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Pietro Supino ist Verwaltungsratspräsident und Verleger der Tamedia AG sowie Präsident des Verbands Schweizer Medien (VSM). Res Strehle war bis Ende 2015 Chefredaktor des Tages-Anzeigers und amtet heute als Präsident der Schweizer Journalistenschule (MAZ) sowie als Verantwortlicher für das Qualitätsmonitoring der Tamedia AG. Das Handbuch, das die beiden Autoren vorlegen, heisst: «Qualität in den Medien».
Qualität als Bemühen um Objektivität
Supino hat ein namentlich gezeichnetes Nachwort beigesteuert. Das Buch selber ist wohl weitgehend oder ganz von Strehle als Qualitätsverantwortlichem verfasst worden. Er versteht sich als Anwalt für «das Bemühen um Objektivität», dem es «um Gültigkeit von Aussagen über die subjektive Wahrnehmung hinaus» gehe. Dieses Bemühen gilt ihm als die angestrebte «Qualität», die er «genauer zu fassen und dort zu objektivieren» versuchen will, «wo es möglich ist». Als vorbildlich für diesen Versuch gilt ihm die Sentenz: «Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.» (Hanns Joachim Friedrichs)
In vier Kapiteln nähert er sich dem gesuchten Qualitätsbegriff an:
• Rekapituliert werden zuerst die wichtigsten handwerklichen Regeln als Basis von journalistischer Qualität (Fehlerfreiheit, Fairness, kritische Distanz zu den Quellen u.a.).
• Skizziert werden danach spezifische Qualitäten, die in unterschiedlichen Medien (Online / Print, Tageszeitung / Magazin etc.) unterschiedlich realisiert werden müssen. Es geht dabei um Recherche, Einordnung, Service, Unterhaltung, Visualisierung u.a.
• Im dritten Teil wird als Instrument der Qualitätssicherung die Auseinandersetzung mit der Resonanz auf die journalistische Arbeit hervorgehoben (Resonanz von LeserInnen/NutzerInnen, von den «Betroffenen» – also den in den Beiträgen Dargestellten – und von unabhängigen WissenschaftlerInnen für die objektivierende Aussenssicht).
• Schliesslich wird aufgezeigt, wie der postulierte Qualitätsanspruch konzernintern durchgesetzt, gesichert und verbessert werden soll. Namentlich geht es hier um ein Qualitätsmonitoring, das für jedes Medium von einem Dreiergremium jährlich durchgeführt werden soll. Das Gremium soll aus der jeweiligen Chefredaktion, einem Experten oder einer Expertin aus der Wissenschaft sowie Strehle selber bestehen.
Im Nachwort betont der Verleger Supino die Bedeutung von «Handwerk» und «technologischem Savoir-faire» für die «journalistischen Leistungen». Dafür gelte es «die besten Kräfte» zu gewinnen, wozu «spannende mediale Plattformen, attraktive Arbeitsbedingungen sowie die Bereitschaft zur Investition in den journalistischen Betrieb» nötig seien.
Ein auffälliges zeitliches Zusammentreffen
Öffentlich zugänglich ist dieses Handbuch nicht. Konzernintern wurde es mit einem Begleitbrief an alle Tamedia-RedaktorInnen abgegeben – und zwar am 11. Mai 2017, sechs Tage, nachdem die Konzernleitung den Angestellten mitgeteilt hatte, dass der erwartete Rückgang der Einnahmen voraussichtlich redaktionelle «Kompetenzzentren» nötig machen werde (siehe «Tamedia: Jetzt geht es um die Medienvielfalt»).
In einer ersten kurzen Würdigung des Handbuchs hat Peter Studer, ehemaliger Chefredaktor des Tages-Anzeigers und langjähriger Präsident des Schweizer Presserats, auf die zeitliche Koinzidenz der beiden Konzernverlautbarungen hingewiesen. Studer schreibt: «Der ‘Human Factor’ und der Zeitaufwand, der für Blattkritik einzusetzen ist, kollidiert allerdings mit der Tamedia-Ankündigung in derselben Woche, dass den bereits stark ausgedünnten Redaktionen eine neue massive Personalsparrunde bevorsteht.»
Das zeitliche Zusammentreffen der Verlautbarungen bedeutet aber mehr als Zeitknappheit, die es immer schwieriger macht, Qualitätsansprüchen überhaupt nachzukommen: Während die Konzernmitteilung vom 5. Mai 2017 von einem prognostizierten Einnahmenrückgang von 30 Prozent bis 2025 ausgeht, wissen auf den Redaktionen von Bund und Berner Zeitung alle, dass die beiden Zeitungen in den letzten vier Jahren rund die Hälfte ihrer Werbeeinnahmen verloren haben.
Vor diesem Hintergrund haben die RedaktorInnen als Resümee des Strehle-Teils im Handbuch gelesen: «Von einem professionellen Qualitätsmonitoring dürfen wichtige Hinweise auf die Schwerpunkte zur Laufbahnentwicklung des Personals auf der Ebene des Medienhauses erwartet werden.» Ein solcher Satz kann auch besagen, das Qualitätsmonitoring sei ein Qualifikationsinstrument zur Objektivierung der bevorstehenden Entlassungen.
Wie anders denn als kaum verhohlene Drohung können die RedaktorInnen des Tamedia-Konzerns den Qualitätsdiskurs von Supino und Strehle verstehen?