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Erziehungsfehler
Eine Erziehung ohne elterliche Fehler ist weder möglich noch gefordert. Kinder kommen zwar mit dem Vertrauen zur Welt, dass ihre Eltern alles wissen und alles können, also vollkommen sind, doch können sie sehr wohl mit deren Mängeln umgehen. Der Zustand der Vollkommenheit wird denn im "Zweimalzwei der Erziehung" auch nicht im Sinne von Perfektion betrachtet, sondern schliesst gerade auch die Unvollkommenheit mit ein!
Es geht also nicht darum, dass Sie keine Fehler machen dürften, sondern dass Sie sich der wichtigsten Stolpersteine bewusst werden und sich entsprechend vorbereiten können. Diese Übersicht soll Ihnen helfen, die Ursachen für Schwierigkeiten in der Erziehungsarbeit zu finden. Die notwendigen Korrekturen bei der Erziehungsarbeit werden als "Nacherziehung" bezeichnet. Meistens wird diese Notwendigkeit erst nach den alles entscheidenden, ersten Phasen der Erziehung festgestellt, insbesondere beim Eintritt in die (Vor)Schule, zu einem Zeitpunkt also, da die eigentliche Erziehung bereits weitgehend erledigt sein sollte. Nacherziehung ist aber ungleich schwieriger und mühevoller, weshalb ich sie mehr als lohnt, sich schon vorab über die Herausforderungen der Erziehungsarbeit Gedanken zu machen!
Mangelnde Vertrauensbildung oder Willensbildung
Grundsätzlich können alle Schwierigkeiten in der Erziehung auf zwei Bereiche zurückgeführt werden:
- Mangelhaftes Vertrauen der Eltern in die Grundbedürfnisse des Kindes und dessen Fähigkeiten
- Mangelhafter Willen der Eltern, dem Kind Widerstand in Form von Herausforderungen und Grenzen zu leisten.
In aller Regel mangelt es zugleich an beidem, denn die beiden Grundprinzipien der Erziehung, das "Ja" und das "Nein!", bedingen sich gegenseitig: Wer nicht wirklich "Ja" sagen kann, kann auch nicht "Nein!" sagen - und umgekehrt. Die entsprechenden Phasen der Vertrauensbildung und der Willensbildung dauern je etwa zwei Jahre, das heisst, dass der wesentliche Teil der Erziehung nach etwa vier Jahren abgeschlossen sein sollte, das Kind also genügend reif für die Sozialisation sein sollte.
Leider werden Erziehungsfehler meistens erst nach diesen beiden alles entscheidenden Phasen der Erziehung wirklich als Problem wahrgenommen, das heisst zu einem Zeitpunkt, da es eigentlich bereits zu spät ist und bloss noch das Mittel der Nacherziehung bleibt. Nacherziehung ist zwar möglich, doch wird alles um ein Mehrfaches aufwändiger und schwieriger! Wenn die Eltern offen und bereit dazu sind, über ihre eigene Erziehungsarbeit zu reflektieren, ist es aber sehr wohl möglich, etwas korrigieren zu können. Leider ist häufig das Gegenteil zu beobachten, wenn Eltern das Problem statt bei sich selbst bei den Kindern suchen und diese in psychologische Abklärungen und Therapien schicken oder gar medizinisch behandeln lassen.
Die folgende Übersicht soll helfen, problematisches Verhalten zu erkennen und zu ändern. Haben Eltern Schwierigkeiten mit ihren Kindern, sind meistens mehrere Punkte betroffen. Erziehungsfehler sind schliesslich zu unterscheiden von eigentlichem Missbrauch oder Gewaltanwendung, also kriminellen Handlungen, um die es hier nicht geht. Erziehungsfehler werden in aller Regel unbewusst oder doch zumindest ohne böse Absicht begangen. Vieles mag sogar gut gemeint sein und ist trotzdem kontraproduktiv. Erziehungsfehler wirken sich je nach der individuellen Persönlichkeit des Kindes anders aus.
Schwangerschaft und Geburt
Erziehung sollte nicht erst beginnen, wenn Eltern Probleme feststellen, sondern schon Teil der Vorbereitung auf die Ankunft des Kindes sein. Denn ein ganz entscheidender Anteil am Erfolg hat die Einstellung zum Kind und dessen Entwicklung. Zudem haben Sie, sobald das Kind da ist, kaum mehr freie Kapazitäten, um sich grundlegend mit Erziehungsfragen auseinanderzusetzen, denn Kinder werden Sie in den ersten Jahren ziemlich umfassend fordern. Sie tun deshalb gut daran, sich schon zuvor Gedanken darüber zu machen, wie Sie das angehen wollen. Es ist vergleichbar mit einer Bergtour, wo Sie sich auch schon Tage zuvor Gedanken über die Routenwahl, das Wetter oder die Verpflegung machen müssen. Hängen Sie erst einmal in der Felswand, ist es zu spät. Die Einstellung zum erwarteten Kind betrifft zum Beispiel:
Erwartungen und Projektionen
Als Eltern geben Sie war Ihre Gene an das Kind weiter, doch kommt jedes Kind mit einer eigenen Persönlichkeit zur Welt, die es einmalig und eigenständige macht. Sie sollten sich deshalb vor allem von Ihrem Kind überraschen lassen und neugierig sein, seine ihm ganz eigenen Fähigkeiten und sein eigenes Temperament zu entdecken. Zwar wird es Sie von Anfang an zum Vorbild nehmen, doch soll es seinen eigenen Weg durch das Leben finden dürfen. Suchen Sie also nicht nach Ihren eigenen Eigenschaften (oder gar Eigenheiten) im Kind, sondern beobachten Sie Ihr Kind, wie es von Anfang an seinen ganz eigenen Charakter entwickelt. Ansonsten kommen Sie in Versuchung, das Kind übermässig beeinflussen zu wollen, was gerade nicht das Ziel der Erziehung sein sollte.
