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[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]
Noë schlug die Augen auf. Sie lag in ihrem Bett, die Decke um sie herum zerwühlt. Sie schien hier wirklich die ganze Nacht geschlafen zu haben. Oder jedenfalls eine ganze Zeit. Sie erinnerte sich, dass sie immer wieder aufgewacht war, zumindest halbwegs. Und sie hatte das Gefühl gehabt, dass sie von einem Traum in den nächsten gesprungen war.
Sie horchte auf die Nachrichten ihrer Friends, aber es fiel ihr nichts besonderes auf. Einer trank einen Kaffee und blickte den Himmel an. Eine lag noch etwas im Bett. Eine andere wollte heute ein Buch fertig lesen. Einer lobte das Buch, dass die eine andere fertig lesen wollte und sagte, dass das Ende ganz besonders gut sei, dass er aber nichts verraten wolle.
Noë beschloss, heute zu Hause zu bleiben. Zu lesen oder zwischendurch vielleicht auch einfach nur vor sich hin zu starren. Sie stand auf und spähte ins Wohnzimmer. Sie sah die sauber gefaltet Zeitung, wie frisch ab Druckpresse. Und daneben lag noch etwas anderes. Ein kleines Buch, quadratisch, nicht sehr dick mit einem dunkelroten Leineneinband. Neugierig machte sie einen Schritt darauf zu, starrte es an. Vielleicht hatte sie heute Geburtstag?
Bevor sie ins Wohnzimmer trat, ging sie in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank und erblickte etwas Käse, Fleisch und Butter. Eine Flasche Milch. Zwei kleine Zucchini. Und auf dem obersten Regal stand ein Schälchen mit blauen Beeren. Verstohlen nahm sie eine davon und steckte sie sich in den Mund. Dann ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich an den Tisch und betrachtete stumm das Buch. Es hatte keinen Titel. Sie schlug es auf und blätterte darin. Es war voll von Texten, kürzere und längere und zwischendrin fanden sich Bilder von ganz verschiedenen Dingen.
An einem Bild von einem Wald blieb sie hängen. Es zeigte einige Baumstämme im Vordergrund, die von leuchtendem Moos überwachsen waren. Dazwischen lag braun-rötliches Laub. Im Hintergrund sah man teils sehr feine, teils grössere Bäume stehen. Und dazwischen blitzte der Himmel auf. Das Bild gefiel ihr, die Farben, die Linien. Sie wäre gerne an dem Ort gewesen, wo das Bild aufgenommen worden war. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie zum letzten Mal in einem Wald gewesen war. Aber es fiel ihr nicht ein. Sie wandte sich dem Text zu.
Knacken unter meinen Füssen, während ich durch das raschelnde Laub gehe, Schritt für Schritt. Knacken von Zweigen, die da liegen, verborgen unter dem Laub. Knacken und Rascheln. Ich bleibe stehen, schliesse für einen Moment die Augen und atme tief ein. Die Luft riecht frisch, nach Holz und nach Pflanzen. Auch ein bisschen moderig, ein bisschen erdig und tiefgründig. Mit geschlossenen Augen versuche ich die Welt um mich zu errschnuppern. Grün riecht sie und still. Ich wende den Kopf und schnuppere. Von der rechten Seite her riecht der Wald etwas weicher, nach Moos. Und links riecht er etwas trockener, nach erloschenem Feuer. Ich öffne die Augen und erblicke eine Feuerstelle. Ein verkohlter Holzstrunk liegt darin. Glänzt schwarz. Für einen Augenblick höre ich das Knistern eines Feuers. Ich stelle mir vor, wie frischer Rauch riecht und wie meine Augen zu brennen anfangen. Ich muss husten.
