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Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:
Suchen Sie nicht bei sich selbst. Selbstbefriedigung in der Partnerschaft ist normal, und niemand und nichts ist schuld daran. Es kann hingegen durchaus sein, dass ein Ansprechen des Themas Ihre gemeinsame Sexualität belebt. Es gibt Paare, die bauen Masturbation in ihr Sexualleben ein. Es muss nicht immer Koitus sein.
Viele fahren aber besser damit, diese Form der Sexualität in der eigenen Intimsphäre verborgen zu halten. Gerade dass es bei diesen Paaren einen Bereich gibt, der den andern nichts angeht, erhält die erotische Spannung in der Beziehung. Was in Ihrem Fall das Richtige ist, müssen Sie sorgfältig selbst herausfinden. Beginnen Sie vorerst mit einer offen formulierten Andeutung und interpretieren Sie die Reaktion als Ermutigung oder Warnung.
Die Fakten
Ein alter Witz sagt: 98 Prozent der Menschen masturbieren und die andern zwei Prozent lügen. Laut einer repräsentativen Studie (2009) unter 18- bis 60-jährigen US-Amerikanern gaben 38 Prozent der Frauen und 61 Prozent der Männer an, im vergangenen Jahr masturbiert zu haben. In einer Befragung der Uni Bonn (1998) sagten 86 Prozent der Frauen, sie würden sich gelegentlich selbst befriedigen. Bei den Männern waren es 90 Prozent.
Selbstbefriedigung ist also ebenso Teil der menschlichen Sexualität wie Geschlechtsverkehr mit einer Partnerin oder einem Partner. Trotzdem ist der Bereich noch immer tabuisiert und mit Schuld- oder Schamgefühlen belastet. Vielleicht geht das darauf zurück, dass man noch vor 100 Jahren Selbstbefriedigung nicht nur für eine Sünde hielt, sondern auch glaubte, sie würde Rückenmarkschwindsucht oder andere Krankheiten bewirken. Eltern hielten ihre Kinder vom Masturbieren ab, indem sie sie ans Bett fesselten oder ihnen Eisenhandschuhe mit Dornen anlegten.
Es ist erst gut 20 Jahre her, dass die American Medical Association Masturbation für «normal» erklärte. 2006 hielten bereits 87 Prozent der befragten 16-jährigen deutschen Mädchen Masturbation für eine gleichwertige Form der Sexualität wie «Miteinander schlafen». Und zwar auch in Partnerschaften – unabhängig davon, wie oft man gemeinsamen Sex hat. Allerdings ergab eine weitere amerikanische Studie, dass ein Drittel der Paare, in denen beide Teile masturbieren, dies vor dem andern verbirgt.
Die Vorteile
Selbstbefriedigung ist gesund. Sie steigert zum Beispiel die Produktion des Hormons Dopamin, was entspannend wirkt. Eine australische Studie hat nachgewiesen, dass Selbstbefriedigung das Risiko für Prostatakrebs deutlich senkt. Für Frauen ist Selbstbefriedigung die erfolgreichste Technik, um zu einem Orgasmus zu gelangen. Einem Drittel aller Frauen gelingt dies mit dem Partner nämlich nicht.
Gemeinsames und gegenseitiges Masturbieren kann das Sexualleben aktivieren, weil das Beobachten der Lust des andern für viele erregend wirkt. Und man lernt so die eigene Sexualität, seinen Körper, seine Lust am besten kennen. Frauen, die in der Kindheit oder im Jugendalter schon masturbiert haben, haben im Erwachsenenleben viel leichter Orgasmen.
Die Gefahren
Masturbieren kann zur Sucht werden. Süchtig ist, wer von Onanie beherrscht wird und sie immer häufiger braucht. Die Lust wird dann eingesetzt, um das gesamte Seelenleben zu stabilisieren. Um Depressionen abzuwenden, Sorgen zu vergessen und Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Ein subtilerer Nachteil besteht darin, dass man sich bei dieser Form von Sexualität nicht mit einem Partner oder einer Partnerin auseinandersetzen muss. Man kann sich in den begleitenden Phantasien den Idealpartner konstruieren und so buchstäblich eine «Traumsexualität» erleben. Das kann dazu führen, dass einem echte Begegnungen zunehmend mühsam und unbefriedigend vorkommen und so eine innere und manchmal auch äussere Vereinsamung droht.