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Armenerziehungsanstalt (C. F. Spittler) im Badischen
1833
Eröffnung der Taubstummen-Anstalt in Beuggen (D)
In Beuggen (D) gründet Christian Friedrich Spittler die erste Anstalt zwischen Jura, Schwarzwald und Vogesen, die taubstumme Kinder unterrichtet, und legt damit den Grundstein für die heutige GSR. Spittler ist auch Gründer der Basler Mission (1815), der Pilgermission St. Chrischona (1840) sowie des Diakonissenhauses Riehen (1852).
1838
Gründung der Taubstummen-Anstalt im Pilgerhof, Riehen
Christian Friedrich Spittler zieht nach Riehen um, weil ihm am alten Standort die Räumlichkeiten gekündigt worden sind. Auf dem ehemaligen Landgut der Familie Bachofen-Merian findet er für die Anstaltsfamilie sowie die 17 Schülerinnen und Schüler per 19. Oktober 1838 ein neues Zuhause: «Den Anstrich einer neuzeitlichen Anstalt hat das Ganze keineswegs. Dagegen findet es jedermann wohnlich und behaglich.»
1839
Offizielles Gründungsjahr der Institution
Spittler beruft anfänglich Theologen zu Lehrpersonen, da die Anstalt von christlicher Nächstenliebe geprägt ist und die christliche Lehre weitergegeben werden soll. Bald aber wird nach einem pädagogisch geschulten Fachmann Ausschau gehalten, der Erziehung und Bildung der Kinder übernehmen kann. Dieser wird in der Person von Wilhelm Daniel Arnold (1810–1879) auch gefunden, dem damaligen zweiten Lehrer der Taubstummen-Anstalt in Pforzheim. In den historischen Quellen wird jeweils das Jahr 1839 als Gründungsjahr der Institution angegeben, obwohl der Schulbetrieb in Riehen im Herbst 1838 aufgenommen wurde.
Die gesellschaftliche Integration der Kinder steht damals schon im Vordergrund: «Der Taubstumme ist erst dann der Gesellschaft vollständig wiedergegeben, wenn er sprechen und mit den Augen hören kann.» Arnold wirft die damalige Unterrichtsmethode, den Kindern Zeichen und Gebärden beizubringen und mit Bildern zu arbeiten, komplett über den Haufen und löst damit eine Kontroverse aus.
1841
Gründung der Kommission
Das «Comite», wie die überlieferte Rede zur Jahresfeier von 1844 die Kommission nennt, besteht aus acht Herren. Sie wirken im Hintergrund, sorgen für die allgemeine Leitung der Schule und ermöglichen den Kindern Abwechslung zum Schulalltag. Die erste Kommission besteht aus den Pfarrern Bernoulli, Miville und Wenk, den Herren Bischoff-Bischoff, Iselin, La Roche-Merian, Heusler-Thurneysen und dem Appellrat Dr. La Roche-Burckhardt.
1844
Sprachverständnis im Vordergrund
Die bei der Jahresfeier der Taubstummen-Anstalt von 1844 gehaltene Rede bringt das damalige Lehrverständnis auf den Punkt: Hauptanliegen des Unterrichts ist, «die taubstummen Kinder zum Verständnis des Wortes Gottes und zur Erkenntnis ihres Heilandes zu bringen». Daneben wollen die Lehrer die Zöglinge auch «zum klareren Verständnis unserer Muttersprache [...] bringen, und ihnen zu einer deutlicheren Aussprache [...] verhelfen, damit sie sich ihren Mitmenschen mit mehr Leichtigkeit verständlich machen [...] können». Den Eltern wird ans Herz gelegt, ihre Kinder lange genug in Riehen zur Schule gehen zu lassen, damit diese die nötigen Fertigkeiten erlernen können.
1864
Erstes Lehrbuch
Wilhelm Daniel Arnold, Leiter der Taubstummen- Anstalt, verfasst das erste praktische Lehrbuch für Taubstummenschulen. Das Werk, «Elementar-Übungen» genannt, stellt für die Kinder eine Art Leitfaden dar, wie das Alphabet auszusprechen und die Worte zusammenzufügen sind. Für das «Lautieren», das Lautebilden, wird das entsprechende Sprachbuch für den Unterricht, der «Lautiergang», zusammengestellt. Der Verfasser nennt die Übungen im Vorwort «Mundgymnastik».
1874
Riehen wird zur Referenzanstalt
Rund 200 auswärtige Pädagoginnen und Pädagogen besuchen die Anstalt in Riehen von August bis Oktober zur Weiterbildung, um sich einen Überblick über die Unterrichtsmethode und den Unterricht zu verschaffen.
1884
Spaltung der Anstalt
Nach dem Tod von Wilhelm Daniel Arnold 1879 und dem zweijährigen Interregnum durch einen Theologen übernimmt August Frese, davor Oberlehrer der Taubstummen-Anstalt in Emden (D), die Leitung der Anstalt. Darauf verlassen die gesamte Lehrerschaft, die Bediensteten sowie 15 Kinder Riehen und folgen der Interimsleiterin Maria Sprenger nach Lahr (D). Weitere 31 Kinder sowie zwei neu angestellte Lehrkräfte, Heinrich Heusser und Heinrich Roose, bleiben in Riehen.
