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ZÜRCHER FILMPREIS 2022 FÜR "WET SAND", "GIRL GANG" UND "BEHÖRDENHASSER"
31.10.2022 Beim Zürcher Filmpreis trifft eine jährlich wechselnde Fachjury die Entscheidung über die Preisvergabe. Sie besteht aus drei Dreiergremien: Eine dreiköpfige Jury für den Kurzfilm, eine für den langen Dokumentarfilm und eine für den langen Spielfilm. In jeder der drei Kategorien gibt es einen Preis für den besten Film. Zusätzlich zeichnet jede Jury zwei besondere Leistungen aus, beispielsweise für Kamera, Musik, Drehbuch und weitere am Film beteiligte Personen.
Preise für den besten Film 2022
Zürcher Filmpreis 2022 für den besten Kurzfilm
"Behördenhasser" von Jonas Ulrich, produziert von Dynamic Frame, Zürich
Begründung der Jury:
Ausgangspunkt des Kurzfilmes "Behördenhasser" ist der Amoklauf im Zuger Kantonsrat von 2001, bei welchem 14 Menschen getötet worden sind. Anstatt jedoch eine Nacherzählung oder gar eine Erklärung zu diesem Ereignis zu liefern, spricht der Film nur indirekt darüber und erzählt in mehreren kurzen Episoden generell von der Auseinandersetzung und oftmals auch Überforderung der Behörden im Umgang mit Privatpersonen und ihren Ansprüchen. Er ergreift dabei weder für die eine noch die andere Seite Partei, sondern formuliert ein Problem, das über die pathologische Fehlleistung eines Gewalttäters hinausgeht: Wir sehen ein System und wie alle Personen, die damit umgehen müssen, an ihm scheitern – eine systemische Fehlleistung notabene. Neben seiner intelligenten Erzählweise vermag der Kurzfilm auch ästhetisch mit einer stillen Kamera und guten Dialogen zu überzeugen.
Zürcher Filmpreis 2022 für den besten Dokumentarfilm
"Girl Gang" von Susanne Regina Meures, produziert von Christian Frei Filmproduktionen, Zürich
Begründung der Jury:
Alptraum oder modernes Märchen? Wie sieht der Alltag einer Teenager-Influencerin aus? Was passiert, wenn immer mehr Fans auf Social Media ihr folgen? Für Leonie und ihre Eltern ist klar, dass sie nicht nur zum Spass postet, sondern damit auch viel Geld verdient werden soll. Der Preis ist das echte Leben.
Der Dokumentarfilm "Girl Gang" gibt dem Publikum einen aufwühlenden Einblick in die Teenagerzeit eines Mädchens unter dem Einfluss der sozialen Medien. Er regt aufgrund der Thematik und des Umgangs mit den Protagonistinnen und Protagonisten zu Diskussionen an und wirft Fragen auf. Denn es ist eine Gratwanderung: Welche Verantwortung haben die Eltern ihrer minderjährigen Tochter gegenüber? Wann wird vorgeführt? Wer stellt wen bloss? Bis wohin nutzt die Filmemacherin aus, ab wann manipuliert und inszeniert sie durch ihre Anwesenheit und wie wird sie selbst benutzt, für sie inszeniert und sie manipuliert?
Der Film erzeugt eine enorm hohe produktive Irritation, rüttelt sein Publikum auf diese Weise schonungslos auf und erinnert durch die formale Entscheidung der Märchenerzählung daran, dass die Fiktion – durch das Nutzen von Social Media – zu einem Teil unserer heutigen Realität geworden ist. Der Film ist letztlich eine Dokumentation dieser zur Fiktion gewordenen Realität.
Zürcher Filmpreis 2022 für den besten Spielfilm
"Wet Sand" von Elene Naveriani, produziert von maximage, Zürich
Begründung der Jury:
Eine langjährige Liebe zwischen zwei Männern wird nach dem Tod des einen öffentlich. Dies geschieht in einem Dorf am georgischen Schwarzen Meer, wo alle glauben, sich zu kennen. Das jahrelang gehütete Geheimnis war notwendig, da die Gemeinde geschlossen hinter der reaktionären Agenda der orthodoxen Kirche steht. Nun reist die Enkelin zur Beerdigung aus der Stadt an und stösst auf das Netz aus Lügen.
