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Letzte Aktualisierung 28. Juli 2022.
Kommentar
Die Funktion von Kommunikation liegt nach Niklas Luhmann nicht in der Herstellung von Konsens, sondern von Offenheit. Darin besteht einer der wesentlichen Unterschiede zwischen seiner soziologischen Systemtheorie und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.
Die Offenheit von Kommunikation kommt nach Luhmann darin zum Ausdruck, dass eine mitgeteilte Information immer angenommen oder abgelehnt werden kann. Man kann entweder Ja oder Nein sagen. Trotz dieser Kontingenz ist etwas so Unwahrscheinliches wie Kommunikation möglich.
Als autopoietisches und operativ geschlossenes System kann nur Kommunikation sich selbst wahrscheinlich machen, die Chance auf Annahme von Mitteilungen maximieren und das Risiko deren Ablehnung minimieren. Darin liegt die Bedeutung von Luhmanns viel zitierter Aussage, dass nur Kommunikation kommuniziere.
Kommunikation kann aber auf ihre eigene Kontingenz stossen. Es stellt sich dann die Frage: Wie weiterfahren? So wie bisher? Oder ganz anders? An diesem Punkt kommt Kultur ins Spiel.
Wie Dirk Baecker in seinem Büchlein «Wozu Kultur?» festhält, entzieht sich der Kulturbegriff – als Begriff erster Ordnung – jeder Möglichkeit einer Definition (vgl. 2003: 33). Es ist unmöglich, abschliessend zu definieren, was Kultur ist. Wird Kultur hingegen als Begriff zweiter Ordnung aufgefasst und danach gefragt, wie Kultur als Kultur funktioniert, dann erhält der Kulturbegriff einen spezifischen Sinn.
Für Baecker besteht die Funktion der Kultur, also das Wozu, darin, dass sie innerhalb einer sozialen Ordnung diese soziale Ordnung gleichzeitig als bedroht und erhaltenswert darstellt (vgl. ebd.: 37). In dieser «doppelten Bewegung» sieht er das Potenzial von Kultur, soziale Ordnung zu sichern und zu verändern.
Bei Kultur geht es also um Sicherheit und Unruhe. Es geht um Erhalt und Verändern. Es geht um Tradition und Fortschritt. Es geht um Bestätigung und Kritik. Und: Es geht auch um Konsens und Offenheit. Kultur ist nach Baecker der gesellschaftliche Einwand von Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit der Gesellschaft (vgl. ebd.: 83).
Im Anschluss an Heinz von Foerster und Luhmann diskutiert Baecker in «Wozu Kultur?» (vgl. 2003: 120ff) und später in seinem Aufsatz «Niklas Luhmann und die Kultursoziologie» (vgl. 2019a: 4) die These der doppelten operativen Schliessung von Systemen bzw. von sozialen Systemen. Auf der Ebene erster Ordnung schliessen sich soziale Systeme durch Fortsetzung der Kommunikation mit den Mitteln der Kommunikation. Und auf der Ebene zweiter Ordnung schliessen sie sich durch eine mitlaufende Kommunikation über Kommunikation.
Kultur lässt sich phänomenologisch als Metakommunikation beschreiben.
Wie hinsichtlich der Unterscheidung von Medium und Form festgestellt, zeichnet sich ein Medium durch eine lose gekoppelte Menge von Elementen aus, die sich nach bestimmten Selektionen zu strikt gekoppelten Elementen verknüpfen lassen und so Formen bilden. Mit Blick auf Kultur stellt sich demnach die Frage, worin sich Metakommunikation von Kommunikation bezüglich Medium und Form unterscheiden.
Kultur als Medium
Psychische und soziale Systeme operieren immer im Universalmedium Sinn. Sinn zeichnet sich nach Luhmann aus durch die Einheit der Differenz von Aktualität und Möglichkeit (vgl. 2018a: 98ff, 2015: 44ff). Indem psychische und soziale Systeme Sinn prozessieren, aktualisieren sie jeweils eine bestimmte Sinnform als strikt gekoppelte Elemente und verweisen zugleich auf andere mögliche Sinnformen als lose gekoppelte Elemente.
