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Gertrud Leutenegger wurde 1948 in Schwyz geboren. Nach ihrem Schulabschluss am Theresianum Ingenbohl in Brunnen reiste sie nach Italien, England und Berlin. Ab 1976 studierte sie zunächst Schauspiel und später Regie an der Schauspielakademie in Zürich und arbeitete anschliessend als Regieassistentin von Jürgen Flimm am Hamburger Schauspielhaus. Erst 1979, nach dem Erscheinen ihrer beiden ersten Romane Vorabend (1975) und Ninive (1977), beschloss sie, sich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. Die Autorin lebte anschliessend während vier Jahren im französischsprachigen Wallis und einige Monate in Japan, um sich dann für längere Zeit in der italienischsprachigen Schweiz niederzulassen, wo auch ihre Tochter geboren wurde. Seit 2000 ist sie wieder in Zürich zuhause. Leutenegger ist vor allem als Verfasserin von Romanen bekannt, sie schrieb aber auch Kurzprosa, Essays und dramatische Poeme. In letzteren stehen oft Geschlechterverhältnisse im Zentrum der Handlung. Mit dem Roman Panischer Frühling (2014) stand die Autorin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.
Leuteneggers früheste Verbindung zum südlichen Nachbarland und gewissermassen ihr erster Blick nach Süden war jener an den Nordhang des Gotthards während ihrer Kindheit in der Innerschweiz. Als junge Erwachsene reiste sie dann nach Florenz, um Italienisch zu lernen. In den folgenden Jahren zog es die Autorin immer wieder nach Italien – in Rom war sie sogar für einige Zeit wohnhaft. Eine wichtige Komponente für Leuteneggers Italienbild und dessen mythische Dimension ist ihr katholischer Hintergrund. Diese biografische Verortung ist in mehreren Texten Leuteneggers spürbar, unter anderem in ihrem ersten Roman Vorabend (1975). Der aus biografischer Perspektive für die Autorin wohl wichtigste Italienbezug waren aber die knapp zwanzig Jahre, während derer sie in einem Tessiner Bergdorf in der Nähe von Mendrisio am südlichsten Zipfel der Schweiz lebte. Leutenegger ist seit ihrer Jugend eine Reisende, die an mehreren Orten heimisch ist und immer wieder Fremdes zu Eigenem machte, sei es eine Weltstadt oder ein Tessiner Bergdorf. So verwundert es nicht, dass auch in den Narrativen des Südens bei Leutenegger stets die Dialektik von Eigenem und Fremdem entfaltet wird.
Die 1987 in der Neuen
Zürcher Zeitung erstmals veröffentlichte Erzählung Gleich nach dem
Gotthard kommt der Mailänder Dom thematisiert den vertrauten Kindheitsblick
auf den Gotthard. Die Erzählung wurde 2006 zur titelgebenden Geschichte des bei
Suhrkamp erschienen Erzählbandes. In dem Text wird aus der Kinderperspektive
und mit Bezug auf die Gotthardmythologie die Nord-Süd-Achse der Schweiz neu
nachgezeichnet. Thematisiert wird das Nebeneinander von geografischer Nähe zum
Süden und räumlichem Abgeschnittensein vom Meer durch das Bergmassiv. Der
Erzählband enthält ausserdem die Geschichte Roma,
Pompa, Loredana (2006), die
ebenfalls bereits in den 1980er-Jahren im Tages-Anzeiger-Magazin abgedruckt
worden war. In dieser Erzählung verbindet Leutenegger die archaisch-mythische
Grausamkeit mit dem Rassismus der Gegenwart. Mit ethnografischem Blick
berichtet sie von der Tötung der Roma im südlichen Europa und in der italienischen
Hauptstadt. Sie mythisiert den rassistischen Brandanschlag auf ein Romamädchen
mit dem Bild des Begräbnisrituals der pompa funebris und stellt so ein
zeitgenössisches Verbrechen in den Kontext des antiken Rom.
Einen weiteren Blick nach Süden wirft Leutenegger in der Erzählung Meduse aus dem Jahr 1988. Leitfigur dieser im südlichsten Teil des Tessins angesiedelten Geschichte ist ein Meerwesen, das den für das Tessin so typischen Übergang von der Berglandschaft ins Mediterrane symbolisiert. Leutenegger fängt in diesem Text die Stimmung im Valle Muggio Ende der 1970er-Jahre ein, als die junge Generation die langsam zerfallenden Dörfer zu verlassen begann, da die alpine Landwirtschaft kaum mehr rentierte.
Quellen
- Silvia Henke, «Unruhe des ersehnten Horizonts». Narrative des Südens in der Prosa von Gertrud Leutenegger, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 273–286.
- Eintrag zu Gertrud Leutenegger auf Viceversa Literatur, https://www.viceversaliteratur.ch/author/3774 (4.7.2019).
- Eintrag zu Gertrud Leutenegger auf Bibliomedia, http://www.svbbpt.ch/de/autoren/Leutenegger_Gertrud/312.html (4.7.2019).
- Esther Ackermann, Gertrud Leutenegger, in: Andreas Kotte (Hg.), Theaterlexikon der Schweiz, Band 2, Chronos: Zürich 2005, S. 1101.
- Bernadette Conrad, «Wir sind ja ein Passland», in: Wiener Zeitung (7.4.2014), https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/613438_Wir-sind-ja-ein-Passland.html (29.1.2019).