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Die Schachtel hätte sie nicht beachtet, wäre das Rabenpaar nicht gewesen. Sie schmunzelte, denn die Vögel verhielten sich sehr clever. Sie lag eingebettet in Abfallsäcken, die aufgetürmt waren. Ein Holzgestell, dessen oberstes Brett die Sicht in die aufgeklappte Schachtel erlaubte, stützte den schrägen Haufen. Dinge, für Säcke zu sperrig, umspielten das Gebirge, sorgten für Farbtupfer, ganz am Rande. Vor allem das Dreirad in Knallrot, unförmig und aufgeblasen, fiel Rosalina auf. Jetzt sah sie den Defekt; eines der Hartplastikhinterräder war eingedrückt, plattgemacht, so war das Gefährt in Schieflage geraten. Die etwas zu grosse Hupe, die munter auf dem Lenker schwebte, schien zu protestieren. Rosalina verspürte den Drang, sie zu betätigen, doch der Rabe, der immer wieder versuchte, den Kartondeckel mit dem Schnabel zu fassen, hielt ein, schaute sie an, etwas unschlüssig und flugbereit. «Abraxas?», flüsterte Rosalina. Sie hatte als Erwachsene damit begonnen, Raben, die sie anschauten, anzusprechen. Ein Ritual. Und die Erinnerung an die Zeit, als sie «Die kleine Hexe» immer wieder las, so intensiv, dass der Band zerfledderte. Irgendwann war er aus dem Kinderheim entsorgt worden. Rosalina, die bis anhin still dagestanden hatte, die Hände locker ineinander auf dem Rücken ruhend, hatte abwinken wollen, sah jedoch rechtzeitig, dass der Rabe sich duckte, wohl aufgeflogen wäre. Also liess sie es, versuchte zu beobachten, indem sie vorbeischaute.
Es wirkte; der Rabe führte seine Arbeit fort. Und tatsächlich gelang es ihm, den Deckel unter die Kralle zu führen, ihn zu fixieren. Der zweite Rabe, der einen der Säcke aufgerissen, alles Mögliche zutage gezerrt und grosszügig verstreut hatte, hüpfte ebenfalls auf das Gestell; es sah aus, als wolle er in die Schachtel springen. Rosalina bemerkte, dass sie die Luft anhielt. Als hätte ein Däumling, ein Troll (der wohl in der Kiste wohnte) plötzlich alles in die Luft geworfen, schossen die Vögel auf, der Haufen schien zu beben, die Schachtel zitterte. Rosalina konnte den Blick nicht mehr von der Schachtel wenden, denn nun schien sie in sich belebt zu sein. In dem Masse, wie das Zittern sich legte, regte sie sich. Rosalina zuckte zusammen, blickte um sich; sie war allein mit dem Schauspiel. Als näherte sie sich einem Abgrund, ging sie auf die Kiste zu. Dann sah sie es: ein Säugling. Frisch geschlüpft, dachte sie, betrachtete ihn. Eine Flanelldecke umhüllte ihn eng. Darüber ein fein gestricktes rosa Jäckchen. Die weissen Fäustlinge waren entschieden zu gross, sahen wie Boxhandschuhe aus. Es musste also ein Mädchen sein, dachte sie, betrachtete die grossen Augen, das Gesicht, von dunkelbraunem Haar umrahmt. Die Stirn wölbte sich, wurde jedoch von flauschigen Härchen über dem Schädel zusammengezogen, zu einem Kamm, der spitz die Mitte markierte. Ein kleiner Punk, dachte sie. Wie ernst das Mädchen sie betrachtete. Rosalina legte eine Hand auf den Bauch des Säuglings, erschrak vor der Kälte, die aus dem Bündel drang. Schon hatte sie es in ihren Armen, wiegte es, eine Hand schützend am Hinterkopf. Sie führte den Kopf des Kindes zu ihrem Mund, als könnte sie ihm Wärme einhauchen. Rosalinas Stirn zog sich zusammen. Der Druck kam von den Schläfen, löste sich in den Augäpfeln. Ein Schleier legte sich über ihren Blick, besänftigte die scharfen Kanten der Gasse, liess den Abfallhaufen schweben.
