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Das monumentale Werk La symphonie de Peccia ist mehr als eine Skulptur. Es ist auch Architektur, dreidimensionale Malerei, Tatsache und Erscheinung. – La symphonie de Peccia ist das Konzentrat eines langen und komplexen Künstlerwegs. Alles wird nochmals aufgerufen, geordnet und in eine grosse und einfache, spielerische und ruhige, statische und doch lebendige abschliessende Gesamtform überführt.
La symphonie de Peccia besteht aus vier im Taille-directe-Verfahren bearbeiteten Marmorblöcken. Diese stammen alle aus den Marmorbrüchen des Vallemaggia. Sie weisen jedoch unterschiedliche Grau-Weiss-Tönungen auf. Die vier Elemente sind unterschiedlich gross. Ihre Formen und Oberflächen sind stark verschieden. Alle haben jedoch wie archaische Säulentrommeln parallele Grund- und Deckflächen, sodass sie wie in der dorischen Tempelarchitektur nahtlos aufeinandergestellt werden konnten. Gesichert wird die gewaltige Säulenform durch Stahlstifte, welche die Trommeln im Innern verklammern.
Das unterste Element ist wie die Basis der klassischen Säulenordnungen breiter als hoch. Die horizontale Deckfläche, auf deren Mitte die erste Trommel aufliegt, erinnert an einen prähistorischen Opfertisch. Das zweite Element lässt an einen Quader denken, dessen Oberflächen und Kanten Gletscher und Wassermassen im Verlauf von Äonen aufgerissen und weggebrochen, gerundet und geglättet haben. Die nächste Trommel ist schmal und hoch. Auch ihre Form ist abgesehen von der parallelen horizontalen Stand- und Deckflächen unregelmässig wie eine vom Wind geformte Sandverwehung. Dieses Element hat ein anthropomorphen Gesamtform wie die zerschlagenen menschlichen Schädel, die der tunesische Künstler Kader Attia (*1970) nach Vorlagen von Opfern aus den Welt- und Kolonialkriegen aus Holzblöcken herstellen lässt. Der vierte Block ist vergleichsweise schmal und lang. Er gleicht einem Zylinder, dessen oberer Teil weggebrochen ist. Aber wie die drei Teile, die es vertikal abschliesst, ist auch dieses Abschlussteil, von dem was er andeutet, weit entfernt. Das Zylinder-Element war vielleicht einmal Teil einer Säule, die durch Zerstörung und Erosion ihre ursprüngliche Gestalt verloren hat. Oder aber umgekehrt: es zeigt eine solche in Rohform, also im Status von Michelangelos unfertigen Sklaven in Florenz.
Jedes der vier Elemente wie auch die Skulptur als Ganze befindet sich in einem Zustand potenzieller Veränderung – in Richtung Vollendung oder Auflösung respektive Konstruktion oder Dekonstruktion. Diese Vorstellung suggeriert die Oberflächenbearbeitung des Marmors. Alle Teile sind erst grob aus dem Block gehauen. Überall sind die Furchen des Meissels sichtbar. Der spätere Prozess der Glättung durch feinere Meissel und Schleifsteine ist erst an wenigen Stellen erfolgt wie beispielsweise an der Deckfläche des untersten Elements.
Auf den körnigen Furchen und Gräten, die der Meissel auf den Oberfläche hinterlassen hat, bricht sich das Licht in flutenden Bewegungen. Die Meisselspuren bilden ihrerseits parallele Strichbahnen, die ineinander übergehen und sich teilweise kreuzen, wodurch zusätzlich Lichtseen und Lichtstrudel entstehen. Die Form des Monuments aus den vier aufeinandergetürmten Formteilen ist absolut statisch. Die grelle Sonne im hellen Talkessel von Peccia verwandelt es jedoch in eine flammende Lichtsäule.
