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dodis.ch/32381
Notiz über den Stand unserer bilateralen Beziehungen zu Jugoslawien am 1. Oktober 1969
Parlamentarische Besuche
Die Schweiz ist eines der ganz wenigen Länder Europas, welche mit Jugoslawien noch keine Besuche dieser Art ausgetauscht haben. Ich verweise auf das Schreiben der Abteilung für Politische Angelegenheiten vom 17. Februar 19692 an diese Botschaft (I/Ref. o.713.491. – AE). Ich habe deshalb, obwohl ich schon gut 2½ Jahre in Belgrad tätig bin, dem Präsidenten3 der hiesigen Bundesregierung den üblichen protokollarischen Besuch noch nicht abgestattet, um nicht an dieses heisse Eisen rühren zu müssen. 1963 besuchte eine Delegation der Schweizer Gruppe der Interparlamentarischen Union Belgrad und organisierte anschliessend die bekannte Hilfsaktion4 für Skopje. Die Nationalräte Bringolf, Schaffhausen, Conzett, Zürich, und Ketterer, Winterthur, spielten dabei eine führende Rolle. Es ist mir bekannt, dass prominente Mitglieder des hiesigen Parlamentes, darunter gute Freunde unseres Landes, eine schweizerische Initiative erwarten.
Konsularische Vertretungen
Unser Konsulat in Zagreb ist eine der ältesten konsularischen Vertretungen in der kroatischen Hauptstadt, die zugleich ein Wirtschaftszentrum erster Ordnung darstellt. Die meisten andern Länder, darunter Österreich, Italien, Frankreich, Westdeutschland, England und Schweden unterhalten in Zagreb Berufs-General-Konsulate. Die Abteilung für Verwaltungsangelegenheiten scheint sich mit dem Plan zu befassen, unser Konsulat gelegentlich in ein Generalkonsulat5 umzuwandeln, was sich m. E. rechtfertigen würde.
Steigende Umsätze. Momentan keine Probleme, die die Intervention unserer Behörden erfordern.
Warenaustausch6
Dieser wächst in beiden Richtungen weiterhin. Nach wie vor übersteigen unsere Exporte die Importe erheblich, aber neuerdings nimmt die Einfuhr aus Jugoslawien mehr zu als unsere Ausfuhr. Das komplizierte jugoslawische Einfuhrregime verursachte bisher keine allzu grossen Hindernisse für unsern Export. Neben den Gesamtumsätzen entwickelt sich auch die Struktur unseres Exportes befriedigend; auch unsere Konsumwaren wie Uhren, Textilien, Bücher, Lebensmittel, usw. kommen zum Zug. Rückläufig ist leider unser Export an Zuchtvieh. Durch Kontakte zwischen Fachkreisen und die Einladung einer jugoslawischen Delegation nach der Schweiz hofft man, unsern Anteil am jugoslawischen Zuchtviehimport wieder zu erhöhen. Bei den Büchern sind unsere hohen Preise ein Hindernis, noch mehr aber die Exporthilfen7, welche unsere Konkurrenten aus Österreich, Frankreich, Westdeutschland, usw. von ihren Regierungen erhalten. Ausführliches Zahlenmaterial8 samt Kommentar wird von der Handelsabteilung noch geliefert.
Fremdenverkehr9
Immer mehr Schweizer Feriengäste besuchen Jugoslawien. 1969 erreicht ihre Zahl wahrscheinlich 120–130’000. Die jugoslawische Nationalbank schätzt die Einnahmen aus dem Zustrom schweizerischer Gäste natürlich sehr. Umgekehrt werden auch jugoslawische Besucher in der Schweiz, besonders an Messen und Ausstellungen wieder etwas mehr gezählt. Mit der Zeit wird sich vielleicht die Schaffung einer Konsularvertretung, z. B. eines Honorarkonsulates, an der Adria als nötig erweisen, wo mangels schweizerischer Vertretungen Schwierigkeiten entstehen, die weder unsere in Not geratenen Landsleute noch unsere Vertretungen in Belgrad oder Zagreb beheben können. Holland, Schweden und England haben deshalb an der Adria bereits Honorarkonsulate errichtet.
