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Babys beginnen unglaublich früh, Sprache zu verarbeiten. Bereits im Mutterleib lernen sie, Stimmen und einige Sprachlaute zu erkennen. Aber wie genau das Gehirn des Babys lernt, komplexe Sprachlaute zu verarbeiten, ist immer noch ein Rätsel. In einer aktuellen Studie, die in „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht wurde, hat die Forschergruppe um Guillaume Thierry Einzelheiten dieses unglaublich schnellen Lernprozesses aufgedeckt, beginnend in den ersten Stunden nach der Geburt.
Thierry hat dafür mit einem Neugeborenen-Forschungsteam in China zusammengearbeitet, welche die Neugeborenen mittels der Nahinfrarotspektroskopie (FNIRS) getestet hat. Für den Test trugen die Neugeborenen eine Mütze mit optischen Sensoren. Diese messen die Durchblutung im Gehirn mithilfe von schwachem Laserlicht. Daher reflektieren stärker durchblutete Areale das Licht anders, und die Sauerstoffsättigung des Blutes zeigt an, welche Hirnregionen gerade aktiv sind.
Der völlig sichere und schmerzlose Eingriff wurde innerhalb von drei Stunden nach der Geburt der Babys durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Babys Geräuschpaaren ausgesetzt, von denen die meisten Forscher annahmen, dass sie sie unterscheiden könnten. Dazu gehörten Vokale wie „a“ oder „o“, welche den Neugeborenen zuerst vorwärts und dann rückwärts vorgespielt wurden. Dazu muss man anmerken, dass sich die umgekehrte Sprache stark von der korrekten vorwärtsgespielten Sprache unterscheidet, bei isolierten Vokalen ist der Unterschied jedoch geringfügig. Im Vergleich zu Erwachsenen haben die Forscher im Rahmen der gleichen Studie herausgefunden, dass erwachsene Zuhörer sogar nur in 70 % der Fälle zwischen den beiden Versionen unterscheiden konnten.
Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt zwar noch keinen Unterschied feststellen konnten, nach 5 Stunden begannen die Babys jedoch zwischen den Vorwärts- und Rückwärtsvokalen zu unterscheiden: Sie reagierten auf Vorwärtsvokale schneller als auf Rückwärtsvokale. Das bedeutet, dass das Gehirn des Babys am ersten Lebenstag nur wenige Stunden braucht, um den feinen Unterschied zwischen natürlichen und leicht unnatürlichen Sprachlauten zu erlernen.
Die Bedeutung der Wörter können Babys in einem solch jungen Alter zwar noch nicht verstehen. Der typische „Singsang“ hilft den Kindern, insbesondere in den ersten beiden Lebensjahren, Sprache besser segmentieren zu können und dadurch Wörter und Sprache besser zu lernen. Solange Babys den Inhalt des Gesagten noch nicht vollständig verstehen, achten sie vor allem auf den Tonfall, um Botschaften herauszulesen.
Spannend sind diese Ergebnisse auch im Lichte der Embodiment Theorie aus dem Bereich der Neurowissenschaften. Die Theorie legt zu Grunde, dass unsere Gedanken nicht vorprogrammiert sind oder Teil eines vererbten genetischen Codes sind, sondern vielmehr auf der direkten Erfahrung der Welt über unsere Sinneskanäle wie Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken um uns herum aufbauen. Daher ist es so wichtig, mit dem Baby direkt nach der Geburt alle möglichen Sinneserfahrungen zu teilen. Das heisst mit dem Baby zu sprechen, zusammen Musik zu hören oder es etwa an Blumen riechen lassen. Indem man abwechslungsreiche Erfahrungen fördert, gibt man dem Gehirn des Babys neue Möglichkeiten zum Wachsen und Entwickeln und somit auch mehr kreative Fähigkeiten für die Zukunft mit auf den Weg.
Insbesondere in Bezug auf die mehrsprachige Erziehung, zeigt diese Studie, dass man sich nie früh genug mit dem Thema auseinandersetzen kann. Je früher das Baby in Berührung mit der Muttersprache kommt, desto besser kann es sich bereits an die Melodie der Sprache gewöhnen und hat so grössere Chancen, zukünftig auf der Sprache aufzubauen. Wichtig dabei ist, dass Babys nicht nur viel Sprache hören, sondern sie selbst anwenden können und dass man ihnen dabei zuhört.
Quellen:
Studie: Yan Jing Wu, Xinlin Hou, Cheng Peng, Wenwen Yu, Gary M. Oppenheim Guillaume Thierry and Dandan Zhang, «Rapid learning of a phonemic discrimination in the first hours of life» in Nature Human Behaviour
“Das Baby hört schon am Nächsten Tag mit», Artikel im Tagesanzeiger vom 17. August 2022 von Alexandra Bröhm.