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Die Stiftung Terre des hommes setzt sich seit 50 Jahren für die Rechte der Kinder ein. Der Kampf gegen Gewalt, Ausbeutung und Missbräuche kennt keine Pause - weltweit wie auch in der Schweiz.
Pierre Zwahlen, Sprecher von Terre des hommes (Tdh), arbeitet schon seit langer Zeit bei der Schweizer Nichtregierungs-Organisation (NGO). swissinfo.ch unterhielt sich mit ihm über die Geschichte der wichtigsten Schweizer Kinderhilfs-Stiftung und die bedeutendsten Erfolge im Bereich der Kinderrechte.
swissinfo.ch: Wie ist Terre des hommes entstanden?
Pierre Zwahlen: Die Idee dazu wurde 1960 in Lausanne geboren, auf Initiative von Edmond Kaiser und einiger seiner Freunde. Sie alle waren beseelt davon, sich für die schwächsten und verletzbarsten Menschen, insbesondere Kinder, zu engagieren.
Die erste Intervention erfolgte im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg: Eine Anzahl algerischer Kinder aus französischen Flüchtlingslagern wurden in die Schweiz geschickt, wo sie ein paar Wochen ohne Angst vor Hunger und Krieg verbringen konnten.
swissinfo.ch: Wie hat sich die Strategie von Tdh in ihrer 50-jährigen Aktivität verändert?
P.Z.: Bis 1980 konzentrierte sich die Strategie auf ihren Gründer: Tdh intervenierte auf Initiative von Edmond Kaiser dort, wo es eine grosse humanitäre Krise gab, wie in Biafra oder Vietnam.
Später verfolgte Tdh eine strukturiertere Strategie. Neben der Nothilfe begann Tdh mit dem Aufbau von langfristigen, spezifischen Entwicklungsprojekten. In den 80er-und 90er-Jahren haben wir uns zum Beispiel auf den orthopädischen Bereich konzentriert.
Ende der 90er-Jahre wurden richtiggehende strategische Pläne ausgearbeitet, wie wir unseren Beitrag in den für uns wichtigsten Bereichen leisten können: Gesundheit, Ernährung und Kinderschutz.
Gegenwärtig ist Afghanistan jenes Land, das am meisten Hilfe erhält: Dort unterstützen wir über 250'000 Menschen.
swissinfo.ch: Welches waren die "Jugendsünden" von Tdh?
P.Z.: Vom Pioniergeist beseelt wollte Tdh zuerst allein handeln. So haben wir uns an Orten gefunden, wo es an allem fehlte, von den Grundkenntnissen bis zu den Mitarbeitern. Heute wäre ein solches Handeln undenkbar.
Mit der Zeit haben wir uns eine gewisse Erfahrung angeeignet. Gleichzeitig gab es auch Verbesserungen in den Ländern des Südens, die unsere Arbeit erleichtert haben.
In den 90er-Jahren, als wir dank Budgeterhöhung ein grösseres Gewicht erlangten, waren wir auch mit internen Krisen konfrontiert. Wir haben uns sozusagen von der Realität auf dem Feld "abgewendet", was zu Missbräuchen führte.
swissinfo.ch: Welche Art von Missbräuchen?
P.Z.: Die Stiftung wurde von Kriminellen infiltriert, die Kinder missbrauchten. Das war der Fall eines Delegierten in Äthiopien. Wir liessen ihn in Addis Abeba verhaften, wo er auch verurteilt wurde. Jetzt geht seine neunjährige Gefängnisstrafe zu Ende.
Zu jener Zeit gab es kein Pädophilie-Delikt im äthiopischen Strafrecht. Dank unserer Intervention haben wir einen rechtlichen Präzedenzfall geschaffen.
swissinfo.ch: Wie kann man solche Fälle künftig verhindern?
P.Z.: Wir haben einen internen Verhaltenskodex zur Verhinderung solcher Missbräuche eingeführt. Unseren Mitarbeitern ist es zum Beispiel nicht erlaubt, sich allein mit einer minderjährigen Person in einem Zimmer aufzuhalten.
swissinfo.ch: Welches sind die grössten Errungenschaften im Bereich Kinderschutz und Kinderrechte auf internationaler Ebene?
P.Z.: Heute verfügen wir, wenn man so sagen kann, über einen universellen "Werkzeugkasten": Die UNO-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989.
Es handelt sich dabei um ein wichtiges Dokument, das uns erlaubt, die Situation zu erfassen, in welcher die Kinder leben. Es erlaubt uns, bei den Behörden vorstellig zu werden, interessierte Personen zu mobilisieren und die Sache der Minderjährigen voranzubringen. Das heisst aber noch nicht, dass die Rechte der Kinder überall respektiert werden.
Der zweite wichtige Aspekt ist das Erwachen nationaler Kompetenzen in den Ländern des Südens: Dank der verbesserten Ausbildung treffen wir an Ort auf kompetente und kooperationswillige Personen.
swissinfo.ch: Und in der Schweiz?
