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Chorwerke Evgenij Gunst
Im Herbst 2009 wurde im Keller des Musikwissenschaftlichen Seminar der musikalische Nachlass von Evgenij Gunst (1877–1950) entdeckt, der auf abenteuerliche Weise dorthin gelangt und über ein halbes Jahrhundert lang unbeachtet in vierzehn Paketen verstaut war. Es finden sich darunter musikalische Werke in Autograf und Druck, Skizzen, Briefe, Dokumente und Fotos.
Noch verborgener in diesem vergessenen Œuvre sind seine Chorwerke. Gerade mal zwei Vokalquartette führt Gunst in seinem Werkverzeichnis auf. Das akribische Durchforsten seines Nachlasses nach weiteren Autografen und Skizzen hat nochmals sieben weitere Chorwerke zutage gebracht. Sie lassen sich in drei Gruppen unterteilen, welche stellvertretend für die Lebensstationen Gunsts stehen. Eine erste Gruppe umfasst seine einzigen geistlichen Werke überhaupt: fünf chorische Harmonisierungen von gregorianischen Chorälen. Damit knüpft Gunst an die grosse russische Tradition liturgischer Chorwerke an – mit dem besonderen Merkmal, dass er den orthodoxen Chorklang mit Choralmelodien der Westkirchen verbindet. Eine zweite Gruppe stellen drei Vokalquartette in volkstümlichem Ton dar. Gunst schrieb sie im französischen Exil und vertont dabei eigene russische Gedichte. Schliesslich bildet ein letztes Chorwerk eine dritte Gruppe: Berger fidèle et tendre ist eine schlichte Chorbearbeitung der Arie He shall feed his flock aus Händels Oratorium «Messiah». Es steht für einen verarmten exilierten Gunst, welcher Aufträge für musikalische Gebrauchsarbeiten annehmen musste, um letztlich überleben zu können.
Das Vokalensemble Camerata vocale brachte in Kooperation mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar in zwei Chorkonzerten die Chorwerke von Evgenij Gunst zur Aufführung, wobei es sich teilweise um Uraufführungen handelte. Das Konzertprogramm beinhaltete ausserdem weitere Chorwerke von Komponisten wie Rachmaninov oder Poulenc, welche Gunst in seinen unterschiedlichen Lebensstationen nahestanden.
Evgenij Gunst mit Auszeichnung
Jüngst holte übrigens der Basler Männerchor "Männerstimmen Basel" u. a. mit dem Vokalquartett "Ljublju ja tvoj vzor"von Evgenij Gunst an der internationalen Chor-Olympiade den Weltmeistertitel. Der Chor darf sich von nun an mit dem Titel "World Champion" brüsten, welcher sonst nur 19 weiteren der insgesamt 362 teilnehmenden Chöre vorbehalten sei.
Es freut das MWS ganz besonders, dass das Werk von Evgenij Gunst nun auch weit über die Grenzen Basels bekannt wird.
Audioaufnahme von Gunsts "Ljublju ja tvor" der Männerstimmen Basel bei den World Choir Games 2012 in Cincinnati (OH), USA.
Audioaufnahme von Gunsts "Ljublju ja tvor" der Männerstimmen Basel bei den World Choir Games 2012 in Cincinnati (OH), USA.