Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/799

** Die UBS übernimmt die Credit Suisse **
Zusammengefasst
Das Versagen der Geschäftsleitung im Risikomanagement bei der Silicon Valley Bank, der Signature Bank, der Silvergate Bank und der Credit Suisse ist ein gemeinsamer Faden, der diese Institutionen historisch verbindet. Ein Blick zurück reicht aus um zu sehen: Wir befinden uns in dem Dilemma, dass unsere Führungskräfte Kapital zur falschen Zeit binden, nicht diversifiziert wird, Skandale die Welt erschüttern, konjunkturelle Faktoren ignoriert werden und es global scheinbar keine wirksamen Risikomanagementstrategien gibt. Die Folge: Eine Welle des Vertrauensverlustes - eine nicht mehr zu stoppende Abwärtsspirale. Der historische Kollaps der Credit Suisse ist ein Armutszeugnis der freien liberalen Marktwirtschaft, da es zeigt, dass wir seit der Finanzkrise von 2007/2008 nichts dazugelernt haben. Der Finanzplatz Schweiz benötigt eine dringende Reform: Statt die beiden grössten Banken, UBS und Credit Suisse, zu fusionieren, müssen wir besonders jetzt Risiken minimieren. Wir stehen in der politischen Pflicht, die Massnahmen zur Beseitigung der Too-big-to-fail-Thematik jetzt mittels adäquater gesetzlicher Vorschriften ein für alle Mal wirksam zu erarbeiten. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der nächste Too-big-to-fail-Zusammenbruch unserer letzten Schweizer Grossbank tragische globale Auswirkungen haben, und wir Steuerzahler werden dabei zur Kasse gebeten.
Der Artikel in Audio Format
Zum Hauptartikel
Geschätzte Leserinnen und Leser,
Ich, Antonia Martina Durisch, möchte Euch meine politische Stellungnahme zur gestrigen Ausgabe der Tagesschau vom 19. März 2023 präsentieren, die sich mit der Rettung der Credit Suisse beschäftigt.
Dieses Ereignis erinnerte mich an den 16. Oktober 2008, als die UBS gerettet wurde und die Bundesregierung, die Finma und die Nationalbank einen Rettungsplan vorstellten. Die Schweizerische Nationalbank stellte bis zu 54 Milliarden Dollar in einem speziellen Fonds zur Verfügung, um illiquide Papiere zu übernehmen, während der Bund 6 Milliarden Eigenkapital einbrachte.
Damals, nach der Finanzkrise im Jahr 2008, hatte die Politik den Auftrag, alles zu tun, um eine erneute staatliche Rettung von Banken zu vermeiden. Es folgte ein jahrelanger Prozess, in dem die Behörden und Banken an der Umsetzung von Too-Big-to-Fail-Regeln arbeiteten. Die Credit Suisse und die UBS gehören ebenso dazu wie Postfinance, Raiffeisen, die Zürcher Kantonalbank sowie die beiden SIX-Gesellschaften X-Clear und SIS – allesamt systemrelevante Unternehmen.
Aber was bedeutet "Too big to fail" oder Systemrelevanz genau? Finanzmarktteilnehmer können auf nationaler oder internationaler Ebene eine so grosse Bedeutung erlangen, dass ihr ungeordneter Ausfall die Finanzstabilität beeinträchtigt und eine staatliche Rettung erfordert. Deshalb wurde die Too-big-to-fail-Problematik nach der globalen Finanzkrise von 2007 und 2008 auf nationaler und internationaler Ebene angegangen.
Banken, Versicherungen und bestimmte Finanzmarktstrukturen können so gross und in ihrer Geschäftstätigkeit so komplex sein und mit anderen Marktteilnehmern so stark vernetzt sein, dass eine ungeordnete Abwicklung die Finanzstabilität beeinträchtigen und die Volkswirtschaft insgesamt schädigen könnte. Die Massnahmen zur Beseitigung dieser Too-big-to-fail-Problematik hatten das Ziel, diese Risiken zu minimieren und die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Finanzkrisen und deren Kosten nachhaltig zu begrenzen.
