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Wie reformierte Tessiner im Exil Fuss fassten
Reformierte gab es in Locarno schon seit 1542. Als aber eine neue politische Situation verhinderte, diesen Glauben offen zu leben, mussten sie sich entscheiden. Entweder standen die gut 200 Reformierten weiterhin zum neuen Gedankengut, oder sie kehrten mindestens dem Anschein nach wieder zum alten Glauben zurück. Wer reformiert bleiben wollte, musste auswandern.
Eine Geschichte des Widerstands
Schwerer als viele Männer machten es dem neuen Bischof einige mutige Frauen, wie zum Beispiel Barbara von Muralt und ihre Freundinnen. Eine Legende erzählt die Geschichte ihres Widerstands. Die Frauen suchten nach der Messe das Gespräch mit dem katholischen Prediger im Beisein des Bischofs. Sie verlangten, dass er ihnen sein Abendmahlsverständnis biblisch belegt.
Am nächsten Morgen sollte Barbara von Muralt festgenommen werden. Sie entkam jedoch durch die Hintertür und machte sich mit ihrem Ehemann Johannes auf die Flucht. Schliesslich kamen sie zusammen mit 100 anderen Glaubensflüchtlingen 1555 in Zürich an.
Johannes von Muralt: ein sehr geschätzter Arzt in Zürich
Dort machte sich von Muralt als Arzt einen Namen. Er wurde der Kollege des weltbekannten Naturforscher-Pioniers und Arztes Conrad Gessner. Gemeinsam pflegten sie unter anderen den an der Pest erkrankten Reformator Heinrich Bullinger.
Als auch Gessner der Seuche zum Opfer fiel und 1565 verstarb, wurde von Muralt als sein Nachfolger als Stadtarzt von Zürich angefragt. Da es zu dieser Zeit zu wenig Ärzte gab, konnte von Muralt eine Liste von Forderungen stellen, die ihm bis auf eine alle erfüllt wurden.
Verlag Orell Füssli
Ein Teil der Locarneser Familien flüchtete nach Zürich, ein anderer nach Bern. Unter den Flüchtenden nach Zürich waren auch Aloisio von Orelli und seine Familie. Er war der Vorfahre der noch heute erfolgreichen Unternehmerfamilie, die später den Verlag Orell Füssli gründen sollte.
Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Die Flüchtenden nahmen für ihren Glauben die Ungewissheit in Kauf, was sie in den Deutschschweizer Städten erwarten würde. Werden sie in ihrer Wahlheimat die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte erlangen, die sie in Locarno hatten?
Kein einfacher Neustart
Tatsächlich war der Neustart alles andere als einfach. Damals konnte politische Ämter nur besetzen, wer das volle Bürgerrecht hatte. Die Mitglieder beider Familien waren sich aufgrund ihrer Herkunft gewohnt, politisch Einfluss zu nehmen und in der Gesellschaft eine bedeutende Stellung einzunehmen.
Grundsätzlich gelang dem Berner Zweig die Integration besser und schneller als den Zürcher Flüchtlingen; und in Zürich etablierten sich die Muralt schneller als die Orelli. Johannes von Muralt erhielt das volle Bürgerrecht, als er zum Stadtarzt berufen wurde. Die Orelli brauchten dafür Jahrzehnte. Denn um in Zürich das volle Bürgerrecht zu erlangen, war eine Mehrheit im Grossen Rat nötig.
Bürgerrecht nach 120 Jahren
Dreimal wurde der Antrag der Familie von Orelli abgelehnt, aber sie liessen sich nicht entmutigen. Was ihre besondere «Zähigkeit und ihren Lebenswillen» zeigte, wie es der Historiker Leonhard von Muralt ausdrückte. Erst im vierten Anlauf, nach über 120 Jahren in Zürich, als die Familie mit der Hälfte des Grossen Rates verschwägert war, klappte es endlich mit dem vollen Bürgerrecht.
Ratsherren, Landvögte, Bürgermeister
Warum ihr Antrag mehrfach abgelehnt wurde, darüber kann heute nur spekuliert werden. Ob es daran lag, dass die Zürcher Nobilität die Familie trotz ihrem Reichtum und Einfluss immer noch als Zugezogene betrachtete? In der frühen Neuzeit wurde es allgemein immer schwerer, das volle Bürgerrecht zu erlangen. Die Nobilität schloss sich gegen aussen ab. Erst als die von Orelli eine Verlegung ihrer Firmen nach Bern in Betracht zogen, rang sich der Grosse Rat 1679 zu einer Entscheidung durch.
Bald besetzten beide Familien wichtige Ämter im Zentrum der Macht. Sie waren Ratsherren, Landvögte und mit Hans Heinrich von Orelli stellten sie zwischen 1778 und 1785 den Bürgermeister von Zürich.
Nathalie Dürmüller / ref.ch
In einem zweiten Teil Anfang November zweigen wir, wie sich die beiden Familien auch wirtschaftlich in der Deutschschweiz behaupteten.
Weitere Informationen zu den Reformierten in Locarno
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Reformation im Tessin
Zum Reformationsjubiläum führt der «Verein Associazione R500» 2017 das Theaterstück «Die Vertreibung» auf, das vom Exodus der reformierten Locarnesi aus ihrer Heimat handelt. Es wird ab April 2017 an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgeführt. Weitere Informationen