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Bergfahrten in der südamerikanischen Schweiz
in der südamerikanischen Schweiz
« Suiza Sud-Americana » wurden jene südamerikanischen Kordilleren-gebiete getauft, die zu den grossen Seen Llanquihue, Todos los Santos ( Chile ) und Nahuel Huapi ( Argentinien ) gehören. Das Motiv zu dieser Taufe gab Schweizern und solchen, welche die Schweiz kennen, die Vorstellung von der Ähnlichkeit des landschaftlich grossartigen Charakters jenes Andengebietes im Vergleich zu dem der europäisch-schweizerischen Bergwelt. Und wahrlich: Europas Schweiz braucht sich ihrer südamerikanischen Schwester nicht zu schämen! Die Höhen der Berge ( der Tronador mit 3550 m ist der höchste ) dürfen nicht irreführen; denn die Ausgangspunkte für die Bergfahrten liegen zum Teil sehr tief, so z.B. für die Vulkane Osórno und Calbüco bloss 50, für den Puntiagudo 150 und den Tronador 150 bis 300 Meter über Meer. Wollte man also in der europäischen Schweiz einen Berg hinstellen im Vergleich zum Tronador, so müsste er dort 6000 Meter Höhe haben. Hinsichtlich der Eis-und Schneeverhältnisse ist dieser Berg am ehesten mit dem Monte Rosa zu vergleichen. Es gilt stundenlang zu reiten, ehe man an die Basis der Berge gelangt. Manchmal muss eine bergsteigerische Unternehmung mit der Fahrt eines Bootes oder eines kleinen Dampfers verbunden werden. Dadurch wird die Besteigung eines bloss 1800 Meter hohen Berges, der aber schon seinen richtigen grünen Gletscher mit Spalten hat, zu einem Ereignis. Der Bergsteiger der Anden trägt seine Klubhütte sozusagen auf dem Rücken ( das Zelt und den Schlafsack ). Doch wir sind noch nicht am Gletscher! Um ihn zu erreichen, müssen wir den Urwaldgürtel überwinden, d.h. wir müssen uns den Weg bahnen, indem wir ihn mit der Machete ( langes Urwaldmesser ) schneiden. Der Wald hat hier seine oberste Grenze bei 1400 bis 1500 Meter und reicht stellenweise bis zum Meeresspiegel hinunter. Die bis fünf Meter hohe'Nire ( sprich Njire ) ist das die oberste Waldgrenze bildende baumartige Gestrüpp. Diese interessanten Zwerge, die bis zum Feuerland vorkommen, geben dem Bergsteiger oft stundenlange, harte Arbeit mit dem Messer. Zur Fels- und Eistechnik kommt also noch, so möchte ich sie nennen, die Waldtechnik. Der Wald dort ist ein Kapitel für sich. Er ist mitunter so steil, dass man mit dem Messer oder Eispickel Stufen in die Erde schlagen muss. Häufig klettert man, Zeit und Weg sparend, über sturmgeworfene Bäume, welche über Schluchten liegen oder über gefährlichen Bergbächen oder am steilen Berghang. Es kommt auch vor, dass man solche natürliche Brücken über sonst unbegehbare, wilde Bergwasser künstlich schafft, indem man, die Sturzrichtung gut berechnend, mit der Axt die Bäume so schlägt, dass sie quer über die Hindernisse zu liegen kommen und also dem Bergsteiger als Übergang dienen. Schliesslich sei noch die Schwierigkeit der Orientierung im Walde erwähnt, und wir begreifen, wie wichtig die Waldtechnik in jenen Gegenden sein kann. Noch eins darf nicht vergessen werden: es gibt hier keine Schlangen, weder giftige noch ungiftige. Nur eine Art Vogelspinne, handgross, aber, wie es scheint, harmlos, ist anzutreffen. Wer abenteuerliche Wege liebt, wird schon in dieser untern Etappe der Bergfahrt auf seine Rechnung kommen Um dieser Erlebnisse willen und auch als ästhetischen Gesamteindruck wird er jene immergrünen Wälder der südamerikanischen Schweiz nie vergessen. Er wird sie lieben, begeistert davon sprechen, und er wird der Sehnsucht nicht frei werden nach der erhabenen Stille und Einsamkeit, dort, wo zuvor noch keines andern Menschen Fuss gegangen... Verlässt er endlich hoch über den Tälern und Seen den dunklen Wald und tritt hinaus auf Felsen und Eis und Schnee, erscheint ihm die Aussicht weiter und freier, da der Wald sie ihm so lange vorenthalten.
