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Je näher man zu seiner eigenen Gegenwart kommt, um so schwieriger wird eine Geschichtsschreibung. Kenny ist sich dieser Problematik durchaus bewusst und thematisiert sie auch in der Einführung zum vierten und letzten Band seiner Philosophiegeschichte. Denn dieser Band dreht sich um die ‚Moderne‘, d.h. das 19. und das 20. Jahrhundert. Die Kapiteleinteilung ist die folgende:
- Von Bentham bis Nietsche
- Von Peirce bis Strawson
- Von Freud bis Derrida
- Logik
- Sprache
- Erkenntnistheorie
- Metaphysik
- Philosophie des Geistes
- Ethik
- Ästhetik
- Politische Philosophie
- Gott
Die Zahl der Fachgebiete hat sich also nochmals erhöht. Die Logik, die in Band III weggelassen wurde, ist zurück; ganz neu ist nun die Ästhetik. Das lässt sich philosophiehistorisch auch begründen. Problematischer empfinde ich andere Entscheidungen Kennys, Entscheidungen, die ihn definitiv als Philosophiehistoriker mit einem auf die angelsächsische Kultur beschränkten Blick ausweisen und die machen, dass v.a. der letzte Band für einen Kontinentaleuropäer nur bedingt brauchbar ist.
Sicher, Kenny ist in der Lage, Nietzsche zu beschreiben, ohne auf das obsolete Konvolut des „Willens zur Macht“ zurückzugreifen, auch nicht inhaltlich. Das ist ebenso positiv hervorzuheben, wie die Tatsache, dass er in Band III Hegel sachlich und korrekt schildern konnte. Aber die kontinentaleuropäische Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts scheint für ihn (ausser aus Nietzsche) nur aus Frege und später Husserl und den Neopositivisten im weitesten Sinne zu bestehen. Bergson, der für Russell noch wichtig war, wegzulassen, ist vertretbar, aber bewusst den ganzen Neukantianismus nicht zu behandeln, ein grosser Fehler (gerade für die Erkenntnistheorie!). Dafür mischt Kenny Freud in seine Philosophiegeschichte, der zwar in einer Geschichte der europäischen Kultur oder meinethalben auch des europäischen Denkens durchaus einen Platz haben müsste (unabhängig davon, wie man zu seiner Psychoanalyse steht – sie war sehr einflussreich), der aber wohl den Menschen auf der Strasse und dann auch v.a. den Künstler, den Schriftsteller, viel mehr beeinflusst hat als den Philosophen von Profession, und der sich auch selber nie als Philosoph betrachtet hat (was Kenny sogar zugibt). Kierkegaard wird vorgestellt; aber die grosse Kierkegaard-Rezeption des Existentialismus mitsamt dem Existentialismus selber praktisch völlig übergangen: ein paar dürre Worte zu Sartre und Jaspers, nichts zu Camus, nichts zu Simone de Beauvoir. Der von Kenny nach wie vor anvisierte Student der Philosophie erhält den Eindruck, dass im 20. Jahrhundert ausser in der Logik und der Sprachphilosophie nichts Nennenswertes, und in Kontinentaleuropa spätestens seit dem Ersten Weltkrieg sowieso gar nichts passiert wäre. Bzw., dass die grösste Errungenschaft kontinentaleuropäischen Philosophierens jener Jacques Derrida wäre, von dem selbst Kenny nur sagen kann:
Im Spätwerk Derridas gibt es keine Lehren, die man vorstellen könnte.
und sogar zugibt:
Es ist jedoch nicht überraschend, dass sein Ruf in philosophischen Seminaren nicht denselben Ruf erreichte, den er in literaturwissenschaftlichen Seminaren genoss, deren Vertreter weniger geübt darin sind, echte von falscher Philosophie zu unterscheiden.
Das gilt zwar m.M.n. auch für Freud, den er trotzdem vorstellte. (Und zwar nicht einmal mit dessen kulturtheoretischen Werken, sondern mit der – „Traumdeutung“.)
Daneben merkt der geneigte Leser, dass Kenny selber in der Tradition der logisch-analytisch-sprachphilosophischen Tradition gross wurde, die den angelsächsischen Raum seit etwa einem Jahrhundert beherrscht. Wittgenstein – v.a. der späte Wittgenstein des Sprachspiels – scheint sein grosses Ideal zu sein; nicht verwunderlich, empfindet er sich doch selber als Schüler des Wittgenstein-Schülers Henrik von Wright. Dass auch Kenny Betrand Russells Selbststilisierung aufsitzt und Wittgenstein zu dessen Schüler macht, wundert mich nicht angesichts der Tatsache, dass Janik/Toulmins „Wittgenstein’s Vienna“ in der Literaturliste fehlt.
Schon in den früheren Bänden schimmerte Kennys Zentrierung auf die Philosophie der britschen Inseln immer mal wieder durch – am wenigsten oder gar nicht nur im ersten Band. Nun ja, bei den alten Griechen ist es schwierig, britische Philosophen auszumachen. Aber schon im „Mittelalter“ und in der „Neuzeit“ werden britische Lokalmatadoren vorgestellt, und auch in diesem Band finden wir einen gewissen John Henry Newman, als dessen herausragendstes Merkmal ich behalten habe, dass er in der anglikanischen Kirche Karriere machte, um zum Katholizismus zu konvertieren und nun in der katholischen Kirche Karriere zu machen.
Ich weiss nicht, ob ich mich mittlerweile an die Druckfehler gewöhnt hatte, oder ob im letzten Band tatsächlich fast keine mehr sind. Störend empfand ich dagegen, dass auch bei Philosophen, die auf Deutsch publiziert haben, die Zitate mit Sigeln versehen wurden, die den englischen Titel designieren: „WWI“ für „Die Welt als Wille und Vorstellung“ z.B., oder „PI“ für die „Philosophischen Untersuchungen“. Auch die Seitenangabe bezieht sich offenbar auf die englische Ausgabe. Erst in einer Fussnote wird auf den deutschen Text mit anderer Seitenangabe verwiesen. Dies, zusammen mit der grossen Anzahl von Druckfehlern, führt mich zur Annahme, dass das Korrektorat entweder ganz eingespart wurde oder äusserst schludrig gearbeitet hat, und das Lektorat sich auch nicht übermässig viele Gedanken gemacht haben muss (so es denn eines gab). Schade, der Text hätte mehr Sorgfalt verdient. Auch wenn ich der euphorischen Meinung des Werbetexts auf dem Buchrücken (Diese Philosophiegeschichte setzt neue Maßstäbe!) nicht zustimmen kann: Kenny liest sich gut, ohne an philosophischer Qualität zu verlieren. Er ist aber zu sehr auf den angelsächsischen Sprachraum konzentiert, um einem kontinentaleuropäischen Philosophiestudenten völlig Genüge tun zu können. Jedenfalls, wenn es diesem kontinentaleuropäischen Philosophiestudenten ernst ist damit, die Geschichte seiner Philosophie kennen lernen zu wollen.