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Gerne möchte ich alle Etappenorte kurz vorstellen, speziell ihre Namen und deren Bedeutung.
三厩 – Minmaya
Ein kleiner Flecken ganz im Norden mit etwas über 2000 Einwohnern, vor 112 Jahren gegründet und vor 6 Jahren von einem grösseren Nachbarort eingemeindet. Das erste Zeichen 三 beutetet drei und hat viele verschiedene mögliche Lesungen, hier spricht man es mi aus. Das zweite Zeichen 厩 heisst Pferdestall und wird eigentlich umaya ausgesprochen. Zusammen sagt man minmaya, das liest sich runder, heisst aber nach wie vor „Drei Pferdeställe“.
Da alle japanischen Schriftzeichen aus China stammen, haben sie meist zwei Aussprachen, Lesungen: Das japanische Wort, das dem Inhalt des Zeichen entspricht und schon vor der Einführung der Schrift existierte, und der in China verwendeten Aussprache: Zum Beispiel hat 厩 die Lesung umaya, das alte japanische Wort für Pferdestall. Und kyuu, so oder ähnlich hiess früher wohl ein Stall in China. Die chinesische Lesung wird vor allem bei komplexen, zusammengesetzten Worten benutzt, Worte, die nach Einführung der Schrift und konstruktiv entstanden sind, z. B. der Stalljunge, 厩務員 gelesen kyuumuin. Die japanische Lesung nennt man kun, die chinesische on.
PS: Interessanterweise kann man Pferdestall auch mit den Zeichen Pferd (馬 – uma) und Haus oder Dach (屋 – ya) schreiben. Beide Zeichen werden hier japanisch, kun gelesen, den wie wir bereits wissen, gab es das Wort umaya schon vor der Einführung der chinesischen Schrift in Japan im 5. Jahrhundert!
小泊 – Kodomari
Das erste Zeichen 小, heisst klein und hat viele mögliche Aussprachen, ko, ist eine übliche. Auch Kind wird ko ausgesprochen, aber mit einem anderen Zeichen geschrieben, dennoch eine nette Gemeinsamkeit. Das zweite Zeichen 泊 heisst heute meist Übernachtung, wird eigentlich to oder (früher in China und heute in Japan bei konstruierten Worten) haku ausgesprochen. Aber wie so oft im Japanischen werden Worte gerne reduziert, und so schreibt man diesen Ort nicht 小泊まり (泊まり = tomari = Substantivierung des Verbes übernachten), sondern einfach 小泊. Und gerne so ausgesprochen, dass sie rund tönen, hier also do und nicht to.
Übrigens ist das zweite Zeichen 泊 wieder aus zweite Teilen zusammengesetzt, man nennt diese Teile Radikale: das linke Radikal, die drei kleinen Striche, steht für Wasser. Das rechte Teil ist eine (strahlende) Sonne und heisst Weiss oder Strahl. So kommt das heutige Wort für Übernachtung wohl von hellem, also seichtem Wasser, Kai, Ankerplatz. Und Kodomari, ein Fischerdorf, steht so für „kleiner Hafen“.
車力 – Shariki
Das erste Zeichen 車 heisst Wagen, es war das erste Kanji, das ich vor zehn Jahren gerlernt habe! Als Teil eines Worten verwendet, z. B. Fahrzeug oder Zug, wird es sha gelesen. Alleine heisst es Auto und wird kuruma gelesen. Das Zeichen ist einem einachsigen Karren nachempfunden und wir in China fast unverändert seit über 2200 Jahren verwendet. Das zweite Zeichen 力, Kraft, wird riki gelesen, wobei man das r sehr weich ausspricht. Das Zeichen stellt einen muskulösen Arm dar; die sehr frühen Versionen dieses Schriftzeichen hatten noch zwei Arme. Das Wort sharika heisst Fuhrmann. Ein ähnliches Wort, mit vertauschten Zeichen heisst 力車, rikisha, bei uns besser bekannt als Rikscha.
五所川原 – Goshogawara
Goshogawara ist der Hauptort der gleichnamigen Provinz. Die hatte vor dreissig Jahren 67’000 Einwohner, heute noch 58’000.
Das erste Zeichen 五 heisst fünf und wird oft go ausgesprochen, so auch hier. Es besteht aus 5 Strichen, die in Japan auch zum Zählen mit Strichlisten gebraucht werden. Interessanterweise schrieb man das Zeichen in der chinesischen Bronzezeit mit 4 Strichen: als X mit horizontalen Strichen oben und unten. Evt. visualisierte das Zeichen eine Handfläche, oder eine chinesische Zähltechnik, mit der man einhändig auf Zehn zählen konnte. Das zweite Zeichen 所 heisst Ort und wir sho ausgesprochen, es besteht aus den Teilen, Radikalen für Türe und Axt, Sinnbilder für ein Haus.
Der zweite Teil des Wortes (川原) heisst im heutigen Japanisch das Kiesufer eines Flusses und wird kawara gesprochen. Das erste Zeichen 川 heisst dabei Fluss, kawa, das zweite kann Ursprung heissen, dann würde es aber gen gelesen. Eine weitere Bedeutung ist Ebene, dann hara gelesen. Zusammen also eigentlich goshokawahara, zu kompliziert, und daher runder und kürzer goshogawara. Der Namen für die Fünf Häuser am Fluss.
八甲田山 – Hakkōdasan
San, das letzte Zeichen bezeichnet in der Regel einen Berg, in diesem Fall aber eine Gruppe von einem duzend Bergen. Der Höchste ist rund 1600m hoch, im Winter meterhoch mit Schnee bedeckt. Hier trainierte die japanische Armee den Russisch-Japansichen Krieg: Dabei starben leider viele an Erfrierung, den Krieg haben die Japaner aber dann gewonnen. Das erste Zeichen 八 bedeutet acht, wird ha(t)chi ausgesprochen oder ha, dafür dann der folgende Konsonant verdoppelt, so auch hier. Der kommt vom Zeichen 甲 kō (der Strich über dem o zeigt, dass es lang gesprochen wird). Dieses Zeichen hat viele Bedeutungen, mit dieser Lesung passt Panzer, Schale, Rüstung am besten. Die Berge haben in etwa diese (vulkanischen) Form.
Das dritte Zeichen ist sehr geläufig, viele Japaner tragen es im Namen, z. B. Herr Toyoda, der Gründer der Automarke. Es wird ta oder da gelesen, heisst Feld und ist einem Reisfeld nachempfunden. Dieses Zeichen ist spannend, weil es – ohne Abweichung – schon immer so gezeichnet wurde, als aufgeteiltes Feld, und das seit 3000 Jahren. Damals nicht auf Dokumenten, sondern Orakelknochen und -muscheln.
酸ヶ湯温泉 – Sukayu-Onsen
Hier zum ersten Mal ein Badeort, ein Onsen, hier wird in Wasser aus natürlichen, heissen Quellen gebadet. Die letzten beiden Zeichen zeigen das, sie bedeuten warm und Quelle – beide chinesisch gelesen, das Wort Onsen ist somit jünger als 1400 Jahre. Das Zeichen Quelle 泉 besteht übrigens aus den gleichen Teilen, Radikalen wie das Zeichen 泊, das wir bereits kennengelernt haben. Da war das Radikal für Wasser links und etwas zusammengestaucht, bei der Quelle ist es unten und vollständig. Das andere Radikal sieht identisch aus, aber die Bedeutung ist eine andere: nicht Weiss, sondern jetzt Strahl, Wasserstrahl.
Der eigentliche Name des Badeortes Sukaya bedeutet, wenig einladend, saures Wasser. Das kleinen, zweiten Zeichen ヶist eine Kurzform von 箇. Dieses Zeichen ist eines von vielen Zählworten in der japanischen Sprache, man braucht es für kleine Dinge, aber nicht für Tiere, Gläser, Flaschen, Bücher, Blätter – die haben alle ihre eigenen Zählworte! In Ortsnamen wird es oft verkürzt und ohne viel Bedeutung gebraucht und ka ausgesprochen. Der ganze Ort heisst somit ‚Säurebad‘.
Das Zeichen 湯, yu, wird übrigens nur für heisses Wasser verwendet; kaltes und heisses Wasser (mizu und yu) haben im Japanischen andere Zeichen, werden anders ausgesprochen und haben auch sonst keine Gemeinsamkeit. Man sieht das schon am Zeichen: 湯 besteht aus den Radikalen Wasser und Sonne, zusammen symbolisieren sie heisses Wasser.
