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festival
Julia Wesely
M&T: Sie wollen mit «Presenza» das Festival neu erfinden?
Balthazar Soulier (BS): Wir wollen nicht das Festival als solches neu erfinden, sondern Sinfoniekonzerte aus einem neuen Blickwinkel belichten, angehen und ausführen. Seit dem späten 19. Jahrhundert hat sich eine bestimmte Art des «Klassik-Konzerts» etabliert und weltweit durchgesetzt. Dazu gehören eine Viel zahl von Kriterien, Anforderungen und Abfolgen, die, ähnlich einem Ritual, stets wiederholt werden. Zahlreiche Verhaltensweisen wurden stillschweigend festgelegt: Ein Werk soll vollständig, also mit allen Sätzen, gespielt werden, es darf nur in entsprechenden Momenten applaudiert werden, Nebengeräusche und Bewegungen des Publikums zu sind untersagt, etc. Nicht dass Sie uns falsch verstehen: Wir denken nicht, dass die etablierte Konzertform per se schlecht ist, ermöglicht sie doch durchaus sehr gute Bedingungen, um ein Musikwerk zu erfahren und erleben; aber sie ist nur eine mögliche Form unter vielen, die spät in der Geschichte zum Standard wurde. Ein Grossteil des Repertoires wurde eigentlich für andere Rahmen komponiert, konzipiert und zu seiner Zeit auch dementsprechend ausgeführt. Die historisch orientierte Aufführungspraxis hat in den Sechzigerund Siebzigerjahren einen frischen Wind in die Interpretationspraxis gebracht, insbesondere, was Auswahl und Spielweise der Instrumente angeht. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem allgemeinen Rahmen eines Konzerts fand allerdings nie wirklich statt. Unter anderem damit wollen wir uns nun mit «Presenza» auseinandersetzen.
Sol Gabetta (SG): Als Cellistin ist der heutige Konzertbetrieb für mich oft etwas frustrierend. Der Planungsund Produktionsprozess insbesondere von Sinfoniekonzerten lässt fast keine Spielräume für die Einbringung und Entwicklung neuer Vorschläge zu. Die Konzeption eines Konzertprogramms wird meist nur zwischen Konzertveranstalter und Dirigent abgestimmt, der Solist kann oft höchstens bei der Wahl des Solokonzerts mitreden. Man hat als Solist somit nur einen Einfluss auf die Art, wie man spielt, daneben auf die Wahl seines Instruments und der Kleider. Da die Probenzeit aus Kostengründen auf ein Minimum festgelegt wird, gibt es wenig Raum, um sich vertieft mit dem Dirigenten oder gar Orchester über die Interpretation der Werke auszutauschen. Als Denise Fedeli (Anm. der Redaktion: die unterdessen zurückgetretene künstlerisch-administrative Direktorin des Orchestra della Svizzera italiana OSI) mich vor zwei Jahren gefragt hat, ob ich interessiert wäre, einen experimentellen Konzert-Zyklus im Form eines kleinen Festivals mit dem OSI frei zu konzipieren, habe ich sofort gespürt, dass dies eine ganz besondere Chance bot, mit neuen Ansätzen zu experimentieren – zusammen mit meinem Partner Balthazar Soulier und dem OSI unter der Leitung seines Chefdirigenten Markus Poschner. Um diesen ehrgeizigen Weg zu gehen, wollte ich unbedingt Balthazar als Kurator involvieren. Seine Sicht über die Interpretation und sein breites historisches Wissen als auch seine Affinität zu anderen künstlerischen Medien inspirieren mich sehr. Wir arbeiten sehr intensiv zusammen.
M&T: Christian Weidmann, Sie sind seit dieser Saison künstlerisch-administrativer Direktor des OSI. Orchester sind üblicherweise eher schwerfällige Gebilde. Wie weit kann man denn in dieser Beziehung gehen?
