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Sie wollen das Ergebnis einer Abstimmung prognostizieren? Dann hören Sie nicht auf Händler, Fondsmanager, Anleger oder Ökonomen.
In der Nacht des britischen Referendums über die EU-Mitgliedschaft befand ich mich um 3 Uhr morgens im Handelsraum der UBS (wo sonst könnte sich ein Ökonom um diese Zeit aufhalten?). Bekanntlich entschieden sich die Briten in diesem Referendum für den Brexit.
Die praktisch einhellige Reaktion von Arbeitskollegen und Freunden in den sozialen Medien war: «Ich kenne niemanden, der für den Austritt gestimmt hat.» Diese Art des Erstaunens hat sich zu einem Trend in der globalen Politik und Wirtschaft entwickelt. Diesen Trend findet man in den USA und in Europa. Vor allem aber stellt der Trend eine Herausforderung für die Finanzmärkte dar.
In Grossbritannien waren die Wetten vor dem Referendum ein Warnsignal. Der Gesamtwert der Wetteinsätze liess einen Verbleib in der EU erwarten. Die Anzahl Wetten dagegen deutete auf einen Austritt aus der EU hin. Eine demokratische Entscheidung heisst nicht «ein Pfund, eine Stimme», sondern «ein Bürger, eine Stimme». Die Wetten signalisierten ein plutokratisches Ergebnis, das vom demokratischen Ergebnis abwich.
Benachteiligte Menschen schlagen zurück
Infolge des Wirtschaftswachstums der vergangenen 20 Jahre entstand innerhalb der Gesellschaft eine Gruppe von «benachteiligten Menschen». Bei dieser Gruppe handelt es sich um geringer qualifizierte und ältere Arbeitskräfte, die tendenziell auf dem Land leben.
Ein High-School-Schulabbrecher in den USA verdient heute nominal weniger als 2010 (was durch die korrosive Wirkung der Inflation zusätzlich verschlimmert wird). Seit 2010 sind seine Chancen, einmal ein Eigenheim oder ein Auto erwerben zu können, kleiner geworden, und der Anteil der Nahrungsmittel- (zu Hause) und Wohnkosten am Einkommen ist gestiegen. Wer keinen High-School-Abschluss vorweisen kann, hat einen schlechteren Zugang zu einem Kredit als in der Vergangenheit.
Der Durchschnittsabsolvent eines US-College verfügt über ein höheres Einkommen vor Steuern als je zuvor. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein College-Absolvent sich einmal ein Eigenheim leisten kann, hat sich verringert (da die Zahl der Hauseigentümer gesunken ist). Doch nahezu jeder College-Absolvent besitzt oder least ein Auto. Ein College-Absolvent gibt weniger für Wohnkosten, aber mehr für Restaurantbesuche aus.
Die Aufspaltung zeigt sich auch zwischen Stadt und Land. Amerikaner in Städten verdienen rekordhohe Einkommen. Die Einkommen auf dem Land sind zwar höher als 2010, doch sie liegen unter den Höchstständen der Vergangenheit. Die Einkommensschere zwischen städtischem und ländlichem Einkommen lässt sich auch an dem vergangenen Stimmverhalten und den aktuellen Wahlumfragen in den USA erkennen. In der Realität gibt es in den USA keine «roten» (republikanischen) und «blauen» (demokratischen) Bundesstaaten. Es gibt die Städte und den Rest.
Der Finanzmarkt kennt die Realitäten nicht
Dieses Phänomen ist nicht ausschliesslich auf die USA beschränkt. Zu den USA stehen schlicht bessere Daten zur Verfügung. In der Eurozone ist das Vertrauen der Konsumenten mit einem Universitätsabschluss in die Wirtschaft höher als von Konsumenten mit einer allgemeinen Schuldbildung. Europäische Universitätsabsolventen neigen heute stärker zu grösseren Konsumausgaben.
Auf jene Menschen, die Teil der globalen Finanzmärkte sind, also Händler, Fondsmanager, Anleger und sogar Ökonomen, trifft keines der Merkmale der «benachteiligten Gruppe» zu. Finanzmarktteilnehmer sind gebildet und städtisch, Eigenschaften der Gewinner des wirtschaftlichen Aufstiegs der letzten 20 Jahre. Ein typischer Devisenhändler hat kaum etwas gemein mit einem typischen Anhänger von Donald Trump oder Marine Le Pen.
Die Menschen neigen dazu, mit Ihresgleichen zu verkehren. Wer also nicht der «Gruppe der Benachteiligten» angehört, wird kaum oder nie mit solchen Menschen in Kontakt treten. Die politische Meinungsbildung der Finanzmarktteilnehmer basiert stets auf der Meinung der sozialen Schicht, der sie angehören. Bis zur Selbstgefälligkeit ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Dies lässt den Schluss zu, dass die Märkte die populistische Herausforderung für den Status quo unterschätzen werden.
Wahrscheinlich werde ich mich in der Nacht der US-Präsidentschaftswahl nicht morgens um 3 Uhr in den Handelsräumen von UBS aufhalten. Obwohl allgemein nur eine Minderheit zu Populismus neigt, ist die Haltung in vielen politischen Systemen anzutreffen. Daher sollte man sich bewusst sein, dass sich die Märkte nicht demokratisch verhalten. Demokratie kann die Anleger gelegentlich auch überraschen.