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Mein theurer, alter Freund.
Ich habe etwas zögeren müßen, um dir deinen Brief zu beantworten, da ich, wie du wohl begreifen wirst, dir nur durchaus verläßliche Nachrichten über Hr Lott mittheilen wollte. Es stimmen alle Er kundigungen darin überein, daß Hr Lott zwar ein tüchtiger Ingenieur aber doch zu jung und zu hitzig ist um selbständig ein größers Unternehmen zu leiten.
Unter den Personen, an die ich mich um Auskunft wandte, befindet sich auch der Dir pr renomé wohl bekannte Eisenbahnmann Max Maria von Weber . Ich glaube dir einen Gefallen zu erweisen, indem ich dir seinen so eben erhaltenen Brief beischließe.
Baron v. Weber hat mir zufälligerweise vor circa 14 Tagen Hr Oberinspector Rziha vorgestellt u dieser hatte die Gefälligkeit| mir in einem längeren Exposé seine Ansichten über den Gotthardttunelbau, den er voriges Jahr besuchte u seitdem mit größter Aufmerk samkeit nach den officiellen Berichten verfolgte auseinanderzusetzen. Ich will dir hier nichts näheres darüber schreiben, da Hr Rziha vor Kurzem im Ingenieurverein einen Vortrag über diesen Gegenstand hielt, der gedrukt werden wird. Ich will blos bemerken daß Hr Rziha behauptet, daß Favre durch die Verhältniße gezwungen werde, den unsinnigen Firststollen zu verlaßen u in der Sohl fortzu arbeiten. Je früher er es thue, desto mehr Zeit u Geld werde er ersparen; er sagt, daß er jezt schon mit mathematischer Gewißheit voraussagen könne, daß Favre ein ruinirter Mann sei, indem es eine Unmöglichkeit sei mit den bis jezt bekannten Hülfsmitteln u insbesondre bei der Art u Weise wie Favre seine Arbeiten bei dem unglüklich gewählten System, fortführe in der contractlich bestimmten Zeit die Arbeit zu vollenden.
Ich vermuthe, daß Du Hr Rziha persönlich kennst, er ist ein sehr bescheidner Mann| der des allerbesten moralischen Rufes genießt u überall, wo er bis jezt gearbeitet nur Ehre u vollste Zufriedenheit erlangt hat. Ueberlege dir den Inhalt des Briefes des Baron Weber genau. Ich schike dir das Original, damit Du es nöthigenfalls dem Verwaltungsrathe vor legen kannst; deßen Rüksendung s. Z. wäre mir angenehm.
Kappeler ist gegenwärtig für ein Paar Tage hier; wir haben uns in der Erinnerung der Gymnasialzeit ergangen. Man würde ihm sehr Unrecht thuen wollte man ihn etwa als Swiss gentleman betrachten. Trotzdem er als eidgen. Beamter keine Orden annehmen darf, so ist doch sein Ueberrok stets mit crochards bedekt. Doch genug der schlechten Witze.
Schone deine Augen! Mit den herzlichsten Grüßen
Dein alter
Tschudi
23.I.75
Solltest Du in irgend eine Beziehung zu Hr Rziha tretten wollen, so bin ich gerne bereit, zu vermitteln.