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Was wissen wir über die Wechselwirkungen zwischen dem oralen Mikrobiom, Erkrankungen der Mundhöhle, einer veränderten Immunabwehr und Diabetes mellitus?Kernpunkte
Wir wissen, dass sich eine schlechte glykämische Kontrolle negativ auf die Immunfunktion der Betroffenen auswirken kann, was zu einer defizitären Immunantwort oder zu einer Exazerbation von Inflammation führen und so diabetesbedingte Komplikationen verschlimmern kann.
Bei Diabeteskranken kann es neben einer überschießenden Entzündungsreaktion zu schlechter Heilung und Knochenresorption kommen, die eine Parodontose verschlimmern, während umgekehrt die erhöhten Werte systemischer proinflammatorischer Mediatoren bei Parodontose die Insulinresistenz verschlimmern.2 Diabetiker, die zusätzlich übergewichtig sind, weisen in der Regel einen schlechteren Zustand der Mundgesundheit auf.
Dank Sequenzierungstechnologien sind die Verschiebungen in der Zusammensetzung des oralen Mikrobioms und Viroms im Zuge von Krankheiten inzwischen besser charakterisiert.1 Unter anderem konnte gezeigt werden, dass eine unzureichende Blutzucker-Einstellung mit erhöhten Konzentrationen und Häufigkeiten von parodontalen Pathogenen im subgingivalen Biofilm verbunden ist.2
Ferner scheint ein wichtiges Zusammenspiel zwischen dem Mikrobiom der Mundhöhle, Diabetes, Adipositas und Hypertonus im Abbau von Nitrat zu Nitrit bestehen. Dies trägt nicht nur zur Blutdrucksenkung bei, sondern reduziert auch den oxidativen Stress und erhöht die Insulinsekretion – was wiederum der Kontrolle von Adipositas und Blutzucker zugutekommt.2
Diabetiker neigen zudem zu einem geringen Speichelfluss bzw. einer hohen Prävalenz von Xerostomie und entwickeln häufiger Mundschleimhautläsionen, insbesondere potenziell maligne Läsionen und solche, die mit Pilzinfektionen zusammenhängen.
Zusätzlich treten bei Menschen mit Diabetes etliche Faktoren gehäuft auf, die diese systemischen und oralen Veränderungen weiter begünstigen können.2 Hierzu gehören neben den bereits genannten (Hypertonus, Hyperglykämie und Adipositas) insbesondere fortgeschrittenes Alter, Hyperlipidämie und polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS).
Picken wir uns die beiden Letztgenannten heraus: eine Abnahme des HDL und ein Anstieg der Triglyzeride im Blut ging in Studien mit einer Zunahme der Belastung der Mundhöhle durch Parodontopathogene einher.2
Frauen mit polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS) leiden im Vergleich zu gesunden Frauen mit gleichem Body-Mass-Index häufiger an Blutzuckerstörungen, wobei das Spektrum von einer gestörten Glukosetoleranz bis hin zu Diabetes Typ 2 reichen kann.3 Interessant in diesem Zusammenhang: Frauen mit PCOS neigen zu einer charakteristischen Zusammensetzung des oralen Mikrobioms und zu einer verstärkten systemischen Reaktion auf bestimmte Vertreter dieser mikrobiellen Gemeinschaft. Neben den typischen gynäkologischen Störungen weisen Frauen mit PCOS ein erhöhtes Risiko für ein metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Störungen wie Bluthochdruck und Dyslipidämie auf.4 Was hierbei Henne und was Ei ist, ist derzeit noch nicht verstanden.
Ein aktuelles Review schließt daher mit folgender Empfehlung: Diabetiker sollten ermutigt und motiviert werden, eine sehr gute Mundpflege zu betreiben. Darüber hinaus zeigen diese Erkenntnisse, wie wichtig ein multidisziplinäres Management und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Zahnärzten ist, die sowohl die systemische, als auch die Mundgesundheit der Patienten im Fokus haben.2Des Weiteren zeichnet sich deutlich ab, dass systemische Inflammation, Störungen des Immunsystems, mikrobielle Dysbiosen und Bakteriämien/ Virämien/ Mikrobämien in einem anfälligen Wirt nicht die einzigen Akteure sind, die die Verbindung zwischen oraler und systemischer Gesundheit mitbestimmen. Neben prädisponierenden genetischen Faktoren (Gen-Polymorphismen) sind es hier wieder einmal modifizierbare Faktoren, deren Optimierung ein großes Potenzial birgt: viele Daten sprechen auch beim Thema gesunde Mundflora für einen wichtigen Einfluss von Stress, schlechten Gewohnheiten (Rauchen, fettreiche Ernährung, Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel) und von Medikamenten (bspw. Protonenpumpeninhibitoren, die sowohl Darm- als auch Mundflora verändern).1,5,6
Referenzen:
1. Kapila, Y. L. Oral health’s inextricable connection to systemic health: Special populations bring to bear multimodal relationships and factors connecting periodontal disease to systemic diseases and conditions. Periodontol 2000 87, 11–16 (2021).
2. Negrini, T. de C., Carlos, I. Z., Duque, C., Caiaffa, K. S. & Arthur, R. A. Interplay Among the Oral Microbiome, Oral Cavity Conditions, the Host Immune Response, Diabetes Mellitus, and Its Associated-Risk Factors—An Overview. Front Oral Health 2, 697428 (2021).
3. Livadas, S., Anagnostis, P., Bosdou, J. K., Bantouna, D. & Paparodis, R. Polycystic ovary syndrome and type 2 diabetes mellitus: A state-of-the-art review. World J Diabetes 13, 5–26 (2022).
4. Zhang, J., Bao, Y., Zhou, X. & Zheng, L. Polycystic ovary syndrome and mitochondrial dysfunction. Reprod Biol Endocrinol 17, 67 (2019).
5. Sedghi, L., DiMassa, V., Harrington, A., Lynch, S. V. & Kapila, Y. L. The oral microbiome: Role of key organisms and complex networks in oral health and disease. Periodontol 2000 87, 107–131 (2021).
6. Mishiro, T. et al. Oral microbiome alterations of healthy volunteers with proton pump inhibitor. Journal of Gastroenterology and Hepatology 33, 1059–1066 (2018).