1900
Gute Verbindungen von Heinrich Heusser
Bereits seit 16 Jahren arbeitet Heinrich Heusser als Lehrer in der Anstalt, als er nach dem Tod von Frese zum neuen Hausvater gewählt wird. Er setzt das Werk Freses fort. Dank seiner guten Beziehungen zu diversen Handwerkern und Kauf- und Geschäftsleuten in der Region Basel kann er seinen Schützlingen nach der Schulzeit gute Lehren ermöglichen.
1914
Jubiläum und Mobilmachung
Bereits 70 Lehrpersonen haben die Anstalt bis zu diesem Zeitpunkt durchlaufen; sie bleiben nach dem Lehrerseminar meist nur vier bis fünf Jahre.
Die 557 Zöglinge, welche die Anstalt bisher besucht haben, können meist so weit gefördert werden, dass sie ihren Lebensunterhalt selbstständig verdienen können. Sie finden in Handwerk oder Gewerbe Beschäftigung. Die Anstalt lebt vorwiegend von der Wohltätigkeit der Basler Bevölkerung.
1922
Zentrum für Lautsprachförderung
1925
Bewegung und Freizeit
Der tägliche Turnunterricht gehört fix zum Unterrichtsprogramm. Die gehörlosen oder hörgeschädigten Kinder haben «oft einen schwerfälligen Gang». Durch die Bewegung kann «ihr körperlich unbeholfenes Wesen» verbessert werden. Dank einer grosszügigen Spende wird erstmals wieder – nach einem Unterbruch von 14 Jahren – ein Ausflug mit den Schülern/-innen nach Zürich gemacht.
1935
Externe Schüler/-innen
Von 35 Schülern/-innen wohnen 8 ausserhalb der Schule. Sie werden als «Verbindung mit der Welt ausserhalb der Anstaltsmauern» bezeichnet.
1940
Umzug und Entbehrungen
Bund und Kanton sprechen einen grösseren Unterstützungsbeitrag, sodass neue Gebäude für Unterricht und Wohnen in Riehen erstellt werden können. Die alten Räumlichkeiten der Taubstummen-Anstalt werden mit den Soldaten des Grenzschutzes geteilt. Damit Kohlen gespart werden können, dauern die Winterferien vier statt zwei Wochen.
1943
Abteilung für Sprachgebrechliche
Während 100 Jahren fokussiert die Schule auf die Bildung von Gehörlosen.
Nun wird eine Abteilung für Sprachgebrechliche eröffnet.
Als Folge der Angebotserweiterung wird der Name angepasst in Taubstummenanstalt und Schule für Sprachgebrechliche.
1957
Anschaffung technischer Geräte
Mit der Sprechhöranlage ist es möglich, den meisten tauben Kindern die Aufnahme von Sinneseindrücken übers Ohr zu ermöglichen. Damit können sie besser sprechen lernen. Mit einem Verstärker wird neu auch individueller Hörunterricht erteilt. Von Siemens erhält die Anstalt vier individuelle Hörapparate zum Ausprobieren.
1960-1964
Partizipation, Vereinheitlichung, Unterstützung
1960 wird bereits regelmässig mit den Eltern tauber Kleinkinder gesprochen und die Früherziehung diskutiert. Die 1959 durch den Bund geschaffene Invalidenversicherung bringt erste finanzielle Erleichterungen.
1964 werden gemeinsame Lehrpläne für den Taubstummenunterricht in der Schweiz erarbeitet.
Die erste Pädaudiologin, eine Beraterin und Erzieherin zum Hören und Sprechen, wird angestellt, um eine Mütterberatung aufzubauen. Die Eröffnung der Pädaudiologischen Beratungsstelle (heute: Audiopädagogischer Dienst) erfolgt am 1. Oktober 1964.
Im Jahr 1964 erfolgte eine weitere Namensanpassung: neu heisst die Institution Taubstummen- und Sprachheilschule Riehen.
1965-1969
Ausbau und Individualisierung des Unterrichts
1965 kann nach mehrjähriger Planung endlich der Sprachheilkindergarten in Betrieb genommen werden. In diesem Jahr findet auch die Umstellung des Lehrbetriebs auf einen Lehrplan mit Stundenplan statt. Neu erhalten auch taubstumme und schwerhörige Kinder Einzelunterricht.
1968 werden in Arlesheim die Sprachheilschule Arlesheim, die Wielandschule sowie Sprachheilambulatorien für das Birseck eröffnet.
1982
Neuer Name: Gehörlosen- und Sprachheilschule Riehen (GSR)
Der Name der Institution wird zum vierten Mal angepasst: Name
zum Gründungszeitpunkt: Taubstummen-Anstalt Riehen
ab 1943: Taubstummenanstalt und Schule für Sprachgebrechliche
ab 1964 : Taubstummen- und Sprachheilschule Riehen
ab 1982: Gehörlosen- und Sprachheilschule Riehen
1989
Früherfassung hörgeschädigter Kinder
Noch in den Siebzigerjahren begann die Schulung hörgeschädigter Kinder mit der Aufnahme in den Kindergarten. Nun ist es möglich, gehörlose Kleinkinder schon im ersten Lebensjahr zu erfassen und sie mit leistungsfähigen Hörgeräten auszurüsten.
