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Schon rund 40 Jahre vor Luther, nämlich im Jahr 1478, ging Pico della Mirandola im Alter von 23 Jahren nach Rom, um dort seine sage und schreibe 900 Thesen öffentlich zu machen.
Es kam anders als er es erhoffte. Zur geplanten öffenlichen Disputation kam es nicht. Der Papst liess die Rechtgläubigkeit seiner Thesen von einer Glaubens-Kommission prüfen. Ergebnis: Die Kommission hatte 13 der 900 Thesen als ketzerisch verdächtig verurteilt. Daraufhin verbot Papst Innozenz VIII jegliche Diskussion, verwarf kraft seines Amtes sämtliche 900 Thesen, ordnete die Verbrennung der Exemplare an und hat bekanntlich – über Jahrhunderte hinweg – das Lesen der Bibel verboten.
Pico della Mirandola, ein italienischer Theologe, Humanist und genialer Philosoph der Renaissance, ahnte was ihm drohte, flüchtete nach Paris. Er wurde unterwegs verhaftet, doch die Theologen der Pariser Sorbonne weigerten sich, dem Wunsch des Papstes entsprechend Pico wegen Häresie anzuklagen und zu verurteilen.
Die engen Beziehungen zu Lorenzo, zum Haus der Medici, machten es ihm möglich, im Jahr 1488 nach Florenz zurückzukommen. Er ist Mitglied der „Accademia Platonica“ geworden, wo er vor allem die Schriften des griechischen Philosophen Platon entdeckte, studierte, lehrte und verbreitete.
Pico gehörte zu jenen Gebildeten im 15. Jahrhundert, die das Aufkommen einer neuen Welt spürten. Damit verbunden war ein begeisterter Glaube an den Menschen, ein spezifischer Glaube an die Würde des Menschen.
Im Jahr 1486 erschien ein Werk, das später der Schweizer Kunsthistoriker, Jacob Burckhardt, als "eines der edelsten Vermächtnisse der Renaissance" bezeichhnet hat. Die Rede ist von "De hominis dignitate" (Über die Würde des Menschen). Der Autor: Giovanni Pico della Mirandola. Es ist überliefert, dass damals in Italien die Geburtsunterschiede zwischen den Menschenklassen ihre Geltung verloren hatten. "Schon dieses eine Resultat der Renaissance darf uns mit ewigem Dankgefühl erfüllen" (J. Burckhardt).
Vielleicht am schönsten und glücklichsten begründete und formulierte Pico della Mirandola die Idee der Menschenwürde: „In der Mitte der Welt hat Gott den Menschen gesetzt, ohne festen Sitz, ohne eigene Gestaltung, ohne besondere Verrichtung, wie er sie allen anderen Geschöpfen zugeteilt hat. Nicht irdisch noch himmlich ist der Mensch geschaffen; er kann zum Tier entarten, er kann zum Himmel aufsteigen; alles liegt einzig und allein an seinem Willen. Dem Menschen ist gegeben zu besitzen, was er sich wünscht, zu schaffen was er will, zu sein, was er will. Endlich glaube ich verstanden zu haben, warum der Mensch das glücklichste aller Lebewesen sei und weshalb so bewunderungswürdig. Um diese Stellung beneiden ihn nicht nur die Tiere, sondern auch die überweltlichen Geister und die Sterne. Unglaublich und wunderbar. Gerade deswegen wird der Mensch als ein großes Wunder, als ein wunderbares Lebenwesen angesprochen und angesehen." Darauf beruht seine Würde.
Grund der besonderen Würde des Menschen ist nach Pico della Mirandola seine unglaubliche und wunderbare Freiheit, worin eine kreative Begabung und Selbstmächtigkeit wurzelt. Der Mensch ist durch keine vorgegebene, vorausbestimmte Form festgelegt. Er ist fähig zur Selbstbestimmung. Er allein muss selbst für sich entscheiden, wozu er sich gestalten will.
Von da an: Menschenwürde ist nicht mehr eine Folge der Natur, sondern resultiert aus seiner Fähigkeit zu Kultur schaffendem, von Vernunft geleitetem Handeln, selbstmächtigem Denken und Wirken. Daraus folgt: Die gleiche Würde aller Menschen ist die Grundlage der Rechte, die alle Menschen haben. Mit diesem neuen Menschenbild, das sich auf Freiheit und Würde gründet, hat Pico della Mirandola noch vor der Reformation einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des modernen Verständnisses vom Individuum geleistet und somit das europäische Geistesleben beeinflusst.