Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/1597

Wer das Spiel eines Streichinstrumentes erlernt, wird sich in der Regel nicht sofort ein eigenes Instrument kaufen, da so ein Instrument immer zum Musiker und seinem Ausbildungsstand passen muss. Geigenbauer bieten daher, ebenso wie Musikschulen, häufig Leihinstrumente für Anfänger an. Hier lohnt es, sich fachkundig beraten zu lassen, ebenso wie beim Kauf.
Um mehr darüber zu erfahren haben wir mit Michael Stürzenhofecker gesprochen, Geigenbauer in Stans. 1963 in Redwitz in Deutschland geboren, machte er dort sein Abitur in Latein und Griechisch, leistete Zivildienst und absolvierte dann die Lehre als Geigenbauer an der Staatlichen Fachschule für Geigenbau in Mittenwald, die er mit der Gesellenprüfung erfolgreich abschloss.
Anschliessend war er zwei Jahre in der Werkstatt von Hieronymus Köstler in Stuttgart angestellt und im Bereich der Reparatur und Restaurierung von Streichinstrumenten tätig, sowie im Neubau von Kopien nach alten italienischen Meisterinstrumenten. Von Stuttgart aus führte ihn sein Interesse am Bogenbau nach Cremona, wo er bei Emilio Slaviero und Giovanni Lucchi die Ausbildung zum Bogenbauer erfolgreich absolvierte.
1988 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnete in der Nähe von Florenz seine erste eigene Werkstatt, wo er sich auf die Herstellung neuer Instrumente spezialisierte, zuerst auch Kopien historischer Instrumente. 1997 zog er dann mit seiner Familie in die Schweiz, zuerst nach Cully und 2017 nach Stans. Auch in der Schweiz baut er hauptsächlich neue Instrumente, Violine , Viola und Violoncello, wobei er inzwischen auch eigene Modelle entwirft und baut, mit denen er auch sehr erfolgreich an Wettbewerben teilnimmt.
Eine Geige zu bauen ist im Grunde eine einfache Tätigkeit , welche mit wenig Material, wenig Werkzeug und, je nach dem angestrebten Ergebnis, auch mit wenig Erfahrung angegangen werden kann.
Das zeigt sich auch in der Geschichte des Instrumentenbaus, welcher vor dem 20. Jahrhundert oft auch als Heimarbeit und arbeitsteilig ausgeführt wurde, vor allem in der Provinz und in ländlichen Gegenden. Dieses Handwerk kann durchaus gute Instrumente liefern , was aber nicht unbedingt der Fall sein muss.
Ein ausgezeichnetes Musikinstrument herzustellen ist dagegen eine Herausforderung, die auf handwerklichen Grundlagen aufbaut, musikalisches und ästhetisches Einfühlungsvermögen verlangt und erst mit viel Geduld und persönlichem Einsatz das beeindruckende Niveau der alten Meisterwerke erreichen kann. Die Streichinstrumente haben sich seit ihren Anfängen wenig verändert, Materialien und Werkzeuge sind über vierhundert Jahre im Grunde identisch geblieben, und bis auf wenige Ausnahmen auch das gestalterische Konzept – diese Ausnahmesituation im Vergleich mit anderen Industrien hat zu grosser und In gewissem Sinn verständlicher Mystifizierung geführt. Es ist ja schon eine an sich erstaunliche Tatsache, dass drei- bis vierhundert Jahre alte (inzwischen natürlich mehrfach restaurierte) Instrumente überhaupt als solche noch benutzt werden können – und nicht nur das, sondern auch klanglich und ästhetisch den Massstab geben, an dem sich der zeitgenössische Geigenbau orientiert. Das ist bei keinem anderen Musikinstrument und auch bei kaum einem anderem Gebrauchsgegenstand der Fall.
Eine Geige kann von A bis Z von einer Person auf kleinem Raum mit Werkzeugen gebaut werden, von denen das grösste vielleicht eine Schweifsäge und das kleinste ein 2cm langer kleiner Hobel ist. Tatsächlich sind, bis auf den Werkzeugstahl, die meisten speziellen Werkzeugformen auch selber herzustellen.
Das ist eine Frage des Charakters des Handwerkers – heutzutage sind im Fachhandel alle Werkzeuge in hoher Qualität erhältlich. Trotzdem kenne ich einige Geigenbauer, die sogar ihren eigenen Werkzeugstahl schmieden. Den eigenen Lack zu kochen ist bei vielen Instrumentenbauern Standard.
