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Immer wieder versucht der Landwirt das neugeborene Kälbchen zum Trinken zu bewegen und schiebt ihm sanft und wiederholt den «Nuggi» ins Maul. Doch das kleine Kalb will einfach nicht trinken. Diese Trinkverweigerung kann bei Kälbern verheerend sein. Denn beim Rind gibt es - anders als beim Menschen - während der Trächtigkeit keinen Transfer von Antikörpern vom Muttertier auf den Fötus. Nach der Geburt kommt das Kalb aus der keimfreien Gebärmutter mit einer unfassbar grossen Anzahl von Erregern in Kontakt – Bakterien, Viren, Parasiten. Sein Immunsystem wird regelrecht bombardiert. Werden Kälber mit ausreichend Kolostrum, auch Biestmilch genannt, versorgt, schützen die darin enthaltenen Antikörper, sogenannte Immunglobuline, des Muttertieres, das Kälbchen vor den wichtigsten Krankheitserregern, die in seiner Umgebung vorkommen. Das verschafft dem Immunsystem des Kalbes Zeit, um sich weiter zu entwickeln.
Aktive Immunisierung versus passive Immunisierung
Abwehrstoffe gegen Erreger in Form von Antikörpern kann der Organismus selbst bilden. Dabei wird in der Fachsprache von aktiver Immunisierung gesprochen. Dabei kann der Organismus mit dem Erreger im Rahmen einer Impfung in Kontakt kommen oder bei einer Infektion mit dem Erreger in seiner gewohnten Umgebung.
Im Unterschied dazu erhält ein Organismus bei einer passiven Immunisierung die Antikörper direkt. Der Körper muss diesen also nicht erst bilden. Eine passive Immunisierung kann über die Aufnahme von Antikörpern, die der mütterliche Organismus gebildet hat und über das Kolostrum vom Kalb aufgenommen wird, passieren oder über die Verabreichung von Serum durch einen Arzt.
Mittlerweile recht verbreitet ist die Muttertierimpfung, bei welcher der Kuh in den letzten Wochen der Trächtigkeit abgetötete Durchfallerreger injiziert werden mit dem Ziel, dass die Kühe bei ihrer Immunreaktion vermehrt Abwehrstoffe (Immunglobuline) produzieren, die über das Blut in die Milchdrüse und damit in das Kolostrum gelangen. Die Biestmilch der geimpften Kühe enthält somit deutlich höhere Konzentrationen von Abwehrstoffen, und die Kälber, die diese Biestmilch erhalten, sind recht gut gegen bestimmte Durchfallerreger geschützt.
Medizin fürs Kalb
«Kolostrum ist im engeren Sinn das Erstgemelk von Muttertieren», sagt Dr. Martin Kaske, Grosstierarzt und Geschäftsführer des Kälbergesundheitsdienstes (KGD). Also die Milch, welche die Kuh direkt am ersten Tag der Geburt gibt. Milch, welche sie vom zweiten bis fünften Tages nach der Geburt gibt, wird als Übergangsmilch bezeichnet. Danach wird die Milch als «reife Milch» bezeichnet und darf an die Molkerei abgegeben werden. Die höchste Konzentration an Immunglobulinen enthält das Kolostrum, also die Milch des ersten Tages. Bei der Übergangsmilch ist die Konzentration der Antikörper schon deutlich geringer, aber immer noch um einiges höher als danach.
«Über die Immunglobuline hinaus enthält Kolostrum auch lebende Zellen (Leukozyten), Hormone und Immunmodulatoren, die das Immunsystem intensiv stimulieren», sagt Martin Kaske. Man wisse heute aus Studien, dass das Immunsystem des Kalbes durch die Inhaltsstoffe des Kolostrums ein Leben lang geprägt werde.
Und noch etwas komme hinzu: «Biestmilch enthält hohe Konzentrationen an Energie, Eiweiss, Vitaminen, Mengen- und Spurenelementen, die für den Start des Kalbes in das Leben ganz entscheidend sind», sagt Kaske. Kolostrum sei damit ein wahrer Zaubertrank und die Basis für die Gesundheit des Kalbes nicht nur in den ersten Lebenstagen, sondern auch mittel- und langfristig. «Biestmilch ist so gesehen eigentlich keine Milch, sondern Medizin für das Kalb», sagt Kaske.
Das Kälber-Immunsystem braucht viel Training
Will das Kälbchen nach der Geburt nicht von sich aus trinken, ist dies nicht nur für den Moment verheerend, sondern es wird sein ganzes Leben beeinflussen - wenn das Kalb überhaupt überlebt. Denn erhält ein Kalb keine Biestmilch, sind die Überlebenschancen deutlich reduziert und das Kalb wesentlich anfälliger für Durchfall- und Lungenerkrankungen. «Amerikanische Studien haben gezeigt, dass das Sterberisiko von Kälbern, die kein Kolostrum erhielten, bei etwa 35 % lag – und damit mindestens fünfmal höher als bei gut versorgten Kälbern, für die dieses Risiko bei etwa 6 % liegt», sagt Martin Kaske.
Das Immunsystem eines Kalbes sei aber trotzdem von Geburt an kompetent, sagt Kaske. Die entscheidenden Mechanismen der spezifischen und unspezifischen Immunabwehr funktionieren tatsächlich schon am Tag der Geburt. Doch sei das Immunsystem zunächst noch unerfahren und müsse «trainiert» werden, indem sich der Organismus mit fremden Erregern auseinandersetzt. «Dieses Training erfolgt während der ersten Lebensmonate, so dass man eigentlich erst bei einem Jungrind im Alter von einem halben Jahr von einem Tier mit ausdifferenzierten und effektivem Immunsystem ausgehen kann», sagt der erfahrene Grosstierarzt.
