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Sammlung
„Skulptur des Monats“ Dezember 2003
Die sogenannte „Athena-Marsyas-Gruppe des Myron“
Original
Datierung: Römische Kopien nach der Originalgruppe des Myron um 440 v. Chr.
Standort: Athena: Frankfurt, Liebieghaus. Marsyas: Vatikan, Museo Gregoriano Profano im Lateranpalast
Fundort: Athena: Rom, an den Hängen des Pincio unter dem Gebäude der Via Gregoriana 32; Marsyas: Rom, Esquilin, Via dei Quattro Cantoni 46-48
Material: Marmor
Höhe: Athena: ?? cm. Marsyas: ?? cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1910-1 / 68-41
Herkunft: Gipsformereien der städtischen Galerie Frankfurt und des Vatikans
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Sowohl die Statue der Göttin Athena wie auch diejenige des Satyrn Marsyas sind römische Kopien nach den Figuren einer Statuengruppe, die der griechische Bildhauer Myron um etwa 440 v. Chr. geschaffen hat.
Athena ist als solche dank ihres Helmes klar zu identifizieren, während der Satyr an seinen spitzen Ohren und dem Ansatz des Schwanzes zu erkennen ist. Auch die dicke Nase, der breite Mund und der strähnige, wilde Bart sind äusserliche Merkmale für Satyren, die als ungestüme Wesen zum Gefolge des Gottes Dionysos gehörten.
Die myronische Gruppe war ursprünglich in Bronze gegossen; sie ging – wie alle griechischen Meisterwerke – im Original verloren, erhielt sich aber in verschiedenen römischen Marmorkopien: So wurden von der Athena neben der hier im Abguss präsentierten und nur leicht beschädigten Statue (SH 102), sieben kopflose Körper und vier separate Köpfe gefunden, vom Marsyas ebenfalls eine fast vollständige Körperkopie (unsere Nr. SH 917) sowie je drei Torsi und Köpfe.
Abbildung 1: Die „Athena-Marsyas-Gruppe“ in der Skulpturhalle.
Athena ist dargestellt, wie sie gerade im Gehen innehält, was sich an ihrem leicht gebeugten linken Knie und der sich im Gewand – einem hochgegürteten Peplos – abzeichnenden linken Ferse erkennen lässt. Sie wendet sich mit einer leichten Drehung nach links zurück, so dass ihr Blick über die linke Schulter hinweg schräg nach unten zur Seite gerichtet ist.
Marsyas fällt vor allem durch seinen heftigen Rückwärtsruck auf. Sein linkes Bein ist eingeknickt und nach hinten gestellt, während das rechte noch weit vorgesetzt ist. Seine Arme, die an allen Kopien leider abgebrochen sind, haben ursprünglich diese brüske Bewegung mitgemacht. Er scheint also gerade vorzuspringen und doch gleichzeitig zurückzuweichen. Sein Kopf ist gesenkt, sein Blick in Richtung des vorgestreckten Beines gelenkt, was ebenfalls wie die Gesamtbewegung darauf hindeutet, dass sich vor seinem Fuss – als Fixpunkt für die Gesamtkomposition – ein wichtiger Gegenstand befand, der die ganze Aufmerksamkeit des Satyren hervorrief; sein Gesicht zeigt mit den hochgezogenen Brauen deutliche Züge von Erregung und Neugier.
Bei diesem Gegenstand muss es sich um die Doppelflöte, den Aulos, gehandelt haben. Dieses Blasinstrument wurde von der Göttin Athena erfunden. Als sie den olympischen Göttern ein Ständchen brachte, musste sie aber ihr Spiel abbrechen, weil dieses ein allgemeines Gelächter provozierte. Sie begab sich daraufhin zu einem See, um sich ihr Spiel in dessen Spiegelbild selber anzuschauen. Hier sah sie, wie sehr dieser Aulos ihr Gesicht beim Spielen verzerrte und wie lächerlich sie dabei aussah. Voller Abscheu warf sie den Aulos weg und verfluchte jeden, der es wagen würde, ihn aufzuheben, um auf ihm zu spielen. Der zufällig vorbeikommende Satyr Marsyas erblickte den Aulos. Voller Neugier hob er ihn auf und fing an, darauf zu spielen. Mit der Zeit brachte er es zu grosser Kunstfertigkeit, und in einem Anflug von Grössenwahn wagte er es sogar, Apollon, den Gott der Künste zu einem Wettstreit herauszufordern. Es wurde vereinbart, dass der Sieger mit dem Besiegten anstellen dürfe, was er wolle. Apollon gewann den Wettkampf und bestrafte die Hybris des Marsyas dadurch, dass er ihm die Haut abziehen liess, so dass sich der Fluch der Athene erfüllte.
Abbildung 2: Rekonstruktion der „Athena-Marsyas-Gruppe“ im Garten des Liebighauses (Frankfurt a. M.).
Die Rekonstruktion der ganzen Gruppe, von der immer nur einzelne Teile gefunden worden sind, ist dank bildlichen Wiederholungen auf römischen Münzen und dank verschiedenen antiken Beschreibungen der Gruppe gesichert. Athena hielt danach in ihrer rechten Hand eine Lanze, während ihre linke nach unten in Richtung der doppelten Aulos wies, die auf dem Boden vor Marsyas lag. Athena und Marsyas standen demnach auf einer gemeinsamen Basis und in einer Ebene nebeneinander, so dass sich die Handlung dem Betrachter übersichtlich darbot.
Die Gruppe hält jenen spannungsgeladenen Moment wieder, der zwischen dem Fortwerfen des Aulos durch die Göttin und dessen Auflesen durch den Satyr liegt. Dass die Gruppe bei aller ausgewogenen Gesamtkomposition etwas Momentanes besitzt, ist typisch für Myron, der dank der „Bewegtheit“ seiner Werke – darunter auch des berühmten Diskobols – seiner Zeit weit voraus war und die damaligen Betrachter tief beeindruckte.
Die Gruppe war in der Antike, wie sich aus dem Bericht des Reiseschriftstellers Pausanias entnehmen lässt, auf der Athener Akropolis aufgestellt. Sicher hatte die Weihung dieser Gruppe auch eine politische Bedeutung. Die antiken Schriftquellen überliefern nämlich, dass konservative Kreise dem erst um 450 v. Chr. in Athen populär werdenden Aulos sehr kritisch gegenüberstanden, da dessen Spiel im Gegensatz zu der traditionellen Musik ekstatische Elemente enthält. Da ist es durchaus möglich, dass diese Zusammenhänge die Weihung der Gruppe veranlasst haben – zeigte sie doch, wie sehr Athena, die Stadtgöttin, das Aulosspiel verabscheut.
Maya Schärer
Auswahl an Literatur
- G. Daltrop - P.C. Bol, Athena des Myron. Liebieghaus Monographie 8 (1983).
- Ch. Vorster, Vatikanische Museen - Museo Gregoriano Profano ex Lateranense 1 (1993).
- Wolfgang Helbig, Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom (4., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg.v. Hermine Speier), 2. Bd. (1969) Nr. 1065.
- John Boardman, Griechische Plastik. Die Klassische Zeit (1985) S. 105–107 Abb. 61–64.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)