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1928 erschien unter dem Titel Lord Peter Views the Body die erste Sammlung mit Kriminal-Kurzgeschichten von Dorothy L. Sayers. 1933 folgte mit dem hier vorliegenden Hangman’s Holiday dann die zweite. Dass im Titel der zweiten Sammlung ihr Star-Detektiv Lord Peter Wimsey nicht erwähnt wird, liegt ganz einfach daran, dass er von den hier versammelten 12 Kurzgeschichten nur in deren 4 auftritt; in weiteren 6 figuriert Sayers’ anderer, weniger bekannter Serien-Detektiv, der Handlungsreisende in Sachen Wein und Spirituosen, Montague („Monty“) Egg. Die beiden Schlussgeschichten kennen keinen von beiden; sie kennen nicht einmal einen Detektiv, der den Fall lösen würde. Dennoch (oder vielleicht deswegen?) sind es die beiden besten Erzählungen der Sammlung. Ich komme darauf.
Die Geschichten sind nach handelndem Detektiv angeordnet; zuerst kommen also die vier Geschichten, in denen Lord Peter Wimsey aufklärt. Kriminal-Kurzgeschichten sind wegen ihrer Kürze immer etwas problematisch; im Fall der hier vorliegenden Lord-Peter-Geschichten führt diese Kürze dazu, dass der eine oder andere Fall etwas absurd wirkt. Wir haben z.B. einen Fall, der mit einer Berufung auf eine Kurzgeschichte von H. G. Wells beginnt, in der Wells von einer vierten Dimension erzählt, in denen Menschen umgekehrt werden können wie Handschuhe. Die Lösung entpuppt sich als gesucht-umständliche Variation des Doppelgänger-Motivs. Die beste Lord-Peter-Geschichte dieser Sammlung ist vielleicht The Queen’s Square, weil sich Lord Peter hier in den adlig-exquisiten Kreisen bewegt, in denen seine feine Ironie, sein ostentatives Müssiggängertum, seine Menschenkenntnis und sein scharfer Verstand am besten zur Geltung kommen.
Montague Egg, der Handlungsreisende, ist in vielem ein Gegensatz zu Lord Peter. Sein Äquivalent, wenn es darum geht, die abgelegensten Zusammenhänge erkennen und so einen Fall lösen zu können, bleibt er doch der Verkäufer, der sich nach Maximen seines Handbuchs für Handlungsreisende richtet. Beispielsweise löst er einen Fall nur, weil er einer offensichtlichen Änderung im Charakter eines herrschaftlichen Dieners misstraut, der ihn bei seinem zweiten Besuch allzu höflich empfängt. Um die Lösung eines andern Falls verstehen zu können, braucht der Leser gar Kenntnisse der englischen Verkehrsregeln und daraus resultierender englischer Sitten der 1930er. Auch Egg wird nicht ganz von absurden Fällen verschont (Maher-shalal-hashbaz!), bleibt aber selbst da mit beiden Füssen auf der Erde.
Wirklich gut sind dann die beiden am Schluss angehängten Geschichten ohne Detektiv. The Man Who Knew How könnte in jeder Anthologie von Horror-Stories figurieren, ohne gegen welche von alteingesessenen Horror-Kämpen wie Le Fanu oder Poe abzufallen. Die Schlusspointe ist gar zu herrlich! Ähnliches gilt für The Fountain Plays, obwohl diese Geschichte ein wenig zu vorhersehbar war – zumindest ihre Pointe.
Fazit: Bei allen Schwächen einzelner Texte ist Dorothy Leigh Sayers auch mit Kriminal-Kurzgeschichten allemal fähig, einem einen vergnügten Lesetag mit intelligenter Unterhaltung zu verschaffen.