine Frau aus dem Nachbardorf mit einer schwarzen Katze zu mir kam. Die Kinder der Frau hatten die sichtbar alte Kätzin ins Haus gebracht, weil sie sich seit Wochen hartnäckig vor dem Haus aufhielt und nicht los zu werden war.
Grundsätzlich hatte ich mich bereit erklärt die Kätzin bei mir aufzunehmen, die Frau wäre auch nicht abgeneigt gewesen sie zu behalten. Zu ihrer Familie gehörten aber neben 5 Kindern noch Hunde, Katzen und Meerschweinchen. Das schien mir ein bisschen zuviel für eine Kätzin von 15 Jahren. Wobei, der randvolle Katzenhof allerdings auch nicht idealer war.
Plötzlich gab sich meine Nachbarin, die die ganze Zeit zugehört hatte, einen Ruck und erklärte sich bereit das alte Tier auch noch bei sich aufzunehmen.
Das war natürlich das Beste was dem alten Mädchen, das jetzt übrigens Chou-Chou heisst, passieren konnte. Es bedeutete nicht nur, dass sie in einem ruhigen, nicht hektischen Haus wohnen konnte, bestes Futter und tierärztliche Betreuung bekäme, es lief auch sofort das absolute Verwöhnprogramm meiner Nachbarin an.
Chou-Chou demonstriert täglich ihre Dankbarkeit, räkelt sich faul in Kissen und Decken und schnurrt laut und selig vor sich hin. Ich habe selbst bei einem Besuch erlebt, wie sie zu Füssen meiner Nachbarin lag und sie, aus grossen, bernsteinfarbenen Augen im schwarzen Gesicht, regelrecht verliebt anhimmelte. Anders konnte man das wirklich nicht bezeichnen.
Selbstverständlich hatten wir immer wieder alle Suchanzeigen in Zeitungen, im Radio, Fernsehen und im Internet überprüft ob Romeo und Chou-Chou vermisst werden. Nichts.
Meine Nachbarin hat mich gerade angerufen, weil Romeo dauernd unter einer Blumenbank neben der Haustür und nicht geschützt in seiner Styroporbehausung sitzt. Sie hat schon wieder
schlaflose Nächte und probiert wieder verzweifelt ihn ins Haus zu bekommen. Sie hat Angst, dass er bei der jetzigen Dezemberkälte, schwer krank werden könnte.
Ich konnte sie aber beruhigen, denn grundsätzlich braucht man sich um freilebende Katzen keine Sorgen zu machen, vorausgesetzt sie haben einen trockenen Unterschlupf, zwei gute, katzengerechte Mahlzeiten am Tag, sind frei von Parasiten, gesund und kastriert.
Den Rest macht die Natur; sie verpasst ihnen einen extrem dichten und dicken Pelz, den sie ganz stark aufplustern können und der dann zwischen die Haare viel Luft lässt, die zusätzlich wärmt.
Meine Nachbarin und ich geben die Hoffnung nicht auf, dass er, wenn es noch kälter wird, ins Haus kommt.
Copyright Isabella R. Kern