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Aus dem Archiv der Firma und aus den Federn von Familienmitgliedern sind viele Dokumente erhalten, aus denen die hier wiedergegebenen Ereignisse zusammengestellt sind. Links führen zu Reproduktionen von Dokumenten und Bildern, die der Erzählung zugrunde liegen und das Geschehen in und um die Firma GASSMANN lebendig werden lassen. Da das Leben der Familie immer eng mit dem Geschehen im Geschäft verbunden war, wird auch das Familienleben mit dargestellt.
Basis der folgenden erweiterten und ergänzten Berichterstattung ist die Festschrift, die Hans J.Gassmann, der die Firma in dritter Generation führte, anlässlich des 100-Jahr Jubiläums verfasst hat. Von seinem Vater Otto J. Gassmann ist eine ausführliche Schilderung seiner Jugendzeit von 1881 bis 1897 erhalten, die das Leben in der Familie des Gründers sehr lebendig wiedergibt.
Jakob Gassmann wurde am 31. Oktober 1854 als dritter Sohn von Andreas Gassmann und Anna Barbara Schmid in Boppelsen an der Lägern geboren. Mit seinen vier Brüdern Jean, Hermann, Gottlieb und Heinrich wuchs Jakob auf dem bescheidenen Bauernhof im verträumten Dorfe auf und besuchte in Otelfingen die Sekundarschule. Während Jean, Hermann und Gottlieb in Boppelsen blieben, zog es Jakob und Heinrich in die Ferne nach Zürich. Zu Fuss marschierten die Brüder mit ihrem Bündeli in die Stadt der Verheissung; aber schon auf dem Milchbuck sei das Heimweh über Jakob gekommen. Am 23. April 1870 begann er seine Lehre bei Leopold Weil, einer kleinen Konfektionsfirma in Stadelhofen. Lohn gab es keinen und nur an Weihnachten eine «Gratification» von 50 bis 80 Franken. Andrerseits musste Vater Andreas mit seinem Fuhrwerk Holz als Lehrgeld für Herrn Weil nach Zürich fahren!
Nach der Lehre durfte der junge Commis für die Firma Weil «nach Norden und Süden ins Ausland reisen». Beschwingt von der Mode Luft wurde Jakob zum Jacques und heiratete 1876 Wilhelmina Mulfinger von Riedern, die in Zürich ein angesehenes Couture-Atelier betrieb. Zeugnis davon ist ein Email Schildchen «Frau Wilhelmina Gassmann-Mulfinger, Tailleuse», das an einem Gartentor der Usteristrasse prangte. Dem jungen Paar wurden geboren: am 16. September 1879 die Tochter Hedwig, am 7. Februar 1881 der Sohn Otto Jacques und am 31. Mai 1886 die Tochter Elsa. Noch im Jahre 1881, nach der Geburt der ersten Tochter, zügelte die Familie an die Seidengasse 20. Lassen wir Otto Jacques über jene Zeiten berichten: «Es muss eine grosse Wohnung gewesen sein, wenn nicht auf zwei Etagen, hatte doch meine liebe Mutter, die überaus tätig war, ihr grosses Couture-Atelier daselbst installiert. Aus Eintragungen im Bürgerregister ist ersichtlich, dass Zimmervermieter und auch Schneiderinnen in der Wohnung Hausgenossen waren. Caroline Leuthart war wohl der gute Hausgeist in Küche und Familie. Sicher ist, dass die Grossmutter Verena Mulfinger, geborene Bachmann, hauptsächlich den wirtschaftlichen Teil der grossen Familiengemeinschaft sicher gemeistert und geleitet hat».
Noch im gleichen Jahr ging Jacques Gassmann mit seinen Arbeitskollegen Wilhelm Mann und Paula Caminer an die Planung einer eigenen Firma. Diese Jahreszahl erklärt, warum Jacques Gassmann später «gegründet 1881» schrieb. Am 15. Januar 1882 kündigte er von Bern aus bei Leopold Weil und Comp.
1882 Am 1. März startete die neue Firma GASSMANN-MANN + COMP. Betrieb eines Geschäftes in «Fabrikation und Engros-Verkauf von Weisswaren, speziell Ruches, Damenkragen, ßroderies, Kinderkonfektion, Jupons, Schürzen, usw.». An diesem Tage im M6rz wurden von den drei Teilhabern insgesamt Fr. 50000.- auf die Kreditanstalt einbezahlt. Mit grossem Elan erarbeiteten sich die drei eine solide Kundschaft in der ganzen Schweiz, worüber das in schönster Kalligraphie beschriftete Buch «Kundsame der Gassmann Mann + Comp.» Auskunft gibt. Und auch das Hauptbuch aus der Papeterie Fürrer am Münsterhof, das auf der ersten Seite «mit Gott» beginnt, füllte sich. Die drei Partner scheinen sehr aggressive Konkurrenten gewesen zu sein. Sie hatten von der Firma Weil nicht nur ihre guten Branchenkenntnisse, sondern auch noch die Kundschaft mitgenommen. So zogen sich bald düstere Wolken über dem jungen Unternehmen zusammen, denn Leopold Weil wollte auf dem Prozessweg erzwingen: die Firma Gassmann-Mann sei zu verpflichten, sich zwei Jahre des Betriebes zu enthalten, die Firma sei im Ragionenbuch zu löschen und dies öffentlich bekanntzumachen. Am 9. September sandte Wilhelm Mann seinem Compagnon das befreiende Telegramm: Corporal Jakob Gassmann, Schwadron 24 Schaffhausen. Firma gerettet – jeder einzelne verklagt. Im folgenden Jahr wurde Jacques Gassmann zur Zahlung von 3000 Franken wegen Vertragsbruch verurteilt, auch Wilhelm Mann kam zur Kasse, aber auch der ehemalige Patron musste bei diesem Handel Federn lassen.
Ins Gründungsjahr fällt die Erschliessung des Paradeplatzes durch die am 5. September eröffnete Pferdebahn, im Volksmund «Rösslitram» genannt. Es waren die Linien Tiefenbrunnen-Bahnhof-Paradeplatz-Stockgasse (Enge) und Helmhaus- Poststrasse- Paradeplatz- Zentralfriedhof. Otto Jacques erzählte manchmal, wie er dem Tramschaggi helfen durfte, das Rössli «umzuschirren».
1883 übersiedelte die Familie Gassmann in das schöne Haus am Schanzengraben 17-19, wo im ersten Stock bereits Associe Wilhelm Mann-von Rotheck mit seiner Frau wohnte. Selbst kinderlos, war das Ehepaar den Kindern Gassmann besonders freundlich und freigiebig gesinnt.
1884 war ein neuer, wichtiger Meilenstein in der Firmengeschichte: die Eröffnung des Detailgeschäftes an der Poststrasse 7 in den Geschäftsräumen der vormaligen Maison Pachoud im «imposanten Centralhof». 1838 war an der Poststrasse das im elegantesten Stil erbaute neue Postgebäude zum Centralhof eröffnet worden, von dem gesagt wurde, dass es an Grösse, Lage und Vollendung von keinem Gebäude in der Schweiz übertroffen werde. Als Kantonales Oberpostamt besass es einen gedeckten Torweg, wo Reisende auch bei Regenwetter bequem einsteigen konnten. Auf dem «mächtigen Innenhof» wurden die Poststücke verladen und die Pferde eingespannt. Der heutige Gebäudekomplex ist 1873 bis 1876 durch Aufstockung und Ausbau des ehemaligen Postgebäudes entstanden.
Den «Laden» leitete Frau Gassmann-Mulfinger, denn es war der Wunsch ihres Gatten, sie möchte es leichter haben und nicht mehr Tag und Nacht in ihrem Couture-Atelier arbeiten. Auch war das Detailgeschäft ein willkommener Absatzkanal der Firma. Es ging bescheiden zu und her. Zum Zabig brachte man der Mutter Milchkaffee und Butterbrot in einem Deckelkorb vom «Schanzi» an die Poststrasse.
Es ist wohl kein Zufall, dass das Detailgeschäft auch in den folgenden Jahrzehnten unter der klugen und erfolgreichen Führung der Frauen stand und sich die Männer hauptsächlich der Fabrikation widmeten. Über dieser Eröffnung leuchtete ein guter Stern, denn wie die Geschichte zeigt, war dem Detailgeschäft eine kontinuierliche, gedeihliche Entwicklung beschieden.
Beide Betriebe wuchsen erfolgreich. Sicher war Jacques Gassmann die treibende Kraft und «nun kam die ganze eiserne Ausdauer, Intelligenz und Umsicht zu ihrer vollen Tätigkeit und siegreich wurden die Schwierigkeiten überwunden!» Sein Tatendrang scheint unbegrenzt gewesen zu sein. Im Jahr
1889 wurde ein zweites Detailgeschäft am Bahnhofplatz eröffnet. Standort und Lebensdauer konnten leider nicht ermittelt werden.
