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Um die Thematik zu veranschaulichen, sei den systematischen und theoretischen Erläuterungen eine Reihe von Beispielen experimenteller Situationen in den Geisteswissenschaften (mit der in Abschnitt 4genannten Reserve gegenüber dieser Wissenschaftsklassifikation) vorangestellt.
Politik. "Nur keine Experimente!" ist eine stehende Wendung im politischen Jargon. Sie drückt die Bedenken aus, der Gesellschaft durch politische Dekrete Wege zu weisen, die ihr Schaden zufügen könnten. Man gibt damit allerdings nicht zu, dass das Experiment an sich abzulehnen ist, sondern moniert, dass ein spezifisches Experiment fehlschlagen könnte. Die Politik muss und will indes an der Gesellschaft experimentieren. Je nach Partei- oder Wirtschaftsinteressen werden Hypothesen des gesellschaftlichen Verhaltens in politischen Beschlüssen zu Versuchen am Objekt umgewandelt, deren Ausgang man aufgrund der Hypothesen vermutet oder erhofft. Das Experiment ist in diesem Fall nicht eines mit physikalischer Materie, sondern mit einem hochgeistigen Subjekt: den ethisch, ökonomisch, kulturell handelnden und denkenden Menschen.
Wirtschaft. Die Theorie der ökonomischen Struktur und Funktion der Menschheit ist einer starken Tradition der Experimente verpflichtet. Das prominenteste davon ist der Marxismus, welcher aus dem deutschen Idealismus heraus mit Karl Marx' Frühschriften einen philosophischen Hintergrund über den Mechanismus der Aneignung der Welt entwickelt um dann im experimentellen Credo par excellence "Es geht darum, die Welt zu verändern!" diese Theorie effektiv auszuprobieren. Gerade in der Ökonomie ist also die Verquickung geistiger Paradigmen mit denen des Experimentes manifest.
Soziologie. Die Soziologie als Wissenschaft von Entwicklung, Struktur, Interaktion und kollektivem Verhalten organisierter Gruppen von Menschen [27] ist wesentlich mit dem Selbstexperiment der Gesellschaft befasst. Sozialethik etwa ist ursprünglich mit dem Problem "Was, wenn?" im Verhalten der Gesellschaft als Funktion der ethischen Prinzipien, Normen und Gewohnheiten konfrontiert. Modelle gesellschaftlich-ethischen Verhaltens können nicht a priori -- vor jeder Erfahrung -- verordnet werden, sie müssen an der lebendigen Gesellschaft erprobt und gemessen werden. Dieselbe ist aber, wie gesagt, ein geistiges Gebilde. Ethik ist in diesem Sinne immer mit einem geistigen (Selbst-)Experiment verbunden.
Recht. Unsere Rechtsprechung baut wesentlich auf dem (nicht selbstverständlichen) Prinzip, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt sein soll. Die Gesamtheit juristisch relevanten Verhaltens ist damit durch die Gesetze nicht bestimmt, sondern in gewisse Bahnen gelenkt. Die Frage, inwieweit die Bahnen hinreichend, widerspruchslos und realistisch sind, muss am Objekt getestet werden. Dies lässt sich nicht definieren, sondern muss der Erfahrung mit dem praktisch unendlichen Potential an Verhaltensströmen und -alternativen anheimgestellt werden. Wie diese Problematik beherrscht werden kann, lässt sich damit nicht sagen, aber es ist evident, dass der Bedarf, juristisch relevantes Verhalten in experimentellen dynamischen Modellen mit deterministischen und Zufalls-Variablen zu modellieren, angezeigt ist [155], [153].
Philosophie. Philosophie als Liebe zur Weisheit hat schon immer den Charakter eines Versuchs beinhaltet: In der Liebe versucht der Philosoph, Weisheit zu erlangen. Dieses professionalisierte Bestreben wurde schon von Sokrates auf dem Marktplatz betrieben und im Gespräch mit Theaitetos [148], 2.4, als "Hebammenkunst" erklärt, und zwar gerade betreffs des experimentellen Charakters von Denkentwürfen: "Und wenn ich bei der Untersuchung etwas, was du sagst, für ein Mondkalb und nichts Echtes erfunden habe, also es ablöse und wegwerfe: so erzürne dich darüber nicht, wie die Frauen es bei der ersten Geburt zu tun pflegen." Sokrates besitzt, wie er sagt, keine Weisheit, er ist nur im Dialog eine Experimentierumgebung des Denkens, genauer: im Bemühen, die Ideen zu schauen.