Gefrorene Biestmilch-Reserve
Wenn das neugeborene Kalb nicht trinken will, heisst es also, möglichst rasch zu handeln. Will es trotz aller Geduld und wiederholter Aufforderung nicht trinken, hilft nur das sogenannte Drenchen. Dieses Verabreichen der Biestmilch über eine Sonde sollte eigentlich vermieden werden, denn durch diese Prozedur kann Milch in den Pansen oder – schlimmer noch - in die Luftröhre gelangen. Andererseits überwiegen bei einem Kalb, das nicht freiwillig trinkt, die Vorteile durch die Verabreichung der wichtigen Immunglobuline gegenüber den potentiellen Nachteilen des Drenchens. So oder so sollte gewährleistet sein, dass das Kalb innerhalb der ersten 12 Lebensstunden mindestens vier Liter bekommt.
Ist gar kein oder nicht ausreichend Kolostrum für das Kälbchen vorhanden, kann der Bestandestierarzt ein Ersatzpräparat zur Verfügung stellen - oder es kommt aufgetautes Kolostrum zum Einsatz, das zuvor von anderen Kühen, die mehr Biestmilch gaben als das Kalb benötigte, abgezweigt und eingefroren wurde.
Bleiben neugeborene Kälber von Milchkühen unbeaufsichtigt mit dem Muttertier zusammen, so nehmen bis zu 50% der neugeborenen Kälber zu wenig Kolostrum auf, weil manche Kälber die Zitzen nicht finden, Kühe eventuell ausweichen oder Kälber von der Geburt geschwächt sind, sagt Martin Kaske. Bei Kälbern von Mutterkühen sei die Situation zwar günstiger, aber auch hier können Kälber unterversorgt sein. Gerade bei schwächeren Kälbern oder nach Schwergeburten könne die Unterstützung bei der Kolostrum-Aufnahme somit auch in der Mutterkuhhaltung sinnvoll sein, sagt Martin Kaske.
Kolostrum gehört dem Kalb
Weniger empfehlen würde Martin Kaske, dass erwachsene Menschen Rinder-Kolostrumpräparate zu sich nehmen. Sei es, um beim Sport leistungsfähiger zu sein oder zur Stärkung bei Krankheiten. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Kapseln, Dragees – ja sogar Augentropfen mit Inhaltsstoffen aus Rinderkolostrum. Studien haben tatsächlich gezeigt, dass Kolostrumpräparate beispielsweise Durchfallerkrankungen von Kindern positiv beeinflussen können, sagt Martin Kaske. Dort könnte der Einsatz solcher Präparate unter Umständen Sinn geben. «Der Darm des erwachsenen Menschen hingegen kann die Immunglobuline im Kolostrum nicht mehr ins Blut aufnehmen. Insofern sollte das Kolostrum doch eher denen zugutekommen, für die es gedacht ist – unseren neugeborenen Kälbern», sagt Martin Kaske.
Welche anderen Lebewesen sind ebenfalls auf Kolostrum angewiesen?
Schweine, kleine Wiederkäuer wie Schafe und Ziegen und Pferde sind, wie das Kalb, ebenfalls auf Kolostrum angewiesen. Dies gilt hingegen nicht für Hunde, Katzen oder auch uns Menschen. Denn bei Fleischfressern und Primaten gehen Antikörper bereits während der Entwicklung in der mütterlichen Gebärmutter auf den Fetus über.
Kolostrum ist zwischen den einzelnen Tierarten übrigens nicht kompatibel. So kann die Biestmilch für ein Kälbchen nicht einfach mit Stuten-Biestmilch ersetzt werden. Pferde haben nichts mit den typischen Krankheitserregern der Rinder zu tun. Deshalb stimmt das Spektrum der Immunglobuline im Kolostrum nicht mit denjenigen überein, die das Kälbchen zwingend braucht.
Biestmilch als kulinarischer Genuss
Früher war es in der Schweiz weit verbreitet, dass aus überschüssiger Biestmilch Gebäcke entstehen. Vor allem süsse Wähen, sogenannte Bieschtmilch- oder Brieschmilchkuchen, waren sehr beliebt. Bis heute wird diese Tradition noch vereinzelt gepflegt. Und nicht nur bei uns in der Schweiz wird Kolostrum auch kulinarisch gerne verwendet: In Finnland wird daraus zum Beispiel ein rezenter Brotkäse hergestellt, Leipäjuusto genannt. Doch gilt auch hier: die Biestmilch gehört in erster Linie den Kälbchen, die zwingend darauf angewiesen sind, um zu gesunden, starken Kühen heranzuwachsen.
Der Verein Kälbergesundheitsdienst ist das Kompetenzzentrum für die Kälberhaltung in der Schweiz. In enger Partnerschaft mit den beteiligten Akteuren übernimmt der KGD die Führung in den Bereichen Haltung sowie Wissensaustausch und trägt zur Forschung bei. Mit gezielter Förderung der Kälbergesundheit und des Tierwohls werden zusammen mit Tierärzten und Tierhaltern nachhaltige Ansätze im Präventivbereich umgesetzt. www.kgd-ssv.ch
Siehe dazu auch unseren Mediendienst-Beitrag