Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/209

mehr
Hauptgewicht ist aber auf Hebung [* 2] des Kräftezustandes durch reizlose, eiweiß- und fettreiche Nahrung zu legen. Auch kann man, wie bei chronischen Metallvergiftungen, warme Bäder anwenden.
Von der chronischen Form unterscheidet man die akute Arsenikvergiftung, welche infolge von einmaliger oder rasch wiederholter Einführung einer größern Quantität arseniger Säure auftritt. Je nachdem das Gift gelöst oder ungelöst eingenommen wird, tritt nach einigen Minuten oder erst nach längerer Zeit heftiges Erbrechen zunächst von genossenen Speisen, weiterhin von galliger oder selbst blutiger Flüssigkeit ein. Gleichzeitig stellt sich das Gefühl von großer Trockenheit, Brennen und Zusammenschnüren im Schlunde nebst Schlingbeschwerden und heftiger Schmerz in der Magengegend ein.
Der letztere verbreitet sich bald über den ganzen Leib, welcher aufgetrieben erscheint, heftige Diarrhoe, zum Teil von blutiger Flüssigkeit, gesellt sich hinzu. Dabei wird die Haut [* 3] kalt und klebrig, der Puls unregelmäßig, klein und frequent, das Atmen rasch und mühsam. Bisweilen zeigen sich Harnbeschwerden und Blutharnen, kurz das ganze Krankheitsbild hat große Ähnlichkeit [* 4] mit der Cholera und ist auch wiederholt mit dieser verwechselt worden. Früher oder später treten Zittern, Krämpfe, Ohnmachten hinzu. In andern Fällen treten die Erscheinungen vom Magen [* 5] und Darm [* 6] zurück hinter den mehr nervösen Symptomen, d. h. heftigem Kopfschmerz, Delirien, Ohnmachten, Muskelschwäche, Krämpfen, Lähmung, Unempfindlichkeit, und der Tod erfolgt weit rascher, bisweilen schon nach einigen Stunden.
Meist jedoch endet die Vergiftung erst nach zwei bis drei Tagen mit dem Tode, besonders infolge der Magen- und Darmentzündung. Nur sehr rasche Hilfe kann bisweilen noch retten, und es ist dann vollständige Genesung möglich; bisweilen bleiben jedoch einzelne Leiden, [* 7] z. B. Lähmungen, zurück. Nicht immer ist der Krankheitsverlauf der Arsenikvergiftung ein so charakteristischer, daß derselbe nicht mit andern Krankheiten verwechselt werden könnte, und es gehört daher stets der bestimmte Nachweis des Giftes im Erbrochenen oder in der Leiche dazu, um mit Sicherheit eine Vergiftung behaupten zu können.
Dieser Nachweis des Arseniks im Mageninhalte gelingt in der Regel leicht, wenn es in hinreichender Menge eingeführt wurde. Die kleinen, griesähnlichen, weißen Körnchen sind geradezu charakteristisch. In allen Fällen wird man sich jedoch noch des Marshschen Verfahrens (s. Arsenwasserstoff) bedienen, um das Vorhandensein von Arsenik absolut festzustellen. Mittels desselben kann Arsen in längst begrabenen Leichen mit Sicherheit noch nachgewiesen werden.
Die Behandlung der akuten Arsenikvergiftung hat zunächst die schleunigste Wiederentfernung des Giftes aus dem Organismus und, soweit dies nicht möglich, seine Neutralisierung durch Gegengifte, sodann die Heilung der trotz alledem eingetretenen Krankheitserscheinungen zu bezwecken. Sobald Arsenik genommen worden ist oder wenigstens dringender Verdacht der Vergiftung besteht, suche man vor allem Erbrechen herbeizuführen durch Kitzeln des Schlundes und reichliches Trinken von lauem Wasser, lauer Milch, Eiweißlösung, Olivenöl oder irgend welchem schleimigem Getränke.
Zugleich reiche man Brechmittel (schwefelsaures Zinkoxyd, Ipecacuanha), oder man bediene sich, wo dies gerade möglich ist, der Magenpumpe. Um die arsenige Säure, die am häufigsten bei der akuten Vergiftung in Betracht kommt, im Magen und Darm unschädlich zu machen, giebt man Eisenoxydhydrat mit heißem Wasser gemischt in möglichst großen, oft wiederholten Gaben, oder in derselben Weise das durch Anrühren der gebrannten Magnesia mit Wasser gewonnene Magnesiahydrat so lange, bis das heftige freiwillige Erbrechen nachläßt oder man sonstwie annehmen darf, daß das Gift genügend neutralisiert sei. Bei Vergiftungen mit Arsensäure verfährt man ebenso. Das bis 1890 offizinell gewesene Gegengift der arsenigen Säure (Antidotom arsenici) der Deutschen Pharmakopöe (2. Ausg. 1882) wird dargestellt, indem 60 Teile Liquor ferri sulfurici oxydati mit 120 Teilen Wasser verdünnt, andererseits 7 Teile gebrannte Magnesia mit 120 Teilen Wasser innig verrieben und beide Flüssigkeiten gemischt werden; es wird nur zum augenblicklichen Gebrauch bereitet und alle zehn Minuten ein Eßlöffel gereicht.
Die Hauptvorschrift für den Laien ist bei diesen wie bei allen raschen Vergiftungen folgende: Man schicke sofort gleichzeitig zum Apotheker und zum Arzte und übersende, wenn noch ein Teil des angewandten Giftes vorhanden ist, dasselbe dem Apotheker, oder wenn man von dem genommenen Gifte sonstwie Kenntnis hat, melde man wenigstens dies, damit sogleich das Gegengift herbeigeschafft werden kann und der Arzt dasselbe bereits zur Anwendung vorfindet. Bis der Arzt kommt, befördere man das Brechen auf alle Weise und reiche, wenn die Ankunft des Arztes sich verzögert, das Gegengift sofort selbst. -
Vgl. Bunsen und Berthold, Eisenoxydhydrat, das Gegengift gegen arsenige Säure (2. Aufl., Gött. 1837);
Schuchardt, Untersuchungen über die Anwendung des Magnesiahydrats als Gegenmittel gegen arsenige Säure und Quecksilberchlorid (ebd. 1852);
Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter (4 Bde., Lpz. 1871-78).