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Porträt in "Friedenspolitik", 1999
Als Jugendliche stritt sich Pia Hollenstein am Familientisch mit ihrem Vater ĂĽber das Frauenstimmrecht. Als junge Erwachsene leitete sie drei Jahre lang ein Health Centre im Busch von Papua Neuguinea. Ihre parteipolitische Karriere begann aber erst 1987 und verlief blitzartig. Heute sitzt die grĂĽne St. Gallerin bereits seit acht Jahren im Nationalrat.
Was kann eine grüne, friedens- und entwicklungspolitisch engagierte Feministin in der offiziellen Politik überhaupt erreichen? Allein 1998 hat Pia Hollenstein im Nationalrat Vorstösse zu sexuellen Übergriffen in Auslandeinsätzen, zum Schutz des Mont Blanc, zum Walschutz, zum Mobutu-Vermögen und zu den Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika unter der Apartheid eingereicht. Dazu kommen gemeinsame Vorstösse ihrer Fraktion und der Kommissionen, Voten in der Parlamentsdebatte und Interventionen in den Fragestunden. Ein Menge Arbeit: was bringt's?
Es sei tatsächlich ein grosser Aufwand, meint Pia Hollenstein, den sie nur auf sich nehme, weil sie ihn mit Lust betreibe.
Pia Hollenstein weiss, die Möglichkeiten zu nutzen, die ihr dank ihres Titels offen stehen. «Wenn du dich am Telefon als Nationalrätin meldest, springen alle.» Mit Freude berichtet sie, dass ihr Anruf, als sie hörte, wie schlecht einige Rekruten behandelt worden waren, den Ausbildungschef sogleich zu einer Untersuchung über die Zufriedenheit mit dem fraglichen Vorgesetzten veranlasste.
Ihre Macht als Nationalrätin setzt sie in erster Linie dazu ein, Verbindungen herzustellen und jenen eine Stimme zu verschaffen, die sich ausserhalb der offiziellen Institutionen bewegen. Beispielsweise wenn sie für die Tibetischen Frauen-Organisationen eine Ansprache vor dem chinesischen Konsulat hält. Wenn sie zum internationalen Tag der Frau die Bilderausstellung "Women of hope", im Bundeshaus organisiert. Oder wenn sie den Kontakt zwischen einer sudanesischen Menschenrechtsorganisation und der Verwaltung herstellt. Und immer wieder, wenn sie die Überlegungen der NGOs in die Kommissionen, Parlament und Verwaltungsinstitutionen einfliessen lässt.
Die Verbindung zwischen NGOs und Entscheidungsträgern ist ihr sehr wichtig. Sie nimmt auch weiterhin am Leben der Gruppierungen teil, mit denen sie bei ihren Reisen mit verschiedenen Delegationen nach Kurdistan, in den Sudan und nach Kolumbien in Kontakt getreten ist, und beteiligt sich beispielsweise an den monatlichen Mahnwachen der Kurdinnen und Kurden in St. Gallen.
Sie ist folglich auch bekannt als basisnahe Politikerin, die nicht abgehoben politisiert. Sie ist Mitglied des Zentralvorstandes beim VCS, Präsidentin der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege, gehört der ökumenischen GFS-Kommission St. Gallen/Appenzell an, betätigt sich im Regionalkomittee der Quoteninitiative, sitzt im Beirat der Arbeitsstelle Militär und Ökologie … immer wieder fällt ihr im Gespräch, das eine oder andere Engagement ein, dass sie bisher noch nicht erwähnt hatte. Das alles neben der Parteipolitik und einer 40%-Stelle als Berufsschullehrerin im Gesundheitswesen.
Jeder dieser Tätigkeitsbereiche bringt aber auch eine Erholung von den übrigen. Pia Hollenstein geniesst ihrer basispolitischen Aktivitäten, «wo ich nicht immer nur etwas einbringen muss, sondern auch etwas nehmen kann," und sieht in Beruf und Politik zwei Welten, die sich ergänzen: «Im Unterricht habe ich vor allem mit jungen Menschen zu tun, die ganz anders nah am Leben sind.» Daneben hat sie gelernt, sich Zeit für sich selbst freizuschaufeln, um Skitouren zu unternehmen, zu klettern oder zu joggen. Gelegentlich lassen sich solche Aktivitäten mit dem politischen Engagement verknüpfen, wie im letzten Jahr, bei einer Protestaktion von Mountain Wilderness auf dem Mont Blanc.
Diese Fähigkeit, ständig neue Kraft zu schöpfen, birgt Potenzial für die Zukunft. Sollte sie es schaffen, ihr immer wieder gefährdetes Mandat im Herbst zu verteidigen, könnte sie sich auch vorstellen, wieder in die sicherheitspolitische Kommission einzutreten. In dieser Funktion, hatte sie sich früher auch für die Blauhelm-Vorlage eingesetzt. Unter den herrschenden Bedingungen, sah sie in den unbewaffneten Einsätzen ein friedenspolitisches Engagement. Heute hingegen, hält sie es für dringend, sich gegen die Revision des Militärgesetzes zu engagieren, «weil damit ein Blankoscheck für militärische Konfliktbeteiligung gegeben würde.» Zuerst gelte es die schweizerische Gesamt-Friedenspolitik zu diskutieren, wie sie es in ihrem Postulat für ein Leitbild für die schweizerische Friedenspolitik gefordert hatte. Allfällige bewaffnete Einsätze müssten sodann zwingend an ein UNO- oder OSZE-Mandat gebunden sein.
Es sei jedoch erforderlich, den Blickwinkel zu öffnen und Friedenspolitik nicht nur ĂĽber Militärstrukturen zu definieren. Der Einsatz gegen strukturelle Gewalt, anteilsmässig viel höhere Investitionen in die Friedenserziehung und Friedensförderung und eine gerechte Beteiligung der Frauen in allen Bereichen sind ihr ebenfalls zentrale friedenspolitische Anliegen fĂĽr die nächsten Jahre. ▲

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