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"So war die Tatsache, daß die Kopenhagener Deutung überhaupt keinen Sinn ergab, ihre eigentliche Stärke, weil sie es erlaubte, vollkommen durchsichtig zu erscheinen, während man sich doch eigentlich extrem undurchsichtig verhielt. Man konnte die Ergebnisse seiner Forschungen in wissenschaftlichen Zeitschriften offenlegen, dabei aber einen entscheidenden Teil der Berechnungstechnologie zur Weitergabe als "intuitives Wissen" an die Doktoranden (Lehrlinge) und die Postgraduierten (Gesellen) einbehalten - und somit das Handwerk tradieren. Später kam als unverhoffte Dreingabe hinzu, daß sich die Geheimnistuerei ungeheurer Beliebtheit bei den jungen Forschern erfreute." S. 52
"In offensichtlicher Verzweiflung über das, was geschehen war, veröffentlichte er [Erwin Schrödinger] den Aufsatz Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik, in dem er seine berühmte Katze einführte. Er wollte zeigen, daß eine der logischen Folgerungen der Kopenhagener Deutung offenkundig absurd war, und sie widerlegen. ... Natürlich ging Schrödingers Strategie nicht auf - im Gegenteil, der ihm entstandene Schaden konnte nicht mehr behoben werden. Anstatt die Kopenhagener Deutung zu widerlegen, wie sei es hätte tun sollen, wurde Schrödingers Katze zu ihrem Vorzeigeobjekt. So symbolisiert sie jene übergreifende Verwirrung, die Forscher überall auf der Welt bis heute meinen aufrechterhalten zu müssen, um ernst genommen zu werden - wie bei den Erkenntnissen des Lao-Tse." S. 53-54
"Murray Gell-Mann ging so weit, in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises 1976 zu sagen: "Niels Bohr unterzog eine ganze Generation von Physikern einer Gehirnwäsche, indem er sie glauben machte, das Problem [der Auslegung der Quantenmechanik] sei bereits vor fünfzig Jahren gelöst worden." Aber kein Naturwissenschaftler, der etwas auf sich hält, beschäftigt sich öffentlich mit der Bedeutung der Quantenmechanik, eben weil das angeblich keine Wissenschaft ist. ... Obwohl er [Erwin Schrödinger] von anderen Experten auf diesem Gebiet ständig gelobt, zitiert und in zahllosen Lehrbüchern verewigt wurde, war er für die entscheidenden Leute persona non grata, weil er ihr Kartenhaus zum Einstürzen gebracht hatte. Daß er im Recht war, machte die Sache nur noch schlimmer. Zudem stellte er bis an sein Lebensende eine äußerte Gefahr dar, denn er war ein echter Gelehrter, nachweislich ein Revolutionär und ein Mann, der das stärkstmögliche Motiv hatte, die Kopenhagener Deutung zu vernichten - weil sie ihm nämlich persönlich solch ungeheures Unrecht angetan hatte." S. 55.
Robert B. Laughlin: Schrödingers Problem: Oder: Was bei der Erfindung der Quantenmechanik nicht logisch zu Ende gedacht wurde. In: Gumbrecht 2008.