Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03338.jsonl.gz/537

Heute können sämtliche Studiengänge der HTA-FR zweisprachig abgeschlossen werden. Das war nicht immer der Fall. 1989 reichte der ehemalige Student der Schule und Sozialdemokrat Bruno Reidy eine Motion ein, in der er die offizielle Aufnahme der Zweisprachigkeit in das Gesetz über die Organisation der Schule forderte. Am 4. Juni 1989 wurde die Motion im Rahmen der Abstimmung über den Bau eines neuen Schulgebäudes gutgeheissen. Es sollte aber noch fast fünfzehn Jahre dauern, bis die Zweisprachigkeit an der Schule tatsächlich umgesetzt wurde.
Am 4. Juni 1989 sagen drei von vier Freiburgerinnen und Freiburgern nach einer intensiven mehrmonatigen Kampagne „Ja“ zum Neubau der Ingenieurschule (33’465 Ja gegenüber 12’127 Nein)[1]. Der für die Wirtschaft zuständige Staatsrat Édouard Gremaud zeigt sich in der La Liberté erfreut über diesen Sieg:
«Ich hätte mich auch über einen Ja-Anteil von 60% gefreut. Es ist ein Zeichen des Vertrauens in die Behörden und die Berufsbildungs- und Wirtschaftsförderungspolitik des Kantons. Wir werden nun beherzt daran arbeiten, die im Grossen Rat eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen».[2]
Neben der Frage der Infrastrukturen sollte mit dieser Abstimmung auch die Frage der Zweisprachigkeit endgültig geregelt werden. Zum Zeitpunkt der Abstimmung findet der Unterricht an der Ingenieurschule ausschliesslich auf Französisch statt. Der Staatsrat hat jedoch bereits drei Mal versprochen, die Zweisprachigkeit an der Schule einzuführen.[3] Diese Abstimmung ist daher die Gelegenheit für das deutschsprachige Freiburg, um aus diesem „Ja“ Kapital zu schlagen.
«Deutschfreiburg drohte und forderte eine rasche und klare Stellungnahme zur (derzeit inexistenten) Zweisprachigkeit der Schule. Der Staatsrat, dessen ursprüngliche Botschaft für zu zaghaft gehalten wird, hat seinen Standpunkt zweimal klargestellt, bevor er ein organisches Gesetz versprach, das die Zweisprachigkeit garantiert».[4]
Als Reaktion auf die Erklärungen der Kantonsbehörden reicht der SP-Grossrat Bruno Reidy im Februar 1989 eine Motion ein, in der er die Ausarbeitung eines neuen Gesetzes und die definitive Einführung der Zweisprachigkeit an der Schule fordert. Vor seiner politischen Tätigkeit war Bruno Reidy selber Schüler an der Ingenieurschule. Heute ist Reidy pensioniert. Er erzählt:
«Für mich war die Zweisprachigkeit ein wichtiges Thema. Während meines Studiums am Technikum musste ich alle Vorlesungen auf Französisch belegen. Das war sehr schwierig – vor allem in den ersten drei Monaten, da ich mich mit dem wissenschaftlichen Jargon einer Fremdsprache vertraut machen musste. Ich war nahe daran, aufzugeben.
Mit dieser Motion wolle ich künftigen Ingenieuren die Möglichkeit geben, einen Teil der Vorlesungen in ihrer Muttersprache zu absolvieren. Natürlich ist es von Vorteil, sein Studium in einer anderen Sprache zu absolvieren. Es muss aber eine Wahl aus freien Stücken bleiben.»[5]
Der Staatsrat ist sich der Herausforderung bewusst, handelt rasch und stimmt der Motion Anfang Mai zu, vier Wochen vor der Abstimmung. La Liberté berichtet:
«Zweisprachigkeit an der Ingenieurschule: Das rasche Handeln des Staatsrats stösst im Grossen Rat auf viel Lob. Die Grossräte beschliessen einstimmig ein neues Gesetz für die Schule.
