Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03369.jsonl.gz/1347

(Gewerksgenossenschaften) sind eine besondere Art von Arbeitervereinen, speziell der gewerblichen Arbeiter,
mit einer eigentümlichen Organisation und besondern Zielen und Aufgaben. Sie sind bei richtiger Organisation
und bei der Beschränkung auf die rechten Ziele und Aufgaben ein wesentliches Hilfsmittel der sozialen Reform, ein notwendiges
Glied
[* 3] des volkswirtschaftlichen Organismus in dem System der freien Konkurrenz, wie es bei den heutigen Kulturvölkern besteht.
DiesenCharakter und diese Bedeutung haben die in England (trades' unions), wo sie zuerst entstanden und
noch heute am verbreitetsten sind.
Die englischen Gewerkvereine sind dauernde Verbindungen von Lohnarbeitern eines bestimmten Gewerkes des Landes. Ihr allgemeiner Zweck ist,
die Lage ihrer Mitglieder zu bessern, deren Interessen zu wahren und zu fördern. Sie wollen insbesondere
die Nachteile verhindern, welche sich für den einzelnen Arbeiter und die ganze Arbeiterklasse des betreffenden Gewerkes ergeben,
wenn der Arbeiter isoliert dem Arbeitgeber, namentlich einem größern, gegenübersteht (s. Industrielle Arbeiterfrage).
Der Landesgewerkverein (mit einem Zentralausschuß) setzt sich aus Ortsvereinen zusammen. Die verschiedenen
Landesgewerkvereine bilden zusammen noch wieder einen Verband
[* 4] (mit einem gemeinsamen Zentralausschuß). Streng sind die Anforderungen
an die Qualifikation der Mitglieder. Aufgenommen werden nur gelernte Arbeiter, welche ihre Lehrzeit ordentlich durchgemacht
haben und Bürgschaft von zwei Mitgliedern beibringen, daß sie gute Arbeiter seien, welche außerdem nachweisen, daß sie
einen bestimmten Minimallohn verdienen, und daß sie guten Leumund haben. Die englischen Gewerkvereine halten an
diesen strengen Bedingungen fest, weil sie den Arbeitgebern gegenüber eine ebenbürtige Macht nur dann sein können, wenn
der Verein nur diejenigen Elemente der Lohnarbeiter des Gewerkes umfaßt, ohne welche der Betrieb der Unternehmungen unmöglich
ist, die nicht, wenn sie die Arbeit einstellen, durch andre ersetzt werden können. Die Organisation der
englischen Gewerkvereine ist also keine
¶
mehr
Organisation der ungelernten Arbeiter, des fünften Standes, sondern der bessern Elemente der gelernten Arbeiter, des vierten
Standes. Ihre Bestrebungen sind teils rein ökonomische, das Arbeitsverhältnis der Mitglieder betreffende, teils allgemeine,
auf ihre sozialen und sonstigen Lebensverhältnisse bezügliche. Die erstern zielen darauf ab, den Arbeitern als Arbeitern
auf Grund ihres Arbeitsvertrags eine genügende ökonomische Existenz zu schaffen. Zu diesem Zweck erstreben
die Gewerkvereine 1) einen angemessenen Arbeitslohn;
4) die Regulierung des Arbeitsangebots. Zu 1) Der Gewerkverein überläßt zunächst die Abrede des Lohns dem einzelnen Arbeiter,
aber wenn eine Benachteiligung der Genossen durch ihre Isolierung droht, tritt der Verein für dieselben
ein. Man will namentlich Lohnherabsetzungen verhindern, wo solche nicht durch die allgemeine Lage des Gewerkes und die speziellen
Verhältnisse des betreffenden Arbeitgebers gerechtfertigt sind, und will Lohnerhöhungen erreichen, wenn die allgemeine
Geschäftslage und die Reinertragsverhältnisse der Unternehmungen dies gestatten; man will insbesondere,
daß die Lohnarbeiter auch an den günstigen Konjekturen, welche den Unternehmern Extragewinne bringen, partizipieren.