Immer noch war sie alleine, stellte sie verblüfft fest, als sie etwas ratlos bei ihrem Fahrrad stand. Denn der frühsommerliche Maitag war nun deutlich erwacht. Die Gassen hätten eigentlich vor Menschen überquellen müssen. Doch war da niemand. Sie war früh aufgewacht, hatte vor Tagesanbruch zum Fluss radeln wollen. Jetzt das. Sie trocknete ihr Gesicht am Jackenärmel. Und hörte plötzlich ein regelmässiges Klacken, das sich ihnen zu nähern schien. Nach und nach mischte sich ein Schlurfen in das Klacken, und schon sah sie den Mann, der gemächlich in ihre Richtung schlenderte, mit schwarzem Schirm, den er als Stock nutzte. Sein Gesicht wurde von Hut beschattet. Rosalina dachte an eine Melone. Der Regenmantel hing an seinem schmächtigen Körper. Sie sagte kein Wort, als er bei ihr angekommen war. Er hob seinen Kopf, leicht schräg, sah sie durch trüb
gewordene Augen an, deren Farbe sie nicht auszumachen vermochte. «Wäre es Ihnen möglich, hier bei meinem Fahrrad mit dem Säugling kurz auf mich zu warten?», hörte sie sich sagen. Der Mann
lächelte, liess seinen Schirm zum Rad kippen und streckte seine Arme aus. Sie runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. Der Mann nickte ermunternd. «Halten Sie ihn bitte warm», stiess sie aus, reichte ihm den Säugling, hetzte davon, versuchte gleichzeitig zu erfahren, wo sie sich befand. Aber die Strassennamen sagten ihr nichts, und sie verfiel in Panik, atmete immer heftiger, begann zu schimpfen: «Das kann doch nicht sein! Also gut, dann muss mich der Mann begleiten.» Sie versuchte zurückzueilen, begann zu schwitzen, musste ihre Jacke ausziehen, wand sie sich um die Hüften, krempelte die Ärmel ihres Pullovers hoch, wischte sich mit der Hand über die Stirn. Ihr Gesicht glühte, sie begann sich um ihre Achse zu drehen, fasste sich an den Hals. «Wo bin ich?!»
Die Stadt war nicht wieder zu erkennen; als fielen die Gassen ineinander, stiegen und hoben sie sich eng in weisse Häuser. Rosalina schaute auf den Boden. Ihre abgelatschten Wanderschuhe standen auf Kopfsteinpflaster. Viel zu heiss war es, geradezu unbarmherzig griff die Sonne in ihr Haar. «Ich muss das Kind finden, ich muss, bitte – ich muss…!» Sie hastete weiter. Der heisse Atem nahm ihr die Luft. Also zerrte sie sich den Pullover über den Kopf, verlor das Gleichgewicht, stiess mit der Schulter gegen eine Wand, sah Blautöne, während der Schmerz des Zusammen-stosses wie ein stummes Feuerwerk in ihren Rücken fuhr. Die Wand war kühl. Sie liess sich an ihr zu Boden gleiten, zwischen dem Beschlag bröckelte es und als sie den Kopf auf den Pullover bettete, rieselte Verputz auf ihr Gesicht. Und es belustigte sie, dass sie dadurch wieder atmen konnte. Sie schloss die Augen. Das Heben und Senken des Brustkorbes fand einen Rhythmus, zwar nicht langsam, aber immerhin. «Kurz ausruhen, nur kurz», flüsterte sie, doch bereits mischte sich ein neuer Ton in ihre Ohren. Jemand in der Nähe schien zu hüpfen. Während Rosalina ihren Kopf hob, sich aufsetzte, angestrengt horchte, zogen Gerüche in ihre Nase, die ihr vertraut waren. «Salz, Fisch, Brot», sagte sie, als hätte sie gerade erfolgreich eine Versuchsreihe hinter sich gebracht, hielt Ausschau, denn das Hüpfen näherte sich deutlich. Es überraschte sie, dass es sie nicht überraschte, wie sie dem etwa siebenjährigen Mädchen entgegensah, welches zeit- und ortsvergessen von diesem zu jenem Pflasterstein sprang, immer von einem auf das andere Bein. Sie fuhren aus bauschigem Wollrock, waren gebräunt. Rosalina betrachtete die Arme, die, als befände sich das Mädchen auf einem Schwebebalken, mit sprühender Kraft ausbalancierten. Ihr dunkles Haar hob sich mit jedem Sprung, um dann wie hingeworfen und doch gescheitelt ein waches Gesicht zu umspielen.
Verdutzt blieb Rosalina sitzen, wartete. Tatsächlich stand das Mädchen schon vor ihr, blickte ihr mit roten Wangen entgegen: «Boa tarde.» Die dunkle, sanfte Stimme, die Melodie, die nachschwang… ihre Muskeln entspannten sich. Endlich, dachte sie.
«Guten Tag», erwiderte Rosalina.
«Quem somos?» Das Mädchen stand elastisch, betrachtete Rosalina, die sich nun regte, aufstehen wollte. Es reichte ihr beide Hände, bot geschickt Gegengewicht, bis Rosalina vor ihr stand, die ihren Blick nicht lösen konnte von diesen schmutzigen, kleinen Patschfüsschen, wie sie, ohne Umstände, die Zehen über Rosalinas Schuhspitzen gespannt hatten, sicher und fest.
«Ich muss es finden», wandte sich Rosalina an das Kind, welches ihre Hand gefasst hatte, neben ihr lief, dann und wann hüpfte.
«Hoje está bom tempo.» Es lächelte ihr zu.
«Ja», sagte Rosalina.
