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Glauben Sie mir, ich habe die Grandfey-Brücke schon unzählige Male mit Velo oder Kinderwagen überquert. Ich kenne das Problem: Ich habe mir den Kopf auch schon daran angeschlagen und mir den Kopf über sie zerbrochen. Genau: Ich meine die Skulptur.
Der Amerikaner Richard Serra (geb. 1939) ist ein ganz besonderer Künstler. Seine Spezialität sind begehbare Plastiken, mit denen Menschen körperliche Erfahrungen machen. So will Serra die Wahrnehmung des Betrachters in den Vordergrund stellen. Bereits 1972 wurde Serra an die Documenta in Kassel eingeladen, an die wohl bedeutendste Kunstausstellung der Welt. Serras Werke polarisieren, sie stehen als Stahlwerke oft im Wege. Vielen drohte die Räumung. Glücklicherweise stehen sie unter anderem in Basel, Berlin, Bilbao, Miami Beach, New York. Können wir ernsthaft wollen, dass unsere «Maillart Bridge Extended» geräumt wird? Soll man Kunst verrücken, wenn sie einem verrückt erscheint? Nein! In einer verrückten Welt soll man sich dank Kunst vor den Kopf gestossen fühlen. In einer verrückten Welt muss Kunst anecken, verstören, Diskussionen auslösen. In einer verrückten Welt muss Kunst «teuer» sein, damit sie uns mit ihrer Botschaft teuer wird. Lieben wir Tinguelys Werke etwa nicht deswegen, weil sie uns den Leerlauf vieler menschlicher Bestrebungen so spielerisch spiegeln?
Brücken an sich sind schon etwas Besonderes: Sie überwinden Gräben, erleichtern Übergänge, verkürzen Wege und verbinden. Die Grandfey-Brücke tut dies alles und ist dank Serra eine ganz besondere Brücke. 1860 als Eisenkonstruktion für die Eisenbahn errichtet, musste sie mit Beton verstärkt werden. Robert Maillart hat dies (1925–1927) vollbracht. Dank den Betonbögen ist sie stärker und schöner geworden. Serra erwies ihr 1988 die Reverenz. Seine L-förmigen Stahlsäulen markieren die Besonderheit der Brücke. Nun ist die Maillart-Brücke auf seltsame Art «erweitert», ohne als Brücke verlängert zu sein. Aber was bedeutet das?
Die Antwort liegt in der funktionell betrachtet sinnlosen Erweiterung durch die zwei Säulen, die uns im Weg stehen. Sie verkörpern das paritätische Prinzip: beide gleich lang, gleich hoch, gleich verankert. Kurz: gleichwertig. Im Vorbeigehen hieven wir uns auf eine höhere Ebene, die tragfähige Lösungen ermöglicht. So können wir (Sprach-)Probleme angehen, nachdem wir Gleichwertigkeit anerkannt haben. Packen wir die einmalige Gelegenheit. Serra ist bereits in die Geschichte eingegangen, nun können auch wir es. Stehen wir zur «Maillart Bridge Extented», indem wir sie stehen lassen, weil sie hier hingehört. Tragen wir die leichter werdenden Fahrräder sportlich daran vorbei. Oder: Wir finden dank dem Wettbewerb eine Lösung, die Serras Kunst noch besser in Szene setzt. Dann würden Menschen – mit Rollstuhl, Velo oder Kinderwagen unterwegs – daran vorbei geführt, egal von welcher Seite sie kommen, wie sie sprechen oder welches Kunstverständnis sie vertreten. Und Kontroversen über das Leben, die Welt und das Verrückte können weitergeführt werden. Wenn das keine Kunst ist!