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Geht man von der Schneidergasse das Totengässlein zur Peterskirche hinauf, sieht man den hohen Kopfbau, der im klassizistischen Stil den Anstieg des Nadelbergs markiert. Er wurde vom Basler Architekten Lukas Amadeus Merian (1808-1889) im Jahr 1856 errichtet. Das Haus gehört heute der Universität Basel und kann auf eine lange Geschichte im Dienst der Wissenschaft, aber auch zum Wohlergehen einer breiten Bevölkerungsschicht als Heil- und Lehr-Stätte zurückschauen.
Die Liegenschaft mit dem Namen Haus «zum Sessel» und der heutigen Adresse Totengässlein 3 ist in seiner gegenwärtigen Gestalt aus mehreren Altstadthäusern zusammengewachsen. Als erstes dieser Häuser wurde das Gebäude im hinteren Teil des Areals – also gegen die Schneidergasse und den Andreasplatz hin – im Jahr 1296 als «Badestube unter Krämer» urkundlich erwähnt. Der Name «unter den Krämern» geht zurück auf die einst um den Andreasplatz herum ansässigen Gewürzkrämer. Der «Vorderen Sessel», also der vordere, direkt am Totengässlein gelegene Teil, wird erst seit 1316 erwähnt. Der im Hinterhaus gelegene Goldbrunnen, der einst das Badehaus mit Wasser versorgte, existiert heute in einer barocken Steinfassung im Hof. Er führte im Laufe der Zeit zu zahlreichen Streitigkeiten, da das ablaufende Wasser bei Nachbarn immer wieder Schäden verursachte.
Das Haus «zum Sessel». Ein Zentrum des Basler Humanismus
Für die Geschichte der Universität sind vor allem zwei Perioden der Hausgeschichte von Interesse. Die erste begann mit einem Pächter, der sich am Ende des 15. Jahrhunderts in den «Sessel» einmietete und diesen in den 1490er Jahren erwarb: Johannes Amerbach, der Buchdrucker (1444-1513). Aus Amorbach im Odenwald kam Johannes Welker Anno 1477 nach Basel, wo er den Beinamen «Amerbach» erhielt. Sein Wohnhaus behielt er in Kleinbasel, im Haus «zum Kaiserstuhl» in der oberen Rheingasse. Hier unterhielt er auch eine Druckerei. In Grossbasel, im Haus «zum Sessel», richtete er eine weitere Druckerei ein. Mit der Druckerei Amerbachs «im Sessel» begann eine Episode, in der das Haus für 100 Jahre zu einem wichtigen Zentrum des Basler Humanismus wurde. Unter Johannes Froben – oder lateinisiert Frobenius – erreichte das Haus im frühen 16. Jahrhundert seine höchste Blüte. Johannes Froben gilt heute als einer der bedeutendsten Humanistendrucker in Europa.
Mit der Druckerei kamen zahlreiche berühmte Vertreter des Humanismus und Gelehrte aus dem Umfeld der Universität in das Haus am Totengässlein. Schliesslich wird dort, wo Bücher herausgegeben werden, viel redaktionelle Arbeit geleistet. Die Druckherren, die zugleich auch als Verleger tätig waren, dienten zahlreichen Gelehrten an der damals noch jungen Universität als wichtige Auftrags- und Arbeitgeber. Sie beauftragen Lektoren mit der redaktionellen Arbeit der zu druckenden Werke. Dafür mussten die Manuskripte als Druckvorlagen in Klosterbibliotheken aufgespürt, ausgeliehen oder abgeschrieben werden. Vor allem bei kommentierten Ausgaben von Kirchenvätern, der Bibel oder griechischen und lateinischen Klassikern galt es die zu berücksichtigenden Kommentare auszuwählen und Handschriftenvarianten zu vergleichen.
Für viele Gelehrte boten die Arbeiten in den Druckereien willkommene Gelegenheiten sich einen Namen zu machen, Geld zu verdienen oder schlicht und einfach die Lateinkenntnisse aufzubessern. Unter den Basler Gelehrten, die in der Druckerei «im Sessel» arbeiteten, finden sich heute noch bekannte Grössen, darunter Sebastian Brant (um 1457/58-1521), der 1475 an die Universität Basel kam und hier kanonisches Recht unterrichtete. Daneben wirkte er an der Herausgabe von über 90 Drucken mit, unter anderem bei Johannes Amerbach und Johannes Froben im Totengässlein. Durch seine Arbeiten als Berater, Lektor, Autor und Herausgeber gilt Sebastian Brant heute als «Wegbereiter des Humanismus am Oberrhein».
Als Frobens Lektor und Korrektor arbeitete auch Johannes Reuchlin (1455-1522), der Schlettstädter Humanist Beatus Rhenanus (eigentlich Beat Bild, 1485-1547) sowie Sebastian Münster (1488-1552), letzterer vor allem für die Herausgabe von Texten in hebräischer Sprache.
Auch Basels Reformator Johannes Oekolampad arbeitete 1515 zusammen mit dem Münsterprediger Wolfgang Fabricius Capito als Korrektor bei Johannes Froben. Während der Arbeiten an der Drucklegung der griechisch-lateinischen Ausgabe des Neuen Testamentes durch Erasmus von Rotterdam wohnte Oekolampad sogar bei Froben «im Sessel».
