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Als die Schweizerische Centralbahn 1854 die Strecke Basel-Liestal eröffnete, sah sich die Stadt etwas abseits ihres eigenen Bahnhofs. Die für die Stadt etwas ungünstige Streckenführung war den topografischen Bedingungen der Umgebung geschuldet. Neben dem Aufnahmegebäude, einer Umladerampe für Gepäck und eines Güterschuppens existierte kein eigentliches Bahnhofsquartier. Umso repräsentativer zeigte sich der Bahnhof, als die PTT 1892 ein sehenswertes Postgebäude direkt an den Gleisen vis-à-vis des Oristal-Schulhauses erstellte.
Als Architekt zeigte sich niemand geringeres als Hans Wilhelm Auer verantwortlich. Aus seiner Feder stammte auch des Bundeshaus in Bern (1888-1902), die 1975 abgebrochene Hauptpost Solothurn (1894) oder der 1971 abgebrannte Bahnhof von Luzern (1896). Auers Mentor Gottfried Semper erlebte diese Bauten alle nicht mehr, hätte wohl aber seine wahre Freude daran gehabt. Das zweigeschossige PTT-Gebäude im Neorenaissancestil äugt dabei nach Italien und orientiert sich an florentinischen Palastarchitekturen. Das verhältnismässig kleine Gebäude verfügt über eine umso reicher gestaltete Fassade. Hauptgestaltungsmerkmale sind Quaderlisenen und ein umlaufendes Gesims. In den Feldern dazwischen platzierte Auer hochrechteckige Fenster mit Gewänden aus Rustikaquadern. Im Erdgeschoss schliessen die Fensterstürze direkt an das Gesims an, im Obergeschoss bilden Dreiecksgiebel den Abschluss. Darüber folgt ein noch eindrücklicheres Dachgesims mit einem in floraler Ornamentik ausgestalteten Fries. Eine Freitreppe führt zu den drei Eingängen, die wiederum mit Säulen und gestaltetem Fries hervorgehoben sind. Die «Rückseite» zum Bahnsteig ist ebenso ausgeführt, weist zusätzlich aber ein Perrondach zu den Geleisen auf.
Das PTT-Gebäude ersetzte damit die Räumlichkeiten der Post im 1861 erstellten Anbau am Aufnahmegebäude. Ein direkter Anschluss des Postbüros an die Gebäude der Bahn waren damals (und vielmals auch heute) normal. Es spricht aber für Liestal, dass diese Immobilie alsbald zu klein für die Bedürfnisse der Post wurde und sich die PTT für ein eigenes Gebäude entschied. Neben dem eigentlichen Postbüro gab es im Palazzo eine Schalterhalle, Nebenzimmer und Büros. 1934 bereits wurde die Schalterhalle umgebaut.
Seit 1979 gehört das Gebäude der Kulturhaus Palazzo AG. Sie vermietet die Räumlichkeiten. Heute laden neben einer Buchhandlung das Theater Palazzo und das Kino Sputnik zu kulturellen Anlässen. Inhaltlich scheint das Gebäude seine Bestimmung also gefunden zu haben. Insofern ist es als Hotspot am Bahnhof Liestal auch nicht wegzudenken und passt auch städtebaulich nach wie vor ins Gefüge. Eine etwas entspanntere Gestaltung des Aussenraums täte dem Gebäude allerdings gut; der gesamte Bahnhof platzt aus seinen Nähten. An- und Umbauten, Erweiterungen, zusätzliche Treppen und Vordächer haben die Situation rund um den Bahnhof und die Schnittstelle zwischen Kulturhaus und Bahnhofsbetrieb etwas verunklärt – jedoch nicht irreversibel. Wir sind daher gespannt, wie sich der Neubau des Bahnhofs Liestal (2019-2025) auf diese Beziehung auswirken wird. Das Palazzo jedenfalls soll bestehen bleiben.
Dem einen oder der anderen dürfte das Gebäude aber auch von ganz anderswo bekannt vorkommen. Für einmal gibts keine architektonische Referenz, sondern ganz einfach den Tipp für einen Ausflug in den Süden: das 1:25-Modell vom Kulturhaus Palazzo vertritt zusammen mit dem Schloss Bottmingen den Kanton Basel-Landschaft im Miniatur-Park von Swissminiatur in Melide. Damit gibts – das Modell des Bundeshauses eingerechnet – Auer gleich zweimal zu sehen…
Kulturhaus Palazzo (Ehemaliges Postgebäude)
Funktion: Post (ursprünglich), Kino, Theater, Buchhandlung (heute)
Adresse: Poststrasse 2, 4410 Liestal
Baujahr: 1892
Umbau: 1934
Architektur: Hans Wilhelm Auer
Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
– Staatsarchiv Basellandschaft Onlinearchivkatalog
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Website der Kulturhaus Palazzo AG
– Website Projekt Ausbau Bahnhof Liestal
– Website Swissminiatur Melide