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Lesezeit 7′ Minuten // Ein Beitrag von Pia Aeberhard
Der berühmte Test mit der süssen Versuchung von Walter Mischel aus den 60er-Jahren wird unter Psychologieinteressierten auch heute noch heiss diskutiert. Im folgenden Beitrag stellen wir Ihnen den Klassiker der experimentellen Psychologie von Walter Mischel vor.
Beim Marshmallow-Test wird die Fähigkeit von Kindern, die eigenen Impulse zu steuern und sich selbst zu kontrollieren, auf eine harte Probe gestellt: Die Kleinen haben bei diesem Experiment die Wahl zwischen einem Marshmallow, das sie sofort essen dürfen, oder zwei Marshmallows, wobei sie das zweite erst nach einer Wartezeit von 15 Minuten bekommen und nur unter der Voraussetzung, dass das erste in der Zwischenzeit nicht bereits verputzt wurde. Hierbei soll untersucht werden, wie gut den Kindern der sogenannte «Belohnungsaufschub» gelingt, also zugunsten einer späteren, grösseren Belohnung auf die sofortige Belohnung zu verzichten. Letztlich wird damit die Willensstärke geprüft, gegenwärtigen Impulsen zu widerstehen, um ein ferneres, übergeordnetes Ziel zu verfolgen.
Im Originalexperiment wurde zudem ein weiterer entscheidender Aspekt mitberücksichtigt: das Vertrauen. Um die wichtige Grundlage des Vertrauens zu schaffen, erhielten die Kinder bereits von Beginn an einen Teller mit der gesamten Menge an Süssigkeiten, also beiden Marshmallows. Damit sollte verhindert werden, dass sie sich aufgrund mangelnden Vertrauens gegen einen Belohnungsaufschub entscheiden könnten. Sollten die Kinder nämlich daran zweifeln, dass sie die grössere Belohnung denn auch tatsächlich bekommen, wäre es nur logisch, sich für die weniger gewinnbringende, aber sichere Variante zu entscheiden. So konnte der Störfaktor fehlenden Vertrauens ausgeschaltet werden. Auch sonst gab es kaum ablenkende Reize im Raum, Kind und Marshmallow waren also ganz sich selbst überlassen.
Die Forscher nahmen ebenso unter die Lupe, mit welchen Strategien sich die Kinder die mühselige Wartezeit erträglich machten und konnten verschiedenste Vorgehensweisen beobachten – beispielsweise sangen sie sich selbst etwas vor oder zogen sich die Schuhe aus und spielten auf den eigenen Zehen Klavier. Die vielseitigen Methoden zur Überbrückung der 15 Minuten hatten allerdings eines gemeinsam: «Kinder wandeln die äusserst schwierige Aufgabe des Wartens in etwas um, das weniger anstrengend ist», so Walter Mischel über die Erkenntnisse aus seinen Studien. Die Kinder scheinen sich die Zielerreichung demnach instinktiv zu erleichtern.
Wie sich in den zahlreichen Durchführungen des Marshmallow-Tests gezeigt hat, schaffen es ca. 30% der Kinder, die ganzen 15 Minuten abzuwarten, während 25% bereits nach weniger als einer Minute nicht mehr widerstehen können und sich für den Genuss des einen Marshmallows entscheiden. 45% liegen irgendwo im Bereich dazwischen.
Und was sagt uns dies nun?
Die Frage, welche Eigenschaft einem Kind am wirkungsvollsten zu seinem späteren Glück zu verhelfen vermag, beschäftigt Eltern, Pädagogen und Psychologen wohl gleichermassen. Auch Walter Mischel sah sich durch seine drei kleinen Töchter zu diesem Experiment inspiriert.
«Diese sogenannten Marshmallow-Experimente, die wir mit allen möglichen Dingen durchführten, welche sich das jeweilige Kind wünschte, drehten sich darum, herauszufinden, was im Kopf eines Kindes vorgeht, was es befähigt, von der Impulssteuerung zur Selbstkontrolle überzugehen».Walter Mischel
Im Rahmen mehrerer Längsschnittstudien zeigte sich schliesslich ein Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und späterem Erfolg. Auch zu weiteren positiven Persönlichkeitsmerkmalen besteht offenbar eine Verbindung. So haben die Geduldigen in vielerlei Hinsicht die besseren Karten: In Bezug auf Selbstwertgefühl, Kritikfähigkeit und Frustrationstoleranz sind sie vergleichsweise grosszügiger ausgestattet. Spätere Beziehungen sind stabiler, das Niveau der Bildungsabschlüsse höher, die Risiken für eine Borderline-Erkrankung oder Drogenabhängigkeit dagegen geringer. Geht man also nach den Ergebnissen, welche diese Studien zutage brachten, dürfte sich das Warten zweifellos lohnen.