Das Moos vor mir an den Baumstämmen glänzt frisch, wie wenn es vom letzten Regen reingewaschen worden wäre. Es leuchtet mir entgegen und ich möchte es berühren, möchte seine feine Struktur an meinen Händen spüren. Ich möchte riechen, wie es duftet, von ganz nah. Es fühlt sich kühl an, das Moos und leicht feucht. Ich lasse meine Hand darauf ruhen, auf einem weichen, grünen Kissen. Ein Stück des Baumstammes vor mir ist nicht mit Moos bedeckt. Ich lege auch dort meine Hand hin. Der Stamm ist kühl und rau. Ich fühle die scharfe Kante der Stelle, wo ein Ast abgebrochen ist. Die Plättchen am Stamm fühlen sich leicht an, und warm. Trocken. Die Struktur an sich ist holperig, aber wenn ich mit dem Finger nur über eine kleine Stelle fahre, dann fühlt sich diese ganz glatt und fein an.
Noë dachte nach. Sie hatte sich vor dem Lesen ja schon selber Gedanken zum Bild gemacht. Aber was im Text kam, das war noch so viel mehr. Dinge, die man nicht sehen konnte. Nicht im Bild, aber eigentlich auch überhaupt nicht. Wie etwas riecht. Oder wie es sich anfühlt. Es war ein phantasievoller Text. Aber irgendwie fand sie nicht den Zugang zu ihm. Wie bei den Zeitungsartikeln konnte sie nicht feststellen, was der Text mit ihr, mit ihrer Welt zu tun hatte. Sie las ihn noch einmal. Der Text gefiel ihr, aber er hatte nichts mit ihr zu tun.
Sie blätterte weiter im Buch und erkannte ein Bild von einer Sanddüne. Gelb war sie, gelb und gross und auf der einen Seite praktisch unberührt. Im Hintergrund erkannte sie einen Streifen dunkelblaues Meer. Noë war sich sicher, dass sie selber noch nie am Meer gewesen war. Aber auch ohne das Meer übte das Bild eine grosse Anziehungskraft auf sie aus. Das Gedicht war überschrieben mit dem Titel „sonne“. Obwohl die Sonne in dem blau-gelb-grünen Himmel gar nicht zu sehen war.
Langsam wird es wärmer. Zunächst fiel es mir gar nicht auf. So langsam kam die Wärme. Aber plötzlich hat sie eine Temperatur erreicht, da ist sie deutlich wahrnehmbar. Es ist nicht der ganze Rücken, nur die rechte Schulter und von da eine Diagonale nach unten. Wärme, Energie, Sonnenenergie. Kraft. Die Sonnenwärme gibt mir Kraft, gibt mir ihre Energie weiter. Nichts bringt mich jetzt aus der Ruhe, ich sitze hier still auf dem Holzbalken. Ruhig. Und spüre, wie die Kraft durch meinen Rücken in mich hinein fliesst. Sich in mir ausdehnt. Mich erfüllt.
Die Sonne wandert am Himmel und mit ihr die Schatten auf der Erde. Der Sonnenfleck auf meinem Rücken ändert seine Position. Langsam wird auch das linke Schulterblatt wärmer. Der linke Arm. Ich strecke die Hände nach unten aus, öffne die Handflächen nach hinten, direkt in die Sonne. Und ich spüre sie, die Sonne, ich kann mit meinen Fingern die einzelnen Sonnenstrahlen ertasten.
Es ist nicht eine wohlige Wärme. Nicht ein sich Einkuscheln. Am Kopf, unter den Haaren wird es sogar sehr heiss, fast schon unangenehm. Aber am Rücken verschafft mir die Wärme Geborgenheit. Und Kraft. Immer wieder durchfährt es mich, wie kräftig ich mich fühlte. Wie viel Energie in mir steckt, wie viel Energie ich von dieser Sonne schon getankt habe.
