Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/1717

NZZ Benjamin Steffen
Was GC von früheren gefallenen Grossklubs unterscheidet
Der Rekordmeister ist nicht der erste Riese des Schweizer Fussballs, der in die zweithöchste Liga hinabsteigt. Was sein Problem sein könnte: dass er nie identitätsstiftende Existenzkämpfe auszufechten hatte – und dass er sein uraltes Selbstverständnis aufgibt.
Am 30. April 1994 sind beim NLB-Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich 42 126 Zuschauer im Sankt-Jakob-Stadion anwesend. In der Saison 1989/90 gewann GC den Schweizer Meistertitel. Zuschauerdurchschnitt: 7639.
In der Saison 1989/90 verbrachte der FC Basel das zweite Jahr in der zweithöchsten Schweizer Spielklasse. Zuschauerdurchschnitt in der Auf-/Abstiegsrunde: 10 742.
Solche Zahlen haben eine Bedeutung, wenn es darum geht, die Perspektiven der gefallenen Grasshoppers auszuloten. Der Rekordmeister stutzt sich zurecht, am Mittwoch gab er bekannt, die sofortige Super-League-Rückkehr nicht partout anzustreben. GC habe sich für ein Budget entschieden, das «ermöglichen soll, die sportlichen Ziele im Rahmen einer langfristigen Perspektive anzuvisieren». Die Unsicherheit klang aus jedem Buchstaben dieser Formulierung.
Es ist eine neue Erfahrung für die Grasshoppers, und es gibt keine Orientierungshilfen in ihrer Situation, weder in der eigenen Vergangenheit noch anderswo. GC, dieser stolze, zerbrochene Klub, ist ein Sonderfall. GC ist nicht das erste Schwergewicht des Schweizer Fussballs, das in die zweithöchste Liga hinabsteigt. Aber GC steht auf einem Boden, der mit anderen Fundamenten kaum vergleichbar ist. Auch der FC Basel, YB und der FC Zürich stiegen in den letzten gut drei Jahrzehnten mindestens einmal ab, aber sie führten andere Zweitklassleben.
Legendäre Trostlosigkeit
Der FCZ wusste nach dem Abstieg vor drei Jahren um die Gefahren, die ein längerer Challenge-League-Aufenthalt bergen würde, gerade in Zürich, keiner Fussballstadt. Irgendeinmal hätte eine gewisse Anonymität gedroht, spätestens wenn der Atem für ein Luxusbudget ausgegangen wäre. Der FCZ verstand, dass er rasch fliehen musste, um das Gefangensein im Mittelmass zu verhindern. Also strebte der FCZ mit viel Aufwand nach der sofortigen Rückkehr und schaffte maximalen Ertrag.
Der FCZ erkannte, wie sehr sich seine Voraussetzungen unterschieden von den Bedingungen des FCB und von YB, die mehrere Jahre im Unterhaus verbracht hatten – aber in anderen Zeiten, in anderen Umfeldern. Niemand bestritt damals, dass der FCB und YB schlafende Riesen waren, und so tief und fest gerade die Young Boys einst zu dösen schienen – an den Horizonten der betreffenden Städte winkte immer so etwas wie die Auferstehung. Seit 2010 gingen die Meistertitel nirgends sonst hin als nach Basel und Bern.
YB hauste einst sogar im Keller der Nationalliga B, oft schien unklar, was grösser war: die sportliche oder die ökonomische Not. Die Berner stiegen 1997 ein erstes und 1999 ein zweites Mal ab, es gab legendär trostlose Spiele vor einer Handvoll Zuschauern und wechselnde Führungen; Präsidenten, die Hoffnung brachten und rasch auch neue Fragen, unklare Zuständigkeiten.
Irgendetwas wartete
«Kein gewählter Vorstand, kein Präsident, Geschäftsleitung vor Rücktritt, Stadion abbruchreif» – so stand es im Herbst 1999 in der Analyse einer Werbeagentur über die Young Boys. Anfang 2000 begann Fredy Bickel als YB-Sportchef zu arbeiten, der zuvor mehrere Jahre bei GC tätig gewesen war. Bickel sagte gegenüber der «Berner Zeitung» bald einmal, der Unterschied zwischen YB, NLB-Kellerkind, und GC, NLA-Krösus, sei gar nicht so gross, «ob Sie es glauben oder nicht».
Auf eine solche Aussage käme heute niemand mehr, die Kluft zwischen oben und unten ist grösser geworden, der finanzielle Bedarf ebenso. YB soll 2001 mit einem Budget von rund 6 Millionen Franken in die höchste Liga aufgestiegen sein (offiziell war damals von weniger die Rede), GC stellt heuer 13,6 Millionen bereit – und hat das Gefühl, es handle sich dabei um «bescheidenere Mittel».
Aber bei all dem Ungemach wussten viele, dass die Berner auf etwas warteten mit YB – dass sie bereit waren, ihrem Klub zu verzeihen, dass sie begeisterungsfähig wären, eigentlich, wenn YB mehr gut machen würde als schlecht. Im Meisterjahr 1985/86 hatten die Young Boys durchschnittlich 10 500 Zuschauer begrüsst – die GC-Klubgeschichte vermerkt seit 1978 elf Meistertitel, aber keine einzige fünfstellige Durchschnittszahl.
