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4.4.1 Luftwechselgetragener Feuchteaustausch und Feuchtespeicherung ⓘ
In bewohnten Räumen sind immer Feuchtequellen vorhanden, die zu einem Anstieg der Raumluftfeuchte beitragen (siehe Tab. 4.2). Je nach Belegung und Aktivitäten wird eine Wohnung mit mehreren Litern Wasser pro Tag belastet. Die produzierte Feuchtigkeit wird hauptsächlich durch den Luftaustausch mit der Umgebung abgeführt. Beispielsweise beträgt die Entfeuchtungsleistung durch Luftaustausch für eine Wohnung mit 100 m2 Wohnfläche bzw. 250 m3 Wohnraum bei einer mittleren Luftwechselzahl na = 0.5 h-1 und einer Luftfeuchtedifferenz innen-aussen von 4 g/m3 (Wintersituation) rund 12 Liter pro Tag. Mit einer angenommenen Aussenfläche von 100 m2 und einem mittleren Diffusionswiderstand sd,Wand = 4 m werden hingegen nur etwa 0.2 Liter pro Tag durch Diffusion abgeführt. Diffusionsvorgänge durch die Aussenwände spielen in der Tages-Feuchtebilanz eines Raumes eine untergeordnete Rolle.
Zunehmende Dichtigkeit der Gebäudehülle, speziell als Folge moderner Fenstersysteme, führt vermehrt zu Kondensat- und Schimmelpilzproblemen. Je nach Benutzerverhalten und klimatischen Randbedingungen treten zudem grosse tageszeitliche Schwankungen der Raumluftfeuchte auf, die durch eine rein stationäre Betrachtungsweise nicht mehr erklärt werden können (Abb. 4.18).
Obwohl im Beispiel (vgl. Abb. 4.18, Grafik 3) das Badezimmer nach dem Duschen gut belüftet wurde, steigt anschliessend die Raumluftfeuchte trotz abgeschalteter Feuchtebelastung – ein Indiz, dass Feuchtespeichereffekte (Sorption und Desorption) mitbeteiligt sind.
Die momentane Feuchtebilanz an einem Ein-Zonen-Raummodell unter den vereinfachenden Annahmen:
- keine Koppelung zwischen Wärme- und Feuchtetransport,
- räumlich konstanter Feuchtegehalt und
- Luftaustausch nur gegenüber Aussenklima
lässt sich folgendermassen beschreiben (siehe Abb. 4.17):
Die im Raum vorhandenen Feuchtequellen Gint und eine zu geringe Luftwechselzahl na sind häufig die Hauptursachen für eine zu hohe Feuchtebelastung der Raumluft. Mit einer Erhöhung des Feuchtespeichervermögens der Raumumschliessungsflächen (Sorption/Desorption) Gsor können die Maxima der rel. Raumluftfeuchte reduziert werden.
Der Sorptions-/Desorptionsterm, der den Dampftransport zwischen Materialoberflächen und Luft im Innenraum erfasst, kann allgemein geschrieben werden als:
Der Wasserdampftransport in den Materialschichten k, aus dem sich der Wasserdampfdruck an der Oberfläche ergibt, ist im Allgemeinen schwierig und/oder ungenau erfassbar [4.5]. Es sind zwar Rechenverfahren vorhanden, aber oft sind die tatsächlichen Schichtaufbauten, Schichtstärken, Materialeigenschaften usw. nicht genau bekannt. Es ist daher angezeigt, die Feuchtespeicherwirkung von Raumumschliessungsflächen und allenfalls weiteren Objekten wie Bücherregalen, Möbeln, Textilien usw. in vereinfachter Form zu berücksichtigen.
