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Der Tod der Banane hat einen langen Namen. Er heisst Fusarium oxysporum forma specialis cubense tropical race 4. Kaum jemand kann sich das merken. ExpertInnen, die mit ihm zu tun haben, nennen ihn deshalb nur kurz «Fusarium» und bisweilen noch kürzer «TR4». Fusarium ist ein Schlauchpilz, der im Boden lebt. Er befällt zunächst die Wurzeln der Bananenstaude und arbeitet sich dann langsam nach oben. Dabei verstopft er die Gefässe der Pflanze und kappt so die Versorgung mit Nährstoffen und Wasser. Wenn die älteren Blätter gelbe Ränder bekommen, ist es bereits zu spät: Die Pflanze vertrocknet und stirbt ab. Was der Pilz anrichtet, das sieht man zum Beispiel auf Guajira, jener Halbinsel, die im Nordosten Kolumbiens ins Karibische Meer hinausragt: Kilometerweit fährt man dort an Bananenplantagen vorbei, immer wieder ist ein grosses Rechteck herausgeschnitten, nackter Boden, abgesperrt und mit Warnschildern versehen. Dort, wo nichts mehr wächst, hat TR4 sich bereits im Erdreich ausgebreitet.
Guajira ist, zusammen mit der südwestlich davon gelegenen Provinz Magdalena, eine der ältesten Bananenregionen Südamerikas. Noch erstrecken sich entlang der Landstrassen in dieser Gegend riesige Plantagen: üppiges, knalliges Grün, vier, fünf Meter hohe Stauden dicht an dicht in endlosen Reihen. Bananen mögen den Eindruck erwecken, sie seien so etwas wie ein Baum. Sie sind aber nur ein Kraut, wenn auch ein sehr grosses. Was aussieht wie ein Stamm, ist eigentlich ein Stängel, der niemals verholzt. Plantagen von Exportbananen sehen überall auf der Welt gleich aus, bis ins Detail. Das liegt daran, dass überall dieselbe Sorte angebaut wird.
Die Sorte heisst Cavendish, weil die Urmutter dieser Banane aus England stammt. Sie stand in einem Gewächshaus des Landschlosses Chatsworth House in der Grafschaft Derbyshire, das im Besitz der Familie Cavendish ist. Wahrscheinlich wurde die Sorte aus dem Süden Chinas oder aus Vietnam importiert, so genau ist das nicht mehr nachzuverfolgen. Eigentlich gibt es rund 400 essbare Obstbananen; manche sind klein, andere gerade, und längst nicht alle sind gelb. Die meisten von ihnen werden auf kleinen Feldern, in Gärten oder im Wald in subtropischen und tropischen Ländern rund um die Welt angebaut – und vor Ort konsumiert. Lediglich fünfzehn Prozent der weltweiten Produktion werden exportiert, weit über neunzig Prozent davon sind Cavendish-Bananen, die in riesigen Monokulturen wachsen.
Die Cavendish ist die ideale Exportbanane: Sie kann grün geerntet werden und hat eine vergleichsweise dicke Schale, was den Transport erleichtert und die nachgereifte Frucht langsamer schwarz und matschig werden lässt. Und sie hat keine Samen, die ihr, wenn die Banane überreif ist, einen säuerlichen Geschmack geben würden. Rund achtzig Prozent aller exportierten Cavendish-Bananen stammen aus Mittel- und Südamerika. Die Schweiz importiert jedes Jahr an die hundert Tonnen, der Pro-Kopf-Konsum liegt bei über elf Kilogramm. Die Banane ist das am häufigsten konsumierte Obst weltweit.
Die ersten Bananen, die von Menschen gegessen wurden, haben ArchäologInnen in Steinzeithöhlen im Regenwald von Malaysia nachgewiesen. Von dort scheint die Frucht irgendwie nach Afrika gelangt zu sein, wo sie auch ihren Namen bekam: «banana», wahrscheinlich aus einer Bantusprache oder einer Mundart Guineas oder des Kongo. In Kamerun gab es schon 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung kleinere Pflanzungen. Später wurde die Banane auch auf den Kanarischen Inseln angebaut, von wo sie die spanischen Eroberer auf den amerikanischen Kontinent brachten. Die ersten kleinen Pflanzungen wurden auf Hispaniola angelegt, der karibischen Insel, die sich heute Haiti und die Dominikanische Republik teilen. Von dort breitete sich die Banane auf die tropischen Gebiete Mittel- und Südamerikas aus.
Damals dachte noch niemand daran, dass diese Frucht einmal zum Sinnbild des Neokolonialismus und der ungezügelten Macht von Konzernen werden würde. Dass Bananenrepubliken entstünden. Dass ihretwegen Regierungen fallen und viel Blut fliessen würde, dass ihr Anbau gigantische Flächen an Regenwald verschwinden lassen und Mensch und Umwelt bis heute mit einem gigantischen Pestizidcocktail verseuchen würde.
1. Die Bedrohung
Kein anderes Lebensmittel wird mit so viel Gift besprüht wie die Banane. Doch gegen Fusarium TR4 wirkt kein Gift der Welt: Die Bananenpflanze ist ihm schutzlos ausgeliefert. Und der Pilz ist zäh: Er überlebt auch ohne seinen Wirt jahrzehntelang im Boden, dreissig Jahre mindestens. Wo er auftritt, hat der Anbau der Cavendish keine Zukunft mehr. Erstmals festgestellt hat man TR4 Ende der 1980er Jahre in Taiwan. Von dort hat sich der Pilz über den Fernen Osten in den Nahen Osten und nach Australien und Afrika ausgebreitet. Mittlerweile wütet er in Taiwan, China, Vietnam, Laos, Myanmar, Thailand, Pakistan, Indien, Malaysia, Indonesien, auf den Philippinen, in Australien, Moçambique, Jordanien, Oman, dem Libanon und Israel. Er hat gut 160 000 Hektaren Plantagen infiziert – das entspricht etwa der Fläche des Kantons Freiburg – und dabei wirtschaftliche Verluste von rund 280 Millionen US-Dollar verursacht.
Im Juni vergangenen Jahres wurde TR4 erstmals in Lateinamerika nachgewiesen, in der Provinz Guajira in Kolumbien. Wahrscheinlich war er aber schon ein halbes Jahr länger dort: Die Inkubationszeit einer Pflanze beträgt fünf bis sieben Monate, infizierte Schösslinge zeigen in den ersten vier Monaten keinerlei Anzeichen einer Erkrankung. Von Guajira aus wird sich TR4 in ganz Lateinamerika ausbreiten. Bedroht sind damit über 4,5 Millionen Hektaren Bananenplantagen – mehr als die Fläche der Schweiz –, davon liegen rund 49 000 Hektaren in Kolumbien. Noch sind in Guajira erst 187 Hektaren, verteilt auf acht Betriebe, vom Pilz befallen. Und doch hat die Regierung gleich nach der Entdeckung den nationalen Notstand ausgerufen. Immerhin nimmt das Land mit dem Export von Bananen jedes Jahr rund 900 Millionen US-Dollar ein.
«Wir können die Ausbreitung dieses Pilzes nicht verhindern», sagt José Francisco Zuñiga. «Wir können sie nur aufhalten und abbremsen und hoffen, dass in dieser Zeit eine Alternative gefunden wird.» Zuñiga ist Geschäftsführer von Asbama, der Vereinigung der BananenpflanzerInnen in den Provinzen Magdalena und Guajira. Asbama ist der weitaus grösste Arbeitgeber in der Region. Zuñiga versteht nicht viel von Bananen, aber umso mehr von Zahlen und vom Verkaufen. Und er weiss: Dieser Pilz kann seine Verkaufszahlen so in den Keller drücken, dass er einpacken und sich einen anderen Job suchen kann. «Wir haben die betroffenen Flächen sofort unter Quarantäne gestellt. Niemand darf sie mehr betreten, ausser den Spezialisten vom Landwirtschaftsministerium, und die kommen in Schutzanzügen.»
Man kann diese Flächen von der Strasse aus sehen: rechteckige, aus den Plantagen geschnittene Freiflächen, umgeben von einem zwanzig Meter breiten Sicherheitskordon und abgesperrt mit rot-weissen Plastikbändern. Schilder weisen darauf hin, dass das Betreten strengstens verboten ist.
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Zu den Bildern dieser Ausgabe
Jochen Ebert ist ein seltsamer Museumsdirektor: Sein Museum existiert nur online, auf einer prähistorisch anmutenden Website, und zeigt, feinsäuberlich archiviert, fünftausend Bananenaufkleber aus aller Welt. 1997 war das Museum nicht viel mehr als eine Bieridee und zählte dreissig Kleber. Doch Ebert, der als Historiker tätig ist, vergrösserte seine Sammlung stetig – heute zeigt sie einen substanziellen Teil des weltweiten Fundus an Bananenaufklebern (man schätzt ihn auf rund 30 000 verschiedene Designs). Ende der zwanziger Jahre erfunden, geben die Kleber der gelben Frucht die Ausstrahlung eines hochwertigen Markenprodukts. Der Bildessay in diesem «wobei» basiert auf besonders schönen Exemplaren aus Eberts Museum.
Bananen-Aufkleber-Museum unter: www.b-a-m.de.