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Blicke auf das vormittelalterliche Basel
Peter-Andrew Schwarz
Vom oppidum zum ersten Münster: Die keltische, römische und frühmittelalterliche Geschichte Basels lässt sich vorab mithilfe von archäologischen Befunden wie Mauern und Gruben sowie Funden – Tierknochen, Münzen, Keramikgefässen – rekonstruieren. Eine wichtige, aber nur komplementäre Rolle spielen Inschriften und Texte.
Schriftlichen Quellen können wir entnehmen, dass im 2. Jahrhundert v. Chr. am Rheinknie und im südlichen Oberrheingebiet eine keltische Bevölkerungsgruppe lebte, die Caesar und andere antike Autoren als Rauriker bezeichneten. Die ältere, unbefestigte Siedlung der Rauriker («Basel-Gasfabrik », benannt nach dem früheren Standort des Gaswerks) lag im Bereich des heutigen Novartis-Campus. Sie datiert in die Zeit zwischen 150 und 80 v. Chr. Die einheitliche Ausrichtung der Gebäude und die als Parzellengrenzen interpretierten Gräben lassen vermuten, dass die rund 15 Hektar grosse Siedlung planmässig angelegt wurde. Gesichert ist, dass diese Grosssiedlung mit ihrem landwirtschaftlich geprägten Umland eine Entwicklung vorwegnahm, die zur modernen Stadt Basel führte – auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Weinamphoren aus dem Mittelmeergebiet, Keramik aus Böhmen und Bernstein aus dem Baltikum bezeugen die Funktion der Siedlung als Drehscheibe des keltischen Fernhandels.
Münsterhügel als Nukleus
Um 80 v. Chr. verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt – wohl aus militärischen und politischen Gründen («Germanendruck ») – auf den Münsterhügel, den Nukleus der späteren Stadt Basel. Der durch die steil abfallenden Ufer des Rheins und der Birsig geschützte Geländesporn wurde im Bereich der Rittergasse durch einen murus gallicus, einen armierten Erdwall, und einen Graben befestigt. Dieser zeichnet sich heute noch in der Topografie ab (Bäumleingasse). Der Zugang in das oppidum (befestigte Siedlung) erfolgte durch eine Toranlage im Bereich der heutigen Rittergasse. Von der Innenbebauung des oppidum ist jedoch kaum etwas bekannt. Offen ist auch, ob das oppidum zu den rund 400 Siedlungen gehörte, welche die Helvetier, Boier, Tulinger und Rauriker bei ihrem Auszug 58 v. Chr. verlassen und niedergebrannt haben.
Nach der Niederlage gegen Caesar bei Bibrakte (58 v. Chr.) führten strategische Interessen Roms zu einem Bündnis (foedus) mit den am Rheinknie lebenden Raurikern. Diese übernahmen als foederati Roms die Sicherung der damals noch am Rhein verlaufenden Grenze des imperium Romanum. Dabei kam es zur Gründung einer zweiten Siedlung in der Region. Im Sommer 44 v. Chr. hatte Lucius Munatius Plancus, ein General Caesars, die erste Colonia Raurica gegründet – ob am Ort der späteren Koloniestadt Augusta Raurica (in Augst BL bzw. Kaiseraugst AG) oder im oppidum auf dem Münsterhügel, ist umstritten. Gesichert ist, dass auf dem Münsterhügel weiterhin gesiedelt wurde, während in Augusta Raurica bislang keine Funde aus der Zeit der ersten Koloniegründung bekannt sind. Im Gegenteil: Beim aktuellen Forschungsstand ist sogar davon auszugehen, dass eine im Perimeter des späteren caput coloniae bestehende keltische Siedlung in diesem Zeitraum aufgegeben wurde.
