Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03575.jsonl.gz/147

09 Apr. 2020
Anlässlich des Internationalen Tages der Provenienzforschung stellt Katharina Georgi-Schaub, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Provenienzforschungsteam des Kunstmuseums Basel, uns einen ihrer Fälle vor: Gustave Courbets Gemälde «Le retour de la conférence» von 1863.
Eine merkwürdige Szene ist es, die sich da vor den staunenden Augen einiger Bauern ereignet: bar jeden heiligen Ernstes und alles andere als würdevoll torkelt eine Gruppe sichtlich beschwipster Priester die Landstrasse entlang, einen sich sträubenden Esel malträtierend. Was heute als heiter-satirische Genreszene erscheint, löste zu Courbets Zeiten einen veritablen Skandal aus. Um den Umgang der damaligen Öffentlichkeit mit dieser als Angriff gegen die katholische Kirche empfundenen Thematik soll es an dieser Stelle allerdings nicht gehen; ebensowenig wie um die bis heute nicht geklärte Frage, ob es sich bei der relativ grossen, aber flüchtig gemalten Ölskizze um eine Vorstudie zum oder eine (eigenhändige?) Kopie nach dem nicht mehr erhaltenen imposanten Skandalbild handelt. Im Vordergrund soll heute vielmehr die Geschichte unserer Basler Fassung in den Jahren unmittelbar vor ihrem Ankauf im Februar 1946 stehen.
Der Ankauf
Das Werk Courbets habe ich im Rahmen des laufenden, vom Bundesamt für Kultur unterstützten Projektes unter die Lupe genommen. Dieses klärt die Besitzverhältnisse in den Jahren 1933-1945 von Werken, die bis 1962 in die Sammlung des Kunstmuseums kamen. Quellen im Archiv des Kunstmuseums gaben Aufschluss über den Ablauf des Ankaufs. Dort lagert die Korrespondenz zwischen dem damaligen Direktor Georg Schmidt und der Anbieterin Edith Gibian-Schayer. Letztere wendet sich erstmals kurz vor Ende des Jahres 1945 von einer Winterthurer Adresse an das Kunstmuseum und bietet das Gemälde an. Wie es die von den Alliierten unmittelbar nach Kriegsende erlassenen Regeln für den Verkauf von Kunstwerken vorschreiben, erkundigt sich Schmidt bei der Anbieterin unverzüglich nach der Herkunft des Bildes. Er erhält folgende Informationen: Sie sei die Schwägerin der im August des Jahres verstorbenen Eigentümerin, einer Frau Theda Stückgold-Kornelius. Bei dieser handle es sich um eine Schweizerin, die 1943 von Deutschland in die Schweiz übergesiedelt sei. Das Bild, das sich bereits seit vielen Jahren in ihrem Besitz befunden habe, habe sie offiziell eingeführt. Frau Gibian-Schayer agiere als Nachlassverwalterin für die beiden Söhne der Verstorbenen, die aktuell in Palästina leben – «völlig mittellos», wie sie hinzufügt.
Georg Schmidt ist beruhigt: es besteht keinerlei Gefahr, dass das Bild unter das von den Alliierten gesuchte Raubgut falle, die Eigentümerin sei anscheinend eine Schweizer Rückwanderin gewesen. Und so wird man schnell handelseinig, zumal der Preis stimmt: Frau Gibian-Schayer gibt an, ihre Schwägerin habe seinerzeit 10‘000 Mark bezahlt und fordert entsprechend 8‘000 Schweizer Franken. Schmidt findet den Preis attraktiv und teilt der Anbieterin diese Einschätzung auch offen mit, worauf diese anmerkt, sie erachte das Angebot als Vorzugspreis, da es ihr wichtig sei, das Bild in einem Museum zu wissen. Alles geht mit dem gebotenen Bemühen um Transparenz und in bestem Einvernehmen zwischen der Verkäuferin und dem Kunstmuseum vonstatten. Die hauseigenen Archivalien belegen folglich die Rechtmässigkeit des Ankaufsgeschäfts, und die Provenienz kann bis mindestens 1939 zurückverfolgt werden.
Doch hinter dieser Ankaufsgeschichte stecken auch Biographien, die eine andere, bislang unbekannte Geschichte erzählen, und diese wollte ich erforschen. Mich interessierte die Frage, wer die Anbieterin bzw. ihre verstorbene Schwägerin war – und dies umso mehr, als die Tatsache, dass die Söhne von Theda Stückgold-Kornelius zum Zeitpunkt des Verkaufs anscheinend unter finanziell schwierigen Verhältnissen in Palästina lebten auf einen jüdischen Familienhintergrund hinwies. So begab ich mich auf Spurensuche, was mich ins Bundesarchiv nach Bern führte. Tatsächlich befinden sich dort etliche Dossiers, die es mir ermöglichten, zusammen mit weiteren Recherchen im Internet, die Biographien der Familienmitglieder zumindest teilweise zu rekonstruieren.
