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Roveredo
Antonio Riva wird zwischen 1640 und 1650 in Roveredo als Sohn des Antonio geboren.[1] Das Dorf im südbündnerischen Misox beherbergt um diese Zeit eine Reihe berühmter Baumeister und Stuckateure. Nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges sind sie vermehrt wieder in Deutschland und Österreich tätig. Giovanni Serro arbeitet in Kempten, Domenico Sciascia in St. Lambrecht und in Mariazell, Giacomo Angelini als Jakob Engel in Eichstätt, Tommaso Comacio in Zwiefalten, Caspare Zuccalli in Gars; nur um einige der Wichtigeren zu nennen. Zur Generation des Antonio Riva zählen seine beiden Dorfgenossen Enrico Zuccalli[2] und Lorenzo Sciascia. Sofern die Baumeister von Roveredo nicht an ausländischen Höfen angestellt sind, kehren sie im Winterhalbjahr in ihr Heimatdorf zurück. So dürfte der junge Riva die Baumeister Serro, Barbieri, Comacio und auch den Stuckateur Giovanni Zuccalli, den Vater von Enrico, gut gekannt haben. Regelmässig treffen sich diese in der lokalen Taverne zu einem «bochali di uino», einem Glas Wein. Nicht zu diesem Kreis gehört Giovanni Antonio Viscardi, der Konkurrent von Enrico Zuccalli in München. Er stammt aus dem Nachbardorf San Vittore, das eine halbe Stunde von Roveredo entfernt liegt.[3]
Ausbildung
Der junge Riva absolviert die übliche dreijährige Lehre als Maurer bei einem einheimischen Meister, vielleicht sogar bei seinem Vater. Er könnte sich anschliessend in Italien weitergebildet haben, eher aber als Geselle denn als Student. Sein in der neueren Literatur erwähnter Besuch des «Collegio degli Agrimensori Ingegneri e Architetti» in Mailand dürfte eine Namensverwechslung sein.[4] Im Trupp des Baumeisters Caspare Zuccalli[5] und zusammen mit Lorenzo Sciascia[6] kommt er in den 1660er-Jahren nach Bayern.
Erste Werke
Als Caspare Zuccalli 1678 stirbt, übernehmen seine beiden Paliere Sciascia und Riva die Vollendung des Kirchenneubaus in Traunstein. Sciascia, der vermutlich Ältere, ist hier leitend tätig. Riva wohnt 1679 bis um 1683 in Landshut, wo er 1681 auch das Bürgerrecht erhält. Die Planungen und Bauten, die heute dem «Landshuter Maurermeister» Antonio Riva zugesprochen werden, lassen seinen Biografen Zendralli vermuten, dass hier Vater und Sohn Riva gemeinsam arbeiten und deshalb nicht immer auseinander gehalten werden können.[7]
Als Baumeister im Umkreis von Enrico Zucalli
Spätestens in der zweiten Hälfte der 1680er-Jahre ist Antonio Riva in München wohnhaft. Er heiratet in dieser Zeit die bedeutend jüngere Orsola de Christophoris aus Roveredo.[8] Zwei Töchter werden dem Ehepaar in München geboren, 1688 Maria Maddalena und 1690 Dominica Antonia Margarita. Als Taufpatin der ersten Tochter ist Catharina Zuccalli, Ehefrau des Oberhofbaumeisters, vermerkt. Das kurfürstliche Bauwesen dieser Jahre wird von Baumeistern aus dem Zuccalli-Umkreis geprägt. Enrico Zuccalli ist seit 1677 Oberhofbaumeister. Er bevorzugt die Zusammenarbeit mit Verwandten und Landsleuten. Zwei aus diesem Umkreis, Giovanni Antonio Viscardi und Giovanni Caspare Zuccalli erlangen bemerkenswerte Unabhängigkeit und werden zu Wegbereitern des hochbarocken süddeutschen Zentralbaus.