Die Sonne brannte nicht mehr, zarte Winde durchzogen die Gässchen. Da und dort drangen leise Stimmen aus den Häusern, singend. Wäsche flatterte an über Gassen gespannten Schnüren. Alles schien mit viel Sorgfalt genau so sein zu müssen. Teilweise war der Verputz zwar abgeblättert, auch mal gräulich, jedoch waren Fenster und Türrahmen mit Farbe eingerahmt, manchmal gar verziert. Weich wirkten die Häuser, traulich. Rosalina spürte, wie ihr Körper sich löste, jede Zelle schien schwingen zu wollen. Sie sah, dass sie barfuss lief, auch Pullover und Jacke waren weg.
Dann löste sich die kleine Hand von Rosalina, das Kind rannte los, mit tanzendem Rock. Rosalina sah die Frau. Sie stand da, aufrecht, löste sofort ihre verschränkten Arme. War sie gerade noch, spähend, dagestanden, breitete sie nun ihre Arme aus, empfing den kleinen Sturm. Rosalina blieb stehen, schaute zu, begann innerlich zu vibrieren. Sie ist jung, jünger als sie…, dachte Rosalina. Das bunt bestickte Kopftuch umschmeichelte ein festes und zugleich bewegtes Gesicht. Keine Verkrampfung, kein Zurücknehmen, vorbehaltlos wandte die Frau es Rosalina zu, lächelte, nickte, lud sie ein. Rosalina folgte der Frau, trat in das schmale Reihenhaus. Der Raum duftete nach Rosmarin. Überall lag säuberlich aufgehäufte Wäsche, bunte Stapel, dann blendend weisse, auch Gesticktes. Von hinten drang Geplapper durch einen Vorhang, der den Raum teilte.
«Sie erzählt sich wieder Geschichten», sagte die Frau. Jetzt roch Rosalina die Butter, die, vor kurzem, sehr langsam, geschmolzen worden war, damit sich alle Aromen der Zwiebel, des Knoblauchs entwickeln konnten. Danach die Kräuter. Wie oft hatte Rosalina sich nach diesen Gerüchen gesehnt? Sie sah sich in kleinem Sofa hocken, ganz vorne am Rand. Über der Mitte der Sofalehne lag eine Zierdecke. Die Frau sass ihr gegenüber, ihre Hände, die kurzen Finger, die nicht fein waren, wie sie tanzten mit Garn und Häkchen. Grosse, dunkle Augen unter hoher Stirn. Lächelnd umschattet. Die unbändige Kraft, wie ihr Kopf aus geradem Rücken und Hals sprang. Eine Haltung wie von Karyatiden, dachte Rosalina, sah das Bild der Frau mit dem Anker auf dem Kopf, wie er schwebte, eingewickelt und zugleich befestigt in ein Tuch, welches auch ihren Kopf einhüllte, Augen, Stirn und Nase frei liess. Augen, die in die Ferne gerichtet waren, wie verloren. Rosalina hatte den massiven Anker mit den vier Haken nie mehr vergessen können. Die Grobheit einer möglichen Befestigung war derart im Widerspruch zu den geschwungenen Booten gestanden, an denen die Frau vorbeigeschaut hatte.
«Wir erblicken nur Oberflächen», sagte Rosalina, «denken, wir wagten uns in Tiefen, im Wissen, dass sie uns verschlingen könnten, jederzeit. Obwohl wir in Strandnähe das Netz auswerfen, könnte ein Sturz in die Wellen tödlich sein. Wann hätten wir schwimmen lernen sollen? Warum halten wir uns an ihre Regeln? Nie hast du mich gefragt, warum ich keine Kinder wollte. Wir haben wenig gesprochen, fanden uns in der Gewissheit; als hätte die Zeit alles in unsere Herzen geschrieben. Sag mir, ist es das, was ich finde, ohne mir jemals sicher zu sein, was ich denn suchen wollte? Maria da Saudade. Nicht doch, nein, diesen Namen hätten die Ordensschwestern dir nie gegeben. Wozu hat man euch den Müttern entrissen, damit ihr das Buchstabieren lernt, wenn Verträge euch doch wieder versklaven?» Rosalina rieb sich das Gesicht.
Die zwei Raben sassen wie selbstverständlich bei der Frau, flankierten sie, glattgekämmt und glänzend. Es schien, als könnten sie jederzeit von der Stuhllehne hüpfen, in der kleinen Stube herumspazieren, als flanierten sie. Rosalina betrachtete die Schachtel, die da bebte, oder zitterte sie? Offen war sie, aufgeklappt. Da schwang sie sich auf ihr Fahrrad, beschleunigte, der Wind war günstig. Sie schaute kurz zurück, sah das zerzauste Gefieder der Raben. «Vicentes!», rief sie, liess den Lenker los, hob ihre Arme. «Erst mal sammeln, dann losspucken.»
«Erzählst du dir weiterhin Geschichten?»
Rosalina sah sie lächeln. «Ja. Und bis bald.»
«Bis später.»