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Serie: Orte in der Musik (3)
Musikwissenschaftler Georg Rudiger stellt einige Orte vor, die für bestimmte, in Klosters gespielte Werke wichtig sind. Heute: die «Tin Pan Alley» in New York, Entstehungsort des «Great American Songbook».
Die «Tin Pan Alley» findet man nicht im Stadtplan von Manhattan. Trotzdem hat diese Strasse Musikgeschichte geschrieben. Hier lag ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts das Zentrum der amerikanischen Musikindustrie. Hier, in der 28. Strasse zwischen der 5th Avenue und dem Broadway, konzentrierten sich die Musikverlage zu einer Zeit, als das Radio und der Tonfilm noch nicht populär beziehungsweise noch gar nicht erfunden waren. Die Musikverlage hatten nicht nur Komponisten angestellt, die wie am Fliessband einen Song nach dem anderen lieferten. Wichtig waren vor allem die Pianisten, die sogenannten Song Plugger, die die Noten zum Leben erweckten und einen Eindruck davon vermittelten konnten, ob ein Lied das Zeug zu einem Hit hatte oder eben nicht. Viele von den hier entstandenen Hits kamen in das «Great American Songbook», aus dem Thomas Hampson und das Janoska Ensemble für Klosters einige besonders schöne Songs ausgewählt haben. Den Musikjournalisten Monroe Rosenfeld erinnerte das Klaviergeklimper aus den Verlagsgebäuden an das Klappern von Blechpfannen – so erhielt die Tin Pan Alley ihren ungewöhnlichen Namen.
George Gershwin kam 1914 im Alter von 16 Jahren in die Tin Pan Alley und wurde vom Verlag Jerome H. Remick angestellt. «Als Song Plugger hatte er täglich acht bis zehn Stunden am Klavier zu sitzen, um die ihm anvertrauten Stücke, die ‹Ware›, spielend und singend an den Mann zu bringen», berichtet Wolfram Schwinger in seiner Gershwin-Biographie. Manchmal schmuggelte Gershwin auch ein eigenes Lied in das von ihm zu spielende Musikprogramm hinein. Sein erster Song «When You Want ‘Em You Can’t Get ‘Em» erschien 1916 im Druck. Gershwin war aber nicht nur ein ausgezeichneter Pianist und bald auch bemerkenswerter Komponist, sondern hatte bereits als Jugendlicher einen untrüglichen Sinn für musikalische Qualität. Besonders beeindruckte ihn Jerome Kern, der 1914 mit seiner Show «The Girl from Utah» grossen Erfolg hatte. «Ich verehrte Kerns Schaffen. Ich studierte jedes seiner Lieder. Ich zollte ihm Tribut, indem ich ihn imitierte», schrieb Gershwin rückblickend. Aber auch Irvin Berlin, der wie Gershwin ein Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland war, begeisterte ihn. «Sein farbiger melodischer Reichtum setzt uns alle, die wir auch Lieder komponieren, immer wieder in Erstaunen. Irving Berlin ist Amerikas Franz Schubert.» Von diesen drei Komponisten und weiteren wie Cole Porter, Kurt Weill und Harold Arlen sind Songs zu hören beim Konzert «Blue Skies» mit Thomas Hampson und dem Janoska Ensemble am Schweizer Nationalfeiertag.
BLUE SKIES
1 August 2024, 17 Uhr, Konzertsaal, Arena Klosters
Thomas Hampson (Bariton), Janoska Ensemble