Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03138.jsonl.gz/276

Wie schlimm die Reaktorkatastrophe auch immer ausgehen wird: Die Zahl der Krebserkrankungen wird nicht nur in Japan, sondern überall zunehmen, sagt der Arzt Martin Walter. Als noch schlimmer taxiert der Experte die langfristige Beschädigung des menschlichen Erbguts.
Der 66-jährige Arzt Martin Walter, der in Grenchen eine Praxis für innere Medizin betreibt, hatte 1991 während eines Monats als Spitalarzt in der Ukraine gearbeitet.
Von 1988 bis 1990 war er Präsident der "Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges" (PSR/IPPNW Schweiz). In dieser Funktion war er federführend im Komitee der beiden Anti-Atominitiativen "Strom ohne Atom (SoA)" und für ein Moratorium für den Bau von Atomkraftwerken. Letztere wurde im Herbst 1990 vom Schweizer Stimmvolk angenommen.
swissinfo.ch: Die japanische AKW-Betreiberfirma und auch die Regierung geraten wegen ihrer spärlichen Informationen immer stärker unter Druck. Gefährden sie dadurch das Leben von Landsleuten?
Martin Walter: Nicht, was die akute Strahlenkrankheit betrifft. Ausserhalb der Kraftwerkanlage sind die Dosen zumindest bisher nicht so hoch, dass es zu akuter Strahlenkrankheit kommen kann. Auf der nördlichen Hemisphäre wird sicher niemand an einer solchen sterben.
Anders sieht es für die Menschen aus, die auf dem Gelände versuchen, die Reaktoren zu kühlen. Ich hoffe, dass sie mit Dosimetern ausgestattet sind.
Wer aber ungenügend informiert oder die Gefahr verharmlost, macht einen grundsätzlichen Fehler, weil die Beziehung der Strahlendosis zur Wirkung ab dem Nullpunkt linear verläuft. Es gibt also keine unbedenkliche Strahlendosis. Selbst noch so geringe Dosen lösen zusätzliche Krebsfälle aus, an denen Menschen sterben können, etwa an Brust- oder Dickdarmkrebs.
Japan wird mit Sicherheit viele, viele zusätzliche Krebstote haben, selbst wenn es nicht zu einer vollständigen Reaktorschmelze kommen sollte.
swissinfo.ch: Experten bezeichnen die beiden Tage heute und morgen als letzte Chance, was die Kühlung der Reaktoren betrifft. Andernfalls drohe eine Kernschmelze. Ist die Angst, die Menschen über Japan hinaus in der ganzen Welt haben, berechtigt?
M.W.: Ja, wegen der erwähnten zusätzlichen Krebsfälle. In Tschernobyl waren auch nicht viele Menschen an akuter Strahlenkrankheit gestorben, sondern später beispielsweise an einem Krebs, der von der Katastrophe produziert worden war.
Viel schwerwiegender als diese zusätzlichen Krebserkrankungen sind aber die Auswirkungen auf das menschliche Genom, und zwar über Generationen hinweg. Jüngste Forschungen zeigen, dass selbst kleine Strahlendosen transgenerationelle Effekte haben können.
Kinder von Mitarbeitern der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield in Grossbritannien entwickeln in ihrem Leben zusätzliche Leukämien. Dies in Abhängigkeit von den Strahlendosen ihrer Väter und ohne dass sie selbst je Strahlung ausgesetzt waren. Mit den Unfällen in der Atomtechnologie, aber auch dem Normaleinsatz, sind wir daran, Schaden am menschlichen Erbgut wie auch an demjenigen von Pflanzen und Tieren anzurichten.
Aufgrund dieser Fakten ist es also eher eine ethische Frage, ob wir uns diese Technologie leisten können oder nicht.
swissinfo.ch: Bei Verstrahlung treten die Isotope Jod 131, Cäsium 137, Xenon 133, Krypton 85 sowie Strontium und Plutonium 239 aus. Alle sind gefährlich, welche aber besonders?
M.W.: Die Gefährlichkeit hängt vor allem von der Halbwertszeit ab. Bei Jod ist die Aktivität nach acht Tagen praktisch bei Null. Es würde also keinen Sinn machen, Kindern in der Schweiz Jodtabletten zu verabreichen. Bei Älteren wäre dies sogar kontraproduktiv.