Angst vor Überforderung
Ihr Kind wird Sie zwar von Anfang an und umfassend in Anspruch nehmen, das ist zumindest in den ersten Jahren kaum zu vermeiden. Doch das Kind weiss auch, dass es geradezu auf Gedeih und Verderb von seinen Eltern und deren Wohlergehen abhängig ist. Es hat deshalb ein natürliches Interesse daran, dass es Ihnen gut geht (ansonsten es sich ja fürchten müsste, dass Sie sich nicht mehr genügend um es sorgen könnten!). Kinder können deshalb bestens kooperieren. Einzige Voraussetzung ist, dass Sie sich zumindest in der Phase der Vertrauensbildung bedingungslos um seine Grundbedürfnisse kümmern. Wenn Sie hingegen die Einstellung entwickeln, dass Kinder eigentlich nichts anderes als der natürliche Feind ihrer Eltern sind, wird das Kind mit entsprechender Angst reagieren und umso mehr ihre Bereitschaft zur Fürsorge prüfen wollen. Die in der westlichen Zivilisation übliche Kleinfamilie kann aber durchaus zur Überforderung führen. Das sollten Sie ernst nehmen und sich allenfalls früh genug Entlastung organisieren, zum Beispiel in Form von zeitweise Fremdbetreuung.
Unterschätzter Lebenswille
Menschenkinder sind bei ihrer Geburt vollkommen auf ihre Eltern angewiesen, sie wären ohne deren Fürsorge nicht überlebensfähig. Das heisst aber nicht, dass sie keinen Lebenswillen hätten. An diesen sollten Sie von Anfang an glauben, gerade wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob Sie als Mutter das Kind stillen können: Das Kind will das schon nur deshalb, weil es überleben will! Wenn Sie diesen Glauben nicht haben, fühlt sich das Kind in seinem grenzenlosen Vertrauen in seine Eltern zu wenig bestätigt, was wiederum sein Selbstvertrauen beeinträchtigen kann.
Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)
Während der Phase der Vertrauensbildung legen Sie als Eltern die Grundlage für Ihre Beziehung zum Kind. Diese basiert, wie bei jeder Beziehung, auf Vertrauen. Der grosse Unterschied besteht darin, dass in der Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind die Eltern allein für das Vertrauen zuständig sind. Denn das Kind kommt bereits mit einem unendlichen Vertrauen in seine Eltern zur Welt, während diese erst noch lernen müssen, den Grundbedürfnissen des Kindes und seinen Fähigkeiten zu vertrauen.
Unbefriedigte Grundbedürfnisse
Kleinkinder haben grundsätzlich ausschliesslich Grundbedürfnisse (wozu nebst Essen und Schlaf zum Beispiel auch Beachtung oder Trost gehören!). Entscheidend ist, dass Grundbedürfnisse immer und sofort befriedigt werden müssen, denn das Kind hat noch keine Vorstellung eines "Später" oder "Danach". Nur wenn Sie sich ihm bedingungslos zuwenden, wenn ihm etwas fehlt, wird sein Vertrauen in Sie und das Leben überhaupt bestätigt. Wenn es hingegen immer wieder bloss vertröstet oder gar ignoriert wird, kann es zu wenig Selbstvertrauen entwickeln. Nur wenn sich das Kind darauf verlassen kann, dass es immer und möglichst sofort gefüttert wird, wird es mit der Zeit den Hunger auch einmal etwas länger aushalten können.
Unterschätzte Fähigkeiten
Der Glaube der Eltern an die Fähigkeiten des Kindes ist zentral für seine Entwicklung. Dabei geht es nicht darum, dass Sie meinen, Sie könnten dem Kind alles für sein Leben lehren, sondern dass Sie vertrauen, dass das Kind bereits sein ganzes Potential bereits in sich trägt. Das Kind braucht von Ihnen einzig und allein, dass Sie ihm zutrauen, dass es alles, was es jemals braucht, genau dann entwickelt, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, und zwar von selbst. Sei es Laufen lernen, sei es Sprechen lernen: Das Kind folgt seinem ganz eigenen Plan (und nicht etwa irgendwelchen Entwicklungstabellen).
Mangelhafter Trost
Trost ist ein absolutes Grundbedürfnis des Kindes. Kinder, die nicht bedingungslos und unmittelbar getröstet werden, werden in ihrem Vertrauen in ihre Eltern und in das Leben überhaupt massiv beeinträchtigt. Trösten verlangt, dass Sie das Kind sofort halten, mit ihm fühlen und ruhig warten, bis es sich ausgeweint hat. Und das alles ganz unabhängig davon, ob es das Leiden selbst verursacht hat oder nicht, ob es Ihrer Ansicht nach ein nichtiges Wehwehchen oder ein "echtes" Leiden ist: Sobald das Kind schreit, fehlt ihm etwas und es will getröstet werden. Hingegen braucht es keinerlei Erklärungen oder gar Vorwürfe für sein Leid. Wird das Kind bloss vertröstet, sein Kummer verharmlost oder wird es gar ausgelacht, beginnt es sich gewissermassen nach dem verlorenen Glück zu sehnen und entwickelt entsprechende Sehnsüchte.