Die zweite Gründung – diesmal nicht nur de iure, sondern auch de facto – der colonia P[aterna] M[unatia Felix] Apollinaris Augusta Emerita Raurica erfolgte laut zwei in Augusta Raurica gefundenen Bronzeinschriften wohl kurz nach der Besetzung der heutigen Schweiz im Rahmen des sogenannten Alpenfeldzugs (15 v. Chr.) durch Lucius Octavius, einen Verwandten von Kaiser Augustus. Ab dieser Zeit wurde wohl auch römisches Militär auf dem Münsterhügel stationiert. Ob es sich um eine grössere Einheit oder um kleinere Detachemente handelte, ist offen; ungeklärt ist auch, wo und wie die Soldaten untergebracht waren.
Im Schatten von Augusta Raurica
Nach dem Abzug des Militärs Mitte des 1. Jh. n. Chr. wurde der murus gallicus geschleift, der Befestigungsgraben zum Teil aufgefüllt. Die römische Zivilsiedlung (vicus) verlagerte sich in das südöstlich des Münsterhügels gelegene Areal. Dieser vicus sine nomine (Arialbinnum?) besass zwar eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung (Lage an einer wichtigen Fernstrasse, Schifflände an der Birsigmündung), stand aber während der Blütezeit des imperium Romanum (1. bis 3. Jh.) immer im Schatten der rund 15 Kilometer rheinaufwärts gelegenen Koloniestadt Augusta Raurica. Diese verfügte nämlich über entscheidende Standortvorteile, etwa wegen der Lage am Kreuzungspunkt der wichtigen Fernstrassen. Nach Aufgabe des obergermanisch-raetischen Limes verlegten die Römer die Grenze an die leichter zu verteidigenden Flüsse zurück: Rhein, Donau und Iller bildeten ab 260 die «nasse» Grenze zwischen dem imperium Romanum und den germanischen Stämmen (Alamannen, Juthungen, Franken). Die Siedlung im Vorgelände des Münsterhügels wurde aufgegeben und der strategisch wichtige Münsterhügel erneut befestigt.
Der römische Offizier und Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet in seinen res gestae zudem, dass Kaiser Valentinian I. (364–375) 374 bei Basilia eine Befestigungsanlage (munimentum) errichten liess. Er weist explizit darauf hin, dass der Name Basilia erst nach dem Aufenthalt von Valentinian I. gebräuchlich wurde – vorher hätten die Einheimischen den Ort Robur genannt. Laut der Notitia Galliarum (390–413) scheint die civitas Basiliensium vornehmlich als ziviler Zentralort von Bedeutung gewesen zu sein – im Gegensatz zum damals vor allem militärisch und kirchenpolitisch wichtigen Castrum Rauracense (Kaiseraugst). Um 343/346 residierte Iustinianus Rauricorum, der erste namentlich bekannte Bischof in unserer Gegend, im Castrum Rauracense.
Am Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter ab dem 5. Jh. lassen sich am Rheinknie drei vorerst noch getrennt lebende Volksgruppen nachweisen: Romanen (Nachfahren der gallo-römischen Provinzbevölkerung) sowie Alamannen und Franken, zwei germanische Volkgruppen. Im 5. und 6. Jh. bildete der Rhein eine Sprach- und Kulturgrenze zwischen den im castrum auf dem Münsterhügel lebenden Romanen und den alamannischen Niederlassungen in «Kleinbasel», die später auch als Bistumsgrenze fortleben sollte: Grossbasel gehörte zum Erzbistum Besançon, Kleinbasel zum Bistum Konstanz.
Unter fränkischer Herrschaft
Vom 5. bis 8. Jh. wurden in der Umgebung des castrum auf dem Münsterhügel neue Dörfer, Weiler und Einzelhöfe gegründet («-ingen»-Orte wie Gundeldingen, Kleinhüningen, Binningen, Bottmingen). Dieser «Dezentralisierung» liegen Änderungen der politischen Organisation zugrunde, die mit dem Abzug der römischen Grenztruppen um 400 n. Chr. und der Auflösung der Provinzverwaltung in der 1. Hälfte des 5. Jh. einsetzten. Eine wichtige Rolle spielten auch der Rückgang von Handel und Gewerbe sowie die zunehmende Bedeutung der Agrarwirtschaft. Die «Ruralisierung» der Gesellschaft manifestiert sich auch in der Bauweise: Wirtschafts- und Wohngebäude werden nicht mehr gemauert, sondern aus Holz errichtet.
