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Editorial
Normalerweise mische ich mich nur dann in die Angelegenheiten anderer Parteien ein, wenn es darum geht, nötigenfalls deren Politik zu kritisieren. Aber die Bereitschaft von Filippo Lombardi, als Kandidat der CVP (sorry: der „Mitte“-Partei) für die Gemeinderatswahlen von Lugano anzutreten, und vor allem die darauf in den elektronischen Medien verbreiteten, absurd empörten Reaktionen – die man übrigens jedes Mal antrifft, wenn ein arrivierter älterer Politiker, ungeachtet seiner Parteicouleur, sich zu einer Wahl stellt – veranlassen mich zu einigen Überlegungen.
Abgesehen von den persönlichen Ambitionen, welche Politiker möglicherweise zu einer Kandidatur führen mögen – denen ich in diesem Artikel nicht nachgehen möchte – habe ich Verständnis für eine Partei, welche auf ihre erprobtesten Elemente zurück greift, um einen Wahlerfolg zu erzielen. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern in allen anderen Bereichen, wo Konkurrenz herrscht. So scheint es mir denn nicht so zu sein, dass Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic Produkte der Nachwuchself von Juventus Turin oder von Milan seien. Aber nicht ein einziger der Fans dieser beiden Mannschaften hat sich darüber beklagt, dass diese beiden Spitzenfussballer den wertvollen und gut vorbereiteten jungen Spielern „die Flügel stutzten“.
Ein risikobehafteter Sitz
Die Strategie der CVP ist klar: Angesichts des Risikos, den freiwerdenden Sitz von Angelo Jelmini zu verlieren, nominierte man mit Lombardi eine prominente Person, die auch ausserhalb der Partei Stimmen einbringen kann. Um auf meine Fussballmetapher zurückzukommen: Er könnte derjenige sein, der das entscheidende Tor erzielt; und da kommt es nicht darauf an, ob der eine oder andere jüngere Spieler etwas zurückstecken muss. Bevor man sich Gedanken über die Personalie macht, gilt es vor allem vorerst, den Sitz überhaupt zu erlangen. Und wer anderes als ein langjähriger Politiker könnte Stimmengewinne bringen (persönliche Stimmen, aber 14 Stimmen entsprechen der Wahl einer Parteiliste) aus einem breiten Wählerkreis, den man im Verlaufe der langen Präsenz auf der politischen Bühne kennen gelernt und/oder in dem man verkehrt hat?
Stutzt man den wertvollen und gut vorbereiteten Jungen die Flügel?
Warum denn auch? Sind denn vielleicht Leute wie Filippo Lombardi, Fabio Abate und Werner Carobbio – um nur einige jener zu nennen mit einer langjährigen Karriere – erst im höheren Alter in die Politik eingestiegen? Ist es nicht vielmehr so, dass sie als Junge eingestiegen sind, die Ochsentour absolviert haben und gegen erfahrene und ihrerseits ältere Gegner angetreten sind? Eine Ochsentour, von welcher, aus unerfindlichen Gründen, die heutigen jungen Politiker befreit werden sollten, die – seit dem leider üblichen 68er Reflex – ungeachtet von deren Fähigkeiten und Zuverlässigkeit auf alles Anspruch haben sollen? Meine Meinung ist: Wenn diese Jungen die Konkurrenz jener fürchten, die ihrer Meinung nach nicht präsentierbare Sesselkleber seien, bedeutet das, dass sie vielleicht gar nicht so wertvoll und gut vorbereitet sind wie sie es selber zu sein glauben. Oder dass sie noch nicht in der Lage waren, dies eine breitere Wählerschaft glauben zu lassen. Wer hingegen von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, steigt in den Ring und versucht es nach einer allfälligen Niederlage halt nochmals, ganz im Sinne der oben erwähnten Ochsentour.
Weg frei für die Jungen?
Ich bin, ehrlich gesagt, dagegen. Die Jugendzeit der Menschen ist vorübergehend – und mit der Zeit wird sie unweigerlich abgelöst von der Reife und vom Alter – und sie kann deshalb nicht als verdienstvolles Argument ausschlaggebend dafür sein, um gewählt zu werden. Die Jugend ist höchstens ein zusätzlicher Trumpf für den Fall, dass weit wesentlichere Fähigkeiten vorliegen. Aber bevor ich jemanden wähle, der die Gemeinde (oder den Kanton oder die Eidgenossenschaft) verwalten soll, will ich die Vertrauenswürdigkeit der Kandidaten kennen und einschätzen können; zudem ist auch deren Erfahrung, die nur mit dem Alter gewonnen werden kann, ein wichtiges, wenn auch nicht das einzige Auswahlkriterium. Täuschen kann man sich natürlich immer; aber ist es denn riskanter, wenn man einen Kandidaten aufgrund seiner Erfahrung einschätzt, oder wenn man sich blindlings auf sein Alter verlässt (natürlich davon ausgehend, dass die Alten grundsätzlich vergreist seien)?
Hört endlich auf mit diesen Quoten!
Zu behaupten, dass das Alter ein zu privilegierendes Kriterium darstelle, ist absurd und verhehlt eine Verliererhaltung. Vergleichbar mit der Meinung jener Leute, die behaupten, dass man mit Frauenquoten die Wahl von Menschen weiblichen Geschlechts sicher stellen müsse, ungeachtet ob diese ihrer künftigen Aufgabe gewachsen sind oder nicht. Kommen nun nach den Frauenquoten auch die Jugendquoten? Gut möglich, aber dann müssten wir auch eine Quote für die Alten einführen. Persönlich ziehe ich das gegenwärtige System vor, welches den Fähigkeiten der Kandidaten den Vorzug gibt. Es mag nicht perfekt sein, aber es erlaubt immerhin zu unterscheiden zwischen Fähigen und Unfähigen – echten oder vermuteten, denn nur mit ihrem künftigen Wirken können sie ihre Eignung mit Sicherheit an den Tag lege – und zwischen hellen und vergreisten Köpfen.