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Von Konrad Pauli — Die Sechsundachzigjährige, jung verheiratet, früh geschieden und Alleinerziehende von zwei Mädchen, im Verlauf des Lebens verschiedene Männerangebote abwehrend, verbringt mit einer Gruppe ein paar Sommertage am See. Nicht mehr gut zu Fuss, ist sie dennoch nicht gebrechlich, kann sich bewegen, schmerzfrei sitzen, geniesst ihren guten Appetit. Männer, die um sie warben, ihr ernsthafte Angebote machten, waren die falschen oder nur halbwegs richtigen, jedenfalls fehlte stets Wesentliches, das attraktiv genug gewesen wäre, sie einzufangen. Das Übliche: Der Mann war nicht ihrem Anspruch gemäss gekleidet, hatte den falschen Beruf, war zu fein oder zu grob, zu umständlich oder direkt, zu still oder zu laut — und wenn es mal einer in die engere Auswahl schaffte, war er verheiratet. Natürlich mit der falschen Frau…
Am See sass die Frau nachmittags und am Abend, wartete auf den Sonnenuntergang, betrachtete das Spiel der Schwäne, hörte auf das Rumoren der Spatzen im Gebüsch, zog das Getränk in die Länge, bloss, um vom Kellner nicht nochmals nach nicht vorhandenen Wünschen befragt zu werden. Nicht alle Wünsche hatte sie vergessen. Aber sie wusste, dass ihre Erfüllung von Tag zu Tag unwahrscheinlicher wurde. Und sie blickte den Paaren nach auf der Promenade, junge, eng umschlungene Pärchen, Eltern mit Kinderwagen, älteren Paaren, Hand in Hand, hörte auch, wie an Nachbartischen geplaudert oder auch geschwiegen wurde, aber paarweise, zusammen. Und plötzlich tat sich ihr ein Abgrund auf, die Gewissheit, in zwei Tagen wieder in ihrer kleinen Vorstadtwohnung zu sein, im Gedanken daran, womöglich doch etwas verpasst zu haben, umgeben von ihren Sachen, eingepackt in Einsamkeit.
Foto: zVg.
ensuite, Juni/Juli 2011