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Ruth Streit ist Feministin und war in der SVP. Als Präsidentin der Schweizer Bäuerinnen hat sie viel für die Gleichstellung der Frauen in der Landwirtschaft getan. Jetzt tritt die Sechzigjährige ab.
«Ob ich eine Feministin bin?», Ruth Streit lacht. «In Landwirtschaftskreisen findet man sicher, ich sei eine. In der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, der ich einige Jahre angehörte, halten sie mich wohl eher für konservativ.»
Und wie sieht sich die sechzigjährige Bäuerin selbst? «Doch, ich bin eine Feministin, indem ich mich ganz klar für die Gleichstellung der Frau in der Landwirtschaft einsetze.» Aber es sei ihr wichtig, «mit den Männern zu arbeiten und nicht gegen sie - obschon das im landwirtschaftlichen Umfeld nicht immer einfach ist. Man muss seinen Platz behaupten. Weder aggressiv sein noch einfach schweigen.»
Ende April hat Ruth Streit ihren Posten als Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes (SBLV) abgegeben. Neun Jahre war sie im Amt. Müde wirkt sie nicht. Sie ist klein und freundlich, aber bestimmt - man glaubt sofort, dass sie sich auch im Vorstand des Bauernverbandes Gehör verschaffen kann, wo sie seit Jahren die einzige Frau ist.
Aufgewachsen in der Nähe von Thun, lebt Ruth Streit seit bald vierzig Jahren im waadtländischen Aubonne. Die ausgebildete Kauffrau wollte eigentlich nie Bäuerin werden. «Ich habe mich in einen Landwirt und Rebbauern verliebt, und alles hat sich so ergeben.» 1972 heiratete sie Adrien Streit, holte die Bäuerinnenausbildung nach. Sie bereute es nicht. Trotzdem fühlte sie sich immer wieder benachteiligt, etwa als Lehrmeisterin: Sie konnte die Lehrverträge mit den Frauen, die sie zu Bäuerinnen ausbildete, nicht unterschreiben. Das durfte nur ihr Mann. «Wir waren eine Gruppe Lehrmeisterinnen aus der Region, und irgendwann fanden wir: Wir unterschreiben selber.» Diese Verträge seien nicht gültig, hiess es beim Kanton, doch die Frauen liessen nicht locker. «Irgendwann ist es ihnen verleidet, und sie akzeptierten unsere Unterschrift.»
Kein Anrecht auf Lohn
Auch dass sie mit vollem Einsatz auf dem Hof tätig war, aber weder Lohn noch AHV bekam, begann sie zu stören. «Etwa 1980 fragten mein Mann und ich bei der AHV-Stelle in Aubonne nach.» Das Anliegen wurde an den Kanton weitergereicht. «Dort hiess es, Bäuerinnen hätten kein Anrecht auf einen Lohn. Das Sozialversicherungsgesetz sehe das nicht vor, sie wüssten nicht, warum das jetzt auf einmal nötig sei.»
Es dauerte noch mehr als zwei Jahrzehnte, bis sich daran etwas änderte - auch dank Streits Einsatz im SBLV. Heute kann eine Bäuerin mit ihrem Mann eine Betriebsgemeinschaft gründen, wenn sie ausgebildet ist und mindestens einen Betriebszweig selbstständig führt. Ruth Streit ist sehr überzeugt von dieser Regelung. «Wir sagen allen jungen Bäuerinnen: Macht das! Oder wenn ihr das nicht wollt, vereinbart zumindest einen Lohn.»
Männer, werdet Bäuerinnen!
In der Schweiz gibt es (neben Spezialberufen) zwei landwirtschaftliche Ausbildungen: LandwirtIn, wo Ackerbau, Rindvieh und Betriebsführung im Mittelpunkt stehen, und Bäuerin mit den Schwerpunkten Haushalt, Ernährung, Betriebsführung, Gartenbau und Tierhaltung. Ruth Streit steht hinter diesem System, das in Europa einzigartig ist: «Ich glaube nicht, dass es die Geschlechterrollen zementiert. Die Erfahrung in anderen Ländern zeigt: Jene Bäuerinnen, die nicht Landwirtin lernen wollen, haben dort einfach gar keine landwirtschaftliche Ausbildung.»
Inzwischen gibt es immer mehr Landwirtinnen - was Streit begrüsst. Doch den Haushalt machen die Frauen meist immer noch allein. Das führt oft direkt ins Burn-out. «Die Frauen sollten dringend in ihrer traditionellen Rolle entlastet werden. Aber dafür müssten die Männer eine Ahnung vom Haushalten haben.» In der LandwirtInnenausbildung gibt es heute das Freifach Haushalt - theoretisch. Denn es gab noch nie genug Anmeldungen. «Wahrscheinlich sollte es ein Pflichtfach sein, aber wir hatten schon Mühe, es als Wahlfach durchzubringen.» Streit hofft, dass in Zukunft auch Männer die Bäuerinnenausbildung besuchen.
Die abtretende Präsidentin hat noch viele Anliegen. Etwa eine gerechtere Verteilung der Bauernbetriebe - nur wenige Prozent sind heute in Frauenhand. Oder ein Gesetz, das die Mitsprache der Bäuerinnen bei Maschinenkäufen verankert - immer wieder bringen Fehlkäufe ganze Familien in Schwierigkeiten. Von den Medien wünscht sie sich, dass sie vom «Ballenbergbild» der Bäuerin wegkommen. Als erste Präsidentin des SBLV hat sie an den Delegiertenversammlungen nie eine Tracht angezogen.
Lange war Ruth Streit Mitglied der SVP. Das hinderte sie nicht daran, mit grünen Politikerinnen wie der Nationalrätin Maya Graf oder mit NGOs wie Swissaid zusammenzuarbeiten. Inzwischen ist sie aus der Partei ausgetreten. «Ich bin enttäuscht von der Parteipolitik. Mir geht es um die Sache.»