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Die Schlangentänzerin
Mit der Geschichte von Mary Louise Fuller, die sich später den Künstlernamen Loïe gab, starten wir heute eine Serie, in der wir aussergewöhnliche Frauenbiografien vorstellen. Loïe Fuller gilt als die vergessene Pionierin des modernen Tanzes, deren Schülerin und spätere Konkurrentin Isadora Duncan ihr den Ruhm streitig gemacht hat.
Wie ein flatternder Schmetterling sieht sie aus, dann wird sie zum lodernden Feuer, nur um sich Sekunden später in einen Blütenkelch zu verwandeln, der sich wie im Zeitraffer öffnet und schliesst. Ein Feuerwerk aus Farbe und Bewegung. Loïe Fuller revolutionierte Ende des 19. Jahrhunderts die Pariser Tanzwelt und wurde zur Pionierin des modernen Tanzes.
Sie war die erste, die die Bühne mit schwarzem Stoff abdeckte, um einen grösstmöglichen Kontrast zu ihrem weissen Kleid herzustellen, welches als Projektionsfläche für farbige Lichtinstallationen diente. Und schon das Kleid selbst war eine Ungeheuerlichkeit: Bis zu dreihundert Meter Seidenstoff wickelte sich die Tänzerin um den Körper, die Arme verlängerte sie mit Holzstäben, so dass die Figuren, die sie auf der Bühne bildete, bis zu vier Meter hoch aufstiegen. Damit schuf sie eine räumliche Präsenz, die weit über das hinausging, was man aus zeitgenössischen Tanzperformances kannte. Der Fokus lag nicht auf dem Körper der Tänzerin, sondern auf dem Stoff, der Bewegung und dem Lichtspiel.
Fullers Shows trugen Titel wie Wolke, Lotos, Schmetterling oder Licht und Schatten, und verliehen dem Publikum den Eindruck von fast schwereloser Leichtigkeit. Dabei war der Tanz mit den mehrfachen Stoffschichten Schwerstarbeit, und Fuller musste sich nach ihren Auftritten tagelang erholen.
Die 1862 im amerikanischen Illinois geborene Tochter eines Rodeo-Reiters, die nie eine Tanzausbildung gemacht hatte, wanderte im Alter von 30 Jahren nach Paris aus, wo sie zuerst in Varietétheatern auftrat. Doch schnell wurde sie über Paris und Frankreich hinaus bekannt und inspirierte Künstler und Schriftsteller von Auguste Rodin bis Stéphane Mallarmé. Ihr berühmtester Tanz «La Danse Serpentine» – der Schlangentanz – fand unzählige Nachahmerinnen. Doch heute kennt kaum mehr jemand ihren Namen. Ihre Schülerin Isadora Duncan dagegen, die zu ihrer grössten Konkurrentin wurde, ist bis heute weltbekannt.
Mit dem Film «Die Tänzerin» setzte die französische Regisseurin Stéphanie Di Giusto Loïe Fuller 2016 ein Denkmal, das die aussergewöhnlichen Frau aus der Vergessenheit holte.
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Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte.
Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3