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Zur Frage nach der Folgerichtigkeit des Denkens, Teil 2
„Besonders auf das Gedankenleben selbst muss er (der Geheimschüler) nach dieser Richtung hin Sorgfalt verwenden. Er setzt sich einen Gedanken vor, und er versucht nur das weiterzudenken, was er ganz bewusst, in völliger Freiheit, an diesen Gedanken angliedern kann. Beliebige Einfälle weist er ab. Will er den Gedanken mit irgendeinem andern in Beziehung setzen, so besinnt er sich sorgfältig, wo dieser andere an ihn herangetreten ist.“
– In : Rudolf Steiner „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ? “ Kap.: „Über einige Wirkungen der Einweihung“
1.
Im ersten Teil unserer kleinen Studie wurde anhand einiger Anschauungsbeispiele aufgezeigt, wie sich die Folgerichtigkeit des Denkens vor der seelischen Beobachtung ausnimmt. Es wurde ersichtlich, dass die Logik, die von A zu B ihre Schlüsse tätigt, keine Einblicke in die Wirklichkeit stiftet, vielmehr eine reine Verfahrenstechnik ist, die im Zuge einer nicht logisch erworbenen Grundsicht abläuft. Was der Kern der Dinge sei, lässt sich damit nicht erfassen. In ihrem Beweisgang setzt die logische Rede bereits verbindlich Festgehaltenes (meist in enthymemischer Form) voraus. Das logisch geordnete Denken ist freilich ein nötiges Mittel, um das intuitiv überdachte Weltbild zu erläutern und es anderen Menschen zugänglich zu machen. Wer sich in vorgefassten Annahmen ergeht, wird, obwohl gerade das häufig erwünscht ist, eigentlich nicht erwarten können, dass seine Mitteilungen einen positiv-nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Wird der Grund nicht offengelegt, wieso man ein bestimmtes Erkenntnisszenario wählt, so bleiben rein Gedanken, die sämtlich etwas Gültiges enthalten. Erst in der Begründung, die keine Gründe vorwegnimmt, sondern Selbstvollzug sein will, wird der Anspruch eines Wirklichen durchlebt und gelebt. Die Herstellung desselben ist zugleich das Motiv, welches unserer Studie zugrunde liegt. Die Vermenschlichung des Erkennens zeigt einen Weg auf, der die selbst Denkenden im universellen Einklang zusammenführt.
Die verschiedenen „Prämissen“ sind eine Weltmacht, was den Ruhezustand des geistig-kulturellen Lebens begünstigt. Bei genauerem Hinsehen liegen nicht selten instinktive Beschlüsse vor, wie das Sein der Welt vorstellbar sei. Es schließen sich daran Gedanken an, die im Wesen nicht angeschaut werden, sondern hauptsächlich danach bewertet werden, ob sie der eignen Weltauffassung dienlich sind. Oft recht abstrakte, der inhaltlichen Erläuterung gewidmete Aussagen führen dazu, dass neben dem materiellen Erfolgsstreben (bzw. Überleben) auch weltanschauliche Ansichten zirkulieren, die gegenüber dem „wahren“ Stand in der sog. Realität immer mehr an Strahlkraft einbüßen. Das Vertrauen in den Lebenswert z.B. von spirituellen Zielen mag in dem Maße schwinden, in dem Maße gemutmaßt wird, dass sich auch durch eine beschleunigte Zirkulation am Fortgang der Dinge nichts wesentliches ändert. Infolgedessen besteht sogar die ernste Gefahr, dass der Geist, soweit man sich einen solchen überhaupt noch zugesteht, in den heutigen Niedergangsbetrieb hineingezogen wird.
In Anbetracht der erkennenden Insuffizienz, die in erschreckendem Ausmaß auf den Plan getreten ist, mangelt es einem nachgerade an Worten, mit Hilfe derer man ein geistiges Anliegen in unserer intellektualistisch verseuchten Gegenwart kenntlich macht. Indem der kulturbildende Verständnishorizont abgesunken ist, wie er vor wenigen Jahrzehnten noch hinreichend bestand, scheint man bloß noch die Wahl zu haben, entweder als unverstandener Geistesritter mit zugeklapptem Visier ins Abseits zu treten, oder mit dem Zeit(un)geist insofern übereinzukommen, als man im Rahmen dessen bleibt, was „verstanden“ werden kann, obwohl man zugleich weiß, dass daraus selten etwas Fruchtbares hervorgeht. Sieht man doch, wie das geistige Erkenntnisleben regelrecht zerfällt, wenn man wie bisher weitermacht. Die seelischen Nöte der Mitmenschen, die daraus resultieren, können aber kaum gelindert werden, wenn man ihnen mit „abstrakten“ Erkenntnisbegriffen kommt, wofür die meisten gar kein Organ haben. Die Entwicklung der Folgerichtigkeit des Denkens wird von der Frage abgelenkt, wie man sich zu Menschen stellt, die unter den Folgen ihrer Vermeidung leiden.
2.
