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Der rollende Laden
1925 veränderte Gottlieb Duttweiler das Konsumverhalten der Schweiz. Auch sonst war Dutti ein «Hansdampf in allen Gassen».
Der 25. August 1925 war ein gewöhnlicher Mittwoch, aber in den Dörfern rund um Zürich ereignete sich etwas komplett Neues. Motorisierte Lastwagen (eine Variante des berühmten Ford Model T) kamen rumpelnd herangeschnaubt und hielten auf den Dorfplätzen oder am Strassenrand an. Die Fahrer stiegen aus, klappten eine Seitenwand hoch und boten mitten im Dorf ihre Waren an: Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife. Ausgesandt hatte die Lastwagen Gottlieb Duttweiler, der Entrepreneur hinter der Migros.
Güter des täglichen Bedarfs hatten die Leute bislang stets auf den Märkten gekauft, in kleinen Krämerläden oder beim «Allgemeinen Konsumverein». Jene später als «Coop» bekannte Genossenschaft fusste auf der Erkenntnis, dass Güter billiger zu haben waren, wenn sich die Konsumenten zusammenschlossen, um sie zu kaufen. Kernidee der Migros hingegen war, die Zwischenhändler zu umgehen und die Hausfrauen möglichst direkt anzusprechen. Mittels Verkaufsbussen, tiefen Preisen, einem immer grösseren Sortiment und bald auch mit eigenen Läden.
Das Gewerbe reagierte heftig. Kunden wurden beschimpft oder am Einkaufen gehindert und mehrere Branchen weigerten sich, die Migros überhaupt zu beliefern. Duttweiler eröffnete darum immer mehr eigene Produktionsstätten. Und nicht nur das: der Lebensmittelhändler wurde über die Jahre zum Konzern, der bald ein Reisebüro (1935), zwei Zeitungen (1935; 1942), Klubschulen (1944), Parks (1946), Buchhandlungen (1950), Tankstellen (1957), eine Bank (1957), Versicherungen (1958) und vieles mehr umfasste.
Das Spannendste am Ganzen aber war Duttweiler selbst. Seit 1935 politisierte er im Parlament und eckte mit seiner Partei links und rechts an. Er forderte das Frauenstimmrecht und als einer seiner Vorstösse wiederholt nicht behandelt wurde, warf er 1948 mit Steinen zwei Fenster des Bundeshauses ein. Nicht alles, was «Dutti» anpackte, gelang. Die Expansion ins Ausland missriet (mit Ausnahme von Migros Türk) und als er sich 1955 aus politischem Protest im Entrée des IKRK zu Tode hungern wollte (es ging ihm um eine Abfindung für kriesgsgeschädigte Auslandschweizer), gab er nach drei Tagen auf.
Sein vielleicht ungewöhnlichster Erfolg gelang ihm 1944 mit dem von ihm und der Migros geförderten Film «Marie-Louise». Gottlieb Duttweiler war so begeistert von diesem Werk, dass er Kinotickes an die Migros-Kundinnen verteilen liess. Das verhalf dem Film, der vorher ein Flop war, zum Erfolg. Die Geschichte eines französischen Flüchtlingsmädchens wurde 1946 als erster nicht englischsprachiger Film sogar mit einem Oscar ausgezeichnet.
Duttweiler suchte – und schaffte – den Spagat zwischen wirtschaftlichem Profit und sozialer Verantwortung. Alkohol und Tabak verkaufte der passionierte Zigarrenraucher nie, 1941 verwandelte er seine AG in eine Genossenschaft und 1957 verpflichtete er sie, ein Prozent des Umsatzes für Kultur, Bildung und Soziales auszugeben. Geld habe nur einen Sinn, wenn man es ausgeben könne, meinte Dutti. Und: «Die Langweiler sind auf der Welt die grössten Sünder.»