Noë fasste sich an die Stirn: War ihr warm? Nein, ihre Körpertemperatur war ganz normal, so wie immer. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal kalt oder warm gehabt hatte. Aber ihre Umgebung hatte immer genau die gleiche Temperatur. Sie spürte keine Unterschiede. Sie schaute zum Fenster, ob sie die Sonne ausmachen könnte, hinter den Gardinen. Aber das Licht war gleichmässig fahl. Sie stand auf, ging zum Fenster und schob die Gardinen beiseite. Sie blickte auf die gleichmässige Strasse, auf die Hauseingänge und auf die Fenster. Von hier oben wirkte das Muster anders, als wenn sie es von der Strasse her betrachtete. Obwohl es natürlich dasselbe Muster war. Die Sonne war nicht zu sehen.
Noë überlegte, ob sie die Sonne je gespürt hatte. Aber sie konnte sich nicht erinnern. Die Sonne war nicht etwas, was man spüren konnte. Die Sonne schien, sie gab Licht. Sie gab auch Wärme ab, darum war die Erde überhaupt für Menschen bewohnbar. Aber war diese Wärme spürbar? Die Menschen brauchten ein bestimmtes Klima, damit sie überleben konnten. Aber innerhalb dieses Klimas, da spielte es wohl nicht so eine Rolle, wie warm es nun wirklich war. Solange man kein Fieber hatte und nicht unterkühlt war. Vielleicht, wenn man in der Wüste war, wenn man auf einer Sanddüne stand. Vielleicht konnte man da die Sonne spüren. Vielleicht musste man die Sonne spüren, wenn man in der Wüste wohnte. Damit man überleben konnte. Aber sie, Noë, lebte nicht in der Wüste, sie lebte in der Stadt, in einer immer gleichen Strasse. Und da spielte es keine Rolle, ob die Sonne schien oder nicht und ob sie warm gab oder nicht. Der Text war schön, aber auch er hatte nichts mit Noë zu tun.
Sie blätterte weiter im Buch und fand ein Bild von einer roten Beere. Eine Erdbeere, dachte sie. Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie jemals eine Erdbeere gegessen hatte. Aber sie erinnerte sich an den Namen. Und neugierig begann sie den Text zu lesen.
wie dinge schmecken. süss, kühl und etwas rau. weich. sauer, ui, ganz sauer. herb, etwas schleimig. flüssig. süsslich, aber auch etwas trocken. prall. fade, nach nichts. nach eingeschlafenen füssen. warm. staubig. nach rauch. glitschig. süss und am rand etwas sauer. süss und später etwas bitter. nussig. würzig. stechend. heiss. frisch.
Noë dachte an die Erdbeere, an deren Geschmack sie sich nicht erinnern konnte. Sie überlegte, was sie denn in letzter Zeit sonst noch so gegessen hatte. Aber es fiel ihr nichts ein. Sie fand es auch seltsam, dass etwas flüssig schmecken konnte oder weich. Aber wer weiss, sie hatte ja keine Ahnung, was die Person alles gegessen hatte, als sie diese Gedanken aufgeschrieben hatte. Sie dachte wieder an die Erdbeere und versuchte sich an andere Beeren zu erinnern. Stachelbeeren fielen ihr ein und Brombeeren. Himbeeren. Dann vielen ihr plötzlich Äpfel ein. War da nicht mal etwas gewesen? Eva hatte in Körben Äpfel gesammelt und dann musste man etwas berechnen. Wie schmeckte wohl ein Apfel?
Noë wurde etwas unruhig. Das Nachdenken über den Geschmack von Dingen machte sie nervös. Sie wusste aber nicht, wieso das so war. Sie spürte einfach, wie ihr Herz schneller schlug. Und dann, dann begann es in ihrem linken Auge zu zucken. Sie konnte gar nicht mehr richtig sehen und sie schloss die Augen. Sie atmete tief durch und öffnete die Augen vorsichtig wieder. Das Zucken hatte aufgehört. Zu ihrer Verwunderung war sie nicht mehr im Wohnzimmer, sondern sie stand in ihrer Küche. Vor dem Kühlschrank. Unwillkürlich öffnete sie ihn. Sie betrachtete nachdenklich den Inhalt: etwas Käse, Fleisch und Butter. Eine Flasche Milch. Zwei kleine Zucchini. Und auf dem obersten Regal stand ein Schälchen mit blauen Beeren. Verstohlen nahm sie eine davon und steckte sie sich in den Mund.
