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Nur wenige Steinwürfe von der Metrostation «Bessières» entfernt, mitten im Stadtzentrum und eingeklemmt zwischen den Geschäftsvierteln Saint-François und Saint-Laurent liegt Rôtillon. Dieses Quartier, das lange Zeit vernachlässigt wurde und vor sich hin vegetierte, hat sich in den vergangenen Jahren völlig verwandelt. Heute steht auf dem eng begrenzten Perimeter ein buntes Gefüge von Bauten, mit einem grossen Parkhaus, Geschäften, Dienstleistungen und Wohnungen, die die besonderen topografischen Gegebenheiten des Areals optimal nutzen.
Kommt man von der Metrostation her mit dem Lift hinunter nach Rôtillon, erreicht man einen kleinen, einladenden Platz, der den Eingang des Quartiers markiert. Kinder turnen auf einem Metallpferdchen herum, das in der Mitte steht, während die Eltern in einem Strassencafé sitzen und amüsiert zuschauen. Das Café gehört zu einem Altbau, dessen Fassade mit einer Malerei des Comic-Zeichners Zep bemalt ist. Passanten ergiessen sich in eine enge Gasse Richtung Stadtzentrum. Diese belebte Enge erstaunt in einem so neu konzipierten Quartier.
Ein kleines Quartier mit einer langen Geschichte
In den 1920er Jahren hatte das unten am Hang gelegene und gegen Norden hin exponierte Quartier Rôtillon einen schlechten Ruf. Seine engen, heruntergekommenen Gassen waren oft Schauplatz ungemütlicher Begegnungen. Der Bau der Rue Centrale ebenso wie neue Hygienevorschriften führten zum Abbruch des zentralen Teils des Quartiers, während die Häusergruppen am Hügelrand im Süden dem Verfall überlassen wurden.
In den 1950er Jahren schlug der Architekt Pierre Bonnard vor, dort drei Hochhäuser mit Blick auf den See zu bauen, aber sein Projekt kam nicht zustande. Die Rue Centrale entwickelte sich zu einer wichtigen Verkehrsachse und der Platz, der durch den Abbruch des zentralen Teils frei geworden war, verwandelte sich in einen Parkplatz.
30 Jahre später, 1983, wurde endlich ein konkretes Projekt vorgestellt: Geplant waren ein unterirdisches Parkhaus mit 540 Plätzen sowie zwei imposante Gebäude. Um dieses Projekt umzusetzen, hätten allerdings alle bestehenden Bauten des alten Quartiers abgerissen werden müssen. Die Quartierbevölkerung wehrte sich heftig gegen diese Pläne und ergriff das Referendum, worauf das Projekt 1989 schliesslich abgelehnt wurde.
Die alte mittelalterliche Struktur neu erfinden
Nach diesem Scheitern nahm Jean-Luc Kolb, Stadtplaner von Lausanne, das Dossier an die Hand. Er erarbeitete selbst einen neuen Quartierplan, der mit der Idee brach, dass an diesem Ort dereinst Hochhäuser stehen sollten. Vielmehr nahm er das Raster der mittelalterlichen Gassen wieder auf und sah vor, den seit den 1920er Jahren leeren Platz erneut mit Bauten zu füllen. Die dahinter stehenden Häuser sollten abgebrochen und neu aufgebaut werden.
Nachdem dieser Plan 1994 die Zustimmung der kommunalen Legislative gefunden hatte, gelang es der Stadt, mit einer aktiven Bodenpolitik alle betroffenen Grundstücke aufzukaufen. Gleichzeitig hatte aber die Immobilienkrise ihren Höhepunkt erreicht und den damaligen Behörden gelang es nicht, private Investoren für Projekte in diesem unbeliebten Stadtteil zu begeistern. Nur die Lausanner Wohnbaustiftung FLCL liess sich auf das Abenteuer ein.
