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Verlag Helbing &Lichtenhahn • Basel 1976
©1976 by Helbing &Lichtenhahn Verlag AG, Basel Druck von Friedrich Reinhardt AG, Basel ISBN 3719006670Hochansehnliche Versammlung!
In den ersten Januartagen dieses Jahres brachte die europäische Presse —und so auch diejenige Basels —ihren Lesern zur Kenntnis, dass das Journal officiel, das Gesetzesblatt der französischen Regierung, am 4. Januar 1976 ein Gesetz in neun Artikeln über die Verwendung von Fremdwörtern veröffentlicht habe. In praxi richtet sich dieses Gesetz, das am 1. Januar 1977 in Kraft treten wird, vor allem gegen den Gebrauch von Anglizismen bzw. Angloamerikanismen, also gegen das sogenannte «franglais». Vom kommenden Jahr an dürfen in Frankreich in allen mit dem Verkauf von Waren zusammenhängenden Texten — demnach Beschriftung der Verpackung, Reklame, Gebrauchsanweisungen, Garantien, Fakturen usw. — keine «termes étrangers» mehr vorkommen. Zuwiderhandlungen werden «constatées et poursuivies comme en matière d'infractions à la loi du 1er août 1905 sur la répression des fraudes» und mit Geldstrafen belegt. Demnach werden sich die durch ihre bisherige Tätigkeit schon überforderten Beamten des betreffenden Dienstzweiges daran machen müssen, Tausende von Schriftstücken, sämtliche Reklametexte und auch die sogenannten kleinen Anzeigen nach verbotenen Wörtern zu durchsuchen sowie Radio und Fernsehen in allen Werbesendungen abzuhören. Auf weitere Verbote von fremdsprachlichem Ausdruck oder einzelnen Fremdwörtern in Arbeitsverträgen, ferner in den Rubriken Stellensuche und -angebot in den Zeitungen, will ich hier nicht eingehen. Ausserhalb der Grenzen Frankreichs mag dieses Gesetz als ein Misston im internationalen Konzert des Sichimmerbesserverstehens empfunden werden, in Frankreich selbst ist es wohl nur die letzte Konsequenz
einer Sprachpolitik, die nicht von heute datiert. Die seit 1970 bei allen Ministerien eingesetzten Commissions de terminologie haben schon früher die Entwicklung des Wortschatzes beeinflusst. Bereits im Journal officiel vom 18. Januar 1973 wurden Listen vn Neologismen veröffentlicht, deren Verwendung in den nachgeordneten Instanzen, darunter im ganzen Unterrichtswesen, kraft Gesetz «empfohlen» wurde. Es handelte sich auch hier in erster Linie um den Ersatz von Angloamerikanismen auf verschiedensten Sachgebieten durch einheimische Entsprechungen. Die fraglichen Fremdwörter wurden gleichsam mit einem Auftrittsverbot belegt. Es sei anerkannt, dass diese Listen zum Teil sehr vernünftige Alternativen anbieten, die auch Anklang gefunden haben, so cuisinette statt kitchenette, savoir-faire statt know how. Andere Entsprechungen sind vielleicht nicht weniger vernünftig, haben sich aber, wie die Erfahrung der letzten drei bis vier Jahre lehrt, nicht durchgesetzt. So hat palmarès die hit-parade ebensowenig verdrängt wie industrie du spectacle das show business. Doch — und das ist das entscheidende — 1976 wird nicht mehr «empfohlen», es wird verboten! Und damit stehen wir seit 1539, als Franz I. die berühmte Ordonnance de Villers-Cotterêts erliess, worin das Lateinische als Sprache der Verwaltung und der Rechtsprechung zugunsten des Französischen verboten wurde, erstmals wieder vor einem direkten Eingriff des Staates ins Getriebe der Sprache.
Bevor ich versuchen möchte, dieses Faktum in seine geschichtlichen Zusammenhänge zu stellen, eine Vorfrage: Ist die französische Sprache durch die Fremdwörterinvasion ernsthaft bedroht? Reno Etiemble, der fanatische Kämpfer gegen das von ihm so getaufte «franglais», worin er eines der Instrumente der imperialistischen Eroberung Frankreichs durch die USA erblickt, hat durch einen seiner Schüler in einer Diplomarbeit ermitteln lassen, dass der Petit Robert, derzeit wohl das beste unter den einsprachigen Wörterbüchern in einem Band, auf insgesamt ca. 50000 Stichwörter 951 überflüssige Franglaisismen anführt. Ganz
abgesehen von der Tatsache, dass dies nicht ganz 2% der Gesamtzahl bedeutet (andere Statistiken kommen auf ca. 3% Angloamerikanismen), besitzt ein solches, auf der Basis von Lexikoneintragungen errechnetes Resultat im Hinblick auf die Aktualisierung der Franglaisismen im Munde und unter der Feder des Durchschnittsfranzosen nur minimale Aussagekraft. Denn allein diese Aktualisierung zählt, wenn man, wie Etiemble es tut, sich die Gefahren, die der Angloamerikanismus für des Franzosen Leib und Seele bedeutet, ausmalen will. Eine aufgrund des Lexikons aufgestellte Anglizismen- bzw. Angloamerikanismenliste ist genau so wenig schlüssig wie die artifiziellen, fabrizierten Texte in Ensembles Pamphlet Parlez-vous franglais? (1. Auflage 1964, 2. erweiterte Auflage 1973). Da es schwer hält, die Frequenz der Angloamerikanismen im Munde der heutigen Franzosen der verschiedenen Gesellschaftsschichten festzustellen, d. h. dass sie nur mit Hilfe einer ebenso langwierigen wie sorgfältigen Enquête eruiert werden könnte, müssen wir uns fürs erste damit begnügen, diese Frequenz im schriftlichen Alltagsgebrauch der Tagespresse zu untersuchen. Entsprechende, von meinen Studenten durchgeführte Erhebungen ergaben, dass der Prozentsatz der Anglizismen bzw. Angloamerikanismen in den analysierten Zeitungen, inklusive der an solchen reichen Sprache des Sports, aber exklusive der daran noch reicheren Sprache der Reklame, die wir, weil sie gewissermassen eigenen Gesetzen gehorcht, ausgeklammert haben, um 0,8% liegt. Dazu kommt, dass rund die Hälfte der ermittelten Fremdwörter (gezählt wurden nur diejenigen, die jeder Franzose auch als solche identifiziert) schon 1922 in einem Anglizismenwörterbuch erfasst worden sind, also schon seit einem halben Jahrhundert und mehr Gastrecht geniessen. Wie fest verwurzelt manche Anglizismen im französischen Sprachgebrauch sind, wird beispielsweise in der Brüsseler Tageszeitung Le Soir vom 3.6.1975 ersichtlich, wo ausgerechnet unterhalb eines sprachpflegerischen Aufsatzes «Méfiez-vous des anglicismes» die Tücke des Setzers ein Inserat plaziert hat, worin zu lesen ist:
«Avant transformation, liquidation du stock à partir de ... Parking gratuit —réclamez vos tickets.» Es ist offenkundig, dass zahlreiche Anglizismen integrierende Bestandteile der französischen Sprache geworden sind, ohne die sie nicht mehr auskommt. Sie ignorieren oder mit dem Bann belegen, hiesse in manchen Fällen nicht nur die Wirklichkeit ignorieren, sondern auch die Vitalität der Sprache und derer, die sie sprechen. Und eben dieser Vitalität stellt Etiemble doch wohl ein eher schlechtes Zeugnis aus. Anzuerkennen ist ohne Zweifel sein Verdienst, weite Kreise Frankreichs und der Frankophonie auf dieses Problem aufmerksam gemacht zu haben. Dass eine Entanglisierung der Reklamesprache wünschenswert ist, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten wollen. Es ermangelt ja wirklich nicht der Ironie, wenn vier Monate nach Bekanntwerden des Regierungsbeschlusses vom 4. Januar 1976 in der angesehenen Zeitung Le Monde vom 30.4.76 die Schlagzeile einer Reklame für einen Herrenanzug: «NICOLL — le franglais way of life» lautet. Dennoch werden sich manche angesichts des vorhin genannten Durchschnittergebnisses von 0,8%fragen, ob die französische Regierung mit ihrem intransigenten neuen Gesetz nicht gleichsam mit Kanonen auf Spatzen schiessen will. Einige Einsichten in die Entwicklung einer Sprachnorm und eines lange Zeit unterschwellig wirkenden Sprachdirigismus im Laufe der Jahrhunderte mögen uns klarmachen, wie es dazu kommen konnte.
