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Schmuddel-Look, fettige Haare und Converse-Turnschuhe waren sein Markenzeichen. Cobains Musik war laut und dröhnend, eine Mischung aus Hardcore, Punk und Metal. Seine Texte schwelgten in Gewaltfantasien. Trotzdem oder gerade deswegen stürmte Cobain mit Nirvana die Charts. «Bleach», ihr erstes Studioalbum von 1989, traf das Lebensgefühl einer Generation, die gegen Yuppiegesellschaft und Dotcom-Kultur aufbegehrte. Zwei Jahre später verkaufte sich ihr erfolgreichstes Album «Nevermind» binnen weniger Wochen rund zehn Millionen Mal.
Begonnen hatte alles 1968 in Aberdeen, einem lausigen Holzfällerstädtchen im US-Bundesstaat Washington, und endete in einer 15-Zimmer-Villa in Seattle. Dazwischen lag Kurt Cobains kometenhafter Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen zur vergötterten Rock-Ikone der 1990er-Jahre.
Schmuddellook aus Seattle
Es sei Zufall gewesen, dass diese Revolte in Seattle ihren Anfang nahm, sagt Jack Endino, der erste Produzent von Nirvana. Vor Cobain und Nirvana wäre die liberale Hafenstadt im Nordwesten der USA alles andere als eine Musikmetropole gewesen. Eher ein kulturelles Mauerblümchen im Schatten von Boeing, Microsoft und Starbucks, die in Seattle ihre Produktionswerke oder Unternehmenssitze haben. Cobain habe einen kommerziellen Boom in Seattles Musikszene ausgelöst, erinnert sich Endino, der als «Godfather des Grunge» gilt. Bands wie Pearl Jam, Radiohead und Metallica schwammen mit auf der Grunge-Welle. Aus einer Nischenmusik wurde Mainstream.
Deprimierende Kindheit
Auf verwaschenen Fotos der 1970er-Jahre sieht man Cobain als semmelblonden Knaben in trostlosen und verrumpelten Wohnungen sitzen; eine glückliche Kindheit hatte das Scheidungskind nicht. Nie hatte er ein Dach über dem Kopf, sein Zuhause war die eigene Fantasie. Donald Duck und Figuren aus der Speed Racer-Serie waren seine ersten Kunst- und Kultobjekte, die er verblüffend gut abmalen konnte. Stolz unterschrieb er eine an seine Familie adressierte Thanksgiving-Karte, die Klein-Kurt mit grossem Hut allein beim Picknick zeigt, mit «A Kurt Cobain Greeting-Card».
«Kurt wuchs in einer deprimierenden Welt auf», erklärt der Cobain-Biograph Charles Cross. Selbstmorde gehörten zur Tageordnung, die Arbeitslosigkeit war höher als irgendwo sonst im Bundesstaat Washington. Dass Cobain aus seiner Geburtsstadt Aberdeen abgehauen sei und dann grossartige Songs geschrieben habe, sei eine Erfolgsgeschichte.
Grunge statt «Wind of Change»
Mit seiner charismatischen, von Schwermut gezeichneten Stimme elektrisierte Cobain sein Publikum. Mal gelang ihm dies als sensibler Melancholiker, dann wieder als brachialer Schreihals. Cobain und seine Bandmitglieder, der Bassist Krist Novoselic und der drauflos dreschende Schlagzeuger Dave Grohl probten den Aufstand gegen saubere, weichgespülte Rockmusik. Grunge statt «Wind of Change». Was zählte, war der Sound. It smells like teen spirit.
«Wenn Du zur Ikone einer ganzen Generation wirst, dann geht deine Persönlichkeit über den Jordan, du verlierst deine menschlichen Qualitäten und bist am Ende reine Projektionsfläche für deine Fans», resümiert Megan Jasper, damals Praktikantin, heute Vizepräsidentin von Sub Pop in Seattle – jener Plattenfirma, bei der Nirvana zeitweilig unter Vertrag stand. Mit dem weltweiten Erfolg, dem Medienrummel und dem Superstar-Image sei der sensible Cobain immer weniger zurechtgekommen, sagt Jasper. Drogenexzesse und Depressionen endeten schliesslich im Desaster.
Rest in Peace
Am 5. April 1994 schoss sich der Nirvana-Sänger mit einer Schrotflinte in den Kopf. «Es war ein schrecklicher Tag, einer der schlimmsten in meinem Leben», erinnert sich Charles Cross. «Kurts Leiche wurde von einem Elektriker gefunden. In diesem Moment wusste ich, dass es mit diesem unglaublichen Mann zu Ende war.»
Heute ist Cobains ehemalige Villa am Washington Boulevard Ost Pilgerstätte für Fans aus aller Welt. Hinter grossen Bäumen liegt das Anwesen – eine Holzvilla, wie sie nur Stephen King hätte ersinnen können: dunkel, verlassen und mit Fenstern, die aussehen wie tote Augenhöhlen. Jetzt ist es eingezäunt und im Privatbesitz von Courtney Love, Cobains Witwe. Viele Besucher schreiben Sprüche an den Zaun oder auf die davor stehenden Holzbänke: «Kurt, du hast uns im Stich gelassen!» Oder: «Du hast unser Leben verändert!» Ein Gästebuch aus Holz.
Es hatte keine Beerdigung für Cobain gegeben, auch kein Grab, zu dem die Fans pilgern können. Das sei der Grund, warum die Leute bis heute zu seinem Haus am Lake Washington kommen, sagt Cross. «Das Traurigste an seinem Tod ist, dass man seine Stimme vermisste. Ihn singen zu hören, war ein unglaubliches Geschenk. Und wir wollten ihn doch immer wieder hören».
Nicht einmal Cobains Asche ist mehr da, wo sie hingehört. Courtney Love, Cobains Witwe, hatte die sterblichen Überreste ihres verstorbenen Mannes zuhause aufbewahrt. In einer rosafarbenen Plüschtasche, versteckt in einem Kleiderschrank. Ein unbekannter Dieb hatte sie vor einigen Jahren neben Schmuck und Designerkleidung gestohlen.
Auf einer vom Magazin «Forbes» veröffentlichten Liste der «am besten verdienenden Toten» stieg Cobain 2005 auf Platz Eins und überholte dadurch sogar Elvis Presley.
Vor wenigen Tagen hat die Polizei in Seattle bislang unbekannte Fotos vom Tatort veröffentlicht. Die Bilder hätten aber nichts weltbewegend Neues ergeben, so ein Polizeisprecher.