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Maxime Plescia-Büchi (39) betritt sein Studio im Norden von London und begrüsst erst mal ausgiebig sämtliche Mitarbeitenden – und schliesslich seinen ersten Kunden. Der wünscht sich geometrische Formen am linken Unterarm. Büchi skizziert kurz am Computer, druckt sich die Grundformen aus und hält sie auf den Arm. «So?» – «Ja, genau.» Er nimmt sein Handy und wählt eine Hip-Hop-Playlist. Der Kopf wippt im Takt.
Die detailliertere Skizze zeichnet Plescia-Büchi direkt auf den Arm, nach zehn Minuten ist er fertig und bereitet das Equipment vor. Die Tinte füllt er in kleine Schälchen, daneben legt er vier vorbereitete Pistolen. Ist das Handy nicht am Ohr, liegt es in Griffweite. Zum Beispiel auf der Liege, wo auch der Kunde liegt. Plescia-Büchi ist bereit, nimmt nochmals das Handy und wählt einen anderen Song. Jetzt ist der Kopf still, er ist es auch. Zu hören sind nur «Mask off» von Future und die surrende Nadel, mit der er zur ersten Linie ansetzt.
Als Tätowierer muss man alles können
Später sitzt Maxime Plescia-Büchi mit seiner Frau Hope (32), den Zwillingssöhnen Atlas und Orion (1) und Tochter Olympia (3) auf dem Sofa im Spielzimmer. Mit drei krabbelnden Kindern auf dem Schoss fällt es nicht leicht, auf Knopfdruck für ein Familienporträt zu lachen. Er ist ohnehin keiner, der viel lacht.
Er wuchs in Lausanne auf, in einer Welt mit mittelalterlichen Gebäuden, moderner Architektur und Kunst. Nach einem Bachelor in Psychologie absolvierte er die École cantonale d’art de Lausanne, wo er visuelle Kommunikation studierte. Er arbeitete für verschiedene Projekte und Kunden im Kunstbereich – in Zürich, Paris und London. «Aber ich war gelangweilt von den immer gleichen Menschen, den immer gleichen Situationen und Prozessen», sagt er. Nie habe er das Gefühl gehabt, seine Fähigkeiten voll ausleben zu können. «Es gab keinen Beruf, der alle vereint hätte. In der Berufsberatung sagen sie dir nicht, werde Tätowierer.»
Mit 25 betritt Plescia-Büchi das Studio von Tattoolegende Filip Leu in Sainte-Croix VD. «Da wusste ich, ja, das ist etwas, das für mich Sinn ergibt.» Weil beim Tätowieren jeder Tag anders ist, die Motive ständig wechseln und auch die Menschen unterschiedliche Geschichten, Einflüsse und Ideen haben. Er lässt sich von Leu den gesamten Rücken tätowieren – als erstes Tattoo überhaupt. Weil auch das Sinn ergeben habe und weil er sich selbst habe zeigen wollen, wie ernst es ihm mit dem Tätowieren war. «Es gab für mich gar keine andere Option mehr. Oder ich hätte mich einem Leben voller Frust verschrieben.»
Plescia-Büchi absolviert bei Leu die Tätowiererausbildung und lernt neben der Technik, was es heisst, ein Tattookünstler zu sein. «Bei jeder anderen kreativen Tätigkeit hast du ein Team, das dich unterstützt. Als Tattookünstler nicht. Da musst du alles können: Du machst die Buchhaltung, die Werbung, die Tattoos und den Kundendienst.» Plescia-Büchi geht schnell, arbeitet schnell, organisiert schnell. Für das Sprechen aber nimmt er sich Zeit.
Wandel der Tattoos mitgestalten
Nach der Ausbildung geht Plescia-Büchi nach London, wo er sein Studio Sang Bleu eröffnet. Seine Frau Hope, mit der er seit drei Jahren verheiratet ist, ist Teilhaberin und arbeitet dort Teilzeit als Creative Director. Tätowiert wird bei Sang Bleu vor allem Blackwork. «Ich mag diese Bezeichnung nicht. Der Name bezieht sich auch nicht auf die schwarze Farbe, sondern auf Ikonografien.» Allerdings sei er wichtig, denn er wuchs aus der Entwicklung der Tattoos in den letzten 30 Jahren heraus. Aus der Subkultur wurden sie zum öffentlich sichtbaren Phänomen.
Erstmals wurden Tattoos aus einer künstlerischen Perspektive erstellt. Vorher gab es Seemanntattoos, Rockertattoos und japanische oder mexikanische. Heutige Blackwork-Künstler haben oft eine künstlerische Ausbildung und kennen die alten Tattootraditionen und -techniken. Sie lösen sich aber von diesen Einflüssen und kreieren eigene, neue Tattooarten. Auch Plescia-Büchi hat seinen Stil gefunden, kombiniert Elemente der Geschichte, Kunst, Philosophie und Wissenschaft.
