Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03223.jsonl.gz/2278

Monitor erkennt Absatzmärkte für Schokolade und Käse
Der Käsekonsum pro Kopf stagniert bei höheren Einkommen. Das wirkt sich auf die Exporte in Märkte wie die USA aus. (Bild: Keystone)
Die Wachstumschancen für die Schweizer Nahrungsmittelindustrie liegen – trotz der im europäischen Vergleich hohen Rohstoffpreise – im Export.[1] Denn die inländischen Absatzmärkte sind zunehmend gesättigt. Zudem ist ein verschärfter Wettbewerb durch Importe zu beobachten.
Vor diesem Hintergrund sind für die Exportwirtschaft folgende Fragen zentral: Wie ist es um die Wettbewerbsposition von Schweizer Nahrungsmitteln in Exportmärkten bestellt? Welche Absatzmärkte bieten langfristig betrachtet die grössten Exportpotenziale?
Die Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) versuchte diese Fragen zusammen mit dem Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners, dem Dachverband Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial) und der Handelsförderungsorganisation Switzerland Global Enterprise (S-GE) zu beantworten. Das Projekt «Exportpotenzialmonitor für die Nahrungsmittelindustrie» wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) unterstützt.
Der Exportpotenzialmonitor ist ein Werkzeug, welches die Firmen bei ihren Exportaktivitäten unterstützen und die Exporte langfristig fördern soll. Die Ergebnisse sind öffentlich zugänglich.[2] Diese gilt es nun auch im politischen Kontext zu analysieren.
Kern- und Wachstumsmärkte im Fokus
Die Exportpotenzialanalyse konzentriert sich auf die Produktkategorien[3] «Käse und Quark», «Schokoladenprodukte» und «Getreideprodukte inklusive Backwaren». Für jede dieser Produktegruppen wurden mehr als 20 wichtige, beziehungsweise vielversprechende, Exportmärkte identifiziert.[4]
Die zehn grössten Kernmärkte liegen für alle drei Produktkategorien fast ausnahmslos in Europa und in Nordamerika. Wichtig sind etwa die vier grossen Nachbarländer der Schweiz sowie die USA und Kanada. Die Wachstumsmärkte finden sich mit China, Südkorea, den Philippinen und Thailand vor allem in Asien, in Osteuropa (Russland, Polen, Rumänien), in Süd- und Mittelamerika (Brasilien, Mexiko, Uruguay) und im arabischen Raum (Vereinigte Arabische Emirate, Saudi-Arabien, Kuwait).
Diese Märkte deckten im vergangenen Jahr 97 Prozent aller Käseexporte ab. Beim Getreide gingen 90 Prozent und bei Schokolade 82 Prozent in die untersuchten Destinationen.
Reiche verlieren Appetit auf Käse
Ausgangspunkt für die Schätzung der langfristigen Exportpotenziale ist eine empirische Analyse des Nachfrageverhaltens der Konsumenten in Abhängigkeit von ihrem Einkommen. Abbildung 1 illustriert das Vorgehen am Beispiel von Käse. Die hellgrauen Punkte vergleichen den jährlichen Käsekonsum mit dem jeweiligen Pro-Kopf-Einkommen in US-Dollar für die identifizierten Kern- und Wachstumsmärkte im Zeitraum von 1961 bis 2011.
Abb 1: Globale Nachfragekurve für Käseprodukte(1961 bis 2011)
Anmerkung: Die hellgrauen Punkte zeigen jeweils Beobachtungen in einem bestimmten Jahr in einem gegebenen Land. Die fünfzig Beobachtungen für die USA sind in Dunkelgrau hervorgehoben. Die rote Linie zeigt die Schätzung einer globalen Nachfragekurve, welche alle Beobachtungen berücksichtigt. Die blaue Linie gibt die länderspezifische Schätzung der Nachfragekurve für die USA wieder. Die hellgrüne Linie zeigt schliesslich den zu erwartenden Käsekonsum pro Kopf für die projizierte Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens in den USA in den nächsten zehn Jahren.
Quelle: Faostat, Penn World Tables, UNO, Wellershoff & Partners / Die Volkswirtschaft
Mit zunehmendem Pro-Kopf-Einkommen steigt der Käsekonsum deutlich an, wie die Schätzung einer allgemeinen Nachfragekurve zeigt (rote Linie). Ab einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 40’000 Dollar flacht die Kurve zunächst ab, bevor sie dann sogar zu sinken beginnt. Wie auch theoretisch zu erwarten war, werden Käseprodukte also mit zunehmendem Einkommen nach und nach durch andere Lebensmittel substituiert.
