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"Rechtschreibregeln haben wir in der Schule eigentlich nie wirklich gehabt. Ich habe das Gefühl, jeder schreibt einfach so vor sich hin, aber jetzt im Aufsatz wird die Rechtschreibung eben mitbenotet. Das ist mein Problem." Der 13 Jährige sitzt zum Erstgespräch in der Lerncoaching-Praxis und knetet die Hände. Er ist ein guter Schüler, besucht das Gymnasium. Das sieht auch seine Mutter so: "Jan (Name geändert) ist fleißig und macht es gut, aber die Rechtschreibung ist eine Katastrophe. Also nicht nur bei ihm, bei fast allen aus seiner ehemaligen Klasse."
Es dauert nicht lange, bis Mutter und Sohn ihre Begründung dafür preisgeben: Jan wurde in der Grundschule mit der Methode "Lesen durch Schreiben" unterrichtet, die in der Schweiz unter dem Begriff "Schreiben nach Gehör" bekannt ist. "Kein Wunder, dass die nichts können! Da bringt man den Kindern bei, so zu schreiben, wie man es hört. Man könnte fast sagen, jedes Kind schreibt einfach wie es will. Und plötzlich sollen sie die Rechtschreibung können. Ja woher denn? Das ist doch ein Verbrechen!", formuliert Jans Mutter mit einem Kopfschütteln.
Mit ihrem Kopfschütteln steht Jans Mutter nicht alleine da. Kaum ein bildungspolitisches Thema hat die Gemüter in den letzen Jahren derart erhitzt wie diese Methode, die auf den Schweizer Lehrer Jürgen Reichen zurückgeht und sich an vielen Schulen in Deutschland und der Schweiz in den 80er bis 90er Jahren etablierte. Dabei erhalten die Kinder eine sogenannte Anlauttabelle, auf der zu jedem Buchstaben (Graphem) bzw. zu wichtigen Buchstabengruppen ein Bild mit dem entsprechenden Anfangslaut (Phonem) abgedruckt ist:
Quelle: Wolfram Eßer, Gnu-Lizenz für freie Dokumentation
Im Lehrgang "Lesen durch Schreiben / Schreiben nach Gehör" werden die Kinder dazu ermutigt, eigenständig zu schreiben, indem sie Wörter in Einzellaute zerlegen, in der Anlauttabelle das entsprechende Bild mit dem Buchstaben suchen und diese(n) niederschreiben. Heraus kommen Sätze wie: "die moise warn richtich kluk." Nach Jürgen Reichen motiviere Lesen durch Schreiben die Kinder dazu, sich bereits früh schriftsprachlich auszudrücken, gleichzeitig werde ihre sprachliche Kreativität gefördert. Ein verwandter Lehrgang ist die "Rechtschreibwerkstatt" nach Norbert Sommer-Stumpenhorst, bei dem die Kinder nach ähnlichen Grundprinzipien ebenfalls relativ eigenständig das Rechtschreiben erlernen sollen.
Auch von der direkten Vermittlung des Lesens wird Abstand genommen. Die Vertreter der Methode gehen nämlich davon aus, dass sich diese Fähigkeit durch die Arbeit mit der Anlauttabelle von selbst einstellt. Der Methode liegt der Gedanke zugrunde, dass Kinder durch das Schreiben nach Gehör dazu motiviert werden, sich bereits früh schriftsprachlich auszudrücken und dass sie ihre sprachliche Kreativität entfalten können.
Aber es gibt auch kritische Stimmen. Viele Eltern und Fachpersonen machen sich Sorgen darüber, dass die Kinder sich Unmengen von falschen Schreibweisen (wie moise anstatt Mäuse) einprägen, die sich später kaum mehr ausmärzen lassen, und dass die Schüler/innen kein Gefühl dafür bekommen, dass es in der Gesellschaft eine Vereinbarung über orthografisch korrektes Schreiben gibt. Viele Lehrkräfte beklagen auch die Nachteile für Kinder mit Migrationshintergrund oder mit starkem Dialekt. Denn um die Anlauttabelle korrekt nutzen zu können, muss man das Hochdeutsche sehr gut beherrschen. Ein Beispiel: In der obigen Anlauttabelle repräsentiert das Apfel-Bild den Anlaut "a". Für ein Kind mit portugiesischer Muttersprache ist dieser Zusammenhang nicht derart klar, denn es denkt beim Blick auf den Apfel automatisch an das Wort "maçã", das mit "m" beginnt.
