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Das wichtigste Wort, das man in einer Fremdsprache beherrschen muss, ist Toilette. Früher oder später brauchen wir immer eine; und nur selten dann, wenn wir gerade vor einer stehen. Neben «Gracias», «No» und «Si» besteht mein beschränkter spanischer Wortschatz deshalb auch noch aus «Aseos», wenn mir auch die Aussprache des letzten «s» nie korrekt gelingen will. Für eine korrekte Aussprache war aber sowieso keine Zeit: Wenn mein Fünfjähriger sagt «I mues ga bisle!», dann ist sein Blasenpegel bereits dramatisch nahe an der Schadensgrenze. Die Frau an der Touristeninformation beeindruckte das aber wenig. «No» sagte sie, und fügte noch «No toilets» in Englisch hinzu. Der Fünfjährige an meiner Hand benutzt bereits seine andere Hand, um ein akutes Unglück zu verhindern. «And somewhere else in the city?», frage ich nun auch auf Englisch. «No toilets, sorry» blieb ihre Antwort.
Die Touristeninformation war unsere letzte Hoffnung. Zuerst hatte ich es beim Parkhaus versucht, danach beim Klostermuseum. Und natürlich hatte ich auch Google Maps konsultiert, welches mir empfahl, rund 150 km nach Madrid zu fahren. Dazu reichte es aber ganz bestimmt nicht mehr.
Eigentlich möchte ich meinen Kindern nicht beibringen, im Siedlungsgebiet zu urinieren. Wie oft ging ich schon an dunklen Ecken vorbei, rümpfte die Nase und ärgerte mich über die Söiniggel, die dorthin gepinkelt hatten? Andererseits ist es oft erstaunlich schwierig, eine Toilette zu finden, auch wenn pinkeln zu müssen eine universelle Not ist, welche wir mit dem gesamten Tierreich teilen. Auf unserer Reise hier in Spanien, zum Beispiel, ist das äusserst hübsche El Burgo de Osma in keiner Weise das erste Städtchen ohne auch nur einer einzigen öffentlichen Toilette.
Dabei sind öffentliche Toiletten keine Erfindung der Neuzeit: Im vierten Jahrhundert gab es im alten Rom über 100 öffentliche Latrinen mit je bis zu 80 Plätzen, die sich schnell zu sozialen Treffpunkten entwickelten. In der darunter liegenden Kanalisation floss ständig Wasser, welches Urin und Fäkalien via einem ausgeklügelten Kanalsystem in den Tiber leitete. Um Wasser zu sparen, wurde dazu das Überlaufwasser von Thermen und Brunnen rezykliert. Dennoch benötige jeder Einwohner Roms geschätzte 400 Liter Frischwasser pro Tag. Zum Vergleich: In der Schweiz benötigen wir heute knapp 300 Liter Trinkwasser pro Person und Tag, miteingerechnet die Industrie und jegliche öffentliche Nutzung.
Um eine solche Wassermenge bereitzustellen, bauten die Römer eine Vielzahl Aquädukte, welche frisches Wasser aus vielen Kilometern entfernten Quellen heran leiteten. Und dies nicht nur in Rom selbst, sondern in allen anderen Städten des Reichs. Vor wenigen Tagen hatten wir eben die letzte Brücke des Aquädukts von Segovia bewundert. Die Latrinen hatten wir aber auch da vergeblich gesucht und mussten uns in die Toiletten eines Schnellimbisses mogeln.
El Burgo de Osma war zwar vor genau 2121 Jahren auch von den Römern erobert worden, aber es gab genauso wenig Aquädukte zu sehen wie öffentliche Toiletten. Dafür ein sauberes Bächlein, das entlang der massiven Stadtmauern floss. Ob wir es noch rechtzeitig dorthin schaffen würden?
Saubere Wasserläufe in Stadtnähe kannten die Römer allerdings nicht: Die Abwasserkanäle spülten nicht nur Fäkalien, sondern auch die Mehrheit der Abfälle einfach in den nächsten Fluss. Das blieb noch für viele Jahrhunderte gängige Praxis. In London, zum Beispiel, wurde das Abwasser direkt in die Themse geleitet, welche mit zunehmender Einwohnerzahl zu einer stinkenden Kloake verkam. Im Hitzesommer 1858 wurde das Geruchsproblem so schlimm, dass sich das Britische Parlament ernsthaft überlegte, nach Oxford oder Saint Albans umzuziehen. Gelöst, oder besser gesagt verschoben, wurde das Problem schliesslich mit zusätzlichen 1‘800 Kilometern Kanälen, welche das Abwasser erst ausserhalb der Stadt in die Themse leiteten. Immer noch ungereinigt, selbstverständlich.
Die ersten Installationen zur Abwasserreinigung entstanden zum Ende des 19. Jahrhunderts. In der Schweiz wird heute das Abwasser von rund 97 Prozent der Bevölkerung gereinigt, und wir können wieder genüsslich in unseren Flüssen baden, auch in den Städten. Dazu war das Bächlein bei El Burgo de Osma dann doch zu klein, aber zum Glück gross genug, um ein kleines Bisi ordentlich zu verdünnen.