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40 Jahre Karriere, über 160 Filme und zwei Césars sind eine schöne Bilanz für einen Filmtechniker in der Schweiz. Der Toningenieur François Musy ist Ehrengast der nächsten Solothurner Filmtage.
Von Pascaline Sordet
Von aussen sieht man nichts. François Musys Studio in Rolle ist von der Strasse her nicht zu sehen. Doch kaum ist man im Innern – Achtung Stufe! – enthüllen sich Kabelregale, Filmklappen und Aufnahmegeräte im schallgedämpften Labyrinth der Studios. Der Hauptraum öffnet sich auf einen ruhigen Innenhof, von dem aus man Vögel und beinahe das nahe Seeufer hört. Eine Frau am gegenüberliegenden Fenster grüsst.
Der Hausherr hat eine tiefe, ruhige und runde Stimme, die zum Zuhören einlädt – obwohl es doch er ist, der zuhört. Der diskrete Mann, welcher den Ton von Godard, Garrel und Giannoli einfängt und artikuliert, ist von der Schweizer Presse selten beachtet worden. Er erinnert sich noch an ein Interview in den Cahiers du Cinéma von 1984, sogar an dessen Titel: «Les mouettes du pont d‘Austerlitz» (Die Möwen der Austerlitzbrücke). Sein Name, selten erwähnt, ist von einer Aura gut gehüteter Geheimnisse umgeben.
Raum schaffen
Auf dem Bildschirm des Studios schaut uns Penelope Cruz an. Um über seine Arbeit zu reden, hat der Toningenieur einen fertig bearbeiteten Film ausgesucht, «Die Königin von Spanien» (La reina de España) von Fernando Trueba, welcher Anfang Jahr gedreht worden ist. Er spielt einen Ausschnitt ab, die Schauspielerin spricht Spanisch, eine Sprache, die François Musy nicht beherrscht. Statt eines Problems sieht er darin eine Chance – das Nichtverstehen macht ihn «hellhöriger» dafür, was die Schauspieler sagen: «Auf Französisch gibt es viele feine Intonationen, welche im Kopfhörer vollkommen natürlich wirken, die man aber in der Montage nicht mehr versteht.» Dreht man einen Film in einer Fremdsprache, muss man also ganz besonders auf die Sprechweise und solche Feinheiten achten. «Es ist kein Unterschied, ob man einen Film auf Polnisch, Chinesisch oder Indisch macht», erklärt der Tonmeister, welcher gerade an einem Film von Anup Singh arbeitet, «gedreht in einem speziellen Dialekt aus dem Norden Indiens». Hinter seinem pragmatischen Tonfall verbirgt sich jedoch eine spürbare Begeisterung für die Stimmen der Schauspieler: «Das alles ist Musik.»
Derselbe Ausschnitt, zweites Anhören, diesmal nur die Direkttonspur: Der Unterscheid ist zugleich minim und erstaunlich. Minim, weil die Qualität des O-Tons atemberaubend, reich und sauber ist; erstaunlich, weil einem ohne die Montage bewusst wird, wie der Raum von weiteren Geräuschspuren geschaffen wird, die Details wie Schritte oder Dinge, die herunterfallen, verstärken. Eine ganze Küche, perfekt orchestriert, welche man spürt und nicht nur hört. Dann stellt François Musy wieder alle Tonspuren an, «und das ergibt einen Film».
Der Direktton ist entscheidend
Seine renommierten Zusammenarbeiten, die Präsenz auf internationalen Bühnen, seine Karriere von vier Jahrzehnten schreibt François Musy zwei Eigenschaften zu: an alle Filme mit dem gleichen Engagement heranzugehen und am Direktton festzuhalten. Daher ist es ihm auch besonders wichtig, weiterhin zu drehen, was er durchschnittlich zweimal im Jahr tut. «Die Dreharbeiten sind magische Momente in der Beziehung mit den Schauspielern und erlauben es auch, sich der Schwierigkeiten mit dem Direktton bewusst zu bleiben, welche es seit etwa fünfzehn Jahren mit dem zunehmenden Lärm gibt. Man muss sich vorstellen, dass heute, wenn hundert Leute auf dem Set arbeiten, es auch hundert potentielle Telefonlinien gibt.»
Auf dem Set geht es um Mitarbeiterführung. François Musy spricht von der Zeit, die er damit verbringen muss, alles zu kontrollieren, was den Klang im Film stören könnte, von den Dreharbeiten, die selten still und diszipliniert sind, von der Zusammenarbeit mit den anderen Technikern, von einer Tradition des Direkttons, an der er hängt, die er aber immer mehr entschwinden sieht, von den Stagiaires, welche zu den Fenstern eilen, um sie zu schliessen. Ohne Bitterkeit spricht er von den Veränderungen, welche er beobachtet.
