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Tinguelys Favorites: Yves Klein10. November 1999 – 9. April 2000
1952 kam Jean Tinguely 27jährig von Basel nach Paris. Dort lernte er 1955 den um drei Jahre jüngeren Yves Klein kennen. Beide erprobten neue künstlerische Ausdrucksformen, der eine mit Hilfe der Assemblage und der Bewegung, der andere mit den Mitteln der Malerei. Klein erlangte besonders mit monochromen blauen Bildern schon bald grosse Aufmerksamkeit und internationale Anerkennung. Beide rückten Ende der Fünfzigerjahre mit ihren Werkschöpfungen, mit den gemeinsamen Projekten, Collaborationen und Aktionen ins Rampenlicht des zeitgenössischen Kunstgeschehens.
Die Ausstellung Tinguely’s Favorites: Yves Klein vergegenwärtigt das herausragende, pionierhafte Werk Yves Kleins (1928 -1962) und stellt zugleich die kurze aber intensive Künstlerfreundschaft vor, die bis zum frühen Tod Yves Kleins im Jahre 1962 andauerte.
Kleins Anfänge sind in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu finden – einer Zeit des Neubeginns, auch in den Künsten. Viele Künstler der Generation von Klein und Tinguely suchten in diesen Jahren nach einer eigenen Sprache, die die Vorherrschaft der gestischen Abstraktion beenden sollte, welche zunehmend als selbstbezogen und akademisch empfunden wurde.
Ausgehend von seiner intensiven Beschäftigung mit der ostasiatischen Kultur sowie mit der synkretistischen und esoterischen Lehre des Rosenkreuzertums entwickelte Klein seine monochrome Malerei als “Idee einer absoluten Einheit in perfekter Ruhe” (Klein 1955).
1956/57 entdeckte Yves Klein ein synthetisches Bindemittel, das ihm ermöglichte, die Leuchtkraft des reinen Pigments zu bewahren. Er entschied sich für den intensiven und in seiner Bedeutung höchst vieldeutigen Ton des Ultramarin als ausschliessliche Farbe seiner Gemälde und Skulpturen. Dieses industriell gefertigte ultramarinblaue Pigment wurde fortan zu seinem Marken- und Erkennungszeichen unter der Bezeichnung IKB International Klein Blue. Dadurch führte Klein die Malerei über die gestische Abstraktion der Fünfzigerjahre hinaus und machte sie zum Medium gänzlich neuer Erfahrungen.
Klein wandte sich in der Folge immer mehr vom herkömmlichen Tafelbild ab und stattdessen anonymen und gleichzeitig unmittelbareren Formen der Bildproduktion zu: Die Anthropometrien, Kosmogonien und Feuerbilder tragen die Spur einer malerischen Aktion, bei der der Künstler kaum mehr Hand anlegt, sondern höchstens die Vorbereitungen trifft oder als Regisseur der Bildwerdung auftritt. Durch diese Konsequenz seines Wirkens wurde Klein für Tinguely und für viele andere Künstler und Künstlerinnen Inspirator und Motor. So war Tinguely tief beeindruckt von Kleins Wagnis, 1958 in den weissgestrichenen, leeren Räumen der Galerie von Iris Clert in Paris “Le Vide” als Ausstellung zu präsentieren.
Klein scheute den Einsatz moderner Kommunikationsmittel wie Film, Fernsehen, Auftritte an der Sorbonne oder als Judokämpfer nicht, um sich selbst zum Kunstwerk zu stilisieren. Auch Tinguely begann mit Aktionen an die Öffentlichkeit zu treten und untermauerte 1959 sein Tun mit dem Manifest Für Statik. Sowohl Klein und Tinguely meldeten ihre Erfindungen – das IKB und die Zeichenmaschinen – in Frankreich auf dem Patentamt an.
Die Ausstellung schenkt den bislang wenig beachteten Collaborationen zwischen Klein und Tinguely aus den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren besondere Aufmerksamkeit. Diese Arbeiten, in denen beider künstlerische Prinzipien ¬der Monochromie und der Bewegung zusammengeführt werden, zeugen vom intensiven Interesse Kleins wie Tinguelys am Phänomen der Immaterialität und verweisen auf das gemeinsame Ziel, bestehende Vorstellungen über die künstlerische Praxis zu revolutionieren. So werden nebst den zentralen Werkgruppen wie den Monochromen Vorschlägen, den IKBs, den Monogolds (nur mit Blattgold ausgeführte Bilder) auch Manifeste, Aktionen und nicht realisierte Projekte für Maschinen und Architekturen dokumentiert, die aus den Elementarenergien Feuer, Wasser und Luft bestehen.
