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In Bolivien soll ein gesellschaftliches Grossprojekt allen ethnischen Gruppen gleiche Chancen bieten. Dazu hat der Vizepräsident des Landes jetzt eine Analyse vorgelegt.
Als im Februar 2009 die BolivianerInnen eine neue «plurinationale und plurikulturelle» Verfassung annahmen, stiessen diese Begriffe vielerorts auf Unverständnis. Vor allem die Frage, wie denn eine Nation aus vielen Nationen bestehen könne, zeigte, dass in den westlich geprägten Denkmustern wenig Raum für grundlegend andere gesellschaftliche Organisationsformen als das sogenannte aufgeklärte eurozentrische Gesellschaftsmodell vorhanden war – und ist.
Das Buch «Vom Rand ins Zentrum» mit fünf Texten des bolivianischen Vizepräsidenten Álvaro García Linera aus den Jahren 2001 bis 2010 vermag hier Abhilfe zu schaffen. Dabei handelt es sich um eine profunde Analyse der Transformation, in der sich die bolivianische Gesellschaft seit einigen Jahren befindet. Diese Transformation begann 2000 mit dem sogenannten Wasserkrieg in Cochabamba, bei dem Proteste gegen die Privatisierung der Wasserversorgung blutig niedergeschlagen wurden, kumulierte 2005 mit der Wahl des indigenen Kokabauern Evo Morales zum Präsidenten, und erreichte 2009 mit der Annahme der neuen Verfassung einen vorläufigen Höhepunkt.
«Höchste Glaubwürdigkeit»
Der 49-jährige Linera war dabei der «einflussreichste Architekt und Theoretiker dieses radikal neuen, pluriethnischen, souveränen Rechtsstaats», wie der frühere Uno-Sonderberichterstatter Jean Ziegler in einem enthusiastischen Vorwort schreibt. Als Soziologe kenne Linera die Widersprüche zwischen indianischen Traditionsgemeinschaften und modernen Gewerkschaftsbewegungen wie kein anderer. Und als ehemaliger Kämpfer der Guerilla geniesse er höchste Glaubwürdigkeit. Ziegler sieht im von Linera beschriebenen bolivianischen Revolutionsprozess zudem eine «unbändige Hoffnung» für ganz Lateinamerika und die europäische Linke.
Tatsächlich kann man von dem ungewöhnlichen Staatsprojekt viel lernen, mit dem in Bolivien derzeit völlig neue Formen der Verwaltung ausprobiert werden, in dem die kommunitäre Organisationsform indigener Gemeinschaften der bestehenden Staatsform gleichgesetzt ist und das auf einem umfassenden Verständnis der Gleichberechtigung aller basiert. Lineras Texte liefern dabei das theoretische Konstrukt und bieten eine brillante soziologische Analyse der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen hundert Jahre; sie bieten auch die Grundlage für eine pointierte politwissenschaftliche Diskussion über die Bedeutung von Ethnie, Sprache, kultureller Identität und den Begriff der Nation. Darüber hinaus reflektiert Linera, wie und mit welchen Mitteln die ethnische Diskriminierung der Indigenen lange Zeit gezielt als Instrument der Machtausübung der herrschenden Elite eingesetzt wurde.
Hinzu kommen eine historische und soziologische Analyse der Gewerkschaften, der sozialen Bewegungen und indigenen Gemeinschaften sowie ein differenziertes Bild, das Linera von den verschiedenen Ausprägungen des Marxismus, Nationalismus und Indianismus zeichnet, die das heute bestehende Modell beeinflussten. Eingebettet ist das Ganze in einen wirtschaftlichen Kontext, da die Protestbewegungen, die zum Wandel führten, eine direkte Folge der fehlgeschlagenen neoliberalen ökonomischen Reformen waren, die von 1985 bis 2000 die Bevölkerung zunehmend prekarisierten und viele der historischen Organisationsstrukturen der ArbeiterInnen zerstört hatten.
Keine leichte Kost
Die schiere Menge der Themen und Aspekte, die Linera verwebt, vergleicht und analysiert, machen seine Texte äusserst dicht und komplex. Doch gelingt es ihm immer wieder, von einer allzu wissenschaftlichen Sprache abzurücken und die vielen Referenzen auf die Schriften etwa von Karl Marx und Pierre Bourdieu durch verständliche Beispiele zu veranschaulichen. Ein hilfreiches Glossar und ein ausführliches Literaturverzeichnis ergänzen das Buch.
Dem Buch fehlt allerdings eine gewisse kritische Distanz, die es zumindest im Interview, das Stephan Rist von der Universität Bern und Andreas Simmen vom Rotpunktverlag im Januar 2011 mit Linera führten, erlaubt hätte, auf die aktuellsten Probleme bei der Umsetzung des neuen Gesellschaftsmodells einzugehen, die sich damals bereits abzeichneten. Gerade hier wäre eine erste Bilanz aufschlussreich. Stattdessen dient das – zugegebenermassen spannend zu lesende – Interview als eine inhaltliche Zusammenfassung der ausgewählten Texte.
Hinzu kommt, dass im aktuellsten Text von 2010 Linera streckenweise seinen analytischen Blick verliert und vom Soziologen zum Politiker mutiert, der über den Erfolg seiner Regierung resümiert. Allerdings erhält man so einen Einblick in die Entscheidungen der Regierung bei einem Putschversuch von 2008, als die Regierungen mehrerer Departemente versuchten, durch illegale Autonomiereferenden und bewaffnete Aktionen Morales zu Fall zu bringen.
Als Gesamtwerk ist «Vom Rand ins Zentrum» eine wertvolle Grundlage für das Verständnis der «Neugestaltung von Staat und Gesellschaft», die in Bolivien ein Umdenken in Gang gesetzt hat, das laut Linera zwar in ein paar Jahren möglicherweise durch ein alternatives Staatsprojekt neu herausgefordert werden könnte, aber das es erstmals in der Geschichte der Republik allen Nationen, Kulturen und sozialen Klassen erlaubt, an der Macht teilzuhaben.