Selten hat die Regierung eine Motion so rasch behandelt: Die in der Februarsession eingereichte und ausgearbeitete Motion des Sensler Sozialdemokraten Bruno Reidy wurde letzte Woche beantwortet […] Der Staatsrat sagt unmissverständlich Ja zu einem organischen Gesetz – «Ihnen wird demnächst ein Entwurf vorgelegt», verspricht Édouard Gremaud – und Ja zur Zweisprachigkeit, deren Einführung bereits geplant ist.
Gestern haben sich mehrere Deutschschweizer Grossräte beim Staatsrat für sein rasches Handeln bedankt. Für Eduard Baeriswyl (CSP/Oberschrot) ist es «ein gutes Beispiel für effizientes Arbeiten, dem wir in Zukunft folgen sollten». Moritz Boschung (CVP/Düdingen) drückt die Dankbarkeit der deutschsprachigen Grossrätinnen und Grossräte aus. Bei der Abstimmung unterstützt der Grosse Rat einmütig die Motion Reidy mit 96 zu 0 Stimmen.»[6]
Gleichzeitig wird eine grossangelegte Kampagne gestartet, insbesondere in der Presse. Verschiedene Freiburger kommen darin zu Wort:
Jean-Christophe Pilloud, Freiburg:
«Ich bin Paraplegiker. Ich fühlte mich an der Ingenieurschule stets akzeptiert. Die neue Schule wird mir das Leben jedoch erleichtern. Keine schwierigen Türschwellen mehr. Die Architekten haben an die Menschen mit Behinderung gedacht, die sich nur im Rollstuhl fortbewegen können. Dafür müssen wir ihnen dankbar sein.»[7]
Urs Hildebrand, Freiburg:
«Als Jurastudent kann ich an unserer Universität studieren, einer guten und modernen Universität. Die jungen Ingenieurstudenten haben nicht so viel Glück. Ihre Schule ist alt und entspricht nicht mehr den modernen Anforderungen. Die neue Schule ohne Sprachbarriere ist für die Anwärter auf das Ingenieurstudium (HTL) mehr als notwendig.»[8]
Urs Schwaller, Oberamtmann des Saane-Bezirks:
«Freiburg braucht dringend gut ausgebildete Ingenieure. Die neue Schule ist eine Voraussetzung dafür. Der Staatsrat hat mit dem neuen Gesetz die Zweisprachigkeit dieser neuen Schule zugesichert. Wir Deutschfreiburger können also ohne Hintergedanken für die neue Schule stimmen.»[9]
Jean-Nicolas Philipona, Nationalrat und Präsident des Freiburgischen Bauernverbands:
«Vor einigen Jahren wurde die Landwirtschaftliche Schule Grangeneuve gebaut. Später die Berufsschule. Schöne Neubauten, die sich bewährt haben. Es ist nun höchste Zeit, eine Ingenieurschule zu bauen, die diesen Namen verdient. Die kleinen und mittleren Unternehmen haben einen dringenden Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren. Die Zukunft unseres Kantons steht auf dem Spiel.»[10]
Die Kampagne für den Neubau der Ingenieurschule zeigt Wirkung. Am 4. Juni gewähren die Freiburgerinnen und Freiburger der Schule einen Kredit über 105 Millionen Franken für ihren Neubau. Es ist ein Sieg für die Freiburger Berufsbildung.
