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Russland und die Schweiz haben eine Erklärung abgegeben, wonach die Handelsbeziehungen verbessert werden sollen. Wie wichtig ist ein Freihandelsabkommen für die Schweiz und Russland?
Viktor Vekselberg: Ich denke, dass die Erklärung ein wichtiges Signal ist. Die Potenziale der beiden Länder bezüglich Handelsbeziehungen oder gegenseitige Direktinvestitionen befinden sich auf vergleichbarem Niveau. Es gibt viele Argumente, warum ein Abkommen für beide Länder sehr nützlich wäre. Russland hat noch unter dem ehemaligen Präsidenten Vladimir Putin angekündigt, dass ein neues Wirtschaftsprogramm mit dem Namen «2020» lanciert werden soll. Dieses wird nun unter seinem Nachfolger Dmitri Medwedew umgesetzt.
Was soll das Programm bringen?
Vekselberg: Eines der wichtigsten Ziele ist, die russische Wirtschaft zu noch mehr Innovation zu bewegen. Die Schweiz ist in dieser Hinsicht eine der besten Volkswirtschaften. Sie verfügt über einen hohen Innovationsrhythmus, was zu vielen neuen Produkten und umfangreichem Know-how führt. Deshalb wünschen wir uns eine Intensivierung der Beziehung zwischen den beiden Ländern; auch, um der russischen Wirtschaft die Möglichkeiten zu geben, ihre Chancen zu nutzen. Auf der anderen Seite verfügt auch Russland über attraktive Optionen für die Schweiz, etwa spannende Unternehmen, mit denen erfolgreiche Joint Venture gegründet werden könnten.
Was kann die Schweiz tun?
Vekselberg: Die Schweiz sollte nun den Prozess beschleunigen, denn Ihr Land ist in dieser Hinsicht weitaus unabhängiger als zum Beispiel die Europäische Union. Dort versucht Russland seit einigen Jahren, die Verhandlungen für ein Partnerschaftsabkommen wieder aufzunehmen, doch leider wurden sie mehrfach verschoben.
Der russische Präsident hat die russische Wirtschaft als korrupt kritisiert. Wie beurteilen Sie das als Unternehmer?
Vekselberg: Moment, ich denke nicht, dass der russische Präsident die Wirtschaft kritisiert hat. Vielmehr hat er versucht, ein realistisches Bild zu zeichnen. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Wie in vielen anderen Staaten ist Korruption eines der grössten Probleme für die russische Wirtschaft, und die Regierung unternimmt sehr viel, um es zu beseitigen. Meine persönliche Meinung ist, dass es sehr schwierig sein wird, die Korruption nur auf Basis von zusätzlichen Regulierungen zu verhindern. In Ländern wie Russland ist es wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Korruption nicht akzeptiert ist. Russland hat das verstanden und arbeitet derzeit daran, ein solches Klima zu schaffen. Aber das braucht seine Zeit, denn in Russland ist die Korruption an die kulturelle Vergangenheit des Landes geknüpft.
Wie erleben Sie Russland heute?
Vekselberg: Es gibt eine sehr berühmte Antwort des Schriftstellers Nikolai Karamzin auf diese Frage. «Jeder stiehlt», sagte er. Heute ist die Situation signifikant besser als noch vor einigen Jahren. Denn die Personen, die heute unser Land führen, sind besser ausgebildet und ihnen ist bewusst, wo die Prioritäten gesetzt werden müssen. Darüber hinaus ist es nicht nötig zu stehlen, um reich zu werden - man kann mit legalen Geschäften ein Vermögen verdienen. Wir sind also auf dem richtigen Weg.
Sie kontrollieren die Renova Group, ein multinationales Unternehmen. Wo investieren Sie derzeit den grössten Teil Ihrer Energie?
Vekselberg: Ich verbringe meine Zeit in Moskau, Zürich und New York. Der grösste Teil meiner Aktivitäten konzentriert sich auf Russland, hier befinden sich rund 80% unserer Vermögenswerte. Abgesehen von meiner Funktion als Renova-Verwaltungsratspräsident habe ich mehrere exekutive Funktionen, etwa beim britisch-russischen Öl- und Gas-Joint-Venture TNK-BP. Diese Tätigkeiten absorbieren mich zeitlich zu einem grossen Teil. Die Schweiz ist die Zentrale für alle ausländischen Aktivitäten, von hier aus werden auch die beiden Investments in Sulzer und OC Oerlikon koordiniert. Die USA sind Teil meiner Vergangenheit: Vor rund 15 Jahren arbeitete ich dort während einiger Jahre, meine Kinder schlossen dort ihre Ausbildung ab. Noch heute verbringe ich viel Zeit dort.
