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Dänische Forscher berichten, dass der Body-Mass-Index, mit dem Menschen am längsten leben, steigt – und jetzt im Übergewicht-Bereich liegt. Und nun? Currywurst-Pommes für alle?
Was ist schon normal? Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat darauf – zumindest was das Gewicht angeht – eine Antwort: Ein Body-Mass-Index (BMI) zwischen 18,5 und 24,9 ist es für Erwachsene über 20 Jahren.
Der Normalbereich gilt als erstrebenswert, weil mit steigendem BMI, also bei Übergewicht, auch das Risiko für verschiedene Krankheiten steigt: Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen dazu, so die WHO. Es drohe ein frühzeitiger Tod.
Vor diesem Hintergrund überrascht das Ergebnis einer dänischen Studie: Ein Team um Boerge Nordestgaard von der Uniklinik Kopenhagen verglich Daten von mehr als 100'000 Menschen aus drei Studiengruppen aus verschiedenen Jahrzehnten.
Das Ergebnis: Der BMI, der statistisch gesehen das geringste Risiko mit sich brachte, frühzeitig zu sterben, war gestiegen – und lag in der aktuellsten Gruppe bei 27. Auch in einer Untergruppe – jenen, die nie geraucht hatten und vor Studienbeginn nicht an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten – war er noch im Übergewicht-Bereich, nämlich bei 26,1.
«Sollte sich dieses Ergebnis in anderen Studien bestätigen, wäre das ein Hinweis, dass die WHO-Kategorien überarbeitet werden müssen, die auf Daten beruhen, die vor den Neunzigerjahren gewonnen wurden», schreiben die Forscher im Fachblatt «Jama».
Nordestgaard und Kollegen haben Daten von drei Studiengruppen ausgewertet, die in den Jahren 1976 bis 1978, 1991 bis 1994 sowie 2003 bis 2013 aus der dänischen Bevölkerung rekrutiert wurden. Die Teilnehmer waren zu Studienbeginn im Schnitt Mitte 50 bis Anfang 60.
Der BMI, der mit dem geringsten Risiko verknüpft war, während der Studiendauer zu sterben, stieg von 23,7 in der Siebziger-Gruppe über 24,6 in der Neunziger-Gruppe auf 27 bei den zuletzt dazugekommenen Teilnehmern.
Die Gruppen unterschieden sich in vielerlei Hinsicht. Unter den Teilnehmern aus den Siebzigern fanden sich viel mehr Raucher und Geringverdiener als in der Nullerjahre-Gruppe. Ausserdem stieg der Anteil der Menschen, die in ihrer Freizeit körperlich aktiv waren. Doch mit den Jahren stieg auch der Alkoholkonsum deutlich. Ebenso verschob sich der durchschnittliche BMI von 24,7 auf 25,6.
«Man sieht, dass sich die Lebensgewohnheiten deutlich verändert haben», sagt Epidemiologin Gabriele Nagel von der Universität Ulm, die an der Studie nicht beteiligt war. Dadurch seien die Gruppen nur eingeschränkt vergleichbar, was die Aussage schwäche.
Eine kürzlich veröffentlichte Meta-Analyse, die Daten von 230 Studien zusammenfasste, ermittelte einen anderen optimalen BMI: Für Menschen, die immer Nichtraucher waren, lag er bei 20 bis 23 – für Raucher höher.
Nordestgaard sagt, über die Gründe für ihr Studienergebnis könne man erst einmal nur spekulieren. Leider haben die dänischen Forscher noch nicht ermittelt, wie sich beispielsweise der Anteil von Diabetikern unter Normal- und Übergewichtigen verändert hat.
In der Studie schreibt das Team, dass Übergewichtige möglicherweise besonders stark von Fortschritten in der Medizin profitierten. Das würde bedeuten: Übergewicht ist keinesfalls gesünder geworden, seine Folgen nur besser behandelbar. Die Erklärung findet Gabriele Nagel plausibel.
