Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03433.jsonl.gz/1361

Rees die älteste Stadt am unteren Niederrhein
Wer heute das kleine Städtchen
Rees am Niederrhein besucht, ahnt kaum etwas von der herausragenden
Bedeutung, die dieser Ort während des Mittelalters in wirtschaftlicher
und wehrtechnischer Hinsicht für die gesamte Niederrhein-Region hatte.
Tatsächlich lösten sich hier sechs unterschiedliche Wehesysteme während
des 12. bis 18. Jahrhunderts ab, erbaut von vier verschieden Nationen
Europas.
Stadtumwehrung
Die Reeser
Kasematten (feuerfeste Geschützkammern) gehören zu den am besten
erhaltenen mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Festungsanlagen im
Rheinland. Bereits am Ende des 13. Jh. wurde die Stadt aufgrund ihrer
herausragenden wirtschaftlichen Bedeutung mit einer Stadtbefestigung
umbaut. Rees hat in sehr anschaulicher Form Teile seiner
mittelalterlichen Festungsanlagen, vor allem die Rheinseite mit dem
Zollturm (13. Jh.), dem Mühlenturm (um 1470) und dem eindrucksvollen
Rondell (um 1300) mit der ältesten Reeser Kasematte, bewahren können.
Bastei am Westring mit unterirdischer Kasematte Erbaut 1583, lange Zeit verschüttet, 1920 freigelegt. Die Bastei (vor-springender Teil an alten Festungsbauten) ist Bestandteil der damaligen Festungsanlage Rees. Das Bauwerk, das in Anlehnung an die Bastionsentwürfe des Künstlers Albrecht Dürer entstand, wurde aus Backsteinen halbmondförmig symmetrisch angelegt. In den ca. 70 cm starken Aussenmauern zum Rhein hin befinden sich zangenförmige Schiessscharten mit runden Schusslöchern für kleinkalibrige Geschütze und Handgewehre. Erreicht wurde die Bastei durch ein Y-förmiges Gangsystem aus gewölbten Tunneln; der Zugang erfolgte von der Stadtmitte her. Zwei Gänge, die schräg aufeinander zulaufen, sicherten früher den Abschnitt zwischen Rhinwicker Tor und Delltor. Durch die leicht abschüssigen Kasemattenböden konnten die Geschütze schneller und leichter abtransportiert werden.
Historische Stadtmauer
Die
Reeser Stadtbefestigung zählte einst zu den bedeutendsten am
Niederrhein. Bereits zur Stadterhebung 1228 besass Rees einen Ringwall
aus Holz/Erde, der die Siedlung Rees umschloss. Erst 1289 begannen die
Reeser auf Anordnung des Kölner Erzbischofes mit dem Bau einer
Stadtmauer. Die Höhe der Mauer und der Türme, sowie deren Anzahl,
liessen erkennen, wie bedeutend die Stadt war. Ausserdem bot die
Stadtmauer Schutz vor herumstreifenden Plünderern oder wilden Tieren.
Innerhalb der Mauern galt besonderes Recht (Rechts- und Zollbezirk), das
die Stadtbürger besser schützen sollte. Finanziert wurde diese
Baumassnahme aus der städti schen Verbrauchssteuer und später aus dem
Karrenzoll. Der Bau der neuen Massivbewehrung zog sich bis zur Mitte des
14. Jh. hin. Im ersten Abschnitt befestigte man den gefährdetsten
Bereich der Stadt, nämlich die Stromseite. Erst 1310 - 1350 begannen die
Reeser den landwärtigen Befestigungsabschnitt anzulegen, den Abschluss
bildete die zwischenzeitlich überbaute runde Bastion unterhalb des
Rheintors.
Rondell
Als
Teil der mittelalterlichen Stadtumwehrung wurde der Rundturm erstmalig
1329 als „Rundeyl“ -Rondell- erwähnt. Aus dem recht kleinen
Rundturm entwickelte sich über mehrere Um- und Ausbauphasen bis zum Ende
des 16. Jahrhunderts der heutige Baukörper mit seinen schrägen Wänden.
