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Manchmal sagen Bücher, die schon vor vielen Jahrzehnten geschrieben wurden, mehr über unsere heutige Welt, unsere heutige Politik und uns Menschen als alle Medien, die uns täglich auf den Tisch kommen. Solche Bücher können, sorgfältig interpretiert, auch eine Hilfe dabei sein, sich in unserer heutigen Welt zu orientieren und sinnvolle Schritte im Leben zu tun. Vor allem aber können sie unser Denken anregen, unser Mitgefühl ansprechen und so unsere Menschlichkeit stärken. So denkt zumindest der Verfasser der folgenden Zeilen mit Blick auf ein vor 55 Jahren veröffentlichtes Buch des grossen italienischen Schriftstellers Ignazio Silone.
Gewissenssozialist in einer Zeit der politischen Abgründe
Das Buch von Ignazio Silone, das in deutscher Übersetzung erstmals 1966 erschien, trägt den Titel «Notausgang». Es ist eine Art Biographie des Autors, beginnt mit Gedanken über seine Kindheit und seine Beziehung zu seinem Vater, einem armen Kleinbauern in den italienischen Abruzzen, und endet mit einem ausführlichen Essay über die Zeit, in der das Buch verfasst wurde: die Zeit der beginnenden europäischen Wohlstandsgesellschaft in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Silone hatte in den Jahrzehnten vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs den politischen Abgrund erlebt, war jahrelang selbst Akteur auf der politischen Bühne, zog aber konsequente Schlüsse aus seiner politischen Erfahrung und war dann vor allem Schriftsteller und Mitmensch.
Sein deutscher Verlag schreibt über ihn: «Ignazio Silone (eigentlich Secondo Tranquilli) wurde am 1. Mai 1900 in einer Kleinbauernfamilie im Bergdorf Pescina geboren. Seine Kindheit war geprägt durch wirtschaftliche Not und soziale Spannungen. Früh entwickelte sich sein politisches Engagement: 1917 setzte er sich in Selbsthilfeorganisationen für die Verbesserung der sozialen Stellung der Landarbeiter ein. Ein Jahr später siedelte er nach Rom über, wo mit dem Anschluss an die sozialistische Bewegung seine politische Laufbahn begann. Diese Aktivitäten wurden bereits 1919 von der Polizei beobachtet, was ihn nicht daran hinderte, im folgenden Jahr mit Antonio Gramsci und Amadeo Bordiga die Kommunistische Partei Italiens (PCI) zu gründen. Als Mitglied des Zentralkomitees war er für internationale Kontakte zuständig. Im Jahr der faschistischen Machtübernahme 1922 wurde er in seiner Triestiner Redaktion verhaftet. Nach der Freilassung 1923 tauchte er endgültig in den Untergrund ab. Folgende Stationen waren Deutschland, Frankreich und Spanien; er kehrte jedoch 1925 nach Italien zurück. Zwei Jahre später in Moskau wurde er Zeuge der von Stalin durchgesetzten politischen Liquidierung von Trotzki und Sinowjew. Silones Protest dagegen markiert den Beginn seiner Entfremdung von der Kommunistischen Partei. 1929 begann seine ideologische Isolation, als sich die Führung des PCI in Moskau-Treue und -Unabhängige spaltete; 1931 wurde er auf Druck der Kommunistischen Internationale aus der Partei ausgeschlossen.»
Liebe zu den Armen und Unterdrückten
Über seine Bücher, die er im Schweizer Exil ab 1930 zu schreiben begann, heisst es: «Silone übte Kritik an der faschistischen Politik seiner Heimat und bezog zunehmend eine distanzierte Position gegen die diktatorische Führung der dem Widerstand verpflichteten Parteien. Nicht die Weltrevolution trieb ihn an, sondern die Liebe zu den Armen und Unterdrückten. Dies manifestiert sich auch in seinem Stil, der sich durch eine einfache, für breite Leserschichten verständliche Sprache auszeichnet. Zeit seines Lebens blieb Silone jedoch ein Aussenseiter.»
Und nach dem Krieg? «Nach der Befreiung Italiens im Oktober 1944 kehrte er nach Italien zurück, wo er aber unter den Intellektuellen nur schwer Fuss fassen konnte. Sein ideologiefeindliches, individualistisches Verständnis von Sozialismus isolierte ihn zunehmend gegenüber marxistischen Dogmatikern. Er forderte vielmehr eine Neubestimmung des sozialistischen Ideals als Utopie ein, die an zeitlose idealistische Werte und Ideale der christlich-abendländischen Tradition anknüpfen sollte. Verzicht auf Ideologie, Gedankenfreiheit der Mitglieder und eine hierarchielose Organisation waren ihm enorm wichtig. Mit seinem anti-ideologischen, freiheitlichen Programm stiess er jedoch auf wenig Resonanz. Zunehmend enttäuscht zog er sich von der Parteiarbeit zurück und widmete sich ab 1950 nur noch seinen literarischen Arbeiten. Am 22. August 1978 starb er in einer Genfer Klinik. Die enge Verbindung zwischen Leben, Politik und Werk ist kennzeichnend für diesen zutiefst menschlichen und engagierten Romancier.»
