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Grosse Zeitungen benützen runde Jubiläen, um auf wichtige geschichtliche Ereignisse zurückzublicken. Die «Schweiz am Wochenende» zum Beispiel brachte im Hinblick auf den 30. Todestag von Friedrich Dürrenmatt am 14. Dezember sogar schon einen Monat im Voraus vier volle Seiten zu diesem grandiosen Schweizer Schriftsteller und Dramatiker. Solche Rückblicke sind sinnvoll und werden von den Leserinnen und Lesern auch hoch geschätzt. Als Kundenservice liefert deshalb die schweizerische Nachrichtenagentur Keystone-SDA jeweils schon zwei Monate im Voraus Hinweise auf erwähnenswerte Jubiläen, damit die Zeitungen etwas nach eigenem Geschmack vorbereiten können, und die Agentur liefert dann sogar noch ein zweites Mal, zwei Tage vor dem Jubiläumstag, einen kurzen Reminder. So war es auch im Fall der «Charta von Paris», die am 21. November 1990 unterzeichnet worden ist, also ebenfalls vor 30 Jahren.
Keystone-SDA machte am 28. September und dann nochmals am 19. November die Zeitungsredaktionen auf das «Charta von Paris»-Jubiläum aufmerksam, doch weder die «Schweiz am Wochenende», also die CH Media-Zeitungen, noch die Tamedia-Zeitungen in Zürich, Bern und Basel, noch die NZZ – als immerhin bemerkenswertes Beispiel – erwähnten dieses Ereignis. Die NZZ kennt diese Geschichte zwar sehr wohl, sie erwähnte die «Charta von Paris» am 18. Oktober im Nachruf auf Bundesrat René Felber, der damals in Paris mit dabei war. Am 21. November aber, am wirklichen Jubiläumstag: keine Zeile, kein Wort.
«Charta von Paris»?
Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Sowjetunion und nachdem der zwischenzeitlich zum Präsidenten der UdSSR ernannte Michail Gorbatschow Ostdeutschland zur Wiedervereinigung mit Westdeutschland freigegeben hatte und diese vollzogen war, trafen sich die Regierungen von 34 Ländern in Paris, um miteinander über das zukünftige Europa zu reden. Anwesend waren 34 Staatschefs und Aussenminister aus 34 Ländern, unter diesen alle NATO-Mitglieder, also auch die USA und Kanada, alle Mitglieder des Warschauer Paktes, also Polen, Ungarn, Bulgarien, Rumänien usw., anwesend war auch das damals noch ungetrennte Jugoslawien, anwesend war insbesondere aber auch die damalige Noch-Grossmacht Sowjetunion und anwesend waren auch Zwergstaaten wie Liechtenstein, San Marino oder Vatikanstadt. Und natürlich sass, wie in Bundesrat René Felbers NZZ-Nachruf erwähnt, auch die neutrale Schweiz mit am Tisch.
Die Regierungen dieser 34 Länder beschlossen, in Europa künftig friedlich miteinander umzugehen, und sie alle unterschrieben am 21. November 1990 unter dem Titel «Ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit» ein mehrseitiges Dokument, «Charta von Paris für ein neues Europa», in dem das, was man heute oft etwas gar locker als «Europäische Werte» bezeichnet, aufgelistet war.
Es herrschte echte Aufbruchstimmung
In diesem Dokument, das unter dem Namen «Charta von Paris» in die Geschichte eingegangen ist, stehen so hoffnungsvolle und vielversprechende Formulierungen wie «Nun, da Europa am Beginn eines neuen Zeitalters steht, sind wir entschlossen, die freundschaftlichen Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen den Staaten Europas, den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada auszuweiten und zu festigen sowie die Freundschaft zwischen unseren Völkern zu fördern.»
Oder auch: «Wir verpflichten uns daher, bei der Festigung von Vertrauen und Sicherheit untereinander sowie bei der Förderung der Rüstungskontrolle und Abrüstung zusammenzuarbeiten.»
Oder auch: «Wir verpflichten uns, unsere Anstrengungen um den Schutz und die Verbesserung unserer Umwelt zu verstärken, um ein gesundes ökologisches Gleichgewicht in Luft, Wasser und Boden wiederherzustellen und zu erhalten.»
Es herrschte Aufbruchstimmung!
Und tatsächlich, der Warschauer Pakt wurde ein halbes Jahr später, am 1. Juli 1991, aufgelöst und die Sowjetunion erlaubte ihren Republiken – in Erfüllung der versprochenen Selbstbestimmung – unabhängig zu werden. Die Ukraine zum Beispiel, aber auch Belarus oder Armenien und Aserbaidschan, alle wurden im Jahr 1991 unabhängig. Es schien tatsächlich alles friedlich zu werden.
Wenn da die NATO nicht gewesen wäre …
Die NATO allerdings hatte da ein «Problem». Auch sie hätte sich, wie der Warschauer Pakt, ja auflösen können. Aber das wollte sie, angeführt von den US-Amerikanern, nicht. Sie wollte es den Russen – diesen Erfindern des Kommunismus! – zu spüren geben, dass sie geopolitisch die Verlierer waren. Vor allem aber: Zur Legitimation der eigenen Existenz als sogenanntes Verteidigungsbündnis – und auch im Interesse der dahinterstehenden Rüstungsindustrie – brauchte die NATO einen Feind. Die Wahl war einfach: Russland.
Die Geschichte der NATO muss hier nicht wiederholt werden. Kurzversion: Sie rollte den osteuropäischen Ländern den roten Teppich aus und zeigte schon wenige Jahre später mit ihren Bombardierungen in Jugoslawien, «wo Gott hockt» – wie es eine deutsche Redewendung treffend beschreiben könnte. Und spätestens 2003 beim Angriff auf den Irak zeigte die NATO, dass sie von einem «Kriegsverhinderungs- zu einem Kriegsführungsbündnis geworden war, wie es der deutsche Konfliktforscher Leo Ensel bezeichnete.
Was ist, 30 Jahre nach der «Charta von Paris», die damals von 34 Ländern unterzeichnet wurde, übrig geblieben?
So ziemlich nichts. Es war die NATO, die die «Charta von Paris» zur Makulatur werden liess. Und das ist auch der Grund, warum selbst renommierte Zeitungen wie die NZZ am 21. November, dem 30-Jahr-Jubiläum der «Charta von Paris», dieses Ereignis «vergessen» haben – oder eben bewusst vergessen machten.
«Infosperber sieht, was andere übersehen.»
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Hinweis auf zusätzliche Informationen:
Der deutsche Konfliktforscher Dr. Leo Ensel hat zur «Charta von Paris» einen bemerkenswerten Essay geschrieben. Infosperber hat die Bewilligung erhalten, ihn hier vollumfänglich einsehbar zu machen. Einfach hier anklicken. Der Essay darf auch heruntergeladen werden.
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Siehe auch
«So schaffte sich die NATO ihren notwendigen Feind» (auf Infosperber)
«Russland ist von Westeuropa tief enttäuscht – aus gutem Grund» (auf Infosperber)