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Trügerische Schlagzeilen wie «So viele Jobs wie noch nie», «Alle sind so reich wie nie», «Allen geht’s so gut wie nie» sind zwar frohe Botschaften, sie sind aber nicht die Realität. Das Job-Wunder Schweiz basiert auf billigem Statistik-Trick. Zu dieser Schlussfolgerung kam auch ein Artikel im 20min.
Die Arbeitslosenzahlen in der Schweiz sind im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nach wie vor niedrig. Das haben wir nicht nur der guten Wirtschaftslage und unserer Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch der Art und Weise, wie die Zahlen erhoben werden, zu verdanken. Bei den Zahlen, die das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO monatlich publiziert, sind alle ausgesteuerten Personen, Stellensuchende, die einem Zwischenverdienst nachgehen, ein Programm zur vorübergehenden Beschäftigung oder eine längere Weiterbildung besuchen, nicht erfasst. Im Gegensatz dazu erhebt die OECD ihre Arbeitslosenzahlen nach der Definition der International Labour Organization ILO. Als Erwerbslose gemäss ILQ gelten alle Personen der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz, die ohne Arbeit sind, eine Stelle suchen und innerhalb kurzer Zeit mit einer Tätigkeit beginnen könnten. Die von der OECD erhobene Arbeitslosenquote ist denn auch ungefähr doppelt so hoch wie die vom SECO publizierte.
Eine grosse Anzahl der Stellensuchenden ü50 bleibt überdurchschnittlich lange arbeitslos und sieht sich dadurch mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Nebst finanziellen Einschränkungen und der damit einhergehenden Angst vor «Altersarmut» leiden ältere Arbeitslose häufig unter gesundheitlichen Problemen, sozialer Isolation und einem geringen Selbstwertgefühl. Oftmals fühlen sie sich auch nicht ernst genommen, vermissen das nötige Verständnis für ihre Situation seitens der involvierten Behörden.
Zahlen des SECO zeigen, dass Stellensuchende ü50 im Vergleich zu den jüngeren Altersgruppen überproportional lange arbeitslos sind. Betrug der Anteil der 50- bis 54-jährigen Langzeitarbeitslosen 20.1%, war derjenige bei den 55- bis 59-Jährigen bereits bei 26.8% und stieg bei den 60-Jährigen und älteren markant auf 39.9%. (Zahlen 2017).
Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit verringert sich die Wahrscheinlichkeit wieder eine Stelle zu finden.
Wird eine Person bei der ALV ausgesteuert, ist für viele der Weg zum Sozialamt nicht mehr weit. Ist Vermögen, bzw. Erspartes vorhanden, muss die betreffende Person ihren Lebensunterhalt vorderhand damit bestreiten. Erst wenn die sogenannte Freigrenze erreicht ist, haben Antragstellende Anspruch auf wirtschaftliche Unterstützung durch das Sozialamt. Die Freigrenzen sind folgende: Fr. 4'000 für Einzelpersonen, Fr. 8'000 für Ehepaare, Fr. 2'000 für jedes minderjährige Kind. Jedoch maximal Fr. 10'000 pro Familie.
Die 50- bis 64-jährigen Sozialhilfebeziehenden weisen gegenüber anderen Altersgruppen seit Jahren einen überproportionalen Anstieg der Sozialhilfequote, der Fallzahlen und der Bezugsdauer auf. Zwischen 2010 und 2017 stieg die Anzahl Sozialhilfebeziehender in der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen von rund 6800 auf 9500 Personen um rund 40% an.
Nicht nur die Anzahl der Sozialhilfebeziehenden steigt, sondern auch deren Bezugsdauer. So hat bei den 50- bis 64-Jährigen die mittlere Bezugsdauer von 44,6 Monaten im Jahr 2009 auf 56, 8 Monate im Jahr 2017 um rund ein Viertel zugenommen. Bei den anderen Altersgruppen war hingegen kaum ein Anstieg oder gar eine Abnahme feststellbar.
In der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen verfügen 59% über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder gar einen Hochschulabschluss, mehr als die 18- bis 35-, bzw. die 36- bis 49-Jährigen. Trotzdem ist der Anteil der 50- bis 64-Jährigen Personen, die Sozialhilfe beziehen und entweder erwerbslos oder nicht erwerbstätig sind, mit 83% massiv höher als bei den jüngeren Altersgruppen.
