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"Die Sachzwange der Götter"

Wie entscheidet man, wer hungert und wer nicht?

Anfang Februar 2011. Der Erdölpreis ist auf über 100 Dollar pro Fass gestiegen. Im Fernsehen berichtet man über weltweit schlechte Weizenernten und sich ändernde Nahrungsnachfrage, wodurch die Weizen- und Maispreise weiter steigen. China importiere zum ersten mal Mais aus den USA.
Für die Armen sieht es kurzfristig nicht gut aus. Doch auch wir Reichen können nicht unbekümmert in die Zukunft blicken. Die moderne Landwirtschaft ist weitgehend vom Öl abhängig. Nach dem Erdölfördermaximum werden die Erträge zurückgehen und die Transporte teurer werden. Da werden jene Länder, die jetzt noch exportieren, wahrscheinlich zuerst an sich selbst denken, ähnlich wie mit dem Öl und Gas, das sie jetzt noch ausführen.

Was ist Weisheit? Was soll am machen? Wie kann man sich darauf vorbereiten?
Der Spiegel-Artikel ist mit "GERECHTIGKEIT" überschrieben. Wenn am Ende vom Tag die Welt keine Nahrung für alle mehr hergeben kann, weil die der fruchtbaren Ackerböden, die Düngemittel, das Wasser und die fossilen Energien immer knapper werden, was ist dann "Gerechtigkeit"?
Täten wir nicht besser dran, auf jeden Fall das Bevölkerungswachstum zu stoppen, die lokale Nahrungmittelproduktion den Vorrang zu verleihen, anstelle von "Cash Crops"?
Sollten wir nicht sofort und bedingungslos die Biotreibstoffproduktion für unsere fossilen Fahrzeuge stoppen?
Endstation Hunger - Energiedefizit in der Landwirtschaft

"Die Sachzwange der Götter"
Transkript des Artikels von Uwe Buse im Spiegel vom 27.12.2010 ©
Wie entscheidet man, wer hungert und wer nicht? Das Welternährungsprogramm der Uno kämpft mit immer weniger Geld gegen immer mehr Hunger. Seine Mitarbeiter verteilen Nahrung und Geld - oder auch nicht.
Auf John Aylieff wurde geschossen, es geschah in Afrika, in Burundi, der Schütze stand am Straßenrand mitten im Nirgendwo, und Aylieff hat nur überlebt, weil sein Fahrer mit dem Wagen direkt auf den Schützen zuhielt.
John Aylieff hat eine Kollegin verloren, auch dies geschah in Burundi, sie musste sich vor ihren Mörder stellen und wurde exekutiert.
Aylieff hat Kinder sterben sehen, auch Babys, sie verhungerten vor seinen Augen. Er hat auch alte Menschen vor Hunger sterben sehen, Männer wie Frauen, und er hat Frauen weinen sehen, er hat sie um Essen betteln hören, das letzte Mal vor einer halben Stunde.
Aylieff saß auf einem Baumstamm, der auf dem Boden lag, in einem Dorf im heißen, schwülen Nordwesten Bangladeschs. Er saß zwischen erbärmlichen Hütten aus Ästen und Stroh, links davon ein Weg, an dessen Rändern die Dorfbewohner während der Flut nächtigen würden, rechts davon ein Fluss, der von Tag zu Tag mächtiger wurde.
Vor Aylieff auf dem Boden hockten fünf Männer und Frauen, alt und gebrechlich. Sie hatten gesehen, wie Aylieff ins Dorf gekommen war, mit zwei weißen Landcruisern, mit vier Mann Gefolge, ein wohlgenährter Mann in Jeans, Turnschuhen, mit schütterem Haar, weichem Gesicht. Sie hatten ihn begrüßt, zu ihren Hütten gebeten, ihm den Platz auf dem Baumstamm angeboten und ihn dann angesehen, voller Hoffnung.
Sie kannten Aylieff nicht, sie hatten ihn noch nie gesehen, aber sie wussten, dass er es war, der ihnen schon einmal Reis verschafft hatte. Einen ganzen Sack, 50 Kilo schwer, für jeden.
