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18. Oktober 2021 – Die seit Jahren verhüllten Häuser bei der Einmündung der Bahnhofstrasse in die Seestrasse, zuweilen als «Schandfleck» bezeichnet, stehen unter Denkmalschutz. Sie werden schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen.
Der Bauherr und Architekt Markus Moser hat gute Nachrichten: «Die Häuser werden, sofern alles nach Plan läuft, im nächsten Frühling enthüllt und bis im Sommer bezugsbereit sein.» Beide werden Büros enthalten, im Laden wird das Erlenbacher Parkett- und Teppichgeschäft Blaser einen Showroom einrichten. Für Wohnungen sei die Lage zu lärmig, sagt Moser, «ausserdem wäre der Einbau von Küchen und Badezimmern nicht mit den Vorgaben der Denkmalpflege vereinbar gewesen».
500 Jahre altes Fichtenholz
Das obere der beiden nahe zusammengebauten Häuser wurde 1539 gebaut, das untere errichtete man 1553 auf dem Fundament des Vorgängerbaus neu und deutlich grösser. In diesem Haus sind Fichtenbohlen verbaut, die im Winter 1447/48 im Zolliker Wald geschlagen wurden. Es stand damals an bester Lage direkt am Seeufer. Die Seestrasse gab es noch nicht.
Auf einer farbenfrohen Darstellung aus dem Jahr 1790 ist zu sehen, dass es damals lediglich einen lauschigen Seeuferweg mit Schatten spendenden Bäumen gab und eine Hafenschutzmauer, aber keine Brücke über den Gstadbach, der nach starken Regenfällen offenbar ziemlich wild war und eine Menge Geröll im See ablagerte.
Aus historischen Quellen weiss man, dass im 17. Jahrhundert wohlhabende Zollikerinnen und Zolliker mit Dienstboten in den Gstad-Häusern wohnten, denn nur die Oberschicht konnte sich damals solch repräsentative Steinbauten leisten. «Der westliche Hausteil mit prächtiger Aussicht auf den See genügte damals noch höheren Wohnansprüchen», erklärt Christine Barz, die bei der kantonalen Denkmalpflege für die beiden Zolliker Objekte zuständig ist. Später lebten dann vor allem Handwerker und Schiffleute im unteren Gstad.
Quartier verändert seinen Charakter
Die Überdeckung des Gstadbaches, der Bau der Seestrasse (1838) mittels Aufschüttung sowie der Eisenbahnlinie (1894) und nicht zuletzt die Einweihung des neu erbauten Hotels «Casino» (1898) mit einem prächtigen Theater- und Konzertsaal für 800 Personen veränderten den Charakter des Quartiers. Es wurde zum kulturellen Zentrum der Gemeinde, Vereine und Behörden hielten im «Casino» ihre Anlässe ab.
Das Gstad-Quartier hatte eine Ausstrahlung bis nach Zürich. Schiffe brachten Gäste aus der Stadt zu Filmvorführungen, Hochzeiten und Geburtstagsfeiern nach Zollikon. Das Leben am See pulsierte, noch gab es keinen störenden Verkehr. Erst zwei Jahre vor der Einweihung des Casinos hatte Carl Benz in Deutschland das erste vierrädrige Automobil mit Verbrennungsmotor gebaut. In Acht nehmen musste man sich in Zollikon nur vor Kutschen und Fuhrwerken.
Unsere Bildergalerie zeigt, wie sich das Gstad-Quartier in den folgenden Jahrzehnten entwickelte:
Eine Zäsur war der Abbruch des «Casinos» im Jahr 1952. Die Gäste waren ausgeblieben; der Betrieb hatte schlicht nicht mehr rentiert, und grosse Festsäle waren aus der Mode gekommen. Das Gstad-Quartier verlor in gleichem Mass an Attraktivität, wie der Strassenverkehr zunahm, der die Menschen verdrängte.
Intervention der Denkmalpflege
Als die Besitzer die Häuser Seestrasse 51 / Bahnhofstrasse 3/5 im Jahr 1988 abreissen und durch einen Neubau ersetzen wollten, schaltete sich auf Initiative der Zolliker Ortsgruppe für Natur- und Heimatschutz die Denkmalpflege ein. Der Kanton Zürich liess ein Gutachten erstellen und kam zum Schluss, die Häuser seien «wichtige Zeugen einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Epoche».
