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Sabine von Fischer
TYPOLOGISCHE GRENZGÄNGER.
VIER RAUMFASSUNGEN AN STÄDTISCHEN RÄNDERN: VIER WOHNSIEDLUNGEN
Sabine von Fischer
«Auf der anderen Seite der Schanze beginnt jene Landschaft, welche einst die weisse Leinwand für die modernen Erschliessungsoperationen abgegeben hat. Soweit es nicht die paar kärglichen ‹rues corridores› betrifft, ist es der ‹gescheiterte Raum›, der hier beginnt und erst an der Schanze der nächsten Stadt endet.
[...] Der Rückzug der klassischen urbanistischen Argumente aus diesem Territorium hinterlässt ein Vakuum an Verständnis, das seit zehn Jahren mit einem schillernden Begriff eher verdeckt als aufgefüllt wird: ‹die Peripherie›.» (1)
Viele der Bauten und Projekte von Galli Rudolf Architekten liegen in sogenannt peripheren Lagen. 1988, als Marcel Meili fragte, ob die städtische «Peripherie» mehr sein könne als der «gescheiterte Raum» ausserhalb der Stadtmauern, waren Yvonne Rudolf und Andreas Galli gerade dabei, ihr Architekturstudium an der ETH Zürich abzuschliessen. Als sie 10 Jahre später ihr gemeinsames Büro gründeten, geschah dies in einer Zeit, in der die Stadtränder in den Fokus der Schweizer Siedlungsentwicklung rückten.
Dieser Aufsatz diskutiert im ersten Teil die Begriffe der Peripherie, der städtischen Ränder und der Agglomerationen und im zweiten Teil vier realisierte Projekte von Galli Rudolf Architekten für Wohnsiedlungen. Das Wort «Randbedingungen» darf hier wörtlich genommen werden: Die Fragen von Linie, Grenze, Horizont, von innen und aussen sind zentrale Themen der Entwürfe. Die vier besprochenen Bauten fassen Raum nicht nur ein, sie fächern vielmehr durch eine bewusst ambivalente Setzung der Linien ein Beziehungsnetz von Räumen auf.
PERIPHERIE ALS LINIE
Die Frage nach dem Raum der Peripherie beinhaltet ein Paradox: «Peripherie» bedeutet etymologisch «Linie» oder «Rand». In der Mathematik ist die Peripherie die Umfangslinie, in der Geografie bezeichnet sie ein Randgebiet. 2 Peripherie beschreibt Orte bezüglich eines mehr oder weniger weit entfernten Zentrums, nicht einen eigenen Raum. Was peripher ist, liegt ausserhalb der Kernzone, auf der Grenze und am Horizont. Was aber geschieht, wenn die Peripherie zum Ort des Handelns, Bauens, Wohnens und Arbeitens werden soll?
«Die Koexistenz, wie sie heute durch die Präsenz von Provisorien und ‹ungelösten Orten› in der Stadt vorgeführt wird, sie könnte die Thematik des Entwurfes selbst werden. Es ist der Entwurf, der nicht mehr ‹Probleme löst ›, Stellen klärt, sondern die Mehrdeutigkeit der Brüche gegen den Terror der Bilder verteidigt, welcher die gereinigten Bezirke beherrscht, seien es nun die pathetischen Szenarien der Ingenieure oder die Bühnenbilder von Natur und Geschichte.» (3)
Wie in Marcel Meilis «Brief aus Zürich» Ende der 1980er Jahre beschrieben, zogen sich Brüche durch den städtebaulichen Bestand innerhalb und ausserhalb der Kernstädte, die thematisiert werden mussten. Die Wahrnehmungen waren längst nicht mehr eindeutig. Der Siedlungsdruck und die immer unschärfer werdenden Grenzen zwischen Stadt und Land forderten nach angemessenen Instrumenten, um die ins Blickfeld gerückte Peripherie als Handlungsraum zu erfassen.
Der Begriff der Peripherie wird in der Städtebautheorie seit der Antike und bis heute verwendet. Gerade aber die im Wort enthaltene Grenzziehung verhindert, dass damit Beziehungen angemessen reflektiert werden könnten. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb im Vokabular der Städte- und Raumplaner neue Wörter den Begriff weitgehend ersetzt haben. Alternativen für eine Beschreibung der Zonen ausserhalb der Kernstädte stellten Thomas Sieverts 1997 mit der «Zwischenstadt» und Franz Oswald 2003 mit der «Netzstadt», in der «Stadt und Land verschmelzen», auf. (4) Zur gleichen Zeit führte eine Avenir Suisse-Studie von Angelus Eisinger und Michael Schneider «Stadt land Schweiz» und «Stadtlandschaft» ein. (5) Am Institut Stadt der Gegenwart am ETH Studio Basel fasst spätestens seit einer grossen Studie von 2006 der Begriff «Peri-Urbanität» die charakteristischen Entwicklungsräume der Schweiz. (6) In der Raumtypologie des Schweizerischen Bundesamts für Raumentwicklung heissen die aktuellen Kategorien «Städte und Agglomerationen», «periurbaner ländlicher Raum» und «peripherer ländlicher Raum». Die Peripherie ist hier sogar weit von den Städten abgerückt. Sie liegt nicht mehr zwischen Stadt und Land, sondern bezeichnet die äusserste Zone des ländlichen Gebiets. (7)
Der Peripherie-Begriff hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur gewandelt, er hat sich auch aus dem raumplanerischen in einen gesellschaftlichen Kontext verschoben. «Peripherie ist überall» betitelte Walter Prigge eine Sammlung von Texten, darunter Regina Bittners Aufsatz «Raum ohne Eigenschaften», in dem sie die Auflösung der Unterscheidung von Zentrum und Peripherie als gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung beschreibt. 8 Ist die Peripherie ein Ort ohne Eigenschaften, ohne Rückhalt, ohne Zugehörigkeit und ohne Orientierung, analog zur Hauptfigur aus Robert Musils ab 1930 veröffentlichtem Romanzyklus Der Mann ohne Eigenschaften? Verlangt der Alltag in der Peripherie andere Instrumente der Beobachtung als Rationalismus und Determinismus? (9) Als Folge der veränderten stadt- und landschaftsräumlichen Strukturen sind «Zentrum» und «Peripherie» heute keine geografischen Kategorien mehr, sondern vielmehr «Metaphern für soziale Verhältnisse». (10) Es ist eine Konsequenz dieser städtebaulichen und planerischen Diskurse, dass zunehmend von «Agglomeration» gesprochen wird. Diese Wahrnehmung der Orte ist nicht mehr geprägt von ihrer Lage inner- oder ausserhalb einer Grenze, sondern von der Gleichzeitigkeit und Überlagerung unterschiedlicher Qualitäten. (11)
Einer der möglichen Gründe allerdings, weshalb der Begriff der Peripherie nicht aus dem Vokabular der Architekten und Städteplaner verschwunden ist, liegt in der Spannung zwischen dem Zentrum und dem Ausserhalb: einer Grundbedingung der Konzeption von Raum, die es erst möglich macht, Orte zu schaffen.
