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Als Giuseppe Antimazzi in den späten 1950er Jahren in einer Bucht etwas südlich von Gwosgout seine Trattoria «L'Obbedisco» eröffnete, war das für die kulinarisch neugierigen Bewohner von Santa Lemusa ein kulturelles Ereignis ersten Ranges. An eine Küche mit französischen oder indianischen, afrikanischen, spanischen, englischen oder auch indischen Einflüssen war man gewöhnt, doch wie assen die Italiener?
Giuseppe Antimazzi machte es vor, die Leute strömten, probierten und waren begeistert – ganz besonders von Lasòs Bolonès, die der Koch mit den verschiedensten Teigwaren servierte. Antimazzi war aus Montevideo in Uruguay nach Santa Lemusa gekommen. Sein Urgrossvater hatte in den 1840er Jahren mit anderen italienischen Emigranten in der Italienischen Legion gekämpft − an der Seite der progressiv-demokratischen Kräfte Uruguays, die sich gegen die von Argentinien unterstützte, antidemokratische Richtung einsetzten. Und seine Urgrossmutter, so erzählt Antimazzi stolz, sei damals die Leibköchin des Flottenkommandeurs gewesen − und dieser Kommandeur war kein geringerer als der grosse Giuseppe Garibaldi. Während Garibaldi und mit ihm viele andere Italiener 1848 zwecks Unterstützung der Revolution in ihrer europäischen Heimat nach Italien zurückkehrten, versuchten die Urgrosseltern Antimazzis in Montevideo Fuss zu fassen. Sie eröffneten ein Restaurant, das natürlich «Garibaldi» hiess, und schlachteten dort den Mythos des charismatischen Volksbefreiungshelden kulinarisch aus: Vom Risotto Garibaldi über den Brasato di Coniglio Garibaldi bis zur Macedonia di Frutta Garibaldi wurde da auf dem Teller eine Revolutions-Etüde nach der anderen serviert.
Als Garibaldi allerdings dann Mitte der 1850er Jahre zum gemässigten Flügel der italienischen Nationalbewegung um Graf Camillo Benso di Cavour übertrat, der eine monarchische Lösung der nationalen Frage unter Führung des piemontesisch-savoyischen Herrscherhauses vorantrieb, war das ein Schock für die Antimazzis. In einer ersten Reaktion nahmen sie auch sofort das Panforte Garibaldi aus dem Angebot - einen süssen Fladenkuchen, auf dessen Oberseite mit Haselnüssen und Honig das Profil des Freiheitskämpfers befestigt war. Zu diesem Zeitpunkt war sich das Ehepaar noch einig. Erst als Garibaldi dann 1856 in die piemontesisch orientierte Società nazionale italiana eintrat, kam es zum Streit zwischen Herr und Frau Antimazzi. Urgrossvater Antimazzi verteidigte weiterhin vehement die Ideale der Freiheit und die Prinzipien des Jungen Italien. Urgrossmutter aber hatte unterdessen eine monarchische Kammer in ihrem Herzen entdeckt und machte sich nun plötzlich für Cavour und sogar für König Vittorio Emanuele II. stark.
Der Streit dauerte mehrere Jahre lang, doch hatten die Antimazzis Geschäftssinn genug, diesen Disput vor ihren Gästen zu verbergen. Nur besonders misstrauischen Zeitgenossen mochte auffallen, dass Urgrossmutter Antimazzi besonders oft und besonders freundlich «auf Kosten des Hauses» ein Stück Panforte Garibaldi offerierte. Erst im Mai 1860 nahmen die Dinge eine dramatische Wende: Als Garibaldi den legendären «Zug der Tausend» nach Sizilien führte und in wenigen Monaten ganz Unteritalien von der Bourbonenherrschaft befreite, konvertierte auch Urgrossvater Antimazzi zur Monarchie - denn diese Franzosen hatte er als Napolitaner nie leiden können. Und als sich Giuseppe Garibaldi am 26. Oktober 1860 mit seiner berühmt gewordenen Kurzformel «Obbedisco» («Ich gehorche») dem Herrschaftsanspruch von König Vittorio Emanuele II. unterwarf, da brachen die Antimazzis gemeinsam in Tränen der Rührung aus. Im März 1861 dann, zeitgleich mit der Proklamation des Königreichs Italien, gaben sie ihrem Restaurant auch einen neuen Namen: «L'Obbedisco».