Der geistbewusste Mensch steht vor allen Dingen in der Verantwortung, das Niveau seines Denkvermögens anzuheben. Dabei kommt es weniger auf die Ermittlung von Schlussfolgerungen an, wie es aufgrund der Lehren von ausgewiesenen Meistern des Denkens Usus geworden ist. Es sollte jedenfalls die Frage vor Augen treten, wie diese für einen selbst in Anwendung kommen. Wer sich auf das Werk Rudolf Steiners einlässt, das nach vielen Richtungen hin leicht verkannt werden kann, verpflichtet sich zur ständigen Prüfung, ob – und besonders wie – er dem Wesen der Sache gerecht wird. Zu Steiners Schrift: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ? “ würde die Unterzeile passen: „Wodurch man Erkenntnisse der niederen Welten erlangt ! “. – Es geht aus ihr hervor, wie tief die Menschheit gefallen ist und wie schwierig es heute ist, auch nur die Anfangsgründe der Selbsterkenntnis zu realisieren. Spirituell entsteht wohl nur ein neuer Sinngehalt, insoweit sich die mit Steiners Werk verbunden fühlenden Menschen aus dem Erinnerungskultus des „gewöhnlichen“ Bewusstseins erkennend herauslösen. Wird es im Denkvollzug nicht erstrebt, so untergräbt man die Sache, für die man eintritt. Ist es denn wirklich möglich, mit dem üblichen Intellekt die Aussagen Steiners s o mitzuvollziehen, dass im eignen Bewusstsein zurückwirkend umgewandelt und verstanden wird, aus welchen Bildeorganen und Wesenszuflüssen Rudolf Steiner agiert ? Es zeigt dies einen weiteren Punkt auf, weshalb das gedankliche Erkenntnisleben regelrecht zu zerfallen droht.
Der von Steiner oft gebrauchte Ausdruck „gewöhnliches Bewusstsein“, sollte die Frage hervorrufen, wodurch das Bewusstsein „gewöhnlich“ ist. Diese Gewöhnlichkeit, wie wir es gegenwärtig in verstörender Deutlichkeit feststellen müssen, fasst in sich den Grund der Zerstörungstriebe des kulturellen Lebens im Zeichen der Menschlichkeit. Sehr viele Menschen sind nicht mehr bei sich und willfahren entsetzlichen Dummheiten, die vermeintlich ihre bürgerliche Existenz absichern. Auch der spirituell befasste Mensch ist davor nicht geschützt, wenn der theoretisch angenommene Gedanke sich als schwächer als die äußeren Mächte erweist. Indem nun die höchsten Wahrheiten auf dem Spiel stehen, wird wohl auch nicht das alleinige Verständnis helfen, das man gegenüber Leidenden und Scheiternden aufbringt. Freilich sollte man die richtigen Fühlfäden herausfinden, wie das Erkenntnisleben den ehemaligen Nimbus und Stellenwert wieder zu erlangen vermag.
Um einen griffigen Denkansatz echter Selbsterkenntnis in Vollzug zu bringen, bietet sich somit die Frage nach dem Wesen des gewöhnlichen Bewusstsein an. Diese Bezeichnung mag unsinnig erscheinen, wenn man der Ansicht ist, dass das geläufige intellektuelle Vermögen in seiner konzentrierten Ausübung das menschliche Nonplusultra sei. Das gewöhnliche Bewusstsein ist leider gar nicht auf bewusste begriffliche Hervorbringungs-leistungen angewiesen, denn wäre es so, dann müsste sich das gesamte existenzielle und wissenschaftliche Dasein unmittelbar mit der Frage befassen, wie man dieses Leisten am besten bewerkstelligt. Davon sind wir weit entfernt. Es erlaubt dies die Schlussfolgerung, dass das gewöhnliche Bewusstsein durch die Leibesorganisation besteht, die ein Gedankenleben entlässt, das in seiner konsolidierten Form zu Erkenntnissen gelangt. Wenn sich jetzt aber – wie es heutzutage geschieht – unverkennbar zeigt, wie die solcherart entstandenen Dispositionen zum Unmenschlichen, ja Menschenfeindlichen neigen, dann wird man nicht mehr darum herumkommen, den Erkenntnisvorgang als solchen näher ins Auge zu fassen. Man wird dem nicht dadurch ausweichen können, dass man in herkömmlicher Manier z.B. auf metaphysische Vorstellungen zurückgreift, die das bessere Menschsein wie einen Anker auswerfen, der freilich immer öfter keinen Grund fasst, da das Lebensschiff von der stürmischen See vorwärts getrieben wird.
In seinem Buch „Die Rätsel der Philosophie“ kommt Rudolf Steiner auf die Wesensart des „selbstbewussten Ich“ zu sprechen, wie es sich im Verlauf der historischen Entwicklung herangebildet hat. In eindringlicher Art nimmt Steiner auf eine Reihe von Denkern Bezug und arbeitet heraus, wie sie mit dem „selbstbewussten Ich“ verfahren. (Es tritt dies besonders in dem Kapitel „Der moderne Mensch und seine Weltanschauung“ hervor, wenngleich auch gezeigt wird, wie sich das bewusste „Ich“ im Gang der Geschichte zur Entstehung bringt). Er zeigt an vielen Philosophen der neueren Zeit auf, wie in ihnen die Triebkräfte der geistigen Wirklichkeit zur Auswirkung gelangen, ohne dass sie die Grenzen zu überschreiten vermögen, die sie von der vollen Anschauung der Wesenswelt trennen. Insbesondere findet das Schaffen von Persönlichkeiten wie R. Eucken und W. Dilthey nähere Erwähnung, die mit ihrem Kulturbegriff und geisteswissenschaftlichen Selbstverständnis für das Geistwirkliche eintreten, wie es selbst im leibverhafteten Bewusstsein mit einer gewissen Evidenz besteht. Zum Beispiel wird die Kraft des Denkens in einem solchen Werk wie das von H. Cohen, der als Begründer einer nachkantianischen Schule gilt, durchaus gewürdigt, wenn er vom Erzeugen des Denkens spricht, welchem das Sein entspringe: „Das Sein ist das Sein des Denkens“. Die Identität von Denken und Sein findet sich allerdings schon bei den alten Griechen (etwa bei Parmenides), wonach man es mit einer Wiederaufnahme idealistischer Vorstellungen zu tun hat, die sich im selbstbewussten Ich (unter Berücksichtigung von Kants kritischen Gedanken) detaillierter auffassen lassen. Für die Modernität kennzeichnend ist allerdings die verwehrte Möglichkeit, über das mentale Auffassen hinaus eine Offenbarung der Wirklichkeit-schaffenden Kräfte zu erfahren. Steiner äußert dazu, dass ein von der Seele erarbeiteter, nicht aber wahrgenommener Gedanke keine Gewissheit darüber gibt, ob der Seele selbst eine Bedeutung in der Wesenswelt zukomme, oder ob es nicht vielleicht so sei, dass sie in dieser Welt gar nicht wurzelt. – Wir können die einschlägigen Gedankengänge hier nicht näher entfalten, sondern nur auf die Quintessenz hinweisen. Die (nachidealistische) selbstbewusst-schöpferische Erkenntnisschule „kann die Wesentlichkeit des Gedankens zur Überzeugung machen, nicht aber durch den Gedanken für die Wesentlichkeit der Seele eine Bürgschaft finden.“
