Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/1623

Kultur
Angelo Soliman: Schwarz in Wien
Ein "Wiener Gschichterl"? Das sollte die von Wolfgang Kos konzipierte Ausstellung über Angelo Soliman (1721-1796), dem prominentesten Afrikaner Wiens, keinesfalls werden, so schreibt der Museumsdirektor in seiner Einleitung zu Philipp Bloms im Wiener Christian Brandstätter Verlag erschienen Publikation "Angelo Soliman - Ein Afrikaner in Wien" jedenfalls. "Wichtig war uns, Solimans Weg nicht nur als eng geführtes Einzelschicksal zu vermitteln, sondern im Spiegel der sozialen und kulturellen Verhältnisse. [...] Solche Diskurse gelten dem Sklavenhandel ebneso wie den vorgeprägten Rollenmustern - Diener, Soldat, Stadtführer etc. -, aber auch den ca. 200 anderen Menschen aus Afrika, die in der multikulturellen Weltstadt Wien lebten."
Kaffee und Schokolade
Natürlich merkt man hier auch den Einfluß des Zeitgeistes des 21. Jahrhunderts, der bemüht ist, internationalistische - globalisierende - Tendenzen auch schon in früheren Epochen der Geschichte auszumachen. Wie multikulturell das Wien des 18. Jahrhunderts oder früher Jahrhunderter allerdings wirklich war, sei dahingestellt. Zumindest hätten 1683, also im 17. Jahrhundert die Osmanen Wien ja fast erobert und diese hätten nicht nur den Kaffee, sondern auch die Sklavenhalterei nach Mitteleuropa gebracht. Die Ausstellung selbst versucht jedenfalls den Eindruck zu vermitteln, das die heutigen Türken die schwarzen Sklaven in Wien in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen eingeführt hätten und es - nach Abwehr der osmanischen Gefahr - quasi "chic" oder besser: schick wurde, den ehemaligen Erzfeind in seinen Manieren und Gebräuchen zu imitieren. Also mit anderen Worten: nicht abwarten und Tee trinken, sondern schwarze Sklaven haben und dazu schwarzen Kaffee schlürfen.
Nur ein "Wiener Gschichterl"?
In vorliegender Publikation, quasi dem Katalog zur Ausstellung im Wien Museum, machen sich renommierte Historiker und Wissenschaftler wie etwa Walter Sauer, Rüdiger Wolf, Darryl Pickney, Anthony Appiah, u.a. auf die Suche nach Angelo Soliman als Person und als Mensch im kulturellen Kontext seiner Zeit, und behandeln dabei Themen von Sklavenhandel über die aristokratische Mode der Kaffeemohren, die moralische Wende Aufklärung bis zu kulturellen und rassistischen Stereotypen. Der "fürstliche Hofmohr" wird so nicht nur Teil der Wiener Stadtmythologie, sondern auch zu einem Mahnmal gegen den Rassismus, da er nach seinem Tode ausgestopft und im kaiserlichen Naturalienkabinett (dem Vorläufer des heutigen Naturhistorischen Museusms) öffentlich zur Schau gestellt wurde. Der gebildete und zivilsierte Angelo Soliman wurde als halbnackter Wilder mit Federn und Muschelkette präsentiert, ganz so wie ein Afrikaner in der Vorstellungswelt der damaligen sogenannten "gebildeten" Europäers eben zu sein hatte, dabei ist seine bloße Existenz und sein Werdegang der genaue Beweis des puren Gegenteils, dass man es nämlich trotz der widrigen Umstände und einer rassistischen Umwelt zu etwas bringen konnte, zumindest am Hofe des aufgeklärten Kaisers Joseph II. und eben leider nur als singulärer Fall. But one makes a big difference...
Der schwarze Logenbruder Mozarts
Schon im zarten Kindesalter war Soliman als Sklave nach Sizilien verkauft worden und kam bald als Diener, Soldat und enger Vertrauter im Dienste Feldmarschalls Lobkowitz nach Wien. Er lebte dann ab ca. 1754 am Hofstaat des Fürsten Liechtenstein und wurde dort Kammerdiener und Erzieher der Fürstenkinder. Soliman heiratete sogar und wurde später zum Logenbruder von Mozart. Dem erfolgreichen Aufsteiger und Migranten wird im Wien Museum am Wiener Karlsplatz noch bis 29.1.2012 eine eigene Ausstellung gewidmet, da er wie kein anderer die nichteuropäische Zuwanderung im 18. Jahrhundert repräsentiert.
Eine Ausstellung über den Wiener Angelo Soliman
Emanzipation einerseits und Zwangsassimilierung andererseits sind die Kehrseiten derselben Medaille, die einem Afrikaner im Wien dieser Zeit das Leben nicht nur erschwerten, sondern fast verunmöglichten. Die Festschreibung von Stereotypen wurde bis ins 21. Jahrhundert fortgesetzt, denn die Ausstellung zeigt auch aktuelle Bezüge und Rassismen, mit denen Afrikaner im heutigen Wien leben müssen. Die Lebensrealität von Menschen aus Afrika heute war auch das Zentrum von Betrachtungen einer begleitenden Diskussionsveranstaltung. Ein Konzert mit afrikanischer Musik sowie Gespräche mit in Wien lebenden Afrikanern aus Burkina Faso, Kamerun und Nigeria stehen am 29. Januar 2012 im Wien Museum auf dem Programm, ebenso eine Führung durch die Ausstellung mit einem der Kuratoren, Philipp Blom (der auch Herausgeber vorliegender Publikation ist), oder mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow.