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Bild
Titel:
Trachtenfest-Programm 1920
Thema: Kultur
Datum: 25.07.1920
Masse: 22,2 x 14,3 cm
Standort: Museum Appenzell, Obj. Nr. 12788
Urheber/-in: Kur- und Verkehrsverein Appenzell
Beschreibung:
Programmblatt des Appenzeller Trachtenfestes 1920. Zum dritten Mal nach 1904 und 1910 organisierte der Kur- und Verkehrsverein ein grosses Trachtenfest. Gemäss Schätzungen vermochte der Anlass rund 20'000 Zuschauer auf den Festplatz bei der Bleiche zu locken. Die Bahnunternehmen waren angesichts dieser Massen teilweise überfordert. Allein die St. Gallen-Gais-Altstätten Bahn führte an jenem Sonntag 36 Züge, wohl das Dreifache der normalen Frequenz. Trotzdem mussten viele Gäste zu Fuss nach Hause zurückkehren, weil sie keinen Platz mehr in den Wagons fanden. Die Lokalpresse stellte überdies mit Erstaunen fest, auf dem erstmals bereit gestellten, bewachten Parkplatz seien "über 120 Luxus- und Gesellschaftsmobile" abgestellt worden. Das Programmblatt, welches 20 Rp. kostete, orientierte die Zuschauenden über den Ablauf der insgesamt 21 Bilder, welche in Form eines Jahreszyklus ein idealisiertes ländliches Leben vor Augen führten. Der Eintritt für Sitzplätze kostete je nach Kategorie 2 bis 4 Franken. Ein Stehplatz war schon für einen Franken zu haben.
Geschichte:
Die von Krisen geprägte Entwicklung der Wirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen und das Erstarken totalitärer politischer Bewegungen (Faschismus, Kommunismus) verunsicherten die Schweizer Bevölkerung nachhaltig. In derselben Zeit konfrontierten die Vereinigten Staaten von Amerika das alte Europa mit einem ganz neuen, von Massenkonsum geprägten Lebensstil. Auf der Suche nach verlässlichen Leitbildern fand deshalb in der Schweiz ein merklicher gesellschaftlicher Wandel statt. Es entwickelte sich eine vielfältige, an Traditionen orientierte Heimatkultur, die von tiefer Skepsis gegenüber der Gegenwart geprägt war. Einer ihrer wichtigen Vertreter war die Trachtenbewegung, welche ab Mitte der 1920er-Jahre im ganzen Land an Ausstrahlung gewann. 1926 wurde in Luzern die Schweiz. Trachtenvereinigung gegründet, die in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre einer der Träger der Geistigen Landesverteidigung wurde.
Da die Ausserrhoder Frauentracht schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwunden war, beauftragte der 1910 gegründete kantonale Heimatschutz den Herisauer Kunstmaler Paul Tanner (1882-1934) mit der Neuschöpfung. Die im Herbst 1925 präsentierten Kreationen vereinigten historische Elemente mit neuzeitlich-modischen Ansätzen. Im Denken Tanners tritt ein nationalistisches und antimodernistisches Weltbild zutage: "[Die Trachtenbewegung ist] eine typische Äusserung des gegenwärtigen Zeitgeistes …, ein bewusstes Zurückkommen auf die eigene Nationalität. … Sie … will eine Abwehr sein gegen die alles verflachende, gleichmachende Tagesmode und den immer mehr um sich greifenden Amerikanismus einerseits und gegen den jede Tradition zerstörenden Bolschewismus, der sich nicht nur auf politischem Gebiete auswirkt, andererseits." Paul Tanner gehörte 1926 zu den Gründern der nationalen Trachtenbewegung. Im selben Jahr kam es auf seine Initiative hin in Speicher zur Gründung einer Ausserrhodischen Trachtenvereinigung, der Tanner bis zu seinem Tod 1934 als Präsident vorstand. Die enge Verbindung zum Heimatschutz blieb bestehen, war für diesen doch stets ein Sitz im Vorstand der Trachtenvereinigung reserviert.
