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Milford Sound
Te Wahipounamu, so nennen es die einheimischen Maori. In Englisch heisst es South West New Zealand World Heritage Area, ein Name den sich ebenfalls niemand merken kann. Seit 1990 gehört ein riesiger Streifen an Neuseelands Westküste zum Weltkulturerbe der UNESCO. Es umfasst die vier Nationalpärke der Westlands, Aoraki/Mt Cook, Fjordland und Mt Aspiring und soll die beste moderne Repräsentation von Gondwana, dem einstigen Urkontinenten, sein.
Zwei der Nationalpärke hatten wir in den letzten Tagen bereits besucht. Als wir an der Westküste aus Norden nach Franz Joseph und Fox Glacier mit ihren mächtigen Gletscher kamen und später von Wanaka aus im Mt Aspiring Nationalpark eine wunderschöne Wanderung zum Rob Roy Glacier unternahmen, bekamen wir einen ersten Eindruck von dieser vielfältigen Landschaft.
Als nächstes wollten wir den grössten der vier Pärke des Westland Heritage besuchen, die Fjordlands im Südwesten. Dieser Nationalpark, der fast die Hälfte des gesamten UNESCO-Gebietes ausmacht, ist auch der am wenigsten zugängliche. Nur einzelne Strassen und Wanderwege führen in die Wildnis. Die einfachste Möglichkeit bietet sich beim weltbekannten und gut erschlossenen Milford Sound an, den wir als nächstes besuchen wollten.
Der Name ist eigentlich schon mal irreführend. Als Sound werden nämlich Täler bezeichnet die nach Absenkungen der Umgebung vom Meer geflutet wurden. Ein gutes Beispiel dafür sind etwa die Marlborough Sounds. Wird aber ein Tal von einem Gletscher ausgeschliffen und geformt und später mit Meerwasser gefüllt, dann bezeichnet man das als Fjord. Die Namensgeber gingen beim Milford Sound also von falschen geografischen Gegebenheiten aus. Erst später fand man heraus, dass ein riesiger Gletscher das Tal formte. Streng genommen wäre der Milford Sound also ein Fjord.
Fahrt zum Milford Sound
Möglichkeiten für einen Besuch des Milford Sound gibt es viele. Da die Anfahrt aber recht weit ist buchen viele Touristen ein Kombipaket ab Queenstown oder Te Anau, bei dem sie mit einem Bus hinchauffiert werden und dann vor Ort eine Bootstour machen können. Bereits die Anfahrt soll aber gemäss Reiseführer äusserst schön sein. Wir beschlossen deshalb, die Strecke mit dem eigenen Campervan abzufahren. So konnten wir auch einfach mal anhalten und die Umgebung ohne Zeitdruck geniessen.
Wir hatten bereits im vorherein die Bootstour gebucht, um die Landschaft des Milford Sound auch vom Wasser aus zu erleben. Deshalb starteten wir früh am Morgen, denn für die 120 Kilometer benötigt man aufgrund der Strassenverhältnisse auch ohne Pausen gut 2.5 Stunden. Den ersten Stopp legten wir schon bald ein. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und tauchte die Umgebung in ein warmes Morgenlicht. Die letzten Nebelschwaden hingen still über der langgezogenen Ebene der Knobs Flat, die von schönen Bergen eingerahmt ist. Wir konnten die mystische Morgenstimmung fast alleine geniessen, denn ausser uns waren nur wenige andere Fahrzeuge unterwegs.
Wir kamen zügig voran, auch wenn wir immer wieder für ein Foto anhielten. Schon bald ging es hinein in die dichtbewaldeten Ausläufer der Südlichen Alpen. Die Strasse schlängelte sich hoch bis in einen geschlossenen Kessel. Steile Bergflanken ragten hunderte Meter in den Himmel. Der enge und dunkle Homer Tunnel verbindet die Ostzufahrt mit den Tälern an der Westseite. Auf der anderen Seite ging es dann ein paar Serpentinen hinunter bis zum kleinen Dörfchen Milford Sound.
Bootstour auf dem Milford Sound
Das Timing war perfekt. Wir hatten noch etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit bis zur Bootstour. Und auch mit dem Wetter hatten wir riesiges Glück. Denn diese Region von Neuseeland gilt als eine der niederschlagsreichsten der gesamten Erde. In einem Jahr fällt im Durchschnitt an 182 Tagen fast 7000mm Niederschlag. Trotz strahlendem Sonnenschein waren die Temperaturen am Morgen aber noch etwas kühl, denn es wehte eine frische Brise. Wir packten uns also warm ein, liefen zum Pier und konnten schon bald an Bord eines modernen Katamarans steigen.
