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Die beobachtungsdirigierende Leitunterscheidung der neueren (soziologischen) Systemtheorie ist die von System und Umwelt.1
Die skandalisierende Kraft dieser (soziologisch verstandenen) Differenz lag darin, daß mit ihr psychische und soziale Operationen in ein wechselseitiges System/Umwelt-Verhältnis hineinarrangiert werden konnten.2 Die Theorie trennte kategorisch soziale und psychische Systeme und mußte dann Theoriestücke (nach)entwickeln bzw. importieren, die die Einheit des so Geschiedenen zu bearbeiten in der Lage waren, zum Beispiel die Theoriestücke der Interpenetration und der strukturellen Kopplung.
Im Effekt ergab sich jedenfalls eine Strategie, durch die soziale Systeme bewußtseinsfrei und psychische Systeme kommunikationsfrei gestellt wurden.
Damit gelang es, die am klassischen Ganzes/Teil-Schema verankerten und intellektuell ärgerlichen Beinhaltungsverhältnisse (etwa: Menschen sind Teile sozialer Systeme) zu sprengen. Der Preis war (im präzisen Sinne) die Exkommunikation des Menschen, des Individuums, des Bewußtseins, des Subjekts, der Leute.3
Der Gewinn war die Eröffnung neuartiger Analysemöglichkeiten, die nicht mehr auf die epistemologischen Blockaden des Ganzes/Teil- und des Subjekt-Schemas angewiesen waren. Als Folgeproblem ergab sich aber, daß die Spezifikation der relevanten psychischen Umwelt sozialer Systeme nicht recht gelingen wollte. Terminologisch läßt sich diese Schwierigkeit nachzeichnen an der historischen Folge von Begriffen wie personales System, psychisches System, System des Bewußtseins. Noch heute geistern alle diese Begriffe und Anrainerbegriffe wie das kuriose psychophysische System in der einschlägigen Literatur herum.4 Es ist von personaler, psychischer, bewußter Umwelt die Rede, und schon ganz unklar dabei ist, was es mit dem Körper auf sich hat, der ja (jedenfalls in klassischer Vorstellung) irgendwie Träger (Beinhalter) des Psychischen wäre.
Klar war nur, daß das Kompaktwort Mensch für die Auszeichnung der relevanten Umwelt sozialer Systeme so gut wie nichts leistete, ebensowenig übrigens wie die semantisch diffusen Begriffe des Individuums oder des Subjekts. Diese Verwirrungen und Unschärfen kann man den Turbulenzen in paradigmatischen Verwerfungszonen zuordnen. Sie wären dann nicht weiter tragisch, insofern die begrifflichen Instrumente, die einstweilen fehlen, geduldig entwickelt werden könnten.
1 Siehe grundlegend Luhmann, N., Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984; vgl. zur Auflösung der in der Unterscheidung angelegten Raummetapher Fuchs, P., Die Metapher des Systems, Studien zur allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse, Weilerswist 2001.
2 Ich benutze hier das Imperfekt, obwohl sich noch immer einschlägige Skandalisierungs-strategien beobachten lassen, aber es fällt mir schwer, sie noch ernst zu nehmen.
3 Diese Exkommunikation konnte dann von pathetisch gesonnenen (ein wenig dämpfigen) Beobachtern als Expropriation gedeutet werden.
4 Siehe zu dem Versuch, wenigstens das psychische und das bewußte System deutlich zu trennen, Fuchs, P., Das psychische System und die Funktion des Bewußtseins, Ms. Meddewade 2001 (in Vorbereitung).
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Es gibt aber auch die Möglichkeit, Verwirrungen dieser Art auf tiefer liegende Theorieprobleme zurückzuführen, die noch vor dem Splitting der Systemwelt in psychische und soziale Systeme eine eigentümlich subversive Rolle spielen, die mit dem Systembegriff selbst zu tun haben, Paradoxieprobleme, durch die ein viel massiver wirksames Skandalon bezeichnet wird.
Wir nennen solche Probleme vorläufig EINS=ZWEI=EINS-Probleme.
I: Die Kombination von systemtheoretischen, differenztheoretischen und schließlich beobachtungstheoretischen Motiven, als die die soziologische Systemtheorie heute angesehen werden kann, läßt es nicht mehr zu, die System/Umwelt-Differenz als Differenz von Lagen-in-der-Welt, als Kon-Stellationen zu begreifen, als ein Dies (System) und Das (Umwelt) in einer Art räumlicher Konfiguration.
Dieses Modell hatte seine Berechtigung, insofern es gestattete, Erkenntnis-interessen nach Systemreferenzen zu ordnen. Man konnte sich auf Sozialsysteme oder auf psychische Systeme konzentrieren, das dabei jeweils Ausgeschlossene als Moment der Umwelt vorübergehend dahingestellt sein lassen und bei Bedarf die Referenzen wechseln, erst Dies, dann Das, dann wieder Dies ... und in dieser Oszillation fielen dann aufeinander beziehbare Erkenntnisse an, die sich sequentiell darstellen ließen. Dieses Verfahren war leistungsfähig (und ist es bei Bedarf immer noch), aber es konnte nicht berücksichtigen, daß die Oszillation zwischen System und Umwelt (und Systemen in der Umwelt) System und Umwelt gleichsam kondensieren läßt wie Gegenstände, auf die man sich ausrichten kann.5
5 Dazu beigetragen hat, daß der Begriff Beobachtung in Richtung seiner visualistischen Komponenten ausgearbeitet wurde, nicht von jedem und jeder, aber doch häufig. Siehe dazu, wie man anders verfahren könnte, die Vorlesung über das Beobachtungssyndrom in: Fuchs, P., Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne, Konstanz 2001.(pg 47 Wir sind Gefangene in einer unterscheidungsbasierten Sinnwelt - das heisst unter anderem auch, dass jeder Sinn, jede Unterscheidung nur durch Sinn, durch andere Unterscheidungen beobachtet werden kann.)
Der Gegenstand der Systemtheorie war dann das System-in-einer-Umwelt. Man hatte es mit der Gesellschaft, der Politik, dem Recht, der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft zu tun, mit den Organisationen und auf der Gegenseite mit den psychischen (bewußten) Systemen. All diese Systeme ‚lagen‘ sozusagen vor in wechselseitigen Verschachtelungsverhältnissen (etwa Unternehmen als Subsysteme der Wirtschaft, Kirchen als Subsysteme der Religion), alle diese Systeme ‚hatten‘ Umwelten, die wie ‚Umlagen‘ gehandhabt wurden, als eine Art ‚Ambiente‘.
Daran änderte sich, beinahe unbemerkt und eher zaghaft, erst dann etwas, als man herging, das System als Differenz zu begreifen. Das System, so lautet die kanonische Formel, ist die Differenz von System und Umwelt.
Es ist weder die eine noch die andere Seite der Differenz, die insofern kompliziert ist, als der Einheitsbegriff der Unterscheidung (Das System ist die Differenz System/Umwelt) in der Differenz noch einmal unterschieden ist (System/Umwelt).
Das ist nicht einfach der Fall eines klassischen Wiedereintritts eines Unterschiedenen in die Unterscheidung, durch die es unterschieden ist, nicht einfach nur ein re-entry wie etwa in dem Fall, daß jemand System und Umwelt unterscheidet und dann auf der Seite des Systems prüft, wie dort ebendiese Unterscheidung behandelt wird.
Stattdessen haben wir es mit dem kruden Problem einer sich selbst dementierenden Unterscheidung zu tun, die - einmal serviert - ihre Einheit (System) so ‚verzweit‘, daß genau diese Einheit als eine Seite einer Zweiheit auftritt, in der sie dann die Einheit (sozusagen trotz Hälftigkeit) vertritt. Vielleicht kann man auch (für Liebhaber von Metaphern) von einer ‚kreisenden‘ Unterscheidung sprechen, bei der jede Bezeichnung des Systems die Differenz aufruft, innerhalb derer die Bezeichnung wieder auftaucht, die ihrerseits bezeichnet als Einheitszeichen fungiert, das die Differenz aufruft etc.
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Damit wird der Begriff des Systems endogen unruhig. In pointierter Wendung: Er hat die Form einer Selbst-Dekonstruktion. Er ist nicht stillstellbar und erzeugt für einen Beobachter, der mit ihm arbeitet, fortlaufende Informations-verluste, indem er ihn in die Quasi-Ontologie von Objekt-Systemen hineinnötigt. Im Repertoire der Rhetorik ist die Metapher der Ausdruck für eine Sinnfigur, die sich nicht auf Information hin ‚linearisieren‘ läßt. Und auch in diesem Sinne könnte man sagen, daß das Wort System eine im Augenblick unüberbietbare Metapher ist, insofern sie es als Abbreviatur (mit sozusagen innerer Unabschließbarkeit) gestattet, Forschungen durchzuführen, die von ebendieser Unabschließbarkeit absehen.6
6 Das ist eine zentrale These in Fuchs, P., Die Metapher des Systems..., a.a.O. Die These sagt zugleich, daß man über den Systembegriff nur mit dem Systembegriff hinauskommt. Diese Anregung verdanke ich Dirk Baecker.