"Dafür danken wir", sagt die Frau in der Mitte der Gruppe. Ihr Name ist Alif Jan, sie ist vielfache Großmutter, vierfache Mutter, die Witwe eines Tagelöhners, sie ist die Mutige hier in der Reihe, vielleicht auch die Verzweifeltste, sie spart sich weitere Freundlichkeiten und fragt: "Wann bringen Sie wieder Reis?"
Aylieff beugt sich zu seinem Dolmetscher, dann blickt er Alif Jan an, sagt: "Ich weiß es nicht." Er sagt das ruhig, nicht teilnahmslos, aber auch nicht wirklich berührt, es bleibt viel Distanz zwischen ihm und der Frau vor ihm auf dem Boden.
Die Männer und Frauen vor Aylieff verstehen das nicht. Da stehen die beiden Landcruiser, daneben die Männer, die Aylieff begleiten. Wie kann jemand, der auftritt wie ein Fürst, keinen Reis besorgen können? Alif Jan schaut Aylieff an, sie hebt die leeren Hände: "Bitte."
Dieses Wort braucht Aylieff sich nicht übersetzen zu lassen, er zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf, sagt: "Es tut mir leid." Aber die Frauen vor ihm machen einfach weiter. Sie erzählen, dass keine von ihnen in den letzten Tagen Reis gegessen habe, sie haben Reiswasser erbettelt, Wasser, in dem andere Familien ihren Reis gekocht haben, und sie haben Blätter gegessen, Bananenblätter.
Es ist ihnen unangenehm, so etwas zu berichten, einem Mann, der ihr Sohn sein könnte. Es ist entwürdigend, diesen Mann anflehen zu müssen wegen eines Sacks Reis, nach mehr als fünfzig Jahren auf den Feldern, am Ende ihres Lebens.
"Bitte", sagt Jan. Sie hat Tränen in den Augen.
"Es tut mir leid", wiederholt Aylieff, "wir haben nichts mehr, was wir verteilen können." Der Dolmetscher übersetzt, und Aylieff hört die Frauen weinen.
Wenig später verlässt er das Dorf, er war hier, um sich über den Ablauf eines früheren Projekts zu informieren, er sitzt in seinem Wagen, hinter der Scheibe, und die Bewohner verabschieden ihn. Sie bilden ein Spalier, eine Wand aus ausgemergelten Leibern. Die Männer und Frauen stehen da, fast reglos, unfassbar dünn, und starren ins Innere des Wagens. Aylieff starrt stumm zurück.
Seit 18 Jahren versucht John Aylieff die Welt zu verbessern, seit fast zwei Jahrzehnten ist er im Hungerbekämpfungsgeschäft. Er ist Brite, hat Germanistik studiert, er wollte lehren, aber dann verlief sein Leben ganz anders.
Anfang der Neunziger sah Aylieff im Fernsehen Berichte über eine Hungersnot in Äthiopien. Danach vergaß er die deutschen Klassiker, er fühlte sich schuldig, weil er im Wohlstand lebte, und er wollte nur noch helfen, so viel, so direkt, so schnell wie möglich. Aylieff hob seine Ersparnisse ab, flog nach Äthiopien und ging den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen so lange auf die Nerven, bis er bei einer als Praktikant anfangen konnte. Jetzt ist er 42 Jahre alt, hat eine Frau, sie stammt aus Thailand, ein Kind, und über seine beruflichen Anfänge sagt er: "Ich war damals leicht zu beeindrucken."
Zwei Jahre blieb Aylieff in Äthiopien, dann zog er weiter nach Burundi, von dort nach Nordkorea, Sri Lanka, Afghanistan, in den Irak. Er hat den Transport von Nahrung für über eine Million Flüchtlinge nach dem Genozid in Ruanda organisiert, er hat mit Warlords am Horn von Afrika verhandelt, hat ihnen erklärt, dass er ausschließlich Nahrung liefere, dass er keine Schnellboote mit Maschinengewehren im Angebot habe.
