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Eigentlich hatten die Eltern sich etwas ganz Anderes mit ihrem Sohn im Sinn: Dass dieser einst ein «Narrendoktor» und «Robinson der Alpen» werden würde, hätte niemand gedacht. 1823 kam Arnold Rikli in Wangen an der Aare zur Welt, sein Vater Abraham Friedrich Rikli war einflussreicher Politiker und erfolgreicher Besitzer einer Färberei. So begann auch Arnold Rikli im Alter von 20 Jahren seine berufliche Laufbahn als Betriebsassistent in der väterlichen Färberei. Doch der junge Mann hatte schon damals andere Interessen als sein Vater: Er brannte für die Naturheilkunde und machte damit Experimente.
Man muss sich vergegenwärtigen: Wir sprechen von der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung und die Aufrüstung der Landwirtschaft viele unerwünschte Nebenwirkungen zeigten. Beispielsweise die Verarmung der Arbeiterschaft oder gesundheitliche Beeinträchtigungen. Rachititis, Asthma und Tuberkulose, aber auch Krankheiten wegen Vitaminmangel bestimmten einen beelendenden Alltag.
Rikli nahm das wahr und beschäftigte sich mit der Heilkraft des Wassers, der Luft und der Sonne. Um der väterlichen Fuchtel zu entkommen, heiratete er schon mit 21 Jahren und wanderte ein Jahr später aus. 1845 gründete er mit seinen Brüdern Karl und Rudolf eine Garnfäberei in Seebach in Oberkärnten.
Auch hier fühlte er sich mehr der Naturheilkunde und der «Wasserheilkunst», wie er sie nannte, verbunden: «Ich fing an, unsern kranken Arbeitern Rath zu erteilen mit hydriatischen Anwendungsformen.» Zudem pröbelte er an neuen Gerätschaften herum und konstruierte einen originellen Bettdampf-Apparat und bekam in der Umgebung den Namen «Wasserarzt». Erste gute Resultate mit seiner Heilkunst führten dazu, dass er ganz auf dieses Gebiet setzen wollte.
1854, im Alter von 31 Jahren, zog Arnold Rikli einen Schlussstrich unter das Färbergewerbe und siedelte um, damit er sich ganz seiner Passion widmen konnte. Er kam nicht zurück in seine Heimat, weil seine Vision mit der Nacktkultur in der prüden Schweiz nicht realisierbar gewesen wäre. Deshalb liess sich Rikli mit seiner Familie am Rande eines Alpensees in Veldes nieder und gründete eine eigene Heilanstalt. Damals war der Ort Teil der Habsburger Monarchie und zählte zur Region Oberkrain; heute heisst der Ort Bled und liegt in Slowenien.
Rikli, der Selfmademan, behandelte meistens chronische, nicht lebensbedrohende Symptome von Kranken durchaus mit Erfolg, sodass er schon bald eine Jüngerschaft der «Riklianer» hinter sich scharen konnte – sie wurden scherzeshalber wegen ihrer spärlichen Bekleidung auch «Rikli-Indianer» genannt. Seinen Patientinnen und Patienten verordnete Rikli kombinierte Wasser-Luft-Licht-Therapien. Das klingt etwas abstrakt, denn im Konkreten empfahl er seinen Gästen etwas ganz Einfaches: Sie sollten sich nackt in den Rikli’sche Luftparks an der freien Luft bewegen, turnen und baden. Zudem empfahl Rikli vegetarische Diät.
Der «Sonnenarzt», wie man ihn nannte, empfing die Kranken stets barfuss und nur minimal gekleidet. Es gibt Bilder, die zeigen ihn unbekleidet bis auf ein Höschen, das aussieht wie eine Stoffwindel. Was heute merkwürdig bis albern wirkt, war damals umstritten und verwegen. Rikli war der Pionier der Nacktkultur schlechthin, lange vor Naturismus, Freikörperkultur und Nudismus. Bei seinen Kuren setzte er auf den Wechselreiz von Wasser, Luft und Licht, welcher das körperliche und seelische Gleichgewicht wiederherstellen sollte. Rikli verkürzte sein Motto mit einem Reim:
Damit schuf sich der selbsternannte Arzt Rikli, der nie eine Universität von innen gesehen hatte, keine Freunde. Zum einen verstiess er mit dem Nacktbaden gegen die gängigen Moralvorstellungen, gerade im streng katholischen Veldes, wo Rikli sogar mit dem Teufel gleichgesetzt wurde.
