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1961: Ende Mai 1961 trat der schwer erkrankte Verwalter J. M. Castelberg zurück und am 1. Juni 1961 übernahm sein Sohn J. R. Castelberg in dritter Generation die Verwaltung der Arbeiterkolonie Herdern. Zuvor war er Verwalter des Schlossgutes Liebenfels. Er zog mit seiner jungen Frau in die Kolonie ein und wurde herzlich aufgenommen.
1962: Der leidige Streit um das Schiessservitut auf gewissen Äckern und Wiesen des Gutes Debrunnen hat seinen endgültigen Abschluss gefunden. Wir erwähnen nur noch, dass wir auf einen Weiterzug vor das Bundesgericht verzichtet haben, nachdem dessen Instruktionsrichter in einem Antrag an das Bundesgericht vom 4. Juni 1962 den Anträgen der Schätzungskommission mit eingehender Begründung zugestimmt hatte. So wurde der Arbeiterkolonie der von der Schätzungskommission errechnete Betrag mit Zins und Zinseszins seit dem 9. September 1957 ausbezahlt.
«Wir haben ebenfalls in einem früheren Jahresbericht betont, dass Herdern kein Renditebetrieb, sondern eine Erziehungsanstalt für seine Insassen sein will. Diesem Ziel ist seit je die Verwendung von Maschinen untergeordnet worden. Mit der Handarbeit soll der Wille geschult und die Freude an einer geregelten Beschäftigung wieder geweckt werden.» (Zitat aus Jahresbericht 1962)
1963: Herr Dr. Fritz Rippmann verstarb am 06.04.1963. Er diente der Kolonie während fast 40 Jahren, davon 24 Jahre als Präsident der Betriebskommission. Sein Vater Dr. med. E. Rippmann hatte davor 20 Jahre dieses Amt inne. Somit geht die Ära Rippmann zu Ende, welche 44 Jahre dauerte. Das Präsidium der Betriebskommission übernahm Herr Dr. M. Merk
«Die zweite Schwierigkeit liegt darin, dass rein körperlich die Leistungsfähigkeit der Leute stark abgenommen hat. Männer, die einen Doppelzentner auf dem Rücken tragen können, sind eine Seltenheit. Man ist eben die strenge Leibesarbeit nicht mehr gewöhnt. Aufzüge, Heber und Transportmaschinen haben sie überflüssig gemacht. Darum ist es viel schwieriger geworden, die Männer sinnvoll zu beschäftigen, deshalb kommt man um den vermehrten Einsatz von Maschinen nicht mehr herum. Man sieht: an Problemen fehlt es auch heute nicht, sie sind nur anders als früher.» (Zitat aus Jahresbericht 1963)
1964: Da die Marge auf der zentrifugierten Milch gegenüber der verkästen immer wieder gekürzt wurde, und die Genossenschaft ihre Ansprüche auf entgangene Käseprämien geltend machte, nahm die Kolonie auf Ende Jahr die zusätzliche Fabrikation von Appenzellerkäse auf. Die Produktion ist in Bezug auf Qualität sehr gut angelaufen. Im Berichtsjahr wurden täglich 1400 kg auf Tilsiter und 1000 kg auf Appenzellerkäse verarbeitet.
«Die Anstalt ist unter dem Grossvater Castelberg durch weitsichtige Landkäufe erst lebensfähig gemacht worden. Der zweiten Generation fiel es zu, Schulden abzuzahlen und durch den Ausbau und die Renovation der Anstaltsgebäude Verbesserungen mancher Art vorzunehmen. Die dritte Generation wird sich darum mühen müssen, in den sich ständig veränderten Verhältnissen der Gegenwart die Offenheit für alles Gute gegen innen und aussen zu bewahren.» (Zitat aus Jahresbericht 1963)
1965: Als eindrücklichstes Ereignis des Jahres 1965 blieb die katastrophale Überschwemmung des Thurtales vom 11. Juni 1965 in Erinnerung. Die Verbindung nach Frauenfeld war für mehrere Tage unterbrochen.
«Es treten immer weniger handwerklich begabte Kolonisten ein. So ist die Situation unerfreulich, dass kleinste Reparaturen nicht mehr durch betriebseigene Handwerker ausgeführt werden können, da sie uns fehlen.» (Zitat aus Jahresbericht 1965)
«So sucht die Kolonie in den veränderten Verhältnissen ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Wir können zum Schluss nur den Wunsch aussprechen, dass die Herren von den Vormundschaften und Fürsorgebehörden, wenn sie Versorgungen vorzunehmen haben, auch an unsern Betrieb denken. Die Verwaltung ist gerne bereit, das Haus den Versorgern zu zeigen, damit sie sich vergewissern können, dass ihre Leute hier recht aufgehoben sind.» (Zitat aus Jahresbericht 1966)
1967: Die Betriebskommission beschloss die Erhebung eines Kostgeldes von Fr. 4.50.
Die Wasserversorgung in Debrunnen mit eigener Pumpstation und die gleichzeitige Verkabelung der elektrischen Leitungen nach diesem Gut wurden fertiggestellt. Diese Verbesserung stellte für die Kolonie ein Positivum dar und stärkt die Unabhängigkeit in diesem wichtigen Sektor.
Orkanartige Winde in drei Hauptstössen richteten anfangs Jahr grosse Schäden an den Gebäuden sowie in den Waldungen an.
«Unsere Arbeiterkolonie wird je länger je mehr zum Altersheim für geistig und körperlich angeschlagene Männer.» (Zitat aus Jahresbericht 1968)
1968: Neuerdings wurden auch Invalide aufgenommen. Weil es schwierig ist, diese angemessen zu beschäftigen, wurde darüber nachgedacht, sie extern arbeiten zu lassen.
Seit einigen Jahren gibt es Personalprobleme. Es wurde zunehmend schwieriger, speziell im Anstaltswesen, geeigneten Nachwuchs zu rekrutieren.
«Unbefriedigend fiel die Kartoffelernte aus. Die laufend verschärften Qualitätsansprüche als Folge der Überproduktion haben uns bewogen, zukünftig diese Kultur, wenn nicht gänzlich aufzugeben, so doch nur noch im Umfang der Selbstversorgung beizubehalten, eine betriebswirtschaftliche Vereinfachung also, wie sie sich vor Jahren schon im Obstbau aufgezwungen hat.» (Zitat aus Jahresbericht 1968)
1969: An der ausserordentlichen Hauptversammlung war das Hauptthema die Revision der Statuten aus dem Jahr 1948. Die Finanzkompetenz der Betriebskommission für neue, einmalige Ausgaben wurde von bisher 30'000.- auf 100'000.- Franken erhöht und die Limite für neue, wiederkehrende Ausgaben auf 20'000.- Franken festgesetzt. Ausserdem enthielten die neuen Statuten nunmehr die ausdrückliche Verpflichtung des Vereins, dem im Jahre 1957 errichteten Pensions- und Versicherungsfonds für die Angestellten und Arbeiter der Arbeiterkolonie Herden die erforderlichen Geldbeträge zuzuwenden, welche für die Erfüllung des Stiftungszweckes notwendig sind.
Alpbetrieb: Das Alphirt-Ehepaar hat uns nach einjähriger Anstellung im Sommer wieder verlassen. Für die weitere Betreuung der Rinder konnte die Nachbarsfamilie Schnyder gewonnen werden.
1970: Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen der Kolonie.
1971: Am 19.01.1971 starb Verwalter Jörg Reto Castelberg 39-jährig an einem zweiten Herzinfarkt und hinterliess seine Frau Hedi Castelberg-Kessler und drei Kinder.