Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03493.jsonl.gz/562

Der britische Exbanker Gary Stevenson ist Multimillionär – und fordert eine stärkere Besteuerung der Reichen. Nur so lasse sich die darbende Wirtschaft während der Coronakrise retten.
Als Gary Stevenson seinen ersten Bonus einsteckte, war er schockiert. «Ich hatte mir 100 000 Pfund zum Ziel gesetzt – für mich eine enorme Summe», sagt er. «Was ich tatsächlich erhielt, lag deutlich darüber.» Das war im Januar 2010.
Etwas mehr als ein Jahr zuvor hatte der internationale Finanzsektor die Wirtschaft fast gegen die Wand gefahren, mit milliardenschweren Rettungspaketen musste der Staat die Banken vor dem Kollaps bewahren. Die Rezession, die auf die finanzielle Kernschmelze folgte, war tief, die Zahl der Arbeitslosen stieg auf 2,5 Millionen, so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber Stevenson, Zinshändler bei der Citibank in London, hatte einen lukrativen Job, jedes Jahr landete eine ordentliche Summe auf seinem Konto. 2011 war er der erfolgreichste Trader in seiner Bank und nahm seine erste Million nach Hause. Er war gerade 25 Jahre alt geworden.
Heute blickt der 33-Jährige – nunmehr nach eigener Aussage ein pensionierter Multimillionär – mit Sorge auf die heimische Wirtschaft. Er sieht eine Gesellschaft, die von gewaltiger Ungleichheit geprägt ist; und er befürchtet, dass die Coronakrise die Einkommensschere weiter öffnen wird. Mitte Juli unterzeichnete er einen offenen Brief der Gruppe Millionaires for Humanity, zu der Filmemacher Richard Curtis und Disney-Erbin Abigail Disney gehören. Darin fordern 83 MillionärInnen rund um den Globus, stärker zur Kasse gebeten zu werden. Nur so seien die Folgen der Pandemie zu bewältigen. «Bitte. Besteuert uns. Besteuert uns. Besteuert uns», schreiben sie. «Es ist der einzige Weg.»
Aus einfachen Verhältnissen
Stevenson erscheint zum Interview im Londoner Victoria Park im Freizeitlook und mit dem Rad: Kapuzenpulli und ausgelatschte Turnschuhe, die Trainingshose hat er in die roten Socken gesteckt. Er ist ein Mann, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Er ist überzeugt, dass er die Wirtschaft besser als alle anderen voraussagen kann. «Vielleicht ist das arrogant, aber ich glaube, dass ich schlichtweg smarter war als der Rest», sagt er, als er sich gesetzt hat, ein Fuss lässig auf der Holzbank. Vor allem etwas hat er dem Grossteil der anderen Trader voraus: Er weiss, wie das Leben für einen Normalbürger ist.
Der Job eines Zinshändlers besteht darin, eine Wette über die Zukunft der Wirtschaft abzuschliessen: «Sagen wir zum Beispiel, jemand will nächstes Jahr Geld von mir borgen. Heute liegt der Leitzins bei 0,5 Prozent, und der Händler schätzt, dass ihn die Zentralbank nächstes Jahr auf 2,5 Prozent anheben wird», erklärt Stevenson. «Also leihe ich ihm das Geld zu diesem Prozentsatz. Aber nächstes Jahr stellt sich heraus, dass der Zins immer noch bei 0,5 Prozent liegt. Ich kann das Geld zu diesem Preis borgen – und mache einen Gewinn von 2 Prozent.» Er spricht schnell und gestikuliert mit den Händen, man kann sich gut vorstellen, dass er in den hektischen Handelsräumen des Londoner Finanzdistrikts in seinem Element war.