Die Sinnesorganisation des Menschen scheint somit zu verhindern, dass die Begriffe an ihrem Ursprungsort wesenhaft aufleuchten, sondern im Bewusstsein gewissermaßen stecken bleiben. Damit ist das „gewöhnliche“ Bewusstsein festgestellt. Die Abtrennung vom geistigen Ursprung bedingt das selbstbewusste Ich. Würde dies in Gemäßheit der Wirksamkeit der Leibesorganisation nicht erfolgen, so bliebe man ein unselbstständiges Glied der Geisteswelt, von der uns der Körper trennt, – ohne jedoch seine Wirksamkeit vollständig zu verrichten. Lässt er uns doch die Gedanken übrig, die wir frei, nach Steiners Ausspruch aber „verdünnt“ (also ohne eine Gesamtanschauung der Seelenkräfte), so zu gebrauchen lernen können, dass wir nicht bloß nach dem stets vorhandenen Innern schauen, als vielmehr das höhere Schaugebiet jener Kräfte „durch die innere Seelenarbeit aufdecken“ sollten. Sie sollen sich in sich „verdichten“ um derart ihr wahres Wesen zu offenbaren.
Dergleichen Anregungen finden sich im „Skizzenhaften Ausblick auf eine Anthroposophie“, der das Schlusskapitel des genannten Buches bildet. Steiner zeigt darin in einer wahrlich genialen Art auf, wie die Annahme, dass die volle Wirklichkeit dem Erkennen vorgegeben sei, ein irrtümliches Verhalten bedingt, welches darin besteht, zu glauben, man könne allein vom selbstbewussten Ich her einen Zusammenschluss mit den weltstrukturellen Wesensvorgängen ins Werk setzen. Man könne die Wahrheit quasi erdenken, die zwar außerhalb der Seele läge, jedoch abbildbar sei. Es ist vielmehr so, dass das selbstschöpferische Innenleben in sich aufsteigen lassen soll, was die Leibesorganisation zu Gunsten des individuellen Schaffens unterdrückt. Indem der Begriff die Wesensseite des Wahrnehmlichen enthüllt, befreit man sich von dem irrtümlichen Vermeinen, im Wahrnehmlichen die volle Wirklichkeit vor sich zu haben, zu der man Begriffe hinzu zu bringen hätte. Die erkennende Innenoffenbarung der Seele soll vielmehr so angesehen werden, dass im „scheinbar“ selbsttätigen Erzeugen Wesenszeugnisse entstehen, insoweit die äußere „halbe“ Wirklichkeit um die entsprechende (!) innere Hälfte ergänzt wird, was als voller Gehalt in den Dingen liegt.
Die kleine Differenz, wie das in der Welt Waltende zu erfassen sei – einmal als vorauszusetzende Wirklichkeit, das andere Mal als eine entstehende – hat wahrlich kosmische Bedeutung. Sieht man den Begriff als ein zur Wahrnehmung hinzu gebrachtes Eigenelement an, das es mit rätselhaften Fremdelementen zu tun bekommt, so bleibt das wahre Wirklichkeiterzielen sowohl außen als auch innen im Verborgenen. So mag man zwar im reinen Denken die allgemeine Gesetzlichkeit (z.B. des Dreieckigen) in die Beobachtung heben, doch wird dabei unter Umständen der individualisierende Unterbau vernachlässigt, da der Kraftaufwand, der das leiblich ausgelöschte Wesensbild urbildlich wieder aufbaut, umgangen wird, sofern man sich nur im „reinen“ Denken aufhalten will und die Bewährung im Wahrnehmlichen misskennt. Andererseits ist gewiss das reine Denken und seine weitere Ausgestaltung ein wesentlicher Schulungsinhalt für die Wahrheitsfindung. Das richtige bzw. einseitige Vorgehen liegt dabei, soweit sich das überhaupt abstrakt festlegen lässt, beweglich bei- oder ineinander. Genau genommen zeigt es sich erst bei gemeinschaftlichen Unternehmungen, wenn bestehende Lücken so stark hervortreten, dass das menschliche Miteinander darunter leidet.
Wenn das philosophische Denken des 19. Jahrhunderts, das wirklich Großes heranzubilden wusste (wovon sich die Jetztzeit tragischerweise abgewandt hat), mit bemerkenswerten psychologischen Einsichten auf den Wert der Selbstbeobachtung hinweist, so muss doch auch gesagt werden, dass sich die meisten Unternehmungen in der von der totalen Wirklichkeit abgetrennten inneren Hälfte bewegen. Es wird auf die Grundlagen des selbstbewussten Ich im gewöhnlichen Bewusstsein hingearbeitet, das aber, da es innerhalb der Grenzen des Leiblichen verharrt, nicht zu den Quellen des Seins vorzudringen vermag. – Steiner : „Will die Seele zu diesen Quellen kommen, so muss sie aus diesem gewöhnlichen Bewusstsein herausdringen.“ Das sich selbst beobachtende Gegenüberstehen sollte erkennen, dass darin keineswegs die Quellen liegen, woraus das Wirkliche „hervorsprudelt“. Die Mittel, über die das gewöhnliche Bewusstsein verfügt, reichen nicht aus, um den Totalgehalt des Wirklichen zu erfassen, der aber im Unterbewussten als treibendes Motiv wirksam ist. So wird zwar etwas Geistiges gekannt und anerkannt, doch bleibt der volle Zugang verschlossen, dessen Öffnung es als übersinnliche, „entkörperlichte“ Wirklichkeit im Bewusstsein aufleuchten ließe. Zugleich wird freilich in der Selbstbeobachtung die Gewöhnlichkeit durchaus abgestreift, indem sie überhaupt erst festzustellen vermag, was alles an Bewusstseinstatsachen vorliegt.
