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Die älteste schweizerische Landkarte
Prof. Dr. G. Meyer von Knonau ( Section Zürich ).
Die älteste schweizerische Landkarte Von In einer eisernen Zeit, wo die schweizerische Eidgenossenschaft weit mehr durch hervorragende Krieger und Staatsmänner, als durch Träger eines bedeutenden geistigen Lebens glänzte, lebte, als einer dieser nicht zahlreichen Gelehrten, im Stifte zu Einsideln als Capitelsherr der Freiherr Albrecht von Bonstetten, welcher in nicht unrühmlicher Weise die Bestrebungen des auf deutschem Boden erwachenden Humanismus in unserem Lande vertrat. Weit über die Grenzen desselben hinaus geschätzt und geehrt, hat er eine Reihe gelehrter Schriften verfaßt, durch deren Widmung an Fürsten und hohe Herren er sich Geltung zu verschaffen wußte. So schrieb er 1478 die älteste für uns vorhandene Beschreibung der Eidgenossenschaft und widmete dieselbe 1481 dem Könige Ludwig XL von Frankreich. Er theilte sein Buch in zwanzig ungleich große Capitel, von welchen das erste eine durch vier äußerst rohe Zeichnungen erläuterte Fest- Stellung der Lage der damaligen acht Orte auf der Erde, in Europa und zu einander selbst bringt; das zweite bis neunte sind den Beschreibungen der acht Orte eingeräumt; das zehnte bis siebzehnte bestreben sich, die Geschichte, die Volksbeschreibung, die Zahl der in den Kriegen zerstörten Schlösser und vertriebenen oder getödteten Adelsgeschlechter und Aehnliches mehr zu beleuchten; die drei letzten kurzen Abschnitte zählen noch Städte und Adelshäuser in den verbündeten und abhängigen Gebieten auf und schließen mit einer allgemeinen lobenden Charakteristik der Eidgenossen * ).
Von der Art und Weise, wie der Decan von Einsideln seine Aufgabe aufgefaßt hat, mag am besten die Uebertragung eines seiner Capitel aus dem lateinischen Texte einen Begriff geben. Wir wählen das kürzeste aus der Beschreibung der Orte, dasjenige über Zug, das „ starke Zug ", wie die Ueberschrift rühmt.
„ Zug ist auch eine kleine Stadt; sie hat auf der einen Seite grüne und an Gras überreiche Berge, von der andern einen sehr klaren See. Die Bürger herrschen nicht allein; sondern die Dorfleute in den Märkten, auf den Bergen und in den Thälern bestellen gleichmäßig mit den Bürgern die vorgesetzte Obrigkeit und Regierung. Die Zuger sind nicht lau zu den Waffen, noch langsam in behaglicher Ruhe, sondern tapfer und, wie Ulysses, hart. Ihr Land ist zum Theil anmuthig und fruchttragend; die Einwohner haben mehr mit den Waldstättenleuten, als mit den Bürgern der Städte gemein. Ihre Wappenzeichen sind auch mit weißer und blauer Farbe geziert. Die Zuger sind ungefähr von einer Macht von zweitausendfünfhundert zum Kriege geschickten Männern. Eine zierliche Ableitung des Namens finde ich nicht. Und damit mag es genug sein ".
In ähnlicher kurzer und guter Weise faßt er sich auch an anderen Stellen, wobei er freilich z.B. Zürich, Bern, Luzern, „ dem Nabel der Länder der Eidgenossen ", weil da die Gesandten am häufigsten zu Tagen zusammenkämen, weit mehr Raum gönnt.
So wichtig nun diese älteste bekannte Schilderung der Eidgenossenschaft für uns ist, so wird sie doch nach einer Seite durch eine etwas jüngere ähnliche Arbeit wenigstens nach einer Richtung entschieden in den Schatten gestellt. Denn während die geographische Beschreibung des Albrecht von Bonstetten nur durch jene ganz rohen Zeichnungen in der dürftigsten Weise erläutert ist, bringt die jüngere Arbeit als Beilage eine förmliche Landkarte — eben die hier zu beschreibende älteste schweizerische Landkarte, welche überhaupt existirt.
Der Verfasser dieser jüngeren Arbeit ist Konrad Türst, ein gelehrter Arzt und Mathematiker, welcher wohl, nach seinem Namen zu schließen, aus dem Glarnerlande abstammte, seit dem B. August 1485 aber für die Besoldung von jährlich vierzig Gulden, zu den vier Fronfasten auf jede zehn Gulden, als Stadtarzt zu Zürich angestellt worden war. Er trug auch den Titel eines kaiserlichen Leibarztes und war mit der wahrscheinlich von Kaiser Friedrich III. verliehenen Ritterkette geehrt. Als Mathematiker stellte er nach der Sitte jener Zeit auch Nativitätstafeln aus, von welchen eine für Söhne des Herzogs Ludovico Maria Sforza von Mailand speciell bezeugt ist.
