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geringern Niederschläge erklären. Von welcher Seite auch feuchte Winde anrücken mögen, immer werden sie sich eines grossen Teils ihres Wassergehaltes an der Aussenseite der Gebirge entledigen und daher relativ trocken im Innern der rätischen Hochthäler anlangen. Darum ist auch das Engadin nächst dem Wallis der regenärmste Teil der Schweiz. Im untern und mittleren Engadin beträgt der jährliche Niederschlag nur etwa 60 cm, im Thalkessel von Tiefenkastel ähnlich wie bei Chur 80-90 cm. Nur bei der Annäherung an die regenreicheren Gebiete des Bergell, des Misox, des Prätigaus und des Gotthard erlangen das Engadin, Landwasserthal und Rheinthal etwas verstärkte Regenmengen: Sils-Maria und Davos je 100 cm, Tavetsch und Rheinwald 120-150 cm. Im Vergleich zu den N.-Alpen und zum Tessin sind aber auch diese Beträge, wie überhaupt diejenigen des gesamten bündnerischen Rhein- und Inngebietes nicht gross (Glarus bis 170 cm, Berner Oberland, Gotthard- und Tessingebiet bis 200 cm). Natürlich fällt im bündnerischen Hochland ein sehr grosser Teil des Niederschlags als Schnee, der die Landschaft alljährlich in eine blendend weisse Hülle kleidet. Aber darüber strahlt dann oft ein tagelang, ja wochenlang anhaltender heiterer blauer Himmel, so dass manche Bündner, namentlich Engadiner und Davoser, den Winter mit seinen sonnigen Tagen und prächtigen Schlittbahnen als ihre schönste Jahreszeit bezeichnen.
Der kontinentale Zug des Klimas im rätischen Hochland kommt denn auch im Pflanzenleben zum Ausdruck. Die Buche, diese schöne Repräsentantin des Seeklimas, dringt nur wenig in die bündnerischen Thäler ein: im Rheinthal bis etwas über Reichenau hinauf (genauer bis Versam und Schleuis), im Schanfigg bis gegen Langwies und im Prätigau bis hinter Klosters. Das ganze übrige Bünden ist frei von Buchen. Die eigentlichen Charakterbäume des rätischen Hochlandes sind die Lärchen und Arven, die beide auch durch das ganze Gebiet der O.-Alpen gehen, dann in den Zentralkarpaten wiederkehren und endlich, nach Ueberspringung des russischen Tieflandes, in Sibirien das Hauptgebiet ihrer Verbreitung finden, also deutlich den kontinentalen O. und N. bevorzugen, während sie dem feuchten NW.-Europa (inkl. Skandinavien) fehlen.
Die Lärche insbesondere ist in Bünden überall vorhanden, auch im untern Rheingebiet (Churer Rheinthal, Schanfigg und Prätigau) und in den transalpinen Thälern (Misox, Bergell, Puschlav und Münsterthal). Doch bildet sie selten grössere reine Bestände. Meist ist sie mit andern Bäumen, am häufigsten mit Rottannen und Arven, im untern Rheingebiet auch mit Buchen gemischt. Dieses Zusammentreffen von Buchen- und Lärchenwald ist besonders auffallend. Es verleiht dem untern Rheingebiet einen eigentümlichen Reiz und kennzeichnet dasselbe als ein solches, das einerseits noch unter dem Einfluss des ozeanischen W.-Europa steht (Klosters 120 cm Regenmenge), andererseits aber auch schon Anteil an dem mehr kontinentalen Klima des rätischen Hochlandes hat. Im innern Bünden hält sich die Lärche gern an die Waldränder und sonst an freie, sonnige Stellen.
Noch weniger bildet die Arve grosse, geschlossene Wälder. Meist trifft man sie nur horstweise zwischen Lärchen und Tannen. Aber in der richtigen Höhe fehlt sie nirgends, und oft bildet sie allein die oberste Baumgrenze. In das Terrain teilen sich Lärchen und Arven oft so, dass jene die trockenere Sonnenseite, diese die feuchtere Schattenseite der Gehänge einnimmt. Diesen beiden Asiaten, wie Christ sie nennt, stehen als echte Europäer Rot- und Weisstanne gegenüber, erstere namentlich in ihrer hochalpinen und zugleich hochnordischen Form (Pinus Picea var. medioxima).
Die Rottanne ist es, die in der einen oder andern Form (der gewöhnlichen und der hochalpinen) die grossen geschlossenen Wälder bildet und mancherorts bis an die Waldgrenze steigt, resp. sich mit Lärche und Arve in dieselbe teilt. Auch die Weisstanne ist wie die Rottanne ein Baum des ozeanischen Westens, liebt aber die Feuchtigkeit noch mehr als diese und beschränkt sich daher auf die Gebirge W.- und S.-Europas, während sie das kontinentalere Hochlandklima meidet und darum im Engadin nur ganz vereinzelt vorkommt (bei Scanfs bis 1630 m). Im bündnerischen Rheingebiet findet sie sich in liefern Lagen fast überall bis etwa 1500 m, doch nirgends in reinen Beständen, sondern immer zerstreut und gruppenweise im Rottannenwald. Reichlicher ist sie in den transalpinen Thälern vorhanden, und hier erreicht sie im Bergell mit 1880 m für die Schweiz ihren höchsten Stand. - Im Vergleich zu Lärche und Arve, Rot- und Weisstanne sind die übrigen Nadelhölzer von geringerer Bedeutung. Die Bergföhre findet sich in der hochstämmigen Form (Pinus montana var. uncinata) auf der Lenzerheide, zwischen Laret und Davos, am Ofenpass und auch sonst im Engadin. Sie ist sonst ein Baum des W., namentlich ¶
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der Pyrenäen. In den Hochmooren finden wir die Sumpfföhre (Pinus montana var. uliginosa) und an den Waldgrenzen der Schiefergebirge vielfach die Legföhre (Pinus montana var. pumilio). Im Kalkgebirge vertritt ihre Stelle die Grünerle (Alnus viridis). Nur vereinzelt tritt im Ober Engadin die nordische Form der Waldföhre (Pinus silvestris var. Frieseana) mit der Bergföhre zusammen auf. Häufiger ist in tiefern Lagen die gewöhnliche Waldföhre. Im Rheinthal bildet sie bei Reichenau einen grössern Wald. - Den Nadelhölzern gegenüber nehmen die Laubhölzer einen geringen Raum ein.
