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Lenice und Paul
Margrith Lutz landete 1955 in der Wetziker Anstalt Pfrundweid – durch eine administrative Versorgung, von den Behörden angeordnet. 65 Jahre später verstarb sie dort. Sie teilte das Schicksal tausender Schweizerinnen und Schweizer.
Die Glocken läuten laut, als Margrith Lutz beerdigt wird. Das ist wichtig. Es ist ein Befreiungsschlag. Die Beerdigung muss um 11 Uhr stattfinden. Das Mittagsgeläut soll in die Welt hinausschreien: «Diese Frau hat es gegeben.»
So beschreibt es ihre Enkelin Marlies Bächtold*. «Ich wollte damit das Schweigen brechen.» Sie spricht über die Stille, die wie ein Schleier über dem Leben ihrer Grossmutter gelegen hatte.
Ein dunkles Kapitel
Die Geschichte von Margrith Lutz beginnt 1955, als sie von der Bildfläche verschwindet. Als sie in die damalige Wetziker Anstalt Pfrundweid eingewiesen wird. Die Behörden versorgen sie administrativ. Damit teilt Lutz das Schicksal vieler Menschen, denen durch diese Massnahme die Freiheit entzogen wurde.
Es ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte, das erst 1981 fertig geschrieben war. Schätzungen zufolge wurden ab 1930 mindestens 20'000 bis 40'000 Männer und Frauen auf diesem Weg «versorgt».
Die Biographien, die durch dieses Kapitel neu geschrieben wurden, sind im ganzen Land verteilt. Jene von Margrith Lutz spielt im Zürcher Oberland. Am 7. Januar 1918 wird sie in der Nähe von Winterthur geboren. Die ersten Tage des neuen Jahres sind kalt, die grossen Seen sind im Begriff, zuzufrieren, es liegt eine Schneedecke über den Dörfern.
Die Mutter ist zum Zeitpunkt der Geburt erst 18 Jahre alt. Ein unerwünschtes Kind sei sie gewesen und habe das später auch immer spüren müssen, wird die Schwester von Margrith Lutz später sagen. Ihr Vater ist Kohlearbeiter, stirbt früh im Militär an der Grippe. Ihre Mutter heiratet später erneut und bringt fünf Stiefgeschwister zur Welt.
Margrith besucht in Wald die Schule. Die Gemeinde ist in ihrer Kindheit eines der grössten Dörfer im Zürcher Oberland. Die schulische Karriere endet in der siebten Klasse. Für die Sekundarschule habe es nicht gereicht. Sie sei aber eine gute Schülerin gewesen, lässt sie 1955 gegenüber dem damaligen Hinwiler Bezirksarzt anlässlich eines für sie erstellten Gutachtens verlauten.
Danach arbeitet sie in Meilen, Küsnacht, Zofingen und Zürich als Dienstmädchen. 1940 heiratet sie einen Transportunternehmer. Gemäss Akten, die auch im Gutachten zitiert werden, sei dieser «geistig beschränkt» gewesen und habe vor und nach der Heirat von der Armenpflege unterstützt werden müssen.
Nach diesen Geburten wird sie, so steht es in diversen Akten, unterbunden.
Sie bringt zwei Kinder zur Welt. Einen Sohn und eine Tochter. Sie werden ihr später weggenommen und fremdplatziert.
Zwei Jahre nach der Heirat scheiden sich die Eheleute. Die Geschiedene wird wieder Margrith Lutz. Man habe sie nach der Scheidung nacherziehen wollen, schreibt der Bezirksarzt Jahre später in seinem Gutachten.Sie habe dann aber eine Zeit lang in einer Pension in Zürich gut gearbeitet, sodass der Versorgungsbeschluss wieder rückgängig gemacht wurde.
«Liederlicher Lebenswandel»
Zwischen April 1943 und April 1944 ist Margrith Lutz in der Zürcher psychiatrischen Anstalt Burghölzli interniert. Man stellt ihr die Diagnose einer «Pfropfschizophrenie mit mässiger Prognose». Unter diesem Begirff verstand man damals eine akute Schizophrenie mit einer geistigen Behinderung. «Eine auf Schwachsinn aufgepfropfte Schizophrenie», definieren es die damaligen Ärzte.
Was Margrith Lutz in den Jahren bis 1954 tut, lässt sich aus den Akten nicht rekonstruieren. Danach hätten sich aber die Armenpflege, die Vormundschaftsbehörde und der Stadtärztliche Dienst «in vermehrtem Masse» mit ihr beschäftigt «weil sie einen unsteten, liederlichen Lebenswandel führte, nicht arbeitete, keine Stellen suchte und immer wieder davon lief, wenn sie einmal irgendwie untergekommen war. Vor allem ging sie der Prostitution nach.»
