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Eigentlich sollte ich den Film nur empfehlen und vom Inhalt nichts verraten, dass die Überraschungen bleiben. Ich versuche dennoch, ihn vorzustellen, ohne zu viel auszuplaudern:
«La Boda de Rosa» beginnt mit einer hektischen Einstiegssequenz, die Rosa als Sportlerin zeigt und schliesslich ihre persönliche Befindlichkeit andeutet.
Die Haupthandlung erzählt vom Beziehungs-Tohuwabohu, in dem Rosa sich inmitten der Grossfamilie bewegt: wie sich die Fäden ihrer Beziehungen verwickeln, entwirren und wieder verwickeln.
Im Schlussteil begleiten wir Rosa auf ihren verschlungenen, immer wieder wechselnden Wegen bis hin zum glücklichen Ziel ihres neuen Lebens: ihrer ganz speziellen Hochzeit.
Rosa macht ernst
Ein alltägliches Frauenschicksal
Neben ihrer Arbeit als Schneiderin in einem Theater ist Rosa, wie viele Frauen auch bei uns, für ihren alten Vater zuständig, hat sich um die Kinder ihres Bruders und die Katze ihrer Freundin zu kümmern, bis der Vater auch noch beschliesst, bei ihr einzuziehen. Doch Rosa wäre nicht Rosa, Knall auf Fall beendet sie ihren Job und verlässt Valencia, um sich im kleinen spanischen Küstenort Benicàssin ihren Traum zu erfüllen: im leerstehenden Schneideratelier ihrer verstorbenen Mutter ein eigenes kleines Geschäft eröffnen. Wenn da nur nicht ihre Geschwister, ihr Freund und ihre erwachsene Tochter samt Zwillingen wären, die sie mit all ihren Beziehungsproblemen um Hilfe angehen und ihr Handy unaufhörlich klingeln lassen. Rosa beschliesst, ein Zeichen zu setzen: Sie will heiraten.
Tochter Violetta mit Enkelin
Vorgeschichte und Reaktionen
Am Anfang der Filmproduktion stand ein Artikel im «Guardian» über eine japanische Agentur, die auf die Organisation einer ungewöhnlichen Hochzeit, der sogenannten Selbstheirat, spezialisiert ist. Gemeinsam mit der Co-Drehbuchautorin Alicia Luna begann die Regisseurin Iciar Bollain, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. «Als wir anfingen zu recherchieren, stellten wir fest, dass Hochzeiten mit sich selbst seit Jahren weltweit verbreitet sind. In Spanien trafen wir eine wunderbare Frau, May Serrano, die sich vor Jahren selbst geheiratet hatte und seither solche Hochzeiten organisiert.»
In Bollains Umfeld fielen die Reaktionen auf ihr Vorhaben zunächst skeptisch aus, erinnert sie sich. «Man fand es eher exzentrisch, manche hielten die Idee für Unsinn, andere wollten nicht glauben, dass es sowas gibt. Begreiflich zu machen, warum Rosa diesen Weg einschlägt, war deshalb die grosse Herausforderung.» Das Drehbuch entstand während mehrerer Jahre. Zur Grundidee kam bald noch die Geschichte einer Frau, die in ihrem Heimatdorf in Andalusien die alte Schneiderei der Familie wieder eröffnet hatte und ihre Mode über das Internet verkaufte. «Wir haben dann eine Geschichte geschrieben, die nahe an unserer Wirklichkeit war: Eine Frau um die Vierzig, die sich fragt, ob ihr Leben so ist, wie sie es will, oder so, wie es den anderen gefällt. Um diese Frau herum haben wir dann die anderen Figuren entwickelt. Tatsächlich spielen die Familie und die Beziehungen der einzelnen Mitglieder untereinander im Laufe des Films eine immer grössere Rolle.»
Vor der neuen Schneiderei
Selbstliebe – das Thema
Iciar Bollain und Alicia Luna war bewusst, dass der Versuch, sich selbst ernst zu nehmen und zu lieben, leicht mit Egoismus verwechselt wird. «Doch je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto klarer wird der Unterschied», sagt die Filmemacherin. «Von Shakespeare gibt es ein Zitat, das besagt, die grösste Sünde sei, sich nicht um sich selbst zu kümmern, wer das tut, kann sich umso besser um die anderen kümmern.» Für beide war wichtig, dass Rosa die Entscheidung trifft, ihr Leben zu ändern, die Zeremonie der Hochzeit spielt dabei keine Rolle. «Während der Recherche haben wir entdeckt, dass mittlerweile eine ganze Industrie rund um die Selbsthochzeit entstanden ist, mit Kursen, vorgefertigten Eheversprechen und Blumengebinde. Wir wollten aber, das Rosa ihre Hochzeit als persönliche Feier sieht, ohne Coach.»
Bis zu seinem turbulenten Höhepunkt schwebt der Film schwerelos in die Höhen und problembeladen in die Tiefen, poetisch verspielt und gleichzeitig mit den existenziellen Fragen ihres Lebens beladen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, vorab die Hauptdarstellerin Candela Peña, spielen, was das Leben an Traurigem und Wunderbarem bietet: ein cineastisches Vergnügen! «Rosas Hochzeit» ist ein Film, der zum Lachen bringt und gleichzeitig tief bewegt; denn er ist unterhaltsam, mitreissend, wunderbar, gelegentlich absurd, immer aber wahr. In der aktuell kritischen Zeit vielleicht der schönste Silvester- und Neujahr-Film.
Iciar Bollain, die Regisseurin
Von Frauen für Frau und Männer
Dass die Geschichte als Komödie erzählt werden soll, war von Anfang an klar, sagt die Regisseurin, Drehbuchautorin und erfolgreiche Schauspielerin. «Hier aber geht es darum, von sehr ernsten Dingen mit Leichtigkeit und Fröhlichkeit zu berichten. Geschichten schreiben, die am Ende einfach und unbeschwert erscheinen, verlangt Sorgfalt und viel Arbeit.» Der Film erzählt mit Gespür für Zwischentöne und Anspielungen, wie in der Gesellschaft Erwartungsdruck und Rollenverteilung meist zu Lasten der Frauen gehen. «Zwischen Arbeit und Familie sind es ja meist die Frauen, die am wenigsten freie Zeit haben. Es sind oft auch Kleinigkeiten, welche die ganze Dynamik zwischen den Geschlechtern dahin verändern, was man von den Frauen erwartet. Und was man erwartet, wird bekanntlich nicht wertgeschätzt.»
Seit vielen Jahren engagiert sich Iciar Bollain für eine bessere Vertretung der Frauen beim Film. «La Boda de Rosa» zeigt die Entwicklung auf gutem Weg: «Das war das weiblichste Team, mit dem ich jemals gearbeitet habe», meint sie, «Natürlich hatte ich mir einige Mitstreiterinnen bewusst ausgesucht, Alicia Luna fürs Drehbuch, Laia Colet fürs Szenenbild, Vanessa Garde für die Musik und die Produzentinnen. Das Kino kann die Welt nicht verändern, doch helfen kann es, andere Rollen und Möglichkeiten aufzuzeigen.» Auf die Frage, ob «La Boda de Rosa» ein politischer Film sei, meinte sie: «Alle Filme sind politisch, glaube ich, weil du dich hierhin oder dorthin stellst. Und dieser Film – er hat einen sehr menschlichen Ton, was würdest du sagen: Ist er politisch?»
Titelbild: Rosa im Stress