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Per Molander ist ein schwedischer Mathematiker und war in leitenden Positionen für die schwedische Regierung, den IWF und die Weltbank tätig. Er hat bereits eine imposante Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht und gilt in Schweden als anerkannter Fachmann für Sozialpolitik. Man durfte sehr gespannt sein, weshalb Per Molander sich an der Person Condorcets abarbeitete.
Der Untertitel des Buches «Warum nur ein starker Staat die Demokratie retten kann» verrät eine Programmatik, die sich bei der Lektüre immer aufs Neue bestätigt. Per Molander vertritt klassische sozialdemokratische Positionen vornehmlich skandinavischer Prägung. Was diese Ausgangslage mit Jean-Marie de Condorcet zu tun hat, erschliesst sich dem Leser oder der Leserin zu Beginn kaum. Denn Molander schwärmt in höchsten Tönen vom französischen Aufklärer, nennt ihn einen brillanten Mathematiker, einen aufrechten Demokraten, einen wahren Humanisten.
«Bei keinem anderen Philosophen der Aufklärung lässt sich ein derart entwickeltes Bild der modernen Gesellschaft finden und seine Forderungen waren seiner Zeit weit voraus. Ein allgemeines und obligatorisches Bildungssystem, Gleichstellung von Frauen und Männern, sozio-ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse und sogar der Entwurf einer Sozialversicherung sind in seinem Katalog enthalten (S. 9)»
Nur wenig über Sophie der Condorcet
Das Buch beginnt denn auch mit einem Porträt des Aufklärers, das die wesentlichen Stationen seiner Laufbahn und seines Wirkens kompakt zusammenfasst. Seine Tätigkeit als Berater von Turgot, dem später geschassten Finanzminister unter Ludwig XVI, lässt er aus. Er konzentriert sich auf die Zeit der Französischen Revolution und beschreibt mit unverhohlener Bewunderung die Leistung, die Standfestigkeit und die Weitsicht dieses Mannes. Schade, dass Molander nur sehr kurz die Frau an seiner Seite, Sophie de Condorcet, erwähnt. Auf ihre Rolle ist bereits 1988 im Buch des Ehepaars Badinter «Condorcet – un intellectuel en politique» hingewiesen worden. Sophie de Condorcet, deren hervorragenden Englischkenntnissen die französischen Intellektuellen wie Voltaire, D’Alembert und eben auch Condorcet die Übersetzungen von Thomas Paines und Adam Smith’ Schriften verdanken, hatte einen grossen Einfluss auf das Denken von Condorcet. Sie führte einen der berühmten Salons, wo man sich traf, diskutierte und in denen auch Leute wie Thomas Jefferson und Benjamin Franklin verkehrten.
Molander hebt immer wieder den Einsatz von Condorcet für die Installierung eines für alle zugänglichen Bildungssystems hervor. Dessen Entwürfe waren – nebenbei vermerkt – auch für die Helvetische Republik und die Gründung unserer Volksschule von zentraler Bedeutung.
«Er betont, dass Bildung nicht nur darauf ziele, nützliche Sachen zu lernen und Fertigkeiten zu trainieren, sondern auch und vor allem darauf, Kinder und Jugendliche zu selbständigen (mündigen) Individuen zu erziehen, die in der Gesellschaft ihre angeborenen Fähigkeiten entfalten und ihre Rechte verteidigen können.» (S.59)
Natürlich darf die Schilderung seiner Standfestigkeit, mit der er gegen die Todesstrafe des Königs stimmte, nicht fehlen. Sein verzweifeltes Anrennen gegen die zunehmende und blutrünstige Radikalität der jakobinischen Herrschaft, seine Verurteilung und schliesslich sein tragischer Tod werden präzis wiedergegeben. Nicht unerwähnt bleibt auch Condorcets Widerspruch zu Rousseau und seiner «volonté générale».
Er war überzeugt, dass die Ideale der Aufklärung sich mehr oder minder automatisch verwirklichen liessen, wenn die Bevölkerung das Joch des «Ancien Régime» abgeschüttelt hätte und Zugang zu einer Allgemeinbildung erhielte, was den Erwerb von Lesen und Schreiben implizierte.
Letzthin aber war und blieb Condorcet ein Optimist. Er war überzeugt, dass die Ideale der Aufklärung sich mehr oder minder automatisch verwirklichen liessen, wenn die Bevölkerung das Joch des «Ancien Régime» abgeschüttelt hätte und Zugang zu einer Allgemeinbildung erhielte, was den Erwerb von Lesen und Schreiben implizierte.
