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Mit 1,67 Meter und 65 Kilo hat er zwar nicht die Idealmasse eines modernen Eishockey-Stars, doch Lino Martschini (22) hat sich in den letzten fünf Jahren viel Respekt verschafft, in der höchsten kanadischen Juniorenliga OHL bei den Peterborough Petes ebenso wie mit dem EV Zug in der NLA. Nun kämpft der Luzerner um einen Platz im Kader der Nationalmannschaft für die WM in Tschechien (1. bis 17. Mai), der Heimat seines Vaters, der 1968 während des Prager Frühlings in die Schweiz emigrierte.
Ohne Gardemass haben Sie es bis in die Nationalmannschaft geschafft. Nehmen Sie das noch als Handicap wahr?
Ich nehme es schon immer mit, aber ich habe mich daran gewöhnt, weil ich auf jeder Stufe der Kleinste und Leichteste war. Mir ist es jedoch immer gelungen, mich durchzusetzen, und das hat mich stärker gemacht und motiviert, meinen Weg weiter zu gehen.
Braucht es mehr Mut, wenn Sie in die Zweikämpfe gehen?
In meinem Inneren wahrscheinlich schon, aber ich zeige es nach aussen hin nicht. Ich bin deswegen nicht ängstlich, aber ich brauche sicher mehr Energie, um mich behaupten zu können.
Sind Sie «der Shaqiri des Schweizer Eishockeys»?
Als ich in meiner ersten Profi-Saison beim EV Zug zum «Rookie of the Year» wurde, ist dieser Vergleich schon mal rumgegangen, weil auch Shaqiri nicht der Grösste, aber überdurchschnittlich talentiert ist. Ich bin jedoch noch nicht auf dem gleichen Niveau angekommen, auf dem er sich im Fussball bewegt.
Wie wurde die Sportbegeisterung bei Ihnen entfacht?
Ich hatte von klein auf nur Sport im Kopf. Mein Vater spielte in der Nationalliga B und in der 1. Liga Eishockey, mein Bruder in der 2. Liga, und meine Mutter hat mich zu den Spielen immer mitgenommen. Ich hätte mir gar keinen anderen Beruf vorstellen können. Wenn es mit dem Eishockey nicht geklappt hätte, hätte ich eben in einer anderen Sportart Profi werden wollen! (lacht)
Was haben Ihnen die zwei Jahre in der kanadischen Juniorenliga gebracht?
Ich habe gelernt, dass ich mich sogar auf dem kleineren nordamerikanischen Spielfeld gegen grössere und kräftigere Spieler durchsetzen kann. Ich habe jedoch nicht nur hockeytechnisch profitiert, sondern bin auch sonst gereift. Ich spreche viel besser Englisch, habe viele tolle Menschen und eine andere Kultur kennengelernt.
Wie sah Ihr Leben dort aus?
Ich habe bei einer sehr sympathischen Gastfamilie gewohnt und bin im ersten Jahr noch auf die Highschool gegangen. Es war wirklich so, wie man es aus dem Kino kennt. Wir gingen zwar in die Schule, spielten aber viel mehr Eishockey und reisten quer durch den halben Kontinent. Die enorme Medienpräsenz schon auf der Juniorenstufe war krass. Da kam es mir nach meiner Rückkehr zum EV Zug entgegen, dass der Rummel hier eine Nummer kleiner ist.
Sind Sie mit einer anderen Einstellung zu Ihrem Sport zurückgekehrt?
In Kanada gibt es viele junge Talente, die sehr hart trainieren. Trotzdem schaffen nur die wenigsten den Sprung in die Profiligen NHL und AHL. Die anderen müssen sich schon früh mit dem drohenden Karriereende befassen. Das hat mir noch mehr bewusst gemacht, was es für ein Privileg ist, von meiner grossen Leidenschaft leben zu können, und deshalb gebe ich jeden Tag alles.
Von welchem Mitspieler haben Sie am meisten gelernt?
Wahrscheinlich von NHL-Star Henrik Zetterberg. Als er in meiner ersten NLA-Saison während dem Lockout bei uns in Zug spielte, hatte ich das Glück in der Garderobe neben ihm zu sitzen. Er ist auf und neben dem Eis ein Vollprofi und dazu ein Supertyp. Es ist unglaublich, was er mit dem Puck anstellt, wie er ihn mit dem Körper unheimlich gut abdeckt und mit überragender Spielübersicht immer die richtigen Entscheidungen trifft. Manchmal sass ich auf der Spielerbank und habe es einfach genossen, ihm zuschauen zu können.
Sie haben in dieser Saison bei Zug am zweitmeisten Skorerpunkte gesammelt. Ob Sie ins WM-Kader kommen, ist aber ungewiss. Wie lebt es sich damit?
Das gehört einfach dazu. Da man vorher nicht weiss, welche Spieler aus der NHL und von den Finalisten der Schweizer Meisterschaft verfügbar sind, muss der Trainer seine Entscheidungen oft im letzten Moment fällen. Als junger Spieler geniesse ich es so oder so, mit meinen Kollegen aus Bern, Genf oder Lugano zusammenspielen zu können, versuche aber auch, mich mit guten Leistungen zu empfehlen. Nachdem wir mit dem EV Zug im Playoff-Viertelfinal nur knapp an Meister Davos gescheitert sind, wäre meine erste Teilnahme an einer A-WM der krönende Abschluss dieser Saison.
Wie verbringen Sie die Eishockey-freie Zeit danach?
Fest steht, dass ich meinen WK machen muss. Ob ich schon im Mai oder erst im Juli Ferien machen kann, wird sich zeigen. Auf jeden Fall werde ich mich mit meiner kanadischen Freundin irgendwo an der Sonne erholen, gut essen, viel schlafen, die Familie und Freunde treffen, Golf spielen und jassen – dabei kann ich auch entspannen.