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«Über die Liebe zu sprechen ist wie über Architektur zu tanzen», heisst es in einem Hollywood-Film aus dem Jahr 2000, der mit diesem Dokumentarfilm überhaupt nichts zu tun hat. Was beide Filme aber verbindet, ist die Problematisierung der Begrifflichkeit. Wie spricht man eigentlich über etwas, dass sich nur schwer in Worte kleiden lässt? Bei der Umschreibung eines Klanges muss die Sprache, und sei sie noch so präzise, zwangsläufig versagen. «Der Ton atmet nicht», klagt der Pianist Pierre-Laurent Aimard, der sich auf die CD-Aufnahmen von Bachs «Die Kunst der Fuge» vorbereitet. Was könnte er meinen? Stefan Knüpfer, Cheftechniker und Klavierstimmer bei Steinway & Sons in Wien, guckt ein wenig ratlos, nickt aber zustimmend. Er weiss, dass Worte hier nicht ausreichen und probiert werden muss, mehrmals, immer wieder. Im Folgenden geht es um füllige, warme, geöffnete, intime, saubere, sonorige, runde, schlanke und scharfe Töne, um Duft, Farbe und Kraft, die ein Ton haben kann, um «den zeitlichen Moment im Ton», wie es einmal heisst. «In dem Klavier ist keine Magie», beklagt sich ein anderer Pianist, Julius Drake, und auch für diese vage Beschwerde wird Knüpfer eine Lösung finden. Neben dem fachlichen Wissen und dem handwerklichen Können scheint zum Beruf des Klavierstimmers auch eine Art Siebter Sinn zu gehören: das intuitive Erfassen eines unzureichend geäusserten Wunsches.
Stefan Knüpfer, Jahrgang 1967, ist – wenn man so will – der Star dieses Dokumentarfilms von Lilian Franck und Robert Cibis. Mit dem dichten blonden, zur Seite gescheitelten Haar und der fast ovalen Nickelbrille versprüht er einen spitzbübischen Charme, der so gar nicht zur Bedeutung und Wichtigkeit seines Berufs passen will. Die Regisseure begleiten Knüpfer in seinem Arbeitsalltag mit den bereits genannten Pianisten, aber auch mit Lang Lang und Alfred Brendel, die sich auf ihre Konzerte vorbereiten und dafür ein perfekt auf ihre Wünsche abgestimmtes Piano erwarten. Knüpfer fährt nach Hamburg, um ein Piano zu kaufen, er fährt nach Graz, um ein Konzert vorzubereiten. Nicht einmal für die Sketche des Komikerpaares Igudesman und Joo, die die elitäre Klassikwelt mit ihrem Bildungsdünkel und affektiertem Gehabe auf die Schippe nehmen, ist er sich zu schade. Auch hier bringt der gebürtige Hamburger mit Lust und Engagement seine Ideen ein, und seien sie noch so einfach. Da reicht schon mal ein abgeschraubter Fuss, um eine komische Pointe zu erzielen.
Im Zentrum des Films steht aber die Zusammenarbeit mit Aimard. Pianomania beginnt ein Jahr vor den eigentlichen CD-Aufnahmen. Der Ausnahmepianist hat sich den Konzertflügel Nr. 109 ausgesucht. Die Steinwaypianos haben alle eine Fabrikationsnummer, mit der sie fast liebevoll benannt werden («Der 109er»), und sind unverwechselbar. Aimard ist nun auf der Suche nach dem perfekten Klang. Mal soll der Flügel wie ein Cembalo klingen, mal wie ein Clavichord. «Wie nennen wir das, damit wir uns verstehen?» Das Problem der Kommunikation zieht sich durch den ganzen Film. Knüpfer hört sich geduldig und verständnisvoll alles an. Nichts ist ihm zu abwegig, nichts scheint ihm unmöglich. Und dann geht er mit Leidenschaft an die Arbeit. Er recherchiert in der Hofburg und lässt sich Cembalos und Spinette vorspielen. Er experimentiert mit Schalldämpfern aus Filz und mit gläsernen Klangspiegeln, die den Ton festhalten oder in eine gewünschte Richtung lenken. Er schraubt und zieht fest. Dabei schaut ihm die Kamera genau zu. Klavierstimmen ist, hat man erst einmal die Verständigungsprobleme überwunden, vor allem eine handwerkliche Tätigkeit.
Knüpfer ist so etwas wie der Erzähler des Films. Eloquent erklärt er den Regisseuren (und somit auch dem Zuschauer), was er gerade tut, wo die Probleme liegen, wo die Lösungen. Knüpfer wird mit seinen Fähigkeit, alles genau zu umschreiben, zum Glücksfall von Pianomania, nicht zuletzt wegen seiner Schlagfertigkeit und seines Humors. So würde beispielsweise Aimard immer erst ein Kompliment vorausschicken, um dann seine Bedenken zu äussern: «Das klingt interessant, aber …» Knüpfer betont dieses «Aber» demonstrativ mit gequältem Gesichtsausdruck. Noch schlimmer sei es, wenn Aimard sagen würde «Eine Frage!» Dann würde es spannend. Knüpfer kennt seine Pappenheimer, und in der nächsten Szene kommt genau diese Phrase vor – zur Freude des Zuschauers, der unwillkürlich lachen muss.
Pianomania überzeugt auch immer wieder durch Fundstellen, die wie zufällig am Wegesrand liegen. So wird der 109er nach Australien verkauft, Aimard wird nicht auf ihm spielen können. Auch die klassische Musik ist ein Geschäft, in dem ein Mehrwert erwirtschaftet werden muss – ohne Rücksicht auf künstlerische Überlegungen. Bemerkenswert auch der Einwurf eines Mitarbeiters der Hofburg, der den modernen Konzertflügel als «faszinierende Musikmaschine» bezeichnet, «die so aggressiv ist, dass ich nicht einmal eine Saite – ohne mich blutig zu machen – aufziehen kann.» Mindestens drei Männer seien nötig, um ihn zu tragen – «eine unmenschliche Dimension».
Die Perfektion des Klanges, die es während des ganzen Filmes zu erreichen gilt, wird nie infrage gestellt. Sie ist etwas Erstrebenswertes, um das man sich ständig bemühen muss. Das mag für Laien mitunter befremdlich wirken. Muss denn immer alles perfekt sein? Und doch kann man als Cineast diese extreme Spezialisierung, die für Knüpfer nichts «Neurotisches» hat, wunderbar nachvollziehen. Pianomania handelt von Besessenen – am Klavier und im Kino.