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Zum K. zählen die Männer, die von der kath. Kirche durch Wahl und Weihe mit einem kirchl. Amt und einer geistl. Vollmacht ausgestattet und somit auf eine bestimmte religiöse Lebensweise verpflichtet sind. Voraussetzung ist ihre persönl. Freiheit vor Empfang der Weihe. Unterschieden werden der in eine Diözese eingeordnete Weltklerus und der einer Ordensregel unterstellte Ordensklerus. Den K. als Personenstand gibt es auch in den orthodoxen Kirchen, doch spielen diese in der Geschichte der Schweiz keine bedeutende Rolle. Auf die prot. Pfarrer wird der Begriff K. nicht angewendet.
Die ständ. Unterscheidung von K. und Laien war im 4. Jh., aus dem die frühesten Spuren des Christentums in der Schweiz stammen, voll ausgebildet. Der mit Lehr- und Weihegewalt ausgestattete Bischof leitete die noch vage umschriebene Diözese. Ihm unterstand der nach sieben Weihegraden gestufte K., wobei nur die drei oberen Grade (Subdiakon, Diakon, Priester) zur Ehelosigkeit verpflichteten. An Bischofssitzen wie Genf oder Chur war der K. gemäss archäolog. Zeugnissen zahlreich vertreten, am Kastellort Arbon um 610 gemäss der Gallus-Vita nur mit einem Priester und zwei oder drei Leviten (Subdiakone, Diakone). Hatten in der Spätantike die Bischöfe Taufkirchen gegründet oder in ihren Besitz gebracht, so lassen sich im Früh- und HochMA v.a. Grundherren als Kirchenstifter nachweisen. Als Eigenkirchherren beanspruchten sie die Bestellung der Geistlichen (Kollatur), die so den Bischöfen entglitt.
Über die Aufgaben und Probleme des spätantik-frühma. K. berichten fast nur normative Quellen: Akten der mailänd., burgund. und fränk. Synoden. Die wichtigsten Entscheidungen betrafen die Unterstellung des K. unter die Rechtsprechung der Kirche (privilegium fori), den Zölibat, den Ausschluss der Frauen von Altardienst und Diakonsweihe sowie die Kennzeichnung durch Tonsur und Habit. Umfassende, allgemein gültige Bestimmungen zu den klerikalen Amtspflichten erliess Kg. Karl der Grosse 789 in der "Admonitio generalis". Sie veranlasste einzelne Bischöfe, z.B. Haito von Basel, im selben Geist eigene Kapitularien zu publizieren. Von seinen Priestern verlangte Haito, den Gläubigen das Vaterunser, das Credo und die Responsorien der Messe beizubringen, das Athanasian. Glaubensbekenntnis und den Sinn der Sakramente zu kennen sowie die zur Pastoration nötigen Bücher zur Hand zu haben. Im Anschluss an die Verfügung Ks. Ludwigs des Frommen von 816 forderte er die Priester auf, die Horen (Stundengebete) zu beten. Dies geschah im Rahmen der allgemeinen und für die Kirche grundlegenden gegenseitigen Annäherung von Weltklerus und Mönchtum.
Im 11. Jh. setzte sich die Kirchenreform zum Ziel, die Kirche von der Herrschaft der Laien zu befreien (libertas ecclesiae). Das Eigenkirchenrecht wurde im 12. Jh. zum Patronatsrecht. Im späteren MA verloren die meisten weltl. Patronatsherren das Interesse an ihren Rechten und traten sie an Stifte und Klöster ab. Im Bistum Konstanz betraf dies mehr als die Hälfte der 1700 Pfarreien. Bei einer vollen Inkorporation der Pfarrei in die geistl. Institution zog diese nicht nur die Kollatur, sondern auch die Pfründe an sich und überliess die Seelsorge einem Mitglied ihrer Gemeinschaft oder einem Vikar. Voraussetzung dafür war die Erlaubnis von Papst Innozenz III. (1198-1216), Pfründe und Amt auseinander zu halten. In der Folge nahmen Kleriker ohne Priesterweihe (z.B. Kanoniker oder Universitätsstudenten) oder sogar Laien Pfründen an und verliehen das Amt einem Stellvertreter. Damit öffnete die Kirche der Pfründenhäufung Tür und Tor und entwertete das Amt des Seelsorgers. Nichtresidenz des Pfründeninhabers konnte zum Normalfall werden und traf z.B. in der Diözese Genf kurz vor der Reformation auf 80% der Pfarreien zu.
