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Im Alter von neun Monaten verlor Lara Ann Michlig ihr Gehör. Trotzdem kommt sie in einer Welt von Hörenden gut zurecht, lernt einen Beruf und steht als Präsidentin einer Interessengemeinschaft auch anderen Gehörlosen zur Seite.
Lara Michlig, Sie kehren jeden Montagabend von Zürich zurück nach Hause. Warum?
Ich war in der Berufsschule für Hörgeschädigte, die es nur dort gibt.
Was lernen Sie dort?
Ich mache eine Zweitausbildung als Fachfrau Betreuung (FaBe). Da habe ich jeweils am Montag Schule. Von Dienstag bis Freitag arbeite ich in einem Wohnheim in Bern mit Kindern, die spezielle Bedürfnisse haben mit zum Beispiel sozialer Auffälligkeit oder einer Lernbehinderung.
Worin unterscheidet sich die Gehörlosenschule von anderen Berufsschulen? Wird Unterricht in Gebärdensprache erteilt?
Wir haben Lehrer, die noch nicht so gut gebärden können. Aber sie geben sich Mühe, langsam und deutlich zu sprechen. Sie achten darauf, dass wir ständig Blickkontakt zu ihnen haben, damit wir von den Lippen lesen können, und es gibt nur kleine Klassen. Wir haben aber auch jemanden in der Klasse, der vollständig gehörlos ist und ausschliesslich in Gebärdensprache kommuniziert. Diese werden von Gebärden-Dolmetschern begleitet. Auch ich habe einen Dolmetscher zur Verfügung, wenn ich zusammen mit Hörenden überbetriebliche Kurse besuche. Es ist wichtig, dass man während einer Ausbildung alles versteht. Wir benötigen aber etwas mehr Zeit, um zu verstehen und zu lernen. Ich kann zum Beispiel nicht von den Lippen ablesen und gleichzeitig etwas aufschreiben.
Sie wurden im Alter von neun Monaten gehörlos, sind also nicht so geboren. Wie war es, unter Hörenden aufzuwachsen?
Es kam zu einer Verknöcherung, als ich eine Hirnhautentzündung hatte – wegen der Medikamente und dem hohen Fieber. Erst hat man versucht, mir mit Hörgeräten zu helfen, was aber nicht gelungen ist. Mit 4½ Jahren wurde mir schliesslich ein Cochlea-Implantat (CI) eingesetzt. So konnte ich in Ried-Brig normal in den Kindergarten und zur Schule gehen. Mama und Papa haben aber mit den Lehrern und der Logopädin viel zusammengearbeitet. Zum Beispiel sorgten sie dafür, dass ich in kleinere Klassen mit vielleicht nur 15 statt 22 Mitschülern kam. Im Allgemeinen wurde ich sehr gut integriert.
Sie sagen, dass Sie schon damals nicht gleichzeitig zuhören und aufschreiben konnten. Wie muss man sich Ihre Schulzeit vorstellen?
In der Primarschule erhielten meine Lehrer ein Mikrofon, das direkt mit meinem CI verbunden war. Trotzdem musste ich zu Hause viel nacharbeiten. Das heisst, ich musste abends alles, was auf den Blättern geschrieben stand, noch einmal wiederholen. Auch in den Logopädie-Stunden haben wir viel wiederholt, geübt und gelernt. Das war nur machbar, weil meine Eltern sehr hartnäckig mit mir waren, aber auch ich war hartnäckig. Es gab zwar Momente, da hätte ich lieber mit anderen gespielt. Anderseits bereitete mir das Lernen Freude, weil es spielerisch und sehr abwechslungsreich gestaltet wurde.
Wenn Sie mit einem Hörgerät hören können, sind Sie demzufolge nicht vollständig gehörlos?
Doch, ich bin vollständig gehörlos. Ich trage genau genommen auch kein Hörgerät, sondern ein CI. Mit dessen Hilfe kann ich zwar etwas hören, auch meine eigene Stimme, aber nicht so gut wie andere. Was ich höre, klingt etwas vernuschelt, weswegen ich trotzdem immer Blickkontakt brauche.
Sie hören also praktisch nicht mit dem Ohr, sondern mit einem Implantat. Wie muss man sich das vorstellen?
Bei der Operation wurden mir vier Elektroden direkt in die Gehörschnecke implantiert. Normal wären zwölf, aber weil es bei mir sehr kompliziert war und viel kaputt, höre ich nur mit vier verschiedenen Tönen. Diese werden in einem magnetischen Prozess umgewandelt und an die Elektroden im Innenohr geleitet. Trotzdem kann ich viele Geräusche nicht auseinanderhalten. Ich höre Nebengeräusche genauso wie gesprochene Worte, weshalb ich mich bei Lärm sehr konzentrieren muss, um etwas zu verstehen.
Stimmt es, dass Gehörlose auch Mühe haben, zu lesen?
