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1983
SOH zur Lage
Mit der Bedrohung umgehen
Im hey vom Oktober 1983, dem Organ der SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen), erschienen einige für die damalige Zeit typische "Anmerkungen der Redaktion":1
"In der Schweiz sind dem BAG in Bern seit 1980 13 Fälle gemeldet worden. 6 Fälle wurden bei Homosexuellen, 4 bei Afrikanern festgestellt, hingegen keine bei Drogenabhängigen und Blutern. [...] Das BAG ersucht Homosexuelle, die ihre Partner wechseln, kein Blut zu spenden, solange der Erreger nicht gefunden ist und kein Impfstoff hergestellt werden kann. [...] Wie bereits im letzten hey in der Rubrik 'soh…' angezeigt und in dieser Nummer wiederholt, besitzen die SOH-Beratungsstelle in Zürich und das SOH-Team in Bern eine Liste kompetenter Ärzte, an die man sich wenden kann, wenn Verdacht besteht oder wenn man beunruhigt ist.
[...] Die Zahl der neu Erkrankten hat sich in den Vereinigten Staaten bisher alle sechs Monate verdoppelt und in der Bundesrepublik Deutschland besteht eine ähnliche Tendenz. Die Kurve [...] geht also steil nach oben. [...]
Da die Homosexuellen die grösste Risikogruppe sind, können sie am meisten dazu beitragen, der Krankheit Einhalt zu gebieten, und zwar, indem sie auf Partnerwechsel verzichten. [...] Die Promiskuität ist der Übertragungsmodus, der dem Erreger den Weg bahnt. Für manche bedeutet dies, dass sie ihren Lebensstil überdenken müssen. [...] Der Umstand, dass es einstweilen noch immer gefährlicher ist, sich in den Strassenverkehr zu begeben als herumzubumsen, sollte niemand davon abhalten, diese Äusserungen zu bedenken."
Das war schon auffallend nahe am moralischen Ideal des KREIS. Die ernste Lage und die unverkennbar drohende Gefahr veranlasste Marcel Ulmann, Präsident der SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) noch ein Weiteres beizufügen. Unter dem Titel "AIDS, ein Wort in eigener Sache" begann er mit kritischen Bemerkungen zu einem "reisserischen Beitrag über die Zürcher Homoszene" in der Weltwoche vom 6. Juni 1983 und fuhr dann fort:2
"Der Tenor der Presseberichte ist überall der gleiche: Um die Homosexuellen, die an AIDS erkranken, ist es nicht schade, denn sie sind ja nur eine Minderheit, und wenn es davon ein paar weniger gibt, umso besser. Aber wehe, wenn sie Heteros und sogar Kinder anstecken! Dann hört der Spass auf. Bis vor kurzem steckte man denn auch fast kein Geld in die Forschung.
In Amerika haben die grossen Homosexuellen-Organisationen die fehlende Initiative ergriffen. Auch dort weigerten sich die Behörden lange, Gelder für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Hier zeigte sich deutlich der Vorteil grosser Organisationen. Im ganzen Lande führten sie Sammlungen durch, und eine Sondervorstellung von 'Barnum's Circus' mit vielen Tausend Zuschauern brachte rund 250'000 Dollar ein. Erst nachdem auch Heterosexuelle erkrankt waren, sind die Behörden aufgewacht. Jetzt werden Millionen in die Forschung gesteckt.
Das Beunruhigendste an der Krankheit sind - im Gegensatz zur Hepatitis B - die grosse Sterblichkeitsrate und die lange Inkubationszeit. Wir können nur hoffen, dass die weltweiten Forschungsanstrengungen ähnlich wie bei der 'Legionärskrankheit' und der Hepatitis B bald Resultate zeitigen."
Ernst Ostertag, August 2007
Quellenverweise
- 1
hey, Nr. 10/1983, Seite 8
- 2
hey, Nr. 10/1983, Seite 9