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Alles ist ambivalent. Als «ambivalent» wird der Umgang des verstorbenen Papstes Benedikt XVI. mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs bezeichnet, «ambivalent» sei «die Position des Westens» gegenüber der angegriffenen Ukraine, ein neues Elektropop-Album klingt «schillernd ambivalent» und die Lifestyle-Zeitschrift GQ diagnostiziert, dass «ambivalentes Verhalten des Chefs» für ein «schlechtes Arbeitsklima» sorge.
Die Feststellung, dass die Welt verwirrend vieldeutig und anstrengend sein kann, ist banal. Dass sie ambivalent ist, scheint hingegen irgendwie interessant. Doch was hat es mit dem Begriff der Ambivalenz auf sich? Begriffsgeschichtlich ist er zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Psychiatrie, ab den 1960er Jahren durch die Soziologie geprägt worden. Ein Blick auf diese Geschichte zeigt zum einen, dass die aktuelle Verwendung oft diffus ist, das spezifische Potenzial des Begriffs auflöst und mit Widersprüchlichkeit oder bloß Komplexität synonym setzt. Zum anderen wird aber ersichtlich, wie der Begriff der Ambivalenz tatsächlich geeignet ist, bestimmten Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.
Zur psychoanalytischen Begriffsgeschichte der Ambivalenz
Der Neologismus Ambivalenz (vom Griechischen amphi = zweifach, doppelt und Lateinischen valere = gelten, stark/kräftig sein) ist etwas mehr als hundert Jahre alt. Erfunden hat ihn der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler, langjähriger Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik «Burghölzli», der ihn bei einem Vortrag anlässlich der «Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte» in Bern am 26. November 1910 in den medizinischen Diskurs einführt. Bleuler unterscheidet graduell eine ‹normale› Ambivalenz von einer ‹pathologischen› Ambivalenz, in der Gefühls- oder Wahrnehmungsgegensätze unaufgelöst und teilweise unbewusst für lange Zeit «nebeneinander bestehen» blieben. Mit seinem Begriff beabsichtigte er zunächst eine Charakterisierung krankhafter Strukturen des Erlebens bei einer ‹Schizophrenie› (ein weiterer Begriff, den Bleuler prägt, um damit die Bezeichnung ‹Dementia Preacox› zu ersetzen). Die Psychoanalyse nimmt den Terminus schnell in ihre Fachsprache auf. Sigmund Freud benutzt ihn mehrmals vor allem im Zusammenhang der Libidotheorie und des so genannten Ödipuskomplexes. In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17) spricht Freud von der «Gefühlsambivalenz» zwischen Zuneigung und Aggression in der Primärbeziehung zu den Eltern und popularisiert damit die Idee der ‹Hassliebe›.
Bleuler schreibt in einem Vortrag mit dem Titel «Die Ambivalenz» (1914): Der Begriff «ist geschaffen worden zur Heraushebung der Eigenschaften der Schizophrenen, einesteils nebeneinander mit zweierlei Affekten auf die gleiche Idee zu reagieren, und anderseits die nämliche Idee positiv und negativ zu denken.» Diese Definition unterscheidet zwischen affektiver und intellektueller Ambivalenz, was für den Begriffsgebrauch bis heute typisch ist. Bleuler schildert einige anschauliche Beispiele aus seiner ärztlichen Praxis: «Da glaubt eine Frau, ihr Mann sei in der Anstalt eingesperrt. Wenn ich ihr sage, er sei nicht eingesperrt, so ist das für sie ganz gleichbedeutend, wie wenn ich ihr sage, er sei es. So wird auch die Bedeutung der Worte oft ganz systematisch verkehrt wie im Traum: ‹Gift› kann ‹Speise› bedeuten, ‹Lohn› ‹Strafe› usw.» Ambivalenz besteht also auf einem zeitlichen und inhaltlichen Zugleich sich ausschließender Wahrnehmungen, aber auch auf einem semantischen Zugleich. Dieses geht über die rhetorische Figur des Oxymorons hinaus, das wir etwa aus der mystischen Rede kennen: In Wendungen wie der ‹höchsten Tiefe› oder der ‹hellsten Nacht› wird beispielsweise in der christlichen Mystik des Mittelalters das über jede rationale Erfassung hinausgehende Wesen Gottes bezeichnet.
