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Dieses Frühjahr brüteten im Engadin nur gut die Hälfte der Steinadlerpaare, in den Südalpen gar nur ein Drittel. Und dies trotz eines grossen Nahrungsangebots, denn die vielen Opfer des harten Winters 2008/09 unter den Gämsen, Steinböcken und Rothirschen bescherten den Adlern einen reich gedeckten Tisch. Grund für den geringen Bruterfolg: Jungadler, von Fallwild angelockt, stressen die Brutpaare und sind damit Teil einer natürlichen Geburtenkontrolle.
Im Rahmen einer langfristigen Überwachung von 31 Steinadlerpaaren im Engadin konnten diesen Frühling bei 18 von ihnen Bruten nachgewiesen werden, 6 haben ihre Brut bis Ende Juni wieder abgebrochen. Im südlich angrenzenden Nationalpark Stilfser Joch fanden italienische Kollegen von 13 Paaren nur 4 brütend. Damit liegt die Brutaktivität der Steinadler trotz optimalen Nahrungsgrundlagen 2009 deutlich tiefer als im langjährigen Mittel. Ob dies die Steinadlerpaare durch eine höhere Anzahl von Zweierbruten wettmachen können (in ca. ¼ der erfolgreichen Bruten fliegen 2 Jungadler aus), wird sich erst zeigen, wenn die flüggen Nestlinge Ende Juli ausfliegen.
Der Grund für die geringe Lust der Paare am Brüten ist bekannt: Die noch unverpaarten Jungadler, die 4 Jahre lang bis zu ihrer Geschlechtsreife im Alpenraum herumstreifen, werden von Fallwild angezogen. Dabei kommt es vor, dass bis zu fünf Einzeladler auftreten und von den lokalen Paaren angegriffen werden. Luftkämpfe sind dann vorprogrammiert, nicht selten führen sie zum Tod der Rivalen. Im Januar kamen auf diese Weise im Lumnez ein adultes Weibchen und ein junges Männchen gleichzeitig zu Tode und im Engadin starben im März und April je ein verpaarter Adler vermutlich nach Luftkämpfen. Es liegt auf der Hand, dass derart gestresste Adlerpaare kaum Zeit für ihr Brutgeschäft finden.
Der geringe Bruterfolg ist Ausdruck einer hohen Dichte von Steinadlern im Alpenraum. In den Schweizer Alpen gibt es heute wieder 320 Steinadlerpaare. Für weitere Paare ist kaum mehr Platz. Vor hundert Jahren war der Steinadler aufgrund gnadenloser Verfolgung im Alpenraum praktisch ausgestorben.
Das Wiedererstarken des Steinadlerbestands bis in den Bereich der Sättigung wiederspiegelt die gewandelte Einstellung gegenüber den Greifvögeln. Während sie früher verfolgt wurden, oft sogar mit Unterstützung der Behörden, sind sie heute wieder Teil einer vielfältigen Natur im Alpenraum. Für den sensiblen König der Lüfte ist auch in Zukunft absoluter Schutz notwendig, denn eine Lockerung der Schutzbestimmungen würde den Bestand sehr rasch wieder gefährden.