Harald Szeemann hat nach seinen Worten “für die Ausstellung, die im grossen Saal aufgebaut ist, ... eine spezielle, temporäre Architektur entwickelt, die das Fluten des grossen Raumes nicht unterbricht, sondern in Zellen die intensive Begegnung mit den Werken fördert, also Nähe und Fernsicht erlaubt.”
Kleins Einmaligkeit hat auch nach dessen frühen Tod Tinguely immer wieder beschäftigt. 1967 notiert er manifestartig:
“Yves Klein der Monochrome ist ein superber Angreifer, ein Meteor, ein Pulverisator des Gegebenen, ein wunderbarer Megalomane, der beste mir bekannte Provokateur, ein grosser Erfinder, logisch und absurd, effizient und menschlich, ein guter Maler, ein grosser Bildhauer”.
Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit unseres Museums mit dem Yves Klein Archiv Rotraut Klein-Moquay und Harald Szeemann.
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag 11-19 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen
24. und 25. Dezember sowie 1. Januar geschlossen
26. bis 30. Dezember 11-19 Uhr; 31. Dezember 11-17 Uhr
Eintrittspreise
Erwachsene SFr. 7.-, Schüler, Studenten, Lehrlinge, AHV, IV SFr. 5.-, Kinder bis 16 Jahre gratis, angemeldete Schulklassen gratis, Gruppen ab 20 Personen SFr. 5.-
Vorträge
Jeweils Donnerstag 19 Uhr, freier Eintritt, im Vortragssal des Museums
3. Februar 2000: Hannah Weitemeier, Berlin: “Blau oder die andere Seite des Himmels”
10. Februar 2000: Julian Heynen, Krefeld: “Das blaue Wunder des Yves Klein. Vision und Museum: Die Ausstellung ‚Monochrome und Feuer‘ 1961 im Museum Haus Lange in Krefeld”
17. Februar 2000: Pierre Descargues, Paris: ”Yves Klein, comme s’il n‘était pas mort” (en français; en collaboration avec l’Alliance Française de Bâle)
24. Febraur 2000: Heinz Stahlhut, Basel: “Die Collaborationen zwischen Yves Klein und Jean Tinguely”
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildeter Katalog (172 Seiten) in Deutsch mit englischer Übersetzung, mit Texten von Harald Szeemann, Thomas McEvilley, Pierre Restany, Heinz Mack und Heinz Stahlhut, mit einer ausführlichen Chronologie, Werkkommentaren sowie einzelnen unveröffentlichten Texten von Yves Klein und Jean Tinguely.
Preis: ca. SFr. 50.-.
Biographie Yves Klein
1928
geboren am 28. Mai in Nizza als Sohn der Malerin und des Malers Marie Raymond und Fred Klein.
1946
Juni Klein verfehlt die Aufnahme in die Akademie der Handelsmarine. Erste Beschäftigung mit Malerei.
1947
Judo-Kurse am Polizei-Hauptquartier in Nizza und Freundschaft mit dem späteren Dichter Claude Pascal
(*1926) und dem Künstler Armand Fernandez (Arman, *1928).
Ab Ende 1947/ Anfang 1948 Beginn der Lektüre von Max Heindels KOSMOGONIE DER ROSENKREUZER.
1948
September Italienreise mit Claude Pascal und Arman.
1949
Oktober Arbeit an der SYMPHONIE MONOTON als Äquivalent zur Monochromie in der Malerei. Ab November arbeitet Klein bei einem Rahmenmacher und Vergolder in London und stellt kleine Monochrome her.
1951
Februar-Juni Klein gibt in Madrid Kurse in Französisch und Judo. In seinem Tagebuch Gedanken über die Präsentation von Monochromen mit Musikbegleitung.
1952-Anfang 1954
23. September Japanaufenthalt: Lehrer am Franco-Japanischen Institut und Fortsetzung der Judo-Studien in Tokio. Diplom des Kôdôkan Instituts und Grad des vierten dan. Privatausstellung von kleinformatigen Monochromen.
1954
Februar Da sein japanisches Judo-Diplom in Paris nicht anerkannt wird, ab Mai Direktor des spanischen Judo-Verbandes in Madrid; dort auch Ausstellung mit Monochromen. Ausstellung und Veröffentlichung von YVES PEINTURES und HAGUENAULT PEINTURES.
November Kleins Buch LES FONDAMENTS DU JUDO erscheint bei Bernard Grasset, Paris. Entstehung von LA GUERRE, ein Szenario für einen Film über die Entwicklung der Kunst.
1955
Frühjahr Arbeit an der Entwicklung einer neuartigen Malfarbe mit der Architektin Bernadette Allain.
Juli Das monochrome Gemälde EXPRESSION DE L’UNIVERS DE LA COULEUR MINE ORANGE wird von der Jury des „Salon des Réalités Nouvelles“ in Anwesenheit Jean Tinguelys abgelehnt.
