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Eliud Kipchoge ist der schnellste Marathonläufer der Gegenwart – und ein Dauerlächler. Wenn der Olympiasieger einen Wettkampf bestreitet, lächelt er immer wieder unübersehbar. Worüber der Kenianer wohl lache, haben sich Zuschauer schon oft gefragt, sollte er wegen seiner müden Beine doch eher mit schmerzverzerrtem Gesicht dem Ziel entgegenstürmen. Nach seinem Rekordversuch, erstmals die 42 Kilometer in weniger als 2 Stunden zu laufen, gab Kipchoge zu, dass er gezielt lächle: weil dies entspannend wirke, sein Schmerzempfinden lindere.
Nun haben britische Forscher in einer Studie gezeigt, dass Lächeln bei Läufern einen ergiesparenden Effekt hat. Die Briten hatten zwar nicht Kipchoge im Labor, dafür 13 Hobbyläufer und 11 -läuferinnen. An ihnen konnten sie beweisen: Wer lacht, verbessert seine Laufökonomie um knapp zwei Prozent, weil er in diesem leicht entspannteren Zustand weniger Sauerstoff benötigt.
Damit ist beantwortet, weshalb der beste Marathonläufer der Gegenwart lächelt: Er kann seine Gegner noch besser distanzieren. Denn natürlich brennen die Muskeln von Kipchoge mit der Zeit, natürlich würde er lieber mit einem leidenden Ausdruck über die Strassen dieser Welt rennen. Bloss wusste Kipchoge schon vor der Arbeit der britischen Wissenschaftler um die Kraft des Lachens.
Warum der Spitalclown kommt
Diese Kraft geht weit über den Sport hinaus. Sie erklärt auch, warum in Spitälern immer wieder Clowns die kleinsten Patienten gezielt zum Lachen bringen oder weshalb sich Lachtherapien entwickelt haben: Mit Lachen geht es dem Menschen oft besser. In der Studie der Briten geht dieses Wissen auf den grossen Forscher Charles Darwin zurück. Darwin schrieb 1872, dass das Fördern oder Hemmen eines Emotionsausdrucks die Intensität der gefühlten Emotion beeinflusse. Auch darum entstand die sogenannte Facial-Feedback-Hypothese. Sie besagt: Das Bewegen der Gesichtsmuskeln beeinflusst das emotionale Erleben. Lachen, um ein Beispiel zu nennen, ist also nicht nur der Ausdruck und damit die Folge eines Gemütszustands, sondern kann selber den Gemütszustand beeinflussen.
Aus diesem Grund lächelt Marathonläufer Kipchoge während eines Rennens also, obschon ihm kein bisschen nach Lachen ist. Aber er beeinflusst seinen Körper damit, was ziemlich gut funktionieren kann, wie die erwähnten britischen Forscher nachwiesen. Wie sie dabei vorgingen? Sie liessen die 24 Probanden erst einmal im Ungewissen. Keiner von ihnen wusste, warum er viermal sechs Minuten mit 70 Prozent seines Maximums auf einem Laufband rannte. Was sie zu hören bekamen: dass sie bei jedem dieser vier Einsätze entweder lachen, die Stirn runzeln, sich konzentrieren oder entspannen sollten.
Entscheidend für den Lachansatz war, ihn im sogenannten Duchenne-Modus durchzuführen. Die Probanden mussten das Lachen sowohl mit Mund wie Augen erzeugen. Ansonsten gilt es als «falsches Lachen», womit sich der Körper nicht überlisten lässt (wobei sich die Forscher in diesem Punkt uneinig sind. Manche behaupten, bereits ein falsches Lachen könne eine Körperreaktion auslösen).
Die Läufer bekamen als Anleitung zu hören: «Bitte lächeln Sie echt, indem sie Mund und Augen miteinbeziehen.» Beim Versuch mit Stirnrunzeln sagten ihnen die Forscher: «Drücken Sie die Augenbrauen zusammen und verengen Sie die Augen.» Den verlangten Gesichtsausdruck mussten die Probanden über die gesamte Zeit zu halten versuchen, was bei einem 6-Minuten-Lauf eher anstrengend ist. Die Forscher gaben sich zufrieden, wenn ihre Versuchskaninchen 80 Prozent der Zeit durchhielten.
Erschwerend kam hinzu, dass diese 24 Männer und Frauen während des Tests eine Maske mit abführendem Schlauch aufhatten. Schliesslich musste ihnen ja nachgewiesen werden, wie viel Sauerstoff sie bei welchem Gesichtsausdruck Bei der Auswertung der Daten stiessen die Wissenschaftler übrigens auf eine Überraschung: Während 10 der 13 Männer dank Lächeln effizienter rannten, waren es bei den Frauen bloss vier von elf. Warum aber soll die Facial-Feedback-Hypothese nur bei Männern funktionieren?
Der Mann, der Pfau
Die mögliche Erklärung führt uns zu einer anderen Sportstudie von 1988. Damals untersuchten Forscher, wie Frauen und Männer beim Radfahren reagieren, wenn sie entweder von einem Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin angeleitet werden. Das Ergebnis könnte man als Pfauen-Geplustere-Hypothese bezeichnen. Während die Velofahrerinnen bei allen drei Belastungsstufen (leicht, mittel, hart) jeweils beiden Geschlechtern berichteten, die Belastung würden sie tatsächlich als leicht, mittel oder hart empfinden, urteilten die Männer vor der Wissenschaftlerin bei der harten Stufe anders: Sie sagten ihr, sie würden die Belastung keineswegs als hart wahrnehmen. Kurz: Sie gaben an.
In Bezug auf die aktuelle Arbeit glauben die Autoren, dass die Frauen allenfalls anders auf den (schönen) Studienleiter reagierten als die Männer – und nicht wirklich lachen konnten, weil sie sich in seiner Gegenwart gehemmt fühlten. Sie schlagen vor, ihr Experiment mit einer Forscherin zu wiederholen.
Quelle: Tages-Anzeiger/November 2017