Gemäss den veröffentlichten Zahlen des SECO hat die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr abgenommen. Das ist Die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenzahl für 2019 beläuft sich auf 106'932 Personen und liegt damit um 11'171 Personen oder 9.5% tiefer als 2018. Die Arbeitslosenquote der älteren Arbeitnehmenden (50- bis 64-Jährige) hat mit einem Jahresdurchschnitt von 2.2% ebenfalls deutlich abgenommen (0,2 Prozentpunkte gegenüber 2018).
Aber gemäss dem Bericht Langzeitarbeitslosigkeit des SECO sind ältere Arbeitslose auffallend häufiger betroffen. Über 27% der über 50-Jährigen befanden sich 2017 bereits länger als ein Jahr in der Arbeitslosigkeit. Bei den Arbeitslosen unter 50 waren es 12.4%. Betrachtet man die einzelnen Altersklassen ist festzustellen, dass insbesondere ab 55 Jahren das Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit stärker ansteigt. Zwischen 55 und 59 steigt der Anteil um mehr als 6 Prozentpunkte und ab 60 Jahren um ca. 13 Prozentpunkte in den letzten 5 Jahren.
Was auch zu denken geben sollte, sind die vom Bundesamt für Statistik regelmässig veröffentlichten Zahlen zu der Armut in der Schweiz. Im Jahr 2017 waren 8,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Dies entspricht rund 675'000 Personen.
Nicht zu vergessen sind die Auswirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit und der Altersarmut auf die Gesellschaft und das Gesundheitswesen.
Stellenlos zu sein bedeutet per se eine finanzielle Einschränkung. Je nach persönlichen Verhältnissen erhält eine arbeitslose Person von der ALV eine Arbeitslosenentschädigung ALE, die 70 oder 80% des versicherten Verdienstes beträgt. Bei mittleren und höheren Einkommen mag die ALE ausreichen, bei Niedriglöhnen wird es schwierig, über die Runden zu kommen. Nicht selten müssen sich Stellensuchende, die einen niedrigen Lohn hatten, bei der Sozialhilfe melden, da die ALE schlicht nicht reicht, um zu (über)leben. Und sie aufgrund ihres tiefen Einkommens kein oder nur wenig Erspartes haben.
Bevor eine Stellensuchende Person Sozialhilfe beziehen kann, muss sie – falls vorhanden – zuerst ihr Vermögen «verzehren». Dies zusätzlich dazu, dass nicht mehr in die Sozialversichrungen einbezahlt wird, führt zu einer massiven Schädigung des Altersguthaben.
Zusätzlich sind ältere arbeitslose Menschen oft von Isolation, mangelndem Selbstwertgefühl und psychischen Problemen betroffen. Das belastet auch das Gesundheitssystem empfindlich.
Zwei Drittel der Stellensuchenden sind von psychischen Auswirkungen betroffen!
Fazit: Ja, die Arbeitslosenzahlen sind insgesamt erfreulicherweise gesunken, aber die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen, der Sozialhilfe beziehenden und von Altersarmut betroffenen Personen ist massiv gestiegen.
Eine Erhöhung des Rentenalters mag rechnerisch aufgehen, in der Realität wird die Rechnung aber offensichtlich nicht aufgehen. Auch die Digitalisierung wird zunehmend gerade ältere Arbeitnehmende betreffen, auch hier hat Wirtschaft und Politik noch kein Rezept. In den Fokus muss auch die Invalidenversicherung IV kommen, welche auf Kosten der Sozialhilfe spart. Sei es bei der Erteilung von Renten aber auch bei der Finanzierung von Umschulungen.
Langfristig schwächt Altersarbeitslosigkeit und Altersarmut das Gesundheitswesen, die Gesellschaft und die Sozialwerke!
Die Arbeitsgruppe "Gemeinsam gegen Altersarmut" hat am 19. September des vergangenen Jahres eine Demo zu der Thematik Arbeitslosigkeit ü50 in Bern organisiert. Am 2. Mai, dem Tag der Arbeitslosigkeit, wird zwischen 11 Uhr und 15 Uhr eine weitere Demo in Bern stattfinden. Nationale Demonstration gegen Altersarmut, Altersdiskriminierung und Arbeitslosigkeit ü50. Wir freuen uns, über viele Teilnehmende, um einen wichtigen Appel an Politik und Wirtschaft zu senden!
Als Beilage die Flyer mit Informationen der Demo 50+.
Gerne weise ich auch auf weitere meiner Beiträge zu der Thematik hin:
Die Armut in der Schweiz steigt deutlich
Digitalisierung bietet Risiken, aber auch Chancen
Ü50 sind oft gefangen im Behördendschungel
Rentenalter erhöhen? Unumgänglich oder illusorisch?
Arbeitslosigkeit 50plus
Altersarmut ist weiblich