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Leben in einer Diktatur
Lena Mathis (22)
Heinz Gfeller (74)
In ihrer Jugend erlebte Lea Kieber die letzten 15 Jahre der portugiesischen Diktatur – des Estado Novo (1933-1974) unter Salazar. Mit 21 liess sie das Land, in dem sie aufgewachsen war, zurück. Sie sehnte sich nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Lea Kieber (65), Lehrerin, Übersetzerin, Dolmetscherin, wurde nahe Lissabon in eine Mittelschichtfamilie geboren. Das Leben ihrer Eltern beschreibt sie als hart. Der Vater war Bahnangestellter und hatte weder Geld noch Zugang zu Bildung. Immer übernahm er die Nachtschichten, um die Zuschläge zu erhalten. Oft habe er sich zu laut über politische Themen geäussert, woraufhin ihm gedroht worden sei. «Man durfte nicht laut denken», erklärt Lea. Als Kind hat sie wenig von alledem mitbekommen. Und doch bleiben starke Erinnerungen an die Sozialkontrolle. «Man macht das nicht», hiess es immer. Nur folgte darauf nie eine logische Erklärung. Es gab keinen Platz fürs Hinterfragen. Schon früh fragte sich Lea nach dem «warum?», jedoch ohne Antworten zu bekommen.
Der Weg war jedem vorgegeben. Es gab sehr klare Vorstellungen, wie der Werdegang von jungen Frauen und Männern auszusehen hatte: Schule, heiraten, Kinder kriegen. Arbeiten mussten beide. Die Familie war neben der Kirche und der Liebe zum Vaterland einer der moralischen Pfeiler der Diktatur. Aus dem vorgegebenen Ideal auszubrechen war schwierig, denn der Zugang zu Bildung war eingeschränkt. Nur die Kosten für die Primarschule wurden vom Staat gedeckt. Das Geld ging ins Militär, wo es für die Erhaltung der Kolonien eingesetzt wurde.
Eines der prägendsten Ereignisse waren für Lea die Militärparaden, die immer am 10. Juni stattfanden. Ab 1961 wurden viele junge portugiesische Männer nach Angola und Mozambique geschickt – damals waren das noch portugiesische Kolonien. Mit Schrecken erinnert Lea sich an die Abfahrt der Jungen und die Verzweiflung der Zurückbleibenden. Mütter, Väter, Frauen und Kinder bekamen später Medaillen – jeweils am 10. Juni – für ihre verstorbenen Söhne, Männer und Väter. Medaillen für erbrachte Leistungen in einem längst unnötigen und aussichtslos gewordenen Krieg.
Schon früh entzog sich Lea den Strukturen der Diktatur. Sie machte nicht, was alle anderen portugiesischen Kinder machten; sie nahm an keiner Erstkommunion und an keiner Firmung teil. Auch war sie nicht Teil der portugiesischen Jugend, einer Jugendorganisation ähnlich der Hitlerjugend; da wurden Kinder indoktriniert, trugen Uniform, paradierten auch. Schliesslich entschied sie sich, ihr Land zu verlassen. Sie war jung und alleine und wurde nach ihrem Aufbruch von einer grossen Einsamkeit eingeholt. Sie musste wieder bei null anfangen. Dies ist für sie die Konsequenz ihrer Entscheidung. Ihrer Entscheidung, selbst über ihren Lebensweg zu bestimmen.
Können wir, wie wir wollen?
Heinz Gfeller (74)
Wenn ich an die Frage «Wer bestimmt, wie ich lebe?» denke, spaltet sie sich auf zwei Gleise auf: Erstens – wer (oder was) nimmt auf mich Einfluss? Zweitens, näher, zentraler – bestimme ich selbst, und wie?
Die Vorstellung, wir stünden in lauter Abhängigkeiten, ja Zwängen, und hätten also kaum «etwas zu sagen», beruht zunächst auf einer offensichtlichen Voraussetzung: Wir leben in Systemen. Jede, jeder Einzelne ist höchst «relativ», steht in vielfältigen Beziehungen. Diese haben alle ihre Wirkung auf ihn.
Ein Extrem stellt der Staat dar, die Politik, wo für alle entschieden wird. Selbst in günstigen Systemen wie dem unseren funktioniert das durch Delegation; wir können’s nicht selber regeln, wir geben es weiter, an VertreterInnen. Mitreden, ja, das können wir auch – sofern wir uns dazu entschliessen.
In einem wichtigen System stecken wir im Beruf. Mehr oder weniger abhängig an einer «Stelle». Doch schon bei der Wahl dazu fragt sich: Können wir, wie wir wollen? Ein grosses Wort reden da allerhand Gegebenheiten mit: unsere soziale Herkunft, das Geld, das vorliegt – oder nicht, der Bildungsgang sodann. Wir wählen, auch später den Arbeitsplatz – zum Teil, bedingt.
