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«Familien können sich die Busfahrt ins Gesundheitszentrum nicht mehr leisten»
Rana Abdel Al, Physiotherapeutin für HI, erklärt ihre Arbeit mit behinderten Menschen. Viele von ihnen wurden während des Syrien-Kriegs verletzt.
Physiotherapist Rana with a patient. | © HI
Eine Behinderung kann dazu führen, dass ein Mensch von der Arbeit oder der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Die Reha-Massnahmen von HI helfen Menschen mit Behinderungen, ihre Mobilität wiederzuerlangen und ihre Arbeit und sozialen Aktivitäten wiederaufzunehmen.
Wie ist die Lage der syrischen Geflüchteten, die vor mehreren Jahren in den Libanon geflohen sind?
Die syrischen Flüchtlinge im Libanon sind sehr arm und ihre Lage hat sich in den letzten Monaten verschlimmert. Oft haben sie eine Wohnung angemietet. Aufgrund der seit einem Jahr andauernden Wirtschaftskrise und der Covid-19-Pandemie können viele von ihnen die Miete nicht mehr aufbringen und haben Angst, hinausgeworfen zu werden. In manchen Fällen hat das Familienoberhaupt noch das Glück, einen Job zu haben. Doch die Arbeitslosigkeit ist in letzter Zeit in die Höhe geschnellt, und viele Familien haben kein Einkommen mehr. Ich sehe Familien, die ihren Lebensmittelkonsum einschränken. Oder Familien, die keine Möglichkeit haben, eine medizinische Versorgung zu erreichen: Zum Beispiel, weil sie den Bus nehmen müssen, um in die Krankenstation zu fahren, und nicht genug Geld für die Busfahrkarte haben. Diese Menschen sind verzweifelt.
Welche Rehabilitationsmassnahmen bietet HI an?
HI hilft den Verletzten und Menschen mit Behinderungen an ihrem Wohnort und in den Flüchtlingslagern. Die mobilen Einsatzteams machen Hausbesuche und bieten Reha-Dienste an. Wir führen auch Behandlungen in mehreren Rehabilitationszentren durch. Wir sind Partner mit zwei lokalen Organisationen, die auf Rehabilitationsdienste spezialisiert sind, und mit vier Krankenstationen in der Region des Bekaa-Tals und im Nordlibanon. Seit Januar haben wir über 400 Menschen geholfen, darunter 250 syrischen Geflüchteten.
Darüber hinaus versorgen wir Verletzte und Menschen mit Behinderungen sowie lokale NGOs und Krankenstationen mit Prothesen und Orthesen, Mobilitätshilfen (Rollstühle, Rollatoren usw.) und Produkten für besondere Bedürfnisse (Matratzen gegen Wundliegen, Toilettenstühle usw.). In einigen Krankenstationen und Gemeindezentren haben wir die Rehabilitationsräume mit Übungstreppen, Laufbändern und vielen anderen Geräten ausgestattet.
Warum sind die Rehabilitationsmassnahmen so wichtig?
Wenn die Mobilität eines Menschen durch einen Verkehrsunfall, durch Krieg oder andere Gründe eingeschränkt ist, kann die Rehabilitation das Entstehen einer dauerhaften Behinderung verhindern. Andere Menschen, die dauerhaft unter eingeschränkter Mobilität leiden, benötigen die Reha-Behandlung, um medizinische Komplikationen wie schmerzhafte Muskelverspannungen, Gleichgewichtsstörungen und eingeschränkte Beweglichkeit der Gelenke zu vermeiden. Diese Probleme schränken die Bewegungsfähigkeit und das Nachgehen körperlicher Aktivitäten eines Menschen ein. Doch viele erlangen mithilfe einer Prothese, eines Rollstuhls oder eines Rollators ein gewisses Mass an Mobilität zurück.
Welche Arten von Verletzungen oder Behinderungen behandeln Sie?
Im Moment betreue ich ein kleines syrisches Mädchen mit einer Rückenmarksverletzung, das im Alter von zwei Jahren durch einen Bombenanschlag in Syrien verwundet wurde. Das Mädchen ist jetzt neun Jahre alt und konnte bis vor kurzem noch nicht laufen. Wir haben es mit einer Orthese, einer Gehhilfe und Reha-Behandlungen versorgt. Dadurch hat es nun Laufen gelernt. Bald wird es wie jedes andere Kind in seinem Alter zur Schule gehen. Das ist eine grosse Veränderung in seinem Leben.
Ich kümmere mich auch um einen jungen Mann, der beide Beine verloren hat, als er auf eine Landmine getreten ist. Seit dem Unfall lebte er von der Gesellschaft abgegrenzt. Dank zweier Prothesen kann er jetzt wieder laufen.
Helfen Sie auch Kindern?
Natürlich. Auf nationaler Ebene führen wir ein Projekt zur Inklusion von Kindern mit Behinderungen in Schulen durch. Ich untersuche dafür den körperlichen Zustand von fast 75 Kindern, die aufgrund ihrer Behinderung nicht zur Schule gehen können. Das Hauptziel besteht darin, sie mit angepassten Hilfsmitteln auszustatten oder Dienstleistungen anzubieten, um Schulen für Kinder mit Behinderungen zugänglich zu machen.