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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Siebenzehnte Homilie.
I.
Aber daß ihr in Allem Überfluß habet, in G3nadengaben, in Wort und Kenntniß und in jeglichem Eifer.
Siehst du, wie der Apostel das Lob wieder als Mittel benützt, um zum Streben nach größerem Lobe zu ermuntern? Und er sagt nicht: Daß ihr gebet, sondern: „daß ihr Überfluß habet, in Gnadengaben — des heiligen Geistes, im Worte — der Weisheit, in der Kenntniß — der Glaubenswahrheiten, in jeglichem Eifer — für die übrigen Tugenden, und in eurer Liebe“ — in der Liebe, von welcher ich eben geredet, von der ich den Beweis geführt habe. — „Daß ihr auch in dieser Gnade die Fülle habet.“ Siehst du, wie er in der Absicht mit jenen Lobsprüchen begonnen hat, um sie in allmähligem Fortschreiten zu gleichem Eifer auch „in dieser Gnade“ zu erwecken?
8. Nicht als Auftrag sage ich Das.
Siehe, wie schonend er sie fortwährend behandelt, wie wenig er ihnen beschwerlich sein will, wie er Zwang und [S. 285] Nöthigung zu vermeiden sucht; ja vor Beidem hütet er sich, sowohl ihnen beschwerlich zu fallen, als auch Zwang aufzuerlegen. Da er nämlich fortwährend ermahnt und die Macedonier so sehr gepriesen hat, so fürchtet er zuletzt, es möchte Das als Nöthigung erscheinen; darum sagt er: „Nicht als Auftrag sage ich Das, sondern um durch den Eifer Anderer die Echtheit auch eurer Liebe zu bewähren.“ Nicht als hätte er an dieser Ächtheit gezweifelt, — denn nicht Das will er hier sagen, — sondern seine Absicht ist, dieselbe zu bewähren, an den Tag zu bringen und gediegener zu machen. Darum sage ich Dieses, spricht er, um euch zu gleicher Bereitwilligkeit zu ermuntern; und darum erwähne ich des Eifers der Macedonier, um eure Opferwilligkeit anzuregen und sie in ihrem vollen Glanze erscheinen zu lassen. Dann wendet er sich von diesem Beweggrunde zu einem noch wichtigeren; denn er unterläßt keinerlei Art des Zuredens, sondern weiß jeden möglichen Grund aufzuführen und geltend zu machen. Er benutzt fremdes Lob, um anzueifern, indem er sagt: „Erkennet die Gnade Gottes, die gegeben ist in den Kirchen Macedoniens.“ Er benutzt das eigene Lob der Korinther, wenn er spricht: „Damit ihr in Allem Überfluß habet, in Wort und Kenntniß.“ Denn stärker vermag Das zu bewegen, wenn man fürchten muß, hinter sich selbst zurückzubleiben, als wenn man Anderen nachsteht. Sodann eilt er zum höchsten und wichtigsten aller Beweggründe, indem er sagt:
9. Erkennet denn die Gnaden unseres Herrn, daß er um unsertwillen ist arm geworden, da er reich war, damit wir durch seine Armuth bereichert würden.
Bedenket, will er sagen, beherziget, erwäget die Gnade Gottes, eilt nicht flüchtig an ihr vorüber, suchet vielmehr ihre Größe und Bedeutung zu erfassen, und ihr werdet gewiß Nichts von dem Eurigen sparen! Christus hat sich [S. 286] seiner Herrlichkeit entäussert, damit ihr nicht durch seinen Reichthum, sondern durch seine Armuth reich würdet. Wenn du nicht vertraust, daß Armuth Reichthum bewirken kann, so denke an deinen Herrn und höre auf, zu zweifeln. Denn wäre der Herr nicht arm geworden, so wärest du nicht reich geworden. Das ist gerade das Wunderbare, daß die Armuth Reichthum erzeugt hat. Unter Reichthum versteht aber hier der Apostel die Gottseligkeit, die Reinigung von Sünden, die Gerechtigkeit und Heiligkeit und all jene unzähligen Güter, die der Herr uns schon gewährt hat und noch gewähren wird. Und all Dieses ist uns aus der Armuth erwachsen. Aus welcher Armuth? Aus der Annahme des Fleisches, aus der Menschwerdung Christi, aus der Erduldung von all Dem, was Christus erduldet hat. Und doch war er dir Nichts schuldig, während du sein Schuldner bist.
