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Die Anfänge in Wollishofen
Text: Peter Jegen
Kaum ist der «Kantonal zürcherische Rennverein» im Zunfthaus zur Saffran gegründet, finden am 29. September 1872 auf der Allmend Wollishofen schon die ersten Pferderennen statt. Überall herrscht in Zürich Aufbruchsstimmung: Alfred Escher gründet die Nordostbahn und die Kreditanstalt; die Textil- und Maschinenindustrie stehen am Anfang ihrer Entwicklung; und in den Ställen der begüterten Städter finden sich Pferde und luxuriöse Fuhrwerke. Die Söhne Zürcher Familien leisten den Militärdienst bei den berittenen Waffen, sie testen Schnelligkeit wie Ausdauer ihrer Vierbeiner im sportlichen Wettkampf. Das ist der Nährboden, auf dem die Zürcher Pferderennen und der Grosse Preis der Stadt Zürich bestens gedeihen.
Es ist aber kein Stadtzürcher, der die erste Austragung des damals auf der Flachen gelaufenen Offiziersrennens gewinnt. Vielmehr behauptet sich der Lausanner Artillerie-Lieutenant Frossard de Saugy, der im Sattel des Pferdes Puce durch tadellose Haltung und Ruhe imponiert. So sehr, dass beim abendlichen Bankett in der Tonhalle die Idee des «Kantonal zürcherischen Rennvereins» gelobt wird, mit den Pferderennen zur Hebung der heimischen Pferdezucht für Friedens- und Kriegsgebrauch beizutragen.
Als die Rennen 1875 zum dritten Mal in Wollishofen gelaufen werden, gibt es den ersten Stadtzürcher Sieg. Der Kavallerie-Leutnant Robert von Muralt umrundet auf seinem Pferd Sultan das angeblich bloss 800 Meter lange Oval – mit bis zu «3 Fuss» hohen Hürden, einem Wassergraben und einem trockenen Graben, einem Erdwall und einem Ackerfeld – am schnellsten, und das dreimal. Den ersten internationalen Höhepunkt erlebt das Jagdrennen sodann 1883, als anlässlich der ersten Landesausstellung in Zürich die Ausstellungs-Rennen stattfinden.
Abermals propagieren die Veranstalter den Nutzen der Rennen zur Verbesserung der Pferdezucht, und international ausgeschriebene Prüfungen mit ansehnlichen Preissummen unterstreichen die Bedeutung des Anlasses. Die Steeple-Chase mit Pferden aus allen Ländern führt diesmal über 3200 Meter und bis hinauf auf die Anhöhe des Muggenbühls. Den Siegespreis von 3500 Franken holt sich der Deutsche Baron von Gayl in 281 Sekunden mit dem braunen Wallach Kedgeree, der dem Rittmeister von Ahrensdorf aus Baden-Baden gehört. Das wird gleichsam zum Beginn der Histoire des Grossen Preis der Stadt Zürich.
Dank dem Erfolg der Ausstellungs-Rennen etablieren sich die Pferderennen als eine Hauptattraktion im Zürcher Sport- und Freizeitprogramm. Dieses bietet schon damals diverse Unterhaltungsmöglichkeiten – selbst Partys bis in die frühen Morgenstunden. Das lässt sich aus einem «Eingesandt» schliessen, das mit Blick auf die 25. Austragung der Zürcher Pferderennen am 3. Juni 1897 auf der Frontseite des zweiten Abendblattes der NZZ erscheint: «Früh morgens, wenn die Hähne krähen, wenn mancher Städter und Nachtschwärmer erst sein Lager aufsucht, so solltest du, lieber Leser, einmal auf unsere Allmend gehen und dort dem Treiben unserer jungen Sportsleute mir ihren Stalljungen zuschauen, man fühlt sich auf die Trainerbahnen von Carlshorst, Hoppegarten und Iffezheim versetzt! Wer hätte diesen Aufschwung des Rennsports bei uns vorgesehen? – wohl niemand; es ist aber mit Freude zu konstatieren, dass der von so kräftiger Hand geschaffene Reitergeist fortbesteht, sich weiter entwickelt und Früchte tragen wird!»