Diese Massnahmen umfassten die Erhöhung der Verlusttragfähigkeit, die Schaffung umfassender nationaler Abwicklungsregime und die Verbesserung der Abwicklungsfähigkeit. Der Finanzstabilitätsrat, auch bekannt als Financial Stability Board (FSB), koordinierte dabei die Massnahmen international.
In der globalen Finanzkrise von 2007 und 2008 waren zahlreiche Staaten und Regierungen gezwungen, Banken in Notlage zu retten. Ein ungeordneter Zusammenbruch dieser Finanzinstitute hätte schwerwiegende Auswirkungen auf das Finanzsystem und die Volkswirtschaften gehabt. Banken, die als "too big to fail" gelten, können aufgrund ihrer Grösse und Vernetzung mit dem Finanzsystem und der Wirtschaft nicht einfach fallengelassen werden. Obwohl staatliche Rettungsaktionen, auch bekannt als "Bail-outs", sehr problematisch sind, da sie zu Lasten der Steuerzahler gehen, wird oft angenommen, dass Banken ab einer bestimmten Grösse im Krisenfall gerettet werden müssen. Dies führt jedoch zu unbeabsichtigten Wettbewerbsverzerrungen und potenziellen Fehlanreizen.
Die gestrige Sitzung des Bundesrates hat mich an die globalen Finanzkrisen von 2007 und 2008 erinnert. Innerhalb weniger Tage haben sich Ereignisse auf dem weltweiten Finanzmarkt überschlagen. Als 26-jährige Politikerin haben mich diese Ereignisse dazu angeregt, einige Fragen zu stellen, die politisch angegangen werden müssen. Um diese Fragen verständlicher zu machen, möchte ich einen kurzen Überblick über die letzten Ereignisse geben und wie sie mein Verständnis der Situation geprägt haben.
Die Geschichte beginnt mit der Silicon Valley Bank in den USA, die sich in einem Umfeld des florierenden VC-Ökosystems befindet. Die Bank hatte viele Einlagen, da ungefähr 50% aller von VCs finanzierten Start-ups in den USA mit der SVB Geschäfte gemacht haben sollen. Als die Einlagen von 2019 bis 2021 stark anstiegen, konnte die Bank nicht schnell genug genug Kredite vergeben und beschloss daher, massiv in hypothekarisch gesicherte Wertpapiere mit langer Laufzeit zu investieren. Das Management traf diese Entscheidung im Jahr 2021, als die Zinssätze sehr niedrig waren, bei ungefähr 1,56%. Als die Zinsen aufgrund einer geldpolitischen Straffung wieder anstiegen, musste die Bank massive "virtuelle Verluste" hinnehmen, da sie 90 Milliarden ihrer Einlagen in sicheren Wertpapieren mit einer Laufzeit von 10 Jahren gebunden hatte. Das Problem dabei ist, dass das Geld nicht verfügbar ist, wenn die Kunden der Bank ihr Geld zurückhaben möchten. Die Verluste sind "nur" virtuell, solange ihre Einleger ihr Geld dort belassen, aber aufgrund der allgemeinen Verlangsamung der VC-Tätigkeit kam es zu Abflüssen, da die Start-ups ihr Geld benötigten. Zusätzlich stiegen die Zinsen, wodurch die Wertpapiere nun an Wert verlieren, da Investoren risikofrei über US-Treasuries eine Rendite von etwa 5% erhalten. Die Konsequenz: Die Menschen sind nicht bereit, für Wertpapiere zu zahlen, die nur eine Rendite von 1,56% erzielen.