Unter Sinnformen als lose gekoppelte Elemente können wir uns beispielswiese die Wörter und unter Sinnformen als strikt gekoppelte Elemente die Sätze einer natürlichen Sprach vorstellen. Psychische Systeme formen in Gedanken und soziale Systeme in Kommunikationen lose gekoppelte Wörter temporär zu strikt gekoppelten Sätzen. Dabei wird einerseits das mediale Substrat, lose gekoppelten Wörter, nicht verbraucht. Und andererseits werden für Gedanken bzw. Kommunikationen verwendbare Sinnformen, strikt gekoppelte Sätze, aktualisiert.
Beim Aktualisieren von Sinnformen stehen immer verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Etwas kann so oder anders gedacht oder gesagt werden. Deshalb erklärt Luhmann: «Sinn besagt, dass an allem, was aktuell bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfasst sind. Jeder bestimmte Sinn meint also sich selbst und anderes» (2015: 48).
Sinnprozessierende Systeme nehmen in jeder Situation eine bestimmte Sinnform in Anspruch und berücksichtigen zugleich, annehmend oder ablehnend, andere mögliche Sinnformen mit. Der daraus resultierende Sinnüberschuss bildet das Medium, in dem Folgegedanken bzw. Anschlusskommunikationen möglich sind.
Mit Blick auf soziale Systeme können wir festhalten, dass Sinn das Medium ist, in dem Kommunikation operiert und sich mit dem Sinnüberschuss gleichzeitig ihr eigenes Medium schafft.
Es stellt sich nun die Frage, ob Sinnüberschuss auch das Medium von Metakommunikation sein kann. Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns näher mit den Möglichkeiten auseinandersetzt, die der Sinnüberschuss in Kommunikationen zur Verwendung bereitstellt.
Welche Kommunikationen an Kommunikationen anschliessen, ist zwar kontingent, aber nicht beliebig. Wenn eine Person von einer anderen eine Auskunft einholt, sind viele, aber eben nicht beliebig viele Antworten möglich. Beim prozessieren von Sinn eröffnet sich immer eine Möglichkeitsspielraum, dessen Grenzen alternative Sinnformen einschränkt. Ohne diese Einschränkung würde Kommunikation als autopoietisches und operativ geschlossenes System sich permanent selbst irritieren (vgl. Reinhardt 2005: 72).
Die Sinngrenze eines Möglichkeitsspielraums wird durch Erwartungen festgelegt. Sie strukturieren das Prozessieren von Sinn in der Zeitdimension hinsichtlich der zulässigen Relationen von Sinnformen. Bei sozialen Systemen spielen dabei Codes und Programme eine zentrale Rolle. Als binäre Schematismen schliessen Codes immer dritte Sinnformen aus: Eine wissenschaftliche Kommunikation beispielsweise ist entweder wahr oder falsch, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und Programme legen Kriterien für die korrekte Zuschreibung weiterer Sinnformen zu den Codes fest. So legt etwa das Programm der Wissenschaft (Theorie und Methoden) die Kriterien fest, gemäss denen Wahrheit als Wahrheiten kommuniziert werden kann. Wir haben es bei Sinngrenzen immer mit Strukturen sozialer Systeme zu tun, die den erwartbaren Möglichkeitsspielraum von Sinnformen einschränken.
Indem aber soziale Systeme mittels Strukturen die Relationen von möglichen Sinnformen einschränken und damit die Anschlussmöglichkeiten von Kommunikation erhöhen, schliessen sie immer auch etwas aus.
