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Zu den frühesten Kupferstichen, die der junge Albrecht Dürer (1471-1528) anfertigte, wird gemeinhin ein Bild gezählt, das unter dem Titel Das ungleiche Liebespaar oder Der Liebesantrag bekannt ist. Zu sehen sind ein alter Mann und eine deutlich jüngere Frau, die sich gemeinsam in einer weitläufigen Landschaft niedergelassen haben.
Albrecht Dürer, Ungleiches Liebespaar (Zustand I von III), um 1495, Kupferstich, 15.4 x 14.2 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 7742)
Albrecht Dürer, Ungleiches Liebespaar (Zustand III von III), um 1495, Kupferstich, 15.0 x 13.3 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 7741)
Wer sind die beiden?
Mehr als einmal wurde vorgeschlagen, dass dieser Druck die biblische Geschichte von Juda und Tamar (Genesis 38, 14-18) zeige, in der Tamar nach dem Tod ihres bösartigen Mannes Er ihren alten Schwiegervater Juda verführte, um die Familienlinie fortzusetzen. Eine andere Interpretation ist, dass es sich bei dem Paar um den wohlhabenden Berthold Tucher und die viel jüngere Anna Pfinzing handelt, die 1364 in Dürers Heimatstadt Nürnberg geheiratet haben sollen. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich um eine allgemeine Darstellung eines Liebespaares mit deutlichem Altersunterschied handelt – ein in jener Zeit äusserst populäres Bildthema.
Die Tradition dieses Themas reicht weit zurück: Das früheste bekannte Beispiel in der Literatur stammt aus dem Jahr 184 v. Chr. von dem römischen Dichter Plautus. Im fünfzehnten Jahrhundert werden ungleiche Paare vermehrt in der bildenden Kunst dargestellt. Die rasante Entwicklung des Mediums Druck bot die Möglichkeit, eine Darstellung dieses Themas einem großen Publikum zugänglich zu machen. Das erste bekannte Beispiel in der grafischen Kunst findet sich um 1475 im Werk des Meister des Amsterdamer Kabinetts (auch bekannt als der Hausbuchmeister).
Meister des Amsterdamer Kabinetts, Junges Mädchen und alter Mann, um 1475, Kaltnadel, 10.1 x 9.4 cm, Rijksmuseum, Amsterdam (Inv. Nr.: RP-P-OB-933)
Moralisierende Botschaft
Bei Darstellungen von ungleichen Paaren wird zumeist ein alter Mann mit einer schönen jungen Frau gezeigt, aber auch der umgekehrte Fall kommt gelegentlich vor. Fast immer wird in den Bildern suggeriert, eine solche Beziehung beruhe nicht auf echter Liebe, weil die Beteiligten entweder nur am Geld beziehungsweise jugendlichen Körper des anderen interessiert seien. Das wird oft ganz direkt thematisiert, so auch bei Dürer: Während die rechte Hand des älteren Mannes die schöne junge Frau fest umschlingt und kurz davor ist, ihre Brüste zu berühren, hat sie bereits ihr kleines Täschchen geöffnet, um Münzen aus seinem Geldbeutel in Empfang zu nehmen.
Vermutlich sollte diese Art von Bild eine moralisierende Botschaft vermitteln, und zwar für beide Geschlechter: Für Frauen galt es als verwerflich, sich auf diese Weise zu verkaufen, während alte Männer als dumm angesehen wurden, wenn sie glaubten, dass schöne junge Frauen aufrichtig an ihnen interessiert seien.
Monogramm als Indiz für Datierung
Obwohl Dürers Druck Ungleiches Liebespaar undatiert ist, wird allgemein angenommen, dass es sich um einen seiner ersten Kupferstiche handelt. Ein Hinweis darauf ist das hier verwendete Monogramm des Künstlers. Während sein „endgültiges“ Monogramm ein lateinisches großes A mit einer flachen Spitze zeigt, das ein großes D enthält, war dies anfangs nicht der Fall. Zum Beispiel verwendet Dürer in dem Druck Die Heilige Familie mit der Libelle, der etwas früher als das Ungleiches Liebespaar datiert ist, noch ein gotisches statt eines lateinischen d. Das Monogramm im Ungleiches Liebespaar baut gewissermaßen darauf auf, so dass die Schenkel des A immer noch in einem Punkt zusammentreffen, aber das d wurde geändert. Erst zu einem späteren Zeitpunkt verwendet Dürer sein berühmtes Monogramm, bei dem die Schenkel des A auseinandergeschoben sind.
