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Text: Martin Jenni
Fotos: Marco Aste
Der Absinth ist mehr als nur ein Getränk. Von der Entdeckung bis hin zu seinem Verbot und seiner Wiedergeburt. Der ehemalige Tiefenrausch des Fin de Siècle hat Kultstatus. Seit über 200 Jahren. Wie sinnierte Dichter und Bonvivant Oscar Wilde über die Grüne Fee: «Das erste Stadium ist wie normales Trinken, im zweiten fängt man an, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen, aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte, wundervolle, sonderbare Dinge.»
Das erste Rezept des Absinths findet sich im Tagebuch von Abram-Louis Pernod. 1798 nimmt die erste Brennerei im Val-de-Travers ihren Betrieb auf. 1805 eröffnet in Pontarlier Henri-Louis Pernod den ersten industriell geführten Betrieb. Die Grenzen verschwimmen.
Danach geht es Schlag auf Schlag. Wortwörtlich: Im Algerienkrieg wird Absinth von den Franzosen gegen Malaria eingesetzt. Die Betriebe expandieren im Jura. Im Maghreb sterben der «Grande Nation» die Soldaten wie die Fliegen weg. Jene die überleben, trinken den Absinth freiwillig. Nach den Kriegswirren wird die Grüne Fee in Paris salonfähig, ab 1850 küren ihn die Dichter und Denker zu ihrem Treibstoff.
60 Jahre später wird der Absinth in der Schweiz verboten: «Messieurs – c’est l’heure», heisst es am 7. Oktober 1910. Der Grund ist ein Familiendrama mit dreifachem Totschlag. Der Täter wird zum Absinth-Trinker gestempelt, obwohl er mehr dem Wein zuspricht. Dieser Widerspruch kann die Allianz gegen die Grüne Fee nicht aufhalten. Mit 241 078 zu 138 669 Stimmen wird sie zur Hexe erklärt und verboten. Natürlich kann das im Absinth enthaltene Thujon eine gefährliche Substanz sein. Es ist, wie so oft, die Menge, die für die Bekömmlichkeit oder für die Gefährdung sorgt.
Die Obrigkeit führt mit ihrem Beschluss das Val-de-Travers in die Misere, das auf einen Schlag mit einem Heer von Arbeitslosen konfrontiert wird, welche die rund 50 geschlossenen Brennereien hinterlassen. Doch das Schöne an Verboten ist sie zu umgehen. Trotz Androhung drakonischer Strafen wird der Absinth im Verborgenen gebrannt und getrunken. 95 Jahre lang wird das Valde- Travers zur Hochburg der Gesetzesbrecher. Und so manche Nostalgiker sehnen sich nach diesen Tagen zurück, die Mehrheit freut sich aber über die Rehabilitation des Absinths.
Nur, ohne sein Verbot gäbe es all die Legenden und Geschichten nicht. Wie jene von Charles Henri Comte, der im Val-de-Travers mit seinem Messerschmitt-Kabinenroller Berühmtheit erlangte. Offiziell war er bei der Kundschaft Damenunterwäscheverkäufer, inoffiziell zählte das, was bei ihm im Koffer unter der Wäsche lag – der Absinth.
Und heute? Fehlt der magische Grünschimmer in der Flasche. Die Grüne Fee ist gezähmt, ihr Thujon-Gehalt zivilisiert. Ein Botschafter der ersten Stunde seiner Wiedergeburt ist Roger Liggenstorfer, das Grosskind von Charles Henri Comte. Er, Verleger, Beizer und Verfechter der Grünen Fee, eröffnete die erste Absinth-Bar der Schweiz. Keine Höhle und auch nicht elitäre Begegnungsstätte für Trendsetter, sondern Treffpunkt für zivilisierte Absinth-Trinker. Roger Liggenstorfer kredenzt in seiner Bar rund 20 Absinths. Tendenz steigend. Und wohl kein anderer Deutschschweizer weiss mehr über dieses Kultgetränk zu erzählen. Davon zeugt auch sein Buch «Absinthe – die Wiederkehr der Grünen Fee», in der er mit Mathias Bröckers und Chris Heidrich über Hintergründe, Historie und über Geschichten und Legenden zur Grünen Fee schreibt.
Nebenbei: Einer meiner Lieblingsbrenner ist Francis Martin. Wenn es bei ihm um Absinth geht, und um den geht es bei ihm immer, wird der Brenner zum Professor. Eine Frage kann eine lange Antwort auslösen. Gut, dass er nicht nur Theoretiker, sondern auch Pragmatiker ist und dass er während seines Referats den Absinth nicht zu knapp ausschenkt. Vor dem «Maison des Chats» protzt neu der vom Bundesamt für Denkmalschutz renovierte Absinthgarten, im Innern inspiriert in der Brennküche der Anisduft, aus der Brennblase tropft das Destillat. Wir sind definitiv im Land der Mythen und bei Francis Martin angekommen. Seine Heimat, die er nur höchst unwillig verlässt, ist das Val-de-Travers, sind die Höhenzüge rund um den Creux-du-Van, ist der Lauf der Areuse, ist die wilde Natur dieses entrückten Tals. Und so schmeckt auch sein Destillat: archaisch, authentisch, gut.
Ein Schleier belegt Landschaft und Dörfer. So wie der Absinth im Glas zeigt sich die Natur. Milchig, verschwommen. Wie philosophierte einst der Maler Paul Gauguin: «Ich sitze vor meiner Tür, rauche eine Zigarette und schlürfe meinen Absinth, ich geniesse jeden Tag und bin ohne Sorgen.» Dem ist nichts mehr beizufügen, ausser, dass wenn Gauguin damals schon zu einer Partagás Culebras gekommen wäre, er sie wohl genüsslich zu seinem Absinth geraucht hätte.