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| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Drittes Buch
4. Cap. Wenn das System Marcions richtig ist, so hat dessen Gott der reinen Güte für sein Eingreifen jedenfalls nicht die rechte Zeit gewählt.
Vermutlich verschmähte er es, das geordnete Verfahren unseres Gottes nachzuahmen, da dieser ihm missfällig war und er ihn bekämpfen musste. Da er eine ganz neue Erscheinung war, so wollte er auch in ganz neuer Weise auftreten, als Sohn ohne vorhergegangene Anerkennung durch den Vater, und als Gesandter ohne Autorisierung durch seinen Auftraggeber, um damit eine ganz wunderliche Art von Glauben einzuführen, wonach man glauben musste, es sei ein Christus erschienen, bevor man wusste, dass einer existiert.
Es ist angezeigt, auch darauf näher einzugehen, warum er nicht nach dem Auftreten Christi erschien. Denn da ich sehe, dass sein Herr den widerwärtigen Demiurgen, der noch dazu mittlerweile den Menschen seinen Christus ankündigte, so lange Zeit hindurch in höchster Geduld gewähren liess, so sage ich, aus demselben Grunde, weshalb er dies that und seine Offenbarung und sein Eingreifen aufschob, hätte er auch müssen mit dem Schöpfergott Geduld haben, der dann auch seine Ratschlüsse hinsichtlich seines Christus ausgeführt haben würde. Dann hätte er, nachdem das ganze Thun und Treiben des ihm feindlichen Gottes und seines Christus erschöpft war, selber seine eigenen Ratschlüsse darauf folgen lassen sollen. Allein er fand an so grosser Geduld keinen Geschmack und das war die Ursache, dass er nicht abwartete, bis der Schöpfergott mit seinem Thun zu Ende war. Zu dulden, dass der Christus des Schöpfergottes prophezeit wurde, war eine Thorheit, wenn er dessen Erscheinen nicht dulden wollte. Entweder griff er grundlos vor Ablauf der Zeitperiode des andern ein, oder er unterliess es so lange Zeit hindurch mit ebenso schlechtem Grunde einzugreifen. Was hielt ihn davon ab, was machte ihn verlegen? So aber sündigte er in beiden Beziehungen, bezüglich des Demiurgen, indem er sich erst so spät offenbarte, bezüglich des Christus desselben, durch seine Voreiligkeit. Den erstern hätte er müssen schon längst zu Schanden machen, den andern aber jetzt noch nicht. Erstern hätte er nicht dürfen so lange wüten lassen, diesen aber, der sich noch ruhig verhielt, nicht stören. In betreff beider fiel er aus seiner Rolle als guter Gott heraus; jedenfalls aber war er selbst schwankend, gegenüber dem Demiurgen fahrlässig, hitzig gegen dessen Christus und einfältig nach beiden Seiten hin.
Er hat den Demiurgen so wenig gebändigt, als er dessen Christus Widerstand leistete. Der erstere bleibt grade so, wie er ist; der letztere [S. 218] kommt, sowie es von ihm geschrieben steht. Warum kam er nach dem Schöpfer, den er doch nicht zu bessern vermochte? Warum offenbarte er sich vor der Ankunft des Christus desselben, wenn er letzteren nicht zurückhalten konnte? Oder, wenn es ihm gelungen ist, den Demiurgen wirklich zu bessern, so fällt seine Offenbarung später als die des letzteren und das Besserungswerk ging vorher. Folglich hätte er, wenn er den Christus noch bessern wollte, ihn erst abwarten müssen; dann hätte er später sein Besserungswerk an ihm mit demselben Erfolg üben können wie am Schöpfer. Anders steht die Sache freilich, wenn er nach jenem noch einmal erscheinen wird; dann ist er bei seiner ersten Ankunft bloss gegen den Demiurgen eingeschritten, indem er dessen Gesetz und Propheten zunichte machte. Bei der zweiten wird er dann gegen den Christus vorgehen, um gegen dessen Reich als Ankläger aufzutreten. Folglich wird er auch alsdann erst den Verlauf seiner Ordnung der Dinge abschliessen und günstigen Falles erst dann Glauben verdienen. Andernfalls aber, wofern er sein Thun schon jetzt abgeschlossen hat, ist sein Kommen ein Unsinn; denn er kann ja dann nichts mehr thun.