Zu Beginn machte er es wie alle anderen: Er setzte auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft und erwartete, dass dies die Zentralbank dazu bewegen würde, den Leitzins anzuheben. «Die Lehrbuchökonomie besagt, dass die starke Senkung des Leitzinses die Volkswirtschaft stimulieren würde», sagt Stevenson. Auch setzte die Bank of England auf quantitative Lockerung – im Prinzip eine Spritze zusätzlicher Liquidität im Bankensystem. «Entsprechend gingen alle davon aus, dass es rasant nach oben gehen würde.» Aber die Erholung blieb aus – sie kam weder im Jahr 2009 noch im Jahr darauf. Stevenson begann, genauer hinzuschauen: Er wollte wissen, wohin das Geld tatsächlich geht.
Der tiefe Leitzins hätte eigentlich die Leute animieren sollen, in die Taschen zu greifen und Geld auszugeben. «Aber es funktionierte nicht», sagt Stevenson. «Ich sah zwar Leute im Finanzsektor, die Zugang zu Liquidität hatten und viel Geld machten. Aber die Menschen bei mir zu Hause hatten überhaupt nichts davon.»
Zu Hause, das ist Ilford, ein Stadtteil im Osten Londons. Hier ist Stevenson aufgewachsen, «in einem kleinen Haus neben den Bahngleisen». Sein Vater arbeitete bei der Post, seine Mutter war Hausfrau, er hat zwei Geschwister. «Wir hatten ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch – aber wir lebten in armen Verhältnissen», sagt er. Mit zwölf begann er, jeden Morgen Zeitungen auszutragen. Während des Studiums an der London School of Economics arbeitete er nebenbei in einem Möbelladen. Oft habe er aufs Mittagessen verzichtet, um Geld zu sparen.
Daran sei eigentlich nichts Besonderes, er sei ganz einfach «einer der 99 Prozent» gewesen. Eine Karriere in der City sollte ihm und seiner Familie vor allem finanzielle Sicherheit geben. Der Gegensatz zu seinen ehemaligen Kollegen sei jedoch krass: «Der Grossteil wurde mit dem goldenen Löffel gefüttert, und wenn sie ihren Job in der Bank antreten, können sie ihren Arsch nicht von ihrem Ellbogen unterscheiden. Ernsthaft, diese Leute mussten noch nie selbst eine Entscheidung treffen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn ihre Mutter sie jeden Tag vor dem Büro abgesetzt hätte.»
Eine Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG lieferte im letzten Jahr die Zahlen zu Gary Stevensons Beobachtungen: Sie zeigen, dass die Klassenstrukturen im britischen Finanzsektor besonders starr sind. Über 40 Prozent der Angestellten in der City haben Eltern, die in derselben Branche arbeiten; im Durchschnitt aller Wirtschaftssektoren sind es nur 12 Prozent. Tim Howarth, Leiter der Finanzdienstleistungen bei KPMG, bezeichnete dieses Missverhältnis als «schwindelerregend»; das Resultat sei ein «immer kleinerer Talentpool und ein Mangel an sozialer Mobilität».
An seinem Arbeitsplatz sei Stevenson der Einzige gewesen, der mit einem gewöhnlichen Londoner Akzent gesprochen habe anstatt mit dem Queen’s English, das man an den Privatschulen lernt. «Wenn man in den bestbezahlten Jobs im Land keine Leute findet, die aus normalen Verhältnissen stammen, dann hat die Gesellschaft die soziale Mobilität zerstört.»
Corona als Jobkiller
Dass er einer der wenigen Trader ohne privilegierten Hintergrund war, gab ihm einen entscheidenden Vorteil: Er verstand besser, wie die Wirtschaft für den Grossteil der Leute funktioniert. Er stellte fest, wer bereits Kapital besass und von den tiefen Zinsen profitieren konnte, vermochte in den Jahren nach der Krise Unmengen an Geld zu scheffeln. Aber der Rest hatte kaum etwas davon. Dazu kam das rigorose Sparprogramm der konservativen Regierung, das Einkommen schrumpfte, Jobs kaputtmachte und Tausende in die Armut trieb. So konnten die reichsten tausend Menschen in Grossbritannien ihr Vermögen von 2008 bis 2015 verdoppeln, während Millionen andere auf der Stelle traten. Als Stevenson bewusst wurde, dass eine so ungleiche Wirtschaft auf keinen grünen Zweig kommen würde, wettete er auf dauerhaft tiefe Zinssätze – und machte Millionen.