Industrielle Zusammenarbeit
Nachdem Sulzerschon vor vielen Jahren erstmals einen Lizenzvertrag mit einer jugoslawischen Werft10 abschloss, sind in den letzten Jahren weitere Vereinbarungen solcher Art zustande gekommen. Die letzten Fälle betreffen Knorr, Suchard und Nestlé. Aber auch Ciba, Sandoz, Geigy, Brown Boveri, Schindler, um nur die wichtigeren Firmen zu nennen, haben Abkommen über die Zusammenarbeit mit jugoslawischen Partnern unterzeichnet. Die meisten Vereinbarungen dieser Art schienen befriedigend zu funktionieren. Jugoslawien besitzt überschüssige Kapazität und Arbeitskräfte, aber ungenügende Erfahrungen und know how. Die beiden Länder ergänzen sich also bis zu einem gewissen Grad recht günstig.
Ausländische Kapitalanlagen
Aus den bekannten Gründen sind die jugoslawischen Hoffnungen, die an das zu diesem Zweck erlassende Gesetz geknüpft wurden, bisher nur in sehr bescheidenem Ausmass in Erfüllung gegangen und keine einzige Schweizerfirma hat sich bisher bereit gefunden, neue Kapitalien auf Grund des erwähnten Gesetztes in Jugoslawien anzulegen. Von jugoslawischer Seite wird immer wieder bedauert, dass neben italienischen, englischen und deutschen Firmen nicht auch schweizerische Unternehmen sich engagieren wollen. Ob eine hier in Aussicht gestellte Neuauflage des Gesetzes die Situation verbessert, bleibt abzuwarten.
Errichtung von Firmenvertretungen
Die jugoslawische Gesetzgebung verbietet es unsern Exportfirmen, Schweizerbürger oder andere Ausländer in Jugoslawien als Vertreter zu etablieren. Solche Vertretungen dürfen nur von jugoslawischen Aussenhandelsfirmen ausgeübt werden, die oft nicht befriedigend arbeiten. Es ist offensichtlich, dass die Aussenhandelsfirmen alles unternehmen, um ihr gegenwärtiges Monopol zur Ausübung von Vertretungen langfristig zu schützen. Daraus ergeben sich für schweizerische Exportfirmen laufend Schwierigkeiten.
Kulturelle und Pressebeziehungen
Obwohl kein Kulturabkommen besteht, entwickeln sich auch diese Beziehungen erfreulich, besonders seit die Pro Helvetia über vermehrte Mittel verfügt und schweizerische Orchester, Theatergruppen oder einzelne Künstler in die Lage versetzt, auch in Jugoslawien aufzutreten. Noch viel zahlreicher sind jugoslawische Theatergruppen und Künstler, die für kürzere oder längere Zeit in der Schweiz tätig sind. Pro Helvetia hat auch einige jugoslawische Schriftsteller und Journalisten in die Schweiz eingeladen. Leider besitzen die beiderseitigen Zeitungen keine permanenten Korrespondenten im andern Lande. Trotzdem haben sich auch die Pressebeziehungen verbessert, seit die Redaktionen grosser Blätter dazu übergingen, hin und wieder Redaktionsmitglieder zum Besuche der Schweiz bzw. Jugoslawiens zu entsenden. 1970 wird die Pro Helvetia in Jugoslawien eine Architektur-Ausstellung organisieren, die in Belgrad, Zagreb und Ljubljana gezeigt werden soll. Das Interesse jugoslawischer Studenten und Professoren für die Schweiz ist grösser als umgekehrt, so dass die von Belgrad jedes Jahr offerierten Stipendien für Schweizer Studenten nicht immer ausgenützt werden können. Die wissenschaftlichen Kontakte, der Austausch von Fachliteratur und andere Formen der Zusammenarbeit wären noch verbesserungsfähig. Über Zürcher Galerien sind zahlreiche jugoslawische Maler, besonders die Naiv-Maler, im Ausland bekannt geworden.
Technische Hilfe
Die Schweiz leistet Jugoslawien nach wie vor solche Hilfe11, aber nur in bescheidenem Ausmass. Die administrative Behandlung solcher Fälle durch die jugoslawischen Behörden ist leider eher ein Hindernis als eine Hilfe.