Marcel Dupertuis vergleicht sein Monument im Titel mit einer Symphonie. Damit bestätigt er, dass die Formgestaltung Lichtbewegung und diese Klänge suggerieren. Und er macht auch eine Aussage über das Verhältnis der vier Elemente: dass das erste ein Thema exponiert und die folgenden es variieren und in neue Konstellationen überführen. Und auch die Schlussfolgerung lässt sich ziehen, dass das Peccia-Monument im Dialog mit dem Sonnenverlauf als ein lebendiger sich zeitlich entwickelnder Lichtorganismus in Erscheinung tritt.
Die vier Teile sind subtil miteinander in Verbindung gesetzt durch Wiederholung und Variation, Kontinuität und Bruch, Abbruch und Neubeginn. Höhepunkt ist das dritte, anthropomorphe Element. Es weicht am meisten von der übergeordneten stereometrischen Idealform des Quaders und des Zylinders auf, die allen vier Formen zugrunde liegen. Das dritte Element weist Löcher auf, die als Augen, Mund oder Ohr gedeutet werden können, und es gibt Ausbuchtungen, die an Nasen, Lippen oder Wangenknochen denken lassen, ohne dass sich daraus jedoch ein «Gesicht» fügen würde. Die Idee eines Gesichts flacket plötzlich auf, verliert sich aus einem minim anderen Standpunkt jedoch ebenso schnell wieder. Je nachdem erlebt man dieses «Gesicht» als intakte Erscheinung oder aber als zerschlagene Maske. – Marcel Dupetuis hat ein eindrückliches Bild für die Existenzgefährdung des Menschen in unserer von Krieg, Zerstörung, und Katastrophen heimgesuchten Gegenwart geschaffen. Es ist von ebensolcher Existenztiefe wie das in Aluminium gleissende «Janus»-Monument von Kader Attia, das seit kurzem vor dem Kunsthaus Zürich steht.
Attia hat Fotografien von schwer versehrten Soldaten des Ersten Weltkriegs ein Modell geschaffen, das er in Afrika von lokalen Bildschnitzern in eine Maquette aus Holz umsetzen liess, die wiederum als Vorlage für den Guss in Aluminium diente. Sein zerschlagener Kopf klagt an, Dupertuis verknüpft Traumatisierung mit Wiedergeburt als ein changierendes Licht-und-Schatten-Spiel auf klassischen Säulentrümmern.
Marcel Dupertuis ist ein Schweizer Künstler, der einen international bedeutenden Beitrag zur Plastik, Malerei und Fotografie der vergangenen sechzig Jahre geleistet hat. Seine Entwicklung setzt in den späten 1950er Jahren mit konstruierten Eisenplastik ein, umfasst konkrete Raumexperimente in den 1960er und 1970er Jahren und widmet sich anschliessend mit eigenständigen Neuformulierung der menschlichen Gestalt, die er existentialistisch in Frage stellt. Stilistisch bewegt er sich zwischen einem archaischen Realismus und der Materiainszenierung der arte povera. Für die Figur nach Auschwitz und Hiroshima hat er das Konzept einer heuschreckenartigen Stabfigur geschaffen, die Alberto Giacomettis Menschentypus um eine ikonische Neuformulierung erweitert. Dupertuis hat auch Werke in Marmor geschaffen, die die Skulptur unter architektonischen Fragestellungen zu Opfertischen und Säulenmonumenten erweitern. Die Retrospektive im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto 2022 sowie der Überblick Schweizer Skulptur seit 1945 im Kunsthaus Aarau 2021 machten überzeugend deutlich, dass dieser Künstler, der sich nie um öffentliche Anerkennung bemühte, ein enorm vielfältiges und eigenschöpferisches Werk geschaffen hat.
Die Plastik «La symphonie di Pecca» ist ein Werk, in dem er Figur und Architektur zu einem allansichtigen Säulenidol zusammenfügt, in dem sich humane Existenz, Leben und Tod, einer archaischen Formgestaltung einschreiben. Dieses Werk wird die Schweizer Kunst nachhaltig bereichern!
Matthias Frehner