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Palier seines Onkels Johann Jakob Herkomer
Johann Georg Fischer wird am 21. Januar 1673 in Oberdorf, einem Marktflecken im Hochstift Augsburg, als Sohn des Bäckermeisters Georg Fischer (1643−1679) und der Regina Herkomer (1639−1704) geboren. Der Markt Oberdorf liegt sechs Wegstunden nördlich von Füssen. Auf halber Strecke liegt Sameister, woher die Mutter stammt. Sie ist die 13 Jahre ältere Schwester des Johann Jakob Herkomer.[1] Der spätere bekannte Füssener Baumeister kehrt 1685 von einem zehnjährigen Aufenthalt in Venedig zurück und beweist mit seinem Erstlingswerk, der Kapelle in Sameister, sein Qualitäten als Planer und Maler. Seinem Neffen Johann Georg verschafft er eine Lehrstelle als Steinmetz bei Johannes Seidenmann in Rieden und als Maurer bei Augustin Stickl in Marktoberdorf. 1695 bricht er wieder nach Italien auf, nun zusammen mit seinem Neffen. Ende 1697 kehren beide zurück. Von nun an bis zum Tod Herkomers 1717 sind Onkel und Neffe eine Arbeitsgemeinschaft. Herkomer, der wegen seiner langjährigen Tätigkeit in Italien keiner einheimischen Handwerkerzunft angehört, lässt seine Bauten durch Johann Georg Fischer organisieren und als Palier leiten. So ist dieser am Kornhaus in Füssen, an der dortigen Klosterkirche St. Mang mit den Klosterneubauten, die er nach 1717 selbstständig weiterführt, auch an den Umbauten der Stiftskirchen St. Moritz und Hl. Kreuz in Augsburg beteiligt, um nur die wichtigsten zu nennen.
Füssen
1706 kauft Fischer ein Haus in Füssen. 1707 heiratet er die einheimische Bäckerstochter Euphrosina Stadler. Von den acht Kindern dieser Ehe erreichen nur zwei das Erwachsenenalter. Der 1710 geborene Sohn Franz Karl geht bei seinem Vater in die Lehre und tritt nach dessen Tod die Nachfolge an.[2] In Füssen ist Johann Georg Fischer geachteter Baumeister, übernimmt mehrere Ehrenämter und ist 1710 bis etwa 1720 auch Vorsitzender der Maurerzunft.
Krippkirche Füssen und St. Jakob in Innsbruck als erste selbstständige Werke
Beim Tod seines Onkels ist Fischer 44 Jahre alt. Herkomer hat ihm schon vorher, voll beschäftigt mit dem Bau von St. Mang in Füssen, einige Bauwerke voll übertragen. So trägt die Krippkirche in Füssen nur an der Fassade die Handschrift Herkomers. Das Raumgefüge dieser Strassenkirche hat die Servitenkirche in Rattenberg im Tirol zum Vorbild, die Herkomer und Fischer noch im Frühjahr 1717 besichtigen.[3] Für die erst im Rohbau vollendete Stiftskirche von Fultenbach organisiert Fischer Künstler, die als Schüler Herkomers auch an der Fertigstellung von St. Mang in Füssen arbeiten, darunter auch Dominikus Zimmermann. Das wohl bedeutendste Bauwerk, das Fischer 1717 noch als Palier von Herkomer beginnt und jetzt in gestalterischer Alleinverantwortung weiterführt, ist die Stadtpfarrkirche St. Jakob in Innsbruck.[4] Er verändert den Entwurf Herkomers. Dieser plant 1712 auf dem alten romanischen Grundriss ähnlich der Stiftskirche von St. Mang eine Wandpfeilerkirche mit additiver quadratischer Jochfolge und Rundkuppeln sowie einer Tambourkuppel im Chor. Fischer schiebt nun im Schiff die Wandpfeiler an die Aussenwand und schafft damit drei queroblonge gleichwertige Joche, deren Ovalkuppeln einen «Baldachinraum» bilden. Es sind jetzt keine freitragenden Kuppeln mehr, sondern Gipslatten-Stuckgewölbe im Verbund mit dem Dachstuhl. Hier ist der direkte Einfluss des eigentlichen Innenraumgestalters Egid Quirin Asam sehr deutlich spürbar, der als Stuckateur diese Gewölbe auch erstellt und damit seinem Bruder Cosmas Damian eine grossartige Bühne für die Fresken bietet. St. Jakob in Salzburg ist zwar ein Werk Fischers, die Innenraumgestaltung überlässt er aber den Brüdern Asam und ist schon bei der Gewölbeerstellung 1722 nicht mehr an Ort. Nicht nur der Wandel von der Wandpfeilerkirche zur Saalkirche deutet sich hier an, auch der Wandel vom Baumeister als Architekt und Unternehmer zum reinen Architekten ist schon vollzogen. Fischer erhält Vergütungen für Planungen und Kostenermittlungen und leitet die Baustellen im Taglohn. Auf diesen setzt er als verantwortliche Paliere Vertrauensleute ein, die wiederum im Taglohn beschäftigt sind. So kann er die Übernahme der Bauten im Generalakkord, wie dies bei den gleichzeitig tätigen Vorarlbergern noch Usanz ist, meist umgehen.
