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Die Inderin Farida Pacha schuf mit «My Name is Salt» einen meditativen Dokumentarfilm über Salzbauern in der Wüste und verweist damit auf den Sisyphos-Mythos.
Endlos, flach und grau dehnt sich im Nord-Westen Indiens im Bundesstaat Gujarat im Nord-Westen Indiens eine 5’000-km² grosse Salzwüste aus. Kein Baum, kein Grashalm, kein Stein, nur Salz gibt es hier unter der ausgetrockneten rissigen Erdoberfläche. Seit Generationen verlassen Jahr für Jahr rund 40’000 Familien ihre Dörfer, um in diesem Ödland ohne Wasser, Elektrizität und Infrastruktur während acht Monaten mühevoll Salz aus dem glühenden Boden zu gewinnen.
Sanabhais Familie richtet sich von September bis April hier ein. Seine Frau Devuben sucht Brennholz. Trinkwasser kaufen sie vom Tankwagen. Der Vater hat vom Salzhändler einen Vorschuss bezogen. Er braucht Geld für Diesel, um mit Pumpen die Salzlake in die Becken zu befördern. Während der nächsten Zeit wird das Dröhnen der Pumpe das einzige Geräusch sein, das die Stille der Wüste durchbricht. Acht Monate braucht die Salzlauge, bis sie zu Salz kristallisiert. Knietief unter der gleissenden Sonne in der Lauge stehend, pfadet die Familie den Boden, damit das Salz nicht gerinnt. Ist die Salzlake einmal genügend verdampft und das Salz mit den Händen greifbar, bearbeiten sie es mit Holzrechen, bis sich Kristalle bilden.
Aus Wüste wird wieder Meer
Im April schickt der Händler jemanden vorbei, der das Salz prüft. «Nicht gut», sagt er diesmal: «Die Kristalle sind klein und nicht weiss genug.» Dies drückt den anfangs Saison verhandelten Preis. Sanabhais zuckt niedergeschlagen zusammen: «Was kann ich tun? Die nächste Salzernte muss besser sein.» In der Zwischenzeit türmen sich am Rande der Wüste Berge von Salz und warten darauf, in die Stadt transportiert zu werden. Die Saison ist vorbei, der Monsun im Anzug. Die starken Regenfälle werden die Salzfelder der Familie wegspülen.
Sanabhai, das Familienoberhaupt
Die Regisseurin Faida Pacha …
1972 in Mumbai geboren, absolvierte Faida Pacha ein Studium der Soziologie und Anthropologie in Indien und machte danach den Master of Fine Arts in Cinema in Amerika. 2006 gewann sie den National Indian Film Award für «The Seedkeepers». Seit 2011 lebt und arbeitet sie zusammen mit dem Kameramann Lutz Konermann in Zürich. Für ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm «My Name is Salt» wurde sie in Amsterdam mit dem Award for First Appearance und Lutz Konermann mit dem Deutschen Kamerapreis ausgezeichnet. Diesen folgten weitere Preise.
Das Wasser in die Salzwannen geleitet
… und einige ihrer Kommentare
«Im Film beobachten wir nur, es gibt keine Interviews und keinen Voice-Over. Er ist geprägt durch einen lyrischen Stil, bleibt dabei aber einfach und nüchtern. Die Kameraarbeit ist langsam, die Einstellungen sind lang, die Bilder sorgfältig zusammengestellt. Auch wenn die Kamera eine gewisse Distanz zum gefilmten Subjekt einnimmt, vermag sie dennoch eine sensible Intimität herzustellen. Wiederholungen sind ein strukturelles Element. Wir erkennen dies in der unveränderlichen Wüstenlandschaft, in der Monotonie ihrer Arbeit. «My Name is Salt» schafft eine Welt endloser Mühsal, die aber sehr faszinierend ist und mit ihrem langsamen Rhythmus hypnotisch wirkt.
Das soziale Anliegen steht in meinem Film nicht im Vordergrund, auch wenn die Geschichte über die Salzbauern und ihre Salzgewinnung natürlich schockiert. Mich hat die grundsätzliche und tragische Frage interessiert, die in den Kern ihrer Existenz vordringt: Was bringt sie dazu, jedes Jahr, Generation für Generation, in die Wüste zurückzukehren, um diese ermüdende Arbeit zu leisten? Welchen Sinn gewinnen sie aus diesem Dasein?
Im Laufe der acht Monate muss Sanabhais Familie Krisen bewältigen: Die Pumpe fällt aus, der Grundwasserspiegel sinkt, es gibt unüblichen Regen und Sandstürme. Gelingt es der Familie nicht, am Ende des Zyklus genügend Salz zu schöpfen, werden sie im nächsten Jahr in der Schuld des Händlers stehen. Ihr Einkommen ist gering, doch sind sie stolz darauf, das beste und weisseste Salz der Erde zu produzieren. Der Film endet mit dem Monsun. Die Wüste wird mit Regenwasser überflutet, und alle Salzfelder werden weggewaschen. Im nächsten Jahr muss die Familie wieder von vorne beginnen.»
Devuben, die Frau von Sanabhais
Und einige persönliche Anmerkungen
«My Name is Salt» ist faszinierend, mitreissend, unterhaltsam – zwar nicht im Sinne des Mainstream-Kinos, sondern im Sinne einer während des Filmes durchlebten fundamentalen Erfahrung. Faida Pacha gelingt es, von einer sachlichen, äusseren Welt fliessend in eine geistige, innere vorzudringen. Von den archaischen Bildern des Kameramanns Lutz Konermann und den sphärischen Klängen des Musikers Marcel Vaid unterstützt, nimmt uns die Filmemacherin mit auf eine poetische und philosophische Erkundung des menschlichen Daseins. Kaum bemerkt, gleitet die Geschichte der Salzgewinnung im fernen Indien hinüber zur Reflektion über die Mythologie vom Stein rollenden Sisyphos, der das Leben so sehr liebte und alles tat, es zu verlängern, dass die Götter ihn schliesslich mit einer schweren, vielleicht sinnlosen Arbeit bestraften.
Indem Pacha das Leben auf die fundamentale Gleichung «Arbeit gleich Existenz» konzentriert, wird der Film zur Meditation über tieferliegende Fragen: Was ist der Sinn der Arbeit? Weshalb machen wir die Arbeit, die wir machen? Wie ist das Verhältnis von Arbeit und Leben? Diese Geschichte ist nicht wertvoll, weil sie etwas über die Welt «um uns», sondern «in uns» erzählt. Indem wir die antike Figur des Sisyphos in die Moderne, nämlich zu Albert Camus, weiterziehen, dürfen wir die Absurdität der Existenz mit den Worten des französischen Nobelpreisträger ergänzen: «Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.»
Trailer:
Regie: Farida Pacha
Produktionsjahr: 2013
Länge: 92 min.
Verleih: trigon-film