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Der Coudiri oder zu Deutsch Reislauf gehörte noch bis in die 1970er Jahre hinein zu den populärsten Sportarten auf Santa Lemusa – wurde allerdings dann von Marathon, Triathlon und anderen modernen Laufformen mehr und mehr verdrängt. Ein Coudiriste oder Reisläufer hatte abwechselnd zu Fuss, mit dem Kanu, durch Klettern oder Schwimmen acht verschiedene Punkte auf der Insel zu erreichen, wo er jeweils ein speziell eingefärbtes Reiskorn erhielt. Diese acht Körner musste er zum Schluss an einem neunten Ort dem sogenannten Reisrichter vorlegen. Gewöhnlich dauerte ein solcher Reislauf mindestens sechs bis acht Stunden – je nach Variante aber auch erheblich länger.
Der Reislauf ist auf Santa Lemusa eng mit dem Namen von Edi Vitesse (Edouard Blanchet) verbunden, der den klassischen Coudiri von Gwosgout zwischen 1952 und 1966 insgesamt vierzehn Mal in Folge für sich entschied und mit 5 Stunden und 11 Minuten eine Rekordzeit aufstellte, die noch nie unterboten wurde. – Jean-Marie Tromontis stellte die These auf, der Reislauf habe seine Ursprünge in einem religiösen Ritual der Arawak – zum Beweis nannte er eine Art Sternlauf, den er bei indianischen Festen beobachtet haben will. Die Bezeichnung Coudiri ist höchstwahrscheinlich eine Kurzform von Course du Riz (und nicht von Coup du Riz, wie es bei Tromontis heisst). – Im Jahre 2003 nahm das Lycée Père Labat aus Anlass seines hundertjährigen Bestehens die Tradition des Reislaufs wieder auf und organisierte ein Rennen für ehemalige Schüler. Auch Edi Vitesse hatte einst im «Labat» die Schulbank gedrückt, wollte jedoch mit seinen mehr als achtzig Jahren an dem Rennen nicht mehr aktiv teilnehmen.
Auch wenn der Coudiri heute auf Santa Lemusa nicht mehr praktiziert wird – völlig vergessen ist er nicht. Dafür hat nicht zuletzt auch Schmuckdesignerin Cléopatre gesorgt. Sie hat das kleine, wasserdichte Säckchen aus gefärbtem Schafsdarm, in dem die Coudiristes einst ihre schwer verdienten Reiskörner transportierten, zu einem modischen Accessoire umgestaltet. Als «petit mystère» werden die farbigen Säckchen heute von Männern wie Frauen am Hals oder am Handgelenk getragen.
Der auf dieser Seite wiedergegebene Text wurde erstmals publiziert in: «Lexikon der ausgestorbenen Sportarten», in: «das heft das seinen langen namen ändern wollte», No. 9, Dezember 2005, S. 24, 25.
First Publication: 12-2002
Modifications: 9-2-2009, 11-10-2011