PERIPHERIE ALS RAUM
Als Yvonne Rudolf und Andreas Galli kurz vor der Jahrtausendwende ihr Büro gründeten, entsprachen die Grenzziehungen zwischen Stadt und Land nicht mehr den alten Begriffen — neue mussten aber erst geprägt werden. Als sie einige Jahre später ihre ersten Wohnsiedlungen realisierten, stellten sich mit den raumplanerischen Fragen um Peripherien und Agglomerationen auch architektonische: Welche Typologien würden diesen Gebieten gerecht werden? Sollten Innen- und Aussenräume unmissverständlich definiert sein — oder könnte eine Ambivalenz dieser Raumfassungen die Beziehungen zwischen den Orten aktivieren und intensivieren? Gäbe es dann, wie für Texte und Theaterstücke, verschiedene Fassungen für verschiedene Funktionen: eine Fassung des Raums für einen privaten Sonntagnachmittag, eine Fassung für siedlungsübergreifende Sommerfeste?
Was wir heute — vielleicht zu selbstverständlich — als Agglomeration und Stadtlandschaft beschreiben, bleiben Orte voller Widersprüche. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Tradition, Markt und Siedlungspolitik zeichnen ein vielschichtiges Bild. André Corboz, der bis 1993 an der ETH Zürich lehrte, prägte vor gut dreissig Jahren den Begriff des «Palimpsest» (mehrfach überschreibbares antikes oder mittelalterliches Schriftstück) als Teil des städtebaulichen Vokabulars:
«Certains planificateurs commencent eux aussi à se soucier de ces traces pour fonder leurs interventions. Après deux siècles pendant lesquels la gestion du territoire n’a guère connu d’autre recette que la tabula rasa, une conception de l’aménagement s’est plus comme un champ opératoire abstrait mais comme le résultat d’une très longue et très lente stratification qu’il importe de connaître pour intervenir.
[...] Mais le concept archéologique de stratification ne fournit pas encore la métaphore la plus appropriée pour décrire ce phénomène d’accumulation.
[...] Le territoire, tout surchargé qu’il est de traces et de lectures passées en force, ressemble plutôt à un palimpseste.» (12) Das Territorium als Ort der angesammelten Spuren und ausgelöschten Erinnerungen wird zum Palimpsest, das weder als «weisse Leinwand» wahrgenommen werden darf, wie Meilis Brief kritisierte, und ebensowenig als «Nicht-Ort», so der von Michel de Certeau und Marc Augés geprägte Begriff. (13) Vielmehr dachte Corboz mit der Metapher des Palimpsests die vielschichtigen Strukturen an, die sich in die ausgefransten und unscharfen Ränder der Städte eingeschrieben haben.
Die Verschiebungen der Aufmerksamkeit von der Peripherie zur Agglomeration und von der Grenzziehung zur Überlagerung sind bezeichnend für die veränderten Randbedingungen der architektonischen Entwürfe um die Jahrtausendwende. Texte wie Marcel Meilis Brief von 1988 lehnten sich bewusst an den Dirty Realism, eine in der amerikanischen Literaturkritik geprägte Tendenz an. Stadt und Land sollten so in kritischer Distanz zu den üblichen Kategorien der Planung ohne Vorurteile betrachtet werden. Das gedankliche Modell des Pamlipsests und die Methoden des Dirty Realism wurden zu Instrumenten gegen die Sprachlosigkeit gegenüber den Widersprüchen in der fragmentarisch besiedelten und zunehmend zersiedelten Landschaft.
Agglomeration, Akkumulation, Palimpsest: Die städtische Peripherie ist ein Raum der Schichtungen und Überlagerungen. Mit einem architektonischen Entwurf eine weitere Geschichte in diese Territorien einzuschreiben, heisst, diese Landstriche nicht länger als «jenseits der Stadtgrenze», sondern in Verbindung mit den Städten zu begreifen. Im Bereich der architektonischen Typologie bedeutet dies, zwischen allgemeinen und spezifischen Lösungen zum Grenzgänger zu werden.
(1) Marcel Meili, «Ein Brief aus Zürich», in: Lesearten, hrsg. von der Gastdozentur Eraldo Consolacio, ETH Zürich 1989, S. 163—173, hier S. 164 (deutsches Manuskript 1987, publiziert in spanischer und englischer Übersetzung in Quaderns 177, Barcelona 1988, S. 18—33).
(2) 1. (Math.) Umfangslinie, bes. des Kreises. 2. Rand, Randgebiet (z. B. Stadtrand). Quelle: Duden. Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl., Mannheim: Dudenverlag 2007.
(3) Meili (wie Anm. 1), S. 170.
