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Forschungsbericht: Alter und schulisches Fremdsprachenlernen
Vorbemerkungen zum Kontext des Forschungsüberblicks zum Thema
Alter und schulisches Fremdsprachenlernen
Dieser Überblick über Studien zum früheren oder späteren Fremdsprachenunterricht wird zu einem Zeitpunkt publiziert, in dem in der Schweiz eine angeregte politische Diskussion über die Organisation und Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts in der Primarschule stattfindet. Es erscheint uns deshalb wichtig, den Kontext und den Geltungsbereich des publizierten Textes zu klären.
Die Studie ist Teil des Arbeitsprogramms des nationalen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit. Vorbereitende Diskussionen zu diesem Arbeitsprogramm mit Vertreterinnen und Vertretern der Steuerungsgruppe des Kompetenzzentrums zeigten, dass in der Wissenschaft und in der Bildungspolitik Bedarf besteht für einen Überblick über die zum Thema vorliegenden Studien (national und international). Dies nicht nur, aber auch, weil bestimmte Akteure, die sich öffentlich für oder gegen den Frühbeginn des Fremdsprachenunterrichts aussprechen, Studien selektiv zitieren, um ihre jeweiligen Anliegen durchzusetzen.
Es gibt unterschiedlichste Gründe und Faktoren, die für die frühere Einführung des Fremdspra-chenunterrichts sprechen. Aus politisch-symbolischer Perspektive kann der frühere Beginn des Unterrichts einer zweiten Landessprache angezeigt sein. Die Entscheidungen in der europäischen Nachbarschaft zur Vorverlegung des Beginns des Fremdsprachenunterrichts können eine Rolle spielen. Es kann ein bildungspolitisches und pädagogisches Anliegen sein, Kinder möglichst früh für sprachliche Diversität zu sensibilisieren. Als Argument für den früheren Beginn wird auch oft angeführt, dass dieser im Vergleich zum späteren Beginn das Erreichen von höheren Kompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit ermöglicht. Häufig wird gleichzeitig argumentiert, dass jüngere Kinder Sprachen schneller, müheloser oder spielerischer lernen als ältere.
Unser Bericht geht ausschliesslich auf diese letzten beiden Punkte der unvollständigen Aufzählung von Gründen ein. Er diskutiert die Studien, die zu diesem Thema vorliegen. Nicht alle dieser Studien sind aus methodischer Sicht gleich gut gemacht. Angesichts der recht kleinen Zahl von verfügbaren Texten haben wir alles, was vorliegt, berücksichtigt; offenkundige methodische Probleme werden, wo nötig, diskutiert.
Ausgehend von dieser Literatur können also zu vielen aktuell brennenden Fragen keine Aussagen gemacht werden: Das Lernen von zwei Fremdsprachen in der obligatorischen Schule ist schlecht bis nicht untersucht. Die Frage, welche Sprache in der deutschen Schweiz zuerst als Fremdsprache unterrichtet werden soll, kann auf Basis dieser Studien nicht beantwortet werden. Ob eine innovative, beispielsweise mehrsprachig angelegte Fremdsprachendidaktik zu markant besseren Resultaten führen würde als ein eher traditionell gestalteter Unterricht, liegt ebenfalls ausserhalb des Geltungsbereichs dieses Überblicks (diese Frage ist weitestgehend unerforscht). Auch Auswirkungen des früheren Beginns auf langfristige, auf andere Sprachen transferierbare oder motivationelle Aspekte des Sprachenlernens der Schülerinnen und Schüler sind bisher unerforscht.
Der Geltungsbereich dieses Berichts ist also recht eng. Im Unterschied zu anderen Schulfächern, wo die Frage nach dem besten Alter für den Lernbeginn selten gestellt wird, ist im Bereich des Fremdsprachenlernens genau diese Frage ein wiederkehrendes und für die Bildungsplanung offensichtlich wichtiges Thema, zu dem zumindest einige Studien existieren, die Erkenntnisse hervorgebracht haben. Wir hoffen, dass unser Überblick über diese Erkenntnisse zu einer sachlichen Debatte um das schulische Sprachencurriculum, aber auch zu realistischen Zielsetzungen und Erwartungen beitragen wird.
Freiburg, 19.9.2014
Raphael BERTHELE und Amelia LAMBELET