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Sonja Wenger über das Verschwinden des «Diplo» in arabischer Sprache.
Es war eine mediale Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen suchte: Seit 2000 die ersten Texte des französischen «Le Monde diplomatique» («LMd») für eine in Frankreich erscheinende Tabloidausgabe ins Arabische übersetzt wurden, schienen sich auch die arabischen Länder für die linke, globalisierungskritisch ausgerichtete Zeitung zu öffnen. Beinahe im Jahresrhythmus fand das arabische Büro in Paris unter der Federführung des syrischen Geschäftsmanns und Journalisten Samir Aïta neue Zeitungen, in denen der arabische «LMd» als Beilage erscheinen konnte. Zu seinen besten Zeiten wurde die Beilage in Ägypten und in Marokko, in Bahrain und Kuwait, im Libanon, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Sudan, im Jemen, in Palästina und gar in Saudi-Arabien publiziert. Nach Ausbruch des Arabischen Frühlings Ende 2010 war die Aufbruchstimmung auch in Paris sehr gross.
Umso ernüchternder wirkte deshalb Anfang August die Information, die von der Pariser Zentrale des «Diplo» an die internationalen Editionen verschickt wurde, zu deren Netz auch die schweizerische und die deutsche Ausgabe des «LMd» gehören. In knappen Worten war darin von der «Liquidation der Filiale in der arabischen Welt» die Rede und dass man sich nun nach neuen Erscheinungsmöglichkeiten in dieser Region umsehe.
Auf Rückfrage heisst es bei der «LMd»-Redaktion in Paris, die seit längerem unzureichende Finanzierung der arabischen Ausgaben sei bereits im Mai der Auslöser für die Liquidierung des Büros gewesen. Die Entwicklung nach dem Arabischen Frühling habe viele der Partnerzeitungen destabilisiert. Es handle sich um eine komplexe Weltregion, in der sich seit einiger Zeit das «politische Diskussionsklima» stark verändere. Es genüge nicht mehr, «redaktionell eine antiimperialistische Haltung» zu haben, um noch «zu den Guten» zu gehören. Vor allem die seit zwei Jahren offen kritische Haltung gegenüber dem syrischen Regime habe den «LMd» in der Region, in der viele Menschen nach wie vor hinter Präsident Baschar al-Assad stehen, zahlreiche LeserInnen gekostet.
Tatsächlich waren die arabischen Ausgaben – und ihre MacherInnen – nie unabhängig von der aktuellen politischen Situation, das bestätigte auch Samir Aïta gegenüber der WOZ. «Es hat von Anfang an immer wieder Formen von Zensur und staatliche Eingriffe gegeben», sagt Aïta, «genauso wie viele Ausgaben mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten.» So seien die Chefredaktoren der marokkanischen und der sudanesischen Ausgabe wegen ihrer Arbeit ins Gefängnis gekommen; während der Proteste von 2011 wurden die Redaktionsräume der jemenitischen Ausgabe niedergebrannt; in Bahrain ging die Partnerzeitung bankrott; auch die Ausgabe im Libanon – und damit jene in Syrien – erscheine unter anderem aus finanziellen Gründen nicht länger; und die ägyptische Ausgabe (immerhin mit einer Million Auflage) sei bereits mit der dritten Partnerzeitung unterwegs. Noch erscheine sie, ihr Fortbestand sei aber offen.
Laut der Pariser Zentrale wird der arabische «LMd» derzeit auf dem Internet weiter publiziert, mit im Libanon übersetzten Texten. Nur: Die letzte zugängliche Ausgabe erschien im Juni. Wie es damit weitergeht, sei ihm inzwischen egal, sagt Samir Aïta, der noch Ende 2012 eine grosse Summe in die arabischen Ausgaben investierte. Er befindet sich zurzeit in einem Rechtsstreit mit der Pariser Redaktion – es geht um eine Entschädigungszahlung.
Sonja Wenger ist seit 2006 verantwortliche Redaktorin für die Schweizer Ausgabe von «Le Monde diplomatique».