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Was macht einer, der zwar genial ist, aber mit der Nummer zwei auf dem Rücken einläuft? Der ein symbolischer Sohn und Erbe einer epochalen neuen Denkrichtung ist, die im vorigen, dem 19. Jahrhundert, ihren Anfang genommen hat? Abgrenzen nützte nichts. Also umarmte er den übermächtigen Vater – natürlich auch mit Hintergedanken. Sein Schaffen stellte er unter das Motto einer Rückkehr zum Werk des grossen Vorgängers. Dessen Gedankengebäude wollte er ausbauen und falls nötig justieren. Seine wissenschaftliche Karriere lancierte er 1932 mit einer Dissertation über eine Frau, die im Wahn eine berühmte Schauspielerin mit dem Messer verletzt hatte.
Wie andere bekannte französische Denker auch stammte er aus gutbürgerlichen Verhältnissen – und aus einer tief katholischen Familie. Der Vater war Handelsvertreter für Senf und Weinessig, einer seiner Brüder wurde Benediktinermönch. Er selbst etablierte sich in einer Disziplin, die mit der Religion nichts am Hut hatte. Sein Ansatz ist so grundlegend und revolutionär, dass er weit über das eigene Fach beachtet wird. Inspiration fand er selber bei den Sprachwissenschaften, beim Marxismus, auch in der Kunst, vor allem beim Surrealismus. In den Fünfzigern erstand er Gustave Corbets berüchtigtes Gemälde «Der Ursprung der Welt».
Bis zu seinem Tod 1980 arbeitete er unermüdlich an seinem Werk, weigerte sich aber, dieses systematisch zu publizieren, was die Nachlassverwaltung erschwert und zu einem umkämpften Insider- und Günstlingsgeschäft macht. Seine Seminare waren legendär, seine Behandlungsmethoden unorthodox. Entweder man hasste oder man verehrte ihn. Wird er beschrieben, fallen oft Worte wie Skandal, Sonderfall und pathologisch.
Sowohl als Praktiker wie auch als Theoretiker war er herausragend und kompromisslos, was ihm den Vorwurf einer gewissen Selbstherrlichkeit eintrug. 1964 gründete er eine eigene Schule. Einer der bekanntesten Denker der Gegenwart, die slowenische Allzweckwaffe Slavoj Zizek, ist ein überzeugter Verfechter seiner Schule. Aber auch die berühmte US-Gendertheoretikerin Judith Butler verwertet Einsichten aus seinem für viele unter Mackerverdacht stehenden Werk.
Wer verdichtete nicht nur die eigenen Thesen in mathematische Formeln, die bei richtigen MathematikerInnen allerdings oft Kopfschütteln auslösen, sondern zeigte auch eine grosse Liebe zu Wortspielen, in denen sich Pointe und Poesie gegenseitig befeuern?
Wir fragten nach dem Pariser Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981). Er gilt als Erneuerer der revolutionären freudschen Seelenlehre und als entscheidender Impulsgeber für die postmoderne und poststrukturalistische Theorieumwälzung nach dem Zweiten Weltkrieg.