Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/2371

Da leben sie auf einer winzigen westirischen Insel, Inishmaan, einer der Aran-Inseln, nur sechs Kilometer Durchmesser. Der 17jährige Billy ist seit seiner Geburt verkrüppelt. Billy ist hochintelligent, hat viel Phantasie, die er in einsame Tagträume investiert, und liest gerne Bücher. Ein bißchen seltsam sind sie alle, die mit ihm auf dieser Insel leben, sehr eigenartige Individuuen eben. Tante Kate spricht manchmal mit Steinen, Tante Eileen ißt in seelischen Krisenzeiten das Warenlager des kleinen Dorfladens leer, den die Schwestern zusammen betreiben. Die schrulligen Tanten haben Billy nach dem frühen Tod seiner Eltern aufgezogen. Gerne kommt Johnnypateenmike vorbei, die lebende Inselzeitung, der Neuigkeiten gegen Lebensmittel tauscht und so an Skandalen, Fehden und Gerüchten aller Art interessiert ist. Daheim hat er eine ziemlich alte Mammy zu versorgen, die immer noch um ihren vor dreiundsechzig Jahren von einem Hai gefressenen Mann trauert, indem sie reichlich Whisky, Poitin und Porter verfrühstückt. Der Doctor ist machtlos mit seinen guten Ratschlägen. Billy ist hoffnungslos in die hübsche Heien verliebt. Ihr schusseliger und gerissener Bruder Bartley ist ein häufiges Ziel ihrer Gewaltdemonstrationen. Eines schönen Tages bringt Johnnypateenmike eine wirkliche Neuigkeit: auf der Nachbarinsel Inishmore wird ein Film gedreht! Helen überredet Babbybobby, der ein Boot, eine Curragh, besitzt, sie und ihren Bruder nach Inishmore zu bringen. Billy gelingt es, mit einem raffinierten Trick, daß Babbybobby ihn mitnimmt. Und das Wunderbare geschieht: die Filmleute laden Billy ein nach Hollywood zu Probeaufnahmen. Vier Monate später und bereits totgeglaubt, kehrt Billy zurück nach Inishmaan. Außer erfolglosen Probeaufnahmen und Einsamkeit in schäbigen Hotelzimmern war nichts in Amerika. Aber Billy ist ein Mann geworden, der sich seinem Schicksal stellt – der grauenhaften Diagnose, die der Doctor ihm offenbart, der Wahrheit über den Tod seiner Eltern und der süßen Hoffnung auf ein Rendezvous und einige Küsse von der geliebten Helen.
Martin McDonagh ist als Sohn irischer Eltern 1970 in London geboren und im Südlondoner Gebiet um Elephant & Castle aufgewachsen. Da seine Eltern aus Galway und Limerick stammten, besuchte McDonagh in den Ferien seine Großeltern und lernte Irland kennen. Mit sechzehn Jahren verließ er die Schule, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, war fasziniert von Filmen und Fernsehserien. Theater interessierte ihn nicht. Um den Eltern eine anspruchsvollere Betätigung zu präsentieren, begann McDonagh Drehbücher fürs Fernsehen und Kurzgeschichten für den Rundfunk zu schreiben. Mit der Uraufführung seines ersten Theaterstücks The Beauty Queen of Leenane wurde er schlagartig zum Star des Londoner West End. Er ist durch seine Leenane-Trilogie (The Beauty Queen, A Skull in Connemara, The Lonesome West) und die Aran-Trilogie (The Cripple of Inishmaan, The Lieutenant of Inishmore, The Banshee of Inisheer) zum Nation Writer des National Theatre London und zum assoziierten Autor am Druid’s Theatre Galway geworden. Die Kritiker überhäuften ihn mit Awards aller Arten, er gilt als „most promising author“. The Cripple of Inishmaan wurde am 7. Januar 1997 im Cottesloe, dem Experimentiertheater des National Theatre, uraufgeführt und mit höchstem Lob bedacht, obwohl – oder auch weil – McDonagh in bester, charmanter Rebellen-Manier die Kritiker und Kollegen zu schmähen pflegt. Ein bezaubernder irischer Rüpel, ist man sich einig.
Georgia Eilert
Programmheft „Der Krüppel von Inishmaan“
Oldenburgisches Staatstheater, Oldenburg 1998
Inishmaan 1937: Billy, 18, von allen nur Krüppel-Billy genannt, lebt bei seinen beiden ältlichen Tanten. Inishmaan, ein winziges Eiland vor der Westküste Irlands, ist ihm schon lange zu klein und zu eng. Seine Eltern kamen um, als er noch sehr klein war. Sie sind im Meer ertrunken. Keiner weiß, ob sie sich umgebracht haben oder ob es ein Unfall war.
Die Bevölkerung in dem Ort ist derartig schrullig, daß Billy, anstatt sich zu unterhalten, lieber stundenlang auf der Wiese sitzt und den Kühen zuschaut. Weil er das tut, halten ihn wiederum alle für ein bißchen verrückt. Am besten kommt er noch mit Bartley McCormick aus. Der interessiert sich eigentlich aber nur für Fernrohre und für Süßigkeiten. Seine Schwester, Helen, ein hübscher, aber brutaler Teenager, ist Billys heimlicher Schwarm.
In diese Dorfgemeinschaft wird von Johnnypateenmike, einem alten Kerl, der von Haus zu Haus geht und für eine kleine Gabe Neuigkeiten erzählt, die Nachricht getragen, daß auf der Nachbarinsel ein Film gedreht werden soll. Helen, Bartley und Billy sind sofort Feuer und Flamme und bewegen Babbybobby dazu, sie mit dem Boot überzusetzen.
Erstaunlicherweise wird Billy als einziger für Probeaufnahmen mit nach Hollywood genommen.
Einige Zeit später – der Film (The Man of Aran) ist mittlerweile fertiggestellt und wird im Gemeindehaus vorgeführt. Helen findet vor allem die langen Szenen einer Jagd auf einen Hai so langweilig, daß sie die Leinwand (ein Bettuch) mit Eiern bewirft. Mitten in die Filmvorführung platzt Billy, der aus Amerika zurückgekommen ist, weil er doch keinen richtigen Filmjob bekommen hat und außerdem findet, daß es unerträglich ist, in Hollywood zu leben.
Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln