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In «Titanic» kämpfte James Cameron gegen Eisberge, jetzt kämpft er für sie: als Produzent der Doku-Serie «Years of Living Dangerously». Stars wie Matt Damon, Jessica Alba und Harrison Ford betätigen sich darin als Umweltaktivisten.
In Plainview, Texas, sind sich die Leute sicher, dass ihre Arbeitslosigkeit Gottes Wille ist. Weil die Weltgeschichte nun mal in Zyklen stattfände, und jetzt sei eben ein besonders böser Zyklus. Ein Dürre-Zyklus, eine biblische Plage also. Weshalb die Farmer ihre Rinderherden dezimieren mussten, worauf die Fleisch-Verarbeitungs-Anlage schloss, was wiederum über zehn Prozent aller Einwohner von Plainview arbeitslos machte. Jetzt beten und singen sie für Wasser und ziehen jeden Samstag in einer gottgefälligen Prozession um ihren alten Betrieb herum.
«Nur einer weiss, wieviel Regen wir zugute haben», sagt einer, und es ist gut, dass der Mann, zu dem er dies sagt, ein Schauspieler ist, sonst müsste der wohl in ein ungläubiges «What?!» ausbrechen. Doch Don Cheadle, der von James Cameron («Titanic», «Avatar»), Arnold Schwarzenegger und Jerry Weintraub, den Produzenten der Doku-Serie «Years of Living Dangeously», nach Texas geschickt wurde, bleibt höflich und fühlt mit.
Leider gibt es in der texanischen Provinz nur Überzeugungschristen und keine normalen Menschen. Selbst die Klimaforscherin, die erst ganz nüchtern mit Tabellen argumentiert, ist am Ende mit einem evangelikalen Priester verheiratet. Aber wenigstens gibt sie zu, dass der Mensch die Dürre verantwortet und nicht Gott.
Im indonesischen Urwald ist es anders. Da geht es um Geld, und Harrison Ford, der auf der Insel Borneo von Fans bejubelt wird, erklärt die ökologische Schande des Palmöls, das verlangt, dass wilde, wertvolle Wälder zugunsten von Palmplantagen abgeholzt werden. Er steuert sein eigenes Flugzeug, er fährt er auf schmalen Booten durch die dichtesten Dschungel, er ist ganz ein Mann des Draussens, der Natur, da sind die Umwelt und ihr Beschützer im Einklang. Er ist so sehr Indiana Jones wie nie vorher, und genau damit wird er seinen Fans zuhause in Amerika und bei uns in Europa ein- und heimleuchten, und ein paar von ihnen werden wohl kein Duschgel oder keine Süssigkeiten mehr mit Palmöl kaufen.
Jedenfalls ist dies der Plan hinter «Years of Living Dangerously». Dass Hollywood- und TV-Stars das Öko-Böse erklären und damit Quote und ein schlechtes Gewissen machen. Es könnte funktionieren. Arnold Schwarzenegger wird sich demnächst um Wälder kümmern und Matt Damon um Wasser, und Jessica Alba, die es schon immer gut mit Delfinen konnte, ganz sicher um Delfine. Auch Michael C. Hall («Dexter», «Six Feet Under») schaut im Vorspann zum Neunteiler besorgt, und Ian Somerhalder, Teenie-Superstar aus «Vampire Diaries», ruft seine blutjungen Fans zur Verantwortung auf.
Für Somerhalder schliesst sich eine kühne, menschheitsgeschichtliche Klammer um seine beiden grossen Serien-Jobs: «Vampire haben mit unserer Vergangenheit zu tun, ‹Years of Living Dangerously› mit unserer Zukunft.» Natürlich. Aber man soll nicht spotten. Somerhalder wurde auf einem roten Teppich zu dieser Aussage gezwungen, seine Augen flackerten dabei bedenklich und er freute sich auf sehr viel Wodka.
«Years of Living Dangerously» ist nämlich eine angenehm seriöse Angelegenheit, die – jedenfalls in Folge eins – weder Trickfilme (wie Al Gore in «An Inconvenient Truth» und Michael Moore in allen seinen Filmen) noch Tränen bemühte, sondern Fakten und Fachleute, und Harrison Ford und Don Cheadle nahmen ihre Rolle als Investigativ-Journalisten und Umwelt-Aktivisten äusserst ernst.
Ausgerechnet der einzige Journalist der ganzen Serie, Thomas L. Friedman, Polit-Kolumnist der «New York Times», war der Mann der etwas steilen These. Er besuchte Menschen an der Grenze zu Syrien, die erklärten, wie die jahrelange Trockenheit das Stroh gewesen sei, auf dem sich das Feuer der Revolution umso schneller habe entzünden können, weil die Trockenheit die Menschen mürbe, unsicher, arm und aggressiv gemacht habe.
Und so kam denn in dieser ersten Folge die Welt im Namen der Klimaerwärmung verblüffend ausgewogen zusammen: Wirtschaft (Indonesien), Politik (Syrien) und Religion (Nordamerika) wurden in prägnanten Erzählungen und durch bekannte Erzähler als Ursachen oder Folgen von Umweltkatastrophen dargestellt. Die Daten dahinter stammen von etablierten Fachkräften: Etwa von Dan Abbasi, der unter Clinton im Umweltschutzministerium gearbeitet hatte, oder von den beiden Erfindern der Serie, David Gelber und Joel Bach, die beide jahrelang bei der Nachrichtensendung «60 Minutes» tätig waren.
«Years of Living Dangerously» ist das bisher grösste Starvehikel des Senders Showtime und selbstverständlich eine derart blendende Werbemassnahme, dass alle Folgen der Serie nach der Ausstrahlung am Sonntagabend auch auf Youtube laufen. Und damit auch bei uns und gratis.
Kenner der Klimaproblematik mögen das alles gar vertraut finden, aber um die geht es auch gar nicht. Es geht um alternde Indiana-Jones-Fans in den Hinterwäldern von Texas (oder auch im Thurgau), um Terminator-Freaks und vampir-fixierte Kinder, die es überall gibt. Es geht um die Hardcore-Fans des sägewütigen Serienmöders Dexter und des dementen Agenten Jason Bourne. Es geht um die Masse. Die von Film und Fernsehen vor allem eines will: viel Fantasy, viel Fiktion, abtauchen in Abenteuer. Jetzt bekommt sie von ihren Helden für einmal nichts vorgespielt. Jetzt bekommt sie nichts als die Wirklichkeit und den Vorwurf der Schuld. Das muss sie erstmal fressen.