In Appenzell Innerrhoden fand die als neumodisch und fremdartig empfundene Trachtenbewegung zunächst keine starke Beachtung. Das Tragen der Tracht war hier immer noch selbstverständlicher Teil einer lebendigen Volkskultur. Weshalb es dazu eine von bürgerlichen Kreisen dominierte und von Künstlern vorangetriebene Bewegung brauchte, verstanden die Innerrhoder Trachtenleute nicht. Dr. Ernst Laur (1871-1964), Präsident des schweizerischen Bauernverbandes und Gründer der nationalen Trachtenvereinigung, kritisierte dieses Fernbleiben ausdrücklich. Tatsächlich wurde die Trachtenvereinigung Appenzell Innerrhoden erst am 17. Juni 1932 ins Leben gerufen. Ihr erster Obmann war Bezirksrichter Leo Linherr (1896-1976) von Appenzell. In ihrem Auftrag entwarf der einheimische Kunstmaler Carl August Liner (1871-1946) 1937 eine neue Innerrhoder Werktagstracht, welche die traditionelle Festtagstracht in sinnvoller Weise ergänzte. Auch Liner war eng mit dem Heimatschutz verbunden. 1914 bis 1924 fungierte er als Innerrhoder Vertreter im Vorstand der st.gallisch-innerrhodischen Heimatschutzvereinigung.
Ansätze zur Förderung der Trachtenbewegung hatte es im Innerrhodischen allerdings schon vor 1932 gegeben. Der Kur- und Verkehrsverein Appenzell, 1921 bis 1943 unter dem Präsidium desselben Leo Linherr stehend, hatte mehrmals aufwändige Trachtenfeste organisiert, welche weit über das Appenzellerland hinaus Beachtung fanden und von Tausenden begeisterter Zuschauer besucht wurden. Solche Grossveranstaltungen fanden 1904, 1910, 1920 und 1924 statt und dienten nicht zuletzt der Propagierung des Innerrhoder Fremdenverkehrs. In der Folge trat der Kur- und Verkehrsverein in den ersten Jahren auch als Vertreter der Innerrhoder Trachtenleute gegenüber der Schweiz. Trachtenvereinigung auf, was von Letzterer allerdings nicht gerne gesehen wurde. Die Trachtenvereinigung fürchtete eine Abwertung der Tracht durch die Verwendung als Tourismus-Werbeträger.
Autor: Stephan Heuscher, Appenzell
Literatur:
50 Jahre Trachtenvereinigung Appenzell Innerrrhoden 1932-1982. Appenzell 1982
Küng, Josef (Hg.): Unser Innerrhoden. Appenzell 2003, S. 134-136
Fuchs, Thomas u.a.: Geschichte der Gemeinde Herisau. Herisau 1999, S. 376-378
Baumberger, Elisabeth: Die Tracht im Wandel der Zeit. Entstehung und Entwicklung der appenzell-ausserrhodischen Volks- und Bauerntrachten. In: Die Ausserrhoder Tracht im Wandel der Zeit. Sonderausstellung im Appenzell Volkskunde-Museum Stein AR. o.O. 1990, S. 2-9
Heimatschutz Appenzell AR (Hg.): Paul Tanner, der Schöpfer der neuen Ausserrhodertracht. Eine Gabe des Heimatschutzes Appenzell A.Rh., den Mitgliedern der ausserrhodischen Trachtenvereinigung zum pietätvollen Gedenken. Herisau 1935, S. 5-40
Tobler, Otto: Siebenundzwanzig Jahre Arbeit und Erfahrung im Dienste des Heimatschutzes Appenzell A.Rh. (1910-1937). Heiden 1938, S. 25-27
Appenzeller Volksfreund, Nr. 88/89, 24. und 27. Juli 1920
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