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upg. Linsey McGoey ist Professorin für Soziologie und Direktorin des Forschungszentrums für Wirtschaftssoziologie und Innovation an der Universität von Essex. Sie ist die Autorin von «No Such Thing as a Free Gift: The Gates Foundation and the Price of Philanthropy».
Das Trio Bill, Melinda und Warren
Bill Gates hat sich selber nicht verändert. Nur sein öffentliches Image hat sich verändert. Über sein persönliches Verhalten und sein Management der Gates Foundation wird immer kritischer berichtet. Die Frage ist, warum erst jetzt.
Seit Jahren wird die Gates-Stiftung von einem ungewöhnlich kleinen Kuratorium geleitet, das sich aus Bill, seiner getrennten Frau Melinda und dem milliardenschweren Investor Warren Buffett zusammensetzt.
Die Stiftung wurde im Jahr 2000 gegründet, indem zwei Wohltätigkeitsorganisationen von Bill und Melinda zusammengelegt wurden. 2006 kündigte Warren Buffett an, den grössten Teil seines Berkshire Hathaway-Vermögens der Organisation zukommen zu lassen, da er Bill und Melinda bei der Verwendung des Geldes für gute Zwecke vertraue.
Je mächtiger die Stiftung wurde, desto weniger schien jemand bereit zu sein, harte Fragen über ihre undurchsichtige Managementstruktur oder ihre Vorliebe für die Vergabe von Geldern an lukrative Pharma- und Kreditkartenunternehmen wie Mastercard zu stellen. Doch die Vergabe von Milliarden an reiche Unternehmen ist ein ungewöhnlicher und beunruhigender Präzedenzfall im philanthropischen Bereich.
Ich berichtete zum ersten Mal über dieses Muster der Geldvergabe an private Unternehmen, als ich 2015 für mein Buch «No Such Thing as a Free Gift: The Gates Foundation and the Price of Philanthropy» recherchierte. Im Buch vertrat ich die These, dass Milliardäre nicht die Lösung für die Probleme sind, die sie selber verursachen. Denn zu ihrem Vermögen kamen sie dank Steuervermeidung, dank im Vergleich zu Niedriglohnempfängern unmoralisch hohen Kaderlöhnen und dank unzureichender Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Ich formuliere es so: Bill Gates zu bitten, die Ungleichheit zu beseitigen, ist so, als würde man einen Brandstifter bitten, sein Haus mit dem Schlauch zu löschen, nachdem er es selber in Brand steckte. Philanthropen haben natürlich die finanziellen Mittel, um das Feuerwehrauto und den Wasserschlauch zu finanzieren. Aber das Geld erwirtschafteten sie, indem sie unsere Häuser verlottern liessen.
Die Kompetenz der Gates war zu lange ein Tabu
Erst 2019, als Enthüllungsjournalist Tim Schwab Interessenkonflikte in der Stiftung aufdeckte, begannen sich grosse Medien für die Kritik an der Gates-Stiftung zu interessieren.
Vorher herrschte meist Schweigen. So wie grosse Investmentbanken nach der Finanzkrise von 2008 als «zu gross, um zu scheitern» galten, waren Megastiftungen zu gross, um sie in Frage zu stellen. Vor allem in der Rezession nach 2008 war das Bedürfnis nach Wohltätigkeit ausgeprägter denn je. So schien es unhöflich, ja geradezu waghalsig zu fragen, ob die Gates› wirklich so viel wie behauptet davon verstehen, wie die Probleme der Welt zu lösen sind.
Anand Giridharadas hat in seinem 2018 erschienenen Buch «Winners Take All» für den marktorientierten, unternehmensfreundlichen Ansatz der Philanthropie einen neuen Begriff geprägt: «Das Universum des Markts». Er sieht darin ein falsches Vertrauen in die Fähigkeit der Märkte, Armut zu beseitigen. Denn tatsächlich werde der Rest von uns umso ärmer, je reicher die Investoren dank dem Markt werden.
