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Vitae Sanctorum, Das ist Leben, Geschicht, Martyr vnd Todt der Fürnembsten Heiligen, aller Geschlecht, Ständen, Orden, Landen vnd Zeiten (deutsche Übersetzung Valentin Leucht)
Die katholische Kirche sammelte die Biographien von Menschen. Das Martyrium als ultimative Form des Lebensverzichts stand dabei nur für eine von vielen Möglichkeiten, das eigene Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Weder Martyrium noch der Verzicht auf ein bürgerliches Leben blieb Theorie. Viele nahmen in der Vergangenheit Folter und Tod auf sich, um ihre eigene Auffassung vom richtigen Weg ins Paradies leben zu können. Und dabei kann nicht nur die katholische Kirche auf ihre Märtyrer verweisen. Sie finden sich in allen Religionen. Uns besonders nahe sind die Menschen, die von der Amtskirche als Häretiker abgetan wurden, so zum Beispiel die Katharer, die Waldenser oder die Täufer. Schon damals besaßen die meisten Menschen nicht die Glaubensstärke, auf die Annehmlichkeiten des irdischen Lebens zu verzichten. Ihnen dienten die Heiligen als Patrone, die durch ihre bevorzugte Position unter den himmlischen Heerscharen Gott so nahe waren, dass sie ihm die Bitten ihrer Schutzbefohlenen übermitteln konnten. Besonders gerne wählte ein Betender einen Heiligen, von dem er annehmen konnte, dass er die harten Realitäten des irdischen Lebens aus eigener Anschauung kannte. Gläubige bevorzugten Heilige, die wie sie selbst ihren Lebensunterhalt als Zimmermann, Dienstmagd, Schmied oder Soldat verdient hatten. Statuen, die solche Heiligen in der Tracht und bei der Ausübung ihres Berufs darstellten, unterstützten die Identifikation. Die katholische Kirche förderte die Heiligenverehrung. Mit farbenprächtigen Wallfahrten und aufwändig inszenierten Festen war sie ein populäres Element des katholischen Glaubens, mit dem man gerade die nicht-intellektuell veranlagte Masse begeistern konnte. Die meisten Gläubigen stellten sich das himmlische Reich in Analogie zum irdischen als eine hierarchisch gegliederte Hofgesellschaft vor, bei der es von der Rangordnung abhing, ob ein Bittsteller vorgelassen und seine Bitte erfüllt wurde. Traditionell war der beste Tag dafür der Geburtstag des Patrons, da an diesem Tag jeder empfangen wurde und für seine Glückwünsche und sein Geschenk eine reiche Gegengabe erwarten durfte. Deshalb hielt man den Todestag – den Geburtstag ins himmlische Leben – für besonders geeignet, einen Heiligen um etwas zu bitten. Man baute also die meisten Sammlungen von Heiligenbiographien als eine Art Kalender auf, der wie in unserem Fall auch die beweglichen Feste der kommenden Jahre beinhalten konnte.
Heiligenviten gehörten Jahrhundertelang zur bevorzugten christlichen Lektüre. Unser Buch war früher im Besitz des Zisterzienserinnenklosters im aargauischen Olsberg. Den Angehörigen des Zisterzienser-Ordens war während der Mahlzeit jedes Gespräch verboten. Um die Brüder und Schwestern nicht in Versuchung zu führen, las jemand während des Essens aus einem frommen Buch, wie dem hier gezeigten.
Valentin Leucht oder Feucht.