Rudolf Steiner, der als der einzige moderne Hellseher in das damalige Zeitgeschehen eingreift, hat sich eine äußerst schwierige Aufgabe gestellt. Er weist auf sein übersinnliches Schauen als auf etwas in der wissenschaftlichen Entwicklung Liegendes hin, was als voller Unsinn erscheinen muss : die Wissenschaft soll nach Erlebnissen streben, die nicht im aktuellen Bewusstseinsumfang liegen. Unterbleibt dies, so erreicht man nur ein „Abbild der halben Wirklichkeit“. Die Paradoxie besteht nun darin, dass sich der erkennende Mensch den Ausblick in die wahre Wirklichkeit verschleiern muss, um das selbstbewusste Ich zu „erkraften“. Soll aber das Erkenntnisleben nicht im Wesenslosen zerfallen, so stellt sich früher oder später die Frage, was es mit dem selbstbewussten Ich in Bezug auf die Wirklichkeitsfrage überhaupt auf sich hat und was mit ihm anzufangen sei.
3.
Der erbrachte Befund stellt uns vor die Frage, welcher „Folgerichtigkeit“ man seine Zustimmung gibt. Eine ins Auge gefasste „Geheimschülerschaft“, die auf der Steinerschen Wegweisung basiert, müsste sich zu etwas aufschwingen wollen, dem die seelischen Eigenmittel in unserer Epoche, die sozusagen immer „gewöhnlicher“ werden (was das denkende Vermögen mit einschließt), immer weniger entsprechen. Der Kandidat erblickt um sich herum ein zunehmend sinnloses Treiben, dem er Geistiges einpflanzen soll. Konnte Steiner zu Lebzeiten noch auf einem gewissen Vorverständnis der Kulturwelt aufbauen, so muss man heutigentags fürchten, aufs Haupt geschlagen zu werden, wenn man ungewöhnliche Ansichten äußert. – Aber ist es nicht auch nachvollziehbar, wenn sich die Moderne aller Metaphysik enthält, wofür meist weder das Organ noch ein Bedürfnis besteht, und daher keinerlei Neigung, sich der Gedankenwelt spiritueller Wegweisungen zu exponieren ?
Hält man demgemäß am Zustand des gewöhnlichen Bewusstseins fest, so agiert man vielleicht „folgerichtig“, weil man es zu mehr nicht bringen will. Man mag in seltsamer Verkennung sagen: was sich nicht erschauen lässt, sich nicht erfahrbar mache, das existiert für mich nicht. Die früher edle Form des Selbstbewussten wandelt sich in schiere Egoität um, die sich sozial tödlich auswirkt. Wer sich von der Bindung an den heutigen Zeitgeist freimacht, der wird zur Auffassung gelangen, wie im Gesamtduktus von Steiners Werk und Wirken eine geistig richtunggebende Vorläuferschaft dessen vorliegt, was der innerlich sich entwickeln wollende Mensch nicht unbeachtet lassen kann. Ähnlich wie es bei Aristoteles der Fall war, wo ein einzelner Mensch das weitere Profil von Jahrhunderten des Geisteslebens prägte, sollte man sich der Einsicht nicht verschließen, dass es herausragenden Individualitäten gegeben ist, den künftigen Kurs der Menschheitsentwicklung vorweg zu nehmen. Allerdings ist dabei zu beachten: Auch der in die höchsten Geistinhalte Eingeweihte muss das Erlebte in die eigene Sprach- und Ausdrucksweise übersetzen, muss seine Schwerpunkte und Differenzierungshaltung wählen, wobei für letzteres das soziale Umfeld der bestehenden Zeitlage und die entsprechenden Bedürfnisse der ansprechbaren Menschenkreise sicher eine Rolle spielen. Dementsprechend wählt auch der Rezipient gemäß der ihm zukommenden Schwerpunkte („Fähigkeitspotenziale“) das Aufzugreifende aus, um sein eigenes Weltbild zu erweitern, zu überprüfen und wo möglich zu vervollständigen. Innerhalb einer solchen Grundhaltung können die Werkideen eines anderen Menschen fortleben, deren bloße Wiederholung wohl nur solange dienlich sein kann, bis man es zum Wesensgewinn der Selbstsprache gebracht hat. Sodann stellt sich erneut die Frage, wodurch der eigene Ansatz eine gewisse Verbindlichkeit erhält, also nicht in eigen-willigen, als vielmehr in universell-willigen Bahnen verläuft.
