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Carte Blanche #17
Über bizarre und wunderbare Begegnungen
Vor einigen Wochen lief ich gut gelaunt durch die Rue de Lausanne in der Stadt Freiburg. Die Abendsonne schien mir prall ins Gesicht und auf meinen Kopfhörern dröhnte der Sommerhit im roten Bereich. Nein, die Rede ist nicht vom Ohrwurm "Despacito" von Enrique Iglesias, Entschuldigung, ich meine natürlich Luis Fonsi, sondern von einer Cover-Version des Klassikers "Bette Davis Eyes" eines australischen Künstlers, den ich zu meinem persönlichen Sommerhit erklärt habe. Plötzlich sprach mich ein älterer Herr an.
Ich muss ehrlich gestehen, ich ging davon aus, dass er mich um Geld bitten würde, da er mir etwas ungepflegt erschien. Weit gefehlt! Als ich die Kopfhörer zur Seite schob, sagte mir der ältere Herr auf Französisch in etwa folgendes: "Wieso verschliesst du deine Ohren?". Auch wenn ich sonst nicht gerade auf den Mund gefallen bin, wusste ich nicht, wie auf diese Frage zu antworten. Jedoch liess er mir auch gar nicht die Möglichkeit, nach einer Antwort zu suchen, denn kurz darauf sagte er: "Wenn du dich von der Aussenwelt abschottest, dann wirst du viele schöne Begegnungen verpassen". Kaum hatte er seinen Satz beendet, liess er mich auf der Strasse stehen, wie bestellt und nicht abgeholt. Verdutzt ging ich meinen Weg weiter und die etwas bizarre Begegnung war dann vorerst vergessen.
Zwei Tage später holte mich dieses Erlebnis jedoch wieder ein. Am übernächsten Tag war ich nämlich mit einem Freund für ein Feierabendbier verabredet. Leicht gestresst und verspätet kam ich auf der vereinbarten Terrasse an und sah meinen Freund an einem Tisch mit einem alten Mann. Nein, es handelte sich nicht um denselben Herrn, den ich in der Rue de Lausanne getroffen hatte. Da kein Tisch frei war, hatte sich mein Freund zu erwähntem Mann hingesetzt. In der Folge kamen wir mit dem wohl gegen die 80 Jahre alten Romand ins Gespräch. Ein Gespräch, dass mir aufgrund der traurigen Geschichte des Mannes während Tagen nicht aus dem Kopf ging. Der alte Herr teilte uns mit, dass er heute seinen Geburtstag feiern würde. Selbstverständlich gratulierten wir ihm und stiessen auf seinen Purzeltag an. Er sagte uns, dass er früher Schriftsteller sowie Gerichtsprozess-Journalist gewesen sei und viele gute Freunde gehabt habe. Heute sei er jedoch allein, da seine Freunde alle verstorben seien. Zur Feier des Tages sei er mit dem Zug von Romont nach Freiburg gefahren, um sich eine Pizza zu gönnen und ein, zwei Bier zu trinken. Eine bewegte Geschichte und eine Geschichte, die einigen älteren Menschen bekannt vorkommen dürfte. Nachdem er sein Bier ausgetrunken hatte, machte er sich auf den Weg zum Bahnhof, um nach Hause zu gehen. Das Gespräch mit uns schien er jedoch sichtlich geschätzt zu haben.
Diese Begegnung erinnerte mich an das Treffen und die Worte des Herrn in der Rue de Lausanne. Hätte sich mein Freund nicht zum älteren Mann hingesetzt, wäre diese interessante und wunderbare Begegnung nicht zustande gekommen und das Geburtstagskind hätte auf seinem Ausflug vielleicht nicht einmal jemandem mitteilen können, dass er heute seinen Geburtstag feiert. Diese zwei Begegnungen haben mir aufgezeigt, dass ich in der Tat wohl schon einige spannende Lebensgeschichten verpasst habe, indem ich in der Öffentlichkeit lieber Musik gehört oder mich vollends meinem Smartphone gewidmet habe. Aus diesem Grund habe ich mir in den letzten Wochen zu Herzen genommen, im Bus, Zug oder auf der Strasse offen für Gespräche zu sein und es haben sich wirklich einige lustige, teils schräge und auch interessante Gespräche ergeben. Bitte hält mich jetzt nicht für einen Moralapostel, denn je nach Laune werde auch ich mich bereits morgen im Zug wieder abkapseln, aber der Mann in der Rue de Lausanne hatte wirklich Recht. "Wenn du dich von der Aussenwelt abschottest, dann wirst du viele schöne Begegnungen verpassen".
Text: Elmar Wohlhauser