Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03542.jsonl.gz/1067

Die beiden Seminare liefern eine Einführung in die Grundlagen der phänomenologischen Medizin des 18. und 19. Jahrhunderts und die praktische Umsetzung mit Hilfe der semiotischen Arbeitswerkzeuge. Zahlreiche Kasuistikbeispiele veranschaulichen die Relevanz der semiotischen Diagnose für Fallverständnis und homöopathische Arzneimittelwahl sowie die ungebrochene Aktualität des semiotischen Krankheitsverständnisses vor allem in chronischen Krankheitsfällen.
Semiotik als komplementäre Alternative zur heutigen Lehrmedizin
Diagnostik auf Basis der Symptome und Zeichen der Krankheit
Erkenntnis der zugrundeliegenden chronischen Diathese in komplexen Fällen
Fundiertes klinisches Fallverständnis als Grundlage der homöopathischen Verordnung
Semiotisches Verständnis des Organons §153
„Der Arzt ohne Semiotik ist ein Blinder ohne Stab.“
J. Chr. A. Heinroth (1773-1843)
Eine wesentliche Herausforderung bei der homöopathischen Fallanalyse...
Eine wesentliche Herausforderung bei der homöopathischen Fallanalyse stellt die Konsolidierung des in der Anamnese erhobenen Materials dar. Nach welchen Kriterien ist dieses zu ordnen, zu verstehen und zu hierarchisieren? Hierzu hat die Homöopathie in ihrer über 200-jährigen Geschichte verschiedene Konzepte entwickelt, z. B. die Doktrin der Symptomentotalität, der Leitsymptome, der Kent‘schen Allgemeinsymptome, die verschiedenen miasmatischen Ansätze etc., doch führen diese in vielen Fällen nicht zu der angestrebten Klarheit und Verordnungssicherheit. Das kann an einer Überbetonung von Details liegen, die als charakteristisch erscheinen, aber mit dem allgemeinen und/oder pathologischen Charakter des Falles nicht übereinstimmen, z.B. indem man sich auf subjektiv konstruierte Gemütssymptome verläßt oder einseitig ein vollständiges oder ungewöhnliches Symptom als Schlüssel zum Fallverständnis ansieht. Genauso ist es umgekehrt möglich, daß die unkritische Übernahme lehrmedizinischer Diagnosen oder auch die stereotype ‚Miasmatisierung‘ der Symptomatik eines Krankheitsfalles dazu führt, daß das gesamte Fallverständnis auf ein falsches Fundament gestellt wird. Eine weitere Fehlerquelle ist die Konstruktion einer Symptomentotalität aus willkürlich zusammengetragenen Symptomen heraus, ohne die einzelnen Symptome vorher zu ordnen, in ihren Bezügen und Abhängigkeiten zu verstehen und dadurch überhaupt in ihren jeweiligen Wertigkeiten erkennen zu können.
Welche Kriterien also können nun darüber entscheiden, mit welchen Symptomengruppen oder Einzelzeichen des Krankheitsfalles das gesuchte Heilmittel die größtmögliche Ähnlichkeit aufweisen muß? Wie ist diese Brücke repertorial zu schlagen und welche Implikationen hat dies für das Arzneimittelverständnis?
Für die überaus erfolgreiche europäische Homöopathie in der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Semiotik der Schlüssel zur Antwort auf diese Fragen.
Semiotik bedeutet bis Ende des 19. Jahrhunderts ‚ärztliche Zeichenlehre‘ und bezeichnet die Kunst, aus der spezifischen Kombination von Krankheitszeichen Rückschlüsse auf die Lokalisation (betroffenes Organ bzw. Gewebe) sowie auf die Art des pathologischen Prozesses und die diesem zugrunde liegende chronische Diathese zu ziehen. Hierzu werden sowohl objektive, d.h. vom Behandelnden beobachtete, als auch subjektive, d.h. vom Kranken berichtete Symptome verwendet.
Grundlage des semiotischen Wissens von der Bedeutung einzelner Krankheitszeichen ist das weltweit und kulturübergreifend über viele Jahrhunderte durch exakte Beobachtung von Krankheitserscheinungen und –verläufen gesammelte medizinische Erfahrungswissen. Auf Hippokrates zurückgehend und im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert, erlebte die Semiotik ihre letzte und zugleich größte Blütezeit im 19. Jahrhundert, als die an den Kranken gemachten Beobachtungen zudem post mortem durch Sektionsergebnisse validiert werden konnten.
