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TCS MyMed
Autor: TCS MyMed
Pharmakologin und Toxikologin Caroline Samer, Leiterin der Abteilung für Pharmakogenomik und Individualtherapien an der Universitätsklinik Genf, zum Thema Autofahren unter Einnahme von Medikamenten.
Frau Professor Samer, welche Substanzfamilien stellen ein hohes Risiko für die Fahrfähigkeit dar?
Zahlreiche Medikamente können ein Risiko für die Fahrfähigkeit darstellen. Insbesondere Schmerzmittel, Muskelrelaxanzien, Beruhigungsmittel (Anxiolytika) und Schlafmittel, Antidepressiva und Neuroleptika (Antipsychotika) sowie Arzneimittel gegen Epilepsie, Parkinson und Migräne.
Wie wirken sich diese Medikamente hauptsächlich aus?
Die erwünschten Hauptwirkungen hängen mit dem Einfluss dieser Medikamente auf das zentrale Nervensystem zusammen. Sie wirken sich sowohl physisch als auch psychisch aus. Deshalb führen sie häufig zu Schläfrigkeit, einer verringerten Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, einer verlängerten Reaktionszeit, Sehstörungen und/oder eingeschränkten Reflexen. Durch den Konsum von Alkohol können diese Auswirkungen übrigens noch verstärkt werden.
Gibt es weitere problematische Medikamente, an die man zunächst vielleicht nicht denkt?
Ja. Zusätzlich zu den bereits genannten sollte man äusserste Vorsicht bei Blutdrucksenkern und Diabetesmedikamenten walten lassen, genau wie bei Antiallergika (z. B. gegen Heuschnupfen), Erkältungs-, Grippe- oder Hustenmedikamenten, einschliesslich der rezeptfreien, sowie bei Mitteln gegen Übelkeit, bestimmten Augentropfen (Mydriatika und Zykloplegika), aber auch bei bestimmten Medikamenten in speziellen Anwendungsfällen (beispielsweise Antiepileptika oder Antidepressiva, die gegen Schmerzen verabreicht werden) oder bei phytotherapeutischen Substanzen (Pflanzen).
Welche Risiken für mögliche Wechselwirkungen bestehen, wenn man unterschiedliche Medikamente gleichzeitig einnimmt?
Im zentralen Nervensystem kann es zu einer Häufung von Nebenwirkungen kommen, die sich auf die Fahrfähigkeit auswirken (die so genannte pharmakodynamische Interaktion), sowie zu Wechselwirkungen von Medikamenten, bei denen sich die Konzentrationen eines oder mehrerer Stoffe verstärken (pharmakokinetische Interaktion).
Können Sie erklären, warum jeder Mensch anders auf Medikamente reagiert?
Tatsächlich können die Reaktionen auf Medikamente stark variieren. Was bei einer Person positiv wirkt, kann bei jemand anderem toxisch oder gar nicht wirken. Dass die Reaktionen auf Medikamente so stark variieren, lässt sich durch individuelle Faktoren (Alter, Gewicht, Geschlecht, Schädigung von Nieren oder Leber, psychisches Befinden), Umweltfaktoren (Co-Medikation und insbesondere Polymedikation, Ernährung, Lebensgewohnheiten, Konsum von Tabak/Alkohol) und genetische Faktoren erklären. Ganz breit gefasst untersucht die Pharmakogenetik genau diesen Einfluss unseres genetischen Erbguts auf die Wirkung von Medikamenten.
Gibt es auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Auf diese Frage haben wir noch keine klare Antwort. Im Allgemeinen verabreicht man Frauen und Männern dieselbe Medikamentendosis. Allerdings waren Frauen aufgrund der hormonellen Schwankungen und dem Risiko möglicher Schwangerschaften in klinischen Medikamentenstudien bisher unterrepräsentiert. Wir wissen aber, dass Frauen bei Medikamenten von bis zu doppelt so vielen Nebenwirkungen berichten als Männer. Deshalb können wir also nicht ausschliessen, dass es Unterschiede gibt, aber zum jetzigen Zeitpunkt sind uns keine grossen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bekannt.
Wie erklärt es sich, dass einige Personen für bestimmte Wirkstoffe «unempfindlich» sind?
Das kann man ebenfalls mit den verschiedenen Faktoren erklären, die weiter oben genannt wurden. Schauen wir uns beispielsweise einmal ein Stoffwechselenzym an, das Zytochrom P450 2D6. Bei einigen Menschen (10 % der Schweizer Bevölkerung) kommt dieses Enzym aufgrund von genetischen Abweichungen nicht vor. Doch genau dieses Enzym ist etwa dafür verantwortlich, dass Codein wirken kann, indem es den Stoff zu Morphin umwandelt. Bei Personen, die nicht über dieses Enzym verfügen, hat Codein deshalb keinerlei schmerzlindernde Wirkung. Auch Wechselwirkungen von Medikamenten können eine Unempfindlichkeit gegenüber der Behandlung erklären. So kann etwa die Einnahme von Codein mit einem Antidepressivum dazu führen, dass das Codein nicht wirkt. Und schliesslich können Fehler bei der Verabreichung oder Dosierung für eine Unempfindlichkeit gegenüber der Behandlung verantwortlich sein.
Wie sieht es mit Drogen und Alkohol aus?
