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Die Musik dringt durch eine kleine Einzimmerwohnung in Khulna, Bangladesch, und verwandelt die zierliche 14-jährige Tania. Als sie zu tanzen beginnt, wird die schwere Last mit Freiheit und ihre Mühsal mit Freude ersetzt. Für einen Moment kann sie wieder Gelassenheit zulassen und vergisst die Menschen, die sie während der Arbeit beschimpfen. Sie sorgt sich auch nicht darüber, wie sie ihren Vater und ihre Schwester versorgen soll oder was sie ihnen zum Abendessen kocht.
Als Tania 5 Jahre alt war, verlief ihr Leben noch ganz normal. Ihre Mutter war zu Hause und kümmerte sich um die zwei Töchter. Vater Somir war häufig unterwegs und verkaufte Kosmetikartikel auf Märkten. Tania ging zur Schule und konnte mit ihren Freundinnen spielen. Doch eines Tages änderte sich ihr Leben schlagartig: Somir wurde von Männern brutal überfallen und ausgeraubt. Sie nahmen ihm alles weg, was er bei sich trug, schlugen ihn und übergossen ihn mit Säure – nach 10 Minuten war er blind. Leider blieb es nicht bei diesem Schicksalsschlag. Ein Jahr später verliess die Mutter die Familie. Die damals 6-jährige Tania musste fortan alleine für ihren blinden Vater und ihre 18-monatige Schwester sorgen.
Fischmarkt statt Schule
Sie war noch ein Kind, musste aber schnell lernen, einen Haushalt zu führen, damit sie und ihre übriggebliebene Familie überlebten. Sie benötigten zwischen 37 und 75 US Dollar pro Monat, um für das Nötigste aufzukommen. Die Regierung zahlte Somir nur eine kleine Rente von 6,25 US Dollar, was längst nicht genug war. Am Anfang fehlte Tania nur einmal in der Woche im Unterricht, aber je länger sie fehlte, desto weniger schaffte sie es, den Schulstoff aufzuholen. Nach drei Jahren flog sie ganz von der Schule. «Ich vermisse die Schule. Ich mochte es, Bangla zu studieren – die Reime und Gedichte» sagt Tania. Sie kann zwar noch lesen, aber nur sehr langsam. Sie meint: «Ich habe vieles verlernt». Auf keinen Fall möchte sie, dass es ihrer Schwester Suriaya gleich ergeht.
Anstatt zur Schule zu gehen, verbringt Tania ihre Tage damit, im örtlichen Fischmarkt gefrorene Crevetten zu schälen. 8 Stunden lang sitzt sie in der Hocke, damit sie nicht auf dem dreckigen und nassen Zementboden sitzen muss. Nur während 20 Minuten kann sie eine Pause machen und aufstehen. «Meine Knie und Hüfte schmerzen» sagt Tania. Die Arbeit ist nicht nur schmerzvoll, sondern auch gefährlich. Die Meerestiere haben Körperteile scharf wie Rasierklingen. Mit ihren durch das Eis stark unterkühlten Fingerchen erfordert das Schälen grosse Konzentration. Doch immer wieder erleidet sie Verletzungen, die zu schlimmen Wunden führen. Während der Hochsaison, wenn die Crevetten frisch ankommen, wird sie sogar mitten in der Nacht geweckt und zur Arbeit geholt. Für diese sieben- bis achtstündigen Nachtschichten erhält Tania umgerechnet 1.85 US Dollar.
Zum Glück hat Tania trotz der Plagerei ihre Träume noch nicht auf Eis gelegt. «Ich möchte Krankenschwester werden» erklärt sie. «Es macht mich glücklich, wenn ich verletzten Kindern hier im Fischmarkt helfen kann. Wenn sie sich schneiden, kann ich sie verbinden.» Um sie näher an ihren Traumjob zu bringen, eröffnet World Vision ein lokales kinderfreundliches Lern- und Ressourcen-Center. 51‘000 Kinder und Erwachsene werden dort die Chance erhalten, während einigen Stunden am Tag lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Zusätzlich sollen auch die Eltern und Arbeitgeber der Kinder miteingebunden und hinsichtlich Kinderrechte aufgeklärt werden. Damit die Absenz der Kinder nicht zusätzlich bestraft wird, übernimmt World Vision die Lohneinbussen und ermöglicht den Erwachsenen, mit neuen Fähigkeiten Einkommen zu generieren.
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