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Die Diskussion um die Schreibweise der Flurnamen in der Schweiz wird zur Zeit in diversen Fachgremien praktisch ohne grosse Einbeziehung der Schweizer Öffentlichkeit geführt. Gelegentlich schafft es dabei ein Leserbrief in den Tagi oder in die NZZ, auf die gut gestalteten Übersichtsseiten Lokalnamen.ch oder den Wiki GISpunkt HSR gelangen in der Regel nur unmittelbar von Umbenennungen Betroffene.
Dabei ist die Fragestellung „Sollten teils an die Schriftsprache anlehnende, teils an die Mundart angenäherte Lokalnamen in der Schweiz unverändert bleiben oder ‚extrem-mundartlich‘ geschrieben werden“ etwas, das jeden angeht, der sich auf einheitlich geführtes und verständliches Kartenmaterial verlassen muss, sei es beim Wandern, in der Geologie oder beim Rettungsdienst. Nicht zuletzt Kartenverlage und Hersteller von Schildern sind davon berührt.
Soll es weiter „Rosenberg“ heissen,
(Quelle: Rosenberg auf der Karte)
oder gewöhnen wir uns lieber an „Roosebärg“?
(Quelle: Roosebärg)
Offiziell gelten in der ganzen Schweiz nach wie vor die „Weisungen von 1948“, in denen u. a. festgelegt wird:
3. In der schriftsprachlichen Form sind in der Regel zu belassen:
a. allgemein vertraute, häufig vorkommende Namenwörter, die in gleicher Form auch schweizerdeutsch sind, z. B. Berg, Feld, Weg, Grat (nicht Bärg, Fäld, Wäg, Grot);
(…)
7. das in der herkömmlichen Schreibweise die unbetonte Endsilbe deckende, meist nicht gesprochene –n wird geschrieben:
a. in männlichen Wörtern: Stalden, Schachen, Boden, Graben
(Quelle: Weisungen von 1948)
Im Mai 2005 (bis Mai 2006 überarbeitet) gab die Schweizer Landestopographie mit dem hübschen englischen Namen „swisstopo“ den „Leitfaden für die Schreibweise der Lokalnamen in der deutschsprachigen Schweiz“ als Entwurf heraus. Nun ist alles möglich und erlaubt:
„Es wird empfohlen, Namen, deren zugrunde liegendes Wort in der Hoch- oder Standardsprache vorkommt (allgemein bekannte Namenwörter), wie alle übrigen Toponyme zu behandeln und nach der ortsüblichen Sprechform zu notieren. Also z. B. Bärg, Fäld, Stäg, Wäg, Zälg, Räge, Rein, Mei, Boum etc. (wo so gesprochen wird) und nicht – oder nur dort, wo dies die ortsübliche Sprachform ist, Berg, Feld, Steg, Weg, zelg, Baumt etc. – Demnach (z. B. im Kt. BE): Breitfäld, Höje Stäg, Räbbärg/-wärch, Chärderbärg, Chrischboummate, Meigüetli“
(Vollständige Quelle auf lokalnamen.ch)
Die neuen Schreibphilospien wurden anscheinend schon vor dem Erscheinen des Leitfaden propapiert, denn die ersten Karten, welche deutlich von den Weisungen von 1948 abweichen, erschienen bereits vor Herausgabe des Leitfadens! Ob da jemand mit Hilfe einer Zeitmaschine in die Zukunft geschaut hat? Oder ob vielleicht der Leitfaden zur „nachträglichen Rechtfertigung“ angefertigt wurde?
Im Kanton Thurgau war man besonders fleissig. Auf dem Kartenblatt Wil der Landeskarte zum Beispiel wurden in der Ausgabe 2004 gegenüber der Ausgabe 1978 von 540 Namen 290 geändert, das sind 54 %. Hier ein paar Beispiele für die neue Benennung:
(Quelle Foto Lokalnamen.ch)
Auch die aktuelle Schulkarte des Kantons Schaffhausen realisiert die neue „alles-ist-erlaubt“ Regelung:
Falls diese Schulkarte als „Mundartkarte“ bezeichnet würde, wäre dagegen nichts einzuwenden. Ohne diesen Hinweis nimmt man jedoch an, dass es sich um eine offizielle Spezialkarte mit offiziellen Namen handelt, was aber nicht der Fall ist. Zum Beispiel sind Rii(Rhein) wie auch Liebensbärg anstelle Liebensberg sowie Rafzerfäld anstelle Rafzerfeld und sehr viele weitere Namen auf der Schulkarte des Kantons Schaffhausen keine offizielle Bezeichnungen.
