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Bouvier des Flandres
Der Bouvier des Flandres ist ein imposanter Gebrauchs- und Familienhund, der sich immer grösserer Beliebtheit erfreut. Die meisten Menschen begegnen diesem Hund mit Erstaunen und Respekt, was bei seinem bärenhaften Aussehen zu verstehen ist. Der Bouvier des Flandres stammt sowohl aus dem belgischen wie aus dem französischen Teil Flanderns. Er gehört zur Rasse der Senn- und Treibhunde. Das Wort Bouvier kommt aus dem Französischen, wobei „Boeuf‘ zu deutsch „Ochse“ bedeutet. Damit ist auch seine ursprüngliche Verwendung, die im Bewachen, Treiben, Hüten und Beschützen der Kuhherden bestand, benannt. Ebenso eignete er sich hervorragend als Karren- und Ziehhund. Diese vielschichtigen Aufgaben konnte nur ein grosser, kräftiger Hund wahrnehmen, der witterungsunempfindlich, selbständig, mutig und zuverlässig war. Dieser fand sich in Kreuzungen aus Berger de Brie, Berger de Picardie, Doggen und rauhaarigen Jagdhunden. Was fortan als „Flämischer Kuhhund“ Höfe, Herden und Menschen beschützte, glich eher einem Bären, denn einem Hund. Sein dichtes, raues Fell hatte nicht nur wetterschützende Funktionen, es war auch extrem „bissfest“ und somit ein guter Schutz gegen aufdringliche und ungeladene Gäste.
Im Juni 1900 wurden erstmals vier Hunde unter dem Namen „Bouvierhunde“ vorgestellt. Ein einheitlicher Rassetypus war jedoch noch nicht erkennbar. Nach weiteren Zuchtversuchen kristallisierten sich zwei Bouviertypen heraus. Zum einen der „Römische Kuhhund“ der Familie Poret aus Gent und zum anderen der „Roeselaerse Bouvier“ aus der Zucht der Familie Moermann aus Roeselaer. Letzterer erfuhr 1912 eine erste Standardisierung mit noch heute gültigen Richtlinien. Der Bouvier des Flandrcs erfuhr erste Anerkennung als Rassehund mit der Gründung des belgischen „Club National du Bouvier Belge des Flandres“ und des holländischen „Nederlandse Bouvier Club“ in den Jahren 1922-23. Die heutige Bouvierzucht wird massgeblich von der holländischen Familie Semler geprägt, die seit 1970 mit ihren Hunden aus dem „Zwinger van Dafzicht“ erfolgreich züchtet und ausstellt. Der Durchbruch des „Dafzichter Bouvier des Flandres“ gelang der Familie Semler spätestens mit der Stellung des Weltsiegers Arkos-Anoesca von Dafzicht und des Weltjugendsiegers Amber-Astrid von Dafzicht. In der Schweiz wird der Bouvier des Flandres seit 65 Jahren gezüchtet.
Körperbau
Der Bouvier erreicht eine Grösse von bis zu 68 cm. Die Idealmasse werden für Rüden mit 65 cm und für Hündinnen mit 62 cm angegeben. Das Gewicht schwankt – je nach Grösse – zwischen 30 – 40 +/- 5kg. Der Körper ist mächtig, mit kräftiger Brust und kurzem, breitem, muskulösem Rücken. Sein gesamtes Erscheinungsbild sollte quadratisch sein. Die kräftigen Beine enden in tatzenartigen, runden ungemein kräftigen Pfoten. Der Kopf wirkt wuchtig und die Schnauze sollte breit und nicht zu lang sein. Die Rute des Bouviers wird heute nur noch in wenigen Ländern kupiert. Die Augen sollten so dunkel wie möglich sein. Sie spiegeln die ausgeglichene Kraft und Zuverlässigkeit des Hundes. Zuweilen lässt ihre Glut uns erahnen, welch ungeheure Kraftreserven in ihm stecken. Alles in allem ist der Bouvier eine stattliche Erscheinung. Der starke Haarbewuchs und das richtig getrimmte Erscheinungsbild tun al1erdings das ihrige hinzu, um ein wenig mehr Schein als Sein zu präsentieren. Die Haarfarbe des Bouviers ist recht vielfältig. Zugelassen sind schwarze, graue, falb-blonde, und gestromte Fellfärbungen. Lediglich rein braune oder weisse Farbe ist in der Zucht nicht geduldet.
