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Jeff Bezos, der die «Washington Post» der langjährigen Verlegerfamilie abgekauft hat, gilt als unsympathisch. Aber er hat ein verlegerisches Modell, das auch den Journalismus retten könnte.
Um der aktuell um sich greifenden Akzeptanz von Fake News etwas entgegenzusetzen, drehte Hollywood-Altmeister Steven Spielberg «The Post». Der Film über die Veröffentlichung der «Pentagon Papers» zum Vietnamkrieg ist ein einziger Ringkampf um die Autorität der Wahrheit und um die Konsequenz der Lüge. Am heftigsten ringt die Verlegerin der «Washington Post», Katharine Graham (die grossartige Meryl Streep): mit sich selbst, mit den moralischen Ansprüchen des Journalismus und mit den Erwartungen des Establishments, zu dem sie selbst gehört. Am Schluss entscheidet sie sich für die Wahrheit – und für den Journalismus.
Kaltherziger Schinder
Ein ähnliches Ringen muss 2013 erneut stattgefunden haben. Die Verleger erkannten, dass sie die serbelnde «Washington Post» nicht zum Erfolg sparen konnten. Der damalige Herausgeber, Don Graham, erklärte in einem Interview in der eigenen Zeitung: «Wir schauten voraus und merkten, dass wir angesichts der sinkenden Umsätze immer weiter die Kosten senken müssen. Wir aber wollten, dass die ‹Post› überleben kann, dass sie wieder wächst und dass sie wieder eine lange Zukunft hat.» Ohne die Grahams. Man suchte gezielt nach einem Unternehmer, der das Medienbusiness aus einer komplett anderen Warte denken würde. Diesen fanden sie in Amazon-Eigentümer Jeff Bezos. Für bescheidene 250 Millionen Dollar und Bezos’ klares Bekenntnis, den Journalismus hochzuhalten, trennten sich die Grahams von ihrem Weltblatt.
Bezos ist Geschäftsmann, er gilt als kaltherziger Leuteschinder. Das Branchengeheul war gross. Bezos ist aber auch ein langfristig denkender Investor. Amazon brauchte zwanzig Jahre bis zur ersten schwarzen Null. Im Journalismus erkannte er ein viel schnelleres Geschäft. Nach der Übernahme gings denn auch rasant aufwärts. Wie das möglich war? Relativ einfach. Der erklärte Trump-Feind machte das Gegenteil von allem, was die klassischen Zeitungsmanager seit über fünfzehn Jahren tun. Er verstand Online als eigenes Medium. Er investierte ins Kerngeschäft und in die Marke und heuerte mehrere Hundert neue JournalistInnen an. Er investierte in die Technologie und machte aus dem Kostenblock IT ein neues Geschäftsmodell.
Der kulturelle Wandel ist offensichtlich: Die «Post» behauptet ab sofort nicht nur, ein digitales Unternehmen zu sein, sie ist auch eines. Das reicht tief ins publizistische Verständnis: «Das Internet ist ein Medium, das eine neue Form der Kommunikation erfordert. Leider hat unsere Branche, vor allem die Zeitungsbranche, im Netz bisher das Gleiche gemacht wie zuvor. So funktioniert Online aber nicht.» Der Satz von «Post»-Chefredaktor Martin Baron ist so banal wie explosiv.
Niemand käme auf die Idee, einen Fernsehsender zu betreiben, der täglich eine Stunde lang keine Bilder zeigt und das dann «Radio» nennt. Doch genau das passiert letztlich in den Joint-Newsrooms, wo unter «Super-ChefredaktorInnen» nicht nur Marken, sondern auch verschiedene Medien zu einem publizistischen Irgendwas verwurstet werden.
Zum ganz grossen Coup des Medienunternehmers Bezos dürfte aber das Content-Management-System (CMS) der «Post» werden. Unter dem Namen «Arc» wird die mit viel künstlicher Amazon-Intelligenz ausgestattete Publikations-Applikation seit einem Jahr in Lizenz an andere Medien ausgeliefert. Das smarte CMS soll in ein paar Jahren 100 Millionen Dollar Umsatz machen. Von der «Los Angeles Tribune» bis zum «Boston Globe» verlassen sich bereits Dutzende Titel auf Arc. Seit einem Monat läuft das System auch bei «Le Parisien», der somit ersten europäischen Publikation.
Bald wichtigste Medienfigur
Auch hierzulande lagen in der Vergangenheit verschiedene ausgereifte Vorschläge vor, die zum Teil sehr guten CMS-Systeme auszubauen und in Lizenz für andere Publikationen zu öffnen. Aber weil sich Schweizer Verlagshäuser nie als digitale Unternehmen verstanden, sah man in der IT stets den Kostenblock, aber nie das Geschäftsmodell.
Dass der Amazon-Besitzer mit Arc auch in der Schweiz bald die entscheidende Medieninfrastruktur liefern wird, scheint klar. Jeff Bezos wird so zur wichtigen Medienfigur in der Schweiz werden. Er soll kein sehr netter Mensch sein. Aber er hat belegt, dass sich nicht der Journalismus in der Krise befindet, sondern das Geschäftsmodell der Verleger.
Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.