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Clarakirche: Dachreiter, Blitzschlag und Gewehrschuss
Seit mehreren Jahrhunderten ist die Clarakirche eine der baulichen Dominanten im Zentrum Kleinbasels. Die Gesamtrenovation der Kirche im Jahr 2009 bot der Bauforschung die Gelegenheit, Teilbereiche wie Fenstergewände, Dachwerk, Dachreiterstuhl und die Wetterfahne des Dachreiters zu untersuchen.
Wechselhafte bauliche Entwicklung
Die Clarakirche ist ein Bau mit einer wechselhaften Entwicklung. Der ursprünglich aus dem dreischiffigen Langhaus und einem ebenso langen Chor bestehende Kirchenbau des Clarissenklosters wurde um 1531 stark verkürzt, als der ganze Chor abgebrochen wurde. Der vom Laienraum abgetrennte Chorraum wurde in nachreformatorischer Zeit nicht mehr benötigt; der Grund für den Abbruch war aber, dass an dieser Stelle ein Bollwerk errichtet werden sollte. Bollwerke sind grössere aufgeschüttete Hügel, die als Geschützplattformen dienten – in Basel wurden sie an mehreren Stellen im 16. Jh. in die bestehende äussere Stadtmauer eingebaut.
Beim Abbruch der Befestigung Basels wurde das Clara-Bollwerk 1854 wieder abgetragen und an der Stelle des alten Kreuzgangs die Clarastrasse als Verbindung zum geplanten Badischen Bahnhof angelegt. Von 1858–1861 wurde die Kirche vom Architekten Amadeus Merian umgebaut und das Langhaus auf etwas mehr als die einstige Ausdehnung mit Chor verlängert. Der Umbau erfolgte in einer dem gotischen Bau eng angepassten Formen- und Materialsprache, womit sich heute die Trennung zwischen Alt- und Neubau am Gebäude nicht offensichtlich abzeichnet.
Nachträglicher Einbau eines neuen Dachreiterstuhls
Alles deutet darauf hin, dass der Dachreiter auf dem Langhaus beim Abbruch des Chors um 1531 errichtet wurde und einen anderen Dachreiter auf dem Chordach ersetzte. Der Dachreiter stützt sich über einen eigenen Stuhl auf das Dachgebälk von 1367/68 ab, der nachträglich ins Dachwerk eingeflickt wurde.
Obschon der Reiter früher nur eine Glocke hatte, musste das Dachgebälk massiv verstärkt werden, um das Gewicht tragen zu können. Dazu wurden vier zusätzliche Balken zwischen die Dachbalken gelegt. Diese Balken stammen vermutlich aus dem 1531 abgebrochenen Dach des Chors. Auch für den Dachreiterstuhl wurden einige Hölzer aus einer älteren Konstruktion verwendet.
Eine Wetterfahne mit Spuren der Zeit
Der Dachreiter trägt eine Spitze mit Kugel und Wetterfahne, die beide aus der Bauzeit von 1531 stammen dürften. Obschon die Fahne in historischen Abbildungen andere Formen zeigt, sind am Objekt keine Spuren einer Abänderung erkennbar. Die Fahne setzt sich aus einem grossen Stern auf der Drehachse und den am Ausleger befestigten, kleineren Fahnenteilen – Halbmond und kleiner Stern – zusammen. Ein ähnliches Motiv kennen wir von der ehemaligen Wetterfahne der Südturm-Spitze des Wiener Stephansdoms, die 1519 angebracht wurde.
Zwei Details sind am grossen Stern feststellbar: Ein Zacken des Sterns wurde ersetzt; am obersten Zacken daneben zeigt sich, dass das Kupfer an einer Stelle geschmolzen sein muss. Dies ist offensichtlich die Auswirkung eines Blitzschlags. Beim Ersatz des Sternzackens wurde denn auch, vermutlich um 1861, ein Bronzesporn als Blitzableiter aufgesetzt. Ausserdem gibt es an einem der unteren Sternzacken eine runde, kleine aber tiefe Delle, die vom Einschlag einer Gewehrkugel stammen dürfte. Vielleicht haben Soldaten der russischen Truppen, welche die Kirche um 1813 als Magazin verwendeten, um die Wette geschossen und die Wetterfahne als Zielscheibe gewählt.
Text und Foto: Conradin Badrutt; Zeichnungen: Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt