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Meikirch-ModellDie zehn Interaktionen zwischen den Komponenten
1. Interaktion:
Anforderungen des Lebens ⇔ Biologisch gegebenes Potential
Das biologisch gegebene Potential ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Robuste Personen können trotz hoher Anforderungen gesund bleiben. Das betrifft z.B. körperlich anspruchsvolle Arbeit oder ein Leben unter schwierigen Umweltbedingungen, wie sie früher in den Schweizer Bergen bestanden. Das biologisch gegebene Potential kann für die Bewältigung der Anforderungen des Lebens problematisch sein: z. B. können Allergien auf Pollen Asthma auslösen.
Der Arzt fragt sich: Ist es möglich, die Anforderungen des Lebens an das biologisch gegebene Potential anzupassen und/oder das biologisch gegebene Potential zu verbessern?
2. Interaktion:
Anforderungen des Lebens ⇔ Persönlich erworbenes Potential
Das Leben fordert jedes Individuum in unterschiedlicher Art und Weise heraus, auch mit herausfordernden Entwicklungen wie z.B. Krankheiten, schwierige Arbeitssituationen, ein Leben in anspruchsvollen klimatischen Verhältnissen oder Umweltgifte. Das persönlich erworbene Potential ist ein wichtiger Faktor, um diese Anforderungen zu meistern. Ein gut entwickeltes persönlich erworbenes Potential führt dazu, dass ein Individuum sich einerseits vor Überforderungen schützt und andererseits bei schwierigen Verhältnissen die Anforderungen des Lebens befriedigen und damit gesund leben kann. Es muss aber immer wieder die Frage gestellt werden: Sind die Anforderungen angemessen?
Der Arzt überlegt: Fühlt sich die Patientin den Anforderungen des Lebens mit ihrem persönlich erworbenen Potential gewachsen? Wenn nicht, welches könnten die Gründe sein und wie kann geholfen werden?
3. Interaktion:
Biologisch gegebenes Potential ⇔ Persönlich erworbenes Potential
Diese Beziehung kann am besten mit der Beziehung eines Reiters (als Person) mit seinem Pferd (als sein biologisch gegebenes Potential) verglichen werden. Der Reiter hat dafür zu sorgen, dass das Pferd alles hat, was es braucht: gutes Futter, genügend Flüssigkeit, körperliche Bewegung, Sauberkeit und eine Unterkunft als Schutz bei Unwetter. Der Reiter muss die Beziehung mit dem Pferd pflegen und die Anforderungen an das Pferd anpassen. Das Pferd soll lernen die Befehle seines Herrn zu beachten und darf die Führung nicht selber übernehmen. Der Reiter muss Chef bleiben. Die innere Wahrheit dieses Vergleichs ist beeindruckend.
Im Gespräch mit dem Patienten fragt sich der Arzt: Wie geht mein Patient wohl mit seinem biologisch gegebenen Potential um?
4. Interaktion:
Biologisch gegebenes Potential ⇔ Gesellschaft (soziales Umfeld)
Menschen, die mit Behinderungen auf die Welt kommen, brauchen Hilfe. Viele können die Anforderungen des Lebens bewältigen und insofern gesund leben, wenn sie angemessen unterstützt werden. Ältere Menschen können vielleicht die Treppen bis in den dritten Stock nicht mehr steigen. Könnten sie an einem anderen Ort leben oder einen Treppenaufzug nutzen?
Der Arzt überlegt: Was braucht es, damit sich meine Patientin körperlich den Anforderungen des Lebens gewachsen fühlt?
5. Interaktion:
Persönlich erworbenes Potential ⇔ Gesellschaft (soziales Umfeld)
In der Familie ist ein liebevoller Umgang unter allen Mitgliedern für die Entwicklung des persönlich erworbenen Potentials unabdingbar. Gesellschaftliche Partizipation und gute Arbeitsbedingungen stärken das persönlich erworbene Potential und fördern die Gesundheit. Unredlichkeit, Angst, Gier und Machtmissbrauch können das persönlich erworbene Potential von Mitmenschen und Mitarbeitern überfordern und sogar auch das von Führungskräften beeinträchtigen. Hingabe an gesellschaftlich sinnvolle Aufgaben im Beruf und in der Freizeit kann die Gesundheit fördern.
Der Arzt beobachtet: Wie interagiert der Patient mit seinem sozialen Umfeld? Ist er aufgehoben, unterstützt, abhängig, gemieden, kritisiert, etc.? Wie gross und aktiv ist sein soziales Netz? Wer tut ihm Gutes und wem tut er Gutes?
6. Interaktion:
Anforderungen des Lebens ⇔ Gesellschaft (soziales Umfeld)
Die Arbeitswelt ist ein Bereich der Gesellschaft. Oft wird am Arbeitsplatz wenig Rücksicht auf die Menschen genommen. Sie werden einfach so viel wie möglich ausgenützt, bis sie z.B. dem Alkohol oder einem Burnout erliegen. Der Betrieb ist dann den Mitarbeiter los, doch die Gesellschaft muss für ihn die Kosten tragen. Das ist unfair. Die Gesellschaft trägt eine Verantwortung für die Gestaltung des Arbeitslebens. Die Gesellschaft sorgt auch für Unterstützung bei Anforderungen des Lebens wie z.B. bei der Versorgung mit sauberem Wasser und der Entsorgung von Abfällen.
Der Arzt stellt die Frage: Mit welchen Anforderungen des Lebens hat der Patient in seinem sozialen Umfeld Schwierigkeiten? Welche Unterstützung durch die Gesellschaft kann aktiviert oder verbessert werden?
7. Interaktion:
Biologisch gegebenes Potential ⇔ Umwelt
Bei uns sind die Gefahren für unsere körperliche Integrität durch die Umweltfaktoren weitgehend erkannt und durch gesellschaftliche Massnahmen, wie z.B. Lawinenschutz gebannt. Anders ist es in Gegenden, wo Erdbeben und Wirbelstürme die Häuser zerstören. In Malariagebieten ist es geboten, unter Moskitonetzen zu schlafen. In nödlichen Ländern genügt bei Menschen mit dunkler Haut im Winter das Sonnenlicht nicht, um genügend Vitamin D zu bilden.
Der Arzt fragt einen Patienten, ob er eine Auslandreise gemacht hat und ob er genügend geschützt war.
8. Interaktion:
Persönlich erworbenes Potential ⇔ Umwelt
Im Frühling lösen Pollen Allergien aus. Weiss die Patientin, was sie tun muss? Im Sommer sind Zecken wegen Hirnentzündungen und Borreliosen gefährlich, aber man kann sich schützen. Weiss das der Patient?
Der Arzt fragt die Patientin: Kennt sie die Gefahren der natürlichen Umwelt? Besteht auch Umweltbewusstsein und wie wird es umgesetzt? Ist sie geimpft oder hat andere Vorsorge gegen Umweltgefahren für die Gesundheit getroffen?
9. Interaktion:
Anforderungen des Lebens ⇔ Umwelt
Das Land, das für Ernährung und Erholung zur Verfügung steht und das Klima einer Region beeinflussen die Anforderungen, die das Leben an die Menschen stellt. Der Jod- und Fluormangel in der Schweiz wird durch Jodierung von Salz und Fluoridierung von Zahnpasten erfolgreich kompensiert. In unserem Klima brauchen wir z.B. Kälteschutz in Form von angepassten Kleidern und beheizten Behausungen. Ereignisse mit Umweltverschmutzung bedrohen uns immer wieder. Umweltschutz ist deshalb auch Gesundheitsvorsorge.
Der Arzt beobachtet und fragt sich: Finden sich Schäden der natürliche Umwelt des Patienten? Welche Konsequenzen hat es für ihn?
10. Interaktion:
Gesellschaft ⇔ Umwelt
Nicht nur der Arzt, sondern die ganze Bevölkerung beobachtet: Wie geht das soziale Umfeld, z.B. die Politik oder die Industrie, mit der Umwelt um?
Dazu gehören z.B. folgende Fragen: Werden die Atomkraftwerke bald abgeschaltet? Kann die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzt werden? Wie ist die Qualität der Luft? Bleiben uns noch grüne Erholungsgebiete? Weshalb müssen wir in unseren Autos Brennstoff sparen, wenn die Fluggesellschaften immer mehr Flugreisen anbieten dürfen?