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… und (v)erkannte Dichtungen
„Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, dass sie sie in ein System sperren.“ In dieser Weise bringt es Robert Musil – der Verfasser des bahnbrechenden Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ – sehr schön auf den Punkt. Die in diesem Zitat angedeutete Gewalt, die der Philosoph, der sich als rationaler Wissenschaftler versteht, der Wirklichkeit antut, lässt ihn davor zurückschrecken, seiner Weltanschauung mit den Mitteln der Philosophie Ausdruck zu verleihen. Ganz offensichtlich muss Musil klar gewesen sein, dass man so der Welt in ihrer Ganzheit nicht gerecht werden kann. Stattdessen wählte er die Dichtung und wo er sich auf wissenschaftliches Terrain begab, einen essayistischen Stil. Doch was steht hinter dieser Wahl und dem Konzept des Essayismus?
Von Christoph Andreas Schmassmann
Als die für Musils Denken charakteristischen Momente sind immer wieder Ratio und Mystik, Rationales und Irrationales, Verstand und Gefühl bezeichnet worden. Die hier umrissenen Antinomien scheinen sich mit den herkömmlichen Mitteln der Philosophie nicht ausdrücken zu lassen, sich gegen jedes philosophisch-rationale System zu sperren. Musil hat in diesem Zusammenhang schon früh die Begriffe des Ratoiden und des Nicht-Ratoiden geprägt, um die hier angeführten Pole zu bezeichnen und um in dem damit eingegrenzten Spannungsfeld seine Rolle als Dichter und Denker zu bestimmen, in der er in dichterisch-essayistischem Stil versuchte die Welt, wie er auf sie und sie auf ihn traf, zu erfassen. In der Folge wird auf dieses Begriffs-Paar zurückgegriffen um ein paar grundlegende Mechanismen philosophischen Denkens zu erörtern
Die Aufgabe des Dichters
Die Aufgabe des Dichters liegt Musil zufolge in einer spezifischen Erkenntnisweise, die sich massgeblich von wissenschaftlicher Erkenntnis unterscheidet. Denn das Nicht-Ratoide stellt im Gegensatz zum Ratoiden das Gebiet der „Herrschaft der Ausnahme über die Regel“, der unendlichen Tatsachen und der Unendlichkeit ihrer Beziehungen dar. Nicht objektiv zu definierende Begriffe, nicht Gleichungen und Gesetze, die das Spektrum faktischer und möglicher Ereignisse formulieren, sollen und können hier erzielt werden. Vielmehr geht es um eine Erkenntnis ohne Anspruch auf Wahrheit, ohne den Anspruch auf die Feststellung verallgemeinerbarer Regeln und die Festlegung auf Gesetze. Das Nicht-Ratoide ist das Gebiet des Zufälligen, des Einmaligen, in bestimmte Umstände Eingebundenen und von ihnen Abhängigen. Es ist das Gebiet des nicht Wiederkehrenden, sich nicht wiederholenden Individuellen im menschlichen Erleben, das Gebiet des Fühlens, Erlebens im Gegensatz zu dem des Denkens, Urteilens und Handelns. Es ist jenes Feld, das sich nicht terminieren, sondern nur in immer wieder neuen Anläufen umkreisen, nicht einmal beschreiben, sondern – um es metaphorisch auszudrücken – nur immer wieder anschreiben lässt. So ist die dichterische Aufgabe und Funktion deshalb, immer neue Lösungen und Zusammenhänge, Konstellationen und Variablen zu entdecken, Prototypen von Geschehensabläufen hinzustellen – lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann: den inneren Menschen zu erfinden.