Dann ging sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich aufs Sofa. Vor ihr lag ein Buch. Es war mittendrin aufgeschlagen und Noë erkannte auf dem Bild eine Erdbeere. Sie fragte sich, wie eine solche Erdbeere wohl schmeckte und ob sie in ihrem Leben schon mal eine Erdbeere gegessen hatte. Sie las den Text zum Bild. Er sprach sie nicht sonderlich an. Es wurde aufgezählt, wie Dinge schmeckten. Aber sie wusste nicht, wovon die Rede war. Sie konnte den Text nicht mit ihrem Leben verbinden. Sie fragte sich, was sie gerne ass und wie die Dinge schmeckten. Aber es fiel ihr dazu nichts ein. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal etwas gegessen hatte.
Sie blätterte weiter im Buch und stolperte über einen Titel: „regen“. Sie wusste, was Regen war, auch wenn sie nicht wusste, wann es zum letzten mal geregnet hatte. Aber vielleicht war ja Sommer. Trotzdem hatte sie den leisen Verdacht, dass sie sich erst kürzlich mit dem Thema Regen auseinander gesetzt hatte. Sie konnte sich aber nicht mehr erinnern, wann und wo und warum. Zum Text gab es ein Bild, eine Reihe von Menschen, eingewickelt in Regenjacken und mit Hüten und anderen Kopfbedeckungen. Einer hatte auch einen Schirm. Die Leute befanden sich auf einer Art Aussichtspunkt und schienen sich am Wetter nicht gross zu stören. Sie standen da im Regen, einige sogar mit einer Fotoausrüstung. Noë staunte. Instinktiv würde sie vor Regen fliehen, Schutz in einem Haus suchen oder gar nicht erst raus gehen. Diese Leute schienen sich aber nicht unwohl zu fühlen. Vielleicht konnte der Text ihr da weiter helfen.
Schon als ich noch draussen stehe, merke ich, dass es kommt, bald. Die Luft ist angespannt, geladen. Es duftete nach warmer Erde, nach Sommer, nach Ruhe vor dem Sturm. Gerne würde ich noch ein bisschen länger da draussen bleiben, aber ich muss rein, muss meine Einkäufe in Sicherheit bringen. Als alles verstaut ist, trete ich auf den Balkon hinaus. Atme noch einmal die die Luft ein. Frisch und doch sommerlich verbraucht.
Der Wind setzt ein. Erst zaghaft, dann immer heftiger reisst er an allem, was nicht festgebunden ist. Ein Fensterladen schlägt zu, Papier wirbelt über die Strasse. Die Blätter an den Bäumen und Sträuchern rauschen, wie ein Meer klingt das. Meine Haare beginnen wie wild im Wind zu tanzen. Und irgendwo scheppert es metallen. Dann fallen die ersten Tropfen, gross und rund schlagen sie auf dem Asphalt auf und der Geruch nach Sommergewitter macht sich breit. Ein warmer, erdiger Geruch. Ich sauge ihn tief in mich ein.
Die Tropfen werden kleiner und fallen schneller auf den Boden. Die Strasse ist schon ganz nass. Und um mich herum prasselt es. Der Regen wird immer lauter, die Welt da draussen verstummt. Und ich stehe selig unter dem Vordach vom Balkon und gucke, wie die Welt langsam auch unsichtbar wird, verschwindet hinter den langen Regenfäden.