Urs Stäheli spricht in seiner «Soziologie der Entnetzung» mit Blick auf dieses Etwas von «Anschlusslosigkeit» (2021: 136ff). Er verortet sie im nichtsystemischen, alogischen Alltag mit all seinen problematischen Situationen: «Der Alltag kann kein System sein; er lässt sich in seiner Flüchtigkeit mit Hilfe von Alter/Ego-Konstellationen nicht bannen. Am ehesten kann er als ein Erfahrungsraum verstanden werden, der aber ohne Kohärenz ist. Der Alltag ist immer unabgeschlossen, zudem insignifikant – und damit vor jeder Sinnhaftigkeit positioniert, aber, so Blanchot [Maurice Blanchot, Anm. CMS], zugleich Grund aller Sinnprozesse» (2021: 138).
Luhmann selbst scheint sich dieses Sachverhalts durchaus bewusst gewesen zu sein, wenn er schreibt: «Mit dieser These universeller, selbstreferentieller Formbindung allen sinnhaften Prozessierens ist natürlich nicht gesagt, dass es ausser Sinn nichts gibt. […] An die Stelle solcher Titel [gemeint sind: Genuss, Faktizität, Existenz, Transzendenz, Anm. CMS], deren Sinn das nicht decken kann, was sie meinen, könnte heute die Einsicht treten, dass die Genese und Reproduktion von Sinn einen Realitätsunterbau voraussetzt, der seine Zustände ständig wechselt. Sinn entzieht diesem Unterbau dann Differenzen […], um differenzorientierte Informationsverarbeitung zu ermöglichen» (2018a: 97).
Baecker verweist mit Blick auf dieses Etwas auf einen dritten Wert, dem «tertium datur» als Einspruch gegen alles, was diese Gesellschaft in Form des Entweder-Oder zu bringen können glaube (vgl. 2003: 106). Er spielt damit auf die klassische Logik an, gemäss der für eine beliebige Aussage nur die Aussage selbst oder ihr Gegenteil gelten kann. Eine dritte Möglichkeit kann es nicht geben.
Dieser dritte Wert als ausgeschlossene Möglichkeit erfüllt ihm gemäss zwei Funktionen (vgl. 2003: 110f). Einerseits erlaubt er es, die binären Schematismen sozialer Systeme sowohl anzunehmen als auch abzulehnen. Dabei beruht die Annahme auf der selektiven Ablehnung mehrdeutiger Einwände gegen die eindeutigen Codes sozialer Systeme. Erinnern wir uns: Bei Kultur geht es immer um Sicherheit und Unruhe. Durch Annahme bzw. selektive Ablehnung versichert sich eine soziale Ordnung ihrer selbst und bleibt doch immer auch etwas verunsichert.
Andererseits verbindet die Gesamtheit dieser dritten Werte die Gemeinsamkeit, dass sich soziale Systeme durch selektive Ablehnung immer auf sie beziehen. Die Gesamtheit der dritten Werte als ausgeschlossene Möglichkeiten bildet dadurch ein Kondensat an Überschusssinn. Dieser resultiert nach Luhmann aus dem Zusammenwirken aller Kommunikationsmedien (Verstehens-, Verbreitungs- und Erfolgsmedien), indem Sinnformen kondensiert und zugleich auch konfirmiert werden (vgl. 2015: 409).
Kondensieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine bestimmte Sinnform in verschiedenen Situationen immer dieselbe bleibt. Damit wird ein Verweisungszusammenhang zwischen einer spezifischen Sinnform und einem spezifischen Sachverhalt hergestellt, der zur Wiederbenutzung in Kommunikationen zur Verfügung steht. Wir haben es beim Kondensieren also mit einem Prozess des Spezifizierens zu tun.
Konfirmieren indes bedeutet, dass eine bestimmte Sinnform in verschiedenen Situationen bestätigt wird und sich gleichzeitig mit neuen «Bedeutungen anreichert» [sic]. Dabei entsteht ein Überschusssinn, der über den jeweiligen Sachverhalt hinausreicht. Beim Konfirmieren haben wir es also mit einem Prozess des Generalisierens zu tun. Wobei Generalisierung immer als Einschränkung des Möglichen (Bestätigung) und zugleich als Sichtbarmachen neuer Möglichkeiten (Anreicherung) zu verstehen ist.