[9] Antonio Riva kennt keine solchen Ambitionen. Obwohl er inzwischen bekannter und selbstständig tätiger Baumeister-Architekt ist, arbeitet er weiter mit Enrico Zuccalli zusammen. Riva baut vor allem die ausserhalb Münchens gelegenen Bauten. Vermutlich steht bei diesen Bauwerken Zuccalli am Anfang des Projektes und liefert die erste Entwurfsidee oder den Entwurf. Die weitere Planung führt Riva am Ort des Neubaus weiter. Meist übernimmt er die Bauten im Generalakkord. Im Gegensatz zum Hofbaumeister trägt er damit das Unternehmerrisiko, kann aber auch mehr Gewinn erwirtschaften. Die beiden Baumeister sind in ihren Werken stilistisch kaum zu unterscheiden. Bauten, die Riva als Direktauftrag erhält und ausführt, könnten ebenso Zuccalli-Bauwerke sein, wie dies die Schlösser Zangberg oder Aurolzmünster zeigen. Nicht immer muss dies heissen, dass Zucalli am Entwurf beteiligt ist. Die Ähnlichkeit kann auch Folge der langjährigen Zusammenarbeit sein. Eine Zuweisung an die Arbeitsgemeinschaft Zuccalli-Riva wäre bei einigen Bauten aus diesem Grund korrekter als die Nennung eines einzelnen «Architekten».
Tegernsee. Kirchenumbau und Klosterneubau 1684–1693
Spätestens 1684 ist Riva in Tegernsee tätig. In diesem Jahr beginnt der bis 1693 dauernde Kirchenumbau. 1689 erhält er auch den Auftrag für den Neubau der Konvent-Westflügel beidseits der Kirche und für den Gästeflügel des grossen Westhofes. Der Gesamtplan für den grossen Klosterneubau, entstanden vor 1678, wird Enrico Zuccalli zugeschrieben. Zwar fehlt für diese Zuschreibung jeglicher Beleg, sie ist bei der engen Verbindung Zuccalli-Riva trotzdem plausibel. Für die barocke Umgestaltung der spätgotischen Stiftskirche gilt dies nicht, hier kommt als Baumeister-Architekt nur Riva in Frage.[10]
Aurolzmünster, Schlossneubau für Graf von der Wahl, 1687–1693
Für den Neubau des bis 1779 in kurbayrischen Rentamt Burghausen liegenden Schlosses Aurolzmünster schliesst der Bauherr 1687 einen Vertrag mit Antonio Riva. Dieser erstellt das Wasserschloss bis 1693 im Rohbau. Das Schloss zeigt Ähnlichkeit mit Lustheim und den Planungen für Schleissheim, was Enrico Zuccalli als Entwurfsverfasser wahrscheinlich machen könnte. Die Ähnlichkeit mit dem böhmischen Schloss Rothenhaus (Červený Hrádek), das der Tessiner Baumeister Antonio della Porta 1669–1675 baut, ist aber ebenso deutlich.[11] Die böhmischen Schlossbauten dieses Tessiners scheinen jedenfalls dem Münchner Zuccalli-Umkreis nicht unbekannt zu sein.
Wien. Stadtpalais an der Bankgasse 9, heute Palais Liechtenstein, 1688–1694