Doch in der Bleuler’schen Prägung bezeichnet Ambivalenz nicht die Aufhebung einer Differenz, auch nicht ein Entweder-Oder oder einen simplen Widerspruch, sondern die Erfahrung, dass Differenzen unversöhnlich «nebeneinander» bestehen. Zudem meint sie auch keinen Zustand an sich, eine Art des Seins eines Dings, Gottes oder eines Menschen. Der Soziologe Kurt Lüscher betont in seinen Arbeiten, dass Ambivalenz immer auf «Modi des Erfahrens, vor allem des Verstehens, Beschreibens und Gestaltens von sozialen Beziehungen» verweist. Ambivalenzerfahrungen sind demnach stets relational verfasst und beziehen sich auf Prozesse der Identitätsbildung, die in Momenten des Zauderns, des Anhaltens der Zeit und in Räumen vor Entscheidungen vonstatten gehen.
Kafkaeske Ambivalenz
Es ist beispielsweise weniger relevant zu beschreiben, inwiefern ein Kunstwerk, ein literarischer Text oder ein Film ambivalent ist, als aufzuzeigen, wie Kunst relational auf eine bereits bestehende Ambivalenz aufmerksam macht. Ein berühmtes Beispiel für eine ambivalente Beziehung gegenüber dem eigenen Schaffen, also der Existenz als Künstler oder Schriftsteller in einer bürgerlichen Welt, bietet das Werk von Bleulers Zeitgenosse Franz Kafka. Im legendären Brief an Max Brod vom November 1922 schreibt Kafka, dass er nur fünf seiner publizierten Texte als erhaltenswert ansieht, allerdings meine er «damit nicht, dass ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verloren gehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.» Kafkas zweimal wiederholter «Wunsch» wird noch weniger eindeutig in der Instruktion Brods, den restlichen Nachlass «ausnahmslos zu verbrennen»: Doch «wehre ich Dir nicht hineinzuschauen, am liebsten wäre es mir allerdings wenn Du es nicht tust, jedenfalls aber darf niemand anderer hineinschauen». Die in dieser Anweisung gegenüber dem Werk zutage tretenden Ambivalenz zwischen Scham und Stolz spiegelt sich immer wieder in Kafkas Texten. Eindrücklich beschreibt er beispielsweise «ein eigentümliches Tier, halb Kätzchen, halb Lamm», das nicht nur zoologisch eine Unmöglichkeit darstellt, sondern auch semantisch sich ausschließende Eigenschaften aufweist: Seine Augen sind zugleich «flackernd und mild», seine Bewegungen sind «sowohl Hüpfen wie Schleichen». Dieser «Kreuzung» zwischen Opferlamm und mörderischem Raubtier sei «die Haut zu eng», die eigene Existenz wird also als unmögliche erfahren. Diese Erfahrung kann als Kafkas Einzelgängerexistenz in der vom Ehe- und Familienideal geprägten jüdischen Bürgertum seiner Zeit gedeutet werden, zeigt ihn aber auch als Angehöriger der doppelten, deutschsprachigen jüdischen Minderheit in Prag.
Signifikant war für Kafka auch der sehr aufmerksam verfolgte zionistische Diskurs, also die Debatten um jüdische Identität in Europa, bei denen sich etwa sein Freund Max Brod als eine prominente Stimme beteiligte. Zentral in diesem Diskurs war die «Gemeinschaft», der sich individuelle Wünsche unterzuordnen hatten. Solche Ideen einer einheitlichen Gemeinschaft parodiert Kafka etwa im postum als «Forschungen eines Hundes» betitelten Erzählfragment. Ein Hund fantasiert vom Mark in einem Knochen, den zwar nur das gemeinschaftliche Beißen aller Hunde aufknacken könnte, den er aber ganz allein ausschlürfen möchte. Dies sei jedoch nur ein «Bild»: «Das Mark, von dem hier die Rede ist, ist keine Speise, ist das Gegenteil, ist Gift.» Es ist bezeichnend, dass Kafka in seinem «Bild» für das ambivalente Dasein als Outsider, der sich doch einem Kollektiv zuordnet, die gleiche Ambivalenz beschreibt wie Bleuler in seinen psychiatrischen Beobachtungen: «‹Gift› kann ‹Speise› bedeuten».
