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Beckenschiefstand, Beinlängendifferenz
Man muss nur die richtigen Fäden ziehen
Sobald Sie sich bewegen, stehen Ihre Beckenknochen schief
Jedes Becken ist schief, auf jeden Fall bei jeder Bewegung und bei jedem Schritt, den wir machen. Das ist insofern tröstlich, als damit zum Ausdruck kommt, dass eine der wichtigsten Eigenschaften des Beckens die ist, sich nach allen Seiten dreidimensional bewegen zu können. Dabei sind 5 Gelenke beteiligt. 2 Hüftgelenke, 2 Iliosakralgelenke und vorne die Symphysen Fuge.
Was passiert beim Gehen?
Wenn wir einen Schritt mit dem rechten Bein nach vorne machen, dann klappt automatisch die rechte Beckenschaufel nach vorne und nach innen und schliesst damit das Becken automatisch. Die linke Beckenschaufel ist zum Ausgleich nach hinten gekippt und muss sich ein wenig öffnen. Die Bewegung ist etwas übertrieben, wie wenn Sie einen Ball mit beiden Händen fassen und nun die Hände nach aussen und innen drehen. Bei jeder Bewegung dreht sich die eine Hand (das eine Gelenk) nach vorne und innen während die andere Hand (das andere Gelenk) genau das Gegenteil machen muss, es bewegt sich nach hinten und aussen. Hierbei sind die Iliosakralgelenke und natürlich vorne die Symphyse massgeblich beteiligt.
Iliosakralgelenke sind stabil
Das bedeutet, die einseitige Blockierung eines Iliosakralgelenks (ISG) ist sehr unwahrscheinlich (obwohl dies immer wieder von Therapeuten behauptet wird). Das ISG ist ein geradezu perfektes Gelenk, das sich theoretisch in jede Richtung drehen kann. Weitere Einzelheiten [ISG]
Die Kreuzbeinfläche des ISG ist bohnenförmig konkav, der Hüftknochen leicht konvex. Diese grosse Freiheit wird enorm eingeschränkt durch extrem belastbare Bänder mit einer raffinierten Anordnung. 2 Bänder befinden sich an der Vorderseite, nahe am Gelenk, 5 strahlenförmige greifen wie einzelne Finger auf die Hinterseite entlang des ganzen Kreuzbeins. Der grosse Clou sind die weit entfernten starken Verbindungsbänder zwischen Darmbein und Kreuzbein. Durch den langen Hebel verunmöglichen sie grössere Bewegungen, wie ein Herausgleiten. Sie verhindern sowohl die Drehung als auch die Gegendrehung. Durch die glatte Gelenkoberfläche ist eine Bewegung nur dann leicht möglich, wenn die Bänder das zulassen. Und das tun sie bei normaler und auch bei extremer Belastung eben nicht (wenn Sie zum Beispiel einen Baumstamm tragen). Aber bei einer konzertierten Aktion aller Bänder passiert in Ausnahmefällen etwas sehr merkwürdiges, die Nutation. (s. unten)
Das Becken muss stabil und beweglich sein
Wir haben sie schon öfter kennen gelernt, die Grundforderung der Natur: Wie bekomme ich in meinem Milieu eine möglichst stabile Struktur zusammen bei einer maximalen Beweglichkeit? Die Lösung hier im Becken ist einzigartig. Es ist eine ziemlich starre Konstruktion aus hartem, knöchernen Material. Wie kommt jetzt noch Beweglichkeit dazu? Hier geht es nicht nur um Beweglichkeit, sondern es kommt noch ein federndes Kräftesystem hinzu. Statische und kinetische Energie wechseln sich ab. Im Grunde genommen haben wir es beim Gehen mit zwei unabhängigen Pendeln zu tun (unsere Beine), die jeweils rechts und links nach vorne und hinten schwingen. Gegenteilige Kräfte also. Sie haben aber dieselbe Richtung, nämlich nach vorne. Der Trick oder die Kunst hierbei ist jetzt also, die auftretenden Spannungen und die Energie der einen Seite auf die Gegenseite zu übertragen. Die Knochen sind starr, aber die faszialen Strukturen der Bänder und der Muskeln haben es in sich. Sie können für kurze Zeit die Energie speichern und auch sofort wieder abgeben. Mit diesen zwei Pendeln können wir Tag und Nacht laufen, ohne wesentlich zusätzliche Energie einsetzen zu müssen. Das war wohl eine der grossartigsten Vorteile, die unsere Vorfahren bei der Jagt gehabt haben. Sie konnten auch weitaus größere, kräftige und schnellere Tiere durch Ausdauer besiegen oder einfach tot laufen. Diese starken Tiere mussten einfach irgendwann aufgeben. Sie waren überhitzt oder hatten keine Kraft mehr, Opfer einer Hetzjagd.
