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Der Stimmentscheid ist das Produkt der Abwägung verschiedener Argumente. Ist jemand mit den Argumenten für eine Vorlage einverstanden und lehnt die Nein-Argumente ab, so wird er oder sie ein Ja in die Urne legen.
Aber stimmt dies wirklich? Immer wieder beobachten wir, dass Vorlagenargumente viel stärker befürwortet werden, als die Projekte selber. Betrachten wir zum Beispiel die Volksinitiative für eine öffentliche Krankenkasse, über welche das Stimmvolk am 28. September 2014 befand, so zeigt sich, dass die Argumente für die Initiative stärker befürwortet wurden als das wuchtige Nein vermuten lässt.
In den VOX-Umfragen müssen Interviewte jeweils zu drei Ja-Argumenten und drei Nein-Argumenten Stellung nehmen. Die Antwortkategorien reichen von „sehr einverstanden“ (2) bis „gar nicht einverstanden“ (-2). Fasst man alle getesteten Argumente in einer Grafik zusammen, ergibt sich folgendes Bild:
Befragte, welche mit allen Pro-Argumenten sehr einverstanden sind und alle Kontra-Argumente stark ablehnen befinden sich in der oberen linken Ecke der Grafik. Wenn eine Wählerin alle Pro-Argumente ablehnt und von allen Kontra-Argumenten überzeugt ist, befindet sie sich in der unteren rechten Ecke in der Grafik. Solche klaren Positionen sind allerdings die Ausnahme. Die meisten Befragten positionieren sich zwischen den Extremen „argumentativ stark gegen die Vorlage“ (-12) und „starke argumentative Zustimmung der Vorlage“ (12).
Zurück zur Ausgangsfrage: Welche Rolle spielt die Einstellung zu Argumenten überhaupt für den Stimmentscheid? Die unterstehende Grafik versucht eine Antwort zu geben.*
Auf der horizontalen Achse sind verschieden Positionen abgebildet. Diese entsprechen jenen in der ersten Grafik. Je stärker eine Person argumentativ für die Vorlage ist, desto weiter rechts befindet sie sich auf der horizontalen Achse. Die vertikale Achse zeigt die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung zur Vorlage. Je näher dieser Wert bei 1 (oben) liegt, desto wahrscheinlicher ist ein Ja an der Urne. Zwei Schlüsse können wir aus dieser Analyse ziehen:
- Je stärker jemand eine Vorlage argumentativ unterstützt, desto wahrscheinlicher ist, dass diese Person auch Ja stimmt. Stellen wir uns einen durchschnittlichen Abstimmenden vor: lehnt dieser alle Pro-Argumente für eine beliebige Vorlage vehement ab und stimmt allen Nein-Argumenten zur Vorlage stark zu, liegt die Wahrscheinlichkeit ein Ja auf den Stimmzettel zu schreiben bei 20 Prozent. Ist derselbe Befragte aber ein flammender Befürworter der Ja-Argumente zur Vorlage, liegt die Ja-Wahrscheinlichkeit bei über 80 Prozent. Dies heisst, dass die meisten Leute einen mit ihren Haltungen übereinstimmenden Entscheid treffen.
- Eine zweite Erkenntnis ist, dass die Lager unterschiedlich viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Damit eine Annahme der Vorlage wahrscheinlich ist, müssen Stimmbürgerinnen stark von einem Projekt überzeugt sein (ca. 5 auf unseren Argumentenskala von -12 bis 12). Eine halbherzig befürwortende oder gar neutrale Einstellung reicht für ein Ja zur Vorlage in den meisten Fällen nicht aus. Damit ist auch klar warum Vorlagen wie die Volksinitiative für eine öffentliche Krankenkasse an der Urne schlechter abschneiden als man aufgrund der Argumententest vermuten würde. Zu erklären ist dieses Resultat womöglich mit der Tendenz den Status Quo der unsicheren Veränderung zu bevorzugen. Es ist nicht erstaunlich, dass die Risikofreudigkeit bei Leuten mit einer einer schwachen argumentativen Pro-Tendenz besonders gering ist.
Was heisst dies für die Praxis? Für Komitees lohnt es sich, viel Arbeit in die Ausarbeitung und Kommunikation überzeugender Argumente zu stecken. Sind die Argumente nicht überzeugend, sinken die Chancen einer Vorlage dramatisch. Dies gilt besonders für die Ja-Komitees. Diese brauchen einen beträchtlichen argumentativen Vorsprung auf die Gegner des Vorhabens um an der Urne erfolgreich zu sein.
*Für die statistisch Interessierten: Die zweite Grafik basiert auf einem logistischen Mehrebenenmodell. Das Modell enthält verschiedene Kontrollvariablen welche für die Berechnung der abgebildeten Wahrscheinlichkeiten auf ihrem Mittelwert fixiert wurden. Der Einfluss der Argumenetepositionen variiert mit dem Kontext (Intensität, Negativität und Komplexität der Kampagne der Kampagne). Diese weiterführenden Ergebnisse wurden im Artikel „Vote as you think“ veröffentlicht (Link).