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Space is the place: Am 100. Erdjubiläumstag des kosmischen Bandleaders Sun Ra spielt dessen Arkestra unter der Leitung von Marshall Allen am Zürcher Taktlos-Festival.
«Wenn man eine bessere Welt will, muss man bessere Musik machen. So einfach ist es.»
Marshall Allen, Leader des Sun Ra Arkestra, in «Electronic Beats», Nr. 1/2014.
Wenn man dem Altsaxofonisten und Flötisten Marshall Allen auf der Strasse begegnet, wirkt er nicht viel fitter als ein durchschnittlicher Mann seines Alters von 89 Jahren. Doch sobald er eine Bühne betritt, um die kosmische Bigband namens Sun Ra Arkestra zu leiten, vollzieht sich eine rasante Veränderung. Allens Körper spannt sich, denn nun geht es um Musik, das Einzige, was den Planeten retten kann.
Dass nur Musik dazu in der Lage ist, hat Allen von Sun Ra gelernt, dem in Birmingham (Alabama) im Süden der USA aufgewachsenen Bandleader und Pianisten, der aufbrach, um mit seiner Musik der Zukunft zu huldigen und dem weiten Weltraum, seiner Heimat. Denn geboren wurde Sun Ra auf dem Planeten Saturn und sicher nicht in dieser Welt des Hasses. In den fünfziger Jahren scharte Sun Ra eine Handvoll Getreuer um sich, die zum Teil Jahrzehnte blieben, gefesselt vom musikalischen Kosmos und den philosophischen Lehren des Meisters mit dem Lächeln einer Sphinx. Zum Saturn kehrte Sun Ra dann 1993 auch zurück, in seinen letzten irdischen Monaten schien er verbittert. Sollte der Planet etwa doch nicht zu retten sein?
Ein neuer Kapitän
Doch das Arkestra hat nie aufgegeben. Zuerst übernahm Tenorsaxofonist John Gilmore das Steuer. Seit dieser 1995 Sun Ra nachreiste, ist Allen Kapitän des Raumschiffs, das seit 2009 mit Farid Barron auch wieder einen hervorragenden Pianisten hat. 1957 hatte Allen auf einem Labelsampler ein Sun-Ra-Stück gehört. Die Band klang, als hätte der dahintersteckende Geist den Swing der dreissiger Jahre als Ausgangspunkt genommen, um auf anderen Wegen als der Mainstream in einer alternativen Zukunft anzukommen. Allen wollte mitreisen.
Aber er hatte einen schwierigen Start, denn Sun Ra nörgelte so lange («ganz gut, aber nicht das, was ich will»), bis Allen begann, «mehr oder weniger Lärm zu machen». Da war der Ausserirdische zufrieden.
Seitdem ist Allens Sound einer der wichtigsten Bestandteile des Arkestra – vor allem auf dem Altsax, das Allen spielt wie kein anderer: mit einer ungeheuren Dynamik, vom romantischen Säuseln in Reverenz an die alten Swingmeister bis zu ekstatischen Ausbrüchen, bei denen seine Finger in eckigen Bewegungen über die Klappen des Instruments flattern.
Einladend und belebend
Die Musik des Arkestra – heute stammt vieles aus der Feder von Marshall Allen – ist eine freundliche, einladende Musik. Und eine belebende. Arkestra-Konzerte wie das im Rahmen des Taktlos – an Sun Ras 100-Jahre-Erdjubiläum, drei Tage vor Marshall Allens 90. Geburtstag – können auch heute noch über drei Stunden dauern. Stunden, in denen Allen sich trotz seines Alters keine Minute hinsetzt. Er dirigiert die Band, spielt ein wildes Solo, tanzt ein paar Schritte, weist den anderen ebenso spacig kostümierten Bandmitgliedern Solos zu, singt eine Sternenhymne, greift zum kleinen Casio-Keyboard, um Messages von Sun Ra weiterzuleiten, dann wieder ein wildes Altsaxofonsolo. Schliesslich gibts noch eine surrealistische Version von Duke Ellingtons klassischer Swingballade «Prelude to a Kiss» – denn diese Zeitmaschine namens Arkestra, der letzte Repräsentant der grossen schwarzen Vaudeville-Tradition, kann in beide Richtungen fliegen. Wer nicht einsteigt, bleibt auf diesem Planeten zurück – und der ist nun mal verdammt.
Das Sun Ra Arkestra spielt am 22. Mai 2014, dem Eröffnungsabend des Taktlos-Festivals, in der Roten Fabrik in Zürich.