Seine Hauptleistung jedoch ist der Tractat: De situ Confœderatorum description welchen er — es ist das aus einer Reihe von Einzelnheiten seines Buches zu schließen, z.B. daraus, daß die erst 1497 und 1498 mit den Eidgenossen in Bündniß getretenen Graubündner nirgends erwähnt werden — vor Mitte 1497, aber nach anderen Anzeichen nach Ostern 1495 geschrieben haben muß. Er widmete das lateinische Original dem Schultheißen und Rath zu Bern, machte dann aber kurz darauf eine deutsche Uebertragung seines lateinischen Textes, welche Schrift er, wohl in den Jahren 1496 und 1497, einem der ersten bernerischen Staatsmänner, dem Altschultheißen Rudolf von Erlach, übergab. Außerdem aber muß Türst seine Beschreibung auch dem gleichen Herzog Ludovico Moro zugeschickt haben, für welchen jene andere schon erwähnte Arbeit bestimmt gewesen war.
Diese Mailänder Handschrift war nicht mehr auf-zufinden- dagegen existiren Exemplare des Werkes nunmehr im Besitze des Herrn Kantonsrath Wunderly-v. Muralt in Zürich, welcher 1875 das werthvolle Stück aus der Versteigerung der aufgelösten Erlach'-schen Bibliothek zu Spiez erwarb, und in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien, wohin die betreffende ,Handschrift 1665 aus der Bibliothek auf Schloß Am-bras bei Innsbruck gebracht worden ist* ).
Türst redet in den zwei ersten Capiteln seines kleinen Buches von der Eidgenossenschaft im Allgemeinen, nachdem er in der vorangeschickten Widmung in der lateinischen Form Schultheiß und Rath von Bern, in der deutschen den „ edlen vesten und vildüren " Altschultheißen im Einzelnen begrüßt hat. Gleich im ersten Satze des ersten Capitels sagt er: „ Von allen Galliern seid Ihr, Helvetier oder Eidgenossen, die stärksten, weil Ihr den mehreren, sowohl den mächtigsten, als den bestbeschützten Theil von Gallia Belgica besitzet. Ihr seid von der alten Weise sehr weit verwandelt, da Ihr einstmals von wilderer Art, jetzt aber gesittigt und fein gebildet seid; Ihr werdet jetzt so sehr von vieler Kaufmannschaft besucht, daß bei einem jeden Haus und Thüren von dem Gedränge der Käufer ertönen. Aber Ihr seid durch die Menge der Handelsleute nicht verweichlichteren Gemüthes geworden; denn nicht weniger wuchset Ihr durch Hochherzigkeit und Tugenden, als durch Siege und Betriebsamkeit ". Dann wird ausgeführt, wie Kaiser und Könige und Fürsten von Europa um die Gunst der Eidgenossen sich bewerben; aber den größten Theil des Lobes will der Verfasser dem bernerischen Staate zuwenden, wie er denn auch in der deutschen Uebersetzung Bern zu Liebe „ Helvetii " geradezu mit „ Ergöuwer " übersetzt.
Nicht mehr, wie Albrecht von Bonstetten, nur von acht, sondern jetzt von zehn Orten hat Türst zu handeln, weil inzwischen noch Freiburg und Solothurn hinzugekommen sind; nachdem er als Mathematiker die Länge des längsten Tages, 15 Stunden und 40 Minuten, für die Eidgenossenschaft angegeben, dann einige weitere Bemerkungen ähnlicher Art daran angeknüpft, zählt er die Entfernung der einzelnen Städte von einander und andere Hauptdistanzen in Schritten und Roßläufen auf. Hernach geht er in zehn kürzeren und längeren Capiteln auf die einzelnen Orte ein.
Zürich macht natürlich wieder den Anfang, die erste Stadt der Eidgenossen, wie sie in der deutschen Uebersetzung heißt: „ Ein schrin oder schatzmeistrin der keysren, die da von einer märklichen priester-schaft und zal bürgeren ingewonet wirt ". Türst zählt darauf die einzelnen geistlichen Stiftungen der Stadt auf und geht nachher auf den See über, an welchem Zürich „ gegen der pfön " liegt: „ Die Lindt rttnt obnen in den see, des selbigen gelend im fril-ling grün von wisen und boumen, am herbst fruchtbar richlich mit vil dörfren gespickt ". Dann werden zunächst, immer unter Angabe ihrer Entfernungen von der Stadt, die drei Johannitersitze am See und in dessen Nähe — Wädenswil, Küßnach, Bubikon — aufgeführt, ferner die Prämonstratenser-Abtei Rüti unweit Bubikon, das Benedictinerinnen-Kloster Fahr an der Limmat abwärts, und so noch weitere neun geistliche Stiftungen im Zürichgebiet und dessen nächster Nähe.Daran schließen sich die Herrschaften der Stadt, voran natürlich Kiburg, und dann rings herum im Zürichgau, mit Einschluß verbündeter Herren und unter Aufzählung der einzelnen Schlösser und Städte. Ganz besonders lobt Türst die Stadt Stein mit der Burg Hohenklingen: — sie sei „ in ganzem lust gelegen, ein burg uf einem wunsamen berg an einem wald foil gewilds wol erbuwen, mit schönen wingarten, das man die göttin Ceres und den gott Lieuus gedenken möcht daselbs iren gunst haben angeleytTürst weiß da auch, daß das Benedictiner-Kloster St. Georgen daselbst ursprünglich auf dem Berge Hohentwiel lag und erst durch den bairischen Kaiser Heinrich dorthin verlegt wurde.
