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Text: Daniel Fleischmann
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Kurzfristige Gewinne gehen nicht selten auf Kosten der Natur. Das zeigt sich auch beim Boden – zum Beispiel in der berühmten «Tragik der Allmende». Um die Übernutzung des Bodens zu stoppen, fordert die Politik jetzt eine Umkehr: Bis 2050 soll in der Schweiz kein Boden mehr verloren gehen.
Dörfer bestanden in früheren Jahrhunderten – idealtypisch gesprochen – aus der Ackerflur, die in grosse Bezirke (Zelgen) aufgeteilt war, dem Wohnbereich mit Hof und Garten und der Allmend.
Umstritten: die «Tragik der Allmende»
Das Wort Allmend stammt aus dem mittelhochdeutschen al(ge)meinde «Grundbesitz der ganzen Gemeinde». Ihre Flächen bestanden in der Regel aus Weiden, Wald und Ödland, die von den berechtigten Bewohnern zur kollektiven Nutzung ausgeschieden waren. Mit diesem Konzept stellte man sicher, dass auch ärmere Leute mit wenig Bodenbesitz zu Weideflächen und Holz kamen. Für die Viehwirtschaft war die Allmend bis zur Einführung der Stallfütterung im Sommer von grundlegender Bedeutung. Neben dem Wiesland und der Ackerflur wurde auch der Wald beweidet, insbesondere durch Schweine, den im Mittelalter wichtigsten Fleischlieferanten, die im Herbst mit Eicheln und Bucheckern gemästet wurden.
Wenn die Bevölkerung wächst, geraten freilich auch Allmenden unter Druck. Diese Beobachtung war es, die den Forscher Garrett Hardin veranlasste, die Gefahr der Übernutzung von Allmenden zu beschreiben («Tragik der Allmende»). Hardin zufolge werde, sobald eine Ressource uneingeschränkt allen Menschen zur Verfügung steht, jeder versuchen, für sich so viel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften. Ob dies tatsächlich richtig ist, ist umstritten. So konnte die Umweltökonomin und erste Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigen, dass Allmenden in vielen Fällen angemessener und nachhaltiger bewirtschaftet werden als private oder staatlich kontrollierte Güter. Prominente Beispiele dafür sind Alpweiden wie der Urnerboden. Dabei handelt es sich um Ressourcen im Besitz einer lokalen Gemeinschaft (hier der Korporation Uri), die nach gemeinsam vereinbarten Regeln durch die Besitzer selbst bewirtschaftet werden.
Wie auch immer: Im gemeinschaftlichen Gebrauch des Bodens verbirgt sich ein auch für den Unterricht interessantes Dilemma. Der Gegensatz von Streben nach persönlichem Vorteil und dem für die Gruppe optimalen Verhalten – er bestimmt eine Vielzahl von ökologischen Herausforderungen. Er wird im Gruppenspiel «Fischteich» erlebbar. Das Allmendegut wird hier repräsentiert durch einen Fischteich, aus dem die Lernenden in mehreren Runden anonym Fische mit dem Ziel entnehmen, möglichst viele Fische (= Punkte) herauszuholen. Sie können pro Runde bis zu drei Fische entnehmen. Wenn die Lernenden im Durchschnitt in jeder Runde höchstens zwei Fische entnehmen, kann sich der Fischbestand zwischen den Runden nachhaltig erholen. Somit könnte grundsätzlich beliebig lange weitergefischt werden. Individuell besteht aber ein Anreiz, drei Fische zu entnehmen. Deshalb kommt es meist zu einer Übernutzung oder sogar zu einemKollaps, bei welchem alle schlechter dastehen.
Am teuersten mit Aussicht auf den See
Die «Tragik der Allmende»: Sie steckt auch hinter den Folgen des Wachstums der Siedlungsflächen auf Kosten des Kulturlandes: Wenige erzielen einen kurzfristigen Nutzen, aber alle leiden unter den langfristigen Schäden. Allein in den letzten 24 Jahren sind in der Schweiz 85 000 Hektaren beziehungsweise 5 Prozent des 1985 noch vorhandenen Kulturlands verloren gegangen, was etwa der Grösse des Kantons Jura entspricht. Die Ausweitung der überbauten Fläche ist für zwei Drittel dieses Kulturlandverlusts verantwortlich, dies überwiegend im Mittelland (zwischen Jurakette und Alpen) und in den Talgebieten.
Treiber des Flächenverbrauchs ist insbesondere die Zersiedelung, wie die thematische Synthese des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden» (NFP 68) bilanziert. Ein Grund dafür: wirtschaftliche Faktoren. «Konventionelle Geldanlagen verlieren zunehmend an Attraktivität, weil ihre Zinsen gegen null oder gar darunter sinken. (…) Die Kapitalanlage Boden, die Sicherheit und Rendite verspricht, fördert die Zersiedelung.» Die Folgen davon lassen sich etwa an den Bodenpreisen ablesen: 1995 bezahlte man im Kanton Zürich 622 Franken für den Quadratmeder Wohnbauland, 2018 1097 Franken. In der gleichen Zeit ging der Preis für einen Quadratmeter Landwirtschaftsland von 8.37 auf 6.69 Franken zurück.
Besonders aufschlussreich sind die extremen Preisunterschiede je nach Gemeinde. Besonders vier Faktoren haben einen grossen Einfluss auf die bezahlten Preise von Wohnbauland, wie eine Analyse des statistischen Amtes des Kantons zeigte: die öV-Fahrzeit nach Zürich, die Steuerbelastung, die Aussicht und die Nähe zum See – alles von der Qualität des Bodens völlig unabhängige Faktoren.
«Kulturland ist aus rein ökonomischer Sicht heute praktisch wertlos, obwohl Boden ein knappes Gut ist», sagt Damian Jerjen, Direktor des Verbands für Raumplanung EspaceSuisse. «Der Wert von Boden wird falsch eingeschätzt, vor allem, wenn der Boden nicht überbaut werden darf. Die zahlreichen Funktionen, die der Boden erfüllt, werden ignoriert.» Ein älterer Mann aus dem Gomshabe zu ihm einmal gesagt: «Heute hat der Boden nur noch einen Preis. Früher, als wir noch Selbstversorger waren, hatte er auch noch einen Wert.»
Bodenindex mit Qualitätskriterien
Um zu verhindern, dass weiterhin wertvolle Böden durch bauliche Nutzungen zerstört werden, schlägt das erwähnte Forschungsprogramm vor, die Bodenqualität zu einer zentralen Entscheidungsgrösse der Raumplanung zu machen. Damit sollen die qualitativ hochwertigsten Böden im Zuge von Interessenabwägungen besser geschützt werden. Um dieses Kriterium der Bodenqualität besser in den Planungsprozess zu integrieren, sei zudem das Instrumentarium der Raumplanung um Bodenindexpunkte zu ergänzen. Dazu gehöre, allgemeingültige Grenzwerte für den Verlust an Bodenqualität festzulegen.
Vor gut einem Jahr hat der Bundesrat mit der Bodenstrategie Schweiz und einem Massnahmenpaket zur nachhaltigen Sicherung der Ressource Boden reagiert. Bis 2050 soll unter dem Strich kein Boden mehr verloren gehen. Weil zudem das Wissen über die Böden der Schweiz sehr lückenhaft ist, sollen die beteiligten Ämter ein Konzept für eine schweizweite Bodenkartierung ausarbeiten. Sie soll insbesondere Angaben zu Lage, Aufbau, chemischen, biologischen und physikalischen Eigenschaften sowie zur Empfindlichkeit und Nutzungseignung enthalten.