(4) Thomas Sieverts, Zwischenstadt zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Braunschweig: Vieweg 1997; Franz Oswald/Peter Baccini/Mark Michaeli, Netzstadt, Basel: Birkhäuser 2003; Franz Oswald/Nicola Schüller (Hrsg.), Neue Urbanität — das Verschmelzen von Stadt und Landschaft, Zürich: gta Verlag 2003.
(5) Angelus Eisinger/Michael Schneider (Hrsg.), Stadtland Schweiz, Basel: Birkhäuser 2003.
(6) Roger Diener/Jacques Herzog/Marcel Meili/Pierre de Meuron/Christian Schmid, Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait, Basel: Birkhäuser 2006.
(7) Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), «Themen», www.are.admin.ch/themen/ laendlich (zuletzt aufgerufen: 6.2.2014).
(8) Regina Bittner, «Raum ohne Eigenschaften», in: Walter Prigge, Peripherie ist überall, Frankfurt: Campus Verlag 2000, S. 364—371.
(9) Marc Angélil/Michael Hirschbichler, Abecedarium zur Peripherie, Berlin: Ruby Press 2013. Die Bild- und Textsammlung beruft sich u. a. auf Gilles Deleuze und Félix Guattari, Mille plateaux, Paris: Les Éditions du Minuit 1980; Roland Barthes, Mythologies, Paris: Éditions du Seuil 1957 (dt.: Mythen des Alltags, Berlin: Suhrkamp 2012).
(10) Konstanze Noack, «Peripherie», in: Stephan Günzel (Hrsg.), Lexikon der Raumphilosophie, Darmstadt: WBG 2013, S. 302.
(11) Susanne Hauser/Christa Kamleithner, Ästhetik der Agglomeration, Wuppertal: Müller + Busmann 2006.
(12) André Corboz, «Le territoire comme palimpseste», in: Diogène, 121, Paris 1983, S. 14—35.
(13) Michel de Certeau, L’invention du quotidien, Paris: Union générale d’éditions 1980 (dt.: Kunst des Handelns, Berlin: Merve-Verlag 1988); Marc Augé, Non-Lieux, Paris: Le Seuil 1992.
TOPOGRAFISCHE AKZENTE: FÄRBI-AREAL, SCHLIEREN
Unter den neuen ausserstädtischen Siedlungen der letzten Jahre wurde kaum eine Gemeinde der Deutschschweiz so dynamisch entwickelt und dabei so genau beobachtet wie die Stadt Schlieren. Unmittelbar an der westlichen Stadtgrenze von Zürich gelegen, veranschaulicht das Beispiel von Schlieren eine mögliche städtebauliche Entwicklung von bäuerlicher zu industrieller und schliesslich zu periurbaner Kultur. Ende 1985 gab die Schlierener Färberei, wie zahlreiche andere Industriebetriebe, nur wenige Wochen nach der Schliessung der legendären Waggonfabrik, ihren Betrieb auf. Auf der anderen Seite der Gleise, gegenüber des Stadtzentrums und der Brache der «Wagi», hinterliess auch die einstige «Färbi» eine grosse Landfläche ohne Programm oder Bestimmung. Mit dem Ende der industriellen Ära und der Schliessung zahlreicher Fabriken wurde die einst florierende Industriestadt zur «Peripherie» und zum «gescheiterten Raum», der vor allem durch sein «ausserhalb» definierbar war.
Die verlassenen Industriezonen von Schlieren sind exemplarische Beispiele von Randgebieten, für welche das Konzept der «Vorstadt» nicht greift, weil sie eine eigene Geschichte haben. Ende der 1980er Jahre lagen die Transport- und Mobilitätsachsen von Eisenbahnen und Automobilen vielerorts zwischen brachliegenden Landflächen. Seit den Schliessungen der 1980er Jahre dominierten Themen wie Arbeitslosigkeit und soziales Elend. 1991 wurden kontaminierte Erdschichten vom Gelände der Färbi abgetragen [vgl. Abb. Färbi-Areal «Am Rietpark»]. (14) Ideen für eine neue Nutzung entstanden erst Jahre später. 2003 überschrieb der Tages-Anzeiger einen Artikel über Schlieren mit «Leben im ‹Abfallkübel› des Kantons». (15) Es bestand dringender Handlungsbedarf, die Gebiete nach dem Niedergang ihrer industriellen Bestimmung neuen Nutzungen zuzuführen. In diesem Jahr erarbeiteten neun Architekturbüros im Rahmen eines Studienauftrags einen Masterplan für das Areal der ehemaligen Färberei.
In ihrem Beitrag zu diesem Studienauftrag entwarfen Galli Rudolf Architekten einen städtebaulichen Bebauungsplan für das Färbi-Areal, der mit seiner programmatischen und topografischen Prägnanz so überzeugen konnte, dass er zum Wettbewerbssieger und zur weiteren Bearbeitung ausgewählt wurde [vgl. Färbi-Areal «Am Rietpark»]. Mit den drei Bebauungsbändern und dem Hochhaus am Rietpark überzeugte der Vorschlag auch durch seine ausgewogene Massstäblichkeit. Ziel war ein städtisches Quartier in Beziehung sowohl zum bestehenden Zentrum von Schlieren nördlich der Gleise wie auch zu den metropolitanen Zentren im weiteren Umfeld. Die bauliche Dichte ist so durchbrochen, dass Siedlungs- und Umgebungsräume in Austausch zueinander treten. Im Bericht vom Februar 2004 erklärte die Jury ihre Entscheidung für das Projekt von Galli Rudolf Architekten wie folgt:
«Es ist den VerfasserInnen des Projektes am Besten gelungen, mit der vorgeschlagenen Bebauungsstruktur auf die industriell und gewerblich geprägte Umgebung zu reagieren und so die Neubebauung in den baulich-räumlichen Kontext einzupassen. Das Projekt besticht durch den Vorschlag eines Regelwerkes, welches einerseits einen grossen Spielraum hinsichtlich Bebaubarkeit und andererseits eine hohe Nutzungsflexibilität zulässt. Die dadurch optimale Etappierbarkeit bildet eine inhärente Entwurfsqualität dieses bautypologisch ausgezeichneten Konzepts.» (16)
Städtebau und Gebäudetypologien folgen Regeln, deren nachvollziehbare Konsequenz gleichzeitig Offenheit und Prägnanz herstellt. Das Regelwerk des in der Folge ausgearbeiteten Gestaltungsplans geht von den linearen Strukturen des Limmattals als «Bandstadt» aus und führt auf dem Färbi-Areal eine primäre Gliederung aus Bändern in Ost-West-Richtung ein. Als sekundäre Gliederung setzt der Plan Querungen und Durchgänge in Nord-Süd-Richtung. Individuelle Identitäten erhalten die einzelnen Gebäude innerhalb ihrer winkelförmigen Silhouetten der stehenden L-Figuren durch ihre jeweils eigenen Nutzungen, Typologien und Dachformen. Auf das Prinzip der Bänder und Achsen griff auch die Metron Raumplanung AG in ihrem Entwicklungskonzept für die Gemeinde Schlieren zurück. Dieser grossräumliche Plan bezeichnete die Infrastrukturachse in Ost-West-Richtung als die globale Achse und die Landschaftsbezüge zwischen dem Fluss Limmat und den Ausläufern der Albiskette als die lokale Achse.
