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Das Modern Jazz Quartet hat über 40 Alben veröffentlicht, davon mehrere von Live-Auftritten. Zusätzlich gibt es eine grosse Anzahl von Kompilationen und Gesamtausgaben. Wieso also ausgerechnet das Album «Lonely Woman»? Das hat verschiedene Gründe. Einerseits wird es von vielen Jazzkritikern als das beste Album des MJQ betitelt (darüber kann man sich natürlich streiten), anderseits zeigt es, wie vielseitig die vier Musiker waren. Brachte John Lewis durch seine Kompositionen und Arrangements viele Elemente aus der klassischen Musik ins Quartett, war Milt Jackson derjenige, der das Ganze mit Blues- und Gospeleinflüssen vermischte.
Doch hier kam plötzlich ein zusätzlicher Einfluss zum Tragen, eine Komposition, die eigentlich überhaupt nicht dem üblichen Repertoire des MJQ entsprach und trotzdem – oder eben deshalb – die vier zu einer Sonderleistung führte. Das Stück «Lonely Woman», komponiert vom damals umstrittenen Ornette Coleman (die einen nannten ihn einen der grossen Jazz-Erneuerer, den Begründer des Free-Jazz, die anderen rümpften die Nase ob seines «Plastik-Saxophons» und seiner Freestyle-Improvisation), wurde von John Lewis gewählt, weil er ein Förderer von Ornette Coleman und dessen Musik war und den jungen Saxophonisten grosszügig unterstützte.
Um zu unterstreichen, was ich meine, hier ein kurzer Ausschnitt aus der Originalaufnahme des Ornette Coleman Quartett.
Das Modern Jazz Quartet
Bevor wir uns dem gesamten Album zuwenden, hier ein kurzer Überblick über die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Quartetts:
Das MJQ war ursprünglich die Rhythmusgruppe der Dizzy Gillespie Big Band, damals mit Ray Brown am Bass und Kenny Clarke am Schlagzeug. Sie spielten als Quartettformation bei Auftritten der Big Band als «Entr’acte». Nach der Auflösung der Dizzy Gillespie Big Band traten sie als Milt Jackson Quartet weiter auf, allerdings ersetzte Percy Heath Ray Brown, der sich der Begleitgruppe seiner damaligen Frau Ella Fitzgerald anschloss.
1952 einigte man sich auf den neuen Namen «The Modern Jazz Quartet», vor allem auch, weil John Lewis mehr als nur eine Jam-Session-Band wollte. Seine erste Komposition für das neue Quartett war «Vendome», ein erster Versuch, Jazz mit Elementen europäischer Kammermusik zu kombinieren. Auch visuell hob sich das MJQ von anderen Jazzformationen ab, traten die vier Musiker doch stets in Smokings auf und versuchten vor allem, Konzerte auf grossen Bühnen zu geben und nicht mehr in lärmigen Nachtclubs aufzutreten, in denen die Musik mehr als Zugabe betrachtet wurde.
Anfang 1955 verliess Kenny Clarke das Quartett, da er sich in John Lewis’ Musikvorstellung zu eingeengt fühlte. Er wurde durch Conny Kay ersetzt. Im Juni 1955 nahm das neue MJQ seine letzte LP für das Prestige Label auf: «Concorde».
Bei Atlantic Records wurde das Quartett von Nesuhi Ertegun zum Erfolg geführt. Es folgten diverse Konzerte und Aufnahmen mit Gastmusikern wie Jimmy Giuffre oder Sonny Rollins sowie grosse, erfolgreiche Konzerttourneen.
1956 wurde «Django» veröffentlicht. Lewis komponierte auch Musik für zwei Filme «No Sun in Venice» und «Odds against Tomorrow». Stücke daraus wurden neu arrangiert vom Quartett übernommen.
1960 folgte «Pyramid» und eine ausgedehnte Europatournee. Das Doppelalbum «European Concert» aus jener Zeit ist absolut empfehlenswert.
