Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/328

Barbara Hannigan im Gespräch
Hannigan ist ein Multitalent. Als Sänger-Darstellerin und Dirigentin setzt Barbara Hannigan regelmässig Massstäbe. In dieser Doppelfunktion präsentiert die Kanadierin im Januar 2023 als #FOLLOW-Künstlerin eine eigene Bühnenkreation als Schweizer Erstaufführung.
Hello Barbara Hannigan!
Das Gespräch führte Marco Frei
Mögen Sie Roberto Rosselinis Verfilmung von Cocteaus «La voix humaine» aus dem Jahr 1948 mit Anna Magnani?
Ja, aber für mein eigenes Verständnis dieses Stücks und der Vertonung Poulencs spielt der Film keine Rolle. Das gilt sowohl für meine Darstellung der Frau in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski an der Pariser Oper 2015 als auch für meine eigene Version. Ich habe die Verfilmung erst viel später gesehen. Generell vermeide ich bei Vorbereitungen ganz bewusst andere Interpretationen, um nicht unbewusst beeinflusst zu werden. Natürlich ist Magnani eine grossartige Schauspielerin. Das Verständnis dieser Rolle in dem Film ist aber auch Ausdruck jener Zeit. Das betrifft generell die Frau in der Gesellschaft, die damaligen sozialen Normen und den Stil. Es hat nichts mit dem zu tun, was ich mache.
Weil bei Ihnen die Frau nicht in eine schwache, devote Opferrolle abgleitet, hilflos und abhängig von der Liebe eines Mannes?
Ganz genau! Das war auch der Grund, warum ich das Stück oft nicht mochte. Ich dachte mir immer: «Oh Gott, diese Frau ist so erbärmlich.» Sie macht sich abhängig von der Gnade eines anderen Menschen, unterwirft sich derart der Situation. Sie handelt zwar, allerdings mehr manipulativ und nicht kraftvoll. Sie verschwendet schlicht ihr Leben. Als ich das Stück für mich studierte, war mir klar, dass ich es auf ein anderes Level bringen wollte – weg von der recht bourgeoisen Schlussmach- und Herzschmerz Geschichte. Mir schwebte eine Art Psychothriller vor.
Für Cocteau selber ist das Telefon in «La voix humaine» ein «Orakel» – eine «Stimme, die für sich allein in die Häuser» komme. Geht Ihr Psychothriller in diese Richtung?
Wir wissen nicht, ob das Telefon ein Orakel ist. Das ist möglich, aber wir wissen nicht einmal, was die andere Stimme sagt, wenn sie denn überhaupt spricht, und ob es sie überhaupt gibt. In meiner Interpretation gibt es deshalb auch kein Telefon, sondern ein Live-Video. Als ich Poulencs Oper mit Warlikowski in Paris realisierte, liessen wir das Telefon ebenfalls komplett fallen. Alles passiert mehr im Kopf der Frau, wie eine endlose Schleife. Im Text von Cocteau fällt auf, dass sie ständig von Lügen spricht. Sie fragt, ob er sie belügt oder sie ihn. Sie leugnet, dass sie ihn belügt, nur um es dann doch zuzugeben. Gegen Ende sagt sie dem Sinn nach: «Was ich mir nicht vorstellen kann, existiert nicht.» Sodann ergänzt sie: «Oder es existiert, aber in einer vagen Wirklichkeit.»
Was folgern Sie daraus?
Cocteau hat uns im Grunde alle Hinweise gegeben, dass nichts von alledem wahr ist. Das gilt übrigens auch für die Frage, ob sie Selbstmord begeht oder nicht. Für mich hat die Frau einen ziemlich starken Charakter. Ich denke nicht, dass sie sich am Ende umbringt. Sie wird vielmehr ständig dasselbe Szenario erleben, stets abgewandelt. Es ist eine Art obsessive Kraft, die Energie ihrer eigenen Fantasie. In diesem Sinn stellt sich genauso die Frage, ob es überhaupt einen Geliebten gibt. Meine Interpretation stellt auch das infrage.
Es geht also um Sein und Schein, Fakt und Fake?
Wobei die Grenzen in der eigenen Wahrnehmung fliessend sein können. Im Kern geht es um die Ehrlichkeit der Gefühle. Es ist ein sehr ernster Stoff mit vielen starken Gefühlen, erschaffen von der Fantasie und Imagination der Frau. Sie erfindet Szenarien und Situationen, die sie vielleicht einmal er- und durchlebt hat. Oder bei denen sie sich wünscht, sie hätte sie er- und durchlebt. Die Emotionen können wahr sein, die Situation an sich aber nicht. Das einzig Wahre und Echte in diesem Stück sind die Gefühle. Die Frau erlebt tatsächlich Verlust und Isolation, Furcht und Angst, Leidenschaft und Zweifel. Diese Gefühle sind 100-prozentig echt.
Legen in diesem Sinn die vorangestellten «Metamorphosen» von Richard Strauss die Wandlungsprozesse im Innenleben der Frau frei?
Für mich sind die «Metamorphosen» von Strauss das perfekte Begleitstück für «La voix humaine», weil auch sie voller echter, wahrer Gefühle sind. Ob Erinnerungen und Verlust, Liebe, Gebet oder Hoffnung: Alles ist darin, auch in Gestalt von Intertextualität wie der zitierte Trauermarsch aus der «Eroica»-Sinfonie von Beethoven. In gewisser Weise bereiten uns die «Metamorphosen» darauf vor zu verstehen, dass hier eine Frau um Wahrheit ringt, selbst wenn sie lügt. Alles wandelt sich, aber bleibt doch stets konstant und wahr – wie die Zeit. Genau das verdeutlichen die «Metamorphosen».
