Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03651.jsonl.gz/2075

|Eskil Suter (links) sicherte sich mit Marc Marquez 2012 den ersten Fahrer-WM-Titel.|
Schweizer Macher
Eskil Suter
Viele haben ihn einst wegen seiner ungehobelten Art belächelt. Heute beschäftigt Eskil Suter 35 hochqualifizierte Mitarbeiter und hat seit 2010 vier Weltmeistertitel geholt.
Lignières im Berner Jura, direkt unterhalb des Chasserals. Wir schreiben das Jahr 1989. Auf dem nur 1,1 km langen, mit einem katastrophal holprigen Belag versehenen Mickey-Mouse-Rennstrecklein darf mit einer Spezialbewilligung des Kantons Neuenburg ein offizieller Schweizer Meisterschaftslauf ausgetragen werden. In der 250-ccm-Klasse ist ein gewisser Eskil Suter, geboren am 29. 6. 1967, gemeldet. Mit einer V2-Zweitakt-Honda RS 250 R rumpelt er im Training mehr schlecht als recht über den asphaltierten Acker und klassiert sich im samstäglichen Training deutlich von der Spitze entfernt.
Suter packt die Honda kurzerhand in den vergammelten Transporter, fährt zurück ins heimische Turbenthal und baut die Aufhängung der Honda über Nacht komplett um. Am Sonntagmorgen ist er zurück in Lignières, fährt zwei Sekunden pro Runde schneller und deklassiert vor 7000 Zuschauern das gesamte Feld. Die Gegner sind schockiert, Suter grinst schelmisch und gilt für Insider ab diesem Tag als Mass der Schweizer Dinge in Sachen Fahrwerkstechnik.
Vom GP-Pilot zum Konstrukteur
Doch bevor Suter gemeinsam mit seinem Bruder Simon ernsthaft ins Konstrukteursgeschäft einsteigt, verfolgt der zuvor jahrelang im Motocross-Sport aktive Turbenthaler seine eigene Rennkarriere. In der 250er-Europameisterschaft 1991 lässt er sich nur von einem gewissen Max Biaggi bezwingen. 1991 wagt Suter mit einer JJ-Cobas 250 erstmals den Auftritt in der Grand-Prix-Szene, von 1992 bis 1996 ist er auf einer Aprilia permanent dabei. Bestresultat ist ein fünfter Platz beim GP von Assen 1996.
1998 bestreitet er auf einer MuZ-Weber mit V4-Zweitaktmotor acht Rennen in der Königsklasse und holt auch dort WM-Punkte. Suter gilt mit seiner ungehobelten und unverblümten Art als das direkte Gegenteil des smarten, politisch korrekten, stets perfekt gekleideten und fünf Sprachen beherrschenden Adrian Bosshard, der zu dieser Zeit als schärfster Konkurrent aus dem eigenen Land in derselben Rennklasse unterwegs ist.
Doch sowohl Bosshard als auch Suter stehen nach Beendigung ihrer Rennkarrieren verblüffende Aufstiege bevor. Der blitzgescheite und für sein Verhandlungsgeschick mit den Sponsoren berühmte Bosshard ist heute Generaldirektor von Certina-Uhren (global!). Suter hat seinen 1996 gegründeten Hightech-Betrieb für den Rennsport «Suter Racing Technology» (SRT) in Turbenthal mittlerweile mit drei Moto2-Konstrukteurs-WM-Titeln (2010, 2011, 2012) sowie einem Fahrer-WM-Titel (Marc Márquez 2012) dekoriert. Suter beschäftigt heute 35 Mitarbeiter und ist in allen drei GP-Klassen aktiv.
Aufstieg mit Petronas
Doch der Reihe nach. Sofort nach der Firmengründung 1996 etabliert sich Suter Racing Technology als feste Grösse im internationalen Rennsport. Nach der Mitentwicklung des giftigen MuZ-Weber-500-Zweitakters kommt zu Beginn des neuen Jahrtausends der erste grosse Brocken mit der Petronas FP1, bei der Suter mit den Millionen des malaysischen Mineralöl-Multis das komplette Motorrad, also Fahrwerk und Dreizylinder-Viertaktmotor (900 ccm), konstruiert. Dabei entsteht gleichzeitig die Basis für die Infrastruktur seines heutigen Betriebs. Die vom Team des vierfachen Weltmeisters Carl Fogarty betreute 900er-Petronas schafft den Durchbruch in der Superbike-WM trotz Achtungserfolgen nie ganz, auch die geplante Serienproduktion kommt nicht zustande.
