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Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition mehrere Bücher geschrieben.
Ich heisse Johann. Ich bin ein Pferd. Natürlich nicht ein gewöhnliches Pferd, was denken Sie? Ich bin ein ungefähr zweihundertjähriges Terracottapferd und messe bis zu den Ohrenspitzen 94 Zentimeter - vom Stockmass wollen wir erst gar nicht reden. Also, ich bin äusserst praktisch. Ich kann nicht wiehern, nicht fressen, hinterlasse keinen Dreck, ich stehe einfach dekorativ herum. Aber aufgepasst: meine beiden Ohren dürfen Sie nicht abnehmen - nur zum abstauben - denn ich kann hören, was Sie sagen. Ja, tatsächlich. Sie können mit mir sprechen. Auch wenn ich stumm bin und mich nicht bewege, so kann ich doch das Wichtigste auf der Welt mein eigen nennen: ich habe nämlich eine Seele. Und Wünsche übermittele ich durch meinen Gesichtsausdruck. Das gilt indessen nur für Insider. Für Menschen, die ein ganz bestimmtes Feingefühl haben, die nach innen lauschen können und für die ein Schweigen sehr beredt ist. Ich muss allerdings eine kleine Schwäche zugeben. Ich bin ziemlich eitel. Gerne lasse ich meinen Hals schmücken, sei es mit Colliers oder diversen Schals oder Tüchern. Ich liebe die schmalen, farbigen Missoni Schals, aber es kann auch ein kleines Chiffontüchlein mit einem Leo-Print sein oder eine Halskette mit Sternchen. Allerdings trage ich nicht alles, was Sie mir vorschlagen. Auch da bin ich etwas heikel. Wenn mir etwas nicht passt, erkennen Sie das sofort an meinem Gesicht. Kein Witz.
Vor vielen, vielen Jahren kam ich im Tempel von Bhagavathy zur Welt und bin seitdem durch viele Hände gegangen. Doch es mussten Jahrzehnte vergehen, bis ich auf einem Markt in Cochin an der Malabarküste des Staates Kerala meine einzige und wahre Herrin fand. Sie hiess Tessa und lebte mit ihrem Mann Reginald und ihren Töchtern in einem Bungalow in Cochin, samt ihrer elf Dienstboten. Nicht dass Sie jetzt erschrecken ob der Anzahl des Personals. In Indien benötigt man für praktisch jede Handreichung oder Arbeit einen anderen guten Geist. Die Winter verbrachten wir in Cochin, die Sommer in einer Villa in den Bergen von Darjeeling. Manchmal fuhren wir auch mit der P&O, der berühmten Schifffahrtslinie nach England in Reggie’s Heimat; auch verbrachten wir einige Monate in Südamerika - und ich war immer dabei. Sorgfältig in Holzwolle und einer grossen Kiste verpackt. Nach dreissig Jahren in Indien zogen wir in die Schweiz, ausgerechnet nach Biel in die Schützengasse. Und dort, im gleichen Haus, trafen wir auf Dagmar, die von Tessa und Reggie nur noch Gabi genannt wurde; weil die Abkürzung ihres Namens (Dagi oder Daggi) fast wie «doggie» im englischen tönte. Zwischen den Familien entwickelte sich ein reger Austausch. Es wurde gemeinsam gekocht, indisch selbstverständlich, pink Gin getrunken, Mau-Mau gespielt, Anekdoten ausgetauscht.
Bis Tessa im Lauf der Zeit um ein Gespräch mit Gabi unter vier Augen bat. Ich ahnte schon, was kommen würde. Bis anhin hatte ich Gabis Stimme nur gehört, sie nicht gesehen, denn Tessa hatte mich noch nicht vorgestellt. Und nun war der grosse Moment, quasi die Feuertaufe von Gabi gekommen. Tessa öffnete die Schlafzimmertüre zu ihrem «Boudoir» und sagte: «Gabi, I have to show you something.» Ich stand in der rechten Ecke des Zimmers auf weichem, türkisfarbenem Teppichboden, trug um meinen Hals eine rote Schleife und wartete gespannt auf eine Reaktion. Die kam prompt. «Oh what a lovely horse.» Tessa machte eine einladende Geste und sprach: «May I present Johann to you?» Und zu Johann gewandt: «This is Gabi, she will take care of you, when we are on holiday.» Wir waren uns auf den ersten Blick sympathisch. Und Gabi meinte noch, dass es eine grosse Ehre für sie sei, mich zu besuchen. Meine Herrin war darüber sehr glücklich, denn sie vertraute mir all ihre Sorgen und Nöte an. Eines Tages fragte mich meine Herrin ob ich damit einverstanden sei, dass Gabi mich «erben» solle, wenn sie einmal sterben würde. Ich schloss meine Augen und gab ihr mein «Ja» zu verstehen. Und irgendwann, einige Jahre später war es dann soweit. Marc, der Sohn von Diane, also Tessas Enkel, überbrachte mich eines Tages mit einem riesigen Bouquet Sterling Rosen in Gabis Haus und so wusste sie, dass es Tessa nicht mehr gab. Eines Tages wird Gabis Sohn Sascha die Tradition weiterführen. Und danach seine Kinder. Denn ich werde weiterleben durch die Jahrhunderte und Zeit und Raum überleben.
Mit einer Schleife um meinen Hals.