Der dergestalt produzierte Überschusssinn umfasst die potenziellen Einwände der Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit sozialer Systeme. Wir können ihn im «Alltag» verorten, wir können ihn «Realitätsunterbau» nennen oder als «dritte Werte» bezeichnen.
Wir folgen in diesem Zusammenhang einem Vorschlag von Jochen Hörisch. Der Literatur- und Medienwissenschaftler bezeichnet in seinem Buch «Bedeutsamkeit» bedeutsame Sachverhalte als Sachverhalte, denen sinnprozessierende Systeme zwar keinen Sinn abverlangen können, dennoch aber davon ausgehen, dass sie von Bedeutung sind. Er sieht Bedeutsamkeit deshalb als ein dem Sinn zugrundeliegendes Medium: «Bedeutsamkeit ist ein Medium, Sinn ist eine Form. Bedeutsamkeit liegt Sinn voraus, denn Bedeutsamkeit ist die Möglichkeitsbedingung von Sinn» (2009: 16).
Baecker erkennt im Begriff der Interpretation durchaus eine Parallele zwischen einer literatur- und sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Kultur als Medium: «Interpretation in einem modernen Verständnis hat jedoch vor allem etwas mit der Erzeugung von Mehrdeutigkeit, von Überschusssinn, von bisher nicht gesehenen Bedeutungen zu tun. Interpretation ist die Eröffnung eines Sinnhorizonts, der als endlich, aber unausschöpfbar gilt. Er ist endlich, weil er nur im Verhältnis zu den Interpretationen einer konkreten Kultur existiert. Und er ist unasschöpfbar, weil diese Interpretationen nicht zu einem Ende zu bringen sind» (2003: 80).
Wenn wir nun die Frage nach dem Medium der Metakommunikation beantworten wollen, dann vermuten wir, dass Bedeutsamkeit das Medium ist, in dem Metakommunikation operiert und sich mit dem Überschusssinn ihr eigenes Medium schafft.
Mit Blick auf die These der doppelten Schliessung halten wir also fest, dass soziale Systeme auf der Ebene der ersten Schliessung mit den Mitteln der Kommunikation Sinn und dass sie auf der Ebene der zweiten Schliessung mit den Mitteln einer parallel mitlaufenden Kommunikation Bedeutsamkeit prozessiert.
Kultur als Form
Wenn wir Bedeutsamkeit als Medium der Metakommunikation auffassen, dann stellt sich die Anschlussfrage nach deren beobachtbaren Formen. Denn Bedeutsamkeit wird – wie jedes Medium – erst durch seine konkreten Formungen temporär aktualisiert und damit wahrnehmbar.
Beobachten wir Metakommunikation im Kontext von Kultur auf ihre Formen hin, dann können wir nach Baecker folgende Auffälligkeit feststellen (vgl. 2003: 105f): Zum einen lässt sich Metakommunikation wie Kommunikation als Beobachtung von Unterscheidungen beschreiben. Zum anderen unterscheidet sich die Beobachtung von Metakommunikation in spezifischer Hinsicht von jener der Kommunikation. Der spezifische Unterschied liegt darin, dass die Beobachtung von Metakommunikation als Einwand der Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit sozialer Systeme auffällig wird.
Metakommunikation ist der kommunikative Einwand ausgeschlossener Möglichkeiten gegen die eindeutigen Unterscheidungen der Kommunikation. Kultur als Form bedeutet demnach die Möglichkeit, dass das in Kommunikation Ausgeschlossene über Metakommunikation wieder eingeführt wird. Etwas zugespitzt könnten wir sagen: Die eindeutigen Unterscheidungen sozialer Systeme lösen und der kulturelle Einwand der Mehrdeutigkeit schafft Probleme. Dieser Widerspruch wird nach Luhmann durch eine vergleichende Kontrolle handhabbar gemacht.
