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Die UEFA will die Wiederwahl von FIFA-Präsident Sepp Blatter im nächsten Jahr verhindern. Das Unterfangen ist aussichtslos – zu virtuos spielt der Walliser auf der Klaviatur der Macht.
Die FIFA hat sich ihre Selbstbeweihräucherung etwas kosten lassen. Rund 25 Millionen Franken steckte sie in die Produktion des Spielfilms «United Passions» über die Geschichte des Weltfussballverbands. Gérard Depardieu spielt den ehemaligen FIFA-Präsidenten Jules Rimet, der britische Schauspieler Tim Roth verkörpert den heutigen Boss Sepp Blatter.
Roth ist ein leidlich bekannter Akteur, doch dem Blatterschen Ego hätte wohl eher ein Hochkaräter wie Tom Hanks entsprochen. Oder Jack Nicholson. Doch die hätten sich kaum für diesen Film zur Verfügung gestellt, der am Filmfestival von Cannes gezeigt und von der Kritik regelrecht zerfetzt wurde. «Ein Sportfilm, in dem die Funktionäre die Helden sind?» lästerte etwa der britische Comedian John Oliver in seiner deftigen Tirade gegen die FIFA.
Sepp Blatter wird diesen Flop überleben. Er hat schon viel überlebt, und vor allem viele. «Leichen pflastern seinen Weg», könnte man seine Karriere mit einem anderen Filmtitel umschreiben. Immer wieder gab es Versuche, den 78-jährigen Walliser zu stürzen, stets scheiterten sie. Nun will die UEFA, der europäische Fussballverband, seine Wiederwahl 2015 verhindern. Sie ist der mächtigste Kontinentalverband im Weltfussball, ihre Erfolgschancen sind dennoch minim.
Der Machtinstinkt von Joseph S. Blatter ist legendär. Geboren wurde er 1936 in Visp, damals hiess er Josef Blatter. Sein Vater war Werkmeister beim Chemiekonzern Lonza. Als Fussballer brachte es der junge Sepp bis Erstliganiveau, als Funktionär erklomm er die absolute Spitze. 1975 kam er zur FIFA, ab 1981 war er Generalsekretär, 1998 wurde er als Nachfolger der Brasilianers Joao Havelange zum Präsidenten gewählt.
Er siegte in einer Kampfwahl gegen den UEFA-Präsidenten Lennart Johansson. Schon bald gab es Gerüchte, Blatter habe mit Couverts voller Geld für Delegierte aus ärmeren Ländern nachgeholfen. Beweisen konnte man nie etwas. Ähnlich lief es bei späteren Affären:
Als Sepp Blatter sich 2002 zur Wiederwahl stellen wollte, liess der damalige Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen eine Bombe platzen: In einem Dossier warf er dem FIFA-Präsidenten Amtsmissbrauch und Korruption vor. Zen-Ruffinen, ehemaliger Schiedsrichter und ebenfalls Walliser, hatte als Blatters «Ziehsohn» gegolten. Dann aber lieferte er sich mit dem Boss einen Machtkampf, bei dem er den Kürzeren zog. Trotz der massiven Vorwürfe schaffte Blatter die Wiederwahl ohne Probleme. Die Zürcher Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen ihn mangels Beweisen ein, Michel Zen-Ruffinen musste seinen Job räumen.
2001 ging die Zuger Sportmarketingfirma International Sport and Leisure (ISL) Konkurs. Sie hatte für die FIFA die Fernsehrechte für die WM vermarktet. Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Zug ergaben, dass mehrere hohe FIFA-Funktionäre Bestechungsgelder von der ISL erhalten hatten, darunter der frühere Präsident Havelange. Gerichtsdokumente zeigten, dass Blatter von den Zahlungen wusste.
2011 bewarb sich Blatter für eine vierte Amtszeit. Darauf platzte dem FIFA-Exekutivmitglied Mohammed bin Hammam der Kragen. Der Katarer war lange einer von Blatters wichtigsten Gefolgsleuten und Stimmenlieferanten gewesen, er machte sich Hoffnungen auf seine Nachfolge. Als der Schweizer nicht weichen wollte, trat er gegen ihn an und erhob erneut Bestechungsvorwürfe. Diese fielen am Ende auf bin Hammam zurück. Er soll versucht haben, Stimmen von karibischen Delegierten zu kaufen. Blatter wurde wiedergewählt, Mohammed bin Hammam auf Lebenszeit gesperrt.
