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Das ist Frau Müri. Ein offener, herzlicher Blick, ein sehr freundliches Lächeln. Frau Müri wohnt hier gleich um die Ecke. Sie ist 39 Jahre alt. Im Moment ist sie nicht berufstätig. – Das alles tönt noch nicht gerade aufregend.
So kann man sich täuschen.
Frau Müri war im Irakkrieg. Als Kampfpilotin. Unter anderem flog sie den in der Schweiz wohlbekannten F/A-18 Hornet. Meistens aber den furchteinflössenden Grumman F-14 Tomcat. In unzähligen Einsätzen hat sie vom Flugzeugträger Theodore Roosevelt aus Bodenziele im Nordirak bekämpft.
Und jetzt wohnt und lebt sie hier gleich um die Ecke.
Faszination Fliegen
Damals hiess Frau Müri Hillary O’Connor. Sie wuchs in Cleveland im amerikanischen Bundesstaat Ohio auf. Nichts deutete zunächst auf eine Karriere in der Fliegerei hin. Der Vater arbeitete als Schweisser, die Mutter war Lehrerin. Das Fliegen war im Hause O’Connor kein Thema. «Es gab damals keinen Menschen in meinem Leben, der mich zur Fliegerei gebracht hätte, und ich wüsste auch von keinem entsprechenden Ereignis», erzählt Hillary. «Es war auf unerklärliche Weise einfach in mir drin. Ich habe Flugzeuge am Himmel gesehen und spürte sogleich eine grosse Faszination.»
Doch der Weg führte Hillary nach der Schule zunächst nicht direkt ins Cockpit. Sie entschloss sich zu einem Universitätsstudium mit dem Ziel, Flugzeug-Ingenieurin zu werden. Während ihres ersten Studienjahres trat 1996 eine für Hillary entscheidende Änderung von US-Reglementen in Kraft. Fortan durften Frauen auch zu Kampfpilotinnen ausgebildet werden, während sie früher ausschliesslich Helikopter oder Transportflugzeuge steuern durften.
Hillary schrieb sich sofort zu Ergänzungskursen ein mit dem Ziel, nach dem Studienabschluss diese fliegerische Laufbahn zu ergreifen. Studienbegleitend bildete sie sich in unterschiedlichen Bereichen der Fliegerei aus, etwa in der Navigation. Während der sommerlichen Semesterferien belegte Hillary sogenannte Erlebnisprogramme, bei denen es ebenfalls um die Militärfliegerei ging. Und so schloss Hillary nicht nur als Flugzeug-Ingenieurin ab; sie wurde gleichzeitig in den Rang eines Naval Flight Officer erhoben.
In Fleisch und Blut
In den nun folgenden 18 Monaten durchlief Hillary in Pensacola, Florida, eine strenge fliegerische Ausbildung. Der Einstieg erfolgte über ein Propellerflugzeug des Typs T-34 Beechcraft, danach stieg sie auf den T-39 Sabreliner um, eine zweistrahlige Maschine, die eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Geschäftsflugzeug hat. Hier stand die Schulung am Radar im Vordergrund.
Nächste Station war der Jettrainer Rockwell T-2 Buckeye, ein Doppelsitzer, mit dem Hillary erste Luftkampfübungen absolvierte. Und dann die Grumman F-14 Tomcat, «one oft he greatest fighter jets of all time», ein zweistrahliges Kampfflugzeug mit Schwenkflügeln, das eine Höchstgeschwindigkeit von rund 2500 km/h erreicht. Ungefähr ein Jahr lang war Hillary gemeinsam mit einem Fluglehrer in permanentem Training auf dieser Maschine unterwegs. Dabei ging es zum Beispiel um erfolgversprechendes taktisches Fliegen in unterschiedlich grossen Formationen, also im Alleinflug, in Zweier- und Viererpatrouillen oder in noch stärkeren Verbänden.
Nach den Ereignissen um 9/11 begann sich die Möglichkeit von Kriegseinsätzen abzuzeichnen. Nun hiess es erst recht: «Training, Training, Training. Die Qualität des Trainingsstandes entspricht der Qualität im Einsatz. Wir übten so lange, bis uns alles in Fleisch und Blut übergegangen war.»
Im Krieg
Es war im Jahr 2003, als es eines Tages hiess, die Staffel von Hillary werde mit dem Flugzeugträger Theodore Roosevelt ins östliche Mittelmeer verlegt. Und in aller Deutlichkeit: «Bereite dich darauf vor, nicht mehr heimzukommen.» Hillary erinnert sich: «Wir hatten keine Ahnung, was uns bevorstand. Wir hatten keinerlei Informationen, und doch wollten wir Gewissheit. Die Anspannung war enorm.»
Ganze fünf Monate verbrachte Hillary auf dem Flugzeugträger. Anfänglich absolvierte sie zahlreiche Vorbereitungsflüge. Und dann war die Zeit für die ersten Ernsteinsätze gekommen. «Angst? Nein, das ist das falsche Wort. Aber eine ungeheure Anspannung.» Im Nordirak unterstützte Hillary aus der Luft die alliierten Bodentruppen. «Meine Kameraden am Boden bildeten isolierte Zellen, die auf mich angewiesen waren. Sie befanden sich in grosser Gefahr und brauchten mich, um ihre Aufträge zu erfüllen.»
Drei Monate lang stand Hillary über dem Irak im Einsatz. Zu keinem Moment stiess sie dabei auf nennenswerte Abwehr. Gegnerische Flugzeuge gab es keine. Zwar wurden Boden-Luft-Abwehrraketen eingesetzt, die jedoch technisch veraltet und leicht auszutricksen waren.
Hillary spricht nicht von den Andern, vom Gegner, den sie damals bekämpfte. Sie ist sich sehr wohl bewusst, dass sie geholfen hat, Menschen zu töten. Es belaste sie heute nicht, sagt Hillary, sie habe ihren Frieden damit gemacht. «Ich hatte immer meine Kameraden vor Augen, die ich unterstützen und zugleich schützen wollte.»
Herr Müri
Zurück in den USA war Hillary während 2½ Jahren als Instruktorin am NSAWC (Naval Strike and Air Warfare Center) im Bundesstaat Nevada tätig. «Doch irgendwann wurde mir der Preis zu hoch. Ich war ja immer wieder während langen Monaten weg von meinem Zuhause.» Trotz aller Liebe zur Fliegerei wandte sie sich 2007 einem juristischen Studium zu, das drei Jahre dauerte. In der Folge betätigte sie sich als Anwältin im Dienste von Fluggesellschaften.
Und irgendwann war sie einem jungen Mann begegnet, einem Auslandschweizer, der seit seinem dritten Lebensjahr in den USA lebte. Er heisst Müri, Simon Müri …
Hillary und Simon Müri-O’Connor leben seit einiger Zeit in der Schweiz, «gleich um die Ecke». Hillary gönnte sich eine längere Auszeit. Jetzt wäre sie bereit, wieder einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Am liebsten natürlich als Rechtsanwältin für eine Fluggesellschaft. Da weiss sie Bescheid.
«Hillary, was machst du besonders gern? Hast du ein bevorzugtes Hobby?» – «Ja, ich … äh … ich stricke soooo gern.» Und Simon wirft ein: «Sie ist bestimmt die einzige Strickerin-Kriegspilotin der Welt!»