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1710 – Das Spezialreservat von Ambohitantely
Das Spezialreservat von Ambohitantely, rund 140 km nordwestlich der Hauptstadt, ist unser heutiges Reiseziel.
Man sollte sehr früh am Morgen aufbrechen, erstens um dem Verkehrs-Chaos zu entgehen und zweitens um die brütende Hitze auf den schönen Wandertouren durch den Park zu meiden. Eine interessante Entdeckungsreise fernab üblicher Routen!
Zügig geht die Autofahrt von Antananarivo auf der RN4 Richtung Nordwesten. Nach etwa 100 km (ca. 2 Stunden Autofahrtzeit) ab der Hauptstadt gelangt man in die Bezirkshauptstadt Ankazobe, dies bedeutet wörtlich “wo grosse Bäume wachsen“. Dieses Örtchen hat seinen Namen aus jener Zeit, als hier noch ein riesiger Trockenwald das Hochlandes des Westens beherrschte. Von Ankazobe geht die Fahrt 30 km weiter durch den dünn besiedelten Westteil der Insel mit weiten Grasflächen, dann biegt man nach rechts ab bis zur Forststation “Manankazo“. Ein Grossteil der Freiflächen wurde mit Pinien, Eukalyptus, Zypressen und anderen fremden Baumarten aufgeforstet. In vielen Regionen von Madagaskar werden verschiedene Bäume regelmässig auf Eigeninitiative von Gemeinden, von verschiedenen ökologischen Hilfsprojekten und von Madagaskar National Parks während der Regenzeit (zwischen Dezember und März) gepflanzt.
Es ist heiss und ziemlich trocken geworden und neben dem spürbar veränderten Klima fällt auch die sich verändernde Landwirtschaft auf: trockene Weidelandschaften mit weiten und sanft gewellten Grasflächen werden bis zum Reservat von Ambohitantely durchquert. Das Reservat von Ambohitantely bedeutet “der Ort mit Honig“, denn in den Trockenwäldern dieses Spezialreservates wurde früher wilder Honig gesammelt.
Spezialreservat von Ambohitantely
Das etwa 5’600 ha grosse Spezialreservat liegt zwischen 1300 m und 1650 m über dem Meeresspiegel. Eingebettet in die Hügellandschaft des Hochlandes finden wir Steppen und Savannen. Ein Rest von Urwald von etwa 1’800 ha steht unter striktem Naturschutz, denn in diesem ursprünglichen Teil des Trockenwaldes wachsen seltene Orchideen und wertvolle Edelhölzer wie Palisander und Ebenholz und in den tiefer gelegenen Teilen des Reservates gedeihen die endemischen, winterharten Madagaskar Königspalmen “Dypsis decipiens“, typisch in dieser Region. Das Spezialreservat wirkt daher wie eine dunkelgrüne Oase, wo sich die tagaktiven Braunen Lemuren, die nachtaktiven Wollmakis, die scheuen Mausmakis und zahlreiche Vogelarten tummeln.
Tierliebhaber kommen hier im Reservat auf ihre Kosten, denn die ortskundigen Guides führen die Reisenden durch das unerschlossene Gelände und freuen sich, den Besuchern die zahlreichen Reptilien z.B. die gut getarnten Chamäleons zu zeigen.
Insgesamt gibt es über 50 bekannte Chamäleonarten auf Madagaskar, das Wort Chamäleon ist ein griechisches Wort, wörtlich heisst dies “Erd-Löwe“. Die Einheimischen nennen diese Kriechtiere “Tanalahy“ im Hochland oder “Tarondro“ im Norden. Die verschiedenen Arten kommen auch ganz verschieden daher: mal mit kantigem Kopf, mit Helm, mit Nasenlappen oder mit Hörnern auf der Nase.
