Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03466.jsonl.gz/2814

- Beschreibung
- Autor/in
- Pressestimmen (0)
Emilienstrasse 17-19-21
Der 18-jährige Chemnitzer Siegfried Bergmann kehrt im September 1945 in seine von Bombenangriffen schwer zerstörte Stadt zurück. Die drei Häuser auf der Emilienstrasse, derenBesitzer seine Pflegeeltern sind, haben zum Glück den Krieg nur mit geringeren Schäden überstanden. Siegfried findet im gleichen Betrieb wieder Arbeit, den er vor Jahresfrist zum Militärdienst verlassen musste. Der allgemeine Mangel hat nicht nur einen umfangreichen Schwarzmarkt, sondern auch mühsame Hamsterfahrten mit der Eisenbahn zu den Bauern aufs Land zur Folge. In diesem tristen Umfeld, wollen sich die Jugendlichen, die zuletzt noch mit 16 oder 17 Jahren an die Front geschickt wurden, private Vergnügungen schaffen, die sie am ehesten auf den noch verbliebenen Sälen der Stadt finden, wo grosse Tanzorchester jetzt ungehemmt den in der Nazizeit verbotenen, englischen und amerikanischen Swing spielen. Es bieten sich beim Tanz für Siegfried gute Gelegenheiten, Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht zu schliessen. Dort auf dem Saal lernt er auch den illegalen Handel mit Zigaretten und anderen Mangelwaren kennen. Am aufregendsten entwickelt sich jedoch die Bekanntschaft mit einer hübschen Schwarzhaarigen, in die sich Siegfried im eleganten Tanzlokal vom >Chemnitzer Hof<, eines von sowjetischen Offizieren belegten Hotels, das weder von mangelnder Heizung noch von Stromsperren betroffen ist, heftig verliebt. Diese Bekanntschaft scheitert aber schon nach kurzer Zeit, wegen eines verpatzten Treffs, infolge einer von Papa am gleichen Tag angeordneten Hamsterfahrt. Um den zu den Schwarzmarktpreisen geringen Arbeitslohn aufzubessern versucht Siegfried mit seinen Freunden durch Anzeigen und in einer Tauschzentrale, selbstgefertigte Elektrokocher und Radios anzubieten. Das Tanzvergnügen auf den Sälen wird schliesslich von linientreuen Staatsorganen durch strenge Bevormundung des Musikrepertoires kontrolliert. Das führende Tanzorchester Karl Walter wurde dadurch leider aus der Stadt vertrieben. Siegfried entschliesst sich zur beruflichen Weiterbildung. Er besteht einen einjährigen Ganztagskurs zum Erreichen der Hochschulreife für das Studium an der Technischen Hochschule in Dresden.
Emil S. Müller
Dr. Emil Siegfried Müller
wurde 1927 in Chemnitz geboren. Schon mit 14 Jahren, nach Abschluss der Volksschule, bewarb er sich, aus früher Neigung zum geschriebenen Wort, bei der Chemnitzer “Allgemeinen Zeitung”. Er wurde jedoch wegen eines fehlenden mittleren Schulabschlusses abgelehnt.
Diesen holte er schliesslich neben einer Lehre als Elektro-Maschinenbauer in Abendkursen nach. Er nutzte dann, nach Kriegsdienst und Rückkehr aus der Gefangenschaft 1946 in die Sowjetische Besatzungszone, die Gelegenheit zur Erlangung der Hochschulreife und erwarb anschliessend in Dresden das Diplom als Elektroingenieur.
Von 1952 bis 1990 war der Autor in der damaligen DDR, der Schweiz und der Bundesrepublik tätig und mit der Entwicklung und Projektierung von elektrischen Schienenfahrzeugen beschäf-tigt. In dieser Zeit promovierte er und wurde durch zahlreiche Veröffentlichungen aus seinem Fachgebiet bekannt.
Seit 1965 lebt der Autor mit seiner Familie in Erlangen.