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Das Folgende basiert hauptsächlich auf der leider vergriffenen Broschüre und deren Quellen von:
Stückelberger, Max und Gautschi, Gotthold: Baugeschichte der Kirche Kulm. Unterkulm: Bolliger, 1971.
Max Stückelberger war vom November 1963 bis April 1984 Pfarrer in Unterkulm und trug mit seinen Archivforschungen und seinen historischen Kenntnissen viel zur Klärung der Kirchengeschichte Kulm bei. Gotthold Gautschi war bis 1967 Jahrzehnte lang Organist in unserer Kirchgemeinde .
Ursprünge in der römischen Zeit
Die Kirche und der angrenzende Friedhof liegen in altem römischem Siedlungsgebiet. Darauf deutet auch der Ortsname Kulm hin, der seine Wurzeln im lateinischen columbarium (Taubenschlag) hat. Beispielsweise fand man 1935 römische Mauerreste bei der Aushebung eines Grabes sowie auch bei der Verbreiterung der Hauptstrasse von 1961, als die Kirchhofmauer zurück versetzt werden musste. Zahlreiche Ziegelreste wurden zwischen 1940 und 1957 im südwestlichen Teil des Friedhofes nördlich der Kirche zu Tage gefördert. Diese Reste stammen vermutlich aus der mittleren Kaiserzeit (2. Jahrhundert n. Chr.). Ebenfalls wurden Reste von Reibschalen gefunden, die auf römische Wohnhäuser hinweisen.
Es gilt als sicher, dass zur Römerzeit um die Kirche herum und unter ihr eine Siedlung aus Steinbauten stand, die wahrscheinlich zum Oberkulmer Gutshof auf dem Murhübel gehörte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich in dieser Siedlung auch eine Kultstätte befand. Klärende Ausgrabungen hat es aber bisher nicht gegeben, so dass wir hier auf Vermutungen angewiesen bleiben. Die gallorömischen Bewohner Unterkulms waren keine Christen. Unsere Kirche steht insofern im Zusammenhang mit ihren Gebäuden, als sie auf dem gleichen Boden errichtet wurde. Dabei mögen den Erbauern die vorhandenen Steine als willkommenes Baumaterial gedient haben. Zudem ist bekannt, dass christliche Gotteshäuser häufig bewusst auf „heidnische“ Kultstätten gebaut wurden, um die Überlegenheit und Kraft der „neuen“ Religion zu demonstrieren. Deshalb kann angenommen werden, dass an der Stelle der heutigen Kirche bereits früher eine religiöse Kultstätte gelegen hatte.
Die Christianisierung der Region Kulm
Die kriegerischen Raubzüge und der Einfall der Alemannen 260 n. Chr. wirkten sich kaum bis in das Gebiet des heutigen Wynentals aus. Erst als die Römer ihre Truppen 401 n. Chr. von der Rheingrenze zurück zogen, erfolgte der teils kriegerische, teils friedliche Einbruch auch in unsere Gegend. Man geht heute davon aus, dass im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts unsere Gegend von den Alemannen besetzt wurde. Den lateinischen Namen Kulm behielten die Alemannen jedoch bei. Das zeigt, dass die bereits ansässige gallorömische Bevölkerung noch eine gewisse Bedeutung behalten hatte, die aber bald abgenommen haben dürfte, wie man aus alemannischen Flurnamen schliessen kann.
Von 534 n. Chr. an unterstanden die Alemannen ihrerseits den Franken. Zunächst waren beide Völker noch Verbündete, später wurden die Alemannen von den Franken unterworfen. Mit dem Einfluss der Franken begann auch die Verbreitung des Christentums. Man nimmt an, dass spätestens von 650 n. Chr. an die Kulmer Bevölkerung christlich war. Der Grund für diese Datierung lässt sich erschliessen aus Funden, die bei einer Renovation der reformierten Kirche Schöftland zum Vorschein kamen: Bei dieser Renovation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Fundamente einer Kirche aus der Zeit um 650 n. Chr. ausgegraben. Wenn damals in Schöftland bereits ein christliches Gotteshaus stand, hing die Kulmer Bevölkerung kaum noch römischer oder alemannischer Religiosität an.
