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Johannes von Bismarck, ein entfernter Verwandter des eisernen Kaisers, liess sich kürzlich zitieren: «Ein Medienunternehmen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Schraubenfabrik, nur weil es meinungsbildende Inhalte sind.» Von Bismark weiss, wovon er spricht, das Unternehmen, für das er arbeitet, hat vor zwei Jahren unter medialem Getöse die «Berliner Zeitung», den «Berliner Kurier» und das «Berliner Abendblatt» erworben.
Aber nicht Bismarck der Jüngere, ist hier das Thema. Und sein Vergleich mit der Schraubenfabrik soll ebenfalls Nebensache sein. Das Stichwort ist «meinungsbildende Inhalte».
«Meinungsbildend», ja das wäre wohl ein schönes Ziel und Zweck von Journalismus jedweder Art. Eine hehre Angelegenheit wäre das, Journalismus als moralische Anstalt. Doch erstens macht das Mühe und zweites Arbeit dazu. Und drittens? Eine differenzierte Berichterstattung ist der saftigen Schlagzeile Tod.
Vor kurzem erst wieder haben die sogenannt meinungsbildenden Medien auf der ganzen Linie versagt. Und ich nehme das Produkt, für das ich arbeite, von meinem Generalvorwurf nicht aus. Ich meine den «Sex-Skandal» des FC-Thun, oder das, was die Medien aus ihm machten. Erinnert sich überhaupt noch jemand daran?
Was mir in Erinnerung blieb ist erstens: Der weinende FC-Thun-Präsident heisst Kurt Weder (Doch weshalb und worüber vergoss er an jener Pressekonferenz Tränen? Das zu wissen, wäre womöglich meinungsbildend gewesen.)
Und in Erinnerung blieb zweitens: Journalisten, die um alles in der Welt versuchten, die Identität des Mädchens in Erfahrung zu bringen. FC-Thun-Fans wurden von staatlich approbierten Fernsehredaktoren mehrmals täglich telefonisch angehalten, den Namen preiszugeben. Man präsentierte Anfangsbuchstaben und appellierte an deren moralisches Gewissen, doch einen Beitrag zur Aufklärung des (Zitat) «Gang Bang» zu liefern.
Was ist das Meinungsbildende daran, das Mädchen zu identifizieren? Meinungsbildend ist höchstens die Tatsache, wie die Medien auf die Vorfälle in Thun reagierten, und dabei war dieses Verhalten symptomatisch: Einen Tag nach Veröffentlichung des Communiqués durch die Kantonspolizei will eine «Blick»-Fotografin während des Trainings der 1. Mannschaft des FC Thun ein Mädchen «als Animierdame» ins Trainingstor stellen – im Hintergrund mit den Spielern beim Training. Der FC Thun greift ein und versucht, das Bild zu verhindern.
Der Fall wird die Gerichte beschäftigen müssen. Und um hier klar vorverurteilend zu wirken, soll behauptet sein: Auf die juristische Strafbank gehören die 14 angeklagten Spieler. Und auf die Nachbarbank gehören die Medien. Manche von ihnen sollten tatsächlich besser Schrauben produzieren als Meinungen.
Daniele Muscionico ist Kulturredaktorin bei der «Weltwoche».