Tattoos von Maxime Plescia-Büchi
Eine Mode sind Tattoos in Plescia-Büchis Augen nicht, vielmehr ist es eine von vielen Möglichkeiten, um die eigene Identität auszudrücken. «Wie das inzwischen wohl auch die plastische Chirurgie ist. Die gesellschaftliche Wahrnehmung des Körpers hat sich stark verändert. Auch mit einem extremen Körper ist man akzeptiert.»
Er selbst lässt sich nicht mehr tätowieren. «Ich habe keinen Platz mehr», sagt er, leicht bestürzt. Kunstwerke zieren seinen ganzen Körper, nur das Gesicht ist noch frei. Meist verdeckt er vieles davon, heute mit einem Strickpullover, Jeans und Birkenstockschlappen. Er habe es nicht mehr nötig, alles zu zeigen. «Es ist keine Rebellion mehr, wenn man sich tätowieren lässt, deswegen wirst du nicht diskriminiert. Das war in den 00er-Jahren noch anders.» Das beste Beispiel dafür ist er selbst: «Ich falle eher auf, wenn ich in Turnschuhen und Jeans in ein Businessmeeting laufe, als wegen meiner Tattoos.»
Anders als sein Mentor Leu bedauert Plescia-Büchi nicht, dass seine Kunst vergänglich ist. «Ich wähle diese Kunstform, weil sie vergeht, nicht obwohl. Dadurch werden Tattoos erst interessant.» Niemand hätte dieselben starken Gefühle gegenüber einem Gemälde. «Es ist die extremste Art des Besitzes. Man kann ein Tattoo nicht verkaufen. Nur wenn du stirbst, stirbt es auch.»
Tattoos sind Mainstream geworden, was Plescia-Büchi nicht stört. «Jeder Wandel ist nicht per se gut oder schlecht, und du kannst ihn sicher nicht verhindern. Aber du kannst dafür sorgen, dass das Resultat das bestmögliche wird.» Bisher ist die Tattoowelt komplett unabhängig gewesen. Es gab keine Kooperationen zwischen Tattookünstlern und bekannten Marken. «Aber das kann sich rasch ändern. Schon heute wächst die Tattooindustrie rasch.»
Auch darum hat Plescia-Büchi mit «Sang Bleu» nicht nur ein Tattoostudio aufgebaut, sondern vertreibt Kleidung und das Tattoomagazin «TTISM», er hat erfolgreich mit Hublot, New Balance und anderen bekannten Marken zusammengearbeitet.
Zwischendurch auch mal Nein sagen
«Jeden Penny, den ich verdiene und nicht für meine Familie brauche, investiere ich.» Heute bringe das noch nicht besonders viel Geld ein. «Vielleicht eines Tages. Mein Ziel ist es nicht, möglichst reich zu werden, sondern die Kultur voranzutreiben.»
2016 hat er ein weiteres Sang-Bleu-Studio in Zürich eröffnet, 2018 folgt das dritte in Los Angeles. «Jedes Studio ist anders, ich pflanze den Samen und lasse ihn spriessen. Zürich ist wie ein Kind für mich, und es freut mich zu sehen, wie es sich entwickelt.» Inzwischen sind auch Promis auf ihn aufmerksam geworden: Der Musiker Kanye West hat ihn für die Art-Direction seiner Tour engagiert und sich schliesslich von ihm tätowieren lassen.
Maxime Plescia-Büchi sagt aber nicht zu allen Kunden Ja. Einige kommen mit einer genauen Vorstellung und Skizze, andere mögen seinen Stil und lassen ihm freie Hand. «Für mich funktioniert beides, aber nur, wenn ich die Idee mag oder selbst hätte darauf kommen können.» Ist das nicht der Fall, sagt er Nein. «Jedes Tattoo ist eine Gleichung zwischen der Idee, dem Menschen und vielen anderen Elementen. Stimmt eins davon nicht, fühlt es sich falsch an.»
Plescia-Büchi kehrt so oft wie möglich in die Schweiz zurück: «Was mich als Teenager in den Wahnsinn trieb, die engen Strukturen und die Sicherheiten, klingt jetzt, wo ich selbst Kinder habe, sehr verlockend.» Im Verlauf der nächsten Jahre möchte er sogar wieder ganz zurückkehren. «Ich habe kürzlich realisiert, dass der Ort, an dem ich meinen Kindern am meisten weitergeben kann, für immer die Schweiz sein wird.»