Mohammed bin Hammam steht auch im Zentrum eines Skandals um die umstrittene Vergabe der WM 2022 an den Wüstenstaat Katar. Die «Sunday Times» wirft ihm Bestechung im grossen Stil vor. Noch sind die Konsequenzen der Affäre nicht absehbar. Ein von der FIFA selbst in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht wird erst nach der WM in Brasilien veröffentlicht. Absehbar ist, dass Sepp Blatter einmal mehr ungeschoren davon kommt. Er war ein bekennender Gegner der Bewerbung von Katar und wollte die WM 2022 an die USA vergeben.
Die Liste der Blatter-Gegner, die auf der Strecke blieben, ist damit nicht vollständig. Zu erwähnen wäre etwa Jack Warner, der Ex-Präsident des Kontinentalverbands von Nord- und Mittelamerika (CONCACAF). Er hatte sich 2011 mit Mohammed Bin Hammam verbündet und musste danach von seinem Amt zurücktreten. Oder der ehemalige FIFA-Funktionär Jérôme Champagne, der 2010 in Ungnade gefallen war. Er hat bislang als einziger seine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2015 angekündigt. Echte Chancen gegen Blatter hat er kaum.
Hinter dem jovialen Auftreten des Wallisers steckt ein knallharter Machtmensch. Je mehr er in Bedrängnis gerät, umso stärker ist er. Als begnadeter Überlebenskünstler weiss er, wie er mit seinen gestürzten Feinden umgehen muss. Wer Interna ausplaudern könnte, wird mit einer hohen Abfindung ruhig gestellt. Andere würden sich selber schaden und halten deshalb den Mund.
Aus diesem Grund sind alle Versuche von Journalisten gescheitert, Belastungsmaterial gegen Blatter zu finden. Angriffspunkte gäbe es, etwa die notorische Intransparenz der FIFA, die als Verein nach schweizerischem Recht organisiert, unter Blatters Führung aber zu einem Milliardenkonzern angewachsen ist. Oder zu seinem Einkommen als Präsident der Non-Profit-Organisation FIFA. Er selber bezifferte es 2007 auf eine Million US-Dollar. Inzwischen dürfte es deutlich mehr sein. Laut dem Finanzbericht 2013 schüttete die FIFA mehr als 36 Millionen Dollar an ihre Führungsriege aus.
Wichtiger als das Geld, das er verdient, ist Sepp Blatter aber jenes Geld, das er verteilen kann. Jährlich werden im Rahmen des FIFA-Entwicklungsprogramms Goal Millionen vor allem an ärmere Länder ausgeschüttet. Das sichert Loyalitäten. Als Blatter vor Beginn des FIFA-Kongresses in Sao Paulo eine Rede vor den Delegierten des afrikanischen Kontinentalverbands hielt, wurde er mit einer Standing Ovation bejubelt. Auch grosse Teile Asiens und Lateinamerikas hat er auf seiner Seite – die Europäer können dagegen wenig ausrichten.
Fürchten muss der Präsident höchstens Gegenwind der Sponsoren und der grossen Fernsehsender. Sie finanzieren den Fussballweltverband und ermöglichen die Wohltaten, mit denen Sepp Blatter auftrumpft. Und doch ist auch diese Gefahr überschaubar. Zu attraktiv ist das Produkt Fussball. Für jeden Sponsor, der abspringt, stünde schnell Ersatz bereit. Falls nicht plötzlich eine unentdeckte Leiche auftaucht, kann Blatter seiner Wiederwahl in aller Ruhe entgegen sehen. Nach Ablauf einer weiteren Amtszeit wäre er 83 Jahre alt. Man sollte trotzdem nicht darauf wetten, dass der Strippenzieher aus Visp dann genug haben wird.