Nein, jedoch ist der Wortschatz mancher Gehörloser weniger gross als im Durchschnitt, da wir die Bedeutung der einzelnen Wörter nicht mit dem Gehör, sondern visuell erlernen müssen. Wenn ich zum Beispiel die RZ lese, verstehe ich alles. Aber es gibt auch komplizierte Texte mit schwierigen Wörtern, die schwer zu verstehen sind.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie arbeiten?
Ich arbeite in einer Wohngruppe mit sieben, acht Kindern. Alle wissen, wie man mit mir umgeht, dass sie mich zum Beispiel anschauen müssen, wenn sie mit mir sprechen. Es ist nicht immer einfach, wenn ich nicht alles mitbekomme, wenn ich zum Beispiel im Büro sitze und nur ein lautes Geräusch höre, aber nicht wahrnehme, dass mich jemand bei meinem Namen ruft. Doch es sind meist auch noch andere Erwachsene da, die mir den Namen des Kindes nennen, das etwas von mir will.
Umgekehrt können Kinder das auch gegen Sie ausnutzen.
Das hat es auch schon gegeben, indem sie etwas hinter meinem Rücken getan haben. Aber ich habe trotzdem Autorität, und die Kinder spüren schnell, dass es ihnen nichts bringt.
Wie sieht es in Ihrem Privatleben aus? Wie hören Sie zum Beispiel, wenn jemand an der Haustür klopft?
Heute wusste ich, dass ich Besuch erwarte, und bin deshalb in der Nähe der Tür geblieben. Andere Kollegen schreiben mir per SMS, dass sie vor dem Haus stehen. Es gäbe schon auch Hilfsmittel wie etwa einen Blinker. Aber ich wohne noch in einem alten Haus ohne Klingel.
«Meine Lehrer hatten stets ein Mikrofon»
Muss man sich grundsätzlich anmelden, um Sie zu besuchen?
Nicht unbedingt. Wenn mein Freund da ist, kann auch er die Haustür öffnen. Wenn ich allein bin, kommt es auch vor, dass jemand durchs Fenster schaut und so auf sich aufmerksam macht.
Wie gehen alltägliche Dinge wie telefonieren?
Ich telefoniere nicht. Ich schreibe E-Mails oder SMS.
Wie sieht es mit Autofahren aus?
Auto fahren kann ich, weil ich sehr visuell bin und gut beobachten kann.
Sie fühlen sich somit weder eingeschränkt noch behindert?
Nein, es sind eher die anderen, die mich behindern. Manchmal müssen andere bereit sein, mich nicht zu behindern. Es ist jedoch auch nicht selbstverständlich, dass ich eine Ausbildung machen und arbeiten kann. An meinem Arbeitsplatz hat man zum Beispiel einen Feueralarm mit Blinkern installiert, für die Nächte, in denen ich einmal pro Woche allein bin und die Verantwortung habe. Ich schätze es sehr, wenn man so auf mich eingeht, man muss dazu aber auch bereit sein.
Seit einem knappen Jahr sind Sie Präsidentin der Interessengemeinschaft für Hörgeschädigte im Oberwallis (IGHO). Welches sind da Ihre Aufgaben?
Meine Aufgabe ist es, den Verein zu leiten und dafür zu sorgen, dass viermal im Jahr etwas läuft. Da gibt es jeweils einen Sportanlass im Februar oder März, im Sommer einen Grill- oder Raclette-Plausch, oder am Jahresende Weihnachtsessen. Es sind aber nicht nur Gehörlose oder Schwerhörige da, sondern auch viele Hörende, zum Beispiel meine Eltern oder andere Verwandte von Gehörlosen. So können Eltern eines gehörlosen Kindes mit meinen Eltern, mit mir oder anderen Betroffenen Erfahrungen austauschen.
Wie viele Gehörlose gibt es im Oberwallis?
Das weiss ich nicht. Es gibt zweifellos noch viele, von denen wir nichts wissen. Vielleicht liegt das daran, dass manche nur leicht schwerhörig sind und unseren Verein noch gar nicht kennen. Sicher ist, dass es in Zürich oder Bern mehr Gehörlose gibt, aber dort sind sie auch sichtbarer als bei uns.
Warum?
Zum einen gibt es bei uns keine Gehörlosenschulen. Anderseits bleiben Gehörlose im Oberwallis öfter zu Hause, weil es in Kinos zum Beispiel keine Untertitel gibt. Damit können sie sich keine Filme ansehen oder müssten extra wegfahren. Es gibt auch keine kulturellen Veranstaltungen, etwa Theater, mit einem Dolmetscher.
Wie viele Gehörlose sind denn Mitglied in Ihrem Verein?
Insgesamt sind wir 184 Mitglieder, davon haben etwa 50 eine Hörbehinderung.
Was wünschen Sie sich selbst und für Ihre Zukunft?
Für den Verein wünsche ich mir, dass auch junge Kinder beitreten und der Verein dadurch eine Zukunft hat. Ansonsten bin ich sehr glücklich und habe ganz normale Wünsche wie jeder andere auch. Zum Beispiel wünsche ich mir, dass die Renovierung unseres Hauses, das mein Freund und ich gekauft haben, gut klappt, oder dass ich gute Freunde und eine schöne Familie habe.