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Der italienische Ozeandampfer «Principessa Mafalda« hatte vom Stapellauf 1909 bis zum Untergang 1927 ein bewegtes Leben. Biograph ist Stefan Ineichen.
Exquisite Genüsse in ebensolchem Ambiente erwartete die Passagiere der Luxusklasse auf dem Linienschiff zwischen Genua und Buenos Aires, während das gemeine Volk, darunter zahlreiche Emigranten unten im Schiffsbauch wenigstens mit Nahrung aus dem Blechnapf versorgt wurde. Argentinien hatte eine wachsende italienische Kolonie, darunter auch gutbürgerliche Auswanderer, denen – wie aus den Logbüchern der Principessa Mafalda hervorgeht – Theatertruppen oder Orchester Gastspiele bescherten.
Die Gelassenheit, mit der die Schiffseigner und Kapitäne davon ausgingen, dass ein Untergang nie infrage komme, erstaunt auch im Fall der Principessa Mafalda, ein Vorbild gab es ja mit der Titanic. Auch diesmal scheiterte die Rettung einer grossen Zahl von Passagieren und Besatzungsmitglieder an maroden oder fehlenden Rettungsbooten, nicht gewarteten Schotten gegen Wassereinbruch bei Havarie und schliesslich an Standschäden des Antriebs, weil das Schiff während des 1. Weltkriegs als edles Wohnheim für Marineoffiziere in einem sicheren Hafen abgestellt war.
Aber das ist das unrühmliche Ende des stolzen Überseedampfers mit dem Namen einer italienischen Prinzessin. Eine Biographie beginnt jedoch mit der Geburt, hier dem Stapellauf in Genua im Herbst 1908. Stefan Ineichen hat aus dem Lebenslauf des Dampfers eine reiche, höchst spannende und locker lesbare Erzählung gebaut, die immer wieder für Überraschungen gut ist. Das gelingt dem Autor, der nebenbei sein Brot als Ökologe verdient, trotz imposantem Quellenstudium (oder gerade deshalb?), weil er ohne zu flunkern genug spannende Geschichten gefunden hat, die er meisterhaft erzählt.
Die Reise von Pater Giovanni Genocchi, im Auftrag des Papstes die Eingeborenen zu missionieren, ist Anlass, über den Genozid an der Urbevölkerung Südamerikas und die desaströsen Folgen des Kautschukbboms im Amazonasbecken zu berichten: Wer nicht gleich umgebracht wird , schuftet als Sklave ohne Lohn oder wird «aus purem Vergnügen mit der Machete zerstückelt.»
Die Biographie des Ozeandampfers wird bei Stefan Ineichen zum Destillat von Weltgeschichte zwischen Europa und Südamerika, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte eingeschlossen. Erweitert wird sie um die Lebenszeit der Namensgeberin, der italienischen Prinzessin Mafalda, zweite Tochter des Königs Vittorio Emanuele III, Mitglied der NSDAP und am Ende in einer Isolierbaracke der SS als Ehrenhäftling umgekommen.
Stefan Ineichen, mit dem Linienschiff «Principessa Mafalda» dampfen Sie zum dritten Mal nach der Titanic (2011) und der Cap Arcona (2015) Weltgeschichte (auch Sozialgeschichte) auf die Lebensdauer eines Ozeanriesen ein. Was fasziniert Sie an diesen Geschichten?
Stefan Ineichen: Jeder Transatlantikdampfer stellt einen Mikrokosmos dar, der über sich hinausweist. Alle Klassen sind vertreten, von der armen Emigrantenfamilie bis zu den Superreichen, die in der Luxusklasse reisen. Und das ganze System gerät spätestens beim Untergang radikal unter Druck. Zuvor fährt das Schiff hin und her, hin und her, und wie mit der Bewegung des Schiffchens auf dem Webstuhl entsteht nach und nach ein Gewebe, eine Textur. Wenn ich den Dampfern und den Menschen, die mit diesen das Meer überquert haben, folge, so lerne ich unglaublich viel über Städte, Länder und Zeiträume.
