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Mit Superlativen wird nicht gegeizt: Edgar Degas, der bekannte französische Künstler sei ein “Pionier und Wegbereiter der Moderne”, er habe einen “Platz auf dem Olymp der Kunstgeschichte” verdient, seine Werke zählen zum “Schönsten und Berührendsten, was je von Menschenhand geschaffen worden ist”. Man kann es der Fondation Beyeler kaum verübeln, dass sie ihre Ausstellungen stets mit der grossen Kelle anrührt – es gehört wohl in die Liste der To-Do’s eines Museums dieser Grösse. Man sollte lediglich darauf achten, die lobenden Worte zur “wichtigsten und grössten Ausstellung des Jahres” nicht gedankenlos zu verinnerlichen und entsprechend oberflächlich durch die Ausstellung zu rauschen. Es mag verlockend sein, die gehörten oder gelesenen Zitate feierlich und mit Ehrfurcht zu rezitieren und sich als kunstverständige, feinsinnige Person auszugeben. Es ist aber auch wenig fruchtbar. Denn trotz all der mundgerecht vorgefertigten Worte darf man nicht vergessen, sich die Werke selbst anzuschauen. Musse haben. Sich Zeit nehmen, auch einmal vor einem Bild ein wenig länger zu verweilen. Sich Gedanken machen. Sich in ein Bild verlieben. Man möge versichert sein, dass sich dann die eigenen Erkenntnisse und die Freude an der Kunst Degas’ von selbst einstellen.
Jenseits des Impressionismus
Die Ausstellung zeigt Edgar Degas’ Spätwerk, das zwischen 1886 und 1912 entstanden ist. Bekannt wurde der Pariser Maler aber als Vertreter des Impressionismus, dem er zwischen 1870 und 1885 nahe stand. Von seinen malenden Zeitgenossen Monet, Renoir, Pissarro und anderen distanzierte er sich zunehmend und begab sich in eine innere Emigration, in der er sich fast ausschliesslich der Kunst widmete. So nahm er nach 1886 nicht mehr an den Impressionisten-Ausstellungen teil, auch weil er sich mit anderen Sujets und Maltechniken auseinandersetzte. Er zog sich aus der kunstinteressierten Öffentlichkeit zurück. In dieser Zeit wurde vor allem die Pastellmalerei zu seinem Steckenpferd, mit dem er sich langsam von der typisch impressionistischen detailreichen Feinmalerei wegbewegte. Doch auch andere Techniken wurden rege genutzt: Ölmalerei, Zeichnungen, Lithografien, Fotografien und Bildhauerei. Der Fondation Beyeler gelang es, Werke aus all diesen verschiedenen Medien nach Riehen zu bringen. So sind Degas’ Tänzerinnen nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in Vitrinen zu bestaunen.
Vertiefende Beschränkung
Parallel zu der zunehmenden Beschränkung seines Lebensraums auf sein Atelier nahm auch die Zahl der Motive ab. Widmete er sich früher noch den typisch impressionistischen Sujets wie dem Stadtleben Paris’, ihren Boulevards und Etablissements, so kennzeichnet sein Spätwerk eine Beschränkung auf wenige Themen, die man an einer Hand abzählen kann und nach denen die Ausstellung entworfen worden ist: Tänzerinnen, weibliche Akte, Porträts, Landschaften sowie Reiter und Jockeys. Schon fast manisch bearbeitete er diese Themen, variierte und kombinierte sie. Auf diese Weise entstand ein serielles, grundsätzlich nie fertiges Werk, das an heutige künstlerische Praktiken von Reproduktion erinnert und deshalb – rückblickend betrachtet – als zukunftsweisend bezeichnet wird. Das Prozesshafte und Unabschliessbare in Degas Arbeitsweise manifestiert sich auch in dem skizzenartigen Charakter einiger Werke.
Ein Pionier der Moderne
Und erst in dieser vertiefenden Beschränkung konnte Degas’ Arbeit Merkmale entfalten, die ihn die Bezeichnung eines Pioniers einbrachten: unkonventionelle Posen, auf die abstrakte Malerei verweisende Landschaften, ungewöhnliche Blickwinkel, asymmetrische Räume, Farbexperimente oder ungewohnte Maltechniken. So tupfte Degas die Farbe schon einmal mit einem Stofffetzen auf die Leinwand. Damit diese ganzen kunsthistorischen Ausführungen nicht nur leere Hüllen bleiben, gilt es, sie mit Inhalt zu füllen. Und diesen Inhalt kann man nur in der Anschauung finden, in der Auseinandersetzung mit den Kunstwerken selbst. Dann fällt es einem vielleicht wie Schuppen von den Augen, weshalb Degas solche Lobeshymnen verdient – oder auch nicht. Der Leser darf sich ein eigenes Urteil zutrauen. Am besten vor Ort, vor den Bildern.