September Eröffnung seiner Judo-Schule in Paris.
15. Oktober Erste öffentliche Ausstellung in den Räumen der Editions Lacoste, Club des Solitaires, Paris.
1956
21. Februar-7. März Ausstellung „Yves. Propositions monochromes”, Galerie Colette Allendy, Paris; Eröffnungsrede von Restany. Beginn seiner „Epoque bleu“ mit der ausschliesslichen Verwendung von Ultramarinblau.
11.März Einführung in den Orden des Hl. Sebastian in der Kirche St. Nicolas des Champs. Sommer Entdeckung des als IKB (International Klein Blue) bezeichneten Malmaterials.
1957
Januar-Juli Ausstellungen mit Gemälden, Skulpturen und Objekten in IKB in den Galerien Apollinaire, Mailand, Colette Allendy, Paris, Iris Clert, Paris, Alfred Schmela, Düsseldorf und Galerie One, London.
26. Juni Öffentliche Diskussion am Institute of Contemporary Art, London.
Sommer Bekanntschaft mit Rotraut Uecker, der Schwester des deutschen Künstlers Günther Uecker (1930).
1958
Ab Januar Arbeit an den Reliefs im Foyer des Musiktheaters Gelsenkirchen.
28. April Eröffnung der Ausstellung „Le Vide”, Galerie Iris Clert, Paris.
5. Juni Erste öffentliche ANTHROPOMETRIE-Aufführung in der Wohnung von Kleins Freund Robert Godet.
Ende 1958/ Anfang 1959 Projekte: Luftarchitekturen und Konzept der SCHULE DER SENSIBLITÄT mit Werner Ruhnau und Claude Parent.
1959
14. April Patente für Feuer- und Wasserfontänen, für Luftarchitektur und schwebende Aluminiumröhre.
3. und 5. Juni Vorträge Kleins und Werner Ruhnaus an der Sorbonne.
15. Juli Eröffnung der Ausstellung mit Schwammskulpturen und –reliefs bei Iris Clert, Paris.
18. November Verkauf von ZONEN MALERISCHER IMMATERIELLER SENSIBILITÄT an P. Palazzoli von der Galerie Blu, Mailand.
1960
März Entstehung der ersten KOSMOGONIEN.
9. März Vorführung der ANTHROPOMETRIES DE L’ÉPOQUE BLEUE zu den Klängen der SYMPHONIE MONOTON und Gespräch zwischen Klein und den Zuschauern in der Galerie Internationale d’Art Contemporain, Paris.
11. Oktober-13. November Erste Ausstellung in Jean Larcades Galerie Rive Droite, Paris.
19. Oktober Kleins SPRUNG IN DIE LEERE wird von dem Photographen Harry Shunk festgehalten.
18. November Eröffnung des „2ième Festival d’Avant-Garde“, Palais des Expositions, Porte de Versailles, Paris; u. a. mit der ANTHROPOMETRIE DES NOUVEAUX RÉALISTES ANT SU 11 beteiligt; Signaturen von Arman, Hains, Raysse, Restany, Tinguely und Klein werden von einem Unbekannten herausgeschnitten.
27. November Erscheinung des DIMANCHE 27 NOVEMBRE. LE JOURNAL D’UN SEUL JOUR sowie Pressekonferenz in der Galerie Rive Droite, Paris.
1961
15. Januar Vernissage der Ausstellung „Yves Klein. Monochrome und Feuer”, Museum Haus Lange, Krefeld.
Februar Entstehung erster Feuerbilder im Centre d’Essai de Gaz de France, Paris, wird im Film festgehalten.
11.-29. April Ausstellung „Yves le Monochrome”, Galerie Leo Castelli, New York, und Entstehung des CHELSEA HOTEL MANIFESTS. In dieser Zeit gravierende finanzielle Schwierigkeiten.
29. Mai-24. Juni Ausstellung „Yves Klein le Monochrome”, Dwan Gallery, Los Angeles.
18./19. Juli Entstehung von 30 weiteren Feuerbildern im Centre d’Essai de Gaz de France, Paris.
November Entstehung der ersten PLANETARISCHEN RELIEFS.
1962
21. Januar Hochzeit Kleins mit Rotraut Uecker in St. Nicolas-des-Champs in Anwesenheit von Würdenträgern des Sebastianordens.
Februar Körperabgüsse von Arman, Raysse und Pascal; die beiden letzteren bleiben unvollendet.
11. /12. Mai Am Filmfestival in Cannes ist Klein schockiert über Jacopettis Film MONDO CANE; am Abend des 12. Mai erster Herzanfall.
15. Mai weiterer Herzanfall und am 6. Juni Tod infolge des dritten Herzanfalls.