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In Manchester hat die Industrialisierung ihren Anfang genommen, und Manchester war die erste Stadt, die in den siebziger Jahren ins postindustrielle Zeitalter überging. Der Wohlstand hatte sich in Luft aufgelöst, die trostlose Umgebung blieb. Etwas vom Verfall hatte sich auch in die Musik von Joy Division eingeschrieben. Hatte der Punk noch «Fuck you» gesagt, so sagte der Postpunk jetzt «I’m fucked».
In Anton Corbijns Control schwenkt die Kamera gleich zu Beginn über triste Wohnblöcke, der junge Mann, der davor mit hochgezogenen Schultern entlang geht, verschwindet fast im Grau der Fassaden. Es ist bezeichnend für den Film, der das kurze Leben des Joy-Division-Sängers Ian Curtis bis zu dessen Selbstmord als Dreiundzwanzigjähriger im Mai 1980 nachzeichnet: Die Hauptrolle nämlich spielt das Milieu. Corbijn und Kameramann Martin Ruhe zeigen den Musiker immer wieder umgeben von hohen Gebäuden, um dessen seelische Bedrängtheit optisch widerzuspiegeln.
Curtis entstammte der gehobenen Arbeiterklasse, besuchte das Gymnasium und träumte von mehr: Corbijn zeigt ihn als Teenager, der vor dem Spiegel oben ohne und geschminkt zu David Bowie tanzt. Dann rezitiert er den Dichter William Wordsworth. Oder er schreibt selbst; auf dem Pult sehen wir fein säuberlich beschriftet drei Ordner: Romane, Gedichte, Liedtexte. Später begleitet die Kamera den Protagonisten auf dem Weg zum Arbeitsort, dem städtischen Jobvermittlungsbüro. Das «hate», das da auf Curtis’ Mantelrücken prangt, ist so ordentlich gepinselt, als handle es sich um eine amtliche Empfehlung.
Dem Spiesser Curtis steht der Soziopath Curtis gegenüber, der in seinen Texten bevorzugt von Kälte und Krise, Druck und Dunkelheit singt. Aus den nicht aufzulösenden Widersprüchen, so legt Control nahe, bezog die Band, die gerade mal von 1978 bis 1980 zusammen gespielt und in dieser Zeit bloss einige Singles und zwei Platten aufgenommen hat, einen Grossteil ihrer Kraft und Faszination. Wieso Joy Division aber zum bleibenden Popkanon gehören und die Malaise Englands in den späten Siebzigern wie ein Prisma wiedergeben konnten, wie der Journalist Simon Reynolds schreibt, bleibt unklar. Ästhetische Zusammenhänge bleiben ausgeklammert, Ian Curtis dem Zuschauer so fremd, wie einst seiner Gattin Deborah, auf deren Erinnerungen der Film wesentlich basiert.
Schlimmer gar: Im Bestreben, kein spezifischer Musikfilm sein zu wollen und sich vielmehr auf das Drama eines zwischen Bürgerlichkeit und Bohème, Frau und Geliebter Zerrissenen zu konzentrieren, sitzt Control dem romantischen Mythos der scheiternden Künstlerseele auf. «Existence – what does it matter», hören wir Curtis in der ersten Einstellung schon unheilschwanger orakeln. Und während der Film buchhalterisch genau den bekannten Tatsachen entlang der von zunehmenden epileptischen Anfällen und Depressionen beförderten seelischen Talfahrt folgt, dient die Musik oft der reinen Illustration der inneren Not des Sängers. Zur fortschreitenden ehelichen Entfremdung hören wir erst «Isolation» und später «Love Will Tear Us Apart», und am Ende wird der schwarze Rauch, der aus dem Krematorium himmelwärts steigt, von «Atmosphere» begleitet. Das ist etwas viel bitterzarte Melancholie für eine Band, die den Punk eingefroren und akustisch in eine unglaublich weite, leere Kraterlandschaft überführt hat.
Was bleibt: In scharfer Schwarz-Weiss-Ästhetik entschlossen poetisierende Bilder, ein akkurates Zeit- und Milieugemälde und vor allem ein phantastischer Sam Riley als Ian Curtis.