Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03631.jsonl.gz/1727

Resolution verabschiedet an der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz vom 11. November 2023 in Luzern
Urbanisierung bezeichnet den Prozess der Abwanderung der Bevölkerung vom Land in die Stadt und die damit zusammenhängende Relevanzsteigerung urbaner Gebiete. Dieser Prozess prägte die Schweiz in den letzten 200 Jahren stark, rund 85% der Schweizer Bevölkerung leben heute im urbanen Raum.[1] Der vielfach thematisierte “Stadt-Land-Graben” ist nur ein Auswuchs dieses gesellschaftlichen Wandels.
Es lohnt sich allerdings, genauer hinzuschauen. Zum urbanen Raum gehören neben den sechs grossen Schweizer Städten mit über 100’000 Einwohner*innen nämlich auch viele kleinere Städte und das zersiedelte Umland. Nur ca. 15% der Bevölkerung leben in den grossen Städten, gleich viel wie auf dem Land. Rund 70% leben also weder in der Stadt noch auf dem Land, sondern in der Agglomeration.[2] Nachdem es bis Ende 2010er-Jahre eine leichte Landflucht gab, hat sich der Trend vor einigen Jahren zu einer leichten Stadtflucht aus dem urbanen Raum gedreht.[3] Relevante Verschiebungen hat es in den letzten 10 Jahren aber nicht mehr gegeben.[4]
Das heisst nicht, dass Landflucht keine Probleme mehr verursacht, denn zwischen verschiedenen Altersgruppen gibt es weiterhin Verschiebungen. Vor allem junge Familien wollen auf dem Land den (problematischen) Traum des Eigenheims verwirklichen. Den Ausgleich bilden junge Menschen, von denen viele wegen des grösseren und vielseitigeren Ausbildungs- und Stellenangebots in den urbanen Raum ziehen.
Auch das kulturelle Angebot, die Erreichbarkeit und das politische Umfeld spielen dabei eine grosse Rolle. In ländlichen Kantonen wird Kultur nur wenig finanziell gefördert.[5] Dadurch ist das Kulturangebot im ländlichen Raum stark eingeschränkt und Menschen, die auf dem Land leben, müssen in andere Kantone oder in Städte fahren, um von einem umfangreichen Kulturangebot zu profitieren.
Doch um in die nächste Stadt oder den nächsten Kanton zu fahren, sind die meisten Menschen, die auf dem Land leben, auf das Auto angewiesen. Grössere Zentren sind in ländlichen Gebieten oft nur schwer mit dem ÖV erreichbar.[6] Hinzu kommt, dass die ÖV-Fahrzeiten nicht an die Lebensrealität der Menschen angepasst sind. In kleinen Landgemeinden ist es oft unmöglich am späten Abend noch mit ÖV nach Hause zu kommen. Dabei wären vor allem junge Menschen auf ÖV angewiesen, um Freizeit- und Kulturangeboten wahrzunehmen oder soziale Kontakte zu pflegen. Das mangelhafte ÖV-Angebot führt zu einer Teufelsspirale: ÖV wird nicht genutzt, weil das Angebot nicht an die Bedürfnisse der Menschen angepasst ist, und wird deswegen noch mehr eingeschränkt und somit noch weniger genutzt.
Dies kann man auch bei anderen wichtigen Dienstleistungen beobachten. Seit 2011 sinkt die Anzahl obligatorischer Schulen in ländlichen Gegenden.[7] Besonders schwer erreichbar sind Schulen der Sekundarstufe II.[8] Das führt dazu, dass gewisse Schüler*innen sehr lange Schulwege bewältigen müssen und oft stark auf ÖV angewiesen sind, wobei dieser zum Beispiel in den Wintermonaten ausfällt und gewisse Schüler*innen ihre Schule gar nicht oder nur mit dem Auto erreichen können. Das gleiche Problem gilt für Gesundheitseinrichtungen, welche für die ländliche Bevölkerung immer schlechter erreichbar sind.
Besonders junge Menschen leiden unter dieser schlechter werdenden Versorgung und Infrastruktur auf dem Land und sind oft gezwungen für ihre (Weiter-)Bildung in den urbanen Raum zu ziehen. Menschen, die sich Mieten dort nicht leisten und deswegen nicht umziehen können, finden sich in einer Zwickmühle.
Das muss sich ändern! Es soll allen möglich sein, ein gutes Leben zu führen und Zugang zu Kultur und Bildung zu haben, unabhängig vom Wohnort. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass die 99% überall die gleichen Interessen haben, egal ob in der Stadt, auf dem Land oder in der Agglo. Es ist höchste Zeit, den “grossen Stadt-Land-Graben” zu hinterfragen!
Trotz einer Mehrheit, die in einem urbanisierten Raum zwischen Stadt und Land lebt, sieht sich ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung weiter dem ländlichen Raum zugehörig. Diese verschobene Wahrnehmung der Schweiz wird von Bürgerlichen nicht nur genutzt, sondern auch seit langem kultiviert. Insbesondere die SVP bedient sich dem Klischee der ländlichen Schweiz oft und pusht durchaus erfolgreich den fabrizierten Stadt-Land-Graben. Sie greift damit auf ein Mittel zurück, das die Bürgerlichen schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Schweiz angewandt hatten, um die arbeitende Klasse zu spalten.[9]
Wir dürfen uns deswegen heute nicht von der SVP-Rhetorik täuschen lassen und müssen es vermeiden, ihren Diskurs zu übernehmen! Es liegt im Interesse der herrschenden Klasse die Arbeiter*innen zu spalten. Wir müssen uns deshalb klar machen: Die gemeinsamen Klassen-Interessen der ländlichen und urbanen Arbeiter*inne überwiegen Interessen, die sich spezifisch aus unterschiedlichen Wohnumfeldern ergeben. Im Zentrum müssen die Interessen der 99% und die Überwindung des Kapitalismus stehen! Klassenkampf statt Stadt-Land-Graben.
Um die Lebensqualität auf dem Land zu verbessern, Landflucht insbesondere bei jungen Menschen zu verhindern und die Zugänglichkeit von Dienstleistungen für alle zu sichern, fordert die JUSO Schweiz:
- den Ausbau von Bildungsangeboten und -institutionen in ländlichen Regionen
- die gezielte Förderung von Kultur-, Freizeit- und Jugendangeboten in allen Regionen
- den Ausbau und die Sicherung einer dezentralisierten Gesundheitsinfrastruktur mit breitem Angebot
- den Ausbau des ÖV-Angebots und zahlbare Ticketpreise
- einen nationalen Mindestlohn von CHF 5000
Die JUSO Schweiz setzt sich gegen die Spaltung der 99% durch einen fiktiven Stadt-Land-Graben ein. Aus diesem Grund :
- unterstützt die JUSO Schweiz ihre ländlichen Sektionen bei ihrer Arbeit, zeigt ihnen Wertschätzung und unterstützt sie bei der Vernetzung untereinander
- muss die JUSO auf dem Land zu DEM Treffpunkt für junge linke Menschen werden
- muss sich die JUSO gezielt mit anderen linken Organisationen auf dem Land vernetzen und ihnen falls gegeben Unterstützung bieten
[4] statista, Urbanisierungsgrad in der Schweiz von 2011 bis 2021 (2022)
[5] BfS, Kulturausgaben der Kantone und ihrer Gemeinden, 2008–2020
[7] BfS, Dienstleistungen für die Bevölkerung: räumliche Verteilung (2011, 2015, 2018)
[8] BfS, Erreichbarkeit von Schulen der Sekundarstufe II