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Inhaltsverzeichnis
Herzog Berchtold V. von Zähringen, Rektor von Burgund, gründete um 1190 (traditionell wird 1191 angenommen) Bern und sicherte den östlich davon gelegenen Aareübergang mit der Burg Nydegg. Bern gehörte territorial zum Reichshof Bümpliz und kirchlich zur Augustinerpropstei Köniz. Von 1276 an trennte der Graben östlich des Heiliggeistspitals die Kirchgemeinden Bern und Köniz. Die Gründungsstadt reichte vom untern Ende der Gerechtigkeitsgasse bis zum Zytglogge (Zähringerstadt). 1256 erfolgte eine erste Erweiterung bis zum Käfigturm unter der Herrschaft Peters von Savoyen (Savoyerstadt, innere Neuenstadt). Die bis zur Schleifung der Schanzen im 19. Jh. letzte Stadterweiterung bezog 1344/46 auch das Heiliggeistspital ein (äussere Neuenstadt). Stadtbefestigung. Der Name Bern scheint keltischen Ursprungs zu sein. Er ist 1208 erstmals belegt.
Lit.: KDM. 1
Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976)
Weltkulturerbe UNESCO – Altstadt von Bern
Das Gebiet der Schweizer Hauptstadt Bern war bereits in vorgeschichtlicher Zeit und später von Kelten, Römern und Germanen besiedelt. 1191 gründet Herzog Berchtold V. von Zähringen die Stadt Bern als Bollwerk seines Reiches gegen Westen. Die Zähringer entstammen einem schwäbischen Adelsgeschlecht, das seit dem 11. Jh. die Grafschaft Breisgau (heute Deutschland; Gebiet nördlich des Rheins an die Schweiz angrenzend) besass.
Bei einer Jagd soll Berchtold befohlen haben, die neue Siedlung nach dem ersten Tier zu benennen, das erlegt würde, so kam Bern zu seinem Bären. Noch heute erinnert der kreisrunde Bärengraben an das städtische Wappentier; hier werden seit dem 16. Jahrhundert die zottigen Gesellen sogar gezüchtet.
Die Zähringer waren grosse Städtebauer, neben Bern erbauten sie zahlreiche weitere Städte, die heute teilweise in der Schweiz (u.a. Freiburg im Uechtland, Thun, Solothurn und Rheinfelden) und teilweise in Deutschland liegen (u.a. Bräunlingen, Freiburg im Breisgau, Neuenburg und Villingen-Schwenningen).
Die Altstadt von Bern wurde auf der Aare-Halbinsel errichtet, welche natürlichen Schutz von drei Seiten bot, auf der vierten Seite wurden eine Mauer und ein Wehrturm (heute Zeitglocken) sowie vorgelagert ein Stadtgraben errichtet. Berchtold V. baute die Stadt nach einem klaren Plan: Beginn am niedrigsten Eck (Nydegg) und Bau in Richtung Westen.
Charakteristische Merkmale Berns und allen anderen Zähringerstädten sind die breiten Strassen für den Markt (kein zentraler Platz), die fortschrittliche Infrastruktur für Brauchwasser- (Stadtbach), Abwasser- (Ehgräben) und Trinkwasserversorgung (Quellfassung); die Strassen treffen rechtwinklig aufeinander, was die Parzellierung der Stadtanlage in genau gleich grosse Flächen (sog. Hofstätten von 100×60 Fuss) bedingt.
1218 stirbt das Geschlecht der Zähringer aus, Bern wird direkt dem Kaiser unterstellt und erhält verschiedene wichtige Privilegien (Selbstverwaltung, eigenes Gericht, eigener Markt). In der Folge immer mächtiger werdend, entwickelt sich Bern zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen (bis 1798). Die Stadt wird weiter ausgebaut, vorallem in Richtung Westen (Käfigturm, Christoffelturm) und gilt heute vom äusseren wie vom inneren Ortsbild her als eine der grossartigsten Zeugen mittelalterlichen Städtebaus in Europa.
1405 brannte der grösste Teil der Stadt mit ihren Holzhäusern ab, die Stadtoberen verordneten daraufhin den Wiederaufbau aus Stein, seitdem prägt das Graugrün des Sandsteins das Berner Stadtbild. Beim Wiederaufbau entdeckte man den Vorteil von Laubengängen und vergrösserte dementsprechend die Häuser. Die Gassen wurden schmaler, der Wohn- und Geschäftsraum nahm zu. Dieser Tradition der Laubengänge, die in den nachfolgenden Zeiten weiter gepflegt wurden, verdankt Bern heute seine rund 6 km Arkaden, die längste gedeckte Einkaufspromenade Europas.
