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Die Sport-Serie
Hoch geflogen, tief gefallen – Teil 2: Dr. Sórates
In unserer fünfteiligen Serie «Hoch geflogen, tief gefallen», erzählen wir die Geschichten von Helden, die nach ihrer Karriere ins Elend stürzten. Teil 2: Dr. Sócrates.
Auf die Frage, wer ist Sócrates wirklich, antwortete er einst in einem Interview: «Ein Wahnsinniger. In Wahrheit bin ich wirklich verrückt.» Für viele war der am 4. Dezember 2011 verstorbene Brasilianer aber einfach nur einer der grössten Fussball-Zauberer seiner Zeit. Aber er war vielmehr: Kinderarzt, ein linker Rebell, Philosoph, Kettenraucher und Alkoholiker. Letzteres war sein Todesurteil. Im August 2011 wurde er mit Magenblutungen und einer entzündeten Leber in ein Krankenhaus eingeliefert und lag mehrere Tage auf einer Intensivstation. Da machte er seine Alkoholprobleme öffentlich – wenige Monate verstarb er als tragischer Held, der weit mehr als nur ein Fussballer war.
«Wozu braucht man Titel? Für den Lebenslauf? Den kannst du dir dann in die Tasche stecken, zusammenfalten und zerreissen.»
Die WM 1978 in Argentinien verpasste er, weil er parallel zu seiner Fussballkarriere ein Medizin-Studium absolvierte. Der studierte Arzt trug deshalb den Namen Dr. Sócrates. 1982 und 1986 führte er die brasilianische Nationalmannschaft als Captain an. Zusammen mit Zico, Falcão und Toninho Cerezo bildete er das «magische Mittelfeld-Quartett», auch die «Fantastischen Vier» genannt. Und obwohl Sócrates mit der Seleção keinen Titel gewinnen konnte, gilt diese Auswahl bis heute als die vielleicht beste aller Zeiten – zusammen mit der Weltmeistermannschaft der 1970er Jahre rund um Pelé.
Unglücklich war vor allem das Ausscheiden bei der WM 1986. Das Team scheiterte in Mexiko vor dem Halbfinale im Elfmeterschiessen an Frankreich. Sócrates, der die Elfmeter immer aus dem Stand schoss, war einer der beiden Fehlschützen Brasiliens. Nach der WM trat er zurück, Falcão und Zico folgten ihm und so ging eine grosse, aber für brasilianische Verhältnisse doch sehr erfolglose, Ära zu Ende.
Sócrates selbst dürfte daran nicht zerbrochen sein, sagte er doch einst: «Wozu braucht man Titel? Für den Lebenslauf? Den kannst du dir dann in die Tasche stecken, zusammenfalten und zerreissen.» Für viele Menschen seien Erfolge das Einzige was zähle. Für ihn zählten andere Werte: «Jede Sekunde in meinem Leben muss die beste sein und die nächste muss die vorangegangene übertreffen. Was wirklich zählt, ist Glücklichsein.»
Sócrates und der Kampf gegen die Militärdiktatur
Seine Eleganz auf dem Rasen suchte seinesgleichen. Dies obwohl er laut eigener Aussage 20 Zigaretten täglich rauchte, eher wenig trainierte und umso mehr Party machte.
Aber auch sein politisches Engagement neben dem Platz ist einmalig. Als Brasilien noch eine Militärdiktatur war, setzte er bei den Corinthians ein System durch, bei dem alle im Verein eine Stimme hatten, die gleich viel zählt. Demokratisch wurde über Trainingszeiten, Transfers, Coaches, Speisepläne, ja einfach über alles abgestimmt. Die «Democracia Corinthiana» dürfte einzigartig bleiben in der Welt des professionellen Sports. Und die Mannschaft nutzte den Fussballplatz auch immer wieder für Protestaktionen, um sich öffentlich gegen die Militärdiktaktur aufzulehnen.
Auch nach seiner Karriere setzte er den Kampf für mehr Gerechtigkeit im Land fort. Und dennoch gilt er heute als tragischer Held, da er aufgrund seiner Alkoholsucht viel zu früh von uns ging. Immerhin ging sein letzter Wunsch in Erfüllung. In einem Interview 1983 wurde er gefragt, wie er einmal sterben wolle: «Ich möchte an einem Sonntag sterben und Corinthians soll Meister werden.» Sócrates starb an einem Sonntag und wenige Stunden danach gewann Corinthians die Meisterschaft.
Zum Geniessen: Traumtore von Dr. Sócrates
Hoch geflogen, tief Gefallen
Teil 1: Paul Gascoigne
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