«L'Obbedisco» florierte, mehr als sich das die Urgrosseltern Antimazzi je hätten träumen lassen - und das hatte wohl nicht zuletzt auch mit dem monarchischen Schick oder vielmehr den königlichen Nippes zu tun, mit denen die Wirtin das Lokal mehr und mehr füllte. «L'Obbedisco» wurde zu einer königlichen italienischen Luxuszone mitten im wilden Montevideo. – Die Urgrosseltern Antimazzi hatten nur einen einzige Sohn, Vittorio Antimazzi. Als Vittorio zu Ende des 19. Jahrhunderts das Erbe am Kochherd seiner Eltern antrat, da übernahm er eines der berühmtesten Restaurants der Stadt. Und er führte es mit viel Sinn fürs Geschäft. – Es war Vittorios Sohn Camillo, Giuseppes Vater, der in den 1930er Jahren erst das Vermögen und dann auch den Ruf der Familie Antimazzi verspielte. Innerhalb von achtzehn Jahren heiratete er zehn Mal – neun seiner Frauen waren bis vor der Ehe als Tänzerinnen in einem Nachtlokal tätig, eine, die allerletzte, entpuppte sich als professionelle Eheschwindlerin und nahm Camillo Antimazzi alles, was er noch besass. Wenngleich auch Camillo wie all seine Vorfahren ein begnadeter Koch war und viele Gäste immer noch ins «L'Obbedisco» kamen, musste er das Lokal unter dem Druck der Gläubiger schliessen.
Da nun keine Tänzerinnen mehr zur Hand sein wollten, griff Camillo zur Flasche und verstrickte sich immer mehr in peinliche Streitereien, kleine Kriminaldelikte, bizarre Affären etc. Die Sache wurde mit den Jahren derart peinlich, dass sich Camillos Sohn Giuseppe in den 1950er Jahren gezwungen sah, das Land fluchtartig zu verlassen. Und so gelangte Giuseppe Antimazzi nach Santa Lemusa, mit dem Feuer der Kochkunst in den Adern, doch keinem Centime in der Tasche. Zunächst verdingte er sich als Kellner in der «Bar du Port» – damals noch eine wilde Hafenkneipe, in der es regelmässig zu Schlägereien kam. Geschickt wich Antimazzi den Fäusten aus und zog den Betrunkenen dafür das Geld aus der Tasche – den braven Seeleuten genauso wie den Piraten, die hier damals noch verkehrten. So konnte er sich nach wenigen Wochen bereits selbständig machen. Er kaufte sich ein Dreirad, baute es zu einem farbigen Eiswagen um, und fuhr damit kreuz und quer durch die Stadt. Ja er radelte sogar die Küste hinab bis nach Sentores, mehr als zehn Kilometer holpriger Strasse immerhin.
Eis war damals auf Santa Lemusa zwar durchaus bekannt, doch erst wenig verbreitet. Giuseppe Antimazzi hatte also einigen Erfolg. Erstaunlicherweise vor allem mit einer Eissorte, die eigentlich das Resultat seiner geradezu knauserigen Lebenseinstellung war – einer Angst vor Verschwendung jeglicher Art. Wenn in Santa Lemusa der Markt zu Ende ging, dann tauchte Antimazzi auf und sammelte all die überreifen Früchte ein, die von den Händlern zurückgelassen wurden. Aus diesen eigentlich ja sehr schmackhaften Resten produzierte er dann eine Eiscreme, der er den Namen «Tutti Frutti» gab.
Gut zwei Jahre später dann bot sich Antimazzi die Gelegenheit, in einer südlich von Gwosgout gelegenen Bucht ein Grundstück mit einem recht stattlichen und ziemlich gut erhaltenen Haus zu erwerben – zu einem Spottpreis, versteht sich. Er baute das Gebäude um und eröffnete im Frühling 1958 eine Trattoria, die er in Erinnerung an seine Vorfahren «L'Obbedisco» nannte. Den Leuten gefiel die Küche dieses Italieners, ganz besonders liebten sie Lasòs Bolonès, die Antimazzi mit den verschiedensten, von ihm selbst hergestellten Teigwaren servierte. Diese Sauce war ein wenig teuer, doch schliesslich handelte es sich um ein «authentisches Rezept aus Italien», zu dem besonders viel Fleisch gehörte, wie der Wirt immer wieder betonte. Die Dinge hätten noch lange so weitergehen können, hätte sich nicht eines Tages eine italienische Familie nach Santa Lemusa verirrt. Da Touristen aus Italien die Kultur anderer Länder oft danach beurteilen, wie gut sie Pasta zu kochen verstehen, landete das offensichtlich überaus wohlhabende Ehepaar aus Florenz mit seinen drei Kindern natürlich schnell einmal auf der schönen Terrasse von Giuseppe Antimazzi.
Stolz trug der Kellner, ein ehemaliger Fischer aus Sentores, fünf Teller mit Lasòs Bolonès auf. Irritiert brachte er sie eine Minute später wieder in die Küche zurück. Gefolgt von einem vor Wut nach Luft schnappenden Florentiner mit Familie. Während die Mutter sich vor den drei kichernden Söhnen in ihrer ganzen Breite aufbaute, als wollte sie ihre Kleinen vor einem drohenden Unheil schützen, hielt der Vater in militärischer Lautstärke eine Grundsatzrede, die seine jahrelange Übung in den Reihen von Mussolini unmissverständlich zutage treten liess. Dazu schlug er mit der Faust auf einen Tisch, was jedes mal eine kleine Mehlwolke aufstäuben liess. Allein Giuseppe Antimazzi verstand kein Wort und starrte völlig entgeistert auf seinen fluchenden Landsmann, der vor seinen Augen mehr und mehr im weissen Mehldunst verschwand.