Behindern
Der Bewegungsdrang von Kindern ist riesig und sollte sich möglichst frei entfalten können. Lassen Sie Kinder, wann immer sie Lust und Laune dazu haben, frei bewegen. Das gilt gerade auch dann, wenn es Ihnen an sich bequemer wäre, das Kind zu tragen oder im Wagen zu fahren. Und es gilt auch, wenn Sie Angst haben, dass es sich weh tun oder stolpern könnte. Kinder brauchen diese Erfahrung, um lernen zu können. Ein überbehütetes Kind wird aufhören zu lernen, wird bequem und im schlimmsten Fall wird es irgendwann ganz resignieren. Sie sollten deshalb lernen, Gefahren richtig einzuschätzen und dem Kind Bagatellgefahren zuzumuten.
Missachten
Kinder brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, sie wollen immer wieder darin bestätigt werden, dass sie beachtet werden und dass ihre Eltern sich um sie sorgen. Das stärkt ihr Vertrauen in die Eltern und somit in das Leben. Ihr Kind kann nicht einfach warten, bis Sie Zeit für es haben, denn es hat noch keine Vorstellung einer Zukunft. Es macht deshalb keinen Sinn, ein schreiendes Kleinkind einfach warten zu lassen. In der Zeit der Vertrauensbildung sollten Sie den Anliegen des Kindes immer Vorrang geben. Das mag anstrengend sein und von Ihnen viel Geduld verlangen, doch würde es sich ungleich schwerer auswirken, wenn Sie das Kind in dieser Zeit einfach ignorieren. Das Kind würde bloss noch ungeduldiger werden, sodass schnell ein Teufelskreis entstehen kann. Nur wenn das Kind genügend erfahren hat, dass für seine Grundbedürfnisse immer und sofort gesorgt ist, kann es das Vertrauen gewinnen, dass das auch so bleiben wird. Das ist die Grundlage für Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz und die Bereitschaft mit Ihnen zu kooperieren!
Ungeduld
Die Erziehung von Kindern verlangt von den Eltern ein Mindestmass an Gelassenheit. Sie dürfen sich also wegen einer ausgeschütteten Tasse Milch nicht gleich aus der Ruhe bringen lassen und müssen auch einmal in Kauf nehmen, dass Sie eine Strassenbahn verpassen, weil das Kind noch nicht so weit ist. Gerade Kinder in den ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung werden Ihre Pläne immer wieder durcheinanderbringen. Damit sollten Sie umgehen können und im Zweifel die Priorität beim Kind setzen können. Wenn Sie hingegen immer gleich nervös werden, weil etwas noch nicht so funktioniert, wie Sie es sich vorstellen, wird sich diese und Ungeduld auf das Kind übertragen. Die Ungeduld vermittelt dem Kind, dass es Ihren Vorstellungen nicht genügt. Es wird sich deshalb zu wenig angenommen fühlen, was sein Selbstvertrauen beeinträchtigen kann.
Nachhelfen
Geduld braucht es auch, wenn Eltern ihren Kindern beim Lernen zuschauen. Die Versuchung ist dabei gross, den noch ungeschickten Bewegungen des Kindes ein wenig nachzuhelfen. Das mag gut gemeint sein, ist jedoch höchst kontraproduktiv. Im besten Fall wird sich das Kind dagegen wehren (und die Eltern zum aufhören bewegen können), im schlimmsten Fall jedoch wird das Kind sein ursprüngliches Vertrauen in seine Fähigkeiten verlieren und irgendwann resignieren. Es verlässt sich darauf, dass es sowieso nichts kann und ihm alles abgenommen wird. Die Bequemlichkeit des Kindes ist also nicht etwa naturgegeben, sondern hat ihren Ursprung regelmässig in mangelndem Vertrauen der Eltern in die Fähigkeiten und Kräfte des Kindes.
Überbehüten
Kinder sind bei ihrer Geburt zwar auf die Fürsorge ihrer Eltern angewiesen, doch haben sie bereits das ganze Potential für alle Fähigkeiten, die sie irgendwann brauchen, bereits in sich. Daran sollten Eltern unbedingt von Anfang glauben, ansonsten sie dauernd von der Hilf- und Schutzlosigkeit ihrer Kinder ausgehen und so notgedrungen in Versuchung kommen, das Kind derart vor Gefahren beschützen zu wollen, dass es sich kaum mehr entwickeln kann und im schlimmsten Fall gar tatsächlich in vielem behindert wird. Kinder vor Bagatellgefahren beschützen zu wollen, ist denn auch höchst kontraproduktiv: Den Umgang mit Gefahren lernt das Kind nur, wenn es die Folgen auch mindestens einmal selbst erfahren konnte! Damit können Sie nicht früh genug beginnen, sei es beim Laufen lernen, sei es bei Herumwerfen von Spielzeug. Lassen Sie das Kind also unbedingt selbst ausprobieren und lassen Sie es erfahren, was allenfalls schmerzhaft ist (selbstverständlich gilt das nur für Gefahren, bei denen nicht eigentliche Verletzungen drohen). Das einzige, was ein Kind im Falle eines Missgeschicks braucht, ist der Trost der Eltern. Je mehr Vertrauen Sie in die Geschicke und das Gespür Ihres Kindes haben, desto besser kann es sich entwickeln und desto besser kann es mit Gefahren umgehen lernen. Wenn Sie es hingegen schon früh vor allerlei Unbill dauernd schützen, wird es nicht lernen können, mit wirklichen Gefahren umzugehen und sein an sich angeborenes Gespür für Risiken wird verkümmern. Damit schaffen Sie dann eine ungleich grössere Gefahr, vor der Sie das Kind schon bald nicht mehr schützen können, da es sich das irgendwann definitiv nicht mehr gefallen lassen wird! Überbehütete Kinder neigen typischerweise dazu, unverhältnismässige Risiken einzugehen, sobald sie ausser Sichtweite der Eltern sind. Zur unnötigen Gefahr kommt dann noch dazu, dass das Kind im Falle eines Unfalls auf sich allein gestellt ist.
