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Gerade hat Barbara Miller in Nairobi ihren zweiten Kinodokumentarfilm abgedreht. «The Female Touch», so der Arbeitstitel, handelt von fünf Frauen aus fünf Weltkulturen, die unter teils widrigen, teils offen frauenfeindlichen Bedingungen für eine selbstbestimmte Sexualität kämpfen. Eine Somalierin in London ist darunter, eine ultraorthodoxe Jüdin, eine japanische Künstlerin, eine Ex-Nonne und eine junge Inderin. Letztere betreibt eine Aufklärungswebsite in Hindi, die erste in Indien überhaupt.
Das erinnert sofort an «Forbidden Voices» (2012). In ihrem ersten Kinodokumentarfilm porträtiert die Zürcher Regisseurin drei mutige Bloggerinnen, die das Propaganda-Monopol totalitärer Regimes (in China, in Iran und Kuba) zu unterlaufen versuchen, selbst wenn sie sich dabei grossen Gefahren aussetzen und bedroht werden. Starke Frauen also. Unrecht und Gerechtigkeit. Der Kampf dagegen und jener dafür. Immer wieder geht es darum, wenn man mit Barbara Miller über Motive und Motivation bei ihrer Arbeit spricht.
Juristin, Dokumentaristin, Betreuerin
Schon ihr Entscheid für ein Jurastudium hatte damit zu tun. Miller, im Appenzell und später in Kilchberg und Zürich aufgewachsen, studiert zunächst Filmwissenschaft, Psychologie und Philosophie. Aber sie will etwas «Handfestes» abschliessen, wie sie sagt, um ihren Teil zur Verbesserung der Verhältnisse beitragen zu können. Nach dem Studium arbeitet Miller 1998 zunächst als Juristin und Produktionsassistentin bei Condor Films, danach ein Jahr lang als erste Mitarbeiterin bei der neu gegründeten C-Films in Glattfelden, wo «Lüthi & Blanc» entsteht. Produktionsleiterin und Produzentin hätte sie werden sollen; stattdessen will sie nun selber Filme drehen.
Die Möglichkeit, das Filmhandwerk zu lernen, bietet sich dann bei «War Photographer» von Christian Frei, wo Miller Schnitt- und Regieassistentin wird, zwei Jahre lang; sie hatte Frei zuvor juristisch beraten und mit dem New Yorker Kampfanwalt des Protagonisten James Nachtwey einen Vertrag ausgehandelt. Nach einer weiteren Assistenz bei Frei, diesmal beim Fernseh-Dokumentarfilm «Bollywood im Alpenrausch», macht sich Miller selbstständig. Insgesamt zwölf Fernseh-Dokumentarfilme – sie alle drehen sich um sozialpolitisch aufgeladene Themen – entstehen zwischen 2002 und 2017. «Vollfett – Abnehmen um jeden Preis», «Häusliche Gewalt – Wenn die Familie zur Hölle wird» oder «Schattenkind» (über die Kindheit des Schriftstellers Philipp Gurt) lauten drei der Titel. Daneben arbeitet Miller als Sozialbetreuerin mit Drogensüchtigen, Frauen auf dem Strich oder mit Obdachlosen. Beim Filmemachen geht es ihr heute noch darum, «Ungerechtigkeit aufzudecken und etwas zu bewegen». Mit «Forbidden Voices» kann sie globale Themen aufgreifen und jene Grenzen überwinden, die sie als Fernsehregisseurin zuletzt beengt haben (jeder Beitrag für die DOK-Reihe verlangt einen Schweizer Bezug).
Wider das Einzelkämpfertum
Im Ausland hat sie sich in letzter Zeit oft aufgehalten: Ein Jahr lang begleitet Miller «Forbidden Voices» an rund siebzig Festivals; seit 2013 dreht sie jährlich einen Film über Hilfswerk-Projekte in Indien, Kosovo oder Brasilien, hinzu kamen die Vorbereitungen für «The Female Touch». Mit Philip Delaquis vom «Kollektiv für audiovisuelle Werke», der Firma, die schon «Forbidden Voices» produzierte, hat Barbara Miller zudem die Produktionsfirma «Mons Veneris Films» gegründet – nicht zuletzt deshalb, weil es fast unmöglich sei, vom Regielohn alleine zu leben.
Mit solchen Fragen wird sich Barbara Miller auch als neu gewählte Präsidentin des Regieverbands ARF/FDS auseinandersetzen müssen; die Geschäfte übernimmt sie von ihrem Vorgänger Kaspar Kasics im September. Eine Strategiediskussion ist noch zu früh, was aber hat sie als Regisseurin selbst vom Verband erwartet? Filmemacher seien oft Einzelkämpfer, sagt sie. Die Arbeit, die ein gut aufgestellter Verband leistet, sei schon deshalb wichtig, um dieses Gefühl von Isolation zu durchbrechen. Wichtig sei jetzt vor allem mal, Kontinuität zu garantieren – auch wenn das wenig sexy klinge.
Und was hält sie von der Gender-Frage, die gerade beim ARF Priorität geniesst? «Das kann doch nicht wahr sein!», habe sie beim Lesen der Studie über Förderbeiträge an Frauen gedacht. Nie hätte sie dieses Ausmass an Ungleichheit erwartet; nun zeige sich, dass es eben doch eine Rolle spiele, ob Frau oder Mann einen Film dreht: «Wir werden diskriminiert und waren uns dessen nicht bewusst!» Auch deshalb ist es mehr als Symbolpolitik, wenn nach 16 Jahren wieder eine Frau an der Spitze des Regieverbands steht. Nicht irgendeine.
▶ Originaltext: Deutsch