In der Entstehungsgeschichte eines sprachlichen Normbegriffes zeichnen sich in Frankreich zwei Etappen von sehr unterschiedlicher Dauer ab: die erste reicht von den Ursprüngen bis zu den 1881 und 1882 von Unterrichtsminister Jules Ferry erlassenen Gesetzen über die obligatorische und unentgeltliche Primarschulpflicht, die zweite von jenem Zeitpunkt an bis auf unsere Tage.
Im Laufe der ersten Etappe, die uns also bis tief ins 19. Jahrhundert führt, betrifft die sprachliche Norm nur einen kleinen Teil der Nation, eine Elite bestehend aus den politisch, wirtschaftlich und ideologisch führenden Klassen und deren Animatoren, also
den sogenannten Intellektuellen, insbesondere den Schriftstellern und den ihnen dienenden Berufen, wie Verleger, Buchdrucker usw. Durch das Ferrysche Schulgesetz wurde die Elementarschulausbildung sämtlichen sozialen Schichten zugänglich gemacht. Ihre Wirkung freilich war — und ist wohl noch —je nach der Umwelt, aus der die Schüler stammen, von sehr verschiedenem Tiefgang. So verringerte sich das zwischen den sozialen Schichten bestehende Gefälle zweifellos, es verschwand indessen nicht.
Doch zurück zu den Anfängen. Eine erste Periode innerhalb der ersten Etappe dauerte etwa bis zur Herrschaft Ludwigs XIII. Es versteht sich von selbst, dass sich diese Periode ihrerseits in mehrere, mehr oder weniger lange Unterabschnitte gliedert, in denen dieser oder jener Aspekt des Problems besonders hervortrat. Das Fernziel, wenn ich so sagen darf, blieb jedoch dasselbe: dem Französischen, und zwar dem Französischen des Königs, den Vorrang vor jedem andern Idiom im Lande zu verschaffen. Wie nicht anders zu erwarten, vollzog sich dieser Prozess ausserordentlich langsam. Solange die auf persönlicher Treue gegenüber dem Lehensherrn gründende gesellschaftliche Pyramide, zumindest theoretisch, existierte, kam dem König nur die Rolle eines «primus inter pares» zu. Als sich aber die personale Hierarchie in eine Hierarchie von Pflichten und Rechten gegenüber einem von allen als solchen anerkannten Souverän wandelte, ergab sich der Übergang von der «féodalités zur «royautés. Von diesem Zeitpunkt an spielt der Königshof auch die Rolle eines sprachlichen Bezugspunktes. Sein Aufenthaltsort und damit auch die Sprache, in der man sich an ihm verständigt, werden dadurch valorisiert. So entwickelt sich seit den Kapetingern nach und nach eine Identität zwischen dem innerhalb eines Städtedreiecks, dessen Hauptort Paris wird, gesprochenen Dialekt und der Sprache des Königs. Noch ist allerdings keine Rede davon, diese Sprache — also das Französische im engsten Sinne des Wortes, d. h. den nunmehr gegenüber den anderen Dialekten Nordfrankreichs privilegierten Dialekt des Gebietes, das später Ile-de-France heissen
wird — dem sich stetig vergrössernden Königreich aufzuzwingen. Der Albigenserkreuzzug wird nicht die sprachliche Kolonisierung des «Midi» bewirken, und noch im 17. Jahrhundert wird Ludwig XIV. dem Wunsche eines Colbert, das Elsass und Kanada zu franzisieren, nicht entsprechen. Das «français du roi» wirkt in anderer Richtung: wer bei Hofe gefallen will, muss reden wie der König. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts sind Äusserungen von Dichtern überliefert, welche das Prestige der «langue du roi» beweisen, so der stolze Ausspruch des Garnier de Pont-Sainte-Maxence: «Mes languages est buens, car en France fui nez», oder das Minderwertigkeitsgefühl eines Jean de Melin, der sich in seiner Boetius-Übersetzung entschuldigt: «Si m'escuse de mon langage /Rude, malostru et sauvage; /Car nés ne sui pas de Paris.»
Die politische, rechtliche und administrative Einheit des französischen Königreiches, soweit sie sich auf der Grundlage des Feudalismus verwirklichen liess, war bereits unter Philipp August (1180-1223) erreicht worden. Wäre um jene Zeit der König ein literarischer Mäzen gewesen, etwa wie Heinrich II. von England oder die Grafen der Champagne, so wäre die Hofsprache in der Dichtung stärker hervorgetreten, als sie dies zunächst tat. Allein die französischen Könige des 13. Jahrhunderts scheinen weder Zeit noch Neigung gehabt zu haben, die Dichtkunst sonderlich zu fördern. Dennoch sind sie die ersten Schmiede der französischen Einheit.