Nichteinhalten von Abmachungen
In der Phase der Vertrauensbildung sind Sie als Eltern noch allein verantwortlich für die bei Ihnen geltenden Regeln. Sie stellen Abmachungen auf, die Sie dem Kind mitteilen ("Die Pantoffeln werden hier hingestellt!"). Begründungen oder Erklärungen sind grundsätzlich nicht nötig, da Kinder in diesem Alter ihren Eltern noch vollumfänglich vertrauen. Nötig ist hingegen, dass Sie die Einhaltung der Abmachungen kontrollieren und das Kind allenfalls daran erinnern. Und noch wichtiger - und eigentlich selbstverständlich - ist natürlich, dass Sie sich selbst an Ihre Abmachungen halten. Wenn Sie dem Kind etwas versprechen und sich nicht daran halten, wird es in seinem Vertrauen in seine Eltern enttäuscht. Das wäre eine äusserst schlechte Basis für die nächste Phase, also der Willensbildung, wenn das Kind auch Ihr "Nein!" soll akzeptieren können: Es hat nämlich bereits gelernt, dass es Ihnen sowieso nicht vertrauen kann und wird deshalb auch Ihr "Nein!" nicht allzu ernst nehmen! Vorbild sind Sie nicht nur im positiven Sinn, sondern auch im negativen!
Verwirren
Kinder leben in den ersten Jahren noch in sehr einfachen Konzepten: Entweder ist etwas gut oder schlecht, richtig oder falsch, dazwischen, darüber und darunter gibt es noch gar nichts. Deshalb sind Dinge wie Metaebene, Doppelbotschaften oder Ironie besonders verwirrend, da sie für das Kind unverständlich sind und es überfordern. Ein überfordertes Kind wird sich nicht mehr so angenommen fühlen, wie es ist, weil von ihm etwas erwartet wird, was es noch nicht kann. Sprechen Sie deshalb mit Ihrem Kind in einfachen und klaren Worten. Später, also in der Phase der Willensbildung, werden Sie sogar ab und zu laut und deutlich werden müssen, um vom Kind wirklich verstanden werden!
Verspotten
Die Missgeschicke und Misstritte von Kindern mögen für Erwachsene häufig belustigend sein, doch ist Auslachen oder gar Spott trotzdem völlig fehl am Platz. Kinder brauchen gerade in der Phase der Vertrauensbildung vielmehr Bestätigung und Anerkennung für das, was sie schon können. Etwas anderes ist natürlich, wenn Sie mit Ihrem Kind zusammen über die "Widrigkeiten des Lebens" lachen. Das tut übrigens auch im umgekehrten Fall besonders gut (wenn also das Missgeschick Ihnen passiert). Entscheidend ist, dass Sie sich beim Lachen mit dem Kind auf der gleichen Ebene befinden, mit ihm also in Kontakt sind, während beim Auslachen immer ein Gefälle besteht. Sie müssen deshalb unbedingt zwischen (förderlichem) Humor und (heikler) Ironie unterscheiden.
Störungen
Kinder brauchen zwar sehr viel Beachtung, aber sie können diese durchaus selbst verlangen. Wenn sie mit sich selbst beschäftigt sind, sollten Sie Kinder deshalb möglichst in Ruhe lassen und sie nicht dauernd mit weiteren Anregungen stören. Wenn Kinder immer wieder unterbrochen werden, kann ihre natürliche Aufmerksamkeit und ihr Konzentrationsvermögen beeinträchtigt werden. Üben Sie sich also in Gelassenheit und bleiben Sie ruhig, solange Kinder mit sich selbst klar kommen. Kinder, die Ihre Hilfe benötigen, melden sich von sich aus!
Überfluss
Die westliche Zivilisation bringt vielerorts als Schattenseite mit sich, dass den Menschen sehr viel mehr an Essen, Wohnraum, Mobilität oder Spielzeug zur Verfügung steht, als eigentlich nötig ist. Dadurch entstehen für Kinder eigentliche Luxusprobleme. Insbesondere das Grundbedürfnis nach Nahrung wird so in manchen Familien zum leidigen Streitpunkt: Würde nämlich nur gerade so viel Essen zur Verfügung stehen, wie es braucht, gäbe es auch keinerlei Diskussionen darüber, wer was mag oder nicht mag, der Hunger würde genügen, um das zu essen, was gekocht wurde. Ähnlich verhält es sich beim Wohnraum: Kleinkindern mit eigenen Zimmern fehlt regelmässig die Nestwärme, sodass häufig nächtliche Kämpfe entstehen, bis entschieden ist, wer wo und beim wem schlafen darf. Hilfe kann da das Mittel der künstlichen Verknappung leisten.
