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Die Puppe schaut mit grossen Augen aus dem Schlamm. Das Haar hat sie verloren, ihre Lippen sind ausgebleicht. Eine Frau in Gummistiefeln und Lederhandschuhen zieht sie heraus und fotografiert das dreckverkrustete Gesicht.
Rocky Point, ein zwei Hektar grosses Wattgebiet im Gateway-Nationalpark am äussersten Rand der Metropole New York, gibt auf jedem Meter Zivilisationsabfall preis. Becher, Golfbälle, Zahnbürsten, Wattestäbchen, Feuerzeuge, Autoreifen, Hunderte von Flaschen, Tausende von Deckeln, Zehntausende von Einkaufstüten, Hunderttausende von bunten Bruchstücken. Alles aus Plastik.
Seit eineinhalb Jahren harkt Kim-Nora Moses an ihren freien Tagen Tüte um Tüte, Becher um Becher, Flasche um Flasche aus dem feuchten Boden. Sie zerrt überwachsene Verpackungen aus dem Gras und ganze Schiffsblachen aus dem nassen Sand. Moses gehört zur kleinen Gruppe Freiwilliger, die im Herbst 2010 begonnen haben, was zuvor niemand für machbar hielt: das Marschland in mühsamer Handarbeit zu säubern. Der Müll lag derart dicht, dass die Flut ihren Weg nicht mehr auf die Wiesen fand. «Es sah hier nicht aus wie in einem Salzmoor, sondern wie auf einer Mülldeponie», sagt Moses.
Die Massenproduktion von Kunststoffen begann in den fünfziger Jahren. Seit den achtziger Jahren ist Plastik der meistgebrauchte Stoff der Welt. 2010 wurden weltweit etwa 600 Milliarden Plastiksäcke und insgesamt rund 260 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt. Laut Plastics Europe, der Vereinigung europäischer Plastikfabrikanten, arbeiten allein in Europa 1,6 Millionen Menschen in rund 50'000 Kunststoff herstellenden oder verarbeitenden Betrieben; deren Umsatz beträgt 300 Milliarden Euro pro Jahr.
Ein Plastiksack wird laut Statistiken im Schnitt nur während etwa 25 Minuten gebraucht. «Rund 30 Prozent der weltweit produzierten Kunststoffe werden für Verpackungen und Wegwerfartikel verwendet, die spätestens ein Jahr nach ihrer Herstellung entsorgt werden», sagt der Ozeanograph Lev Neretin vom Scientific and Technical Advisory Panel (STAP), einem Forum, das unter anderem die Uno-Umweltschutzorganisation Unep berät.
Fotos toter Vögel zeigen die Kehrseite des Fortschritts
Die Vorteile von Plastik liegen auf der Hand: Das Material ist leicht, langlebig, billig und enorm vielseitig. Plastik kann dank Zusatzstoffen zahlreiche Eigenschaften, Formen und Farben annehmen. Die Anwendungen reichen vom feinen Nylonstrumpf und der handlichen PET-Flasche über Spielzeug bis zur schusssicheren Weste oder Raumschiffausstattung.
Als «schier unerschöpflich» bezeichnet das 1941 erschienene Buch «Plastics» die Anwendungsmöglichkeiten; damals stand der Durchbruch des Wunderstoffs kurz bevor. Die Autoren beschreiben eine fröhliche Vision des anbrechenden Plastikzeitalters: «Der ‹Plastikmann› kommt in eine Welt voller Farben und hell glänzender Oberflächen, in der kindliche Hände nichts zum Zerbrechen finden, keine scharfen Kanten oder Ecken, an denen sie sich schneiden oder schürfen könnten, keine Ritzen, die Dreck oder Keimen Unterschlupf gewähren.»
Bunte neue Plastikwelt! Fast drei Jahrzehnte lang blieb die Utopie einigermassen intakt. Bis in den siebziger Jahren Bilder toter Albatrosküken publiziert wurden: ihre Bäuche gefüllt mit Feuerzeugen, Deckeln und Tüten. Mit Plastik gefüttert und bei vollem Magen verhungert. Plötzlich stellte sich die Frage, wo all das Plastik landet.
