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„Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben (…)!“, steht in Johannes 10,10 geschrieben. Was zu biblischen Zeiten maximal die Propheten ahnten: „Und sie Alle werfen weg, was ihnen lästig ist, sie schmeissen fort was ihnen nicht mehr gefällt, sie verschwenden und verprassen ihr Leben, sie kaufen und kaufen, was ihnen doch allen nichts nützt und am Ende des Tages nur ihrem Unglück dient.“
Die eigenartige Geschichte der Miss Cattleman in New York zeigt, dass sich vor unserer Haustüre alles auftürmt was wir zum Leben brauchen…
Der Lincoln federt breit und schwer über die letzte Bodenwelle. Dann stoppt er bequem:
11 Ave Waverly Place, Washington Square Parc, NY. Hinter dieser postalischen Adresse erhebt sich eine Art Déco-Villa mit fünf Etagen. Ein schmuckes Haus ohne Lift. In der obersten Etage öffnet eine 67jährige Dame eine pinkfarbene Wohnungstüre: ein fröhliches Gesicht mit kreisrunder Brille und aschgrauen Haaren erscheint: „Hello Miss Cattleman!“
Hinter der Türe weitet sich der Blick in Miss Cattleman’s Welt: Miniatur-Schubkarren aus denen sich Rosen, Löwenmaul, Vergissmeinnicht emporstrecken. Stehende oder hängende Lampen mit grünen, violetten und blauen Schirmen die zart gelbes Licht in den Raum verstreuen. Gespannte Seidentücher, Indian Veils, als Trennwände. Bücherstapel auf runden Holztischen. Bücherwände über Eck gezogen. Ein Teeservice mit abgebrochenen Henkeln auf schrulligen Messing-Untertassen und auf einem Teewagen mit vier verschieden grossen Rädern, drapiert. Kaffeekannen, aus denen rautenförmige Glühbirnen ragen, zu Lampen umfunktioniert. Ein Grammophon aus den 1920er Jahren. Ein kleiner Hund, ein putziger Havanese, schläft auf einem Sofa mit pastelligem Überwurf und sieben rotfarbigen Kissen darauf.
„Der Hund heisst „Hund“. Er ist mein bester Freund. Seit Jahren. Ich lebe nur mit ihm und mit der Literatur; ich unterhalte mich mit meinen Pflanzen“. In der kleinen Küche baumeln indes Messingtöpfe mit tiefen Dellen, von der Zimmerdecke. Hohe Einmachgläser stehen sauber gespült zwischen Kühlschrank und Esseckchen. Ein geflochtener Korb mit Himbeeren daneben gestellt: „Für die Konfitüre“. Das Leben der Miss Cattleman ist eine radikale Abkehr vom Menschen. „Der Mensch ist eine üble Kreatur. Neidisch, habsüchtig, arrogant, kriminell, oberflächlich, boshaft. Der Mensch hat sich von Gott abgewendet und lebt in einer straffen Organisation von Un-Menschen seinem tragischen Ende entgegen“.
Miss Cattleman wurde vor zwei Jahrzehnten von ihrem Mann verlassen. Ihre Freunde entpuppten sich als Gut-Wetterfreunde. „Es half mir kaum jemand als es mir dreckig ging“. Und dann, irgendwann und der Verzweiflung nahe, den Oberkörper von Sorgen gebeugt, die rauen Hände wischten Tränen fort, trat sie in die „First Presbyterian Church“ in Brooklyn ein. Sie kauerte erschöpft auf der Kirchenbank. Mittellos. Vom Leben geschunden. Verlassen. Alleine. Einsam. Sie schlug die Bibel auf: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben (…)!“ Sie faltete ihre kleinen Hände. Sie las den Satz immer und immer wieder. Sie schrieb ihn auf. Dieser Satz hängt heute auf gelben und grünen Zetteln in ihrem kleinen Badezimmer. Auch in der Küche zwischen den verdellten Töpfen. Er hängt auch über ihrem riesigen Bett und spricht zu ihr Wahrheit: Jedem ist ein Leben in Fülle möglich. „Reichtum bedeutet mehr, viel mehr als nur Geld zu haben“, - Miss Cattleman schmunzelt. „Und doch brauchen wir natürlich etwas Geld, etwas zu essen, ein gemütliches Heim. Ich besass jedoch nichts mehr, nachdem mein Mann mit dieser jungen Blonden durchgebrannt war“.
