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Telmo Miel
[NL]
- DAS WERK -
MIT FADENSTÜCKCHEN SPIELEN
TITEL: Jouer avec des bouts de ficelle (MIT FADENSTÜCKCHEN SPIELEN)
TECHNIK: PINSEL, SPRAY
ENTSTEHUNGSJAHR: 2022
STANDORT: Rue Marie-Anne-Calame 11
FLÄCHE: 184 m2
Im Mai 2022 malte das holländische Duo TELMO MIEL in einer der meistbefahrenen Straßen von Le Locle ein Fresko zu Ehren der Wohltäterin Marie-Anne Calame, der Gründerin des Arbeitsinstituts Les Billodes, das sich heute in der Route des Monts 24 befindet und in Centre pédagogique des Billodes umbenannt wurde. Abstammend aus Le Locle, zählt Marie-Anne Calame
(1775 – 1834) zu jenen außergewöhnlichen Frauen, die sich dafür einsetzten, die Welt weniger ungerecht zu machen, indem sie in einer Zeit, in der das Patriarchat die Frauen auf untergeordnete Rollen beschränkte, mit ihrer Autorität und ihrem Unternehmergeist eine Vorreiterrolle einnahmen.
Wenn Marie-Anne Calame fast zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod wieder zum Leben erweckt würde, wäre sie sicherlich überrascht und geschmeichelt, in einer nach ihr benannten Straße in Le Locle ein Fresko zu ihren Ehren zu entdecken, das von zwei der talentiertesten Neomuralisten des Kontinents gestaltet wurde. Da sie ihr Leben anderen Menschen gewidmet hat, hätte sie die Wahl der beiden Künstler zweifellos begrüßt, ein spielendes, unterprivilegiertes Kind darzustellen, anstatt ein Porträt von ihr.
Um die Bedeutung der Fantasiewelt zu unterstreichen, die eine der wenigen Reichtümer von Kindern ist, die in Armut leben, haben Telmo und Miel einen Jungen gemalt, der glaubt, dass er auf einem Fahrrad sitzt, während er nur rittlings auf einem Stuhl sitzt. Dieses Wandgemälde ist also die Vereinigung zweier Bilder, zwischen denen der Blick auf der Suche nach Orientierung hin und her wandert. Wenn ein Kind einen Traum hat, ist seine Vorstellungskraft oft stärker als die Realität. Deshalb nimmt der « traumhafte » Radfahrer in dieser Komposition mehr Raum ein, als der Körper des sitzenden Jungen. Der Oberkörper des letzteren ist gekürzt, weil er « mit den Gedanken woanders ist », wie man so schön sagt. Sein schmollender Gesichtsausdruck zeigt, dass er frustriert ist, weil er keine andere Wahl hat, als mit Fadenstückchen zu spielen.
Sobald ein Kind richtig auf seinen Beinen steht, wird das Fahrrad zu einem fantastischen Gerät, mit dem es seine Umgebung entdecken kann.
Die Kinder können damit ihre Umgebung erkunden, ihren Gleichgewichtssinn verfeinern, das Gefühl der Geschwindigkeit erleben und die Kehrseite der Medaille kennenlernen, d.h. unschönen Krusten an den Knien. Wie kaum ein anderes Spielzeug symbolisiert das Fahrrad die Flucht, eine erste Form von Unabhängigkeit, sowie das Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln und voranzukommen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Kinder und Jugendliche in Le Locle, wie überall sonst auch, von prekären Verhältnissen betroffen. Wenn man keine andere Wahl hat, als sich mit Secondhand-Kleidung einzudecken, wie kann man dann nicht die Wohlhabenden beneiden, die über eine Garderobe für jede Jahreszeit und Kleidung für ihre Freizeit verfügen? Der Junge auf dem Stuhl trägt ein kariertes Hemd und eine Hose, die ihm zu weit ist und von Hosenträgern gehalten wird – eine « Hose » für Erwachsene. Sie ist gekürzt, aber es besteht die Gefahr, dass sie sich in den Speichen oder der Kette des Fahrrads verfängt. Der Junge stellt sich vor, ein nagelneues Fahrrad zu besitzen und träumt von der passenden Kleidung: kurze Shorts und ein kurzärmeliges Trikot mit einer auffälligen roten Weste. Die richtige Ausrüstung, um in der Nachbarschaft zu glänzen. Denn mehr noch als ein Fahrrad zu besitzen, träumt dieses arme Kind davon, einen höheren sozialen Status zu erreichen.
Stilistisch repräsentiert dieses Fresko eine Kontinuität. Seit 2012 haben Telmo und Miel einen metaphorischen Malstil entwickelt, der sich zunehmend vom Fotorealismus entfernt hat, einem Stil, der sie am meisten faszinierte als sie noch Teenager waren. Obwohl die Fotografie ihnen immer noch von Nutzen ist, um einen beeindruckenden Grad an Realismus zu erreichen, zieht das Duo es jedoch zunehmend vor, eindeutig malerische Bereiche in ihre Werke einzubeziehen und tendiert dazu, mehr Platz für abstrakte Malerei zu gewähren. Mithilfe von Computerprogrammen schneiden, fragmentieren und zerkleinern sie gerne ihre Bilder, die ihr kreatives Material darstellen. Wie das Fresko, das sie in Le Locle gemalt haben, kombinieren sie oft mehrere Bilder, die geschickt ineinander verschachtelt sind. Durch diese Art der räumlichen Aufteilung können die Künstler gleichzeitig mehrere Facetten der Realität darstellen, sowie mehrere Möglichkeiten. Indem sie die Blickwinkel vervielfachen führen sie einen narrativen Prozess herbei, ähnlich wie bei einer minimalistischen Animation, die aus nur zwei Bildern besteht, festgehalten in der Zeit.