Nutation
Dies ist eine völlig verrückte Geschichte: Es handelt sich um eine Bewegung, die zum Beispiel bei einer Geburt wichtig ist. Die Mechanik ist wirklich schwer zu verstehen, weil sie in einer einzigen Bewegung den Beckeneingang öffnet und gleichzeitig den Beckenausgang schliesst und dann in einer weiteren Bewegung genau das Gegenteil macht, nämlich den Beckeneingang schliesst und gleichzeitig den Beckenausgang wieder öffnet.
Prüfstein für Spezialisten
Lassen Sie sich das von Ihrem vertrauten Fachmann erklären. Dann wissen Sie, wie viel Ahnung von der Mechanik des Beckens Ihr Gegenüber hat, besonders, bevor eine operative Massnahme ergriffen wird oder Sie eine unsinnige Übung machen sollen, die nicht sofort und dauerhaft wirkt (und das sind alle, die Sie bisher gemacht haben). Bitten Sie Ihren Arzt zu erklären, was eine "Nutation" ist. Wenn er das nicht befriedigend kann, hat er keine Ahnung von seinem Job. Machen Sie ruhig den Test. Sie werden vom Ergebnis erstaunt sein. Übrigens ist diese differenzierte Beweglichkeit des Beckens bei Vierbeinern nicht so wichtig. Da dominiert die Bewegung in der Sagittalebene, also von vorne nach hinten.
Wie kann ein Turm sich fortbewegen, ohne umzukippen?
Wir Menschen haben schon eine eigenartige Figur. Sie ähnelt einem langen, schmalen Turm mit den entsprechend langen Hebeln. Zur Erinnerung: Wir bestehen aus zwei Hälften, die tatsächlich gleich lang sind. Die Trennlinie ist die Ebene der Hüftgelenke. Oben, alle wichtigen Sachen zum Leben, unten reines Fortbewegungsinstrument. Die ganze Säule muss auf ein paar Quadratzentimetern getragen und fortbewegt werden (Füsse). Der Übergang von oben nach unten ist schwierig. Da kann es nicht nur ein einzelnes Gelenk geben. Diese Gegend muss nach allen Seiten hin beweglich sein, sonst gäbe es Einschränkungen, die automatisch zu Problemen führen.
Beckenschiefstand, ein vorübergehendes Ereignis, ein Schnappschuss
Haben Sie eigentlich Ihren "Beckenschiefstand" selbst entdeckt oder hat Ihnen dabei ein Fachmann geholfen? Die allermeisten Patienten, die mit einem Beckenschiefstand in die Praxis kommen, haben die Diagnose von einem Therapeuten oder von einem eigenen statischen Bild, zum Beispiel wenn Sie vor einem Spiegel stehen. Das heisst, man muss genau hinsehen, um überhaupt etwas zu erkennen. Verändert man die Haltung, schon ist das Phänomen verschwunden. Wir könnten also auch sagen, mit dem Begriff Beckenschiefstand meinen wir einen Zustand, der mitten in einer Bewegung Halt gemacht hat, und in einer bestimmten Position eingefroren ist. So nimmt es nicht wunder, wenn das Bild eines Patienten mit verschobenem Becken, aufgenommen in einer Ruheposition, dem Schnappschuss von einem gesunden Sportler in Bewegung gleichen kann. Eine Sekunde später ist die Situation wieder eine völlig andere. Müssen wir überhaupt den Beckenschiefstand beachten oder ist es nur eine willkommene Erklärung für einen sonst nicht einzuordnenden Schmerz?
