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Paul hatte es in den 70er-Jahren nicht einfach: weil er die Beatles-Trennung öffentlich gemacht hatte, hatte er die Rolle des Sündenbocks. Und doch wurde von ihm erwartet, dass er an seine alten Erfolge anknüpfen konnte. Er tat es, auch wenn es den Kritikern schwer fiel, dies anzuerkennen. Vorallem nach der Gründung der Wings ging es los. «Band On The Run» ist eines der erfolgreichsten Alben der 70er, «Mull Of Kintyre» die erfolgreichste Single in England. Die Welttour von 1975 und 1976 die grösste Tour einer Rockband. Mit sechs Nummer 1 Singles in England und fünf in den USA hatten Paul und die Wings mehr Toperfolge als die Rolling Stones, Eagles und die drei anderen Beatles zusammen.
Die Veröffentlichung der Retrospektive «Wingspan» ist kein Zufall, in den USA werden die Wings wieder von den Jugendlichen entdeckt. Und drei Jahre nach dem Tod von Linda setzt ihr Paul ein schönes Erinnerungsstück. Das Album kommt als Doppel-CD und umfasst 40 Songs. Die 17 auf der CD Hits haben sich alle über eine Million Mal verkauft. Deshalb ist auf der amerikanischen Version die Liveversion von «Coming Up» enthalten. Musikalisch spannt das Album den Bogen von den ersten Aufnahmen, die Paul und Linda gemeinsam gemacht haben bis zu den letzten, bei denen der treue Kompagnon Denny Laine mitgewirkt hat. So finden sich «Maybe I'm Amazed», aber auch mit «Pipes Of Peace» und «Tug of War» Songs, die nach den Wings erschienen sind. Auf der zweiten CD sind Songs enthalten, die Paul und Linda McCartney schätzen und Paul zu den besten in seinem Katalog zählt.
die richtigen Inhalte und angemessene Selbstkritik
Dass sich «Wingspan» in der Abrechnung sehr erfolgreich verkauft hat, liegt am gelungenen Konzept, das auf der CD schlussendlich 14 Jahre von Pauls Karriere umfasst, die 14 Jahre, welche er noch immer zuoberst im Popolymp war und eigentlich die Jahre mit Denny Laine umspannt. Besonders die Auswahl auf der zweiten CD spricht für sich, auch wenn mit «Daytime, Nightime Suffering» und «Maybe I’m Amazed» zwei von Pauls eigenen Favoriten enthält und sein Schaffen im Schatten der Millionenseller abbildet. Dasselbe gilt es über die DVD zu sagen, in der Paul offen zurückblickt und sich altersweise gibt. Kaum vorzustellen heutzutage, dass die McCartneys mit den Kindern 1972 eine England- und Europatour (mit Halt in Montreux und Zürich) und 1975/76 eine Welttour unternommen haben.
Auch zeigt sich Paul im Interview angemessen selbstkritisch. Seine Verhaftung in Japan wegen Marihuanabesitzes 1980, was schlussendlich das Ende der Wings bedeute, kann er, noch immer kiffend, nicht verstehen und er findet es unverantwortlich, wie er als Familienvater agiert hat. Und er sagt, dass er das Ende der Band unbewusst herbeiführen wollte. Die ständigen Lineup-Wechsel der Wings nervten ihn.
Wings Mark 1I auf ihrer Europatour 1972, die sie auch nach Montreux und Zürich führte. Paul und Linda, Denny Laine, Henry McCullogh und Denny Seywell (vlnr)..
Die DVD enthält ein Interveiw, das Pauls Tochter Mary mit ihrem Vater führt. Das Gespräch spannt den Bogen von der Hochzeit von Linda bis zum Ende der Band 1981. Das Interview ist ein intimes Porträt über Paul und Linda, die sich ein privates und berufliches Leben aus den Trümmern der Beatles aufzubauen.
Der Untertitel des intimen Porträts stimmt, so macht Mary McCartney im Interview eine Bemerkung über ein Dirty Weekend von Paul und Linda. Und lustig wird es, als sich Mary erinnert, dass sie als Kinder während der Welttour auch feiern wollten, aber in Bett mussten, und Paul antwortet, dass dies typisch für Kinder wäre, die immer aufbleiben wollen. Die anderthalbstündige Dokumentation verbindet die Bandgeschichte mit der Familiengeschichte. Das Buch zeigt ebenso viele Fotos und erinnert an die Aufnahmesessions in den 70er-Jahren.
die Versionen
McCartney wollte auch «Give Ireleand Back To The Irish» auf dem Album, doch seine Plattenfirma, EMI Records, drängte ihn, wegen des aufgeflammten Terrorismus, den Song vom Album zu nehmen, dies ein halbes Jahr vor den Terroranschlägen vom 11. September 2011 in den USA. Eine verpasste Chance.
Obwohl «Wingspan» weltweit erschien, gibt es Unterschiede, die auf die USA und Japan Rücksicht nehmen. Auf der Hits-CD enthält die US-Version die Liveversion von «Coming Up», die japanische CD wurde um den 19. Titel «Eat At Home» ergänzt. Zur Promotion liess Paul einige Songs remixen. «Silly Love Songs» erschien als Promo CD. Ebenso ein CD Sampler mit 8 Songs und jeweils einer kurzen Einführung von Paul gesprochen.
Rezeption
«Wingsspan» verkaufte sich ordentlich und erreichte in England Rang 5, in den amerikanischen Billboard Charts Rang 2, in Norwegen Rang 5 und in Kanada Rang 4. Weitere Top 30 Rangierungen gab es in Australien, Österreich, Belgien, Dänemark, Deutschland, Italien, Japan und Neuseeland. In der Schweiz konnte sich das Album nicht platzieren. In der ersten Woche verkaufte sich Wingspan in den USA 221 000 Mal, bis 2005 nagte es mit 970 000 Exemplaren an der Millionenschallgrenze, was Doppelplatin bedeutete, aber auch in England, Neuseeland und Australien gab es Gold. Die McCartney-kritische Plattform Allmusic.com gibt «Wingspan» fünfeinhalb von sechs Sternen und anerkennt Pauls Leistungen. Die Videoclips zu den Songs sind auf der 2007er-Kollektion «The McCartney-Years» enthalten.
Paul während den Aufnahmen von «Band On The Run» im Herbst 1973. – Foto: Linda McCartney..