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Am letzten Samstag stieg Jason Subik in Johnstown im Hinterland von New York in sein Auto. 1292 Kilometer und 14 Stunden später kam er an in Charlotte, North Carolina. Subik ist freischaffender Journalist, der mit seinen Artikeln zum Parteitag der US-Demokraten insgesamt 300 Dollar verdient – für die Unterkunft zahlt er 400 Dollar; Spesen bekommt er keine. Dennoch reist er an den Wahlkonvent, «weil es ein historisches Happening ist», sagt der 33-jährige Rotschopf.
MEDIENWOCHE: Für die Berichterstattung vom Parteitag der Demokraten legst du drauf. Weshalb machst du das?
Jason Subik: Es geht hier um etwas Grösseres: Big Change. Dieser Wahlkonvent ist ein historisches Happening.
Obamas Wahl 2008 war doch das grosse Ereignis.
Klar, der erste schwarze Präsident der USA wurde gewählt. Eine Wiederwahl aber macht ihn erst unsterblich. Amerika entscheidet, in welche Richtung es gehen wird. Die Leute werden für immer darüber reden. Und ich war hier und habe als Journalist den Leuten zuhause davon berichtet.
Wofür du selbst in die Tasche langen musst.
Ich schreibe für «The Ithaca Times» zwei Artikel und für «The Troy Record» einen Artikel. Ich kriege 100 Dollar pro Text und bezahle 400 Dollar für ein Zimmer ausserhalb von Charlotte.
Jason Subik fand über die Website Airbnb.com ein Zimmer etwas ausserhalb von Charlotte. Für die vier Nächte bezahlt er insgesamt 400 Dollar. Seine Gastgeberin Sally ist eine 63-jährige weisse Amerikanerin, die in einem ebenerdigem Haus lebt zusammen mit ihrem Nymphensittich Crizma, dem Hund Trouser und den drei Katzen Steven, Dori und Emma.
Kriegst du Spesen?
Nein. Ich kam her, weil ich meinen Beruf ernst nehme. Viele Regionalmedien haben vergessen, worum es geht.
Worum geht es denn im Journalismus?
Der Journalist muss für die Menschen aufstehen, die es selbst nicht können, er muss sich gegen die Mächtigen auflehnen. Und er muss an Orte reisen, an die nicht alle gelangen. Wie ich dieser Tage. Von Upstate New York ist kein anderer Journalist hier, denn die Zeitungen schicken keine Leute her.
Weil sie nur Regionaljournalismus machen.
Das ist eine Definitionsfrage. Muss Regionaljournalismus banal sein und sich auf die lokalen News beschränken? Oder kann der Regionaljournalist darauf aufmerksam machen, was ein nationaler Anlass für die Region bedeutet? Es geht doch um ‚the bigger picture’, um Kontext, Komplexität und Konsequenzen. Aber die Regionalmedien werden immer mehr ‘people-ish’.
Was bedeutet «people-ish»?
Vor ein paar Jahren arbeitete ich als Reporter bei «The Daily Gazette» in Schenectady in New York. Damals kandidierten Andrew Cuomo und Rick Lazio für das Amt des New Yorker Gouverneurs. Sie stammten beide aus unserer Region. Die Chefredakteurin wollte eine Geschichte darüber machen, wie oft Cuomo und Lazio in der Region joggen gehen. Das ist people-ish und fluffy (flockig, flauschig).
2011 wurde Jason Subiks Onkel von einem Bienenschwarm totgestochen. Die Familie wurde von den Medien belagert. Ihn störte das nicht und er ermutigte seine Cousins, die Söhne des Opfers, den Journalisten die Geschichte zu schildern. Er ist überzeugt: Sogenannte «obit stories» (obituary, dt. Nachruf) sind wichtig für Menschen, um Tragödie und Leid zu verstehen. Betroffene sollen die Geschichten stets selber erzählen, damit Fehler und Gerüchte vermieden werden. Als Jason Subik angestellt war bei «The Daily Gazette» und beim «Leader Herald», war er der Mann für sogenannte «obit stories».
Wie viel hast du als festangestellter Journalist verdient?
31’000 Dollar Brutto pro Jahr, was circa 1600 Dollar monatlich sind.
Und heute als freier Journalist?
Wenn ich mich ins Zeug lege, kriege ich die 1600 Dollar monatlich hin. Mehr als das habe ich aber noch nie verdient – nicht als Freischaffender, nicht als Angestellter.
Nach dem Studium in Printjournalismus am Ithaca College arbeitete Jason Subik zwei Jahre in Albany beim TV-Sender WTEN, der zu ABC (American Broadcasting Company) gehört. Dann wechselte er in die Redaktion der «Daily Gazette» und wurde zweimal befördert. 2011 wurde er grundlos entlassen. Er ist davon überzeugt, dass er durch eine Recherche zu viel «Dreck im System» entdeckt hatte. Er fand Beweise dafür, dass die Schulbehörden «schmutziges Geld» besässen. Die Geschichte wurde nie publiziert.
Was sind deine Ziele?
Ich möchte den Master in Englisch und Literatur absolvieren und den Lokaljournalismus verlassen, um über grössere Kontexte zu schreiben. Ich denke, Bücher sind das perfekte Medium dafür.
Belletristik oder Sachliteratur?
Ich bin davon überzeugt, dass man in der Belletristik eher die Wahrheit erzählen kann als in Sachbüchern. In der Sachliteratur müssen wie im Journalismus immer alle Quellen offengelegt werden, alles muss logisch sein. Aber die Wahrheit ist manchmal unlogisch und darum haben viele Geschichten keinen Platz in Zeitungen, obwohl sie erzählt werden sollten.
Worüber möchtest du die Wahrheit erzählen?
Über die Menschen, unaufgeklärte Morde und politische Korruption.