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Rund 17% des nationalen Bruttoinlandprodukts (BIP) werden in der Region Bassin Lémanique von gut 15% aller Erwerbstätigen generiert. Dies weist darauf hin, dass die regionale Wirtschaft des Bassin Lémanique überdurchschnittlich produktiv ist. Entsprechend liegt das BIP pro Kopf der Region höher als der Schweizer Durchschnitt. Das Bassin Lémanique schneidet beim Performance Index mit 114 Punkten denn auch besser ab als das Schweizer Mittel (siehe Grafik 1) und übertrifft das westeuropäische Mittel von 100 Punkten deutlich.
Der Performance Index enthält neben der Niveaubetrachtung eine historische Wachstumskomponente. Seit Anfang der 2000er-Jahre entwickelte sich sowohl das regionale BIP als auch das Volkseinkommen des Bassin Lémanique etwas dynamischer als das Schweizer Mittel. Allerdings haben das BIP pro Kopf sowie die Produktivität in den vergangenen Jahren unterdurchschnittlich zugenommen, was auf das starke Bevölkerungswachstum zurückzuführen ist. Das Bassin Lémanique weist seit Jahren eine kräftige internationale Zuwanderung auf. Seit dem Jahr 2000 hat die Nettozuwanderung aus dem Ausland um jährlich 14,5% zugenommen, was deutlich über dem Schweizer Mittel von 12% liegt.
Siehe Bundesamt für Statistik.
Grafik 2 verdeutlicht die daraus resultierende vergleichsweise schwache Entwicklung des BIP pro Kopf.
Internationale Wettbewerbsfähigkeit
Im internationalen Vergleich schneidet das Bassin Lémanique in der gesamten BAK Index Family relativ stark ab. Bezüglich der Wirtschaftsleistung übertreffen zwar die wichtigen Finanzzentren Brüssel, London und Paris den Indexwert des Bassin Lémanique. Die Regionen Düsseldorf, Niederösterreich und Noord-Holland – alles Regionen mit grosser wirtschaftlicher Bedeutung des Handels – können der Genferseeregion jedoch nicht das Wasser reichen.Der Attractiveness Index misst die Attraktivität einer Region für Unternehmen sowie für hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Hier hebt sich das Bassin Lémanique im internationalen Vergleich von den Vergleichsregionen ab. Insbesondere die hohe Lebensqualität und die Bedeutung der Region als Forschungsstandort stützen ihre überdurchschnittliche Standortattraktivität. Den letztgenannten Standortvorteil verdankt das Bassin Lémanique zum Beispiel der ETH Lausanne und den damit verbundenen zahlreichen Forschungsprojekten in der Region wie dem «Human Brain Project» oder dem «Campus Biotech». Auch das Cern steht für exzellente Forschung in der Region. Des Weiteren profitiert das Bassin Lémanique von der in der Schweiz allgemein sehr attraktiven Besteuerung und Marktregulierung. Hervorzuheben ist das gute Abschneiden der Region im Vergleich zu anderen wichtigen europäischen Zentren für multinationale Unternehmen und internationale Organisationen (Brüssel, London und Paris). Die Region verfügt also mit hervorragenden Rahmenbedingungen über eine gute Ausgangslage für weiteres wirtschaftliches Wachstum.Auch beim Structural Potential Index legt das Bassin Lémanique ordentlich vor. Der Index zeigt das zukünftige wirtschaftliche Entwicklungspotenzial einer Region, welches massgeblich von der regionalen Branchenstruktur und deren Produktivität bestimmt wird. Hier liegt das Bassin Lémanique mit 124 Punkten über dem Durchschnitt der Schweiz und auch deutlich über demjenigen Westeuropas (100). Die Stärke des Bassin Lémanique liegt in einer diversifizierten Branchenstruktur mit Fokus auf Hightech-Industrien oder sehr produktive Dienstleistungsbranchen. Von den betrachteten Vergleichsregionen schneidet nur London besser ab, was auf die Bedeutung des dortigen Finanzsektors zurückzuführen ist.
