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Taras Bulba gehört unbestritten zu den populärsten Werken Franz Waxmans; das zeigt sich einerseits an The Ride to Dubno, der sich längst über den Film hinaus als mitreissendes Konzertstück durchgesetzt hat, anderseits am sowohl in der LP- als auch in der CD-Ära immer wieder neu aufgelegten Soundtrack. Diese nachträgliche Albumeinspielung hat allerdings zwei Mankos: Ein kleineres Orchester als die Filmversion und unbefriedigende Klangqualität. Letztere konnte Kritzerland bei der letzten Wiederveröffentlichung vor zwei Jahren zwar noch etwas auf Vordermann bringen, die orchestralen Defizite hingegen blieben bestehen, und diese sind nirgends so offensichtlich wie beim erwähnten Ride to Dubno.
Was dieses Showstück – welches die ungestümen Kosaken und ihren Ritt durch staubigen Steppen so vortrefflich beschreibt – angeht, hat nach wie vor die nunmehr bald 40-jährige Interpretation Charles Gerhardts mit dem NPO Referenzcharakter, und an die kommen nun auch die Prager Philharmoniker unter Nic Raine nicht ganz heran. Aber da der Score ja nicht nur aus diesem einen Stück besteht, ist der Gesamteindruck ein sehr guter, denn das Orchester zeigt sich mit viel Gusto, Leidenschaft, Gefühl und Aggressivität seiner Aufgabe gewachsen.
Nicolai Gogols Novelle Taras Bulba, die in der Ukraine des 16. Jahrhunderts angesiedelt ist, wo sich ein Kosakenführer gegen die polnische Herrschaft auflehnt, was unter anderem in einer Familientragödie endet, entsprangen nicht nur mehrere Verfilmungen, sondern auch eine Oper von Leoš Janáček. Die Filmversion von 1962 hat eine lange Vorgeschichte, an deren Anfang Robert Aldrich stand, der die Geschichte mit Burt Lancaster in der Hauptrolle realisieren wollte, bevor sich schliesslich Harold Hecht und Yul Brynner die Rechte kauften und Brynner unter der Regie von J. Lee Thompson auch gleich den Titelcharakter spielte. Der Film fiel bei der Kritik jedoch gnadenlos durch (so riet etwa das «Time Magazine» dazu, sich einzig auf die 10000 prächtigen argentinischen Pferde zu konzentrieren). Brynner soll sogar bittere Tränen vergossen haben, weil der Endschnitt nicht mehr viel mit seiner Vision des Filmes zu tun hatte.
So bleibt, wie oft, die Musik – die Bernard Herrmann als «The Score of a lifetime» bezeichnete – als wertvollster Bestandteil dieses Filmes und ist für Waxman, auch wenn er in den verbleibenden fünf Jahren bis zu seinem Tod noch Lost Command und ein wenig Fernsehmusik schrieb, die Krönung seiner Karriere, die eigentlich den Oscar verdient hätte. Aber es war das unglaubliche Filmmusikjahr 1962, wo er – zur Spitze des Eisbergs gehörend – wie die restlichen Nominierten To Kill A Mockingbird, Mutiny On The Bounty und Freud an Lawrence Of Arabia scheiterte. Als kleiner Trost war es also wenigstens eine Niederlage auf hohem Niveau.
Da die Filmaufnahmen als verschollen gelten, hatte man bislang, wenn man den Streifen nicht in- und auswendig kennt (und auch dort entspricht nicht alles wie vom Komponisten vorgesehen), nur das Album als Beurteilung zur Verfügung, und da dieses sich im Grossen und Ganzen auf die Highlights konzentriert und nicht chronologisch ist, wird es dem Score nicht wirklich gerecht.
Taras Bulba gehörte vermutlich deshalb nie zu meinen Waxman-Favoriten, doch die komplette Präsentation von Tadlow stellt diese Ansicht nun ziemlich auf den Kopf und ist für mich eine kleine Revolution. So wie ich haben wohl viele Waxman-Fans nur ahnen können, dass da mehr sein muss als was uns das Album verkaufte. Vernachlässigte dieses die düstere und unbequeme Seite des Scores sowie Waxmans Gabe für das Offenlegen menschlicher Abgründe und seelischer Wunden, wird mit der bisher unveröffentlichten Musik nun von genau dem so einiges geliefert, was dem Score eindeutig mehr Tiefe verleiht, da der dramatische Aufbau nun viel schlüssiger ist und das Stimmungsspektrum erheblich erweitert wird. Und dank Waxmans meisterhaftem Umgang mit seinen einprägsamen Themen gibt es trotz einer Laufzeit von etwa 90 Minuten so gut wie keine Durchhänger.
Angesichts des Sujets und musikalischen Vorbildern liegen bei diesem Score Einflüsse von Schostakovitsch und Prokofiev auf der Hand, aber wie immer bei Waxman sind das eher Leitgedanken, die er sich zu eigen macht und der Musik ungeachtet dessen zumeist unmissverständlich seinen Stempel aufdrückt. Zu den wichtigsten Themen gehören «Brotherhood», das den unzähmbahren Freiheitswillen der Kosaken, etwa in Overture oder Ride To Dubno,skizziert, das schwermütige Liebesthema für Natalia – in The Wishing Star mit Chorbegleitung – ein Lullaby für Bulbas Sohn Andrei, eine Kosakenhymne und das vielseitige Zaporozhtzi-Thema.
Ein paar der bisher unveröffentlichten Stücke seinen hier kurz angerissen: Young Andrei/The Priest/Arrival At Kiev/Students Fight ist gespickt mit Stimmungswechseln: von verspielt, melancholisch und feierlich, bis zu Spott und Humor mit chaotischen Anwandlungen. Die von Jagdhörnern beherrschte Hunting Scene. Mykola’s Warning/Mykola’s Death mit Tenor-Tuba, einem Pauken-Duett und schweren, unheilvollen Blechbläsern. Das prozessionale Fanfare And Drums (Welcome To Dubno) mit feierlichem Gesang, Glocken und Fanfaren. Das Finale, entgegen dem bisherigen Album der Filmversion entsprechend.
Um den Fluss des vorwiegend orchestralen Scores nicht zu stören, wurden die im Film gesungenen Lieder als Bonustracks angehängt, als akzeptabler Brynner-Impersonator fungiert Keith Ferreira. Ausserdem enthält der Bonusteil auch noch Alternativ-Versionen der wichtigsten Tracks sowie Ride To Dubno in einer Klavierbearbeitung für sechs Hände. Anders als bei bisherigen Tadlow-Veröffentlichungen wurde Taras Bulba ein wenig offener und räumlicher aufgenommen, was ihm jedoch nicht zum Nachteil gereicht.
Mit Taras Bulba hat uns James Fitzpatrick einen weiteren, grossen Dienst erwiesen, denn dies ist Filmmusik vom Allerfeinsten, und sie erfährt durch diese Doppel-CD eine angemessene Einspielung, die mit allem Nachdruck empfohlen werden kann. Wie lange sie verfügbar sein wird, ist allerdings schwer zu sagen, denn obwohl laut Front-Cover limitiert, ist eine genaue Stückzahl nirgends vermerkt.