Dann zuckt irgendwo ein Blitz, erhellt die Landschaft, die sich in den letzten Minuten fast nächtlich verdunkelt hat. Ich halte den Atem an und warte, zählend, eins, zwei, drei, vier, da kommt er, der Donner und grollt weit über die Landschaft. Und schon zuckt der nächste Blitz. Eins, zwei. Der Donner folgt ihm auf der Spur.
Stundenlang könnte ich diesem Spiel zusehen und zuhören, die Düfte aufnehmen. Ich merke, wie meine Füsse langsam kalt werden, wie die Ruhe abnimmt. Ich lausche auf den Regen und höre, wie er langsamer wird, schwächer. Kleiner werden die Tropfen und langsamer fallen sie in die Tiefe.
Irgendwann ist der Spuk vorbei, kaum eine Viertelstunde hat er gedauert. Und jetzt ist die Welt wieder ganz frisch. Frisch geduscht. Die Farben leuchten. Und die Vögel kommen aus ihren Verstecken hervor und singen ihre Abendlieder. Die Luft ist frisch, rein und klar. Und auch ich fühle mich frisch und rein und klar. Mein Kopf ist leer und bereit für neue Gedanken.
Noë überlegte, wie Regen aussah und was da sonst noch drinsteckte, was man nicht sehen konnte. Sie fragte sich, ob Regen denn mehr sein konnte, als das, wonach er aussah. Regen war Wasser, das vom Himmel fiel. Das war wichtig für die Pflanzen. Und für die Menschen. Aber Wasser war durchsichtig. Und es war nicht gesund, nass zu sein. Man konnte davon Fieber bekommen.
Plötzlich spürte sie ein Zucken in ihrem linken Auge und fasste sich mit der Hand an die Schläfe. Sie schloss die Augen für kurze Zeit und als sie sie wieder öffnete, befand sie sich plötzlich auf der Strasse, vor ihrer Wohnung. Noë war überrascht, dass sie nicht überrascht über diesen plötzlichen Ortswechsel war. Es war ihr, als hätte sie ihn schon fast erwartet. Gespannt blickte sie sich um. Hauseingang an Fenster an Hauseingang an Fenster. Das hatte sie auch erwartet. Aber da musste doch noch mehr sein. Sie blickte hoch zum Fenster, hinter dem sich ihr Wohnzimmer verbarg und von wo sie kurze Zeit vorher auf die Strasse geguckt hatte. Sie war sich nicht sicher, welches der Fenster ihres war.
Aber als sie so hoch blickte, erkannte sie ein Stück Himmel und richtete ihren Blick noch höher. Der Himmel. Er war heute nicht gleichmässig graublau, nein, es hatten sich dicke Wolken zusammengezogen. Dunkel waren sie, und mächtig und schnell wanderten sie. Es schien Noë allerdings, als ob sich diese Wolken nicht regelmässig verteilten, sondern sich genau über ihr zu einer geballten Ladung versammeln. Und da fallen auch schon die ersten Regentropfen rund um Noë. Sie schlagen klatschend auf dem Asphalt auf. Grosse, schwere Tropfen. Noë hält schnuppernd ihre Nase in die Luft. Die Tropfen fallen immer schneller und sind schon gar nicht mehr als Tropfen erkennbar sondern verwandeln sich langsam in feine und immer feinere Striche, die in Windeseile vom Himmel zur Erde fallen. Ganz nah um Noë herum.
Und sie ergriff schnell die Flucht, trat in den Hauseingang und rettete sich in ihre Wohnung, bevor sie nass werden konnte. Sie wusste nicht recht, was sie von diesem Erlebnis halten sollte. Aber als sie sich wieder im Wohnzimmer aufs Sofa setzte, da sah sie das aufgeschlagene Buch und erinnerte sich, dass sie kurz vorher vom Regen gelesen hatte. Und davon, dass man Regen nicht nur sehen, sondern auch riechen und spüren konnte. Und sie erinnerte sich auch an andere Texte und daran, dass man offenbar Dinge immer mit verschiedenen Sinnen wahrnehmen konnte.
