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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XIV. Rede
30.
Ob übrigens ein Unglück von Gott verhängt wird, ist noch nicht ausgemacht, soferne die Materie wie z. B. ein Fluß auch selbst Ursache der Unordnung sein kann. Wer kann es wissen, ob der eine seiner Sünde wegen gestraft wird, und ob ein anderer, weil er Lob verdient, erhoben wird, und ob nicht vielmehr der eine wegen seiner Schlechtigkeit in die Höhe kommt, während der andere wegen seiner Tugendhaftigkeit [S. 299] heimgesucht wird? Der eine darf höher steigen, damit sich zuerst noch seine ganze Sündhaftigkeit gleich einer Krankheit entwickeln kann und er dann um so schwerer falle und mit um so größerem Recht Strafe finde. Der andere wird wider Erwarten heimgesucht, damit er wie Gold im Schmelzofen geläutert und von seinen Fehlern, wenn er noch einige hat, gereinigt werde; denn überhaupt kein Menschenkind ist, wie wir gehört haben, rein von Schmutz, mag es auch ziemlich geläutert erscheinen. Jene geheimnisvolle Wahrheit finde ich auch in der göttlichen Schrift. Doch es würde zu weit führen, alle Offenbarungen des Geistes aufzuzählen, welche mich dieses Geheimnis lehren. „Wer könnte den Sand am Meere, die Tropfen des Regens, die Tiefe des Abgrundes messen1?“ Wer könnte die Tiefe der überall sich offenbarenden Weisheit ergründen, mit welcher Gott alles erschaffen hat und alles so, wie er es will und versteht, leitet? Es genügt, mit dem trefflichen Apostel das Unerforschliche und Unfaßbare seiner Weisheit nur bewundernd anzudeuten. „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte, wie unergründlich seine Wege! Wer hat die Gedanken des Herrn erkannt2?“ „Wer ist ― um mit Job3 zu reden ― bis zu den äußersten Grenzen seiner Weisheit vorgedrungen?“ „Wer ist weise und wird dies verstehen4?“ Wird er das Unermeßliche nicht mit ungenügendem Maße messen?
1: Sir. 1, 2.
2: Röm. 11, 33 f.
3: Job 15, 8.
4: Osee 14, 10.