Wie wichtig sind die Beteiligungen an Sulzer und OC Oerlikon?
Vekselberg: Sie sind sehr wichtig für uns, denn wir haben mit diesen Investments eine neue Tür aufgestossen. Unsere strategischen Prioritäten setzten wir traditionell auf die Rohmaterialien und die klassische Industrie. Nun investieren wir verstärkt auch in die Hightech-Industrie. Für unsere Gruppe, aber auch für Russland, ist das ein enorm wichtiger Schritt. Gleichzeitig sind wir uns aber auch der Herausforderung bewusst.
Was wollen Sie erreichen?
Vekselberg: Wir haben sehr ambitionierte Pläne für neue Industriecluster in Russland, beispielsweise zur Produktion von Solarmodulen. Um dies zu realisieren, benötigen wir nicht nur die Technologien, sondern auch eine Vielzahl hochqualifizierter Personen - hoffen wir, dass wir erfolgreich sind.
Allerdings haben Sie mit Ihren Investments in Sulzer und OC Oerlikon bisher noch kein Geld verdient.
Vekselberg: Ja und nein. Natürlich haben wir mit den Beteiligungen an der Börse noch kein Geld verdient. Aber wir haben sehr präzise Pläne, wie wir auf der industriellen Ebene Geld verdienen können. Natürlich verteilen wir nicht einfach Wohltaten an diese Unternehmen, wir sind schliesslich Geschäftsleute, die selber Geld verdienen möchten.
Für Sulzer und OC Oerlikon gibt es nicht nur Russland.
Vekselberg: Richtig, beide Unternehmen haben in ihren Industriesegmenten signifikante Marktanteile rund um die Welt. Russland spielt für die Firmen bisher nur eine untergeordnete Rolle. Unser Ziel ist es, Technologie nach Russland zu bringen - aber nicht, dass die Firmen in Zukunft vom russischen Markt abhängen sollen.
Sie erwähnten die Bedeutung des Solargeschäfts für Russland. Doch die Solarsparte von OC Oerlikon braucht dringend frisches Geld, um das grosse Rad drehen zu können. Kommt für Sie ein Börsengang des Oerlikon-Solargeschäfts in Frage?
Vekselberg: Es gibt verschiedene Optionen, wie man dieses Geschäftsfeld bei Oerlikon finanzieren kann. Das bestimmt der Verwaltungsrat und derzeit ist noch kein Entscheid gefallen. Allerdings haben wir sehr präzise Vorstellungen wie Renova ihren Solarbereich ausgestalten soll.
Konkreter, bitte.
Vekselberg: Wir streben eine vertikal integrierte Wertschöpfungskette an - mit unserer ebenfalls Schweizer Firma Avelar haben wir ein Joint Venture mit einem italienischen Stromunternehmen geschlossen. Auch, um in Solarparks zu investieren. Wir suchen heute in der ganzen Welt nach Gelegenheiten im Solargeschäft, nicht nur in Russland. Denn Russland ist derzeit noch kein grosser Absatzmarkt für die Erzeugung von Solarenergie, ist wohl aber als Produktionsstandort für Solarpanels geeignet.
Könnte Renova oder Avelar das Solargeschäft von Oerlikon kaufen?
Vekselberg: Nein. Wir wollen von Oerlikon produzierte Ausrüstung möglichst gut in Renovas vertikaler Technologiekette integrieren. Oerlikon soll als Produzentin für Ausrüstung fungieren. Avelar wird bei mehreren Werken präsent sein, die Solarmodule produzieren. Nicht nur bei Dünnfilmmodulen, wie das heute der Fall ist, sondern auch mit herkömmlichen Polysilizium-Solarzellen-Panels. Eine erste Fabrik in Italien existiert bereits. Was Oerlikon angeht, so muss sie sich in den nächsten fünf Jahren stark an ihren Kernabsatzmärkten für Dünnfilm-Module orientieren, um Marktanteile zu gewinnen.
Haben Sie Pläne, Ihre Beteiligungen an Sulzer und Oerlikon zu verkaufen?
Vekselberg: Nein, wir sind langfristig orientierte Investoren mit strategischen Plänen.
Möchten Sie in weitere Schweizer Unternehmen investieren?
Vekselberg: Nein, derzeit nicht.
