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P. Benedict Arpagaus zum Josefstag 2022
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Vom heiligen Joseph wissen wir so gut wie nichts. Selbst die Aussagen in der Heiligen Schrift sind sehr dürftig und beschränken sich auf kurze Abschnitte, so wie im Evangelium des heutigen Festtags. Seine Person steht ganz bescheiden im Hintergrund, er fällt kaum auf, eine Art Schattengestalt. Und so wird der heilige Joseph zu einer grossen Projektionsfläche, auf welche wir unsere Vorstellungen, unsere Bewunderung oder unsere Skepsis, sowie unsere Wünsche projizieren.
Doch bleiben wir bei der Feststellung, dass wir kaum etwas vom heiligen Joseph wissen und er, biblisch gesehen, völlig ins Hintertreffen gerät. Ganz nüchtern darf ich hier sagen, dass es auch nicht um ihn geht. Dass der heilige Joseph so sehr im Hintergrund bleibt, das erinnert uns an die Aussage des heiligen Johannes des Täufers, der mit Blick auf Jesus, den Christus, sagt: „ER muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Ja, es geht nicht um den heiligen Joseph, es geht nicht um den heiligen Johannes den Täufer, es geht überhaupt nicht um diesen oder um jenen Heiligen. Es geht schlicht und einfach immer um den, der sich im Alten Testament den Israeliten offenbarte als der „ICH BIN“: „Da antwortete GOTT dem Mose: ICH BIN, DER ICH BIN. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der ICH-BIN hat mich zu euch gesandt“ (2 Mos/Exodus 3,14). Und dieser ICH BIN, den wir als unseren GOTT, als den einen und wahren GOTT bekennen, ER offenbarte sich schon vor Moses Zeiten als einer, der konkret für uns Menschen da ist, sich um uns sorgt und mit uns auf dem Weg sein möchte. So erfuhren es Abraham und Sarah, Isaak und Rebecca, Jakob und Lea und Rahel. So hören wir, wie GOTT selbst spricht: „Dann fuhr ER fort: ICH BIN der GOTT deines Vaters, der GOTT Abrahams, der GOTT Isaaks und der GOTT Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, GOTT anzuschauen“ (2 Mos/Exodus 3,6).
Es geht also um IHN, der alles Leben geschaffen hat, der von Anfang an mit uns in Beziehung steht und mit uns Beziehung lebt, der fürsorglich ein „Gott mit uns“ ist (Mt 1,23).
GOTT ist nicht das unpersönliche Universum, vielmehr ist auch das Universum von IHM erschaffen und durchdrungen. GOTT ist auch nicht irgendeine anonyme Kraft oder Energie. Ja natürlich, das ist GOTT auch: Universelle Lebensenergie, All-Liebe, Quelle allen Seins, Ewiges Licht. Und doch: GOTT ist ein DU, das dich und mich ins Leben gerufen hat, beim Namen nennt und liebt. „Jetzt aber – so spricht der HERR, der dich erschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ICH habe dich ausgelöst, ICH habe dich beim Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes 43,1).
Und nun ist dieser fürsorgliche GOTT, von dem viele Geschichten im Alten Testament erzählen vor ca. 2000 Jahren ganz konkret in unserer Welt erfahrbar geworden. Seine Fürsorge hat Hände und Füsse erhalten, ein Herz, das für uns schlägt: JESUS CHRISTUS. Dieser fürsorgliche GOTT begeht – aus menschlicher Perspektive – eine unerhörte Verrücktheit: ER wird Mensch und somit selbst bedürftig, ist angewiesen auf die Fürsorge anderer Menschen, einer Familie, einer liebenden Mutter und eines fürsorglichen Vaters. GOTT möchte so seine Fürsorge leibhaftig werden lassen, ganz da sein für uns, ganz und gar, mit Haut und Haar, voll und ganz, mit Leib und Seele, mit ganzem Herzen. Dabei macht ER das menschliche Leben zu seinem eigenen, damit wir Menschen ganz verwoben werden mit seiner Gottheit.