Im nächsten Schritt werden länderspezifische Nachfragekurven geschätzt, um regionalen oder auch kulturellen Unterschieden Rechnung zu tragen. Dazu werden als Datenbasis nur die jeweiligen Beobachtungen eines Landes verwendet – allerdings unter der Nebenbedingung des Verlaufs der allgemeinen Nachfragekurve. Im Falle der USA zeigt sich etwa (blaue Kurve), dass sich die Nachfrage mit wachsendem Einkommen zwar ähnlich, aber nicht identisch verhält.
In einem dritten Schritt wird das Nachfragepotenzial für die nächsten zehn Jahre bestimmt. Dazu werden Projektionen zum Pro-Kopf-Einkommen gemäss dem bei vergleichbaren Projekten erprobten Wachstumsmodell von Wellershoff & Partners[5] mit den länderspezifischen Nachfragekurven verknüpft.
In den USA dürfte das Pro-Kopf-Einkommen in den nächsten zehn Jahren insgesamt um 5 Prozent wachsen. Im gleichen Zeitraum nimmt der Käsekonsum pro Kopf aber lediglich um rund 1,5 Prozent zu (siehe Abbildung 1). Im Jahr 2025 isst der Durchschnittsamerikaner somit 16 Kilo Käse pro Jahr. Dank des angenommenen Bevölkerungsanstiegs von 320 auf 345 Millionen Menschen im selben Zeitraum wächst die Gesamtnachfrage dennoch insgesamt um rund 9 Prozent.
Briten und Chinesen für Schokoladenproduzenten immer wichtiger
Nun hängt die Exportentwicklung aus Schweizer Sicht nicht nur vom Trendwachstum der jeweiligen Absatzmärkte ab, sondern auch von der Wettbewerbsposition der Schweizer Anbieter in den Exportmärkten. So können etwa die Exporte selbst in einem stagnierenden Absatzmarkt gesteigert werden, wenn Marktanteile gewonnen werden.
Um diesem Faktor Rechnung zu tragen, wurde in den jeweiligen Absatzmärkten der Importmarktanteil der Schweizer Hersteller bestimmt. Mithilfe von Einschätzungen der Länderexperten von S-GE wurde schliesslich beurteilt, ob in den nächsten zehn Jahren mit konstanten, sinkenden oder steigenden Importmarktanteilen gerechnet werden kann.
Die Ergebnisse zeigen: Für Schokoladenprodukte ist insbesondere Grossbritannien ein wichtiger Wachstumsmarkt. Dieser aus Schweizer Sicht bereits bedeutende Markt weist hohe Wachstumsraten auf (siehe Abbildung 2). Ebenfalls ein grosses Potenzial bietet China.
Auffällig ist etwa, dass Deutschland zwar aktuell der mit Abstand grösste Exportmarkt für Schweizer Schokoladenprodukte ist, aber nur ein vergleichsweise geringes Marktwachstumspotenzial bietet.
Abb. 2: Exportpotenzialmatrix für Schokoladenprodukte
Anmerkung: Die Grösse der Kreise gibt die Bedeutung der Absatzmärkte aus Schweizer Sicht gemessen am im Jahr 2014 beobachteten Exportanteil wieder. Auf der vertikalen Achse kann das Marktwachstumspotenzial für die nächsten zehn Jahre abgelesen werden, auf der horizontalen Achse die Grösse der jeweiligen Absatzmärkte. Am interessantesten sind die Länder im oberen, rechten Quadranten.
Quelle: EZV, Faostat, Penn World Tables, UNO, Wellershoff & Partners / Die Volkswirtschaft
Nahrungsmittelindustrie verarbeitet mehr Milch und Getreide
Mit einer Wirkungsanalyse, verbunden mit einer Expertenumfrage, wurde auch die Wirkung auf die Märkte und die landwirtschaftlichen Strukturen untersucht. Dabei zeigt sich: In Zukunft wird die einheimische Nahrungsmittelindustrie als Abnehmerin von Schweizer Agrarrohstoffen wie Milch und Weizen noch bedeutender. Insbesondere die Exporte dürften ansteigen.
Im Jahr 2014 ging fast ein Fünftel der total vermarkteten Milchäquivalente als verarbeitete Produkte (etwa als Käse oder Schokolade) ins Ausland. Bei der inländischen Weichweizenproduktion[6] (etwa in Form von Teig, Müesli oder Backwaren) betrug dieser Anteil fast einen Zehntel. Je nach Szenario ist bei der Verarbeitung von Milch zu Schokolade bis zum Jahr 2025 im Vergleich zu heute mit einer Zunahme der Exporte zwischen rund 13 und 38 Prozent zu rechnen. Bei der Verarbeitung zu Käse beträgt das prognostizierte Exportwachstum zwischen rund 10 und 40 Prozent; bei der Verarbeitung zu Getreideprodukten zwischen rund 3 und 9 Prozent.
