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Kampf um Zollikon
Vor 125 Jahren entstand die Grossstadt Zürich – elf Vororte wurden eingemeindet. Auch Zollikon hätte mehrmals an Zürich angebunden werden sollen, doch die Einwohner wehrten sich erfolgreich. Es gab aber auch solche, die den Zusammenschluss befürwortet hätten, vor allem die Bergler machten sich dafür stark.
1893 entstanden Zürichs Stadtquartiere. Bis anhin noch selbstständige Gemeinden, wurden Zürichs Vororte Wollishofen, Leimbach, Wiedikon, Enge, Wipkingen, Unterstrass, Oberstrass, Fluntern, Hottingen, Hirslanden und Riesbach eingemeindet. Ausschlag dazu gegeben hat die Gemeinde Aussersihl, die sich innert kurzer Zeit von einem Bauerndorf zu einem Vorort mit einer Bevölkerung von rund 30 000 Einwohnern entwickelt hatte, die sich mehrheitlich aus kinderreichen Arbeiterfamilien zusammensetzte, wie im Zolliker Jahrheft von 2015 nachzulesen ist. Das rasante Wachstum habe die Gemeinde finanziell überfordert, konnte sie doch die notwendige Infrastruktur nicht aus eigener Kraft bereitstellen.
Da andere Gemeinden rund um Zürich herum in einer vergleichbaren Situation waren, sah man die sinnvollste Lösung im Zusammenschluss der Stadt mit den elf Vororten. So kam es, dass Zürich auf einen Schlag von einer Kleinstadt zur ersten Schweizer Grossstadt mit einer Wohnbevölkerung von 121 000 Einwohnern wurde. Zollikon war neu direkte Nachbarin. Mit diesen ersten Zürcher Eingliederungen war es aber noch nicht getan, dauerte es doch nicht lange und es war von weiteren Zusammenschlüssen die Rede, so auch von der Eingemeindung Zollikons.
Angst vor dem «roten» Zürich
Wie Urs Bräm im Zolliker Jahrheft festhält, forderte im Jahr 1919 eine Gruppe von Eingemeindungsfreunden den damaligen Gemeinderat auf, die nötigen Erhebungen darüber zu machen, ob die Eingemeindung von Zollikon an die Stadt Zürich wünschenswert oder abzulehnen sei. Diese Anfrage kam als Motion an die Gemeindeversammlung und wurde auf Antrag des Gemeinderates abgewiesen. Hans Ulrich Baumgartner, pensionierter Historiker aus Zollikon, vermutet, dass auch die Steuerfüsse dafür ausschlaggebend gewesen waren: Dass Zollikon also bereits damals einen tieferen Steuerfuss als Zürich hatte und sich der Gemeinderat wie die Einwohner auch aus diesem Grund gegen eine Eingemeindung wehrten. Wie vom Staatsarchiv des Kantons Zürich zu erfahren ist, war dies aber nicht der Fall. Der Steuerfuss für Zollikon betrug im Jahr 1919 130 Prozent, jener der Stadt Zürich lediglich 100 Prozent.
