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Fast gleichzeitig mit der letzten Fassung von «Der Grüne Heinrich» hat Gottfried Keller 1881 einen Text veröffentlicht, der weniger bekannt, aber viel besser ist: «Das Sinngedicht». Der Titel bezieht sich auf einen Spruch, der dem Protagonisten Reinhart zufällig ins Auge springt, als er in seiner Lessing-Ausgabe blättert:
«Wie willst du weisse Lilien zu roten Rosen machen? Küss eine weisse Galathee: Sie wird errötend lachen.»
Als Naturwissenschaftler missversteht Reinhart das Gedicht als chemische Formel und macht sich auf die Suche nach der weissen Galathee. Er erweist sich als täppischer Simplicissimus, der durch zahlreiche Fehlversuche erfahren muss, dass die Welt kein Labor ist. Die Objekte seiner Forschung – eine Zöllnerin, eine Pfarrerstochter und so weiter – bleiben nicht passive Untersuchungsgegenstände, sondern bringen das Experiment durcheinander, indem sie zu Subjekten werden. Schon auf den ersten Seiten ergreift die forsche Wirtstochter die Initiative, als Reinhart zögert, ihr den Hof zu machen. «Sollen wir etwa gar die verkehrte Welt spielen?», neckt sie und droht scherzend, ihn zum Geküssten zu machen. Der Forscher wird immer mehr zum Forschungsobjekt, verliert die Kontrolle, gerät auf Seitenpfade, verwickelt sich «in Widersprüche und Torheiten mit seinem Geschwätz wie eine Schnepfe im Garn» und begreift sich immer mehr als Involvierten, der sich auf seiner Forschungsreise verändert und sogar sein ursprüngliches Reiseziel aus den Augen verliert.
Die Rahmenhandlung wird von Binnenerzählungen unterbrochen, die das Thema in diversen Variationen durchspielen. Wenn darin zum Beispiel ein skrupelloser Herzensbrecher von einer Indianerin, die er als nächstes Opfer auserkoren hat, um seine Trophäen gebracht wird, ahnt man, dass es um mehr geht als um einen Seitenhieb auf die Naturwissenschaft. Was auf dem Spiel steht, ist der souveräne Blick des Menschen auf die Natur, des Mannes auf die Frau, des Europäers auf den Wilden: Denn das Objekt blickt zurück!