Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03214.jsonl.gz/1689

Arbeitskraft
Übersetzerinnen und Übersetzer sind anregende Gesprächspartner. Sie fragen viel und interessieren sich für alles, was sich mit Worten ausdrücken lässt. Aber wenn man sie über ihre Arbeit ausfragt, weichen sie den Fragen gerne aus. Sie sagen dann zum Beispiel, diese oder jene Frage lasse sich nicht eindeutig beantworten, es komme immer auf den Kontext an, oder ihre Arbeit habe mehr mit Instinkt und Erfahrung als mit Gewissheit zu tun.
Einmal fragte ich einen Übersetzer, dessen Muttersprache ich nicht verstand, ob er mir einen meiner Texte, den er in seine Muttersprache übersetzt hatte, zurückübersetzen könne. Sonst könne ich ja nicht überprüfen, ob seine Übersetzung einigermassen korrekt sei. Nur wenn er mir den Text zurückübersetze, sei ich abzuschätzen in der Lage, ob seine Rückübersetzung mit dem Ursprungstext inhaltlich übereinstimme.
Meer und sicheres Ufer
Der Übersetzer schaute mich lange an, dann lachte er mich aus. Er sei Übersetzer aus dem Deutschen und nicht ins Deutsche, erklärte er. Das wisse ich natürlich, aber wenn er schon ein Berufsleben lang vom Deutschen in seine Sprache übersetze, dann müsste es ihm doch auch möglich sein, in umgekehrter Richtung zu übersetzen, warf ich ein. «Ich glaube, du verstehst unseren Beruf nicht richtig», versuchte der Übersetzer geduldig zu bleiben.
Übersetzen sei beinahe wie fischen, sagte der Übersetzer. Die Fremdsprache sei irgendwo weit draussen im Meer, und die Zielsprache, also die Sprache, in die er den Text übertrage, sei das feste Ufer, auf dem er sicheren Stand habe. Er beherrsche nur seine eigene Sprache zu hundert Prozent. Die verschiedenen Sprachen, aus denen er übersetze, die kämen ihm zuweilen ein bisschen schwammig vor. Natürlich wisse er, dass dem nicht so sei und dass jede Sprache klare Regeln kenne. Trotzdem fühle er sich nur in seiner eigenen Sprache richtig heimisch.
Keine exakte Wissenschaft
Später habe ich andere Übersetzer gefragt, ob es ihnen ähnlich ergehe. Und alle haben die Aussagen ihres Berufskollegen bestätigt. Übersetzen sei alles andere als eine exakte Wissenschaft, sagte mir eine erfahrene Berufsfrau. Das sei schon daran erkennbar, dass praktisch jede literarische Übersetzung, wenn sie erst einmal vorliege, von allen Seiten kritisch kommentiert werde. Sie müsse jedenfalls immer wieder erklären, warum sie diese oder jene Passage so und nicht anders übersetzt habe. Dabei gebe es meistens für jede Variante gute Gründe. Aber irgendeinmal müsse sie sich jeweils für eine Fassung entscheiden. Und selbstverständlich könne auch ihr zwischendurch ein Fehler passieren. Das sei meist kulturell bedingt.
Im Schweizerdeutschen etwa kenne man den Ausdruck «an die Kasse kommen» im Sinn von büssen müssen. Als sie dieser Wendung erstmals begegnet sei, habe sie angenommen, an die Kasse zu kommen bedeute, ans Geld heranzukommen, was ja eigentlich auch logisch wäre. Entsprechend habe sie übersetzt, die Romanfigur, die an die Kasse gekommen sei, habe sich bereichert. Erst später habe sie verstanden, dass im Schweizerdeutschen das Gegenteil gemeint sei, dass also diejenigen, die an die Kasse kommen, für etwas bezahlen müssen.
Es sei halt alles eine Frage der Sichtweise, warf ich ein. Im Leben komme der eine an eine Kasse, um Geld zu holen, und der andere komme an eine Kasse, um Geld zu bringen. Trotzdem lasse das Sprachbild «an die Kasse kommen» bei uns nur eine Deutung zu.
Die Diskussion führte uns zu unzähligen Sprachbildern und Redensarten, die für Fremdsprachige nicht leicht zu deuten sind. Dazu können Schwierigkeiten mit zusammengesetzten Wörtern kommen. Weiss beispielsweise jemand, der aus dem Deutschen ins Französische übersetzt, dass im Wort Thunersee die Stadt Thun und das Wort See enthalten sind, dann heisst das noch nicht, dass er dieses Wissen auch auf einen Ortsnamen wie Herzogenbuchsee anwenden kann, denn einen «Lac de Herzogenbuch» gibt es nicht.
Mir wurde bald klar, dass der Übersetzer, der behauptet hatte, er habe nur eine vage Vorstellung von der Ausgangssprache, aus welcher er übersetze, kokettiert haben musste. Übersetzer müssen nicht bloss die Sprachen, mit denen sie zu tun haben, sehr genau kennen, sondern auch das kulturelle, geografische, soziologische und historische Umfeld. Und selbst wenn es stimmen mag, dass es einem immer leichter fällt, eine fremde Sprache ans eigene, sichere Ufer zu ziehen als umgekehrt, reicht es nicht aus, nur in der Zielsprache sattelfest zu sein.
Wie ein Fischer
Literarische Übersetzer mögen etwas wie Fischer sein, aber im Unterschied zu den echten Fischern können sie es sich nicht leisten, nur einen Teil der vorhandenen Fische an Land zu ziehen. Sie müssen am Ende des Arbeitstages den ganzen Fischbestand gesichtet, verstanden und erklärt haben.
Wenn man sich nun vor Augen hält, wie schlecht diese anspruchsvolle Arbeit normalerweise bezahlt wird, könnte man versucht sein zu sagen, literarische Übersetzer kämen finanziell gesehen an die Kasse. Freilich wäre dann noch zu präzisieren, in welcher Sprache oder von welcher Seite sie an die Kasse kommen.