Ursprung der christlichen Kirche in Kulm
Ob Kulm aber bereits zur damaligen Zeit eine Kirche oder eine christliche Kultstätte besass, ist bis heute nicht belegt. Immerhin scheint ein christliches Gotteshaus bereits sehr früh bestanden zu haben. Zwischen dem alten Kirchdorf Pfeffikon im luzernischen Wynental und der Urpfarrei Suhr gelegen, ist die Pfarrei Kulm die älteste in der Talschaft. Diese Behauptung gründet sich auf zwei kulturgeschichtliche Beobachtungen:
Erste Beobachtung: Seit alters ist unsere Kirche dem Heiligen Martin gewidmet (patrocinium Martini). An der östlichen Chorwand rechts unten findet sich die szenische Darstellung der Mantelspende durch den Heiligen Martin (316 / 317 geboren, am 11. November 397 verstorben): Vor dem Stadttor von Amiens in Nordfrankreich teilt Martin seinen Mantel mit einem Bettler am Strassenrand. Nachdem er als Berufssoldat seinen Dienst verlassen konnte, begab er sich zu dem wegen seiner Frömmigkeit berühmten Bischof Hilarius nach Poitiers. Nach verschiedenen Reisen wurde Martin Bischof von Tours. Gleichzeitig war er Abt eines von ihm gegründeten Klosters. Als der Frankenkönig Chlodwig zum Christentum übertrat (irgendwann zwischen 497 und 499), erhob er Martin zum Nationalheiligen der Franken. Seit dieser Zeit entstanden zahlreiche Martinskirchen auch im Gebiet der heutigen Schweiz wie z. B. in Zillis, Riehen, Windisch oder Laufen. Martinskirchen gehen oft auf die Frühzeit der Franken und ihre teilweise gewaltvolle Missionstätigkeit zurück. Urkundlich fassbar ist eine christliche Kultstätte erst 1045. Die erste Bauetappe unserer heutigen sorgfältig renovierten und gut erhaltenen Kirche stammt wohl aus dem 12. Jahrhundert, wird aber in Urkunden erstmals 1275 erwähnt.
Die zweite kulturgeschichtliche Beobachtung: Im mittelalterlichen Archidiakonat Aargau, zu dem grob gesprochen der Aargau und die gesamte Innerschweiz gehörten, zählte man 21 Martinskirchen. Dabei fällt auf, dass die meisten von ihnen die Hauptkirchen bzw. „Mutterkirchen“ von grossen Kirchensprengeln (Kirchensprengel sind kirchliche Amtsbezirke) gewesen waren, die erst später in weitere Kirchgemeinden aufgeteilt wurden. Noch heute umfasst unser „Kirchensprengel“ die Dörfer Oberkulm, Unterkulm und Teufenthal. Bis 1614 gehörte jedoch noch Dürrenäsch dazu, das erst damals der viel jüngeren Kirchgemeinde Leutwil angegliedert wurde. Alte Flurnamen in Unterkulm, die Richtung Steinenberg – Teufenthal – Dürrenäsch weisen, deuten noch auf diese Verbindung hin: s’Pfaffetu (Pfaffental), das zwischen dem Juch und dem Steinenberg liegt, oder s’Pfaffebächli, das vom Pfaffental herkommend sich dem heutigen Friedhof Juch entlang schlängelt, oder der Pfaffeberg, der vom Steinenberg aus gesehen Richtung Teufenthal liegt. Bis 1528 umfasste unsere Kirchgemeinde auch noch Teile von Zetzwil. Die grosse Ausdehnung weist nun ebenfalls darauf hin, dass unsere Kirche wie diejenigen von Schöftland, Pfeffikon und Suhr in sehr alte Zeit zurück reicht.
Kirchensatz und Patronatsrecht
Der Kirchensatz (oder Kirchsatz) gründet das Recht, einen Priester in den kirchlichen Sprengel einzusetzen und stammt aus dem alemannischen Rechtssystem. Das Patronatsrecht hingegen regelt die Rechtsbeziehung zwischen dem Stifter oder Kirchenbesitzer bzw. dessen Rechtsnachfolger (meist von Grafen, Königen oder auch vom örtlichen Adel auf privatem Grund errichtete Kirchen, sogenannte „Eigenkirchen“) und dem Kirchensprengel. Im Patronatsrecht ist der Kirchensatz enthalten – also das Recht, einen Vorschlag für die Besetzung des Pfarramtes zu machen. Zudem umfasst das Patronatsrecht die Pflicht, die Baulasten zu tragen.