Zyklische Feuchtesprungantwort (Nordtest-Verfahren)
Zur direkten Charakterisierung des dynamischen Feuchtespeichervermögens bietet sich die gravimetrische Messung der Feuchteaufnahme und -abgabe einer definierten Materialfläche oder eines Objekts während einer zyklischen, sprungartigen Luftfeuchteänderung an. Die Messung kann in einer Klimakammer leicht durchgeführt werden und schliesst praktische Effekte wie Feuchteübergang, Beschichtungen, mehrschichtige Materialien, beschränkte Schichtdicke usw. mit ein.
Neben anderen Definitionen liegen aus dem Nordtest-Verfahren [4.25] verschiedene Materialdaten vor (vgl. Abb. 4.19, Tab. 4.6). Dabei wird die dynamische Feuchtespeicherkapazität, der sog. Moisture Buffer Value (MBV), während eines wiederholten 24-Stunden-Feuchtezyklus, 8 Stunden hohe Feuchte (75 % r. F.), 16 Stunden tiefe Feuchte (33 % r. F.), im eingeschwungenen Zustand wie folgt bestimmt:
Für nichtflächige Objekte wird der MBV analog bestimmt, jedoch ohne Flächenbezug. Der MBV ist ein gutes Mass dafür, wie viel Feuchtigkeit eine Materialschicht bei tagesperiodischen Schwankungen der Raumfeuchte aufnehmen und abgeben kann.
Zur Charakterisierung der Speicherfähigkeit von Materialien sind für die Nordtestbedingungen 5 Klassen definiert (siehe Tab. 4.3). Als gute Speicherfähigkeit gilt MBV ≥ 1.0 g/(m2 · % r. F.).
Vereinfachtes MBV-Raumfeuchtemodell
Bekannte Speicherkapazitäten erlauben eine grobe Abschätzung der Raumfeuchteschwankungen bei bekannten Feuchtequellen und Luftwechselzahl unter der Annahme, dass die aktiven Materialschichten im Gleichgewicht sind mit der Raumluftfeuchtigkeit. Da bei einer kontinuierlichen Raumfeuchteänderung im Zeitmittel nur etwa die halbe Luftfeuchtedifferenz zwischen Anfangs- und Endwert auf die Materialschicht wirkt, ergibt sich in zeitabhängigen Berechnungen eine gute Übereinstimmung, wenn effektive Speicherwerte MBVeff = MBV/2 verwendet werden (Abb. 4.20):
und die Feuchtebilanz des Raums wird
Die Feuchtespeicherung der Oberflächen wirkt neben dem Raumluftvolumen VR wie ein zusätzliches, sorptionsäquivalentes Luftvolumen Vsor zur Aufnahme von Feuchtigkeit. Beim Einschalten einer konstanten Feuchtequelle Gint zur Zeit t = 0 (vorher Feuchtegleichgewicht) ergibt sich folgender zeitlicher Verlauf der volumenbezogenen Luftfeuchte υi(t) im Raum (« Ladekurve », vgl. dazu Abb. 4.19):
Das grössere Luftspeichervolumen bzw. die reduzierte « Feuchtewechsel » n*a bewirkt einen langsameren Feuchteanstieg, wobei nach langer Zeit derselbe (stationäre) Endwert erreicht wird wie ohne Speichermaterialien. Für t ≫ tNordtest (8 h) wird die Speicherwirkung unterschätzt, da nur die im Nordtest angesprochene Materialschicht berücksichtigt wird. Umgekehrt wird für t ≪ tNordtest die Speicherwirkung überschätzt, da das Speichervolumen sofort ohne Widerstand geladen wird.
In Tabelle 4.4 ist exemplarisch der berechnete zeitliche Anstieg der rel. Raumluftfeuchte für eine Raumsituation mit verschiedenen sorptionsfähigen Oberflächen und Luftwechselszenarien dargestellt.
