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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§11. Die evangelische Erzählung vom reichen Prasser und vom armen Lazarus widerlegt das Vorgetragene nicht, sondern bestätigt es.
1.
Ich gab dem Vorgetragenen, als für unseren Zweck passend und geschickt erdacht, meinen Beifall, fragte aber doch: „All das läßt sich ganz gut sagen und annehmen; allein, wenn jemand die Erzählung, welche der Herr nach dem Evangelium über die Unterwelt vorgetragen hat, deinen Worten entgegenhält, als ob sie mit den evangelischen Ausführungen nicht übereinstimmen würden, wie soll man sich dann zur Antwort rüsten?“ Darauf erwiderte sie: „Freilich klingt die Erzählung der Schrift etwas körperlich (materialistisch); aber sie läßt es nicht an zahlreichen Andeutungen fehlen, den aufmerksamen Hörer zu einer mehr geistigen Auffassung zu führen. Denn wenn sie von einer Kluft spricht, welche das Böse vom Guten scheidet, wenn sie ferner den Gequälten nach einem Tropfen Wasser schmachten läßt, der ihm mit einem Finger zu reichen wäre, desgleichen wenn sie dem in diesem Leben von so vielen Leiden Heimgesuchten den Schoß Abrahams als Ruheplatz anweist, wenn sie aber zugleich auch, ja sogar vorher den Tod und das Begräbnis des Armen und des Reichen berichtet, so ladet sie offenbar alle, welche der Erzählung nicht gedankenlos folgen, dringend ein, von dem zunächst vorliegenden Wortsinn abzusehen. Denn was für Augen erhebt der Reiche, nachdem er die leiblichen im Grabe ließ? Und wie empfindet der Körperlose die Flamme, oder was für eine Zunge begehrt nach der Kühlung durch einen Wassertropfen, da er die aus Fleisch nicht mehr hat? Welcher Finger könnte ihm sodann die Labung reichen, und was ist der Schoß, der Ruhe bieten soll? Denn da die Leiber in den Gräbern liegen, die Seele aber weder im Körper sich befindet noch aus Teilen besteht, so ist es unmöglich, die Erzählung für unser Thema im Dienste der Wahrheit zu [S. 286] verwenden, wenn man nicht alle Einzelzüge im bildlichen oder geistigen Sinne nimmt, so daß man unter der Kluft nur die Unmöglichkeit eines Zusammenkommens der beiden voneinander Getrennten versteht, nicht etwa einen Erdschlund. Denn welche Mühe würde es für ein körperloses und geistiges Wesen bedeuten, eine solche Kluft zu überfliegen, da ja ein Geist vermöge seiner Natur, ohne Zeit aufzuwenden, überallhin gelangen kann, wohin er will.“