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wir eltern: Wie setzt man einem Kind, das andere beisst und kratzt, am gescheitesten Grenzen?
Tanja Simonett: Das kommt aufs Alter an. Einem grösseren Kind kann ich meine Haltung mit Worten erklären, bei einem Kleinkind muss ich vor allem meine Körpersprache einsetzen. Das kann ein Gesichtsausdruck sein oder die Hand, die es aus dem Spielzimmer nimmt.
Und schimpfen? Ein klares Nein ist besser. Ist die Reaktion zu hart und fühlt sich das Kind nicht verstanden, kann es wenig daraus lernen. Dann ist es nämlich vor allem mit den eigenen Gefühlen beschäftigt. Den Schaden hat aber vor allem das gebissene Kind. Und dessen Eltern stossen sich vielleicht daran, wenn der «Übeltäter» allzu freundlich zurechtgewiesen wird. Es ist für beide Kinder besser, wenn die Erwachsenen möglichst sachlich bleiben. Zunächst braucht mein Kind ja Zuwendung und Trost. Dem sogenannten Übeltäter kann ich sagen, wie er sein Ziel auf sozialere Art erreicht oder ihm zeigen, dass sein Ziel nicht realistisch war und er es aufgeben muss. Etwa: «Das Auto gehört Moritz, und er möchte jetzt damit spielen.» Der Ton ist freundlich, aber bestimmt.
Enttäusche ich mein eigenes Kind nicht, wenn es gebissen wird und ich als Mutter sachlich bleibe? Das Kind macht sich keine Gedanken über die Gesamtsituation. Es will schlicht selber getröstet werden. Ich kann meinem Kind zudem sagen, wie es sich wehren kann. Zum Beispiel: «Wenn du mit diesem Auto spielst, darfst du es festhalten oder zu mir kommen, wenn man es dir aus der Hand reissen will.» Ein gebissenes Kind lernt, dass andere Menschen unberechenbar sind, dass man sich wehren und eine schwierige Situation bewältigen kann.
Sie nehmen eine sehr sanfte Haltung ein. Passt das zur Aggressivität der Situation? Sie ist sanft in dem Sinn, dass sie Verständnis für die Gefühlswelt von Kleinkindern zeigt. Ein kleines Kind hat entwicklungsbedingt nur beschränkte Möglichkeiten, mit Gefühlen umzugehen. Andererseits muss man sachlich vermitteln, dass ein solches Verhalten unerwünscht ist. Antworte ich auf das aggressive Verhalten eines Kleinkindes mit Aggression, bleiben wir in einem Gefühlssumpf stecken. Das bringt niemandem etwas.
Was sind die Auslöser, dass Kleinkinder so aggressiv werden? Das hat viele Gründe. Das Kind ist vielleicht müde, überfordert. Im Alter von eineinhalb bis vier Jahren zeigen Kinder zudem ein sehr widersprüchliches Verhalten. Einmal wirken sie sehr sozial, teilen miteinander und geben sich Küsschen, dann agieren sie wieder aggressiv und egoistisch. Sie denken noch sehr stark von sich selber aus.
Soll man ein Beisskind auch einmal beissen, damit es sieht, wie weh das tut? Nein, das würde ich nicht machen. Ein Kind lernt in diesem Alter fast ausschliesslich übers Vorbild, und Schmerzen zufügen ist ein schlechtes Vorbild. Lieber sachlich reagieren als emotional, und ganz klare Grenzen setzen. Wird zum Beispiel die Mutter unter dem Esstisch getreten, kann man das Kind einfach an einen anderen Platz setzen. Für Kinder ist es entscheidend, dass sich ihre Eltern abgrenzen können. So lernen Kleinkinder, Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln.
Was ist, wenn ein Kind sich selber beisst und schlägt? Ihnen kann man helfen, eine geeignetere Form zu finden, als sich selbst weh zu tun. Man kann das Kind auf den Boden stampfen lassen oder ihm in Kissen geben, in das es hineinbeissen kann. Aggressionen gehören zum Menschen. Den Umgang mit negativen Gefühlen lernen Kinder schon zu Hause.