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Samstagsbrief für den 2. März 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
Am Fahrweg
Am Fahrweg, der auf den Hügel hinauf und von dort ins Dorf hinab führt, steht linker Hand eine Scheune; da zweigt ein Wanderweg rechts ab und der Wegweiser wird verdeckt von einer mächtigen Kopfweide.
Jedes Jahr treibt sie dutzende langer dunkelgelber Ruten aus, eine wilde Frisur, wie gradaufstehender farbiger Punk. Die Besitzerin schneidet die Ruten zum Korbflechten; geschnitten liegen sie in Haufen neben der Strasse, wie beim Coiffeur die Haarbüschel. Die Kopfweide ist dann brutal kahl und macht einen borstig grimmigen Eindruck.
Eines ist aber auffällig, unverständlich: zuoberst auf dem Kopf sind drei Ruten stehen geblieben; vergessen, allein. Ich frage die Besitzerin, was das zu bedeuten habe. Antwort: Kennen Sie die Grimm-Märchen? Ja, kenne ich. Kommt Ihnen etwas in den Sinn? Ich überlege. Nein. Schade, sagt sie. Es ist „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“.
Sofort kommt sie ins Erzählen: von der Grossmutter des Teufels in ihrem Poltrone; wie der Teufel müde heimkommt; gelaust sein will; schläft und schnarcht; dabei ein goldenes Haar nach dem andern ausgerissen bekommt; und so weiter. Eine Szene voller poetischer Kraft.
Es ist Abend
Es ist Abend, die Dämmerung beginnt. Bäume werden dunkel. Das Gras behält noch etwas von seinem Grün. Der Himmel leuchtet in winterlich sanftem Blau.
Ich bin krank und müde und mag nichts tun. Es ist eine Zeit für alles und nichts. Plötzlich erscheint am Hügelhorizont ein hauchdünner Schaum. Kommt eine Wolke? Der weisse Streifen dehnt sich aus, wird merklich breiter. Was kann das sein? Der Streifen wölbt sich. Es ist der Mond, der heraufkommt. Er wächst, wie wenn er sich selber in die Höhe stemmte, zügig geht das; zum Erstaunen.
Unvermittelt steht die Kugel auf dem Horizont; dann steigt sie und steigt, wird kleiner und kleiner.
Mit einem Mal kommt mir der Vers in den Sinn: „Spieglein, Spieglein an der Wand“. Schön ist das Märchen, trotz der Königin, die unbedingt wissen muss: „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Ein Spiegel und drei goldene Haare
Ob es gelingt im Lesen und im Gespräch das poetische Können im „Schneewittchen“ zu entdecken?
Ob wir uns begeistern können für des Teufels Grossmutter, für ihren Charme und das Mitleid mit dem Jungen, der in ihren Rockfalten auf die Erlösung wartet?
P. Werner Hegglin