Trotz dieser negativen Tendenzen erfolgte im 15. und frühen 16. Jh. der Ausbau des nach 1200 weitgehend erstarrten Pfarreinetzes (Pfarrei), ausgelöst durch die wachsende Volksfrömmigkeit und das aufkeimende kommunale Bewusstsein einer wachsenden Bevölkerung. Meistens ging die Initiative von den Gem. aus, die mit Eigenmitteln die Pfründe ausstatteten und nötigenfalls die Kirche errichteten, um die teilweise (Kaplanei) oder volle Abkurung von der Mutterpfarrei zu erreichen. Bis ins frühe 16. Jh. blieb der Stiftungseifer von Geistlichen und Laien ungebrochen. Es entstand ein grosser Bedarf an Seelsorgern und Altaristen: In Graubünden stieg deren Stellenzahl in diesem Zeitraum um 25 bis 30%. Die Liturgie an Dom- und grösseren Stiftskirchen lockte Scharen von Klerikern ohne Seelsorgepflicht an: Um 1450 dienten allein an der Genfer Kathedrale 58 Chorkleriker.
Die Aufgaben des Seelsorgeklerus wurden massgebend auf dem 4. Laterankonzil von 1215 definiert, auf Diözesansynoden wiederholt oder ergänzt und durch Diözesanstatuten immer wieder eingeschärft. Seelsorge bestand primär aus "Singen und Lesen", d.h. der Messfeier an Sonn- und Feiertagen (dank Stiftungen auch an Wochentagen), dem Beten oder Singen der Horen, sodann der Verwaltung der Sakramente. Zu diesen zählten die jährl. Beichte zur Fastenzeit und die Osterkommunion, die den Ortsgeistlichen auch zur Kontrolle der Gläubigen und Zehntpflichtigen im Sinne des Pfarrzwangs dienten, ferner die Krankensalbung und das Sterbesakrament. Inwiefern der 1215 verstärkten Pflicht zur Sonntagspredigt nachgelebt wurde, ist schwer auszumachen. Jedenfalls begannen die Laien im 15. Jh. auf ihr zu beharren, und nach 1450 wurden an einzelnen Kirchen eigene Predigerpfründen gestiftet.
Der Priester galt zwar als der berufene Mittler zwischen Gott und den Laien, und die Pastoration verlangte von ihm neben theol. auch kirchenrechtl. Wissen. Die Kirche raffte sich aber trotz Anstössen auf dem Konzil von Vienne (1311) nicht dazu auf, ihm eine adäquate Bildung zu vermitteln. Der Bildungsstand ist schwer abzuschätzen, war jedoch wohl besser, als Satire und Polemik annehmen lassen. Die meisten Geistlichen hatten eine Lateinschule besucht, sich dann an einem Kanonikerstift vorbereitet oder bei einem Landgeistlichen gelernt. Erst im 15. Jh. stieg die Zahl der Seelsorger, die (meist ohne Abschluss) an der Artistenfakultät einer Universität studiert hatten.
Zum K. zählte, wer (frühestens im 7. Lebensjahr) die Tonsur empfing. Verzichtete er auf die höheren Weihen, so konnte er weltl. Berufe ausüben (ausgenommen z.B. diejenigen des Wirtes, Gauklers, Geldwechslers, Müllers), ohne die Standesprivilegien zu verlieren. Diese waren so begehrt, dass etwa in der Diözese Genf im 15. Jh. jährlich 150-160 Kandidaten die niederen Weihen erstrebten. Nur eine Minderheit suchte dagegen höhere Weihen, für die das Konzil von Vienne Mindestalter festgesetzt hatte (Subdiakon ab 18, Diakon ab 20, Priester ab 25 Jahren). Wer die Bedingungen in Bezug auf Alter, Bildung oder Herkunft aus der Diözese nicht erfüllte, bedurfte der bischöflichen, bei Illegitimität (z.B. Priestersöhne) einer päpstl. Dispens. Ein Examen vor Empfang der Weihen ist nicht für alle Diözesen nachzuweisen. In Konstanz stellte aber die bischöfl. Kurie nach erfolgreicher Prüfung ein Weihezeugnis aus, das bei der Bewerbung um eine geistl. Stelle vorzuweisen war.
Klagen über moral. Fehlverhalten des K. verstummten nie. Sie waren im SpätMA aber auch Ausdruck gestiegener Erwartungen der Laienwelt. Neben Trunksucht, Wucher und Kleiderluxus war das Konkubinat ein wichtiges Problem; 15-20% der Weltgeistlichen lebten vermutlich im Konkubinat. Kirchl. Strafen gegen Zölibatsbrecher wurden milde gehandhabt. Vor Massnahmen der weltl. Obrigkeit schützte das privilegium fori; weltl. Strafen wie Einkerkerung oder Verbannung ereilten deshalb nur "Pfaffendirnen" (z.B. in Bern 1405, in der Innerschweiz 1423).