Das wichtigste Ergebnis des unseligen Hundertjährigen Krieges (1339-1453) war zweifellos der nationale Gedanke, der nach Beendigung des Kriegszustandes die Wiederherstellung der königlichen Autorität und einer nationalen Einheit in erstaunlich kurzer Zeit ermöglichte. Ludwigs XI. (1461-83) kluge Politik verwirklichte in der Folge das Ideal einer geeinigten Nation unter einem einzigen Herrscher in einer zwar nicht sonderlich sympathischen, aber soliden Form. So konnte zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Dichter Pierre Gringore dieses Ideal des neuen Frankreichs in die Worte fassen: «Ung Dieu, une foy, une loy, ung roy». Dass die
zentralistische Entwicklung des Staates auf Kosten des Regionalen ging, versteht sich von selbst, ebenso, dass das Prestige der Hofsprache wuchs. In der äusseren Sprachgeschichte findet dieses Prestige sein Manifest in der vorhin erwähnten Ordonnance de Villers-Cotterêts, die Franz I. am 15. August 1539 erliess. In den Artikeln 110 und 111 wird folgendes stipuliert: «Et afin qu'il n'y ait cause de douter sur l'intelligence desdits arrests, nous voulons et ordonnons qu'ils soient faits et escrits si clairement, qu'il n'y ait ne puisse avoir aucune ambiguité ou incertitude, ne lieu à demander interpretation. — Et pour ce que de telles choses sont souvent advenues sur l'intelligence des mots latins contenus esdits arrests, nous voulons d'ores en avant que tous arrests, ensemble toutes autres procedures... soient prononcez, enregistrez et délivrez aux parties en langaige maternel françois et non autrement.» Diese Verordnung bedeutete den Todesstoss für das Latein als Amts- und Rechtsprechungssprache. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel kam sie allerdings nicht, denn bereits 1490 hatte Karl VIII. verfügt, dass im Languedoc Prozesse und Untersuchungen auf französisch oder in Vulgärsprache, also auf okzitanisch, zu führen seien. Im Jahre 1510 hatte Ludwig XII., im Jahre 1533 hatte Franz I. diese Verfügung erneuert und sie 1535 auf die Provence ausgedehnt. Die Ordonnance ist demnach lediglich der Schlusseffekt einer Bemühung, eine einheitliche Staats- und Amtssprache zu schaffen. Sie richtet sich ferner, aber nur mittelbar, gegen die Verwendung des Okzitanischen als amtliche Schriftsprache und gegen die französischen Dialekte in den Gerichtsverhandlungen, wobei natürlich eine elastische Auslegung der Formulierung «en langaige maternel françois» durchaus möglich blieb. Trotz dieses Sachverhalts darf man sich über die Situation der französischen Hofsprache in den übrigen Sparten des Geisteslebens keine Illusionen machen. Obwohl die sogenannte Vulgärsprache, also die verschiedenen Varianten einer nordfranzösischen Schriftsprache, schon seit Jahrhunderten in der schönen Literatur Heimatrecht besass, so befand sie sich doch bis zum
Ende des 15. Jahrhunderts selbst auf diesem Gebiet und noch weit mehr im Bereich der Philosophie und der Wissenschaften wie eh und je im Zustand kultureller Inferiorität gegenüber dem Latein. Noch 1533, also sechs Jahre vor der Ordonnance, betonte Charles de Bovelles, Verfasser eines Liber de differentia vulgarium linguarum et Gallici sermonis varietate, dass es in Frankreich ebenso viele Sitten und Redeweisen gäbe wie Stämme, Regionen und Städte. Er zeigt sich recht skeptisch bezüglich der Möglichkeit, eine regionale Variante des Französischen zur allgemeinen Norm zu erheben. Die Suche danach im damaligen Frankreich schien ihm aussichtslos. Allein das durch Regeln fixierte, jenseits aller Wandlungen stehende Latein, zudem noch der Quell des Französischen, bot sich Bovelles als normativer Bezugspunkt an. Die Parallele zu Dantes Stellungnahme in De vulgari eloquentia gegenüber der italienischen Situation fast zweieinhalb Jahrhunderte früher ist frappant. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts stehen wir also in Frankreich vor einer eigenartigen Verquickung des geographischen (diatopischen) und soziologischen (diastratischen) Aspekts, gewissermassen der Horizontalen mit der Vertikalen. Geographisch in dem Sinn, dass der Dialekt der Pariser Region, der zufolge günstiger politischer Umstände zur «langue du roi» geworden war, im Rahmen der gesprochenen Sprache die Oberhoheit über die übrigen Dialekte Nordfrankreichs noch keineswegs errungen hatte und somit noch lange nicht die interprovinzielle Verkehrssprache geworden war, im Rahmen der geschriebenen Sprache auf vielen Sektoren die Konkurrenz des Lateins immer noch zu fürchten hatte. Soziologisch in dem Sinn, dass der Soziolekt des Hofes, den wir «langue du roi» nennen, sich als mögliche Norm zwar anbot, wegen seiner grammatischen Regellosigkeit aber den Vergleich mit dem kodifizierten Latein nicht aushielt und deshalb von der kulturellen Elite nicht vorbehaltlos akzeptiert wurde. Der sogenannten Vulgärsprache die ihr fehlende Grammatik zu geben, sie dadurch zu fixieren oder zumindest in ihrer Entwicklung zu
hemmen, war schon das Ziel mancher Humanisten des 16. Jahrhunderts. Ich denke beispielsweise an das Normalisierungs- bzw. Kodifizierungsprojekt des Buchdruckers Geoffroy Tory (1529). Die Grundüberlegung war die folgende: Die alten Sprachen sind erst in dem Zeitpunkt, da sie von Grammatikern kodifiziert wurden, zu klassischen Sprachen geworden, und dem Französischen sollte nun ein gleiches widerfahren. Nur eine mit einem exakten Katalog des korrekten Ausdrucks versehene Sprache kann es an Würde mit den alten Sprachen aufnehmen, nur sie kann den Werken des Geistes Dauerhaftigkeit verleihen. Wie ein Kehrreim treten diese beiden Motive in den Schriften der Theoretiker des 16. Jahrhunderts auf.
Ist dieses Ziel im Laufe jenes Jahrhunderts erreicht worden? Sechzig Jahre nach Tory verneint Montaigne diese Frage; im 5. Kapitel des 3. Buchs seiner Essais stellt er fest, dass das Französische weder die Festigkeit und Biegsamkeit der alten Sprachen erreicht habe, noch deren Stabilität. Übrigens misst er dem Vorbild, welches in französischer Sprache verfasste Meisterwerke der Literatur zu geben vermögen, mehr Bedeutung zu als dem Wirken der Grammatiker, womit er zweifellos recht hat. Denn wenn auch das Französische des ausgehenden 16. Jahrhunderts immer noch eine unvollkommen kodifizierte und unstabile Sprache ist, so ist sein kultureller Stellenwert von demjenigen, den es zu Beginn des Jahrhunderts besass, grundverschieden. Es ist ihm zwar nicht gelungen, die Wissenschaften zu erobern; dank dem Wirken des Dichterkreises der Pléiade ist es aber eine Literatursprache par excellence geworden, ganz abgesehen von seiner Promotion auf dem Gebiet der angewandten Jurisprudenz. So entsteht zwischen ihm und dem Latein ein neues Gleichgewicht, das sich praktisch bis zur Französischen Revolution halten wird. Dieses neue Gleichgewicht ist die Folge tiefer soziokultureller Veränderungen, deren wichtigster Aspekt das Übergehen der kulturellen Führerrolle vom humanistischen auf das aristokratische Milieu ist. Ein komplexer, bisher unzulänglich untersuchter Prozess, den die Religionskriege,
der Niedergang der Universität und die Errichtung einer absoluten Monarchie gewiss begünstigt haben. Das aristokratische Milieu begreift Bildung aber nicht als Wissen. Sein Ideal des gebildeten Menschen ist nicht mehr der Gelehrte, sondern der «honnéte homme», «l'honnéte homme qui ne se pique de rien», um ein Wort La Rouchefoucaulds in Erinnerung zu rufen, ein Mensch also, der sich keiner besonderer Kompetenzen und Fähigkeiten rühmt. Von nun an wird der Gelehrte im Kreise der «honnêtes gens» nur noch akzeptiert, wenn er seine Gelehrsamkeit in der Garderobe lässt, und das Latein als Sprache der Gelehrten wird von der modischen Literatur ausgeschlossen. Damit hat das Französische freie Bahn; es hat aufgehört, eine minderwertige, weil eine Vulgärsprache zu sein. Das Ziel derer, die im 16. Jahrhundert die Normalisierung des Französischen gewollt haben, ist auf einem andern Weg erreicht worden. Und dieser Weg ist von erstaunlicher Konsequenz, denn massgebend ist, wie schon im ausgehenden Mittelalter, die Sprache des Hofes, nur wird man nicht mehr von der «langue du roi», sondern von der «langue de la Cour» reden müssen, und zwar im Sinne einer Konversationssprache der Oberschicht. Parallel zum «honnéte homme» wird auch ein für ganz Frankreich verbindlicher sprachlicher Massstab gefunden, die Richtschnur des sogenannten «bon usage». In seinen 1647 erschienenen Remarques sur la langue françoise formuliert Claude Favre de Vaugelas das Prinzip mit aller wünschbaren Klarheit: «II y a sans doute deux sortes, d'Usages, un bon et un mauvais. Le mauvais se forme du plus grand nombre de personnes qui presque en toutes choses n'est pas le meilleur, et le bon au contraire est compose non pas de la pluralité, mais de l'elite des voix, et c'est veritablement celuy que l'on nomme le Maistre des langues, celuy qu'il faut suivre pour bien parler, et pour bien escrire en toutes sortes de stiles...» Und den für die Folgezeit massgeblichen Sprachgebrauch definiert der Satz: «C'est la fasen de parler de la plus saine partie de la Cour, conformément à la facon d'escrire de la plus saine partie
des Autheurs du temps.» Der beste Teil des Hofes liefert also das Vorbild für die gesprochene Sprache, die besten Autoren der Zeit dasjenige für die geschriebene. Im Zweifelsfälle entscheiden «les gens sçavants en la langue», die mit den Autoren zur einflussreichsten Gruppe der 1635 von Richelieu gegründeten Académie Française gehörten, deren Sprecher eben Vaugelas war. Und sollte man zwischen höfischem und Pariser Sprachgebrauch zögern, so präzisiert er unmissverständlich: «C'est un des principes de notre langue... que lorsque la Cour... parle d'une façon et la Ville d'une autre, il faut suivre la fasen de la Cour», dies um so mehr als nach Vaugelas «le peuple n'est le maistre que du mauvais Usage».