Kisslegg, Marktoberdorf
1718 ist Fischer erstmals in der Herrschaft Kisslegg tätig. Nach seinem Riss wird die St.-Anna-Kapelle gebaut, für die er Cosmas Damian Asam als Freskanten vermittelt. Für die Planungstätigkeit erhält er 20 Gulden. Schon 1721 kann er für den gleichen Bauherrn Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg das Neue Schloss planen, ein stattlicher Dreiflügelbau, aber mit der horizontalen Stockwerksteilung noch der Architektursprache des 17. Jahrhunderts verpflichtet. Ein Jahr später baut Fischer für den Augsburger Fürstbischof ein Jagdschloss im Markt Oberdorf, eine in der Fassadengestaltung ähnliche Vierflügelanlage. Hier baut er ausnahmsweise als Baumeister im Akkord. In Oberdorf, nahe beim fürstbischöflichen Jagdschloss, steht die Pfarrkirche St. Martin. Sie ist eines der Hauptwerke Fischers. Sein Palier Paul Bienz leitet 1732−1734 den Neubau des Langhauses und den Umbau des Chors.
1734−1737 arbeitet er ein weiteres Mal für die Herrschaft Kisslegg. Unter seiner Leitung wird die mittelalterliche Basilika St. Gallus und Ulrich unter Verwendung der alten Langhausmauern umgebaut.
Bertoldshofen
Noch vor dem Kirchenbau in Oberdorf liefert Fischer 1727 Pläne für die Wallfahrtskirche St. Michael in Bertoldshofen, die bis 1731 auf alten Umfassungsmauern durch seinen Palier Paul Bienz neu gebaut wird. Die bedeutende Anlage ist ein Meisterwerk Fischers. Eine Antoniusbruderschaft ermöglicht die Finanzierung der Kirche, die nach Wunsch des Bauherrn das Vorbild der Grabkirche des hl. Antonius von Padua hat. Fischer wandelt das vorgegebene Motiv geschickt um und formt mit fünf unterschiedlich hohen Kuppeln einen zentralisierenden und mehrdeutigen Raum in Form eines griechischen Kreuzes. Er bindet den bestehenden Turm mittig in eine Risalitfassade mit Volutenhalbgiebeln ein und ist mit der rhythmisch gegliederten Fassadengestaltung Vorbild der Roggenburger Stiftskirche von Simpert Kramer.
Wolfegg
1725−1738 ist Fischer wieder für das Grafenhaus Waldburg tätig. Für die Grafen von Waldburg-Wolfegg-Wolfegg erarbeitet er verschiedene Projekte für einen Neubau der Kollegiatsstiftskirche beim Schloss Wolfegg. Nach seinen Ausführungsplänen wird 1733 der Kirchenneubau begonnen. An den zentrierten Wandpfeilersaal des Langhauses schliesst ein ausgewogener Chorprospekt mit Pendentifkuppel[5] an. Der Innenraum von Wolfegg ist unter den zentrierten Wandpfeilersälen «unstreitig einer der besten, aber nicht auch entsprechend bekannt».[6] Aussen wird dem Bauwerk 1906 ein unpassender Glockenturm angefügt.
Dillingen
Einer der spätesten Sakralbauten Fischers ist die Franziskanerinnen-Klosterkirche Mariä Himmelfahrt in Dillingen. 1736 baut Palier Franz Xaver Kleinhans nach Plänen Fischers die kleine Kirche. Hinter einer Fassade mit der für Fischer typischen Fensterform, einem unten ausladenden Thermenfenster mit einem Okulus darunter, ist ein intimes zentralisiertes Langhaus zu finden, das leider 1900 durch den Einbau einer viel zu grossen Empore beeinträchtigt wird.
Lebensende
Nachdem 1735 seine erste Ehefrau stirbt, heiratet er 1744, nun schon 71 Jahre alt, Maria Viktoria Berchtold aus Schongau. Aber schon nach dem Bau in Dillingen nehmen die Aufträge ab. Auch die Ernennung zum «decredierten hochstiftischen Paumeister» ändert daran nichts. Zudem plagt ihn eine zunehmende Gicht. Er stirbt am 24. April 1747 im Alter von 74 Jahren in Füssen.
Pius Bieri 2012
Literatur:
Sauermost, Heinz Jürgen: Der Allgäuer Barockbaumeister Johann Georg Fischer. Augsburg 1969.
Seufert, Ingo: Johann Jakob Herkomer. Lindenberg 2009.
Anmerkungen:
[1] Johann Jakob Herkomer (1652−1717), Maler und Stiftsbaumeister von Füssen. Hauptwerk ist die Benediktinerabtei St. Mang in Füssen.
[2] Franz Karl Fischer (1710−1772)
[3] Die Servitenkirche in Rattenberg wird 1707−1709 von Diego Francesco Carlone umgebaut.
[4] Sie wird seit 1964 als Dom bezeichnet.
[5] Als Pendentif wird der Zwickel-Übergang von der runden Kuppel zum quadratischen Grundriss bezeichnet.
[6] Bernhard Schütz in: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben, München 2000.
Ausgeführte Werke nach Planungen von Johann Georg Fischer. Quelle: Hans Jürgen Sauermost. Es werden nur die sicheren Zuschreibungen aufgeführt.
|Jahr||Ort||Bauwerk und Arbeit||Herrschaft, Bauherr||Heute (Kreis, Land)|
|1717−