Drei Anmerkungen, die sich vielleicht ergänzen: Im Zeichen 酸, sauer oder Säure, findet sich das Radikal für Alkohol. In Sukayu-Onsen wird vor dem Baden ausnahmsweise keine Seife verwendend, und es ist eines der wenigen Bäder, wo Frauen und Männer gemeinsam baden.
谷地温泉 – Yachi-Onsen
Wieder ein Onsen, die letzten zwei Zeichen sind identisch mit dem vorherigen Ort Sukayu-Onsen. Und wie jener hat auch dieser einen wenig einladenden Namen: Sumpf. Das erste Zeichen steht für Tal, normalerweise zwar tani ausgesprochen, aber manchmal auch ya. Das zweite Zeichen heisst Erdboden, zusammen: Sumpf. Zuviel darf ich hier allerdings nicht erzählen, man hat mir gesagt, es sei eines von drei geheimen Onsen in Japan…
法量 – Hōryō
Das erste Zeichen 法 heisst Gesetz, hō. Ein Radikal, die drei Striche links, steht wieder für Wasser. Viele Zeichen die mit Recht und Ordnung zu tun haben, enthalten das Wasser-Radikal; man nimmt an, dass die ersten chinesischen Gesetze die Wasserzuteilung der Reisfelder festgelegt haben. Das zweite Zeichen 量 wir ebenfalls chinesisch ausgesprochen, ryō, und heisst Mass, es wird etwa im japanischen Wort Gewicht oder Menge verwendet. Zusammen heisst der Flecken vielleicht Strafmass? ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Verbannungsort war… Realistischer ist aber, dass der Name vom gleichnamigen, winzigen Tempel abgeleitet wurde (schon 1708 erbaut) und im religiösen Kontext heisst das erste Zeichen nicht Gesetz, sondern buddhistische Lehre, der Ort somit ‚tiefgründige Lehre‘.
十和田湖 – Towadako
Ein schönes Wort: towa heisst Ewigkeit, towanoai z. B. ewige Liebe. Aber unser Towadako wird leider anders geschrieben: Das letzte Zeichen 湖, ko steht für See. Viele Seen enden mit diesem Zeichen. Ein See für sich heisst im Japanischen mizuumi. Dabei heisst mizu Wasser (水) und uni Meer (海), zusammen also ein Meer aus Wasser. Aber mizuumi wird nicht etwas 水海 geschrieben, das wäre ja viel zu einfach!, sondern eben 湖. Immerhin findet sich auch in diesem Zeichen links ganz klein das Radikal für ‚Wasser‘.
Das zweitletzte Zeichen 田 kennen wir bereits, es heisst Feld. Der drittletzte ist mein Lieblingszeichen, es heisst Frieden, und auch Japan. Denn mit diesem Zeichen haben die Chinesen Japan geschrieben. Wobei: Es gibt böse, unwahre Gerüchte, dass die Chinesen ein leicht anderes Zeichen – das zwar gleich ausgesprochen wird, aber mit einer unschöneren Bedeutung – verwendet haben. Das alte Japan wird heute noch mit diesem Zeichen geschrieben: 大和 = Yamato = Grosser Frieden. Das heutige Japan 日本 = Nihon oder Nippon = Ursprung der Sonne.
Das erste Zeichen steht für Zehn, hier to gelesen. Die Bedeutung des ganzen Wortes ist mir nicht klar: Der See ist das Ergebnis eines gewaltigen Vulkanausbruches vor rund 1100 Jahren. Damals war der Norden Japan nicht besiedelt, der See und zugehörige Vulkan noch ohne Namen, den haben sie erst bei der Besiedelung viele Jahr später erhalten. Wobei wirklich besiedelt ist das Gebiet nicht, bis auf ein kleiner Touristenort ist das Ufer des Sees, eigentlich das ganze Gebiet, nicht bewohnt oder landwirtschaftlich genutzt, nur dicht bewaldet.
大湯温泉 – Ōyu-Onsen
Fast alle Zeichen dieses Wortes kennen wir bereits: yu (Wasser, heiss), on (heiss), sen (Quelle). Das erste Zeichen ist sehr geläufig, findet sich z. B. im Stadnamen Ōsaka und heisst gross, stellt eine breitbeinig stehende Person da. Der Namen dieses kleinen Dorfes könnte somit lauten ‚Ergiebige Quellen‘.
鹿角 – Kazuno
鹿角 heisst Hirschhorn und wird eigentlich rokkaku ausgesprochen. Wenn man das zweite Zeichen allerdings einzeln, als eigenständiges Wort Horn nutzt, sagt man tsuno, in unserem Ortsnamen weich gesprochen zuno. Das z spricht man wie im Englischen Zoo aus. Das erste Zeichen, Hirsch, würde man alleine shika aussprechen, aber es wird auch bei gewissen anderen Stadtnamen als ka ausgesprochen, so auch hier. Somit heisst dieser Ort Hirschhorn, aber eben etwas ungewöhnlich ausgesprochen.
安比高原 – Appikōgen
Diese Retortenstadt wurde erst 1981 erbaut, als Zentrum eines grossen Skigebietes, sie wird auch einfach Appi genannt. Der Name, ein Kunstwort, wurde sicher vom Marketing gewählt, bedeutet ‚friedliche und preiswerte Hochebene‘. Das erste Zeichen 安 heisst preiswert, aber auch friedlich oder mühelos, und wird an ausgesprochen. Das zweite Zeichen 比 stellt zwei nebeneinander stehende Menschen dar und heisst Vergleichen. Ich glaube man hat es wegen dem markanten Klang, pi, gewählt. Das dritte Zeichen 高 heisst hoch und wird kō gesprochen, es symbolisiert einen Turm. Das letzte Zeichen 原 kennen wir bereits, es heisst hier wieder Ebene.
八幡平 – Hachimantai
Hachimantai heisst ein Berg, bezeichnet aber auch das ganze Gebiet. Ein super Name! Das erste Zeichen 八, hachi, heisst 8; das ist wie in China eine gute Zahl. Im Gegensatz zur 4, die wird im Japanischen shi ausgesprochen, wie das Wort Tod, und daher nicht gerne gebraucht, z. B. ist in den Hotels die Taste 4 der Fernbedienung nicht programmiert. Das zweite Zeichen 幡 bedeutet Flagge, Banner. Zusammen also Acht Flaggen, Hachiman, der Namen des japanischen Kriegsgottes. Das letzte Zeichen 平 heisst flach, und deutet vielleicht die Form dieser Berge an: Es ist eine Hochmoor.
藤七温泉 – Toshichi-Onsen und 松川温泉 – Matsukawa-Onsen
Hier wieder zwei Onsen, eines oben, das andere an der Flanke des Berges Hachimantai. Es ist erstaunlich, wie viele kleine und grosse Onsen es in Japan gibt. Und alle mit natürlichen, heissen Quellen.
Das Erste hier vorgestellte Onsen hat nicht nur das übliche Bad innen, sondern auch 5 Aussenbäder, die werden (neuerdings unüblich in Japan) von Frauen und Männern gemeinsam genutzt. Der Name bedeutet ‚Sieben Glyzinien‚, schöne, blaue Hängepflanzen.
Das zweite Onsen Matsukawa bedeutet ‚Kiefer am Fluss‘. Im Zeichen 松, Kiefer, findet wir zum ersten Mal ein Teil, Radikal für Baum, ganz rechts, mit angedeutetem Stamm und Ästen – für das es hier so viele Bäume gibt, alle Hänge bewaldet sind, findet man das Zeichen doch recht selten. Das zweite Zeichen 川 kennen wir schon vom Ort Goshogawara, es heisst Fluss. Es ist eines der Zeichen, die in China bereis seit 3500 Jahren genutzt werden.
Die Kombination von Fluss und heissen Quellen liess in Matsukawa Japan erstes geothermisches Kraftwerk entstehe, es leistet seit 45 Jahren konstant 25 Megawatt. Überraschend: Nur 0.2% des Stroms werden in Japan durch Geothermie erzeugt.
小岩井 – Koiwai
Eine grosse, für ihre Milch bekannte Farm am Fusse des grossen Berges Iwate (岩手). Das erste Zeichen 小 kennen wir bereits, es heisst klein und wird auch hier ko ausgesprochen. Das zweite Zeichen 岩 kommt auch im Bergnamen vor und wird iwa gelesen. Es bedeutet Fels, besteht aus den Teilen, Radikalen für Berg (oben) und Stein (unten). Das letzte Zeichen 井 wird einfach i ausgesprochen, es heisst Brunnen. Zusammen also entweder kleiner Felsenbrunnen, oder wahrscheinlicher: Kleiner Brunnen neben dem gewaltigen Berg.
