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Sturmspitzen aus der Munitionsfabrik
Frauenfussball war lange Zeit kein Gesprächsthema in der Öffentlichkeit und in den Medien inexistent. Mittlerweile hat dieser Sport an Popularität gewonnen, gerade auch in der Schweiz, wo das Nationalteam zunehmend erfolgreich spielt. Wenn ab diesem Sonntag die Fussball-EM der Frauen in den Niederlanden stattfindet, werden Zehntausende Fans die Partien verfolgen, die deutschen Sender ARD und ZDF jedes Spiel live übertragen.
Eine weiterer Schritt der Emanzipation – so wird man als Erstes meinen. Doch dass Frauen kicken und dabei viel Beachtung finden, ist kein neues Phänomen. Bereits vor hundert Jahren spielten weibliche Teams in Grossbritannien vor Zehntausenden. Bis die Männer die Frauen für lange Jahrzehnte vom Rasen verdrängten.
«Eine ordentliche Idee vom Spiel»
Im Mutterland des Fussballs fanden die ersten organisierten Matches von Frauen Ende des 19. Jahrhunderts statt, als erstes Länderspiel ging das Inselderby zwischen Schottland und England in die Geschichte ein, ausgetragen 1881 in Edinburgh. Bereits damals reagierten die Männer mit einer gewissen Hochnäsigkeit, der «Glasgow Herald» widmete rund ein Drittel seines Matchberichts den Dresses – und befand dann: «Die Auseinandersetzung war, aus Sicht eines Spielers betrachtet, ein Fehlschlag, aber einzelne Teammitglieder bewiesen, dass sie eine ordentliche Idee vom Spiel hatten.»
Wirklich populär wurde der Frauenfussball in Grossbritannien erst während des Ersten Weltkriegs. Nachdem die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden war, übernahmen die Frauen zunehmend Tätigkeiten, die zuvor Männern vorbehalten waren. Zahlreiche Arbeiterinnen waren in Munitionsfabriken tätig. Diese sogenannten Munitionettes bildeten verschiedene Fussballteams, die gegeneinander antraten. Da der reguläre Meisterschaftsbetrieb der Männer wegen des Kriegs eingestellt worden war, sprangen die Frauen in die Bresche. Ursprünglich als exotisches Spektakel abgetan, entwickelte sich der Frauenfussball zu einem ernst zu nehmenden Sport mit Zehntausenden von Zuschauern.
Auch als der Krieg vorbei war, die Soldaten wieder nach Hause strömten und der Spielbetrieb der Männer wieder aufgenommen wurde, blieb der Frauenfussball populär. Das erste internationale Spiel lockte 1920 in Paris rund 25’000 Menschen an: Der Match zwischen Frankreich und England endete 0:2, wobei das englische Nationalteam integral repräsentiert wurde durch den Dick Kerr Ladies F.C., eine im Krieg entstandene Werkself aus Lancashire. Die Dick-Kerr-Ladies wurden zu einer landesweiten Attraktion und stellten ihren Rekord auf, als sie 1920 in Liverpool die St. Helen’s Ladies vor 53’000 Zuschauern versenkten.
Die weisse Pelé
Das Genick brach dem zunehmend populären Sport eine Intervention des (Männer-)Verbandes FA. 1921, also kurz nach dem Triumph von Liverpool, verbot die FA ihren Mitgliedern, sich als Coach oder Schiedsrichter bei den Frauen zu betätigen und ihnen Spielfelder zur Verfügung zu stellen. Begründet wurde dies mit – nicht belegten – finanziellen Unregelmässigkeiten bei Frauenmatches. Der zuständige Ausschuss der Football Association, so die Begründung weiter, «fühlte sich auch gedrängt, die starke Meinung zu äussern, dass das Fussballspiel für Frauen ziemlich unpassend ist und nicht ermutigt werden sollte» («Council felt impelled to express the strong opinion that the game of football is quite unsuitable for females and should not be encouraged»).
Aufgehoben wurde dieses Verbot erst 1970; ein halbes Jahrhundert nach einer ersten Blütezeit musste sich der Frauenfussball wieder neu erfinden. Nach ersten unabhängigen Versuchen öffnete sich die Uefa 1971 für den Frauenfussball, in der Schweiz wurde 1969 eine inoffizielle Meisterschaft gespielt und ein Jahr später die Damen-Fussball-Liga gegründet.
Ein paar Jahre zuvor zeigte der Verband noch kein Verständnis für Fussballerinnen, wie der Fall von Madeleine Boll beweist: Die Walliserin spielte als Juniorin zusammen mit Knaben in einem Club und war somit die erste lizenzierte Fussballerin der Welt. Dem Verband war dies jedoch nicht bewusst, er ging wie selbstverständlich davon aus, dass es sich bei Boll um einen Jungen handeln müsse. Als die talentierte 12-Jährige 1965 mit ihrem Team zu einem Vorspiel des Europacup-Matches Sion – Galatasaray Istanbul antrat, sorgte das international für Furore. Obwohl Boll für ihre Fähigkeiten gelobt und als weisse Pelé bezeichnet wurde, entzog man ihr die Lizenz.
Bescheidene Aufmerksamkeit
Dass Frauen sich nicht mit Männern messen sollten, war auch die Meinung der Organisatoren des Boston Marathon 1967. Als der Rennleiter bemerkte, dass sich hinter dem Läufer K. Switzer kein Kevin, sondern eine Katherine verbarg, wollte er die Sportlerin aus dem Rennen nehmen. Ihr Freund, ein Hammerwerfer, wusste das zu verhindern. Diesen Frühling wurde die Pionierin zum 50. Jubiläum geehrt. Das grösste Geschenk machte sich die 70-Jährige mit einer tollen Zeit gleich selbst, nur gerade 16 Minuten länger dauerte ihr Lauf als derjenige vor 50 Jahren.
Die Akzeptanz des Frauensports hat sich in der Zwischenzeit stark verbessert. Disziplinen, die Frauen vorenthalten werden, gibt es kaum mehr. Was Verdienst und Aufmerksamkeit angeht, hinken die Sportlerinnen ihren männlichen Kollegen jedoch immer noch hinterher. Während gut 10’000 Personen der Nationalspielerin Ramona Bachmann auf Facebook folgen, sind es bei Kollege Xherdan Shaqiri knapp zwei Millionen.
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