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Gezielte Zerstörung ukrainischer Städte durch russische luftgestützte Marschflugkörper
Beinahe gleichzeitig mit dem Einsatz von Flugzeugen als Waffe im Ersten Weltkrieg wurden Strategien zur Führung von Luftkriegen entwickelt. Einer der ersten Vordenker war der italienische General Giulio Douhet, geboren am 30. Mai 1869 in Caserta und verstorben am 15. Februar 1930 in Rom. Nach seinem Abschied aus dem aktiven Dienst veröffentlichte er 1921 die Publikation «Il dominio dell’aria». Seine zentralen Thesen für den Luftkrieg sind:[1]
- der Bomber ist die ideale Offensivwaffe;
- der Abwehrwille der gegnerischen Bevölkerung bricht durch
fortgesetzte Bombardierungen zusammen;
- der Krieg ist beendet, wenn der Widerstand der Bevölkerung gebrochen und
die Industrieproduktion des Gegners vernichtet ist.
In der zweiten Phase sollen gezielt die Industrie- und Wirtschaftszentren, die Eisenbahnknotenpunkte und weitere Ziele des Gegners durch die Bomber vernichtet werden.
Ähnlich wie Douhet argumentierte der Gründer der Royal Air Force, Hugh Montague Trenchard (geboren 3. Februar 1873, verstorben am 10. Februar 1956):[2]
- das wichtigste Waffensystem des strategischen Luftkrieges ist der Bomber,
- Bomber müssen Ziele im gegnerischen Gebiet angreifen,
- der Bomberkrieg ist ohne Restriktionen zu führen.
Wegen der technischen Unzulänglichkeiten – ungenaue Zielerfassung und damit ungenaue Bombenabwürfe – waren die gegnerischen Städte nacheinander zu bombardieren. Gezielt sollten die Industriezentren mit den Grossbetrieben der chemischen Industrie, Eisenbahnknotenpunkte und Verschiebebahnhöfe vernichtet werden. Das Ziel der Bombardierungen war die Brechung des Widerstandswillens der gegnerischen Bevölkerung.
Diese Thesen wurden zur Einsatzdoktrin des britischen Bomber Command. Diese Doktrin wurde durch Air Marshall Arthur Harris, ab 22. Februar 1942 Kommandant des Bomber Command, konsequent umgesetzt. Bis Ende 1944 waren die schweren Lancaster-Bomber die einzige Waffe, mit der die Briten Krieg gegen das Territorium des Dritten Reichs führen konnten. Von 1939 bis 1945 warf das Bomber Command 964’645 Tonnen Bomben über das Dritte Reich ab. 1942 bis 1945 waren zu 27.5 Prozent der bombardierten Ziele Industriestädte. Ende des Krieges war die Industrieproduktion des Dritten Reiches vernichtet. Harris beurteilte später die Wirkung der strategischen Bombardierungen für die Zukunft wie folgt:[3]
«…the quickest way of winning the war will still be to devastate the enemy’s industry and thus destroy his war potential.”
In den Kriegen nach 1945 wurden immer wieder gegnerische Städte und Industriezentren bombardiert und zerstört. Dazu gehörten die Bombardierungen von Nordvietnam durch die Operationen «Linebacker I» und «Linebacker II» der USA vom Mai bis Dezember 1972, die Bombardierungen von Bagdad von 1991 im Krieg gegen den Irak durch alliierte Kampfflugzeuge und die russischen Bombardierungen syrischer Städte ab 2015.
Seit Februar 2022 bombardiert Russland mit luftgestützten Marschflugkörpern, aber auch mit Drohnen, ukrainische Städte, und zerstört gezielt die Energie- und Wasserversorgung der Ukraine. Die Entwicklung der russischen luftgestützten Marschflugkörper dürfte nach 1945 aufgrund der Pläne der deutschen landgestützten Marschflugkörper Fieseler Fi 103 (V1) erfolgt sein. Diese Flugkörper wurden ab Frühjahr 1944 mit einer Reichweite von 250 km gegen England eingesetzt.
deutscher Marschflugkörper V1 (A.S.)
Während des Kalten Krieges sind in Russland für nukleare Einsätze verschiedene Typen luftgestützter Marschflugkörper entwickelt worden. Dazu gehören die Kh-22 (nuklearer Gefechtskopf 350 Kilotonnen TNT, Reichweite 460 km)[4]. Neuere russische Marschflugkörper erreichen eine Reichweite von über 2’000 km.
russischer Flugkörper (A.S.)
Für die Bombardierungen der syrischen Städte wurden die nuklearen Gefechtsköpfe der Marschflugkörper durch konventionelle Gefechtsköpfe ersetzt. Heute können die luftgestützten Marschflugkörper durch die russische Bomberflotte mit 76 Langstreckenbombern und 60 Mittelstreckenbombern abgeworfen werden. Zu dieser Flotte gehören die Überschallbomber Tu-160 (NATO-Code Blackjack), Von diesen sind 10 Tu-160 des ursprünglichen Typs und 6 modernisierte Tu-160M1. Alle Tu-160 können mit Marschflugkörpern Kh-55SM (NATO-Code AS-15B Kent, Reichweite über 2’000 km) mit konventionellen Gefechtsköpfen ausgerüstet werden. Diese Flugkörper dürfte Russland vor allem für die systematische Vernichtung der Infrastruktur der Ukraine, beinahe in Befolgung der Thesen von Douhet, einsetzen.
russischer Überschallbomber Tu-160 (Blackjack) (A.S.)
[1] Läubli, R. und A.A. Stahel, Air-Power. Gegenwart und Zukunft, Beilage zur ASMZ; Nr. 3, März 2001, S. 6.
[2] Läubli, R. und A.A. Stahel, S. 7.
[3] Läubli, R. und A.A. Stahel, S. 4.
[4] Gunston, B., Tupolev Aircraft since 1922, Putnam, London,1995, S. 249.
Titel: Gezielte Zerstörung ukrainischer Städte durch russische luftgestützte Marschflugkörper
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