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Bildung wird auf unterschiedlichen Wegen erworben, einerseits in organisierten und strukturierten Bildungsangeboten und andererseits individuell im Beruf, bei der Haus- und Familienarbeit oder in der Freizeit. Man spricht in diesem Fall von nicht formal erworbener Bildung. Nicht formal erworbene Bildung gewinnt an Bedeutung: Lebensläufe lassen sich heute nicht mehr als Abfolge klar voneinander abgrenzbarer Phasen von Ausbildung und Berufstätigkeit charakterisieren. Die Hälfte aller Erwerbstätigen übt heute einen anderen Beruf aus als den ursprünglich erlernten. Der (Wieder-) Eingliederung in den Arbeitsmarkt wird vermehrt Beachtung geschenkt. In diesem Kontext kommt der Anrechnung von Bildungsleistungen ein hoher Stellenwert zu. Mit der Trennung von Bildungsweg und Qualifikationsverfahren macht das Berufsbildungsgesetz (BBG) dies möglich und gleichzeitig das Berufsbildungssystem offener und durchlässiger.
Neben den Bildungsgängen auf der Tertiärstufe können Personen mit einem eidg. Fähigkeitszeugnis auch eine zweite Ausbildung auf der Sekundarstufe II absolvieren. Beispielsweise die gymnasiale Maturität auf dem 2. Bildungsweg, wenn jemand ein Studium an der Universität anstrebt. Es ist aber auch möglich, einen zweiten Beruf zu lernen und damit die Kompetenzen in einem Berufsfeld zu erweitern oder sich gar Kompetenzen in einem neuen Gebiet anzueignen. Einige Gründe sprechen für eine zweite berufliche Grundbildung: Interesse für eine andere berufliche Tätigkeit, Berufswechsel aus gesundheitlichen Gründen, Spezialisierung auf ein Tätigkeitsgebiet auf der Basis einer beruflichen Erstausbildung und die bereits erwähnte Erweiterung der Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in einem Berufsfeld.
Anrechnung bereits erbrachter Bildungsleistungen. Bei einer zweiten beruflichen Grundbildung werden die so genannten Bildungsvorleistungen angerechnet. Die kantonale Behörde entscheidet im Einzelfall über die Verkürzung der beruflichen Grundbildung, die Befreiung vom Besuch von Fächern des Unterrichts an der Berufsfachschule und/oder die Dispensation von der Abschlussprüfung. Je mehr die beiden Berufe sich inhaltlich decken, desto kürzer dauert die zweite berufliche Grundbildung. Beim Zeichner EFZ wird die dreijährige berufliche Grundbildung für den Maurer EFZ auf zwei Jahre verkürzt. Immer gilt aber, dass die Absolventen einer zweiten beruflichen Grundbildung die gleichen Anforderungen erfüllen müssen wie diejenigen, die eine Erstausbildung machen. Die Abschlussprüfung ist die gleiche. – Der allgemeinbildende Unterricht fällt bei der zweiten beruflichen Grundbildung weg, weil diese ja nicht berufsspezifisch ist und bei der ersten Ausbildung bereits bestanden wurde. Die Differenz der Dauer der beruflichen Grundbildungen darf aber nicht mehr als ein Jahr betragen.
Hier einige typische Beispiele von Berufen, in denen oft zwei berufliche Grundbildungen besucht werden:
Zeichner EFZ (Fachrichtung Architektur) – Maurer EFZ. Hier handelt es sich um ein klassisches Beispiel, das oft vorkommt. Nach der Ausbildung als Zeichner lernen viele das Maurerhandwerk. Ein Grund dafür kann das persönliche Interesse für ein fundiertes Wissen über handwerkliche und auch organisatorische Abläufe auf der Baustelle sein. Manchmal spielen auch berufliche Perspektiven eine Rolle, wenn beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt die Stellen in den Bauplanungsbüros knapp sind. Ein gelernter Maurer findet auch in Krisenzeiten immer relativ leicht Arbeit. Die meisten absolvieren aber beide beruflichen Grundbildungen, weil diese Kombination nach wie vor den Königsweg für den Besuch der Schweizerischen Bauschule Aarau (höhere Fachschule), also die Tertiärstufe im Bauwesen, darstellt.
Restaurationsfachfrau EFZ – Köchin EFZ. Ein typisches Beispiel für eine junge Frau, die ihre Kenntnisse im Berufsfeld erweitern will. Mit einer solchen Ausbildung erhält sie ein vertieftes Verständnis für die beiden Tätigkeitsbereiche, insbesondere auf deren Schnittstelle. Genauso häufig kommt der umgekehrte Weg vor, dass eine gelernte Köchin noch eine berufliche Grundbildung als Restaurationsfachfrau absolviert und dank ihrem fundierten Wissen als Köchin für besonders anspruchsvolle Aufgaben eingesetzt werden kann.
Kaufmann EFZ – Informatiker EFZ. Vielleicht hatte der kaufmännische Angestellte keine Lehrstelle als Informatiker gefunden und wählte deshalb zuerst die kaufmännische berufliche Grundbildung. Eventuell entdeckte er während der beruflichen Grundbildung sein Interesse für die Informatik und sieht seine berufliche Zukunft auf diesem Gebiet. Auf jeden Fall bildet die kaufmännische Grundbildung oft eine gute Basis für andere berufliche Tätigkeiten. – Es kommt auch vor, dass Leute mit einer gymnasialen Matura an Stelle eines Studiums eine berufliche Grundbildung beginnen. Die Informatikerausbildung ist für diese Zielgruppe sehr attraktiv.
Assistentin Gesundheit und Soziales EBA – Medizinische Praxisassistentin EFZ. Vielleicht hat die Assistentin Gesundheit und Soziales erst mit dem praktischen Tun herausgefunden, was sie beruflich machen will, vielleicht konnte sie auch erst mit der Verknüpfung zur Praxis „ihren Lernknopf“ lösen, der sie in der Schule in ihren Leistungen gehemmt hat. Deshalb – und weil sie sich ein Arbeitsfeld wünscht, das ihr spannender erscheint – hat sich die junge Frau entschieden, einen EFZ-Abschluss zu erwerben.