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Über Jahrhunderte benutzten Hirten das Alphorn als Kommunikationsmittel. Das Traditionshorn ist noch immer im Trend, auch bei Jungen. So spielt der 25-jährige Alphornstar Eliana Burki, die meist Jeans und nicht Tracht trägt, seit sie fünf ist.
Tägliches Üben brachte sie so weit, dass sie den üblichen Vorrat von 12 Tönen erweitern konnte und das Alphorn auch für Blues-Funk-Jazz einsetzte, was den Puristen gar keine Freude bereitete. Ihr Erfolg brachte ihr einen Plattenvertrag und die Gelegenheit, mit David Richards, dem Produzenten von David Bowie zusammen zu arbeiten.
"Man kann es mit den Punks der 1970er-Jahre vergleichen. So fühle ich mich", sagt Eliana Burki gegenüber swissinfo. "Das Instrument ist schwierig zu spielen und ich musste 20 Jahre lang üben, um diese Virtuosität zu erreichen. Ich bringe es bis an die Grenzen, aber es gibt noch viele weitere Grenzen, die auf mich warten."
Burki ist nur eine aus der neuen Garde von Alphornspielern, die mit dem Musikinstrument experimentieren und versuchen, dessen Sinn und Zweck nicht alleine im Symbol für die Schweiz zu sehen.
Die ersten zaghaften Innovationen begannen vor 40 Jahren, als Schweizer Musiker wie der Jazzer Hans Kennel anfingen, das musikalische Potential des Alphorns zu erforschen, indem sie es mit anderen Instrumenten kombinierten. Oder Hans-Jürg Sommer, der bahnbrechende Kompositionen entwickelte, die später zum Standard wurden.
Touristenattraktion
"Damals galt das Alphorn nicht gerade als interessantes Instrument. Es war vielmehr ein Symbol", sagt Stefan Schwietert, ein Schweizer Filmemacher, der 2003 im Dokumentarfilm "Das Alphorn" die Bewegung aufzeigte.
Die Volkskultur der Schweizer Nachkriegszeit habe gelitten, als Europa sich der einflussreichen "Amerikanisierung" der Kultur beugte. Entweder sei traditionelle Musik strikt konserviert oder dann in Fernseh-Shows sentimental gestaltet worden. So hätten viele Künstler die Beziehung zu ihren Wurzeln verloren.
"In der Schweiz gab es schliesslich eine Generation, welche diese riesige Wand, die aufgebaut worden war, überschritt und wieder entdeckte, dass in der alpinen Musik sehr starke und gewaltige Traditionen bestanden. Zum Beispiel grosse Spontanität in Gesang und Improvisation", erklärt Schwietert weiter.
"Dies wiederzuentdecken war etwas, woran die jüngere Generation anknüpfen konnte. Deshalb fing es in den 1979er-Jahren langsam an und entwickelte sich mit der Zeit zu einer Bewegung, in der zahlreiche Musiker begannen, sich mit dieser Musik auseinanderzusetzen, sie aufzugreifen und für ihre eigene künstlerische Identität zu nutzen."
Strenge Regeln
Der Musikwissenschafter Joseph Fétis bezeichnete das Alphorn 1827 als schweizerisches Nationalinstrument, nachdem es über Jahrhunderte hinweg von Hirten gebraucht worden war. Mit der Zeit verschwand es fast aus dem Alltag und wurde vor allem als Touristenattraktion gesehen.
Erst mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbandes 1910 fand das Alphorn zurück ins gesellschaftliche Leben der Schweizer. Seit 1921 organisiert der Verband Alphornblas-Kurse und veröffentlicht traditionelle Melodien und Neukompositionen.
Auch wenn jeder dem Verband beitreten kann, herrschen doch strenge Regeln für Musiker, die an Wettkämpfen auftreten wollen. So muss ein Dresscode befolgt werden, und Teilnehmer dürfen sich nicht zu weit von volkstümlichen Alphorn-Kompositionen entfernen.
Zwei Lager
Willi Michel, ein Alphornspieler und Jodler aus dem Lauterbrunnental im Berner Oberland, versucht, beide Lager zu kombinieren.
