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Dieses Buch gibt es in der Schweiz nur bei uns, und auch in Deutschlands Bibliotheken findet sich nur eine Handvoll Exemplare. Und doch ist es, merkantil gesehen, keine Kostbarkeit: Der Markt fehlt, niemand kennt den Autor. Zu Unrecht! Das Wenige, was man von ihm weiss, ist rasch erzählt. Am 20.9.1907 in Frankfurt am Main geboren, machte er nach der Mittelschule eine kaufmännische Lehre und belegte ab 1930 Vorlesungen an der Frankfurter Universität in Soziologie, Psychologie, Philosophie und Literaturwissenschaft. Ohne Abschluss begann er ab 1932 für renommierte Zeitungen wie die Frankfurter und die Kölnische Zeitung zu schreiben. Nach dem 1940 veröffentlichten „Stundenglas“ schrieb er noch ein zweites Buch: „Der Wermutstrauch“, eine (nach Horst Denkler) unheroische, unparteiische und literarisch sehr innovative und dichte Schilderung des Kriegs an der Ostfront. Anfang 1943 druckfertig vorliegend, konnte der H. Goverts-Verlag das Buch wegen der Kriegswirren erst knapp nach Kriegsschluss auf zeitbedingt miesem Papier drucken. Von den 13‘000 Exemplaren mussten die allermeisten eingestampft werden, nur gerade zwei Stück scheinen in Bibliotheken überlebt zu haben. Als es erschien, war Hermann-Georg Rexroth schon tot: am 8.9.1943 ist er zwischen Genua und La Spezia gefallen. Rexroth, der nie in der NSDAP war, gehört also zu der wahrhaft verlorenen Generation der Autoren, die in den Dreissigerjahren zu publizieren anfingen und den Krieg nicht überlebten oder nach ihm nicht mehr Tritt fassen konnten. Alle Be-mühungen der Witwe, den „Wermutstrauch“ neu herauszubringen, sind gescheitert: Man wollte dieses Bild vom Grauen an der Ostfront nicht.
Der junge H. Goverts-Verlag (geleitet von Henry Goverts und Eugen Claassen) war unter den in Nazideutschland verbliebenen oder neu gegründeten Verlagen wohl der mit dem anspruchsvollsten literarischen Programm. Mit erstaunlich wenig Konzessionen an die Nazis gelang es ihm, durch den Krieg zu steuern. Es war Rexroths Generationsgenosse Friedo Lampe, der Goverts auf diesen Autor aufmerksam machte und ihn empfahl, allerdings nicht ohne beizufügen: „Allerdings hätten Sie dann einen Düsterling mehr im Verlag.“
Düster in der Tat ist die Welt Rexroths. „Ein schwacher Held“ heisst eine der Geschichten im „Stundenglas“ fast programmatisch, denn schwach sind alle diese ‚Helden‘: unsicher, ängstlich, allein und verloren in einer atmosphärisch unheimlichen und zwielichtigen, ihnen feindlichen Welt, die sie nicht durchschauen. Sie lassen sich treiben, ohne zu erreichen, was sie eigentlich wollen und wünschen. Und wenn sie einmal doch handeln, wird es ein Mord aus Eifersucht: „Ich wollte mein Glück und das Glück eines anderen Menschen, und es wurde ein Verbrechen. Bin ich ein Verbrecher? […] Also von allem Anfang an ein Verruchter? Nein – ein Verdammter, und das hat keiner gesehen!“
Im Roman im selben Band, „Junge und alte Liebe“, kommt ein junger Jurist zu seinem Onkel, einem Landrat, aufs Land, um eine geringe Stellung anzunehmen. Er verliebt sich in die junge Frau des Landrats und sie in ihn. Doch den Intrigen des abgefeimten und undurchsichtigen Sekretärs ist er nicht gewachsen, er gerät an die Magd, mit der sich der Landrat seiner Zeit vergnügt hatte, um sie dann sitzen zu lassen …
Mit diesem Hinweis auf einen unbekannten Autor, liebe Mitglieder der Museumsgesellschaft, verabschiede ich mich nach vierzehn Jahren mit herzlichem Dank für Ihr Interesse und für die vielen interessanten Gespräche an der Bibliothekstheke! Bleiben Sie der Bibliothek und ihrem Team unter der Leitung meiner Nachfolgerin Mirjam Schreiber treu! Thomas Ehrsam
Rexroth, H. G.: Das Stundenglas. Ein Roman und drei Erzählungen, Hamburg: Goverts 1940. – MUG: K 7602.