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Von Sarah Bach, im Februar 2021.
Dieser Artikel erschient als Teil unserer Gmeindposcht zum Thema „Frauen in der Bibel“.
Es scheint uns heute kaum mehr zu überraschen, dass die Bibel hauptsächlich von Männern erzählt. Und die Angewohnheit, dass von Gott meistens in männlicher Form gesprochen (Herr, Fürst, Vater,…) und Gott sehr oft mit traditionell-männlichen Attributen beschrieben wird (stark, königlich), haben wir in unsere eigene Sprache übernommen.
Viele von diesen Selbstverständlichkeiten haben das Christentum über die Jahrhunderte hinweg geprägt und sind so zustande gekommen, weil die Bibel in einer patriarchalen Zeit entstand und sich das Christentum in einer patriarchalen Welt verbreitet hat. Patriarchal heisst hier nicht nur «eine von Männern beherrschte Welt», in der Frauen wenig bis gar nichts zu sagen hatten:
«Die patriarchalen Gesellschaften des Alten Orients diskriminieren nicht nur nach dem Geschlecht, sondern ebenso nach den Kategorien des Alters, der ökonomischen Verhältnis- se, der Religion, der Ethnizität, des psychophysischen Status und vor allem nach dem Rechtsstatus von «frei und unfrei.»
Es gab also eine sehr klare Ordnungsvorstellung, die den freien, ökonomisch abgesicherten, gesunden Mann an der Spitze dieser Ordnung sah. Es sind diese Männer, die den Zugang zu Bildung, Meinungsbildung und politischer Macht hatten. Sie bestimmten also nicht nur, wie ihr Stamm oder ihre Familie zu organisieren war, sondern auch, wie ihre Religion auszusehen hatte. Es waren solche Männer, die darüber berieten, wie jüdische Gesetze umgesetzt oder welche Schriften in das Neue Testament aufgenommen werden sollten. So erstaunt es entsprechend auch nicht, wenn wir in genau diesen Schriften ebenfalls zuhauf von solchen freien Männern lesen.
Hinzu kam, dass die Bibel und ihre Auslegung ab ca. 300 v. Chr. stark von einer hellenistischen Denkweise beeinflusst wurde – eine Denkweise, die sich sehr lange hielt und in einigen Wissenschaften heute noch erkennbar ist. Prägend am Hellenismus waren starke Dualismen, also Unterscheidungen: zwischen Geist und Natur, Leib und Seele, Verstand und Ge- fühle und eben auch Mann und Frau. So wurde dann in der Theologiegeschichte auch die Frau oft mit natürlichen, emotionalen, leiblichen Eigenschaften gleichgesetzt (siehe zum Beispiel den Artikel zu Eva in der Gmeindposcht).
Gerade aber der Sachverhalt, dass die Bibel in einer solchen patriarchalen Welt entstanden ist und dass die Frau darin eine sehr untergeordnete Rolle spielte, ist für die biblischen Texte, in denen es um Frauen geht, besonders interessant. Denn im Gegensatz zu anderen Texten, die in der gleichen Zeit wie die Bibel entstanden, kommen in der Bibel Frauen zu Wort und ihre Geschichten werden erzählt. Nicht oft und viel, aber immerhin. Dass diese Geschichten von Frauen weitererzählt wurden und nicht «rausgeschnitten» oder einem Mann zugeschrieben wurden, zeigt uns dabei eine sehr wichtige Eigenschaft Gottes auf.
Schauen wir uns dazu das Loblied von Maria an, einen Monolog einer Frau, der es in die Bibel geschafft hat (Lukas 1,46-55). Warum war dieser Monolog einer gesellschaftlich unbe- achteten und unbedeutenden Frau so wichtig und warum hat man ihn nicht einem Mann, zum Beispiel Josef, zugeschrieben? Die Worte des Lobliedes erhalten gerade dadurch, dass sie von einer Frau gesprochen werden, eine tiefergehende Wirkung: Maria singt, dass sich durch das Kommen Jesu die Welt verändern wird, dass die Machthabenden vom Thron gestürzt und die Unbedeutenden hervorgehoben werden. Und dies zeigt sich bereits ein erstes Mal darin, dass einer Frau diese Einsicht als erstes geschenkt wird und sie dies verkündigen (ja, man könnte fast sagen: predigen) kann. Die Bibel erzählt von Frauen und gibt Frauen eine Stimme in einer Zeit, in der dies völlig unbekannt war, denn die Bibel erzählt dadurch nicht nur vom neuen Reich, das kommen wird, sondern macht es bereits in Teilen erfahrbar. Diese Umkehrung des geltenden Ordnungssystems zeigt sich ganz besonders im Umgang Jesu mit Frauen: bei der samaritanischen Frau am Brunnen, der blutenden Frau, den Frauen am Grab.
Der Umgang von Jesus mit Frauen war aussergewöhnlich zu seiner Zeit. So aussergewöhnlich, dass dieser Umgang sich nicht in den ersten Gemeinden durchsetzen konnte, vor allem nicht in jenen Gemeinden, die sich im römischen Reich bereits gegenüber vielen Vorurteilen durchkämpfen musste. Man gehörte bereits zu den «Spinnern», die nur einen Gott, statt mehrere anbeteten und in einem gekreuzigten Verbrecher den Erlöser der Welt sahen. Da konnte man sich den Ruf als «Aufrührer der natürlichen Ordnung» schlicht nicht mehr leisten (vgl. Podcast von Worthaus, unten verlinkt).
So hat die Entwicklung der christlichen Sicht auf die Frau immer wieder auch Rückschläge erhalten, wenn sie sich der Welt und ihrem Ordnungssystem und nicht jenem von Jesus anpassen wollte (oder teils auch musste). Umso mehr können wir dankbar sein über alle biblischen Geschichten von und über Frauen, die uns erhalten blieben und uns einen ganz neuen Einblick in das Ordnungssystem Gottes ermöglichen.
Wer mehr zu diesem besonderen Sachverhalt erfahren will, dem lege ich die Podcast-Folge «Die christliche Gemeinde – der Mann als Gottes Repräsentant, die Frau als schweigende Zuhörerin?» von Worthaus ans Herz.