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«Denkt meine biologische Mutter noch an mich?» Diese Frage geht Sarah Ramani Ineichen nicht aus dem Kopf.
Ineichen wird 1981 aus Sri Lanka adoptiert und wächst im Kanton Nidwalden auf. Ihre leiblichen Eltern kennt sie nicht. Sie macht eine Ausbildung zur Hebamme, wird schwanger. Die Schwangerschaft und Geburt ihrer Kinder werden für Ineichen zur Antwort auf diese Frage. «So ein einschneidendes Erlebnis vergisst wohl keine Mutter.»
Stammbaum mit Fragezeichen
Als ihre Kinder grösser werden, beginnen sie, ihrer Mutter Fragen zu stellen. Der Sohn soll in der Schule einen Stammbaum zeichnen. «Auf meiner Seite waren nur leere Kästchen mit Fragezeichen drin.»
Sarah Ramani Ineichen beschliesst, ihre biologischen Eltern zu suchen. Erst durch die eigenen Kinder hätte sie die Kraft gefunden, sich dieser schmerzhaften Seite ihrer Biografie zuzuwenden.
Ineichen sucht intensiv nach ihrer Ursprungsfamilie. Zunächst ziemlich naiv, wie sie selbst sagt. Noch weiss sie nichts von Kinderhandel und illegalen Adoptionen.
Was haben die Schweizer Behörden gewusst?
Tausende Babys aus Sri Lanka wurden in einem international organisierten Kinderhandel von den 1970er- bis in die 1990er-Jahren in verschiedene europäische Länder an Eltern vermittelt – oft unter missbräuchlichen Bedingungen. Die Schweizer Behörden wussten spätestens seit Ende 1981, dass es Unregelmässigkeiten und auch Fälle von Kinderhandel gab.
Zwar lag die Aufsicht über die Adoptionsvermittlungsstellen bei den Kantonen. Die Bundesbehörden waren aber ebenfalls involviert. So war die Eidgenössische Fremdenpolizei und das nachfolgende Bundesamt für Ausländerfragen für die Erteilung der Einreisebewilligungen zuständig.
Vier Fragen zum Thema an Historikerin und SRF-Redaktorin Sabine Bitter, Mitautorin der Studie «Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka in der Schweiz 1973–1997», Link öffnet in einem neuen Fenster der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
SRF: Was haben die Schweizer Behörden gewusst?
Sabine Bitter: Sie waren spätestens Ende 1981 umfassend über Missbräuche bei Sri-Lanka-Adoptionen informiert. Die schweizerische Botschaft in Colombo hielt die Behörden auf dem Laufenden. Ab 1981 landeten ganze Dossiers mit Artikeln aus der sri-lankischen Presse in Bundesbern, etwa beim Bundesamt für Ausländerfragen.
Warum wurde nichts unternommen?
Warum Gerichte in der Schweiz Adoptionen aussprachen, ohne dass eine Einverständniserklärung der leiblichen Eltern vorlag oder sri-lankische Kinder nach ihrer Einreise keinen Vormund zur Seite gestellt bekamen, wie es das Gesetz verlangte, bleibt unklar.
Es scheint, dass es einen unausgesprochenen und unhinterfragten gesellschaftlichen Konsens gegeben hat: Die Behörden sollten dem Wunsch von Paaren, die ein Kind aus einem armen asiatischen Land aufnehmen und adoptieren wollten, Folge leisten. In vielen, auch offensichtlich missbräuchlichen Fällen schauten die Behörden weg. Die Rechte und das Interesse des Kindes waren kaum ein Thema.
Wussten auch die Adoptiveltern von dem Missbrauch?
Einzelne Paare merkten, dass es vor Ort korrupt zuging und beklagten sich bei den Behörden in der Schweiz, nachdem sie mit ihrem Baby in der Schweiz angekommen waren.