Bei Längsschnittstudien wird jeweils bei denselben Personen in zeitlichen Abständen das interessierende Merkmal untersucht und die Veränderung über die Zeit verfolgt. Im vorliegenden Fall wurden die Personen erstmals zehn Jahre nach dem Experiment und ein weiteres Mal vierzig Jahre nach dem Experiment befragt und getestet.
Das Originalexperiment fand im Kindergarten der renommierten Stanford Universität statt. Beim Nachwuchs der dort unterrichtenden Professoren handelte es sich um eine gewissermassen elitäre Gruppe, die als Stichprobe diente. Alle Kinder stammten aus wohlsituierten Familien, in denen Bildung eine prioritäre Stellung genoss, sie wuchsen in gut strukturierten und geordneten Verhältnissen auf und die Aussicht auf Erfolg schien ihnen quasi in die Wiege gelegt. Dass dies auf einen eher privilegierten Status schliessen lässt und nicht sonderlich repräsentativ für die breite Bevölkerung sein dürfte, liegt auf der Hand. Darin lag auch einer der Hauptkritikpunkte jener Forscher, welche die Studie neu aufrollten. Sie zweifelten an der Verallgemeinerbarkeit von Mischels Ergebnissen.
Auch Walter Mischel war sich dieser Problematik bewusst und wies gar selbst darauf hin. Er führte das Experiment in der Folge vielfach in der South Bronx, einem Armenviertel in New York, und in Gruppen, die sich ganz grundlegend von der ursprünglichen Stichprobe an der Stanford Universität unterschieden, durch. Besonders erstaunlich: Trotz der scheinbaren Sonderstellung der Stanford-Kinder unterschieden sich diese hinsichtlich der gezeigten Selbstkontrolle nicht signifikant von anderen Gruppen.
Nichtsdestotrotz wurde die Längsschnittstudie abermals durchgeführt und die neuen Ergebnisse 2018 publiziert. Für das Experiment wurden nun Kinder mit den unterschiedlichsten familiären Hintergründen ausgewählt. Insbesondere in puncto Einkommensklasse, Hautfarbe und privatem Lernumfeld (etwa, ob es im elterlichen Haushalt viele Bücher gab) war die Stichprobe bewusst breit aufgestellt. Es wurde gar ein besonderer Fokus auf Kinder gelegt, deren Mütter das College nicht abgeschlossen hatten. Wieder lagen gut zehn Jahre zwischen den ersten beiden Untersuchungszeitpunkten. Als nun Herkunft und Umgebung der Kinder in der Auswertung der Ergebnisse berücksichtigt wurden, zeigten sich die zuvor bestätigten Korrelationen nicht mehr. Oder einfacher ausgedrückt: der spätere schulische Erfolg hängt möglicherweise stärker vom Lernumfeld der Kinder ab als von der im Marshmallow-Test gemessenen Willensstärke.
Gemäss Walter Mischel liegt die wahre Quintessenz der Marshmallow-Experimente und aus den weiteren fünfzig Jahren psychologischer Forschung seit deren Beginn aber ohnehin weniger in der statistischen Signifikanz der gefundenen Korrelationen, als vielmehr in der Erkenntnis, dass Strategien zur Entwicklung von Willenskraft und Selbstkontrolle gelehrt und gelernt werden können – und sollten. Denn nach Mischels Auffassung schaffen wir uns durch Selbstkontrolle die Freiheit, selbst zu entscheiden und uns nicht fremdbestimmen zu lassen. Entscheidend ist also letztlich, dass wir die Marshmallows unter Kontrolle haben und nicht etwa umgekehrt.
Referenzen
Informationen zur Autorschaft: Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Moduls “Kommunikationskompetenz: Mit Bildern und Texten informieren”. Pia Aeberhard ist Studentin im 3. Semester des Studiengangs BSc in Business Psychology an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Sie lebt in Zürich und ist im Bereich Kommunikation tätig.