Am Markt geht des Gerücht um, dass Sie mit Rieter-Verwaltungsrat Peter Spuhler über einen Verkauf der Oerlikon-Tochter Schlafhorst - einer Textilmaschinenzulieferantin - an den Textilmaschinenbauer Rieter gesprochen haben. Ist das korrekt?
Vekselberg: Derzeit befindet sich das internationale Textilmaschinengeschäft in einer Krise. Wir prüfen derzeit mehrere Optionen für das Oerlikon-Textilmaschinengeschäft. Die von Ihnen erwähnte Möglichkeit ist eine.
Gehört es auch zu Ihren Optionen, die Oerlikon-Tochter Balzers an Sulzer zu verkaufen?
Vekselberg: Soweit ich weiss, prüft der Oerlikon-Verwaltungsrat unter anderem einen Verkauf der Beschichtungssparte. Ich denke, dass daher ein Verkauf an Sulzer auch eine Möglichkeit ist, ja.
Sulzer ist, im Gegensatz zu Oerlikon, sehr gut am Markt positioniert. Nun hat das Unternehmen mit Jürgen Dormann einen neuen Verwaltungsratspräsidenten. Warum haben Sie ihn gewählt?
Vekselberg: Jürgen Dormann ist nicht nur einer von vielen guten Industriemanagern, sondern der beste. Er verfügt über einen hervorragenden Leistungsausweis, ich bin sehr zufrieden mit der Wahl. Ich werde mich in Zukunft mit Kommentaren zu Sulzer aber verstärkt zurückhalten.
Warum?
Vekselberg: Wir verfügen nun über einen sehr fähigen Verwaltungsratspräsidenten. Herr Dormann hat eine klare Vorstellung davon, was Sulzer erreichen soll: Mehrwert für alle Aktionäre kreieren. Das unterstütze ich voll und ganz. Insofern braucht es mich nun nicht, um Kommentare abzugeben.
Bezieht Jürgen Dormann in irgendeiner Form Honorare von Ihnen oder von Renova?
Vekselberg (schaut ungläubig): Von mir? Nein, natürlich nicht!
Sie sagten, Jürgen Dormann sei der beste Industriemanager von allen. Er könnte Sie doch in anderen Bereichen unterstützen.
Vekselberg: Nein, er hat schon eine Vielzahl von Verpflichtungen bei Sulzer.
Sulzer hat viele Möglichkeiten in Russland. Was können Sie für das Unternehmen tun?
Vekselberg: Wir möchten die Aktivitäten von Sulzer in Russland unterstützen. Wie das genau ausgestaltet wird, ist nach wie vor Gegenstand von Diskussionen zwischen den Managements von Sulzer und Renova.
Ist Sulzer-CEO Ton Büchner der richtige Mann dafür?
Vekselberg: Er ist ein ausgezeichneter Geschäftsführer, wohl einer der besten in der Branche. Er kennt Sulzer sehr gut, weiss über die Produkte und Märkte Bescheid und verfügt über einen soliden internationalen Leistungsausweis. Vor einigen Monaten hat er Russland besucht und dort mit einigen potenziellen Geschäftspartnern gesprochen. In den kommenden Monaten werden wir Lösungen finden, wie wir die Geschäftsbeziehungen zwischen Sulzer und Renova in Russland strukturieren. Dabei möchte ich betonen, dass wir sämtliche Corporate-Governance-Regeln einhalten und für ein Höchstmass an Transparenz sorgen werden.
Apropos Transparenz: Die Schweizer Verwaltungsbehörden ermitteln gegen Sie persönlich. Man verdächtigt Sie, Meldepflichten gegenüber der Schweizer Börse verletzt zu haben, als Sie Ihre Beteiligungen an Sulzer aufgebaut haben. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Vekselberg: Vernünftigerweise schweigt man zu laufenden Verfahren - aber ich weiss, dass weder ich noch meine Firmen Gesetze verletzt haben. Meiner persönlichen Meinung nach ist das Ganze ziemlich eigenartig: Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht hat einen Bericht vorgelegt, in dem wir nicht belangt wurden. Kurze Zeit vor der Sulzer-Generalversammlung wurden die Untersuchungen wieder aufgenommen - das ist schon sehr merkwürdig. Weitere Kommentare will ich dazu aber nicht abgeben.
Werden Sie der Schweiz den Rücken kehren, sollten die Untersuchungen der Verwaltungsbehörden zu einem für Sie negativen Schluss kommen?
Vekselberg: Nein, ich sehen keinen Grund, meinen Status hier in der Schweiz zu ändern. Renova hält hier grosse Beteiligungen an Firmen, und wir haben noch so viel vor.