Musikwissenschaft. Wir wollen hier nicht das Kunstwerk als Experiment des Künstlers diskutieren, obwohl auch hier ganz profiliert ein Versuch am eigenen Geist (mit geistfähigem Material) stattfindet. Musikwissenschaft hat es aber im Verständnisprozess am Kunstwerk mit einer experimentellen Situation zu tun. Denn dieses ist ein Stück Natur, das sich zur Interpretation anbietet. Dass es dabei ein Stück menschlicher, innerer Natur ist, tut der Situation keinen Abbruch: das Phänomen will gedeutet, angeeignet, verstanden sein. Dafür ist einerseits die poihsiz (poiesis, das Herstellen) des Komponisten als Wille zum Ausdruck verantwortlich, andererseits aber auch die unabhängig vom Komponisten reflexhaft stattfindende Wirkung von Musik als Zeichensystem, das uns geistig, psychisch und physisch in Bewegung versetzt. Das Experimentelle dabei ist gekoppelt an die Werkzeuge der Interpretation und/oder die Mechanismen der psychophysischen Wirkung sowie an die Frage, wodurch eine spezielle Interpretation optimales Verstehen beweisen könne. Es ist also nicht durch schlichtes Nachfragen beim Komponisten zu entscheiden, wieviel man verstanden hat. Der Eigenwert des Werks gegen seinen Schöpfer verlangt mehr: In den wenigsten Fällen gibt der Komponist genügend Hinweise, um die Struktur eines Werks erschöpfend zu verstehen. Es ist daher unvermeidlich, mit verschiedenen Modellen des Verstehens zu experimentieren, sich zu fragen, welches Mehr an Strukturzusammenhang ein Modell gegenüber einem anderen erbringt. Wir kommen auf dieses Beispiel zurück in Abschnitt 7.
Literaturwissenschaft. Hier befindet man sich grundsätzlich in einer ähnlichen Situation wie in der Musik: Interpretationsprozesse sind immer experimentell gegenüber einem künstlerisch produzierten "Rohstoff" des Verstehens. Hillis Miller schreibt dazu [140] : "Manche Interpretationen erfassen die Struktur eines Textes tiefgehender als andere." Sie sind Experimente mit der Zusammenhangstiefe aufgedeckter Textstruktur. Wir verweisen auf das Werk von Eco [30] zu Prinzipien und Methoden der Interpretation und ihren Grenzen. Eco übernimmt für die literarische Interpretation bezeichnenderweise das Poppersche Prinzip der Falsifikation von Hypothesen [149], welches zunächst für die Naturwissenschaften aufgestellt worden war. Es geht ihm nicht darum, die gute(n) Interpretation(en) zu legitimieren, sondern die schlechte(n) auszugrenzen. Der Text hat -- wie das Naturphänomen bei den Physikern -- als "Parameter seiner Interpretationen" zu dienen [30], p. 51.
Mathematik. Mathematik versteht sich selbst durchaus als Geisteswissenschaft, obwohl ihre dominierende Rolle sie in der Entwicklung der Experimentalwissenschaften rein administrativ als Naturwissenschaft verpflichtet hat. In der Mathematik ist in neuster Zeit von Experimenten die Rede, die durch computergestützte Berechnungen komplexer Resultate möglich werden. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Bereicherung der vitalen Befindlichkeit des Mathematikers: Die alltägliche Forschungsarbeit ist ein "Was, wenn?", man möchte etwas beweisen, muss aber eine Reihe von Hilfsvermutungen durchgehen, die einen möglichen Weg zum Ziel weisen. Im klassischen Verhaltensmuster meditiert man vor sich hin, kritzelt ein Papier nach dem anderen voll. Die Alternative dazu heisst: ausprobieren. Wann immer es geht, testet man Vermutungen durch Beispiele und Gegenbeispiele aus und gewinnt so eine Intuition von der Sache. Diese Entwicklung zur "Experimentellen Mathematik" geht soweit, Beweise durch mehr oder weniger sichere Pseudobeweise zu unterstützen. Das löst zwar keine Probleme, gibt aber Argumentationshilfen. -- Mathematik ist jedoch viel fundamentaler ein Selbstexperiment des Geistes. Der Mathematiker Paul Bernays hat in einer Diskussion um den Platonismus in der Mathematik [13] festgehalten: "Die Sicherheit in Gebieten des theoretischen Denkens kennen wir jeweils nur als eine erworbene, und die Erweiterung des theoretischen Rahmens hat jeweils den Charakter des geistigen Experimentierens, wie dieses ja besonders in der heutigen mathematischen Grundlagenforschung hervortritt." (Hervorhebung G.M) Auch hier können misslungene Experimente zu leeren, untauglichen Theorien, zu sokratischen Mondkälbern (s.o. unter Philosophie) führen. Gerade die Differential- und Integralrechnung ist ein berühmtes Beispiel eines Denkens, über das man sich lange nicht klar war. Von seiner Erfindung durch Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton um 1670 bis zur theoretischen Klärung der Begriffe durch Augustin Cauchy vergingen immerhin rund 150 Jahre geistigen Experimentierens mit Begriffen und Theorien.
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