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Um 1974 wurde der lenkbare Matratzen-Fallschirm erfunden. Immer wieder versuchten
Fallschirmspringer, damit von Hängen (oder auch schon mal vom Eiffelturm) zu starten, meist ohne Erfolg.
Verschiedene davon nahmen (fälschlicherweise) später für sich in Anspruch, das Gleitschirmfliegen erfunden zu haben.
Der Durchbruch erfolgte erst, als die weich fliessende Fallschirmseide durch das steifere Spinnaker-Segeltuch
ersetzt wurde. Laurent de Kalbermatten brachte den ersten kommerziellen Gleitschirm, ein
7-Zeller namens 'Randonneuse', gegen Ende 1985 auf den Markt. Mehrere mehr oder
minder gelungene Kopien folgten umgehend.
Diese ersten Geräte hatten grauenhafte Flugeigenschaften. Neben der Tendenz, bei
geringfügig falscher Trimmung sofort in einen stabilen Sackflug überzugehen,
war vor allem deren Gleitzahl mit circa 1.8 aus heutiger Sicht klar unbefriedigend.
Wegen der geringen Fläche und der lausigen Gleitleistung waren für
einen erfolgreichen Start spurtstarke Piloten und fast überhängendes
Gelände gefragt.
Natürlich war am Anfang Improvisation angesagt, schliesslich wusste niemand so richtig, wie
diese Dinger zu fliegen waren. Als Testpiloten der Schirme dienten die (jeweils überlebenden) Käufer.
Nach den ersten Unfällen wurde in gut-schweizerischer Manier sofort die Forderung nach einem Verbot laut.
Doch der SHV reagierte erstaunlich schnell. Ein
Ausbildungsreglement wurde erlassen und Kurse für Fluglehrer und Experten ausgeschrieben.
Noch im gleichen Jahr (1986) wurde die Ausbildung obligatorisch erklärt. Fairerweise
erhielten die bereits vorher aktiven Piloten ein 'Gefälligkeitsbrevet'.
Interessant war zu beobachten, wie ähnlich die Entwicklung verlief zu jener der Deltafliegerei ein paar Jahre zuvor.
Vorerst Begeisterung ohne Kenntnisse. Dann ein paar schwere Unfälle. Der Ruf nach einem Verbot.
Entwicklung der Flug- und Gerätetechnik mittels 'trial and error'. Abenteuerliche Geräte, entwickelt von Konstrukteuren,
die noch schnell auf den fahrenden Zug aufspringen wollten. Die 'Explosion' der Flächen, weil mehr Fläche weniger
Sinken versprach. Oder andere Schnellschüsse, wie Segellatten, die allenfalls garantierten, dass ein eingeklappter Schirm
sich nicht mehr von selbst öffnete.
Auch auf dem Zubehörmarkt herrschte Erfindergeist. So erlaubte der "Gleitwinkelmesser", anhand der Geländeneigung auf einer Skala abzulesen,
ob der Gleitwinkel des Schirms für den geplanten Flug überhaupt reicht ..
Gerade unser Kanton mit seinen steilen Chrächen bot dem jungen Sport optimale Verhältnisse.
Entsprechend schnell wurde Glarus für die Gleitschirm-Fliegerei entdeckt.
Dass auch entlegene und nicht einfach zu erreichende Gipfel beflogen wurden,
hatte neben den Anforderungen ans Gelände auch damit zu tun, dass
die Ausrüstung damals sehr leicht war. Die Schirme waren klein,
primitiv und aus leichtem Gewebe gemacht; die (wenigen) Leinen waren zwar
fast 5 mm dick, aber kaum 2 Meter lang. Von Helm und Rettungsschirm noch
keine Rede, Varios brauchte es eh keines. Und das Gurtzeug wurde seinem
Namen gerecht, da es wirklich nur aus Gurten bestand. Entsprechend war
man (Mann!) nicht unglücklich, dass die Flüge selten mehr als
10 Minuten dauerten ...
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit
zu erheben, habe ich einige 'historische' Fluggebiete und -berge zusammengestellt,
vor allem solche, die heute so kaum mehr beflogen werden. Wer von weiteren
Kuriositäten (zB. wo geschult wurde) weiss, möchte sich doch
bitte melden.
Nüenchamm: Start Richtung
Süd; Flug reichte fast bis zum Alpenrösli.
Dejenstock: Start auf der Wiese
unter dem Gipfel, recht (lies: grausam) steil und darunter Felswände;
Flug zum See hinunter, ins Güntlenau für geübte Schwimmer,
nach Glarus keine Chance.
Ochsenkopf: Startplatz gleich
wie Dejenstock, Flug bis ins Vorauen.