Am Schanzengraben kam am 31. Mai 1886 die Tochter Elsa zur Welt. Die Familie war der Mittelpunkt allen Tuns und die Kinder erlebten eine sorglose Jugendzeit, vorwiegend betreut durch Grossmutter Mulfinger. Derweil Mutter und Vater oft zur Erholung und Kräftigung nach Passugg fuhren, lagen die bescheidenen Ferienziele der Grossmutter für die Kinder näher: Feusisberg Hütten – Albis und Boppelsen, welche per Chaisli erreicht wurden. Als Dragoner Corporai der Schwadron 24 hielt sich Jacques seinen Schimmel Zephir, der nun Chaisli und Kinder mit Grossmutter zu ihren Ferienörtchen zog. Manchmal ging es auch zu Grossmutters Schwester, Tante Rosalie, die mit Jungfer Allenspach in Erlen im Thurgau ein kleines Bauerngut betrieb, wo die Kinder in grösster Einfachheit herrliche Ferien erlebten.
Obwohl das Unternehmen florierte, lastete die jahrelange Krankheit von Wilhelm Mann als Sorge auf den Associes. Der Bedauernswerte musste zur dauernden Pflege ins Burghölzli gebracht werden. Das Partnerschaftsverhältnis wurde 1890 aufgelöst und bald darnach starben Wilhelm Mann und dessen Gattin.
1890 erfolgte die Umwandlung in die EINZELFIRMA JACQUES GASSMANN und die Spuren von Paula Caminer verlieren sich. Schon fünf Jahre später wagte der risikofreudige Unternehmer den
1895 Kauf des «Centralhofes», das heisst, die Liegenschaft Poststrasse 7. Der Kaufpreis von Fr. 375000.-, der an Madame Gomaranine in Genf entrichtet wurde, war eine für damalige Zeiten horrende Summe. Sohn Otto, der einmal den Hypothekarzins per Cheque nach Genf bringen durfte, habe manchmal im Zug ängstlich an die Brieftasche gegriffen! Dieser Liegenschaftskauf war wohl die weitsichtigste Entscheidung für die weitere Firmenentwicklung. Im darauffolgenden Jahr, am 31. Dezember 1896, erwarb Jacques Gassmann für sich und seine Familie das Bürgerrecht der Stadt Zürich. Leider hatten sich aber in jener Zeit düstere Schatten über die Familie gelegt. Die Mutter war schwer erkrankt und es war ein herber Schicksalsschlag, als die geliebte, tüchtige und tapfere Frau, erst 40 Jahre alt, starb und Jacques, den die Todesnachricht am 20. Februar 1897 in Berlin erreichte, mit seinen drei unmündigen Kindern allein zurückblieb. Nach dem Tode der Mutter wollte Vater Jacques seine Kinder im Betrieb um sich haben. Tochter Hedwig musste ihren Englandaufenthalt abbrechen und, 18jährig, die Leitung des Detailgeschäftes übernehmen.
1897 trat Sohn Otto Jacques die Lehre im väterlichen Fabrikationsbetrieb an, nachdem er vorher zwei Jahre die Industrieschule, die nachmalige Handelsschule, besucht hatte. Späterfolgte eine Ausbildung in Bruxelles. Aus jener Zeit stammte die freundschaftliche Beziehung mit den Familien Entrop und Tobler. Vater Jacques war ein strenger Prinzipal. Er war überzeugt, dass man dem Personal in regelmässigen Abständen «den Standpunkt klarmachen müsse». So schloss er jeweilen in der Fabrik alle Fenster und hielt seine Kapuzinerpredigt, worauf er erschöpft nach Hause gebracht werden musste!
1898 wurde das Engros-Geschäft in die neue Fabrik Tödistrasse 49 verlegt, wo 70 Maschinen an einem Motor liefen, die erste derartige Einrichtung. Das Haus Schanzengraben wurde an Malermeister Gustav Reichert verkauft, Garten und Waschhaus erwarb der Nachbar Theodor Pestalozzi-Ulrich. Das Fabrikationsgeschäft blühte. Nicht nur die ganze Schweiz wurde bereist, auch in Italien hatte man treue Kunden.
Mit Boppelsen blieb die Familie eng verbunden. Sonntags kutschierte Vater Jacques seine Familie dorthin. Man half im «Wümmet», in der «Chriesizyt» oder sonst in Stall und Feld. In Boppelsen herrschte ein frommer Geist. Ohne diesen wäre wohl später das Zusammenleben von drei Generationen unter einem Dach nicht denkbar gewesen. Bruder Heinrich Gassmann, mit dem Jacques nach Zürich ausgewandert war, betrieb einen Broderie-Laden. Zuerst im Hause des Fotografen Emil Ganz an der Bahnhofstrasse, dem Freund und Hoffotografen der Familie, und später an der Poststrasse, etwa dort, wo sich heute der Zigarrenladen befindet. Heinrich wohnte zuerst im Hause Ganz und bezog dann sein Haus auf der Mauer über dem Central.
An der Jahrhundertwende vermählte sich Jacques Gossmann mit Ida Emilie Kleb von St. Gallen, die ihm eine hingebende Gattin und tüchtige Geschäftsfrau wurde. Die Familie wohnte nun im Centralhof und Vater Gassmann wurde Mitglied der Kirchenpflege Fraumünster und später deren Präsident. 1901 kam dann der Sohn Willy zur Welt.
1902 erweiterte Jacques sein Unternehmen durch ein weiteres Detailgeschäft am Schwanenplatz in Luzern, dos wieder unter Leitung der Tochter Hedwig stand. Sie erzählte später schmunzelnd, die verbliebene Winterware sei jeweils von Zürich gekommen. Dort wurde sie an die Fremden verkauft, die den «unwirtlichen Höhen der Rigi» zustrebten. Wie lange diese Filiale existierte, konnte auch nicht festgestellt werden.
Jacques Gassmann und seine Frau standen nun vor dem Problem, nicht nur die Modelle für die Fabrikation, sondern auch dos Sortiment des Detailbetriebes aus fremden Quellen zu ergänzen. Berlin war das Mekka der Konfektionäre und Vater Jacques war hell begeistert von Berlin und dessen Konfektion. So begeistert, dass er sogar ein für damalige Begriffe exklusives Klosett mit braunen Kacheln von Berlin mitbrachte und an der Poststrasse einbauen liess, welches aus Pietät heute noch teilweise erhalten ist.
Am 10. Oktober 1905 verheiratete sich Sohn Otto Jacques, der gut bürgerlich auch Otto Jakob hiess, mit Lucie Johanna Fürrer von Zürich und Tablatt, St. Gallen. Die Fürers, wie sie sich damals noch schrieben, waren gute alte Freunde und wohnten «um die Ecke» am Münsterhof. Grossvater Rudolf Fürrer war eine starke und markante Persönlichkeit und es sind uns viele lustige Anekdoten von ihm überliefert wie auch sehr klare Merksprüche. Seine Frau Lucie, geborene Spengler, unser Grossmüetti, war dagegen eine stille, bescheidene Frau. Mit dieser Hochzeit wurde eine Verwandt- und Freundschaft mit der Familie Fürrer besiegelt, die in schönster Weise auch heute noch Bestand hat. Lucie Fürrer hatte zwei Brüder: Rudolf Fürrer-Fretz und Heinrich Fürrer-Zollikofer.
Da Hedwig Gossmann Arnold Zollikofer von St. Gallen heiratete und Heinrich Fürrer dessen Schwester Gertrud Zollikofer, andrerseits die Schwester von Ida Gassmann-Kleb Klara ihrerseits Edzard Zollikofer ehelichte, den Bruder von Gertrud und Arnold, waren die Familien Gossmann, Fürrer und Zollikofer kreuz und quer miteinander verwandt. Nur dos Faktotum der Familie Fürrer, Anno Vogler, war nicht einverstanden mit dieser Heirat. «Wie kann auch Fräulein Lucie den <Maison> heiraten, einen Fremden?» So hatte die Brave die grosse Firmentafel «Maison Gossmann» interpretiert.
