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Chiara, Piretta & Luise
CHIARA: Sie ist eine zierliche, silbergrau getigerte Kätzin. Als sie ankam war sie, wie die meisten Katzen, zurückhaltend und scheu. Nach der üblichen Eingewöhnungsphase von 3-4 Wochen durfte sie am Tag frei in den Garten. Zwar war sie abends pünktlich um sechs Uhr zum "z'Nacht" da, den ganzen Tag über aber völlig unsichtbar. Das hat mich verständlicherweise sehr beunruhigt.
Auf den "Dachhasen" Chiara machte mich eines Tages mein Hund dadurch aufmerksam, dass er ganz angespannt und interessiert irgend etwas auf dem Dach beobachtete.
Endlich wusste ich, wo sich Chiara den ganzen Tag aufhielt. Sie ist eine kluge, vorsichtige Kätzin, die ihre zwei ersten Lebensjahre als Strassenkatze im südlichen Italien verbracht hat. Vermutlich hat sie damals erkannt, dass sie so hoch oben den "Überblick" hat und vor Nachstellungen ziemlich sicher war. Ganze Tage sass sie oben auf dem First an einen Schornstein gelehnt, lag flach wie eine Flunder auf den heissen Dachziegeln, oder schlief lang ausgestreckt in der Dachrinne.
Ich habe ähnliches vor einigen Jahren in der Türkei beobachtet. Trotz glühender Hitze hatte eine Katzenmutter ihre Kinder unter den Dachziegeln einquartiert. Ich konnte das von meinem Hotelzimmer jeden Tag beobachten und auch wie sie mit ihren Kindern spielte und sie versorgte. Natürlich habe ich ihr täglich Fleisch auf das Dach geworfen.
Chiara lebt heute ruhig und zufrieden in einer schönen Wohnung mit Balkon, betreut und geliebt von einer älteren Dame.
PIRETTA: Sie kam mit ca. 2 Jahren, kurz vor Weihnachten 1997, aus Italien. Dort war sie eine Strassenkatze. Weil sie zahm und zutraulich ist nimmt man an, dass sie ausgesetzt wurde als sich Junge ankündigten. Nicht nur, dass die Kleinen in eine knallharte, abweisende Welt hinein geboren wurden, Mutter und Kinder infizierten sich obendrein noch mit der Katzenseuche. Von den Kleinen hat keines überlebt. Die Mutter haben junge, italienische Tierärzte in aufopferndster Weise über mehrere Wochen medizinisch versorgt und gepflegt. So ist Piretta am Leben geblieben und als "Asylantin" in die Schweiz gekommen.
Eine Familie mit zwei mittelgrossen Kindern, hatte sich nach langem Prüfen und Überlegen entschlossen, sich den grössten gemeinsamen Weihnachtswunsch, eine Katze, zu erfüllen. Eigentlich war eine kleine, junge Katze geplant. Piretta ist weiss mit wenigen schwarzen Flecken an den unmöglichsten Stellen. Ihre Figur ist kugelrund aber sie ist von überwältigendem Charme und umwerfender Zärtlichkeit. Ihre zutrauliche Gutmütigkeit ging trotz dieser traurigen Lebensgeschichte soweit, dass sie dem Tierarzt fast die Pfote zur Blutentnahme für den Leukosetest entgegengestreckt hat. Diese Erfahrung in nur drei Tagen, in denen sie bei mir war, bewog mich sie der Familie als vermutlich ideale Katze für die Kinder zu empfehlen.
Normalerweise werden bei mir Katzen erst nach ca. drei Monaten weitervermittelt. Die Zeit brauche ich, um ein Tier umfassend beurteilen zu können und es dann an den richtigen Platz und in die passenden Verhältnisse zu vermitteln. Bei Piretta und ihrem liebenswürdigen und unproblematischen Wesen war ich sicher, dass ist die richtige Katze für diese Familie! Seit sechs Monaten lebt sie jetzt dort und lässt sich, mit Hütchen auf dem Kopf, im Puppenwagen spazieren fahren und ist auch immer mittendrin und dabei, wenn Nachbarskinder zu Besuch kommen.
LUISE: Es war ein typischer "grusiger" Februartag, dunkel, nasskalt, dichter Schneeregen. Ich befand mich auf dem Nachhauseweg. Zwischen zwei Dörfern, weit und breit kein Gehöft zu sehen, auf einer grossen, vom Winter noch unansehnlichen, nassen Wiese, kauerte eine Katze. Sie sass sehr weit weg von der Strasse. Trotzdem konnte ich erkennen, dass sie 3farbig war, also eine Kätzin. Verschiedene Dinge bewogen mich sofort zu handeln:
- Selbstverständlich Mitleid.
