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Mose hatte vor allem die oberste Schicht im Auge, den Reichskult, den er für seine hebräische Verfassung abwandelte, anpasste, in die rein geschriebene Form übersetzte. Als auf ein zukünftiges Land ausgerichtet, war sie als Weg auf einen Ort hin komponiert, woraus sich der Bund später auch trug (Auszug aus Ägypten). Die in der Konzeptionszeit jedoch notwendige 'Verbindung mit einem hebräischen Hirtenkult' wird initial im zweiten Buch angedeutet. Das erste Buch stützt diese Linie mit Genealogien und einer vorderorientalischen Siedlungsgründungslegende.
Offensichtlich hat Mose - gerade am prekären Schicksal seines Volkes erkannt, dass die Zeit der Stammesverbände in diesem Kulturraum ihrem Ende zuging. Sicher hat er den engen Zusammenhang zwischen Reichsgott und Landbesitz aus nächster Nähe gekannt, auch, dass dies die Grundlage einer zentralisierten Agrarwirtschaft bildete, dass sich so neue zivilisatorische Leistungen wie Häfen, Verkehr und Befestigungen einrichten lassen. Sicher sah er auch, dass gerade die sakrale Verfassung die staatlichen Schatzhäuser, Paläste und Tempel am besten schützt.
Das Alte Testament kann somit mit guten Gründen primär als antik vorderorientalischer-altägyptischer Verfassungstyp angesehen werden. In der verbalen wie schriftlichen Form liegt dabei eine enorme Abstraktion vom altägyptischen Kultwesen vor und von den physischen Bedingungen denen ihre gewachsenen Vorläufer verpflichtet waren. Dieses abstraktive Moment war zugleich Voraussetzung für die Entwicklung und Verbreitung. Die schriftliche Fixierung verwischte die primäre Grundbedingung des topologisch Gebundenen, die über Tausende von Jahren überlieferten Kulte, und natürlich auch jene der physischen Repräsentation der Gottheit. Die erste geschriebene Verfassung, wie eine Gebrauchsanweisung, abgehoben von der realen Mechanik, damit aber auch beliebig applikabel. Sie hat nicht nur das Judentum in die ganze Welt zerstreut, sie förderte auch später die christliche Diffusion. Nicht zuletzt brachte diese Abstraktion auch die räumliche Elastizität der Grundbegriffe ('Welt', 'Schöpfung') ins Spiel. Die Geschichte wurde manipulierbar.
Die eigentliche hebräische, resp. jüdisch-israelische, Reichsgeschichte hat in diesem Ansatz vorerst nur Bestätigungscharakter. Drei Könige bauen das Reich auf, festigen es: Saul (1040-1010), David (1010-970), Salomon (970-935), kurz danach die Reichsteilung (929). Die Geschichte pendelt mit der ersten Zerstörung Jerusalems (586 v. Chr.) zwischen Auflösung (Wegführung ins Exil) und Restauration (persische Zeit ab 539 v. Chr.) ebenso in der hellenistischen (bis um 60 v. Chr.) und römischen Zeit (erneute Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.). Die mosaische Verfassung wirkt somit über Jahrhunderte im jüdischen Kreis weiter, was uns hier aber nicht beschäftigen soll. Sie wird aber in der Niedergangsphase des weströmischen Reiches wieder relevant, und im vorliegenden Zusammenhang wichtig.
Den Schlusspunkt dieses Pendelns zwischen Restauration und orientalischen Importen setzt die Synthese einer rezenten und populistischen Form des jüdischen Messianismus (der in der jüdischen Auffassung eigentlich die Restauration des hebräischen Königtums meint) und der alttestamentlichen Verfassung (Nicaea 325). Diese 'Nicaenische Synthese' wie wir sie nennen wollen, wird als Christentum 391 zur römischen Staatsreligion deklariert, und bleibt es - im Westen - bis zum Zusammenbruch des Reiches (476), das heisst über einen Zeitraum von 85 Jahren.
Hinter der 'Nicaenischen Synthese' steht Konstantin, später der Grosse. Er hatte schon früh erkannt, dass sich mit der populären Akzeptanz des Christentums der Staat 'von unten her' erneuern liess, dass das Christentum aber staatspolitisch nicht tragend war. Konstantins militärische Erfolge, seine spätere Vollendung der Reichsreform Diokletians im Sinne eines absolutistischen Staats mit strengem orientalischem Hofzeremoniell zur Betonung der Gottähnlichkeit des Kaisers zeigt, dass klar kalkulierte Politik im Vordergrund stand. Es ging um das 'orientalische' Element.
