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Wir stellen vor: Doris Wyssmann, SEV-Kongresspräsidentin
In einem Land zu leben, in dem der öffentliche Verkehr funktioniert, finde ich grossartig!
Seit zwei Jahren bekleidet Doris Wyssmann als Kongresspräsidentin das höchste Amt im SEV. Nächste Woche wird sie den 75. ordentlichen Kongress im Kursaal eröffnen. Wir fragen nach: Wer ist Doris Wyssmann und wo sieht sie den SEV heute?
kontakt.sev: Doris Wyssmann, seit zwei Jahren bekleidest du das höchste Amt im SEV; du bist Kongresspräsidentin. In welchem Zustand befindet sich der SEV vor dem Kongress 2009?
Doris Wyssmann: Der SEV ist in Veränderung, das spüre ich. Dies hat noch zu tun mit der gescheiterten Fusion und dem Auftrag zu internen Reformen. Der Tod von Pierre-Alain Gentil führte zu einer schwiergen Situation für den SEV. Der gegenwärtige Reformprozess führt dazu, dass er sich mit sich selber beschäftigen muss, es stehen aber auch dringende externe Geschäfte an, ich nenne nur die Vertragsverhandlungen.
Du hast als Vizepräsidentin und Präsidentin acht Sitzungen des Verbandsvorstandes mitgeleitet. Was hast du über den SEV gelernt, das du vorher – nach über 20 Jahren Mitgliedschaft – noch nicht wusstest?
Ich habe gelernt, dass auch im SEV ein gewisses Machtgerangel entstehen kann. Und manchmal ist die Angst, Macht zu verlieren, spürbar – es menschelt halt auch hier. Dabei muss ich allerdings sagen, dass ich die Situation im SEV; verglichen mit andern Gewerkschaften, als verhältnismässig gut beurteile.
Die Funktion
Vor vier Jahren wurde Doris Wyssmann zur Kongressvizepräsidentin gewählt, vor zwei Jahren zur Kongresspräsidentin. Sie ist die erste Frau in diesem Amt und zugleich die letzte Kongresspräsidentin, da dieses Amt im Zuge der SEV-Reorganisation abgeschafft werden soll. Zusammen mit dem Sekretär leiten Vizepräsident und Präsidentin die Verbandsvorstandssitzungen und den Kongress. Sie haben einen vertieften Einblick ins Funktionieren und den gegenwärtigen Zustand der Gewerkschaft des Personals des öffentlichen Verkehrs der Schweiz.
Du bist die erste Frau an der Spitze des SEV, doch dieses Amt wird nun abgeschafft. Bedauerst du es, dass künftig nicht mehr ein Basismitglied an der Spitze des SEV steht?
Ich bedaure es persönlich, aber nicht für den SEV, für die Gewerkschaft hat es vielleicht keine grossen Auswirkungen – ausser vielleicht, dass eine neutrale Moderation verloren geht.. Ich hatte die Chance, etwas zu lernen oder etwas zu zeigen, was man vielleicht als gewöhnliches Mitglied sonst nicht kann.
Als Frau gehörst du im SEV zu einer Minderheit und auch als Typografin, die nie in einem der «Monopolberufe» gearbeitet hat. Bist du trotzdem ein gutes SEV-Mitglied, bist du eine gute Eisenbahnerin?
Ich bin beruflich sehr eingespannt, habe ein enges Korsett. Dabei möchte ich gern mehr tun, möchte beispielsweise Mitglieder werben. Immerhin rede ich immer gut über den SEV und betone, dass man nicht unorganisiert arbeiten sollte. Ich bin eine gute Eisenbahnerin: Ich liebe die Arbeit für den öffentlichen Verkehr – und für die SBB, wenn ich das so offen sagen darf. Und ich bin gerne Eisenbahnerin: Am 1. Mai feierte ich mein 25-Jahre-Arbeitsjubiläum.
Wie hast du in diesen 25 Jahren den Wandel des Unternehmens erlebt und was hatte er für Auswirkungen auf deine Arbeit?
