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Den guten alten Mr. Murphy kennt wahrscheinlich jeder. Das Wetter als chaotisches System hält bestimmt wenig von seinem Gesetz, und trotzdem bahnt sich derzeit in der unglaublich aufgeheizten nördlichen Hemisphäre die unglaublich unwahrscheinliche Variante an, dass genau der kleine Rest kältester Polarluft, die irgendwo im Hohen Norden noch herumlungert, auf dem direktesten Weg nach Mitteleuropa findet. Dies wohlverstanden nach einem bisher sehr milden April, in dem die Natur weit fortgeschritten ist. Wenn die aktuellen Prognosen so eintreffen, dürften in Mitteleuropa einige Rekorde purzeln, die mindestens seit dem April 1991, womöglich aber sogar seit 1959 Bestand haben. Dies sowohl was die späteste Schneedecke in tiefen Lagen, als auch die tiefsten Temperaturen in einem letzten Aprildrittel betreffen. Aber schön der Reihe nach…
Über dem Nordatlantik baut sich in diesen Tagen ein umfangreiches, blockierendes Hochdruckgebiet auf. Gestützt wird es durch die warme Südströmung aus den Subtropen bis an die Westküste Grönlands auf der Vorderseite eines kalten Trogs über Ostkanada. An der Ostflanke des Hochs stellt sich eine markante Nordströmung ein, welche die noch vohandene Polarluft im Nordosten Grönlands anzapft:
Weite Teile der Arktis sind seit Monaten extrem warm, einzig im Bereich von Nordkanada bis Nordgrönland hat sich noch ein hartnäckiger Rest sehr kalter Luft halten können. Es gäbe viele Möglichkeiten und Wege, wie diese Arktikluft nach Süden ausbrechen könnte. Bei einem normal aktiven Atlantik würde diese Luftmasse zum Beispiel in einem weiten Bogen über den milden Atlantik geführt und Europa als gemässigte Polarluft aus Westen erreichen. Im April erreicht aber die Tiefdruckaktivität im Nordatlantik das im Jahresverlauf statistische Minimum. Nistet sich nun genau dort ein Hochdruckgebiet ein (und nicht etwa etwas weiter westlich oder östlich) nimmt die arktische Luftmasse den direkten Weg über das europäische Nordmeer und die Nordsee zu uns. Folgende Karte zeigt uns, dass der Atlantik an der Ostküste Grönlands derzeit noch vereist ist, und sich eine Zunge kalten Wassers östlich von Island nach Südosten erstreckt:
Massgeblich für das, was bei uns am Montag am Boden eintrifft, ist die rote Spur. Sie liegt während des ganzen Wegs während einer Woche direkt auf Meereshöhe, könnte also theoretisch Energie vom Atlantik aufnehmen. Bei genauerem Hinschauen erkennt man aber, dass das Luftpaket beschleunigt und der Weg über die wärmere Nordsee in nur gerade 48 Stunden zurückgelegt wird. Die Karte mit den Wassertemperaturen zeigt uns, dass es keinen besseren als den prognostizierten Weg für die kalte Luftmasse gibt, um möglichst wenig Wärme vom Meer aufzunehmen. Auf der Temperaturkarte von Samstagabend erkennt man sehr gut, wie sich die Kaltluftzunge über das Nordmeer nach Süden voran arbeitet:
So viel also zu Murphys Gesetz. Wenden wir uns nun den Auswirkungen auf Mitteleuropa zu. Die Karte mit den Abweichungen der Lufttemperatur in 2 m Höhe gegenüber dem langjährigen Mittel für Montag zeigt ein schon lange nicht mehr gesehenes Bild:
Im südlichen Mitteleuropa werden Abweichungen von 8 bis 12 Grad zur jahreszeitlichen Norm berechnet. Dargestellt sind auch die Windströmungen in rund 1400 m Höhe, was den Weg der kalten Luftmasse bis zu uns noch mal verdeutlicht.
Interessant ist auch die relative Einigkeit der Ensemble-Läufe betreffend dieses Kaltlufteinbruchs, was uns bereits vier bis fünf Tage vor dem Ereignis eine ziemlich gesicherte Prognose ermöglicht:
Demnach erreicht uns die kalte Luft in der Nacht auf Sonntag, die Schneefallgrenze sinkt hier bereits bis in tiefe Lagen (im Mittel um 600 m, bei intensivem Niederschlag wahrscheinlich tiefer). Bedingt durch den schon recht hohen Sonnenstand und diffuse Strahlung dürfte der Schnee am Montag tagsüber unterhalb von 600 m kaum liegenbleiben. Sollten die Niederschläge im Nordstau der Alpen aber noch bis weit in den Montagabend anhalten, ist eine dünne Schneedecke auch im Flachland nicht auszuschliessen. Nach jetzigem Fahrplan (der allerdings im Detail noch etwas ändern kann) erreicht uns in der Nacht auf Dienstag trockenere Luft, sodass es verbreitet aufklart. Also ist mit den tiefsten Temperaturen dieses Kälteeinbruchs am Dienstagmorgen zu rechnen. Empfindliche Fröste bis zu -5 Grad sind in windgeschützten Lagen des Flachlands durchaus im Bereich des Möglichen, in höheren Lagen sind auch zweistellige Minuswerte wahrscheinlich.
Wie die Ensemble-Kurven zeigen, erholt sich die Temperatur in der Folge nur langsam. Werte um die jahreszeitliche Norm sind wohl erst zum Wochenende bzw. Monatswechsel zu erwarten. Da diese Blockadelagen im Frühling eine hohe Erhaltungsneigung aufweisen, ist mit weiteren Kälterückfällen auch im Mai zu rechnen. Aufgrund des steigenden Sonnenstands sind derart extreme Werte wie jetzt gezeigt dann aber nicht mehr möglich.