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Reiseberichte
Projektreise Südsudan 21.03.-05.04.11
Bericht von Ulrich Bachmann
Überquerung eines Ozeans
April 2011 - Die Projektreise ist bereits beendet. Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, sehen vorsichtig optimistisch in die Zukunft Südsudans. Am 9. Juli wird der jüngste Staat Afrikas und der ganzen Welt aus der Taufe gehoben, die Republik Südsudan. Die Herausforderungen sind riesig, ja beinahe unüberwindbar erscheinen die zu bewältigenden Probleme. Dennoch ist Hoffnung berechtigt und notwendig. Bischof Alapayo aus Rumbek erzählte von einem Vergleich eines Freundes: dass das Referendum im Januar der Überquerung eines Flusses gleichkomme, der Aufbau der neuen Nation hingegen mit der Überquerung eines Ozeans zu vergleichen sei.
Eine Kuh oder ein Schulhaus
In Adirdir besuchten wir eine der Schulen, die letztes Jahr ein neues Schulgebäude für zwei Klassen einweihen konnte. Die Bevölkerung, unter der Koordination der Schulpflege, hat die Wände des Gebäudes errichtet. Das Wellblechdach und der Dachstuhl wurden von TearFund Schweiz finanziert. Der Präsident präsentierte uns das Gebäude mit sichtlichem Stolz. Im anschliessenden Gespräch erwähnte er, dass es für das Dorf unmöglich sei, die erstellten Wände zu verputzen und Fensterläden und Türen am Gebäude anzubringen. Das Dorf sei deshalb dringend auf weitere Hilfe von aussen angewiesen. Wir berechneten den Bedarf an Zement und die Kosten für die Türen und Fensterläden. Danach stellte ich die Frage, die vermutlich nur ein Ausländer stellen kann und nie und nimmer von einem echten Dinka gestellt würde. Ich fragte, wie hoch der Erlös sei, wenn eine der doch recht zahlreichen Kühe verkauft würde. Zwischen einer Kuh und einem fertigen Schulgebäude zu wählen ist schlicht für viele Dinka unvorstellbar. Das Leben und die Kultur der Dinkas ist sehr stark mit dem Rind verwoben und deshalb gilt die allgemeine Einschätzung, dass eine Kuh wesentlich wertvoller sei als ein fertiges Schulgebäude. Das dem nicht immer so sein muss, beweist ein innovativer Würdenträger eines Dorfes, der bewusst das eigene Wertesystem hinterfragt hat und bereit war, Kühe für Bildung zu investieren.
„Wenn diese Mauer einstürzt, ist das Dein Problem“
Mich fasziniert die Diskussionskultur im Südsudan. In Atiriu, einem kleinen Dorf im Rumbek East Distrikt, erwartete uns eine Reihe von Würdenträger unter einem schön grossen, schattenspendenden Tamarindenbaum. Der Schatten war eine Wohltat, denn das Thermometer ist im Schatten bereits weit über 40 Grad gestiegen. Auch in Atiriu hatte die Bevölkerung in Zusammenarbeit mit Across und dem Schuldirektorat des Distrikts ein Schulgebäude mit 2 Schulzimmern errichtet. Die Mauern für ein weiteres Schulgebäude sind bereits errichtet. Die verwendeten Lehmziegelsteine sind naturgetrocknet und sind deshalb gegen Regengüsse nicht widerstandsfähig. Für die Lebensdauer eines Gebäudes ist es deshalb entscheidend das Dach vor den ersten heftigen Regengüssen zu erstellen.
Freundlich und sehr bestimmt wurde mir als Gast aus der fernen Schweiz mitgeteilt, was von mir und erwartet wurde: Wenn die bereits errichtete Mauer wieder einstürze, sei dies mein Fehler und demnach auch mein Problem. Ein weiterer Würdenträger fuhr fort: falls ein Schulkind wegen den Motorrädern auf der Naturstrasse, die nahe an der Schule vorbeiführt, zu Schaden komme, stehe dies in meiner Verantwortung, denn ich hätte nicht dafür gesorgt, dass ein Zaun zwischen Schule und Strasse zu stehen komme. Klare Worte, die einer ebenso klaren Antwort bedürfen. Ich empfand die Reden keineswegs als eine unerhörte Forderung, sondern als eine Form des „Bargaining“, mit dem Ziel, einen Vorteil für das Dorf herauszuholen. In meiner Antwort stellte ich zwei Fragen: zuerst, wessen Kinder in Atiriu zur Schule gingen und als zweite, wer mit den Motorrädern an der Schule vorbeifuhr und die Kinder dadurch gefährde. Die anwesenden Leute hatten zu Lachen begonnen, sie haben meine Message verstanden.
