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Falbkatze
Felis silvestris lybica
© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Bei einer ganzen Reihe von Haustieren - der Kuh, dem Pferd, dem Esel, dem Dromedar und dem Wasserbüffel beispielsweise - hat der Mensch deren Ursprungsart in freier Wildbahn vollständig oder nahezu ausgerottet. Nicht so bei der Hauskatze: Ihre Stammform ist noch immer sehr weit verbreitet. Es handelt sich um die Falbkatze oder «Afrikanische Wildkatze» (Felis silvestris lybica), einer Unterart der Wildkatze (Felis silvestris), zu der im übrigen noch die Waldkatze oder «Europäische Wildkatze» (Felis silvestris silvestris) und die Steppenkatze oder «Asiatische Wildkatze» (Felis silvestris ornata) zählen.
Leider ist der Fortbestand der Falbkatze als eigenständige Wildform stark gefährdet - für einmal nicht aufgrund der direkten Nachtellungen seitens des Menschen, sondern durch ständige Bastardisierung mit freilaufenden und verwilderten Hauskatzen. Dies scheint auch in Libyen, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, der Fall zu sein, wo die Nubische Falbkatze oder «Nordostafrikanische Wildkatze» zu Hause ist - also jene Wildkatzenform, die sich seinerzeit in Ägypten dem Menschen anschloss und deshalb als Vorfahrin all unserer Hauskatzen gilt.
Von Wangenstreifen und Beinringen
Auf den ersten Blick schaut die Falbkatze aus wie eine verhältnismässig grosse getigerte Hauskatze. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass sie sich sowohl hinsichtlich ihres Körperbaus als auch bezüglich ihrer Fellfärbung recht eindeutig von dieser unterscheidet. So sind die Beine der Falbkatze schlanker und länger als die der durchschnittlichen Hauskatze. Dies lässt sie zum einen besonders elegant erscheinen; zum anderen nimmt deswegen der Körper beim Sitzen eine nahezu senkrechte Stellung ein, was bei der gewöhnlichen Hauskatze nicht der Fall ist. (Nur ein paar besonders langgliedrige Katzenrassen wie die Siamesen setzen sich ebenso aufrecht hin wie die Falbkatze.)
Die Färbung der Falbkatze ist zwar innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets gewissen geografischen Variationen unterworfen. So spiegelt die Grundfärbung des Fells in einem gewissen Ausmass die allgemeine Färbung des jeweiligen Lebensraums wider: Sie ist ein helles Gelblichgrau bis Sandfarben bei den Falbkatzen der Halbwüsten, jedoch ein Gelbbraun bis Rötlichbraun bei Tieren aus Steppen oder Savannengebieten. Und auch das Fellmuster ist je nach Lebensraum unterschiedlich ausgebildet: Während Falbkatzen aus Gebieten mit dichter Pflanzendecke oft sehr kontrastreich «getigert» sind, weisen solche in offenen, pflanzenarmen Halbwüsten zumeist eine ziemlich «verwaschene» Streifenzeichnung auf. Gewisse Merkmale sind aber in der Färbung der Falbkatze unabänderlich vorhanden: So ist die Rückenfarbe gegenüber der Farbe der Körperseiten immer deutlich verdunkelt. Stets gut erkennbar sind ferner zwei horizontal verlaufende Streifen auf jeder Wange, zwei dicke Ringe auf jedem Vorderbein, eine schwarze Schwanzspitze und schwarze Pfo-ten-unterseiten, was bei getigerten Hauskatzen kaum je der Fall ist.
Nächtliche Pirschjägerin
Das Verbreitungsgebiet der Falbkatze erstreckt sich praktisch über den gesamten afrikanischen Kontinent - von der Mittelmeerküste im Norden bis zum Kap der Guten Hoffnung im Süden. Einzig in den zentralen Bereichen der Wüste Sahara, in den tropischen Regenwäldern Äquatorialafrikas und in Gebirgszonen überhalb 1800 Metern ü.M. kommt die schlanke Wildkatze nicht vor. Ansonsten aber erweist sie sich hinsichtlich ihrer Lebensraumansprüche als sehr anpassungsfähig. Wo immer genügend Beutetiere, ausreichend Deckung für die Jagd und sichere Unterschlupfmöglichkeiten zum Schlafen vorhanden sind, kommt sie zurecht. Um welche Beutetiere es sich im einzelnen handelt, welche Pflanzen sie beim Anpirschen decken bzw. beim Ruhen schützen und wie die Landschaft im übrigen strukturiert ist, kümmert sie wenig.
