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Jabiru
Jabiru mycteria
© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)
Der Jabiru (Jabiru mycteria), ein lateinamerikanischer Vertreter der Storchenfamilie, gehört mit einer Standhöhe von bis zu anderthalb Metern und einer Flügelspannweite von nahezu zweieinhalb Metern zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde. Als weltweit einziger Storch trägt er ein reinweisses Federkleid.
Das Verbreitungsgebiet des Jabiru erstreckt sich von Südmexiko bis Nordargentinien. Im Bereich der mittelamerikanischen Landbrücke wie auch im nördlichen Südamerika ist er jedoch - offensichtlich von alters her - nirgendwo häufig. Seine eigentliche Heimat sind die unermesslichen und für den Menschen kaum zugänglichen Sumpfländer im Einzugsgebiet des Rio Paraguay und des Rio Parana, zwischen Brasilien im Norden und Uruguay im Süden. Dort findet der stelzbeinige Feuchtgebietsbewohner ideale Lebensbedingungen.
Der Jabiru ernährt sich ausschliesslich von tierlicher Nahrung. Sein Speisezettel ist sehr abwechslungsreich und umfasst neben Fischen aller Art auch verschiedenerlei Insekten, Schnecken, Würmer, Krebstiere, Frösche, Schlangen und Nagetiere. Ungefähr 300 bis 500 Gramm Nahrung benötigt der grosse Vogel im Tag, um seinen Hunger zu stillen.
Bei der Jagd nach Beutetieren schreitet der Jabiru suchend im seichten Wasser umher, mit vorgestrecktem Kopf und nach unten gerichtetem, stets einsatzbereitem Schnabel. Hie und da stösst er blitzschnell und zielsicher nach Beutetieren, die seine Augen erspäht haben. Alle paar Schritte taucht er aber auch den leicht geöffneten Schnabel «blindlings» ins Wasser - und verlässt sich ganz auf seinen ausgeprägten Tastsinn. Denn unter der Hornschicht der Schnabelspitze befinden sich Tastsinneszellen in grosser Zahl, welche bewirken, dass sein Schnabel automatisch - innerhalb weniger Millisekunden - zuschnappt, sobald er eine unsichtbare Beute berührt. Auf diese Weise vermag der Jabiru auch in trübem oder pflanzenreichem Wasser erfolgreich zu fischen.
Jabirus sind sesshafte Vögel. Sie halten sich paarweise in festen Territorien auf, aus denen sie sämtliche Artgenossen energisch vertreiben. Jedes Paar verfügt innerhalb seines Reviers über ein mächtiges, aus Ästen und Zweigen gebautes Nest, das sich stets im obersten Bereich eines möglichst hohen Baums oder einer Palme befindet und somit freie Sicht nach allen Seiten gewährt. Jahr für Jahr benützt das Jabirupaar diesen Horst als «Kinderstube», wobei es ihn alljährlich während der Balz- und Paarungszeit noch etwas ausbessert und erweitert. In dieser Phase lassen die ansonsten stummen Vögel häufig ihr storchentypisches Schnabelklappern verlauten - einerseits zur Begrüssung des Partners, andererseits zur Abschreckung fremder Artgenossen, selbst wenn sich diese erst in grosser Ferne am Himmel zeigen.
Das Gelege der Jabirus besteht gewöhnlich aus drei bis vier weisslichen Eiern. Beide Altvögel wechseln einander beim einmonatigen Bebrüten der Eier regelmässig ab und beteiligen sich anschliessend auch zu gleichen Teilen am Hudern und Füttern der nimmersatten Jungen. Diese beginnen schon im Alter von etwa zwei Monaten, bei geeignetem Wind ihre Flügel auszubreiten und spielerisch in die Höhe zu springen. Erst nach ungefähr drei Monaten sind sie jedoch flügge und damit in der Lage, ihre Eltern zu den Futterplätzen zu begleiten. Dort lernen sie dann durch Nachahmen die Kleintier-Fangtechniken, die ein Jabiru zum Überleben braucht.
Feuchtgebiete gelten in der ganzen Welt als wertlose «Unländer», die es nach Möglichkeit trockenzulegen und urbar zu machen gilt. Das ist auch in Lateinamerika der Fall, wo die rasch anwachsende menschliche Bevölkerung immer mehr Anbau- und Siedlungsfläche benötigt. Als Folge davon schwindet der Lebensraum des Jabiru Stück für Stück; immer weiter wird der grosse Storchenvogel zurückgedrängt.
Kommt hinzu, dass der Jabiru wegen seiner imposanten Körpergrösse und seiner Vorliebe für offenes Gelände ein leichtes Ziel für Jäger abgibt. In der Tat wird er mancherorts seines Fleisches wegen gern bejagt. Und da die Jungvögel als besondere Delikatesse gelten, werden auch häufig seine Nester geplündert.
Aus diesen Gründen sind die Bestände des Jabiru in den letzten Jahrzehnten massiv geschrumpft. Noch findet er im Pantanal und in anderen weiten Süsswassersumpfländern des mittleren Südamerikas ungestörte Lebensgebiete vor, wo er in Ruhe nach Beute stochern, Rivalen «wegklappern» und seine Jungen verproviantieren kann. Doch ohne den wirksamen Schutz seiner letzten grossen Rückzugsgebiete vor dem schädigenden Zugriff durch den Menschen ist der Fortbestand dieses eindrucksvollen Schreitvogels leider längerfristig arg gefährdet.
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