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Der Roche-Konzern hat diese Woche Pläne für ein zweites, noch grösseres Hochhaus in Basel vorgestellt. Sind Sie überrascht, Herr Fingerhuth?
Carl Fingerhuth: Ja. Denn vor ein paar Jahren propagierte Roche, alle nötigen Arbeitsplätze würden in einem grossen Haus konzentriert. Punkt. Und jetzt braucht es plötzlich dreimal so viel.
Eine Irreführung?
Es ist sinnvoll, die Arbeitsplätze an einem Ort zu konzentrieren. Das machen alle. Die Frage ist, wie man das macht.
Roche macht es mit einem zweiten Hochhaus. Über das erste haben Sie vor zwei Jahren in der NZZ geschrieben, es sei «die gewalttätigste und respektloseste Architektur der Schweiz». Wird diese Tat nun nicht städtebaulich eingebettet und dadurch gemildert?
Nein. Die städtebauliche Situation wird noch verschlimmert. Was soll sie besser machen?
Einen Solitär kann man als Problem sehen. Als Teil eines Clusters könnte das Gebäude weniger wuchtig wirken.
Die Stellung eines solchen Akzents so nah an der Altstadt finde ich grundsätzlich falsch. Er schadet dem Stadtbild. Basel verliert damit seine einmalige Identität mit der Pfalz und der Altstadt direkt am Rheinufer. Darin besteht die wesentliche Stärke von Basel. Sie hebt die Stadt von der internationalen Konkurrenz ab. Mit den Roche-Türmen wird Basel aussehen wie Frankfurt. Das Stadtbild wird globalisiert. Wer von der Pfalz auf die Stadt schaut, erhält das Gefühl, er stehe auf dem Vorplatz eines Hochhauses, das einer Firma gehört. Die Hochhäuser von Roche treten dominant in Erscheinung. Die Altstadt von Basel, die früher eine einheitliche Identität schuf, wird zu einem untergeordneten Element im Erscheinungsbild.
Der Altstadt muss dies doch nicht schaden.
Doch. Mit diesem Projekt erhält Basel einen neuen Leuchtturm, der den Fokus des Raumes beansprucht.
Aber der Leuchtturm von Basel muss ja nicht ewig das Münster sein.
Nein, aber man muss mit Respekt mit dem Vorhandenen umgehen. Die Stadt Zürich hat eine sehr sorgfältige Planung gemacht, in der definiert wurde, wo Hochhäuser sinnvoll sind und wo nicht. Basel hätte ebenfalls festlegen sollen, dass um die Altstadt herum keine Hochhäuser gebaut werden.
Basel wird verdichtet. Das ist doch gut.
Das ist eine Frage der Ökonomie. Viele Hochhäuser sind entstanden, weil man auf dem Immobilienmarkt sehr viel Geld damit verdienen kann. Wenn die Dichte dreifach so hoch ist, ist das Land dreimal so viel wert, lautet die Rechnung. Es besteht eine mafiöse Verbindung von Architekten, die gerne autonome Häuser bauen, und einer Immobilienwirtschaft, die ihr Land aufwerten will.
Der Vorteil ist doch, dass durch die Verdichtung keine Grünflächen überbaut werden müssen.
Aber in Schweizerhalle hat es doch genügend Industriefläche.
Schweizerhalle liegt aber nicht auf dem Boden von Basel-Stadt. Würden die Roche-Hochhäuser denn besser zur Industrie in Muttenz passen?
Ja. Dort wird nicht eine Identität beeinträchtigt, die Bedeutung hat für das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung.
Ist der Stadtkanton Basel generell zu klein für Hochhäuser?
Nein. Im neuen Zonenplan wäre ja eine Hochhauszone gegen Grenzach vorgesehen gewesen.
Das Volk hat diese abgelehnt, weil es Grünflächen sichern wollte.
