Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/2042

Wir gingen mit einem ambitionierten Konzept nach Belize, einerseits wollten wir die Schwierigkeiten zeigen, auf die Naturschützer stossen und andererseits auch mit den mennonitischen Bauern reden. Wir flogen nach Cancun, reisten einen Tag nach Sarteneja im Bus. Kaum die Grenze überquert, sahen wir die ersten Mennoniten. Und der zweite, mit dem wir redeten, lud uns zu sich nach Hause ein, um dort eine Nacht zu verbringen und seine 17-köpfige Familie kennenzulernen. Wir waren begeistert.
Eine Woche später, wir sassen im Dörfchen Sarteneja in einem der zwei Restaurants, und suchten einen Fahrer. Julio Salazar war unser Mann, schon mit seinem Grossvater war er immer wieder in der Mennoniten-Siedlung, die rund 40 Kilometer entfernt ist, unterwegs. Salazar ist einer der zahlreichen «Fleteros», Fahrer, die mit den Mennoniten zusammenarbeitet, da sie aus religiösen Gründen keine motorisierten Fahrzeuge lenken. Mennoniten sind Christen, sie leben wie im 17. Jahrhundert, bewegen sich im Pferdewagen vorwärts und dürfen keine Maschinen und Fahrzeuge benutzen, die das individuelle Leben erleichtert.
Wir fuhren los und suchten Abraham Schmitt, den Mennoniten aus dem Bus. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war, dass in der mennonitischen Siedlung «Little Belize» 2800 Menschen leben und darunter auch sechs Abraham Schmitts, verteilt auf einem 16 Kilometer langen und fünf Kilometer breiten Gebiet. Bei einem Kollegen von Julio hielten wir an und fragten nach. «Abraham Schmitt? Also, wenn das der ist, den ich meine, dann würde ich dort nicht schlafen. Der ist mausarm und man sagt, er schlage seine Frau», erklärte Jacobo. Wir waren erschüttert. Wie viele Kinder hat er denn? Zwei. Somit war es nicht der, den wir suchten.
Wir fuhren weiter und suchten nach dem Sohn von Jacobo, der auf den Feldern gerade Bohnen erntet und vielleicht mehr wusste. Auch ihn fanden wir nicht, dafür Abe, der uns erklärte, dass ein gewisser Abraham Schmitt weiter oben wohne. Wir hatten keine Ahnung, wo er meinte, aber Julio kennt das Gebiet auswendig. Ohne ihn wären wir eh verloren gewesen, denn die staubigen Strassen sahen alle gleich aus, keine Schilder, überall ähnliche kleine Bauernhöfe, eingeteilt und durchnummeriert in sogenannte Campos.
Langsam fing es an zu dämmern und wir genossen hinten auf Julios Truck den Fahrtwind. Endlich kamen wir an und von allen Seiten rannten Kinder und Hunde unserem Gefährt entgegen. Ein Mann trat aus dem Haus, und schon wussten wir, das ist nicht unser Mann. Er hiess zwar genau gleich, hatte aber nur 15 Kinder. Julio erklärte ihm unsere Sachlage. «Den kenne ich, er ist mein Cousin und wohnt auf Campo 30.5», sagte Abraham Schmitt.
Endlich hatten wir eine Spur, und es wurde auch Zeit, denn es war bereits dunkel geworden. Nach einer halben Stunde Fahrt überholten wir zwei Jungs, die barfuss am Wegrand liefen und mit Handzeichen um eine Mitfahrt baten. Sie hüpfen rauf und nach wenigen Metern klopften sie, um behende abzusteigen. Wir bogen in ihre Strasse ein. «Das sind sicher die Söhne von Abraham», meinte Julio am Steuer. Und so war es, auf Campo 30.5 empfing uns Abraham Schmitt und seine Kinder. Doch eine Katastrophe war geschehen: Jemand sei diese Woche gestorben. «Ich konnte euch ja nicht erreichen und absagen, aber ihr könnt heute nicht hier bleiben. Morgen ist Beerdigung», sagte Abraham. Wir unterhielten uns im Licht von Taschenlampen und dem fast vollen Mond. Um ihn herum standen neugierige Kinder und beäugten uns. Obschon Abraham niedergeschlagen wirkte, zückte er seine Agenda und wir verabredeten uns eine Woche später.
Text von Claudia Salzmann, Journalistin, und Bilder von Ephraim Bieri, Fotograf, April 2017
Unterstützt vom Medienfonds arbeitet Claudia Salzmann mit dem Filmemacher Philipp Eyer und mit dem Fotografen Ephraim Bieri an einem Beitrag über «Little Belize» und über das Belize-Projekt des Papilioramas aus Kerzers. Der Beitrag erscheint an Ostern in der «Berner Zeitung».