Einfluss einer Beschichtung
Der Oberflächenwiderstand sd, coat einer zusätzlichen Beschichtung (vgl. Tabelle 4.5) kann die Pufferwirkung von Materialien stark reduzieren. Für die Nordtest-Situation lässt sich der Einfluss einer Beschichtung auf den Moisture Buffer Value wie folgt bestimmen (vgl. Formel 4.18):
Für psat = 2500 Pa, tNordtest = 8 h und δa =
0.7·10-3 g/(h·m·Pa) gilt:
Widerstand-/Kapazitätenmodell (RC-Modell)
Für genauere Berechnungen bewährt sich ein Widerstand-/Kapazitätsmodell [4.26], welches einen zeitlich veränderlichen mittleren Feuchtezustand einer aktiven Materialschicht mit Speicherkapazität und Schichtwiderstand berücksichtigt. Die Eindringtiefen hängen grundsätzlich wurzelförmig von der Zeitperiode der Feuchteschwankungen ab. Typische Eindringtiefen für tageszyklische Feuchtelasten liegen im Bereich von einigen Millimetern.
Für ein flächiges Material k wird die zeitliche Änderung der Schichtfeuchtigkeit beschrieben durch:
Die Materialdaten können ebenfalls aus dem Nordtest-Versuch hergeleitet werden: Durch Anpassung der Masseänderung ∆mk und der Zeitkonstanten τk in der allgemeinen Ladefunktionsgleichung an die vorhandenen Messwerte (« Ladekurve » vgl. Abb. 4.19)
lassen sich direkt die kurzzeitige, auf die absorbierende Fläche Asor bezogene Feuchtespeicherkapazität dk ∙ σk in g/m2 sowie der entsprechende Feuchteübergangskoeffizient βk in g/(h∙m2∙Pa) wie folgt bestimmen:
Die ausgewerteten Daten für die in Abb. 4.19 dargestellten Messungen an verschiedenen Materialien sind in Tab. 4.6 zusammengestellt.
Abbildung 4.20 zeigt die Rechenergebnisse für das Ein-/Ausschalten einer Feuchtequelle für den leeren Raum, für das Handrechenverfahren mit dem sorptionsäquivalenten Luftvolumen unter Verwendung des effektiven Speicherwerts MBVeff , für das Widerstand-/Kapazitätsmodell (RC) und für die korrekte Diffusionsberechnung. In Abbildung 4.21 ist der Verlauf der relativen Luftfeuchte eines Raumes mit einer zweiteiligen Feuchtelast (Vor-/Nachmittag) während zwei Tagen für die verschiedenen Rechenverfahren dargestellt. Die Rechenmodelle zeigen vergleichbare Spitzenwerte für die Raumluftfeuchte, welche durch die Speicherwirkung der Materialfläche deutlich reduziert wird. Die Zeitverläufe des RC- und Diffusionsmodells stimmen gut überein, während beim vereinfachten Speichermodell (MBVeff) grössere Abweichungen auftreten.
4.4.2 Lufterneuerung/Luftqualität/Lüftungswirksamkeit
Eine der Hauptaufgaben der Lüftung besteht darin, alte, verbrauchte Luft und Schadstoffemissionen in einer Nutzungszone durch frische, unbelastete Luft wirksam und mit minimalem Energieaufwand zu ersetzen. Als einfachste Beschreibungsgrösse einer raumumfassenden Lüftung dient die Luftwechselzahl (na), unter der Voraussetzung, dass sich Raum bzw. Gebäude wie vollständig durchmischte Volumina verhalten. Diese Grösse eignet sich besonders, um den durch unkontrolliertes Ein-/Ausströmen von Luft durch Schlitze, Risse und Fugen entstehenden Energieverbrauch abzuschätzen.
Andererseits ist aber ein derartiger « räumlicher », z. T. auch zeitlicher Mittelwert nicht geeignet, um Qualitäts-/Sicherheitsaspekte der Lüftung in einer Nutzungszone in Bezug auf lokale Frischluft oder lokalen Schadstoffabtransport brauchbar zu beschreiben (vgl. Abb. 4.22).