Unzweifelhaft ist hier Zuccalli der Planer. Der Bau wird von Riva im Akkord übernommen. Der Palais-Neubau gilt als einer der Initialbauten der Wiener Barockarchitektur nach der Beendigung der Türkenkriege. Der Rohbau wird 1694 vom Fürsten von Liechtenstein gekauft. Der neue Besitzer ersetzt Enrico Zuccalli und Antonio Riva durch Domenico Martinelli und Gabriele de Gabrieli. Für den 23-jährigen, ebenfalls aus Roveredo stammenden Gabriele de Gabrieli ist dieser Akt der Start einer grossen Karriere.[12] Ihren Anfang verdankt er damit auch Antonio Riva, in dessen Trupp Gabrieli de Gabrieli seit 1688 in Wien als junger Geselle und dann als Palier arbeitet.
Vilshofen. Wallfahrtskirche Maria Hilf am Birnbaum, 1691–1692
Die Wallfahrtskirche in Vilshofen an der Donau ist nach einem Plan von Antonio Riva gebaut. Er erhält als Reisevergütung und Projektentschädigung 18 Gulden, dies bei Baukosten von 4394 Gulden. Ob er den Bau auch leitet, ist unklar. Mit dem Zentralbau in der Grundrissform eines griechischen Kreuzes gelingt ihm ein Werk von grosser Originalität. Das Bauwerk an der alten Strasse nach Osterhofen liegt heute im Gewerbegebiet, hat aber nichts von seiner Wirkung verloren. In Vilshofen ist auch der letzte Beweis für Rivas Qualitäten als entwerfender Architekt erbracht. Gegenüber der Kirche baut 1717 sein um 1690 freigesprochener Lehrling Antonio Rizzi die Brunnenkapelle.[13]
Lüttich und Bonn 1695–1702
1694 erhält der Kölner Kurfürst und Erzbischof Joseph Clemens von Bayern zusätzlich zu seinen Bischofssitzen in Freising, Regensburg und Köln auch denjenigen in Lüttich.[15] Grössere Umbauten im fürstbischöflichen Palast veranlassen Joseph Clemens, der sich meist in Freising aufhält, den Auftrag an Enrico Zuccalli zu erteilen. Der um diese Zeit vielbeschäftigte Oberhofbaumeister leitet die Ausführung an Antonio Riva weiter. Noch während Riva in Lüttich diese Arbeiten leitet, wird an Enrico Zuccalli der Auftrag zur Planung eines Wiederaufbaus der 1689 zerstörten Bonner Residenz erteilt. Er plant einen langgestreckten Bau, dessen Süd- und Nordflügel zu je 29 Fensterachsen mit turmartigen Eckrisaliten flankiert sind. Der nach dem Zweiten Weltkrieg als einziger Bauteil rekonstruierte Südflügel zeigt noch heute die Grösse der 1697 begonnenen Anlage. Baumeister ist wieder Antonio Riva. Er wohnt jetzt in Bonn, hält sich aber zwischendurch auch wieder in Bayern auf, wie die Planung für Herrenchiemsee zeigt. 1701 schenkt der Kurfürst seinem Hofbaumeister Riva ein Haus mit Bauplatz an der Josephstrasse. 1702, nach sechs Jahren Bautätigkeit, wird Bonn durch alliierte Truppen unter dem Oberbefehl von Lord Marlborough belagert und der Kurfürst muss mit seinem Hof nach Namur flüchten. 1703 kapituliert das kurfürstliche Bonn. Der Residenzneubau bleibt bis zur Rückkehr des Kurfürsten 1715 unterbrochen.
Schulgründung 1704 in Roveredo
