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Eröffnungsrede Lissy Funk 2. März 89 im Deuschen Textilmuseum in Krefeld Linn
Eröffnungsrede Lissy Funk am 12. März 89 im Deuschen Textilmuseum in Krefeld Linn.
“Wilhelm, Herzog der Normandie, erreichte die Pevensey Bay am Vorabend des Michaelisfestes, und sobald seine Leute ausgeschifft waren, errichteten sie ein befestigtes Lager bei der Stadt Hastings. Boten überbrachten König Harald die Nachricht, und er sammelte ein Heer und er stellte sich Wilhem am grauen Apfelbaum, und Wilhelm überfiel ihn unerwartet, bevor er seine Streitkräfte hatte ordnen können. Trotzdem kämpfte der König mit großer Tapfer keit und mit ihm die, die sich bei ihm befanden, und es wurden auf beiden Seiten viele getötet. König Harald fiel, und Earl Leofwin, sein Bruder, und Earl Gyrth, sein Bruder, und viele andere Helden, und die Franzosen blieben Sieger auf dem Schlachtfeld. Gott gewährte ihnen den Sieg als Vergeltung für die Sünden unseres Volkes.”
Mit diesen knappen Worten beschrieb ein Zeitgenosse in der Angelsächsischen Chronik das bedeutende Ereignis des Jahres 1066, die Schlacht bei Hastings. Wilhelm, der Normannenherzog, nach dieser Schlacht “der Eroberer” genannt, besiegte darin Harald, Earl of Wessex, der sich nach dem Tode des englischen Königs Eduard unrechtmäßigerweise der englischen Krone bemächtigt hatte, die eigentlich Wilhelm versprochen war.
Ein einzigartiges Dokument der Vergangenheit schildert die komplizierten politischen und menschlich anrührenden Ereignisse, die zu der Schlacht führten, sowie die Schlacht selber: der sogenannte “Teppich von Bayeux”. Dieser “Teppich”, der auch “der Teppich der Königin Mathilde” genannt wird, ist streng genommen weder das eine noch das andere. Der Zusammenhang mit der Königin Mathilde, der Frau Wilhelms des Eroberers, ist in einer späteren Zeit erfunden worden und entbehrt jeglicher geschichtlicher Grundlage. Und der Teppich selber ist nicht gewirkt oder geknüpft, wie sonst üblich, sondern gestickt. Es handelt sich um ein schmales, 50 cm hohes Leinenband mit der unglaublichen Länge von 70,34 m, auf die fleißige Hände figürliche Szenen in farbiger Wolle angebracht habep. Stilistische Vergleiche deuten darauf hin, daß der Teppich in England, kurz nach der dargestellten Schlacht angefertigt wurde, und man kann annehmen, daß viele Personen an diesen Arbeiten beteiligt waren, wenngleich der geniale Entwurf selber doch sicher auf die Idee nur eines Künstlers zurückgehen dürfte.
Scheint Ihnen der Bogen, den ich von diesem gestickten Meisterwerk der Vergangenheit spannen will zu der Künstlerin, deren Werk wir heute im Krefelder Textilmuseum ausstellen, zu weit gespannt und zu gewagt? Ich glaube, er ist es nicht, und ich möchte es Ihnen begründen.
Die Stickerei hat von allen textilen Künsten vielleicht am meisten den Ruf eines hübschen, teils nützlichen, teils nichtigen weiblichen Zeitvertreibs. Wir sehen vor unserem geistigen Auge unsere Großmütter und Urgroßmütter zum Stickrahmen greifen, im Sommer im Garten, an langen Winterabenden vor dem Kamin Taschentücher, Kissen und Deckehen verzieren, in stiller, züchtiger Heiterkeit. Dazu wollen die brutalen Schlachtszenen des Teppichs von Bayeux nicht recht passen, die zahlreichen gestickten Leichen, die vor Schmerz sich aufbäumenden Pferde, die Axthiebe und Schwert streiche, die von Lanzen durchbohrten Augen. Keineswegs handelt es sich hier um die harmlose Handarbeit von sonst unterbeschäftigten Frauen. Vielmehr hat man die besonderen Qualitäten von Nadel und Faden als bewußtes Ausdrucksmittel eingesetzt zur Erstellung eines historischen Bilddokumentes ersten Ranges. Die ungewöhnliche Länge des Teppichs von Bayeux ich rufe noch einmal in Erinnerung: mehr als 70 Meter macht deutlich, daß kaum ein anderes Herstellungs verfahren als die freie Nadelarbeit in Frage kam, um die unend liche Vielfalt der unterschiedlichen Szenen zu verwirklichen. Gleichwohl ist die Arbeit, die für den einzelnen und für die Gesamtheit der an der Ausführung beteiligten Sticker anfiel, geradezu erschreckend gewesen.