Beim Wiederaufbau nach dem verheerenden Stadtbrand von 1405 wurde 1421 mit dem Bau des Berner Münsters begonnen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begann man nach dem Muster süddeutscher Städte das Stadtbild mit prächtigen Renaissancebrunnen aufzulockern.
1848 wurde Bern durch das erste schweizerische Gesamtparlament zur Bundesstadt der Schweiz gewählt, sichtbarster Ausdruck dieser Funktion ist das im Stil der florentinischen Renaissance erbaute Bundeshaus (1894-1902).
Bern wurde anlässlich der Sitzung des Welterbekomitees vom 5. bis 9. Dezember 1983 in Florenz (Italien) in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.
2003 – Seit 20 Jahren Unesco-Label
Seit 20 Jahren ist die Berner Altstadt ein Unesco-Welterbe – eines von inzwischen 730 in 125 Ländern An der 7. Session des «World Heritage Committee» 1983 in Florenz wurde Bern der prestigeträchtige Stempel «Unesco-Weltkulturerbe» aufgedrückt – für seine gut erhaltene mittelalterliche Altstadt. Und nun? Ist die Unesco-Auszeichnung bloss ein werbewirksames touristisches Markenzeichen? Oder mehr?
Selbstbewusst preist Bern Tourismus den «Weltkultur-Charme» der Bundesstadt einer Stadt, die mit ihren «altehrwürdigen Sandsteingebäuden, historischen Türmen und den elf einzigartigen Brunnen zu den grossartigsten Zeugen mittelalterlichen Städtebaus in Europa» gehöre. Das Stadtbild sei seit Jahrhunderten praktisch unverändert, weshalb die Berner Altstadt 1983 von der Unesco als Welterbe auserkoren worden sei: «Die Stadt mit dem viel besuchten Bärengraben der Bär ist Berns Wappentier rückt dank der Auszeichnung der Unesco als Welterbe in eine Reihe mit Rom, den ägyptischen Pyramiden oder dem Taj Mahal.»Für Raymond Gertschen, Direktor von Bern Tourismus, ist das Unesco-Label ein willkommenes touristisches Werbeargument. Anfänglich sei der Bekanntheitsgrad des Begriffs «Unesco-Welterbe» zwar noch beschränkt gewesen, weil es auch nur wenige Welterbe gegeben habe. Doch dies sei nun anders: «Nun haben auch Länder wie Japan ihre Welterbe, weltweit gibt es schon über 700. Die Bezeichnung Unesco-Welterbe wird heute von vielen als internationales Gütesiegel wahrgenommen.»
«Einzigartig» und «authentisch»
Es gibt, in der Tat, inzwischen 730 Unesco-Welterbe in 125 Ländern 563 sind Kulturerbe, 144 sind Naturerbe und 23 sind gemischte Kultur-/Naturerbe. Welterbe werden auf die Unesco-Liste aufgenommen, wenn sie die in der Konvention festgelegten Kriterien der «Einzigartigkeit» und der «Authentizität» (bei Kulturstätten) und der «Integrität» (bei Naturstätten) erfüllen und wenn ein überzeugender «Erhaltungsplan» vorliegt. Er stelle auch fest, sagt Gertschen, dass im Tourismus gerade «dieses Echte und Spezielle» vermehrt wieder zähle. Deshalb präsentiere er seit seinem Amtsantritt 1998 die Stadt Bern ganz gezielt als Unesco-Welterbe «weil wir uns in der Werbung von den anderen abheben müssen». In der Schweiz sind neben der Berner Altstadt auch das Kloster St. Johann in Müstair, der Klosterbezirk der Stiftskirche St. Gallen und die Burgen von Bellinzona Kultur-Welterbe.
Grossartige Kulisse für Anlässe
Das Unesco-Label allein reiche in der Tourismuswerbung zwar nicht aus, doch unter diesem Markenzeichen liessen sich alle anderen Vorzüge Berns besser anpreisen «die zentrale Lage als Ausgangspunkt für Tagesausflüge in die halbe Schweiz, das Einkaufsparadies unter den einzigartigen sechs Kilometer langen Lauben, die vielfältige Hotellerie und Gastronomie, die Kultur- und Sportmöglichkeiten». Das Welterbe Bern sei jedes Jahr auch eine grossartige Kulisse für den Grand Prix von Bern und am kommenden 1. August werde es auch eine reizvolle Kulisse sein für den grossen internationalen Stadt-Orientierungslauf im Vorfeld der OL-Weltmeisterschaften, die anschliessend in Rapperswil stattfinden werden.
