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Shkelzen Gashi: «Nur das Maximum ist gut genug»
Hinter Shkelzen Gashi liegt ein schwieriges 2019: Weil der US-Klub Colorado Rapids im März entschied, auf die Dienste des albanisch-schweizerischen Stürmers zu verzichten, absolvierte er im ganzen Jahr weder ein Mannschaftstraining noch ein Spiel. Den bis Ende 2019 gültigen Vertrag aufzulösen und schon früher in die Schweiz zurückzukommen, wäre möglich gewesen, hätte aber den Verzicht auf über eine Million Franken Lohn bedeutet, da in Nordamerika die Spieler ihre Verträge mit der Liga abschliessen. So hielt sich Gashi fit für den (nicht eingetretenen) Fall, dass sich ein anderer US-Klub seine Dienste sichert. Der FC Aarau war bereit, bis Anfang 2020 auf Gashi zu warten. Im Trainingslager im türkischen Belek blickt Gashi im AZ-Interview auf das Abenteuer USA zurück und erklärt seine Rückkehr in die Challenge League.
Im März 2019 erfuhren Sie, dass die Colorado Rapids im letzten Vertragsjahr auf Sie verzichten. Wie war das für Sie?
In Amerika muss man mit allem rechnen. In den drei Jahren zuvor haben viele Teamkollegen das gleiche erlebt, von daher konnte ich mich auf den Moment einstellen. Du kannst heute ein super Spiel abliefern und morgen zu einem anderen Klub transferiert werden. Weil die Spieler ihre Verträge nicht mit den Klubs, sondern mit der Liga abschliessen, ist die Fluktuation innerhalb der Teams viel höher. 2016 kamen wir mit Colorado ins Conference-Final, ein riesen Erfolg, aber beim Trainingsstart vor der nächsten Saison sassen 15 neue Spieler in der Kabine. Das ist in Europa undenkbar, hier findet viel mehr Dialog zwischen Klubverantwortlichen und Spielern aus.
Scheint, als seien Fussballer in Amerika eine Ware, die herumgeschoben wird.
Es ist seit Jahrzehnten das System dort, entweder man kommt damit klar oder man lässt es bleiben. Die Klubs haben Unmengen Spieler zur Auswahl und zur Show gehört, dass ständig neue Figuren die Bühne betreten.
Wie schwer fiel es Ihnen, sich jeden Tag aufs Neue für das Einzeltraining zu motivieren im Wissen, dass am Wochenende Ihre Dienste nicht gefragt sind?
Ich versuche immer, die Dinge positiv zu sehen und zu schätzen, was ich habe. Der Gesamtkontext war doch, dass ich in meinem Traumland USA leben durfte, vorher drei Jahre lang erfolgreich spielte, top Trainer um mich herum hatte und spürte, dass meine Dienste als Fussballer bei anderen Vereinen noch gefragt sind. Der Vorteil war, dass das Training nur auf mich fokussiert war. Ich wollte einfach bereit sein für den Tag X, an dem ich bei einem neuen Klub beginne. Sie hätten ja auch komisch geschaut, wenn ich beim ersten Training in Aarau mit zehn Kilo Übergewicht aufgetaucht wäre (lacht).
Hatten Sie diese Selbstdisziplin schon immer?
Ja, aber in Amerika wird es einem noch mehr bewusst, auf seinen Körper zu achten. Der Körperkult ist enorm. Es ist beinahe egal, wie gut man gespielt hat, wenn der Body stimmt, bist du beliebt.
Wenn man ein Jahr lang kein Spiel und kein Mannschaftstraining bestritten hat – was müssen Sie neu erlernen, was können Sie noch?
Man darf die Vergangenheit nicht als Massstab nehmen und glauben, es laufe von Anfang an wieder wie in den besten Zeiten. Ich bin dank der Arbeit mit meinem privaten Trainerteam topfit. Aber den Spielrhythmus, die Laufwege, das Passspiel mit den Kollegen zu simulieren war unmöglich, da habe ich vor zwei Wochen beim Trainingsstart mit Aarau wieder bei Null begonnen.
Woher kommt eigentlich Ihr Faible für die USA?
Die Amerikaner denken gross, geben immer Vollgas, nichts ist unmöglich – genauso ticke ich auch. Das Maximum muss immer das Ziel sein.
War es also im Nachhinein ein Glücksfall, dass Sie im Herbst 2015 beim FC Basel ins Abseits gerieten?
Die vier Jahre in Amerika kann mir niemand mehr nehmen, die werden mich bis ans Lebensende prägen. Und ich finde auch nicht, dass ich Europa zu früh verlassen habe. Andere gehen nach Amerika, um sich zum Karriereende noch ein bisschen Applaus abzuholen, ich war 27, im besten Alter und sog einfach alles auf. Nun bin ich 31, gehöre also noch lange nicht zum alten Eisen und will mit dem FC Aarau unbedingt Erfolg haben.
Man sagt den Amerikanern Oberflächlichkeit nach, dort Freundschaften zu schliessen, wie wir sie kennen, sei praktisch unmöglich.
In meiner ersten Woche bei den Colorado Rapids habe ich zum Einstand die ganze Mannschaft zum Essen eingeladen. Es war ein lustiger Abend, aber am Tag danach kam kein Dankeschön, nichts. Ich glaubte, etwas falsch gemacht zu haben. «Das ist Amerika», sagte mir dann ein Teamkollege aus Deutschland, der schon länger dort war. Ich verstehe, dass die Spieler sich nicht wie hier auf ihre Teamkollegen einlassen, keiner weiss, ob er in der nächsten Woche noch dabei ist.
Haben Sie sich in den USA als Star gefühlt?
Zugegeben, als ich eines Tages durch Downtown Denver fuhr und an einem Hochhaus ein riesengrosses Gashi-Plakat hing, war das schon klasse. Nicht irgendwo, in Amerika! Oder als ich am Basketballspiel war, der Speaker mich mit den Worten «Gashi in the building» am Videowürfel präsentierte und die Zuschauer applaudierten. Das sind tolle Erlebnisse, aber in den USA zählt nur der Moment.
Wie schätzen Sie das fussballerische Niveau in den USA ein?
Einige Punkte erschweren den Aufstieg zur grossen Fussballnation: Der Unterschied zwischen den Top-Spielern und den weniger guten ist noch zu gross. Wegen der vielen Wechsel müssen sich die Spieler immer wieder neu eingewöhnen – und kaum sind sie angekommen, müssen sie wieder gehen. Nicht zu unterschätzen ist die Reiserei: Lange Flüge, oft von der Wärme in die Kälte, in andere Zeitzonen, all das erschwert es, Woche für Woche auf hohem Level zu spielen. Aber in Sachen Professionalität, Klubstrukturen, Trainingsinhalte habe ich nichts Besseres erlebt. Wie gesagt: Nur das Maximum ist gut genug.
Haben Sie in Amerika Ihren Horizont über den Fussball hinaus erweitert, sprich Ihr Leben nach der Karriere aufgegleist?
Solange ich diesen Beruf ausüben darf, gilt mein Fokus nur dem Fussball. Anderes hat keinen Platz. In den USA habe ich jeden Tag, jeden Moment aufgesogen, ich wollte nichts verpassen und habe nur in der Gegenwart gelebt. Das wird auch in Aarau so sein, ich habe jeden Tag das Ziel, mit dem FC Aarau erfolgreich zu sein.
Dann erklären Sie doch Ihre Rückkehr nach Aarau. Sie hatten auch Angebote aus der Super League.
Mein Instinkt war auf und neben dem Platz immer mein wichtigster Ratgeber. Und er sagt mir, der FC Aarau ist in meiner Situation der richtige Klub. Seit meinem Weggang 2012 habe ich viele Erfahrungen gesammelt, bin reifer geworden und möchte nun dem Klub helfen, so schnell wie möglich wieder in die Super League zu kommen. Da gehört der FC Aarau hin.
Viele ehemalige Spieler und Trainer sagen, sie können sich eine Rückkehr zum FC Aarau wegen der familiären Atmosphäre vorstellen. Galt das auch für Sie?
Wenn ich an die vielen Erlebnisse meiner Karriere zurückdenke, sind da wunderschöne Bilder aus Aarau. Ich erinnere mich an die Begeisterungsfähigkeit der Aargauer für ihren FCA, die Menschen im und um den Klub sind bodenständig und sehen nicht nur den Fussballer, sondern auch den Menschen.
Haben Sie sich nach Jahren in der Glitzerwelt des Fussballs nach mehr Geborgenheit gesehnt?
Mit zunehmendem Alter spielen Anerkennung, Nachhaltigkeit und das persönliche Wohlbefinden wichtigere Rollen bei der Klubsuche. Zu Beginn der Karriere zählen Erfolg, Aufstieg und der finanzielle Aspekt. In welchem Umfeld man da jeweils genau landet, darüber macht man sich keine grossen Gedanken. Ich geniesse viel mehr als früher, irgendwann ist der Traumjob Fussballer vorbei.
Gerade weil der FCA eine enttäuschende Vorrunde hinter sich hat, sind die Erwartungen in Sie riesig.
Ich tue alles, dass wir in den nächsten Jahren Erfolg haben. Das bin ich dem Verein und den Fans schuldig. Allein gewinnt man im Fussball bekanntlich kein Spiel, aber natürlich will ich so schnell wie möglich Tore schiessen und der Mannschaft helfen. Nach einem Jahr ohne Spielpraxis zu forcieren und eine Verletzung zu riskieren, wäre dumm. Darum Schritt für Schritt.
Sehen wir Sie beim Rückrundenstart am 25. Januar auf dem Platz?
Wenn der Trainer das Gefühl hat, ich sei bereit, umso schöner. Wenn nicht, kein Problem, ich muss mir kurzfristig kleine Ziele setzen: Das erste ist, die Vorbereitung verletzungsfrei zu überstehen. Irgendwann aber sollen die Leute ins Stadion kommen und denken: Wow, das ist der Gashi, den wir sehen wollen!