1907 wurde im Hotel St. Gotthard bei Freund Manz das 25jährige Geschäftsjubiläum gefeiert. Es war Grund zum jubilieren und Jacques und seine Frau konnten stolz auf das Erreichte zurückblicken. Erstaunliches hatte der rastlose Unternehmer vollbracht. 25 Jahre hatte er auch mit der Kreditanstalt verkehrt und fand, diese hätte an ihm so viel verdient, dass sie nun auch sein neues Heim am Zürichberg finanzieren könne! So zog die Familie Gassmann-Kleb ins «Bergheim» an die Bergstrasse 28. Jacques, ein Mann des Fortschritts, schaffte sich nun auch ein Automobil der Marke Pic Pic samt Chauffeur an. Eine Sensation für jene Zeit. Das Vehikel habe viel Ärger verursacht und war wohl mit ein Grund, dass Sohn Otto Jacques seiner Lebtag kein Auto haben wollte.
1909 gab es an der Poststrasse einen grossen Umbau, denn schon damals wie heute mussten die Geschäftslokalitäten den Erfordernissen der Zeit und dem Geschmack des Publikums angepasst werden. Leider meldeten sich beim Gründer im selben Jahr die ersten Zeichen eines schweren Krebsleidens. Noch hoffte er auf Genesung, doch
1911 seine Kräfte nahmen zusehends ab. Am 14. Oktober übergab er die Firma seinem Sohn Otto Jacques und zwar das Warengeschäft ohne Liegenschaften. Die Miete für Parterre, Entresol und Hauswarts Wohnung betrug 25‘000 Franken pro Jahr inklusive Heizung und für die schöne Wohnung über den Geschäftsräumen bezahlte der Sohn «2‘400 per annum». Dass das Geld damals auch nicht billig war, beweist der Satz von 8% für die Verzinsung des Darlehens. Nun wohnte die Familie Otto Jacques Gassmann-Fürrer im Herzen unserer Vaterstadt mit den Kindern Otto, geboren 1906, Gret geboren 1908 und Dora geboren 1910. Verwöhnt mit modischer Kleidung wurden sie von Mutti, das dem Detailgeschäft vorstand, nicht. Sie berichten, wie jedes Jahr die drei unvermeidlichen Lodenpelerinen ohne Anprobe «heraufgekommen» seien.
1912 Am 19. März erlag Jacques Gassmann dem schweren Leiden in seinem Heim am Zürichberg und hinterliess seine Frau, die ihren Mann schon nach 12jähriger Ehe verlieren musste sowie den 11 jährigen Willy und seine erwachsenen Kinder aus erster Ehe: Otto Jacques, Hedwig und Elsa.
Am Ende dieser Gründer-Aera von Jacques Gassmann, der in 30 Jahren ein beachtliches Unternehmen aufgebaut und ein ansehnliches Vermögen erworben hatte, kann man sich fragen, wie das alles möglich war. Pioniergeist, eisernes Schaffen, Risikofreudigkeit, Gespür für Mode und erträgliche Konkurrenz einerseits – bescheidener Betrieb, kleine Gehälter, überhaupt keine Sozialleistungen, niedrige Mieten und fast keine Steuern scheinen eine gewisse Erklärung zu sein. Und vor allem war es eine Zeit langen Friedens, der Ruhe und des unbegrenzten Zukunftsglaubens.
Otto Jacques und seine Frau Lucie hatten ein gerüttelt Mass an Arbeit und finanziellen Verpflichtungen. Der junge Ehemann war mit seinen Kollektionen mit den grossen Hängekoffern viel auf Reisen im In- und Ausland. Oft war der Transport recht beschwerlich. Abgelegene Orte im Jura waren im Winter nur mittels Pferdeschlitten erreichbar. Nun hatte Otto Jacques eine gute Figur, sodass ihn einmal eine Kundin mangels Vorführdame bat, die Mäntel und Capes für sie anzuziehen und vorzuführen! In seiner Abwesenheit war die junge Frau für Fabrikation und Detailgeschäft verantwortlich und der Haushalt mit den Kindern war auch noch da! Ihre Tüchtigkeit, vom Vater ererbt, war gepaart mit einem starken Willen und einer gewinnenden Freundlichkeit.
So schön die Wohnung an der Poststrasse war- es zog die Familie noch dem Zürichberg, wo dos Tram schon bis zur alten Kirche Fluntern fuhr. Der Aushub für dos neue Heim an der Kraftstrasse 24 erfolgte 1914, just als der Weltkrieg ausbrach. Otto Jacques, Mitrailleur-Hauptmann und Regimentsadjudant, rückte mit seinem Fuchs Irma, den er für 1500 Franken erworben hatte und einer «Remonte», ein. Und nun begann ein 4jähriger Aktivdienst mit unendlichen Diensttagen für alle Wehrmänner. Das Regiment lag meistens im Tessin. Dem fliessend Italienisch sprechenden flotten Hauptmann behagte es, bei Familie Broggini in Losone, im Quartier, und wir Kinder mussten die DiensterIebnisse und Gewaltritte unseres Vaters später noch manchmal nacherleben. Die schönen Freundschaften der Grenzbesetzung, so mit Dr. Egon Schoch aus Schleitheim und dessen Familie, verband noch zwei Generationen.
1914 Wie war nun die Situation im Betrieb? Frau Lucie stand mit den ersten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen dieser schweren Situation allein gegenüber. Zuerst habe lähmende Angst einen kompletten Stillstand jeglicher Geschäftstätigkeit bewirkt. In der Fabrik wollte niemand bestellen und es seien überhaupt keine Zahlungen mehr eingegangen. Aber dann habe sich das Geschäft normalisiert und zwischen zwei Diensten war der Adjudant zu Hause wieder Kommandant. Im ersten Weltkrieg waren auch die internationalen Beziehungen in den ersten Jahren noch einigermassen intakt. In der grossväterlichen Papeterie am Münsterhof mussten sie jedes Federbüchslein deutscher Provenienz öffnen, um den Zettel «Gott strafe England» zu entfernen!
In den späteren Kriegsjahren wurden dann Güter immer knapper und teurer, die Kleiderstoffe schlechter. Seither hat «Melton» bei den älteren Semestern unserer Branche einen üblen Beigeschmack. Die unendlichen Diensttage, ohne jede Vergütung ausser dem kargen Sold, brachten die Familien vieler Wehrmänner in grosse Not. Unglücklicherweise grassierte auch eine böse Grippe-Epidemie, der massenweise Soldaten und Zivilisten zum Opfer fielen. Im Centralhof wurden kranke Soldaten gepflegt. So musste es unweigerlich zu sozialen Spannungen kommen, die sich dann 1918 im Generalstreik entluden. Zürich war der Hauptunruheherd. Ausserkantonale Truppen, vor allem Kavallerie, mussten für den «Ordnungsdienst» aufgeboten werden. Auch Oberstleutnant Arnold Zollikofer-Gassmann war mit seinen Dragonern dabei.
Eine friedlichere Reminiszenz aus jener Zeit. Mutter Lucie schrieb ihrem Manne, dass General Wille in voller Uniform seine Tochter, Frau SchwarzenbachWille, ins Geschäft begleitet habe. Sie hätten wohl nur eine Waschhose für 4 Franken gekauft, aber sie alle im Geschäft seien stolz und dankbar gewesen und viel Volk habe auf der Strasse gewartet!
Die Familie wohnte seit 1915 in Fluntern, damals noch weit draussen. Auch Grossmamma Gassmann-Kleb bezog vis-a-vis an der Kraftstrasse 25 ihr neues Haus. Das «Bergheim» an der Bergstrasse hatte sie an August Hahnloser-Hoz verkauft. Schicksal oder Zufall – gut 20 Jahre später heiratete Dora Gassmann den Sohn Robert Hahnloser und Jahre später zog die Familie Hans Gassmann-Itten in die obere Wohnung an der Bergstrasse 28 und verbrachte dort 14 glückliche Jahre in herzlicher Verbundenheit mit Ida Hahnloser-Hoz.
Im Hause Kraftstrasse 25 wohnten bei Ida Gassmann-Kleb deren Sohn Willy und für einige Zeit ihre Schwester Klara Zollikofer-Kleb mit ihren in Schule und Studium begriffenen Söhnen Edzard und Lorenz, den Freunden und Cousins unserer Jugendzeit. Der Vater Edzard war als Überseer in Guatemala und Tante Clärli zweitweise an der Poststrasse tätig.
Willy Gassmann wurde Ingenieur, heiratete Dora Wiederkehr, und leitete während Jahren den schwiegerelterlichen Betrieb Frey-Wiederkehr, Co., Couvertfabrikation. Dieser Ehe entsprossen die Kinder Fredi (O’Sullivan) und Beatrice (Küffer). In zweiter Ehe war er mit Doris Frei verheiratet. Aus jener Ehe stammt der Sohn Hansueli, geboren 1947. Willy Gassmann starb 1962,61 jährig, in Peseux, Neuenburg.