Überfordern
Kinder haben zwar ein unglaubliches Potential, doch sind sie wie Knospen: Sie müssen zuerst reifen, um erblühen zu können - und zwar ganz von alleine. Vergessen Sie deshalb sämtliche Entwicklungstabellen und Vergleiche mit anderen Kindern und lassen Sie Ihr Kind so entwickeln, wie es das selbst für gut befindet. Kinder haben ein hervorragendes Gespür dafür, wann sie was lernen können. Und sie lernen immer genau das, was sie gerade brauchen. Wenn Sie hingegen der Meinung sind, das Kind müsse ab einem gewissen Alter zum Beispiel zeichnen oder selbständig essen können, ist die Gefahr gross, dass Sie es überfordern. In der Phase der Vertrauensbildung braucht das Kind noch keine Forderungen, es soll sich vielmehr so bewegen und verhalten dürfen, wie es gerade Lust und Laune hat. Lehrpläne und ähnliches machen frühestens in der Schule Sinn, zumindest in den ersten Jahren sollten Kinde aber noch frei lernen dürfen.
Unordnung
Kinder brauchen klare Strukturen und Rhythmus, das gibt ihnen ein Gefühl von Verlässlichkeit, was wiederum ihr Vertrauen bestätigt. Je einfacher und regelmässiger zum Beispiel der Tag verläuft, desto besser. Achten Sie auch auf eine aufgeräumte Wohnung, sodass sich das Kind schon von sich aus an ein Mindestmass an Ordnung gewöhnen kann. Wiederholungen mögen für Eltern manchmal mühsam und langweilig sein, Kindern jedoch geben sie den nötigen Halt.
Unruhe
Kinder sind meist in dauernder Bewegung, entdecken und lernen ständig Neues und können unaufhörlich plappern. Und doch verlangt gerade das von den Eltern eine gewisse Ruhe. Ruhe gibt dem Kind das Gefühl von Sicherheit. Wenn hingegen die Eltern auch noch dauernd nervös und hektisch reagieren, wird sich das Kind schnell ängstigen. Als Eltern sollten Sie sich also in einer gewissen Gelassenheit üben. Denn für das Kind sind Sie wie ein Leuchtturm in der Brandung, auf dessen Standfestigkeit sich das schwankende Boot im Sturm verlassen kann.
Unehrlichkeit
Kinder sind von Natur aus offen und ehrlich und haben es schon nur deshalb verdient, dass auch Sie ihnen gegenüber offen und ehrlich sind! Bedenken Sie, dass Kinder ein sehr feines Gespür haben und zum Beispiel durch Doppelbotschaften leicht verwirrt werden. Hingegen können sie mit der Wahrheit grundsätzlich immer umgehen, da sie noch gar nichts anderes kennen. Sie können selbst über vermeintlich schwierige Themen wie Krankheit und Tod offen sprechen, während Erwachsene meistens viel mehr Mühe damit haben. Vermeiden Sie also möglichst zu schummeln, zumal das Kind Sie automatisch auch dafür zum Vorbild nimmt!
Einzig über Ihre Erziehungsarbeit selbst sollten Sie nicht mit den Kindern sprechen, jedenfalls so lange nicht, als sie nicht von sich aus danach fragen (was sie in der Regel erst als Jugendliche tun). Denn mit der Metaebene wären sie noch überfordert.
Perfektionismus
Kinder kommen als vollkommene Wesen zur Welt. Vollkommen in dem Sinne, dass sie bereits das gesamte Potential für ihre Fähigkeiten in sich haben. Perfekt, im Sinne von fehlerlos, sind sie aber nicht und sollen sie auch nicht sein müssen. Das gleiche gilt auch für ihre Eltern: Auch Sie dürfen Schwächen und Schattenseiten haben. Es genügt schon völlig, dass Sie Ihre Mängel, zumindest wenn Sie sie erkannt haben, akzeptieren können. Vergessen Sie also zum Beispiel, dass der Esstisch immer perfekt dekoriert sein muss und der Boden täglich zweimal gewischt werden muss. Ihre Kinder werden Ihnen dankbar sein, wenn nicht jedes Missgeschick zur Katastrophe deklariert wird. Freuen Sie sich dafür, dass Kinder von Natur aus den Mut aufbringen, alles lernen zu wollen, auch wenn es nicht auf Anhieb klappt. Der Anspruch nach Perfektion hingegen wird irgendwann jedes Kind entmutigen und frustrieren, da Perfektion immer an Fehlern gemessen wird statt an Erfolgen.
Abwesenheit
Erziehungsfehler kann man schliesslich nicht einfach dadurch vermeiden, dass man gar nichts tut, insbesondere für das Kind gar nicht da ist, wie es gerade bei Vätern immer noch häufig vorkommt (sei es wegen grundsätzlicher Ablehnung der Vaterschaft, sei es wegen ständiger beruflicher Abwesenheiten). Für die mangelhafte Erziehung kann dann nicht einfach die Mutter allein verantwortlich gemacht werden, zumal diese auch noch mit der Doppelbelastung klarkommen muss.
Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)
Wenn das Kind beginnt, seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, braucht es nebst dem Vertrauen seiner Eltern auch Widerstand in Form von Herausforderungen und Grenzen. Damit entstehen für die Eltern eine ganze Reihe weiterer Stolpersteine in der Erziehung, die es zu meistern gilt:
Inkonsequenz
Wenn Sie mit dem Kind nicht einverstanden sind, heisst das "Zauberwort" in dieser Phase "Nein!". Ganz gleich, um was es geht: Sagen Sie es laut und deutlich und bleiben Sie konsequent dabei. Das gilt auch für Regeln, die Sie entweder einseitig abgemacht oder mit dem Kind vereinbart haben: Sie müssen diese auch konsequent einhalten und auf deren Einhaltung beharren. Das mag Ihnen vor allem anfangs häufig sehr schwierig vorkommen, da Sie gerne etwas toleranter oder grosszügiger wären. Doch müssen Sie bedenken, dass das Kind mit seinem noch rohen Willen damit überfordert wäre. Zunächst braucht es klare Ansagen und Aufforderungen, für Zwischentöne der menschlichen Kommunikation ist es noch zu früh. Das heisst, Sie müssen in dieser Phase besser einmal zu hart als dauernd zu weich reagieren und lernen, auch mit Tobsuchtsanfällen angemessen umzugehen.
