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Sind wir alle gleich?
Nein, zum Glück nicht. Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass die linken und liberalen politischen Kräfte seit der Aufklärung diesen Standpunkt verträten. Sie fordern vielmehr: dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die gleichen Chancen auf Bildung und Förderung, um ihre Fähigkeiten und Eigenschaften zu entwickeln und ein gelingendes Leben zu führen.
Erich Fromm war der Ansicht, dass die Position der Gleichbehandlung das genaue Gegenteil sei von der Vorstellung, alle Menschen seien gleich oder aber gleich zu machen. Nach ihm ging es darum, dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten zukommen, ihre je eigene Individualität zu entwickeln und ein Original zu werden statt eine Kopie. Die Rede von einem grassierenden Individualismus ist da bloss irreführend. Die damit gemeinten Pseudo-Individualisten, die Jeans mit eingenähten Initialen tragen oder ihr iPhone selbst designen, wollen eher zwanghaft unter Beweis stellen, dass sie anders seien, während sie insgeheim merken, dass sie genau gleich wie alle anderen denken und fühlen.
«Erkenne dich selbst», lautet ein zugegebenermassen etwas angestaubter und dennoch schon seit der Antike gültiger Leitsatz der Philosophie, der auf der Vorstellung beruht, dass wir besser leben, je besser wir uns kennen. Wenn wir dieser Maxime folgen, werden wir feststellen, dass es für uns das Schlimmste ist, zum Automaten gemacht zu werden, und dass es keine kostbareren Güter gibt als Freiheit und wirkliche Individualität.