1918 kam an der Kraftstrasse Hans Jakob als viertes Kind zur Welt. Eigentlich war ich das fünfte Kind, denn ein Brüderlein war bei der Geburt gestorben. In unserem Heim an der Kraftstrasse 24 verlebten wir eine glückliche Jugendzeit. Im nahe gelegenen alten Schulhaus wurde uns in Klassen mit 40 Kindern von Herrn Oetiker das Wissen mit dem Mehrröhrchen eingetrichtert. Da Mutti an der Poststrasse fast festgenagelt war, walteten zuhause Babette Fausch in der Küche und Gertrud Zimmerlin, kurz Euli genannt, als «Fräulein» oder Erzieherin ihrer Ämter. Beiden guten Seelen haben wir viel zu danken. Babette, aus ganz einfachen Verhältnissen, war eine starke Persönlichkeit und ihre Sprüche, die alten einfachen Weisheiten ausdrückend, begleiten uns noch heute. Wenn dann noch die Glätterin Bertha Domeisen am Tisch ihrer devoten Ehrerbietung Ausdruck gab, wurde es unserem Vater, nachdem er die gestärkten Manchetten vor dem Essen auf das Fenstersims gestellt hatte, manchmal zu viel!
Unsere Eltern führten ein gastliches Haus voller Leben und Besuche. Die guten Freunde Kunzmann, Branger, Gassmann-Hanimann, Corrodi, Locher, Diener, Schoch, Entrop waren viel zu Gast. Bei Schneewetter gab es Schlittel Partien. Meine Geschwister hatten viele Einladungen und ich spielte mit Richardli Muggli, der mich gar oft verprügelte. Daraus ist eine lebenslange Freundschaft entstanden. «Jedenfalls war unser Elternhaus durchpulst von frohem, geschäftigem, strebsamen Leben, als wir noch vollzählig beisammen waren» schreibt Schwester Gret über jene Epoche.
Jeden Sonntag kam Grossmüetti Fürrer zu Besuch. Die stille, liebe Grossmutter wohnte an der Klosbachstrasse 27. Dort traf ich mich mit meinen gleichaltrigen Vettern Fürrer und wir bestaunten zusammen das Dolderbähnli. Oftmals «mussten» wir Kinder aber auch an die Familienausflüge der Familien Gassmann, Fürrer und Fretz. Grossvater Rudolf Fürrer war 1910 sechzigjährig gestorben und Grossmüetti starb 1927 mit 76 Jahren.
1918 brachte der Welt den Frieden und 1920 gründete der vorausschauende Unternehmer einen «Fonds für Wohlfahrt und Unterstützung» und äufnete diesen mit 50‘000 Franken. Es war eine
1922 der ersten Stiftungen dieser Art. 1922 übernahm der Firmeninhaber auch die Liegenschaften Poststrasse 7 zu Fr. 750‘000.- und Tödistrasse 49 zu Fr. 200‘000.- aus der Erbschaft, nachdem er auf eigene Rechnung schon dringende Reparaturen und den Einbau eines Liftes an der Poststrasse von Fr. 100‘000.- «selber bezahlt hatte». Dieser Lift mit seinen Scherengittern war ein fahrendes Gartenhäuschen, mitten im Raum. Vis-a-vis des Einganges platziert, verband er Parterre und 1. Stock.
1923 Eröffnung einer Filiale an der Gerbergasse in Basel. Der Geschäftsleiter Ritter imponierte mehr durch sein Klavierspiel und als flotter Reiter denn durch geschäftliche Tüchtigkeit. 1929 wurde das Basler Experiment abgebrochen, nachdem Papa Herrn Ritter in Reitstiefeln im Laden «erwischt» hatte!
Blenden wir noch einmal zurück in die Nachkriegszeit. Zuerst ein Aufschwung und dann der Rückschlag. In Deutschland kam es zur Inflation, wo Briefmarken Millionen kosteten und sich die Buchhalter erschossen, weil sie mit den Nullen nicht mehr zurechtkamen. Damals wurden Mäntel aus Berlin verzollt zu 4.50 importiert und der billigste Stoff am Meter in der Fabrik stand mit Fr. 12.- zu Buch. Böse Zeiten für die Fabrikation! Man versuchte, überschüssige Schweizer Konfektion und Textilien nach Serbien zu exportieren. Die Züge fuhren unter Schweizer Militärschutz, was nicht hinderte, dass Wagons und Lokomotive gestohlen wurden. Übrig blieben von diesem Export wertlose Aktien der Banque Serbo-Suisse.
1927 nahm Otto R. Gassmann seine Tätigkeit in der Fabrik auf, als Vertreter der dritten Generation. Nach der Handelsmatura weilte er in Aberdeen (Schottland) und arbeitete anschliessend bei der Stoff-Firma Anfri in Paris. So konnten sich Otto und Lucie Gassmann freuen, ihren Sohn als Mitarbeiter zu haben. 1933 wurde das Verkaufslokal an der Bahnhofstrasse 24, im Hof angrenzend an unser Haus, eröffnet. Durch die damals noch bestehende Kolonnade des Eckhauses Bahnhofstrasse/Poststrasse (wie heute noch bei Optiker Zwicker) war man an der Poststrasse aus dem Blickfeld und wollte an der «ersten Adresse» vertreten sein. Dort wirkte nun vor allem Tochter Dora mit grossem Einsatz und zeitweise auch Lily Gassmann-Bürke. Die Lokalitäten waren modern eingerichtet. Der Mietvertrag lief gerade bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges aus und wurde richtigerweise nicht mehr erneuert, wenn man bedenkt, dass dann die Kriegsjahre mit immer weniger Warennachschub folgten.
Gesamthaft waren die Dreissiger Jahre mit der Weltwirtschaftskrise sorgenvolle Zeiten. An der Bahnhofstrasse wurden Ladenlokale mangels Mieter in Büros umgewandelt. Viele konnten ihre Mieten einfach nicht mehr bezahlen. Den Banken floss kein Geld zu, sie forderten ihre Kredite und Hypotheken zurück. Häuser konnte man nicht belehnen und es war eine Last, Häuserbesitzer zu sein. Zu diesen äusseren Schwierigkeiten kam 1932 eine fast 7 Jahre dauernde Depression von Otto Jacques, die schwer auf der Familie lastete und den Betrieb noch zusätzlich lähmte. So musste die Fabrikation
1934 schweren Herzens aufgegeben werden. Tüchtige Directricen konnte man sich nicht mehr leisten und die Kunden akzeptierten in diesen mageren Zeiten keinen selbstdetaillierenden Fabrikanten, der ihr Konkurrent war. Der zweigleisige Betrieb konnte einfach nicht mehr verkraftet werden. In der Schweiz hatte man 1936 125‘000 Arbeitslose!
1936 erfolgte, nach der Abwertung des Schweizerfrankens, ein Wirtschaftsaufschwung. Andrerseits wurden die Importe kontingentiert, was unsere Einfuhren aus Paris und Berlin schwer behinderte. Das war einer der Gründe, der Otto Gassmann-Bürke bewog, mit einigen Kollegen die Vereinigung Schweizer Modehäuser zu gründen. Sie vertrat die Interessen der Modegeschäfte, da der Textildetaillistenverband mehrheitlich die Manufakturisten repräsentierte. In beiden Verbänden haben die Leiter unseres Hauses immer aktiv mitgearbeitet.
Der politische Hintergrund der Dreissiger Jahre war der des Nazimus in Deutschland, der als Frontismus über die Schweizergrenze brandete. Die Lage wurde immer bedrohlicher- Hitler wollte den Krieg. Im Juli 1939 wurde bei uns zuerst der Grenzschutz aufgeboten und im August erfolgte die Generalmobilmachung. Im Winterthurer Bataillon 63 rückten die Brüder Gassmann ein. Otto als Oberleutnant und Bataillons-Adjudant – Hans als MinenwerferKanonier.
1941 war ein schweres Schicksalsjahr. Otto Gassmann-Bürke, ohne Aussicht auf geschäftliche Entfaltung, verliess verständlicherweise das väterliche Unternehmen. Schwester Dora war schon im Vorjahr durch Heirat ausgeschieden. Da starb am 6. Dezember 1941 Lucie Gassmann-Fürrer, unsere geliebte, tapfere Mutter, während einer Bergwanderung auf den Rigi an einem Herzschlag, im 59. Altersjahr. Der Mittelpunkt unserer Familie, die tüchtige Geschäftsfrau, war nicht mehr. Es war unfassbar.
An der Poststrasse trat nun Fräulein Berta Guggenbühl, die im Jahr 1912 durch Frau Gassmann-Kleb als Schneiderin angestellt worden war, an erste Stelle. Dieser klugen Frau, mit einem starken Willen und eiserner Gesundheit versehen, haben wir viel zu verdanken. Sie trat 1959, mit 47 Dienstjahren, in den Ruhestand und blieb bis zu ihrem Tode, im hohen Alter, freundschaftlich mit uns verbunden.