Ein Gesamtkonzept, etappenweise realisiert
Zur Umsetzung des Projekts wurde das Areal bewusst in mehrere Blöcke aufgeteilt, die im Baurecht an verschiedene Architekten vergeben und etappenweise bebaut wurden. 2002 wurde ein Referendum gegen den notwendigen Kredit zur Sanierung der benachbarten Rue Centrale ergriffen, womit indirekt auch der neue Quartierplan in Frage gestellt wurde. Dieses Mal stimmte die Bevölkerung dem umstrittenen Kredit aber zu. Die Arbeiten begannen mit dem Abbruch der bestehenden Gebäude und der Bebauung des Blocks B durch die FLCL zwischen 2003 und 2006 (Block B ist nicht zu verwechseln mit Block B’, der später vom gleichen Architekten realisiert wurde).
Block B umfasst den Platz, der seit dem Abbruch in den 1920er Jahren leer gewesen war. Hier entstanden rund 20 subventionierte Wohnungen, verteilt in drei gelben Baukörpern, die wie im Quartierplan vorgesehen senkrecht zur Rue Centrale stehen. Das Gebäudeensemble ruht auf einem Betonsockel, in dem ein halbunterirdisches vierstöckiges Parkhaus mit 180 Plätzen untergebracht ist, das der Firma Parking Riponne SA gehört.
Diese Ausrichtung ermöglicht eine natürliche Belichtung der Wohnungen, deren Fenster sich auf die Zwischenräume zwischen den Baukörpern und die neue Rue du Flon im Süden öffnen. Hingegen sind die Nordfassaden, die dem Strassenlärm der Rue Centrale ausgesetzt sind (2011: 15'500 Fahrzeuge pro Tag), beinahe fensterlos.
Ein neues Patchwork von Eigentümern
Dahinter wurden zwischen 2010 bis 2013 auf dem Areal, das durch den Abriss der bis dahin noch vorhandenen Gebäude freigemacht wurde, die Blöcke A und B’ überbaut. Block A, der ganz in Grautönen gehalten ist, umfasst rund 20 Wohnungen. Zudem gibt es im Erdgeschoss diverse Läden und im zweiten Geschoss eine Kinderkrippe, die im Süden ebenerdig auf die Rue de Rôtillon hinausgeht. Dieser Block wird von einer neuen Gasse, der Ruelle des Tanneurs (Gerber) durchquert, deren Name an die alten Handwerkstraditionen im Quartier erinnert.
Während Block A der Kinderkrippe von Lausanne gehört, ist der Eigentümer von Block B’ eine private Immobiliengesellschaft, die hier ein Restaurant, Büros und sieben Luxus-Wohnungen mit Dachterrassen errichten liess, die in mehreren farblich unterschiedlichen Bauten untergebracht sind.
Besitzerin von Block C am höchsten Punkt im Südwesten ist eine Stiftung. Dieser Teil, der fast identisch wiederaufgebaut wurde, beherbergt eine medizinisch betreute sozialpädagogische Einrichtung, drei Wohnungen, Läden und ein Café. Die Gebäude an der gegenüberliegenden Ecke im Südosten – kleinere Grundstücke, die wenigen privaten Personen gehören – blieben erhalten und wurden renoviert. Schliesslich hat die Stadt auch alle öffentlichen Räume im Quartier, hauptsächlich Gassen und Treppen, neu gestaltet und im Nordosten nahe der Metrostation «Bessières» einen neuen Platz geschaffen.
Visuelle und funktionale Vielfalt
Was einem bei einem Spaziergang durch das Quartier sofort auffällt, ist die Vielfalt auf diesem nur gerade 8'000 m2 grossen Areal. Die Farben tragen zweifellos zu diesem Eindruck bei, ebenso wie das kleine Volumen der Bauten, die verschiedenen Architekten anvertraut wurden. Beeindruckend ist auch die grosse funktionale Dichte mit Wohnungen, Büros, einer Kinderkrippe, einer geschützten Einrichtung, Parkhaus und Läden.
Die Rue du Flon mit ihren kleinen Läden und einem Restaurant bildet das Herz des Quartiers. Sie folgt dem ehemaligen Lauf des gleichnamigen Baches, welcher im 19. Jahrhundert eingedolt wurde und unter der Place de l’Europe und dem Flon-Quartier durchfliesst. Von dieser Strasse führen mehrere Treppen und Rampen zur höher gelegenen parallelen Rue de Rôtillon hinauf, die zwischen den neuen Bauten und hinter den alten historischen Häusern der Rue de Bourg durchführt.
Die Mischung von subventionierten und Wohnungen zu Marktpreisen, die durch die Vergabe des Baurechts an diverse öffentliche und private Bauträger zustande gekommen ist, trägt zu einer vielfältigen Wohntypologie und einer breite Palette von Mieten bei und fördert die soziale Durchmischung.
Verdichten oder nicht verdichten: Das ist die Frage!
Bezüglich der Verdichtung werfen die Bauten Fragen auf. Einerseits ist klar, dass das Quartier heute vielfältigere Funktionen und mehr Quadratmeter Nutzfläche umfasst als in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. So hat man im Block B auf dem ehemaligen Parkplatz wieder Häuser gebaut, neue Wohnungen geschaffen und die Entwicklung von neuen Aktivitäten in einem Quartier ermöglicht, das praktisch dem Verfall überlassen worden war. Andererseits ist aber auch eine gewisse «Entdichtung» festzustellen, da unterhalb der Pont Bessières anstelle von Häusern, die in den 1920er Jahren abgebrochen worden waren, ein neuer Platz geschaffen wurde. Der Quartierplan sah zwar mögliche Bauten an diesem Ort vor, aber es machte sich das Bedürfnis nach einem Ort zum «Atmen» bemerkbar. Dieser Perspektivenwechsel trug dazu bei, dass die neuen Baukörper letztlich nicht grösser sind als jene, die bis in die 1970er Jahre dort standen. Laut Olivier Français, der als Stadtrat von 2000 bis 2016 für das Projekt verantwortlich war, hätte man gar noch weiter gehen und auf Block B einen echten öffentlichen Raum schaffen müssen (vgl. Im Interview unten).
Die nördliche Ausrichtung und die grossen Höhenunterschiede zum Quartier der Rue de Bourg sind sicher Faktoren, die eine quantitative Verdichtung erschweren. Dasselbe gilt für die unmittelbare Nähe zu zwei Perimetern, die im Inventar der schützenswerten Ortsbilder ISOS enthalten sind. Auch Rôtillon hätte übrigens in dieses Inventar aufgenommen werden müssen, wäre dieses früher erarbeitet worden: Schliesslich zählte es zu den ältesten Teilen des historischen Zentrums. Lausanne hat sich in den 1990er Jahren für eine Rekonstruktion nach dem historischen Raster der mittelalterlichen Stadt
entschieden. Dieser Entscheid war aus Sicht der historischen Kontinuität sinnvoll und das Projekt hat definitiv zu einer hochwertigen Verdichtung geführt.
Würde heute gleich entschieden? Diese Frage darf man sich durchaus stellen. Immer mehr Städte und Gemeinden erarbeiten heute räumliche Entwicklungskonzepte. Sie zeigen darin auf, welche Gebiete sich für Verdichtungen eignen und definieren gleichzeitig Frei- und Grünräume, die wesentlich zur Siedlungs- und Wohnqualität beitragen. Eine vertiefte Diskussion über Freiund Aussenräume wäre auch bei der Entwicklung von Rôtillon notwendig gewesen. Dies geht auch aus dem nachfolgenden Interview mit Olivier Français hervor (vgl. Im Interview unten). Frei- und Aussenräume müssen am Anfang von Entwicklungsvorstellungen stehen, bevor über die Erstellung neuer Bauten diskutiert wird.
Farbe bringt Vielfalt und Struktur
Der Farbkünstler Claude Augsburger hat Block B’ bunt und Block A in Grautönen gestaltet. Seine Arbeit trägt zweifellos zur Qualität des Quartiers bei. Durch den Einsatz verschiedener Farben im Block B’ wird dieses Gebäude visuell in einzelne Volumen unterteilt, die weniger massiv wirken. Das Verfahren verleiht dem Gesamtgefüge einen vielfältigen, beinahe häuslichen Charakter.
