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Autor: Emil Baschnonga
Das Leben im Getto ist nicht nur das „Vorrecht” der Armen. Teure Appartements und Wohnhäuser werden zu geschlossenen Siedlungen ummauert und sind mit dem CCTV Tag und Nacht überwacht. Hinter dem Gittertor breitet sich ein gepflegter Rasen aus, mit Rosen und Blumen umrahmt. Die breite Einfahrt führt zu unterirdischen Garagen. Der Portier in der Loge hilft den rechtmässig Zugelassenen beim Tragen ihrer Einkäufe, besorgt Karten für Konzerte und fürs Theater, reserviert Flüge. Mit anderen Worten: Er dient als „Mädchen für alles“ für die Privilegierten. Sind sie zu beneiden? Keineswegs, denn ein Getto bleibt ein Getto, und darin würde ich ersticken.
Weder ein Strassenhund noch sonst jemand, der keinen triftigen Besuchsgrund hat, wird zugelassen. Ein Gemeinschaftsgefühl besteht dort kaum noch, denn die Bewohner kennen einander nicht mehr. Der Begriff Nachbar ist für sie zum Fremdwort verkümmert. Und fremd sind sie sogar sich selbst gegenüber geworden – entfernt vom wirklichen Leben.
Das einst nachbarlich durchmischte Royal Boroughs von Kensington/Knightsbridge und Chelsea in London ist jetzt weitgehend den Milliardären und Millionären vorbehalten. Vor wenigen Jahren kam es jeweils zu Schlagzeilen, wenn ein Haus über eine Million £ kostete. Viele Reiche kommen aus dem Ausland, wie zum Beispiel der Stahlmagnat Lakshmi Mittal, Sigrid Rausing (Tochter der „Tetra-Pak“-Familie) und Paloma Picasso (Tochter des berühmten Malers). Die übrigen mögen mich entschuldigen, dass ich sie nicht allesamt hier würdigen kann. Die meisten sitzen in Häusern, die heutzutage die Hand für über 20 Millionen Pfund wechseln. Es geht diesen Käufern in 1. Linie um die Prestigeadresse. (Der „post code“ unterscheidet zwischen guten und schlechten Wohnorten.) Ist das Haus nicht nach ihrem Geschmack, wird es entweder abgerissen und neu gebaut oder total umgemodelt – zu einem Kostenaufwand in der gleichen Grössenordnung wie der Hauskauf.
Jetzt möchte das Council (die Lokalbehörde) von Kensington und Chelsea diesem Strom von Zuwanderern Einhalt gebieten, damit die Alt-Eingesessenen nicht ganz verdrängt werden. Ob solche Versuche von „social engineering“ dies verhindern kann, ist fraglich, und ob sie wünschenswert sind, ebenfalls.
Wie können sich Leute in Grossstädten wie London vor Einbrechern und Verbrechern schützen? Letzten Endes werden alle teuren Abwehrtechnologien versagen. Erst wenn das verkümmerte Nachbarsgefühl wieder auflebt, können solche Festungen teilweise entriegelt und ihre Mauern abgetragen werden.
Meine Familie und ich sind diesem Dilemma selbst in Wimbledon ausgesetzt – obschon wir ein sehr bescheidenes Bankkonto haben. Wir sind vor Jahrzehnten hier eingezogen, als es noch möglich war, ein Haus oder eine Wohnung zu einem vernünftigen Preis zu erwerben (selbst dann war es hart, da das Einkommen entsprechend niedriger war). Jetzt werden viele der ehrwürdigen Häuser, die vor rund 100 Jahren gebaut worden sind, zu blossen Investitionsobjekten. Binnen kurzem werden sie auf den modernsten Stand aufgepäppelt und weiterverkauft. Die Häusermakler reiben sich die Hände. Jede Woche flattern ihre auf Glanzpapier gedruckten Magazine in den Briefkasten, mitsamt diskreten Anfragen, ob wir verkaufsbereit seien …
Unsere Nachbarn wechseln fortwährend. Wären nicht einige gute Seelen damit beschäftigt, Neuankömmlinge an einem „coffee morning“ willkommen zu heissen, wüssten wir überhaupt nichts mehr voneinander. Wieviel unser Heim wert ist, lässt mich gleichgültig. Am wichtigsten ist mir, dass wir uns dort in unserer kleinen Oase wohlfühlen.
Hinweis auf ein weiteres Blog zur elektronischen Überwachung
03. 08. 2005: „CCTV: Der elektronisch überwachte Mensch in London“