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Die Nachricht war erwartet worden, doch als der Union Jack vor dem Schloss Balmoral in Schottland auf halbmast gesenkt wurde, war den beklommenen Zuschauern klar, dass die Königin ihren letzten Atemzug getan hatte.
Sofort füllte sich die Schlosszufahrt mit britischen Untertanen, die Blumen niederlegten.
Gleichzeitig, 500 Kilometer weiter südlich in London, kamen sie vor den Toren von Buckingham Palace zusammen, um zu trauern und sich gegenseitig zu trösten, denn ihr Tod hatte eine monumentale Lücke gerissen.
Schliesslich: Sie war immer da.
Sie war England. Sieben Jahrzehnte lang wachte sie über ihr Volk.
Sie war der Inbegriff von Beständigkeit und Pflichterfüllung.
Mit Winston Churchill empfing sie den ersten von fünfzehn Premierministern, noch zwei Tage vor ihrem Tod mit Elizabeth Truss, der Nachfolgerin von Boris Johnson, die letzte.
Sie war fromm. Sie war konservativ. Sie war prinzipienfest.
Doch sie zeigte unverkennbar britischen Humor, als sie sich von Daniel Craig als James Bond aus dem Buckingham Palace eskortieren liess und – in einer unwiderstehlichen Montage – über dem Olympiastadion mit dem Fallschirm absprang.
«In einem pinkfarbenen Kostüm», wie Boris Johnson im Unterhaus ausführte, als er ihr zum Platin-Kronjubiläum gratulierte und sie «Elisabeth die Grosse» nannte.
Tatsächlich schrumpfen die rund 170 Staatsmänner der Welt, die sie begrüsst hat, neben ihr zu flüchtigen Figuren des Tagesgeschäfts, zu Gelegenheits-Gästen. Keiner von ihnen besass jene Weitsicht, jene Würde, jene Seriosität, mit der sie ihr Amt ausfüllte.
Ich habe sie zweimal erlebt: 1965, als sie in Stuttgart landete und ich ihr, als Elfjähriger, als Sohn eines Bürgermeisters, am roten Läufer die Hand reichen und einen Diener machen durfte.
Sie trug weisse Handschuhe. Meine Mutter auch, die den Knicks tagelang geübt hatte.
Sie war eine Königin aus dem Märchen und so jung. Vierzig Jahre später, 2005, habe ich ihre Hand erneut gedrückt, im Garten des Buckingham Palace beim alljährlichen traditionellen Tee, bei dem sie verdiente Untertanen, Sozialarbeiter, Kindergärtnerinnen, einfache Menschen, die sich Verdienste erworben hatten, bewirtete.
An jenem Tag hatten Terroristen zum zweiten Mal innerhalb von vierzehn Tagen mörderisch zugeschlagen, als sie einen Doppelbus in die Luft jagten.
Helikopter kreisten über dem Palast und den Gärten. Doch die Queen zeigte sich stoisch und ging, Hände schüttelnd, durch die Reihen und setzte sich schliesslich nieder zu Tee und Butterscones. Sie zeigte Anmut und stiff upper lip. Und sie imponierte mir noch mehr als beim ersten Mal.
Sie wusste früh, was Pflichterfüllung hiess: Im letzten Krieg liess sie sich zur Mechanikerin ausbilden. Sie wandte sich über Radio an ihre Landsleute und zeigte, dass sie an deren Seite stand.
Sie half, wo sie gebraucht wurde. Als London-Korrespondent sah ich die Fotos, die nachts am Victory in Europe Day auf die Fassade von Buckingham Palace projiziert wurden, Fotos vom Krieg und vom Sieg.
Als ihr nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters die Krone zufiel, war sie gerade 25 Jahre alt und ergriff buchstäblich das Zepter, das ihr in die Hand gegeben wurde, und sie herrschte als konstitutionelle Monarchin über ein Commonwealth mit Hunderten von Millionen Menschen.
Die Bilder von ihrer Krönung wurden – erstmalig – vom Fernsehen übertragen. Was für ein Spektakel, die goldene Kutsche, hinter den Scheiben die junge Königin, das Lächeln, die Krone, das goldene Zepter, die Rösser, das Meer der Jubelnden – wie glücklich eine Nation, die über solches Zeremoniell verfügt.
Denn solche Rituale sind im Bunde mit einer Ewigkeit, ohne die ein Staat dürftig dasteht.
Wie wichtig eine Institution wie die Monarchie sein kann, erleben wir Deutsche ja regelmässig anlässlich der vergaunerten und politisch ausgeheckten Wahlen unseres Staatsoberhauptes.
Keines von ihnen hat je die Neutralität und Zurückhaltung und Würde ausgestrahlt, wie sie Elisabeth die Zweite von England verkörperte.
Selbst als die Pop-Supernova Lady Di verunglückt war und das Volk pinkfarbene Teddy- und Blumenhalden vor den Zaun von Buckingham Palace kippte und alle in Tränen schwammen, bewunderte ich sie.
Denn sie hielt sich an das Protokoll – halbmast gab es nur für Mitglieder der königlichen Familie, aus der sich Lady Di ja schliesslich, als Celebrity und «Königin der Herzen» für die Couch-Potatos der Welt, verabschiedet hatte.
Wo damals alle – von Tony Blair bis Helmut Kohl – aus dieser Tragödie politisches Kapital zu schlagen versuchten, blieb sie aufrecht. Sie trauerte, und sie blieb reserviert.
Erst nach einigen Tagen gab sie nach, da die Saccharin-Welle auch die Institution der Monarchie zu unterspülen drohte und die Republikaner Aufwind bekamen.
Doch Queen Elizabeth zeigte sich auch diesem Rührkompott gewachsen und ging gestärkt aus den Turbulenzen hervor.
Dass sie der Popzirkus am Ende doch noch böse erwischte, ist beklagenswert. Sie wird gelitten haben unter den Rassismus-Beschuldigungen der mittelmässig begabten, dafür umso ehrgeizigeren Serien-Schauspielerin Meghan Markle, die Oprah Winfrey für die wahre Königin hält. Sie hat sie ihrem Lieblingsenkel Harry entfremdet.
Aber all das ist verweht.
Im Gedächtnis bleibt das Bild einer in Schwarz trauernden Königin, allein auf einer Bank in Westminster Abbey, ins Gebet versunken, vor dem Sarg ihres Ehemannes Prinz Philip, der ihr im vergangenen Jahr vorausging, im Alter von knapp 100 Jahren.
Sie war 74 Jahre mit ihm verheiratet, in «guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod sie schied».
Nun wird ihr Sohn Charles König sein.
Nun endlich, mit 73 Jahren.
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