Kommt es aber auf diese Unabschließbarkeit an, geht es also um das, was man theoretische Grundlagenforschung nennt, bietet sich für das im Systembegriff eingezeichnete EINS=ZWEI=EINS-Problem der Ausdruck konditionierte Koproduktion an.7
7 Vgl. Spencer-Brown, G., Vgl. A Lions Teeth, Löwenzähne, Lübeck 1995, S.20: „How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction. Vgl. auch dens., Gesetze der Form, Lübeck 1997, Vorstellung der internationalen Ausgabe, S.ix f.
Konditionierte Koproduktion besagt (in der Lesart, die ich wähle), daß erstens alles, was erscheint, seine Epiphanie historisch (das bedeutet das Adjektiv ‚konditioniert‘) erwirtschaftet, und zweitens daß diese Erwirtschaftung an die Ökonomie einer Einheit gebunden ist, die nur für einen Beobachter eine Zweiheit ist. So wenig es den Herrn ohne den Knecht gibt, den Knecht ohne den Herrn, so wenig es also weder Herren noch Knechte gibt, so wenig ‚gibt‘ es die eine Seite der Differenz (das System) ohne die andere Seite (die Umwelt). Die Metaphern der Verschränkung, der Verzahnung, der Kopplung, der Interpenetration, aber auch der Grenze sind im Blick darauf unzureichend.9
9 Die Metapher des All-Einen, wie sie sich vor allem aus asiatischen Religions- und Philosophiekontexten beziehen läßt, stellt sozusagen die Verzweiung still und begünstigt so eher Meditation als Forschung, die ja nicht auf Beschaulichkeit ausgelegt ist.
Sie (diese Metaphern UB)sind schon im Rahmen einer okkulten Ontologie des Raumes gearbeitet. Davon muß man sich jedoch nicht erschrecken lassen, insofern man Fragen der Einheit, der Zweiheit, der Dreiheit an die Philosophie bzw. an Zeichentheorien delegieren kann.10
10 Siehe zur einschlägigen Diskussion Jahraus, O./Ort, N. (Hrsg.), Bewußtsein Kommunikation Zeichen, Wechselwirkungen zwischen Luhmannscher Systemtheorie und Peircescher Zeichentheorie, Tübingen 2001.
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Schrecken tritt eher auf, wenn man als Soziologe mit der System/Umwelt-Unterscheidung operiert und dabei bewußte Operationen psychischer Systeme von kommunikativen Operationen sozialer Systeme trennt.
In eingeführter Diktion hätte man es in der Umwelt sozialer Systeme mit relevanten Prozessoren (psychischen Systemen) zu tun, in deren Umwelt als relevante Prozessoren soziale Systeme fungieren. Die System/Umwelt-Differenz, die zwischen sozialen und psychischen Systemen verläuft, wäre dann eine Differenz von Differenzen derselben Art (eben: System/Umwelt), die einer absonderlichen Verschleifung unterläge, die graphisch nicht mehr darstellbar ist:
Das psychische System ist die Differenz von System/Umwelt, es hat also keinen Selbststand, keine Sui-Suffizienz, denn in der Differenz, durch die es (?) bezeichnet ist, sind die Umweltprozessoren (soziale Systeme) mitbezeichnet; das soziale System ist die Differenz von System/Umwelt, es hat also keinen Selbststand, keine Sui-Suffizienz, denn in der Differenz, durch die es (?) bezeichnet ist, sind die Umweltprozessoren (psychische Systeme) mitbezeichnet. Das sind äußerst vertrackte Verhältnisse, die gewöhnlich (ohne sonderlich mitreflektiert zu werden) dazu führen, daß die beiden Differenzen (System/Umwelt sozial // System/Umwelt psychisch) in einer Differenz zusammengezogen werden (Soziales System/Psychisches System). Diese Kontraktur erzeugt die Kontrahenten Kommunikation und Bewußtsein, die, wenn man so will, direkte Gegenspieler werden. Sie sind dann füreinander unmittelbare (relevante) Umwelt.
Keine Seite dieser Differenz kann die andere beinhalten, sondern nur in je eigener Autopoiesis bezeichnen. Es gibt keine Überlappungs-verhältnisse, sonst hätte man ein Amalgam und keine Differenz. Und deshalb muß ein Medium hinzugedacht werden, das weder das eine noch das andere System, ja überhaupt kein System ist.
Dieses Medium wird in seiner abstraktesten Form Sinn genannt. Es ist, wenn man so will, eine Art Einheitsfunktor, weil es Formbildung auf beiden Seiten der einen Differenz instruiert durch Modalisierung jeder Bezeichnung, die im Rahmen psychischer oder sozialer Operationen anfällt, oder, in einer etwas anderen Wendung: durch den Einsatz der für jede Beobachtung unverzichtbaren Differenz von Aktualität/Potentialität. Oder in mnemotechnisch schlichterer Formulierung: Sinn ist diese Modalisierung. Aber wie dem im einzelnen sein mag:
Wenn das, was wir gerade konditionierte Koproduktion genannt haben, eine triftige Beschreibung ist, dann sind die Antagonisten in der Differenz (Kommunikation/Bewußtsein) die Als-Zwei-Beobachtung-eines-Einheitsgeschehens.
Das ist nun in der Tat kein Spaß mehr, denn eine erste Konsequenz dieser Überlegung wäre es, bestreiten zu müssen, daß die Antagonisten ein Eigenspiel spielen könnten, etwas an-und-für-sich wären.11 Manch einem wird diese Annahme leicht fallen, wenn es um Kommunikation geht, aber in der Logik konditionierter Koproduktion würde dasselbe für die Gegenseite, für das psychische (bewußte) System gelten.
11 Verfährt man so, muß man nicht das deprimierende Spiel mitspielen, daß darin besteht, das Phänomen Geist als etwas zu behandeln, in dem etwas drin ist oder in dem nicht etwas drin ist (Eliminativismus). Siehe dazu Searle, J., Die Wiederentdeckung des Geistes, Frankfurt a.M. 1996, S.276.
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Wenn gestrickt wird, fallen die Nichtmaschen mit den Maschen an; tilgt man die Nichtmaschen, verschwindet das Strickwerk im Zuge der Tilgung mit. Jedenfalls würde das Bild der herumschweifenden singulären Bewußtseine, denen die Sozialsysteme gegenüber liegen, nicht ganz umstandslos stimmen, wenn die einen wie die anderen nur sind, als was sie in der Differenz aufspringen, ohne die nicht einmal die Rede von ihnen sein könnte.
II
Das damit bezeichnete Problem müßte sich daran zeigen, daß die Singularität der Bewußtseine nicht beobachtet werden kann.13 Sie wäre kein empirisch ansteuerbarer Tatbestand.14 In sozialer Systemreferenz ist diese These (den hier diskutierten theoretischen Apparat vorausgesetzt) evident. Es ist möglich, über singuläres, individuelles, idiosynkratisches Bewußtsein zu reden, seine Existenz zu behaupten, Romane zu schreiben, die dies alles vorführen, aber ob nun darüber geredet oder geschrieben wird, in jedem Fall ist die Inszenierung geknüpft an die Allgemeinheit des dabei benutzten Zeichenreservoirs und nur möglich, wenn ein Minimum an Standardisierung im Spiel ist.
Für Sozialsysteme ist nämlich Einzigartigkeit eine zwar paradoxe, aber gleichsam lässig fungierende (semantisch mittlerweile reich ausgestatteter) Markierung, die nur deshalb funktioniert, weil sie nicht funktioniert. Wäre Einzigartigkeit kommunikabel (im Sinne der Mitteilung echter, wirklicher, ontischer Singularität), könnte nicht verstanden werden, was angezeigt, gesagt, geschrieben worden ist. Kommunikation würde kollabieren, aber muß es nicht, weil ohnehin nicht geht, was dabei intendiert wurde. Es kommt stattdessen zu beobachtbaren (!) Formen des (historisch differenten) Umgangs mit dem Reden über Singularität und all ihren Derivaten.15
13 Hinter dieser Formulierung verbirgt sich das Problem, daß man ja auch sagen könnte, daß das Bewußtsein genau dann beobachtet wird, wenn ein Beobachter mit dem term Bewußtsein und entsprechenden Unterscheidungen arbeitet. Es entstünde, wenn man so will, dann als Beobachtetes, Bezeichnetes oder als Signifikat unter einem Signifikanten, der historisch gleiten kann. Wir spielen aber vorläufig noch das Spiel, in dem angenommen wird, daß es ein Korrelat Bewußtsein gebe. Dasselbe Spiel spielt, wie man annehmen könnte, Luhmann, wenn er sagt, es gebe Systeme oder Kommunikation seiunbeobachtbar.
14 Das gilt nicht minder für Sozialsysteme, aber wir greifen den der psychischen Systemreferenz zuerst heraus.
15 Vgl. dazu die Studien in Luhmann, N./Fuchs, P., Reden und Schweigen, Frankfurt a.M.1989.
In psychischer Systemreferenz bleibt das Problem erhalten. Es ist vollkommen klar, daß die Produktion von Anlässen (Lärm), die von Kommunikation als Äußerungen aufgegriffen werden können, ebenfalls an die Allgemeinheitsbedingungen (oder in eher Wittgensteinschem Duktus: an die Unmöglichkeit einer Privatsprache) von Sozialität geknüpft sind.
