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«Nicht jeder Schritt, den ich mache, ist Kunst», sagt Anja Rueegsegger im September 2015. Da lebte sie seit ein paar Monaten in Warschau, wo sie im renommierten Kunstmuseum ein Atelierstipendium bekommen hat, verbunden mit einem sechsmonatigen Aufenthalt.
Streifzüge durch Warschau
Karg, aber hochwertig eingerichtet waren die beiden Räume, die Anja in einem Nebengebäude des Warschauer Kunstmuseums bewohnte. Ein wenig einsam habe sie sich hier gefühlt, erzählte die Künstlerin. Darum habe sie angefangen, in der Stadt lange Spaziergänge zu unternehmen.
Bei ihren Streifzügen stiess sie auf eine Gruppe junger Polen, die am Stadtrand einen verlassenen Schrebergarten bewohnten. Die eigentlichen Bewohner, so die Künstlerin, waren von den umliegenden Unternehmen vertrieben worden. «Das ist so, damit die Unternehmen irgendwann das Land billig kaufen und bebauen können.»
Wo beginnt die Kunst?
Anja bezog selbst eine dieser kleinen Datschas, half Toiletten zu bauen, ein Gemeinschaftshaus einzurichten und in jedem Häuschen eine kleine Infrastruktur anzulegen. Vor allem Öfen waren nötig. Denn der Winter in Polen würde, nach einem heissen Sommer 2015, kalt und bitter.
Das meiste Material fanden sie vor Ort. Für alles, was fehlte, investierte Anja einen Teil ihres Stipendiums. Es ist üblich, dass Künstler ihr Budget sofort wieder in Projekte stecken. Doch ist das, was Anja in den Gärten tat, tatsächlich Kunst? Was waren die Anforderungen an sie seitens der Stipendiengeber?
«Das Kunstmuseum und ich waren im ständigen Austausch», antwortet Anja. Als Output ihres Aufenthalts plante sie einen Comic herzustellen, der ihre «Actioncamps», die sie vor Ort angeboten hatte, dokumentiert. In diesen Camps zeigte sie Interessierten, wie man zum Beispiel Batterien selber herstellen kann.
Einmachgläser mit Wastefood
Im Sommer 2014 beendete Anja Rueegsegger ihr Kunststudium an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel. Ein Teil ihrer Abschlussarbeit bestand in einer Performance, die sie am Belluard Festival in Fribourg mit ihrer eigens zu diesem Zweck gegründeten Künstlergruppe «Pre-Servers» veranstaltete.
Sie nahmen «Wastefood», also Lebensmittel, die das Verfalldatum überschritten haben, kochten sie ein, verpackten alles in kleine Gläschen und boten diese im Tausch gegen nicht-monetäre Angebote als Kunstwerke an. Mittels Vertrag hielten sie fest, dass die Einmachgläser nicht zum Verkauf angeboten werden dürfen, also nicht auf dem Kunstmarkt landen dürfen.
Fernab vom Kunstmarkt
Diese Aktionen sind typisch für die Künstlerin, die auf einem Bauernhof aufwuchs. Mit ihren Aktionen will sie sich dem Kunstmarkt entziehen. Renommierte Ausstellungen im Museum interessierten sie nicht, versichert Anja.
Sie sei davon überzeugt, dass Kunst die Welt verändern könne. Konsequenterweise fängt Anja Rueegsegger bei sich selbst an. Existenzängste habe sie keine und auch nicht das Gefühl, für die Kunst auf etwas zu verzichten.
«Die Arbeit, die ich mache, die gibt mir etwas, weil ich denke, dass es wichtig ist. Ich muss nicht alle davon überzeugen.»
Das Projekt «u40»
Wie arbeiten Künstler unter 40 in der Schweiz? Wovon und wofür leben sie? Das Projekt u40 der Sternstunde Kunst gibt in zwei Dokumentarfilmen während 5 Jahren Einblick in das Leben und Werk von 5 jungen Schweizer Künstlerinnen und Künstlern.