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Myat Swe sass acht Jahre im Gefängnis in Myanmar. Warum er nach seiner Haftentlassung ein Magazin gründete.
Von Eva Hirschi
Wenn Myat Swe, von allen Sonny genannt, durch den Newsroom rauscht, wirkt er immer etwas in Eile, auf dem Weg von einem Termin zum anderen, sein Smartphone in der Hand. Er wechselt ein paar Worte mit Reportern, reisst einen Witz, bevor er mit wichtigen Leuten im Sitzungszimmer verschwindet und kommerzielle Deals abschliesst. Der Gründer und Verleger des Magazins «Frontier» ist durch und durch Geschäftsmann. Einen journalistischen Hintergrund hat er nicht. Dennoch ist der 49-Jährige heute eine der wichtigsten Personen in Myanmars Medienlandschaft.
Seit 2015 berichtet das Wochenmagazin «Frontier» unabhängig über die Politik Myanmars und hat sich mit tiefgründigen Recherchen und Hintergrundartikeln einen Namen gemacht. Viele Botschaften und internationale Organisationen haben «Frontier» abonniert. Nur wenige Jahre früher wäre dies wegen staatlicher Zensur undenkbar gewesen. Die Geschichte von «Frontier» und seinem Gründer erzählt denn auch viel vom Wandel, den Myanmars Medienlandschaft in den letzten paar Jahrzehnten durchmachte.
Sprung ins kalte Wasser. Als 1988 der Volksaufstand in der damaligen Hauptstadt Rangun (heute Yangon) ausbrach, als Hunderttausende Bürger gegen das Militärregime und für Demokratie protestierten, wollte der damals 18-jährige Sonny auch teilnehmen. Doch sein Vater, ein ranghohes Mitglied des militärischen Geheimdienstes, verbot es ihm und schickte ihn stattdessen in die USA, um Business Administration zu studieren.
Als Sonny nach Myanmar zurückkehrte, wurde er Drucker. Zu dieser Zeit gab es in Myanmar kaum Druckereien; dank seinen aus Thailand ins Land geschmuggelten Druckmaschinen lief sein Geschäft gut. Während er zuerst Briefköpfe und Dokumente für Unternehmen produzierte, wandte sich die Regierung auf einmal mit einem Grossauftrag an ihn: dem Druck einer staatlichen Regionalzeitung in Mandalay. «Ich hatte keine Ahnung von Zeitungen», sagt Sonny, «doch so einen Auftrag konnte ich nicht ausschlagen.»
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Den ersten Arbeitstag vergesse er nie mehr: «Die erste Ausgabe der Zeitung war für 5 Uhr 30 morgens geplant – sie erschien erst spät in der Nacht.» Die Monate danach schuftete Sonny pausenlos, sein Gesicht mit Zeitungstinte verschmiert, aber dennoch ein Lächeln auf den Lippen. «Dieser Job hatte ein Feuer in mir entfacht», sagt er. Für ihn wurde klar: «Eines Tages werde ich meine eigene Zeitung drucken.»
Nach zwei Jahren kehrte er zurück nach Yangon. Zusammen mit dem Australier Ross Dunkley gründete er die «Myanmar Times» – die erste private Wochenzeitung, die erste Zeitung auf Englisch und das erste internationale Joint Venture in Myanmars Medienlandschaft. Das war im Jahr 2000. Unter dem Militärregime wäre dies unmöglich gewesen, seit 1964 gab es kaum private Medien. Und wenn, dann nur monatliche, die einer strengen Zensur unterzogen wurden. Erst nach den Aufständen von 1988 begannen erste Reformen. 1989 gab es zum ersten Mal Lizenzen für Wochenzeitungen, wenn auch nach wie vor mit Zensurkontrolle.
Zahnarzt, Tourguide, Anwalt. Ende der 1990er Jahre gab es folglich auch kaum Journalisten im Land. Sonnys erstes Redaktionsteam bestand aus einem Zahnarzt, einem Anwalt und einem Tourguide. «Hauptsache, sie sprachen gutes Englisch», sagt Sonny. In Workshops lernten sie das Handwerk. Die englischsprachige Zeitung hatte grossen Erfolg und ein Jahr später, 2001, erschien die erste burmesische Version. In Windeseile dominierte sie den nationalen Medienmarkt. Als hätte die Bevölkerung auf so eine Zeitung gewartet.
«Die Menschen waren hungrig nach korrekten Informationen», sagt Sonny. Um sie zu besorgen, verschaffte er sich ein Abonnement der französischen Depeschenagentur AFP. Um die Depeschen überhaupt empfangen zu können, installierte er eine Satellitenschüssel auf dem Dach des Medienhauses – so, dass man sie von der Strasse aus nicht sehen konnte, denn dies war illegal. Internet gab es in Myanmar damals so gut wie gar nicht.