Zudem machte er folgenreiche Fehler. In grenzenloser Selbstüberschätzung behandelte er auch schwere Krankheitsfälle und scheiterte mit seinen Therapieformen: Pockenkranke etwa starben an seiner Behandlung! Er feindete die Schulmedizin als «phantastisches therapeutisches Lehrgebäude» an, bestritt die Wirkung von Impfungen, hielt Operationen für unnötig und bezweifelte grundsätzlich den Wert wissenschaftlicher Studien.
Prompt wurde er immer wieder von Ärzten angefeindet und vor Gericht gezerrt. Diese nannten ihn nicht den «Sonnenarzt», sondern den «Narrenarzt». Rikli war das egal, er verbreitete seine teils kruden Ansichten in heilkundlichen Publikationen, die grosse Verbreitung fanden. Riklis Fazit nach jahrelangem Kampf: «Das Volk wäre viel gesünder, wenn wir keine Ärzte besässen.»
Das Selbstbewusstsein des Naturheilers Rikli gründete auf seinen Erfolgen. Es kamen zwar nicht die Arbeiter von Fabriken, die er eigentlich therapieren wollte, sondern gut gestellte Bürgerinnen und Bürger aus den Grossstädten der k. und k.-Monarchie, die sich die verhältnismässig kostspieligen Kuren leisten konnten. 56 «Lufthütten» standen den Gästen zur Verfügung, sodass 1895 sogar der Bau eines zweiten Kurhauses nötig wurde.
Dank Rikli entwickelte sich Veldes (später Bled) bald zu einem führenden Kurbad. Der Schweizer setzte den zuvor touristisch unerschlossenen Ort auf die internationale Landkarte, sogar der jugoslawische Staatspräsident Tito machte Bled zu seiner Sommerresidenz – heute zählt der malerische Ort mit dem See zu einem der touristischen Highlights von Slowenien.
In Riklis Heilanstalt erholten sich auch der bekannte Literat Franz Kafka oder der Antroposoph Rudolf Steiner. Ebenso verbrachte hier der ehemalige Offizier Karl Gräser seinen Kuraufenthalt. Er schloss bei den Licht- und Lufthütten Riklis Bekanntschaft mit Ida Hofmann, einer aus Siebenbürgen stammenden Klavierlehrerin, und mit Henri Oedenkoven, dem Sohn und Erben eines bedeutenden belgischen Industriellen.
Gemeinsam war ihnen, dass sie die bürgerlichen Konventionen verabscheuten und ein Leben in Freiheit suchten. Sie diskutierten und gründeten daraufhin im Jahr 1900 mit weiteren Aussteigern eine eigene Institution, den Monte Verità in Ascona, übrigens ebenfalls mit «Licht-Luft-Hütten» nach Rikli’schem Vorbild.
Während der Monte Verità weltbekannt wurde, geriet Riklis Kuranstalt in Bled nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie und hinter dem eisernen Vorhang in Vergessenheit. In den letzten Jahren aber änderte sich das und Slowenien bemühte sich aktiv um Gäste auch aus der Schweiz.
Dementsprechend würdigte Slowenien den Schweizer Kurpionier mit einer Gedenkmünze, der Medalja Arnolda Riklija. Und in Bled selber finden seither «Riklis Sporttage» statt, aber auch das «Tennisturnier Rikli», die «Rikli-Wanderung», das «Rikli-Minigolfturnier» oder das «Rikli-Schachturnier». Und ein Rikli-Denkmal steht im Wald. Heute ist der Name Rikli im Kurort allgegenwärtig.
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