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«Bringst du mich wieder zum Weinen», fragte Petra Kvitova nach dem Halbfinalsieg den Platz-Interviewer Jim Courier. Nach dem Viertelfinal hatte die 28-jährige Tschechin erstmals in aller Öffentlichkeit gezeigt, welche Hölle sie in den letzten zwei Jahren durchmachte. Ein Einbrecher hatte sie fünf Tage vor Weihnachten 2016 an der linken Hand so schwer verletzt, dass sie nicht wusste, ob sie je wieder Tennis spielen würde.
Die Narben an der Hand sind so weit verheilt, dass Kvitova wieder sehr erfolgreich Tennis spielen kann. Die Narben in der Seele könnte sie am heute (09.30 Uhr) mit einem Finalsieg am Australian Open gegen Naomi Osaka ein gutes Stück weiter zum Verschwinden bringen. Die Linkshänderin mit dem ebenso eleganten wie kraftvollen Spiel steht erstmals seit ihrem Comeback wieder in einem grossen Final.
Nicht viele Menschen hätten daran geglaubt, dass sie jemals wieder Tennis spielen kann - und dann auch auf einem so hohen Niveau. Der behandelnde Arzt sagte ihr damals nichts von seinen Zweifeln. «Zum Glück», sagt Kvitova heute. Sie unterteilt ihre Karriere mittlerweile in zwei Teile: die mit den Wimbledonsiegen 2011 und 2014 vor dem traumatischen Erlebnis und die danach, die schnell erstaunlich erfolgreich verlief, aber erst jetzt auf dem vorherigen Niveau angekommen ist.
Mit einem Erfolg über Osaka kann die mehrfache Fed-Cup-Gewinnerin nicht nur erste tschechische Siegerin in Melbourne seit 1987 (Hana Mandlikova) werden, sondern sogar zum ersten Mal die Nummer 1 der Welt. Kvitova sieht das als Bonus, Osaka auch. Die Aufsteigerin der vergangenen Monate will nach dem US-Open-Triumph vor allem ihren zweiten Grand-Slam-Titel gewinnen. Mehr als einen Erfolg nacheinander bei den vier grössten Turnieren schaffte zuletzt Serena Williams 2015, bei den vergangenen 8 Grand Slams gab es 8 verschiedene Siegerinnen. Eine Japanerin stand in Melbourne noch gar nie im Final.
In der 3. Runde stand Osaka im zweiten Satz gegen Hsieh Su-Wei, die Bezwingerin von Stefanie Vögele, beim Stand von 1:4 kurz vor dem Aus. Danach spielte sie aber immer stärker und überzeugte mit ihrem Powertennis von der Grundlinie. So schüchtern die in Long Island, New York, aufgewachsene Tochter eines Haitianers und einer Japanerin neben dem Platz auftritt, so dominant agiert sie auf dem Court.
Vor einem Jahr war sie noch die Nummer 72 der Welt, nun steht sie in ihrem zweiten Grand-Slam-Final in Folge und spielt um die Nummer 1. «Es fühlt sich ein bisschen unwirklich an», sagt sie leicht ungläubig. Andererseits zeige es, welche Arbeit sie in die Vorbereitung gesteckt habe. Obwohl es die erste Direktbegegnung ist, kennt sie Kvitova gut. «Ich habe sie im Wimbledon-Final gesehen. Ich weiss, was für eine grossartige Spielerin sie ist.» Und was für eine willensstarke dazu. Das gilt aber auch für Osaka.
Kvitova ist die Königin der Herzen, der (fast) jeder den Erfolg gönnen würde. Die Japanerin ist hingegen der Liebling der Asiaten, die immer besonders auf den selbst ernannten «Grand Slam von Asien-Pazifik» schauen. Ein Gewinner steht schon fest: Die Tennisfans dürfen sich auf ein hochklassiges und emotionales Duell freuen.