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«Lieutenant Gustl» und die Medizin
Viele berühmte Ärzte machten sich aufgrund ihrer Verdienste für die Medizin einen Namen. Manche jedoch gingen vielmehr durch ihr literarisches Schreiben in die Geschichte ein . Arthur Schnitzler, ebenfalls Arzt und Schriftsteller, lebte in kritischer Distanz zu seinem Zeitgenossen Sigmund Freud, zu einer Zeit, in welcher die Medizin vom Mittelalter in die Moderne überging.
Text | Jacqueline Rüesch
Arthur Schnitzler, Sohn eines Medizinprofessors für Laryngologie, studierte an der Universität Wien Medizin, pro-movierte 1885 und arbeitete danach als Assistenz- und Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien. Er war in der Abteilung für Innere Medizin, für Psychiatrie und Dermatologie tätig und unterstützte darauf, für etwa sieben Jahre, seinen Vater in der Abteilung für Laryngologie. Nach dessen Tod, 1893, verliess Schnitzler die Klinik und eröffnete in Wien eine eigene Praxis. Literarisch trat er bereits in jungen Jahren mit Gedichten und Erzählungen hervor, publizierte aber auch als Arzt immer wieder in verschiedenen Zeitschriften. Nach der Veröffentlichung seiner berühmtesten Erzählung «Lieutenant Gustl» gab er den Arztberuf schliesslich auf und widmete sich ganz dem literarischen Schreiben.
Der Skandal
«Lieutenant Gustl» war für Arthur Schnitzler eine Zäsur, doch nicht nur für ihn. Der Text, 1900 erstmals in der Weihnachtsausgabe der Zeitung Die Neue Freie Presse erschienen, erhitzte von Beginn an die Gemüter. Der erste deutschsprachige, beinahe vollständig als Innerer Monolog verfasste Text provozierte Entrüstung in militärischen und antisemitischen Kreisen, was letztendlich zur Aberkennung von Schnitzlers Offiziersgrad führte. Grund dafür war, so der Beschluss des k. k. Landwehrergänzungsbezirkskommandos vom 10. Juni 1901, folgendes:
Der beschuldigte Oberarzt etc. hat die Standesehre dadurch verletzt, daß er als dem Offiziersstande angehörig eine Novelle verfaßte und in einem Weltblatte veröffentlichte, durch deren Inhalt die Ehre und das Ansehen der österr. ung. Armee geschädigt und herabgesetzt wurde, sowie daß er gegen die persönlichen Angriffe der Zeitung ‹Reichswehr› keinerlei Schritte unternommen hatte2.
Schnitzlers Erzählung schildert die wenigen Stunden eines k. k. Leutnants von einem Konzertbesuch um 21:45 Uhr bis zum darauffolgenden Frühstück um etwas nach 6:00 Uhr. Der Leutnant sucht am Vorabend eines Duells die Zerstreuung in einem Konzertsaal; gelangweilt widmet er sich der Betrachtung des Publikums. Beim Verlassen des Lokals wird er vom Bäckermeister beleidigt und an seinem Säbel gepackt. Weil jener aufgrund seines Standes nicht satisfaktionsfähig ist, sieht Lieutenant Gustl keine andere Möglichkeit, der «Schande» zu entgehen, als den Freitod. Gustl verbringt die Nacht mit sich ringend im Wiener Prater, findet sich am folgenden Morgen im Kaffeehaus ein und erfährt dort, dass der gewisse Bäckermeister in eben dieser Nacht vom Schlag getroffen wurde. Die «Schande», die dem Lieutenant widerfahren ist, bleibt unerkannt und er vom Freitod verschont.
Die Militaristen fühlten sich durch die Darstellung eines ungebildeten, an Frauen zu sehr interessierten und feigen Leutnants und das damit «entworfene Standbild» der österreichisch-ungarischen Armee beleidigt, so die genannte Zeitung2.
