Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2457

der bedeutendste der ehemaligen Studentenorden (s. Landsmannschaften), 1746 als
Moselbund in Jena
[* 3] gegründet, nannte sich seit 1771 Amicistenorden und verbreitete sich schnell nach den meisten deutschen
Universitäten.
Mit dem Verfall des Ordenswesens verschwand er, als 1798 die letzten 12 A. aus Jena relegiert waren.
Seines Übergewichtes über die übrigen Studentenorden wegen nannte man wohl auch jeden Ordensstudenten Amicist.
(lat., »Gesamtheiten«,
d. h. wissenschaftliche Hochschulen), diejenigen öffentlichen Anstalten, auf denen die Wissenschaften
vollständig und in systematischer Ordnung gelehrt, auch die höchsten wissenschaftlichen (akademischen) Würden (Grade) erteilt
werden. Der lateinische NameUniversitas bezeichnete ursprünglich nur die mit gewissen Rechten ausgestattete Körperschaft der
Lehrer und Schüler (universitäten magistrorum et scholarium); erst allmählich wurden auch die Lehranstalten als solche
(sonst: studium, studium generale) Universitäten genannt und nachträglich dieser Name auf den die Gesamtheit der
Wissenschaften umfassenden Lehrplan der Hochschulen gedeutet.
Kollegien oder Kollegiaturen, ursprünglich kirchliche Anstalten, in welchen Studierende freien Unterhalt, Lehre
[* 21] und Beaufsichtigung
fanden. Eins der ersten Universitätskollegien war die berühmte PariserSorbonne (s. d.), gegründet um 1250 von Robert de Sorbon,
KaplanLudwigs IX. Den öffentlichen Kollegien traten, wo sie dem Bedürfnis nicht genügten, auch private Unternehmen ähnlicher
Art zur Seite, die auf Beiträge der Insassen begründet und von einzelnen Universitätslehrern geleitet
waren. Solche Bursen (bursae, davon Burschen) waren vorzugsweise in Deutschland verbreitet. Das Kollegienwesen entwickelte
sich am reichsten in Frankreich und England, wo auch der Unterricht zumeist in die Kollegien sich zurückzog. Gegenwärtig bezeichnet
man an deutschen Universitäten die Vorlesungen der Lehrer als Kollegien, ohne dabei an die geschichtliche Herkunft
dieser Bezeichnung zu denken. - Neben dem festern Kern jener Bursen und Kollegien bevölkerten die Universitäten des Mittelalters die sogen.
fahrenden Schüler, eine bunt gemischte, wandernde Gesellschaft, in welcher die verschiedensten Alters- und Bildungsstufen zusammentrafen
(s. Vaganten). In ihrem Schoß bildeten sich zuerst in rohen Umrissen die Anfänge der studentischen Sitten
heraus, die sich teilweise bis heute erhalten haben; so die Gewalt der ältern Studenten (Bacchanten) über die jüngern (Schützen,
Füchse).
Mehrere dieser akademischen Gymnasien, wie Straßburg (1621), Altdorf (1623), Herborn (1654), entwickelten sich später zu wirklichen
Hochschulen. Während im protestantischen Norden
[* 47] die Universitäten im allmählichen Übergang Staatsanstalten mit einer gewissen korporativen
Selbständigkeit wurden, blieben die neuen jesuitischen Universitäten, wie Würzburg
[* 48] (1582), Graz
[* 49] (1586), Salzburg
[* 50] (1623), Bamberg
[* 51] (1648),
Innsbruck
[* 52] (1672), Breslau
[* 53] (1702), nach deren Muster auch mehrere der schon bestehenden katholischen Universitäten umgestaltet
wurden, dem ältern Typus im wesentlichen treu. - Auf den protestantischen Universitäten beginnt in dieser Periode die eigentliche Geschichte
des deutschen Burschentums.