Die Aufgabe des Dichters und die Philosophie
Es muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass Musils Skizze der Aufgabenstellung des Dichters keiner nur poetologische, keine rein literarische Angelegenheit ist. Denn das Gebiet des Nicht-Ratoiden kann nicht mit den Mitteln wissenschaftlich rationaler Erkenntnis erforscht werden, sondern erfordert eine sich den Gegebenheiten des Gebietes anschmiegende, eben eine dichterisch-künstlerische Rationalität. Und so ist von dieser Annahme die Philosophie unmittelbar mit betroffen, und zwar nicht nur hinsichtlich ästhetischer oder kunstphilosophischer Aspekte, sondern in ihren Kerngebieten: Ontologie, Metaphysik, Erkenntnistheorie und Ethik. Wenn die Struktur der Welt Gebiete aufweist, denen mit den Mitteln von Begriff, Urteil und Gesetz nicht genüge getan werden kann, ist dem in einer Theorie der Erkenntnis in der Weise zu entsprechen, dass sich die Theorie für die nicht eindeutig definierbaren künstlerisch-dichterischen Erkenntnismethoden, die Formen einer wie oben beschriebenen nicht-ratoiden Erkenntnis eröffnet. Dies hat weitreichende Konsequenzen sowohl für die (in diesem Sinne literarisierte) Philosophie als auch für die Literatur, welche den Anspruch erhebt philosophisch relevant zu sein: Zum einen muss die Philosophie zumindest teilweise ihren Erkenntnisanspruch zugunsten der Literatur (im speziellen der dichterischen Form des Essays) einschränken und ihn mit deren Formen und Möglichkeiten anreichern. Zum anderen muss die Literatur als ein Mittel der Erkenntnis entsprechend der an sie gestellten Forderungen umgestaltet werden, welche einen Zuwachs an Rationalität, eine stärkere Gewichtung von Reflexionen und einem Bruch mit herkömmlichen Darstellungsformen verlangen.
Die Form des Essay
Der Essay als Gattung bewegt sich also zwischen theoretischer Abhandlung und schöpferischer Dichtung. Gedanke und Form, Auszudrückendes und Ausdruck sind hier ähnlich ineinander verwoben wie bei einem Gedicht. Sowenig sich ein Gedicht in Prosa übertragen lässt, sowenig kann das Eigentliche, das Innerste eines Essays in begriffliches Denken übertragen werden. Dennoch bleibt der Essay den Grundregeln des begrifflichen Denkens verbunden. Essays stehen unter einer biegsameren, dennoch unter keiner weniger strengen Logik. Sie bilden in dem Sinne auch keinen Gegensatz zum wissenschaftlichen Denken, sondern seine Fortsetzung in die Gebiete des Nicht-Ratoiden, des Fühlens und Erspürens, in denen das wissenschaftliche Denken keinen oder noch keinen Grund findet, der die von ihr geforderte Verlässlichkeit bietet. Er stellt auf diesem Terrain des Nicht-Ratoiden, auf dem nicht logisch-exakt gearbeitet werden kann, gewissermassen das Strengste an Erreichbarem dar. Charakteristisch ist für den Essay auf der einen Seite die gestalthafte Einheit von Form und Inhalt. Auf der anderen Seite ist es das Unsystematische, die Verknüpfung von Momentaufnahmen, von partikularen Lösungen und dem damit verbundenen Verzicht auf Allgemeingültigkeit, was den Essay auszeichnet und ihm einen gewissen Versuchscharakter verleiht. Statt wie die wissenschaftliche Abhandlung einen gesetzlichen Zusammenhang allgemein überprüfbarer Tatsachen logischer Wahrheiten erschöpfend darzustellen, präsentiert der Essay eine Art Rundherum-Schreibung, die Darstellung eines opaken Gegenstandes von vielen Seiten, ohne ihn ganz zu erfassen (worin einerseits der Charakter der Momentaufnahme und der partikularen Lösung einerseits als auch die umschreibende Form, die der Inhalt erstens erst möglich macht – und die ihn andererseits gleichsam in dem dieser Form eigenen Licht wiederspielt, und somit die unhintergehbare Abhängigkeit und Einheit von Form und Inhalt deutlich wird.) Der unbestimmte Gegenstand, der erst in der essayistischen Behandlung als Gegenstand entsteht, durch ihn hervorgebracht wird und nähere Bestimmung erfährt, gestattet verschiedene Möglichkeiten der Darstellung, welche ihn in ihrer Form auch wieder anders zutage treten lassen. Mann kann vielleicht sagen, dass seine Wirklichkeit so lange nur potentiell, nur in der Schwebe ist, bis sie in Form möglicher Gestaltungen zum Dasein, zur Realität gebracht wird. Seine unbestimmt empfundene Realität bedarf des Durchgangs durch mögliche Gestaltungsformen um zu einer bestimmten Wirklichkeit zu gelangen. Es fällt hier eine gewisse Spannung auf zwischen der Forderung nach einem höchstmöglichen Mass an Sachtreue und Exaktheit einerseits und andererseits einer gewissen Unverbindlichkeit blossen Probierens, das durch den stets sich vollziehenden Perspektivenwechsel auch Widersprüche enthalten kann und darf und auch nicht ins letzte verantwortet werden muss.
