Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/452

Lorna Macintyre (geb. 1977 in Glasgow) stellt ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz unter den Titel Form and Freedom, einem Wortlaut der dem Buch I Wanted To Write A Poem: The Autobiography of the Works of a Poet des amerikanischen Lyrikers William Carlos Williams (1883—1963) entstammt. Die Künstlerin absolvierte im Jahre 2007 die Glasgow School of Art und verbrachte ein Semester am Hunter College in New York. Mit Einzelausstellungen in der Transmission Gallery, Glasgow, im ICA London, wiederkehrenden Repräsentationen in den Galerien Kamm, Berlin und Mary Mary, Glasgow und zahlreichen internationalen Ausstellungsbeteiligungen hat die Künstlerin in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht.
In der Ausstellung im Kunsthaus Baselland zeigt die Künstlerin eine Reihe neuer Werke, die unter anderem das Gedicht Four Quartets von T.S. Eliot sowohl inhaltlich als auch im jeweiligen Titel aufgreifen. Jede der vier Gedichtstrophen verbindet Lorna Macintyre mit einem der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft. So wird das unter Solarisation entstandene Werk The Past Has Another Pattern mit dem Element Wasser in Verbindung gebracht. Die darin enthaltenen, nach unten gerichteten Dreiecksformen repräsentieren das alchemistische Symbol für Wasser. Words Move, Music Moves ist der Titel einer von der Decke hängenden Arbeit aus je einem Aluminium- und einem Stahlseil, die sich ganz subtil, entsprechend der Luftströmung im Raum, bewegen. Every Phrase and Every Sentence is an End and a Beginning ist eine an der Wand montierte Skulptur ineinander verketteter Triangels aus verschweissten Kupfer, wobei das mit der Spitze nach oben gerichtete Dreieck das alchemistische Symbol für Feuer repräsentiert. Love is Most Nearly Itself When the Here and Now Cease to Matter ist der Titel der Arbeit, welche die Relation zum Element Erde aufnimmt. Diese Installation, bestehend aus einem Spiegel und einem darauf platzierten Steinkreis, erinnert an Kultisches, Archaisches und Historisches; der Spiegelt wirft das sich darin Spiegelnde, wie eine Liebesgeste zurück.
In anderen Arbeiten greift Lorna Macintyre die Themen Jahreszeiten und Naturphänomene auf. Sie verwendet Verfahren wie jenes der Cyanotypie (Blaudruck, Eisenblaudruck), bei welchem sie Papiere, die mit lichtempfindlichen Chemikalien behandelt sind, dem Sonnen- oder Mondlicht aussetzt. Die auf diese Weise zufällig generierten Formen sind abstrakte Gebilde, die dort und da an Landschaften zu erinnern vermögen. Weitere schwarzweiss Fotografien versinnbildlichen Winter und Spring, eine andere Serie wiederum abstrakte Porträts der drei Chariten (röm. drei Grazien): Euphrosyne (Frohsinn), Thalia (Festfreude) und Aglaia (Glänzende).
Auch in Macintyres Skulpturen auf Holzsockel finden sich alchemistische Überlegungen und visuelle Metaphern, die sich über die verwendeten Materialien und deren Komposition auftun. In The Saturn Return beispielsweise platziert sie Bleigewichte, die mittels Metalldetektor gefunden wurden. In der Alchemie wird das Metall Blei dem Planeten Saturn zugeordnet. Unter Saturn Return wird auch das astrologische Phänomen verstanden, wenn der Planet Saturn auf seiner Umlaufbahn an jenen Punkt wiederkehrt, an welchem er im Zeitpunkt der Geburt eines Menschen stand (ca. alle 29.5 Jahre). Mit dem Titel der Skulptur What the Thunder Said wird T.S. Eliots Wasteland zitiert. Die Zinnstäbe erinnern an einen Blitzstrahl, der gleichzeitig das Symbol von Jupiter ist, während auch die Alchemie das Metall Zinn jener Gottheit zuordnet. Lorna Macintyre nutzt in ihrer Ausstellung im Kunsthaus Baselland die Nord-Süd-Ausrichtung des langen Fensterraumes und platziert vor jedem der sechs Fenster eine an Totems erinnernde Skulptur auf Holzsockel. Der Einsatz von sechs verschiedenen Metallen generiert jedes Mal neue, alchemistische Verweise: Silber steht beispielsweise für den Mond, Gold für die Sonne, Kupfer wird mit der Venus und dem Weiblichen assoziiert und Eisen mit dem Männlichen und Maskulinen.
Im Werk von Lorna Macintyre wird ihr Interesse für non-lineare Erzählungen augenfällig. Sie arbeitet mit literarischen Zitaten und arrangiert, oft von Zufall und Intuition geleitet, Materialien, die entsprechend des kompositionellen Arrangements die Gestalt von visuellen Metaphern annehmen. Dabei spielen die Titel ebenso eine Rolle wie die Künstlerin selbst als «Autorin», die Spuren ihres Arbeitsprozesses hinterlässt und den Weg der Entstehung offenlegt. Es ist, als ob mit vielen Stimmen gleichzeitig gesprochen würde.
Text von Sabine Schaschl