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Als berühmter Tastenvirtuose sollte Sergej Rachmaninow zu einem der ersten echten Weltstars in der Szene der klassischen Musik aufsteigen. Doch seine frühesten Erinnerungen, die sich mit dem Klavier verbinden, waren nicht gerade erquicklich: Wenn der kleine Sergej nicht artig war, musste er sich zur Strafe unter den Flügel setzen, der für ihn deshalb ein Symbol des Schreckens darstellte. Gewiss, bald merkte er, dass dieses fürchterliche Instrument auch zu Anderem taugte: etwa, wenn Vater Wassili darauf Salonpiècen zum Besten gab oder wenn die Schweizer Erzieherin zur Klavierbegleitung seiner Mutter Ljubow Schubert-Lieder sang. Gänzlich entspannte sich Sergejs Verhältnis zum häuslichen Flügel aber erst, als er selbst darauf zu spielen begann. Und sich dabei als so begabt erwies, dass man für ihn sogleich eine Konservatoriumsabsolventin aus St. Petersburg anheuerte, die ihn professionell unterrichtete.
Sergej Rachmaninow, der am 1. April 1873 als viertes von sechs Kindern zur Welt kam, stammte aus altem Landadel, dessen Ursprünge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Ihre grossen Ländereien betrieb die Familie über Generationen hinweg mit Hunderten unbezahlter Leibeigener. Doch genau das wurde den Rachmaninows zum Verhängnis, als die Frondienste 1861 abgeschafft wurden. Wassili Rachmaninow, eine gesellige Frohnatur ohne jeden Geschäftssinn, erwies sich als unfähig, den Betrieb unter den Vorzeichen der neuen Zeit rentabel fortzuführen. Was dazu führte, dass er nach und nach alle fünf Landgüter versteigern musste. Nachdem 1882 auch das Gut Oneg bei Nowgorod, der Stammsitz der Rachmaninows, als letztes an die Reihe kam, entschieden sich die Eltern, nach St. Petersburg zu ziehen, in eine kleine Etagenwohnung. Dieser Niedergang blieb nicht folgenlos für ihre Ehe, die bald danach zerbrach. Sergej und seine fünf Geschwister mussten bei der Mutter bleiben, einer strengen, unterkühlten Frau.
«Mein Vater führt ein liederliches Leben, die Mutter ist schwer krank, der ältere Bruder macht Schulden, der jüngere Bruder ist fürchterlich faul», klagte Rachmaninow später. Aber auch er selbst brauchte geraume Zeit, um auf den rechten Weg zu finden. Obwohl er dank seiner musikalischen Begabung ein Stipendium für die Ausbildung am St. Petersburger Konservatorium mitsamt dem assoziierten Gymnasium erhalten hatte, widmete er sich allein dem Klavierspiel und schwänzte den regulären Schulunterricht in Fremdsprachen, Mathematik oder Geschichte. Lieber «ging ich direkt zum Schlittschuhlaufen und verbrachte so den ganzen Vormittag. Ich wurde ein erstklassiger Schlittschuhläufer», erzählte er rückblickend. Und so kam es, wie es kommen musste: 1885 wurde ihm wegen mangelnder Leistungen das Stipendium aberkannt, seiner Karriere drohte ein frühes Ende.
Rettung kam von seinem Cousin, dem zehn Jahre älteren Pianisten Alexander Siloti, der bei Franz Liszt in Weimar studiert hatte und schon 1886 als Professor ans Moskauer Konservatorium berufen wurde. Er hörte sich Sergejs Klavierspiel aufmerksam an, erkannte ein starkes, wenngleich verwildertes Talent und vermittelte ihn an seinen ehemaligen Klavierlehrer Nikolai Swerew. Der wiederum war dafür bekannt, dass seine Schüler reihenweise Goldmedaillen bei Prüfungen abräumten, was er sich mit fürstlichen Honoraren für seine Unterweisungen vergüten liess. Nur für wenige Auserwählte machte Swerew eine Ausnahme: Sie unterrichtete er nicht nur gratis, sondern nahm sie sogar bei sich zuhause auf, unter der Bedingung, dass sie ihm absoluten Gehorsam leisten mussten. Sogar die Ferien verbrachte er mit ihnen gemeinsam. Was Sergej in dieser Zeit wohl erlebt haben mag? Da sich unter Swerews «Pensionisten» in all den Jahren nicht eine einzige Schülerin befand und man in Moskau ohnehin über seine sexuellen Vorlieben munkelte, wurden allerlei Gerüchte laut …
Immerhin verdankte Rachmaninow diesem Lehrer seine erstaunliche Klaviertechnik, und mehr noch: Swerew, der sein Haus jeden Sonntag in einen Salon und Treffpunkt der Musikwelt verwandelte, machte ihn mit den musikalischen Grössen der Zeit bekannt. Hier lernte Sergej den bewunderten Pjotr Iljitsch Tschaikowsky kennen oder Sergej Tanejew oder Anton Arensky, von denen er wichtige Impulse erhielt, dazu etliche Universitätsprofessoren, Rechtsanwälte und Schauspieler, die natürlich auch in den Genuss seiner pianistischen Künste kamen. Doch Rachmaninows Zeit bei Swerew endete 1889 mit einem Eklat, über dessen Ursachen Uneinigkeit herrscht: Mochte sein Förderer nicht dulden, dass Sergej zu komponieren begann und ausserdem für sich einen eigenen Übungsraum beanspruchte? Oder spielten irgendwelche Eifersüchteleien eine Rolle? Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung: «Alles war von aussergewöhnlicher Tragik», erinnerte sich ein Mitschüler. «Swerew war fast bis zur Bewusstlosigkeit erregt. Er fühlte sich zutiefst gekränkt, und keinerlei Argumente konnten seine Meinung ändern.»
Was auch immer vorgefallen war: Rachmaninow wurde aus dem Swerew’schen Reich verbannt und fand Zuflucht bei seiner Tante Warwara Satina, einer Schwester des Vaters, die in Moskau lebte. Dort erhielt er nicht nur ein eigenes Zimmer mit Klavier zum Studieren und Probieren – er knüpfte auch engere Bande mit den drei Töchtern des Hauses, zunächst mit Vera, der Jüngsten, später mit Natalja, der mittleren, die er 1902 dann heiraten sollte. Und so hatte das böse Zerwürfnis am Ende doch noch sein Gutes.
Susanne Stähr
Zwei Klavierkonzerte von Sergej Rachmaninow stehen in diesem Sommer auf dem Programm: Gemeinsam mit den St. Petersburger Philharmonikern interpretiert Sergej Redkin am 4. September das populäre Zweite. Und Daniil Trifonov, am 27. August zu Gast, hat sich für das weniger bekannte Vierte Klavierkonzert entschieden, in dem uns nebst russischem Melos und explosiver pianistischer Virtuosität auch Anklänge an den Jazz erwarten.