Hinter dem Festhalten am Direktton verbirgt sich allerdings kein theoretischer Diskurs, auch kein Fetischismus. Ist eine Aufnahme nicht gut, so behält man sie nicht, versteht man wegen der Maschinerie die Dialoge nicht mehr, so muss man andere Lösungen finden. Es ist einfach eine Arbeitsweise, welche er schätzt, gemeinsam mit den Regisseuren, mit denen er arbeitet, egal um welche Gattung, Geschichte oder um welchen Ansatz es geht. François Musy theoretisiert auch nicht darüber, wie ein Ton sein sollte oder was die Eigenart seiner Arbeit ausmacht. Gibt es also keinen Musy-Klang? «Meine Schwester behauptet, es gebe ihn. Sie sagt, sie wisse, dass ich den Ton gemacht habe, bevor sie meinen Namen im Abspann sieht. Aber sie ist meine Schwester.» Er sagt einfach, dass er die Stimmen, die schönen Ambiancen mag, dass er versucht, schöne Räume zu schaffen, dem Wesen eines Films nahezukommen, und «wenn die Leute mich nach vierzig Jahren immer noch anrufen, dann funktioniert das offenbar.»
Erste Schritte mit Godard
Die Arbeit ist also die Quintessenz seiner Karriere, aber diese verdankt sich auch glücklichen Gelegenheiten, denn «es gibt keinen Zufall, man stellt ihn her.» Nach seiner Ausbildung in Genf macht der Toningenieur seinen ersten Film als Tonmeister im Film «Passion» von Jean-Luc Godard. Eine «geniale Erfahrung für einen kleinen Schweizer, wie ich es war.» Er kommt durch die grosse Tür zum Film, trifft auf Schauspieler wie Michel Piccoli, die er bewundert, arbeitet mit Raoul Coutard an der Kamera: «Ich wurde wirklich sehr beschützt, ich habe sehr schöne Erinnerungen.»
Wie aber provoziert man einen solchen Zufall? «Godard suchte jemanden, der für den ganzen in der Schweiz gedrehten Teil die Playbacks abspielen sollte. Ich hatte gerade meine praktische Ausbildung absolviert und Raoul Coutard kennen gelernt. Mittlerweile hatte ich auch den ‹Brief an Freddy Buache› (Lettre à Freddy Buache) von Godard gemacht. Nach dem ersten Drehtag hat man mich kommen lassen. Ich dachte, ich hätte irgendeinen Mist gebaut, aber das ganze Team war versammelt und Jean-Luc hat angekündigt, dass Jean-Pierre Ruh, der Tontechniker, gehen würde. Dann hat er mich gefragt, ob ich den Film an seiner Stelle machen wolle. Mit fündundzwanzig ist man ja vollkommen leichtsinnig...»
Ingenieur in seinen eigenen vier Wänden
Die beiden Männer verstehen sich, zumal sie an weiteren Filmen zusammenarbeiten, namentlich in «Prénom Carmen» oder «Film Socialisme», und das Studio Nos Sons Mix zur Zeit seiner Gründung 1992 die Räumlichkeiten mit dem Regisseur teilt. Der ehemalige Schneideraum von JLG ist nun das zweite Studio von François Musy, welcher im Duo mit seinem Sohn Renaud Musy arbeitet. Ich frage ihn, inwiefern es für einen Toningenieur wichtig sei, in seinen eigenen vier Wänden zu sein, abgesehen vom logistischen Aspekt. «Sie müssten die Frage eigentlich anders stellen. Wenn der Regisseur eine Montage zum ersten Mal auf einem kleinen Bildschirm mit zwei misslichen Lautsprechern sieht, dann ist das doch nicht dasselbe, wie wenn er hier ist, oder? Voilà, damit haben Sie Ihre Antwort.» Plötzlich wird er ernster und erklärt, dass er parallel zur Tonmontage immer gleichzeitig mischt, so dass er das Endresultat fortlaufend verfolgen kann.
Ein komfortables Arbeiten also, welches die Schweizer Autoren, vor allem die jungen, nicht immer suchen. Ich frage ihn, ob er zwischen den sechs Filmen pro Jahr, bei denen er sich um die Montage und die Mischung kümmert, auch kleinere Projekte annimmt, zum Beispiel Kurzfilme, so wie es viele Techniker anderer Sparten tun: «Wenn man uns anruft! Vor ein paar Jahren», meint er trocken, «habe ich in Solothurn einen Preis gewonnen und damit eine beachtliche Summe. Ich war sehr geschmeichelt. Ich sagte: Wenn ihr im kommenden Jahr Kurzfilme habt, seid willkommen! Doch niemand hat angerufen.» Durch solche Projekte entstehen jedoch Begegnungen, wie jene folgenreiche mit Xavier Giannoli, dessen siebten Spielfilm er demnächst drehen wird.
Am 21. Januar nimmt François Musy im Rahmen der «Rencontre» an einem Gespräch teil, am 22. Januar gibt er eine Masterclass.
▶ Originaltext: Französisch