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Juan Luis Vives (1492-1540)
Mit dem katalanischen Juan Luis Vives bekam Europa einen visionären Vordenker, der die damaligen wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Umwälzungen realisierte und ein neues Modell der Armenfürsorge entwickelte, das seiner Zeit weit voraus war. Und man sich heute fragt, weshalb bei uns noch bis in die 1980er Jahre das brachiale Muster Bestand hatte.
Bereits als Kind erlitt der Humanist, Europäer und Sozialreformer ein trauriges Schicksal im Schatten der spanischen Inquisition. Seine Eltern waren zwangsgetaufte Juden. Trotzdem wurde der Vater Scheiterhaufen verbrannt. Auch die Mutter starb unter diesem Terror. Vives studierte von 1509 bis 1512 Philosophie und Theologie an der Sorbonne in Paris, lehrte in Löwen und Oxford, wurde als Philosoph, Philologe, Theologe und Jurist ausgezeichnet und ist besonders auf dem Gebiet der Pädagogik von grösster historischer Bedeutung. Er entwickelte eine Theorie der Armenpflege aus der Sicht des Humanismus. Dies geschah in einer schlüssigen Form, welche bis dahin noch nicht formuliert worden war.
Vives hat für die Entwicklung der Armenfürsorge der Neuzeit signifikante Impulse gegeben und wird bis heute diskutiert. Er hatte ein System der Armenpflege entwickelt, in dem alle Bereiche der Fürsorge ein einem einheitlichen Sinnzusammenhang stehen, von materieller Unterstützung bis hin zur geistigen Förderung. Infolge wirtschaftlicher, religiöser und gesellschaftlicher Veränderungen war eine neuen Sicht der Armenfürsorge im 16, Jahrhundert zwingend. Die Entwicklung von der kirchlichen hin zur städtischen Armenfürsorge hatte eine Kommunalisierung, Rationalisierung, Bürokratisierung und Pädagogisierung der öffentlichen Armenfürsorge zur Folge. Vives entwickelte dafür ein visionäres eigenes Modell: "Jeder Mensch soll arbeiten. Wer keine Arbeit hat, soll einen Arbeitsplatz vermittelt bekommen (Arbeitsbeschaffungsmassnahme). Es soll sich dabei um einen Beruf handeln, den man früher gelernt oder an dem man Freude hat." Diese Überlegungen klingen sehr modern und passen in die heutige Zeit.
Arbeit, ein Wert an sich
Der Mensch hat eine natürliche Veranlagung zu Arbeit, welche ein Wert an sich ist. Deshalb forderte Vives eine Arbeitspflicht für Arme. Nicht mehr, weil er das als göttliches Gebot sah, oder weil damit wertvolle Zwecke erfüllt werden konnten, sondern weil Arbeit eine Anlage des Menschen und ein erstrebenswertes Gut sei. Daher war Vives der Meinung, man könne vom Menschen erwarten und auch verlangen, dass er gemäss seiner Kräfte Arbeit verrichtet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Vives das Betteln nicht anerkannte und dieses gänzlich abschaffen wollte. Das biblische Zitat "Selig die Armen" interpretierte Vives nicht im Sinne von finanziell Arme, sondern als die Armen im Geiste. Die mittelalterliche Glorifizierung der bettelnden Armen lehnte er ab. Zunächst sollten die potentiellen Arbeitnehmer durch einen Arzt im Hinblick auf ihre Arbeitsfähigkeit geprüft werden. Da sein Ziel eine dauerhafte Beschäftigung der Armen sah, legte Vives Wert darauf, dass sie in ein für sie geeignetes Berufsfeld integriert werden. Für diejenigen Arbeitslosen, welche kein Interesse hatten eine Arbeit auszuführen, sah Vives eine Zwangsbehandlung in einem Zwangsbetrieb vor.
Die Armenfürsorge individualisieren
Eine Untersuchung der besonderen Notlage des einzelnen Armen resultiert aus diesem System der Armenfürsorge. Die Armenfürsorge wurde individualisiert und alle Armen in ein Armenverzeichnis eingetragen. Dabei wurden nicht wie zu Beginn der Neuzeit nur die Namen aufgelistet, sondern auch die besondere Form der Notlage des Armen, die Art des früheren Lebensunterhaltes, der Anlass der Verarmung, die Lebensart und Moral des einzelnen. Vives verfolgte eine individuelle Ausrichtung, wollte Rücksicht auf den notleidenden Menschen nehmen, damit dem Armen eine adäquate Hilfe geboten wird. Umfang, Art und Dauer der Fürsorge orientierte sich an dem geistigen, leiblichen und materiellen Bedürfnissen, damit eine persönlich entsprechende Unterstützung verfolgt werden konnte.
Armenfürsorge beinhaltet Erziehung jedes einzelnen Menschen
Grundsätzlich hatte Vives Modell der Hilfeleistung einen erzieherischen Charakter, welche dem vornehmen Aspekt seiner Theorie und Fürsorge entspricht. Vives Theorie der Armenfürsorge beinhaltete die moralische Förderung des Einzelnen, eine Erziehung des Menschen zu einem verantwortungsvollen Bürger und einem guten Christen.
Quellen:
▪ Engelke, E. (2003): Die Wissenschaft Soziale Arbeit, Werdegang und Grundlagen. Lambertus, Freiburg
▪ Scherpner, H. (1962): Theorie der Fürsorge. Vadenhoeck & Ruprecht, Göttingen
▪ Geschichte der Armut, Bronislaw Geremek, Artemis Verlag, 1988