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«Schwimmen im Kanal – nein danke!» So titelten BewohnerInnen des Altenbergquartiers an der Aare im Sommer 2018 ihre Petition gegen die Schutzpläne der Stadt gegen Hochwasser. Eine Bildmontage simulierte das befürchtete Resultat des Eingriffs: ein Kanal, eingefasst von meterhohen Betonwänden. Während sich einige am arg schwarzmalenden Fake-Bild entrüsteten, freuten sich andere über das Engagement gegen das Projekt der Stadt Bern. Denn dieses sei völlig überrissen.
Betonmauer statt Uferweg
Stein des Anstosses war eine geplante, 1,7 Meter hohe Mauer zwischen dem Uferweg und den anliegenden Grundstücken. Gleichzeitig sollte der Uferweg abgesenkt und verbreitert und die hübschen, schmalen Steintreppchen ins Wasser durch Betonstufen ersetzt werden. Im Frühling 2018 legte das zuständige Tiefbauamt den Anwohnerinnen und Anwohnern die Pläne vor. Es regte sich sogleich Widerstand. Die Hochwasser von 1999 und 2005, sogenannte «Jahrhunderthochwasser», sassen dem Quartier zwar noch in den Knochen: Der Altenberg war weniger betroffen als die Matte, wo die Menschen damals mit der Rega evakuiert werden mussten, Keller überflutet wurden, Autos auf den Strassen umhertrieben und der Strom unterbrochen wurde. Die Grundstücke an der Aare und die Strasse am Altenberg waren teilweise überflutet, das Wasser ergoss sich in manchen Keller.
Grundwasserprobleme
Das Projekt «Gebietsschutz Quartiere Aare», das die Bevölkerung 2013 mit über 80 Prozent gutgeheissen hatte, sieht Schutzmassnahmen von Dalmazi bis Altenberg vor. Im Altenberg aber wollten Bewohnerinnen und Bewohner – darunter auch solche, die von Überschwemmungen betroffen waren – gar nicht maximal geschützt werden. Sie fürchteten vielmehr um den rauen Charme ihres Aareufers. Und sind der Meinung, dass die geplanten Massnahmen das Grundproblem des Quartiers gar nicht lösen: Das Hauptproblem, das der Altenbergstrasse bei steigendem Hochwasser zu schaffen macht, ist das Grundwasser. Davor bietet auch eine überdimensionierte Mauer keinen Schutz.
Lernen aus den Hochwassern
Die Stadt wolle sich gegen ein Hochwasser mit einer Wassermenge von 600 Kubikmetern in der Sekunde schützen, «dies kommt gemäss Statistik aber alle 300 Jahre vor», sagte damals Anwohner Markus Fuchs. Er argwöhnte, der Stadt gehe es primär um die optische Vereinheitlichung des Stadtbildes. Zudem hat sich die Gefahrenlage in den letzten Jahren verändert, wie auch der Bund in einem Bericht festhält. Man hat aus den Ereignissen von 1999, 2005 und 2007 gelernt: Das Hochwassermanagement mit Messungen, Frühwarnsystem und einer koordinierten Regulierung grosser Alpenrandseen ist erheblich verbessert worden. Dies zeigte sich bei den Hochwassern 2009 und 2013: Obwohl die Wassermengen mit jenen von 1999 vergleichbar waren, hatten sie ungleich weniger Schäden angerichtet.
Quartier wehrt sich
Das haben nun offenbar auch die Behörden in Bern gecheckt. Der Gemeinderat nahm die Petition im Spätsommer 2018 entgegen und zeigte sich gesprächsbereit – wenn auch ein bisschen verärgert, dass sich Einsprechende und Petitionäre nicht früher eingeschaltet hatten. Tatsächlich hatte sich die Stadt ab 2008 vornehmlich an Quartierorganisationen gerichtet, die dann aber offenbar nicht im Sinne der Direktbetroffenen reagiert haben. Es läge halt «im Wesen der Sache», sagt Reto Zurbuchen, Leiter des zuständigen Tiefbauamtes, «dass sich Kritikerinnen und Kritiker erst dann zu Wort melden, wenn die Ausgestaltung eines Projektes konkret ist und man sich von den Massnahmen ein Bild machen kann.»