Ambivalenz als Triebfeder der Dichtung
Bereits Bleuler bemerkt, dass die Ambivalenz «eine der wichtigsten Triebfedern der Dichtung» darstelle. Auch Freud betont neben der psychiatrischen Bedeutung vor allem in seinen späteren Schriften die grundlegende Bedeutung der Ambivalenz für jedes Verständnis von Kultur. Er beschreibt etwa das «Schuldgefühl» – eine Emotion, die das Schreiben Kafkas maßgeblich bestimmt –, als «Ausdruck des Ambivalenzkonflikts, des ewigen Kampfes zwischen dem Eros und dem Destruktion- und Todestrieb. Dieser Konflikt wird angefacht, sobald den Menschen die Aufgabe des Zusammenlebens gestellt wird […].«
Diese «Aufgabe des Zusammenlebens» ist eine soziale Konstante. Für Kafka bestand sie in Bezug auf seine Familie, seine scheiternden Beziehungen zu Frauen und seine von der zionistischen «Gemeinschaft» begeisterten jüdischen Freunde. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman deutet Kafka in seinem Buch Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit (1991) als paradigmatische Figur, die für die «Wurzellosigkeit» des europäischen Judentums und damit des modernen Subjekts insgesamt stehe. Bauman definiert die Ambivalenz als Möglichkeit, «einen Gegenstand oder ein Ereignis mehr als nur einer Kategorie zuzuordnen». Die Moderne dagegen sieht er vor allem als Epoche, in der die Ordnungen der Welt und des Selbst reflektiert werden. Der moderne Nationalstaat ordnet ein Territorium nach Sprache und «Rasse»; der moderne Intellekt klassifiziert und definiert, trennt zum Beispiel Normales von Anormalem, Gesundes von Krankem. Doch das Verhältnis von Ordnung und Ambivalenz ist selbst ambivalent und bewirkt nach Bauman ein Paradox: Jeder Ordnungsversuch resultiere in neuen Ambivalenzen. «Ambivalenz stellt unstrittig die genuinste Beunruhigung und Sorge für die Moderne dar, da sie […] mit jedem Erfolg der modernen Mächte an Stärke zunimmt.» Wenn man diese Aussagen zugespitzt verstehen möchte, dann wäre die von Bleuler festgestellte Ambivalenz der Patientin also nur ein Ergebnis der psychiatrischen Ordnungsversuche.
Vielseitigkeit als Kritik
Spätestens seit der Jahrtausendwende scheint die Ambivalenz ihr Beunruhigungspotenzial verloren zu haben. Vieldeutigkeit und Diversität werden zumindest im Westen gefeiert und zunehmend eingefordert. Doch explizit ausgespielte Ambivalenz provoziert auch hier nach wie vor. Ein aktuelles Beispiel ist Kim de l’Horizons Roman Blutbuch, der 2022 mit dem Schweizer und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und zum Bestseller wurde, gerade weil er davon erzählt, wie grundsätzliche Ordnungskategorien fragwürdig werden, aber gerade deshalb auch Irritationen auslöst. Die nonbinäre Erzählinstanz des Romans schildert sich einmal als Kind vor dem Spiegel: «Das Kind fragt sich. Wann muss man sich entscheiden. Ob man Mann oder Frau wird?» Das Ich entzieht sich dieser Entscheidung und verschreibt sich Sprachmagie und «Hexensprüchen». Es bemüht ein Sprechen, das nicht klassifizierend oder rationalisierend ist, sondern auf poetische Fluidität abzielt. Denn das Funktionieren der (Geschlechter-)Differenz wird zwar im Erzählen in Frage gestellt, noch viel wirksamer aber thematisiert Kim de l’Horizon die Ambivalenz der Sprache selbst, indem der Text um Doppelbedeutungen kreist, die er durch das helvetisch gefärbte Erzählen sichtbar macht: Buch meint auch (berndeutsch) Bauch oder Buche (der Baum); Meer steht auch für (berndeutsch) Mère, die in der Erzählung sowohl mit Geborgenheit wie mit Kontrolle und Angst assoziiert wird.
Blutbuch zeigt also die emotionalen Ambivalenzen des Ich-Erzählers gegenüber seiner Familie. Nicht zufällig spielen auch hier die biografischen «Schuldgefühle» gegenüber der Mutter und der Großmutter eine Rolle. Zudem zeigt es die in der Sprache bestehenden semantischen Ambivalenzen. Diese werden durch die implizite Ambivalenz von Schweizerdeutsch und Hochdeutsch noch zugespitzt.
Wie Kafka und aktuell Kim de l’Horizon zeigen, gibt es Entscheidungen, deren Dringlichkeit nur scheinbar sind, weil sie bestehende Ordnungen immer stützen. Sie nicht zu treffen, nicht den vermeintlich unausweichlichen Anforderungen von Gesellschaft, Politik oder Familie nachzukommen und auf einem vielleicht auch nur temporären Zugleich sich rational ausschließender Bedeutungen zu bestehen, kann ein kreativer Prozess sein, diese Gesellschaft und uns selbst neu zu sehen und schließlich auch anderes zu handeln. Wir benötigen nicht mehr Ambivalenztoleranz, wie es manchmal heißt, vielmehr benötigen wir Verfahren, um die Ambivalenz in und um uns besser wahrzunehmen, zu beschreiben und zu nutzen.