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Kapitel 1
New York, 3. November 1947
Niki stand in der Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter, die an ihrem Frisiertisch saß. Ihre Augen trafen sich in dem glitzernden Spiegel, der das Lampenlicht reflektierte. Für einen Augenblick verharrten sie so, während der Regen auf die Park Avenue in der Upper East Side rauschte, dem Viertel der Reichen und Schönen in New York. Hupgeräusche drangen von unten in den zehnten Stock. Wandernde Autoscheinwerfer warfen ihren Schein an die Decke.
Mein Tag, dachte Niki. Heute würde sie ihr Abitur feiern, das sie im Sommer an der Oldfield School in Maryland bestanden hatte. Da ihre Eltern nicht so weit fahren wollten, hatten sie eine Einladung zum Ball verschiedener New Yorker Highschools ergattert. Das Fest im Hotel Waldorf Astoria war ein willkommener Anlass, um die junge Generation der Öffentlichkeit vorzustellen. Niki trug bereits ihr Kleid, schulterfrei, der Rock aus zahllosen Lagen weißem Tüll genäht. Aber es war ihr am Oberkörper zu weit. Das Bustier saß so locker, dass sie schon überlegt hatte, es mit Taschentüchern auszustopfen.
»Maman, könntest du …«, begann sie, doch ihre Mutter unterbrach sie mit einer ungeduldigen Geste.
»Komm doch herein, Niki. Warum so schüchtern? So kenne ich dich gar nicht.« Jacqueline drehte sich graziös auf ihrem Hocker, ganz die Dame von Welt. Sie trug schon ihre Pumps mit den hohen Absätzen.
Niki trat näher, mitten in die Wolke aus Puderduft und Chanel Nr. 5, stellte sich hinter sie und legte ihr die Hände auf die glatten, weißen Schultern. Im Spiegel begegneten sich erneut ihre Augen. Sie waren vom gleichen Braungrün und schimmerten durchsichtig im Licht der Lampe. Beide trugen ihr Haar dauergewellt und gepflegt frisiert. Sie sahen einander so ähnlich und waren doch so verschieden. Niki war das Enfant terrible dieser perfekten Familie. Jacqueline hingegen verstand es, ihre Launen hinter einer Mauer der Wohlanständigkeit zu verbergen.
»Was möchtest du, Kleines?«, fragte sie.
»Dieses blöde Oberteil ist mir zu weit«, erwiderte Niki mürrisch. »Könntest du es mir enger nähen? Sonst schweben meine Tanzpartner in Lebensgefahr, weil ich mit zwei Sicherheitsnadeln unterwegs bin.«
Jacqueline sah sie nachdenklich an. »Du bist sehr hübsch.«
»Du auch.« Sie liebte und hasste ihre kühle Mutter mit dem klaren Gesicht und dem tadellosen Benehmen gleichermaßen.
Jacqueline lachte leise. »Keine Angst, ich werde dir nicht die Show stehlen. Das ist dein Debüt.«
»Mach nur. Ich weiß sowieso nicht, was ich auf dem Ball soll.«
»Warum immer so aufsässig? Und Niki, zieh keinen Flunsch, sonst kriegst du viel zu früh Falten.«
Nikis Mutter trug ein Abendkleid aus blaugoldenem Brokat, ganz Matrone, aber nicht weniger glamourös als das ihrer Tochter. »Du solltest mehr essen. Dann passt auch das Oberteil. Ansonsten sitzt das Kleid perfekt.«
»Vergebliche Liebesmüh. Ich esse genug.« Bei der Unmenge an Süßigkeiten, die Niki immer in sich hineinstopfte, war es ein Wunder, dass sie ihre Gazellenfigur hielt.
»Könntest du mir helfen, meine Kette zu schließen?«, bat Jacqueline. Zwischen den Töpfen und Tiegeln auf dem Frisiertisch lag die doppelreihige Perlenkette mit dem Diamantverschluss. Sie senkte ihren weißen Nacken und strich sich die Locken zur Seite. Sorgsam legte Niki ihr die Kette um und ließ den Verschluss einrasten.
»Mein Oberteil. Es wäre ein Fauxpas sondergleichen, wenn es rutscht«, versuchte sie es noch einmal.
»Ich danke dir, Liebes.« Jacqueline setzte sich aufrecht und lächelte Niki und sich selbst im Spiegel zu. »Geh doch bitte wegen der Näharbeiten zu Nicole. Ich bin mit der Nadel so ungeschickt.«
Nicole war die Nanny von Nikis jüngeren Geschwistern und normalerweise entsprechend beschäftigt.
»Immer wenn man etwas von dir will, hast du eine Ausrede.« Niki trat verärgert einen Schritt zurück. Ich könnte zupacken und die Perlenkette zerreißen, dachte sie. Aber selbst das würde nichts nutzen, denn die Zuchtperlen waren alle einzeln verknotet, wie es sich für ein teures Schmuckstück gehörte. Keine einzige würde auf Nimmerwiedersehen unter der Kommode verschwinden. Widerstand war zwecklos.
