Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03139.jsonl.gz/1529

Port Lockroy
Am Morgen waren wir nicht so ganz sicher, ob wir noch am gleichen Ort waren. Die hinter uns liegenden Felsen schienen bedrohlich nah. Wir wagten aber trotzdem das Museum zu besuchen, welches sich auf der Insel befindet. Stefan war bereit in der Zwischenzeit Ankerwache zu gehen. Also Dinghi runter und rüber auf die Goudier-Insel.
Die freundlichen, jungen Leute der UK Antarctic Heritage Trust, einer Stiftung, welche die Station betreut, begrüssten uns freundlich, als wir zum vorher per Funk vereinbarten Zeitpunkt anlandeten. Da uns eine Führung auf Französisch anerboten wurde, übernahm Guillaume, der Franzose.
Seinen Erklärungen entnahmen wir, dass es sich hier um eine ehemalige Walfangstation handelt. In den 1940er Jahren wurden hier in drei Jahren 80’000 Wale erledigt. Mit dem Aufkommen der industriellen Verarbeitung der Tiere direkt auf den Fangschiffen verlor aber auch diese Station ihre Bedeutung und wurde aufgegeben. Die Engländer betrieben dann in den sechziger Jahren eine Basis, in welcher vor allem wissenschaftlich gearbeitet wurde. Hier wurde über unsere obere Atmosphäre und auch deren Einfluss auf Funkverbindungen geforscht.
Funkverbindungen hatten für die hiesigen Bewohner aber durchaus einen praktischen Aspekt, nämlich Verbindungen mit ihrer Heimat aufzubauen und zu pflegen. Sie hatten dafür einen eigens ausgerüsteten Funkraum, ein Shack, wie wir in Funkamateurkreisen zu sagen pflegen.
Aber auch die Basis als Forschungsstation und damit die verfolgten Projekte wurden aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen 1962 relativ plötzlich aufgegeben. Im Antarktis Abkommen ist die Station jetzt als historischer Ort und Monument (HSM 61) aufgeführt und damit besonders geschützt. Sie gilt aber immer auch noch als Flucht- und Nothafen. Der United Kingdom Antarctic Heritage Trust betreibt hier das südlichste Postamt der Welt und einen Souvenirshop und finanziert damit den Unterhalt und den Betrieb des Museums. Die Insel, beliebtes Ziel von Kreuzfahrtschiffen, darf von höchstens 60 Personen gleichzeitig besucht werden. Das Haus erscheint so erhalten und ausgerüstet, als ob die Weisen ihrer Zeit erst gerade gestern abgereist wären. Man spürt noch förmlich den Geist jener Zeit. Jedes Bett, jeder Tisch und Stuhl stehen noch an ihrem Ort. Die Inneneinrichtung ist sehr spartanisch. Ein Mechaniker hat einmal die Holzwände bemalt. Seine Sujets waren berühmte Filmschauspielerinnen, die er in gekonnter, künstlerischer Art, lebensgross auf die Wände zauberte. Züchtige Leute haben diese Kunstwerke dann später übermalt. Kürzlich wurden sie wiederentdeckt, freigelegt und restauriert.
Es wurden aber nicht nur Frauen studiert. Es wurde auch viel in die Erforschung des marinen Lebens der Antarktis investiert. Erstaunlich, was man hier an Lebensformen finden kann.
In der Küche finden sich noch alle Vorräte. Man könnte sofort mit Kochen beginnen. Selbst das Rezeptbuch liegt noch auf. Eines der Rezepte kochte Seehundhirn mit Pinguineiern. En Guete! Könnte lecker sein, wenn man Hunger hat. Offenbar kochte man schon damals gerne mit lokalen Frischprodukten.
Für das tägliche Wohlbefinden.
Das Leben auf diesem frostigen, kleinen Flecken Fels war wahrscheinlich nicht nur Zuckerschlecken. Da hilft auch die Gesellschaft hunderter von Pinguinen wenig.