Diversifizierte und wachstumsstarke Branchenstruktur
Auffallend an der regionalen Wirtschaftsstruktur des Bassin Lémanique ist der starke und im Schweizer Vergleich überdurchschnittliche Fokus auf den Handel und den Finanzsektor. Neben dem Detailhandel spielt hier der Grosshandel – insbesondere mit Rohstoffen – eine Schlüsselrolle. Auch der Finanzsektor ist neben der wichtigen Vermögensverwaltung auf die Finanzierung solcher Handelsgeschäfte spezialisiert. So hat sich über die Jahre ein Rohstoffhandelscluster entwickelt, welcher durch die Präsenz grosser Akteure in der Warenprüfung und der Zertifizierung ergänzt wird. Zusammen generieren der Handel und der Finanzsektor etwa ein Drittel der regionalen Wertschöpfung. Den wichtigen Beitrag des Immobilienwesens an die Wirtschaft dürfte durch die überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte sowie die attraktive Lage am Genfersee und dessen internationale Beliebtheit zu erklären sein. Auch die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) spielen mit fast 5% Anteil an der regionalen Wertschöpfung eine überdurchschnittlich wichtige Rolle. Die Region hat sich ebenfalls stark auf die Uhrenproduktion spezialisiert, welche im Luxustourismus in der Genferseeregion einen potenten Absatzmarkt findet. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Hauptsitze internationaler Unternehmen), der Investitionsgüterindustrie sowie der Chemie und pharmazeutischen Industrie, auch wenn sie im Schweizer Vergleich nicht überdurchschnittlich vertreten sind (siehe Grafik 3). Die Beschreibung des Wirtschaftsstandorts wäre nicht komplett, ohne das «Genève Internationale» zu erwähnen: In den offiziellen Statistiken nicht berücksichtigt, beschäftigt es rund 27 000 Personen und trägt somit über die zusätzlich generierte Nachfrage erheblich zur Wertschöpfung der Region bei.
Siehe Statistisches Amt Genf.
Zentrum des Grosshandels
Der Grosshandel (ohne Detailhandel) generiert gut 13% der Wertschöpfung des Bassin Lémanique. Im Schweizer Mittel sind es lediglich etwa 9,5% des BIP. Grafik 4 zeigt, dass sich der Grosshandel den Genfersee entlang – in den Gemeinden um die Stadt Genf, in Rolle, Morges und den Nachbargemeinden von Lausanne und Montreux – konzentriert. Diese Präsenz von Unternehmen im Grosshandel überlappt mit der Verteilung des Finanzsektors. Diese Kombination trägt somit wesentlich zum Standort als internationale Drehscheibe des Rohstoffhandels bei. Ebenso leistet der Grosshandel zwischen Orbe und Yverdon-les-Bains, in der Broye sowie entlang der Bahnlinie südlich von Moudon einen wichtigen Beitrag zur regionalen Wirtschaft. Wenn auch anteilmässig für die einzelnen Gemeinden bedeutend, ist die Branche jedoch absolut betrachtet in diesen Gebieten eher klein.
Grenzüberschreitendes Einzugsgebiet
Der Metropolitanraum am Genfersee beschränkt sich nicht auf die zwei Schweizer Kantone Genf und Waadt: Ein Blick über die Grenze zeigt, dass das Einzugsgebiet der Region Bassin Lémanique viel grösser ist. 2013 pendelten 12% der Erwerbstätigen aus dem nahen Ausland zu. Ihre Anzahl hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Im Jahr 2000 machten die Grenzgänger noch 6% aller Erwerbstätigen aus. Erstaunlich ist die starke Zunahme der Grenzgänger vor dem Hintergrund des bereits deutlich überdurchschnittlichen Bevölkerungswachstums, welches primär auf die internationale Zuwanderung zurückzuführen ist. Diese Faktoren erklären das kräftige Wachstum der Erwerbstätigenzahl im Bassin Lémanique: Mit einer durchschnittlichen Zunahme von 2,1% pro Jahr zwischen 2000 und 2013 lag die Region fast einen Prozentpunkt über dem Durchschnitt der Schweiz (+1,2%). Für einzelne Branchen hat die Thematik der Grenzgänger mit der Masseneinwanderungsinitiative deutlich an Bedeutung gewonnen. So machen die Grenzgänger beispielsweise mehr als einen Fünftel der Erwerbstätigen der Branche Elektronik, Optik, Uhren aus. Auch im Grosshandel kommen 15% der Erwerbstätigen jeden Tag über die Grenze zur Arbeit, im Finanzsektor etwa 8%.
