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In meiner eigenen Erfahrung entstehen die meisten Werke in den Bibelwissenschaften im Spektrum zweier Extreme. Auf der einen Seite findet sich ein noch immer dominantes Überbleibsel der Moderne: der sogenannte Historismus. Auf der anderen Seite begegnet man immer häufiger postmodernen hermeneutischen Theorien, welche die Bibel in eine Vielzahl von beliebigen Situationen sprechen lassen. Das 2013 erschienene Werk „New Meanings for Ancient Texts“[1] listet hier z.B. „Ecological Criticism“, „Post-Colonial Biblical Criticism“, „Queer Criticism“ und „The Bible and Popular Culture“. Während man im Historismus eine gewisse Obsession entwickelt, hat die Beschäftigung mit der Bibel auf rein historische und literaturwissenschaftliche Fragestellungen zu reduzieren, dient die Postmoderne Hermeneutik vor allem dazu, die Schrift möglichst viele „Stories“ (oftmals vollkommen losgelöst von jeglichen historischen Fragestellungen) erzählen zu lassen.
Im Oktober 2014 postete Hanniel ein Zitat aus dem Einleitungskapitel der systematischen Theologie von John Frame, welches mich seitdem sehr oft zum Nachdenken anregte:
I think … that theology today has become preoccupied with these auxiliary disciplines to the extent of neglecting its primary responsibility: to apply Scripture itself.
Als Altorientalist und Semitist, der zuvor Theologie studiert hat und sich den Bibelwissenschaften widmen will, gehöre auch ich einer solchen theologischen Hilfswissenschaft an, obgleich die Situation in der Dogmatik eine freilich andere ist. Wie kann auch ich meiner Hauptaufgabe nachgehen: to apply Scripture itself?
Diese Frage bringt mich zurück zu den oben genannten Extremen der Bibelwissenschaft. Beide haben eine dominante Gemeinsamkeit: Sie unterwerfen die Schrift dem primären Interesse der Exegeten und nehmen ihren wahren Charakter als Gotteswort und Offenbarung kaum ernst. Dabei stehen auch die konservativen Christen und Theologen oftmals in der Gefahr die Bibel im einen Extrem entweder als Objekt der Geschichtswissenschaft zu betrachten (durch eine gefühlte Literaturgattung „Zeitungsbericht“ in den historischen Büchern) oder im anderen als immer wiederkehrende Bestätigung der eigenen theologischen Vorstellungen (die Bibel erzählt nur die „Story“, die ich ich hören möchte).
Als Anhänger einer theologischen Hilfswissenschaft versuche ich mich daher auf einen anderen Aspekt zu konzentrieren: Die Bibel ist Gottes Offenbarung, hineingesprochen in die Geschichte und Kultur bestimmter Menschen, übersteigt sowie transzendiert diese jedoch weit. Um der Gefahr vorzubeugen die Bibel lediglich eine beliebige „Story“ erzählen zu lassen, müssen wir sie in ihrem Kontext verstehen. Genauso gilt: Um der Versuchung zu widerstehen die Schrift nur geschichtlich zu betrachten, müssen wir sie theologisch lesen, also mit einem Glauben der zu verstehen versucht.
Zu Genesis 1-11 z.B. schreibt Gordon Wenham:
The discovery of yet more ancient texts paralleling Gen 1-11 (Sumerian King List, Flood Story, and the Atrahasis epic, among others) has led to the recognition that Genesis is not simply reproducing the ideas of surrounding cultures. At least at the theological level, it is contesting them fiercely. [2]
Wer sich mit den Mythen und Epen der Israel umgebenden heidnischen Kulturen befasst, wird einiges erkennen können: Götter, die sich wie kleine Kinder aufführen und ihre Aktionen nicht bis zum Ende durchdenken können; Menschen, die als Arbeitssklaven der geringeren Götter geschaffen wurden; oder Geschichten darüber, wie selbst die Gottheiten ins Dasein kommen müssen. Wenn man Genesis 1-11 nun mit den Augen eines antiken Israeliten liest, dann ist es weit mehr als nur ein historischer Bericht über die Anfänge der Welt: Es ist die Umkehrung eines existierenden Weltbildes. Doch auch heute kehrt Gott durch sein Wort unser Weltbild um, denn auch heute noch hängen wir Götzen nach, die erst geschaffen werden mussten, und vertauschen dabei die Herrlichkeit des Ungeschaffenen mit der Herrlichkeit der Schöpfung.
Die Bibel in den richtigen Blickwinkel zu rücken hilft die beiden Extreme hinter sich zu lassen und der Hauptaufgabe eines Theologen nachzugehen: Die Schrift anzuwenden.
[1] McKenzie, Steven und John Kaltner (Hrsg.), New Meanings for Anicent Texts. Louisville: Westminster John Knox, 2013.
[2] Wenham, Gordon, Genesis. In: Theological Interpretation of the Old Testament. Kevin J. Vanhoozer (Hrsg.). 2. Aufl. Grand Rapids: Baker, 2009. S. 31.
Mario Tafferner ist 26 Jahre alt und verheiratet mit Elsbeth. Er beendet momentan sein M.A. Studium der Semitistik und Altorientalistik und wird voraussichtlich ab Herbst ein Doktorand der Theologie im Grenzbereich Altes Testament und Alter Orient werden.