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Die Sprache ist das organisatorische Grundelement der menschlichen Erfahrung und des Wissens. Wenn wir über eine Sprache sprechen, betrachten wir gleichzeitig auch die Kultur und die Geschichte eines Volkes. Mit Hilfe der Sprache lernen wir ein ganzes kulturelles Universum kennen, das heisst, erfahren die Antworten, welche ein Volk auf die von ihm gelebten Erfahrungen gefunden hat, und verstehen etwas von seinen im Lauf der Zeit bestandenen Affronts.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Sprache zu klassifizieren. Die modernen Linguistiker halten eine so genannte genetische Klassifikation für die beste. In diesem Fall stufen sie alle die Sprachen in derselben Klasse ein, die in einer schon untergegangenen älteren Sprache ihre erkennbare gemeinsame Basis haben. So sind die vielen Sprachen der verschiedenen Völker dieser Erde in linguistischen Familien zusammengefasst worden, und diese Familien wiederum in linguistischen Stämmen – indem man immer wieder nach einer gemeinsamen Basis in einer älteren Sprache gesucht hat.
Obwohl Portugiesisch die offiziell gesprochene Sprache in Brasilien darstellt, gibt es wahrscheinlich um die 200 andere Sprachen in unserem Land, die von Segmenten der Bevölkerung regelmässig gesprochen werden. Nehmen Sie doch nur mal die vielen Emigranten: Deutsche, Italiener, Spanier, Polen, Ungarn, Ukrainer, Syrier, Libanesen, Juden, Chinesen, Japaner, Koreaner etc. etc. – sie alle benutzen in bestimmten Situationen ihre Muttersprache.
VON SPRACHSTÄMMEN UND SPRACHFAMILIEN
Unter den zirka 180 Indianersprachen, die heute in Brasilien existieren, ähneln einige einander mehr als andere, sie enthüllen einerseits eine gemeinsame Abstammung und andererseits Diversifikationsprozesse, die sich im Lauf der Zeit ergeben haben.
Noch heute sprechen viele Indianer ausschliesslich ihre Muttersprache – also noch kein Portugiesisch. Andere wiederum sprechen Portugiesisch als Zweitsprache. Der brasilianische Linguistiker Aryon Dall’Igna Rodrigues hat ein Klassifizierungsschema der in Brasilien gesprochenen Indianersprachen erstellt, nach dem sich die meisten Wissenschaftler richten, die sich heute mit dem Studium von Indianervölkern beschäftigen.
Der grösste Teil der Indianersprachen in Brasilien ist in Familien zusammengefasst, welche den linguistischen Stämmen Tupi, Macro-Jê und Aruak entstammen.
Darüber hinaus gibt es allerdings Sprachfamilien, die mit keinem dieser Sprachstämme in Verbindung gebracht werden konnten. Dies sind unter anderem Karib, Pano, Maku, Yanoama, Mura, Tukano, Katukina, Txapakura, Nambikwara und Guaikuru. Und dann gibt es noch Beispiele, die in keiner Sprachfamilie untergebracht werden konnten – die nennt man isoladas (isolierte) – und dazu gehören die Sprache der Tukuna, der Trumái, der Irântxe und einiger anderer.
Darüber hinaus gibt es Sprachen, die sich aufgliedern in unterschiedliche Dialekte, wie zum Beispiel die Sprache der Krikatí, Canela, Apinayé, Krahó, Gavião (in Pará), Pukobyé und der Apaniekrá – sie alle sind Dialekte der Timbira-Sprache. Dazu muss man noch erwähnen, dass nur wenige Indianersprachen Brasiliens überhaupt detailliert studiert worden sind. Das Wissen über sie wird deshalb kontinuierlich vertieft und dabei müssen auch vorhergehende Behauptungen oftmals korrigiert werden.
Wenn man nun zwei Indianer der gleichen Sprachfamilie einander gegenüberstellt, so heisst das nicht, dass sie sich sprachlich verständigen können. Nehmen wir als Beispiel mal die portugiesische und die französische Sprache: beide sind romanische Sprachen aus derselben neolateinischen Sprachfamilie, aber die Angehörigen der einen verstehen die Sprache der andern noch lange nicht, trotz wesentlicher linguistischer Übereinstimmungen.