Rauti: Start Richtung Tros
(Gipfel zu flach); nur bei sofortigem Eindrehen Flug Richtung Näfels
möglich.
Wiggis: guter Startplatz; problemlos
bis ins Tal. Aber elend weit ..
Vorderglärnisch: für
Flüge ins Tal musste zielstrebig Richtung Glarus geflogen werden.
Nebelchäppler: konnte
erst mit 'Hochleistern' sicher beflogen werden (Gleitzahl über 2.5, vorher
reichte es nicht einmal bis Chäseren)
Fronalpstock: Planggen unter
dem Gipfel, steil; dafür langer Flug.
Gumengrätli/Seblengrat: Seblengrat ok, Gumen war ohne Wind eher heiss;
Flug allerdings nur bis zum Grotzenbühl
Nüschenstock: Aufstieg
und Startplatz wenig attraktiv (Geröllhaufen), aber sicherer Wert
für lange, eindrückliche Flüge (über 2000 m Luft unter
den Füssen). - Im Gelände zwischen Chalchtrittli und Nüschenstock
wurden einige Startplätze erschlossen, die heute als 'weniger vorteilhaft'
eingestuft würden.
Weissenberge: eines der ersten
Schulungsgelände für Höhenflüge (nur von unterhalb
des Weges reichte es über die Bäume). Landung bei der Station
der Luftseilbahn (oder in deren Tragseil ..).
Ennetberge/Talegg: Michi Müllers
Schulungsgelände. Mit heutigen Schirmen würde geradewegs in die
Hochspannungsleitungen geflogen.
Am 12. März 1986 erhalte ich meinen ersten Gleitschirm, ein Randonneuse-Klon von Bohren-Sails. Damaliger Preis Fr. 1980.-, was beweist, dass sich die Preis fast noch schneller als der Gleitwinkel entwickelt haben.
Den ersten Höhenflug habe am 22. März gemacht. Start unterhalb der Fronalp-Rampe,
Landung beim "Pfeiffer". Der Gleitwinkel reichte gerade so; wo's
knapp wurde, wie im Waldsaum unter dem Startplatz, musste eine Lücke
zwischen den Bäumen angeflogen werden. Und die Hochspannungsleitung
über dem Haltengut war stets im Auge zu behalten. Der Landeanflug
war, mangels Höhe, ein 'straight approach'.
Am 28. März wird die Durschlegi 'eingeweiht'. Gestartet wurde
vom Windsack nach rechts unten, weil dort eine Lücke im Gebüsch
war. Landung beim Hotel Seestern, der Gleitwinkel reicht - im Direktanflug
- aber bis ins Autis.
Am 18. Mai - dem Pfingstsonntag - gelingt mir ein Start auf(!) dem
Gipfel des Fronalpstocks. Der Flug reicht über den Flugplatz hinaus,
wo von wegen Feiertag nicht geflogen werden darf, bis an die Linth. Ende Juni fliege ich in Fiesch, da muss auch der Gleitschirm mit.
Gleitschirme waren dort schon recht häufig. Allerdings reichte ohne Thermik der Gleitwinkel nicht
immer für ausreichenden Geländeabstand, so dass schon mal die
Kabel der Seilbahn unterflogen wurden (nicht von mir!). Darum wurde über
ein Verbot diskutiert. - Es wurden eindrückliche Leistungen erflogen,
als Spitzenwert sind mir 13 Flüge am gleichen Tag in Erinnerung.
Am 29. Juni fliege ich am Rauti bis hinter den Obersee, am 5.
Juli vom Vorderglärnisch bis in die Bleiche.
Kurz darauf - am 22. Juli - versuche ich einen Start über die
Froni-Rampe. Nach einem heftigen 'Aufsetzer' nach dem Rampenende habe ich
tatsächlich abgehoben. Dieser vielversprechende Ansatz wurde erstaunlicherweise
nie weiterentwickelt.
Am 26. Juli fliegen J.-P. Hauser und ich vom Chalchtrittli, gestartet
sind wir schräg über der Lawinenverbauung. Wann immer ich dort
vorbeikomme, frage ich mich wo und wie ..
Der Ortstock wird tags darauf, am 27. Juli, 'eröffnet'. (Fast
Klippen)-Start Richtung Braunwald. Das war nicht optimal, weil die vom
Urnerboden aufsteigende Thermik den Schirm vor mir her geschoben hat. Im
Lee (und praktisch freien Fall) öffnet er schliesslich doch noch.
Vermutlich hätte der Gleitwinkel bis nach Linthal gereicht, doch war der Tag noch jung
und ich wollte auch den Gumen ausprobieren.