Der Masterplan von Galli Rudolf sah solche lokalen Bezüge mit den Bebauungsbändern, den Durchgängen und der vertikalen Artikulation der L-förmigen Silhouetten ebenfalls vor. Gross- wie kleinräumlich ist die Bebauung in die Topografie von Schlieren eingebunden.
«Schaffen eines neuen Stadtteils mit einer eigenen Identität / Silhouettenbildung mit grossem Wiedererkennungswert / eine städtebaulich und qualitativ hochwertige Verdichtung / gute Vernetzung mit dem Quartier im Mikro- und Makrobereich / grosse Flexibilität für vielfältige Nutzungen / weitreichende Elastitizität bezüglich Investitionsmöglichkeiten / gezielte Qualitätssicherung durch Vorgabe des Regelwerks / einfache Grundstruktur für die kontrollierte Umsetzung» (17)
Dies sind die acht Ziele, welche die Architekten im Planungsbericht vom Herbst 2004 festhielten. Spielraum und Etappierung als Elemente des planerischen Regelwerks minderten die ökonomischen Risiken des Grossprojekts, und sie ermöglichten für die einzelnen Gebäude expressive Silhouetten. Die Winkelform der Häuser entlang der Brandstrasse erlaubt Grösse und Höhe und trägt heute massgeblich zur Identität des neuen Stadtteils bei.
Die öffentliche Nutzung der Erdgeschosse war wichtig: Sie sind von der Strasse her einsehbar und im Volumen eingezogen. Die Eingänge zu den Wohnungen sind in die intimeren Durchgänge gesetzt, welche die Brandstrasse mit dem Rietpark verbinden. Dieser verläuft als öffentlicher Park entlang dem seit Jahrzehnten unterirdisch gelegten Rietbach, der von tief verwurzelten Bäumen nachgezeichnet wird.
In Schlieren sind nicht nur Stadt und Land zur hybriden Stadtlandschaft überlagert, auch die Gebäude selbst sind hybride Gebilde. Einen wichtigen Anstoss für diese programmatische und typologische Recherche lieferte Steven Holls Recherche zur Alphabetical City. (18) Yvonne Rudolf und Andreas Galli hatten Holls Untersuchungen zuerst während des Studiums bei Hans Kollhoff und später als Assistenten — Yvonne Rudolf bei Hans Kollhoff, Andreas Galli bei Dolf Schnebli — genauestens studiert.
«In the modern city, building function has evolved from the homogeneous to the heterogeneous. Growing densities and evolving building techniques have mixed and piled one function atop another, defying critics who contend that a building should look like ‹what it is ›. In the hybrid, form may remain absolute while function is changing and in conflict.» (19) Die von Steven Holl 1980 in seinem Buch Alphabetical City formulierten konzeptuellen Grundlagen erklären grosse Teile des experimentellen Charakters in Regelwerk und Gebäudetypologien, welche Galli Rudolf Architekten 2003 für das Färbi-Areal vorgeschlagen haben.
«So flexibel das dargestellte Regelwerk im Hinblick auf die Nutzungsbedürfnisse und Etappierung angewendet werden kann, so verlangt es doch in einigen Punkten und Details straffe Vorgaben», schrieben die Architekten im Planungsbericht. In den Besprechungen verteidigten sie die strikte Einhaltung eines zweieinhalbgeschossigen Flachbaus, eines Hochbaus mit eingezogenem Erdgeschoss wie auch der Durchgänge.
«Dachgeschosse und zurückspringende Attikageschosse sind aufgrund der erwünschten, prägnanten Silhouettenbildung nicht erlaubt», lautete zum Beispiel eine Vorgabe aus dem Planungsbericht. Um abzuschätzen, wohin solche in der Entwicklungspraxis unübliche Vorgaben führen, verlangte der Investor von den Architekten, in einem Testprojekt den Beweis einer Umsetzung zu erbringen.
Die weitere Zusammenarbeit mit den Entwicklern führte zu einer besonderen Situation, welche die Architekten beim Verfassen des Regelwerks nicht vorausgesehen hatten. In den folgenden Jahren entwarfen und realisierten sie die vier Bauten des nördlichen Bands mit den prägnanten Silhouetten entlang der Brandstrasse: zuerst, als Impuls, das Startprojekt auf dem Baufeld A4, dann auch die Baufelder A3, A2 und A1 [vgl. Abb. Färbi-Areal «Am Rieterpark»].
