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Nahe dran – der neue FAIRMED-CEO
FAIRMED hat seit dem ersten August einen neuen CEO: Lorenz Indermühle. Lesen Sie, was Lorenz Indermühle nach 25 Jahren beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK und beim Schweizerischen Roten Kreuz SRK zu FAIRMED geführt hat, warum er es sich gut überlegt, ob ein Flug in ein Projektland wirklich nötig ist und wie er begründet, dass FAIRMED in 20 Jahren womöglich keine Schweizer Spendengelder mehr benötigen wird.
FAIRMED: Fast dein halbes Leben warst du für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK und das Schweizerische Rote Kreuz SRK im Einsatz, zuvor warst du im Erstberuf Lehrer gewesen. Was hat dich zur Entwicklungszusammenarbeit geführt?
Als junger Lehrer arbeitete ich jeweils nur als temporärer Stellvertreter, um mir längere Reisen nach Lateinamerika zu finanzieren. Der Wunsch, einen humanitären Einsatz zu leisten, hatte schon länger in mir gegärt, als ich auf meiner zweiten Reise durch Lateinamerika einen Touristen, den ich im Bus nach Antigua kennengelernt hatte, in einen Bücherladen begleitete. Dort hing eine kleine Anzeige mit der Aufschrift «We need volunteers». Eine Woche später begann ich für diese kleine lokale NGO, die Wassersysteme baute, als Freiwilliger zu arbeiten. So blieb ich die nächsten vier Jahre in Lateinamerika!
Wie hast du es geschafft, dich als Freiwilliger – ohne Lohn – so lange über Wasser zu halten?
Um mein Portemonnaie aufzufrischen, habe ich zwischendurch Jobs in der Tourismusbranche angenommen, ansonsten habe ich in kleinen Dörfchen im guatemaltekischen Hochland, oft bis zu zwei Tage Fussmarsch von der nächsten Strasse entfernt, Wassersysteme berechnet, das Material eingekauft und aufgebaut, die Dorfbevölkerung beim Bau, Unterhalt und Gebrauch angewiesen. Geld brauchte ich dort nicht. So blieb ich, bis alles fertig war, in jedem Dörfchen bis zu vier Wochen.
Danach warst du zuerst in Lateinamerika für die ökumenische Bank Oikokredit, welche Kooperativen unterstützt, im Einsatz, anschliessend für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK während der Kosovo-Krise im Balkan und in Afghanistan. Schliesslich kamst du zum Schweizerischen Roten Kreuz.
Durch meine Arbeit beim IKRK war ich bereits so gut vernetzt mit internationalen Halbmond- und Rotkreuzorganisationen, dass der Schritt zum Schweizerischen Roten Kreuz naheliegend war. Ich wollte den Bezug zur Schweiz nicht ganz verlieren, darum kam es mir entgegen, zu einer Organisation mit Sitz in der Schweiz zu wechseln.
Beim SRK hast du zuletzt die Abteilung Afrika, Nahost und Amerika geleitet – was hat dich bewogen, dieses renommierte Amt für FAIRMED aufzugeben?
Ich durfte mit einem grossartigen Team, das ungefähr doppelt so gross wie FAIRMED ist, arbeiten und habe dabei sehr viel erreicht. Mir war aber klar, dass meine Aufgabe gar nicht mehr so viel grösser und breiter werden konnte. Als ich sah, dass FAIRMED einen neuen CEO suchte, packte ich die Chance. In einer vergleichsweise kleineren Organisation wie FAIRMED ist der Weg bis dort, wo ich tatsächlich etwas bewirken kann, kürzer. Hier bin ich näher dran an allem, was die Organisation macht – von den Programmen über die Mittelbeschaffung bis zur Kommunikation. Diese Bereiche zusammenzuführen, ihnen einen klaren Rahmen zu geben, deren Entwicklung zu unterstützen, reizt mich sehr. Und ich glaube, mit meiner Erfahrung und meinen Beziehungen sollte es mir gelingen, für FAIRMED ein Mehrwert zu sein, der allen dient.
Davon sind wir überzeugt. Alle im Team freuen sich über dich als neuen CEO und sind hochmotiviert, mit dir zusammenzuarbeiten – im Büro Bern macht sich eine geradezu euphorische Aufbruchsstimmung breit. Drei Monate bist du jetzt im Amt - was ist dein erster Eindruck von FAIRMED?
Es sind ja erst rund hundert Tage. Was ich aber bereits sagen kann, dass das FAIRMED-Team in Bern und in den Ländern einen ungemein motivierten Eindruck macht und die Stimmung im ganzen Team sehr konstruktiv ist. So verschieden die Mitarbeitenden und deren Einsatzgebiete sind, so klar setzen sich alle für die Sache ein. Man merkt deutlich, dass jede und jeder vor Augen hat, für die Ärmsten bis ans Ende der Welt zu gehen. Spannend ist für mich auch, dass ich zwar in meiner bisherigen Karriere in der Entwicklungszusammenarbeit in über 20 Ländern tätig war, jedoch noch in keinem einzigen FAIRMED-Einsatzland.