Durch die Organisation der Gewerkvereine wird die Verteilung des Ertrags der Unternehmungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen
Kapital und Arbeit, nicht bloß Gegenstand des individuellen Vertrags zwischen dem einzelnen Unternehmer und seinem Arbeiter,
sondern Gegenstand der Verhandlungen zwischen den Klassen der Unternehmer und der Arbeiter. Treten Differenzen über die Lohnhöhe
ein, so hat zunächst der Ortsverein die Aufgabe, mit dem Arbeitgeber zu verhandeln und, wenn ihm nicht der gütliche Ausgleich
gelingt, an den Zentralausschuß zu berichten, der nun, wenn er den Anspruch der Mitglieder gerechtfertigt
findet, mit dem betreffenden Arbeitgeber in Verhandlungen tritt.
Das äußerste Zwangsmittel des Gewerkvereins gegen den Unternehmer ist der Streik. Aber der Verein sucht diesen zu vermeiden,
namentlich auch durch die Organisation von Einigungsämtern (s. d.). Eine Unterstützung der Genossen durch den Gewerkverein
im Streitfall tritt nur ein, wenn der Zentralausschuß den Streik billigt. Zu 2) In gleicher Weise sucht
man eine humane Arbeitszeit und Arbeitsart, soweit dieselbe nicht schon durch die Gesetzgebung und die Fabrikinspektoren herbeigeführt
wird, zu erreichen. Zu 3) Bezüglich der ordentlichen persönlichen Behandlung ist das Hauptaugenmerk auf die Fabrikordnungen
gerichtet, daß nicht durch Bestimmungen derselben die Gewerkvereinsmitglieder in eine unwürdige Abhängigkeit
von den Unternehmern und deren Beamten geraten. Zu 4) Eine Hauptaufgabe und gerade des Zentralausschusses besteht
darin, das Angebot von Arbeitskräften möglichst der Nachfrage anzupassen, insbesondere das Angebot und die Nachfrage in den
verschiedenen Gegenden und Orten des Landes auszugleichen. Zu diesem Zweck werden genaue Listen über die
unbeschäftigten Arbeiter des Gewerkes geführt und wird der lokale Begehr von Arbeitern stetig kontrolliert.
Die Gewerkvereine sind Arbeitsnachweisebüreaus. Der Zentralausschuß dirigiert unbeschäftigte Arbeiter dahin, wo Arbeiter gesucht werden;
folgen die Arbeiter nicht der Weisung, so verlieren sie die ihnen vom Gewerkverein im Fall der Arbeitslosigkeit gewährte Unterstützung.
Man ist ferner bemüht, die übermäßige Beschäftigung von ungelernten Arbeitern, ebenso von jugendlichen Arbeitern
und
von Lehrlingen zu verhindern, um den gelernten Arbeitern die Erwerbsquelle zu sichern, und stellt zu diesem ZweckNormen über
die entsprechenden Zahlenverhältnisse auf. Man wirkt auch einer irrationellen Armenpflege entgegen, welche der übermäßigen,
unmoralischen Kindererzeugung Vorschub leistet und dadurch das Angebot von Arbeitskräften unnatürlich
und in einer der Arbeiterklasse schädlichen Weise erhöht. Man unterstützt endlich bei einer Überfüllung des Gewerkes die
Auswanderung, um eine Lohnverringerung zu verhindern.
