Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/2159

Krafttraining für den Willen
Stellen Sie sich vor, Sie nehmen an einem Experiment teil, in dem man herausfinden möchte, wie gut Sie darin sind, Knobelaufgaben zu lösen. Zumindest wurde Ihnen das vorgegaukelt. Was Sie nicht wissen: Die Aufgabe ist unlösbar! Der fiese Versuchsleiter interessiert sich in Wahrheit dafür, wie lange es dauern wird, bis Sie entnervt das Handtuch werfen.
Wie lange halten Sie durch? Zehn Minuten oder eine halbe Stunde?
Wahrscheinlich greifen Sie für Ihre Antwort auf Charaktereigenschaften zurück und sagen etwas wie: «Ach, weisst du, ich bin allgemein nicht so der geduldige Typ – nach ein paar Minuten würde es mir zu blöd werden.» Oder: «Wahrscheinlich schon eine halbe Stunde – ich bin ziemlich hartnäckig!»
Wie der bekannte Sozialpsychologe Roy Baumeister herausfand, spielt neben Ihren Persönlichkeitseigenschaften noch etwas anderes eine entscheidende Rolle: die Frage, was Sie vor der Knobelaufgabe gemacht haben.
Mussten Sie kurz davor Ihre Hochzeitsdekoration aussuchen, auf Schokokekse verzichten, Ihre Hand in Eiswasser tauchen oder der Anweisung Folge leisten, bei einem lustigen Film nicht zu lachen, geben Sie wahrscheinlich früher auf.
Diese etwas absurden Beispiele gehen auf eine Reihe von Studien zurück, in denen Roy Baumeister der Willenskraft auf die Spur kam. Er fand heraus, dass es mindestens vier Typen von Situationen gibt, die unsere Willenskraft «verbrauchen»:
Je mehr Ziele wir verfolgen, die Willenskraft beanspruchen, desto erschöpfter fühlen wir uns.
1. Entscheidungen treffen
Wir alle treffen den Tag über eine Unzahl kleiner Entscheidungen: Was ziehe ich an? Was gebe ich den Kindern zum Znüni mit? Welche E-Mail beantworte ich zuerst? Sollen wir am Wochenende Freunde treffen oder etwas mit der Familie unternehmen – und was? Menschen wie Albert Einstein, Steve Jobs oder Alfred Hitchcock zogen sich jeden Tag gleich an, um sich nicht mit unnötigen Entscheidungen zu ermüden.
2. Gefühle regulieren
Egal, ob Sie als Verkäuferin einen unsympathischen Kunden freundlich behandeln oder das Gemotze Ihres Kindes über die Hausaufgaben mit stoischer Miene ertragen: Wann immer Sie Ihren Gefühlen nicht freien Lauf lassen wollen oder können, benötigen Sie Willenskraft.
3. Versuchungen und Wünschen widerstehen
Jeden Tag geraten Sie unzählige Male in Versuchung: nur kurz Facebook checken; bloss ein Stückchen Schokolade; noch ein bisschen länger aufbleiben, nachdem die Kinder endlich im Bett sind; doch ein Glas Wein zum Essen. Ihr Wille sorgt dafür, dass Sie zumindest teilweise widerstehen können.
4. Widerwillen überwinden und sich konzentrieren
Den Dachboden aufräumen, den Backofen putzen, die Steuererklärung ausfüllen: Natürlich müssen Sie auch Ihre Willenskraft aufbringen, um eine unliebsame Aufgabe anzupacken und konzentriert dabeizubleiben.