Nach der Jahrhundertwende kommt zu den Rennen 1908 eine Springkonkurrenz dazu, ein Preisspringen, wie das damals heisst. Und weil neben den etwa 3000 zahlenden Besuchern weitere Tausende Personen vom Muggenbühl oder dem Höckler aus die Rennen gratis verfolgen, versuchen die Rennveranstalter 1911 mit dem Aufstellen von kilometerlangen Emballagen auch diese Zuschauer zur Kasse zu bitten. In jenen Jahren übernimmt der Seidenindustrielle und Kavallerie-Offizier Edwin Schwarzenbach das Präsidium des Rennvereins Zürich. Schwarzenbach lässt seine Galopper regelmässig von Walo Gerber reiten, einem jungen Unternehmer aus der Milchbranche, der einer der bekanntesten Sportler der Stadt ist. Denn Gerber ist nicht nur Offizier der Kavallerie, er ist auch begeisterter Militärpilot, Ballon- und Bobfahrer.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet die Blütezeit der Zürcher Rennen, und bedingt durch den Mangel an Pferden finden diese erst wieder 1921 statt. Unter Präsident Schwarzenbach setzt aber ein rascher Aufschwung ein, dank der Einführung des Totalisators kann der Anlass ab 1923 auch finanziell auf bessere Beine gestellt werden. Angeblich soll es in den ersten 50 Jahren der Zürcher Pferderennen nur einmal einen Überschuss gegeben haben – in der Höhe von 435 Franken. Allein, der Aufschwung ist von kurzer Dauer. Bloss vier Monate nach den Rennen von 1939 ist die Schweiz abermals mobilisiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt der Rennverein im September 1948 den Rennbetrieb auf der Allmend Wollishofen zwar wieder auf, doch für Pferderennen gibt es bloss ein Jahrzehnt lang noch Platz. Zürich wächst, der motorisierte Verkehr nimmt zu: Da, wo man heute auf der Autobahn kurz nach der Höcklerbrücke in Richtung Zürich-City und Brunau fährt, ist Stall Uetlis Vaporeux am 18. Mai 1958 der letzte Galopper, der den Grossen Preis der Stadt Zürich auf der Wollishofer Allmend gewinnt. Fortan geniessen die Zürcher Pferderennen Gastrecht im Aarauer Schachen oder auf der Frauenfelder Allmend.
Dass es ausgerechnet ein Vertreter des Stalles Uetli ist, der den 46. und letzten GP der Stadt Zürich auf Stadtzürcher Boden dominiert, ist auch eine glückliche Fügung der Geschichte. Denn die Pferde des Stalles stehen im nahen Stall Schneeli, den es noch heute im Rieterpark gibt. Und die Vollblüter werden täglich von Hans Baumgartner auf der Allmend Wollishofen trainiert. Statt aber nur Runde um Runde auf dem ehemaligen Exerziergelände zu drehen, bevorzugt Baumgartner den Berggalopp – entlang der vom Militär noch rege genutzten Handgranaten-Stellungen hinauf zum Höckler.
Die neue Ära in Dielsdorf
Bis 1971 findet der Grosse Preis der Stadt Zürich in der Fremde statt. Die 58. und letzte Austragung des Rennens ausserhalb des Kantons sieht abermals bekannte Namen und Farben dominieren. Im Aarauer Schachen setzt sich der achtjährige Wallach Tantotiepo unter dem Amateur Kurt Schafflützel durch. Der Sieger trägt die rot-weiss-karierten Farben des Metzgermeisters Willy Bächtold aus Zürich-Oerlikon.
Dann wird der Rennverein Zürich auf der Suche nach einer permanenten Rennbahn endlich in Dielsdorf fündig. 1972 wird die Anlage im Zürcher Unterland für den Trainingsbetrieb geöffnet, der erste Renntag findet im Mai 1973 statt. Abermals sitzt Schafflützel im GP der Stadt Zürich im Sattel des Siegers, er setzt sich mit Max Hauris Arawak durch. Im Schweizer Turf läutet die Pferderennbahn in Dielsdorf eine neue Ära ein. Eine permanente Anlage mit Renn- und Trainingsbetrieb gibt es bis dahin keine, die Professionalisierung nimmt dadurch zu. Und an die Stelle von Offizieren und Herrenreitern, den späteren Amateuren, rücken zusehends die Profis (Jockeys).
Das traditionsreichste Jagdrennen sollte aber in verändertem Umfeld seinen angestammten Platz behalten, nie den Namen eines Sponsors tragen. 1982 überführt deshalb der damalige RVZ-Präsident Dr. Rudolf Villiger den Grossen Preis der Stadt Zürich in eine Stiftung, deren primärer Zweck die Erhaltung der Tradition des Rennens ist.
Zwar gewinnen nach Schafflützel weitere Schweizer Amateure den Grossen Preis – Markus Gräff, Rainer Stöckli, Ernst und René Stadelmann, Markus Kessler –, doch der bisher letzte siegreiche Amateurrennreiter ist 1995 Patrick Inglin. Danach bestimmen französische Jockeys das Bild: Denis Leblond, Roger Duchêne, Bruno Jollivet. Sie reiten vielfach Pferde, die Kurt Schafflützel als Trainer ins Rennen schickt. Nach Quincy Triplet (1987, 1988 und 1989) sattelt Schafflützel neun weitere Sieger, er bringt es als Trainer und Reiter auf 15 Erfolge – ein Rekord.