Leider haben im Südsudan viele Hilfswerke ein schweres Erbe hinterlassen. Nach dem Motto, die Menschen sind zu arm und zu ungebildet um selber entscheiden zu können, was für sie wichtig sei, wurde häufig über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden. Leider immer noch selten werden die Menschen im Südsudan als gleichwertige Partner betrachtet. Die Menschen haben sich mit diesem Hilfssystem arrangiert und versuchten, einen möglichst guten Deal für das Dorf herauszuschlagen.
Auch als TearFund Schweiz müssen uns immer wieder fragen, wessen Realität eigentlich zählt. Ist es die der Hilfswerke oder ist es wirklich die Realität der Menschen im Südsudan, deren Prioritäten auch mal ganz anders aussehen als die unsrigen. Sind wir bereit unsere Ideale und bereits gesetzten Ziele aufzugeben und uns auf die echten Bedürfnisse der Menschen einzulassen? Keine einfachen Fragen, es lohnt sich aber, sich damit auseinanderzusetzen, liegt uns die Zukunft Südsudans wirklich am Herzen.
Ende März 2011 - Nach dem östlichen Gebiet um Boma besuchte Ulrich Bachmann Adol, das weiter im Westen liegt. TearFund unterstützt dort ein weiteres Projekt von Across, das die Primarschulbildung auf verschiedenen Ebenen fördert:
Was junge Frauen hindert zur Schule zu gehen
Rebecca Agel, eine Frau mitten im Leben mit fünf eigenen Kindern, ist die sogenannte Schulmutter in der Primarschule von Panawach. Auf meine Frage, was sie motiviere als Schulmutter zu arbeiten, erzählte mir Rebecca zwei Lebensgeschichten von jungen Frauen aus ihrer Primarschule, die ihr immer wieder neuen Mut verleihen: Eine der Schülerinnen – bereits eine junge Frau - wurde schwanger. Die Eltern fanden, dass es sich nicht lohne sie noch weiter zur Schule zu schicken, erwarte sie doch schon bald ein Kind und werde auch bald heiraten. Rebecca brauchte in Gesprächen viel Geduld, um die Eltern davon zu überzeugen, hrer Tochter eine Chance zu geben um die Grundschule abzuschliessen. Mittlerweilen komme die junge Frau wieder zur Schule. Rebecca hat nicht erwähnt, dass eine Schwangerschaft für eine unverheiratete Frau lebensgefährlich sein kann. Für die Familie gilt dies als eine Schande und nicht selten werden die jungen Frauen geschlagen. Die beteiligten Männer hingegen haben nichts zu befürchten.
Rebecca erzählt weiter von zwei junge Frauen aus ihrer Schule, die von den Eltern zur Heirat bestimmt wurden. Nach der Hochzeit kamen sie nicht mehr zur Schule, da Eltern und Ehemänner der Überzeugung waren, dass die Zeit für Schulbildung nun vorüber sei. Rebecca gab sich damit nicht zufrieden und suchte das Gespräch mit den beiden Ehemännern. Mit Erfolg: die beiden Frauen konnten weiterhin den Unterricht besuchen.
Ein weitverbreitetes Problem sei auch, dass junge Frauen während der Menstruation nicht zur Schule gehen können, da es in den Dörfern keine Hygieneartikel gäbe. Viele Mädchen treten erst spät die Schule ein und es ist keine Seltenheit, dass 17 oder 18 Jährige immer noch in die 8 Jahre dauernde Primarschule gehen.