Der Arzt als Literat
Erstaunlicherweise reagierte das Ehrenkomitee der österreichisch-ungarischen Armee in ähnlicher Weise wie der kritisierte Lieutenant Gustl, es verlangte Satisfaktion. Als Offizier konnte Schnitzler die Reaktion Armeeangehöriger abschätzen. Doch wusste er, welche Konsequenzen die Erzählung für ihn persönlich hatte? Ein Eintrag in seinem Tagebuch vom 18. September 1894 bezeugt Schnitzlers Gleichgültigkeit diesem Stand gegen-über. Am 19. Juli 1900 schrieb Schnitzler dann ebenda: «‹Ltn. Gustl› vollendet, in der Empfindung, dass es ein Meister-werk»3. Ein solches Meisterwerk verlangt mehr als Provokation. Was also ist das Besondere an Schnitzlers Text?
Schnitzler genoss eine ähnliche universitäre Ausbildung wie ein paar Jahre zuvor Sigmund Freud. Obschon er eine eigenständige Meinung in Bezug auf Freuds Schriften und die Psychiatrie hatte, wurden seine literarischen Texte immer mal wieder mit Freud in Verbindung gebracht und dies nicht zu Unrecht. So schrieben Freud und sein Kollege Josef Breuer 1893 in einem Text «Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene»:
Wird die Reaktion unterdrückt, so bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte, wird anders erinnert, als eine, die hingenommen werden mußte. Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psychischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst charakteristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden als «Kränkung»4.
Ohne das Abreagieren des Reizzuwachses durch das konkrete Ereignis, bleibt der ursprüngliche Affekt bestehen und führt zum psychischen Trauma, so die beiden Ärzte. Nach ihnen können korrigierende Vorstellungen und Gespräche aber genauso zur Heilung des Traumas beitragen, wie die real ausgeführte Reaktion. Hysterie-Patienten hingegen sind sich ihrer erlebten Traumata nicht mehr bewusst, was die selbständige assoziative Bewältigung von Vorstellungen verhindert4.
Der Literat als Arzt
Wie die militaristischen Gegner von Schnitzlers Text festgestellt hatten, ist die Figur Lieutenant Gustl tatsächlich das «Standbild» für die Institution der Armee an sich. Dies allerdings in mehreren Schichten. Zuerst als Verallgemeinerung der damals bereits unhaltbaren Einrichtung der Satisfaktion. Schnitzler hinter-fragte das Ehrgefühl des Militärstandes und gab dem Wort gegenüber der Gewalt den Vorzug. Des Weiteren verwies er aber auch auf den politischen Zustand des damaligen Österreich-Ungarn.
Nach Meyers Grossem Konversationslexikon von 1905 war Georges E. J.-M. Boulanger (1837–1891), Offizier der französischen Armee, Förderer des Revanchegedankens im Krieg gegen Deutschland und Begründer des Boulangismus, einer revisionistischen politischen Bewegung Frankreichs5. Die Figur des Bäckermeisters nimmt mit ihrem Namen die Vorstellungen dieser Bewegung in die Novelle auf und verschiebt sie hier auf die politische Situation Österreich-Ungarns. Mit «Lieutenant Gustl» scheint Schnitzler den nationalistischen Militarismus der Doppelmonarchie anhand der Psychoanalyse als Gegenreaktion auf die Niederlagen im Zusammenhang mit dem Aufstreben Frankreichs und dessen Einfluss auf deren Politik zu deuten.
Arthur Schnitzler entwarf folglich nicht nur den ersten deutschsprachigen inneren Monolog, sondern war auch einer der ersten, der sich die damals zeitgenössische Psychoanalyse für literarische Texte zu Nutze machte. Mitunter wohl auch ein Verdienst seines Berufs.
Bibliografie
- Schnitzler A: Lieutenant Gustl. Neue Freie Presse; 25. Dezember 1900: 34–41.
- Renner U: Dokumentation eines Skandals. Hofmannsthal Jahrbuch 2007; 15: 33–216.
- Schnitzler A: Tagebuch 1879–1931. Hrsg. von Werner M. Welzig, et al. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; 1987–2000; Bd. 2.
- Freud S: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Bd. 1. Werke aus den Jahren 1892–1899. Fischer; 1999: 81–98.
- Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 3. Bibliographisches Institut; 1905: 277–278.