Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03544.jsonl.gz/179

Nachdem ich zwei Jahre lang in eine katholische Knabenschule gegangen war, in welchem eine gute Note in der Schule mein grösstes Glück war, bestand ich die Aufnahmeprüfung an das kantonale Gymnasium. Berührungen mit dem anderen Geschlecht gab es seit der Primarschule kaum mehr.
Eine Ausnahme bildete ein Tanzabend, den unsere Klasse der Knabenschule mit einer Klasse der gleichnamigen Mädchenschule veranstaltet hatte, weil die Summe aller unserer Alter genau 700 ergab, was äusserst gut zum 700-jährigen Jubiläum der schweizerischen Eidgenossenschaft passte. Ich gehörte zu der Gruppe von Buben, die vorgaben, nichts mit Mädchen zu tun haben zu müssen, wir waren stolz, dass wir über dem Geschlechtstrieb anderer gleichaltriger standen. In meinem Innern flammte aber fast immer Liebe für irgendein Mädchen. Weil es aber während dieser zwei Jahren kaum Gelegenheiten gab, ausser vielleicht noch im Skilager, wo ich lieber mit ein paar anderen Jungen den ganzen Abend Karten gespielt habe, anstatt an den Abschlussabend des Skilagers zu gehen, weil ich davor Angst hatte, Angst, ich könnte mich verlieben oder noch schlimmer, dass sich ein Mädchen in mich verlieben könnte. Dieser Tanzabend mit der anderen Klasse war also dann die einzige Gelegenheit.
Abwechslungsweise war Damen- und Herrenwahl. Bei der Damenwahl wurde ich von einem beleibteren Mädchen zum Tanz aufgefordert. Obwohl sie mir nicht gefiel und ich auch ihren Körperduft nicht sehr mochte, war das doch mein erster Tanz seit der Primarschule. Ich fühle wie ihr Körper sich an den meinen schmiegte, ich spürte ihren Busen. Obwohl ich es mir warm ums Herz wurde, hatte ich gleichzeitig ein Gefühl der Abstossung.
Nach diesem Tanz stand ich mit ein paar anderen herum und diskutierte mit Patrick S. Zwei hübsche Mädchen standen schon eine Weile bei der Seitenwand des Gymnastik Raumes im Kellergewölbe der Schule nicht weit von uns. Wir sassen oder standen auf der Bühne, die etwa einen halben Meter höher stand, wo sich auch die Lautsprecher und die Musikanlagen befanden. Ich hätte so gerne mit einem dieser Mädchen getanzt. Das auf der linken Seite gefiel mir besonders gut. Später fand ich heraus, dass ihr Name Gabriela war. Ich hielt den innerlichen Druck nicht mehr aus. Das laufende Lied neigte sich dem Ende und da war diese sich anbietende Möglichkeit, die mich geradezu zwang und aufforderte, dieses Mädchen zum Tanz zu bitten. Ich schlug Patrick vor, dass wir uns ans Herz fassen und zu diesen Prinzessinnen hingehen sollten, um sie für das nächste Lied zum Tanz aufzufordern. Dieser Bund hatte seine gewünschte Wirkung. Da ich mich nun auch gegenüber meinem Freund verpflichtet habe, gab es nun keinen Ausweg mehr, ich musste dem Schicksal begegnen. Das Ende des Liedes war gekommen und in der darauf folgenden kurzen Stille wurden die Gespräche wieder hörbar.
Ein neues Lied wurde gespielt. Es war ein langsames Liebeslied, nun waren auch die letzten Zweifel aus meinem Herzen entwichen und wir beide standen auf und gingen langsam, aber bestimmt zu diesen zwei Mädchen hin, er zum rechten und ich zur Gabriela. Als ich sie fragte, ob sie mit mir tanzen wolle, lächelte sie unglaublich süss, so dass es mir heiss und kalt den Rücken hinunter fuhr. Mein Herz pochte stark und wohlige Wärme breitete sich in meinem ganzen Körper aus bis in die Fingerspitzen. Ich hätte gedacht, dass sie etwa so unwillig mit mir tanzen würde, wie ich es mit dem beleibten Mädchen von vorher tat. Ihr sonniges Lächeln aber liess kein Zweifel darüber, dass sie nichts gegen einen Tanz mit mir hatte.
Ganz eng hielt ich sie in meinem Armen und war überglücklich. Sanft drückte ich ihren Körper gegen den meinen. Ihre und meine Haut waren nur noch durch die dünnen Schichten der Kleider getrennt. Sie zog sich einfach, aber sehr hübsch an. Ein weisses Oberteil, das ihren Hals und auch ihr Dekolleté frei liess. Die kurzen Ärmel, die nur bis zur Hälfte des Oberarmes reichten, erlaubten die Bewunderung ihrer makellosen, weissen und weichen Armen, die sich jetzt meinem Hals anschmiegen und mich zärtlich berühren. Sie trug schwarze Hosen aus einem leichten und feinen Stoff.