Von zwei Jahren abgesehen, arbeitete Aylieff immer für das Welternährungsprogramm, das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen, die größte humanitäre Organisation der Welt. Derzeit ist er der stellvertretende Regionaldirektor des WFP für Asien.
Das WFP hat den Auftrag, die Hungrigsten unter den Hungernden der Welt zu identifizieren, es soll sie so gut und kostengünstig wie möglich mit Nahrung versorgen, es soll sich im Namen der Weltgemeinschaft um die Ultraarmen kümmern, um Erwachsene, die nicht wissen, ob sie morgen etwas essen werden, um Kinder, die so ausgehungert sind, dass feste Nahrung sie töten würde.
Es geht um rund hundert Millionen Menschen in 73 Ländern, ihnen sollen Aylieff und seine Kollegen helfen, sie sollen die Not dieser Menschen nicht nur lindern, sie sollen sie abschaffen. So lautet ihr Mandat. Es scheint unlösbar, doch eine Zeitlang wurden ermutigende Fortschritte gemacht. Hungerte 1970 noch jeder vierte Mensch auf der Welt, ist es zurzeit noch jeder siebte, und dies wurde erreicht, obwohl die Weltbevölkerung sich in diesen Jahren verdoppelte, von dreieinhalb auf knapp sieben Milliarden. Möglich machte das die Grüne Revolution und auch die Globalisierung, die, so ungerecht und mangelhaft sie auch sein mag, viele Menschen emporhob aus der Armut in den globalen Mittelstand. Hier angekommen, sorgen sie sich nicht mehr ums nackte Überleben, sondern planen den Schulbesuch der Töchter.
Doch seit ein paar Jahren steigt die Zahl der Hungernden wieder, sie liegt knapp unter einer Milliarde, und mit der Zahl der Bedürftigen wächst auch die Zahl der Hungrigsten unter den Hungernden. Verantwortlich dafür sind vor allem die Nahrungsmittelkrise des Jahres 2008, die Bankenkrise des Folgejahres, die Finanzkrise in diesem Jahr. Die Rettung von Banken, Staaten sog Milliarden aus den Haushalten der Geberländer und verringerte die Summe, die das WFP erhält.
Waren es 2008 noch 5 Milliarden Dollar, schrumpfte der Etat 2009 auf 4 Milliarden Dollar. In diesem Jahr rechnet das WFP mit 3,7 der geforderten 7 Milliarden Dollar, und das trotz des Bebens in Haiti, trotz der Überflutungen in Pakistan. Zu wenig, um die Elenden der Welt verlässlich mit Nahrung zu versorgen.
Es war der Glaube der Politiker an die Sozialverträglichkeit des freien Marktes, der die Probleme des WFP, die Probleme Aylieffs wachsen ließ. Denn die Elenden der Welt sind zwar gleich in ihrem Elend, aber sie unterscheiden sich in ihrer Attraktivität für die Geberländer, die das WFP finanzieren, und Bangladesch gehört nicht zu den attraktiven Ländern. Es ist ein Land, das auf der Prioritätenliste vieler Gebernationen weit unten steht, weil es ihm an fast allem mangelt, was nötig ist, um Geld in annähernd ausreichendem Maße von den Satten zu den Hungernden fließen zu lassen.
Bangladesch fehlt es an einer ehemaligen Kolonialmacht, die regelmäßig Geld überweist, als späte Entschuldigung für begangenes Unrecht. Das Land war vor seiner Unabhängigkeit ein Anhängsel Pakistans. Bangladesch spielt geostrategisch keine Rolle, es ist nur ein kleiner, feuchter Fleck auf der Landkarte rechts neben Indien, die Menschen leben auch nicht in einem gescheiterten Staat, ganz im Gegenteil, Bangladesch wird geschätzt als verlässlicher Handelspartner, genutzt als Nähstube der Welt.
