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Modern, überraschend und unterhaltsam sind die Weihnachtsgeschichten, die das Buch von Reto Stampfli und Pedro Lenz versammelt. Ein Auszug aus dem Buch «Post aus Barcelona».
Von Reto Stampfli*
Im Jahr 2091 hatte der Weltaufsichtsrat des westlichen Universalsektors den ursprünglich als «christlich» deklarierten Brauch – früher «Weihnachten» genannt – mit der Gesamtnetzwerkbestimmung 11036 global aufgehoben. Keine Einwände waren zu vernehmen, denn es war offensichtlich: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der wissenschaftliche Fortschritt liessen keine rückständigen, emotional bedingten Welterholungstage mehr zu.
Der aufstrebende Gebärtechniker Oskar Weiss lebte am Rande eines standardisierten Niederlassungsgebiets. Seit zwei Jahren war er in der Agglomerationsklinik seines Konsumbezirks beschäftigt. Seine Vorfahren gehörten noch zu den Gelehrten der alten Klasse. Die Mutter erzählte ihm oft von seinem Grossvater – der hatte seine Informationen noch in Papierform aufbewahrt. Solche Dinge waren heutzutage unvorstellbar, denn Informationen mussten ständig im Fluss sein, um im Sekundentakt auf den neusten Stand gebracht zu werden.
Eines Nachts, in einem überdurchschnittlich kalten Winter, reagierte Oskar Weiss´ Alarmgerät kurz nach Mitternacht. Widerwillig zwang er sich in seine Kleider und bemühte sich in die glasklare Dunkelheit hinaus. Der Mond fehlte. Die ihm mitgeteilte Adresse befand sich in einem jener Wohngebiete, die Oskar Weiss noch nie vorher betreten hatte. Was ihn jedoch zusätzlich verwirrte. Er wurde zu einer Hausgeburt gerufen, einer Angelegenheit, die nach medizinischen Grundsätzen als völlig veraltet und unsinnig erachtet wurde.
Es bereitete ihm einige Mühe, die genannte Adresse zu finden. Die öde Gegend verunsicherte ihn. Nach kurzem Zögern betätigte er die automatische Türanlage der gesuchten Wohneinheit. Der Lebenspartner der hochschwangeren Frau öffnete die Sperre zum Aufenthaltsbereich. Der Mann war sichtlich erregt und gestikulierte wild mit seinen Händen. Oskar Weiss folgte ihm in das enge und schlecht geheizte Schlafquartier. Das schweissbedeckte Gesicht der Frau funkelte im spärlichen Licht der Deckenlampe.
Oskar Weiss fühlte sich verunsichert. In der Klinik war eine Geburt ein Routineeingriff, von denen er ohne weiteres ein Dutzend am Tag abwickeln konnte. Hier in dieser ärmlichen Umgebung fehlte ihm die gewohnte Distanz. Die Frau schrie, was in der Klinik nie vorkam, denn dort wurden die Patientinnen von Beginn weg ruhiggestellt. Die Frau schrie, und der verzweifelte Blick des Vaters traf den Gebärtechnologen wie eine Ohrfeige.
Später hätte Oskar Weiss kaum mehr Einzelheiten der Geburt zu erzählen vermocht. Seine Hände agierten automatisch. Auf einmal hielt er das neugeborene Kind in seinen Händen. Es schrie. Ein bloss wenige Sekunden altes Leben, der Welt vollkommen ausgeliefert und doch so energisch. Die Mutter streckte ihre Hand nach dem Neugeborenen aus. Der Vater war auf das Bett niedergesunken und weinte hemmungslos. Oskar Weiss hielt den warmen Körper noch in seinen Händen. Er hatte schon tausende Babys gesehen, doch dieses Kind war etwas ganz Besonderes.
Eine Geburt war ein alltäglicher, rein biologischer Vorgang. Doch Oskar Weiss wollte in diesem Moment diesem nüchternen Lehrsatz keine Beachtung schenken. Er staunte, unerwartet durchdrang ihn eine wohltuende Dankbarkeit. Die Mutter nahm das Baby in den Arm und betrachtete es voller Zuneigung. Dieses Kind war ein Geschenk. In ihm steckten zweifellos mannigfache und unvorhersehbare Begabungen. Es würde vielleicht einmal die Kraft besitzen, in der Welt etwas zu bewirken. Oskar Weiss war ein wenig beschämt, dass ihn plötzlich so starke Gedanken überkamen. Es regte sich etwas in seinem Geist, das er lange nicht mehr verspürt hatte. Hier, in dieser engen Kammer, wurde er plötzlich ganz bescheiden. Er lächelte und setzte sich neben den Vater. Dieser drückte ihm herzhaft die Hand. Oskar vergass seinen Auftrag und die kalte Welt um ihn herum. Die kleine Familie hatte ihn aufgenommen, alles was ihm vorhin so fremd erschien, war nun verschwunden.
Dieser Hauch eines Menschenlebens hatte ihm auf einen Schlag seine Überheblichkeit und die Dumpfheit seines Alltags vor Augen geführt. Was konnte er, der aufstrebende Gebärtechnologe, allein in dieser Welt ausrichten? War ihm nicht alles geschenkt worden, wie jenem Kind das Leben? Sein eigenes Leben erschien ihm oberflächlich, wie eine geschickt vertuschte Art von Zeitverschwendung. Doch noch besass er die Kraft, das zu ändern. Das Erlebte schenkte ihm Zuversicht.
Er wollte diese Geschichte weitererzählen. Seine Frau sollte davon erfahren – alle seine Bekannten mussten unbedingt von der Geburt dieses Kindes hören. Tief in seinem Innern spürte er die Überzeugung, dass er diese Geschichte unbedingt weitererzählen musste.
* Der Philosoph und Theologe Reto Stampfli ist Lehrer und Konrektor an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der Redaktionskommission des «Kirchenblatts» Solothurn.
Die im Buch «Post aus Barcelona» versammelten 23 Weihnachtsgeschichten von Pedro Lenz und Reto Stampfli sind anders: Sie sind modern, überraschend, zeitlos und unterhaltsam. Der Poet Lenz und der Theologe Stampfli regen zum Nachdenken und Schmunzeln an. In ihrer weihnächtlichen Sammlung wird die Flucht nach Ägypten zur aktuellen Realität, der Familien-Türk zum ungebetenen Gast, eine Weihnachtsinsel entdeckt, und der Götti verliert sich so richtig tief im Wald.
Pedro Lenz und Reto Stampfli: Post aus Barcelona, Knapp Verlag, Olten 2021, 128 Seiten.