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Kurt Reichlin v/o Kadi, 14.08.1932 – 31.12.2021
12.08.2022 - Tobias Moser v/o Tribun (AKV Neu-Romania)
Nachruf
Dr. iur., Rechtsanwalt
Kurt Reichlin v/o Kadi
Kyburger, Neu-Romania, Suitia
14.08.1932 – 31.12.2021
Geschätzter Kadi, ich steige zu deiner Ehre zu deiner Trauerrede, zu einer couleurstudentischen Würdigung deiner vita. Ich ziehe meinen Stürmer, vor dir, vor deinem Leben. Meine Ansprache halte ich, wie du es gemacht hättest: präzis und konzis.
Kurt Reichlin v/o Kadi wurde am 14. August 1932 in Schwyz als ältester von vier Söhnen der Familie Riiiichli geboren, eben nicht Reichlin. Sein Vater war Staats- und nicht bloss Landschreiber (wie der Vortragende). Kadis Vater wurde dann 1965 Bundesrichter. Das muss Kadi geprägt haben. Trotz dieser Ballung an staatlicher Autorität im Elternhaus ist aber Kadi doch noch recht herausgekommen. Als junger Mensch tat er, was alle Kinder und Jugendliche taten: Er wuchs und gedieh. Schon in der Primarschule war er ein Überflieger. Bereits als Teenager war Kadi fokussiert. Die 6. Klasse übersprang er. Er trat 1949 in die Gymnasialverbindung Suitia ein. Angebliches Motiv für seinen Beitritt: So konnte er im Ausgang unbehelligt ein Bier trinken. Kadi wurde 1950 Mitglied des Schweizerischen Studentenvereins. Am Kollegi Schwyz holte er sich 1951 die Matura.
Im gleichen Jahr legte er im Tessin in der Rekrutenschule den Grundstein zu seiner militärischen Laufbahn. Die Offiziersschule nannte Kadi zeitlebens die für ihn schlimmste Militärschule. Er hatte den dort übermässig betriebenen Sport nicht geschätzt. Als er sich den Daumen brach und dem Schwimmunterricht nicht mehr folgen konnte, waren er und vor allem auch sein Instruktor froh. Alle späteren militärischen Ausbildungen fielen Kadi leichter, auch wenn diese bzw. weil diese intellektuell anspruchsvoller waren. Später wurde Kadi Oberst im Generalstab. Eine Beförderung zum Brigadier hat er abgelehnt. Er legte den Fokus auf seine zivile Karriere.
Kadi wollte ursprünglich in Zürich Jurisprudenz studieren. Auf Geheiss des Staatsschreibers von Schwyz musste er sich aber im Uechtland an der Alma Mater Friburgensis immatrikulieren. In der «Urteilsbegründung» von Papa Riiiichli hiess es, an der Uni Zürich gebe es keine Zwischenprüfungen. Solche müsse der Filius aber ablegen, um eine Erfolgskontrolle zu haben. Der strengen Vaterhand verdanken wir es letztlich also, dass Kadi in Freiburg studiert hat. Dort wollte Kadi ursprünglich – man stelle sich das vor – Alemanne werden. Sein Vater untersagte dies – aus meiner Warte als «Bauer» würde ich sagen: Papa Riiiichli verhinderte das … Schlimmste.
So wurde Kurt Riiiichli Mitglied der weniger strengen Akademischen Verbindung Staufer und erhielt das treffende Vulgo «Kadi». Unklar ist, ob Kadi aufgrund eines Cardinals oder mehrerer solcher eine Erleuchtung hatte. Auf jeden Fall trat er bei den Staufern aus, folgte seinem Drang zur Scholle und zum Block: Er wurde «Bauer» und trug künftig einen roten Stürmer. Ein solcher couleurstudentischer Transfer war für die noch junge AKV Neu-Romania ein Highlight. Den Staufern blieb Kadi aber verbunden. Später trat nämlich seine Tochter Barbara in diese Verbindung ein und setzt dort sozusagen seine Mitgliedschaft fort. Punkto Studienort setzte Kadi seinen Kopf gegenüber seinem Vater schliesslich doch noch durch: Er absolvierte zwei Zwischensemester in Zürich. Die Kyburger suchten offenbar Anfang der 1950er-Jahre gute Sänger. 1953 trat Kadi bei den AKV Kyburgern ein. Mit seinem Eintritt dürfte dort aber das Gesangsniveau gesunken sein. – Studentenverbindungen waren am Familientisch in Schwyz sicher oft ein Thema, nicht nur wegen Kadis Mitgliedschaften. Zwei jüngere Brüder traten in die AKV Alemannia ein. Aus Sicht der Familie erscheint Kadis Eintritt bei den Neu-Romanen also als eine Art «Bauernopfer».