Der heilige Joseph stand ganz im Hintergrund und ahnte am Anfang wohl kaum, für wen er hier die Verantwortung eines fürsorgenden Vaters übernehmen sollte. Aber: „Als Joseph erwachte, tat er, was der Engel des HERRN ihm befohlen hatte“ (Mt 1,24a). Wir können kaum erahnen, was in ihm vorging, damals, als er Maria zu sich nahm und mit ihr Jesus aufzog, als er dem Sohn Gottes, dem letztlich alles unterworfen ist (vgl. 1 Kor 15,28), ein Zuhause gab. Joseph tat also, was der Engel des HERRN ihm aufgetragen hatte. Josephs Tun bestand darin, für Maria und Jesus fürsorgender Mann und Vater zu sein. Das war Josephs, von Gott zugewiesene, Berufung. Und hierin ist der heilige Joseph für uns alle, für die Kirche im Besonderen ermutigendes und zugleich verpflichtendes Vorbild: Füreinander zu sorgen und einander zu dienen. Nicht nebeneinander hergehen, nicht aneinander vorbeileben, nicht übereinanderstehen und schon gar nicht gegeneinander wirken, nein, füreinander und miteinander auf dem Weg sein.
Heute verabschieden wir, die Mönchsgemeinschaft von Einsiedeln, offiziell das Team unserer ehemaligen Pflegestation. Es ist der passende Tag. Denn gerade im Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege wird die Bedeutung der Fürsorge sehr konkret und vielfältig gelebt. Dieser Beruf verdient, nicht erst seit Coronazeiten, eine hohe Wertschätzung. Doch wie es so ist, bleibt es oft bei Worten der Wertschätzung. Wertschätzung aber, die sich nur in Worten ausdrückt und bei Worten stehen bleibt, ist mit der Zeit nicht mehr ernst zu nehmen. Wertschätzung, wie auch Fürsorge, ja Liebe verlangen nach konkreten Zeichen, nach Taten und Handlungen. Deshalb wollen wir heute unserem ehemaligen Pflegeteam unsere grosse Wertschätzung und unsere tiefe Dankbarkeit entgegenbringen, nicht nur mit Worten, vielmehr indem wir diese Wertschätzung leben und heute Mittag mit euch gemeinsam Mahl halten.
Fürsorge bleibt ein wichtiges Wort und eine notwendende Handlung in unserer Welt. Nicht nur in der Ukraine, auch in vielen anderen Regionen der Welt herrschen Gewalt und Not, Ungerechtigkeit und Angst. Über viele Konflikte hören wir kaum noch etwas. Aber überall gibt es sie, Frauen und Männer, die ihren Mitmenschen Fürsorger sind, sich für andere stark machen und, wie damals Joseph, ihr Leben einsetzen und riskieren. GOTT aber vergisst nicht, niemanden! Und niemand geht bei IHM einfach so verloren: „Denn der HERR, dein GOTT, ist ein barmherziger GOTT. ER lässt dich nicht fallen und gibt dich nicht dem Verderben preis und vergisst nicht den Bund mit deinen Vätern, den ER ihnen geschworen hat“ (5 Mos/Deuteronomium 4,31). Kraft dieser Verheissung lebte und wirkte der heilige Joseph, aus ihr schöpfte er Mut und Hoffnung, um für Maria und Jesus da zu sein inmitten einer Welt, in welcher Hass, Gier und Gewalt um sich greifen. So wurde Joseph dem Auftrag GOTTES, sowie den Lebensumständen Marias und des Jesuskindes gerecht.
Wir müssen keine Heldentaten bewirken und wir müssen auch nicht in der Öffentlichkeit gefeiert werden. Fürsorge, wie Joseph sie lebte, ist oft ein stilles Tun im Kleinen, demütig und treu, achtsam und geduldig, dienstbereit und hingebungsvoll, stets GOTTES Gegenwart suchend und GOTTES Stimme hörend. Nicht nur Abraham, wie wir es in der ersten Lesung hörten, auch Joseph hatte wohl „gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt“ (Röm 4,18a), sprich der Verheissung GOTTES vertraut. Und GOTT, „der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6,6c).
Des heiligen Josephs kraftvolle Bescheidenheit möge uns Ermutigung und Stärkung sein, uns für andere einzusetzen, einander Sorge zu tragen, die Gerechtigkeit zu fördern und den Frieden zu mehren.
Letztendlich sollte es uns, wie damals dem heiligen Joseph, um IHN gehen, um GOTT, der immer für uns war, für uns ist und für uns sein wird. Diese Verheissung wurde am Kreuz durch Jesus Christus besiegelt und in seiner Auferstehung end-gültig bestätigt. Wenn wir uns dieser Wahrheit öffnen, stehen wir alle auf der Gewinnerseite. Amen.