Zu diesen ökonomischen Bestrebungen kommen als weitere allgemeine soziale, um die Arbeiterlage zu bessern und zu einer befriedigenden
zu gestalten:
Bei dem bedeutendsten der englischen Gewerkvereine, der Gesellschaft der vereinigten Maschinenbauer, beträgt beispielsweise
das Eintrittsgeld, je nach dem Alter, 15 Schilling bis 2 Pfund10Schill., der Wochenbeitrag 1Schill. Ein Mitglied, welches 12 Monate
dem Gewerkverein angehört, hat Anspruch auf folgende Unterstützungen: a) das Geschenk bei Arbeitslosigkeit, 10Schill. wöchentlich
während 14 Wochen, 7Schill. für jede der folgenden 10 Wochen, 6Schill. für jede der darauf folgenden 10 Wochen;
b) bei Krankheit, 10Schill. wöchentlich in den ersten 26 Wochen, 5Schill. nachher, solange die Krankheit dauert; c) bei Auswanderung,
unter gewissen Voraussetzungen, bis 3 Pfd. Sterl.; d) bei dauernder Arbeitsunfähigkeit,
ohne Verschulden des Mitgliedes, 100 Pfd. Sterl.; e) die Altersunterstützung,
bei einem Alter über 50 Jahre, wenn jemand 18 Jahre Mitglied ist, 7Schill. wöchentlich, wenn jemand 25 Jahre Mitglied ist, 8Schill.,
wenn jemand 30 Jahre Mitglied ist 10Schill.; f) die Begräbnisunterstützung, 12 Pfd. Sterl. an die Witwe, resp. den vom Gestorbenen
zur Empfangnahme Genannten oder seinen nächsten Anverwandten; beim Tode der angetrauten Gattin erhält
ein Mitglied 5 Pfd. Sterl., für sein eignes Begräbnis werden aber dann nur noch 7 Pfd. Sterl. gezahlt; g) bei unverschuldetem
Verlust der Werkzeuge
[* 7] durch Feuer, Diebstahl etc., bis 5 Pfd. Sterl. Der Verein zahlte 1851-1875 als Geschenke bei Arbeitslosigkeit
614,480 Pfd. Sterl., an Krankenunterstützung 294,950, an Altersunterstützung
111,395, an Begräbnisunterstützung 95,260, an Unfallunterstützung 25,900 etc., zusammen 1,184,063
Pfd. Sterl. Nach seinem Jahresbericht für 1884, in welchem Jahr der Verein am Schluß 430 Vereine umfaßte und 50,681 Mitglieder
zählte, betrugen die Einnahmen 157,484 Pfd. Sterl. (Beiträge der Mitglieder inkl.
außerordentlicher Auflagen, veranlaßt durch einen großen Streik in Sunderland, für den 29,430 Pfd. Sterl.
gezahlt wurden, 66,50 Mk. fürs Jahr), die Ausgaben 172,841 Pfd. Sterl. (an arbeitslose Mitglieder 59,056, Altersinvaliden
30,519, für Unfälle 2100, an streikende Mitglieder 20,475 Pfd.
¶
mehr
Sterl. etc.);
der Kassenbestand war 162,768 Pfd. Sterl. Der Schwerpunkt
[* 9] der Unterstützungen der englischen Gewerkvereine liegt in der
Unterstützung an arbeitslose Mitglieder;
aber es ist doch ein Hauptbestreben der Gewerkvereine, Ausgaben
für Streiks zu vermeiden, und die Zentralausschüsse stimmen nur im äußersten Notfall für diese Maßregel.
Auf dem letzten, 18. Jahreskongreß
der englischen Gewerkvereine (im September 1885) wurde von dem Präsidenten bezüglich dieses Punktes ausdrücklich in seiner Eröffnungsrede
hervorgehoben, daß die Vereine sich hüten, ihr Geld in böswilligen Streiks zu vergeuden, daß die sieben
größten Vereine innerhalb der letzten fünf Jahre von einer Totalausgabe von 53,263,600 Mk. an arbeitslose Mitglieder 24,143,600
Mk., an Altersinvaliden, verunglückte, abgebrannte oder sonst in Not geratene Mitglieder etc. nebst Verwaltungskosten 19,501,040
Mk. und nur 3,773,600 Mk. für Streiks verausgabt haben.
Eine charakteristische allgemeine Einrichtung der englischen Gewerkvereine als Hilfskassen ist, daß nicht besondere
Kassen für die einzelnen Unterstützungszwecke bestehen, sondern nur eine Kasse und aus dieser Kasse auch die Unterstützung
an streikende Mitglieder gezahlt wird, so daß also angesammelte Reserven auch für diesen Zweck verbraucht werden können.
Über die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung sind die Ansichten geteilt. Für dieselbe wird namentlich
geltend gemacht, daß gerade sie die Vereine zu äußerster Vorsicht in der Genehmigung von Streiks veranlaßt; indes ist die
große Gefahr derselben unleugbar.
