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Aphantasie. Ein interessantes Wort. Was bedeutet es?
Stell Dir für einen Moment eine Szene vor. Du bist in Deinen letzten Ferien, sitzt vor dem Hotel oder Ferienhäuschen und siehst dem Sonnenuntergang zu.
Wenn Du sagen müsstest, wie intensiv das Bild ist, das Du von diesem Sonnenuntergang vor Deinem inneren Auge siehst, wäre es unscharf oder ein sogar bewegter Film? Oder siehst Du gar kein Bild?
Es gibt alle Schattierungen. Gewisse Menschen sind zurückversetzt in die Szene und können sie fast nicht vom damaligen Ereignis unterscheiden, so lebendig und farbig wirkt alles. Andere sehen Schatten. Ich sehe – nichts.
Das ist Aphantasie.
Das Wort hat gar nichts damit zu tun, dass ich keine Phantasie hätte. Wie Dir meine Kinder bestätigen könnten.
Doch wie lebt es sich mit Aphantasie?
Ich habe von meiner Aphantasie erst kürzlich erfahren. Schliesslich kann ich auf das Innenleben anderer nur von meinem eigenen her schliessen, und woher sollte ich wissen, dass andere Bilder und Filme in ihrem Kopf sehen können? Nicht ein Thema, über das man so beim Abendessen spricht.
Ich habe festgestellt, dass es mir schwerer fällt, mich an episodisches Geschehen zu erinnern. Während andere sich an die Kleidung, den Raum mit seiner Ausstattung erinnern, fällt es mir schwer, mich überhaupt daran zu erinnern, dass ich sie, wann ich sie, und mit wem ich sie erlebte.
Andererseits habe ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis für faktisches Wissen.
Es ist schwierig, zu erklären, wie ich denke. Ich sehe keine Bilder, höre keine Stimmen, nehme keine Gerüche oder Geschmäcker wahr, und auch keine Berührung, ausser mit meinen sensorischen Organen. Ganz selten höre ich Musik.
Am ehesten würde ich meine Gedanken so umschreiben: einerseits sind es Ahnungen, Eindrücke, andererseits Worte. Die Worte sind absolut in der Minderzahl.
Was bedeutet das für mein Coaching?
Ich kann mir vor allem einen Punkt vorstellen, an dem meine Aphantasie einen Einfluss haben könnte: die Fähigkeit, mich in Dich hineinzuversetzen.
Das Einfühlungsvermögen oder die Empathie geschieht über Emotionen. Man fühlt mit. Laut Lisa Feldman Barrel sind Emotionen um Erinnerungen angereicherte Sinneswahrnehmungen.
Ich nehme also meine Umgebung und meinen Körper wahr, und interpretiere, was diese Wahrnehmung bedeuten könnte, indem wir auf unsere Erinnerung zurückgreifen.
Sie erzählt eine Geschichte, die dies sehr gut illustriert.
Obwohl sie sich nicht zu einem Kommilitonen am College hingezogen fühlte, liess sie sich auf ein Date ein. Während dieses Dates wurde ihr schummrig, ihre Knie gaben nach, und sie hatte flaue Gefühle im Magen.
Sie interpretierte dies dahin gehend, dass sie offensichtlich doch Gefallen an dem jungen Mann fand, und führte eine neunmonatige Beziehung mit ihm.
Allerdings liess sie dabei ausser Acht, dass sie in den nächsten Tagen nach dem Date an einer Grippe litt. Was sie für romantische Gefühle hielt, waren die ersten Anzeichen einer Erkrankung.
Aus dieser Definition von Emotion schliesse ich, dass Empathie mehr mit ähnlichen Erinnerungen zu tun hat als mit einer wirklichen Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Gemeinsame Erinnerungen helfen dabei, nicht nur von sich auf andere zu schliessen.
Es hilft aber auch, ähnlich gestrickt zu sein. Ähnliche kulturelle Prägung, Geschichte und Persönlichkeitsstruktur ergeben ähnliche Interpretation von Sinneseindrücken als Emotionen.
Sinneseindrücke müssen hier nicht explizit von der Umwelt oder dem Körper in Echtzeit kommen. Das Gehirn unterscheidet kaum – manche sagen, gar nicht – zwischen Gedankenspiel und Erleben.
Eine starke Vorstellungskraft durch das innere Auge oder Ohr kann dieselben Emotionen auslösen. Durch ein erneutes Durchleben werden unsere Erinnerungen gestärkt, leichter abrufbar, aber auch romantisiert oder verstärkt, auf jeden Fall leicht verändert.
