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Als meine Mutter im Jahr 1945 zusammen mit ihrer Mutter aus der Heimat vertrieben wurde, war mit einem Schlag alles weg: Ihre Gegenwart, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Ich sage das mit diesen Zeitdimensionen, weil sie die Tragödie weitreichender beschreiben als das, was sie an verlorenen Dingen hätte aufzählen können, wie: «Mein Ort, mein Bett, das Geschirr, meine Nachbarinnen und meine Freunde, mein Onkel, der gefallen ist, mein Cousin, der gefallen ist, fast alle Kleider, die ich getragen habe, der Schulweg, den ich gegangen bin, der Bäcker, bei dem ich mein Brot geholt habe, die Blumen vor dem Fenster, die Schulbank, in der ich gesessen bin».
Meiner Mutter und meiner Großmutter hat man etwa eineinhalb Stunden Zeit gegeben, um ein paar Dinge zusammenzupacken, bevor sie gehen mussten. Wie bei allen Heimatvertriebenen befanden sich in ihrem Gepäck Zeugnisse und Fotoalben, also Nachweise für das, was sie ausgemacht hat, für ihre Herkunft, Ihr Eingebundensein, ihre Bildung. Am neuen Ort, an dem man ihnen ein Zimmer zugwiesen hat, hat das niemanden interessiert. Nicht, dass meine Großmutter dort, wo sie hergekommen war, eine gefragte Schneiderin war, nicht dass meine Mutter kurz vor ihrem Abschluss als Lehrerin gestanden hatte. Am neuen Ort galten sie als «Dahergelaufene», «Flüchtlinge», «zwei zusätzliche Esserinnen». Sie wurden entwürdigt.
Meine Kindheit hindurch habe ich erlebt, wie meine Mutter darum gerungen hat, ihr Würde wiederzuerlangen.
Kahlid, unser Nachbar aus Syrien, sagt immer wieder: «Daheim war ich Schreiner. Ich will als Schreiner arbeiten. Kennst Du jemanden, der einen Schreiner braucht?»
Kahlid hat einen Status als Asylant, aber Kahlid ist kein Asylant.
Kahlid ist Schreiner.
«Wer bist Du?»