Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03135.jsonl.gz/2358

In den 1960er Jahren trat die Personalentwicklung in ein strukturell neues Stadium. Vom beschleunigten Ausbau profitierten zunächst alle Statusgruppen gleichermassen, erst Mitte der 1970er fielen die Ordinarien zurück. Dieser Split verschob die Proportionen in der Architektur des Lehrkörpers.
Die Überlegenheit der Sowjetunion, die der Westen 1957 in der Lancierung des Satteliten «Sputnik» schockartig zu erkennen müssen glaubte, gilt als Auslöser des Ausbau- und Modernisierungsschubs, der die westeuropäischen Universitäten seit Ende der 1950er Jahre erfasste. Aufgeschreckt durch die sowjetische Pioniertat wurde eine Kommission der UNESCO beauftragt, den Bildungsstand in den westlichen Industrienationen zu beziffern. Diagnoseformeln wie «Bildungskatastrophe» oder «Unterentwicklung» kursierten. Bildungspolitiker nahmen Mittel und Geld an die Hand, um die Bildungsgänge zu modernisieren und die sog. «Bildungsreserven» – Unterschichten und Frauen – breitfächrig zu erschliessen. In der Schweiz wurde der Bund 1963 durch den Stipendienartikel ermächtigt, eigene Fördermassnahmen zu ergreifen und Beiträge an das kantonale Stipendienwesen zu zahlen. 1968 folgte das Hochschulförderungsgesetz.
Insgesamt zielten diese Anstrengungen darauf ab, das wissenschaftlich-technische Innovationssystem zu beschleunigen und die boomende Wirtschaft mit Know-How und Humankapital zu versorgen, um im Wettlauf der Systemkonkurrenz nicht ins Hintertreffen zu geraten. Die Higher Education Studies sprechen von einem Schub gesellschaftlicher «inclusion», wodurch die Universität von einem exklusiven Ort der Elitenreproduktion zu einer Betriebseinheit der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft umfunktioniert wurde. Praktische Nutzanforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft gewannen stark an Bedeutung, sei es in Berufungsverfahren oder Institutsgründungen, in Lehrplänen oder Forschungsagenden.
Näher an der zeitgenössischen Sprache angelehnt ging es darum, den akuten Mangel an «Fachkräften» und «Fachwissen» zu decken, um den Wohlstand sichern und steigern zu können. Neben der bürgerlichen Industriepolitik legten gesellschaftspolitische Reformkräfte zudem den Akzent auf der Verwirklichung sozialer und später geschlechtsspezifischer «Chancengleichheit». Aus unterschiedlichen Motiven wirkten beide Kräfte in einer Hinsicht parallel: Der Zugang zur Universität wurde verbreitert, die höhere Bildung partiell «demokratisiert». Die Zahl der Immatrikulationen explodierte innert weniger Jahre.
Vom parallelen zum gespaltenen Ausbau
Dieser Entwicklungsschub vollzog sich – nicht nur in Basel – in zwei Stufen. Auf die Explosion der Studierendenzahlen Ende der 1950er Jahre folgte verzögert seit Mitte der 1960er Jahre der Ausbau des Lehrkörpers. Es ist bekannt, dass dieser Ausbau vor allem die Nicht-Ordinarien und den akademischen Mittelbau betraf. Zwischen 1960 und 1990 legte die Zahl der LektorInnen wie auch der PrivatdozentInnen und der ausserordentlichen ProfessorInnen ungleich schneller zu als die Zahl der Ordinarien. Die Entwicklung verlief personalstrukturell gespalten – auch in Basel. Der Ausbau war insofern auch Umbau: Er verschob die Gewichte in der Statik zwischen den einzelnen Statusgruppen.
Die Entwicklung der Assistenzstellen insbesondere in den Geisteswissenschaften verdeutlicht dieses Bild: Während die Assistenzanstellungen in der Philosophisch-Historischen Fakultät in den 1960er Jahren überhaupt erst eingeführt wurde (1960 bestanden erst 7 Assistenzstellen), vermehrte man sie bis Mitte der 1970er Jahre rasant auf 54 Vollzeitäquivalente. Der entsprechende Ausbau auf gesamtuniversitärer Ebene fiel etwas bescheidener, aber immer noch deutlich aus (von 98 auf 239 Vollzeitäquivalente).
Dieses Bild, wonach der epochale Ausbau des Lehrvolumens in Richtung der «Massenuniversität» auf Kosten ‹billiger› Statusgruppen geschah, ist insgesamt fraglos richtig. Ein genauerer Blick auf die Entwicklungsverläufe der einzelnen Dozentenkategorien macht jedoch auf eine Nuance aufmerksam, die in den nur in Stichjahren erhobenen Lehrkörperstatistiken unsichtbar bleibt. Bis etwa Mitte der 1970er Jahre wuchsen die Bestände der Basler Ordinarien parallel zu denjenigen der Extraordinarien und PrivatdozentInnen. Erst im Kontext des konjunkturellen Einbruchs nach dem «Ölschock» 1973 setzte jene gespaltene Personalentwicklung ein, die oft als übergreifendes Epochenmerkmal seit dem «Sputnikschock» von 1957 hervorgehoben wird.
Mitte der 1970er Jahre zumindest eine Teilzäsur anzunehmen, wird zudem von der negativen Korrelation zwischen Ordinarien- und LektorInnenbestand gestützt: In dem Moment, in dem die Zunahme der Ordinarien Mitte der 1970er Jahre abflacht, wird die Kurve der Lektoren deutlich steiler. Gegenüber anderen Universitäten fiel der strukturelle Split in Basel besonders deutlich aus. An der Universität Bern, für die eine detaillierte Prosopografie des Lehrkörpers vorliegt, lässt er sich weit weniger deutlich nachweisen.
