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Flavio Steimann
Krumholz
Urs Bugmann im Gespräch mit Flavio Steimann über seinen Roman
«Krumholz»
In seinem neuen Roman «Krumholz» erzählt Flavio Steimann, ausgehend vom historischen Fall eines Mörders, der 1915 als letzter Verurteilter im Kanton Luzern durch die Guillotine hingerichtet wurde, von zwei Menschen, die ihren Verhältnissen nicht entkommen konnten. Es sind die Geschichten von Opfer und Täter: Agatha, bei deren Geburt die Mutter stirbt, wächst gehörlos in einer «Armen- und Idiotenanstalt» auf, findet Arbeit in einer Textilfabrik. Zenz, ihr Mörder, schlägt sich mit Lügen und Stehlen durchs Leben und haust, verstossen und verwahrlost, zuletzt in den Wäldern, wo er auf sein Opfer trifft.
Flavio Steimann, es ist ein Doppelbild, es sind zwei Geschichten, die der Roman «Krumholz» erzählt: Die Geschichte einer jungen Frau, die ermordet im Wald aufgefunden wird, und die Geschichte ihres Mörders.
Die beiden Erzählstränge beziehungsweise die Handlungswege der Figuren schneiden sich wie doppelte Balken eines Andreaskreuzes insgesamt zwei Mal: anlässlich der Zufallsbegegnung während des Frühjahrsmarkts auf dem Rummelplatz und im Moment der Tat im Wald. Konzeptuell ging es mir zunächst darum, einem weitgehend anonymen Opfer, 2 das, auch in aktuellen Berichterstattungen, in der Regel nur durch seinen gewaltsamen Tod für die Öffentlichkeit und die Nachwelt sichtbar wird, ein Leben und ein Gesicht zu geben.
Die beiden Menschen haben nur durch die grausame Tat miteinander zu schaffen, sind nur durch das Verhängnis miteinander verbunden. Sie ergänzen das Tafelbild, das dem Opfer ein Leben gibt, mit dem Bild des Täters. Im Gegensatz zu der Ermordeten hat er doch in den Akten, den Vernehmungsprotokollen, ein deutlich dokumentiertes Leben. Weshalb erhält er trotzdem dieselbe Aufmerksamkeit wie die Unbekannte?
Ich fühlte in der Tat lange innere Widerstände und musste gegen das Buchprojekt mit diesem ihm zugrundeliegenden Konzept ankämpfen: Ist es legitim, einem Scheusal gewissermassen ein literarisches Denkmal zu setzen? Aber dann überwog das Interesse an einer solch gespaltenen, irrlichternden Figur und das Bedürfnis, eine, übrigens überwiegend fiktionale, Biografie zu entwickeln und auszugestalten. Darüber hinaus ist es auch eine Frage der juristischen Gerechtigkeit: Hat nicht auch ein Delinquent einen Anspruch, mit seinem Schicksal wahrgenommen zu werden?
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