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Die SSA unterstützt in ihrer Drehbuchförderung neu speziell den Nachwuchs: Mit Stipendien für Erstlingswerke. Dort gab es gleich doppelt soviele Dossiers wie in den anderen Kategorien.
Von Albertine Bourget
Die Société Suisse des Auteurs (SSA) hat dieses Jahr zum ersten Mal drei Stipendien für das Schreiben von Drehbüchern für erste lange Kino-Spielfilme verliehen. Die Jury hat den Projekten «Peau de vache» von Tamer Ruggli und Marianne Brun, «Ad Aeternam» von Marie-Elsa Sgualdo (siehe Kasten) und «Azor» von Andreas Fontana einen Betrag von je 20ʼ000 Franken zugesprochen. Die Preisverleihung fand anlässlich des Festivals in Locarno statt, gemeinsam mit den anderen Stipendien, die wie jedes Jahr in den Kategorien Drehbücher für Kino-Spielfilme und Entwicklung von Dokumentarfilmen verliehen wurden.
Ziel der Ausschreibung ist die Unterstützung bei der Verfassung von Drehbüchern, die für einen ersten langen Kinospielfilm eines Nachwuchs-Regisseurs bestimmt sind, der noch keinen langen Kinospielfilm auszuweisen hat. Die Idee entstand aus der Feststellung, dass es bei der Auswahl zwischen den Dossiers von erfahrenen Drehbuchautoren/Regisseuren und anderen oft zu einer Ungleichbehandlung oder zumindest einem Ungleichgewicht kommt. «Die Hürde des ersten langen Spielfilms ist schwer zu überwinden», betont Denis Rabaglia, Präsident der SSA. «Je nach Sensibilität der Jury werden mehr oder weniger bekannte Teilnehmer begünstigt. Oft verspürt man den Willen, den Jüngeren eine kleine Starthilfe zu geben. Dieses Jahr hatten wir ausreichende Mittel, um die Neulinge von den anderen zu trennen, was uns sinnvoll erschien.»
Autoren sind oft auch Regisseure
Die neue Ausschreibung fand grossen Anklang: Die drei Projekte wurden aus 69 Dossiers ausgewählt, doppelt so vielen wie bei den anderen Wettbewerben. Weshalb so viele Kandidaten? Wahrscheinlich aufgrund der steigenden Anzahl von Filmhochschul-Absolventen. Stéphane Goël, dessen Dokumentarfilm-Projekt «Robinson Crusoé II» ein Stipendium erhielt (siehe Kasten), teilt diese Ansicht: «Es kommen viele junge Leute auf den Markt, sodass für jeden einzelnen ein immer kleineres Stück des Kuchens abfällt. Es ist unser Problem, dass wir von Subventionen abhängig sind», stellt er mit Lächeln fest.
«Die Drehbuchförderung stand bei uns schon immer im Zentrum. Die SSA unterstützt seit Ende der Neunzigerjahre das Verfassen von Drehbüchern», so Denis Rabaglia, «während beispielsweise Suissimage ihre Mittel für eine Vielzahl anderer Bereiche einsetzt, wie aktuell zum Beispiel für die Digitalisierung alter Filme.» Der seit 2012 als Präsident der SSA amtierende Westschweizer Filmemacher betont: «Wir unterstützen nicht die Produktion, sondern das Schreiben des Drehbuchs und somit per Definition den Drehbuchautor. Diese Hilfe kommt aber auch den Regisseuren zugute, denn in der Schweiz handelt es sich in 90 Prozent der Fälle um ein und dieselbe Person.»
Von den 1,3 Millionen des Fonds wurde dieses Jahr ungefähr ein Drittel über vier Förderprogramme in die Drehbuchförderung investiert. Alle Befragten begrüssen die neuste Initiative der SSA, so etwa Jacqueline Surchat. Die Verantwortliche des Bereichs Drehbuch der Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision Focal findet es «grossartig dass der Nachwuchs unterstützt wird».
