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von Brigitte Elsner-Heller, 16.08.2019
Das Meer. Im Deutschen ist es sächlich, was eine besondere Beziehung zu ihm zunächst auszuschliessen scheint. Im Spanischen dagegen heisst es männlich „el mar“. Die Fischer hingegen, die ihr Leben auf See verbringen, sprechen von „la mar“, als sei die See ihnen Geliebte, Mutter, Heimat. Nur die jungen, (noch) wilden Burschen bleiben bei der männlichen Form, schreibt Ernest Hemingway in seiner Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Und er wusste sicher, wovon er schrieb, immerhin entstand das 1953 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Werk (auf das auch bei der Verleihung des Nobel-Preises 1954 explizit Bezug genommen wurde) in Havanna, wo Hemingway nicht nur die Bar Floridita regelmässig besuchte, sondern mit der Finca Vigía ein beeindruckendes Anwesen sein eigen nannte, das heute besichtigt werden kann. Inklusive Hochseejacht. Im nahen Cojimar soll er in einem alten Fischer seinen Protagonisten gefunden haben – wobei Hemingway wohl immer in erster Linie über sich und seinen Kampf mit dem Leben geschrieben hat.
Zitat aus "Der alte Mann und das Meer"
Doch nun schnell über den Atlantik geschippert, die Reise geht nach Islikon, in den Greuterhof, wo die Theaterwerkstatt Gleis 5 die Novelle zum Theaterstück umgewidmet hat. Noce Noseda, Mitbegründer der Theaterwerkstatt, hat die Textfassung erstellt, Regie führt Carin Frei. Während Hemingway dem (namenlosen) alten Mann einen jungen Fischer an die Seite stellt, der sich dem Alten verbunden fühlt und auf ihn achtet, verzichtet die Inszenierung darauf, den jungen Mann als Figur auf die Bühne zu stellen. Dafür treten der Baseballspieler Joe DiMaggio und Marilyn Monroe auf. Ersterer nicht zuletzt deswegen, weil Hemingway selbst diese Verbindung knüpfte. Bei Marilyn wird die Argumentationskette schon länger: Sie war kurz mit DiMaggio verheiratet und bringt das Motiv Einsamkeit – bis hin zum Selbstmord, mit dem sie wie Hemingway ihrem Leben ein Ende setzte – in die Handlung ein. Nicht zu vergessen, wird eine Inszenierung mit schöner Frau auch mehr zum Hingucker. Weisses Kleid mit schwingendem Plisseerock, das hat schon was, und man erwartet schon den Luftzug, der den Rock in die Höhe wehen und damit das ikonische Bild reproduzieren wird. Doch auf See gelten wohl andere Gesetze.
Jean Martin Roy ist im Greuterhof der alte Mann, der sein Boot gestartet hat, um nach 84 Tagen vergeblicher Ausfahrten noch einmal sein Glück zu versuchen, seine Kräfte zu bündeln, um den einen grossen Fisch zu fangen. Es ist nicht weniger als die Sinnfrage, die er damit stellt, am Ende seines Lebens, nachdem seine Frau gestorben ist und er nur noch die Zuneigung des jungen Fischers hat, den er lange Jahre mit an Bord hatte. Auf der gepflasterten Spielstätte des Hofes werden die Steine zu Wellen, und vor allem die Lichtführung, die drei Tage und Nächte indirekt abbildet, sorgt für Atmosphäre (Lichtdesign Marco Oliani). Ebenso wie die Musik, mit der Vincenzo Ciotola und Goran Kovacevic einen emotionalen Raum schaffen.
Schaffen mit ihrer Musik einen emotionalen Raum: Vincenzo Ciotola und Goran Kovacevic (v.l.n.r) ; Bild: Eliane Munz
Das Boot, in dem Jean Martin Roy als alter Mann den Abend bestreitet, trägt wie Marilyn den Namen Norma und ist auf eine drehbare Plattform montiert, so dass sich das Meer in alle Richtungen öffnen kann. Für die entsprechende Bewegung sorgen Noce Noseda als Joe DiMaggio sowie Adele Raes als Marilyn, die als Phantasmen die dreitägige Fahrt des alten Mannes begleiten und dabei gleichzeitig als Erzähler fungieren. Eine raffinierte Idee, die allerdings auch ihre Tücken haben kann.
Die Theaterwerkstatt hat sich der Herausforderung gestellt, ein Stück Literatur auf die Bühne zu bringen, bei der es mehr um eine innere Handlung geht, nämlich um eine Auseinandersetzung mit dem Leben, der Frage nach Sinn, die sich gleich nach der Frage des Über-Lebens stellt. Und während sich Jean Martin Roy in seinem Fischerboot eins ums andere Mal um sich selber dreht, ihm wenig mehr bleibt als ein Radio mit den Baseballergebnissen (Hemingway beschränkt sich da auf eine alte Zeitung, die der alte Fischer in seiner Hütte hat), übersetzen seine beiden Mitspieler die innere Bewegung in eine äussere: Körperliche Bewegung wird dabei auch zur Choreografie, der sich die mal nachdenkliche, dann wieder emotional aufpeitschende Musik trefflich andient. Während in der Novelle der junge Mann durchaus auch als Alter Ego anzusehen ist, in dem sich jugendliches Vertrauen in die Welt und Empathie zeigen, spielen in der Inszenierung eher die Kraft und Ausdauer eines Baseballstars sowie die Tristesse im Glamour einer Ikone eine Rolle.
Die Lichtführung, die drei Tage und Nächte indirekt abbildet, sorgt für Atmosphäre, (Lichtdesign Marco Oliani); Bild: Eliane Munz
Das Spiel von Jean Martin Roy, Noce Noseda und Adele Raes zeugt von großer Identifikation mit diesem Rollenkonzept und von einer Spielfreude, die vom Publikum dann auch entsprechend honoriert wurde. Eher leise verabschiedet sich das Stück, als der grosse Merlin, den der alte Mann „besiegt“ und am Boot vertäut hat, Haien zum Opfer fällt. Schön, wie sich die traurige Marilyn in den sterbenden Merlin verwandelt, wie der Fischer sich die Frage nach Sieg und Niederlage erneut stellt. Hemingway, der Grosswildjäger: Hier wird er sich auch selbst hinterfragt haben.
Wie stets, wenn eine Prosa-Vorlage auf die Bühne gehoben wird, hakt es auch im Greuterhof an manchen Stellen. Um den jungen Mann etwa, um seine leisen Töne, ist es schade (sie werden nur indirekt wie Zitate eingestreut). Schade auch um die Löwen, die der alte Mann einst vom Schiff aus an einer afrikanischen Küste hat spielen sehen. Sie sind ihm eine friedliche, sonnige Erinnerung und Ansatzpunkt für die einsetzende Empathie mit der Natur. Im Greuterhof dagegen ist ein Brüllen zu vernehmen, das Angst macht – auch dem Fischer. Schliesslich wirkt es nicht immer überzeugend, wenn zum Hilfsmittel eines Erzählers gegriffen werden muss – lebt Theater doch wesentlich von den Bildern, die erzeugt werden. Mit „Der alte Mann und das Meer“ hat sich die Theaterwerkstatt Gleis 5 eine anspruchsvolle Aufgabe gesetzt. Akzente gesetzt hat sie bei der Umsetzung allemal.
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