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Fracking : Gasrausch in der Pampa
Im Süden Argentiniens soll das zweitgrösste Gasfeld der Welt erschlossen werden. Regierung und Konzerne träumen vom grossen Aufschwung – auf Kosten der lokalen Bevölkerung.
Schwere Lastwagen rumpeln über die unasphaltierten Strassen, Staub wirbelt auf, halb fertige Häuser stehen am Strassenrand. Keine Trottoirs, keine Strassenlampen – und weit und breit keine Bäume.
Es ist heiss und trocken in Añelo, dem «Doha von Südamerika», wie die Bewohner:innen ironisch sagen. Am Rand des Ortes stehen riesige Industrieanlagen. Es leuchten die Logos internationaler Öl- und Gaskonzerne, und von einem Plakat des halbstaatlichen Konzerns YPF blickt Fussballweltmeister Lionel Messi mit dem Slogan: «Eine weltweit einzigartige Energie».
Die argentinische Regierung setzt grosse Hoffnungen auf das Fracking in Añelo und weiteren Orten über der Gesteinsform Vaca Muerta im Süden des Landes: Mit Öl- und Gasexporten nach Europa soll die Wirtschaftskrise, in der sich Argentinien seit Jahren befindet, bald ein Ende finden. Für grosse Teile der lokalen Bevölkerung hingegen spitzt sich die Not nur noch zu. Der politische und wirtschaftliche Ruf nach immer weiteren Bohranlagen hat ihr Leben unwiderruflich verändert. Sie klagen über soziale Probleme, Umweltverschmutzung, regelmässige Erdbeben – und fühlen sich damit alleingelassen.
Durstige Tiere
Die ersten Bewohner:innen der Gegend waren indigene Mapuche, die im späten 19. Jahrhundert hierher vertrieben wurden, nachdem der argentinische Staat die fruchtbaren Gebiete Siedler:innen aus Europa übergeben hatte.
Auch Lorena Piñen und Mabel Campos sind Nachkommen der Mapuche. Bis vor wenigen Jahren interessierte sich kaum jemand für ihr Land. «Doch dann kam der Ölboom», sagt Piñen, während sie am Küchentisch sitzt und Mate trinkt. Von draussen hört man die Schafe und Ziegen der Familie – in den Weiten der argentinischen Pampa wird noch immer vor allem Viehzucht betrieben.
In vielen Fällen begannen die Unternehmen zu bohren, ohne die Landeigentümer:innen überhaupt erst zu fragen – der Staat behauptete einfach, das Land gehöre ihm. Bis heute kämpfen viele Gemeinschaften um die Anerkennung ihrer Ländereien und geraten in Konflikt mit dem Staat und an den Bohrungen beteiligten Unternehmen. «Wir mussten für unser Land kämpfen», erzählt Piñen und erinnert an Strassenbesetzungen und Protestcamps. Vor sechs Jahren schliesslich, kurz nachdem mit den Bohrungen begonnen worden war, anerkannte der Staat das Land der Gemeinschaft Campo Maripe als Eigentum der Indigenen. «Damals dachten wir», so Piñen, «das Schlimmste sei überstanden.»
Was noch alles auf sie zukommen würde, ahnten sie da noch nicht. Seit 2017, als die Gemeinschaft ihr Land überschrieben bekam, hat sich die Bevölkerung des benachbarten Añelo auf 8000 Einwohner:innen vervierfacht. «Wir wurden überrumpelt», sagt Piñen. Das Fracking verscheuche ihre Tiere – und das Wasser werde immer knapper, sodass die durstigen Tiere an trockenen Tagen zur Wasserleitung der Frackingunternehmen gingen. «Sie stiessen ihre Hörner gegen das Metall», erinnert sich Mabel Campos.
Tag für Tag bohren riesige Maschinen kilometerweit in die Tiefe und später in die Breite. Ist die gesuchte Gesteinsformation erreicht, pressen Pumpen eine Mischung aus Wasser, Quarzsand und Chemikalien in die Erde, um poröse Steinschichten zu zerstören und so das eingesperrte Gas und Öl zu befreien. Bis zu 120 Millionen Liter werden pro Bohrloch verbraucht – Wasser, das auch aus den Bewässerungskanälen der Gemeinschaft Campo Maripe fliesst. Es mache ihnen Angst, was noch alles kommen werde, sagt Piñen – noch mehr, seit sie von Verwandten, die in an den Bohrungen beteiligten Unternehmen arbeiten, hörten, wie gefährlich die eingesetzten Chemikalien seien. Eine Vergiftung des Grundwassers sei nicht ausgeschlossen.