Und genau dieser Hypothese hat Per Molander sein Buch gewidmet. Er interpretiert sie deterministsch und spricht von einem kolossalen Irrtum. Mit dem Satz «Und doch unterschätzte er das Problem» verlässt Molander das Wirken unseres Namensgebers bereits auf S. 59 und wendet sich zuerst einer Geschichte der Philosophie und der europäischen Expansion zu, um anschliessend in die aktuelle Auseinandersetzung über die Rolle des Staates einzusteigen.
Das ist nicht uninteressant, vor allem, wenn man an den philosophischen Erkenntnissen der vorrevolutionären Zeit interessiert ist. Hier widmet Per Molander dem jüdisch-niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza ein spannendes Kapitel. Die Rationalität und Radikalität, mit der Spinoza die Rolle der Religion, insbesondere der Bibel analysierte, ist für Per Molander epochal und soll auch Condorcet massgeblich beeinflusst haben.
Trotz der offensichtlichen Programmatik und der klar staatsfreundlichen Haltung, schreibt der Autor ausgesprochen sachlich und unaufgeregt über diese Entwicklungen, was dem Buch sehr gut tut.
Beeindruckendes Quellenverzeichnis
Danach folgt – wie erwähnt – die Auseinandersetzung mit der Moderne. Per Molander zeigt sich hier besorgt über die staatsfeindlichen Tendenzen und zieht einen grossen Bogen von den
faschistischen, kommunistischen Exzessen bis zu den neoliberalen Attacken eines Milton Friedmann oder eines August von Hayek. Er beschreibt die neuen EU-feindlichen Parteien, den aufkommenden Populismus und das Erstarken der neuen Rechten. Nüchtern legt er dar, wie auch die Sozialdemokraten zusehends in die Mühlen des neoliberalen Denkens gerieten und nach Wahlsiegen die Politik einer Frau Thatcher weiterführten. Molander setzt sich dabei durchaus fair mit den Ideen und Theorien der staatskritischen Denker auseinander, versucht sie dann aber anhand von Studien, die er eifrig zitiert, zu widerlegen. Eines muss man dabei klar feststellen. Trotz der offensichtlichen Programmatik und der klar staatsfreundlichen Haltung schreibt der Autor ausgesprochen sachlich und unaufgeregt über diese Entwicklungen, was dem Buch sehr gut tut. Das Quellenverzeichnis (fast 60 Seiten!) weist ihn als einen äusserst belesenen und sachverständigen Autor aus. Wer sich auf hohem Niveau mit der Rolle des Staates und seiner Vordenker auseinandersetzen will, für den ist dieses Buch zweifellos ein Gewinn. Manchmal scheint er zu viel zu wollen. So geht er mit dem Begriff «neoliberal» zu wenig differenziert um und seine Aussagen über Nietzsche sind gar etwas oberflächlich geraten.
Den entscheidenden Fehler aber macht Molander, wenn er Condorcets Sicht einer automatischen Progression des Humanismus aufgrund heutiger die Demokratie gefährdender Entwicklungen als Irrtum abtut. Condorcet, das zeigt auch Elisabeth und Robert Badinters Buch («Condorcet – Un intellectuel en politique», 1988) wie auch die Analysen von Fritz Osterwalder («Condorcet – eine demokratisch und öffentlich legitimierte Bildungstheorie». In: Grundlagen der Weiterbildung, 5 (1), S. 36-38, 1994), hatte bei weitem nicht die starre Geschichtsprogrammatik eines Karl Marx oder Friedrich Engels. Condorcet schloss Rückschläge nie aus, er mahnte wohl einfach einen längeren Atem in der Menschheitsgeschichte an. Den Satz, den Molander eingangs formuliert:
«Die Ideale der Aufklärung lassen sich nie endgültig realisieren. Jede Generation muss sie aufs Neue verteidigen und weiterentwickeln» (S.10)
hätte vermutlich auch Condorcet unterschrieben.
Insgesamt ist die Lektüre dieses Buches zu empfehlen: Es ist Per Molander hoch anzurechnen, dass er die Bedeutung dieses grossen Denkers, der in unseren Weiten kaum bekannt ist und in unseren Medien sträflich vernachlässigt wird, erkennt und würdigt. Molander erweist sich dabei als Anwalt der «Aufklärung», was in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich zu sein scheint. Doch diese Haltung teilen ja auch die meisten Leserinnen und Leser unseres Blogs.
Das Buch von Per Molander umfasst 335 Seiten (darunter 60 Seiten Quellenangaben und ein umfangreiches Namens- und Sachregister) und ist im Verlag «Westend» erschienen.