El Techado.
Der Techado ( sprich Tetschado, das « Dach » ) ist ein wenig höher als die Rigi, nämlich 1880 m. Der Charakter der beiden Berge und die Art ihrer Besteigung sind jedoch sehr verschieden, wie wir gleich sehen werden.
Bei stockdunkler Nacht galoppiert vom Ende des Lago Todos los Santos her eine kleine Karawane über sumpfige Wiesen, Richtung Techado. Es ist so dunkel, dass der Reiter sein eigenes Pferd nicht sieht, geschweige denn die seiner Mitreiter oder diese selbst. Nur glimmende Cigarillos, das Stampfen und Schnauben der Tiere, klappernde Rucksäcke, klingende Eispickel und einige chilenische Flüche geben ihm Aufschluss über den Aufenthaltsort der Begleiter. Die Pferde — Tag und Nacht, Sommer und Winter draussen auf dem freien Camp — sehen gut und haben einen feinen Instinkt. Das merkt der unsichere oder sichere, aber sorglose Reiter ganz besonders nach einem salto mortale, wenn das Ross aus dem Galopp vor einem Hindernis plötzlich stillgestanden oder zur Seite gesprungen. Die Morgendämmerung findet die Bergsteiger an einem grössern Arm des Peullaflusses ( sprich Pe-ulja ), welcher von den Gletschern des Tronadór herkommt Die Menschen leiten nun die Tiere in eine Furt. Je tiefer das Pferd im Wasser versinkt, um so kürzer, und je mehr es gegen das jenseitige Ufer hin dem Wasser entsteigt, um so länger werden die Beine des Reiters. Einige lassen ihre Pferde so von ungefähr schräg hinter dem Vordermann gehen, so dass er von den ins Wasser schlagenden Hufen kleine Duschen erhält. Solche Aufmerksamkeiten machen den Flussübergang sehr kurzweilig. Dem ist aber nicht immer so. Mir passierte einmal, dass ich mit meinem Pferd nach langanhaltendem Regen von der starken Strömung des Penaflusses fortgerissen wurde. Es war im Winter und das Wasser kalt. Nur noch unsere Köpfe guckten aus den Fluten. Das Pferd war durch die starke Strömung herumgedreht worden und strebte nun schwimmend dem Ausgangsufer zu. Es gelang ihm, die Vorderbeine hoch auf das Ufer zu legen, nachdem wir schon etwa fünfzehn Meter fortgerissen worden waren, und es stemmte sich nun mit wirklich gewaltiger Anstrengung aus dem Flusse heraus. Ich meinte zu meinem Begleiter, der zu Pferd vom Ufer aus das kleine Schauspiel mit angesehen, dass es eine ganz hübsche kinematographische Aufnahme gegeben hätte, worin er mir beistimmte. Zehn Meter weiter unten, wo zwei Flussarme zusammenstiessen, wären Ross und Reitersmann wohl in den Wirbeln als Kreisel in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Doch sind wir immer noch da und in der Beschreibung unserer Techadofahrt eben am andern Ufer angelangt. Im Galopp fegt die Karawane durch mannshohe Gräser mit silbernen Büscheln, und über das darauffolgende versandete Gelände macht sie ein Wettreiten. Fröhlich gelangt sie zum Ufer des Hauptflusses, wo ein Boot ihrer harrt. Die Pferde werden zurückgeschickt, das Gepäck wird eingeladen, und nach zwei Bootsfahrten stehen die Bergsteiger am Rande des Urwaldes in der Picada, welche zwei Araukaner tags zuvor mit dem Messer geschlagen. Ein Stück weit sieht der Wald indischem Dschungel ähnlich. Einige der chilenischen Träger schneiden sich gleich lange Bambus als Stützen zum Gehen und Überspringen des Baches. Nach einer halben Stunde Weges gelangt man in ein grosssteiniges, trockenes Bachbett, welchem man bis zum tiefen Haupteinschnitte, einer Runse, die sich beinahe bis zur höchsten Waldgrenze hinaufzieht, folgt. Im Winter ist dieses Couloir weiter oben mit Lawinenschnee bedeckt, jetzt aber im Sommer schneefrei, und seine untern zwei Drittel sind beherrscht von einem tosenden Wildbach, der, dem Techadogletscher entspringend, in kleinen Kaskaden von den schwarzen Felswänden rechts herunterspringt. Solange wie möglich geht man zur Seite des Baches und schlägt etwa vom Walde überhängende Äste mit dem Messer weg. Doch dreissigmal vielleicht wird man kreuz und quer über den Bach selbst gedrängt. Mit ungenagelten Schuhen und schweren Bürden, wie die Chiloten ( Bewohner der