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Heute gilt Carmen Herrera als Meisterin der abstrakten Malerei. Doch zuvor war sie fast ihr ganzes Leben lang völlig unbekannt geblieben. Zumindest für das grössere Publikum, in Künstlerkreisen kannte man sie. Aber Anerkennung, Ausstellungen und Erfolg kamen für Carmen Herrera erst in einem Alter, in dem bei vielen anderen die Schaffenskräfte erlahmen.
Zwischen Kuba, Paris und New York
Herrera wurde 1915 in Kuba geboren. Sie interessierte sich früh für Kunst und wurde von ihren Eltern gefördert. Die Mutter war eine aktive Feministin und eine der ersten Journalistinnen Kubas, der Vater Herausgeber einer Zeitung. Carmen Herrera erhielt Zeichenunterricht und studierte zunächst Architektur.
Sie heiratete den US-amerikanischen Lehrer Jesse Loewenthal, mit dem sie 1939 nach New York zog. Dort studierte sie einige Zeit an der einflussreichen Art Students League of New York. Ein Lehrer riet ihr allerdings bald, die Schule zu verlassen und sich ganz ihrer Malerei zu widmen.
Leidenschaft für Geometrie
«Ich habe noch nie eine gerade Linie gesehen, die ich nicht geliebt hätte», lautet ein bekanntes Zitat von Carmen Herrera. Es beschreibt ihr künstlerisches Wesen: Herrera hatte eine Leidenschaft für strenge Linien und abstrakte Formen.
1948 zog sie mit ihrem Mann für sechs Jahre nach Paris. Dort lernte sie Kunstschaffende wie Yves Klein kennen und beschäftigte sich mit Werken von Mondrian oder Malewitsch. Sie reduzierte ihre Farbpalette, malte schwarz-weiss und nahm optische Effekte der Op-Art vorweg. 1951 hatte sie am Salon des Réalités Nouvelles eine eigene Ausstellung – doch dabei blieb es, es folgten keine weiteren Ausstellungen.
Die Grenzen der Malerei gesprengt
Zurück in den USA begann Herrera an Gemälden zu arbeiten, in denen sie grosse Farbflächen gegeneinanderstellte, um so die Grenzen der Malerei experimentell auszuloten.
Mit ihrer geometrisch abstrakten Acrylmalerei bewegte Carmen Herrera sich im heissen Kern der US-amerikanischen Nachkriegsmoderne, in der Minimalismus und Farbfeldmalerei zu den dominierenden Kunstströmungen gehörten.
Zu nah am Puls der Zeit
Carmen Herrera malte am Puls der Zeit. Oft war sie ihren Zeitgenossen sogar ein paar Pulsschläge voraus. Sie war modern, mutig, innovativ. Vielleicht ein bisschen zu mutig.
Als Frau und Kubanerin hatte Herrera auf dem Kunstmarkt einen schweren Stand. Eine Lateinamerikanerin, die malt wie ein weisser Nordamerikaner, war nicht gefragt. Wenn sie sich ein wenig femininer gezeigt hätte, ein wenig folkloristisch, hätte man sie vielleicht als farbenfrohe Latina einordnen können.
Aber Carmen Herrera liess sich nicht in Schubladen stecken. Als eine ihrer grössten Einflussquellen nannte sie einmal die japanische Kultur. Sie sah ihre Bilder als gemaltes Äquivalent zum Haiku, dem traditionellen japanischen Kurzgedicht.
2004 wurde Carmen Herrera von einem New Yorker Galeristen entdeckt, als sie bereits 89 Jahre alt war. Seither wird ihr Werk in renommierten Ausstellungshäusern in den USA und in Europa gezeigt. Viele ihrer Arbeiten haben Eingang in wichtige Sammlungen gefunden.
Carmen Herrera hat ihren späten Ruhm eher nüchtern aufgenommen. Über die langen Jahre des Malens abseits vom Kunstmarkt sagte sie einmal: «Ruhm stört nur bei der Arbeit.»
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