Miss Cattleman zeigt mir dann unvermittelt eine One Dollar-Note. „Heute gefunden, mitten auf dem Gehweg.“ Sie lächelt spitzbübisch. Sie schenkt Kaffee in verschiedenfarbige Tassen ein. Sie hat die Keramik mit Acrylfarben bemalt: Sonnenblumen und Schlüsselblumen und Morgentau verzieren seitdem die unterschiedlich geformten Kaffeetassen.
„Wo sollte nur die Fülle verborgen sein? Ich stellte mir jeden Tag diese Frage. Und dann zog ich los. Mit offenen, so richtig weit geöffneten Augen und Sinnen. Meinen lieben „Hund“ fand ich in einer Mülltonne, zwei Strassen weiter. Seine Besitzer hatten ihn als Welpe einfach in der Tonne entsorgt. Er kämpfte winselnd ums Überleben".
Miss Cattleman findet mittlerweile mit geschultem Blick alles. Alles was in dieser Wohnung steht, alles was sie zum Leben benötigt: Regenschirme, Geld, Jacken und Schals und Handschuhe liegen auf den Strassen oder im Subway. Ihr Sofa wurde an einer abgeschabten Wand eines Mehrfamilienhauses abgestellt. Ihre Bettmatratze fiel tatsächlich vom Himmel – irgendjemand hatte sie aus dem Fenster geworfen und sie schlug direkt vor ihren Füssen auf. Die Kochtöpfe sammelte sie am Hudson River ein. „Die Bootsbesitzer kaufen sich im Drugstore für ein paar Dollar neues Geschirr. Das „alte“ wird flugs über Bord geschmissen.“
Miss Cattleman liest nicht nur in der Bibel. Sie liest in hunderten Büchern und auf tausenden Seiten über Evolution und den Menschen als fragiles, in sich gespaltenes Wesen. Sie liest auch täglich auf ihren meilenweiten Spaziergängen durch New York in den Gesichtern dieser Weltstadt. Ausdrucklose, hypnotisiert wirkende Blicke auf Smartphones gerichtet, schieben sich, wegkatapultiert aus dem Jetzt, hektisch, satt, deprimiert und dem Überdruss nahe in ihre Illusion von Erfolg und Lebensqualität.
„Jeder will mehr. Jeder will Neues. Jede Sekunde flackern an allen Ecken, in allen Geschäften und in der virtuellen Welt noch bessere, noch neuere und neueste Konsumgüter auf.“ Miss Cattleman streichelt sanft den Kopf von „Hund“. Dann holt sie eine blecherne Giesskanne hervor, die jemand im Hausflur einfach abgestellt hatte, füllt sie mit Wasser und giesst ihre Palmen, ihre vielen Topfpflanzen, die sie aus den Biomülltonnen naturfeindlicher Stadtbewohner gezogen hatte.
„Die Menschheit ist am Ende, Mister. Glauben Sie mir. Mit der Digitalisierung hat sie sich endgültig vom eigenen Ich verabschiedet. Wilder Tanz Verlorener im virtuellen Nebel. Die elektrische Welt wird zum technokratischen Konsum-Gespenst. Der Mensch hat seine Werte und seine Moral genauso brutal über Bord geworfen, wie seine Matratzen aus einem Hochhaus. Ein Smartphone wird heute mehr geliebt und besser gepflegt als die eigene Mutter.
Uns droht ein langsamer Tod durch die Vergiftung und sonstige Vernichtung der Umwelt. Uns droht das Aus durch Konsumsucht und Egomanie. Selbst wenn die Menschheit ihrem blinden und unglaublich dummen Tun gerade noch rechtzeitig Einhalt gebieten sollte, droht ihr ein allmählicher Abbau aller jener Eigenschaften und Leistungen, die ihr Menschentum ausmachen."
Miss Cattlemann steht auf. „Hund“ folgt ihr treuen Herzens nach. Sie öffnet ein Fenster. Sie faltet die Hände. „Was denen da draussen nur noch helfen kann, ist unser Gott. Er liebt sie alle, obwohl sie ihn nie wollten und ihn heute mehr ablehnen als jemals zuvor. Die farbenreiche Fülle auf dieser Welt ist Sein Geschenk an uns. Doch wir werfen dieses Geschenk lieber unbesehen und achtlos auf die Strasse.
Sie leint den Hund an. „Noch ein bisschen raus, um aufzulesen, was der Mensch fortschmeisst.“
Dann zieht sie die Wohnungstüre hinter sich zu.