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Name: martin Permalink: http://tierrechtsforen.de/1/7645/7648

Datum: 01.11.09 14:47
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Ursula Wolf: Das Tier in der Moral, oh. Aufl., Klostermann-Verlag, Frankfurt/M. 1990
Dieses Buch wird – ähnlich wie Singers "Animal Liberation" - immer wieder mit Tierrechten in Verbindung gebracht. Offensichtlich von Leuten, die es entweder nicht gelesen oder keine Ahnung haben, was unter Tierrechten zu verstehen ist. Es scheint eine große Schwierigkeit nicht nur bei der Abgrenzung von Tierschutz und Tierrechten, sondern auch von Tierrechten und "Tierethik" zu geben. Letztere ist nur die philosophische Disziplin, die sich mit der Frage der moralischen Berücksichtigung der (nichtmenschlichen) Tiere beschäftigt und eben – das war bisher fast immer der Fall – zu negativen Antworten kommen kann. Tierrechte hingegen beruhen auf der Grundlage einer positiven Antwort. Und Wolf betreibt eben "Tierethik".
Im ersten Kapitel ("die doppelte Alltagsmoral") finden sich noch zustimmungswürdige Beobachtungen über Aspekte der Doppelmoral, Pseudorechtfertigungen der Tierausbeutungsindustrie; heuchlerische Formulierung des Tierschutzgesetzes und Weiteres. Allerdings endet es bereits mit der Absurdität "Eier lassen sich, wie es zum Teil geschieht, auch mit tierfreundlichen Methoden produzieren" (die Parallele zu "Freilandeier sind toll" (O-Ton) bei Singer ist auffällig). Das zweite Kapitel ("das Tier in der Moralphilosophie") untersucht, ob die beiden "wichtigsten Vernunfttheorien" (Vertragstheorie und der Kantischen Moraltheorie) als indirekte Lösungen für eine (positive) Tierethik zureichend sind, was – wie zu erwarten – nicht der Fall ist. Anschließend geht es nahtlos über zu den angeblichen "aktuellen Tierrechsphilosophen" Regan und Singer (ahja..).
Wolf resümiert Regans Theorie, bei der das Recht auf eine moralische Behandlung auf einem "innewohnenden Wert" beruht, den alle Individuen teilen und daher alle unter das Gleichheitsprizip fallen. Der springende Punkt liegt bei seiner Definition von "Individuum", was auf alle zuträfe, die "die Fähigkeit haben, Handlungen in Gang zu setzen im Hinblick darauf, daß sie ihre Wünsche befriedigen werden" (Präferenz-Autonomie) und damit die, die "Meinungen, Wünsche, Absichten und einen gewissen Zukunftsbezug haben". Konkret betreffe es Tiere, "die die geistigen Fähigkeiten eines normalen Säugetiers im Alter von ein oder mehr Jahren haben" - alle anderen nicht. Regan schließt damit einen großen Teil aller nichtmenschlichen (und menschlichen) Tiere aus und argumentiert explizit speziesistisch.
Zu Singers Position resümiert Wolf vorab: "Die Grundvoraussetzung ist die des Utilitarismus allgemein, wonach Schmerzen und Leiden schlecht und Lust und Glück gut sind und wonach es in der Moral darum geht, das eine zu verhindern oder zu verringern, das andere zu mehren. Die Moral baut hier also nicht auf dem Begriff der Pflicht oder des Rechts auf, sondern sie ist definiert durch das Ziel moralischen Handelns. Dieses Ziel besteht in der Verringerung von Leiden bzw. Vermehrung von Glück." Wie schlecht dieser Ansatz funktioniert, hat Singer ausgiebig bewiesen. Solange der Tod schmerzlos ist, wird kein Leid vermehrt, d.h. (angeblich) schmerzloses Töten von Tieren zu Nahrungszwecken ist nach Singer völlig in Ordnung.
Auch die letzten beiden Positionen (Schopenhauer und Tugendmoral), die betrachtet werden, haben ähnliche "Qualitäten".
Im dritten Kapitel, das "Grundsätzliches über Moral" enthalten soll, kommt sie zu der Erkenntnis (woraus sie auch ihren eigenen Moral-Ansatz ableiten will), daß für die "moralische Rücksicht relevante Eigenschaft [..] die Leidensfähigkeit [ist], und alle Wesen, die diese Eigenschaften haben, sind Objekte der Rücksicht, seien sie Menschen oder Tiere." Wie unzureichend solch reine Pathozentrik ist, wird sich noch zeigen.