Seit den Aufführungen Ihres Projekts in London und München verzichten Sie bei den «Metamorphosen» auf begleitende Filmsequenzen. Aus welchem Grund?
Der Film ist brillant, aber zu viel. Er entzieht dem anschliessenden Poulenc viel Energie und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig hat Strauss die «Metamorphosen» ausdrücklich für 23 Solostreicher*innen gesetzt. Nach den Aufführungen mit Radio France in Paris sowie in Dänemark hatte ich den Eindruck, dass der Film von den Solostreicher*innen ablenkt. Es besteht die Gefahr, dass sie nur Beiwerk zum Film werden, obwohl sie alle Solist*innen sind. Seit London und München spreche ich vor Beginn der Aufführung auch nicht mehr die Verse von Johann Wolfgang von Goethe.
Obwohl die Worte das Sein und Wollen Ihres Projekts treffgenau benennen: «Niemand wird sich selber kennen, / Sich von seinem Selbst-Ich trennen», heisst es.
Natürlich passt das Gedicht vortrefflich, und zwar sowohl zu den «Metamorphosen» von Strauss als auch zu Poulencs «La voix humaine». Ich fühle den Text auch weiterhin, nur spreche ich ihn nicht mehr. Es ist wie mit dem Film bei Strauss: Das ist grossartiges Material, aber es unterstützt die Aufführung nicht. Es hilft ihr nicht. Ganz anders das Live-Video im Poulenc Teil: Das bleibt weiterhin integriert. Diese Videosequenzen sind in Schwarz-Weiss und nicht in Farbe, wie ein Film noir.
Weil die Video-Einstellungen im Grunde die Perspektivwechsel im Inneren der Frau nachvollziehen?
Für die Video-Live-Schalte bei Poulenc benutzen wir drei Kameras, die im Orchester platziert sind: eine zu meiner Linken, eine direkt vor mir frontal im Zentrum, eine zu meiner Rechten. Das sind nicht nur Perspektivwechsel, sondern es integriert auch die Elemente der Interaktion und der Spiegelung. Man kann das Video als grossen Spiegel begreifen, der interagieren lässt. In diesem Sinn sind die Kameras auch Charaktere innerhalb des Stücks. Wir haben Grossaufnahmen, und manchmal friere ich die Kameras auch ganz ein. Sie hören auf zu drehen, und ich wende mich dem Publikum zu – wie ein «Hallo», als ob die Leitung unterbrochen sei. Das sogenannte «Telefongespräch» erscheint wie in einem Rahmen eingefroren. Es wirken also viele dramaturgische Schichten mit.
Was Sie über die Frau aus «La voix humaine» erzählen, geht in eine ähnliche Richtung wie die damalige Pariser Inszenierung von Warlikowski von 2015. Warum wollten Sie ein eigenes Projekt realisieren?
Als ich in Paris Poulencs «La voix humaine» sang, unter Esa-Pekka Salonen, habe ich sehr viel darüber nachgedacht, was die Realität in diesem Stück ist. Für mich war sofort klar, dass sich dieses Werk besonders gut dafür eignet, von einer Person gleichzeitig gesungen und dirigiert zu werden. Schon vor sieben Jahren ist mir das aufgefallen, und um 2018/19 herum habe ich mich entschieden, es zu realisieren.
Ist das gleichzeitige Singen und Dirigieren nicht ein gewaltiger, risikoreicher Kraftakt?
Natürlich, und es gibt nicht viele Stücke, die ich gleichzeitig singen und dirigieren würde. Es geht dabei um den dramaturgischen Aspekt der Kontrolle, die man ausübt und gleichzeitig verliert. In dieser Doppelfunktion lässt sich das auf den Punkt bringen. Das Stück ist extrem persönlich, gerade auch in der Vertonung von Poulenc. Für Poulenc war es stets wichtig, dass alle Fermaten und Pausen ganz genau und umsichtig gewählt werden – gemeinsam mit der Sängerin. Er überlässt es also nicht einfach der musikalischen Leitung. Poulenc überlässt das Stück gewissermassen der Sängerin und mit ihr der Frau. Genau das verkörpere ich in einer Person.
Womit Sie als dirigierende Sänger-Darstellerin der Frau in «La voix humaine» nicht nur Kontrolle zurück‑ geben, sondern auch ihre Würde?
Jedenfalls habe ich schon in Betracht gezogen, dass die Frau vielleicht sogar denken könnte, dass sie selbst Barbara Hannigan sei und das Orchester dirigiere – als weiterer Teil ihrer Fantasie. Ja, es geht um Selbstbestimmung und Würde. Ich weiss, dass sich manche Leute wünschen, dass diese Frau ein Opfer bleibt – dass sie verlassen und ihr Herz gebrochen sei. Ich sage: «Achtet darauf, was sie sagt! Hört ihr gut zu! Lest den Text!»
Erleben Sie Barbara Hannigan mit der Schweizer Erstaufführung ihrer «La voix humaine» – die «Masterclass Gesang» ist öffentlich und vermittelt wie die Wahrnehmung verfeinert und Musik immer tiefer gedacht wird.
DO 12. JAN
RED SOFA im Anschluss an das Konzert Barbara Hannigan im Gespräch mit Dominik Deuber