Angefangen habe ich seinerzeit bei der Drucksachenzentrale, heute bin ich Layouterin der Zeitung. Ich erlebte den Wandel langsam, ohne dass die ganze Abteilung über den Haufen geworfen wurde. Der Wandel hatte vor allem Auswirkungen auf unsere internen Kunden. Mich stimmt es ein wenig traurig, dass die SBB erst nach der Privatisierung angefangen hat, gewinnorientiert zu arbeiten. Warum war das vorher nicht möglich? Ich habe eigentlich keine «Beamten» kennengelernt, wie man sie früher jeweils karikierte. Die Leute setzten sich immer ein, nur deshalb klappte der Wandel. Die Leute wollen ihren Job vorantreiben. Manchmal hören aber die Veränderungen zu lange nicht auf.
In der Sektion VPV Bern, die du präsidierst, gibt es Potenzial an Kadermitgliedern. Wie erlebst du die gegenwärtige Diskussion um die «Kaderpolitik» im SEV?
Für gewisse Kader ist die Nähe zum SEV sinnvoll. Die Kaderanlässe sind gut besucht, die Referate stossen auf Interesse. Nicht alle Kader sind aber am SEV interessiert, die „Sozialpartnerschaft“ ist für viele ein Fremdwort. Manche Kader sehen den SEV als Feind, und wenn wir sie überzeugen können, ist es gut für den SEV und die Mitarbeitenden. Deshalb finde ich die Bestrebungen lobenswert.
Vor zwei Jahren nanntest du als eines deiner Ziele, die Mitgliederwerbung verstärken zu wollen. Was hast du in dieser Beziehung unternommen?
Ich muss gestehen: nichts! Ich wollte die Werbung verstärken, kann aber die Kraft für die Sektion im Moment nicht aufbringen. Der VPV Bern ist in einer sehr schwierigen Situation. Nicht zuletzt, weil unsere Mitglieder ständig umziehen müssen und reorganisiert werden. Für die Sektionen ist dies extrem schwierig: Du weisst nicht, in welchen Abteilungen die Mitglieder arbeiten oder wo ihr Büro ist. Es ist zum Haareausreissen.
Was wünscht du dem SEV für die nächsten zehn, für die nächsten zwanzig Jahre?
Ich wünsche dem SEV eine starke Leitung, Ich hoffe auf Geschick und Erfolg bei den Vertragsverhandlungen. Die Arbeitgeber machen keine Geschenke! Der SEV muss rasch mit den neuen Strukturen leben lernen. Danach sollte man sie nochmals überprüfen. Milizleute zu finden wird zunehmend schwieriger. Eine Organisation wie der SEV ist niemals abgeschlossen. Deshalb wünsche ich dem SEV von Herzen eine gute Hand bei der Besetzung von wichtigen Stellen und zahlreiche neue Mitglieder!
SEV und Yoga
Doris Wyssmann ist 53-jährig, sie lebt mit ihrem Partner in der Stadt Bern. Als Hobby nennt sie an erster Stelle den SEV – und «Yoga sagt mir zu». In ihren Mussestunden liest Doris Wyssmann gern. Im Moment liegen auf ihrem Nachttisch «Die Kunst des Bücherliebens» von Umberto Eco und «Schlampenyoga» von Milena Moser. Wichtig ist ihr die Tätigkeit fürs Berner Feriensportlager. Im Herbst reist sie mit hunderten Berner Schulkindern für eine Woche ins Fiescher Feriendorf. Früher gab sie Landhockey (Doris Wyssmann war viele Jahre aktive und erfolgreiche Hockey-Spielerin und -Trainerin), jetzt leitet sie zusammen mit ein paar Cracks den Medienkurs. Sie ist natürlich im Ressort «Lagerzeitung» tätig.
Doris Wyssmann ist überzeugte Städterin und «gern dort, wo’s abgeht». Wohl deshalb lebt und liebt sie die Fasnaht. Sie hat kein Auto, dafür ein Velo: «Ohne Velo geht nichts, ich brauche es, um zur Arbeit zu fahren oder zum Einkaufen.» pan.