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Maria Scharapowa verzaubert New York mit ihrer magischen Rückkehr – doch es bleibt ein schaler Beigeschmack.
Als die Partie gegen Simona Halep (25, WTA 2) nach fast drei Stunden zu Ende war, da kauerte Maria Scharapowa (30, WTA 147) auf den Knien und schlug die Hände vors Gesicht. Zugleich lachend und weinend, überwältigt nach einem 6:4, 4:6, 6:3 gegen die Rumänin, die in diesem Jahr zuvor schon dreimal die Chance verpasst hatte, die Spitze der Weltrangliste zu übernehmen. Für die Russin Scharapowa ist es das perfekte Drehbuch auf der perfekten Bühne, im Arthur Ashe Stadium, dem Betonkessel, der 23771 Zuschauern Platz bietet.
19 lange Monate hatte sie nach ihrer Sperre wegen der Einnahme des auf der Dopingliste stehenden Herzmittels Meldonium auf diesen Moment warten müssen. «Manchmal überlegt man, warum man all die Arbeit investiert. Ich dachte, es wäre nur ein Match, eine weitere Möglichkeit, aber es war so viel mehr. Deine Gefühle kannst du nicht kontrollieren», sagte Scharapowa, die Königin der Nacht, die in Abendspielen beim lautesten und schillerndsten der vier Grand-Slam-Turniere eine blütenweisse 18:0-Bilanz vorweist. «Das sind die Momente, die mich inspirieren.» Sie trainiere nicht alleine, in der Früh, unbeobachtet auf einem Nebenplatz, um diese Momente nicht zu erleben.
Deine Gefühle kannst du nicht kontrollieren. Das sind die Momente, die mich inspirieren.
In Kournikowas Kleidern
Was mit viel Pathos geschmückt ist, kann auch als Koketterie verstanden werden. Denn obwohl Scharapowa ab Ende Januar 2016 bis im April dieses Jahres gesperrt war, verschwand die fünffache Grand-Slam-Siegerin nie aus den Schlagzeilen. Von allem Anfang an wurde ihre Absenz von ihrem findigen Agenten Max Eisenbud inszeniert. Als die French Open 2016 gespielt wurden, bewarb die 1,88 Meter grosse Blondine in Paris ihre Süssigkeitenlinie. Im Juni erscheint «The Point», ein Film, der die 15-monatige Absenz dokumentiert. «Es ist ein komisches Gefühl, wenn dir ein Team wie ein Schatten folgt», sagt sie. Noch vor dem ersten Spiel erzählte sie, die als 7-Jährige aus Sibirien in die Bollettiere-Akademie nach Florida wechselte, dass sie dort einst die Kleider von Anna Kournikowa getragen habe. Eine nette Anekdote. Schöne Inszenierung.
Am 12. September, drei Tage nach dem Frauen-Final, erscheint «Unstoppable» (Unaufhaltsam), ihre Biografie. Bereits veröffentlichte Ausschnitte daraus zeigen, wieso die 30-Jährige die Tenniswelt spaltet. Dort beschreibt sie, wie nach dem Sieg im Wimbledon-Final 2004 die Rivalität mit Serena Williams begonnen hat. «Ich denke, Serena hasste mich dafür, dass ich das dünne Kind war, das sie gegen jede Erwartung geschlagen hat. Aber am meisten hasste sie mich dafür, dass ich sie habe weinen hören.» Kurze Zeit später habe Williams zu einer Freundin gesagt: «Gegen diese kleine Schl…. werde ich nie mehr verlieren.» Seither konnte Scharapowa nur noch eines von 18 Duellen gewinnen, das letzte 2014.
Ich trage eine Rüstung, seit ich ein Kind war – mein ganzes Leben lang. Ich bin eine sanfte Seele. Ich bin nicht aus Wut, Feindseligkeit oder Missgunst
Das alles gipfelt gegen Halep in einer magischen Rückkehr. Zu ihrem ersten Match bei den US Open seit drei Jahren tritt Scharapowa, die gemäss «Forbes» 25 Millionen Dollar im Jahr verdient, in einem von Designer Riccardo Tisci für sie entworfenen Cocktail-Kleid an. Es ist schwarz und mit Spitzeneinlässen verziert. «Hinter allen diesen Swarovski-Perlen steckt ein Mädchen mit sehr viel Mut und Charakterstärke. Und es hat nicht vor, so schnell zu verschwinden», sagt Scharapowa. Es ist mehr als ein Sieg, es ist eine Demonstration, von der sich auch Kritiker mitreissen lassen. «Wir haben sie verurteilt, aber das ist vorbei. Wir brauchen sie in unserem Sport», sagt Chris Evert, die US-Ikone. «Noch nie habe ich Maria so emotional und menschlich erlebt.»
Menschlich. Noch so ein Attribut, das die neue Scharapowa auszeichnen soll. «Ich trage eine Rüstung, seit ich ein Kind war – mein ganzes Leben lang. Ich bin eine sanfte Seele. Ich bin nicht aus Wut, Feindseligkeit oder Missgunst», sagte sie dem «Stern». Ihren Kritikern begegnet Scharapowa mit offenem Visier. Und mit einer besonderen Hoffnung. «In meinem Herzen habe ich wirklich so viel Respekt und Bewunderung für jeden auf der Tour – auch für meine Kritiker», behauptet die Russin. Auch das passt zur perfekten Inszenierung.