Wie steht es bei Vaugelas aber mit den Forderungen der Grammatiker des 16. Jahrhunderts? Zum einen anerkennt er die Dankesschuld des Französischen gegenüber den alten Sprachen, was seiner Meinung nach jedoch keinerlei Hierarchie oder Abhängigkeit impliziert. Das andere Ziel, die Sprache zu fixieren, interessiert ihn indessen nur mässig. Seine Bemühungen um eine Normalisierung des Französischen sind ganz anders motiviert als bei den Theoretikern des 16. Jahrhunderts: einmal denkt er nicht an die Zukunft. Er arbeitet für seine eigene Generation: «Quand ces Remarques ne serviroient que vingt-cinq ou trente ans, ne seroient-elles pas bien employées?» Er will dem «honnéte homme» Massregeln für seine sprachliche Verhaltensweise in Gesellschaft geben. Nach der Auffassung seiner Zeit ist dieser vor allem ein soziales Wesen, das in seinem Betragen nicht inneren Überzeugungen gehorchen soll, sondern einem «code de bienséances», dessen Kernstück die Kunst des Ausdrucks ist. Für Vaugelas und seinesgleichen muss man korrekt sprechen und schreiben können, weniger um seine Gedanken adäquat auszudrücken, als um seinem Nächsten angenehm zu sein und Tadel und Lächerlichkeit zu vermeiden. «Il ne faut qu'un mauvais mot pour faire mespriser une personne dans une Compagnie, pour descrier un Prédicateur un Advocat, un Escrivain.» Daher auch
die Umkehrung der Prioritäten im Vergleich zum 16. Jahrhundert: während sich die humanistischen Grammatiker vor allem mit der geschriebenen Sprache befassten, gibt Vaugelas der gesprochenen den Vorrang: «La parole qui se prononce, est la premiere en ordre et en dignité, puis que celle qui est escrite n'est que son image.» Die Literaten haben sich somit nach dem gesprochenen Gebrauch zu richten. Der Unterschied zwischen den Grundforderungen der beiden Epochen tritt klar zutage: die eine strebt nach einer monumentalen Sprache, geeignet, die alten Sprachen zu ersetzen und dauerhaften Werken Form zu verleihen, die andere schafft einen sozialen Kommunikationscode, der die Zukunft nicht impliziert und dem sich auch die Autoren zu unterwerfen haben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist das 16. Jahrhundert zweifellos klassischer als das 17. Die Konzeption einer sprachlichen Norm war im 16. Jahrhundert eine gelehrte gewesen. Ein Henri Estienne glaubte 1579 in seinem gegen das Italienische gerichteten Traktat De la precellence du langage françois nicht an die Möglichkeit, eine Norm auf dem mündlichen Sprachgebrauch zu gründen. Was korrekte Sprache ist, entschieden für ihn zwei Kriterien: einerseits die klassische Bildung, anderseits die Vernunft, womit er die grammatische Doktrin meinte. Wie unklassisch und pragmatisch mutet dagegen Vaugelas an, wenn er schreibt: «Dans les doutes de la langue il vaut mieux pour l'ordinaire, consulter les femmes, et ceux qui n'ont point estudié, que ceux qui sont bien sçavans en la langue Grecque, et en la Latine.»
Es geziemt sich nun, der Tätigkeit der Académie Française unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Da viele ihrer Mitglieder zugleich zum Hof Kontakt hatten, waren in der illustren Gesellschaft alle Voraussetzungen gegeben, um über den korrekten Sprachgebrauch zu befinden und um die Aufgabe zu erfüllen, die in den Statuten von 1635 festgelegt ist: «La principale fonction de l'Académie sera de travailler avec tout le soin et toute la diligence possible à donner des règles certaines à notre langue et à la
rendre pure, éloquente et capable de traiter les arts et les sciences.» Obwohl der Académie bisweilen Säumigkeit in der Erfüllung ihrer Pflichten vorgeworfen wird — man denke an ihre Grammaire, die ziemlich genau drei Jahrhunderte nach dem Zeitpunkt, da der Auftrag dazu erteilt wurde, erschien —, so bleibt doch festzuhalten, dass ihr Wirken im 17. Jahrhundert die französische Sprache und das Sprachbewusstsein der Franzosen entscheidend prägte. Früh schon verbreitete sich die Auffassung von der Perfektion der Sprache; dass das Französische den Gipfel der Vollkommenheit erklommen habe, war schon die Meinung Vaugelas' gewesen. Im Vorwort ihres 1694 erschienenen Wörterbuches gibt die Académie gewissermassen die Begründung dafür: «(Le Dictionnaire de l'Académie) a esté commencé et achevé dans le siècle le plus florissant de la Langue Françoise; Et c'est pour cela qu'il ne cite point, parce que plusieurs de nos plus célébrés Orateurs et de nos plus grands Poètes y ont travaillé, et qu'on a creu s'en devoir tenir à leurs sentimens.» Damit wird aber auch gleichsam ein Schlussstrich unter die Entwicklung des Französischen gesetzt. Der Mythos oder das Dogma von der erreichten absoluten Perfektion sollte fortan den Charakter der Sprachpflege in Frankreich bestimmen. Wie dieser Prozess zustande kam, wird klarer, wenn man sich folgendes vergegenwärtigt: Für Vaugelas war die Norm des «bon usage» — mochte sie ihrem Wesen gemäss auch restriktiv sein — immer noch ein relativ dynamischer Organismus gewesen. Das von ihm vorgesehene Spiel zwischen Kontrolle und Bereicherung der Sprache basierte auf der Interaktion der Schriftsteller und des kultivierten Publikums, das deren Werke liest oder anhört und das Konversation macht. Der Jesuitenpater Bouhours legte in seinen 1671 — also ein Vierteljahrhundert nach Vaugelas —mit ungeheurem Erfolg publizierten Entretiens d'Ariste et d'Eugène einen weiteren Schritt zurück, den die Kulturpolitik Ludwigs XIV. ermöglichte. Was Bouhours postuliert, ist eine Art Assimilation zwischen der sozialen Führungsschicht und dem kulturellen Erbe; dabei verlegt sich im
Sprachlichen der Akzent immer mehr auf den schriftlichen Ausdruck, worin Eleganz durch Präzision und Ökonomie der Ausdrucksmittel angestrebt werden soll. Modell einer solchen Literatursprache wird diejenige Racines sein.
