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Unter dem Begriff Hofstatt wird in der Regel ein abgegrenztes, in eine Herrschaft eingebundenes Grundstück auf dem Land oder in der Stadt verstanden, das mit einem Haus oder dem Bau eines Hauses verbunden ist. Auf dem Land war die Hofstatt im Rahmen der Grundherrschaft ein Teil der Hube. Sie wies zuweilen einen beträchtl. Umfang auf, da sie nicht nur das Familienhaus, sondern auch die landwirtschaftl. Nebengebäude und manchmal auch mindestens einen Teil des von den Hausbewohnern bewirtschafteten Kulturlandes (namentlich den Garten) umfasste. Vom lat. Wort casale leiten sich der für Hofstatt in der Westschweiz gebräuchl. Ausdruck chesal sowie das in der italienischsprachigen Schweiz bekannte casale ab. In der Westschweiz wird der Begriff chesal vorwiegend für das städt. Grundbuch verwendet. Oft braucht man hier auch den lat. Ausdruck area.
In den im HochMA in der Westschweiz gegr. Städten (z.B. Villeneuve oder Rolle, Städtegründung) oder in den neuen Quartieren oder Vorstädten, die bereits bestehenden Siedlungen angegliedert wurden (Bourg in Lausanne oder Grande Rue bzw. rectus vicus in Saint-Maurice), weist der chesal die charakterist. Form eines schmalen, langgezogenen Rechtecks auf, dessen Achse rechtwinklig zur Strasse verläuft. Die Grundstücke sind dicht aneinandergefügt, was dem Stadtgrundriss sein vielerorts noch heute erkennbares Gepräge verleiht. Da in diesen Städten oder Strassen die schmale Bodenfläche der H. vollständig überbaut ist, berühren sich die Häuser und präsentieren sich dem Betrachter als geschlossener Baublock. Die deutschschweiz. Städte und insbesondere die zähring. Städtegründungen (z.B. Bern) unterschieden zwischen area (Hofstatt) und casale (Hausplatz): Die fest bemessenen H. dienten der Erhebung des Grundzinses und konnten flexibel in Hausplätze (casalia) unterteilt werden.
Auf dem chesal beruhte in savoy. Gebiet ein als droit de toise oder toisé (Klafterzins) bezeichnetes Steuersystem, das in Ansätzen erforscht ist. Die Steuerabgabe wurde im Verhältnis zu der in Klaftern gemessenen Länge der kürzeren Rechteckseite, d.h. zu der an die Strasse grenzenden Stirnseite der Hofstätte, bemessen. Die in registres de reconnaissances (Erkanntnisbücher, Urbare) oft für jedes Gebäude angegebene Klafterzahl hilft Historikern bei der Rekonstruktion ma. Stadtgrundrisse.
H. oder areae erfüllten eine wichtige Rechtsfunktion. Haus und Parzelle bildeten einen eigenen, streng gewahrten Friedensbezirk. Alle Rechte und Pflichten des Bürgers (Steuern, Wehrdienst, Zugang zu Gerichten, Wahl in den Rat) beruhten ursprünglich auf dem Besitz eines Grundstücks innerhalb der Stadtmauern. Im Fall von Gründungsstädten oder planmässigen Stadterweiterungen wurden die neu zu bebauenden H. jeweils vom Stadtherrn als Erblehen zu gleicher Grösse an einzelne Stadtbewohner verliehen. Diese hatten dafür einen festen Grund- oder Hofstättenzins zu entrichten. Die H. der Gründungsstädte dienten v.a. als Rechnungs- und Verwaltungseinheiten. Der Stadtherr beanspruchte das Obereigentum an den Grundstücken, die er den Nutzern zur Verfügung stellte. Mit schwindendem Einfluss der Stadtherren gingen die meisten H. in den Besitz der Bürger über, die damit auch von den entsprechenden Abgaben befreit waren.
Literatur
– H. Strahm, «Die Area in den Städten», in Schweizer Beitr. zur Allg. Gesch. 3, 1945, 22-61
– R. Brondy, «Patrimoine immobilier et structures sociales dans les Etats de Savoie d'après le droit de toisé (XIVe-XVe siècles)», in Cahiers d'histoire 26, 1981, 213-230
– M. Grandjean, «Villes neuves et bourgs médiévaux, fondement de l'urbanisme régional», in L'homme dans la ville, 1984, 61-100
Autorin/Autor: Pierre Dubuis, Roland Gerber / GL