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Lieber Herr Darwin, Sie sind am 12. Februar 1809 in der Nähe von Birmingham auf die Welt gekommen, und 200 Jahre sind eine lange Zeit. Viele von uns wissen nur noch, dass Sie «Darwin» waren: der Mann mit dem weissen Bart, der auf alten Fotos weise und ein wenig traurig ausschaut (fast wie der Liebe Gott, an den Sie nicht mehr glauben mochten), vor allem aber, dass Sie als der Schöpfer der wichtigsten wissenschaftlichen Theorie der Moderne gelten. Merkwürdig zwar, wie Sie das zustande brachten, so ganz ohne Labor und ohne einen Schimmer von Genetik, in der Form von langen, blumigen Texten, die heute, ehrlich gesagt, nicht mehr so wirklich gelesen werden.
Wir staunen, Herr Darwin! Und überhaupt, wer hätte gedacht, dass Sie einmal «Darwin» werden würden, als Sie Ihr Medizinstudium abbrachen, weil Ihnen dieses Geschäft zu grauslich war, und ausgerechnet Theologie studierten (dabei aber eifrig Käfer sammelten)…? Oder während den langen zwei Jahrzehnten, als Sie, ein distinguierter und wohlhabender Gentleman, der nie einen Tag im Leben für Geld arbeiten musste, Ihren weitschweifenden Naturstudien oblagen: wer hätte damals schon gedacht, dass Sie daran waren, das Denken zu «revolutionieren», wie wir später sagten?
Vielleicht Ihre engsten Freunde, aber die waren verschwiegen. Sie machten nicht gerade den Eindruck, ein Revolutionär sein zu wollen, und doch wurde das, was Sie mit Fünfzig schliesslich über die Geschichte der Lebewesen publizierten, für die Moderne grundlegend und umwälzend. Wir sprechen aus Erfahrung, Herr Darwin!
Dennoch wäre es, by the way, ganz falsch, Sie einen «Schöpfer» zu nennen, bei allem Respekt! Wir haben nicht zuletzt von Ihnen gelernt, dass nichts vom Himmel fällt oder ex nihilo «geschöpft» wird, was auf der Erde lebt, auch geniale Theorien nicht. Sie waren der Erste, das zu bekennen, aber Sie wussten natürlich, dass Sie Entscheidendes beigetragen haben zu den Ideen und Forschungen all jener, die schon vor Ihnen über die Veränderung der Arten nachgedacht hatten. Das ist der andere «Geburtstag», den wir in diesem Jahr feiern werden: die Publikation Ihres Hauptwerks The Origin of Species by Means of Natural Selection im November 1859. Damit haben Sie schliesslich alle überstrahlt. Heute sind selbst die Schulbücher voll von Ihnen, Herr Darwin, jedes Kind (na, oder fast jedes) kennt wenigstens Ihren Namen, und in Umfragen – zu Ihrer Zeit gab es diese Mode noch nicht – kann man sogar «für» oder «gegen» Sie sein!
Aber eigentlich ist das nichts Neues, denken Sie nur an die vielen Karikaturen, zum Beispiel im Punch oder im Charivari, die Sie und Ihre Theorien populär machten und die Sie zu Ihrem nicht geringem Vergnügen selbst gesammelt haben: Sie als bärtiger Affe (mehrfach, selbst in Frankreich, wo Ihr Vorgänger Lamarck noch lange nicht abtreten mochte), oder auch jenes lustige Bild von Ihnen als michelangelo-esker Adam, doch ohne einen göttlichen Funken zu empfangen, bewahre, sondern als Krone einer Evolution, die ausgerechnet beim Regenwurm beginnt (Sie haben über Regenwürmer ihr letztes dickes Buch geschrieben, was Wunder also!), eine Karikatur mit dem schönen Titel «Man is but a worm»… Man wird, wie diese ironische Floskel aber auch beweist, die alte Religion so leicht nicht los, und Ihre hartnäckigen religiösen Gegner haben bis heute noch nicht klein beigegeben.
Allein, wichtiger ist Ihnen zweifellos das Urteil der Wissenschaft, und dieses ist eindeutig: Sie haben gesiegt, Charles Darwin! Niemand im weiten Feld der Naturwissenschaften könnte auch nur daran denken, an Ihrer Theorie zu zweifeln, und die Sozial- und Geisteswissenschaften sind erneut, wie schon einmal vor hundert Jahren, nichts weniger als fasziniert von Ihnen.
Das allerdings war eine etwas düstere Geschichte, damals, kurz nach Ihrem Tod. Eine ganze Bande von Rassisten, Klassenkämpfern, Untergangspropheten und Imperialisten glaubte, dank Ihnen die «Natur» auf ihrer Seite zu haben, wenn Sie den «Kampf ums Dasein» und das «Überleben des Stärksten» predigten, obwohl Sie immer vor dem Fehlübersetzen und dem Missverstehen Ihres «struggle for existence» gewarnt haben. Das hat wenig geholfen, leider, und Sie waren auch nicht gerade deutlich in Ihren Warnungen. Doch immerhin haben Sie, als Querdenker gegen Ihre eigene Theorie der natural selection, 1871 auch noch die sexual selection als «zweites Prinzip» postuliert: die (meist) weibliche Wahl nach ästhetischen Kriterien als zweiter Mechanismus der Evolution! Was das heisst, ist heute noch umstritten, lieber Charles Darwin, aber Sie haben uns nachhaltig zu denken gegeben. Happy Birthday!
«Foucault stammt von Darwin ab» Philipp Sarasin hat in seinem aktuellen Buch das Denken von Charles Darwin in Beziehung zu den Theorien des französischen Philosophen Michel Foucault gebracht. Entstanden ist ein spannender Dialog zwischen zwei Theoretikern, die auf ihren Gebieten von herausragendem Einfluss sind, bislang aber kaum je zusammengedacht wurden. Philipp Sarasin: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp-Verlag, 2009. 455 Seiten. Philipp Sarasin wird am Mittwoch, 4. März im Kulturhaus Zürich über Darwin und Foucault sprechen (Limmatquai 62, Beginn 20 Uhr).
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