Thätige Teilnahme der Studierenden an der Verwaltung der Universitäten fand nicht mehr statt; die Wahl junger studierender
Fürsten zu Rektoren war
bloße Form, da die wirklichen Geschäfte von Prorektoren, die aus der Zahl der Professoren erwählt
waren, geführt wurden. Statt dessen bildete die Studentenschaft für sich eine Art von Verfassung heraus, die ihre Grundzüge
teils aus dem mittelalterlichen Herkommen, teils aus den öffentlichen Zuständen der Zeit entnahm. Das
Landsknechtwesen, die fortwährenden Feldzüge, namentlich der Dreißigjährige Krieg, nährten auf den Hochschulen einen Geist
der Ungebundenheit, welcher das in seinen letzten Ausläufern noch an die Gegenwart heranreichende Unwesen des Pennalismus
(s. d.) erzeugte.
Auch kam damals an den deutschen Universitäten das Duell auf, indem die Studierenden sich mehr und mehr als geschlossener
Stand fühlten, in dem der Begriff der Standesehre Geltung gewann. Auf manchen Universitäten gab es daneben noch Nationalkollegia als eine
von den akademischen Behörden angeordnete oder geduldete Einteilung der Studentenschaft. Zum Teil in Verbindung hiermit, zum
Teil aber auch selbständig entwickelten sich nun die Landsmannschaften, welche zu Ende des 17. und das
ganze 18. Jahrh. hindurch das studentische Leben der deutschen Universitäten beherrschten.
Sie machte sich in ihnen durch die Herrschaft einer geistlosen Pedanterie und starren Gelehrsamkeit neben großer Roheit der
Lebensformen und leidenschaftlicher Rechthaberei namentlich in den theologischen Fakultäten geltend (rabies theologorum,
Melanchthon). Unter den Männern, die gegen Ende des 17. Jahrh. diesen
Übelstand zu bekämpfen suchten, sind namentlich ErhardWeigel in Jena, G. W. Leibniz und vor allen andern Chr. Thomasius (s. d.)
hervorzuheben.
Zwar löste sich die deutsche Burschenschaft förmlich auf; sie bestand aber im stillen fort
und trat in verschiedenen Gestalten (z. B. als Allgemeinheit in Erlangen etc.) immer wieder hervor, bis sie sich 1830 in die
beiden Richtungen der harmlosern, idealistischen Arminen und der revolutionär-patriotischen Germanen spaltete. Dem entsprechend,
blieb auch das Mißtrauen der Regierungen gegen den Stand der Universitätslehrer ein dauerndes, und gerade
solche Männer, deren Namen eng und ehrenvoll mit der Geschichte der Befreiung des Vaterlandes verknüpft waren, wie namentlich
E. M. Arndt in Bonn, hatten kränkende Zurücksetzung und Verfolgung aller Art zu erleiden.
Jede Universität wurde von einem besondern Regierungsbevollmächtigten in politischer Hinsicht überwacht.
Wenn das unruhige Jahr 1830 vorübergehend die Fesseln lockerte, so hatten die Ausschreitungen, mit denen der verhaltene Groll
sich Luft machte (GöttingerRevolution und Stuttgarter Burschentag 1831, Hambacher Fest 1832, Frankfurter Attentat 1833), nur
um so strengere Beschlüsse gegen die Universitäten beim Bundestag und auf den Ministerkonferenzen in
Wien 1833 bis 1834 zur Folge.
Großes Aufsehen erregte 1837 die Entlassung und Vertreibung von sieben der bedeutendsten Professoren der stets für konservativ
und aristokratisch angesehenen Universität Göttingen (s. d.). Unter der Ungunst der Zeit zerfiel nach und nach die
Burschenschaft in einzelne Verbindungen, welche sich der ursprünglichen Gestalt derselben mehr oder weniger
annäherten. Unter diesen traten in den 40er Jahren vorzüglich die sogen. Progreßverbindungen hervor, welche Modernisierung
der akademischen Einrichtungen und Sitten, Abschaffung oder doch Beschränkung der Zweikämpfe, der akademischen Gerichtsbarkeit
etc. erstrebten.