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Hg. von Kurt Flasch. Stuttgart: Reclam, 1994. (= RUB 9912) [Wobei Flasch nicht nur als Herausgeber fungierte, sondern auch die „Darstellung“ verfasst und die meisten „Texte“ aus dem Lateinischen übersetzt hat.]
Eine erfreulich unaufgeregte, neutrale, wenn auch vielleicht ein bisschen gar knappe Darstellung der mittelalterlichen Philosophie Europas. Auch die arabische Philosophie, bzw. deren Einfluss auf die europäische, kam mir persönlich ein wenig zu kurz, aber das ist wohl Geschmackssache. Flasch jedenfalls ist sich des Mankos bewusst – er hat bewusst auf die arabische und jüdische Philosophie jener Zeit verzichtet, weil da noch mehr an einführender Arbeit auf den Studenten zugekommen wäre, als die relativ schmale Darstellung eines Reclam erlaubte. Und dann kann wohl jeder Lehrer der Philosophie nur froh sein, wenn sich überhaupt einmal Studenten oder Laien für das mittelalterliche Denken interessieren. Da wird man wohl, wie meine Grossmutter zu sagen pflegte, das Fuder nicht überladen. So bleibt es bei ein paar Hinweisen zu Avicenna und Averroës.
Das Buch ist gegliedert in eine Einleitung und in chronologisch geordnete Darstellungen der wichtigsten Scholastiker. Die Darstellungen bestehen in einer kurzen Einleitung des Herausgebers, gefolgt von relevanten Ausschnitten aus den Werken der besprochenen Denker.
1. Einleitung
Hier darf natürlich das übliche Caveat nicht fehlen, der Hinweis darauf, dass schon der Begriff „Mittelalter“ an sich irreführt, weil er dieser Epoche eine Art untergeordneter Scharnierfunktion zuordnet zwischen zwei bedeutenderen, wichtigeren Epochen – dem Altertum und der Neuzeit. Dass auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts dem mittelalterlichen Denken viel verdankt, und somit eigentlich noch immer brandaktuell ist, tippt Flasch ebenfalls an: Husserl wie Heidegger haben Augustins Philosophie der Zeit wesentlich herausgehoben, auch Wittgenstein zitiere den Kirchenvater „an auffallender Stelle“ (leider gibt Flasch dann nicht an, wo). Über allem aber steht die jahrtausendelange, kontinuierliche Auseinandersetzung mit Aristoteles (und – sekundär – Platon, bzw. Plotin, bzw. dem Neuplatonismus).
2. Christentum und Philosophie
Im ersten eigentlich philosophiegeschichtlichen Abschnitt des Buchs zeigt Flasch auf, wie sich das Christentum zuerst als Konkurrenz, dann aber als Weiterführung, übertreffende Überwindung und letztlich Ablösung der antiken Philosophie bzw. der konkurrierenden philosophischen Schulen der Zeit verstand. Justinus der Märtyrer operiert als erster mit dem Begriff des Logos aus dem Johannes-Evangelium und setzt ihn dem philosophischen Logos gegenüber. Hermias verspottet die Philosophen – allerdings ist sein Text so gehalten, dass der Leser, wüsste er nicht um Hermias‘ Christentum, auch annehmen könnte, dass hier eine antike Schule die andern verspotte. Tertullian, später selber als Gnostiker zu den Nicht-Regel-Konformen gestellt, sieht in der Philosophie die Quelle aller Häresien.
3. Augustinus
Der erste, dem ein eigenes Kapitel gegönnt wird. Seine Entwicklung von der frühen Konzeption, dass das Christentum eine Anleitung zum denkenden Aufstieg zum intellegiblen Grund der Welt sei (wo der Kirche eine eher transitorische, pädagogische Aufgabe zukam) zur Prädestinationslehre, in der der Kirche nun eine autoritäre, institutionelle Rolle zukam und die einen Bruch mit dem antiken Denken darstellt. (Wie überhaupt Flasch auf viel kleinerem Raum, aber in viel grösserem Mass, den von Bertrand Russell in seiner Philosophie des Abendlandes vollmundig angekündigten aber kaum eingelösten „Zusammenhang [der Philosophie – s.] mit der politischen und der sozialen Entwicklung“ darzustellen weiss.)
4. Boethius
Der letzte, der noch von der antiken Philosophie in die christliche Gegenwart hinüberreichte. Durch sein Beispiel massgeblich dafür verantwortlich wie die Scholastiker dann zumindest im Ideal versuchten, nur der Sprache entlanggehend, Grundbegriffe der Ontologie festzulegen – mit Verzicht auf Autoritätsbeweise oder Bibelinterpretationen.
