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Der Umfang medizinischer Behandlungen in der letzten Lebensphase kann regional erheblich variieren. Das haben bereits mehrere ausländische Studien gezeigt. Die unterschiedlichen Behandlungsmuster spiegeln nicht nur die Wünsche der Patientinnen, Patienten und ihrer Angehörigen wider, sondern sind vor allem auf eine unterschiedliche Angebotsstruktur zurückzuführen – also darauf, ob es in der Region genug Ärztinnen, Ärzte und Spital- oder Pflegeheimbetten gibt.
Forscherinnen und Forscher um die irische Onkologin Kerri Clough-Gorr, die am Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Bern arbeitet, haben sich nun in einer gross angelegten Untersuchung den schweizerischen Unterschieden in der Gesundheitsversorgung am Lebensende gewidmet. Ihr Projekt entstand im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 67 zum Thema Lebensende.Romands sterben eher im Spital als im Heim
Das Ziel des Projekts war, die regionale Verteilung von Behandlungen am Lebensende in der Schweiz zu dokumentieren und die Gründe für die unterschiedlichen Behandlungsmuster herauszufinden. Dabei folgte das Forschungsteam unter anderem zwei Grundfragen:
- Wenn man von regionalen Unterschieden ausgeht: Wer stirbt im Akutspital, wer in einer Langzeitpflegeeinrichtung?
- Welche Unterschiede ergeben sich in den Behandlungskosten am Lebensende?
Bei der ersten Frage zeigte sich: Patienten aus der Romandie sterben eher in einem Spital als in einem Pflegeheim. Solche, die in Vororten leben, werden mit höherer Wahrscheinlichkeit in einer Klinik sterben als solche, die in urbanen oder ländlichen Gegenden wohnen. Die Unterschiede könnten zum Teil mit Charakteristiken des Individuums (Vorlieben), der Region oder der Gesundheitsversorgung (Art des End of Life Services) erklärt werden, schreiben die Studienautoren in der Zusammenfassung.
Studien über die Qualität der Pflege empfohlen
Daneben sollten diese Spitalversorgungsregionen aber auch nach einem «Zuviel» oder «Zuwenig» durchleuchtet werden: Ein hoher Anteil an «Spitaltoden» in einer Region könnte ein Hinweis auf Überversorgung sein oder dass teure Ressourcen des Akutspitals verschleudert werden. Zum Beispiel, wenn ein Pflegeheimbewohner in ein Akutspital eingeliefert wurde, obwohl dies nicht zwingend nötig gewesen wäre. Umgekehrt könnte in Regionen, in denen eher wenige Menschen im Spital sterben, eine Unterversorgung herrschen. Zum Beispiel, wenn eine Bewohnerin eines Pflegeheims nicht in ein Spital überwiesen wurde, obwohl es nötig gewesen wäre.
Die Forschenden empfehlen, dass in den entsprechenden Regionen detaillierte Folgestudien durchgeführt werden, die über die Qualität der Pflege Auskunft geben. Zudem könnten auch weiterführende Fragen wie Patientenwünsche, Todesarten oder zeitliche Veränderungen untersucht werden.
«Hohe Kosten, die am Lebensende anfallen, könnten auch ein Hinweis auf die Übernutzung teurer Spitalbehandlungen
anstelle von angemessener Palliative Care sein.»
Einfluss auf die Kosten, die in den letzten zwölf Lebensmonaten entstehen, haben auf der individuellen Ebene die Todesursache sowie das Alter des Verstorbenen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben aber auch herausgefunden, dass die Kosten zwischen einzelnen Regionen, vor allem aber zwischen den Sprachregionen, stark variieren. Dies deute auf kulturelle Differenzen hin, denn die verschiedenen Versorgungsstrukturen würden gar keine so grosse Rolle spielen. Die Autorinnen und Autoren regen Folgestudien ebenfalls in den einzelnen Regionen an, um die Stakeholder einzubeziehen. «Hohe Kosten, die am Lebensende anfallen, müssen nicht nur auf eine Ressourcenverschwendung hindeuten, sondern könnten auch Hinweis auf die Übernutzung teurer Spitalbehandlungen anstelle von angemessener Palliative Care sein.»
Daten von 120‘000 Toten
Das Forschungsteam arbeitete mit Daten von knapp 120‘000 Patientinnen und Patienten, die zwischen 2008 und 2010 gestorben waren. Diese stammen von sechs der grössten Schweizer Krankenversicherern: Helsana, Visana, SWICA, Group Mutuel, Sanitas und CSS. Mit Hilfe der Patientendossiers wurden die Behandlungspfade in den letzten zwölf Lebensmonaten abgebildet, im ambulanten Bereich, in Spitälern und in Alters- und Pflegeheimen. Geografisch wurde das Sample in 71 Spitalversorgungsregionen gegliedert.
Kerri Clough-Gorr und ihr Team sind der Meinung, es brauche weitere Studien, die vor allem die regionalen Unterschiede beleuchten. Diese Variationen könnten die Intensität der Pflege am Lebensende, die in einem Land herrsche, am besten widerspiegeln. Besonders interessant wäre nun, der Einfluss der Nationalen Strategie Palliative Care 2010-1015 auf die Intensität der Versorgung am Lebensende zu messen, meinen sie. «Unsere Studie könnte sowohl Vergleichsgrösse als auch Startpunkt sein.»