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Fenster in die Welt – Sandro Zanetti über Emily Dickinsons Gedichte
Gedichte lesen, das klingt für viele nicht besonders aufregend. Für mich ist die Lektüre von Gedichten die intensivste Art von Bildung, die ich kenne. Gedichte sind im besten Fall Augenöffner. Auf meist knappem Raum öffnen sie Fenster und Türen in die Welt, in die Sprache, ins Leben. Obwohl sie, verglichen mit Romanen, meist kurz sind, brauchen sie Zeit. Wenn man tagein, tagaus aus beruflichen Gründen viel liest, und nicht immer zum Vergnügen, ist freie Lesezeit ein knappes Gut. Lesezeit ist, wie jede andere Zeit auch, Lebenszeit. Also ziehe ich es vor, in dieser freien Zeit möglichst nichts zu lesen, was eine bestimmte Lektüreffizienz nahelegt (Rechnungen, Formulare, Protokolle, Prüfungsarbeiten etc.).
Seit einigen Jahren lese ich in meiner Freizeit die Gedichte von Emily Dickinson (1830–1886). Vor zwei Jahren erschien im Hanser Verlag eine hervorragende zweisprachige Ausgabe: Emily Dickinson, «Sämtliche Gedichte», übersetzt von Gunhild Kübler.
Als Dickinson ihre Gedichte schrieb, war sie unbekannt. Nur rund zehn der heute bekannten 1800 Gedichte wurden zu Lebzeiten veröffentlicht. Ihr Ruhm setzte erst posthum ein. Genauso gut könnte man sagen: Sie war ihrer Zeit voraus. Fast gänzlich abgeschieden lebte sie bis zu ihrem Tod im Elternhaus in der Kleinstadt Amherst (Massachusetts). Sie schrieb für sich, für die Schublade – und aus heutiger Sicht: für alle und niemanden. Heute ist Dickinson kein Geheimtipp mehr. Oder wer es eindeutig mag: Emily Dickinson ist die bedeutendste amerikanische Dichterin der Moderne. Doch was ist das Besondere an ihren Gedichten?
In einem der Gedichte ist das Prinzip vermerkt, nachdem das Ich dieser Dichtung sich sprachlich eingerichtet hat:
I dwell in Possibility –
A fairer House than Prose –
More numerous of Windows –
Superior – for Doors –
Kübler übersetzt:
Ich wohne in der Möglichkeit –
Und nicht im Prosahaus –
Sie ist an Fenstern reicher –
Hat Türen – übergross –
Da sind sie nun, wörtlich, die Fenster und Türen. Die vielen Gedankenstriche und die ungewöhnlichen Grossschreibungen, manchmal auch von Adjektiven, sind typisch für Dickinson. Es ist, als ob die Wörter selber Figuren wären. Greifbar. Dazwischen viel Weiss – eine geläufige Definition von Lyrik übrigens. Und eben die Gedankenstriche. Das ist auch ein Bild für eine mögliche Haltung zur Welt: Erkennen, dass alles Einzelne Möglichkeiten bereithält, die unabgeschlossen sind. Deshalb die Gedankenstriche. Deshalb die Türen und Fenster. Ohne sie geht nichts. Passiert nichts. Gibt es kein Leben. Ein Buch fürs Leben also? Ja, genau. Und fürs Lesen.
Sandro Zanetti ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der UZH.
Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte, zweisprachig, übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler, Hanser Verlag, München 2015
Lob der Unvollkommenheit – Isabel Klusman über Rita Levi-Montalcinis Autobiografie
Die Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini, Tochter eines Ingenieurs und einer begnadeten Malerin, wurde Anfang des letzten Jahrhunderts in Turin geboren. Ihre Autobiografie «In Praise of Imperfection: My Life and Work» gibt faszinierende Einblicke in ihr Leben. Levi-Montalcini wuchs zusammen mit ihren drei Geschwistern in einem kulturellen und intellektuellen Umfeld auf. Der Tod ihrer Gouvernante regte Rita dazu an, Medizin zu studieren – trotz des Widerstands ihres Vaters. Wie in jener Zeit üblich, war dieser davon überzeugt, dass eine Berufskarriere den Aufgaben einer Ehefrau und Mutter im Weg stehen würde: Frauen sollten heiraten, Kinder bekommen und ihren Mann unterstützen.