Im spätma. K. bildete sich auch die Ständeordnung ab: Der Adel beanspruchte die Bischofssitze und Domkanonikate. Stadtbürger stiegen am ehesten dank akadem. Titels oder päpstl. Provision in den hohen K. auf oder begnügten sich mit Stiftskanonikaten. Der Seelsorgeklerus entstammte meist der Bürgerschaft, im 15. Jh. auch bäuerl. Kreisen. Die Einkünfte des K. sind schwer zu berechnen, da sie sich aus vielen Teilen zusammensetzten. Allgemein ist im SpätMA mit ihrem Rückgang zu rechnen. Seelsorger in Kleinstädten oder Dörfern bedurften deshalb oft eines Nebenerwerbs (z.B. als Schreiber, Schulmeister, Notar) oder einer zweiten Stelle. Auf dem Land schätzten die Kirchgenossen ihre Kleriker zuweilen gering und in Bischofsstädten liefen die vielen stellenlosen Kleriker gar Gefahr, ein geistl. Proletariat zu bilden.
Trotz Beschränkung ihrer Standesprivilegien ( Pfaffenbrief) und weitgehender Verwaltung des Kirchenguts durch Laien (Kirchenpfleger), trotz der mitunter scharfen Kritik an ihrer Lebensweise und den gesteigerten Ansprüchen an die Verkündigung des Wortes verbreiteten sich vor der Reformation kaum grundsätzl. Zweifel an der heilsvermittelnden Funktion des K.
Autorin/Autor: Carl Pfaff
Im 16. Jh. gaben die ref. Kirchen dem kirchl. Amt unter Berufung auf die Lehre des Priestertums aller Gläubigen eine neue Ausrichtung (Reformation). Sie lehnten das besondere Priestertum und damit die auf der Weihegewalt beruhende qualitative und hierarch. Unterscheidung zwischen K. und Laien ab. Das kirchl. Amt definierten sie als Dienst am Wort Gottes und an der Gemeinde, den K.-Begriff verwarfen sie. Demgegenüber hielt die kath. Kirche an der ma. Ordnung fest: Männer wurden weiterhin dauerhaft zum kirchl. Amt ordiniert, indem ihnen ein Bischof die Weihe übertrug. Für die Neuzeit können im Hinblick auf Selbstverständnis, Funktionen, Ausbildung, Herkunft und Lebensgestaltung des K. vier ineinander übergreifende Epochen unterschieden werden: die Katholische Reform nach dem Konzil von Trient, die Aufklärung, der Ultramontanismus und schliesslich die Zeit nach 1950.
Das Konzil von Trient (1545-63) löste in der kath. Kirche tiefgehende Veränderungen aus und hatte insbesondere eine obrigkeitlich durchgesetzte Reform des K. zur Folge. Diese betraf die Ausbildung der Weihekandidaten, bischöfl. Prüfungen (Skrutinien), die Festsetzung eines Mindestalters für die Priesterweihe (25 Jahre), die Residenzpflicht von Amtsinhabern und die Durchsetzung der Zölibatsvorschrift. Die Ausbildung des K. wurde im Wesentlichen von den Jesuiten getragen, die in der Eidgenossenschaft und in angrenzenden Gebieten 1577-1734 elf Kollegien einrichteten. Bedeutsam waren auch einige Universitäten in Süddeutschland und Italien sowie das 1579 von Kardinal Karl Borromäus in Mailand gegründete Collegium Helveticum, ein Priesterseminar mit anfänglich 27 und später bis zu 38 Freiplätzen für Schweizer Studenten. Der Tridentin. Reform zufolge sollte der Kleriker in erster Linie Sakramentsverwalter und damit Heilsvermittler sein. Zugleich stand er in dieser Zeit zunehmend im Dienst einer Sozialkontrolle, durch die geistl. und weltl. Obrigkeiten die religiöse Praxis und die Lebensführung der Bevölkerung zu lenken versuchten. Der K. rekrutierte sich v.a. aus den städt. und ländl. Oberschichten. Den Zugang zum K. erschwerte der kanonisch geforderte Tischtitel (Patrimonium), der im Fall der Amtsunfähigkeit die Versorgung sicherzustellen hatte und der von Gemeinwesen und Körperschaften nach Präferenz oder gegen Bezahlung ausgestellt wurde. Aufgrund des Patronatsrechts wurden Pfarreien und Kaplaneien oft von weltl. Körperschaften oder von Laien verliehen, z.B. von der Regierung (in Luzern 30 von 64 Pfarrstellen), von den Kirchgemeinden (besonders in den Urkantonen) oder von Patrizierfamilien. Auch Klöster und Stifte hielten Patronate oder besassen inkorporierte Pfarreien. Die Bischofssitze, welche für einen grossen Teil der Pfarreien ausserhalb des eidg. Territoriums lagen, sowie andere höhere Kirchenämter waren eine Domäne des Adels.
