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Man kennt ihn als Schriftsteller von Weltruf, der auch hin und wieder seine Bücher illustriert oder mit Druckgrafiken in Erscheinung tritt: «Die Blechtrommel» von 1959, mit der er schon 1958 ausgezeichnet wurde, und die seinen literarischen Ruf begründete, «Hundejahre» (1963), «Der Butt» (1977), «Die Rättin» (1986) als einige zu nennende, bedeutsame Beispiele. Und doch vergegenwärtigt man sich kaum, dass Günter Grass, 1927 in Danzig geboren und seit Jahrzehnten in Berlin lebend, ursprünglich im Sinn hatte, Bildhauer oder bildender Künstler zu werden; dass er nach dem Krieg, nach einer Steinmetzlehre in Düsseldorf, 1948-52 an der dortigen Kunstakademie studierte und nach seinem Umzug 1953 nach Berlin drei Jahre Schüler beim Bildhauer Kurt Hartung an der dortigen Hochschule für bildende Künste war. Und zwar aus dem ganz profanen Grund, weil es keine Kohle zum Heizen gab, schickte man ihn zur Bildhauerei.
Günter Grass: Per Zufall Autor geworden
Auch wenn Günter Grass das skulpturale Arbeiten später wieder aufgab - die erste literarische Aufmerksamkeit kam übrigens eher per Zufall zustande, indem eine Schwester und eine Freundin heimlich einen seiner Texte einsandten, mit dem er einen Lyrikpreis erhielt -, das Zeichnen und später auch die Grafik (Radierung vor allem, hin und wieder auch Lithografien) hat er weiter gepflegt und international wiederholt ausgestellt.
Sie sind einerseits zu einem von seinem Gesamtwerk untrennbaren wie eigenständigen Sprachmittel geworden, das in einer kreativen Wechselwirkung zu seinen Gedichten steht. Andererseits beweisen sie bildhaft seine ausdrucksstarke Erzählkraft sowie eine fundierte künstlerische Ausbildung einer klassisch gegenständlichen Stilausrichtung, eindrücklich geprägt auch von der plastischen Gestaltung und Dürer als alter ego.
Lengnau und Günter Grass’ narrativ exakte Bildwerke
Zwar bezieht sich der grössere Teil dieser nun in Lengnau präsentierten Blätter auf verschiedene seiner schriftstellerischen Arbeiten, sei es zum «Butt» und den folgenden kulinarischen und menschlichen Variationen («Die Rättin», «Unkenrufe», «Das Treffen in Telgte» oder «Aus dem Tagebuch einer Schnecke»), und doch bilden sie gleichzeitig selbständige, narrativ exakte Bildwerke. Die sich stets als Allegorien lesen lassen, ob nun als phantastische Geschehen, als bizarre Parabeln - wenn die Ratte auf dem Menschenschädel die Überlebensstärke des Anpassungsfähigsten dokumentiert als Träume, die auf zukünftige Werke weisen. Als Visionen oder symbolhaft reflektiertes Erleben des täglichen Lebens wie die aktuelle Stellungsnahme zur «Die Treuhand», die sich nach der Wiedervereinigung den finanziellen Lösungen «verschrieben» hat und bei ihm nichts als Fliegen aus der hohlen Hand ausschüttet.
Autobiografisches von Günter Grass
Da findet sich Autobiografisches, wenn Günter Grass seinen unverkennbaren Charakterkopf, typisch über den Brillenrand blinzelnd, also den Schriftsteller in das Anekdotische der zeichnerischen Aussagen integriert. Oder Melancholisch-Lyrisches in den «Schwarzen! Sonnenblumen», die das ewig Vergängliche versinnbildlichen; und natürlich eine feine Ironie oder doppelbödigen Hintersinn.
Von August bis Oktober 1986 lebte Günter Grass in Baruipur, einem südlichen Vorort von Kalkutta, danach bis Januar 1987 in Lake Town, kurze Reisen führten ihn durch das Land bis nach Bangladesch. Tagebuch und Zeichenblock waren Teil seines europäischen Gepäcks, das, je länger der Aufenthalt dauerte, um so schwerer wog. «Zunge zeigen» war die kritisch aufgenommene, aus diesen Erlebnissen resultierende Prosa mit Zeichnungen, die er später als «Calcutta»-Radierungen weiterführte.
Lesung mit Guido Bachmann
Indien, das ist unvorstellbare Armut, Elend - und sein soziales Wissen und Gewissen, das abendländische Entsetzen, das sich in intensiven Szenen Befreiung verschaffte: Kauernde Menschengestalten, die wie Geier auf und von Müllhalden leben, in der Ferne kontrastiert eine Industrie- und Stadtlandschaft das erbarmungswürdige Dasein, den letzten Rest Menschenwürde. Eine Müllhalde teilt sich wie das Rote Meer, doch keine Errettung, nur Trostlosigkeit und nacktes Überleben kennzeichnet diesen schon biblischen Moment. Bilder eben voller Geschichten, wie ja auch seine Geschichten und Texte bilderreich sind, mit einer teils handfesten, teils feinsinnigen Metaphorik. Und die wieder einmal neugierig stimmen auf das reiche, manchmal gar pralle Schreib-Leben Günter Grass’. In das anlässlich der Vernissage der Schweizer Schriftsteller Guido Bachmann mit seiner kraftvoll-theatralischen, lebendig modullierten Lesung einige Gedichte aus dem «Butt» kurz und prägnant einführte.
(Bis 30. Dezember 1994, geöffnet: Do-So 16-19 Uhr, oder nach tel.Vereinbarung 065 52 0140)