Der Kompromiss
Nach zahlreichen Gesprächen liegt nun ein Kompromiss vor, der von allen Seiten akzeptiert wird. Auf die Mauer wollte die Stadt nicht verzichten: Wenn die Strasse überflutet werde – und das sei schon bei einer Abflussmenge von 500 Kubikmetern pro Sekunde der Fall – könnten Blaulichtfahrzeuge nicht mehr zu den Häusern vordringen, das sei unhaltbar. Die Höhe der Ufermauern wird nun um 70 Zentimeter auf einen Meter reduziert. Der Uferweg wird um 40 Zentimeter abgesenkt statt um 60 und auf 2,6 Meter verbreitert statt auf drei. «Damit können wir leben», sagt Angela Mattli, Vertreterin der Petitionsgruppe und Anwohnerin. Das jetzige Projekt sei realistisch, indem es nicht mehr von einem Jahrtausendhochwasser ausgehe. Die Uferzone werde teilweise gar aufgewertet: Die neuen Mauern bieten sich dann vielleicht als Sitzplätze an und beim Sportplatz nahe der Kornhausbrücke gebe es nun dank den Vorschlägen aus dem Quartier mehr Raum zum Verweilen.
Warum den Uferweg absenken?
Dass der Uferweg abgesenkt wird, leuchtet zwar noch immer nicht ein: «Für uns ist das kein Mehrwert. Es ist nach wie vor intransparent, was die Stadt damit bezweckt – ursprünglich ging es um die Belebung des Ufers, dann um Sichtschutz der Häuser und jetzt spricht man von Behindertenkonvention.» Ausserdem: je tiefer ein Uferweg liegt, desto früher wird er bei Hochwasser überflutet. Die Absenkung ist aber nicht Teil der Schutzmassnahmen, so sei die Argumentation dagegen schwierig und die Sache letztlich eine politische Frage. Deswegen sind die Petitionäre auch auf StadträtInnen zugegangen, die nun in der vorberatenden Kommission den Plan nochmals kritisch prüfen werden.
Gut vernetztes Quartier
Mattli honoriert die Bemühungen der Stadt, auf die Anliegen aus dem Quartier einzugehen, «das ist nicht selbstverständlich.» Wehren lohnt sich. Das Altenbergquartier sei aber privilegiert: «Wir sind hier gut vernetzt und kennen die Kanäle.» Mattli wünscht sich, dass die Stadt auch in anderen Quartieren die Anliegen der Bewohner auf Augenhöhe diskutiert und Lösungsvorschläge aufgreift. «Mein Tipp ist: Schaut euch die Projekte gut an, tut Euch zusammen, vernetzt euch und bleibt hartnäckig.»
Trotz verbessertem Hochwassermanagement hätte die Stadt ohne Einsprachen am alten Projekt festgehalten, sagt Zurbuchen, könne nun aber mit dem Kompromiss leben. Die öffentliche Auflage eines Projektes sei dazu da, die Haltung der Betroffenen einzuholen, um Korrekturen vorzunehmen. «Die Mitsprachemöglichkeit der Bevölkerung ist enorm wichtig für die Akzeptanz jedes Projektes. Kein einziges Bauvorhaben entsteht einfach so am grünen Tisch.» Dass die Kosten trotz Abspeckung unverändert bleiben (Projektkredit: insgesamt 132 Mio Franken), sei erklärbar mit der Herstellung mobiler Elemente und deren Lagerung vor Ort.
Aareufer als Treffpunkt
Vor allem der letzte Corona-Sommer hat gezeigt: Das Aareufer von der Untertorbrücke bis zum Lorrainebad wird in den Sommermonaten immer beliebter. Tausende lassen sich an schönen Tagen bis abends spät im Wasser treiben, liegen auf den Wiesen beim Lorrainebad und am schmalen Grünstreifen entlang des Uferwegs in der Sonne oder stehen vor dem Bade-Restaurant und den beliebten Pop-Ups wie «Trybholz» Schlange. Es wurde eng im letzten Sommer auf dem Gehweg. Aber «die vielen Leute stören uns überhaupt nicht», sagt Mattli. «Das Quartier lebt, das ist schön.»
Frühestens ab 2023 wird die Uferzone am Altenberg während drei Jahren zu einer höllischen Baustelle: Die Stadt rechnet mit 10'000 Lastwagenfahrten. Flankierende Massnahmen werden später definiert. Es werde aber ausschliesslich im Winter gebaut, sagt Zurbuchen: «Im Sommer ist also die Aare weiterhin bebadbar.»