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Bedrohte Ikone
Der Umgang der französischen Behörden mit der Maison du Peuple in Clichy zeugt von geringem Verantwortungsbewusstsein. Das Meisterwerk der Vorkriegszeit ist nicht nur stark verändert worden und wird kaum mehr unterhalten; einschneidender noch ist das Projekt eines Hochhauses, das dem filigranen Bau aufgesattelt werden soll.
Die Maison du Peuple in Clichy, einem Vorort von Paris, gehört zu den Pionierwerken französischer Architektur, denen Weltrang zukommt. Auslöser für den Bau war der Wunsch der damals sozialistisch geführten Gemeinde, den Marktplatz zu überdecken. Die Architekten Eugène Beaudouin und Marcel Lods, der Ingenieur Vladimir Bodiansky und der Konstrukteur Jean Prouvé haben dort 1935 bis 1939 eine grossartige Architekturmaschine mit riesigem Festsaal und weiteren Räumen realisiert.
Ein Meisterwerk
Die Maison du Peuple beherbergt im Erdgeschoss eine Markthalle, darüber befindet sich ein Festsaal mit Bühnenraum. Die beiden darüber liegenden und den Flachbau überragenden Geschosse enthalten Büros.
Die Stahlkonstruktion bietet hohe Flexibilität. Das verglaste Dach über dem oberen Geschoss kann auf Schienen weggerollt und der Festsaal, der sich mit rund 1200 m2 über die ganze Breite des Grundrisses erstreckt, auch unter freiem Himmel genutzt werden. Der mittlere Teil des Saals lässt sich mittels einer beweglichen raumhohen, verglasten Schiebewand zu einem intimeren Raum umwandeln.
Damit nicht genug der Wandelbarkeit. Der Boden des vor allem abends genutzten Saals besteht aus 5.40 m breiten und 7.50 m langen Einzelelementen, die innert 45 Minuten demontiert und im Bühnenraum gestapelt werden konnten. Dadurch entstand eine grosse Öffnung, die, mit aufklappbaren Geländern gesichert, der Markthalle im Sommer direkt Licht und Luft zuführte. Die Galerien im Obergeschoss nahmen jene Marktstände auf, an denen keine Lebensmittel verkauft wurden.
Doch der Entwurf der Maison du Peuple ist nicht bloss unglaublich flexibel. Er nutzt auch konsequent die Möglichkeiten der Vorfabrikation und weist erstmals in Frankreich eine Vorhangfassade mit modularen Tafeln von grosser Eleganz auf. Schlanke Fensterelemente belichten den Festsaal. Wichtig sind die differenziert in den Strassenraum auskragenden Vordächer. Im Innern beeindrucken die markanten Aufgangstreppen zum lichtdurchfluteten Saal, in dem Feste gefeiert, politische Versammlungen abgehalten, aber auch Vorträge und Kinovorführungen organisiert wurden.
Zusammen mit der städtebaulichen Setzung und der stringenten architektonischen Durchbildung machen die Anwendung neuer Technologien und das Ausreizen ihrer Möglichkeiten die wegweisende Stellung und den überragenden baukulturellen Wert der Maison du Peuple aus.
Ein sorgloser Umgang
Trotz seiner weltweiten Anerkennung wurde dieser Leitbau nicht unterhalten. Im Gegenteil – im Verlauf der Zeit liess die Eigentümerin, die Gemeinde Clichy, einschneidende Eingriffe ausführen. Besonders gravierend war 1979 das Schliessen der Öffnung, mit der Markthalle und Festsaal verbunden werden konnten.
Nach jahrzehntelangem Hin und Her erhielt der Bau 1983 den Status als «Monument Historique». Als Teil einer 1995 eingeleiteten Sanierungskampagne wurde das Äussere instand gestellt, im Innern wurden die schlimmsten Schäden behoben. Fehlende finanzielle Mittel stoppten die Arbeiten allerdings 2005. Seit Jahren sind die Obergeschosse gesperrt, lediglich die Markthalle ist noch in Betrieb.
