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16. April 2015
mit einer Feder geschrieben, drehte die Feder, um zu einer etwas dünneren Schrift zu kommen, Nun sah er das schwarze Teil der Feder, wie ein Käfer bewegte es sich im Schreibfluß über das Papier. Zu saugfähig, etwas zu saugfähig, das Papier, von dem er 2500 Seiten billig im Internetshop gekauft hatte. Federwechsel. Mit dem kleinen, leichten Füller, der feinen, zarten Schrift fühlte sich der Herr wohler. Und verbarg doch, was er hatte schreiben wollen. Noch vor 10 Minuten hatte er vor gehabt, das aufzuschreiben, noch nach dem Rasieren, immer mit dem elektrischen Apparat nach Gefühl erledigt, in den Spiegel sehend, um Rasierwasser auf zu klopfen. Auf Wangen und Hals aufklopfen, nicht einmassieren. Sein Vater hatte so geklopft. Morgens, als der junge Herr noch im Bett lag, weil er zur Schule erst später aufzustehen hatte. Fragte sich, weshalb der Vater klopfte. Vielleicht, weil Parfum aufzutragen keine männliche Sache war, als weiblich galt. Deshalb wurde Rasierwasser eingeklopft, in die Haut geschlagen.
Vor dem Spiegel hatte er sich dazu überredet gehabt, darüber zu schreiben. Nach einigem Hin und Her, nach einigen Diskussionen mit sich selbst. Er hatte sich mit dem Gedanken dazu überredet, daß den Text doch niemand lesen würde, außer ihm und daß er nichts zu verstecken brauchte. Noch im Bad, vor dem Spiegel war er ganz sicher gewesen, hatte den Text im Kopf, wußte exakt, wie es zu schreiben war, kannte jedes Wort. Dort, vor dem Spiegel waren es viele Worte gewesen. Als er aus dem Badezimmer gegangen war, um sich anzukleiden, gingen einige Worte verloren, auch auf dem Weg zum Schreibtisch. Und, als er schließlich am Tisch saß, die Morgensonne wärmte schon durch die Fenster, waren alle Worte weg.
1. April 2015
Neulich im Restaurant:
Ich: Bitte bringen Sie mir bitte ein Mineralwasser mit Kohlensäure.
Er: Easy.
Ich: Was “easy”?
Er: Ah sorry – kein Problem.
Ich: Falsche Antwort.
Er: Was?
Ich: Ich habe nicht gefragt, ob es ein Problem ist, mir ein Wasser zu bringen. Ich habe Sie lediglich darum gebeten, mir eines zu bringen.
Er: Eben.
Ich: Eben was?
Er: Kein Problem.
Ich: Falsche Antwort.
Er: Wieso?
Ich: Sie könnten zum Beispiel sagen: “Gern.” Oder: “Sofort.” Das tönt einfach besser.
Er: Und wenn ich es gar nicht gern machen würde?
Ich: Dann hätten Sie ein Problem.
Er: Weshalb?
Ich: Dann wären Sie am falschen Ort.
Er: Drum habe ich ja gesagt: “Kein Problem.”
Ich: Aha. Dann bringen Sie mir jetzt bitte ein Mineral mit Kohlesäure?
Er: Okee.
Ich: Falsche Antwort.
Er geht ab.
Ich geh raus.
. . . . .
Konklusion:
Charmante Formeln wie „Nichts zu danken“ oder „Keine Ursache“ wirken scheinbar verstaubt und werden vom jugendsprachlichen „Kein Problem“ oder Manager-Dummdeutsch „Kein Thema“ weggefegt.
Die moderne Umgangssprache ist – wahrscheinlich ohne es zu wollen – Chef im Abservieren geworden.
19. März 2015
Jeden Tag lächelt zur Zeit eine Politikerin oder ein Politiker aus meinem Briefkasten. Menschen, die um mich werben, weil sie später meine Interessen wahrnehmen wollen. Doch wie soll ich jemanden wählen, der nicht einmal den “Bitte keine Werbung”-Kleber respektiert? Der mein Bedürfnis nicht ernst nimmt?
Sie machen es mir einfach: Alle diese Flyers und Broschüürlis lege ich jetzt zum Wahlcouvert und werde genau darauf achten, dass deren Name NICHT auf meinem Zettel stehen wird.
10. Februar 2015
1996 bezahlte ich für einen 2500 Gramm schweren 4.5 Gigabyte Seagate Drive (externer Speicher mit eingebautem Ventilator) rund 5000 Franken. Heute sitzt in der GoPro-Kamera ein 2 Gramm leichter Micro SD Chip, der über eine Kapazität von 64 Gigabyte verfügt und 50 Franken kostet. In den letzten Jahren haben sich die Speichermöglichkeiten exponentiell nach oben und die Preise entsprechend nach unten entwickelt. Technisch gesehen fast ein Wunder, sozial gesehen eine ziemliche Katastrophe.