Da Papa wieder krank wurde – wieder fast 7 Jahre – blieb nur noch einer zum «weitermachen» übrig, der Jüngste. Ohne Erfahrungen im Detailhandel, nach Handelsdiplom, kaufmännischer Praxis in der Seidenbranche in Zürich, Adliswil und Lyon musste ich,
1942 knapp 24jährig, ins Geschäft einsteigen. «Entweder Du kommst, oder ich höre auf», verkündete Papa. So war ich nun ungewollt und nicht einmal frustriert (da man das Wort noch nicht kannte), als einer der dritten Generation am Ruder. Nach unserer Heirat im Jahre 1944, war meine tüchtige Frau Elisabeth glücklicherweise bereit, bei der Führung des Geschäftes mitzuhelfen. Fräulein Guggenbühl stand uns dabei zur Seite. Der Firma und Familie treu ergeben, war sie uns eine feinfühlige Lehrmeisterin. Und auch meinen väterlichen Kollegen aus der Vereinigung Schweizer Modehäuser, den Herrn August Gümbel, Basel, und Max Biedermann, Winterthur, bin ich dankbar für manchen guten Rat.
Später arbeitete ich mit Christoph Heller vom Hause Ciolina in Bern eng zusammen, wie auch mit Zia und Aldo Gasser, Lugano. Im gegenseitigen Erfahrungsaustausch, dabei aufs schönste freundschaftlich verbunden, konnten wir uns immer gegenseitig helfen.
Wie sah es damals an der Poststrasse aus? 1942 waren wir insgesamt etwa 30 Leute. Das Parterre mit seiner Schnörkel-Galerie und den Vorhängen, dann der erste Stock sowie im 4. Stock das Atelier und die Abwartwohnung der Familie Bühlmann, mit 5 Personen in drei Zimmern, das war damals von der Firma belegt. In der 3. Etage wohnte Tante Elsa, genannt Sehnigei, die lange in Aegeri ein Kinderheim geführt hatte, mit ihrer Tochter Ursula, der späteren Frau Ritter-Gassmann. Eine Etage war der Kriegszeit wegen an die Stadt vermietet. Und der Keller, als Luftschutzraum mit Holzstämmen verstärkt, war von unserem Nachbarn, der Papeterie SchoII, als Papierlager gemietet. Die Geschäftsräume waren recht altmodisch und im Parterre thronte die kurzsichtige Kassiererin Hedwig Däniker in einem grossen Kassengehäuse, dessen Grösse in krassem Gegensatz zu den kleinen Umsätzen stand. Ich hatte kein «gmähts Wiesii» angetreten!
Für den Einkauf wie für den Verkauf war wenig Spielraum. Alles wickelte sich innerhalb der Textilmärkli ab, die immer rarer wurden. Ware aus dem Ausland gab es schon lange nicht mehr. Auch die Nahrungsmittel-Rationierung war streng. Für einen kleinen Haushalt war es sehr prekär, aber gesamthaft war das Volk dabei viel gesünder und sehr abgehärtet. An der Poststrasse heizte man mit der kleinen Kohlenzuteilung und Torf. Ich hatte das Büro meines Vaters im 1. Stock beziehen müssen und wärmte mich dort am Cheminee, das mit Türbeli als Brennstoff wacker Rauch entwickelte. Im Rahmen des Planes Wahlen, kurz Anbauschlacht genannt, musste unsere Firma pro Kopf der Belegschaft eine gewisse Bodenfläche bebauen – wir waren der Genossenschaft Pflanzwerk Aesch-Birmensdorf-Bonstetten angeschlossen. Arme Flüchtlinge aus Lagern mussten sich auf miserablem Boden abplagen. So teure Kartoffeln hat es nie mehr gegeben!” Aber es heisst im Bericht: «Wir sind bereit, unseren Beitrag am Mehranbau zu leisten, um unserem Land den Hunger zu ersparen.» Auch an der Kraftstrasse war das Wiesli umgegraben und Papa war sehr stolz auf seine Kartoffel- und Gemüseernte.
Die Schweiz war vollständig von den Achsenmächten, eigentlich Deutschland, eingeschlossen und unsere Industrie musste mehrheitlich für Hitler-Deutschland produzieren, um zu überleben. Kein Wunder, dass die Alliierten ihrerseits ihre für uns lebensnotwendigen Lieferungen auf ein Minimum drosselten. Ein Bonmot der Alliierten hiess: «6 Tage arbeiten die Schweizer für Hitler-Deutschland und am 7. beten sie für den Sieg der Alliierten.» Für unsere Regierung war es der jahrelange, zermürbende Balance-Akt zwischen den Kriegsparteien für das Schweizervolk. Entgegen aller Kritiken im Nachhinein, muss gesagt werden, dass der Durchhaltewillen, gerade des einfachen Volkes, ungebrochen war. Doch zurück zu unserem Betrieb, den es, innerhalb aller Kriegshemmnisse, zu erweitern galt. Alles musste mit bescheidenen vorhandenen Mitteln geschehen. So verschönerte man da und dort etwas. Wir waren ganz auf die Schweizer Konfektion angewiesen, die, ohne ausländische Konkurrenz, gute Zeiten hatte. Auch bei uns ging es langsam aufwärts. Ich sehe noch heute vor mir, wie Elisabeth, Fräulein Guggenbühl und ich eine Nacht lang 800 Blusen aus irgendeinem Mischstoff auszeichneten. Hilfskräfte konnte man sich nicht leisten. Der Lieferwagen war mangels Benzin längst ausser Betrieb – der Chauffeur von Fürrer als Magaziner übernommen.
Nach den ersten Anläufen im Detailhandel musste ich irgendein Konzept erarbeiten, wobei das erste Ziel war, die Kuren unseres Vaters zu finanzieren, und seine Einkünfte sicherzustellen. Die Liegenschaft Tödistrasse war 1941 an die Firma Bertele + Schindler, Schirmfabrik, verkauft worden, unter dem seinerzeitigen Ankaufswert! Häuser waren während des Krieges gar nicht gefragt, weil niemand sich in diesen unsicheren Zeiten festlegen wollte. Aber der Verkauf brachte willkommene Barmittel, die erlaubten, an der Liegenschaft Poststrasse längst fällige Reparaturen nachzuholen. Eines war für mich klar: Konzentration aller Kräfte und Mittel auf das Haus und den Betrieb an der Poststrasse. Zudem waren Elisabeth und mir durch unsere jahrelange Krankheit die Flügel etwas gestutzt – wir mussten auch in der Zukunft mit unseren Kräften haushalten. Auch fühlte ich mich wohl als «Lädeler», wollte einen überschaubaren Betrieb, der mir den Kontakt mit der Kundschaft gestattete, den ich gerne pflege. Aus finanziellen Rücksichten auf die Familie konnten wir auch keine grossen Risiken eingehen.
Im fünften Kriegsjahr zeichnete sich der Zusammenbruch der Naziherrschaft ab und am 8. Mai 1945 war der Krieg in Europa zu Ende. Die Kirchenglocken läuteten den Frieden ein. Die ganze Stadt war in jener lauen Maiennacht auf den Beinen und strömte zu Dankgottesdiensten in die Kirchen. Man hoffte auf ewigen Frieden und vergass Kain und Abel. Am 9. August, nach der Atombombe auf Hiroshima, kapitulierte auch Japan. Damit endete der zweite Weltkrieg.
Im Geschäft war man die Textilmärkli los und unser Herr Ebneter, ein frommer Mann, konnte es nicht fassen, dass keine Schlussabrechnung stattfand und somit Gerechte und Ungerechte gleichermassen in den Frieden marschierten. Die Rationierung war man los, nicht aber die Ware aus all den Ersatzstoffen. Die Arbeitslosigkeit, die man für die Nachkriegszeit befürchtet hatte, trat glücklicherweise nicht ein. Unsere Umsätze kletterten erfreulich nach oben.
Ich brannte darauf, alte Beziehungen der Firma mit England und Schottland wieder aufzunehmen. In einem abenteuerlichen Flug, meinem ersten überhaupt, kam ich von Genf (!) über Basel-Paris
1946 in zwei Tagen mit zwei Visas in ein zerbombtes, geschundenes London. Dort konnte ich etwas Cashmere-Pullis und Harris Tweed-Mäntel auftreiben, die natürlich zuhause «gefressen» wurden. In London hatte ich einen «Schlag», anders kann man es nicht nennen, in einem Hotel am Leicester Square, das unvorstellbar heruntergekommen und dreckig war. Ein Detail: ich hatte meine Nagelschere vergessen. Unmöglich, eine solche in London aufzutreiben! Sehr British-minded, seit meinem ersten Besuch in England als Handelsschüler 1936, entwickelten sich nun recht gute Verbindungen mit England und Schottland und daraus sind sehr wertvolle Freundschaften entstanden. Es war noch die Zeit der persönlichen Beziehungen, eines gewissen Gentleman-business.