Christian Weidmann (CW): Wie bereits gesagt, wurde dieses neue Festival mit Sol Gabetta und Balthazar Soulier von meiner Vorgängerin Denise Fedeli ins Leben gerufen. Geplant war eine erste Ausgabe zu Pfingsten im Jahr 2020, also noch vor meiner Zeit – sie fiel dann aber Corona zum Opfer. Dieser ausserordentliche Umstand in der Entstehung von «Presenza» zeigt bereits, wie flexibel wir als Orchester werden mussten, werden durften. Diese Fähigkeit ist aber nichts Neues, zeigte sich das OSI ja bereits in den vergangenen Jahren unter Denise Fedeli und mit Markus Poschner sehr experimentierfreudig und innovativ. Ein Sinfonieorchester ist ein starkes Kollektiv mit klaren Strukturen und Hierarchien – in diesem Sinne ganz anders im Charakter als ein Kammerorchester oder gar ein Streichquartett. Eine gewisse Schwerfälligkeit kann damit einhergehen, ich denke aber, gerade das OSI hat die richtige DNA, um sich sich mit voller Kraft und Überzeugung und der notwendigen Offenheit und Flexibilität in dieses Projekt einzubringen. «Presenza» ist eine enorme Chance und ein grosser Glücksfall für das Orchester.
M&T: Das LAC, Lugano Arte e Cultura, mit seinem Konzertsaal am See in Lugano, welche besondern Möglichkeiten bietet es für ein solches Konzept?
BS: Das LAC ist weit mehr als nur ein hervorragender Konzertsaal. Dieses moderne Kulturzentrum beherbergt mit dem MASI sowohl ein Museum mit einer ständigen Sammlung sowie wichtigen Wechselausstellungen, als auch den grossen «Sala Teatro», den Theatersaal, der sich in eine Konzert-, Opern-, Tanzoder Theaterbühne verwandeln kann. Das LAC hat also beste Voraussetzungen, um mit neuen Konzertformen zu experimentieren. Es ist uns ein grosses Anliegen, die verschiedenen Publika, die sich leider nur allzu selten vermischen, dank einer kreativen und multidisziplinären Herangehensweise anzuziehen, zu vereinen, zusammenzubringen und vor allem natürlich zu begeistern.
SG: Im ständigen Austausch mit Balthazar fiel mir mehr und mehr auf, dass wir «klassischen Musiker» oft in einer abgetrennten Welt leben, dass wir dabei viel zu wenig zeitgenössische Diskussionen und Debatten, wie sie in anderen Kunstrichtungen wie der bildenden Kunst, im Tanz und Theater stattfin den, führen. Man spürt diese Separation sogar zwischen der Konzertund der Opernwelt. Es liegt uns am Herzen, dass mit «Presenza» ein Ort entsteht, wo Ansätze aus unterschiedlichen Bereichen einfliessen können, sowohl in Bezug auf die Mitwirkenden als auch auf das Publikum. Das LAC mit seinen verschiedenen Sälen und Publika sehen wir dafür als eine grosse Chance.
M&T: Welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie denn für neue Formen einer Konzert-Präsentation?
BS: Wir wollen an den verschiedenen Dimensionen eines musikalischen Werkes arbeiten. Ein Konzert ist nicht nur ein akustisches Ereignis: Die sozialen, visuellen, theatralischen und historischen Dimensionen spielen eine grosse Rolle. Alle diese Dimensionen interagieren miteinander, das Visuelle beeinflusst das Gehör, die Attitüde des Publikums beeinflusst sowohl das Spiel des Interpreten als auch seine Wahrnehmung von seinen Mitmusikern, die Wechselwirkungen sind unendlich. Wir wollen all das verstärken, was ein Konzert einzigartig macht, und dem Publikum dabei helfen, zu erfahren, dass es auch ein wichtiger Teil des Ganzen ist – es trägt indirekt sogar zur Interpretation des Werkes bei! Wir sind überzeugt, dass mit subtilen Anpassungen, Verschiebungen des gewohnten Protokolls grosse Wirkung erzeugt werden kann, welche wiederum neue Attitüden provozieren kann. Wir wollen auf unterschiedlichen Ebenen agieren, aber nicht willkürlich. Alle Vorschläge und Experimente sollen immer auch und vor allem musikalisch Sinn machen, da alle Zutaten eines Konzerts einen Einfluss auf das Musikwerk selber haben. Da wir vornehmlich Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert spielen wollen, haben wir uns intensiv mit der Geschichte des Konzertwesens beschäftigt. Es ist sehr inspirierend, den historischen Kontext der jeweiligen Produktionen und Aufführungen im Detail zu ergründen. Musiker wie auch Publikum haben oft falsche Vorstellungen von den historischen Kontexten und Gegebenheiten.
