Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03390.jsonl.gz/105

Bilder von sauberem Wasser in den Kanälen in Venedig suggerieren, dass sich die Wasserqualität verbessert haben könnte. Doch die Gründe hierfür sind nicht umweltrelevant: Der geringe Bootsverkehr wirbelte weniger Schlamm auf. Das Wasser scheint damit zwar klarer für das menschliche Auge, aber keinesfalls auf mikroskopischer Ebene rein. Das im Wasser enthaltene Mikroplastik beispielsweise braucht 400 Jahre, bis es abgebaut ist. Auch der Abbau von Chemikalien und deren Rückständen läuft nicht schneller ab, nur weil die Menschheit ein paar Monate innehält.
Einige Indikatoren zeigen dennoch, dass der Lockdown kurzzeitig positive Effekte auf die Umwelt hat. Durch den Stillstand der Industrie verringern sich zum einen die Einträge in Böden und Gewässer, insgesamt gibt es weniger Verschmutzung, und der Rohstoffverbrauch sinkt. Das Klima profitiert durch den eingeschränkten Personen- und Güterverkehr. Denn dieser Rückgang bedeutet massive Einsparungen beim CO2-Austoss. Laut Agora-Energiewende könnte Deutschland 30-100 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zum Vorjahr einsparen. Damit könnte Deutschland durch den milden Winter und die einmalig auftretenden Effekte durch die Coronakrise tatsächlich die Klimaziele für 2020 erreichen. Durch die weltweiten Produktionsrückgänge, aber auch den eingestellten Reiseverkehr, vor allem den Flugbetrieb, sinkt der Strom- und Ölverbrauch.
Die leergefegten Straßen gerade zu Beginn des Lockdowns führten zu einem Rückgang der Stickoxide und somit einer verbesserten Luftqualität. Die Satellitenbilder der NASA zeigen eindrücklich, dass in der aufstrebenden Industriemacht China ohne die Auto- und Industrieabgase der Feinstaub in der Luft um 30% zurückging.
Der Rückgang der Stickoxid- und Feinstaubbelastung ist natürlich sehr erfreulich für die Gesundheit der Menschen und wäre dauerhaft anzustreben. Doch diese Luftverschmutzung ist auch ein reflektierender Schutzschild gegen die Sonnenstrahlen. Der gesundheitsschädliche Smog trägt zur Reduktion der Erderwärmung bei und kühlt die Erde um bis zu 0,4 °C.
Ob die Corona-Massnahmen einen weiteren Effekt auf das Klima haben, wird sich erst in ein paar Monaten feststellen lassen. Weniger Verkehr auf den Strassen und weniger Industrieproduktion verringern den Ausstoss der Treibhausgase temporär. Nach Ende der Coronakrise, wenn die Industrie wieder hochgefahren wird, ist es wichtig, den Klimaschutz nicht zu vergessen. Die kurzfristigen positiven Auswirkungen sind trügerisch, auf keinen Fall dürfen die nachhaltigen Klimaschutzmassnahmen aufgeben werden! Denn auch weiterhin gilt: Langfristig können nur individuelle Verhaltensänderungen und politische Maßnahmen helfen, um unsere Erde zu schützen!
Die Gefahr, dass Umwelt- und Klimaschutz angesichts einer Wirtschaftskrise zum “Luxusproblem” und klima- und umweltrelevante Bestrebungen mehr und mehr unterlassen werden, steigt, je länger die Pandemie anhält. Eine Studie aus Finnland zeigt, dass nach der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 die Budgets für Umwelt- und Klimaschutzmassnahmen stark zurückgingen und auch die Energiespar- und Klimaziele stark vernachlässigt wurden. Auch 2008 gab es einen Rückgang des CO2-Austosses, der jedoch in den folgenden Jahren rasch wieder aufgeholt und überboten wurde.
Die Politik in Europa unterstützt die Wirtschaft mit milliardenschweren Hilfspaketen. Aber nur wenn Gelder für umweltschonende Verfahren und klimafreundliche Innovationen und Projekte ausgegeben werden, können wir nachhaltig in die Zunkunft starten. Nur so kann sich auch tatsächlich ein langfristiger positiver Effekt der Coronakrise für die Umwelt manifestieren. Die Lösung, die Wirtschaft wieder mit einer vermehrten Ausbeutung der fossilen Brennstoffe anzukurbeln, dürfte der falsche Weg sein. Regierungen wie Brasilien treiben die Umweltzerstörung während der Krise sogar noch voran. In dieser schwierigen Zeit, in der sich die Menschen um ihre Gesundheit sorgen, wird die Rodung der Regenwälder ohne grosse Proteste vorangetrieben. '
Auch wenn die 26. Internationale UNO-Konferenz zum Klimawandel (COP26), die im November in Glasgow (Schottland) hätte stattfinden sollen, auf 2021 verschoben wurde und einige Politiker und Unternehmer gelockerte Massnahmen für Treibhausgasemissionen und Umweltauflagen fordern, können wir trotzdem aus Corona für den Klimaschutz lernen: Wenn wir weiterhin die Tools der Digitalisierung wie Home Office und Videokonferenzen nutzen, weniger fliegen und nachhaltiger leben, sind enorme CO2-Einsparungen möglich! Das gelingt aber nur gemeinschaftlich. Nun gilt es, eine weitere Kurve flach zu halten; nämlich die der globalen Temperaturerhöhung!
Weiterführende Literatur/Quellen:
Quellen und weitere Informationen:
Bayrischer Rundfunk: Shutdown der Wirtschaft - Hilft Corona dem Klima?
National Geographic: Kurzfristige positive Effekte durch Corona
BAFU: Auswirkungen von Corona auf die Umwelt
Agora-Energiewende