Der Stundensatz eines etablierten Geigenbauers für Reparatur und Standardarbeiten entspricht dem eines Automechanikers oder Schreiners, etc. im jeweiligen Land. In der Schweiz wird jeder Ölwechsel eines PKW mit höheren Stundensätzen bezahlt als gängige Arbeiten in einer Geigenbauwerkstatt.
Für hochspezialisierte Restauratoren und Star-Geigenbauer mit internationalem Renommee und Anerkennung ist ein weit grösserer Mehrwert ihrer Arbeit möglich. Hervorragende Musiker suchen im allgemeinen nach einem hervorragenden Instrument, ebenso Stiftungen und Sammlungen, welche die von ihnen erworbenen Instrumente z.B. jungen Musikern zur Verfügung stellen. Dafür werden durchaus hohe und individuelle Preise bezahlt.
Eine Geige wächst erst einmal als Baum, 100 und mit etwas Glück vielleicht sogar 200 Jahre lang. Der Ahorn (acer pseudoplatanus) und die Fichte (picea abies) auf ca. 1.000m Höhe in Bergregionen der Dolomiten, des Kaukasus und Bosnien. Tropische Hölzer wie Ebenholz, Palisander und Fernambuk (für die Bögen) in Afrika und Südamerika.
Der für Instrumente geeignete Baum wird von erfahrenen Förstern oder Holzfällern als Kandidat für Tonholz erkannt , als solcher schonend und zum richtigen Zeitpunkt (Mondphase, Jahreszeit) gefällt und in spezialisierten Sägewerken möglichst bald aufgeschnitten und für den Verkauf vorbereitet.
Wenn man Glück und genügend Geld hat als Geigenbauer (was beides zu Beginn der Karriere selten der Fall ist) informiert der Holzhändler seine Lieblingskunden über eingetroffene, besonders gute Ware. Wer als erster kommt, ausgewählt und bezahlt hat, führt das errungene Material seinem Holzlager zu, um es mehr der weniger lange zu lagern. Altes Holz ist nicht unbedingt besser als junges, ebenso wenig wie alte Menschen immer schlauer wären als junge. Aber Alter wirkt fast immer beruhigend.
In China wird eine Geige für Einsteiger und Schüler ohne Schwierigkeiten in 10-20 Stunden fertiggestellt. Ein Handwerker hierzulande darf sich 200-300 Stunden der Arbeit widmen, wenn er den Goodwill seiner Kunden hat. Sonst wird auch er schneller arbeiten müssen.
Das Instrument wird nach dem Lackieren spielfertig gemacht und nach einiger Zeit der Eingewöhnung auf den Saitendruck und Saitenspannung klanglich justiert, oft in mehrfachen längeren Sitzungen auf den Musiker eingestellt. Der letzte Schritt ist der Verkauf und die Bezahlung, danach nimmt auch der Druck und die Spannung beim Geigenbauer ab.
Da Instrumente, welche etwa so viel kosten wie ein Klein- oder Mittelklasse PKW, nach mehreren Generationen immer noch in bester Form sein können und z.B. durch ihren Unterhalt weiterhin Geigenbauer beschäftigen und, wenn gut erhalten, somit Musikern ihre Arbeit und Kunst ermöglichen, sind sie eigentlich ein seltenes echtes Vorbild für alles, was sich mit dem Label der Nachhaltigkeit ausgezeichnet sehen möchte.
Für einen Laien sehen Geigen nicht sehr unterschiedlich aus, aber dies täuscht, denn die Unterschiede sind erheblich. Dies beginnt schon beim Holz, wo sowohl die Holzart als auch die Lagerung und der Trocknungsvorgang Einfluss auf die Qualität haben. Und die Unterschiede ergeben sich weiterhin in der Fertigung, denn eine Geige, die von einem Meister in langwieriger Handarbeit individuell gefertigt wird, wird immer anders klingen als ein Instrument, das in Serie gefertigt wird. Daher ist es ratsam, sich beim Geigenkauf ausreichend Zeit zu nehmen und in Ruhe zu prüfen, welches Instrument zur eigenen Spielweise passt. Wir danken Michael Stürzenhofecker für dieses Gespräch und den Einblick in die Welt des Geigenbaus.