Wenn es stimmt, dass die Egoität – als Schattenwurf des wahren Ich – die Regentschaft im Innern übernommen hat, so liegt es auf der Hand, an ihrem Quellgrund anzusetzen, da der Rückgang zur vor-individuellen Verstandes- und Empfindungsseele den Vorgang zur selbstbestimmten Egoität wenig mehr außer Kraft setzen kann. Der Anruf an die Wohlmeinenden, nun endlich einmal etwas Geistgemäßes auch zu tun, aufzuwachen, Farbe zu bekennen usf., dürfte versanden, da, selbst wenn es manchmal gelingen sollte, das ungeläuterte Ego überall noch herumspukt, was sich daran zeigt, dass, um es höflich auszudrücken, die Leute sich nicht grün sind und sehr leicht in Streitigkeiten geraten. Die diversen Missgriffe können durch höhere Mandate allenfalls eine Zeitlang kaschiert werden. Mangelt es an einer elementaren Selbsterziehung, so gerät die schönste Metaphysik zum Trugbild, wie es oft herangezogen wird, um der rechten Selbsterkenntnis auszuweichen. Auch die Pflege des Traditionellen kann, mögen dabei auch erbauliche Früchte in den Gesichtskreis treten, die ungeklärte und phänomenologisch unerklärte Innenwelt nicht zu dem hin wirklich öffnen, was Gegenstand der Unterredungen, Hochgedanken, Literaturen usw. ist. Doch ist es natürlich jedem selbst überlassen, wonach und wie er strebt, wenngleich der Anthroposoph, der sich an die Mitwelt wendet, es hinnehmen muss, wenn er nach den Richtlinien, die Steiner in der Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ gegeben hat, angesehen wird. Überwiegt die ungeschulte Normalität, so lässt sich vermuten, dass er noch gar nicht weiß, worauf er sich eingelassen hat. Da ein solches, allgemein zutreffendes Nicht-Wissen nur menschlich ist, erscheint es nicht gefehlt zu sein, mit dem Wissen dort anzufangen, wo man wirklich wissen kann: im Erleben des Denkens, das in der Tiefe um alles weiß, und im Hervorbringen selbst, das einen Kern der Egoität bildet.
4.
Für die auf die Seinsverhältnisse abstellende Grundreflexion besteht mittlerweile ein objektiver Anlass. Man braucht kaum noch einen theoretischen Überbau heran zu ziehen, um festzustellen, dass die Sinneseindrücke etwas Zusammenhängliches vermissen lassen und sich in chaotischer Dinglichkeit erschöpfen. Die Welt ist leerer geworden – und jeder merkt es! Das fortwährend Bombardement einzelner Dinge, die in keinem den Wesenszusammenhang erklingenden lassenden Gedächtnisschatz mehr stehen, stiftet eine unheimliche Welt, wie es sich im Innern widerspiegelt. Damit ist in der Tat akut geworden, was oben als Unterdrückung oder Auslöschung der Wesenswelt angeführt worden ist. Der Leib, insbesondere das Sinnes-Nerven-System, reduziert das Wirkliche auf punktartige Teilsichten, die gerade noch von Ganzheitsschleiern zusammengehalten werden. Würde dies im weiteren wegbrechen, so bliebe nur ein Leichnam übrig, zu dem man selber wird. Das Verrückte bei dieser Sache ist nun, das positive Selbstgefühl auf das Körperliche umzulenken, um also gesund und wohlversorgt, sportlich getrimmt und in einem gemeinsamen Glauben vereint, der klimarettenden, virusbekämpfenden und vollständig elektrifizierten Zukunft mit Sklavenlust entgegen zu sehen. Dass dies in diverse Sackgassen einmündet, kann schon jetzt garantiert werden. Denn der Mensch ist im innersten Wesen gar nicht darauf angelegt, den Körperkult zur Höchstform der Selbstbefriedigung zu steigern, was, wie die unzähligen anderen Kulte in der Geschichte, bloß eine vorübergehende Manifestation sein kann. Im übrigen nimmt der Tod, der nun so gar nicht in die hedonistische Lebensplanung passt, das Objekt der Zuwendung von uns, und gerade dasjenige, wovon so viele den Blick abwenden, tritt in der Folge hervor: die Seele, wie sie sich gebildet hat, oder nur noch in Spurenelementen vorhanden ist, wenn der Hauptteil mit dem Leib gestorben ist.
Die überzeitliche Perspektive, die auf die Endlichkeit des Menschen zu sprechen kommt, sollte in einer Epoche, die zunehmend dem Wahnsinn verfällt, bewusst herausgestellt werden, soweit die geimpfte Schafherde überhaupt noch ansprechbar ist. Es sollte den Tätern durchaus nahe gebracht werden, dass sie ihr unter Umständen schändliches Treiben vor dem Geist zu verantworten haben. Denn die Annahme, mit dem Tod sei alles aus, und es käme darauf an, zeitlebens die Leibesfrüchte ungehemmt zu genießen, hat vor der Wirklichkeit keinen Bestand. Dies auszuweisen führt uns dann auf eine geistige Grundlagensichtung zurück, welche die seinskonstituierenden Faktoren herausarbeitet. Damit sind wir wieder beim eigentlichen Thema. Der böse Abweg, der vielen Leuten als naturgewollte Normalität gilt, stellt uns die Folgerichtigkeit vor Augen, die konstitutiven Faktoren des Seelischen mit den Vorfällen in der Gegenwart in Verbindung zu bringen. Und da wird es quasi sinnenfällig, wie sich der strukturelle Wirklichkeitsaufbau im Denken als praktische Notwendigkeit erweist. Denn der Leib und der mit ihm verknüpfte Intellekt ist nicht der Wirklichkeitsgeber, sondern der Wirklichkeitsverwehrer, womit genau das Gegenteil davon wahr ist, woran ein großer Teil der Zeitgenossen glaubt, und was, wie man erschüttert feststellen muss, in den Untergang der menschlichen Kultur und letztlich der bürgerlichen Zivilisation insgesamt führt.