Im gleichen Jahr entschloss sich die Familie für Papa, das meist geschlossene Haus an der Kraftstrasse zu verkaufen. Einfamilienhäuser wollte niemand und wir waren froh, in Familie Dr.SäuberIi einen Käufer zu finden, der uns 175‘000 Franken zahlte. Dora und Elisabeth mussten das grosse Haus räumen. Was blieb, sind die Erinnerungen an unsere Kindheit – an schöne, aber auch sorgenschwere Jahre. Unsere Schwester Gret hat uns ein reizendes Fotoalbum geschenkt: Unser Elternhaus.»
Da Papa nicht mehr tätig sein konnte, wollte er sich auch seiner Verantwortung entledigen. Es wurden alle Varianten von Gesellschaftsformen geprüft. Die Gesellschaftsform der AG wollte man aus steuerlichen Gründen nicht – um dann doch dabei zu landen. Es waren qualvolle Verhandlungen mit einem damals entschlussunfähigen Vater. Onkel Heinrich Fürrer-Zollikofer, aber auch unsere Schwäger Robert Hahnloser und Rolf Corrodi, waren uns dabei eine grosse Hilfe.
1948 wurde die OTTO JACQUES GASSMANN AG gegründet. Im ersten Verwaltungsrat waren Otto Jacques Gassmann, Heinrich Fürrer, Rolf Corrodi und Hans J. Gassmann, später auch Elisabeth Gassmann. Ab 1951 war auch Otto Gassmann-Bürke dabei und seit 1962 unser beliebter Vetter Rudolf H. Fürrer. Dafür schieden Heinrich Fürrer und Rolf Corrodi aus. Eine neue Gesellschaftsform intern – eine neue Fensterfront extern. Durch diesen ersten Umbau verschwanden die altmodischen Schaufenster. Mit dem New Look unserer Firma ging im gleichen Jahr jene Mode gleichen Namens durch die Welt und unsere Kassen. Christian Dior, der vom französischen Baumwollkönig Marcel Boussac finanziert war, lancierte seinen New Look, jene knöchellangen, unten weiten und bauschigen Kleider und Mäntel, welche die Mode und das Strassenbild revolutionierten. Unter den Kleidern wurden weite Halbunterröcke getragen, die so voluminös und steif waren, dass unsere Wäscheabteilung davon fast überquoll. Dieser Rayon war übrigens der Lieblingsort von Papa, wenn es ihm gut ging. Zigarren rauchend, mit Hut und Stock, sass er dort, las den damals noch einigermassen geniessbaren «Tagesalüüger» und spröchelte mit Personal und Kunden. Jeden Tag notierte er in schönster Handschrift die Barumsätze des Vortages, worauf unser Buchhalter eines Tages meinte: «Es wäre wohl heilsam, wenn Herr Senior die Unkosten addieren wollte anstelle der Umsätze!»
Während der Krankheitszeit von Papa war uns Tante Hedi Zollikofer-Gassmann, seine Schwester, eine geduldige Betreuerin und Beraterin und auch unsere gute Babette Fausch konnten wir wieder «aktivieren». Nach seiner Genesung Ende der vierziger Jahre wohnte unser Vater einige Zeit in Solothurn, im Hotel Krone. Dort liess er sich zuerst ein Zimmer nach seinem Geschmack tapezieren. Zu seiner, wohl aber nicht zur Freude der anderen Gäste, pflegte er in der Hotelhalle Klavier zu spielen. Nach Solothurn hatte es ihn gezogen, weil dort unsere Verwandten mütterlicherseits, die Familie Hattemer, vor allem Onkel Hermann Hattemer, wohnten. Später nahm er Wohnsitz im Hotel Waldhaus Dolder, wo es ihm sehr behagte und wo er Freunde und Bekannte, vor allem aber die ganze Familie, freigiebig einlud und Freude hatte, andern Freude zu bereiten. Uns allen, auch den Enkeln, ist jene Zeit von Opa im Waldhaus, stets gut gelaunt, mit der Zigarrenasche auf den dunklen Anzügen, noch in bester Erinnerung.
Hatten wir bei der Auflösung des Haushaltes Kraftstrasse alle Möbel etc. eingelagert, entschied sich Papa später, alles zu verteilen. Die ganze Familie versammelte sich im Lagerhaus. Papa als lebender «Erblasser» sass vergnügt mit Hut, Stock und Zigarre dabei, als alles aufgeteilt wurde. Der Verwalter des Lagerhauses meinte, eine so friedliche und fröhliche Teilung noch nie gesehen zu haben.
1951 begann eine Umbauserie, die nicht mehr abreissen sollte. Unser Freund, Architekt Eberhard Eidenbenz, gestaltete das Parterre mit jener dekorativen Galerie und der schmucken Nische für Cashmere vis-c-vis des Eingangs. In der Nacht vor der Eröffnung fiel beim Einräumen unserer bewährten Fräulein Thalmann ein nicht angeschraubter Handlauf auf den Kopf; aber sie lebt zum Glück heute noch.
1954 folgte der 1. Stock und 1957 die dritte Etage, wo wir auch die erste Girl Abteilung einrichteten. Es waren jugendliche, nette Kleider mit Fantasieknöpfen und kleinen Anhängern. Furchtbar brav in heutiger Sicht- aber es brachte Erfolg.
1957 konnten wir das 75jährige Geschäftsjubiläum feiern und den Abschluss der ersten Umbau-Serie. Für Papa war es die Krönung seiner Laufbahn. Es gab ein grosses Personalfest im Kongresshaus, wo er als Postillion Goldvreneli verteilte und Marion Gassmann als «Nigger Jim» auftrat. Im Savoy fand das andere grosse Fest statt.
Das 50er Dezennium hatte für die Familie traurig begonnen, starb doch unser lieber Schwager, Robert Hahnloser, erst 42jährig im März 1950 an einem Herzschlag. Zurück blieb Dora, nach nur 10jähriger Ehe, mit den Söhnen Rudolf, Georg, Ulrich und Thomas. 1955 starb dann auch unsere Grossmamme, Ida Gassmann-Kleb, 86jährig, im Altersheim Buchenhof an der Kreuzbühlstrasse. (Das Haus ist 1980 abgebrochen worden.) Nach dem Verkauf ihres Hauses an der Kraftstrasse 25 hatte sie zuerst in Zollikon in der Nähe ihres Sohnes Willy und dessen Familie gewohnt, bevor sie ins Altersheim Buchenhof zog. Dort besuchten Elisabeth und ich sie immer so gerne am Samstagabend, nach Feierabend. Und immer stand in der trauten Altersstube ein Meissenschälchen mit Guetzli für «ihren Hänsi» und dessen Frau bereit.
1960 Im Hinblick auf eine Erbteilung schien es wünschbar, Warenbetrieb und Liegenschaft zu trennen. Das Warengeschäft wurde aus der Bilanz ausgeklammert zur Otto Jacques Gassmann AG, einer neuen (!) Aktiengesellschaft und die alte Firma zur GASSMANN IMMOBILlEN- UND BETEILIGUNGS AG umfunktioniert. Diese Konstruktion von Dr. Otto Germann-Benz, dem langjährigen Berater und Freund unserer Familie von der Allgemeinen Treuhand, hat sich bestens bewährt. Obwohl vom Nachteil der Doppelbesteuerung belastet, hat sie den Fortbestand des Warengeschäftes erleichtert und in der Immobiliengesellschaft den Besitzstand der vier Familien klar geregelt. Schade, dass man damals nicht auch noch eine Holding aufbaute. Aber in unseren mittelständischen Verhältnissen hätte man damals eine solche für Grössenwahn gehalten. Zudem waren die steuerlichen Belastungen noch lange nicht so drückend wie heute. Papa schien diese neuerliche Übung etwas unnötig, erklärte aber sofort: «Wenn Ihr findet, das sei gut und nützlich, bin ich mit allem einverstanden.» So kooperativ ist er in jüngeren Jahren nie gewesen!
Dem Verwaltungsrat der Gassmann Immobilien- und Beteiligungs AG gehörten an: Otto J. Gassmann-Fürrer als Präsident, Otto und Hans Gassmann, Rolf Corrodi-Gassmann. Dieser schied später aus, dafür ist Rudolf H. Fürrer seit 1962 dabei und später auch Gret Corrodi und Dora Hahnloser. Nach dem Tode von Papa wurde Otto Gassmann-Bürke Präsident.
