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Ein Horrorcrash, berichteten die Medien. Auf den Titelseiten von Nizzas Zeitungen prangte am 27. November 2006 ein Ferrari Enzo, zerlegt in zwei Teile.
Ein Unfall mit prominenten Beteiligten: Der russische Milliardär Suleiman Kerimow, 50, steuerte mit überhöhter Geschwindigkeit in einen Baum am Strandboulevard Promenade des Anglais, auf dem Beifahrersitz die russische TV-Moderatorin Tina Kandelaki, 40.
Nach dem Unfall stellte die Polizei das Nummernschild des Ferrari sicher: LU 93 621. Der Besitzer, so schrieben die Zeitungen, sei die Firma eines Luzerner Treuhänders.
In seine Teile zerlegt: Der Milliardär Kerimow fuhr in Nizza den Ferrari Enzo eines Luzerner Treuhänders gegen einen Baum.
Sassen zusammen im Unfall-Ferrari: Der Oligarch Suleiman Kerimow und die TV-Moderatorin Tina Kandelaki.
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass der Milliardär die Luzerner in die Schlagzeilen bringt. Kerimow, so stellt sich jetzt heraus, kommt prominent in den Panama Papers vor, den 11,5 Millionen Dokumenten einer Kanzlei aus Panama, die in der Schweiz und weltweit für Ermittlungen und prominente Rücktritte sorgen.
Die Daten zeigen, wie Kerimows Firmen im Jahr 2010 einen Geheimdeal durchführten, der Vermögen von umgerechnet 160 Millionen Dollar direkt ins private Umfeld von Putin verschob.
Den Löwenanteil bezahlte demnach eine Firma, die zu grossen Teilen dem russischen Volk gehört. Laut Verträgen floss das Geld auf die Gazprombank Schweiz.
Experten urteilen nach Studium der Verträge, dass mit dem Geschäft wohl ein massiver Geldfluss verschleiert wurde.
Die entscheidende Unterschrift für den Transfer kam von Philipp Studhalter, 40, Anwalt in Luzern, Präsident des FC Luzern, verwandt mit dem angeblichen Besitzer von Kerimows Crash-Ferrari.
Ausgeliehen: Der Unfall-Ferrari mit dem Schild LU 93'621 gehört der Firma eines Luzerner Treuhänder.
Studhalter und Kerimow kennen sich und teilen die Freude am Fussball. Auch der Oligarch ist Club-Präsident, und zwar von Anschi Machatschkala in Dagestan.
Studhalter sitzt im Stiftungsrat der in Luzern ansässigen Suleiman Kerimow Foundation. Die Stiftung engagiert sich gemäss ihrer Webseite dafür «die Not der jungen Menschen in Russland zu lindern.»
Um zu verstehen, wie das Geld in Putins Umfeld gelangte, muss man ins Jahr 2007 zurück.
Kerimow verlieh damals umgerechnet 160 Millionen Dollar an den wichtigsten Betreiber von Internet- und Kabel-TV-Netzwerken in Russland, National Telecommunications, kurz NTK.
Knapp drei Jahre später, als NTK das Geld zurückzahlen sollte, geschahen plötzlich seltsame Dinge mit dieser Forderung Kerimows.
Am 20. September 2010 wurde das Recht, die 160 Millionen einzutreiben, an eine Firma auf den Britischen Jungferninseln namens Sandalwood abgetreten.Den Preis den die Briefkastenfirma dafür zahlte: Einen Dollar.
Unterschrieben ist der Transfer der Rechte von Philipp Studhalter.
Der FCL-Präsident sagt , er sei nur «marginal» involviert gewesen in dieses Geschäft. «Den besagten Vertrag hatte ich mittels Vollmacht unterzeichnet, damit die Transaktion vollzogen werden konnte», richtet der Anwalt aus. «Ansonsten bin ich in diese Transaktion weder anwaltlich oder sonst wie involviert, noch bin ich für die eine oder andere Partei tätig.»
Studhalter hat aber nach der Anfrage der SonntagsZeitung im Internet den Deal, den er selber unterschrieben hat, «recherchiert». «Die Ergebnisse meiner Recherchen lassen den Schluss zu, dass der Schuldenerlass im Zuge eines Firmenverkaufs erfolgte», so der Anwalt. Die 160 Millionen Schulden seien also bereits bezahlt worden und wurden damals einfach für einen Dollar an den neuen Eigentümer abgetreten.
Das Problem: Die Firma Sandalwood, die das Darlehen für einen Dollar erhielt, gehört einem Privatmann, der offensichtlich nichts mit einem Kauf oder Verkauf von NTK zu tun hat.
Beste Freunde: Sergei Roldugin (r.) bei der Taufe von Maria, der 1985 geborenen Tochter von Wladimir Putin und Ludmilla Putina (2. v. r.).
Sein Name ist Oleg G., er ist eine berüchtigte Figur aus den Panama-Papieren. Er ist der Konto-Bevollmächtige von Sergei Roldugin, 64, dem Cellisten und engsten Familienfreund von Vladimir Putin, der über seine Offshore-Firmen strategische Rüstungs- und Medienfirmen kontrollierte.
Als Beruf gibt G. an, er habe für die «Strafverfolgungsbehörden» gearbeitet. Über seine Firma Sandalwood flossen zwei Milliarden Dollar. Darlehen gingen an Jachthäfen und Ferienresorts von Putins direkter Entourage. Putins Tochter heiratete in einer Anlage, in die Gelder aus Sandalwood strömten.
Bis heute gibt es keinerlei Hinweise warum Oleg G. Milliarden-Kredite erhält, und mit welchem Geschäftsmodell er solche Beträge je zurückzahlen könnte.
Experten erklären nach Konsultation der Dokumente einhellig, dass bei den Transaktionen rund um die Firma von G. bei den Aufsichtsbehörden «sämtliche Warnlampen» angehen müssten. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth sieht bei den Transaktionen Ähnlichkeiten zu bekannten russische Geldwäscherei-Operationen.
Dieser Oleg G. ist es nun also, der dank der Unterschrift von Philipp Studhalter für bloss einen Dollar das Recht erhält, 160 Millionen bei der Firma NTK einzuziehen – und er nutzt diese Gelegenheit auch: Zunächst zog er umgerechnet knapp 40 Millionen Dollar der Kreditsumme direkt von NTK ein, der Rest kam über Umwege vom neuen Besitzer des Netzwerk-Unternehmens, der Firma Rostelcom, die zu grossen Teilen dem russischen Staat gehört.
Gemäss den Verträgen flossen die 160 Millionen Dollar, die so beim Bevollmächtigten von Putins Freund landeten, auf ein Konto bei der Gazprombank Zürich.
«Ich kann keine ökonomisch legitimen Gründe für ein solches Geschäft erkennen», sagt David P. Weber, Geldwäschereiexperte, früher Ermittler für die US-Börsenaufsicht SEC und heute Professor für Wirtschaftskriminalität an der Universität Maryland. «Es ist keine marktübliche Transaktion, vor allem wenn in dem Darlehen keine Sicherheiten gegeben und keine Gegengeschäfte erwähnt werden.»
David P. Weber, Geldwäschereiexperte, war früher Ermittler für die US-Börsenaufsicht SEC. Heute ist er Professor für Wirtschaftskriminalität an der Universität Maryland.
Dass es sich um einen Schuldenerlass handelt, können Experten nicht nachvollziehen. «Sollte es sich hier um eine Bereinigung des Kredites im Rahmen des Firmenverkaufes handeln, macht es keinen wirtschaftlichen Sinn, dass der Kredit an eine Offshore-Firma geht, deren Inhaber ein Privatmann ist und – zumindest von aussen – in keinem Zusammenhang mit dem Firmenverkauf steht», erklärt ein Finanzanalyst und Experte für die Restrukturierung von Krediten, mit Erfahrung auf dem russischen Markt.
«Es deuten alle Anzeichen darauf hin, dass hier Kredit und Zinsen im Umfang von 160 Millionen Dollar auf das Konto einer Briefkastenfirma abgezweigt wurden, um zu verschleiern, wessen Interessen hier tatsächlich bedient werden sollten.»
Ein ehemaliger Wirtschaftsstaatsanwalt macht ebenfalls grosse Fragezeichen hinter den Deal: «Es handelt sich de facto um ein Geschenk ohne ersichtliche Begründung – damit steht im Raum, dass hier etwas verschleiert wurde.»
Oleg G. wollte sich auf Anfrage nicht äussern, ebenso die Firma Rostelcom, die neue Besitzerin von NTK. Suleiman Kerimow war nicht zu erreichen.
Die Gazprombank Schweiz schweigt ebenfalls unter Verweis auf das Bankgeheimnis. Wladimir Putin sagte schon im April, die ganzen Panama Papers sei eine Operation der CIA.
Die 160 Millionen Dollar flossen auf ein Konto in Zürich: Gazprombank Schweiz an der Zollikerstrasse.
Konfrontiert mit den Bedenken der Experten, sagt Philipp Studhalter: «Es liegt nichts vor, was darauf hindeutet, dass rechtliche Probleme in dieser Sache bestehen.»
Er betont ferner, er habe alle Sorgfaltspflichten als Unterzeichner dieses Transfers wahrgenommen und würde unter gleichen Bedingungen einen solchen Vertrag wieder unterzeichnen. Ferner sei er nicht vertieft in das Geschäft verwickelt gewesen. Studhalter: «Ich verfüge über keine weitere Kenntnis über die Transaktion».
Experten sehen darin jedoch ein Problem. Strafrechtsprofessor Mark Pieth erklärt nach Ansicht der Dokumente. «Der Anwalt war in dieser Sache als Verwaltungsrat tätig und sollte den Sinn des Geschäftes vor der Unterschrift verstehen.»
Anwalt und Präsident des FC Luzern: Philipp Studhalter.
Auch wenn Studhalter nur eine temporäre Vollmacht besass, müsste er demnach vorher abklären, woher das Vermögen kam und zu welchem Zweck es an G. floss. Experten sprechen hier von einer so genannten De-Facto Organstellung, die Studhalter hatte.
Geäussert hat sich zum dem Millionen-Geschäft sogar Wladimir Putin. Nach den Veröffentlichungen der Panama Papers lobte er den Kabel-Deal noch einmal ausdrücklich. Klar ist also zumindest: Der Präsident ist zufrieden.
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Der Schatz des Putin-Clans
Wladimir Putin hat uneingeschränkte Macht und Kontrolle. Und er hat einen unscheinbaren Freund, der unglaublich reich ist.