Wenn also der Leibintellekt eine menschliche Erkenntniskultur nicht herbeiführen kann, da er vom Wesenszusammenhang der Dinge getrennt verläuft und allenfalls hinweisartig darauf zu sprechen kommt, ohne die Vollzugsevidenz zu gewinnen, die auch das moralische Leben befruchtet, dann gerät man in die Kalamität einer vermeintlichen Ausweglosigkeit. Die entleerten Wahrnehmungen rufen freilich das Denken auf, in der Innenlogik des Hervorbringens und begrifflichen Vollziehens die Stimme des Universellen zu vernehmen, die den entflohenen Wesensgehalt des Weltschönen und Seinswahren ins Bewusstsein hebt. Der heutige Mensch kann allerdings sein Selbstständigkeitsgefühl kaum mehr ohne Selbstverlust abschütteln, wobei ein naives „Zurück“ bloß noch als Sentimentalität oder Verzweiflungstat aufzufassen ist. Für ein geistes-wissenschaftlich orientiertes Bedürfnis und Interesse kann es sich nur darum handeln, die selbstachtende Egoität auf ein Gebiet umzulenken, worin sie sich im Zufluss universell zu verstehender Mittel umwandelt. Blickt sie auf den Zusammenhang der Begriffe – also auf die innere Folgerichtigkeit – und nicht bloß auf die Wortbedeutung, die mit mundanen Zugriffsarten und Begriffshüllen verquickt ist, so tritt ihr das reine Wesen von geistiger Wirklichkeit vor Augen. Ein solches Bestreben erzeugt das beobachtende und beobachtbare Organ, welches die Gewöhnlichkeitsstufe des Bewusstseins übersteigt. Als Pionier der Geistesforschung hat Rudolf Steiner die Bezeichnung „Seelische Beobachtung“ dafür eingeführt. Dieses neue Organ kann sich dazu befähigen, die zurückgedrängte Vollwirklichkeit dadurch wieder zu gewinnen, dass sie die Begrifflichkeiten als Zeugen einer höheren Wirklichkeit anzusehen lernt. Der Begriff ist nicht ein Mittel für etwas Wirkliches, als vielmehr Zeuge davon. Als solcher lebt er nicht durch die Selbsttätigkeit; er lebt durch sich selbst, was erlebt und zugleich getätigt wird. Die Philosophie des Abendlandes gibt in Vorformen des Erlebens davon Kenntnis.
Wem dies zu „schwierig“ dünkt (da es nicht nur mitteilt, sondern zuteilt), der könnte den Vergleich ziehen, was alles dafür getan wird, um „im System“ leben zu können. Zu erleiden, dass die Änderung des Verhaltens schwerer fällt, als es folgenlos einzuräumen, wäre gar kein schlechter Anfang. In Anbetracht der Verfallserscheinungen im aktuellen Daseinsumkreis ist es ja gewiss verwegen, mit einem Wirklichkeitsbegriff in der sozialen Arena aufzutreten, der den gestaltgebenden Gestus aus den großen Tagen der europäischen Philosophie heran zieht und entsprechend ins Werk setzt. Man hat es vergessen, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen, und wenn in dieser Hinsicht überhaupt noch etwas zu machen ist, dann müsste man sozusagen beim kleinen „Abc“ anfangen, was die Vermittlungsdienste anbelangt. Das kleine „Abc“ könnte aber gar nicht greifen, wenn man nicht auch das große ABC zugrunde legt. Denn was hätte es zum Inhalt? Man kann die Zukunft und auch die nähere Gegenwart nicht nur mit psychologistischen Trostgedanken meistern. Es ist daher folgerichtig gedacht, wenn man das Erfordernis geltend macht, es sei unumgänglich, dass jeder Mensch, der etwas auf sich hält, sich über die historisch entstandene Bewusstseinssituation aufzuklären habe. Wenn hier das Elternhaus oder die Schulbildung versagt haben, so heißt das nicht, es wäre der einzelne davon freizustellen. Auch der Geschädigte ist in der Lage, die innere Stimme zu vernehmen, die ihn dazu aufruft, das wahre Geistige zu suchen. Es gibt für diese Wegsuche zahlreiche Impulse, und keiner kann sich „rausreden“, er habe das nicht gewusst. Die Seele selbst könnte keinen Eigenwert finden, wenn sie allein darauf abhebt, was sie nicht will oder vermag.
5.
Was geschieht eigentlich wenn wir „denken“? – Nun, auf der Elementarebene kommen wir zu „Begriffen“, mit Hilfe derer wir die (sinnlichen) Wahrnehmungen bestimmen. Die Wahrnehmung bestimmt sich nicht selbst, denn sonst bräuchte man gar nichts denken. Im Prinzip begreifen wir, was sich wahrnehmbar um uns herum befindet. Allein das ist schon ein Mysterium, wenn man es recht bedenkt. Begreifen wir doch im Innern, was außerhalb von uns ist. Wir begreifen also nicht außerhalb, was als Inneres ist. Die Wahrnehmung tritt uns außen entgegen, das Innere von innen. Das Innere tritt uns nicht außen, Äußeres nicht im Innern gegenüber. Mit dieser einfachen Beschreibung befinden wir uns bereits inmitten der „ontologischen“ Fragestellung.
In der Folge wird es sich darum handeln, den Zusammenhang zwischen „innen“ und „außen“ zu bewerten. Wieso kann der Begriff, wie er im Innern auftritt, eine Beziehung zu demjenigen knüpfen, was außen „erscheint“, ohne dass es selbst schon etwas Begriffsartiges offenbart? Und umgekehrt ist die Frage, wieso sich orientierende Begriffe nach dem zu richten haben, was die Wahrnehmung anzeigt, obwohl die Begriffe von ihr nicht abgezogen werden können, da sie wie gesagt bloßes „Bild“ ist? – Es ist dieses die Ausgangslage, die zu vielfältigen Interpretationen Anlass gibt, wie sie im geschichtlichen Verlauf aufgetreten sind.