Sie sind vielen hier als Stadtbiologe bekannt mit dem Spezialgebiet Glühwürmchen. Aber Sie sind auch Schriftsteller. Wie bringt man beides unter einen Hut?
Tja, seit ich mich mit Glühwürmchen beschäftige, schaue ich, dass in jedem Buch irgendwo Glühwürmchen oder Leuchtkäfer vorkommen, was im Umfeld von Transatlantikdampfern nicht immer einfach ist. Im Ernst: Ich schreibe gewissermassen in meiner Freizeit und habe nicht den Anspruch, den Lebensunterhalt mit Schreiben zu bestreiten. Berührungspunkte zwischen Stadtökologie und Texten, die sich mit vergangenen Zeiten beschäftigen, gibt es allerdings viele – auch die Stadtfauna und Ökosysteme überhaupt bleiben ohne ein gewisses Verständnis ihrer Geschichte unverständlich.
Verstehen Sie sich vor allem als Forscher? Sowohl in der Natur als auch in Archiven?
Ich bin schon neugierig, aber mich interessieren nicht nur die Ergebnisse meiner Untersuchungen, die oft auch etwas chaotisch, assoziativ und vielleicht unwissenschaftlich erfolgen, sondern ich suche Formen, wie ich die gewonnenen Erkenntnisse aufbereiten und weitergeben kann.
Kommt es vor, dass Sie Dinge entdecken, die entweder längst vergessen sind, oder nie beschrieben wurden?
Bei den Recherchen zur Principessa Mafalda bin ich auf viele Zusammenhänge und Geschichten gestossen, die kaum bekannt sind. So wurde die im Frühjahr 1956 im italienischen Wochenmagazin L´Europeo erschienene Reportage, in der zahlreiche Überlebende vom Untergang der Mafalda berichten, in Büchern und Artikeln, die in den letzten Jahren publiziert worden sind, offensichtlich übersehen. Auch die unveröffentlichten Briefe des jungen Wallisers Jacques Bille, die ich im Staatsarchiv in Sion lesen konnte, haben mich berührt. Die an den Vater gerichteten Briefe haben den Adressaten erst erreicht, als schon bekannt war, dass Jacques, der Halbbruder von Corinna S. Bille, beim Unglück umgekommen war.
Wie gehen Sie vor, wenn sie ein Buch planen? Oder auch: wie kamen Sie auf die Mafalda-Geschichte?
Irgendwie gerate ich von einem Schiff auf das nächste: Bei der Arbeit am Titanic-Buch habe ich mir alle möglichen Titanic-Filme angeschaut – auch eine Produktion aus der Nazi-Zeit, die teilweise auf der Cap Arcona gedreht worden ist. Und in einem Bericht eines zur Jungfernfahrt der Cap Arcona geladenen Reporters ist nachzulesen, dass das deutsche Schiff vor der brasilianischen Küste der kurze Zeit davor an dieser Stelle untergegangenen Principessa Mafalda gedacht hat. Da wollte ich wissen, was es mit diesem Dampfer auf sich hat – und schon war ich in ein nächstes Projekt verwickelt.
Stefan Ineichen. Foto: © Michèle Albrecht
Stefan Ineichen tritt mit dem Buch «Principessa Mafalda» im Rahmen von «Zürich liest» auf:
Samstag, 29.Oktober 14 Uhr bis 15:30 Uhr; Ort: Schiffsteg, Bellevue, Zürich.
Details erfahren Sie hier.
Titelbild und Bilder: Die Abbildungen stammen aus dem Buch «Principessa Mafalda» und der Postkartensammlung des Autors. © Stefan Ineichen
Die Bücher über gesunkene Schiffe:
Stefan Ineichen: Mafalda. Biografie eines Transatlantikdampfers
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022. ISBN 978-3-8031-3720-3
Stefan Ineichen: Cap Arcona 1927–1945. Märchenschiff und Massengrab. Limmatverlag, Zürich 2015. ISBN 978-3-85791-769-1
Stefan Ineichen: Endstation Eismeer. Schweiz – Titanic – Amerika. Limmatverlag, Zürich 2011. ISBN 978-3-85791-629-8