Die SVB hat die verantwortungsvolle Aufgabe, sicherzustellen, dass sie jederzeit in der Lage ist, ihren Kunden Geld auszuzahlen. Um dies zu gewährleisten, hat die Bank beschlossen, einen Teil ihrer Wertpapiere zu verkaufen, die sie nicht bis zur Fälligkeit behalten möchte (AFS). Darüber hinaus plant die SVB, ein Fundraising von 2,25 Milliarden USD durchzuführen, wobei 500 Millionen USD von der privaten Beteiligungsgesellschaft General Atlantic stammen sollen. Allerdings muss die Bank aufgrund dieser Entscheidungen einen Verlust von 2 Milliarden USD hinnehmen, nachdem sie 20 Milliarden USD ihrer Anleihen verkauft hat. Dies hat dazu geführt, dass viele VCs ihren Kunden geraten haben, die Bank zu meiden. Ein Teufelskreis beginnt, als immer mehr Menschen ihre Gelder von der Bank abziehen möchten, was schliesslich zur Insolvenz der Silicon Valley Bank führt. Die FDIC greift ein und schliesst die Bank, doch die FED, die FDIC und das Finanzministerium versuchen zu retten, was noch zu retten ist.
Allerdings gibt es hier einige skandalöse Details, die ans Licht gekommen sind. Man munkelt in der Industrie, dass die Top-Manager, darunter CEO, CFO und CMO, ihre Aktien im Wert von 4.4 Millionen USD verkauft haben, obwohl sie von dem bevorstehenden Zusammenbruch gewusst haben müssen. Der Skandal wird noch grösser, wenn man bedenkt, dass die Bank seit 8 Monaten keinen Chief Risk Officer hatte, was in einer Zeit, in der die Zinsen so schnell gestiegen sind wie nie zuvor, äusserst fahrlässig ist. Darüber hinaus war ihr Chief Administration Officer CFO bei Lehman Brothers, als das Unternehmen 2008 zusammenbrach, ein weiteres dunkles Omen für die SVB.
Die SVB hat sich auf Start-ups konzentriert, die von Risikokapitalgebern finanziert wurden, was an sich schon ein äusserst riskantes Geschäft ist. Aber was wirklich schockierend ist, ist die Tatsache, dass sie Milliarden von Dollar in langfristige Festzinsanlagen investiert haben, als die Zinsen nahe Null lagen, was zu einem massiven Missverhältnis in ihrer Bilanz geführt hat. Diese Diskrepanz hat ein ernsthaftes Risiko in einem Umfeld steigender Zinsen geschaffen und zu hohen, nicht realisierten Verlusten geführt, die das Kapital der Bank gefährdet haben.
Wie konnte eine Bank mit einem Vermögen von mehr als 200 Milliarden USD, die kürzlich von Forbes als eine der besten Banken des Landes eingestuft wurde, solch ein schreckliches Risikomanagement haben? Tatsächlich hatten etwa 50% aller US-Start-ups etwas mit der SVB zu tun, darunter auch namhafte Unternehmen wie Circle 3.3 Milliarden, Roku 487 millionen, BlockFi 227 millionen, Roblox 150 millionen, Ginkgo Bio 74 millionen, iRythm 55 millionen, Rocket Lab 38 millionen, Sangamo Therapeutics 34 millionen, lending club 21 millionen und payoneer 20 millionen, um nur einige zu nennen. Doch das grösste Problem der SVB war, dass sie Einlagen von etwa 200 Milliarden USD hatte, von denen etwa 97% über dem amerikanischen FDIC-Limit von 250.000 USD lagen.
Der Zusammenbruch der SVB hatte verheerende Auswirkungen auf andere Ökosysteme, unter anderem auch den Kryptomarkt. Circle, das Unternehmen, das zuvor erwähnt wurde, hatte unglaubliche 40 Milliarden USDC-Reserven auf der SVB, von denen schlussendlich 3,3 Milliarden USDC aufgrund fehlgeschlagener Überweisungen zur Auszahlung des Guthabens nicht bearbeitet wurden. USDC ist eine Kryptowährung, eine digitale Münze, die stabil mit dem US-Dollar verbunden ist. Plötzlich brach also der USDC auf dem Kryptomarkt ein, was Verwirrung stiftete, denn eigentlich ist der USDC eine stabile Münze, die eben an den US-Dollar gekoppelt ist. Die Kryptowelt versuchte noch, das Geschehene zu begreifen, denn innerhalb von nur etwa drei Stunden verlor der zweitgrösste Stablecoin 12% seines Wertes. Einige aus der Branche rätselten noch und setzten den Vorfall mit dem Terra Luna-Skandal gleich, da sie den Zusammenhang zwischen SVB, Circle und USDC noch nicht erkannt haben.
Aber das ist noch nicht alles, denn der Zusammenbruch der SVB markierte eine historische Ära. Denn auch die Silvergate Bank und die Signature Bank brachen zusammen.
Die Silvergate Bank hatte im vierten Quartal 2022 etwa 90% ihrer Einlagen mit Kryptowährungen verbunden, wobei über 1 Milliarde US-Dollar an Einlagen an Sam Bankman-Fried gebunden waren. Falls Du den Namen Sam Bankman-Fried nicht kennst, er ist für den grössten Skandal der insolventen Kryptobörse FTX bekannt. Um diesen Skandal zu erklären, müssen wir uns an den November 2021 erinnern, als Bitcoin seinen Höchststand von etwas mehr als 68.000 US-Dollar erreichte. Ein Jahr später lag der Preis von Bitcoin bei nur noch 16.000 Dollar, eine Einbusse von etwa 75%. Die Inflationsraten waren hoch, die Leitzinsen gestiegen und wir steckten in einer Versorgungskrise. Der Zusammenbruch von Terra Luna, die wir bereits erwähnt haben, und anderen Pleiten wie dem Krypto-Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC), dem Krypto-Lending-Anbieter Celsius oder der kanadischen Kryptobörse Voyager und der ehemaligen deutschen Kryptobank Nuri, führten zu diesem Zustand.
Sam Bankman-Fried gehörten die Kryptobörse FTX und das Unternehmen Almeda Research. Das Problem war jedoch, dass Alameda Research nicht nur Kredite von Banken oder Kapitalgebern annahm, sondern auch von FTX selbst. FTX verwendete für die Kreditvergabe jedoch nicht eigenes Geld, sondern Einlagen von Kunden, von denen die Kunden absolut nichts davon wussten. Alameda hinterlegte als Sicherheiten den eigenen Token FTX, faktisch also gar nichts, und hier wird klar, dass die Geschichte von Sam Bankman-Fried betrügerische Züge annimmt. Auch in diesem Fall wurde das Risikomanagement grob ausser Acht gelassen.
In diesem Fall ereignete sich ein Bank Run, bei dem die Menschen ihre Einlagen abhoben, wodurch FTX die Zahlungsanforderungen nicht mehr bedienen konnte, da sie die Kryptowährungen nicht mehr besassen. Alameda Research hatte währenddessen die geliehenen Gelder in andere insolvente Unternehmen wie Celsius investiert oder sie einfach verloren, was zum bekannten FTX-Skandal führte.
Der Zusammenbruch der Signature Bank hing ebenfalls mit dem Zusammenbruch von FTX zusammen, da die Bankeneinleger anfingen, Milliarden von Einlagen abzuziehen. Signature Bank wollte das mit dem Kryptowährungsmarkt verbundene Risiko reduzieren und trennte sich Ende 2022 von der Kryptobörse Binance. Am 10. März 2023 wurde die Bank dann von einem milliardenschweren Ansturm auf die Bank getroffen, da Einleger besorgt waren über die mit Kryptowährungen verbundenen Risiken. Mit dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank erlitten auch die Aktien der Signature Bank einen 23% Wertverlust, den grössten in der 22-jährigen Geschichte der Bank. Zwei Tage später schlossen die Aufsichtsbehörden des New York State Department of Financial Services die Signature Bank, was den drittgrössten Zusammenbruch in der Geschichte der USA darstellt. Da die Bank nicht in der Lage war, vor der Öffnung der Märkte am Montagmorgen einen Verkauf abzuschliessen oder ihre Finanzen anderweitig zu stärken, wurde die Bank von der FDIC unter Zwangsverwaltung gestellt. Sofort wurde die Signature Bridge Bank N.A. gegründet und die vermarkteten Vermögenswerte an Bieter verkauft. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Signature Bank liefen auch bundesstaatliche Untersuchungen zur Strenge der Massnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche, also Untersuchungen zu deren Sorgfaltspflicht.
