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Vier Forscher aus England, Frankreich, Deutschland und den USA haben den renommierten Balzan-Preis erhalten. Die mit je einer Mio. Franken dotierte Auszeichnung wurde von Justiz- und Polizeiministerin Ruth Metzler überreicht.
Der Balzan-Preis wird jährlich für hervorragende wissenschaftliche und kulturelle Leistungen vergeben.
Unter den Preisträgern ist der 86-jährige britische Historiker Eric Hobsbawm, der für seine Analyse der wechselhaften Geschichte Europas im 20. Jahrhundert geehrt wurde. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er an der Preisverleihung nicht teilnehmen.
Weitere Gewinner sind der in Paris lebende Begründer und Modernisierer der europäischen Sozialpsychologie, Serge Moscovici, der deutsche Physiker Reinhard Genzel, und der in den USA tätige Fachmann für Evolutionsgenetik, Wen-Hsiung Li.
In ihrer Rede im Bundeshaus wies Bundesrätin Ruth Metzler auf die Parallelen zwischen der Wissenschaft und der Politik hin: "Wissenschaft ist wie Politik - sowohl Wissen als auch Macht." Sie betonte die Wichtigkeit, der Wissenschaft finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. "Damit die Vielfalt und die akademische Freiheit erhalten und unsinnige Rationalisierungen vermieden werden können."
Die Balzan Stiftung mit Sitz in Paris und Mailand entstand aus dem Legat von Eugenio Balzan (1874 – 1953), einem italienischen Journalisten, der 1933 vor dem Faschismus in Italien in die Schweiz floh.
Preisgeld
Nach geltender Regel muss die Hälfte des Preisgeldes in die Nachwuchs-Förderung und für Forschungszwecke investiert werden. Der Historiker Eric Hobsbawm erklärte telefonisch, was er mit dem Preisgeld zu tun gedenkt:
"Geplant ist ein dreijähriges Forschungs-Projekt über die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg", erläutert der Historiker. "Darüber, wie das gewöhnliche Alltagsleben sich auf dem europäischen Kontinent nach einer Periode der totalen Zerstörung wieder normalisierte. Dieser Themenentscheid ist logisch für Hobsbawm, zu dessen jüngsten akademischen Werken "The Age of Extremes 1914 – 1991" zählt. Es gilt als eine der brilliantesten Analysen der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Kommunismus
Eric Hobsbawm, Sohn einer österreichischen Mutter und eines englischen Vaters, widmete praktisch seine ganze Karriere dem Studium der europäischen Geschichte. Während vieler Jahre sympathisierte er leidenschaftlich mit dem Kommunismus – ein Thema, das sein Publikum in Bern brennend interessierte.
"Ja, ich war über lange Zeit kommunistisch eingestellt", sagte Hobsbawm. "Und ich bereue es nicht. Sie müssen daran denken, dass die Dinge für meine Generation ganz anders lagen."
Hobsbawm wurde auch gefragt, wie er den Umstand bewerte, dass die Vereinigten Staaten nun einzige Supermacht der Welt sei. "Mir scheint, dass Amerika nicht stark genug ist für diesen Status", sagte er. "Und ich vermute, dass die USA in den nächsten paar Jahren wirtschaftlich schwächer werden - und möglicherweise auch politisch und kulturell."
Hobsbawm fügte bei, dass die amerikanische Intervention in Irak die ohnehin schon sehr schwierige Lage im Nahen Osten weiter komplizert habe. "Ich bin überzeugt, dass es absolut sinnlos ist, eine bestimmte Art von Demokratie in ein Land exportieren zu wollen, das völlig anders ist.
Der britische Wissenschafter betonte, dass er in seinem Buch "The Age of Revolution" die aktuellen Geschehnisse in Irak einigermassen realistisch darstelle. "Ich schrieb, dass es für eine reiche und militärisch mächtige Nation nicht schwierig sei, irgendwo auf der Welt jeden x-beliebigen Krieg zu gewinnen", erklärte er.
"Das wirkliche Problem entsteht danach, nach gewonnener Schlacht – wie geht es jetzt weiter? Die zivile Bevölkerung ist nicht länger bereit, fremde Einmärsche und fremde Regimes zu akzeptieren, wie dies im 19. und 20. Jahrhundert der Fall war. Das ist momentan eine der neuen Erkenntnisse."
Schweizer Neutralität
Hobsbawm lobte die Schweiz für ihre Neutralitätspolitik, die dem Land einen besonderen Status verleihe. "Die Schweiz ... ist ein Hort, wenn Sie wollen, der Vernunft und Stabilität in der Welt. Und vom Standpunkt der Welt aus ist dies ein enormer Wert.
"Ich gebe zu, dass es zum Beispiel sehr schwierig war, im Zweiten Weltkrieg neutral zu bleiben, und völlige Neutralität war zweifellos unmöglich. Und doch hat die Schweiz ihre Neutralität aufrechterhalten und ist damit vielleicht das noch einzige Land in Europa."
"Ich bin überzeugt, dass es für jedes Land falsch ist, die Neutralität über Bord zu werfen und und sich internationalen Interventionen anzuschliessen", sagte er weiter.
Ewiger Optimist
Trotz seiner klaren Besorgnis über die gegenwärtige Weltlage und des gründlichen Studiums der Gewalt und der massiven Umwälzungen des 20.Jahrhunderts, bleibt Hobsbawm zuversichtlich was die Menschheit betrifft.
"Ich denke wir müssen den Idealen der Aufklärung verpflichtet bleiben", sagte er. Dem Glauben an den angeborenen Menschenverstand, und der Möglichkeit, diesen weiter zu entwickeln. Das Konzept, dass wir die Welt systematisch und rational verbessern können, hat schliesslich seinen Ursprung in diesem Ideal. Das gilt auch für alle fortschrittlichen politischen Utopien – Sozialismus, Liberalismus und sogar Kommunismus."
swissinfo, Imogen Foulkes
(Übertragung aus dem Englischen: Monika Lüthi)
In Kürze
Die Balzan-Stiftung hat internationalen Charakter und verwirklicht ihr Ziel über zwei Stiftungen, die eine mit schweizerischer und die andere mit italienischer Rechtspersönlichkeit.
Zweck der Stiftung ist es, in der ganzen Welt die Wissenschaften und besonders verdienstvolle humanitäre Leistungen - ohne Ansehen von Nationalität, Rasse und Religions-Zugehörigkeit - zu fördern.
Die Stiftung verleiht alljährlich vier Preise zugunsten der folgenden Kategorien: a) Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Kunst; b) Physik, Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin.
Die Preissumme beträgt je eine Million Schweizer Franken.