Die georgisch-schweizerische Regisseurin Elene Naveriani webt die Wege dieser jungen Frau aus Tbilissi sukzessive ein in die abgeschlossene Welt der Dorfgemeinschaft. Sie tut dies mit einer langsamen und geduldigen Erzählweise, die jedoch immer wieder mit unerwarteten Wendungen überrascht. Die Regisseurin vermag echtes Interesse an ihren Figuren zu wecken und zeigt fast beiläufig mehrere Einzelschicksale, während der rote Faden den drei Hauptfiguren folgt, die sich innerlich von ihrem Dorf längst abgewendet haben, aber dennoch spürbar mit ihm verbunden sind. Das Erstlingswerk vermag auch formal zu überzeugen mit guter Kameraarbeit, einer durchdachten Wahl der Locations und Kostüme sowie mit Referenzen auf das griechische Drama und das südosteuropäische Kino. Letztlich – ein berührender, bereichernder und vielschichtiger Film.
Auszeichnungen
Kategorie Kurzfilm
Ensemble Film GmbH
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für die Produktion von "Caves"
Begründung der Jury:
"Caves" ist ein 360-Grad-Dokumentarfilm. Mit Hilfe einer VR-Brille kann das Publikum einer Höhlenforscherin und ihrem Begleitteam folgen, wie sie unter der Erdoberfläche auf Entdeckungsreise geht. Was nicht alltäglich ist, wirkt auf diese Weise plötzlich alltäglich. Die Wahl von Virtual Reality als Form für diese Dokumentation vermag denn auch zu überzeugen, bringt sie die Zuschauenden doch an einen abgeschlossenen Ort, der den allermeisten Menschen ansonsten verschlossen bleibt.
Die Produktionsfirma des Filmes erhält die Auszeichnung, weil sie sich auf dieses noch immer unkonventionelle Format und auf ein neues Filmtalent eingelassen hat. Nicht nur die Herstellung des Filmes unter der Erdoberfläche muss risikoreich gewesen sein und technische wie rechtliche Fragen aufgeworfen haben – genauso risikoreich ist nach wie vor der Weg, den so ein Film nach seiner Fertigstellung geht. Ensemble Film hat diese Herausforderung angenommen und das Werk bereits erfolgreich im VR-Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig platziert. Man darf gespannt sein, wie der weitere Weg des Werkes aussieht.
Fhunyue Gao
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für das Schauspiel in "Chute"
Begründung der Jury:
Die Hauptfigur dieses kurzen Spielfilms bricht an verschiedenen Orten in einer anonymen Stadt zusammen; absichtlich vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Hat sie eine Schlafkrankheit? Jedenfalls reagieren die dabei zufällig Anwesenden ganz unterschiedlich auf diese Situation und auf die zusammengebrochene Frau. Gespielt wird die Figur von der Tänzerin, Musikerin und Performerin Fhunyue Gao, der es in diesem experimentellen Erzählsetting mit ihrer stillen Präsenz gelingt, die soziale Isolation dieser Frau darzustellen. Gaos Darstellung ist in sich kohärent, einerseits absurd und doch nahbar.
Kategorie Dokumentarfilm
Rebecca Trösch & Eva Vitija
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für Dramaturgie und Schnitt in "Loving Highsmith"
Begründung der Jury:
Patricia Highsmith dokumentierte ihr Liebesleben ausführlich in ihren "Cahiers", wie sie die Sammlung von Tage- und Notizbüchern nannte, die nach ihrem Tod gefunden worden sind. Diese Texte, anlässlich des 100. Geburtstags der Autorin erstmals veröffentlicht, dienen als Grundlage für diesen Dokumentarfilm.
Die Regisseurin Eva Vitija zitiert ausführlich aus den Texten und verwebt sie mit Filmausschnitten aus Archiven und Interviews, die sie mit Zeitzeugen führt. Die eingehende Recherche ist spürbar und beeindruckt. Gemeinsam mit der Editorin Rebecca Trösch setzt sie diese Fülle an Material dramaturgisch gekonnt ein und lässt daraus ein Porträt entstehen, das durch seine intime Erzählung besticht. Es gelingt dem Team, den Zuschauenden eine bekannte Persönlichkeit in einer Vielschichtigkeit näher zu bringen, die auch angesichts dessen überrascht, dass diese Person bereits verstorben ist. Der Film weckt die Neugier an ihr und lädt dazu ein, die Bücher der Autorin Highsmith neu zu entdecken.