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Selbst für die Spitzenleistungen der idiosynkratischen Verrätselung von Anlässen (Kunstwerke, moderne Lyrik, Musik der Avantgarde) gilt, daß ein Minimum am Fremdreferenz installiert sein muß, damit ein wie immer auch restringiertes Verstehen zustandekommt.16 Die Auszeichnung von Individualität (hier immer im Verständnis von Singularität) muß dann historisch nachzeichenbare Wege suchen, beispielsweise das Paradox kommunizierter Singularität im Mittelalter aufspüren17 oder die Quellengattung autobiographischer Texte entdecken und auswerten, die vielleicht ebenfalls im Mittelalter im Kontext von Haushalts- und Kaufmannsbüchern entstanden sind.18 Nicht minder wichtig wäre es, darauf zu achten, wie es die sich einspielende Differenz von Lebenslauf und Biographie gestattet, den Lebenslauf durch Bezeichnung der Biographie (in der das Schreiben ja schon ethymologisch eingeschrieben ist) thematisch zu machen und ins Narrative zu wenden.19 Die Narration wird dann (etwa im Roman) mehr und mehr zum Mittel, Ereignisse so miteinander zu verknüpfen, daß einleuchtet, daß sie auf diese Weise nur einem oder einer zugestoßen sein können.20 Bei dieser (hier nur äußerst knapp skizzierter) Ausdifferenzierung von Möglichkeiten, die Singularität von Bewußtseinen zu bezeichnen (unter welchen Titeln auch immer), bleibt das Prinzip erhalten, daß jeder Versuch, der dies unternimmt, sich in einem Medium der Allgemeinheit vollzieht.
Man muß bei dieser These nicht schon davon ausgehen, daß es keine Privatissima des Bewußtseins gäbe; es genügt, zu sagen, daß sie entweder mitgeteilt werden (und dann verdampft das Bewußtseinsprivate in der Allgemeinheit der Kommunikation und der Medien, in denen sie sich realisiert) oder verschwiegen wird (und dann weiß niemand etwas davon). Derjenige, der schweigt, kann dann noch immer sagen, daß in ihm Unaussprechliches wallt und gärt, er kann sein je ne sais quoi verkünden, aber das ist dann alles, was das Unaussprechliche ist nichts als eine verstehbare Nachricht, die nichts mitbringt, was nicht allgemein wäre, wie virtuos auch immer die Form der Mitteilung sein mag.
16 Vgl. etwa die Auseinandersetzung in Fuchs, P./Schmatz, F., „Lieber Herr Fuchs, lieber Herr Schmatz“, Eine Korrespondenz zwischen Dichtung und Systemtheorie, Opladen 1997. Spitzenleistungen dieser Art finden sich auch in kalligraphischen Kontexten, die (via Kopie) Individualität löschen und (via minimaler Abweichung) hervorzaubern. Vgl. die Studie über Japan (Shodo) in Fuchs, P., Umschrift, Zwei kommunikationstheoretische Studien, Frankfurt a.M. 1995. Siehe als Diskussion eines Kontrastfalles ders., Die Schrift bricht nicht das Schweigen oder doch? Anmerkungen zum Schriftgebrauch der Zisterzienser, in: Buchmalerei der Zisterzienser, Kulturelle Schätze aus sechs Jahrhunderten, Katalog zur Ausstellung „Libri Cistersienses“ im Ordensmuseum Abtei Kamp, Stuttgart - Zürich 1998, S.35-39.
17 Siehe für entsprechende Fallstudien Aertsen, J.A./Speer, A. (Hrsg.), Individuum und Indivudalität im Mittelalter (Bd. 24 der Miscellanea Mediaevalia), Berlin - New York 1996. Vgl. auch Fuchs, P., Moderne Identität - im Blick auf das europäische Mittelalter, in: Alois Hahn/Herbert Willems (Hrsg.), Identität und Moderne, Frankfurt a.M. 1999, S.273-297.
18 Vgl. Weiand, Ch., „Libri di famiglia“ und Autobiographie in Italien zwischen Tre- und Cinquecento, Studien zur Entwicklung des Schreibens über sich selbst, Tübingen 1993. Siehe auch Schulze, W., Vorüberlegungen für die Tagung über „EGO-DOKUMENTE“, in ders. (Hrsg.), Ego-Dokumente: Annäherung an den Menschen in der Geschichte, Berlin 1996, S.17. Vgl. ferner Fuchs, P., Individualisierung im System, in: Kron, Th. (Hrsg.), Individualisierung und soziologische Theorie, Opladen 2000, S.69-87.
19 Vgl. dazu Hahn, A., Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte, Frankfurt a.M. 2000, S.101ff. et passim.
20 Das ist nicht unser Thema, aber man könnte es durchziehen bis zur Psychoanalyse, aber ebenso gut den Alltag daraufhin durchprüfen, wie er immer dann, wenn es um Individualität geht, von Geschichten durchsetzt wird.
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Gleichwohl findet sich diese Nachricht, und üblicherweise ist man geneigt dazu, ihr Glauben zu schenken. Dieser Glaube speist sich aus Binnenevidenzen, über die jedes Bewußtsein verfügt, nämlich, daß es etwas bei sich behalten, verschweigen kann und daß es mitunter Zustände in sich registriert, für die ihm die Worte fehlen, und wenn sich die Worte für komplizierte Bewußtseinslagen doch einstellen, kann man gleichzeitig wissen, daß sie nicht in jedem Fall richtig verstanden werden oder möglicherweise wenn ausgesprochen, niedergeschrieben Peinlichkeiten, die Gefahr von seelischen Verletzungen, Schädigungen der sozialen Adresse evozieren könnten.21
Beinahe ist es so, als käme das Bewußtsein durch häufig in dieser Weise anfallende Resignationen zur Idee, daß es einzigartig sei.22 Aber damit ist dann der eigentliche Testfall benannt. Wenn die Singularität der Bewußtseine nicht beobachtbar ist, verbleibt ja noch der Fall der Selbstbeobachtung. Wenigstens in dieser Hinsicht müßte so etwas wie Eigentümlichkeit, Selbstheit, Einzigartigkeit zu Tage treten, und sei es nur in der verschwiegensten Innenschau, der Introspektion.23
21 Das Bewußtsein dafür scheint sich aber langsam zu verflüchtigen, jedenfalls, wenn man auf die Selbstdarstellungen von Leuten in mittäglichen Talksshows achtet, etwa zu Themen wie „Ich trage keine Unterwäsche...na und?“ oder „Hilfe ...ich habe Scheidenkrämpfe.“ Hier deuten sich massive und soziologisch beachtliche Umstellungen dessen an, was noch kommuniziert werden kann, damit dann auch die Frage, was noch als verschweigenswert (also peinlich) gilt.
22 Diese Vermutung ließe sich leicht in eine Hypothese übersetzen, mit der sich historisch-semantisches Material, das im Zuge der Umstellung des Gesellschaftssystems auf funktionale Differenzierung entsteht, ordnen ließe bis hin zu Lord Chandos. Interessant ist, daß die Ursprungsbedeutung von conscientia (cum scire) mitbeinhaltet, daß zwei gemeinsam etwas über etwas wissen, aber genau daran bemerken, daß sie bestimmte Dinge nicht voneinander wissen, Peinlichkeiten, Schandbares etc. Das eigene würde durch Scham entdeckt, also gleich im Kontext von Moral.
23 Das Problem ist (jenseits dessen, worum es uns hier geht), daß Introspektion eigentlich Retrospektion ist. Siehe jedenfalls schon James, W., The Principles of Psychology, Cambridge 1993 (1890), S.187ff.
III
Die zentrale Subversion dieser Evidenz, daß der Eigenstand des Bewußtseins in seiner Selbstbeobachtung angetroffen werde, ergibt sich daraus, daß in der Bezeichnung dieser Operation die Bezeichnung der Operation Beobachtung eingebaut ist. Diese Operation ist ja nicht definiert als das aufmerk- und achtsame Im-Blick-Haben und Verfolgen eines sozusagen ‚drüben‘ befindlichen und irgendwie agierenden (oder auch ruhenden) Gegenübers. Sie ist nicht in die Relation Subjekt/Objekt eingespannt, sie ist weder cartesisch noch euklidisch. Sie wird begriffen als Operation eines unterscheidenden Bezeichnens oder eines bezeichnenden Unterscheidens, aber in jedem Fall (wie immer dann die zeitlichen Akzente gesetzt werden) als Operation, in der Unterscheidung und Bezeichnung in einer Aktualität kombiniert sind.
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In leichter Modulation hier einschlägiger Formulierungen gehe ich davon aus, daß die Operation des Beobachtens die Verkettung von Bezeichnungen ist, an die durch jede weitere Bezeichnung sozusagen ein Auswahlbereich möglicher (die Bezeichnung situierender) Unterscheidungen herangetragen wird, und zwar genau dadurch, daß die weitere Bezeichnung als Wahl beobachtet werden kann.
Das gestattet es, zu sagen, daß die Operation schon die Form von Sinn hat, insofern sie Selektivität installiert für weitere Beobachtungen, für die dasselbe gilt. Daraus folgt unter anderem, daß es keine singulären Operationen gibt, sie sind (und sei es nur durch diese Definition) immer: systemisch.
Die eine Beobachtung ohne Katenation von Beobachtungen ist weder psychisch noch sozial denkbar. Unabhängig davon, wie man hier die Akzente setzt, wichtig ist, daß es um ein Unterscheiden geht und um ein Bezeichnen. Dabei ist das Unterscheiden nicht identisch mit dem Passieren von Unterschieden, von denen niemand etwas wissen kann, wenn sie nicht unterschieden (besser wäre, wenn es die deutsche Sprache zuließe: unterscheidet) werden.
