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Finn Ronne, der alte Norweger hatte ihr nicht das Blaue vom Himmel versprochen, sondern nur, dass er nie mehr in die Antarktis fahren würde. Die Amerikanerin Edith Maslin glaubte ihm kein Wort. Und wurde 1944 trotzdem seine Ehefrau. Denn Edith, genannt Jackie, damals 24 Jahre alt und als Sekretärin angestellt, liebte diesen 20 Jahre älteren Finn Ronne über alles, seinen Akzent, seinen Charme, seinen Mut, seinen Rang als Leutnant. Und, dass er bereits zweimal unter Richard Byrd auf Antarktis-Expedition gewesen war.
Finn Ronnes Vater war übrigens Mitglied von Roald Amundsens erfolgreicher Südpol-Expedition. Edith hatte richtig vermutet: Finn, inzwischen zum Kommandanten aufgestiegen, wurde zum Leiter jener Antarktis-Expedition ernannt, die als «Ronne Antarctic Research Expedition» in die Geschichte einging, als die letzte von privaten Gönnern finanzierte Antarktis-Expedition. Das Unternehmen sollte 1947/48 die letzte unerforschte Küste der Antarktis kartografieren, ein rund 650 Kilometer langer Abschnitt südwestlich der Antarktischen Halbinsel. Der Star dieser Expedition wurde jedoch nicht Finn, sondern Edith. Aber das konnte nicht mal Edith ahnen. Vorgesehen war nämlich, dass Edith ihren Mann und Kapitän als Assistentin vom Expeditionsstart in Beaumont, Texas, bis nach Valparaiso in Chile begleitet, der letzten Anlaufstelle vor der Antarktis. Von dort sollte sie wieder zurück nach Texas fliegen. Doch in Valparaiso fragte der als launisch bekannte Finn seine Edith, ob sie ihn nicht auf der ganzen Expedition begleiten wolle. Und weil Harry Darlington, Finns Chefpilot, dessen Frau Jennie ebenfalls bis nach Valparaiso mitgenommen hatte, solle Jennie doch auch gleich mitkommen. Finn sprach von einem 15 Monate dauernden Aufenthalt in der Antarktis. Diesmal versprach er seiner Frau neben der ewigen Liebe auch ewiges Eis und jede Menge Pinguine. Kurzentschlossen nahm Edith sein Angebot an. Denn sie hätte ihn «aus lauter Liebe auch auf den Mond begleitet», wie sie später in ihren Memoiren schrieb. Auch Jennie akzeptierte.
Und so wurden Edith Ronne und Jennie Darlington die ersten beiden Amerikanerinnen, die ihren Fuss auf die Antarktis setzten. Genau genommen war Edith die Erste. Ganzgenau genommen war sie überhaupt erst die zweite Frau auf antarktischem Festland: 1935 betrat Carolina Mikkelsen, die Frau des norwegischen Walfänger-Kapitäns Klarius Mikkelsen, als allererste Frau die Antarktis, aber nur für ein paar wenige Stunden. Edith Ronne und Jennie Darlington waren dafür die ersten Frauen, die 1. in der Antarktis übernachteten und 2. in der Antarktis überwinterten. Hätte eine von beiden in dieser Zeit auch noch ein Kind gekriegt, wäre das… aber das geht dann doch ein bisschen zu weit. Auf alle Fälle dauerte es nach Edith und Jennie weitere zehn Jahre, bis wieder eine Frau in die Antarktis kam, das war die Russin Marie Klenova. Edith war ihrem Mann Finn eine fleissige Assistentin: Sie führte genau Tagebuch und schrieb viele Artikel für die amerikanische Presse.
Wenn die Männer für Messungen unterwegs waren, übernahm sie im Camp die wissenschaftlichen seismographischen und Wasserstands-Messungen. Aber das Leben war hart und isoliert. Die Freundschaft zwischen den Ronnes und den Darlingtons erstarrte in frostigem Schweigen. Vielleicht, weil Jennie ein Seiden-Negligé im Gepäck mitführte und Edith nur ein Cocktail-Kleid. Immerhin gewöhnte sich die Crew an die Anwesenheit der Frauen, denn anfänglich hielt sich deren Begeisterung über weibliche Begleitung arg in Grenzen.
Fünfzehn Monate dauerte der Aufenthalt in der Antarktis. In dieser Zeit wurden 650 Kilometer Küste kartografiert, 14’000 Fotografien aus der Luft gemacht und ein Gebiet von 400’000 Quadratmeilen erkundet. Finn gab diesem Gebiet den Namen «Edith Ronne Land». Edith taufte es 20 Jahre später um in «Ronne Ice Shelf». In ihren Memoiren schrieb Jennie Darlington, dass Frauen in der Antarktis nichts verloren hätten. Edith Ronne hingegen schrieb, dass Frauen in der Antarktis bewirken, dass die Männer in der Wildnis immer einen Rest von Haltung bewahren. Edith kehrte danach noch 15 Mal in die Antarktis zurück. Sie starb 89-jährig am 14. Juni 2009. Ihr Mann Finn segnete das Zeitliche bereits am 12. Januar 1980, just 81-jährig. Jennie Darlington verstarb 2017.
Autorin: Greta Paulsdottir