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Es gab Zeiten, da ich enthusiastisch den Gebrauch von Bibelübertragungen empfahl. Es war vor etwa 20 Jahren, als die „Hoffnung für alle“ fertig gestellt war und in den Gemeinden weite Verbreitung fand. Ich las damals die gesamte Bibel wechselweise in den Übertragungen „Gute Nachricht“ und „Hoffnung für alle“ durch. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich für mich selbst eine solche Leseinitiative in einer kurzen Zeit (einigen Monaten) durchzog. Ich verwendete damals diese Übertragungen auch in Andachten und Predigten. Meine Argumente lauteten:
- Man findet neue Zusammenhänge und Betonungen.
- Der Text eignet sich besser zum Vorlesen, weil er flüssiger ist.
- Er ist besser verständlich, weil er näher an unserer Alltagssprache ist.
- Man kann sich unverfänglicher an neue Textgattungen wie z. B. Propheten heranwagen.
- Nicht zuletzt eignen sich die Übertragungen als erleichterten Einstieg der Kinder in die Bibel.
Zwanzig Jahre später nehme ich die Angelegenheit deutlich nuancierter wahr.
- Für den Einstieg ins Bibellesen finde ich eine Übertragung nach wie vor brauchbar.
- Ebenfalls bietet es sich an, ein Bibelbuch zügig in einer Übertragung durchzulesen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.
- Manchmal ist es aufschlussreich, exakte Übersetzungen mit den Übertragungen zu vergleichen, um einzelne Aspekte herauszuarbeiten.
In der Langzeitwirkung in Familie und Gemeinde erachte ich den ausschliesslichen Gebrauch von Bibelübertragungen als unweise. Weshalb?
- Der grösste Nachteil ist das Umformulieren von Kernbegriffen, die zur biblischen Botschaft gehören. Wer „Sünde“ in „Fehler“ umbenennt, raubt dem Begriff seine Tiefe und Bedeutsamkeit. Noch schlimmer, er passt sie an das veränderte Sündenverständnis der säkularen Umgebung an. Zentrale Begriffe der Bibel verschwinden aus dem Wortgebrauch, was fatale Verkürzung der biblischen Botschaft zur Folge haben kann. Wie sollen wichtige biblische Kategorien mit Inhalt gefüllt werden, wenn sie nicht einmal mehr mit spezifischen Begriffen benannt werden können?
- Eine Übertragung „erleichtert“ auf den ersten Blick das Lesen und Anwenden eines Bibeltextes. Doch auf den zweiten Blick verbirgt sich eine Falle: Die Übersetzer haben den Text bereits ausgelegt. Diese wichtige Arbeit bleibt dem Leser zwar erspart, doch dadurch verliert der Leser eine wichtige Fertigkeit.
- Ich habe es schon oft erlebt, dass Verkündiger den Text der Übertragung als Text nehmen und davon ausgehend eine Anwendung machen. Wenn man jedoch den biblischen Grundtext studiert, erschien diese Auslegung nicht zwingend, ja sogar oft willkürlich. Das heisst, es entsteht eine Tradition der Auslegung der Auslegung. Das begünstigt die Tendenz, Dinge in den Text hineinzulegen, die Gott gar nicht hineingelegt hat.
Es gibt meines Erachtens vier Gründe, warum auch in der Familie niemals auf eine wörtliche Übersetzung verzichtet werden sollte:
- Für Kinder ist es störend, wenn verschiedene Familienmitglieder unterschiedliche Formulierungen verwenden. Es beeinträchtigt die gemeinsame Ausgangsbasis, um über den Text nachzudenken.
- Ich beobachte, dass Bibelübertragungen eher die Tendenz fördern, ganz auf die Bibel zu verzichten. Das heisst, in Gemeinde und Familie wird nur noch nacherzählt und paraphrasiert. Die einzelnen Zuhörer nehmen die Bibel nicht mehr zur Hand, um nachzulesen.
- Es gehen viele Nuancen verloren. Man stösst sich nicht mehr an Begriffen. Parallelismen verschwinden, Wiederholungen gehen unter, Bindewörter werden nicht mehr beachtet. Gerade diese Detailarbeit macht das gemeinsame Bibelstudium interessant und weckt das Bewusstsein für die Schönheit und Tiefe des Textes.
- Fürs Auswendiglernen eignen sich wörtliche Übersetzungen viel besser. Die prägnanten Begriffe und Formulierungen prägen sich besser ein. Die Sätze sind zudem wesentlich kürzer als die unspezifischen Umschreibungen.
Wir sind ein Volk des Buches. Gott hat es für gut befunden, alles, was für ein Leben mit ihm notwendig ist, durch dieses geschriebene Wort zu offenbaren. Dabei nehme ich an Esra und Nehemia Mass, die dem gesamten Volk den gesamten Gesetzestext vorlasen. Dazu gab es Leviten, welche das Volk bei der Auslegung halfen. Ich plädiere zu einer Rückkehr zu wörtlichen Übersetzungen in Familie und Gemeinde.