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Kürzlich wurde mir der Weg zur Arbeit durch einen Filmdreh erschwert. Es stellte sich heraus, dass in dem Gebäude, in dem ich arbeite, gerade eine Szene der Serie 24 mit Kiefer Sutherland gefilmt wurde. Eine ganze Fahrspur mitten in Downtown Los Angeles war abgesperrt für die Lastwagen voller Filmausrüstung, und der Gehsteig war durch eine Horde ungewöhnlich gutaussehender «Polizisten» blockiert. Ich wurde zu einer Hintertür geführt, wo die Crew bewegungslos und in andächtiger Stille vor sich hinstarrte. Sobald der Ruf «cut» aus dem Inneren des Gebäudes ertönte, zerstob die Gruppe in alle Richtungen, und ich konnte endlich mit dem Warenlift in mein Büro im 11. Stock fahren. Dort erfuhr ich, dass meine Kollegen den ganzen Tag lang wegen Pistolenschüssen zusammengezuckt waren. Ich selber erlebte nur noch das Ende des Drehs, denn ich arbeite Nachtschicht, 7 Uhr abends bis 5 Uhr früh.
Ich bin vor zehn Jahren in die USA ausgewandert und lebe seit einem Jahr in Los Angeles, wo ich als Schnittassistentin für eine Reality-TV-Firma arbeite. Für jede einstündige Episode werden innerhalb von zwei bis drei Tagen etwa achtzig Stunden Material gefilmt, mit zum Teil bis zu neun gleichzeitig laufenden Kameras. Die Aufgabe der Nachtcrew ist es, das gefilmte Material für die Cutter vorzubereiten. Erst müssen die Kassetten digitalisiert werden, und dann werden die neun Kameras miteinander und mit dem separat aufgenommenen Ton synchronisiert. In einem späteren Schritt komprimieren wir das Ganze nach Instruktionen des Story Departments. Da werden die interessanten Geschichten herausgepflückt, sodass die Cutter schon eine etwa fünfstündige Grobfassung bekommen, auf die sie ihre Feinarbeit basieren können. Meine Aufgabe in diesem Prozess ist eher repetitiv, und eigentlich bin ich selber erstaunt, dass mir dabei noch nicht langweilig geworden ist. Aber die Geschichten, die sich aus dem Material herauskristallisieren, sind immer wieder neu, und so bleibt das Ganze irgendwie spannend.
Die Hauptserie meiner Firma heisst Top Chef, und es geht dabei um Köche, die miteinander im Wettbewerb stehen. Sie werden jeden Tag mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Einmal mussten sie ein Flugzeugmenü kochen. Dabei ging es darum, dass das Essen erstens ins Geschirr hineinpasst, zweitens das Aufwärmen im Mikrowellenofen gut übersteht und drittens den Geschmack der meisten Leute trifft. Die Jury für diese Aufgabe bestand aus Piloten und Stewardessen. Ein anderes Mal mussten die Köche den Massen Innereien schmackhaft machen. Einer musste mit Kutteln, ein anderer mit Schweineohren, ein dritter mit Zunge arbeiten und das Essen dann in einem Vergnügungspark anbieten. Eine dritte Aufgabe bestand darin, in einem Studentenzimmer mit nur einer Herdplatte und einem Mikrowellenofen zu kochen und so eine Gruppe Studenten zu verköstigen.
Eine weitere Serie, an der wir eine Weile lang arbeiteten, hiess Arranged Marriage. Obwohl für dieses Projekt schon unzählige Arbeitsstunden aufgewendet wurden, sieht es im Moment nicht so aus, als würde es je fertiggestellt und ausgestrahlt. Es gibt viele Gründe, warum ein Projekt gestoppt werden kann, und das ist eines der grossen Risiken in diesem Business. Eine Firma muss solche Verluste tragen können, und zu einem Grossteil geschieht das auf Kosten der Angestellten.
Meine Arbeitsbedingungen sind für Schweizer Verhältnisse vollkommen unvorstellbar. Ich bin wochenweise bezahlt und habe einen Vertrag, der mir immer auf Ende der Woche gekündigt werden kann. Und das ist auch schon passiert. Zum ersten Mal, als sich mit Arranged Marriage erste Probleme ergaben. Der Vertrag wurde dann aber doch verlängert – warum, weiss ich nicht. Da wurde mir gesagt, man könne mich noch sechs oder zwölf Wochen lang beschäftigen. Und nach zwölf Wochen hiess es dann, meine Stelle sei noch für zwei oder vielleicht sogar fünf Monate garantiert. So ist meine Existenz also alles andere als in gesicherten Bahnen, aber doch kann man immerhin sagen: so weit, so gut.
Es ist ja auch nicht so, dass ich mit diesem Job mein Ziel bereits erreicht hätte. Mein Traum wäre es, Spielfilme zu schneiden. Ob das realistisch ist oder nicht, kann ich noch nicht beurteilen. Die erste Hürde habe ich allerdings gerade diese Woche geschafft: Mitgliedschaft in der Motion Picture Editors Guild. Um da auf dem Schnittassistenzlevel Mitglied zu werden, muss man mindestens hundert Tage als Schnittassistentin gearbeitet haben. Aber die meisten Stellen stehen nur Leuten offen, die bereits Mitglieder sind. So fragte ich mich am Anfang, wie man da jemals den Einstieg finden könne. Mit meiner Firma habe ich jetzt das Glück, dass sie die Produktionen ausserhalb der Gewerkschaftsstruktur abwickelt und dass das Budget mich soweit verkraftet hat. So habe ich die hundert Tage jetzt akkumuliert und alle weiteren Hürden überwunden. Unter anderem musste ich einen Sicherheitskurs absolvieren und eine Prüfung ablegen, und jetzt bin ich stolze Besitzerin eines Ausweises, der sich Safety Passport to the Motion Picture and Television Industry nennt. Bin ja gespannt, ob mir diese Gewerkschaftsmitgliedschaft irgendwelche Türen öffnet!
