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Die Industrie hält Einzug
Sehr früh hat der Kanton St.Gallen einen hohen Industrialisierungsgrad erlangt. Eine ausgedehnte Heim- und Fabrikindustrie war in der Ostschweiz vornehmlich mit der Herstellung und Veredlung von Textilien beschäftigt. Nach der Volks- und Betriebszählung von 1888 gab es im ganzen Kanton 3786 Fabrikbetriebe, so viel wie in keinem andern Gebiet der Schweiz. Die Textilindustrie hat eine ganze Reihe von weiteren Betriebszweigen ins Leben gerufen, so vor allem die Produktion von Maschinen.
Dass man sich hierzulande, wie im ganzen Schweizerland, bereits in der Kindheit des Industrialismus der neuen Wirtschaftsform verschrieben hat, war die Konsequenz jener schrecklichen materiellen Not, unter der die Mehrheit der Schweizer im Ancien régime zu leiden hatte. Erst nachdem die Industrie in unserem Lande an Bedeutung gewonnen hatte, besserte sich die Situation. Früher war die stets überbevölkerte Schweiz nie in der Lage gewesen, alle Bewohner ausreichend zu ernähren. Mit einem Mal verliert nun um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Solddienst seine ursprüngliche Motivation: die beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten unseres Landes. Zur rechten Zeit, 1859 nämlich, verbot die Eidgenossenschaft ihren Bürgern den Eintritt in fremde Dienste.
Anno 1870 bietet Rorschach das Bild einer Ortschaft, in der die Industrie bestimmend geworden ist. An Industriebetrieben bestanden zu jener Zeit: zwei Stickereien, eine Marmorsäge, eine Tabakfabrik, eine mechanische Werkstätte, zwei Maschinenwerkstätten, drei Mühlen und eine Brauerei. Im ganzen Bezirk wurden 60 Fabriken mit zusammen 430 1/2 Pferdekräften registriert. Trotz beinahe regelmässiger Krisen gewannen Textil- und Maschinenindustrie von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an Boden. In der Zeit, als Rorschach Scharen von Touristen beherbergte, florierten gar drei Brauereien.
Seit den sechziger Jahren begann der steile Aufstieg der Maschinenstickerei. Die erste Fabrik mit Handstickmaschinen wurde hier um 1865 in den Räumen der ehemaligen Brauerei Wachsbleiche eingerichtet und bot 40 bis 50 Arbeitskräften Verdienst.
Wenn von der Stickereiindustrie die Rede ist, muss vornehmlich von der Feldmühle gesprochen werden, die mehr als ein halbes Jahrhundert die wirtschaftliche Situation und damit auch das gesamtgesellschaftliche Klima in Rorschach massgebend geprägt hat. 1845 wurde die alte <Feldmühle> abgebrochen; an deren Stelle errichtete ihr Besitzer, Joseph Faller, eine Dampfbäckerei und Teigwarenfabrik sowie einen Holzbearbeitungsbetrieb. Leider entwickelte sich das Teigwarengeschäft nicht im erhofften Ausmasse, 1874 wurde der Konkurs über die <Feldmühle> verhängt und die Dampfbäckerei 1881 endgültig aufgehoben. Die Gebäulichkeiten kamen in den Besitz der Herren Loeb und Schönefeld, die dort eine Stickereifabrikation installierten. Der Betrieb erlebte so gute Zeiten, dass 1898 bereits ein fünftes Fabrikgebäude eröffnet werden konnte.
Nach der Jahrhundertwende war die <Feldmühle> - zusammen mit ihren amerikanischen Schwesternbetrieben - ein Unternehmen von überregionalem Rang, das zeitweise bis zu 1800 Arbeiter beschäftigte. Der abrupte Niedergang der Stickereiindustrie in den Zwanziger Jahren hat die <Feldmühle> schwer getroffen, aber sie vermochte sich noch einmal durch Umstellung der Produktion auf Kunstseide zu retten.