Im Spätherbst 1703 reisen Antonio Riva und seine Ehefrau Orsola in ihr Heimatdorf Roveredo.[16] Das Ehepaar hat inzwischen beide Töchter verloren. Riva hinterlegt am 20. April 1704 in Gegenwart von sieben Zeugen sein Testament. Er vermacht den Grossteil seines Vermögens an die Kapuziner für die Gründung einer kostenfreien und für alle Kinder zugänglichen Volksschule. Damit löst er einen eigentlichen Dorfkrieg zwischen den Anhängern der Kapuziner und denjenigen der ebenfalls am Unterricht interessierten Talpriesterschaft aus.[17] Erst 1718 kann die Schule gemäss dem Legat Rivas eröffnet werden. Riva hat damit sein bedeutendstes Werk geschaffen. Gabriele de Gabrieli wird, als Eichstätter Hofbaumeister, die Schule von Roveredo in seinem Legat 1744 ebenfalls berücksichtigen, und ihr eine eigentliche, weiterhin für alle Kinder kostenfrei zugängliche Lateinschule anfügen.
1704–1713, die letzten Jahre
Nach 1704 hören wir nur noch selten von ihm. Bis 1714 dauert die Reichsacht über die beiden Wittelsbacher Kurfürsten, die nun mit ihren Höfen im Exil leben. Ihren Vorlieben für Musik, Oper- und Theateraufführungen, Malerei und Architektur frönen sie auch im Exil, selbst auf das Bauen verzichten sie nicht. Der bayrische Kurfürst zieht 1705 in Brüssel Germain Boffrand für die Innengestaltung der Residenz bei, wobei als Baumeister und Planer Antonio Riva erwähnt wird. Auch in der Abrechnung für die Menagerie im kurfürstlichen Garten taucht sein Name auf. Riva arbeitet demnach für beide Wittelsbacher und folgt offensichtlich dem Kölner Kurfürsten in sein Exil nach Valenciennes.[18] Jedenfalls meldet das Totenbuch von Roveredo den Tod von Antonio Riva am 29. April 1713 in Valenciennes.
Pius Bieri 2015
|Literatur|
|Zendralli, Arnoldo Marcelliano: Graubündner Baumeister, Zürich 1930.|
|Zendralli, Arnoldo Marcelliano: L'architetto Antonio Riva e la missione cappuccina in Roveredo di Mesolcino, in: Quaderni grigioni italiani, Heft 1, 1931/32.|
|Zendralli, Arnoldo Marcelliano: I Magistri Grigioni, Poschiavo 1958.|
|Pfister, Max: Baumeister aus Graubünden, Chur 1993.|
|Heym, Sabine: Henrico Zuccalli und der Kreis der Graubündner Baumeister am kurbayrischen Hof in München, in: Graubündner Baumeister und Stuckateure, Lugano 1997.|
|Neuner, Victoria und Graninger, Gerlinde: Riva, Antonio. Online-Publikation in Artisti Italiani in Austria (AIA), Ausgabe 2004. Link: http://www.uibk.ac.at/aia/riva_antonio.htm|
|Vangheluwe, Michel: Les origines du théâtre à Valenciennes, in: L'art du théâtre à Valenciennes au XVIIIe siècle. Catalogue de l'exposition. Valenciennes 1989.|
|Santi, Cesare: Riva, Antonio, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Bern 2010.|
Anmerkungen:
[1] Keine Eintragungen in Roveredo. Der Name des Vaters zitiert Riva im Testament 1704. Das Geburtsjahr ist nicht bekannt, wird aber meistens mit 1650 festgelegt. Aufgrund der Angaben über eine Ausbildung in Mailand und seinen ersten bekannten Arbeiten in Bayern müsste er aber schon um 1645 oder früher geboren sein. Das Elternhaus liegt im Ortsteil Toveda.
