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Das Wort „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde – wir kaufen „nachhaltig“ ein, wir reisen „nachhaltig“, Firmen preisen ihre „nachhaltigen“ Strategien, ja sogar der Finanzplatz will „nachhaltig“ werden. Glencore, Nestlé, Credit Suisse oder die UBS – auf jeder Website findet sich heutzutage eine mehr oder weniger ausführliche Dokumentation zum Thema. So viele verschiedene Akteure die Nachhaltigkeit für sich und ihre Aktivitäten beanspruchen, so unterschiedlich deren Ansätze und Definitionen, was Nachhaltigkeit eigentlich konkret bedeutet. Häufig geht es darum, wirtschaftliche Profit- und Wachstumskriterien mit ökologischen Kriterien zu verbinden, d.h. mit einem möglichst klima-, umwelt- und ressourcenschonenden Produktions- und/oder Konsumansatz. Andere Akteure ergänzen diesen Ansatz noch mit sozialen Ansprüchen (etwa gut bezahlte und menschenwürdige Arbeitsplätze, Geschlechtergerechtigkeit etc.). Seitdem die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der UNO existieren, werden zudem auch immer häufiger einzelne der 17 Ziele herausgepickt, um nachhaltiges Engagement zu demonstrieren.
Eine erste offizielle Definition von „nachhaltiger Entwicklung“ findet sich im Brundtland Report von 1987. Sie bezeichnet eine "Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“. Die Vernetztheit aller wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Vorgänge wird in diesem Bericht erstmals betont. So wird denn Nachhaltigkeit oft als 3-Säulen-Modell dargestellt – alternativ als drei miteinander verbunden Kreise –, wobei Nachhaltigkeit erreicht sein soll, wenn alle drei Säulen unter einem Dach zusammenkommen bzw. die Kreise eine grosse Schnittmenge aufweisen.
Aber wie genau stehen diese drei Dimensionen zueinander? Ist es möglich, alle Dimensionen gleichwertig zu behandeln? Und in welcher Beziehung steht das Wirtschaftswachstum zur Nachhaltigkeit?
Schwache und starke Nachhaltigkeit
Diese Fragen spalten auch die Wissenschaft. Die grössten Differenzen innerhalb der wissenschaftlichen Debatte lassen sich exemplarisch aufzeigen zwischen Proponenten der sogenannten „schwachen Nachhaltigkeit“ (weak sustainability) und jenen der „starken Nachhaltigkeit“ (strong sustainability). Beide Lager gehen davon aus, dass sich das menschliche Wohlergehen aus verschiedenen Kapitalien zusammensetzt:
- "Menschengemachtem Kapital“ (Infrastruktur, Gebäude, Maschinen etc.)
- „Natürlichem Kapital“, welches sowohl für den Produktionsprozess relevante Ressourcen (u.a. Holz, Wasser, Mineralien), wie auch für das Leben an sich relevante Ressourcen (Biodiversität, Atmosphäre, Ökosysteme etc.) umfasst
- Humankapital (Bildung, Gesundheit etc.)
- Sozialkapital (z.B. menschliche Beziehungen, Werte)
- Finanzkapital
Beide Lager sehen Nachhaltigkeit dann als gegeben, wenn die Summe der Kapitalien entweder beibehalten oder vergrössert wird, so dass das Wohlergehen der zukünftigen Generationen nicht gefährdet wird. BefürworterInnen der „schwachen Nachhaltigkeit“ gehen jedoch davon aus, dass die verschiedenen Arten von Kapital untereinander austauschbar sind und nur die Summe der Kapitalien gleichbleiben oder wachsen muss, nicht aber jede einzelne Art von Kapital. Aus ihrer Sicht heisst das konkret: Wenn z.B. natürliches Kapital dazu genutzt wird, um es in menschengemachtes Kapital zu transformieren und dieses zu vergrössern, ist ein System bereits nachhaltig. Dem Problem der voranschreitenden Ressourcenknappheit und Umweltdegradation stellen sie den technischen Fortschritt entgegen (welcher notabene durch die Umwandlung von natürlichem Kapital in menschengemachtes Kapital stattfindet). Die Vertreter dieser Auffassung von Nachhaltigkeit, die in politischen und wirtschaftlichen Kreisen nach wie vor weit verbreitet ist, gehen davon aus, dass Wirtschaftswachstum eine notwendige Voraussetzung für menschliches Wohlergehen und Wohlstand ist und dass der damit einhergehende technische Fortschritt zur Lösung ökologischer Probleme genutzt werden kann.
BefürworterInnen der „starken Nachhaltigkeit“ argumentieren hingegen, dass Naturkapital nicht einfach durch andere Kapitalien ersetzbar ist. Sie zeigen die planetaren Grenzen sowie die geo- und biophysischen Kipppunkte (tipping points) auf, welche – sobald sie überschritten werden – irreversible Vorgänge auslösen können, die bestimmte Spezies oder das gesamte Leben auf der Erde gefährden (Beispiele dieser Kipppunkte sind etwa das Schmelzen des antarktischen Eises oder die Zerstörung des Amazonasgebietes). Proponenten dieses Nachhaltigkeitsmodells argumentieren mit den planetaren Grenzen des Wachstums und plädieren für eine Kontextualisierung der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, welche unsere Abhängigkeit von unserer natürlichen Umwelt klarer aufzeigt. Sie bevorzugen daher eine andere Darstellung von Nachhaltigkeit (siehe Abbildung unten), um zu illustrieren, dass die drei Dimensionen nicht unabhängig voneinander existieren, sondern dass wir als Gesellschaft ein Teil unserer natürlichen Umwelt sind. Auch die Wirtschaft existiert nicht unabhängig von Gesellschaft und Umwelt, sondern ist Bestandteil des sozialen Lebens auf dem Planeten und wird von der Gesellschaft gestaltet.
Nachhaltige Entwicklung – ein Widerspruch?
Verschiedene VertreterInnen der „starken Nachhaltigkeit“ (etwa der Deep Ecology und Ecological Economics) lehnen die Idee der „nachhaltigen Entwicklung“ grundsätzlich ab, da Nachhaltigkeit und Entwicklung – ein Wort, das oft mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt wird – aus ihrer Sicht zwei miteinander unvereinbare Konzepte sind. Sie betonen, dass die politische Debatte rund um die „nachhaltige Entwicklung“ (inklusive die Agenda 2030) bisher hauptsächlich für kosmetische Reformen des bestehenden Wirtschaftssystems genutzt wurde, ohne dabei die unterliegende Problematik von ungleicher Machtverteilung, von Ausbeutung und Redistribution anzusprechen. Sie monieren auch, dass unser wachstumsorientiertes ökonomisches System massiv abhängig ist von der Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen (Arbeitskräften), was dazu geführt hat, dass sowohl die sozialen Ungleichheiten wie auch die Umweltzerstörung einen Punkt erreicht haben, der das menschliche Überleben auf dem Planeten gefährdet. Verschiedene feministische WissenschaftlerInnen (etwa aus dem Gebiet der Feministischen Ökonomie oder der Feministischen Politischen Ökologie) fügen dem noch hinzu, dass die allumfassende Logik des Wirtschaftswachstums nicht nur zu wachsenden sozialen Ungleichheiten und Umweltschäden führt, sondern dass auch die Fürsorge- und Pflegearbeit, welche einen Grundpfeiler des menschlichen Überlebens darstellt (und nach wie vor grösstenteils von Frauen ausgeführt wird), immer mehr unter Druck kommt, da auch sie der vorherrschenden Wirtschafts- und Profitlogik untergeordnet wird. Schliesslich kommt auch aus dem Süden Kritik am Modell der „nachhaltigen Entwicklung“, dies aufgrund seiner westlich geprägten linearen Auffassung von Fortschritt und Wohlstand sowie fehlender Naturverbundenheit und Spiritualität (alternative Modelle sind etwa das bolivianische Konzept des buen vivir oder das indische swaraj). So plädieren denn auch verschiedene Kritiker für einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel, welcher die Umwelt, die Fürsorge (Care) und die zwischenmenschlichen Beziehungen ins Zentrum stellt und die Wirtschaft anhand entsprechender Ziele neu definiert und reguliert.
