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Attraktives Geschwätz umkreist die Welt
Ein Unwissender „Gelehrter“ hat eine Behauptung in Umlauf gebracht, die von andern übernommen und seit dutzenden von Jahren in Vorträgen, Büchern, Zeitschriften und durch Reiseführer in der Welt verbreitet werden.
Michelangelo hat die Sixtinische Kapelle auf dem Rücken liegend zwei Jahre lang gemalt und die Farbe tropfte ihm ins Gesicht!
Mit meinem kurzen Aufsatz aus meiner langjährigen Erfahrung in der Wandmalerei, werde ich versuchen die Behauptung zu widerlegen.
Um eine Wandmalerei an einem Deckengewölbe ausführen zu können, muss ein Gerüst aufgebaut werden. Das Gerüst hat an der Wand Laufstege, die in einem Abstand von 1.80 m bis 1.90 m in der Höhe, stufenweise bis zu der Decke aufgebaut werden. Der Abstand ist notwendig, damit der Ausführende mit ausgestrecktem Arm und dem Werkzeug die nächste Stufe erreichen kann. Das Deckengewölbe wird ganz eingerüstet und mit Brettern ausgelegt, sodass eine Bodenfläche entsteht, auf der sich Handwerker (Maurer, Maler, Gehilfen) und der Künstler frei bewegen können, um ihre Arbeit auszuführen. Der Abstand von der Bodenfläche bis zur Decke entspricht der Grösse eines erwachsenen Menschen mit ausgestrecktem Arm und dem Werkzeug in der Hand (Reibbrett beim Maurer, Pinsel beim Maler). Auf dem mit Brettern ausgelegten Boden befinden sich für die Maurer mehrere Gefässe mit Mörtel und Kübel mit Wasser nebst Werkzeugen. Für den Maler dutzende Gefässe mit in Wasser angerührten Pigmenten, eine grosse Schale in der die Farben gemischt werden, grosse Kübel mit Wasser und dutzende Pinsel verschiedener Art.
Für die Alfresko-Technik (in der die Sixtinische Kapelle gemalt wurde) werden mindestens drei Schichten Mörtel stufenweise mit Abstand eines Tages aufgetragen. Für die erste Mörtelschicht wird grober Sand mit gelöschtem Kalk vermischt und aufgeworfen. Nach dem Antrocknen wird die zweite Schicht mit feinerem Sandgemisch aufgetragen. In der letzten sehr dünnen Schicht wird sehr feiner Sand, manchmal auch Marmormehl verwendet. Die Maurer sind mit ihrer Arbeit dem Malenden drei bis vier Tagewerke wegen der Antrocknung der Mörtelschichten voraus. Die letzte dünne Mörtelschicht wird am Vortag des Bemalens nur so gross aufgetragen wie der malende Künstler fähig ist, an einem Tag auszumalen. Die nicht bemalte letzte Schicht wird von Maurern abgetragen und eine frische Schicht für den nächsten Tag aufgetragen. Das Tagewerk der Maurer und des Künstlers wiederholt sich, bis die ganze zu bemalende Fläche fertiggestellt wird.
Nach dem Antrocknen der letzten Schicht wird die Zeichnung, die vorher auf Papier an einer grossen Wand oder im Atelier angefertigt wurde, um die Proportionen der überdimensionalen Figuren festzuhalten, mit einer Nadel im Abstand ca. 1 cm durchgestochen und mit einem Pausbeutel (ein Stoffballen mit Kohlenstaub gefüllt) durchgestaubt. Die Zeichnung erscheint als Staubpunktezeichnung auf dem feuchten Putz und wird mit Pinsel und Farbe nachgezogen. Erst dann fängt der Künstler mit Malen sein Tagewerk an. Das ist in grosser Abkürzung der Ablauf der Arbeiten vieler Männer auf dem Gerüst zu fast gleicher Zeit.
Das Licht: Das Gerüst und der mit Brettern belegte Boden des Deckengewölbes schirmen das Licht aus den tiefer gelegenen Fenstern so ab, dass im Bereich der auszuführenden Malerei eine Dunkelheit herrscht. Die Sixtinische Kapelle wurde im 16. Jh. gemalt. Das elektrische Licht wurde erst Ende des 19. Jh. erfunden.
Welche Lichtquellen haben die Handwerker und Michelangelo zur Verfügung? Eine Fackelbeleuchtung ist wegen der starken Russbildung an der Decke auszuschliessen. Geblieben sind Wachs- oder Öllampen die das Gewölbe ausleuchten. Die Farben in den Töpfen waren nur durch die Reflexion der ausgeleuchteten Decke zu erkennen. Liegend beträgt der Abstand vom Bretterboden zur Decke: ein ausgestreckter Arm und die Pinsellänge. Das beträgt ca. 80 cm. Aus der liegenden Position ist es nicht möglich den richtigen Pinsel zu finden und die Farbe in den Töpfen einzusehen, weil sich diese auf der Ebene des Kopfes befinden. Ausserdem ist das Blickfeld auf die bemalte Fläche zum Minimalen beschränkt. Die flüssige Farbe läuft dem Pinselstil entlang zur Handfläche, den ausgestreckten Arm herunter, stehend oder liegend, und nach vielen Stunden Arbeit machen sich Spuren bis zum Schuhwerk bemerkbar. Das Tropfen der Farbe entsteht beim Abschütteln des zu nass gewordenen Pinselstils.
... er malte zwei Jahre auf dem Rücken liegend und die Farbe tropfte ihm ins Gesicht
So einfach ist die Malerei in der Vorstellung des „Gelehrten“!
In der Phantasie des Urhebers und der Verfechter dieser Behauptung entstand ein Bild eines einsamen, auf dem Gerüst liegenden Michelangelo, sein Gemälde pinselnd und der grösste lästige Störfaktor war das Tropfen der Farbe ins Gesicht. Dass in dieser Phantasie-Vorstellung die Maurer, die Gehilfen und der Künstler selbst Torturen ausgesetzt würden, zwei Jahre lang auf allen Vieren in der Schwüle unter dem 80 cm niedrigen Gewölbe kriechen zu müssen, um in der unbequemsten Position ihre schwere Maurer- und Malerarbeit auszuführen, - kommt ihnen nicht in den Sinn.
Es wäre eine Unterstellung zu vermuten, dass der geniale Michelangelo Buonarotti (1475 – 1564), Bildhauer, Maler und Architekt, der die Kuppel des St. Peter in Rom entworfen und gebaut hatte, unfähig war, sich einen langjährigen, geeigneten Arbeitsplatz einzurichten.