Insel Chiloë ) sie haben, ist das Springen auf den Steinen ein wahres Kunststück. Haselnussgrosse Erdbeeren von einem ganz wunderbaren Aroma wachsen am Waldrand und erfrischen während des Aufstieges. Schrill pfeift ein Murmeltier seine Warnung, und man sieht es selbst über die Felsblöcke entfliehen. Blutgierige, graue Tâbanos ( bremsenähnliche Stechfliegen ) holen sich vom Bergsteigerblute ihren Tribut. Die Bachrunse an ihrem höchsten Punkte verlassend, dringt man wieder in den Wald ein, und bald darauf bekommt das Messer in den erwähnten Nirewäldchen Arbeit. Auf einer für das Nachtlager sehr geeigneten Wiese zwischen Zwergstämmen wird das Zelt aufgeschlagen. Das Bild des Tronadór von diesem Lagerplatz aus ist wie gemacht zur Rekognoszierung zwecks Besteigung dieses grossartigen Beherrschers des ganzen Gebietes und sehr instruktiv. Die Chilenen machen am Abgrunde ein grosses Feuer, um den Ihrigen im Tal den Platz des Nachtquartiers zu zeigen. Einer bratet den Asado ( Spiessbraten ) für die ganze Karawane. Entweder wird der zugespitzte Stock mit dem darüber-gezogenen Schaffleisch nahe dem Feuer in die Erde gesteckt und so gebraten ( argentinische Methode ), oder er wird in zwei senkrecht in die Erde gerammte Holzgabeln gelegt und drehend geröstet ( chilenische Methode ). Rund ums Feuer sitzend, schneidet ein jeder sich mit seinem Messer ein Stück herunter, und besser schmeckt es als das beste Filet aus silberner Schüssel am Hotel-tisch. Eine grossbauchige, mehrere Liter fassende Weinflasche aus Leder macht die Runde. Aus kleiner Öffnung spritzt sie beim Zusammenpressen dem Durstigen das edle chilenische Nass in den Mund, und der muss aufpassen, dass er sich nicht verschluckt. Alles will gelernt sein. Später macht ein leichter zu handhabendes Trinkgerät die Runde. Es ist das Mategefäss. Dieser Mate spielt in Chile und Argentinien eine sehr grosse Rolle. Tagtäglich wird er getrunken. Es sind getrocknete Blätter des Matestrauches, und die Zubereitung ist dieselbe wie beim Schwarztee. Mit der Tetera ( Kanne ) heissen Wassers, die stets wieder ans Feuer gestellt wird, bedient einer die andern. Die Bombilla, ein 20 bis 30 cm langes, dünnes Rohr, das unten erweitert und dort mit kleinen Löchern versehen ist, dient zum Herauf- und Einsaugen des Mates. Hat einer das Gefäss leergesogen, so gibt er es dem, der bedient, zurück. Sagt er dazu « Grazias » ( danke ), so erhält er keinen Mate mehr, wenn die Reihe an ihn kommt. Der Bedienende giesst jedem ein wenig Wasser auf die Mateblätter. Die Bombilla darf dort, wo sie im Munde des Vorgängers gewesen, vom nachfolgenden Benutzer nicht abgewischt werden; das wäre eine Beleidigung. Mit der Sitte nicht Vertraute werden wohl symbolisch in den Fehler fallen; denn was da manchmal an den Feuern sitzt, ist gewiss eine merkwürdige Gesellschaft! Nachdem der höchstwichtige Akt dieser « Friedenspfeife » vorüber, kommen die nicht minder wichtigen Cigarillos zu ihrem Rechte. Indessen ist es Abend geworden. Die scheidende Sonne schickt eben ihre letzten Grüsse dem Favoriten Tronadór. In rosigem Schein erglühen seine Gletscher und Firne, hoch über den in Schlaf versinkenden Wäldern ein Bild erhabener Schönheit. Doch wie eine jede feurige, so nimmt auch diese Gunst ihr Ende, und in fahlem Lichte verschwimmen die Umrisse des Donnerers. Die Nacht ist kühl. Meine Begleiter gehen ins Zelt schlafen. Ich bleibe noch lange am Feuer bei den in ihre Ponchos gehüllten Chilenen. Einer singt mit guter Stimme chilenische Nationallieder, die Quecas, und melancholische argentinische Tangos. Die Vergangenheit wird wach, bei einem jeden in seiner Art. Das Spiel der Phantasie erhält stetsfort Nahrung durch das Spiel der Flammen. Funken entsprühen dem wohlig wärmenden Lagerfeuer und zucken und fliegen hinaus in die dunkle Kordillerennacht. Sie gleichen den Gedanken und Wünschen der träumenden menschlichen Seele. Das Bedürfnis zur Unterhaltung leitet aber schliesslich aus dem Reiche der Träume zur Wirklichkeit, und nachdem