Der Architekt wollte Claude Augsburger unbedingt von Anfang an mit einbeziehen. Dieser spazierte im Quartier herum, um die Farbpalette für Block B’ zusammenzustellen. Dabei registrierte er die Farben der bestehenden Bauten nicht nur anhand der eigenen Beobachtungen, sondern auch mittels Fotografien und historischen Recherchen. Ausgehend von diesem Inventar schlug er dann etwa 40 Farbvarianten vor, die vor der endgültigen Wahl mit den Beteiligten, dem Bauherrn und dem Architekten diskutiert wurden. Die intensiven Farbtöne wurden bewusst aufgrund von zwei Überlegungen gewählt: Zum einen erlaubt die Enge der Gassen keine dunklen Farben, die zu viel natürliches Licht absorbieren, und zum andern werden die Farben im Laufe der Zeit etwas heller werden.
Im Interview mit Oliver Français
Wenn Sie wählen könnten: Würden Sie dann heute in
Rôtillon wohnen?
Nein. Ich hatte das Projekt bereits früher kritisiert. Meiner Ansicht nach wurde hier eine Art städtebauliches Copy & Paste vorgenommen. Jedes Quartier hat eine Geschichte, aber hier wollte man die Geschichte in der heutigen Zeit neu schreiben… und nun fehlt das Leben. Es gibt wunderbare Räume für die Quartierbevölkerung, aber sie sind nicht belebt, weil es keine durchgängigen Fussgängerwege hat, woran die Topographie nicht unschuldig ist.
Aus Sicht der VLP-ASPAN ist Rôtillons Wiederaufbau ein gelungenes Beispiel für Verdichtung. Welche Punkte sind denn aus Ihrer Sicht besonders problematisch?
Die realisierten Bauten sind sicher sehr interessant. Allerdings bedaure ich die architektonische Gestaltung des ersten gelben Gebäudes, in dem das Parkhaus untergebracht ist. Der Bau an sich ist nicht so schlecht: Er ist logisch strukturiert, hat eine gute Ausrichtung und der Innenausbau ist hochwertig. Das Problem ist aber sein Sockel, sein Bezug zur Strasse. Ein Gebäude muss
lebendig sein und dazu braucht es zunächst den Kontakt zur Strasse. Das Volumen kommt später. Die Gebäude, die später im hinteren Teil errichtet wurden und die von hoher Qualität sind, gefallen mir mehr. Dort war es möglich, die Projekte weiterzuentwickeln. Die Architekten hatten ein offenes Ohr.
Die öffentlichen Räume sind ebenfalls gelungen. Sie wurden dank dem Stadtplaner Jean-Kolb, der das Dossier begleitet hat, sehr klug umgesetzt. So ist etwa der Platz im Norden sehr ansprechend. Ich glaube aber dennoch, dass es ein Fehler war, das mittelalterliche Raster wieder aufzunehmen und damit einen äusserst engen Raum zwischen dem gelben Gebäudeensemble und den dahinter liegenden Bauten zu schaffen. Dass diese hinteren Häuser einst ihrem Schicksal überlassen wurden,
ist meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass es dort zu wenig Licht hat und das Gelände zu steil ist. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Planung aus den frühen 1990er Jahren stammt. Heute verfügt man über andere Mittel, insbesondere Informatik-Tools, mit denen wir virtuell in den dreidimensionalen Raum eintreten und Pläne besser visualisieren können.
Kurz nach Ihrer Wahl in den Stadtrat wurde 2002 ein Referendum gegen das Projekt ergriffen. Wie haben Sie das erlebt?
Als Mitglied der kommunalen Legislative hatte ich in den 1990er Jahren gegen diesen Quartierplan gestimmt – und dann musste ich ihn als Mitglied der Stadtregierung umsetzen.
Wenn man heute einen solchen Quartierplan erarbeitet, dann muss man zunächst den Bezug zur Strasse lösen. Damals wurde das nicht in der richtigen Reihenfolge getan: Erst wurde über den Quartierplan abgestimmt und erst danach beschäftigte man sich mit dem Bezug zur Strasse. Ich erinnere mich, dass eine hohe Summe (12 bis 18 Mio. Franken) investiert werden sollte, um die Rue Centrale zwischen der Pont Bessières und der Grand Pont zu sanieren und die Gassen im Quartier Rôtillon zu erschliessen. Dagegen wurde das Referendum ergriffen. Der Wortführer der Opponenten zeigte mir damals eine Woche vor der Abstimmung ein Foto aus den 1950er Jahren. Es zeigt den verschneiten Platz entlang der Rue Centrale im Winter, mit einem Parkplatz im hinteren Teil. Das wirkte wie ein echter städtischer Ort! Man hätte einen Gürtel um diesen Platz bauen müssen, das hätte besser gepasst.