Das Unterscheiden von Unterschieden (uno actu mit der Bezeichnung der einen oder anderen Seite der Unterscheidung) ist schon sinnförmig, ist schon an die Möglichkeit des Bedeutens geknüpft, an die Aufblendung eines Auswahlbereiches durch die Bezeichnung, und letztlich, wie wir annehmen wollen, an Zeichengebrauch.24
24 Wir wollen also nicht annehmen, daß die Katze die Maus unterscheidet und bezeichnet, also in diesem Sinne: beobachtet. Vermutlich ist sie zur dazu notwendigen Virtualisierungsleistung nicht befähigt. Das schließt nicht aus, daß Katzen, Pflanzen, Viren eine psychische Organisation hätten (die ist schon durch schiere Wahrnehmung impliziert), sondern nur nicht: Bewußtsein, das beobachtet, also Zeichen in Anspruch nimmt. Das läge anders, wenn man Bewußtsein als Wahrnehmungsorgan auffaßt, das äquivalent operiert zu den anderen Sinnesorganen. Beispiel für diese Theorie wäre etwa die hinduistische Idee des manas. Vgl. Smart, N., Doctrine and Argument in Indian Philosophy, London 1964.
Die Externalisierungsleistung des neuronalen Systems (die Erzeugung einer Welt da draußen) würde nur zu einer gleitend-kompakten Folge, einem super-dichten Rauschen führen, wenn nicht das Bewußtsein Bilder und Ereignisse kreieren würde, durch die etwa Innen/Außen oder Vorher/Nachher zustandekäme, oder kurz: eine fortwährende Modalisierung, die zeichenfrei bzw. sinnfrei nicht vorstellbar wäre.25
25 Im Blick auf Wahrnehmung, die zeichenfrei arbeitet, könnte man sich rudimentäre (aber für Sinnsysteme eben nicht mehr vorstellbare) Modalisierungen vorstellen. Ein Analysegegenstand könnten spielende Tiere sein, Scheinbisse etc. dies alles aber schon für sinnförmig instruierte Beobachter, also äußerst problematisch. Vgl. zur erkenntnist-heoretischen Diskussion dieser Frage Bieri, P. (Hrsg.), Analytische Philosophie der Erkenntnis, Frankfurt a.M. 1987, S.24ff. Vgl. ferner den Grundlagenaufsatz von Nagel, Th., Wie ist es, eine Fledermaus zu sein, in: Frank, M. (Hrsg.), Analytische Theorien des Selbstbewußtseins, Frankfurt a.M. 1994, S.135-152.
Wenn es so ist, daß die Operation der Beobachtung durch Zeichengebrauch Zäsuren und Ereignisse schafft (das wäre sogar ihre Funktion), dann würde das in unserem experimentellen Kontext bedeuten, daß Selbstbeobachtung exakt dieselbe Operation ist, also Unterscheidungen und Bezeichnungen kombiniert, die durch Zeichengebrauch konditioniert sind. Das Bewußtsein würde diese Operation nur nicht-privat durchführen können.26
26 Das ist eine der zentralen Thesen in Fuchs, P., Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, Die Herrschaft der Verlautbarung und die Erreichbarkeit des Bewußtseins, Frankfurt a.M. 1998; ders. (als gedrängte Fassung), Die Dominanz der Verlautbarungswelt und die Erreichbarkeit des Bewußtseins, in: texte, psychoanalyse, ästhetik, kulturkritik, Jg.17. H.3., 1997, S.58-66; ders., The Modernity of Psychanalysis, in: Germanic Review, Vol.74, Number 1, Winter 1999, S.14-29.
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Es bezöge das ‚Material‘ zur Selbstbeobachtung nicht aus sich selbst, sondern wäre in dieser Hinsicht komplett sozial konditioniert. Es müßte bei dieser Operation immer weitere Zeichen einsetzen (wie sublim und differenziert es das auch immer anfangen mag), und im Moment, in dem es gleichsam zeichenfreie Momente seiner selbst bezeichnen (unterscheiden wollte), würde es das tun, was es dabei nicht will und doch will: bezeichnen und unterscheiden.27
27 Wenn man das noch vermeiden will, muß man Unterscheidungsvermeidung praktizieren, also ‚Leerheit‘ anstreben. So etwas findet sich im Zen-Buddhismus. Vgl. dazu die entsprechende Studie in Luhmann/Fuchs 1989. In diesem Kontext wird dann interessant, daß die Meister gegenüber langjährigen Adepten absurde Nichtzeichen-Zeichen einsetzen, um die Kandidaten sozusagen ins Satori zu schubsen.
Damit ist nicht sofort ausgeschlossen, daß es zeichenfreie Zustände des psychischen Systems (im wesentlichen: Wahrnehmung) geben könnte, aber nachdrücklich festgehalten, daß solche Zustände und Prozesse sich der Selbstbeobachtung strikt entzögen.
Das Modell dafür liefert die Idee des Unbewußten, für das gilt, daß es genau nicht beobachtet wird, es sei denn: an Effekten, die wieder nur unter Einsatz von Zeichen (deutend) abgegriffen werden. In spitzer Wendung: Das Bewußtsein ist im Blick auf das, was in seinen Beobachtungen verkettet wird, durch und durch: allgemein, das heißt: sozial konditioniert.28 Es ist die Einschreibung des Nicht-Privaten in das psychische System und in diesem Sinne nicht mono-produziert, sondern ko-produziert. Es operiert auf sozial angelieferten Beständen.29
28 Das heißt nicht sofort determiniert. Hier müßte eine gesonderte Diskussion einsetzen, die vermutlich mit dem Gedanken starten würde, daß Sinn (die Verweisungsschläge, das Gleiten der Bedeutungen etc.) nicht determinierbar ist.
29 Siehe dazu, wie tief dies greift (bis hin zur Konstruktion scheinbar eigener Ereignisse als Gedanken im Zuge der Schriftentwicklung), Fuchs, P., Die Metapher des Systems, a.a.O.
Was in einer langen Geschichte als Proprium des Menschen gehandelt wurde (die Verfügung über Bewußtsein), ist nicht das Proprium, sondern das Nicht-Eigene.30 Insofern waren Intuitionen, die besagten, der Mensch sei eigentlich ein soziales Tier, alles andere als falsch. Die Metapher von der soziokulturellen (zweiten) Geburt des Menschen (oder die seiner Plastizität, seiner Instinktabkopplung) ist ebenfalls durch und durch instruktiv.31 Jenes Nicht-Eigene (der Koproduzent) ist aber, wie wir sagten, das Soziale. Es müßte auch koproduziert sein.
30 Wodurch man zu dem Umkehrschluß gelangen kann: je weniger Bewußtsein, desto mehr Eigenheit oder modischer Authentizität. Das kann man in Theorien der (schweren) geistigen Behinderung bzw. schwerer psychopathologischer Störungen nutzbar machen, aber es besagt natürlich auch: die Eigenheit wird im Tod erreicht.
31 Die eigentliche Wissenschaft, die sich mit dem, was man Bewußtsein genannt hat, auseinanderzusetzen hätte, das wäre demnach die Soziologie, und siehe da, seitdem es diese Art von Systemtheorie gibt, ist Bewußtsein (als Gegenseite der Differenz Bewußtsein/Kommunikation) prominentes Thema des Faches oder dieses Zweiges des Faches oder wie auch immer. Vgl. nur Luhmann, N., Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?, in: Gumbrecht, H.U./Pfeiffer, K.L. (Hrsg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt a.M. 1988, S.884-905; Baecker, D., Die Unterscheidung zwischen Kommunikation und Bewußtsein, in: Krohn, W./Küppers, G. (Hrsg.), Emergenz: Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, Frankfurt a.M. 1992, S.217-268. Grundlegend war: Luhmann, N., Die Autopoiesis des Bewußtseins, in: Soziale Welt 36, 1985, S.402-446, auch in: Hahn, A./Kapp, V. (Hrsg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis, Frankfurt a.M. 1987, S.25-94.
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IV : Das Basistheorem, das auf diese Koproduktion verweist, lautet: Keine Kommunikation ohne Beteiligung von Bewußtsein.32
32 Allerdings kann man heute über Grenzfälle diskutieren, etwa über den der hyperautonomen Kommunikation des WWW, die Bewußtsein nur in äußerst minimierter Form in Anspruch nimmt: als klickende Instanz. Siehe dazu Fuchs, P., Realität der Virtualität - Aufklärungen zur Mystik des Netzes, in: Andreas Brill/Michael de Vries (Hrsg.), Virtuelle Wirtschaft, Virtuelle Unternehmen, Virtuelle Produkte, Virtuelles Geld und virtuelle Kommunikation, Opladen 1998, S.301-322; ders., Die world in der Welt des World Wide Web (im Druck).
Nimmt man diesen Satz wörtlich, so ist mit ihm definitiv ausgeschlossen, daß Bücher mit Büchern, Kunstwerke mit Kunstwerken, Geldscheine mit Geldscheinen kommunizieren. Impliziert ist ebenso deutlich, daß Kommunikation immer nur aktuelle Kommunikation ist, weil das Bewußtsein, das in der Umwelt vorausgesetzt ist, immer nur aktuelles Bewußtsein ist.33 (daß konditionierte Koproduktion ein Schlüsselausdruck für diese Gleichzeitigkeit ist.)