Obwohl sich im sozialpolitischen Sektor mit dem Tode Ludwigs XIV. die Dinge insofern ändern, als einerseits der Adel sich von der königlichen Vormundschaft freimacht, anderseits das Bürgertum seine wirtschaftliche Macht vergrössert, daher Anspruch auf politische Mitbestimmung erhebt und nach Bildung strebt —vergessen wir nicht, dass das philosophische OEuvre grösstenteils in bürgerlichen Kreisen entsteht —, so dass die bisherige Identität von Träger der Macht und Träger der Kultur allmählich zerbröckelt, so teilt das 18. Jahrhundert im wesentlichen doch die Auffassung des 17., was die sprachliche Perfektion anbelangt. So heisst es bei Voltaire: «La langue devint plus noble et plus harmonieuse par l'etablissement de l'academie françoise, et acquit enfin dans le siecle de Louis XIV la perfection où elle pouvoit être portée dans tous les genres.» Die Sprache der Autoren des 18. Jahrhunderts gilt nur insofern als mustergültig, als sie die Sprache der musterhaften Autoren des 17. zum Vorbild nimmt. Die Richtschnur des korrekten Sprachgebrauchs — aus dem «bon usage» ist ein «bel usage» geworden — steht ein für allemal fest. «Quelques changemens que le tems et le caprice lui préparent, les bons auteurs du dix-septieme et du dix-huitieme siecles, serviront toujours de modele». An dieser Prognose Voltaires sollte sich auch durch die Revolution nichts ändern. Was sich ändert, ist die Einstellung zur gesprochenen Sprache. Hatte Vaugelas noch geschriebene und gesprochene Sprache im Auge gehabt, so konzentriert sich die Aufmerksamkeit nunmehr so gut wie ausschliesslich auf die Schriftsprache. Der «bon usage» der gesprochenen Sprache orientiert sich an der schriftsprachlichen Tradition; die Sprache als Objekt der Sprachpflege existiert praktisch nur in der Ausprägung, die ihr die guten, nunmehr klassisch gewordenen Autoren gegeben haben. Dieser Umstand, dass die
gesprochene Sprache selbst aus dem Gesichtskreis der Sprachpflege rückt, ist für die Folgezeit von kaum zu überschäumender Tragweite, denn damit wird der Keim zur «Krise» des Französischen gelegt. Die Phase der Diglossie beginnt.
Die erreichte, sich auf eine als Vorbild anerkannte Literatur stützende schriftsprachliche Stabilität ist, wie gesagt, gross genug, dass weder die Revolution noch später die Romantik grundlegende Veränderungen in der sprachlichen Situation verursachen. Es ist an sich fast grotesk, dass die Französische Revolution glaubt, den emanzipatorischen Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gerade mit der Durchsetzung des einen, einheitlichen Französisch für alle Bürger der Republik führen zu müssen. Politisch war der Versuch sicher zweckmässig, historisch war er im damaligen Zeitpunkt zunächst zum Scheitern verurteilt; auf lange Sicht erwies sich der Gedanke aber als durchaus realisierbar. Wie konservativ die Verantwortlichen der Revolution, also die Jakobiner, in sprachlichen Belangen waren, beweist beispielsweise ein Satz im Bericht aus dem Jahre IX der Wörterbuchskommission der 2. Klasse des Institut, welches die Nachfolge der Académie Française angetreten hatte: es heisst darin, dass die Aufgabe der Kommission darin bestehe «de faire rentrer dans l'ordre la langue française». Im selben Jahr betont der Kritiker Julien Louis Geoffroy: «Tout nous impose l'obligation de conserver dans toute sa pureté ce dialecte précieux», womit er die französische Sprache meinte. Am 17. Juni 1833 wurde ein Projekt der Convention wiederaufgenommen und ein Gesetz über die allgemeine Primarschulpflicht erlassen; da diese aber weder obligatorisch noch gratis war, blieb die Wirkung gering.
Mochte sich auf höherer Ebene im Wortschatz eine gewisse Liberalisierung abzeichnen, insofern als die Lexikographen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ihrem Streben nach Universalität möglichst viele Stichwörter anführen und sich dabei gegenseitig zu übertreffen suchen, wofür die Bezeichnung Dictionnaire des dictionnaires zeugt, so bedeutet dieselbe Konstruktion
im Zusammenhang mit Grammatik — Grammaire des grammaires — keineswegs eine Liberalisierung. In der berühmtesten unter ihnen, die seit 1811 im Laufe des Jahrhunderts 22 Auflagen erlebte, erklärt der Verfasser, Girault-Duvivier, im Vorwort sein konservatives Prinzip unmissverständlich: «Je me suis contenté de suivre les sentiers battus par les anciens maîtres, bien sûr de ne pas m'égarer et de n'égarer personne avec moi sur leurs traces.» In einem Korpus vereinigte er sämtliche von den führenden Grammatikern im Lauf der zwei vorangegangenen Jahrhunderte gefällten Entscheidungen; seine Regeln stützen sich auf Beispiele aus bewährten Autoren, d. h. Klassikern. —In Lausanne erschien 1851, verfasst von einem gewissen C. Ayer, eine Grammaire française, ouvrage destiné à servir de base à l'enseignement scientifique de la langue, die auf dem «usage» fusst, Struktur und Geschichte jedoch insofern berücksichtigt, als diese den «usage» lenken. Hier wird klar zwischen unzulässigen Fehlern und tolerierbaren Abweichungen unterschieden. Die Rechte der Sprachgemeinschaft und die des Individuums — also in Unterscheidung zwischen einer Gemeinschaftsnorm und einer individuellen Norm — scheinen respektiert, sind es aber eben nur scheinbar, denn die Rechte des Individuums sind im Grunde genommen nur diejenigen der Schriftsteller, deren Vorbild vom gemeinen Volk kaum befolgt wird. Diese Stellungnahme führt übrigens zu einem sonderbaren Dualismus zwischen der Berufung auf die Autoren und einer weit strengeren Beurteilung des sprachlichen Ausdrucks, welche der Schulunterricht dem Sprachbenutzer gegenüber anwendet.
Als verhältnismässig konstant erweisen sich im nachrevolutionären Frankreich —ob Republik, Kaiserreich oder Königreich, spielt eine sekundäre Rolle —folgende Aspekte: die Klassik bewahrt ihre Stellung als Bezugspunkt, denn der Vollkommenheitsgedanke, den sie symbolisiert, entspricht einem Gleichgewichtsmoment und repräsentiert zugleich die Adäquation zwischen einer Kultur, einer sprachlichen Situation und einer politischen Macht,
welche auf homogene Weise in der Einheit miteinander funktionieren. Das entwickelte Sprachmodell sucht man daher mittels eines systematischen Unterrichts zu dirigieren: möglichst viele sollen der elementaren Kommunikationsmittel und damit des Zugangs zur Bildung teilhaftig werden. Die erwähnten Schulgesetze Jules Ferrys aus den Jahren 1881 und 1882 erweitern dann erheblich den Kreis der potentiellen Nutzniesser dieser Mittel und dieser Bildung. Die Aufstiegsmöglichkeit ist nunmehr institutionalisiert.