Das Risiko einer Cäsium-Verseuchung durch eine Wolke, die von Japan zu uns verfrachtet wird, ist verschwindend gering, trotz einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Eine einmalige Cäsium-Dosis baut der Körper innerhalb weniger Monate wieder ab, weil diese Substanz im Stoffwechsel des Menschen gleich behandelt wird wie Kalium.
Erhält der Mensch eine Ladung Strontium, hat er dies für den Rest seines Lebens. Die Wirkung hängt dabei von der Halbwertszeit des Isotops ab. Strontium wird wie Kalzium in Knochen fixiert, wo es praktisch nicht mehr eliminiert wird und das Knochenmark einer Dauerbelastung von Betastrahlen aussetzt. Da Kinder noch wenig Fett im Knochenmark haben, ist das Risiko einer späteren Leukämie höher als bei Erwachsenen.
Bei Plutonium, das der Körper praktisch nicht mehr abbauen kann, braucht es nur eine sehr geringe Dosis, um eine Krebserkrankung auszulösen.
swissinfo.ch: Gibt es Erfahrungen aus Tschernobyl über die Chancen der medizinischen Behandlungen von Kindern?
M.W.: Unter Normalbedingungen kommt Schilddrüsenkrebs bei Kindern praktisch nicht vor. In der Ukraine gab es vor der Katastrophe etwa drei Fälle pro 50 Mio. Einwohner pro Jahr. Nach der Katastrophe kam es zu einer Epidemie mit 1500 Fällen, in denen Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Einzelne Quellen sprechen gar von bis zu 4000 Fällen.
Solche Zahlen hatte man noch nie zuvor beobachten können. Verantwortlich dafür war das Jod 131. Hätten die Behörden den Kindern sofort nach der Katastrophe Jod-Tabletten abgegeben, hätte man diese Epidemie verhindern können. Eine damalige akute Strahlenerkrankung von Kindern ist mir aber nicht bekannt.
Gegen die Verseuchung mit Cäsium, das Kinder wie Erwachsene in der Ukraine durch die Nahrung aufnahmen und immer noch aufnehmen, werden ihnen Tabletten mit Apfelpektinen abgegeben. Diese senken den Cäsiumgehalt im Körper, auch wenn weiter Cäsium aufgenommen wird.
swissinfo.ch: Es ist wie eine böse Ironie der Geschichte, dass Japan als einziges Land, das von Atombomben versehrt worden war, jetzt auch von Reaktor-Katastrophen dieses Ausmasses betroffen ist. Können damalige Erfahrungen über die medizinische Bewältigung heute von Nutzen sein?
M.W.: Nein, denn damals waren gar keine spezifischen Behandlungen möglich gewesen. Zudem ist die Strahlenwirkung unterschiedlich. Israelische Forscher haben Kinder untersucht, welche verstrahlte Väter vor und nach den Bombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki respektive vor und nach der Katastrophe von Tschernobyl gezeugt hatten. Sie stellten fest, dass Kinder, die nach dem Atombombeneinsatz gezeugt worden waren, keinerlei Veränderungen des Genoms aufwiesen.
Dagegen ist bei Kindern von Vätern, die in Tschernobyl als Liquidatoren gearbeitet hatten und die nach deren Einsatz gezeugt worden waren, eine hohe Anzahl an Änderungen in einem bestimmten Anteil des Genoms (Minisatelliten-Genom) auf. Genetisch gesehen ist der AKW-Unfall der gravierendere Fall.
Strahlenbelastung im Alltag zum Vergleich
Einheit: MilliSievert pro Jahr.
0,01: Röntgen von Zähnen.
1,0: Röntgen von Rumpf (Wirbelsäule, Bauch, Becken).
4,2: Mittlere Jahresbelastung der Bevölkerung in der Schweiz.
10: Strahlendosis von Computer-Tomografie des Rumpfes.Infobox Ende
Gesundheitliche Folgen von Strahlenbelastung
500 mSv: Geringes Krebsrisiko, Kopfschmerzen, Bewusstseinstrübungen.
1000: Leichte Strahlenkrankheit, gestiegenes Krebsrisiko. Leichte bis mittlere Übelkeit, Erbrechen, Unwohlsein, zeitweise Sterilität beim Mann.
3000 bis 4000: schwere Strahlenkrankheit: starker Durchfall, Erbrechen, Haarausfall, Infektionen, Blutungen, Todesrate 50% innerhalb einer Woche.
Ab 10'000: Tod innerhalb weniger Tage ohne medizinische Versorgung.Infobox Ende
swissinfo.ch