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Kulturtipps
Klassiktipp
Chopin Evocations. Chopin/Pletnev: Klavierkonzerte Nr. 1 und 2; Chopin: Variationen über „La ci darem la mano“ op. 2, Rondo für 2 Klaviere op. posth. 73, Fantasie-Impromptu op. 66; Schumann: Chopin aus op. 9; Grieg: Hommage à Chopin op. 73/5; Tschaikowsky: Un poco di Chopin op. 72/15; Mompou: Variationen über ein Thema von Chopin, Daniil Trifonov, Sergei Babayan, Mahler Chamber Orchestra, Mikhail Pletnev
Trifonovs Chopin-Beschwörungen dürften eine der besten und vor allem auch interessantesten Chopin-Veröffentlichungen der letzten Jahre sein. Hauptwerke der Doppel-CD sind die beiden Klavierkonzerte, die Trifonov allerdings in einer neuen Orchestrierung von Mikhail Pletnev spielt. Dass Pletnev, der russische Meisterpianist, Dirigent und Komponist, auch am Pult des Mahler Chamber Orchestra steht, verleiht der Einspielung Authentizität.
Es ist hinlänglich bekannt, dass Chopins Kunst der Orchestrierung immer wieder in Frage gestellt wurde. Der Orchesterpart hat in seinen Konzerten weitestgehend begleitende Funktion. Bei Chopin gibt es kein „concertare“ zwischen Solist und Orchester, also keinen Wettstreit auch nur annähernd gleicher Partner. Hier dominiert klar der Pianist. Und das ist auch in Pletnevs Fassung nicht anders. Beim ersten Hören (nur mit der Original-Partitur in der Hand) finden sich weite Teile, in denen Pletnev die originale Orchestrierung kaum verändert hat. So scheint er eher punktuell eingegriffen zu haben. Besonders deutlich wird das an jenen Stellen, an denen er (Streicher-)Stimmen in die Holzbläser verlegt hat, etwa im Allegro Maestoso des ersten Konzertes beim cantabile-Einsatz (Takt 61), welches der Stelle in der Tat mehr Farbigkeit gibt; im Rondo desselben Konzerts, wo zu Beginn die quirligen Holzbläser die Wiederholung des musikantischen Klavierthemas übernehmen; oder auch ganz am Anfang des Maestoso des zweiten Konzertes, wo die Holzbläser allerdings die anfängliche Streicher-Dramatik farblich auflösen. Dass man die von Pletnev ebenfalls vorgenommene Ausdünnung des Streichersatzes bei der Einspielung nicht immer hört, hängt wohl damit zusammen, dass Pletnev das Mahler Chamber Orchestra ohnehin etwas defensiv im Hintergrund hält und dem Orchester nicht jenes Gewicht gibt, das beispielsweise Krystian Zimerman in seiner Einspielung mit dem Polish Festival Orchestra verliehen hatte (1999 ebenfalls für die DG). Auch wirkt das Orchester bei Zimermans Interpretation viel präsenter und transparenter.
Trifoniv spielt seinen Part in einer Weise, die Zimermans gleichzeitig lyrischer wie brillanter Interpretation in nichts nachsteht. Trifonov agiert mit einer so gelösten Virtuosität, so fliessenden Eleganz und einem so hinreissend schönen Ton, dass man es sich nicht überzeugender vorstellen kann. Angaben wie „delicatissimo“, „dolcissimo“ oder „legatissimo“, wie sie in Chopins Klaviersatz immer wieder auftreten, liegen bei Trifonov in den besten Händen. Auf demselben Niveau bewegen sich auch seine Interpretationen der nicht ganz so oft eingespielten Mozart-Variationen Chopins, von dessen viertem Impromptus und – an der Seite seines Lehrers Sergei Babayan, der wiederum bei Pletnev studiert hat – des Rondos für zwei Klaviere, das die beiden höchst harmonisch in der Fassung ohne Orchester vortragen.
Zusätzliches Interesse verdienen diese Chopin-Beschwörungen durch jene zumeist kurzen Chopin-Würdigungen von Schumann, Grieg, Barber und Tschaikowsky, die den Einfluss dokumentieren, den Chopin auf Zeitgenossen und Nachwelt ausgeübt hat. Barber hatte seine eher düster-dramatische Nocturne allerdings John Field gewidmet, der wiederum selbst 18 Nocturnes geschrieben und damit Chopin massgeblich beeinflusst hatte. Höhepunkt in Trifonovs Sammlung von Chopin-Hommagen sind die zwölf Variationen Frederic Mompous über ein Thema von Chopin. Mompou nahm das Prélude op. 28/7 als Ausgangspunkt, um in zumeist sehr kurzen Veränderungen Chopins Musiksprache mit impressionistischen und jazzigen Elementen zu versetzen. Und Daniil Trifonov spielt das mit einer Poesie und einem solch hinreissenden musikalischen Feingefühl, dass allein schon dieses Werk den Kauf der herausragenden Doppel-CD rechtfertigen würde. Gratulation!