In Libyen findet man die Falbkatze sowohl in der Küstenregion als auch in den südlich daran angrenzenden Randregionen der Sahara. Am zahlreichsten scheint sie in der mit einer lichten mediterranen Strauch- und Baumvegetation bewachsenen Hügelregion Dschebel-el-Akhdar im Nordosten des Landes, nahe der Grenze zu Ägypten, vorzukommen.
Nach echter Katzenmanier wird die Falbkatze erst gegen Abend munter, gewöhnlich geraume Zeit nach Sonnenuntergang, und geht dann auf die Jagd. Sie ist eine hervorragende Pirschjägerin, die ihre Beutetiere unbemerkt anschleicht und durch einen Überraschungsangriff erlegt. Langsam und lautlos bewegt sie sich umher. Aufmerksam äugt und lauscht sie nach auffälligen Bewegungen und Geräuschen. Nimmt sie ein mögliches Opfer wahr, so nähert sie sich ihm äusserst vorsichtig. Sie nutzt jeden Stein, jede Bodenunebenheit und jedes Grasbüschel zur Deckung aus, duckt sich, lauert und schleicht - bis sie schliesslich so nahe ist, dass sie das Beutetier mit einem einzigen Sprung fassen kann. Ganz zum Schluss «verankert» sie mit kennzeichnenden, scharrenden Bewegungen ihre Hinterpfoten fest am Boden, um beim Absprung auf keinen Fall wegzurutschen. Dann schiesst sie los. Für das Opfer erfolgt der Ansprung in der Regel wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Meist bleibt ihm überhaupt keine Zeit mehr für irgendwelche Flucht- oder Abwehrbewegungen. Ehe es sich versieht, hat die Falbkatze es mit den scharfen Krallen ihrer Vorderpfoten gepackt und mit einem kräftigen Biss in die Nackenwirbel getötet.
Zum Opfer fällt der Falbkatze so ziemlich alles, was ihr auf ihren Pirschgängen an Kleintieren über den Weg läuft: Vor allem handelt es sich um kleinere Nagetiere. Auf ihrem Speisezettel stehen aber auch Vögel und Echsen nebst grösseren Insekten wie Heuschrecken und Nachtfaltern.
Bei der nächtlichen Pirsch verlässt sich die Falbkatze in erster Linie auf ihr ausgezeichnetes Gehör und ihre unvergleichlichen Augen, deren Lichtempfindlichkeit etwa sechsmal so gross ist wie beim Menschen. Dadurch vermag sie selbst in dunkler Nacht noch auf die Jagd zu gehen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei eine rückstrahlende Gewebeschicht, welche unter den Sehzellen liegt und «Tapetum lucidum» («Leuchttapete») heisst. Wie ein Spiegel wirft sie sämtliche Lichtstrahlen vom Augenhintergrund zurück, so dass die empfindlichen Sehzellen von diesen gleich zweimal getroffen werden - einmal beim Eintritt ins Auge und einmal, wenn sie von der reflektierenden Schicht zurückkommen. Das Tapetum lucidum ist im übrigen für das Aufleuchten der Falbkatzenaugen verantwortlich, wenn sie im Dunkeln von hellem Licht getroffen werden.
Unduldsame Einzelgängerin
Die Falbkatze verhält sich die meiste Zeit des Jahres sehr ungesellig: Jedes Männchen und jedes Weibchen lebt und jagt für sich allein. Dies hat seinen guten Grund: Einzelgänger haben die besseren Chancen, ihre Beutetiere unbemerkt anzuschleichen und durch Überraschung zu erlegen; im Rudel wäre das erheblich schwieriger.
