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Die Escher-Festspiele im kommenden Jahr nähern sich: Lukas Hartmann widmet seinen jüngsten Roman der anderen Tochter Alfred Eschers.
Zürich im Sommer 1887. In der flirrenden Sommerhitze lässt sich die Frau porträtieren, die Lukas Hartmanns neuem Roman seinen Namen gibt: Lydia Welti-Escher, Tochter des berühmten Alfred Escher und Ehefrau von Bundesratssohn Emil Welti. Der Maler ist Karl Stauffer, ein alter Schulfreund Weltis, ein Künstler und Frauenheld. Ein Bild von Lydia beschreibt die letzten Jahre einer der reichsten Frauen der Schweiz im 19. Jahrhundert. Erzählt wird dies aus der Sicht des Dienstmädchens Luise, die sich im Verlauf des Romans zur Gesellschafterin und Vertrauten Lydias entwickelt. Über die Empfehlung einer Tante kommt Luise als Kammerjungfer zu Lydia und wird fortan Teil der Hausgesellschaft im Zürcher Anwesen Belvoir. Wie auch der Künstler Karl Stauffer malt uns Luise ein Bild von Lydia, während sie selbst erwachsen wird. Sie verfolgt, wie sich zwischen Lydia und Stauffer mehr als nur Freundschaft entwickelt, und hält loyal zu ihrer Dienstherrin, wohin es diese auch zieht.
Zum Autor
Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern.
Photographie © Bernard van Dierendonck.
Escher ist nicht der erste «grosse Mann», der Hartmann Stoff für ein Buch geliefert hat. In «Pestalozzis Berg» schreibt er vom Leben des berühmten Schweizer Pädagogen Johann Pestalozzi. «Bis ans Ende der Meere» beruht auf dem Leben des britischen Seefahrers James Cook. Das literarische Aufarbeiten grosser Geschichtsmomente ist Hartmanns Spezialgebiet. Die Pest im 14. Jahrhundert in «Die Seuche», für das die Stadt Bern Hartmann 1993 den Buchpreis verlieh, die Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs im Roman «Der Konvoi» oder der Kalte Krieg im Roman «Auf beiden Seiten»; kaum ein Bulletpoint der Weltgeschichte, den Hartmann nicht verarbeitet.
Dass sich leicht Parallelen ziehen lassen zu früheren Werken, verwundert nicht. Es war Felix Stephan, der Hartmann in der Zeit einst vorwarf, seit Jahren denselben Roman zu schreiben. But why change a winning team? Hartmann hat mit seinen Büchern anhaltenden Erfolg, steht regelmässig auf der Schweizer Bestsellerliste und wird sogar, meist etwas spöttisch, als Schweizer Nationalschriftsteller gehandelt. Undenkbar also, dass sich ein anderer als Hartmann des Skandals um Lydia Escher annimmt – und dies pünktlich zum 200-Jahr-Jubiläum des «Eisenbahnkönigs» im nächsten Jahr.
Im Roman geht es aber weder um Escher, noch kommt seine Tochter direkt zu Wort. Hartmann verleiht seine Stimme der einfachen Luise. Einerseits gelingt es Hartmann so, Lydia zur Geheimnisvollen zu stilisieren, deren Beweggründe uns Aussenstehenden oft verborgen bleiben. Das erzeugt Spannung und entspricht ganz dem Titel: Es ist eben nur ein Bild von Lydia, das Luise uns präsentiert. Andererseits wird Lydia so auf einen goldenen Sockel gestellt und bleibt dem Leser fern. In ihrer Loyalität lässt Luise keine Kritik zu, diese wird nur von unbedeutenden Nebenfiguren geäussert, denen sofort über den Mund gefahren wird. Das Schicksal Lydias ist zwar tragisch, vermag aber auf diese Weise nicht aufzuwühlen. Ebenso unscharf bleibt Lydias Geliebter Stauffer. Seine Entwicklung vom selbstbewussten Lebemann zum depressiven Verlassenen erfolgt zu rasch, scheint widersprüchlich. Seine wahren Gefühle und Motive bleiben ungewiss.
Die Art und Weise, in der die Lebensgeschichten beider Frauen verwoben werden und sich gegenseitig beeinflussen, überzeugt dennoch. Auf der einen Seite Luise, die sich zu Beginn von ihrer neuen Dienstherrin beeindruckt zeigt und so das Bild einer typischen Grande Dame des 19. Jahrhunderts entwirft. Auf der anderen Seite Lydia, die, von ihrem Mann verlassen, von der Zürcher Gesellschaft ausgegrenzt, in ihrem Schicksal immer abhängiger wird von ihrer Kammerzofe und diese zu einer starken jungen Frau heranwachsen lässt.
Mit dem Schluss des Romans tut sich Hartmann sichtlich schwer. Lydias Schicksal ist historisch Interessierten bekannt und für Uninteressierte nimmt Hartmann es vorweg. Und für die, die es dann noch nicht begriffen haben, erwähnt Luise noch Lydias Vorliebe für Gottfried Kellers «Romeo und Julia auf dem Dorfe». Das Ende lässt dann aber zu lange auf sich warten. So lange, dass die aufgebaute Spannung und das kurzweilige Lesevergnügen, das bisher geboten wurde, etwas verlorengehen. Da hat Hartmann den richtigen Moment zum Aufhören verpasst.
Fazit: Hartmann tut das, was er kann – er schreibt einen gut recherchierten unterhaltenden Roman, der in anschaulicher Sprache flüssig zu lesen ist und Einblick gewährt in eine vergangene Zeit. Mehr aber auch nicht. Zu einseitig wird das Schicksal der unnahbaren Lydia Escher geschildert, zu wenig pointiert ist das voraussehbare Ende gestaltet.
Lukas Hartmann: Ein Bild von Lydia. Zürich: Diogenes 2018, 368 S., ca. 32 CHF.