«Die Coronakrise ist noch ernster als die Finanzkrise vor zehn Jahren», sagt Stevenson. «Die Arbeitslosigkeit wird explodieren, die Löhne werden stagnieren. Während Normalverdienende ihre Jobs verlieren, machen die Reichen dickes Geld, weil ihre Anlagevermögen in die Höhe schiessen.»
Im zweiten Quartal 2020 schrumpfte die britische Wirtschaft um mehr als 20 Prozent, mehr als in fast allen anderen Industrienationen. Kürzlich prognostizierte das unabhängige Institut Office for Budget Responsibility, dass Grossbritannien im kommenden Winter eine Krise der Arbeitslosigkeit sehen werde, wie sie das Land zuletzt Anfang der achtziger Jahre erlebt hatte. Die bisherigen Auswirkungen der Coronakrise sind im Juni vom britischen Rechnungshof Institute for Fiscal Studies (IFS) analysiert worden. Die Schocks, die Covid-19 in der Wirtschaft ausgelöst hat, hätten sich mit vielen «alten und tiefen Ungleichheiten überlagert», schreiben die Autoren des Berichts. 80 Prozent der Arbeitstätigen im untersten Zehntel der Einkommenspyramide sind entweder in Sektoren angestellt, die im Lockdown ganz geschlossen wurden, oder sie können nicht von zu Hause aus arbeiten; im reichsten Zehntel sind es nur ein Viertel der Angestellten. Auch geben die Ärmeren einen grossen Teil ihres Einkommens für Miete, Stromrechnungen und Essen aus. Demgegenüber können die Reichen das Geld für Freizeitaktivitäten einsparen, schreibt das IFS.
«Die Reichen häufen in dieser Krise enorm viel Ersparnisse an», sagt Stevenson. «Ich habe schon im März prognostiziert, dass wir einen Boom an den Börsen sehen werden – zunächst in sicheren Anlagen wie Gold oder Staatsanleihen, später Aktien.» Noch gibt es keine handfesten Anzeichen, dass seine Voraussage stimmt, aber zumindest beim Gold hat sich sein Gespür als richtig herausgestellt: Der Goldpreis erreichte im Juli den höchsten Stand seit neun Jahren. Deswegen investierte Stevenson schon früh in der Krise in Gold und hat ordentlich profitiert. «Nicht weil ich es brauche. Aber wenn ich hier sitze und dir sage, dass Ungleichheit ein Problem sein wird, dann muss ich darauf eine Wette abschliessen. Ich muss wissen, dass ich Geld verliere, wenn ich falsch liege.» Seit er seinen Job als Händler 2014 aufgegeben hat, verdient er noch immer jedes Jahr 40 000 bis 60 000 Pfund mit seinen Investitionen.
Das System kann besser werden
Stevenson ist kein Antikapitalist. Aber er ist überzeugt, dass das gegenwärtige System verbessert werden kann. Gerechte Steuern hält er für den besten Weg, die Gesellschaft fairer zu machen. Vor allem fordert er eine Vermögenssteuer, um die kommende Krise der Ungleichheit einzudämmen. «Ich glaube, dass die Situation so schlimm sein wird, dass eine solche Steuer über kurz oder lang kommt», meint er. «Meine Befürchtung ist allerdings, dass die Regierung zu viele Schlupflöcher lassen wird, sodass die Superreichen die Steuer umgehen können.» Dies sei die übliche Vorgehensweise britischer Regierungen.
«Wenn wir an dieser Mentalität festhalten, dann werden die Reichen immer reicher, und die Mittel- und Unterschicht wird ärmer», sagt Stevenson. «Wir müssen einen Weg finden, die reichsten Bürgerinnen und Bürger zu besteuern, sonst wird sich unsere Wirtschaft über Jahrzehnte nicht erholen.» Erneut gibt er sich keine Mühe, Bescheidenheit vorzutäuschen: «Ich habe bislang zehn Jahre lang recht gehabt. Ich denke, ich werde es noch eine Weile lang weiterhin tun.»