Der Essay als Perspektive der Erkenntnis
Zwischen Wissenschaft und Dichtung lässt sich also aus dieser Sicht die essayistische Literatur verorten. Keineswegs wird jedoch dabei der Wissenschaft ein Erkenntnisprivileg zugesprochen. Denn es gibt Problemstellungen, Gebiete der Reflexion, in denen es nicht auf die Konstatierung von Tatsachen ankommt, sondern in denen eine sich dem individuellen Objekt anschmiegende, zugleich formgebende Gestaltung ankommt, in denen weniger die Wahrheit als die lebendige Wirkung der gestalteten Erkenntnis gefragt ist. Die Zwischenstellung des Essays verhindert einen eindeutigen Begriff. Er kann alle Grade der Abstufungen vom fast Wissenschaftlichen bis hin zu Ahnung und Willkür umfassen. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass die Weltstruktur selbst verschiedene Betrachtungsweisen erfordert, und diese schliesst die Möglichkeit einer fruchtbaren und sich ergänzenden Komplementarität der Erkenntnisformen ein. Das blosse Nebeneinander reicht dabei nicht. Nicht nur, dass der wissenschaftliche Verstand sich zuweilen völlig neue Bereiche erobert. Es ist vielmehr so, dass gerade die Erforschung des Nicht-Ratoiden der Rationalität bedarf und damit, soweit sie trägt, der begrifflichen, logisch-mathematischen und empirischen Wissenschaften – einer Rationalität jedoch, die genügend Elastizität und Trennschärfe besitzt zu erkennen, wann es nicht mehr darum geht, sich einen Gegenstand zu assimilieren, sondern sich ihm anzupassen. Zugleich ist zu vermerken, dass das Nicht-Ratoide keinen entrückten hermetisch-verschlossenen Bereich jenseits der Wissenschaften darstellt, sondern, wenn auch wenig beachtet, in diesem selbst zugegen ist: als Intuition oder in Form von Grundlagenproblemen wie in der Mathematik. Dies bedeutet jedoch auch anzuerkennen, dass es Aufgabenstellungen gibt, in denen weder Beobachtung und Experiment noch die über Erfahrungswerte hinweggehende Schematisierung mittels idealer Begriffe zu befriedigenden Lösungen führt. Ein Absolutheitsanspruch exakter Wissenschaften wird dadurch genau so zurückgewiesen wie die Dogmatisierung nicht-empirischer Erkenntnisquellen, wie der Metaphysik oder mystischer Intuition.
