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Kapitel 2
Das Wasser prasselte belebend auf ihren Kopf, rann über ihr Gesicht, das sie ihm mit leicht geöffnetem Mund entgegenhielt, und sprudelte energisch über Schultern, Brüste, Bauch und Beine. Es schmeckte nach Chlor, aber das war nun einmal so in großen Städten, zu Hause in Berlin nicht, aber dafür in New York, Boston oder San Francisco, und hier in London auch. Immerhin bereiteten sie den Kaffee nicht mit gechlortem Wasser zu, nicht hier im Méridien am Piccadilly, nur einen Steinwurf entfernt vom Piccadilly Circus.
Das Méridien war ein Fünfsternehotel mit einer großzügigen Bade- und Saunalandschaft, einem recht ordentlichen Schwimmbad und einem Fitnessraum, in dem Jane gerade eine Stunde trainiert hatte. Jetzt freute sie sich auf das Frühstück. Sie hatte noch viel Zeit, bevor sie losmusste. Es war der Tag der Urteilsverkündung über Frederick McKinnock, den Mann, den sie denErlöser nannten.
Der Erlöser – niemand wusste, wer ihn zuerst so genannt hatte, die Presse, der Volksmund, er sich selbst? – war wegen Mordes in siebenunddreißig Fällen angeklagt, allesamt an schwerkranken, meist alten Menschen, die todgeweiht waren und sich nur noch von Tag zu Tag, von Minute zu Minute ihrem Ende entgegen quälten. Er hatte die unterschiedlichsten Methoden angewandt, um diese Menschen von ihren Qualen zu erlösen, wie er es selbst nannte. Es sei ihm nicht um Euthanasie gegangen, er habe nicht »unwertes Leben« beseitigen wollen, er habe nur an die Menschen gedacht. Er habe gesehen, wie sie den Tod herbeisehnten, und habe es nicht mehr mit ansehen können. So umstritten und heftig diskutiert seine Taten auch waren – dass es ihm nicht um Eigennutz oder persönliche Bereicherung gegangen war, schien niemand zu bestreiten.
Jane war während des drei Monate dauernden Prozesses einige Male in London gewesen, hatte mit Kollegen, Anwälten, Ärzten oder Leuten auf der Straße gesprochen und versucht, etwas von der erregten Stimmung und der hitzigen Diskussion über Sterbehilfe, Euthanasie, Apparatemedizin, lebensverlängernde Maßnahmen, humanes Sterben und so weiter nach Deutschland zu berichten, wo die Taten des Erlösers eine noch heftigere Debatte ausgelöst hatten als in England, weil in Deutschland die Erinnerung an die Euthanasieprogramme der Nazis immer noch lebendig war. Das hatte man auch an dem harten Urteil gegen den Krankenpfleger von Sonthofen gesehen, der an die dreißig Patienten getötet hatte, aus Mitleid und Überforderung, wie es hieß. Eine Kollegin, die Jane eigentlich sehr schätzte, hatte damals geschrieben, der Fehler läge darin, dass ein ungeschulter und schlecht bezahlter Pfleger mit solchen Fällen betraut gewesen sei, der Mann sei überfordert gewesen, ihm hätte es an Professionalität gefehlt. Aber was hieß Professionalität? Ein Arzt war in dem Prozess als Zeuge aufgetreten und hatte zu Protokoll gegeben, seine auf 47 Kilo abgemagerte Krebspatientin hätte mit künstlicher Ernährung durchaus noch eine oder sogar zwei Wochen am Leben gehalten werden können. War das Professionalität?
Jane schob den Hebel des Wasserhahns zurück, verließ die Duschkabine und trocknete sich mit dem flauschigen weißen Handtuch ab. Es war kurz vor acht. Die Urteilsverkündung war für 10.30 Uhr angesetzt. Von hier bis zum Old Bailey brauchte das Taxi kaum mehr als eine Viertelstunde. Sie hatte also unendlich viel Zeit für das grandiose Frühstück, auf das sie sich schon freute, und auch dafür, ihre Aufzeichnungen noch mal durchzugehen, damit sie alles im Kopf hatte, wenn sie sich gleich nach dem Urteilsspruch ans Notebook setzen und ihren Artikel schreiben würde.
Sie begann, ihre Haare zu föhnen, und überlegte dabei, ob sie Troller anrufen und ihn fragen sollte, ob er mit seinem Artikel über den Quantencomputer rechtzeitig fertig geworden war. Aber natürlich war er fertig geworden, sie kannte ihn gut genug. Es war nur möglich, dass er unzufrieden war. Das war sogar wahrscheinlich. Er war fast immer unzufrieden und glaubte, dass er es noch besser hätte machen können. Er gehörte nun einmal nicht zu den Kollegen, die jeden Satz, den sie geschrieben hatten, selbstverliebt bejubelten. Das waren ohne Zweifel die glücklicheren Naturen als die bis ins Pedantische hinein selbstkritischen, und das Gemeine daran war: Man konnte sich nicht einmal damit trösten, dass sie schlechtere Journalisten waren. Es war weder ein Zeichen von guter noch von schlechter Qualität, wenn jemand mit sich sel