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SITUATION
Ein aussergewöhnlicher Fluss
Seit Langem gibt es eine «obere Orbe» und eine «untere Orbe». Gefühlsmässig haben die Bewohner dieser Gegend des Juragebirges geahnt, dass eine unterirdische Verbindung zwischen dem Vallée de Joux und Vallorbe existierte. Die obere Orbe nimmt ihren Ursprung im See von Rousses, in Frankreich. Der Fluss fliesst dann träge in Windungen (Orbe=Kurve, Kreis Bahn), bevor er sich in den Lac de Joux wirft. Das Joux-Tal ist eines der schönsten «geschlossenen Becken», dass man in Zentraleuropa bewundern kann. Diese Mulde entstand während der Faltenbildung des Juras, als sich die Bodenhebungen des «Mont Tendre» und des «Risoux» bildeten.
Am Ende des Joux-Sees (Le Pont) tritt eine andere wichtige Naturerscheinung hervor. Eine riesige Erdspalte in der Richtung Nord-Süd hat einen ganzen Berg, den « Dent de Vaulion » quer durch das Tal versetzt und somit eine natürliche Sperre geschaffen. Man kann daher leicht verstehen, weshalb die Seen oder Gletscher (im Eiszeitalter) entstanden, und an dieser Stelle fortbestehen konnten. Man stellt sich daher sehr gut vor, dass das Wasser das ganze Tal füllt, bevor es durch den kleinen Pass von « Pierre à Punex) zwischen Le Pont und Vallorbe abfliesst. Die Wirklichkeit ist aber anders, der rissige Kalkstein, welcher die Seen von Joux und Brenet säumt, bringt es fertig, im Schoss der Erde beachtliche Mengen von Flüssigkeit in sich aufzunehmen. So haben viele « Trichter oder Spalten » (Bonport, Rocheray, Moulin, usw.) diese Rolle auf natürliche Weise vor dem Eingriff der Menschen gespielt.
Vor ein bisschen mehr als hundert Jahren wurde beschlossen, einen künstlichen Ablauf in Richtung Vallorbe zu bohren, um eine bessere Regulierung der Wasserflächen zu gewährleisten. Später wurde dieser Wasserfall zur Herstellung von Elektrizität benutzt «(Kraftwerk von La Dernier). Die Trichter wurden ebenfalls mit Absperrschieber ausgerüstet, um die Wasserverluste zu kontrollieren. Heutzutage wird der Hauptteil der Wassermenge der « unteren Orbe », die an der Oberquelle hervorkommt, durch unterirdische Entwässerungen aus viel geräumigeren Oberflächen (u.a. die Hänge des Mont Tendre und des Risoux) gesichert. Dieses « echt » unterirdische Wasser, welches direkt durch die Niederschläge auf diese Bergketten (Regen oder Schnee) entsteht, folgt ungefähr den gleichen Weg wie die oberflächlichen Gewässer, jedoch mehrere hundert Meter tiefer ! Daher sollten gewissermassen zwei « übereinanderliegende » Orbe-Flüsse in der Gegend des Joux-Tales existieren. Man könnte sich sogar vorstellen, dass sich geräumige Galerien unter dem Joux-See entwickelt haben, in welchen vielleicht die unterirdische Orbe mit Getöse fliesst….
WENN MAN DIE GROTTEN DURCHWANDERT
Oft falsch als « Karstquelle » bezeichnet, ist die Orbequelle und ihr erster « Siphon », oder unter Wasser stehende Galerie, eigentlich eine einfache Anhäufung von Moränblöcken (Gletscher) und Geröll, dass sich auf dem Kerbtalgrund angesammelt hat und somit den unteren Teil der Galerie versperrt, was das Wasser nach oben drängte. Sie ist also nicht mit der berühmten Quelle von Vaucluse zu vergleichen, deren Gewässer von einem wassergefüllten Karst kommen, welcher sich in 300 Metern Tiefe entwickelt. Der Besucher dringt nicht durch diesen nassen Weg in die Höhle, sondern benutzt heutzutage den künstlichen Tunnel, welcher direkt am « Cairnsee » endet. Von hier aus überragt er um etwa 10 Meter die wiedergefundene Orbe. Eine entsprechende Unterwasserbeleuchtung zeigt, dass die grosse und tiefe Wassermasse hier besonders ruhig ist. Der Kontrast ist geradezu ergreifend, wenn man an das Getöse der Gewässer vor oder hinter dem Siphon denkt ! Der Wasserabfluss der Orbe ist ungefähr 2 m3/ Sekunde bei niedrigem Wasserstand, er kann jedoch etwa 80 m3/ Sekunde bei starkem Hochwasser erreichen. Die Wassertemperatur ist unterschiedlich und hängt vom Zufluss der oberirdischen Seen ab. Sie hält sich zwischen 4 und 13°C. Die Lufttemperatur in der Grotte ist stets rund 10 Grad, und die Feuchtigkeit nähert sich 100%. Der Kohlensäuregehalt (CO2) der Luft ist 0,3%. d.h. etwa einen 10 Mal höheren Gehalt als die Luft im Freien. Diese Konzentration stellt jedoch kein Risiko dar und der Besucher fühlt sich in keiner Weise belästigt.