Schon bald nach der Gründung der Immobiliengesellschaft, kurz GIBAG genannt, wurde von jedem Familienstamm ein Juniorenvertreter mit beratender Stimme dem Verwaltungsrat beigestellt. So wusste die 4. Generation um die Beschlüsse der dritten Generation. Das System hat sich bewährt und 1973 wurde Dr. Jürg Schmid-Gassmann als Vertreter der «Jungen» in den Verwaltungsrat der Otto Jacques Gassmann AG gewählt.
1963 musste das Atelier vergrössert und das Abwart-Ehepaar Bühlmann ausquartiert werden. Zu den «liegenden Fenstern», die wie eine Gärtnerei auf das Haus aufgesetzt sind, wurden wir von der Stadt gezwungen. Kaum vollendet, verkündete mir ein Mann des Hochbauamtes, so etwas würde nie wieder (!) bewilligt, sondern ein zurückgesetztes Attikageschoss -für das wir doch so gekämpft hatten. Ich warf den Beamten buchstäblich zum Haus hinaus. Kaum war das Atelier vergrössert, wurden Ausländer kontingentiert und wir hatten die grösste Mühe, Schneiderinnen anstellen zu dürfen.
1964 konnten wir endlich ins Nachbarhaus Nr. 5 durchbrechen und zwar vorerst in der dritten Etage. Jahrelang hatten wir vergeblich versucht, der aufgedonnerten Frau Ackermann das Haus abzukaufen. Nun war es schon ein grosser Erfolg, dass sie es gestattete, auf «ihrer Seite» auszudehnen. Dass wir ihren Busen- und Hausfreund als Bauführer akzeptieren mussten, war eine teure Beigabe. Der Betrieb platzte aber aus allen Nähten und die Vergrösserung war dringend.
Diese Erweiterung hat Papa noch miterlebt und sich darüber gefreut. Im darauffolgenden Jahr, am 8. Dezember 1965, ist er, fast 85jährig, im Waldhaus Dolder friedlich eingeschlafen. Es waren ihm nach seinen Krankheitsjahren noch 16 recht unbeschwerte Jahre vergönnt, die er genoss und für die er herzlich dankbar war. Seine Schwester Elsa starb 1969 im 83. Altersjahr nach jahrelangem Aufenthalt in der Hohenegg.
Die Sechziger Jahre waren die Jahre hektischer Hochkonjunktur. Dem Wachstum der Wirtschaft schien keine Grenze gesetzt. Wir jagten der Ware und dem Personal nach, der Kunde kam fast von selbst. Aber wir pflegten unseren Kundendienst, machten weiterhin fast als einzige Firma Modeschauen und Elisabeth warnte uns Männer vor dem Glauben unbegrenzten Wachstums.
1968 machten wir uns an den grössten Umbau: von gänzlich neuen Schaufenstern, dem Einbau von zwei Personen- und einem Warenlift, Ausbau des Kellers mit Einbau einer Kantine, den Durchbruch ins Nachbarhaus auch im ersten Stock und den Einbau einer Klima-Anlage. All dies in einem alten Gemäuer unter Aufrechterhaltung des Verkaufsbetriebes. Auf der Bauwand waren fröhliche Bilder und der Spruch: «Wir bedienen trotz Umbau heiter weiter!»
Eine technische Einzelheit: das alte Treppenhaus wurde abgebrochen und im Baukastensystem das neue und der Warenlift durch das geöffnete Dach per Kran neu aufgebaut. Dem Umbau waren eingehende Studien über den Warenfluss vorangegangen. Architekt Jan Both hat die schwierigen Probleme glänzend gemeistert und unserem damaligen tüchtigen Hausabwart Walter Kümin ist es zu verdanken, dass wir so gut über die Runden kamen. Die Tatsache, dass das Nachbarhaus Frau Ackermann gehörte, zwang uns, alle wichtigen Installationen in unserem Hause zu konzentrieren und in der Fremdliegenschaft nur «Retouchen» anzubringen. Als der 1,6 Mio-Umbau zu Ende war, kam an der Eröffnung Ruedi Fürrer mit der schlimmen Nachricht, Frau Ackermann wolle nun unbedingt verkaufen! Wir waren wie vom Donner gerührt und sahen schon den erzwungenen Rückzug, also wieder Verkleinerung in unser eigenes Haus, auf uns zukommen. Ein Kauf zum geforderten Preis schien uns unmöglich. Da kam uns Herr Jean Vanini, Immobilienfachmann, Malermeister und entfernt Bekannter in absolut uneigennütziger Weise zu Hilfe. «lassen Sie mich machen; dieses Haus müssen Sie sich unbedingt sichern.» Was nun folgte, war ein Roman. Jean Vanini gab vor, die Liegenschaft für sich erwerben zu wollen und brachte mit seiner Beharrlichkeit den Verkaufspreis um fast 2 Mio., die sie uns mehr verlangt hatte, herunter. Andrerseits sagte ihm Frau Ackermann ständig, Herr Gassmann sei eigentlich der erste Interessent, habe aber nun nach dem Umbau nicht mehr genug Geld! Inzwischen rechnete Bruder Otto hin und her, ob der Kauf zu verkraften wäre. Das aufregende Happy End: Herr Vanini machte einen Vorvertrag und als Otto und ich auf dem Notariat als Käufer erschienen, ging die getäuschte Frau Ackermann fast mit dem Regenschirm auf uns los. Jean Vanini musste dann mit der aufgedonnerten Verkäuferin im «Petit Palais» den Verkauf bei Champagner doch noch feiern und, oh Schreck, mit ihr tanzen.
Das Haus war unser zu einem erschwinglichen Preis. Dass es zum Dach hineinregnete und seit 30 Jahren keine Aufwendungen mehr gemacht worden waren, wussten wir und mussten es in den folgenden Jahren nachholen. Der Kauf war ein gewaltiger Brocken, jedoch waren wir vier Geschwister einer Meinung, wie wir das bei den grossen gemeinsamen Entscheidungen glücklicherweise immer waren. Seit dem Kauf des «Centralhofes» durch Grossvater Jacques war dieser mutige Entschluss wohl der weittragendste in unserer Generation.
Wie die Firmen haben auch Häuser ihre Geschichte und Schicksale. Das Haus Poststrasse 5 gehörte früher Sattlermeister Grimm. In seinem Laden in der Passage stand ein hölzernes Pferd schön angeschirrt, das mir als Bub grossen Eindruck machte. Herr Grimm kam dann in die schlechten Zeiten, geriet in Konkurs und erhängte sich. Das Haus ging an Herrn Ackermann über. Dieser war Klavierspieler im ersten Stummfilm-Kino Bellevue. Später hatte er das Kino Rex. Er wohnte im Hause 5, wo er weiterhin Klavier spielte. Ich habe ihn nie anders als in Pantoffeln gesehen. Bepantoffelt nahm er hie und da den Zug und fuhr so ins Tessin. Er wurde bevormundet, starb und hinterliess das Haus seinen zwei Töchtern. Im Hause Poststrasse 3 war die Papeterie SchoII, ein gutgehendes Geschäft. Sein Inhaber wirtschaftete es zugrunde und das Haus kam zweimal auf die Gant. Ein Kauf kam für uns, des Preises wegen und weil damals noch eine Fremdliegenschaft dazwischen lag, nicht in Frage. Im Eckhaus, heute Mädler, war früher das Silberwarengeschäft Wiskemann. Diese Firma konnte das Haus in der Krisenzeit nicht mehr halten. Es wurde vom deutschen Architekten Oskar Walz erworben, abgebrochen und 1937-38 in 125 Tagen neu aufgebaut. Da Herr Walz der Stadt für diesen Bau viele Arbeitslose «abnahm», nahm es das Bauamt mit der Einhaltung der Servituten gar nicht genau. Unser Vater hatte dann mit dem neuen Nachbarn leider einen langen Prozess, der nichts einbrachte.
Die Frucht der Vergrösserung durch den Umbau unseres Hauses war ein steil ansteigender Umsatz und guter Ertrag für beide Gesellschaften. Wir hatten gewagt, die Kinderabteilung vom Parterre in den 1. Stock (damals Haus Ackermann) zu verlegen. Fräulein Guggenbühl, obwohl im Ruhestand, biss mir deswegen fast den Kopf ab und prophezeite den Ruin dieser Abteilung, umso mehr, als nun im Ballon Rouge – oh, lockere Sitten – Mädchen und Knaben nicht mehr getrennt waren. Die Abteilung blieb aber ein Erfolg. Ganz neu als Konzept das der Boutique Hitty, mit der wir die Jungen ins Haus brachten. Sie war ein Umsatzerfolg, denn es gab damals noch kein Dutzend solcher Boutiquen. Ertragsmässig blieb die Abteilung leider im Pubertätsstadium.