Hier hat man auch den Einfluss des Tourismus auf die Pinguinkolonien studiert. Man ist heute der Meinung, dass die Vögel vom Menschen profitieren, da er eher ihre Fressfeinde vertreibt und so indirekt die Pinguine schützt. Jedenfalls erholen sich die arg dezimierten Pinguinbestände trotz der Touristenströme.
Hier auf der Goudier-Insel lebt aber auch noch ein interessanter Vogel. Es handelt sich um den «Snowy oder Pale-faced Sheatbill». Auch Experten haben Mühe, diesen ganz weissen, hühnervogel- oder taubenähnlichen Vogel im famosen System von Carl von Linnaeus einzuordnen, dem zufolge sich der Vogel Chionis alba, oder Weissgesicht-Scheidenschnabel, nennt. Offenbar handelt es sich um ein Bindeglied zwischen Wattvögeln und Möwen oder Skuas. Als einziger Vogel in diesen antarktischen Regionen hat er keine richtigen Schwimmhäute. Allein ernähren könnte er sich hier kaum. Er ist eigentlich auf die Pinguine angewiesen. Kein Wunder, dass man ihn häufig in zufriedener Gesellschaft mit diesen Vögeln findet. Manchmal stiehlt er den Pinguinen ein Ei oder gar ein Küken. Das brachte dem Vogel seinen Ruf als Kleptoparasit ein. Manchmal sitzt er aber auch einfach zu Tisch, wenn Pinguine ihre Jungen füttern und den vorverdauten Krill heraufwürgen, um auch davon zu naschen. Selten sieht man ihn, wie er wie ein Huhn irgendwelche Krümel vom Boden aufpickt. Auch wenn Fliegen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört, können sie das sehr gut und überqueren manchmal die Drakestrasse und erreichen Südamerika, von wo sie schon bis nach England gekommen sind. Man meint aber, dass sie dabei Schiffe zu Hilfe genommen haben. Sie sind nicht scheu und geniessen auch die Nähe der Menschen und deren Einrichtungen. Gerne brüten sie zwischen alten Ölfässern oder anderen rostigen Überresten von Forschungsstationen. Scheidenschnabel heisst er übrigens, weil sein Schnabel eine Falte aufweist, die ihm die Nasenöffnung verschliesst, wenn er den Kopf ins Wasser steckt.
Da war noch eine interessante Kreatur inmitten der Pinguine. Richtig, den haben wir doch auch schon gesehen. Keine Fata Morgana. Tatsächlich, da war er doch wieder, der putzige Schneemann aus dem Alpenland. Und wie er strahlte! Letztmals als ich ihn sah, stand er auf dem Deck, als wir die Gegend um Ilha do Mel, die Honiginsel, verliessen. Wahrscheinlich ist Wizzli ein Schleckmaul und wurde vom süssen Duft der Insel frühzeitig geweckt. Doch damals, in der brasilianischen Hitze, machte es dort keinen glücklichen Eindruck. Heute aber, schaut sein Strahlen! Hier in diesen Temperaturen, in dieser frostig-eisigen Umgebung fühlt es sich wohl in seiner Haut. Danke, dass Du uns begleitest. Das war kein Wizzli 😊!
Hier noch ein Schlitten, wie er vor Jahren benutzt wurde. Die Hunde mussten ja etwas zum Ziehen haben. Unglaublich, dass mit solchen Gefährten Expeditionen bis zum Südpol unternommen wurden. Es handelt sich hier sicher um ein museales Stück. Sie dürften aber während ihrer Einsatzzeit kaum solider ausgesehen haben. Hauptsache leicht.
Langsam galt es Abschied zu nehmen von den freundlichen und sympathischen Bewohnern dieser Insel. Sie haben uns viel erzählt von der Insel und ihrem Leben, teilnehmen lassen. Auch sie profitieren von den Touristen. Sei es, dass ihnen die Kreuzfahrtschiffe Post, Material und Lebensmittel bringen, sei es, dass sie auf ihren Schiffen auch schon einmal duschen und sich erholen dürfen. Die perfekte Symbiose (kein Kleptoparasitismus).
Tschüss. Bye bye. Au revoir. Hasta la vista.