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Ein aussergewöhnliches Proms-Debüt
Das Chineke! Orchestra, das fast ausschliesslich aus schwarzen Musikern oder Angehörigen ethnischer Minderheiten besteht, gab im August 2017 in der Londoner Royal Albert Hall ein vielbeachtetes und umjubeltes Konzert.
Daniel Lienhard — Man kann nicht über das Chineke! Orchestra schreiben, ohne Chi-Chi Nwanoku zu erwähnen. Die Britin, Tochter nigerianischer und irischer Eltern, mochte schon als Kind Musik. Aber es war zuerst die Leichtathletik, in der sie brillierte. Eine Verletzung beendete ihre Karriere abrupt, und so wurde der Kontrabass ihre grosse Leidenschaft. Als Spezialistin für den historischen Kontrabass gehörte sie zu den Gründerinnen und Gründern des Orchestra of the Age of the Enlightenment und ist nun Professorin an der Royal Academy of Music. 2015 gründete sie das Chineke! Orchestra (Chineke heisst in der nigerianischen Igbo-Sprache «Gott, der Schöpfer der Welt und des Guten»). Diese gemeinnützige Organisation soll vor allem jungen schwarzen Musikerinnen, Musikern und Angehörigen ethnischer Minderheiten aus Grossbritannien und ganz Europa Auftrittsmöglichkeiten geben und, in einem zweiten Schritt, die Diversität im Musikleben fördern. Sollte der Erfolg des Orchesters anhalten, sind auch eine volle Konzertsaison und Tourneen nicht ausgeschlossen. Sympathisch berührt, dass die Orchestermusikerinnen und -musiker im Zentrum stehen sollen und nicht Dirigentinnen oder Solisten. Auch ein Orchester für Jugendliche im Alter von 11 – 18 Jahren gehört zur Chineke! Foundation.
Bisher hat das Chineke! Orchestra noch kein unverwechselbares künstlerisches Profil. Es werden sowohl Werke des klassischen Mainstream-Repertoires gespielt als auch gelegentlich historische oder zeitgenössische Werke schwarzer Komponisten und Komponistinnen. Das Programm des Nachtkonzerts an den letztjährigen Proms verrät, wo die Schwerpunkte liegen könnten: Es erklang das von der BBC in Auftrag gegebene Werk The Spark Catchers der 1984 geborenen Hannah Kendall, deren Eltern aus Guyana stammen, eine Komposition des 95-jährigen Afroamerikaners George Walker, dem ersten schwarzen Pulitzer-Preisträger, sowie eine Arie des «schwarzen Mozart» Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges (1745-1799), ausserdem Werke von Dvořák, Popper, Händel und Rimski-Korsakow. Solisten waren die Sopranistin Jeanine De Bique und der Cellist Sheku Kanneh-Mason. Dem jungen Cellisten, BBC Young Musician 2016 und bisher selber ein Mitglied des Chineke! Orchestra, wird eine grosse Zukunft vorausgesagt. Seine erste Solo-CD Inspiration, unter anderem mit Schostakowitschs erstem Cellokonzert, begleitet vom City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Gražinytė-Tyla, erschien vor einigen Wochen bei Decca.
«Eines der wichtigsten Konzerte, das je im Rahmen der Proms stattgefunden hat» schrieb Martin Kettle im Guardian über das Debüt des Chineke! Orchestra. Dirigiert wurde das Konzert von Kevin John Edusei, dem Chefdirigenten der Berner Oper und der Münchner Symphoniker. Als Sohn eines Vaters aus Ghana und einer deutschen Mutter ist er in Bielefeld aufgewachsen. Obwohl ihm die Idee eines «schwarzen» Orchesters zuerst durchaus suspekt war, sagt er, dass es auch für ihn, der immer irgendwie «anders» war, ein berührender emotionaler Moment gewesen sei, vor dem Chineke! Orchestra zu stehen. Unter Eduseis Leitung wurde 2017 bereits eine CD mit gepflegten Interpretationen von Dvořáks Symphonie Aus der neuen Welt und Sibelius’ Finlandia aufgenommen (Signum Classics SIGCD 515).
Sir Simon Rattle verbirgt seine Begeisterung über das Orchester nicht: «Chineke! ist nicht nur eine spannende Idee, sondern eine absolut notwendige. Es ist eine Idee, die so naheliegend ist, dass man sich nur wundern kann, warum sie bis- her noch nicht umgesetzt wurde. Eine Idee, die die klassische Musik in Grossbritannien für Generatio- nen vertiefen und bereichern kann. Was für eine begeisternde Zukunftsperspektive!»