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Herr Andermann, Ihr Symposium «Architectures of Affect» beschäftigt sich mit der Trauer- und Erinnerungskultur in Lateinamerika. Weshalb organisieren Sie gerade jetzt eine solche Veranstaltung?
Jens Andermann: Im September jährt sich zum vierzigsten Mal der Militärputsch gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende in Chile. Das war 1974 ein markanter Einschnitt in der lateinamerikanischen Geschichte. Damit wurde ein progressives, demokratisch-sozialistisches Experiment beendet und die neoliberale Umstrukturierung der Gesellschaft gewaltsam durchgesetzt. Das unterscheidet die Diktaturen der 1970er- und 1980er-Jahre von den Diktaturen früherer Jahrzehnte: Das Militär putschte nicht einfach eine Regierung aus dem Amt und zog sich nach relativ kurzer Zeit wieder in die Kaserne zurück. In Chile und anderswo wurden langjährige diktatorische Regime etabliert, unter deren Kontrolle die Gesellschaft gewaltsam umgestaltet wurde.
Hat das chilenische Beispiel Schule gemacht?
Andermann: In Argentinien, Uruguay und Paraguay gab es zur gleichen Zeit ähnlich ausgerichtete Militärregime. Wir beschäftigen uns aber am Symposium nicht nur mit der Erinnerung an die Opfer von Militärdiktaturen. Wir diskutieren beispielsweise auch, was in Peru passierte. Dort gab es zwar keine Diktatur, aber einen langen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf die Armee und die Guerilla Gewaltakte vor allem gegen bäuerliche Bevölkerungsgruppen verübten. Später gab es Wahrheitskommissionen, was dazu führte, dass Gedenkstätten eingerichtet wurden. Wir interessieren uns aber auch für die vergleichende Perspektive, etwa mit dem Genozid in Ruanda.
Das Symposium beschäftigt sich mit der Frage, wie man sich an die Gräuel der Militärdiktaturen und insbesondere an die Verschwundenen, die «desaparecidos», erinnert. Wie manifestiert sich diese Erinnerung?
Andermann: Wir fragen uns, welche Formen und Orte des Gedenkens geschaffen wurden. Diese sind vielfältig: So gibt es beispielsweise die sogenannten «Stolpersteine», die ursprünglich in Deutschland vor ehemaligen jüdischen Geschäften platziert wurden. In Südamerika wurden solche Steine dort gesetzt, wo Verschwundene zuletzt gewohnt haben oder entführt wurden. Wenn man an einem solchen Gedenkstein vorbeikommt, muss man sich überlegen, wie man sich verhält: einfach weitergehen oder innehalten? Man wird auf diese Weise zu einem kleinen persönlichen Akt des Gedenkens angehalten.
Ihr besonderes Interesse gilt der Verortung der Erinnerung, der «Architektur» des Gedenkens. Wie äussert sich dieses?
Andermann: Es gibt alle möglichen ästhetischen und poetischen Formen, das Gedenken in den nationalen und urbanen Raum einzuschreiben. Sie signalisieren, dass dieser (Erinnerungs-)Raum immer noch ein gebrochener ist. Die Orte des Gedenkens verändern die Kartografie der Stadt. Es können aber auch Installationen auf der Ebene der Landschaft sein. Der chilenische Dichter Raul Zurita hat eine Zeile aus einem Gedicht, das der Opfer der Diktatur gedenkt, in die Atacama-Wüste einbulldozern lassen. Das ist ein Mahnmal, das man nur vom Satelliten aus sehen kann.
Wozu dienen diese Gedenkstätten?
Andermann: Sie richten sich gegen das Vergessen. Und die symbolischen und ästhetischen Aktionen des Gedenkens haben immer einen politischen Inhalt. Gerade weil es um die Frage geht: Wie betrauert man jemanden, über dessen individuelles Schicksal man nichts weiss und dessen letzte Ruhestätte man nicht kennt? Man errichtet beispielsweise Denkmäler an Orten, die historisch markiert sind wie ehemalige Folterzentren.
Oft ist es aber auch so, dass einfach signifikante Orte in Städten oder Gemeinden als Orte der Erinnerung eingefordert werden. Erinnerung findet immer auch in Bezug auf die Gegenwart statt. Je nachdem, was mit diesen Gedenkakten erreicht werden soll, werden bestimmte Aspekte betont oder ausgeblendet.
Welche Bedeutung haben diese Orte des Erinnerns?
Andermann: Die Bedeutung hat sich oftmals gewandelt. Nach dem Ende der Diktaturen standen viele demokratisch gewählte Regierungen nach wie vor unter dem Druck des Militärs. Zu dieser Zeit waren die Gedenkorte auch Zufluchtsorte, wo man sich treffen konnte, um die Legitimation der eigenen Forderungen etwa nach Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur deutlich zu machen. Sie hatten damit eine andere Funktion als jene Monumente, die später vom Staat selbst in Anerkennung seiner Verantwortung errichtet wurden.
Meist unterscheiden sie sich auch in der Architektur: die staatlichen Gedenkstätten sind oft monumental und zentral gelegen, während die nichtstaatlichen Gedenkstätten unscheinbarer und bescheidener sind. Es gibt eine Art geologische Schichtung der Formen des Gedenkens, die die ideologischen, politischen und kulturellen Debatten wiedergeben.
Wie haben sich diese Debatten verändert?
Andermann: Bemerkenswert ist, dass es in Lateinamerika bereits heute, zehn bis zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktaturen, staatliche Gedenkstätten gibt und eine Aufarbeitung der Gräuel stattfindet. Das ist erstaunlich, auch etwa im Vergleich zur Aufarbeitung der Nazizeit in Deutschland. Das spricht dafür, dass es in Südamerika bereits während der Diktaturen starke und sehr aktive Widerstandsbewegungen und Menschenrechtsorganisationen gab.
Die interessante Frage ist, welche
gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen diesen relativ raschen Übergang
möglich gemacht haben, trotz der unglaublich starken Repression, die auch noch
nach der Rückkehr zur Demokratie ein hohes persönliches Risiko barg – die
Folterer waren ja nicht einfach verschwunden, sondern immer noch da, oft
straflos.