Monströser Überbau
Es wäre zu erwarten, dass der Eintrag als «Monument Historique» den Bau vor weiteren Beeinträchtigungen schützen würde. Im Rahmen einer Initiative der «Métropole du Grand Paris», des politischen Zusammenschlusses von Paris und 130 umliegenden Gemeinden, wurde 2016 vom Bürgermeister – die Gemeinde wird heute nicht mehr von den Sozialisten, sondern von den rechtsgerichteten «Républicains» regiert – eine zusätzliche Überbauung des Areals der Maison du Peuple angestrengt.
Ein privater Investor engagierte sich, und das Projekt des französischen Architekten Rudy Ricciottiwurde präsentiert. Es sieht über dem südwestlichen Teil der Maison du Peuple ein aufgeständertes Hochhaus von 96 m Höhe vor. Eine aufgelöste Fassadenstruktur aus Beton soll den Turm einkleiden, dahinter sind Wohnungen und ein Hotel vorgesehen. Im Altbau ist ein Markt der Luxusklasse, im Obergeschoss eine Aussenstation des Centre Pompidou geplant. Die für die Realisierung des Projekts nötige Änderung des Zonenplans wurde im Sommer 2018 beschlossen.
Die Maison du Peuple ist nicht unveränderbar. Wie jedes Denkmal ist sie einerseits in einer konservierenden Haltung zu restaurieren, andererseits sind jedoch auch Funktionen, die heute obsolet geworden sind, neu zu definieren. Unabdingbar ist dabei, dass sowohl die authentische Substanz als auch die ursprüngliche Erscheinung erhalten bleiben. Dies bildet die entscheidende Voraussetzung, wie sie für jedes eingetragene Baudenkmal einzuhalten ist. Ein Hochhaus über der Maison du Peuple oder in ihrer Nähe würde das Baudenkmal unwiderruflich zerstören.
Viele offene Fragen
Die Vorgänge um die Maison du Peuple werfen zahlreiche grundsätzliche Fragen auf. Der Umstand, dass ein eng mit der Bauwirtschaft verbundener Bürgermeister bereit ist, über den Wert eines eingetragenen Denkmals hinwegzugehen, ist dabei noch am ehesten nachzuvollziehen.
Es befremdet jedoch sehr, dass eine städtische Initiative wie diejenige der «Métropole du Grand Paris» den Vorschlag akzeptiert, ein eingetragenes Denkmal für die Entwicklung eines Grossprojekts zur Verfügung zu stellen. Ganz zu Beginn des Prozesses hätte hier bereits ein Veto eingelegt werden müssen.
Störend ist weiter der Umstand, dass sich ein renommierter Architekt dafür hergibt, ein anerkanntes Baudenkmal in seinem architektonischen und städtebaulichen Wert zu zerstören. Jeder, der sich in der Geschichte der jüngeren Architektur einigermassen auskennt, müsste sich aus Respekt und Anstand weigern, an dieser Stelle ein Neubauprojekt zu entwickeln.
Gänzlich unverständlich ist das Verhalten der Denkmalpflege-Verantwortlichen auf allen Stufen: des Ministeriums für Kultur, der Directions régionales des Affaires culturelles DRAC und des Präfekten als Vertreter der staatlichen Vorschriften. Sie alle hätten die Pflicht gehabt, zu einem sehr frühen Zeitpunkt entschieden Stellung zu beziehen und das Verfahren zu stoppen. Denkmalpflege ist nur glaubwürdig, wenn sie ihre Stimme frühzeitig und unmissverständlich erhebt und klar festlegt, was bei einem eingetragenen Denkmal zulässig ist, was nicht.
Zum Zeitpunkt der Redaktion dieses Artikels bleibt die Hoffnung, dass eine solche Festlegung noch eintrifft. Sie würde dem Protest von Fachleuten und -vereinigungen aus aller Welt und der vor Ort Betroffenen entsprechen.