1925 kam es dann aber zu einer kantonalen Volksinitiative, welche die Eingemeindung von zwölf weiteren Vororten vorsah, worunter sich auch Zollikon befand. Urs Bräm hält im Zolliker Jahrheft fest, dass die Stadt Zürich eine Fusion befürwortete, da den Vororten damit finanziell geholfen gewesen und die Stadt im Gegenzug zu dringend benötigten Landreserven gekommen wäre. «In den reichen Gemeinden Kilchberg und Zollikon aber formierte sich erbitterter Widerstand», heisst es im Jahrheft, in dem auch ein Auszug aus damaligen Leserbriefen im «Zolliker Boten» zu finden ist. Dieser zeigt, wie gehässig der Kampf geführt wurde. Sachliche Argumente blieben oft auf der Strecke. Von beiden Seiten – einfach unter gegensätzlichen Vorzeichen – wurden Argumente wie Steuerlast, Bodenpreise oder Verkehrsverbindungen ins Feld geführt. Hans Ulrich Baumgartner gibt zu bedenken, dass die Gegner sich auch gegen das «rote Zürich» stark machten, und auch Urs Bräm hält ebendies in seinem Artikel fest: «Die Sozialdemokraten hatten unter der Führung von Stadtpräsident Emil Klöti (1877–1963) wenige Monate zuvor die Mehrheit im Stadtrat errungen und man wollte die Macht der Stadt nicht weiter stärken.» So kam es, dass der Kantonsrat die Volksinitiative im Oktober 1928 ablehnte und ein halbes Jahr später, am 12. Mai 1929, auch das Volk Nein zur Eingemeindung sagte. In Zollikon stimmten von insgesamt 1131 Stimmberechtigten 369 dafür und 616 dagegen.
Den Berg vom Dorf trennen
Bereits 1930 aber kam es zu einer weiteren Abstimmung: zu einer Konsultativabstimmung auf privater und freiwilliger Basis, da sich die Befürworter neu formierten. Wiederum tobte ein heftiger Abstimmungskampf, die Gegner hätten den Boykott der Umfrage gefordert. Lediglich ein Viertel von den gut 1200 Stimmberechtigten habe teilgenommen, 322 sprachen sich für eine Eingemeindung aus. Wie Urs Bräm schreibt, war es auffallend, dass von der Bevölkerung im Berg zwei Drittel eine Vereinigung mit der Stadt befürworteten und damit kurzzeitig eine Idee befeuert wurde, den Berg vom Dorf abzutrennen und der Stadt anzugliedern.
Fritz Wolf, heutiger Präsident des Quartiervereins Zollikerberg, sagt, er habe von dieser Konsultativabstimmung bis anhin nicht gehört. «Im Jahr 1930 hatte der Zollikerberg aber eine ganz andere Bevölkerungsstruktur als heute», führt er aus, «hier wohnten vor allem Bauern auf ihren Höfen mit Viehwirtschaft und Ackerbau.» Einwohner, welche hier wohnten und in der Stadt arbeiteten, habe es im Gegensatz zu Zollikon Dorf nur wenige gegeben. Darin sieht er auch den Grund, weshalb die Einwohner vom Zollikerberg sich benachteiligt fühlten gegenüber dem Dorf. Und aus diesem Grund wurde 1945 auch der Quartierverein Zollikerberg gegründet, um die Anliegen des Quartiers Zollikerberg in der Gemeinde zu vertreten. «Heute würde eine Eingemeindung in die Stadt Zürich auch im Zollikerberg mit Sicherheit abgelehnt», ist sich Fritz Wolf sicher. Wenn eine Änderung der politischen Lage gewünscht würde, dann wäre als Alternative eher eine Verbindung mit der Gemeinde Zumikon zu prüfen, vermutet er. Der Quartierverein würde aber «selbstverständlich keine Eingemeindung in Zumikon befürworten».
Der Quartiervereinspräsident gibt auch zu bedenken, dass die geographische Trennung von Dorf und Berg nach wie vor besteht. «Diese Trennung kann bei der Positionierung von Verwaltung und Freizeitinstitutionen wie dem Schwimmbad, den Bibliotheken oder dem Freizeitdienst zu Problemen und Mehraufwand führen», eine politische Trennung sei heute aber kein Thema.
Knappes Nein aus Zollikon
Ganz anders in den 1930er-Jahren: Die Befürworter einer Eingemeindung liessen sich nicht entmutigen und gelangten mit der Bitte, auch die Gemeinde Zollikon bei der Stadtvereinigung einzubeziehen, an den Kantonsrat. Einstimmig lehnte die zuständige kantonsrätliche Kommission das Gesuch ab, sodass 1931 zwar erneut eine kantonale Vorlage vors Volk kam, die neben einem Finanzausgleich die Eingemeindung von acht anstatt zwölf Vororten vorsah. Neben Zollikon fielen auch Kilchberg, Oberengstringen und Schlieren weg. Der Kanton sagte klar Ja, die Zolliker Stimmbürger lehnten knapp ab.