Bei Bern hat sich der Erdbeschreiber selbstverständlich vollends die größte Mühe gegeben. Zuerst rühmt er die Stadt, wie sie durch den Aarestrom beinahe ringsum bespült und stärker befestigt sei, wie sie durch edelgeborene und durch alle Tugend verzierte Rathsherren, Männer festen Entschlusses, regiert werde. Auch da wieder kommt zuerst die lange Reihe geistlicher Stiftungen von Interlaken abwärts bis nach Königsfelden, und der Text rühmt bei dem erstgenannten „ Chorherren-Münster " vorzüglich noch den reichen Fischfang. Dann folgen die reichen Herrschaften und Städte vom Alpengebirg bis nieder zur Aare und wieder aufwärts bis in das Seeland, wo das Gebiet der verbündeten Grafschaften Neuenburg und Vallendis angeschlossen wird. Bei Luzern werden die langen gedeckten Brücken, welche „ nicht dem Wanderer allein bequem, sondern auch für das Lustwandeln unterhaltend " sind, gerühmt, und wieder folgen die geistlichen Häuser, dann Herrschaften, Schlösser und Städte. Bei Schwyz ist Einsideln in aller erster Linie gelobt, wohin Pilger „ von den verschiedenen Völkern von ganz Europa und von der äußersten Tuie " zusammenfließen, um die göttlichen Gnaden auszuschöpfen. Ganz vortrefflich wird dann Freiburg in kurzen Worten charakterisirt, als „ eine Stadt von seltener Anlage und festesten Mauern, sowohl zum Lobe der Baumeister, als besonders gegen die keinem Feinde einen Zugang bietende Belagerung aufgerichtet, umgürtet von felsigen Hügeln und dem Strome der Saane, so daß ein jeder Kriegsmann meinen würde, ein jedes einzelnes Thor sei die best befestigte Burg ".
In den sechs letzten Capiteln endlich befaßt sich Türst, in bestimmten Einzelgruppirungen, mit den Ländern der zugewandten und verbündeten Orte, sowie mit den gemeinen Herrschaften, welche er, je nach dem sie von den acht oder von sieben, sechs, vier, zwei Orten beherrscht werden, eintheilt. Besonders viel Raum schenkt er da dem Thurgau mit seinen vielen geistlichen und weltlichen Herrschaften. Aber den Arzt reizte natürlich auch Baden, das ihm als ein Garten der Hesperiden oder als ein Thal der Venus erscheint, und er vergißt nicht, an jenen Nymphenchor zu erinnern, von welchem da der Humanist Poggio — zur Zeit des Constanzer Conciles — als von einer der anmuthigsten Erscheinungen gesprochen habe.
Wir sehen, daß Türst mehr eine Ortsbeschreibung, gewissermaßen eine Statistik nach dem Begriffe jener Zeit, geben wollte; der Gesichtspunkt der Erdbeschreibung tritt bei ihm mehr in den Hintergrund. Er führt, nach gewissen Eintheilungen, mehr oder weniger zahlreiche Oertlichkeiten bei einem einzelnen Gebiete auf, ohne oft mehr als den Namen derselben zu geben. Ueberall legt er ein besonderes Gewicht auf die Nennung der Entfernungen, die Lage der Orte zu einander, zu den Flußläufen und Aehnliches* ).
Sowohl der Wiener Handschrift, als dem in Zürich liegenden Exemplar sind chorographische Tafeln beigelegt, deren Zeichnung sich in beiden Exemplaren entspricht, mit der Ausnahme, daß die Wiener Karte durch die Einfügung lateinischer Namen gegenüber dem Zürcher Exemplare einen gelehrteren Charakter aufweist. So redet dieselbe, statt von Hochburgund und von Wiflisburg, von „ Sequani " und „ Hedui " und von „ Aventicum ", und giebt den Zeichnungen der Juraberge den Namen „ Jurassus ". Die der Text-ausgabe beigelegte Veröffentlichung dieser ältesten Schweizerkarte stützt sich aber auf das dem deutschen Texte beigefügte Kartenexemplar.
Die auf Pergament gezeichnete Tafel* ) hat eine Höhe von 39 Centimeter bei einer Breite von 54 Centimeter und ist nach Graden und Minuten am Rande sorgfältig abgetheilt. Sie sieht, wie das ja auch bei der nächstfolgenden schweizerischen Landkarte, derjenigen Tschudi's, der Fall ist, und wie das auch bei mehr malerischen Aufnahmen der Neuzeit, so denjenigen Delkeskamp's, geschah, von Nord gegen Süd: lag doch überhaupt diese Auffassung jedem in dem Haupttheile der Schweiz, in Zürich, in Bern, Lebenden gebieterisch nahe! Der Zeichner hatte seiner Karte allerdings ein Netz zu Grunde gelegt, dabei aber die Ortseintragungen äußerst roh gemacht und sich bedeutenden Fehlern ausgesetzt.
* ) Die von Herrn Professor ß. Wolf in seinen „ Notizen zur schweizerischen Culturgeschichte " gebrachten Bemerkungen sind in dem genannten „ Nachworte ", pag. 64 u. 65, reproducirt.