"Jein"
Klartext heisst, dass Sie entweder "Ja" oder "Nein!" sagen. "Jein", also von allem ein wenig oder beides zusammen geht nicht. Kinder funktionieren in diesem Alter noch in ganz einfachen Kategorien und müssen klar wissen, was gilt und was nicht. Wenn Sie bloss halbherzig "Nein!" sagen, weil Sie zum Beispiel Widerstand fürchten, wird das Kind nicht wirklich verstehen und verwirrt reagieren oder Ihre Aufforderung ganz einfach ignorieren. Kinder brauchen in diesem Alter einen klaren Widerstand um Grenzen zu spüren, das schafft Kontakt und somit Beziehung. Wenn Sie sich davor scheuen, verlieren Sie diesen Kontakt, was in Grunde genommen ein Liebesentzug Ihrerseits bedeutet! Bedenken Sie auch, dass sich die beiden Prinzipien des "Ja" und des "Nein!" gegenseitig bedingen: Wenn Sie glauben nicht "Nein!" sagen zu können, konnten Sie zuvor auch nicht wirklich "Ja" sagen!
Unangebrachter Anstand
Der an sich löbliche Respekt der Eltern für ihre Kinder verleitet diese häufig dazu, ihre Kinder zu bitten oder zu fragen, wenn diese etwas tun oder lassen sollen. Kinder brauchen aber, gerade in der Phase der Willensbildung, nichts als Klartext. Das heisst, Sie müssen von den Kindern fordern, was Sie wollen. Dazu dürfen Sie ruhig in der Befehlsform sprechen, Fragen und Bitten im Sinne von Anstand sind eine unnötige Abschwächung Ihrer Forderung und werden von Kindern denn auch so verstanden, das heisst: nicht wirklich ernst genommen! Erst wenn das Kind genügend reif ist, was in der Regel erst nach den alles entscheidenden ersten beiden Phasen der Erziehung der Fall ist, kann es auch mit solchen Nuancen der Kommunikation umgehen, zuvor sollten Sie besser laut und deutlich werden und auf Ihrer Forderung auch konsequent beharren.
Falsch verstandene Härte
Der Wille des Kindes muss auch auf Grenzen und Herausforderungen stossen, nur so wird er sich zu einem freien Willen entwickeln können. Das heisst aber nicht, dass der Wille des Kindes nicht respektiert werden soll. Ganz im Gegenteil: Das "Nein!" des Kindes müssen Sie genauso respektieren wie, Sie es Ihrerseits umgekehrt vom Kind verlangen. Der Wille des Kindes darf nicht einfach gebrochen werden, denn er ist eine äusserst wertvolle Kraft des Menschen. Wenn Ihr Wille mit dem des Kindes aufeinanderprallt, müssen Sie die Konfrontation aushalten können und lernen, angemessen auf allfälliges Toben zu reagieren
Ausrasten
Kinder, die mit ihrem frisch erwachten Willen an Grenzen stossen, können leicht zu toben beginnen. Wenn Sie dann als Eltern auch noch toben, entsteht ein Teufelskreis und die Gefahr ist gross, dass Sie irgendwann auszurasten drohen und dem Kind womöglich Gewalt antun, die Sie danach bereuen werden. Sie tun deshalb gut daran, wenn Sie sich spätestens nach dem ersten Ausraster Gedanken zum Thema Willensbildung und dem angemessenen Umgang mit Tobsuchtsanfällen zu machen. Denn das Kind braucht in dieser Phase Ihre Gelassenheit, um sich wieder mit Ihnen versöhnen zu können.
Unversöhnlichkeit
Kinder, die mit ihrem Willen an Grenzen stossen, können leicht zu toben beginnen. Als Eltern müssen Sie lernen, angemessen damit umzugehen. Dazu gehört, dass Sie sich nach einem Tobsuchtsanfall mit dem Kind wieder versöhnen. Das Kind muss spüren, dass es seinen Willen haben darf, mit ihm an Grenzen stossen kann, danach aber "trotzdem" geliebt wird.
Distanzierung
Eltern, die mit der aufkommenden Eigenwilligkeit ihrer Kinder Mühe haben, kommen gerne in Versuchung, ihre Kinder mit Ignorieren, Verlassen oder gar Wegsperren zu bestrafen. Solcher Liebesentzug ist ausgesprochen kontraproduktiv, da dadurch der Kontakt und somit die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind beeinträchtigt wird, also die Basis jeder Erziehungsarbeit! Wenn der Wille des Kindes auf Ihren prallt, müssen Sie die Konfrontation annehmen.
Leere Drohungen
Drohungen sind an sich schon höchst problematisch für ein Kind, denn es ist mit dem Zusammenhang zwischen seinem Verhalten in der Gegenwart und irgendwelchen Folgen in der Zukunft noch schlicht überfordert. Höchst kontraproduktiv wird es aber, wenn Eltern ihre Drohungen gar nicht umsetzen: Das Kind wird schlicht enttäuscht sein, da es gerade gelernt hat, dass es seinen Eltern offenbar gar nicht vertrauen kann! Wiederholt sich das, lernt das Kind äusserst schnell, dass es die Drohungen gar nicht mehr ernst zu nehmen braucht. Verzichten Sie deshalb besser ganz auf Drohungen und setzen Sie Grenzen, indem Sie klare Regeln aufstellen und entschieden mit "Nein!" reagieren, wenn das Kind etwas tut, was es nicht soll.