496 unterwarf der fränkische König und Begründer der Hausmacht der Merowinger, Chlodwig (466–511), die Alamannen. Die Gegend um Basel wurde Teil des fränkischen Reichs, das auch weite Teile Frankreichs und Belgiens umfasste. Archäologisch nachweisen lassen sich die zugezogenen Franken etwa im Gräberfeld «Basel-Bernerring». Die von der fränkischen Zentralmacht veranlasste Instandstellung der durch das Birstal und via die petra pertusa (Pierre Pertuis) ins schweizerische Mittelland führenden römischen Fernstrasse hatte massgeblichen Anteil daran, dass Basel – und nicht Augusta Raurica – im Frühmittelalter zum Zentralort der Region wurde. Für die später zunehmende wirtschaftliche und politische Bedeutung Basels in der 1. Hälfte des 7. Jh. sprechen die merowingischen Goldmünzen: Sie wurden von einem fränkischen monetarius (Münzmeister) namens Gunso geprägt und tragen die Umschrift Basilia fit – made in Basel.
Bau eines Rundturm-Münsters
Zwischen der Spätantike und der Regierungszeit Karls des Grossen (771–814) wurde auch die lingua franca, das Latein, allmählich durch alamannische Dialekte abgelöst; ab der Karolingerzeit finden sich in Urkunden fast nur noch «deutsche » Personennamen. Im Umland gründeten germanische Zuzüger ab dem 7. Jh. weitere Dörfer und Weiler: die «-wil»-Orte wie Oberwil, Therwil, Reigoldswil. Die Namen der auf römische Gründungen zurückgehenden und weiterhin von Romanen besiedelten Orte – etwa Munzach, Dornach oder Solothurn («-acum»- und «-durum»-Orte) – überdauerten indes bis heute. Im frühen 7. Jh. sind auch wieder höherrangige kirchliche Würdenträger belegt: Um 615 wird Ragnacharius in einer Urkunde als praesul (Vorsteher) der Kirchen von Augst und Basel erwähnt. Ob zu dieser Zeit (wieder) ein eigentliches Bistum bestand, ist fraglich; eine verlässliche Liste von Bischöfen existiert nämlich erst für die Zeit ab dem späteren 8. Jh.
Grössere (kirchen-)politische Bedeutung erhielt Basel schliesslich mit der Ernennung von Haito (762–836), dem Abt des Klosters Reichenau, zum Bischof. Haito (auch Heito oder Hetto) gehörte der fränkisch-karolingischen Oberschicht an und war ein enger Freund und Vertrauter Karls des Grossen; er beglaubigte auch dessen Testament. Nach seinem Amtsantritt liess Bischof Haito anstelle eines älteren, offenbar verfallenen Vorgängerbaus eine neue Kirche errichten. Diese ist vermutlich mit dem archäologisch nachgewiesenen Rundturm-Münster identisch, dem Vorvorgänger des heutigen Münsters. Gräber aus der Zeit zwischen dem 8. und 12. Jh. zeigen, dass der Münsterhügel (auch) als Friedhof genutzt wurde. Noch ungeklärt ist, ob es sich dabei um verschiedene kleinere Friedhöfe aus unterschiedlichen Zeiten oder um Bestattungsorte bestimmter (privilegierter?) Personengruppen handelt.
Prof. Peter-Andrew Schwarz ist Inhaber der Vindonissa-Professur am Departement Altertumswissenschaften der Universität Basel.