Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03191.jsonl.gz/1335

Zum Gedenken an Rita Wolfensberger(1928-2020)
Rita Wolfensberger, geboren am 28. Mai 1928, ist am 22. Februar dieses Jahres von ihren Altersbeschwerden,zu denen leider auch eine Demenz gehörte, erlöst wor-den. In unserer Erinnerung lebt sie weiter.
Bernhard Billeter — Am Konservatorium Winterthur wurde sie zur Pianistin ausgebildet (Lehrdiplom). An der Pariser Ecole Normale de Musique erwarb sie das «diplôme de virtuosité». Hinzu kamen Meisterkurse bei Alfred Cortot, Guido Agosti sowie Weiterbildung im Cembalospiel. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gab sie Konzerte in den meisten westeuropäischen Ländern. Weit über ihre Heimatstadt Schaffhausen hinaus wurde sie bekannt durch das Klaviertrio MOTAWO (mit Marlis Moser und Klára Tanner-Egyedi). Bei Jecklin spielten sie eine Langspielplatte (Folklore im Klaviertrio) ein mit Werken von Frank Martin, Hans Gal und Joaquin Turina, von Martin das knifflige, jedoch lohnende Trio über irländische Volkslieder (1925).
Später zog sich Rita Wolfensberger aus dem Konzertleben zurück. Ihr beruflicher Schwerpunkt wurde Musikjournalismus. Ihre Konzertbesprechungen spiegelten eine grundgütige Haltung: Lieber lobte sie das, was musikalisch gelungen war und ging zurückhaltend über technisch Misslungenes, zum Beispiel unsaubere Intonation auf Melodieinstrumenten, schonend hinweg. Neue Kompositionen beurteilte sie sachkundig im gleichen Geist wie die Interpretationen. Nur ein Beispiel: Norbert Moret – ein bescheidener Chorleiter aus dem fribourgischen Üechtland – nahm ein sehr spätes Kompositionsstudium in Paris bei René Leibowitz auf. Dazu studierte er Werke des wie Moret tiefgläubigen Olivier Messiaen. Er blieb unbekannt und komponierte avantgardistisch. Dabei verarbeitete er naturnahe frühkindliche Erlebnisse, bis Paul Sacher ihn Mitte der siebziger Jahre entdeckte, aufführte und durch Kompositionsaufträge förderte. Das Treffendste, was je über Moret geschrieben worden ist, stammt meiner Meinung nach aus der Feder von Rita Wolfensberger.
Im SMPV gehörte Rita schon während der Präsidentschaft von Werner Bloch und dann von Roman Widmer dem Zentralvorstand als Aktuarin an. In der bis 1983 vom Verlag Hug, dem Schweizerischen Tonkünstlerverein und dem SMPV gemeinsam herausgegebenen Schweizerischen Musikzeitung, redigiert von Jürg Stenzl, gehörte Rita einer Arbeitsgruppe an, die sich – leider vergeblich – bemühte, den musikpädagogischen Anliegen mehr Raum zu gewähren. Rita war die ideale Prüfungsleiterin bei den musik-theoretischen, pädagogischen und praktischen Prüfungen des SMPV. Sie verstand es, eine beruhigende Atmosphäre zu verbreiten, die den Kandidierenden half, Prüfungsangst und Lampenfieber zu überwinden.