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In der Schule nannte man mich «Atomica» wegen meiner unerschöpflichen Energie und Lebenslust. Langeweile kannte ich nie. Aber rückblickend hatte ich auch in der Jugend Perioden der Lustlosigkeit und Unentschlossenheit, die aber nicht auffällig wurden.
Angst vor meinem eigenen Schatten
Mein erster Schub der bipolaren Krankheit begann – unkonventionell – mit einer Manie und nicht mit einer Depression. Ich passe auch nicht in die Alterskategorie, die die Wissenschaftler bestimmt haben. Ich war schon 36 Jahre alt, als sich meine Welt in kurzer Zeit und ohne Vorankündigung in eine Achterbahn der Gefühle verwandelte. Niemand wusste, was mit mir los war – ich am allerwenigsten. Ich konnte keine Entscheidungen treffen, hatte Angst vor meinem eigenen Schatten und hatte keinerlei Freude am Leben.
Lithium war meine Rettung
Der erste Psychiater diagnostizierte einen «Nervenzusammenbruch» und behandelte mich mit Beruhigungsmitteln, Schlafmitteln, Antidepressiva und vor allem Psychotherapie. All das brachte nichts, ich setze die Medikamente ab und begann wieder zu arbeiten. Eine Zeit lang ging es gut, dann verliebte ich mich auf einer meiner Reisen, und wie wir vom Psychiater Dr. Jules Angst wissen, kann die Verliebtheit eine Vorstufe der Manie sein. Bei mir entartete sie in eine heftige Manie. Dieses Mal konnten meine Eltern nicht verhindern, dass ich von der Polizei ins Spital eingeliefert wurde. Dort wurde ich anfangs wieder mit den falschen Medikamenten behandelt, bis eine junge Assistenzärztin ihre Karriere aufs Spiel setzte und es bei ihren Vorgesetzten durchsetzte, dass sie mich auf Lithium einstellen wollte. Das brachte dann den Aufschwung in die Normalität. Noch heute sind wir eng befreundet.
Es folgten noch drei weitere Klinikaufenthalte, da ich immer wieder versuchte, ohne Medikamente auszukommen. Nach meinem letzten Klinikaufenthalt in Zug im Jahre 1998 habe ich es dann endlich kapiert: Weder Glück noch Liebe noch Spass am Leben können Episoden verhindern. Nur das Lithium kann es!
Bemerkenswert ist, dass ich keine Depression bekam, als mein Vater im Jahre 1993 Suizid beging und meine Mutter drei Jahre später starb. Ich war am Boden zerstört, zutiefst traurig, ziemlich wütend – aber depressiv wurde ich nicht.
Ich habe mich auch verlieben können, ohne in eine Manie zu kommen.
Advokatin für Betroffene
Seit meinem ersten Klinikaufenthalt hatte ich mir geschworen, dass ich mich, wenn ich jemals wieder normal funktionieren würde, für andere Patienten einsetzen würde. Ich versuchte alles, was in meiner Macht stand, über diese heimtückische Krankheit zu lernen, um anderen zu helfen. So wurde ich zu einer nationalen und internationalen Patienten-Advokatin. Dies ist mein liebster «Job». Durch ihn habe ich tolle Wissenschaftler persönlich kennengelernt: Mogens Schou, den dänischen Lithiumpapst, Dr. Jules Angst, die Berliner «Pharmahexe» Brigitte Woggon und sogar zwei Nobelpreisträger, Eric Kandell und John Nash, der trotz seiner Schizophrenie brillant arbeiten konnte und der die Inspiration war für das Buch und den gleichnamigen Film «A beautiful Mind».
Habe ich gelitten und anderen unsagbares Leid zugefügt? Ja. Aber das liegt im Wesen der Krankheit. Und ich habe gelernt, mit den Schuldgefühlen zu leben.
Möchte ich die Krankheit missen? Nein. Denn sie hat mein Leben bereichert und dadurch habe ich vielen Betroffenen und Angehörigen helfen können.