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von Sandro Danilo Spadini
Johnny Depps Faible für tragische und widersprüchliche Figuren ist bekannt. Depp spielte den als schlechtesten Regisseur aller Zeiten geltenden Ed Wood in Tim Burtons gleichnamiger Filmbiografie; in «Benny & Joon» verkörperte er einen leicht zurückgebliebenen Buster-Keaton-Verschnitt, der eine von der Gesellschaft nicht legitimierte Liebesbeziehung eingeht. In «Donnie Brasco», einem seiner seltenen Ausflüge ins Mainstream-Kino, verriet er als FBI-Undercoveragent Pistone seinen Freund Al Pacino; in Lasse Hallströms «What’s Eating Gilbert Grape?» musste er die Kapriolen seines geistesgestörten Bruders Leonardo DiCaprio ertragen, und als verzweifelter Indianer in seiner bislang einzigen Regiearbeit «The Brave» verkaufte er sein Leben an den skrupellosen Marlon Brando. Die Liste liesse sich beliebig ergänzen – und ein Ende ist nicht in Sicht: In Ted Demmes neuem Film «Blow» spielt Depp – basierend auf einer wahren Begebenheit – den Drogendealer George Jung. Und George Jung ist eine sehr tragische Figur.
Tiefer Fall
George Jung fängt Ende der 60er-Jahre als kleiner Marihuana-Dealer an den Stränden Kaliforniens an. Nach einem Gefängnisaufenthalt steigt er ins Kokaingeschäft ein – mit sensationellem Erfolg. Schon bald ist Jung der Schneemann Kaliforniens. 85 Prozent des zu dieser Zeit in Kalifornien nicht in unbeträchtlichem Masse konsumierten Kokains laufen nach Eigeneinschätzung durch seine Hände. George Jung ist im Nu steinreich, denn George Jung ist Pablo Escobars Mann in den USA. Durch den Schutz der Kolumbianer ist er quasi unantastbar und kann sich erlauben was er will. Doch wie schon die Stimme aus dem Off zu Beginn des Films verlauten lässt, ist dieses Glück nicht von ewiger Dauer. Wie immer wenn man sich in schwindelerregenden Höhen wähnt, ist der darauf folgende Absturz tief. Und George Jung fällt tief – und hart. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.
Gut, aber nicht genial
Ted Demme («Beautiful Girls») verwendet in «Blow» eine zwar durchaus moderne, aber nicht unbedingt neue Erzählweise. Die Effekte, derer er sich bedient, hat man zum grössten Teil schon einmal irgendwo gesehen – zum Beispiel in Paul Thomas Andersons «Boogie Nights», mit dem er nicht bloss Costume Designer Mark Bridges teilt. Erschwerend zu diesem Mangel an Originalität und eigener Handschrift kommt hinzu, dass «Blow» gerade im ersten, etwas zu ausführlichen Teil nicht immer zu fesseln vermag. Weit grössere Spannung und Emotionen kommen da schon im zweiten Teil auf, wenn Jungs Absturz einsetzt. Hier hat dann auch Johnny Depp, der anfangs nicht immer als Idealbesetzung erscheinen mag, als desillusioniertes Wrack seine besten Szenen. Über den – sehr traurigen – Schluss indes lässt sich streiten: Manche nennen es Tragik, manche nennen es Kitsch. Ted Demme hat mit «Blow» einen Film gedreht, der in keiner Hinsicht weder übermässiges Lob noch harsche Kritik hervorruft. Ein guter Film, zweifellos. Der ganze grosse Wurf, den er ganz offensichtlich angestrebt hat, ist ihm aber freilich nicht gelungen.