Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03590.jsonl.gz/478

Der Fall Carlos Goshn – wenn die Gier mutmasslich zum Verhängnis wird
In Japan ist er ein Superstar. Doch am Montag wurde Carlos Ghosn, der hoch angesehene Manager des Firmenbündnisses von Renault, Nissan und Mitsubishi, verhaftet – er soll etwa Firmengeldern veruntreut haben. Wer ist dieser Mann?
Die japanische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Manager Carlos Ghosn, der bei Nissan Verwaltungsratschef ist und bei Renault in Frankreich Vorstandschef. Der 64-Jährige soll etwa jahrelang ein zu niedriges Einkommen angegeben haben, um Steuern zu umgehen. Zudem soll er Firmengelder für private Zwecke genutzt haben. Medien berichten, Ghosn habe seit 2011 über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Yen (rund 44 Millionen Schweizer Franken) Einkommen zu wenig angegeben. Goshn sitzt seit Montag in Haft.
Wer ist dieser Mann, der als einer charismatischsten Automanager der Welt gilt?
Carlos Ghosn wurde als Kind libanesischer Einwanderer in Porto Velho in Brasilien geboren. Sein Vater arbeitete für eine Fluggesellschaft und reiste viel um die Welt, was Ghosn später ebenfalls tat: Er legte in einem Jahr bis zu 100'000 Kilometer im Flieger zurück.
Als Carlos sechs Jahre alt war, kehrten er und seine Mutter zurück in den Libanon. Ghosn war fleissig, lernte vier Sprachen fliessend, darunter Japanisch. Im Libanon besuchte Ghosn erstklassige Schulen des katholischen Jesuitenordens, er machte sich überhaupt gut und ging bald auf die Ingenieursschule in Paris.
«Ich habe mich immer anders gefühlt»
Später wird Ghosn die Leichtigkeit, mit der er sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegte, auf sein «Nomadenleben» zurückführen. «Ich habe mich immer anders gefühlt», sagte er einmal «Detroit News». «Weil du anders bist, versuchst du dich zu integrieren, und das zwingt dich, deine Umgebung zu verstehen und die Fähigkeit zu entwickeln, zuzuhören, zu beobachten, zu vergleichen. Eigenschaften, die bei der Verwaltung sehr nützlich sind.»
Die Karriere von Ghosn begann unauffällig, als Praktikant beim französischen Reifenhersteller Michelin. Bald leitete er ein Michelin-Werk im französischen Le Puy. Er wurde schnell befördert und stieg bis Mitte der 80er Jahre zum Forschungsleiter für die Entwicklung von Industriereifen auf. Dann wurde er von Michelin gebeten, in seine brasilianische Heimat zurückzukehren und dort die problematischen Tätigkeiten des Unternehmens als Chief Operating Officer zu leiten. Mit etwas mehr als 30 Jahren war er nun für einen kontinentalen Fertigungsbetrieb verantwortlich.
Er brachte die richtigen Leute zusammen
Obwohl Brasilien unter einer starken Inflation litt, gelang es Ghosn, die Organisationsstruktur der südamerikanischen Michelin-Niederlassungen so zu überarbeiten, dass Michelin auch dort zu einer Marke wurde. Er integrierte Menschen aus verschiedenen Bereichen des Unternehmens und mit unterschiedlichen Biografien. Französische Ingenieure trafen sich mit brasilianischen Einkaufsleitern, um die Entwicklung eines neuen Produkts zu planen. Innerhalb von zwei Jahren erzielte die südamerikanische Division von Michelin einen Gewinn.
Ghosn wurde 1988 Präsident und CEO von Michelin. Er heiratete Rita und wurde Vater von vier Kindern. In den USA führte Ghosn eine Fusion mit dem inländischen Reifenhersteller Uniroyal Goodrich durch, die die Grösse seiner Division verdoppelte. Er beschäftigte sich mit gewerkschaftlich organisierten Uniroyal Goodrich-Mitarbeitern, nicht indem er sie konfrontierte, sondern indem er die Gewerkschaftsvertreter davon überzeugte, dass flexible Arbeitsregeln im besten Interesse der Arbeitnehmer im Konzern seien. Nichtsdestotrotz gab es eine unsichtbare Grenze für Ghosns Aufstieg bei Michelin. Das Unternehmen befand sich in Familienbesitz, und sein langjähriger Chef François Michelin hatte seinen Sohn Edouard zu seinem späteren Nachfolger bestimmt.
Ghosn liess sich deshalb 1996 vom damalige Renault-Vorsitzende Louis Schweitzer abwerben, um neun Jahre später zum Thronfolger zu werden. Ghosn war kein rücksichtsloser Ökonom, führte das Management allerdings mit eiserner Hand, beschleunigte neue Geschäfte und steigerte den Umsatz. Rasch machte er sich einen Namen als «Cost Killer», zuerst bei Renault, dann bei Nissan in Japan, wo er trotz seinen radikalen Methoden bald als Retter vor dem drohenden Konkurs gefeiert wurde – dies schliesslich auch beim Konzern Mitsubishi.
In Japan ein Superstar
Ghosns Beliebtheit in Japan stieg stetig. Japanische Frauen nannten ihn in einer Umfrage den begehrtesten Ehemann des Landes, und es erschien ein Comicbuch mit ihm als Helden. In seiner unruhigen zweiten Heimat Libanon wurde Ghosn gar als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt.
Er war auch bekannt für seine Geheimniskrämereien und für seine Angst vor Anschlägen auf seine Person. Er soll einst Morddrohungen erhalten haben und wähnte sich als Opfer eines Komplotts von drei seiner Mitarbeiter, die er aufgrund anonymer Zuschriften verdächtigte, Firmengeheimnisse an die chinesische Konkurrenz weitergegeben zu haben. Die Briefe erwiesen sich später als gefälscht.
Ghosn stellte extrem hohe finanzielle Forderungen. 2016 monierte er sein Gehalt von sieben Millionen Euro, er wollte mehr, deutlich mehr. Ein Streit ums Salär des CEOs brach aus.
In jenem Jahr wollte Frankreich auf Macrons Drängen Ghosn nur weitere vier Jahre in der Führung von Renault gewähren, dies auch nur dann, wenn dieser sich auf eine Kürzung des Gehalts um 30 Prozent einliesse. Ghosn willigte tatsächlich ein, allerdings konnte er dank seiner akkumulierten Aktienoptionen trotzdem viel mehr als vorgesehen kassieren.
Weshalb er den japanischen Fiskus übers Ohr gehauen oder gar Firmengelder für persönliche Zwecke unterschlagen haben soll, ist noch eine offene Frage. Er soll seinen Posten bei Nissan am Donnerstag räumen. Heute entschied ein Bezirksgericht in Tokio erst einmal, Goshn zunächst für zehn weitere Tage festzuhalten. Renault erklärte unterdessen Thierry Bolloré zum Übergangsvorsitzenden.Zurück zur Startseite