沢内貝沢 – Sawauchikaizawa
Das erste von 10 Bauerndörfern in einem 30 Kilometer langen Tal. Die Dörfer haben vielleicht 30 Häuser, liegen alle an einer guten Strasse, links und rechts davon wird einige hundert Meter Reis angebaut, auf vielen kleinen Feldern, immer wieder unterbrochen durch Bäche und Haine. Am Rand des Talbodens wird es schnell steil und beginnt dichter Nadelwald.
Das erste Zeichen 沢 (sawa) bedeutet Morast, bezeichnet aber auch den Oberlauf eines Flusses, es enthält unser wohlbekanntes Radikal für Wasser, die drei kleinen Striche links. Die anderen Zeichen heissen Innen (内 – uchi) und Muschel (貝 – kai). Das Zeichen für Muschel ist auch ein übliches Radikal, kommt also in anderen Zeichen vor, vor allem wenn es um Geld geht, da Muscheln in China Zahlungsmittel waren. Den Ortsnamen könnte man sehr frei mit einem Sprichwort übersetzen: ‚Ob im Morast oder Bergbach, Hauptsache Muschel‘ – oder kürzer „Geld stinkt nicht“.
湯本温泉 – Yumoto-Onsen
Unser Japanisch wird immer besser! wir kennen schon alle Zeichen dieses Namens: heisses Wasser, Ursprung, heisse Quellen. Das zweite Zeichen 本 wird hier moto gelesen, anders als im Wort für Japan, 日本, dort haben wir es hon oder pon ausgesprochen, aber die Bedeutung ist die selbe: Ursprung (hier der heissen Quellen). Interessanterweise heisst das Zeichen auch Buch und man zählt zylinderförmige Objekte damit, z. B. Bierflaschen. Alle drei Bedeutungen gehen auf das gleiche Konzept zurück: Stamm. Das Zeichen setzt sich zusammen aus einem Baum (木) und einem kleinen Strich durch den Stamm. Und da in China Bücher Schriftrollen, rund waren, macht alles Sinn.
横手 – Yokote
Das Wort 横手 heisst wörtlich übersetzt ’seitlich‘, es ist aber auch ein Fachbegriff bei japanischen Schwertern, bezeichnet da den Übergang von der Klinge zur Spitze. Das erste Zeichen 横, wird yoko gelesen, heisst Seite und auch horizontal. Die zweitgrösste japanische Stadt Yokohama trägt dieses Zeichen im Namen. Das zweite Zeichen 手 wird te gelesen und heisst Hand. Auch optisch erkennt man das gut. Wir haben dieses Zeichen schon kennengelernt, im Name des Berges Iwate (岩手), Felsen-Hand.
湯沢 – Yuzawa
Eine kleine Stadt im Norden von Japan. Das Klima in diesem Gebiet ist lebhaft: kalt und vor allem sehr schneereich im Winter, viele Strassen werden mit Tunnels aus Metall und meterhohen Gitter gegen Schneeverwehungen geschützt. Und Im Sommer ist es heiss und schwül. Alle Zeichen des Stadtnamens kennen wir bereits: Heisses Wasser (湯, yu) und Morast oder Oberlauf eines Flusses (沢, sawa). Im Zweifel für den Angeklagten, nennen wir die Stadt ‚heisser Bergbach‘.
新庄 – Shinjō
Diese kleine Stadt ist berühmt für ihr Sommerfest, es findet seit 257 Jahren statt. Der Name tönt moderner: das erste Zeichen 新 wird shin gelesen und heisst neu. Das gleiche Zeichen wird auch für den Schnellzug Shinkansen (‚Neue Hauptlinie‘) verwendet. Das zweite Zeichen heisst Hof, landwirtschaftliches Gut, es in der japanischen Sprache sehr selten; so weit ich weiss, gibt es nur zwei Worte, die es verwenden. Allerdings kommt es in vielen Familien- und Vornamen gerne und oft vor.
松山温泉 – Matsuyama-Onsen
Das erste Zeichen 松 kennen wir schon, es heisst Kiefer, und auch das Ende des Namens, das altbekannte Onsen, die heissen Quellen. Somit ist nur das zweite Zeichen neu, 山, es heisst Berg, wird yama oder in Kombination mit anderen Zeichen san ausgesprochen und stellt drei nebeneinanderliegende Berge dar. Der Ort heisst somit Kiefernberg. Ein gleichnamiger Ort gibt es auch im Süden Japans, da ist es eine grosse Provinzhauptstadt, hier bei uns ein sehr kleiner Kurort.
生田坊 – Ikutabō
In Ikutabō finden sich einige Zen-Tempel, in den denen man auch übernachten, für kurz oder lange der Welt entsagen kann. Das erkennt man auch gut am Namen: Das erste Zeichen 生 heisst Leben, wird oft i ausgesprochen, hier aber iku. Es besteht aus zwei, verwobenen Teilen, Radikalen: das Untere symbolisiert die Erde, das Obere steht für Grass, Pflanzen: die lebende Natur also. Das zweite Zeichen 田 ist unser altbekanntes Reisfeld, ta. Das Dritte, 坊, heisst (buddhistischer) Mönch, es kommt auch in vielen Worten ohne Haare vor: Glatze, kahler Berg etc. Mönchen rasieren sich beim Eintritt ins Kloster die Haare. Das Zeichen beinhaltet wieder das Teichen Erde, wie beim Leben-Zeichen, diesmal aber links und klein. Zusammen zeigt der Ortsname, wo Mönche leben und arbeiten.
鶴岡 – Tsuruoka
Dieses Stächen hat einen schönen Namen: Hügel der Kraniche. Der Kranich, Tsuru, ist in Japan ein Glücksvogel, er steht für ein langes Leben. Die Legende sagt, die Götter erfüllen jedem einen Wunsch, der 1000 Kraniche aus Papier faltet. Man findet solche gefalteten Kraniche daher überall in Japan, auf Hotelbetten oder als Dekoration auf Tischen. Das zweite Zeichen 岡 kommt vor allem in Familien- und Ortsnamen vor und heisst Hügel.
三瀬 – Sanze
Ein kleiner Fischerort, er hat und heisst Drei Untiefen. Das erste Zeichen 三, drei, ganz klar. Und das zweite Zeichen 瀬, se oder hier ze gesprochen, Untiefe – kommt aber auch im Wort Keramik oder Email vor. Beide Bedeutungen kann man an den Teilen des Zeichens erahnen: Wasser, ganz klein, links. Und der komplizierte rechte Teil des Zeichen heisst Reduktion.
あつみ温泉 – Atsumionsen
Bisher waren unsere Ortsnamen mit chinesischen Zeichen geschrieben, mit sogenannten Kanjis. Sie kommen alle aus China, und wurden in Japan nur leicht angepasst. Auch die Chinesen haben ihre Zeichen vereinfacht, so dass die beiden Schriften heutzutage etwas voneinander abweichen. In Japan sind heute einige Tausend Kanjis im Gebrauch: rund 2000 kann jeder Japaner aktiv schreiben, vielleicht nochmals soviele passiv lesen.
Von diesen (komplizierten) Zeichen wurden vor 1500 Jahren mit Hiragana und später Katakana zwei vereinfachte Silbenschriften abgeleitet, die je 50 Zeichen haben: Hiragana wurde zuerst von Frauen und für wenig offizielle Schriften benutzt, z. B. den ersten Roman Genji Monogatari. Katakana zur Verdeutlichung der Aussprache der Kanji-Zeichen. Heute braucht man das eine Alphabet, Hiragana, vor allem für grammatikalische Endungen, Flexionen von Worten und für Partikel, und mit Katakana umschreibt man ausländische Worte: Rusche ist zum Beispiel ルッシェ.
Bei diesem Ort haben wir nun zum ersten Mal – neben den üblichen Zeichen für Badeort, Onsen, am Ende des Wortes – drei Hiragana-Zeichen, あつみ, atsumi. Es steht verkürzt für 温海, wir kennen die Bedeutung schon: heisses Meer, atsu-umi.
勝木 – Gatsugi
Das erste Zeichen heisst Sieg, hier etwas ungewöhnlich wie das Verb siegen, katsu, ausgesprochen. Das zweite Zeichen 木 kennen wir schon etwas, es heisst Baum, ki oder hier rund gi gesprochen. Zusammen heisst der wahrscheinlich nicht ‚Sieger-Baum‘, sondern ‚Überragender Baum‘, denn das Zeichen für Sieg setzt sich aus ‚überlegen‘ und ‚Kraft‘ zusammen.
