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BILANZ ist ein Wirtschaftsmagazin. Seine Leserinnen und Leser haben mehrheitlich eine knapp bemessene Zeit, denn ihre Welt ist die Welt der Ökonomie. Die Zeiten sind schwierig. Globale Konkurrenz, Digitalisierung, Effizienz erlauben keine Rast. Wenn schon eingeschobene Zeit für Lektüre, dann höchstens für ein Sachbuch.
Dante Alighieri, einen der schwierigsten Autoren der Weltliteratur mit seiner «Göttlichen Komödie», 14 233 elfsilbigen Versen, zur Hand zu nehmen, grenzt an Vermessenheit. Ich verstehe jeden, der nun weiterblättert. Schade, denn Klassiker sind auch für Manager Quelle neuer Gedanken.
Die Welt der Klassiker
Man kann es sich relativ einfach machen. Man steigt ein in die Welt der Klassiker mit einer Novelle von Thomas Mann, «Der Tod in Venedig», welche die Entwürdigung des sittenstrengen Professors von Aschenbach beschreibt und zehn Jahre nach dem Erscheinen der «Buddenbrooks» publiziert wurde, eines der erfolgreichsten Romane der deutschsprachigen Literatur. Zwei Werke, die zum schwierigsten Buch von Thomas Mann führen können: «Doktor Faustus».
Oder man nehme Goethe zur Hand. Nein, nicht den Schul-Faust, sondern Faust II. Man wage sich an französische Klassiker, etwa an Gustave Flaubert mit seiner «Versuchung des heiligen Antonius», sprachliche Perfektion auf höchster intellektueller Ebene. Empfehlenswert sind auch der etwas leichtere Honoré de Balzac und seine «Comédie humaine» oder die Klassiker auf Englisch, der Sprache aller internationalen Manager.
Warum nicht Shakespeares «Was ihr wollt» lesen, einen der Schlüssel zu all seinen anderen Werken? Oder wie wäre es mit dem genialen amerikanischen Autor Edgar Allan Poe und seiner Kurzgeschichte «The System of Doctor Tarr and Professor Fether»? Oder mit einem spanischen Klassiker, zum Beispiel Jorge Luis Borges und dem ersten Kapitel seines Erzählbands «Das Aleph», «El inmortal»?
Es sind ein paar Tropfen eines Ozeans, die ich hier aufgeführt habe. Wer Feuer gefangen hat, dem rate ich, bei Reclam eines der kleinen gelben Büchlein zu kaufen mit dem Titel «Eine Bibliothek der Weltliteratur», in dem der grosse Hermann Hesse seine ideale kleine Bibliothek der Weltliteratur beschreibt.
Jeder Vers ein Kunstwerk
Mein persönliches Lieblingsbuch ist die «Commedia» von Dante Alighieri – geschrieben zwischen 1307 und 1321. Dante ist ein Universalgenie des ausgehenden Mittelalters: Dichter, Philosoph, Theologe, Physiker, Astronom. Ein perfekter Kenner der römischen Klassiker, die ihm auch die griechische Welt nähergebracht haben, von Virgil über Ovid.
Er hat viel geschrieben, sein Hauptwerk aber ist die «Göttliche Komödie», vergleichbar in Struktur und Einzelheiten mit einer gotischen Kathedrale. Jeder Vers ein Kunstwerk, jede Terzine lässt eine Vielzahl Interpretationen zu. Er hat Italien sein florentinisches Italienisch gegeben, das immer noch modern ist. Seine Sprache ist Musik. Das Inferno, die Hölle, ist Wagner, der poetische Läuterungsberg Mozart, das Paradiso Bach.
Es gibt unzählige verschiedene Ausgaben der «Commedia», am besten liest man Dante im Original mit deutscher Übersetzung und mit Erläuterungen, etwa in der Version Walter Naumanns und Ferdinand Barths von 2014. Jeden Abend eine Terzine, drei Verse, nachdem man sich am Tage über Bilanzen und Erfolgsrechnungen gefreut oder geärgert hat.
Ein Lebensaktivum von unerhörtem Wert.
Diest ist ein Gastbeitrag von Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno.