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Ein «Wunderkind» nannte ihn der grosse Alfred Brendel, «die grösste musikalische Begabung, der ich je begegnet bin». Kit Armstrong ist in jeder Hinsicht aussergewöhnlich, und er war das von Anfang an. Mit neun Monaten begann er zu sprechen, mit fünf Jahren setzte er sich erstmals ans Klavier, mit acht gab er sein erstes öffentliches Konzert, und nur zwei Jahre später stellte er in der populären «Late Show with David Letterman» einem verblüfften Publikum seine erste Komposition vor. Unglaublich.
Musik und Mathematik
In der Schule hatte Kit Armstrong schon mit fünf jenen Mathematik-Stoff durch, den Jugendliche in Amerika erst an der High School lernen – was seiner Mutter zunehmend Sorgen bereitete: Kit müsse ein Hobby haben, um sich zu entspannen. Also kaufte sie ihm ein Klavier, und bald einmal war der Kleine nicht mehr von den Tasten wegzubekommen. Mit neun Jahren begann er an der Utah State University, Biologie, Physik und Mathematik zu studieren. Mit dreizehn nahm ihn Alfred Brendel, der nur selten unterrichtete, als Schüler an.
Überhaupt, die Parallelbeschäftigung mit Musik und Naturwissenschaften zieht sich wie ein roter Faden durch Kit Armstrongs Leben. Auch als er später am Curtis Institute in Philadelphia bei Keith Jarretts ehemaliger Lehrerin Eleanor Sokoloff und beim Schnabel-Schüler Claude Frank studierte, belegte er Kurse in Mathematik an der Pennsylvania State University. Dasselbe während seines Musikstudiums an der Royal Academy of Music in London: Dieses schloss er mit einem Bachelor of Music und einem Ersten Preis ab. Und seine naturwissenschaftlichen Studien beendete er glanzvoll mit einem Master of Science von der Pierre-und-Marie-Curie-Universität in Paris. Heute ist Musik Kit Armstrongs Beruf – und Mathematik macht er zur Entspannung.
Bereits sechsmal in Winterthur
Brendels Wort vom «Wunderkind» habe für ihn auch seine Tücken gehabt, meint Kit Armstrong rückblickend – denn Brendel habe auch gesagt, dass ihm alles zu leicht falle. «Das ist die grosse Gefahr.» Bei Brendel lernte er, mit Geduld auf seine Reife zu warten. Und die Demut, sich nicht von der eigenen Begabung hinreissen zu lassen. «Ich lerne schnell», sagt er. «Aber das bedeutet nicht, dass es leicht ist.» Das Warten hat sich gelohnt; die Gefahr, dass Kit Armstrong den Sogkräften des Musikmarktes erliegen könnte, scheint gebannt zu sein. Regelmässig gibt er Konzerte, nicht unbedingt in den grössten Konzertsälen, sondern eher an handverlesenen feinen Orten – bislang sechsmal in Winterthur.
Über den Unterricht bei Brendel sagte Kit Armstrong, dass er bei ihm eher das Hören als das Spielen gelernt habe. «Als erfahrener Pianist spielt man nur so, wie man hört, es sind nicht die Finger, die bestimmen, wie man spielt. Sie wirken nur im Dienste der höheren geistigen Vorstellung, deshalb muss man im Unterricht das Hören lernen und nicht das mechanische Spielen. Denn es ist letztlich das Hören, was eine Interpretationsweise bestimmt.» Kit Armstrong lernt Musik sehr schnell auswendig. Es sei eine merkwürdige Sache mit dem Gedächtnis: «Wenn man einen Text liest, liest man ihn schneller, als man ihn sprechen könnte. Aber das merkt man nicht. So geht es mir mit der Musik. Normalerweise lese ich eine Partitur ein oder zweimal. Und dann folgt der Prozess des Spielens.» Spielen wohlverstanden ohne Noten. Nur ab und zu überprüft er sie anhand der Partitur.
Komponieren als Basis
CD-Einspielungen hat er lange abgelehnt. Und als dann die erste erschien, war sie ein Ereignis. Bach, seinen Lieblingskomponisten, stellte er ins Zentrum – die berühmte B-Dur-Partita –, und gleichsam als Spiegel aus der Jetztzeit eine eigene B-A-C-H-Komposition. Zum Abschluss dann einzelne Sätze aus György Ligetis «Musica ricercata». Alles andere als ein Nullachtfünfzehn-Programm. Das Komponieren ist die Basis, auf der Kit Armstrong über Musik nachdenkt. «Wenn der kreative Geist etwas Interessantes sieht, versucht er es zu imitieren. Ich sah Musik und dachte, ich mache meine eigene.»