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Corona-Epidemie: Die Wichtigkeit früher Massnahmen
Aktualisiert: 3. Apr 2020
Am 28. September 1918, gegen Ende des Ersten Weltkrieges, veranstaltete die Stadt Philadelphia eine grosse Militärparade. Zwar gab es erste Fälle der bereits grassierenden «Spanischen Grippe» unter den Soldaten, doch die Gefahr schien den zuständigen Behörden unerheblich, denn es galt als vordringlich, Moral und Kriegsbegeisterung aufrechtzuerhalten. So drängten sich schliesslich 200'000 Menschen in den Strassen der Stadt, um den Truppen zuzujubeln, die bald darauf nach Europa aufbrechen sollten.
An den folgenden Tagen mehrten sich die Grippefälle. Trotzdem blieben die Schulen offen und das gesellschaftliche Leben lief noch tagelang nahezu uneingeschränkt weiter.
Drei Tage nach der Parade waren die 31 Spitäler Philadelphias bereits nicht länger dem Ansturm der Infizierten gewachsen und am Ende der Woche gab es in der Stadt schon 4'500 Tote zu beklagen. In den folgenden vier Monaten sollten es noch mehr als 12'000 werden.
Die Parade von Philadelphia wird heute als ein bedeutender Faktor bei der schnellen Ausbreitung des Influenza-A-Virus H1N1 in den USA gesehen. Von 1918 bis 1920 starben weltweit mindestens 25 Millionen Menschen an der «Spanischen Grippe», nach einer Bilanz der Fachzeitschrift Bulletin of the History of Medicine aus dem Jahr 2002 sogar fast 50 Millionen.
Ein gänzlich anderes Bild bot sich in St. Louis, 1'500 Kilometer von Philadelphia entfernt. Schon zwei Tage nach dem Auftreten der ersten Fälle wurden rigorose Massnahmen beschlossen, die wir heute als «Social Distancing» beschreiben würden. Schulen, Spielplätze, Museen, Theater, Gerichte und Kirchen wurden geschlossen, die Schichten in den Fabriken reduziert und Versammlungen von über 20 Personen untersagt. Die Massnahmen waren drakonisch und schienen vielen gänzlich überzogen zu sein, bewährten sich aber.
Hochgerechnet auf die jeweilige Bevölkerung starben in St. Louis (347 pro 100'000) weniger als halb so viele Menschen wie in Philadelphia (719 pro 100'000). Die nebenstehende Grafik zeigt die Auswirkungen dieser Massnahmen auf die Todesrate, was wiederum die Wirksamkeit des «Flatten the Curve»-Effektes belegt, der die Spitzen kappte und das Gesundheitssystem entlastete.
Umso richtiger scheint daher in der Rückschau zu sein, dass der Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereits am 28. Februar, drei Tage nach der ersten bestätigten Infektion im Land, alle Veranstaltung mit mehr als 1000 Teilnehmern verbat, also auch alle Messen und Sportereignisse, darunter nicht zuletzt die Spiele der Schweizer Fussballliga. Ab 150 Teilnehmern müssen die Kantone bei Veranstaltungen eine Risikoabwägung vornehmen.
In Taiwan ist die «Social Distancing»-Kampagne bisher extrem erfolgreich. Hier hat man offensichtlich die richtigen Lehren aus der der SARS-Epidemie von 2003 gezogen. Ähnliches gilt für Hongkong und Singapur.
Was die Schweiz betrifft ist es sehr hilfreich, dass die Kompetenzen in Sachen Seuchenschutz durch Gesetzesänderungen während der letzten Jahre zentral gebündelt wurden. Dadurch stehen die kantonalen Behörden nicht allein da und können bezüglich der Absage von Veranstaltungen auf die Entscheidung des Bundesrates verweisen, statt dies lokal zu entscheiden und sich Sorgen um Regressansprüche machen zu müssen, wie dies bei den kommunalen Gesundheitsämter in Deutschland der Fall ist.
Die 82 Intensivstationen der Schweiz, in denen es 950-1000 Betten und 400-450 Intermediate Care Units gibt, bereiten sich derzeit nach Kräften auf die nahende Infektionswelle vor. Nicht lebensnotwendige Operationen werden abgesagt und ganze Stationen intensivmedizinisch aufgerüstet.
Gestern wurden zudem auf Bundesebene weitere Massnahmen beschlossen, und erneut an die Eigenverantwortung der Bürger appelliert. Im Kanton Tessin wurde gestern der Notstand ausgerufen. Unter anderen Massnahmen sind sämtliche Kinos, Theater, Schwimmbäder, Diskotheken, Sportzentren und ähnliches bis zum 29. März geschlossen.
Wer mit einer Person Kontakt hatte, die erwiesenermassen am Corona-Virus erkrankt ist, soll für mindestens fünf Tage ab der Diagnose daheim bleiben und sich in Selbst-Isolation begeben. Einen Arzt rufen sollen hingegen all jene, die Symptome haben und gleichzeitig zu einer Risikogruppe gehören, also alle über 65-Jährigen sowie Personen, die an Erkrankungen wie Diabetes leiden. Medizinische Hilfe soll natürlich auch dann gerufen werden, wenn sich die Symptome verschlimmern.
Diese neue Verfahrensweise entspricht nicht länger dem Vorgehen bei einer lokal begrenzbaren Epidemie, sondern dem bei einer Pandemie. Auf diese Weise soll die Ausbreitung durch Selbst-Isolation und Selbst-Quarantäne weiter verlangsamt werden, während sich Ärzte und Spitäler auf die schweren und kritischen Fälle konzentrieren können.
Es bleibt abzuwarten wie sich diese Massnahmen in der Praxis bewähren werden. Dass sie alsbald einer schweren Prüfung unterzogen werden, scheint unvermeidlich.
Wir werden Sie in diesem Blog künftig über die weiteren Entwicklungen in der Schweiz und bezüglich der hier umgesetzten Massnahmen informieren.