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Noch immer ist unklar, warum der Airbus A321 der russischen Airline Kogalymawia über Ägypten abgestürzt ist. Fest steht hingegen, dass die Beteiligten je eine eigene Version davon haben, wie es dazu kam. So teilte Kogalymawia kurz nach dem Absturz mit, Grund für den Unfall sei eine «mechanische Einwirkung» gewesen. Sie wies damit jegliche Verantwortung für den Absturz von sich und suggerierte, der Grund dafür sei anderswo zu suchen – beispielsweise in einem Terroranschlag.
Davon hält die ägyptische Regierung wenig. Sie hat zwar einen Terroranschlag nicht ausgeschlossen, bisher aber als «unwahrscheinlich» eingestuft. Bis vor kurzem hatte sich auch Russland in diese Richtung geäussert; dennoch hat Moskau am Freitag sämtliche Flüge nach Ägypten gestoppt.
Klar ist: Kairo hat ein politisches Interesse daran, den Unfall nicht als Terroranschlag darzustellen. Die ägyptische Regierung müsste sonst eingestehen, dass sie die Sicherheit der Touristen nicht garantieren kann. Könnte Ägypten also versuchen, die Ermittlungen der Unfallursache in eine bestimmte Richtung zu lenken? Und wer ist an den Untersuchungen alles beteiligt? Die wichtigsten Fragen – und die Antworten des deutschen Luftfahrt-Experten Heinrich Grossbongardt.
Wer ist an den Ermittlungen der Unfallursache beteiligt?
«Beteiligt ist erstens das Land, in dem der Unfall stattgefunden hat – in diesem Fall also Ägypten. Zweitens ist jenes Land beteiligt, in dem das Flugzeug registriert wurde und jenes, in dem es gebaut wurde. Der abgestürzte Airbus A321 wurde in Irland registriert und in Frankreich gebaut, also sind auch diese zwei Länder mit von der Partie. Drittens das Land, in dem die betreffende Fluggesellschaft domiliziert ist. Das ist Russland. Und viertens müssen alle jene Länder beteiligt werden, die eine nennenswerte Anzahl von Opfern zu beklagen haben – das wäre ebenfalls Russland.»
Die Fluggesellschaft selber nimmt an den Untersuchungen nicht teil?
«Nein, sie hat keinen eigenen Zugang zu Informationen.»
Wer leitet die Untersuchungen?
«Das macht jenes Land, in dem der Unfall passiert ist: Ägypten.»
Alle betroffenen Länder haben Zugang zu den Ermittlungsdaten.
Können die Untersuchungen von einzelnen Ländern manipuliert werden?
«Nein, das ist praktisch ausgeschlossen. Der Grund: Die Ermittlungen werden jeweils auf verschiedene Teams aufgeteilt. So ist ein Team beispielsweise für die Triebwerke zuständig, ein anderes für die Analyse des Flugwegs. Diese Teams sind aus Vertretern aller betroffenen Parteien zusammengesetzt – und alle Parteien erhalten Zugang zu den entsprechenden Daten.»
Wer ist bei den Ermittlungen sonst noch mit dabei?
«Die Experten des Flugzeugherstellers und der Hersteller der einzelnen Teile. Sie werden wegen ihres Fachwissens hinzugezogen, haben aber nur beratenden Einfluss. Wenn also das Triebwerk von einer amerikanischen Firma stammt, können auch amerikanische Experten beigezogen werden.»
Wer analysiert die Blackbox?
«Die Auswertung der Blackbox erfolgt durch das Land, das die Untersuchung leitet. Oft kommt es aber vor, dass ein Land diese Aufgabe abgibt, weil das technische Wissen dazu fehlt. Im aktuellen Fall hat Kairo erklärt, die Blackbox in Ägypten auszuwerten. Doch auch dazu braucht es ausländisches Wissen, beispielsweise französische Experten von Airbus.»
Es ist durchaus möglich, dass hinter den Kulissen ein Tauziehen stattfindet.
Was passiert, wenn sich die beteiligten Länder nicht einig sind, was die Ursache für den Absturz ist?
«Das Land, das die Untersuchung leitet, gibt die Richtung vor. Dabei ist es durchaus möglich, dass hinter den Kulissen ein Tauziehen stattfindet, weil etwa die Ägypter die Hypothese eines Bombenanschlags nicht favorisieren. Das beeinflusst zwar den Informationsfluss – aber nicht das endgültige Ergebnis. Denn was alles untersucht werden muss und in welcher Form, das ist vorgeschrieben.»
Gibt es dennoch Fälle, in denen man sich nicht einig wurde?
«Ja. Das war etwa 1999 der Fall, als kurz nach dem Start in New York eine Boeing 767 abstürzte, die auf dem Weg nach Kairo war. Neben den USA war damals ebenfalls Ägypten involviert. Die USA kamen als leitende Behörde zum Schluss, dass es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen Selbstmord handelte, doch die Ägypter lehnten diese Version ab. Am Ende liess der Untersuchungsbericht die Frage offen. Denn die Ersteller des Berichts haben die Aufgabe, die Ursachen des Absturzes herauszufinden – und nicht, Schuldige zu benennen. Letzten Endes geht es immer darum, wie man einen Absturz in Zukunft verhindern kann.»