sie hin und her getastet, bleibt sie fest beim Thema « leon » ( Löwe ) stehen. Die Quintessenz dieser Konversation ging dahin, dass der ziemlich häufig vorkommende patagonische Löwe nur in Schaf- und Viehherden einbreche und die Tiere totwürge. In einer der jüngstvergangenen Nächte hatten wirklich Löwen etwa 17 Schafe eines am Fusse des Puntiagüdo lebenden Schweizers geschlagen. Die aufgefundenen Opfer hatten alle dieselben tödlichen Wunden am Hals. Ferner sagten die Chilenen, dass der Löwe feig sei und dem Menschen aus dem Wege gehe. Sie würden ihn schon vertreiben, wenn er käme Daraufhin wünschte ich ihnen « Buenas nochas » ( gute Nacht ) und tat so, als ob ich mich zu dem etwas oberhalb befindlichen Zelte zur Ruhe begeben wollte, schlich mich jedoch im Bogen zurück und kroch so weit unter den Nirebäumchen hervor, bis ich das glimmende Feuer und die daran lagernden abenteuerlichen Gestalten der Chilenen vor mir sah. Es war sehr finster und bis auf das Knistern des Brennholzes nichts zu hören. Ich wartete eine Weile und machte dann das zornige Knurren und Fauchen des Löwen nach,... da hätte man aber sehen sollen, wie die Köpfe und Oberkörper der guten Chi- lenen emporschnellten und wie sie schnell enger zusammenrückten ans Feuer hin... das war wirklich zum Lachen!
Ehe die Sonne erwacht, wandern die Bergsteiger auf einer leichten und nicht steilen Felsrippe, die dem Techadogletscher entlang in zirka zwei Stunden zum höchsten Gipfel führt. Der ganze Aufstieg, der Gletscher jetzt zu unsern Füssen sowie der Anblick einer Gruppe schwarzer Felsnadeln am Abgrund, welche als wirkungsvoller Rahmen den Gletscher teilweise umgeben, haben die Techadofahrt zu einer sehr eindrucksvollen gemacht. Dieser bloss 1800 Meter hohe Techado der Suiza Sud-Americana hält den Vergleich mit einem 3000 Meter hohen und schönen Gipfel der Alpen aus. Ja, hinsichtlich des Reizes seiner Besteigung übertrifft er ihn. Die einfachen Chilenen sind glücklich. Zum erstenmal hat sich ihnen die Welt der Fels- und Gletscherlandschaft erschlossen. Nie hatten sie gedacht, dass es hoch oben auf den Bergen so schön sein könne. Sie hatten bisher zu jenen gehört, die bloss so hoch gingen wie das Vieh. Heute brauchten sie die halbwilden und auch wilden Animales in den Wäldern nicht zu suchen und zu treiben. Heute waren sie freie Menschen in freier Natur. Und sie genossen es, man sah es an den leuchtenden Augen, an den verklärten Gesichtern. « Caramba, que bonito... ( Teufel, wie schön », entfährt ihnen ein übers andere Mal diese etwas seltsame Bewunderung. Wie bald würden die Berge solch grosse, einfache Kinder für immer gefangen halten? Das Anseilen und Wandern am Seil kommt ihnen merkwürdig vor. Doch sind sie, die Meister im Lazowerfen ( sprich Lasso ), bald aufgeklärt und begreifen sehr wohl den Wert des Seiles auf trügerischem Eis und in schwierigem Fels. Nicht lange dauert der Abstieg, und schon grüsst das hübsche, weisse Zelt, das nach dem Entwürfe von Don Ricardo Roth konstruiert worden, auf grüner Matte herauf. Dort angelangt, wird es abgepflockt, zusammengerollt und einem der Chilenen aufgeladen. Hinunter turnt man die Nire-Picada und hat nach Durchquerung des Waldes und Absteigen des obersten Drittels der Runse wieder den Wildbach als Begleiter. Weil ich mich unter einen Wasserfall stellte, amüsierten sich meine Begleiter; mich aber erfrischte es. Das Springen auf den Steinen des Baches, der sich jetzt sehr geschwollen aufführt, hat einige nasse Beine im Gefolge. In der Picada unten angelangt, wird etwas gerastet. Einer wird vorausgeschickt, um die Pferde zu bestellen. Das lautlose, weiche Gehen auf moosigem Grunde ist zur Abwechslung sehr angenehm. Mit dem Boote am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt, schwingt man sich in die Sättel, und im Galopp geht es heim zu. Während die Chilenen ihren Familien und unvermeidlichem Mate zueilen, findet die Techadoexkursion im Hotel zu Peulla ihren würdigen Abschluss in Chiles güldnem Traubensaft.