Wenn man nochmals von vorn beginnen könnte, wären Sie dann für mehr Leer- und Aussenräume?
Ja, wobei man sich bewusst sein muss, dass Geld bei dieser Planung eine grosse Rolle spielte. Die Stadt hatte die Grundstücke überteuert gekauft, etwa für 5000 Franken pro Quadratmeter, was ich bekämpft hatte. Diese Preise waren völlig überrissen und danach mussten die Grundstücke gewinnbringend verwertet werden. Man wollte damals eine übermässige Entwicklung, die nicht realistisch war. Natürlich steht da auch die öffentliche Hand in der Verantwortung.
Auch ich trage einen Teil der Verantwortung. In den 1980er Jahren gehörte ich zur Zschokke-Gruppe, der heutigen Implenia, die ein völlig unpassendes Monsterprojekt für das Quartier entwickelt hatte (ein Parkhaus sowie zwei imposante Gebäude). Zum Glück lehnten es die Lausanner in einer Abstimmung von 1989 ab. Die Situation war aber die gleiche: Auch dieses Projekt wurde mit dem Ziel entwickelt, den relativ teuren Boden zu Geld zu machen.
Mit Stadtentwicklungsprojekten kann man sehr Schönes realisieren, vor allem im Stadtzentrum, wenn man zuerst an den Raum denkt und erst dann an den Ertrag. Hier hat man aber die beiden Faktoren nicht wirklich miteinander verbunden.
Es gibt aber schon schöne Aussenräume. Was fehlt denn?
Die Rue du Rôtillon ganz oben im Quartier ist fantastisch: Diese Gasse hat Charakter und wäre ideal zum Flanieren. Das Problem ist aber, dass sie nirgends hinführt. Ich habe gegen Ende meines Mandats versucht, sie heller zu gestalten, Projekte für Verbesserungen zu lancieren, aber das hat nichts gebracht.
Als ich im Jahr 2000 in den Stadtrat gewählt wurde, war das Nachbarquartier aber noch nicht transformiert (Flon war einst ein Güterbahnareal, in das ab etwa 1980 viele Zwischennutzungen einzogen, Anm. d. Red.). Als das Sanierungsprojekt für das Flon aktuell wurde, befürchtete ich sehr, dass diese so besondere Mischung von kleinen Läden, Bars und kulturellen Orten, die das Flon geprägt hatte, verloren gehen würde. Durch die Sanierung verschob sich das Geschäftszentrum dann tatsächlich gegen Westen, auch wenn darauf geachtet wurde, die Attraktivität im Osten zu bewahren. In Rôtillon hätte man einen einzigartigen, attraktiven Ort schaffen können, der ein Gegengewicht zum modernen Flon-Quartier gewesen wäre. Das ist eine verpasste Chance, die ich bedaure.
Um auf die Fussgänger zurückzukommen: Für sie sind durchgängige Wege in einem Quartier ganz grundlegend. Deshalb bestand ich darauf, dass bei der Pont Bessières Aufzüge installiert werden. Ebenso ist es sehr wichtig, dass man von der Rue de Bourg nach Rôtillon hinabgehen kann. Aber auch der Weg nach oben muss sichergestellt werden. Die Grundidee des Quartierplans ist nicht falsch, aber es fehlt noch etwas. Noch ist aber nichts verloren: Vielleicht gelingt es, eine attraktive Verbindung zur Rue de Bourg zu schaffen. Die Behörden müssen die Augen offen halten und Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten.
Wie wurde der Wiederaufbau von Rôtillon geregelt?
