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Da steht der Mann in seiner glatten Funktionskleidung in der Natur, und es mag ihm nicht gelingen, was der Kuh selbstverständlich ist.
Ich kenne den Menschen, er will alles auseinandernehmen und dann wieder zusammenbauen. Er beginnt damit, wenn er noch nicht gehen, nicht stehen kann, Schubladen und Schränke auszuräumen. Und später macht er Lego. Macht Legostein auf Legostein auf Legostein, baut Häuschen und macht Häuschen kaputt, baut neues Häuschen, macht es kaputt, baut neues Häuschen. Nimmt die Schnecke aus ihrem Haus heraus, zertrampelt das Schneckenhaus, klebt es zusammen, stopft die Schnecke wieder hinein. Er nimmt einen Hund mit weissem Fell und einen mit schwarzem Fell und macht aus zwei Hunden einen neuen Hund, schwarz-weiss gefleckt. Er nimmt einen toten Falken vom Feld, nimmt ihn auseinander und setzt ihn neu zusammen, macht einen toten neuen Falken, der möglichst lebendig aussehen soll. Und irgendwann landet er, der Mensch, auf der Suche nach dem Grund seiner Existenz bei den allerkleinsten Teilchen der Welt. Er zerlegt sie, die Welt, in ihre kleinsten Teilchen, setzt sie neu zusammen, und dann hat er etwas produziert. Plastik oder Nagellack, Gummibärchen, Frischhaltefolie, Atomenergie oder Funktionskleidung.
Und die Funktionskleidung hat die Sinnlichkeit eines Industriegebiets.
Und die Funktionskleidung tut im Auge weh und auch ihr Geräusch. Das Schaben der Funktionskleidung an der Wade des Mannes, der alle Taschen seines Rucksacks gerne präsentiert, auch benennt, was darin verstaut werden kann.
Und der Mann in der Funktionskleidung sagt: Das ist sehr praktisch.
Sehr, sehr praktisch ist das, sagt er, und dabei öffnet und schliesst er sämtliche Reissverschlüsse seiner Hose, seiner Jacke, auch die seines Hemdes. Das ist sehr praktisch, sagt er und hebt den linken Arm, deutet mit der rechten Hand auf die Luftlöcher unter seiner Achsel. Seine Augenbrauen gehen dabei auf und ab.
Was die Kuh zur Kuh macht
Die Funktionskleidung in der Natur und in der Funktionskleidung der Mann und neben dem Mann die Weide und auf der Weide die Kuh, die nicht weiss, dass sie eine Kuh ist oder zumindest nicht so, wie der Mensch eine Vorstellung davon hat, was eine Kuh zur Kuh macht und den Menschen zum Menschen. Und die Kuh hat mit der Funktionskleidung nichts zu tun. Es gibt ihren grossen Blick und ihre grossflächige Zunge und ihre Masse überhaupt und ihr allgemeines selbstverständliches Existieren.
Das selbstverständliche Existieren jedoch, das fehlt dem Mann, er sieht und fühlt sich nicht als Teil der Natur, er schaut auf sie herab und versucht, ihr doch gerecht zu werden. Dabei trägt er Funktionskleidung.
In dieser Natur steht er krumm, im Wind, im Tannengrün, im Blütengelb, im Weidenbraun, im Weiss und Grau und Grüngrau der Steine und tut, als wäre das völlig normal. Er steht zwischen ochsengrossen, uralten Steinen, steht am Bach, dessen Wasser aus dem Innersten des Gebirges hinausgetragen wird, seit tausend Jahren schon. Er steht im Wald, zwischen den Tannen, die sich im Sturm beugen, in der Natur, die alt ist und vergeht und neu entsteht, die abgenutzt und unpraktisch ist, in der man sich verfängt und deren Boden riecht und feucht ist und in der der Regen aus einem Himmel fällt.
Diese unglaublich schöne Aussicht
Er steht und trägt eine hellblaue Windjacke, eine grapefruitfarbene Windhose, an seinem violett-gelben Windrucksack sind Täschchen für alle eventuellen Einzelteile, die verstaut werden müssen, angebracht. Es gibt Täschchen für das Messer mit 32 Funktionen, abnehmbare Hosenbeine, wenn das Sonnenlicht durch die Wolken bricht, und hundertprozentige Wasserabweisung bei Regen, Luftdurchlässigkeit bei Schweiss, praktische Ellenbogenpolsterung für Risikofreude. Und Reflektoren überall. Sie leuchten in der Dämmerung. Und die Oberfläche des Menschen in dieser Kleidung hat nichts mit dem zu tun, was ihn umgibt. Dieses Raue und Alte, Wahre, und er steht da und ist in seiner Kleidung glatt. Wenn der Wind bläst, blähen sich die Windjacke und die Windhose in Grapefruit auf. Die Konsistenz der Kleidung in der Weide.
Sehr, sehr praktisch, sagt der Mann mit dem Wind unter der Windjacke.
Wie schön diese Aussicht auch, sagt er, hast du diese unglaublich schöne Aussicht gesehen. Wie heisst dieser Berg nochmals, da war mal jemand oben, der jemanden kennt, den ich kenne. Wunderschön, dieses Dastehen, und wunderbar. Schön.
Schön, schön, wunderschön.
Und ich setze mich zur Kuh auf die Weide, und ein Fladen dampft neben uns. Dann versuche ich, ihr dreckiges Bein zu berühren, kratze ihr den Dreck weg am Bein, die Kuh, die kaut und kaut und kaut. Und ich lege mein Gesicht an ihren warmen Bauch, dann in die Weide hinein. Dann schaue ich von unten an die Kuh heran, und die Kuh schaut von oben auf mich herab, und ich sage zur Kuh: Es tut mir leid.
Julia Weber ist Schriftstellerin und lebt in Zürich. Ihr Roman «Immer ist alles schön» ist 2017 im Limmat-Verlag erschienen.
In der WOZ-Sommerserie «Der totale Ablöscher» sind AutorInnen eingeladen, sich über ein Detail zu ärgern, das ihrer Meinung nach für die Übel der Welt verantwortlich ist.