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Was kommt nach der Ausschaffung? Nach fast zwanzig Jahren in der Schweiz wird Karim Khider zu einem Neuanfang in Algerien gezwungen. Ein Versuch über Träume und Realitäten.
Als sie noch das Mittelmeer, ein schroffer Gebirgszug und ein irregulärer Aufenthaltsstatus trennten, sprach Karim mit seinem Bruder immerzu über die Schule. Den Ort, wo er Deutsch lernte und wo er sich im Café engagierte. Wo ihn Menschen respektierten und wo er Freund:innen und Verbündete fand. Dieser Ort wurde sein Zuhause – eine Oase inmitten einer Wüste von starren Gesetzesparagrafen und seelenlosen Behördenentscheiden. Wenn der Bruder am Telefon Karims Erzählungen lauschte, blickte er in die Ferne und malte sich ein Schloss in den blauen Himmel über Algerien.
Kaum war Karim wieder in seinem Geburtsland angekommen, kaum standen sich die Brüder das erste Mal seit fast zwanzig Jahren persönlich gegenüber, fragte ihn der Bruder unentwegt über die ASZ – die Autonome Schule Zürich – aus. Gedankenspielereien wurden schnell zu konkreten Plänen. Packte er einfach die Gelegenheit, den Traum von einer eigenen Schule zu verwirklichen? War es der Versuch, Karims Sehnsucht nach Zürich und der ASZ zu lindern? Oder wollte sein Bruder ihn angesichts der gewaltvollen Abschiebung aus der Schweiz auf andere Gedanken bringen?
In der letzten Ausgabe der Papierlosen Zeitung schrieb Karim einen Text über Härtefallgesuche (im Zusammenhang mit der Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen für Sans-Papiers). Wenige Wochen, nachdem der Artikel erschienen war, fand er sich in einem Flugzeug wieder, gefesselt an Händen und Füssen, begleitet von sechs Polizist:innen. Zwischenstopp: Istanbul. Enddestination: Algier, die Hauptstadt von Algerien – dem Land, aus dem Karim vor bald zwanzig Jahren geflüchtet war.
Noch erschöpft von Wochen der Ungewissheit in Ausschaffungshaft, von einem Rückführungsflug, bei dem Polizist:innen versuchten, ihm die Menschenwürde rauszuprügeln, fand sich Karim nun mitten in der Entwicklung eines Projektes wieder: Er und sein Bruder wollten ihre eigene Sprachschule aufbauen. Das war alles andere als trivial. Karim verbrachte ein halbes Jahr damit, Papierkram zu erledigen, Gebühren zu zahlen, Papierkram zu erledigen, die Schule zu bauen, Papierkram zu erledigen. Ende 2022, als alle Bewilligungen vorlagen und ein professioneller Schulstempel mit Logo keine Zweifel mehr an der Legitimität der Bildungsstätte zuliess, öffneten zum ersten Mal die Tore der «Good Language School».
Karim läuft durch einen dunklen Gang, öffnet eine hölzerne Türe und schaltet das Licht an. Neonröhren fluten den weissgestrichenen Raum, etwa vier auf vier Meter, mit kaltem Licht. Eine im Quadrat angeordnete Tischgruppe und etwa zwölf Stühle stehen vor einem Whiteboard. Karim präsentiert per Videoanruf einen der Räume seiner Schule. Und man stellt sich unweigerlich vor, er würde durch die ASZ schreiten. Bereits vierzig bis fünfzig Kinder, von der dritten bis zur achten Klasse, besuchen ergänzend zur regulären Schule die «Good Language School» in Boumerdès – einer Stadt direkt an der Mittelmeerküste, 50 Kilometer östlich von Algier. Hier büffeln sie Französisch, Englisch, Mathe und Physik. Das Schulgeld sei tief angesetzt; auch Kinder aus weniger vermögenden Familien würden die Schule besuchen.
Noch läuft sie im Probebetrieb. Die Schulräume im Erdgeschoss des Hauses, in dem Karim mit seiner Grossmutter und seinem Bruder auch wohnt, füllen sich aber bereits jedes Wochenende, vereinzelt auch an Nachmittagen unter der Woche. Karim kümmert sich um das Finanzielle und die Administration. Sein Bruder, seit über zwanzig Jahren Lehrer, verfügt über ein grosses Netzwerk und konnte im Nu einige befreundete Lehrpersonen an Bord holen. Das Angebot soll bald ausgebaut werden; sie wollen noch mehr Kurse anbieten, unter anderem für Erwachsene.