22 Doch treten wir dem interessanten Blatte selbst nun näher!
Allerdings zeigt schon ein erster flüchtiger Blick auf die Karte, daß deren Zeichner nicht gerade zur Darstellung eines vorzugsweise durch seine Gebirgsnatur in Betracht kommenden Landes berufen war. Freilich füllt er die obere Hälfte seines Blattes, welche dem Alpenlande bestimmt ist, mit einer ansehnlichen Zahl einzeln hingezeichneter Gipfel aus — einzig die Ecke oben rechts, wo der Südabhang der Alpen zu zeichnen gewesen wäre, bleibt, wie zumeist von Namen, so auch von Bergen leer —, und der untere Theil des Blattes hat rechts Berge des Jura ( der „ Blauwen " ist ausdrücklich genannt ), und links unten sind über dem „ Schwartzwald " noch nachher zu erwähnende sehr individuell gehaltene Zeichnungen der Burgen auf den Gipfeln des Hegau angebracht. Aber von einer irgendwie den Anforderungen entsprechenden Gebirgszeichnung kann natürlich gar keine Rede sein. Man hat sich damit zu begnügen, daß wenigstens die Rhone wirklich in einem Thale zwischen zwei parallelen höheren Bergreihen von der „ Furgen " nach dem „ Seuw ", d.h. dem Genfersee, hinausläuft, oder daß die „ Alpes Rhsetise " sehr dicht zusammengeschoben erscheinen und dergestalt das Land der Bündner als vorzüglich gebirgig erkennen lassen; schon viel spärlicher stehen die „ Alpes Leopontii ", und bei den „ Alpes Greij " fehlt, wie schon angedeutet, der ganze jenseitige Hang. Und dennoch möchte man glauben, daß dem Zeichner da und dort einmal die Absicht Die älteste schweizerische Landkarte.3ä9 » vorschwebte, einen ein/einen Berg nicht blos schematisch, sondern in einem genauen Bilde wiederzugeben. So scheint die allerdings sehr überhöhte Kuppe bei Zürich andeuten zu sollen, daß hier der Albis im Uetliberg sich nochmals kräftiger erhebe, oder in den stärkeren Höhen links von Schwyz und von Altorf mag man Andeutungen der Mythen und des Bann-berges sehen, woneben dann freilich der Rigi fast ganz und vom Pilatus jegliche Spur fehlt. Auch thut man der Karte wohl zu viel Ehre an, wenn man einen allerdings sehr wild ausgezackten Berg rechts von Appenzell als den Sqjitis, einen sanfter geformten links, welcher zwar an den Kamor oder Hohenkasten erinnert, für diesen östlichsten Theil des Alpsteingebirges nimmt; denn so ließe sich vielleicht auch eine steile Pyramide bei dem Namen „ Montafun " als der Zimpaspitz erklären. Der Zeichner selbst hat, von den noch einläßlich zu besprechenden Bergpässen abgesehen, nur ganz wenige einzelne Bergnamen eingesetzt, nämlich „ Krispalt " und „ Adula ", letzteren Namen gleich bei „ Gotzhart " am Rande des Urseren-thals. Ganz eigenthümlich ist die Berücksichtigung des „ JurthenGebirges im Waadtlande, welches ziemlich sonderbar wie ein länglich gezogener Baumgarten zwischen „ Lausana " und „ Rhuw " eingezeichnet ist.
Unendlich viel richtiger und vollständiger ist das-. Flußsystem ekgefügt, und besonders für die bei Brugg sich vereinigenden schweizerichen Hauptflüsse werden, wenn man nur die Hauptlinien in Betracht zieht, nur wenige eigentliche Fehler ersichtlich werden: einer derselbenist, daß die ganz richtig aus dem Pfäffikersee und Greifensee hergeleitete Glatt, welche übrigens auch zwischen Bülach und Regensberg einen förmlichen kleinen See bildet, nicht direct in den Rhein, sondern durch das „ Wental " in die Limmat bei Baden geführt wird ( augenscheinlich eine Verwechslung mit der Surb ). Auch die Vertheilung der Ortschaften auf die Ufer der Flüsse ist meistens richtig, und stärker in Betracht fallende Verstösse liegen in dieser Hinsicht fast nur im Wallis, wo z.B. Viesch, Brieg, Raron, Sitten — Kathedrale und Valeria nebst Majoria, Tourbillon dagegen nicht w auf die falsche Seite gesetzt sind, und bei vier vorarlbergischen Orten, die auf der schweizerischen Rheinseite stehen; sonst gibt sich die Karte u. A. gerade für die rätischen Flüsse Mühe, indem sie die bei der sehr deutlich gezeichneten Reichenauer Brücke sich vereinigenden beiden Ströme des „ Rhin " unterscheidet, dann die „ Lanquart " zwischen Zizers und Maienfeld einmünden läßt und bei der Ill auch noch den aus dem Walserthal kommenden Lutzbach nennt. Ebenso vergißt sie die Kleinigkeit nicht, daß die Lorze zwischen Zug und Cham den Zugersee erreicht, um ihn alsbald wieder zu verlassen. Sernf und Linth vereinigen sich ganz richtig bei Schwanden, und bei der sehr deutlich gezeichneten Brücke oberhalb Schännis kommt der Linth die nur etwas zu lang gerathene Maag von Weesen her zu. Ganz besonders aufschlußreich aber ist, daß bei Grinau ausdrücklichEin zweiter Irrthum ist, daß von „ Sanen ", wo „ San entspringt ", der genannte Fluß über „ Obersibental " und „ Nidersibental " nach „ Altem-iff " und „ Friburg " geführt.wird.
