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Es war ein schöner Frühlingstag im Jahre 1998, als ich an einem Teich in der Rheinebene nördlich von Basel zum ersten Mal eine Nutria beobachten konnte.
Am nächsten Tag, nun dieses Mal mit Filmkamera ausgerüstet, besuchte ich dieses Revier nochmals und fand nun zu meiner Freude sogar zwei Exemplare. Es gelangen gleich einige Aufnahmen, die den Beginn einer 5-jährigen Dreharbeit über das Leben dieser Einwanderer bedeuten sollte.
Etwa 2 Jahre später wurde der erste Nachweis in den Langen Erlen im Kanton Baselstadt Tatsache. 2003 schliesslich wurde mir gemeldet, dass sich nun eine Nutria am Rhein bei Rheinfelden aufhalte.
2017 berichteten die Medien über einen überraschenden ersten Abschuss des Neuankömmlings am Klingnauer Stausee. Es schien, dass sich diese Tierart allmählich in der Schweiz anzusiedeln begann.
Wie war es möglich, dass Nutrias in die Schweiz einwanderten? Im Jahre 1890 entstand in Frankreich der erste Zuchtbetrieb für Nutrias. Unzählige weitere Farmen entstanden in der Folge in fast ganz Europa, Asien und Nordamerika.
Nicht nur die Felle, die wegen ihrer dichten und äusserst feinen Unterwolle begehrt waren, aber auch das schmackhafte Fleisch wurden verwertet.
Durch Entweichen aus den Farmen, aber auch durch absichtliche Aussetzung, haben sich vielerorts freilebende Populationen gebildet. Besonders in den 1990er Jahren, als der Weltmarktpreis für Nutriafelle zusammenbrach, wurden zahlreiche Betriebe aufgegeben und die Tiere oft aus Bequemlichkeit in die Freiheit entlassen.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Nutria (weitere Namen: Biberratte, Sumpfbiber, Schweifratte, Schweifbiber) liegt jedoch in den subtropischen und gemässigten Zonen Südamerikas und reicht vom südlichen Brasilien über Paraguay, Uruguay, Argentinien bis nach Chile.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Nutrias wegen dem kostbaren Fell und dem begehrten Fleisch in diesen Regionen fast ausgerottet worden. Erst als 1930 diese gefährdete Tierart unter Schutz gestellt wurde, erholten sich die Bestände wieder.
Nutrias werden neuerdings der Familie der in Mittel- und Südamerika beheimateten Stachelratten zugeordnet. Unter den etwa 100 Vertretern dieser Familie ist die Nutria die einzige Art mit semiaquatischer (wasserlebend) Lebensweise.
Biberratten sind sehr gut an das Leben im Wasser angepasst. Die Hinterfüsse weisen zwischen den 1. bis 4. Zehen Schwimmhäute auf. Der äusserste, fünfte Zeh dagegen ist frei. Zudem sind Vorder- und Hinterfüsse mit Krallen versehen. Dadurch wird das Heraufklettern an Uferböschungen und die Fellpflege erleichtert.
Fellpflege ist sehr wichtig für die Tiere. Mit fettigem Sekret von Drüsen an den Mundwinkeln, sowie im Afterbereich wird mehrmals täglich mit Hilfe der Vorderbeine das Fell bearbeitet, sodass die wasserabstossende und wärmeisolierende Wirkung erhalten bleibt.
Nutrias haben auffallende orangefarbene Zähne. Diese Färbung entsteht im Erwachsenenalter durch Ablagerungen von Eisen, die den Zahnschmelz und somit die Zähne härter machen. Ältere Individuen bauen diese Ablagerungen wieder ab, sodass die Zähne wieder gelblich werden.
Die langen Schnurr- oder Tasthaare sind Orientierungshilfe, besonders nachts, da die Tiere relativ schlecht sehen.
Eine anatomische Besonderheit ist bei den Weibchen zu vermerken. Die Zitzen liegen nicht im Bauchbereich, sondern hoch an den Flanken beidseits des Rückgrates. Dank dieser Anordnung können die Jungen auch Säugen, während das Muttertier im schützenden Wasser schwimmt.
Die Nasenlöcher können mit einer Nüsternklappe abgedeckt werden, was beim Tauchen wichtig ist. Hermetisches Verschliessen der Mundhöhle vor den Backenzähnen durch Lippenwülste ermöglicht zudem das Nagen und Fressen, ohne dass beim Tauchen Wasser in die Mundhöhle eindringt. So verhindern sie auch, sich zu verschlucken.
Die Nasenlöcher liegen zudem hoch am Vorderkopf, was ihnen das Atmen beim Ruhen und Schwimmen im Wasser erleichtert.
Durch die Fähigkeit, die Herzfrequenz von normalerweise 170- 216 bis auf wenige Schläge pro Minute zu reduzieren, werden Tauchgänge von bis zu 5 Minuten möglich.
