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François Sigrist (79) ist ein aufgestellter, mitteilsamer Mann. Wer ihm gegenübersitzt, kann sich kaum vorstellen, was er in den letzten 18 Monaten durchgemacht hat: mehrere Aufenthalte in der Berner Klinik Montana, im CHUV Lausanne und im Spital Wallis, wo ihm Pflegende gefühlte 140 Verbände angelegt haben. Eine Geschichte, drei Sichtweisen.
Er sei ein lebendes Wunder, erzählt François Sigrist. Seine Diagnose im November 2017 lautete Kiefernekrose – die Folge eines Anti-Osteoporose-Medikaments zur Behandlung seines Prostatakrebses. Von da an folgte eine Komplikation nach der anderen. Als die Kiefernekrose im CHUV mit einem Stück seiner Fibula (Wadenbein) rekonstruiert werden sollte, schwoll sein Kiefer so stark an, dass sofort eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) durchgeführt werden musste. Auch ein erneuter Rekonstruktionsversuch mit einem Stück Muskel wurde zugunsten der Verschliessung der Wunde aufgegeben. François Sigrist war zeitweilig am Boden zerstört und in seinem Kiefer klaffte ein Hohlraum. Dann erlitt er einige Tage später auch noch eine Lungenembolie, die jedoch im Spital Wallis erfolgreich behandelt werden konnte.
In die Berner Klinik Montana kam François Sigrist mehrmals: Das erste Mal nach der erfolglosen Kieferrekonstruktion, das zweite Mal nach der überstandenen Lungenembolie und das dritte Mal nach der Luftnot, die ihn beim Einsatz einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG) zur künstlichen Nahrungsaufnahme im Spital Wallis überkommen hatte. Die Tracheostenose (Luftröhrenverengung) konnte jedoch im dortigen Notfall durch eine Tracheotomie behoben und anschliessend im CHUV erfolgreich operiert werden. Diesmal erfolgte der Eintritt in die Klinik explizit auf seinen Wunsch, weil er gemerkt hatte, wie gut ihm die Therapien taten. Er wollte sich von den erlittenen Strapazen erholen und endlich wieder atmen, essen und laufen lernen. Denn durch die monatelangen Spitalaufenthalte, in denen er künstlich ernährt worden war und sich kaum bewegen konnte, hatte er viel Muskelmasse verloren.
François Sigrist bewundert die Arbeit der Pflegenden: «Sie haben mir jeden Tag dreimal geduldig den Verband am Kiefer gewechselt – das waren gefühlte 140 Verbände – und immer ist mir jemand beim Essen zur Seite gestanden.» Denn auch kauen und schlucken musste er wieder lernen, und zwar zweimal. Dabei kam ihm neben der Physiotherapie auch die intensive logopädische Therapie, teilweise unter ärztlicher Aufsicht zugute. «Das sind Profis hier», sagt er anerkennend. Bei der anfänglichen Flüssignahrungsaufnahme durfte sich kein Tropfen davon und kein Speichel in die Luftröhre verirren, weil er sonst hätte ersticken können. «Eigentlich nehmen sie keine Patienten mit einem Tracheostoma, aber mich nahmen sie», erzählt er stolz. «Dies aber nur, weil ich ein kleines Absauggerät dabeihatte und die Kanüle zur Lunge selbst putzen konnte, falls ich mich doch einmal verschluckt hätte», erklärt er.
Nach seiner Entlassung aus der Klinik habe er anfangs noch eine PEG gehabt, aber auch die brauche er nicht mehr. «Ich kann atmen, gehen und wieder selber essen, allerdings langsam, vorsichtig und nur kleine Bissen. Das verdanke ich alles der Berner Klinik», sagt er strahlend und fügt mit einem Seitenblick auf seine Frau an: «Auch von ihr habe ich viel Unterstützung erhalten. Und ich rate allen Patienten, nie die Flügel hängen zu lassen, auch wenn die Situation noch so aussichtslos erscheint.»
Die Sicht eines Pflegers
Und wie geht Lukas Brügger, Fachmann Gesundheit EFZ (FaGe) im 3. Lehrjahr, mit einem Patienten wie François Sigrist um? «Nicht anders als mit anderen Patienten», sagt der sympathische, rotgelockte Mann. «Ich behandle jeden Menschen gleich, ob er an Krebs leidet oder ein neues Hüftgelenk erhalten hat. Und ich versuche, mir für jeden Patienten Zeit zu nehmen, egal, wie viel ich sonst gerade zu tun hätte.» Onkologiepatienten hätten zwar eher das Bedürfnis zu reden, weil es ihnen meistens schwerer falle, ihr Schicksal zu akzeptieren als beispielsweise Orthopädiepatienten. Diese bräuchten dafür mehr physische Hilfe wie bei der Morgentoilette, beim Anziehen oder beim Transfer vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt.