Lebensqualität und Innovationsstärke
Grafik 5 vergleicht das Portefeuille der Standortfaktoren des Bassin Lémanique mit dem Durchschnitt der Schweizer Regionen. Der nationale Mittelwert ist jeweils auf 100 normiert. Dabei ergibt sich mit einigen Ausnahmen ein positives Bild für das Bassin Lémanique. Bei der Lebensqualität, welche anhand von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Faktoren bestimmt wird, erreicht das Bassin Lémanique im nationalen Ranking den zweiten Platz hinter der Region Zürich-Aargau. Die nationale Bestnote wird dem Bassin Lémanique bezüglich der Nachhaltigkeit seiner Finanzpolitik verliehen.
Trotz aktuell überdurchschnittlicher Verschuldung führen ein struktureller Überschuss des Finanzhaushalts in der Referenzperiode, der hohe Anteil junger Einwohner sowie das starke Bevölkerungswachstum über den projizierten Zeitraum zu diesem positiven Ergebnis.
Als Region mit Fokus auf sehr produktive Branchen ist das gute Abschneiden bei der Innovationsfähigkeit und bei der Qualität der Universitäten – hier sei speziell die ETH Lausanne erwähnt – besonders erfreulich. Auch die überdurchschnittliche Gründungsaktivität im Bassin Lémanique ist positiv zu werten. Der nationale Spitzenplatz bei dem Anteil Erwerbstätiger mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss dürfte das schlechte Abschneiden bei der Sekundärquote teilweise erklären. Allerdings könnte eine ausgewogenere Verteilung von Vorteil sein, da die Schweizer Berufsbildung insbesondere für technische und industrielle Branchen von grosser Bedeutung ist. Allerdings spielen diese Branchen im dienstleistungsstarken Bassin Lémanique eine eher geringe Rolle.
Die Besteuerung im Bassin Lémanique ist sowohl im Hinblick auf die Unternehmen als auch bezüglich der hoch qualifizierten natürlichen Personen unterdurchschnittlich attraktiv. Allerdings profitieren einige der zahlreichen multinationalen Unternehmen von den Steuerprivilegien für Sondergesellschaften. Dem weniger attraktiven Steuersystem dürfte zurzeit also geringere Bedeutung zukommen. Mit der aktuell diskutierten Unternehmenssteuerreform III dürfte diese Sonderregelung jedoch verschwinden und der steuerlich bedingte Standortnachteil der Region stärker zum Tragen kommen.
Durchzogen präsentiert sich das Bild bei der Erreichbarkeit. Aufgrund des Flughafens Genf-Cointrin ist das Bassin Lémanique gut an Europa und die Welt angebunden. Innerhalb der Schweiz (gemessen auf Ebene der Gemeinden) schneidet die Region jedoch unterdurchschnittlich ab, sowohl beim öffentlichen Verkehr (ÖV) als auch beim motorisierten Individualverkehr (MIV). Die Gründe hierfür sind die geografische Lage der Region am westlichen Ende der Schweiz sowie fehlende Schnellverbindungen in andere Schweizer Wirtschaftszentren.
Eine Reihe von Herausforderungen
Die wirtschaftliche Stärke des Bassin Lémanique erklärt sich durch die Diversität der regionalen Volkswirtschaft und die Fokussierung auf Branchen, welche in den vergangenen Jahren stark gewachsen sind, wie etwa der Handel, der Finanzsektor, die Uhrenindustrie, die IKT und die Chemie und pharmazeutische Industrie. Die überdurchschnittliche Innovationskapazität der Region und die attraktiven Rahmenbedingungen stärken sowohl die internationale als auch die nationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Allerdings stehen einige Herausforderungen an: Bereits seit einiger Zeit machen die Diskussionen um strengere Regulierungen im Finanzsektor sowie im Rohstoffhandel deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen in diesen beiden Sektoren verändern dürften. Dasselbe gilt aufgrund der Masseneinwanderungsinitiative für Branchen mit Fachkräftemangel oder mit einer gewissen Abhängigkeit von Grenzgängern. Ob die Unternehmenssteuerreform III die befürchteten Auswirkungen auf den Standort zahlreicher Hauptsitze multinationaler Unternehmen haben wird, muss sich noch weisen.
Hinweis
Die Methodologie der BAK Index Family wurde im Einführungsartikel zu dieser Textreihe in Die Volkswirtschaft 05-2014 ausführlich erläutert.
Larissa Müller Wissenschaftliche Mitarbeiterin, BAK Basel Economics
Seine Bedeutung als Forschungsstandort verdankt das Bassin Lémanique unter anderem dem Cern, das für exzellente Forschung in der Region steht.Foto: Keystone
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