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Stress und Verspannung
Warum jeder von uns prädestiniert ist, chronische Schmerzen zu bekommen und wie jeder von uns das vermeiden könnte
Chronische Schmerzen kommen aus dem Bindegewebe
Bis auf wenige Ausnahmen (einige viszerale Schmerzen, Tumore) kommen alle chronischen Schmerzen aus dem Bewegungsapparat. Inzwischen ist auch unbestritten, dass das neuromyofasziale System (hauptsächlich das Bindegewebe) dafür verantwortlich ist. Erst wenn Knochen oder Knorpel durch den permanent erhöhten Druck zerstört sind (nicht deformiert), können sie Schmerzen hervorrufen (also erst sehr spät).
Was tut sich im Bindegewebe, was verändert sich, dass wir Jahre oder gar Jahrzehnte dieser Tortur ausgeliefert sind? Es ist ganz einfach und für jeden Schmerz dasselbe, den Gelenkschmerz (Knie), den Nervenschmerz (Ischias) oder den Muskelschmerz.
[Bindegewebe]
Schmerz ist Verspannung
Schmerz ist Verspannung durch Verkürzung und Verhärtung des Bindegewebes der myofaszialen Einheit. Bei längerem Zusammenziehen (Dauerkontraktion) wird Wasser aus dem Gewebe gepresst. Die betroffenen Zellen werden nicht mehr richtig versorgt. Metabolite und Toxine sammeln sich an. Ein fataler Kreislauf hat begonnen. Verkürzung mit Bewegungseinschränkung, Verlust von Kraft und schliesslich Schmerzen. Die Ursache ist immer die gleiche, die Wege zur Verspannung dagegen sind so zahlreich und individuell wie die Menschen selbst.
[Belastungsstrassen]
Hart und Weich abwechseln, das ist die geniale Idee
Die Konstruktion unseres Körpers ist perfekt und genial. Die ideale Mischung aus nicht deformierbaren, harten Anteilen (Knochen), festen, aber biegsamen, plastischen Elementen (Bänder, Sehnen) und zusätzlich weichen, elastischen und verformbaren Motoren (Muskeln). So kann trotz hoher eigener Beweglichkeit (der Mensch ist das beweglichste aller Geschöpfe, wenn wir wirbellose Oktopusse ausser Acht lassen) ein beachtlicher Druck oder Schlag von aussen unbeschadet absorbiert werden, indem die Hauptlast nicht über die Knochen läuft, sondern blitzschnell über das Bindegewebe auf alle Teile des Körpers verteilt wird, schneller als Nerven diese Information weiterleiten könnten (Tensegrity Modell). Das setzt allerdings Übung oder Training voraus. Zu starke Traumata können nicht kompensiert werden und führen zu Verletzungen. Im Rahmen der Heilung kommt es dann zu einer Dauerkontraktion mit anschliessender Inaktivitätsatrophie (Verhärtung durch Mangel an Bewegung). Manche Schäden lassen sich bis zur Geburt zurückverfolgen und sind dann nur mühselig zu beheben.
[Tensegrity]
Verletzungen werden in uns gespeichert und sind für den gefühlten Schmerz verantwortlich
Keiner kann den kleinen (Prellungen und Zerrungen) oder grossen Verletzungen (Unfällen) ausweichen. Die direkten Angriffe auf unseren Körper registrieren wir und können uns daran erinnern. Viel weniger ist uns bewusst, wie viele Alltagssituationen in unserem Körper gespeichert werden und uns übel mitspielen. Subtile Ereignisse werden wir möglicherweise gar nicht mit einem Trauma in Verbindung bringen. Oder hätten Sie gedacht, dass Traumata durch Knall (Explosionen) oder Kälte (Unterkühlung) ebenfalls gespeichert werden? Eher verstehen und nachvollziehen können wir den tiefen "Eindruck", der entsteht, wenn wir eine gewaltsame (Todes-)Szene mit ansehen müssen. Immer, wenn andere Menschen uns Verletzungen zufügen, kommt es zu nachhaltigen, schwer lösbaren Verspannungen. Dazu zählen Misshandlungen, schwere Schläge, Vergewaltigungen, Überfälle oder gar Folter. Leicht vergessen werden auch die von innen wirkenden Verletzungen, besonders häufig hervorgerufen durch Infektionskrankheiten. Operationen gehören ebenfalls dazu. Kaum berücksichtigt wird die Tatsache, dass durch das Zerschneiden der faszialen Strukturen, wie es bei fast allen Operationen zwangsweise geschieht, die Möglichkeit zum Aufbau von Spannungen und zur Reparatur von Gewebe deutlich geschwächt wird.
[Faszie]
Auch "dumme Angewohnheiten" können unsere Haltung verändern
Harmlos aussehende Faktoren aus der Rubrik “dumme Angewohnheiten“ können genau so tiefgreifende Dauerkontraktionen hervorrufen. Darunter fällt das einseitige Tragen einer Tasche, das Hochziehen von Schultern, das lässige Stehen auf einem Standbein, das Tragen eines Kindes auf der Hüfte und auch das häufige Übereinanderschlagen von Beinen bei vornehmen Damen (Adduktorenverkürzung). Durch einseitige Kontraktion von Muskelgruppen wird die ganze Haltung umgestellt.
Der Arbeitsplatz trägt wohl die meiste Schuld...
Zunehmend zwingt uns der Fortschritt, an einem monotonen Arbeitsplatz zu lange eine unnatürliche Fehlhaltung einzunehmen (Computer, Fliessband, Friseur, Zahnarzt). Schwer zu vermeiden für die Betroffenen sind auch folgende Haltungsschäden: Grosse Menschen neigen dazu, mit zusammen gezogenen Schultern und nach unten geneigtem Kopf zu verspannen, weil sie meistens auf ihre Mitmenschen herabblicken. Kleine Personen müssen eher nach oben schauen. Mit durchgedrücktem Kreuz werden sie ihren Kopf eher in den Nacken werfen und versuchen, ihren Rücken nach hinten durchzudrücken.
...aber auch nicht kompensierter psychischer Stress
Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der psychische Stress. Emotionale Dauerbelastungen durch Langzeitarbeitslosigkeit, drohender Jobverlust, Trennung, Scheidung, Verlust eines lieben Menschen, Krankheit und jede Art, jede grössere Veränderung bis hin zum Leistungseinbruch (Burnout). Alles kann zur Dauerkontraktion und zur Verschiebung von Gelenken und Knochen führen. Inaktivität und Bewegungsmangel (Sitzen), ungesunde Sportarten und die unbewusste Einnahme von Biochemie in Form von Hormonen, unpassenden Nahrungsmitteln und Bakterientoxinen, bieten eine weitere Gefahr.
Die täglichen kleinen Dinge sind es, denen wir uns beugen müssen
Es sind aber nicht nur die grossen Ereignisse, die unsere Haltung verändern. Täglich prasseln auf uns Schläge ein, die wir erst einmal wegstecken müssen. Wir beugen uns unbewusst jedes mal ein wenig nach vorne zusammen, wenn wir vor Zorn den Buckel krümmen, uns vor Angst ducken oder in depressiver Stimmung die Schulten hängen lassen. Jede negative Emotion führt zu einer Verkrampfung und mit der Zeit zu einer Dauerkontraktion. Es scheint also völlig normal, wenn alte Menschen über Jahrzehnte mehr und mehr verbogen und verkrümmt, kaum beweglich mit Schmerzen ihr Dasein fristen.
Kann man negative Emotionen vermeiden und sich dem entziehen? Die Lösung ist verblüffend einfach: Die Zeitmaschine einfach umdrehen
So unglaublich es klingen mag, ja. Die Lösung scheint fast zu simpel. Die Zeitschiene wird einfach umgepolt. Zuerst suchen wir uns die Region mit den heftigsten Einschränkungen. Die Schmerzen müssen zuerst vermindert oder beseitigt werden, damit wir wieder normal reagieren können. Da eine Dauerverspannung der Anfang der Veränderung war, gilt es, die inzwischen plastische Verformung des Bindegewebes wieder zu lösen, oder einfacher ausgedrückt, den Faszienapparat auf die normale Länge zu bringen, das Gewebe geschmeidiger zu machen. Soweit ist das alles ganz gut verständlich.
Täter und Opfer identifizieren und los geht's
Die Schwierigkeit bei der Behandlung kommt jetzt. Denn es ist nicht der zusammengezogene, kontrahierte Muskel (Täter), den wir oft gar nicht identifizieren können, sondern der gegenüberliegende Muskel, das Opfer, der uns auf die verkehrte Fährte führt. Nur hier empfinden wir seltsamerweise die Schmerzen. Da wir auch an dieser Stelle selbstverständlich die Quelle des Übels vermuten, hat das zur Folge, dass auch hier mit Begeisterung behandelt wird. Das kann aber nicht zu einem bleibenden Erfolg führen, da als Wichtigstes die Täter wieder in ihre normale Position zurückgeführt werden müssen. In einem zweiten Schritt muss der gegenüberliegende, überdehnte Muskel mit seiner Faszie wieder verkürzt werden. Die längere Unbeweglichkeit während der Schmerzphase hat Muskelbäuche miteinander verkleben lassen. Eine sanfte Lösung sorgt wieder für Beweglichkeit. Passende, regelmässig durchgeführte Dehnungsübungen zu Hause verhindern den Rückfall. Viel mehr muss man nicht machen. Der Körper wird die für ihn richtige Ausrichtung ganz von alleine finden. Wenn die verbliebene noch verspannte myofasziale Leitbahn ebenfalls befreit wird, hat sich die Haltung und oft auch der Ausdruck der Person verändert. Aufrecht, selbstbewusst, locker und schmerzfrei wird das Leben leichter.