Damit beginnt die zweite Etappe der Entwicklung. Die allgemeine Schulpflicht gibt dem Staat das Instrument in die Hand, mit dem er eine präskriptive Norm mit einiger Aussicht auf Erfolg durchsetzen kann. Die Kanonisierung des «bon usage» im 17. Jahrhundert war, wie wir gesehen haben, nicht auf dem Fundament des allgemeinen «usage» erfolgt, sondern aus dem Sprachgebrauch einer Minderheit, welche die Führungsposition im Staat in Händen hielt und das grösste Sozialprestige besass, gewonnen worden. Als mit dem Ende des Ancien Régime die Allianz von Hofaristokratie und «bon usage» endgültig zerfiel, wurde der «bon auteur» zur Autorität, nach dessen Massstäben die Normsetzer die «belle langue» bestimmten. Die Normgeber bzw. -setzer, die mit normativen Akten in die Sprache eingriffen, waren seit dem 16. Jahrhundert die Grammatiker und Lexikographen. Sehr bald spalteten sie sich übrigens in verschiedene Lager: das der Puristen und das der leisten zwischen denen die Gemässigten zu vermitteln suchten. Zu diesen gewissermassen inoffiziellen Setzern einer bereits präskriptiven Norm, zu der sich aber doch jeder Einzelne in mehr oder weniger freiem Willensentschluss bekennen konnte, kam von 1635 an als halboffizielle Instanz die unter staatlichem Patronat wirkende Académie Française. Der Staat selbst trat als Legislator nur einmal, in der Ordonnance von 1539, in Erscheinung. Im 18. Jahrhundert hatte sich an diesen Verhältnissen grundsätzlich nichts geändert, und die Revolution hatte das Prinzip einer präskriptiven Sprachnorm übernommen
und es in höchst intransigenter Weise verkündet: in ihrer Konzeption war die Sprache ebenso «une et indivisible» wie die Republik. Damit wurde zum ersten Mal im eigentlichen Sinn Sprachpolitik getrieben, eine Form der Politik, welche das Ancien Regime nicht gekannt hatte. Die Grammatiker und Lexikographen des 19. Jahrhunderts leisteten in der Folge die gewaltige Arbeit, die es erlaubte, die schriftsprachliche Norm bis in die letzten Einzelheiten zu definieren, eine Norm, welche dank den Ferryschen Schulgesetzen ungleich wirksamer propagiert werden konnte als je zuvor.
Neben der präskriptiven, ausschliesslich schriftsprachlich ausgerichteten Norm geht eine sogenannte Gebrauchsnorm einher, welche, zwar nicht unabhängig von der schriftsprachlichen Norm, eine überindividuelle sprachliche Wirklichkeit auch im Rahmen des mündlichen Ausdrucks darstellt. Anders als bei der präskriptiven Norm, bei der das, was sein soll, durch normative Akte festgestellt wird, erfolgt die Stabilisierung des sprachlichen Leitbilds, das zu einer bestimmten Zeit gilt, hier durch Selbstregulierung unter den Sprechern. Es ist das, was im Französischen als français commun, usuel oder courant oder auch als langue moyenne bezeichnet wird und im Grunde genommen schwerlich exakt zu fassen ist. Der zwangsläufig zwischen präskriptiver Norm und Gebrauchsnorm existierende Abstand fördert übrigens Schubkräfte, die die Normierung ständig in Gang halten. Die präskriptive Norm des Französischen ist, zumal in unserer raschlebigen Zeit, immer — man möchte sagen: naturgemäss —in gewissem Sinn veraltet, schon deshalb, weil eine Normsetzung in dem Augenblick, da sie verbindlich erklärt wird, meist durch den frei evoluierenden Gebrauch überholt ist. Auf diesem Gegensatz und natürlich auch auf dem zu den noch tiefer liegenden Sprachregistern basiert zum grossen Teil der Kampf gegen den echten oder angeblichen Sprachverfall, der mittels der präskriptiven Norm geführt wird. Wirklichkeit oder Mythos, die Klage um den Sprachverfall begegnet zumeist da, wo versucht wird, einen als
ideal betrachteten Zustand der Sprache zu kodifizieren. Es ist daher nicht erstaunlich, wenn wir ihm schon im Frankreich des 17. Jahrhunderts begegnen. Seither häufen sich die Klagen über die Dekadenz der Sprache, und Lamennais schrieb um die Mitte des 19. Jahrhunderts: «... On ne sait presque plus le français, on ne l'écrit plus, on ne le parle plus. Si la décadence continue, cette belle langue deviendra une espèce de jargon à peine intelligible.» Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mehren sich denn auch die Stimmen, die von einer «crise du français» sprechen. So ist deshalb nicht verwunderlich, dass seit der Zeit um die Jahrhundertwende die Bemühungen um eine systematischere und intensivere Sprachpflege immer zahlreicher werden. Einerseits wird die von Vaugelas begründete Gattung des Traktats über den guten Sprachgebrauch weiter gepflegt. Die Titel dieser bis in unsere Gegenwart erscheinenden Arbeiten sind aufschlussreich: Querelles de langage, Regards sur la langue française, Problèmes de langage, Les caprices du langage, Façons de parler usw., oder auch imperativischer: Dites et ne dites pas!, Parlons bien! Dazu kommen die periodisch in der Tagespresse publizierten Rubriken, wie: Le français malmené, La défense de la langue française u. ä. Im Jahre 1911 kommt es zur Gründung einer Société nationale pour la défense du génie français et la protection de la langue française contre les mots étrangers, les néologismes inutiles et toutes les déformations qui la menacent, deren Bestand allerdings nur von kurzer Dauer war. Der Prestigeschwund der Académie in der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende führte u. a. dazu, dass der damalige Unterrichtsminister glaubte, sich mit den sogenannten «Tolérances» von 1891 (zur Orthographie), 1900 und 1901 (zur Syntax und Grammatik) einschalten zu müssen, womit er vor allem die «Quarante Immortels» gegen die staatliche Autorität aufbrachte und auch im Lande wenig Beifall fand, so dass man zunächst wieder davon abliess, Fragen der Sprachnorm hoheitsrechtlich zu klären. Neben der Académie, deren Prestige heute übrigens dank einer Koordinierung der Sprachpflegeinstitutionen
allmählich wieder steigt, entstanden eine ganze Reihe von nationalen Organismen, die im Rahmen eines Sprachdirigismus tätig waren und sind. So wurde 1937 unter der Präsidentschaft von Paul Valéry und Ferdinand Brunet das Office de la langue française gegründet, dessen Mitglieder vornehmlich Sprachforscher waren, die ihre Hauptaufgabe in der Beobachtung und Einflussnahme im Bereich des Wortschatzes sahen. Mittelbares Organ dieses Gremiums war die heute noch bestehende Zeitschrift Le Français moderne. Nach einem kriegsbedingten, von 1942 an dauernden Unterbruch setzte das Office seine Tätigkeit im 1957 geschaffenen Office du vocabulaire français fort; sein Präsident war Georges Duhamel, seine Mitglieder waren Autoren und Linguisten. Es widmete sich dem Problem des Neologismus, vor allem der Abwehr der seit Kriegsende hereindrängenden Angloamerikanismen. Sein äusserst publikumswirksam operierendes Organ war die Zeitschrift Vie et langage, die vor zwei Jahren ihr Erscheinen allerdings einstellte. Im Jahr 1952 schlossen sich Journalisten zum Cercle de Presse Richelieu zusammen. Die Verteidigung des Französischen gegen die Modernismen wurde auf eine breitere Basis gestellt mit der 1958 erfolgten Gründung der Association «Défense de la langue française» unter dem Patronat der Académie. Eine gleichnamige Zeitschrift erscheint seit 1959 fünfmal jährlich. Zu erwähnen ist, dass sich unter den Mitgliedern dieser Vereinigung nur ganz wenige Linguisten vom Fach befinden; sie gliedert sich in beruflich bestimmte Sektionen auf: Journalisten, Techniker, Mediziner usw. In ähnlichem Sinn spezialisiert ist die schon 1926 gegründete Association française de normalisation en matière de langage technique, eine staatlich geförderte Institution, die sich um die «norme française» des technisch-industriellen Wortschatzes bemüht. Ihr Ziel ist die vollkommene Integration des fachsprachlichen Vokabulars ins System des Französischen. Ähnliche Ziele verfolgt das seit 1954 bestehende Comité d'étude des termes techniques français, das sich vornehmlich mit dem Fremdwörterproblem auseinandersetzt und die
Frage, ob Adaptation (z. B. engi. pattern —fr. patron) oder Ersatz (z. B. engl. marketing — fr. commercialisation) vorzuziehen ist, prüft. Sein seit 1971 erscheinendes Organ nennt sich La Banque des mots.