Vorbildlich zeigt sich die Schweiz. Hier wird zwar wie in allen hochentwickelten Ländern besonders viel Plastik pro Kopf verbraucht, aber 75 Prozent davon werden nach neustem Stand der Technik verbrannt und zur Erzeugung von Wärme genutzt, 24 Prozent werden rezykliert. Nur ein Prozent gelangt in die Umwelt. Weltrekord. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern verhält sich die Statistik genau umgekehrt. Der grösste Teil des Plastiks landet in undichten Deponien oder unkontrolliert in der Umwelt.
Rocky Point wird mit Erfolg aufgeräumt. Die Flut kann wieder in die Salzwiese eindringen, einige seltene Vogelarten sind dieses Jahr zurückgekehrt. Doch weltweit gibt es Zehntausende von Stränden wie Rocky Point. Auch an zivilisationsfernen Orten finden sich Plastikabfälle: an den Küsten Grönlands, auf dem Mount Everest oder auf unbewohnten Atollen im Indischen Ozean. Fotos aus Indonesien zeigen Flüsse, in denen man vor lauter Müll kein Wasser mehr sieht. Auch in Indien rudern Menschen mit Booten durch Plastikgewässer auf der Suche nach Brauchbarem. Und durch die Sahara flattern Einkaufstüten.
Im Pazifik treibt ein Kontinent aus Plastik
Jährlich verendet rund eine Million Seevögel nach dem Verzehr von Plastik. Bei Kamelen in den Arabischen Emiraten sollen verschluckte Plastiksäcke die Todesursache Nummer eins sein. Meeresschildkröten verwechseln Tüten mit Quallen und ersticken an den vermeintlichen Leckerbissen. In den Mägen von Eissturmvögeln finden Forscher im Schnitt 44 Plastikteile. Auf Hawaii sterben zwei von fünf jungen Albatrossen in den ersten sechs Monaten an «Plastikfutter». Verloren gegangene Fischernetze aus Kunststoff verrotten nicht in absehbarer Zeit, sondern werden als herrenlose Geisternetze zu Todesfallen für Fische, Vögel und marine Säuger. «Gemäss neusten Forschungen bedroht Plastik 373 Tierarten», sagt Lev Neretin. Ein entsprechender Bericht seiner Organisation STAP werde demnächst veröffentlicht.
Doch all diese Bilder und Daten zeigen nur die Spitze des Müllbergs aus Plastik. Der grösste Teil des Problems entzieht sich unseren Blicken.
1997 steuert Kapitän Charles Moore sein Segelschiff «Alguita» auf dem Weg von Hawaii nach Kalifornien durch das Nordostpazifische Becken, eine von Seglern normalerweise verschmähte, weil windarme Route. Immer wieder sieht er Plastik vorbeitreiben. Hier eine PET-Flasche, da ein bunter Deckel, dort ein Stück Netz. 1500 Kilometer vom Festland entfernt. Moore ist der erste Mensch, der mit eigenen Augen den «Great Pacific Garbage Patch» sieht, den grossen pazifischen Müllfleck.
Mitten im Nordpazifik kreisen Millionen Tonnen von Abfällen in einem riesigen Meereswirbel. Gegen 80 Prozent davon sind Plastik – eine Riesenkollektion aus 60 Jahren, zusammengetragen von Meeresströmungen. Wie gross der Müllstrudel ist, weiss niemand. Sonne, Wind und Wellen zersetzen den Abfall in immer kleinere Teile. Die meisten treiben unter der Wasseroberfläche und sind auf Satellitenaufnahmen nicht zu erkennen. Moore wagt trotzdem eine Schätzung: «Ungefähr so gross wie Westeuropa», sei diese «Plastiksuppe»; 100 Millionen Tonnen Kunststoff trieben im Nordpazifik.