5. Dionysius Aeropagita
Für mich noch immer der, der die Engel klassifiziert hat. Philosophiegeschichtlich der, der der Erfahrung (vulgo: der „Mystik“) wieder Raum geschaffen hat. Im Rückgriff auf Plotin verzichtete er darauf, dem Einen weitere Prädikate zuzugesellen, also auch nicht das Sein, die Güte o.ä. Bis heute weiss man nicht, wer sich hinter diesem Pseudonym versteckt.
6. Johannes Eruigena
Wie sein Name sagt, aus Irland stammend, wo zu jener Zeit (wir sind im 9. Jahrhundert) noch z.T. andere Traditionen herrschten als auf dem europäischen Festland. So beherrschte Johannes Eruigena z.B. das Griechische, was sich nicht einmal von Augustinus sagen lässt. Ihm ist es zu verdanken, dass die antike Kultur in der Scholastik nicht ganz verloren ging, auch wenn seine Schriften bald als ketzerisch verbrannt wurden. Es macht ihn mir sympathisch, dass er sich gegen Augustins Prädestinationslehre wandte, aus dem simplen Grund, dass, weil Gott das Einfache sei, ihm ein so kompliziertes System nicht zugemutet werden könne.
7. Anselm von Canterbury
Der Descartes der mittelalterlichen Philosophie, die mit ihm noch einmal neu ansetzt. (Natürlich benutzte er Augustin und Boethius …) Vor allem Boethius führt er methodisch weiter, indem er, wie jener, versuchte, nur anhand von (wir würden heute sagen: sprachlogischen) Definitionen schrittweise voranzugehen. Wie bei Descartes waren seine Texte (auch) als Meditationen gedacht. Der erste seit Aristoteles, der sich wieder systematisch mit Gottesbeweisen abmüht. Einer sei verkürzt dargestellt: Da alle Menschen das Gute wollen, muss es ein Höchstes Gutes geben.
8. Petrus Abealard
Hier wird Flasch nachgerade persönlich, bzw. beschreibt Abaelards Denken auch mit Hilfe dessen Person. Darin liegt denn auch Abaelards Gewicht in der Philosophiegeschichte: Mit ihm erhielt die eigenständige Persönlichkeit wieder Ansehen. Auch ging er als erster seit Boethius das Universalienproblem wieder an. Er vertrat dabei eine antirealistische Lösung: Das Allgemeine existiert nicht real.
9. Thomas von Aquin
Am Aquinaten führt in der mittelalterlichen Philosophie natürlich kein Weg vorbei. Die karolingische Bildungsreform (um 800) führte langfristig zur Gründung von Universitäten, diese wiederum zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit griechisch-antikem und arabischem Wissen. Platon rückt neben Aristoteles vermehrt ins Gesichtsfeld. Hier tritt Thomas von Aquin als Vermittler und Lehrer auf. Flasch schildert ihn weniger als eigenständigen Denker. Der Aquinate ist offenbar eher Eklektiker, einer, der systematisiert, auf dass seine Studenten verstehen mögen. Und einer, der im Hinterkopf die katholischen Lehren der Kirche behält. (Denn die beginnt nun – auf dem Höhepunkt ihrer weltlichen Macht angelangt – auch den Daumen auf die theologischen Schriften und Debatten an den Universitäten zu legen. Immerhin waren alle Lehrer dort Mönche. Schon Abealard hatte die Macht der Kirche am eigenen Leib zu spüren bekommen.)
„Da fügt sich nicht alles reibungslos ineinander.“, zitiert Flasch einen philosophiegeschichtlichen Kollegen (J. Hirschberger: Kleine Philosophiegeschichte. Freiburg i.Br., 1962) So setzt Thomas Stoff und Form auf die Seite blosser Möglichkeit und lässt sie durch das Sein aktuieren. Er greift damit auf Avicenna zurück, versucht aber gleichzeitig die in diesem Argument inhärente Destruktion Aristoteles‘, der Stoff und Form als Prinzipien der Substanz verstand, zu vermeiden, indem er erklärte, das zur Substanz hinzutretende Sein sei kein Akzidens sondern eine „Form“ der Aktualisierung der Form. Schon Averroës hatte Avicennas Argumentation verurteilt als Einschleppen religiöser Vorstellungen in die Philosophie, was Thomas grosszügig ignoriert. Thomas verknüpft Wesensontologie, Teilhabephilosophie und aristotelische Ontologie mit kreationistischen Motiven aus Avicenna und Augustin. Leider gibt er dem Studenten keinen Leitfaden in die Hand, wie denn nun diese disparaten Motive zusammenzufügen wären ohne Rückgriff auf kirchliche Autorität.
