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Ratgeber

|Text und Bilder: Schweizerische Vogelwarte Sempach|
| Rabenvögel in landwirtschaftlichen Kulturen

Jagdbar oder geschützt?
Zur Gruppe der Rabenvögel zählt man in der Schweiz 9 Arten: Eichelhäher, Elster, Tannenhäher, Alpendohle, Alpenkrähe, Dohle, Saatkrähe, Aaskrähe (mit den beiden Unterarten Rabenkrähe und Nebelkrähe) und Kolkrabe. Davon sind Tannenhäher, Alpendohle, Alpenkrähe, Dohle und Saatkrähe geschützt. Eichelhäher, Elster, Raben- und Nebelkrähe sowie Kolkrabe sind nach eidgenössischem Jagdgesetz jagdbar. Die Kantone können jedoch auf ihrem Territorium weitere Beschränkungen verfügen. Auskünfte erteilen die kantonalen Jagdverwaltungen. Auf der Roten Liste stehen die Alpenkrähe (stark gefährdet), die Dohle (verletzlich) und die Saatkrähe (potenziell gefährdet).
Auswirkungen in der Landwirtschaft
Rabenvögel ernähren sich von pflanzlicher und tierischer Nahrung. Frisch gesäte Sommergetreide- und Maiskörner, auflaufende Keimlinge und Salatsetzlinge sind bei Raben- und Saatkrähe beliebt. Laut einer Umfrage bei den Kantonen und landwirtschaftlichen Beratungsstellen gibt es aber keinen gesamtschweizerichen Überblick über das Ausmass der Raben- und Saatkrähenschäden. Im Falle von Eichelhäher, Elster und Dohle sind die Schäden gering. Im Reb- und Obstbau können Rabenvögel und andere schwarmbildende Singvögel wie Stare und Wacholderdrosseln im Herbst lokal für finanzielle Einbussen sorgen. Andererseits agieren Rabenvögel auch als Nützlinge und werden von Landwirten deshalb geschätzt. So übernehmen zum Beispiel Rabenkrähen und Kolkraben eine wichtige ökologische Funktion als Aasfresser und Vertilger von Schnecken und Mäusen. Der Eichelhäher ist im Volksmund auch als “Eichelsäer” bekannt. Er sorgt für die natürliche Verbreitung der Eiche, indem er Eicheln als Nahrungsvorräte im Boden versteckt, aber nur einen Teil davon wieder herausholt.
Rabenkrähe
Untersuchungen in der Schweiz haben gezeigt, dass die Nahrungszusammensetzung der Rabenkrähe mit der Art der Bewirtschaftung zusammenhängt. Je nach Angebot ist der Anteil an pflanzlicher und tierischer Nahrung unterschiedlich. In Gebieten mit intensiv betriebener Landwirtschaft nehmen Rabenkrähen vor allem pflanzliche, in extensiv bewirtschafteten Gebieten vorwiegend tierische Nahrung auf. Für die Aufzucht der Jungen ist der Bedarf an tierischer, proteinreicher Nahrung besonders hoch. Brutvögel bevorzugen daher extensiv bewirtschafte Gebiete, welche reicher an Kleinsäugern und Insekten sind. Jedes Brutpaar verteidigt ein Territorium. Rabenkrähen, die zum Brüten noch zu jung sind, die keinen Brutpartner oder kein Territorium gefunden haben, schliessen sich zu Nichtbrüterschwärmen zusammen. Diese Aufteilung in Brutvögel und Nichtbrüterschwärme ist natürlich. Der Anteil an Brutvögeln und Nichtbrütern kann aber je nach Region stark variieren. Die Schwärme finden sich gerne in Gegenden mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung ein. Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen werden deshalb meist von diesen Schwarmvögeln verursacht. Hingegen richten die Brutvögel zur Brutzeit keine Schäden an.
Saatkrähe
Massnahmen
Bejagung:
In der Schweiz werden jährlich etwa 14'000 Rabenkrähen geschossen. Der Abschuss einzelner Rabenkrähen aus einem Schwarm kann die restlichen Tiere für kurze Zeit von einem Feld vertreiben.