Das Paradox des Bösen
Und so spricht gerade auch der eingangs erwähnte Musil, mit dem dieser Versuch einer Verortung essayistischen Schreibens gestartet ist, im Zusammenhang mit dem Essay als eines spielerischen, teilweise unverantwortlichen Versuchs auch vom „Bösen“. Obwohl der Essay sich klar von den Wissenschaften (u.a. der Philosophie) zu distanzieren versucht, wohnt ihm durch seine nicht zu leugnende Verwandtschaft mit ihnen nicht minder eine gewisse Brutalität, ein Hang zum Bösen inne: Sowohl die Neigung, schonungslos auf die Wirklichkeit einwirken zu wollen als auch die indifferent-fatalistische Bereitschaft, Welt und Weltgeschichte als göttlich-teuflisches Spielfeld als Experimentierfeld des kritischen, artifiziellen Geistes zu betrachten, obwohl er die Wirklichkeit nicht mittels eines theoretischen Systems vergewaltigt, sondern mit den Mitteln der Kunst des Verstandes. Paradox formuliert muss man sagen: Von einer ernsthaften und konsequent vertretenen Position muss die Möglichkeit einer verantwortungslosen, dämonisch-zynischen Denk- und Lebenshaltung mit bedacht, mit verantwortet werden. Das bedeutet gleichsam, den Standpunkt, welcher in einem Essay zutage tritt, in Bewegung zu versetzen – in eine unabgeschlossene, prinzipiell unabschliessbare Reflexionsbewegung, in der er sich selbst als eine neben anderen Möglichkeiten hinterfragt und sich und alle anderen Möglichkeiten als dynamische, allumfassende Einheit umspannt. Insofern als er selbst in den Horizont wandelbarer Möglichkeiten, hypothetisch einzunehmender Einstellungen integriert ist, erlaubt dies keine Verfestigung zur Ideologie.
Das Spielfeld des Ludischen und des Rationalen
Letztlich bleibt er den unverantworteten und gleichzeitig unbeantwortbaren Fragen des Daseins überlassen, welchen sich der Essay widmet – ohne diese jemals ganz einfassen zu können. Mögliche Wirklichkeitsformen und zur Wirklichkeit gebrachte Möglichkeitsformen halten sich in ihm die Waage: bald auf die eine – dann wieder auf die andere Seite ausbrechend kann das Wissenschaftlich-Ratoide nie ganz vom mystischen Nicht-Ratoiden gesondert betrachtet werden. Die eine Ebene greift in die andere – geht unmerklich in sie über und schlägt gerade als Gleichnis verstanden (welches es schon im Begriff trägt, eine Gleichung herzustellen – die es ermöglicht Dinge zu begreifen und zu erfassen) um in seine pure Unfassbarkeit. Was das eine bedingt zur Betrachtung und Anschauung bringt, löst das andere auf in den sich stets neu differenzierten Licht- und Schattenspielen des Daseins. Eines bleibt dabei indessen zu bemerken: wo das Licht aufhört wirft gerade der Schatten ihm sein Negativ hin, umreisst und umschreibt es in einer nicht enden wollenden (und nebenbei bemerkt auch nie enden könnenden), beinahe schon ekstatisch zu nennenden ästhetisch sich entfaltenden Wahrnehmung des Seins. Der geistige rein rationale Sinn und die körperlichen Sinne geben sich hierbei die Impulse weiter und so kann von einer gegenseitigen Fruchtbar-Werdung des emotionalen Körpers im Geist und einer Manifestierung des Geistes im Körper (als dem Sitz der Gefühle) gesprochen werden. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Reiner Geist wäre nicht an Grenzen gebunden – unbedingt wie absolut frei und darum nichtig und ohne Grund noch Zentrum, wie der Körper ohne Geist als blosse Materie verstanden sich nicht hervorbringen würde – sondern in seinen endgültig gesetzten und gefestigten Grenzen absterben würde, da er sich nicht erneuern kann. So bleibt als Letztes diese Zusammenspiel von materialisiertem Geist und dem sich darin ästhetisch entfaltendem Gefühl, was den eigentlichen Nährboden für weiterführende Gedanken darstellt, als der archimedische Punkt erschlossen, mit dem sich die ganze rein rationale Wissenschaft aus den Angeln heben lässt und umschlagen muss zugunsten einer Dichtung der Intuition, die weiss, dass sie niemals mehr sein kann als ästhetische Erschliessung und ekstatische Wahrnehmung des Seins, die allein allererst Erkenntnis ermöglicht.