Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/1635

Von Raphaela Hettlage, Yumiko Toh
Sina, eine Lehrerin aus der Schweiz, gibt ein Jahr lang Deutschunterricht in Yokohama, Japan, und wohnt mit zwei anderen Lehrkräften in einer Wohngemeinschaft. In ihrer Freizeit nimmt Sina einmal pro Woche zwei Stunden Japanisch-Unterricht. Die Lehrkräfte an der Japanischschule sind alles Japanerinnen der Oberschicht, die durch vielfältige Kontakte den Umgang mit Ausländerinnen und Ausländern gewohnt sind. Das gegenseitige Verhältnis ist gut, und die Lehrkräfte sind sehr bemüht, der Schweizerin in allen möglichen Situationen Ratschläge zu erteilen. Nach dem Unterricht wird jeweils Tee getrunken und noch ein bisschen über dieses und jenes geplaudert.
Nach einigen Monaten bietet sich für Sina überraschend die Gelegenheit, in eine private Wohngemeinschaft mit Kollegen zu ziehen. Weil die Schule dringend ein paar Zimmer für neue Lehrkräfte braucht, sollte der Umzug so schnell wie möglich vonstatten gehen. Sina hat an ihrem freien Tag einen Termin mit der Japanischlehrerin vereinbart. Sie ruft ihre Lehrerin Frau Tanaka an, erklärt ihr den Grund für ihr Fernbleiben, und die Schulstunde wird verschoben. Dennoch hat Sina den Eindruck, dass die Lehrerin beleidigt ist. Sina ist der Ansicht, dass ihr Fernbleiben aus verständlichen Gründen erfolgt und sie sich rechtzeitig abgemeldet hat. Um die Lehrerin nicht zu kränken, hat sie ihr den Sachverhalt zudem besonders genau erklärt und sich ausdrücklich entschuldigt.
Interkulturelle Kompetenz trainieren
Sina erkennt, dass es sich in der Situation um ein kulturelles Missverständnis handelt, und nimmt die verletzten Gefühle ihrer Lehrerin ernst. Sie will verstehen, warum ihre Lehrerin beleidigt ist. Diese Herangehensweise an interkulturelle Konflikte hat erst in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Denn bis vor kurzem wurden nur wenige Menschen auf das Leben mit Menschen anderer Kulturen methodisch vorbereitet. Stattdessen wurden sie «ins kalte Wasser geworfen», mussten sich entweder selbständig interkulturelle Kompetenz aneignen oder aber ohne sie im Ausland zurechtkommen.
Heute gehören interkulturelle Kompetenzen zu den Soft Skills. Damit wurde auf die neuen Herausforderungen unseres globalisierten Alltags reagiert. Eine Möglichkeit, interkulturelle Kompetenz zu trainieren, sind so genannte «Critical Incidents». Das sind Situationen, in denen die Verständigung zwischen Personen aus unterschiedlichen Kulturen schief gegangen ist. In der soeben in der zweiten Auflage erschienen Publikation «Verwirrende Realitäten» sind 52 solcher Critical Incidents gesammelt. Das Buch ist ein Gemeinschaftsprodukt der Agiko (Arbeitsgemeinschaft interkulturelle Kommunikation). Die Agiko entsprang einem Seminar von Privatdozent Werner Egli zum Thema «Theorie und Praxis der Interkulturellen Kommunikation», das 1999 am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich stattfand. Nach anfänglicher Mithilfe von Werner Egli wurde das Projekt Agiko später eigenständig weitergeführt.
Die im Buch gesammelten Critical Incidents beruhen auf tatsächlichen Erfahrungen. Es sind Geschichten, die in den verschiedensten Kontexten spielen, sei es Beruf, Tourismus, Geschäftliches, Freundschaft oder Liebe. Es kann sich um konflikthafte oder auch erfreuliche Ereignisse handeln. Am Ende jedes Critical Incident steht eine Frage oder Problemstellung, die dazu auff ordert, Hypothesen zum Fall zu entwickeln. Im obigen Fall könnte Folgendes die Frage sein: Als Sina eine Woche später zum Unterricht kommt, ist die Atmosphäre spürbar kühler. Warum? In der Regel werden anschliessend drei bis vier mögliche Interpretationen angeboten, von denen die Leserinnen und Leser allein oder durch Diskussionen in kleinen Gruppen diejenige auswählen sollen, die ihnen als die wahrscheinlichste erscheint.
Interpretation von Missverständnissen
Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Sina fragt in ihrem schweizerischen und japanischen Freundeskreis, wie es zu dem Missverständnis mit ihrer Lehrerin kommen konnte. Sie bekommt folgende Interpretationen zu hören:
a) In Japan sollte man Termine generell nicht absagen. Für Frau Tanaka ist auch der angegebene Grund für die Verschiebung des Termins nicht akzeptabel, da es sich in ihren Augen dabei um eine Lappalie handelt.
b) Es ist in Japan je nach Distanz in den zwischenmenschlichen Beziehungen unhöfl ich, eine ausführliche Erklärung zu einer Absage abzugeben.
c) Als Mitglied der Oberschicht ist es Frau Tanaka nicht gewohnt, eine Absage mit nichtigem Grund zu erhalten. Es handelte sich um keinen echten Notfall. Sie empfand die Absage als unhöflich und war somit persönlich beleidigt.
Welche Interpretation trifft aus Sicht der Lehrerin zu? Es sind die Interpretationen a) und b): Termine sollten in Japan unbedingt eingehalten werden, und zwar pünktlich. Ausserdem gilt es als unhöflich, einen Verhinderungsgrund explizit auszuformulieren. Man geht von der Annahme aus, dass ohne guten Grund ohnehin niemand einen Termin absagen würde.