1994
Einrichtung einer Beratungsstelle für Cochlea-Implantate
In Zusammenarbeit mit der HNO-Klinik des Kantonsspitals Basel wird eine Stelle zur Beratung und zur Therapie von Hörgeschädigten mit einem Cochlea-Implantat eingerichtet.
1994
Schliessung der Gehörlosenabteilung; Ausbau Audiopädagogischer Dienst
1997
Aufhebung des Internats
Vorwiegend aus Kostengründen und aufgrund der Integrationsbestrebungen wird auf das Angebot der internen Schulung mit Wohnen vor Ort verzichtet.
2000
Eröffnung der Sprachheilschule Möhlin
Im Sinne einer geografischen Integration hat die GSR für die Schüler/-innen aus dem Fricktal, die traditionsgemäss an der GSR geschult wurden, die Sprachheilschule Möhlin eröffnet. Diese Schule wurde am 1. Januar 2006 der Aargauischen Sprachheilschule übergeben.
2002
Erweiterung Sprachheilschule BL mit Standort Bottmingen
Für die wachsende Schülerzahl benötigt die GSR zusätzlche Schul-und Therapieräume und mietet im Regelschulhaus Burggarten ein.
2003
Eröffnung Bimodalklasse
Am 11. August 2003 wird für normal begabte, hochgradig hörbeeinträchtigte Kinder, welche neben der lautsprachlichen Förderung auf eine gebärdensprachliche Förderung angewiesen sind, in Riehen eine bimodale bzw. bilinguale Sonderklasse eingeführt.
2004
Leistungsauftrag Basel-Stadt und Basel-Landschaft
Die GSR schliesst mit den beiden Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft Leistungsvereinbarungen im Bereich der Sonderschulung ab.
2008
Eröffnung des Autismuszentrums
Das Autismuszentrum – Projekt zur Familienentlastung bietet förderdiagnostische Abklärung, Beratung, Therapie und Begleitung. Mit dem Autismuszentrum wird der Präventionsgedanke des frühzeitigen Erfassens und Förderns weiterverfolgt. Wir starten mit 4 Kindern.
Im gleichen Jahr zügelt die Bimodalklasse und wird neu teilintegrativ an der Regelschule in Reinach (BL) geführt.
2013
Schliessung Standort Bottmingen
(Aussenstandort Wielandschule). Aufgrund von Raumknappheit hat die Gemeinde der GSR die gemieteten Schulräumlichkeiten gekündet.
Da gleichzeitig die Anzahl Schülerinnen und Schüler aus dem Kanton BS stark zurückgeht (verstärkte integrative Schulung) werden die Schülerinnen und Schüler der Sprachheilschule auf die beiden Standorte Riehen und Arlesheim aufgeteilt.
2014
Schliessung Standort Lehenmattstrasse in Basel
Der Kanton BS benötigt Räume und kündigt der GSR nach 34 Jahren den Standort in Basel. Der Kindergarten zieht deshalb nach Riehen um.
2015
Umzug Wielandschule von Arlesheim nach Riehen
Aufgrund der sinkenden Schülerzahlen an den GSR Sprachheilschulen (Auswirkung der konsequenten Umsetzung der Integration) sind die beiden Schulstandorte in Riehen und in Arlesheim nicht mehr ausgelastet. Deshalb wurde nach 46 Jahren die Wielandschule von Arlesheim nach Riehen gezügelt und der Standort in Arlesheim geschlossen.
2016
Mehr als 18 Jahre hat die GSR Wielandschule im Auftrag der Gemeinde den Logopädischen Dienst für Arlesheim geführt. Diese Aufgabe übernimmt nun die Gemeinde selbst.
Schülerinnen und Schüler der bimodalen Schulung (Laut-und Gebärdensprache; Kindergarten- und Primarstufe) werden im Margarethenschulhaus in Basel Teil der Regelschule (waren bisher Sonderschüler)
2017
Eröffnung Fachzentrum für Gehör, Sprache und Kommunikation in Aesch (BL).
Erstmals in der Geschichte der GSR werden alle Abteilungen unter einem Dach zusammengeführt: die Sprachheilschule Riehen und die Wielandschule (bisher in Riehen), der Audiopädagogische Dienst (bisher in Basel), das Autismuszentrum (bisher in Riehen) sowie die Geschäftsstelle (bisher Basel).
er Neubau wird am 1. August in Betrieb genommen. Auf das gleiche Datum verlässt die GSR nach fast 180 Jahren den Standort Riehen.
Als Folge der grossen Veränderungen in der Institution wird das Erscheinungsbild weiterentwickelt und die GSR erhält ein neues Logo.
Gleichzeitig wird der Name der Institution zum 5. Mal in seiner Geschichte angepasst. Der neue Name lautet: GSR. Zentrum für Gehör, Sprache und Kommunikation