Vom Wohnhaus zum Ort der Ausbildung
Im 17. und 18. Jahrhundert hat das Haus «Zum Sessel» seine Bedeutung als Brennpunkt des kulturellen und geistigen Lebens verloren. Lediglich ein paar gerichtlich ausgetragene Streitigkeiten berichten über die Zeit, in der die Liegenschaft vor allem als Wohnhaus genutzt wurde. Unter Anna Margaretha Iselin wurde der hintere Teil des «Sessels» renoviert und barock ausgestaltet, wie sich am Deckenstuck im ersten Stock und einem Wappenschild an der Hausfassade heute noch ablesen lässt.
Ein neues Kapitel der Hausgeschichte begann 1814 mit dem Einzug der «obrigkeitlichen Töchterschule» in das Haus «Zum Sessel». In Basels erster staatlicher Mädchenschule wurde morgens Religion, Deutsch, Französisch, Geographie und Geschichte unterrichtet, nachmittags Handarbeit. Im Hinterhaus, das einst als Druckerei diente, zogen die drei Klassen ein, während das Vorderhaus dem Rektor als Wohnung diente. Bis 1843 hatte die Töchterschule aufgrund schwankender Schülerinnenzahl und damit verbundenem unsicherem Einkommen ein ungewisses Schicksal. 1856 schliesslich, in die Jahre gekommen und für die Funktion als Schulhaus ungeeignet, wurde der vordere, am Totengässlein gelegene Teil durch den Basler Architekten Amadeus Lukas Merian umgestaltet und die Fassade historistisch, im Sinn des romantischen Klassizismus der Münchner Schule neu gestaltet. Amadeus Merian war 1835-59 Basels erster Bauinspektor. 1838-40 errichtete er seinen ersten Neubau, das Gesellschaftshaus Café Spitz auf der rechten Seite der Mittleren Rheinbrücke. Das Hotel Drei Könige folgte 1842-44.
Für die Lehrtätigkeit der Töchterschule wurde das Haus «Zum Sessel» zusehends zu eng. In den 1860er Jahren mussten immer mehr externe Räume als Klassenzimmer hinzugenommen werden. Der weitere rasche Anstieg der Schülerinnen liess einen Neubau unvermeidlich werden. Im Oktober 1884 konnte dieser in der Kanonengasse eingeweiht werden. Die «obrigkeitlichen Töchterschule» verliess das Haus »Zum Sessel».
Dreizehn Jahre später wurde der «Sessel» erneut zum Schulhaus. Die Frauenarbeitsschule suchte ein neues Domizil, nachdem ihr das Schulgebäude an ihrer alten Adresse, am Stapfelberg 9, für die fast 1300 Schülerinnen zu eng geworden war. Die Frauenarbeitsschule war ein Kind der Gemeinnützigen Gesellschaft GGG und bildete das Gegengewicht zur obrigkeitlichen Töchterschule, welche in Teilen der Gesellschaft als zu intellektuell wahrgenommen wurde. Die Mädchen sollten wieder mehr auf häusliche und hauswirtschaftliche Aufgaben vorbereitet werden. Kochen, Nähen, Buchhaltung, Krankenpflege, Wohngestaltung und Gartenbau gehörten daher zum Fächerkanon.
Aber auch für die Frauenarbeitsschule wurde das Haus «Zum Sessel» im Laufe der Zeit zu eng. 1916 bezog die Schule einen Neubau in der Kohlenberggasse. Unterdessen war sie auf 1872 Schülerinnen angewachsen.
Bereits ein Jahr später, im Oktober 1917, bezog die Universität Basel die Liegenschaft mit der neu gegründeten «Pharmazeutischen Anstalt». Die neue eidgenössische Prüfungsordnung von 1912 hob die Anforderungen für die Ausbildung der Apotheker so kräftig an, dass die Schaffung einer eigenen Lehranstalt in Basel notwendig erschien. Für das Studium wurden die Räume neu mit Laboratorien versehen und boten Arbeitsplätze für 36 Studierende und Doktoranden.
1925 wurde der Fächerkanon um das Fach Pharmaziegeschichte erweitert. Prof. Josef Anton Häfliger, Inhaber des ersten Lehrstuhls, schenkte damals seine Privatsammlung der Universität und richtete sie im Totengässlein als Beleg- und Studiensammlung ein. Daraus entstand das Pharmazie-Historische Museum, welches in seiner Ausstellung die Präsentation der 20er und 30er Jahre bis heute bewahrt.
80 Jahre nach dem Einzug in das Haus «zum Sessel» konnte das Haus im Totengässlein den Anforderungen an ein modernes Institut mit Lehr- und Forschungsbetrieb nicht mehr genügen. Das Pharmazeutische Institut der Universität Basel konnte 1999 nach langer Bau- und Planungszeit den Neubau in der Klingelbergstrasse beziehen. Das Pharmazie-Historische Museum blieb an seinem angestammten Platz, während die im Totengässlein leer stehenden Büroräume und Laboratorien von verschiedenen Universitätsinstitutionen derzeit zwischengenutzt werden.