Das gedankliche Beziehungsgewebe, das im menschlichen Bewusstsein zum Austrag kommt, führt uns zu der Frage, ob nicht in der Natur ein ähnliches Geistgewebe am Werk ist. Ist doch jenes Erleben ein Vorgang inmitten der Natur, der wir mit unserem Leib angehören. Gemeinhin spricht man diesbezüglich von „Naturgesetzen“, die als Angehör von stofflichen Prozessen aufgefasst werden. Die Selbsterfahrung zeigt jedoch, dass wir sehr wohl die Bewusstseinsinhalte von den leiblichen „Naturgesetzen“ abtrennen können, denn sonst könnten wir diese gar nicht verstehen. Verhält es sich also beim Leib der Natur nicht ähnlich? Es erweist sich ja, wie es viele ökologische Abläufe u.a. nahelegen, dass hier eine übermenschliche Vernunft am Werk ist, die ganzheitlich organisiert, wie Einzelnes sich zu verhalten weiß. Und so ähnlich halten wir es beim Erkennen selbst, indem wir von einem strukturell vorgefassten Ganzem her unsere Aussagen, unsere Sätze, gewissermaßen organisieren. Die Naturerscheinungen sind gleichsam wie „Sätze“, mit der die Wirklichkeit zu uns spricht. Wir lesen darin auch uns selbst, da wir in der denkenden Anschauung die Satz-Bildung mitvollziehen. Allerdings ist das Buch des Lebens unausschöpfbar. So widerstrebt es dem erkennenden Selbsterfassen, ein blindes, zufällig entstandenes Regelwerk mit ihm zu verbinden. Das genial konstruierte Ganze der Naturzusammenhänge macht die Anerkennung einer bewussten Kraft (Substanz) erforderlich, in die wir selbst eingebettet sind. Damit soll nicht gesagt sein, dass im Organischen keine mechanischen Gesetzmäßigkeiten auftreten. Unser Gliedmaßensystem ist in seiner Perfektion anders gar nicht zu verstehen. Die Mechanik ist in das ganzheitliche Leib-Seele-Gefüge eingebunden, und nur der Idiot kann glauben, die Mechanik sei ohne teleologischer Zwecke Teil für Teil aus zellulären Verklumpungen hervorgegangen. Der Philosoph Eduard v. Hartmann hat das einmal sehr schön ausgedrückt, indem er sagte: “Wäre der Mechanismus der Naturgesetze nicht teleologisch, so wäre er auch gar kein Mechanismus geordneter Naturgesetze, sondern ein blödsinniges Chaos stierköpfig eigensinniger Gewalten.“ Die Kausalitäten der Mechanik sind ein System von Zwecken. Oder will jemand behaupten, dass das Teil einer Maschine nur für sich allein etwas zählt ?
Über das Mechanische kann man sich im gewöhnlichen Bewusstsein einen Begriff verschaffen. Über das Ganzheitliche, in welchem es wirkt, gewinnt man zwar Vorstellungen, doch fehlt es an der Anschauung, wofür die Mittel des gewöhnlichen Bewusstseins nicht ausreichen. Eine solche Anschauung sollte möglich sein, insofern uns die Sätze der Natur wesensnah anschauen, während der Hervorbringer, der Lebens- und Logosgeist, von unserer Leiblichkeit unterdrückt wird. Um ihm in voller Anschaulichkeit nahe zu kommen, muss also die Unterdrückung aufgehoben werden, was dadurch gelingen kann, dass wir uns selbst zum Hervorbringer der Begriffe erheben, mittels derer wir im Buch des Lebens lesen. Aufgrund einer solchen Bemühung darf man hoffen, nach und nach die Innen-Außen-Dialektik zu durchbrechen, um in den vollen Besitz der ganzen Wirklichkeit zu gelangen.
Das nicht denkbare Ganze, woraus wir leben, stiftet den Sinn des Beobachtens. Das Beobachten gibt uns von „außen“ die Intuition dessen, was der Weltgeist bewirkt, in Form einer eigenartigen Wahrnehmung. Der Vorgang wird durch die innere Intuition des Bestimmens vorbereitet. Ohne dem intuitiven Selbstwissen einer Wesensbegegnung bliebe das Beobachten wie blind, denn der Mensch könnte dann gar nie wissen, was er beobachtet. Um es in Erfahrung zu bringen, muss er die seelische Beobachtung dahin wenden, woher die Intuition kommt. Blickt er nämlich nur nach außen, so sieht er bloß leibbedingt, was die erwähnte Auslöschung der Wesensseite gleichsam übrig lässt. Dadurch, dass sich die äußere Intuition des „wahren Bildes“ und die innere Intuition des „wahren Begriffs“ gegenseitig verstärkt, kommt es zur Einigung der beiden „Hälften“. Die Grundlegung für ein solches Aufbaugeschehen resultiert den entsprechenden erkenntniswissenschaftlichen Untersuchungen, wofür im gegebenen Rahmen in extenso kein Raum zur Verfügung steht. Unbegründet wäre das Ausgesagte nur dann, wenn die einzig zulässige Begründung in der Logizität des Schließens läge. Damit würde man sich aber der Verlegenheit aussetzen, eine solche Logizität seinerseits begründen zu müssen. Das intuitive Wesen lässt sich nur verstehbar machen.
Die Verstehbarkeit dessen, wie sich etwas als „Intuition“ vermittelt, bemisst sich auch an der begrifflichen Wegstrecke, woraus sie sich organisch zu entfalten vermag. Die Aneinanderreihung guter und origineller Einfälle mag gewiss erbaulich sein; die Frage ist hier, wieso es dazu kommt. Die besten „Intuitionen“ helfen nur bedingt weiter, wenn damit kein Basiskonzept verbunden ist, welches das von Rudolf Steiner inaugurierte Novum der seelischen Beobachtung in den erkennenden Blick mit aufnimmt. Ideal ist es, wenn jene gerade in dieser Hinsicht prüffähig zustande kommen. Als Ausweis menschenkundiger Umbildungen sind sie von Einbildungen zu unterscheiden, die das gewöhnliche Bewusstsein in seiner Not heranzieht. Die vorstellende Individualisierung des Allgemein-Menschlichen scheint uns weniger tragfähig zu sein, als dessen seelisch beobachtende Universalisierung, wofür man im Denken um die Wirklichkeitsbefähigung ringt.