Zur Bildung von Wäldern bringt es, wie schon erwähnt, nur die Buche, und auch diese nur im untern Rheingebiet. Nur spärlich und meist in mehr oder weniger verkümmerten Formen finden wir die Stieleiche (Quercus robur), häufiger, bald einzeln, bald in kleinen Gruppen auf den offenen Bergwiesen oder an Waldrändern den Bergahorn (Acer pseudoplatanus) in stattlichen Exemplaren, dann Eschen, Ulmen, Linden, Birken, Erlen, Espen, Vogelbeerbäume, Traubenkirschen, Pappeln, Weiden.
Den Boden des Waldes schmücken mancherlei Sträucher und Kräuter (Rhododendren, Vaccineen, Ericaceen, Rosaceen etc.), von denen viele den südalpinen Formen angehören. Den Stolz und die Pracht des zentralen Bünden bilden aber die Wiesen und Weiden mit ihren würzigen Kräutern und Gräsern und mit dem farbenreichen Schmuck zahlreicher Alpenpflanzen. Ende Juni prangen dieselben in einem Schmelz der Farben, in einem zahllosen Gewimmel grosser Blumen, wie die Schweiz in so grossem Maassstab sonst nichts Aehnliches bietet (Christ).
Das frische Grün des Alpenrasens ist förmlich durchwirkt von dem tiefen Blau grossblumiger Gentianen und kleinäugiger Vergissmeinnicht, dem feurigen Rot der Nelken und Silenen, dem Schwefelgelb der Ranunkeln und Primeln, dem dunkeln Purpur der Orchissträusse, dem Hochgelb und Orange der Hieracien und Senecien, dem braununtermischten Gelb und Rot verschiedener Kleearten, dem reinen Weiss der Anemonen und Steinbreche, dem satten Violett der Alpenveilchen und Geranien und all' der mannigfaltigen Farben und Farbentönen, in denen die Alpenblumen zu prangen pflegen.
Ein hübsches Bild von dem Reichtum dieser Vegetation gibt der Artikel Engadin, worauf der Leser hingewiesen sein mag, da ein weiteres Eingehen auf diesen Gegenstand hier zu weit führen würde. Dort wird auch gezeigt, dass im rätischen Hochland die Pflanzen der Wund O.-Alpen zusammentreffen. Zahlreiche Arten, die im Dauphiné und Wallis tonangebend sind, finden im Engadin oder sonst in Graubünden ihre östlichsten Standorte, viele andere kommen von Baiern und Tirol bis hieher, ohne weiter nach W. zu gehen. Das Ober Engadin gehört noch mehr dem westalpinen, das Unter Engadin schon mehr dem ostalpinen Florengebiet an.
Das dritte, räumlich allerdings sehr beschränkte Klimagebiet Graubündens bilden die Thäler auf der S.-Seite der Alpen: Misox-Calanca, Bergell, Puschlav und Münsterthal. Das letztere nähert sich in Klima und Vegetation einerseits durch seine Höhenlage (tiefster Punkt 1250 m) dem Engadin, andererseits durch seine ö. Abdachung dem Etschland. Dagegen zeigen die drei übrigen Thäler, wenigstens in ihren tiefern Stufen, schon ein echt italienisches Gepräge mit Weinreben, Kastanien-, Maulbeer-, Feigen-, Pfirsich- und Nussbäumen und sonst einer Menge südlicher Typen.
Die höhern Stufen freilich sind wieder von rauherm, strengerm Gebirgscharakter, wo Nadelbäume und Alpweiden die Getreidefelder u. Fruchtbäume ersetzen. Dabei ist der Uebergang von einer Region in die andere ein fast plötzlicher. Mit wenigen Schritten tritt man von der Felsenstufe bei Soazza (Misox) oder durch die Porta bei Promontogno (Bergell) oder endlich über die Motta am S.-Ende des Puschlaversees aus der Welt der Lärchen und Arven in diejenige der Kastanienhaine und vertauscht die Alpenrosen und Heidelbeeren, die Primula farinosa und Astrantia major mit Granatäpfeln und Aprikosen, Rhododendron ponticum, Euonymus japonicus, Hortensien etc. Die wichtigsten klimatischen Daten mögen an folgendem Beispiel veranschaulicht werden:
|Januar||Juli||Jahr||Regen||Bewölkung|
|Castasegna (700 m)||0,3°||18,1°||9,4°||150 cm||5.1|
Fast die gleichen Temperaturzahlen weist Brusio (750 m) auf, während das untere Misox noch wärmer ist. Was aber diese s. Thäler gegenüber der N.-Schweiz besonders auszeichnet, das ist ihre grössere Niederschlagsmenge ¶