Charakter
Der Bouvier des Flandres kommt dem Idealbild eines Allroundhundes – artgerechte Haltung und liebevolle, konsequente Erziehung immer vorausgesetzt – schon sehr nahe. Sein Bewegungsdrang macht ihn zu einem ausdauernden Begleithund. Sein Verstand und Mut, seine unbestechliche Treue und Wachsamkeit sowie seine natürliche Schärfe mit hoher Reizschwelle machen ihn zu einem idealen Wachhund. 1980 wurde er in den kleinen Kreis der Gebrauchshunde als 8. Rasse aufgenommen. Auch hat der Bouvier einen ausgezeichneten Geruchssinn, sodass er auch ein idealer Suchhund ist. In der Familie fügt er sich hervorragend ein. Er liebt Kinder und andere Tiere, vor allem Katzen, bei entsprechend (kurzer) Gewöhnungszeit. Nicht nur seinem speziellen Menschen, sondern der gesamten Familie ist der Bouvier treu ergeben. Trotz seiner sprichwörtlichen Ruhe und Ausgeglichenheit spielt er gerne. Wie die meisten Grossbunderassen ist auch der Bouvier ein Spätentwickler, dem man Zeit zum Erwachsenwerden lassen sollte. Das dankt er durch seine Lernbereitschaft und hohe Auffassungsgabe sowie seiner relativ hohen Lebenserwartung von bis zu 15 Jahren. Unter den Bouviers wird man selten Angstbeisser finden, da diese Hunde sich ihrer Grösse und Stärke durchaus bewusst sind. Ausnahmen, die aus falscher Haltung oder gedankenloser Ueberzüchtung resultieren, bestätigen leider auch hier die Regel.
Haltung
Der Bouvier ist zwar ein imposanter und mächtiger Hund, aber er ist erstaunlich leichtflüssig, wendig und sportlich. Dementsprechend braucht er viel Bewegung. Er liebt ausgiebige Spaziergänge. Er hält sehr gut Schritt neben dem Fahrrad oder dem Pferd. Auch ist er ein ganz ausgezeichneter Schwimmer. Es macht ihm Freude durch Seen zu schwimmen, wobei die Jahreszeit für ihn nicht von Interesse ist. Ist man glücklicher Hausbesitzer mit Garten, verschafft sich der Bouvier zur Not auch selber seinen Auslauf. Innerhalb der Hof- oder Gartengrenzen sollte man nie vergessen, dass dieser Hund ein ausgezeichneter Wachhund ist und „seine“ Familie im Notfall durchaus zu beschützen und zu verteidigen weiss.
In der Wohnung benimmt sich der Bouvier unauffällig und anständig. Nur dann und wann weiss er sich durch tiefes Bellen dezent in Szene zu setzen. Wie jedem anderen (Gross-)Hund sollte man auch dem Bouvier ein reines Zwinger- oder Wohnungshunddasein ohne Gartenauslauf ersparen.
Pflege
Etwas Zeit und Geld nimmt die Fellpflege in Anspruch. Um das rassetypische Erscheinungsbild des Hundes zu bekommen und zu erhalten, muss er alle 2 bis 3 Monate fachgerecht getrimmt werden. Mindestens einmal wöchentlich sollte er gründlich ausgekämmt werden. In der Wohnung ist sei n langes Fell nicht hinderlich, da er nicht haart, wie Hunde anderer Rassen. Er verliert sein Fell während des Fellwechsels in grossen Flocken, die sich gut herauskänunen lassen. Man kann sich das regelmässige Trimmen auch spa ren und den Hund einfach „zuwachsen“ lassen. Meist ist eine Verfi1zung des Haarkleides dann aber nicht zu verhindern und er muss halbjährlich völlig geschoren werden. Der Bouvier gleicht dann einem Riesenschnauzer und ist nur von Kenner als Bouvier zu erkennen. Der „zugewachsene“ Bouvier sieht übrigens wirklich eher wie ein Schwarzbär und nicht wie ein Rassehund aus.
Die Entstehung des Flandrischen Treibhundes
Die alten Schäferhunde
Mit dem Verschwinden der grossen Schafräuber Bär und Wolf verschwanden in Mitteleuropa auch die grossen wehrhaften Hirtenhunde, die nicht um die Herden zu hüten, sondern zu ihrem Schutz gegen Raubtiere und auch gegen Viehdiebe gehalten wurden. Auf alten Abbildungen werden diese grossen Hunde vom Hirten am Seil geführt, zum Treiben der Herden waren sie ungeeignet, denn sie hätten den Schafen schaden können. An Stelle dieser grossen wehrhaften Hunde traten gegen Ende des 17. Jahrhunderts mehr oder weniger kleinere, bewegliche Hütehunde. Es bildeten sieben Lokalschläge heraus, aber in ihrer allgemeinen Erscheinung müssen diese Hunde in ganz Mitteleuropa ungefähr gleich ausgesehen haben. Es waren mittelgrosse, bewegliche Hunde, oft strupphaarig, manchmal stockhaarig, die meisten trugen aufrechtstehende Ohren, und wenn dies nicht der Fall war, wurden ihnen die Ohren oft recht kurz kupiert. Eine gelenkte Zucht fand nur im Hinblick auf die Gebrauchstüchtigkeit statt. Der Schäfer paarte diejenigen Hunde miteinander, die ihre Aufgaben am besten erfüllten, die anderen schieden aus. Diese Hüte-, Schäfer- und Bauernhunde waren der „Urbrei“. aus dem dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele europäische Hunderassen herausgezüchtet wurden.
Die Herkunft des Bouvier des Flandres
Beckmann (1895) erwähnt unter den Belgischen Schäferhunden so ganz nebenbei einen „unter dem Namen Berjots oder vieux Berjots“ vorkommenden, zotthaarigen Hund in den Ardennen, der seiner Meinung nach vom Berger de Brie abstammen sollte, von einem Bouvier des Flandres weiss er nichts.