Dazu können sich auch die Umstände geändert haben. Beispielsweise hat Dänemark 2003 industriell erzeugte Transfette in Lebensmitteln verboten – ein Schritt, der die Herzgesundheit landesweit verbessert haben soll. Auch hier ist denkbar, dass dies Menschen mit Übergewicht besonders nutzt.
Und: Es ist schon bekannt, dass das Idealgewicht mit dem Alter steigt. Die BMI-Tabelle des US-amerikanischen National Research Council (NRC) etwa nennt für 55- bis 65-Jährige ein Idealgewicht im BMI-Bereich von 23 bis 28, bei über 65-Jährigen sogar 24 bis 29. Dass die WHO ihre BMI-Empfehlungen genauer nach Alter, Geschlecht und Ethnie aufschlüsselt, wäre aus Nagels Sicht sinnvoll. «Das wird dort in Forscherkreisen diskutiert.»
Gerade im höheren Alter kann Übergewicht auch schützen, sagt Nagel, denn Krankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Leiden oder Atemwegserkrankungen seien sehr energiezehrend. Fettpolster, die Energie bereitstellen, können ein entscheidender Vorteil sein, wenn jemand eine langwierige, anstrengende Krankheit samt Therapie durchstehen muss.
Aber warum ist ein BMI im niedrigen bis mittleren Normalgewicht in der Studie mit einem höheren Risiko verknüpft, früh zu sterben? Dass lässt sich wahrscheinlich zum Teil damit begründen, dass Kranke meist Gewicht verlieren. In Studien ist es schwierig, bewusstes und krankheitsbedingtes Abnehmen auseinanderzuhalten: Normalgewicht lässt sich ohne genauere Informationen keineswegs mit Gesundheit gleichsetzen.
Grundsätzlich ist der BMI ein oft genutztes Mass, weil er so leicht zu ermitteln ist: Körpergrösse messen, wiegen, kurz rechnen: fertig. Darüber, wie das Gewicht zustande kommt, sagt er jedoch nichts. Deshalb können sportliche Menschen mit viel Muskelmasse denselben BMI haben wie Übergewichtige mit vielen Fettpolstern.
Johannes Scholl arbeitet als Präventionsmediziner in Rüdesheim. In der Beratung nutze er den BMI schon lange nicht mehr, schildert er. Denn insbesondere im mittleren Bereich zwischen 20 und 30 sei er ein untaugliches Instrument zur Risikoeinstufung. «Für uns ist viel wichtiger, wie es um den relativen Körperfett- beziehungsweise Muskelanteil, eine mögliche Leberverfettung und vor allem um die Fitness steht.»
Er deutet die Studienergebnisse deshalb etwas anders: «Der ‹normale BMI› ist häufiger als früher durch eine zu geringe Muskelmasse und eben nicht durch einen niedrigen Körperfett- oder Bauchfettanteil bedingt.» Deshalb würden sich unter Menschen mit einem BMI unter 25 heute mehr finden, die Stoffwechselprobleme haben.
«‹Übergewicht ist nicht mehr so schlimm wie früher›, sollte nicht die Botschaft sein, die man aus dieser Studie ableitet», so Scholl. «Vielmehr ist Normalgewicht heute häufig mit Problemen assoziiert, die in unserem Gesundheitswesen ignoriert werden beziehungsweise viel zu spät auffallen.»
Epidemiologin Nagel empfiehlt: «Wer Normalgewicht oder Übergewicht mit einem BMI unter 30 hat, sollte versuchen, sein Gewicht durch eine ausgewogene Ernährung und körperliche Aktivität zu halten.» Bei einem BMI über 30 sei Abnehmen für die Gesundheit sinnvoll.
Zusammengefasst: Laut einer dänischen Studie ist der BMI, der mit dem geringsten Risiko verknüpft ist, frühzeitig zu sterben, in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen und liegt jetzt bei 27. Das bedeutet weder, dass Übergewicht gesünder geworden ist, noch, dass sich nun jeder Fettpolster anfuttern sollte. Ärzte raten weiterhin zu ausreichend Bewegung und gesunder Ernährung, um Krankheiten vorzubeugen.