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|6. Kapitel - Pflichterfüllung in banger Zeit: Die Feldpost im Aktivdienst 1939-1945|

6.1 Ihre Organisation
Bei der Mobilmachung am 2. September 1939 war der FP-Dienst für seine Aufgabe besser vorbereitet als 1914. Der soeben neu ernannte FP-Direktor Major Hans Frutiger (1940 Oberstleutnant, 1945 Oberst) war deshalb imstande, den Betrieb dank zeitgemässer Organisation und zweckdienlich ausgebildetem Personal von Anfang an reibungslos zu führen. Bereits am 29. August waren die Grenztruppen und mit ihnen 17 FP eingerückt.
Gleichzeitig war die Funktion der zivilen Militärpost-Sammelstellen an die FP übergegangen. Am ersten Mobilmachungstag, am 2. September 1914, folgte das Gros der Armee einschl. 13 FP (ca. 430'000 Mann).
Bald erwies es sich als unerlässlich, entsprechend der territorialen Streuung der Truppeneinheiten weitere FP zu schaffen, so dass nach einem Monat bis zu 40 FP gleichzeitig im Dienst standen, wobei diese nötigenfalls
rund um die Uhr arbeiteten.
Der FP-Dienst verfügte kurz vor dem Krieg, am 1. Januar 1939, noch über einen Bestand von 1012 Mann, ohne die nicht ständigen Truppen-FP-Ordonnanzen. Schon im September genügte diese Zahl nicht mehr den massiv gesteigerten Anforderungen, weshalb laufend weitere Wehrmänner aus verschiedenen Waffengattungen beige-
zogen und auf Ende Jahr endgültig zum FP-Dienst umgeteilt werden mussten.
Im Jahre 1940 erhielten die FP erstmals 125 FHD (Frauenhilfsdienst) zugeteilt, welche sich bald bestens bewähren sollten. Die ausschliesslich im FP-Dienst eingesetzten Motorfahrzeugführer wurden im Mai 1943 ebenfalls umgeteilt. Damit erhöhte sich der Gesamtbestand des FP-Dienstes bis 1. Januar 1945 praktisch auf Regimentsstärke: 206 Offiziere, 376 Sekretäre (Uof), 832 Packer (z.T. Uof), 1153 ständige Ordonnanzen
(z.T. Uof), 105 FHD, 72 Motorfahrer; Total 2744.
In dieser Zahl sind, besonders bei den FP-Soldaten, zahlreiche Leute enthalten, die im Zivil nicht bei der Post arbeiteten. Damit verfolgte man den Zweck, die an Personalmangel leidende Zivilpost möglichst zu schonen. Die grosse Vermehrung seit 1939 war durch die folgenden Ursachen bedingt: allgemein grösserer Truppenbestand, neue Truppenkörper und Einheiten, intensiverer Postverkehr der einzelnen Wehrmänner. Ab 1942 wurden alle neuernannten FP-Leutnants jährlich zu einem sechs bis zehntägigen FP-Kurs aufgeboten.
6.2. Die Postversorgung der Truppe
Den FP dienten sechs von der FPD herausgegebene und exakt nachgeführte FP-Leithefte. Anfangs September 1939 enthielten diese Verzeichnisse noch 3840 Positionen, deren Zahl bis 1945 auf rund 10'000 anwuchs.
Zweimal täglich teilte die FPD den FP die Änderungen telegrafisch mit. Von 1939 bis 1945 wurden 118'694 Mutationen in den Leitheften nachgetragen.
Der Nach- und Rückschub erfolgte über die Fassungsplätze, oft gemeinsam mit der Verpflegung, wobei dieselben Fahrzeuge benützt wurden. Dabei entwickelte sich eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den FP- und den Verpflegungstruppen.
Diese Aktivdienstzeit unterschied sich von den früheren Mobilisationsperioden besonders durch die zahlreichen an verstreuten Standorten untergebrachten Spezialeinheiten, deren Postversorgung oft nur unter Schwierigkeiten gesichert werden konnte.
Es gab z.B. Kompanien, die in 10 bis 20 Gruppen an weit auseinander liegenden Einsatzorten aufgesplittert waren. In vielen Fällen teilte man solchen kleinen Detachementen eigene FP-Nummern zu, welche die rasche und genaue Umleitung und Zustellung wesentlich erleichterten. Insgesamt wurden bis 1945 ca. 1100 FP-Nummern belegt.
Die FP waren oft in Turnhallen untergebracht, während die FP-Lokale bei der Truppe in behelfsmässigen Räumen eingerichtet wurden. Wie bereits 1914-1918 unterhielten die FP wiederum sorgfältig nachgetragene Karteien als Grundlage für die Postbedienung der Militärsanitätsanstalten, die an vielen Standorten erstellt worden waren. Die Eisenbahnen bildeten wie während des 1. Weltkrieges erneut das Rückgrat im Transportnetz des FP-Dienstes.
Um die zivile Bahnhpost zu entlasten und die Beförderung der FP-Sendungen allgemein zu beschleunigen, organisierte man sogar regelmässige Bahnpostkurse für die FP, d.h. eigentliche Militärbahnposten, die nicht selten von FP-Personal begleitet waren und in welchen unterwegs die Sendungen nach Einheiten, FP-Nummern usw. sortiert werden konnten.
Praktisch setzte man alle geeigneten und verfügbaren Transportmittel im FP-Dienst ein: Handkarren, Fahrräder, Motorräder, Fuhrwerke, Lastwagen, Lasttiere, Träger, Skifahrer, Luftseilbahnen. Der intensive FP-Verkehr führte naturgemäss zu einer Vermehrung des Betriebs- und Büromaterials, welches laufend von der Zivilpost geliefert wurde.

