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Was ist Poliomyelitis (Kinderlähmung)?
Die Bezeichnung «Poliomyelitis epidemica anterior acuta» – kurz Poliomyelitis oder Polio genannt – ist vom griechischen πολιός «grau» und μυελός «Mark» abgeleitet und bedeutet eine Entzündung des grauen Anteiles des Rückenmarks. Nach neueren Erkenntnissen sind aber auch jene Gebiete des Gehirns betroffen, welche für die Bewegungen zuständig sind. Das Krankheitsbild wurde auch «Kinderlähmung» genannt, weil früher überwiegend Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren erkrankten. Im 20. Jahrhundert infizierten sich hingegen immer mehr Erwachsene, oft mit schwereren Verläufen. Der Begriff «Kinderlähmung» ist aus heutiger Sicht irreführend.
Die Poliomyelitis wird durch Viren ausgelöst. Neben harmlosen Verläufen kann es auch zu tödlichen Komplikationen kommen. Bestimmte Personengruppen sind besonders gefährdet und sollten unbedingt die aktuellen Impfempfehlungen beachten.
Bei etwa 92% der akuten Polio-Virus-Infektionen treten keinerlei Symptome (sogenannte stille Feiung) auf, obwohl nach neueren Erkenntnissen auch in diesen Fällen Zellen geschädigt werden. Falls jedoch weniger als etwa die Hälfte der Nervenzellen zerstört wird, führt dies nicht unmittelbar zu Lähmungen oder Schwächen. Dies, weil andere, benachbarte Nervenzellen die Arbeit der abgestorbenen Zellen übernehmen und es daher zu keinem Funktionsausfall kommt. In etwa 6% der Infektionen treten einige Tage lang grippeähnliche Symptome auf (abortive Poliomyelitis). In rund 1% der Fälle kommt es zu einer aseptischen Meningitis mit Fieber, Nackensteifigkeit und Rückenschmerzen (aparalytische Poliomyelitis). Neben diesen leichten Verläufen kommt es bei etwa 0,1-1% zu mehr oder minder ausgeprägten schlaffen Lähmungen (paralytische Poliomyelitis), welche zum Tod führen können (vor allem bulbäre oder bulbospinale Formen). Die Ausprägung der paralytischen Poliomyelitis hängt stark vom Ausmass und der Lokalisation der betroffenen Strukturen ab. Insbesondere die bulbäre und die bulbospinale Verlaufsform sind besonders einschneidend aufgrund der Zerstörung von wichtigen Strukturen des vegetativen Nervensystems, welche unter anderem die Atmung steuern.
Nach einer akuten Poliomyelitis-Infektion erholen sich ca. 10% der Betroffenen vollständig. Bei ca. 80% bleiben unterschiedlich starke Lähmungen, Atem- und Schluckbeschwerden etc. zurück. Einige Betroffene sind daher langfristig auf Gehhilfen, Rollstühle oder Beatmungsgeräte und weitere medizinisch-therapeutische Massnahmen angewiesen. Für alle Verlaufsformen besteht das Risiko, nach Jahren bis Jahrzehnten, je nach Ausprägung der akuten Poliomyelitis und dem Ausmass der körperlichen Beschwerden im weiteren Leben, ein Post-Polio-Syndrom zu entwickeln.
Wie wird Poliomyelitis behandelt?
Akutes Stadium
Noch heute gibt es keine medikamentöse Therapie, falls es zu einer Poliomyelitis-Erkrankung kommt. Daher liegt der Fokus der Behandlung von Polio-Betroffenen im akuten Stadium auf einer raschen Wiedererlangung körperlicher Kräfte, um Komplikationen der Krankheit zu verhindern. Dazu gehören unter anderem:
- 2 bis 3 Wochen komplette Bettruhe
- Vollwerternährung
- Frühzeitiger Beginn von leichter, passiver Physiotherapie
- Intensive Hautpflege und spezielle Lagerungen, um Wundliegen (Dekubitus) oder Kontrakturen zu verhindern
- Falls nötig, maschinelle Atemunterstützung
- Eventuell Schmerzbehandlung
Erholungsphase
Nach der Akuttherapie ist es für alle Polio-Betroffenen, insbesondere bei paralytischen Verläufen, extrem wichtig, mit der physikalischen Therapie weiterzumachen. Durch die vorsichtig zu planende und durchzuführende Therapie können überlebende Neurone neue Fasern bilden und so teilweise die Funktion der abgestorbenen Neuronen übernehmen. Dies kann zu einer gewissen Rückbildung der Lähmungen führen. Durch die Zunahme der Grösse der motorischen Endplatte ist diese jedoch einer starken Belastung ausgesetzt. Nach einem Zeitraum von 15-40 Jahren kann es zu einer Degeneration dieser motorischen Rieseneinheiten kommen und ein Post-Polio-Syndrom entstehen.