Mitleid und Mitgefühl statt Nihilismus
Vieles, was hier zu lesen ist, wird im Buch «Notausgang» anschaulich. Der Titel des Buches greift denjenigen des Kapitels auf, in dem Silone seine Erfahrungen im Moskau zur Zeit Stalins und seine innere Abwendung von der Kommunistischen Partei schildert.
Jedes Kapitel dieses Buches ist sehr lesenswert. Hier soll nur auf eines näher eingegangen werden. Es trägt die Überschrift «Die Wahl der Gefährten» und ist ein beeindruckendes Zeugnis für sein sich wandelndes Verhältnis zur politischen Bedeutung des Proletariats, der Arbeiterschaft, eine nochmalige Darlegung der Gründe für seine Abkehr von der Kommunistischen Partei, aber vor allem eine Auseinandersetzung mit dem in seiner Zeit verbreiteten Nihilismus unter Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern.
«Die Zahl der Schriftsteller, die in verschiedenen Ländern während der letzten Jahrzehnte freiwillig in den Tod gegangen sind, ist so gross wie in keiner früheren Epoche.» So lautet der erste Satz des Kapitels. Und schon im zweiten gibt es eine Antwort auf die Frage nach der Ursache: «Es scheint mir, dass die meisten dieser traurigen Fälle, so verschieden sie äusserlich sind, einen gemeinsamen Hintergrund haben: das, was Nietzsche den Nihilismus des neuen Zeitalters nannte.»
Auch die Freiheit kann, wenn sie nicht dem Leben dient, sinnlos vertan werden
Silone definiert die nihilistische Haltung als «Gleichsetzung des Wahren, Guten und Richtigen mit dem eigenen Interesse», als eine «Überzeugung, dass alle Glaubenslehren und Doktrinen blosse Worte sind und dass es schliesslich nur auf den Erfolg ankommt». Sogar die Freiheit könne, «wenn sie nicht dem Leben dient, sondern sinnlos vertan wird, nihilistisch sein, sich in Sklaverei verwandeln und zu Selbstmord oder Verbrechen führen».
Zum Nihilismus gehöre auch der Missbrauch der Worte und Ideen: «Ohne Bedenken hatte man die traditionellen moralischen und religiösen Werte aufgerufen, um die bedrohten Interessen zu stützen, und hatte sie dadurch in Frage gestellt.»
Silone geht im weiteren Verlauf seiner Abhandlung auf die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten des Nihilismus und der politischen und gesellschaftlichen Situation seiner Zeit ein: auf die im Ersten Weltkrieg offenbar gewordene «Hinfälligkeit der Fortschrittsmythen, auf denen die kapitalistische Lebensanschauung und Lebensform beruhte», auf die «autoritäre Restauration» in den 20er und 30er Jahren, die versprochen hatte, ein «Heilmittel» gegen den Nihilismus zu sein, tatsächlich aber «das Übel verschlimmerte». Schliesslich auf den Faschismus. In seinen verschiedenen Formen bedeutete er «die Inthronisierung des Nihilismus». Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Nihilismus nicht verschwunden, «dessen tödliche Keime» lebten «in der Tiefe» fort.
Kraft, die dem Menschen aus seiner Verbundenheit mit dem Nächsten erwächst
«Was ist zu tun?» fragt Silone. Seine Antwort lautet: «Ich sehe nur einen Weg der Befreiung: von der Oberfläche der hervortretenden Erscheinungen in die Tiefe vorzustossen und sie mutig zu erforschen.» Und zwar «mit absoluter geistiger Redlichkeit und gesundem Empfinden». Schriftsteller wie Albert Camus hätten den Weg beschritten, weg von einer anfänglich nihilistischen Haltung, die im Leben nichts als Sinnlosigkeit zu erkennen glaubt, hin zu einem wirklichen Ausweg. «Das Heilmittel gegen dieses trostlose Gefühl der Sinnlosigkeit findet Camus im Mitleid. ‹Die Welt, in der ich lebe, stösst mich ab […] aber ich fühle mich solidarisch mit den Menschen, die leiden.›» So werde in Camus’ Roman «Die Pest» das Leben der Figuren «nicht mehr als eine gleichgültige Folge von willkürlichen Ereignissen dargestellt, sondern als eine Begegnung von Menschen, die gemeinsam leiden und gegen das gleiche Schicksal kämpfen». Nach weiteren Beispielen spricht Silone von einem «Ausweg aus dem Nihilismus dank einer Kraft, die dem Menschen aus seiner Verbundenheit mit dem Nächsten erwächst».