Der Kirchensatz nun war bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts im Besitz des Grafen von Tierstein-Pfeffingen. 1478 verkauften ihn die bernischen Herren von Mülinen an das Stift Beromünster. Ab 1490 lag das Patronatsrecht beim Chorherrenstift Zofingen. Unsere alte, sorgfältig geschnitzte Kanzel von 1641 stammt wohl nicht zufällig vom gleichen Zofinger Tischmacher Lienhart Jüpply, der zehn Jahre früher die reich geschnitzte Kanzel der Stadtkirche Zofingen angefertigt hatte.
Als im Bernbiet 1528 die Reformation eingeführt wurde, gelangte dieses Recht an Bern, unter deren Einfluss auch der Kirchsprengel Zofingen stand. Der damalige Kulmer Pfarrer Rudolf Kissling nahm an der „Berner Disputation“ teil. Das ist jenes geschichtlich herausragende Glaubensgespräch, bei dem der reformatorische Glaube für das ganze Untertanengebiet für verbindlich erklärt wurde. Unser Kirchenarchiv enthält unter anderen wertvollen Dokumenten auch eine originale Disputationsschrift.
Als 1803 der Kanton Aargau von Napoleon gegründet wurde, gelangte das Patronatsrecht an den jungen Kanton, von dem es dann 1930 an die Kirchgemeinde Kulm übertragen wurde. Die reformierte Kirche Unterkulm gehört heute also – mit der Pflicht der Erhaltung des kirchlichen Gebäudes und dem Recht, den eigenen Pfarrer zu wählen – den reformierten Einwohnerinnen und Einwohnern des Kirchensprengels Kulm, der wie gesagt die Dörfer Oberkulm, Unterkulm und Teufenthal umfasst.
1980 wurde in Teufenthal eine eigene Kirche eingeweiht. Was seelsorgerlich verständlich ist, ist kultur- und kirchengeschichtlich eher aussergewöhnlich: Seelsorgerlich ist dieser Schritt insofern verständlich, weil damit eine eigene Pfarrstelle geschaffen und den Glaubenden die Möglichkeit gegeben wurde, im eigenen Dorf zur Kirche gehen zu können. Kultur- und kirchengeschichtlich ist dieser Schritt jedoch deshalb aussergewöhnlich und wohl einzigartig, weil sich ein Dorf oder ein Teilsprengel einer Kirchgemeinde in der Regel eine eigene Kirche erbaute, sobald sie von der „Mutterkirche“ in die Selbständigkeit entlassen worden war.
Die Reformierte Kirche Unterkulm: Ein Kulturschatz
Nachdem unsere Kirche von 1967 bis 1968 vollständig renoviert, der frühgotische Freskenzyklus im Chor sorgfältig restauriert und die Kirche unter Denkmalschutz der schweizerischen Eidgenossenschaft gestellt wurde, erfolgte 1999 die bisher letzte Gesamtrestaurierung. Der Schweizerische Kunstführer (GSK Serie 69 Nr. 690 von Edith Hunziker) gibt einen guten Überblick über den Kulturschatz, den unsere Kirche in Unterkulm enthält.
Hier sei deshalb bloss auf den wohl aussergewöhnlichsten Reichtum verwiesen:
Unsere Turmuhr.
1530 bestellte die reformierte Kirchgemeinde beim Winterthurer Uhrmachermeister Lorenz Liechti eine Turmuhr. Diese Turmuhr gilt als mechanisches Wunderwerk, denn es ist das älteste mechanische Uhrwerk, das noch heute seinen Dienst im Originalzustand versieht. Selbstverständlich gibt es ältere Uhrwerke, die jedoch entweder nicht mehr funktionieren oder dann nicht mehr mechanisch in der originalen Ausstattung laufen. 1770 wurde das Uhrwerk um das Viertelstundenschlag-Werk erweitert. Einzig den Zeitimpuls erhält das Werk heute durch das moderne Funksignal, so dass sich an unserer Turmuhr mit ihrem ältesten mechanischen Uhrwerk zugleich die genauste Zeit ablesen lässt.
Severin Wyss erklärt die Turmuhr