Die semiotischen Diagnosen verwenden häufig dieselben Ausdrücke wie die heutige Lehrmedizin, fußen jedoch auf einem grundlegend anderen Konzept und Verständnis von Krankheit und subsumieren deshalb völlig andere Inhalte in ihren Begriffen. So verbergen sich im Verständnis der alten Medizin hinter Krankheitsbegriffen wie Gastritis, Rheumatismus, Asthma, Gicht etc. Krankheitsbilder, die aus der Zusammenstellung ihrer empirisch beobachteten Zeichentotalität entstehen. Sie enthalten vollständige Symptome, bestehend aus Lokalisation, Empfindung, Modalität und Begleitsymptom ebenso wie die exakte phänomenologische Darstellung ihrer Entstehung, Entwicklung und möglichen Verläufe und Komplikationen, ferner Angaben, welche Geschlechter, Lebensalter, chronischen Diathesen etc. besonders zur Erkrankung an dieser Krankheit disponiert sind. Im Unterschied zu dem vielfach aus abstrakten Befunden abgeleiteten und eher statischen Krankheitsverständnis unserer heutigen Lehrmedizin begegnen wir in der Semiotik lebendigen Beschreibungen von Krankheitszuständen, die sich in ihrem jeweiligen Jetzt und in ihrer Dynamik durch die menschlichen Sinne unmittelbar erfahren, auffassen und in Sprache übersetzen lassen.
Gesammelt wurde dieses medizinische Wissen in den Handbüchern und Nachschlagewerken der Semiotik. Hier findet man – wie in einem homöopathischen Repertorium – sämtliche pathologische Zeichen mit ihren möglichen Ursachen bzw. pathologischen Hintergründen aufgeführt. So findet man etwa unter dem Zeichen „saurer Mundgeschmack“ sämtliche Pathologien aufgeführt, die dieses Zeichen hervorbringen können, darunter nicht nur Naheliegendes, wie etwa funktionelle oder organische Veränderungen des Magens, sondern auch chronische Störungen von Leber und Pankreas, Skrofulose, gichtische Diathese u.v.a.
Es gehört zu den besonderen Stärken der Semiotik, daß hierzu auch und gerade die subjektiven Empfindungen und Modalitäten herangezogen werden: So läßt die Semiotik der Schmerzempfindungen (Reißen, Stechen, Brennen etc.) fundierte Aussagen über das affizierte Gewebe/Organ sowie über den dort vorwaltenden pathologischen Prozeß zu, da für die verschiedenen Gewebe/Organe und pathologischen Zustände jeweils ganz bestimmte Schmerzempfindungen typisch sind. Auf diese Weise läßt sich beispielsweise sicher unterscheiden, ob bei einer Schmerzsymptomatik etwa der Knochen (typischerweise bohrender Schmerz) oder die Sehne (typischerweise reißender oder stechender Schmerz) affiziert sind. Gleiches gilt für die Modalitäten, die z. B. über den Umstand der Druckverschlechterung oder –besserung Aufschluß darüber geben können, ob es sich um einen entzündlichen oder aber einen Nervenschmerz handelt. Derartige Erkenntnisse bzgl. der anatomischen Wirksphäre aber sind bei einer homöopathischen Fallanalyse, die sich – egal, nach welcher ‚Lehre‘ und mit welchem Arbeitswerkzeug sie vorgeht – nicht mit bloßer Symptomendeckerei begnügen will, unabdingbar.