Auf die globale Nachrichtenbühne schafft Bangladesch es nur, wenn der Monsun große Teile des Landes unter Wasser setzt. Ist das nicht der Fall, hungern in Bangladesch, je nach Lage, zwischen fünf und zehn Millionen Menschen still, stoisch und weitgehend unbeachtet vor sich hin.
Aylieffs Job ist es, diese Menschen mit Nahrung zu versorgen. Jeden von ihnen, theoretisch zumindest. Aber das ist illusorisch, denn Aylieff kann, wie alle Regionaldirektoren des WFP, nichts fordern, er darf bitten. Weil er aus Erfahrung weiß, dass er niemals genug Geld für alle Hungernden bekommen würde, hat er im Jahr 2009 ausgerechnet, was er braucht, um acht Millionen Hungernde zu versorgen. Es waren 257 Millionen Dollar.
Er bekam 76 Millionen.
Im diesem Jahr erhielt er 60 Millionen Dollar, und wie viel es im nächsten Jahr sein wird, weiß er noch nicht.
Aylieff kann das Geld auch nicht so einsetzen, wie er möchte. Oft schreiben die Geberländer vor, wofür es ausgegeben werden soll. Wenn die Europäische Union beispielsweise will, dass mit ihren Spenden Projekte finanziert werden, die die Landwirtschaft fördern, dann kann Aylieff nur sehr schwer Schwangeren oder Müttern mit Säuglingen helfen. Er muss also auswählen, muss die Hungernden aufteilen in diejenigen, die etwas zu essen kriegen, und die, die nichts kriegen.
Wie geht das? Wie teilt man die Millionen, die in diesem Land unterhalb des globalen Existenzminimums von eineinviertel Dollar am Tag leben, in solche, denen geholfen wird, und solche, die nichts kriegen? Wie identifiziert man sie? Wie findet man die Region, das Dorf, die Familie? Und wie verhindert man, willkürlich zu entscheiden? Oder selbst verrückt zu werden über all das?
Zwei Tage bevor Aylieff auf dem Baumstamm Alif Jan gegenübersitzt, steht er auf einer Sandbank, sie liegt mitten im Brahmaputra, einem der großen Ströme Asiens, der weit entfernt in Tibet entspringt, er wird gespeist vom Monsun und von den schwindenden Gletschern des Himalajas.
Die Familien, die auf dieser Sandbank leben, sind Flüchtlinge. Sie wohnten einmal am Ufer des Flusses, manche kamen vor wenigen Jahren, andere vor zwei Jahrzehnten auf die Sandbank. Die Geschichten, die hier erzählt werden, ähneln sich sehr. Immer geht es um den Fluss, um eine Flut, die nicht nur die Hütte mit sich nahm und den Besitz, sondern auch den Grund, auf dem die Hütte stand. Halbe Dörfer verschwinden so jedes Jahr, und oft trifft es die Ärmsten im Dorf, denn wer arm ist in Bangladesch, muss am Wasser leben, dort, wo es am gefährlichsten ist.
Die Sandbank misst über einen Kilometer, sie liegt wie ein langer, schmaler Hügel im Wasser, und diejenigen, die hier seit 20 Jahren leben, erzählen, dass sie zwölfmal umgezogen sind.
Bevor das WFP kam und half, lebten alle hier von Gelegenheitsjobs auf dem Festland. Alle hier hungerten, mal mehr, mal weniger. Das hat sich jetzt geändert, die Hilfe hat die soziale Struktur der Inselgesellschaft aufgebrochen, jetzt existiert eine Zweiklassengesellschaft.
Zu den Gewinnern des sozialen Wandels gehört Rani Begum. Frau Begum lebt allein, ist jung und gesund genug, um zu arbeiten, sie besitzt kein Land, keine arbeitsfähigen Angehörigen, keine regelmäßigen Einkünfte. Sie sagt, manchmal schneide sie Schilf, das am Rand der Sandbank wächst, und verkaufe es drüben, am Ufer des Flusses, als Baumaterial. Sie wohnt in einer Hütte aus Zweigen, das Dach ist aus Gras und löchrig, es gibt ein Bett, gebaut aus groben, dünnen Latten, ein Brett, darauf stehen ihre Kochutensilien, draußen vor der Hütte ist ein Loch im Boden, das ist der Ofen.