Lila Ribi
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für die Regie in "(Im)mortels"
Begründung der Jury:
Was ist nach dem Tod? Als Autorin, Regisseurin, Kamera- und Tonfrau in Personalunion begleitet und filmt Lila Ribi ihre Grossmutter über 10 Jahre lang bis zu deren Tod. Die Antwort der Grossmutter auf ihre Frage lautet indes immer gleich: Nach dem Tod ist nichts.
Doch Ribi bleibt beharrlich, schöpft aus den eigenen Archivaufnahmen und verfolgt die Suche nach einer Antwort konsequent. Dabei gelingt es ihr nicht nur, uns einen intimen Einblick in ihre Familiengeschichte zu geben, sondern sie bringt uns auch ihre Grossmutter als Persönlichkeit näher. Sie vermag uns mit dem archaischen Thema Tod zu berühren, ohne jemals in Düsterkeit und Schwere abzudriften. Mit im Gegenteil leichtem Ton und dank ihrer Grossmutter mit einer überzeugenden Klarheit verhandelt sie ihr Thema. Und bringt auf diese Weise die Zuschauenden schmunzelnd dazu, sich dem Jetzt wie auch dem, was da kommen mag, zu stellen.
Kategorie Spielfilm
Tanja Maria Koller
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für das Maskenbild in "Soul of a Beast"
Begründung der Jury:
Eine gute Filmmaske darf nicht mehr machen als notwendig, sonst leidet der Ausdruck des Schauspiels. Aber sie darf auch nicht zu wenig machen. Eigentlich sollte sie am besten einfach da sein, ohne dass sie gesehen wird. Und wenn sie doch mal sichtbar ist, etwa bei blutenden Wunden oder Schmutzspuren im Gesicht, dann bitte immer gleichbleibend sichtbar, damit sich die Szenen später im Schnitt zusammenfügen. Wahrlich nicht einfach muss diese Aufgabe bei "Soul of a Beast" gewesen sein: Schweiss, Schmutz, Wasser und immer wieder die körperliche Nähe der Schauspielenden von Schmusen bis Kämpfen wirken auf das Make-up ein. Doch das Maskenbild von Tanja Maria Koller und ihrem Team ist eben einfach da, gleichbleibend.
Und so trägt es mit dazu bei, dass sich die Szenen in "Soul of a Beast" so einzigartig aneinanderfügen wie in kaum einem anderen Film. Die Zuschauenden werden in einen unablässigen Strom gesogen und bemerken keinen Unterbruch. Unter aufwändigen Bedingungen wurden diese Bilder gedreht, was einer hohen künstlerischen Präzision und Konzentration aller Beteiligten auf dem Set bedarf. Und auch die Produktion leistete für diesen Film viel. Wenn Filme das Wesen ihrer Titel in sich tragen, wie manche sagen, dann kann man die Herausforderungen erahnen, welche dieses Werk an sein Filmteam gestellt hat.
Michael Koch
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2022 für die Regie in "Drii Winter"
Begründung der Jury:
Der Film führt uns ins Urnerland, in die Voralpen, in eine Berglandschaft, in welcher ein Paar das Glück einer noch jungen Liebe geniesst. Aus der Stille der Landschaft heraus entfaltet sich jedoch langsam ein Drama, als ein Hirntumor die Persönlichkeit des einen verändert.
Der Regisseur Michael Koch erzählt diese Geschichte mit Laiendarstellenden und beweist dabei eine aussergewöhnlich feine Inszenierungsfähigkeit. Nur die Menschen von dort vermögen diese Bergregion zu verkörpern, da sie in ihre Bewegungen und in ihre Mimik Eingang gefunden hat. Für den Film ungewöhnliche Blickwinkel tragen zusätzlich dazu bei, dass der Regisseur die Welt des Liebespaares auf so authentische und realistische Weise zu vermitteln vermag, dass einen die Leinwand einem offenen Fenster gleich beinahe ungehindert nahe an das Geschehen herankommen lässt. Wenige Dialoge genügen in diesem Setting, damit sich die Geschichte erzählt und mit ihr Werte wie Gemeinschaft, Partnerschaft und Verantwortung für sich und für andere.
Jury
Pro Kategorie entscheidet eine 3-köpfige Fachjury, welche der eingereichten Werke eine Auszeichnung erhalten. In jeder Kategorie zeichnet die Jury den besten Film und zwei herausragende Leistungen aus, beispielsweise Kamera, Drehbuch, Musik, Schauspiel etc.
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