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Zum Glück gibt es Möhren. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer welche dabei. Das hat einmal damit zu tun, dass ich vor jeder Reise in meine Tasche räume, was während meiner Abwesenheit in der Küche vergammeln könnte – und da ich jederzeit Karotten zu Hause habe, breche ich auch fast immer in ihrer Begleitung auf.
Es gibt aber noch einen weiteren Grund, der mit einem Erlebnis zusammenhängt. Es war an einem schönen Herbsttag in Bern. Ich stand auf der Kirchenfeldbrücke und blickte auf die Aare hinab. Ich hatte den Morgen in einem kühlen Seminarraum verbracht und war froh, nun die wärmenden Strahlen der Sonne auf meiner Haut zu spüren. Ich hatte seit dem Vorabend nichts gegessen – verspürte aber keine Lust, meinen Platz an der Sonne aufzugeben, um mir Nahrung zu besorgen. Da kam mir die Karotte in den Sinn, die ich am Morgen in meine Tasche gepackt hatte. Auch sie war noch ganz kühl von den Stunden im Seminar. Ich hielt sie einen Moment lang in die Sonne, biss dann die dünne Spitze ab und liess das leicht behaarte Stück aus meinem Mund in Richtung Fluss fallen. Ich war erstaunt, wie langsam die Spitze durch die Luft segelte – als werde sie von etwas getragen. Genau in dem Augenblick, da sie die Wasseroberfläche berührte, begann in einem der Gebäude beim Schwellenmätteli eine Blaskapelle zu üben. Sie spielten ein Stück, das mich an sizilianische Festmusik erinnerte – und sie intonierten es mit viel Herz und noch mehr falschen Tönen.
Ich versuchte mit meinen Zähnen eine Trommel von der Möhre abzuschneiden. Ihr Körper widerstand einen Moment lang, und ich spürte einen leichten Schmerz am Kiefer, dann aber zerbarst die Wurzel mit einem lauten Knacken, und sogleich machten sich meine Molaren an die Arbeit und liessen das Stück zersplittern, quetschten die Säfte heraus. Das Französische beschreibt diesen Vorgang mit einem Verb, für das man dringend eine deutsche Übersetzung erfinden müsste: croquer. Während ich also meine Karotte krockte und merkte, wie ihre Süsse meinen Hunger zu besänftigen begann, löste sich mein Blick von den Falten der Aare und schwebte hinüber zu dem herbstlich geröteten Laub der Bäume an ihrem Ufer. Die rostigen Töne der Blätter kamen mir wie eine Erweiterung des leuchtenden Stumpfes in meiner Hand vor – und auf einmal fühlte ich mich in einer besonderen Weise mit der Welt verbunden. Es war, als würde mich ein intensiver Gedanke ausfüllen, der jedoch auf nichts gerichtet war. Während das Rüebli in mich einsank, stieg etwas Feierliches in mir hoch und verband sich mit der Musik und der Sonnenwärme zu schierem Daseinsjubel, der sich nach etlichen Purzelbäumen erst langsam in wohliger Erschöpfung aufzulösen begann.
Leider vertreibt das Karotin allein natürlich keine Wolken aus dem Gemüt. Aber wenn ich eine Karotte in meiner Tasche fühle oder sie krocke, erinnere ich mich doch immer wieder daran, dass es eine solche Wollust des Daseins gibt.
Das Aroma der Karotte ist ja auch so opulent, dass man ihr schon einiges zutrauen darf: Es reicht von Pinie, feuchtem Holz und Erde bis zu Zitrusfrüchten und pfeffriger Petersilie. Roh und mit Schale schmeckt sie besonders scharf, beim Kochen wird sie süsser und entwickelt blumige Noten. Am intensivsten schmecken meist die weissen Exemplare, doch auch gelbe, schwarze, violette, rote und orange Sorten haben Kraft – und dabei müssen es gar keine Edelrüebli aus dem Sand von Créance sein.
Möhren gelten nicht nur als gesund, sie haben auch eine anregende Form. Und wenn etwa Polly Hegan in Anspielung auf E. T. A. Hoffmann schreibt, sie hätte ihre Adoleszenz in einem Kloster wohl ohne die Freundlichkeiten von König Daucus Carota I. nicht überlebt, dann weiss man auch sofort, was sie meint. So verschieden wie die Möhren sind eben auch die Wege zum Glück.
