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Die Basler Nordistik – ein kleines grosses Fach
Wie andere Philologien auch ist die neuere Skandinavistik von den methodischen Diskussionen beeinflusst, welche die sprach- und Literaturwissenschaften seit den 1960er Jahren prägen. Diese haben beispielsweise zu einer Verlagerung von einer literaturhistorischen zu einer textkritischen Betrachtungsweise geführt. Das bedeutet, dass die Funktionsweise von Texten untersucht wird, unabhängig davon ob sie aus einem politischen, historischen oder naturwissenschaftlichen Kontext stammen. Diese Ausweitung des Textbegriffs zeigt, dass sich das Fach Nordistik nicht alleine auf die Beschäftigung mit Sprache und Literatur reduzieren lässt, sondern auch eine Auseinandersetzung mit allgemeinen kulturgeschichtlichen Phänomenen impliziert, welche die skandinavische Geschichte, die skandinavische Ideen-, Wissenschafts- und Religionsgeschichte und viele anderen Disziplinen betreffen können.
"Tradition und Erneuerung" - dies wäre ein in einem besonderen Sinn geeignetes Losungswort für das Fach Nordische Philologie. International gesehen verfügt die Nordistik über eine lange, bis auf Jacob Grimm und die Anfänge der modernen Philologie in der Romantik zurückgehende Tradition; das Charakteristische dieser Tradition bestand aber zunächst darin, dass man sich im allgemeinen auf die altnordische (altisländische) Literatur beschränkte und diese als Teilgebiete der Älteren Germanistik betrachtete.
In diesem Sinne wurden an der Universität Basel seit 1826 nordische Übungen abgehalten - und noch der international berühmte Germanist und Nordist Andreas Heusler hielt sich in seiner Lehr- und Forschungstätigkeit durchaus an diesen Rahmen, schrieb er doch gerade während seiner Basler Zeit 1921-37 zwei seiner Hauptwerke, in denen der gesamtgermanische Gesichtspunkt klar zum Ausdruck kommt: die "Altgermanische Dichtung" und die "Deutsche Versgeschichte". Eine Zusammenstellung der nordistischen Veranstaltungen an der Universität Basel findet sich im Dokument unter Downloads: Lehrveranstaltungen seit 1820.
Blieb der Altnordisch-Unterricht auch noch in den Kriegs- und Nachkriegsjahren Teil der Germanistik und auch Anglistik, so war in den 60er Jahren, im Zuge der internationalen Entwicklung des Fachs und des allgemeinen Ausbaus der Universitäten, die Zeit für eine grundlegende Erneuerung gekommen, die nicht nur wie in verwandten Fächern in der quantitativen Verbesserung des Lehrangebots, in neuen Methoden und dergleichen bestand, sondern eine grundsätzliche Ausweitung vom Altnordischen zu dem alle Bereiche der nordischen Philologie umfassenden Gesamtfach brachte. Dies wurde ermöglicht durch ein 1968 gemeinsam mit der Universität Zürich eingerichtetes spezielles Ordinariat für Nordistik als Haupt- und Nebenfach für Doktorpromotion und Lizentiat sowie als zusätzliches Oberlehrer-Nebenfach.
Oskar Bandle war der erste Professor auf diesem neu geschaffenen Koordinationslehrstuhl von Basel und Zürich. Es ist ihm gelungen, die Schweizer Nordistik aus bescheidenen Anfängen zu einem vielseitigen, modernen Fach zu entwickeln, welches die komplexen sprachlichen, literarischen und landeskundlichen Verhältnisse des Nordens mit einem entsprechend differenzierten Studienangebot zu bewältigen suchte. Trotz der erheblichen Mehrbelastung, die seine Doppelprofessur bedingte und die er zeitweise auch als Last empfinden mochte, hat er als Forscher mit breitem Interesse sowohl für philologisch-linguistische Sachgebiete wie für neuere und neueste skandinavische Literaturgeschichte, als Herausgeber und als Organisator wissenschaftlicher Kongresse und Symposien der gesamten deutschsprachigen Nachkriegsskandinavistik entscheidende Impulse zu vermitteln gewusst und massgeblich zu ihrem heutigen internationalen Erscheinungsbild beigetragen.Seither ist die Nordische Philologie an der Universität Basel selbstständig, blieb aber nach wie vor in besonderem Masse der Germanistik verbunden.
Auch wenn die Nordische Philologie (Skandinavistik) in Basel wie an vielen Universitäten im deutschsprachigen Raum institutionell lange an das Deutsche Seminar angeknüpft war, hat sie sich unterdessen vollständig von der Germanistik emanzipiert. Inzwischen handelt es sich um ein autonomes Fach, das als BA- und MA-Studienfach belegt werden kann, unabhängig davon, ob man Deutsche Philologie studiert oder nicht.