Auch sind in den Akten einzelne Fälle dokumentiert, in denen sich Adoptionsinteressenten aufgrund der dubiosen Umstände zurückzogen. Manche Adoptiveltern merkten schon, dass etwas nicht stimmte, verdrängten aber das Unbehagen.
Gibt es diese Problematik auch bei anderen Ländern?
Die Schweiz steht mit dieser hochproblematischen Adoptionspraxis, die von den Betroffenen heute kritisiert wird, nicht allein da. Tausende sri-lankische Kinder wurden damals in reiche europäische Länder vermittelt, in die Niederlande, nach Deutschland oder nach Schweden.
Und in all diesen Ländern wurden auch Kinder aus weiteren armen asiatischen und südamerikanischen Ländern adoptiert. Die internationalen Adoptionen müssten hier wie dort historisch aufgearbeitet werden.
Mit ihrer besten Freundin reist sie nach Sri Lanka. Mit Hilfe eines Freundes vor Ort suchen sie zu dritt und finden erste Ungereimtheiten. Ineichens Geburt ist im Geburtenbuch des Spitals, das auf ihren Adoptionsunterlagen angegeben ist, nicht registriert. Es stellt sich heraus, dass die Adresse ihrer angeblichen Mutter auch nicht stimmt.
Ein Dreivierteljahr später reist Ineichen erneut nach Sri Lanka, diesmal mit ihrer Familie. Eigentlich will sie den Kindern nur ihr Herkunftsland zeigen. Dann aber kommt ein Anruf ihres sri-lankischen Freundes. Er wisse womöglich, wo ihre Mutter wohne.
Die Identität einer anderen
Wenig später sitzt Sarah Ramani Ineichen bei dieser Frau im Wohnzimmer, umringt von einer Grossfamilie. Es ist tatsächlich die Frau, die auf ihrer Geburtsurkunde als leibliche Mutter angegeben ist. Einen kurzen Moment meint Ineichen, sie hätte ihre Mutter gefunden.
Doch es geschieht etwas völlig Unerwartetes. Eine andere Frau steht auf. Sie nimmt die Geburtsurkunde, wird bleich im Gesicht und sagt: «Das ist meine Geburtsurkunde. Ich bin Ramani.» Sarah Ramani Ineichen antwortet: «Nein, Ramani, das bin doch ich.»
In diesem Moment habe sich der Boden unter ihren Füssen aufgetan, erzählt Sarah Ineichen. Sie realisiert, dass ihre Adoptionsunterlagen und damit ihre Ursprungsgeschichte Fälschungen sind. Dass sie die Identität einer anderen übergestülpt bekommen hatte.
Sie sei zusammengebrochen, als sie merkt: «Die Eltern auf der Geburtsurkunde waren nicht meine Eltern, sondern die der anderen Ramani.»
Gefälschte Dokumente und Kinderhandel
Bei vielen Adoptionen aus Sri Lanka in jener Zeit ging es nicht mit rechten Dingen zu. Gefälschte oder fehlende Dokumente, gar Kinderhandel: Müttern wurde nach der Geburt weisgemacht, ihr Baby sei verstorben.
Man präsentierte ihnen ein totes Baby aus dem Gefrierfach – das lebende Kind wurde zur internationalen Adoption freigegeben.
Die angebliche Mutter von Sarah Ramani Ineichen war eine Schauspielmutter, eine sogenannte «Acting Mother».
«Sie hat 30 Dollar dafür bekommen, dass sie sich beim Adoptionsamt als meine Mutter ausgegeben und die Dokumente unterschrieben hat.»
«Meine Herkunft ist erfunden»
Sarah Ramani Ineichens Adoption ist wahrscheinlich ein Fall von Kinderhandel. «Es spricht vieles dafür», so Ineichen. «Die Wahrheit zu erfahren, hat bei mir einen grossen Vertrauensbruch ins Leben ausgelöst. Was kann ich noch glauben? Meine Herkunft ist erfunden. Meine Identität wurde mehrmals gewechselt.»