Dann wirst du bald vor Ort in die Länder reisen, um die Projekte kennenzulernen?
Um unsere Landesverantwortlichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ländern kennenzulernen und die Projekte zu verstehen, ist ein Besuch vor Ort wichtig. Es gilt aber immer abzuwägen, ob eine Reise in ein Projektland wirklich nötig ist – das ist meines Erachtens der Fall, wenn es zum Beispiel eine schwierige Situation zu lösen oder Verhandlungen mit der Regierung zu führen gilt. Natürlich bin ich zehnmal glaubwürdiger, wenn ich hier in der Schweiz von FAIRMED erzähle und auf die eigene Erfahrung vor Ort in einem Projektland zurückgreifen kann. Ich finde es aber wichtig, bei diesen Reisen in die Länder den ökologischen Fussabdruck ebenfalls einzubeziehen. Die Pandemie hat uns ja auch gelehrt, dass die Mitarbeitenden in den Ländern noch mehr Verantwortung übernehmen können, dass der Austausch auch über digitale Wege gut funktioniert und reger geführt werden kann, ohne dass man sich regelmässig in der Realität begegnet – auch wenn nichts den direkten Austausch ersetzt.
Du kommst mit einem frischen, neuen Blick von aussen zu FAIRMED. Was denkst du, wo wirst du den Rotstift ansetzen?
Wenn Korrekturen nötig werden sollten, werde ich sie gemeinsam mit den dafür verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickeln. In den nächsten drei bis vier Monaten bin ich prioritär damit beschäftigt, die Gesamtstrategie von FAIRMED so fertigzustellen, dass sie in ein logisches Ganzes geführt wird, in dem alle Teilstrategien zusammenkommen. Ich bin daran, dafür die Fäden zusammenzusuchen, Gespräche zu führen und zu verstehen, wo wir stehen. Kurzfristig und unmittelbar möchte ich in Richtung transparente Kommunikation gehen und dem ganzen FAIRMED-Team einen klaren Rahmen geben können. Ich bin überzeugt, dass sich die Mitarbeitenden in einem klaren Rahmen besser und schneller entwickeln können und es leichter für sie wird, selber Entscheidungen zu treffen.
Wo siehst du FAIRMED in 20 Jahren?
In erster Linie ohne mich (lacht)! Wofür FAIRMED heute steht, könnte die Organisation auch noch in 20 Jahren stehen – nämlich dafür zu sorgen, dass auch die Ärmsten gesund leben können. FAIRMEDs Arbeit wird sicher anders aussehen, und wer weiss, vielleicht wird es keine Schweizer Finanzierung mehr dafür brauchen.
Inwiefern?
Vielleicht werden die Länder, in denen wir heute wirken, in 20 Jahren so weit sein, dass sie das Ziel, den Ärmsten Zugang zu Gesundheit zu ermöglichen, selber verfolgen und finanzieren können. Unsere Rolle könnte es dann sein, dass wir bei der Umsetzung dieses Ziels von den Regierungen nur noch als technische Berater beigezogen werden – dank unserer langjährigen Erfahrung könnten wir beispielsweise sicherstellen, dass auch Menschen mit Behinderungen und solche, die nur lokale Dialekte sprechen, Zugang zu Gesundheit erhalten. Somit würden wir direkt von den betreffenden Staaten finanziert und müssten kein Fundraising in der Schweiz mehr betreiben.
Dies ist in gewissen Ländern bereits heute Realität.
Ja, gerade sind wir von der Regierung der Malediven angefragt worden, sie dabei zu beraten und zu unterstützen, bis ins Jahr 2030 Lepra auszurotten. Wir sind nun daran, diese Zusammenarbeit zu prüfen. Eine solche Anfrage einer Regierung geht auf den guten Ruf zurück, den wir uns bereits in benachbarten Ländern wie Sri Lanka und Indien erarbeitet haben. Seit mehr als 60 Jahren haben wir tägliche Übung darin, die Barrieren abzubauen, die der Gesundheitsversorgung der Ärmsten im Weg stehen: Wir wissen, wie wir sie unterstützen können, wenn sie weit weg von einem Strassennetz leben, kein Geld haben, um Medikamente zu bezahlen, Angst haben davor, vom Arzt unfreundlich behandelt zu werden oder dessen Dialekt nicht verstehen.
Lorenz Indermühle, 54
Master of Science in Development Studies
Lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen Söhnen in Hinterkappelen/BE