Jedes zehnte Sandkorn ist künstlich
15 Jahre nach seiner grausigen Entdeckung hält Charles Moore im mondänen Explorers Club in New York einen Vortrag über die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik. Das Thema hat ihn seit jener Reise nicht mehr losgelassen. Er gründete die Organisation Algalita Marine Research Institute, die das Phänomen erforscht und die Öffentlichkeit informiert. 2011 erschien sein Buch «Plastic Ocean». Neun Mal ist Moore mit Wissenschaftlern zurück zum Garbage Patch gesegelt, ausgerüstet mit engmaschigen Netzen und Behältern. Auf einem Tisch präsentiert er nun einige seiner Funde. Schirmgriff- und Zahnbürstenkollektionen liegen neben einer Schüssel mit den bunten Plastikteilen aus dem Magen eines verendeten Albatroskükens.
Moore spricht sich in Fahrt, zeigt Folie um Folie. 1997 seien in der Plastiksuppe sechs Mal mehr Plastikteilchen als Plankton gefunden worden. Inzwischen gebe es an den schmutzigsten Stellen bereits bis zu 36-mal mehr Müll als Leben. Der Kapitän zeigt Fotos: von Quallen, in deren Körpern Plastikteilchen schimmern, von einer Schildkröte, deren Panzer ein Plastikring zu einer Acht zusammenschnürt, von einem Seehund mit einem Plastiknetz um den Hals.
Besonders schockierend ist ein Film, der im Zeitraffer zeigt, wie der Zivilisationsmüll von sieben Milliarden Menschen seinen Weg ins Meer findet und sich mitten in den Ozeanen konzentriert. Stündlich gelangen 675 Tonnen Abfälle in die Meere, zur Hälfte Plastik, schätzt die Meeresschutzorganisation Oceana. Dichtere Plastiksorten und solche, die von Algen beschwert werden, sinken allmählich auf den Grund. Millionen von Kubikmetern Abfall bedecken bereits die Meeresböden.
Der Plastik-Meereswirbel im Nordpazifik ist nur einer von fünf grossen weltweit. Inzwischen wurden in allen Ozeanen Müllteppiche entdeckt. In diesen Zonen sammelt sich der Abfall, doch finden kann man Plastik überall. Kaum ein Tropfen Meer ist noch frei davon. Laut Unep treiben in jedem Quadratkilometer Meer bis zu 18'000 Kunststoffteile.
Allgegenwärtig ist das unsichtbare Mikroplastik: 250 Milliarden Partikel mit einem durchschnittlichen Gewicht von je 1,8 Milligramm verschmutzen allein das Mittelmeer, hat die Organisation Mediterranée en Danger berechnet. Und Sandstrände bestehen nicht mehr wie früher nur aus zermahlenen Steinen, Muscheln und Korallen. Der britische Ozeanograph Richard Thompson hat herausgefunden, dass an vielen Stränden Grossbritanniens jedes zehnte Sandkorn eigentlich ein Plastikkorn ist.
Sogar in unserem Blut findet sich Plastik
70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt. Sie regulieren unser Klima, versorgen uns mit Nahrung, Wasser und Sauerstoff. Die Plastikabfälle in den Meeren behindern diese Funktionen. «Die Gesundheit der Ozeane ist für uns alle lebenswichtig, ob wir in ihrer Nähe wohnen oder nicht», mahnt Moore. Seinen zweistündigen Vortrag schliesst er mit Tipps: bewusster und regionaler konsumieren, Wasser aus der Leitung trinken, weniger Plastikverpackungen brauchen.
Asher Jay, eine junge Frau mit wildem Haar, nimmt Moore einen kleinen Teil seiner Müllsammlung ab. Sie braucht ihn für eine Installation, die sie am «Tag des Meeres» an einem öffentlichen Platz in New York und später in Galerien ausstellen wird. Jay verbindet Kunst mit Umweltaktivismus. Und diesen mit Sarkasmus. Im Internet präsentiert sie die pazifische Müllsuppe als virtuelles Land «Garbagea» mit eigener Flagge, Hymne und Ethik. Auf Garbagea schlürfen die Bewohner Quecksilber-Margaritas zu Dioxinknödeln und freuen sich über jede frisch ausgerottete Art. Wer will, kann Landeigentümer werden und bekommt dafür ein hübsches, kleines Päckchen mit Müll aus dem Meer.
