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Frühlings-Rundbrief Chan Bern
Die Meditationspraxis in den Schriften des Meditationsmeisters Zhiyi
Wir alle kennen das Beobachten und das Zählen des Atems als Meditationsmethoden. Als ChanPraktizierende wissen wir auch vom gleichzeitigen Üben von Geistberuhigung und Gewahrsein. Diese Methoden wurden von Zhiyi, einem Meister der Tiantai-Schule, der im 5. Jahrhundert lebte, beschrieben. Er verfasste mehrere Bücher, die sehr detailliert die Praxis der Meditation darlegen. Diese Praxis des «Anhaltens und Untersuchens» gilt auch für Chan. Im Folgenden eine freie Zusammenstellung der wichtigsten Elemente in dieser Praxis:
Die richtige Kontrolle des Geistes beim meditativen Sitzen
Zu Beginn der Übung erfüllen viele und unklare Gedanken den Geist. Zuerst sollen diese Gedanken angehalten werden, um sie zur Ruhe zu bringen. Wenn wir hierbei Schwierigkeiten haben, müssen wir mit der Untersuchung der Gedanken beginnen. Dies heisst, dass wir zur Befreiung von den zahlreichen, wirren Gedanken, die für gewöhnlich zu Beginn den Geist überfluten, das «Anhalten und Untersuchen» üben müssen.
Das Anhalten:
Um «anzuhalten», kann die umherschweifende Aufmerksamkeit auf irgendeinen Körperteil konzentriert werden, am besten auf die Nasenspitze. Dadurch entfallen viele wandernde Gedanken der Aufmerksamkeit und verschwinden. In «Die Sechs Dharma-Tore zum Erhabenen» beschreibt Zhiyi deren Kultivierung in einer Abfolge, die uns zum Eintritt in den Weg führt. Das erste Tor ist «Zählen» [des Atems]. Beim Kultivieren des Zählens sollen die Praktizierenden den Atem regulieren und harmonisieren, damit er weder zu rau noch zu fein ist. Man geht in einer nicht hastigen Weise vor, zählt langsam, geht von «eins» bis «zehn.» Man fokussiert den Geist auf das Zählen und erlaubt ihm nicht, wegzurennen und zerstreut zu werden. Wenn man das Zählen beherrscht, übt der mit Gewahrsein erfüllte Geist die Kontrolle aus von «eins» bis «zehn». Ohne dass er eine besondere Anstrengung vollbringen muss, verweilt der Geist bei den objektiven Bedingungen des Atmens. Wenn man bemerkt, dass der Atem substanzlos und schwach geworden ist, wird der Geist allmählich ebenfalls subtiler. Dann wird man gewahr, dass das Zählen eine grobe Aktivität geworden ist. Unser Geisteszustand ist dann so, dass man nicht mehr den Wunsch hat, zu zählen. Dann sollten die Praktizierenden das Zählen lassen und zum Kultivieren des «Nachfolgens» übergehen. Man gibt das Zählen auf. Man stützt sich dann eins-gerichtet auf das Nachfolgen vom Ein- und Ausströmen des Atems. Man fokussiert den Geist und nimmt den Atem als Objekt. Man wird des Ein- und Ausströmens des Atems gewahr. Der Geist verweilt in den objektiven Bedingungen verbunden mit dem Atem, er bleibt frei von Ablenkung und Zerstreuung von seinem Aufmerksamkeitsfokus. Dabei wird der Geist fein und subtil, friedlich, still und frei von irgendeiner Unordnung. Man wird des Atems gewahr, wie er jetzt lang, jetzt kurz, den ganzen Körper durchdringend, jetzt einströmend und jetzt ausströmend ist. Der Geist und der Atem bleiben im Zustand dieser gegenseitigen Wechselwirkung. Die Erwägungen des Geistes werden ruhig und bleiben im Zustand der Stille. Wenn man dann gewahr wird, dass das Nachfolgen eine grobe Aktivität ist, wird der Geist dem abgeneigt und wünscht es aufzugeben. Dann sollten die Praktizierenden das Nachfolgen lassen und zum Kultivieren des «Stabilisierens» übergehen. Dazu beruhigt man alle Gedanken, die irgendetwas als objektive Bedingung ansehen. Weder zählt man, noch folgt man dem Atem. Man fixiert seinen Geist und macht ihn ruhig. Das ist gemeint mit dem Kultivieren des Stabilisierens. Beim Umsetzen des Stabilisierens wird man gewahr, wie Körper und Geist scheinbar gänzlich verschwinden, wenn man in die meditative Versenkung eintritt. Man beobachtet keine inneren oder äusseren Erscheinungen. Die Versenkung umspannt den Geist, der andauernd unbewegt bleibt. Er wird sowohl heiter und reiner als auch ruhiger und friedvoller, so entsteht ein Gefühl der Freude. (Anm. «Stabilisieren» entspricht Shamata.)
Das Untersuchen:
Wenn jedoch unsere Gedanken weiterarbeiten und umherschweifen, ohne aufzuhören, trachten wir danach, ihre wahre Natur zu erfassen. Wir sollten dann über die Herkunft des Gedankens nachdenken: — in der Vergangenheit wird er eine Form gehabt haben, die jetzt verschwunden ist, und wissen, dass er in der Gegenwart nicht wirklich existiert und in der Zukunft nicht mehr real sein wird. Durch diese Betrachtung wird uns klar, dass das Phänomen der Gedanken keine Wirklichkeit hat, durch die es ergriffen werden könnte, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart und Zukunft, und so schalten wir den Gedanken von der Aufmerksamkeit aus. Obgleich es uns meist gelingt, diesen fliessenden Gedankenstrom von der Aufmerksamkeit auszuschliessen, so kann es doch vorkommen, dass flackernde Gedanken von Zeit zu Zeit auftauchen. In diesem Falle müssen wir versuchen, die wahre Natur des Bewusstseins, das dieses augenblickliche Flackern der Gedanken beobachtet, zu erkennen. Bewusstsein entsteht, wenn die sechs äusseren Gedankenobjekte mit den sechs Sinnen in Berührung kommen und die sechs inneren Sinne auf sie reagieren. Solange die sechs inneren Sinne nicht mit den sechs äusseren Sinnesobjekten in Kontakt sind, wird kein Bewusstsein von ihnen entstehen. … Sobald der Geist beginnt umherzuschweifen, müssen wir ihn wieder zur Aufmerksamkeit zurückrufen und ihn unter Kontrolle halten. … Um ein guter Bogenschütze zu werden, braucht es eine lange Übungszeit — ebenso ist viel Zeit nötig, um in der Praxis der Meditation Erfolg zu haben.
Unsere nächsten Veranstaltungen:
Freitag, 24. Mai, 7., 14., 21., 28. Juni jeweils 19 bis 21 Uhr Fünf thematische Meditationsabende: Was hindert mich am Meditieren – was hindert mich beim Meditieren? Wir wollen an diesen Meditationsabenden den Fragen zu den Hindernissen nachgehen, die uns davon abhalten zu meditieren oder die während der Sitz-Meditation auftauchen. Jeder Abend beinhaltet einen kurzen theoretischen Teil, dann üben wir in Sitzmeditation, mit einfachen Bewegungen und in Achtsamkeit.
Sa, 8. Juni bis Mo, 10. Juni 2019 (Pfingstwochenende) 3-Tage-Chan-Retreat mit Hildi Thalmann Das ist eine Gelegenheit, die eigene Praxis zu vertiefen und zu erweitern. Es ist geeignet für Personen, die bereits an Einführungen teilgenommen haben. Wir üben die grundlegenden Methoden der Entspannung und Konzentration und gleichen dadurch Körper und Geist aus. Wir praktizieren „Stilles Gewahrsein“ (mozhao).
Hinweis: vom 27. Juli bis 17. August 2019 wird ein 21-Tage Chan-Retreat in Polen stattfinden, geleitet von den Ehrwürdigen Meistern Chi Chern Fashi und Guo Yuan Fashi, Dharma-Erben von Sheng Yen. Website http://www.czan.eu/en/odosobnienie-czan-sierpien-2019/
Sonntag, 25. August, Vortrag der Ehrwürdigen Chang Wu Fashi im Haus der Religionen
26. August bis 2. September 2019, 7-Tage-Chan-Retreat mit der Ehrwürdigen Chang Wu Fashi, Haus Tao Die Ehrwürdige Chang Wu Fashi ist zurzeit Äbtissin des Dharma Drum Vancouver Centre. Sie unterrichtet regelmässig buddhistische Philosophie und Meditation, führt intensive Meditations-Retreats für erfahrene Praktizierende durch. Sie nimmt an wissenschaftlichen Konferenzen und interreligiösen Dialogen weltweit teil und hift bei deren Organisation mit. http://www.ddmb.ca/ddmba/index.php
C H A N-T A G, Sonntag, 22. September 2019, im Meditationsraum von Chan Bern Ab 10.00 Meditation, dann Austausch über das fünfte Paramita. Gemeinsames Suppenzmittag, 14.30 bis 16.00 eine Präsentation durch ein Mitglied unserer Gruppe. Tee und Kuchen
28.September bis 3. Oktober 2019 Chan-Retreat „Wege zu Chan“ mit Hildi Thalmann, Casa Trüb In diesem Retreat werden wir uns mit Chan-Methoden vertraut machen, wie sie in der Linie von Meister Sheng Yen gelehrt werden. Der Tagesablauf wird etwas lockerer und flexibler gestaltet, und es werden mehr Anleitungen und Erklärungen gegeben als in den intensiven Retreats.
Hinweis: Donnerstag, 2. Mai 2019, 19 Uhr, Vom leeren Thron zum Buddha-Bild, Vortrag von Frau Dr.Caroline Widmer, Kuratorin Museum Rietberg. Samstag, 11. Mai 2019, 14 Uhr, Bildvortrag von Frau Alexandra von Przychowski im Haus der Religionen: „Chan-Kunst in China und die Übertragung nach Japan“. Die Referentin aus dem Museum Rietberg in Zürich wird uns einführen in die Chan-/Zen-Malerei.