"Eine Moral für Menschen und Tiere" (viertes Kapitel) enthält ihre eigene Moralkonzeption. Sie räumt zwar den Einwand, Pflanzen seien auch leidensfähig aus, behauptet dann allerdings, "daß einige diese[r] Verpflichtungen [der moralischen Berücksichtigung] überhaupt nur gegenüber hochentwickelten Tieren möglich sind, während andere vielleicht allgemein bestehen." Ihre Mitleidsmoral, die nur auf die Leidensfähigkeit rekurriert, führt fast notwendigerweise zu weiteren Beschränkungen wie: "Man braucht sie [die Schmerzgefühle] dort nicht anzunehmen, wo ein Tier so organisiert ist, daß Nervenreize direkt in Muskelbewegungen übergehen, ohne daß sie über ein Zentrum vermittelt werden." Das mag im Groben richtig sein, ist aber inhärent speziesistisch, da alle Tiere ohne Schmerzempfindung ohne Einschränkung zur Ausbeutung freigegeben werden. Damals galten Fische noch als empfindungslos und weshalb Wolf kein Problem hatte (hat?) Fischleichen zu essen, kann man sich daher an zwei Fingern abzählen.
Im Unterkapitel "Moralische Verpflichtungen gegenüber Tieren" bezieht sie sich im Weiteren hauptsächlich auf "Versuchstiere", "Zoos" und "intensiv gehaltene Tiere". Ihre Beschränkung auf "Massentierhaltung" läßt vermuten, daß andere "Haltungsformen" kein Problem darstellen (wie sollten auch sonst ihre "tierfreundlichen Methoden der Eierproduktion" aussehen?). Wenig tierrechtlerisch heißt es auch hier: "Die menschlichen Praktiken der Tiernutzung würden also auch hier gegen die Moral verstoßen. Hingegen könnte man zum Wegnehmen der Jungen [Kälber] vielleicht noch sagen, daß dies ein vorübergehendes Leiden bedeutet, welches nicht das Wohl im ganzen verhindert." Weshalb die Trennung von Mutter und Kind keine psychische Gewalt sei, die "das Wohl im ganzen [nicht] verhindert", bleibt unklar.
Das Töten lehnt sie für höher entwickelte Tiere ab, aber auch nur für diese. Als Beispiele für niedriger entwicklete Tiere nennt sie Fische und Insekten. So heißt es: "Das Töten von Fischen z.B. wäre dann unproblematisch, weil sie offenbar nicht über diese komplizierten Fähigkeiten verfügen. [...] Ich rede im Irrealis, weil ich mich in dieser Frage nicht festlegen möchte, solange wir noch zu wenig über die Fähigkeiten dieser Tiere wissen." Ihr eigener Konsum von Fischleichen ist hingegen wenig irreal. Unabhängig davon, daß die Ermordung von Fischen selbstverständlich auch unter diesen Bedingungen (Leidfreiheit) keineswegs "unproblematisch" wäre.
Das fünfte Kapitel ("Gleiche Rechte für alle Tiere oder Privilegien für Menschen?") bietet wenig Neues. Interessant wird es hingegen nochmal im Schlußteil. "Ich denke gleichwohl, daß wir zum Verzicht auf Produkte verpflichtet sind, in deren Herstellung Grausamkeiten gegen Tiere verübt werden." Soweit so richtig, aber wehe wenn das zu aufwändig wird. "Sicher gibt es für ein solches auf das Los der Tiere achtendes Verbraucherverhalten Grenzen der Zumutbarkeit. Man weiß nicht immer von der Herkunft von Produkten, man hat nicht immer Zeit, sich darüber zu informieren." Daß man die Pflicht hat, sich zu informieren und sich die Zeit zu nehmen, da es schlichtweg um Leben und Tod geht, scheint ihr nicht ganz geläufig.
Fazit: Eigentlich ist das Buch gar nicht so schlecht. Denn hier finden sich ausreichend Textstellen und Zitate, die beweisen, daß weder Wolf selbst, noch Singer noch Regan Tierrechtsphilosophen sein können (wenn man denn richtig liest). Sie frönen überwiegend dem Unveganismus und propagieren ansonsten nur Tierschutzunsinn. Auch ist sehr anschaulich, wie ihre philosophischen Positionen Tierausbeutung rechtfertigen.
Unsere Motti "Veganismus statt Vegetarismus" und "Tierrechte statt Tierschutz" können ergänzt werden um "Tierrechtsphilosophie statt Tierethik".