Ihr Wohngebiet, das sich im Durchschnitt auf rund fünfzig Hektar bemisst, beansprucht jede Falbkatze für sich allein. Duftmarken helfen ihr, den territorialen Anspruch zu bekräftigen. Vor allem die Männchen bespritzen auf ihren Streifzügen durchs Revier und den Reviergrenzen entlang immer wieder Grasbüschel, Steine und andere auffällige Geländepunkte mit ihrem durchdringend riechenden Harn. Unliebsame Begegnungen mit Artgenossen lassen sich dadurch weitgehend vermeiden.
Von Zeit zu Zeit legt natürlich auch die Falbkatze ihren Hang zum Einzelgängertum ab - dann nämlich, wenn sie den Drang verspürt, sich zu paaren und für Nachwuchs zu sorgen. Die Weibchen stossen dann nachts ihre Schreie aus, um Männchen anzulocken. Und die Männchen stimmen ihr rauhes Heulkonzert an, mit dem sie ihr grosses Verlangen nach den Weibchen ausdrücken. Finden sich mehrere Männchen bei einem brünftigen Weibchen ein, so brechen oft hitzige Kämpfe zwichen ihnen aus, welche vielfach mit zerschlissenen Ohren, zerkratzten Nasen und verbissenen Pfoten enden.
Die Paarung selbst dauert nur wenige Sekunden. Meistens wendet sich das Weibchen gleich anschliessend fauchend und tatzenschlagend gegen das Männchen um, das sich schleunigst davonmacht. Warum sich die Katze dem Kater gegenüber so «kratzbürstig» verhält, ist nicht ganz klar. Letzterem kann es aber eigentlich nur recht sein, denn von «Vaterpflichten» will er ohnehin nichts wissen.
Nach einer Tragzeit von gut acht Wochen bringt das Falbkatzenweibchen im allgemeinen zwei oder drei Junge in einem sicheren Versteck zur Welt. Diese wiegen bei der Geburt nur ungefähr vierzig Gramm und sind anfangs blind und völlig hilflos. Sie wachsen aber dank des hohen Eiweissgehalts der mütterlichen Milch rasch heran. Etwa am zehnten Tag öffnen sie ihre Augen und krabbeln alsbald überall umher. Die Entwöhnung erfolgt im Alter von rund einem Monat, und ungefähr ab diesem Zeitpunkt unterrichtet die Mutter ihre Jungen im Jägerhandwerk: Sie trägt nicht nur unermüdlich tote Beute herbei, sondern zwischendurch auch lebende Mäuse, die sie vor den Jungen springen lässt. Anfangs entschlüpfen die Opfer den unbeholfenen Kätzchen immer wieder. Sie üben aber mit wachsender Geschicklichkeit und lernen schnell hinzu.
Wenig später beginnen die Jungen, mit ihrer Mutter umherzuziehen, zuerst in kurzen, dann in zunehmend längeren Etappen. Allmählich lernen die auf den gemeinsamen Pirschgängen mit der Mutter die verschiedenen Beutetiere und die anspruchsvolle Technik der Schleichjagd genau kennen. Mit etwa drei Monaten beginnen sie, ernstlich selbst zu jagen. Schliesslich, mit etwa fünf bis sechs Monaten, trennen sie sich von ihrer Mutter und ziehen auf eigene Faust los. Im Alter von etwa einem Jahr erreichen sie die Geschlechtsreife und richten sich dann ihr eigenes Territorium ein. Vor ihnen liegt ein bis etwa fünfzehn Jahre langes Leben - sofern sie gesund bleiben und nicht vorzeitig einem Fressfeind zum Opfer fallen. Denn obschon die Falbkatzen selbst zur Sippe der Raubtiere gehören, sind sie vor Angriffen durch andere Beutegreifer keineswegs gefeit: Leoparden, Hyänen, grosse Schlangen, Adler und Uhus sind grundsätzlich alle in der Lage, Falbkatzen zu erlegen. Wie häufig dies in der freien Wildbahn tatsächlich geschieht, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis.
