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Die Chance auf Ruhm und Ehre. Man erhält für gewöhnlich als Kleinkünstler wenige Chancen die grossen Persönlichkeiten seiner Zeit zu porträtieren. Dies soll weder das Werk, noch das Können des Kupferstechers und Miniaturmalers Marquard Wocher (geb. vor 1760; gest. 1830) schmälern. Denn die Arbeiten von Wocher können sich durchaus sehen lassen, seine Landschaftsveduten und Porträts erfreuten sich zu seiner Zeit in Basel und in der übrigen Schweiz einer grossen Beliebtheit.
Obwohl sein Wirkungskreis sich vorwiegend auf lokale Basler Landschaften und Personen beschränkte (oder vielleicht auch gerade weil dies so war) ergriff Wocher im November des Jahres 1797 die Chance seines Lebens. Sein hochgestecktes Ziel: Ein Porträt desjenigen Mannes zu malen, der im Begriff war, die gesamte politische Ordnung Europas über den Haufen zu werfen und eventuell auf seiner Durchreise hier in Basel haltmachen würde. Gemeint ist natürlich niemand geringeres als Napoleon Bonaparte. Und Wocher wollte dabei nicht einfach eine weitere Kopie des Konterfeis vom künftigen Kaiser der Franzosen anfertigen, die als Drucke bereits in ganz Europa kursierten; nein, Wocher wollte ein Porträt Napoleons anfertigen, der bei diesem persönlich Modell sass – oder zumindest anwesend war. Ein ambitioniertes Vorhaben, bedenkt man, dass Napoleon nicht nur äusserst eitel war, sondern mit äusserst scharfem Auge überwachte, wie man ihn in der Kunst darstellte.
Bonaparte in Basel. Und tatsächlich: Von 40 Kanonenschüssen empfangen überquerte die Kutsche Napoleons am 24. November 1797 zwischen 10 und 12 Uhr den Münsterplatz und machte vor dem Hotel Drei Könige halt, wo man dinierte. Napoleon war auf der Durchreise von Italien zum Kongress nach Rastatt, wo man über das Schicksal der linksrheinischen Gebiete entscheiden wollte. Begleitet wurde der Zug neben der französischen Eskorte von Basler Dragonern und der Basler Freikompagnie. Die Stimmung Napoleons war zu Beginn wohl nicht zum Besten bestellt – hatte doch der ehrgeizige General Augereau ihm mitgeteilt, er werde ihn nicht treffen. Was für ein Affront! Nach und nach hellte sich die Miene Napoleons aber auf, wie der letzte bekannte Augenzeuge des Ereignisses, ein Säumer namens Johann Baptiste Walther, berichtet. Dank weiteren Quellen ist genau dokumentiert, wie sich der Aufenthalt Napoleons in Basel im weiteren Verlauf gestaltete und mit wem er sich in Gesprächen im Drei König austauschte. Gegen 15 Uhr brauste Napoleon dann unter Salutschüssen weiter in Richtung Rastatt. Und Marquard Wocher hatte leider keine Audienz erhalten, um Napoleon zu porträtieren.
Das Porträt. Dennoch muss Wocher irgendwie eine Chance erhalten haben, den künftigen Kaiser Frankreichs zu porträtieren: Zwei von Wocher angefertigte, identische Porträts von Napoleon sind überliefert, interessanterweise aber von ihm auf das Jahr 1798 datiert. Beide Porträts befinden sich heute in der UB Basel (Sign. AN IV 240 und UBH Portr Bonaparte). Aber wie war dies möglich? Bonaparte war nachweislich 1798 nicht in Basel. Aufschluss gibt ein handschriftlicher Vermerk auf der Rückseite des einen Rahmens mit der Signatur AN IV 240. Dieser lautet: „Le General Bounaparte, peint par Wocher. Peintre à Basle d’après Nature. L’artiste aient eu occasion de voir son Portrait pendant de son Diner aux Trois Rois à Basle, arrivant d’Italie le 24 Nov. 1797 pour sa […] au Congrès de Raststadt.“
Zwei Passagen dieses Vermerks sind aufschlussreich:
- Die Feststellung, Wocher habe das Porträt am 24. November 1797 nach der Natur gemalt
- Wocher hatte während des Essens die Möglichkeit, Napoleon live zu sehen
Wie passen nun diese beiden Gegensätze zusammen, nämlich, dass einerseits Wocher Napoleon sah, andrerseits die glaubhaften Aussagen von Johann Baptiste Walther und Peter Ochs, dass keine Sitzung für einen Künstler stattgefunden habe. Eine scheinbar beiläufige Erwähnung bei Walther kann hierbei die Lösung bringen! Beim Staatsbankett im Trois Rois gewährte Napoleon den Baslern Einlass in den Speisesaal, wo diese als Zuschauer auf einer Galerie ihm beim Essen zusehen konnten. Es kann daher nur dieser Moment gewesen sein, den Marquard Wocher genutzt haben muss, um von Napoleons Konterfei eine Skizze anzufertigen. Dies erklärt zugleich die beiden genannten Daten: 1798 auf der Recto-Seite, 24. November 1797 auf der Rückseite der einen Rahmung: War die Skizze also nach der Natur angefertigt, hat Wocher danach im Atelier das eigentliche Porträt in zweifacher Ausführung angefertigt – wahrscheinlich im Frühjahr 1798.
Ein kränklicher General. Beim Betrachten beider Porträts macht Napoleon keinesfalls einen heldenhaften Eindruck. Ganz im Gegenteil: Seine Gesichtszüge sind fahl, sein Teint ist blass. Diese Interpretation ist auch nicht einer vermeintlichen Ausbleichung der Farben geschuldet, denn die Porträts sind, abgesehen von der Bruchstelle beim Exemplar mit der Signatur UBH Portr Bonaparte, in tadellosem Zustand. Ebenfalls ist die Annahme, dass Wocher bei der Farbwahl dermassen danebengegriffen hat, zu verwerfen. Wocher war beileibe kein Amateur. Die Lösung bringt einmal mehr eine Quelle, die Napoleon tatsächlich am Tage seines Aufenthalts als blass und mager schildert. Ebenfalls habe er Husten gehabt. Das Porträt Napoleons von Wocher ist somit nicht nur von einer geradezu offenherzigen Ehrlichkeit, sondern zugleich ein intimes Zeugnis von Napoleons Besuch in Basel. Und Wocher hat, so können wir abschliessend festhalten, seinen Moment trefflich genutzt. Wer mehr über Basel und Napoleon erfahren will, der kann die Basler Bibliografie konsultieren!
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