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Bratwürstchen oder Tofu
Spannung zwischen Moral und Verhalten
Bratwürstchen oder Tofu? Auto oder Strassenbahn? Billiges T-Shirt oder teure Slow Fashion? Gemüse in Plastik oder unverpackt? Oft haben wir eindeutige moralische Ansichten zu bestimmten Themen (Klimawandel, Tierrechte, etc.), verhalten uns aber im Alltag nicht unbedingt danach. Das kann zu innerer Spannung führen.
Von Madita Schindler
Lektoriert von Jovana Vicanovic und Zoé Dolder
Illustriert von Andrea Bruggmann
Im Folgenden geht es um mögliche Erklärungsansätze für die Diskrepanz zwischen Moral und Verhalten und um die Auflösung dieser Spannung. Um zu verstehen, ob und wie unsere moralischen Werte und Ansichten unser Verhalten beeinflussen, lohnt sich eine Beschäftigung mit dem psychologischen Konstrukt der Einstellung:
«Als ‹Einstellungen› bezeichnet man Bewertungen von Sachverhalten, Menschen, Gruppen und anderen Arten von Objekten unserer sozialen Welt.»Jonas et al., 2014, S. 198
Einstellungen werden als etwas relativ Stabiles und Dauerhaftes angesehen (Garms-Homolová, 2020). Sie haben einen evaluativen Charakter und können eine kognitive, affektive und konative (handlungsorientierte) Komponente beinhalten. Zur kognitiven Komponente werden das Wissen über einen Sachverhalt sowie Überzeugungen oder Glaubensgrundsätze gezählt. Der affektive Teil beschreibt Emotionen und subjektive Vorlieben bezüglich des Einstellungsobjekts, die handlungsorientierte Komponente beschreibt die Verhaltensabsichten. Beispielsweise könnte eine Einstellung von Hannah sein, dass die Arbeitskräfte in vielen Textilfabriken unzumutbaren Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind (kognitive Komponente). Dies löst bei Hannah Unbehagen und Mitleid aus (affektive Komponente). Darum ergreift sie den Plan, künftig bevorzugt bei fairen Labels zu shoppen (konative Komponente). Einstellungen sparen Ressourcen, weil bei der Präsentation von bestimmten Objekten oder Objektgruppen bereits eine Bewertung vorhanden ist und das Verhalten daran ausgerichtet werden kann (Garms-Homolová, 2020).
Einstellungen reichen nicht aus
«Der durch die Prädiktorvariable Einstellung erklärte Varianzanteil an der Gesamtvarianz der Kriteriumsvariable Verhalten beträgt ca. zehn Prozent; die restlichen 90 Prozent der Kriteriumsvarianz fallen demnach auf unbekannte Drittvariablen.»Güttler, 2003, S. 192
Der Zusammenhang ist also alles andere als eindeutig: Durch Einstellungen ist nur ein kleiner Teil des Verhaltens zu erklären. Obwohl Hannah die Einstellung hat, dass die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken unzumutbar sind und sie als Konsumentin etwas dagegen tun sollte, auch wenn dies für sie kleinere persönliche Einbussen im Alltag bedeutet, geht sie trotzdem immer wieder bei den gleichen günstigen Klamottenläden T-Shirts aus Pakistan shoppen. Warum also führen bestimmte Einstellungen oft nicht zu korrespondierenden Verhaltensweisen?
Inkonsistente Einstellungen
Wie oben beschrieben, haben Einstellungen drei Komponenten. Diese können aber unterschiedliche Gewichtungen haben und miteinander in Konflikt stehen. Die Einstellung zu Salamipizza dient als Beispiel: Die kognitive Komponente beinhaltet den Wunsch, Tierleid zu vermeiden, während die affektive Komponente sagt «Salamipizza ist lecker und gibt mir ein gutes Gefühl». Wenn die affektive Komponente eine stärkere Gewichtung hat, wird man in diesem Fall vermutlich zur Salamipizza greifen (Smith et al., 2019). Selbst wenn wir davon ausgehen, dass eine konsistente Einstellung vorliegt, gibt es Einflussfaktoren, die ein passendes Verhalten verhindern (Smith et al., 2019).