«Vor allem in schwierigen Situationen, ist das Team sehr wichtig», findet er, «für den Zusammenhalt und die Motivation, aber auch für den Austausch.» Man müsse wichtige Geschehnisse, etwa, wenn sich jemand nicht gut fühle, wenig gegessen oder Schmerzen habe, unbedingt den Teamkollegen erzählen. Die Pflegenden stünden Patientinnen und Patienten am nächsten. «Wir wissen am besten, wie es ihnen geht, weil wir am meisten Zeit mit ihnen verbringen und sie durch den Tag begleiten. Zudem gehen wir jeden Morgen durch alle Zimmer und fragen, wie sie sich fühlen und ob jemand Unterstützung braucht. Anders als in einem Akutspital verbringen die Patientinnen und Patienten viel mehr Zeit bei uns – durchschnittlich zwischen zwei Wochen und zwei Monaten. Und manche, wie Herr Sigrist, kommen sogar mehrmals», erklärt er. «Wir sind auch gut betreut», findet Lukas Brügger. Seine Etagenchefin Marlene Vicente und die Pflegedienstleiterin Christiane Haushalter würden immer wieder ihre Hilfe anbieten und sie zum Reden auffordern, wenn ihn oder seine KollegInnen eine Situation zu sehr beschäftige.
Die Pflege, die 36,1 Prozent aller Mitarbeitenden der Berner Klinik Montana ausmacht, leistet einen wesentlichen Beitrag zur Patientenbehandlung. Zu ihren Aufgaben gehören neben Hilfeleistungen beim Waschen, Duschen, Anziehen und Essen auch die Blutabnahme, Wundpflege, das Anlegen von Verbänden und die Medikamentenkontrolle. Laut Pflegefachfrau Laura Bonvin hat sich die Rolle der Pflegenden in den letzten Jahren stark verändert: «Heute ist vermehrt Vielfältigkeit gefordert, zugleich sind wir in der Berner Klinik spezialisierter und unabhängiger als in einem Akutspital.» Auch sei viel Wissen in den unterschiedlichen medizinischen Bereichen wie Neurologie, Innere Medizin, Psychosomatik und Onkologie vorhanden. Hinzu kämen Weiterbildungskurse, wie das «Projekt Schluckstörungen» oder die «Kommunikation mit Patienten». «Die Berner Klinik will sich ständig weiterentwickeln und verbessern», erklärt sie.
Die Sicht eines Arztes
Dr. med. Devine Frundi, Leitender Arzt Medizin, berichtet detailliert und empathisch von seinem Patienten. François Sigrists Fall sei sehr komplex und voller Höhen und Tiefen gewesen. Er sei aber vor allem auch eine Erfolgsgeschichte – insbesondere dank der intensiven und guten Zusammenarbeit mit dem CHUV und dem Spital Wallis, zu dem das Walliser Zentrum für Pneumologie gehört. «François Sigrist ist sehr gebildet», sagt er über den ehemaligen Mathematikprofessor. «Das war Kommunikation auf höchstem Niveau. Am meisten beeindruckt haben mich allerdings seine Ausdauer und Motivation. Er hat Anleitungen minutiös befolgt und alle Therapien immer konsequent durchgezogen.» Auch vom Tracheostoma berichtet Dr. med. Devine Frundi. Sein Patient musste ihm mehrmals vorführen, dass er das Absauggerät absolut beherrscht, sonst hätte ihn die Klinik wegen der Erstickungsgefahr nicht aufgenommen, da sie kein Akutspital seien und nicht intervenieren dürften.
Und was ist seine Rolle im Behandlungsprozess? Er sei vor allem Koordinator, erklärt er. Dazu habe in François Sigrists Fall in erster Linie die Terminkoordination mit dem CHUV und dem Spital Wallis gehört, aber auch die interne Koordination mit der Pflege, mit den TherapeutInnen und ÄrztInnen aus anderen Fachbereichen sowie die Koordination mit dem Sozialamt für die Nachsorge. «Die Fortschritte von Herrn Sigrist haben mich stets erfreut. Das ist meine Genugtuung und Motivation.»