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Während eines angeordneten Entzugs schrieb Shia LaBeouf das Drehbuch zu «Honey Boy». Darin führt er seinen Protagonisten durch mehrere Stationen seiner eigenen Biografie: die Kindheit mit einem drogenabhängigen Vater, die frühen Anfänge im Filmgeschäft, der Klinikaufenthalt. Entstanden ist ein intimes Selbstporträt, erzählt mit brutaler Ehrlichkeit.
Zu Beginn des Films – die Leinwand ist noch schwarz – hören wir die Rotoren eines Hubschraubers, das Abfeuern von Laserkanonen und hydraulische Geräusche. Die erste Einstellung: Mit leerem Blick schaut Otis (Lucas Hedges) in die Kamera, hinter ihm ein qualmendes Flugzeugwrack. Auf einmal weiten sich seine Augen, reflexartig hebt er die Hände zum Schutz und ein panisches «No, no, no» entweicht seinen Lippen, ehe er von der Druckwelle einer Explosion nach hinten katapultiert wird. Als sich der Rauch verzieht, hängt Otis an Drahtseilen hilflos in der Luft. Der Regisseur ruft «Cut» und eine Filmklappe gibt uns zu verstehen: Wir befinden uns im Jahr 2005, am Filmset einer gigantischen Actionszene.
Es ist bloss der erste Verweis auf die Karriere von Shia LaBeouf («The Peanut Butter Falcon», «Pieces of a Woman»), der mit seinen Auftritten in Michael Bays «Transformers»-Reihe zwischen 2007 und 2011 im Blockbuster-Kino Fuss gefasst hat. Es folgten mal mehr, mal weniger erfolgreiche Filmauftritte, vor allem jedoch eine Reihe von Schlagzeilen über eigenwillige Kunstperformances, verbale Ausfälle und Alkoholexzesse. Zu «Honey Boy» schrieb LaBeouf nun das erstaunlich aufrichtige und mit autobiografischen Bezügen gespickte Drehbuch. Entstanden ist es in der Entzugsklinik.
«Zu ‹Honey Boy› schrieb LaBeouf nun das erstaunlich aufrichtige und mit autobiografischen Bezügen gespickte Drehbuch. Entstanden ist es in der Entzugsklinik.»
Dort landet auch der 22-jährige Otis, nachdem er unter Alkohol- und Drogeneinfluss einen Verkehrsunfall verursacht. Seine Ärztin diagnostiziert eine posttraumatische Belastungsstörung und stellt ihn vor die Wahl: Therapie oder Knast. Otis entscheidet sich für Ersteres und beginnt, sich mit seiner Vergangenheit als Kinderdarsteller in Hollywood auseinanderzusetzen. Der Film springt fortan zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Wir sehen Otis als Zwölfjährigen (Noah Jupe), der als Star einer Fernsehsendung vor der Kamera steht. Während seine Karriere immer mehr an Fahrt aufnimmt, haust er mit seinem Vater James (Shia LaBeouf selbst) in einem schäbigen Motel. James, ein ehemaliger Clown und drogensüchtiger Kriegsveteran, ist nun abhängig von der Gage seines Sohnes. Dass er vom Leben frustriert ist, lässt er Otis tagein, tagaus spüren.
Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind dabei beabsichtigt. LaBeouf wurde durch die Hauptrolle in der Kinderserie «Even Stevens» (2000–2003) einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In «Honey Boy» mimt er mit Drahtbrille und einer sich andeutenden Glatze niemanden Geringeres als seinen eigenen Vater – mehr Selbsttherapie geht nicht. LaBeouf stellt James als einen Getriebenen dar, vom Leben überfordert und von Selbsthass zerfressen. Er ist sowohl eifersüchtig auf Otis’ Erfolg, als auch gequält von der Tatsache, darauf angewiesen zu sein. Daraus resultiert eine von Gewalt und Erniedrigung geprägte Vater-Sohn-Beziehung. Gleichwohl gelingt es LaBeouf, Mitleid für seine Figur zu erwecken, indem er deren tief sitzenden Unsicherheiten und Versagensängste als Vater sichtbar macht. Das Verhältnis zwischen James und Otis ist ein ambivalentes: Gewalttätige Ausbrüche wechseln sich immer wieder mit Momenten der Zärtlichkeit und Fürsorge ab.
«Shia LaBeouf beweist mit ‹Honey Boy›, dass er jenseits der Negativschlagzeilen eine der spannendsten Figuren Hollywoods ist.»
«Honey Boy» funktioniert dadurch als faszinierendes Charakterdrama, selbst wenn man sich nicht für LaBeoufs Kindheit und die ganzen Querverweise interessiert. Überhaupt darf keine detaillierte Schilderung von LaBeoufs Werdegang erwartet werden. Vielmehr liefert das Langspielfilmdebüt der israelisch-amerikanischen Regisseurin Alma Har’el Momentaufnahmen einer widersprüchlichen Beziehung, die mittels assoziativer Erzählweise harmonisch aneinandergereiht werden. Dass Har’el dieser Lebensgeschichte, die nicht ihre eigene ist, eine solche Wärme und Verletzlichkeit einzuhauchen vermag, ist ihr hoch anzurechnen. Über die optische Ähnlichkeit von Noah Jupe («Suburbicon», «The Undoing») und Lucas Hedges («Manchester by the Sea», «Ben Is Back») kann gestritten werden, ihre überzeugenden Darstellungen ergeben jedoch ein stimmiges Gesamtbild. Und Shia LaBeouf beweist mit «Honey Boy», dass er jenseits der Negativschlagzeilen eine der spannendsten Figuren Hollywoods ist.
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Filmfakten: «Honey Boy» / Regie: Alma Har’el / Mit: Shia LaBeouf, Noah Jupe, Lucas Hedges, FKA twigs, Natasha Lyonne / USA / 94 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Amazon Studios
«Honey Boy» überzeugt als sensibles und aufrichtiges Charakterdrama. Shia LaBeouf mimt den eigenen Vater virtuos und arbeitet vor der Kamera seine Kindheit auf.