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Die Künstlerin Nora de Baan sieht das grosse Potenzial nicht mehr benötigter Dinge. Dieser Tage geht sie als lebende Filmverwertungsmaschine mit einem Filmhaufen auf Schweizer Tournee.
«Möchtet ihr Kaffee?», fragt Nora de Baan zur Begrüssung und stellt die Espressomaschine auf den Gasherd. Zum Glück sei sie heute Morgen noch schnell in der Limmat gewesen, lacht sie: «Jetzt hab ich einen richtig klaren Kopf.»
Seit gut einem Jahr ist die Künstlerin im Areal des alten Güterbahnhofs in Zürich eingemietet. Der Raum ist klein und hoch, zwei grosse Fenster geben den Blick auf die hier endenden Schienen frei. Ab und zu stehe hier noch ein Güterwagen, gefüllt mit Kieselsteinen oder Ähnlichem, sagt de Baan, aber nur noch selten. Seit der Güterbahnhof nicht mehr in Betrieb ist, hat die SBB einen grossen Teil der Räume untervermietet. Auf dem Areal befinden sich heute neben den Büros der SBB auch ein Schrotthändler, eine Weinhandlung, ein Lagerraum eines Modelabels und Ateliers von Kunstschaffenden, Fotografinnen und Architekten.
Ein Plastiksack voller Köpfe
Nora de Baans Werkstatt sieht aus wie eine Mischung aus Büro, Archiv und Atelier, der Raum ist aufgeräumt. In einer Ecke hängen Filmstreifen an Kleiderbügeln, ordentlich platziert wie Sonntagskleider. Am Boden stehen eingepackte Filmprojektoren und eine Tasche, gefüllt mit weiteren Filmstreifen. An einer Wand steht eine alte Schaufensterpuppe, sie trägt zwei Krawatten und hat ein Badetuch um den Hals geschlungen. Zwischen ihren Beinen schaut eine kleine, blond gelockte Puppe hervor.
Auf der Tischplatte steht ein grosser, weisser Computerbildschirm – das einzig «Moderne» in Nora de Baans Werkstatt, daneben eine alte «Urbana»-Schreibmaschine. «This machine has no brain» ist auf der Postkarte zu lesen, die auf der Maschine steht. Auf einem Campingtisch befindet sich ein Kassettenrekorder mit zwei kleinen Boxen, Michael Jacksons «Bad» ist eingelegt. Daneben stehen etwa zwanzig weitere Kassetten unter anderen mit Musik von Ray Charles, Tina Turner – und «Best of Disco Volume 2».
De Baan lacht, ja, mit dem Gerät höre sie tatsächlich noch Musik. Gefunden hat sie das museale Objekt bei ihren Eltern. «Das Beste daran ist: Man kann den Rekorder mitsamt den Boxen in ein tragbares Köfferchen verwandeln und dann mitnehmen. Super, oder?»
Unter dem alten Sofa liegen behaarte Köpfe von Schaufensterpuppen. «Mein Arbeitsmaterial ist Recyclingmaterial», erklärt de Baan, und so hat auch fast jeder Gegenstand eine einzigartige Geschichte. Die Köpfe fand sie in Rotterdam, wo sie mehrere Jahre lebte. «Ich ging jeweils nach dem Flohmarkt durch die Strassen und schaute, was liegen geblieben war. Einmal lag da ein grosser Plastiksack, und ich dachte, da schau ich noch schnell rein. Da starrten mich zehn Köpfe an. Das war allerdings schon ein bisschen unheimlich.»
Der schnellste Film aller Zeiten
Seit Jahren arbeitet de Baan mit Recycling- und vor allem mit altem Filmmaterial. Ihre Kunst hat stets mit Kino zu tun. «Ich bin eigentlich eine lebendige Filmverwertungsmaschine», sagt sie lachend. «Allerdings geht es mir nicht darum, den alten Zeiten und Dingen nachzuträumen, sondern die Dinge umzufunktionieren. Ihre Schönheit soll einen neuen Nutzen bekommen.»
Ihr aktuelles Projekt trägt den Titel «Cinema Ambulante 2011. Wege zum Ruhm: Ein Filmhaufen überquert die Alpen» (siehe «Ein Haufen auf Reisen»). Der Filmhaufen ist ein etwa 250 Kilogramm schweres Gewirr von alten 16mm-Filmstreifen, die de Baan 2007 in Rotterdam auf der Strasse gefunden hat und mit dem sie seither schon mehrere Auftritte hatte.
«Früher wurden auf 16mm-Film vor allem Schul-, Lehr- und Fernsehfilme gedreht, diese Filmstreifen brachten den Menschen die Welt in die Stube», erklärt de Baan. «Doch heute wird das Material nicht mehr gebraucht, es ist stumm, still.» Deswegen bringe sie es nun wieder in Bewegung: «Ich zeige dem Filmhaufen die Welt.» Sie verfrachtet den Koloss in einen mobilen Ausstellungswagen des mobilen Basler Ausstellungsraums «raum19,6m3» und zieht diesen mit einem Traktor von Basel nach Locarno. Während eines Monats wird sie unterwegs sein und in dieser Zeit mit ihrem Filmhaufen in Symbiose leben: Ihre Schlaf- und Wohnstätte kann sie über dem etwa einen Meter hohen Haufen im Ausstellungswagen herunterklappen. «Der Filmhaufen ist pensioniert und wird nun, im hohen Alter, zum schnellsten Film aller Zeiten», freut sich de Baan. Denn auch wenn der Traktor nur mit 24 Kilometern pro Stunde durch die Schweiz tuckert, bewegen sich die Filmstreifen viel schneller fort als früher, wo sie mit etwa 600 Metern pro Stunde durch die Projektoren ratterten.
De Baan spricht mit einer grossen Zärtlichkeit über ihren Filmhaufen, als ob er eine geliebte Person wäre. Überhaupt dringt ihre Liebe zu den von ihr gesammelten und gefundenen Objekten im Laufe des Gesprächs immer wieder durch. Und auch ihre Begeisterung und Freude an der Arbeit. «Ich sehe meine Arbeit als eine Art Werbung für das Recyclen», sagt sie. «Die technische Entwicklung ist heute so schnell, dass das Potenzial der einzelnen Dinge und Erfindungen gar nie ausgeschöpft werden kann. Ich möchte diese Möglichkeiten voll ausnutzen.» An Ideen dazu mangelt es der leidenschaftlichen Künstlerin nicht. Von ihrer Kunst leben kann sie, die 2003 die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern im Fachbereich Video abgeschlossen hat, allerdings nicht. Deshalb arbeitet sie im Zürcher Filmpodium als Operateurin.
Hasenhöhlen unter der Skyline
Beim Verabschieden, schon im Türrahmen, noch eine letzte Frage: Was hat es eigentlich mit den Hasen auf sich, die an mehreren Orten in ihrer Werkstatt ins Auge springen – auf Fotos, Bildern oder als Plastikfiguren? De Baan: «Ich interessiere mich allgemein für die Lebewesen und ihre Verhaltensmuster im städtischen Kontext – nebst dem Menschen auch für Viecher und Pflanzen. Habt ihr gewusst, dass es in Frankfurt eine Hasenplage gibt? Das sind – ohne dass sie es wissen – voll subversive Tiere: Die graben einfach Höhlen unter der Frankfurter Sykline.» Mit Hasen haben sich schon verschiedene ihrer Projekte beschäftigt. Unter Verwendung von Recyclingmaterial, versteht sich. Aber das ist eine andere Geschichte.