(Quelle: WikiGISpunkt HSR)
Die Grundproblematik bei ‚extrem-mundartlichen‘ Flur- und Lokalnamen ist stets die, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen bereits geschriebenen und in vielen Dokumenten verwendeten „pragmatischen“ Schreibweisen, und den zahlreichen Varianten, den die Mundarten bieten. Hierzu das Beispiel „Aazheimerhof“:
Von Aazheimerhof zu Oozemerhof
Es geht darum, ob die bisherige Schreibweise eines Hofes in der Gemeinde Neuhausen Kt. SH belassen oder geändert wird. Es handelt sich dabei um ein Beispiel, welches für die künftige Schreibweise der Lokalnamen in der Schweiz Modellcharakter hat.
Personen unter 70 sprechen in der Gemeinde Neuhausen „Aazheimerhof“
einzelne bejahrte Neuhauser sprechen „Ozemerhof“
In der Amtlichen Vermessung und in heutigen Karten und Plänen steht „Azheimerhof“. Die Amtliche Vermessung enthält heute einen Flurnamen „Azheim“ und es existieren mehrere Gebäudeadressen „Azheimerhof 8212 Neuhausen am Rheinfall“
Aazheimerhof in der Amtlichen Vermessung
Aazheimerhof in der Schulkarte Kt. SH
74 Einträge für „Azheimerhof“
keine Einträge für „Ozemerhof“
Soll nun bei einer Überarbeitung der Hofname „Aazheimerhof“ belassen werden oder in „Ozemerhof“ verändert werden?
Gemäss Weisungen 1948 würde die heutige Schreibweise „Aazheimerhof“ unverändert beibehalten werden. Mit Entwurf Leitfaden Toponymie 2006 würde gemäss Referat Alfred Richli anlässlich Herbsttagung Schweizerische Gesellschaft für Kartografie vom 3.11.2006 in Schaffhausen die heutige Schreibweise „Aazheimerhof“ in „Oozemerhof“ geändert werden.
(Quelle: Wiki GISPunkt HSR)
In der nachfolgende Diskussion heisst es dazu:
In den Weisungen 1948 wird nirgends postuliert, dass mundartnah geschrieben werden soll. Im Gegenteil, es werden als Kompromiss zwischen schriftsprachlicher, traditioneller und mundartlicher Schreibung Schranken aufgestellt, um eine massvolle Schreibung der Lokalnamen zu erreichen. Diese Schranken sind im Entwurf Leitfaden Toponymie 2006 weitgehend eliminiert worden. Von Nomenklaturkommissionen, welche mundartnahe Schreibung und den Leitfaden Toponymie 2006 propagieren, wird kaum daran gedacht, dass das Ändern von Lokalnamen Aufwendungen bei Adressen, Registern, Dokumenten usw. verursacht. Wenn man die Regeln des Leitfadens Toponymie 2006 konsequent anwenden würde, müssten in der Schweiz im Gegensatz zu den Weisungen 1948 Zehntausende von Lokalnamen auf eine „bodenständige“ Form geändert werden. Das ganze sieht dabei nach Arbeitsbeschaffung für Nomenklaturkommissionen aus.