Rita gab sich aber eifrig dem Studium hin. Sport interessierte sie nicht, sie hatte nur wenige Freundschaften mit Mädchen ihres Alters, und Männer und Heirat waren für sie kein Thema. Nach Erhalt des MedizinDiploms mit Summa cum laude entschied sie sich 1936 dafür, sich in Neurologie und Psychiatrie zu spezialisieren. Da es Levi-Montalcini aufgrund des von Mussolini erlassenen «Manifesto per la Difesa della Razza» als Jüdin verboten war, einen akademischen Beruf auszuüben, widmete sie sich ganz der Grundlagenforschung. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien kehrte sie 1940 nach einem Aufenthalt in Brüssel nach Turin zurück. Als sie ihre Familie dazu entschied, in Italien zu bleiben und nicht in die Vereinigten Staaten zu flüchten, richtete Rita in ihrem Schlafzimmer ein kleines «Labor» ein. Inspiriert von einer Publikation von Viktor Hamburger über die Auswirkungen der Zerstörung von Gliedmassen bei Hühnerembryos besorgte sie sich Eier von den Bauernhöfen in der Umgebung und beobachtete unter dem Mikroskop in ihrem Schlafzimmer-Labor die Entwicklung des Nervensystems der Embryos.
Die Fortsetzung dieser Untersuchungen in den USA führte 1952 zur Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors Nerve Growth Factor (NGF), der für das Wachstum und die Ausbreitung von Nervenzellen verantwortlich ist. Für diese Entdeckung erhielt Rita Levi-Montalcini 1986 zusammen mit Stanley Cohen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Sie war die vierte Frau, die mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Rita Levi-Montalcini widmete ihr Leben der Wissenschaft, sie blieb ledig und hatte keine Kinder. Die Autobiografie dieser faszinierenden und eleganten Frau, die auch im hohen Alter noch in Highheels Vorträge hielt, ist ein inspirierendes Werk auch für NichtNaturwissenschaftlerinnen. Schade, dass dieses Buch, das ursprünglich auf Italienisch geschrieben wurde, vergriffen ist.
Isabel Klusman ist Leiterin des Zoologischen Museums der Universität Zürich.
Rita Levi-Montalcini: In Praise of Imperfection: My Life and Work; Verlag Basic Books (AZ), 1989, 256 Seiten.
Denkspiele vom Reissbrett – Hans-Johann Glock über Walter R. Fuchs' «Denkspiele»
Mit vierzehn hatte ich den Ehrgeiz, ein berühmter Physiker zu werden. Vor diesem zum Scheitern verurteilten Unterfangen bewahrte mich ausgerechnet ein promovierter Physiker. Ich habe bereits die Einführungen in die moderne Physik, Chemie und Elektronik von Walter R. Fuchs mit Begeisterung verschlungen und hätte auch für eine von ihm verfasste Einführung in die moderne Unkrautvertilgung unbesehen mein Taschengeld geopfert. Da fielen mir eher zufällig Fuchs’ «Denkspiele vom Reissbrett» in die Hände. Das Buch propagiert und praktiziert auf die allerschönste Weise die analytische Philosophie. Fuchs charakterisiert sie undogmatisch und bescheiden als «eine recht vernünftige und für die Bedürfnisse einer von Naturwissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft ganz nützliche Art des Philosophierens».
Philosophen sind für Fuchs weder Lebenskünstler noch Platitüdenschmiede oder Erbauungsliteraten, sondern «professionelle Nachdenker». Es geht ihnen darum, fundamentale Fragen erst einmal zu klären und zu präzisieren, um sie einer sinnvollen Untersuchung überhaupt zugänglich zu machen. Die Tätigkeit des Philosophierens wird in Fuchs’ Buch auch im wörtlichen Sinn illustriert. Denn ausser durch hilfreiche Zusammenfassungen am Rand sticht das Design auch durch herrliche Abbildungen hervor, viele davon aus der Feder des Autors. Die Darstellungen von Hempels Paradox der Bestätigung und von Poppers Falsifikationismus mit Hilfe des Raben Kuno bleiben mir ebenso unvergesslich wie der Cartoon, in dem sich der Skeptiker Gorgias bei der Behauptung «Es gibt nichts» schrittweise auf eine zerplatzende Denkblase reduziert.
