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Klassik im Dschungel: das Teatro Amazonas in Manaus
Die brasilianische Stadt Manaus ist schon an sich einzigartig. Mitten im tiefsten Amazonas bildet die Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas nicht nur einen unerwarteten Gegensatz zum umgebenden Urwald; der Stadthafen von Manaus ist in rund 1500 km Entfernung zum Atlantik auch einer der wohl ungewöhnlichsten Seehäfen der Welt.
Grossstadttrubel und Einsamkeit liegen in Manaus ebenso dicht beieinander wie die Abgeschiedenheit der Amazonasregion und das weltoffene Flair einer lebendigen Hafenstadt. Kaum ein Ort spiegelt diese Widersprüchlichkeit besser wider als das Teatro Amazonas. Vor der tropischen Kulisse des Urwaldes thront dieses mächtige Opernhaus mitten im Zentrum von Manaus und wirkt ein wenig, als wäre es von seinen Erbauern an einen völlig falschen Ort gesetzt worden.
Das Teatro Amazonas de Manaus ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Kautschukbooms, als Geld im Herzen des Amazonas keine Rolle spielte und auch so exzentrische Projekte wie ein Opernhaus mitten im Dschungel möglich waren. Angeblich wurde das Teatro Amazonas mit dem Ziel errichtet, den grossen Enrico Caruso in den Amazonas zu locken. Es gilt jedoch als widerlegt, dass Caruso tatsächlich jemals in Manaus aufgetreten ist.
Geschichte eines ungewöhnlichen Opernhauses
Die Geschichte des Teatro Amazonas beginnt im Jahr 1881 während des Kautschukbooms, als Manaus zu den reichsten Städten der Welt zählte und eine Bühne benötigt wurde, auf der die musikalischen Gäste aus aller Welt sich angemessen präsentieren konnten. Das Projekt wurde vom Abgeordneten A. J. Fernandes Júnior vorgeschlagen und umgehend genehmigt; danach verzögerten sich die Arbeiten an der neuen Oper jedoch aufgrund von Finanzierungsfragen. Am 31. Dezember 1896 konnte das Teatro Amazonas schliesslich eingeweiht werden und erlebte eine Woche später seine Premiere mit Ponchiellis Oper „La Gioconda“.
Beim Bau des neuen Opernhauses wurde nicht gespart: Baumeister und Architekten, Bildhauer und Maler stammten aus allen Teilen Europas, ebenso wie ein Grossteil der verwendeten Materialien. Bis heute ist der Platz vor dem Opernhaus mit portugiesischen Pflastersteinen ausgelegt, während die Kacheln für die imposante Kuppel aus dem Elsass stammen. Trotz seiner inneren und äusseren Pracht lag das Teatro Amazonas jedoch jahrzehntelang verlassen dar, denn bedingt durch das Ende des Kautschukbooms endete ab 1907 auch die Serie bedeutender Aufführungen im Opernhaus von Manaus. Erst seit 1990 werden im Teatro Amazonas wieder regelmässig Opern aufgeführt.
Das Teatro Amazonas heute
In der jüngeren Vergangenheit bereitete der Zustand des Teatro Amazonas immer wieder Sorgen, denn das feuchte Amazonasklima setzte dem Gebäude ebenso zu wie die örtlichen Termiten. Seit dem Abschluss der letzten grossen Renovierung Ende der 1980er Jahre ist das Teatro Amazonas jedoch wieder in Betrieb und steht auch Touristen zur Besichtigung offen. Seit 1996 findet ausserdem jedes Jahr das Festival Amazonas de Ópera in Manaus statt; für die regulären Konzerte des Orquestra Amazonas Filarmônica muss auf den Stehplätzen kein Eintritt gezahlt werden.
Unzählige weltbekannte Künstler hat es in der Vergangenheit bereits nach Manaus gezogen, darunter den Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters, dessen Oper Ça Ira 2008 im Teatro Amazonas erstmalig in Brasilien aufgeführt wurde. 2007 inszenierte Christoph Schlingensief Richard Wagners Fliegenden Holländer im Teatro Amazonas. Kurios ist auch die Zusammensetzung des Orquestra Amazonas Filarmônica: Über zwei Drittel der Musiker stammt aus Osteuropa, und nicht wenige von Ihnen haben für die ungewöhnliche und zugleich reizvolle Anstellung mitten im Urwald deutlich besser bezahlte Stellen aufgegeben.
Fitzcarraldo und das Opernhaus im Dschungel
Die Geschichte Opernhauses mitten im Dschungel hat in der Vergangenheit immer wieder Filmemacher und Schriftsteller inspiriert, von denen Werner Herzog wohl mit Abstand am meisten dazu beigetragen hat, das Teatro Amazonas im deutschsprachigen Raum bekanntzumachen. Die Geschichte des Teatro Amazonas diente ihm als Vorlage für seinen Film „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, in dem er 1982 die Geschichte des exzentrischen Abenteurers Brian Sweeney Fitzgerald erzählte.
Mitten im peruanischen Urwald will Fitzgerald – von den Einheimischen Fitzcarraldo genannt – ein Opernhaus wie das in Manaus errichten, und auch er träumt davon, den grossen Enrico Caruso einmal leibhaftig in seinem eigenen Opernhaus singen zu hören. An die Geschichte des Teatro Amazonas angelehnt ist auch der Plan Fitzcarraldos, sein Theater mit Einkünften aus dem Kautschukhandel zu finanzieren. Zu diesem Zweck kauft er das Erschliessungsrecht zur Kautschukgewinnung auf einem Stück Urwald und ein Flussschiff, mit dem er den gewonnenen Kautschuk abtransportieren will. Das erworbene Stück Land ist jedoch auf dem Flussweg nicht zu erreichen, weshalb Fitzcarraldo plant, sein Schiff über einen Berg zu einem nähergelegenen Fluss zu ziehen.
Die Figur des Fitzcarraldo, der sein Schiff über einen Berg ziehen will, ist ebenfalls an eine reale Figur angelehnt: Der Kautschukhändler Carlos Fermín Fitzcarrald lebte von 1862 bis 1897 tatsächlich in Peru und liess sein Schiff wie im Film auf dem Landweg zwischen zwei Flüssen transportieren. Werner Herzog kombinierte diese zwei historischen Begebenheiten, ohne sich dabei allerdings an historische Details zu halten. Der Beginn von „Fitzcarraldo“ zeigt das Innere des Teatro Amazonas und die Hauptfigur, die gekommen ist, um den grossen Caruso zu sehen. Im Film tritt Enrico Caruso tatsächlich in Manaus auf.
Oberstes Bild: Teatro Amazonas in Manaus (Bild: Pontanegra / Wikimedia / CC)