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Der Tag des Grenzuebertritts von Kirgistan nach China war der Tag der Überraschungen gleich in mehrfacher Hinsicht: 1. Vom Grenzort in Kirgistan hatte ich nur schlechtes gehört (habe ich ganz anders erlebt, siehe Reisebericht Kirgistan), 2. Vom Grenzposten nach China hatte ich das Schlimmste erwartet, wie alle Taschen durchsuchen, etc. Es ging jedoch ruckzuck und sehr freundlich, ohne meine Taschen auch nur zu öffnen und 3. Freute ich mich auf super Strassen auf der chinesischen Seite. Falsch gehofft: Eine Riesen-Baustelle durch die Wüste fast bis nach Kashgar.
Dennoch komme ich sehr zügig in zwei Tagen in die Uiguren-Stadt, wo ich mich auf warme Temperaturen und gutes Essen freue. Hier treffe ich auch wieder auf Fred und Wendy, die mir über einen Velofahrer, den ich an der Grenze treffe, haben ausrichten lassen, in welchem Guesthouse sie logieren. Da treff ich an der Grenze zum ersten mal seit langem einen Radler und der schaut mich an und sagt nur:"Ich soll dir ausrichten, dass die beiden Australier im Old Town Inn Guesthouse in Kashgar sind." Ich weiss sofort, dass er Fred und Wendy meint und sie offenbar vermutet haben, dass er mich treffen wird... Das Old Town Inn Guesthouse ist super: billig, zentral und viele Traveller zum Nachrichten austauschen sind hier. In Kashgar warte ich auf ein Paket von zu Hause und mache einen Veloservice. Kashgar ist ein netter Ort, um ein paar Tage zu verbringen und auch mal einfach nichts zu tun.
Ich treffe hier auch Mel und Kate, zwei Kanadierinnen, die planen, ohne Genehmigungen von Golmud durch die Provinz Tibet nach Lhasa und dann nach Nepal zu radeln. Da meine Route eine ähnliche ist, tun wir uns zusammen. Fred und Wendy fahren eine andere Route und verlassen Kashgar auch einige Tage vor mir. Da es landschaftlich langweilig und im Juli einfach zu heiss ist, der Taklamakan-Wüste entlang zu fahren schicken Kate, Mel und ich unsere Velos per Zug nach Dunhuang und nehmen selber den Zug einige Tage später. In Dunhuang suchen wir sofort unsere Velos, aber denkste, die chinesische Eisenbahn hat unsere Fahrräder versehentlich nach Lanzhou statt nach Dunhuang geschickt. Da in Dunhuang niemand wirklich englisch spricht, vergehen etwa drei Tage mit Warten bis wir diesen Fehler merken. In der Zwischenzeit können wir in Dunhuang etwas Sightseeing machen: Die 1'000 Buddha-Höhlen, die riesigen Sanddünen vor den Stadttoren, etc. Zudem gibt es einen guten Nachtmarkt mit sehr gutem Essen...
Wegen den verlorenen Warte-Tagen lassen wir unsere Velos direkt nach Golmud (2'800m) schicken und nehmen selber den Bus am nächsten Tag dorthin. In Golmud finden wir auch tatsächlich wieder unsere Velos und können von dort schon am darauffolgenden Tag Richtung Tibetplateau fahren. Einziges Hindernis: Etwa 35km südlich von Golmud ist der erste Checkpoint, wo Ausländer ohne Genehmigung nicht weiterfahren dürfen. Wir tarnen uns als chinesische Biker - sprich voll vermummt mit langer Hose, Langarmshirt, Handschuhe, Helm, Hut, Sonnenbrille, Mundschutz und chinesischer Flagge an den Gepäcktaschen - und fahren einfach kühn drauf los, ohne mit der Wimper zu zucken. Und... es funktioniert! Gegen 19Uhr passieren wir, ohne angehalten zu werden, den Checkpoint mit den Polizisten und... nur wenige Hundert Meter dahinter verklemmt es Kate die Kette, so dass wir anhalten müssen, um das Velo noch in Sichtweite zu reparieren. Aber auch das kein Problem. Wir campen einige Kilometer weiter oben hinter einer verlassenen Tankstelle.