Darunter befanden sich Postsäcke, Sackspanner bzw. -gestelle, Sortierfachgestelle, Rollwagen und Umladekarren, Ledertaschen, ca 11 Mio Sackflaggen, dazu Formulare usw. Einen Teil dieses Materials im Gesamtwert von über 1 Mio Franken erhielten die FP kostenlos von der PTT.
Alle Truppenrechnungsführer hatten den Befehl erhalten, eine Postcheckrechnung zu eröffnen und ihren Zahlungsverkehr damit möglichst bargeldlos abzuwickeln. Damit konnte das Risiko, welches Bargeldbestände und -zahlungen nicht zuletzt auch im FP-Verkehr mit sich bringen, auf ein Minimum beschränkt werden.
Der Gesamtverkehr des FP-Dienstes von 1939 bis 1945 übertraf denjenigen von 1914 bis 1918 um mehr als das Dreifache:
Der Gesamtbetrag der mit Postanweisungen und Einzahlungsscheinen erledigten Zahlungsaufträge belief sich auf Fr. 361'265'535.-. Jeder Wehrmann erhielt durchschnittlich in drei Tagen zwei Briefe und versandte ebenso viele. Jeden fünften Tag empfing er ein Wäschesäcklein oder ein Paket und jeden sechsten Tag versandte er
ein solches.
Der durch die militärische Portofreiheit verursachte Taxausfall zulasten der PTT erreichte 1939-1945 die enorme Summe von ca. 120 Mio Franken, im Durchschnitt 20 Mio Franken pro Jahr. Zum Vergleich: 1944 betrugen die gesamten Verkehrseinnahmen der Post 172,7 Mio Franken.
Für Geschenksendungen und die sog. Armeepakete an die Wehrmänner zur Weihnachts- und Osterzeit setzte man jeweils während kurzer Zeit die Gewichtsgrenze für portofreie Beförderung auf 5 kg herauf. Die Festtage bedeuteten für die FP ein hohes Mass an Mehrarbeit.

