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Ganze 47 Jahre lang, von 1931 bis 1978, musste man nach Nevada fahren, wollte man in den USA dem Glücksspiel frönen. Erst dann kam in Atlantic City an der Küste New Jerseys eine weitere Casino-Hochburg hinzu. Dieses Duopol hatte nochmals gut 10 Jahre Bestand. Jetzt ist plötzlich in ganz Amerika ein Casino-Fieber ausgebrochen. Und eine noch grössere Epidemie ist für die nächsten Jahre angesagt.
John J. Rohs, Casino-Experte bei der Wall-Street-Firma Wertheim Schroder & Co., skizziert folgendes Szenario, Domino-Theorie genannt: Tatsache ist, dass der Stamm der Pequot Indianer in Ledyard, Connecticut, mit offensichtlichem Erfolg einen Casino-Betrieb einführte. Daraus folgert John Rohs, dass damit zusammenhängend Verkehrsprobleme entstehen, die Kriminalitätsrate steigen wird und andere Immissionen den Gliedstaat Connecticut belasten werden, ohne dass der Finanzminister dafür einen müden Dollar an Steüreinnahmen kassieren wird. Die Indianer sind nämlich von der Steuerpflicht befreit.
Domino Nummer 1: "Wenn schon die Nachteile in Kauf genommen werden müssen, dann will man auch von den Vorteilen etwas abhaben", wird sich Gouverneur Lowell Weicker sagen. Dies umso mehr, da dringend zusätzliche Steuereinnahmen gefunden werden müssen. Weickert beschliesst den Bau eines staatlich kontrollierten Casinos in New Haven. Die Legislatoren schliessen sich seinem Vorschlag an.
Domino Nummer 2: Die drei Nachbarstaaten Connecticuts - New York, Massachusetts und Rhode Island - sind finanziell ebenfalls nicht auf Rosen gebettet und auf der Suche nach zusätzlichen Steuerquellen. In der Vorahnung, der New Yorker könnte mit seinem "Gambling-Budget" nach Connecticut fahren, erlaubt man im Staat New York Video-Lotterie-Terminals.
Domino Nummer 3: Pennsylvania, durch die Spielersucht in New York und New Jersey aufgescheucht, legalisiert das Gambeln auf den Flüssen in Erie, Pittsburgh und Philadelphia, dem für Atlantic City wichtigsten Zubringermarkt.
Ohne Staatskontrolle
Diese Dominotheorie ist nicht der dichterischen Einbildungskraft eines einzigen Wall-Street-Analysten entsprungen. All diese Fälle sind in den letzten zwei Jahren spruchreif geworden. Gouverneur Weicker soll tatsächlich mit Casino- Spezialisten Kontakt aufgenommen haben, und in Pennsylvania stand die Legalisierung des River-Gamblings im Staatsparlament bereits zur Debatte. Der Vorschlag wurde zwar im Dezember 1991 bachab geschickt, aber bereits im nächsten April soll zu einem neuen Versuch angesetzt werden.
Die Indianer dürfen gewisse Spiele ohne jegliche staatliche Kontrolle durchführen. Dazu gehören etwa Bingo oder die traditionellen Spieleraktivitäten als Teil von Stammeszeremonien. Für den Betrieb eines Casinos im Monte-Carlo-Stil sind aber den Indianern aufgrund der "Indian Gaming Regulatory Act von 1988" die Hände gebunden. Kein Wunder, dass sie diese Gesetzesbestimmung stets abgelehnt haben, schränkt sie doch die seit über 160 Jahren währende Souveränität massiv ein. Die Folge sind langjährige Auseinandersetzungen und juristische Geplänkel zwischen Stammensführern und Staatsbehörde. Dabei scheinen die Indianer einige Erfolge verbucht zu haben. Man findet mitlerweile auf Indianerreservaten bereits gegen die 30 vollwertige Casinos. Zählt man die illegalen hinzu, dürften es gegen die 60 sein.
Nun hat aber das Casino-Fieber nicht nur die Reservate erfasst: Auch der Mississippi ist bisweilen "verseucht" worden. Nach einer über hundertjährigen Abwesenheit haben sich dort die Riverboat- Casinos zurückgemeldet. Verbreitet wurde dieser Virus vom Gliedstaat Iowa, wo im April vergangenen Jahres nach einem jahrelangen politischen Seilziehen der Durchbruch geschafft und das Glücksspiel auf dem Mississippi legalisiert worden ist. Und kaum hatte der Agrarstaat den Anfang gemacht, folgten Illinois, Missouri, Mississippi und Louisiana mit ähnlichen Liberalisierungsvarianten. Auch in anderen Staaten dürfte der Widerstand gegen das Gambling mit der budgetpolitischen Misere zusammenbrechen, so dass Mitte der neunziger Jahre auf Amerikas Flüssen zwischen 60 bis 70 Gambling-Schiffe tuckern dürften.
Erfolgsstories.
