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Das Deutsche Seminar, die Philosophisch-Historische Fakultät und die Universität Basel trauern um
Prof. Dr. GERT HÜBNER
(* 17.12.1962 † 13.06.2016)
NACHRUF
Gert Hübner wurde zum Frühjahrssemester 2009 als Professor für Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext an die Universität Basel berufen. Die Universität verliert einen hochrenommierten Wissenschaftler, einen überaus geschätzten Kollegen und einen inspirierenden akademischen Lehrer, der den Studierenden sein Feld – die deutschsprachige Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit – mit Scharfsinn und Humor nahe zu bringen wusste. Sein Tod fällt in eine sehr produktive Zeit seines Schaffens, mehrere Projekte waren geplant, von denen sich viele Fachkolleginnen und -kollegen wesentliche neue Erkenntnisse erhofften.
Gert Hübners akademischer Werdegang begann mit dem Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Bamberg, später traten Allgemeine Rhetorik – eine Konstante in seinem wissenschaftlichen Œuvre – und Philosophie hinzu. Den Magister Artium erwarb er 1990, ein Jahr später legte er das Erste Staatsexamen für das Lehramt ab.
Sein Interesse an der deutschen Literatur des Mittelalters wurde durch eine Stelle als studentische Hilfskraft am Bamberger Lehrstuhl geweckt. Nach seinem Studium arbeitete er dort bis 2004 als wissenschaftlicher Assistent. In der Bamberger Zeit verfasste er seine Dissertation über die Funktion des Frauenlobs im Minnesang (Frauenpreis), mit der er im Wintersemester 1995/1996 an der Universität Tübingen promoviert wurde. Aus der Beschäftigung mit der mittelalterlichen Liedkunst erwuchs auch seine zweite Monographie (Lobblumen), die sich mit dem vieldiskutierten Phänomen des sogenannten ‚geblümten Stils‘ auseinandersetzte und die Diskussion darüber wesentlich weiterbrachte. Sein drittes Buch, die Habilitationsschrift Erzählform im höfischen Roman wandte sich der höfischen Klassik zu, deren Versromane er narratologisch untersuchte.
Mit der Fokussierung auf die erzählerische Vermittlung und der Applikation und Weiterentwicklung des Genette’schen Analyseinstrumentariums erschloss er der Germanistischen Mediävistik ein noch weitgehend neues Feld und trug wesentlich zur Etablierung des Forschungsfelds Historische Narratologie bei, ein Themengebiet, an dem er auch in Basel intensiv weiter arbeitete. Die Liedkunst verlor er dabei aber nicht aus dem Blick, sondern untersuchte in mehreren Aufsätzen das Œuvre von Lyrikern des 14.-16. Jahrhunderts. Darunter waren echte Pionierarbeiten, denn die Lyrik dieses Zeitraums wurde sowohl von neuerer als auch älterer Literaturwissenschaft kaum untersucht. Dass dieses Feld inzwischen in Grundzügen interpretatorisch erschlossen ist, bleibt eines seiner bleibenden Verdienste.
Nach einer Professurvertretung in Jena wurde Gert Hübner 2004 Hochschuldozent an der Universität Leipzig und erhielt dort 2008 den Titel eines ausserplanmässigen Professors. In seine Leipziger Zeit fällt die intensive Beschäftigung mit der mittelalterlichen Versnovellistik und der frühneuzeitlichen Schwankliteratur. Auch in diesen Arbeiten wird deutlich, dass er in seinem Erkenntnisstreben nicht willkürlich an vertrauten Epochengrenzen haltmachte, sondern Traditionslinien und -brüche in ihrer ganzen Dauer und daraus resultierenden Komplexität zu überblicken vermochte. Aus der Beschäftigung mit Versnovellen und Schwänken resultierte auch seine Auseinandersetzung mit dem historischen Begriff von Klugheit und Rationalität, ein Projekt, an dem er in den letzten Monaten erneut intensiv zu arbeiten begann. In der Bamberger und Leipziger Zeit entstanden zudem zwei Einführungen Ältere deutsche Literatur und Minnesang im 13. Jahrhundert, die nicht nur für Studierende noch für lange Zeit von bleibendem Wert sein werden. Die Ältere deutsche Literatur hat er im letzten Sommer für die zweite Auflage grundlegend überarbeitet und erweitert.
Seit seiner Berufung nach Basel weitete Gert Hübner seine Forschung zu einer generellen Diskussion des mittelalterlichen Begriffs von Dichtung aus, den er – etwa in einem grossen Aufsatz zum Basler Dichter Konrad von Würzburg – im mittelalterlichen Wirklichkeitsbegriff neu verortete. Im Zuge dieser Ausweitung der Erkenntnisinteressen erschloss er sich weitere neue Gebiete, so die althochdeutsche und frühmittelhochdeutsche Literatur oder lateinische Autoren wie Gregor von Tours. Neu traten auch Text-Bild-Relationen in sein Blickfeld. Daneben entstanden in letzter Zeit zahlreiche Handbuch- und Lexikoneinträgen, die zeigen, dass die von Gert Hübner erarbeiteten Erkenntnisse und die von ihm eingeschlagenen Wege der Forschung bereits zum Kanon der germanistischen Mediävistik gehören. Vieles bleibt jetzt, nach seinem zu frühen Tod, unvollendet zurück, aber vieles und Bedeutsames hat er dem Fach, den Kolleginnen und Kollegen und seinen Schülerinnen und Schülern hinterlassen.
Basel, 1. Juli 2016, Das Deutsche Seminar der Universität Basel