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An der Europameisterschaft brillieren linksfüssige Offensivspieler wie Cristiano Ronaldo und Lukas Podolski. Doch die wahren Freaks werden immer rarer. Und damit auch die Vertreter des wilden Sturmlaufs.
1976 war die Welt noch in Ordnung auf dem grünen Rasen. Ich war neun, und René Botteron stürmte mit wehenden Haaren durch die Schweizer Fussballstadien. Kein Torjäger. Kein Killer. Ein Spieler. Für mich die perfekte Identifikationsfigur: Schmächtig, dünnbeinig. Stürmisch, schnell. Das ewige Talent. Sein Trikot flatterte.
4-3-3 lautete die taktische Parole. Man hätte es auch 1-3-3-3 nennen können. Erst vier Jahre waren vergangen, seit Franz Beckenbauer den Libero erfunden hatte: Der Mann mit der 5, freistehend hinter der Verteidigung, ohne Deckungspflicht und mit der Lizenz zum Tanz. Daneben der Vorstopper mit der 4, rechts und links die Aussenverteidiger mit der 2 und der 3. Dann die Aufbauer: rechts die 6, in der Mitte die 10, links die 8. Vorn die Stürmer: rechts die 7, in der Mitte die 9 - und links mit der 11 mein Idol.
Zum Davonrennen!
René Botteron war 21-jährig und spielte beim FC Zürich. Unter seinen langen Haaren strahlte kein Siegergesicht. In seinen Augen glänzte Spielfreude. Ich selbst wurde in meinem ersten Meisterschaftsspiel bei den F-Junioren als linker Aussenverteidiger aufgestellt. Das war beim FC Rotmonten, jenem St. Galler Quartierklub, aus dem einmal ein linker Offensivspieler namens Tranquillo Barnetta hervorgehen sollte, Sohn des damaligen Schulhausabwarts notabene, der rund ums Schulhaus und den Fussballplatz für Ordnung sorgte. Linker Aussenverteidiger! Kaum hatte ich den Ball, stürmte ich à la Botteron nach vorn. Jedes Mal pfiff mich Trainer Schubiger zurück. Zum Davonrennen! Kurz vor der Pause wechselte er mich aus.
Später bekam ich die 7 und spielte im halbrechten Mittelfeld. Der neue Trainer war fortschrittlich und wechselte schon in den späten siebziger Jahren von 4-3-3- auf 4-4-2. Doch war mir keine Fussballerkarriere beschieden, auch wenn ich es mit fünfzehn auch noch beim FC St. Gallen versuchte. Noch heute sehe ich ihn vor mir: Milan Nicolic, einst Juniorencheftrainer bei Ajax Amsterdam, wie er theatralisch die Hände verwarf, wenn ich wieder mal eine Hundertprozentige versiebte.
Knapp dreissig Jahre später ist die Numerologie durcheinandergeraten. Selbst «heilige» Zahlen wie die 10, die einst dem Spielmacher vorbehalten war, sind auswechselbar geworden. Die 5 als Symbol für den Libero tragen Kampfspieler wie Stefan Liechtsteiner, und aus seinem künstlerischen Erstinterpreten ist ein rechtskonservativer «Kaiser» geworden. Gespielt wird in flexiblen Systemen: Das 4-4-2 ändert sich je nach Trainerphilosophie, Gegner, Spielstand oder zur Verfügung stehenden Spielern in ein 4-5-1, 3-5-2 oder 4-2-3-1. Noch etwas hat sich geändert: Das Tempo ist horrender, und die Kabinettstücke sind noch zirkusreifer geworden.
Doch etwas ist verloren gegangen: Die explosive Mischung aus Wut und Irrwitz. Was Spieler wie Maradona, Gascoigne oder Cantona auszeichnete, war eine gewisse Authentizität: Vor den genialen Wutanfällen und dem anarchischen Irrwitz, mit dem sie ein Spiel über den Haufen und die gegnerische Mannschaft vorübergehend blindspielen konnten, mussten sich auch Funktionäre, JournalistInnen und Politiker in Acht nehmen.