Von den vielen Reptilien auf der ganzen Insel sind die Chamäleons wohl die beliebtesten, nicht nur wegen der bunten Farben, sondern auch, weil man sie in der Natur leicht beobachten und in die Hand nehmen kann. Diese “Meister der Tarnung“ sind tagaktiv und ernähren sich von Insekten wie Heuschrecken, Fliegen und anderen Kleintieren. Sobald ein Beutetier entdeckt ist, wird es mit beiden Augen angepeilt, dann öffnet sich langsam das Maul und plötzlich schnellt die lange Schleuderzunge hervor. Ein faszinierendes Spektakel, das sich im Bruchteil einer Sekunde abspielt, so dass das menschliche Auge diesem Vorgang nicht folgen kann, es ist auch ziemlich schwierig zu fotografieren.
Die Augen können unabhängig voneinander bewegt werden, so kann beispielweise das linke Auge nach hinten schauen, während das rechte nach vorne starrt. Auf diese Weise behalten die Tiere den Überblick über die Umgebung, auch ohne den Kopf auffällig bewegen zu müssen. Dieses Verhalten ist sehr wichtig, denn das Leben im Geäst ist für sie sehr gefährlich.
Die Einheimischen fürchten diese Tiere und weigern sich, sie anzufassen (ausser der Lokalguide natürlich). Trotzdem sind die Leute von diesen sich unabhängig voneinander bewegenden Augen nach vorne und nach hinten oder nach links und nach rechts fasziniert und haben daraus einen bekannten Spruch gemacht: “Handle wie ein Chamäleon, blicke mit einem Auge in die Vergangenheit und mit dem anderen in die Zukunft“.
Neben der Färbung, die sie sehr gut an ihre Umgebung anpassen können, tarnen sie sich auch durch die Art ihrer Fortbewegung. Meistens setzen sie im Schneckentempo einen Fuss vor den anderen und schaukeln merkwürdig vor und zurück. Dieses Verhalten ist der Bewegung von Ästen und Blätter im Wind sehr ähnlich und erschwert es den Feinden, die Chamäleons zu entdecken. Dieses typische Verhalten der Chamäleons entspricht auch der madagassischen Lebensweise: “Mach es wie das Chamäleon, zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück“.
Dieses Reptil, das die Eigenschaft hat, ständig die Farben zu wechseln, ist auch ein charakteristisches Merkmal für Leute, die ihr Verhalten, die Laune oder auch die Meinung schnell und häufig wechseln. Deshalb wird dieser einzigartige Charakter der Chamäleons in den madagassischen Sprichwörtern und Reden häufig benutzt.
Die Chamäleons sind meist standorttreu, ein Glück für die lokalen Führer, denn so können sie leicht gefunden werden, meistens in kleinen Gebüschen am Waldrand oder auch in der Nähe von Dorfsiedlungen, wo sie häufig ihr Futter finden können.
Viele fleischfressende Raubvögel gehören leider zu ihren grossen Feinden und neben den Vögeln werden sie oft auch von der Boa, einer Würgeschlange, gefressen.
Das winzige Brookesia wird auch als Stummelschwanzchamäleon oder als Zwergchamäleon bezeichnet. Diese Arten haben keine grosse Farbwechselmöglichkeit, denn sie haben unscheinbare braune Farben. Da sie auf dem Boden unter welkenden Blättern und trockenem Laub leben, sind sie sehr gut getarnt und werden deshalb auch als Erdchamäleons bezeichnet.
Spezialreservat von Ambohitantely
Auch die verschiedenen Geckos gehören zu den attraktiven Tieren in diesem Reservat. Die speziellen Haftzellen an den Fingern und Zehen ermöglicht es ihnen, sich unter Blättern oder an der Zimmerdecke festzuhalten, wo sie stundenlang auf Ihre Beute wie Mücken oder andere kleine Insekten lauern. Der farbenprächtige und tagaktive Phelsuma Madagascariensis hat eine leuchtend grüne Farbe mit blutroten Flecken auf Kopf und Rücken. Sie liegen auf den grossen Blättern oder den Baumstämmen, um sich zu sonnen und lecken den Pflanzensaft verschiedener Baumarten.
