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Die Hebamme Elisabeth Bischoff, Ausschnitt aus einer Fotografie von Ernst Meier, um 1922. Elisabeth Waber wuchs in armen Verhältnissen in Horrenbach auf. Das Geld für die Hebammenschule am kantonalen Frauenspital in Bern verdiente sie sich als Kinderfrau. 1903 heiratete sie den Dreher Samuel Bischoff. Ihre Tochter Elisabeth erwarb im Kinder- und Mütterheim Hohmad das Diplom als Kinderpflegerin.
In den 1910er-Jahren kamen die meisten Kinder zu Hause und ohne ärztliche Hilfe zur Welt. Umso mehr hing die Gesundheit, wenn nicht sogar das Leben der Mutter und – in einer Zeit, da die Säuglingssterblichkeit bei acht bis zehn Prozent lag – des Neugeborenen, vom Wissen und Können der Hebamme ab. Eine dieser Hebammen war Elisabeth Bischoff geborene Waber (1874–1961), die sich 1901 nach dem Abschluss der Hebammenschule am kantonalen Frauenspital in Bern als frei praktizierende Hebamme an der Oberen Hauptgasse 64 niedergelassen hatte. Aus der Zeit ihrer Berufstätigkeit in Thun sind neun Tagebücher erhalten, datiert von 1910–1920. Wie jede Hebamme war sie verpflichtet, darin unter den vorgedruckten Rubriken Angaben über den Geburtsverlauf und die Gesundheit der Mutter und des Kindes einzutragen, jedoch nicht dessen Grösse und Gewicht, und das volle Tagebuch bei der Gesundheitsdirektion des Kantons zur Prüfung auf saubere und korrekte Führung einzureichen. Die Tagebücher dokumentieren 549 Geburten. In den hier untersuchten 96 Einsätzen der Hebamme wurden aufgrund zweier Zwillingsgeburten 98 Kinder geboren. In den allermeisten Fällen verlief die Geburt gut: 92 Kinder – 40 Knaben und 52 Mädchen – kamen lebend zur Welt. Sechs Kinder dagegen starben vor, während oder kurz nach der Geburt.3
Die Mütter waren in den untersuchten Fällen alle verheiratet und zwischen 19 und 44 Jahre alt. Das durchschnittliche Alter bei der Geburt des ersten Kindes lag bei 26 Jahren. Einige Frauen hatten acht, neun oder mehr Schwangerschaften hinter sich. Welche Qualen die Frauen zuweilen durchlitten, lässt sich aus den knappen und rein sachlichen Angaben in den Tagebüchern nur erahnen. So zum Beispiel im Fall der 43-jährigen Bauernfrau, die nach ihrer neunten Schwangerschaft im achten Monat einen gesunden Knaben gebar, jedoch viel Blut verlor. Ihren Gesundheitszustand beschrieb die Hebamme nach der Geburt lakonisch mit «Fieber bis 40, nach sechs Wochen aufgestanden». Bei Steiss- und Fusslage des Kindes war immer ein Arzt dabei. Ein Arzt wurde ferner bei Dammrissen, Zangengeburten, Venenentzündungen und zur Verabreichung von wehenverstärkenden Mitteln gerufen. Kaiserschnitte waren selten und bargen wegen der Infektionsgefahr und der Gasnarkose ein grosses Risiko. Der einzige in Elisabeth Bischoffs Tagebüchern dokumentierte Kaiserschnitt erfolgte bei einer im siebten Monat schwangeren Frau mit einem Schwangerschaftskrampf. Das Kind starb. Die Frau konnte das Spital erst nach mehreren Wochen verlassen.
Laut Instruktion hatten die Hebammen alle Frauen, egal welcher sozialen Schicht sie angehörten, gleich zu behandeln. Elisabeth Bischoff pflegte Bäuerinnen und Arbeiterinnen ebenso wie die Direktorengattin oder die Frau des Stadtpräsidenten. Eine besondere Behandlung erfuhren dage- gen die Ledigen unter den werdenden Müttern. Die Hebamme musste ihre Schwangerschaft dem Präsidenten des Einwohnergemeinderats melden und bei allfälligen Vaterschaftsklagen vor Gericht aussagen. Die Stigmatisierung lediger Mütter führte dazu, dass diese ihre Schwangerschaft verheimlichten, gefährliche Abtreibungen vornahmen oder das Kind ohne Hilfe gebaren. Die einzige der 549 Schwangeren, welche die Geburt ihres Kindes nicht überlebte, war denn auch ledig. Nach drei Tagen Wehen wurde die Dreissigjährige hochinfiziert aufgefunden und ins Spital Thun gebracht, wo sie und ihr Kind starben.4