das kleine Seebecken des Tuggenersees angegeben ist, welches hinter dem unteren Buchberg bis nach Tuggen hinauf gereicht haben muß und sonst quellen-gemäß nur durch das Leben des heiligen Gallus und ein Güterverzeichniß aus dem 13. Jahrhundert bezeugt ist, während dann freilich vor der Linthcorrection, vor nun hundert Jahren, Jahrzehnte hindurch dort die ärgsten Aufstauungen von Wasser von neuem bestanden. Was dagegen die Bilder der größeren Seen betrifft, so wird man sich im Ganzen mit denjenigen des Bodensees, der kleineren aargauischen Seen, des Thunersees, auch noch etwa des Zürchersees und der Anordnung der diese Becken umgebenden Ortschaften einverstanden erklären können. Der Vierwaldstättersee jedoch zeigt höchstens einen undeutlichen Begriff von der Ausstrahlung der vier Seearme am Kreuztrichter, während dagegen die scharfe Umbiegung des Urnersees bei Brunnen gar nicht angegeben ist, ja sogar der See auf der Karte sich dort mehr links hinüber, als rechts hinein wendet.
Nicht viel Gewicht wird auf die oft sehr willkürlich eingezeichneten Baumgruppen, worunter besonders Reihen pappelartiger Gebilde auffallen, zu legen sein. Denn wenn auch z.B. eine solche Reihe bei „ Wedischvil " den Sihlwald oder eine andere bei Kiburg die Wälder bei Winterthur, eine dritte bei „ Premgarten " unweit Bern den dortigen großen Wald an der Aare andeuten und solche Stellen der Karte noch mehr genannt werden könnten, so warnen doch andere AbtheilungenEngliberg " liegt in einem wahren Baumgarten — vor solchen Annahmen. Daß freilich der Schwarzwald mit besonders zahlreichen Baumgruppen versehen ist, versteht sich von selbst. Das Hauptgewicht hat der Anleger der Karte — und wir müssen uns ihm darin anschließen — durchaus auf die Ortschaften, auf Städte, Klöster, Schlösser, aber auch auf kleinere Oertlichkeiten, bis auf Dörfer hinab, geworfen. Das verhältnißmäßig gar nicht große Blatt enthält einen überraschenden Reichthum an Namen, nämlich, wenn wir richtig gezählt haben, die Zahl von fünfhundertundeinundzwanzig. Davon gehen nahezu drei Fünftheile auf die von Türst in seinem Texte beschriebenen Gebiete — 201 auf die zehn damals vorhandenen .Kantone, 100 auf die übrigen schweizerischen Landstriche220 Namen dagegen fallen auf die darüber hinaus bildlich dargestellten Territorien, ganz besonders nach Rätien, Wallis und Schwaben. Daß unter den eidgenössischen Orten selbst Bern, dessen Schultheiß und Rath ja Türst seine Schrift gewidmet hat, ganz voran steht und daß vier-undsiebenzig Namen auf das große Gebiet von Bern, welchem zwar damals im Waadtlande erst Aigle, Bex und Villeneuve von unserer Karte angehörten, fallen, das ist naheliegend. Aber auch das Gebiet von Zürich umschließt 36, dasjenige von Uri, wie wir noch sehen werden, wegen des Weges über den St. Gotthard, von Seelisberg bis nach Giornico, 24 Namen. Wie wir schon aus dem Texte unseres Geographen ersehen haben, interessirte sich derselbe am meisten für klösterliche Anlagen und für Schlösser, mochten sie nun als Staatsbesitz obrigkeitlichen Personen als Wohnort dienen oder im Privateigenthum stehen. So bringt er, am ein Beispiel anzuführen, für das zürcherische Gebiet neben der Hauptstadt und drei kleineren Städten vier Gotteshäuser und 17 Schlösser, dann noch neun Flecken und Dörfer. Sehr stattlich sind ferner der an Klöstern und Burgen reiche Thurgau, ebenso der Aargau, dann die Gebiete über dem Rhein und Bodensee, vorzüglich der Hegau, ausgestattet. Aber die der Burgen entbehrenden Länder des Hochgebirges sind deßhalb nicht verkürzt. So stehen in Nidwaiden Stans und Beggenried, in Obwalden Samen, Sachseln, Lungern und Alpnach und außerdem „ bruoder Claus ", mag auch hier das Bild der Kirche mit daneben stehendem Hause wohl weit eher, in der Anbringung der Gebäulichkeiten hoch an einem Berge, die Anlage von St. Niklausen bei Kerns, als diejenige vom Ranft angeben. In Schwyz fehlt das Muottathal und sogar die Ortschaft „ Groß " hinter Einsideln im obersten Sihlthal nicht, und in Uri sind das Schächenthal mit Bürgeln und „ Kercheren ", d.h. Kerstelen, das jetzt allgemein sogenannte Maderanerthal, eingetragen. Bei vielen dieser kleineren Orte werden wir nachher sehen, daß ihre Aufnahme der Lage derselben an Pässen zu verdanken war.
