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Paris, April, Mai 1897
Nat
In den folgenden Tagen besserte sich Nats Zustand kaum. Er war von einer tiefgreifenden und umfassenden Müdigkeit ergriffen worden, deren er sich nicht zu wehren vermochte. Meist saß er wie ein Nichtsnutz in seinem Zimmer herum, blätterte apathisch in Zeitungen, Büchern oder Geschäftsunterlagen und er war unfähig, sich aufzumühen und sich zur Familie zu gesellen, geschweige denn ins Office zu gehen. In diesem körperlich und geistig üblen Zustand war die dringliche Reise nach Kopenhagen undenkbar.
Susan besuchte ihn regelmäßig, von den Töchtern hielt er sich fern. Die Mahlzeiten rührte er kaum an. Sein Dahinvegetieren widerte ihn an. Er wurde von einem Selbsthass übermannt, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und so ließ er sich halt doch dazu überreden, einen Arzt zu konsultieren, der auf die Diagnosen der von Humbert so genannten funktionellen Mängel spezialisiert war. Denn Humberts wissenschaftlichen Resultate aus dem Labor deuteten eine Krankheit von dieser Art an.
Dieser Arzt bezeichnete sich als Nervenarzt und behauptete, auf dem neusten Stand der Forschung zu sein, wie sie am Hôpital de la Salpêtrière zu Paris betrieben würde. Er selbst, so rühmte er sich, sei noch vom großen Neurologen Jean-Martin Charcot bis kurz vor dessen Tod unterwiesen worden. Neurologie, Salpêtrière, Charcot, das alles sagte Nat nichts. Aber der Nervenarzt konnte sein Spezialwissen so eindringlich und pompös vortragen, dass Nat überwältigt war. Die Darbietung war ihm Beweis genug, dem Facharzt die nötige Kompetenz und Sachkenntnis zuzubilligen und Vertrauen zu schenken. Und umsonst hätte ihn Doktor Humbert wohl kaum empfohlen. Nach einer ausführlichen Befragung und ein paar Tests war für den Nervenarzt klar, Nat musste zur Kur. Die Geschäftsreisen zu seinem Partner in Kopenhagen und später nach Washington, New York, San Franzisko und Honolulu wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.
Eine Katastrophe.
Am frühen Morgen des 5. April stand eine Kutsche vor dem Tor an der Rue Bois de Boulogne, die Nat und Susan zum Bahnhof brachte, von dort ging es mit der Eisenbahn nach Scheveningen. Im Kurhaus hatte er für drei Wochen die Suite gebucht. Der Kurarzt verschrieb ihm ein geeignetes Programm mit verschiedenen Bädern, Heilwasser, das er nach einem für ihn zusammengestellten Plan zu trinken hatte, mit Massagen, Diät und kurzen Spaziergängen, die, je länger die Kur dauerte, desto länger zu gestalten waren und seinen Körper kräftigen sollten. Alkohol und Tabak waren strikte untersagt.
Eigentlich hätte Nat gerne ein Arzneimittel eingenommen, das seinen Aufenthalt verkürzt hätte, solche Mittel gab es zu seinem Erstaunen jedoch nicht. Insgeheim verfluchte er die untätige und nichtsnutzige medizinische Forschung, die offenbar nicht in der Lage war, jene Medizin zu entwickeln und zu liefern, die seine Krankheit effizient und schnell kurierte. Dabei sagte der Nervenarzt, es seien zahlreiche Menschen von dieser neuen Plage betroffen, Neurasthenie nannte er sie. Dann müsste es doch im Sinne der Volksgesundheit sein, möglichst schnell die nötigen Pillen oder Impfstoffe bereitzustellen.
Ihm graute vor diesen drei Wochen.
Nach der Kur und trotz der Langeweile musste er sich allerdings eingestehen, dass er sich besser fühlte, wenn er auch noch nicht wieder voll bei Kräften war. Dank der Gewichtsabnahme war er wieder etwas agiler, die Mattigkeit war weg, der Puls wieder normal, der Appetit kehrte zurück. Auch seine geistige Spannkraft hatte er zwischenzeitlich wiedergefunden. Das Weltgeschehen interessierte ihn wieder. Und er bezog sich wieder ins Familienleben ein. In der Abschiedsvisite riet ihm der Bäderarzt jedoch, im Sommer einen längeren Kuraufenthalt einzuplanen, allenfalls sei gar eine Höhenkur ins Aug zu fassen. Die Resultate, die ein Klimawechsel hervorrufe, seien vielversprechend. Die frische und dünne Luft wirke Wunder, die Abwesenheit des großstädtischen Rummels beruhige das Gemüt. Nat winkte ab, er wandte sich schon wieder seinen Kabeln zu und versuchte zu retten, was wohl kaum noch zu retten war.
