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Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Werner Welzig. Mit einem Vorwort zur Sonderausgabe 2016 von Peter Walter. (= Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften. Acht Bände. Lateinisch und Deutsch. Herausgegeben von Werner Welzig. Erster Band. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 52016.) Diese Auswahlausgabe ist wahrscheinlich die umfangreichste auf Deutsch erschienene von Erasmus‘ Werken. Zum ersten Mal kam sie zwischen 1967 und 1980 heraus, zum 500. Geburtstag des Erasmus, jetzt, zum 550., wurde sie wieder aufgelegt. Im Vorwort zur diesjährigen Sonderausgabe stellt Peter Walter, ein bisschen erstaunt, will mir scheinen, fest, dass vor 50 Jahren vom damaligen Herausgeber nie bekannt gegeben worden ist, nach welchen Kriterien die Werke dieser Auswahl zusammengestellt worden sind. Offenbar lässt sich das auch nicht mehr im Nachhinein eruieren, da alle Verantwortlichen, eben so wie alle Übersetzer, unterdessen gestorben sind. Nicht alle Übersetzungen wurden im Übrigen eigens für diese Ausgabe hergestellt; so ist z.B. die des Handbüchleins bereits 1961 bei Hermann Böhlaus Nachfolgern auf den Markt gekommen.
Der Brief an Paul Volz kann in gewissem Sinn als Vorwort zum Handbüchlein gelesen werden. In beiden Werken sehen wir den Kanoniker Erasmus am Werk. Man vergisst vielleicht gern, dass Erasmus Theologie studiert hat, den Augustinerchorherrn beitrat und zum Priester geweiht worden ist. Er liess sich später vom Papst seiner Ordensgelübde entbinden – Mitglied der katholischen Kirche blieb er sein Leben lang. Erasmus‘ genaues Geburtsdatum ist nicht klar – am 28. Oktober 1466, 1467 oder 1469 muss er zur Welt gekommen sein. Beim Handbüchlein von 1503 handelt es sich um einen seiner frühesten überlieferten Texte. Hier ist Erasmus – bei aller Bibel-Exegese – ganz Seelsorger. Das Bild des christlichen Streiters gegen das Böse, das sich, vom Titel angefangen, durchs ganze Handbüchlein zieht, nimmt er aus dem Epheser-Brief des Neuen Testaments. Das Thema ist ethisch-moralisch aufgefasst: Wie halte ich mich als Christ von der Sünde frei; wie halte ich mich von welcher Sünde frei? Erasmus geht dabei durchaus pragmatisch vor: Individuelle Unterschiede der menschlichen Veranlagung sollen nicht unterdrückt werden. Wer für die Ehe gemacht ist, soll heiraten (und sich dann allerdings mit dieser einen Frau begnügen, wie es Augustin tat, auch wenn der nicht einmal verheiratet war – Erasmus beurteilt den Kirchenvater hier weniger scharf, als es dieser selbst tat), die Ehelosigkeit sollen die auf sich nehmen, die dafür geschaffen sind.
Es fällt auf, dass die Hilfstruppen, die Erasmus in seinem Streit beizieht, weniger die üblichen Scholastiker und Gelehrten waren. Duns Scotus und Ockham mag er gar nicht; selbst auf den Aquinaten verweist er selten. An Zeugen zitiert er vorwiegend den Apostel Paulus mit seinen Briefen, die alten Propheten, dazu die frühen Kirchenväter Augustin und Origines, die ihm näher an der heilsbringenden Quelle zu stehen scheinen, als die neueren. Den Humanisten erkennen wir darin, dass auch ‚heidnische‘ Zeugen aufgerufen werden. Nicht allerdings Aristoteles (der wird, wenn ich recht gezählt habe, ein einziges Mal erwähnt, und keineswegs zustimmend), sondern Platon und – aufgrund seiner Lebensführung – Sokrates. (Olaf Stapledon hat seine Gleichsetzung von Sokrates und Jesus Christus ja nicht selber erfunden – der Topos ist älter.) Auch Dichter werden herangezogen, so wird z.B. Horaz etliche Male zustimmend zitiert. (Wobei gerade solche Zitate auch ein Merkmal der ‚klassischen‘ Exegese sind, wo Bruchstücke aus einem Werk beigezogen werden, um die Relevanz eines Autors zu demonstrieren, und wo diese Bruchstücke in der Interpretation dann auch gern so verbogen werden, dass sie wirklich ins gewünschte Schema passen.)
Das Ganze wird abgerundet durch einen eleganten und flüssigen Stil; ich kann allerdings nicht sagen, ob der nun dem Übersetzer geschuldet ist oder dem lateinischen Original: Trotz grossen Latinums ist mir Mittellatein so ziemlich fremd geblieben. Als Einstieg in eine Werkausgabe also nicht übel.