Ein Paradigmenwechsel ist unabdingbar
Auch wenn das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ vage und z. T. strittig bleibt, gehören aus Sicht von Alliance Sud sowohl der damalige Brundtland Report wie auch die Agenda 2030 zu den wichtigsten Grundpfeilern der Geschichte der „Nachhaltigkeit“. Allerdings ist die Geschichte noch nicht zu Ende geschrieben: Es reicht nicht aus, sich zu Nachhaltigkeit zu bekennen und dazu einzelne SDGs als Kronzeugen heranzuziehen. Notwendig ist eine Diskussion über die der „nachhaltigen Entwicklung“ zugrundeliegenden Visionen. Alliance Sud positioniert sich dabei klar auf Seite der VertreterInnen der „starken Nachhaltigkeit“, welche die Wirtschaft so gestalten möchten, dass sie einen Beitrag zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit leistet. Wirtschaftliche Tätigkeit ist eine Voraussetzung für Bedürfnisbefriedigung, technische Innovation und Wohlstand; allerdings ist unser dereguliertes, wachstums- und profitorientiertes Wirtschaftssystem gleichzeitig ursächlich verantwortlich für einen Grossteil der Probleme, welche die SDGs beseitigen sollen (Ausbeutung, Ungleichheit, Verlust der Biodiversität, Treibhausgase, Verschmutzung der Meere, gesundheitliche Probleme etc.). Es scheint daher höchst unwahrscheinlich, dass die Ziele der Agenda 2030 erreicht werden, ohne die Ursache der Probleme anzugehen. Um die SDGs zu erreichen und die Welt gerechter und lebenswerter zu gestalten, müssen wirtschaftliche Tätigkeiten und Investitionen so reguliert werden, dass ökologisches und soziales Verhalten belohnt und umweltzerstörerisches und menschenfeindliches Verhalten sanktioniert werden. Gleichzeitig braucht es – um noch einmal die ökonomische Sprache der Kapitalien zu nutzen – eine Umverteilung des globalen Finanzkapitals, welches in den letzten Jahrzehnten massiv angewachsen ist, allerdings ohne dabei gleichzeitig zu einem dementsprechenden Anstieg der anderen Kapitalien geführt zu haben. Finanzkapital erzielt jedoch erst dann eine Steigerung des menschlichen Wohlergehens, wenn es in die anderen Kapitalien investiert wird; dies wiederum geschieht in einem primär profitorientierten Wirtschaftssystem nur wenn eine Investition profitabel ist bzw. das Finanzkapital des Investors weiter anwachsen lässt.
Während sich die momentane entwicklungspolitische Debatte aus diesem Grund darum dreht, wie man staatliche Gelder am besten dazu nutzen kann, möglichst viele private Investitionen für „nachhaltige“ Projekte zu mobilisieren – indem ihre Rentabilität gesteigert resp. ihre Risiken minimiert werden – steht eine aus Sicht von Alliance Sud viel wichtigere grundsätzliche und ehrliche Debatte noch aus. Eine Debatte zu den Ursachen und Auswirkungen der massiven globalen Ungleichheit (inklusive der Konzentration des globalen Finanzkapitals in den Händen einiger weniger) sowie zu den Möglichkeiten der Erreichung der SDGs durch Umverteilung und Regulierung des Finanzkapitals (etwa in Form von gerechter Besteuerung). Zudem scheint ein Paradigmenwechsel hin zu mehr Menschlichkeit und Naturverbundenheit, globaler Kooperation und Solidarität unabdingbar, wenn wir die Welt den nächsten Generationen in einem lebenswerten Zustand überlassen wollen. Viel Zeit haben wir nicht mehr.