Zuletzt wohnt Lutz im Frauenheim der Heilsarmee an der Zürcher Molkenstrasse. Noch heute ist die Adresse eine Anlaufstelle für psychisch und sozial benachteiligte Menschen. Auf Antrag des Stadtärztlichen Dienstes wird Margith Lutz damals zurück ins Oberland gebracht, direkt in die Anstalt Pfrundweid.
Im Aufnahme-Formular der Anstalt, das auf den 23. Februar 1955 datiert ist, wird die Einweisung mit folgenden Indikatoren begründet: «Debilität, Verwahrlosung». Die Rechnungen seien an das Fürsorgeamt der Stadt Zürich im Kreis 3 zu richten.
Ohne Gerichtsbeschluss eingesperrt
Margrith Lutz passt den Behörden nicht. Sie fällt auf, tanzt aus der Reihe, verhält sich nicht so wie sich eine junge Frau zu verhalten hat. Ob sie tatsächlich der Prostitution nachgegangen ist, ist unklar. Einer geschiedenen Frau liess sich damals schnell etwas andichten und auch der Begriff der «Debilität» ist sehr schwammig und lässt viele Interpretationen zu. Die Einschätzung und die Gründe wieso sie den Behörden ein Dorn im Auge war, sind nicht ungewöhnlich.
Der Schlussbericht der unabhängigen Expertenkommission, die vom Bund mit der Aufarbeitung der administrativen Versorgungen beauftragt wurde, zeigt genau dieses Muster auf:
«Sie wurden ohne Gerichtsbeschluss in Arbeits-, Erziehungs- oder sogar Strafanstalten eingesperrt, nicht weil sie eine Straftat begangen hatten, sondern weil sie gesellschaftlich stigmatisiert wurden und in den Augen der zuständigen Behörden einen ‹arbeitsscheuen› oder ‹liederlichen› Lebenswandel führten.»
Der Bezirksarzt findet im von der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich aufgegebenen Gutachten klare Worte für Margrith Lutz. Neben dem vollständigen Versagen im praktischen Leben fänden sich bei ihr geistige Eigentümlichkeiten.
Es zeige sich, dass «auch noch heute wesentliche Zeichen einer Erkrankung an Schizophrenie vorliegen, an gespaltenem Irresein, der bei uns am häufigsten vorkommenden Geisteskrankheit.» Ob daneben auch noch von Schwachsinn gesprochen werden dürfe, scheine ihm fraglich. «Bei meiner Untersuchung hatte ich den Eindruck einer landläufigen Intelligenz an der unteren Grenze der Norm.»
Nach sieben mit Schreibmaschine vollgetippten Seiten fällt der Bezirksarzt fünf Monate nachdem Lutz eingewiesen wurde sein Urteil: «Die Krankheit ist nicht heilbar. Die Patientin soll bevormundet werden. Die Internierung in einer geschlossenen Anstalt ist vorläufig auf unabsehbare Zeit erforderlich.»
Fremdplatzierte Kinder
Aus «vorläufig» wird in ihrem Fall ein «lebenslänglich». Die Pfrundweid, aus der später die Sonnweid wurde, bleibt bis zum Ende ihres Lebens, während 65 Jahren, ihr Zuhause. Mit dem Entscheid Margrith Lutz zu «versorgen» verändert sich weit mehr als nur ihr Leben. Die Folgen sind heute noch spürbar, prägen das Leben weiterer Generationen.
Ihr Sohn hat nach der Fremdplatzierung an 25 verschiedenen Orten gelebt. «Er war ein Verdingkind», sagt seine Tochter Marlies Bächtold. «Papi setzte sich für andere ein hat damit Konsequenzen herausgefordert.» Er habe vieles hinterfragt, das sei nicht geduldet gewesen.
Bächtolds Vater lebt eine Zeit lang im Heim Regensberg, dann bei einer Bauernfamilie. Dort habe man ihm für Besorgungen in die Stadt geschickt, damit man ihm kein Dessert geben musste.
«Oder er durfte nicht lesen, weil das Licht gekostet hätte. Er durfte auch nicht lernen, wie man mit der Schreibmaschine schreibt. Als er meine Mutter heiraten wollte, habe sein Beistand sie vor dem ‹Heimbub› gewarnt. Da sind Dinge passiert, die hätten nie passieren dürfen.»
Die Vergangenheit ihres Vaters macht sich auch in Bächtolds Leben bemerkbar. «Mein Vater hatte ganz schwere Phasen. Vor allem in der Weihnachtszeit gab es Anzeichen einer Depression. Diese Schwere war nicht immer schön.» Auch heute könne er noch immer sehr schwer vertrauen.