Um 1520 wurde der Turm erweitert und mit Schiesskammern in südwestlicher
Richtung versehen. Die nördliche Schiesskammer wurde ca. 1583 als
Tonnengewölbe mit zwei Rundlochscharten ausgebaut. Auch die südliche
Schiesskammer erhielt zu dieser Zeit ein Gewölbe; in beide Gewölbe
wurden zur besseren Belüftung und zum Abzug des Pulverdampfes
Deckenluken eingebaut. Nach 1758 nutzten die Franzosen das Rondell als
Munitionslager und legten auf wesentlich höherem Niveau die heute
begehbaren gewölbten Kasematten an.
Bodendenkmal
Die freigelegten Mauern, Reste der von den Niederländern von 1616 - 1625 errichteten Festungswerke, stammen von einem Verbindungsdamm (sog. Bären) zwischen der Stadtmauer und einer vorgelagerten Aussenbastion, einem Hornwerk. Dieser Verbindungsdamm trennte den vom Rheinstrom abzweigenden Festungsgraben von dem landseitigen Festungsgraben. Eine Schleuse mit Schiebevorrichtung ermöglichte die Regulierung des Wasserstandes im äusseren und inneren Graben. Ausserdem übernahm der Reeser „Bär“, dessen Inneres mit Lehm verfüllt und zusätzlich durch Mauerpfeiler und Binnenwände verstärkt war, eine Schutzfunktion gegen Hochwasser und Eisgang.
Jüdische Friedhof auf der Stadtmauer am Weissen Turm
Um 1700 verkaufte die Stadt Rees der jüdischen Gemeinde ein Grundstück auf der ca. acht Meter breiten Stadtmauer zur Anlage eines hochwasserfreien Friedhofes. Dieser wurde 1786 erweitert. 1872 wurde dieser Friedhof wegen vollständiger Belegung geschlossen. Die Lage dieses Friedhofes ist einmalig im Rheinland. Da jüdische Beerdigungen im damaligen Zeitraum auf Anweisung des Magistrats von Rees ausserhalb der Stadt vorgeschrieben waren, hätten die Gräber im Umfeld der Stadt bei Rheinhochwassern weggespült werden können. Die Beisetzungen auf der hochwasserfreien Stadtmauer verletzten nicht die Anweisung der Stadt.
Mühlenturm
1470
wurde er als Rundturm aus Backsteinen mit einem Mauersockel aus
Basaltsteinen der 3 km entfernten Burg Aspel errichtet.
Der Müller, der mit seiner einzigen Tochter in der Mühle wohnte, führte ein so verschwenderisches Leben, dass die Einkünfte der Mühle nicht mehr ausreichten, seine Schulden abzutragen. Ein reicher Händler, dem die schöne Müllerstochter gefiel, lieh dem Müller immer wieder bedeutende Summen Geld, damit er seine Schulden begleichen konnte. Als Gegenleistung forderte der Händler von dem Müller dessen Tochter zur Gemahlin. Die jedoch hatte in dem Müllersknecht ihren Eheliebsten gefunden und weigerte sich, den Händler zum Ehemann zu nehmen. Auch der Müllersknecht machte nun beim Müller einen Eheantrag und versprach durch Fleiss und Ausdauer die Schulden zurückzuzahlen. Dem Müller war jedoch sein Knecht als Schwiegersohn zuwider und es kam auf der obersten Plattform zu einer heftigen Auseinandersetzung, die in einem Zweikampf endete. Der Müller stürzte in die Tiefe und riss seinen Knecht mit in den Tod. Zur Erinnerung an dieses schreckliche Ende des Müllers und seines Knechtes hat man später die Gestalten der beiden Männer in andersfarbigen Ziegeln in der Mauer des Turms abgebildet.
|PDF Downloads weitere Denkmäler in und um Rees|