Wir wollen aber nicht so kleinlich sein, um den intuitiven Einsichten einen definierten Raum vor- zuschreiben, worin sie aufzutreten haben. Wie man so sagt: Der Geist weht, wo er will. Allerdings scheint es unerlässlich zu sein, eine gemeinsame Grundlage heranziehen zu können, wenn man sich darüber verständigen will. Die Möglichkeit einer Verständigung macht nicht zuletzt den Wert der Individual-Intuition aus. Die Intuition selbst kann man gar nicht entäußern: man wird also in den Vollzug ihrer Wesensbedeutung eintreten und inhaltliche Markierungen vornehmen, die eine intuitiv beobachtbare Evidenz aufweisen, die als solche begrifflich vermittelt werden kann. Dabei ist es von Vorteil, wenn die Verständigung darüber auch auf klassisch-historische Muster zurückgreifen kann, um den Zerfall vorzubeugen, wenn die Teilnehmer bloß auf ihre Individual-Intuition zurückgreifen, um sie nach Gutdünken bald hier, bald dort zu platzieren. Gegen den Historismus kann man allerdings einwenden, dass auch eine reine Bewusstseinsphänomenologie möglich ist, für die wir ja selbst eintreten. Dadurch, den Ort der seelischen Wahrnehmung diszipliniert einzukreisen, wird vermieden, das Zentrum des bewussten Hervorbringens bloß zu umkreisen. Wie man an Land nicht das Schwimmen lernen kann, wenn man das Wasser scheut, so kann man auch nicht vorstellen, wie der wirkliche Geist im Bewusstsein lebt. Dementsprechend liegt es nahe, die geisteswissenschaftliche Orientierung innerhalb von ontologischen Grundbeobachtungen anzustreben.
Was geschieht also, wenn man „denkt“ ? – Man ist dabei auf Intuitionen angewiesen, wenn man es nicht geradezu darauf anlegt, vorgegebene Gedankenwelten irgendwie zu kopieren. Doch selbst dann lässt sich ein intuitiver Eigenanteil erkennen, der mir dasjenige zur Gewissheit bringt, was ich als wahr oder gültig ansehe. Auch kommen logische Schlussfolgerungen nicht schon gleich als logische, sondern erst dank der Intuition zustande. Dabei gilt: Wenn eine Intuition „logisch“ nicht schlüssig ist, da sie bloß unsachgemäße Behauptungen fixiert, so bleibt die Logik des Informellen im Ganzen un-logisch. Was für eine „Logik“ einer an den Tag legt, hängt zweifellos davon ab, was für ein Mensch er sei. Die logischen Schlussfolgerungen sind meist gar nicht ohne ethischer Schlussfolgerungen zu denken. Will man aber darauf abheben, dass die Wissenschaftlichkeit nur auf den methodischen Prinzipien beruhe, worüber ein breiter Konsens herrscht, so wird man sich rasch einig, es sei jegliches persönliche Intuitionsrecht auszuschließen, welches die anerkannten Methoden in Zweifel rückt. Sollte das die künftige Ethik sein, dann ist sie jedenfalls keine gute.
Die Intuition, als „eine aus dem inneren Menschen sich entwickelnde Offenbarung“ (Goethe), soll also zum universalistischen Gestaltungs- und Selbstgestaltungsmotiv taugen. Dieses Motiv kann aus Rudolf Steiners Schrifttum herausgeholt, individualisiert und vitalisiert werden, nicht zuletzt in dem, wodurch der moralische Selbstanspruch gestärkt wird. Auch ist es von großem Nutzen, die Werke Herbert Witzenmanns zu studieren, der mit elastischer Strenge und systematischer Konsequenz die Erkenntniswissenschaft auf eine bisher unerreichte Höhe gebracht hat. Das ständige Vollzugsgeschehen, das sein Schaffen auszeichnet, regeneriert die eignen Vollzüge, wo man das Mitvollziehen durchhält und nicht vorschnell das Handtuch wirft. Denn es ist wohl klar: das neue Organ der seelischen Beobachtung kann nur herangebildet werden, wenn die einschlägige Begriffsbildung zu einer kontinuierlich geübten Angelegenheit wird. Der Zentralpunkt der Verständigung von Begriff und Wahrnehmung, deren in die Tiefe reichende Analytik und die Durchdringung aller im Zusammenhang damit stehender Phänomene, führt auch zu einer freundschaftlichen Verständigung der damit befassten Menschen, wenn sie es nur wollten.
Hingegen ist dasjenige, was wir hier auf den wenigen Seiten zu bieten haben, bloß ein schwacher Versuch, einige grundlegende Dinge und Stützpunkte in Kurzform anzusprechen. Leider ist der Verfasser nicht in der Lage, auf ein größeres Werk hinzuweisen, worin dasjenige, was er jetzt nur anzudeuten weiß, näher bzw. gründlicher entwickelt worden ist. Doch ist vielleicht der eine oder andere Gedankengang dafür geeignet, dass er weitergedacht wird und somit den eigenen Horizont erweitert. Die Missgunst der Zeit kann nur durch eine Zunahme an Geistbewusstheit überwunden werden, wobei zu hoffen bleibt, dass durch ethische Intuitionen „von oben“ auch die naturalistisch eingeklemmten Mitmenschen eine förderliche Impulsivität erfahren.