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Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) spazieren für ihre Ansichten von Zug drei Punkten entlang, mit denen sie biografisch verbunden sind. Der vierte Punkt ergibt sich aus der Spiegelung der ersten zwei Etappen. RA AB versuchen möglichst nahe den in der Karte eingezeichneten Geraden zu folgen und sprechen über jene Sichten auf die Stadt, die ihre Gedanken beim Gehen provozieren.
RA AB sind beim Kunstraum am Blumenweg losgelaufen und passieren die Loretohöhe. Sie sprechen mit einem Gärtner, dessen Kollege in schwindelerregender Höhe ohne Sicherung daran ist, mit der Motorsäge einen Baum zurückzustutzen.
RA: Der Gärtner sagte uns eben, im Winter würden die Bäumen schlafen und dann hauten sie ihnen die Köpfe ab – ein toller Satz.
AB: Und er erzählte uns weiter, sein Kollege sei Schweizer Meister im Bäume Klettern. Ein entsprechender Wettbewerb finde jeweils in Holzhäusern statt. Dann meinte er noch, generell sei das Baumklettern ohne Leiter sicherer als mit, weil fallende Äste die Leiter wegschlagen und den Arbeiter darauf gefährden könnten.
Unterhalb der Loretohöhe angekommen, betrachten RA AB ein grösseres, rundum spiegelndes Gebäude, das am Wäldchenrand steht.
AB: Was sagt der Schriftzug auf diesem Gebäude – City Garden? Dieses gänzlich verspiegelte Haus kontrastiert stark mit den zerschlissenen, 30 Jahre alten Sonnenschirmen gleich vor uns.
RA: Ein Hochglanzgebäude!
AB: Hier knirscht wiederum das Stadtgefüge, untermalt durch einen laufenden Motor, der im Hintergrund läuft.
RA AB gehen kurz ins City Garden hinein und erfahren, dass es sich um ein Hotel handelt.
AB: Das Haus nennt sich also Designhotel. Das ist wiederum ein Beispiel dafür, wie weit heutzutage der Begriff Design gefasst wird. Ich werde immer skeptisch, wenn er so explizit auftaucht. Für mich ist gutes Design unsichtbar.
RA: Das ist jetzt mal ein Statement. Mich erinnert diese hypnotische Fassade auch an Narziss, der sich im Teich sieht und in diesen reinfällt, weil er sich in sein Spiegelbild verliebt. Das ist jetzt ein Detail, aber schau mal diese zylindrischen Storenkästen – auch die sind Hochglanz. Ob die wohl im Nachhinein angeschraubt wurden?
AB: Sieht fast so aus.
RA: Sie erinnern mich irgendwie an Sojus-Kapseln.
AB: An etwas Extraterrestrisches…Wenn ich die gegenüberliegenden Arbeiterhäuser anschaue, kommt mir das Hotel wie ein Raumschiff vor, der hier vor den Augen ihrer Bewohner gelandet ist.
RA AB dringen weiter ins Guthirt-Quartier vor.
AB: Nun sind wir definitiv in den 50er-Jahren angekommen. Vorhin fielen uns schräg gesetzte, kannellierte Schaufenstereinfassungen auf. Jetzt, ein paar Schritte weiter, entfaltet sich der Heimatstil in Form von geschnitzten, gewellten und ziegelbedeckten Holzfensterrahmen auf ansonsten schmucklosen Wohnblockfassaden. Diese Chaletzitate drücken die Sehnsucht nach einer ländlichen Schweiz aus, die schon damals nicht mehr existierte – zu erklären wahrscheinlich aus einem Unsicherheitsgefühl in einer sich stark industrialisierenden Nachkriegszeit.
RA: Wir haben nun immer wieder Details in der Architektur entdeckt, die mir als eine Mischung aus eigenbrötlerisch und aufgesetzt vorkommen. Dabei fand ich eigenbrötlerisch als Künstler immer eine wichtige, positive Eigenschaft, Aufgesetztes dagegen kam mir stets schlimm vor …
RA AB bleiben vor der Bahnunterführung Feldstrasse stehen und betrachten die ehemalige Orris-Speisefett-Fabrik.
AB: Hier könnte man sagen: ‚Manchester in Zug‘ …
RA: Ja, es hat so etwas von einer alten Brauerei. Was meinst du mit Manchester?
