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Der Bau des Kirchgemeindehauses an der Liebestrasse hat eine lange und langwierige Vorgeschichte. Während in der Kirchenpflege schon 1895, also gut 20 Jahre vor der Eröffnung des Hauses, erstmals Gedanken an ein eigenes Gebäude für kirchliche Bedürfnisse aufkam, setzte man in den politischen Behörden die Priorität bei der Schule und den Vereinen.
Erst nach langem Seilziehen zwischen weltlicher und kirchlicher Behörde konnte 1906 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden. 46 Entwürfe gingen ein, wovon neun in die engere Auswahl kamen und schliesslich jener der Architekten Bridler & Völki das Rennen machte.
Doch auch das Siegerprojekt fand nicht von Anfang an bei allen Zuständigen in der Kirchenpflege Anklang. Erst nach mehrmaligem Überarbeiten und Anpassungen an die verschiedenen Bedürfnisse konnte im Sommer 1911 eine definitive Vorlage dem Stadtrat zur Begutachtung und der Kirchgemeindeversammlung zur Annahme empfohlen werden. Am 29. Oktober 1911 wurde der Antrag der Kirchenpflege für die Errichtung eines Kirchgemeindehauses von der Kirchgemeindeversammlung mit nur einer einzigen Gegenstimme angenommen. Dem in seiner Art ersten Kirchgemeindehaus der reformierten Schweiz stand nichts mehr im Wege.
Der eigentliche Bau dauerte von 1911 bis 1913 und am 7. November 1913 versammelte sich die Kirchenpflege das erste Mal in ihrem neuen Sitzungszimmer. Zuoberst auf der Traktandenliste stand die Einweihungsfeier am 30. November 1913.
Die bewegte Geschichte des KGH umfasst viele Etappen. Einige nennenswerte sind im Folgenden als Beispiele aufgeführt.
Von der Milchküche zur Mütter- und Väterberatungsstelle
Anfangs des 20. Jahrhunderts starb in Winterthur jeder vierte Säugling. Verantwortlich gemacht wurde die kurze Stillzeit der Mütter, die schlechte Qualität der Säuglingsmilch, das geringe Wissen der Mütter über die Säuglingsernährung und die mangelnde ärztliche Versorgung. Bereits 1904 forderte ein Winterthurer Kinderarzt die Einrichtung einer Milchküche. Kurz nach der Eröffnung des Kirchgemeindehauses wurde am 7. Februar 1914 ein Antrag zur Einrichtung einer Milchküche an den Grossen Stadtrat gestellt. Standort der Säuglingsfürsorgestelle wurde das neu errichtete Kirchgemeindehaus. Da im Untergeschoss die Suppenanstalt der Hülfsgesellschaft eingerichtet war, liess sich dort mit wenig Aufwand eine Milchküche einrichten. Am 8. Juli 1914 wurde die erste Milchportion abgegeben. Neben dem Betrieb der Milchküche fanden zweimal pro Woche unentgeltliche Konsultationen der Säuglinge mit Beratung der Mütter durch einen Arzt statt. Im ersten Halbjahr waren es 266, 1918 bereits 615 und 1943 3240 Beratungen als Maximum. Etwa 40% der Neugeborenen wurden in dieser Zeit in die Beratungsstelle gebracht.
Suppe, Brot und Rationierungsmarken
Als nach Ausbruch des 1. Weltkrieges die Lebensmittel knapp und teuer wurden, richtete die Stadt Winterthur im Untergeschoss des Kirchgemeindehaus einen Laden ein, wo Grundnahrungsmittel und Brennmaterial zu verbilligten Preisen gekauft werden konnten. An Samstagnachmittagen, an welchen Obst abgegeben wurde, bildete sich vor dem Kirchgemeindehaus eine lange Schlange mit bis zu 700 Personen. Als sich 1917 die Ernährungslage nochmals drastisch verschlechterte und nebst der Teuerung auch eine Knappheit der Lebensmittel hinzukam, beschloss die Stadt Winterthur, die Wiese vor dem Kirchgemeindehaus umzupflügen, um den Anbau von Lebensmitteln zur Selbstversorgung zu fördern. Im Winter 1917 setzte der Stadtrat wegen der Kohleknappheit die Heizung der Stadtkirche ausser Betrieb. Die Gottesdienste in der Stadtkirche wurden eingestellt und fanden nur noch im Kirchgemeindehaus statt.
Speisesaal des polnischen Internierten-Hochschullagers
Nach Hitlers «Blitzkrieg» gegen Frankreich traten am 19. und 20. Juni 1940 polnische Truppen auf Schweizer Gebiet über. Fast 13’000 Polen wurden aufgenommen und in der ganzen Schweiz verteilt. Für Soldaten, die ein Studium angefangen hatten, wurden in verschiedenen Schweizer Städten Hochschullager eingerichtet. Eines davon in Winterthur. Da das Hochschullager nicht als Sammellager organisiert war, verteilte sich das Leben der polnischen Studenten auf die ganze Stadt. Dreimal täglich trafen sich die Studenten zum Essen im Kirchgemeindehaus. Die Kirchenpflege stand der Vermietung der Räumlichkeiten allerdings von Anfang an skeptisch gegenüber. Man betrachtete die Vermietung des grossen Saals an das Hochschullager zunächst als eine vorübergehende Lösung. Ein anders Lokal wurde jedoch auch nach drei Jahren nicht gefunden. Man war froh, als das Hochschullager 1946 aufgelöst wurde, die Studenten wieder in ihre Heimat zurückehren konnten und die Räume im Untergeschoss des Kirchgemeindehauses nach einer Renovation, wieder uneingeschränkt der Kirchgemeinde zur Verfügung standen.
Notschlafstelle für drogenabhängige Obdachlose
Auf private Initiative wurde im Februar 1992 die Notschlafstelle im Untergeschoss des Kirchgemeindehauses eingerichtet. Das war nötig, weil die Stadt Zürich die offene Drogenszene am Platzspitz Anfang des Jahres räumte und Drogensüchtige in ihre Heimatgemeinde zurückführte. Die Stadt Winterthur verfolgte zu der Zeit eine zurückhaltende Drogenpolitik und hatte weder eine Anlaufstelle noch eine Notschlafstelle für obdachlose Menschen, die harte Drogen konsumierten. Eine Gruppe von Gemeinderäten, SozialarbeiterInnen und Mitglieder der reformierten Kirchgemeinde beschloss unter Leitung von Kirchenpflegepräsiden Beat Beck und Pfarrer Georges Braunschweig die temporäre Eröffnung einer Notschlafstelle im Kirchgemeindehaus Liebestrasse. Von 10 Frauen und 32 Männern, grösstenteils zwischen 17 und 25 Jahren, wurde das Angebot 650 Mal genutzt. Am 17. Mai 1992, kurz nach der Schliessung der Notschlafstelle, nahm die Winterthurer Bevölkerung das Massnahmenpaket Drogen an, welches unter anderem die Gründung der «Anlaufstelle für Drogenabhängige und HIV-Positive» beinhaltete.