Das Fach widmet sich der Gesamtheit der Sprachen, Literaturen und Kulturen der nordischen Länder (Dänemark, Norwegen, Schweden, die schwedischsprachigen Gebiete Finnlands, Island und Färöer-Inseln). Wie bei allen fremdsprachlichen Philologien liegt ein Schwergewicht des Studiums zunächst auf dem Erlernen einer der modernen skandinavischen Sprachen.
In Basel werden regelmässig Kurse in Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Isländisch angeboten. Der wissenschaftliche Teil des Studiums gliedert sich in zwei Teile, in denen man sich mit der skandinavischen Mediävistik und der skandinavischen Literaturwissenschaft auseinandersetzt.
Während das BA-Studienfach den gesamten Bereich der Nordischen Philologie umfasst, konzentriert sich das MA-Studienfach in Basel auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit der mittelalterlichen und modernen skandinavischen Literatur.
"Aber er hat ja gar nichts an!" - diese Worte, mit denen ein kleiner Junge den merkwürdigen Auftritt eines Kaisers kommentiert, gehören zweifelsohne zu den bekanntesten Aussagen der Weltliteratur. Wer kennt sie nicht, die Märchen von Hans Christian Andersen, zu denen auch "Des Kaisers neue Kleider" zählt?
Fragt sich für uns Nordistinnen und Nordisten, ob es sich lohnt, diese Märchen als Erwachsene noch einmal zu lesen. Eine Frage, die beispielsweise Gegenstand eines Seminars in der Skandinavistik sein könnte, wobei man versuchen würde, einen anderen Blick auf das Märchen zu werfen. Tatsächlich zeigt sich bei genauerem Lesen, dass der Text sich in einer Art Doppeladressierung an Kinder wie auch Erwachsene richtet. Denn das Märchen behandelt eine politische Thematik, indem es die "naive" Frage aufwirft, wieso und auf welche Weise einzelne Personen eine machtvolle Stellung in einer Gesellschaft zugeschrieben wird. Die Frage nach den Phantasien und Imaginationen, auf denen die Wirkungsweise von politischen Systemen beruht, wird im Text darüber hinaus mit einer generellen Kunstthematik verknüpft.
Derart gelesen, handelt das Märchen von Sprachkleidern und rhetorischen Verführungen, mit denen sich Etwas aus Nichts schaffen lässt. Dass Andersen über einen ausgeprägten Spürsinn für solche ästhetische Effekte verfügt und wie sehr er dieses Gespür für eine genaue Beobachtung seines Zeitalters nutzte, zeigen viele seiner Märchen. So beschäftigte sich Andersen unter anderem ausführlich mit Phänomenen der Moderne wie der Grossstadt, den neuen Medien, der Welt der Maschinen und der Naturwissenschaften und lädt seine Leserschaft ein, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen diese moderne Lebenswelt auf die Kunst haben wird. Gerade in den innovativen Erzählweisen seiner Märchen entdeckt Andersen eine Antwort auf die Herausforderung durch die Moderne. Solchen Überlegungen und ähnlichen geht die Literaturwissenschaft nach. Dies als ein Beispiel von vielen.
Das Intersse für die skandinavischen Literaturen nahm seinen Ausgang sicherlich in der Auseinandersetzung mit der "grossen" Generation der skandinavischen Autorinnen und Autoren um 1900. So interessierten sich Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler etwa für den Einfluss, den Henrik Ibsen und August Strindberg mit ihrer umfassenden Modernisierung dramatischer Techniken auf die literarische Entwicklung der europäischen Literaturen ausgeübt haben.
Inzwischen widmet sich die Neuere skandinavistische Literaturwissenschaft der ganzen Geschichte der ganzen Geschichte der skandinavischen Literaturen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Auch wenn dabei Texte von bekannten skandinavischen Autorinnen und Autoren wie Hans Christian Andersen, Selma Lagerlöf, Astrid Lindgren oder Henning Mankell behandelt werden, liegt der eigentliche Reiz diese Fachgebiets darin, Neues zu entdeck und Vorurteile und Klischeevorstellungen über vermeintlich "randständige" Literaturen des Nordens zu revidieren.
Einen zentralen Aspekt stellen dabei die Wechselwirkungen zwischen der Literatur und anderen Texten zur allgemeinen Ideen- und Kulturgeschichte dar. Auch die Interaktion zwischen den verschiedenen künstlerischen Medien Literatur, Musik, bildende Künste und Theater spielt eine grosse Rolle, wobei die Untersuchung des filmischen Mediums angesichts der Bedeutung des skandinavischen Kinos - man denke an Carl Theodor Dreyer, Ingmar Bergman oder Lars von Trieer - in der Skandinavistik einen vergleichsweise grossen Raum einnimmt.
"Der Frühling war ziemlich kalt. Da ging Flóki auf einen hohen Berg und sah im Norden über den Bergen einen Fjord voller Treibeis; daher nannten sie das Land Island, wie es seither geheissen hat."