Die Zweisprachigkeit wird im neuen Gesetz vom 13. November 1991 über die Ingenieurschule eingeführt, aber erst nach dem Ausscheiden des Direktors François Hemmer wirklich umgesetzt. Bruno Reidy erläutert:
«Nach der Annahme des neuen Gesetzes waren wir überzeugt, dass die deutschsprachigen Vorlesungen rasch eingeführt würden. Leider war dies nicht der Fall. Die Reorganisation des Unterrichts benötigte mehr Zeit, als wir gedacht hatten. Erst der neue Direktor Michel Rast hat daran wirklich etwas geändert».[11]
Während die Zweisprachigkeit heute selbstverständlich erscheint, handelte es sich Anfang der 200er-Jahre um ein schwieriges Thema. In einem am 19. September 2000 veröffentlichten Artikel erwähnt die Tageszeitung Le Temps das immer noch komplizierte Verhältnis Freiburgs zu seiner Zweisprachigkeit, was eine Erklärung für die langsame Umsetzung an der Ingenieurschule sein könnte:
«Die Kantonshauptstadt weigert sich trotz ihrer grossen deutschsprachigen Minderheit, sich in administrativer Hinsicht als zweisprachig zu betrachten. Die Geschichte und die Geografie der Stadt an der Saane machen sie zu einem idealen Ort für die Förderung der Zweisprachigkeit. Doch das Thema ist Tabu […] Als Erbe alter parteipolitischer, kultureller und religiöser Gräben bestehen in Freiburg immer noch Sprachen und soziale Schichten nebeneinander, ohne sich wirklich zu vermischen.»[12]
Auszug aus der Motion von Bruno Reidy vom 15. Februar 1989:
[…]
Im Reglement für das Technikum in Freiburg vom 19. Februar 1904, der einzigen gesetzlichen Grundlage, wird nicht von der Zweisprachigkeit gesprochen. Damals war es wohl einfach normal, dass der Unterricht auf Französisch war.
Seit dieser Zeit hat sich jedoch im Bereich der Bildung sehr viel geändert. Die Anforderungen an die Absolventen der Ingenieurschule wurden immer grösser.
Für einige Deutschfreiburger war der Besuch dieser Schule wegen des Erlernens der französischen Sprache von Interesse. Für die andern, die mit dem Erlernen der französischen Sprache Mühe hatten und die sich in erster Linie im fachlichen Bereich weiterbilden wollten, kam der Besuch dieser Schule nicht in Frage.
Die Schülerzahlen zeigen dies deutlich. Im Schuljahr 1986/87 haben im Kanton insgesamt 5929 Lehrlinge und Lehrtöchter einen beruflichen Unterricht besucht. 4138 waren französischer und 1791 waren deutscher Muttersprache. Dies macht einen deutschsprachigen Anteil von 30% aus. In den Lehrwerkstätten Freiburg waren in eben diesem Schuljahr 230 Schüler, davon waren nur gerade 16, also 7% deutscher Muttersprache.
Zum Vergleich der Anteil deutschsprachiger Schüler an einigen Schulen des Kantons im Schuljahr 1986/87: Mittelschule 27%, Lehrerseminar 32% und Diplommittelschule 19%. Diese Zahlen zeigen, dass die Deutschfreiburger ebenso an einer guten beruflichen Ausbildung interessiert sind wie die Französischsprachigen, wenn ihnen mit den entsprechenden Schulen das Angebot gemacht wird.
Die Tatsache, dass an der Ingenieurschule nur 10% der Studenten deutschsprachig sind, spricht für sich. Die Ingenieurschule und die Lehrwerkstätten sind im Moment zu wenig attraktive Schulen für die Deutschfreiburger.
Welche Auswirkungen hat dies auf Deutschfreiburg?
- Den Jugendlichen Deutschfreiburgs fehlt eine heute sehr wichtige Ausbildungsmöglichkeit.
- Wer diese Ausbildung ausserhalb des Kantons absolvieren will, muss sehr grosse finanzielle Opfer bringen […]
- Das Fehlen ausgebildeter Ingenieure ist für den deutschen Kantonsteil ein wirtschaftlicher Nachteil. Zumal sich in letzter Zeit in diesem Kantonsteil Industrien angesiedelt haben, die solche Arbeitsplätze anbieten.»
Entdecken Sie den Blog als PDF. Laufend aktualisiert mit den neusten Publikationen: https://125.hta-fr.ch/geschichte/
[1] La Liberté, 5. Juni 1989
[2] Ebd.
[3] La Liberté, 11. Mai 1989
[4] La Liberté, 31. Mai 1989
[6] La Liberté, 19. Mai 1989
[7] La Liberté, 26. Mai 1989
[8] La Liberté, 29. Mai 1989
[9] La Liberté, 31. Mai 1989
[10] La Liberté, 21. Mai 1989
[11] Gespräch mit Bruno Reidy, 15. Juni 2021
[12] Le Temps, 19. September 2000