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Stärkt der Brexit künftig den Liberalismus in Europa, so war er gut. Stärkt er aber den Nationalismus, den Sozialismus oder den Nationalsozialismus, sei es direkt oder als Reaktion darauf, war er schlecht. In etwa so liesse sich zusammenfassen, was ich in einem Beitrag für dieses Magazin1 zum Thema Europa der Zukunft ausgeführt habe. Ich persönlich wünsche mir, dass die «europäische Identität» am liberalen Projekt des Vertrags von Rom genesen kann. David Abulafia hingegen meinte bereits in der letzten Ausgabe, schon die Idee einer europäischen Identität, und deshalb jedes Projekt der Einheit, sei ein wenig albern. Ich sehe, was er meint. Und trotzdem will ich ihm entgegnen.
Denn Abulafia hastet am tiefsten und offensichtlichsten Element der europäischen Identität, der «Christenheit», so freundlich vorbei, wie er feststellt, dass der holländische Liberalismus im siebzehnten Jahrhundert Juden und der europäische Liberalismus heute sogar einige Muslime miteinbezogen hat. Auch die Sprache dient entgegen seiner Behauptung als ein europäisches Definitionselement. Heutzutage ist Englisch sowohl eine Verbreitungseinheit als auch die lingua franca – eine Tatsache, die die Franzosen verunsichern muss. Die französische Regierung gibt also Projektanträge heraus, die in Englisch, der internationalen Sprache der Wissenschaft, abgefasst sein müssen – De Gaulle würde sich in seinem Grab umdrehen. Es darf festgehalten werden: Religion und Sprache definieren die europäische Einheit mehr, als es Abulafia zugesteht.
Dennoch hat Abulafia recht, wenn er die europäische Identität missbilligend einen «Mythos» nennt, eine erfundene Tradition. So wurde es mir schon in den 1950er-Jahren in der Schule beigebracht, im Werk «Antike – Geschichte der Frühen Welt» (1916, 1935), geschrieben vom amerikanischen Ägyptologen James H. Breasted, der den Mythos der Sequenz Mesopotamien-Ägypten-Griechenland-Europa populär gemacht hat. Ja, ein Mythos.
Aber so what? Allors? En nu? Alle Identitäten sind erfunden, Mythen gemacht, damit sie etwas bedeuten. Der Historiker Kenneth Pomeranz arbeitet an einem Buch, das die Erfindung des Mythos von «China» erklärt. Identität ist kein romantisches Wesen und auch kein Stein, der darauf wartet, aufgelesen zu werden. Abulafia weiss das. Ich würde deshalb freundlich vorschlagen, dass er damit aufhört, sich über einen Mangel an essence de l‘Europe zu beschweren, sondern zugibt, dass es bei der Debatte um die Identität Europas um nichts weniger als den Liberalismus geht, in voller Pracht im achtzehnten Jahrhundert hier «erfunden», höchst zufällig, könnte man sagen, in einer verhedderten Geschichte von der Schlacht am Morgarten bis zum Vertrag von Rom.
Abulafias wenig liberale Behauptung ist stattdessen, dass dieser gesegnete Plan, diese Erde, dieses Reich, dieses England, einzigartig ist – und ganz vom mythischen Tier Europa getrennt gedacht werden könne, vor allem aufgrund des «Common Law» im alten England. Ich möchte im Gegenzug eine nicht-englische, aber dafür liberale Idee ins Zentrum stellen: Was das moderne Europa vor allem teilt, sind liberale Werte. Letztendlich ist es auch genau das, was Europas Feinde beim Fallen des Begriffs «Europa» im Sinn haben, vom wahhabitischen Islam bis zu Wladimir Putin. Und: sie sehen das ganz richtig. Es handelt sich um nicht weniger als die gute Idee des alten Adam Smith, «jedem Mann [oder Frau, herrje!] zu erlauben, ihre eigenen Interessen auf ihre eigene Weise zu verfolgen, aufbauend auf der liberalen Idee von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit».
Ein solcher Plan hätte islamisch sein können, und in der Tat: in den grossen Jahrhunderten nach den arabischen Eroberungen hätte man dafür sogar plädieren können. Er hätte aber auch russisch sein können, wenn der Einfall der Goldenen Horde nicht das Grossfürstentum Moskau über Nowgorod hätte siegen lassen. Oder japanisch, wenn die Tokugawa-Zentralisierung nicht über das Bürgertum von Osaka und die Händler aus Nagasaki gesiegt hätte. Aber: so war es nicht. Durch Unfälle der europäischen Geschichte von der Reformation bis zur französischen Revolution war dieser liberale Plan zunächst Nordwesteuropäisch, vor allem Niederländisch und dann Englisch und Schottisch, schliesslich aber auch Französisch und Italienisch. Die Ausbreitung liberaler Werte war und ist keineswegs auf England oder Grossbritannien beschränkt!
David Abufalia und ich stimmen aber dahingehend überein, dass Brüssel gegenwärtig nicht viel von einer Vertretung liberaler Werte hält. Dort regieren die Anwälte. Und die EU ist zu einer Lizenzherrschaft heruntergekommen. Anzutreffen ist ein schwerfälliger Sozialismus, und ein zugegebenermassen nicht plausibler «europäischer» Nationalismus, der bloss gut genug dazu war, den echten Nationalismus in Europa zu wecken. Wir sollten beten, vielleicht auf Englisch, dass er wieder einschläft.
vgl. Deirdre McCloskey: Auf die harte Tour? In. Schweizer Monat 1040. Oktober 2016. ↩