Dennoch gehen die Agrarexperten davon aus, dass diese zum Teil beachtlichen Mehrmengen die Rohstoffpreise und die Landwirtschaftsstruktur nicht massgeblich beeinflussen. Im Vergleich zu anderen Effekten, wie beispielsweise Agrarschutz, Klima, Währungsschwankungen, können sie sogar vernachlässigt werden.
Mit dem Exportpotenzialmonitor steht den Unternehmen und deren Branchen ein Planungsinstrument zur Verfügung, um Entscheidungsgrundlagen für ihr strategisches Marketing zu haben und langfristige Investitionsentscheide verbessern zu können. Über eine regelmässige Aktualisierung der Daten oder die Aufnahme von neuen Branchen in den Exportpotenzialmonitor werden derzeit Gespräche geführt.
- Wenn sich die Preise in den letzten Jahren leicht angenähert haben, so bleiben die Differenzen trotz des Rohstoffausgleichmechanismus des Bundes bei den Hauptrohstoffen beträchtlich. Das zeigen eigene Berechnungen von den Rohstoffen Milch und Getreide auf der Basis von Daten von Faostat.
- www.zhaw.ch/exportpotenzialmonitor
- Zolltarifnummern 0406; 1806 und 1704.9010; 1901, 1902, 1904, 1905.
- Käse: 22 Länder, Schokolade (27), Getreideprodukte (28), mehr Details unter www.zhaw.ch/exportpotenzialmonitor.
- Für mehr Informationen zum Modell siehe: Wellershoff & Partners, World Growths Until 2030, Critical Perspectives, Ausgabe 4, November 2010.
- inkl. Biskuitweizen.
Zitiervorschlag: Stefan Flückiger ; Felix Brill ; (2015). Monitor erkennt Absatzmärkte für Schokolade und Käse. Die Volkswirtschaft, 24. September.
Die exportierenden Firmen der Schweizer Nahrungsmittelindustrie stehen zunehmend unter Druck. Besonders betroffen sind sie von der Aufhebung der Wechselkurs-Untergrenze zum Euro. Denn Exporte in die EU wurden dadurch auf einen Schlag um knapp 15 Prozent teurer – das ist trotz «Swissness-Bonus» schwer zu verkraften. Dabei wird die «Swissness» durch den Erlass einer speziellen Verordnung über die Verwendung der Herkunftsangabe «Schweiz» für Lebensmittel (HASLV) neu reglementiert. Dies wird zu einem grossen bürokratischen Aufwand und neuen Kosten für diejenigen Firmen führen, die das Schweizer Kreuz weiterhin auf ihrer Verpackung verwenden möchten, was gerade im Export bei vielen Produkten unerlässlich ist. Weitere Regulierungstendenzen unter dem Titel «Grüne Wirtschaft», aber auch die immer geringer werdenden Ausfuhrbeiträge, deren vollständiges Verbot durch die WTO droht, erschweren die Situation zusätzlich. Der Dachverband Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial) sucht aktiv nach Antworten auf diese vielfältigen Herausforderungen. Nebst konstanter Innovation der Produkte und dem bestmöglichen Ausnützen der Rahmenbedingungen, insbesondere der verschiedenen Freihandelsabkommen, hilft dabei auch der Exportpotenzialmonitor. Er schafft einzigartige und massgeschneiderte Möglichkeiten bei der Suche nach neuen Exportmärkten und soll Unternehmer in ihren Bestrebungen, neue Märkte zu erschliessen, bestmöglich unterstützen. – Urs Reinhard Dr. iur., Rechtsanwalt, Co-Geschäftsführer der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial)
Die Handelsförderungsorganisation Swiss Global Enterprise (S-GE) unterstützt Schweizer Nahrungsmittelfirmen dabei, ihr Geschäft zu internationalisieren. Denn trotz Frankenstärke im Euroraum liegen im Export die künftigen Wachstumstreiber der Branche. Die Lebensmittelindustrie profitierte vom globalen Wachstum der Mittelschicht. In den zehn Märkten mit der grössten wachsenden Mittelschicht – von China über Indien bis Brasilien – werden die Ausgaben für Lebensmittel stark steigern. S-GE arbeitet eng zusammen mit den Verbänden der Lebensmittelbranche, um möglichst spezifische Dienstleistungen anbieten zu können. Eine solche Dienstleistung ist der Exportpotenzialmonitor, mit dem die Unternehmungen ihre Exportaktivitäten strategisch planen und weitere Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung haben. Weitere Dienstleistungen sind die Beratung zur Anwendung von Freihandelsabkommen, Begleitung beim Prozess der Internationalisierung, die Teilnahme an Messen. Zudem analysiert S-GE die Zielmärkte im Ausland und vermittelt den Exporteuren lokale Partner. – Jonas Spahn Projektmanager Food und Tourismus, Switzerland Global Enterprise (S-GE)