桑川 – Kuwagawa
Eines von vielleicht 10 Städtchen an der rauen Japanischen Nordwestküste: Der Fisch hier schmeckt wunderbar, die Menschen sind aus besonderem Holz geschnitzt. Vielleicht daher der Ortsname? Das erste Zeichen 桑 bedeutet Maulbeerbaum, kuwa, die Blätter dieser Bäume sind die Nahrung der Seidenraupe, nur sie wollen sie fressen. Das Zeichen zeigt unten das Radikal für Baum, das wir schon kennen, oben sind drei Zweige angedeutet – oder Raupen? Das zweite Zeichen bedeutet Fluss, wie wir schon wissen wird es kawa und runder gawa ausgesprochen. Zusammen also Fluss zwischen Maulbeerbäumen.
村上 – Murakami
Ihren Namen hat diese Stadt vom Murakami-Clan, der hier eine Burg hatte. Der Clan geht auf den 62. Japanischen Kaiser zurück, der lebte im zehnten Jahrhundert und prägte es. Er war ausgezeichneter Flöten- und Harfenspieler, Kriegshandwerk galt dazumal eines Edelmannes unwürdig. Später war das anders: viele berühmte Samurai gehörten zu diesem Clan.
Alle adligen Familien, Clans, lassen sich – neben der namenlosen Kaiserfamilie – zu vier Hauptfamilien gruppieren: Minamoto (dazu gehören auch die Murakami), Taira, Fujiwara und Tachibana. Die haben sich erst 500 Jahre gestritten, dann 500 Jahre bekriegt. Schlussendlich gewannen 3 Kriegsherren und einten Japan, und ein Seitenast der Minamoto, der Tokugawa-Clan, herrschte 250 Jahre bis ins 19. Jahrhundert.
Die Zeichen des Namens stehen für Dorf (mura) und oben (kami, eine von 10 möglichen Lesungen von 上). Das Zeichen für Dorf 村 ist spannend, es besteht wieder aus dem Teilchen für Baum (木) und ein Radikal (寸), das eine Hand symbolisiert. Wenn es in einem Zeichen auftritt, oder eine Abart davon (手, 又, 殳: alles Hände), deutet das eine Aktion an, irgendeine aktive Handlung. Da ich nicht glaube, das sich eine Kaiser nach einem „Oberen Dorf“ benennt, könnte der Name vielleicht ‚Oberster Erbauer (des Landes)‘ heissen.
新潟 – Niigata
Nur eine mächtige Bergkette hindert diese Stadt daran mit Tokio zusammenzuwachsen. Sie liegt 300 Kilometer im Norden davon, hat rund einer Millionen Einwohner, ist gewaltig: man braucht 3 Tage um sie von Ost nach West zu durchlaufen, sie hat Duzende Vororte – und gilt in Japan doch als provinziell…
Rumiko Takahashi kommt von hier, dieser Name sagt uns Europäern vielleicht nicht so viel: sie ist die unangefochtene Königin des japanischen Comics, der Mangas. Von ihr stammen die Bestseller Maisen Ikkoku, Ranma 1/2 und viele mehr. Sie hat etwa 170 Mio. Bücher verkauft.
Niigata besteht aus den Zeichen für Neu und Lagune, Bucht. Das erste Zeichen 新 kennen wir schon, vom Ort Shinjo, hier wird es nun nii ausgesprochen, Japanischen Zeichen haben viele Aussprachen, meistens zwei, die original chinesische und die dem Sinn des Wortes im Japanischen entsprechende. Dieses Zeichen hat noch mehr: shin (chinesisch) und a(ta)ra(shi) und nii (alle Japanisch). Das zweite Zeichen 潟 hat nur die üblichen zwei: seki (chinesich) und kata (japanisch). Zusammen: Neue Bucht oder Neuer Hafen.
Exkurs zur Bedeutung der Schriftzeichen
Viele Kanji, Japanische Schriftzeichen aus China, bestehen aus zwei oder mehr Teilchen, man nennt diese Radikale. Zusammen geben sie die Bedeutung an, eines davon (oft das rechte, obere) hat dem Leser in China bei der korrekten Aussprache geholfen. Im Japanischen kann man heute davon nicht mehr profitieren, die Zeichen und deren Aussprache haben sich zu stark verändert. Zum einen gab es im letzten Jahrhundert in Japan und China staatlich verordnete Vereinfachungen. Und im alten China wurden mit den Zeichen fröhlich jongliert: So schrieb man 考 früher für eine ältere (gebeugte) Person. Noch in China wurde daraus das heutige Wort ‚(be-)denken‘, nicht aus einem tieferen Sinn heraus, sondern weil das Zeichen dem echten Bedenken 攷 sehr ähnlich sah und man beide gleich aussprach (in China früher kog). Noch öfters wurden Radikale vereinfacht. Der Sinn ging dabei verloren, und manchmal auch der verstecke Hinweis zur Aussprachen: 突 setzt sich aus (oben) Höhle und (unten) Mensch zusammen und heisst ’stossen‘ oder ’schlagen‘. Warum sollten sich Menschen in Höhlen stossen? Das weiss ich nicht, denn das untere Radikal war früher nicht Mensch (大) sondern Hund oder wildes Tier (犬), und das Schriftzeichen schildert ein Tier, das aus seinem Bau stürmt.
Neben solchen bewussten und unbewussten Vereinfachungen gibt es auch Zeichen, die von Japanern und Chinesen anders aufgefasst wurden. Zum Beispiel besteht 錠 aus den Teilen ‚Metall‘ und ‚fixieren‘, auch im Sinne von ‚bestimmen‘ genutzt. Für Chinesen hiess das Krieger: Eisenmenschen, die über Andere bestimmen. In Japan jedoch Schloss, ein metallenes Ding, das hilft etwas zu sichern. Bei den nächsten drei Ortsnamen werden wir gleich sehen, wie vertrackt das Deuten von Zeichen sein kann.
柏崎 – Kashiwazaki
Die Zeichen unseres Ortsnamen 柏崎 kennen wir zwar noch nicht, aber beinahe alle Radikale, aus denen sie zusammengesetzt sind: Das erste Zeichen 柏 steht für Eiche, auf Japanisch kashiwa, und besteht aus den Radikalen für Baum und Weiss. Das Weiss kommt nicht von der Blütenfarbe, sondern von der Heiligkeit des Baumes, er wird nach den Riten des Shinto mit weissen Papierstreifen geschmückt. Auch das Klatschen vor einem Schinto-Schrein heiss nach dem Baum. Vielleicht war aber auch das schöne Zeichen der Auslöser für dessen Heiligkeit?
Beim zweiten Zeichen 崎 kennen wir nur eines der zwei enthaltenen Radikale: Links der Berg. Rechts davon erkennen wir wieder ein Zeichen 大, als einzelnes Zeichen steht es für gross, als Radikal fast immer für Mensch. Der steht auf dem kleinen Radikal 可, das Möglichkeit heisst. Zusammen 奇, dieses steht nun für ’seltsam‘. Also: ‚Berg‘, dazu ‚Mensch‘, evt. ‚gross‘, und ‚Möglichkeit, zusammen scheinbar ’seltsam‘. Was könnte das heissen? Seltsamer Berg? Kap!
Um das zu verstehen, muss man tief, tief in alle Zeichen eintauchen, wir wollen das für einmal machen: Das kleine Zeichen 可 heisst wohl Möglichkeit, das ist aber eine entlehnte Bedeutung, eigentlich meinte es ursprünglich ‚rufen‘: es stellt ein Mund dar und zur Verstärkung der Stimme eine Hand daran. ‚Möglichkeit‘ ist eine erweiterte Bedeutung, denn man kann das Rufen hören. Das Wort Seltsam kommt wiederum von einem Mensch, der fast unmöglich gebeugt dasteht. Und das gilt dann auch für den Berg, der ins Meer gebeugt steht, hier also den eigentlichen Sinn von 奇 aufgreift.
柿崎 – Kakizaki
Kakizaki besteht aus den Zeichen 柿 und 崎, das zweite kennen wir bereits, es ist unser Kap, das Berg-Mensch-Möglichkeit-Zeichen, saki oder rund zaki (das z wie immer weich gesprochen). Das erste Zeichen 柿 wird kaki ausgesprochen und bedeutet – Kaki, die Frucht! Das gleiche Zeichen bedeutet auch Holzschindel, dann wird es aber kokera ausgesprochen. Das Zeichen selber besteht aus den Radikalen für Baum 木 und 市, Markt oder Stadtviertel. In Japan sieht man dieses Zeichen sehr oft, in Adressen. Ob es bei unserem Kaki diese Bedeutung hat ist zweifelhaft, auch in anderen Zeichen (z. B. für ältere Schwester 姉) kommt es als Radikal vor, bedeutet aber nicht Markt, sondern ist von drei Ähren abgeleitet, und sieht nur heute und zufällig so aus wie der Markt 市. Ich denke, das gilt auch für unseren Kaki. Auf jeden Fall heisst der Ort „Kap der Kaibäume‘.
