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«Ich möchte etwas Zeit kaufen», sagte der kleine hagere Mensch.
Der grosse Pinguin sah ihn ganz verdattert an.
Und der kleine Mensch, schon etwas nervöser: «Etwas Zeit, hätte ich gern.»
Dieser seltsame Dialog entspringt nicht etwa der Endzeit, sondern entspricht der schönen, neuen GenZeit.
«Zeit?» fragte der grosse Pinguin, schon etwas weniger verdattert.
Und der hagere Mensch erwiderte: «Zeit, ja Zeit, was kostet die bei Ihnen?»
«Zeit führen wir leider nicht» und etwas ironisch, «wenn sie vielleicht in ein paar Tagen wieder nachfragen…»
Der kleine Mensch fand dies aber gar nicht lustig und insistierte: «Zeit, Zeit, sagen Sie mir, was sie kostet und ich bezahle den Preis.»
Der grosse Pinguin dachte, wenn der das unbedingt haben will und ich es nicht im Sortiment führe, ja nicht einmal kenne, kostet das ganz bestimmt unheimlich viel, wahrscheinlich ist es beinahe unbezahlbar. Er stemmte seine beiden Flügel in die gutgenährte Hüfte, wetzte den Schnabel, wippte auf seinen beiden Flossen und sagte schalkhaft: «Sie sehen aber gar nicht aus wie Dagobert Duck, wie wollen Sie denn das bezahlen?» Dabei wusste der grosse Pinguin, der ein uraltes, schmuddeliges Comic auf die Seite legte, noch gar nicht, was der hagere Mensch eigentlich wollte.
Trotz GenZeit, denkenden und sprechenden Pinguinen funkten diese Menschen noch nicht ganz auf derselben Wellenlänge. Das hatten sie noch nicht geschafft. Die Tücken der GenZeit.
Der kleine Mensch dachte, dass im Lager bestimmt etwas Zeit vorhanden sei und hakte beim grossen Pinguin nach. Dieser erklärte ihm, was wirklich bei ihm eingelagert war: «Gletschereis, Nord- und Südpoleis, Grönlandeis, Feuerland- oder Alaskaeis. Driftende Eisschollen werden täglich geliefert. Oder wollen Sie etwas aus der Eiszeit?»
«Sehen Sie, da ist die Zeit stehen geblieben», rief der Mensch erfreut, «eingefroren».
«Erst vorhin», meinte der grosse Pinguin, «hat jemand ein paar alte Eiswürfel für einen Drink gewollt. Einen Drink mit viel Zeit, um zu vergessen, hat dieser noch gesagt.»
«Nicht vergessen, ich brauche Zeit, mehr Zeit, deshalb habe ich Sie aufgesucht.»
Aus bester Quelle sei ihm gesagt worden, das er im «carpe diem» die Zeit finde welcher er suche. Und nun endlich habe er das alte Gebäude gefunden, wo diese beiden Worte über dem Torbogen in Stein gemeisselt sind. Da solle doch er, als Pinguin, ihm nicht erzählen, dass er keine Zeit habe.
Der kleine, hagere Mensch war nicht grösser als ein Dreikäsehoch. Er war Vertreter der neuen Gattung Kleinmensch, die vom Homo Sapiens einst quasi herangezüchtet worden war, um Zeit zu gewinnen und andere Ressourcen zu erschliessen. Gerade auch um die zeitaufreibenden Staus auf den Autobahnen zu vermeiden. Kleinere Menschen, kleinere Bewegungsmittel, mehr Platz, kein Stau, entsprechend mehr Zeit. So war gedacht worden. Der Kleinmensch konnte gerade knapp über den Tresen sehen. Er erklärte sich dem grossen Pinguin und erläuterte sein Anliegen.
Dauernd habe er eine volle Agenda. Er führe eine alte, eine wie früher, auf Papierersatz und dazu die digitale, die visuellgesprochene. Trotz Planung habe er nie Zeit, sein Siebenundzwanzigstundentag sei einfach zu wenig. Er hetze von Termin zu Termin und könnte glatt das doppelte gebrauchen. Früher habe er noch mehr Zeit gehabt. Je älter er werde, desto weniger Zeit bleibe ihm. Seine Lebenszeit laufe ab. Er krempelte seine Ärmel hoch und zeigte dem grossen Pinguin seine Uhren. zwei links, eine rechts.
«Damit versuche ich die Zeit besser einzuteilen. Damit ich nicht zu spät komme, stelle ich die eine Uhr immer ein paar Einheiten vor.»
Den grossen Pinguin aber berührte dieses Anliegen nicht in der entferntesten Weise. Er dachte an Vorfahren vom kleinen Menschen, an das Volk der Maya, welche wohl nicht gross anders gewesen waren, sie führten gleich mehrere Kalender nebeneinander. Der grosse Pinguin wusste, dass er seinen Tag nutzte, wie es auch schon immer seine Vorfahren getan hatten. Er würde nie einen solchen Zeitmesser benutzen, wo es doch gar nichts zu messen gab. Er hatte wie seine Gattung schon lange verstanden, dass er sein Leben mit Tätigkeiten verbringt, welche im Einklang mit seinen Lebensvorstellungen und -zielen stehen, aber keineswegs dringend sind.
Der grosse Pinguin saget dem kleinen Menschen, dass er noch einmal ohne diese Uhren, welche ihn einteilen, durchs Leben gehen solle. «Legen Sie sie ab. Deponieren Sie sie bei mir.» Und der kleine, hagere Mensch begann, er begann zu sinnieren.
«Geben Sie mir etwas Zeit, ich werde darüber nachdenken», sagte der kleine Mensch zum grossen Pinguin, drehte sich auf seinem Absatz, um den Laden zu verlassen und sich vorübergehend zu verabschieden, auf Zeit sozusagen…