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Nachdem ich fast 30 Jahre nicht mehr in Nizza gewesen bin, verbrachte ich das erste Augustwochenende in der südfranzösischen Stadt am Mittelmeer. Ein Freund von mir hatte die Stadt auserkoren, für vier Wochen Stätte seiner Weiterbildung in Französisch zu sein. Und ich habe mich spontan, nachdem ich von der Idee hörte, dazu entschieden ihn dort zu besuchen.
Natürlich schmiedete ich diesen Plan lange vor dem unsäglichen und menschenverachtenden Attentat vom 14. Juli, und auch danach ist mir sofort klar, dass ich dennoch nach Nizza reisen werde. Was ich dann jedoch dort erlebte, zumindest in der Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung meines Geistes, davon möchte ich an dieser Stelle gerne Zeugnis abgeben. Zum einen war ich überrascht von der unkontrollierbaren Durchlässigkeit meines Geistes, zum anderen erstaunt darüber, wie klein und eingeschränkt sich mein intellektuelles Bewusstsein die Tage in Nizza zeigte. Doch eins nach dem andern.
Schon in der Abflughalle auf dem Flughafen in Basel machen sich meine Gedanken selbständig. Auch wenn die Ablenkung durch interessante Mitreisende oder die lokale Zeitungslektüre gegeben ist, stellt mein beschäftigter Geist zunächst einmal ganz nüchtern fest, dass sich auch in einem Handgepäck etwas verbergen lässt, das auch mir zur Gefahr werden kann. Ich schreibe nüchtern, weil ich im Zusammenhang mit dem Gedanken weder Angst empfinde noch Schweiss spüre. Offenbar hat mein Geist für sich diese Wahrnehmung als Realität erkannt und akzeptiert. Der Flug verläuft sorglos und wir landen sogar ein paar Minuten zu früh.
Schnell befinde ich mich vor dem Flughafengebäude, kaufe ein Busticket und warte an der Bushaltestelle auf das Nahverkehrsmittel in die Stadt. Am Rande einer kleinen Menschentraube stehend macht sich wieder mein Geist als Gedankenarchiv bemerkbar. Nizza!, Attentat!, erinnert er sich und schaut sich um, ob ein Lastwagen hier Schaden anrichten könnte. Ich habe keine Chance, diesen Gedanken nicht zu denken, ich habe lediglich die Möglichkeit, diesen Gedankenimpuls so zu reflektieren, dass ich Raum für eine in meiner Wahrnehmung angemessene Reaktion schaffe. Natürlich ist auch diese Reaktion nicht unabhängig von in meinem Geist abgespeicherten Bildern, Gefühlen, Wahrnehmungen und Reaktionen. Dabei taucht in meinem Inneren doch tatsächlich der Wunsch nach Befriedigung meines Bedürfnisses nach Schutz und Beschützung auf, zum Beispiel in Form eines geschulten Menschen, der Passagiere und Bus nach gefährlichen Gütern durchsucht, um Sekundenbruchteile später zu realisieren, dass dieser innere Ruf nach totaler Sicherheit nur ganz wenig mit der effektiven Situation und Realität zu tun hat, sondern fast ausschliesslich von in meinem Zellen gespeicherten “Angstinformationen” herrührt, die meine Zellen in diesem Moment für relevant halten, weil sie in diesem Kontext Anschluss finden.
Natürlich erleben ich und mein geistiges Bewusstsein während des Aufenthalts an der Côte d’Azur noch viele Situationen, in welchen diese “Angstinformationen” in unterschiedlichen Graden aus meinen Zellen in mein Bewusstsein und zum Teil auch in mein Gefühl hineinbrechen; wie zum Beispiel in der sehr gut frequentierten Unterführung am Bahnhof von Nizza oder auf einem offen zugänglichen Platz im gemütlichen Kaffee. Und auch die Auswirkungen auf meinen Gedankenfluss sind klar spürbar, doch auf mein konkretes Verhalten haben sie eigentlich keinen Einfluss. Und das ist gut so, denn lieber beschäftige ich mich an einem von Terror gebeutelten Ort mit meinen eigenen und den mir von Vorfahren übertragenen Ängsten, als dass ich mich von vorneherein von eben genau diesen gleichen Ängsten zum Zuhause bleiben verführen lasse. Mein Besuch in Nizza hat mich in jedem Fall noch einmal ein Stückchen näher an die Auseinandersetzung mit allen meinen eigenen Ängsten geführt und damit auch, nehme ich diese Herausforderung offen und konstruktiv an, ein Stückchen näher an meine Freiheit.
Veröffentlicht unter Kolumne