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Damit etwas als integral bezeichnet werden kann, muss es umfassend und ganz sein. Die Behauptung, die wir hier aufstellen, ist, dass die integrale Weltsicht vollständiger, umfassender und ganzer ist als fast jede andere Art, die Welt zu betrachten. Das heisst, sie kann mehr Phänomene auf eine widerspruchsfreie Art und Weise in Zusammenhang bringen als jeder andere epistemologische oder ontologische Ansatz. Tatsächlich schafft sie es sogar, dies für alle Phänomene zu tun!
Nach dem Erlernten über die Entwicklungsstufen sind die vier Quadranten der integralen Philosophie der zweite Schritt zu umfassenderer Ganzheit.
Die vier Quadranten
Die vier Quadranten zeigen dir auf, dass alles im bekannten Universum durch eine von vier Perspektiven betrachtet werden kann.
Diese vier Perspektiven ergeben sich aus zwei Dimensionen - Innen vs. Außen und Individuum vs. Kollektiv. Aus diesen beiden Dimensionen ergeben sich vier Quadranten:
1. Der obere linke Quadrant: Das Innere des Individuums ist die subjektive Perspektive, durch die du deine private, innere Erfahrung wahrnimmst. Dieser Quadrant befasst sich mit dem inneren Erleben und seinen Inhalten. Oben Links kümmert sich zum Beispiel um die Entwicklung der Kognition. Die zentralen Begriffe hier lauten Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Spüren. Die Inhalte der linken Quadranten können, nur durch Deutung, also im Dialog mit dem Untersuchungsobjekt verstanden werden.
Entwicklungs- und Tiefenpsychologie, Phänomenologie, Mystik u.a. erforschen diesen Quadranten.
2. Der obere rechte Quadrant: Das Äußere des Individuums ist eine objektive Perspektive, durch die du deinen Körper und sein Verhalten wahrnimmst. Dieser Quadrant befasst sich mit empirischen Phänomenen. Er untersucht alles, was sich den Sinnen unmittelbar präsentiert - man sagt auch “was einen Ort hat.” Hier wird der Aufbau von Molekülen, Zellen, Organen, Organismen, etc. beschrieben. Dies sind jedoch nur Betrachtungen von aussen, sie zeigen uns also die Oberfläche aller Dinge. Oben Rechts sagt uns, wie etwas aufgebaut ist, aber nicht was darin vorgeht.
Positivismus, Empirismus, Behaviorismus, Neurologie, Physik, Biologie u.a erforschen diese Quadranten.
3. Der untere linke Quadrant: Das Innere des Kollektivs ist eine intersubjektive Perspektive, durch die deine Beziehungen und die breitere Kultur wahrgenommen werden können. Kein Phänomen steht je für sich allein, sondern befindet sich immer in Beziehung mit anderen. In diesen Beziehungen manifestieren sich Strukturen wie Sprachen, moralische Vorstellungen und Weltsichten. All dies sind Phänomene des Inneren (ohne einfachen Ort) und des Kollektivs (sie entstehen nur in Gemeinschaften). Ethik, Religion, Linguistik, Kulturwissenschaften u.a. erforschen diesen Quadranten.
4. Der untere rechte Quadrant: Alle Beziehungen zwischen Individuen haben auch eine äussere Manifestation. Die Außenseite des Kollektivs ist eine Systemperspektive, durch die vernetzte Strukturen wie die Wirtschaft, Nationalstaaten oder Galaxien wahrgenommen werden können. Oben rechts beschreibt also, in welcher Form sich das Individuelle zu Kollektiven im Aussen verbindet.
Systemtheorie, Ökonomie, Sozialwissenschaften, Chaostheorie u.a. erforschen diesen Quadranten.
Vier Dimensionen deiner gegenwärtigen Erfahrung!
Diese vier Quadranten, diese vier Arten, deine gegenwärtige Erfahrung zu betrachten, stehen Dir jederzeit - also auch jetzt - zur Verfügung.
Nimm Dir einen Moment Zeit, um deine inneren Gedanken und Gefühle wahrzunehmen.
Nimm Deine Körperhaltung, deine Atmung und dein Verhalten wahr (vermutlich das Lesen dieses Textes, aber auch alles andere).
Nimm wahr, dass Du verstehen kannst, was ich mit diesem Text vermitteln möchte, und dass wir in gewisser Weise tatsächlich in Beziehung zueinander stehen (auch wenn wir durch Bildschirme und Text getrennt sind, gibt es immer noch ein echtes gemeinsames "Inneres" der Bedeutung, während ich mit Dir kommuniziere).
Beachte, dass es zahllose Netze von Systemen gibt, die Dich in diesem Moment unterstützen: Infrastrukturen für Mobilität, Energie und Kommunikation, einen Rechtsstaat, Lieferketten, Handelsorganisationen usw.
Wo auch immer Du hingehst, was auch immer Du tust, mit wem auch immer Du zusammen bist, Du kannst Dein Bewusstsein für diese Situationen um 400% vergrößern, indem Du immer wieder versuchst, die Situation durch diese vier Quadranten wahrzunehmen.
Deine Erfahrung der Realität wird umfassender und dadurch ganzer, wenn deine Wahrnehmung auf allen vier Quadranten basiert.
Und wie immer die Frage: Was bringt mir dieses Wissen nun konkret im Klassenzimmer?
Wenn wir die vier Quadranten wirklich verstanden haben, werden wir unter anderem fähig, alle pädagogischen Richtungen und didaktischen Interventionen einem der Quadranten zuzuordnen. Denn jede Richtung oder Intervention betrachtet das Kind aus einer Perspektive, also aus einem Quadranten heraus.
Wenn das erst klar wird, werden wir nie mehr Diskussionen über die Richtigkeit und Qualität einer pädagogischen Richtung oder didaktischen Intervention führen müssen. Es wird automatisch klar, was wann das Richtige ist (wir erinnern uns: “True but Partial"). Unser pädagogisches und didaktisches Handeln wird somit ganzheitlicher und dient schlussendlich jedem einzelnen Kind - das ist wahre Differenzierung!
Alles Liebe,
Nicole
Weiter erforschen:
Youtube: The Four Quadrants - the day it all came together
Ken Wilber erzählt in diesen 30 Minuten, wie er die vier Quadranten entdeckt hat. Er leitet es sehr weit her (Gute Repetition über die Bewusstseinsstufen :)) aber es lohnt sich, sich das Video bis zum Schluss anzuschauen! Die vier Quadranten werden sehr plastisch.
Youtube: Die vier Quadranten
In diesem 5 minütigen Video erhältst du nochmals eine kurze Einführung zu den vier Quadranten.
Youtube: The Quadrant Lens: How to see your blind spots
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