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Yasmeen Lari hatte schon Geschichte geschrieben, bevor sie nur ein einziges Haus gebaut hatte. Die damals 23-Jährige war die erste Frau, die in Pakistan als Architektin arbeitete. Das war 1964. In den 1980er- und 1990er-Jahren baute Lari repräsentative Gebäude aus Stahl, Glas und viel Beton, die sie bekannt machten.
Nach der Jahrtausendwende wandte sie sich von dieser Art des Bauens ab. Heute baut Lari Lehmhütten und fordert einen «neuen Aktivismus» beim Bauen. Weg von der «Ära der egoistischen Architektur», hin zu umweltfreundlichem, sozial bewusstem Bauen aus lokalen Materialien. Für diese «Barfussarchitektur», wie sie es nennt, wurde Lari mehrmals ausgezeichnet.
Vom Brutalismus zur Lehmhütte
Die heute 82-jährige Lari hat ein aussergewöhnliches Leben gelebt. Als 15-Jährige kam sie mit der Familie nach London, studierte später Kunst, dann Architektur und kehrte anschliessend mit ihrem Mann nach Pakistan zurück.
Ihr erstes Haus baute sie für ihren Bruder. «Wer traut schon einer Architektin, die ihr Studium gerade erst abgeschlossen hat?», fragte sie gegenüber einem Online-Magazin lachend. Es folgten Sozialwohnbauten, Wohnhäuser und Kasernen. In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen repräsentative Gebäude dazu. Bekannt wurde Lari durch ihr eigenes Wohnhaus im Brutalismus-Stil und Bauten wie das Pakistan State Oil House, ein Monument aus Stahl, Glas und Beton. Star-Architektur.
Von den Gebäuden, die Lari heute baut, würden mehrere auf den Vorplatz des wuchtigen Gebäudes passen. «Ich habe gelernt, mein Ego hintenanzustellen», sagt sie und ruft zu einer neuen Architektur auf – ohne Grössenwahn, grosses Ego und massenweise Beton.
Der Ruhestand: 20 Jahre humanitäres Engagement
2000 schloss Yasmeen Lari ihr Büro und zog sich mit 60 Jahren in den Ruhestand zurück. Ursprünglich mit der Absicht, ihn mit der Pflege der Heritage Foundation of Pakistan zu verbringen. Die Stiftung, die sie1980 mit ihrem Ehemann gegründet hatte, sollte sich der Denkmalpflege widmen und das lokale und baukulturelle Erbe des Landes dokumentieren. Auch in diesem Bereich erwarb sich Lari grosse Verdienste.
Fünf Jahre später wurde Pakistan Opfer eines schweren Erdbebens. Hunderttausende verloren alles. Sehr viele Menschen brauchten Häuser, schnell und möglichst hochwassersicher.
Lari war unter den ersten Architekten im Katastrophengebiet, hatte keinerlei Erfahrung in Katastrophenhilfe und keine Angestellten. Fast alles war zerstört, ständig gab es Nachbeben.
Lari quartierte sich in einer Kaserne ein und plante Häuser mit dem, was da war: Lehm, Kalk, Stein und Holz aus den Trümmern. Sie verband moderne Methoden mit herkömmlichen Materialien. Sie setzte auf eine Art Schneeballsystem, um Leute darin zu schulen, wie sie einfach, günstig und sicher bauen können. Ihre Popularität half enorm dabei, Mitstreiter zu gewinnen.
Aussenstehende täten oft das, was sie für angemessen hielten, aber nicht unbedingt das, was am meisten helfe, sagte sie vor drei Jahren zum «Guardian». «Die Mentalität der Helfer besteht darin, alle als hilflose Opfer zu betrachten.» Katastrophen zu verhindern, sei wichtiger als Katastrophenhilfe und weit günstiger.
Zwischen 2010 und 2014 baute Lari laut Wikipedia rund 40’000 Häuser, die in Folge mehrere Überschwemmungen überstanden. Auch im vergangenen Jahr, als verheerende Überschwemmungen ein Drittel Pakistans überfluteten, war sie im Einsatz.
«Ein Haus sollte auf einem Podest aus Lehm stehen», erklärte sie im Juli 2023 in einem Interview mit dem «Spiegel». Das halte ein einfaches Hochwasser ab und überstehe eine grössere Überschwemmung halbwegs unbeschadet.
Sie baute Gemeinschaftshäuser auf Stelzen. Sie dienen dazu, Hab und Gut zu lagern, wenn alles andere unter Wasser steht. Werden Häuser beschädigt, können sie mit lokalen Materialien wieder aufgebaut werden.
