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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
24. Christus bekennt auch dort seine Gottheit, wo er den Einen lehrt.
Durch das Geheimnis des untrennbaren göttlichen Wesens besteht die Geburt des Lebenden aus dem Lebenden; und der Sohn Gottes nimmt auch nicht eine Änderung seiner Wesensart an, (um dies wahr zu machen,) daß in ihm nicht das wirkliche Wesen des Vaters fortdauere. Denn mit eben diesen ausdrücklichen Worten, womit er den nur-einen Gott bekennt, und womit er unter dem Nachweis des einzigen Gottes scheinbar für sich selbst Gottes Wesen abgelehnt hat, eben damit hat er sich in die Einheit mit dem Wesen des Vaters gestellt, ohne den Glauben an einen Gott zu erschüttern. Denn auf die Frage des Schriftgelehrten nach dem Hauptgebot im Gesetz gab er die Antwort: „Höre, Israel, der Herr unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Innern und aus deiner ganzen Kraft! Dies ist das erste Gebot. Das zweite ist jenem gleich: du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst! Ein größeres aber als diese Gebote gibt es nicht.”1
Man glaubt, er habe sich von dem Wesen und der Anbetung des einen Gottes ausgeschlossen, da doch das Hauptgebot so lautet: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, [S. 93] ist ein Herr;” da er außerdem nicht einmal in die rechtmäßige Geltung des folgenden Gebotes2 sich einschließe, weil ja das Gesetz zur Nächstenliebe ebenso auffordere wie zum Glauben an den einen Herrn.3
Auch die Antwort des Schriftgelehrten darf man nicht außer acht lassen, der sagte: „Trefflich hast du, Meister, in Wahrheit gesprochen, daß es nur einen Gott gebe und keinen anderen außer ihm; so muß er geliebt werden: aus ganzem Herzen und aus allen Kräften und aus ganzer Seele; und den Nächsten lieben wie sich selbst. Das ist größer als alle Brandopfer und Opfergaben.”4
Die Antwort des Schriftgelehrten scheint mit den Worten des Herrn zusammenzustimmen, da er (der Schriftgelehrte) innigste und innere Liebe zu dem einen Gott fordert, aber auch die Nächstenliebe nach dem Maßstab der Eigenliebe bemißt und die Liebe zu Gott und zu den Menschen gegenüber den Brandopfern der Opfergaben als überlegen bezeichnet. Doch es obliegt uns, das Folgende zu betrachten.
1: Mark. 12, 29―31.
2: der Nächstenliebe.
3: Christus fordere nämlich Glauben an einen Gott und die Nächstenliebe, nicht aber das Bekenntnis seiner Gottessohnschaft, in der sein Herr-sein begründet ist.
4: Mark. 12, 32 f.