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Milch: das Lebensmittel, an dem sich die Geister scheiden
Was hat es auf sich mit dem weitherum bekannten Werbeslogan «Milch macht munter»? Klar ist: Die Milch enthält 18 von 22 essenziellen Nährstoffen, wie zum Beispiel Kalzium, Phosphor und Vitamin D. Unklar hingegen ist, wie sich der Milchkonsum auf unseren Körper auswirkt. Verschiedenste wissenschaftliche Arbeiten lassen das gute Image der Milch als gesundes Nahrungsmittel zusehends bröckeln. So kommt eine schwedische Studie zum Schluss, dass Frauen, die besonders viel Milch trinken, sogar besonders oft Knochenbrüche erleiden. Eine Studie der Harvard-Universität zeigt, dass ein hoher Milchkonsum – mehr als zwei Gläser täglich – das Risiko steigert, an Prostata- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Und 2005 sorgte der Ernährungswissenschaftler T. Colin Campbell mit seinem Buch «The China Study» für Aufsehen, indem er anhand eines umfassenden biomedizinischen Forschungsprojekts nachweisen will, dass ein Zusammenhang zwischen tiereiweissreicher Ernährung und der Entstehung von chronischen Erkrankungen besteht.
Milchverträglichkeit dank Genmutation
Ist Milch demnach ein Lebensmittel, das es in Zukunft zu meiden gilt? «Die Milch per se als ungesund abzustempeln, ist eine fragwürdige These. Der Mensch, zumindest ein Teil davon, hat in den letzten Jahrtausenden gut davon profitiert», so die Antwort von Markus Ege, Professor für klinisch-pneumologische Epidemiologie an der Universität München. «Die meisten ausgewachsenen Säugetiere vertragen keine Milch, sie bilden das Enzym Lactase nicht mehr, das die Laktose beziehungsweise den Milchzucker in seine verdaulichen Substanzen zerteilt – so verhält es sich auch bei einem Grossteil der Bevölkerung Asiens und Afrikas.» Anders hingegen sehe es bei den Nord- und Mitteleuropäern aus: Eine zufällige Genmutation sorgte vor etwa 7000 Jahren dafür, dass sie Milch auch noch im Erwachsenenalter verdauen konnten. «Menschen mit der Mutation profitierten davon und hatten mehr Nachkommen. Wäre die Genmutation und damit das Trinken von Kuhmilch für den menschlichen Körper ein Nachteil gewesen, hätte sich die Genmutation nicht durchgesetzt.»
Ebenso positiv beurteilt die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE den Verzehr von Milch und Milchprodukten. Stéphanie Bieler, Fachexpertin bei der SGE: «Die Studienlage zur Milch ist breit gefächert und von unterschiedlicher Qualität. Darunter gibt es Untersuchungen, die den Schwerpunkt auf potenziell negative Effekte auf die Gesundheit legen, während andere die schützende Wirkung vor diversen Erkrankungen im Fokus haben. Allgemein stufen wir die Milch, im Rahmen der Empfehlungen verzehrt, nach wie vor als ein sicheres und wertvolles Lebensmittel ein, das dazu beiträgt, den Bedarf an Kalzium und Eiweiss zu decken.» Entsprechend empfiehlt die SGE, dreimal täglich eine Portion Milch beziehungsweise Milchprodukte zu sich zu nehmen.
Rohmilch: Gefährlich oder doch gesund?
Daran schliesst die Frage, welche Milch denn konsumiert werden sollte? Auch an dieser Frage scheiden sich die Geister. Was zu Grossmutters Zeit noch üblich war – rohe Milch zu trinken – ist zur Seltenheit geworden. Denn: Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) beurteilt Rohmilch nicht als genussfertiges Lebensmittel. Der Grund: Beim Melken könnten krank machende Bakterien in die Milch gelangen. Zudem steigt das Risiko bei falscher Kühllagerung, dass sich die Keime vermehren. Doch nun regt sich Widerstand. Eine Gegenbewegung plädiert dafür, erneut Rohmilch zu konsumieren. So belegen diverse Bauernkinderstudien, dass die Konsumation von Rohmilch das Asthma- und Allergierisiko senken. «Rohmilch ist in der Tat ein interessantes Produkt mit möglicherweise schützender Wirkung auf die Entwicklung von Allergien und Asthma. Im Rahmen der Pasteurisation, insbesondere bei der Hocherhitzung, gehen bestimmte Stoffe und die natürliche Bakterienflora der Milch verloren», sagt Stéphanie Bieler dazu. «Aufgrund der Gesundheitsrisiken ist dennoch vom Verzehr von Rohmilch abzuraten», so die Antwort der Fachexpertin Ernährung wie auch vom Epidemiologen.
Doch eine risikofreie Alternative zur Rohmilch steht in Aussicht: Die in Kürze startende MARTHA-Studie, an der Prof. Dr. Markus Ege mitwirkt, überprüft, ob eine nach neuer Methode schonend verarbeitete Kuhmilch ebenso gut vor der Entstehung von Asthma und Allergien schützt wie Rohmilch. «Hierfür bekommen Kleinkinder, sofern sie abgestillt sind, täglich 200 ml Milch und ab 10 Monaten zweimal täglich 150 ml Milch. Eine Gruppe erhält minimal verarbeitete Vollmilch. Heisst: Die Milch wird durch ein mildes thermisches Verfahren so behandelt, dass keine Krankheitskeime übertragen werden können; ansonsten wird die Milch nicht behandelt, sondern nur sprühgetrocknet. Die andere Gruppe erhält herkömmliche ultrahoch-erhitze HMilch mit 1,5% Fettgehalt, die ebenfalls zu Pulver verarbeitet wird», erläutert Markus Ege das Setting. «Bis dreijährig nehmen die Kinder die Milch ein und bis zum fünften Lebensjahr werden sie auf ihren Gesundheitszustand beobachtet.» Wenn sich dabei ein Unterschied in der Häufigkeit von Asthma und Allergien zeigt, dann liesse sich mithilfe der schonend verarbeiteten Milch in Zukunft Asthmaentstehung einfach vorbeugen. Ob die Resultate geeignet sind, den ewigen Streit um die Verträglichkeit von Milch etwas zu entschärfen? Oder werden sie ihn neu entflammen? Wir sind gespannt.