SG: Das stimmt, es ist faszinierend, zum Beispiel die sogenannten Virtuosen-Konzerte der erste Hälfte des 19. Jh. näher zu betrachten. Die Solisten mussten sich in einer fremden Stadt selber um alles kümmern, den Saal mieten, andere Musiker engagieren, das Konzert bewerben. Der Erfolgsdruck und die Spannung müssen spürbar gewesen sein! Die Konzerte waren viel gemischter, Instrumentalmusik mit Lyrik, orchestrale Werke mit Kammermusik etc. Wenn man heute solche bunten Programme vorführen würde, würden die wenigsten denken, dass dies historisch authentisch wäre.
BS: Erst sehr spät in der Musikgeschichte kam das Konzept der «Werktreue» auf, mit der Haltung, dass der Interpret hinter der Komposition «verschwinden» soll. Wir haben Lust, diese Anordnung zu überdenken und neu zu denken, auch in Bezug auf jenes Repertoire, das als zweitrangig qualifiziert wurde. Einzelne Musikwerke von den wichtigsten Komponisten wurden kanonisiert, Werke von «Kleinmeistern» aus den Konzertprogrammen verbannt. Ein Beispiel mit Bezug auf das Cello-Repertoire: Im internationalen Konzertbetrieb werden stets die dieselben paar Cello-Konzerte gespielt und gehört. Wir sind überzeugt, dass ein beträchtlicher Teil des Cellorepertoires, das heute nicht mehr gespielt wird, einen speziellen Rahmen sowie natürlich die richtigen Interpreten braucht, um richtig geschätzt und gewürdigt zu werden. Die Kompositionen von den Cello-Virtuosen des 19. Jahrhunderts zum Beispiel, meistens angelehnt an berühmte Opernarien der jeweiligen Zeit, sind echt reizvoll und ermöglichen, das Instrument und seinen Interpreten in einem neuen Licht zu erfahren. Wir können uns sehr gut vorstellen, dass dieses Repertoire, das heute in den grossen Sälen kaum gespielt, in diesem Kontext von «Presenza» zusammen mit dem OSI einen guten Platz finden würde.
M&T: Bietet sich in diesbezüglich nicht auch die Neue Musik an?
BS: Wir schliessen Neue Musik nicht aus, wir wollen uns aber insbesondere mit dem Aufführungskontext von «Alter Musik» auseinandersetzen. Bei Neuer Musik kann man direkt den Komponisten fragen, in welchem Rahmen er seine Komposition vortragen will, die Neue Musik-Szene ist diesbezüglich viel kreativer, obwohl sie im Vergleich zur Alten Musik weniger verbreitet ist. Experimentelle Konzertformen werden bereits oft von Komponisten,Veranstaltern und Kuratoren initiiert. Bei der Alten Musik ging der Aufführungskontext per se verloren. Man ist aufgefordert, diese Musik in einem neuen Kontext, auf einer neuen Bühne zu präsentieren. Es öffnet viele Türen, wenn man sich traut, die Interpretation nicht nur auf das Studium der Partitur zu beschränken, sondern die gesamte Aufführung im Kontext sieht.
M&T: Gibt es denn konkrete Ideen zum Programm?
CW: Sol und Balthazar hatten für die vermeintlich erste Ausgabe des Festivals vor einem Jahr ein Programm konzipiert, in dem Künstlerfreundinnen und -freunde von Sol wie Vilde Frang und Christian Bezuidenhout mitgewirkt hätten. Beethoven wäre im Zentrum gestanden, natürlich mit Bezug zum Beethovenjahr 2020. Nicht nur die Terminkalender der Künstler gerieten in den vergangenen Monaten durcheinander, auch der Kontext hat sich durch Covid verändert. Das Präsens heute ist ein anderes, als noch vor einem Jahr. Wir haben die Zeit genutzt und uns lange und intensiv darüber unterhalten, wie wir mit der Situation umgehen wollen. Es soll ein ganz neues Programm in diesem neuen Kontext erarbeitet werden, wir wollen dabei auch damit experimentieren, welche Informationen zum Programm wann und wie geteilt werden sollen. Ein präzises Programm wollen wir somit bewusst noch nicht offenlegen. Mit ein Grund dafür ist natürlich auch, dass wir noch nicht wissen, ob und allenfalls mit wie viel Publikum wir spielen werden können. Wir haben viel Probenzeit eingeplant, das LAC steht uns länger als ursprünglich geplant zur Verfügung, und unterdessen sind wir schon fast Meister in der kurzfristigen Programmierung. In diesem Sinne ist gerade Corona eine Chance für die Ideen von Sol und Balthazar.
