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In einer Serie stellt die Zeitschrift «Gute Pillen – Schlechte Pillen» Vorreiter der modernen, evidenzbasierten Medizin vor. Das gemeinsame Merkmal dieser Pioniere und Pionierinnen ist, dass sie sich nicht auf vorgefasste Lehrmeinungen stützten, sondern selbst systematisch Informationen zusammentrugen, scharf kombinierten und – manchmal vielen Widerständen zum Trotz – kluge Schlüsse zogen. Im Folgenden der Beitrag über den ungarischen Arzt, der in Wien zum «Retter der Mütter» wurde.
Wien, 1846: Der junge Gynäkologe Ignaz Semmelweis arbeitete als Assistent auf der ersten Geburtsstation des Allgemeinen Krankenhauses. Dort musste er miterleben, wie viele junge Mütter hohes Fieber bekamen und starben. Das Kindbettfieber war damals eine der häufigsten Todesursachen für Frauen, die gerade ein Kind auf die Welt gebracht hatten. Auf Semmelweis‘ Geburtsstation waren so viele Frauen betroffen, dass die Abteilung regelrecht gefürchtet war.
Semmelweis quälten die Todesfälle sehr, und er begann Nachforschungen anzustellen. Dabei fand er heraus, dass im Krankenhaus tatsächlich mehr Frauen an Kindbettfieber starben als nach einer Geburt auf der Strasse. Das war damals wohl keine Seltenheit, da wegen der langen Wege in Wien die Schwangeren nicht immer rechtzeitig die Klinik erreichten. Ausserdem fiel Semmelweis auf, dass die Müttersterblichkeit auf den beiden Geburtsstationen der Wiener Klinik unterschiedlich hoch war. Auf der Station, auf der er arbeitete, waren zwischen 1841 und 1846 zehn Prozent der Mütter am Kindbettfieber gestorben, auf der Nachbarstation nur vier Prozent. Ein grosser Unterschied! Womit hatte er zu tun?
Die Suche nach der Ursache
Semmelweis begann, die Unterschiede zwischen den Abteilungen systematisch zu analysieren. Könnte es eine Rolle spielen, dass in der ersten Abteilung möglicherweise die Schlafsäle voller waren? Es stellte sich aber heraus, dass es genau andersherum war. Die Sterblichkeit hatte nichts mit den Belegungszahlen zu tun.
In der ersten Abteilung entbanden die Mütter in Rückenlage, in der zweiten in Seitenlage. Hatte die Sterblichkeit also etwas mit der Geburtsposition zu tun? Semmelweis führte auch in der ersten Abteilung die Geburt in Seitenlage ein. Das Ergebnis war ernüchternd: An der Müttersterblichkeit änderte sich nichts.
Schliesslich blieb nur noch ein Unterschied übrig: Die erste Station wurde von Ärzten geleitet und bildete Medizinstudenten aus, die zweite Station wurde von Hebammen geleitet und bildete Hebammenschülerinnen aus. Doch warum führte dieser Unterschied zu weniger Todesfällen?
Eines Tages geschah etwas, das Semmelweis auf die richtige Spur brachte.
Blutvergiftung: Tod durch Obduktion
Während einer Leichenschau wurde der mit Semmelweis befreundete Arzt Jakob Kolletschka mit einem Skalpell verletzt – vermutlich aus Versehen durch einen seiner Studenten. Kolletschka bekam daraufhin eine Blutvergiftung und starb. Semmelweis fiel auf, dass sein Freund vor seinem Tod ähnliche Symptome zeigte, wie die jungen Mütter mit Kindbettfieber.
Hingen die Todesfälle vielleicht damit zusammen, dass die Ärzte und Medizinstudenten der ersten Geburtsstation auch Leichenschauen durchführten? Hatten sie vielleicht kleine «Leichenpartikel» an den Händen, die sie an die Gebärenden weitergaben und die diese krank werden liessen?
Wäre an dieser These etwas dran, würde das auch erklären, warum die Sterblichkeit auf der zweiten Station so viel niedriger war: Denn die Hebammen machten keine Obduktionen.