Das Zitat stammt aus der wohl in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandenen "Landnámabók, in der ein isländischer Gelehrter aus dem Mittelalter beschreibt, wie Island rund 250 Jahre früher von den norwegischen Wikingern entdeckt, besiedelt und benannt wurde. Dabei greift der Verfasser nicht, wie sonst zu dieser Zeit in Europa üblich, auf die Gelehrtensprache Latein zurück, sondern schreibt in seiner Muttersprache Altisländisch (auch Altwestnordisch). Sein Wissen über Flóki und die anderen Siedlerfamilien schöpft er aus mündlich tradierten Erzählungen und bringt diese in einer literarischen Form zu Pergament.
Schon anhand dieses kurzen Textauszuges lassen sich die zwei grossen Forschungsfelder der skandinavistischen Mediävistik erkennen, die Wikingerzeit (ca. 700-1050 n. Chr.) und das skandinavische Mittelalter (11.-16. Jahrhundert). Und auch eines der zentralen Probleme bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesen Texten lässt sich anschaulich machen: Da es aus der zeit der Wikinger - mit Ausnahme der Runeninschriften - keine schriftlichen Zeugnisse gibt, ist man auf Quellen angewiesen, welche Jahrhunderte später niedergeschrieben wurden. Dabei sind die Quellen meist von variantenreichen Auseinandersetzungen der christlich geformten Kultur des Mittelalters mit ihren heidnischen Wurzeln geprägt.
Die Faszination für altnordische Texte - besonders für die drei grossen literarischen Gattungen der Eddas, der Sagas und der Skaldendichtung - beruht allerdings nicht nur auf dieser spezifischen Überlieferungssituation, die einzigartig innerhalb der europäischen Literaturgeschichte ist, sondern auch auf ihrem reichhaltigen Inhalt. Die skandinavischen Mythen in den Liedern und Erzählungen der Eddas über die skandinavische Götterwelt und ihre Helden, die verschlüsselte und hoch elaborierte Dichtkunst der Skalden und die Sagas, welche sowohl das Leben der Isländer um die Jahrtausendwende, als auch Märchen oder die Entdeckung Amerikas thematisieren, bieten einen literaturhistorischen und kulturellen Schatz, den zu erforschen sich lohnt. Zudem verschaffen uns zahlreiche Bildsteine und Runeninschriften einen Einblick in die Erinnerungskulturund in die mythische Vorstellungswelt des vorchristlichen und mittelalterlichen Skandinaviens.
Dabei sind diese Literaturgattungen vor allem in Handschriften überliefert worden, welche vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder abgeschrieben wurden. Neuere Interessen der forschung liegen nicht zuletzt darin zu untersuchen, wie sich diese Geschichten durch die Jahrhunderte bei den jeweiligen Abschriften verändert haben oder wie aus unterschiedlichen Versatzstücken von Erzählungen neue Texte kreiert wurden.
Für eine Auseinandersetzung mit diesen literarischen Quellen ist eine profunde Kenntnis der altnordischen Sprache unabdingbar. Nur so kommen die stilistisch hoch interessanten und inhaltlich komplexen Texte richtig zur Geltung. Eine zeitgemässe skandinavistische Mediävistik scheut sich dabei nicht davor mit neuesten literaturwissenschaftlichen Fragestellungen an die alten Texte heeranzutreten.
Das Nordistik-Studium baut auf der soliden Kenntnis skandinavischer Sprachen auf. Am Fachbereich für Nordische Philologie unterrichten meist muttersprachliche Lektorinnen und Lektoren Dänisch, Isländisch, Norwegisch und Schwedisch. die Dozierenden gestalten den Unterricht anschaulich und abwechslungsreich, indem sie auf verschiedene Medien wie Internet, filme, Printmedien und literarische Texte zurückgreifen.
Im Verlauf der ersten drei Semester erwerben die Studierenden einen Grundwortschatz une erarbeiten sich eine Übersicht über die Grammatik. Ebenso eignen sie sich ein grundlegendes Lese- und Hörverständnis an und erlernen basale schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeiten. Der Sprachkurs im vierten Semester dient der Festigung und dem Ausbau der in den ersten drei Semestern erworbenen Sprachkenntnisse. Durch die abwechselnde Behandlung verschiedener landeskundlicher oder sprachlicher Themen bieten diese Kurse Einblicke in die Sprach- und Kulturgeschichte der einzelnen Länder oder führen in aktuelle gesellschaftspolitische Themen ein.
Neben dem Sprachunterricht bestehen verschiedene Möglichkeiten, die mündlichen und schriftlichen Fertigkeiten im Selbststudium oder in Tutoraten, Webkursen und anderen innovativen Lernformen zu vertiefen.
Während des BA-Studiums wird von den Studierenden der Besuch eines mindestens zweiwöchigen Sprachkurses im entsprechenden skandinavischen Land ihrer Hauptsprache verlangt, um die bereits erworbenen Kenntnisse zu vertiefen. Im MA-Studium wird die Sprachkompetenz schliesslich durch ein oder zwei Auslandsemester an einer Universität im Land der gewählten Hauptsprache gefestigt und vervollständigt.