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Literarische Reanimation des Dadaismus
Bernd Giehl
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Eines muss man Siggi Liersch ja lassen: Mut hat er. Schon das Bild des Autors auf dem Cover wirkt eher abschreckend. (Womöglich ist es mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen worden, einem sogenannten „Fisheye», das den Abgebildeten dicker macht, als er wirklich ist…) Dass dieses Bild allerdings nicht zufällig ausgewählt, sondern Programm ist, merkt man bald, wenn man den einen oder anderen der «Kurzprosa» genannten Texte aufschlägt.
In den ersten beiden Teilen, «Köttelbug» und «ich», ist keiner länger als eine Seite. Die meisten Texte haben einen Umfang von einer drittel bis einer halben Seite. Es handelt sich um ins Groteske gesteigerte Beobachtungen aus dem Alltag, oder dann um Traumsequenzen. Ein Kartenspieler sitzt in einem Raum, in dem die Vorhänge zugezogen sind und gewinnt eine halbe Frau, vom Bauchnabel abwärts, die zudem aussätzig ist. Er möchte ins Freie, wo Geckos an Holzmasten sitzen und von denen einer gerade seine halbe Frau verspeist. («Spiel»). In einem anderen Text («Avantgarde») verwirklicht ein bisher unbekannter Komponist namens Molotow («nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, politisch orientierten Namensvetter») den Traum der Futuristen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und bringt in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen ein Orchester auf die Bühne, das statt mit Violinen, Oboen und Blechblasinstrumenten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Splitterbomben bewaffnet ist.
Offensichtlich hat da einer den Dadaismus, jene von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und anderen 1916 in Zürich erfundene Kunstrichtung, noch einmal für sich neu gefunden. Eine schöne Definition von «Dada» habe ich im «Funkkolleg Moderne Literatur» von 1993 gefunden. Laut Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck kam «Dada […] aus dem Leib eines Pferdes als Blumenkorb.» (Studienbrief 4, 12/6) Oder anders gesagt: Dada verbindet möglichst disparate Elemente zu einem Ganzen. Dinge werden montiert, die in der Realität sonst nichts miteinander zu tun haben. In den Texten des studierten Germanisten Siggi Liersch feiert dieses Prinzip Wiederauferstehung. Auch die über das Buch verstreuten Collagen sind im Stil des Dadaismus gehalten.
Ob man das alles ernst nehmen muss? Meiner Meinung nach sind es eher sinnfreie Texte, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben. Aber über Dada und die Frage, ob es einen Sinn im Unsinn gibt, lässt sich bekanntlich wunderbar streiten. Wobei man in einer Zeit, in der eine Partei Steuersenkungen fordert, obwohl sie weiß, dass der Staat so hoch verschuldet ist wie nie zuvor, schon einmal darüber nachdenken kann, ob das Groteske nicht langsam immer mehr zur Realität wird und man der Realität (allenfalls) noch mit Satire beikommen kann…
Siggi Liersch, Köttelbug, ich & andere, Kurzprosa und Collagen, 152 Seiten, BoD Norderstedt, ISBN 978-3-8391-2179-5
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