M&T: Das bedeutet, es gibt nicht alle Informationen zum Programm im Voraus?
BS: Zumindest nicht all die Informationen, die üblicherweise angegeben werden. Es scheint uns wichtig, eine gewisse Dramaturgie für jedes Konzert und für den gesamten Konzertzyklus zu entwickeln. Und diese Dramaturgie fängt bereits mit der ersten Ankündigung des Konzertes an. Wir möchten Raum lassen für Improvisationen, für Überraschungen. Daneben wollen wir aber die Aufmerksamkeit auf Aspekte lenken, die nie angekündigt werden. Man kann das Konzert als Gesamtes als eine Art Polyphonie betrachten. Es stellt sich dabei die Frage, welche Stimme wir stärker hervorheben wollen. Wir sind uns dabei bewusst, dass dies eine subjektive Geste sein wird.
M&T: Welche Rolle spielt der Dirigent in diesem Konzept?
SG: Je nach Musikstück und Grösse des Orchesters spielt der Dirigent auch in unseren Überlegungen eine zentrale Rolle. Ich bin der Ansicht, dass man bei der Erarbeitung und Aufführung von einem sinfonischen Werk grundsätzlich eine Leitung braucht. Ich gehöre nicht zu den Solisten, die der Meinung sind, dass die es besser können als ein Dirigent. Wichtig ist, dass man die ästhetische Vision des Dirigenten teilt. Ich bin sehr froh, dass wir für dieses Projekt Markus Poschner an unserer Seite haben. Er ist ein grossartiger Musiker, der sich – wie wir auch – viele Fragen stellt über den historischen Kontext, und er ist sehr offen für neue Interpretationsansätze. Er hat viel Erfahrung sowohl mit dem lyrischen als auch mit dem sinfonischen Repertoire, ist aber auch passionierter Jazz-Pianist und weiss bestens, worauf es ankommt, wenn man im Moment des Musizierens inspiriert sein will. Als Chefdirigent kennt er die Musikerinnen und Musiker des OSI zudem bestens. Es sind eben so viele Ebenen, die gleichzeitig passen müssen. Markus gehört zu diesen Musikern, die sich voll und ganz engagieren und keine Angst vor dem Scheitern haben.
M&T: Man darf ja auch mal scheitern mit einer Idee ...
SG: Auf jeden Fall, man darf aber eben keine Angst haben, zu scheitern. Insbesondere bei künstlerischen Projekten. Es bleibt sowieso sehr subjektiv, ob etwas gelingen wird oder nicht. Das Schlimmste wäre, nichts zu riskieren, und dabei sowohl die Musiker als auch das Publikum unberührt zu lassen. M&T: Ist «Presenza» eine Art Gesamtkunstwerk?
BS: Philosophen bestreiten bereits, ob man bei einem Musikstück von einem Kunstwerk reden kann. Der Komponist überliefert eigentlich «nur» eine Notation, die in unendlichen Versionen aufgeführt werden kann. Bilden alle Varianten das gleiche Werk? Ist jede Interpretation ein neues Werk? Wo befindet sich eigentlich das Werk? Im Manuskript? In der ersten Ausgabe? In den Fingern des Interpreten? Oder in den Ohren des Zuhörers? Auf solche spannende ontologische Fragen wollen wir uns mit «Presenza» künstlerisch und gemeinsam einlassen.
«Presenza» 2021
Die erste Austragung des neuen Festivals geht im LAC in Lugano vom 21.–24. Mai über die Bühne – mit oder ohne Publikum. Das Projekt des OSI mit Sol Gabetta und Balthazar Soulier ist auf mehrere Jahre angelegt und soll immer an Pfingsten stattfinden. www.osi.swiss/presenza