Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03207.jsonl.gz/1425

Wie kommt es, dass ein Kind auf raue Disziplin mit Geschrei reagiert, während ein anderes nur mit den Schultern zuckt? Und warum erwidert manches Kind ein Lob mit einer Umarmung, während ein anderes sich gar nichts daraus macht?
Kinder können auf ein und dasselbe elterliche Verhalten ganz unterschiedlich reagieren. In der Wissenschaft betrachtet man dies traditionellerweise aus einer Perspektive, die mit dem sogenannten Diathese-Stress-Modell erklärt wird. Demzufolge haben einige Kinder Eigenschaften, die sie übermässig empfindlich für Risiken in ihrem Umfeld – wie etwa schwierige Bedingungen oder negatives elterliches Verhalten – machen.
Diese Kinder sind durch Stressoren stärker verwundbar und entwickeln eher Verhaltensstörungen wie Depressionen, Angst, aggressives oder kriminelles Verhalten im Vergleich zu Kindern ohne diese Verwundbarkeit. Aber können sich Kinder mit solcher Verwundbarkeit – oder eher: Empfänglichkeit – doch auch prächtig entwickeln, wenn sie in einem fürsorglichen und unterstützenden elterlichen Umfeld aufwachsen?
Weniger empfängliche Kinder sind wie Löwenzahn: Sie können fast überall blühen.
ORCHIDEEN- UND LÖWENZAHNKINDER
Eine neue Betrachtungsweise, die das Konzept der sogenannten differenziellen Empfänglichkeit propagiert, lässt diese Vermutung zu. Ihr zufolge unterscheiden sich Kinder in ihrer Empfänglichkeit gegenüber elterlichem Verhalten sowohl im Positiven als auch im Negativen. Empfängliche Kinder sind wie Orchideen: Bei schwierigen, ungünstigen Bedingungen gehen sie rasch zugrunde, aber mit der richtigen Pflege entwickeln sie sich zu wunderschönen, prachtvollen Blumen. Weniger empfängliche Kinder sind wie Löwenzahn: widerstandsfähig und in der Lage, fast überall zu blühen, selbst in den Rissen eines Gehwegs.
Dieselben Charakteristiken, die empfängliche Kinder überproportional verwundbar für negative elterliche Erfahrungen machen, lassen sie umgekehrt auch überproportional von positiven Erfahrungen profitieren.
Wie erkennt man empfängliche Orchideenkinder? In unserer Forschung messen wir die unterschiedliche Empfänglichkeit bei Kindern anhand ihres Temperaments. Temperament widerspiegelt die Art und Weise, wie ein Mensch handelt, denkt und fühlt. Das Temperament hat eine biologische Grundlage, ist schon beim Kleinkind vorhanden und über die Zeit und Situationen hinweg ziemlich stabil.
EMPFINDLICH ODER EMPFÄNGLICH?
Im ersten Teil unseres Forschungsprojekts haben wir eine Metaanalyse durchgeführt und die Forschungsliteratur darüber zusammengefasst, wie unterschiedlich Kinder je nach Temperament auf elterliches Verhalten reagieren. Bei einer Metaanalyse handelt es sich um ein statistisches Verfahren, das die Ergebnisse unabhängiger Studien zusammenführt. Wir wollten herausfinden, ob die unterschiedlichen Reaktionen der Kinder eher mit dem Diathese-Stress-Modell zu erklären sind, wonach Kinder sich in ihrer Empfindlichkeit gegenüber negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens unterscheiden. Oder ob die Unterschiede das neuere Konzept der differenziellen Empfänglichkeit widerspiegeln, wonach Kinder sich sowohl in ihrer Empfänglichkeit für die negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens als auch für die positiven Auswirkungen fürsorglichen elterlichen Verhaltens unterscheiden.
Wir fanden mehr Belege für das Konzept der differenziellen Empfänglichkeit, also dafür, dass die empfänglichen Orchideenkinder zwar übermässig unter den negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens leiden, aber auch übermässig von fürsorglichem elterlichem Verhalten profitieren.
Hochsensible Kinder nehmen Gerüche oder Lärm stärker wahr.
Um diese besonders empfänglichen Kinder zu erkennen, bewerteten wir ihre negative Emotionalität, ein Temperamentsmerkmal, das die Tendenz eines Menschen widerspiegelt, leicht gestresst zu sein. Kinder mit hoher negativer Emotionalität sind schnell verängstigt oder frustriert und nur schwer zu beruhigen, wenn sie sich aufregen.
Kleinkinder mit hoher negativer Emotionalität scheinen empfänglicher für elterliches Verhalten zu sein – und zwar im Positiven wie im Negativen. Hatten diese Kinder schroffe oder abweisende Eltern, wiesen sie in der späteren Kindheit mehr Verhaltensstörungen auf. Hatten sie jedoch warmherzige und fürsorgliche Eltern, waren ihre sozialen Fähigkeiten besser, und sie waren bessere Schüler. Orchideenkinder mit hoher negativer Emotionalität reagierten also im Vergleich mit Löwenzahnkindern mit geringerer negativer Emotionalität stärker auf schroffes, abweisendes Verhalten, aber auch stärker auf warmherziges, fürsorgliches Verhalten.
VON BESONDEREM INTERESSE IST DIE HOCHSENSIBILITÄT
Wie geht es nun weiter? Die Empfänglichkeit von Kindern mit ausgeprägter negativer Emotionalität war nur gegeben, wenn sie bereits im Kleinkindalter festgestellt worden war. Dies weist darauf hin, dass ein hohes Mass an negativer Emotionalität bei älteren Kindern nicht automatisch zu einem hohen Mass an Empfänglichkeit führen muss.
Wir wollen deshalb untersuchen, welche Temperamentsmerkmale wir nutzen können, um eine stärkere Empfänglichkeit bei älteren Kindern zu erkennen. Dazu haben wir Informationen von 280 Kindern (4 bis 6 Jahre alt) und ihren Eltern zusammengetragen. Eines der Temperamentsmerkmale, das uns besonders interessiert, ist die Hochsensibilität. Hochsensible Kinder nehmen subtile Dinge in ihrer Umgebung wahr – zum Beispiel einen angenehmen Geruch oder weiches Gewebe. In sehr anregenden Situationen, etwa bei viel Lärm oder wenn vieles gleichzeitig passiert, sind sie leicht überwältigt.
Mit dieser Forschung wollen wir verstehen, warum einige Kinder stärker auf ihre Eltern reagieren als andere. Letztlich kann dieses Wissen Eltern dabei helfen, ihr Verhalten besser auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes – sei es nun mehr oder minder empfänglich – auszurichten.
Foto: Pexels.com
Foto: Pexels.com
ZUR AUTORIN
Meike Slagt ist Doktorandin am Forschungszentrum für Kinder- und Jugendstudien an der niederländischen Universität Utrecht. Sie forscht, wie unterschiedlich Kinder auf das Verhalten der Eltern reagieren und ob sich diese Unterschiede mit dem Temperament der Kinder erklären lassen.
Meike Slagt ist Doktorandin am Forschungszentrum für Kinder- und Jugendstudien an der niederländischen Universität Utrecht. Sie forscht, wie unterschiedlich Kinder auf das Verhalten der Eltern reagieren und ob sich diese Unterschiede mit dem Temperament der Kinder erklären lassen.
JACOBS FOUNDATION
Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.