10. Und einen Rath gebe ich euch hierin, zu eurem Frommen.
Siehe, wie Paulus es wieder vermeidet, beschwerlich zu fallen, und wie er auf eine zweifache Art der Rede die Härte benimmt, indem er von einem „Rathe“ spricht und von diesem sagt, daß er „zu ihrem Frommen“ sei. Ich zwinge und nöthige euch nicht, will er sagen, ich verlange Nichts von Widerwilligen; auch schwebt mir bei meiner Zurede nicht so fast der Nutzen der Empfänger als euer eigener Gewinn vor Augen. Sodann stellt er ihnen auch nicht mehr das Beispiel Anderer, sondern ihr eigenes früheres Verhalten zum Vorbilde auf. „Die ihr nicht allein das Vollbringen,“ sagt er, „sondern auch das Wollen vorher habt angefangen seit dem vergangenen Jahre.“ Siehe, wie er auch von ihnen rühmt, daß sie freiwillig und ohne Aufforderung an’s Werk geschritten. Nachdem er nämlich den Thessalonikern das Zeugniß gegeben hat, daß sie „aus eigenem Antrieb, unter vielem Andringen“ an das Werk [S. 287] des Almosens gingen, so will er nun zeigen, daß auch den Korinthern dieses Lob gebühre. Darum sagt er: „Nicht allein das Vollbringen, sondern auch das Wollen habt ihr: nicht angefangen, sondern, vorher angefangen, seit dem vergangenen Jahre.“ Zu dem Werke nun ermahne ich euch jetzt, an das ihr schon vorher mit aller Bereitwilligkeit gegangen seid.
11. Nun aber habt ihr auch das Vollbringen vollendet.
Er sagt nicht: Ihr habt Hand an’s Werk gelegt, sondern: Ihr habt es zu Ende geführt. „Damit, wie dem Willen nach die Geneigtheit besteht, so auch das Vollbringen geschehe nach dem Maße des Habens.“ Mit anderen Worten: Daß es nicht bei der bloßen Geneigtheit verbleibe, sondern daß ihr auch Anspruch auf den Lohn bekommet, welcher der wirklichen That folgt.
12. Denn ist die Bereitwilligkeit vorhanden, so ist sie wohlgefällig gemäß Dem, was man hat, nicht Dem, was man nicht hat.
Siehe, welch’ bewundernswerthe Einsicht! Der Apostel hat auf Solche hingewiesen, die über Vermögen gaben, die Thessaloniker nämlich, und sie deßhalb gelobt mit den Worten: „Ich bezeuge ihnen, daß sie über Vermögen gaben.“ Weil er aber nur verlangt, was gemäß dem Vermögen ist, und es der Macht des Beispiels überläßt, das Übrige zu wirken — denn er wußte, daß nicht so fast Ermahnung als Nacheiferung zu gleichen Thaten bewege — so sagt er hier: „Ist die Bereitwilligkeit vorhanden, so ist sie wohlgefällig gemäß Dem, was man hat, nicht Dem, was man nicht hat.“ Fürchte nicht, meint er, weil ich ,,über Vermögen“ gesagt [S. 288] habe; damit wollte ich nur die Freigebigkeit der Macedonier loben; Gott aber verlangt nur, was entsprechend dem Vermögen ist, gemäß Dem, was man hat, nicht Dem, was man nicht hat. Denn das „wohlgefällig“ bedeutet hier: Gott verlangt. Und dadurch macht sich Paulus die Gemüther gar sehr geneigt, daß er ihnen im Vertrauen auf jenes Vorbild volle Freiheit läßt, und gewinnt sie um so mehr für seine Absicht. Darum fährt er auch fort: