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Poetisch
Was ist ‹in einer Weise stimmungsvoll, die für die Dichtung charakteristisch ist› (Duden)? Dieses eine Adjektiv vermag es, die Lyrik in einem Atemzug zu charakterisieren und zu diskreditieren. Wenn jemand zu uns sagt, das hätten wir sehr poetisch gesagt, meint er eigentlich – euphemistisch, beschönigend. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: Da hast du sehr wahr gelogen (s. Erfindung)?
Robert Gernhardt spricht von ‹Poesieverklärung und Lyrikverdunkelung›, wenn er auf die Tatsache der geringen gesellschaftlichen, aber auch literarischen Bedeutung der Lyrik zu sprechen kommt (Frankfurter Poetik-Vorlesungen, 2001). Er trifft damit den Nagel auf den Kopf: Die Bedeutung der Lyrik verhält sich umgekehrt proportional zum Angebot an Ersatz- oder einfacher: Konsum-Gütern, die das Schöne plakativer zu transportieren vermögen und in ihrem Wesen ganz Ding und Nomen sind. Als Gegensatz dazu ist das russische Verständnis der Lyrik anzuführen, die in den (politisch und gesellschaftlich) schlimmsten Zeiten der Lyrik (und der Literatur überhaupt) einen Stellenwert einräumte, den ihr bisher noch kaum eine andere westliche Kultur zugestanden hat.
Gernhardt meint mit der Poesieverklärung den Glauben, dass die Poesie etwas Hehres, Heiliges und Lichtes, ergo Erhebendes, das heisst, die herrschenden Zustände Stützendes sei, während in der Lyrikverdunkelung die Gesellschaft das Unerklärlich-Unaussprechliche, ja Seelische als etwas Amoralisch-Egozentrisches zu tabuisieren versucht. Zwischen diesen beiden Polen schwankt laut Gernhardt die Leserschaft; beide Deutungsmöglichkeiten jedoch gestehen der Lyrik weder einen Wahrheitsgehalt noch eine real sich auswirkende Aussagekraft zu.
In diesem Glossar wollen wir daher jegliche Zweideutigkeit vermeiden und neutral-sachlich von ‹lyrisch› und von der ‹Lyrik› reden.