Die akademische Laufbahn durchschritt Kadi mit hoher Selbstdisziplin und im Eiltempo. Sein Lizenziat erwarb er 1955. Das Doktorat zum Thema «Kirche und Staat im Kanton Schwyz» erlangte er 1956. Im gleichen Jahr erwarb er auch sein Anwaltspatent im Kanton Schwyz. Zuvor hatte Kadi in Schwyz sein Anwaltspraktikum im Advokaturbüro bei Dr. Ab Yberg absolviert. Sein Praktikumsvater war berühmt dafür, dass die schlechten Praktikanten seiner Frau beim Wäsche-Aufhängen helfen mussten. Ganz Schwyz sah dann, wer kein guter Praktikant war. – Kadi musste nie Wäsche aufhängen.
In die Berufswelt startete Kadi als Rechtsanwalt in Schwyz. Jedoch veranlasste ihn eine «Überdosis» an Familienrecht, 1957 ein Praktikum bei der Schweizer Bankgesellschaft in Zürich zu machen. Kadi war einer der ersten katholischen Innerschweizer, die bei der SBG eingestellt wurden. Das liess man ihn auch immer mal wieder wissen. In diese Zeit fiel auch Kadis «Namenswechsel». Als Schwyzer war es Kadi gewohnt, sich mit Kurt Riiiichli vorzustellen. Für die ausserkantonale Klientel sprach er seinen Nachnamen auf Hochdeutsch aus und nannte sich nun «Reichlin».
Kadis Mutter Mia Riiiichli wusste von einer Stelle bei der Gesellschaft für chemische Industrie. Sie überredete Kadi, sich dort vorzustellen. Das nervte ihn zwar, und er ging letztendlich nur zum Vorstellungsgespräch, damit seine Mutter «Ruhe gab», war dann aber begeistert von der angebotenen Stelle und nahm sie an. Kadi durfte für die Gesellschaft für chemische Industrie an den GATT-Verhandlungen in Genf teilnehmen, übte sich in Diplomatie und erwarb Verhandlungsgeschick.
Am 14. Mai 1960 heirateten Ruth Lusser und Kadi. Ruth war für Kadi während des ganzen Lebens eine hilfsbereite und verständnisvolle Partnerin. Sie führten bis zum Schluss eine liebevolle und symbiotische Beziehung mit klarer Rollenverteilung: Ruth hielt als ideale Lebenspartnerin Kadi den Rücken weitgehend frei. Sie war Innen- und weitgehend Aussenministerin, sie war Finanzministerin, in Absprache mit Kurt Hauptbeauftragte für Erziehung und zuständig für Familiäres und für Reisen (nicht abschliessend). Gegenseitiges Verständnis und Respekt waren bis zuletzt für beide Teil ihrer unbedingten Liebe. Das erforderte teilweise viel Entgegenkommen.
Da Kadi seit 1976 grundsätzlich nicht mehr Auto fuhr – er hatte seinen Wagen nach einem Ausweichmanöver mit einem Achsenbruch quasi schrottreif gefahren –, hiess das für Ruth Folgendes: Sie amtierte sozusagen als Korps-Chauffeuse für ihren Mann und holte ihn von zahlreichen Anlässen ab. Ruth war also nicht nur Kadis Frau sondern auch «Kadi-Fahrerin». Im Herbst 2021 ist Ruth dann Kadi in die Ewigkeit voraus … gefahren.