Als Folge der konsequenten Anwendungen der Regeln und — ebenso wichtig — des darin enthaltenen Spielraums fügen sich die vier in Form, Material und Programm unterschiedlichen Gebäude zu einem prägnanten Gesamtbild. Die Raumkonfigurationen erinnern zuweilen an das in den 1980er Jahren entwickelte Computerspiel Tetris, als ob die virtuelle Welt parallel zu den Architekturforschungen jener Zeit die typologischen Antworten für die Peripherien der Städte spielerisch vorweggenommen hätte — nur geht die Wohnungsvielfalt im Färbi-Projekt weit über die Anzahl der Elemente von Tetris hinaus.
Auf dem Färbi-Areal konnten viele Absichten der Planung realisiert werden: die Nutzungsvielfalt mit grossflächigen Hallen, vielfältigen Wohnungstypen und Ateliers, lokalen und überregionalen Unternehmen genauso wie die öffentliche Nutzung im Erdgeschoss und das Wohnen mit und in einer Dachlandschaft. Diese programmatische Arbeit des Ineinanderfügens — auf organisatorischer wie auf programmatischer Ebene — trägt nicht nur zur räumlichen, sondern auch zur Bewohnervielfalt bei.
(14) Ulrich Görlich/Meret Wandeler, Auf Gemeindegebiet. Schlieren—Oberengadin. Fotografien zum räumlichen Wandel im Mittelland und in den Alpen seit 1945, Zürich: Scheidegger & Spiess 2012, S. 7 f., www.archiv-des-ortes.ch (gesamtes Bildarchiv online zugänglich).
(15) Helene Arnet, «Leben im ‹Abfallkübel› des Kantons», in: Tages-Anzeiger, 10.10.2 003, S. 15.
(16) Studienauftrag Färbi-Areal, Schlieren ZH: Bericht des Beurteilungsgremiums, Februar 2004, S. 19.
(17) ebd.
(18) Steven Holl, Alphabetical City, Pamphlet Architecture Series 5, New York: Princeton Architectural Press, 1980. Darauf folgten von Steven Holl: Bridge of Houses, Pamphlet Architecture Series 7, 1981; Rural and Urban House Types, Pamphlet Architecture Series 9, 1983.
(19) Holl, Alphabetical City (wie Anm. 18), S. 6
GEFASSTE LANDSCHAFT: SIHLGARTEN, ZÜRICH-LEIMBACH
Komplexe Konstellationen in Grundriss und Schnitt sind ein Thema, das sich durch die Bauten von Galli Rudolf Architekten zieht. Auch in einem anderen Randgebiet, in Leimbach im Südwesten von Zürich, wurde mit einer prägnanten Figur in einer peripheren Situation Raum gefasst. Zwischen 2003 und 2007, parallel zu den Planungen für Schlieren, entwarfen die Architekten eine Wohnsiedlung für die Baugenossenschaft Hofgarten mit 57 Wohnungen entlang der Sihl. Die L-Figur des Baus ist grossräumig wie die Landschaft von Unterleimbach, einem einstigen Weiler, der 1893 gemeinsam mit Mittelleimbach und dem Engequartier in die Stadt Zürich eingemeindet wurde, aber topografisch von der Stadt abgetrennt bleibt [ vgl. Abb. Situation Wohnsiedlung Sihlgarten ] .
Wie der Gestaltungsplan und die realisierten Bauten auf dem Färbi-Areal stellt auch der horizontale Winkel der Siedlung Sihlgarten einen Bezug zur Entwurfsrecherche von Steven Holl her — als intertwining (Verflechten) und interlocking (Verzahnen). Dies geschieht über die in die Ausläufer der Uetlibergkette, das Flussbett der Sihl und die niedrige Bebauung von Unterleimbach eingebettete Figur der Raumklammer. Die liegende L-Figur fasst einen trotz der Grösse intimen Hofraum, der sich mit der Freifläche des ehemaligen Friedhofs zu einem grösseren Grünraum erweitert.
Die umlaufende Fassadenverkleidung der vertikal angeordneten Travertinsteine mit ihren feinen Rissen — ähnlich versteinerten Baumrinden — suggeriert eine Gleichzeitigkeit von Natur und Kultur, Feinem und Grossmassstäblichem und thematisiert so die Kontraste des Ortes [ vgl. Wohnsiedlung Sihlgarten ] . Die Frage der Grenzen stellt sich in der Siedlung Sihlgarten vehement: Zwar hatte die architektonische Moderne das räumliche Kontinuum gefordert, aber Innen und Aussen haben sich unter den klimatischen, sozialen und politischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts immer wieder neu ausgeprägt. Die geschlossene äussere Fassade aus rhythmisierten Bändern schirmt die Wohnungen vom Verkehr ab, während die schwebenden Brüstungen als umlaufende Balkonschicht innenseitig den offenen Hofraum bespielen.
Wie die Nachbarschaften sind auch die beiden Seiten der L-Figur komplementär angelegt: Wie in Hitchcocks Film Rear Window entfaltet sich im Inneren der Randbebauung ein vielfältiges Leben, das sich allen offenbart, die durch den offenen und öffentlichen Durchgang in der Ecke des Winkels entlang der Sihl in den Hof eintreten. Die Situierung des Haupteingangs in der Ecke sorgt auch dafür, dass die Dynamik der Figur in den gesamten Hofraum fliesst.
Die städtische Peripherie von Leimbach hat auf das Haus eingewirkt, die Elemente der komplementären Situation sind im Innern zu einem Repertoire von Grundrissen verschiedener Grössen und Figuren verknüpft: Ein- und zweigeschossige Wohnungen verbinden die privaten Räume zum Hof, zur Sihl und zur Strasse. Zwischen Hofraum und Sihl liegen die grösseren, von Fassade zu Fassade durchgehenden Familienwohnungen. Der Jurybericht von 2004 wertete die offenen Wohnküchen, die teilweise grösser als die Wohnzimmer sind, als Neuentdeckung. Gegenüber der befahrenen Ausfallstrasse war aber aufgrund der damaligen Lärmschutzvorschriften kein Wohnen von Fassade zu Fassade möglich. (20) Mit der durchdachten Grundrisstypologie reagierten die Architekten auf die durch den Lärmschutz diktierte Isolierung sowie auf eine Programmänderung der Genossenschaft, die mehr kleine Wohnungen brauchte: Entlang der Strasse entwarfen sie mit Laubengängen erschlossene Klein- und Maisonettewohnungen.
