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Aus einem Lautsprecher an der Decke erklingt mazedonische Popmusik. Um einen grossen rechteckigen Tisch stehen zwei Frauen und hantieren mit granatapfelrotem Stoff. Sie ziehen ein Tuch von der Rolle und legen Lage auf Lage. Kleine Nadeln, die aus dem Tisch ragen, fixieren die einzelnen Schichten. «Es darf nichts verrutschen; die feinen orangen Streifen im Stoff müssen exakt aufeinanderliegen, damit das Linienmuster auf den T-Shirts stimmt», sagt Zoran Aleksovski.
Er ist der Gründer des Textilbetriebs Viemi im nordmazedonischen Ohrid. Gemeinsam mit seiner Frau Zorka, seinen Kindern und 210 Angestellten produziert er hier Arbeitsbekleidung, auch für die Migros. Die Hemden und T-Shirts, die das Personal in den Supermärkten, bei Do it + Garden oder Migrolino trägt – sie alle werden bei Viemi zugeschnitten und genäht. «Wir haben schon über eine Million Teile für die Migros produziert und 350 Kilometer Stoff verarbeitet», sagt der Firmenchef.
Unternehmen im Wachstum
Familie Aleksovski hat Viemi um die Jahrtausendwende gegründet und bald darauf begonnen, Berufsbekleidung im Auftrag der Schweizer Firma Workfashion herzustellen. Workfashion beschafft den Stoff, lässt die Kleidung bei Viemi zuschneiden und nähen und beliefert anschliessend die Kunden. Die Partnerschaft hat sich bewährt. Umsatzzahlen will man zwar nicht nennen, aber die Anzahl der Beschäftigten spricht für sich: Sie hat sich seit der Gründung verzehnfacht. Frauen bilden die Mehrheit; sie nähen, bügeln und bedienen Schnittmaschinen.
Eine von ihnen ist Biljana Jankulovska (53). Sie arbeitet seit acht Jahren bei Viemi und näht Hemdenteile an einer von 40 Stationen der neuen Automatisierungsanlage. Über eine u-förmige Schiene an der Decke werden die Stoffstücke an Kleiderbügeln von Station zu Station transportiert. Hängenäherei nennt man das System im Fachjargon.
Neben Biljanas Station führt ein Schienenarm die Bügel von der Decke hinunter. Ohne den Stoff vom Bügel zu nehmen, näht sie die Hemdenleiste an das Vorderteil, schneidet den Faden ab, drückt auf einen Knopf, und schon fährt der Bügel den Lift hoch, zurück zur U-Schiene und zur nächsten Station. «Mit diesem System sind wir flexibel und können in unserem eigenen Tempo arbeiten», sagt sie. Per Knopfdruck kann sie die Stoffzufuhr unterbrechen oder technische Probleme melden.
Brunch auf Firmenkosten
Biljana Jankulovska und ihre Kolleginnen arbeiten von 7 bis 15 Uhr, um 10 Uhr ist Pause. In der Kantine der Näherei wird ein Brunch offeriert – auf Firmenkosten. Die Kaffeepause um 13 Uhr findet im Schatten der Bäume vor den Produktionsräumen statt. Die Nettoarbeitszeit beträgt 7,25 Stunden, bezahlt sind 8 Stunden. «Die Näherinnen sind fest angestellt und erhalten einen Monatslohn», sagt Firmenchef Zoran Aleksovski.
Die meisten haben keine Ausbildung im Nähen; je nach Fähigkeiten verdienen sie zwischen 300 und 400 Euro im Monat. Das liegt über dem staatlich festgesetzten Mindestlohn für die Textilindustrie, der 215 Euro beträgt. Zum Vergleich: Eine Mahlzeit in einem preiswerten Restaurant in Ohrid kostet um die drei Euro, eine Vierzimmerwohnung ausserhalb des Stadtzentrums um die 125 Euro.
«Wir wollen ein fairer Arbeitgeber sein», sagt Aleksovski. Nicht nur, weil die Partnerfirma Workfashion darauf achte, sondern auch, weil es für die Rekrutierung wichtig sei, zumal in der Touristenstadt Ohrid auch Hotels und Restaurants um Angestellte buhlen. Jüngst hat Viemi eine Personalkommission aus unabhängigen Vertreterinnen gebildet, die sich alle vier Wochen trifft, um die Anliegen der Angestellten zu diskutieren und der Geschäftsleitung mitzuteilen. Die Firma will demnächst auch eine eigene Kindertagesstätte einrichten, um jungen Müttern nach dem Mutterschaftsurlaub die Rückkehr in den Job zu erleichtern. Die Kita soll bis zu 40 Kindern Platz bieten.
Bei solchen Projekten entscheiden nach und nach auch Aleksovskis Kinder mit. Emilia (27) ist Textilwissenschaftlerin, Viktor (30) Betriebswirtschafter; beide sind bereits für die Nähplanung und die Produktion zuständig. «Wir haben einen grossen Teil unserer Kindheit im Betrieb verbracht und kennen viele Mitarbeiterinnen schon seit vielen Jahren», so Viktor. Die Geschwister setzen auf Modernisierung und neue Technologien. Die jüngste Anschaffung steht noch verpackt im Vorraum der Produktion: eine Fliesspresse zur Verstärkung von Hemdkragen und -manschetten.
Seit Kurzem ist auch eine Bügelmaschine im Einsatz, die im Höchsttempo Säume vorfaltet. Die wichtigste Investition ist indes die Hängenäherei mit dem Kleiderbügeltransport an der Decke. «Damit konnten wir die Produktivität und Qualität markant steigern», sagt Juniorchefin Emilia. Das System melde Fehler in Echtzeit, und die 40 Nähstationen seien flexibel einsetzbar. So arbeitet Näherin Biljana Jankulovska jeweils an unterschiedlichen Nähstationen. «Wo genau, ist unwichtig, am liebsten verarbeite ich den roten Migros-Stoff.»
Um die fertigen T-Shirts im «Einsatz» zu sehen, hat sie während eines Verwandtenbesuchs extra einen Abstecher in eine Migros-Filiale in Bern gemacht und Fotos 01geschossen. Ihr Fazit: «Die T-Shirts sehen sehr gut aus.»