Begum besitzt keinen Stuhl, keinen Tisch, einen Kleiderschrank braucht sie nicht. Sie besitzt nur den Sari, den sie trägt. Sie sagt, die Ankunft des WFP sei ein großes Glück für sie.
Begum gehört zu den 200 Bewohnern der Sandbank, die vom WFP bezahlt werden, um einen befestigten Weg zu bauen. Er ist einen Kilometer lang und führt von den Hütten zu einem Plateau auf der Sandbank, das knapp zwei Meter höher ist als der Rest der Insel. Das Plateau dient bei Hochwasser als Fluchtpunkt.
Für den Bau der Straße sind zwei Monate veranschlagt worden, das Material für den Bau holen die Arbeiter und Arbeiterinnen mit Hacken aus dem Flussbett und balancieren es in flachen Körben auf ihrem Kopf nach oben. Jeder Arbeiter, jede Arbeiterin muss pro Tag einen Kubikmeter Erde bewegen. Dafür erhalten sie täglich 75 Taka, umgerechnet 78 Cent, und drei Kilo Reis. Begum sagt, dass sei ein guter Lohn, das sei viel Reis. Als Magd drüben am Ufer verdiene sie vielleicht 400 Taka im Monat, dazu bekomme sie etwas zu essen und eine Schlafstelle auf dem Fußboden der Küche.
Während Begum das erzählt, wird sie von einer Nachbarin beobachtet. Sie heißt Marizon Nanda, die beiden kennen sich schon lange, aber seit kurzem sprechen sie nicht mehr miteinander. Nanda ist nicht in das Projekt aufgenommen worden. Sie hungert, während Begum etwas zu essen hat. Und das, was Begum hat, teilt sie nicht, "denn wie sollte Nanda es mir jemals zurückgeben können?"
Nandas Hütte ist wie alle anderen hier gebaut, Möbel sind mit Ausnahme des Betts nicht vorhanden. Auch Nanda ist arbeitsfähig und allein, niemand unterstützt sie. Hin und wieder kann sie als Haushaltshilfe am Ufer arbeiten, dann erhält auch sie 400 Taka im Monat und eine Mahlzeit am Tag. Wenn es ihr möglich ist, isst sie die nicht, sondern gibt das Essen dem Fährmann, der die Sandbank regelmäßig ansteuert. Er gibt das Essen ihrem jüngsten Sohn, der schon an der Anlegestelle wartet. Der Junge lebt mit seiner Mutter in der Hütte und ist sieben Jahre alt. Manchmal verpasst Nanda die Fähre, manchmal ist sie zu hungrig, dann bekommt der Junge nichts.
Nanda ist ebenso bedürftig wie Begum, und sie beklagt, von dem Programm ausgeschlossen worden zu sein. Sie sagt, "ich kann arbeiten, ich will arbeiten, wieso darf ich nicht?"
Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach. Der erste Teil der Antwort findet sich in Rom, in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Hier steht, zwischen einer Tankstelle und einer Europcar-Filiale, ein vierstöckiger Bau, das Hauptquartier des WFP, von hier werden die elenden hundert Millionen mit Nahrung versorgt.
Es ist eine monströse Aufgabe, sie beginnt mit dem Einkauf, rund vier Millionen Tonnen Reis, Weizen, Mais müssen beschafft werden, Jahr um Jahr, auf den Handelsplätzen der Welt, möglichst günstig, möglichst nah bei den Empfängern, um Transportkosten zu vermeiden. Schiffe müssen gechartert werden, Flugzeuge, Laster, 5000 rollen täglich im Auftrag des WFP in die Hungerzonen und Krisengebiete der Welt. Für die Sicherheit der Konvois muss gesorgt sein, die pünktliche Bezahlung der Fahrer gewährleistet, ihre Integrität so gut es geht geprüft wie auch der technische Zustand der Fahrzeuge, denn das WFP hat Meldungen zu vermeiden, die sich um Unfälle, Tote und schrottreife Mietlaster drehen.
Neben der Versorgung der chronisch Bedürftigen in den Armenhäusern der Welt muss die Organisation auch bereit sein für die nächste Katastrophe, ganz egal, wo sie sich ereignet. Um besser vorbereitet zu sein für das Unberechenbare, sammelt das WFP verstärkt Daten über den Zustand der Welt, über die Entwicklungen in den Krisenregionen der Erde. In den Datenbanken stapeln sich Meldungen der großen Agenturen, es geht um Demonstrationen, um Unruhen, um mögliche Indikatoren künftigen Elends. Die Daten können im Katastrophenfall miteinander gekoppelt werden, sie lassen sich, als interaktive Karten, auf einem großen Monitor im Lagezentrum des WFP zeigen. Besucher werden gern hierhergeführt, denn zwischen all der Technik wirkt das WFP wie eine schlagkräftige, moderne humanitäre Eliteeinheit der Uno.
Ebenso wichtig wie das Lagezentrum, wenn auch weit weniger eindrucksvoll, ist eine Abteilung, die das Kürzel VAM trägt, was für "Vulnerability Analysis and Mapping" steht und sich mit "Abteilung für Gefährdungsanalyse" übersetzen lässt. Sie wird geleitet von Joyce Luma, einer energischen Frau, die sich ihr Büro mit unzähligen Studien, Büchern und Broschüren teilt. Hier in ihrem Büro findet sich der erste Teil der Antwort, die Marizon Nanda eine halbe Welt entfernt auf der Sandbank einfordert.
Joyce Luma ist eine Buchhalterin der Armut, es ist ihre Aufgabe, Hierarchien des Elends zu erstellen und in vorgeschriebenen Zeiträumen zu aktualisieren. Lumas Computer ist verbunden mit den Datenbanken anderer Uno-Organisationen und nationaler Behörden. Sie interessiert sich für aktuelle Ernteprognosen, für die Nahrungsmittelpreise an den Börsen der Welt, für die demografische Entwicklung in einzelnen Ländern, für ihre Abhängigkeit von alten und neuen Migrationsströmen, für die Anzahl von Kleinunternehmern in Zentral-Ghana, den Prozentsatz ungelernter Arbeiter in Nepal und die Frage, wie sich ein beschränkter Zugang zum Wald auf die Ernährungslage der Hungernden in Kambodscha auswirkt. Mit Hilfe dieser Daten erstellt sie Ranglisten, gegliedert nach Ländern und Regionen, und in einer dieser Listen findet sich auch die Sandbank, die Marizon Nanda nun ihr Zuhause nennen muss.
Doch ob Marizon Nanda tatsächlich zu den Hilfeempfängern gehört, kann Luma nicht entscheiden. Das ist die Aufgabe von Männern wie Mohammed Shahidul Islam, einem eifrig lächelnden Bangladescher, der Aylieff bei seiner Reise begleitet. Islam ist der Chef einer Hilfsorganisation in Bangladesch, sie heißt PMUK und arbeitet als humanitäres Subunternehmen für das WFP.
Die Aufgabe von PMUK ist es, in den Regionen, die von Joyce Luma als ärmste identifiziert wurden, die Elendsten unter den Elenden auszumachen. Die Organisation veranstaltet regionale Volkszählungen, sie schickt ihre Mitarbeiter von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte mit einem Fragenkatalog, der vom WFP erstellt worden ist. Ein Mitarbeiter erschien auch vor der Hütte von Marizon Nanda.
Er fragte nach den Mitgliedern der Familie, nach Name und Alter. Nach Bildung, Ausbildung, ob die Kinder zur Schule gehen, ob sie Arbeit haben. Er fragte nach den Erwachsenen. Arbeiten sie, wenn ja, wie viele Monate im Jahr, und wie hoch ist der Tageslohn? Er fragte nach Tieren, die gehalten und verkauft werden könnten, nach Land, das bestellt wird, nach der Unterstützung durch andere Hilfsprogramme. Der Fragebogen umfasst drei Seiten, insgesamt werden 33 Antworten gefordert.
