Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03516.jsonl.gz/1912

In Tansania geht ein erheblicher Teil der Lebensmittel nach der Ernte verloren. Die kleines Metall-Silo hilft, die Lebensmittelverluste zu reduzieren.
Von Hansjürg Jäger, stv. Chefredaktor Bauernzeitung
Jedes Jahr im August beginnt für die Kleinbauern Tansanias ein Rennen. Der Startschuss für fällt an dem Tag, an dem Bauern wie Malahi Chalahani, Njire Jibusa und Yohana Samson beginnen, ihre Maisernte einzufahren.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen Insekten wie den grossen Kornbohrer oder den kleinen Rüsselkäfer - sie mögen den Mais fast so sehr, wie die Bauern. Aber es ist auch ein Wettlauf gegen sinkende Marktpreise, gegen Armut und Hunger.
Bauern wie Mahali Chalahani, Njire Jibusa und Yohana Samson verlieren dieses Rennen meistens. Ist die Ernte sehr gut, fallen die Preise. Ist die Ernte schlecht, fehlt der Mais spätestens im Frühjahr auf dem Teller, während er auf dem Markt erheblich teurer geworden ist. Das Resultat: Hunger und eine konstant prekäre Lebenssituation.
Dieser Artikel ist im LID-Dossier zur Landwirtschaft in Tansania erschienen. Verfasst wurde es vom Agrarjournalisten Hansjürg Jäger, stv. Chefredaktor der Bauernzeitung, der Ende 2016 während 3 Monaten bei der Zeitung "The Citizen" in Dar es Salaam arbeitete. Das gesamte Dossier finden Sie hier.
"Doch damit ist jetzt Schluss", sagt Malahi Chalahani. Er steht neben seiner Frau und strahlt über das ganze Gesicht. Hinter ihm steht ein mannshohes Metallsilo. Darin lagert hermetisch abgeschlossen eine halbe Tonne Mais. Seine Versicherung für die Zeit im Frühjahr. Dann, wenn die Marktpreise normalerweise steigen und die Teller seiner Frau und seiner Kinder etwas leerer sind, erst dann soll das Metallsilo geöffnet werden.
Ungehinderter Insektenzugang
"Damit können wir den Mais bei steigenden Marktpreisen verkaufen. Und wir können uns zusätzlich etwas Essen kaufen", erklärt er. Hinter dem neuen Metallsilo steht ein kleines Lagerhaus - eine Ziegelsteinhütte mit einem Strohdach. Darin befindet sich das traditionelle Kahenge - ein grosser, geflochtener Korb. Das Kahenge steht in der Regel auf ein paar Steinen erhöht, damit Mäuse und Ratten nicht so leicht an den Inhalt kommen. Die Lücken zwischen den geflochtenen Ästen werden mit Lehm und Kuhmist versiegelt. Oben ist das Kahenge offen.
Jedesmal, wenn Malahi Chalahani und seine Frau Mais benötigen, müssen sie sich über den Rand bücken und den Mais mit einer Schüssel, ihren Händen oder einem Becher hinausschaufeln. Nicht nur die Familie ernährt sich vom Mais, sondern auch die Insekten, die fast ungehindert Zugang haben. Bis zu einem Drittel der eingelagerten Maisernte wird von den Maisbohrern und Rüsselkäfern verzehrt und verseucht.
Die Zahlen sind alarmierend. Die Weltbank schätzte 2011 den Wert der jährlichen Verluste alleine in Südostafrika auf 1,6 Mrd. US-Dollar - das sind 13,5% des gesamten Produktionswertes. Dass Lebensmittel verloren gehen, wird von mehreren Faktoren begünstigt. Einerseits fehlt es den Bauern am nötigen Kapital, um in neue und bessere Lagertechnik zu investieren. Andererseits ist auch die Ausrüstung - etwa Silos - nur begrenzt verfügbar.
Und obwohl sich Tansania rein rechnerisch selbst versorgen kann, sind es gerade die Kleinbauern, deren Ernährungssicherheit nicht gegeben ist. Im zentralen Korridor, in den Regionen zwischen Dar Es Salaam im Osten und Mwanza im Nordwesten Tansanias ist die Situation besonders fragil.
