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Ich habe entdeckt, daß das Priestertum eine Realität ist
Die Luft war feucht und beißend kalt. Der Rauchdunst von brennender Kohle stach uns beim Atmen in die Nase. In dem Nebel und der abendlichen Dunkelheit konnte man nur schwer etwas sehen. Es war ein typischer Winterabend in England.
Ich war seit zwei Monaten Missionar. Mein Mitarbeiter und ich waren mit dem Fahrrad eilig zu einer nahegelegenen Ortschaft unterwegs, um uns mit den Missionarinnen zu treffen. Am Telefon hatten die Stimmen der Schwestern ängstlich und besorgt geklungen. Ein Mitglied in ihrem Gebiet brauchte Hilfe. Wir trafen so schnell wie möglich nach dem Anruf ein und begleiteten die Schwestern zu dem Haus des Mitglieds. Wir klopften an, und eine Frau kam zur Tür, sie hat uns in ein sehr kleines Zimmer, an dessen einem Ende sich ein offener Kamin befand. In dem blassen Licht konnte ich das Gesicht der Frau sehen. Sie hatte aufgedunsene Wangen und traurige, müde, gerötete Augen. Ihre Wimpern waren feucht. Über ihr Gesicht rannen Tränen, als sie auf ein kleines Kinderbett am Kamin wies. Schluchzend sagte sie: ,.Mein Baby ist krank. Es kann nicht atmen, und der Arzt sagt, es wird sterben.” Der strenge britische Winter läßt viele Kinder an Bronchitis und Lungenentzündung sterben.
Die Mutter bat uns, das kleine, drei Wochen alte Mädchen zu segnen. Sie hob es sanft aus dem Bettchen und hielt es zärtlich und schützend in den Armen. Aus ihren Augen tropften Tränen auf das saubere Leinen, worin das Baby gewickelt war. Auf dem winzigen Kopf war kaum genug Platz für meine verhältnismäßig großen Hände, und als ich sie auf den zarten kleinen Kopf legte, konnte ich die feinen Haarbüschel fühlen.
Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich einen Kranken segnete. Irgendwie gelang es mir, die richtigen Worte zu sagen…Sonja Holbert, im Namen Jesu Christi und mit der Macht des heiligen Melchisedekischen Priestertums …” In diesem Augenblick konnte ich fühlen, wie eine Kraft in mir aufwallte. Es war etwas Ungewöhnliches, Einzigartiges. Ich wußte ohne jeden Zweifel: Ich handelte, indem ich dieses kleine Baby heilte, als Werkzeug in der Hand des allmächtigen Gottes.
Im Laufe der Zeit verschmolz dieses Erlebnis mit anderen, und schließlich verblaßte die Erinnerung daran. Fast zwei Jahre später meine Mission war fast vorüber — wurde ich in die Ortschaft versetzt, in der die Mutter und das kleine Mädchen lebten. Als wir in einer Straße von Tür zur Tür gingen, sagte uns einer unserer Untersucher, daß um die Ecke ein Mitglied unserer Kirche wohne. Wir fanden das Haus und klopften an. Die englischen Reihenhäuser sehen sehr ähnlich aus, und so merkte ich nicht gleich, daß dies das gleiche Haus war, das ich vor fast zwei Jahren besucht hatte. Die Frau bat uns herein. Als wir das gleiche Zimmer betraten, blickten zwei leuchtende, blaue Augen zu mir auf. Ich setzte mich auf einen Stuhl, und ein niedliches kleines Mädchen kletterte auf meinen Schoß. Während ich ihre blonden Löckchen streichelte, kam ein Strom von Erinnerungen — jener düstere Abend. die weinende Mutter, das Baby, das nach Atem rang, die unverkennbare Macht des Priestertums. „Danke. Vater”, murmelte ich leise, „daß ich mit dieser Macht dem kleinen Mädchen hier helfen konnte.” Ich wurde durch dieses Erlebnis gestärkt. Jetzt wußte ich wirklich, was es bedeutet zu sagen: „Ich weiß, daß das Priestertum in dieser Zeit wiederhergestellt worden ist, und ich gebe Zeugnis, daß Gott lebt und uns liebt. Ich weiß, daß große Segnungen eintreten, wenn man dieses Priestertum rechtschaffen ausübt.”
A. Hamer Reiser, August 1981