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Vögel, die Selbstmord begehen, Mütter, die einen Teenager säugen, ein Vater, der im Sarg seines Kindes bestattet wird: In Catalin Dorian Florescus Roman «Der Mann, der das Glück bringt» erzählen sich ein Mann und eine Frau die Geschichten ihrer Herkunft–eine bizarrer als die andere. Die eine spielt im Einwandererviertel des damaligen Zentrums der Zivilisation, die andere am Ende der Welt. Gemeinsam sind den Schauplätzen das Elend und der Fluss, der die Leichen der Armen fortspült: der East River in Manhattan und die Donau in ihrem kargen Delta in Rumänien.
Rays Geschichte beginnt an Silvester 1898, am Tag, als für seinen damals etwa 14-jährigen Grossvater vorzeitig das neue Jahrhundert beginnt. Der Bub, der seit Jahren auf der Strasse lebt, beobachtet, wie die Kindersärge aus den Gettos auf das Schiff verladen werden, das sie auf den Armenfriedhof bringt. Nie will er so enden. Ein alter Jude nimmt ihn als Ersatzsohn auf, und in einer Art Sammelstelle für bedürftige Schwangere wird sein Gesangstalent entdeckt. Die Mädchen weinen ob seinen Liedern Tränen vor Glück, und er beginnt von einer Karriere als «Der Mann, der das Glück bringt» zu träumen. Ein monströses Verbrechen und ein Schicksalsschlag werden es verhindern: Wie soll man etwas bringen, was man nicht hat?
Schicksalsschläge auch am anderen Ende der Welt: 1919 bereitet sich Leni im gottverlassenen Donaudelta auf die Niederkunft vor–nach drei Totgeburten und einem früh verstorbenen Baby soll dieses Kind überleben. Die Baba soll mit elaborierten Ritualen verhindern, dass der Teufel das Neugeborene holt. Doch der Schutz reicht nicht fürs ganze Leben des Neugeborenen. Als Elenas Mutter 20 ist, erkrankt sie an Lepra. Ihr Leben ist sozusagen vorbei, auch wenn sie erst 60 Jahre später stirbt.
Im Jahr 2001–unschwer zu erraten, bei welchem Ereignis–vereinigen sich die Erzählstränge: Ray und Elena finden zusammen und erzählen sich, warum sie kein eigenes Leben haben. Ray, weil er die Variété-Träume des Grossvaters verwirklicht, Elena, weil sie sich für infiziert hält und sich anderen nicht zumuten will. Nun beginnt eine neue, zeitgenössische Geschichte über eine Liebe, die vielleicht gelingt. Es ist einer von wenigen hellen Momenten in dem Buch. Denn der Tod ist allgegenwärtig. Manhattan ist auf Leichen gebaut. Und in den Hochhäusern «liegen die Menschen übereinandergestapelt und üben für den Tod».
Florescus Fabulierlust und Poesie ist es zu verdanken, dass das Buch dennoch nicht einfach nur traurig ist. Namentlich aus den elegischen Landschaftsschilderungen steigt eine Art wohltuende Melancholie. «Est quaedam flere voluptas», wie es in einem lateinischen Sprichwort heisst: «Im Weinen liegt eine gewisse Wonne». sda