(Quelle: WikiGISpunkt HSR)
Wer die Diskussionen auf dem Forum von Wiki GISpunkt HSR verfolgt, hat das Gefühl, dass hier pragmatische Argumente zwar angehört werden, dass aber in der Realität die Umbenennungswelle nicht mehr zu stoppen ist. Nach Schaffhausen und dem Thurgau werden nach und nach alle weiteren Landeskarten überarbeitet, und nur selten gerät dieser Prozess in die Öffentlichkeit, so wie in diesem Leserbrief von Angelo Garovi in der Berner Zeitung vom 13.12.06:
Die Sprachpolitik in der Eidgenossenschaft und den konföderierten Kantonen wird immer eigenartiger. Während in Bern beschlossen wird, ab der ersten Primarklasse im Unterricht „hochdeutsch“ (oder „standarddeutsch“?) zu reden, legt im gleichen Bern das Bundesamt für Landestopographie (swisstopo) neue Richtlinien für die Schreibweise der Lokalnamen (Flurnamen) vor, die alles andere als „schriftdeutsch“ (oder „hochdeutsch“?) sind. Nach diesem Entwurf sollen folgende exotische Namens auf den Landeskarten stehen. Burdlefschache, Gitziahoore, Hiendertelti, Läitren, Hewwschleif, Höje Laas, Düüheltor, Bir Heejen Schir, Totuflieji u. a. m. Was sollen Schüler und Schülerinnen beim Orientierungslauf im Turnen – auch in Hochdeutsch – damit anfangen? Oder auf der Schulreise, wo vielleicht auch noch hochdeutsch parliert (Fremdwörter erlaubt?) werden muss. Während die Bildungspolitiker in den Schulen „hochdeutschen“ Unterricht verlangen, bringt gleichzeitig das Bundesamt für Landestopopgraphie Regeln für eine extremmundartliche Schreibung auf Karten heraus, die krasser (ist Jugendsprache als Variante der Standardsprache erlaubt?) nicht zu den Vorschriften in der Schule stehen könnten. Weiss in der Politik die linke Hand nicht mehr, was die rechte tut?
(Quelle: Berner Zeitung)
Angelo Garovi ist Sprachwissenschaftler und Mitglied der Dudenkommission Bern/Basel darum verzeihen wir ihm seine süffisanten Seitenhiebe auf die Hochdeutsch-Standarddeutsch Diskussion. Wir ergänzen seine Aussage: „Nach dem Entwurf sollen folgende Namen auf der Landeskarte stehen (…)“: In Schaffhausen und im Thurgau ist das kein Entwurf mehr sondern Realität.
Die Kritiker der neuen mundartlichen Schreibweise fassen zusammen:
Die pragmatische Schreibweise gemäss Weisungen 1948 und mundartnahe Schreibweise gemäss Leitfaden Toponymie 2006 sind unvereinbar. Die Gefahr, dass in der Schweiz unsinnig Zehntausende von Lokalnamen im Sinne des Leitfadens 2006 mit grossen Kostenfolgen verändert werden ist so gross, dass die Weisungen 1948 weiterhin zwingend als Richtschnur für die Schreibweise der Lokalnamen in der amtlichen Vermessung und auf Landeskarten gelten müssen.
(Quelle: geometa.info)
Warten wir es ab, wer sich hier durchsetzen wird. Achten Sie bei Ihren Wanderungen in den nächsten Jahren besonders auf „Bärg“ und „Fäld“ und fehlende „n“ wie in „Bürfälde“. Und wenn sie selbst an einem Ort Namens „Aazheimerhof“ wohnen, dann tun sich gut daran, sich mindestens zwei dutzend betagte Rentner einzuladen für den Tag, an dem die swisstopo Fachleute vorbeischauen, um denen dann glaubhaft zu versichern, dass sie hier nicht in „Oozemerhof“ sind. Vorsorglich empfehlen wir die Anschaffung von abwaschbaren Schildern, für die allfälligen Namensänderungen schnell und kostengünstig realisieren zu können. Mit der Herstellung von persönlichem Briefpapier sollten Sie darum lieber noch warten. Vielleicht heisst ihr Wohnort und ihre Wohnstrasse demnächst gar nicht mehr so, wie sie glauben? So wie der Ort „Fistel“ :
In der Gemeinde Fischenthal (auch wenn im Duden „Tal“ steht, ändern sich damit nicht einfach Gemeinde- und Ortsnamen in der Schweiz!) erscheint „Fistel“ im Übersichtsplan und in den Gebäudeadressen. In der Landeskarte wurde „Fistel“ in „Fischtel“ geändert. Wenn Sie hier wohnen und ihre Freunde nach Fischtel einladen, dann wird Map.search das leider nicht finden.
(Quelle: Fischtel bei Map.search)
Suchen Sie nach „Fischtel“, so sagt Map.search „Strasse nicht gefunden“, zeigt aber deutlich den Ort unten rechts an. Suchen Sie bei Map.search nach „Fistel“, erscheint „Fischtel“:
Das verspricht eine Menge Suchspass, wenn diese „einheitlichen Ortsnamen“ erst überall eingeführt worden sind. Hoffentlich ist es dann nicht die Suche eines Rettungsdienstes, der Ihr Leben retten soll.