Dieser Text erschien erstmals am Freitag, 6. November 2015 als Teil der Serie «Mundstücke» (44) in der «Neuen Zürcher Zeitung», S. 59.
Geschichte. Laut Brigitte Bartha-Pichler und Markus Zuber («Haferwurzel und Feuerbohne», S. 122), auf die wir uns in diesem Abschnitt hauptsächlich beziehen, gibt es drei Wildkarotten, die als Vorfahren der kultivierten Karotte in Frage kommen: die mitteleuropäische und die mediterrane Wildkarotte (mit weissen Rüben) sowie die afghanische Wildkarotte (mit gelben, teils purpurroten Rüben). Möglicherweise ist unsere heutige Zuchtkarotte eine Kreuzung dieser drei Sorten.
Schon in Römischer Zeit war eine Karotte bekannt, die mit ihrer länglichen Form und ihrer hellorangen Farbe unserer heutigen Karotte sehr ähnlich sah – sie ist im Codex des griechischen Arztes Dioscurides abgebildet.
«Die stark carotinhaltigen orangefarbenen Möhren tauchten erstmals Ende des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden auf. Sie sind dort aus gelben Möhen entwickelt worden und verdrängten durch weitere züchterische Verbesserungen im 19. Jahrhundert schliesslich die andersfarbigen Sorten. Die danach bei uns gebräuchlichen Sepisezuchtsorten stammen aus Frankreich, Holland und England.» (Zitat aus «Haferwurzel und Feuerbohne», S. 122) Wahrscheinlich wurde die orangefarbene Karotte allerdings schon im 16. Jahrhundert in den Niederlanden gezüchtet – sie taucht jedenfalls auf verschiedenen Bildern von Pieter Aertsen (1509-1575) auf.
Pflanze. Die Karotte, Möhre, Mohrrübe, Gelbrübe, Gelbe Rübe oder das Rüebli (Daucus carota; engl. carrot; franz. carotte; span. zanahoria; ital. carota; chin. 胡罗卜 Hú luō bo) gehört zur Familie der Apiaceae (Doldenblütler) Die Karottenpflanze ist zweijährig. Im ersten Jahr bildet sie eine Rosette mehrfach gefiederter Blätter und eine fleischige Wurzel aus. Im zweiten Jahr wächst sie mehr als meterhoch und bildet cremefarbene Blüten. Die Rüben können sehr unterschiedliche Formen annehmen, sie bestehen aus einem inneren Teil (dem Mark oder Herz) und einem äusseren Ring (der Rinde).
In der Schweiz werden Karotten von Juni bis November geerntet. «Die oft mit Laub als Bundmöhren gehandelten Frühsorten sind kaum lagerfähig, während die Spätsorten sich ungewaschen bei 0 bis +2°C bis zu sechs Monate lagern lassen» (Dr. Oetker: «Lebensmittellexikon», S. 541).
Betacarotin. Die charakteristische Farbe der heute gebräuchlichsten Karottensorten ist vor allem auf den hohen Gehalt an Betacarotin zurückzuführen, der bis über 20 mg pro 100 g betragen kann. Damit der Körper das fettlösliche Betacarotin aufnehmen kann, müssen die Karotten allerdings mit Fett angerichtet oder gegart werden, schreibt das Dr. Oetker: Lebensmittellexikon» (S. 541) – andere Quellen meinen, dass das Betacarotin im Verbund mit Fett einfach leichter aufgenommen werden kann.
Karotten aus Carbelotte. «Wenn Papi Charles in Carbelotte seine Karotten aussäte, dann ging er drei Tage lang um sein Feld herum – nichts als einen schwarzen Zylinderhut auf dem Kopf und ein Gebet auf den Lippen. Das Gebet behielt Papi für sich – die Karotten aber verkaufte er auf dem Markt von Port-Louis. Sie wurden süss als wären sie mit Honig geimpft und so aromatisch, dass man für sie jedes Stück Kuchen hätte stehen lassen.» (Georgette Muelas: «Santa Lemusa», S. 59)
First Publication: 31-10-2011
Modifications: 5-11-2015