Er spielt das Instrument, seit er 13 Jahre alt ist, und begann, selber Alphörner herzustellen. Die Form eines speziellen Holzstückes inspirierte ihn, ein viereckiges Alphorn zu bauen, um herauszufinden, wie es tönen würde. Zu seiner grossen Überraschung war der Klang derselbe wie bei einem runden Instrument.
Michel nahm das Endprodukt - mittlerweilen schwarz-weiss bemalt statt des üblichen Holzfurniers - mit an einen Wettbewerb und brachte es im inoffiziellen zweiten Teil auf die Bühne, was dem Vorsitzenden der lokalen Folklore-Gesellschaft gar nicht passte.
"Er rief mich an und sagte, ich solle dieses Alphorn besser wegtun. Das sei nicht die traditionelle Art. Das gefalle ihm nicht", sagt Michel.
Die Neuigkeit über sein ungewöhnliches Alphorn hatte sich jedoch herumgesprochen und er wurde an eine Musikveranstaltung am Fernsehen eingeladen. Sein Auftritt brachte das Fass zum Überlaufen: Der Eidgenössische Jodlerverband legte ihm nahe, seine Mitgliedschaft zu kündigen.
"Ich sagte: 'Das ist ok und ein guter Grund, aus dem Verband auszutreten. Ich will ihm keinen Schaden zufügen'. Ich bin ein Traditionalist, aber auch offen für andere Einflüsse", erklärt Michel.
"Das Alphorn birgt noch grosses experimentelles Potential in sich. Änderungen soll es geben, wenn sie mit der Tradition in Verbindung stehen. Dem Verband gefällt das natürlich nicht, aber sie müssen mitziehen."
Veränderung in der Luft
Laut Antje Burri vom Eidgenössischen Jodlerverband sind Änderungen in Sicht. So sind für 2010, wenn der Verband 100 jährig wird, ein neues Logo sowie ein Prospekt geplant, um neue Mitglieder anzuziehen und sie über Traditionen wie Alphornblasen und Fahnenschwingen zu informieren.
"Es gibt Leute, die sich für Tradition interessieren. Es ist eine gute Sache, ein grossartiges Symbol für die Schweiz", sagt Burri gegenüber swissinfo.
"Der Verband ist da, um Ideen zu sammeln, um Traditionen zu unterstützen und für die Zukunft aufrecht zu erhalten. Wir sind aber nicht in isoliert. Die Leute können auch in der modernen Musik mitmachen. Es ist persönlicher Entscheid.
swissinfo, Jessica Dacey
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)
Ein historisches Instrument
Das Alphorn wurde zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert zu verschiedenen Zwecken benutzt. Es diente den Sennen insbesondere als Kommunikationsmittel. Die Hirten nutzten es aber auch, um die Kühe von der Weide in den Stall zu rufen, wenn es Zeit fürs Melken war. Das Alphorn wurde vor allem in reformierten Regionen auch zum Abendgebet gespielt.
Nach 1800 wurde das Alphorn immer seltener und verschwand fast vollständig aus dem alltäglichen Gebrauch der Hirten. Am ersten Hirtenfest auf der Unspunnen-Wiese in der Nähe von Interlaken, welches das Wiederbeleben der Alphornmusik zum Ziel hatte, erschienen im Jahr 1800 nur zwei Alphornbläser, und am Unspunnenfest von 1808 nur ein einziger.
Mit den Jahren wurde es zu einem Symbol für die Schweiz und zu einer Touristenattraktion. 1827 bezeichnete der Musikwissenschafter Joseph Fétis das Alphorn als "Schweizerisches Nationalinstrument".
1910 wurde der Eidgenössische Jodlerverband gegründet.
Nach 1968 kamen Komponisten klassischer Musik häufiger in Kontakt mit traditionellen Instrumenten. 1972 fand das erste Konzert für Alphorn und Symphonieorchester statt, arrangiert von Jean Daetwyler. Es folgten Jam-Sessions zwischen Jazzbands und Volksmusikern.
Anfang der 1970er- Jahre liess der Jodlerverband auch das mehrstimmige Alphornspiel sowie weibliche Anwärter an Alphornbläser-Wettbewerben zu.