WASSSERFÄLLE UND WASSERSPRÜNGE
Nach dem Hauptsiphon fliesst der unterirdische Fluss wie im Freien zwischen enormen Felsblöcken, welche vom Gewölbe abgebrochen sind. Das Flussbett 200 Meter hinaufgehend, erreichten die Höhlenforscher einen neuen aktiven Siphon : den « Strudelloch-Siphon. Dieser Durchgang ist nur bei niedrigem Wasserstand möglich, denn die « Galerie der Halbertränkten » ist an manchen Stellen eng.
Bevor man den Strudellochsiphon erreicht, entwickelt sich links in Richtung Vallorbe auf mehr als 600 Meter eine riesige Fossilgalrie. Dieser wichtige Zweig der Grotte stellt ein früheres unterirdisches Flussbett der Orbe dar, als der Fluss viel weiter stromabwärts zu Tage kam, und zwar in der Gegend des Schiessstandes. Dieser Teil der Grotte ist ausgiebig mit Kalksteinbildungen versehen, besonders im « Nadelsaal » wo Tausende von Trophsteinröhrchen eng aneinanderhängen.
Um in das Höhlennetz stromaufwärts in Richtung Vallée de Joux zu gelangen, muss man das Ende des touristischen Teiles als Ausgangspunkt nehmen, und von da in den grossen Saal vorstossen. Seine imponierende Grösse wude durch den Abbruch von riesigen Felsblöcken von Gewölbe und Wänden hervorgerufen. Eine beträchtliche Erdspalte hat an dieser Stelle die Bildung dieser unterirdischen Kathedrale gefördert.
Was ihre Verzierung anbelangt, so fehlt es an nichts, an ihrer linken Seite hängen eindrucksvolle Stalaktiten vom Gewölbe, an ihrer rechten Seite rieselt ein riesiger schneeweisser Kalkfluss, gefolgt von unzähligen durchsichtigen Tropfsteinröhrchen. Am Boden « wachsen » zahlreiche Stalagmiten in Form von Tellerstapeln. Das andere Ende des grossen Saals ist mit einem prachtvollen Geröll übersät und bildet eine ganz natürliche « Römerstrasse ».
Wir befinden uns hier an einer der grossen Kreuzungen der Grotte. Wenn man vom grossen Saal aus in der gleichen Richtung weitergeht, trifft man wieder auf die aktive Orbe zwischen dem Strudellochsiphon und dem Badewannensiphon. Man kann aber auch am Ende des Grossen Saals rechts abbiegen, eine 15Meter hohe Wand besteigen, da beginnt die interessante halb-aktive Galerie, welche den Schlüssel zur Fortsetzung der Forschungen liefern wird. Bei starkem Hochwasser füllt sich diese Galerie vollkommen mit Wasser und ein gewaltiger Wasserfall stürzt sich in den Grossen Saal. Die Fortsetzung durch die halbaktive Galerie macht einen viel kahleren Eindruck. Mit Ausnahme der schönen fossilen Galerie, durch welche man den Siphon der Felsblöcke Nr. 1 vermeiden kann und die bei dem Siphon der Felsblöcke Nr. 2 endet, ist dieser Teil des Höhlensystems einförmig und hat nur wenige Tropfsteinbildungen.
Zerstörendes Wasser, aufbauendes Wasser :
- Auf den durch Erosion korrodierten « Karst » oder Kalkmassiv gibt es das ganze Jahr über Niederschläge, in Form von Regen oder Schnee.
- Mit dem Einwirken der Pflanzenwelt und vor allem beim Durchsickern der oberflächlichen Schichten des Bodens (Humus, Mikroorganismen) kann das Wasser « aggressiv » werden, indem sich sein Kohlensäuregehalt erhöht.
- Dieses ätzende Wasser sickert durch die zahlreichen Risse und Spalten des Kalkmassivs und löst das Felsgestein auf. Dabei trägt es das Karbonatkalzium des Kalksteins mit sich.