[2] Enrico Zucalli (um 1642–1724) aus Roveredo, schreibt seinen Vornamen in München eingedeutscht Henrico. Er wird in der deutschen Literatur meist auch so genannt. Die neueren Beiträge verwenden wieder die italienische Schreibweise Enrico.
[3] Entgegen von Darstellungen in der neueren Literatur ist San Vittore eine eigenständige Pfarrgemeinde. Der Bewohnerkontakt beider Gemeinden dürfte sich im 17. Jahrhundert auf Geschäftliches beschränkt haben. Roveredo hat Ende des 18. Jahrhunderts um die 700 Einwohner, San Vittore um 300.
[4] Ein Antonio Riva wird 1660 als Student aufgeführt, aber ist als «milanese» eingeschrieben. Der Vater ist ein Giuseppe Antonio. Dies könnten auch Ungenauigkeiten sein. Eine Namensverwechslung ist vor allem deshalb wahrscheinlich, weil ein Besuch dieser Schule, abgesehen von den hohen Kosten, erst nach Abschluss einer Lehre als Maurer-Stuckateur möglich ist. Riva wäre damit schon um 1643 geboren. Die «wahrscheinliche» Ausbildung in Mailand ist trotz dieser Widersprüche in der neueren Literatur fest verankert.
[5] Caspare Zuccalli I (1629–1678) aus Roveredo, ist um diese Zeit meist mit seinem Vetter Domenico Cristofero Zuccalli als Baumeister tätig, so in Gars am Inn. Er wird 1668 Hofmaurermeister in München und fördert hier seinen jungen Schwager Enrico Zuccalli, den späteren Hofbaumeister.
[6] Lorenzo Sciascia (um 1643–1694) aus Roveredo, baut 1676–1678 die Stiftskirche Herrenchiemsee, 1687–1693 die Stiftskirche Weyarn, 1688–1690 die Pfarrkirche Gmund am Tegernsee.
[7] Hinweise in Zendralli (1930) und Pfister (1993). Zendralli glaubt vor allem wegen der Gleichzeitigkeit vieler Zuschreibungs-Datierungen (Freising, Landshut, Vilshofen, Wien) an zwei Baumeister. Er nimmt Falschdatierungen der bayrischen Kunstgeschichte (Indersdorf, Freising, Palmberg u.a.) zum Nennwert und folgert daraus Kollisionen. Streicht man aber einige unhaltbare Zuschreibungen, sind die Arbeiten unproblematisch zu bewältigen. Der Aufenthalt in Landshut scheint glaubhaft und ist noch bis 1683 wahrscheinlich. In der Region Passau-Landshut ist, vor allem nach 1700, auch ein Verwandter Rivas tätig. Der Baumeister Domenico Mazio oder Magzin aus Roveredo soll je nach Leseart Neffe (gemäss HLS) oder Schwager (gemäss AIA) von Riva sein.
[8] Orsola de Christophoris (1663–1734) aus Roveredo. Ihr Porträt, gemalt im Alter von 34 Jahren, hängt heute im Talmuseum von San Vittore, zusammen mit demjenigen von Antonio Riva.
Das Porträt von Antonio Riva hätte einen besseren Restaurator verdient. Dem vor Jahrzehnten noch stark verschmutzten und abgedunkelten Gemälde ist kürzlich ein Face-Lifting verpasst worden. Nun blickt uns ein schiefes Pokergesicht mit Oberlippenbart entgegen, die Perücke ist silbernen Haaren gewichen und die Hände sind jetzt anatomische Monster. Auch so können Werte zerstört werden.
[9] Giovanni Antonio Viscardi (1645–1713), baut unter anderem die Dreifaltigkeitskirche in München und die Wallfahrtskirche bei Freystadt. Giovanni Caspare Zuccalli, Johann Kaspar von Zuccalli genannt (um 1637–1717), ist Baumeister der Kajetanerkirche und der Kirche St. Erhard, beide in Salzburg.
