Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03342.jsonl.gz/817

«Erst so kann der Entscheid als fundiert bezeichnet werden»
Leserbrief
Leserbrief zu TEC21 30/2021, «Quadratur des Kreises» (Studienauftrag Gesamtsanierung Schule für Gestaltung Bern/Biel, Bern).
Mit der Besprechung des Studienauftrags für die Gesamtsanierung der Schule für Gestaltung in Bern (1968–1971), einem Inventarobjekt der städtischen Denkmalpflege, wird in Heft 30/2021 auf ein interessantes Konkurrenzverfahren aufmerksam gemacht, das Erkenntnisse und Diskussionsgrundlagen liefert, die weit über dieses eine Bauvorhaben hinausweisen. Nach Ansicht des Autors Markus Schmid dürfte es sie allerdings gar nicht geben, da nur ein Ersatz der bauzeitlichen Vorhangfassade die gestellten Anforderungen erfülle.
Der Juryentscheid zugunsten einer Rekonstruktion scheint ihm recht zu geben. Er kritisiert deshalb gleich zu Beginn, dass es überhaupt zugelassen war, über eine Ertüchtigung nachzudenken. Dem ist deutlich zu widersprechen, denn erst so kann ein Entscheid gegen den Erhalt als fundiert bezeichnet werden. Dank des hervorragenden Juryberichts, der die akribisch bearbeiteten Pläne vollständig und im vektorbasierten PDF-Format abbildet, und des glücklichen Zufalls, dass die vier zur Teilnahme ausgewählten Teams vier gänzlich verschiedene Ansätze zur Sanierung der Vorhangfassade verfolgt hatten (neben dem Totalersatz drei Varianten mit Erhalt), ist der Entscheid für den Ersatz – vor dem Hintergrund der eingereichten Beiträge – für alle nachvollziehbar(er).
Bedauerlich bleibt er trotzdem, stammt doch die Fassade mit den Wendeflügeln aus dem Hause keines Geringeren als dem findigen Konstrukteur Ernst Koller (1900–2002), der nicht nur für die Fassaden des Pirelli-Hochhauses in Mailand (1956–1958) und des Verwaltungsgebäudes der Nestlé in Vevey (1957–1959) verantwortlich zeichnete, sondern auch die bis heute erhalten gebliebenen Fenster einer Vielzahl der Basler Roche-Bauten von Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940) und Roland Rohn (1905–1971) plante.
Markus Schmid moniert in seiner Rezension weiter, dass die Minimalvariante von Aebi & Vincent mit dem Einbau einer Dreifachverglasung und einer zusätzlichen Brüstungsdämmung mit 25 mm Aerogel im Widerspruch zu Normen und Gesetzen stehe, unterlässt es aber, die Abweichungen konkret zu benennen. Das ist bedauerlich. Der Einbau von (neuen) Isoliergläsern an Metallfenstern mit Profilen ohne thermische Trennung entspricht einer gängigen Praxis und wurde jüngst im grossen Stil an der 1967/68 erstellten Schulanlage Auen in Frauenfeld von Barth & Zaugg angewandt (Sanierung 2017–2020 durch jessenvollenweider).
Weshalb war in Frauenfeld möglich, was nun in Bern nicht geht? Liegt es daran, dass die Aluminiumprofile bei der Schulanlage Auen hell statt dunkel sind und dass die Lamellenstoren nicht nur das Glas, sondern auch die Rahmen beschatten (im Jurybericht zur Schule für Gestaltung wird die Vermutung ausgesprochen, dass die Fenster im Sommer aufgrund der dunklen Farbe der nicht getrennten Rahmen eine raumseitige Oberflächentemperatur von bis zu 60 °C erreichen, was der Wärmeabgabe eines voll aufgedrehten Radiators entspreche)? Oder gab man sich in Frauenfeld damit zufrieden, dass die Neubauanforderungen «nur» zu 90 % statt zu 100% erfüllt werden?
Doch wieso soll man sich solche Fragen überhaupt stellen, wenn es doch ganz einfach ist? «Bei einem Gebäude dieser Art spielt die Erhaltung des Bestands insofern keine Rolle, als die Architektur nicht verändert wird», meint der Autor und übersieht neben den Feinheiten das Offensichtliche. Beim Siegerprojekt der ARGE Bünzli & Courvoisier/ BGS Architekten liegt nämlich der textile Sonnenschutz, anders als im Bestand, zwischen den Gläsern. Nun wird die Fassade immer glänzen, egal in welcher Position der Wendeflügel steht. Zu behaupten, die neue Fassade hätte die gleiche Anmutung wie zur Bauzeit, ist nicht nur falsch, sondern zeugt auch von einer oberflächlichen Betrachtung.