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Sucette und Moinous begegnen sich an einem Regentag auf dem Washington Square in New York und lächeln sich an. Es ist der Anfang einer Liebesgeschichte, für die es viele mögliche Fortsetzungen gibt. Vielleicht werden sie sich in Sucettes kleinem gediegenem Appartement leidenschaftlich lieben, sich unnötig streiten, gemeinsam rauchen, um sich zu versöhnen, und sich am Ende enttäuscht trennen. Oder ist Moinous, dieser mausarme Franzose mit charmantem Akzent, nur eine Figur aus Sucettes Kurzgeschichte? Oder Sucette nur die Fantasie eines namenlosen Protagonisten?
Raymond Federman liebt solche Verschlingungen, wenn der Text über seine eigene Fiktionalität nachdenkt und die Erzählung sich selbst als Hirngespinst denunziert. Er hat dafür einen eigenen Begriff erfunden: Surfiction. Sein 1986 mit dem American Book Award ausgezeichneter Roman «Eine Liebesgeschichte oder sowas» ist aber nicht nur eine postmoderne Spielerei mit Erzählformen, sondern eine autobiografisch geprägte Geschichte eines europäischen Juden, der in den USA versucht, den unverrückbaren Horror seiner Vergangenheit - den Tod der gesamten Familie im Holocaust - mit der Möglichkeit hoffnungsvoller Zukunft zu überleben. Das Fantasieren ist dabei von existenzieller Bedeutung und ermöglicht es ihm, mittellos, heimatlos und ziellos, doch irgendwie durchzuhalten: «Moinous gehört zu denjenigen, die in dem Durcheinander ihrer obsessiven Vorstellung schwelgen. Für ihn setzt das Chaos der Vorstellungen die Ordnung und Wahrheit von Fakten stets ausser Kraft.» Es spielt keine Rolle, wann die Geschichte beginnt, und auch der Regen ist nur dem Ambiente geschuldet, denn «in traurigen Liebesgeschichten regnet es immer. Und in glücklichen auch.» Wichtig ist allein, dass die Geschichte überhaupt erzählt wird. Moinous wird «diese Zufallsbegegnung masslos in seinem Kopf weiterspinnen und sich einbilden, dass er diese mysteriöse Frau bereits liebt. Ja, er wird das gesamte Szenario seiner Liebesgeschichte auf diesem Lächeln aufbauen.» Genau wie sein Autor.