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Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Stadt in der Schweiz und haben ein Kind, das gerade sechs Jahre alt wurde. Die ganze Familie freut sich darauf, dass das Kind im nächsten Sommer in die 1. Klasse kommt. Da Sie genau zwischen zwei Schulhäusern wohnen, ist es noch völlig unklar, wo Ihr Kind zur Schule gehen wird. Zudem ist es so, dass nicht Sie entscheiden können, wohin ihr Kind eingeteilt wird, sondern es könnte sein, dass schon bald ein automatisierter Entscheidungsprozess (algorithmic decision making, ADM) dies festlegen könnte.
Gut möglich, dass die beiden Schulen einen sehr unterschiedlichen Ruf haben, möglicherweise haben die Schüler·innen sehr verschiedene soziale und ethnische Hintergründe. Zudem haben Sie von anderen Eltern schon einige (halb-)wahre Vor- und Nachteile über beide Schulen gehört und sich erzählen lassen, denn Sie möchten schliesslich, wie alle anderen Eltern auch, nur das Beste für Ihr Kind.
Für einige könnte «das Beste» bedeuten, dass der Anteil an Schüler·innen, die später ein Gymnasium besuchen, besonders hoch ist, für andere ein tolles Angebot im Kunstbereich, oder es sind die beliebtesten Lehrer·innen, die dies ausmachen. Die Meinungen der Eltern gehen hier auseinander, wie immer, wenn es um Kinder geht.
Mehrere Studien konnten zeigen, dass die Segregation von Kindern nach ihrem sozialen und ethnischen Hintergrund die schulischen Leistungen aller Kinder beeinflusst – und zwar unabhängig von ihrem Hintergrund. Ein in der Schweiz entwickeltes (aber noch nicht angewendetes) ADM-System kann Schüler·innen so in Klassen und Schulen einteilen, dass Kinder mit verschiedenen Hintergründen so stark wie möglich durchmischt werden. Selbstverständlich berücksichtigt das System dabei auch die Länge des Schulwegs, die Klassengrössen, die Schulraumsituation und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Lehrpersonen.
Diese Kriterien für die Einteilung könnten theoretisch also dazu beitragen, eine inklusive, gerechte und qualitativ hochwertige Bildung für alle Kinder zu gewährleisten. Zudem kann eine Durchmischung von verschiedenen sozialen und ethnischen Hintergründen dazu beitragen, von einem jungen Alter an sozialen Zusammenhalt aufzubauen und die kulturelle Vielfalt zu erhöhen, was sich für die Zukunft Ihres Kindes in einer globalisierten Welt als vorteilhaft erweisen könnte. Auf den ersten Blick klingt das alles sehr nach etwas, hinter dem die meisten Eltern stehen könnten.
Allerdings könnten dennoch einige Eltern nicht damit einverstanden sein, diese Entscheidung einem ADM-System zu überlassen. Sie könnten den Eindruck haben, dass das System ihr Kind benachteiligen könnte. Ihrer Meinung nach könnte die Ausbildungsqualität ihres Kindes darunter leiden, es könnte schlechtere Noten erhalten und damit seine Chancen für eine Aufnahme ins Gymnasium gefährden. Die Verwendung von ADM-Systemen wirft auch politische Fragen auf. Insbesondere stellt sich die Frage, was die gesellschaftlichen Auswirkungen der Verwendung solcher Algorithmen im Bildungssystem sein könnten.
Dies ist nur ein Beispiel, neben vielen anderen, für die Entwicklung eines ADM-Systems in der Schweiz, und dafür, wie die Einführung solcher Systeme sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringt.
Wie man im Schweiz-Kapitel des Automating Society 2020 Reports nachlesen kann, haben ADM-Systeme bereits einen immer grösser werdenden Einfluss auf den Alltag in der Schweiz. Die einzigartige föderalistische Struktur der Schweiz bedeutet jedoch, dass die Umsetzung dieser ADM-Systeme einer Vielzahl von rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegt.
Hier kommt AlgorithmWatch ins Spiel.
Als gemeinnützige Organisation, die sowohl forscht als auch die Interessen der Zivilbevölkerung vertritt, zeigt AlgorithmWatch die sozialen, rechtlichen und ethischen Implikationen von ADM-Systemen auf die Gesellschaft auf. AlgorithmWatch baut Brücken zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand einerseits und zivilgesellschaftlichen Organisationen andererseits. AlgorithmWatch ist bereits als Initiator eines fortlaufenden Dialogs über ADM-Systeme bekannt und pflegt diesen kontinuierlich in ganz Europa.
Mit der Lancierung von AlgorithmWatch Schweiz können wir nun die gleiche Rolle in der Schweiz wahrnehmen. AlgorithmWatch Schweiz, unterstützt durch den Migros-Pionierfonds, hat offiziell im September 2020 den Betrieb aufgenommen. Seit dann ist Dr. Anna Mätzener als Leiterin dabei.
AlgorithmWatch Schweiz freut sich sehr auf die Zusammenarbeit mit weiteren Personen und Organisationen und auf den Beginn von neuen Projekten. Diese werden auf dem bestehenden Netzwerk in der Schweiz aufbauen, welches in den kommenden Monaten und Jahren weiter ausgebaut wird.