Weder Bewußtsein noch Kommunikation existieren in Vergangenheiten oder Zukünften, so sehr sie sich auch damit befassen mögen, darüber nachzudenken oder zu reden. Sie sind immer nur: gegenwärtig.34 Eine ganz entscheidende Konsequenz ist, daß zwischen Verschiedenem-in-Gleichzeitigkeit keine Kausalitäten laufen können.35 Nur das rechtfertigt es für einen Beobachter, das Verschiedene (Kommunikation/Bewußtsein) in jeder Aktualität für kausal autonom gegenüber der je anderen Seite der Unterscheidung zu halten. Und nur das erklärt, warum ein Beobachter um Raumvorstellungen nicht herumkommt (und in der Folge nicht um den Einsatz einer zwischen den Seiten dessen, was er unterscheidet, oszillierenden Zeit), sobald er System und Umwelt als etwas Verschiedenes-in-Gleichzeitigkeit auffaßt.
Damit ist jedenfalls klar, daß tradierte Modelle der Kausalität, die vom Beobachter abstrahieren, der Kausalitäten attribuiert, nicht geeignet sind, die Rolle von Bewußtsein für Kommunikation zu präzisieren, geschweige denn, den ‚Verschweißungs- Modus‘ konditionierter Koproduktion zu erfassen.
Wenn man unter solchen Voraussetzungen mit Kausalität nicht weiter kommt, bietet es sich an, den Funktionsbegriff in der Form einzusetzen, die für die neuere Systemtheorie typisch ist.36 Hier mag es genügen, in gegenüber der Komplexität des Begriffes sehr selektiven Weise zu sagen, daß die Bestimmung der Funktion gebunden ist an einen Beobachter, der mit demSchema Problem/Problemlösung arbeitet und ein Bezugsproblem so konstruiert, daß auf der Gegenseite der Konstruktion verschiedene Problemlösungen instruktiv vergleichbar werden.37
34 Man könnte auch sagen: sie definieren laufend Gegenwarten. Ebendeshalb ist der Gesichtspunkt der Operativität von entscheidender Bedeutung.
35 Vgl. dazu, schon auf Kommunikation und Bewußtsein bezogen und die Luhmannsche Vorstellung darüber aufgreifend, Baecker, a.a.O., S.227ff.
36 Vgl. Luhmann, N., Funktion und Kausalität, in: KZfSS H. 14, 1962, S.617-644; ders., Funktionale Methode und Systemtheorie, in: Soziale Welt, H.15, 1964, S.1-25; ders., Kapitel „System und Funktion“, in ders. 1984, a.a.O.
37 Nur sicherheitshalber: Die Rede ist nicht von Phänomenen, die eine Funktion ‚haben‘. Der Funktionsbegriff ist komplett an einen Beobachter geknüpft, der Interesse daran hat, tradierte Kausalitätsmodelle zu vermeiden.
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Das Problem, das hier konstruiert werden soll, läßt sich als Frage formulieren: Warum würde Kommunikation sofort verschwinden, wenn in ihrer Umwelt die bewußten Prozessoren ausfallen? Oder: Was würde mit dem Bewußtsein so verschwinden, daß Kommunikation sofort erlischt?
Eine (übliche) Antwort könnte sein, daß mit dem Bewußtsein der Lärmproduzent eliminiert wäre, der das Rauschen exponiert, das durch Kommunikation geordnet wird. Das Bewußtsein stellt, wenn man so will, die Anlässe zur Verfügung, die durch die Zeitform der Kommunikation in einen selektiven Zusammenhang gebracht werden, der dann nicht mehr auf bestimmtes (empirisches) Bewußtsein angewiesen wäre, aber sehr wohl darauf, daß immer weiterer Lärm hergestellt wird. Man könnte also sagen, daß das Bewußtsein die Kommunikation ‚unterhält‘ durch Zufuhr von Anlässen, auf die zeittechnisch so zugegriffen wird, daß sie sich als Mitteilungen von Informationen beobachten lassen, als Äußerungen, die durch Folgeäußerungen (durch Anschlüsse) verstanden bzw. als Anschluß derselben Art auf vorangegangene Äußerungen definiert werden. Das Bewußtsein würde das ‚Material‘ zu dieser Transformation in aufeinander selektiv bezogene Äußerungen liefern und in diesem Sinne unverzichtbarer ‚Unterhalter‘ sein. Dabei bliebe die Idee bestehen, daß es dies nur sein kann, wenn es seinerseits durch Kommunikation auf die gleiche Weise ‚unterhalten‘ wird.
Das Problem ist, daß man gedankenexperimentell einen Rahmen schaffen kann, in dem beispielsweise Computer an die Stelle bewußter Systeme treten und programmgesteuert Anlässe (Zeichen) liefern, die in eine Sequenz geraten, in denen Äußerungen auf Äußerungen folgen. Bastelt man dieses Arrangement so, daß kein bewußter Beobachter beteiligt ist, könnte dann die Frage sein, ob dort (in dieser Kammer) Kommunikationen ablaufen, obwohl in deren Umwelt die Leistung bewußter Beobachter nicht vorkommt. Man könnte sich nach Science-Fiction- Weise zusätzlich denken, daß es überhaupt kein Bewußtsein mehr in der Welt gäbe, aber die Maschinen ihr Spiel gleichwohl fortspielen, Ewigkeiten lang.
39 Ich variiere damit die Zombie-Gedankenexperimente der neueren Bewusstseinsdiskussion, beziehe mich aber auch auf das Mary-Experiment. Vgl. Jackson, F., Epiphenomenal qualia, in: Philosophical Quarterly, H.32, 1982, S.127-136.
Betrachtet man das Experiment, so stellt sich intuitiv der Eindruck ein, daß die Aussage, dort drinnen fände im Stelldichein der Computer Kommunikation statt, seltsam schief und gekünstelt klingt. Irgendeine Leistung scheint zu fehlen. Zwar erzeugen die Computer Lärm, der in der Sequenz eine eigentümliche Ordnung gewinnt (es fehlt also nicht an ‚Unterhaltung‘), und wenn man in das Experiment einbaut, daß die entstehenden Sequenzen die Computer zu weiterer Eigentätigkeit stimulieren, dann fehlt es auch nicht an der Wechselseitigkeit der ‚Unterhaltung‘. Auch die maschinelle Konstellation kann sich in der Zeit voran propellieren. Aber dennoch, etwas scheint zu fehlen, eine Leistung, die das Bewußtsein zur Verfügung stellt und die nur dieses Bewußtsein zur Verfügung stellt.
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Schaut man auf die Autopoiesis der Kommunikation, findet man zunächst, daß Kommunikation nicht wahrnehmen kann. Sie ist in dieser Hinsicht völlig tot oder besser: indifferent. Sie kann zweifelsfrei Wahrnehmungen zum Thema machen, und dabei kann es zu Rückschlageffekten für bewußte Systeme kommen, die auf der Basis solcher Thematisierungen ihre eigenen Wahrnehmungen und Attentionalitäten umstellen.40 Aber sie kann selbst weder sehen noch hören, weder schnuppern noch Berührungen spüren, und auch nicht: sich selbst wahrnehmen.. Das ist mittlerweile auch häufig gesagt und zumAusgangspunkt wichtiger Analysen gemacht worden.41
40 Die Analyse dieser Umstellungen findet etwa im Rahmen der Mediengeschichte /Medienanalyse statt.
41 Vgl. insbesondere Luhmann, N., Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1995.
Eine Konsequenz, die seltener bedacht wird, ist aber die, daß Kommunikation deshalb auch keine Zeichen wahrnehmen kann.
Sie sagt oder schreibt keine Wörter, sie liest auch nicht. Sie hält keine Fahnen hoch, schmettert keine Fanfaren, sie hat kein Gesicht, in dem Augenbrauen hochgezogen werden.42 Der Sinn, den die Zeichen stiften, ist ihr gänzlich unbekannt.
42 Sie ist auch kein SIE, sondern eher ein „es“ wie in „Es regnet.“
Die Operation Kommunikation zerlegt, wenn man so will, kompakte Verhaltensströme in die Selektionen Information, Mitteilung, Verstehen, und indem sie Selektionen erzeugt (zeittechnisch, durch unentwegte Nachträge, die die Selektivität von Vorträgen konstituieren), realisiert sie die Form von Sinn, aber die Zeichen, die dabei zum Einsatz kommen, gestreut, aufgegriffen, verworfen oder vergessen werden durch Nichtaufgriff, diese Zeichen versteht sie nicht, ihre Bedeutung wird ihr nicht appräsentiert. Sie ist genau nicht: bewußt. Die Operation projiziert, um es in leichter Variation einer von Sigmund Freud auf Bewußtsein bezogenen Metapher zu sagen, eine Oberfläche von Bedeutungen, die nichts für die Kommunikation bedeuten.
