Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03543.jsonl.gz/2265

St. Lucia-Rennechse
Cnemidophorus vanzoi
© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Artwork © Owen Bell
Die St. Lucia-Rennechse (Cnemidophorus vanzoi) ist ein schlank gebautes Mitglied der Familie der Schienenechsen oder Tejus (Teiidae), welche ausschliesslich in der Neuen Welt heimisch ist und mehr als 120 Arten umfasst. Die Männchen, welche deutlich grösser sind als die Weibchen, erreichen eine Länge von bis zu 38 Zentimetern, wovon rund zwei Drittel auf den Schwanz entfallen, und bringen teils mehr als 50 Gramm auf die Waage. Die Weibchen werden selten grösser als 26 Zentimeter und schwerer als 20 Gramm.
Bei der bunten Färbung der Männchen herrschen die Farben Blau, Schwarz, Gelb und Weiss vor. Dies sind exakt die Farben, welche auf der Flagge von St. Lucia zu sehen sind. Die St. Lucia-Rennechse wird deshalb manchmal als eine «patriotische Echse» bezeichnet. Im Gegensatz zu den Männchen tragen die Weibchen ein schlichtes, unauffälliges Tarnkleid aus braunen, beigen und grauen Farbtönen.
Beheimatet ist die St. Lucia-Rennechse im kleinen Karibikinselstaat St. Lucia im südlichen Bereich der Kleinen Antillen. Dort kommt sie allerdings auf der Hauptinsel nicht vor, sondern einzig auf den zwei winzigen vorgelagerten Eilanden Maria Major (10 ha) und Maria Minor (2,2 ha) sowie seit neustem, dank eines aufwendigen Einbürgerungsprojekts, noch auf Praslin (1,5 ha). Auf Maria Major umfasst ihr Bestand rund 2000, auf Maria Minor etwa 30 und auf Praslin ungefähr 300 Individuen.
Die St. Lucia-Rennechse ist ein tagaktives Tier. Auf die Nahrungssuche geht sie hauptsächlich am späteren Vormittag und dann wieder am späteren Nachmittag. Auf ihren Streifzügen stöbert sie emsig am Boden umher, äugt unter Blätter, schiebt Ästchen mit ihrer Schnauze weg, scharrt mit den Krallen ihrer Vorderfüsse im sandigen Boden, züngelt immer wieder, um etwaige Duftspuren wahrzunehmen, und klettert auch mal auf einen bodennahen Zweig. Auf diese Weise erbeutet sie allerlei Insekten, deren Larven und weitere wirbellose Kleintiere. Hie und da verspeist sie aber auch Blüten und Früchte. Gern streift sie sodann an den Stränden der Insel im Bereich der Flutmarke umher und sucht dort nach angeschwemmten kleinen Meereslebewesen aller Art.
Die Männchen dulden bei der Nahrungssuche keine gleichgeschlechtlichen Artgenossen in ihrer Nähe und verscheuchen solche nach Möglichkeit. Ob es sich dabei um territoriales oder aber um ortsunabhängiges intolerantes Verhalten handelt, wissen wir nicht, da es bisher keine Freilandstudie über die Lebensweise dieser seltenen Reptilienart gibt.
Wie die meisten Reptilien sind die weiblichen St. Lucia-Rennechsen nicht lebendgebärend, sondern legen nach der Paarung Eier. Diese vergraben sie an sorgfältig ausgewählten Stellen in geringer Zahl im sandigen Boden. Zumindest in Menschenobhut schlüpfen die Jungen nach einer Keimlingsentwicklungszeit von rund fünfzig Tagen aus ihren Eiern. Die Geschlechtsreife tritt wahrscheinlich nach einem knappen Jahr ein. Über die Lebenserwartung ist nichts bekannt.
Zwar wurde die St. Lucia-Rennechse in historischer Zeit auf der Hauptinsel St. Lucia nicht verzeichnet. Sie dürfte jedoch schlicht nicht beachtet worden sein. Die Fachleute sind jedenfalls überzeugt, dass sie früher durchaus dort heimisch war, dann aber durch die vom Menschen eingeschleppten Raubsäuger ausgerottet wurde. Neben Ratten, Katzen, Hunden und Schweinen dürfte vor allem der Kleine Mungo (Herpestes javanicus) eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dieses flinke und unerschrockene kleine Raubtier war von den frühen Siedlern eingeführt worden, um der Rattenplage in den Zuckerrohrplantagen ein Ende zu bereiten. Statt den Ratten wandte sich der Mungo jedoch vor allem den wehrlosen anderen auf St. Lucia heimischen Tieren zu, insbesondere den Reptilien.
Glücklicherweise hat der Kleine Mungo die Maria-Inseln nie erreicht, weshalb dieselben bis heute ein sicheres Rückzugsgebiet für die acht ansässigen Reptilienarten geblieben sind. Grösste Bedeutung haben sie vor allem für die beiden ausschliesslich hier überlebenden Arten, die St. Lucia-Rennechse und die St. Lucia-Goldbauchnatter (Liophis ornatus).
Die grosse Bedeutung der Maria-Inseln für die Erhaltung der einheimischen Reptilienfauna wurde von der Regierung St. Lucias zum Glück früh gewürdigt: Schon 1982 erklärte sie das Inselpaar zu einem Naturschutzgebiet. Dadurch blieben die kleinen Eilande vor jeglicher touristischen Erschliessung bewahrt. 1995 gelang es zudem, im Rahmen eines aufwendigen Einbürgerungsprojekts eine dritte frei lebende Rennechsenpopulation auf dem Inselchen Praslin aufzubauen. Bereits sind zwei weitere kleine Inseln vor der Ostküste St. Lucias als mögliche Orte für die Einbürgerung von St. Lucia-Rennechsen ausgewählt worden. Das Fernziel sind gut gesicherte Bestände an mindestens fünf verschiedenen Orten. Schon jetzt aber darf der kleine Karibikstaat St. Lucia stolz auf seine Erfolge im Bestreben zur Erhaltung seiner patriotischen Echse sein.
ZurHauptseite