Jugoslawische Gastarbeiter in der Schweiz12
Die jugoslawische Presse veröffentlicht oft Artikel13, aus denen hervorgeht, dass es den 15’000 in der Schweiz lebenden jugoslawischen Gastarbeitern im allgemeinen gut geht, und dass Belgrad froh wäre, wenn die Verhältnisse in andern europäischen Emigrationsländern ebenso gut wären wie in der Schweiz. Unsere jugoslawischen Gastarbeiter sind ungefähr zur Hälfte Intellektuelle, was zur Folge hat, dass die von ihnen regelmässig an ihre Familien adressierten Geldsendungen beträchtliche Summen erreichen und der Nationalbank entsprechende Deviseneinnahmen verschaffen. Seinerzeitige Bedenken, die Jugoslawen könnten sich politisch betätigen, sind nach Auskunft der zuständigen schweizerischen Behörden bisher völlig unbegründet gewesen14.
- 1
- Notiz: E2001E#1980/83#4530* (B.15.21.Uch). Diese Notiz wurde im Hinblick auf den offiziellen Besuch von W. Spühlers in Belgrad vom 28. Oktober bis 1. November 1969 erstellt. Vgl. dazu das Protokoll der beiden Arbeitssitzungen im Aussenministerium vom 29. und 30. Oktober 1969 von F. Blankart, dodis.ch/32393; die Notiz Audienz bei Präsident Tito am 29. 10. 1969 17.00–18.10 von H. Keller, dodis.ch/32395 und das Protokoll der Arbeitssitzung in der jugoslawischen Bundeswirtschaftskammer vom 31. Oktober 1969, 9.30–11.45 von E. Klöti, dodis.ch/32394. Es handelt sich um den Gegenbesuch zur Visite von M. Tepavac in Bern im Juni 1969. Vgl. dazu das Protokoll der Arbeitssitzungen im Rahmen des Besuches des jugoslawischen Aussenministers Tepavac in Bern vom 27. Juni 1969, dodis.ch/32392 und Doss. E2001E#1980/83#4531* (B.15.50.4).↩
- 3
- M. Ribičič.↩
- 4
- Zur Hilfsaktion für die Opfer Erdbebenkatastrophe vom 26. Juli 1963 in Skopje vgl. das BR-Verhandlungsprot. der 15. Sitzung vom 21. Februar 1964, dodis.ch/31970, S. 6 f.; das BR-Verhandlungsprot. der 36. Sitzung vom 15. Mai 1964, dodis.ch/31967, S. 10; das BR-Verhandlungsprot. der 42. Sitzung vom 5. Juni 1964, dodis.ch/31986, S. 3 und die Notiz von E. Vallotton an P. Micheli vom 26. Juni 1969, dodis.ch/32391.↩
- 5
- Zur Umwandlung des Konsulats in Zagreb in ein Generalkonsulat vgl. Doss. E2004B#1982/69#174* (a.162.4).↩
- 6
- Vgl dazu auch die Diskussion um die Aufhebung des gebundenen Zahlungsverkehrs mit Jugoslawien, Dok. 20, dodis.ch/32396.↩
- 7
- Zu den vom Bundesrat gewährten Exportrisikogarantien für Jugoslawien vgl. das BR- Prot. Nr. 788 vom 7. Mai 1969, dodis.ch/32399.↩
- 8
- Marginalie: angeheftet. Vgl. die Notiz Schweizerischer Aussenhandel mit Jugoslawien von R. Probst, dodis.ch/32381.↩
- 9
- Vgl. dazu auch die Diskussion um die Abschaffung der Visumspflicht für Touristen, Dok. 62, dodis.ch/32400.↩
- 10
- Brodogradalište 3. Maj.↩
- 11
- Zur technischen Hilfe an Jugoslawien und inwiefern diese Frage während des Besuchs von W. Spühler in Belgrad diskutiert werden sollte vgl. die Notiz von S. Marcuard vom 15. Oktober 1969, dodis.ch/33371.↩
- 12
- Zu den jugoslawischen Arbeitskräften in der Schweiz vgl. DDS, Bd. 21, Dok. 130, dodis.ch/14680; DDS, Bd. 22, Dok. 109, dodis.ch/30012; DDS, Bd. 23, Dok. 59, dodis.ch/31140; das Schreiben von G. Pedotti an H. Miesch vom 9. November 1967, dodis.ch/32374 sowie die Notiz von H. Miesch vom 27. Oktober 1969, dodis.ch/32340.↩