Unterfordern
Kinder mit ihrem frisch entdeckten Willen können einen unglaublichen Tatendrang entwickeln. Sie brauchen deshalb entsprechende Herausforderungen. Während es zuvor noch genügte, dem Kind einfach zuzutrauen, dass es grundsätzlich alles selbst kann, sollten Sie vom Kind nun fordern, alles selbst zu machen. Das gilt auch zum Beispiel für eine minimale Ordnung bei den Kleidern oder Spielzeugen. Muten Sie ihm aber auch körperliche Herausforderungen zu, indem Sie es zum Beispiel zum Klettern oder zum Wandern anspornen. Unterforderte Kinder werden ihre Energie für Unfug und Unsinn einsetzen, denn der Wille verschwindet nicht etwa, bloss weil er nicht gefordert wird, sondern sucht sich einfach andere Wege der "Verwirklichung".
Manipulieren
Kinder lassen sich von ihren Eltern sehr leicht beeinflussen, da sie ihnen ja zumindest in den ersten Jahren noch vollkommen vertrauen und sie für vieles zum Vorbild nehmen. Dieses Vertrauen hält solange, als sie von den Eltern nicht enttäuscht oder gar misshandelt werden. Wenn Eltern merken, dass das Vertrauen schwindet, kommen sie gern in Versuchung, auf anderem Weg das Kind zu beeinflussen. Beliebte Mittel sind dann Versprechungen (die häufig nicht eingehalten werden), allerlei Belohnungen für eigentlich Selbstverständliches, falsche Komplimente, Suggestivfragen und ähnliches. Im Grunde genommen geht es dabei um Manipulationen, wenn auch meistens unbewusst.
Provozieren
Einiges an Fehlverhalten von Kindern wird von Eltern geradezu provoziert, wenn auch eher selten mit Absicht. So können zum Beispiel schon Kleinkinder zu wählerischem Verhalten "verzogen" werden, wenn ihnen beim Essen oder bei Kleidern immer wieder und völlig unnötigerweise "Auswahlsendungen" präsentiert werden. Besonders kontraproduktiv sind auch ironische Bemerkungen, da Wortspiele für Kinder noch unverständlich sind beziehungsweise einfach wörtlich genommen werden.
Metaebene
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil, die an sich löblich ist, verleitet Eltern gerne dazu, mit ihren Kindern darüber zu diskutieren, weshalb sie zu welchem erzieherischen Mittel greifen oder was das Verhalten des Kindes mit dem Wohlbefinden der Eltern zu tun habe. Mit dieser sogenannten Metaebene sind Kinder überfordert. Denn solche Diskussionen setzen die Fähigkeit zur Selbstreflexion voraus, wozu ein Kind in der Regel erst etwa in der Pubertät bereit und fähig ist, sicher aber nicht in den beiden ersten Phasen der Erziehung. Dies kann dazu führen, dass das Kind beginnt, sich Gedanken darüber zu machen, wie es sich am besten verhalten soll, um den Eltern möglichst gut zu gefallen. Es wird sich nicht mehr so angenommen fühlen, wie es wirklich ist, was es im besten Fall bloss verwirrt, im schlimmsten Fall aber dazu verleitet, sich Strategien zu überlegen, wie es die Zuwendung der Eltern wieder gewinnen könnte. Damit verliert es aber sein natürliches Verhalten, was die Eltern wiederum glauben lässt, dass es sie austricksen will, sodass ein eigentlicher Teufelskreis entsteht, der das Vertrauen zwischen Eltern und Kind schliesslich massiv beeinträchtigen kann.
Sabotieren
Wenn sich Eltern nicht einig sind, wo ihre eigenen Grenzen sind, wird das Kind sehr schnell ein Gespür dafür entwickeln, was es bei wem erreichen kann. Unterstützen sich die Eltern in solchen Situationen nicht gegenseitig, sabotieren einander also, beginnt sich das Kind irgendwann zu überlegen, wen es gegen wen ausspielen kann. Das zeugt lediglich von seinem geschickten Willen und hat nicht etwa bösen Absichten zu tun! In der Erziehung ist deshalb eine gewisse Solidarität zwischen den Eltern gefordert.
Strafen
Strafen wird in der Erziehung leider allzu oft verwechselt mit einer konsequenten Haltung, wenn es um Grenzen und Regeln geht. Dieses Missverständnis wirkt sich meistens ausgesprochen kontraproduktiv aus, zumal wenn die Strafen womöglich bloss angedroht werden oder mit dem Fehlverhalten des Kindes wenig bis gar nichts zu tun haben. Denn zunächst einmal ist das Konzept von Fehlverhalten und Sühne durch Strafe für ein Kind in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung noch gar nicht verständlich und damit schlicht eine Überforderung. Vor allem aber schaffen Sie mit Strafen eine Distanz zum Kind, statt dem eigentlich geforderten Kontakt. Kontakt zum Kind schaffen Sie hingegen, indem Sie dem Kind Grenzen setzen, ihm laut und deutlich "Nein!" sagen, wenn es zu weit geht und dabei konsequent bleiben. Mit den typischen Tobsuchtsanfällen in solchen Situationen müssen Sie lernen, angemessen umzugehen. Etwas anderes ist die Frage der Verantwortung des Kindes für sein Tun oder Lassen, die aber mit Strafe rein gar nichts zu tun hat.
