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Warum haben Sie sich entschieden, über Ihren Vater zu schreiben?
Ich bin nicht sicher, ob es eine bewusste Entscheidung oder eher eine Notwendigkeit war. Der Roman ist fiktional, auch wenn er auf einer wahren Grundlage fußt. In Elena weiß Bescheid habe ich mich in meine Mutter hineinversetzt, oder besser gesagt habe ich mich in eine fiktionale Mutterfigur hineinversetzt und sie in eine Geschichte eingebettet, die nicht autobiografisch ist, auch wenn die Figur Ähnlichkeiten mit meiner Mutter hat. Es stand aus, dasselbe mit meinem Vater zu tun. Ich denke, dass ich dieses Mal ein Stück näher dran bin als bei den Figuren aus Elena weiß Bescheid. Der Protagonist von Ein Kommunist in Unterhosen ist nicht im engen Sinn mein Vater, aber er ist mein ins Gedächtnis gerufener Vater, durchzogen von fiktionalen Elementen, stets angepasst an das, was ich erzählen wollte. Ein literarischer Vater, wenn Sie so wollen.
Was war zuerst da – die Struktur des Buchs oder das Thema Erinnerung?
Die Struktur ergab sich durch den Prozess des Erinnerns. Mein Gedächtnis hat viel mehr in Erinnerung gerufen, als ich im Buch erzählen konnte. Es brachte Erinnerungen hervor, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe. Einige davon habe ich in der klassischen Struktur eines Romans verarbeitet. Aber einige waren zu umfangreich, stammten aus einem anderen Lebensabschnitt der Figuren oder sie resultierten aus einer anderen Betrachtungsweise – dann habe ich sie nicht in die Erzählung eingebunden. Aber ich wollte sie nicht ausklammern, sie waren da, in manchen Fällen viel lebendiger als diejenigen, die die Grundstruktur des Romans bestimmen. Ich wollte sie aufgeben, in Schubladen stecken und wegschließen. Aber während der Schreibprozess fortschritt, wurde mir klar, dass das die einzige Möglichkeit war, diese Geschichte zu erzählen: eine klassische Romanstruktur und einen Anhang ganz anderer Art. Die einzige Möglichkeit, von uns zu erzählen.
Gleich zu Beginn des Romans laden Sie den Leser dazu ein, den Anhang als Hypertext zu lesen, in dem sich der Inhalt weiterentwickelt und zu dem der Leser »springen« kann. Haben Sie zuerst die Geschichte und dann die Verweise geschrieben oder geschah das zeitgleich?
Der Schreibprozess lief nicht linear. Ich habe ihn dem Erinnerungsprozess angepasst, der zufällig abläuft. Eine Erinnerung löst die nächste aus, es gibt nicht immer eine geordnete Struktur. Das Gedächtnis hat keine absehbare Ordnung. Oder falls es eine Ordnung gibt, ist sie zumindest nicht greifbar.
In Ihren Romanen gab es bislang immer eine gewisse Distanz zwischen Ihnen und der Erzählung. Jetzt steht Ihr Vater im Vordergrund, aber aus der Perspektive eines Kindes (mit ein paar Ausnahmen aus der Sicht einer Erwachsenen). Wie hat sich das angefühlt?
Ich habe immer versucht, mich von den Figuren zu distanzieren. Deshalb habe ich mir erlaubt, etwas dazuzuerfinden, ich musste das tun. Ich wollte etwas erfinden, keine Autobiografie schreiben. Wenn das Biografische dem Roman diente, habe ich es einfließen lassen. Wenn nicht, habe ich es ohne jegliche Scham verändert. Das Leben ist oft weniger interessant als ein Roman. So gut wie immer.
Es ist bezaubernd, was sie über Fotografien und das Gedächtnis schreiben. Sind die Erinnerungen, die nicht auf Fotos festgehalten wurden, stärker?
Erinnerungen flunkern besser. Sie ermöglichen es, ein eigenes Bild im Kopf entstehen zu lassen, das man im Laufe des Lebens ändern kann. Eine Erinnerung heute kann ganz anders aussehen als dieselbe Erinnerung in zwei Jahren. Ein Foto hingegen ist etwas Statisches. Es kann einen Gelbstich bekommen oder die Farbe verlieren, aber die abgebildete Szene bleibt stets dieselbe. Bei der Erinnerung ist das ganz anders, sie bleibt nie gleich.
Woher kam die Idee zum Roman?
Der Auslöser war ein kurzer Text, um den mich Patricio Zunini für den Blog von Eterna Cadencia gebeten hat. Es ging darum, sich daran zu erinnern, wie wir die Nachricht vom Militärputsch vom 24. März 1976 erlebt haben, wo wir waren, wer es uns erzählt hat. Dieser Erinnerung folgten weitere. Deshalb taucht Patricio in der Danksagung auf – er hat diesen Erinnerungsprozess ausgelöst. Wer weiß, ob es diesen Roman geben würde, wenn er mir nicht diese Frage gestellt hätte: Was hast du an diesem 24. März gemacht?
Der Roman unterscheidet sich stark von den vorhergehenden, vor allem durch das Autobiografische. Was kommt als Nächstes?
Ich denke darüber nach, über die Figuren aus Betibú zu schreiben. Ich glaube, dass die Figuren ein neues Abenteuer verdienen, damit sie lebendig bleiben. Ich bin noch nicht sicher, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass ich das versuche.
Interview: Carla Pandolfo