Ein gleiches ungläubiges Staunen und ein gewisses Erschrecken will uns befallen, wenn wir heute vor den riesigen Arbeiten der Lissy Funk stehen, etwa dem hier rechts an der Wand hängenden Teppich “Der geheime Fisch” mit seiner Länge von mehr als 6 Metern, bei einer ungefähren Höhe von 2 Metern. Denn all dies, man muß es sich immer wieder bewußt machen, wenn man Lissy Funks Arbeiten betrachtet, ist tatsächlich gestickt.
Die Nadel ist im Unterschied etwa zum Webstuhl frei. Man kann mit ihr malen, und sie erfordert von dem, der sie führt, unendlich viel Geduld. Das verbindet die Arbeiten Lissy Funks bei aller sonstigen Verschiedenheit mit dem Teppich von Bayeux.
Lissy Funk selber bekennt sich zu der zeitlupenartigen Geschwindigkeit, mit der ihre Werke durch die gezwungene Langsamkeit der Nadelarbeit entstehen. Das mutet merkwürdig an bei einer temperamentvollen Person, die immerhin als junges Mädchen in der Tanzschule der Mary Wigman in Dresden Ausdruckstanz lernen wollte. Einen größeren Gegensatz kann man sich kaum vorstellen. Aber der Tanz war nicht ihr Metier, das hat Lissy Funk schnell begriffen. “Ich brauchte etwas”, so sagt sie es selber im Text des Kataloges, “das aus mir wüchse, das ich langsam erschaffen konnte”, und als sie es gefunden hatte, da tat sich ihr “eine reiche Welt auf, weit, ohne Begrenzung. Die Nadel eilte über das Tuch, das unendlich sein konnte, unendlich sein durfte.” Fast ohne Ende, wie der Teppich von Bayeux und noch darüber hinausgehend. Die Nadel setzt irgendwo an, erzählt, malt, gestaltet, und es ist nicht abzusehen, wo sie aufhört, wann sie an ein Ende kommt.
Die frühen Arbeiten in blauem oder rotem Kreuzstich auf weißem Grund erzählen noch naiv Bilder und Ereignisse aus ihrem Leben. Die Auseinandersetzung der Künstlerin in den 30er Jahren mit zunächst mittelalterlichen Bildwirkereien, dann auch solchen aus dem 16.18. Jahrhundert, wiesen ihr einen Weg aus der rein subjektiven Befangenheit heraus und regten sie zu gleichermaßen großartigen wie erstaunlichen Wandbehängen an, wie dem “Paar auf der Wiese” von 1936/7. Auch der “Engel” von 1948 und “Waldmärchen” von 1947 sind noch beeinflußt von den großen, gegenständlichen Arbeiten der Bildteppiche der Vergangenheit. Die Natur erscheint hier als eines von Lissy Funks großen Themen, ebenso wie die Auseinanderseztung mit religiösen Inhalten, die ihr Werk ebenfalls begleiten.
In den 5O-er-Jahren änderte sich Lissy Funks Stil und näherte sich der Abstraktion, die sie seit den 60-er Jahren nicht mehr losließ. Dabei tauchten zunächst immer noch konkrete Formen, oftmals religiöse Symbole auf. Diese sind für den Betrachter mehr oder weniger leicht zu verstehen. In die “Hoffnung”, an der hinteren roten Wand links aufgehängt, von 197073, ist das Kreuz ebenso deutlich wie die Fische, das Brot und der Kelch im Mittelpunkt der Kreuzesbalken. Auch die vielen Gestalten, die im Kreuzstamm und im Querbalken herbeieiLen zum tröstenden, hoffnunggebenden Mittel punkt, und die zunächst aus der Ferne wie abstrakte Muster wirken, heben sich dem Betrachter nach einem Moment ruhigen Schauens vom Hintergrund ab und machen den Sinn dieses Teppichs deutlich.
Bei dem hier auf dem Podest an zentraler Stelle ausgebreiteten Teppich “Wie soll ich dich empfangen?” von 1966 sind die Zeichen nicht alle so leicht verständlich. Ein Kreuz findet sich auch hier, flankiert von einem goldenen Schaft von Weizenhalmen, die die Psalmen symbolisieren, dann weiße und rote Steine, die für die Kirchenlieder stehen, oder blühende Weizenhalme rechts und links als Sinnbilder der irdischen Wohnungen der Menschheit bzw. der himmlischen Wohnungen der Propheten. Zwölf weiße Streifen auf dem Querarm des Kreuzes stehen für die zwölf Apostel. Auch in ihnen scheint bei näherer Betrachtung die menschliche Gestalt durch die abstrakte Form hindurch. Schließlich der alles umschließende Kreis als Ausdruck und Sinnbild für den Glauben. Die kräftige Farbpalette, die bei diesem Stück von Schwarz über ein tiefes Violett zu blasserem Lila, vom blutigen zum hell lodernden Rot, vom glänzenden Gold zum strahlenden Weiß reicht, ist durch unendlich viele Schattierungen bestimmt, deren kleine und kleinste Flächen nicht nur durch unterschiedliche Farbgarne, sondern vor allem auch durch jeweils andere Sticharten gekennzeichnet sind.