«Wenn wir über ein sensibles Thema berichten und in der Nacht ein Auto vor meinem Haus hält, schaue ich aus dem Fenster, ob sie kommen, um mich zu holen.»
Nun hatte das Land endlich Zugang zu internationalen Nachrichten. Zwar wäre es übertrieben zu behaupten, es habe sich um eine unabhängige, neutrale Zeitung gehandelt, zumal sie – wie für alle Medien bis 2012 obligatorisch – einer Pre-Publikations-Zensur unterzogen wurde. Doch es war der Anfang einer neuen Medienlandschaft in Myanmar.
Businessplan schreiben im Gefängnis. Im November 2004 wurde Sonny unerwartet verhaftet. Es hiess, er habe Zensurregeln missachtet. Er selbst sieht den Grund darin, dass sein Vater dem militärischen Geheimdienst angehörte, denn sein Vater wurde gleichzeitig wie er ins Gefängnis gesteckt. Der Geheimdienst, der in den Augen der Regierung zu viel Macht erlangt hatte, wurde kurzerhand abgeschafft.
Die Zeit im Gefängnis war hart. «Um nicht verrückt zu werden, lenkte ich mich ab, vor allem mit Sport», sagt Sonny. Er begann, seine Zukunft zu planen. Sein Traum war es, ein neues Medienprodukt zu gründen – mit richtigen Analysen, Hintergrundartikeln, harten Fakten. «Ich hatte nicht nur Zeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen», sagt er, «sondern um einen richtigen Businessplan zu erstellen.»
Nach acht Jahren und fünf Monaten wurde Sonny im April 2013 freigelassen – und ging schnurstracks in den Newsroom der «Myanmar Times». «Ich wusste, dass ich unschuldig war», sagt Sonny. Doch während der ganzen Zeit habe er nie die Möglichkeit gehabt, die Wahrheit zu sagen. «Als ich entlassen wurde, war deshalb mein Ziel, für Wahrheit und Medienfreiheit einzustehen.»
Zur «Myanmar Times» zurückzukehren, erwies sich aus politischen Gründen jedoch als schwierig. Stattdessen wurde er CEO von «Mizzima», einem Online-Magazin, das im August 1998 von burmesischen Journalisten im Exil in New Delhi gegründet worden war und nach der Öffnung Myanmars 2012 eine Redaktion in Yangon eröffnet hatte.
Wahlen als Gradmesser. Im Februar 2015 verliess Sonny das Unternehmen, um seinen langgehegten Plan in die Realität umzusetzen: Im Juli 2015 erschien die erste Ausgabe des Wochenmagazins «Frontier». Die kurze Vorbereitungsphase hatte indes einen Grund: «Im November sollten die ersten freien Wahlen seit Ende der Militärdiktatur stattfinden. Das war der perfekte Auftakt für ein neues Magazin – und die Probe aufs Exempel!» Diese bestand «Frontier»; das Magazin ist heute das angesehenste Medium Myanmars.
Zensur gebe es keine bei «Frontier», sagt Sonny. Unter Druck stünden sie aber trotzdem, denn immer noch werden regelmässig willkürlich Journalisten verhaftet. «Nur mit extrem sauber recherchierten Fakten können wir uns einigermassen absichern», sagt er. «Ausserdem setzen wir auf konstruktive Kritik. Wir beschuldigen nicht einfach die Regierung oder das Militär, sondern zeigen jeweils auf, was der Grund von Missständen ist: veraltete Gesetze, korrupte Entscheidungsträger, fehlende Kontrollinstanzen.»
Auch über die Rohingya-Krise berichtet das Magazin, das inzwischen alle 14 Tage erscheint, regelmässig. Als eines von wenigen Medien in Myanmar verwendet «Frontier» das Wort «Rohingya» – obwohl die Regierung Medien sowie Botschaften aufgefordert hat, von Bengali oder muslimischer Minderheit zu sprechen. Probleme hatte «Frontier» dadurch bisher keine.
«Doch jedes Mal, wenn wir über ein sensibles Thema berichten und in der Nacht ein Auto vor meinem Haus hält, stehe ich auf und schaue aus dem Fenster, um zu sehen, ob sie kommen, um mich zu holen», sagt Sonny. «Wenn das Militär will, könnten sie mich jederzeit ins Gefängnis stecken.» Doch statt in Angst zu verharren, denkt er viel lieber an die Zukunft. Ideen hat er schon: «Am liebsten würde ich ein Radio und ein Web-TV kreieren.»
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