Einen besonders guten Begriff von dem Streben des Zeichners, genau zu sein, und von der Zuverlässigkeit seiner Materialien bringt uns nun aber der Umstand, daß viele der eingetragenen Ansichten von Ortschaften und Gebäudegruppen, trotz ihrer nothwendigen Kleinheit und Verkürzung, doch ein ganz bestimmtes Bild der betreffenden Oertlichkeiten bieten und also zeigen, daß entweder der Zeichner selbst oder seine Gewährsmänner an Ort und Stelle gewesen sein müssen.
Eine Anzahl herausgehobener Beispiele mag das bezeugen. Schon Zürich selbst, Türst's Wohnort, läßt die Unterscheidung des doppelthürmigen Groß-münsters und der damals gleichfalls mit einem Thurm-paar geschmückten Frauenmünsterkirche und des einen Thurms der St. Peterskirche dazwischen zu, und augenscheinlich wollte der Zeichner die Stadt von der Westseite her zeigen. In Bern hinwieder sieht man den Baukrahn auf dem damals im Bau begriffenen Münster-thurm, dann die Nideggkirche im unteren Theile der Stadt, wohl auch das Thor am jenseitigen Ende der Aarebrücke, und das Haus mit dem großen Dache oben in der Stadt soll wohl das Rathhaus darstellen. Aehnlich wieder ist Freiburg in seiner Lage auf beiden Ufern der Saane aufgefaßt: — der linksseitige größere Theil bergab sich erstreckend, der rechtsseitige von einem der noch stehenden, die Galternschlucht so prächtig malerisch überragenden Thürme beherrscht. Sitten steht zwar, wie schon gesagt, fälschlich auf der südlichen Seite der Rhone; aber die Burgen über der Stadt und die Kathedrale sind doch recht deutlich zu unterscheiden. Bei Cur hinwiederum wollte der Zeichner nur den Bischofshof, in seinen Ringmauern und mit der Domkirche innerhalb derselben, darstellen, und das ist ihm recht gut gelungen. Aber noch besser glückte ihm sein Bestreben, wo es sich um kleinere Städte oder nur um eine einzelne Burg handelt. Da ist die Burg Thun in wenigen Linien so dargestellt, wie sie auf ihrem Felskopfe als Silhouette dem auf der Straße von Steffisburg Herkommenden sich darstellt, und ähnlich ist „ Burtolff " so aufgebaut, wie die Stadt Burgdorf sich jetzt etwa dem Gedächtniß eines flüchtig auf der Eisenbahn vorüberfahrenden Reisenden einprägen wird. Das enge Nest Kaiserstuhl am Rhein, wie es von dem Thurm oben im Städtchen steil zum Flusse herabsteigt und auf der anderen Brückenseite das Schloß Röttelen sich gegenüber hat, wird Jedermann gleich aus der Karte erkennen. Aehnlich stellt sich Baden, von der Nordseite aus gesehen, mit dem das Brugger Thor überragenden, auch damals — seit 1415 — zerstört liegenden Schlosse auf dem Stein dar. Schloß und Stadt Lenzburg vertheilen sich ganz ähnlich auf Hügel und Thal, wie Städtchen Regensberg und Kirche Dielsdorf, wie Burg Hohenklingen und Stadt Stein am Rhein, wobei nur hier der Irrthum erscheint, daß das Schloß auf der Höhe und die Stadt in der Tiefe vom Rheine empor durch Mauern verbunden sind. Und Aehnliches ließe sich noch von vielen dieser Bildchen, gerade aus der Umgebung von Zürich, sagen: von der Burg Uster, wie sie ihren Hügel bekrönt, von dem von hinten, aus der Bucht von Kempraten, gesehenen Schloß Rapperswil, von dem Schloß Pfäffikon am Zürichsee, von der Klosterkirche in Cappel mit ihrem Dachreiter, auch vom Schloß Buonas oder, wie es hier nach der damaligen Herrschaft der bekannten Luzerner Familie heißt, „ Hertenstein ".
Aber wo es sich um solche ganz bestimmt erkannte Einzelnheiteri handelt, wird dann der Zeichner auch der Form der in diesen Fällen allerdings ja durchweg niedrigeren Berghöhen gerecht, sobald eben eine solche für die Darstellung der betreffenden Oertlichkeit unerläßlich ist. So ist links über der Angabe von Walenstad auf steil zugespitztem Berge die St. Georgscapelle von Bärschis gezeichnet, wie sie dem vom Walensee nach Sargans thalaufwärts Reisenden sich auf ihrem isolirten Felskopfe liegend darstellt, oder das Schloß Hohen - Trins findet sich, freilich nicht auf der richtigen Rheinseite angebracht, auf seiner Bergkuppe, die es jetzt noch mit seinen Trümmern so kühn einnimmt, hingezeichnet. Aber weit anschaulicher noch geben sich die einzelnen Höhenformen in dem Kartenabschnitte, welcher in besonders zahlreichen Zeichnungen die schwäbischen Gegenden vorführen soll. Der Burghügel von Mers-burg über dem gleich genannten Städtchen, die Kuppe von Heiligenberg über dem Kloster Salmansweiler, der einzelnstehende Kegel von Hohenzollern über dem Städtchen Hechingen lassen sich ganz deutlich erkennen. Noch einläßlicher ist, wie schon einmal berührt worden ist, der Hegau ausgestattet. Neben einander stehen hier die Burgen Rosenegg, Stauffen, Randegg, Stoffeln, Hewen ( mit dem Städtchen Engen zu Füßen ), Fridingen, und eine weitere, deren Namensbezeichnung zu den wenigen unlesbaren Schriftbeigaben der Karte zählt, und vorzüglich die breitere Kuppe des Twiel hat der Zeichner von dem scharf zugespitzten Kegel des Hohenkrähen bestimmt unterschieden. Aber ähnlich ist von ihm auch noch die nördlicher im Hegau liegende Höhe von Burg und Städtchen Fürstenberg über der Donau individuell aufgefaßt worden.
