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Unsere Bilder und Vorstellungen vom Adel in der vormodernen Schweiz sind ziemlich paradox: Zum einen verstehen wir die eidgenössischen Orte als Gemeinwesen, die aus grundsätzlich gleichberechtigten Genossen bestehen. Im Fall der Länderorte wie Uri, Schwyz und Unterwalden wird gar von Landsgemeindedemokratien gesprochen. Die Mitglieder dieser Gemeinwesen, so die verbreitete Meinung, hätten alle am Gemeingut und an den Erträgen partizipiert, die aus dem kollektiven Besitz geflossen seien (z.B. Nutzung der Allmenden, Holzbezüge, verbilligtes Salz und Getreide, Pensionengelder oder Ämter in den Untertanengebieten). Mit Blick auf ihre Verfassungsstrukturen erscheinen die eidgenössischen Orte so geradezu als Wegbereiter der modernen, demokratischen Schweiz und als eigentliche Gegenmodelle zu den adlig-feudalen Herrschaftsformen des Mittelalters.
Zum anderen aber hat die Sozialgeschichte gezeigt, dass in eben diesen genossenschaftlich verfassten Orten eine neue Schicht führender Familien entstand, die sich im Verlauf der Zeit immer stärker gegen unten abschlossen und politisch, ökonomisch sowie sozial über Generationen hinweg eine Vormachtstellung einzunehmen vermochten. Die Aufsteiger – die sogenannten Häupterfamilien – hoben sich vom Rest der „Genossen“ ab und orientierten sich am adlig-höfischen Lebensstil: Sie jagten Adelstiteln und Wappenbesserungen hinterher, nannten sich „wohledelgeboren“, erfanden weit zurückreichende Abstammungsgeschichten mit heroischen Urahnen, errichteten prächtige Herrensitze wie Schloss Waldegg, liessen ihre Kinder an auswärtigen Fürstenhöfen erziehen und dienten in den Leibgarden europäischer Könige.
Wie passt das alles zusammen? Waren all diese wohledelgeborenen Junker, Ritter und hochadeligen Familien gar kein „richtiger“ Adel? Und war die Alte Eidgenossenschaft – abgesehen von wenigen Ausnahmen – nicht doch eine adelsfreie Zone inmitten eines vom „echten“ Adel beherrschten Europas? Von diesem Paradox eines Adels in einem Land ohne Adel handelt der Vortrag von Nathalie Büsser.
Nathalie Büsser hat Allgemeinen Geschichte, Historischen Hilfswissenschaften und Allgemeines Staatsrecht an der Universität Zürich studiert. 2016 hat sie mit einer Arbeit zu „Adel in einem Land ohne Adel. Soziale Dominanz, Fürstendienst und Verwandtschaft in der schweizerischen Eidgenossenschaft“ an der Universität Zürich bei Prof. Dr. Simon Teuscher promoviert.
Eintritt frei, Kollekte.
Im Anschluss Apéro.