Arbeitervereine entstanden in England schon im 18. Jahrh., aber die eigentliche Entwickelung der Gewerkvereine zu der vorstehend geschilderten,
für die Arbeiterklasse und das Land segensreichen Institution beginnt doch erst mit der Koalitionsfreiheit 1824 ihre großartige
Ausbreitung, und die stetig zunehmende Durchführung einer maßvollen, praktischen, besonnenen Gewerkvereinspolitik erfolgte
seit den 50er Jahren. Seitdem entwickelte sich auch erst die Organisation in zentralisierten Landesvereinen, vorher waren die
Gewerkvereine zumeist selbständige Ortsvereine ohne Verbindung der verschiedenen Ortsvereine eines Gewerkes.
Die Zahl ihrer Mitglieder ist nicht genau bekannt, sie wird auf 8-900,000 geschätzt; auf dem letzten
Kongreß hatten 161 Delegierte, die 136 Vereine mit 560,976 Mitgliedern vertraten, ihre Mandate eingereicht; schon 1869 berichtete
die Parlamentskommission auf Grund einer sehr umfassenden Enquete über die Trades' Unions, »daß es keine Industrie gebe (abgesehen
von wenigen äußerst zweifelhaften Ausnahmen), welche die Gewerkvereinsbewegung nicht ergriffen hat,
und sehr wenige Teile des Landes, wo sie nicht vorherrscht«. Die Hauptagitation der englischen Gewerkvereine ist jetzt auf die Durchsetzung
des achtstündigen Arbeitstags gerichtet.
Die deutschen Gewerkvereine.
In Deutschland
[* 12] stehen die Gewerkvereine, was ihre Verbreitung und ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse und für
die praktische Lösung des sozialen Problems betrifft, sehr weit hinter den englischen zurück. Bis zum
Erlaß des Sozialistengesetzes waren sozialdemokratische und antisozialdemokratische Gewerkvereine zu unterscheiden.
Erstere waren lediglich Organe der Sozialdemokratie, der sozialistischen ArbeiterparteiDeutschlands,
[* 13] und sahen ihre Hauptaufgabe
darin, für die Zwecke und Ziele dieser Partei thätig zu sein.
Sie sind seit 1878 verschwunden. Zu den letztern, den entschiedenen Gegnern aller sozialdemokratischen
und sozialistischen Bestrebungen, gehören namentlich die von MaxHirsch
[* 14] und FranzDuncker zuerst 1868 gegründeten und seitdem
von Hirsch als ihrem Anwalt geleiteten Gewerkvereine (sogen. Hirsch-Dunckersche Gewerkvereine). Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine streben dem englischen Vorbild
nach, zeigen aber von diesem doch manche sehr wesentliche Unterschiede. Es existieren bei ihnen nicht
die strengen Aufnahmebedingungen.
Ferner fehlt in ihrer Organisation die Vereinigung und straffe Zentralisierung der Ortsvereine eines Gewerkes in einem Landesgewerkverein
unter einem den Verein dirigierenden Vorstand. IhreOrganisation baut sich auf den Berufsvereinen der einzelnen Orte (Ortsvereine)
auf. Diese Ortsvereine sind neben Zentralrat und Anwaltschaft die Hauptorgane. Jeder Ortsverein wählt
seinen Vorstand und Ausschuß und verwaltet seine Angelegenheiten und Kassen ganz selbständig.
Mehrere Ortsvorstände eines bestimmten Berufs bilden einen Gewerkverein. Die Ortsvereine eines Ortes bilden einen Ortsverband.
Alle Gewerkvereine und selbständigen Ortsvereine bilden zusammen den Verband der deutschen Gewerkvereine (Hirsch-Duncker), dessen Organe
der Verbandstag (Abgeordnete der verbundenen Gewerkvereine und selbständigen Ortsvereine), der Zentralrat als zentrales
Verwaltungsorgan, der Anwalt (jetzt Hirsch) und die Ortsverbände sind. Ein weiterer Unterschied ist, daß für die verschiedenen
Unterstützungszwecke streng gesonderte Kassen bestehen, der praktisch wichtigste aber, daß eine Unterstützung bei Arbeitslosigkeit
(die
¶