«Sie prägen das historische Ortsbild des Ortsteils Gstad und das Seeufer in nachhaltiger Weise», fügt Christine Barz hinzu. Die geschützte Häuserzeile bilde «den stattlichen Kopf des Gstadquartiers». Ausserdem gebe es in dieser Region «nur wenige eindeutig datierbare, unveränderte Steinbauten aus dieser Zeit». Die Häuser seien «im denkmalpflegerischen Kontext» deshalb «eindeutig von überkommunaler Bedeutung».
Solange sie bewohnt waren, hatten die Häuser eine Art morbiden Charme. Die Gemeinde mietete sie vorübergehend und quartierte Asylsuchende ein. 2007 nahm die Gemeindeversammlung den privaten Gestaltungsplan des damaligen Besitzers Willy Günther an. Mit einem Vertrag verpflichtete er sich, die Häuser zu sanieren und dabei die Vorgaben der Denkmalpflege zu beachten. Dann geschah jahrelang – nichts.
Neuer Anlauf
2010 übernahm der Architekt Markus Moser das Grundstück, zu dem auch das nicht geschützte Haus Seestrasse 49 gehörte, mit einem Geschäftspartner. Sie packten das marode Objekt ein, um die Fassade eingehend untersuchen zu können. Die Bausubstanz hatte über die Jahre innen und aussen massiv gelitten. Zuerst rissen sie das Haus Nr. 49 ab und erstellten einen Neubau, dann wandten sie sich den geschützten Häusern zu.
Jede Menge Überraschungen
«Die Gemäuer hielten einige Überraschungen für uns bereit», sagt Moser. «Wann immer wir eine Bretterwand entfernten, staunten wir, was dahinter zum Vorschein kam – zum Beispiel Wasserschäden oder statische Probleme». Normalerweise plane man zuerst und setze dann die Pläne um. Bei diesem Projekt war es gerade umgekehrt: «Wir mussten schauen, was wir antreffen, und dann überlegen, wie wir die Probleme unter Einbezug der Denkmalpflege lösen konnten. Dass etliche Leute mitredeten, beschleunigte den Prozess nicht unbedingt.»
Die Besichtigung der Baustelle vermittelt eine Vorstellung von der Sorgfalt der Renovation: Im Ladengeschäft des unteren Hauses wird das alte Mauerwerk sichtbar bleiben. Das ehemalige Wohnzimmer im ersten Stock wird fast wieder so aussehen wie früher – mit Blick auf den See. Laut Architekt Moser beläuft sich der finanzielle Aufwand für die Sanierung auf derzeit 8 Millionen Franken.
Was rechtfertigt eine solche Investition? «Die Lage der beiden Häuser so nahe am Bahnhof ist für die Vermietung von Büros ideal», sagt Moser, «ausserdem finde ich es gut und wichtig, solche Zeitzeugen zu erhalten, denn sie sind Teil der Schweizer Identität.»
Unwirtliche Umgebung
Lohnt sich Denkmalschutz an einer solchen Lage aus Sicht der Zolliker Bevölkerung? Die Ecke Seestrasse / Bahnhofstrasse ist nach wie vor ein unwirtlicher Ort: Lärm, Autos und ein recht unbelebter Park am See, erschlossen durch eine Unterführung, die man nachts besser meidet.
«Die Kriterien für die Zeugenschaft der denkmalpflegerischen Schutzobjekte messen sich vordergründig nicht am erhaltenen Ortsbild», gibt Christine Barz zu bedenken, «die Einzelbedeutung des Gebäudes oder eines Ensembles ist bestimmend.»
Dies könne eine städtebauliche, kunst- und baugeschichtliche, architektonische, sozial- oder wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung sein. Wenn eines oder mehrere Kriterien in besonderem Masse erfüllt seien, besitze ein Gebäude eine wichtige Zeugenschaft: «Dies trifft auf die Häuser Seestrasse 51 und Bahnhofstrasse 3/5 in jedem Fall zu.» (rs)