Als er an einem schönen Maimorgen seinen täglichen, vom Arzt verordneten Spaziergang durch den Bois de Boulogne unter die Füße nahm, hatte er kurz davor – dank der Kabeltechnik – vernommen, dass die politische Pattsituation in Washington sich aufzulösen schien, da die Bosse der verschiedenen Konkurrenten sich durchgerungen hatten, zumindest zu überlegen, ob nicht für dieses eine, sehr große und wegweisende Projekt des Kabels durch den Pazifik ein Konsortium aller – zumindest amerikanischen – Firmen gebildet werden solle. Die Verbindung zu Japan, so der Tenor, sei von überragender Bedeutung für das ganze Land. Für eine firmenübergreifende Zusammenarbeit gäbe es wohl Unterstützung sämtlicher politischer Parteien und der Verwaltung. Allerdings würde das bedeuten, dass Nats Unternehmen außen vor bleiben dürfte, da ein europäischer Konkurrent wesentliche Firmenanteile besitzt. Und wegen seiner Unpässlichkeit waren die Gespräche mit dem amerikanischen Partner auf Eis gelegt worden. Jetzt bekundete jene Firma in New York, mit der er zusammenzuspannen gedachte, plötzlich kein Interesse mehr, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Wahrscheinlich, so dachte sich Nat, hatte sie aufgrund einer Chancen- und Risikoabwägung umentschieden und sich dem nationalen Konsortium angedient.
Seine geplanten Geschäftsreisen waren vermutlich hinfällig geworden. Er hielt schlechte Karten in der Hand: Ein Partner, der nicht mehr will, und Nats Konzession für Hawaii, die bald abgelaufen sein wird. Sein hawaiischer Vertrag wäre dann nur noch ein wertloses Stück Papier. Ausgerechnet jetzt, 1897, wo die Wirtschaft nach einer mehrjährigen Depression sich erholt und wieder Tritt gefasst hatte. Und diese Erholung soll ohne ihn stattfinden? Gut, er hatte mit dem Zucker ausgezeichnet verdient. Aber er wollte mehr.
Gleichwohl.
Zum zweiten Mal fühlte er sich von seinen Landsleuten beziehungsweise von seinem Land hintergangen, nebenbei bemerkt von einem Land, dem er so viel gegeben hatte. Diesmal war’s kein miesepetriger Journalist, der schlecht über ihn schrieb, diesmal war’s die protektionistische Industriepolitik und ein flatterhafter und opportunistischer amerikanischer Kompagnon. Eigentlich kannte er die Regeln des Geschäftslebens, und er wusste, dass Dankbarkeit nicht auf der Habenseite seiner Firma kumuliert werden konnte und demzufolge nicht zu jenen Eigenschaften gehörte, auf denen sich ein erfolgreiches Business aufbauen ließ.
So schritt er also durch den Pariser Wald und überlegte sich Varianten, wie er auf diesen direkt auf seine Person empfundenen Angriff reagieren sollte. Eigentlich wäre nur die Trennung von seinem dänischen Geschäftspartner denkbar. Würde das seine Situation verbessern? Dann könnte er als Konzessionär auftreten. Seine körperliche Verfassung ließ es jedoch nicht zu, sich auf den Weg nach Amerika zu machen. Zudem hätte er bis Hawaii fahren müssen, um eine Verlängerung der Laufzeit seiner Bewilligung zu erwirken. Mit diesem Pfand in der Hand hätte er dem Konsortium einen Strich durch die Rechnung machen können. Aber stimmte diese Überlegung überhaupt? Kannte er noch die maßgebenden Politiker? Er, der stets versucht hatte, sich von politischen Machtspielen fernzuhalten. Hatte sich auf Hawaii die politische Wetterlage nicht grundsätzlich geändert? Oder würden die bereits laufenden Bestrebungen der amerikanischen Regierung, das Inselarchipel zu annektieren, nicht schon erfolgreich über die Bühne gegangen sein, noch bevor er dort angekommen sein würde? Dann fiele seine Konzession ohnehin dahin. Man wusste es nicht, die Unwägbarkeiten waren zu groß und damit auch das Wagnis. Aber kampflos wollte er das Feld nicht den vaterlandlosen Gesellen überlassen. Die Frage war nur, welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung stünden.
