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Das Leben als Pralinenschachtel
Der Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle drückt direkt auf die Tränendrüse. 2 Stunden und 21 Minuten lang dauert die Lebensgeschichte, die Gump wechselnden Passanten auf der Wartebank einer Busstation erzählt.
Forrest Gump» ist ein Film, den man entweder hasst oder liebt. Von der Premiere 1994 an hat sich die Mehrheit fürs Lieben entschieden: Der Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle als junger Mann von geringem Verstand zählt zu den am meisten wiederholten Filmen in der Geschichte des Privatfernsehens.
Der Grund ist auch schon Teil der Kritik: 2 Stunden und 21 Minuten lang zielt die Lebensgeschichte, die Gump wechselnden Passanten auf der Wartebank einer Busstation erzählt, direkt auf die Tränendrüse, befeuert von Robert Zemeckis’ meisterhaften Scope-Bildern, Geigen und Klavier.
Dem Heuldruck erlegen
Bis zur Schlussszene, in der der Protagonist seinem Sohn im Bus am ersten Schultag nachwinkt, dessen Mutter Jenny, Gumps grosse Liebe, kurz zuvor an Aids gestorben war, baut sich ein derartiger Heuldruck auf, dass ihm auch die Autorin dieser Zeilen am Wochenende beim neuerlichen Schauen wieder erlag.
Bis dahin hat man Gump zugesehen, wie er als gehbehindertes Kind einer Alleinerziehenden, weil Jenny es ihm befiehlt («Run, Forrest, run!»), schnellster Läufer Alabamas wird, ohne Zutun in die All-States-Football-Mannschaft aufsteigt, mit einem IQ von 75 willenlos das College schafft, den besten Freund in Vietnam im Schützengraben verliert, als Kriegsheld gefeiert
J. F. Kennedy trifft (für die Montage von Tom Hanks in reales Dok-Material aus vierzig Jahren amerikanischer Geschichte erhielt der Film einen seiner sechs Oscars) und letztlich Pingpongmeister, Shrimpsfischer und Millionär wird, weil der kriegsversehrte Leutnant Dan für ihn in Apple-Aktien investiert.
Und die Moral von der Geschicht’?
Zu guter Letzt joggt Gump noch jahrelang grundlos durch die USA, heiratet Jenny – der Rest wie gehabt. Beim Abspann ist man emotional so erschöpft, dass man nicht mehr mitbekommt, was die Message von alldem ist. Intelligenz ist überbewertet?
Nur ohne Ziel kommst du ans Ziel? Es bleibt so unklar wie der seit den 1990er Jahren wissend zitierte Wahlspruch von Gumps Mutter: «Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiss nie, was man bekommt.» Hä? «Forrest Gump» ist so gut gealtert, weil er die Antwort im Spiegelneuronengewitter Hollywoods bis heute schuldig geblieben ist.