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Auszüge aus einer Kolumne von Mark Amerika zum Playgiarismus im Netz, 22.7.1999
In der Einführung seines einflussreichen Essays "Critifiction: Imagination as Plagiarism" schreibt der Autor und Kritiker Raymond Federman: "Wir sind von Diskursen umgeben: historischen, sozialen, politischen, ökonomischen, medizinischen, juristischen und selbstverständlich literarischen." In der Folge macht er zwei Vorschläge. Zum einen meint er, dass wir die Vorstellungskraft als essentielles Mittel benutzen sollten, um zur Formulierung neuer Diskurse zu gelangen. Und zum anderen verweist er darauf, dass Praktiken des Plagiarismus mit dem kreativen Prozess zutiefst verbunden sind, da das Schaffen eines Diskurses immer aus dem Zusammenbringen von Elementen anderer Diskurse besteht.
Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich einmal mit der Schriftstellerin Kathy Acker führte. Wir waren gemeinsam Studiogäste in einer Radiosendung in Boulder, Colorado, und der Moderator fragte sie, woher ihre "innere Stimme" als Autorin käme. Acker antwortete, "welche Stimme? es gibt keine innere Stimme in meiner Arbeit, ich klaue einfach Scheisse zusammen".
Selbstverständlich macht sie viel mehr, als einfach "Scheisse zusammen zu klauen". Doch Acker, ebenso wie Federman und viele Künstler vor ihnen, seien es Lautreamont, Apollinaire, die Kubisten, Dadaisten nahmen alle an dem teil, was ich die anti-ästhetische Praxis von "surf-sample-manipulate" bezeichne, d.h. "surfe im Netz, sammle Daten und manipuliere sie so, dass sie in deine eigene künstlerische Umgebung passen".
Wenn "surf-sample-manipulate" auf die postmaterielle digitale Welt der Instant-Komposition und -Zustellung via Internet angewandt wird, funktioniert diese Praxis auf zwei Ebenen. Zum einen auf der Ebene des Inhalts, seien es Text, Grafiken, Bilder oder Töne, die oft und gerne von anderen Sites irgendwo im Netz kopiert und dann manipuliert werden, so dass sie in die eigene Arbeit integriert werden können und wieder eine "originäre" Konstruktion ergeben; zum anderen auf der Ebene des Quelltextes, also HTML-Seitenbeschreibungssprache, die der Browser-Software sagt, wie sie die Seiten aufzubauen hat. Das Tolle am Netz ist, dass man alles, was man sieht und was einem gefällt, sofort (oft das ganze Dokument) herunterladen und entsprechend den eigenen anti-ästhetischen Bedürfnissen manipulieren kann.
Das im Auge behaltend, kann das Web selbst nun als eine offene Plattform gesehen werden, deren symbolischer Raum für alle Arten von Manipulationen bereitsteht, die den zeitgenössischen Künstlern dienen, unsere traditionellen Beziehungen zu dem einen Diskurs zu durchbrechen, der unser Leben am meisten beherrscht, dem der Medien.
Das, was ich hier beschreibe, ist klarerweise das digitale Äquivalent zur Kunst der Collage. Federmans eigene Collage-Arbeiten, die er "Pla[y]giarism" nennt (die Hinzufügung des Buchstabens y signalisiert seinen Wunsch, den kreativen Vorgang in eine spielerische Richtung zu lenken), ist nur eine der neuesten Formen der Ausbreitung dieser Art von Aktivitäten, eine, die mit der Techno-Musik-Szene zu explodieren begann, die aber im Netz noch mehr Potential hat.
Diese Technik wurde zuerst als radikale formale Strategie in der Malerei von den Kubisten benutzt. Mit der Zeit kamen diese Ideen, die eine allgemeine Verlagerung der Thematik der Kunst des 20.Jahrhunderts weg von der "Natur" hin zur Konzentration auf die materielle Kultur selbst markieren, in den Nach-Pollack-Arbeiten von Künstlern wie Robert Rauschenberg zur vollen Blüte, dessen "Kombinationen" uns in ein Niemandsland der Kategorien führten, einen Ort des onthologischen Chaos und der Überlagerung der Bildwelten der Popkultur und der Markennamen mit den fetischisierten Kunstwerken, woraus die Pop Art entstand.
Doch alle guten Werkzeuge und formalen Innovationen laufen Gefahr, ihr befreiendes Potential zu verlieren, indem sie von den kulturellen Ebbe- und Flutbewegungen absorbiert werden, die darauf insistieren, dass sich immer neue konsumentenfreundliche Produktionsmethoden ausbreiten. Die Kunst der Collage, die ihren Höhepunkt in der postmodernen Ära erreichte, muss sich deshalb wieder nach alternativen Räumen umsehen, denen sie die radikalen Rekombinationen ihrer anti-ästhetischen Umtriebe zur Geltung bringen kann.
Der offensichtlichste Ort für diese Ortsverlagerung ist der Cyberspace, diese gepixelte Welt, in der das Material, das hin zu neuen Formen potentieller Bedeutungen rekontextualisiert wird, in vielerlei Hinsicht "immateriell" ist. Während die Benutzung von Müllkippeninventar aus den postmodernen Ruinen des Alltagslebens schon beinahe zum Gemeinplatz in der Garagen-Abverkaufs-Poesie des zeitgenössischen Kunstlebens geworden ist, eröffnet unsere neu gefundene Fähigkeit, so weite Bereiche unseres zeitgenössischen Kulturlebens in leicht manipulierbaren Binärcode zu übersetzen, ein bislang unbekanntes Territorium, aus dem heraus neue Kontextbeziehungen künstlerischen Ausdrucks erzeugt werden können, die, wenn es geht, para-mediale Konstrukte schaffen, welche die banalen Produktionswerte attackieren, die der Mainstream-Kultur inhärent sind.
"Der Dritte Weltkrieg wird ein Guerrilla-Informationskrieg sein, in dem es keinen Unterschied zwischen militärischer und ziviler Teilnahme geben wird.” Marshall McLuhan
McLuhan wusste vielleicht gar nicht, wie recht er haben würde. Wenn man bedenkt, wie schnell das Internet von einem militärischen Netzwerk-Protokoll zu einer Anwendung für Konsumenten wurde, dann ist es eine grossartige Sache zu beobachten, wie die "playgiaristische" Praxis von Avant-Pop sich zu allgemeinem Nutzen über den gesamten Cyberspace ausbreitet.
Vorherige Version von Amerika On-Line Nr.3
Mark Amerika 22.07.1997. Der ganze Essay wurde von Armin Medosch übersetzt und ist auf www.heise.de/tp/deutsch/kolumnen/ame/3097/1.html erschienen. Auf Englisch kann es auf
www.heise.de/tp/english/kolumnen/ame/3098/1.html nachgelesen werden (Amerika On-Line Nr. 4).