Die Zeit stand still für mich, es kribbelte in meinem ganzen Körper. Ich schloss die Augen, um noch näher bei ihr zu sein, um noch zärtlicher sie in meinen Armen zu wiegen. Zwischendurch schaute ich ein paar Mal auf und sah zu meinem Freund hinüber, der mit dem anderen Mädchen tanzte. Ich lächelte selig zu ihm herüber. Hoffentlich geht dieser Tanz nie vorbei, hoffentlich hört das Lied nie auf! Immer noch in tiefer Versenkung vernahm ich plötzlich und mit Schrecken, dass das Lied vorbei war. Sie so zu umarmen hätte nun keine Legitimation mehr, obwohl sich mein Herz nichts sehnlicher gewünscht hätte. Ich versuchte das Loslassen soweit wie möglich noch hinauszuzögern, sie noch ein bisschen in meinen Armen zu halten in der Stille. In diesen eins oder zwei Sekunden trank ich nochmals ein paar volle Schlucke aus diesem Becher des Glücks und der Seligkeit. Dann liessen wir uns los und ich stand neben ihr, mit einem seligen Lächeln und einem ganz leichten Gefühl, also ob ich durch die Halle schweben würde. Meine Sehnsucht war für den Moment gestillt. Ich getraute mich nicht, mit ihr nochmals zu tanzen, denn dann wäre es ja offensichtlich geworden, dann wäre es mir peinlich geworden. Auf keinen Fall wollte ich, dass andere darüber zu tratschen anfangen würden. Ich hätte mich auch vor ihr geschämt, hätte sie herausgefunden, dass ich in sie verliebt war. Mein Freund und ich gingen wieder auf unsere Plätze. Ich fasste dann aber den Entschluss, dass ich mit ihr an diesem Abend noch einmal Tanzen möchte.
Ich weiss auch nicht, wieso ich so sehr Angst davor hatte, sie wissen zu lassen, dass ich sie gern hatte. Das fiel mir immer besonders schwer, vermutlich weil ich so sehr davor Angst hatte, abgewiesen zu werden. Wohl hätte es in vielen Fällen dazu geführt, dass das Wissen um meine Liebe, Liebe in all diesen anderen Herzen entzünden hätte können, doch ich konnte es einfach nicht zugeben.
Während des ganzen verbleibenden Abends, tanzte ein anderer mit Gabriela. Es war ein Klassenkamerad aus der Primarschule, der damals mein bester Freund war. Sie tanzten innig, eng umschlungen und ununterbrochen, so dass es mir, je länger dies andauerte, das Herz in der Brust umkehrte und ein dumpfer Schmerz sich in meinem ganzen Körper wellenartig ausbreitete. In oberflächlichen Gesprächen mit meinem Freund und ein paar anderen Kameraden versuchte ich mich von diesem bitteren Schmerz abzulenken, doch es gelang nicht. Immer wieder taste mein Blick die Tanzfläche ab und ein scharfer Blitz durchfuhr meine Glieder, wenn immer mein Blick an diesem verschmolzenen Paar hängen blieb. Es war scheusslich! Der Abend gab keine andere Chance mehr. Ich war sehr eifersüchtig und zutiefst gekränkt. Schon in der Primarschule, liebten wir das gleiche Mädchen, doch damals war das Schicksal auf meiner Seite.
Am nächsten Tag stand eine Reise in die welsche Schweiz auf dem Programm. Es wurde viel über den gestrigen Abend gesprochen. Ich horchte hin und der Schmerz war wieder klar und gegenwärtig, als ich den Namen Gabriela vernahm. Doch mein bester Freund aus der Primarschule, der mit ihr den ganzen Abend tanzte, sprach vor seinen Freunden, den erwachseneren und stärkeren Knaben, nicht sehr liebevoll von Gabriela, sondern sprach vor allem über ihres Äussere, dass sie eine sehr geile Frau sei usw. Das tat mir weh, denn ich liebte sie tief in meinem Herzen, es ging mir wirklich um sie ganz als Mensch, nicht nur um die wunderschöne Hülle, die sie zweifellos hatte.
Jener Abend bedeutete der Anfang einer Liebesbeziehung zwischen Marcel und einem anderen Mädchen derselben Klasse. Ich war sehr beeindruckt, denn für mich war so etwas ausgeschlossen, ja unmöglich. Sein Vater war der Dorfpolizist in einem Dorf nahe der Stadt in der wir zur Schule gingen. Auf dieser Reise sprach ich oft mit ihm, ich war sehr von ihm angezogen, denn für mich stand fest, dass etwas Magisches an ihm sein muss, da er es geschafft hat, als einziger, einen Schatz an diesem Abend zu finden. Doch ich fand nicht heraus, was es denn war. Ich wusste nur, dass ich dieses Etwas nicht hatte. Während des ganzen Tages war ich ziemlich wehmütig und litt unter Liebeskummer.
In der darauffolgenden Zeit sah ich Gabriela öfters auf meinem Heimweg. Sie wohnte auch auf dem Rosenberg. Obwohl sie eine unterschiedliche Route lief, überlappte mein Weg mit dem ihrem über eine längere Strecke. Wenn immer ich sie mit ihren Freundinnen sah, zog sich mein ganzes Inneres zusammen und ich verhinderte mit allen Kräften, dass sich unser Abstand zu stark verringerte, dass sie mich ansprechen könnte, würde sie sich unerwarteter Weise umdrehen. Einmal geschah es aber, dass wir uns trafen auf dem Weg. Sie lächelte mich an, ich wusste nicht, ob sie sich erinnern konnte, dass ich sie zum Tanzen aufgefordert hatte, was sie mit einem so süssen Lächeln beantwortet hatte. Ihr Lächeln war bei unserem Zusammentreffen aber so herzlich und warm wie damals am Tanzabend, so dass ich keinen Zweifel haben konnte, dass sie sich an mich sehr genau erinnerte.
Als ich dann in das kantonale Gymnasium übertrat, begann ein neues Kapitel. Ich sah Gabriela bis heute nicht wieder. Wenn ich aber an jenen Abend zurückdenke, wird es mir wieder warm ums Herz und ich hoffe dann, dass für sie dieser Tanz auch eine ganz besondere Bedeutung hatte.
(verfasst am 07. Juli 2003)