Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/1591

«Hier ist eine einzigartige musikalische Energie, ein spezieller Groove, den man nirgendwo sonst in den USA findet: die Strassenparaden, Einflüsse der Mardi Gras Indians oder der Brass Bands. Hier ist die Verbindung zu den musikalischen Vorfahren wichtiger als der kommerzielle Aspekt.» Das sind die Worte des Komponisten und Pianisten Allen Toussaint, einer Musiklegende. Seit Jahrzehnten prägt Allen Toussaint den New-Orleans-Sound.
Allen Toussaint wohnt in einem Bungalow – aussen mit Notenschlüsseln verziert, in einer gepflegten Wohngegend. Er trägt ein blaugraues Jackett mit Blumenaufdrucken und wie immer Sandalen. Eine elegante und zuvorkommende Erscheinung.
Alles war kaputt
«Das Haus hier habe ich neu aufbauen müssen», beginnt Allen Toussaint das Gespräch. «Vor ‹Katrina› hab ich direkt im Stadtzentrum gewohnt. Dann bin ich hierher gezogen, weil Wassermassen mein Haus überflutet hatten. Davon war nur noch eine graue Masse übrig geblieben.» Alles war kaputt: Haus, Studio, Kompositionen und Masterbänder. «Aber», fügt er hinzu, «ich war intakt.» Ein bemerkenswerter Pragmatismus.
Allen Toussaint konnte weiterhin kreativ sein. In seinem neuen Heim steht ein grosser schwarzer Flügel, daneben Keyboards und Gitarren. Hier entstehen seine Songs, hier übt und komponiert er.
Livemusik statt Studioaufnahmen
Allen Toussaint musste mehrere Monate nach New York ausweichen. Dieser Aufenthalt eröffnete ihm eine neue Karriere. Früher habe er immer aufs rote Licht für die Aufnahme im Studio gewartet, sagt er. In New York aber habe er mit 67 die Livemusik und die Bühne entdeckt. Seitdem steht er im Rampenlicht. So ist auch das Album «Songbook» entstanden: Darauf erzählt er die Geschichte der Musik von New Orleans.
Der Wirbelsturm «Katrina» hat vielen Musikern ermöglicht, über die Grenzen von New Orleans hinaus bekannt zu werden. Die Rebirth Brass Band etwa kehrte kurz nach dem Wirbelsturm nach New Orleans zurück und gab im damaligen Katastrophengebiet Konzerte. Damit hat sie entscheidend zum Wiederaufbau der Stadt beigetragen, sich einen Namen als «Botschafter von New Orleans» gemacht und einen Grammy erhalten.
Der Glaube an die Musik
Ein weiterer Musiker mit einer wichtigen Mission nach «Katrina»: der Jazz-Trompeter Irvin Mayfield. Als offizieller Kulturbotschafter von New Orleans und Sprecher der örtlichen Musiker hat er den Jazz wieder nach New Orleans zurückgeholt.
Kurz nach «Katrina» musste er am eigenen Leib einen schmerzlichen Verlust erfahren. Sein Vater kam beim Hurrikan ums Leben. Der Glaube an die Musik hat dem 38-jährigen Trompeter bei der Trauerarbeit geholfen. «Grossartige Musik spendet dir Trost», so Irvin Mayfield, «und vor allem der New-Orleans-Jazz gibt dir ein unbeschreibliches Gefühl.»
Neue Bühnen, neue Clubs
«New Orleans hat immer anders getickt als das restliche Amerika. Nirgendwo sonst in den USA ist das musikalische Erbe derart breit gefächert», erklärt Pianist Jon Cleary und fährt fort: «In den vergangenen Jahren haben ungefähr 100'000 Menschen New Orleans für immer verlassen.» Dafür seien 50'000 hierhergekommen – darunter viele Musiker auf der Suche nach dieser einzigartigen musikalischen Vielfalt. Hier sind so viele neue Bands mit ausgezeichneter Musik.
Die Musikszene in New Orleans ist zehn Jahre nach «Katrina» genauso lebendig wie zuvor – vielleicht noch dynamischer. In der Stadt sind mehr Livebühnen und Clubs als je zuvor entstanden. Die Rebirth Brass Band zählt viele neue Mitglieder. Bandgründer Philip Frazier hält unbeirrt an New Orleans fest: «Wenn diese Stadt untergeht, dann gehe ich mit unter.»
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.8.15, 16:20 Uhr
Hurrikan «Katrina»
Vom 23. bis 30. August vor zehn Jahren fegte ein verheerender Hurrikan über die südöstlichen Teile der USA. Durch den Sturm und seine Folgen kamen etwa 1800 Menschen ums Leben. Die Stadt New Orleans wurde fast vollständig zerstört.