Es scheint, als habe Karim schnell wieder Fuss fassen können – im Land, das die letzten neunzehn Jahre nicht sein Zuhause war. «Bist du zufrieden, Karim?» Karim zögert, antwortet nach kurzer Überlegung: «Ich bin bei meiner Familie, habe ein Dach über dem Kopf, habe etwas zu tun. Wir kommen gut über die Runden.» Er lächelt in die Kamera. Die Augen verraten, dass das nicht die ganze Wahrheit ist: «Aber ich vermisse meine Freunde in der Schweiz.»
Als Karim Ende April 2022 in Ausschaffungshaft kam – einige Monate später hätte er ein Härtefallgesuch einreichen können –, blieb man bei allem Unverständnis gegenüber den Behörden hoffnungsvoll. Wieso sollte die Abschiebung jetzt gelingen? Schon frühere Versuche waren gescheitert.
Die Menschen in Karims Umfeld standen ihm solidarisch bei und machten ihm die Zeit in Haft so erträglich wie möglich. Sie organisierten Rechtsbeistand und regelmässige Besuche im Gefängnis, von dem aus die Insassen auf die Pisten des Flughafens Zürich blicken – Betonstreifen, die für manche den Start zu Abenteuern bedeuten, für andere hingegen das Ende ihres Daseins in der Schweiz einläuten. Dennoch: Es herrschte Zuversicht, dass er bald wieder freikommen würde.
Und dann war Karim weg.
Alle waren fassungslos. Als die Nachricht in den Chats und Mailverteilern die Runde machte, stand Karim bereits auf algerischem Boden.
Die 84-jährige Grossmutter wünscht sich nichts mehr, als dass ihr Enkel bei ihr in Algerien bleibt. Und dann ist da ja auch noch das Schulprojekt. Aber Karim zieht es wieder weg. Er holt seinen neuen Pass hervor und hält mit der Nonchalance eines Jetsetters ein eben ausgestelltes Visum in die Kamera. Im Frühling möchte er für eine Woche Bekannte in der Türkei besuchen. Wovon er seit seiner Ausschaffung mehr hat: Bewegungsfreiheit. Und die will er nicht wieder hergeben.
«Karim, überlegst du dir, wieder in die Schweiz zu flüchten?» – «Nein.» Klar wolle er irgendwann wieder nach Europa kommen. Es solle dann aber eine geregelte Einreise sein.
All die Jahre als abgewiesener Asylsuchender und Sans-Papiers und die Ungewissheit in einem Land, das ihn nicht dahaben wollte, aber gleichzeitig einsperrte: Darauf kann er verzichten. Gegen die unhaltbaren Zustände in den Asylunterkünften aufzubegehren, schien damals sinnlos. Um unter menschlicheren Bedingungen leben zu können, musste Karim untertauchen. Ohne Arbeitsbewilligung und ohne Papiere manövrierte er sich durch das blitzblank polierte Schweizer System. Er verdiente Geld mit kleinen Jobs und kam mal bei Freund:innen, mal in irgendeinem Dachstock unter. Er hatte gelernt, in einer ihm meist feindlich gesinnten Umgebung zu überleben.
In Algerien scheint auf einmal alles in geordneten Bahnen zu laufen. Die Motivation seines Bruders, eine Schule zu gründen, und die eigenen Erfahrungen, die Karim in all den Jahren an der ASZ sammeln und nun im Projekt einbringen kann: Das hat es ihm ermöglicht, kurze Zeit nach seiner Ankunft in Algerien bereits auf eigenen Beinen zu stehen. Auf den ersten Blick wirkt es wie das Best-Case-Szenario für einen Menschen, der gerade erst eine unmenschliche Ausschaffung durchleben musste. In der alten Heimat zu überleben, heisst indes nicht nur, zu essen und eine Bleibe zu haben. Als Abgeschobener bedeutet es auch, damit zurechtzukommen, gewaltsam aus seinem Umfeld gerissen worden zu sein.
«Mein Körper ist in Algerien, aber mein Kopf ist noch in der Schweiz. Und mein Herz an der ASZ.»
Der Abschied von seinem Leben in der Schweiz und den Menschen, die Teil davon waren, wurde ihm verwehrt. Noch heute schwirren seine Gedanken ständig um die ASZ. Und er möchte sein altes Leben niemals vergessen. Das sagt Karim so, als würden ihm die Erinnerungen entgleiten, wenn er sie nicht festhielte. Vielleicht hat er auch deshalb einen Ort geschaffen, wo er der ASZ nahe sein kann. Damit er sich jederzeit in die Räume seiner Sprachschule begeben, die Augen schliessen und mit den Gedanken nach Zürich fliegen kann. Ein Luftschloss in Boumerdès, um sein altes Zuhause nicht zu vergessen.
So überlebt Karim. Oder: Vielleicht überbrückt er auf diese Weise die Zeit bis zu seiner Rückkehr. Denn er ist sich sicher: «Irgendwann werde ich euch an der ASZ wieder besuchen.» Er lächelt. Seine Augen strahlen.