Die Behörden jedoch, die für die Kontrolle zuständig wären, sind heillos überfordert. «Wegen der wachsenden Bevölkerung musste die Gemeinde schon ab 2011 neu geplant werden», erklärt Milton Morales, der Bürgermeister von Añelo. «Dazu haben wir einen Masterplan aufgestellt, der die Entwicklung bis 2035 begleiten soll, haben Wasserleitungen geplant, neue Wohnviertel ausgewiesen und zwei Industriepärke entworfen.» Doch ob für Wasseraufbereitungsanlagen, Gesundheitseinrichtungen oder Schulen: Überall fehlt es an Geld. Dafür verantwortlich, so Morales, seien aber seine Parteikolleg:innen des Movimiento Popular Neuquino in der Provinzregierung.
«In Añelo verschärfen sich alle Probleme, die der Kapitalismus mit sich bringt», meint derweil Daniel Álvarez, der Vizedirektor einer öffentlichen Grundschule. Er sitzt am Hauptplatz des Ortes, während sich seine Schüler:innen auf dem nahe gelegenen Kinderspielplatz tummeln – dem einzigen weit und breit.
Álvarez arbeitet seit acht Jahren in Añelo, hier wohnen will er jedoch nicht. So reist er täglich aus der zwei Stunden entfernten Provinzhauptstadt an. Auch die Arbeit als Lehrer sei schwieriger geworden. Ständig kämen neue Schüler:innen hinzu, aus ganz Argentinien und darüber hinaus. «Die Menschen glauben, hier schnelles Geld machen zu können. Doch der Sektor braucht qualifiziertes Personal. Viele ziehen nach wenigen Monaten wieder enttäuscht weg.» Das führe zu einer hohen Fluktuation bei den Schulkindern – ein Albtraum für jede Lehrperson, die einen geordneten Unterricht führen will.
Risse in der Wand
In Sauzal Bonito, nur eine Autostunde entfernt, scheint die Zeit derweil stehen geblieben zu sein. Eine kleine Schule ziert den Dorfeingang. Hier ist der Rohstoffboom noch nicht angekommen, die meisten Menschen leben noch immer von der Viehzucht. Doch etwas ist auch hier anders geworden: Seit fünf Jahren bebt immer wieder die Erde.
Anfangs hätte kaum jemand geglaubt, dass das mit dem Fracking zusammenhängen könnte, erzählt die 66-jährige Noemi Painevil mit heiserer Stimme: «Erst als in der Pandemie die Maschinen stillstanden und es nicht mehr bebte, wurde den Leuten bewusst, dass ich recht hatte.» Carlos Pérez, ihr Mann, der jahrzehntelang in der Erdölindustrie arbeitete und heute mit Painevil den Dorfladen führt, fügt hinzu: «Ich kenne die Technik und weiss, mit wie viel Kraft in den Boden gebohrt und gesprengt wird.» Der Spalt in der Wand hinter ihm reicht von der Decke bis fast zum Boden.
Eigentlich hatten sie es sich hier nach Pérez’ Pensionierung gemütlich machen wollen. Doch seit den Beben, so Painevil, schlafe sie nicht mehr gut: «Ich wache immer wieder auf und habe Angst.» Da die Häuser nicht erdbebensicher gebaut sind, könnten sie jederzeit einstürzen – so wie das einer Nachbarin, die seither in einem von der Regierung zur Verfügung gestellten Wohnwagen wohnt.
«Überall, wo Fracking betrieben wird, gibt es durch den enormen Druck beim Aufbrechen der unteren Steinschichten Erdbeben», erklärt der Geograf Javier Grosso, der an der Universidad Nacional del Comahue arbeitet und die Dorfbewohner:innen begleitet. Doch die Regierung und die beteiligten Unternehmen würden das Problem kleinreden: «Vor kurzem hat die Provinzregierung mit dem Nationalen Zentrum für Erdbebenprävention Verträge für eine engere Zusammenarbeit unterschrieben – gleichzeitig aber auch die Geheimhaltung wichtiger Dokumente vereinbart.» Auch bezüglich der Wasserqualität würden Daten geheim gehalten. «Niemand kann ausschliessen, dass die Chemikalien in die Grundwasserschichten gelangen.»