Man kann verdichten und gleichzeitig Grünflächen erhalten. Auf dem Bruderholz gibt es beispielsweise Einfamilienhaus-Gebiete, die zu wenig dicht besiedelt sind. Auch dort würde es Sinn machen zu verdichten. Dabei lässt sich der grüne Charakter erhalten – bei einer dreimal so hohen Baudichte.
Auch die neue Zonenplanung für das Bruderholz lehnte Basel ab. Die Reaktionen auf die Roche-Pläne waren aber einhellig positiv.
Niemand traut sich, etwas gegen Roche zu sagen, weder die Architekten noch die Politiker. Sie machen, was die Wirtschaft sagt.
Oder Basel hat eben keine Angst vor dem Fortschritt.
Fortschritt heisst nicht, 200 Meter hoch zu bauen. Das hat nichts mit Fortschritt zu tun. Schon in Babylon wollte man unendlich hoch bauen. Früher war das technisch einfach nicht möglich. Machbar wurde es aber erst mit der Entwicklung des Stahlbaus. In die Höhe zu bauen hat mit Modernität an sich aber nichts zu tun, sondern mit Globalisierung: Das Spezifische des Ortes wird aufgegeben.
Die Globalisierung kann gut sein für Basel.
Die Globalisierung verstärkt aber auch ihren Gegenpol: In allen Städten wird die Identität gesucht. Die Leute wollen sich nicht globalisieren. Sie haben Angst, ihre Identität zu verlieren. Auch die Tourismusbüros benötigen eine spezifische Identität der Stadt, um sie verkaufen zu können.
Man kann Touristen auch mit dem neuen Wahrzeichen von Basel anlocken: dem höchsten Gebäude der Schweiz.
Das gesamte Bild der Innenstadt ist das bessere Verkaufsargument. Einen Roche-Turm gibt es in jeder grösseren Stadt der Welt.
Sind die geplanten Doppeltürme denn keine architektonische Sensation?
Im Gegenteil. Sie sind ein Stapel von Schachteln.
Finden Sie die Doppelhelix, das ursprünglich geplante Projekt, besser?
Ja, das wäre eine Identität gewesen. Da hätte man aber nichts dazu stellen können. Das wäre eine Ikone geworden wie der Eiffelturm in Paris. Der Stapel hingegen sagt überhaupt nichts über Roche aus. Nur dass das Unternehmen gross ist und anonym.
Martin Steinmann, Architekt und Präsident der Stadtbildkommission, sagte in der «Basler Zeitung», es sei nicht relevant, wie der Turm aussehe, da es sich um eine wirtschaftliche und nicht um eine städtebauliche Frage handle.
Eben. Der Bau 1 ist architektonischer Horror. Und er wird tatsächlich nicht zu Städtebau, wenn ein zweiter hinzugestellt wird. Städtebau würde bedeuten, eine Identität zu entwickeln, öffentlichen Raum so zu gestalten, dass die einzelnen Elemente zueinanderkommen. Städtebau bedeutet nicht, einfach eine Bohrinsel neben die andere zu stellen.
Basel scheint stolz auf das neue Zeichen der Stärke zu sein.
Die Frage ist, ob dieser Stolz sinnvoll ist. Wie gesagt: Viele Städte versuchen, ihre eigene Stärke wieder hervorzuheben, und nicht mehr auf der grossen Urbanisierungswelle zu reiten, in der die Vergangenheit als Störung wahrgenommen wird. In Basel wird die Architektur aber jetzt noch gewalttätiger.
Dabei nehmen doch gerade Herzog und de Meuron, die Architekten der Roche-Hochhäuser, für sich in Anspruch, immer auch Stadtentwicklung zu betreiben. Sie wehrten sich etwa gegen einen Turm für das neue Klinikum 2, weil er das Stadtbild störe.