谷浜 – Tanihama
Das erste Zeichen 谷 kennen wir bereits vom Yachi-Onsen, Tal, hier japanisch tani ausgesprochen. Das zweite Zeichen 浜 haben wir bisher nicht gesehen, nur einmal gestreift, es war der zweite Teil von Yokohama und heisst Strand. Zusammen ‚Strandtal‘.
浜 hat sehr spannende Bestandteile. Einmal das altbekannte Wasser, und dann, der rechte Teil der heute superverkürzt und -vereinfacht ist, früher 賓 geschrieben wurde und Gast heisst. Das tönt schön, oder? Am Strand, beim Wasser zu Gast. Das Wort Gast ist trockener: Ganz oben Dach, darunter Schwein, ganz unten Muschel, die in China für Geld stand. Das Schwein, das unser Haus besucht und Geld einbringt? Die ‚offizielle‘ Erklärung ist ähnlich…
PS: Das Zeichen 浜 (ohne Vereinfachung etc.) gab es übrigens früher auch, hiess aber etwas anderes. Das neue, vereinfachte, also der Strand, hat dessen Platz eingenommen und das Original verdrängt.
糸魚川 – Itoigawa
In Itoigawa dreht sich alles um Steine: Es gibt hier Jade, und an den Stränden wird das von Touristen gesucht. Dazu hat es schöne Ausstellungen und Lehrpfade, zum Beispiel ein sogenannter Geopark. Und es hat viele Zementwerke. Im Namen des Ortes geht es nicht um Steine: Das erste Zeichen 糸 heisst Faden, ito. Dann kommt 魚, Fisch, in Namen manchmal i gelesen. Im Zeichen sieht man ein Feld 田. Das ist aber Zufall, das Zeichen zeigt vielmehr die Gräten eines Fisches. Und am Ende das gut bekannte 川, Fluss. Faden, Fisch, Fluss. Auf Deutsch ein Zungenbrecher, auf Japanisch habe ich keine Bedeutung gefunden, unseren Fadenfisch gibt es im Japanischen zumindest nicht.
朝日 – Asahi
Es gibt in Japan sicher 10 Städte, die Asahi heissen, und eine grosse Brauerei, eine Zeitung und noch ein halbes Duzend bekannte Firmen. Und unser kleiner Ort. Der Name gefällt mir gut, er heisst Morgensonne: Das erste Zeichen 朝, Morgen. Man könnte meinen, es besteht aus den Zeichen 車 (Fahrzeug) und 月 (Mond). Aber das stimmt so leider nicht, das Zeichen hatte früher links Pflanzen, das wurde dann (fast) zum Fahrzeug. Und rechts eine aufsteigende Sonne, daraus ist der Mond geworden. Das zweite Zeichen kennen wir bereits vom Namen für Japan 日本, es zeigt eine Sonne.
魚津 – Uozu
Ein recht unscheinbares Städtchen, aber mit einem bekanntes Sommerfeste, und auch einer bewegten Vergangenheit, es war der Ausgangspunkt der Reisunruhen 1918. Das erste Zeichen des Namens 魚 kennen wir bereits, es ist das Fisch-(Skelett). Hier wird es uo ausgesprochen; das ist schon die zweite Aussprache, das Zeichen hat insgesamt 4 davon. Das zweite Zeichen 津 hat zwei Bedeutungen: ‚Hafen‘ und ‚unerschöpflich‘. Es ist das erste Zeichen von Tsunami: Der zweite Teil ’nami‘ heisst Welle, zusammen ‚unerschöpfliche Welle‘. Zu unserem Ort könnten beide Bedeutungen passen: ‚unerschöpfliche Fischgründe‘ oder ‚Fischerhafen‘.
富山 – Toyama
Die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur. Der Name heisst ‚reicher Berg‘, allerdings liegt Toyama fast am Meer und ist flach. Es gibt mindestens 4 Theorien woher der Namen kommen könnte. Eine davon: Das erste Zeichen 富, zeigt ein Dach und darunter eine Sake-Fläschchen. Reichtum eben. Das Zeichen heisst aber auch Überfluss; im Rücken von Toyama liegen die Japanischen Alpen und gibt es hohe Berge im Überfluss. Vielleicht daher der Name?
砺波 – Tonami
Das zweite Zeichen haben wir schon angetroffen, es ist das nami von Tsunami 津波, der ‚unerschöpflichen Welle‘. Das erste Zeichen kommt in Worten nie vor, mein Lexikon kennt es zumindest nicht. Es heisst schärfen, schleifen, und wird dann und wann in Namen gebraucht. Den Ort nennen wir Scharfe Welle.
津幡 – Tsubata
Das erste Zeichen ist wieder 津, das unerschöpflich aus Tsunami (ob das Zufall ist?), das zweite Zeichen 幡 haben wir ganz am Anfang kennengelernt, bei Hachiman, den 8 Flaggen, dem Namen des Kriegsgottes. Den kleinen Ort Tsubata könnte man mit ‚Flaggenmeer‘ übersetzen; die ganze Gegend hier war im alten Japan strategisch wichtig und Schlachtfeld vieler Kriege.
金沢 – Kanazawa
Berühmt ist diese grosse Stadt für ihren Garten, er gilt als einer der drei schönsten Japans. Der Name heisst ‚Goldenes Moor‘, der Legende nach hat ein Bauer beim Arbeiten auf dem Feld Gold gefunden. Es war auch schon immer eine sehr ertragreiche, und somit reiche Provinz.
Das zweite Zeichen des Namens, 沢, haben wir schon einige Male gesehen, das Erste hier zum ersten Mal: 金, Gold. Wie fast alle Zeichen, hat es mehrere Lesungen, japanische (hier kana und kane) und chinesische (hier kin und kon). Alle Zeichen stammen aus China, manche Zeichen wurden früher, manche später ‚importiert‘ – und manche auch öfters und dann mit der Aussprache, die für das jeweilige Schriftstück gültig war: So wurden einige Aussprachen aus dem Chinesischen Königreich Wu vor rund 1700 Jahren übernommen, andere in der selben Zeit, aber aus Korea und wie sie in dessen Alltagssprache verwendet wurden. Und aus der Sui- und Tang-Dynasien, das war einige hundert Jahre später. Und später noch Aussprachen (immer des gleichen Zeichens) der Mongolen oder noch später der Manchu, die beide China besetzten. So hat z. B. das Zeichen für Aprikose 杏, neben der Japanischen Lesung (ansu) die chinesischen Lesungen kyou, gyou (evt. ein Übersetzungsfehler), kou und an. Bei seltenen Zeichen oder Worten weiss selbst der Japaner nicht sicher, wie er das Zeichen aussprechen soll, dann wird mit dem ‚einfachen‘ Alphabet Hiragana über dem Zeichen angezeigt, wie man es liest; man nennt diese Hilfe Furigana, ein Segen für Japanisch-Anfänger!
小松 – Komastu
Die Zeichen kennen wir alle schon: Das Erste heisst ‚klein‘, das Zweite ‚Kiefer‘, ko-matsu. Ein bekannter Namen, so heisst auch der zweitgrößte Baumaschinenhersteller der Welt. Und der kommt eben aus diesem Ort, wurde hier 1917 gegründet.
加賀 – Kaga
Endlich wieder neue Zeichen! Das Erste 加 heisst ‚hinzufügen‘ und wird ka gesprochen, so heisst etwa das Pluszeichen kagō. Das zweite Zeichen 賀, ga, bedeutet Glückwunsch, Gratulation. Lustig dabei: der obere Teil des zweiten Zeichens entspricht exakt dem ersten Zeichen, hinzufügen. Der untere Teil ist die Geld-Muschel, die wir oft gesehen haben. Geld hinzufügen, schenken = Beglückwünschen. Den ganzen Ort wollen wir mit ‚Viele Glückwünsche!‘ übersetzen.
福井 – Fukui
Eine grosse Stadt, über 1000 Jahre alt. Und doch neu, weil 1945 durch Bomben vollständig zerstört, und 1948 durch ein Erdbeben gleich nochmals. Am Namen kann es nicht liegen, der lautet Glücksbrunnen. Das zweite Zeichen, den Brunnen, kennen wir ja bereits: es zeigt eben diesen von oben. Das erste Zeichen wollen wir uns etwas näher ansehen: Rechts steht 畐, das haben wir beim Zeichen für Reichtum 富 schon einmal gesehen, es war der untere Teil, das Sake-Fläschchen. Das Zeichen hat auch die übertragene Bedeutung ‚reichlich‘. Der linke Teil des Zeichen findet sich in vielen anderen Zeichen auch; es ist die ‚radikale‘ Form von 示, und steht für Altar. Es wird oft in übernatürlichen Zeichen verwendet. Zusammengesetzt könnte man das Zeichen mit ‚reichlicher Segen‘ oder eben ‚Glück‘ übersetzen.