Im Gespräch mit den Eltern hilft Rebecca auch der Umstand, dass sie die Ehefrau eines Bischofs ist und deshalb in der Gesellschaft eine etwas höhere Stellung geniesst als die meisten anderen Frauen im Dorf. Sie ist überzeugt, dass für die Zukunft des Südsudans insbesondere Frauen mit Schulbildung besonders wichtig seien.
Dienstag, 29.03.11 - Herzlichen Dank für Eure Gebete für die junge Witwe, die betroffenen Familien und Across. Es scheint, dass die besonnenen Stimmen der betroffenen Familie die Heissblüter, die nach Rache dürsten bis jetzt in Zaun halten konnten. Wir hoffen auf das Wunder, dass die Rache ausbleibt und kein weiteres Blutvergiessen passiert. In seinem Leben hat Jacob sich für Versöhnung eingesetzt und seine Leute zu Besonnenheit ermahnt. Ich hoffe und bete, dass sich die Familie daran erinnert.
Mittlerweilen bin ich gut in Rumbek angekommen.
Montag, 28. März 2011 - Eine schockierende Nachricht
Der Tag begann wie gewöhnlich. Das Team versammelte sich um 7:30 Uhr zur Andacht im Gemeinschaftsbüro, einer grossen Rundhütte im Across Compound von Boma. Während der Andacht wurde uns mitgeteilt, dass ein Mitarbeiter von Across, Jacob Kuju, in der Nacht auf Montag von seinem Nachbar brutal attackiert wurde. Kaum war die Andacht vorbei wurde uns die traurige Nachricht überbracht, dass Jacob an den Folgen der Verletzungen gestorben sei. Die Nachricht war ein riesiger Schock für das ganze Team. Noch gestern Sonntag waren wir bis um etwa 18:00 Uhr an einem Treffen in der Kirche zusammen. Jacob hat für uns übersetzt. Er war einer der wenigen, die fliessend zwischen Englisch und Murle übersetzen konnte. Jacob war eine der grossen und wichtigen Stützen und war gleichzeitig die wichtigste Verbindungsperson sowohl zwischen den Murle und Across als auch gegen aussen. Er hinterlässt eine junge Frau, die nun von Across die schockierende Nachricht übermittelt bekommt. Zurzeit hat niemand auch nur eine leise Ahnung, weshalb diese Mordtat verübt wurde. Leider ist es nun so, dass es nicht bei dem einen Mordopfer bleibt. Die Verwandten von Jacob haben bereits Rache geschworen und es deutet alles darauf hin, dass das Blutvergiessen noch nicht zu Ende ist. Auch der Glaube an Jesus Christus ist in einer solchen Situation kein Hinderungsgrund, Rache zu verüben. Das System Rache zu verüben ist leider in Südsudan immer noch weit verbreitet. Das Kriegstrauma der Bevölkerung ist sicher ein wichtiger Grund für diese traurige Tatsache. Natürlich spielen auch kulturelle und gesellschaftliche Aspekte eine gewichtige Rolle, doch wäre die Überwindung dieser blutigen Tradition wohl etwas weniger problematisch, wäre da nicht ein rund fünfzigjähriger Krieg der grösstenteils noch unverarbeitet ist und gemäss verschiedener Quellen über 90 % der Bevölkerung traumatisiert hat. Das Team in Boma sieht sich nun nicht nur mit dem überaus traurigen Verlust von Jacob konfrontiert, sondern muss mit einem erhöhten Sicherheitsrisiko in Boma rechnen.
Leider haben wir Boma in dieser schweren Zeit heute Nachmittag verlassen müssen. Wären wir geblieben, wäre unsere Weiterreise während dieser Woche unsicher gewesen.
Sonntag, 27. März 2011 - Heute Morgen haben wir den Gottesdienst der Anglikanischen Kirche in Boma besucht. Es war ein „normaler“ Gottesdienst, ohne spezielle Events und deshalb bereits nach 2 Stunden vorbei. Von verschiedenen Seiten habe ich gehört, dass die Gottesdienstteilnehmer seit dem letzten Jahr zugenommen haben, insbesondere Jugendliche engagieren sich vermehrt im Gottesdienst.