Bei der Finanzierung half insbesondere ein Projekt für ältere Menschen mit einer paramedizinischen Einrichtung im Süden des Quartiers, die von einer Stiftung getragen wird. Dieses Projekt ermöglicht Menschen im dritten Lebensalter ein städtisches Leben und trug einen Teil zur Finanzierung bei. Ansonsten hatten meine Kollegen Mühe, Investoren zu finden. Die Absicht, die Mietzinse zu begrenzen, führte zum Rückzug von privaten Investoren und hatte negative Auswirkungen auf die Finanzierungen.
Hat die Inbetriebnahme der Metrolinie m2 im Jahr 2008 und vor allem der Metrostation Bessières ganz in der Nähe zur Dynamik des Quartiers beigetragen?
Die Metrolinie m2 war für die ganze Stadt auf der NordSüd-Achse, vom Seeufer bis nach Epalinges positiv. Auf einem 300 bis 500 Meter breiten Streifen entlang dieser Linie stieg der Bodenwert deutlich. Im sehr gut erschlossenen Stadtzentrum sorgen sowohl die Station Bessières als auch Flon für eine grosse Attraktivität, das stimmt. Entscheidend war das aber nicht.
zuerst an den Raum denkt und erst dann an den Ertrag.»
Die Vielfalt in Rôtillon ist frappant und trägt zur hohen Qualität der gebauten Umgebung bei, vor allem durch die Farben. Wem hat man das zu verdanken?
Einer der ersten, der sich auf dieses Experiment einliess, war ein privater Eigentümer im oberen Teil des Quartiers. Ich persönlich bewundere solche Dinge. Beim erstmaligen Sehen ist man etwas überrascht, aber heute macht diese Vielfalt den Charme des Quartiers aus. Dass dies möglich war, ist der offenen Haltung der städtischen Architekturabteilung zu verdanken. Wenn Sie das Quartier vom gegenüberliegenden Hügel aus betrachten, dann sehen Sie, dass die Dächer genauso wichtig sind wie die Fassaden. Auch hier gibt es eine grosse Vielfalt. Die Gestaltung der Dächer muss in einer Stadt wie Lausanne ebenfalls berücksichtigt werden.
Können die Erfahrungen, die in Rôtillon gesammelt wurden, anderen Standorten zugute kommen?
Im Städtebau sind der Austausch und der Dialog absolut grundlegend. Bauen ist ein Dialog. Man muss sich Zeit dafür nehmen. Die Qualität einer Stadt hängt nicht nur vom Bauen ab. Vorher geht es um die Wahl des Projekts, der Baukörper und der Räume, in denen diese Vorhaben umgesetzt werden sollen. Ich kann keine Regeln formulieren. Jedes Quartier hat seine eigene Geschichte. Rôtillon war ein armes und baufälliges Quartier. Als ich noch als Ingenieur arbeitete, musste ich sogar einmal ein Gebäude abreissen lassen, weil es einsturzgefährdet war. Heute gibt es in Lausanne keine solchen Quartiere mehr. Hingegen gibt es interessante städtische Brachen, die entwickelt werden könnten, etwa in Sébeillon oder Rasude.
Heute sind wir auch verpflichtet, die Stadt in die Höhe wachsen zu lassen. Es gibt viele Teile von Quartieren, die man um ein oder zwei Geschosse aufstocken könnte. Hier blockiert uns die rückwärtsgewandte Ideologie des Heimatschutzes. Das gilt sogar, wenn renommierte Architekten am Werk sind, wie etwa bei der Renovation und Aufstockung eines Gebäudes aus den 1920er bis 1930er Jahren an der Ecke der Avenue du Mont-d’Or und Avenue de Cour, die einige Jahre zurückliegt.
Das ist ein hartes Urteil. Der Heimatschutz sorgt doch auch dafür, dass Geschichte und Baukultur eines Orts nicht verloren gehen.
Das stimmt. Der Heimatschutz hat diese Aufgabe zu erfüllen. Je nach Ort sind Empfehlungen und Unterstützung in Sachen Ortsbildschutz nötig. Aber es gibt Fälle, wo Projekte durch zu viele Restriktionen behindert werden. Und das ist schade.
Interview: Alain Beuret, VLP-ASPAN