Wegen der Pelztierzucht gibt es dann und wann auch bei wildlebenden Tieren verschiedene Fellfarben. Diese reichen von weiss, über beige, grau, braun bis tief schwarz.
In der Nordwestschweiz konnte ich mehrmals weisse (keine Albinos!) Individuen beobachten.
Ausgewachsene Nutrias haben eine Körperlänge von bis zu 65 Zentimetern. Ihr runder, kaum behaarter Schwanz bringt es auf weitere 30- 45 Zentimeter.
Es besteht ein Geschlechtsdimorphismus, denn die Weibchen sind deutlich kleiner.
Mit Geschlechtsdimorphismus bezeichnet man das Auftreten von zwei deutlich verschiedenen Erscheinungsformen von weiblichen und männlichen Individuen.
Männchen werden 7- 9 kg schwer (in Gefangenschaft bis zu 14 kg). Weibchen sind etwa 1-2 kg leichter.
Nutrias sind polyöstrisch (ganzjährig zyklisch), sodass sie sich zu allen Jahreszeiten fortpflanzen können. Nach einer durchschnittlichen Tragzeit von 130- 132 Tagen bringen die Weibchen zwischen 2 bis13 Junge zur Welt. Diese sind schon behaart, öffnen die Augen kurz nach ihrer Geburt und sind schon schwimmfähig.
Die Jungtiere werden 6- 9 Wochen gesäugt, fressen aber schon wenige Tage nach der Geburt feste Nahrung.
Nutrias sind Pflanzenfresser. Der Blinddarm ist 30- 33 Zentimeter lang und auf Verdauung von zellulosereicher Nahrung spezialisiert. Der Nahrungsbedarf ist hoch und beträgt bis 25 Prozent ihres Körpergewichtes pro Tag.
Als Ergänzung ihres Speiseplans werden gelegentlich Wasserschnecken, Larven, Würmer, Krebse, oder sogar Muscheln gefressen.
Unter Populationsdynamik versteht man die zyklische Veränderung der Populationsdichte innerhalb eines definierten Ökosystems.
Die europäischen Bestände der Nutrias werden in erster Linie durch längere Frostperioden und grosse Schneehöhen beeinflusst. Nahrungsknappheit (zum Beispiel bei hohen Schneedecken) fördert zudem zusätzlich hohe Sterblichkeitsraten.
Entgegen diesen Beschreibungen in der Literatur konnte ich im Winter 2001/2002, der einige Wochen klirrende Kälte brachte (von bis zu -15°C) drei halbwüchsige Nutrias beobachten, die offensichtlich keine Probleme mit den widrigen Bedingungen bekundeten und diese extreme Periode unbeschadet überstanden. Möglicherweise bildet sich durch natürliche Selektion in Europa ein «Sub Spezies» speziell winterharter Tiere.
Die Baue, die in Uferböschungen getrieben werden und bis 5 Meter lang sein können, bieten übrigens auch ein guter Schutz gegen Hitze und Kälte.
Es wurde nachgewiesen, dass innerhalb eines Aussen-Temperaturbereiches von -4 bis +25°C in den Höhlen selbst nur kleine Temperaturschwankungen auftreten, die bei angenehmen 8- 10 °C liegen. Diese Umstände tragen sicher auch zum Überleben der Nutrias im Winter bei.
Nutrias leben bevorzugt an stehenden und langsam fliessenden Gewässern in lockerer Bindung zu ihren Artgenossen, oder aber in sozialen Gruppen. Wichtig für eine Neubesiedlung ist eine dichte Ufervegetation und das Vorhandensein von Wasserpflanzen. Dass diese Tiere hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv sein sollen, kann ich nicht bestätigen.
Sowohl die in der Rheinebene, als auch in der Nordwestschweiz lebenden Individuen zeigen hohe Tagesaktivität. Dabei wechseln sich etwa 2-4 stündige Ruhezeiten mit etwa 2 stündigen Aktivphasen rund um die Uhr ab.
In den letzten Jahren scheint die Nutria in der Schweiz langsam Fuss zu fassen. Zahlreiche Tiere leben derzeit in der Magadinoebene, bei Genf und in der Ajoie. Diese Populationen entstanden aus den grossen Beständen in den Grenzregionen von Italien und Frankreich.
Auch in der Nordwestschweiz sind Biberratten definitiv heimisch geworden. An manchen Orten werden sie regelmässig nachgewiesen. Im Sommer 2019 beispielsweise hat sich ein Pärchen Nutrias im Park im Grünen (Grün 80), ein Erholungsgebiet in Münchenstein am Stadtrand von Basel, angesiedelt, das bald darauf für Nachwuchs sorgte.
Zu den fünf Jungtieren kamen dann Mitte Oktober 2019 mit einem zweiten Wurf nochmals vier weitere Individuen dazu. Die Besucher erfreuen sich an dieser neuen Tierart, die bald einmal als eingebürgert betrachtet werden kann.
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