Am Puntiagüdo.
Monte Cervino de la Suiza Sud-Americana! Seltsamer Berg! Wie oft und staunend hab ich dich natürlichen oder bewaffneten Auges betrachtet von Cayutüe, dem einsamen Eldorado des Lago Todos los Santos! Nie werde ich dies Bild vergessen: Ganz im Vordergrund in der Mitte der wohlgepflegte Garten mit kleinen Palmen, den grossblätterigen Pangues und Bäumchen, deren feurigrote Blütenkelche Kolibris küssen, weiterhin der Fjord mit seinem ruhigen, grünen Wasser, zu beiden Seiten von Bergen und Chiles schönsten Wäldern begrenzt, welche weit draussen, wo der Arm dem Körper des Sees angegliedert, von den Seiten her in Steillinien des schwarzen Rahmens Symmetrie bilden für des Gemäldes Hauptobjekt, wozu alles andere bloss das Ornament, den massigen, wuchtigen im Aufbau und eleganten, kühnen in den Linien, den Puntiagüdo. Alter, weisser Geselle, erloschener pater familias der Vulkane, wo ist das Feuer deiner Jugend? Vorüber sind die Zeiten der indianermordenden Lavaströme und Aschenregen! Wohl nicht mehr manches Jahrhundert wirst du dein Rowdihaupt so stolz in die Lüfte recken! Der Bergsteiger wird dir deinen Nimbus, die Zeit dir die Materie nehmen; sie wird dich köpfen, und mit den Skis wird der Alpinist auf deinem Rücken den Telemark und Kristiania schwingen!... Im Boot rudern mein junger Begleiter und ich von Cayutûe zu der etwa drei Stunden entfernten bewaldeten Isla de los conejos ( Kanincheninsel ). Sie heisst auch Isla Margarita, welcher schöner Frauenname von irgendeinem verliebten Schwärmer oder Pantoffelhelden dem Eilande gegeben worden sein mag. Die Bezeichnung Kanincheninsel ist tatsächlich einzig berechtigt; denn schon von weitem sieht man zahlreiche schwarze und weisse Punkte sich bewegen, die beim Näherkommen als lustig herumhüpfende Kaninchen sich herausstellen. Dem auf utilitarischem Boden stehenden Kolonisten mögen immerhin diese Sprünge nicht so amüsant vorkommen, da er sich sagt, gerade so gut als diese vermaledeiten Hasen könnte sein Vieh das Gras hier abweiden. Wir verbringen die Nacht am kleinen Strande in unsern Biwaksäcken. Bevor der See seine hohen Wellen wirft, rudern wir den nächsten Morgen um die nahezu einen Kilometer lange Insel herum. Still gleitet das Boot hin über die Riesenstämme versunkener Wälder. Wie deutlich sieht man sie in den klaren Wassertiefen! In Chilcón, etwa vier Stunden zu rudern von hier aus, ist ein solcher Wald, dessen kahle Stämme ziemlich weit im See draussen zwei, drei Meter über den Seespiegel hinausragen, so dass man glaubt die Überreste eines helvetischen Pfahlbauerdorfes vor sich zu haben. Nach vielleicht zwei Stunden Fahrt befestigen wir das Ruderboot am hübschen Gestade des Wohnhauses und Sägerei Puntiagüdo, nach dem Berg benannt. Hier wohnt ein biederer Schweizerrecke, Herr öhninger, der in einem geradezu furchtbaren Schaffensdrang im Verein mit Chiloten und Ochsen siegreich den Wald rodet. Er hat sich die Arbeitsfäuste in Kanadas unwirtlicher Gegend geholt. Zu Pferd gewinnen wir tags darauf, geführt von einem ebenfalls berittenen jungen Indianer, auf interessanten wilden Waldwegen nach drei bis vier Stunden ein Bachbett, wo der Indianer mit den