Theorie des geplanten Verhaltens
Eine der populärsten Theorien zum Zusammenhang zwischen Einstellungen und Verhalten ist die «Theory of Planned Behavior» von Ajzen (1985). Die drei Faktoren Einstellung, soziale Norm und Verhaltenskontrolle bewirken zusammen, dass sich eine Intention, also eine Verhaltensabsicht bildet. Diese führt zu einem entsprechenden Verhalten. Die soziale Norm meint die Einflüsse des sozialen Umfelds bzw. die wahrgenommenen Erwartungen anderer Personen in Bezug auf ein Verhalten. Man könnte zum Beispiel stereotypisch annehmen, dass in einer bayerischen Familie Fleisch gegessen wird. Die (wahrgenommene) Verhaltenskontrolle beschreibt die Einschätzung einer Person, wie schwierig es ist, ein Verhalten mit den vorhandenen Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten auszuführen. Beispielsweise wie man die Möglichkeit einschätzt, sich fleischloses Essen zu kochen. Neben der Einstellung haben hier also noch weitere Aspekte Einfluss darauf, ob ein Verhalten letzten Endes zustande kommt (Ajzen, 1985).
Die Theorie macht allerdings ausschliesslich Vorhersagen über bewusstes Verhalten (Graf, 2007). Sie ist also vielleicht anwendbar beim einmaligen Kauf des neuen E-Autos, bei dem eine ausführliche Reflexion angebracht ist. Die Frage ist, in wie vielen alltäglichen Situationen Entscheidungen mit moralischen Konsequenzen ganz oder zum grossen Teil unbewusst getroffen werden.
Unbewusstes und gewohnheitsmässiges Verhalten
«People process […] systematically only when they have both the motivation and the cognitive capacity to do so.»Smith et al., 2019, S. 255
Eine bewusste Entscheidung zwischen zwei Verhaltensoptionen ist nur möglich, wenn die Motivation und die kognitive Kapazität vorhanden sind (Smith et al., 2019). In vielen Situationen im Alltag verringern Zeitdruck, die allgemeine emotionale Stimmung, Ablenkung oder das Fehlen von Informationen einen der beiden Faktoren. Wenn kein bewusstes Nachdenken möglich ist, lassen wir uns von Gewohnheiten und Heuristiken leiten. Heuristiken sind kognitive Daumenregeln, Entscheidungsverfahren, die schnell und meist unbewusst ablaufen und wenig Ressourcen benötigen. Die Rekognitionsheuristik sorgt beispielsweise dafür, dass wir uns eher für eine Alternative entscheiden, die wir kennen (Smith et al., 2019). Also für die Bratwürstchen unserer Lieblingsmarke statt für die vegane Alternative aus Tofu, die wir noch nie gegessen haben.
Folgen von Unstimmigkeiten zwischen Einstellung und Verhalten
In vielen Fällen verhalten wir uns also entgegen unseren moralischen Überzeugungen. Es kommt zu Spannung zwischen einer Einstellung, beispielsweise der Verurteilung von klimaschädlichen Flugreisen und einem Verhalten wie dem Kauf eines Billigflugtickets nach Mallorca (Garms-Homolová, 2020). Psychologische Konsistenztheorien bezeichnen diese Spannung als «Dissonanz» (z. B. Festinger, 2012). Es handelt sich dabei um einen subjektiv unangenehmen Zustand, der möglichst schnell reduziert werden soll. Die bekannteste Konsistenztheorie ist die «Theorie der kognitiven Dissonanz» von Leon Festinger (2012). Laut dieser Theorie gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Dissonanzreduktion. Eine Option wäre, das zukünftige Verhalten zu ändern. Wenn sich Hannah wegen des Ticketkaufs unwohl fühlt, wird sie sich bei der nächsten Gelegenheit eher für die Bahnfahrt entscheiden. Häufiger kommt es allerdings vor, dass die Dissonanz auf eine andere Weise verringert wird, beispielsweise durch Rationalisierung: Die getroffene Wahl wird im Nachhinein als besser bewertet und die verworfene Alternative abgewertet. Im Prinzip wirkt hier also das Verhalten zurück auf die Einstellung, sodass wieder eine Konsistenz hergestellt wird. Hannah könnte zum Beispiel argumentieren, dass sie als Individuum sowieso keinen Einfluss auf den Klimawandel nehmen kann. Eine weitere Möglichkeit ist die Selbstversicherung. Dabei wird das «Versagen» in einem Bereich durch die Hervorhebung eines Verhaltens in einem anderen Bereich ausgeglichen. Hannah hat zwar durch die Flugreise eine hohe CO2-Bilanz, aber dafür kauft sie immer das unverpackte Gemüse im Supermarkt. Auch die Beschaffung von neuen Informationen oder die gezielte Meidung bestimmter Informationen kann eine Möglichkeit zur Dissonanzreduktion sein (Festinger, 2012; zitiert nach Garms-Homolová, 2020). Hannah wird sich in Zukunft also einfach keine Dokumentationen über die Folgen des Klimawandels mehr ansehen.