Manche Politiker haben Sie für Ihre angeblich intransparenten Pläne kritisiert. Gab es Missverständnisse?
Vekselberg: In der Tat wurden wir möglicherweise deshalb kritisiert, weil wir anfänglich zu wenig offen über unsere Absichten gesprochen haben. Aber ich denke auch, dass die Schweiz ein Land ist, in dem die Menschen überdurchschnittlich viel wissen wollen. Sie wollen erfahren, was man für ein Mensch ist, wie die Familie aussieht, welche Beziehungen man pflegt - jeder will alles wissen. Das ist ein ziemlich grosser Unterschied zu Russland (lacht).
Aber Sie haben sicher dazugelernt.
Vekselberg: Lassen Sie mich Folgendes dazu sagen: Wir sind ein langfristig orientierter Investor. Meine Beteiligungen sind wie meine Kinder - es fällt mir sehr leicht, sie zu bekommen, sie erfordern Einsatz, wenn sie wachsen, und danach ist es sehr schwer sie ziehen zu lassen. Meine Freunde und Partner treiben mich immer dazu an, schneller über meine Geschäfte zu entscheiden, doch das ist eine grosse Herausforderung für mich. Meine Investments in der Schweiz sind so gesehen meine jüngsten Kinder.
Der Kanton Zürich hat die Pauschalbesteuerung für Vermögende abgeschafft. Was heisst das für Sie?
Vekselberg: Das bedeutet, dass ich möglicherweise meinen Wohnsitz in einen anderen Kanton verlegen werde.
Gehen Sie in den Kanton Schwyz? Oder nach Obwalden? Vekselberg: Wir prüfen derzeit mehrere Möglichkeiten, noch ist nichts entschieden. Sie denken aber nicht daran, die Schweiz zu verlassen?
Vekselberg: Nein.
Was ist Ihnen wichtig? Ein Flughafen? Schöne Berge? Ein See?
Vekselberg: Die Schweiz hat viele schöne Orte (lacht).
Nach all den Erfahrungen in der Schweiz - negative Publicity, Gesetzesänderungen, ermittelnde Behörden - müssen Sie doch etwas irritiert sein.
Vekselberg: Ich glaube, dass der erste Schritt für mich hier in der Schweiz schwierig war. Die Kultur, die Regularien, die Menschen - alles war anders. Wir haben unsere Erfahrungen gemacht und wissen nun, wie man sich als Geschäftsmann hier verhalten muss, um akzeptiert zu werden. Ich hoffe, dass noch viele weitere russische Geschäftsleute den Schritt in die Schweiz wagen. Wir möchten sie nach Kräften dabei unterstützen und auch in Russland für die Schweiz werben, denn hier öffnen sich hervorragende Möglichkeiten für uns Russen, um unser Land weiterzuentwickeln. Die Schweiz macht alles richtig, Sie müssen nichts für uns verändern. Aber wir Russen müssen besser vorbereitet sein, bevor wir in die Schweiz kommen.
Wir gewinnen den Eindruck, dass Sie die Schweiz richtiggehend lieben.
Vekselberg: Die Schweiz ist ja auch ein schönes Land! Die Landschaft ist wundervoll, zu jeder Jahreszeit, man kann Ski fahren, schwimmen - was man will. Schon vor 100 Jahren haben berühmte russische Persönlichkeiten Zeit in Ihrem Land verbracht. Umgekehrt wächst nun auch das Interesse von Schweizern an Russland: An einem Diner vor wenigen Tagen wurde ich von einer Dame gefragt, wohin sie mit ihrer Familie in Ostsibirien am besten fahren könnte. Sie zeigte sich sehr interessiert an meinem Land, das ist ein positives, starkes Signal.
Wer ist in Ihren Augen die einflussreichste Schweizer Person?
Vekselberg: Das ist eine gute Frage. Aber ich sage Ihnen nun etwas: Die Schweiz ist, was das angeht, sozialistischer als Russland. Das habe ich festgestellt, als ich Schweizerinnen und Schweizer nach dem einflussreichsten Bürger gefragt habe. Von allen erhielt ich dieselbe Antwort: Unser Ziel ist, möglichst ausgeglichene Machtverhältnisse zu haben. Wir möchten niemanden an der Spitze haben, der einen Bereich, das Land, Gemeinden oder Parteien alleine führt.
Welchen Schweizer oder welche Schweizerin möchten Sie gerne treffen?
Vekselberg (überlegt): Roger Federer möchte ich gerne kennen lernen. Den finde ich super.