Vor allem aber bereitet Schafflützel den Weg für eine neue Generation vor. Nach seinem Tod 2009 übernimmt Andreas Schärer den Trainingsstall in Dielsdorf, und er führt 2014, im 99. Grossen Preis der Stadt Zürich, Vicomte Alco als Sieger von der Bahn. Der Wallach gehört Verena und Anton Kräuliger. Im 100. Grossen Preis der Stadt Zürich tritt Vicomte Alco 2015 erneut als Favorit an. Angesichts des grossen Engagements von Kräuliger im Zürcher Turf eine weitere glückliche Fügung der Geschichte, die allerdings erst in der 101. Austragung des Rennens abermals ein siegreiches Ende nimmt. Das Jubiläum wird wegen tiefen Geläufs auf der Flachen ausgetragen und von Alberto de Ballon gewonnen, vor Vicomte Alco. Auf der Jagdbahn setzt sich dieser 2016 dann aber zum zweiten Mal durch. Zweimal ist in der Folge ebenso Claudia Schornos Blingless erfolgreich, ehe es 2019 - wiederum auf der Flach - einen magistralen Erfolg des in München trainierten Wai Key Star aus dem Stall Salzburg gibt. Weil die Hindernisse auf der Jagdbahn im Winter 2018/19 saniert wurden, will man das Highlight des ersten Zürcher Renntages 2019 noch nicht über den frischen Jagdkurs führen und schreibt es deshalb als Flach-Grand-Prix über 2300 m aus.
Der 105. Grosser Preis der Stadt Zürich findet für einmal erst am 27. September statt. Die Corona-Pandemie schränkt auch die Zürcher Rennen ein, der Frühjahrsrenntag wird abgesagt, die verbleibenden Renntage des Jahres 2020 müssen unter strengen Sicherheitsmassnahmen durchgeführt werden. Im Sechserfeld setzt sich nach 4300 Metern und 15 Hindernissen Baraka de Thaix in den Farben von Michael und Saskia Schmid gegen den tschechischen Gast Green Rocks überlegen durch. Eine Überraschung, weil der von Chantal Zollet trainierte Schimmel unter Raphael Lingg das erste Rennen nach fast einjähriger Pause läuft.
Von Corona ist auch der Start in die Saison 2021 geprägt. Zürich übernimmt von Frauenfeld den traditionellen Termin an Pfingsten und führt am 24. Mai Rennen ohne Zuschauer durch. Im Mittelpunkt steht der 106. Grosse Preis der Stadt Zürich, der aufgrund der Rahmenbedingungen mit 20'000 Franken dotiert ist. Wie im Vorjahr heisst der Sieger Baraka de Thaix. Diesmal setzt sich der Schimmel unter Jordan Duchêne überlegen gegen sechs Gegner durch. Seit dem Erfolg im 105. GP der Stadt Zürich ist der von Chantal Zollet für Saskia und Michael Schmid trainierte Wallach damit in fünf Rennen ungeschlagen.
Die beeindruckende Dominanz setzt Baraka de Thaix auf seiner Dielsdorfer Heimatbahn im 2022 fort. Zum Start des Jubiläumsjahres 150 Jahre Rennverein Zürich gewinnt der 11-jährige Schimmel am 8. Mai zum dritten Mal den Grossen Preis der Stadt Zürich. In der 107. Austragung des Rennens sitzt Thomas Beaurain im Sattel des Wallachs von Saskia und Michael Schmid, der sich im Finish klar gegen Bergerac behauptet. Beide Pferde werden vor Ort von Chantal Zollet trainiert. Bei zehn Starts ist Barka de Thaix damit in Dielsdorf zum zehnten Mal siegreich. Vor allem aber zieht er mit Quincy Triplet gleich, der den Grossen Preis von Zürich auch drei Mal in Folge gewann, von 1987 bis 1989.
Der Stich zeigt das allererste Zürcher Pferderennen, das der Artillerie-Lieutenant Frossard de Saugy 1872 im Sattel seines Pferdes Puce gewinnt.
Nach fast 100-jähriger Suche ist endlich ein neuer Rennplatz gefunden. Die Bahn in Dielsdorf ist seit 1973 das Zuhause des Rennvereins Zürich.
In der Nachkriegszeit erfreuen sich die Rennen auf der Wollishofer Allmend grosser Beliebtheit, doch müssen sie 1958 dem Nationalstrassenbau weichen.
Der Schimmel Baraka de Thaix gewinnt den 105., den 106. und auch den 107. Grossen Preis der Stadt Zürich (Bild M. Forster)