Am Nachmittag hatten wir die Möglichkeit, ein Treffen einer Gruppe mitzuerleben, die sich regelmässig zu einer Bibelarbeit trifft. Die Mitglieder der Gruppe erzählten, was sich in ihrem Leben und in ihrer Familie verändert hat und wie die Nachbarn darauf reagieren. Einige der Leute, die an diesem Treffen teilnahmen, habe ich bereits letztes Jahr besucht und Interviews geführt.
Meine Zeit hier in Boma geht leider schon bald zu Ende. Die Tage waren spannend und sehr lehrreich. Ich hatte einen guten Einblick in die Arbeit und sah auch die Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gilt. Ich bewundere das Team hier, insbesondere zu sehen, mit welcher grossen Motivation sie arbeiten und ihr Bestes geben, berührt mich sehr.
Samstag, 26. März 2011 - Heute Morgen haben wir eine Kreditgruppe besucht. Sie besteht seit gut einem Jahr und dass sie noch funktioniert und weiterhin gegenseitig Kredit gewährt, ist positiv und keineswegs selbstverständlich. Es setzt eine grosse Portion Vertrauen der einzelnen Mitglieder voraus. Sehr positiv aufgefallen ist mir, dass die beteiligten Frauen an Selbstvertrauen gewonnen haben. Ein Mitglied sagte, dass es in der Murle-Kultur den Frauen untersagt sei, sich mit Männern zu assoziieren. In der Kreditgruppe sei es nun selbstverständlich, dass Frauen und Männer gemeinsam ihre Erfahrungen austauschen und die Zukunft der Gruppe planen. Als eine neue Initiative hat die Gruppe nun begonnen, gewisse Güter in grösseren Mengen zu günstigen Preisen einzukaufen und den Mitgliedern mit kleinen Aufpreis weiterzuverkaufen. Die Mitglieder haben so die Möglichkeit viel günstiger einzukaufen.
Etwas problematisch finde ich, dass sehr viele Mitglieder im Wiederverkauf tätig sind. Verschiedene Mitglieder haben den Wunsch geäussert, andere einkommensgenerierende Projekte zu beginnen. Dazu bräuchten sie aber zusätzlich Training. Von den Frauen wurde vor allem der Wunsch geäussert, das Schneiderhandwerk zu erlernen. Ich glaube, dass es nun an der Zeit wäre, verschiedene andere Wirtschaftszweige in Boma zu fördern und so die Abhängigkeit zum benachbarten Äthiopien und Kenia zu reduzieren. Praktisch alle Güter müssen unter schwierigen Bedingungen nach Boma geschafft werden.
Die Restaurants in Boma hatten bis vor kurzem keinen guten Ruf. Insbesondere die Hygiene und Zubereitung der Menus war problematisch. Nach einem Workshop für Restaurantbesitzer, Köchinnen und Köche hat sich die Situation geändert. Leider hatte ich noch keine Möglichkeit ein Restaurant in Boma zu testen. Ich hoffe aber, dies bei einer anderen Gelegenheit noch tun zu können.
Boma, ein globales Dorf und doch von der Welt abgeschieden
Freitag, 25.03.11 - Boma ist sehr abgelegen, während der Regenzeit nur per Flugzeug zugänglich und besitzt ausser einem Spital und Schulen und einem Markt, fast keine Infrastruktur. Es gibt kein Mobilnetz, dafür aber Internetzugang über einen Satelliten und Satellitenfernsehen. Nur leider ist es so, dass das Solarsystem momentan seinen Dienst versagt und wir nur während der Tageszeit, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, die moderne Technologie nutzen können. In Notfällen hilft ein kleiner Generator für eine gewisse Zeit abends Strom zu produzieren.
Nach einer kurzen Programmbesprechung, stand ein Besuch in einer ALP Klasse (Accelerated Literacy Programme) bevor. Die Schüler der vierten ALP Klasse (entspricht in etwa der 8. Primarklasse) waren gerade in einer Debatte zum Thema „Ländliche Regionen sind besser als städtische Zentren“. Es gab Schüler, die diese Aussage unterstützten aber auch andere, die sich dagegen aussprachen. Auffallend war - und das spricht für die hohe Qualität des Unterrichts - die gute Ausdrucksweise der Schülerinnen und Schüler. Auch Mädchen beteiligten sich an der Debatte.