Diese Möglichkeiten, mit der Nadel durch unterschiedliche Stiche die verschiedensten Farbtöne hervorzurufen, die Lichtreflexe unterschiedlich einzufangen, die Wirkung des variierenden Reliefs auszuloten, hat Lissy Funk bis zur Perfektion gebracht. Nicht von ungefähr tauchen bei den späteren, rein abstrakten Arbeiten immer wieder Titel auf, die mit dem Licht zu tun haben: “Morgen und Abendlicht” etwa, oder einfach “Hell”.
Man erkennt in Lissy Funks abstrakten Arbeiten ihre Auseinandersetzung mit der modernen Malerei ihrer Zeit, vor allem der Schule von Paris, mit Werken Bissiers oder Manessiers. Unterschiedliche Kompositionen und Farbpaletten ihrer Werke waren die Folge. “Der Wunsch” und “Im Grien” haben eine eher gedeckte Farbigkeit und sind übrigens ganz und gar in zweidimensionaler Absicht gear beitet, wirken tatsächlich fast wie eine Malerei. “Der fröhliche Augenblick” dagegen, ein Teppich, der in Krefeld leider nicht ausgestellt werden konnte, aber im Katalog abgebildet ist, hat ganz andere, klare, leuchtend bunte, wirklich “fröhliche” Farben.
In den späten 60er Jahren tauchen schwarze gitterartige Strukturen auf weißem Grund auf wie bei “Werden und wachsen”, an der roten Wand dort hinten, oder an Zeichnungen erinnernde Liniengefüge, wie bei dem “fröhlichen Arbeitgeber”, hier im oberen Stockwerk ausgestellt. Trotz einiger “Kompositionen in Weiß”, von denen wir zwei ebenfalls oben ausgestellt haben, und trotz der wiederkehrenden Farbe Blau als leuchtender Kontrast zu ihren sonstigen Farbtönen, ist deutlich, daß Rot die eigentliche Hauptfarbe im Werk der Lissy Funk ist. Rot, mit Schwarz und Weiß komponiert und mit den weichen, freundlichen Naturtönen ihrer Materialien, die übrigens ausschließlich aus natürlichen Garnen bestehen, aus Seide und Wolle, Leinen und Baumwolle.
Ein Stück von ca. 7 qcm zu besticken, dauert etwa 1417 Stunden. Lissy Funk führt diese Arbeiten nicht alleine aus. Sie beschäftigt Helferinnen in ihrem Atelier. Manchmal gab es andere Formen der Zusammenarbeit, wie an dem Teppich “Hoffnung”, als die Frauen der Kirchengemeinde von Hausen im Albis, für die das Stück angefertigt wurde, unter Lissy Funks Leitung daran mitarbeiteten.
Es muß eine ungeheure Erfahrung sein, dieses langsame wachsen eines Teppichs zu erleben. “Immer mit der inneren Vorstellung seiner endgültigen Form vor Augen”, so schreibt Lissy Funk im Katalog, “arbeite ich an meinem Teppich”. Sein Werdegang ist lang. Alles bringt sie hinein: “meine Erfahrungen und Wünsche, all mein Wissen”. Wir wissen nicht, wieviele Menschen wie lange am Teppich von Bayeux gearbeitet haben. Auch sie aber haben über einen sicher endlos scheinenden Zeitraum ihr Wissen und ihre Erfahrungen in den Teppich eingestickt, der die Zeiten so wunderbarerweise überdauert hat.
Ich wünsche dem Werk der Lissy Funk ein gleiches. Möge diese Ausstellung dazu einen kleinen Beitrag leisten.
Sehr geehrter Herr Dr. Schümann, sehr geehrter Herr Generalkonsul, sehr geehrte Anwesende,
Herr Dr. Schümann, für die grosse Ehre die mir zuteil wird hier im Deutschen Textilmuseum auszustellen, spreche ich Ihnen meinen tiefen Dank aus. Dies wird zu den schönsten Erlebnissen in meinem Leben gehören. Die Teppiche sind wunderbar gehängt unter der Leitung von Frau Dr. Tietzel, sie sehen und ich mit ihnen Frau Dr. Tietzel ganz glücklich an dass es uns so gut geht, ein jedes Stück am richtigem Platz.
Sie sind alle gestickt diese Teppiche, mit Nadel und Faden, die der Fantasie freien Lauf lassen, ihr die Freiheit geben die sie glücklich macht. Von diesem Glück versuchte ich ein weniges einzufangen, mit ihm möchte ich Euch beim Anschauen der Teppiche grüssen und danken dass Ihr Alle gekommen seid.
Lissy Funk