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Kurz vor seinem Tod hat der britische Historiker Tony Judt eine europäische Nachkriegsgeschichte in verdichteten Erinnerungsstücken geliefert.
Mitte 2008 wurde bei Tony Judt ALS (amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert. Das ist eine neuromuskuläre Erkrankung, durch die man allmählich die Fähigkeit verliert, irgendeinen Muskel zu bewegen, und die unweigerlich zum Tod führt. Am 6. August 2010 ist Tony Judt mit 62 Jahren gestorben (siehe WOZ Nr. 33/10).
Alle Fähigkeit verlieren, Muskeln zu bewegen: Das ist wörtlich zu nehmen. Es beginnt mit Armen, Händen und Beinen, erfasst die Stimmbänder und endet, bevor es endet, mit absoluter Bewegungsunfähigkeit. Nur der Geist wird nicht beeinträchtigt. Judt litt keinerlei Schmerzen, verlor auch die Empfindungsfähigkeit nicht – eine zweischneidige Sache. «Wenn dich der Drang überkommt, dich zu bewegen, dann gibt es nichts – nichts –, was du tun kannst, ausser einen winzigen Ersatz zu suchen oder einen Weg zu finden, deine Gedanken und die damit verbundene Bewegungserinnerung zu unterdrücken.» Judt hat diesen Zustand mit schmerzhafter Klarheit beschrieben. In der tiefen Nacht zum Tod hin bewegungslos liegen und denken. Wenn das Wort von jemandem, der dem Tod gefasst ins Auge blickt, eine Berechtigung hat, dann für Judt mit diesem Buch.
Im «Memory Chalet»
Mit Hilfsmitteln konnte Judt während der fortschreitenden Krankheit nicht nur ein Buch, sondern auch Essays diktieren und Interviews geben. 2010 erschien «Ill Fares the Land» («Dem Land geht es schlecht», 2011), ein Plädoyer für eine moderne Sozialdemokratie, seit kurzem liegen zudem autobiografische Vignetten vor.
Um seine Gedankenbögen ohne Notizen spannen zu können, hat sich Judt einer Erinnerungstechnik bedient. Als Zehnjähriger verbrachte er mit seinen Eltern zwei Wochen in Chesières im Waadtland. Es war eine Zeit des geistigen und emotionalen Erwachens. Ein Jahr lang bis zu seinem Tod ist er, bewegungsunfähig im Bett, jede Nacht ins Chalet nach Chesières zurückgekehrt, und via die räumliche Anordnung in diesem «Memory Chalet» hat er andere Erinnerungen zu organisieren, durchzudenken und zu formulieren vermocht: so, dass er sie am nächsten Morgen diktieren konnte.
Die etwa zehnseitigen Erinnerungsstücke gehen von persönlichen, konkreten Erfahrungen aus und öffnen sich in soziale und kulturelle Welten. Die karge Nachkriegszeit und das englische Essen. Die ersten Autos. Studien in Oxbridge und Frankreich. 1968 und die Intellektuellen. Ein Kibbuzaufenthalt in Israel. Frühe Berufserfahrungen. Osteuropa, die USA. Aus Israel kehrt Judt angesichts des rassistischen Verhaltens israelischer Offiziere ernüchtert zurück. In den USA trifft er auf die kuriose Ambivalenz von befreiter und verklemmter Sexualität. Er beschreibt die gloriose Stimmung durch das ungehinderte gemeinschaftliche Lernen in Cambridge und Paris, und er zeigt die Chancen und Anfechtungen flexibler Identitäten zwischen verschiedenen Herkünften und Kulturen.
Schmerzhaft, beglückend
Das ist so elegant wie prägnant, tiefschürfend und witzig. Dahinter steht die Hoffnung auf das gute, das gemeinsame Leben. In «Dem Land geht es schlecht» hat sich Judt gegen den neoliberalen Kult des egoistischen Wirtschaftssubjekts gewandt. Seine Begeisterung für Eisenbahnen und den öffentlichen Verkehr liefert ihm das Gegenbild dazu, das einer kommunitären, solidarischen Welt.
Mit dem Loblied auf die Bahnen kehrt Judt zuletzt in die Schweiz zurück, nach Mürren, wo er als Junge mehrfach mit den Eltern weilte und das ihm der Inbegriff verlässlicher Unveränderlichkeit blieb. «Nichts passiert: Es ist der glücklichste Ort auf Erden.» Er weiss natürlich um die Einwände gegen dieses Bild, und will es sich doch nicht zerstören lassen. Man muss ihm das verzeihen. Denn dieses Buch schmerzt zwar, aber es beglückt weit mehr.