Die praktische Anwendung sieht so aus, daß die semiotische Diagnose über eine kombinatorische Analyse der verschiedenen Krankheitszeichen eines Krankheitsfalles ‚repertorisiert‘ wird. Diese Vorgehensweise ist auf vollständige Lokalsymptome ebenso anwendbar wie auf nicht näher bestimmte oder wenig differenzierte Zeichen eines chronischen Krankheitsfalles, die semiotisch zu einander in Beziehung gesetzt werden:
Die semiotische Betrachtungsweise schafft Ordnung im Wust der Symptome und macht v. a. komplexe chronische Symptomatiken und Verläufe verständlich und damit oftmals überhaupt erst therapierbar: Im Hinblick auf das Fallverständnis liefert sie allgemeine Orientierungspunkte, indem das semiotische Wissen um die Zusammengehörigkeit von Empfindungen, Modalitäten, Begleitsymptomen, Dynamiken etc. die Subsumierung verschiedener Zeichen der Symptomentotalität in einen Diagnosebegriff gestattet. Des weiteren trennt sie Primäres von Sekundärem und hilft dadurch die Symptomatik des Krankheitsfalles hinsichtlich ihrer Wertigkeit hierarchisieren. Und zumal in chronischen Krankheitsfällen gestattet sie über die Bestimmung der chronischen Diathese als der wesentlichen pathologischen Tendenz des Organismus einen gleichsam miasmatischen Blick auf den Patienten – und zwar auf der Basis von jahrhundertelang gesammeltem und immer wieder validiertem Erfahrungswissen jenseits der traditionellen oder modernen Miasmen-Modelle der Homöopathie, denen ja immer ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes spekulatives Moment innewohnt.
Hervorzuheben ist – auch und gerade im 21. Jahrhundert – die Verläßlichkeit des semiotischen Wissens. Immer wieder kommt es vor, daß die Diagnosen der Lehrmedizin der semiotischen Analyse nicht standhalten; dann erweist sich eine Achillessehnenentzündung als Zellgewebsentzündung, ein Rheuma als Gicht, ein Asthma als Hysterie usw. – und wird durch eben diese Erkenntnis der anatomischen oder diathetischen Wirksphäre über die entsprechenden Arbeitswerkzeuge homöopathisch behandelbar.
Wie von Samuel Hahnemann in §3 des Organon gefordert, spielte in der (überaus erfolgreichen) Homöopathie des 19. Jahrhunderts die Frage, was im jeweiligen Krankheitsfall jenseits der bloßen Symptomentotalität das zu Heilende sei und welche Implikationen dies für die Mittelwahl habe, eine entscheidende Rolle. Denn nur, wer erkennt, welche lokalen oder allgemeinen Symptome des Kranken zur Krankheit gehören, kann die wahrhaft individuellen Symptome des Krankheitsfalles identifizieren. Und nur wer erkennt, welche Symptome zur primären Pathologie gehören und welche von dieser lediglich abhängig, also sekundär sind, ist in der Lage, in der homöopathischen Fallanalyse ein Mittel aufzufinden, das tatsächlich eine kausale und damit radikale Heilung anstoßen kann, anstatt sich an der aussichtslosen Behandlung von Sekundärsymptomen abzuarbeiten, die bei der Heilung der primären Pathologie automatisch mit vergehen würden.
Wichtige Vertreter dieser semiotisch basierten Homöopathie waren G.H.G. Jahr, B. Bähr und B. Hirschel; ihre im semiotischen Geiste geschaffenen homöopathischen Arbeitsmittel, allen voran natürlich das Jahrsche Werk, gestatten die direkte Umsetzung der semiotischen Diagnose in homöopathische Mittelideen anhand weniger, aber gut gewählter und maximal aussagekräftiger Rubriken, und daran anschließend die Feindifferenzierung der wahlfähigen Arzneien anhand von Materia-Medica-Indikationen, für die ein semiotisches Verständnis des homöopathischen Wirkprofils wiederum essentielle Voraussetzung ist.
Um den Ähnlichkeitsbezug auf Basis eines semiotischen Krankheitsverständnisses herstellen zu können, bedarf es auch eines entsprechenden Arzneiverständnisses. Aus diesem Grund unterwarfen semiotisch arbeitende Homöopathen nicht nur die Anamnesedaten ihrer Patienten, sondern auch die Symptomenreihen der Arzneimittelprüfungen einer semiotischen Analyse und leiteten z.B. aus dem Wissen heraus, durch welche spezifische Symptomatik sich Entzündungen in unterschiedlichen Geweben und Organen zu erkennen geben, entsprechende Indikationen aus den homöopathischen Arzneimittelprüfungen ab. Eine dabei entstehende „klinische“ Rubrik (z.B. Entzündung der Knochen, der Leber, des Uterus etc.) ist also keine Sammlung klinischer Heilbeobachtungen, sondern die generalisierte Zusammenfassung einer Fülle von Detailsymptomen, deren Totalität der Zeichentotalität der klinischen Diagnose entspricht.
