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Demokratie und Pietismus in Graubünden
Zwei Neuerscheinungen zur frühneuzeitlichen Geschichte
Im Jahr 1992 schloss Randolph C. Head seine Dissertation über die frühneuzeitliche Demokratie in den Drei Bünden ab, drei Jahre später erschien die für den Druck gekürzte Ausgabe in Cambridge, und nun liegt sie - endlich - auch auf Deutsch vor. Die Bedeutung der Arbeit ist dreifach: Inhaltlich erforscht sie eine nur bedingt erschlossene Epoche, quellenmässig analysiert sie systematisch Flugschriften, und methodisch verknüpft sie erstmals sprachanalytische Ansätze aus der englischsprachigen politischen Ideengeschichte mit Peter Blickles sozial- und verfassungsgeschichtlicher «Lehre» des «Kommunalismus».
Dank dieser Kombination versteht Head die Traktate, die in Graubünden in den bereits ordentlich wirren Jahrzehnten vor den 1620 losbrechenden Veltliner Wirren erschienen, als Produkte einer bäuerlichen politischen Kultur, des sozialen Handelns in den weitgehend autonomen Bündner Gerichtsgemeinden und im institutionellen Rahmen der Drei Bünde. Charakteristisch waren Mehrheitsentscheidungen der Gemeindebürger, des «gemeinen Mannes», und die von ihnen - notfalls gewaltsam - betriebene Machtbegrenzung der Eliten. Die unterschiedlichen Interessen, Werte und Erfahrungen, die dabei ins Spiel kamen, ebenso konfessionelle, klienteläre und politische Loyalitäten drückten sich nicht in fest gefügten Ideologien aus, wohl aber in einigermassen kohärenten politischen Sprachen.
Head sieht den Kommunalismus als Reaktion auf den Wegfall der übergeordneten Feudalgewalten, weshalb seit dem späten 15. Jahrhundert bäuerliche Gemeinde und lokale Magnaten in einem Wechselspiel von politischen Konflikten und (temporären) Einigungen in Form von Verfassungstexten darum rangen, wer für den öffentlichen Frieden und die lokale Selbstverwaltung zuständig sein sollte. In der Zeit von 1580 bis 1620 steigerten sich Reformbemühungen, geradezu rituelle «Fähnlilupfe» und Strafgerichte gegen Magnaten in einer krisenhaften Spirale, aus der man sich zuletzt durch fremde Hilfe zu erretten hoffte. Als diese in Form französischer und spanischer Truppen erfolgte, wurden die Drei Bünde in den Dreissigjährigen Krieg hineingezogen und erlebten so ihren historischen Tiefpunkt.
Analyse der vorangehenden Krisenjahrzehnte und Abhilfe versprachen laut Head vier unterschiedliche politische Sprachen: katholisch-aristokratische Tiraden gegen die bäuerliche Selbstbestimmung, eine im übrigen Europa häufige, in Graubünden aber marginale Position, welche nur Fürsten und Patrizier als Herrscher zuliess; die «konservative» Rhetorik, welche die Bündner Freiheiten als feudale Privilegien erklärte; die humanistisch inspirierten, «gemässigten» historisch-patriotischen Texte mit ihrem Appell an die Opferbereitschaft im Kampf gegen fremde Tyrannis; und schliesslich die zumeist protestantischen, «radikal-populistischen» Traktate. Sie legitimierten laut Head die Volkssouveränität, betrachteten die Freiheit als abstraktes Gut und beanspruchten sie für den «gemeinen Mann» sowohl im politischen als auch im religiösen Bereich.
Die «radikal-populistische» Position findet sich allerdings nur selten, vor allem in den - immerhin wiederholt gedruckten und in mehrere Sprachen übersetzten - «Grawpündtnerischen Handlungen» von 1618. Sie beeindrucken tatsächlich durch ihre ungewohnten Formulierungen und bilden ein Kernstück von Heads Argumentation, die aber in diesem Punkt wohl dennoch zu modernistisch ist: «Geistliche und weltliche freyheit des gwüssens unnd selbster regierung» meint auch hier nicht abstrakte Freiheit kraft göttlichen Rechts, sondern althergebrachte Freiheitsrechte, auch im religiösen Bereich, die durch «redliche dapfferkeit unserer frommen Altforderen» erlangt wurden, also mit der - in Heads Typologie - «gemässigten» historisch-patriotischen Sprache gerechtfertigt werden.
Näher bei der modernen, individuellen Gewissensfreiheit lagen, allerdings erst im 18. Jahrhundert, die Forderungen von Pietisten, die in Graubünden relativ spät auftraten und letztlich die reformierten Kirchgemeinden nicht, wie andernorts, spalteten. Die föderalistische und demokratische Struktur auch im kirchlichen Bereich, die Integration der sozial nicht abgehobenen Pfarrer in den Dorfverband und die verbreitete private Bibellektüre standen dem entgegen. Damit wirkte der Pietismus weniger im Hinblick auf Bekehrung und Heiligungsbemühungen breiter Bevölkerungskreise, wohl aber als pädagogisches Angebot für schmale Gruppen aus Adel und Geistlichkeit. Dies führt Jürgen Seidel vor allem am Churer Pfarrer Daniel Willi vor, der einen mystischen Katechismus verfasste und intensiven Austausch mit Herrnhuter Freunden pflegte, aber sich letztlich von der verfassten Kirche und ihren Sakramenten nicht «sektiererisch» trennen mochte.
Thomas Maissen
Randolph C. Head: Demokratie im frühneuzeitlichen Graubünden. Gesellschaftsordnung und politische Sprache in einem alpinen Staatswesen, 1470-1620. Chronos-Verlag, Zürich 2001. 368 S., 8 Abb., Fr. 48.-.
J. Jürgen Seidel: Die Anfänge des Pietismus in Graubünden. Ebenda 2001. 575 S., Fr. 48.-.
Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Donnerstag, 03.01.2002 Nr.1 28
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