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Bevor Sie den Text lesen, sollten Sie sich dieses 1972 gedrehte Video anschauen:
Der Mann im Bild ist der kanadische Arzt Ken Money, dessen Interesse am Gleichgewichtssinn ihm später einen Platz in der ersten Gruppe kanadischer Astronauten sichern sollte (im All war er allerdings nie).
Damals interessierte sich Money für die Navigation der Brieftauben. Er wollte untersuchen, ob die Vögel ihr Gleichgewichtsorgan benutzten, um festzustellen, in welche Richtung und wie weit sie geflogen waren. Dabei fiel ihm zum ersten Mal auf, dass Tauben – wie Eulen – ihren Kopf stillhielten, wenn er ihre Körper bewegte. Der Grund war offenbar, dass sie auf diese Weise ihren Blick stabilisierten. Was immer sie sich anschauten, würde so auf der Netzhaut kein verschmiertes Bild erzeugen. Doch das kam Money seltsam vor. «Ich fragte mich, warum die Tauben nicht einfach ihren Augapfel rotierten, so wie es Säugetiere und Fische machen.»
Tatsächlich können auch wir problemlos etwas im Blick behalten, während wir unseren Kopf bewegen. Die Augen positionieren sich ganz von selbst so, dass das Objekt, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken, im Fokus bleibt. Vielleicht, vermutete Money, kann die Taube das nicht, weil ihre Augenöffnungen so klein sind, dass jede Rotation die Pupillen unter die Augenlider schiebt. Ein Vogel mit grösseren Augenöffnungen musste her.
Money erhielt die Eulen für seine Experimente von einem Bauern, der sie gefangen hatte, weil sie seine Ziegen rissen. Zuerst wollten die Tiere nichts essen. Money hatte gelesen, dass sie Hühnerflügel mögen, doch die Eulen rührten die Fleischstücke nicht an. Auch eine tote Ratte verschmähten sie, erst bei einer lebendigen griffen sie zu. Die Experimente, von denen der eingangs erwähnte Film stammt, zeigten, dass Money «komplett falsch» lag, wie er selbst sagt. Auch die Eulen hielten ihren Kopf stabil.
Den tieferen Grund dafür erfuhr der Forscher, als er sich mit der Anatomie des Vogelauges beschäftigte. Die Augäpfel der meisten Vögel sind nicht rund. Jene der Eule sind zum Beispiel röhrenförmig, was den Vorteil hat, dass die Linse im Vergleich zu den Abmessungen des ganzen Auges sehr gross ist und somit viel Licht aufnimmt. Der Nachteil ist aber, dass solche Augen nicht in der Augenhöhle rotieren können und die Vögel die Bewegungen ihres Körpers deshalb mit dem Hals ausgleichen müssen.
Nach den Eulen erhielt Money einen jungen Strauss, bei dem er keine Kompensationsbewegungen sah. Wie schon eine der Eulen wollte er auch den Strauss opfern, um sein Gleichgewichtsorgan zu untersuchen. «Aber meine kleine Tochter liess das nicht zu», erinnert sich Money, «also gaben wir ihn einem lokalen Zoo.»
Money publizierte seine Beobachtungen in der Fachzeitschrift «Comparative Biochemistry and Physiology», und die erstaunliche Fähigkeit der Kopfstabilisierung von Vögeln wäre wohl eine Fussnote in Zoologiebüchern geblieben, wären 36 Jahre später nicht Videos auf Youtube aufgetaucht, in denen dasselbe Phänomen an Hühnern demonstriert wurde.
Der 58 Sekunden kurze Clip zum Beispiel, in dem zwei russische Teenager ein Huhn schaukeln, inspirierte gleich zwei Werbeagenturen, den Effekt für Spots zu brauchen:Die Agentur Jung von Matt engagierte 14 Hühner des Filmtierhofs Elsässer in der Nähe von Hamburg, um einen Werbefilm für das «Magic Body Control»-System von Mercedes zu drehen, das Bodenunebenheiten ausgleicht:Die Agentur Ogilvy lieh sich 5 Hühner von einem Kinderbauernhof aus, für einen Spot über die Bildstabilisierung der Fuji-Kameras:
Auf die Idee, ein Huhn als Bildstabilisierung bei Videoaufnahmen zu verwenden, kam ein amerikanischer Witzbold schon 2008. Er befestigte eine Minikamera am Kamm eines Huhns und fuhr mit ihm auf einer holprigen Strasse. Die Resultate, die man sich auf Youtube anschauen kann, sind gar nicht übel, wenn man vom offensichtlichen Problem absieht, dass sich die Blickrichtung des Huhns nicht steuern lässt:
Angeregt durch diese Clips, drehte der Handyhersteller LG wiederum einen Spot für eine fiktive, speziell zur Befestigung an einem Hühnerkopf entwickelte Kamera. Ihr Name: Galluscam:
Jaguar machte sich flugs mit einem eigenen Clip über die Mercedes-Werbung lustig:Ach ja, mit Katzen geht das übrigens auch: