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Schon in der Primarschule hatte Lavinia Müller aus Unterägeri nur ein Berufsziel: Chemielaborantin. Nach ihrem Sekabschluss an der Kunst- und Sportschule in Cham, die sie aufgrund ihres grossen Talents am Klavier besuchte, wechselte Lavinia in die Berufsbildung und fand in der Suva in Luzern den geeigneten Lehrbetrieb. Alles schien den gewünschten Verlauf zu nehmen. Bis eine Krankheit ihre Pläne durchkreuzte. Schon seit frühester Kindheit von chronischen, aber erträglichen Kopfschmerzen begleitet, erlitt Lavinia im Juni 2019 – praktisch von einem Tag auf den anderen – heftige Attacken, bei denen ihr Kopf förmlich zu explodieren drohte. Ein Zustand, der sich bis zu 15 Mal am Tag wiederholte und bis zu einer halben Stunde andauern konnte. Eingehende Untersuchungen am Zürcher Unispital ergaben dann den Verdacht auf «Hemicrania Continua mit rezidivierenden Kopfschmerzattacken», eine seltene und noch wenig erforschte Krankheit. Bis heute weiss man auch nicht, was genau die Attacken auslöst. Im Lauf der Monate stellte Lavinia aber gewisse Regelmässigkeiten fest: «Grosse Anstrengungen wie schnelles Treppensteigen und langes Lesen oder Arbeiten am Computer haben bei mir sehr oft zu einer Attacke geführt», erzählt sie. Und was dann? Zu Hause habe sie eine Sauerstoffflasche. Nach zehnminütigem kräftigem Einatmen seien die stärksten Kopfschmerzen in der Regel weg. Für den Fall, dass es am Arbeitsplatz oder unterwegs passiert, habe sie immer eine Spritze dabei, die nach etwa drei Minuten ihre Wirkung entfaltet und zu einer Linderung der Schmerzen führt.
Nach der Diagnose habe sie fast nur im Bett gelegen, erinnert sich Lavinia. Dadurch verpasste sie letztlich zwei Monate ihrer Lehre. Eine gefühlte Ewigkeit. Lavinias Glück im Unglück war gemäss ihrem Berufsbildner Claudio Maggi, dass ihre Krankheit erst am Ende des 2. Lehrjahrs ausbrach: «Lavinia verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits über einen aussergewöhnlich hohen Bildungsstand und war nahe an der Prüfungsreife.» Gab es denn auch Momente, in denen sie den Bettel komplett hinschmeissen und nur noch zu Hause bleiben wollte? «Nein, überhaupt nicht», sagt Lavinia ohne zu zögern. «Die Arbeit wie auch der persönliche Kontakt mit den Arbeitskollegen lenkten mich von meinen Schmerzen ab und gaben mir die nötige Kraft, um weiterzumachen.» Deshalb ist sie ihrem Lehrbetrieb unendlich dankbar, dass sie ihre Lehre fortsetzen durfte und erst noch mit speziellen Massnahmen unterstützt wurde. So habe die Suva zum Beispiel Rückzugsmöglichkeiten für Lavinia geschaffen und zudem eine externe Betreuungsperson beigezogen.
Die Massnahmen fruchteten: Lavinia schloss ihre Lehre zur «Laborantin EFZ Chemie», wie es präzise heisst, in diesem Sommer erfolgreich ab. Die Gesamtnote von 5,4 brachte ihr sogar die kantonale Ehrenmeldung ein. Klar, dass ihr Lehrbetrieb nicht auf die Dienste einer so qualifizierten Mitarbeiterin verzichten wollte. So arbeitet Lavinia weiterhin bei der Suva und engagiert sich in der Prävention von Berufskrankheiten. «Wir sammeln Luft- und Materialproben und untersuchen sie auf krankmachende Schadstoffe wie Staub, Metall, Lösemittel oder Schimmelpilze», erklärt die 18-Jährige. Und wie steht es um ihre eigene Gesundheit? «Dank Medikamenten habe ich heute noch eine Attacke pro Tag, und das meistens zwischen 20 und 21 Uhr», sagt sie. Zeit also, um langsam wieder nach vorne zu schauen und Zukunftspläne zu schmieden. Lavinia möchte auf dem Beruf, der ihr immer noch so viel Freude bereitet, bleiben und früher oder später eine Weiterbildung in Richtung Forensik machen.» Der Zustupf von 1000 Franken als neue Paul-Hürlimann-Preisträgerin kommt ihr da gerade recht.