«Ich möchte ein junges, modernes Publikum ansprechen. Leute, die sich sonst für Clubbing, Essen und Shoppen interessieren», sagt Asher. «All die Zahlen, die vielen Fakten, das überwältigt und lähmt die meisten Leute. Am Ende zucken sie nur mit den Schultern und denken: Das ist zu gross für mich, da kann ich ja nichts machen.» Inzwischen hat Google Interesse an Ashers Arbeit angemeldet und ihr Filmanimationen zum Thema Plastikmüll in Auftrag gegeben.
An Land sind kleine Plastikfragmente kaum mehr wegzubekommen. Selbst auf den gesäuberten Abschnitten von Rocky Point bleiben farbige Deckel, Fetzen und Krümel zurück. Erst recht unmöglich erscheint es, den Müll aus dem Pazifik zu fischen. «Sogar wenn wir es könnten, würden wir wertvolles Zooplankton mit entfernen und damit mehr Schaden als Nutzen anrichten», sagt Lev Neretin.
Inzwischen übernehmen Tiere unfreiwillig die Putzarbeit im Ozean. Zooplankton und kleine Fische nehmen den zermahlenen Plastikmüll auf. Auch Kleinlebewesen wie Wattwürmer, Sandflöhe und Muscheln verschlucken Plastik. Der Müll steigt immer höher in der Nahrungskette, bis er auf unseren Tellern landet. Mit noch unabsehbaren Folgen. «Es läuft ein unkontrollierbares Experiment mit Giftstoffen, das wir mit uns selber anstellen», sagt Charles Moore. «Plastik ist praktisch überall – sogar in unserem Blut», sagt auch Werner Boote, der Regisseur des Dokumentarfilms «Plastic Planet». Er wurde selber positiv auf Kunststoff getestet.
Der öffentliche Druck wächst
Tatsächlich finden sich in Blutproben von rund 95 Prozent aller Menschen Chemikalien, die von Plastik herrühren. Denn Kunststoff wird meistens mit Zusatzstoffen versehen, etwa Weichmachern, Brandschutz- oder Konservierungsmitteln. Besonders in Verruf geraten ist Bisphenol A, das bei der Herstellung von Plastik eingesetzt wird. Es wirkt wie das weibliche Sexualhormon Östrogen und steht unter anderem in Verdacht, Erektionsstörungen, Unfruchtbarkeit und Nervenleiden auszulösen. Für Ratten ist es erwiesenermassen schädlich, und es lässt männliche Fische verweiblichen. Was es beim Menschen bewirkt, ist noch nicht ganz klar. Bisphenol-freies Plastik enthält oft andere, noch stärker hormonaktive Substanzen. Dabei gäbe es laut Experten günstige Alternativen zu den potentiell schädlichen Stoffen.
Die alarmierenden Befunde häufen sich fast so schnell wie die Müllberge. So sollen Plastikteile im Meer giftige Stoffe wie PCB anziehen und absorbieren. Der japanische Forscher Hideshige Takada hat auf Plastikkügelchen millionenfach höhere Schadstoffwerte gemessen als in deren Umgebung. Mit dem schädlichen Plastik nehmen Meerestiere demnach zusätzliche Gifte auf.
Bereits Anfang der sechziger Jahre warnten Forscher vor den negativen Folgen des Plastikabfalls. Trotzdem wurde es März 2011, bis an der «5th International Marine Debris Conference» auch die Plastikindustrie eine Deklaration zur Lösung des Problems mitunterzeichnete.