Das Familienglück von Ruth und Kadi wurde perfekt mit der Geburt von Barbara. Auf Vaters Schild wurde auch sie Rechtsanwältin. In der Studienzeit folgte sie – wie gesagt – den Spuren ihres Père und wurde Stauferin. Obwohl intellektuell ein Schwergewicht erhielt sie von den Hohen Göttern das Leichtgewicht-Vulgo «Bantam». Mit Frank Radtke v/o Basta, ebenfalls Kyburger, veränderte sich das Leben der Familie Reichlin erneut. –Das Duo Bantam & Basta gründete eine Grossfamilie. Für Ruth und Kadi waren die vier Enkelkinder die Perfektion des Glücks. Alle Youngsters waren rasch und sind weiterhin «on track». Stephanie ist zur Dr. med. avanciert und war in Bern als Berchtolderin mit Vulgo Eris sogar Senior ihrer Verbindung. Floriane studiert ebenfalls in der Bundeshauptstadt, ist auch Berchtolderin mit Vulgo Kore und war ebenfalls Senior. Raphael träumt nach seinem Schulabschluss von einer Karriere als Profi-Fussballer; nebenbei studiert er, … angeblich. Und auch Leonie ist zielstrebig auf Kurs, auf Maturakurs.
Zurück zu Kadis beruflichem Weg: Von 1965-1975 arbeitete Kadi bei Ciba und Ciba-Geigy. Als er nach der von ihm begleiteten «Elefantenhochzeit» zwischen Ciba und Geigy zum Direktor befördert werden sollte, zog er nach Zug. Hier gestaltete er ab 1975 als Wirtschaftsanwalt die Boom-Jahre im Kanton mit. Und er verwirklichte damit einen lang gehegten Traum. Mit seinem Neu-Romanen-Freund und Rechtsanwalt Dr. Peter Hess v/o Leider gründete er 1980 eine Anwaltskanzlei. Ganz nach dem Motto: «Bauer» sucht … «Bauer»! Man stelle sich das vor: «Bauer» Leider und «Bauer» Kadi, immer im Tenue hochoffiziell, aber ohne Stürmer und ohne Stoff. Diese «law firm» war also eher eine «law farm», nämlich eine Art juristischer … «Bauernhof».
Kadi begleitete in Familienunternehmen viele Generationenwechsel. Verwaltungsratsmandate erlaubten es ihm, sein Fachwissen und seine strategischen Kompetenzen zu kombinieren. Er implementierte Governance-Modelle, bevor die breite Öffentlichkeit überhaupt wusste, was beste «Corporate Governance» ist. Bei Lindt & Sprüngli wurde er ab den 1980er Jahre Verwaltungsrat, Vizepräsident und sogar designierter Präsident. Kadi legte dieses Mandat 1992 allerdings nieder, nachdem sich Herr Sprüngli Senior scheiden liess und seinen Sohn aus der Firma warf. Solche Disruptionen konnte und wollte Kadi nicht mittragen. So soll er seinem Auftraggeber gerade heraus die Meinung gesagt haben. Dabei hat er offenbar einen Kraftausdruck aus dem Genitalbereich männlicher Schafe verwendet und sogar das Telefon aufgehängt. Kadi blieb halt auch im Beruf immer EINIG UND FREI.
Kadi behagte in seiner Arbeit die Verknüpfung von Familie, Wirtschaft und Recht. Er gleiste bei der Bossard AG zwei Generationenwechsel auf und wurde nach dem Tod von Peter Bossard, der am 27. September 2001 im Zuger Kantonsratssaal erschossen wurde, Verwaltungsratspräsident. Zudem war er während ein paar Jahren Präsident des Zuger Kantonsspitals und damit wesentlich an der Bereinigung der Zuger Spitallandschaft beteiligt, die vor 50 Jahren vier Akutspitäler aufwies und heute noch zwei, dies bei einer Verdoppelung der ständigen Wohnbevölkerung.
Politische Tätigkeiten hat Kadi nur hinter den Kulissen ausgeübt. Er hat die Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Gesellschaft (AWG Schweiz) mitgegründet. Sein Credo lautete: Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft müssen stimmen, damit es der Gesellschaft gut geht.
Kadis intellektuelles Interesse galt der Kulturgeschichte, der Geschichte im Allgemeinen und jener des Zweiten Weltkriegs im Speziellen. Dabei ging es immer wieder um die Frage, wie und warum Hitler an die Macht kam, wie sich Menschen in einer Demokratie ihrer politischen Rechte selber entledigen konnten. Ihn faszinierten Themen wie Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte. Die Aktualität dieser Fragestellungen ist auch heute von erster Priorität.