In der Provinzhauptstadt Neuquén, gut zwei Autostunden südwestlich, ist man von all dem weit entfernt. Hohe Türme und glitzernde Fassaden schmücken die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Einkommen Argentiniens. 75 Prozent der regionalen Wirtschaftskraft machen laut offiziellen Zahlen die Öl- und Gasindustrie aus, 85 Prozent aller Exporte sind fossile Brennstoffe.
Alejandro Monteiro, der Energieminister der Provinz, sitzt in seinem Büro im zwölften Stock des Ministeriums. Seit 1962 hat seine Partei, der Movimiento Popular Neuquino, alle Wahlen in der Provinz gewonnen. Monteiro, der als Vertreter der Regierung auch im Vorstand des Erdgas- und Erdölkonzerns YPF sitzt, spricht von einer rosigen Zukunft. Unter den Böden der Provinz befinde sich das zweitgrösste Gasfeld der Welt. «Dank der Investitionen aus dem Ausland, den Exporten und der besseren Selbstversorgung mit fossilen Brennstoffen kann hier die argentinische Wirtschaftskrise gelöst werden.» Begeistert erzählt er vom Bau einer Gaspipeline nach Buenos Aires, «gleichzeitig reaktivieren wir die Öl- und Gasleitungen nach Chile, Brasilien und Bolivien!». Bald schon könne man fossile Brennstoffe per Schiff nach Europa exportieren.
Und die Erdbeben? Darüber, ob sie vom Fracking herrührten, gebe es bis heute keine wissenschaftliche Klarheit. Sicher hingegen sei, dass das Fracking zu keinen grösseren Umweltschäden führe. Angesprochen auf die sozialen Probleme, verweist Monteiro auf den Bau von erdbebensicheren Häusern in Sauzal Bonito und die Erstellung zusätzlicher Infrastrukturen in Añelo. Dass es dabei immer wieder an Geld fehle und zu Verzögerungen komme, liege an der Zentralregierung. Die nationale Behörde habe auch erst 2021 begonnen, die Eigentumsrechte im Fall der indigenen Ländereien in Ordnung zu bringen.
Der Konzern aus Genf
Schon jetzt stehen internationale Konzerne Schlange, um Förderrechte zu bekommen. Monteiro zeigt eine Karte, auf der alle vergebenen Rechte aufgezeichnet sind. Neben den Namen einheimischer Konzerne wie YPF oder Gaspetrol sind jene von Total, Shell oder Chevron zu lesen.
Auch ein Schweizer Konzern mischt mit. 2017 verkündete der Genfer Rohstoffkonzern Mercuria über seine südamerikanische Zweigstelle Petsa (Petrolera El Trébol S.A.) zusammen mit dem südamerikanischen Konzern Andes Energia PLC die Gründung des gemeinsamen Konzerns Phoenix Global Resources mit offiziellem Sitz in London. Allein in Argentinien besitzt das Unternehmen 26 Förderrechte und betreibt diese zum Teil mit dem halbstaatlichen Unternehmen YPF. Laut eigenen Angaben investierte Mercuria dafür bis Ende 2021 knapp 400 Millionen US-Dollar, weitere 100 Millionen sollen folgen. Mit jährlich über 200 Bohrungen will der Konzern laut einem Bericht in der Lokalpresse zu einem der grossen Player in der Region werden. Gegenüber der WOZ jedoch beantwortet das Unternehmen keine Fragen, auch schriftlich kam keine Antwort.
Derweil werden die sozialen Probleme in Añelo durch den enormen Druck auf den Immobiliensektor und die eklatante Ungleichheit immer grösser. So habe sich mit den hohen Einkommen im Öl- und Gassektor auch der Drogenkonsum breitgemacht, sagt die Wirtschaftsprofessorin Adriana Giuliani von der Universidad Nacional del Comahue: «Uns kümmert insbesondere der stark zunehmende Menschenhandel von Frauen und Mädchen für die Prostitution.»
In Sauzal Bonito hofft Noemi Painevil weiter, dass die Beben endlich einmal aufhören – «oder dass sich die Behörden wenigstens um unsere Probleme kümmern». Doch von den versprochenen 44 neuen Häusern für ihr Dorf sind erst 6 fertiggestellt worden: kleine Holzhütten mit engen Zimmern. Kein Vergleich zum Haus, dass Painevil und Pérez einst auf ihrem Grundstück gebaut hatten.