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DIE MARIENVESPER
ZUM 30-JÄHRIGEN JUBILÄUM DER BACH-KANTOREI
Wilfried Schnetzler
Die Marienvesper, 1610 in sieben Stimmbüchern und einer Generalbass-Partitur gedruckt und Papst Paul V. gewidmet, ist seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend ins Bewusstsein von Dirigenten und Sängern gerückt und heute als eines der grossen Kirchenmusikwerke fester Bestandteil von Konzertaufführungen. Das Werk besteht nach einem Introitus aus fünf Vesperpsalmen im Stil der «prima practica», welche alle den gregorianischen Cantus firmus ins Zentrum stellen. Zwischen den Psalmen wurden in der Vesper gregorianische Antiphonen als verbindende Elemente gesungen. Monteverdi stellt an ihre Stelle vier Concerti oder Motetten im Stil der „seconda practica” komponiert. Dieser u.a. in Monteverdis Opern (L’Orfeo, 1607; L’Arianna, 1608) entwickelte Stil stellt die expressive Textausdeutung ins Zentrum. Monteverdis überzeugende Leistung ist die Verbindung von alt und neu. Die nachfolgende Sonata sopra Sancta Maria, ora pro nobis ist ein ausgedehntes Instrumentalstück, welches durch immer wieder überraschende Einfälle und Wendungen fasziniert, darüber singt die Sopranstimme elfmal die Anrufung Mariens.
Der „Hymnus” ist eine schlicht-kunstvolle Vertonung des siebenstrophigen „Ave maris stella”.
Fester Bestandteil einer Vesper ist das abschliessende Magnificat, der Lobgesang Mariens aus Lukas 1. Monteverdi hat zwei Versionen überliefert, wir musizieren diejenige à 7, also siebenstimmig mit ausführlichen Instrumentierungen, die zweite ist sechsstimmig und nur mit Generalbassbegleitung. Im Magnificat ist wieder der Cantus firmus, die alte gregorianische Melodie, allgegenwärtig. Doch die Vielfalt, mit der Monteverdi die Vokal- und Instrumentalstimmen einsetzt, ist grossartig.
Monteverdi bezeichnet die Komposition als „Vespro della B. Vergine da concerto, composto sopra canti fermi” (Marienvesper zum Konzertieren komponiert über canti fermi, das sind die alten Psalm-Melodien des gregoriansichen Gesangs). In diesem Titel ist alles angelegt, was dieses Werk so spannend macht: Die Kombination der alten Technik der Cantus-firmus-Vertonung mit dem modernen konzertanten Stil.
Besonders interessant finde ich persönlich die Vielfalt der jede Psalmkomposition abschliessenden Doxologien (gebräuchliche Schlussformel eines Gebets: „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto, sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum, Amen” (Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen).
Im das Werk eröffnenden Introitus schreibt Monteverdi einen Falso bordone, das ist der auf einen Ton (oder Akkord) rezitierend gesungene Text.
Im Psalm 109 „Dixit Dominus” singt der Tenor die Gloria-Zeile, überraschenderweise in einem wie aus einem anderen Raum klingenden g-Moll. Darauf folgt ein rhythmisch synkopisch-verzahnter „Sicut erat”-Teil.
Im nächsten Psalm „Laudate pueri Dominum” wechselt der Gloria-Teil zwischen schlichten Melodiebögen und tänzerischen Gloria-Rufen um beim „Sicut erat” die Musik vom Anfang wieder aufzugreifen (sicut erat in principio: wie es war im Anfang). Die Amen-Takte lösen sich zunehmend auf und enden im einstimmigen Schlusston der zwei Solotenöre.
Die Doxologie zum Psalm 121 „Laetatus sum” verwendet anfangs wieder das Prinzip der rhythmisch synkopiert verzahnten Stimmen um dann in grösseren klanglichen Blöcken fortzufahren. Beim „sicut erat” folgt auf einen kurzen Falso-bordone-Abschnitt ein kontrapunktisch gesetzter Teil, bei dem der Cantus firmus erst im Alt, dann im Sopran II unverändert zu hören ist.
Der Psalm „Nisi Dominus” (Vulg. 126) ist als Ganzes ein äusserst spannendes Stück. Das beginnt schon bei der Besetzung. Zehn Stimmen in zwei fünfstimmigen Chören dialogisieren und im Zentrum steht jeweils der Cantus firmus. Für die Doxologie reduziert der Komponist die Stimmenzahl auf fünf und erreicht dadurch in der erstmals auftretenden Tonart Es-Dur eine große Pracht, die aber nach wenigen Takten zur genauen Wiederholung des Anfangsteils des Psalms zurückkehrt: „Sicut erat in principio...”.
Beim Psalm 147 „Lauda Jerusalem” übernimmt die Doxologie die Anlage des ganzen Stücks. Die Tenorstimme stellt den Cantus firmus ins Zentrum, zwei dreistimmige Chöre musizieren im Dialog oder sich verstärkend.