Hauptsächlich belehrend aber ist endlich unsere Karte deßwegen, weil sie, vorzüglich in den Hochgebirgs-partien, so recht deutlich zeigt, wie überhaupt die ältesten Karten in allererster Linie aus Tafeln successiv aufgezeichneter Stationen von Straßenzügen entstanden sind. Der hauptsächliche Werth unserer Karte voran für die Hochgebirgskunde liegt gerade darin, daß sie eine Reihe von Pässen nachzuweisen sich zunächst zum Zwecke gesetzt haben muß.
In der obern rechten Ecke können wir da den Paß über den Großen St. Bernhard verfolgen. Vom Genfersee, von „ Vivis " aufwärts, stehen zunächst die Stationen „ Nuwstatt ", „ Ellen ", „ Besdann geht es über die mit einer Porte verstärkte Rhonebrücke nach Schloß und Kloster „ S. Maritz " und „ Martinach "; darauf folgen an der Dranse aufwärts, allerdings etwas wunderlich links und rechts hin an recht sanft gezeichnete Höhen vertheilt, „ S. Brancery " ( Sembrancher ), „ Orschen " ( Orsières ), „ Burgum S. Petri " ( Bourg S. Pierre ), „ S.Bern-hartzhergjenseits kommen wir auf den stiefmütter-lichst ausgestatteten Theil der ganzen Karte, wo nun insbesondere die Dora, statt für den Betrachter der Karte links aufwärts zu gehen, rechts hinaus das Blatt verläßt. Aber da folgen nun noch zuerst „ Cäsar Augusta — Ougstdal ", d.h. also Aosta, dann — wunderlich nach links hin verschlagenS. Vicentz " ( ohne Frage St. Vincent unterhalb Châtillon ) und gleich danach „ Mon Jubet " ( jedenfalls die nächste Station nach St.Vincent, Montjovet ), zuletzt „ Bartt " und „ Yporegia " ( Fort Bard und Ivrea ). Doch noch weiteren Walliser Pässen geht der Kartenzeichner nach. Von „ Brig "
reist er über „ Sümpelen " nach „ Daweder ", dem von der Diveria durchflossenen Val di Vedro, und nach „ Thum " ( Domo d' Ossola ); auch der Endpunkt „ Oron " ( Arona ) ist da noch angemerkt. Von Brieg aufwärts geht über Naters, Viesch, Münster, Geschingen, Oberwald ( „ Wald " ) der Paß nach der „ Furgen " und dann über Realp nach dem St. Gotthardwege.
Allein in diesem obersten Theil des Thales des „ Rhotten” kreuzt sich hiermit die andere von Bern her kommende Verbindungslinie nach Domo d' Ossola. Denn die Plätze „ Undersewen ", „ Hinderlappen ", „ Briens " weisen dem Gebirge zu zunächst nach „ Hasledie allerdings an den wunderlich weit aufwärts bis Guttannen ausgedehnten Brienzersee gestellte Kirche „ Hasle " ist wohl Meiringen —, hernach über „ Guttenthann " über die „ Grimsel " zum obersten Rhonelauf nach Oberwald. Daran jedoch schließt sich als Fortsetzung* ) die Stationenreihe bis „ Thum ", welche ohne Zweifel über den Griespaß leitet, nämlich „ Bomnat " und „ Valldösß ", wovon der erste Name unzweifelhaft auf das deutschredende Formazzathal geht, während der zweite wohl auf Val d' Antigorio oder noch eher auf Valle d' Ossola, das eigentliche Eschenthal, weist. Und vom Thunersee ist noch ein zweiter Weg zum Wallis angegeben, wo Amsoldingen, Spiez, Frutigen ( dieses Dorf mit der deutlich als über dem Dorfe stehend gezeichneten Tellenburg ), „ Can-derKandersteg —, dann der Paß selbst, die Gemmi, endlich „ Bad " und „ Loeg ", natürlich Bad und Flecken Leuk, auf einander folgen.