Gestartet bin ich schliesslich unter dem Seblengrat, Landung im Grotzenbühl.
- Da ich ins Tal fliegen wollte, suchte ich einen Startplatz und wurde
schliesslich in einer Waldschneise unter dem Strigg fündig. Während
des ganzen Fluges habe ich die Bäume neben statt unter mir gehabt.
Als nächster Höhepunkt folgt am 3. August ein Flug vom
Fridlispitz (Klippenstart und fallen lassen). Auch dieses Fluggebiet harrt
seither der weiteren Erschliessung.
Am 9. August ist der Schilt an der Reihe. Turbulenzen über
der Laubenwand zeigen Thermik an. Trotz der stolzen Ausgangshöhe musste
den Hochspannungsleitungen Beachtung geschenkt werden.
Einen Tag später, am 10. August, probiere ich den Hausstock.
Nach rund einem halben Dutzend Startabbrüchen auf dem (praktisch flachen)
Gipfel habe ich aufgegeben und bin zum Mergletscher abgesteigen. Der Flug
reicht gerade bis zum hinteren Ende der Panzerpiste, aber das ist allemal
besser als der endlose Gwaggel Richtung Panixer.
Die nächsten paar Flüge verlaufen weitgehend unauffällig,
wenn man davon absieht, dass ich am 18. August bei einer Demo-Wasserlandung
fast ersoffen wäre, da niemand damit gerechnet hat, wie schnell man
sich schwimmend in den Schnüren verheddert.
Am 14. September versuche ich es am Federispitz, dessen Gipfelhang
ja nun wirklich steil genug ist. Nur kommt der Wind von hinten und es schmeisst
mich den Hang hinunter (wo ich einige Fingernägel liegen lasse). Am
Plättlispitz klappt's besser, und eigentlich würde die Flughöhe
bis nach Weesen reichen. Ich entschliesse mich jedoch zu einer Landung
in den 'Höfen', wo mir eine quer über die Wiese gespannte Telefonleitung
hilft, die letzten Höhenmeter speditiv abzubauen. Wie eine Landung
in den Fangseilen eines Flugzeugträgers, nur ein paar Meter zu hoch.
Der autofreie Bettag (21. September) wird mit einem Flug vom Leistchamm
begangen. Noch ist Betlis ausserhalb der sicheren Reichweite, darum lande
ich in Quinten. Schon bei guten Verhältnissen ist es dort eher eng, aber an diesem
Tag wütet unterhalb der Inversion ein regelrechter Sturm. Entsprechend
'lebhaft' ist die Landung, ein Lee-Wirbel spitzt mich richtiggehend in den Boden. - Die
Surfer jedoch freut's, ein leichtes Anheben der Segel reicht, um sie aus
dem See und auf die Bretter zu heben. Am andern Tag gehe ich an Krücken.
Es sollte nicht das letzte Mal sein ..
Seit dem 26. September bin ich ein brevetierter Gleitschirm-Pilot. Als 'Früh-Starter'
erhalte ich vom SHV einen Stempel, der mein Delta-Brevet um ein Gleitschirm-Brevet 'auf Zusehen hin' ergänzt.
Am 5. Oktober steht das Vrenelisgärtli auf dem Programm. Das
ist auch ohne Schirm eine rechte Tagestour, so dass trotz eher ungünstigem
Wind geflogen werden 'muss'. Kaum Richtung Chalttäli gestartet, überholt
mich der Schirm, und ich rutsche auf dem Sitzbrett (ja, das gab es inzwischen
schon) den Hängegletscher hinunter. Irgendwie fängt sich der
Schirm mit zunehmender Geschwindigkeit und ich lande unterhalb von Riedern.
Noch Stunden später schwimme ich im Adrenalin.
Der erste Flug mit dem neuen Maxi findet am 18. Oktober statt. Der
Rauti ist angesagt, leider kommt der Wind eher von Süd. Keine Chance
für einen Start Richtung Norden. Also dem Grat entlang Richtung Wiggis-Furggel
und dann sofort nach links über die Lichbritter hinaus. Wer konnte
ahnen, dass der Maxi deutlich heftiger auf Seitenwind reagiert? Immerhin
bleibt es beim Touch and Go und der anschliessende Flug zeigt, wie weit
ein 'moderner' Schirm fliegen kann: bis nach Näfels hinaus! Ende Dezember folgen erste Versuche mit Skistarts. Noch gilt der
Schabell als heiss. Nur ein bisschen Abwind, und schon reichts nicht über das Empächli hinaus. Aber beim Bischoflift drüben geht's, das reicht immer bis
nach Steinibach.