Das Fundbüro der FPD hatte sich während des Aktivdienstes mit rund 11'000 Paketen und Wäschesäcklein sowie mit gegen 190'000 Briefpostsendungen zu befassen, die wegen ungenügender oder fehlender Adresse nicht rechtzeitig zugestellt werden konnten. Weitaus der grösste Teil davon gelangte nach erfolgreicher Nachforschung doch noch an den rechtmässigen Empfänger.
Von insgesamt 38'640 vermissten FP-Sendungen blieben nur 9'330 Pakete und 1877 Briefe endgültig unauffindbar. Ab Juli 1943 erhielten die Wehrmänner die uneingeschriebenen Wäschesäcklein und Pakete nur noch gegen Unterschrift ausgehändigt. Daraufhin sank die Zahl der Nachforschungen und Verluste merklich ab.

Nach der offiziellen Beendigung der Aktivdienstzeit (20. August 1945) durften die Verantwortlichen des FP-Dienstes mit Genugtuung und berechtigtem Stolz auf eine erfolgreiche Zeit bestandener Bewährung unter oft schwierigen und hektischen Begleitumständen zurückblicken.
Wenn auch der Schweiz und ihre Armee die äussere Feuerprobe des Krieges und der feindlichen Besetzung wiederum erspart blieb, so hat dennoch der FP-Dienst als täglich verfügbares und leistungsfähiges Bindeglied zwischen Volk und Armee dank einer ausgezeichneten Organisation und des engagierten Einsatzes aller Feldpöstler einen wesentlichen Beitrag zum innern Zusammenhalt unserer Nation in einer Periode ständiger Bedrohung leisten dürfen.
Diese Tatsache wird im Bericht des Generalstabschefs der Armee über die Aktivdienstzeit 1939-1945 mit nüchternen Worten eindrücklich bestätigt: "Die Feldpost sah sich gleich zu Beginn des Aktivdienstes vor eine sehr grosse Aufgabe gestellt. Sie hat sich dieser gewachsen gezeigt. Durch eine zuverlässige und rasche Postvermittlung hat sie viel zum guten Geist der Truppe beigetragen.
Die Stäbe und Einheiten erhielten schon am Einrückungstag ihre Post. Nachher wurden ihnen die Pakete einmal und die Briefpost zweimal täglich zugestellt. Die Wehrmänner schätzten namentlich die rasche Zustellung der Tageszeitungen".
6.3. Der Postdienst für ausländische Kriegsgefangene und Internierte
Auch während des 2. Weltkrieges hatte sich der FP-Dienst mit der Postversorgung von insgesamt rund 90'000 internierten ausländischen Soldaten in unserem Land zu befassen. Der erste Schub kam im Sommer 1940 (ca. 40'000 Mann, vor allem Polen und Franzosen).
Später folgten Italiener, Britten, Russen und 1944/45 auch Deutsche. Darunter gab es viele entwichene Kriegsgefangene und auch Deserteure. Bis Kriegsende belief sich deren Postverkehr auf insgesamt 24 Mio Sendungen; gleichzeitig wurden per Postanweisung ca. 17 Mio Franken vermittelt.
Als Grundlage diente wiederum eine von der FPD unterhaltene Kartei mit den Mane und Standorten aller Internierten. Bis 1945 mussten darin gegen 543'000 Mutationen nachgetragen werden. Das FP-Büro für die Interniertenpost befand sich 1940 bis 1944 in Münchenbuchsee und gegen Kriegsende in Gümligen bei Bern.

Die Interniertenpost hatte vor der Zustellung eine Kontrolle durch die Zensur zu durchlaufen und musste deshalb zuerst an die FPD geleitet werden. Der eigentliche Zustell- und Aufgabedienst in den Lagern fand unter der ständigen Überwachung durch die FPD statt, wobei internierte Postbedienstete die Zustellung sowie Betriebs- und Verwaltungsaufgaben besorgten.
Fünf Befehle und Anleitungen der FPD betr. die Interniertenpost erschien nicht bloss in den drei Amtssprachen, sondern auch in englisch, polnisch, serbisch, griechisch und russisch. Den Internierten wurde wiederum die Portofreiheit zugestanden, ebenso, im Sinne der Gleichbehandlung, den entwichenen Kriegsgefangenen und den Deserteuren.

