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Anno 1955 schlug der Film «Ich denke oft an Piroschka» in den deutschen Kinos ein und machte den Namen der Bahnstation «Hódmez?vásárhely-Kutasipuszta» – ein reinstes Phantasieprodukt – zum unentbehrlichen Bestandteil allgemeiner Bildung. Die schöne und temperamentvolle Liselotte Pulver erwies sich als wahre Wegweiserin: sie führte die Bürger des Wirtschaftswunderlandes Deutschland in ein verlorenes Paradies, in eine Zeit der ursprünglichen Intimität zurück. Dabei war das real existierende Ungarn alles anderes als eine Insel der Seligen. Geplagt von zwei Weltkriegen, autoritären Machtstrukturen und Fremdbestimmung, künstlich isoliert von dem Teil Europas, mit dem es sich kulturell identisch fühlte, schleppte sich das Land von einem Tag zum nächsten.
Das bildhübsche, feurige Dorfmädchen gehört ebenso zum klischeehaften Ungarnbild wie früher der Tschikosch, die Puszta, der Husar, die Zigeunermusik und später der Gulaschkommunismus oder gar «die fröhlichste Baracke im Lager». Innerlich lehnen die Ungarn diese Schablonen ab, ohne sie ständig widerlegen zu wollen – denn schliesslich sind sie vorwiegend positiv und locken die Besucher an das Donauufer, was für dieses Land ohne grosse Rohstoffreserven eine unentbehrliche Einkommensquelle bedeutet. Sieht nun der westliche Tourist auf der legendären Puszta Hortobágy einen echt wirkenden Tschikosch mit der Hetzpeitsche in der Hand, dann kann er nicht völlig ausschliessen, dass es sich dabei um einen Philosophiestudenten von der Universität Debrecen handelt, der in den Sommerferien auf diese Weise sein Geld für eine Mallorcareise zusammenbringt.
Zum Eigenbild der Nation gehört vor allem das als Reflex der Geschichte vererbte tragische Pathos, das Gefühl des Alleinseins unter den Völkern, wie es für viele kleine Länder zwischen Ost und West typisch war. Bei uns kommt noch die sprachliche Isolierung hinzu; Magyarisch zu lernen ist für Ausländer in der Tat keine einfache Beschäftigung. Friedrich Dürrenmatt hat den Spruch geprägt: «Die zwei schwierigsten Sprachen sind die Baskische und die Ungarische: die letztere ist jedoch so schwer, dass nicht einmal die Basken sie verstehen können.» Die historische Einsamkeit schuf die Legende, der gemäss der einzige Bruder des Ungarns der Finne sei und nur mit dem Polen könne er als Freund rechnen. Die tausendjährige Geschichte erscheint zumeist als eine verhängnisvolle Kette von Katastrophen, die als Strafe des Schöpfers über uns gekommen seien. So steht es in der Nationalhymne, die alle Ungarn – inklusive des Autors – zumindest einmal im Jahr, in den ersten Minuten jedes Neujahrs, im Chor singen. Und dieser Herr im Himmel ist kein anderer als «der Gott der Magyaren» – in der Bezeichnung selbst steckt womöglich ein Rest unseres vorchristlichen Heidentums.
So viel Trauer kann selbstverständlich kein Mensch, geschweige denn ein Volk ertragen. Die eigenen pessimistischen Klischees werden immer wieder durch optimistische korrigiert. So verkündet das Nationalbewusstsein mit Stolz Ereignisse, derentwegen uns Europa oder die ganze Welt bewundert hat: 1456, als der Feldherr János Hunyadi die Türken von Belgrad vertrieb, 1848/49, als das Land bis zuletzt die Fahne der europäischen Revolution hochhielt, oder Oktober 1956, als der Volksaufstand die kommunistische Diktatur kurzzeitig stürzte. Obwohl all diese Ereignisse einen tragischen Ausgang nahmen, führten sie mit dazu, dass sich in die tiefste Verzweiflung jederzeit ein Stück Hoffnung schlich. Im Alltag hiess es: «Der Magyar belustigt sich weinend.» Weinend, aber nie ohne Wein. Die ungarische Trinkkultur war ein Ausdruck trotziger Lebenslust. In kaum einer anderen Dichtung wird so viel und leidenschaftlich gezecht. Der Nationallyriker Sándor Pet o´´ fi (1823–1849), der laut Zeitzeugen ein notorisch nüchterner Mensch war, schuf eine Reihe von Weinliedern und verewigte in volkstümlichen Versen die Csárda, die einfache Dorfkneipe.