1961 spielte das Quartett auch in Bern, ein Konzert, das mich als Teenager-Amateur-Vibraphonisten tief beeindruckte.
1974 verkündete Milt Jackson, dass er eigene Wege gehen wolle, dass das ständige Reisen zu viel für ihn wurde. Das MJQ gab im November 1974 ein letztes Konzert, das zuerst auf zwei LPs und später als «The Complete Last Concert» veröffentlicht wurde.
1981 kamen die vier jedoch wieder zusammen, ursprünglich für eine Japan-Tournee. Daraus wurden weitere erfolgreiche Jahre, die durch Conny Kays' Schlaganfall 1992 ein jähes Ende zu haben schienen. 1994 verstarb Conny Kay. Für die nächsten drei Jahre übernahm Percy Heaths Bruder Albert die Perkussionsarbeit im Quartett.
1996 durfte ich das MJQ nochmals in meinem Lieblingsjazzclub (Marian’s Jazz Room in Bern) erleben. Es war ihre letzte Tournee. 1999 verstarb Milt Jackson, 2001 John Lewis und 2005 Percy Heath.
«Lonely Woman»
Das vorliegende Album umfasst acht Stücke, sechs davon stammen aus der Feder von John Lewis.
Das Titelstück von Ornette Coleman habe ich oben schon erwähnt. John Lewis’ Arrangement macht aus dieser Komposition ein für das MJQ massgeschneidertes Stück. Für mich geht dabei etwas von der Sehnsucht, der Einsamkeit und Traurigkeit des Originals verloren, doch das hat auch mit der Instrumentierung zu tun. «Animal Dance» beginnt zierlich, explodiert dann jedoch förmlich in rasante Soli – doch wie immer beim MJQ bleibt alles unter Kontrolle. Ähnlich geht es in Fugato zu und her. «Why are you Blue» von Gary McFarland entwickelt das Quartett zur wunderschönen Ballade.
In allen Stücken von John Lewis, oder besser des Modern Jazz Quartet, ist der arrangierte/geschriebene Anteil beträchtlich, lässt jedoch grosszügigen Raum für Improvisation, für atemberaubende Vibraphonsoli und für zum Teil einfach klingende, jedoch komplexe Pianosoli. Bass- oder Schlagzeugsoli im herkömmlichen Sinn gibt es auf diesem Album nicht. Natürlich haben die zwei Instrumente ihre Solo-Parts, doch ist deren Hauptaufgabe – neben den geschrieben Teilen – Vibraphon und Klavier in den Improvisationen bestmöglich zu unterstützen. Und das machen Percy Heath und Conny Kay perfekt.
Das Modern Jazz Quartett ist ein wesentlicher Bestandteil der Jazzgeschichte und half sowohl akustisch als auch visuell, eine Brücke zwischen der neuen und der alten Welt zu bauen. Jazz kam aus den verrauchten, dunkeln Clubs in Konzertsäle und auf Bühnen, auf denen auch klassische Werke aufgeführt wurden. Jazz wurde somit für viele Skeptiker «salonfähig». Die Musik des MJQ ist zeitlos. Nehmen Sie sich die Zeit, in diese einzutauchen.
avguide.ch meint
HD ≠ HD
Auf der Suche nach der qualitativ besten HiDef-Digitalisierung stiess ich auf zwei völlig unterschiedliche Varianten: Bei Qobuz gibt es diverse Versionen dieses Albums in CD-Qualität, doch nur die Ausgabe der BnF (Bibliothèque nationale de France) wird als HiDef in 96 kHz offeriert. Diese Version klingt jedoch wie eine digitalisierte Version der LP mit vielen Nebengeräuschen (auch zwischen den Stücken), Rumpeln und Rauschen. Ganz anders die 192-kHz-HiDef-Version bei HighResAudio, die von Warner/Atlantic stammt: Sauber, aufgeräumt und mit transparenten, natürlichem Klang – eine wahre Freude!