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Die Journalistin und Autorin Gabriele von Arnim berichtet in ihrem Buch «Das Leben ist ein vorübergehender Zustand» (Rowohlt 2021), wie sie ihren Ehemann zehn Jahre lang gepflegt hat. Dieser, ein bekannter Fernsehjournalist, hatte zwei schwere Schlaganfälle erlitten und war von da an pflegebedürftig gewesen.
Für von Arnim war klar, dass sie bei ihrem Mann bleiben würde – obwohl sie kurz vorher beschlossen hatte, sich von ihm zu trennen. Es ging einfach nicht anders. Das Verlassen war noch weniger eine Option als das Bleiben.
In den kommenden Jahren erlebte sie ihren vorher starken und selbstbewussten Mann in immer grösserer Ohnmacht und Abhängigkeit. Sie selbst fühlte sich überfordert und zerrissen: «Ich habe Angst, er könne morgen sterben, und ich habe Angst, dass es noch Jahre dauert» (S. 194). Die Situation war eigentlich nicht auszuhalten; und dennoch war sie eine wichtige, vielleicht die wichtigste Erfahrung im Leben der Autorin. Es waren «unzumutbare Jahre und von einer hellen Innigkeit» (S. 134)
Die soziale Umgebung reagierte unterschiedlich auf die veränderte Situation. Einige zogen sich zurück und wechselten die Strassenseite, wenn sie dem Paar begegneten. Manche meldeten sich nicht mehr, wie wenn sie Angst hätten, angesteckt zu werden. Manche legitimierten den Kontaktabbruch auch noch moralisch: Sie teilten mit, dass sie den Kranken nicht in die Verlegenheit bringen wollten, sich in seiner Bedürftigkeit und Hilflosigkeit zeigen zu müssen. Die Autorin hat dafür wenig Verständnis; sie durchschaut, dass diese Leute nicht den anderen, sondern sich selbst schonen wollen.
Andere Freundschaften wurden durch die Krise stärker. Ein Bekannter wuchs an der Erfahrung, dass er echte Unterstützung bieten konnte. Es entstand ein Kreis von Vorleserinnen und Vorlesern, die dem kulturell und politisch weiterhin Interessierten aus der Zeitung oder aus seinen Lieblingsbüchern vorlasen. Eine Freundin kochte ein Weihnachtsmenü und brachte es vorbei.
Liebe, so lerne ich bei dieser Lektüre, hat etwas mit Entscheidungen zu tun. Sie ist nicht nur ein Gefühl, das mich überfällt und dem ich «ausgeliefert» bin. Sie äussert sich in konkreten Handlungen. Sie ist kreativ und lässt neue Optionen entstehen. Manchmal bringt sie einen an die Grenze, manchmal auch darüber hinaus. Mal ist sie leuchtend und überwältigend; mal banal und unspektakulär. Sie lässt Menschen über sich hinauswachsen. Liebe setzt sich dafür ein, dass der andere seine Würde bewahren kann.
Manchmal bleibt sie sogar noch dann, wenn die Hoffnung schon gestorben ist.