MULTILIGUISTIK
Die eingeborenen Völker haben stets mit multilinguistischen Situationen fertig werden müssen. Das heisst, die Zahl der Sprachen, die eine einzelne Person spricht, kann durchaus unterschiedlich sein. Es gibt die, welche mehr als eine Sprache sprechen und verstehen, oder jene, die mehrere Sprachen zwar verstehen aber nur eine oder wenige von ihnen sprechen können. So ist es auch nicht selten, dass man indianische Gesellschaften oder Einzelpersonen in einer bilinguistischen, trilinguistischen oder gar multilinguistischen Situation antrifft.
Es gibt viele Beispiele für die Möglichkeit, in ein und demselben Dorf auf Personen zu treffen, die nur ihre Eingeborenensprache sprechen, andere, die nur Portugiesisch können und wieder andere, die sich zweisprachig oder gar vielsprachig unterhalten können. Der Sprachunterschied ist im Allgemeinen kein Grund dafür, dass eingeborene Völker nicht miteinander verkehren – im Gegenteil, sie heiraten sogar untereinander, tauschen gegenseitig Gebrauchsgegenstände aus, veranstalten gemeinsame Feste oder frequentieren gemeinsame Schulstunden.
Ein gutes Beispiel dafür sind die eingeborenen Gruppen der linguistischen Familie Tukano – sie leben zum grössten Teil an den Ufern des Rio Uaupés, einem der grösseren Nebenflüsse des Rio Negro, zwischen Kolumbien und Brasilien. Bei diesen Indianern des Rio Negro sprechen die Männer zwischen drei bis fünf verschiedene Sprachen – manchmal sogar mehr – es gibt Talente unter ihnen, die acht bis zehn verschiedene Sprachen beherrschen. Diese Sprachbegabung bedeutet für sie eine Festigung ihrer persönlichen Identität. Ein Mann sollte erst einmal dieselbe Sprache wie sein Vater sprechen können, das heisst, mit ihm dieselbe “linguistische Gruppe“ teilen. Dann sollte er sich mit einer Frau verheiraten, die eine andere Sprache sporicht, das heisst, einer anderen “linguistischen Gruppe“ angehört.
Die Tukano-Völker sind deshalb typisch multilinguistisch – ob als Volk oder als Einzelpersonen. Sie demonstrieren die menschliche Kapazität in unterschiedlichen Altersstufen zu lernen und zahlreiche Sprachen perfekt zu beherrschen – unabhängig vom Grat der Verschiedenheit zwischen ihnen – und sie bewusst auseinander zu halten, lediglich durch eine gute gesellschaftliche Motivation.
Die Multilinguistik der Indianer vom Rio Uaupés begreift nicht nur Sprachen aus der Tukano-Familie ein, sondern in vielen Fällen Sprachen der Familien “Aruak“ und “Maku“ sowie die “Língua Geral Amazônica“ (allgemeine Eingeborenen-Sprache Amazoniens), die man auch “Nheengatu“ nennt, das Portugiesisch und Spanisch. Oft wird die eine oder andere Sprache in diesem Zusammenhang zum bevorzugten Kommunikationsmittel (was die Spezialisten “freie Sprache“ nennen), die dann von allen Teilnehmern eines Treffens übernommen wird, um die Verständigungsbarrieren zu überwinden.
Am Beispiel der Tukano-Sprache, welche auch zur Sprachfamilie Tukano gehört, kann man eine privilegierte Position unter den anderen orientalen Sprachen dieser Familie beobachten, denn sie hat sich als “Língua geral“ (Sprache der Allgemeinheit) oder “freie Sprache“ der Gegend von Uaupés eingebürgert, dort dient sie allen Repräsentanten unterschiedlicher Sprachen als Kommunikations-mittel. Sie hat sogar einige andere Sprachen verdrängt (“Arapaço” vollkommen und “Tariana” fast ganz). Es gibt auch Beispiele, in denen die brasilianische Landessprache Portugiesisch als “Língua geral“ funktioniert. In vielen Regionen Amazoniens gibt es Situationen, in denen die beteiligten unterschiedlichen Indianervölker auf das “Nheengatu“, die Einheitssprache Amazoniens zurück greifen müssen – auch die Siedler an den Flussufern des Regenwalds sprechen es.
