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Er flog. Flog, als wäre es das einzige, das er je gemacht hatte. Er kam über dem anderen zum Stehen, blickte ihm in die Augen und rief mit klarer Stimme, er solle doch zu ihm hochkommen. Ihn bei diesem Ausflug begleiten. Wie gerne wollte der andere mit ihm fliegen. Wie gerne wollte er sich frei fühlen wie ein Vogel. Doch er war kein Vogel und fliegen konnte er nicht. Also blickte er vom Boden aus empor und betrachtete den anderen. Sein nachtschwarzes Haar glitzerte in der Morgendämmerung und seine warmen kastanienbraunen Augen, die jedes Mal aufleuchteten, wenn er die Augen des anderen erblickte, liessen ihn erschaudern. Er war so wunderschön und doch unantastbar für ihn.
Jedes Mal, wenn er diesen Traum über den fliegenden Jungen hatte, endete dieser unsanft auf dem Boden. Er wusste, dass er nicht fliegen konnte wie der andere. Dennoch versuchte er in seinen Träumen zu dem Jungen hochzuspringen, so dass sie zusammen durch die Lüfte fliegen könnten. Und jedes Mal, wenn er sprang, erwachte er auf dem Boden seines Zimmers. Egal wie oft er versuchte, nicht zu springen, in seinem tiefsten Inneren drängte ihn eine Stimme so lange, bis er es dann schlussendlich doch tat.
Anfangs hatte er diesen Traum ein bis zweimal die Woche. Inzwischen gab es keine Nacht, in der er nicht versuchte, zusammen mit dem schwarzhaarigen Jungen zu fliegen. Der Traum kam immer wieder und das Ergebnis blieb stets dasselbe. Die schlaflosen Nächte machten sich in seinem Alltag immer mehr bemerkbar, so dass er beinahe überall und zu jederzeit einnicken konnte.
Auch seine Familie wurde darauf aufmerksam, dass ihn etwas zu bedrücken schien. Seine Augen blickten die meiste Zeit ins Leere und die immer grösser werdenden Ringe darunter, waren ebenfalls ein Indiz dafür, dass irgendwas nicht stimmte. Doch sobald sie mit ihm Sprechen wollten, ging er ihnen aus dem Weg und schloss sich in seinem Zimmer ein.
Er selbst wusste, dass es ihm nicht gut ging. Er wusste, dass ihm die anderen nur helfen wollten, aber er wusste auch, dass ihn niemand verstehen würde. Das waren nicht nur irgendwelche Träume. Auch kein Hirngespinst seiner Fantasie. Nein, sie hatten etwas an sich, dass es so real erscheinen liess. Als ob er das alles schon einmal erlebt hatte. Er hatte das Gefühl er kannte diesen Jungen. Er wusste nicht woher aber dieses Gefühl von Vertrautheit wollte ihn einfach nicht loslassen. Konnte es sein, dass sie sich kannten, dass sie sich schon einmal begegnet waren? Nur vielleicht in einem anderen Leben?
Ein weiterer Monat verging, in dem ihn diese Träume verfolgten und er sich immer mehr die Frage stellte, wer dieser Junge war. So kam es, dass er eines Morgens in der Schule zuhinterst neben einem offenen Fenster sass und den Vögeln beim Jagen zusah. Was um ihn herum geschah schien ihn nicht zu interessieren, und so bemerkte er auch nicht, wie der Klassenlehrer hereinkam.
„Ich möchte gerne um eure Aufmerksamkeit bitten.», sagte dieser mit lauter Stimme. «Wir haben ab heute einen Austauschschüler bei uns. Bitte seid nett zu ihm und hilft ihm seinen Platz bei uns zu finden.“ Der Austauschschüler machte einen Schritt nach vorne, um sich vorstellen zu können, wodurch er das Interesse des anderen erlangte. Dieser drehte sich langsam von dem Fenster weg und sah nach vorne. Seit Atem stockte. Für einen kurzen Moment schien alles um ihn herum still zu stehen. Dann schloss er die Augen für einen Bruchteil einer Sekunde. Als er sie wieder öffnete hatte sich nichts verändert. Wie… Wie konnte das sein? Der Neue sah genauso aus wie der Junge aus seinen Träumen. Die gleichen nachtschwarzen Haare und kastanienbraunen Augen. Sogar das Funkeln darin war dasselbe. Er starrte den Jungen an, der ihn wiederum anstarrte. Ohne es zu bemerken, liefen ihm Tränen aus den Augen und ein strahlendes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Der andere lächelte zurück und dass sie von allen anderen angestarrt wurden, schien keinen der beiden zu stören. Sie waren fest in den Augen des anderen gefangen. Sie waren glücklich.
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