Diese verstärkten, veränderten Erinnerungen fliessen dann wieder und öfter in die Interpretation neuer Ereignisse mit ein, zusammen mit allen Assoziationen, die die momentane Situation auslöst.
Zusammenfassend funktioniert Empathie also am besten, wenn ich mit der Person, die ich coache, viel zusammen erlebt habe, sie mir ähnlich ist, und ich ähnliche Situationen wie sie bereits aus eigener Erfahrung kenne.
Die Werkzeuge CliftonStrengths und Spiral Dynamics zeigen uns jedoch, wie unterschiedlich wir doch im Grunde sind. Es ist gerade die Erkenntnis der Moderne und Postmoderne, wie individuell wir sind. Natürlich überschneiden wir uns in unserem Menschsein, was Empathie erst möglich macht. Doch wie tief geht diese wirklich?
Diese Antwort kann ich nicht geben, weil mir mit meiner Aphantasie wichtige Bausteine gerade der Empathie fehlen. Andererseits bin ich hochbegabt und neuroatypisch, was dazu beiträgt, dass sich mein Erleben meist von dem anderer wesentlich unterscheidet.
Ich musste einen anderen Ansatz finden.
Wie wäre es, wenn ich meine Stärke im Bereich des Lernens, Denkens und Wissens nutzen würde, um andere Menschen besser zu verstehen?
So habe ich alles gelesen, was mir über Persönlichkeit und Entwicklung in die Hände fiel.
Wenn mir eine Person jetzt etwas erzählt, sehe ich, wie ihr Stärkenprofil, ihre Weltanschauung und ihr Enneagrammtyp wohl dieses Ereignis interpretieren könnten. Das erlaubt mir, sehr spezifische Fragen zu stellen und mich viel besser in diese Person hineinzuversetzen.
Es ergibt sich daraus ein zweiter, wichtiger Aspekt. Da ich nicht in meinen eigenen Erinnerungen schwelge oder mir die oft schwierige Situation bildlich und sehr lebendig vorstelle, was zu grossen Emotionen führen kann, bin ich weniger gefangen.
Ich habe die Möglichkeit, Beobachter zu bleiben, weniger eigene Schlüsse zu stehen, aber auch weniger emotional zu reagieren. Das erlaubt mir, Auswege und Lösungen, Auslöser und Fehlinterpretationen viel besser zu sehen.
Natürlich ist Empathie nicht, immer Lösungen zu präsentieren. Empathie ist aber auch nicht, mit viel Mitgefühl im Problem sitzenzubleiben und gemeinsame Nabelschau zu betreiben.
Im Coaching geht es für Dich darum, selbst Lösungen mithilfe von überraschenden Gedankenanstössen des Coaches zu entwickeln. Ein mitfühlender, aber doch analytischer Beobachter kann da sehr hilfreich sein.
Noch ein Punkt: Emotionale Erinnerungen erzeugen oft ein Gefühl der Vertrautheit, des Gelingens, der Zugehörigkeit. Sie machen es viel schwieriger, sich von einem Verhalten, einer Weltanschauung, und sogar einer Person zu lösen.
Aphantasie erleichtert es daher, sich von gewissen Denkmustern zu verabschieden. Wenn sich z. B. die Hierarchie der eigenen Werte verändert, gibt es viel weniger, was einen zurückhält.
Aber auch Neues kann interessanterweise oft phantasievoller gedacht werden. Unser inneres Auge ist meist eingeschränkt durch die Erinnerung an die interpretierten Signale von unserem physischen Auge.
Sich den sprichwörtlichen rosaroten Elefanten vorzustellen gelingt, weil wir nur zwei Konzepte vereinen, die wir kennen, auch wenn es die Kombination in der realen Welt nicht gibt.
Was nun, wenn die Vorstellungskraft nicht im gleichen Masse eingeschränkt wäre, weil sie nicht automatisch ein Bild erzeugen würde zu den Gedankenspielen, die wir machen?
Schwierig wird es natürlich dann, wenn wir diese freien Gedanken und neuen Konzepte erklären, in Worte fassen oder visualisieren müssen, um sie zu teilen. Aber als Ausgangslage oder Zwischenschritt können sie zu sehr phantasievollen und unerwarteten neuen konkreten Lösungen führen.
Ich gebe zu: Aphantasie schränkt mich ein. Gleichzeitig erweitert sie aber die Möglichkeiten, die ich habe. Ich würde sie nicht missen wollen.
Gerne stelle ich sie in Deine Dienste bei einem Coaching.