DIE INDIANERSPRACHEN DER KOLONIALZEIT
In den ersten Jahrzehnten der portugiesischen Kolonisation Brasiliens wurde die Sprache der Tupinambá-Indianer (Stamm Tupi) fast an der gesamten atlantischen Küste gesprochen. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts bemühten sich auch die Portugiesen, sie zu erlernen, denn sie waren längere Zeit eine Minorität gegenüber der eingeborenen Bevölkerung. Und diese Sprache setzte sich unter dem Namen “Brasílica“ immer mehr durch – schliesslich wurde sie von fast der gesamten Bevölkerung gesprochen, die zum kolonialistischen System gehörte.
Ein grosser Teil der Neusiedler aus Europa kam ohne Frauen auf dem Neuen Kontinent an – wo sie Kinder mit Indianerinnen zeugten, so wurde die “Língua Brasílica“ zu deren Muttersprache. Darüber hinaus benutzten die Jesuiten-Missionen diese Sprache als Instrument zur Bekehrung der Eingeborenen. Der Pater José de Anchieta veröffentlichte eine Grammatik (1595), die er folgendermassen betitelte: “Kunst der Grammatik der meist benutzten Sprache an der Brasilianischen Küste“. Ein Manuskript von 1621 enthält das Wörterbuch der Jesuiten in der “Língua Brasílica“.
Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts änderte man die Bezeichnung der inzwischen durch den Gebrauch von missionierten und Nicht-Indianern stark modifizierten Sprache um in “Língua Geral“ (Allgemeine Sprache). Jedoch hatte man zwischen zwei “Allgemeinen Sprachen“ im Brasilien der Kolonialzeit zu unterscheiden: der “amazonensischen“ und der “paulistanischen“ Version. Erst die zweite hinterliess jene bedeutenden “Restvokabeln“ im allgemeinen brasilianischen Sprachgebrauch von heute (Namen von Dingen, Orten, Tieren, Nahrungsmitteln etc.), was viele Leute glauben lässt, dass die “Sprache der Indianer“ lediglich aus dem “Tupi“ besteht. Der brasilianische Terminus Índio (Indianer) bezeichnet tatsächlich eine Vielfalt von ganz unterschiedlichen Völkern – sowohl vom gesellschaftlichen, linguistischen und auch kulturellen Gesichtspunkt. Und die Sprache ist vielleicht am ehesten geeignet, die grosse Verschiedenheit zwischen diesen Völkern zu verdeutlichen.
Die paulistanische “Língua Geral“
Die paulistanische “Língua Geral“ hatte ihren Ursprung in der Sprache der Tupi-Indianer von São Vicente (beim heutigen Santos) und dem oberen Rio Tietê, die sich von jener Sprache der Tupinambá ein bisschen unterschied. Im 17. Jahrhundert wurde sie von den Eroberern der “Sertões“ gesprochen, die als “Bandeirantes“ in die brasilianische Geschichte eingingen. Durch diese Söldnertruppen wurde die “Língua Geral Paulista“ in Gebiete getragen, die niemals vorher von Tupi-Indianern berührt worden waren – jetzt beeinflusste die neue Sprache die lokalen Dialekte.
Die amazonensische „Língua Geral“
Die amazonensische „Língua Geral“ entwickelte sich anfangs in Maranhão und in Pará, aus der Sprache der Tupinambá (eines anderen Tupi-Volkes) im 17. und 18. Jahrhundert. Bis zum 19. Jahrhundert war sie Mittel zur Bekehrung der Indianer und der gesellschaftlichen und politischen Aktionen ihrer Besatzer, der Portugiesen. Mit Ende des 19. Jahrhunderts wurde die “Língual Geral Amazônica“ auch bekannt unter dem Namen “Nheengatu“ (ie’engatú = “gute Sprache“).
Trotz zahlloser Änderungen, spricht man das “Nheengatu“ bis zum heutigen Tag in dieser Region, besonders im Becken des Rio Negro, dem Rio Uaupés und Rio Içana). Sie ist einerseits die Muttersprache der ansässigen “Caboclos“ (Mestizen) und wird andererseits zur Kommunikation zwischen Indianern und Nicht-Indianern unterschiedlicher Muttersprachen verwendet. Sie ist, darüber hinaus, ein Instrument ethnischer Identifikation für ein paar Völker, welche ihre eigene Sprache bereits verloren haben, wie die Baré, die Arapaço und andere.
SCHULE UND SCHRIFT
Vor einem systematischen Kontakt mit Nicht-Indianern waren die Sprachen der in Brasilien lebenden Eingeborenen “agrafisch“ (ohne Schrift) – mit der Entwicklung von schulischen Erziehungsprojekten für die eingeborene Bevölkerung änderte sich diese Situation. Dies ist eine lange Geschichte, die verschiedene Fragen aufwirft, welche es wert sind, bedacht und diskutiert zu werden.
Ein bisschen Schulgeschichte
Die Geschichte der Schulerziehung der Eingeborenen hatte seit jeher nur ein Motiv: die Indianer in die sie umschliessende Gesellschaft zu integrieren. Dabei wurden die unterschiedlichen Indianersprachen als das grosse Hindernis betrachtet, um dieses Ziel zu erreichen. Also bestand die erste Aufgabe der Schule darin, ihren eingeborenen Schülern Portugiesisch in Wort und Schrift beizubringen. Es ist erst kurze Zeit her, dass man in einigen Schulen angefangen hat, die Indianersprachen zur Alphabetisierung zu benutzen, weil man feststellte, dass es viel schwieriger ist, den Schülern das Alphabet in einer Sprache zu vermitteln, die sie noch nicht einmal sprechen – im Fall der unbekannten portugiesischen Sprache. Sowie die Schüler dann ihre eigene Sprache lesen und schreiben konnten, wurde diese vom Stundenplan gestrichen, denn die portugiesische Sprache war das grosse Ziel. Klar ist, dass die Schulen mit dieser Haltung zur Schwächung und zum Prestigeverlust der Stammeskultur und, in Konsequenz, zum Verschwinden der Indianersprachen beitrugen.
Indianersprachen in der Schule
Die Schule kann jedoch, auf der anderen Seite, auch ein zusätzliches Instrument zur Intensivierung, Erhaltung und Wiederbelebung der Indianersprachen sein. Die Einbegreifung einer Indianersprache im Schulprogramm hat zum Ziel, dieser Sprache den Status der Gleichberechtigung zu verleihen und sie, wenigstens innerhalb der Schulszene, auf die gleiche Stufe mit der portugiesischen Sprache zu stellen – ein Recht, das in der brasilianischen Verfassung verankert ist.
Es muss auch darüber Klarheit bestehen, dass die schulischen Anstrengungen der linguistischen Erhaltung und Pflege ihre Grenzen hat, denn keine Institution wird allein das Schicksal einer Sprache definieren können. Weil die Schule nicht der einzige Schuldige für die Schwächung oder den Verlust einer Indianersprache gewesen ist, hat sie auch nicht die Kraft, sie alleine stark und lebendig zu erhalten. Um das zu erreichen ist es notwendig, dass die indianische Kommune als Ganzes – nicht nur ihre Lehrer – ihre traditionelle Sprache zu erhalten wünscht. Die Schule ist ein wichtiges aber limitiertes Instrument: sie kann lediglich helfen, dass diese Sprachen überleben oder – untergehen.
Die portugiesische Sprache in der Schule
Die portugiesische Sprache in der Schule zu erlernen und sie einzusetzen, ist eine der Möglichkeiten über die heute die Eingeborenen-Gesellschaften verfügen, um die Gesetze zu verstehen und zu interpretieren, welche alles Leben in diesem Land orientieren – besonders jene, welche sich mit den rechten der indianischen Bevölkerung befassen.
Alle Dokumente, die das Leben der brasilianischen Gesellschaft betreffen, sind in Portugiesisch verfasst: die Gesetze – in erster Linie die Verfassung – die Regeln, die persönlichen Dokumente, die Verträge, die Titel, die Registrierungen und die Statuten. Eingeborene Schüler sind brasilianische Mitbürger, und als solche haben sie das Recht, jene Dokumente kennenzulernen, um, wenn es ihnen nötig erscheint, bei jedweder Institution des gesellschaftlichen und politischen Lebens ihren Einspruch geltend zu machen.