Von der nationalen auf die internationale Frankophonie dehnte sich die organisierte Sprachlenkung aus mit der 1963 auf Anregung des Office du vocabulaire français stattgehabten Gründung der Fédération du français universel. Ihr Ziel ist die Schaffung eines einheitlichen Französisch, das die Differenzierungsprozesse in den verschiedenen ausserfranzösischen Ländern überbrückt bzw. bremst. Sie organisiert seit 1965 mit Erfolg Biennalen, so in Namur, Québec, Lüttich, Menton, Dakar. 1966 schuf Georges Pompidou, damals Ministerpräsident, das direkt dem Regierungschef unterstellte Haut Comité pour la Défense et l'expansion de la langue française, das sich um die Bewahrung der Einheit und Reinheit der Sprache bemüht, dies unter strikter Ablehnung englisch-amerikanischer Modelle in Technik, Wissenschaft, Industrie und Handel. Endlich riefen im Jahre 1967 Linguisten, Literaten und Fachleute verschiedener Richtungen aus zwanzig Ländern den Conseil international de la langue française ins Leben, dessen Aufgabe folgendermassen umrissen wird: «Conserver aux peuples qui la parlent aujourd'hui une langue de diffusion internationale adaptée aux besoins du monde moderne.» Es geht dabei vornehmlich um die Ausarbeitung von Fachterminologien.
Über die Arbeit dieser als halboffiziell oder als offiziell zu bezeichnenden Organismen hinaus kam es 1970 zur erwähnten Einsetzung der in allen Ministerien existierenden Commissions de terminologie und zu dem zu Anfang dieses Jahres erfolgten Eingriff des Staates selbst in die Entwicklung des Wortschatzes. Und damit bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Darlegungen angelangt. Nichts kann besser als die von privater, halboffizieller und offizieller Seite auf nationaler wie supranationaler Ebene unternommenen Anstrengungen zur «Verteidigung», «Reinhaltung», «Weiterentwicklung» der Sprache der Gegenwart
belegen, dass die tradierte und früher nie ernstlich in Zweifel gezogene präskriptive Konzeption des einen richtigen, d. h. «guten» Französisch im 20. Jahrhundert in eine Krise geraten ist. Die Existenz dieser Krise zu leugnen, wäre ebenso gefährlich wie die heutige Sprachsituation als eine irreparable Katastrophe zu betrachten. Wichtiger ist, sich auf die tieferen Ursachen der Krise zu besinnen. Die eine, längst erkannte liegt in dem, was man die schulische Explosion nennen könnte. Wir leben im Zeitalter des Massenunterrichts, womit eine ganze Reihe von traditionellen Methoden und Zielsetzungen des Schulunterrichts der französischen Sprache in Frage gestellt werden. Eine weitere Ursache ist in den Anforderungen des modernen praktischen Lebens zu suchen. Bildung gründet heute weniger auf enzyklopädischem Wissen, das wir übrigens in Computern speichern und bei Bedarf abrufen können, als auf intellektueller Beweglichkeit. Die durch Delegierung der Kompetenzen erreichte Dezentralisierung der Verantwortlichkeiten kann fast jeden Menschen zwingen, ein Problem, einen Vorschlag mündlich oder schriftlich darzulegen, an einer Diskussion aktiv teilzunehmen oder sie gar zu leiten. Derlei Lebenssituationen, die sich weit öfter und für weit mehr Menschen als in früheren Zeiten ergeben, lassen die sprachlichen Schwierigkeiten ahnen, die den Betroffenen erwachsen können. Es wäre deshalb verfehlt, in einer Sprachausbildung fortzufahren, die, wie es in der Vergangenheit — seit Voltaire — der Fall war, als einzigen Bezugspunkt die Literatursprache gelten lässt. Abgesehen von der unvermeidlichen, weil naturgemässen Retardierung des schriftlichen gegenüber dem mündlichen Sprachgebrauch, abgesehen von der stets wachsenden Distanz zwischen einer notwendigerweise ästhetischen Norm und einem immer funktioneller werdenden Gebrauch der Alltagssprache, muss auch das schwindende Interesse des Publikums, insbesondere des jugendlichen Publikums, für das geschriebene Wort mit ins Kalkül gezogen werden. Die Anziehungskraft der mündlichen Information, vor allem wenn sie vom Bild begleitet wird, ist heutzutage
ungeheuer. Es ist eine an sich nicht leicht zu fassende Tatsache, dass in unserm Zeitalter, welches den Analphabetismus als einen der grössten Feinde der Menschheit betrachtet und brandmarkt, ein Grossteil des täglichen Bedarfs an Information mittels Fernsehen, desjenigen an Trivialliteratur mittels Illustrierten und Comic strips befriedigt wird, womit wir mehr oder weniger in die Zeiten der Trajanssäule, der Biblia Pauperum und des Teppichs von Bayeux zurückversetzt werden. Wäre es angesichts dieser Sachlage nicht besser zu versuchen, beispielsweise die Gründe der Anglizismeninvasion aufzudecken, als summarisch alle diejenigen zu exkomrnunizieren, die sich teils aus Notwendigkeit, teils vielleicht auch aus provokantem Snobismus dem Franglais verschreiben? Wäre es, in einer grösseren Dimension, nicht besser, das Gesamtproblem des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Sprachnormen und -registern, insbesondere die Daseinsberechtigung der bisherigen präskriptiven schriftsprachlichen Norm, gründlich zu analysieren und es vielleicht einer Lösung zuzuführen, als zu wehklagen und mit Verbotstafeln zu operieren? Dass eine auch nur partielle Lösung unendlich schwer zu finden ist, dürfte jeder einsehen, der einigermassen mit den hohen Anforderungen der geltenden Norm vertraut ist. Selbst der eher progressive André Martinet, der «grand old man» der französischen Sprachwissenschaft, fragt sich — mit einem Blick auf die gesamte Frankophonie —, wie man denn hoffen könne, dass etwa die grosse Masse der Afrikaner jemals das Französische als Zweitsprache beherrschen solle, wenn schon die Mehrzahl der einsprachig aufgewachsenen Franzosen die grössten Schwierigkeiten damit hätte? Den Ausweg böte eine umsichtige Vereinfachung der Sprache, d. h. eine Abkehr vom traditionellen Normideal. Die Voraussetzung dafür wäre freilich die Veränderung des sprachkritischen Bewusstseins: «... il faudra, par une formation linguistique, apprendre aux gens de bonne volonté à dissocier leurs réactions sentimentales de leurs jugements en matière de langue» (cf. A. Martinet, Le français sans fard, Paris 1969, p. 23).