Alle Boote befahren den Milford Sound in etwa auf derselben Route. So kommen sich die vielen Schiffe nicht in die Quere. Auch wir legten pünktlich ab und tuckerten auf die linke Seite des Meeresarms zu. Ein Naturguide erklärte während der Fahrt interessante Aspekte zum Fjord, der Umgebung und der Tier- und Pflanzenwelt.
Der Katamaran steuerte als erstes auf das Sinbad Gully zu, ein Naturreservat zwischen Mt Philips, Llawrenny Peaks und Mitre Peak. Im Kessel zwischen den Gipfeln wurde sogar vor einigen Jahren eine Vogelart wiederentdeckt, die für fast 100 Jahre als ausgestorben galt. Das Tal ist komplett isoliert und eignet sich daher besonders gut, um einheimische Arten wieder anzusiedeln.
Eine spezielle Eigenschaft des Fjords ist die sehr dunkle Wasserfarbe. Das Wasser ist zwar hunderte Meter tief, das ist aber nicht der alleinige Grund. Vielmehr ist es eine Kombination von Meerwasser und Süsswasser. Denn der viele Niederschlag wäscht Tannine aus den üppigen Wäldern aus und wird dadurch dunkel eingefärbt, ähnlich einem Schwarztee. Das Süsswasser bildet im Milford Sound einen etwa 6 Meter dicken Film, der auf dem Salzwasser aufsitzt. Diese Schicht lässt nur wenig Licht in die Tiefe dringen und gibt dem Wasser die dunkle Färbung. Durch diesen Umstand leben in den Gewässern des Milford Sound sogar Tiefseearten, die nirgendwo sonst auf der Erde so nahe an der Wasserfläche beobachtet werden können.
Im Winter fällt der viele Niederschlag zuweilen auch als Schnee. Als Folge donnern gewaltige Lawinen die steilen Flanken hinunter. Da sich die Vegetation an den Felsen nur sehr schlecht verankern kann wird sie meistens vom Schnee mitgerissen. Als Folge entstehen riesige Narben an den steilen Wänden.
Wir fuhren weiter um den Mitre Peak herum. Mit seinen 1692 Metern ist er einer der weltweit grössten Berge, die direkt aus dem Meer aufsteigen.
Beim Copper Point, der engsten Stelle des Fjords, blies ein strenger Wind um die Ohren. Und gleich dahinter tauchten die ersten grösseren Wasserfälle auf, Fairy Falls und Bridal Veil Falls. Da die Wände unter Wasser weiter steil abfallen, konnte der Kapitän den Katamaran ganz nahe an die Felsen heran steuern. Natürlich musste er dieses Manöver genau unter dem Wasserfall vorzeigen. Leider war es aber vor unserem Besuch über mehrere Tage aussergewöhnlich trocken. Deshalb führten die Wasserfälle nur noch wenig Wasser. Trotzdem gab es für die Personen am Bug eine kleine Dusche.
In der Anita Bay trifft die wilde Tasman See auf die ruhigen Gewässer des Milford Sound. Dort geht es manchmal recht ruppig zur Sache. Bei unserer Ausfahrt herrschten aber relativ ruhige Bedingungen.
Und wir hatten grosses Glück. Denn gerade als der Katamaran umdrehen wollte zeigten sich ein paar Delfine. Der Kapitän drosselte die Geschwindigkeit und wir konnten die flinken Tiere eine Weile lang beobachten. So einfach war das aber gar nicht. Im einen Moment waren sie hier, dann tauchten sie kurz ab um sich an einem ganz anderen Ort wieder zu zeigen. Sie zu verfolgen schien unmöglich. Die Delfine drehten ein paar Runden um das Boot, sprangen in die Luft und kurz darauf waren sie wieder weg. Ein Foto zu machen war fast unmöglich.
Irgendwann verloren wir sie aus den Augen und so machten wir uns auf die Rückfahrt, vorbei am Dale Point. Diese Felsnase war der Grund, warum der Milford Sound lange gar nicht entdeckt wurde. Denn sie verdeckt den Eingang und macht es fast unmöglich, den Meeresarm vom Meer aus zu erkennen. Weiter vorne erreichten wir den Seal Rock. Es sonnten sich duzende Fellrobben auf den warmen Felsen. Sie liessen sich von den zahlreichen vorbeifahrenden Schiffen in keinster Weise aus der Ruhe bringen und gingen seelenruhig ihrem Tagesgeschäft nach.
