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Die lyrische Bearbeitung des Tell-Themas durch Gioachino Rossini (1792-1868) zeigt, dass der Held aus den Schweizer Alpen die verschiedensten Interpretationen zulässt. Der Mythos, der von den Jakobinern zu ihren Zwecken benutzt und von Schiller umgedeutet worden war, hat auch den italienischen Komponisten inspiriert, obschon er als Traditionalist galt; Wagner bezeichnete ihn sogar als "Metternich der Musik". In einer Zeit grosser politischer Emotionen hat das politische Desinteresse, das in seinen Opere Buffe zum Ausdruck kommt, etwas Zynisches. Berlioz bezeichnet seine Haltung als "melodischen Zynismus", der sich dem von der Französischen Revolution ausgelösten Risorgimento zu verweigern scheint.
Nicht so "Guillaume Tell", Rossinis letztes grosses Werk: Musik und Handlung schildern einen Freiheitskampf, der unverkennbar vom Risorgimento geprägt ist. Das Libretto – es wurde von zwei berühmten Schriftstellern der damaligen Zeit verfasst – stellt die mittelalterlichen Habsburger in einer Art und Weise dar, die allzu sehr an ihre Nachkommen erinnert, welche Italien im 19. Jahrhundert als Besatzer zu schaffen machten. Sogar Ungarn und Schottland identifizieren sich mit den Unterdrückten.
Nach einem etwas zögerlichen Start an der Uraufführung in Paris hat die Oper durchschlagenden Erfolg. Zwar wird das vierstündige Werk aus technischen und politischen Gründen hier und da etwas gekürzt, doch ist der Siegeszug durch Europa nicht aufzuhalten.
Mit seiner leichten Musik, die das Drama wiedergibt, ohne sich allzu sehr um die Worte zu kümmern, macht Rossini aus Wilhelm Tell ein europäisches Werk. Von einem Deutschen aufgegriffen, französischen Autoren bearbeitet und einem Italiener vertont, feiert der helvetische Mythos als künstlerisches Meisterwerk neue Erfolge.