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N°13
Die beiden unterhielten sich im 4er bereits eine ganze Weile über Vegetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier, Lacto-Vegetarier, Veganer und über Gluten- und andere Verzichter, deren Begriffe ich mir nicht mehr habe merken können. Der Blonde enervierte sich dabei über seine Partnerin, die er vor sechs Jahren völlig gesund kennen gelernt habe, die aber aus unerklärlichen Gründen begonnen habe, freiwillig Krankheitsbilder anderer nachzuleben. Seit er ihr das Abo für das Fitnesscenter geschenkt habe, wolle sie sich nur noch laktose- und glutenfrei ernähren. Sie sei aber weder laktoseintolerant noch eine Zöliakie-Patientin. Ihr Personal coach würde ihr ganz offensichtlich predigen, es sei heutzutage mega angesagt, nach diesen trendigen Regeln zu leben, es sei gesünder, man fühle sich wohler. Der Kollege neben ihm lächelte süffisant und meinte, das sei eine Zeiterscheinung, aber eine, an der man gut verdienen könne. In seiner Firma rede man offen über das Geschäft mit Empfindlichkeiten, ob nun tatsächlich vorhanden oder nur eingebildet. Viele Leute fänden es schick, für sich eine Empfindlichkeit zu reklamieren, weil sie das von der Masse abhebe. In seiner Marketingabteilung rechne man mit 60 Prozent der Klientinnen, die zum Beispiel behaupten, eine empfindliche Haut zu haben, obwohl es erwiesenermassen keine 15 Prozent seien. Es töne eben kostbarer, eine empfindliche Haut zu haben. Für sein Geschäft sei das lukrativ, man verkaufe die wesentlich teureren Produkte besser und die Gewinnmarge sei in diesem Segment viel höher. Das ist doch grotesk, entfuhr es dem Blonden. Bei den Themen Gluten und Laktose sei das nicht anders, fuhr sein Kollege fort. In Europa leiden unter Glutenunverträglichkeit nur gerade geschätzte 1 Prozent der Bevölkerung, unter Unverträglichkeit bei Laktose seien es 15 Prozent. Der Blonde schüttelte ungläubig den Kopf, er begreife nicht, warum seine Partnerin, die keine Unverträglichkeit habe, so tue als ob. Der Kollege grinste, da sei sie nicht die einzige, die trotzdem auf Empfindlichkeit beharre. Es töne psychologisch einfach besser, wenn ein Produkt frei von irgend etwas sei, so, als sei es besser, gesünder. Der Umsatz laktosefreier Produkte sei im letzten Jahr im zweistelligen Prozentbereich gewachsen, mit Angeboten, die teilweise doppelt so teuer seien wie herkömmliche. In seinem Business sei das natürlich wie Ostern und Weihnachten zusammen. Ja, von so einem Glaubenskrieg müsse man profitieren, er hoffe schon, dass dieser noch lange anhalte. Er grabschte zwei Snickers-Schokoriegel aus seiner Tasche, fragte den Blonden, ober auch einen möge, die hätten noch alles drin.
Sonntag, 17. Mai 2015