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Haarmann trägt den aktuellen Stand der Indoeuropäer-Forschung versiert vor, entbehrt mitunter aber des Mutes für ein Laienpublikum verständlich zu schreiben und ruhig einmal zuzuspitzen. So scheint er der These von der gewaltsamen Herrschaftsergreifung über die „Alteuropäer“ widersprechen zu wollen, und setzt an, die technologische Fortschrittlichkeit der Indoeuropäer im Sinne... Haarmann trägt den aktuellen Stand der Indoeuropäer-Forschung versiert vor, entbehrt mitunter aber des Mutes für ein Laienpublikum verständlich zu schreiben und ruhig einmal zuzuspitzen. So scheint er der These von der gewaltsamen Herrschaftsergreifung über die „Alteuropäer“ widersprechen zu wollen, und setzt an, die technologische Fortschrittlichkeit der Indoeuropäer im Sinne einer ‚ Wissens-Herrschaft ‘ herauszuarbeiten – um sie sogleich zu verwerfen (Kupferwerkzeuge gab es bereits vor der indoeuropäischen Invasion im alten Europa) oder zur relativieren (der vierrädrige Wagen der indoeuropäischen Nomaden nützte in den europäischen Waldlandschaften nicht viel). Hilfreich wäre auch gewesen, dem Leser auf ein, zwei Seiten die (hypothetische) Sprachlandschaft vor Beginn der indoeuropäischen Migration(en) in Erinnerung zu rufen. Aller Bemühungen des Autors um Interdisziplinarität zum Trotz macht den Leser ratlos, dass die einzelnen Wissenschaften offenbar immer noch nicht zu einem übereinstimmenden Bild über die gesellschaftliche Situation im prähistorischen Europa zusammengefunden haben. So bleibt auch bei Haarmann die Beschreibung des Lebens der Indoeuropäer recht dürr und weitgehend auf die linguistische Beweisführung beschränkt. Trotz dieser Kritik – die ja nicht Haarmann als Einzelperson trifft – handelt es sich um ein ganz hervorragendes Büchlein für den Einstieg ins Thema. Haarmann orientiert sich an der sog. Kurgan-Theorie, wonach der Ursprung der Indoeuropäer in der Steppe zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer zu suchen ist. Angeblich habe es sich um ein Volk von Viehnomaden gehandelt, das infolge eines Klimawandels zu(r) Migration(en) veranlasst worden sei. Die nach Europa vordringenden Nomaden hätten die Herrschaft über die dort lebenden Ackerbauern übernommen, und als Herrschaftssprache habe sich – nach einer Phase der Zweisprachigkeit – das Indoeuropäische zum vorherrschenden Idiom entwickelt. Sodann hätten sich die indoeuropäischen Einzelsprachen herausgebildet. Einzelne indoeuropäische Stämme seien bis nach Indien und Westchina vorgedrungen, wo sie – anders als in Europa – zumeist in Nachbarschaft mit den Ureinwohnern siedelten. Harald Haarmann (*1946) ist ein international anerkannter Sprachwissenschaftler. Er ist Vizepräsident des Institute of Archaeomythology in Sebastopol, Kalifornien. „Die Indoeuropäer“ ist eines von drei Büchlein, die von ihm in der Reihe C. H. Beck Wissen erschienen sind. Wie für die Reihe üblich, umfasst das Taschenbuch rund 120 Seiten, darin einige wenige Grafiken, Karten und Bilder sowie einen kurzen Literaturanhang. Das Buch gliedert sich in acht Kapitel im Umfang von 10 bis 20 Seiten: Die Spur der Sprachen [Einleitung], Auf der Suche nach der Urheimat, Lebenswelten der frühen Indoeuropäer, Die Ursprache und ihre Verzweigung, Migration nach Westen, Migration nach Osten, Indoeuropäische Außenlieger, Indoeuropäische Sprachen heute. Der Text baut somit nachvollziehbar aufeinander auf. Die Argumentation ist überwiegend sprachwissenschaftlich, wobei Haarmann stets bemüht ist, Forschungsergebnisse anderer Disziplinen einzubeziehen.