Aus Katastrophenhilfe wird eine Nachhaltigkeitsbewegung
Quasi nebenbei gründete Lari dabei die weltgrösste Zero-Carbon-Selbstbaubewegung. Was sie baut, soll so wenig wie möglich kosten, kein CO2 produzieren und keinen Abfall. Drei «Z», fasst sie zusammen: «zero Cost, zero Carbon, zero Waste».
«Ich liebe Bambus», sagt sie. Als schnellwachsendes, stabiles, leichtes und flexibles Material ist er ihr Werkstoff der Wahl. Ihr Selbstlern-Programm gibt es noch immer, seit der Corona-Pandemie auch auf Youtube.
Sie entwickelte einen rauchlosen Ofen, der kaum etwas kostet und die offenen und gesundheitsschädlichen Feuerstellen in den Hütten ersetzt. Zehntausende dieser «Chulas» sind inzwischen gebaut. Ihre Organisation unterrichtet Dorfbewohner in der Fertigung von Baustoffen, mit denen sie sich etwas dazuverdienen können. Von Bambusplatten über glasierte Fliesen und Lehmziegel bis zu Keramikwaren.
Laris Organisation setzt auf einfache Arbeitsabläufe, die auch von Ungelernten ausgeführt werden können, und auf frauenzentrierte Prozesse. «Wer soll ein Gebäude sonst beurteilen, als diejenige, die die meiste Zeit darin verbringt?», fand die Architektin schon zu Anfang ihrer Karriere.
«Gutes Design ist nicht das Recht der Elite»
Heute komme es ihr vor, als müsste sie für ihre erste Schaffensphase Busse tun, sagte sie zu mehreren Medien. «Man will als Architekt immer die Grösste sein. So lernt man das», äusserte sie in einem Interview des «Spiegels». Architekt:innen müssten aufhören, riesige Strukturen zu bauen.
Gutes Design sei auch nicht das Recht der Elite, vor allem die breite Bevölkerung profitiere davon. «Wir müssen alles neu denken, und wir müssen es jetzt tun» legt sie nach. Architektur als Verteidigung gegen die Klima- und Sozialkrise. 2021 forderte sie in einer Rede ein neues Verständnis von Architektur.
2000 wurde sie von den Vereinten Nationen ausgezeichnet, zwischen 2006 und 2014 erhielt sie mehrere Auszeichnungen ihres Heimatlandes Pakistan, 2016 den japanischen Fukuoka-Preis für ihr Engagement für asiatische Kultur und Architektur.
2020 nahm sie den Jane Drew Prize für zwei Jahrzehnte Engagement in der humanitären Hilfe entgegen. Der Preis zeichnet einflussreiche Architektinnen aus, eine andere Preisträgerin ist die bekannte Architektin Zaha Hadid. 2021 folgte das Ehrendoktorat des Politecnico di Milano. Im Juni 2023 wurde die «Architektin der Armen» von König Charles III. mit der Royal Gold Medal des RIBA (Royal Institute of British Architects) geehrt.
Ausserhalb der Elite fast unsichtbar
Trotz aller Preise haben Laris Projekte bisher nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Die Direktorin des Wiener Architekturzentrums, Angelika Fitz, beklagt anlässlich einer derzeit laufenden Ausstellung, dass es kaum Literatur zu Laris Wirken gebe. Das ändere sich nur langsam.
Lari ist damit wohl eine der einflussreichsten unsichtbaren Frauen, die es gibt. Hunderttausende haben von ihrer Arbeit profitiert. Seit Mai gibt es immerhin ein Buch über sie: «Yasmeen Lari: Architecture for the Future». Weil sie eine nicht-westliche Frau sei, die im öffentlichen Bereich arbeite, hätten ihre Projekte einfach kaum Aufmerksamkeit bekommen, sagt Fitz. Als weisser Mann, will sie damit andeuten, wäre Lari ein weltweit bekannter Star.
Lari selbst findet, eine Rebellin sei sie nicht. Manchmal fühle sie sich wie eine Hochstaplerin, sagte sie 2020 zum «Guardian». Im Grunde habe sie es sehr einfach gehabt. Pakistan sei immer noch eine sehr männerdominierte Gesellschaft. Als Tochter eines privilegierten Staatsangestellten sei sie in eine Welt der offenen Türen geboren worden. Ihre Kolleginnen in Grossbritannien hätten es womöglich oft schwerer gehabt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.