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Die deutsche Jüdin Margot Ruben kam 1933 nach Basel für ein Promotionsstudium bei Edgar Salin, der wie sie dem Kreis von Stefan George angehörte. Vermutlich bei einem George-Treffen in Salins Haus lernte Ruben den Dichter und Schriftsteller Karl Wolfskehl kennen, dessen Sekretärin sie nach ihrer Promotion wurde. Mit Wolfskehl, der ebenfalls deutsch-jüdischer Herkunft war, flüchtete sie ins Exil nach Neuseeland und blieb bis zu seinem Tod 1948 seine engste Vertraute. Erst als Nachlassverwalterin von Wolfskehls Werk erhielt Ruben den Respekt, der ihr als seine «heimliche» Geliebte versagt gewesen war.
Geboren wurde Margot Ruben 1908 in Berlin als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Ruben besuchte in Wiesbaden die Schulen und machte dort 1928 ihr Abitur. Im Gymnasium kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit Anhängern Stefan Georges, als sie bei einer Lesung den Maler Melchior Lechter kennen lernte. Ruben studierte in Berlin Jura und Philosophie, wechselte aber bald nach Heidelberg, um sich in Philosophie, Soziologie und Nationalökonomie zu vertiefen. In Heidelberg besuchte sie auch Vorlesungen des Literaturwissenschaftlers und George-Anhängers Friedrich Gundolf. 1931 legte sie das Diplom zur Volkswirtin ab und studierte fortan in Kiel bei Julius Landmann Nationalökonomie. Landmann hatte vor seiner Berufung nach Kiel von 1909 bis 1927 in Basel gelehrt und sich für Edgar Salin, mit dem er aus dem George-Kreis befreundet war, als seinen Nachfolger eingesetzt. Ruben war von Landmanns Unterricht fasziniert; wäre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Situation für Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht unerträglich geworden, hätte Ruben vielleicht nicht von der Universität Kiel nach Basel gewechselt.
An der Universität Basel arbeitete Ruben bei Edgar Salin und Hans Ritschl an ihrer Dissertation über Ferdinando Galiani und besuchte Vorlesungen bei Philosophieprofessor und George-Anhänger Hermann Schmalenbach. Auch nahm sie an den Zusammenkünften der George-Anhänger teil, die oft bei Salin zuhause stattfanden. Vermutlich lernte sie dort den deutsch-jüdischen Dichter Karl Wolfskehl kennen. Nach ihrer Promotion kehrte Ruben für kurze Zeit zu ihrer Familie nach Deutschland zurück. Doch die sich verschlimmernde politische Lage schränkte ihre Lebens- und Berufsperspektiven drastisch ein, so dass sie das Angebot Wolfskehls, ihn als seine Sekretärin ins Exil nach Ialien zu begleiten, sofort annahm. Wolfskehl litt an einer starken Sehbehinderung und war auf Hilfe bei seiner Korrespondenz und der Abschrift seiner Notizen angewiesen. Die intensiven Gespräche mit Ruben, die gerade in Literatur und Philosophie ebenso hoch gebildet war wie er selbst, waren dem Dichter eine wichtige Inspirationsquelle. Bald wurde Ruben auch zur Geliebten Wolfskehls, der seine nicht-jüdische Frau mit den Kindern in Deutschland zurückgelassen hatte. Als sich die politische Situation in Italien verschärfte, wanderten Wolfskehl und Ruben nach Neuseeland aus. Die schwierige finanzielle Lage des Dichters zwang Ruben, neben ihrer Arbeit für Wolfskehl Sprachunterricht zu erteilen. 1940 erhielt sie schliesslich eine Anstellung an der Faigan University in Auckland als Dozentin für Ökonomie und Latein und konnte sich dadurch mehr und mehr unabhängig machen.
