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Das Weihnachtsevangelium von Paulus
von Prof. Dr. Dieter Hermann
Inhaltsverzeichnis
Weihnachten - ein besonderes Fest
Wir feiern an Weihnachten also nicht nur die Menschwerdung von Gottes Sohn, sondern vor allem die Liebe Gottes, die darin zum Ausdruck kommt. Eine Liebe, die so groß ist, dass sie auch vor einer radikalen Selbsterniedrigung nicht Halt machte. Die Menschwerdung Christi bedeutet nicht, dass er sich als Mensch verkleidete, sie bedeutet, dass er die Herrlichkeit beim Vater verließ und ganz Mensch, sogar Knecht wurde (Phil 2:6-8).
Die Weihnachtsbotschaft in den Evangelien
Mit dem Begriff „Weihnachtsevangelium“ assoziieren wir in der Regel den bekannten Text aus dem Lukasevangelium: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben …“ (Lk 2:1-20). Lukas beschreibt in zwanzig Versen die Ereignisse um die Geburt Jesu. Diesen Sachverhalt drückt Matthäus in einem einzigen Satz aus: „… und er [Joseph] erkannte sie nicht, bis sie [ihren erstgeborenen] Sohn geboren hatte; und er nannte seinen Namen Jesus“ (Mt 1:25). Das Markusevangelium erwähnt die Geburt Jesu überhaupt nicht; dort beginnt die Beschreibung der Lebensgeschichte Jesu mit seiner Taufe. In der Einleitung des Johannesevangeliums wird der geistliche Hintergrund der Geburt Jesu beleuchtet. Er ist das wahrhaftige Licht, das in die Welt gekommen ist, er ist das fleischgewordene Wort Gottes, das von der Welt abgelehnt wird (Joh 1:9-14).
Die Weihnachtsbotschaft in den Paulusbriefen
Auch in den Paulusbriefen ist von Weihnachten die Rede, allerdings nicht so offensichtlich, wie im Lukasevangelium. Man findet die Stellen, wenn man nach den Begriffen ἐπιφαίνω (epiphaino=erscheinen) und ἐπιφάνεια (epiphaneia=Erscheinung) sucht. Diese Worte wurden in der griechischen Antike verwendet, um das Sichtbarwerden verborgener Gottheiten zu beschreiben. In der Bibel können sich die Begriffe auf die noch ausstehende sichtbare Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit beziehen (1Tim 6:14 / 2Tim 4:1), oder auf das bereits erfolgte Ereignis, also auf die Geburt Jesu, so in Tit 2:11 (… die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen) und in Tit 3:4-5 (Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschien, errettete er uns …). In beiden Titusstellen geht es um Heil und Rettung, aber zum einen bezieht es sich auf einen internen Kreis, auf „uns“, also auf die Gemeinde, zum anderen auf alle Menschen. Die Gemeinde ist selbstverständlich Teil der Menschheit, somit erscheint die Ausführung in Tit 3 überflüssig. Allerdings gibt es Unterschiede. Die Rettung vor der Macht der Finsternis (Kol 1:13) und die Rettung vor dem kommenden Zorn (1Thes 1:10) beispielsweise ist auf die Gemeinde beschränkt; in beiden Fällen verwendet Paulus das Wort „uns“. Die Rettung der Gemeinde umfasst somit mehr Aspekte als die Rettung aller Menschen. Neben einer allgemeinen Rettung, die allen Menschen zugutekommt, hat die Gemeinde das Privileg, vor bestimmten Bedrohungen errettet zu werden, nämlich vor der Macht der Finsternis und vor dem kommenden Zorn. Dies spricht für die Entrückung der Gemeinde vor den in der Offenbarung beschriebenen Gerichten.
Es gibt noch eine weitere Stelle in den Paulusbriefen, die auf die Geburt Jesu umfassend Bezug nimmt: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz, damit er die loskaufte, [die] unter Gesetz [waren], damit wir die Sohnschaft empfingen“ (Gal 4:4-5). In zwei knappen Versen wird mitgeteilt, was geschehen ist, wann dieses Ereignis stattfand, wie und wozu es geschehen ist.
