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Zusammen mit bosnischen Jugendlichen bauten sie einen durch den Krieg zerstörten Spielplatz wieder auf. In seiner Mitte schufen sie eine grosse Hängebrücke. Zudem übermalten sie eine Wand, die mit faschistischen Sprüchen verunstaltet war. Finanziert wurde dieses Projekt hauptsächlich durch einen Beitrag des Ostprojektes, einer Abteilung des schweizerischen DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit).
Freizeit sinnvoll gestalten
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Schwester Madeleine Schildknecht im Rahmen ihrer Suchtpräventionsarbeit. Sie hat in Vitez eine kleine Jugendgruppe gegründet, die Freizeitprojekte für Kinder und Jugendliche durchführt. Ihr Ziel ist, Freizeit sinnvoll gestalten zu lernen, um Alternativen zur lähmenden Perspektivenlosigkeit aufzuzeigen. Das Thema Sucht und Suchtprävention ist in Bosnien sehr stark tabuisiert, weil das Land mit seinen instabilen politischen und wirtschaftlichen, von Korruption bestimmten, Strukturen als das Transitland für Drogen- und Menschenschmuggel nach Westeuropa gilt. Gleichzeitig sind Jugendliche in Bosnien beim Versuch, die traumatische Vergangenheit und die anhaltende Hoffnungslosigkeit zu bewältigen, höchst gefährdet, in Sucht und Selbstzerstörung auszuweichen.
Gespaltene Stadt Vitez
Vitez ist eine kleine Stadt in Bosnien, die eineinhalb Busstunden von Sarajevo entfernt ist. Durch den Krieg 1992 – 95 wurden Teile der Stadt zerstört. Es gab mehrere Massaker auf dem Gebiet der Gemeinde. Viele Bewohner flüchteten oder siedelten aus ethnisch gemischten Quartieren um, so dass ein bosniakischer (muslimischer) und ein kroatischer (katholischer) Teil entstand. Die Wälder sind nach wie vor vermint, der Fluss und das Ufer stark verschmutzt. Es gibt in der Stadt nur wenige Freizeitangebote. Die meisten Spielplätze sind mit wenig Spielgeräten ausgerüstet und meist zerstört. Die intensiven Kreativwochen dieses Sommers hatten neben dem Erbauen des Spielplatzes auch zum Ziel, Kinder und Jugendliche aus beiden Teilen der Stadt für die gemeinsame, konstruktive Arbeit zu gewinnen. Es wurden Freundschaften geschlossen zwischen Kindern und Jugendlichen, die durch die ethnische Trennung der Schulen selbst in einer so kleinen Stadt wie Vitez nie die Möglichkeit hatten, sich kennenzulernen.
An der «Grenze»
Der Spielplatz, den wir gestalteten, befindet sich nahe der «Grenze» der beiden Ortsteile. Er ist umrundet von vier Wohnblocks, welche von muslimischen und katholischen Familien bewohnt werden. Seine Fläche ist rechteckig und beträgt rund 500m2. Davon gestalteten wir etwa die Hälfte neu. Neben der Umgestaltung des Spielplatzes kam von der Gemeindebehörde die Anregung, eine mit faschistischen Sprüchen besprayte Wand im Ortszentrum zu übermalen. Als permanenten Arbeitsraum stellte uns die Gemeinde eine Lokalität neben der Stadtbibliothek zur Verfügung.
Jugendliche übernehmen Verantwortung
Jeweils abends besprachen wir im Plenum den vergangenen und den folgenden Tag. Zuständigkeitsbereiche (Spielplatz, Mauer, Medienarbeit, Kinderworkshops, Ausflüge, Schlussanlass) wurden besprochen und zugeteilt. Dabei achteten wir darauf, dass die Jugendlichen im Laufe der drei Wochen vermehrt Verantwortung übernahmen. Während den Arbeiten in den verschiedenen Bereichen boten sich viele Gelegenheiten, Themen wie Mentalitätsunterschiede, Vergangenheitsbewältigung, Suchtproblematik und Zukunftsvorstellungen zu besprechen. Auch bei unserer Gastgeberfamilie sowie bei den gemeinsamen «Freizeitaktivitäten» spürten wir den völkerverbindenden Ansatz unserer Arbeit sehr stark.
[bild19072w200r]Hängebrücke als Symbol
Wie viel symbolische Bedeutung der Bau der Hängebrücke haben würde, wurde uns erst im Nachhinein, bei der Einweihung des Spielplatzes, voll bewusst. Nicht nur den Turm mit dem Erdhügel zu verbinden, sondern zusehen zu dürfen, wie auch zwischenmenschlich neue Brücken geschlagen wurden, war eindrücklich. Drei, vier, ja fünf Tropfen auf den heissen Stein verdampfen weniger schnell als ein einzelner. Sie spornen an, mit der Arbeit in Vitez weiter zu fahren. Der Austausch mit dieser doch anderen Kultur war für uns Schweizerinnen und Schweizer eine grosse Bereicherung. Erstaunlich, wie ein Team, das ein gemeinsames Ziel vor Augen hat, mit motivierten Jugendlichen, welche mitplanen und –bauen, in knapp drei Wochen so ein «Spielgerät» auf die Beine stellen kann, obwohl niemand von uns zuvor etwas von dieser Grösse gebaut hatte.
Sabine Schneider
<email-pii>
PS. Die Zusammenarbeit Schweiz-Bosnien geht weiter. Nachdem einige der Beteiligten bereits im Januar und im Frühjahr nochmals nach Vitez reisten, wird es dort nächsten Sommer wieder ein «Intensivprojekt» geben.
Gestaltung als Suchtprävention
In seinem Buch «Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde» vertritt Eckhard Schiffer die These, dass Sucht in ihren verschiedensten Formen oft vermeidbar ist, wenn die Welt unserer Kinder vor Zerstörung bewahrt wird und sie ihre schöpferischen Kräfte darin entfalten können. Junge Menschen brauchen Möglichkeiten, ihre Träume und Sehnsüchte konkret auszudrücken sowie ihre Bedürfnisse nach Abenteuer, Einzigartigkeit und Entspannung konstruktiv auszuleben.
Der Krieg veränderte alles
Im Sozialismus arbeiteten wir nicht so hart. Wir hatten viel Zeit für unsere Familien und Traditionen, die wir pflegten und respektierten. Seit dem Krieg hat sich alles verändert. Wir haben unsere Werte verloren und noch keine neuen bilden können. Die junge Generation steht nun da mit dem Erbe, neuen Sinn in dieser Orientierungslosigkeit zu finden. Wir sind daher angewiesen auf Hilfe von Experten und Expertinnen aus dem Westen, die uns ihr Wissen weitervermitteln und unsere Kultur und Geschichte respektieren. Die Suchtprävention ist nur ein Schritt in einer langen Kette von positiven Veränderungen, die mein Land braucht, wenn wir Teil des modernen Europas sein wollen.
Aus der Rede von Sanela Pekić, einer Jugendlichen aus Sarajevo am 3. europäischen Kongress für Jugendarbeit und Suchtprävention (Luzern, 12. – 15. März 2003).