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Kultur
Chanteh: die persönliche Kunst der Nomadinnen im Iran
Die Organisation Label STEP fördert faire, menschenwürdige Bedingungen in der Herstellung von handgefertigten Teppichen und im Handel mit diesen Produkten. STEP ist in Indien, Nepal, Pakistan, Iran und Marokko aktiv. Unternehmen, die ausschliesslich mit Teppichen handeln, die den Bedingungen von STEP genügen, dürfen das Label tragen.
In Zusammenhang mit der Tätigkeit im Iran hat STEP einen zweisprachigen Bildband in Farsi und Englisch herausgegeben, der ganz der Tradition des Teppichknüpfens und der ursprünglichen Lebensweise der Nomaden gewidmet ist. Parviz Homayounpour, der STEP-Koordinator im Iran, lancierte das Buch als das erste STEP-Projekt in diesem Land. Es soll zu einem "wechselseitigen Kommunikationsfluss zur Verständigung zwischen der Stammesbevölkerung und anderen wichtigen Gesellschaften im Iran" beitragen und folgt damit der Vorstellung, dass die Bilder und Wahrnehmung, die man z.B. von einer Volksgruppe hat, wesentlich die Wertschätzung beeinflussen, die man ihr entgegenbringt.
Dabei herausgekommen ist nicht ein Sachbuch, das das traditionelle Teppichknüpfen und Leben im Iran beschreibt und analysiert, sondern eine bildreiche, ästhetisch ansprechende Dokumentation der Werke der Stammesfrauen, ergänzt mit Texten, die eine Mischung aus Sachtext und Belletristik darstellen. Interessanterweise wird ausschliesslich ein Produkt gezeigt, nämlich so genannte Chanteh. Eine Chanteh ist eine Tasche bzw. ein Beutel, in dem kleine, persönliche Dinge, wie Geld, Proviant, Tabak, etc., verstaut werden. Homayounpour über die besondere Bedeutung der Chanteh: "Meines Erachtens sind die Chanteh die schönsten und persönlichsten der Stammeswebereien. Die Nomadenmädchen lernen früh eine Chanteh zu weben und bis zu ihrer Hochzeit sind sie meistens Expertinnen darin. Rar waren die Mädchen, die keine Chanteh als Mitgift in die Ehe mitbrachten und sie als das schönste Geschenk betrachteten. Die Chanteh sind ausserordentlich schön und symbolisieren die Liebe und Zuneigung einer Stammesfrau für die eigene Familie."
Nach ein paar wenigen einführenden Worten über die Lebensumstände der Nomadenfrauen, die "nicht mit sozial- und menschengerechten Werten, wie sie heute verstanden werden, übereinstimmen", versucht der Autor, dem Leser am Beispiel von Jayran, einer (fiktiven) Nomadenfrau, das alltägliche Leben der Nomadenstämme in der Fars-Region im Südiran näher zu bringen. Hier beginnt Homayounpour in seinen Worten zu schwelgen, sodass man geneigt ist, von Kitsch zu sprechen: "Kein anderer Mann hatte die Statur von Sohrab für Jayran. Kein anderer Mann war so liebevoll zu seiner Frau und zu seinen Kindern. Als Sohrab sie zum ersten Mal an den Händen gefasst und sie umarmt hat, hat ihr Atem gestockt; sie kam in eine Welt der Gefühle, sie hatte die ewige Liebe gefunden. Sohrab war so unverfälscht, so echt, einzigartig in dieser Welt. Würde er ihr Leben verlangen, hätte sie es für ihn sofort aufgegeben." Ein solcher Text ist Geschmackssache, doch muss man sich fragen, ob eine verklärte Sicht, wie sie hier vermittelt wird, dem Zweck des Buches, nämlich "die iranische und die schweizerische Öffentlichkeit, aber auch die Nomaden selbst auf den Reichtum der Tradition des Nomadentums" hinzuweisen, wirklich dient. Die Diskrepanz zwischen den einführenden Worten, wo u.a. von "andauernder Unterdrückung" der Stammesfrauen die Rede ist, und dem Text über Jayran ist etwas gar gross.
Die Bilder sind - bei allen Einwänden gegenüber dem Text - prächtig und stellen auf jeden Fall das Herzstück des Buches dar. Die Farben und unterschiedlichen Muster, in denen ähnliche Motive, die auf "Glaubensmythen und urzeitliche Archetype" (Homayounpour) verweisen, immer wieder auftauchen, beeindrucken. Die Exponate stammen fast alle aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Lobend hervorheben kann man auch die gelungene graphische Gestaltung des Werkes.