Und an noch etwas erinnerte sie sich, nämlich dass sie kürzlich ein Gedicht über Regen gelesen hatte. Sie wandte sich schnell dem Bücherregal zu und suchte mit den Augen die Buchrücken ab. Dort war es, das schmale Bändchen mit der Aufschrift „gedichte und gedanken“. Hastig blätterte sie und tatsächlich, hier war es, das Regengedicht.
gefühl von regen
sonne weg
dicke wolke
luft noch warm
bleibe liegen
einfach so
warten auf das gefühl von regen
erste tropfen
fallen sacht
schlagen klatschend auf
liege da
denke nichts
ausser gefühl von regen
schwere tropfen
immer mehr
warmes wasser
wasser auf meinem gesicht
spüre nichts
ausser gefühl von regen
regen
wasser
warmer boden
wasser
rinnt mir über die haut
erweckt in mir das gefühl von regen
18. Juni 1994
Noë wusste, was Regen war und was seine Bedeutung war für die Erde und die Menschen. Aber in den Texten und Gedichten, die sie gelesen hatte, ging es um mehr als um die naturwissenschaftliche Bedeutung. Es ging um Gefühle. Um sensorische, taktile Gefühle. Wie sich Regen anfühlt. Wie er riecht. Wie er beschaffen ist. Und wie man sich selber zu diesem Regen stellt. Dass man ihn gern haben kann. Dass man ihn spüren will.
Und vielleicht ging es um noch mehr. Vielleicht ging es auch um emotionale Gefühle. Noë dachte nach. Sie fühlte nichts. Sie horchte tief in sich hinein, aber da war nur Leere und sie spürte nichts. Je länger sie horchte, desto weniger empfand sie. Desto leerer wird sie. Und je länger sie über diese Leer nachdenkt, diese Leere auszuhalten versucht, desto schneller fängt ihr Herz an zu schlagen. Und das spürt sie wohl. Und sie weiss, dass das ein Zeichen dafür ist, dass sie nervös war.
Das „ich“ in den Texten, das „ich“, das den Sommerregen beobachtete und das „ich“, das sich in den Regen legte und ihn zu erfahren versuchte, die wollten etwas fühlen. Oder fühlten etwas und wollten das Gefühl irgendwie sichtbar oder spürbar machen. Und Noë hatte keine Gefühle. Sie erinnerte sich, dass sie einmal in einem Buch gelesen hatte, dass ein Mann, der glaubte, dass er träumte, sich selber in den Arm genkiffen hatte, um festzustellen, ob er nur träume oder wach war. Sie kniff sich mit der rechten Hand in den linken Arm. Aber sie war sich unsicher: Was war das Ergebnis? Und wie sollte sie es deuten? Was müsste passieren, wenn sie nur träumte? Oder was müsste passieren, wenn sie nicht träumte? Sie kniff sich noch einmal in den Arm. Und dann wechselte sie Hand und Arm und kniff sich mit der linken Hand in den rechten Arm. Aber es half nichts.
Und plötzlich tauchte ein anderes Bild vor ihrem inneren Auge auf. Ein kleiner Junge, der sie in den Arm kneift und lacht und dann rennt er davon und sie rennt ihm nach. Sie trägt ein weisses Sommerröckchen und weisse Schuhe und sie rennt dem Jungen nach, quer über eine Wiese und um einen Sandhaufen herum. Und dann fällt sie hin und erschrickt und die Hand tut ihr weh und an ihrem Bein ist Blut und das Blut verschmiert und ihr weisses Kleid wird rot. Und dann kommt jemand und hebt sie auf und nimmt sie ganz fest in die Arme und streicht ihr über die Haare und redet beruhigend auf sie ein.
Immer, wenn ich ein neues Kapitel zum Utopia-Projekt veröffentliche, verschicke ich ein Benachrichtigungsmail. In der Seitenleiste links kann man sich dafür einschreiben.