Die Architekten argumentieren immer dann so, wenn es ihnen gerade passt. Nehmen wir als anderes Beispiel das neue Messegebäude, das sie gebaut haben: Es ist architektonisch schön, macht aber die Verbindung zwischen Mittlerer Brücke und Badischem Bahnhof kaputt. Das war früher eine grosse städtebauliche Achse. Herzog und de Meuron kümmern sich nur um ihre einzelnen Objekte. Das Projekt von Roche steht in absoluten Widerspruch, zu allem, was bisher gegolten hat.
Dank der Familie Oeri gilt Roche als das eigentlich Basler Pharmaunternehmen im Unterschied zur globalisierten Novartis. Nun soll ausgerechnet Roche eine Anti-Basler-Architektur fördern?
Das verwundert mich auch.
Herzog und de Meuron bauen zwar weltweit, doch sie verstehen sich explizit auch als Basler Büro.
Von mir erhielten sie einige ihrer ersten Aufträge, als ich Kantonsbaumeister in Basel war.
War das ein Fehler?
Nein, es sind wunderbare Bauten entstanden. Damit begannen sie ihr Büro.
Hat ihnen der Erfolg nicht gut getan?
Sie wurden megaloman. Sie sind Schläger gegen die Stadt. Sie haben das Gefühl, dass das, was für Paris richtig ist, auch für Basel richtig ist. In Paris projektierten sie ein ähnliches Gebäude wie die Roche-Türme.
Wie reagieren Herzog und de Meuron auf Ihre Kritik?
Jacques Herzog hat mich nach dem NZZ-Artikel zum Mittagessen in die «Mägd» eingeladen. Er ist ein alter Freund von mir. Wir können das trennen.
Das Essen verlief ohne Streit?
In aller Freundschaft. Er erklärte, wie wunderbar seine Architektur sei. Und ich sagte: «Du bist wunderbar, aber im Umgang mit vorhandenen Stadtstrukturen bist du an vielen Orten ein Schläger.»
Wie reagierte er?
Jacques ist eine widerstandsfähige Person und hat keine hypersensible Psyche.
Er mag es nicht, kritisiert zu werden.
Ich darf das. Und mit allem Respekt muss auch gesagt sein: Ich zähle Herzog und de Meuron zu den weltbesten Architekten. Aber ich meine, dass sie mit ihren Projekten oft die Stadt vergessen. Eine Stadt ist der Körper der Gesellschaft. Basel zeigt jetzt, dass die Wirtschaft das Wichtigste ist. Für sie opfert man alles.
Sie sind der erste Kritiker, der die Roche-Türme fundamental ablehnt.
Das ist ein Phänomen. Ich habe mal einen Buchbeitrag geschrieben, in dem ich über den Roche-Turm geschimpft habe. Der Verlag sagte, dass er das so nicht drucken werde. Ich habe meinen Artikel deshalb zurückgezogen.
Eine Debatte ist nicht möglich?
Der Basler Sektion des Bunds der Schweizer Architekten habe ich vorgeschlagen, eine Diskussion über den Roche-Turm zu führen. Der Vorstand lehnte das ab. Er sagte, dass er Aufträge bei Roche habe. Es findet nicht einmal eine fachinterne Diskussion statt.
Als ehemaliger Kantonsbaumeister schweigt man normalerweise über die Geschäfte seiner Nachfolger. Weshalb schweigen Sie nicht?
Ich habe lange geschwiegen, bis der Roche-Turm kam. Doch er ist nicht nur für Basel von Bedeutung. Er ist ein Präjudiz für die gesamte Schweizer Baukultur. Man kann heute in keiner Stadt gegen ein Hochhaus an exponierter Lage argumentieren, weil Basel das ja auch hat. Die anderen Städte sagen sich: Warum wir nicht auch? Das führt zu einer Zerstörung der Städte durch Einzelobjekte.
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In Basel ist es ein Tabu, die Roche-Türme zu kritisieren. Architekt Carl Fingerhuth bricht es und fordert eine Debatte.
Der Roche-Konzern hat diese Woche Pläne für ein zweites, noch grösseres Hochhaus in Basel vorgestellt. Sind Sie überrascht, Herr Fingerhuth?