Die «Geschichte hinter dem Bild»
Die frühere Eigentümerin, Theda Stückgold, geb. Kornelius (1890–13. August 1945), zuletzt wohnhaft in Zürich, war eine Berliner Jüdin. Also keine Schweizer Rückwanderin, wie Schmidt gefolgert hatte. Die Schweizer Staatsbürgerschaft besass sie nur dank ihres zweiten Ehemanns, des Kaufmanns Kurt David Stückgold, mit dem sie seit ca. 1938/39 verheiratet gewesen war. Auch dieser hatte fast sein gesamtes Leben in Berlin verbracht.
In erster Ehe war Theda Stückgold mit dem deutsch-polnischen Juden Fritz Schayer verheiratet gewesen. Dieser war Mitinhaber des Kiepenheuer-Verlags, Bibliophiler und Kunstsammler. Aus der Ehe mit Fritz Schayer stammten die in der Ankaufskorrespondenz genannten beiden Söhne Ott-Hermann und Konrad, die Ende der 1930er Jahre nach Palästina ausgewandert waren. Die Mutter ihres ersten Ehemanns, Eleonore Schayer, hatte noch einige Zeit bei Theda und Kurt Stückgold gelebt. Aus Angst vor der drohenden Deportation ins KZ nahm sie sich im Juni 1942 das Leben (letzteres erfährt man aus einem zu ihrem Andenken gesetzten Stolperstein.
Theda und Kurt Stückgold wurden im August 1943 von der Gestapo aus Deutschland ausgewiesen. Sie emigrierten nach Zürich, wo Kurt am 26. Januar 1944 starb. In Berlin-Charlottenburg hinterliessen sie eine Wohnung mit wertvollem Kunstbesitz, der, in einer Speditionsfirma eingelagert, bei einem Fliegerangriff zerstört wurde. Bis zu ihrem Tod 1945 hatte Theda Stückgold wiederholt versucht, in Deutschland zurückgelassene Vermögenswerte in die Schweiz zu transferieren. Leider ohne Erfolg. Dennoch hatte sie Glück im Unglück gehabt, denn die schweizerische Staatsangehörigkeit ihres zweiten Ehemannes hatte ihr die Emigration – und offenbar zumindest die Mitnahme von Teilen ihres Besitzes – ermöglicht.
Damit hatte sie es wesentlich einfacher, in der neuen Heimat Fuss zu fassen, als die Schwester ihres ersten Ehemanns, eben jene Edith Gibian-Schayer, die den Verkauf des Courbets übernahm. Diese war bereits 1939 mit ihrem Ehemann Georg nach Nizza ausgewandert. Dort hatte das kinderlose Ehepaar auch die französische Staatsbürgerschaft erhalten. In die Schweiz waren sie Ende Mai 1944 als illegale Flüchtlinge gekommen. Ihr Leben spielte sich von da an – nach vorübergehender Internierung im Arbeitslager – in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften ab. Auch hinter dem Winterthurer Wohnsitz, von dem aus Edith Gibian mit Georg Schmidt korrespondierte, verbirgt sich eine solche Adresse. In den Akten des Bundesarchivs findet man neben den Unterlagen der Fremdenpolizei v.a. Anträge auf Flüchtlingshilfe, denn Edith Gibian – ihr Mann starb 1945 – besass keinerlei Einkünfte, und sie erhielt auch keine Arbeitserlaubnis als Lehrerin. Im November 1946, also Ende des Jahres, in dem der Verkauf an das Kunstmuseum abgeschlossen wurde, erhielt sie die Bewilligung, über Marseille zu ihrem Bruder nach Brasilien auszuwandern.
In ihrer Rolle als Verkäuferin des Bildes klammert Edith Gibian ihr eigenes Schicksal komplett aus. Auch die finanzielle Notlage der Neffen klingt nur in einer Nebenbemerkung an. Die Tragödie dieser Familien enthüllte sich erst im Zuge der Nachforschungen. Dabei ergibt sich eine Geschichte, die heute, fast 75 Jahre später, mit ihrem Hintergrund von Vertreibung und Flucht auf bedrückende Weise Aktualität besitzt, und die es darum wert sein sollte, einmal erzählt zu werden.
Autorin: Katharina Georgi-Schaub, wissenschaftliche Mitarbeiterin Provenienzforschung Kunstmuseum Basel