鯖江 – Sabae
Das erste Zeichen 鯖 heisst Makrele, wir erkennen links gut die Fisch-Gräten, es wird hier japanisch ausgesprochen, saba. Der rechte Teil des Zeichens wurde vereinfacht, ursprünglich war es 青, das heisst blau. Wobei: In Japan ist blau grüner als bei uns. Die Verkehrsampeln z. B. sind japanisch-blau. Ich glaube auch die Makrele hat einen blau-grün schimmernden Rücken?
Wenn wir das Zeichen blau, 青 weiter auseinandernehmen, erkennen wir oben Leben 生, das wiederum von (grünen) Pflanzen & Erde kommt. Und unten Mond 月, aber das ist kein Mond, das war mal 丼, (blaues) Wasser in einem Brunnen. Aus dem ist dann der Mond geworden. Und in der Makrele dann 円 – das heisst eigentlich Kreis, und weil in Japan Münzen rund sind, ist es auch das Zeichen der japanischen Währung, Yen. Aber eben, weder die Makrele, noch blau, haben etwas mit rund zu tun, das ist nur das Ergebnis von zwei Vereinfachungen, von 丼 nach 月 nach 円.
Exkurs für Fortgeschrittene: Im Zeichen Blau hat sich das Radikal von 丼 über 円 nach 月 entwickelt, in der Makrele am Ende aber wieder zu 円 zurück.
Und es geht noch weiter: 丼 hiess in China ‚Wasser im Brunnen‘, und auch der Ton eines Steinchens, das in den Brunnen fällt. Aber, 丼 ist auch eines der ganz wenigen in Japan selber erfundenen Schriftzeichen, die nichts mit China zu tun haben. Japaner bezeichnen so eine Schüssel mit Reis drin, und etwas obendrauf!
Das zweite Zeichen 江 besteht aus den Teilen, Radikalen für Wasser 氵 und 工, das eine Röhre darstellt. Heute kommt 工 in vielen Worten und Zeichen vor, bei denen es ums Bauen und Handwerk geht. Das Zeichen 江 heisst Bucht, und auch Fluss(-mündung). Der Ort heisst somit Makrelenbucht, obwohl die Stadt doch mitten im Land liegt und durch einen Berg vom Meer getrennt ist.
敦賀 – Tsuruga
Das zweite Zeichen kennen wir von eben: Geld-hinzufügen, also Gratulation. Das erste heisst ‚innig‘. Es ist wieder eines der Zeichen, die man fast nur in Namen braucht, in normalen Worten selten antrifft. Den Ort nennen wir ‚Herzliche Glückwünsche!‘.
マキノ – Makino, am Biwako See 琵琶湖
Der Ort hier ist recht frisch, wird mit dem neuen Alphabet geschrieben, hat keine Bedeutung, nur einen schönen Klang: Es war der erste Ort in Japan, der so geschrieben wurde. Man hat beim Zusammenschluss von 4 Dörfern die Bevölkerung gefragt, wie denn der neue, grosse Ot heissen soll, und da wurde Makino gewählt. Vor 7 Jahren wurde wieder 5 Dörfer vereinigt, da hat dann Takashima das Rennen gemacht, so heisst der Ort heute amtlich.
Er liegt am Biwako-See, wobei das 湖 – ko – am Ende des Namens heisst eigentlich schon See. Trotzdem wird bei der Übersetzung von Brücken oder Seen, immer noch Brücke oder See hinten angehängt: So steht auf den Strassenschildern etwa ‚Nihonbashi Bridge‘, obwohl das eigentlich Japan-Brücke-Brücke heisst, aber so hat es sich eingebürgert. Übrigens sind fast alle grossen Strassenschilder zweisprachig, die Amerikaner haben es sich nach dem Krieg so gewünscht.
Zurück zu unserem See, Biwako. Die ersten zwei Zeichen, 琵琶, bedeuten Laute. Beide Zeichen kommen nur genau in dieser Kombination, nur in diesem Wort vor. Das Instrument kommt aus China und wird dort pipá genannt, und mit den gleichen beiden Zeichen geschrieben.
近江舞子 – Ōmi Maiko
Ein kleiner Ort am Biwako-See (jetzt fang ich auch schon damit an…). Ōmi hiess früher die Provinz, noch heute ist der Name bekannt, weil von hier das beste japanische Rindfleisch kommt. Die Zeichen des Ortes Ōmi würde man heute übersetzen mit ’nahe Bucht‘. Das Wort Ōmi jedoch hat damit nichts zu tun, es bedeutet Süsswassersee. Der Ort wurde früher 近淡海 geschrieben, ’nahe am Süsswassersee‘. Ab dem 8. Jahrhundert durften Provinznamen aber nur aus zwei Zeichen bestehen, so wurde 近淡海 zu 近江. Der alte Name 近淡海 wurde ‚chikatsu ahaumi‘ und später ‚chikatsu afumi‘ ausgesprochen. Im Alltag hat man aber immer kurz afumi (eben Süsswassersee) gesagt und das chikatetsu, also das ’nahe‘, weggelassen. Dies wurde auch auf das gekürzte 近江 angewandt, auch das wurde afumi ausgesprochen. Und bis heute ist aus afumi das heutige Ōmi geworden. So wurde einerseits 近淡海 zu 近江, und die Aussprache chikatsu afumi zu ōmi.
Ebenso spannend ist der zweite Teil des Namens, Maiko, 舞子. Das heisst wörtlich übersetzt: Tanz-Kind. So heissen eine junge Geisha. Sie ist noch Teenager und in Ausbildung, wird mit vielleicht 20 richtige Geisha – das wiederum heisst Kunst-Person, Künstlerin – und ist es (heute) auch.
おごと温泉 – Ogotoonsen
おごと heisst ein kleines Koto, eine kleine japanische Harfe. Schöner Name für einen Ort direkt neben dem Biwako: die kleine Zitter neben der grossen Laute.
宇治 – Uji
Hier steht einer der schönsten Tempel Japans: Byōdō-in, 1000 Jahre alt, findet sich nicht umsonst auf einer japanischen Münze und einem Geldschein wieder. Leider wurde hier zum ersten Mal offiziell Seppuku, Harakiri, gemacht.
Das erste Zeichen des Ortes 宇, heisst Weltall, Kosmos. Das zweite Zeichen 治: Friede, auch heilen und herrschen. Alles geht auf den gleichen Sinn zurück: beruhigen, befrieden. Und wirklich, wenn man vor diesem Tempel steht (der allerdings jünger ist als der Name) merkt man gut, was damit gemeint ist: reiner Frieden.
奈良 – Nara
Nara, die Heimatstadt von Junko – meiner geliebten Frau. Es gibt nur wenige Städte in Japan mit einer so reichen Geschichte: Nara war Hauptstadt von Japan, vor 1300 Jahren, hatte damals 200’000 Einwohner. Und beherbergt heute 8 Weltkulturerbe der UNESCO, z. B. eine 450 Tonnen schwere, 15 Meter hohe Buddhastatue aus Kupfer, herrliche Tempel und Schreine, den alte Kaiserpalast, ein grosser Park mit vielen, zahmen Rehe, die dort frei leben. Und uralte Grabhügel. Im Alten Nara wurde der Buddhismus, der schon 200 Jahre früher bekannt war, auch akzeptiert, vom damaligen Kaiser begeistert angenommen. Später waren die Kaiser, als oberstes shintoistische Instanz, den mächtigen (und kriegerischen) buddhistischen Klöstern gegenüber zurückhaltender.
Man darf sagen, dass in allen Bereichen der Kultur, Schrift, Religion, Verwaltung Nara die alte Zeit vollendet und abschliesst, und damit die raffinierte, japanischen Kultur beginnt: Fast alles wurde bereits im 7. Jahrhundert begonnen, südlich von Nara in Yamato, dem Kernland von Japan, und eben im 8. Jahrhundert von Nara perfektioniert & normiert. Die nachfolgende Hauptstadt war Kyoto, dorthin liess der Kaiser seinen Palast verlegen, um die mächtigen Klöster von Nara zu schwächen. Kyoto wird die Nara-Kultur noch weiter verfeinern, in der Heian-Zeit auf die Spitze treiben. Diese teilweise grotesk komplexe, höfische Gesellschaft wurde im Roman Genji Monogatari sehr gut beschrieben. Die Kulissen dieses Romanes kann man noch heute besuchen, das letzten Kapitel spielt etwa im oben erwähnten Uji.
Heute ist Nara eine mittelgrosse Stadt, in der man keinen Stein heben kann, ohne Geschichte zur berühren. Das erste Zeichen des Namens 奈 hat keine verbriefte Bedeutung, bzw. heisst einfach na(ra), wird selten an anderer Stelle verwendet, aber wenn dann des Klanges wegen, zum Beispiel im etwas verstaubten japanischen Wort für Kanada. Die Radikale von Nara sind 大 (Mensch oder gross) und 示 (zeigen, oder früher Altar). Das zweite Zeichen 良 heisst gut, es wird heute aber nicht mehr ra gelesen, wie in Nara. Man erkennt es fast nicht mehr, aber das Zeichen zeigt einen Kieselstein im Fluss, und steht so für glatt, rein, gut eben. Ich denke die Gründer von Nara haben dieses Zeichen ausgesucht, um auszudrücken, dass es ein wichtiger, heiliger Ort ist. Es gab früher noch drei andere Schreibweisen für Nara, das schöne 奈良 hat sich durchgesetzt.
Der Name ‚Nara‘ ist gemäss den ersten schriftlichen Aufzeichnungen vom Wort ‚flach‘ abgeleitet. Wenn man heute Nara und das südliche Gebiet Yamato betrachtet, versteht man das gut: Es liegt beschützt zwischen (fast) umbewohnten Hügeln und Bergen, ein grosses, flaches & fruchtbares Land – die Wiege von Japan.
So viele Zeichen!
Im Chinesischen sind heute etwa 100’000 verschiedene Schriftzeichen bekannt. Viele bedeuten das gleiche, sind manchmal auch regionale Abwandlungen, so gibt es sicher 20 Zeichen für die gemeine Schildkröte. Und es kommen immer neue Zeichen hinzu: wird etwa Plutonium entdeckt, entsteht auch gleich ein neues Zeichen, das besteht dann aus 金 Gold, Metall und einem weiteren Radikal, das der Aussprache des entdeckten Elementes entspricht: 不 bù, sonst aber wenig Sinn stiftet. Das gilt nur im Chinesischen – Japaner schreibend das neue Wort mit ihrer einfachen Silbenschrift, Plutonium etwa プルトニウム.
In Japan es rund 50’000 Zeichen, das komplizierteste hat wohl 64 Striche, 4 mal ein Drachen. Es gibt auch eines mit 2 Wolken und drei Drachen, das hat dann 84 Striche. Aber das sind Spielereien; das komplexeste Zeichen, das man wirklich braucht, hat 29 Stiche. Es ist 鬱, Melancholie.
葛城山 – Katsuragisan
Ein Berg, man sieht es am letzten Zeichen 山, san. Nur 1000 Meter hoch, aber er beginnt schon bei 200 Höhenmeter und ist sehr steil, mit schönen Wanderwegen. Auch eine Seilbahn führt hinauf, ein beliebtes Ausflugsziel der nahen Grossstädter.
Der Name setzt sich zusammen aus den Zeichen 葛, das steht für Pfeilwurz aber auch Ranke. Und 城 gleich Schloss, das hier sehr ungewöhnlich gi ausgesprochen wird. Der Name geht auf eine Familie zurück, die vor Urzeiten hier geherrscht hat und so hiess. Deren Familienamen hat sie vielleicht wiederum von ihrem Anwesen übernommen, dem Rankenschloss.
金剛山 – Kongōsan
Gleich neben Katsuragisan steht dieser Berg; beide sind – wie die ganze Bergkette hier – durch einen sehr schönen Weg miteinander verbunden. Auch dieser Berg ist bewaldet, man läuft also im kühlen Wald. Und steil, so heisst Wandern oft Treppensteigen.
Das erste Zeichen des Namens 金 kennen wir bereits, es ist Gold, Metall. Das zweite Zeichen 剛 steht für hart. Beide Zeichen zusammen bedeuten unzerstörbar. Das Wort steht für Diamant, kommt in vielen buddhistischen Begriffen vor, z. B. im Wort für Pilgerstab oder Weihwasser. Und so wird die berühmte Diamant-Sutra mit diesen Zeichen geschrieben. Der Berg heisst Diamantenberg oder poetischer: Ewiger Berg.
橋本 – Hashimoto
Ein Allerweltsname, die Zeichen stehen für Brücke und Ursprung: zusammen also der Zugang zu einer Brücke. Das zweite Zeichen 本 haben wir bereits früher recht genau analysiert, es sybolisiert einen Baumstamm. Das erste Zeichen 橋 besteht links aus dem Teilchen für Baum 木, rechts bleibt 喬, das setzt sich zusammen aus schlank & hoch. Wohl wurden Brücken früher bevorzugt aus langen Baumstämmen von hohen Bäumen gebaut. Wir übersetzen den Ort ungewöhnlich (und falsch): Lange Brücke.
岩出 – Iwade
Das erste Zeichen 岩 steht für Fels, wir kennen es bereits: oben Berg, unten Stein. Das zweite Zeichen 出 sieht man in Japan sehr oft, im Wort ‚Ausgang‘. Ausgesprochen wird es da und hier ‚de‘. Es hat noch viele, viele andere Bedeutungen: auftauchen, verlassen, zeigen. Alles geht auf die gleiche Idee zurück: ein Grashalm der aus der Erde spriesst. Das Zeichen war ursprünglich auch so aufgebaut: oben Gras, unten Erde. In diesem Sinne übersetzen wir den Ort mit ‚Findling‘.
徳島 – Tokushima
Insel der Tugend, können man diese grosse Stadt nennen, sie liegt auf Shikoku einer der Hauptinseln Japans, der Name bedeutet wörtlich übersetzt ‚Viertes Land‘. Bekannt ist die Insel auch für den Pilgerweg, der 88 heilige Orte miteinander verbindet.
脇町 – Wakimachi
Dieser Ort hat einen etwas undankbaren Namen: Nebenstadt. Das zweite Zeichen 町 zeigt einen (geraden) Weg zwischen Feldern und heisst ‚Stadt‘. Es verdeutlicht sehr schön, was Städte in Japan noch heute sind: Häuser, die den Wegen am Talboden entlang gebaut sind. Viele japanische Dörfer sind so, weniger auf einen Punkt fixiert, sondern auf eine Linie ausgerichtet. Natürlich gibt es auch befestigte und daher konzentrierte Städte, aber auf dem Land und im modernen Japan sind die Städte oft den Strassen und Bahnlinien entlang gebaut. Betrachtet man Tokio von oben, sieht man linienförmige Häufungen von hohen Häuser, ohne erkennbaren Grund. Dann merkt man, dass diese Verdichtungen über den U-Bahn-Linien und deren Haltestellen liegen.
三好 – Miyoshi
Auch das ist ein Clan-Name, in diesem Fall hat aber die Familie, die sich hier im 14. Jahrhundert niedergelassen hat, den Namen des Ortes übernommen. Kein Wunder, bei dem schönen Namen: Das erste Zeichen 三 heisst Drei, klar, mi ausgesprochen. Dann 好, gut, gerne haben, lieben, platonisch gemeint, wie in ‚ich mag Curry!‘. Welche drei Dinge die einstigen Stadtväter gemocht haben, kann ich nicht sagen. Das Zeichen 好 besteht jedoch aus den Partikeln für Frau, hier Mutter, und ihrem Kind. So passt der Name ‚Familienglück‘ gut.
四国中央 – Shikokuchūō
Dieser Ort heisst ‚Mitte von Shikoku‘, Shikoku (四国) ist der Name der grossen Insel hier. Er wurde vor 8 Jahren gewählt, beim Zusammenschluss von 4 Gemeinden zu einer neuen, grossen. Mit einem Hintergedanken: früher oder später Hauptstadt der Insel werden, etwa wenn die vier Provinzen der Insel sich zu einer einzigen vereinigen würden. Das ist noch nicht geschehen, der Spott über den seichten Namen ist aber in ganz Japan da.
