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Buchvernissage über die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin
In der Kirche Bözen wurde das neue Buch vorgestellt, in welchem der Autor Urs Frei über Marie Heim-Vögtlin schreibt. Die Bözerin, die 1845 als Tochter des Dorfpfarrers auf die Welt kam, hat unter anderem Geschichte geschrieben, weil sie die erste Ärztin der Schweiz war.
Vreni Weber
Ein schlichtes schwarzweiss Bild von Marie Heim-Vögtlin dient dem neuen Buch über ihr Leben als Cover, doch inhaltlich überzeugt der Verfasser Urs Frei aus Bözen mit reicher Recherche. Das Buch über die erste Schweizer Ärztin, welche die Tochter des Dorfpfarrers von Bözen war, ist äusserst lesenswert, vor allem reich bebildert und verdeutlicht viele interessante Zusammenhänge. Urs Frei ist es in seinem Buch gelungen, die Lebensstationen dieser aussergewöhnlichen Frau zu bebildern und ihre Geschichte mit vielen aussagekräftigen Briefzitaten zu untermalen. Das fast noch druckfrische Buch stellte er am Mittwochabend in der Kirche Bözen einem interessierten Publikum vor.
Lebensstationen von Marie Heim-Vögtlin
Marie Heim-Vögtlin wurde am 7. Oktober 1845 als Tochter des Dorfpfarrers von Bözen geboren. Statt der öffentlichen Schule, damals mit zwei Klassenverbänden zu je 70 Kindern, besuchte sie in Thalheim das Internat von Gottlieb Hunziker, später das Institut Montmirail bei Neuenburg. In Montmirail eröffnete sich ihr mit Sprachen, Literatur und Musik und der kritischen Sicht für die gesellschaftlichen Zustände eine neue Welt. Die Rückkehr ins enge Elternhaus gestaltete sich schwierig und daher musste sie nach der Konfirmation eine Stelle im herrschaftlichen Haushalt der Familie Blumer in Zürich annehmen.
1864 übernahm ihr Vater die Pfarrstelle in Brugg. Als die Mutter erkrankte, kehrte Marie heim, pflegte erst die Mutter, dann die kranke Tante in Aarau. Dort lernte sie Fritz Erismann kennen, welcher in Zürich Medizin studierte. Die jungen Leute begeisterten sich beide für soziale Ideen. Ihre Beziehung wurde enger und 1865 verlobten sie sich. Als Fritz, nun total dem Sozialismus zugewandt, die Verlobung nach 2 Jahren löste, fiel Marie in eine tiefe Sinnkrise. Es folgten verschiedene Kuraufenthalte. Nach ihrer Genesung half sie ihrer Tante Rosa Rahn-Vögtlin, welche zwischenzeitlich das Kinderspital in Brugg gegründet hatte, bei der Arbeit.
Der Umgang mit den Kindern verstärkten ihren Wunsch, Ärztin zu werden. Diesen äusserte sie 1868, was einen schweizweiten Skandal hervorrief, welchen die NZZ und der Bund aufgriffen. Bisher studierten an der Universität Zürich, die als erste Universität Europas Frauen zum Studium zuliess, nur einige Ausländerinnen. Mit eisernem Willen setzte sie sich durch und wurde 1873 zum Examen zugelassen. In Leipzig spezialisierte sie sich zur Gynäkologin und arbeitete in der Entbindungsklinik in Dresden bevor sie am 11. Juli 1874 in Zürich ihre Doktorprüfung mit der Dissertation «Über den Befund der Genitalien im Wochenbett» ablegte. Die Zulassung für eine eigene Arztpraxis an der Hottingerstrasse 474 in Zürich wurde ihr 1874 erst nach einer Intervention ihres Vaters erteilt. Ihre Praxis wurde ausschliesslich von Frauen aufgesucht. Doch schon bald hatte sie sich einen hervorragenden Ruf erarbeitet und war bekannt dafür, dass sie sich auch um die sozialen Notlagen ihrer Patientinnen kümmerte.
1875 heiratete sie den Geologieprofessor Albert Heim, den sie während ihres Studiums in Zürich kennengelernt hatte. Heim war damit einverstanden, dass sie auch nach der Heirat weiter als Ärztin arbeitete. Die beiden hatten drei Kinder. Neben Familie und Praxis legte sie zusammen mit Anna Heer den Grundstein für das Frauenspital mit der angegliederten Krankenschwesternschule. In der 1902 eröffneten Zürcher «Pf legi» an der Carmenstrasse 40 leitete sie die Kinderabteilung. Auch setzte sie sich für das Frauenstimmrecht ein und war in der Abstinenzbewegung aktiv. Am 7. November 1916 starb sie an einer Lungenkrankheit.
Ehrungen
Der ersten Schweizer Ärztin zu Ehren vergab der Schweiz. Nationalfonds von 1992-2016 den Marie Heim-Vögtlin-Preis (MHV) zur Förderung qualifizierter Wissenschaftlerinnen, deren wissenschaftliche Karriere wegen familiärer Umstände erschwert ist. Seit 2009 geht der mit 25000 Franken dotierte MHV-Preis an Beitragsempfängerinnen, die während des Förderprogramms aussergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen erbracht haben.
Seit 1995 trägt ein Weg, der am Stadtspital Triemli, an der Frauenklinik Maternité des Stadtspitals Triemli, sowie an der Krankenpflegeschule vorbeiführt, den Namen Marie-Heim-Vögtlin-Weg. In Brugg AG hat der Weg von der Altenburgerstrasse zur Museumstrasse dieselbe Bezeichnung. In Bözen wurde 2009 die Zufahrt zum alten Pfarrhaus, dem Geburtshaus von Marie Heim-Vögtlin, als Marie Heim-Vögtlin-Weg benannt. Und auch im «Schweizer Viertel» in Berlin-Lichterfelde befindet sich ein Marie-Vögtlin-Weg. Am 22. Juni 2016 benannte die Kantonshauptstadt Aarau ein kurzes Wegstück vor der Notaufnahme des Kantonsspitals als Heim-Vögtlinstrasse. In Allschwil entsteht dann 2021 auf dem neuen Areal BaseLink die Marie Heim-Vögtlin-Strasse.
Zu Heim-Vögtlins 100. Todestag im Jahr 2016 gab die Schweizerische Post ihr zu Ehren eine Briefmarke heraus.
Marie Heim-Vögtlin wurde anlässlich der Frauenehrungen der Gesellschaft zu Fraumünster 2010 geehrt. Dazu wurde an der Hottingerstrasse 25, am Ort ihrer Praxis, eine Ehrentafel enthüllt.
Seit dem Sommer 2020 trägt ein Hörsaal des Departements Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW den Namen Marie-Heim Vögtlin.