10. Bonaventura
Der erste bekannte Franziskaner, der in die bis anhin von Dominikanern beeinflusste Welt der Universitäten einbrach. Später General seines Ordens. Er versuchte, Aristoteles dem Augustin unterzuordnen. Das und sein Misstrauen gegenüber der Logik sollte bezeichnend für die franziskanische Philosophie werden, die dem Dominikaner Thomas gegenüber immer kritisch eingestellt blieb. Damit wurde Bonaventura Vorbild für jene Denker, die aus dem Mittelalter in die Neuzeit hinüberreichen sollten.
11. Radikaler Aristotelismus
Dass das Denken des Mittelalters durchaus keinen Einheitsbrei darstellte, zeigt auch, dass parallel zum Aristoteles-Kritiker Bonaventura ein Strömung radikalen Rückgriffs auf den antiken Philosophen stattfinden konnte. Gerade in dieser Strömung hat allerdings die Inquisition mit brutaler Härte eingegriffen: Ein unorthodoxer Denker riskierte nicht nur die Verbrennung seiner Werke, die Zerstörung seiner Karriere – er riskierte Leib und Leben. Der Bischof von Paris und in seinem Gefolge die Sorbonne gingen 1277 mit üblem Beispiel voran. Paris bzw. die Sorbonne war zu jener Zeit das führende theologische Institut Europas. So war die Verurteilung von 219 Thesen (Flasch zitiert einige davon) ein Fanal. Die ersten zarten Pflänzchen einer europäischen Aufklärung, einer Religionskritik, wurden brutal zertrampelt. Neben dem Auszug aus den verurteilten Thesen bringt Flasch noch einen Textauszug aus Boethius von Dacien (Das höchste Gut), anhand dessen man sich vorstellen kann, was diese Frühaufklärung mit ihrem Rückgriff auf Aristoteles hätte leisten können.
12. Raimundus Lullus
Der Mallorquiner war philosophischer Autodidakt. Bekannt für seine mathematisierende Kombinatorik und Ansätze zu einer Begriffssprache, hat er – über Leibniz – bis hin zu Frege und der modernen Logik gewirkt. Daneben war er ein Verfechter religiöser Toleranz, auch wenn er glaubte, durch reine Logik die Juden und Muslime davon überzeugen zu können, dass der christliche Glauben der einzig richtige und die Dreieinigkeit auch in ihrer Religion schon vorhanden sei. Er wurde auf einer Missionierungsreise in der Nähe von Tunis gesteinigt, konnte aber flüchten und starb 1316 in seiner Heimat Mallorca an den Spätfolgen, weshalb ihn die katholische Kirche sogar als Märtyrer führt …
13. Dante Alighieri
Hier nicht als Dichter sondern als politischer Philosoph aufgeführt. Denn auch die politische Philosophie begann sich nun zu regen. Selbstverständlich existierte sie schon vor Dante; Augustins Gottesstaat wurde schon bald politisch gedeutet. Und so sah auch Dante zwei Wege zur Glückseligkeit, einen irdischen zur irdischen Glückseligkeit und einen christlich-religiösen zur himmlischen. (Bei der irdischen Glückseligkeit hoffte Dante auf eine befriedende Wirkung des deutschen Kaisers Heinrich VII. in Italien – leider umsonst.)
14. Dietrich von Freiberg
Der eine, den ich nun nicht einmal dem Namen nach kannte … Mit ihm rückt eine andere Welt in den Vordergrund – die der deutschen Städte, die des Albertus Magnus, der zunehmenden Pflege der Naturwissenschaft, des Rückgriffs auf den Neuplatonismus eher als auf Aristoteles. Ein Vorreiter dessen, was als „Deutsche Mystik“ gilt und in Meister Eckhart seine Vollendung gefunden hat.