Es ist auch ein Vertrauensbruch ins System. Die Schweizer Behörden wussten früh vom Kinderhandel. Sie unternahmen kaum etwas dagegen.
Beziehungsstatus: «Mother – Daughter»
Sarah Ramani Ineichen gründet 2018 den Verein «Back to the Roots», der sich für die Interessen von Adoptierten aus Sri Lanka in der Schweiz einsetzt und Betroffene bei der Herkunftssuche unterstützt.
Dort meldet sich Sarah Andres. Wie Sarah Ramani wurde sie in den 1980er-Jahren aus Sri Lanka adoptiert. Auch bei ihren Dokumenten gibt es Ungereimtheiten.
Trotzdem schafft sie es mit der Unterstützung von «Back to the Roots» ihre leibliche Mutter zu finden. Zwei Monate wartet sie auf das Ergebnis des DNA-Tests. Dann endlich bekommt sie das E-Mail mit dem Resultat. «Ich klickte drauf und da steht Beziehungsstatus: Mother-Daughter.»
Zwei Wochen lang habe sie das gar nicht realisieren können. Nur sachte sickert die Freude durch. Erst langsam erlaubt sie es sich, all die Fragen und Gefühle, die sie ein Leben lang hatte, zuzulassen.
Das Finden ist erst der Anfang
In der Zwischenzeit haben sich Mutter und Tochter zweimal getroffen. Für beide sei das Wiederfinden eine grosse Erleichterung gewesen, sagt Andres: «Meine Mutter musste ein Leben lang mit diesem Geheimnis und dem Schmerz leben. Sie sagte mir, sie habe jeden Tag dafür gebetet, mich eines Tages wieder in die Arme zu schliessen.»
Das Finden der leiblichen Mutter sei der Anfang ihrer Heilung gewesen, erzählt Andres. Aber mit dem Finden beginnen auch neue Herausforderungen. «Manche denken, jetzt ist doch alles gut, du hast deine Mutter gefunden. Aber das Finden ist erst der Anfang.»
Viel stärker als zuvor spüre sie die beiden Identitäten in sich. Nun stehe sie vor der Aufgabe einen Weg zu finden, die Ursprungsfamilie in ihr Leben zu integrieren. Das sei nicht einfach.
Da sind sprachliche und kulturelle Barrieren, ökonomische Ungleichheit, die geografische Entfernung. Sarah Andres muss nach Sri Lanka reisen, um Zeit mit ihrer leiblichen Mutter zu verbringen. Ungestört sind sie nur selten. Und die Fragen, die sie aneinander haben, sind intim. Sie verlangen nach Vertrautheit und Privatsphäre.
Suche nach der Wahrheit
Sarah Andres und Sarah Ramani Ineichen haben sich auf die Suche nach ihrer Herkunft gemacht. «Es ist vor allem auch eine Suche nach der Wahrheit», betont Ineichen.
Diese Suche ist schmerzhaft. Sie rührt am Kern der eigenen Existenz, an den Grundfesten der Identität. Viele Adoptierte ringen lange mit sich, bevor sie sich trauen, ihre Adoptionsgeschichte zu hinterfragen.
Ein neues Fundament
Hat es sich gelohnt? «Es ist sehr schmerzhaft. Aber ich bin daran gewachsen», sagt Ineichen. «Es ist besser zu lernen, mit der Wahrheit umzugehen, als mit dem Ungewissen zu leben.»
Sarah Andres ergänzt: «Der Schmerz ist tief und die Angst vor der Wahrheit gross. Aber mit der Rückkehr zu meinen Wurzeln, mit dem Finden meines Ursprungs habe ich mich selbst gefunden. Ich war früher sehr angepasst, konnte nicht für mich einstehen. Heute stehe ich mit beiden Beinen im Leben.»
Beiden hat die Suche zunächst den Boden unter den Füssen weggezogen. Und beide stehen heute auf einem neuen Fundament.