Wie wenig selbst Martinet sich jedoch von traditionellen Denkweisen freimachen kann, zeigt sich in dem von ihm und Henriette Walter 1973 herausgegebenen Dictionnaire de la prononciation française dans son usage réel, worin zum ersten Male nicht mehr für jedes Wort nur eine Aussprache als nachzuahmende Norm empfohlen wird, sondern sehr oft mehrere Aussprachevarianten. Dennoch basiert das Werk auf der Konzeption eines «bon usage»; es will nicht etwa die ganze — regionale, soziale, stilistische — Breite der Aussprache des heutigen Französisch beschreiben, sondern lediglich «determiner les latitudes existantes dans les couches de la population dont on a juge bon de presenter en exemple les habitudes de prononciation» (p. 9). Nach Martinet/Walter ist empfehlenswert die kommunikationsneutrale Aussprache der «bourgeoisie parisienne», insofern sie für Frankreich als Nation eine soziale Funktion hat.
Kommen wir zum Schluss. Es ergibt sich, dass eine Neuorientierung der Normbegriffe nottut. Voraussetzungen dazu sind, zumindest in ersten Ansätzen, gegeben. Die Diskussion der Biennalen und die Reformüberlegungen in den Schulen lassen die Dringlichkeit des Problems immer deutlicher werden. In dem Masse als die gesprochene Sprache die einst verlorene Vorrangstellung wieder erlangt, liessen sich zwei Lösungsmöglichkeiten ausdenken, sofern man aufgrund der Analogie und mit Bezug auf die Vergangenheit argumentieren will. Es wäre möglich, zur Haltung Vaugelas' zurückzukehren, der, nachdem er in Funktion des angesprochenen Publikums den Bezugspunkt bestimmt hatte, ein lebendiges, im wesentlichen durch den mündlichen Sprachgebrauch bestimmtes, aber durch den schriftlichen Gebrauch gleichsam temperiertes Modell vorschlug. Oder man könnte sich denken, dass sich, wie im Mittelalter, in der Periode des Altfranzösischen, eine Art Selbstregulierung ergeben könnte: eine an sich nicht unmögliche Lösung, um so mehr als, mit gewonnenem zeitlichem Abstand, in der Gegenwart überschätzte Gefahren sich auf harmlose Dimensionen reduzieren. Ob sich diese Form
friedfertiger Evolution allerdings mit dem unsere Zeit in allen Lebenssparten charakterisierenden Hang zur Gewalttätigkeit vereinbaren lässt, ist eine andere Frage. Wie dem auch sein mag, zunächst gilt es einmal, als Grundlage für eine neue Kodifizierung der Sprache, die Sprachwirklichkeit des Gegenwartsfranzösischen in ihrer ganzen Breite und Vielschichtigkeit zu erfassen. Bei der Neuorientierung der Norm gilt es sodann, einen Weg zu finden, der an der Skylla des sich verfestigenden Zustands der Diglossie — also der Unvereinbarkeit von schriftlichem und mündlichem Sprachgebrauch —und an der Charybdis des drohenden Verlustes des kulturellen Erbes im Falle übereilter Reformen vorbeiführt. Die schwierigste Aufgabe aber besteht wohl in der Veränderung der Haltung des Sprachbenützers seiner Sprache gegenüber. Ob eine solche Veränderung überhaupt Wirklichkeit werden kann, das wage ich nicht zu prognostizieren. Es wäre auch noch abzuklären, ob diese Veränderung grundsätzlich denn wünschenswert wäre und ob die Franzosen sich nicht einfach damit abfinden sollten, mit der Diglossie bzw. mit einer «schwierigen» Sprache zu leben. Zu denken gibt u. a. der Umstand, dass die Bemühungen, die in den Fünfzigerjahren, unter den Auspizien des Unterrichtsministeriums und der französischen Unesco-Kommission, zur Herausgabe des Werkleins Le français élémentaire (Paris 1954) führten, ausgerechnet auf heftigsten Widerstand von progressiver, marxistischer Seite stiessen. Grammatik und Vokabular des «français élémentaire» waren vom Forscherteam um Georges Gougenheim einzig aufgrund der Konversationssprache erarbeitet worden. In einer unter dem Titel Français élémentaire? Non. (Paris 1955) erschienenen Broschüre aus der Feder des inzwischen verstorbenen Nestors der marxistischen Sprachwissenschaft in Frankreich, Marcel Cohen, und einiger Mitarbeiter war indessen (p. 52) zu lesen: «Peut-on fonder l'enseignement d'une langue sur sa seule expression orale? Ecarter tout apport de son expression écrite, n'est-ce pas se priver des éléments les plus élaborés, les plus rationnels? Objet d'etudes intéressantes pour le linguiste, le
français couramment employé dans la rue ou dans les boutiques ne saurait fournir le patron standard sur lequel il convient de tailler les manuels d'instruction.» Womit ausdrücklich das vor 20 Jahren, zumindest in den Augen des Schreibers noch unerschütterte Prestige der geschriebenen Sprache zugegeben ist. Ob sich seither viel geändert hat? Der bereits zitierte André Martinet scheint es nicht zu glauben, wenn er schreibt: «... les Français acceptent volontiers, souvent même avec gratitude, qu'on intervienne en matière de langue s'il s'agit de régenter au nom de la tradition» (op. cit., p. 23).
Meine Damen und Herren! Einerseits habe ich versucht, das Fremdwörtergesetz vom 4. Januar 1976 in den Zusammenhang der französischen Kultur- und Sprachgeschichte zu stellen: es erwies sich dabei sozusagen als eine Konsequenz von historischen Zwängen. Anderseits zeigte sich, dass die geschichtlich mit fast unheimlicher Folgerichtigkeit gewachsene, präskriptiv gewordene Norm den Bedürfnissen der Welt im letzten Viertel unseres technisierten Jahrhunderts nur unzulänglich genügt. Wollte man ihre Gültigkeit mit Gewalt bewahren, so würden sprachliche Konfliktsituationen heraufbeschworen, welche dem Bestand der französischen Sprache und wohl auch ihrer wenn auch verminderten, aber immer noch vorhandenen Universalität nur abträglich sein könnten. Ob es — wie vorhin angedeutet — zu einem neuen Modell der französischen Sprache und zu einer andern Auffassung ihrer Norm und Normen kommen wird, kann uns nur die Zukunft lehren. Eine der Voraussetzungen dafür wäre vermutlich die Schaffung eines neuen Gleichgewichts zwischen dem zentralistischen Prinzip und den sich in unserer Zeit manchenorts lauthals manifestierenden Regionalismen, die allerdings viel öfter politisch als sprachlich motiviert sind. Zu hoffen bleibt, dass — wie das Ergebnis einer solchen Entwicklung auch aussehen mag — die Verantwortlichen für diese Vorgänge den Satz unseres grossen Alexandre Vinet nicht vergessen: «Le respect de la langue est presque de la morale.»
Carl Theodor Gossen, Die Einheit der französischen Schriftsprache im 15. und 16. Jahrhundert, Zeitschrift für Romanische Philologie 73, 1957, S. 427-459 und 485.
— Wie gefährlich ist franglais? erscheint demnächst in der Festschrift für W. Th. Elwert, Mainz.
René Lagane/Jacqueline Pinson (Hg.), La Norme =Langue française 16, 1972.
Zygmunt Marzys, La formation de la norme du français cultivé, Kwartalnik Neofiloiogiczny 21, 1974, S. 315-332.
Bodo Müller, Das Französische der Gegenwart. Varietäten — Strukturen — Tendenzen. Heidelberg 1975.
Richard Baum, Zum Problem der Norm im Französischen der Gegenwart, Beiheft der Zeitschrift für französische Sprache und Literatur, neue Folge, Heft 3, 1976, S. 53-89.