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Die fast vergessene Geschichte der «Senegalschützen»
- Montag, 24. August 2015, 15:19 Uhr
Der kamerunische Autor Patrice Nganang hat einen Roman über ein bisher kaum bekanntes Thema geschrieben: Afrikanische Kolonialsoldaten im Zweiten Weltkrieg. Nganang zeigt auf, dass die Auswirkungen dieser Zeit noch heute in Kamerun und anderen afrikanischen Ländern spürbar sind.
Wer ihm in der Perspektive und mit der Nase eines Hundes im Buch «Hundezeiten» durch die Hauptstadt Kameruns gefolgt ist, mag Patrice Nganang für einen leichtfüssigen Schriftsteller halten. Doch schon mit dem zweiten auf Deutsch erhältlichen Buch «Der Schatten des Sultans» wird klar, dass der 45-jährige Autor mit seinen Büchern tief in die Gesellschaft eindringt. Genauer: in die Geschichte seiner kamerunischen Gesellschaft.
Der Roman führt uns in die Welt des Sultans Njoya und dessen Königreich Bamum. Wir befinden uns in Westkamerun zur Zeit der Kolonialisierung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Faszinierend ist es dabei, mitzuerleben, wie mögliche Vorurteile über «primitive» afrikanische Gesellschaften zerbröseln. Etwa wenn man erfährt, dass Sultan Njoya 1921 ein 500-seitiges Buch über sein Königreich Bamum und dessen 400-jährige Geschichte verfasst hat, in einer von ihm selbst geschaffenen Sprache und selbst gestalteten Schrift. Oder dass Njoya eine eigene Religion gestiftet und ein Buch der Liebe verfasst hat, sozusagen ein afrikanisches Kamasutra.
Afrika und der Zweite Weltkrieg
Die Geschichte seiner Heimat hat Nganang nicht mehr losgelassen. Mit seinem neusten Buch «Die Zeit der Pflaumen» widmet er sich – wiederum nach jahrelangen Recherchen – den Soldaten seines Landes Kamerun, die im Zweiten Weltkrieg mit General de Gaulle gegen die Naziherrschaft in Frankreich kämpften. Es ist ein vernachlässigtes Kapitel der Geschichtswissenschaft.
Die Kolonien lieferten im Zweiten Weltkrieg nicht nur Rohstoffe für die Rüstungsindustrien und Nahrungsmittel für die Truppen. Sie stellten auch Millionen Soldaten. Allein etwa eine Million Kolonialsoldaten standen unter französischem Kommando. Sie wurden der Einfachheit halber «Senegalschützen» (Französisch «Tiraulleurs sénégalais») genannt, egal, aus welcher Kolonie sie stammten.
Eine weitere Million stand unter britischem Befehl. Kolonialsoldaten verstärkten die alliierten Landetruppen in Italien und Frankreich und marschierten 1944/45 mit über die deutschen Grenzen, um dem NS-Regime endlich den Garaus zu machen. Gelohnt hat es ihnen niemand.
Bis heute bestehende Machteinflüsse
Nganang verwebt in seinem Roman zahlreiche, durch Familie oder Freundschaft verbundene Einzelschicksale mit der politischen Entwicklung von 1940 bis 1944. Dabei nimmt man teil an ihrem Leben, das durch die Kriegsereignisse im fernen Europa völlig durcheinandergerät.
Die meisten seiner zahlreichen Personen sind frei erfunden. Zwei allerdings sind kamerunische Persönlichkeiten, die tatsächlich gelebt haben, nämlich der Dichter Louis-Marie Pouka, dem nichts über französische Alexandriner-Verse geht, und der Unabhängigkeitskämpfer Ruben Um Nyobè.
An Letzterem entwickelt der Autor Nganang eine unerwartete Thematik. Er macht deutlich, wie de Gaulle schon zu diesem Zeitpunkt begann, die französische Herrschaft über das frankophone Afrika zu festigen – ein Machteinfluss, der gemäss dem Autor bis heute besteht. Das ist sein Geschichtsverständnis. Und es zeigt sich darin seine Haltung gegen die Diktatur in Kamerun und in anderen afrikanischen Ländern.
Patrice Nganang
Der Autor und Literaturwissenschaftler (geboren 1970 in Yaounde) promovierte an der FU Berlin. Seit 2000 lebt er in den USA.
Bücher von Patrice Nganang
«Zeit der Pflaumen», 2014.
«Hundezeiten», 2013.
«Der Schatten des Sultans», 2012.
Alle erschienen im Peter Hammer Verlag, übersetzt aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke.
Literatur zum Thema
Viele weitere afrikanische Autoren haben zum Thema geschrieben, z.B. Amadou Hampate Ba («Wangrin», 1973), Sembène Ousmane («Les bouts de bois de dieu», 1960). 2012 erschien Tierno Monénembos Roman «Le terroriste noir», der ganz in Frankreich spielt.
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