Das für die 184 m2 große Fassade maßgeschneiderte Wandgemälde wurde in nur sechs Tagen vorwiegend mit dem Pinsel gemalt, bevor es an einigen Stellen mit einem Spray veredelt wurde, um bestimmte Abstufungen zu glätten und den Kontrast und die Räumlichkeit des Freskos zu verstärken. Das Duo, das bereits an Wänden gearbeitet hat, die bis zu fünfmal so groß waren wie diese in Le Locle, gesteht, dass der Gigantismus jedoch nicht ihr Ding ist. « Die Größe dieser Wand ist ideal. Wenn ein Fresko über 20 Meter hoch ist, kann man die Pinselstriche und die malerische Körnung nicht mehr erkennen », erklären die Künstler.
© exomusée – Mai 2022 – Redaktion: François Balmer – Übersetzung: Wolfgang Carrier
Rue Marie-Anne-Calame 11
EINE INSPIRIERENDE FRAU
Marie-Anne Calame, die aus einer der bedeutendsten Neuenburger Bürgerfamilien stammte, wurde am 5. Mai 1775 in Le Locle geboren. Ihre Eltern waren Jean-Jacques-Henri Calame (1740-1817) und Marie-Anne Houriet (1736-1827). Unter der Führung ihres Vaters, eines Maître bourgeois, Uhrenfabrikanten und Graveurmeisters, widmete sie sich der Elfenbeingravur und lernte die Emaillemalerei, ein feines Handwerk, das sie zu ihrem Beruf machte. Sie war großzügig und kontaktfreudig und verspürte natürlicherweise das Bedürfnis, ihre Leidenschaft für die Kunst weiterzugeben, indem sie Zeichenkurse gab.
Marie-Anne Calame, die nach den Grundsätzen der christlichen Nächstenliebe erzogen wurde und weit davon entfernt war, sich in ihrem privilegierten Status zu suhlen, hat sich für die unterprivilegierten Kinder eingesetzt. Im Jahr 1815 sammelte sie mit der Hilfe einiger weniger Freundinnen Geld, um arme Mädchen in « guten Familien » in Le Locle unterzubringen, damit sie einen Beruf erlernen konnten, mit dem sie ihren Lebensunterhalt ehrlich verdienen konnten. Ein Jahr später war sie der Meinung, dass es besser sei die Kinder und Jugendlichen unter einem Dach zu vereinen, somit mietete sie zu diesem Zweck die Hälfte eines Hauses im Stadtteil Les Billodes. Die Arbeitsanstalt der Billodes war geboren. Dort lehrte man Schreiben, Lesen, Naturgeschichte, Zeichnen sowie das Handwerk der Spitzenklöpplerin. Da die Mittel hauptsächlich aus Spenden stammten, waren die finanziellen Ressourcen der Einrichtung dürftig und die Hungersnot von 1816 hätte das edle Vorhaben beinahe zerstört. Sie musste mit ansehen, wie ihre Freundinnen entmutigt das Schiff verließen, weil das Geld so knapp war. Marie-Anne Calame blieb hartnäckig und schaffte es, die für den Betrieb ihrer Institution erforderlichen Mittel aufzubringen. Ab 1820 konnte die Anstalt dank der Großzügigkeit von Philanthropen, die sich in einem Komitee zusammengeschlossen hatten, ihre Türen auch für Jungen öffnen, die in einem angrenzenden Haus untergebracht wurden. Im Laufe der Jahre wurde die Einrichtung immer weiter ausgebaut. Im Jahr 1830 bestand sie aus bis zu drei Gebäuden.
Im Jahr 1834 hauchte Marie-Anne Calame ihren letzten Atemzug aus. Als weitsichtige Frau hatte sie darauf geachtet, als sie spürte, dass ihre Kräfte nachließen, ihre Nachfolger zu bestimmen damit ihre Einrichtung sie überlebte.
Im Jahr 1842 wurde das älteste Gebäude der Einrichtung abgerissen und machte einem Gemüsegarten Platz. Im Jahr 1901 wurde, als das Gebäude nach einem Brand, der das Hauptgebäude teilweise zerstörte, aber keine Menschenleben forderte, ein neues Wohnhaus gebaut.
1971 wurde die Institution in « Centre pédagogique des Billodes » umbenannt und nahm ihren Sitz in dem Quartier Les Monts ein.
Im Laufe ihres Lebens lehnte Marie-Anne Calame ein Dutzend Heiratsanträge ab und blieb kinderlos. Das Zölibat war für sie gleichbedeutend mit Unabhängigkeit und der Garantie, ihr Projekt einer karitativen Institution erfolgreich umsetzen zu können. Ihre bürgerliche Herkunft trug sicherlich dazu bei, dass sie über ein großes Selbstbewusstsein und eine Souveränität verfügte, und einen scharfen Sinn für Schlagfertigkeit besaß.
Im Jahr 2015 veranstaltete das Museum der unterirdischen Mühlen am Col-de-Roches eine Ausstellung zu ihrem Gedenken. Wenn Sie die Geschichte dieser Wohltäterin besser kennenlernen möchten, finden Sie hier die Bücher, die über sie berichten:
- Enfances perdues, enfances sauvées? – Marie Anne Calame et l’établissement des Billodes, Nouvelle revue neuchâteloise.
- Renate Gyalog: Die „Pestalozzi“ von Le Locle : das Leben der Marie-Anne Calame, Zürich 1996, ISBN 3-545-34138-0.
- Evard, Marguerite, Marie-Anne Calame : fondatrice de l’Asile des Billodes, Le Locle : Oderbolz, 1934, pp.56-97.
© exomusée – Mai 2022 – Redaktion: François Balmer – Übersetzung: Wolfgang Carrier
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