Es geht um Verspannung und nicht um "wie sieht das aus"
Dieser komische Turm hat eine besondere Konstruktion. Er ist wie ein Haus in verschiedene Etagen aufgebaut (Kopf, Schulter, Rumpf, Becken). Die Etagen sind nicht steif, sondern können sich jeweils in drei Dimensionen bewegen. z.B. können Sie Ihren Kopf drehen, zur Seite kippen oder nach vorne nicken. Diese dreidimensionalen Ebenen sind nicht unbedingt wie bei einem Haus waagrecht ausgerichtet, sondern eher irgendwie schräg. Das richtet sich nach der jeweiligen Beanspruchung dieser Ebene (Haltung). Wenn diese Ebenen alternierend kippen, also z.B. Kopf nach rechts, Schulter nach links, Becken wieder nach rechts, dann ist jeder einzelne Abschnitt isoliert betrachten schief und krumm. Die ganze Konstruktion aber kann durchaus spannungsfrei und völlig beweglich sein, ohne Beeinträchtigung und Schmerzen. Hier wäre es sogar sträflich, irgendetwas zu verändern.
Jede einzelne Etage im Körper ist beweglich
Unser Körper ist also in Etagen gegliedert. Diese Ebenen sind nicht wie bei einem Bauwerk fest miteinander verbunden. Im Gegenteil! Sie müssen sogar sich gegeneinander verschieben können und beweglich sein, sonst würden wir laufend zusammenbrechen. Um eine solch enorm grosse Beweglichkeit zu besitzen (wir sind das beweglichste aller Geschöpfe auf dieser Erde), müssen wir in jeder Etage oder zwischen den einzelnen Stockwerken in drei Dimensionen beweglich sein. Wo wir auch stehen oder gehen, unsere Etagen sind nie gleich ausgerichtet. Sie können es gar nicht sein. Wenn wir also den Ausdruck "schief " verwenden, müssen wir genau definieren, worauf sich dies bezieht. Der Laie (und manchmal auch der Fachmann) nimmt als Bezugspunkt die Erdoberfläche. Wenn wir das tun, werden wir selten ein ausgeglichenes Bild finden. Von der Funktion her ist es wichtig, die Haltungspositionen der einzelnen Etagen zueinander zu beobachten und zu bewerten. Wie steht der Kopf zur Schulter, wie steht das Becken zum Thorax, wie steht das Becken zu den Knien? Wenn im Liegen ein Bein als länger gemessen wir, so heisst das nicht automatisch, dass ein Beckenschiefstand vor liegt.
Wollen Sie unbedingt einen "idealen" Körper?
Es kommt also auf die Verspannung an und nicht auf Schönheit und Ebenmässigkeit. Tatsächlich hat einer meiner Patienten einen beneidenswerten schönen, idealen Körper. Er ist von Beruf Tänzer. Gerade Haltung, durchtrainiert, eine edle Gestalt. Aber leider hat er immer wieder Schmerzen, weil es laufend zu berufsbedingten Verspannungen kommt (wie auch bei so manchem Sportler).
Die Beckenwinkel sind individuell
Eine Vorschrift zu erlassen, wie die einzelnen Winkel im Becken zu stehen haben, halte ich für wenig sinnvoll. Jeder Mensch hat seine individuellen, körperlichen Voraussetzungen und wird ein wenig anders geformt sein. Verletzungen, Strapazen und einseitige Belastungen formen den Körper weiter. So bekommt im Laufe des Lebens jeder seine sehr eigene, unverwechselbare Gestalt. Wichtig sind spannungsfreie Belastungsstrassen.
Alles dreht sich um die Mitte des Körpers
Das Becken ist die wichtigste muskuläre Schaltzentrale des Körpers. Von hier aus ziehen die grössten Muskeln in alle Richtungen. Sie sind peinlich darauf bedacht, jede Dysbalance auszugleichen, zwischen oben und unten, vorne und hinten und auch links und rechts. Erst, wenn das nicht mehr so einfach gelingt, kann eine bestimmte Haltung nicht mehr verlassen werden und die Stellung wird eingefroren.
Das übliche Spiel: einer zu kurz, einer zu lang
Das geschieht dadurch, dass ein Muskel (bzw. eine Muskelgruppe) sich zusammenzieht und verspannt. Der verkürzte Muskel kann keine vernünftige Arbeit mehr leisten (hat keinen Hubraum mehr). Da er irgendwo an einer festen Stelle (Knochen, Faszie) angewachsen ist, zieht er diese Struktur zu sich hin. Auf der anderen Seite des Knochens agiert aber ein Gegenmuskel. Der muss dem stärkeren, kürzeren Muskel nachgeben und kann nicht verhindern, selbst in die Länge gezogen zu werden. Dieser Muskel, das „Opfer“, schmerzt. Er erhält üblicherweise Zuwendung in Form von Massagen, Salben, Verbänden, Spritzen usw.. Der „Täter“, der gezogen hat, bleibt meist unbemerkt. In wenigen Therapieansätzen wird nach ihm gesucht. Logisch, dass das „Opfer“ auch nach 10 Jahren noch „Opfer“ ist und seinen Besitzer peinigt.