Die beiden Gates leben in einem Universum des Marktes. Nach der angekündigten Scheidung bezeichneten Medien Melinda als «menschliche» Bremse gegenüber Bills technokratischem Ansatz für globale Gesundheit und Entwicklung. Aber ich glaube nicht, dass es einen grossen Unterschied zwischen ihnen gibt, wenn es darum geht, den Markt als Allheilmittel zu betrachten.
Der beste Beweis, den wir haben, ist die Erfolgsbilanz der Stiftung, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Die oberste Leitung einer Organisation ist für deren Strategie verantwortlich – und das schliesst Melinda ein. Wenn die Stiftung den reichsten Pharmaunternehmen steuerbegünstigte Zuschüsse zukommen lässt, die nicht rückzahlbar sind, und gleichzeitig ein globales Patentsystem verteidigt, das lebensrettende Medikamente sowohl in armen als auch in reichen Ländern unnötig teuer macht, tragen sowohl Bill als auch Melinda dafür die Verantwortung.
Im April letzten Jahres zog die Universität Oxford Berichten zufolge in Erwägung, einen Covid-19-Impfstoff, den einer ihrer Wissenschaftler entwickelt hatte, auf nicht exklusiver Basis anzubieten. Das hätte es Herstellern in der ganzen Welt ermöglicht, ihn billiger und in grösserem Umfang herzustellen. Doch dann, so berichtete Kaiser Health News, habe Oxford – auf Drängen der Bill & Melinda Gates Foundation – seine Haltung geändert. Die Universität unterzeichnete einen exklusiven Impfstoffvertrag mit AstraZeneca, der dem Pharmariesen die alleinigen Rechte einräumte. Ein Sprecher der Universität Oxford bestritt, dass es in dieser Angelegenheit Gespräche zwischen Oxford und der Gates-Stiftung gegeben habe.
Jedenfalls hat dieses Geschäft viele Menschen verblüfft. Es schien im Widerspruch zur erklärten Mission der Gates-Stiftung zu stehen, den weltweiten Zugang zu Medikamenten zu verbessern. Aber es war für diejenigen nicht überraschend, welchen schon lange aufgefallen ist, dass die Stiftung Big Pharma unterstützt. Kürzlich sagte Melinda Gates gegenüber der Times, dass Impfstoffhersteller wie Pfizer und AstraZeneca «einen kleinen Gewinn machen sollten, weil wir wollen, dass sie im Geschäft bleiben».
Was heisst dabei «klein». An die Oxford-Grundlagenforschung für den Impfstoff zahlte AstraZeneca nichts. Doch das Unternehmen erhielt jetzt die exklusiven Vertriebsrechte und kann mit dem von der Gates-Stiftung vermittelten Deal Milliarden verdienen.
Die beiden Gates scheinen mit Big Pharma am selben Strick zu ziehen und an den alten Irrtum zu glauben, dass Big Pharma «astronomische Preise verlangen müsse, um Forschung und Entwicklung zu finanzieren». Katie Porter, Demokratin im US-Repräsentantenhaus, erinnerte kürzlich daran, dass «der Betrag, den sie ausgeben, um den Markt zu manipulieren und um die Aktionäre zu bereichern, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung völlig in den Schatten stellt.»
Die Scheidung der Gates’ sollte uns lehren, dass die heutigen globalen Probleme nur mit Solidarität und mit einer gemeinsam genutzten Wissenschaft zu bewältigen sind.
Es ist langsam Zeit, mit den Ehrerbietungen gegenüber diesen Wohltätern aufzuhören.
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Dieser Beitrag erschien zuerst als Gastartikel in der «New York Times». Mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier auf Deutsch.
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No Such Thing as a Free Gift: The Gates Foundation and the Price of Philanthropy
Linsey McGoey discusses the book No Such Thing as a Free Gift: The Gates Foundation and the Price of Philanthropy with William Schambra and Pablo Eisenberg (2015)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.