Am zweiten Tag nach dem Checkpoint campen wir neben der Strasse unweit eines Lhasabahn-Viaduktes. Und als wir uns eingerichtet haben und ich daran bin, Kates Rad zu richten - wegen einer verbogenen Speiche als es die Kette verklemmte - kommen plötzlich aus dem Nichts etwa 15 Soldaten in Tarnanzug auf uns zu und reden auf chinesisch auf uns ein. Ich tu, was ich in solchen Situationen immer tue: freundlich lächeln und auf schweizerdeutsch erklären, was ich gerade tue: Das Rad richten. Ein paar Soldaten verschwinden daraufhin auf die erhöhte Strasse, die übrigen setzen sich an den Hang und schauen uns zu. Dann kommt ein Soldat, der anscheinend englisch spricht und kommt auf uns zu und sagt:" Welcome in this Country! I am sorry, but you cannot camp here. This is a military zone. But two kilometers up you can put up your tent." Wir drei sind sprachlos... Wir hatten schon mit dem Schlimmsten gerechnet und nun das: Ein Willkommens-Komitee der Chinesischen Armee! Die nächsten Tage fahren wir auf die Höhe achtend auf den Kunlun Pass (4'767m) zu und machen pro Tag maximal 500 Höhenmeter. Am vierten Tag erreichen wir die Passhöhe und nochmals etwa 30km später trennen sich unsere Wege wieder. Kate und Mel fahren nach Lhasa und ich biege in Budongqan links nach Osten ab Richtung Yushu über eine Strasse, von der ich bis hier nicht sicher war, ob sie wirklich existiert. Nun sie existiert! Zwar nicht in super Zustand aber doch viel besser als ich es erwartet hatte: Natürlich nicht geteert und viel "Wellblech" und keine Menschenseele, oder fast keine. Am zweiten Tag treffe ich einen Tibetaner, der mit seinem Motorrad da steht und einen Platten hat. Ich halte an, packe meine kleine Velopumpe aus und zusammen können wir seinen Platten reparieren. Zum Dank will er mir etwas Ziegenfleisch geben, das er im Sack dabei hat. Aber ich danke ab. Sonst hier nur Gazellen, Wilde Esel, Adler und Geier. Am dritten Tag mache ich einen Ruhetag, um mich an die Hoehe zu aklimatisieren.
Das Wetter wird etwas schlechter und es gibt oft eine nächtliche Schauer, die zusehends in den Nachmittag hineinrutscht oder am Morgen länger dauert, so dass ich zum Teil schon um 16 Uhr einen Campingplatz suche oder manchmal erst um 12Uhr losfahre, wenn der Regen aufgehört hat. Das schlägt ein bisschen auf die Moral.
Als ich nach 14 Tagen in Yushu bei einem Regenschauer ankomme bin ich auf einem Tiefpunkt, weil ich grad mitten in einem Regenschauer ankomme: Durch und durch nass, voller Schlamm von der Strasse, Yushu ist nach dem Erdbeben von 2009 immer noch ein Baustelle und kaum ein Gebäude steht, die Menschen leben in blauen Notzelten der Regierung, kein Hotel auffindbar und niemand spricht englisch... Und als Höhepunkt: Visumverlängerungen sind in Yushu seit dem Beben nicht mehr möglich, dazu muss ich in die nächste Stadt fahren: 16 Stunden Busfahrt nach Xining!
Nach langem Abwägen entschliesse ich mich hier ein Intermezzo mit einer kleinen Staätereise nach Hong Kong zu machen. So kann ich mein Double Entry Visum aktivieren und dabei mit gutem Kaffe und chinesischem, japanischen, koreanischen, pakistanischem und indischem Essen etwas von der Yackbutter wegspühlen... Ich treffe dort auch Nick wieder, einen Traveller, mit dem ich auf einem Pferde-Treck in Kirgistan war.