Unser Becken, die grosse Kreuzung
Damit der aufrechte Gang funktioniert, mussten spezielle Muskelzüge konstruiert werden. Vereinfacht könnte man sagen, die Beckenmuskulatur hat die Form eines Kreuzes. Die senkrechten stellen eine Verbindung zu Rumpf und Beinen her. Die kennen wir, weil wir sie jeden Tag sehen können. Die waagerechten sind unsichtbar im Becken verborgen.
Sie ziehen rechts und links zu den beiden Oberschenkeln und pressen die eigentlich frei schwebenden Hüftkugeln nach innen in die Hüftpfannen. Wenn wir beim Gehen von vorne das Becken betrachten und nur die Muskeln sehen könnten, würden wir ein Kreuz beobachten, das von einer Seite auf die andere wackelt, zugleich auch nach vorne und hinten schwankt und sich dabei auch noch mit einem Arm abwechselnd nach vorne streckt. Zu diesem Spiel werden bei jedem Schritt jeweils 31 Muskeln auf jeder Seite aktiviert. Ganz schön kompliziert. Jetzt können Sie sich vorstellen, was die Verspannung einer einzelnen Muskelgruppe anzurichten vermag.
Der Körper hat viele Möglichkeiten, zu reagieren
Der Körper hat für diesen Fall eine kluge Strategie entwickelt. Nehmen wir folgende Situation an: Die linke Seite des Beckens ist durch einen verletzten Beinmuskel nach unten gezogen. Der linke Beckenkamm ist also tiefer als der rechte. Das Becken ist nach links gekippt. Wenn der Körper jetzt nichts unternähme, würde er nach links umfallen. Also sucht er zum Ausgleich eine andere Haltung.
Es stehen ihm eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung. Intuitiv wird er immer die momentan beste Lösung wählen. Vielleicht aktiviert er Muskeln, welche die Lendenwirbel nach rechts biegen (wie im neben stehenden Bild) oder er schiebt den ganzen Oberkörper auf die rechte Seite. Oder er dreht die rechte Schulter nach vorne oder er knickt in der Hüfte ein oder..oder..oder. Auf jeden Fall wird klar, dass diese an sich kleine Veränderung nach oben und unten eine Menge Umstellungen bewirken kann.
Immer wieder muss der Körper neue Lösungen finden, weil im Laufe des Lebens andere Probleme in Form von Verletzungen und anderen Traumata dazu kommen. Die Verspannungen werden zahlreicher. Zunehmend mehr Muskelketten und -gruppen sind betroffen. Da darf es nicht verwundern, warum wir alle im Alter ein wenig unbeweglicher werden.
Dabei sind ja nicht die Muskeln die "Schuldigen". Diese verspannen nur in geringem Masse. Die ganze Konstruktion wird vom Bindegewebe gehalten, also von den Bändern, Fasern, Platten, Faszien, Kapseln. Hier sitzen auch die zahlreichen Schmerzrezeptoren. Diese myofaszialen Leitbahnen lassen sich durch den ganzen Körper verfolgen. Sie zeigen den Weg der höchsten Belastung. So ist es fast normal, dass beim Beckenschiefstand nicht nur ein Schmerzort angegeben wird. Die Hauptschwachstelle wird im Beckenbereich sein und von hier ausstrahlen. Hier in der Nähe sind auch meist die „Täter“ zu finden.
Irgendwann ist der Körper festgefahren
Irgendwann ist das System festgefahren. Eine eigene Korrektur ohne Hilfe ist nicht mehr möglich. Die Schmerzen nehmen zu. Die kaum funktionstüchtigen Muskeln, - die einen verkürzt, die anderen überdehnt -, hemmen sich gegenseitig. Die zunehmende Schwäche lässt alles noch weiter in sich zusammen sinken. Eine Falle aus der es kein Entrinnen gibt? - Sie ahnen es: Die Lösung des Problems ist ziemlich einfach.