Pferden uns verlässt. Da sitzen wir nun mit unsern schweren Biwak- und Rucksäcken in der heissen Sonne! Doch des Puntiagüdos Firne winken! Der Bach ist ausgetrocknet. Nur weiter oben treffen wir Wasser in gletschermühlenähnlichen Vertiefungen. Plötzlich sehen wir den Puntiagüdo ganz nahe. Die Lücke der Bachrinne gewährt uns diesen Ausblick. Weil die Bäume links und rechts die etwas zu milden Linien seines gewaltigen Fundaments verdecken, so steht er da, schroff, unnahbar... er ist das verkleinerte Ebenbild des Matterhorns von Riffelalp gesehen! Wie 23 bereute ich es, dass ich ohne Photographieapparat! Wer hätte je gedacht, dass der gewaltigste und berühmteste Berg Europas einen Doppelgänger hat! Was man für unmöglich gehalten, war hier Wirklichkeit. Ein Wasserfall-überhang zwingt uns zum Ausweichen links und zum Aufseilen unseres schweren Gepäcks. Immerzu auf den Steinen erreichen wir die höchste Baumgrenze und den Firn. Wir stehen am Fusse des letzten Steilaufschwunges des Puntia-güdo, der sich leider eben hinter grauen Nebelschwaden versteckt. Auch der Nordgrat rechts ganz hinten verschwindet. Er bietet die einzige Möglichkeit des ohne allen Zweifel sehr schwierigen, furchtbar steilen und aller Sicherung baren Aufstieges. Ich denke, dass der Gipfel erreicht werden kann im Winter oder Frühjahr, wenn sich an der Nordwand eine harte Kruste Schnee gebildet, so dass man mit den Schuhspitzen jeweils die Kruste durchschlagend und zugleich mit der rechten Hand hart an der Schaufel des Eispickels, diese fest in den Schnee drückend, sich sichert. ( Die Besteigung der Matterhornnordwand, vielleicht das grösste und ungelöste Problem der Alpen, wäre weit schwieriger. ) Die erklärte Art des Emporklimmens wie auf einer Leiter wird zum Gipfel führen. In ihrem obern Teil ist die Wand 65-70 Grad steil, eine, wie jeder gute Alpinist weiss, ausserordentliche Steilheit. Jetzt müssen wir uns aber nach einem Lagerplatz umsehen. Eine Nische am spärlich bewachsenen Waldeshange dient der Nachtruhe vortrefflich. Mit dem Messer geschnittene Kolihues geben den Schlafsäcken eine weiche Unterlage. Bald prasselt ein lustiges Feuer, und der dampfende Schneewassermate wärmt ebenfalls. Die Nacht verbringen wir sehr angenehm; doch gegen Morgen fängt es an zu regnen. Die Rekognoszierung am Puntiagüdo hat somit ihr frühzeitiges Ende genommen. Auf den Steinen balancieren wir wieder bergab. Am Rande des Baches hatten wir einen kleinen Steinmann errichtet, damit wir die Picada des Waldes nicht verfehlen. Wer diese nicht zu lesen versteht, als da sind Messermarkierungen an Baumrinden und die oft sehr schwer sichtbaren alten Messerschnittflächen an den Waldpflanzen, kann sich bös verirren. Abgesehen davon hilft jedoch beim Auffinden der Wald-fährten jener Instinkt, der bekanntlich in der Auffindung unbekannter oder neuer Wege bei Bergfahrten in den Alpen das « gute Auge » genannt wird. Hat man dies nicht und auch kein Messer, so geht 's einem wie jenem Herrn im Talar, der es mir selbst erzählte, wie er bei furchtbarem Regen im Walde sich verloren mit Gottestrost und Waldbeeren zwei Tage über Wasser sich zu halten vermochte, bis Hilfe kam.
Am Osórno.
