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Jair Bolsonaro steht künftig an der Spitze des grössten lateinamerikanischen Landes. Der rechtskonservative Politiker erzielte rund 55% der Stimmen. 62% der Brasilianer in der Schweiz stimmten für ihn. Und manche Schweizer, die in Brasilien unternehmerisch tätig sind, begrüssen Bolsonaros Pläne für Wirtschaftsreformen, zum Beispiel ein Rechtsanwalt aus Rio de Janeiro.
Michaël C. Duc lebt seit rund sieben Jahren in Brasilien. Der Schweizer Rechtsanwalt ist dort als Rechtsberater tätig. Er berät Brasilianer und Schweizer in Rechtsfragen, die einen schweizerisch-brasilianischen Bezug haben, wie Unternehmenseröffnungen, Erbfälle, Banken-, Sozialversicherungs- oder Visumsfragen.
swissinfo.ch: Freuen Sie sich über die Wahl von Jair Bolsonaro?
Michaël C. Duc: Wir hatten die Wahl zwischen zwei extremen Kandidaten, die für mich keine Wunschkandidaten waren. Aber es ging darum zu entscheiden, ob man so weitermachen oder eine Kehrtwende vollziehen will.
swissinfo.ch: Ist Bolsonaro einfach das kleinere Übel?
M.C.D.: Aus persönlichen und beruflichen Gründen bin ich der Auffassung, dass es eine Marktöffnung und steuer- sowie arbeitsrechtliche Reformen braucht.
Ich hoffe, dass es jetzt mit der Wahl Bolsonaros in diese Richtung geht.
swissinfo.ch: Sie sind Mitglied des Auslandschweizerrats und haben viele Kontakte zu anderen Schweizern in Brasilien. Denken diese Schweizer ähnlich wie Sie?
M.C.D.: Ich kann natürlich nicht für alle Schweizer sprechen. Es gibt eine Schweizer Gruppe in Sao Paulo, die vorwiegend aus Unternehmern besteht und von denen viele meiner Meinung sind.
swissinfo.ch: In vielen westlichen Medien wird die Wahl Bolsonaros mit einer weitverbreiteten Unzufriedenheit in der Bevölkerung begründet, wegen der Korruptionsskandale und wegen der Rezession. Sehen dies die brasilianischen Medien auch so?
M.C.D.: Viele Wähler waren weder für den rechtsautoritären Bolsonaro noch für Linkspolitiker Fernando Haddad, sondern gegen den einen oder anderen Kandidaten, weshalb sie sich für das kleinere Übel entschieden.
Die Leute haben genug von Korruption, von der Wirtschaftsmisere. Ich arbeite seit rund sieben Jahren in Brasilien, und in dieser Zeit wurde es wirtschaftlich immer schwieriger. Täglich verschwinden Unternehmungen, international tätige Firmen kommen nicht mehr nach Brasilien, viele, die hier waren, ziehen weg, weil die Unsicherheit zu gross wurde.
swissinfo.ch: Weite Teile des Establishments sind in Korruptionsskandale verwickelt. Ist Korruption auch im Alltag spürbar?
M.C.D.: Ganz klar. Das Problem steckt ganz tief in der brasilianischen Gesellschaft. Es geht immer darum: 'Ich helfe dir, wenn du mir hilfst.' Man kommt auch im Alltag in Situationen, in denen es nicht weiter geht, und der Staatsangestellte durchblicken lässt, dass er schon bereit wäre, das Problem zu lösen. Man nennt dies in Brasilien 'Jeitinho' [sich durchmogeln, N.d.R.].
Wir hatten kürzlich einen Techniker im Haus. Aber es funktionierte nichts und wurde immer bürokratischer. Schliesslich sagte der Techniker: 'Ich kann um 18 Uhr kommen und das Problem lösen. Er erscheint dann in offizieller Kleidung und mit dem offiziellen Material, arbeitet aber auf eigene Rechnung.
Durch die wirtschaftliche Krise wird diese Mentalität, dass sich jeder irgendwie zu helfen versucht, noch verstärkt. Und dafür nimmt man in Brasilien sehr schnell irgendwelche 'alternativen' Wege in Kauf.
swissinfo.ch: Nach der Jahrtausendwende erfreute sich Brasilien einer längeren Prosperität. Jetzt herrscht Rezession. Was sind die Gründe dafür?
M.C.D.: Das angebliche Wachstum war meines Erachtens nie gesund. Ich kam 2009 das erste Mal nach Brasilien und stellte fest, dass man dort für den privaten Konsum Rechnungen in ganz kleinen Raten abzahlen kann.
Ich lernte Leute kennen mit teuren Wohnungen und Autos, die weniger verdienten als die Summe ihrer verschiedenen Ratenzahlungen. Sehr viele Brasilianer haben Schulden, die sie in ihrem ganzen Leben nicht mehr abzahlen können.
So konnte es ja nicht weitergehen. Ein grosser Teil der Mittelschicht, die nach der Jahrtausendwende entstanden sein soll, ist inzwischen wieder verschwunden.
swissinfo.ch: Ist Bolsonaro der richtige Präsident, um das Land aus diesem Malaise heraus zu holen?
M.C.D.: Das weiss ich auch nicht. Ich teile Bolsonaros wirtschaftsliberale Ansichten, sprich Marktöffnung, einfachere Steuersysteme, und hoffe, dass er kompetente Minister einsetzen wird.
swissinfo.ch: Der ultrarechte Politiker ist wegen seiner diskriminierenden und autoritären Rhetorik negativ aufgefallen. In seinen Reden hat er sich zum Beispiel lobend über Diktaturen geäussert, oder gesagt, dass er Folter bei polizeilichen Ermittlungen zulassen wolle. Macht Ihnen dies als Rechtsanwalt keine Sorgen?
M.C.D: Doch selbstverständlich. Sein Hang zum Militär und zur Religion, seine unüberlegten Aussagen werfen die Frage auf, wie viel Einfluss er wirklich nehmen kann.
Aber viele Brasilianer vertrauen auf die Demokratie, die verhindern kann, dass er seine politisch extreme Haltung gar nicht wird durchsetzen können, weil er die Macht dafür nicht bekommt und nur eine Person im politischen Gebilde ist.
Die Schweiz und Brasilien
2017 lebten laut der Auslandschweizer-Statistik 14'124 Schweizerinnen und Schweizer in Brasilien.
In der Schweiz leben gemäss Schätzungen rund 80'000 Brasilianer und Brasilianerinnen. In Relation zur Bevölkerungszahl ist dies eine der grössten brasilianischen Gemeinschaften in Europa.Infobox Ende