Pet o´´ fi hat zu dem Eigenbild der Ungarnebensoviel beigetragen wie zu ihrem Image in der Aussenwelt, zumindest im 19. Jahrhundert. In dem charmanten Volksepos «Held János» rettet der Bauernjunge «Jancsi vom Maisfeld», der sich dem Husarenregiment angeschlossen hat, in einer Schlacht die französische Königstochter vor dem türkischen Sultan. Die Prinzessin verliebt sich in den jungen Helden, János jedoch bleibt ewig dem Bauernmädchen Juliska treu. Selbstverständlich geht es hier in heiterer Märchenform um die historische Illusion der Ungarn und anderer osteuropäischer Völker, die ihr Land als Stütze der westlichen Zivilisation betrachteten und fest davon überzeugt waren, dass Europa für diese Leistung dankbar sein würde.
Dieses Motiv erklingt zum erstenmal bei einem Vorläufer von Petofi, dem Satiriker János Garay (1812–1853). Dieser schuf die ungarische Version von Plautus’ «Miles Gloriosus» (Der glorreiche Hauptmann). In seiner Perle «Der Abschiedler» erzählt der Haudegen János Háry über seine tapferen Taten im Krieg gegen Napoleon. Seine Zuhörer sind Bauernburschen, und das naive Publikum sitzt, selbstverständlich in der Csárda, «vergnügt beim vollen Glas». Dieser andere Held János soll nach einem Sieg über die Grande Armee den Kaiser der Franzosen, Napoleon, gefangen genommen haben. Als er ihn zu seinem Leutnant bringen wollte, erschien auf der Landstrasse plötzlich eine Kutsche:
Und einer noblen Dame ward ich darin gewahr, Mit Gold und Diamanten ihr Kleid beschweret war. / Und als sie uns erblickte – O Jesus Maria! Rief – denn sie selber war es – Maria Luisa.
So muss ich grossen Kaiser, Napoleon, dich sehn? Dich, meinen Herrn, gefangen! Rief sie mit bangem Flehn. / Und du, der du ihn führest, sag an, wie man dich nennt? / Mein Nam’ ist Johann Háry, zu dienen, Sapperment!
Hör’, was ich jetzt dir sage, mein wackrer Held – so rief / Nunmehr die noble Dame und sah ins Aug’ mir tief, / Die Heldentat, die eben du hier vollbracht, wie nie / Noch je ein Ungar, reichlich belohnt soll werden sie.
Dafern du frei ihn lässest, wir geben unser Wort, Dass wir in Tod und Leben die Deine sind hinfort. (…) Für eine schöne Dame, ein schönes Mädchen springt / Der wahre Held durchs Feuer, und wenn die Höll’ ihm winkt. / Mein Nam’ ist Johann Háry aus fernem Ungarland Sitzt auf mit Gott, Herr Kaiser, hier habt Ihr meine Hand.
Hier wird in scherzhafter Weise noch ein Klischee geschaffen: das Bild des über alles galanten und grosszügigen Magyaren, der keiner Dame widerstehen kann – und offensichtlich den sicheren Schlüssel zu ihrem Herzen besitzt. Für den deutschen Leser muss noch bemerkt werden, dass Garay, um den satirischen Effekt zu steigern, sein Poem direkt im Versmass des Nibelungenliedes verfasste. (János Háry ist übrigens durch das wunderschöne Singspiel von Zoltán Kodály der Welt bekannt geworden.)
Nicht nur in der Dichtung, sondern auch im nationalen Bewusstsein der Ungarn wird das besagte tragische Pathos durch eine ruhige, ironische Skepsis ergänzt. Ungarn neigen dazu, scheinbar komplizierte Zusammenhänge durch eine knappe Formel auf den Punkt zu bringen. Das einfache Volk verlieh seiner Staatsverdrossenheit bereits im 19. Jahrhundert den klugen Ausdruck: «Politik ist Herrenschlauheit». Als ein Jurist im historischen Jahr 1989 von Journalisten gefragt wurde, was in der neuen Verfassung der Republik aus der alten, kommunistischen übernommen würde, antwortete er trocken: «Die Hauptstadt des Landes ist Budapest.» Schliesslich schlug 1990, mitten in der europäischen Begeisterung, Péter Esterházy vor: Jeder, der das Wort Europa in den Mund nimmt, sollte einen Forint in die Staatskasse einzahlen.
Aber zurück zu den ausländischen Klischees. Ich glaube, was die Völker voneinander denken, ist meistens eine Projektion der eigenen Seelenwelt. Wenn alle bereit wären, ihre Fremdbilder in ironische Anführungszeichen zu setzen, hätten sie gemeinsam ein grosses europäisches Märchen schaffen können. Ein Märchen etwa über Piroschka, die übrigens mit dem Grimmschen Rotkäppchen identisch ist.