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Die antarktische Region ist seit Jahrmillionen von der restlichen Welt durch ihr Klima, ihre Entfernung und dir antarktische Konvergenzlinie abgeschirmt gewesen. Dadurch konnte sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickeln, die mit den harschen Bedingungen zurechtkommt. Doch mit dem Klimawandel, bzw. der Erwärmung und den steigenden menschlichen Aktivitäten steigt die Gefahr, dass fremde Arten aus dem Norden eingeschleppt werden oder einwandern. Nun haben Forscher in einer Bucht auf King George Island, einer subantarktischen Insel, kleine Miesmuscheln zufälligerweise entdeckt und Alarm geschlagen.
Die gerade mal stecknadelkopf-grossen Muscheln wurden von der Doktorandin Paulina Bruning entdeckt, als sie im Rahmen ihrer Arbeit Schwämme in der Bucht gesammelt hatte und diese im Labor darauf untersuchte. Ein Schwamm hatte Duzende von den kleinen Invasoren angehängt, für das geübte Auge sichtbar auf dem orangen Schwamm. «Sie sehen wie kleine schwarze Punkte aus. Man muss schon sehr genau schauen,» erklärt Jean-Charles Leclerc von der chilenischen Katholischen Universität der Höchsten Empfängnis und Mitautor der Studie. Eine genetische Untersuchung der Muscheln ergab, dass es sich dabei um die chilenische Unterart der Gewöhnlichen Miesmuschel, auch als Essbare Miesmuschel bekannt, handelt. Diese Art wurde bisher nicht in den Gewässern jenseits der antarktischen Konvergenzlinie nachgewiesen, da dort die Wassertemperaturen bisher als zu kalt galten. Die Resultate der Arbeit wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Die Muscheln, die in vielen Teilen der Welt als verschiedene Unterarten vorkommen, leben als festsitzende Organismen auf allen möglichen Unterlagen. Sie befestigen sich noch im Larvenstadium mit ihren sogenannten Byssus-Fäden an einer geeigneten Unterlage und transformieren sich dann in die Muschel. Dabei bilden sie mit Hilfe von Stoffen im Wasser ihre Kalkschale. Aus dieser heraus strecken sie einen Schlauch, der das Wasser einstrudelt und so Nahrungspartikel in das Tier transportiert. Häufig bilden sie grosse Kolonien, die das gesamte Substrat überwachsen und alles Darunterliegende absterben lassen. Da die Muscheln sehr beliebt sind als Nahrung, werden sie an vielen Orten in Farmen gezüchtet. Auch in den nährstoffreichen Gewässern an der Südspitze Südamerikas sind zahlreiche Farmen bekannt. Die dort kultivierte Art ist eine Mischung aus den Muscheln des Nordatlantiks und des Mittelmeers.
Die Frage, die sich natürlich als erstes stellt, ist, wie die Tiere an den Ort gelangt sind. «Ein natürliches Einwandern mit der Strömung ist unwahrscheinlich,» stellt Jean-Charle Leclerc fest. Denn die antarktische Konvergenzlinie, die auch die biologische Grenze darstellt, lässt passiv im Wasser treibende Tiere nicht an den Kontinent heran. Daher sind Schiffe die viel wahrscheinlicheren Träger gewesen. Denn zum einen liegen auf den Sütshetlandinseln, vor allem im Bereich des Fundortes, einige Forschungsstationen, darunter auch die chilenischen Stationen Presidente Eduardo Frei Montalva und Profesor Julio Escudero. Auch China, Russland und Uruguay unterhalten dort Stationen. Zum anderen ist dieser Teil der Südshetlands eine beliebte Anlaufstelle für Expeditionsschiffe, die in der Regel aus Ushuaia oder aus Chile in die Antarktis fahren. «Ich sehe keine anderen Mechanismen, die in der Lage sind, eine Population von Muscheln von da drüben hierher zu bringen,» meint Professor Stefano Schiaparelli von der Universität Genua, der nicht an der Studie beteiligt war. «Die wahrscheinlichste Art des Transports war an der Aussenwand eines Schiffes.» So hätten sich die Muscheln auch an andere Orte der Welt ausgebreitet. Ein Beispiel dafür lieferte der südafrikanische Forschungseisbrecher SS Aghulas im Jahr 2007. Forscher fanden tausende von Muscheln am Wasserkorb, der an der Unterseite eines Schiffes hängt und dafür sorgt, dass keine grösseren Teile eingesaugt werden, wenn Wasser zur Kühlung hineingepumpt wird. Diese Muscheln waren wohl schon länger dort und hatten mehrfache Fahrten in die Antarktis mitgemacht, ohne Schaden zu nehmen.
Man könnte jetzt sagen, dass es sich bei der Entdeckung um einen isolierten Fall handelt, bei dem die bereits existierenden Sicherheits-Protokolle, die durch den Antarktisvertrag geregelt sind, einmal nicht funktioniert haben und dass die Muscheln ja eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, zu überleben. Doch die Tatsache, dass sich die Muscheln bereits festgesetzt und am Wachsen waren, lassen die Alarmglocken bei Ökologen und Umweltschützern laut klingeln. Denn die entdeckte Muschelart gehört zu einer von 13 Arten, denen ein hohes Gefahrenpotential einer möglichen Invasion Antarktikas zugestanden wird. Auch die Hauptautorin der Studie, Doktor Leyla Cardenas von der Austral University of Chile, ist sehr beunruhigt durch den Fund. «Die Antarktis ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an dem eine Invasion noch nicht stattgefunden hat. Doch wir haben die Umwelt so massiv gestört, dass es mittlerweile keinen Ort auf dem Planeten mehr gibt, der nicht durch uns beeinflusst worden ist,» sagt sie. Zwar existieren sehr strenge Regeln für die Schifffahrt in der Antarktis, die auch die Reinigung und die Biosicherheit beinhalten. Doch irgendwo entstehen immer wieder Schlupflöcher. Und die Veränderungen des Klimas an der antarktischen Halbinsel sind derart schnell, dass sich eingeschleppte Arten durch etablieren können.
Quelle: Mercopress / Cardenas et al (2020) Sci Rep 10/5552