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Eine gut genährte Taube badet in der Fontäne auf dem Place des Aires in Grasse. Sie ahnt nicht, an welch historischem Ort sie herum hüpft. Wo heute Tische und Stühle für ein Mittagessen in der Wintersonne aufgestellt werden, gerbten im 16. Jahrhundert Lederfabrikanten ihre Tierhäute.
Ein unverzichtbares Accessoire
Damit begann der Weg der Kleinstadt Grasse zur Welthauptstadt des Parfüms. Zunächst war es ein Marketingtrick: Um den strengen Geruch zu beseitigen, parfümierten die Grassois das Leder. Katharina von Medici etablierte dann die Mode der parfümierten Handschuhe. Und bald erkannten die Grassois, dass sich Düfte besser verkauften als Leder. Das war die Geburtsstunde der Parfümerie in den Hügeln oberhalb von Cannes.
Tatiana, eine Mittdreissigerin, eilt auf High Heels durch die engen Gassen zwischen alten, ockerfarbenen Häusern. Sie ist wohlparfümiert. «Parfüm ist ein unverzichtbares Accessoire, wie ein Schal, den man trägt, um sich nicht zu erkälten.» Ein Parfüm unterstreiche Persönlichkeit und Charakter, betont Tatiana.
Riesige Blumenfelder
Coco Chanel ging dereinst noch weiter: Eine Frau ohne Parfüm habe keine Zukunft, dekretierte sie. Die Französinnen haben sich das zu Herzen genommen. Rund 140'000 Flakons gehen in Frankreich jährlich über die Ladentische. Vor allem zu den Festtagen. Der jährliche Umsatz der Parfümindustrie liegt bei knapp 2 Milliarden Euro. Parfüm ist ein französischer Exportschlager – es steht an zweiter Stelle nach der Luft- und Raumfahrtindustrie. Die Franzosen beschenken uns also nicht einfach mit Wohlgerüchen, es ist vor allem ein einträgliches Geschäft.
Im 17. und 18. Jahrhundert pflanzten die Grassois riesige Blumenfelder an, mit Mairosen, Jasmin, Orangenblüten und Iris. Die Frauen pflückten die Blüten, erklärt Marie Séverine Pillon vom Internationalen Parfümeriemuseum in Grasse, wo die Kulturgeschichte des Parfüms dokumentiert ist. «Man sieht sie mit ihren grossen Schürzen, in die sie die Blüten werfen.» Die Blüten wurden sogleich in den nahe gelegenen Fabriken zu Essenzen verarbeitet. So begann im 19. Jahrhundert die europäische Parfümindustrie.
Immer noch ein Luxusprodukt
Inzwischen haben sich die Techniken verändert. Die Blumenfelder um Grasse sind geschrumpft. Natürliche Essenzen kommen nun oft aus Drittweltländern, zudem werden zunehmend synthetische Duftstoffe eingesetzt. Parfümherstellung sei aber nach wie vor insbesondere Nasenarbeit. Denn den wichtigsten Teil absolviert die «Nase», der Parfümkreateur.
Martine, die durch die historische Parfümfabrik von Fragonard führt, erläutert, die Nase komponiere das Parfum an einer Parfümorgel mit circa 250 Fläschchen (von insgesamt 4500 existierenden Duftstoffen). Das könne bis zu zwei Jahre dauern.
Waren die Düfte früher Aristokraten und Königshäusern vorbehalten, kann sich heute fast jeder ein Parfüm leisten. Und doch bleibe es ein Luxusprodukt, betont Marie Séverine Pillon. «Das ist es auch, was die Kunden wollen. Denn es ist ein Produkt, das zum Träumen anregt.» Seit Jahrhunderten steht es für Eleganz und Verführung, und in jedem Flakon lebt die facettenreiche Parfümerietradition weiter.
Serie: Weltbewegende Geschenke
Zum Auftakt des neuen Jahres gehen wir auf Weltreise: SRF-Korrespondentinnen und -korrespondenten stellen besondere Geschenke vor, die Land und Leute bewegten: ein Hund, der das politische Image aufbessern soll, eine Buddha-Statue, die mitten in Lappland steht oder eine Giraffe, die Furore macht.