Bleiben die Felder, wo wir anscheinend frei sind: was wir konsumieren und wie viel, wie wir uns einrichten, unser Leben gestalten – wenigstens in der sogenannten «Freizeit». Da kommen diskutable Einflüsse ins Spiel. Wir müssen offenbar animiert, angeleitet werden. Das denken alle, die uns etwas andrehen wollen. Und davon leben Medien, soziale oder nicht. Werbung ist gewiss ein gewichtiges Thema unsrer Zeit; Propaganda in der Politik, mit viel Bedenklichem; Reklame stets totaler. Kein Wunder, sind die InfluencerInnen «erfunden» worden, die sich epidemisch verbreiten. Und uns Dinge aufschwatzen – doch warum gehen wir drauf ein? Wie kommt es, dass solche hypernatürlichen Kunstfiguren so viele «Follower» sammeln? Sind wir nicht frei, da mitzumachen?
«Ein grosses Wort reden da allerhand Gegebenheiten mit: unsere soziale Herkunft, das Geld, das vorliegt – oder nicht, der Bildungsgang sodann.»Heinz Gfeller
Da können wir wohl auf meine zweite Frage übergehen: Wer, was regelt meine Entscheidungen? Sind es überhaupt welche? Die ewige Frage nach dem «freien Willen». Nach dem, was in uns bewusst oder oft unbewusst abgeht. Welchen Anteil hat der Intellekt, welchen haben die Emotionen? Volkstümlicher: Was kommt aus dem Kopf, was aus dem Bauch? Ich werde mich hüten, da Entschiedenes auszusagen. Sicher ist für mich, dass beide mitspielen; auch dass viel Mitgebrachtes einfliesst – aus unsern Systemen, wiederum. Aus unsern Genen (wie viel wohl?), aus der Umgebung, der Erziehung, den Beziehungen.
Ich glaube, wir sind frei – und sehr bedingt.
Manuela Bamert (32)
Ich bin fremdbestimmt – und trotzdem bestimme ich selbst. Navigieren bei stürmischer See.
Dass wir Entscheidungen und Handlungen aufgrund äusserer Einflüsse treffen – seien dies Erwartungen anderer Menschen, gesellschaftlicher Druck oder auferlegte Regeln –, scheint ausser Frage zu stehen. Daneben treffen wir aber auch Entscheidungen auf der Grundlage unserer eigenen Gefühle, Wünsche und Überzeugungen.
«Ich bin die Kapitänin (m)eines Schiffes. Ich kann zwar die Winde und Wellen (äussere Einflüsse) nicht kontrollieren, aber ich kann auf diese reagieren.»Manuela Bamert
Doch wie frei sind wir in diesen selbstbestimmten Entscheidungen wirklich? Unsere Gefühle und Gedanken lassen sich ja nur sehr bedingt steuern. Wenn ein Gedanke auftaucht, taucht er eben auf – wo er herkommt, wissen wir dabei selten. Die Frage, wer, beziehungsweise was unsere Gedanken steuert, soll an dieser Stelle gar nicht erst aufgeworfen werden, zumal sie in diesem Kontext auch keine wichtige Rolle spielt. Denn auch, wenn wir unsere Gefühle und Gedanken nicht steuern können, können wir dennoch auf sie reagieren.
Mir gefällt folgendes Bild: Ich bin die Kapitänin (m)eines Schiffes. Ich kann zwar die Winde und Wellen (äussere Einflüsse) nicht kontrollieren, aber ich kann auf diese reagieren. Ich kann auch nicht immer steuern, wie sich mein Schiff (meine Gedanken und Gefühle) verhält; und manchmal muss etwas repariert oder neu gestrichen werden. Doch auch hier kann ich Entscheidungen treffen. Auf der Grundlage dieser Entscheidungen navigiere ich mich dann durch die Ozeane meines Lebens.
Während unsere Gefühle und Gedanken von unseren Erfahrungen, Überzeugungen und unserer Umgebung beeinflusst werden, haben wir dennoch ein hohes Mass an Freiheit. Wir können nämlich wählen, auf welche Gedanken und Gefühle wir uns konzentrieren, wie wir sie interpretieren und welche Bedeutungen wir ihnen zuschreiben.
Diese Fähigkeit, zu reflektieren und Selbsterkenntnis zu entwickeln, ist es, die dazu führt, dass ich mich, umgeben von viel Fremdbestimmtheit, trotzdem sehr selbstbestimmt fühle.