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Wer von der Stummfilm-Avantgarde der Zwanzigerjahre redet, meint meistens die gefeierten Werke des deutschen Expressionismus, von «Das Cabinet des Dr. Caligari» bis «Berlin: Die Sinfonie der Grossstadt». Doch auch anderswo wurde eifrig experimentiert – etwa in Japan, wo das Künstlerkollektiv Shinkankakuha 1926 das schwindelerregend intensive Horror-Psychodrama «A Page of Madness» produzierte.
Inspiriert von der modernen europäischen Literatur nach James Joyce und Virginia Woolf, in der die subjektive Erfahrung über «objektives» Erzählen gestellt wurde, und angespornt von proletarisch-kommunistischem Gedankengut, riefen die Autoren Riichi Yokomitsu und Yasunari Kawabata um 1924 die «Schule der neuen Wahrnehmungen», die Shinkankakuha-Gruppe, ins Leben. Und wie Joyce, Woolf und die Künstler*innen der frühen Sowjetunion waren auch sie fasziniert von den Möglichkeiten des Kinos: Bald schon spannte Kawabata mit dem Regisseur Teinosuke Kinugasa und dem Drehbuchautor Minoru Inuzuka zusammen, um die Leinwand zu erobern. Das Projekt: «A Page of Madness».
Es war eine illustre Truppe, die sich hier aufmachte, die Kunst zu revolutionieren und die Allmacht der naturalistischen Darstellung zu brechen: Kawabata sollte 1968 den Literaturnobelpreis gewinnen, Kinugasa 1954 die Palme d’or von Cannes für seinen Film «Gate of Hell», derweil Inuzuka in seinem Drehbuch für «The Tale of Zatoichi» (1962) mit dem blinden Samurai Zatoichi der japanischen Popkultur eine Kultfigur schenkte. Und dann war da noch der Kameraassistent Eiji Tsuburaya, der als einer der Miterfinder von Godzilla in die Filmgeschichte eingegangen ist.
«Im Zentrum von ‹A Page of Madness›, der bis 1971 als verschollen galt, stehen namenlose Figuren im Strudel des Wahnsinns.»
Gemeinsam entwarfen Kawabata, Kinugasa, Inuzuka sowie Banko Sawada, eine Geschichte, die auf den ersten Blick an Robert Wienes Weimarer Klassiker «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920) erinnert, in ihrer Ausführung aber noch viel stärker auf Emotionalität und Atmosphäre als auf narrative Kohärenz setzte. Im Zentrum von «A Page of Madness», der bis 1971 als verschollen galt, stehen namenlose Figuren im Strudel des Wahnsinns: Der Hausmeister einer Irrenanstalt (Masao Inoue) wandert durch die düsteren Korridore der gefängnisartigen Institution und kehrt dabei immer wieder zur Zelle einer ganz bestimmten Insassin zurück – der seiner Ehefrau (Yoshie Nakagawa), die er vor langer Zeit mit seiner Grausamkeit um den Verstand brachte.
Der von Kinugasa inszenierte Film, der wie F. W. Murnaus «Der letzte Mann» (1924) auf Zwischentitel verzichtet, deutet vieles an und gibt wenig explizit preis. Es hilft, vor der Visionierung eine Inhaltsangabe zu konsultieren, da gerade die Figur der Tochter des Hausmeisters (Ayako Iijima) einen Konflikt auszufechten hat, der unter anderem mithilfe von zeit- und ortsspezifischen Kleidungs- und Verhaltenskonventionen dargestellt wird: Die Tochter ist frisch verlobt, fürchtet sich aber davor, dass ihr Zukünftiger (Hiroshi Nemoto) vom Zustand ihrer Mutter erfährt, da 1926 noch der Glaube verbreitet war, dass psychische Probleme vererbbar seien.
«Die fehlenden Zwischentitel, die von Figur zu Figur wandernde Erzählperspektive, die nicht gekennzeichneten Rückblenden und Traumsequenzen, die dynamische Kamera, die grossartigen Gebrauch von Schatten und Gitterstäben macht – ‹A Page of Madness› wirft sein Publikum in eine Welt ohne fixe Bezugspunkte.»
Die fehlenden Zwischentitel, die von Figur zu Figur wandernde Erzählperspektive, die nicht gekennzeichneten Rückblenden und Traumsequenzen, die dynamische Kamera, die grossartigen Gebrauch von Schatten und Gitterstäben macht – «A Page of Madness» wirft sein Publikum in eine Welt ohne fixe Bezugspunkte. Schon in der ersten Sequenz verschmilzt der halsbrecherisch rasante Schnitt ein Unwetter mit dem albtraumhaften Schauspiel, das sich dem Hausmeister auf seinen Runden bietet. Draussen toben Wind und Regen, drinnen die eingesperrten Menschen, die ihren traumatischen Erinnerungen auf unterschiedlichste Art und Weise Ausdruck verleihen: Manche vegetieren still vor sich hin, andere brüllen lautstark ins Leere, wieder andere zerfetzen alte Fotos, eine Insassin (Eiko Minami) vollführt einen niemals endenden Tanz. Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um die Stimmung ins gewalttätige Chaos kippen zu lassen. Kein Wunder, kommt dem von Schuld zerfressenen Hausmeister, der sich in Fantasien über die Zukunft seiner Tochter verliert, zunehmend der Sinn für Realität abhanden.
Alles ist subjektiv, alles ist Performance in Kinugasas Film: Der grösste Unterschied zwischen Insass*innen und Anstaltspersonal ist, dass Letztere ihren allzumenschlichen Wahnsinn im Moment noch verbergen können. In einer unvergesslichen Schauer-Szene verteilt der emotional gebrochene Hausmeister Masken an die Gefangenen, sodass er ihre für ihn unerträglich gewordenen Fratzen nicht mehr sehen muss.
«Es steht ausser Frage, dass ‹A Page of Madness› mit seiner fesselnden, bisweilen anregend desorientierenden Bilderflut ein grosses Werk der Filmhistorie ist und es verdient, als Schlüsselwerk des späten Stummfilms zu gelten – auch wenn die Shinkankakuha-Schule ihre grossen Träume letztlich nicht erfüllen konnten.»
Es steht ausser Frage, dass «A Page of Madness» mit seiner fesselnden, bisweilen anregend desorientierenden Bilderflut ein grosses Werk der Filmhistorie ist und es verdient, als Schlüsselwerk des späten Stummfilms zu gelten – auch wenn die Shinkankakuha-Schule ihre grossen Träume letztlich nicht erfüllen konnten. Denn so wie ihre bekannteren Zeitgenoss*innen aus der Weimarer Avantgarde machte auch ihnen schliesslich der Lauf der Geschichte einen Strich durch die Rechnung. Durch die Erfindung des Tonfilms 1927 geriet das stumme Kino aus der Mode; und während Fritz Lang, G. W. Pabst und Co. vor den Nazis ins Ausland flohen, sahen sich Kawabata, Kinugasa und die Anhängerschaft der «neuen Wahrnehmungen» bald mit dem ultrakonservativen Kunstverständnis des aufkeimenden japanischen Faschismus konfrontiert.
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«A Page of Madness» ist bei Flicker Alley streambar und als regionsfreie Blu-ray erhältlich.
Filmfakten: «A Page of Madness» / Regie: Teinosuke Kinugasa / Mit: Masao Inoue, Ayako Iijima, Yoshie Nakagawa, Misao Seki, Kyosuke Takamatsu, Hiroshi Nemoto, Eiko Minami / Japan 1926 / 71 Minuten
Bild- und Trailerquelle: © Film Preservation Associates, Inc.