Drogen, Alkohol und Medikamente ergeben eine gefährliche Mischung. Gemeinsam eingenommen können diese Substanzen zu Wechselwirkungen führen und die Nebenwirkungen der Medikamente können durch den Konsum von Alkohol oder Drogen deutlich verstärkt werden. Und selbstverständlich spricht der Konsum von Alkohol und Drogen allein schon dagegen, sich hinter das Steuer zu setzen.
Kann Stress beim Autofahren die Wirkung von Medikamenten verstärken oder mindern?
Absolut. Stress kann sich negativ auf die Fahrfähigkeit auswirken und die Nebenwirkungen der Medikamente auf das Nervensystem noch verstärken.
Reichen die Hinweise in der Packungsbeilage aus?
Die Packungsbeilage enthält einige Informationen zu Nebenwirkungen der Medikamente und einen eigenen Abschnitt zu «Auswirkungen auf die Fahrfähigkeit und das Bedienen von Maschinen». Man sollte deshalb die Packungsbeilage lesen, vor allem die Warnhinweise zur Fahrfähigkeit. Insbesondere empfehlen wir, sich genau bei seinem Arzt oder Apotheker danach zu erkundigen, wie sich das Medikament auf die Fahrfähigkeit auswirkt, sowie die verschriebene Dosierung und die Anweisungen des Arztes/Apothekers einzuhalten.
Also sollte man kein Medikament ohne Beratung einnehmen?
Diese Fachleute achten auch darauf, dass es zu keinen Wechselwirkungen unterschiedlicher Medikamente und ihrer möglichen Nebenwirkungen kommt. Deshalb ist es wichtig, sich nicht selbst Medikamente zu verschreiben. Besonders vorsichtig sollte man darüber hinaus sein, wenn man ein neues Medikament einführt oder die Dosierung ändert. Und bitte nichts zusammen mit Alkohol einnehmen.
Wann muss man in jedem Fall selbst feststellen, dass man nicht mehr fahren darf?
Gemäss des Verkehrsregelnverordnung (Artikel 2 Absatz 2) wird ein Fahrer als nicht fahrfähig angesehen, wenn er Tetrahydrocannabinol (Cannabis), freies Morphin (Heroin oder Morphin), Kokain und Amphetamine oder deren Derivate (Methamphetamine, MDEA/Eve, MDMA/Ecstasy) konsumiert hat. Dies sind aber keineswegs die einzigen problematischen Substanzen und der Fahrzeugführer sollte nicht fahren, sofern er irgendein Medikament eingenommen hat, das die Fahrfähigkeit beeinträchtigt.
Muss man also besonders aufmerksam sein, wenn man unter Medikamenteneinfluss Auto fährt?
Im Allgemeinen sollte man besonders aufmerksam sein, vor allem wenn man ein neues Risikomedikament eingenommen oder in irgendeiner Form die Dosierung verändert hat. Die grösste Gefahr stellen Mischungen dar (Mischung aus Medikament(en) – Alkohol – Drogen). Dafür gibt es keine «allgemein gültige» Definition, doch man sollte beim geringsten Zweifel keinesfalls Auto fahren. In jedem Fall sollte man umgehend anhalten, falls man Warnzeichen bemerkt.
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19620246/index.html#a2
Wer trägt bei einem Unfall die Verantwortung?
Die Verantwortung für die eigene Fahrfähigkeit trägt der Fahrzeugführer selbst. Wie im Strassenverkehrsgesetz und der Verordnung festgelegt: Jeder Fahrzeugführer muss über die körperlichen und geistigen Fähigkeiten verfügen, die zum Fahren benötigt werden. Die Verkehrsregelnverordnung (Artikel 2 Absatz 1) präzisiert:«Wer wegen Übermüdung, Einwirkung von Alkohol, Arznei- oder Betäubungsmitteln oder aus einem anderen Grund nicht fahrfähig ist, darf kein Fahrzeug führen.»
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19620246/index.html#a2
Was geschieht im Zweifelsfall?
Gemäss Artikel 15 des Strassenverkehrsgesetzes, in dem die Fahreignung und die zum Fahren benötigten Kompetenzen genannt werden, kann beim Fahren unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln, die die Fahrfähigkeit stark beeinträchtigen oder ein hohes Abhängigkeitspotenzial aufweisen, eine Fahreignungsuntersuchung durchgeführt werden.
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19580266/index.html#a15d
Und wenn das Testergebnis positiv ist? Oder bei einem Unfall?
Gemäss Artikel 31 Absatz 2 des Strassenverkehrsgesetzes «gilt während dieser Zeit als fahrunfähig und darf kein Fahrzeug führen», «wer wegen Alkohol-, Betäubungsmittel- oder Arzneimitteleinfluss oder aus anderen Gründen nicht über die erforderliche körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt». Gemäss Artikel 16 kann der Führerausweis nach einer schweren Widerhandlung entzogen werden, insbesondere beim Fahren in fahrunfähigem Zustand nach der Einnahme von Betäubungsmitteln oder Medikamenten oder aus anderen Gründen.
Diese Informationen bieten einen kurzen Überblick und sollten nicht als einzige Entscheidungshilfe bezüglich Ihres Gesundheitszustandes dienen. Wenden Sie sich bei medizinischen Fragen an Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Internetrecherche ist kein Ersatz für eine Untersuchung durch Fachpersonal.
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