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Bild links:
Die Unternehmerin Else von Selve, Aufnahme aus den 1940er-Jahren. Von Selve war Chefin der grössten privaten Firma in Thun und nach dem Zweiten Weltkrieg die reichste Person in Thun.
Bild rechts:
Mathilde Hirsbrunner posiert als Inhaberin eines Modeateliers in einem selbst entworfenen Kleid, 1904. Sie beschäftigte an der Hofstettenstrasse bis zu 45 Frauen, die Damenkleider herstellten.
Es gab in Thun immer Frauen, die ein eigenes Geschäft führten. Im Adressbuch des Kantons Bern von 1836 sind die Namen aller Handwerker, Gewerbler, Händler und der Personen mit freien Berufen aufgelistet. Von den 144 Personen in Thun waren rund zehn Prozent Frauen. Viele von ihnen waren Witwen, die entweder das Geschäft ihres Mannes weiterführten oder sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten. Im Thuner Adressbuch von 1908/09 stehen die Namen von über 950 Berufstätigen, 15 Prozent waren Frauen, die vor allem im Detailhandel, in der Textil- und Bekleidungsproduktion oder im Gastgewerbe arbeiteten. In einigen Fällen sprangen Frauen in der Firmenleitung ein, wenn ihre Männer früh und unverhofft verstarben. Dies war beispielsweise bei der Handelsfirma Schweizer 1856 der Fall, als die Witwe Magdalena Schweizer-Hofer nach dem Tod des Patrons den Betrieb übernahm und diesen führte, bis ihr Sohn 1864 die Nachfolge antreten konnte. Bei der Firma Christen im grafischen Gewerbe gab es ebenfalls solche Lösungen.47
Bei den grössten Unternehmen waren Frauen nur sehr selten an den Schalthebeln der Macht. Die einflussreichste und bekannteste Unternehmerin Thuns war Else von Selve-Wieland (1888–1971). Sie wuchs in Deutschland und Winterthur in der Industriellenfamilie ihres Vaters und ihrer Mutter auf. 1910 heiratete sie Walther Selve und hatte mit ihm sechs Kinder. Sie zog 1924 nach Thun und war Mitbesitzerin der Metallwerke Selve. 1933 übernahm sie die Firma allein, 1940 liess sie sich von ihrem Mann scheiden. Selve-Wieland wohnte in ihrer Villa am See und arbeitete in einem Büro im Verwaltungsbau an der Scheibenstrasse. Ein Direktor führte die Geschäfte; sie war aber als Besitzerin oberste Chefin und liess es sich dabei nicht nehmen, an einem jährlichen Festakt allen Mitarbeitenden, die ein Dienstjubiläum feierten, Geschenke zu verteilen.48
Auch Mathilde Hirsbrunner-de Bruin (1859–1944), die ihr ganzes Leben in Thun verbrachte, war eine Unternehmerin mit einem interessanten Werdegang. Ihr Vater war ein holländischer Schiffsbauer, der nach Thun gezogen war, um eine Stelle bei der Dampfschiffgesellschaft anzutreten. Mathilde de Bruin heiratete 1888 Ernst Hirsbrunner, mit dem sie zwei Töchter hatte. Sie arbeitete als Schneiderin und Modistin und entwarf eigene Bekleidungskollektionen. Diese fanden bei reichen Touristinnen und Einheimischen guten Absatz, weshalb sie in den 1890er-Jahren ein Modeatelier gründete. In einem Anbau ihres Wohnhauses an der Hofstettenstrasse beschäftigte sie vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 45 Frauen als Näherinnen und Glätterinnen. Die Hälfte der Arbeiterinnen wohnte gegen Kost und Logis bei Hirsbrunnerde Bruin im Dachgeschoss und verbrachte die Freizeit an den Abenden meist in den Arbeitsräumen. Die Chefin reiste immer wieder nach Paris, um dort die neusten Modetrends aufzuspüren. In den besten Zeiten verkaufte sie ihre Kleider nicht nur in Thun, sondern auch in Filialen in Bern, Interlaken, Montreux, Zürich und Sankt Moritz. Erst mit über 70 Jahren gab sie ihr Geschäft auf.49