Späte Haustierwerdung
Die Falbkatze ist ein überaus scheues und heimliches Wesen, weshalb man sie in freier Wildbahn so gut wie nie zu Gesicht bekommt. Dies - zusammen mit ihrer nächtlichen Lebensweise und ihrer ungeselligen Natur - lässt sie eigentlich als «Kandidatin» für die Haustierwerdung als ziemlich ungeeignet erscheinen. Es verwundert deshalb nicht, dass sie sich erst verhältnismässig spät - nämlich vor rund 4000 Jahren und damit mehrere Jahrtausende später als Schwein, Schaf, Pferd und Hund - mit dem Menschen vergesellschaftet hat.
Soweit wir wissen, geschah die Haustierwerdung der Falbkatze zuerst im alten Ägypten und, wie es scheint, aus freien Stücken. Vermutlich konnten die dort ansässigen Tiere den unzähligen Mäusen und Ratten, die sich in den Getreidespeichern der Ägypter gütlich taten, nicht widerstehen und legten allmählich ihre Scheu vor den «Zweibeinern» ab. Die Ägypter fanden offenbar an den zutraulichen und nützlichen Katzen Gefallen und ermutigten sie, im Bereich ihrer Siedlungen zu leben. Irgendwann gab es dann wohl so zahme Individuen, dass sie ihre Jungen in Obhut des Menschen zur Welt brachten - und mit diesen erblickten sozusagen die ersten Hauskatzen das Licht der Welt.
Mit der Zeit gelangten die zahmen Falbkatzen den grossen Handelsstrassen entlang auch in den Mittleren Osten, nach China sowie nach Europa. Schon vor 2000 Jahren waren sie beispielsweise bei den Römern zu beliebten Haustieren geworden. Interessanterweise hat sich die Hauskatze aber in all den vielen Jahren, in denen sie nun schon in der Gesellschaft des Menschen lebt, weder in ihrem Wesen noch in ihrem Bau stark verändert. Tatsächlich kann sie noch heute sehr rasch verwildern und ihre ursprüngliche Lebensweise wieder annehmen, wenn man sich nicht um sie kümmert. Und selbst Rassekatzen wie Perser, Siamesen oder Kartäuser sehen in ihrer Gestalt der Falbkatze wesentlich ähnlicher als etwa Dackel, Bulldogge oder Pudel dem Wolf, seines Zeichens Stammvater aller Haushunde.
Dass die Hauskatze über all die Jahrhunderte hinweg so unabhängig und ursprünglich blieb, hat damit zu tun, dass der Mensch die Hauskatze nie zielstrebig für bestimmte Aufgaben weitergezüchtet hat. Den Hund als Jagdhelfer, das Pferd als Beförderungsmittel, die Kuh als Milch- und Fleischlieferantin - sie alle züchtete er nach seinen Wünschen um. Bei der Katze war das anders: Sie gefiel ihm stets, so wie sie war.
Ein grosses Problem, das sich aus ökologischer Sicht hierdurch ergibt, ist die Leichtigkeit, mit der sich verwilderte Hauskatzen in die Bestände ihrer wildlebenden Verwandten einkreuzen. In vielen Teilen Europas, Asiens und Afrikas ist es heute selbst in abgelegenen Regionen schwierig, reinblütige Wildkatzen zu finden. Dies gilt auch für Libyen, wo nur noch die wenigsten Falbkatzen alle ursprünglichen Kennzeichen ihrer Art aufweisen. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen sind - mehr oder minder stark - bastardisiert. Ausgerechnet die erstaunliche Anpassungsfähigkeit, welche diesen eleganten Säugetieren von Natur aus eigen ist, erweist sich also letztlich als Hauptgefahr für ihren Fortbestand als «echte» Wildtierart. Da freilaufende und verwilderte Hauskatzen heute allgegenwärtig und zudem äusserst überlebenstüchtig sind, sehen die Fachleute vom Versuch einer Lösung dieses Problem mittels irgendwelchen hegerischen Massnahmen ab. Er wäre ganz gewiss zum Scheitern verurteilt.
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