P.Z.: Die kollektiven Rechte der Kinder (Gesundheit, Ernährung, Ausbildung) sind allgemein garantiert. Es gibt aber noch Probleme auf der Ebene des Mitspracherechts der Kinder und Jugendlichen bei Entscheidungen, die sie betreffen, auch wenn wir bei Scheidungsfragen Fortschritte gemacht haben: Das Bundesgericht hat zum Beispiel entschieden, dass Kinder bei einer Scheidung der Eltern angehört werden müssen.
Im Übrigen müssen wir feststellen, dass es weiterhin verschiedene Formen von innerfamiliärer Gewalt gibt. Trotz der Kampagnen des Europarates bleibt die Schweiz eines der letzten Länder in Europa, die Körperstrafen tolerieren.
Ich habe vier Kinder und bestehe darauf, dass die Eltern das Recht haben, ihren Ärger gegenüber ihren Kindern auszudrücken. Aber Schläge haben in der Erziehung nichts zu suchen, denn Gewaltanwendung kann zu späteren psychischen oder physischen Schäden führen.
In der Schweiz gibt es auch Mängel beim Kinderschutz vor gewissen Fernsehprogrammen oder dem Internet. Es geht nicht darum, Videospiele zu verbieten, aber es gibt Formen von Gewalt, die Kindern nicht zugänglich sein sollten.
swissinfo.ch: Kind zu sein in der Schweiz oder in in einem armen Land ist nicht das Gleiche. Während in den Industriestaaten die Schulpflicht ein Pfeiler der Gesellschaft ist, ist in anderen Ländern die Kinderarbeit unentbehrlich für das Überleben der Familie. Wie kann ein Gleichgewicht zwischen den von der UNO garantierten Konventionen Universalprinzipien und den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Besonderheiten auf der Welt gefunden werden?
P.Z.: Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Leider existiert in gewissen Ländern unvorstellbare Armut. Da ist es wichtig, dass ein 14-jähriges Kind zum Überleben seiner Familie beitragen kann.
Ein Beispiel aus Afrika: Hunderte von Kindern verlassen die ärmsten Regionen, um in Gruben in Nigeria zu arbeiten. Wir sind uns bewusst geworden, dass die Familien den Lohn ihrer Kinder brauchen.
Nach Verhandlungen mit den Grubenbesitzern kamen wir überein, dass keine Kinder unter 14 Jahren arbeiten dürfen. Die 14-Jährigen dürfen nur arbeiten, wenn ihnen gesundheitliche Betreuung und Ausbildung nach dem Arbeitstag garantiert wird.
Natürlich handelt es sich da um eine Minimallösung. Sie berücksichtigt aber immerhin die extremen Bedingungen, unter denen die Kinder in Ostafrika leben.
swissinfo.ch: Eine Art "Anpassung" der Grundrechte an die lokale Realität…
P.Z.: Genau. Es genügt nicht, einen Skandal zu machen, weil in Pakistan Kinder Fussbälle herstellen. Die Realität ist komplexer.
Es ist nötig, spezifische Lösungen zu finden, die eine Weiterarbeit der Kinder erlaubt, ohne dass sie jedoch ausgebeutet werden. Die Arbeitsbedingungen dürfen das Recht auf Gesundheit, Ernährung und Ausbildung nicht verneinen.
Luigi Jorio, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)
Terre des hommes
Terre des hommes (Tdh) ist die grösste Nichtregierungs-Kinderhilfsorganisation der Schweiz.
Tdh ist in 33 Ländern mit rund 100 Projekten präsent und beschäftigt 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Das Jahresbudget beträgt rund 60 Mio. Franken.
Die Schweizer Stiftung ist Teil von Tdf International. Darin sind die Tdh-Sektionen von 11 Ländern vertreten, darunter Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien.
Zu den wichtigsten Projekten in der Schweiz gehört "La Maison de Massongex" im Kanton Wallis. Das Haus beherbergt pflegebedürftige Kinder aus der ganzen Welt. Diese erhalten gesundheitliche und psychologische Pflege, und die jungen Patienten können sich in den Universitätsspitälern von Genf und Lausanne operieren lassen.
Edmond Kaiser
Der Gründer von Terre des hommes (Tdf) wurde 1914 in einer jüdischen Familie in Paris geboren.
Er ist in der Schweiz aufgewachsen. Während dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Frankreich zurück und engagierte sich in der Résistance.
1947 kehrte Kaiser in die Schweiz zurück, wo er verschiedene Hilfsvereine für randständige Personen gründete.
Schockiert über die Schrecken des Algerien-Krieges gründete er 1960 die Organisation Terre des hommes in Lausanne, Kanton Waadt.
Um die immer grösser werdende Bewegung besser in den Griff zu kriegen, gründete er 1966 Tdf International.
Edmond Kaiser verliess Tdf 1980 und gründete ein neues Kinderhilfswerk, Sentinelles.
1990 verlieh ihm Frankreich den Orden der Ehrenlegion, den er allerdings ablehnte, weil er nicht einen Orden annehmen wollte anstelle von Menschen, die tagtäglich mit Leiden konfrontiert sind.
Edmond Kaiser starb am 7. März 2000 auf einer Reise in Indien.