Indem die Semiotik dank ihrer Grundlage, nämlich der genau beobachteten Sprache der menschlichen Krankheit, eine sichere Diagnose auf Basis sämtlicher Zeichen eines Krankheitsfalles gestattet, trägt sie maßgeblich zu einem vertieften Fallverständnis und der Bestimmung der anatomischen Wirksphäre bei – und ist deshalb bei der homöopathischen Fallanalyse und Mittelfindung von allergrößtem Nutzen. Aufgrund ihres zeichenbasierten Ansatzes ist die Semiotik essentielle Schnittstelle und Bindeglied zugleich von allgemeingültigem medizinischen Wissen, individueller Patientensymptomatik und Symptomensprache der homöopathischen Arzneiprüfungen. Im Sinne eines Beispiels dafür, welchen Zugewinn die Integration der Semiotik in die homöopathischen Praxis bedeuten kann, sei hier stellvertretend für viele andere aus der Mail einer Teilnehmerin des Semiotik-Seminars zitiert, die ihre Erfahrung folgendermaßen resümiert: „Mein größter Schwachpunkt war stets das Repertorisieren, mir fehlte da der rote Faden, es war wie ein Glücksgriff, entweder passte es oder nicht. Welches Symptom war zu dem jetzigen Zeitpunkt unverzichtbar und welches nicht, wie viele machen überhaupt Sinn etc. Auch anschließend mangelte es an Orientierung, bin ich überhaupt auf dem richtigen Weg? Und auf so wackeligen Beinen macht mir das keinen Spaß. In diesem Seminar ist das ganz anders, es ist fast wie ein fehlender Baustein, endlich habe ich das Gefühl, verstehen lernen zu können, was eigentlich gerade vorgeht, mich orientieren zu können, ob es passt.“
Die beiden Seminare liefern eine fundierte Einführung in das semiotisch basierte Krankheitsverständnis der Medizin des 18. und 19. Jahrhunderts und zeigen dessen weitreichenden Einfluß sowohl auf das homöopathische Konzept Hahnemanns als auch auf die Erstellung homöopathischer Arbeitswerkzeuge (z.B. von G.H.G. Jahr, B. Bähr, B. Hirschel). Vor allem aber illustrieren sie anhand zahlreicher Fallbeispiele aus der Praxis des Referenten die Bedeutung des semiotischen Krankheits- und Arzneiverständnisses für die homöopathische Fallanalyse und Mittelfindung. Zentral ist hierbei der Nachweis der Praxisrelevanz des semiotischen Wissens auch und gerade für die komplexen Krankheitsbilder der heutigen Zeit!
Folgende Fragestellungen und Themen werden im Rahmen der Seminare behandelt und anhand zahlreicher Praxisbeispiele und Aufgabenstellungen veranschaulicht und geübt:
J. Ahlbrecht: Pulsdiagnostik und Homöopathie. Eine Semiotik des Pulses und ihre Ent- sprechung in der homöopathischen Materia medica. Verlag Ahlbrecht, Pohlheim 22015.
B. Bähr: Die Therapie nach den Grundsätzen der Homöopathie. Leipzig 1862. Neu- satz: Verlag Ahlbrecht, Pohlheim 2016.
G.H.G. Jahr: Handbuch der Haupt-Anzeigen. Leipzig 41851. Neusatz: Verlag Ahlbrecht, Pohlheim 2015.
G.H.G. Jahr: Klinische Anweisungen. Leipzig 31867. Faksimile-Nachdruck: Verlag Ahl- brecht, Diathardt 2020.
G.H.G. Jahr: Repertorium der wichtigsten klinischen Indikationen. Paris 1872. Deut- sche Übersetzung: Verlag Ahlbrecht, Pohlheim 2014.
G.H.G. Jahr: Therapeutischer Leitfaden. Leipzig 1867. Faksimile-Nachdruck: Verlag Ahlbrecht, Diethardt 2020.
B. Hirschel: Der homöopathische Arzneischatz. Leipzig 101875. Neusatz: Verlag Ahl- brecht, Pohlheim 2016.
Weitere Informationen und ausführliche Leseproben auf:
www.verlag-ahlbrecht.de