Nicht sofort auf die Schmerzstelle stürzen
Es führt nicht sehr weit, sich sofort auf die Stelle des Schmerzes zu stürzen und hier anzufangen zu graben. Man wird nicht viel bewirken können. Das heisst, die Schmerzen bleiben oder werden bald wieder kommen. Medikamente können ein wenig entspannen, bringen aber keine grundsätzliche Veränderung. Durch technische Verfahren (MRI, Röntgen) hofft man, einen sichtbaren Fehler im Gewebe zu finden.
Es genügt jedoch, den ganzen Menschen von aussen zu betrachten. Wer genau hinsieht und genügend Erfahrung hat, kann einen wesentlichen Teil der Geschichte dieser Person in Sekunden erfahren. Im Auftreten. Denn in der Haltung widerspiegelt sich das ganze Leben.
Ein Fehler kann durch einen anderen ausgeglichen werden
Wenn man genau hinschaut, sind bei jedem von uns sehr viele kleine und auch grössere Verbiegungen zu sehen. Die müssen da sein und sind oft von keinerlei Bedeutung. Wenn insgesamt die Balance bewahrt ist, wenn ein „Fehler“ durch einen anderen ausgeglichen werden kann, bleibt alles in Ordnung. (Ein Golfspieler kann zur Elite gehören, obwohl jede einzelne Phase seines Schwungs für sich alleine betrachtet eine Katastrophe ist). Treten aber chronische Schmerzen auf, also immer wiederkehrende, dann muss irgendwo etwas verändert werden.
Nicht auf den Knochen stürzen
Bis zur revolutionären Erkenntnis, dass das Bindegewebe Druck und Zug verteilt und somit die Haltung bestimmt [Tensegrity], hielt man den Knochen für den verantwortlichen Lastenträger. Entsprechend viele Empfehlungen gab es im letzten Jahrhundert, wie man durch Verstellen der Knochen und Gelenke einen Beckenschiefstand ausgleichen kann. Wir wissen jetzt, die Erfolge können, wenn überhaupt, nur vorübergehender Natur sein.
Eine sehr häufige Variante, die kaum berücksichtigt wird
Wir haben inzwischen erfahren, dass unser Körper aus zwei prinzipiell unterschiedlichen Teilen besteht, einmal aus dem oberen Teil, der möglichst bewegungslos sein soll und einem unteren Teil der wirklich rasch seine Position ändern kann. Der Übergang zu diesen zwei völlig unterschiedlichen Forderungen ist schwierig. Das Becken und seine Gelenke müssen dies aber leisten können. Durch die zivilisationsbedingte Fehlhaltung jedes einzelnen von uns werden die Spannungstrassen überlastet. Daraus ergibt sich eine Fehlhaltung. Und diese kann so ohne weiteres nicht ausgeglichen werden.
Nehmen wir einmal an, auf der linken Seite des Rumpfes und Oberkörpers besteht ein ziemlicher Druck auf diesen Beckenabschnitt. Der Druck kann nicht auf dieser Seite weitergeleitet werden. Er muss mit auf die andere Seite. Sonst wäre die Beweglichkeit der unteren Extremitäten stark eingeschränkt oder gar unmöglich. Das geht nur, wenn diese Seite nicht bei jeder Belastung, d.h. bei jedem Tritt, einsinkt.
Tatsächlich der berühmte Piriformis, aber auf der Gegenseite.
Der einzige Muskel, der dies leisten kann, und es muss ein Muskel sein, ist der gegenüberliegende Piriformis. Er setzt so an der Beckenschaufel an, dass er die Bewegung des Gelenkes einschränken und stabilisieren kann. Gedacht für jeweils kurzfristige Aktionen und natürlich abwechselnd, mal rechts mal links alternierend. In unserem Fall handelt es sich aber um einen Dauerjob. Bei jedem Schritt muss er sich noch einmal kurz kontrahieren. Die ganze Masse des verschobenen Oberkörpers muss er jetzt nach unten verteilen und ausgleichen. Jedes Mal, wenn das Becken sich in irgend einer Weise aus dem Zentrum bewegt, muss er einschreiten. Wie lange hält ein einzelner Muskel das aus, zu dem er keine Hilfe von anderer Seite zu erwarten hat? Wir müssen ihn bewundern. Er macht das tagelang, wochenlang und Jahre lang ohne dass er sich meldet. Aber irgendwann kann er nicht mehr und dann kommt es zur isolierten Verspannung dieses einzigartigen Muskels. Die Projektion dieser Schmerzen ist dann in der Nähe des Iliosakralgelenks. Ein Teil der Patienten spürt sie mehr in der Nähe des Beckenrandes und andere mehr in Richtung Mitte der Beckenschaufel. Das wird auch als typischer Piriformis-Schmerz wahrgenommen und entsprechende Übungen sind hundertfach im Internet dagegen zu finden. Die meisten sind ziemlich unsinnig.