Gregor Willmes, Fono-Forum 11/2017
Jazztipp
Anouar Brahem: Blue Maqams; Anouar Brahem (oud), Django Bates (p), Dave Holland (b), Jack DeJohnette (dr)
Zu seinem 60. Geburtstag hätte Anouar Brahem sich und uns kein schöneres Geschenk machen können als diese Session in New York im Mai 2017, die man schon jetzt als eine musikalische Sternstunde bezeichnen darf. Maqam ist wörtlich „der Ort, auf dem etwas errichtet ist“ und spielt auf die Kunst der endlosen Improvisation an. Wie Sterne am Himmel über der Medina von Tunis leuchten die Klänge, die Brahem mit seinen drei Mitspielern erzeugt. Das vielbeschworene Thema Orient & Okzident bekommt eine neue Bedeutung durch die Art, wie sich hier ein Dialog zwischen Oud und Klavier entspinnt. Die arabische Kurzhalslaute wird gerne als „der Sultan der Instrumente“ oder ähnlich bezeichnet, weil mit ihm das komplexe Tonsystem gelehrt wird. Mit dem Klavier können allenfalls durch Präparationen oder radikale Umstimmung Vierteltöne erzeugt werden – Terry Riley hat mit dem Kronos Quartett Versuche in diese Richtung gestartet, aber Anouar Brahme komponiert sei Langem viele seiner Stücke am Klavier. Und als der Produzent Manfred Eicher ihm neuere Aufnahmen mit dem Briten Django Bates vorspielte, der mit viel sogenannter „ethnischer“ Musik aufgewachsen ist, wagten sie dieses Experiment.
Das Team aus Dave Holland (Bass) und Jack DeJohnette (Drums) hatte – etwa mit Colin Walcott, Don Cherry und John Abercrombie – jene behutsame und hochsensible Kunst der Begleitung entwickelt, die diesen gewagten Brückenschlag zum Erfolg führt. Seit Anouar Brahems Erfolgsalbum „Le Pas du Chat Noir“ (2002), das zu den Meisterwerken des Tunesiers zählt, dürfte „Blue Maqams“ die Platte werden, die am meisten auch die Hörer ansprechen wird, die weder in der klassischen arabischen Musik noch im zeitgenössischen Jazz bewandert sind. Hier ist es zu hören – „the best of both worlds“. Allein schon das Riff in „Bahia“ zeigt, mit welcher Verführungskraft Anouar Brahem seine Mitspieler zu animieren versteht.
Karl Lippegaus, Fono-Forum 11/2017
World Music-Tipp
Erika Stucky: Papito; Erika Stucky (voc, comp), Andreas Scholl (countertenor),
FM Einheit , (electr, perc), Knut Jensen, Albert Wieder (arr); La Cetra Barockorchester
Lady Gaga sorgte mit einem Fleischkleid für Furore, Erika Stucky reicht ein Fleischkragen. Dass die Schweizerin einen Sinn fürs Schräge hat, ist ja nicht neu. Ob die Idee zu ihrem Cover-Outfit abgekupfert ist, sei dahingestellt, zu Fleisch aber hat die Performerin einen Draht: Ihr Vater war Metzger. Ihm, der einst aus dem Kanton Wallis nach Kalifornien auswanderte und mit Erika zurückkam, ist das Album gewidmet. Ihn nennt sie „Papito“ – auf Spanisch, in San Francisco praktisch die zweite Landessprache.
Von „Metzger“ ausgehend assoziierte sie „Fleisch“, „Gedärm“, und schon hatte sie einen Klang im Ohr: Darmsaiten. „Ich wollte die Schwingungen von Därmen hören“, sagt sie, „gewissermassen Tiere weinen hören“. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich mit Barockmusikern spielen wollte. Weil sie diese Saiten benutzen und unter den Klassikern die Wilden sind, die am ehesten improvisieren“. Sieben Musiker des La Cetra Barockorchesters Basel – Streicher, Theorbe, Orgel, Cembalo - , Countertenor Andreas Scholl und zwei Arrangeure im Boot, lud sie noch den Schlagwerker und Sound-Skulpturisten FM Einheit (früher Einstürzende Neubauten) hinzu. Ob das zusammengeht? Und wie!
Wer FM Einheit nur als Berserker mit Metall, Hammer und Flex kennt, begegnet hier einem sensiblen Noise-Poeten, dessen untergemischte Sounds sich mit denen der Barockinstrumente zu faszinierenden, leicht aufgerauten Flächen und Texturen mischen. Einige Standards durchziehen das Programm, wobei Stucky schon mal an deren Musicalherkunft erinnert: „Tea for two“ etwa singt sie mit Scholl im Duett – umwerfend. Ein halbes Dutzend Originals, ein Italo-/Beatles-Medley oder Randy Newmans „Marie“, konsequent aus der Perspektive des Mädchens gesehen, fügen sich perfekt in dieses sehr spezielle, aber auch sehr stimmige Album.
Berthold Klostermann, Fono-Forum 11/2017
Buchtipp
Leonard Bernstein und seine Zeit
Laaber-Verlag, herausgegeben von Andreas Eichhorn
Leonard Bernstein war eine der faszinierendsten, populärsten und erfolgreichsten US-amerikanischen Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und hat die internationale Musikkultur seiner Zeit nachhaltig geprägt. Als gesellschaftlich engagierter Komponist, Dirigent, Pianist, Musikdenker, Publizist und Lehrer verkörperte er den Typus des universalen Musikers. Den traditionellen Grenzen zwischen den Kategorien „leichter“ und „ernster“ Musik hielt er auch als Komponist seine humanistische Überzeugung von der „undendlichen Vielfalt der Musik“ entgegen, die er selbst mit brennendem Enthusiasmus gelebt hat.
Konzerttipp
Sonntag, 31. Dezember 2017, 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur
Russische Silvestergala
Musikkollegium Winterthur
Leitung: Vladimir Fedoseyev
Solistin: Anna Vinnitskaya, Klavier
Alexander Skrjabin: Rêverie in e-Moll, op. 24
Sergej Rachmaninoff: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 in d-Moll op. 30
Peter Tschaikowsky: Ballettsuite „Der Nussknacker“, op. 71a