Erkranken noch Personen an Poliomyelitis?
Ja. In wenigen Ländern werden noch immer jedes Jahr neue Fälle gemeldet.
Ursprünglich war das Virus weltweit verbreitet. In den Tropen traten Epidemien ganzjährig auf, in gemässigten Breiten vor allem im Sommer. Heute sind Dank der Bemühungen der WHO mit den weltweiten Impfungen nur noch wenige Länder betroffen. Von den ursprünglich drei Virustypen kann seit einigen Jahren nur noch Virustyp 1 nachgewiesen werden. Es scheint, dass Typ 2 und Typ 3 bereits ausgerottet werden konnten. Das aktuelle Eradikationsprogramm der WHO will bis 2018 alle Neuansteckungen durch Wildviren stoppen. Obwohl bisher grosse Fortschritte erzielt wurden, traten v.a. in Pakistan unerwartete Probleme auf. Das Ziel war aber noch nie so nah. Es muss daher auch in Ländern ohne neue Polio-Fälle den Impfempfehlungen gefolgt und weiterhin geimpft werden. Nur so kann gesichert werden, dass es nicht wieder zu einer Zunahme kommen wird.
Auf der Internetseite der «Global Polio Eradication Initiative» (http://www.polioeradication.org/Mediaroom/NewsletterPolioNews.aspx) findet man Informationen über die aktuelle weltweite Lage und den Fortschritt des Eradikationsprogrammes
Kann man in der Schweiz noch an Poliomyelitis erkranken?
In der Schweiz wurde 1982 der letzte Fall einer Poliomyelitis-Infektion durch ein natürlich vorkommendes Virus (Wildvirus) gemeldet. 1989 trat das letzte Mal eine Poliomyelitis-Infektion auf, welche durch eine Impfung hervorgerufen wurde (eine sehr seltene Komplikation, die nach rund 1 von 1,7 Millionen Impfungen mit dem oralen Impfstoff auftritt). Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt seit 2001 nur noch die Spritzimpfung (aus abgetöteten Viren), welche keine Lähmungen auslösen kann. Europa gilt seit 2002 als Polio-frei, 2010 traten die letzten Fälle auf, bis im Juli 2015 zwei Fälle von Impf-Polio in der Ukraine bekannt wurden.
Trotz der grossen Erfolge und der ausbleibenden neuen Fälle in der Schweiz ist auch heute eine konsequente Impfung gegen die Polio-Viren unerlässlich. Aufgrund der erhöhten Mobilität (Tourismus, Migration) kann das Polio-Virus jederzeit wieder in der Schweiz auftauchen. Nur schon ein einzelner Fall, welcher sich mit Lähmungen bemerkbar macht, würde für die Schweiz 100 bis 1000 infizierte Personen bedeuten, welche zwar keine Polio-spezifischen Symptome aufweisen, aber trotzdem andere Personen anstecken könnten (eine Infektion äussert sich bei weniger als 1% in Lähmungen, 99% weisen keine oder unspezifische Symptome auf). Bis die WHO ihr Ziel der Ausrottung der Polio-Viren erreicht hat, bleibt die Gefahr einer Epidemie auch für die Schweiz bestehen. Um dies zu verhindern ist es sehr wichtig, dass die Durchimpfungsrate von mind. 95% erhalten bleibt.
Informationen über das Ausmass der Poliomyelitis-Epidemien in der Schweiz finden sie in unserem Merkblatt „Kennzahlen zu Poliomyelitis in der Schweiz“.
Kann man zweimal Poliomyelitis bekommen?
Es gibt grundsätzlich drei verschiedene Poliomyelitis-Virustypen, welche die Krankheit verursachen können. Nach einer Infektion mit einem Virustyp ist man nur gegen diesen immun. Es ist daher grundsätzlich möglich, mehrfach an Poliomyelitis zu erkranken. Aus diesem Grund sollten sich auch Personen impfen lassen, welche Poliomyelitis hatten.
In neuerer Zeit konnten wahrscheinlich zwei der ursprünglich drei Virustypen bereits ausgerottet werden. Dennoch sollte man sich an die Impfempfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit halten, welche diese aktuellen Entwicklungen miteinbeziehen.