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Frau Müller, Sie wurden zwei Jahre lang von einem Kameramann begleitet. Wie kam das zu Stande?
Ich habe vor etwa 3 Jahren Islam Alijaj (einer der Protagonisten) über die SP kennengelernt. Gemeinsam haben wir den Verein “Tatkraft”gegründet und ein Crowdfunding durchgeführt. Bei dieser Gelegenheit habe ich die Bekanntschaft mit François Loriol gemacht, der den Film nun realisiert hat. Die Idee kam ursprünglich von ihm und Islam Alijaj, ich wurde bald miteinbezogen und dann auch Amir Ghazi und David Mzee.
Das Thema der Dok-Sendung ist Inklusion. Wird genug gemacht für eine funktionierende Inklusion in der Schweiz?
Nein, davon kann keine Rede. sein. Grundsätzlich darf niemals eine Behinderung (üblicherweise als Defizit betrachtet) in den Fokus gerückt werden. Hier geht es um Menschen eben wie Du und ich - solange diesbezüglich keine Veränderungen zu erkennen sind, bleibt Inklusion eine Illusion.
Wie war die Zusammenarbeit mit dem Kameramann?
Die Zusammenarbeit mit dem Filmer François Loriol und seinem Kamerateam war schlicht ausgezeichnet. Ganz spannend war auch mitzuerleben, wie ein solcher Film überhaupt realisiert wird. Nicht zuletzt habe ich über François Loriol auch Leute kennengelernt, die mir bei der Umsetzung meines humanitären Forschungsprojektes in Nepal nun mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Warum soll man sich die Dok-Sendung anschauen?
Um sich fundamental damit auseinanderzusetzen, was gesellschaftlich, bezüglich Inklusion, noch immer schief läuft und wo der Veränderungsbedarf vorhanden ist. Es geht hier um Menschen mit einigen besonderen Merkmalen, das heisst jedoch keineswegs, dass diese als Aliens zu betrachten sind, auch wenn sie sich für Gleichstellung und Selbstbestimmung engagieren.
Was sind genau Ihre Beeinträchtigung(en)?
Eine genetisch bedingte Netzhautdegeneration des Auges, die zur Erblindung führen kann. Im Moment verfüge ich noch über ein geringes Restsehvermögen, das kann sich jederzeit ändern. Daneben bin ich von einer Muskelschwäche (starke Verspannungen des Oberkörpers) betroffen, die daher rührt, dass ich, nachdem ich am 19. Januar 2007, eine doppelte zentrale Lungenembolie, nach einer offenen Embolektomie ganz knapp überlebt habe, keinerlei Rehabilitationsmassnahmen erhalten habe.
Werden in der Schweiz beeinträchtigte Mitmenschen benachteiligt?
Grundsätzlich ja. Solange unverblümt von Sozialschmarotzern und Scheininvaliden gesprochen wird und dies nicht sanktioniert wird, wird diese Benachteiligung nicht beseitigt.
Wenn ja, worin?
Das beginnt im Schulalter mit der unendlichen Diskussion über Regelschulbesuche oder segregative Sonderschulung. Und dann sollte später trotzdem eine Integration in den Arbeitsmarkt erfolgreich durchgeführt werden? Dies ist ein Widerspruch in sich. Dann existieren, wie ich zur Genüge erfahren musste - jedwelche Probleme mit der IV (siehe oben Sozialschmarotzer und Scheininvalide), die zur Benachteiligung führen. Diese zeigt sich immer wieder, indem IV-Klienten gewisse der angeblich der Behinderung angepasste berufliche Tätigkeiten aufgezwungen werden sollten, unabhängig von der persönlichen Eignung. Blinde zum Beispiel, seien angeglich alle zum medizinischen Masseur berufen. Solange nur die angeblichen Defizite (eben die Beeinträchtigung als solche) berücksichtigt werden, ist Gleichstellung nicht zu erreichen.
Was soll besser gemacht werden?
Regelschule anstelle Sonderschulen, wo immer möglich. Berücksichtigung der persönlichen Neigungen, Interessen, Begabungen in jeglicher Hinsicht, unabhängig von der Art der Behinderung. Umfassende IV-Reform (auch Namensänderung, wer ist denn schon invalide = wertlos im Latein) vor allem bezüglich Gutachterwesen, aber auch Rentensprechung und Rentenberechnung. Die IV ist keine strafrechtlich legitimierte behördliche Instanz, wie es oft den Anschein macht!
Persönlich: Barbara Müller
Alter: 57
Beruf: Dr. sc. nat. ETH, Geologin/Geochemikerin Kantonsrätin seit: 2012
Parteizugehörigkeit: SP
Aufgewachsen: In Ettenhausen
In Ettenhausen wohnhaft seit: 1963 - 1994, wieder ab 2001
Hobbys: Bergsport aller Art, Skifahren, Snowboard, Velo, Hörbücher, Computerprogrammierung, Musik (Akkordeon)