1725
|Fultenbach, Benediktinerabtei.||Stiftskirche. Neubau nach Planung Johann Jakob Herkommer. Leitung der Fertigstellung. (Abbruch 1811).||Benediktinerabtei Fultenbach.

Abt OSB Magnus Schmidt.
|Holzheim (Dillingen an der Donau, BY).|
|1717−

1718
|Füssen.||Krippkirche St. Nikolaus. Neubau. Innenraumplanung (Altar von Dominikus Zimmermann).||Hochstift Augsburg. Franziskanerkloster Füssen.||Füssen (Ostallgäu, BY).|
|1717−

1722
|Innsbruck.||Stadtpfarrkirche St. Jakob (heute Dom). Neubau. Planung und Oberleitung.||Grafschaft Tirol.

Stadtrat Innsbruck.
|Innsbruck (Tirol, Österreich).|
|1717−

1726
|Füssen, Benediktinerabtei.||Klosterkirche St. Mang. Neubau (Johann Jakob Herkomer) Fertigstellung Ausstattung.||Benediktinerabtei St. Mang.||Füssen (Ostallgäu, BY).|
|1718−

1719
|Kisslegg.||Kapelle St. Anna. Neubau. Heute Gottesackerkapelle. Planung.||Herrschaft Kisslegg. Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg.||Kisslegg (Ravensburg, BW).|
|1721||Füssen.||Friedhofskirche St. Sebastian. Neubau Langhaus. Planung.||Hochstift Augsburg. Stadtrat Füssen.||Füssen

(Ostallgäu, BY).
|1721||Rieden am Forggensee.||Fünf-Wunden-Kapelle, heute Pfarrkirche. Neubau Langhaus. Planung. (Turm und Umbau 1894).||Hochstift Augsburg. Bruderschaft Rieden.||Rieden am Forggensee (Ostallgäu, BY).|
|1721−

1723
|Bernbeuren.||Pfarrkirche St. Nikolaus. Neubau. Planung. 1724 auch Neubau Pfarrhof.||Hochstift Augsburg. Pflegamt Füssen.||Bernbeuren (Weilheim-Schongau, BY).|
|1721−

1723
|Kisslegg.||Neues Schloss. Planung.||Herrschaft Kisslegg. Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg.||Kisslegg (Ravensburg, BW).|
|1723−

1729
|Markt Oberdorf.||Jagdschloss. Neubau. Planung und Baumeisterarbeiten. Paliere Paul Bienz und Joseph Halbritter.||Hochstift Augsburg. Fürstbischof Alexander Sigismund von Pfalz-Neuburg.||Marktoberdorf (Ostallgäu, BY).|
|1723−

