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Im November 2006 wurden die Neuen Wege 100 Jahre alt. Sie sind damit eine der ältesten Zeitschriften der Schweiz überhaupt. Die erste Nummer des Gründungsjahres ist noch mit dem betulichen Untertitel «Blätter für religiöse Arbeit» erschienen. Die damaligen Redaktoren Rudolf Liechtenhan, Benedikt Hartmann und Leonhard Ragaz dachten zunächst nicht an eine «Zeitschrift des Religiösen Sozialismus», wie der heutige Untertitel heisst, sondern lediglich an ein «Informationsblatt für die Gebildeten aller Stände». Dass die Neuen Wege schon sehr bald dazu übergingen, für die Arbeiterbewegung und gegen den Militarismus Partei zu ergreifen, ist dem überragenden Einfluss von Leonhard Ragaz (1868–1945) zu verdanken. Mit ihm teilten sich seit 1912 die religiösen Sozialisten Jean Matthieu und Lukas Stückelberger in die redaktionelle Arbeit. Ragaz’ revolutionäre Reichgottestheologie nahm vorweg, was die christliche Ökumene seit den 80er Jahren als ihren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung benennt, neuerdings sogar als «Bekenntnisprozess» zur Überwindung des globalen Kapitalismus.Gerechtigkeit wurde und wird in den Neuen Wegen als demokratischer und genossenschaftlicher Sozialismus verstanden, Frieden als Pazifismus nach Ziel und Methode, Bewahrung der Schöpfung als nachhaltiges Wirtschaften mit sanften Technologien.
Die Neuen Wege haben sich stets in die grossen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit «eingemischt». Ja, sie haben ein Stück Schweizergeschichte des 20. Jahrhunderts mitgeschrieben. Am Ende des Ersten Weltkriegs nahm die Zeitschrift Partei für den Landesstreik vom November 1918, aber gegen den Beitritt der SPS zur Dritten Internationale, der in einer Urabstimmung unter den Parteimitgliedern im September 1919 abgelehnt wurde. Eine der wichtigsten Auseinandersetzungen galt dem Beitritt zum Völkerbund 1920, den Ragaz zur «Lebensfrage» für die Schweiz erklärte.
In den Jahren 1942 bis 1944 wurden die Neuen Wege nach mehrmaliger Verwarnung der Vorzensur unterstellt. Der dafür zuständige Armeestab begründete die Massnahme mit der angeblich neutralitätswidrigen «Gesamteinstellung der Zeitschrift und ihres Redaktors», der seit den 20er-Jahren vor dem Faschismus und Nationalsozialismus gewarnt hatte. Ragaz stellte darauf das Erscheinen der Neuen Wege ein und verschickte statt dessen die einzelnen Hefte ungebunden und in geschlossenen Briefumschlägen. Im Juli 1944 gab er der wieder erschienenen Zeitschrift den Untertitel «Blätter für den Kampf der Zeit».
Nach Ragaz‘ Tod im Dezember 1945 war die «Vereinigung der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege» für die weitere Herausgabe der Zeitschrift besorgt. 1977 kamen die aus befreiungstheologischen Impulsen hervorgegangenen «Christen und Christinnen für den Sozialismus» (CfS) dazu und entsandten Willy Spieler in die Redaktion, während Albert Böhler (1908–1990) die Religiös-soziale Vereinigung vertrat. Die Zeitschrift erhielt den Untertitel: «Beiträge zu Christentum und Sozialismus». Der guten Zusammenarbeit folgte im Umbruchjahr 1989 die Fusion von CfS und «Religiös-sozialer Vereinigung» zur «Religiös-sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz».
Seit den 1920er Jahren prägen vier mehr oder weniger konstante Hauptrubriken die monatlich erscheinenden Hefte: spirituelle Betrachtungen, theologische und ethische Probleme, soziale und politische Themen sowie Kommentare zur «Weltlage» und zur schweizerischen Innenpolitik, die der heutige Redaktor unter «Zeichen der Zeit» fortschreibt. Neu hinzugekommen sind NW-Gespräche mit Persönlichkeiten aus Politik und Theologie.
Willy Spieler