Was ist geschehen? Gott sandte seinen Sohn − so wird es es auch in Joh 3:17 und 1Jo 4:9 beschrieben. Das im Galaterbrief verwendete griechische Wort für „senden“ ist ἀποστέλλω (apostello); somit wird der Sohn Gottes zum ersten Apostel. Jesus, der Apostel Gottes, beruft ebenfalls Apostel, die seinen Auftrag weiterführen.
Wann fand dieses Ereignis statt? Die Antwort: „Als die Fülle der Zeit kam“. Damit ist gemeint, dass eine Zeitepoche im Kalender Gottes zum Abschluss gekommen ist und somit das Ziel für diesen Zeitabschnitt (πλήρωμα - pleroma) erreicht wurde. So sah es auch Johannes der Täufer. Die Ankündigung der Geburt des Messias erfolgte durch die Proklamation, dass die Zeit erfüllt und das Reich Gottes nahe gekommen sei (Mk 1:15), wobei dies den räumlichen und zeitlichen Aspekt einbezieht.
Wie ist es geschehen? Zur Beschreibung der Umstände der Geburt des Messias verwendet Paulus zwei Aussagen: Geboren von einer Frau und geboren unter Gesetz. Damit macht er deutlich, dass der Sohn Gottes, wie jeder Mensch auch, von einer Frau geboren wurde, und, wie jeder Jude auch, unter dem Gesetz stand. Der Messias ist somit wahrer Mensch und gleichzeitig der Sohn Gottes − das ist die Kernbotschaft. Das heißt, dass Jesus nach wie vor den Sohnesstatus besaß, aber physisch gesehen ganz und gar Mensch war. Paulus erwähnt hier nur die Geburt. Über die Zeugung verliert er kein Wort, obwohl es in biblischen Geschlechtsregistern üblich war, die Väter aufzuführen (1Mo 5, Mt 1 und 1Chr 1-8). Für das Argument, dass Jesus sowohl der Sohn Gottes als auch Mensch war, spielt dies eine untergeordnete Rolle.
Wozu ist es geschehen? Auf diese Frage nennt Paulus zwei Zwecke, nämlich den Loskauf der Menschen, die unter Gesetz waren, sowie die Vermittlung der Sohnschaft. Diese knappe und prägnante Formulierung im Galaterbrief greift auf Erklärungen zurück, die an anderer Stelle gegeben werden. Was bedeutet „Loskauf“? Weshalb mussten die unter Gesetz losgekauft werden? Wer war unter Gesetz? Was bedeutet „Sohnschaft“? Wen meint Paulus, wen er von „wir“ redet?
Im Heidelberger Katechismus, der seit dem 16. Jahrhundert einer der am meisten verbreiteten Katechismen der reformierten Kirche ist, wird die Frage gestellt: Warum nennst du ihn [Jesus Christus] „unseren Herrn“? Die Antwort: „Er hat uns mit Leib und Seele von der Sünde und aus aller Gewalt des Teufels sich zum Eigentum erlöst und erkauft, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem teuren Blut, indem er sein Leben für uns gab. Diese Aussage ist biblisch fundiert: Mt 20:28 / 1Kor 6:20 / 1Kor 7:23 / 1Tim 2:5-6. Das Leben des Sohnes Gottes war der Kaufpreis und das Lösegeld für die Bindungen der Menschen, die aus dem Gesetz resultierten. Dabei ist nicht nur das Mosaische Gesetz gemeint, sondern auch fundamentale Gesetze wie die Aussage, dass der Tod eine Folge der Sünde sei (Hes 18:3-4), eine Erfahrung, die bereits die ersten Menschen machen mussten. Dieses universelle Gesetz gilt für alle Menschen (Röm 2:14-16). Gesetze haben nicht nur positive, sondern auch negative Aspekte; Paulus verwendet dazu den Begriff vom „Fluch des Gesetzes“. Dieser betrifft alle Menschen, und somit muss jeder von dem Fluch des Gesetzes befreit werden. Diese Befreiung war möglich, weil der Sohn Gottes diesen Fluch auf sich genommen hat − stellvertretend für alle Menschen; der Preis dafür war sein Leben (Gal 3:13).
