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Die Luftverschmutzung in China hat alarmierende Ausmasse angenommen. Peking hat das Problem erkannt und könnte es auch lösen. Aber die Durchsetzung wirkungsvoller Massnahmen lässt auf sich warten.
Vor ein paar Tagen war es einmal mehr soweit: Das helle Sonnenlicht des Vormittags wurde plötzlich orange, und eine Stunde später hatte sich eine braune Smogwolke über Schanghai gestülpt. Am Mittag war es dunkel. Der Air Quality Index AQI – ein Index der die Luftverschmutzung misst – schnellte binnen vier Stunden von 75 auf 368 hoch, der PM2,5-Feinstaubwert lag weit über 300. Das ist für Schanghai leider keine Seltenheit mehr, die Luftverschmutzung hat sich im letzten Jahr massiv verschlechtert. Die Zeiten, als Schanghai mitleidig über das dreckige Peking lästerte, sind vorbei.
«Komm, wir gehen eine Zigarette rauchen, meine Lunge braucht frische Luft», ist hier inzwischen ein Standardspruch, und in den Microblogs von Weibo und anderen Internetforen wird intensiv diskutiert, dem Rauchen wie vieler Zigaretten ein Tag in der Luft von Schanghai oder Peking entspricht.
Andere Skala
Doch zurück zu den Zahlen: In der Schweiz beträgt der zulässige Jahresmittelwert für Staubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 10 Tausendstelmillimeter (PM10) 20 μg/m3. Als kurzfristiger Grenzwert, der jedoch nur einmal pro Jahr überschritten werden sollte, gilt der 24-Stunden-Mittelwert von 50 μg/m3. Für PM2.5 – wegen den winzigen Partikel der gefährlichste Wert – ist in der Schweiz kein Immissionsgrenzwert festgelegt, die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt bei 10 μg/m3, der US-Grenzwert beträgt 12 μg/m3.
In China gilt folgender Massstab: Weist die Luft einen PM2.5-Wert von bis zu 50 μg/m3 auf, ist sie gut, bis 100 ist sie moderat. Werte zwischen 100 und 150 gelten als ungesund für empfindliche Bevölkerungsgruppen. Ab 150 ist es ungesund für alle, ab 200 «sehr ungesund». Wird gar der Wert von 300 überschritten, wird vor gefährlichen Gesundheitsproblemen für die ganze Bevölkerung gewarnt und Schulkinder dürfen nicht mehr im Freien spielen oder Sport treiben.
Atemnot, Asthmaanfälle, allergische Reaktionen und Bronchitis sind die direkten Folgen, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen sowie Lungenkrebs die längerfristigen. Die Notfallaufnahmen der Spitäler sind an solchen Tagen vollständig überlastet. Der Schweizer Höchstwert, der nur einmal pro Jahr überschritten werden darf, gilt hier also als Tag mit ausnehmend sauberer und klarer Luft.
Diskussion und Korruption
Wie geht China mit diesem Problem um? Erfreulich ist, dass nicht nur in Internetforen, sondern auch in den Staatsmedien eine heftige Diskussion über die Gefahren der unglaublichen Luftverschmutzung im Gange ist. Noch vor drei Jahren wurden in China sämtliche Angaben zu den Luftwerten – zum Beispiel die von der amerikanischen Botschaft in Peking veröffentlichten Werte – zensuriert. Heute hat jeder Chinese eine «Air Quality App» auf seinem Smartphone, und die Regierung veröffentlicht die Luftwerte in Echtzeit und gibt täglich Empfehlungen für die Bevölkerung und Schulen ab.
Ein Funktionär, der im letzten Jahr in einer staatlichen Zeitung behauptete, die Luftqualität sei gar nicht so schädlich, musste sich entschuldigen. Die Luftverschmutzung wird heute als vierthäufigste Todesursache in China erklärt. Der jüngste Bericht der WHO zum globalen Anstieg der Krebserkrankungen weist darauf hin, dass es in China im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die meisten neuen Krebskranken gibt – Tendenz massiv zunehmend. Die Luftverschmutzung in China ist nicht mehr nur ein soziales Problem, sondern ist ein gefährlicher Kostenfaktor geworden, was die Regierung endlich anerkennt.
Weniger erfreulich ist die Korruption, die viele Umweltmassnahmen ins Leere laufen lässt. Es ist kein Geheimnis, dass die Minen- und Schwerindustrie Boden, Wasser und Luft in China belasten und zerstören. Im Westen wenig bekannt ist jedoch die Tatsache, dass es in China in vielen Bereichen extrem strenge Umweltvorschriften gibt, die den Vergleich mit Europa und den USA nicht scheuen müssen. Das Problem liegt in der Umsetzung. Auf den verschiedenen Hierarchiestufen der Provinzen und Gemeinden regiert die Korruption. Der Preis eines Beamten für das Ausstellen des für den Fabrikbetrieb nötigen Umweltzertifikates ist deutlich geringer als die Installationskosten von Filtern und anderen Anlagen. Bis dieser Korruptionsfilz aufgebrochen werden kann, dürfte es noch Jahre dauern.
Noch in Diagnosephase
Aus der Medizin wissen wir, dass vor der Therapie die Diagnose steht. Ist die Diagnose falsch, wird wahrscheinlich auch die Therapie ins Leere laufen. Betreffend der Luftverschmutzung zeigt die Diskussion renommierter chinesischer Forschungsinstitute, dass alles andere als Diagnose-Einigkeit herrscht. Über die Ursachen der Luftverschmutzung wird nämlich gestritten.
Das international bekannte Researchinstitut Chinese Academy of Sciences (CAS) veröffentlichte Ende Dezember eine Studie, die aussagt, der Motorverkehr sei für weniger als 4% des PM2.5-Wertes in Peking verantwortlich. Die Ölheizungen Privater und die Industrie verschmutzten die Luft, nicht die 5,5 Mio. Autos in Peking. Doch nur einen Tag später kritisierte Pan Tao vom Pekinger Research Institute of Environmental Protection die CAS-Studie: Der Automobilverkehr sei zweifelsohne die grösste Ursache für Pekings Luftverschmutzung – gemäss Studien der Tsinghua und Peking Universität betrage der Anteil der Autos am Feinstaub in den Luft 20 bis 30%.
Der chinesische Staatsapparat hat seine Handlungsfähigkeit in den letzten Jahrzehnten eindrücklich unter Beweis gestellt. Auf der ambitiösen Reformagenda Pekings steht das Thema Umwelt ganz weit oben, und Hunderte von Milliarden Dollars sollen in den nächsten Jahren in den Umweltschutz investiert werden. Die Probleme sind zweifelsohne lösbar, im Unterschied zu anderen Herausforderungen in China. Aber den Handlungen Pekings gehen immer ausgedehnte und konsensfindende Konsultationen voraus. Und es scheint, dass die Regierung sich immer noch in dieser Phase – der Phase der Diagnose – befindet.
Zu hoffen bleibt, dass es für die Reparatur vieler Schäden nicht schon zu spät ist. Am 6. Dezember erreichte der PM2.5-Wert in Schanghai den Rekord von 627 μg/m3. Die Stimmung war apokalyptisch, die Strassen menschenleer. Viele Ausländer verliessen China fluchtartig für einen früheren Weihnachtsurlaub. Doch Hunderte von Millionen Chinesen im ganzen Land können das nicht, sie müssen mit den Folgen der Umweltzerstörung leben. Und die Luftverschmutzung ist nur eine davon.