Wie beim Färbi-Areal wurde der gemeinschaftlichen Nutzung des Erdgeschosses auch im Sihlgarten grossen Wert beigemessen. Die Atelierwohnungen sind beliebt: Ein Raum im Erdgeschoss mit Verbindung zur darübergelegenen Kleinwohnung bietet Platz für verschiedene Bedürfnisse heutiger Lebens- und Arbeitsformen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben den Hof längst in Beschlag genommen: Tagsüber beleben ihn die Mädchen und Jungen des Kindergartens, abends und an den Wochenenden die Bewohner der näheren und weiteren Umgebung, für eine Pause auf dem Weg zum Waschsalon oder zum Gemeinschaftsraum. Das Zusammenspiel mit der Umgebung unterstützt auch der revitalisierte kleine Quartierbach, der quer durch den Hof fliesst. Die Raumklammer der Siedlung Sihlgarten fasst weit mehr als die verschiedenen Wohnungstypen; es sind auch das Flussbett und dessen Vegetation, die Grünräume am Fuss des Uetlibergs und die Fussgängerebene des Quartiers, die hier aktiviert werden.
Die Wohnlichkeit der Anlage beruht auf der choreografierten Massstäblichkeit des Entwurfs: Gegenüber den Lagerhallen zwischen der Sihl und der nahen Autobahn sind die Fassadenabwicklungen lang, gegenüber der kleinmassstäblichen Bebauung am Hang entsteht ein geschützter Raum. In jeder Facette des Zwiegesprächs mit der Umgebung oszilliert die grosse Raumklammer zwischen Annäherung und Aufforderung — was sich angesichts der späteren Entwicklung des Gebiets Manegg als weitsichtige Geste erwies. Das Sihltal ist eines der Territorien, wo sich Landschaft und Industrie seit Generationen überlagern und eine Intervention ohne Ambivalenz wohl zum Scheitern verurteilt wäre.
(20) Im Sommer 2005 zeigte das Architekturforum Zürich die Ausstellung Lärm. Das Ohr wohnt mit, die sich mit dem Einfluss und den Konsequenzen der Lärmschutzvorschriften auf Grundriss-, Fassaden- und Stadtraumgestaltung beschäftigte. Yvonne Rudolf war zu dieser Zeit Mitglied des Vorstands.
DURCHLÄSSIGE VERDICHTUNG: LUEGISLAND, ZÜRICH–SCHWAMENDINGEN
Mit den Ersatzneubauten für die Bau- und Siedlungsgenossenschaft Vitasana an der Winterthurer- und Luegislandstrasse in Zürichs Norden sahen sich Galli Rudolf Architekten mit den zuweilen prekären Bedingungen des derzeitigen raumplanerischen Credos der «inneren Verdichtung» konfrontiert. 2009 war es die Aufgabe der Architekten, im peripheren Stadtgebiet des Quartiers Schwamendingen, auf das die traditionellen Modelle der locker bebauten Gartenstadt nicht mehr angewandt werden durften, die Idee der Gartenstadt in den Zusammenhang eines verdichteten Stadtteils zu übersetzen.
Die Vorgabe war, zwischen dreigeschossigen Zeilenbauten und sechsgeschossigen Punkthochhäusern den Charakter des 1948 vom damaligen Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner angelegten Bebauungsplans zu erhalten, dies allerdings mit einem minimierten Anteil an Grün- oder Freiflächen. Diese Neuinterpretation führt in gewisser Weise den Begriffswandel der Gartenstadt seit seiner Einführung durch Ebenezer Howard im Jahr 1898 vor: Während Howards Modell ein Städtenetz im Grüngürtel um eine Kernstadt herum vorsah, bedeutete Gartenstadt zur Zeit von Steiners Plan ein Vorstadtquartier mit ausgiebigen Grünflächen. (21) Das seit 1934 in die Stadt Zürich eingemeindete Schwamendingen war eine Peripherie innerhalb der Stadtgrenzen. An der Wichtigkeit der Grünräume hält der aktuelle Bebauungsplan für Luegisland fest: Die Aussenräume sind so gesetzt, dass sie sich zu einem durchfliessenden Netz verbinden [vgl. Abb. Situation Wohnsiedlung Luegisland 1].
Die Vorstadtsiedlung sollte für ein urbanes Publikum attraktiv werden — eine Problemstellung, der die Architekten eher mit einer Taktik als mit einer Strategie begegnen mussten. (22) Gut 20 Jahre nach Marcel Meilis «Brief aus Zürich» von 1988 bedeutet Stadtentwicklung heute nicht mehr die Erschliessung eines Landschaftsraums; vielmehr überlagern sich in der Schwamendinger Siedlung Luegisland Stadt, Vorstadt und Gartenstadt zu einem Palimpsest der Stadtmodelle. Die Gartenstadt als Gegenstück zur Stadt war, wie die Begriffe von Stadtzentrum und Peripherie, von den Entwicklungen überholt, wie Meili beschrieb:
«Das Territorium, in dem wir arbeiten, hat in den vergangenen zwanzig Jahren schleichend seine Natur geändert. Es ist endlos geworden und macht damit jede Vorstellung von einem ‹neuen, besseren Ausserhalb› unmöglich. Die Stadt erschliesst sich nicht mehr das Land, sondern die Peripherie bemächtigt sich dieses Gegensatzes, um ihn aufzuheben.» (23) Schwamendingen ist ein solcher Ort, an dem die Peripherie die Gegensätze aufgehoben hat. Auf diese Situation haben Galli Rudolf Architekten mit einer räumlichen Verzahnung im städtebaulichen wie im architektonischen Massstab reagiert. Ihre Taktik lag in einer Abstufung der Höhen und in der Vernetzung der Aussenräume. Im Massstab der einzelnen Häuser sind die Baukörper mit grossen Balkonen, Oberflächenstrukturen und Durchblicken so artikuliert, dass auf verschiedenen Ebenen eine Reliefbildung die Identität des Ensembles unterstützt. Eine Farbgebung in erdigen Tönen verschiedener Helligkeiten, welche die Bauten in Sockel- und Obergeschoss differenzieren, intensiviert den Dialog zwischen den Teilen und dem Ganzen. In den Schattenwürfen auf dem groben Verputz und den Reliefs der Baukörper zeichnet sich im flachen Morgen- und Abendlicht die Vielzahl der städtebaulichen Körnungen ab.
