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Auf den ersten Blick scheint Gesundheit einen eher lockeren Zusammenhang mit Philosophie zu haben. ‚Gesundheit’ ist in der Tat ein medizinisches Konzept, das ein Fachwissen – u.a. menschliche Anatomie, Physiologie – und ein praktisches Ziel voraussetzt, nämlich die Sorge für das Wohlbefinden der Menschen. Im Englischen spricht man dementsprechend von health professionals und health science. Das allgemeine Ziel der Medizin könnte man also provisorisch so formulieren: Die Gesundheit der Menschen zu erreichen, zu bewahren und zu fördern. Der Zweck der (bewahrenden/kurativen) Medizin besteht aber auch darin, die Ursache der Krankheit zu identifizieren, kranke Menschen, Organe oder Zellen zu heilen, oder im Falle der Palliativmedizin, Schmerzen zu lindern. In der deutschen Sprache war noch bis vor kurzer Zeit das Wort ‚Krankenschwester’ bzw. ‚Krankenpfleger’ üblich. Gesundheit und Krankheit sind also die Hauptbegriffe, worum es sich in den Medizinwissenschaften handelt.
Darüber hinaus greifen wir in unserer Alltagssprache sehr oft auf das Wort ‚Gesundheit’ zurück, um den körperlichen, mentalen Zustand einer privaten Person (mein Freund), eines Kollektivs (die schweizerische Gesellschaft) zu beschreiben. Man kann auch mit ‚Gesundheit’ das Wohlergehen eines Tiers (meine Katze) und dessen Essverhalten beschreiben. Man kann ebenso die Wachstumsweise einer Pflanze, eines Baumes, eines Waldes ‚gesund’ oder ‚krank’ nennen. In all diesen Beispielen verwenden wir das Wort ‚Gesundheit’, um ein evidentes Gedeihen zu beschreiben, und weniger, um eine abstrakte Hypothese oder eine spekulative Aussage über das Wesen der Welt aufzustellen.
Wozu also die Philosophie, wenn wir über Gesundheit sprechen? Die Medizinwissenschaften verfügen ja über zuverlässiges Wissen, etablierte Methodik und wirkungsvolle Mittel, um die menschliche Gesundheit zu erkennen, zu messen und wiederzuerlangen. Inwiefern ist die Disziplin der Philosophie wichtig und vielleicht sogar unentbehrlich für unser Verständnis von Gesundheit?
Fangen wir mit einer der Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) an: Gesundheit ist „in Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ (1948). Der Anspruch auf „vollständiges“ Wohlbefinden fällt uns hierbei auf: An der superlativischen Ausdrucksweise („vollständig“) erkennen wir, dass die WHO keine evidenz-basierte deskriptive Definition von ‘Gesundheit’, sondern einen normativen Satz formuliert. Dadurch verstehen wir, dass Gesundheit nicht nur ein messbares Phänomen ist, sondern auch ein idealer Zustand, den wir für uns und für alle anderen Lebewesen aktiv anstreben sollten.
Weiterhin bemerken wir, dass wir eigentlich nicht genau wissen, was wir meinen, wenn wir eine Person für gesund halten. Ist unser Urteil nicht subjektiv gefärbt, d.h. nach unseren eigenen Gesundheitsvorstellungen determiniert und nach unseren emotionalen Einstellungen befangen, wenn wir sagen: „X sieht sehr gesund aus“? Was nehmen wir eigentlich wahr? Den körperlichen, den mentalen, den spirituellen Zustand von X, oder den Zustand der Person X als Ganzes? Assoziieren wir nicht automatisch moralische Eigenschaften mit dem Gesundsein?
Den Kern des philosophischen Denkens erkennt man unmittelbar an diesen Fragen: Die Philosophie zwingt uns, unsere Wertvorstellungen von Gesundheit zu hinterfragen. Ist es in der Tat so, dass Gesundheit der Gegensatz von Krankheit ist? Ist es legitim, ein kontinuierliches gesundes Leben für sich und für alle anderen Lebewesen zu verlangen? „Ist normal identisch mit gesund (sain)?“, fragt der französische Philosoph der Medizin Georges Canguilhlem (1904-1995). Wenn Kranksein eine fundamentale Dimension des menschlichen Lebens ist, wie der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) dachte, welchen Sinn sollten wir dann der Krankheit zuschreiben? Gibt es überhaupt einen Sinn in der Krankheit?
In enger Zusammenarbeit mit dem neueren interdisziplinären Forschungsbereich der medical humanities beschäftigt sich die Philosophie mit diesen Fragen, wie zum Beispiel: Welche medizinischen und außermedizinischen Kriterien hat man verwendet, um einen mentalen Zustand für gesund bzw. krank zu deklarieren und diesen zu kontrollieren (siehe Michel Foucault, Histoire de la folie à l’âge classique, 1972)?; Warum wurden (tödliche) Krankheiten wie (einst) Tuberkulose und Krebs metaphorisch begriffen (siehe Susan Sontag, Illness as Metaphor, 1977)?
Bis jetzt wurde die Philosophie vor allem als Problematisierung unserer Überzeugungen und kritische Wahrnehmung der anscheinenden Normalität verstanden. Es gibt selbstverständlich andere Arten und Weisen, Philosophie zu begreifen und zu betreiben. Für unser Thema sollten wir uns daran erinnern, dass die Philosophie in ihrer Geschichte, besonders in der antiken Moralphilosophie nicht nur den Sinn von ‚Gesundheit’ in Frage stellte. Die Philosophie – besonders die stoische Ethik – verstand sich auch als Lebenskunst mit dem Ziel, die Gesundheit der Seele, im Sinne von mentaler Ruhe und Unerschütterlichkeit des Gemüts anzustreben (siehe Seneca, De tranquilitate animi).
Theoretisch und praktisch ist die Philosophie also von grosser Bedeutung, um die Gesundheit besser zu erfassen.