Nun zurück zum aktuellsten Geschehen. Während dieser Woche wurde über die Zukunft der Credit Suisse spekuliert. Wird sie Konkurs anmelden? Wird sie aufgekauft? Wie wird der Schweizer Staat in diesem Zusammenhang eingreifen? Aus Spekulation wurde gestern Ernst, als der Bundesrat bekannt gab, dass der Staat mit Garantien in Höhe von 9 Milliarden Franken einspringen würde. Somit kauft die grösste Bank der Schweiz die zweitgrösste Bank auf, es gibt also nur noch eine Grossbank in der Schweiz. Zunächst hiess es, dass die Credit Suisse für eine Milliarde Franken gekauft werden würde, dann für zwei Milliarden, aber nun hat man sich auf 3 Milliarden CHF geeinigt. Die Nationalbank gewährte der Credit Suisse und der UBS ausserdem ausserordentliche Liquiditätshilfen in Höhe von insgesamt 200 Milliarden Franken, obwohl es drei Tage zuvor hiess, dass es nur 50 Milliarden Franken seien. Wie konnte man diese Entwicklungen so schnell durchsetzen? Indem der Bund erneut Notrecht anwendete. Die Begründung lautete, um schwere volkswirtschaftliche Schäden abzuwenden.
Für die Credit Suisse-Aktionäre ist das ein harter Schlag: Sie erhalten weniger als die Hälfte des Schlusskurses vom Freitag. Statt barer Münze gibt es eine UBS-Aktie für 22,48 CS-Titel – das entspricht einem lächerlichen Preis von 76 Rappen pro Aktie. Dass die UBS die Credit Suisse ohne Zustimmung der Aktionäre übernimmt, ist ein schamloser Bruch des Aktionärsrechts. Der Bund hat offenbar zu diesem Schritt gegriffen und dabei auf Notrecht zurückgegriffen, um ein Eingreifen in die Angelegenheit zu ermöglichen. Der Schritt ist nicht ohne Risiko für die UBS: Sie übernimmt auch die damit verbundenen Verbindlichkeiten, die zum Teil durch die Bundesgarantien von 9 Milliarden Schweizer Franken abgedeckt werden. Darüber hinaus wird die UBS mit zusätzlicher Liquidität im Umfang von insgesamt 200 Milliarden Franken unterstützt – eine ausserordentliche Massnahme, die es so in diesem Umfang meines Wissens in der Schweiz noch nicht gegeben hat.
Die Liquiditätshilfe ist durch ein mit Konkursprivileg gesichertes Darlehen sowie durch eine Ausfallgarantie des Bundes abgesichert. Schon am 11. März 2022 hatte der Bund Vorbereitungsarbeiten für einen Public Liquidity Backstop getroffen, um die Liquidität systemrelevanter Banken zu stärken. Allerdings musste der Bundesrat in diesem Fall eine Notverordnung erlassen, um die Hilfe zu genehmigen. Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) hat den Auftrag, bis Mitte 2023 eine Vernehmlassungsvorlage auszuarbeiten, um die entsprechenden Regeln und Massnahmen zu klären.
Einen Tag später sitze ich als junge Politikerin hier und frage mich, welche Auswirkungen all diese Ereignisse auf unsere Gesellschaft haben werden. Ich beschäftige mich besonders mit folgenden Fragen:
• Wie konnte es trotz des Versprechens, dass keine Bank mehr vom Staat gerettet werden muss, erneut zu einer solchen Rettungsaktion kommen? Schliesslich haben die Behörden und die Banken in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, Regeln zu schaffen, um solche Situationen zu verhindern. Handelt es sich um ein Versagen des Systems?
• Wie ist es zu rechtfertigen, dass der Schweizer Bundesrat bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit auf Notrecht zurückgreifen musste? Steht das im Einklang mit den demokratischen Werten und der liberalen Marktwirtschaft, auf denen unser Land aufbaut?