Mehr Erfolg hat Eskil Suter mit seinen Spezialkupplungen, die bis heute tausendfach auf den Rennstrecken der ganzen Welt eingesetzt werden. Mit Achtungserfolgen bei der Fahrwerks-Optimierung an der Werks-MotoGP-Kawasaki und dem leider an Geldmangel gescheiterten MotoGP-Projekt mit der Ilmor 800 festigt Suter seinen Ruf als versierter Techniker weiter.
Hansdampf in allen Klassen
Der ganz grosse Durchbruch gelingt SRT im Jahr 2010, als die 250er-Zweitakter ins Museum gestellt und durch Viertakter mit Prototypen-Fahrwerken und getunten Honda CBR 600 RR-Serienmotoren ersetzt werden. Suter, verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes, steckt sein gesamtes Knowhow in die Entwicklung der "Suter MMX"-Moto2, hat auf Anhieb Erfolg und wird 2010 überlegen Konstrukteurs-Weltmeister. 2011 stattet er das halbe Feld mit seinen Fahrzeugen aus und wird erneut Champion bei den Konstrukteuren. 2012 wird noch besser, denn SRT holt sich neben dem Konstrukteurs- auch erstmals den Fahrer-WM-Titel mit dem begnadeten Spanier Marc Márquez.
"Einen Fahrer wie Marc habe ich in meinem Leben noch nie gesehen", schwärmt Suter. "Sein Talent ist genauso unbeschreiblich wie sein Siegeswille. Marc braucht maximal zehn Prozent für das Fahren am Limit, die restlichen 90 Prozent kann er für die Rennstrategie verwenden. Er wird 2013 die MotoGP-Hierarchie komplett durcheinander wirbeln, da müssen sich die etablierten Herren ganz warm anziehen."
MotoGP: "Alles ist im Umbruch"
Doch Suter ist nicht nur ein leidenschaftlicher Techniker, sondern auch Geschäftsmann. Deshalb ist er auch in den beiden anderen Klassen aktiv geworden. Für die 2012 neu eingeführte Moto3-Klasse - Einzylinder-Viertakter mit 250 ccm - hat er erfolgreiche Prototypen-Chassis mit Honda-Motoren gebaut. Und in der MotoGP-Königsklasse war 2012 der Amerikaner Colin Edwards mit einem Suter-Chassis (mit getunten BMW S 1000 RR-Motor) in der Claiming-Rule-Klasse unterwegs. 2013 wurde dieses Bike vom Tschechen Lukas Pesek und dem Italiener Danilo Petrucci pilotiert.
Suter glaubt jedoch nicht an die Zukunft der MotoGP-Zweiklassengesellschaft mit echten Werks-Prototypen und Spezialfahrwerken mit Serienmotoren: "Für die Sponsorensuche ist das uninteressant. Ein zwölfter Platz interessiert niemanden." Suter sieht andere Lösungen, um die Topklasse des Motorradrennsports attraktiver zu machen: "Alles ist im Umbruch. Kostenreduktion wird grossgeschrieben. Aber man darf die technologische Entwicklung nicht stoppen, denn die grossen Marken wie Honda und Yamaha engagieren sich nur aus diesem Grund. Man hätte Superbike-WM und MotoGP schon vor zehn Jahren zusammenführen sollen. Der heutige Zustand ist absoluter Schwachsinn. Mit zwei oder drei Prototypenklassen und zwei seriennahen Kategorien könnte man die Fans begeistern und die Sponsorensuche vereinfachen. Und die Besten der Besten würden am selben Weekend und am selben Ort gegeneinander fahren."
Mahindra: Schritt in die Zukunft
Für Suter Racing Technology selbst hat der nächste grosse Schritt in die Zukunft bereits begonnen. Im Auftrag des indischen Zweiradriesen Mahindra - ein Milliardenkonzern - hat SRT eine komplett neue Moto3-Maschine inklusive Motor aufgebaut, die im Vorfeld der Saison 2013 im etablierten KTM- und Honda-Feld für Furore sorgte. Interessant: Mahindra hat sein Rennteam direkt neben SRT in Turbenthal stationiert. Suter erklärt: "Mittelfristig ist der Bau von rund 30 Exemplaren geplant, um das Ganze zu kommerzialisieren. Aber vorerst müssen wir unsere Ziele erriechen."