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Das Bevölkerungswachstum, der Klimawandel, begrenzte natürliche Ressourcen, die Nachfrage nach Agrotreibstoffen und steigender Fleischkonsum sind grosse Herausforderungen für die globale Nahrungsmittelproduktion. Zudem erschweren strukturelle Probleme wie vernachlässigte Investitionen in landwirtschaftliche Forschung und Beratung sowie die Spekulation mit Agrarland und Lebensmitteln die Situation. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen und immer häufiger kommt es zu Nahrungsmittelkrisen. Das hat verheerende Folgen für Familien in Entwicklungsländern, die bis zu drei Viertel ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Klar ist aber auch: Bauern und Bäuerinnen müssen angemessene Preise für ihre Produkte erhalten, um aus dem Teufelskreis von Armut und Hunger treten zu können.
Ernährungssouveränität: jedem Land seine Landwirtschaft
Parlamente, Bürgerinnen und Bauern können immer weniger mitbestimmen, welche Lebensmittel für wen und zu welchen Bedingungen produziert werden. Es stellt sich die Frage, wie die Ernährungssicherung aus der gefährlichen Abhängigkeit vom Weltmarkt, dem Einfluss von Grossinvestoren und Spekulanten sowie einer einseitig auf den Export ausgerichteten Wirtschaft gelöst werden kann. Wie kann das Menschenrecht auf Nahrung („right to food“) umgesetzt werden?
Als Reaktion auf diese Fragen hat La Via Campesina, die weltweit grösste Vereinigung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, das Konzept der Ernährungssouveränität entwickelt. Es bedeutet einen klaren Paradigmenwechsel und basiert auf folgenden Grundsätzen:
- Die wichtigste Aufgabe der Landwirtschaft ist die nachhaltige Versorgung der eigenen Bevölkerung, also die lokale und regionale Produktion.
- Als Lenkungsinstrumente sind Importzölle gerechtfertigt, wenn sie einheimische, nachhaltig produzierte Lebensmittel gezielt vor importierten Billigprodukten schützen, die auf Kosten von Mensch und Umwelt hergestellt wurden.
- Exportsubventionen müssen abgeschafft werden, denn: Das Preisdumping von Exportprodukten hat oft eine Zerstörung der lokalen Produktion zur Folge, weil lokal hergestellte Lebensmittel preislich nicht mithalten können. So geschehen mit Reisimporten in Ghana oder europäischem Poulet in Kamerun.
- Instrument zur Erreichung von Ernährungssouveränität ist die Agroökologie.
- Voraussetzungen sind ein gesicherter Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land, Wasser, Wald und Saatgut, Achtung der Rechte der Bauernfamilien und soziale Gerechtigkeit.
- Ernährungssouveränität ist mehr als Selbstversorgung. Internationaler Handel zu fairen Bedingungen ist in einigen Fällen unverzichtbar. Doch darf er weder zur ersten Priorität der Landwirtschaftspolitik erhoben werden, noch auf Kosten der Lebensmittelproduktion für die eigene Bevölkerung gehen.
Ernährungssouveränität ist das Recht eines Landes und seiner Bevölkerung zur Selbstbestimmung einer Handels- und Landwirtschaftspolitik, die den jeweiligen ökologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen entspricht. Konkret bedeutet dies eine Stärkung der Kleinbauernfamilien mit ihren lokalen Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungssystemen.
Global denken und lokal handeln gilt noch immer, im Süden wie im Norden. Darum: Wer lokal, saisonal, ökologisch und fair konsumiert, leistet einen Beitrag zu einer gerechteren Welt.