Zahlen statt Theorien
Heute wissen wir, dass das Kindbettfieber durch Bakterien verursacht wird, die zu einer Blutvergiftung führen. Damals war es allerdings noch nicht bekannt, dass Mikroorganismen Krankheiten auslösen können. Deshalb hörten sich Semmelweis‘ Überlegungen sicherlich absurd an. Denn nach der damals gängigen «Miasmentheorie» wurde das Kindbettfieber angeblich durch schlechte Gerüche oder Ausdünstungen verursacht. Semmelweis stützte sich aber nicht auf Theorien, wie das Kindbettfieber entstehen könnte, sondern analysierte zunächst die vorliegenden Daten.
Dazu schaute er sich zuerst an, wie die Müttersterblichkeit in der Vergangenheit gewesen war. Er fand einen steilen Anstieg der Fälle im Jahr 1823. In diesem Jahr war ein neuer Direktor berufen worden, der die Lehre der Anatomie für Medizinstudenten stärkte und deshalb die Studenten zu mehr Obduktionen anhielt.
1840 war die Geburtshilfe in zwei Abteilungen gegliedert worden und ungefähr zeitgleich zeigten sich die Unterschiede zwischen den Abteilungen. Das passte zu Semmelweis’ These.
Wasser und Seife genügten nicht
Semmelweis fiel ausserdem auf, dass nach einer Obduktion seine Hände einen «kadaverigen» Geruch behielten – auch wenn er sie sich mit Wasser und Seife gewaschen hatte. Er begann mit verschiedenen Alternativen der Handreinigung zu experimentieren und bemerkte, dass der Geruch nach dem Waschen mit einer Chlorkalklösung verschwand. Als Semmelweis diese Art der Händedesinfektion auf der ersten Station einführte, nahm die Müttersterblichkeit rapide ab und fiel in manchen Monaten sogar unter die der zweiten Station.
Das war jedoch noch nicht der Durchbruch für die Händedesinfektion. Die Ärzteschaft wehrte sich gegen Semmelweis’ Behauptung , sie selbst sei es, die den Frauen den Tod brächten. Er versäumte es auch, seine Erkenntnisse zeitnah in Form einer wissenschaftlichen Arbeit zu veröffentlichen und musste von einem Freund dazu gedrängt werden. Später schrieb er viele wütende Briefe an seine Kollegen, die seine Ideen nicht einfach übernehmen wollten – und brachte sie so nur noch mehr gegen sich auf.
«Retter der Mütter»
Erst der schottische Arzt und Chirurg Joseph Lister verhalf den Erkenntnissen zu Hygiene und Desinfektion zum Durchbruch. Er besprühte den Operationsbereich mit desinfizierendem Karbol und erreichte so einen drastischen Rückgang der Sterblichkeit.
Heute ist klar: Semmelweis begründete die Asepsis, also die Lehre darüber, wie man möglichst keimfrei arbeiten kann. Seine Erkenntnisse bilden bis heute die Grundlage der gängigen Hygienevorschriften in der Medizin. Semmelweis ist aber heute nicht nur als «Retter der Mütter» bekannt. Seine Studie zum Kindbettfieber gilt als eine der ersten Untersuchungen, die sich auf ein Vorgehen stützt, das heute unter dem Namen «evidenzbasierte Medizin» bekannt ist.
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Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Gute Pillen – schlechte Pillen» 4/2022.
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Quellen:
Best M und Neuhauser D (2004) BMJ Quality and Safety; 13, S. 233
SemmelweisIP(1861)Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. Pest, Wien und Leipzig: C.A. Hartleben’s Verlags Expedition
James Lind Library www.jameslindlibrary.org (Abruf 13.5.2022):
Loudon I (2013) Ignaz Phillip Semmelweis’ studies of death in childbirth.
La Rochelle P, Julien A-S (2013), How dramatic were the effects of handwashing on maternal mortality observed by Ignaz Semmelweis?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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