- Wenn das mit Karbonatkalzium geladene Wasser in den Luftraum der Grotte gelangt, wird es wieder abgestossen, und zwar in Form von Kalk (Kristallisierung). Auf diese Art formen sich Stalaktiten, Stalagmiten, Tropfsteinröhrchen, usw..
- Am Boden kann das Versteinerungsphänomen (flache Becken Stalagmiten) fortdauern durch Befreien des im Wasser enthaltenen Kohlendioxids (etwa so wie, wenn man eine Flasche Mineralwasser schüttelt und der Sprudel im Wasser aufsteigt).
- Der unterirdische Fluss höhlt bedeutende Galerien aus, entweder durch chemische oder mechanische Erosion. Dieser mineralhaltige Stoff wird dann in ausgelöster Form oder als Urteilchen (Sand, Tonerde) mit dem Wasser zu dem Wiederausfluss (Quelle) geschleppt.
KRISTLKLARER WIEDERHALL
Beginnen wir den Besuch nochmals vom Anfang der für die Besucher ausgebauten Grotte, d.h. ab dem Cairn-Saal. Wir werden eine Menge Sintergebilde verschiedenster Formen bewundern können, welche die Natur in dieser « fossilen » Etage geschaffen hat (fossil=vom aktiven Fluss verlassen). Diese verschiedenen Formen sind auf Seite 15 erklärt, Versteinerungen aller Art schmücken Gewölbe, Wände und Boden. Zu den bekanntesten gehöhren, die berühmten Stalaktiten (von der Decke wachsend) und Stalagmiten (vom Boden aufwachsend), welche die geläufigsten Kristallisierungsformen sind, die man unter Erde begegnet. Nebst diesen klassischen Tropfsteinen, welche die Form von Kerzen oder Leuchtergehängen haben, existieren zahllose Formen, die von der chemischen Zusammensetzung des Wassers und dem unregelmässigen Felswänden abhängen. Am ersten Treppengelände entlang, hat sich ein versteinerter Kalkstrom gebildet, worauf eine Kette von Stalagmiten langsam anwachsen. An der gleichen Stelle erscheinen die ersten Tropfsteinröhrchen (oder Makkaroni), welche eigentlich kleine hohle Röhrchen von ungefähr 4 bis 5 Millimetern Durchmesser sind und die sich 2 bis 4 cm pro Jahrhundert durch kristallklare Kalkablagerungen der von der Decke sickernden Wassertropfen formen. Oberhalb der Wendeltreppe schmücken herrliche « Vorhänge » Decken und Wände.
Nach dem weissen Saal durchquert der Besucher den « Schafsee », der sich eigentlich Siphon des Schafes nennen könnte, denn er wurde trockengelegt, um den Durchgang trockenen Fusses zu gewähren. Hier und ein Stück weiter weg kann man Versteinerungen unter der Wasseroberfläche beobachten, wie z.B. Auswüchse in Form von « Blumenkohl » oder « Weintrauben ». Zahlreiche flache Becken und Mikrobecken haben sich ebenfalls in diesem Teil der Grotte gebildet, gleich neben der Treppe, die zur grossen Säule führt. Zur rechten Seite führt eine Treppe zum Quallensaal, welcher ausserordentlich reich an Kalksteinablagerungen ist.
Die 8 Meter hohe « grosse Säule » ist eines der grössten Versteinerungen der Grotte. Oft erkennen Besucher in dieser Art Mineralien Gegenstände oder Bezeichnungen der Aussenwelt. In Wirklichkeit sind diese Bezeichnungen ausschliesslich der Einbildungskraft der Besucher zuzuschreiben, welche manchmal eine beruhigende oder im Gegenteil furchterregende Transponierung machen, durch die Umgebung hervorgerufen. Der steinerne « Büffel », welcher sich rechts hervorhebt, ist sicher das beste Beispiel einer visuellen Ähnlichkeit der ganzen Grotte. Er erinnert tatsächlich an seine «Pelz tragende Brüder », welche 250 Meter über seinem Haupt in den Wiesen vom Mont d’Orzeires grossgezogen werden. Wenn man in Richtung Fluss weiter abwärtsgeht, kann man noch viele ungewöhnliche Kalksteinablagerungen bewundern, insbesondere das längste Tropfsteinröhrchen der Schweiz, welches eine Länge von 4 Metern erreicht. Man muss auch in der Orber-Grotte die « exzentrischen Versteinerungen » erwähnen, welche sich zu Fäden oder kleinen Tröpfchen entwickeln, ohne auf das Grundgesetz der Schwerkraft zu achten. Oder die berühmten « Tellerstapeln » im grossen Saal, welche das Ergebnis der aus grosser Höhe fallende und am Boden zerplatzte Wassertropfen sind.