Hier in Zug war Kadi im Kantonalverband Tugenia über Jahrzehnte ein treues Mitglied. Die Aktivitäten der Tugenia bereiteten ihm viel Freude. Er erachtete es als eine Selbstverständlichkeit, Präsenz zu zeigen und mit seinem Couleur Farbe zu bekennen. Seine Anwesenheit bezeichnete er einmal als seine Anerkennung für die Arbeit des Vorstands. Sein Pflichtbewusstsein war enorm. Während der Pandemie liess Kadi es sich nicht nehmen und beteiligte sich wie folgt an den virtuellen Stämmen: Seine Tochter Bantam meldete ihren Vater online an, Schwiegersohn Basta stellte den Nachschub an Stoff sicher. Kadi konnte nun virtuell dem Komment frönen. Im Sommer 2021 genoss Kadi sein letztes Bier in personam an einem Tugener-Stamm.
Kadi reiste sehr gerne und das am liebsten mit der ganzen Grossfamilie. Er liebte Orte mit geschichtlicher Vergangenheit und mied Länder, die er als nicht stabil erachtete. Die letzte richtig grosse Reise führte ihn Anfang 2020 in die Antarktis, zum dritten Mal kam er durch die Magellanstrasse und besuchte dann die Osterinseln. Seine letzten Auslandferien hatte Kadi im Sommer 2021 in der Mittelmeerregion verbracht und auf Kreta seinen 89. Geburtstag gefeiert.
Eine Abschiedsrede über Kadi wäre unvollständig, wenn man nicht auch seine prägnanten Charakterzüge beleuchten würde. Kadi erkannte Stärken, Chancen und Ziele immer und sofort. Schwächen und Risiken sprach er direkt an. Kadi war kristallklar in der Gedankenführung. Er verstand es, komplexe Sachverhalte und Rechtslagen einfach und für alle verständlich darzulegen.
Immer wieder zeigte sich Kadi sehr grosszügig, nicht bei sich, sondern gegenüber anderen. So feierte er seinen 80. Geburtstag gleich mehrmals. Nicht wegen den dadurch zahlreicheren Huldigungen. Nein, Kadi wollte mehr Zeit für seine Gäste haben und lud diese in Gruppen ein. Und ja, Kadi genoss die Nebenwirkung: Er gönnte sich ja dadurch mehr als eine Handvoll Festereien. Wir sollten uns diese Weis- und Schlauheit zum Beispiel nehmen. Und zwar schon vor unserem 80. Geburtstag.
Kadi war gesellig, aber in der Regel nicht der Lauteste. Bevor er vom Tisch aufgestanden ist, hat er immer sein Glas ausgetrunken. Er war also Trendsetter in Sachen «food waste». Einmal hätte sich Kadi mit seinen Prinzipien aber beinahe um ein Bier gebracht. Er war mit Kyburgern und deren Ehefrauen in New York. Auf Anregung von Bundesrat Flavio Cotti v/o Kiki wurde die Reisegruppe bei Botschafter Defago zum Dîner eingeladen. Kadi instruierte die Gäste wie folgt über protokollarische Gepflogenheiten: «15 Minuten nach dem Service des Kaffees müssen wir aufbrechen. Der Kaffee ist ein Teil der diplomatischen Geheimsprache.» Doch Frau Defago durchkreuzte Kadis Pläne. Sie liess nach dem Kaffee Bier servieren. Dieser Zielkonflikt machte Kadi zunehmend nervöser. Es betrübte ihn, dass man nun «t.a» hatte, das kühle Bier stehen lassen und die gesellige Runde auflösen musste. Als Frau Defago dies realisiert hatte, fragte sie Kadi, ob er denn vielleicht nicht einfach einen weiteren Kaffee haben möchte …
Dieser Tour d’horizon zu Kurt Reichlin v/o Kadi sel. wird dem Verstorbenen nur ansatzweise gerecht. Wir trauern mit den Angehörigen und Freunden um eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Mit Kadi teilen wir die Zuversicht, dass er sich neben seiner geliebten Frau seinen Platz in der Ewigkeit ergattert hat. Requiscat in pace!
(AKV Neu-Romania)