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Wie ein «conto de fadas», ein Märchen, kommt Luiz Ruffato sein Lebensweg vor. Tatsächlich hat es sagenhafte Züge, wenn er sein Leben erzählt: Als Knirps aus armem Haus habe er die öffentliche Schule besucht und dort so gut wie gar nichts gelernt. Er habe seinem Vater, einem halben Analphabeten, beim Verkauf von Popcorn geholfen, als eines Tages ein Käufer realisiert habe, welch aufgewecktes Bürschchen Luiz sei und deshalb der Besuch einer Privatschule für ihn das einzig Richtige.
Flucht in die Bibliothek
Der Gönner wünschte ihm das Glück auf Erden, hatte aber nicht mit der Grausamkeit von Kindern gerechnet, fährt Ruffato fort. Als er, der Junge aus der Unterschicht, wieder einmal vor seinen Mitschülern, Sprösslingen aus der Oberschicht, in die verwinkelte Schulbibliothek geflohen sei, habe die Bibliothekarin in ihm nicht ein Opfer demütigender Kinderspiele gesehen, sondern einen potenziellen Ausleiher von Büchern.
Sie habe ihm ein Buch gegeben, von dem sie annahm, dass es ihn interessierte: «Babji Jar» von Anatoli Kusnezow, einen dokumentarischen Roman über das Massaker der Wehrmacht an den Juden in der Nähe von Kiew. Kein Buch für einen Dreizehnjährigen. Es war das erste Buch, das Ruffato las. Der Inhalt habe ihn erschreckt, gesteht er, und ihm gleichzeitig die Augen geöffnet, zeigte es ihm doch, dass es neben seiner Welt noch andere Welten gab.
Ungewöhnliche Form für konventionelle Themen
Danach verschlang er jedes Buch, das ihm in die Hände kam. Noch war Ruffato weit davon entfernt, einer der renommiertesten Schriftsteller Brasiliens zu sein. Um sich sein Journalismusstudium zu verdienen, arbeitete er als Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher und war Inhaber eines Imbissstandes. Und er las und las – mit Vorliebe «Romane, die konventionelle Themen formal unkonventionell behandelten».
Beispielsweise die Avantgardeliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts. Oder den Klassiker der spanischsprachigen Literatur, «Don Quijote» von Miguel de Cervantes. Für Ruffato der Roman schlechthin. Oder «Schall und Wahn» von William Faulkner, weil es «der bedeutendste literarische Beitrag zum Rassismus» ist. Oder «Berlin Alexanderplatz» von Alfred Döblin, weil das Buch «auch ‹Sao Pãulo Alexanderplatz› heissen könnte». Oder «Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas» des Brasilianers Joaquim Maria Machado de Assis, weil das Buch, obwohl im 19. Jahrhundert geschrieben, «das gegenwärtige Brasilien in brillanter Art und Weise widerspiegelt». Dieser Roman gilt schlechthin als Klassiker der brasilianischen Literatur.
Das Porträt eines Molochs
120 Jahre nachdem Machado de Assis sein Werk publiziert hatte, veröffentlichte Luiz Ruffato einen Roman, der sehr schnell zu einem weiteren Klassiker auf dem portugiesischsprachigen Markt werden sollte und den internationalen Ruhm des Autors begründete. Im Grossstadtroman «Es waren viele Pferde» entwirft Ruffato in 69 schlaglichtartigen Fragmenten das Porträt des Molochs São Paulo.
Die Kritiken über den Roman, der formal und sprachlich der Kakophonie der Stadt entsprach, waren hymnisch, manche verglichen ihn gar mit «Ulysses» von James Joyce. Luiz Ruffato sagt selbstironisch, dieses Buch sei eine Art Fingerübung für seinen Romanzyklus «Vorläufige Hölle» gewesen, eine fünfbändige, tausend Seiten umfassende Geschichte der Landflucht in Brasilien. Tatsächlich bedient er sich darin desselben literarischen Verfahrens: So gibt es etwa keinen allwissenden Erzähler, jedoch fortwährende Perspektivenwechsel, das Schriftbild ist variantenreich und der Ton pathetisch bis emotionslos.
«Ich will den Leser verändern»
Der Zyklus über den Teufelskreis von Gewalt, dessen erster Band «Mama, es geht mir gut» nun auf Deutsch vorliegt, hat das Zeug, zu einem weiteren Klassiker zu werden. Vom Popcornverkäufer zum Shootingstar der brasilianischen Literatur – angesichts seiner Karriere erstaunt es nicht, dass Ruffato von der nachhaltigen Wirksamkeit von Literatur überzeugt ist. So sagte er an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: «Ich will den Leser berühren, ihn verändern, die Welt ändern. Das ist eine Utopie. Ich weiss. Aber ich lebe von Utopien.»
Buchhinweis
Luiz Ruffato: «Mama, es geht mir gut». Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Assoziation A, 2013.