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Es lebten einmal in einem Dorfe Mann und Frau.
Da sagte der Mann eines Tages: «Ich will in die Fremde ziehen, um als Maurer zu arbeiten und ein Stück Geld zu verdienen. Wenn unterdessen der große Mai kommt, so musst du ihn jenen Sack Korn mahlen lassen, der oben im Kornspeicher Iiegt.» Und nach diesen Worten zog der Mann fort.
Die Frau erwartete jeden Tag den großen Mai, aber er kam nie. Eines Tages sah sie einen großen Mann mit einem Eselchen durch das Dorf ziehen. Da fragte sie ihn: «Seid Ihr der große Mai?»
«Ja freilich.»
«Wäret Ihr nicht so gut und würdet mir den Sack Korn mahlen?»
«Jawohl, gerne, zeigt mir den Sack!»
«Ihr braucht nur hier auf den Kornspeicher zu steigen; dort werdet Ihr den Sack finden»
Der Fremde stieg also die Treppe hinauf zum Speicher, öffnete die Tür, blieb dort ein Weilchen und kehrte dann ganz zufrieden, aber ohne Sack wieder herab, indem er sagte: «lch will morgen wieder kommen und den Sack holen.» Und damit ging er schnell zu seinem Eselchen und trieb das Tier zur Eile an
Am anderen Morgen stellte sich die Frau auf die Gasse, um den Fremden zu erwarten. Aber er kam nicht. Stattdessen jedoch kehrte ihr Mann heim und fragte sie sogleich:
«Hast du das Korn mahlen lassen?»
«Nein, noch nicht. Denke dir, der große Mai ist erst gestern gekommen und hat mir versichert, er werde heute wiederkehren. Ich habe ihn jedoch bis jetzt noch nicht gesehen.»
«Und hast du ihm den Weizen gezeigt?»
«Jawohl, ich habe ihm gesagt, er solle selbst hinaufgehen und ihn ansehen.»
«Aber, ums Himmelswillen, hast du denn nicht gewusst, dass hinter jenem Kornsack unser Geld versteckt Iag?»
«Um Gotteswillen, das habe ich nicht gewusst!» «Nun gut, sagte der Mann, «jetzt haben wir die Bescherung. Ich gehe noch einmal fort und will schauen, ob ich auf dieser Welt noch eine Frau finde, die so unwissend und dumm ist wie du. Wenn ich eine finde, so ist alles gut. Aber wehe dir, wenn ich keine finde, die so töricht ist wie du!»
Und damit zog er wieder fort und kam auf seiner Wanderschaft auf ein Feld, wo er einige Frauen beten sah. Darauf machte er mit der Hand allerlei Zeichen und gebärdete sich wie ein Verrückter. Da eilten die Frauen herbei, nahmen ihn bei den Beinen fest und fragten ihn: «Was sucht Ihr hier?»
«Ich suche die Tür, die mich wieder ins Paradies führt; denn ich bin soeben von dort herunter gefallen. Lasst mich in Ruhe!»
«Ist's möglich? Ja, seid Ihr wirklich im Paradies gewesen? Habt Ihr dort nicht vielleicht meinen Mann angetroffen, den lieben Cecco?» fragte ihn eine Witwe. «Ja freilich habe ich ihn gesehen. Der arme Cecco geht immer umher, um Almosen zu betteln.»
«Dann wartet doch hier ein Weilchen. Ich will schnell heimkehren, ihm einen Beutel Geld durch Euch zu bringen.»
Und damit eilten die zwei Frauen hurtig fort nach Hause, und kehrten nach einiger Zeit mit einem ganzen Sacke voll Geld wieder zurück. Sie gaben ihm den Sack. Er nahm ihn und machte sich schleunigst damit nach Hause, wo er zu seiner Frau sagte: «Ein Glück nur für dich, dass ich eine noch dümmere Frau gefunden habe.»
Darauf zeigte er ihr das viele Geld, und sie konnten nun zusammen glücklich leben, ohne so viel arbeiten zu müssen.
Märchen erzählt in Rovio von Riccardo Galli, 1924
Quelle: Walter Keller, Tessiner Sagen und Volksmärchen
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.