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Mit vier Jahren wurde er in Lhasa inthronisiert, als 15-Jähriger wurde er zum Oberhaupt der Tibeter. Der inzwischen 86-jährige Dalai Lama blickt auf ein bewegtes Leben zurück, in dem er tiefstes Leid und grosses Glück erfahren hat. Trotz – oder vielleicht wegen – der unzähligen Härten und Schwierigkeiten auf seinem Lebensweg besticht er durch sein Mitgefühl und seine Güte.
«Ich glaube fest daran, dass, wäre mein Bruder in Lhasa geblieben und dem Weg seiner Vorgänger gefolgt, die Welt niemals das Glück erfahren hätte, seine beeindruckende Persönlichkeit kennenzulernen», schreibt der jüngste Bruder des Dalai Lama im Vorwort zu dessen kürzlich auf Deutsch erschienenen Biografie. Die Beiden flohen 1959 zusammen mit ihrer Mutter und den Schwestern aus Lhasa über den Himalaya nach Indien, wo der Dalai Lama seither lebt.
Er war 24-jährig, als er vor den chinesischen Besetzern floh, um sich im Exil für ein unabhängiges Tibet einzusetzen. Neun Jahre zuvor, im November 1950, wurde der damals 15-Jährigen angesichts der wachsenden chinesischen Bedrohung frühzeitig uneingeschränkter Herrscher über sechs Millionen Menschen.
Liest man seine Lebensgeschichte in der eindrücklichen, reich bebilderten Biografie, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass er immer wieder viel zu jung grosse Verantwortung hatte übernehmen müssen: Der Bauernbub Lhamo Thondup war gerade einmal zweijährig, als ein Suchttrupp ihn nach verschiedenen Prüfungen als Reinkarnation des Dalai Lama anerkannte. Er war vierjährig, als er in Lhasa inthronisiert wurde.
Als sich der Dalai Lama nach der Flucht in Dharamsala im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh niederliess, wurde ihm schnell klar, dass es nicht realistisch war, sich Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr nach Tibet zu machen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Errichtung einer starken Gemeinschaft im Exil, denn nicht lange nach seiner Flucht folgten ihm 80’000 Tibeter*innen ins Exil.
Der Dalai Lama machte sich für radikale Reformen stark. Neue Regierungsämter wurden geschaffen, das Bildungswesen verbessert und das Frauenstimmrecht eingeführt. Es entstand ein Parlament und verschiedene Ministerien wurden ins Leben gerufen. Die neue Verfassung von 1963 war der erste Schritt in einem Prozess, in dem er seine Landsleute dazu anleitete, durch gewählte Vertreter die Politik mitzubestimmen. 2001 wählten die Exiltibeter*innen ihr politisches Oberhaupt erstmals direkt, was dem Dalai Lama erlaubte, sich von seinen politischen Pflichten zurückzuziehen.
1989 wurde dem Dalai Lama in Anerkennung seines andauernden gewaltfreien Kampfes zur Beendigung der chinesischen Herrschaft über sein Land der Friedensnobelpreis verliehen. Von da an war er eine der berühmtesten Persönlichkeiten der Welt. Er nutze dies, um vermehrt von der universellen Verantwortung und der säkularen Ethik zu sprechen, die zum Kern seines politischen Denkens geworden ist: «Jeder von uns muss lernen, nicht nur für sich selbst, die eigene Familie oder die eigene Nation zu arbeiten, sondern für das Wohl der gesamten Menschheit. Universelle Verantwortung ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit. Sie ist die beste Grundlage für den Weltfrieden.»
Dalai Lama. Eine illustrierte Biografie von Tenzin Geyche Tethong. Insel Verlag 2021. 351 Seiten, Fr. 42.90
Mehr zum Dalai Lama in der aktuellen Ausgabe 3/21