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Parlatges ist ein Weiler im Languedoc (= Okzitanien,
la langue d’Occitanie), im Departement Hérault, und liegt am Fusse des
Hochplateaus du Larzac. Dort entspringt eine Quelle, die in alten
heidnischen Zeiten schon verehrt wurde. Der Wasserkult wurde oft mit der
Grossen Göttin in Verbindung gebracht und in christlicher Zeit der
Jungfrau Maria geweiht. So konnte die Bevölkerung weiterhin der Göttin
huldigen, wenn auch unter neuem Namen. An diesem Platz wurde in
romanischer Zeit eine Kapelle erbaut und Mutter Maria geweiht: Notre
Dame de Parlatges. Früher grenzte ein Schloss (das sog. „castrum" von
Parlatges) an die Kapelle, von dem aber heute nicht einmal mehr Ruinen
vorhanden sind. Erstmals erwähnt wurde es 1101. Dieser Quelle wird eine
wunderbare Eigenschaft zugeschrieben, und zwar, dass sie „sprechen"
macht (die okzitanische Schreibweise von parler bzw. la parole = parlatg).
Daher stammt der Name des Weilers, ja des ganzen Gebiets „Forêt
Domaniale de N. D. de Parlatges". Die Leute bringen noch heute ihre
Kinder hierher, wenn sie Mühe haben, sprechen zu lernen, stottern oder
unter sonstigen Sprachschwierigkeiten leiden. 1631 bestätigte Bischof
Plantavit de la Pause, dass Parlatges schon seit langem sehr berühmt sei
für die Wunder, die dort geschehen, namentlich bei Stummen und anderen
Personen, die Sprachstörungen haben und auch bei Gelbsucht.
Erste Spuren der Kapelle reichen ins 12.
Jahrhundert zurück, und erbaut, so wie sie sich heute präsentiert, wurde
sie im 14. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass sich unter dem Altar
noch der alte heidnische Opferstein befindet. Auch sollen noch Spuren
von Blut darauf zu finden sein. Das jedenfalls hat mir der alte Gaston
in den Siebziger Jahren erzählt. Verifizieren konnte ich dies jedoch
nicht. Als ich ihn danach fragte, weshalb die Jungfrau zerbrochen sei,
erzählte er mir eine unglaubliche Geschichte. Ich gebe die Geschichte so
weiter, wie Gaston Bellet (ein Weinbauer, der damals schon über 80 war)
sie mir erzählt hat:
Der Bildhauer Paul Dardé (1888 – 1963) habe Ende
der Zwanziger Jahre der Jungfrau die Krone sowie das Jesus-Kind, das sie
auf dem Arm hielt, abgeschlagen. Dabei sei ihr Kopf abgebrochen. Das
Jesus-Kind habe der damalige curé (der Pfarrer) mitgenommen. Ich war
entsetzt ob dieses Vandalismus und fragte ihn, ob er den Grund kenne,
wieso Dardé dies getan hätte. Gaston verneinte. In Parlatges wohnten
damals nicht viel mehr als zwanzig Menschen (uns inbegriffen), also
fragte ich weitere Personen. Der einzige, der auch über die Geschichte
Bescheid wusste, war Paul Cros, ebenfalls Weinbauer (wie früher alle im
Dorf), damals in den Siebzigern. Er bestätigte die Geschichte, so habe
sie sich zugetragen.
Die (zerbrochene) Originalbüste der Sainte
Vierge befindet sich heute, auf Augenhöhe in die Wand eingelassen, links
vom Eingang. Das ist die Jungfrau, die noch heute verehrt wird, wovon
die Opferkerzen sowie einige Ex-Voto Tafeln und ein paar verblichene
Fotos zeugen. Den Hauptaltar vorn ziert die neue Maria mit Krone und
Kind, so wie Dardé sie 1927 gemeisselt und auf den Rest des
ursprünglichen Körpers der Skulptur gesetzt hat.
Ich habe mich all die Jahre gefragt, welchen
Grund Dardé wohl für diese Aktion gehabt haben mochte. Ich besuchte die
Jungfrau oft, meditierte vor ihrem schönen, ja geheimnisvollen jungen
Gesicht. Sie wurde mir im Laufe der Jahre immer vertrauter und ist mir
näher als jede andere Madonna auf der Welt. – Vor einigen Jahren (2004)
ist eine Broschüre über „die Altäre von Le Caylar und von Parlatges"
erschienen, und darin erfuhr ich erstmals Näheres über die Umstände
dieser Altar-Restaurierung von 1927. Was mich am meisten erstaunte, war,
dass Dardé den romanischen Gesichtszügen seine eigene Note verlieh: er
retouchierte sie, indem er ihr ohne Skrupel neue Züge im Stil des „Art-Déco"
meisselte. Der damalige Pfarrer Baldeyron konnte seine Erregung darüber
nicht verbergen, aber Dardé übernahm die volle Verantwortung für diese
Aktion. Plötzlich sah ich La Sainte Vierge in einem anderen Licht. Nun
hatte ich die Erklärung, weshalb ihr Antlitz so fein und lebendig aus
dem zerbrochenen und verwitterten Torso hervortrat. Auch scheinen sich
ihre Züge je nach Standort und Lichteinfall zu verändern. Wenn Dardé die
Madonna also bewusst so umgestaltet hatte, wie sie sich heute
präsentiert – welche Gründe mag er dafür gehabt haben?
Ich meine sie inzwischen zu kennen… Auf den
ersten Blick scheint es vielleicht weit hergeholt, doch glaube ich, dass
Dardé, der wilde, ungestüme 2 Meter-Mann vom Larzac, die christliche
Jungfrau mit Kind und Krone zurück verwandelt hat in eine heidnische,
ursprüngliche Jungfrau, die Quellgöttin von Parlatges! Auf der alten
schwarz/weiss Postkarte, die es früher in der Kirche von Parlatges zu
kaufen gab, die aber inzwischen vergriffen ist, stand auf der Rückseite:
Vierge primitive de Parlatges, d.h. ursprüngliche Jungfrau von Parlatges.
Es ist klar, was damit gemeint ist: ursprünglich im Sinne von die alte,
im Gegensatz zu Dardés neuer Madonna. Aber in einer doppelten Bedeutung
darf „primitive" auch anders verstanden werden… Dieser Gedanke ist mir
gekommen, nachdem ich mich mit Dardés Biografie beschäftigt und sein
urwüchsiges Denken kennen- und schätzen gelernt hatte. – Dies ist meine
persönliche Meinung, und ich will damit keinesfalls die religiösen
Gefühle von irgendjemand verletzen. Mir selber macht diese Verschmelzung
der christlichen mit der vor-christlichen, heidnischen Jungfrau keine
Mühe, und ich habe dazu auch zahlreiche Hinweise in der einschlägigen
Literatur gefunden (siehe auch unter dem link „Bücher").
Heute finde ich Maria überall, an allen Orten.
Sie ist ein inneres Bild geworden und immer präsent – sie ist die Grosse
Göttin, die weibliche Seite Gottes.