[12] Siehe dazu die Biografie in www. sueddeutscher-barock.ch.
[13] Antonio Rizzi (1671–1725) aus San Vittore. Im Talmuseum San Vittore ist die Kopie eines Lehrbriefes ausgestellt, der als Lehrmeister Antonio Riva nennen soll. Leider sind keine Hinweise auf den Standort des Originals oder dessen Echtheit verfügbar.
[14] Als «Hochwohlgeborener Architekt seiner kürfürstlichen Majestät zu Köln» wird Antonio Riva 1704 in seiner Heimatgemeinde bezeichnet.
[15] Joseph Clemens von Bayern (1671–1723) ist der Bruder des bayrischen Kurfürsten Max Emanuel. Er wird 1685, 14-jährig, Fürstbischof von Freising und Regensburg, 1688 Kurfürst und Erzbischof von Köln, 1694 auch Bischof von Lüttich. Die Wahlen erfolgen mit erheblichen Schmiergeldern des bayrischen Kurfürsten. Nach der Wahl in Lüttich muss Joseph Clemens auf Regensburg und Freising verzichten, wird aber in Regensburg 1695 trotzdem wieder gewählt. Nur die Domkapitulare von Freising beweisen Charakter und wählen gegen den Willen des bayrischen Kurfürsten einen anderen Fürstbischof. Im Spanischen Erbfolgekrieg nimmt Joseph Clemens Partei für die Franzosen und muss vor den vordringenden siegreichen alliierten Truppen 1702 nach Namur, 1704 nach Lille und 1708 nach Valenciennes fliehen. Erst 1715 darf er zurückkehren.
[16] Mit der Heimatgemeinde und auch mit der Talschaft bleibt Riva immer verbunden. So stiftet er bereits 1686 erhebliches Kapital an das Kollegiatsstift San Vittore zur Einstellung eines neuen siebenten Stiftsherrn. Er hält sich regelmässig, wenn auch nicht jedes Jahr, im Winterhalbjahr in Roveredo auf. Im Ortsteil San Giulio baut er schon um 1680 ein neues Wohnhaus. Das einfache zweigeschossige Haus wird später Kapuzinerhospiz und dann Pfarrhaus. Heute fehlt es, völlig umgebaut, selbst auf der Liste der Kulturgüter.
[17] Riva besucht als Jugendlicher noch die von Karl Borromäus ins Leben gerufene «Schule der christlichen Doktrin», die aber nicht unentgeltlich ist und nur Söhnen von Dorfbürgern offensteht. In Roveredo ist 1583 kurzzeitig auch ein Jesuitenkolleg beheimatet, das aber auf Druck der zwei protestantischen Bünde im Grauen Bund aufgehoben werden muss.
[18] Joseph Clemens von Bayern zieht mit seinem Hof am 18. August 1708 in Valenciennes ein. Sie beziehen das Hôtel du Gouvernement in der Rue de l'Intendance, das Vicoignette genannt wird. Obwohl die Lage sehr ungemütlich ist, kann der Hof weder auf Musik- noch auf Theatervergnügen verzichten. Die wöchentlich zweimaligen Opern- und Theateraufführungen in Valenciennes sind legendär. Auch kirchliche Feste werden mit vielen Ehrenbauten glanzvoll gefeiert. Ob Riva in Valenciennes als Hofbaumeister für derartige Tätigkeiten mitwirkt, ist unbekannt.
Gesicherte Werke und sichere Zuschreibungen im Umkreis von Caspare und Enrico Zuccalli:
|Jahr||Arbeitsort und Werk||Bemerkungen||Quelle|
|1675–