Diese Möglichkeiten haben dazu geführt, dass heutzutage jeder Furz dokumentiert wird. Gibt es noch Snowboarder, Radfahrer, Piloten, Surfer, Gärtner, Fallschirmspringer, Hooligans, Autofahrer, Taucher, Eltern oder Kinder, die nicht das Gefühl haben, alles für die Nachwelt aufzeichnen zu müssen? So viel Nonsens wird gespeichert. Und irgendwer wird dann vergewaltigt, das langfädige und meist ungeschnittene Zeugs anzuschauen und zu bewundern. “Wart, wart, gleich kommt’s…!” heisst es in Bars, Zugabteilen, auf Pausenplätzen und an Familientischen. Alle starren auf einen zu kleinen Bildschirm und können es kaum erwarten, gleich danach mit ihren eigenen Beiträgen zu glänzen. Alle machen mit, niemanden interessiert es.
Wer die Welt aus der Perspektive einer Französischen Bulldogge spannend findet, ist selber schuld.
22. Januar 2015
Wir jammern über Gewalttaten, die im Namen eines Glaubens verübt werden. Der Glaube würde als Deckmantel für das Böse gebraucht, so ist zu lesen und wahrer Glaube brauche keine Gewalt. Wahrer Glaube reflektiere die Einsicht in das Richtige. Nur, was das Richtige sei, darüber besteht seit Jahrtausenden keine Einigkeit. Vielleicht spaltet die Frage nach dem Richtigen schon die Fragewelt in falsch und richtig, erzeugt also Uneinigkeit, Zank und Streit. Das wird dann wieder zur Glaubensfrage und das Spiel startet erneut. Wir können vor allem die Versuche bejammern, dieses selbst erschaffene Dilemma autoritär und mit Gewalt zu lösen. In unserem Jammer tun wir dann so, als seien diese Unwissenden, die sich gegenseitig abschlachten zu bedauern, wir jedoch wüssten, wie ES anders zu machen wäre. Wissen wir’s? Und, bringen wir unser Wissen morgen oder übermorgen zur Anwendung?
10. Oktober 2014
ICH: Guten Tag, ich habe eine Frage: Was ist der Unterschied zwischen dieser Sony Cybershot für 145 Franken und dieser ähnlich grossen Lumix für 445 Franken?
ER: Es ist ein ganz anderer Preis, eine andere Liga.
ICH: Ja, das sehe ich. Und was macht den Unterschied?
ER: Die Qualität.
ICH: Also was genau?
ER: Die Qualität der Fotos.
ICH: Und wie wirkt sich das aus?
ER: Hier hinten auf dem Display. Der Bildschirm der Lumix ist grösser.
ICH: Ach so. Und deshalb kostet die Lumix dreimal mehr?
ER: Nein.
ICH: Weshalb dann?
ER: Weil – wenn Sie die Fotos auf A4 ausdrucken, sind sie schärfer.
ICH: Ich drucke nie auf A4 aus.
ER: Trotzdem.
ICH: Beide bieten doch eine ähnliche Auflösung mit rund 18 Megapixel und ein optisches Zoom…
ER: Trotzdem. Die Lumix ist einfach besser.
ICH: Hmmm. Ok – dann nehme ich die Cybershot.
ER: Ich schaue, ob wir noch eine haben.
ICH: (warte)
ER: Wir haben keine mehr hier.
ICH: Schade.
ER: Es gibt nur noch dieses Ausstellungsteil.
ICH: Ah – und wie viel Rabatt gewähren Sie in dem Fall?
ER: Was Rabatt?
ICH: Einen günstigeren Preis, weil die Kamera nicht neu ist und Gebrauchsspuren aufweist.
ER: Nein, das machen wir nicht.
ICH: Schade.
ER: Wenn Sie sie jetzt kaufen…
ICH: Ja? Was dann?
ER: Dann packe ich sie jetzt ein.
ICH: Und geben mir einen Rabatt?
ER: Nein, das machen wir nicht.
ICH: Dann nehme ich sie nicht.
ER: Gut.
ICH : Was “gut”?
ER: Ich wusste nicht, was sagen.
ICH: Das habe ich die ganze Zeit gedacht.
ER: Was?
ICH: (schüttle den Kopf, lasse ihn in seinem weissen Hemd mit Namensschild stehen und gehe an die frische Luft)
10. Juni 2014
Reif für die Insel – schnell mal gesagt. Und wie bitte genau gemeint? Oder was gemeint? Ein semantisches Minenfeld tut sich auf. Wer “die Insel” allerdings als Lebensmodell und nicht als stehenden Begriff betrachtet, wird sie plötzlich nicht mehr nur als willkommenen Fluchtort, sondern auch als persönliches Abgrenzungswerkzeug wahrnehmen. Das generiert einen grossen Nutzen für sich selbst und das Umfeld – dank Lockerheit und Sympathie.
