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Nein, Rumänien ist keine Provinz Zentralchinas. Es ist auch nicht der Ort, wo zurzeit „alle krank seien“. Dies die Antwort auf die Frage meiner Oma, wo denn Rumänien liege, nachdem ich ihr in einem dieser viel zu seltenen Telefonate von meinen Reiseplänen erzählte. Immerhin bediente sie sich keinem der plumpen Vorurteile, die in meinem Umfeld genannt wurden, als mich Bekannte nach meinem Wochenende fragten.
Doch auch reflektiertes Nachdenken fördert meist nur knappe Kenntnisse über die Hauptstadt Bukarest zu Tage; ansonsten ist Fürst Dracula aus der Region Siebenbürgen vereinzelt ein Begriff. Nicht nur in meinem Freundeskreis scheint das oberflächliche Bild des osteuropäischen Landes negativ behaftet. Eine Stichwortsuche in der Medienlandschaft bestätigt diese These. Thematiken wie Kinderhandel, Minderheiten wie Sinti und Roma sowie der Organhandel dominieren die Berichterstattung. Unbestritten wirkt sich auch die einstige Schreckensherrschaft des neostalinistischen Diktators Nicolae Ceausescu, die für ihn und seine Frau im Jahre 1989 in der öffentlichen Hinrichtung endete, nicht förderlich auf das Image aus.
Es wäre jedoch nicht gerecht, Rumänien als einfacher Bürger des behüteten Westeuropas aufgrund der bewegten Geschichte auf bestehende Problematiken zu reduzieren. Die Tage in der Hauptstadt – welche nur bedingt repräsentativen Charakter besitzen – haben nämlich eine andere rumänische Seite gezeigt. Diejenige von Menschen, die sich inmitten von dreckigen Plattenbauschluchten differenziert über ihr Land äussern, sich in konjunkturell schwierigen Phasen behaupten müssen und dennoch als grossartige und äusserst freundliche Gastgeber fungieren. Trost spendet auch der milde Winter nicht – im Gegenteil. Durch den fehlenden Kontrast der Schneeschicht wirken die zahlreichen Parks in ihrem monotonen Grau zusätzlich erdrückend.
Einem ähnlichen Gemütszustand ausgesetzt, fanden sich die Fans von „Steaua Bucuresti“ im Jahre 2003 wieder, als der dubiose Geschäftsmann George Becali das Steuer bei ihrem Verein übernahm. Aufgrund zweifelhafter Praktiken und diverser Vergehen landete Becali just zu der Zeit im Gefängnis, als es zum juristischen Tauziehen um die Nutzungsrechte vom Namen und Wappen Steauas kam. Der erfolgreichste Verein des Landes entspringt dem Verteidigungsministerium, welches sich als alleiniger Rechtebesitzer sah. Nach einem langwierigen Rechtsstreit, der vor drei Jahren schliesslich zugunsten des Ministeriums ausging, musste Becali seinem Spielzeug zähneknirschend den sperrigen Namen „SC Fotbal Club FCSB SA“ verleihen. Wider Erwarten rechnete die UEFA dem FCSB, wie der Verein in der Kurzform heisst, sämtliche nationale und internationale Titel aus der ruhmreichen Vergangenheit an. Damit stellt Becalis Elf weiterhin die erfolgreichste Mannschaft des Landes dar.
Schnell kamen in der Fanszene kritische Stimmen auf und als Gegenentwurf zum Projekt FCSB wurde unter dem Namen CSA Steaua ein neuer Verein mit dem ursprünglichen Wappen ins Leben gerufen. Dieser ist mittlerweile in Sachen Sportarten so breit aufgestellt wie zu Glanzzeiten. Die Fussballabteilung ist mit ihrem Herrenteam an der Tabellenspitze der vierten Liga vertreten und kann insbesondere in den Derbys gegen die Zweitvertretungen der Stadtrivalen auf breite und lautstarke Unterstützung zählen. Von der grossen Bühne, auf der an diesem Sonntagabend mit Hauptdarsteller Dinamo und dem Antipoden FCSB zwei Schwergewichte aus der Hauptstadt aufeinandertreffen, sind sie sportlich aber noch weit entfernt.