Detail von: Albrecht Dürer, Die Heilige Familie mit der Libelle, um 1495, Kupferstich, 23.6 x 18.4 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 13006)
Detail von: Albrecht Dürer, Ungleiches Liebespaar (Zustand I von III), um 1495, Kupferstich, 15.4 x 14.2 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 7742)
Detail von: Albrecht Dürer, Heiliger Eustachius, um 1501, Kupferstich, 35.5 x 25.9 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 11691)
Mehrfache Überarbeitung der Platte
Dürer hat von diesem Blatt mehrere Zustände gedruckt – das heisst, er hat die Kupferplatte mehrfach überarbeitet und diese Arbeitsschritte jeweils durch Abdrucke dokumentiert. Im ersten Zustand sind zum Beispiel die Berge im Hintergrund noch deutlich sichtbar, während sie im zweiten Zustand bereits stark verändert sind. Im dritten Zustand fehlt die Landschaft dann komplett und die Platte wurde glatt poliert.
Die Graphische Sammlung ETH Zürich besitzt sowohl einen Abzug des ersten als auch des dritten Zustandes. So lässt sich nicht nur der Unterschied zwischen diesen Zuständen gut studieren, sondern es wird auch deutlich, wie sich eine Platte während des Druckvorgangs abnutzt: Die Linien im Abdruck des dritten Zustands sind weniger dunkel gefärbt als die tiefen, klaren Linien im ersten Zustand. Die Gegenüberstellung dieser beiden Abdrucke gibt uns einen wunderbaren Einblick in die Arbeitsweise des noch jungen Künstlers, der Anfang zwanzig war, als er diesen Druck anfertigte.
Ausgearbeiteter Hintergrund
Im Vergleich zu den Drucken seiner Zeitgenossen mit diesem Thema, in denen oft nur die Figuren dargestellt sind, fällt auf, dass Dürer die Szene in einer detailliert ausgeführten Landschaft zeigt. Auf nur 15 mal 14 Zentimetern bettet Dürer das ungleiche Paar in einen grösseren, die Hauptszene kommentierenden Kontext ein. Seine großflächige Darstellung lädt ein, sich Gedanken zu den näheren Umständen des Zusammentreffens im Freien zu machen. Wohnt der alte Mann etwa in einem der Häuser, die links im Hintergrund zu sehen sind? Wenn ja, könnte das bedeuten, dass dieses Treffen, weit jenseits der Stadtmauern, eine geheime Angelegenheit war. Das am Baum rechts angebundene Pferd könnte dies bestätigen; der Mann muss es hierher geritten sein, um seine junge Geliebte zu treffen, und um eine Weile später mit einem leeren Geldbeutel wieder abzureisen.
Detail von: Albrecht Dürer, Ungleiches Liebespaar (Zustand I von III), um 1495, Kupferstich, 15.4 x 14.2 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 7742)
Detail von: Albrecht Dürer, Ungleiches Liebespaar (Zustand III von III), um 1495, Kupferstich, 15.0 x 13.3 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv. Nr.: D 7741)
Literatur (Auswahl)
Anzelewsky, F., Dürer-Studien, Berlin (Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft) 1983.
Meder, J., Dürer-Katalog: ein Handbuch über Albrecht Dürers Stiche, Radierungen, Holzschnitte, deren Zustände, Ausgaben und Wasserzeichen, Wien (Verlag Gilhofer & Ranschburg) 1932.
Panofsky, E., The Life and Art of Albrecht Dürer [1943], Princeton (Princeton University Press) 2005 (Nachdruck).
Schoch, R., M. Mende & A. Scherbaum, Albrecht Dürer: Das druckgrapische Werk, München/London/New York (Prestel) 2001-2004 (3 Bände).
Stewart, A.G., Unequal Lovers: A Study of Unequal Couples in Northern Art, New York (Abaris Books) 1977.