Beim nächsten Highlight gab es für die Personen am Bug wieder eine kalte Dusche. Der Stirling Fall ist der zweithöchste permanente Wasserfall im Fjord und wird von einem Gletscher gespiesen. Das Wasser fällt über 146 Meter direkt ins Meer und bietet den Besuchern ein einmaliges Erlebnis. Der Kapitän steuerte den Katamaran wieder bis auf wenige Zentimeter an die Felsen heran und hatte seine Freude. Es war äusserst eindrücklich, unter den Wassermassen zu stehen. Einzelne Tropfen glitzerten im Sonnenlicht und ein Regenbogen verzierte den Moment.
Die Rückfahrt führte weiter an der Cascade Range vorbei. Die fast senkrechte Wand ragt direkt aus dem Wasser mehrere hundert Meter in den Himmel empor und wirft einen riesigen Schatten auf den Fjord. Der Katamaran schien winzig klein neben dieser imposanten Felswand.
Bevor wir wieder in den Hafen einliefen konnten wir noch ein letztes Mal den Bowen Fall bewundern. Er ist einer von nur zwei permanenten Wasserfälle und stürzt sich über 160 Meter in die Tiefe. Seine Wasserkraft wird auch zur Energiegewinnung für das Dörfchen genutzt.
Dann war der Ausflug vorbei und für uns ging es wieder zurück Richtung Te Anau.
Rückfahrt nach Te Anau
Auf der Hinfahrt durften wir uns trotz magischer Morgenstimmung nicht allzu viel Zeit lassen, denn wir hatten die Bootstour bereits gebucht und mussten pünktlich vor Ort sein. Auf der Rückfahrt hatten wir aber genügend Zeit, ein paar weitere Highlights der Region anzuschauen und ein paar kurze Spaziergänge zu unternehmen.
Den ersten Stopp machten wir bei The Chasm. Der Cleddau River stürzt dort über mehrere Kaskaden in die Tiefe und frass sich im Laufe der Zeit immer tiefer in den Felsen. Er formte und schliff viele Dellen und Löcher in den Stein und hinterliess einen faszinierenden Flussabschnitt. Das Donnern des Wassers war bereits von weitem zu hören. Die Schlucht ist aber dermassen eng, dass man nur an wenigen Stellen einen Blick auf die tosenden Wassermassen erhaschen kann. Die vielen Felsformationen beeindruckten dennoch.
Auch bei der Knobs Flat im Eglinton Valley mussten wir erneut anhalten. Die langgezogene Ebene zwischen den beiden Bergflanken faszinierte mich. Und beim Mirror Lake spiegelten sich die Berge wunderschön im stillen Wasser. Das harte Nachmittagslicht war jedoch bei weitem nicht mehr so fotogen wie die warmen Sonnenstrahlen in den frühen Morgenstunden. Deshalb machten wir uns gemütlich auf den Weg zurück zum Campingplatz.
Fazit
Der Ausflug in den Milford Sound war zwar recht weit, aber aus meiner Sicht absolut lohnend. Die 120km selber abzufahren war eine gute Entscheidung. So konnten wir auf der Hin- und Rückfahrt immer wieder anhalten und uns Zeit nehmen. Die frühen Morgenstunden tauchten das Eglinton Tal in wunderbare Farben und zauberten mit den Nebelschwaden eine mystische Stimmung herbei. Da wir jedoch bereits für 10:30 Uhr die Bootstour gebucht hatten konnten wir uns für diese Momente nicht allzu viel Zeit nehmen, denn 2.5 Stunden mussten wir für die Fahrt alleine bereits einplanen.
Die Bootstour auf dem Milford Sound war zwar absolut überlaufen, aber mit Bestimmtheit auch eines der Erlebnisse, das sich trotz Touristenmassen lohnt. Da alle Schiffe in etwa dieselbe Route abfahren spielt der Anbieter eigentlich keine grosse Rolle. Ich fand es toll, dass auf unserem Boot ein Naturguide während der Fahrt viele interessante Geschichten und Fakten erzählte. Ich kann dir diesen Ausflug also wärmstens empfehlen.
Aber auch die kurzen Stopps auf der Rückfahrt, etwa bei The Chasm und beim Mirror Lake, boten sich ideal an, um kurz die Füsse zu vertreten. Wir hatten zwar tolles Wetter, ich kann mir aber auch vorstellen, dass die Landschaft und der Ausflug bei Regen schöne Momente zu bieten hat.
Den teuren Campingplatz in Te Anau hätten wir uns aber sparen können. Denn auf der Fahrt entdeckte ich im Eglinton Valley viele schöne und meist leere Übernachtungsplätze des DOC. Eine Nacht dort draussen in der Natur wäre bestimmt schöner gewesen als weiter vorne in Te Anau. Nichtsdestotrotz war es für mich ein absolut schöner und lohnender Ausflug, den ich jedem empfehlen kann.