Werfen wir einmal einen Blick auf die Konfektionslandschaft. Sehr bald nach dem Krieg nahmen wir die Pariser Verbindungen wieder auf, wobei uns Herr Gümbel aus Basel behilflich war. England und Schottland strengten sich mächtig an und jene Kollegen, die geschworen hatten, nie wieder in Deutschland zu kaufen, pilgerten als erste nach Berlin. Dort behagte es mir nicht und ich versuchte es dafür in Schweden, wo wir über herrliche Exklusivitäten in Mänteln und Kostümen verfügten. Durch den Wohlfahrtsstaat in diesem Lande wurden dessen Produkte mit den Jahren für uns zu teuer. Die meisten Lieferanten machten Pleite. Auch aus Holland und Belgien und natürlich Italien kam schöne Ware und die Schweizer Konfektionsindustrie war exportfähig, hatte gute Zeiten und lieferte uns interessante Mode. Die deutschen Lieferanten, die auch vor dem Krieg die geschickten und preiswerten Kopisten von Paris und Rom gewesen waren, holten mächtig auf. Wir Detaillisten balgen uns seither nicht nur um Lieferanten, sondern auch um Hotelzimmer während den Messen in Düsseldorf und München. Die Waage neigte sich eindeutig auf die deutsche Seite, ob wir es gern hatten oder nicht. Die grossen Verlierer waren leider die Schweizer und holländischen Hersteller! Dazu kamen die Importe aus Hongkong und Taiwan in guten Qualitäten und niedrigsten Preisen, wobei wir zu klein waren für Direktimporte in grossen Mengen.
Kamen die Lieferanten früher mit ihren Kollektionen meistens ins Haus, musste man mehr und mehr in deren Show Rooms einkaufen. Die grossen Messen in riesigen Hallen, der aufreibende Riesenbetrieb, ersetzten den persönlicheren Besuch bei den einzelnen Lieferanten «a domicile». Waren früher die persönlichen Kontakte von Patron zu Patron ausschlaggebend, wiegt heute meistens nur noch die Umsatzgrösse. In Schottland und England sind aus Geschäfts Kontakten richtige Freundschaften geworden, die mir viel bedeuten. Dort ist am ehesten der «Gentleman-Business» erhalten geblieben, hauptsächlich in der Maschenindustrie. Auch die Einkaufszeiten haben sich spektakulär verschoben. 1942 kauften wir Wintermäntel im Juni zur Lieferung im September und bestellen sie heute im Februar/März, um die Ware ab Juni/Juli abzunehmen. Auch im Konfektionssortiment hat sich ein enormer Wandel vollzogen. Grossteile, d. h. Mäntel, Kostüme, Kleider und Strickwaren brachten den Hauptumsatz und «daneben» hatte man Blusen und Jupes, von Hosen noch nicht zu reden. Heute ist unser Angebot in eine enorme Vielfalt aufgesplittert, die auch eine ganz andere Warenpräsentation erfordert. Change is the way!!
Seit dem Kauf des Nachbarhauses waren in der Passage immer noch Handschuh-Böhny und die Metzgerei Geiser unsere Mieter. Letzterer sorgte für die Gerüche, da dessen Entlüftung auf dem Dach hübsch neben unserer Frischluftansaug-Anlage platziert war. So konnten wir schnuppern, ob Brät, Sauerkraut oder Güggeli an der Reihe waren. Diese Immissionen und unser Drang nach mehr Raum führten zur
1974 Kündigung an Geiser. Nach dem Auszug von Wurst und Schwartenmagen wurde unser Parterre um den Teil der Metzgerei vergrössert, was zusätzliche vier Schaufenster brachte. Auch die Kellerräume beider Häuser wurden verbunden; eine Zentralheizung versorgte fortan beide Häuser und es konnten eingerichtet werden: eine geräumige Personalkantine, die neue Personal Garderobe und Dekorationsabteilung.
«Die Zeiten sind nie schlecht» lautete der suggestive Titel eines Buches. Aber so einfach ist es nicht. Immer haben gute und schlechte Zeiten abgewechselt und die schlechten Jahre wiegen deshalb schwerer, weil in den guten heute der Staat ein fast unersättlicher Teilhaber ist und es uns erschwert, Reserven zu bilden. Die Rezession der Jahre 75/76, der schärfste Konjunktur-Einbruch seit der Krise der Dreissiger Jahre, traf unsere Firma im buchmässigen Ertrag weniger als viele Konkurrenten, die im Vertrauen auf ewiges Wachstum zu viel expandiert hatten. Aber umsatzmässig traf es auch uns. In der Vorahnung schlechterer Jahre hatten wir vakante Stellen nicht mehr besetzt und so den Personalbestand wesentlich vermindert. Auch hatten wir scharf auf die Unkosten-Bremse getreten. Auch früher gab es, sogar in Zeiten der Hochkonjunktur, fette und magere Jahre und internationale Störungen wie die Korea Krise 1951, die ihre Schatten auf unsere Ergebnisse warfen. Und die Mode Launen gehen mit ihrem Auf und Ab auch durch unsere Kassen wie das Wetter!
Der Zahn der Zeit nagt nicht nur an den Menschen, auch an den Häusern gehen die Jahre nicht spurlos vorüber. Die Sandsteinfassaden unserer Häuser leiden unter dem Einfluss der Ölheizungen und aller Benzindämpfe des heutigen Verkehrs. Nach dem Abbruch und
1977 Wiederaufbau des Hotels Savoy entschlossen wir uns, die Fassade beider Häuser, Seite Poststrasse, einer gründlichen Renovation zu unterziehen. Steinmetze, Maurer, Spengler und Maler bemühten sich um das Face Lifting. Es hat sich gelohnt und die Zeitungen berichteten lobend über das vollbrachte Werk, das sehr beachtet wurde.
1979 Die vierte Generation an der Arbeit! Thomas Hahnloser-Recke, nach dem Studium in St. Gallen und Praxis in der Branche bestens vorbereitet, begann seine Tätigkeit in unserem Familienbetrieb. Damit war der erste Schritt zur Weiterführung der Firma getan. Es wartete genug Arbeit auf ihn, denn sofort musste die Planung für eine Neugestaltung unseres Parterres an die Hand genommen werden. Unsere Waren Präsentation war wieder einmal nicht mehr der Mode entsprechend. Wir mussten für die – im Umsatz einen immer grösseren Anteil gewinnende – Kleinkonfektion und Kombinationsmode mehr Raum und andere Warenträger schaffen. Die zum Sorgenkind gewordene Hitty-Boutique verschwand geräusch- aber nicht verlustlos.
1981 entstand das neu konzipierte Erdgeschoss. Erstmals war der Blick von der Ladentüre zur hinteren Wand frei. Mehr Raum, mehr Möglichkeit zur Präsentation der neuesten Ware und vor allem eine Promotionsfläche für die oberen Etagen. Ein schmaler Ersatz für die fehlende Kundentreppe! Es war eben der richtige Moment, um den Trend zu mehr Kombinationsmode und Kleinkonfektion auszunützen.
Nicht die Neueinrichtungen entscheiden über den Erfolg, sondern immer wieder das richtige Sortiment, die gute Bedienung vor und hinter den Kulissen, die angenehme Einkaufsatmosphäre, die persönliche Pflege der Kundschaft. Und da gedenke ich in Dankbarkeit vor allem der vielen tüchtigen Frauen, die durch ihren restlosen Einsatz und harte Arbeit den Erfolg sichern halfen. Frauen wie Fräulein Hedwig Cavillet, Fräulein Bertha Guggenbühl, Fräulein Berta Meier, Fräulein Klara Matter, die 48 Jahre schneiderte – Fräulein Sylvia Thiele, Frau Helga Seiler, Frau Jenny Barth haben einen entscheidenden Anteil daran gehabt. Die vielen Stürme der letzten 38 Jahre hat Elisabeth tapfer an meiner Seite durchgestanden. Mit ihrem zähen Willen und sicherem kaufmännischen Blick, ist sie massgebend an der Entwicklung dieser Epoche beteiligt, wofür ich ihr herzlich dankbar bin.
Jahr hat sich an Jahr gereiht. Eine Mode folgte der andern wie Erfolg und Misserfolg. In jeder Generation hat wieder ein Stamm Risiko und Chance auf sich genommen. Das gute Einvernehmen in unserer Familie war ein Garant für die gedeihliche Entwicklung unseres Hauses.
Grosse Dankbarkeit und fast etwas Verwunderung, dass alles bewältigt werden konnte, erfüllen mich im Blick zurück – mit Schwung und Vertrauen starten wir ins zweite Jahrhundert.