Die Psyche mischt auch mit, wie immer
Physische und psychische Verletzungen haben zu Ungleichgewicht (Belastung eines Beines, Beckenschiefstand) und Deformation (Senkfuss, O-Beine, Buckel) im Körper geführt. Die psycho(somatischen) Korrelate lassen sich praktisch für jedes Organ finden, werden aber nur selten mit Fehlstellungen in Verbindung gebracht. Einige Beispiele: Depression, Stimm- und Sprachstörung, Herzbeschwerden, Atemprobleme und Asthma, Angst, Nervosität, Bauchbeschwerden, Sexualstörung. Mit der somatischen Entspannung bessern sich, ja verschwinden häufig die psychischen und vegetativen Beschwerden. Aber wie sieht die Zukunft aus? Auch wenn wir ziemlich befreit sein sollten aus unserer Verspannung, so sind wir doch jeden weiteren Tag den Knüppeln des Schicksals und deren Schlägen ausgeliefert.
Was tun zur Vorbeugung nach der Auflösung der Dysbalance?
- Regelmässig bewegen (Gymnastik, Sport oder einfach nur laufen, spazieren)
- Regelmässige Entspannungsübungen der bekannten Schwachstellen
- Nach jeder körperlichen Belastung (Repetitive Strain) und psychischem Stress sofort entspannen (Die Hangover Übung machen, bis der Bauch entspannt ist)
- Antistresstraining (Atemübung, Yoga, Meditation)
- Negative Emotionen vermeiden
Kann man wirklich eine negative Emotion über den Körper beeinflussen? Man kann. Der einfachste Beweis ist der Test mit dem Bleistift.
Machen Sie den Bleistifttest
Versuchen Sie es gleich selbst. Nehmen Sie einen Bleistift, stecken ihn quer in den Mund, beissen Sie die Zähne leicht zusammen, vermeiden Sie aber Lippenberührung mit dem Bleistift. Können Sie jetzt noch schwarze Gedanken haben? Versuchen Sie einmal, gedanklich einen Halunken zu ermorden. Klappt nicht so einfach! Sehen Sie! Die Gesichtsmuskeln verhindern das. Lächeln Sie öfter!
Sie bestimmen Ihr eigenes Schicksal
Sie merken, nur Sie selbst haben es in der Hand. Sie selbst bestimmen den Grad Ihrer Schmerzen und Ihrer Beweglichkeit. Lassen Sie nicht andere Ihre Entscheidung treffen. Informieren Sie sich ausreichend und gut. Studieren Sie Ihr Problem und lernen Sie es erkennen und verstehen. Dann können Sie das Richtige für sich auswählen. Denken Sie daran, solange keine unwiderbringlichen Schäden im Knochen bestehen, kann der Körper eine Deformierung oder einen Haltungsschaden von selbst korrigieren.
[Wirbelsäule]
Meine Erfahrung in der täglichen Praxis führt zu folgender Theorie:
- Verspannungen entstehen durch Verletzungen, Stress und Überbelastung
- Verspannungen werden gespeichert im Muskel-Sehnen-Faszien-System
- Chronische Schmerzen entstehen durch Verspannungen
- Verletzungen können sein
- körperlich (Unfall),
- emotional (Beleidigung, Missachtung, Mobbing, Burnout)
- und mental (unterschiedliche Anschauung)
- Chronische Schmerzen entstehen also durch Verletzungen
- Die Verletzungen sind nie in der Gegenwart. Sie ereigneten sich in der Vergangenheit. Die physischen Narben sind (meistens) verheilt
- Gefühlte Schmerzen sind also Erinnerungen und Koppelungen an vergangene Verletzungen
- Durch die Lösung von Verspannungen werden die Schmerzen gelöscht, aber nicht immer die Erinnerungen
- Der Trick schmerzfrei zu leben, besteht darin, locker und spannungsfrei zu bleiben.
- Akute Schmerzen mit erneuten Verspannungen wird es allerdings immer wieder durch unvermeidbare Unfälle und Verletzungen geben.
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[Umdenken]