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Schon Franz Kafka behauptete, dass Prag ein Mütterchen sei, dessen Krallen einen nicht mehr los ließen und wer einmal dort war, wird immer wieder gerne zurückkehren. In der vorliegenden Anthologie hat die 1976 in Prag geborene Germanistin und Romanistin einige der besten Texte aus und über ihre Heimat zusammengetragen und präsentiert eine Auswahl, die der literarischen Vielfalt der Goldenen Stadt (ab 1945) durchaus gerecht wird. Einige der Texte konnten vor 1989 gar nicht oder nur im Samizdat resp. Exil erscheinen, wie die Herausgeberin in ihrem Vorwort auch erwähnt.
Lange Nasen, kurze Pointen
Eröffnet wird der literarische Reigen mit einer Geschichte von Jiří Weil, der durchwegs ironisch von der Aufgabe zweier Arbeiter berichtet, die Statue des "Juden Mendelssohn" vom Dach des Rudolfinum zu stoßen. Während der nationalsozialistischen Besetzung der damaligen Tschechoslowakei trieben die Anordnungen des Schreckensregimes absurde Blüten und beinahe wäre dem ausgerechnet die ebenfalls dort aufgestellte Statue von Richard Wagner zum Opfer gefallen. Denn er hatte die längste Nase! Die Geschichte muss man jedenfalls selbst lesen, so traurig-lustig ist der Humor und irgendwie halt auch typisch tragikomisch, wie man es von der tschechischen Literatur ja schon seit Hašek oder Hrabal kennt. Auch bei Eduard Petiška geht es um die jüdischen Mitbürger. "Der Ewige Jude von Prag" erzählt von den vielen Schatten, dem Ellenmann und seinem Sohn dem Ellenmännchen. "Seine Redlichkeit war so rundbeinig wie ein Dukat und schwankte von rechts nach links und von links nach rechts."
Die Kommunisten des Herzens
Die "Begebenheit auf einer Brücke" wiederum wird von Jiri Slitr und Jiri Suchy geschildert. Ein Gouverneur "eines kleinen amerikanischen Staates" will ausgerechnet die Karlsbrücke kaufen und ein beflissener Mann namens Karl ist auch gerne bereit ihm diese sogleich zu verkaufen. In Ota Pavels Beitrag geht es um einen Lauf durch Prag, den der Vater des Erzählers versucht zu organisieren, um für die Wahl der Kommunisten in den Nationalrat Werbung zu machen. Denn nach dem Krieg gab es noch eine freie Wahl, vor dem Putsch der Kommunisten. "Sei’s drum, Tatsache ist, dass mein Papa den Kommunisten nahestand, er umgab sich gern mit Vagabunden, Landstreichern und Armen. Und vor allem hatte er ein großes und gütiges Herz." Ja, es gab sie, die "Kommunisten des Herzens", aber wie so viele andere, wurde auch er von der kommunistischen Machtübernahme dann bitter enttäuscht. Egon Bondy wiederum verrät in seinem Gedicht, dass es 33 Gespensterchen in Prag gibt und ein anderer, dass die Kleinseitner Bierschlucker von Mammuts träumen. Oder war es gar Jirka Vokurka, der gerne in der neuerdings wiedereröffneten Schlechtovka sein Bier trank und "ein altmodisches Leben" führte: "er malte Bilder, zahlte Alimente und trank". Ja, so war das damals. Und natürlich fehlt auch die "Kavarna Egona Ervian Kische" nicht: "Heute Pflaumenknödel aus Topfenteig."
Weitere literarische Entdeckungen der tschechischen Gegenwartsliteratur und unbekannte Texten stammen von bekannteren Autorinnen und Autoren wie Michal Ajvaz, Daniela Hodrová, Bohumil Hrabal, Eva Kantůrková, Pavel Kohout, Milan Kundera, Jaroslav Rudiš, Lenka Reinerová, Jaroslav Seifert, Jáchym Topol und Jiří Weil.