An heissen Sommertagen und natürlich auch an grauen Wintertagen wünschen sich viele Menschen einen Aufenthalt auf “der Insel”. Einige träumen dann von einer kleinen Insel in der Südsee, andere vielleicht von Sylt und wieder andere von den Galapagos. Es sind also nicht nur weisse, einsame Strände, nach denen sie sich manchmal sehnen. Da steckt mehr dahinter. Das Wort Insel löst unterschiedliche Erinnerungen und Wünsche in Form von Bildern, Gerüchen, Geräuschen, usw. aus – auf jeder Insel eigene, auf jeder Insel andere.
Ich, die Insel
Ich werde allein geboren und sterbe auch allein. Nicht lustig und dennoch wahr. Alles was ich erlebe und träume, widerfährt nur mir. Nur in meinem Kopf, verknüpft mit meinen Gefühlen. Meine Erfahrungen (wie gerade jetzt das Lesen dieses Textes), Wünsche, Geschichten, Werte, Gefühle, Glauben, Sinn für Humor, Empathie, einfach alles. Jetzt. Ich. Und fertig. Schlimm? Keineswegs.
Das Leben kann als andauernde Tragödie und finale Einsamkeit erfahren werden, doch dagegen kämpfen wir meist sehr erfolgreich vom ersten Tag unseres Lebens an. Wir sind auf Mitmenschen angewiesen und haben intuitiv gelernt, wie man Beziehungsbrücken baut und das Umfeld manipuliert. Wir richten noch heute unser Verhalten nach Nutzen aus und bauen tragfähige Verbindungen, wo immer es möglich ist. Denn gute Beziehungen bereichern das Leben und sind eine Versicherung gegen das Vereinsamen.
Ich, der Anpasser
Ich kann mich Situationen und Menschen sehr gut anpassen, wenn ich darin einen unmittelbaren Nutzen sehe. Ich ziehe mich dem Wetter oder andern Umständen entsprechend an, je nach Ziel eines Gesprächs setze ich Wortwahl, Betonung und Körpersprache ein, ich imitiere die Laute von Babies und gähne an langweiligen Sitzungen mit andern mit. Ich habe viele Pfeile im Köcher und kann selbst entscheiden, welcher der Geeignetste ist.
Eine tragfähige Beziehung setzt Anpassungsfähigkeit von mindestens einer Seite voraus. Ein introvertierter Buchhalter kann nach getaner Büroarbeit beim Karatetraining während zwei Stunden mächtig draufhauen und später zuhause sein weinendes Kind trösten und ein Gute-Nacht-Lied singen. 100% authentisch, 100% angepasst. Er ist in allen Rollen echt und somit sich und andern nützlich.
Menschen, die von sich behaupten “Ich bin, wie ich bin” stehen sich selbst in im Weg. Sie haben nicht begriffen, dass Anpassungsfähigkeit als Basis für sympathische Beziehungen etwas Wunderbares ist. Sie überlassen die Sympathie dem Zufall und ihrer Laune.
Ich, der Brückenbauer
Ich muss keine Brücken bauen. Ich kann, wenn ich will und es das Gegenüber zulässt. Rund 7.2 Milliarden Inseln gibt es heute auf unserem Planeten und jede ist “unique”. Brücken bauen heisst Verbindung aufnehmen, Verständigung suchen, mich mit Respekt für die Geschichte und Befindlichkeit meines Gegenübers interessieren, Bedürfnisse erkennen, Konsens suchen, Gemeinsamkeiten entdecken, kommunizieren.
Die Beziehungsbrücke ist ein temporäres Gebilde auf dem wir uns begegnen und die Kampfsportart “Kommunikation” betreiben. Dabei ist es wichtig, Kommunikation als Aikido und nicht als Karate zu verstehen. Es geht nicht um Schlagfertigkeit und Zerstörung, es geht um Synchronisation und Konstruktion. Je mehr Parallelen, desto weniger Widerstand. Was ähnlich ist, ist sympathisch.
Bauanleitung
- Schenken Sie Ihrem Gegenüber volle Aufmerksamkeit
- Passen Sie Ihr Sprechtempo, Lautstärke und Körperhaltung an
- Stellen Sie sich wenn möglich seitlich oder sitzen Sie “über’s Eck”
- Wiederholen Sie hin und wieder “wichtige” Wörter und ganze Satzteile des gegeübers
- Fragen Sie nach dem WIE, nicht nach dem WARUM
- Ersetzen Sie jedes ABER durch ein UND
- Ärgern sie sich weniger – wundern sie sich mehr.
PS:
Wer Brücken baut, kann sie auch zerstören. Eine Scheidungsrate von über 50% sagt Vieles, auch über unseren Freiheitsgrad.