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Graubünden und insbesondere die meist peripheren rätoromanischen Regionen kämpfen im 21. Jahrhundert mit der Abwanderung, mit einem stärker werdenden Einfluss der deutschen und der englischen Sprache sowie mit der Überalterung des Stammgebietes. Die rätoromanische Sprachkultur gerät unter Druck: im Alltag wird sie als Hauptsprache verdrängt, der Nachwuchs fehlt, die Diaspora im “Unterland” gibt die Sprache nicht weiter. Verstärkt werden diese Effekte durch die Tatsache, dass zwischen den Idiomen nur wenig Verbindungen existieren. Die “Rumantschia”, wie die rätoromanische Sprachkultur auch genannt wird, ist mehr ein brüchiges, segregiertes Agglomerat denn eine Einheit.
Einheitssprache Rumantsch Grischun: keine Feuerwehrübung
Rumantsch Grischun (RG) ist ein linguistischer Kompromiss zwischen den fünf Idiomen – und die Antwort auf die sprachliche Trennung. Es gab bereits früher Anläufe, der rätoromanischen Sprache eine gemeinsame Schriftsprache zu geben. Nie hätten sie die gesprochenen Idiome ersetzen sollen. RG ist sozusagen das “Hochromanisch”, verwendet von der Verwaltung, den Medien und in der schriftlichen Korrespondenz. Dass ein paralleler Weg mit Schrift- und Mundartsprache funktioniert, zeigt ja auch das Modell Deutschschweiz. Gerade die Rumantschia mit massiv weniger Einwohnerinnen und Einwohner sollte diesem stärkeren Modell folgen.
Im Jahr 2003 hat der Kanton Graubünden wegweisend entschieden, in der Schule RG als Schriftsprache einzuführen. Statt auf Deutsch auszuweichen, soll RG als Einheitssprache der rätoromanischen Bevölkerung verwendet werden. So könnte der kulturelle Graben insbesondere zwischen der Surselva und dem Engadin überwunden werden. Ein sinnvoller Schritt: Nur eine kulturell und sprachlich geeinte Rumantschia hat eine Chance, die nächsten Jahrzehnte zu überdauern. Der Schritt zu einer gemeinsamen Schriftsprache muss aber früh erfolgen, denn er eignet sich nicht als Feuerwehrübung.
Sprache mit mehreren Versionen: eine Illusion
Trotzdem wird RG von den “Pro Idioms” als Totengräber der Rumantschia dargestellt. Die bereits herrschende Spaltung wird ignoriert oder am liebsten direkt dem RG zugesprochen. Über Initiativen haben im letzten Jahr viele Dörfer die Schulsprache wieder zum Idiom gewechselt. Statt fünf Varianten hat die Rumantschia jetzt sechs. Um die Idiome zu konservieren wird das Überleben der rätoromanischen Sprachkultur insgesamt aufs Spiel gesetzt. Die Regionen im bereits kleinen Stammgebiet beharren weiterhin darauf, alleine zu stehen, anstatt den Problemen gemeinsam zu begegnen.
Die Gegner des RG sind der Illusion aufgesessen, dass eine Sprache mit sechs verschiedenen Idiomen überleben kann – obwohl die bereits knappen Ressourcen für den Spracherhalt dadurch noch mehr verzettelt werden.
Der Rumantschia fehlt eine gemeinsame Identität. Wir verstehen uns nicht als Rätoromanen, sondern als Surmiran oder Vallader. Die Idiome werden aber früher oder später nicht mehr genügend Sprecher und Schreiber haben, was beispielsweise bereits beim Sutsilvan passiert. Zu wenig junge Menschen interessieren und engagieren sich für die Sprachkultur. Irgendwann wird es zu spät sein, diese Entwicklung zu stoppen oder gar umzukehren. Deshalb braucht die Rumantschia eine gemeinsame Identität. Rumantsch Grischun ist die Chance, die Rumantschia endlich zu einen, gemeinsam zu stehen, die Sprachkultur weiterzuentwickeln – denn Stillstand und Abgrenzung ist die falsche Lösung.
Clau Dermont, 23, hat Sursilvan und Rumantsch Grischun in der Schule gelernt. RG sei im Fall kein Teufelszeug, meint er. Die Grammatik sei sogar einfacher. Gemeinsam mit der Jugendorganisation Giuventetgna Rumantscha und der überregionalen rätoromanischen Jugendzeitung Punts hat er das Rumantsch Grischun gepflegt und verbreitet.