Der Hauptgrund, warum ich trotz schwieriger Anstellungsbedingungen immer noch hier bin, ist, dass ich vom Leben in Los Angeles hell begeistert bin. Und jetzt muss ich mich sofort rechtfertigen, denn das kann kaum jemand verstehen. Touristen suchen hier immer ein Zentrum, das nicht existiert, und nerven sich über den vielen Verkehr. Aber die Stadt ist eigentlich zusammengesetzt aus vielen kleineren Städten, jede mit eigenem Kern und Charakter. Die verschiedenen Stadtteile sind weit voneinander entfernt, das stimmt, daher ist es besser, wenn man das Reisen vom einen zum anderen auf ein Minimum beschränkt. Ich lebe in Hollywood, und hier in der Gegend gibt es ausser Strand so ziemlich alles, was ich mir wünsche: Kinos, Museen, verschiedenste Restaurants und Bars, Einkaufszentren, Wanderwege und, und, und. Meist bin ich per Fahrrad unterwegs, und zur Arbeit fahre ich mit der U-Bahn.
Was Los Angeles aber ganz einfach fabelhaft macht, ist seine zentrale Rolle in Sachen Film. Ein ganzer Bund der Tageszeitung widmet sich jeweils dem Kino, und der grösste Teil der Werbung in der Stadt hat etwas mit Film zu tun. Von fassadenfüllenden Riesenplakaten und Autobussen schauen einem Stars entgegen, und der Hollywood Boulevard ist mindestens einmal pro Woche für eine grosse Premiere gesperrt. Wenn man sich auch nur ein bisschen für Film interessiert, findet man schnell eine ganze Menge Gratis- und Spezialvorführungen mit anschliessender Filmemacher-Diskussion. So habe ich zum Beispiel Happy-Go-Lucky mit Regisseur Mike Leigh gesehen, oder auch Two Lovers mit Regisseur und Drehbuchautor James Gray, und The Wrestler mit Regisseur Darren Aronofsky und in Anwesenheit der Stars Mickey Rourke, Marisa Tomei und Evan Rachel Wood. Aber nicht nur Mainstream Hollywood gibt es da, sondern auch Agnes Varda war hier, um ihren neuen Film Les plages d’Agnès zu präsentieren, im Silent Movie Theater laufen jeden Mittwoch alte Stummfilme, und einmal im Monat präsentiert die Organisation Film Independent neue Kurzfilme von ihren Mitgliedern.
Mein bis anhin wildestes Erlebnis war das AFI Fest, ein alljährlich hier in Hollywood (bei mir um die Ecke) stattfindendes internationales Filmfestival. Ich meldete mich da als Produktionsvolontärin und gab Schnitt als mein Hauptinteresse an. Im Laufe des Festivals ging dann aber alles drunter und drüber, und plötzlich fand ich mich auf dem roten Teppich im Einsatz statt im Schnittraum. Dazu ist zu sagen, dass ich gerne im Hintergrund arbeite. Das Repräsentieren und Konversationsmachen liegt mir nicht, und ich würde mich daher nie freiwillig für so etwas melden. Schade eigentlich, denn wenn ich so ins kalte Wasser geworfen werde, macht es richtig Spass. Wahrscheinlich verpasse ich durch meine Reserviertheit andere grossartige Erlebnisse.
Hier stand ich also vor dem Grauman’s Chinese Theatre, mit tollem Blick auf den Hollywood Boulevard, super Kamera (das Neuste vom Neuen) geschultert. Wir waren zu zweit, ich hinter, eine andere Volontärin vor der Kamera, um die Interviews zu führen. Neben uns hatten sich auf beiden Seiten Fernsehprofis aufgestellt, die so etwas beinahe täglich mitmachen. Mit perfektem Timing für die Golden Hour erschienen die ersten Stars, hierarchisch geordnet nach Wichtigkeit, angefangen mit den Kleinen. Wir ergatterten Interviews mit Nebendarstellern und Regisseuren von Kurzfilmen. Dann ein Interview mit Sally Hawkins von Happy-Go-Lucky und mit Steven Soderbergh, der seinen Film Che präsentierte. Alles ging unglaublich schnell, und bald waren da Meryl Streep, Benicio Del Toro und Joaquin Phoenix.
Nur, Profis waren wir ja eben nicht, und das hat sich dann gerächt. Wir haben die Hierarchie unterschätzt und so ein Interview mit Benicio del Toro verpeilt. Als er frei wurde, waren wir mitten in einem anderen Interview, und wir realisierten nicht, dass wir das sofort hätten abbrechen müssen. Die Publizistin gab uns ein Zeichen, das scheinbar «jetzt oder nie» bedeutete, und Sekunden später war Benicio del Toro an uns vorbei. Er war auch später, obwohl er frei war, absolut nicht zur Rückkehr zu überreden. Wenn wir Profis wären, wäre das wohl der Moment gewesen für das berühmte «you will never work in this town again». Meine professionellen Ambitionen werde ich also wohlweislich auf den Schnitt beschränken. Aber wenn sich wieder ein Volontariat präsentiert – wer weiss ...