Gemäss Ursula Häberlin, Geschäftsführerin des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz (ARF/FDS), leistet die SSA «einen wichtigen Beitrag, denn es kann aus Sicht des ARF/FDS gar nicht genügend Entwicklungsförderung (Treatment und Drehbuch) geben. Gerade die allererste Phase der Filmentstehung passiert oft unter prekären Umständen. Es ist schwierig für Drehbuchautorinnen und -autoren, sich in einem so kleinen Land wie der Schweiz, noch dazu unterteilt in Sprachregionen, als eigenständige Berufsgattung zu etablieren, die von dieser Arbeit einigermassen anständig leben kann. Eine Stärkung ihrer Position durch die SSA ist daher von grosser Wichtigkeit. Seit der Abschaffung der Treatmentförderung durch das BAK klafft erneut ein Loch in der Entwicklungsförderung, und auch vorher waren die Scénaristes nicht eben auf Rosen gebettet», so Ursula Häberlin. «Die Drehbuch-Förderung sollte nach wie vor ausgeweitet werden, dies belegen übrigens auch gerade die hohen Zahlen der Eingaben für die Stipendien der SSA 2016.»
Stéphane Goël unterstreicht, in welchem Ausmass «die Phasen des Drehbuchschreibens immer wichtiger werden. Vor allem im Spielfilmbereich ist ein gutes Drehbuch unerlässlich, wenn man überzeugen will. Die Pitches und Trailers müssen begeistern.»
Zur Erinnerung: Die SSA mit Sitz in Lausanne ist eine Urheber-Genossenschaft für die Sparten Dramatik, Musikdramatik, Choreografie, Audiovision und Multimedia. Sie zählt derzeit knapp 3ʼ000 Mitglieder. Die SSA nimmt Sende-, Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte wahr. Um ihren Sozial- und Kulturfonds zu speisen, erhebt die SSA eine Kommission von 10% auf den eingezogenen Werknutzungsentschädigungen. Ein grosser Anteil des Kulturfonds wird für die Drehbuchförderung eingesetzt, doch auch Projekte aus den Bereichen Tanz, Theater, Bühnenmusik, Humor oder Strassenkunst werden gefördert.
Marie-Elsa Sgualdo (im Bild), Lausanne – Stipendium 2016 für «Ad Aeternam» (Produktion: Maximage)
«Die Unterstützung der SSA und anderer Institutionen wie der Migros ist umso wichtiger, als die Treatmentförderung des BAK gestrichen wurden und es nicht sehr viele Institutionen wie die Migros oder Cinéforom gibt. Die Unterstützung der SSA richtet sich gezielt an Drehbuchautoren und bietet ihnen eine Freiheit, die sonst nur schwer zu finden ist. Das Verfassen des ersten Drehbuchs ist eine schwierige Phase, und ich habe noch viel zu lernen. Dank diesem Stipendium kann ich mir die Zeit nehmen, um Recherchen vor Ort zu betreiben und die Figuren besser auszuarbeiten. Ich hätte mein Projekt auf jeden Fall weiterverfolgt, doch dies ist eine sehr wertvolle Hilfe, die mich in dem Glauben an mein Projekt bestärkt und mir mehr Zeit gibt, um mich dem Schreiben zu widmen.»
Stéphane Goël, Lausanne – Stipendium für die Entwicklung des Dokumentarfilms «Robinson Crusoé II» (Climage Audiovisuel)
«Wenn man einen Dokumentarfilm schreibt, kann man sich nicht einfach hinsetzen und ein Drehbuch schreiben. Wir sind daran, die Geschichte einer chilenischen Insel zu erzählen, wo der Berner Alfred von Rodt im 19. Jahrhundert zum König wurde und deren Einwohner davon träumen, einen unabhängigen Staat zu gründen. Dank dem Stipendium können wir ans andere Ende der Welt reisen, um dort Nachforschungen zu betreiben, denn wir erhalten 10ʼ000 Franken sofort und den Rest nach Fertigstellung des Drehbuchs. Zudem haben wir dank dieser Unterstützung einen Partner in Chile gefunden. Ich denke, wenn eine Kommission oder eine Jury sich für ein Projekt ausspricht, löst dies einen Schneeballeffekt aus. Dieses Projekt wurde vom BAK abgelehnt, hat aber ein Stipendium von Cinéforom erhalten. Ohne dies wäre die gesamte Produktionsphase gefährdet gewesen. Verglichen mit dem Gesamtbudget von 600ʼ000 Franken sind 35ʼ000 Franken zwar ein kleiner Anteil, doch in dieser Entwicklungsphase ist er von entscheidender Bedeutung, denn er ermöglicht uns eine gründliche Vorbereitung der Produktion.»