Mit dem Müllberg wächst auch der öffentliche Druck. Mittlerweile investiere die Plastikindustrie weltweit zweistellige Millionenbeträge für eine bessere Abfallbewirtschaftung, schätzt Jan-Erik Johansson, Regionaldirektor Nord bei Plastics Europe. «Eine Plastiktüte ist aber umweltfreundlicher als eine Baumwoll- oder Papiertüte», sagt er. Denn die Plastikproduktion brauche im Vergleich weniger Energie und verursache weniger Treibhausgase. Johansson geht bei seinen Berechnungen davon aus, dass Plastiksäcke mehrfach verwendet und danach fachgerecht entsorgt oder rezykliert werden. Plastik schütze zudem Lebensmittel vor dem Verfall und damit den Planeten vor mehr CO2-intensivem Nahrungsmittelanbau, sagt Johansson.
Originelle Lösungsansätze
«Der Gebrauch von Plastik muss gedrosselt werden», sagt Lev Neretin, «das ist der erste Schritt.» Die STAP plädiert zudem für das Cradle-to-Cradle-Prinzip. Danach muss ein Produkt so konzipiert sein, dass seine Wiederverwertung möglich ist. Plastik soll rezykliert werden oder wenigstens als Heiz- oder anderes Material dienen. Um die Natur von Einkaufstüten zu befreien, haben neben Frankreich und Italien auch einige Staaten in Asien und Afrika die beliebten kleinen Plastiksäcke verboten.
Originelle Lösungsansätze mehren sich: Holländische Architekten wollen das Plastik im Pazifik zu einer Insel verdichten. Forscher haben Mikroben mit Appetit auf gewisse Plastiksorten entdeckt. Etwas weiter ist man in der Herstellung von Treibstoff aus Plastik, und vielversprechend ist ein EU-Projekt mit dem Zweck, Fischern Müll statt Fische abzukaufen.
Neue Arten von Bioplastik, etwa aus Maisstärke, gelangen auf den Markt. Neretin steht den meisten Produkten aber skeptisch gegenüber. «Es ist leichter, Plastik biologisch zu nennen, als es wirklich biologisch abbaubar zu machen», sagt er. Andere Experten halten es angesichts von Hungersnöten und Versorgungsengpässen für unethisch, potentielle Nahrungsmittel zu Plastik zu verarbeiten.
Einig sind sich Forscher, Umweltschützer und Industrie in einem Punkt: Es darf kein Plastikmüll mehr in die Umwelt gelangen. Ein ehrgeiziges Ziel. «Wir müssen dafür unsere Lebensweise komplett überdenken und umstellen», sagt Moore. Ob das rechtzeitig gelingt? Der Skipper ist skeptisch. Werden wir am Plastik sterben? «Möglicherweise», sagt er. «Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass wir im Zuge einiger Generationen alle verweiblichen.» Der Plastikmann gerät womöglich zum Plastikeunuchen.
So entsteht Plastik
Der Rohstoff für Plastik ist meistens Erdöl oder Erdgas. Deren Kohlenstoffmoleküle werden mit weiteren Molekülen zu einem bestimmten Muster kombiniert, einem sogenannten Mer. Dieses Muster wird wiederholt, bis sich eine lange Kette ergibt, ein Polymer. Kunststoffe bestehen aus einer Vielzahl solcher Polymere. Unter dem Mikroskop erinnert ein Plastiksack an einen Teller Spaghetti: ein Durcheinander langer Polymere. Erwärmter Kunststoff lässt sich in alle erdenklichen Formen bringen.
Polymere kommen auch in der Natur vor, etwa in Form von Baumharz. Schon die Inkas fertigten aus Kautschuk Gummibälle, Schläuche und Gefässe, und die alten Ägypter balsamierten ihre Toten mit Pistazienharz ein. 1907 entwickelte der belgische Chemiker Leo Hendrik Baekeland den ersten synthetischen Kunststoff, der in grossen Mengen hergestellt wurde: Bakelit. Um 1920 schliesslich verhalf der ETH-Professor Hermann Staudinger der Kunststoffindustrie zum Durchbruch. Die Arbeiten des Deutschen gelten als Grundlage der Polymerchemie; 1953 erhielt er dafür den Nobelpreis.