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Erzählungen aus meinem Arbeitsalltag – Versuch einer Wahrnehmungsgeschichte der jeweiligen Schulhäuser (Teil 1)
Das Studium von Beziehungen mithilfe von Beziehungen, von Gedanken mithilfe von Gedanken, von Ideen mithilfe von Ideen, von Erfahrungen mithilfe von Erfahrungen, von Geschichten mithilfe von Geschichten, von Wissen mithilfe von Wissen würde ich als eine Technik meiner Arbeit als Kulturagent definieren.
Es ist auch eine Art Ethnografie von Organisationspraktiken und die Schule ist ein Ort, an dem etliche dieser Praktiken tagtäglich verhandelt, angewendet, fallengelassen, weitergegeben, verwandelt und in ihren Grundstrukturen angelegt werden.
Nun habe ich damit begonnen, meine Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag in Miniaturen oder Kurzerzählungen festzuhalten, um für diese (Aktions-)Forschung eine Aufzeichnungsart zu (er)finden. Mit dieser Art des Schreibens möchte ich das Entdecken als Erkenntnisstil etablieren und mittels Fragmenten und Erinnerungsnotizen Spuren folgen, die ihre Dringlichkeit nicht offen zutage tragen und so meine Fragen spezifizieren und meine Zugänge optimieren. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, eine Form von Wahrnehmungsgeschichte des jeweiligen Ortes zu verfassen – ich möchte mich vergegenwärtigen, erinnern können.
Vier kurze Stücke aus dieser wachsenden Sammlung sind die folgenden:
1. Stück / 26. Oktober 2018
Eine Erzählung aus dem Lehrer.innenzimmer: Ein Schüler war heute morgen ausserordentlich störrisch. In der Mathematiklektion sollten alle ein Aufgabenblatt erledigen. Der Schüler begann äusserst motiviert und schon bald verkündete ein lautes «!Yeah» seinen Erfolg in der ersten Aufgabe. Auch das zweite und dritte mathematische Problem löste er ziemlich schnell und diesmal wurde das «!Yeah» begleitet von einem tänzerischen Move. Ich forderte ihn auf, dies zu unterlassen. Doch schon kurze Zeit später liess er erneut alle wissen, dass er einen Schritt weiter war. Ich begab mich also zum Schüler und sagte ihm, dass das nicht gehen würde. Er solle sich bitte vorstellen, wie es hier wäre, wenn alle Anwesenden sich so verhalten würden. Er sah mich an und auch nicht und sagte: «!Yeah. Dann würde ich gerne hier hin kommen.»
2. Stück / 4. Oktober 2018
Zwei Kindergärtner gehen an mir vorbei, wiehernd und eine Schnur hinter sich herziehend. Ihr an- und abklingendes Wiehern und mein Pfeifen klingen zusammen - Unrast. Der Spruch «Wer singt ist immer noch hoffend, nur wer pfeift ist wirklich frei.» kommt mir in den Sinn – Sklavenarbeiter*innen und Grossgrundbesitzer, keine Tätigkeit scheint frei von Klassenkonnotationen. Und wie ist es mit dem Imitieren von Tierstimmen? Soeben gehen die zwei Kindergärten wieder an mir vorbei – unentwegt laufen und sich doch nicht entfernen – jedes Schulhaus hat seine Kreisrouten. Nächste Woche bringe ich Schofaren oder eine Sirene mit. Oder umkreisen wir als Vogelschwarm oder Hunderudel die Schule?
3. Stück / 14. November 2018
Meine Anwesenheit im Schulhaus: Ruhe ausstrahlen und Unruhe pflegen – für mich der momentan entsprechendste Zustand –, unvoreiliges Miteinander-werden.
4. Stück / 1. November 2018
Ein weisses Blatt Papier – Foliot – hängt im Gang zum Innenhof des Schulhauses am Fahrradständer fest und der durchziehende Wind spielt mit ihm. Die eine fixierte Ecke zittert in hoher Frequenz, ein stehender und hoher Ton – ein Insekt.