Vorwürfe
Für die Beziehung zum Kind sind zumindest in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung ausschliesslich die Eltern verantwortlich. Schon allein aus diesem Grund ist es völlig sinnlos, dem Kind irgendwelche Vorwürfe für unerwünschtes Verhalten zu machen. Falls Sie der Meinung sind, Ihr Kind sei "schwierig", sollten Sie Ihre Erziehungskompetenzen prüfen.
Negatives Verwöhnen
Während der Phase der Vertrauensbildung durften, ja sollten Sie das Kind rundum verwöhnen, jedenfalls solange es um die wirklichen Grundbedürfnisse des Kindes ging und nicht etwa um künstlich provozierte Wünsche. Das ändert sich grundlegend, wenn das Kind beginnt, seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr. Nun gilt es zu unterscheiden, ob es sich immer noch um Grundbedürfnisse handelt, oder um eigentliche Forderungen, die dem Willen des Kindes entspringen. Denn der Wille von kleinen Kindern kennt noch keine Kompromisse, keine Rücksicht, er ist schlicht absolut. Konfrontationen mit dem Willen der Eltern und der Umwelt sind deshalb zwangsläufig. Wenn Sie dem nichts entgegenhalten, dem Kind also einfach überall nachgeben, verwöhnen Sie es in einem negativen Sinn. Wenn das Kind zudem noch zu wenig Regeln erfährt, wird es halt- und orientierungslos. Denn Kinder kommen grenzenlos zur Welt, Grenzen müssen ihnen zunächst von den Eltern gesetzt werden, ansonsten sie ihren Willen nicht kultivieren können.
Mögliche Folgen von Erziehungsfehlern
Erziehungsfehler haben bei Kindern grundsätzlich immer die gleichen Folgen: mangelndes Selbstvertrauen und mangelnder (freier) Wille. Allerdings reagiert jedes Kind ganz anders auf das Verhalten seiner Eltern, denn es bringt seine eigene Persönlichkeit mit. Je nach Temperament wird das Kind eher mit Resignieren oder eher mit Protestieren reagieren. Zudem können sich Erziehungsfehler gegenseitig unterschiedlich verstärken oder auch abschwächen. So ist es durchaus möglich, dass das eine Kind unter gewissen Verhaltensmustern seiner Eltern leidet, während sein Geschwister davon vielleicht gar nichts mitbekommt. Das kann zum Beispiel mit der Reihenfolge der Geburt zu tun haben, oder aber auch damit, dass das eine Kind mehr Vertrauen braucht, das andere mehr Widerstand. Die ihm "Zweimalzwei der Erziehung" beschriebenen Folgen von Erziehungsfehlern sind eher als typische und nicht etwa gesetzmässige Folgen zu betrachten, müssen also nicht zwangsweise eintreten.
Schliesslich können Sie davon ausgehen, dass Kinder im Laufe der Zeit sehr wohl zwischen guten und schlechten Absichten ihrer Eltern unterscheiden können, und deshalb ihre Erziehungsfehler irgendwann auch verzeihen können. Mehr als ein Handeln "nach bestem Wissen und Gewissen" ist denn auch nicht verlangt.
Wenn Sie aber Probleme im Verhalten des Kindes feststellen, sollten Sie sich überlegen, was Sie dazu beigetragen haben. Denn grundsätzlich kommt unerwünschtes Verhalten von Kindern immer von Erziehungsfehlern der Eltern. Kinder kommen weder mit bösen Absichten zur Welt noch fehlt ihnen irgendetwas, um zu reifen Menschen zu werden. Es gibt also keine schwierigen Kinder, höchstens Kinder mit Eltern, die gewisse Schwierigkeiten mit der Erziehung haben. Diese Schwierigkeiten wären aber grundsätzlich einfach lösbar.
Nacherziehung
Im besten Fall stellen Sie als Eltern selbst fest, dass Sie sich in bestimmten Situationen ungeschickt verhalten haben und können es beim nächsten Mal anders machen, zumal Kinder immer wieder neue Gelegenheit zum Lernen geben. Und wenn Sie aufmerksam genug sind, werden Sie auch immer wieder aufgrund der Reaktionen des Kindes spüren, dass da etwas nicht so läuft, wie es sollte. Dann ist es auch entsprechend einfach zu korrigieren.
Leider ist es aber häufig so, dass gerade im Falle von sich häufenden und gravierenderen Erziehungsfehlern die Eltern das selbst gar nicht erkennen und die Probleme gerne auf das Kind abschieben ("Unser Sohn ist halt schon ziemlich schwierig."). Die Defizite in der Reife des Kindes treten dann meistens in der (Vor)Schule zu Tage. Die beiden entscheidenden Phasen der Erziehung sind dann aber bereits vorbei, sodass nur noch das Mittel der "Nacherziehung" bleibt. Das ist dann ungleich schwieriger, da die beiden Grundprinzipien der Erziehung, die sich zwar ergänzend, aber auch gegensätzlich zueinander verhalten, gleichzeitig angewendet werden müssen (während idealerweise die Eltern zuerst das eine und dann das andere lernen konnten). Es ist so, als müssten Sie "Ja" und "Nein!" gleichzeitig sagen, dürften aber gerade nicht "Jein" sagen.
Weiterführende Themen
Übergeordnetes Thema
- Vertrauensbildung (erstes Phase der Erziehung)
- Willensbildung (zweite Phase der Erziehung)
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