Auch bei Strebe! suchen wir vergebens nach dem Flandrischen Treibhund. Er bildet in seinem 1905 erschienenen Werk den Kopf eines „Toucheur de Boeufs“ ab; der Hund konnte aber sowohl einen Briard wie einen Bouvier darstellen. Strebel unterscheidet zwar deutlich zwischen dem „Chien de berger de Brie“ und dem „Toucheur de Boeuf“, demnach muss also um die Jahrhundertwende dieser Treibhund in Frankreich noch existiert haben. Napoleon soll übrigens auf seinen Kriegszügen solche „Toucheurs“ zum Treiben und Bewachen der Viehherden (Proviant) mitgeführt haben. J.Oberthur (Le Chien 1949) sagt, dass diese rasselosen „Mâtins“ oder „Bouviers“ genannten Hunde mit dem rauben Pelz und dem Schnauzbart auch in Frankreich häufig vorkommen, so vor allem in der Normandie, der Haute-Bretagne und im Limousin, aber niemand in Frankreich habe sich die Mühe genommen, aus diesen Hunden eine Rasse zu züchten, das zu tun, sei den Belgiern vorbehalten gewesen. Die Beschreibung, die uns Strebel vom Toucheur de Boeuf gibt, ist äussert dürftig. Wir vernehmen von ihm nur, dass der Toucheur mässig langes, hartes Haar von schmutzig schwarzer oder schiefergrauer Farbe gehabt habe, dazu dunkel bernsteinfarbige Augen und aufrecht getragene Ohren. Aufgrund dieser Beschreibung auf den Bouvier des Flandres schliessen zu wollen, ist wohl kaum zulässig. Neuere Autoren, die sich mit der Herkunft des Bouviers befassen, erklären übereinstimmend, dass darüber nichts Genaueres in Erfahrung zu bringen ist. Seine Ahnen waren Treibhunde aus Flandern, hier auch bekannt unter den Nammen „Vuilbaard“ (Schmutziger Bart) oder „Koehond“ (Kuhhund).
Beginn der Reinzucht .
Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurden Kynologen in Belgien auf diese Bauernhunde aufmerksam. Vor allem zwischen der Lys und der Nordseeküste sollen sie recht zahlreich und in ziemlich einheitlicher Form vorgekommen sein. Sie waren Stock- oder rauhaarig, derb im Knochenbau, aber unterschiedlich in der Grösse. Die Viehhändler bevorzugten grosse, die Bauern eher kleine Hunde, die man auch zum Wildern brauchen konnte. Einheitlich waren sie im Wesen. Sie waren misstrauische, aber äusserst wachsame und aktive Hunde. 1910 erschienen erstmals ihrer zwei auf einer Hundeausstellung in Brüssel, und 1912 wurde ein erster Standard aufgestellt.
Diese Hunde aus dem Jahre 1912 glichen allerdings weit eher einem etwas missratenen Briard als einem Bouvier des Flandres unserer Zeit, jedenfalls war damals der Unterschied zwischen einem Bouvier des Flandres und einem rauhaarigen belgischen Schäferhund (Typ Laeken) äusserst gering.
Nebst dem Standard für den Bouvier des Flandres wurde zur gleichen Zeit ein Standard für einen Bouv1er de Roulers augestellt Der „Roulers“ war grösser als der Hund aus Flandern und zudem rein schwarz. Von ihm spricht heute niemand mehr, er ist vom deutschen Riesenschnauzer völlig verdrängt worden. Während des Ersten Weltkrieges wurde Flandern Kriegsschauplatz, und die Zahl der Hunde ging drastisch zurück.
Einige wenige überlebten in der Gegend von Antwerpen und in den Niederlanden; mit ihnen begann man nach dem Kriege erneut mit dem Aufbau
der Zucht. 1922 wurde in Belgien ein Klub für Flandrische Treibhunde gegründet und ein neuer Standard verfasst. Dieser Standard ist in seinen wesentlichen Punkten bis heute gleich geblieben, und trotzdem hat sich die Rasse stark verändert. Ein Beispiel mehr, wie unterschiedlich Standardbestimmungen ausgelegt werden können. Was man heute in Belgien und den Niederlanden auf Ausstellungen sieht, das sind kaum mehr anspruchslose Bauernhunde, sondern Hunde, deren Haarkleid eine aufwendige Pflege erfordert und die vor der Ausstellung einer gründlichen Trimmung unterzogen werden müssen. Auch die ehemals charakteristischen Stehohren sind verschwunden, der Bouvier hat heute kleine Schlappohren, die in seiner Heimat und in Frankreich ziemlich kurz kupiert werden. Aus dem ehemaligen Gebrauchshund ist ein „Show-Hund“ geworden, der nur dann attraktiv wirkt, wenn er täglich einer zeitraubenden Haarpflege unterzogen wird. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Züchter wieder an den alten Gebrauchstyp erinnern, so dass Hund und Name wieder zusammenpassen und eine Einheit bilden.