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Reaktion von Bernhard Ruchti
Reaktion zur Replik von Thomas Leininger, Sven Schwannberger und Jörg-Andreas Bötticher, «Vita brevis – oder: Ein Schlag ist ein Schlag» (SMZ 3/2022).
Als Willem Retze Talsma 1980 eine mögliche alternative Lesart historischer Metronomzahlen postulierte, entbrannte unter anderem innerhalb der Schola Cantorum Basiliensis eine hitzige Diskussion. Talsma sah in einer partiellen Anwendung der Doppelschlagzählung die Lösung des Rätsels früher Metronomzahlen; andere verurteilten diese Idee. Die Fronten verhärteten sich schnell.
Ich habe innerhalb meines A-Tempo-Projektes derartige Grabenkämpfe immer vermieden. Mir ging es um die Sache: Ich kannte die Problematik rasender Metronomangaben aus der Praxis, und mich interessierte Talsmas Ansatz. Ich wollte sein musikalisches Potenzial erproben. Dabei entdeckte ich einen unorthodoxen neuen Zugang zu klassischen Werken, der mich begeisterte. Auf der theoretischen Ebene wahrte ich zu Talsmas Thesen eine gesunde Distanz und bemerkte auch die Fehler, die in seinem Buch vorhanden sind. In meiner dreiteiligen Einführung in Historische Metronomzahlen und Tempo, die auf Youtube verfügbar ist, legte ich eine kritische Auseinandersetzung mit der Doppelschlagthese vor.
Anstelle eines Schwarz-Weiss-Bildes zeigten sich mir Optionen. Die in der Replik erwähnte Beschreibung des Metronoms von 1816 ist dafür ein gutes Beispiel. Es wird dort gesagt, dass die einzelnen Ticks des Metronoms gezählt werden sollten und nicht die beiden, durch die Hin- und Her-Bewegung des Pendels erzeugten Schläge zusammen. Dies zeigt einerseits, dass das Metronom in der Tat als Zählmaschine für die einzelnen Schläge gedacht war. Anderseits lässt eine solche «Negativ-Instruktion» immer auch den Umkehrschluss zu: Weil ein Verbot ausgesprochen wird, muss die verbotene Handlung ausgeführt worden sein. Im vorliegenden Fall ist das ein recht wahrscheinliches Szenario. Zwischen der Patentierung des Metronoms 1815 und der Publikation der Instruktionen verstrich ein Jahr. Es ist bekannt, dass der Geschäftsmann Mälzel in dieser Zeit seine Erfindung überall herumzeigte. Somit ist es problemlos denkbar, dass er eine «falsche» Doppelschlagzählung beobachtete und sich in der Folge zu der Klarstellung in Richtung Einzelschlag veranlasst sah. Die Option für den Doppelschlag ist also gegeben. Ob er tatsächlich angewandt wurde, ist eine andere Frage, über die man sich endlos streiten kann.
Die Autoren der Replik teilen meine Ansicht, dass das Metronom als Einzelschlag-Maschine gedacht war. Aus der merkwürdigen Tatsache, dass sie mir das quasi vorwerfen, muss ich schliessen, dass sie weder meine Online-Publikationen noch mein 2021 erschienenes Buch über Franz Liszts Ad-Nos-Fantasie kennen. Sie scheinen auch nicht zu realisieren, dass die Quellenanalysen, die ich präsentiere, von den Schablonen der Talsma-Ära und gewisser gegenwärtiger Vertreter der Doppelschlagthese völlig unabhängig sind. Die Replik zielt in die falsche Richtung bzw. ist eine Antwort auf einen Grabenkampf, der zumindest aus meiner Sicht schon längst der Vergangenheit angehört.
Eine seriöse Diskussion über das Thema würde schnell ans Licht bringen, dass ich mit der Quellenbeurteilung der drei Autoren weitgehend übereinstimme. Der einzige Unterschied ist, dass in meinen Augen das Gesamtbild der Quellen nicht schwarz-weiss ist, sondern – wie das Beispiel der Metronom-Instruktion zeigt – mehrere Optionen zulässt. Eine solche Diskussion würde ich sehr begrüssen.
Abschliessend weise ich auf den neuesten Teil des A-Tempo-Projektes hin: Beethovens Hammerklaviersonate in der von Franz Liszt überlieferten Dauer. Die Einführungen sind bereits auf meinem Youtube-Kanal publiziert; der Hauptfilm mit der Sonate wird am Osterwochenende folgen.