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Mo, 28. Februar 2022, Christian Imhorst
Ausser GNU/Linux gibt es noch weitere freie Betriebssysteme. Eins davon ist FreeDOS, das in diesen Tagen in Version 1.3 erschienen ist.
Blinky ist weder Fisch noch Wal und das etwas komisch guckende Maskottchen von FreeDOS. © FreeDOS Project (CC-BY-2.5)
Doch was ist DOS überhaupt und warum ist es heute noch von Bedeutung? Die Wurzeln von DOS liegen zwar in Betriebssystemen der Mainframes der 1960er Jahre. Es erreichte allerdings einen grösseren Bekanntheitsgrad, als in den 1980er Jahren die damals noch junge Firma Microsoft QDOS, Kurzform für „Quick and Dirty Operating System“, von Tim Patterson kaufte und daraus MS-DOS machte. MS-DOS wurde schliesslich mit den damals Massenmarkt tauglichen IBM-PCs ausgeliefert.
Im April 1994 erschien mit MS-DOS 6.22 die letzte eigenständige Version für PCs. Zu der Zeit war es das dominierende Betriebssystem für Einzelplatzrechner. Noch im selben Jahr hatte Jim Hall, damals Physik-Student an der Universität von Wisconsin, FreeDOS ins Leben gerufen, das heute aktiv, wenn auch langsam, als eine freie und kompatible Alternative zu MS-DOS unter der GPL 2.0 Lizenz entwickelt wird. Interessant dazu sind auch Jims Vorträge auf der Kielux zu Geschichte und Anspruch von FreeDOS, zeitgemäße Erweiterungen und Anpassungen an DOS vorzunehmen und dabei trotzdem mit MS-DOS kompatibel zu bleiben. Er hatte damals schon GNU/Linux installiert und war von den GNU-Programmen begeistert, weshalb er sich fragte: Wenn es eine Gruppe von Entwicklerinnen und Entwicklern schafft, etwas Komplexes wie Unix nachzuprogrammieren, indem sie einfach über das Internet zusammenarbeiten, warum sollte das nicht mit einem vergleichsweise simplen Betriebssystem wie DOS funktionieren?
Dass es funktioniert hat, sieht man in diesen Tagen, denn zum ersten Mal seit sechs Jahren hat FreeDOS ein grösseres Update erhalten, das es von Version 1.2 auf 1.3 bringt. Wer FreeDOS einmal virtuell zum Beispiel mit QEMU oder auf dem alten PC, der noch auf dem Dachboden verstaubt, ausprobieren möchte, benötigen eine Festplatte mit 20 MB Speicher für die Installation eines „einfachen DOS-Systems“ oder etwa 275 MB für eine „vollständige Installation mit Anwendungen und Spielen“ darunter auch viele GNU-Anwendungen, aber auch FreeDOOM und Vim. Weitere optionale Pakete befinden sich auf einer BonusCD, die man noch zusätzlich von der Webseite des Projekts herunterladen kann.
Doch wozu braucht man noch so alte Betriebssysteme? Mit der Informatik, besonders mit Software ist es Menschen gelungen, Mittel und Methoden zur Formalisierung und Automatisierung geistiger Tätigkeiten zu erzeugen. Programme, die in der DOS-Ära Handlungssysteme ersetzt oder modifiziert haben, können als Artefakte durch FreeDOS noch heute weiter verwendet werden. So trägt FreeDOS zum Erhalt eines technischen Teils der Menschheitsgeschichte bei, indem es dafür sorgt, dass Hard- oder Software, die mit einem modernen Betriebssystem nicht mehr funktioniert, immer noch lauffähig ist. Niemand braucht heute mehr VisiCalc, das erste Tabellenkalkulationsprogramm für PCs. Aber zu sehen, wie es einmal funktioniert hat, hält unsere Computergeschichte lebendig.
Ausser extreme Puristinnen oder Autoren von Fantasy-Romanen wie George R. R. Martin würde heute vermutlich niemand mit einem DOS arbeiten wollen, um Dokumente zu schreiben, Tabellen zu erstellen oder E-Mails zu bearbeiten. Dafür ist FreeDOS auch nicht gedacht. FreeDOS soll kein Paralleluniversum sein, in dem Microsoft Windows nie erfunden und weiter auf MS-DOS gesetzt hätte. FreeDOS hat aber genug Anhängerinnen und Anhänger, von der Spielerin klassischer Spiele wie Doom, Descent oder Duke Nukem über den Programmierer für veraltete Schnittstellen und Hardware, bis zur Elektroingenieurin, die sich mit Embedded-Plattformen beschäftigt, um eine Nische auszufüllen. Nicht zu vergessen wissenschaftliche Bibliotheken und Archive, die ihren Nutzerinnen und Nutzern Information von Disketten und CDs mit alten proprietären Programmen und Datenformaten bereitstellen müssen, von denen der Hersteller heute nicht mehr existiert oder das Produkt aufgeben hat. Aber auch kleine Unternehmen brauchen die Steuerung alter Fräsen in der Holzwerkstatt oder das Kassensystem nicht auszutauschen. Man kann sich im Unternehmens- oder im privaten Bereich den Upgrade-Stress sparen und diese Systeme mit einem freien Betriebssystem wie FreeDOS weiter betreiben. In diesem Bereich hat FreeDOS vielleicht eine Zukunft, um dorthin zu gehen, wo noch kein DOS zuvor gewesen ist.