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Alma Bacciarini kämpft an vorderster Front für die politischen Rechte der Frauen im Tessin. Als sie 1979 als erste Tessinerin in den Nationalrat gewählt wird, setzt sie sich auf nationaler Ebene für die tatsächliche Gleichstellung und insbesondere für die politische Partizipation der Frauen ein. Dabei betont sie die Verantwortung der Parteien, die Politikerinnen stärker zu unterstützen.
Alma Bacciarini wächst im kleinen Dorf Cabbio im Tessin auf. Sie besucht das Gymnasium in Biasca, anschliessend das Lehrerseminar in Locarno, ab 1945 unterrichtet sie an verschiedenen Schulen. Zwischenzeitlich verlässt sie das Tessin, um in Zürich und Genf italienische und französische Literatur zu studieren. In dieser Zeit erwacht ihr Interesse für die Situation der Frauen und sie beginnt mit ihrer journalistischen Tätigkeit. Sie schreibt unzählige Artikel zu gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen, die in den Zeitungen La Nostra Voce, Gazzetta Ticinese, Cooperazione, Il Dovere oder La Regione Ticino veröffentlicht werden. Regelmässig ist sie auch in der Radiosendung Per la donna zu hören, einer wichtigen Diskussionsplattform für die Emanzipation der Frauen im Kanton Tessin.
Alma Bacciarini engagiert sich auf kantonaler wie nationaler Ebene für die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen. 1954–63 ist sie Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht und 1976–92 der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, 1992–95 präsidiert sie den Verband der Tessiner Frauenvereine. Sie ist Mitglied und Präsidentin zahlreicher weiterer Organisationen, in denen sie sich für die Rechte der Frauen und die Frauenförderung einsetzt. In den 1950er und 1960er Jahren dominiert der Kampf für die politische Gleichberechtigung. Dabei weist Alma Bacciarini immer wieder auf die Verantwortung der Parteien hin, die Frauen innerhalb der Partei zu fördern und das Frauenstimm- und -wahlrecht zu propagieren. Im Vorfeld der dritten Tessiner Abstimmung über das kantonale Frauenstimmrecht vom 19. Oktober 1969 arbeitet sie intensiv mit der Associazione Ticinese per il voto alla donna zusammen.
Nachdem die Tessinerinnen 1969 auf kantonaler und 1971 auch auf nationaler Ebene die politischen Rechte erkämpft haben, beginnt für Alma Bacciarini die «offizielle» parteipolitische Karriere: 1972–80 ist sie für den Partito Liberale-Radicale (PRD, dt. FDP) Gemeinderätin in Breganzona, 1975–91 politisiert sie als Tessiner Grossrätin und 1979 wird sie als erste Frau aus dem Tessin in den Nationalrat gewählt. Im Parlament setzt sie sich für gesellschaftliche Minderheiten und Benachteiligte ein. So verhilft sie den Tessiner Anliegen sowie der italienischen Sprache zu mehr Gehör und betont die sprachliche Vielfalt als wichtiges Element des nationalen Zusammenhalts.
Zentrales Thema ihres Engagements bleibt die Gleichberechtigung der Frauen. Nach der politischen Gleichberechtigung fordert sie die tatsächliche – das heisst die juristische, soziale und gesellschaftliche – Gleichstellung der Geschlechter. Sie weist auf die mangelnde politische Teilhabe der Frauen hin: Trotz formalem Wahlrecht werden Frauen nur selten in politische Ämter gewählt. Dabei scheut sie die Auseinan-
dersetzung mit ihrer eigenen und den anderen politischen Parteien nicht. Sie kritisiert die Praxis der Parteien, Frauen als Lückenfüllerinnen auf die Wahllisten zu setzen, ohne sie konkret zu unterstützen. Als 1983 erneut Nationalratswahlen anstehen und sich abzeichnet, dass, die Leitung der FDP statt Alma Bacciarini den Staatsrat Ugo Sadis lancieren will, zieht sie sich aus dem Rennen um den Tessiner Nationalratssitz zurück. Ugo Sadis wird jedoch nicht gewählt und Alma Bacciarini muss sich nach vier Jahren aus dem Nationalrat verabschieden. Rückblickend kommentiert sie: «Wenn es eine Enttäuschung gab, dann vielleicht von meiner Partei, der es zwar gelang, die erste Tessinerin nach Bern zu wählen, die aber dieses Ereignis politisch nicht nutzen konnte oder wollte.»
Die politische Partizipation der Frauen bleibt für sie ein wichtiges Thema. In ihrer Zeit als Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen veröffentlicht die Kommission den Bericht Nehmen Sie Platz, Madame (1990), der die politische Repräsentation der Frauen in der Schweiz untersucht.
Bis 1991 bleibt sie Tessiner Grossrätin, stellt sich dann aber nicht mehr zur Wahl. Dieser Verzicht entspricht ihrer Überzeugung, Jüngeren und anderen Frauen eine politische Laufbahn zu ermöglichen. Nach ihrer politischen Karriere präsidiert sie den Verband der Tessiner Frauenvereine (1992–95) und widmet sich in dieser Funktion der Übersetzung und Veröffentlichung von Lotti Ruckstuhls Buch Frauen sprengen Fesseln: Hindernislauf zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Dabei erweitert sie gemeinsam mit Iva Cantoreggi und Emma Degoli den Text und das Bildmaterial zum Kanton Tessin. 2007 stirbt Alma Bacciarini mit 85 Jahren (Quelle: EKF).
„Ich freue mich für das Tessiner Volk, dass endlich eine Frau unseren Kanton in Bern vertritt. Persönlich freue ich mich über mein Wahlergebnis, da es eine Befriedigung für die jahrelange Arbeit ist. Ich fühle mich aber nicht priviligiert, denn ich halte fest, – auch auf die Gefahr hin, unbescheiden zu wirken – dass ich dafür gearbeitet habe, bis hierher zu gelangen.“ Alma Bacciarini, 1997