Ins Jahr 1877 fällt die Gründung der Stickerei Mettler-Müller, und 1912 etablierte sich mit der Firma Zürn & Cie. der letzte grosse Stickereibetrieb in Rorschach. Auch einige Maschinenfabriken haben sich hier niedergelassen. Seit 1882 stand auf dem Areal der heutigen Aluminiumwerke die Baum'sche Fabrik für Textilmaschinen. Einen wichtigen Platz nahmen die Maschinenfabriken Levin und Amstutz und Henry Levy (später Starrag) ein, die beide auch Maschinen für die Textilindustrie bauten.
Seit 1860 existierte an der Simonstrasse eine Eisengiesserei, die Vorgängerin der jetzigen Schraubenfabrik. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie nach Romanshorn (1869) brachte eine Eisenbahn-Reparaturwerkstätte in den Ort. Einen beachtlichen Ruf genoss die Helfenberger'sche Konstruktionswerkstätte an der Promenadenstrasse. Von den zahlreichen Betrieben, die dem Rorschacher Wirtschaftsleben zum Aufschwung verhalfen, seien nur noch zwei angeführt: Der milchwirtschaftliche Betrieb des Johann Ferdinand Fuchs, entstanden 1883, und die Konservenfabrik, zu welcher der aus Bayern stammende Wallrad Ottmar Bernhard den Grundstein gelegt hatte. Die Konservenfabrik belieferte in der Folge vor allem die Armee.
Es ist an dieser Stelle angebracht, einmal darauf aufmerksam zu machen, wieviel die moderne Schweizer Wirtschaft und Industrie ausländischer Initiative und Bildung zu verdanken haben. Erinnern wir uns daran, dass es Deutsche und Italiener gewesen sind, die den Rorschacher Leinwandhandel aufgebaut haben. Ahnlich verhält es sich im 19. Jahrhundert: Die Unternehmensführung vom Kader bis zur Spitze war zumeist in deutschen Händen, und in der Arbeiterschaft bildeten Italiener bis zum Ersten Weltkrieg ein grosses Kontingent, so dass man ohne weiteres den Schluss wagen darf: Ohne ausländische Hilfe hätte unsere Industrie niemals ihr hohes Niveau erreicht.
In der Epoche des industriellen Aufschwunges nahm die Bevölkerungsentwicklung einen beispiellosen Verlauf. Um 1800 zählte Rorschach etwa 1000 Einwohner, 1850 waren es 1751, in den nächsten 50 Jahren stieg die Zahl auf 9000, um schliesslich 1912 mit 13325 einen Höhepunkt zu erreichen. Nicht einmal Zürich und St.Gallen sind in jenem Zeitraum in diesem Ausmasse gewachsen. Verantwortlich fiir diese Bevölkerungsexplosion, die in allen Industriestaaten zu beobachten ist, sind in erster Linie der Wegfall alter hemmender Rechtsverhältnisse und die Entfesselung der Produktivkräfte durch den Sieg des Liberalismus, die schliesslich zur Modernisierung dei Landwirtschaft und zur Schaffung eines Massenangebotes von Arbeitsplätzen in der Industrie führten.
Das bessere und konstantere Nahrungsangebot hat die Heiratsfreudigkeit erhöht und die Sterblichkeitsrate gesenkt. Zudem hat der erwähnte Einwanderungsstrom aus Deutschland und Italien das Seine zum Wachstum der Bevölkerung beigetragen.
Tempo und Expansion waren die Signaturen der Zeit, die der Dichter Heinrich Laube 1867 mit diesen Worten charakterisiert hat: «Die Zeit ist hin, wo Bertha spann; heute spinnen die tausend Maschinen mit Billionen Spindeln und Rädern, heute trachtet Staat und Bürger allüberall danach und früh und spät, wie man arbeiten, hervorbringen, schaffen und erzeugen könne, heute sind die Geister und Herzen in unerschöpflicher Tätigkeit.»66
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66 H. Laube, Schriften über Theater. Berlin 1959, S.731f
Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.38-40
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach