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Es sei schon eine schräge Geschichte, sagt Vivien Goldman, nachdem sie sich im Videochat aus ihrer Wohnung in Brooklyn, New York, zugeschaltet hat: «Ich glaube, ich bin selbst überrascht, wie all das zustande gekommen ist.» Goldman, 69 Jahre alt, lacht in die Kamera, hebt gestikulierend die Hände und redet wild drauflos. Die Musik, die sie vor rund vierzig Jahren aufgenommen hat, erlebte zunächst eine erstaunliche Renaissance: 2016 erschien eine Kompilation mit Songs aus den Jahren 1979 bis 1982 («Resolutionary»), anschliessend trat die gebürtige Britin erstmals überhaupt live auf. Und nun hat sie sogar neue Musik aufgenommen und ihr Debütalbum als Solokünstlerin veröffentlicht. Dessen Titel: «Next Is Now».
Eigentlich, so sagt sie, habe sie gar nicht vorgehabt, neue Songs zu schreiben. Doch als sie vor drei Jahren beim Pop-Kultur-Festival in Berlin auftreten sollte, sei sie für eine volle Stunde gebucht worden. «Ich hörte meine alten Stücke durch und merkte, dass ich nicht genug für ein einstündiges Set hatte», erzählt sie. «Damals war ich gerade mit meinem alten Freund Youth von Killing Joke zu Filmarbeiten in Jamaika und berichtete ihm davon. Er sagte: ‹Dann lass uns neue Songs schreiben.›» So seien die Stücke «Russian Doll» und «My Bestie & My BFF» entstanden. Goldman erzählt all das mit viel Enthusiasmus, zwischendurch stimmt sie sogar Songs an. Sie hat langes, rötlich-blondes Haar, trägt eine auffällige Cat-Eye-Brille und grosse türkise Kopfhörer auf den Ohren.
Die Eltern flohen vor den Nazis
Fans des britischen Punk dürften mit dem Namen Vivien Goldman vertraut sein. Goldman wird 1952 in London als Tochter einer jüdischen Familie geboren, ihre Eltern waren vor den Nazis aus Deutschland geflohen. In den späten Siebzigern wird sie Teil der britischen Punk- und Postpunkszene, wirkt bei dem Kollektiv The Flying Lizards mit. Einige Jahre später zieht sie nach Paris und bildet mit Eve Blouin das Popduo Chantage. Musikalisch ist sie ausser vom Punkrock auch von Dub- und Reggaeklängen beeinflusst, ebenso vom kongolesischen Soukous-Sound.
In den Neunzigern zieht es sie nach New York, wo sie an der New York University Dub- und Punkkultur lehrt. Sie erhält den Beinamen «Punkprofessorin». Goldman schreibt zudem Songs für andere Musiker, etwa für Luscious Jackson oder den House-Musiker Andy Caine. Und sie arbeitet als Musikjournalistin und Autorin («Revenge of the She-Punks»). Sie sieht sich als glückliches Kind verschiedener Kulturen: «Ich merke definitiv, dass ich in England gemacht bin. Und es ist trotz allem auch noch immer etwas Deutsches in mir. Dann fühle ich mich Jamaika sehr verbunden, und manchmal fühle ich mich französisch. Ich bin wohl einfach ein internationaler Mensch», sagt sie.
Als Musikerin meldet sie sich erst im Coronajahr 2020 wieder zu Wort. «I Have a Voice» heisst der für sie untypische Song, der mit Piano- und Streichersounds unterlegt ist und den sie kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA veröffentlichte, um gegen Trump zu mobilisieren. Nun findet er sich auch auf dem Album wieder. Alle zehn Stücke – vom Weggefährten Youth, der mit bürgerlichem Namen Martin Glover heisst, mit sattem Basssound produziert – sind merklich in den vergangenen Jahren entstanden. So handelt «Russian Doll» von einem Migranten, der die falschen Papiere hat, «Vertigo» spielt auf den Brexit und die Coronasituation an. «Es gab viele Spannungen in dieser Zeit, auch Auseinandersetzungen in den Familien, es war eine schwierige Situation», sagt Goldman. Die politische Lage sei ihr aussichtslos erschienen, auch das spiegle sich in manchen Songs wider.
Kraft der Freundschaft
Doch ihre Reaktion auf «Next Is Now» ist eindeutig: Kopf hoch und stark bleiben. «My Bestie & My BFF» handelt vom Widerstandsgeist des Einzelnen und von der Kraft der Freundschaft («Meet you at the demo / Catch you at the disco / Every dawn’s a different day»); der Song schlägt dabei Funk-, Pop- und Discotöne an. «Saturday Afternoon» ist ein hedonistischer Song, der vom Sich-treiben-Lassen am Wochenende erzählt. «Ein Rezensent hat sich gefragt, wie ich nur ein so positives Album aufnehmen könne in diesen Zeiten. Aber wir müssen positiv bleiben, das ist der einzige Weg, um Dinge zum Besseren zu wenden», sagt Goldman.
Eine positive Haltung strahlt sie auch im Gespräch aus, vor allem, wenn es um Musik geht. Sie schwärmt davon, wie Musikerinnen wie Abbey Lincoln, Patti Smith oder auch Madonna einfach immer weitergemacht hätten und kreativ geblieben seien, «ganz egal, ob sie ihr bestes Alter, wie die Musikindustrie es vorschreibt, überschritten haben».
Auch Goldman wird einfach weitermachen. Zunächst steht für das deutschsprachige Publikum die Übersetzung ihres Buchs «Revenge of the She-Punks» an, die im November erscheinen soll. Zudem sei geplant, eine Sammlung ihrer journalistischen Arbeiten zu publizieren. Und natürlich will sie weiterhin live auftreten. «Ich bin eine Freelancerin. Wenn ich nicht fünf Sachen habe, an denen ich parallel arbeite, bin ich am Arsch», erzählt sie. Und wirkt eigentlich ganz zufrieden dabei.
Vivien Goldman: Next Is Now. Youth Sounds / Cadiz Entertainment. 2021