«Eine strukturelle Analyse der möglichen Kulturformen», so Luhmann, «könnte beim Problem des Vergleichs und der Kontrolle ansetzen» (2015: 410). Die Wiedereinführung von Mehrdeutigkeit durch Metakommunikation erzwingt einen fortlaufenden Vergleich mit alternativen Möglichkeiten. Und Kontrolle, so betont Luhmann, habe mit dem Bewusstsein zu tun, dass sich die Wiedereinführung von Mehrdeutigkeit eben nicht vollständig kontrollieren lasse (vgl.: ebd.).
Dennoch vermag Kultur als Metakommunikation die Kommunikation zu regulieren und vollzieht damit die zweite Schliessung sozialer Systeme. Hierin liegt das Zusammenspiel von Kommunikation und Metakommunikation, die «doppelte Bewegung», in dem soziale Systeme, beobachtend und vergleichend, sich bald ihrer selbst versichern, bald beunruhigen.
Mit der vergleichenden Kontrolle eröffnet sich eine interessante Parallele zu Harrison C. Whites Hauptwerk «Identity and Control». Gemäss seiner Analyse von Netzwerkstrukturen sind Identitäten in Netzwerkdomänen fortlaufend damit beschäftigt, dergestalt auf das Beziehungsgeflecht einzuwirken, dass sie ihre eigene Position kontrollieren können.
Die Erweiterung der Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten gehen nach Luhmann einher mit der Evolution von Kommunikationsmedien. Sie beginnt mit der Schrift und setzt sich über den Buchdruck bis hin zum Computer fort (vgl.: 2015: 410). Mit dieser Beobachtung verweist Luhmann auf die Funktion der Kommunikationsmedien als soziales Gedächtnis. Denn erst die Fixierung von Sinnangeboten erweitert die Möglichkeit des vergleichenden Kontrollierens über Raum und Zeit hinweg.
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Mit Blick auf die Medienepochen hält Luhmann in seiner im Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld gehaltenen Vorlesung «Einführung in die Systemtheorie» fest, dass sich mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums jeweils auch die Techniken für die Annahme von Kommunikation – in Form eines «Kulturrevolutionsprograms» – veränderten.
Zum Zeitpunkt seiner Vorlesung stellte er sich jedoch auch die Frage, ob eine «reflektierte Verständigung» nicht auch auf Basis von Ablehnung möglich sei. Konkret: Ob es nicht die Möglichkeit gebe, «den anderen bei seiner Überzeugung zu belassen, ihn nicht zu bekehren, ihn nicht zu einem aufrichtigen Ja zu bringen, aber eine Verständigung zu erreichen, die genau diese Toleranz des Neins gleichsam für den Moment und auf Widerruf neutralisiert. Das Nein bleibt als Wahrscheinlichkeit vorhanden, aber man verständigt sich, wir machen es mal so, mal so. Mal bekommst du recht, mal bekomme ich recht. Wir steigern etwa die Unsicherheit in Bezug auf das Richtige so stark, dass man etwas ohnehin nur noch pragmatisch machen kann und dass es letztendlich egal ist, sofern die Positionen widerrufbar bleiben» (2020: 297f).
Luhmann stellte damals diese Überlegungen mit Blick auf die Forschung im Bereich von Risikotechnologien (z.B. Kernenergie) an. Diese Überlegungen scheinen unseres Erachtens aber auch einen guten Ausgangspunkt für die Erkundung einer neuen Kulturform der nächsten Gesellschaft zu sein.
Vorausschauend skizzierte Luhmann: «Es könnte also sein, dass unser bisheriges Kulturprogramm, wenn man es einmal so nennen darf, der Rhetorik, Persuasivtechnik, Beweisführung, Herrschaft, Geld oder Liebe (als ein Kommunikationsphänomen) die Grenzen dieser Technik erreicht hat und dass wir auf harte Weise lernen müssen, mit Verständigungen zu arbeiten, die nicht als Durchgriff auf wirkliche Meinungen konzipiert sind. So ähnlich wie in der Zeit des mühsamen Lernens religiöser Toleranz» (2020: 298f).