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Leidenschaftlich, eigenwillig, undiplomatisch, polarisierend und erfolgreich: Trainer Arno del Curto ist in zehn Jahren mit dem HC Davos vier Mal Schweizer Meister geworden. Eine Begegnung am Rande des Spengler Cups.
"Was suchst Du da?", donnert del Curto und schlägt die Türe seiner Kabine zu.
"Schon wieder ein Journalist! Mamma mia, die wollen ständig mit mir reden."
swissinfo.ch: Welchen Stellenwert hat der Spengler Cup für Sie?
Arno del Curto: Für mich hat er keine grosse Bedeutung. Aber für den HC Davos ist er wichtig, denn er füllt die Kasse und sichert sein Überleben.
swissinfo.ch: Gewisse Clubs stellen das Davoser Monopol am Jahresende regelmässig in Frage. Ist das Turnier gefährdet?
A.d.C.: Jeder ist in seiner Meinung frei. Davos ist keine Wirtschaftsmetropole. Ohne Spengler Cup würde der HC Davos verschwinden. Die Zuschauer kommen gerne an den Spengler Cup.
Es gibt weltweit nicht viele Turniere mit vergleichbarer Bedeutung. Es wäre dumm, den Cup einem andern Land zu überlassen.
Eigentlich müsste man stolz sein, ist dazu aber nicht fähig. Das ist eine typisch schweizerische Haltung. Jeder kultiviert sein kleines Gärtchen.
Wir sprechen von der Globalisierung, sind aber nicht einmal fähig, mit den Leuten zu sprechen, die lediglich ein paar Kilometer weit entfernt wohnen. Auch wenn ich nicht mehr in Davos wäre, würde ich mich gegen all jene wehren, die den Spengler Cup in Frage stellen.
swissinfo.ch: Unter Ihrer Führung hat der HC Davos den Cup bereits viermal gewonnen. Vier Mal sind sie zudem Schweizer Meister geworden. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
A.d.C.: Es gibt keines. Ich hasse die grossen Theorien, die man über mich aufstellt und ich hasse es, über mich zu reden.
Jeder ist verschieden, sucht seine eigenen Methoden und handelt nach seinen eigenen Gefühlen. Ich könnte nicht über andere Trainer reden. Es ist nicht möglich, die Leute einfach so zu beschreiben. Unmöglich.
swissinfo.ch: Dennoch: Sie gelten als Trainer, der strikt seine Überzeugung umsetzt. Sind sie damit einverstanden?
A.d.C.: Ja, das kann ich akzeptieren. Wenn es Dir gelingt, Deine Spieler zu packen, kannst Du mit Ihnen jahrelang arbeiten. Das setzt Sensibilität, überdurchschnittliche Sozialkompetenz und eine hohe emotionale Intelligenz voraus.
Wenn ich eines Tages feststellen würde, dass die Spieler nicht mehr auf mich hören, würde ich sofort die Flucht ergreifen. Nicht innerhalb von drei oder vier Sekunden, aber umgehend, verstehst Du?
swissinfo.ch: Es gibt Leute, die Ihnen vorwerfen, sie agierten zuweilen wie ein Guru.
A.d.C.: Ich habe viel gemacht für meine Spieler. Sie tun aber auch viel für mich. Die Journalisten sollen schreiben, was sie wollen. Das ist nicht von Belang.
Ich bin mit all meinen Spielern befreundet. Wenn ich mit ihnen nicht mehr ein Bier trinken und ihnen direkt in die Augen schauen könnte, dann müsste ich sofort aufhören.
swissinfo.ch: Haben Sie nach 14 Jahren an der Spitze des HC Davos manchmal Lust auf etwas Neues?
A.d.C.: Die Leidenschaft ist immer noch da. Ein Dirigent, der eine Symphonie einstudiert, muss mit seinem Orchester arbeiten und am Tag der Aufführung ein perfektes Resultat präsentieren. Das ist im Sport dasselbe.
Ich strebe die Perfektion an, auch wenn ich weiss, dass ich keine Chance habe, sie zu erreichen. Das ist es, was mich jeden Tag aufs Neue begeistert. Das Schönste daran ist, dass ich es mit einer immensen Freude mache.
swissinfo.ch: Sie setzen regelmässig auch sehr junge Spieler ein, wie jetzt am Spengler Cup den 16-jährigen Samuel Guerra. Tut man in der Schweiz genug für den Nachwuchs?
A.d.C.: Wenn man kein Geld hat, um Spieler zu kaufen, muss man mit den Jungen arbeiten. Ich gehe höchstens das Risiko ein, ihnen zu vertrauen. Ich bin nicht zuständig für das, was mit ihnen vorher passiert.
Im Vergleich mit Ländern wie Kanada, Schweden oder Finnland sind wir punkto Nachwuchsförderung effektiv im Rückstand. Wir investieren nicht genug in die Infrastruktur, die Nachwuchs-Trainer sind schlecht bezahlt und das Zusammenspiel zwischen Schul- und Sportausbildung ist noch nicht optimal.
Sport hat in der Schweiz keine hohe Priorität. Wenn das so wäre, hätten wir noch bessere Spieler und bessere Resultate.
swissinfo.ch: Könnte die Schweiz also eines Tages mehr Spieler haben in der NHL?
A.d.C.: Nein. Die Schweiz ist ein zu hoch entwickeltes Land. Sport ist nicht eine Frage des Überlebens wie beispielsweise im Ural.
Wenn Du eines Tages in der NHL spielen willst, dann musst Du sehr, sehr, sehr hart arbeiten. Du musst es wirklich wollen. Es reicht nicht, zu sagen, "ich will dort spielen" und zu glauben, Du seist jetzt genug bekannt, um ans Ziel zu gelangen.
swissinfo.ch: An Ihrer Kabinentüre steht der Spruch: "Wer glaubt, er sei jemand, der hat aufgehört, jemand zu werden." – Wieso?
A.d.C.: Wer hart arbeitet, liefert ein gutes Produkt und kann im Gegenzug die Freude ernten. Das ist das Einzige, das zählt.
An einem Hockey-Match, bei dem sich beide Mannschaften engagieren und ein blitzschnelles Spiel hinlegen, haben alle Freude. Um dahin zu gelangen, bedarf es harter Arbeit.
Samuel Jaberg, Davos, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Französischen: Andreas Keiser)
Zur Person
Arno del Curto wurde am 23. Juli 1956 in St. Moritz geboren.
Als Spieler stand er für den EHC St. Moritz und für den Zürcher Club ZSC im Einsatz. Ein mehrfacher Fussgelenkbruch beendete 1977 seine Spielerkarriere.
Seit der Saison 1996/97 trainiert er den HC Davos. Mit dem Team wurde er 2002, 2005, 2007 und 2009 Schweizer Meister und erreichte 1998, 2003 und 2006 die Playoff-Finals.
Spengler Cup
Der Spengler Cup gilt als das älteste internationale Eishockey-Mannschaftsturnier.
Die gleichnamige Siegertrophäe wurde 1923 das erste Mal vergeben.
Die teilnehmenden Mannschaften aus der ganzen Welt werden vom Gastgeber HC Davos eingeladen.
Seit 1984 spielt auch das Team Kanada in einer Formation mit, die nicht der üblichen kanadischen Nationalmannschaft entspricht, sondern kanadische Spieler aus europäischen Klubs umfasst.
Das Turnier findet jedes Jahr zwischen dem Stephanstag und Silvester in Davos statt.