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Die Zufahrt zu Schloss Waldegg, dem Wohnsitz von Felix von Sury Büssy, ist standesgemäss. Am Ende einer langen Lindenallee erhebt sich der 1686 errichtete barocke Bau inmitten eines ebenfalls barocken, geometrisch angelegten Gartens – ein Verweis auf die ursprüngliche Bestimmung des Anwesens als Sommerresidenz. Es ist nur ein paar Fahrminuten von Solothurn entfernt. Der Ritter, so sein Stand, wohnt im Ostflügel, der übrige Teil ist heute ein Museum. Wer bei der Patrizierfamilie von Sury klingelt, muss an einer Glocke ziehen. Der grossgewachsene Hausherr öffnet persönlich. Er führt zur Galerie des Schlosses, wo einst Diplomaten und Aristokraten ein- und ausgingen.
«Schloss Waldegg war seit 1865 über drei Generationen im Besitz unserer Familie», erzählt von Sury. Seine Onkel beschlossen 1963, das Haus, das aufwendige Investitionen erforderte, mit einem Schenkungs- und Kaufvertrag in eine öffentlich-rechtliche Stiftung des Kantons Solothurn zu übertragen. Im Ostflügel lebten zuerst Felix von Surys Eltern, später seine Schwester. Vor knapp drei Jahren zog der 65-Jährige selbst mit seiner Frau Susan ein. Der Mietzins sei «bescheiden». Wie bescheiden, verschweigt er diskret.
Im Jahr 1862 wurde das Schloss im «Solothurner Landboten» «zum Miethen auf mehrere Jahre angetragen». Im Inserat hiess es: «Das Schloss Waldegg mit der schönsten Fernsicht in die Alpen und circa 25 wohnbaren Sälen, Zimmern und andern geräumigen Gemächern, welche sich zu einem Wohnsitz, für eine Herrschaft, zu einer Fabrik oder zu einem andern industriellen Etablissement eignen würde.» Drei Jahre später kaufte Felix von Surys Urgrossvater den zu dieser Zeit heruntergekommenen Landsitz und machte die ehemalige Sommerresidenz der Solothurner Familie von Besenval ganzjährig bewohnbar.
Sury, 1251 erstmals urkundlich erwähnt, ist ein Geschlecht von Patriziern und Reichsrittern, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom französischen Königshaus den erblichen Grafentitel erhielten. Viele Familienmitglieder waren Geistliche, Mönche und Äbte. Die Frauen wirkten als Ordensschwestern. Die von Sury waren stets eng mit Mariastein SO verbunden, nach Einsiedeln einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Schweiz. Peter von Sury Büssy, der 68-jährige Bruder von Felix, ist Abt von Mariastein und «vielleicht der einzige und letzte Abt eines Schweizer Klosters, der aus einer aristokratischen Familie stammt», heisst es im Buch «Adel in der Schweiz».
Von der Gefahr abzuheben
«Den Besitz aufgeben, keine Frau haben und gehorsam sein, das stand für mich nie zur Diskussion», sagt Felix von Sury. Er fühle sich, obwohl er diesen Namen trage, völlig normal. «Manchmal wird es ein wenig kompliziert, etwa wenn ich bei Flugreservationen buchstabieren muss.» Im Alltag sei seine adlige Herkunft kaum ein Thema. Gelegentlich werde er sogar gefragt, ob sein Familienname schweizerisch sei. «Das beleidigt mich ein wenig. Ich sage dann mit einem Lächeln, dass der Name schon 40 Jahre vor 1291 in der Schweiz vorkommt. Ansonsten bin ich gern aristokratisch zurückhaltend.»
Aufgewachsen mit sechs Geschwistern, habe er ein ausgeprägtes Geschichts- und Familienbewusstsein. «Das kommt von der Ritterlichkeit, der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Wenn man weniger als andere ums Überleben kämpfen muss, darf man sich nicht abgehoben verhalten.» Seine Eltern hätten ihn angewiesen, mit dem Besitz nicht anzugeben. Von Sury differenziert: «Im Gegenteil sehe ich es als wichtige Aufgabe, zu helfen und zu unterstützen, wo es geht.» Das habe stark mit seiner Religion zu tun. «Der katholische Glaube zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Familiengeschichte.»
Von Sury doktorierte in Landwirtschaft an der ETH Zürich und ging danach für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) nach Südamerika, Australien, Nepal und Indien – auch um sich vom «dominanten Elternhaus» zu lösen. Im südindischen Bundesstaat Kerala lernte er seine Frau kennen und heiratete sie 1987. Ganz der Tradition der von Sury verpflichtet, sitzt die 56-jährige Biologin und Botanikerin seit über zehn Jahren für die CVP im Solothurner Kantonsrat. Das Paar hat drei Kinder: Anna Asha (30), Joseph Santosh (27) und Victor Vinodh (25), die alle nicht mehr zu Hause leben.
Schon als Gymnasiast interessierte sich Felix von Sury für Landwirtschaft. «Heute ist für mich die Gartenarbeit ein schöner Ausgleich. Auf der Waldegg haben wir einen fruchtbaren Boden, der von der Abendsonne beschienen wird. Das Schloss schützt vor der Bise.» Obwohl im Rentenalter, ist von Sury sehr beschäftigt. Bis 2017 war er als selbständiger Berater für Non-Profit-Organisationen unterwegs. Weil seine Frau auch Gemeinderätin von Feldbrunnen ist, kümmert er sich heute zusätzlich um die Einkäufe und vermehrt um den Haushalt.
Und er ist Sigrist der Schlosskapelle. «Als Mitglied des Malteserordens Schweiz ist mir das sehr wichtig: Es ist Ehre und Pflicht zugleich.» Als Sektionschef des Hospitaldiensts der Malteser kümmert er sich um Betagte, Behinderte und Kranke und lädt sie manchmal zu einem Grillabend aufs Schloss ein. «Adel hat eben auch viel mit Pflichten zu tun», sagt Felix von Sury. «Ich bin ein Mensch, der nicht einfach zu seinem Vergnügen lebt, sondern sich gern im humanitären Bereich engagiert.»
Buchtipp: Andreas Z’Graggen – «Adel in der Schweiz» bei exlibris.ch