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Es ist ja schon erstaunlich genug, dass ein Rocksänger ein Album mit Liedern von John Dowland einspielt, die Musik des Renaissance-Komponisten ist in Atmosphäre, Tempo und Stimmbehandlung nämlich so ziemlich das Gegenteil von allem, was moderne Popmusik verkörpert. Noch viel erstaunlicher ist allerdings, wo die Geschichte des Projektes beginnt: im Circus Roncalli, respektive der Schola Cantorum Basel. An dieser Eliteschmiede für Interpreten Alter Musik erlernte der Bosnier Edin Karamazow das Spiel der Laute. Zusammen mit Freunden trat der originelle Künstler aber auch im Zirkus auf, im Trio mit zwei Gitarren und mit in Tonleitern gestimmten Flaschen. In einer dieser Vorstellungen trafen der britische Barde Sting und Karamazow zum ersten Mal aufeinander. Sting war von der Virtuosität und dem Spielwitz des Trios so beeindruckt, dass er sich hinter die Bühne begab, um die Gruppe für eine Gartenparty zu engagieren.
Noch einmal erstaunlicher ist die Reaktion der drei. Wie sich Karamazow später erinnerte, lehnten sie das Angebot entrüstet ab – mit der Begründung, sie seien keine Showaffen, die auf Befehl eines Rockstars hin zu tanzen begännen, sondern ernste Musiker. Der bosnische Lautenist schoss bei der Gelegenheit allerdings ein Polaroidfoto seiner Gruppe zusammen mit dem Sänger und dessen Frau Trudie. Zum grösstem Erstaunen Stings zog Karamazow dieses aus der Tasche, als er zum zweiten Mal mit ihm in Kontakt gebracht wurde, diesmal dank der Vermittlung des Gitarristen Dominic Miller.
Es war Karamazow, der Sting bei diesem zweiten Treffen explizit ans Herz legte, sich mit den Liedern Dowlands zu beschäftigen, was dazu führte, dass die zwei sich das Repertoire gemeinsam erarbeiteten. Das Resultat liegt in Form der CD «Songs from the Labyrinth» vor.
Auch hinter diesem Titel versteckt sich eine Geschichte: Mit dem Labyrinth ist eine Bodenzeichnung in der Kathedrale von Chartres gemeint, von der Sting derart fasziniert war, dass er sie im Garten seines Hauses in England als Erdrelief nachstellte. Es findet sich als Rosette aber auch auf einer Laute, die der Lautenmacher Klaus Jacobsen für Sting fabriziert hat, womit wiederum der Bogen zu den Lautenliedern Dowlands geschlagen ist.
So wunderbar alle die Anekdoten sind, die sich rund um das Projekt erzählen lassen, so wenig geeignet scheint Stings Stimme für die Interpretation der feinsinnigen und melancholischen Lieder des Renaissance-Barden, auch wenn man ihm zugestehen muss, dass er sich eingehend und seriös mit dem Material befasst hat, ja dafür sogar ein spezielles Stimmtraining absolvierte. Die Wiedergaben tönen dennoch etwas atemlos und im Vergleich zu Interpretationen klassisch geschulter Sänger doch recht eindimensional, ein Eindruck der durch die Aufnahmetechnik verstärkt wird: Die warmen Bassregionen scheinen regelrecht beschnitten, und selbst dort, wo Stimme und Lauten Raum beigemischt wird, wirkt das Klangbild hart und trocken.
Ein weiteres Problem hat Sting auf der andern Seite recht elegant gelöst: Die Dowland-Lieder sind alle ziemlich kurz – das längste nimmt auf der CD viereinhalb Minuten ein, das kürzeste gut eineinhalb Minuten, zudem unterscheiden sie sich im Charakter nicht so dramatisch, dass sich in den wenig individuellen Interpretationen nicht Eintönigkeit einstellen würde. So ist das Programm denn angereichert mit mehreren Chorpartien, virtuosen Instrumentalnummern, Zitaten aus biografischen Texten Dowlands, einem Lied des Dowland-Zeitgenossen Robert Johnson und zurückhaltend verwendeten Natur- und Umgebungsgeräuschen, zum Beispiel Glockengeläute.
Sting sieht Dowland als eine Art Urvater der europäischen Singer-Songwriter, dessen einschneidendes Erlebnis Ende des 16. Jahrhunderts darin bestand, den Job nicht zu erhalten, welcher ihm nach eigener Überzeugung zugestanden hätte, nämlich denjenigen des königlichen Lautenisten.
Dowland reist auch viel - unter anderem via die Höfe von Wolfenbüttel und Kassel nach Florenz. In Italien erhält er Kenntnis von einer katholischen Verschwörung gegen die britische Königin Elizabeth I. Darüber informiert er Sir Robert Cecil, den Sicherheitschef der Königin, in einem Brief. Aus diesem stammen die Partien, die Sting auf der CD zitiert.
Die «Songs from the Labyrinth» wecken letztlich widersprüchliche Gefühle. Auf der einen Seite bleibt der Eindruck, dass Sting dem Genius Dowlands und dem elisabethanischen Zeitgeist nicht gerecht zu werden vermag. Auf der andern Seite bleibt das Album eine wunderbare und aussergewöhnliche Produktion, die weit über die alltäglichen Belanglosigkeiten der heutigen Pop-Produktionen hinausragt – nicht zuletzt auch, weil sich darum so viele wunderbare Geschichten erzählen lassen... (wb)