6.4. Der Posttransit für Kriegsgefangenen im Ausland
Dieser Verkehr beanspruchte unsere Zivilpost während des 2. Weltkrieges weit weniger als 1914 bis 1918, vor allem deshalb, weil dieser Postaustausch zum Teil ohne Mitwirkung des neutralen Drittlandes Schweiz stattfand:
Die zahlreichen in Grossdeutschland und in Italien befindlichen Kriegsgefangenen aus den besetzten Nachbarstaaten erhielten und versandten ihre Sendungen auf dem direkten Weg von und nach ihren Heimatländern.
Die von Grossbritannien und aus der unbesetzten Zone Frankreichs (bis 1942) herkommenden Liebesgabenpakete für die Gefangenen in den Achsenländern sind via Schweiz in der Regel ohne Sortierung und meist wagenweise weiterbefördert worden. Es handelte sich zur Hauptsache um Standartpakete des Britischen Roten Kreuzes, welche über das IKRK in Genf liefen.
Wegen Platzmangels musste man sie ab Dezember 1941 in Vallorbe zwischenlagern, von wo aus sie auf Abruf Wagen für Wagen per Bahn via Freiburg i.Br. an die zahlreichen Gefangenenlager im Reich weitergeleitet wurden. Ab 1943/44 vermehrten sich die Sendungen, vor allem die Briefpost, für eine zunehmende Zahl von deutschen Kriegsgefangenen in Grossbritannien und Nordamerika.
In den letzten Kriegsmonaten gelangten grosse Mengen Post für die allierten Kriegsgefangenen nach Genf, welche vorher auf dem Luftweg von New York und London in Paris eingetroffen waren. Sämtliche Kosten der von 1939 bis 1945 von der Schweizer Zivilpost geleisteten Transitdienste - der FP-Dienst war wiederum nur am Rande daran beteiligt - im Gesamtbetrag von über 1,2 Mio Franken gingen vollumfänglich zulasten der PTT-Verwaltung.
Diese Kriegsgefangenenpost durch unser Land erreichte während des 2. Weltkrieges die folgenden Verkehrszahlen:
In diesem Zusammenhang sei an die vielen Hilfswerke zugunsten der Kriegsopfer erinnert, denen im üblichen Rahmen die Portofreiheit zugestanden wurde. Von überragender internationaler Bedeutung unter all diesen Organisationen war wiederum das IKRK in Genf, dessen segensreiche humanitäre Tätigkeit sich keineswegs auf die blosse Weiterleitung der Kriegsgefangenenpost beschränkte.
Die Organe der Schweizerischen PTT-Verwaltung standen in ununterbrochener enger Fühlung mit diesem weltweit anerkannten Hilfezentrum, dessen eigener Briefpostverkehr schliesslich auf durchschnittlich 100'000 Sendungen pro Tag anschwoll. Als die Zerstörung vieler Verkehrswege und die andauernden Kriegshandlungen den Postverkehr in den Nachbarländern verunmöglichten, organisierte das IKRK eigene Autokolonnen, um die Liebesgabenpakete an ihre Bestimmung zu bringen.

Quellenangabe:
Festschrift: "100 Jahre Feldpost in der Schweiz 1889 - 1989" von Arthur Wyss , herausgegeben im Jahre 1989 im Auftrage der Generaldirektion PTT, Bern. Wir danken herzlich dem Autor und der Herausgeberin für die freundliche Zustimmung um Verwendung
von Bild- und Textmaterial. Sämtliche Urheberrechte verbleiben bei Die Schweizerische Post, Bern.