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US-Designer Harley Earl – der Erfinder der Heckflosse
Der Name Harley J. Earl (1893-1969) mag vielen Lesern nicht so geläufig sein wie Pininfarina oder Giugiaro, aber Earl gilt als der erste eigentliche Automobildesigner der Geschichte. Zu seinen Erfindungen und Schöpfungen gehören die Anwendung von Tonmodellen für Prototypen, die Heckflosse amerikanischer Strassenkreuzer, das Design der Corvette von Chevrolet oder auch des Cadillac Eldorado. Earl war mehr als drei Jahrzehnte für General Motors tätig und brachte es dort bis zum stellvertretenden Vorstandschef der Designabteilung.
Harley Earl wurde in Hollywood/Kalifornien geboren. Sein späterer Beruf war ihm von seinem Vater J.W. Earl sozusagen in die Wiege gelegt worden. Dieser arbeitete als Stellmacher und Karosseriebauer, anfangs für Pferdekutschen, ab 1908 dann mit seiner eigenen Firma Earl Automotive Works für Autos. Sohn Harley war von Anfang an dabei. Die Sonderkarosserien waren bei den Hollywood-Stars der Stummfilm-Ära bald recht begehrt, unter ihnen z.B. Tom Mix und Roscoe „Fatty“ Arbuckle, der als erster Filmschauspieler überhaupt eine Million Dollar Gage pro Jahr verdiente. Ausserdem fertigten die Earls auch historische Kutschen oder römische Streitwagen als Requisiten für die Filmindustrie. Beflügelt von den Erfolgen brach Harley sein Studium an der Stanford University nach kurzer Zeit ab und widmete sich ganz der Konstrukteurstätigkeit.
Einige Jahre später kaufte Don Lee, ein Cadillac-Grosshändler, die Earl Automotive Works, beschäftige Harley aber weiterhin. Eines Tages wurde der damalige Cadillac-Chef Lawrence Fisher, der seinen Händlern regelmässig Besuche abstattete, auf Earl junior aufmerksam. Dieser hatte als erster Designer Tonmodelle seiner Entwürfe angefertigt, um ihre räumliche Wirkung zu testen. Fisher war von der Methode und den Ideen so beeindruckt, dass er Harley Earl engagierte.
Alfred P. Sloan, Vorstandsvorsitzender der Dachmarke General Motors, entdeckte 1925 eine Angebotslücke zwischen den Produkten der Tochtergesellschaften Cadillac und Buick. Daraufhin wurde unter Cadillacs Federführung die neue Marke LaSalle ins Leben gerufen. Lawrence Fisher sorgte dafür, dass Earl mit der Gestaltung der Karosserie des ersten Modells beauftragt wurde. Heraus kam dabei 1927 der LaSalle 303, der den Autobau revolutionierte. Er war nicht nur das erste amerikanische Serienfahrzeug, das in einem firmeneigenen Designstudio von einem spezialisierten Auto-Designer entwickelt wurde, sondern setzte damit auch weltweit einen neuen Trend.
Neben Leistung und Zuverlässigkeit ist ein gutes Design schon immer ein entscheidendes Kriterium für den Verkaufserfolg eines Autos gewesen. Allerdings hatte bis in die 1920er Jahre kaum ein Hersteller sein Augenmerk auf die professionelle formale Gestaltung seiner Fahrzeuge gerichtet, sondern auf das Können und Geschick externer Karosseriebauer vertraut. Mit den stetig wachsenden Stückzahlen ergab sich jedoch die Notwendigkeit, Grossserienmodelle von eigens dafür befähigten Designern entwerfen zu lassen. Die Initiative von General Motors – der Aufbau einer eigenen Designabteilung – setzte hier neue Massstäbe.
Der nächste grosse Coup gelang Harley Earl 1939. Mit dem Buick Y-Top schuf er die erste Designstudie in der Geschichte des Automobils. Eine Serienfertigung war nicht vorgesehen, das Modell diente nur dazu, die Publikumsreaktionen auf Ausstellungen zu testen – und es war mehrere Jahre der Dienstwagen von Earl, der von all seinen Studien vollständige Einsatzfähigkeit verlangte.
1940 erfolgte Earls Beförderung zum Vize-Präsidenten des General Motors-Konzerns. Bis 1958, als er in den Ruhestand ging, prägte er als Design-Chef das Erscheinungsbild von Cadillac und auch der anderen GM-Marken. In diesen knapp zwei Jahrzehnten beeinflusste er massgeblich den Stil nahezu aller Automarken seiner Zeit – mit der Zweifarbenlackierung für Serienmodelle, der Panorama-Frontscheibe oder dem Hardtop für Limousinen und Coupés.
1948 brachten Earl und sein Team mit dem ersten Nachkriegs-Cadillac einen weiteren spektakulären Entwurf auf den Markt, der bis in die 1960er Jahre die Fahrzeugoptik weltweit bestimmte. Das erste Modell der Baureihe 62 erhielt eine moderne Pontonform, die sich deutlich von Fahrzeugen der Vorkriegsära abhob. Das entscheidende Merkmal waren allerdings die aufragenden hinteren Kotflügel – die Heckflosse war erfunden. Als Inspiration diente Earl dabei das Jagdflugzeug Lockheed P 38 „Lightning“, eins der bekanntesten und erfolgreichsten Kampfflugzeuge des Zweiten Weltkriegs.
Während die Heckflossen in der Folgezeit immer höher und kühner aufragten, arbeitete Earl an seinem wohl berühmtesten Entwurf. 1953 feierte auf der Autorama-Show in New York die Chevrolet Corvette ihr Debüt und löste Begeisterungsstürme aus. Die Corvette war übrigens das erste Grosserienfahrzeug mit einer Karosserie aus Kunststoff. In den letzten Jahren seines Schaffens für General Motors huldigten Earls Studien und Designs vor allem dem beginnenden Raumfahrtzeitalter, so wie der 1958er Firebird III. In den Ruhestand verabschiedete er sich mit mit dem 59er Eldorado von Cadillac – er bekam Heckflossen mit der Rekordhöhe von 1,20 Metern.
Der geniale Konstrukteur und Designer erfährt bis heute eine Würdigung, wenn die Siegestrophäe an den Sieger des Daytona 500 überreicht wird. Das Objekt der Begierde beim bekanntesten und bedeutendsten Rennen der NASCAR Sprint Cup Serie trägt seinen Namen – die Harley J. Earl Trophy.
Oberstes Bild: Harley Earl – der Erfinder der Heckflosse ({{{1}}}, Wikimedia, CC)