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Wie gehe ich mit einem intersexuellen Kind um?
Ich erwarte ein Baby und frage mich, was ich mache, wenn es intersexuell sein sollte. Was empfiehlt die Wissenschaft?
Als intersexuell bezeichnet man Personen, die mit einem biologisch uneindeutigen Geschlecht geboren werden. Aus genetischen, hormonellen oder anderen Gründen kommt es zu Abweichungen in der Ausprägung der Charakteristiken des Geschlechts. Das kann Gene, Chromosomen, Geschlechtsteile oder Fortpflanzungsorgane betreffen. So kann etwa keine Vagina oder kein Penis vorhanden sein, oder diese sind nur schwach entwickelt.
Intersexuell gilt es von transsexuell abzugrenzen. Transsexuelle Menschen sind mit einem biologisch eindeutigen Geschlecht geboren, fühlen sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig. Man schätzt, dass ca. eines von 2000 Neugeborenen mit uneindeutigem biologischen Geschlecht zur Welt kommt. Noch bis etwa in den Neunzigerjahren war die verbreitete medizinische Meinung, das Kind so rasch wie möglich einem Geschlecht zuordnen zu müssen. Deswegen war es gang und gäbe, die genitalangleichenden Eingriffe an betroffenen Kindern bereits im Neugeborenenalter durchzuführen, damit das Kind von früh auf als Mädchen oder Junge erzogen werden konnte. Zu den Prozeduren gehörten schmerzhafte Massnahmen wie das Anlegen einer Neovagina oder die Entfernung vorhandener Hoden. Oft jedoch wurden diese Eingriffe ohne Einwilligung oder hinreichende Aufklärung der Eltern durchgeführt.
Eindeutige Erziehung
Seither haben zahlreiche Leidensberichte von Betroffenen sowie Studienergebnisse gezeigt, wie solch frühe Behandlungen viele Intersexuelle schwerwiegend traumatisiert haben. Dies hatte zur Folge, dass die Situation intersexueller Menschen zu einem politischen Thema geworden ist, welches einen fundamentalen Wandel in der Behandlungsweise von intersexuellen Neugeborenen provoziert hat. Heute müssen sie vor medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierungen geschützt werden. Es wird empfohlen, ein Kind möglichst früh in die medizinischen Behandlungen einzubinden und mit einer Operation zu warten, bis es selbst darüber entscheiden kann. Nur in wenigen Ausnahmefällen sind Operationen aufgrund eines medizinischen Notfalls notwendig.
Leider ist die Aufteilung in Frau und Mann nach wie vor gesellschaftlich, kulturell und rechtlich tief verankert. Deswegen raten Experten, was das psychosoziale Geschlecht angeht, dies auf keinen Fall offenzulassen. Die Eltern sollen das Kind entweder als Junge oder Mädchen erziehen, damit es zum Beispiel weiss, auf welche Toilette es gehen kann. Dies ist für die Identitätsentwicklung des Kindes sehr wichtig. Für viele Eltern ist ein intersexuelles Neugeborenes nach wie vor ein grosser Schock. Deswegen ist Ihre Frage sehr berechtigt. Wichtig ist, dass sich die Eltern so früh wie möglich an einen Psychologen oder Interessenvertreter intersexueller Menschen wenden. Diese Person kann helfen, die Angst und Unsicherheit zu nehmen. Ferner empfehle ich die Beteiligung an Selbsthilfegruppen, die einem bei dieser Herausforderung tatkräftig zur Seite stehen können.
Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf <email-pii>.