In den vier realisierten Bauten der Siedlungsergänzung sind drei Wohnungstypen für unterschiedliche Haushaltsgrössen und Lebensformen angelegt [vgl. Wohnsiedlung Luegisland 1]. Diese unterschiedlichen Wohnungscharaktere drücken sich auch an der Fassade aus. Im Kopfbau entlang der Winterthurerstrasse ist das Thema der hybrid buildings am deutlichsten aufgenommen: An der Fassade zur Hauptstrasse sitzt über dem hell geschlämmten Gewerbesockel ein vertikal artikulierter, grob und dunkel verputzter Block, in dem kleinere Wohnungen mit tiefen Raumsequenzen angelegt sind. Winkelförmig doppelgeschossige Balkone und Raumfluchten entlang abgewinkelter Wohnungstrennwände erzeugen in der Vertikalen wie in der Horizontalen eine Dynamik, welche die young urban professionals für das Leben in der Vorstadt anwerben soll. In den zwei längeren Bauten entlang der inneren Siedlungserschliessung gibt es ebenfalls von Fassade zu Fassade durchgehende Wohnungen von mittlerer Grösse und konventioneller Tiefe, die typischerweise für Paarhaushalte ausgelegt sind. Im tiefen Block mit grösseren Familienwohnungen sind die Einheiten in den Quadranten des Grundrisses angelegt. Aus diesem Haus ragen weit auskragende Balkone in den Aussenraum. Im Innern der Wohnungen führt ein Rundgang durch eine kontinuierliche Raumsequenz.
Zwischen diesen drei Wohnungstypen liegen die zurückhaltend erneuerten Turmhäuser, die nun nicht mehr in eine Parklandschaft, sondern in ein Konglomerat erdfarbener Baukörper eingebettet sind. Das alleinige Reagieren auf die Ansprüche des Orts, des städtebaulichen Leitbilds oder der Wünsche der Genossenschaft hätte nicht gereicht, um ein solches Projekt zu entwerfen. Vielmehr beruht die Qualität der Überbauung Luegisland darin, Bauplatz und Programm als Palimpsest zu analysieren und mit einer vielschichtigen Taktik zu reagieren.
(21) Daniel Kurz, Die Disziplinierung der Stadt. Moderner Städtebau in Zürich 1900—1940, Zürich: gta Verlag 2005, S. 118 f., 313 ff.
(22) Michel de Certeau hat die Begriffe von Strategie und Taktik aus dem Kriegsvokabular in Beschreibungen von Alltagshandlungen überführt: Michel de Certeau (wie Anm. 13).
(23) Meili (wie Anm. 1), S. 164.
RAUM VERZAHNEN, RÄNDER FREISPIELEN: FEHLMANNMATTE, WINDISCH
In der 2014 fertiggestellten Wohn- und Gewerbeüberbauung Fehlmannmatte erscheint das Thema «Rand» in einem ganz anderen Zusammenhang: nicht als Bauen im Stadtrandgebiet, sondern entlang den Rändern archäologischer Ausgrabungen im Zentrum von Windisch. Die Fehlmannmatte blieb lange Zeit unberührt, nachdem hier 1902 archäologische Reste entdeckt wurden, die als «Forum Romanum» jedem Schulkind bekannt sind. Neuere Forschungen weisen die Anlage als Übungsplatz der zwischen Aare und Reuss untergebrachten römischen Legionäre aus, was die riesigen Dimensionen des von den archäologischen Resten aufgespannten Gevierts erklärt [vgl. Abb. Situation Wohnsiedlung Fehlmannmatte].
Die Ausgrabungen des Übungsplatzes sind nicht die einzigen Kulturgüter von nationaler Bedeutung in Windisch: Nördlich der Zürcherstrasse liegt das ehemalige Kloster Königsfelden mit seiner berühmten Kirche, dem heute als Klinik genutzten Hauptbau und einem weitläufigen Park. Die 1962 von Fritz Haller entworfene Höhere Technische Lehranstalt (HTL) im Nordosten bildet das historische Herzstück des kürzlich mit einem prominenten Neubau des Berner Büro B erweiterten Hochschulcampus Brugg–Windisch. Südlich der Fehlmannmatte erinnern die Ruinen des Amphitheaters, welche weiterhin für Freiluftveranstaltungen genutzt werden, an die römische Vergangenheit. Inmitten dieser baulichen Erinnerungsstücke war die Reverenz an das Vergangene eine Verpflichtung — doch wie kann eine heutige Architektur diesen immensen zeitlichen Horizont fassen?
In ihrem ersten Entwurf versuchten mehrere der Wettbewerbsteilnehmer, die Spuren der Römer mit einem riesigen Blockrandbau nachzuzeichnen. Das ursprünglich im Besitz der Gemeinde befindliche Areal liess gegenüber benachbarten Wohnquartieren eine erhöhte Dichte zu, was den Rückgriff auf die Form des Blockrands ebenfalls nahelegte. In der weiteren Arbeit an ihrem siegreichen Projekt erkannten Galli Rudolf Architekten aber, dass eine Rekonstruktion der einstigen Dimensionen mit der Vorgabe eines Bauperimeters innerhalb der archäologischen Reste der römischen Pfählungen bautechnisch nicht machbar war. Ebenfalls hätte eine geschlossene Form sich nicht mit dem angrenzenden Einfamilienhausquartier verzahnt, wie es die offenen Hofräume der Bebauung heute tun.