Die gelehrte Frau im Männerbündnis
Die Beziehung Rubens zu Wolfskehl hing stark von den George-Anhängern und deren Vorstellungen von Moral und Schicklichkeit ab. 1941 machte Wolfskehl den Versuch, das Verhältnis mit Margot Ruben zu legalisieren und bat seinen engen Freund in Basel, Edgar Salin, sich um die Organisation der Scheidung und die Beschaffung der nötigen Papiere für eine Heirat mit Ruben zu kümmern. Salin weigerte sich jedoch, dem Paar zu helfen, da Hanna Wolfskehl einen festen Platz im George-Kreis hatte und eine Scheidung von den anderen Mitgliedern nicht gutgeheissen worden wäre. Obwohl Stefan George längst tot war, übte sein strenges Ethos weiterhin grossen Einfluss auf die George-Anhänger aus. Zudem war Salin nicht nur mit Karl, sondern auch mit Hanna Wolfskehl gut befreundet. Im Gegensatz dazu sah er in Margot Ruben immer nur die «Sekretärin» Wolfskehls; so zumindest bezeichenete er sie in seiner Korrespondenz mit dem Dichter. Wohl ist zu bezweifeln, dass Salin mit dieser Bezeichnung die intellektuellen Fähigkeiten seiner ehemaligen Doktorandin herabsetzen wollte. Vermutlich wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass er die Beziehung Wolfskehls zu Ruben nicht offiziell anerkennen würde, was sich auch an seiner verweigerten Hilfeleistung für eine Heirat zeigte.
Aber nicht nur von Salin, auch von den anderen George-Anhängern erhielt Ruben nie die Anerkennung als das, was sie eigentlich war: als Lebensgefährtin Wolfskehls, die geistig auf gleicher Augenhöhe stand, und nicht bloss als seine Sekretärin und heimliche Geliebte. Das Bild, das sich die George-Anhänger von Ruben zurecht legten, ging konform mit der Stellung von Frauen in Georges Werk. Dazu trug auch Wolfskehl massgeblich bei, indem er Ruben in seiner Korrespondenz kaum erwähnte und wenn doch, vor allem von ihren Qualitäten als fleissige Helferin sprach: «M.R. sorgt wie fürs Schriftliche so auch für alle häuslichen Necessitäten» (Brief Wolfskehls an Rudolf Pannwitz, 21.09.1938). Was er unerwähnt liess, sind die bedeutenden Gespräche der beiden über Literatur und Zeitgeschehen und die andauernde und kritische Auseinandersetzung Rubens mit seinem Werk, wovon dieses wohl nicht unwesentlich profitierte.
Späte Anerkennung: Die Herausgabe der Exilschriften
Nach den gescheiterten Heiratsplänen unternahm Wolfskehl keine weiteren Versuche in diese Richtung und die Beziehung der beiden verlor an Nähe und Intensität. Wolfskehls gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zunehmend, weshalb er auf ständige Betreuung angewiesen war. Ruben arbeitete jedoch inzwischen vollzeitlich als Dozentin und konnte (oder wollte) sich nur noch selten um Wolfskehl kümmern. Als Wolfskehl 1948 starb, machte er Ruben zu seiner Testamentvollstreckerin, Alleinerbin und Nachlassverwalterin, mit dem Auftrag, seine Exilschriften baldmöglichst herauszugeben. Ursprünglich hatte er seinen Freund Salin mit der Nachlassverwaltung betraut, was nach Wolfskehls Tod zu einer Missstimmung und einer spannungsgeladenen Korrespondenz zwischen Salin und Ruben führte.
Eher spärlich und recht spät, lange nach ihrem Tod 1980, erhielt Margot Ruben in der Wolfskehlforschung Anerkennung. Immerhin hatte sie als Nachlassverwalterin schliesslich doch noch die ihr gebührende zentrale Rolle für das Werk Wolfskehls innegehalten. Ihren umsichtigen und klugen Editionen und ihrem hartnäckigen Beharren auf der raschen und vollständigen Herausgabe der Exilschriften ist viel zu verdanken. Trotzdem stand auch sie, wie viele gebildete Frauen ihrer Zeit, ein Leben lang und darüber hinaus im Schatten eines berühmten Mannes.