Ausgespielt wird das Duell jeweils im Nationalstadion, der vorübergehenden Heimat der Gäste, bis sie im Sommer in ihr neues Stadion einziehen. Der Polizeiverein Dinamo spielt eine äusserst bescheidene Saison und wird mit grosser Wahrscheinlichkeit in der zweiten Saisonhälfte um den Klassenerhalt kämpfen. Damit erklärt sich auch die tiefe Zahl von 27’668 Zuschauern. Diejenigen, die ihre Rot-Weissen trotzdem vor Ort unterstützen, stimmen sich bereits weit vor Anpfiff mit Schmähgesängen in beeindruckender Lautstärke ein. Lediglich die nervtötende Musik aus den Boxen unter der ästhetischen Dachkonstruktion ist noch eindringlicher zu vernehmen.
Zum Einlauf der Spieler zeigen die Gästeanhänger eine Choreografie unter dem Motto „When we suffer, we grow stronger“ – ob bei den erfolgsverwöhnten Fans damit der dritte Tabellenplatz gemeint ist? Dinamos Peluza Catalin Hildan nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um auf die Webseite zur Vereinsmitgliedschaft zu verweisen. Noch bevor der Pfiff des Schiedsrichters ertönt, kommt es an der Stadionecke, wo es sich eine Gruppe Dinamo-Anhänger in der Nähe des Gästeblocks bequem gemacht hat zu einem gröberen Handgemenge zwischen Fans und Sicherheitskräften. Daraus resultieren gefährliche Böller- und Fackelwürfe in die Nachbarblöcke. Im Hintergrund ist eine Folklore mit dem Text „Romania, Romania“ zu vernehmen – irgendwie passend.
Auch die Akteure werden von den Böllern nicht verschont. Besonders die Torhüter gilt es nicht zu beneiden; jener von Dinamo kann sich gar nur mittels Sprung zur Seite schützen – immerhin blinken die kleinen Sprengkörper vor der Detonation kurz auf. Die gelassene Reaktion aller Beteiligten lässt jedoch darauf schliessen, dass die Vorfälle keine Seltenheit sind. In Luzern soll es ja Leute geben, denen nach solchen Aktionen gar auf der weit entfernten Gegentribüne die Ohren pfeifen. Dennoch ist nebst der gefährlichen Handhabung vor allem die situative Anwendung äusserst fragwürdig. Selbst in der Vorwärtsbewegung werden die Spieler von den Würfen der eigenen Fans entscheidend gestört. Trotz diesem Hindernis gelingt dem Aussenseiter Dinamo der Führungstreffer.
Die dramatischste Szene der ersten Halbzeit ereignete sich allerdings im Mittelkreis. Dinamos Slavko Perovic bleibt nach einem Zweikampf am Boden liegen. Was anfänglich nach einer kurzen Verschnaufpause aussieht, antizipiert einzig der Steaua-Goalie richtig. Er sprintet über das halbe Feld und nimmt dem Serben die Zunge aus dem Hals, um ihn vor dem Ersticken zu bewahren. Perovic bleibt weiter regungslos liegen und wird nach langer Behandlung schliesslich vom Krankenwagen unter Applaus aller Anwesenden aus dem Stadion gefahren. Die Nachspielzeit hält mit einer roten Karte und dem Ausgleich für den FCSB zwei weitere Aufreger bereit, die nach diesem Schock jedoch zur Randnotiz verkommen.
Der psychologisch ungünstige Zeitpunkt des Gegentores scheint Dinamo auf Rang und Rasen allerdings mehr zu beflügeln. Die Heimkurve dreht in der zweiten Halbzeit weiter auf und von den Fans getragen, erzielt der Aussenseiter das Tor zum 2:1. Als Folge für den ausufernden Jubel, den zahlreiche Böllern garnieren, wird das Spiel nach wiederholten Durchsagen für zehn Minuten unterbrochen. Beide Fanlager kümmert es nicht, im Gegenteil – die Stimmung erreicht während dem Unterbruch ihren Höhepunkt. Trotz langer Nachspielzeit – bedingt durch die vielen Unterbrüche – passiert nicht mehr viel und der Polizeiverein vermag einen prestigeträchtigen aber sportlich unbedeutenden Sieg feiern.