15. Meister Eckhart
Aus ähnlichem Milieu stammend wie Dietrich von Freiberg, und heute vor allem als Mystiker rezipiert, ging es Eckhart eigentlich um ganz anderes. Nach dem Tod von Albertus Magnus 1280 und der Verurteilung der 219 Thesen 1277 stellte sich dem Deutschen Eckhart die Frage, wie man denn Aristoteles lesen müsse, um ihn einerseits mit der augistinischen Tradition zu vereinbaren (die in Deutschland stärkeres Gewicht hatte als die thomistische), und um andererseits die spezifischen Bedürfnisse der deutschen Städte befriedigen zu können. Für den Philosophen sind insofern also die lateinischen Schriften Eckharts wichtiger als die deutschen. Nur in den lateinischen legt Eckhart Wert darauf, dass er, wenn er die Bibel kommentiert, mit Vernunftgründen argumentieren will. Das hat mit Mystik so wenig zu tun wie mit Theologie im heutigen Sinn.
16. Wilhelm von Ockham
Der mit dem Rasiermesser … Das ja bekanntlich in einer expliziten From nicht in Ockhams Schriften anzutreffen ist.
Auch Ockham wird von Flasch sehr stark als Kind seiner Zeit dargestellt: des ausgehenden 13. Jahrhunderts, einer Zeit wirtschaftlicher Rezession. Die bis anhin herrschende politische Vision einer päpstlichen Weltherrschaft einerseits, einer kommunalen Selbstbestimmung andererseits entpuppte sich als Chimäre. Der Papst war eine Geisel Frankreichs geworden, das sich als erster Nationalstaat im heutigen Sinne zu bilden begann. Und die Rezession bremste die stürmische Aufwärtsentwicklung der Städte gehörig.
Ähnliches führte nun Ockham auch in der Philosophie durch. Er vollendete und radikalisierte dabei Ansätze seiner Vorgänger Abaelard und Johannes Duns Scotus. Er trennte Glauben und Wissen, und legte so den Grund für die erneute Emanzipation der Philosophie von theologischen Fesseln. Im Universalienstreit bestritt Ockham die reale Existenz eines Allgemeinen, hielt aber dafür, dass Allgemeines als sprachliche Hilfskonstruktion durchaus erwünscht und möglich sei – im Rahmen des Nötigen. Metaphysische Aussagen aber waren auf ihren realen Ausgangspunkt zu reduzieren. (Rund 600 Jahre später sollte Wittgenstein wieder Ähnliches fordern!)
17. Nikolaus von Autrecourt
Der andere, den ich nicht kannte. Er gilt als der „Hume des Mittelalters“. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem empiristischen Ansatz des mittelalterlichen Denkers und dem Humes. Nikolaus von Autrecourt bestritt die Möglichkeit jeder Metaphysik. Die Kirche erkannte die Sprengkraft solcher Aussagen, und 1346 musste Nikolaus von Autrecourt seine Schriften vor versammelter Universität verbrennen. Ausser ein paar Briefen scheint nichts auf uns gekommen zu sein. Kein Wunder, kannte ich ihn nicht. Und schade, von ihm hätte ich gerne mehr gelesen …
18. Nikolaus von Kues
Mit ihm stehen wir an der Schwelle zur Renaissance. Im Grunde genommen mehr Humanist als Scholastiker, wollte Nikolaus von Kues nie Universitätslehrer sein und schrieb Aristoteles nur eine untergeordnete Rolle zu. Er knüpfte an jene andere scholastische Tradition an: an Augustinus und Proklos, Dionysius Aeropagita, Johannes Eriugena, Meister Eckhart, Raimundus Lullus, auch an die – im Mittelalter offiziell weitgehend ignorierte – hermetische Tradition. In Gott fallen für den Kusaner alle Gegensätze zusammen; beim Menschen muss zwischen Vernunft und Verstand unterschieden werden, indem letzterer alles zerlegt und Gegensätze schafft, die ersterer dann wieder in einer höheren Einheit zusammenführt. Man hört schon Giordano Bruno, Hamann, Hegel …
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Vom 2. Jahrhundert nach Christus bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts spannt Flasch so den Bogen seiner Philosophiegeschichte. Immer bleibt sie interessant, sowohl was die eigenen Texte Flaschs betrifft, als auch die Auswahl aus den philosophischen Primärtexten. Flasch bleibt dabei neutral, was bei einer philosophischen Epoche, die immer auch Kirchengeschichte ist, nicht jedem gelingen will. Sicher hätte ich zu dem einen oder andern Denker mehr Informationen gewünscht, aber sich diese zu besorgen ist anhand des beigefügten Literaturverzeichnissen ja jederzeit möglich.
Ich für meinen Teil habe die Lektüre jedenfalls genossen und auch nicht bereut, dass ich – gegen meine stark verwurzelten Vorurteile – mal wieder ein gelbes Reclam“heftchen“ (es umfasst immerhin beinahe 550 Seiten!) gekauft habe.