Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/27

Bis in die 1960er Jahre haben die Schweizer Behörden zehntausende Kinder ihren Eltern entrissen und verdingt. Sie wurden etwa an Bauernfamilien übergeben, wo sie wie Knechte arbeiten mussten. Sie wurden zum Teil geschlagen, misshandelt, mussten im Stall schlafen, hatten Hunger.
Über 800 ehemalige Verdingkinder, sowie Heimkinder und Opfer von Zwangsadoption und -sterilisation treffen sich am Samstag in Mümliswil SO. Sie feiern den Abschluss der Wiedergutmachungs-Initiative, welche Guido Fluri vor vier Jahren lanciert hat. Die Initiative hat erreicht, dass die Betroffenen für ihr Leid entschädigt werden. Über 9000 Gesuche sind eingegangen und werden derzeit geprüft.
Guido Fluri
Guido Fluri wurde 1966 als uneheliches Kind einer 17-jährigen Serviertochter geboren, die kurz nach seiner Geburt an Schizophrenie erkrankte. Seine Kindheit war geprägt durch Fremd- und Heimplatzierungen. Er wuchs mit dem Gefühl auf, dass er nichts könne, nichts sei und auch nie etwas werde.
Mit 20 bekam der gebürtige Solothurner die Chance seines Lebens: Ein Bauer verkaufte ihm 700 Quadratmeter Bauland – und eine Bank lieh ihm das nötige Kapital. Fluri baute ein Zweifamilienhaus, das er kurz darauf mit einem Gewinn von 250‘000 Franken weiterverkaufte.
Heute ist Guido Fluri Multi-Millionär. Der Zuger Unternehmer steckt rund ein Drittel seiner Gewinne in eine Stiftung, die sich im Bereich Hirntumore, Gewalt an Kindern und Integration von schizophrenen Menschen engagiert.
2014 lancierte Fluri die Wiedergutmachungs-Initiative, welche zu einer finanziellen Entschädigung von Verdingkindern, Heimkindern und Opfer von Zwangsmassnahmen führte.
SRF News: Vor vier Jahren haben Sie Unterschriften gesammelt für die Wiedergutmachungs-Initiative. Wenn Sie heute zurückblicken, sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?
Guido Fluri: Wir sind zufrieden mit der Geschwindigkeit der Umsetzung. Das gab es praktisch noch nie in der Schweiz, dass ein Gesetz so schnell verankert werden konnte. Das ist sicher historisch.
Die Initiative verlangte ursprünglich 500 Millionen Franken zugunsten von Verdingkindern, Heimkindern, Opfern von Zwangsmassnahmen. Das Parlament machte einen Vorschlag, der weniger weit ging, und Sie zogen die Initiative zurück. Warum sind Sie trotzdem zufrieden?
Wenn wir mit 200 Millionen mehr in eine Abstimmung gegangen wären, wäre es viel länger gegangen. Wir hätten fünf, sechs Jahre länger warten müssen. Und viele Betroffene wären uns dann weggestorben.
Am Samstag feiern Sie den Abschluss der Wiedergutmachungs-Initiative. Über 800 Verding- und Heimkinder treffen sich in Mümliswil SO, wo es eine nationale Gedenkstätte gibt. Ein so grosses Treffen gab es noch nie. Was bedeutet Ihnen das?
Es zeigt, dass wir das möglich gemacht haben, was wir wollten: Das Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken, dass man diese Menschen erreicht, dass sie zusammenkommen können und auch mal einen Moment lang loslassen können. Das war immer mein grosser Traum.
Ein solches Fest soll es künftig jedes Jahr geben?
Ja, denn wir wollen, dass die betroffenen Menschen miteinander reden können über dieses Thema.
Es darf nie in Vergessenheit geraten, was hier in der Schweiz im letzten Jahrhundert an fürsorgerischen Zwangsmassnahmen alles passiert ist.
Man muss reden darüber, über diese tragische Geschichte des letzten Jahrhunderts. Und es ist wichtig, dass man das gemeinsam macht. Und dass man diesen Menschen die Wertschätzung entgegenbringt. Das ist für mich zentral.
Die Wiedergutmachungs-Initiative kommt zu einem Abschluss mit dem Fest in Mümliswil. Aber Ihr Kampf für Gerechtigkeit, der Kampf gegen das Vergessen, geht weiter?
Derzeit sind wir in der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Da wird noch viel ans Tageslicht kommen. Die Schicksale dieser betroffenen Menschen werden die Schweiz noch viele Jahre beschäftigen.
Das Gespräch führte Marco Jaggi.