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Anschauungsunterricht,
ein
Zweig des Elementarschulunterrichts, der in einer
Reihe von Übungen besteht, welche darauf
berechnet sind, das
Anschauungs- und Sprachvermögen der
Kinder auszubilden. Wenn das fünf- oder sechsjährige
Kind die
Schule
betritt, ist es in der
Regel für den eigentlichen
Unterricht noch nicht reif, da es ihm an einem hinreichenden
Vorrat deutlicher
Anschauungen, an der Fähigkeit, aufzumerken und, was es wahrnimmt, klar auszusprechen, gebricht. Es muß
daher erst »bemerken und reden« lernen.
Diesen
Zweck verfolgen die
Anschauungsübungen. Sie beginnen von äußern
Anschauungen,
um dadurch
innere (s. unten) zu veranlassen: sie wollen die
Sinne des
Kindes für äußere
Eindrücke öffnen,
damit die
Dinge der
Außenwelt sich in klaren
¶
mehr
Bildern im kindlichen Gemüt abspiegeln und richtige Grundlagen für spätere Begriffe und Urteile werden. Wirkliche, reale Gegenstände oder auch passend gewählte Bilder werden den Sinnen der Kleinen vorgeführt, sie werden angeschaut und allseitig betrachtet. Hiermit werden Sprechübungen verbunden, damit das Kind auch lerne, seine Vorstellungen durch Worte auszudrücken. Was angeschaut worden ist, wird besprochen. Der Lehrer lenkt die Aufmerksamkeit der Kinder durch Fragen, und die Schüler lernen in bestimmter, scharfer Weise, in einzelnen Sätzen sich aussprechen.
Bezeichnungen, welche die Kinder noch nicht kennen, werden ihnen gesagt, aber stets, nachdem sie die lebendige, unmittelbare Anschauung des Dinges und seiner Merkmale erlangt haben. Mancherlei Anwendungen auch auf das innere Leben, Würzung des Unterrichts durch kleine Sprüche, Lieder etc. ergeben sich dabei für den gemütvollen Lehrer von selbst. Das diesem Unterricht zu Grunde liegende Prinzip führt auf Bacon zurück, welcher, gegenüber der Methode der Scholastiker und der Philologen des 15. und 16. Jahrh. (Verbalisten), die sinnliche Anschauung als das Fundament des wissenschaftlichen Verfahrens (Realismus) bezeichnete.
Dieses wissenschaftliche Prinzip Bacons hat zuerst, unmittelbar durch ihn angeregt, Amos Comenius folgerecht auf den Unterricht
angewandt (»Nicht mit verbaler Beschreibung, sondern mit realer Anschauung muß man beginnen«; daher sein berühmter »Orbis pictus«).
Auch die Halleschen und Berliner
[* 4] Realschulen (Semler, Hecker) pflegten Anschauung und anschaulichen Unterricht.
Weiter gingen Rousseau, Basedow und namentlich Pestalozzi, welcher den Denkübungen der Philanthropisten die Anschauung zur Basis
und das Angeschaute als Inhalt gab. So entstand ein besonderer »
Anschauungsunterricht« als
propädeutischer Vorkursus für die Schule überhaupt.
Dieser Unterrichtszweig hat seine eigne Geschichte und eine umfangreiche Litteratur (Pestalozzis »Buch der Mutter«, v. Türk, Graßmann, Harnisch, Denzel, Graser, Diesterweg, Curtmann, Völter etc.). Es ist leicht zu erkennen, daß eine einseitige Pflege dieses Unterrichtsgegenstandes, die ihn von den übrigen Unterrichtszweigen ablöst, zu neuen Irrungen führen mußte, daß man, während man die frühere abstrakte Weise beseitigen wollte, selbst wieder in die Abstraktion verfiel.
Dem gegenüber beschränkt sich die »Allgemeine Verfügung« des preußischen Ministers Falk vom hierin mit den Stiehlschen
Regulativen einig, auf die Forderung, daß Übungen im mündlichen Ausdruck den Schreib- und Leseunterricht vorbereiten und
ihn auf seinen weitern Stufen begleiten sollen, und zwar anfangs von einfachen Gegenständen, demnächst
von Gruppenbildern und endlich von den Sprachstücken des Lesebuchs ausgehend, und daß alle Unterrichtszweige von der Anschauung
als ihrem gemeinsamen Stamm ausgehen sollen. Gesonderten Unterricht in der Anschauung erfordern sie nicht. Doch entscheidet
die Praxis in Landschulen, namentlich in ärmlichen Gegenden, oder wo im Haus abweichende Mundart etc. vorwaltet,
kurz, wo die Kinder sehr spracharm in die Schule eintreten, meist für gesonderten
Anschauungsunterricht. - Inneres Anschauungsvermögen ist die
Fähigkeit der menschlichen Seele, auf Grund früherer Sinnesempfindungen und unmittelbarer Erfahrung sich selbständig deutliche,
lebensvolle Vorstellungen von den Gegenständen und ihren Verhältnissen zu einander zu bilden.