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Dies ist keine Biografie im klassischen Sinn, die ein Leben von A bis Z erzählt. Wäre dies der Fall, würde jetzt bestimmt ein dickeres Buch hier liegen, denn Aharon Appelfeld hatte kein Leben, das x andere ebenfalls erzählen könnten. Allein seine Kindheit liefert Stoff für einige Bücher: Kaum begann der Zweite Weltkrieg, verlor er seine Mutter, musste dann im Ghetto leben und mit seinem Vater einen Todesmarsch überleben. Schliesslich kam er in ein Lager, wurde vom Vater getrennt und schlug sich nach einer geglückten Flucht alleine mehrere Jahre in den Wäldern durch. Appelfeld war dreizehn Jahre alt als der Krieg endete.
Seine Erinnerungen an den Krieg spielen in seinen knapp zwei Dutzend Büchern zwar eine wichtige Rolle, doch die Tatsache, dass er den Krieg als Kind erlebte, führte dazu, dass er nicht Erinnerungsliteratur schrieb, sondern fiktive Erzählungen, in die seine Erinnerungen vor allem auf der Gefühlsebene fragmentarisch eingeflossen sind. Immer wieder musste er sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, es gehöre sich nicht, über den Zweiten Weltkrieg fiktive Prosa zu schreiben. Ein Vorwurf, der ihn noch heute ärgert.
Seine Biografie, die auf hebräisch bereits 1999 erschienen ist, stellt eine Sammlung von Erzählungen und Anekdoten dar - eben Fragmente seines Lebens. Sie beginnt mit einer Szene in seinem Zuhause als kleiner Bub, in der die Familie frische Erdbeeren mit Puderzucker und Sahne geniesst und endet mit seinen Empfindungen, die er gehabt hat, als der Club "Das Neue Leben" in Israel geschlossen wurde, ein Club, mit dem er eng verbunden gewesen war. Die jüngere Generation mass dem Club nicht mehr die gleiche Bedeutung - die im Namen des Clubs eigentlich bereits enthalten ist - zu wie die Gründergeneration. Eigentlich ein trauriges abschliessendes Kapitel. Kapitel 17, etwa in der Mitte des Buches, erscheint als besonders zentral. Hier schreibt Appelfeld über sein Misstrauen gegenüber dem Leben oder besser gesagt gegenüber den Menschen, das er schon als kleines Kind hatte, das in der Schule wuchs, wo er als schmächtiges und ausserdem jüdisches Kind keinen einfachen Stand hatte, und das er während des Krieges zu "einer regelrechten Kunst" entwickelte: "Etwa zwei Jahre lebte ich auf den Feldern, umgeben von Wald. Manches prägte sich mir fest ein, anderes habe ich vergessen, doch das Misstrauen ist meinem Körper tief eingepflanzt, und auch heute bleibe ich alle paar Schritte stehen und lausche. Das Reden fällt mir schwer, kein Wunder: Während des Krieges wurde nicht geredet. Es war als raune jedes Unglück: Was gibt es da noch zu sagen? Nichts. Wer im Ghetto, im Lager und in den Wäldern war, kennt das Schweigen von seinem Körper." (S. 108)
Appelfelds Erzählungen lassen einen erschüttern und erstaunen, stimmen nachdenklich und mitunter traurig. Sie enthalten aber auch heiteres und groteskes. Auf jeden Fall kann man Appelfeld bewundern, dass er angesichts dieser Kindheit weder zynisch, fatalistisch noch hart geworden ist, sondern ein durch und durch sympathischer Mensch.