Sowohl ihr Vater, als auch dessen Schwester, die mittlerweile im Ausland lebt, hätten es versäumt ihre Geschichte aufzuarbeiten.
Sie hingegen setzt sich intensiv mit dem Vergangenen auseinander, das noch immer das Heute prägt.
Sie spricht gefasst und wohlüberlegt. Sie hat selbst die Geschichte ihres Vaters aufgeschrieben. Einzig wenn sie über den Tod ihrer Grossmutter spricht, bricht ihre Stimme. Den Grossteil ihres bisherigen Lebens hat Bächtold auf sie verzichten müssen.
Bis sie 30 Jahre alt ist, weiss die heute 52-Jährige nicht, ob und wo ihre Grossmutter überhaupt noch lebt. Ihre Urgrossmutter, die Mutter von Margrith Lutz, habe sie sporadisch gesehen. «Wann immer sie zu Besuch war, herrschte eine angespannte Stimmung. Irgendwas lag da immer in der Luft. Meine Grossmutter war ein gut gehütetes Geheimnis.»
Eine Institution in der Sonnweid
Nach ihrem Tod veröffentlicht das Wetziker Demenzzentrum Sonnweid eine Todesanzeige. «Am Donnerstag, 30. April 2020, endete das lange Leben von Margrith Lutz. Sie wurde 102 Jahre alt, davon verbrachte sie 65 Jahre in der Sonnweid», stand da.
«Mir war es wichtig eine solche Todesanzeige zu schalten. So viele Menschen, die bei uns in der Pflege gearbeitet haben, sind ihr begegnet. Bei uns in der Sonnweid gab es so viele vergessene Leben. Ich wollte Frau Lutz noch einmal einen Platz geben», sagt Michael Schmieder, ehemaliger Leiter der Sonnweid.
Die meisten jener Menschen, die damals von den Behörden «günstig entsorgt» worden seien, seien vor der Jahrtausendwende gestorben. «Die Frau Lutz aber hat einfach weiter gemacht», sagt Schmieder. Sie sei eine sehr freundliche, extrem herzliche Frau gewesen. «Eine Institution in der Sonnweid.»
«Ich habe meiner Familie im Ausland diese Todesanzeige voller Stolz weitergeleitet», sagt Bächtold. Ihre Verwandten haben das gar nicht gut gefunden. Das gehe niemanden etwas an. «Das war ein Satz, den ich oft gehört habe. Das Ganze soll in der Familie bleiben. Das gehe niemanden etwas an.»
Bächtolds Vater verzichtet, bis auf eine Ausnahme, auf Besuche bei seiner Mutter. «Er hat immer gesagt, dass er keinen Groll verspürt. Er fühle einfach nichts», sagt Bächtold. «Wie hätte er auch gekonnt? Schliesslich wurde er als kleiner Bub von ihr getrennt und konnte sie nicht besuchen.»
Bächtold allerdings besucht ihr Grosi regelmässig, in Abständen von zwei oder drei Wochen. Eine Zeit lang kommt die Schwester von Margrith Lutz mit. Als diese verstirbt, wird Bächtold von ihrer Mutter begleitet.
«Wir fragten uns immer wieder, ob es nicht eher eine Schwangerschaftsdepression gewesen sein könnte. Das kannte man aber damals noch gar nicht, konnte es also nicht behandeln.»
Die ursprüngliche Diagnose einer «Pfropfschizophrenie» zweifelt Marlies Bächtold an.
«Zweifellos hatte Frau Lutz eine psychiatrische Vorgeschichte. Heute wäre sie wohl in einem betreuten Wohnheim untergebracht worden, wo sie die richtige Pflege erhalten hätte», sagt Michael Schmieder. In der Sonnweid habe er sie als «nicht führbar» erlebt. «Allerdings nicht in einem negativen Sinn. Frau Lutz hat, trotz Einschränkungen, ein autonomes Leben geführt.»
Plüschtiere und Bäbis
Beim ersten Treffen habe ihre Grosmutter ihr das Stübli und all ihre Taschen gezeigt. «Diese waren typisch für sie und auch etwas, für das sich mein Vater schämte. Sie hat ihr Hab und Gut immer mit sich getragen. Sie hatte immer Angst, dass ihr etwas weggenommen wird», sagt Bächtold.
Obwohl sie eine sehr schmächtige Person gewesen sei – zum Zeitpunkt ihres Eintritts in die Anstalt war sie 153 Zentimeter gross und 52 Kilogramm schwer – habe sie es fertiggebracht, ihr Bett zu verschieben und ihr Zeug dort zu verstauen.