Mit ganz besonderem Fleiße ist aber der Zeichner dem Gotthardwege nachgegangen. Flüelen, Altorf, jenseits der Reuß gegenüber Burg „ Attichhusen ", Silinen ", „ Wasnen, „ Geschingen ", reihen sich flußaufwärts an einander; dann ist die Teufelsbrücke über die Reuß geschlagen, und es folgen „ Urseren " ( Andermatt ), „ Hospital ", das Hospiz auf der Gotthardhöhe, dann das Eginenthal nach dem Griespaß —, endlich die Pommater und Eschenthaler auf ihrem Boden. Das ist also die directe Linie Bern-Thun-Griespaß-Domo-d'Ossola.Doys " ist der untere Abschluß des obersten Walliser-Zehntens Goms; es ist der steile Absturz, den die Straße unterhalb Lax und dem Dörfchen Deisch — Doys — zur Rhone hinunter überwindet, ehe sie bei Grengiols das rechte mit dem linken Flußufer vertauscht. Auch heute noch liegt hier eine scharfe Scheide, das Ende des eigentlichen Walliser Oberlandes. „ OerielsAirolo ), „ Glattifer " ( statt Plattifer ), „ Pfeud " ( Faido ), endlich „ Irnes " ( Giornico ). Am Plattifer, dem großartigen Engpasse von Dazio Grande, hat der Zeichner, indem er hinter dem Felsvorsprung den Fluß für einen Augenblick verschwinden läßt, die malerische Thalenge andeuten wollen, welche sich jetzt auch noch dem Eisenbahn Fahrenden zeigt, wenn er nach der Station Fiesso thalabwärts den richtigen Moment zu erfassen weiß. Von Urseren will aber die Karte augenscheinlich auch den Weg über die Oberalp nach Cur zeigen. Denn „ Davetsch " und „ DisitisMedels " hinwiederum zeigt nach dem Lukmanier hin — können nur deßwegen aufgenommen worden sein. Zwar ist Dissentis sonderbar bei Seite geschoben, an die Hinterseite eines etwa für die Calanda zu erklärenden Berges am Rheine bei der Lanquartmündung, mehrere Fingerbreiten unterhalb von der Stelle, wo der Vorderrhein erst in die Karte selbst eintritt, um dann „ Inlantz " sich zu nähern.
Aber auch niedrigere Pässe finden sich berücksichtigt, so der Weg von Ragaz über den „ Gungulsz " nach „ Domina " und Reichenau, oder derjenige von „ S. Johans " über „ Wildenhus " nach Gams und Werdenberg, dann der „ Ammenberg " von Wesen nach „ Neslow ", oder die Straße von Brunnen über Schwyz, Steinen, Sattel, „ Turn " ( Rothenthurm ) nach Pfäffikon und über die Seebrücke nach Rapperswil. Ueberhaupt aber sind vielfach die Brücken — auch eine der langen Luzerner Brücken ist über das blaue Wasser geschlagen — berücksichtigt, so über die Thur diejenigen bei Schwarzenbach und Andelfingen, am Rhein- strom die Brücken von Constanz, Stein, Dießenhofen und weiter abwärts die von Lauffenburg, an der Aare die Brücken von Thun, Bern, Aarberg, Solothurn, Aarwangen, Aarau, Brugg, und an der Reuß die Bremgartner und Mellinger Brücke. Der Anfertiger der Karte wollte eben auch außerhalb des Hochgebirges die Uebergänge zeigen. Aber daß ihm überhaupt viel daran lag, im ganzen Umfange seiner Karte die Hauptstraßenzüge darzulegen, mag noch ein Blick auf die Jurakette lehren. Zu allen Zeiten war der von der mittleren Schweiz durch den Engpaß des Dünnernflusses nach dem Wasserfallenberg und über denselben nach Basel hinaus von Solothurn her führende Paß, die Clus, von größter Bedeutung, und so gab sich der Zeichner Mühe, diese kriegerisch und politisch so wichtige Gebirgspforte nach Kräften anzudeuten. An wenigen Orten häufen sich die Namen auf engem Baume so sehr, wie hier. Von „ Solodrun " kommen wir über „ Wietlispach " und das allerdings arg seitwärts verschlagene „ Pipp " zum Engpasse, wo die Schlösser „ Bechburg " und „ Falkensteinda ist wohl Alt-Falkenstein, eben das Cluser Schloß, gemeint — die „ Clusen " überragen, worauf dann gleich die Häuser von „ Baistal " folgen und der Weg weiter, dem Berg „ Wasserfall " und dem Städtchen „ Walen-burg " zu, geht.
Allein über dieser lobenden Anerkennung der Vorzüge der Türst'schen Karte soll doch die seltsame Verschiebung der Oertlichkeiten, welche sie sich an vielen Stellen gestattet, schließlich nicht übersehen, nicht vergessen werden, daß z.B. St. Gallen und Sitten in der gleichen Parallellinie gezeichnet sind. Der Kenner der Alpen wird, wenn er von Urseren etwa ostwärts mit dieser Karte über die zuckerhutförmigen Berge des „ Krispalt " nach Rätien reisen wollte, zu allererst zwar richtig die Hütten von „ Da-vetsch " finden, gleich linker Hand daneben aber die Thürme von Kloster „ Pfefers " und das „ Bad ", vor sich auf einem spitzen Hügel Burg „ Wartberg " über den Häusern von „ Ragatz " haben und dann gleich am Rheine bei „ Meyenfeld " stehen; aber er hat auch die Wahl, rechter Hand über den „ Gungulß ", d.h. den Kunkelspaß, gleich nach „ Disitis " zu kommen. Dem die Kartenzeichnung prüfenden Auge, das durch die Leistungen der Neuzeit so unendlich verwöhnt ist, werden solche Verstöße auf den ersten Blick zu Dutzenden auffallen. Dennoch wird man dem berufensten Beurtheiler dieser Fragen, dem in seltener Weise fachkundigen Verfasser der „ Geschichte der Vermessungen in der Schweiz ", zustimmen, wenn er sagt, daß die Tafel nicht bloß als schematisches Orts-verzeichniß, sondern als ein wirklicher Versuch einer Landkarte zu betrachten sei.