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An den Pazifik und zurück
Heimweh hatte Therese Rice nie im Gepäck – weder als sie nach Chile auswanderte, noch als sie Jahre später von dort zurückkehrte.
«Mein Vater war Vollblut-Musiker, doch seine Anstellung als Geiger im Tonhalle-Orchester setzte ihn unter Druck. Das war bei uns in der Familie stets spürbar», erinnert sich die 69-jährige Therese Rice an ihre Kindheit in Zürich-Schwamendingen. Glücklich war sie vor allem beim Grossvater, der mit zweien seiner Töchter in einem alten Haus lebte: Diese Tanten – eine Schneiderin und eine Glätterin – schenkten dem Mädchen Geborgenheit und liessen sie nach Herzenlust werken, nähen, gärtnern oder lesen.
Ein Darmverschluss kostete Theres Rice mit 21 Jahren fast das Leben. Bei einer Notoperation im letzten Moment sei ihr Darm regelrecht «ausgelegt» worden. «Nach dem Aufwachen aus der Narkose war die Welt eine andere, als wäre ich neu zusammengesetzt. Ich wollte nicht mehr nach Hause. In der sterilen, kristallklaren Spitalwelt las ich erste systemkritische Bücher. Mein kindliches Vertrauen ins Leben war weg, auf einen Schlag war ich erwachsen geworden. Wider Erwarten der Eltern studierte sie Geologie, zog in erste Wohngemeinschaften.
Ruf der Ferne
«Als ich mich in einen chilenischen Mann verliebte, heirateten wir bald. Mich zog es weg aus dieser Schweiz, wo alles schon ‹gemacht› war.» 1986 liess sie das «Land der Gartenzäune» zurück und wanderte mit ihrem Mann und dem 7-jährigen Sohn Camillo nach Chile aus. «Noch in den 1970er-Jahren wäre das undenkbar gewesen. Mein Mann hatte zur Zeit Allendes als Mitglied der Unidad popular mitgeholfen bei den Landenteignungen zugunsten der Landarbeiter. Er war nach dem Putsch 1973 mehrmals im Gefängnis, doch gelang es ihm, illegal in die Schweiz zu flüchten und Asyl zu beantragen.
Ackern mit dem Pferdepflug
Auswandern ist eines. Einen Bauernhof von acht Hektaren biologisch zu bewirtschaften – mit Pferdepflug notabene – ist etwas anderes. Genau das aber tat die Geologin, die, statt zu doktorieren, lieber bei Sulzer Forschung betrieben oder als Dokumentalistin beim Schweizer Fernsehen gewirkt hatte. «Mit etwas Geld aus der Pensionskasse und wenig Ahnung von Landwirtschaft kauften wir in Chile Agrarland. Das Wissen über Vegetationszyklen im subtropischen Klima, Samenzucht usw. habe ich mir aus Büchern angeeignet. Wir pflanzten Gemüse, Luzerne fürs Vieh, Mais und Bohnen. Das Land bewässerten wir über Kanäle aus dem benachbarten Fluss. Selbst produzierter Käse, Yoghurt und Eier von sechzig Hühnern kamen dazu.» Motor des Geschehens war Theres Rice, die täglich von 7 bis 22 Uhr hart arbeitete: «Den Ertrag verkauften wir gemeinsam mit anderen Biobauern nach Santiago, doch wir kamen nie auf einen grünen Zweig. Biolandwirtschaft wurde in Chile nicht gefördert.»
Bruch
Nach zwölf Jahren Knochenarbeit ein doppelter Leistenbruch. Auch um ihre Beziehung war es nicht mehr zum Besten bestellt. Über Wasser hielt sie eine Literaturgruppe: «Hier organisierten wir Workshops für Landschulen und gaben eine Literaturzeitschrift heraus. Über die sprachlichen Feinheiten konnte ich viel von den Menschen dort lernen: wie sie das Leben anpacken, wie sie denken und fühlen.»
Chile habe sich unter der Diktatur extrem verändert: «Es herrscht kulturelle Nacht.» Heute sei die Bevölkerung weitgehend unpolitisch und materialistisch ausgerichtet. Gegenwärtiger als hier aber sei die Spiritualität. «Mir, die ich total ‹verkopft› war, zeigte sich dies in intensiven Klarträumen: Einmal träumte ich von einem Wartezimmer. Aber statt eines Arztes tauchte meine geliebte Tante aus der Kindheit auf und mit ihr auch das schlechte Gewissen, dass ich zur Zeit ihrer Demenz ausgewandert war. Doch wir haben uns umarmt und ich war von unglaublicher Freude erfüllt. Als ich erwachte, war mir klar: Jetzt konnte ich nach Hause.»
Im Fluss
Sie liess alles zurück; Haus, Hof und Mann. «Nur meine Bücher habe ich eingepackt.» Wohnung, Arbeit, alles ergab sich hier. Als ihre Pensionierung herannahte, erkrankte die Mutter. «Jetzt waren Zeit und Raum da, sie zu pflegen und bis in den Tod zu begleiten.» Diese berührende Erfahrung bewegte sie, sich in Palliativ Care weiterzubilden, wo sie auch den Verein für Begleitung Kranker (VBK) kennenlernte: ein Zusammenschluss Freiwilliger, die unentgeltlich kranke Menschen begleiten (vgl. Link). Wöchentlich besucht sie nun Menschen, denen sie die Schatzkiste ihrer Erfahrungen öffnet.
«In Beziehung zu treten mit Menschen, das ist für mich zentral», meint sie, der das Tun nie ausgeht. Noch immer schreibt sie, malt und ist voller Ideen für nächste Projekte. Eine Frau wie offenes Land, auf dem stets etwas gedeiht.
von:
Über
Eva Rosenfelder (*1962) ist Autorin/Journalistin BR (Weiterbildung SAL) und arbeitet in den Bereichen Natur/Umwelt/Psychologie und Spiritualität.
Nach einem Grundstudium in Psychologie, lebte sie mit Kind und Kegel mehrere Jahre ein fahrendes Leben. Später widmete sie sich ganz dem Schreiben und der Sprache der Natur. Im Frühling 2017 ist von ihr das Buch "Die Seelenwelt der Pflanzen" (Kailash Verlag) erschienen.
www.natur-und-geist.ch