- Bei so einem Wetter sitzt keine Katze, weit weg von jeder warmen Stube, draussen. Es sei denn, sie wurde ausgesetzt, oder sie stammt von einem Bauernhof, wo nicht wirklich gefüttert wird. Übergrosser Hunger lässt so einem Tier keine Wahl.
- Als weibliche Katze würde sie in wenigen Wochen von Katern belagert, gedeckt und neun Wochen später Mutti von einer ganzen Schar kleiner Katzen, die in das gleiche Elend hineingeboren würden. Im Regelfall bleibt es nicht bei dem einen Wurf im Jahr. Sie würde wenigstens noch einen zweiten Wurf Katzen zur Welt bringen. Ich stellte meinen Wagen im nächsten Feldweg, der von der Strasse abzweigte, ab.
Eine Decke oder gar einen Transportkorb hatte ich blöderweise nicht dabei. Zum Glück trug ich an dem Tag, wegen der Kälte, eine dicke, weite Jacke. Die hintere Tür des Autos lehnte ich an um die Kätzin, sollte ich sie erwischen, nicht durch das Geräusch beim aufklinken der Tür zu erschrecken. Ganz langsam, mich so klein wir möglich machend, näherte ich mich dem kauernden Tier. Beim Näherkommen konnte ich sehen, dass es sehr mager und struppig war. Deshalb hatte ich die ganze Zeit eine irre Angst, dass die Katze aufspringen und davonlaufen würde. Ich redete dauernd und beruhigend mit Luise und, oh Wunder, sie blieb sitzen. Ganz, ganz langsam, bloss keine hastige Bewegung machend, hockte ich mich neben sie. Mit der linken Hand kraulte ich die Kätzin vorsichtig im Nacken, darauf gefasst, sollte sie doch weg wollen, sofort im lockeren Nackenfell zuzupacken.
Mit der rechten Hand streichelte ich ihr ganz vorsichtig das kleine Köpfchen. Nach einer kleinen Weile hob ich Luise ganz ruhig auf. Ich war noch immer
darauf vorbereitet, dass sie plötzlich versuchen könnte sich zu befreien. Sie liess aber zum Glück alles mit sich geschehen. Das Büsi war ganz leicht. Ich steckte sie in meine warme Jacke, hielt die Katze aber für alle Fälle mit der linken Hand weiter im Nacken fest. Ganz behutsam marschierte ich mit ihr zum Auto, öffnete die angelehnte Tür einen Spalt und setzte sie auf den Rücksitz. Geschafft! Einen Moment stand ich neben dem Auto und holte erste einmal tief Luft, überglücklich über die gelungene "Rettungsaktion". Jetzt musste ich mich nur noch ins Auto zwängen, ohne dass Luise heraus schlüpfen konnte. Das gelang mir schliesslich auch. Zu Hause angelangt, zwängte ich mich wieder aus dem Auto und holte einen Transportkorb aus dem Haus, mit dem ich mich wieder in das Auto zwängte. Die Katze sass immer noch ganz brav auf dem Rücksitz. Mit ruhigen Bewegungen nahm ich sie, setzte sie in den Korb und schloss den Deckel. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Alles andere war Routine.
Eine ganz wesentliche Überraschung mit Luise stand mir allerdings noch bevor. Nach einigen Tagen Ruhe, gutem Futter, einer Wurmkur, sie hatte Bandwurmglieder ausgeschieden, mussten wir zum Tierarzt. Es ist ganz wichtig, mit einer gefundenen oder jungen Katze schnellstmöglich einen Leukosetest machen zu lassen. Bei der Gelegenheit wird auch gleich die erste Leukose- und Katzenseuche/Katzenschnupfen-Impfung gemacht. Nach einigen Wochen müssen beide Impfungen wiederholt werden. Es ist üblich, dass die Katze beim ersten Tierarztbesuch untersucht wird sowie die Ohren und Zähne kontrolliert werden. Vor allem, wenn man nicht weiss wie alt das Tier ist und daher das Alter geschätzt werden muss, spielt der Zustand der Zähne eine grosse Rolle. Und jetzt kam die Überraschung. Luise besass, trotzdem wir uns alle einig waren, dass sie auf keinen Fall älter als 3-4 Jahre sein konnte, nur einen einzigen Zahn. Es ist zwar keine Seltenheit, dass Katzen von Bauernhöfen ein mangelhaftes Gebiss haben. Es ist auch nicht selten, dass sie schon in jungen Jahren viele oder alle Zähne verlieren. Wie soll aber ein solches Tier draussen überleben? Oder können sie sich eine Katze vorstellen, die mit nur einem Zahn Mäuse fängt?
Luise lebt heute bei einem Ehepaar. Es ist immer jemand zu Hause, der mit ihr spielt und sie verwöhnt. Sie wird sogar so verwöhnt, dass sie laut "Augenzeugenbericht" kugelrund geworden ist.
Copyright Isabella R. Kern