Aber diese Metapher funktioniert nur, wenn man man sie in gewisser Weise ‚zirkularisiert‘: Die Operation projiziert diese Oberfläche nur unter Beteiligung von Bewußtsein, das diese Oberfläche durch eine Art ‚Auslesen‘ so erzeugt, daß geordneter Lärm entsteht, der durch Kommunikation erneut zeittechnisch so zerlegt werden kann, daß ein erneutes ‚Auslesen‘ möglich wird. Bei dieser Überlegung kommt uns der Doppelsinn des ‚Auslesens‘ zupaß. Es bezieht sich auf ein Lesen (etwa in dem Sinne, wie eine Datei ausgelesen wird) und auf die dadurch bedingte Wahl (etwa in dem Sinn, in dem man von einer Auslese spricht). In spielerischer Gesinnung könnte man sagen, daß man es mit einer lesenden Lege (Heidegger) zu tun hätte, vielleicht sogar mit der tiefen Bedeutung von Logos.
Ernsthafter genommen, stellt sich die Frage, wie dieses Auslesen (das wäre ja dann die Sonderleistung der Schemaseite Bewußtsein in der Unterscheidung von Kommunikation und Bewußtsein) funktioniert. Wir haben ja, wenn man diese Überlegungen zuspitzt, gesagt, daß das Bewußtsein, indem es Zeichen ausliest, Sinn stiftet, den Kommunikation nicht stiften kann, weil sie Zeichen nicht wahrnimmt.
Andererseits hat das Bewußtsein (wenn wir es als zeichengebrauchende, dezidierte Operativität auffassen 43) diese Zeichen aus dem Von-wo- anders-her der sozialen Sphäre, oder weniger räumlich aus der Gegenseite der Unterscheidung, aus dem Ko- der Produktion. Es stiftet also nicht seinen Sinn. Und wenn doch, wie sollte das überhaupt funktionieren: Sinnstiftung?
43 Genau als das: als Zeichenverkettung. „Alles Denken muß daher ein Denken in Zeichen sein ... Aus der These, daß jeder Gedanke ein Zeichen ist, folgt, daß jeder Gedanke sich an einen anderen wenden muß. Und: „Daß das Denken nicht in einem Zeitpunkt zustande kommen kann, sondern eine Zeit verlangt, heißt daher nur, daß jeder Gedanke durch einen anderen interpretiert werden muß oder daß alles Denken in Zeichen geschieht.“ So schon Peirce, Ch.S., Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus, Frankfurt a.M. 1991, S.31.
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Bevor sich dieses Ko- der Produktion konkretisieren läßt, muß zunächst klargestellt werden, daß das Bewußtsein nicht unbedingt, ja nicht einmal typisch Zeichen als Zeichen wahrnimmt. Es prozessiert, wie man gewöhnlich sagt, Zeichen, aber das heißt keineswegs, daß es die Zeichenhaftigkeit der Zeichen registiert. Jemand klopft, man sagt „Herein!“, und es scheint überhaupt nicht erforderlich, daß dabei in irgendeiner expliziten Form das Klopfen oder das Wort „Herein“ als Zeichen erkannt werden. Der Zeichensinn muß nicht eigens erinnert werden, der Zeicheneinsatz verläuft im wesentlichen schematisch.44
44 Also gedächtnisförmig! Siehe jedenfalls Luhmann, N., Zeit und Gedächtnis, in: Soziale Systeme, H.2, 1996, S.307-330; vgl. auch Baecker, D., Überlegungen zur Form des Gedächtnisses, in: Schmidt, S.J. (Hrsg.), Gedächtnis, Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Frankfurt a.M. 1991, S.337-359.
Jedes Sprechen (mit Ausnahme der Fälle, in denen es auf jedes Wort ankommt, beispielsweise in der Diplomatie) funktioniert in dieser Hinsicht rücksichtsfrei, es spricht (es denkt) etwa im Sinne einer cognitio caeca (Leibniz), einer blinden Kognition, die sich im Vollzug der Verkettung von Zeichen nicht erhellen muß.45
45 Ein schönes Beispiel ist die Operation des Zählens, die sich nicht im mindesten des Sinns von Zahlen vergewissern muß. Täte sie es, so stürzte sie in die Abgründe der Mathematikphilosophie. Wer Kinder beim Sprechen-Lernen beobachet, wozu ich häufig Gelegenheit hat, sieht, daß Sprachzeichen (aber auch Körperzeichen) von Kindern eingesetzt werden, lange bevor sie in der Lage sind, Rechenschaft über die Bedeutung dieser Zeichen zu geben. Eine meiner Töchter hat im zarten Alter von vier Jahren immer wieder (und aus mir unerfindlichen Gründen) gesagt: „Hängt vom Beobachter ab!“
Das entspricht weitgehend der systemtheoretischen Vorstellung, daß jede Beobachtungsoperation (auch und gerade dann, wenn sie als Beobachtung zweiter Ordnung die Unterscheidungen von Beobachtern zu beobachten unternimmt) in actu immer unzugänglich, weil nicht selbstbezeichnungsfähig ist.
Wenn man in eingeführter Diktion sagt, daß das Zeichen die Einheit von signifiant und signifié darstellt, so könnte man denselben Sachverhalt als das Prozessieren von Einheiten beschreiben, die als Zweiheit (eben als Einheit von Bezeichnendem und Bezeichnetem) nicht in Erscheinung treten müssen. Die Zeichen funktionieren in der Katenation auch ohne Referenz auf ihre fundamentale Unterscheidung. In Wittgensteinscher Manier: Die Zeichen sind ihr Gebrauch. Die Bedeutung käme ins Spiel, wenn die Erklärung des Zeichens notwendig wird. Die Bedeutung wäre erst das erklärte Zeichen. Die Erklärung benötigt weitere Zeichen, die gegebenenfalls erklärt werden müssen durch wieder weitere Zeichen, unter anderem mit dem Zeichen für „Zeichen“.
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Geht man davon aus (und dies ist schon ein Anwendungsfall), daß Struktur der Ausdruck für Irritabilität ist 46, dann kommt das Zeichen zur Bedeutung durch soziale Prozesse der Störung, dadurch, daß es nicht so funktioniert wie erwartet und deswegen Anlaß gibt zu Nachfragen, Explikationen, Definitionen, Umschreibungen, Kontextverweisen, Konstruktionen erläuternder Beispiele, zu Reparaturprozessen und Spezifikationen.47
46 Vgl. dazu Fuchs, P., Intervention und Erfahrung, Frankfurt a.M. 1999.
47 Die Störung wirkt, wie man auch sagen könnte, amplifizierend. Siehe jedenfalls im Blick auf die Sinngenese beim Kleinkind Fuchs, P., Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, a.a.O.
Auf diese Weise entsteht die Unterscheidung, deren Einheitsmarkierung das Zeichen ist, die Unterscheidung von Signifikant und Signifikat, von Bezeichnendem und Bezeichneten. In beobachtungstheoretischer Formulierung: Die Beobachtungsebene zweiter Ordnung wird eingeführt, auf der Beobachtungen möglich werden, die nicht einfach nur Zeichen in der Bezeichnungsfunktion (als Dinge) einsetzen, sondern Unterscheidungen (eben die des Zeichens) beobachten.
Aber zur Bezeichnung dieser Unterscheidungen sind weitere Zeichen notwendig, die auf der Beobachtungsebene erster Ordnung spielen. Ein besonders raffinierter (schöner) Fall von Störung ist der, daß das, was durch das Bezeichnende bezeichnet wird, „operativ unzugänglich ist.“48 Das ist ersichtlich der Fall mit der Verkettung von Zeichen selbst, der sich operativ keine Nichtzeichen einfügen lassen. In Zeichensequenzen sind keine lebenden Elephanten oder Zwergkaninchen eingebettet, und auch die „Unendliche Geschichte“, die formal damit spielt, verknüpft Wörter/Bilder nichts sonst.
Operativ Unzugängliches dieser Art kann dann symbolisiert werden, und Symbole sind damit Zeichen, die dies (diese Unmöglichkeit) bezeichnen und sich selbst damit als Zeichen ‚outen‘, deren Signifikate kollabiert sind, so daß sie für nicht bezeichenbaren Sinn einstehen.49 Hübsch daran ist, daß das Bewußtsein aus genau diesem Grunde nur symbolisiert werden kann, denn es fällt (als Operation) aus jedem Zeichen heraus.50
48 Luhmann, N., Zeichen als Form, in: Baecker, D. (Hrsg.), Probleme der Form, Frankfurt a.M. 1993, S.45-69, hier S.67/68.
49 Ein weiterer, hoch getriebener Fall ist der der différance selbst, also der Umstand, daß keine Unterscheidung-im-Einsatz anders als im Nachtrag fixiert wird, der selbst eines Nachtrags bedarf, für den wiederum dasselbe gilt. Als Störung macht sich das dann aber nur für Sonderinteressen geltend (Philosophie, Literaturwissenschaft etc.), aber dort dann nachhaltig.
50 Dasselbe gilt (ebenweil wir von Koproduktion ausgehen) auch von Kommunikation, die nur symbolisiert werden kann, da sie aus jedem Zeichengebrauch nicht minder herausfällt als Gebrauch, mithin als Operation.
Daran läßt sich die Theorie symbolischer Generalisierung anschließen. Hier genügt es, im Kontext unserer Untersuchung dieses operativen Chiasmus der konditionierten Koproduktion festzuhalten, daß die Möglichkeit des Bewußtseins, Zeichen wahrzunehmen, ersichtlich daran geknüpft ist, daß sozial Störungen der Zeichenfunktion auftreten, die Anlaß zu Konsistenzprüfungen geben und Beobachtungen zweiter Ordnung stimulieren, in deren Vollzug Zeichen als Zeichen imponieren. Wenn man mystische Formulierungen bevorzugt, so böte sich an, Kommunikation und Bewußtsein als die Ränder einer Spur aufzufassen, die durch ein Rad (konditionierte Koproduktion) gezogen wird in einer Welt, die durch die Spur gleichsam ausgelegt wird.
