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Singapur führte 1975 als weltweit erste Stadt eine Verkehrsabgabe für Fahrten ins Geschäftszentrum ein. Trotz weiterer Massnahmen zur Verteuerung des Privatverkehrs hat die Stadt aber zunehmend mit Verkehrsproblemen zu kämpfen.
Dass zwischen dem Wohlstand und der Fahrzeugdichte eines Landes ein Zusammenhang besteht, belegen internationale Statistiken.
Mit nur ca. zehn Autos pro 100 Einwohner weist Singapur, das zweitreichste Land Ost-Asiens, aber eine niedrige Quote auf.
So hält sich die Anzahl Kunden in den Autohäusern an einem Samstag Nachmittag in Grenzen, denn selbst Kleinwagen sind hier für viele ein Luxusobjekt.
Unter den Kaufinteressenten befindet sich ein deutscher Wirtschaftsanwalt, der namentlich nicht erwähnt werden möchte.
"Die Autopreise in Singapur tun weh", meint er. Seit mehreren Jahren lebt er mit seiner Familie in Singapur und ist bis jetzt mit Bus und U-Bahn zur Arbeit gefahren. Trotz der hohen Abgaben hat er sich entschieden, nun einen Privatwagen zu kaufen.
Im Autohaus schaut er sich die Modelle "Passat" und "Golf" von Volkswagen an, die er in seiner Jugend gefahren ist: "Für den hiesigen Preis einer solchen Studentenkiste kann ich mir in Deutschland einen Porsche kaufen!"
Luxusgut: Auto
Seit mehr als 30 Jahren versucht die Regierung Singapurs den Gebrauch der Privatwagen so weit wie möglich einzuschränken. Dabei handelt es sich nicht um ideologisch motivierten Umweltschutz, sondern eher um verkehrspolitischen Pragmatismus.
Der Stadtstaat kann sich eine westeuropäische Fahrzeugdichte aus Platzgründen schlicht nicht leisten: Fast fünf Millionen Menschen leben auf einer lediglich 42 Kilometer breiten Insel.
Eine Strategie ist die künstliche Verteuerung der Fahrzeuge: So ist in Singapur ein Kleinwagen unter 50'000 Franken nicht zu haben. Beim Kauf eines Fahrzeugs muss eine Lizenz, ein "Certificate Of Entitlement" (COE), das für zehn Jahre gültig ist, ersteigert werden.
Zu diesem COE – aktueller Marktpreis für die niedrigste Fahrzeugklasse: 25'000 Franken – kommt eine Importsteuer von 45%.
Nicht nur die Anschaffung, sondern auch die Benützung eines Privatwagens ist in Singapur teuer. Für die Fahrt durchs Geschäftszentrum und auf einigen Autobahnen wird zu Stosszeiten mittels eines elektronischen Road Pricings (ERP) eine Maut erhoben.
Zu den ERP-Abgaben kommen je nach Fahrzeugklasse jährlich zwischen 300 und 8'000 Franken Strassenbenützungs-Steuern hinzu. Weitere Verteuerungsmassnahmen sind die Parkgebühren und die hohen Benzinpreise.
Tanktourismus ins nahe Ausland ist nicht möglich: Fahrzeuge müssen bei der Ausreise zu mindestens zwei Dritteln voll getankt sein, ansonsten droht eine saftige Busse.
Sofhian Suratman treffe ich auf dem Weg zur seiner Arbeit als Vertreter von Handelsmessen. Für ihn sind die vielen Abgaben ein guter Grund, sein COE nach dessen Ablaufen nicht zu erneuern: "Wenn ich so viel Geld ausgebe, dann kaufe ich mir lieber ein wahres Luxusobjekt, wie ein Motorboot, das von Steuern und Abgaben nicht betroffen ist!", meint er.
Der Hauptgrund, um in Zukunft auf seinen Privatwagen zu verzichten, ist für ihn aber das wachsende Problem, nicht zu einer verlässlichen Zeit im Büro zu sein. Für die Fahrt von normalerweise 20 Minuten braucht Suratman bei Stau das Dreifache, deshalb fahre er meistens lieber mit der zuverlässigeren U-Bahn.
Platzmangel
Trotz der einschneidenden Massnahmen hat auch Singapur seit mehreren Jahren mit Stauproblemen zu kämpfen. Lee Der Horng, Professor an der National University of Singapore, ist der Meinung, dass Mobilität weiter verteuert werden sollte.