AB: Alte Industriearchitektur, die eher nach 18. als 19. Jahrhundert aussieht. Es waren im Kanton Zug ja Protestanten aus Zürich und oft auch ausländische Unternehmer, welche die ersten Fabriken gründeten, beziehungsweise die Lorze mit Kraftwerken ausbauten und damit die Inbetriebnahme von grossen Maschinen überhaupt erst ermöglichten. Und diese Fabriken mussten etwas hermachen, sie mussten zeigen, dass sie einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des Kantons leisteten. Gleichzeitig hat die Orris-Anlage auch etwas Burgartiges zu entdecken, als ob man sich verteidigen wollte gegen den tief verankerten, industriekritischen Katholizismus.
RA: Daneben fällt dieses wirklich grosse Wohngebäude auf, das wieder an real existierenden Sozialismus erinnert …
AB: Aber sich, bei aller Verwitterung, eine Spur Optimismus bewahrt hat mit diesen wunderbar schwebenden Betonpergolas als oberer Abschluss. Irgendwo sehe ich da eine verblasste Grandezza.
RA: Die so abhebt!
RA AB wandern ins Gebiet Feldhof, wo sie innerhalb einer grossen neuen Wohnüberbauung stehen bleiben.
RA: Die Geschichte vom verschwundenen Innenhof …
AB: Erzähl die mal!
RA: Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob hier mal ein Innenhof zu finden gewesen wäre, vor allem wegen dieser gigantischen Glaswand, die das Areal abschliesst. Und man erwartet dann eigentlich einen grossen Raum, aber es ist keiner da, weil alles so zugebaut und durch Sollbruchstellen gegliedert wirkt.
AB: Dazu kommen die oberen, heller gehaltenen Gebäudeteile, die sich irgendwie gegen den Himmel wegdrücken. Das lässt den Gedanken aufkommen, dass die Architekten diese Häuser gar nicht wirklich in ihrem Volumen zeigen wollten.
RA: Sie haben etwas Ephemeres, weil der Himmel auch so weiss ist.
AB: Ja, dieses Konzept funktioniert an einem Tag wie heute, mit Hochnebel, tadellos.
RA AB verlassen das Häusergeviert und spazieren ins Land um den Stampfbach hinaus.
RA: Jetzt sind wir an einem ganz anderen Ort, wir passieren gerade eine Trafostation …
AB: …es ist nass, es ist dreckig, es hat faulen Schnee, wir sehen einen einsamen Bauernhof in der Landschaft …
RA:… es hat etwas Offenes, was wir vorher gar nicht hatten.
AB: Aber es gibt auch hier Brüche, zum Beispiel zwischen diesem Bauernhof und den Starkstromleitungen, die an ihm vorbeiziehen.
RA: Interessant ist auch zu sehen, wie die hinter uns liegenden Schneefelder intensiv mit den weissen Häuptern der Siedlung korrespondieren, durch die wir vorhin gingen. Als ob die Häupter zum schneebedeckten Land sagen möchten: ‚Wartet nur, wir kommen auch noch zu euch!‘
AB: Ja, diese Landwirtschaft, die hier noch betrieben wird, ist eigentlich ein teuer subventionierter Luxus – es sei denn, man betrachte sie als Beitrag zur Wohnqualität der Stadtrandsiedungen im Sinn von Pflege eines grünen Bildes.
RA: Das erinnert mich an die Chaletzitate von vorher und an das Bedürfnis der Menschen der 50er-Jahre nach Bergidylle-Anklängen. Dabei brauchen die Stadtbewohner eigentlich vor allem den Strom, der über die Trafostation verteilt wird und viel weniger den Mais, der hier noch angepflanzt wird.
RA AB peilen den geheimnisvollen Punkt 4 ihrer Rundwanderung an, der sich durch die Spiegelung der Fläche aus Punkt 1 bis 3 ergeben hat und der ausserhalb ihrer Karte liegt. Es ist der Unterochsenhof.
AB: An einem solchen Ort frage ich mich schon, was die Menschen noch hält. Man ist hier nicht mehr auf dem Land mit seiner Weite und Ruhe, weil die Siedlungen schon so nahe herangerückt sind und gleichzeitig hat diese Gegend nicht die Qualitäten eines Stadtraumes mit seinen interessanten narrativen Aspekten – auffällig ist, dass beim Bauernhof ein Wohnwagen bereitsteht …
RA:…als ob dessen Bewohner zwischenzeitlich schon mal alternative Wohnorte erproben würden – vor dem Geldsegen des Landverkaufs!