Meine Norweger wollte ich am Osórno spazieren fahren und bei der Gelegenheit nach dem gemütlichen Aufstieg für diesen erloschenen Vulkan ausschauen. Weit musste ich die Skis tragen, bis ich sie anschnallen konnte, von Ensenada am Llanquihuesee etwa sechs Stunden hin und drei zurück. Durch den Wald, wo die langen Skis von den Schlinggewächsen feindselig behandelt wurden, musste ich für die vielgeliebten Bretter noch einen speziellen Kampf mit dem Messer ausfechten. Dazu kam noch das Kriechen über die hohen Lavablöcke, ein, so wird man sich denken, alles in allem etwas merkwürdiges Vergnügen. Ich muss aber sagen, dass ich in der Schweiz im Sommer auf beinahe spaltenfreien Gletschern viel Ski gelaufen habe und dass mich, auf insgesamt etwa fünfzehn Sommerskituren, das Tragen der Skis nie verdross, da ich mit herrlichen Abfahrten, wie z.B. am Breithorn im Wallis, belohnt wurde. Nachts vom Gestade des Llanquihue beginnend, waren wir schon eine Stunde mit der Laterne über die Lava gekrochen und weckten einen am Waldesrande wohnenden Chilener, der uns als Führer durch seine Picada dienen sollte. Wir kamen an jenem Tag bis zirka 500 Meter unter den Gipfel des Osórno. Der Schnee war weiter oben mit einer dicken Eisglasur überzogen, so dass Stufenhauen nötig wurde. Einer der Chilenen, der wohl auf Pferden sehr sattelfest war, hier oben aber schon weniger, hielt sich krampfhaft am Seil. Es war eben das erstemal, dass der Reitersmann eine so anstrengende Fusstur mit Tiefblick machte. Nicht mehr viel Zeit hatten wir für den langen Abstieg, und so zog ich denn meine Steigeisen an. Wohlbehalten kamen wir bei meinen zurückgelassenen Ski an, die ich nun an Stelle der Steigeisen anschnallte. Es guxte, und kalt blies der Wind. Hart wie Holz war der Schnee. An steilen Orten rutschte ich mit Hilfe der Stöcke und parallel gekanteten Skis, sonst im Stemmbogen, und nur weit unten gab 's Gelegenheit für Schwünge. Schon auf der ganzen Reise nach der südamerikanischen Schweiz hatten die schwarzen Bretter Neugierde und Bewunderung erregt, und auf Befragen, was denn das für cosas ( Dinge ) seien, erklärte ich jeweils, es sei das neueste Modell eines Aeroplans, worauf man mich misstrauisch ansah. Nun, meine perplexen Kameraden konnten hier die Funktion der gebogenen Hyckorys zum erstenmal feststellen. Skifahrer sind eben in den Anden dünn gesät. Just beim letzten Telemark, dort, wo der Schnee aufhörte, stürzte ich, und indem ich meine Skis auf die Schultern lud, ging 's mir durch den Sinn, dass ich doch wohl mit dem Aeroplan nicht so Unrecht gehabt; denn nun war ich ja mit den « komischen Dingern » geflogen — wenn auch auf die Nase. Jetzt hiess es aber sich sputen, wollten wir noch vor Einbruch der Nacht wenigstens beim Hause des freundlichen Chilenen anlangen. Es war bereits sieben Uhr abends und schon dunkel, als wir das Licht des Hauses sahen. Die Entrada ( Eingang ) des Waldfussweges hatten wir nicht mehr gefunden und mussten einen Umweg über die Lavablöcke machen. Der Chilene servierte uns Schwarztee und Naco, eine Bezeichnung aus dem Mapüche. Wohlschmeckende, geröstete Mehlkörner, zermahlen, mit Wasser ( besser Wasser mit Wein ) und Zucker vermischt, bilden dieses nahrhafte und durststillende indianische Getränk. Noch oft und gern habe ich dieses Naco genossen während meiner Bergfahrten in der Suiza Sud-Americana. Ich empfehle es der Bergsteigerwelt der Alpen. Wir verabschiedeten uns von der zahlreichen Familie des kleinen Chilenen und waren nach zirka einer Stunde wieder in Ensenada, dem End-Puerto des Lago Llanquihue. Die Rekognoszierung ergab, dass mit einem Freilager der Gipfel des Vulkans Osórno von Ensenada aus in massiger Steigung leicht zu erreichen ist. ( Schluss folgt. )