Die fünf Baukörper sind gemäss strengen Gesetzmässigkeiten auf dem Grundstück platziert. Ähnlich dem Regelwerk für das Färbi-Areal sind sie nicht frei gestaltet, sondern nach bestimmten Regeln geformt: Als ob die Baukörper aus einem langen Riegel geschnittene Stücke wären, deren Längen und Anzahl Geschosse in einer Spielart des Entwurfs — entsprechend ihrer Rolle im städtischen Gefüge — unterschiedlich bestimmt wurden. Im fünfteiligen Ensemble markieren die beiden 80 und 100 Meter langen fünfgeschossigen Baukörper mit 88 Mietwohnungen dessen Zentrumsfunktion und zeichnen die Ränder der römischen Bebauung innenseitig nach. Rückseitig richten sich drei kürzere viergeschossige Bauten mit 52 Eigentumswohnungen mit der Querseite zur kleinteiligen Bebauung im Westen. Sie zeigen, wie unter der Bedingung baulicher Verdichtung attraktiver Wohnraum entstehen und die Identität einer Gemeinde stärken kann. Im Innern durchleuchten die Architekten das Spektrum möglicher Wohnungstypologien, das sich in grossen und kleinen, ein- und zweigeschossigen, gestreckten und verschraubten Raumfolgen entfaltet. Überhohe Räume im Gartengeschoss und unter den Terrassen der Attikawohnungen tragen zur Bildung von intimen und gemeinschaftlichen Bereichen bei [vgl. Wohnsiedlung Fehlmannmatte].
Die Überlagerung von Erinnerung und Gegenwart drückt sich in den Baukörpern auf der Fehlmannmatte in einer statischen Präsenz aus. Der Entwurf hat die Strenge der römischen Architektur aufgenommen, nicht aber ihre Farbigkeit. Es ist das subtil proportionierte Relief aus Wandflächen und Laibungen, welche die grossen hellen Baukörper wie schon lange dagewesen wirken lässt. Eine rohweisse Schlemme legt sich über die Backsteine des grossen Ensembles und lässt sie monolithisch erscheinen. Wie aus einem Stein gemeisselt wirken die Fenstereinfassungen aus Glasfaserbeton über dem hell geschlämmten Backsteinfurnier. Sie zeichnen über den langen Strassenfassaden ein Relief aus Fugen und Laibungen, im Hofraum zusätzlich mit den vorspringenden Loggien aus rohem Beton.
Diese Strategie einer Konturenbildung in verschiedenen Massstäben, wie sie die Architekten bereits bei Gebäudehöhen, Balkonen und Verputz der Überbauung Luegisland in vielfältiger Weise einsetzten, entfaltet in ihrer monochromen Fassung auf der Fehlmannmatte eine bestechende Eleganz. Die an die Römerzeit erinnernden Monolithen sind unverkennbar anders als ihre Nachbarbauten. Über die Setzung der Hofräume aber verzahnen sie sich mit der Nachbarschaft im heterogenen Zentrum von Windisch.
In der Sockelzone mit Gewerbenutzung entlang der Zürcherstrasse unterstreichen sichtbar schwere Fassadenblöcke in rohem Beton die Präsenz in beinahe stoischer Art und Weise. Breite, offene Fugen lassen keine Zweifel, dass die tektonische Referenz dieser Anlage in der Antike liegt. Das eingezogene Erdgeschoss markiert Öffentlichkeit am für die Zentrumsbildung in Windisch prominenten Ort gegenüber der Parkanlage von Königsfelden, der Schulbauten Hallers und entlang der befahrenen Durchgangsstrassen. Die Setzungen der Baukörper fassen die privaten, halböffentlichen und öffentlichen Räume bewusst ambivalent in einer unterschwelligen Urbanität, welche der regionalen Bedeutung von Windisch gerecht wird, ohne aufdringlich zu wirken.
Wie die Peripherie nicht entlang einer Linie verläuft, sondern vielschichtige Räume beinhaltet, sind auch die Typologien der hier diskutierten vier Projekte vielfältig. In den ersten drei besprochenen Wohnsiedlungen sind es die Palimpseste der städtischen Peripherien, im letzten Beispiel der neuen Zentrumsbebauung von Windisch sind es archäologische Reste ehemaliger Siedlungs- und Bebauungsgrenzen, welche Fragen an die Architekten stellen, die sich mit den herkömmlichen Herangehensweisen nur unvollständig beantworten lassen. Die verzahnten und verflochtenen Aussen- und Innenräume ihrer baulichen Antworten, in der Horizontalen und der Vertikalen, sind Grenzgänger zwischen Experiment und Tradition, zwischen Vision und Markt, zwischen Stadt und Land — wobei die Grenzen zwischen diesen Begriffen ebenfalls längst verwischt sind. Die Wohnsiedlungen von Galli Rudolf Architekten fassen Räume mit mehrfachen Zuordnungen und Lesbarkeiten: Sie können zuweilen zugleich innen und aussen, zugleich privat und gemeinsam sein. Sie fächern Möglichkeiten des Wohnens, Arbeitens, Lebens und Handelns auf.
Sabine von Fischer lebt als Autorin in Zürich. Nach praktischer Tätigkeit als Architektin in Zürich und New York war sie Redaktorin für werk, bauen + wohnen. Sie doktorierte und lehrte am Institut für Geschichte und Theorie (gta) der ETH Zürich und hat zahlreiche Texte für Zeitungen, Zeitschriften und wissenschaftliche Publikationen verfasst.