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So oder so, man kann, diese Überlegungen vorausgesetzt, das Seins-Schema nicht anwenden, wenn man von Kommunikation und Bewußtsein spricht. Weder die eine Seite der Unterscheidung noch die andere läßt sich in terms des Wesens, der Essenz, des Eigenstandes beschreiben.51
51 Daß dies nicht absurd gedacht ist, belegt unter anderem die buddhistische Tradition. Ebenso klar ist, daß eine konsequente Anwendung dieses Gedankens auf eine Ethik führt, die die Welt (wegen der Koproduktion) schont.
Es gibt, das ist die zutiefst skandalöse Konsequenz, nicht das Bewußtsein, nicht die Kommunikation außer für Beobachtungen, die auf die ZWEI der EINS von Koproduktion achten oder schon den Folgen der Verzweiung eingerichtet sind.
Skandalös ist diese Einschätzung, weil wir uns mit jeder nur erdenklichen Evidenz im Laufe der Evolution daran gewöhnt haben, zumindest Bewußtseine als in sich zirkulierende Einheiten aufzufassen, als mein oder dein Bewußtsein, jedenfalls als Etwasse, die an ihrer Stelle sie selbst sind und denen deswegen alles andere gegenüber liegt.52
52 Aber schon der Umstand, daß das Bewußtsein sich selbst gegenüberliegt, müßte bedenklich stimmen, insbesondere, weil eine lange Tradition es so gefaßt hat. Im platonischer Sophistes (237a-e) findet sich: légein = légein tí Sagen ist Etwas Sagen.
Parmenides weist als erster auf die Intentionalität des Denkens hin (dóxai dokoûnta Annehmen/Angenommenes). Vgl. dazu Thanassas, P., Die erste „zweite Fahrt“, Sein des Seienden und Erscheinen der Welt bei Parmenides, München 1997, S.45f. Vor Brentano und Husserl findet sich der Topos komplex ausgearbeitet bei Hegel. Siehe dazu Kreß, A., Reflexion als Erfahrung, Hegels Phänomenologie der Subjektivität, Würzburg 1996, S.33ff. et passim.
Und selbst die Soziologie geriete in entschiedene Schwierigkeiten, wenn sie ihr Basistheorem (daß es nämlich soziale Tatbestände sui generis gebe) verwerfen müßte, darin vergleichbar der Psychologie, die abzulassen hätte von der Vorstellung, sie hätte irgendeinen (rekonstruierbaren) Gegenstand.53
Man kann sich im Blick auf diese Fachdisziplinen helfen, indem man sie selbst als evolutionäre Verstärker jener Verzweiung auffaßt. Sie bilden sich heraus, weil sich die EINS der ZWEI nicht simultan beobachten läßt, weswegen dann im Zuge alternierender Aufmerksamkeit für die eine oder andere Seite der Unterscheidung (Bewußtsein/Kommunikation) Systeme wie Dinge kondensieren, die getrennt ansteuerbar erscheinen.54 Daß dabei Informationsverluste anfallen, ist weiter nicht wichtig, insofern die Wissenschaft unter Ceteris-paribus-Bedingungen zu arbeiten pflegt und (sozusagen fundierende) Ignoranzen gegenüber Abschluß- bzw. Einheitsformeln systematisch aufrechterhält.55
Dennoch läßt sich die Frage stellen (im Rahmen kontrollierter Rand-spekulationen und in eindeutig experimenteller Haltung), wie die Idee, es existierten singuläre (einzigartige, selbstständige, geschlossene) Bewußtseinssysteme oder gar homines clausi, so erfolgreich werden konnte, daß jeder Zweifel an dieser Annahme sich lange wie von selbst verbot.56
53 Die Aporien der Bewußtseinsphilosophie(n) weisen in die gleiche Richtung, und genau besehn die der Sozialphilosophie(n) auch. Vgl. zur Auslaugung der Bewußtseinsphilosophie Mauersberg, B., Der lange Abschied von der Bewußtseinsphilosophie, Theorie der Subjektivität bei Habermas und Tugendhat nach dem Paradigmenwechsel zur Sprache, Frankfurt a.M. et al. 2000.
54 Hier gewinnen dann Begriffe wie alternierende Attentionalität eine tiefer liegende und nicht so sehr phänomenologische Bedeutung. Vgl. jedenfalls (eher in phänomenologischer Einstellung) Markowitz, J., Verhalten im Systemkontext, Zum Begriff des sozialen Epigramms, Diskutiert am Beispiel des Schulunterrichts, Frankfurt a.M. 1986.
55 Das erklärt auch die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Disziplinen, weil die eine ausblendet, was die andere beobachtet, und vice versa. Zwitter wie Sozialpsychologie helfen kaum weiter. Sie bearbeiten nicht das Problem der Einheit des Psychischen und Sozialen, sondern Gemengelagen, die für Beobachter auftreten, die nicht scharf unterscheiden. Ein instruktiver Vergleichfall wäre die Psychosomatik.
56 Wohingegen der Zweifel daran, daß geschlossene, autonome Sozialsysteme existierten, überaus erlaubt und geradezu modisch ist, so als ob dies ein evident anderer Fall wäre. Im übrigen kommen Zweifel an der Selbstgegebenheit des Bewußtseins in nicht-operativen Theorien (analytischer Sprachphilosophie etwa) durchaus und prominent vor und entsprechende Gegenzweifel sowieso. Man denke etwa an Searle versus Tugendhat oder an Henrich. Soziologen wird im Zusammenhang mit dem homo clausus Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation (2 Bde.), Frankfurt a.M. 1969, Bd.1., S. XLVIIff. einfallen.
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Zur Vorbereitung einer Antwort muß die Aufmerksamkeit noch einmal kurz der Frage gewidmet werden, warum nichts anderes übrigbleibt, als für jeden Beobachter anzunehmen, daß er immer ein kompletter Insider-seiner-selbst ist.
VI
Mit dem Konzept der konditionierten Koproduktion ist das Seins-Schema als Fundierung von Analysemöglichkeiten abgewiesen. Es geht dann nicht einmal mehr um die Frage, ob etwas nicht ist, wovon man glaubte, daß es sei. Das Schema selbst wird verworfen. „The very choice is rejected.“57
57 Günther, G., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik Bd.1, Hamburg 1976, S.287.
Ob Bewußtsein die Wahrnehmung dessen ist, was im Geist des Menschen ‚passiert‘ (Locke), ob zwischen perception (Externalisierungsfunktion der Monade) oder apperception (Wissen, Reflektion dessen, was in der Perzeption appräsentiert ist) unterschieden wird (Leibniz), ob Descartes herangezogen wird oder Kant, Brentano, Husserl, Sartre, ob es um Zombies geht oder um die Qualia-Frage im Moment, in dem konsequent von betriebener Differenz, von Koproduktion die Rede ist, fallen Objekte aus und fallen Unjekte an. Ebendies drückt Niklas Luhmann aus, wenn er darauf insistiert, daß die WAS-Frage durch die WIE-Frage ersetzt werden müsse.
Das dabei auftretende Problem haben wir schon benannt. Es gibt keine Möglichkeit der Simultanbeobachtung der Seiten einer Form. Masche und Nicht-Masche, Figur und Grund, Kommunikation und Bewußtsein lassen nicht die Bezeichnung der Innenseite und der Außenseite der Unterscheidung zugleich zu. Schlimmer noch: Kreuzt man die Seite, verschwindet für den Beobachter die Seite, die er nicht bezeichnet, gleichsam übergangslos.58
58 Das kann man sehr instruktiv studieren an den berühmten multistabilen Kippfiguren. Vgl. Hansch, D., Psychoenergetik - Neue Perspektiven für die Neuropsychologie, Grundriß einer psychosynergetischen Theorie emotionaler und motivationaler Prozesse, in: Z. Psychol. 196, 1988, S.421-436, hier S.422f. Vgl. ferner Kruse, P., Stabilität Instabilität Multistabilität, Selbstorganisation und Selbstreferentialität in kognitiven Systemen, in: Delfin XI, Jg.6, H.3., Okt. 1988, S.35-57.
Eine Ursache dafür ist, daß der Beobachter (die Beobachtung) immer und immer nur positiv operiert, also bezeichnet und nicht: nichtbezeichnet. So wird erzwungen, daß der Beobachter nur nacheinander, nur in Sequenzen zu Auffassungen über Verschiedenes in der Welt kommen kann, er operiert, um es mit Spencer-Brown zu sagen, selektiv blind, sonst käme er nur zu Nichts. Man riecht nur einen Geruch, nicht den Nichtgeruch, nicht die besondere Abwesenheit, durch die der Geruch imponiert; man bemerkt den Schmerz, nicht den Nichtschmerz, diese besondere Abwesenheit, die sich invers zum Schmerz verhält.
