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Service d’addictologie, Hôpitaux universitaires de Genève, Suisse
Über das Aufeinanderstossen verschiedener Weltanschauungen und entsprechender therapeutischer Ausrichtungen
A Child is waiting (1963)
Drehbuch: Abby Mann. Regie: John Cassavetes.
Institutionen der Erwachsenenpsychiatrie sind häufig Schauplatz in Mainstream-Filmen gewesen, mussten hierbei häufig als Bühne unprofessionellen Verhaltens und schrecklicher Geschehnisse herhalten oder gar als reines Mittel der Unterdrückung. «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» von Milos Foreman und «Shock Corridor» von Samuel Fuller sind hierfür wahrscheinlich mit die prominentesten Beispiele.
«A Child is waiting» (ein Kind wartet), 1963 unter der Regie von John Cassavetes gedreht, mag hierzu ein besonderes Gegenbeispiel sein. Es ist einer der seltenen Filme, der in einer Institution für Kinder spielt. Er wurde gar in einer real existierenden psychiatrischen Institution gedreht (dem Pacific State Hospital in Pomona, Kalifornien) und unter Teilnahme einiger der Patienten, was dem Film, trotzt seiner klar dem Hollywood-Studio-System verpflichteten Machart, gelegentlich einen dokumentarischen Charakter verleiht (Abb. 1).
Das wesentlichste Interesse von «A Child is waiting» dürfte wohl aber in der Dialektik liegen, die einerseits Thema des Films, andererseits aber auch aus dessen Entstehungsgeschichte ableitbar ist: Lassen sich psychiatrische Störung besser behandeln in dem der Patient zu etwas Besonderem gemacht wird, oder eher dadurch, dass er schlussendlich, als den «Normalen» ebenbürtig gefördert werden soll?
Handlung
Die Musiklehrerin Jean Hansen (Judy Garland) bewirbt sich in der von dem Psychologen Dr. Matthew Clark (Burt Lancaster) geleiteten psychiatrischen Kinderklinik. Von ihrem bisherigen Leben enttäuscht möchte sie ihrem Dasein einen neuen Sinn geben. Obschon sie über keine spezifischen Fachkenntnisse verfügt, kann sie Dr. Clark durch ihre Einstellung dazu bewegen, sie als Musiktherapeutin zu beschäftigen.
Dr. Clark ist ein zwar insgesamt sympathischer, einfühlsamer Direktor, gleichzeitig aber, sowohl seinen Mitarbeitern als auch den Patienten gegenüber, anspruchsvoll und fordernd. Die neue Musiklehrerin stösst sich an den unbeugsamen Methoden Dr. Clark’s und empfindet in erster Linie Erbarmen mit den Kindern.
Sie nimmt sich insbesondere des autistischen Schülers Reuben Widdicombe an, der ihrer Ansicht nach besonderer Zuwendung bedarf. Dieser hat seine Eltern seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, seit sie ihn der Institution übergeben hatten. Kurz nach dem Eintritt Reubens haben sich seine Eltern scheiden lassen. Grund hierfür war offensichtlich auch die Haltung des Vaters, der sich mit dem Zustand seines Sohnes nicht abzufinden wusste. Der verschlossene und gleichzeitig rebellische Junge hat seit seinem Eintritt keine Fortschritte gemacht und widersetzt sich jeglichem Versuch der Eingliederung in eine Gruppe.
Gegenüber der neuen Musiklehrerin zeigt er jedoch sogleich ungewohnt Zutrauen. Diese umsorgt ihn daraufhin so intensiv, dass ihr die Vernachlässigung der anderen Patienten vorgeworfen wird. Insbesondere Dr. Clark kritisiert Jeans Fürsorge mit der Anmerkung, dass Liebe allein keine Lösung für Reubens Probleme sei. Vielmehr solle die Eigeninitiative des Jungen geweckt werden. Auch lehnt er Jeans Vorschlag kategorisch ab, Reubens Eltern einzuladen. Unter einem Vorwand lässt Jean die Mutter dennoch in die Klinik kommen. Diese wird von Dr.Clark aber davon abgebracht, ihrem Sohn zu begegnen. Da Reuben jedoch die Anwesenheit seiner Mutter entdeckt hat, läuft er zuerst dem mit seiner Mutter abfahrenden Auto nach und entweicht daraufhin aus der Anstalt. Er wird tags darauf wieder in die Institution zurückgebracht. Hierauf reicht Jean ihre Kündigung ein, wovon sie aber durch Dr. Clark abgebracht werden kann. Sie soll mit den Kindern für das Erntedankfest eine Vorführung einüben. Die Teilnahme Reubens scheint ihn zugänglicher zu machen.