Bald Bern-Briefmarke
Gegenwärtig versuche man intensiv auch, das Unesco-Weltkulturerbe Bern mit dem neuen Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn und den drei anderen Kulturerben in der Schweiz zu verbinden. Vor allem propagiere man dabei Bern als «Tor zu den Bergen» als Ausgangspunkt für Tagesausflüge ins Jungfrau-Aletschgebiet. Geplant seien auch entsprechende touristische «Packages» zum Beispiel ein Welterbe-Pass. Im Übrigen lanciere die Post im September fünf Sondermarken mit den Schweizer Welterben als Sujets. «Dies», freut sich Gertschen, «wirkt auch nach innen, sensibilisiert uns Schweizerinnen und Schweizer, macht deutlich, dass wir ein Interesse haben, zu den Welterben Sorge zu tragen. Denn: Wenn wir sie kaputt machen, machen wir auch den Tourismus kaputt.» Dem pflichtet der Stadtberner Denkmalpfleger Bernhard Furrer zu und betont, das Label sei mehr als bloss eine Affiche für die Tourismuswerbung. Und: Die Berner Altstadt sei ja nicht nur für die Auswärtigen, sondern auch für die Einheimischen «eine ungeheure Attraktion». In Bezug auf den Schutz der Altstadt habe sich durch das Unesco-Label inhaltlich allerdings nicht viel geändert: Der Schutz sei mit der Bauordnung 1979/81 schon vorher ernst genommen worden, die strengen Bestimmungen der Unesco würden von der Denkmalpflege der Stadt Bern also auch ohne diese Vorgaben durchgesetzt. So gehöre etwa die «Fassaden-Story» «die Mär, Berns Altstadthäuser bestünden bloss noch aus Sandsteinfassaden vor Neubauten» seit 1979 der Vergangenheit an: «Seither ist in der Berner Altstadt kein Haus mehr ausgehöhlt worden. Zu schwierigen architektonisch-denkmalpflegerischen Gratwanderungen kommt es aber immer wieder, wenn in einem einfachen Altstadt-Bürgerhaus luxuriöse Wohnungen eingebaut werden.»
Bewusstsein der Bevölkerung
Viel hat laut Furrer die Unesco-Auszeichnung im Bewusstsein der Berner Bevölkerung bewirkt im guten Gefühl, etwas weltweit Einzigartiges zu besitzen. Und dieses Bewusstsein habe sich auch auf die allermeisten Politikerinnen und Politiker übertragen. Furrer beklagt aber die fehlenden finanziellen Konsequenzen: «Wir erhalten für unsere denkmalpflegerischen Anstrengungen nach wie vor keine Unterstützung vom Bund. Zum Glück hilft jedoch der Kanton, für den wir die Aufgabe in der Stadt wahrnehmen. Zudem haben wir in der wissenschaftlichen Aufarbeitung Defizite. So ist ein Arbeitslosenprogramm zur präzisen Erfassung der Altstadtfassaden und Lauben aus Geldmangel abgebrochen worden.»
Auch heute «gute Chancen»
Furrer weist darauf hin, dass auch Bern die Unesco-Würde nicht definitiv zugesprochen worden sei, sondern diese periodisch von einer Fachinstanz geprüft werde. Mögliche Gefährdungen müssten gemeldet werden wie dies etwa bei der Erweiterung der Waisenhausplatz-Einstellhalle geschehen sei, wo man «ganz massiv in die archäologischen Schichten der historischen Stadt eingegriffen» habe. Bei gravierenden Gefährdungen werde die Unesco aktiv: «Potsdam ist wegen Neubauplänen in der Umgebung knapp an einer Streichung vorbeigegangen. Auch Lübeck hätte damit rechnen müssen, wenn es mit einem schlecht gestalteten Neubau den alten Markt gefährdet hätte.» Für die Berner Altstadt hat Bernhard Furrer ein gutes Gefühl: «Wir hätten auch heute noch gute Chancen, wenn wir uns um einen Platz auf der Welterbe-Liste bewerben würden.»
www.ebund.ch
Walter Däpp 06.06.2003