Für die Eingeborenenvölker, welche in Brasilien leben, kann die portugiesische Sprache als ein Instrument der Verteidigung ihrer legalen wirtschaftlichen und politischen Rechte eingesetzt werden; als Mittel zur Erweiterung ihres Wissens von den Menschen und der ganzen Welt; als Werkzeug, um bekannt und respektiert zu werden – in unserem Land und auch im internationalen Ausland; als Kanal mitmenschlichen Relation und um gemeinsame politische Positionen zu beziehen und auszubauen.
Die Einführung der Schrift
Wie wir wissen, begleitet die gesprochene Sprache in ihren unzähligen Manifestationen das tägliche Leben fast aller menschlichen Gesellschaften – dasselbe kann man aber von der Schriftsprache noch lange nicht behaupten, denn die Lesen und Schreiben können in der Regel nur solche Personen, denen dieses Wissen in einer Schule vermittelt wurde.
Für die Einrichtung von Schulen für Eingeborene zu kämpfen bedeutet, unter anderem, sich für das Recht einzusetzen, dass diese Menschen in der portugiesischen Sprache lesen und schreiben lernen, um mit der sie umgebenden Gesellschaft gleichberechtigt umgehen zu können. Das Erlernen des Schreibens in portugiesischer Sprache hat für die eingeborenen Völker klare Vorteile: nämlich die der Verteidigung und der Ausübung ihrer Bürgerrechte sowie die Möglichkeit des Zugangs zu anderen Gesellschaften.
Hingegen das Schreiben von Indianersprachen ist eine komplexe Angelegenheit und sollte gewissenhaft durchdacht werden – und über ihre Problematik sollte reiflich diskutiert werden.
Das Für und Wider einer schriftlichen Indianersprache ist nicht so einfach zu beurteilen, und es gibt eingeborene Gesellschaften, die eine schriftliche Festlegung ihrer traditionellen Sprache ablehnen. Im Allgemeinen tritt diese Haltung gleich zu Anfang des Schulerziehungsprozesses der Eingeborenen auf: die Eile und Notwendigkeit lesen und schreiben in Portugiesisch zu lernen wird allgemein anerkannt – gleichzeitig wird aber das Schreiben in der eingeborenen Sprache als “nicht nötig“ bezeichnet. Allerdings haben noch fortdauernde Experimente gezeigt, dass nach einer gewissen Zeit sich diese Situation verändern kann, und plötzlich das Schreiben und Lesen der Indianersprache für sie einen Sinn ergibt und ihnen sogar wünschenswert erscheint.
Ein Argument gegen die schriftliche Fassung einer Indianersprache wäre folgendes: Die Einführung dieser Praxis könnte einen Sitten und Gebräuche gefährdenden Eingriff in das traditionelle Stammesleben bedeuten, Desinteresse für die orale Tradition provozieren und die innere Ungleichheit der eingeborenen Gesellschaft zwischen denen schüren, die des Schreibens mächtig und denen, die es nicht sind.
Ein starkes Argument für die Einführung der Schrift im Fall von Eingeborenensprachen: wenn man diese Sprachen lediglich auf ihren oralen Gebrauch begrenzt, bedeutet das, sie in Positionen von geringem Prestige und niedriger Funktionalität zu halten, womit man automatisch ihre Überlebenschancen in alltäglichen Situationen mindert. Sie auch schriftlich zu gebrauchen, bedeutet dagegen, dass sich diese Sprachen der Invasion der portugiesischen entgegenstellen können. Und sie selbst werden in eine Domäne der bis dato meist benutzten Sprache eindringen können, um für sich an Territorium zu gewinnen.
Bleibt zu erwähnen, dass das Verschwinden so vieler Sprachen einen enormen Verlust für die Menschheit bedeutet, denn jede einzelne von ihnen drückt ein ganzes Universum an Kultur aus – eine weite Palette erworbener Kenntnisse, eine besondere Art und Weise das Leben und die Welt zu betrachten – die dann für immer verloren ist.