Mittlerweile relativieren auch die bekanntesten Vertreter von "Lesen durch Schreiben /Schreiben nach Gehör" wie Erika Brinkmann oder Hans Brügelmann die Aussagen des Begründers Jürgen Reichen. Während dieser Lehrkräfte dazu anhielt, die Rechtschreibung nicht zu korrigieren, sagte Brügelmann kürzlich in einem Interview: „Es gibt keinen Automatismus, dass Kinder Rechtschreibung lernen, wie Reichen behauptet. Korrektes Schreiben entwickelt sich aus Feedback.“ Man solle Kindern auch die korrekte Schreibweise näher bringen, indem die Lehrperson korrigierte Wörter neben den Kindertext schreibt, die Kinder zur Verbesserung der Texte anleitet und mit ihnen richtige Schreibweisen im Unterricht einführt bzw. Rechtschreibphänomene systematisch thematisiert. Auch sei es wichtig, Kindern von Anfang zu vermitteln, dass es eine „Erwachsenenschrift“ gibt, die für alle gilt. Diese "Neuerungen" sickern in den Schulalltag jedoch nur teilweise durch. Bei fast jedem Vortrag oder Elternseminar kommen verzweifelte Eltern auf uns zu und fragen: "Mein Kind ist in der Grundschule und lernt Lesen durch Schreiben. Aber soll ich wirklich nicht korrigieren? In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich sehe, wie fehlerhaft die Texte sind..."
Lesen durch Schreiben / Schreiben nach Gehör - was sagt die Forschung?
Mittlerweile beschäftigen sich viele Eltern und Fachpersonen mit der Frage, welche Methode die beste zum Lesen- und Rechtschreibenlernen sei: Ist es wirklich hilfreich, wenn Kinder nach Gehör schreiben? Soll man als Erwachsene/r nun korrigierend eingreifen oder nicht? Nützt es, wenn Kinder sich die Rechtschreibung schrittweise möglichst selbstständig erarbeiten wie es in der "Rechtschreibwerkstatt" nach Sommer-Stumpenhorst der Fall ist? Oder ist es besser mit dem altbekannten Fibelansatz zu arbeiten, bei dem Woche für Woche ein neuer Buchstabe eingeführt und trainiert wird, und Rechtschreibregeln systematisch eingeübt werden? Bis vor Kurzem gab es hierzu vor allem persönliche Meinungen, jedoch kaum wissenschaftlich begründete Fakten. Dass die Forschung in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen steckt(e) ist äußerst verwunderlich. Schließlich betrifft das Rechtschreibenlernen alle Kinder in unserem Kulturkreis und ebendiese Fähigkeit spielt für die Schul- und Berufslaufbahn eine zentrale Rolle. Dementsprechend groß müsste das Interesse der Bildungspolitiker/innen und Forscher/innen an dieser Thematik sein. Werfen wir einen Blick auf die aktuellsten Ergebnisse:
Reinhard Funke von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg veröffentlichte 2014 eine Metaanalyse. Darin berechnete er aus über 16 Einzelstudien mit mehr als 800 Klassen, ob sich Grundschulkinder, die mit Lesen durch Schreiben unterrichtet werden, von Grundschulkindern, die klassisch mit der Lesefibel unterrichtet werden, hinsichtlich ihrer Lese-/Rechtschreibleistung unterscheiden. Das Ergebnis:
Im Lesen schnitten die Fibel-Klassen am Ende des ersten Schuljahres insgesamt besser ab als die Lesen-durch-Schreiben-Schüler/innen, in den Klassen zwei bis vier zeigte sich jedoch kein signifikanter Unterschied mehr.
Bezüglich der Rechtschreibung ergab sich ein anderes Bild: Am Ende der ersten Klasse schienen die Lesen-durch-Schreiben-Kinder etwas besser rechtschreiben zu können. In den Klassen zwei bis vier erbrachten hingegen die Fibel-Klassen bessere Rechtschreibleistungen.
Die Aussagekraft der Metaanalyse war jedoch eingeschränkt, weil man die Kinder und Lehrpersonen nicht per Zufall zuordnen konnte und weil die Kinder sich teilweise stark hinsichtlich ihrer Eingangsvoraussetzungen für die Schule (z.B. Reife, Sprachvermögen, familiäre Unterstützung etc.) unterschieden. Reinhard Funke (2014) wies darauf hin, dass die Überlegenheit des Fibelunterrichts in seiner Studie nicht mehr eindeutig nachweisbar war, wenn man diese Faktoren berücksichtigte. Es scheinen demnach vor allem Schüler/innen mit Lernschwierigkeiten und fremdsprachige Kinder zu sein, die mit der Methode Lesen durch Schreiben am schlechtesten zurechtkommen.