In ihrem Bett seien immer viele Plüschtiere und ein spezielles Therapiebäbi gelegen. «Immer wenn sie ins Bett gegangen ist, hat sie das Bäbi zu sich genommen und zugedeckt», sagt Bächtold.
«Wir haben uns oft gefragt, was sie wohl für eine Mutter gewesen wäre, wenn man sie gelassen hätte.»
Ihre Mutterrolle kann Lutz durch den Entzug ihrer Kinder nicht ausleben. Trotz dieses Eingriffs und trotz des Abschiebens in die damalige Anstalt habe ihr Grosi nie mit dem Schicksal gehadert. «Ich weiss nur vom Hörensagen, dass sie einen Versuch unternommen hat, rauszukommen. Dieser wurde offensichtlich abgelehnt.»
Tatsächlich lässt sich in den Akten von Margrith Lutz ein entsprechendes Schreiben der Amtsvormundschaft der Stadt Zürich an eine Hinwiler Ärztin finden. «Die unter meiner Vormundschaft stehende Frau Margaretha Lutz, welche in der Anstalt Pfrundweid interniert ist, drängt in die Freiheit und wird darin von ihrer Mutter unterstützt», schreibt der siebte Amtsvormund.
Nach den vorherigen Akten und insbesondere nach dem Gutachten des Bezirksarztes vom Juli 1955 bestehe wenig Wahrscheinlichkeit, dass sich Frau Lutz in der Freiheit würde halten können, endet das Schreiben.
Zwei Jahre vor ihrem Tod, an ihrem 100. Geburtstag, erhält Margrith Lutz nebst einem Gratulationsbrief des Zürcher Stadtrats mit einem dazugehörigen Blumenstrauss, der beim Wetziker «Blumen Wepfer» bestellt wurde, 25'000 Franken. Geld aus dem Fonds, der für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen errichtet wurde.
«Damit konnte sie nicht mehr wirklich was anfangen. Ein Hörgerät einsetzen? Die Zähne jetzt noch ersetzen? Für das war es zu spät», sagt Bächtold. Was ihre Grossmutter brauchte, habe sie gehabt. Sie hätte das Geld wohl ihrem Sohn und ihrer Tochter hinterlassen.
So wie es nun aber aussehe, werde das nicht möglich sein. «Grosi wurde ja unterstützt mit Ergänzungsleistungen. Die Stadt Zürich fordert nun das ganze Erbe ein», sagt Marlies Bächtold.
Sie habe sich beim Bundesamt für Justiz erkundigt, ob das überhaupt Rechtens sei. Das Amt habe empfohlen, das weiterzuziehen. Das Resultat stehe noch aus. «Es geht nicht per se um das Erbe. Wirklich. Es geht um die Würde», sagt Bächtold.
in einem Schreiben des Amts für Zusatzleistungen zur AHV/IV der Stadt Zürich steht, dass sich die Zuschüsse für die Pflegekosten auf 151'669 Franken belaufen. Diese Schulden sollen nun mit dem übriggebliebenen Erbe beglichen werden.
Allerdings bestehe keine Nachlassschuld, heisst es im Schreiben. Das heisst, dass die Stadt nur auf ein allfälliges Nettonachlassvermögen zugreifen kann. Mehr als überhaupt vorhanden ist, kann sie nicht einziehen.
Erinnern an den Humor
Trotz solcher Vorkommnisse ist Marlies Bächtold nicht wütend. «Ich bin ein Mensch, der nach vorne schaut. Was ich allerdings nicht akzeptiere, ist das Schweigen.» Im Kirchenblättchen der Gemeinde, in der sie beigesetzt worden sei, sei die Abdankung ihres Grosis vergessen gegangen und erst im August nachgetragen worden. Auch in der Stadt Zürich ist Margrith Lutz unter den Todesfällen nicht gelistet.
«Sie hat weder gelebt, noch ist sie gestorben.»
Genau um dieses Schweigen zu brechen, ist ihr die Beerdigung um Punkt 11 Uhr so wichtig. An der Abdankung nehmen fünf Personen teil. Die Enkelin, die Schwiegertochter, die Tochter, deren Sohn und auch Michael Schmieder, der ehemalige Heimleiter der Sonnweid.
Fünf Personen, die an Margrith Lutz denken. Fünf Personen, die sich mit einem Lächeln an ihren Humor erinnern und auch an ihre positive Art. Fünf Personen, die gemeinsam um das Familiengrab stehen, während die Glocken laut läuten. «Diese Frau hat es gegeben.»
* Name von der Redaktion geändert
Fabia Bernet ist Redaktorin bei züriost. Herzlichen Dank für die Gelegenheit zur Zweitverwertung dieses Beitrags.
erschienen: 20.11.2020