Auf einer Abendwanderung durch dieses Naturschutzgebiet kann man viele nachtaktive Tiere entdecken. Berühmt wegen ihrer Seltenheit und ihres Aussehens mit den überdimensionalen Köpfen und den flachen Schwänzen sind die Plattschwanzgeckos (Uroplatus), auch als Flachkopfgecko bekannt. Tatsächlich können sie sich mit ihrem flachen Körper, ihrer Kopfform und mit ihrem blattartigen Schwanz ganz perfekt an die Farben der Baumstämme anpassen. Die graugrünen Blattschwanzgeckos, aber auch die nachtaktiven Lemuren können dank ihren grossen glänzenden Augen mit einer guten Taschenlampe leicht entdeckt werden.
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Die Braunen Lemuren Eulemur Fulvus Rufus streifen in grossen Gruppen von ca. 5 bis 15 Tieren im Wald umher und fressen Blätter, Blüten sowie Früchte des Trockenwaldes.
Sie sind früh am Morgen leicht zu finden, wenn sie von Baum zu Baum springen und auf Futtersuche sind.
Der nachtaktive “Avahi Laniger“ oder Wollmaki ist ein blattfressender Lemur. Im Gegensatz zu den anderen Nachtlemuren schlafen sie als Familiengruppen in Astgabeln. Sie haben einen auffälligen weissen Streifen an der Innenseite der Oberschenkel. Mit einer guten Taschenlampe finden die Lokalguides ihre roten Augen, wenn diese in der Dunkelheit leuchten.
Der braune Mausmaki (Micocebus Rufus) gehört zu den kleinsten Primaten auf der ganzen Welt. Er wiegt maximal 50 gr und misst ca.15 cm einschliesslich des verhältnismässig langen Schwanzes. Die grossen Augen weisen auf die nächtliche Lebensweise hin und als Nachttiere leben die Mausmaki in Nestern und Baumhöhlen. Sie fressen sowohl Früchte als auch Insekten, mit Vorliebe die wilden Früchte oder die süssen Beeren im Wald. Leider werden ihre Lebensräume mehr und mehr durch menschliche Eingriffe wie Abholzung und Brandrodung zerstört.
Spezialreservat von Ambohitantely
Ambohitantely wurde seit 1996 von Madagaskar Nationalpark als Spezialreservat ausgewiesen und eigentlich ist dieses Reservat mehr für Wissenschaftler und Spezialisten geeignet, aber in Betracht der überschaubaren Grösse und des landschaftlichen Reizes ist es auch für Touristen einen Besuch wert. Dieses Naturschutzgebiet dient auch als Schulungsstätte für Forscher und für Biologie-Studenten.
Jedes der über 50 zugänglichen Naturschutzgebiete Madagaskars hat mehrere Wanderwege und Touren mit unterschiedlicher Dauer und Schwierigkeitsgraden. Sie können gegen Bezahlung einer Eintrittsgebühr besucht werden. Ein lokaler Parkführer muss obligatorisch angeheuert werden, er kennt das Gebiet, die Tiere, die endemische Flora sowie die Medizinpflanzen. Je nach Interesse und Kondition der Reisenden schlägt der Führer den Besuchern verschiedene Rundwege durch das Reservat vor.
Leider verfügt dieses Spezialreservat von Ambohitantely über keinerlei touristische Infrastruktur. Es finden sich lediglich Campingmöglichkeiten, aber die Ausrüstung sowie Proviant und Trinkwasser müssen selbst mitgebracht werden.
Nach dem erlebnisreichen Aufenthalt in diesem Spezialreservat kann man die Reise Richtung Nordwesten zum Nationalpark von Ankarafantsika fortsetzen: Innerhalb dieses dichten Trockenwaldes mit vielen langen Lianen gibt es eine ganze Reihe von gekennzeichneten Wanderwegen, deren Länge und Schwierigkeitsgrade unterschiedlich sind, es ist aber auch ein schönes Naturschutzgebiet – zum Staunen!
Oktober 2020; geschrieben von: Bodo, PRIORI Antananarivo
Redigiert von Peter Elliker www.madagaskarhaus.ch