Eine effiziente Lüftung muss in der Lage sein, in der Aufenthaltszone
mit Feuchtelast Gint = 150 g/h (6 h), 0 g/h (2 h),
300 g/h (4 h), 0 g/h (12 h) im Tagesgang.
Übrige Daten: VR = 60 m3, na = 0,33 h–1, Asor = 20 m2, MBV = 1,6 g/(m2 · % r. F.), sd,B = 0,02 m
- alte, verbrauchte Raumluft durch frische Aussenluft zu ersetzen und
- Schadstoffe nahe der Emissionsquelle zu erfassen und gezielt abzuführen.
Zur Erfassung der eigentlichen Lüftungswirksamkeit sind sowohl Luftbewegung (integral) wie auch Durchmischung (partiell, einzelne Teilchen) mit zu berücksichtigen.
Anhand der Strömungsmuster lassen sich drei Extremfälle unterscheiden:
- Verdrängungsströmung
- Mischströmung und
- Kurzschlussströmung
Für die Qualität des Luftaustausches und der Schadstoffabfuhr sind primär Verweilzeit der Luft und Verweilzeit der Schadstoffe im Raum entscheidend.
Das Verhältnis der idealen zur tatsächlichen durchschnittlichen Verweilzeit der Luft im Raum wird als Luftaustauschwirkungsgrad ηa definiert:
Dabei entspricht die nominale Zeitkonstante τn (auch Nennzeitkonstante genannt) der kürzestmöglichen durchschnittlichen Verweilzeit der Luft im Raum (τn = 1/na, Verweilzeit gleich Aufenthaltsdauer der Luft im Raum zwischen Eintritt und Austritt). τa stellt die effektive durchschnittliche Verweilzeit aller Moleküle entsprechend dem Strömungsmuster dar (auch Luftaustauschzeit genannt).
τa ist bei der effektivsten aller Lüftungsarten, der Verdrängungslüftung (reine Kolbenströmung), am kürzesten:
Bei vollständiger Durchmischung der in den Raum eintretenden Luft ist die effektive durchschnittliche Verweilzeit doppelt so lang [4.1]:
Es ist noch beizufügen, dass das Durchschnittsalter der Raumluft <τ> immer halb so gross ist wie die durchschnittliche Verweilzeit τa [4.3].
Der so definierte Luftaustauschwirkungsgrad macht aber nur eine Aussage in Bezug auf die Durchströmung des gesamten Raumes, nicht aber über das lokale Verhalten in der Aufenthaltszone.
Um die lokale Schadstoffentfernung zu erfassen, sind weitere Parameter erforderlich. Einige Schadstoffe sind mehr oder weniger gleichmässig im Raum verteilt und verhalten sich nahezu wie das Gros der strömenden Luft (passive Schadstoffe: Lufttransport ≙ Schadstofftransport). Andere Schadstoffe entwickeln aber ihr eigenes Schadstoffmuster, das sich mit dem der zirkulierenden Luft überlagert.
Wir definieren eine Wirksamkeit εV für den Schadstoffabtransport. Sie kann als Verhältnis von Verweilzeiten ausgedrückt werden, und zwar als Verhältnis der kürzestmöglichen Verweilzeit eines Zuluftpartikels (nominale Zeitkonstante τn) zur durchschnittlichen Verweilzeit eines von der Quelle im Raum ausgehenden Schadstoffpartikels (Umsatzzeit τV):
Diese Kenngrösse hängt nun nicht mehr nur vom vorliegenden Strömungsmuster, sondern auch noch vom Ort der Verunreinigungsquelle im Raum ab. εV kann aber auch direkt über entsprechende Verunreinigungskonzentrationen beschrieben werden:
Um die Lüftungswirksamkeit speziell in Bezug auf die Aufenthaltszone zu beschreiben, definiert man zusätzlich (IAQ: indoor air quality index):
Auf der Basis der Wirksamkeit εV lässt sich nun der sogenannte Schadstoffabfuhrwirkungsgrad ηV definieren: