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Wie schon in Traumzeit (1992), in dem er den untergehenden Lebensformen der ehemals nomadisierenden ewenkischen Orotschonen nachging, wendet sich Franz Reichle auch hier einer fremden Kultur zu: der tibetischen. Und zwar geht es um die jahrtausendealte tibetische Medizin, die bis heute von Generation zu Generation weitervermittelt wird und im 11. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurde. Bilder von einem alten Kodex skandieren den Film.
Von Dharmsala nach Ulan Ude, von der burjatischen Steppe nach Thun begegnen wir Ärzten, Patientinnen und Patienten. Der Dalai Lama geht auf die Wechselwirkung zwischen tibetischer und westlicher Medizin ein, während sein Leibarzt, Dr. Tenzin Choedrak, die Grundlagen der tibetischen Medizin erklärt – so die zwölf Pulsarten oder die vielfältigen natürlichen Komponenten der Medikamente. Wir schauen zu, wie er und andere Ärzte Patientinnen und Patienten untersuchen und behandeln, wie sie den Puls messen, den Körper vorsichtig betasten und verschiedene Therapien anwenden. Ein an unoperierbarem Nierenkrebs erkrankter Mann kann dank der tibetischen Medizin doch operiert werden. Eine querschnittgelähmte Frau, die zu Beginn des Films nur regungslos im Bett liegt, kann sich einige Monate später allein aufsetzen. Ebenfalls während einer Sprechstunde findet die äußerst berührende Szene statt, in der sich der alte, weise Arzt die Tränen aus den Augen wischt, als ihm eine junge Nonne erzählt, wie sie von den Chinesen schrecklich gefoltert wurde.
Parallel zu den Bildern aus Indien und Rußland sind Szenen geschnitten, in denen westliche Wissenschaftler ihre Arbeit und Erkenntnisse darlegen: Sie erforschen, wie die tibetische Medizin funktionieren könnte. Im Westen war der Schweizer Pharmakaufmann Karl Lutz eine Schlüsselfigur der tibetischen Medizin. Leider starb er vor Beginn der Dreharbeiten, so daß im Film Videoaufnahmen von ihm aus der Zeit der Recherchen verwendet werden mußten. Nicht zuletzt haben wir es ihm zu verdanken, daß die tibetische Medizin bis zu uns gedrungen ist: Nachdem er von einem Nachkommen eines großen tibetischen Arztes Rezepte und Unterlagen zur Heilkunst erhalten hatte, begann er als erster damit, tibetische Arzneien mit modernen Mitteln herzustellen. Diese Patma-Pillen ermöglichten es dem herzkranken Thuner Fritz Sterki, dem die Ärzte vor zehn Jahren nur noch einige Monate gaben, munter weiterzuleben.
Das Wissen vom Heilen ist ein sehr visueller Film, der es schafft, die komplexe Materie ohne Kommentar näherzubringen. Pio Corradis aufmerksame und unaufdringliche Kamera, die etwa die Handgriffe eines Arztes oder die Zubereitung eines der zahlreichen Medikamente beobachtet, die Erläuterungen der Ärzte und Wissenschaftler und der ruhige Schnitt sind Kommentar genug.
Ein sehr gut gemachter, formal vielleicht etwas konventioneller Dokumentarfilm, der seinen Publikumserfolg verdient.