Wie die Technik funktioniert
Mais hermetisch einzulagern - in eine Tasche, ein Fass oder ein Silo - ist eine ziemlich einfache Lagerungsmethode. Bedingung ist, dass der Mais gut getrocknet wird, bevor er im Silo eingebracht wird. Sobald der Mais aber luft- und wasserdicht eingeschlossen ist, verändert sich der Sauerstoffgehalt in der Restluft. Durch die Atmung von Getreide und den verbleibenden Insekten sinkt dieser von 21% auf 5%. Und aufgrund des fehlenden Sauerstoffs werden lebende Insekten auf weniger als ein Insekt pro Kilo Getreide reduziert. Und das, ohne Insektizide einzusetzen. Bis sich das neue Gleichgewicht eingestellt hat, dauert es 10 bis 14 Tage. In derselben Zeit stabilisiert sich auch der Feuchtigkeitsgehalt des Mais, der idealerweise bei 10 bis 15% liegen sollte.
Mit dem Silo soll das anders werden. Zwar geht ein Teil der Agrikultur dadurch verloren. Die Vorteile überwiegen aber. Denn im Silo müssen, im Gegensatz zu anderen Lagertechniken, keine Pestizide für die Lagerung eingesetzt werden (siehe Textbox). Das Silo hilft zudem, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu stärken. Auch das hat zwar tiefgreifende soziokulturelle Veränderungen in den patriarchalisch geprägten Zusammenlebensformen zur Folge.
Frauen sind für Essen verantwortlich
Aber es sind die Frauen, die für das Essen verantwortlich sind. Die Männer entscheiden, wann was wo angebaut, geerntet und verkauft wird. Mit dem Silo können die Frauen nun mitbestimmen, wann das Silo geöffnet wird. Denn es hat an jedem Silo zwei Schlösser. Eines für den Mann, eines für die Frau. Ist die Frau der Ansicht, dass der Mann das Silo zu früh öffnen will, kann sie das verweigern.
Das Silo dient auch als Pfand. Dann nämlich, wenn die Bauern Kredite aufnehmen möchten. Ausserdem können die Bauern ihren Mais dann verkaufen, wenn die Preise wieder steigen. Die sinkenden Preise auf den Märkten sind keine Herausforderung mehr. Stattdessen können die Marktschwankungen zu ihren Gunsten genutzt werden.
Oder wie Njire Jibusa vor dem Silo sagt: "Jetzt weiss ich, was ich machen kann. Die neue Technologie hilft mir, mein Leben besser zu meistern". Es ist deshalb kein Wunder, dass er gerne noch mehr Silos hätte.
Die drei Bauern sind Teil eines Entwicklungsprojektes der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die DEZA hat 2013 nach Lösungen gesucht, die prekäre Ernährungslage anzugehen. Helvetas Swiss Intercooperation, eine grosse Schweizer Entwicklungsorganisation, hat dann die beste Lösung vorgeschlagen, das Grain Postharvest Losses Prevention Programm - kurz GPLP.
"Am Anfang hat das GPLP-Team eine vollständige Analyse der einzelnen Partner durchgeführt", erklärt Vera den Otter. Sie war technische Beraterin des Projektes und ebnete den Weg zur Umsetzung von Massnahmen wie dem Metall-Silo. Es war diese Analyse, die zu einem Projekt mit verschiedenen Stakeholdern führte:
Heute sind die Regierung, Landwirte, Lobby-Gruppen, und Handwerker eingebunden. Dass Njire Jibusa, Malahi Chalahani oder Yohana Samson heute aber ein Metallsilo auf ihrem Hof stehen haben, ist nicht selbstverständlich. Zuerst mussten die Handwerker ausgebildet werden. Sie mussten lernen, wie sie das Silo bauen müssen. Dann brauchte es Überzeugungsarbeit.
Überzeugungsarbeit nötig
Denn die Landwirte sahen nicht ein, warum sie ihren Mais in einem Metallsilo lagern sollten, das sie erst nach sechs Monaten wieder öffnen durften. Den Zugang zu den Silos erleichterte Helvetas, indem die Dorfbewohner Geld zusammenlegen sollten. Damit die Landwirte überzeugt werden konnten, suchte man Pilotbetriebe, die als erste die neue Technologie einsetzen würden. Einer von ihnen sagt: "Am Anfang habe ich nicht geglaubt, dass das Projekt und das Silo dazu beitragen könnten, die Lebensmittelverluste zu reduzieren. Heute aber mag ich das Silo sehr. Es ist eine sehr gute und einfache Technologie."
Und obwohl das Silo teurer ist, als andere Lagertechniken ist es gemäss Vera den Otter langfristig kostengünstiger. "Die Silos können 15 bis 20 Jahre lange eingesetzt werden", sagt etwa Daniel Kalimbiya. Er ist stellvertretender Landesdirektor von Helvetas in Tansania und zusammen mit Lugendo Msegu für die Umsetzung des GPLP-Projektes verantwortlich. Sie sind überzeugt, dass die Technologie helfen wird, Bauern wie Njire Jibusa, Malahi Chalahani und Yohana Samson aus der Armut zu holen.