Im Juli diesen Jahres präsentierten nun zwei Forscher/innen der Universität Bonn (Kuhl & Röhr-Sendlmeier) an einem Fach-Symposium neue Forschungsergebnisse. Der Artikel zur Studie erscheint in Küze. Die beiden Psychologen führten eine groß angelegte Studie mit über 3000 Grundschulkindern aus Nordrheinwestfalen durch. Beim Schuleintritt maßen die Forscher/innen die sprachlichen Eingangsvoraussetzungen der Kinder, gleichzeitig wurden Daten über das familiäre Umfeld und die Schreib-und Lesemotivation der Kinder erhoben. Vom Ende der ersten Klasse bis zum Ende der dritten Klasse legten die Schüler/innen sechsmal einen Rechtschreibtest ab. Aus ethischen Gründen meldete man die Ergebnisse den Schulen jeweils zurück. Am Ende gelang es den Studienleitern, die Rechtschreibwerte von mehr als 290 Schulkindern im Zeitverlauf abzubilden und zu vergleichen. Von diesen Kindern hatte ein Teil mit "Lesen durch Schreiben", ein weiterer Teil mit der "Fibel" und ein dritter Teil mittels "Rechtschreibwerkstatt" das Rechtschreiben erlernt. Die spannenden Befunde möchten wir Ihnen nicht vorenthalten:
Hinsichtlich der Lese-Rechtschreibmotivation zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den drei Gruppen, aber die Rechtschreibleistungen der Schüler/innen unterschieden sich deutich: So erbrachten die "Fibel-Kinder" in allen einbezogenen Schuljahren signifikant bessere Rechtschreibleistungen als ihre Gleichaltrigen, die mittels "Lesen durch Schreiben" oder die "Rechtschreibwerkstatt" unterrichtet wurden.
Den „Lesen durch Schreiben“-Schüler/innen unterliefen am Ende der Grundschulzeit im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als den Fibel-Kindern. Die beiden Wissenschaftler/innen wiesen zudem darauf hin, dass gerade auch fremdsprachige Kinder vom Fibel-Ansatz profitieren.
Fazit: Kinder, die systematisch zum Lesen und Rechtschreiben angeleitet werden, d.h. bewusstes Training und Rückmeldungen erhalten, erlernen die Rechtschreibung somit deutlich besser. Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass der Fibel-Ansatz ungünstigere Ausgangsvoraussetzungen der Kinder am ehesten aufzufangen vermag.
Wir hoffen, dass die neuen Forschungsergebnisse Entscheidungsträger/innen zum Nach- und Umdenken anregen. Schließlich sollte die Bildung unserer Kinder nicht auf starren Ideologien fußen, sondern auf dem Bestreben, möglichst vielen Kindern eine glückliche und erfolgreiche Schulzeit zu ermöglichen. Dazu gehört unserer Ansicht nach auch, dass neue Methoden einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen werden, bevor man sie großflächig, teilweise über den Kopf der Lehrpersonen, Eltern und Schüler/innen hinweg, einführt - insbesondere, wenn sie die Basisfertigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen) betreffen, die den Grundstein für die gesamte weitere Schulzeit legen.
Was ist mit dem 13jährigen Jan, den wir zu Beginn kennengelernt haben? Er holt nun in mühevoller Arbeit das nach, was er in der Grundschule verpasst hat. Im Lerncoaching analysieren wir seine Rechtschreibleistung, um herauszufinden, auf welcher Stufe er steht und welche Rechtschreibregeln bei ihm für die meisten Fehler sorgen. Wir erarbeiten einen Förderplan und trainieren gezielt diejenigen Bereiche, die ihn in Aufsätzen und Diktaten am meisten ins Straucheln bringen. Jan ist motiviert, gleichzeitig bedeuten die Rechtschreibübungen Fleißarbeit für ihn. Daher wird die Übungszeit bewusst auf 10 Minuten pro Tag beschränkt. Seine Mutter wünscht sich, dass die Entscheidungsträger früher reagiert und einen anderen Weg eingeschlagen hätten.
Mehr zum Thema Lese-/Rechtschreibförderung erfahren Sie hier.
Aktuell: Unsere Seminare und Weiterbildungen
Seminar "Rechtschreibung verbessern - in 10 Minuten pro Tag" für Eltern
Seminar "Die besten Lernstrategien für Primarschulkinder" für Eltern
Tagesweiterbildung "Lernstrategien - weniger ist mehr!" für Fachpersonen
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