Zusammenschlüsse von Gemeinden sind in Japan sehr üblich, die meisten der hier vorgestellten Orte haben in den letzen Jahrzehnten einen solchen Prozess hinter sich. Sinn macht es, Kosten müssen gespart, der veränderten Altersstruktur, z. B. durch weniger & gemeinsame Schulen, Rechnung getragen werden. Aber wie überall sind Zusammenschlüsse kräftezehrend: Welcher Name hat die neue Gemeinde? wo liegt das Gemeindezentrum? welche Schulen bleiben erhalten, welche werden geschlossen? Wie sind neu die Schulwege organisiert? und die Feuerwehr? und Polizei? Kommissionen tagen, wälzen Geschichtsbücher, streiten, suchen Lösungen: Bei manchen Orten (zum Beispiel dem vorher erwähnten Miyoshi) ist der Prozess auch nach Jahrzehnten nicht abgeschlossen: gewisse Gemeinden, entfernte, haben der Vereinigung zugestimmt, aber andere nicht, so entstehen gar Enklaven.
西条 – Saijō
Und noch eine Stadt, die aus einem Zusammenschluss erstanden ist. Sie ist berühmt für ihre Quellen, und so wird Coca Cola und Bier hier produziert, in gewaltigen Fabriken. Wie an der ganze Nordküste der Insel Shikoku ein beeindruckender Industriepark dem anderen folgt.
Das erste Zeichen des Namens 西, bedeutet Westen, sai ausgesprochen. Das Zeichen stellt ein Vogelnest mit Kücken drin dar, der Zusammenhang zum Westen ist umstritten, evt. meint das Zeichen, die Sonne die (im Westen) in den Schoss der Erde zurückkehrt. Das zweite Zeichen 条 heisst Klausel, Verordnung. Zusammen also: Das Gesetz des Westens. Das Gebiet wurde früh besiedelt, so kann der Namen gut vom Erlass der im Osten liegend Zentralregierung handelt, ‚Lehen im Westen‘ bedeuten.
東温 – Tōon
Im Englischen tönt der Name lustig: Toon, Comicfigur. Ich habe hier ein offizielles Strassenschild ‚Toon Hospital‘ gesehen… Der Ort ist wieder ein Zusammenschluss aus hier 2 Gemeinden, der Name war aber schon seit langem geläufig, immerhin um den wurde nicht mehr (viel) gestritten. Da der Zusammenschluss erst letztes Jahr stattfand, ist der Prozess der Umbenennungen von Clubs und Schulen und Strassen noch nicht abgeschlossen.
Das erste Zeichen 東 heisst Osten. Es kommt z. B. in Tōkyō vor, der ‚Hauptstadt im Osten‘, und zeigte ursprünglich einen zugeschnürten Sack. Später wurde es für ‚Osten‘ wiederverwendet, weil es eben auch wie eine strahlende Morgensonne aussah – und im Chinesischen gleich ausgesprochen wurde. Den zweiten Teil des Namens 温 kennen wir bereits, haben ihn schon sehr oft im Wort Onsen (heisse Quellen) gesehen. Auch hier sind die gemeint, obwohl nur der erste Teil, warm, steht. Zusammen heisst der Ort ‚Onsen im Osten‘ von der Provinzhauptstadt Matsuyama aus gesehen.
PS: Es immer wieder schön zu sehen, wie Nachbarorte Bezug zueinander nehmen: Der letzte Ort hatte ‚Westen‘ im Namen, dieser ‚Osten‘ (obwohl sie genau andersrum liegen), alleine bei den hier beschrieben Orten ist das schon 3, 4 Mal vorgekommen.
柳井 – Yanai
Eine typische Stadt im Süden Japans. Schaut man sich die Altersverteilung (links: grün ist ganz Japan, violett diese Stadt, rechts: die Verteilung der Geschlechter) an, sieht man alle auffälligen Merkmale dieser kleinen Städte: doppelt so viele 60- wie 10-jährige Einwohner, etwa gleich viele Neugeborene wie 85-jährige und kaum 20-jährige; die schon sehr wenigen, die in der Japanischen Rezession geboren wurden, sind in grossen Städten am Studieren und Arbeiten. Japan unternimmt wenig, diese Entwicklung zu stoppen, etwa wird Einwanderung nur bei hochqualifizierten Fachkräften akzeptiert. Und so wird dieses schöne Land schrumpfen. Wenn alle Faktoren so bleiben würden, hätte Japan – das heute 130 Mio. Einwohner zählt – in 90 Jahren wieder so viele Einwohner wie vor 90 Jahren, etwa 50 Mio.
Der Name Yanai heisst übrigens Weidebrunnen. Das Zeichen für Weide 柳 stellt einen Baum dar, der sich im Sturm beugt, den Brunnen 井 kennen wir ja schon ganz gut.
周南 – Shūnan
Das erste Zeichen heisst Umgebung, zeigt ein umzäuntes Feld. Das zweite Zeichen 南 ist interessant: Es heisst Süden und stellt ein Haus mit Pflanzen drin dar, also ein Gewächshaus. Süden heisst das Zeichen nicht etwa weil es auch im Süden heiss wäre, sondern weil diese speziellen Häuser nach Süden ausgerichtet waren. Das Zeichen stammt aus der Bronzezeit, es ist über 2500 Jahre alt!
Der Ort einstand wieder aus einem Zusammenschluss, von 4 kleinen Gemeinden, vor 9 Jahren. Der Name ist ein Konstrukt, besteht aus einem Zeichen des alten Provinznamens und der Lage (im Süden Japans). Naja, das wäre auch besser gegangen, wir halten dagegen und nennen den Ort ‚Irgendwo im Süden‘.
Jetzt haben wir fast alle Himmelsrichtungen beisammen: das Vogelnest im Westen, der zugeschnürte Sack im Osten, im Süden das Gewächshaus. Obwohl ich keinen Ort mit ‚Norden‘ im Namen besucht habe, will ich das Quartett komplettieren. Norden, 北, zeigt zwei Menschen, die Rücken an Rücken stehen. Es gibt zwei Erklärungen für dieses Zeichen, man ist sich nicht sicher: Manche sagen, es stellt zwei Menschen dar, die sich so gegen die Kälte schützten, Rücken an Rücken. Andere meinen es bedeutet fliehen, jemandem den Rücken zuwenden und in den unbewohnten Norden weiterziehen. Für die zweite Erklärung spricht, dass sich das Zeichen auch im Zusammenhang mit dem Wort Flucht findet.
防府 – Hōfu
Eine sehr alte, geschichtsträchtige Stadt im Süden Japans. Der Name deutet das schon etwas an: Festungsstadt. Das erste Zeichen 防, heisst schützen, verteidigen. Es kommt im Wort Festung, aber auch in Feuerwehr oder Damm vor. Im Zeichen sehen wir ein häufiges Radikal: 阝. Dieses Radikal gibt es sogar zweimal: steht es links, ist es von Hügel oder Erdwall abgeleitet. Steht es rechts, sieht es zwar genau gleich aus, hat da seinen Ursprung aber im Zeichen für Dorf. Bei uns steht es links, macht aus dem Zeichen einen Festungshügel. Das zweite Zeichen bedeutet Amt, im Sinne von Stadtpräfektur, einer (lokalen) Regierung.
宇部 – Ube
Und tatsächlich, Nachbarorte und ihre Namen beziehen sich aufeinander: Hatten wir eben noch vom Radikal 阝 gesprochen und es links als Hügel gefunden, steht es hier nun im Sinne von Stadt rechts. Das kann doch unmöglich Zufall sein!
Das erste Zeichen 宇 kennen wir schon aus dem Ort Uji, der mit dem schönen Tempel. Es heisst Kosmos und wird auch hier u ausgesprochen. Das zweite Zeichen heisst Teil. Es ist sehr häufig, so schreibt man Zimmer 部屋, Teil eines Hauses. Wie gesehen enthält es rechts das Radikal 阝, zudem ein Teilchen das ‚verstreut‘ meint – eigentlich ’spucken‘ darstellt. Das ganze Zeichen hiess anfänglich: Verteilt über eine Siedlung.
Zusammen können wir den Ort ‚Teil des Kosmos‘ nennen. Auch weil der Ort früher nicht Ube sondern Ujibe hiess, also ein Lehen des oben erwähnten Schönen-Tempel-Ortes Uji war. Ube ist eine Kurzform, die sich bald eingebürgert hatte.
下関 – Shimonoseki
Der letzte Ort, mein Ziel, es ist die südlichste Stadt der Hauptinsel Japans. Der Name zeigt das auch: Das erste Zeichen 下 heisst unten, hier shimo(no) gelesen, das zweite Zeichen 関 wird seki ausgesprochen und heisst Barriere, Schranke, stellt ein verschlossenes Tor dar. ‚Untere Grenze‘, könnte man den Ort übersetzen. Sehr passend auch für meine Reise.
Liebe Leserin, lieber Leser, danke für die Aufmerksamkeit. Ich hoffe es hat etwas Spass gemacht.