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Vor kurzem über Baudelaire gelesen, er habe in einer Zeit gelebt, die für einen wie ihn keine Verwendung hatte. Einen Moment lang tröstet mich das: So einer bin ich doch auch? Siehstemal, und trotzdem oder gerade deswegen war Baudelaires Leben bedeutungsvoll; wir beurteilen ihn von einer Warte höherer Gerechtigkeit und celebrieren seinen Nachruhm mit Genugtuung. Dann sei, sage ich zu mir selbst, stolz darauf, daß deine Zeit mit dir auch nichts anzufangen weiß: Wage, dich mit derselben höheren Gerechtigkeit zu rechtfertigen, die du auf jenen armen Poeten angewandt siehst und vor der seine brüchige Existenz doch noch Gnade fand: Kannst du dir nicht eine solche Gnade schon als Vorschuß auf deinen Post-Mortem-Nachruhm selbst auch leisten?
Für einen Moment ist das ein guter Gedanke. Nur: Ich bin nicht Baudelaire. Auf Nachruhm darf ich nicht hoffen, geschweige denn, mir darauf einen Vorschuß zu genehmigen. Und die Gerechtigkeit, die wir dem Dichter angedeihen lassen, folgt auf einer höheren (der höheren Gerechtigkeit angemessenen) Ebene doch wieder dem Leistungs- und Brauchbarkeitsprinzip. Wir decken nur einen Irrtum auf. Weit gefehlt, wenn wir annähmen, wir schätzten Baudelaire jetzt für seine Unbrauchbarkeit. Wir weisen nur nach, daß er eben doch brauchbar war. Nicht für das, was er nicht war (ein braver Bürger, brauchbarer Mitläufer und fleißiger Konsument), loben wir ihn heute, sondern eben doch nur für das, was er war: ein genialer Dichter. Seine übrige Unbrauchbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft verzeiht man ihm ja nur, weil er dichten konnte, nicht weil sie an sich selbst einen Wert gehabt hätte. Niemand erinnert sich heute an die vielen Verweigerer, Versager, Unbrauchbaren, Unpassenden, denen eben nicht gegeben war, ihre Brauchbarkeit auf einem anderen als dem bürgerlichen Terrain unter Beweis zu stellen, niemand weiß von den vielen, die es zweifellos auch gegeben haben muß, die nichts besaßen außer ihrer Unpassendheit, und die für diese Unpassendheit nicht mit eigenen Fleurs du mal bezahlen konnten. Unpassend zu sein reicht nicht. Irgendwas muß der Mensch auch leisten (und sei’s, wenn schon nichts Besseres, daß er dichte), sonst ist er nichts.
(Ich denke gerade an eine Donald-Duck-Geschichte, in der die Hauptfigur Donald (ein Versager par excellence), vom Philosophen Diogenes hört und, begeistert von dessen Vorbild und weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, sich auch in eine Tonne legt. „Jetzt verkauft er“, schimpfen die drei (ebenso cleveren wie clever angepaßten, womöglich aber auch für eine humanere Zukunft stehenden) Neffen, „seine Faulenzerei auch noch als Philosophie!“)