Die 'Nicaenische Synthese' wird aus dem um 318 entbrannten theologischen Streit des Arius gegen Athanasius abgeleitet. Arius (260-336), Kirchenältester der christlichen Gemeinde In Alexandria vertritt die These, Christus sei von Gott Vater verschieden. Später wird das gemildert in 'ähnlich'' (homoiusie). Athanasius (295-373) Bischof von Alexandria und skrupelloser Gegner Arius' hingegen vertrat die Ansicht, Christus als Gottessohn sei identisch mit Gottvater. In dem von Konstantin einberufenen Konzil zu Nicaea (325) wird für Athanasius entschieden. <22>
Die Tragweite dieser Entscheidung wird klar, wenn wir sie mit Konstantins Toleranzedikt von Mailand zusammenbringen. Damals wurde - im Absprung zu Diokletians Verfolgungen die christliche Tradition zusehends aufgewertet und ins staatspolitische Kalkül miteinbezogen. 313 wurde das Christentum anerkannt unter anderen Religionen. Der antike römische Staatskult wurde beseitigt. Unter Constantius II. (337-361) dem Nachfolger Konstantins, wird der Arianismus (Ähnlichkeit) für die Gesamtkirche verbindlich. Unter Theodosius I. verbietet das Edikt von Thessalonike den Arianismus im Osten. Der Athanasianismus (ldentität) wird Staatsreligion und 391 wird das Christentum in der Form der Nicaenischen Synthese (Identität) römische Staatsreligion.
Auf dieser derart präparierten Ebene fallen nun wichtige Entscheidungen. Nach dem Sieg über Licinius bei Adrianopel und Chrysopolis, wird Konstantin Alleinherrscher (325-337) über das römische Reich (Totius orbis imperator). Konstantinopel wird zur neuen Reichshauptstadt ausgebaut, 330 eingeweiht, die kaiserliche Residenz wird vom 'heidnischen' Rom nach dem Osten verlegt. Unter Theodosius I. (379-395) wird an einem zweiten Konzil (381) das erste Nicaenum bestätigt und 391 wird, wie gesagt, das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches deklariert. Alle heidnischen Kulte werden verboten.
Es ist bezeichnend, dass in den meisten historischen Darstellungen der Ursprünge des Christentums dieses von seinen inneren Kräften her beschrieben wird. Es dehnt sich als erfolgreiche Entwicklung zunehmend aus. Die anthropologische Darstellung jedoch zeigt klar die äusseren Kräfte mit denen es aus politischen Gründen mit machtvollen Institutionen verschweisst wurde. Dieser synthetische Charakter ist dem Christentum bis heute geblieben. Die hohe Akzeptanz die man dieser 'Religion' von populistischer Seite entgegenbringt, verbindet sich mit einem vorderorientalischen Staatsprinzip, dessen Ausläufer im poströmischen Rom bis heute über die neue Welt herrscht. Ist die Basis - durch Mission - gesichert, wird Politik auf höchster Ebene gemacht. <23>
Der ambivalente Charakter der 'Nicaenischen Synthese' erweist sich auch in der mittelalterlichen Reichsbildung als ideal. Er setzt die von den Römern nicht beseitigten topologisch gebundenen Systeme Mittel- und Nordeuropas (altgermanische Lokal- und Gaukulte, sakrales Thing-Recht, Herzogtümer) ausser Kraft und verbindet die Königs- und Kaiserfiguren - über das Papsttum Roms - mit den Allmachtsdelirien vorderorientalisch-theokratischer Verfassungstypen. Wir kennen - hoffentlich - noch alle die Spätwirkungen dieser übersteigerten 1000-jährigen Reichsideen.
Zum Erbe Roms gehörte die Glorie einer Weltreich-Metropole mit göttlich legitimiertem Kaisertum orientalischer Prägung, ein hochentwickeltes, zentralistisches Administrations-Modell für ein Weltreich und eine über 80 Jahre bewährte Staatsreligion, die 'Nicaenische Synthese'.
Das leere Land forderte den römischen Eroberungsstil heraus. Die Franken griffen ihn militärisch auf, und waren erfolgreich, wohl wesentlich auch weil sie ihre Macht und ihr Verwaltungssystem früh an die autochthon tradierten Strukturen der autonomen Lokalsiedlungen germanischer Prägung angepasst hatten. Der König legitimiert sich aus dieser Schicht - ähnlich wie ein vergrösserter Stammes-Herzog - mit dem Königsbann, mit Heeresbann nach aussen, Gerichtsbann nach innen. König und Volk auf dem Märzfeld, das politische Ereignis spiegelt die Anpassung an autochthone Strukturen. Überdies, der Pfalzen sind viele, gestreut im territorialen Kern. Sie sind weitgehend dezentralistisch angelegt.
Die Franken haben aber auch sehr rasch die politische Bedeutung des Christentums erfasst. Der Legende nach soll Chlodwigs Gemahlin Chrodechildis Chlodwig während der siegreichen Schlacht gegen die Alamannen zum Übertritt zum Christentum bewogen haben. Ein-zwei Jahre später zu Weihnachten erfolgte die Taufe in Reims durch Bischof Remigius. Die guten Gründe sind ersichtlich. Chlodwig gelang es so, im Gegensatz zu Theoderich's unvereinbarem Nebeneinander von katholischen Romanen und arianischen Goten, durch die Verschmelzung von Galloromanen und Franken ein gemeinsames Staatswesen zu begründen.