Fuchs liefert schmerzfreie, aber keineswegs einsichtsarme Einführungen in formale Logik, Definitionslehre, Begriffsanalyse und Wissenschaftstheorie. Ausserdem finden sich erhellende Exkursionen unter anderem zur Geschichte von Empirismus, Rationalismus und Idealismus sowie zur Verknüpfung von Kosmologie und wissenschaftlicher Philosophie. Wie viele gute Bücher wirft auch «Denkspiele» mehr Fragen auf, als es beantwortet. Ausserdem ist es ein willkommener Wegweiser auf originellere und tiefschürfendere Werke wie Kants «Prolegomena» und Wittgensteins «Tractatus».
Fuchs macht keinen Hehl daraus, dass sein intellektuelles Vorbild Rudolf Carnap ist, der bedeutendste unter den berühmt-berüchtigten Logischen Positivisten. Nun durchleben wir gerade eine Periode, die geprägt ist durch rechtspopulischtische Lügen, ideologisch untermauert von «postfaktischem» Schwachsinn. Da kommt der Positivismus mit seinem Respekt für Tatsachen und argumentative Stringenz als Korrektiv gerade recht, besonders wenn er so intelligent und witzig vorgetragen wird wie in den «Denkspielen».
Hans-Johann Glock ist Professor für Theoretische Philosophie an der UZH.
Walter R. Fuchs: Denkspiele vom Reissbrett: eine Einführung in die moderne Philosophie, München/ Zürich 1972
Nabakovs Puschkin – Denise Schmid über Nabakov und Puschkins «Eugen Onegin»
Während meines Geschichts- und Anglistikstudiums an der UZH in den 1990er Jahren entdeckte ich den russisch-amerikanischen Autor Vladimir Nabokov. Seine raffinierte Sprache, seine Verwirrspiele und der hintergründige Humor zogen mich in ihren Bann. Ich las alles von und über Nabokov. Dabei lernte ich, dass er sich lange mit Alexander Puschkins Versroman «Eugen Onegin» befasst hatte. Er übersetzte das schmale russische Buch ins Englische und fügte dem 200-Seiten-Roman einen detailversessenen rund 1000-seitigen Anmerkungsapparat hinzu. Nabokovs Ansicht nach zusammen mit «Lolita» das Wichtigste, was er in seinem Leben geschrieben hat.
Als Nabokov-Groupie musste ich folglich auch «Eugen Onegin» lesen und war fasziniert von der Geschichte über einen gelangweilten russischen Adligen des 19. Jahrhunderts. Das Buch handelt von zwei Menschen, die sich lieben, aber nicht zur selben Zeit. Erst liebt die junge Tatjana den älteren Onegin, er aber weist sie zurück. Jahre später ist sie zur Frau gereift, sie sehen sich wieder, nun erkennt er, dass er sie liebt, doch es ist zu spät. Nun weist sie ihn ab. Tatjana ist mittlerweile verheiratet und will die Konventionen nicht brechen – eine Geschichte voller Schmerz, Sehnsucht und Poesie, ausserdem ein raffinierter Spiegel der damaligen russischen Gesellschaft.
Ich bin ein Opernfan und den «Onegin» gibt es auch als Oper von Tschaikowski. Von 2010 bis 2012 schrieb ich mit an einem Buch über das Opernhaus Zürich in der Ära Pereira. Da kam mir die Idee, ich könnte auf der Basis der Onegin-Geschichte einen Roman verfassen, der in der heutigen Zeit im Opernumfeld spielt. Ich steckte viel Freizeit in das Projekt, feilte an meinem Schreibstil, realisierte, wie man eine Figur entwickelt, und vieles mehr. Aber am Ende musste ich einsehen, dass der Versuch sich nicht zur Publikation eignete. Es blieb ein Lehrstück.
Während ich mich noch am Roman versuchte, traf ich die über neunzigjährige Ruth Gattiker, eine der ersten Professorinnen für Medizin an der UZH. Unbeirrt von Konventionen ging sie ihren Weg, setzte sie sich durch, machte Karriere – genügend Stoff für ein Buch. Ich schlug ihr vor, ihre Biografie zu schreiben und dazu ein Stück Medizingeschichte aufzuarbeiten. Das Schreiben ging mir leicht von der Hand; die Romanübung hatte Wunder gewirkt. 2016 ist die Biografie erschienen. Durch das Buch bin ich in Kontakt mit dem Verlag «Hier und Jetzt» gekommen. Dieser fragte mich letztes Jahr an, ob ich als Partnerin einsteigen wollte. So bin ich über die Bewunderung für Nabokov und Puschkins «Eugen Onegin» am Ende Verlegerin für historische Sachbücher geworden.
Denise Schmid ist Verlegerin bei Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, sowie Co-Präsidentin von UZH Alumni.
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