Am Tag der Aufführung erscheint Reubens Vater mit der Absicht, seinen Sohn aus der Klinik zu nehmen und in einer anderen, privaten Institution unterzubringen. Nachdem er allerdings seinen Sohn während eines Gedichtvortrags erlebt und den Applaus des anwesenden Publikums mitbekommen hat, entschliesst er sich, Reuben in der Obhut von Dr. Clark und Frau Hansen zu belassen.
Kommentar
Verschiedene Aspekte machen diesen Film sehenswert, und insbesondere auch sehenswert für psychiatrisch Interessierte. Da ist sicherlich das natürliche Zusammenspiel von gestandenen Hollywood-Stars einerseits und Kinder mit Lernschwächen oder psychischen Störungen, tatsächlichen Patienten eines amerikanischen Krankenhauses.
Der Film lebt aber vor allem von der Spannung zwischen zwei therapeutischen Grundhaltungen, welche sich nicht zuletzt durch das Casting von Burt Lancaster und Judy Garland widerspiegelt. Burt Lancaster, bekannt für seine häufig Grossmut und Hemdsärmeligkeit verbindenden Rollengestaltungen, vertritt als Dr. Clark eine Vision welche auf Verselbständigung der Patienten zielt und deren Schwierigkeiten als (ausgeprägte) Variante der Normalität sehen kann, mit der gearbeitet werden soll. Judy Garland indes, bekannt für ihre Sensitivität, ihre Suchtprobleme und Suizidversuche (sie starb schliesslich 47-jährig an einer Überdosis Secobarbital), repräsentiert den verständnisvollen, beschützenden, schonenden Ansatz. Für sie ist der Patient eine «besondere» Person, bedarf einer «Sonderbehandlung», vermehrter Zuwendung. Es ist also in gewissem Sinne eine Gegenüberstellung von Fordern/ Fördern (Lancaster/Dr.Clark) einerseits und Schützen/Stützen (Garland/Jean Hansen) andererseits.
Einen vergleichbaren Dualismus findet man auch in der Entstehungsgeschichte des Filmes wieder, und zwar zwischen John Cassavetes, dem Regisseur, und Stanley Kramer, dem Produzenten. Der finale Schnitt des Filmes durch Kramer, führte schliesslich zum Zerwürfnis und zur Verabschiedung Cassavetes.
Später machte Cassavetes seinen Standpunkt klar: «Der Unterschied zwischen den beiden Versionen besteht darin, dass Stanleys Film besagt, dass geistig behinderte Kinder in Einrichtungen gehören, und der Film, den ich gedreht habe, dass diese Kinder auf ihre eigene Weise besser sind als angeblich gesunde Erwachsene. Die Philosophie seines Films ist, dass geistig behinderte Kinder etwas Gesondertes sind und daher in Einrichtungen mit anderen ihrer Art sein sollten. Mein Film erklärt, dass diese Kinder überall und jederzeit sein könnten und dass das Problem darin besteht, dass wir ein Haufen Trottel sind, dass es mehr unser Problem ist als dasjenige dieser Kinder. Der Botschaft des ursprünglichen Filmes, den wir gedreht haben, war, dass es kein Makel vorliegt, dass mit diesen Kindern nichts falsch ist, ausser dass ihre Intelligenz niedriger ist.» [1].
Diese unterschiedliche Haltung muss dann allerdings vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Auffassungen des Filmemachens nicht weiter verwundern. Stanley Kramer hat sich zwar als Produzent auch an politisch kontroversere Filme gewagt, dennoch war er dem Hollywood’schen Studio-System verbunden, einem System, in dem ‒ im Gegensatz zum Autorenfilm ‒ dem Regisseur eine mehr ausführende und weniger frei gestaltende Rolle zukam. Cassavetes hingegen darf als einer der Hauptvertreter des frühen amerikanischen «Independent Cinema» gelten. Stilbildend sind insbesondere seine bewegte Handkameraführung gewesen, der spärliche Einsatz von Kunstlicht, das vorwiegende Drehen an Originalschauplätzen, der Einsatz von Laiendarstellern und insbesondere die grossenteils improvisierten Dialoge.
«A Child is waiting» ist somit ein Film über das Aufeinanderstossen verschiedener Weltanschauungen und entsprechender therapeutischer Ausrichtungen. Ein Film, der formal vielleicht etwas in die Jahre gekommen ist, inhaltlich aber wohl weiterhin höchst aktuell bleibt. Und schliesslich: Am Ende des Filmes scheinen beide Denkweisen sich zu einer neuen, reichhaltigeren, inklusiveren zu komplettieren … ‒ so zumindest im Film.
Correspondence
Prof. Dr. med. Daniele Zullino, Service d’addictologie, Hôpitaux universitaires de Genève, Grand Pré 70, 1202 Genève, Daniele.Zullino[at]hucge.ch
Literatur
1 Cassavetes J. Cassavetes on Cassavetes. Macmillan; 2001
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