• Wie stehe ich persönlich zu der Fusion der beiden grössten Banken in der Schweiz? Kann diese Fusion, die vom Bundesrat unterstützt wurde, mit dem Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen vereinbart werden?
• Was bedeutet es für die Schweiz, dass die Nationalbank trotz eines Verlusts von 132,5 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2022 nun Milliarden an Liquiditätshilfen zur Verfügung stellt?
• Wie definiere ich Systemrelevanz und wo endet sie? Wieso wird die Credit Suisse, die für ihren Anstieg von Credit Default Swaps, Geldwäsche im Zusammenhang mit Kokain, das Bermuda-Urteil, die geleakten Suisse-Geheimnissen, ihren unternehmenskulturellen Schwierigkeiten, dem Betrug mit Thunfischanleihen, dem Archegos-Ausfall, dem Zusammenbruch des Greensill-Fonds sowie diverser Risiko- und Kontrollmängel, innerhalb weniger Tage gerettet - Währenddessen die gesamte Schweizer Kunst- und Kulturbranche bestehend aus mehr als ~17,19 Milliarden CHF während der Covid-19-Pandemie unter der System-Irrelevanz gelitten hat?
• Welche potenziellen Gefahren für den Schweizer Finanzplatz ergeben sich, wenn wir jetzt nur noch eine Schweizer Grossbank haben?
• Warum hat der Ständerat 2014 den von den Grünen geforderten Vorschlag für ein Trennbanksystem abgelehnt?
• Kann ich als Vertreterin der Grünen der Rettung einer Institution mit staatlichen Geldern zustimmen, die in den Jahren 2016-2021 allein die fossile Industrie mit 91,74 Milliarden US-Dollar finanziert hat?
• Welche Signale senden die Ereignisse der letzten 24 Stunden an Too Big To Fail Institutionen? Schafft dies nicht gerade eine Sicherheit für sie, dass sie sowieso gerettet werden, insbesondere im Falle der Credit Suisse, die sich durch Missmanagement und Risikogeschäfte ins Abseits manövriert hat?
• Wenn die Credit Suisse dem Schweizer Staat bereits seit Monaten Kopfschmerzen bereitet hat, warum wurde nicht früher gehandelt, anstatt in einer Hauruck-Übung über das Wochenende zu handeln?
• Wie wird der Schweizer Finanzplatz global nun wahrgenommen? Was bedeuten die staatlichen Eingriffe mittels Notrechts in die freie Marktwirtschaft? Beruhigen diese Eingriffe den Markt oder richten sie eher Schaden an?
Es sind noch viele offene Fragen, die es in den nächsten Wochen zu beantworten gibt. Auch ich habe mir diese Thematik in den vergangenen 24 Stunden vertieft erarbeitet, sodass auch hier eine gewisse Informationsassymetrie bei mir noch vorhanden ist. Es gilt, sich neue Informationen zu beschaffen, die situation weiterhin zu analysieren, sich mit anderen Menschen auszutauschen und stets die neusten Entwicklungen zu berücksichtigen.
Eines ist jedoch bereits klar: mangelhaftes Risikomanagement hat zu vielen dieser Debakel geführt. Wir müssen Lehren aus dieser Krise ziehen. Diese Ereignisse sind historisch und werden in die Geschichte eingehen, wie die Finanzkrise von 2007/2008 und das Swissair-Grounding. Ich bin gespannt, welche Schlüsse meine politischen Kolleginnen und Kollegen ziehen werden, und noch mehr darauf, welche Lehren wir für die Gestaltung der Zukunft mitnehmen.
Was sind deine Einschätzungen und Gedanken zu den aktuellen Entwicklungen?
Schreibe es in die Kommentare – ich bin gespannt!
LINKS:
Tagesschau vom 19.03.2023: Spätausgabe
UBS übernimmt die Credit Suisse
Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA: "Too big to fail" und Systemstabilität
Die Skandale der Credit Suisse - Spione, Lügen und Geldwäsche
19.03.23 - Medienkonferenz des Bundesrates