Etwas ganz Besonderes ist die Doxologie im Magnificat à 7. Im Gloria-Teil singen zwei Tenorsolisten im Echo, die Sopranstimme stellt darüber den Cantus firmus dar. Ein Stück von ausserordentlich berückender Schönheit!
Beim abschliessenden „Sicut erat” gibt Monteverdi die Anweisung: „Tutti li instrumenti & voci, & va cantato & sonato forte” (alle Instrumente und Singstimmen, und alle singen und spielen forte).
Soviel zu den Psalm-Vertonungen. Noch ein paar Gedanken zu den dazwischen erklingenden Concerti oder Motetten.
Auffallend ist die Anordnung nach zunehmender Stimmenzahl. „Nigra sum” (Motetto ad una voce) mit Solotenor ist ein schlichtes Stück, das aber von emotionaler Spannung und vollständiger Übereinstimmung zwischen Text und Musik lebt.
„Pulchra es” ist wie das erste Concerto über einen Text aus dem Hohelied, zweistimmig für zwei Soprane. Der durchaus sinnliche Text inspiriert den Komponisten zu einer expressiven klangsinnlichen Vertonung.
Die dreistimmige „Duo-Seraphim”-Motette nimmt textlich bezug auf die Sanctus-Stelle des Propheten Jesaja. Die erst zwei, dann drei Tenöre rufen sich das „Heilig” gegenseitig zu und münden bei den Takten mit dem Text „et hi tres unum sunt” jeweils in die Einstimmigkeit, eine in ihrer Schlichtheit äusserst eindringliche Stelle.
„Audi coelum” beginnt einstimmig, um zum Schluss den ganzen Klangkörper „Omnes” einzusetzen. Dieses Concerto mit seinen Echos könnte als Spielerei, wie sie im 17. Jahrhundert in der Oper und in der Kirchenmusik beliebt waren, betrachtet werden. Doch die Wortspielereien haben in diesem packenden Stück tiefere Bedeutung. Weil der Echo-Tenor jeweils das letzte Wort verkürzt wiedergibt, wechselt dabei die Bedeutung, so entsteht bei der letzten Echo-Stelle aus dem «mária» (die Meere) «María» (Maria), in einer Marienvesper wohl eine zentrale Aussage. Diese Marienverehrung erklingt im anschliessenden meditativen Gebet „Benedicta es” ausdrucksstark.
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Wenn man mich fragt, weshalb wir gerade dieses Werk für unser Festkonzert ausgewählt haben, muss ich etwas ausholen.
Seit ich in den sechziger Jahren diese Musik erstmals selbst mitgesungen habe, stand dieses prachtvolle Werk auf der Wunschliste für eine Aufführung mit meiner 1985 gegründeten Bach-Kantorei. Aber so einfach ist das nicht, das Werk ist ausserordentlich vielfältig und fordert eine leistungsfähige vokale und instrumentale Besetzung. Als wir vor etwas mehr als einem Jahr vor der Entscheidung standen, ob es ein Festkonzert zu diesem Jubiläum geben sollte und welche Werke dafür in Frage kämen, habe ich als eine Möglichkeit die Marienvesper vorgeschlagen. Diese Musik schien mir sehr geeignet, nochmals einen Höhepunkt unserer langjährigen Arbeit zu erreichen. Von den venezianischen Komponisten Gabrieli und Monteverdi, welche beide an San Marco wirkten, gibt es eine direkte Linie zu Heinrich Schütz, der in unserer Arbeit immer wieder einen Schwerpunkt bildete. Schütz hatte 1609-1612 mit einem Stipendium seines Landgrafen bei Giovanni Gabrieli in Venedig studiert. 1628 war er nochmals für über ein Jahr in Venedig – ob er dabei dem seit 1613 als Kapellmeister an San Marco wirkenden Claudio Monteverdi begegnete ist zwar nicht belegt, aber doch anzunehmen. Es gibt jedenfalls in der Musik von Schütz direkte Verbindungen zu Monteverdis Kompositionen. Von J.S. Bach, dem Namenspatron der Bach-Kantorei, gibt es zwar keine direkte Verbindung zu Monteverdi und seiner Musik, jedoch findet sich in seinem Werk so vieles, welches ohne die Kenntnis früherer Werke (auch aus Italien) so nicht hätte geschrieben werden können. Deshalb meine ich, dass wir nun mit Monteverdis prächtiger, unsterblicher Musik ein abslout würdiges Werk zu Jubiläum und Abschluss zur Aufführung bringen dürfen.
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Die Bach-Kantorei beendet mit diesen Konzerten ihre vielfältige musikalische Tätigkeit während dreissig Jahren.
Wir danken der treuen Zuhörerschaft und den vielen Personen und Institutionen für die grosse Unterstützung unserer Arbeit.