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Die 32-jährige Maja Neuenschwander knackte am Zürich Marathon unter garstigen Wetterbedingungen die Olympialimite von 2:33:00. Sie lief 2:31:56 Stunden nach dem Startschuss durchs Ziel. Das Ticket für die Olympischen Spiele 2012 in London steckte theoretisch bereits in ihrer Tasche, der Segen des Ausschusses von Swiss Olympic war – wie bei Viktor Röthlin – reine Formsache. Am 10. Mai selektionierten die Funktionäre aber nur den Marathon-Europameister. Und teilten mit: «Den Entscheid, ob auch Maja Neuenschwander für den Olympia-Marathon in London selektioniert wird, fällt der Selektionsausschuss von Swiss Olympic zu einem späteren Zeitpunkt.»
Grund dafür sind Neuenschwanders Tempomacher. Mit Thomas Mullis und Stephen Staehli hatte sie zwei starke Läufer an ihrer Seite. Zwei Gentlemen, die für sie den besten Weg fanden und ihr die Verpflegung organisierten – alles im Rahmen der internationalen Regeln. Mullis und Staehli liefen nämlich die vollen 42,195 Kilometer. In Neuenschwanders Tross befanden sich aber laut der Boulevardzeitung «Blick» auch Richard Kunz, Pierre Fournier und Jonny Morgenthaler. Sie hatten sich die Marathondistanz im Teamrun als Staffel, der regelmässig vier Läufer angehören, aufgeteilt. Die Staffelläufer werden in Zürich zwar zur gleichen Zeit, wie die Marathonis auf die Strecke geschickt.
Das internationale Reglement stipuliert allerdings, dass «Schrittmacherdienste von Athleten, die nicht im gleichen Rennen laufen, verboten» sind. Der Schweizerische Leichtathletik-Verband leistet Neuenschwander Schützenhilfe: «Die im selben Rennen mitlaufenden Staffelläufer des Team Bern hatten eine Backup-Funktion für den Fall, dass die Pacemaker ausgefallen wären.» Von diesen Staffelläufern habe Neuenschwander keine massgebliche Unterstützung erhalten.
Es sei nichts aussergewöhnliches, dass im selben Wettkampf ein Marathon als Staffelrennen stattfinde, argumentiert der Verband weiter. Und daraus ergäben sich zusätzliche Laufkonstellationen. Aus dieser Ausgangslage ergab sich jedoch keine bewusste Bevorteilung und damit auch kein Regelverstoss. Offenbar sind die Fakten für den Selektionsausschuss von Swiss Olympic nicht ganz so eindeutig auszulegen. Die Bernerin wartet noch immer auf das Verdikt und will sich vor dem Entscheid des Ausschusses nicht äussern.
Ein Chrampfi-Typ, der Olympia verdient
Soll Neuenschwander die Schweiz an den Olympischen Spielen in London vertreten? Diese Frage lässt mein Herz gegen meinen Verstand antreten. Maja Neuenschwander ist sympathisch. Der bodenständige Chrampfi-Typ, der nicht davor zurückschreckt, Herzblut an seinen Traum zu verlieren. Sie debütierte von sechs Jahren auf der Marathondistanz. Im Gegensatz zu Viktor Röthlin hat Maja Neuenschwander den Sport aber nicht zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist Gymnasiallehrerin mit einem 70-Prozent-Pensum und läuft wöchentlich bis zu 200 Kilometer.
Nach Franziska Rochat-Moser (2:25:51) und Chantal Dällenbach (2:30:34) ist die 32-Jährige die drittschnellste Schweizer Marathonläuferin. Eine andere Marathonläuferin von ihrem Kaliber hat die Schweiz derzeit nicht zu bieten. Trotz der Dienste ihrer zwei regulären Tempomacher war es die Bernerin, die 42,195 Kilometer lief – und niemand anders. Sie hat die Hilfe der Staffelläufer nicht in Anspruch genommen. Wer je einen Marathon bestritten hat, weiss, dass diese Leistung gebührend gewürdigt werden muss. Maja Neuenschwander hat sich die Olympialimite hart erkämpfen müssen, sie hat das Ticket nach London zweifellos verdient. Das ist das Plädoyer meines Herzens.
Ein schlechtes Zeichen
Mein Verstand agiert indes als advocatus diaboli: Maja Neuenschwanderhat als Spitzensportlerin Vorbildcharakter für Breitensportler und Junioren. Sie trägt damit eine gewisse Verantwortung ihrem Sport gegenüber. Ob Backup oder nicht, sie hat Tempomacher angeheuert, die nicht die volle Distanz liefen. Damit hat sie gegen die Regeln verstossen.
Ein weiterer, wenn auch für Neuenschwanders Zeit an sich irrelevanter Aspekt ist, dass das Team Bern aus nur drei statt der vorgeschriebenen vier Läufern bestand. Die Regeln gelten aber für Otto Normalläufer genauso wie für Spitzensportler. Wer sich nicht daran hält muss mit Konsequenzen rechnen. Swiss Olympic würde im Sinne eines Präjudizes ein schlechtes Zeichen setzen, würde der Ausschuss die Bernerin nach London schicken.
Nachtrag:
Inzwischen hat Swiss Olympic Maja Neuenschwander selektioniert. Der Verband teilt mit, dass die Vorwürfe, Neuenschwander habe die Selektionskriterien am Zürich-Marathon mit der unerlaubten Unterstützung von Pacemakern erfüllt, seien unbegründet. Die Selektionskommission führt dafür zwei Gründe an:
- Im Schiedsrichter-Bericht des Zürich-Marathons sind keine Regelverletzungen durch Neuenschwander aufgeführt.
- Der Schweizerische Leichtathletik-Verband Swiss Athletics hat den Fall nachträglich untersucht und ebenfalls keine Regelverletzungen festgestellt.
Die Selektionskommission hat zur Kenntnis genommen, dass Neuenschwander die Absicht hatte, sich Pacemakern aus dem Staffel-Rennen zu bedienen, sofern einer ihrer beiden damit erlaubten Pacemaker ausgefallen wäre. Gemäss allen der Selektionskommission vorliegenden Fakten kamen diese von Neuenschwander als «Backup-Lösung» bezeichneten Läufer aber nicht zum Einsatz.