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Der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai bewegt seit einigen Monaten die Welt. Am 2. November hatte die ehemalige Weltnummer 1 im Doppel im sozialen Netzwerk Weibo Vorwürfe wegen eines sexuellen Übergriffs durch den ehemaligen chinesischen Spitzenpolitiker Zhang Gaoli veröffentlicht.
Der Post verschwand nach wenigen Minuten wieder. Genau wie die 36-jährige Chinesin. Wochenlang gab es kein Lebenszeichen von ihr. Am 21. November wurde dann ein virtuelles Gespräch von Peng Shuai mit dem IOC-Präsidenten Thomas Bach veröffentlicht, in dem sie angab, dass es ihr gut gehe und sie sich in Sicherheit befinde.
Dass sie niemals verschwunden gewesen sei, wiederholte Peng Shuai kurz vor Weihnachten gegenüber einer Reporterin der chinesischen Zeitung «Lianhe Zaobao» aus Singapur, die sie – angeblich zufällig – bei einer Skisportveranstaltung in Schanghai in Anwesenheit des chinesischen Basketballstars Yao Ming getroffen hatte.
A friend sent me this video showing Chinese tennis star player Peng Shuai talked with Yao Ming, one of the most beloved players in @NBA history, this morning at an event “FIS Cross-Country Skiing China City Tour’ in Shanghai. pic.twitter.com/Ebduv5rean— Qingqing_Chen (@qingqingparis) December 19, 2021
Danach wurde es wieder still um die Tennisspielerin – bis zu diesem Wochenende: Nach einem Treffen mit IOC-Präsident Thomas Bach am Samstag gab sie der französischen Zeitung «L'Équipe» erstmals wieder ein Interview mit einem unabhängigen, westlichen Medium. Das Gespräch wurde vom chinesischen Nationalen Olympischen Komitee organisiert und in einem Pekinger Hotel geführt.
Völlig frei konnten die Journalisten Peng dabei allerdings nicht befragen. Das Interview verlief ziemlich bizarr, wie die «Équipe» verriet:
Im «Équipe»-Interview wiederholte Peng, die gemäss den Journalisten «in guter Verfassung erschien», via Übersetzer Kan erneut, dass sie nie verschwunden war, dass sie einen Missbrauchsvorwurf erhoben hat und dass alles nur ein grosses «Missverständnis» sei.
Peng über ihren Vorwurf des sexuellen Übergriffs:
Auf die Frage, warum ihr Weibo-Beitrag verschwunden sei:
Auf die Frage, warum für Wochen niemand etwas von ihr gehört habe:
Auf die Frage, ob sie die Angst um sie verstehen könne:
Auf die Frage, wie es ihr heute gehe:
Im Interview gab Peng zudem ihren Rücktritt vom Tennis bekannt. Mit Blick auf ihr Alter, ihre Knie-Probleme und die Corona-Pandemie sei es nur sehr schwer vorstellbar, dass sie noch einmal ihr früheres Niveau erreiche.
Peng berichtete weiter vom Treffen mit IOC-Präsident Thomas Bach und der früheren Athletensprecherin Kirsty Coventry aus Simbabwe am Samstag. Sie habe Bach und Coventry zum Abendessen getroffen. Das IOC bestätigte das Treffen, bei dem «die drei über ihre gemeinsamen Erfahrungen als Athleten bei Olympischen Spielen gesprochen» hätten.
Beim Treffen habe Peng angekündigt, nach Europa reisen zu wollen, wenn die Pandemielage es zulasse, teilte das IOC mit. Auch ein Besuch des IOC-Museums in Lausanne sei geplant. In Peking habe sich die Chinesin bereits Curling angeschaut und wolle auch noch zum Eiskunstlaufen und zum Ski-Freestyle, um ihre Landsfrau Eileen Gu anzufeuern. Über weitere Inhalte des Gesprächs sei zwischen den drei Beteiligten Vertraulichkeit vereinbart worden.
Angesprochen auf Pengs Aussagen erklärte IOC-Sprecher Mark Adams am Montagmorgen, dass man keine Bewertung vornehmen wolle, ob die ehemalige Tennisspielerin ihre Vorwürfe aus freien Stücken zurückgenommen habe. «Wir als Sportorganisation tun alles dafür, um sicherzustellen, dass sie glücklich und zufrieden ist. Es ist nicht unsere Aufgabe, und es ist nicht Ihre Aufgabe zu bewerten, wie ihre Position einzuschätzen ist.»
Weltweit sind die Zweifel aber gross, dass Peng ihre Aussagen tatsächlich aus freien Stücken zurückgezogen hat. Der chinesische Künstler Ai Weiwei, der nach regierungskritischen Äusserungen im Jahr 2011 für 81 Tage inhaftiert wurde und bis 2015 das Land nicht mehr verlassen durfte, glaubt, dass Pengs Aussagen mit der Wahrheit wenig zu tun haben: «Sie ist in den sehr sicheren Händen der Kommunistischen Partei», erklärte er in einem Interview mit dem «Guardian» vom Sonntag.
«Sie werden dafür sorgen, dass sie sich genau auf der Linie der Partei verhält. Sie denkt vielleicht selbst schon, dass sie einen Fehler gemacht hat, als sie diese sehr tiefe, dunkle Beziehung offengelegt hat. Sie hat ihre Familie, Freunde und Karriere aufs Spiel gesetzt. Sie ist eine andere Person geworden, und was immer sie sagt, ist nicht wahr.»
Und SRF-China-Korrespondent Martin Aldrovandi erklärt: «Die Absicht dieses Interviews scheint zu sein, die Sorgen um Peng Shuai zu zerstreuen. Wohl in der Hoffnung, dass die internationale Aufmerksamkeit rund um die Vorwürfe abnehmen wird – zumindest von der chinesischen Regierung aus gesehen.» Er gehe nicht davon aus, dass sich die Sportlerin frei äussern könne. «Das Interview hat sie nicht alleine gegeben, sondern sie war offenbar in Begleitung.» Sie stehe wohl unter grossem Druck. Und auch ihre Antworten muteten seltsam an, so Aldrovandi.
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