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Die Ausdehnung des Meereises wird oft als Indikator für den Zustand der entsprechenden Polarregion betrachtet, besonders im Hinblick auf den globalen Klimawandel. Darum wird besonderen Wert auf die minimalen und maximalen Ausdehnungen im Februar bzw. im September gelegt. Doch während für die Arktis ein klarer Abwärtstrend ersichtlich ist, zeigt die Antarktis einen weit variableren Verlauf. Aber in dieser Saison 21/22 hat das Ausmass der Ausdehnung auch Experten erstaunt.
Wie das US-amerikanische National Snow and Ice Data Center NSIDC meldet, sank die Ausdehnung des antarktischen Meereises im Februar 2022 auf das mittlerweile niedrigsten Tagesniveau seit Beginn der Aufzeichnungen 1979. Gemäss Satellitenmessungen betrug die Fläche des gesamten Meereises am 25. Februar 1.924 Millionen Quadratkilometer, was unter dem bisherigen Tiefstwert von 2017 am 3. März lag. Damals wurde eine Ausdehnung von 2.110 Millionen Quadratkilometer gemeldet. Damit hat sich der diesjährige Trend der minimalsten Ausdehnung seit Messbeginn bewahrheitet und der Wert liegt damit rund 1 Million Quadratkilometer unter dem Durchschnittswert von 1981-2010.
Eine genauere Betrachtung der einzelnen antarktischen Regionen zeigt, dass der diesjährige Rekordtiefstwert vor allem vom Meereisverlust im Bereich zwischen Amundsensee und Rossmeer angetrieben worden ist. Auch auf der Ostseite der antarktischen Halbinsel, im Weddellmeer, bilden weite Teile keine geschlossene Eisdecke und gelten daher als frei. In den übrigen Gebieten sind die Rückgänge eher moderat. «In diesem Jahr haben keine der individuellen Regionen (abgesehen vom Rossmeer, Anm. d. Red.) rekordträchtige Minimalausdehnunge. Doch alle liegen unter dem Durchschnitt (…)», erklärt die NSIDC in einem Statement auf ihrer Webseite.
Warum die Meereisausdehnung in diesem Jahr einen derartigen Tiefststand erreicht hat, nachdem die Jahre zuvor einen moderat positiven Trend gezeigt hatte, ist noch nicht genau bekannt. Eine Möglichkeit könnte eine Fehleinschätzung der natürlichen Variabilität des antarktischen Meereises in den Modellen der Forschung sein. «Natürliche Variabilität könnte immer noch den Verlauf der antarktischen Meereisausdehnung stärker beeinflussen als der Klimawandel», heisst es im Communiqué der NSIDC weiter. Eine vor kurzem erschienene Studie, die sich mit der Meereisausdehnung vor dem Einsatz von Satellitenaufnahmen befasst hat, kam zum Schluss, dass die ozeanischen und atmosphärischen Bedingungen, die den Meereisverlauf beeinflussen tatsächlich grosse Unterschiede im Bereich von Jahrzehnten durchlaufen und daher auch die Variabilität der Meereisausdehnung viel grösser sein dürfte als bisher angenommen. Dies muss nun in den Vorhersagemodellen Eingang finden und kann so helfen, mögliche Verläufe des Meereises präziser zu erkennen.
Das antarktische Meereis bildet den Lebensraum für viele der tierischen und pflanzlichen Bewohner rund um Antarktika. Besonders Robben und Pinguine sind auf die weisse Meeresoberfläche angewiesen, da sie darauf ihre Ruhepausen etwas sicherer abhalten können. Ausserdem treiben die Packeisflächen an ihren Rändern die Nahrungsnetze an. Und auch für die Forschung ist eine präzisere Vorhersage der Meereisausdehnung wichtig. Denn gerade für die Planung von Versorgungsfahrten zu den Stationen und Expeditionsfahrten wie diejenige der «Endurance 22» sind solche Informationen von grosser Bedeutung.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal