Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03545.jsonl.gz/1265

Ich bin wie immer mit den Hunden unterwegs. Das Wort "Kapitalismus" kommt mir in den Sinn. Wer bin ich, dass ich mir zumute, den Kapitalismus erklären zu können. Ich habe vor einiger Zeit versucht "Das Kapital" von Karl Marx zu lesen. Ich muss gestehen, ich bin nicht sehr weit gekommen. Zu kompliziert. Manchmal frage ich mich, ob ein Kommunist bezw. Marxist, dazu berufen ist, den Kapitalismus zu erklären. Ich weiss aber, dass die Sozialisten, die sich auf die Fahne schreiben, den Kapitalismus überwinden zu wollen, auf dem Holzweg sind und zwar gründlich. Den Kapitalismus zu überwinden, schafft ganz einfach niemand, es sei denn mit einer Revolution und mit einem totalitären System und solches ist ja kläglich misslungen wie die Geschichte zeigt.
Der Kapitalismus ist ein grundlegendes Gen des Menschen, ja des Lebens überhaupt. Als ich 1970 meinen Chef davon zu überzeugen versuchte, dass die Besitzverhältnisse auf dieser Welt bezw. die Unterschiede zwischen arm und reich ungerecht seien, drückte er mir ein Buch des Ökonomen Wilhelm Röpke in die Hand. Wir hatten oft stundenlange Diskurse wenn keine Kunden in das Geschäft kamen. Wilhelm Röpke, 10. Oktober 1899 bis 12. Februar 1966, war ein deutscher Ökonom und Sozialphilosoph. Er gilt als einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft. Er verstand es, mir den Kapitalimus verständlich darzustellen. Ich erinnere mich sehr gut an zwei typische Beispiele kapitalistischen resp. menschlichen Verhaltens:
Beispiel 1: Wenn du einem Verdurstenden in der Wüste einen Liter Wasser anbietest und dafür 1000 Franken verlangst, wird er es bezahlen, weil er nicht verdursten will. Wenn du etwas später einen zweiten Liter des selben Wassers für 1000 Franken anbietest, wird er dich auslachen. Er wird dir noch 10 Franken für einen Wasservorrat anbieten.
Beispiel 2: Wenn du den Reichen alles Geld wegnimmst, es an die Armen verteilst, so dass am Tage X jeder gleich viel hat, werden die Armen es am selben Abend beim Kartenspiel verlieren weil sie hoffen, zu gewinnen und so zu werden wie die Reichen - eben reich. Am nächsten Morgen sind sie so arm wie zuvor. Die Reichen aber werden mit ihrem bischen Geld, das Du ihnen gelassen hast, den Armen ihre bescheidenen Güter abkaufen um sie zu vermehren. Sie werden kurzum reicher sein als je zuvor - Kapitalismus!
Heute schaute ich wieder einmal meinen Hühnern beim Fressen zu. Am letzten Samstag verstarb leider unser Strubeli - plötzlicher Herzstillstand. Ich bin überzeugt, dass es an einem sog. Legestau gelitten hat. So ist der Bestand momentan also bei 4 Hennen. Zwei ältere und zwei jüngere. Ich gab Futter in das Gefäss und stellte es in den Stall. 3 Hennen gehen in den Stall und picken fleissig. Die Vierte und Schwächste bleibt draussen und tut so, als ob sie keinen Hunger hat. Das stimmt natürlich nicht. Hühner sind immer gierig wie die Menschen. Ich bringe ihr in einem separaten Gefäss Futter. Nun kann man also drinnen und draussen fressen. Sofort kommen die zwei älteren aus dem Stall und fressen aus dem neuen Gefäss draussen. Sie verjagen die Schwächere. Sie muss warten. Sie schaut sich um, sieht ihre gleichaltrige Schwester im Stall fressen und geht hinein. Der Anführerin Agnes entgeht dieses Manöver nicht und sie begibt sich schnurstracks in den Stall hinein um dort wieder für Ordnung zu sorgen. "Mann frisst nicht, so lange ich es nicht erlaube!" So sind die Hühner - so sind die Menschen - Kapitalismus!
Das Federvieh hat die soziale Marktwirtschaft jedenfalls noch nicht erfunden, die Menschen auch nicht wirklich. Das Ansinnen, den Kapitalismus überwinden zu wollen, ist vielleicht zu ambitiös, aber im Ansatz berechtigt. Ich erlebte meinen damaligen Chef als sozialen Menschen obwohl er aus dem Lager der Bernburger stammte. Von ihm lernte ich sehr viel. Er hatt grossen Durchblick. Andererseits konnte er überhaupt nicht verstehen, dass seine Frau die Drei-Minuten-Eier nicht immer in die von ihm gewünschte Konsistenz brachte. Einmal ist es zu weich, ein anderes Mal zu hart gekocht wie ein dickes Ei, rebellierte er. „Es ist doch wirklich einfach. Drei Minuten sind drei Minuten!“ sagte er immer wieder. Er konnte den grössten Ehekrach entfachen wegen einem Drei-Minuten-Ei. Ist es so einfach? Sind drei Minuten wirklich drei Minuten? HRJ