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Wie ich vor nicht allzu langer Zeit selbst erfahren durfte, bringt der Prozess des Verliebens allerlei Veränderungen mit sich: die vordergründigen Gefühle, die alltäglichen Verhaltensmuster und die hervorbrechenden Wünschen. All dies kann einen Wandel durchlaufen, sobald wir uns verlieben.
Aus der Perspektive meiner philosophischen Forschung will ich besonders eine Frage hervorheben: Was geschah mit meinen Präferenzen? Auch wenn die Antwort hierauf uns nicht alles über das Phänomenen Verliebtheit verraten wird, so kann sie doch dazu beitragen uns besser zu verstehen. Zumindest kann ich mir so verständlich machen, was mir widerfahren ist.
Ich verwende den Begriff „Präferenzen“ hier als einen technischen Terminus, wie er in der Ökonomie gebraucht wird. In diesem Sinne habe ich eine Präferenz für Shakespeares Coriolanus über Goethes Faust. Wenn ich mich zwischen diesen beiden Optionen zu entscheiden habe, und nichts weiteres von meiner Wahl abhängt, werde ich mich für Coriolanus entscheiden.
Wir können zwischen intrinsischen und extrinsischen Präferenzen unterscheiden. Intrinsische Präferenzen hängen nicht von weiteren Präferenzen ab. Ich ziehe Coriolanus schlichtweg Faust vor. Wenn ich zudem eine Präferenz habe, das Wiener Akademietheater zu besuchen, anstatt des Burgtheaters, weil am einen Coriolanus und am anderen Faust gezeigt wird, dann handelt es sich hierbei um eine extrinsische Präferenz. Meine Theaterpräferenz hängt vollständig von der Präferenz über die beiden Stücke ab. Extrinsische Präferenzen ergeben sich aus intrinsischen Präferenzen plus Information. Wenn ich von der Coriolanus-Aufführung am Akademietheater erfahre, dann ändert dies meine extrinsische Präferenz.
Mit diesem terminologischen Apparat können wir uns wieder der Frage der Verliebtheit zuwenden. Inwiefern berührte sie meine Präferenzen? In der einem Blog angemessenen Kürze, werde ich drei unterschiedliche Interpretationen vorschlagen und meine Unterstützung für die dritte andeuten.
Die klassische Position in der Entscheidungstheorie hält alle intrinsischen Präferenzen fixiert. Lediglich die extrinsischen Präferenzen ändern sich auf Grund der neuen Informationen, die ich erhalte. Während des Prozesses des Verliebens erfuhr ich von all den Qualitäten der anderen Person, ich lernte über ihre Interessen und über unsere Dynamik. An meinen grundsätzlichen, intrinsischen, Präferenzen hätte sich demnach jedoch nichts geändert. Eine solche Interpretation wird insbesonders in den Wirtschaftswissenschaften akzeptiert.i
Ich werde nicht lange gegen diese Option argumentieren, sondern vielmehr hoffen, dass Sie meine folgende Einschätzung teilen: Die Verliebtheit bewegt uns tiefer. Wir erhalten nicht bloß Information, sondern wir würden uns anders in derselben Lage entscheiden.
Ein andere Interpretation folgt unter dem Einbezug von Theorien unter dem Titel „team reasoning“. Robert Sugden und Michael Bacharach,ii schlagen vor, für bestimmte Interaktionen die individualistische Perspektive aufzugeben. Nicht immer handeln wir nach unseren individuellen Präferenzen, sondern wir können uns auch nach Team-Präferenzen richten.
Ein Verständnis von Verliebtheit als Prozess, der uns zu team reasoning führt, kann unsere romantischen Empfindungen ansprechen. Die Vorstellung, dass wir in der Liebe versuchen, eine Einheit zu formen, reicht zumindest bis zu Platons Symposion zurück. Allerdings sollten wir die Schwierigkeiten nicht übersehen. Woher ergeben sich die neuen Team-Präferenzen? Wie wechseln wir zwischen den beiden Perspektiven? Außerdem legt diese Analyse nahe, dass unsere individuellen Präferenzen ganz unberührt bleiben. Dieses Problem führt mich zur dritten Option.
Als finale Interpretation schlage ich eine Veränderung intrinsischer Präferenzen ohne Wechseln zu einer überindividuellen Team-Perspektive vor. Mehrere Theorie des Präferenzwandels wurden in jüngster Zeit präsentiert, etwa von Franz Dietrich und Christian List.iii Nach dieser Lesart beeinflusst das Verlieben die intrinsischen Präferenzen des Individuums.
Dies entspricht meiner persönlichen Erfahrung. Auf einmal mochte ich, wie sie sich gab. Gegenüber meinen alten Verhaltensmustern zog ich neue vor, die ihrem Exempel folgten. Ich fing an ihr Musik anderer vorzuziehen. Warum? Selbstverständlich habe ich viele neue Informationen durch die Begegnung erhalten, aber vor allem rüttelte mich die Begegnung auf. Hätte mir jemand all die Informationen auf einem Stück Papier überreicht, egal wie genau ich sie studiert hätte, sie hätten nicht dieselbe Wirkung entfaltet.
Aber könnten wir diesen Wandel nicht auch mit team-reasoning erklären? Wenden wir einen Blick darauf, was geschah, nachdem sie mich verließ. Der reine team-reasoning approach legt nahe, dass fast alles wieder zum Alten hätte zurückkehren müssen. Ich hatte zwar neue Informationen erhalten, aber da wir kein Team mehr bildeten, hätte ich zu meiner vorherigen individuellen Perspektive zurückkehren sollen. Anstatt der Team-Präferenzen hätten meine vorhergehenden intrinsischen Präferenzen wieder die Leitung übernehmen sollen.
Diese Vorhersage trifft nicht zu. Die Begegnung hat mich verändert; sie hat mich mit neuen intrinsischen Präferenzen zurückgelassen. Obwohl die Ereignisse nun Monate zurückliegen, zeige ich weiterhin die neuen Präferenzen in meinem Verhalten. Der team-reasoning Ansatz allein den Präferenzwandel durch Verlieben nicht erklären kann, denn unsere veränderten intrinsischen Präferenzen bestehen über den Prozess hinaus. Die motivationalen Umbrüche haben bleibende Wirkung.
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i Siehe insbesondere den einflussreiche Artikel von Stigler, G. J., & Becker, G. S. (1977). De Gustibus Non Est Disputandum. The American Economic Review, 67(2), 76–90.
ii Siehe: Bacharach, M. (1999). Interactive Team Reasoning: A Contribution to the Theory of Co-operation. Research in Economics, 53(2), 117–147. Sugden, R. (2000). Team Preferences. Economics and Philosophy, 16(02), 175–204.
iii Siehe: Dietrich, F., & List, C. (2013). A Reason-Based Theory of Rational Choice. Noûs, 47(1), 104–134.