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Stachelschweine im Tram
Ich stand im Tram, das gerade über die Kornhausbrücke rollte, und dachte an Arthur Schopenhauer. Es ist nicht so, dass ich oft an Schopenhauer denke. Eigentlich tue ich das eher sporadisch. Doch aufgrund dessen, was mir widerfahren ist, konnte ich nicht anders, als an den deutschen Philosophen zu denken. Genauer gesagt an seine Parabel über eine Herde Stachelschweine. Diese kämpfen an einem kalten Wintertag gegen die Kälte und sehen sich in einem Dilemma gefangen. Rücken sie zu weit voneinander ab, erfrieren sie. Nähern sie sich einander zu sehr an, bohren sich ihre Stacheln gegenseitig ins Fleisch. Natürlich ist dieses Problem auf die menschliche Gesellschaft umzumünzen. Die Lösung liegt in der Findung der mittleren Entfernung, die von Schopenhauer als Höflichkeit bezeichnet wird.
Nun war es aber eben diese Höflichkeit, die mich im 9er-Tram öffentlicher Demütigung aussetzte. Dabei wollte ich mich bloss einer älteren Dame nähern. Präziser ausgedrückt: Mein Interesse galt vielmehr dem freien Sitzplatz, der an den ihren grenzte. Nun ist es so, dass meine Eltern aus mir ein besonders höfliches Stachelschwein zu formen versuchten. Deshalb wurden mir von Kindesalter an gesellschaftliche Gepflogenheiten antrainiert, die in Manövern wie der Besetzung von Sitzen im öffentlichen Verkehr zur Geltung kommen sollten. Das hat so gut funktioniert, dass ich einige dieser Umgangsformen bis heute nicht losgeworden bin und der älteren Dame mein Interesse am Sitzplatz in gesitteter Fragestellung kundtat.
Die ältere Dame blickte zu mir hoch. Ihre Augen waren wie Bergseen, blau und kalt. Sie starrte mich an, als probierte sie, mich mit ihrem eisigen Blick in die Hypothermie zu treiben. Sekunden quälten sich vor sich hin. Nichts passierte. Dann sagte sie Nein. Es war ein Nein, dessen Vehemenz selbst jenes zur Selbstbestimmungsinitiative deutlich zu überragen vermochte. Ich war perplex. Eine solche Abweichung vom Höflichkeiten-Protokoll hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Deshalb wusste ich nicht genau, was der Duktus in einer solchen Situation vorsieht. Ich schlich davon, unter Begleitung von eisigem Starren, das sich an meinen Rücken heftete.
Das Tram rollte in Richtung Bahnhof, und ich dachte darüber nach, was mich als Sitznachbar disqualifizieren könnte. Mir wollte nichts in den Sinn kommen. Ich war vollständig gekleidet, hatte die Zähne geputzt und meine Achselhöhlen mit geruchsüberdeckendem Körperpflegemittel behandelt. Also überlegte ich mir, ob nicht einfach das Konzept der Höflichkeit gescheitert ist. Vielleicht ist Anstand ein Auslaufmodell. Vielleicht befindet sich die Gesellschaft in zwischenmenschlicher Rezession.
Da ich auch nach einem allfälligen Ende der gesellschaftlichen Umgangsformen auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sein werde, wollte ich wissen, wie in diesem Szenario die Besetzung von Sitzplätzen geregelt werden soll. Ich fragte bei Bernmobil nach und erfuhr, dass meine zwangsneurotische Fragerei nach Sitzplätzen nie nötig gewesen wäre. «Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass freie Sitze ohne Nachfrage besetzt werden dürfen», teilte die Medienstelle mit.
Martin Erdmann
Der «Bund»-Redaktor hat durch Recherche zu diesem Text viel über Anatomie, Lebensraum und Fortpflanzung des Stachelschweins (Hystricidae) gelernt.
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