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Nachdem sein Vater gestorben war, liess Peter Entell seine Videoaufnahmen von den jährlichen Familientreffen in den USA fünfzehn Jahre in der Schublade liegen. Bis er selbst vor drei Jahren 67 wurde, das Alter, in dem sein Vater einen Herzinfarkt erlitt.
Entells Vater Marc, oder Mottl, wie er als Kind in der Ukraine genannt wurde, lebte nach dem Infarkt noch weitere fünfzehn Jahre. Und jedes Jahr zum Geburtstag besuchten ihn seine vier Kinder, Peter, der Jüngste, die zwei Schwestern und der ältere Bruder.
Nicht dabei war die Mutter. Die war gestorben, als Peter 14 Jahre alt war.
Peter Entell lebt seit Jahrzehnten in der Schweiz. Er hatte sich hier verliebt und geheiratet und war geblieben. Er hat als Kameramann gearbeitet, als Sound Designer und Location Sound Mixer, und er hat Dokumentarfilme gemacht, persönliche, politische, zu ganz unterschiedlichen Themen.
1997 war in der Kritikerwoche am Filmfestival von Locarno sein Inline-Skater-Film Rolling zu sehen, danach war er wiederholt in Locarno und vor allem in Nyon mit seinen Filmen.
Entell schreibt nach Möglichkeiten keine Konzepte, keine Drehbücher (auch wenn die für eine Finanzierung in der Schweiz meist unumgänglich sind). Seine Filme entstehen im Schnittraum, in der Montage, wo der ganze analytische und emotionale Prozess zum tragen kommt.
Manchmal so lange, bis er das Material nicht mehr sehen kann, wie er sagt. Aber dann werde es ja erst interessant.
Dass er die vielen Stunden Videoaufnahmen von den Familientreffen an den Geburtstagen seines Vaters in den USA so lange liegen liess, ist verständlich. Für sich genommen sind das die immer gleichen Rituale. Die Geschwister treffen sich beim Vater im Altersheim, man geht essen, der Vater bläst die Kerzen am Kuchen aus, der Bruder macht immer den gleichen Witz über die kleinen Zettel in den Fortune Cookies im chinesischen Restaurant und der Vater rezitiert sein Lieblingsgedicht über die Wirkung einer Umarmung.
Am Anfang war das noch anders. Da war der Vater noch fit genug, mit seinem jüngsten Sohn einen Tennismatch zu bestreiten. Und lebenslustig genug, ihn, den Filmemacher, dazu aufzufordern, einen «Geriatrie-Film» zu drehen, mit dem Arbeitstitel «It’s Fun to be Old».
Wann das genau gekippt ist, in das nie ausgesprochene «Getting Old Stinks» im Filmtitel, weiss auch Peter Entell nicht. Wir entdecken das mit ihm zusammen in den unzähligen Wiederholungen der jährlichen Begegnungen. Der immer fröhliche und positive Vater lässt immer häufiger durchblicken, das ihm ja nichts anderes übrigbleibe. Dass Alte, die jammern, unerträglich seien.
Die entscheidende Idee, die aus dem Material schliesslich einen kohärenten und eindrücklichen Film wachsen liess, war ein virtueller Perspektivenwechsel.
Peter Entell richtet sich mit der Montage des Film- und Fotomaterials an seine Mutter, Marcs Frau, die nun schon länger tot ist, als sie ihren Mann und ihre Kinder kannte.
Damit bekommt die Abwesende eine Funktion und eine Präsenz, die das Filmmaterial sozusagen von der «anderen» Seite her auflädt. Wir sind plötzlich in dieser Dämmerzone zwischen dem Ausgesprochenen und dem Unausgesprochenen in jeder Familie – und damit bei uns.
Entell ist sich klar darüber, dass seine individuelle Familiengeschichte, all ihren punktuellen Farbtupfern zum Trotz, ein Publikum nur dann berührt, wenn die universellen Erfahrungen greifbar werden. Das gibt ihm schliesslich den Mut und die Entschlossenheit, die rituelle, repetitive Qualität all seiner Aufnahmen nicht zu brechen, sondern sie zu betonen.
So lange, bis ich als Zuschauer irgendwann ungeduldig werde, mir versichere, dass ich das nun langsam gesehen hätte, und dass es wohl Zeit wäre, dass dieser Vater endlich sterbe.
Schock.
Gefolgt von einem zweiten, gezielten, der fast en passant eingestreuten Eröffnung, dass es eine Zeit gab, in der der überforderte Vater seinen Sohn geschlagen hat. Dann eine lange Zeit, in der darüber nicht gesprochen oder nachgedacht wurde. Und einen kurzen Moment im Alter, in dem der Vater für seine Überforderung um Entschuldigung bittet und der Sohn das Ganze dankbar zur Seite legt.
Getting Old Stinks ist ein täuschend einfacher Familienfilm, der mit den Aufnahmen der ritualisierten Geburtstagstreffen die refrainartigen Gedicht- und Songzeilen imitiert, die den Vater durch sein Leben nach dem Tod seiner Frau begleiten.
Dass Peter Entell darauf verzichtet, der inneren Zeitleiste der Geburtstagstreffen eine äussere beizufügen, einen Verweis auf den Verlauf der Weltgeschichte parallel dazu, hat eine zwingende Logik. Denn nun wird der Refrain des Films als menschlicher Refrain erkennbar, ganz zeitlos.