Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/2489

Rita Werden: Schamkultur und Schuldkultur. Revision einer Theorie
PhD-project in Sociology, University of Basel and Theology, University of Freiburg
Die brutale Gewalt, mit der der ruandische Genozid an den Tutsi 1994 vonstatten ging, wurde zu einem charakteristisch hohen Anteil von der ruandischen Zivilbevölkerung verübt. Eine Analyse von Interviews mit Tätern dieses administrativ initiierten Massenverbrechens soll Aufschluss darüber geben, auf der Grundlage welcher Moralkonzepte sie sich an der genozidalen Gewalt beteiligten und in welchem Zusammenhang diese mit der soziokulturellen und politischen Prägung Ruandas stehen.
Der Fokus der Analyse liegt dabei zunächst auf der Frage, inwiefern die Täter Schuld- bzw. Schamempfinden aufgrund des eigenen Handelns artikulieren und welche moralischen Grundüberzeugungen und Begründungsfiguren moralischer Normen darin zum Ausdruck kommen. Theoretisch leitend wird dabei die in moralpsychologischen, kulturanthropologischen und soziologischen Debatten diskutierte Differenzierung von Schuld und Scham bzw. die soziologische Unterscheidung von Schuld- und Schamkulturen sein. Inwiefern lassen sich Interdependenzen zwischen dem politischen, kulturellen und sozialstrukturellen, der These nach schamkulturell geprägten Kontext der Täter und ihrem Schuldempfinden bzw. ihren individuellen moralischen Überzeugungen und gruppenspezifischen Moraldiskursen aufzeigen.