Vertikaler und horizontaler Ausbau der Lehrstühle
Vor dem Split der Personalentwicklung 1973 baute man die Ordinariate aus zwei unterschiedlichen Motiven aus. Zum einen um die Unterrichtskapazitäten zu steigern. Die sog. «Parallellehrstühle» in der Anatomie, dem Öffentlichen Recht, der Germanistik oder der Geschichte wurden im Hinblick auf die wachsenden Studierendenzahlen errichtet. Damit diese personelle Entlastung möglichst vollumfänglich griff, wurde darauf bestanden, dass die Inhaber dieser Ordinariate grundsätzlich die gleichen Gebiete wie schon bestehende Ordinariate zu unterhalten hätten. Ansonsten, so die Befürchtung, würden sich die individuellen Studienzeiten nur verlängern.
Zum anderen wurden Lehrstühle mit dem Ziel errichtet, das disziplinäre Spektrum zu verbreitern. Die zahlreichen neuen Lehrstühle in der Molekularbiologie (Biozentrum 1971), aber auch diejenigen in der Praktischen Theologie oder der Neurochirurgie stehen in erster Linie für den Prozess der wissenschaftlichen Ausdifferenzierung. Vormalige Subdisziplinen, die sich zu eigenen Fächern weiterentwickelt hatten, wurden auf Ordinariatsebene neu dotiert.
Nach dem konjunkturellen Umschwung Mitte der 1970er Jahre trat das erste Motiv klar in den Hintergrund. Überhaupt fiel nun die Lehrstuhlpolitik praktisch zusammen mit dem «Kampf gegen den Abbau» (Georg Kreis). Universitäts- und Kantonsbehörden bemühten sich darum, den Bund und den Kanton Basel-Land stärker in die Trägerschaft einzubinden.
Verschobene Ausbauphasen
Die BildungspolitikerInnen in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern trieben den Ausbauprozess unterschiedlich rasch voran. Der internationale und interkantonale Vergleich macht deutliche Phasenverschiebungen sichtbar.
In einem ersten Zeitfenster 1966-1985 verlief der Ausbau in Basel moderater als an anderen Schweizer Universitäten. In diesen zwanzig Jahren vergrösserte sich der Gesamtbestand aller habilitierten Dozentengruppen der Universität Basel um den Faktor 2.2, während der schweizweite Durchschnitt bei 2.6 lag (ohne ETH Zürich). Das mag teilweise mit der konservative Tendenz einer traditionsreichen Universität zusammen hängen. Sicher spiegelt sich darin aber das in Basel vergleichsweise bescheidene Wachstum der Studierendenzahlen.
Im Vergleich zu Deutschland baute die Schweiz ihre Universitäten langsamer aus. Im Dezennium zwischen 1972 und 1981 wurden die habilitierten DozentInnen an den deutschen Universitäten rund verdoppelt, während ihre KollegInnen in der Schweiz nur um den Faktor 1.3 zulegten.
In einem zweiten Zeitfenster 1985-1995 hielt der Ausbau an den Schweizer Universitäten Schritt mit der Entwicklung in vergleichbaren europäischen Ländern. Gleichzeitig lag Basel mit einer Zunahme um 1.4 leicht über dem Landesdurchschnitt von 1.3. In diesen Vergleichszahlen des Bundesamtes für Statistik sind allerdings alle Gruppen des akademischen Personals zusammengefasst. Der Ausbau in Basel beruhte zu guten Stücken auf dem unteren Mittelbau, der überproportional und noch stärker als an anderen Schweizer Universitäten vergrössert wurde (Faktor 2.7).
«Gesellschaftliche Öffnung» oder «kultureller Verlust»?
Die Folgen des personellen Aus- und Umbaus seit den 1960er Jahren auf Institution und Alltag der Universität waren vielfältig. In den grossen Fächern wurden Lehrkörper und Institute zunehmend als anonym empfunden. Vor allem in den Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften dünnte sich das Betreuungsverhältnis zwischen ProfessorIn und StudentIn aus.
Gleichzeitig übernahmen subprofessorale Dozierende vermehrt Lehrfunktionen. Das Grundstudium geriet zu guten Teilen in die Hände der Assistierenden – mit Ausnahme der Vorlesung. Der überproportionale Ausbau des Mittelbaus flachte die Pyramide des Lehrkörpers ab. Aufgrund der gewachsenen Verantwortung verlangten die Assistierenden mehr Mitbestimmungsrechte. Nach einigem Ringen und dem Erwachen der Studentenbewegung durften sie 1970 in die sog. «Neo-Regenz» einziehen.
Die Meinungen über diesen umfassenden universitätshistorischen Wandel gehen stark auseinander. Die us-amerikanischen Higher Education Studies sehen darin jene entscheidende Phase der «inclusion», in der alteuropäische Bildungstraditionen überwunden, der Zugang zur Universität sozial geöffnet und das akademische Tun sozioökonomisch in Wert gesetzt wurde.
Historiker und Historikerinnen, die in der Universität ein genuin abendländisches Kulturgut erkennen, betonen dagegen die Verlustaspekte: Mit diesem Wandel «war aus der überschaubaren, hierarchisch gegliederten, ihre Ehrwürdigkeit und Tradition bewusst zur Schau stellenden Ordinarienuniversität endgültig die Massenuniversität geworden, die ihren besonderen korporativen Charakter, intellektuellen Anspruch und ihr Graduierungsmonopol endgültig zu verlieren und zu einer Betriebseinheit der Industriegesellschaft mit definierten ‹Inputs› und entsprechenden ‹Output›-Erwartungen zu werden drohte.» (Wolfgang E. J. Weber)