1729
|Rosshaupten.||Pfarrkirche St. Andreas. Umbau Chor und Neubau Langhaus. Planung.||Hochstift Augsburg.||Rosshaupten (Ostallgäu, BY).|
|1724||Füssen.||Feldkirche St. Ulrich und Afra. Neubau. Planung,||Hochstift Augsburg. Stadtrat Füssen.||Füssen

(Ostallgäu, BY).
|1725−

1729
|Unterpinswang im Tirol.||Pfarrkirche St. Ulrich. Neubau. Planung.||Benediktinerabtei St. Mang, Füssen.||Pinswang (Reutte, Tirol).|
|1726||Steinbach.||Kapelle St. Magnus und Wendelin. Neubau.||Hochstift Augsburg.||Stötten am Auerberg (Ostallgäu, BY).|
|1727−

1733
|Bertoldshofen.||Wallfahrtskirche St. Michael. Neubau. Planung und Oberleitung. Palier Paul Bienz.||Hochstift Augsburg. Antoniusbruderschaft Bertoldshofen. Pfarrer Johann Ulrich Julius.||Marktoberdorf (Ostallgäu, BY).|
|1728||Buchloe.||Amtshaus. Neubau. Planung. Hier 1722 auch Planung Zuchthaus-Neubau.||Hochstift Augsburg.||Buchloe (Ostallgäu, BY).|
|1729||Buchloe.||Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Umbau. Planung. Palier Franz Xaver Kleinhans.||Hochstift Augsburg.||Buchloe (Ostallgäu, BY).|
|1730||Reichenbach.||Filialkirche St. Blasius. Neubau. Planung.||Hochstift Augsburg.||Stöttwang (Ostallgäu, BY).|
|1732||Leitershofen.||Pfarrkirche St. Oswald. Planung. Palier Franz Xaver Kleinhans. Verlängerung 1928.||Hochstift Augsburg.||Stadtbergen (Augsburg, BY).|
|1732−

1738
|Markt Oberdorf.||Pfarrkirche St. Martin. Neubau. Planung und Oberleitung. Palier Paul Bienz.||Hochstift Augsburg.||Marktoberdorf (Ostallgäu, BY).|
|1733−

1738
|Wolfegg.||Kollegiatstiftskirche St. Katharina und Franz von Assisi. Neubau. Planungen und Oberleitung.||Herrschaft Wolfegg der Grafen von Waldburg-Wolfegg-Wolfegg. Rentamt.||Wolfegg (Ravensburg, BW).|
|1734−

1737
|Kisslegg.||Pfarrkirche St. Gallus und St. Ulrich. Neubau Chor und Umbau Langhaus.||Herrschaft Kisslegg. Graf Johann Ernst II. von Waldburg-Trauchburg.||Kisslegg (Ravensburg, BW).|
|1735||Sulzschneid.||Pfarrkirche St. Pankratius. Planungen. Veränderte Ausführung 1739−1740 durch Joseph Halbritter.||Hochstift Augsburg.||Marktoberdorf (Ostallgäu, BY).|
|1736−

1738
|Dillingen an der Donau. Franziskaner-innenkloster.||Neubau Klosterkirche Mariä Himmelfahrt und Konventgebäude. Planung. Ausführung Franz Xaver Kleinhans.||Hochstift Augsburg. Franziskanerinnen Dillingen. Meisterin Aloisa Erlacher.||Dillingen (Dillingen an der Donau, BY).|
|Johann Georg Fischer (1673−1747)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum (Taufe)||Geburtsort||Land|
|21. Januar 1673||Oberdorf||Schwaben Bayern D|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Hochstift Augsburg||Augsburg|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|24. April 1747||Füssen||Schwaben Bayern D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Hochstift Augsburg||Augsburg|
|Kurzbiografie|
|Johann Georg Fischer ist Neffe und Schüler von Johann Jakob Herkomer. Dieser überträgt ihm, nach der Lehre und einem gemeinsamen Italienaufenthalt, die Leitung und Ausführung aller seiner Bauwerke. Herkomer stirbt 1717. Die Werkliste der nun eigenen Bauten Fischers ist eindrücklich. Darunter finden sich wichtige Sakralbauwerke wie der Dom St. Jakob in Innsbruck, die Kirchen von Marktoberdorf und Bertoldshofen, die Stiftskirche von Wolfegg und die Franziskanerinnen-Klosterkirche in Dillingen. Die Bauten führt Fischer, wie schon sein Onkel, nicht mehr selbst aus. Damit vollzieht er früh den Wandel vom Baumeister als Architekt und Unternehmer zum reinen Architekten.|