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Und natürlich hört man das Sprechen jemandes, und nicht: die ‚strukturierte‘ Stille, die das Sprechen auf seiner Gegenseite hervorbringt. Das klingt absonderlich, aber eröffnet eine denkwürdige Analysechance. Die Operation der Beobachtung ist offenbar immer seitenplaziert, sie ist, wie man sagen könnte, nie anders als superpositiv zu haben. Was immer in ihr markiert wird, ist, wenn man die geläufige Ausdrucksweise wählt, die Innenseite der Form. Insofern ist die Operation jederzeit akut.
Der Seitenwechsel (crossing) führt nicht auf die Gegenseite der Form (auf die in jeder aktuellen Operation anfallende Aussparung), sondern erzeugt nur die Zeit (diesen Brownschen Tunnel), die es im Nacheinander gestattet, auf eine weitere Innenseite zu kommen, also zu markieren zum Beispiel die vorab akut ausgesperrte Seite.
Bezogen auf unsere Fragestellung, hilft unter diesen Umständen Spencer-Brown weiter, der seinen imperatorisch startenden Kalkül („Draw a distinction“) abschließt mit der (anhand des re-entrys der Form in die Form gewonnenen) Einsicht, „daß die erste Unterscheidung, die Markierung und der Beobachter nicht nur austauschbar sind, sondern, in der Form, identisch.“59
59 Spencer-Brown, G., Gesetze der Form, Lübeck 1997, S.66.
Nach dem Durchlaufen des Kalküls kann erst (soll erst) erkannt werden, daß die erste Markierung mit dem Beobachter ‚verwechselt‘ worden ist.60
60 Lau, F, Die Logik des Radikalen Konstruktivismus, Eine Untersuchung zu den Laws of Form von George Spencer-Brown, Hausarbeit im Rahmen der ersten Staatsprüfung für Lehrämter an Hamburger Schulen (Prüfungsfach Philosophie), Hamburg 1999, S.50.
Die Konstruktion des Anfangs durch „Triff eine Unterscheidung“ muß im Nachhinein, am Ende (am Anfang) substituiert werden durch: „Sei ein Beobachter!“61 Oder besser im Futur II: Bezeichne, und du wirst ein Beobachter geworden sein, der du schon warst. Und: Du wirst gesehen haben, daß du in der ersten Markierung (die niemals die erste war, nachdem das Spiel des Kalküls wird gespielt worden sein) schon auf der Innenseite der Form verankert warst. Du hast als Innenspieler, du hast innig begonnen.62
62 Man könnte mit Rilke sagen: im Weltinnenraum.
So seltsam das klingt, dies alles kann genommen werden als ein kalkülförmiger Ausdruck für die Autopoiesis sinnbasierter Systeme.
Solche Systeme (das ist ihre Definition, ihre Abgrenzung) arbeiten mit Operationen, die immer positiv anschließen. Sie sind perfekte Beinhaltung, insofern sie niemals auf das Ko der Produktion zugreifen können. Es läßt sich ihnen nicht einschreiben, weil (wie man auch sagen könnte) in jeder Operation das unwritten cross (das ungeschriebene Kreuz) nicht bezeichnet werden kann, ohne daß es verschwindet: also geschrieben wird. Das ist der Preis, den der Beobachter zahlt. Er führt sich, wenn wir von Spencer-Brown ausgehen, dadurch ein, daß er eingeführt wurde, aber ebendies entdeckt im re-entry seiner selbst auf seiner Seite.
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Er entdeckt sich dabei seltsam doppelt, denn indem er sich selbst (im Nachtrag) unterscheidet, beobachtet er sich als Anderes.63 Im re-entry ändert die Unterscheidung ihren Sinn.64 Diese Andersheit, das ist die These, wird (wenn es um die Konstruktion des Bewußtseins geht) sozial konditioniert, sie wird durch Kommunikation im genauen Sinne ausgezeichnet.
VII
Koproduktion wirft mithin als EINS zweierlei aus, in diesem Fall: Bewußtsein und Kommunikation, die im Zuge der Zeit beginnen können, sich als Beobachter zu registrieren. Im Zuge der Zeit, das soll heißen, daß sie eine Geschichte (eine endlose Serie von Konditionierungen) hinter sich gebracht haben, in deren Verlauf diese Registratur ausgearbeitet wird.65
Diese Ausarbeitung setzt gemäß dem Theorem der Koproduktion doppelt an, innen und außen. Die folgende Skizze mag das verdeutlichen: Da es uns im Augenblick auf die Schemaseite Bewußtsein ankommt, liegt es nahe, den Mechanismus dieser Ausarbeitung zunächst in der Kommunikation zu suchen, die wir begreifen als zeitbasierte (différance-basierte) Zerlegung von Umweltlärm in die Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen. Die Komponente der Mitteilung ist diejenige Selektion, die in diesem Zerlegungs- und Syntheseprozeß als Wiedereintrittsstelle der Unterscheidung von Kommunikation und Bewußtsein in der Kommunikation begriffen wird.
63 Hier könnte eine mystikfreie Beobachtung der Konstruktion von Alterität ansetzen.
64 Auch das berücksichtigt Spencer-Brown, a.a.O., S.X., wenn er festhält, daß die Unterscheidung des Anfangs im Durchspiel des Kalküls sich ändern wird. Der Beobachter wird zum unwritten cross der ersten Unterscheidung. Er ist schon in ihrem Zuvor.
65 Diese Geschichte ist kein Kalkül, aber sie kann mit diesem Kalkül interpretiert werden. Sonst würde in der Soziologie kaum Interesse für Spencer-Brown aquiriert werden können.
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Dabei diffundiert keinerlei Bewußtsein in das Sozialsystem. In der Mitteilung wird der Prozessor (re)konstruiert, demÄußerungshandlungen zugerechnet werden.67 Aus diesem Grund kann man formulieren, daß in der Mitteilung Fremd- und Selbstreferenz kombiniert werden in einem Zug, durch den das relevant Andere der Kommunikation (Bewußtsein) im Kommunikationsprozeß operativ erscheint: als Unterstellung einer handelnden Instanz, als deren Imagination. Aber genau dadurch wird das Bewußtsein darüber in-formiert, in welcher Form es anschlußfähig ist. Wie die Kommunikation kombiniert es Selbst- und Fremdreferenz, Bewußtsein und Kommunikation in einem Zug und in sich selbst. Was es nicht ist, ergibt sich aus der internen Imagination von Kommunikation, und was es jeweils ist, welche Selbstbeschreibungen auf der Basis sozialer Zuschreibungsstrategien intern als Realität überzeugen, resultiert aus den Operationen, die im Blick auf diese Strategien nicht anschlußfähig sind.68 Sie werden, wenn man so will, gelöscht oder ausgewaschen, so daß das Bewußtsein gleichsam als das Stehengebliebene in einem Auswaschungsprozeß imponiert, den man sich historisch und damit unentwegt variierend und prinzipiell kontingent vorstellen muß.
Das ist die eigentlich soziologische Zugriffschance. Es ist nicht nötig, zu wissen, was das Bewußtsein an und für sich ist. Stattdessen kann gefragt werden, welche Beschreibungen des Bewußtseins unter je sozialhistorischen und sozialstrukturellen Bedingungen anschlußfähig sind und welche sich wie von selbst und scharf als idiosynkratisch verbieten, so sehr, daß Exklusionsprozesse der beispielsweise von Michel Foucault analysierten Weise greifen. Wenn man will, kann man hier einen eigentümlichen Terror wittern, der nicht verhindert, daß das Bewußtsein arbiträre oder gar idiosynkratische Selbstbeschreibungen entwickelt 69, aber mit äußerster Rigidität Anschlußmöglichkeiten kappt, die nicht allgemein, sondern im eigentlichen Sinne privat wären. Dies ließe sich wahrscheinlich mit Gewinn studieren, wenn man sich auf die wissenschaftliche Konstruktion von Psychopathologien konzentriert, die die ausgeschlossene Privatheit, sie entprivatisierend, einschließt in die Moderne.
67 Vgl. dazu Fuchs, P., Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, in: Soziale Systeme, Jg.3, H1., 1997, S.57-79.
68 Dieser Theorie zufolge wird der Realitätseindruck durch die Widerständigkeit von Operationen gegen Operationen erzeugt. Dazu kommt, daß das Bewußtsein sich immer schon in einer Form vorfindet, also seinen Anfang nicht kennen kann, der dann, wie wir seit Freud wissen, Anlaß zu ungetrübter Spekulationsfreude gibt. Mit Heidegger läßt sich sagen, das Bewußtsein ist in die Welt geworfen, die es (wie ein konstruktivistisches Addendum lauten müßte) im Geworfen-sein entwirft.
69 Daß es dies könnte, liegt daran, daß es zwar schwer ist, zu sagen, daß das Bewußtsein lebt, aber leicht, es an einen lebenden Unterbau zu binden, der eine Selbstversorgung mit Reizen garantiert auch dann, wenn gerade keine Kommunikation im Spiel ist. Im Unterschied zur Kommunikation, die ohne Bewußtsein sofort zusammenbricht, wird das Bewußtsein eine Weile aufrechterhalten, sehr befristet, wie man weiß, aber immerhin so, daß man sich einen letzten Menschen vorstellen kann, der noch denkt bis in den Wahnsinn.
Boe:Ein Versuch diesen reichen, instruktiven Text für mich "fassbar" zu machen: Fuchs: Eins-Zwei-Eins-Problem
Peter Fuchs
Buddhism:
Conditioned Coproduction