Gewissen statt Partei …
Silone schildert, wie er wegen seiner frühen Gefährten, den Tagelöhnern seines Geburtsortes, zur sozialistischen und kommunistischen Bewegung gestossen war und viele Jahre geglaubt hatte, mit Hilfe der Klasse der Proletarier den Nihilismus überwinden und die soziale Frage lösen zu können. Nun aber habe er erkennen müssen, dass das Proletariat, die Arbeiterschaft tief gespalten und selbst als Klasse kein Garant des Fortschritts mehr ist. Viel mehr komme es jetzt auf das Gewissen des Einzelnen an.
Der «nihilistische[n] Anbetung von Macht und Erfolg» setzt er das Eintreten für das Recht entgegen. Er schreibt: «Wenn das, was man unter recht und unrecht versteht, überhaupt erkenntlich wird, so gewiss nicht durch die vergängliche Betonung, die Macht und Erfolg verleihen.» Am Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs verdeutlicht er, was es bedeutet, nur noch in den Kategorien von Parteien und deren Kämpfen um die Macht zu denken und zu handeln. Nicht zuletzt mit Blick auf die früher eigene, die Kommunistische Partei, schreibt er zu den Parteien: «Der todbringende Mechanismus ist immer derselbe: Jede Organisation oder Institution entsteht, um für ein Ideal zu kämpfen; aber allmählich identifiziert sie sich mit diesem Ideal und setzt sich schliesslich an seine Stelle, und das eigene Interesse kommt in der Werteskala auf den ersten Platz. […] Die Parteimitglieder fühlen sich nicht geschädigt, sie sehen sogar einen Vorteil darin, dass sie endgültig von jeder persönlichen Verantwortung entbunden sind.» Er zitiert aus einem Brief von Simone Weil, die mit der republikanischen Seite im Bürgerkrieg sympathisiert hatte, aus dem Frühjahr 1938: «Man zieht als Freiwilliger aus, von Idealen und Opfergeist erfüllt, und unversehens wird aus einem Kampf für die Freiheit eine Art Söldnerkrieg, nur mit viel mehr Grausamkeiten und weniger Achtung vor dem Gegner.»
… und Treue zu den Menschen
Ein Denken und Handeln nach dem eigenen Gewissen ist etwas anderes: «In jedem Fall ist die Treue zu den Menschen, die wegen ihrer Liebe zu Freiheit und Gerechtigkeit verfolgt wurden, ein Gebot der persönlichen Ehre, das uns stärker verpflichtet als jede abstrakte programmatische Formulierung.» Also nicht die Partei kann zur Überwindung des Nihilismus und zur Lösung der sozialen Frage führen, sondern nur das Denken, Fühlen und Handeln als verantwortlicher Mitmensch.
Dem liege ein Grundvertrauen zu Grunde: «Es beruht in letzter Linie auf der inneren Gewissheit, dass wir Menschen freie und verantwortliche Menschen sind; es beruht darauf, dass der Mensch ein unabweisbares Bedürfnis hat, an der Wirklichkeit der anderen teilzunehmen; es beruht auf der Möglichkeit einer wortlosen Verständigung der Seelen. Ist diese Möglichkeit nicht ein Beweis für die brüderliche Verbundenheit der Menschen? Die Liebe zu den Unterdrückten erwächst daraus als eine notwendige Folge, die durch keine historische Enttäuschung zu erschüttern ist, denn es ist keine auf ihren Vorteil bedachte Liebe, und ihre Beständigkeit hängt nicht vom Erfolg ab. Wie soll man, mit diesen Gewissheiten als Lebensgrundlage, sich damit abfinden, dass bei den ärmsten und unglücklichsten Kreaturen die menschlichen Möglichkeiten einfach erstickt werden? Und wie soll man eine Moral verstehen, die sich taub stellt gegenüber dieser wesentlichen Verpflichtung? Aber diese Verpflichtung hat nichts zu tun mit politischen Machenschaften.» Denn: «Es ist zweifellos die schlimmste Gotteslästerung, sich der Unterdrückten als Sprungbrett zu bedienen, um selbst an die Macht zu kommen, und sie dann zu verraten, denn sie sind die Schutzlosesten unter den Menschen.»
Und das alles, ohne unrealistisch zu werden: «Wir müssen ehrlich zugeben, dass wir kein Allheilmittel kennen. Ein Allheilmittel für die sozialen Nöte gibt es nicht. Es ist schon viel, wenn wir genug Vertrauen haben, um weiterzugehen. Wir müssen unter einem ideologisch dunklen Himmel wandern; der alte, klare südliche Himmel mit seinen leuchtenden Sternen ist jetzt bedeckt, aber das restliche spärliche Licht erlaubt uns wenigstens zu sehen, wohin wir die Füsse setzen.» •
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