Die italienische Muttersprache war zwar in der Familie der Antimazzis immer hoch und heilig gehalten worden, über die Generationen hinweg aber hatte sie sich mehr und mehr verschliffen, mit anderen Elementen gemischt. So glich denn das Italienisch, das Giuseppe Antimazzi verstand und sprach, eher einem kreolischen Dialekt als den florentinischen Wortsalven seines Gastes.
Der Zwischenfall hatte zwar keine direkten Folgen für «L'Obbedisco», denn da sich der Vater nicht verständlich machen konnte, zog die Familie schliesslich unverrichteter Dinge ab – wenn auch mit allen Zeichen des Protestes, in vom vielen Mehl in der Küche weiss gepuderter Mailänder Mode. – Der skandalöse Zwischenfall aber machte dank dem Kellner aus Sentores die Runde und die Gäste von Antimazzis Lokal begannen Lasòs Bolonès zu misstrauen. Dass es sich dabei möglicherweise nicht um ein authentisches Rezept aus Italien handelte, war den meisten nicht so wichtig. Mehr Irritation löste indes die Feststellung aus, dass der Fleischanteil in dieser Sauce erheblich geringer war als dies der Wirt seinen Gästen hatte glauben machen wollen. Immer noch ganz der sparsame Fruchtsammler aus seiner Zeit als fahrender Eisverkäufer, hatte Giuseppe Antimazzi nämlich die Hälfte des Fleisches durch kleine grüne Linsen ersetzt.
Doch auf Santa Lemusa zählt das Gaumenerlebnis mehr als die Wahrheit im Teller, und also konnte man bald über diese Geschichte lachen. In den sechziger Jahren heiratete Giuseppe Antimazzi eine junge Frau aus der indischen Gemeinde von Sasselin – was allgemein Aufsehen erregte, da die indischen Familien der Insel bis dahin meist unter sich geblieben waren und nur innerhalb ihrer Gruppe geheiratet hatten. Gemeinsam mit dieser Monisha baute er die Trattoria «L'Obbedisco» zu einem veritablen Tempel der Gastronomie aus, in dem sich italienische Küchentraditionen (oder jedenfalls das, was Giuseppe für solche hielt) mit indischen Elementen vermischten.
Viele auf Santa Lemusa waren sicher, dass Giuseppe Antimazzi irgendwann die grosse Reise in seine ursprüngliche Heimat Italien antreten würde. Doch bis heute hat er nie einen Fuss auf die Erde seiner Vorväter gesetzt. Seinen Sohn Gioacchino indes schickte er zur Ausbildung nach Italien, wo er dank der väterlichen Mittel in den besten Küchen in die Lehre ging.
Es erstaunte niemanden, dass Gioacchino, als er Ende der achtziger Jahre das Ruder in der Trattoria seines Vaters übernahm, einige Veränderungen vornahm. Man wunderte sich eigentlich vielmehr darüber, mit welcher Sorgfalt er dabei vorging. Lange diskutierte er mit seinem Vater über den Namen des Lokals: Auch wenn nur wenige auf der Insel wussten, was «L'Obbedisco» wirklich bedeutete, schien dieser Name dem Sohn doch wie ein düsterer Bote aus einer längst vergangenen Zeit. Da der Klang von «L'Obbedisco» den Gästen aber wohlvertraut war, einigten sich Vater und Sohn schliesslich darauf, das Lokal künftig «L'Obelisco» zu nennen. Ja auch die Teigwaren mit Lasòs Bolonès, die immer noch als der grosse Klassiker aus Italien auf der Speisekarte standen, wurden vom Sohn als eine genuine Erfindung seines Vaters übernommen. Er modifizierte allerdings das Rezept indem er den Fleischanteil leicht erhöhte und nannte die Sauce von nun aus urheberrechtlichen Überlegungen heraus Pasta del Obelisco.
Heute gilt «L'Obelisco» als eines der besten Lokale der Insel, was viel mit dem kulinarischen Erfindungsreichtum von Gioacchino Antimazzi zu tun hat, der das väterliche Erbe mit viel Geschick perfektionierte und immer wieder neue Raffinessen dazu erfand. Zum Erfolg trägt sicher auch die einzigartige Lage der Trattoria an einer bis heute weitgehend unverbauten Bucht bei, die früher keinen eigenen Namen hatte, seit 1997 nun aber ganz offiziell Anse de l'Obélisque genannt wird. Vater Giuseppe Antimazzi taucht nur noch selten in seinem Restaurant auf. Seine Leidenschaft gilt fast nur noch seiner stattlichen Jacht - weshalb einige auf Santa Lemusa vermuten, dass er mit seinem Boot vielleicht eines Tages doch noch in Richtung Italien aufbrechen wird. Das Schiff jedenfalls heisst «Garibaldi».
First Publication: 2002
Modifications: 15-2-2009, 30-9-2011. 2-7-2013