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Wenn man sich «Song for My Father» zu Gemüte führt, fällt kaum auf, dass da zwei völlig verschiedene Gruppen spielen: Ausser dem Chef Horace Silver wurden sämtliche Musiker ausgewechselt.
Dass man nur bei konzentriertem Hinhören – und dann natürlich bei den Soli – den Unterschied zwischen den Aufnahmen von 1963 und 1964 erkennt, hängt mit dem Aufnahmestudio und dem Recording Engineer zusammen: Rudy Van Gelders Aufnahmen gehören zweifellos zu den technisch feinsten ihrer Zeit. Wenn man zusätzlich bedenkt, unter welchen Umständen und mit welchem technischen Material die analogen Aufnahmen damals verwirklicht wurden … der Mann war selbst ein Künstler.
Horace Silver
Horace Ward Martin Tavares Silver (1928–2014) spielte schon früh Tenorsaxophon und Klavier und hatte bereits mit 18 sein eigenes Trio, mit dem er vorwiegend in Connecticut, seiner Heimregion, auftrat. 1950 wurde dieses Trio von Stan Getz engagiert, und Silver zog nach New York um.
Zusammen mit Art Blakey gründete er die Jazz Messengers und hatte seinen ersten Hit «The Preacher». 1956 überliess er die Jazz Messengers Art Blakey und formierte sein eigenes Quintett, das zwar immer dieselbe Instrumentierung aufwies (Trompete, Tenorsax, Klavier, Bass, Schlagzeug), doch häufige Personalwechsel erlebte.
In einem Interview, das er mir 1966 in Ronnie Scott’s Jazz Club in London gewährte, erklärte er, dass er immer auf der Suche nach neuen Talenten sei und dass er Neulingen eine Chance bieten möchte. Wenn ein Musiker einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht habe und sein Talent allgemein anerkannt werde, würde er genügend Jobs finden. Wechsel erfolgten jedoch äusserst selten wegen Querelen.
Mich beeindruckte damals, dass Horace Silver sich in der Auftrittspause Zeit nahm, um einem dahergelaufenen Studenten aus der Schweiz ein Interview zu geben. Trotz seiner sanften Stimme war klar, wer der Boss war – Silver hatte seine Gruppe voll im Griff, ohne je ein lautes Wort zu benötigen.
Über all die Jahre spielte Horace Silver seine Musik, komponierte, arrangierte und spielte bis ins hohe Alter, immer mit einem Lächeln. Seine späten Alben sind ebenso überzeugend wie jene 30 Jahre zuvor entstandenen Alben – zum Beispiel «The Hardbop Grandpop» (1996) oder sein letztes Studioalbum «Jazz has a Sense of Humor» (1998).
«Song for My Father»
Nach einer Reise nach Brasilien wollte Horace Silver mehr über seine portugiesischen Wurzeln erfahren. Sein Vater stammte aus Maio, einer der kapverdischen Inseln, war jedoch schon früh in die USA gezogen. Silvers Folgealbum (nach «Song for My Father») war denn auch mit «The Cape Verdean Blues» betitelt, ein weiteres, empfehlenswertes Werk, auf dem der Posaunist J. J. Johnson das Quintett in drei Nummern ergänzte.
Speziell für die «Song for My Father»-LP ist, dass sie während einer Übergangsphase im Quintett entstand und deshalb zwei verschiedene Formationen darauf zu hören sind. Die Informationen, wer bei welchen Aufnahmen spielt, gehen in den verschiedenen Medien auseinander. Meiner Ansicht nach sind die Angaben im Booklet falsch. Die unten zitierten Angaben machen mehr Sinn, sie stammen aus unterschiedlichen Quellen, unter anderem aus Wikipedia. Für die Unklarheiten ist anscheinend Blue-Note-Chef Alfred Lion verantwortlich.
In der ersten Gruppe spielen Carmell Jones, tp; Joe Henderson, ts; Horace Silver, p; Teddy Smith, b und Roger Humphries, dr. Diese Aufnahmen wurden am 31. Oktober 1963 realisiert. In der zweiten Gruppe, ein Jahr später, sind Blue Mitchell, tp; Junior Cook, ts; Horace Silver, p; Gene Taylor, b; Roy Brooks, dr aktiv. «Lonely Woman» interpretiert Silver im Trio mit Gene Taylor und Roy Brooks.
Die hier als Download/Streaming verfügbare Version in HiDef-Audio enthält – wie die Original-LP – sechs Stücke. Die (immer noch erhältliche) CD enthält 10 Stücke: vier zusätzliche Nummern wurden als sogenannte Bonus Tracks angehängt.
Klang
Gegenüber dem Original wurde (glücklicherweise) nicht allzu viel am Klang verändert. Die HiDef-Version klingt etwas sauberer, voller und transparenter, die tiefen Frequenzen kommen klarer durch.
Für mich ist dies die ideale, um nicht zu sagen korrekte Art von High-Resolution-Mastering, denn die meisten Jazz-Aufnahmen leben auch von der damals eingefangenen Atmosphäre, die man nicht verändern sollte.
Fazit
«Song for My Father» lebt klar von der Bekanntheit und Beliebtheit der Titelmelodie, die immer wieder in den vordersten Rängen von Beliebtheitsskalas (Hörerumfragen von Radiostationen und Leserumfragen von Musikmagazinen mehrheitlich in den USA) auftaucht.
Doch auch die übrigen Stücke, die oft mit den rhythmischen Quintensprüngen des Klaviers beginnen, sind so typisch für Silvers Kompositionen aus jener Zeit und faszinieren immer aufs Neue.
Joe Hendersons Komposition «The Kicker», grundsätzlich im Bluesschema, zeigt dann die extreme Hard-Bop-Kapazität des Quintetts. Doch auch diesem Stück drückt Silver mit seinen Harmonievarianten (vor allem im Pianosolo) seinen Stempel auf.
«Song for My Father» ist ein Hard-Bop-Klassiker, der in keiner Sammlung fehlen sollte.