Piriformis-Entspannungen haben nur einen kurzfristigen Erfolg
Die Entspannung dieses Muskels bringt kurzfristige Erleichterung, aber sie kann das Grundproblem nicht lösen, das ja auf der Gegenseite zu finden ist. Der Ausgleich kann nur durch Verlagerung der Haltung und des Gewichtes erreicht werden. Die Spannung muss aus dem gesamten System herausgelöst werden. Das geschieht nur mit den richtigen, passenden Entspannungsübungen. Eine ganze Kaskade von Muskeln im Becken- und Po-Bereich strengen sich an, hier dem armen Piriformis zu Hilfe zukommen. Nur so kann das Problem des Beckenschiefstandes elegant gelöst werden. Eines ist auch klar: Sollte die Haltung nicht grundsätzlich geändert werden und sollten die Gewichte von oben nicht besser auf die unteren Extremitäten verteilt werden, wird jede andere Form von Therapie auch keinen längeren Erfolg haben können.
Haltungsanalyse bringt Klarheit
Eine ganz gute Möglichkeit, die generellen Probleme zu erkennen, bietet die Haltungsanalyse an Hand von Fotos. Hier hat man Zeit und Musse, Dinge auszublenden, zu vergleichen und auszumessen. Das weitere Vorgehen ergibt sich aus den Befunden. Im Prinzip geht es bei der Therapie darum, die Zeit zurückzudrehen, die Übeltäter zu identifizieren und in einer bestimmten Reihenfolge die einen Faszien zu verlängern, die anderen zu verkürzen. Das ist eine Arbeit, wie wir sie von einem Marionettentheater kennen, in dem der Spieler einzelne Fäden zieht, um damit die Haltung zu verändern. Uns gelingt das nicht zuletzt deshalb vergleichbar gut, weil wir eine Methode haben, mit der jeder einzelne Sehnenstrang auf seine Funktion geprüft werden kann und wir die benötigten Muskelgruppen gezielt funktionell einsetzen können. Das Becken wird eine ausgeglichene Position einnehmen und die sonstigen Verschiebungen werden sich von selbst in die beste mögliche Stellung bringen.
Hier scheiden sich die Geister
Für mich ist es erstaunlich zu sehen, wie viele Möglichkeiten an Therapien von den einzelnen Behandlungsgruppen angeboten werden. Nicht nur die Vielfalt der möglichen Erklärungsversuche erstaunt, sondern noch mehr die darauf folgenden Vorschläge zur Verbesserung. Die Erklärung mag teilweise darin liegen, dass die Vorstellungen über die wesentlichen Funktionen des Körpers unterschiedlich interpretiert werden können. Wir wissen tatsächlich immer noch zu wenig von den komplizierten Abfolgen eines ausgesprochen intelligenten Systems. Eins scheint mir sicher: Die alte Vorstellung, die auf Knochen und Mechanik beruht, hat langsam ausgedient. Die mannigfachen Eigenschaften der Faszie, von denen wir jeden Tag neue entdecken, wie auch die komplizierten Informationssysteme des Körpers haben wir alle noch nicht annäherungsweise erkannt. Also gibt es für den Leidtragenden, aber auch für den Spezialisten nur ein einziges Kriterium: Der Erfolg. Vorsichtig ausgedrückt kann man jetzt schon sagen: dem Schmerz nachzugehen und dort zu behandeln, ist eine Falle und bringt gar keinen dauerhaften Erfolg. Es ist ein wenig komplizierter. Wenigstens von der Theorie her. Interessanterweise wird die Therapie dadurch um so einfacher. Das deutet darauf hin: Wir sind auf dem richtigen Weg.
Aber - nur selbst machen bringt Erfolg
Hier sind Sie selber gefragt. Nur bestimmte Übungen, konsequent ausgeführt, werden ihre Haltung verändern. Sie haben es in der Hand, ob sie ein neues Gleichgewicht erreichen oder wieder in ihr altes Muster zurück fallen.
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