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Das vorliegende Buch setzt sich mit der Ambivalenz von Religionen im Zusammenhang mit der Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Die Untersuchung ist geleitet von der Feststellung, dass Religionen «vitale politische und kulturelle Gestaltungskräfte» sind und trotzdem in Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit lange vernachlässigt wurden. Die Publikation geht den Ursachen nach und schildert die Prozesse, die dazu führten, dass das Thema nun auf der internationalen Agenda steht.
Anne-Marie Holenstein, in entwicklungspolitischen Kreisen als langjährige Sekretärin der Erklärung von Bern und später als Leiterin des Fastenopfers bestens bekannt, setzt den Anfangspunkt der Entwicklungshilfe (EH), später Entwicklungszusammenarbeit (EZA) mit der Rede von Präsident Truman 1949 an. Nach dem 2. Weltkrieg hat er in der historischen Rede in «Point Four» die Entwicklungspolitik begründet. Es war geistig der Übergang von der Mission zur Entwicklungshilfe, für viele die Transformation vom Sakralen zum Säkularen. Im Westen wurde dieser historische Übergang zum Teil bis heute nicht wahrgenommen oder missverstanden oder, wenn festgehalten, dann bloss einseitig als westliche, politische Erklärung betrachtet. Natürlich war die Erklärung von Truman wichtig, doch nicht zu vergessen ist der globale Hintergrund; mit Ende des 2. Weltkriegs setzt auch die Periode der Entkolonisierung ein. Holenstein greift in dieser Sache meiner Ansicht nach historisch zu wenig weit aus. Sie vermittelt sehr viel Wissen, jedoch zu wenig über den dramatischen Übergang weltweit betrachtet in den fünfziger und sechziger Jahren. Etwa mit Bandung 1955, wo die afroasiatischen Länder und Ex-Kolonien sich als non-aligned countries, als Blockfreie, zu einem eigenen Block formierten. Mit der Unabhängigkeit oder der Befreiung rund um 1960 ging etwas zuende, das vorher sich verdeckt als Missionierung und Religion ausgab. Mit dieser Zeit tritt auch die UNO als neue Kraft auf das Weltpodest.
Ich vermisse die Einarbeitung der wichtigen Vorgänge innerhalb der protestantischen und der katholischen Kirche, die langzeitige Ton-Gebung durch den Ökumenischen Weltkirchenrat ÖRK mit den wichtigen Vollversammlungen von Amsterdam 1948, Evanston 1954, Neu Delhi 1961 und Uppsala 1968 mit dem Motto: Siehe, ich mache alles neu, oder katholischerseits mit dem 2. Vatikanischen Konzil unter Papst Johannes XXIII. Die Sechziger-Jahre stellten ein lebendiges Erwachen der beiden Kirchen dar. Der Schwung verebbte rasch. Warum? Kann das sogar eine Warnung für den neuen Aufschwung heute sein?
Mission und somit Religion waren aufgrund des Kolonialismus fragwürdig geworden. Es war daher auch die Stunde der westlichen Aufklärer und Linken, Atheisten und Kommunisten, die in Bausch und Bogen auf diesem etwas verwirrenden Hintergrund jegliche Religion verwarfen. Zu Beginn der EZA wollten die Engagierten die Kirchen – und weitgehend auch Religion – draussen haben, und so unterschied man zwischen Mission und Entwicklung. Nun, seit etwa 2000, kommt Religion zurück, oftmals verworren und auch versteckt zwischen Spiritualität und Esoterik, Magie und sogar Hokuspokus.
Es hätte mehr über die Hilflosigkeit des gesamten Westens gegenüber dem Islam einfliessen können, denn das ganze Problem ist nur in dieser weiten und breiten Kontextualisierung fassbar – sowohl der Zurückhaltung als auch des Aufbruchs. Wie dann die Fallstudien (95–180) aus der Karibik, Lateinamerika, Nordafrika, Afghanistan und Jugoslawien zeigen, geht manches primär auf traditionelle Werte, die zum Teil von der Religion aufgenommen, weitergeführt und noch heute prägend sind, zurück. Man hätte daher wohl mehr mit der anfänglich erwähnten Multi-Religiosität arbeiten sollen. Wie Entwicklung niemals eindimensional (126) abläuft, so erst recht Religion; etwas sturer bleiben höchstens die Kirchen. Nicht nur religion matters (90), sondern ineinander verschränkt und gleichzeitig ist vieles von Belang.
Man spürt natürlich den schulischen (zu wissenschaftlichen) Hintergrund der Studie, wo fleissig möglichst viele AutorInnen zitiert und kommentiert werden (der traditionelle Autoritätsbeweis). Der Praktiker vermisst bis zum Teil mit Fallbeispielen (ab S. 95) Konkretes und Aktuelles aus dem EZA-Bereich. Es fehlt an Anschaulichkeit. Es geht um den theoretischen Vorgang der Rückkehr der Religion in die EZA. Der Arbeit fehlt es an historischer Kontextualisierung; zudem ist sie viel zu eurozentrisch – damit war zu rechnen, wenn man sich so stark auf den schweizerischen Vorgang beschränkt. Es wird zu wenig klar zwischen Religion, Kirchen, Konfessionen, «Sekten» und Spiritualität unterschieden. Kultur und Religion sind Geschwister.
Zentral ist und bleibt die Ambivalenz. Alles kann sich ins Gegenteil kehren; gut bleibt nicht immer gut; nichts bleibt ewig böse. Religion ist genauso ambivalent wie Entwicklung. Auch Berührungsängste müssten vermehrt überwunden werden; so war es zwar erstaunlich, aber dennoch wegbereitend, dass die Weltbank (69) der Religion Beachtung schenkte.
Das Buch gibt viele Anregungen. Es gilt nun, weiter und breiter nachzudenken, um überall, global und dennoch immer anders zu konkretisieren, sich mit dauernden Widersprüchen zu befassen, nicht nach Verallgemeinerungen, sondern lokalen Anpassungen zu suchen. Ob man sich verbrennt oder nicht, wir haben vermehrt ethisch (nicht moralisch) denken zu lernen. Anne-Marie Holenstein und ihr Forschungsteam können ein Vorbild für ein Vorgehen sein.
Al Imfeld
|Kategorie||Buch|
|Titel||Religionen – Potential oder Gefahr? Religion und Spiritualität in Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit.|
|Autor||Anne-Marie Holenstein (u.a.)|
|Verlag||ReligionsRecht im Dialog Bd 9. LIT Verlag, Wien & Bern|
|Erscheinungsdatum||2010|
|Preis||0.00|