Herausgeputzte Körper
Tempi passati. Selbst das ungeschriebene Gesetz, wonach sich in einer klassischen Elf mindestens zwei «Verrückte» befinden, nämlich jene mit der 1 und der 11 auf dem Rücken, hat seine Gültigkeit verloren. Eine neue Spielergeneration erbringt den Beweis für ein Phänomen, das inzwischen alle Bereiche der Unterhaltungsindustrie erfasst - und damit auch die Vertreter des linken Sturmlaufs: Die Trennung des Verhaltens auf und neben dem Platz, eine neue Definition von «Professionalität», mit der sich heutzutage auch unzählige, von Ehrgeiz gezeichnete Musiker, Schauspielerinnen und bildende Künstler schmücken. Als professionell gilt, wer neben dem Platz schön brav und angepasst ist. Der derzeit vielleicht weltbeste Linksaussen Cristiano Ronaldo mag noch so überraschende Pässe schlenzen, Haken schlagen, Tore schiessen - neben dem Platz präsentiert er sich als postmoderner Biedermann. Liegt es an der Herausgeputztheit des Körpers, dass er selbst in Momenten, da Spielwitz aufblitzt, so humorfrei wirkt wie die vorgestanzten Sätze, die er in Interviews von sich gibt? An der unverschämten Perfektion der Körperarchitektur, die nur Cremes verträgt, die sehr teuer und garantiert nicht humorhaltig sind?
David Beckham, ein rechter Flügel notabene, war der Vorreiter: der ganzkörperrasierte Fussballprofi als Folie für den metrosexuellen Mann. Die Industrie verlangt Luxuskörper, die korrekt sind vom Scheitel bis zur Sohle. Und selbst noch im Zweikampf gut aussehen, weil es Zeitlupenaufnahmen gibt. Der Körper als Kapitalanlage. Dazu gehören auch die Konstruktion des «künstlichen Rebellen» und sein mediengerecht inszenierter Exzess auf diversen Nebenschauplätzen: Nationalspieler Daniel Gygax, auch er ein rechter Flügel, bezeichnet sich selbst als «voll underground». Und schon wird der durchgestylte Technofreak als Star-DJ für die Street Parade angekündigt.
Was heisst hier Kollektiv?
Die wahren Freaks sind abgetreten. Und damit auch die klassischen linken Flügelspieler. Angefangen hat das Elend schon in den achtziger Jahren mit Karl-Heinz Rummenigge. Ein herausragender Stürmer, so unvorstellbar humorlos und erfolgreich wie Edmund Stoiber in seinen besten Tagen.
Natürlich ist da noch Thierry Henry. Unübertrefflich in seiner Eleganz. Aber verrückt? Das nun doch wieder nicht. Was bleibt, ist die melancholische Erinnerung an die irrwitzigen Sturmläufe eines Hanspeter Zwicker, Manfred Braschler - oder eben René Botteron.
Ein Botteron hätte in der heutigen Schweizer Nati wohl kaum einen Platz. Und darin liegt ein weiterer Grund für das Verschwinden des wilden Linken: die falsche Idealisierung des allzeit herbeizitierten «Kollektivs». Dabei zeichnet sich ein solches gerade dadurch aus, dass es Individualisten zulässt, die ausbrechen, für Sekunden die Logik aus den Angeln heben und machen, was sich nicht einstudieren lässt.
Helmut Schmidt, der deutsche Altbundeskanzler, hat mal etwas gesagt, das auch im Fussball gilt. Angesprochen auf den Unterschied zwischen den Stardirigenten Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, sagte er: Karajan macht Musik, Bernstein spielt Musik.
René Botteron war kein Spielmacher. Er war Spieler. Als solcher war er nicht sonderlich erfolgreich, dafür umso unterhaltsamer. Keiner, der für die Galerie spielte, sondern für die Herzen. 1982 stand er mit Standard Lüttich als erster Schweizer in einem europäischen Meistercupfinal. Den von vielen prophezeiten grossen internationalen Durchbruch schaffte er nicht. Heute lebt er als Bankangestellter in Riehen bei Basel. Sein höfliches Desinteresse am zeitgenössischen Berufsfussball hat auch schon abenteuerliche Fantasien geweckt und liess Gerüchte aufkommen, wonach er abgestürzt sei. Es würde passen: der kometenhafte Flügel mit dem Verlierergesicht und sein tragischer Absturz. Doch auch die Versuche von JournalistInnen, den bescheidenen Mann als kritischen «Intellektuellen» hinzustellen, sind gescheitert. Fussball, sagte der Glarner in einem seiner seltenen Interviews, sei ein einfaches Spiel. Eine fast schon weise Antwort auf den grotesken Ernst, mit dem gewisse Kommentatoren das Klima im Land vom Ergebnis eines Fussballspiels abhängig machen. Und auf das taktische Geschwätz von selbst ernannten Fussballexperten auf all den Kanälen in diesen Tagen.