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Aufmerksamkeitsdefizit - Hyperaktivitätsstörung
Seit über 25 Jahren wird in den USA unter dem Begriff der Attention Deficit (Hyperctivity) Disorder (abgekürzt ADHD oder ADD) die obligat im Kindesalter beginnende häufige Verhaltens- und Lernstörung verstanden, die bereits im 19. Jahrhundert vom Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann im berühmten "Struwwelpeter" in all seinen typischen Erscheinungsformen beschrieben wurde.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der englische Kinderarzt Still das Störungsbild erstmals für Mediziner im "Lancet" ausführlich erläutert und betont, dass ursächlich eine angeborene Konstitution und nicht etwa eine schlechte Erziehung oder ungünstige Umweltbedingungen im Vordergrund stehe.
In der - 2013 letztmals revidierten - DSM V - Einteilung werden folgende Kriterien für die ADHS-Diagnose gefordert:
1) Kriterien der Unaufmerksamkeit
- Konzentrationsschwäche, Flüchtigkeitsfehler
- Mühe mit der Daueraufmerksamkeit
- Schwierigkeit zuzuhören
- Mühe mit Anleitungen und bei alltägl. Verrichtungen
- Organisationsschwierigkeiten
- Mühe sich länger geistig anzustrengen
- Häufiges Verlieren und Verlegen
- Leichte Ablenkbarkeit durch äussere Reize
- Übermässige Vergesslichkeit im Alltag
2) Kriterien der Hyperaktivität & Impulsivität
- Unruhe in Händen und Füssen
- Mühe ruhig sitzen zu bleiben
- "Zappelphilipp" (innere Unruhe bei Erwachsenen)
- Schwierigkeit ruhig zu spielen - "Innerlich wie von einem Motor angetrieben"
- Übermässiges Reden
- Antworten bevor Frage vollständig gestellt wurde
- Unmöglichkeit zu warten
- Störendes Verhalten gegenüber anderen
Lange wurde die ADHS als eine auf das Kindesalter beschränkte Entwicklungsstörung betrachtet. Heute zeigt sich zunehmend, dass auch Erwachsene weiter unter dieser Störung leiden können. Die hyperkinetische Symptomatik verschwindet zwar häufig, die Aufmerksamkeitsprobleme halten aber an oder werden erst jetzt belastend, die Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen ist hoch und das Auftreten von Dissozialität und Kriminalität nicht selten. Andererseits sind viele ADHS-Betroffene häufig auch sehr kreative, spontane und originelle Persönlichkeiten.
Als Ursache für die ADHS wird heute eine vorwiegend genetisch bedingte, neurobiologisch erklärbare, andere Funktion im Bereich derjenigen Hirnabschnitte angenommen, die übergeordnete Steuerungs- und Koordinationsaufgaben in der cerebralen Informationsverarbeitung übernehmen. Neuere funktionelle Untersuchungen mit "Brain-Imaging"- Methoden zeigen eine Hypoaktivität und Dysregulation in gewissen Bereichen der Neurotransmittersysteme von Dopamin, Noradrenalin und z.T. auch Serotonin. Dadurch wird die schon lange bekannte positive Wirkung der Medikation mit Stimulanzien verständlich. Neue MRI - Untersuchungen zeigen überdies bei Erwachsenen diskrete Struktur- und Grössenunterschiede in Abschnitten des Frontalhirnes und der Stammganglien.
Die Diagnose wird durch die Erhebung der persönlichen und familiären Anamnese und die Verwendung strukturierter störungsspezifischer Fragebogen vor allem klinisch gestellt, ergänzt mit der Durchführung einiger "Aufmerksamkeitsteste" , sowie einer somatischen und neurologischen Untersuchung. Eine entwicklungs-, resp. schulpsychologische und neuromotorische Untersuchung lässt die häufig begleitenden Teilleistungsstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie) und eine ev. leichte motorische Koordinationsstörung erkennen. Der Begriff "infantiles POS" wurde früher für solche Kombinationen verwendet.
Bei Erwachsenen ist die primäre ADHS nicht selten durch sekundäre psychische Erkrankungen überlagert. Noch gibt es leider zu wenige Erwachsenenpsychiaterinnen und -psyciater , die mit diesem Krankheitsbild vertraut sind.
In vielen Fällen ist die Medikation mit Stimulanzien verbunden mit Beratung (sog. "coaching") und/oder eine Verhaltenstherapie als Behandlung der Wahl anzusehen. Die sehr individuell zu dosierende Stimulanzien-Therapie kann sowohl im Kindes- wie auch im Erwachsenenalter eingesetzt werden, ist in 80 - 90 % erfolgreich und verbessert im Sinne einer "chemischen Brille" die fokussierte Aufmerksamkeit und Selbststeuerung. Das Ziel der Therapie besteht vor allem darin, das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu verbessern, das vorhandene individuelle Potential auszuschöpfen und die oft fehlende Beziehungsfähigkeit aufzubauen. Die Behandlung und Betreuung ist über Jahre durchzuführen, die häufig postulierte Suchtgefahr der Stimulanzientherapie besteht für ADHS-Betroffene glücklicherweise nicht. Neben dem bei uns seit über 60 Jahren (!) bekannten Ritalin werden neu auch weitere Präparate mit dem gleichen Wirkstoff (Methylphenidat) mit zum Teil deutlich längerer Wirkung (Concerta, Medikinet MR und Ritalin LA) eingesetzt. Eine weitere Entwicklung ist das Dexmethylphenidat (Focalin XR).
Abschliessend muss daraf hingewiesen werden, dass ADHS eine "lifelong condition" (R. Barkley) ist, welche eine Leben in vieler Hinsicht prägen kann. Eine rechtzeitige Abklärung und eine klare Diagnose können unter Umständen dem Leben von Betroffenen eine ganz andere Wendung ermöglichen. Nicht jeder oder jede ADHS-Betroffene braucht medikamentöse Unterstützung. Hier soll man sich am jeweiligen Leidensdruck orientieren. Wie überall in der Medizin gilt auch bei ADHS: Zuerst Anamnese und Abklärung, dann Diagnose und erst dann eine indizierte, massgeschneiderte Therapie.
Hier können Sie ein ADHS Merkblatt zum obigen Text, welcher im August 2016 erstellt wurde, im PDF-Format herunterladen.