Wie aber die straffen Reglemente beweisen, scheinen die Gesetzgeber im Mittleren Westen von der wilden Gambler-Epoche vor dem Sezessionskrieg immer noch geprägt zu sein. In Iowa beträgt der maximale Einsatz lediglich 5 Dollar und der maximale Verlust pro Passagier ist auf 200 Dollar begrenzt. Ausserdem haben die Casino-Betreiber dem Fiskus eine Umsatzsteür von satten 20 Prozent abzugeben, wogegen der Steürsatz in Nevada und New Jersey im einstelligen Bereich liegt. Als Konseqünz wird sich der Mississippi kaum zu einem floatenden Monte-Carlo entwickeln. Aus diesem Grund haben die etablierten Casino-Gesellschaften die Entwicklung nur von ferne beobachtet.
Wäre nun die Casino-Expansion bloss auf Reservate und Binnengewässer beschränkt, liesse sich die weitere Entwicklung ungefähr abschätzen. Dem ist aber nicht so: vor ziemlich genau einem Jahr wurde in den drei Bergwerksstädten Colorados, Central City, Blackhawk und Cripple Creek, das eintönige Leben mit farbigen und klingenden Slot-Maschinen bereichert. Von einer der grössten Erfolgsstories weiss man gar in Deadwood im Gliedstaat South Dakota zu erzählen: Vor drei Jahren startete man dort einen limitierten Casinobetrieb mit budgetierten Umsätzen von jährlich 4 Mio Dollar. In Tat und Wahrheit beliefen sich aber die Einnahmen auf sagenhafte 400 Mio Dollar, so dass der Säckelmeister des 3000- Seelen-Dorfes seine Kasse um 11 Mio Dollar äuffnen konnte.
Solche Geschichten bleiben natürlich nicht ungehört. Sogar Chicago, die zweitgrösste Stadt der USA, sollte gemäss Bürgermeister Richard M. Daley vier Casinos, einen Sport- und Theaterkomplex sowie einen Themenpark erhalten, womit 50 000 zusätzliche Jobs kreiert würden. "Schauen wir doch der Realität ins Gesicht, unsere Leute brauchen Jobs", erklärte der Bürgermeister an einer Pressekonferenz, nachdem er sich vor seinem Amtsantritt noch gegen eine Liberalisierung des Gambelns ausgesprochen hatte.
Obschon der Bürgermeister persönlich hinter diesem Plan steht, bleibt die Realisierung höchst fragwürdig - Al Capone ist noch in bester Erinnerung. Doch die Tatsache, dass in einem der grössten Ballungsgebiete Amerikas derart offen über die Liberalisierung des Gambelns diskutiert wird, bestätigt die Aufweichung eines langjährigen Tabus.
"Family Values"
Der Vorteil eines Casinos ist klar: leicht verdiente Steuergelder. Ebenso offensichtlich sind die befürchteten Nachteile: organisiertes Verbrechen, Prostitution und allerhand Anrüchiges, was als Preis des legalen Glückspiels zu entrichten ist. Doch bei ausgetrockneten Staatskassen verlieren die moralischen Beweggründe an Kraft. Dies umso mehr, wenn in Spielhöllen ennet der Stadt- oder Staatsgrenze den eigenen Bürgern das Geld aus der Tasche genommen wird.
Wieso aber werden die Casino-Schranken gerade heute abgebrochen? Selbstverständlich bilden die leeren Staatstresore und die Aussicht auf neue Jobs die grössten Triebfeder. Daneben hat aber auch ein Umdenken stattgefunden, indem sich in jüngster Zeit das anrüchige Wort "gambling" in "gaming" und sogar "enternainment" umwandelte, wie es John J. Rohs ausdrückt. Ein solch stubenreines Gambling steht sogar im Einklang mit den von den heutigen Republikanern hochgepriesenen "family values".
So gesehen dürfte die Liberalisierung des Spielbetriebs anhalten. Eine klare Prognose ist dennoch schwierig. Ein grösserer Skandal genügt - und schon dürfte die Weiterentwicklung zum Stillstand kommen. Und sollte der amerikanische Wirtschaftsmotor doch noch einmal in Fahrt kommen und die Staatstresore mit begehrten Steuermitteln füllen, dann werden die Argumente der Befürworter wohl nicht mehr soviel gelten, dann gewinnen die moralischen Aspekte wiederum Oberwasser.
Eine neue Form des Gamblings nennt sich Video Lottery Terminals (VLT). Solche VLTs sind bereits in vier Staaten legalisiert worden. Es handelt sich dabei um die Video-Version von Slot-Maschinen, wo Poker, Bingo und andere Spiele gespielt werden können. Meistens sind sie in Likörgeschäften installiert.
Der Gewinner wird aber nicht mit Münzen ausbezahlt, sondern mit Freispielen oder mit Gutscheinen, die an der Kasse eingelöst werden können. Der Bundesstaat Montana war der erste, der diese Form von Glückspiel im Jahre 1986 einführte.
1989 folgte South Dakota und im vergangenen Sommer Oregon und Louisiana. In mindestens 12 weiteren Staaten steht die Legalisierung auf der Traktandenliste der Gesetzgeber. Solche VLTs gewinnen nicht zuletzt deshalb die Gunst der Legislative, weil die Wachstumsrate der Staatslotterie im Abnehmen begriffen ist. Die Konseqünz: Video Lottery Terminals als erweiterte Form der Staatslotterie.
Erschienen in der SHZ am 17. Dezember 1992