Noch mehr Eindruck macht Basel, diese Stadt, dieser Rückhalt, obwohl der FCB sechs Saisons lang in der NLB spielte (1988 bis 1994). Schon im Frühling 1993 betrug der Zuschauerdurchschnitt 14 600, im Jahr darauf 17 560. 1989 hatte das finanzielle Ende gedroht, Junioren mussten in Bettelaktionen für fünf Franken Kleber verkaufen. Unter der Leitung eines Regierungsrats berieten sich Basler Wirtschaftsvertreter und sicherten dem FCB mündlich Hilfe zu. Der Klub benötigte innert Kürze «870 000 Franken, um den wichtigsten Verbindlichkeiten nachkommen zu können», wie die NZZ am 17. März 1989 schrieb. Und: Ein Spieler des FCB-19er-Kaders koste durchschnittlich 5558 Franken, «Lohn, Spesenpauschale, Einsatzprämie und Zuschauerbeteiligung inbegriffen». Kurz darauf trafen die Basler im Sankt-Jakob-Stadion auf den FC Zürich – vor 12 000 Zuschauern. Fünf Jahre später, im Aufstiegsfrühling, empfing der FCB den FCZ erneut in der Auf-/Abstiegsrunde – Zuschauerzahl: 42 126.
Volk und Klub
Auch YB lancierte immer einmal wieder Sammeltage und Appelle an die Solidarität. Es sind diese gemeinsamen Leidensgeschichten von Volk und Klub, die Identität stifteten, die das Gefühl gaben, dass etwas existiert, an das es sich zu glauben lohnt. Als YB um die Jahrtausendwende an einem Punkt war, so tief wie kaum zuvor, gab es allerlei Low-Budget-Aktionen. Ein Hotelier offerierte vor den Partien vergünstigte Tageszimmer – weil er YB-Fan war. Ein Taxibetreiber fuhr die Spieler in Kleinbussen statt im teuren Car umher – weil er YB-Fan war. Ein Second-Hand-Unternehmer karrte Büromöbel in die leeren Klubräume – weil er YB-Fan war.
GC kennt diese vereinigenden Existenzkämpfe nicht, und vielleicht liegt darin das grösste Problem: Dass es solvente Einzelpersonen waren, die finanzielle Löcher generös zuschütteten – es brauchte nie ein grosses Ganzes. Es fehlte immer einmal wieder Geld, viel Geld, der Sammelhut ging durch – aber in den Hinterzimmern von Gönnerklubs, nicht auf der Strasse, wo es Aufsehen erregt und Zusammenhalt gefördert hätte.
GC ist nicht dieses öffentliche Gut einer breiten Masse, allein das Geschäftsmodell verhinderte eine solche Entwicklung. Dieser Hinweis fiel in letzter Zeit immer wieder: dass GC nicht funktioniert mit dem Eingeständnis des Mittelmasses, mit einem Konzept der Zurückhaltung. Aber genauso sieht es die neue Planung der Aktionäre Peter Stüber und Stephan Anliker vor. Plötzlich geht es um «gute Resultate in der Challenge League», so stand es im jüngsten Communiqué vom Donnerstag.
GC versucht es mit einer «flachen Hierarchie», mit derzeit einem einzigen Verwaltungsrat, ohne offiziellen Präsidenten, ohne wirklichen Sportchef, in einem Stadion, das keine Heimat ist. Seit dem Abstimmungssieg Ende 2018 gibt es immerhin die Aussicht auf eine neue Spielstätte. Aber GC und der Neubau bedingen sich nicht in dieser Absolutheit, wie es in Bern der Fall war. Ohne YB kein neues Stadion – so lautete jahrelang die Losung. Die Architekten des Stade de Suisse (Eröffnung 2005) hatten ein Eigeninteresse daran, YB leben zu lassen; sie schütteten Geld nach, damit sie ja kein Haus bauten, in dem niemand wohnen würde. Auch die Zürcher Stadionbauer haben Interesse an einem funktionierenden Grasshopper-Club, an einem gesunden Mieter – aber es ist nicht so, dass ihr Werk leer stünde, wenn es GC nicht mehr gäbe. Der FCZ ist auch noch da.
Auf der Website des Stadionprojekts ist nach wie vor zu lesen, die neuen Bedingungen würden den Zürcher «Super-League-Klubs helfen, sich künftig noch zielgerichteter auf die fussballerische Entwicklung zu fokussieren». Es ist einzig diese überholte Formulierung, die so etwas wie Ambitionen auf die Super League suggeriert – als sei GC halt abgestiegen und eingenickt, aber früher oder später wieder da, bestimmt. Als seien die Grasshoppers wie der FCB und YB.
Sind sie nicht. Sie waren ein Schwergewicht, das primär von seinem Selbstverständnis lebte. Aber diese alte Überzeugung haben sie dieser Tage aufgegeben. Sie wollen gar kein schlafender Riese sein.