Es ist kompliziert
Fassen wir also zusammen: Es reicht nicht aus, eine Einstellung zu einem Thema zu haben. Bevor es zu einer entsprechenden Handlung kommt, spielen viele weitere Faktoren eine Rolle (z. B. Smith et al., 2019). Inkonsistente Einstellungen sorgen für Ambivalenz bei der Verhaltenswahl (Garms-Homolová, 2020). Bei der «Theorie des geplanten Verhaltens» haben soziale Normen und die subjektive Verhaltenskontrolle einen Einfluss (Ajzen, 1985). Unbewusstes und gewohnheitsmässiges Verhalten wird oft ohne Nachdenken und Einbeziehen aller Informationen auf der Basis von Heuristiken ausgeführt (Smith et al., 2019). Wenn das gewählte Verhalten nicht mit den Einstellungen übereinstimmt, kommt es zu kognitiver Dissonanz, die durch verschiedene Mechanismen wie Verhaltensänderung, Selbstversicherung oder Meiden von bestimmten Informationen reduziert werden kann (Garms-Homolová, 2020).
Definition Prädiktor & Kriterium
Die Prädiktorvariable (oder unabhängige Variable) bezeichnet die Vorhersagevariable (Bortz & Schuster, 2010). Die Kriteriumsvariable (oder abhängige Variable) soll mithilfe der Prädiktorvariable/n vorhergesagt werden. Die unabhängige Variable wird im Experiment gezielt manipuliert und die abhängige Variable gemessen. Man kann den Prädiktor auch als Ursache und das Kriterium als Wirkung bezeichnen (Bortz & Schuster, 2010).
Zum Weiterlesen
Kahneman, D. (2012). Thinking fast and slow. Penguin Books.
Smith, E. R., Mackie, D. M., & Claypool, H. M. (2019). Social psychology (4. Ausgabe). Routledge.
Literatur
Ajzen, I. (1985). From intentions to actions: A theory of planned behavior. In Kuhl, J., & Beckman, J. (Eds.), Action Control (pp. 11-39). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-69746-3_2
Bortz, J., & Schuster, C. (2010). Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-12770-0
Festinger, L. (2012). Theorie der kognitiven Dissonanz (2nd ed.). Verlag Hans Huber.
Garms-Homolová, V. (2020). Sozialpsychologie der Einstellungen und Urteilsbildung. Springer Nature. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62434-0
Güttler, P. O. (2003). Sozialpsychologie: Soziale Einstellungen, Vorurteile, Einstellungsänderungen. R. Oldenbourg Verlag. https://doi.org/10.1524/9783486599268
Jonas, K.; Stroebe, W., & Hewstone, M. (2014). Sozialpsychologie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-41091-8
Kahneman, D. (2012). Thinking Fast and Slow. Penguin Books.
Smith, E. R., Mackie, D. M., & Claypool, H. M. (2019). Social Psychology (4th ed.). Routledge.