Als bestandsregulierende Massnahme greifen Abschüsse aber nicht. Dies zeigen neuere Untersuchungen. Die Ursache liegt im Sozialsystem der Arten. Bei Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher trägt die Revierbildung zur innerartlichen Selbstregulierung bei. Gebiete mit geeigneten Strukturen und genügend grossem Angebot an tierischer Nahrung für die Jungenaufzucht sind limitiert. Im Frühling werden hier von brutfähigen Paaren Reviere besetzt und gegen andere Artgenossen verteidigt. Der Rest der Population ist von der Fortpflanzung ausgeschlossen. Wie bei vielen Vogelarten sinkt bei hoher Siedlungsdichte der Bruterfolg. Werden nun Rabenvögel aus ihren Revieren weggeschossen, wird das frei gewordene Brutrevier durch “wartende” Schwarmvögel übernommen. Werden Schwarmvögel in grosser Anzahl geschossen, verbessert dies allenfalls den Bruterfolg der Reviervögel. Sie müssen ihr Revier gegen weniger Artgenossen verteidigen und können mehr Zeit für die Jungenaufzucht aufbringen. Mit anderen Worten hält sich die Population in einer Grösse, die dem umweltbedingten Angebot an Nahrung und Nistplätzen entspricht. In diesem Sinne sind Abschussprämien mit dem Ziel der Bestandsregulierung nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich verfehlt, da sie den erklärten Zweck nicht erfüllen.
Waldohreule und Baumfalke, gebietsweise auch der Turmfalke, sind für die Fortpflanzung auf verlassene Krähennester angewiesen. Eine massive Reduktion der Rabenkrähen könnte auch auf sie Auswirkungen haben. Nicht in jedem Krähennest brütet auch eine Rabenkrähe...! Auf das Ausschiessen von Nestlingen ist aus dem gleichen Grund unbedingt zu verzichten! Nach dem Jagdgesetz ist der Abschuss von Falken und Eulen strafbar. Zudem wäre dieses Vorgehen auch vom jagdethischen Standpunkt aus gesehen indiskutabel.
Weiterführende Literatur
AICHMÜLLER, R. (1987): Eichelhäher – Eichelsäer. Der Vogel, der Wälder pflanzt. Vogelschutz 2/1987: 8–10.
BAAS-FRANCKE, E. (1993): Rabenvögel: Ein krächzendes Ärgernis? NABU-Sonderdruck. Naturschutzbund Deutschland, Stuttgart.
EPPLE, W. (1996): Rabenvögel: Göttervögel – Galgenvögel; ein Plädoyer im "Rabenvogelstreit". Karlsruhe.
GLUTZ VON BLOTZHEIM, U.N. & K.M. BAUER (1993): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 13. AULA-Verlag, Wiesbaden.
HÖLZINGER, J. (1987): Die Vögel Baden-Württembergs, Band 1. Ulmer, Stuttgart.
JUILLARD, M. (1990): Evolution des colonies de Corbeaux freux, Corvus frugilegus, en Suisse. Nos Oiseaux 40: 407– 422.
KELLER, V. (1998): Hans Huckebein & Co. – die Familie der Rabenvögel. Bericht zuhanden der Gemeinschaft der Freunde der Vogelwarte. Sempach.
NAEF-DAENZER, L. (1984): Versuch zum Verjagen von Rabenkrähen (Corvus corone corone) von spriessenden Maisfeldern. Z. Jagdwiss. 30: 184 –192.
RAHMANN, H. et al. (1988): Rabenvögel: Ökologie und Schadwirkung von Eichelhäher, Elster und Rabenkrähe. Josef Margraf, Weikersheim.
STUDER-THIERSCH, A. (1984): Zur Ernährung der Rabenkrähe Corvus corone in der Schweiz. Orn. Beob. 81: 29 – 44.
TOMPA, F. S. (1976): Zum Rabenkrähen-Problem in der Schweiz. Teil II: Rabenkrähe und Landwirtschaft: Schäden und Abwehrmassnahmen. Orn. Beob. 73: 195 –208.
WITTENBERG, J. (1988): Langfristige Entwicklung einer Population der Rabenkrähe (Corvus c. corone) bei Braunschweig, ihre Zusammensetzung und ihr Einfluss auf andere Arten. Beih. Veröff. Natursch. Landschaftspfl. Baden-Württemberg 53: 211–223.
Dank
Wir danken folgenden Personen für ihre Mitarbeit:
Gabriel Popow und Andres Meerstetter, Landwirtschaftliche
Beratungszentrale Lindau LBL
Hansueli Dierauer, Forschungsinstitut für biologischen Landbau
FiBL
Alfred Husistein, Agroscope FAW
Mathias Menzi, Eidgenössische Forschungsanstalt für Agrarökologie
und Landbau Agroscope FAL
Peter Schlup, Schweizer Tierschutz STS
Impressum: Merkblätter für die Vogelschutzpraxis
© Schweizerische Vogelwarte Sempach und Schweizer Vogelschutz SVS – BirdLife Schweiz, Sempach und Zürich.
Autor: K. Bollmann