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Wie ich gerade erst bemerkt habe, werden die 10 Gebote in der Bibel mehr als einmal erwähnt (wobei mich das nicht besonders verwundert, da dort auch sonst sehr vieles wiederholt wird – das Buch wäre wesentlich handlicher, würde man auf die unnötigen Wiederholungen verzichten): in Exodus 20, 3 ff. und in Deuteronomium 5, 7. Nichts Neues ist hingegen, dass es verschiedene Wortlaute gibt; einerseits gibt es verschiedene Übersetzungen, andererseits diverse Konfessionen (wäre mal an der Zeit, dass Gott mal klarstellt, welche die richtige ist).
„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; […] Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ (Ex 20, 3 ff.)
Diese Vorschriften lassen sich im schweizerischen Recht nicht finden. Es besteht im Gegenteil Religionsfreiheit, sprich jeder Mensch kann so viele oder so wenige Götter haben wie er will. Dieses Gebot widersprich im Übrigen auch dem bei uns geltendem Schuldprinzip: Was können Söhne – insbesondere in der dritten und vierten Generation für die „Schuld“ ihrer Väter? (Zugegebenermassen widerspricht auch in unserem Strafrecht dem Schuldprinzig, aber das ist ein ganz anderes Thema.)
„Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.“ (Ex 20, 9 f.)
Zugegebenermassen gibt es ein Verbot der Sonntagsarbeit in Art. 18 des Arbeitsgesetzes. Dieses Gesetz ist allerdings nur auf Arbeitnehmende anwendbar – Selbständige dürfen am Sonntag so viel arbeiten wie sie wollen. Zudem können Ausnahmen vom Verbot bewilligt werden – es wäre ja auch blöd, wenn Polizei, Feuerwehr, etc. sonntags nicht im Einsatz wären – und wer will schon sonntags auf ein Gipfeli vom Bäcker verzichten?
„Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (Ex 20, 12)
Gemäss Art. 301 ZGB schuldet das Kind den Eltern Gehorsam – ehren muss es Vater und Mutter aber nicht. Nach schweizerischem Recht darf ein störrischer und widerspenstiger Sohn auch nicht gesteinigt werden (vgl. Dtn 21, 18 ff.).
„Du sollst nicht morden.“ (Ex 20, 13)
Endlich ein Gebot, dass mit der Regelung im StGB übereinstimmt – könnte man meinen. Denn einerseits steht in einigen Bibelversionen „du sollst nicht töten“, was ja auch ein Aufruf sein kann, weder Tiere noch Pflanzen zu töten und insofern mit der Regelung im StGB nichts zu tun hat. Andererseits wird bei diesem Gebot nicht definiert, was unter Mord zu verstehen ist (jede Tötung eines Menschen oder nur bestimmte Formen?), so dass ein Vergleich mit unserem Strafrecht nicht möglich ist.
„Du sollst nicht die Ehe brechen.“ (Ex 20, 14)
Gemäss Art. 159 Abs. 3 ZGB schulden die Ehegatten einander Treue und Beistand. Allerdings hat der untreue Ehegatte keine rechtlichen Konsequenzen zu fürchten. Natürlich kann der betrogene Ehegatte die Scheidung verlangen – das kann allerdings auch ein nicht betrogener Ehegatte und ob ein Ehegatte untreu war, hat auf die Scheidungsfolgen keinen direkten Einfluss.
„Du sollst nicht stehlen.“ (Ex 20, 15)
Dieses Gebot entspricht in etwa Art. 139 StGB – allerdings ist die Regelung im StGB wesentlich detaillierter.
„Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“ (Ex 20, 16)
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was damit gemeint ist. Enstpricht es eher übler Nachrede/Verleumdung (Art. 173 f. StGB) oder eher falscher Beweisaussage bzw. falschem Zeugnis (Art. 306 f. StGB)? Ich vermute ersteres – auch dieses Gebot ist allerdings nicht ausreichend klar formuliert.
„Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ (Ex 20, 17)
Was man verlangt bzw. worauf man Lust hast ist nach schweizerischem Recht grundsätzlich irrelevant – jedenfalls solange man nichts tut, um das Verlangen (rechtswidrig) umzusetzen. Natürlich können wir heute auch nicht mehr nach dem Sklaven bzw. der Sklavin unseres Nächsten verlangen, weil es solche schlicht nicht mehr gibt. Dieses Gebot hat somit mit unserem heutigen Rechts nichts zu tun.
Somit lassen sich selbst bei grosszügigster Betrachtung vier Gebote im schweizerischen Recht wiederfinden (Verbot der Sonntagsarbeit, nicht morden, nicht stehlen und nicht falsch aussagen) – streng genommen ist es gar keines, weil sich die heutigen Regelungen deutlich von den damaligen unterscheiden und wesentlich differenzierter sind.
Nebst den sogenannten 10 Geboten gibt es in der Bibel zahlreiche weitere Gebote bzw. Vorschriften (scheinbar etwa 600), ich bezweifle aber, dass davon mehr mit unserem heutigen Recht übereinstimmen. Immerhin erlaubt die Bibel Sklaverei (Ex 21, 1 ff.), sie verbietet das Essen bestimmter „unreiner“ Tiere (Lev 11, 4 ff.) und sie verbietet das Verwenden von Mischgewebe für Kleider (Dtn 22, 11) – das sind alles Vorschriften, die unser heutiges Recht nicht kennt. Das neue Testament ändert daran soweit ersichtlich nichts, sagte doch Jesus demnach, er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben – „auch nicht der kleinste Buchstabe“ soll vergehen (Mt 5,17).
Somit haben die Vorschriften der Bibel wenig bis gar nichts mit unserem heutigen Recht zu tun. Wenn also jemand behauptet, die Schweiz sei eine christliche Nation (was ich schon oft gehört habe), dann meint er damit offensichtlich nicht unsere Gesetze – diese stimmen kaum mit denen der Bibel überein. Möglicherweise bezieht sich dieser jemand auf die Präambel unserer Bundesverfassung „Im Namen Gottes des Allmächtigen!“. Allerdings hat die Präambel keine rechtliche Bedeutung (und im Übrigen wird auch nicht ausdrücklich der christliche Gott angerufen, könnte auch Zeus gemeint sein).