Marizon Nanda lieferte sie alle, sie sagte dem Interviewer, dass sie neben dem siebenjährigen Jungen noch einen volljährigen Sohn hat. Und sie sagte ihm auch, dass der volljährige Sohn drogensüchtig und seit Jahren keiner Arbeit mehr nachgegangen ist, dass er seine Sucht durch Diebstähle finanziert.
Der Interviewer notierte alles, bis auf das Schicksal des Sohnes, dafür war auf dem Formular kein Platz vorgesehen. Da Nanda nun auf dem Papier einen erwachsenen, arbeitsfähigen Sohn hatte, wurde sie nicht in das Programm aufgenommen. Nanda nennt das ungerecht. Und das ist es auch, aber wenn man Millionen versorgen soll und nicht genug für alle hat, dann hat der Versuch, gerecht zu sein, dann hat die Bürokratie Grenzen. Und im Fall von Marizon Nanda war die Grenze nach 33 Fragen erreicht.
Eine Tagesreise entfernt von der Sandbank wird an einem Arm des Brahmaputra an einem anderen Plateau gearbeitet, auch dieses soll als Zufluchtsort während der Regenzeit dienen. Auch hier werden mehrere hundert Männer und Frauen vom WFP beschäftigt.
Es ist Zahltag, die Arbeiter und Arbeiterinnen hocken in Reihen auf dem Boden, ausgegeben werden pro Person 36 Kilo Reis und 1500 Taka für die Arbeit im vergangenen Monat. Der Reis wird aus Säcken geschöpft, vor den Augen der Empfänger gewogen.
Am anderen Flussufer steht Kohinoor Begum. Sie ist über 60 Jahre alt, blind und ebenso bedürftig wie die Menschen hier, aber sie hat das Pech, auf der falschen Flussseite zu wohnen, in einem Bezirk, der in den Unterlagen des WFP geringfügig besser dasteht.
So ist es überall im Land. In Schulen des Saghata-Bezirks erhalten die Kinder täglich eine Handvoll Kekse, sie sind vollgestopft mit Vitaminen, Mineralien, die Kinder müssen sie im Beisein eines Lehrers essen. Im Nachbarbezirk erhalten die Kinder nichts. In Fulchari, einem Bezirk im Nordwesten, erhalten Mütter Milchpulver, um die Überlebenschancen ihrer Säuglinge zu vergrößern. Die arbeitsunfähigen Alten erhalten nichts. Im Dorf Gangacgara ist es umgekehrt. Dort erhalten die Alten Reis und die Schwangeren nichts.
Dies ist die hässliche, die unmenschliche Seite der internationalen Hilfe. Solange nicht genug Geld da ist, solange Milliarden ausgegeben werden, um Banken und Staaten zu retten, so lange bedeutet Hilfe auch, den Mangel zu demokratisieren. Es bedeutet, die Armen so lange zu befragen, zu ordnen, bis am Ende eine Gruppe überbleibt, für die das vorhandene Geld reicht.
Am letzten Tag seiner Reise steht John Aylieff in einem weiteren Dorf, Hausgärten sind zu besichtigen, 100 Quadratmeter groß, angelegt mit Hilfe des WFP, bewirtschaftet von den Ärmsten im Dorf, die Grundeigentümer dürfen sich die Hälfte der Ernte nehmen. Kürbis wird hier angebaut, Basilikum. Als Aylieff in seinen Wagen steigt, sammeln sich die Menschen am Fenster auf der Fahrerseite. Sie bitten um Kunstdünger. Aylieff blickt aus seinem Wagen hinaus, sagt: "Später, vielleicht. Versuchen Sie es erst mal so."
WIr haben diesen Artikel nur für wissenschaftliche Zwecke abgespeichert - wegen der Flüchtigkeit des Internets. Urheberrecht: Spiegel.de 2010 Internetverküpfungen: "Die Sachzwänge der Götter" www.spiegel.de/spiegel/print/d-75936239.html und
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