"Einerseits sollten wir das Road Pricing auf bis zu zehn Singapur-Dollar (7.50 Franken) erhöhen, andererseits müssen die Fahrzeuglizenzen weiter verknappt werden! Ausserdem bietet der öffentliche Verkehr eine zu wenig komfortable Alternative", so der Verkehrsexperte.
Derzeit machen in den Medien die Betreiber der U-Bahnen wegen überfüllter Züge negative Schlagzeilen. Zu Stosszeiten muss man bei gewissen Stationen oft erst mehrere Züge vorbeifahren lassen, um überhaupt einen Platz zu finden, obwohl sie im Zwei- bis Dreiminutentakt verkehren.
Erleichterung könnte in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu erwarten sein: Eine das Zentrum umkreisende U-Bahnlinie wird 2011 eröffnet. Weitere U-Bahnstrecken sind im Bau. Bis ins Jahr 2020 sollen Singapurs Schienenkilometer von aktuellen 138 auf 278 erhöht werden.
Auch das ERP wird modernisiert: Derzeit wird ein System entwickelt, das den Verkehrsfluss mittels GPS generierten Daten überwachen und so eine bessere Lenkung ermöglichen wird.
Ob jedoch infrastrukturelle Investitionen und verkehrspolitisches Fine-Tuning ausreichen, um den Verkehrkollaps zu verhindern, ist offen.
Die Hauptursache der zunehmenden Verkehrsprobleme liegt wohl eher im Bevölkerungswachstum: Seit 1990 ist Singapur kontinuierlich von drei auf fast fünf Millionen Einwohner angewachsen.
Das Ziel der Regierung, die Bevölkerungszahl langfristig auf sechs Millionen anwachsen zu lassen, ist in diesem Zusammenhang besonders fragwürdig. Der Verkehrsexperte Lee: "Können wir uns die mit dem Sechs-Millionen-Ziel verbundenen externen Effekte überhaupt leisten? Singapur sollte eine lebenswerte Stadt bleiben!"
Christian Zingg, Singapur, swissinfo.ch
Fünfte Schweiz
Immer häufiger reisen auch Jugendliche für längere Zeit ins Ausland.
Studenten profitieren von Austauschprogrammen.
Zu ihnen gehörte Christian Zingg, der ein Semester in Singapur absolvierte.
Von dort berichtete er für swissinfo regelmässig über seine Erlebnisse.
Biographie
Geboren am 2. Oktober 1986 in Bern.
Die Schulen absolvierte er mehrheitlich in Bern. Von August 2003 – Juni 2004 machte er ein Austauschjahr an der Highschool in Portage, Indiana, USA.
Er studierte in Bern Volkswirtschaftslehre und als Nebenfächer Politikwissenschaft und Philosophie.
Neben seiner Muttersprache Deutsch spricht er Englisch und Französisch.
Zu seinen Hobbys zählen Saxophon spielen, Badminton und Lesen.
Sein 5. Semester (August 08 bis Januar 09) verbrachte er an der Singapore Management University (SMU).
Bis Ende Juli 2010 arbeitet er für die deutsche Handelskammer im Stadtstaat, bevor er für den Masterabschluss nach Bern zurückkehrt.
Verkehrspolitische Pionierstadt
1975 führte Singapur als erste Stadt weltweit ein Abgabensystem zur Regulierung des Strassenverkehrs ein. Dieses erste Road Pricing bedurfte einer Kontrolle der Fahrzeuge durch Verkehrspolizisten. Die Lenkungswirkung auf den Verkehr war nur begrenzt, weil der Preismechanismus unflexibel war.
Die Land Transport Authority, die verkehrspolitische Verwaltungseinheit Singapurs, führte 1998 das elektronische Road Pricing (ERP) ein. Mit ungefähr 80 Pforten, verteilt auf den Central Business District, einige Subzentren und die meistbefahrenen Autobahnen, deckt das ERP heute die stauanfälligsten Ecken Singapurs ab.
Pro Fahrt durch eine ERP-Pforte bezahlen Privatwagen zu den Stosszeiten zwischen umgerechnet 0.40 und 3.00 Franken. Lastwagen und Cars bezahlen bis zu sechs Franken. Die Dauer der Aktivierungszeit ist von Pforte zu Pforte unterschiedlich und wird den Automobilisten auf elektronischen Tafeln angekündigt. Vierteljährlich werden die Daten ausgewertet, die Preise und die Aktivierungsdauer bei Bedarf angepasst, um auf Veränderungen im Verkehrsfluss zu reagieren.