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Ihre Neutralität wurde der Schweiz von den europäischen Mächten am Wiener Kongress 1815 aufgezwungen (man könnte auch sagen: zugestanden). Zwar gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, ob nicht schon 1648 beim Westfälischen Frieden – oder gar im Nachgang zu Marignano 1515 – eine solche völkerrechtliche Konzeption für die Schweiz Geltung gehabt haben könnte. Doch ernstzunehmende Historiker neigen zur Variante 1, nicht zuletzt auch deshalb, weil völkerrechtliche Neutralität ein Völkerrecht im modernen Sinne voraussetzt, und das ist erst am Ende des Ancien Régime der Fall.
Vielleicht beruht der Streit um die Schweizer Neutralität aber auch auf einem sprachlichen Missverständnis. Neutralität kann eine völkerrechtliche Konzeption sein, sie kann aber auch einfach eine alltägliche Haltung sein, die man sich selber auferlegen kann – ohne jemand anderen zu fragen. Das war auch in Wollishofen einmal – vor 1815 – ausdrücklich der Fall. Davon will ich berichten.
Als 1798 die Helvetische Republik als Einheitsstaat unter französischer Führung ausgerufen wurde, waren die bisherigen Regenten natürlich dagegen. Das war vor allem in Bern der Fall, und auch in der Innerschweiz, wo 1799 ein regelrechter Krieg der Franzosen mit Nidwalden entstand. Zwar waren in Zürich die bisher regierenden Stadtfamilien ebenfalls gegen die Revolution, aber der Zürcher Rat löste sich unter dem Druck der französischen Bajonette im Frühjahr 1798 «freiwillig», auf jeden Fall in eigener Regie, auf – zugunsten einer Übergangsregierung (mit Beteiligung der Landschaft). Bekanntlich war der Weg zu einer helvetischen Normalität sehr steinig, und er führte schliesslich zum Bürgerkrieg, der sich im Falle Zürichs sogar zu einer Belagerung durch die Helvetischen Truppen und zur sog. «Beschiessung von Zürich» anfangs September 1802 führte. Für viele Zürcher, nicht nur für die Konservativen, sondern auch für durchaus helvetisch Gesinnte, war das zuviel! Es gab also pro-helvetische «Patrioten» (so nannten sie sich selber), die im Bürgerkrieg in einen rechten Loyalitätskonflikt kamen: sollten sie mit der helvetischen Idee gegen die Stadt ziehen, oder sollten sie sich als Zürcher für Zürich wehren?*
Zweyte Beschiessung der Stadt Zürich durch die helvetischen Truppen.
Aquatinta-Radierung von Heinrich Keller, 1802. Privatbesitz.
Auch Wollishofer waren geteilter Meinung. Man war ja auch mitten im Geschehen. Die erste Beschiessung fand von Wollishofen aus statt, erst die zweite erfolgte vom Zürichberg her, vom Schlössli in Fluntern aus. Und man war mitten in der Problematik drin. Wollishofen war bis 1798 Untertanenland, es gab viele, die der Stadt Vorwürfe machten, auf Kosten der Landbevölkerung Privilegien zu nutzen. Es gab aber auch viele Wollishofer, die gute Kontakte zu städtischen Bürgern, zu Familien und Fabrikherren, zu Pfarrern und Räten, hatten. Die fühlten sich nicht einfach als Schweizer, sondern auch ganz spezifisch als Zürcher. In dieser Zwickmühle fand die Munizipalität Wollishofen unter ihrem Präsidenten Heinrich Honegger den Ausweg: Sie erklärten ihre Neutralität! Ein diesbezügliches Schreiben ist heute noch im Stadtarchiv aufbewahrt und zu studieren!
Schreiben der Munizipalität Wollishofen 1802. Stadtarchiv Zürich II. 672/1802.
Der Text schildert die Diskussion, wie mit der Hilfsanfrage der Stadt an Wollishofen umgegangen werden soll. Dass eine Gemeindeversammlung einberufen worden sei, in der vor allem auch die Sicherheit von Wollishofen selber ein Thema gewesen sei. Im Zentrum des Briefes steht dann der Satz: «So gieng das Resultat dahin, so weit möglich die Neutralität zu beobachten, für unsere Gemeinde, Ruhe, Ordnung und Sicherheit suchen bey zu behalten, neben demme seye es jedem Bewohner überlassen, nach seinem Guthfinden zu handlen.»
Die Gemeinde beschloss also weder, den Stadtzürchern offiziell zu Hilfe zu eilen, noch sich gegen die Stadt zu stellen, sondern zuerst für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, und sonst die politische Entscheidung jedem einzelnen Bürger zu überlassen.
Kluge Entscheidung: Neutralität!
Die Stadt behielt bei der Belagerung durch die Helvetischen Truppen im September 1802 schliesslich Oberhand; die Truppen zogen sich zurück. Und schon bald war der Helvetische Traum ausgeträumt (für die einen) oder der helvetische Spuk vorbei (für die andern). Napoleon trat aktiv in Erscheinung, vermittelte zwischen den Kantonen, und erliess die sogenannte «Mediationsverfassung», die in Zürich von 1803 bis 1814 galt.
(SB)
* Vergleiche zu dieser Problematik – am Beispiel Maschwandens – auch mein Buch über Leonhard Brennwald im Chronos Verlag, Zürich 2018.