Ein weiterer Zweck der Menschwerdung des Sohnes Gottes ist der Empfang der Sohnschaft für uns. Damit ist gemeint, dass Gott einem Menschen den Status „Sohn“ verleiht, wobei dies geschlechtsneutral zu verstehen ist. Dass Geschöpfe zu Söhnen Gottes werden, ist der Wille Gottes, wobei in Eph 1:5 noch betont wird, dass dies der Gott wohlgefällige Wille ist. Zur Sohnschaft gehört der Empfang des „Geistes der Sohnschaft“, mit dessen Hilfe ein sehr persönlicher Zugang zu Gott möglich ist. Dies ist insbesondere an der Kommunikation mit Gott erkennbar. Für einen Sohn ist Gott der Vater, der sogar besonders vertraulich mit „Abba“ angeredet werden kann, ein Vorrecht derer, die den Geist der Sohnschaft empfangen haben (Röm 8:15). Der Empfang der Sohnschaft bedeutet mehr als nur ein vertrauter Umgang mit Gott. Er beinhaltet auch die Erlösung des Leibes; eine Verheißung, die noch aussteht (Röm 8:23).
Die Verheißung des Empfangs der Sohnschaft wird in Gal 4:5 auf eine Gruppe bezogen, die mit „wir“ bezeichnet wird. Nach dem Textkontext könnte man hier an den Briefautor und die Empfänger des Briefes denken. Allerdings müsste dies auch für die Gemeinde in Ephesus gelten, denn auch dieser Brief enthält die Verheißung der Sohnschaft (Eph 1:5). Paulus verwendet in allen seinen Briefen den Ausdruck „wir“ oder „uns“, um Verheißungen Gottes zu beschreiben, sodass sich „wir“ nicht auf eine Ortsgemeinde beziehen kann, sondern auf die Gesamtgemeinde, auf die ἐκκλησία (ekklesia), die Gesamtheit aller Christen, unabhängig von Raum und Zeit.
Der Unterschied des Paulinischen Weihnachtsevangeliums zu den Weihnachtsbotschaften in den Evangelien ist, dass Paulus den Schwerpunkt auf den Zweck dieses Ereignisses gelegt hat, während in den Evangelien in erster Linie das Geburtsgeschehen beschrieben wird. In den Evangelien geht der Blick in die Vergangenheit. Dies wird bei Paulus auch berücksichtigt, aber der Schwerpunkt liegt auf dem Blick in die Zukunft. Dieser Aspekt kann graphisch veranschaulicht werden.
Die Bedeutung von Weihnachten
Paulus sah die Geburt Jesu sowie seinen Tod und seine Auferstehung praktisch immer als eine Einheit. Aus dieser Einheit ergeben sich dann alle genannten Auswirkungen und folglich ein theleologisches, auf Ziel und Zweck ausgerichtetes Verständnis von Weihnachten. Dies ist insbesondere in den Schriften von Paulus zu finden. Damit ist Weihnachten nicht nur ein Fest, das an die Geburt Jesu erinnern soll, also ein Geburtstagsfest. Gott hat uns mit Weihnachten ein Fest geschenkt, das eine vielfältige Bedeutung hat. Weihnachten heißt, wir feiern die selbstlose Erniedrigung des Sohnes Gottes, wir feiern, dass mit der Geburt Jesu ein völlig neues Kapitel im Heilsplan Gottes aufgeschlagen wurde und mit diesem Ereignis die Grundlage für die Befreiung vom Gesetz, für die „Adoption“ der Gemeinde als Söhne Gottes, für die Erlösung des Leibes, für die Rettung der Gemeinde aus der Macht der Finsternis, für die Rettung vor dem kommenden Zorn sowie für die Rettung aller Menschen gelegt wurde. Paulus beschreibt hier die Langzeitwirkung der Menschwerdung und Erniedrigung des Sohnes Gottes. Durch diesen Aspekt gewinnt Weihnachten eine Tiefe, die weit über das gängige Verständnis dieses Festes hinausgeht.