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Arbeitskraft Pedro Lenz
Es habe recht lange gedauert, bis ihr pensionierter Vater sich im Internet zurechtgefunden habe, erzählte einmal eine Bekannte. Der Mann sei Handwerker gewesen und habe beruflich nie mit Computern zu tun gehabt. Als er dann in Rente gehen durfte, begann er sich schrittweise der Online-Welt anzunähern. Anfangs sei es noch oft vorgekommen, dass der Vater seine Tochter angerufen habe, um nachzufragen, ob sie seine E-Mail erhalten habe. Er brauche nicht jedes Mal anzurufen, erklärte ihm die Tochter geduldig, das Mail-Programm informiere ihn bestimmt, wenn etwas mit der Zustellung nicht klappe.
Nach einigen Jahren fühlte sich der ältere Herr im Netz einigermassen heimisch. Er las im Internet den Eisenbahnfahrplan. Er informierte sich auf Online-Portalen über das Weltgeschehen, und hin und wieder druckte er sich eine Bastelanleitung aus. Das alles hielt ihn freilich nicht davon ab, seinen Rentneralltag im gewohnten Rahmen weiterzuführen. Am Morgen verliess er jeweils beizeiten die kleine Wohnung am Dorfrand. Im Ortskern erledigte er die Einkäufe, die ihm seine Frau aufgetragen hatte. Im Tea-Room der Bäckerei trank er seinen Kaffee. Und von Zeit zu Zeit ging er zur Bank, um dort einen grösseren Geldbetrag abzuheben. Der Besuch am Bankschalter war immer eine willkommene Gelegenheit für einen kleinen Schwatz mit dem Schalterbeamten, den er seit vielen Jahren kannte und dessen scharfes Urteil er sehr schätzte. Mit dem abgehobenen Geldbetrag überquerte der Mann anschliessend die Hauptstrasse, um in der nahegelegen Postfiliale seine Einzahlungen zu machen.
Genau wie am Bankschalter schätzte der Mann auch den persönlichen Kontakt am Postschalter. Wie es seiner Frau gehe, fragte die Postangestellte zuweilen. Und weil es der Frau zwar gesundheitlich nicht so gut ging, der Mann aber gleichzeitig wusste, dass noch andere Kunden ihre Geschäfte erledigen mussten, gab er jeweils eine knappe, aber genaue Antwort. «Sie hat noch immer einen bösen Rücken. Doch dank der Physiotherapie geht es einigermassen», sagte er zum Beispiel, bevor er sein gelbes Quittungsbüchlein abstempeln liess. «Haben Sie den Gesamtbetrag zusammengezählt?», fragte dann die Frau vom Postschalter. Und wenn sein Betrag mit ihrem Betrag übereinstimmte, freuten sich beide, und der alte Mann hob den Hut und wünschte der Frau am Schalter einen wunderbaren Tag.
Irgendwann ging der kurze Dialog am Postschalter aber unverhofft weiter. Der Mann war schon im Begriff gewesen, die Poststelle zu verlassen, als ihn die freundliche Postangestellte fragte, ob er eigentlich auch einen Internetanschluss habe. Jawohl, das habe er, antwortete der Mann nicht ohne Stolz. Er sei fast täglich online, und falls sie etwas aus dem Internet wissen müsse, könne er es gerne für sie nachschauen.
Nein, sagte die freundliche Frau am Schalter, sie frage nicht deswegen. Sie habe ihn nur darauf aufmerksam machen wollen, dass er seine gesamten Einzahlungen auf sehr bequeme und sichere Art zu Hause am Computer erledigen könne. Sie würde ihm gerne eine entsprechende Informationsbroschüre mitgeben, darin sei alles einfach und genau beschrieben. Der Mann winkte lachend ab, das sei wohl lieb gemeint, sagt er, trotzdem brauche er diese Broschüre nicht. Er sei ja noch recht gut zu Fuss und es mache ihm wirklich nichts aus, die Einzahlungen am Schalter zu erledigen. Im Gegenteil, es sei für ihn eine Freude, auf die Post zu gehen.
Später habe er seiner Tochter eine lange E-Mail geschrieben, in der er ihr davon berichtete, wie erstaunt er gewesen sei, mit welcher Hartnäckigkeit ihn die Frau vom Postschalter von den Vorzügen des elektronischen Zahlungsverkehrs habe überzeugen wollen. «Stell dir vor!», soll der Mann geschrieben haben, «die Frau muss ihre eigenen Kunden dazu überreden, ihre Dienstleistung nicht mehr in Anspruch zu nehmen. Offenbar hat sie den Auftrag, mit geduldiger Liebenswürdigkeit an der Abschaffung ihrer Arbeitsstelle zu arbeiten.»
Dieser Vater einer Bekannten wollte mir einfallen, als ich neulich im Supermarkt von einer freundlichen Mitarbeiterin auf die Vorzüge der neuen Selbstbedienungskassen aufmerksam gemacht wurde. Sie erklärte mir das Lesegerät, das sämtliche Produkte erfasst und automatisch zusammenzählt. Es sei kinderleicht, betonte sie mit so viel Nachdruck, dass ich mich nicht einzuwenden traute, die Waren nach dem herkömmlichen Brauch auf das Band zu legen, sei ebenfalls kinderleicht und ausserdem praktischer. Noch so eine freundliche Dame, die mit einem Lächeln im Gesicht um die Liquidation ihres Arbeitsplatzes kämpft, ging es mir durch den müden Kopf, während ich gehorsam ihren Anweisungen folgte und jeden Gegenstand sorgfältig einscannte.
Doch als ich bemerkte, wie viele Angestellte um die neuen Selbstbedienungskassen postiert waren, um zu überprüfen, dass die Kunden auch wirklich alles gewissenhaft einlesen, war ich einigermassen beruhigt. Diese vielen Kassiererinnen schaffen zwar ihre Arbeitsstellen an der Kasse ab, dachte ich, doch wenigstens haben sie beste Aussichten, als Detektivinnen weiterbeschäftigt zu werden.