Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03366.jsonl.gz/578

Von Bastian Heiniger
Die Glasbauten von Downtown Vancouver erheben sich auf einer Halbinsel, umarmt vom Pazifik, dessen Ausläufer sich tief ins Festland fressen. In Sichtweite zur Innenstadt ragen die dunkelgrünen Massen der Coast Mountains empor. Auf den Spitzen schimmern erste Schneeflecken, die den bevorstehenden Winter ankündigen. An diesem Dienstag im Oktober herrschen noch milde Temperaturen in der Stadt, die Sonne spiegelt sich in einer Glasfassade, ein Skateboarder rauscht in kurzen Hosen vorbei, und beim Hot-Dog-Stand an der Strassenecke kommt Betrieb auf.
Es ist nicht irgendein Hot-Dog-Stand. Die Rede ist von Japadog – ein in Vancouver gegründeter Imbissstand, der an den Olympischen Winterspielen 2010 internationale Bekanntheit erlangte. Täglich standen damals Personen in der Schlange. Drei Stunden habe man anstehen müssen, sagt eine Einheimische. Gegründet wurde Japadog fünf Jahre zuvor von Noriki Tamura, einem japanischen Einwanderer. Eigentlich wollte er Crêpes verkaufen. Doch das war verboten. Auf Vancouvers Strassen durften nur Eiscreme, Popcorn, Marroni und Hot Dogs angeboten werden. Also entschied sich Tamaru, den besten Hot Dog überhaupt zu kreieren – und erfand so ein kulinarisches Highlight. Heute besitzt Tamaru allein in Vancouver vier Stände und eine feste Imbissbude.
Die Stadt gilt unterdessen als Hochburg für Street Food. Auf die Olympischen Spiele hin lockerten die Behörden das Gesetz und erliessen Lizenzen an ausgewählte Anbieter. Vor allem zwischen Robson Square und Art Gallery stehen heute Food Trucks. Viele von ihnen setzen auf organische, einheimische und qualitativ hochwertige Lebensmittel. Bei einem Fisch-Taco, Chicken-Wrap oder Indian Curry am Strassenrand kommt man mit den Einheimischen schnell ins Gespräch.
Gesunder Bio-Fast-Food ist zwar für Nordamerika untypisch, nicht aber für die grösste Stadt British Columbias. Vancouver ist eine Vorreiterin grüner Ideen; etwa der urbanen Agrikultur. Viele Terrassen und Hochhausdächer sind begrünt. Bisweilen scheint es, als bildeten Stadt und Natur eine Symbiose. Auf den Dächern wachsen angebaute Kräuter, Gewürze und Gemüse, es werden Honigbienen gezüchtet und eierlegende Hühner gehalten. Vancouver war die erste Stadt Kanadas, welche 2010 die urbane Hühnerhaltung legalisierte.
Und: Bis 2020 will sie weltweit die umweltfreundlichste Stadt werden. Dank der Kampagne des Bürgermeisters Gregor Robertson, einem bekennenden Radfahrer, sollen der KohlendioxidAusstoss und Wasserverbrauch um ein Drittel reduziert werden. Neue Velospuren zeigen bereits Wirkung, der Anteil an Radfahrern ist seither um fast ein Drittel gestiegen. Zudem sollen künftig mehr Hybrid-Taxis fahren, und auch der öffentliche Verkehr wird ausgebaut. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben auch Schattenseiten. Die stark gestiegene Lebensqualität trieb gleichzeitig die Wohnungspreise in die Höhe. Menschen mit geringen und mittleren Einkommen können sich Wohnungen in den Glasbauten der Innenstadt kaum noch leisten. Wer tagsüber der Ausgangsmeile an der Robson Street entlang geht, dem werden die vielen jungen Obdachlose auffallen. Mit grossen Rucksäcken sitzen sie zwischen den Eingängen der Bars und Modeboutiquen. «Bla, bla, bla, Change» hat einer auf sein Pappschild geschrieben. Und besucht man die Gastown, den historischen Stadtkern, braucht man nur ein paar Blocks weiter in Richtung East End zu gehen, und schon stösst man auf grossstädtisches Elend: Zombiehafte Drogensüchtige strolchen umher, Dealer halten Ausschau nach Kunden, junge Leute sitzen am Strassenrand und rauchen Crack. Nur wenige Gehminuten Richtung Innenstadt sind diese Bilder undenkbar. In der schmucken Gastown sind die Strassen herausgeputzt, gesäumt mit Souvenirshops und Hipstercafés.
Eineinhalb Flugstunden entfernt – für kanadische Verhältnisse ein Katzensprung – liegt Edmonton. Die Hauptstadt der Provinz Alberta ist im Unterschied zu Vancouver keine sonderlich schöne Stadt, aber eine spannende. Gegründet wurde Edmonton vor etwas mehr als hundert Jahren. 1795 erbaute die Hudson’s Bay Company (HBC) das Ford Edmonton, das sich noch heute besuchen lässt. Von dort aus wollte das Unternehmen den Fellhandel mit den einheimischen Indianerstämmen vorantreiben. Zur Stadt wurde Edmonton 1904; 8000 Menschen lebten damals im Tal des North Saskatchewan Rivers. Als dann die Stadt mit einer Zugstrecke erschlossen wurde, stieg die Einwohnerzahl rasant. Mitte der 20er-Jahre betrug sie schon 60 000 Personen. Weil in dieser Boomphase nicht genügend Baumaterial für Häuser in den Norden nach Edmonton gebracht werden konnte, mussten viele Zuzüger in Zelten wohnen. Es etablierten sich für kurze Zeit regelrechte Zeltstädte. Heute leben über 800 000 Menschen in der Metropole, die von der Ölindustrie dominiert wird.
Wer das rauere, unglamourösere Kanada sucht, der ist hier richtig. Herrschten in Vancouver noch milde zehn Grad, fällt das Thermometer nun bereits unter die Nullgradgrenze. Sobald Schnee fällt, lässt sich hier bestens Schneeschuh wandern und langlaufen. In den langen Wintern kann es aber auch eisig werden. Minus 40 Grad Celsius sind im Januar keine Seltenheit. Schliesse man dann die Augen, gefrierten sie zu, sagt ein Einheimischer. Man müsse dann reiben, bis sie sich wieder öffnen liessen.
Im Gegensatz zu Vancouver ist Edmonton keine Stadt mit schicken Fussgängerpromenaden und Cafés. Auch Food Trucks sucht man vergebens. In den breiten, weitläufigen Strassen der Innenstadt, zwischen den aufschiessenden Hochhäusern, sind vormittags kaum Leute unterwegs. Gespenstisch leer wirkt die Stadt. Der Grund: Das Leben spielt sich im Innern ab. Ein gut 13 Kilometer langes, klimatisiertes Fussgängersystem mit Tunneln und gedeckten Brücken verbindet insgesamt 40 Gebäude miteinander: Bahnhof, Hotels, Büros, Shoppingcenter, die sehenswerte Art Gallery of Alberta oder das Citadel Theatre, die wichtigste Bühne Edmontons. Mittags, so scheint es, strömt die halbe Stadt in das Edmonton City Centre, ein Einkaufszentrum mit zahlreichen Geschäften und Restaurants. Passanten, Geschäftsleute und vor allem viele Bauarbeiter kommen in den aneinandergereihten Fastfood-Lokalen zusammen. Burger in allen Varianten. Nach Organic Food fragt hier niemand. Bald aber schnappen sich die Arbeiter wieder ihre Helme, verschwinden in Richtung einer der vielen Baustellen.
Gebaut wird an vielen Ecken. Dank dem Öl ist genügend Geld vorhanden. In einem Jahr soll das neue Eishockeystadion der Edmonton Oilers, dem heimischen NHL-Team, eröffnet werden. Eine für Konzerte und Veranstaltungen geeignete Sportstätte mit einem Wintergarten, öffentlicher Eishalle und einer verglasten Fussgängerbrücke.
Wem das künftig noch nicht genug an Entertainment sein sollte, dem ist ein Besuch der West Edmonton Mall zu empfehlen, der grössten Shoppingmall Nordamerikas. Sie liegt etwa 30 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, befindet sich aber noch immer auf Stadtgebiet. Die Mall vereint nicht nur unzählige Shops und Restaurants, sondern auch den weltweit grössten Indoor-Freizeitpark mit wilden Achterbahnen, einem Wasserpark mit Wellenbad und Wasserrutschen sowie einer Eisbahn und einem exakten Nachbau der Santa Maria – des Schiffes, mit dem Christopher Columbus 1492 Amerika entdeckte. In der West Edmonton Mall verbringen sowohl Teenager als auch ältere Leute ihre Freizeit. Hier gibt es keine vereisten Strassen, keine Schneestürme, keine Gefahr vor Erfrierungen. Im wohltemperierten Konsumtempel verschmilzt die Welt zu einem durchkapitalisierten Hort des Vergnügens und Wohlgefallens. Für einige Stunden ist die raue Realität weit entfernt.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper
Der Westen Kanadas floriert: Beste Beispiele sind Vancouver an der Pazifikküste und Edmonton im Landesinneren. Beide Städte bieten eine hohe Lebensqualität und könnten unterschiedlicher nicht sein.
Von Bastian Heiniger