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Love Hurts
Kürzlich sass ich im Hawelka. Dort sitze ich immer, wenn ich in Wien bin. Es liegt nur ein paar Schritte vom Hotel Royal entfernt, wo ich immer übernachte. Die Loos American Bar ist um die Ecke, das Prückel nicht weit, und im Café Diglas an der Wollzeile gibt es ein schönes Wiener Schnitzel mit lauwarmem Erdäpfelsalat.
Anyway.
Da sass ich also im Hawelka. Zu später Stunde, kurz nach elf, an einem wackeligen Tischchen, vor mir ein Gösser, serviert von einem Kellner mit Fliege. Wäre ich Szene-Gastronom, würde ich in Zürich eine Replika des Hawelka nachbauen lassen. Wie im echten Café liefe auch in der Nachbildung keine Musik. Ausnahmslos nie.
(Es sei denn, es handle sich um das Werk «Four Minutes, Thirty Three Seconds» des amerikanischen Komponisten John Cage, bei dem während der gesamten Dauer des Stücks kein einziger Ton gespielt wird.)
Das Mobiliar stammte, wie im Original, aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Und es gäbe einen Tisch, der sich unter einem Berg von Zeitungen und Zeitschriften krümmte.
Man verpasst das beste Kino
Meistens lese ich den «Falter». Immer wieder, spähe ich diskret über den Zeitungsrand und schaue, wer sonst noch im Hawelka sitzt. Das mache ich in anderen Cafés genauso. Früher war ein solches Verhalten völlig normal: Man inspizierte den näheren Umkreis. Es galt sogar als schick, andere Menschen über den Zeitungsrand oder den Deckel eines Buchs hinaus zu beobachten. Schauspieler taten es, Schriftsteller sowieso. Heutzutage stürzen sich alle kopfüber in ihre Multimedia-Geräte. Niemand beobachtet mehr niemanden. Schade: Man verpasst das beste Kino.
Zum Beispiel die Szene mit dem jungen Paar am übernächsten Tisch, beide hübsch und adrett gekleidet, wie in einem Film von Eric Rohmer. Vielleicht kamen sie aus der Oper oder dem Theater, ich weiss es nicht und spekuliere nur. Sie waren in ein Gespräch vertieft, das sie flüsternd führten. Bald schon schien es mir wie ein Streit. Er redete beschwörend auf sie ein, die Wurst auf seinem Teller rührte er nicht an. Sie legte die Hand auf seinen Arm, er zog ihn weg. Aus den Bewegungen ihrer Lippen schloss ich, dass sie geduldig zu ihm sprach. Bemüht, ihn zu besänftigen, während er stumm und abgekämpft ins Leere starrte. Manchmal schüttelte er matt den Kopf.
Irgendwann gaben beide auf. Und schwiegen so unerbittlich, dass sich der Kellner nach ihrem Befinden erkundigte. Als der junge Mann zur Garderobe ging, um seinen Mantel vom Haken zu nehmen, blieb die Frau sitzen. Er zögerte einen Augenblick, wartete vergeblich, dass sie den Kopf nach ihm hob, dann verliess er das Lokal.
Traurig, aber wahr.
Ein prosaisches Ende
Ich seufzte ergriffen, legte die Zeitung zur Seite und bestellte ein neues Bier. Natürlich hätte man sich an dieser Stelle etwas Musik gewünscht. Ausnahmsweise. Einen knisternden Song aus dem Bauch einer magisch leuchtenden Jukebox. Ein passendes Lied wie «Love Hurts», natürlich in der Version von Gram Parsons, gesungen im Duett mit Emmylou Harris.
Doch die Wirklichkeit hat sich ein prosaisches Ende für diese Geschichte ausgedacht, das hier schnell und mit einem einzigen Satz erzählt sei: Kaum hatte der junge Mann das Hawelka verlassen und war in der frostigen Wiener Nacht verschwunden, griff die Frau nach Messer und Gabel, entfaltete die Serviette auf ihrem Schoss und verspies mit gesegnetem Appetit die Wurst, die ihr Freund in seinem unermesslichen Kummer nicht angerührt hatte.