1680
|Traunstein. Pfarrkirche St. Oswald.

Chorumbau und Langhausneubau.
|Ausführung als Palier von Caspare Zuccalli (†1678), gemeinsam mit Lorenzo Sciascia. Bauwerk wegen Bränden des 1704 und 1851 mit anschliessenden Neugestaltungen nicht erhalten.||AIA

Dehio
|1680–

1681
|München. Residenz. Umbauten am Grottenhof (Alexander- und Sommerzimmer, kurfürstliche Appartements mit Galerie).||Oberleitung Enrico Zuccalli. Ausführung mit Lorenzo Perti. Nach Umwandlungen 1727–1729 in die «Reichen Zimmer» und Zerstörungen 1944 nur noch das vierte Sommerzimmer erhalten.||Heym,

Pfister.
|1684–

1687
|Zangberg. Schloss des Freiherrn von Neuhaus. Heute Kloster der Salesianerinnen.||Vierflügelanlage «nach Plänen von Antonio Riva», Rohbau 1687 abgeschlossen, Weiterführung durch seinen Palier Dominikus Glasl 1698–1715. Stuck 1684–1687 von Giovanni Battista Brenni.||Dehio.|
|1684–

1693
|Tegernsee. Benediktinerabtei. Umbau der Stiftkirche und Neubau der Konvent- Westflügel und des westlichen Gästeflügels.||Vermutlich ist Riva schon ab 1678 in Tegernsee tätig. In diesem Jahr wird der Nordflügel des grossen Hofes begonnen. Als Planer der Gesamtanlage wird Enrico Zucalli vermutet. Der Gästeflügel wird 1806 abgebrochen.||Baudoku.|
|1687–

1693
|Aurolzmünster (heute Oberösterreich). Wasserschloss. Neubau. Aurolzmünster ist bis 1779 kurbayrisches Gebiet.||Vertrag des Bauherrn Graf Franz Albrecht von der Wahl mit Riva 1687. Rohbauvollendung 1693. Ähnlichkeit mit Lustheim, deshalb wird Enrico Zucalli als Entwerfer vermutet. Achtung: In der österreichischen Literatur falsche Datierungen und Zuweisung zu Giovanni Caspare Zuccalli. Das Schloss ist seit 2004 restauriert.||AIA.

Heym.
|1688||Lichtenberg am Lech. Kurfürstliches Schloss. Wiederaufbau und Aufstockung.||Planung und Beizug von Antonio Riva durch Enrico Zuccalli. Das Schloss wird 1809 abgebrochen. Siehe Abbildung in Wening 1701 (zu Seite 68).||Heym.|
|1688–

1694
|Wien. Stadtpalais Liechtenstein in der Bankgasse 9. Neubau.||Von Enrico Zuccalli für Graf Kaunitz geplant. Riva ist Baumeister. In seinem Trupp arbeitet Gabriele de Gabrieli, der den Bau von Riva nach 1694 im Akkord übernimmt. Grund: Der Fürst von Liechtenstein und sein Architekt Martinelli kaufen 1694 den Palais. Damit ist der Start für die Karriere des Gabriele de Gabrieli gelegt.||AIA.|
|1691–

1692
|Vilshofen an der Donau. Wallfahrtskirche Maria-Hilf an der Kapuzinerstrasse.

Neubau 1691–1694.
|Zentralbau «von Antonio Riva» (Dehio 1908, Hauttmann 1926). Die Planung durch Riva ist gesichert. Ausführung? Stuck von Giovanni Pietro Camuzzi (Mitarbeiter der Carloni).||Dehio, Zendralli.

AIA,
HLS.
|1695||Lüttich. Residenz des Fürstbischofs von Lüttich und Kurfürsten Joseph Clemens von Bayern. Umbauten.||Enrico Zuccalli. Baumeister ist Antonio Riva. Der Umfang der Bauarbeiten ist unbekannt.||Pfister, Zendralli.|
|1697–

1702
|Bonn. Kurfürstliches Schloss. Neubau für Kurfürst und Fürstbischof Joseph Clemens von Bayern.||Planung Enrico Zuccalli 1695. Baumeister ist Antonio Riva, der in Bonn Wohnsitz nimmt. Baueinstellung 1702. Erst 1715 Weiterbau unter Robert de Cotte. Brandzerstörung 1777. Rekonstruktion Hofgartenflügel 1926–1930. Erneute Teilrekonstruktionen 1951 und 1967.||Heym.|
|1701||Herrenchiemsee. Augustiner-Chorherrenstift. Neubau Konvent-Südflügel (Fürstenstock) 1701–1704.||Die Kirche wird 1676–1678 von Lorenzo Sciascia gebaut. Zum Fürstenstock «lieferte die Pläne der Graubündner Antonio Riva, die Bauleitung übernahm Johann Mayr d. Ä.»||AIA,

Dehio.
Zuschreibungen an Antonio Riva,
darunter die Werke des mit dem Hinweis auf seinen Wohnort Landshut:
|Jahr||Arbeitsort und Werk||Bemerkungen||Quelle|
|1680–

1689
|Freising. Pfarrkirche St. Georg. Turmneubau 1678–1690.||Baumeister zunächst Sebastian Zwinger, dann «nach vernichtendem Gutachten» Antonio Riva als «Landshuter Stadtbaumeister».||AIA,

