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«Lassen Sie mich mit dem Wert der Gedankenfreiheit beginnen. Diese Freiheit ist entscheidend, da wir erst durch sie die Freiheit bekommen, eigene Vorhaben zu konzipieren und umzusetzen. Die Entscheidungsfreiheit setzt die Gedankenfreiheit voraus. Die Wissenschaften « und ich meine hier immer die Naturwissenschaften » fördern die Freiheit der Gedanken, da sie uns zeigen, wo wir bei unserer Sicht auf die Natur der Dinge falsche Annahmen treffen. Die Wissenschaften befreien uns von unseren Mythen, auch den religiösen. Ob wir die Religion abschaffen müssen, damit wir zur Freiheit finden? Ich vermute, Darwin hätte hier gelassen reagiert.
Die Wissenschaften werden oft überschätzt. Sie sind nicht allein die grossen Befreier, als die sie oft angesehen werden. Sie allein genügen nicht, damit unser Leben Sinn bekommt und die Wertfragen, die Fragen nach Gut und Böse, beantwortet werden können.
Darwin glaubte an die Wissenschaft. Und dennoch schreibt er in seiner Biographie, dass er jeden Tag ein Gedicht
lesen und Musik hören würde, wenn er sein Leben nochmals leben könnte. Darwin war nicht davon überzeugt, dass allein die Wissenschaften für alle Fragen der Menschen eine Antwort hätten. Er war bescheidener und sah in den Wissenschaften eine Möglichkeit, unser Verständnis von der Welt zu fördern und uns von Illusionen zu befreien. Gleichzeitig liess er den Raum jedoch offen für andere Zugangsweisen.
Im Verlauf meines Lebens bin auch ich mehr und mehr zu der Auffassung gelangt, dass das wissenschaftliche Verständnis des menschlichen Daseins und der biologischen und physikalischen Zusammenhänge zwar sehr wichtig ist, aber nicht die Einsichten ersetzen kann, die wir auf anderen Gebieten bekommen. Ich denke hier an die Einsichten aus den Sozial- oder auch Geschichtswissenschaften, aus dem Studium der Literatur «auch der Bibel» und aus der Kunst ganz allgemein.
Der kürzlich verstorbene Wissenschafter Stephen Jay Gould, den ich sehr bewundere, sagte immer, wir sollten niemals zwei Dinge vergessen: wir haben uns aus Tieren entwickelt. Und: wir haben uns aus Tieren entwickelt. Es gibt einerseits grosse Ähnlichkeiten zwischen uns und unseren nächsten tierischen Verwandten, also den Schimpansen, aber es gibt auf der anderen Seite ebenso wichtige Unterschiede. Der eine Irrtum ist, die Ähnlichkeiten zu vernachlässigen, der andere Irrtum, den Unterschieden nicht genügend Rechnung zu tragen.
Die Religion beantwortet Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens und nach den Werten, die es bestimmen sollen. Sie hilft dabei, mit der Angst vor dem Tod und dem Verlust zurechtzukommen. Bei diesen Fragen können wir nicht allein mit den Wissenschaften weiterkommen, auch nicht mit der Evolutionstheorie. Die Wissenschaften liefern Beschreibungen, aber sie geben uns keine Beruhigung. Ich meine, dass wir in einem säkularen Rahmen über diese Fragen nachdenken sollten, statt die Religion zu negieren und damit die Bedürfnisse, die von ihr befriedigt werden.
Es gibt übrigens keinen Gegensatz zwischen dem Denken im Namen der Wissenschaft und dem Denken im Namen der Religion. In beiden Fällen ist das Denken rational. Doch religiöse Menschen erlauben sich, an einem bestimmten Punkt der eigenen Überlegungen anzuhalten und sich stattdessen ihren Religionslehrern, ihren heiligen Schriften oder der Tradition zuzuwenden und deren Antworten zu übernehmen. Unser Verhalten und unsere Entscheidungen müssen auf dem basieren, was wir wissen, und nicht auf Dingen, mit denen wir uns selbst betrügen und die uns daher auf falsche Wege leiten. Und dies können die Wissenschaften fördern, methodisch wie inhaltlich.»
aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger
* Zitiert aus einem Brief an Edward Aveling vom 13. Oktober 1880.
Philip Kitcher, geboren 1947 in London, ist Professor für Philosophie an der Columbia University, New York.