Jacqueline griff nach Nikis schmalen Handgelenken. »Sei nicht undankbar. Ich habe fünf Kinder und gebe mir alle Mühe, für euch da zu sein, wobei du es mir wirklich nicht immer leicht machst. Nicole ist im Nähen viel besser als ich … Das muss sie auch, denn die Kleinen haben einen gewaltigen Verschleiß. Sprich sie am besten sofort an, damit du uns heute Abend keine Schande machst.«
»Na, vielen Dank auch.« Niki löste sich aus Jacquelines Griff und knallte die Tür hinter sich zu. Schwer atmend blieb sie im Gang stehen, trat mit ihren Ballschuhen gegen die scheußliche chinesische Vase neben dem antiken Holzschrank, die kurz aus dem Gleichgewicht geriet, und unterdrückte einen Fluch.
Im nächsten Moment stürzte ihr dreijähriger Bruder Richard auf sie zu, schnitt ihr eine Grimasse und versteckte sich im Schrank, während Nicole aus dem Kinderzimmer trat und sich suchend umblickte.
»Richard, où es-tu?« Sie kam aus Paris und sprach perfektes Französisch mit ihm, gerade so wie Nikis Eltern es wünschten.
Verschmitzt legte Niki ihren Zeigefinger auf die Lippen und deutete auf den Schrank. Nicole zwinkerte ihr zu und öffnete die Tür, woraufhin sich der Kleine mit lautstarkem Gebrüll in ihre Arme warf.
»Ab ins Bett!« Sie packte das sich sträubende Kind und zerrte es davon.
Niki pustete sich eine Locke aus der Stirn. Das Kindermädchen brauchte Nerven wie Stahlseile, um ihre zickigen kleinen Schwestern und den Lausejungen im Zaum zu halten. Aber eines hatte sie gewiss nicht: Zeit, um Nikis Oberteil enger zu nähen. Vielleicht wollte das Schicksal ja, dass sie sich blamierte.
Erst mal brauchte Niki eine Pause. Sie zog die Schuhe aus und schlitterte auf ihren Nylonstrümpfen über das frisch gebohnerte Parkett in Richtung der Treppe. Die noble Stadtwohnung der Familie De Saint Phalle in der Park Avenue 1088 hatte zwei Stockwerke. Es gab geräumige Flure und stuckgedeckte Räume voller Porträts, von denen ihre Ahnen missbilligend auf Niki herabstarrten. Sie waren eindeutig der Meinung, dass Kinder sich unauffällig, am besten unbemerkbar verhalten sollten.
Niki hielt sich nicht daran. Sie war zweimal von der Schule geflogen und hatte, bis ihr der Abschluss in diesem Sommer wider Erwarten doch noch gelungen war, wöchentlich Tadel kassiert. Und dabei war sie alles andere als blöd. Sie warf einen Blick in die Bibliothek voller ledergebundener Bücher, in der sie vor Kurzem die Werke Guy de Maupassants für sich entdeckt hatte. Vielleicht sollte sie ihre Zeit besser hier verbringen als auf einem Ball, den sowieso niemand interessierte?
Sie erreichte die breite Treppe zum Erdgeschoss und stieg ins Foyer mit seinem riesigen Kronleuchter hinab. Hier unten ging es nicht mehr so steif und formell zu.
Erleichtert betrat sie die Küche, den einzigen warmen Raum in der ganzen Wohnung. Kupfertöpfe hingen von der Decke, blank poliert wie rote Spiegel. Der moderne Kühlschrank summte. Ihre Köchin Cora stand am Herd und rührte in einem Topf. Am Tisch saßen Nikis jüngere Schwestern Claire und Elisabeth und löffelten eine Suppe, weil das Abendessen im Speisezimmer heute ausfallen würde. Niki setzte sich dazu, ordnete die zahlreichen Tülllagen ihres Kleides und legte ihre Füße auf dem letzten freien Stuhl ab. Ihr Magen knurrte.
»Cora …«, begann sie so liebenswürdig wie möglich.
»Ja, Miss Niki.« Die Köchin wandte sich ihr zu. Ihr dunkles Gesicht mit den leuchtenden Augen strahlte Geborgenheit aus. Niki wusste nicht, wie lange sie schon für die Familie arbeitete. Eine Ewigkeit.
»Könnte ich eine heiße Schokolade haben? Ich kann bei der ganzen Aufregung nur etwas Kakao runterbringen.«
Cora betrachtete sie stirnrunzelnd. »Im Ballkleid? Ich denke, das wird nicht gehen. Aber ich kann dir etwas Suppe geben, wenn du dir ein Geschirrtuch umlegst und sehr gut aufpasst.«
»Die schmeckt gut«, sagte ihre zehnjährige Schwester...