Wie im Jahrheft nachzulesen ist, gaben aber die Befürworter der Eingemeindung nicht einmal jetzt auf. Im selben Jahr, im August 1931, gründeten sie das parteilose Komitee zur Wiederaufnahme der Frage betreffend einer Vereinigung von Zollikon mit Zürich «Paloko». Der Gemeinderat erhielt eine Motion, welche «die sofortige Aufnahme von Verhandlungen mit dem Stadtrat von Zürich zwecks Vereinigung mit der Stadt» und eine Gemeindeversammlung zum Thema verlangten. Zollikons Exekutive wollte sich aber nicht darauf einlassen, es folgte ein juristisches Hickhack, das vor dem Regierungsrat endete. Dieser verlangte, dass die Motion an einer Gemeindeversammlung behandelt werden muss, und der Gemeinderat verzichtete auf einen Rekurs beim Bundesgericht. Die darauffolgende Abstimmung im April 1932 endete mit einer klaren Niederlage der Motionäre, die Eingemeindungsfrage war damit definitiv vom Tisch. Urs Bräm erwähnt in seinem Artikel einen Ausschnitt aus der damaligen Zeitung «Züricher Post», die schrieb, dass die Unabhängigkeit einerseits mit Böllerschüssen gefeiert wurde und andererseits sich die Gemeinde Zollikon sehr um eine bessere Verkehrsanbindung an die Stadt bemühte und ihr Problem bei der Trinkwasserversorgung mit Hilfe der Stadt Zürich zu lösen suchte. 1934 wurde die zweite Eingemeindungsrunde Realität – ohne Zollikon.
Autonomie auch heute aktuell
Als Abschluss schreibt der Autor Urs Bräm in seinem Artikel, dass die Gemeinden um 1930 rund um Zürich räumlich noch klar getrennt waren, diese Grenzen heute jedoch kaum mehr auszumachen seien. Im Gegensatz zu anderen Kantonen wie beispielsweise Glarus habe es im Kanton Zürich kaum Veränderungen der politischen Gliederung gegeben. Eine der wenigen Anpassungen sei der Anschluss von Zollikon an den Bezirk Meilen gewesen. Mit dem Entscheid 1985, dass der Bezirk Zürich neu nur noch das Stadtgebiet umfassen soll, kam Zollikon ein Jahr später zum Bezirk Meilen, womit die Loslösung von der Stadt endgültig vollzogen war.
Die Lösung anstehender Probleme wird heute eher im Zusammenschluss von Zweckverbänden gesucht. Aktuell ist die Frage der Gemeindeautonomie in der Schweiz aber allemal noch. Gemäss dem Bundesamt für Statistik BfS sind seit der Jahrtausendwende fast ein Viertel der Gemeinden nach Fusionen verschwunden. Für das aktuelle Jahr listet das BfS für den Kanton Zürich sechs Gemeinden auf, die sich jeweils zu dritt zu einer Gemeinde zusammenschliessen werden. Am linken Seeufer ist es die Eingemeindung von Schönenberg und Hütten in die Stadt Wädenswil. Weitere zehn Gemeinden mit Fusionsvorhaben sind im Kanton Zürich in diesem Jahr in Abklärungen. Gemäss dem «Tages-Anzeiger» sind die Gründe für die Gemeindefusionen bekannt: Das Milizsystem erodiert, und es wird immer schwieriger, genügend Kandidaten für die politischen Ämter zu finden. Gleichzeitig nehmen die finanziellen Belastungen besonders für die kleinen Dörfer zu. (mmw)