Er war sehr ratlos.
Es wäre sinnvoll gewesen, für das Kabelprojekt einen Nachfolger aufgebaut oder schon früher einen gleichwertigen Partner gesucht zu haben, grämte er sich, als er weiter durchs Unterholz stapfte. Den idealen Zeitpunkt dafür hatte er verpasst, nicht einmal daran gedacht hatte er. Er wollte immer alles selbst machen. Aber er beharrte lange, zu lange, obwohl ihm die Ärzte etwas anderes prophezeiten, auf seiner Meinung, dass es sich bei seinen Nervenproblemen um vorübergehende Beschwerden handle und dass er bald wieder das Steuer übernehmen könne. Er hatte aber sehr viel Zeit vertrödelt mit seiner, wie die Franzosen so schön sagten, récupértation. Zu viel Zeit, es war zu spät. Aber wer hätte seine Geschäfte übernehmen können? Bisher drängte sich ihm niemand auf.
Monsieur Dubuffet, obwohl fleißig, intelligent, verlässlich, gewissenhaft und genau, hatte nicht das geeignete Format. Ihm fehlten die Leidenschaft, der Mut und die Prise Genialität und Unverfrorenheit, die es brauchte. Als Assistent jedoch war er die perfekte Besetzung.
In seinem Geschäfts- und Kollegenkreis war ihm keiner in der nachrückenden Generation positiv aufgefallen, der mit jugendlichem Elan und einer gesunden Portion Ungeduld die Aufgabe hätte anpacken können. Und Interessenten für seine beiden Töchter, die allenfalls in Frage gekommen wären, waren weit und breit keine in Sicht. Dabei war Tibby doch schon im heiratsfähigen Alter. Es tat sich aber nichts. Sie interessierte sich für die Poesie und widmete sich täglich dem Studium der Bibel. Von wem sie diese Marotte hatte, blieb ihm schleierhaft, denn weder er noch Susan machten sich viel aus der Beschäftigung mit der Religion. Es stand zu befürchten, dass sich Tibby in einen gottesfürchtigen Mann verliebte, der vor lauter Versenkung in die Bibelverse kaum fürs Geschäftemachen taugte.
Der Gang in den Wald bewirkte das Gegenteil von dem, was er eigentlich bezwecken sollte. Das ihn umgebende Grün beruhigte nicht sein Gemüt, sondern weckte düstere Gedanken, die sich zu einem bedrohlichen Berg auftürmten. Die Sorgen drückten auf Nats Seele.
Am selben Abend erlitt er erneut einen Zusammenbruch. Es folgte das übliche Prozedere: besorgte Marie, besorgte Susan, besorgter Doktor Humbert, besorgter Nervenarzt. Letzterer vertrat die Meinung, dass diesmal ein sofortiger Kuraufenthalt in den Bergen die einzige Hoffnung böte, Nat mittelfristig wieder gesund werden zu lassen. Er kenne einen vifen Bäderarzt in Sankt Laurenz in den Schweizer Alpen. Kurzfristig war nichts zu machen.
Nat schickte sich.
Aber wer sollte das Geschäft weiterführen? In dieser Woche noch würden sie nach Sankt Laurenz verreisen. Dann war er drei Monate oder länger in den Bergen und es gäbe keine Möglichkeit, sich seriös um das Projekt zu kümmern. Dubuffet würde verwalten müssen, mehr lag nicht drin. Aber was gäbe es noch zu verwalten? Seine Firma abwickeln? Nach Kopenhagen reisen? Wohl oder übel. Vermutlich musste er klein beigeben. Es war nicht so, dass ihn sein Rückzug finanziell in Bedrängnis bringen würde, er hatte mehr als genug Geld beiseite. Aber ein Adams sollte nicht gezwungen werden, derart kläglich von der Bühne zu treten.
Fortsetzung hier.
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