Dehio.
|1682||Freising. Fürstbischöfliche Residenz. Heute Kardinal-Döpfner-Haus. Neubau Fürstengang.||«wohl von Antonio Riva»||AIA,

Dehio.
|1683||Landshut. Propstei des Kollegiat-Stifts St. Martin und Kastulus.||Planung «wohl um 1683» von Antonio Riva.
||Dehio.|
|1686–

1688
|Freising. Spitalkirche Hl. Geist. Neubau des Spitalgebäudes in Verlängerung der Kirche.||«die Pläne werden Antonio Riva zugeschrieben».||AIA,

Dehio.
|1690

(um)
|Palmberg (bei Zangberg). Filialkirche St. Peter und Paul. Neubau.||Ausführung durch Palier Dominikus Glasl. Deshalb Zuschreibung der Planung an Antonio Riva.||Dehio|
|1693

(vor)
|Indersdorf. Augustiner-Chorherren-Stift. Neubau Konventgebäude.||Zuschreibung der Planung «nach Entwürfen von Antonio Riva». Neubaubeginn schon zwischen 1673–1693. Nur Weiterführung und Fertigstellung erfolgen unter Propst Dominikus Vent 1693–1704 (falsche Angaben in Dehio 2006!).||AIA,

Dehio.
|1695||Freising. Fürstbsichöfliches Lyzeum und Gymnasium, Marienplatz 7.||«begonnen nach Bauplan von Antonio Riva (?)».||AIA,

Dehio.
|1684

1697
|Regensburg. Dom. Einbau der Pendentifkuppel der Vierung.||Stuck durch Giovanni Battista Carlone. Baumeisterarbeit durch Antonio Riva. Vertrag 1684, zwischen «Anton Riva Bürger und Paumaister zu Landshuet» und Herzog Albrecht Sigmund Bischof zu Freising und Regensburg. Zerstörung bei der Regotisierung 1838.||Zendralli, Schuegraf (1848).|
Nicht übernommene, fragwürdige Zuschreibungen:
|Jahr||Arbeitsort und Werk||Bemerkungen||Quelle|
|1681–

1698
|Benediktbeuern. Stiftskirche und Nord- und Westflügel Arkadenhof.||Planung durch Abt Placidus Mayr (Kirche) und Enrico Zuccalli (Arkadenhof). Baumeister sind Caspar Feichtmayr und Markus Hainz.||Pfister.|
|1692||Passau. Fürstbischöfliches Bräuhaus und Sommerschloss.||Die Stuckarbeiten und Fresken sind nachweisbar von Giovanni Battista Carlone, dessen Bruder und Vater die Baumeister in Passau sind. Die Zusammenarbeit Carlone-Riva in Passau ist nicht belegt.||Dehio.|
|Antonio Riva (um 1645/50–1713)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|vor 1650||Roveredo||Graubünden CH|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Freistaaat Graubünden||Chur|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|29. April 1713||Valenciennes||Frankreich F|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Königreich Frankreich||Valenciennes|
|Kurzbiografie|
|Antonio Riva stammt aus dem südbündnerischen Misox. Er gehört der zweiten Baumeister-Generation an, welche nach dem Dreissigjährigen Krieg das Bauwesen in Kurbayern massgebend prägen. Meist im Umkreis von Enrico Zuccalli tätig, ist er vielleicht der einzige Landsmann, auf den sich der impulsive Münchner Oberhofbaumeister immer verlassen kann. Dies verleitet die Kunsthistoriker, Riva generell als Ausführenden der Planungen Zuccallis zu sehen, selbst dort, wo keine Beziehungen zum Münchner Hof sichtbar sind. Die Ablösung der «Italiener» nach dem Spanischen Erbfolgekrieg durch französisch geschulte Architekten erlebt Riva nicht mehr, er stirbt 1713 am Hof des Kölner Kurfürsten in Valenciennes.|