Mit der Aufklärung gewann auch für den K. die Idee des Gemeinwohls an Bedeutung. Der Geistliche sollte den Menschen beistehen, sie belehren und damit als Seelsorger und Vorbild zum Gemeinwohl beitragen; barocke Frömmigkeit und konfessionelle Abgrenzung sollten in den Hintergrund treten. Die Ausbildung des K. sollte sich deshalb an der Praxis orientieren und v.a. auch Predigt und Katechese umfassen. In der Diözese Konstanz verwirklichte der Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg 1803-27 trotz grosser Widerstände entsprechende Reformen. Er richtete Zulassungsprüfungen und Praktika ein und institutionalisierte die regelmässige Weiterbildung durch sog. Kapitelskonferenzen im Rahmen der Dekanate. Das neue Seelsorgeideal fand Anhänger v.a. unter Geistlichen bürgerl. Herkunft. Diese förderten die Volksschulbildung und waren in kulturellen und polit. Sozietäten aktiv. Die Mehrheit des K. indes lehnte die Reformen der nachrevolutionären Zeit ab, nicht zuletzt weil die Helvetische Republik das Zehntsystem und die geistl. Standesprivilegien beseitigt und den Kirchen dadurch schwere Verluste beigebracht hatte. Die Opposition der meisten Kleriker gegen die säkulare und liberale Gesellschaft steigerte sich nach 1830 zu offenem Widerstand. Im Sonderbundskrieg (Sonderbund) vermochte der liberale Staat die Rechte des K. zu beschränken (Ausnahmeartikel).
Diese Zurücksetzung förderte im schweiz. K. eine weltabgewandte Haltung, die unter dem Eindruck gesamtkirchl. Entwicklungen im Kulturkampf 1870-81 in offene Konflikte mündete und bis etwa 1950 vorherrschen sollte. Die Kleriker distanzierten sich bewusst vom Alltagsleben der Laien, u.a. durch ihr äusseres Auftreten (Barttragverbot, Soutane als Standeskleidung), die beschränkte Verwendung moderner Verkehrsmittel oder das Abseitsstehen bei Freizeitaktivitäten. Die Ausbildung erfolgte einerseits an Universitäten, andererseits an den im Verlauf des 19. Jh. gegründeten Diözesanseminarien (1807 Chur, 1823 St. Gallen, 1874 Sitten, 1878 Luzern, 1907 Freiburg). Einige liberale Kantonsregierungen beschränkten den Zugang zum Studium und zu den Weihen auf Kandidaten, die eine Maturitätsprüfung bestanden hatten, und für Pfarranwärter führten sie eigene staatl. Examen durch. 1920-40 erreichten die Weihezahlen mit jährlich 60-70 Neugeweihten in der Schweiz ihre Höchstwerte. Die Kleriker stammten nun v.a. aus kinderreichen Familien ländl.-agrar. Gebiete.
Nach dem 2. Weltkrieg kam es im K. zu einer Neuorientierung. Er suchte vermehrt die Nähe zu den Laien und zu deren Lebensweise; die Solidarität mit Benachteiligten wurde ein wichtiges Anliegen. Dieses gesellschaftsbezogene Selbstverständnis wurde durch die liturg. und pastoralen Reformimpulse des 2. Vatikan. Konzils 1962-65 begünstigt. Die Anforderungen an das kirchl. Amt wandelten sich grundsätzlich und rasch. Dies provozierte Krisen, die sich in Amtsniederlegungen und in einem markanten Rückgang der Weihezahlen manifestierten. Seit 1970 übernehmen nicht geweihte Frauen und Männer mit theol. Ausbildung kirchl. Aufgaben in Pfarrei-, Seelsorge- und Bildungsarbeit. Ihrem kirchl. Rechtsstatus nach sind sie Laien, ihrer Funktion nach Teil des K. Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz 1900 Weltpriester, in der kath. Kirche insgesamt waren es 264 000.
Autorin/Autor: Markus Ries