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RICHARD WAGNER WEBSITE
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HANS MAYER
KRIEGSFESTSPIELE IN BAYREUTH

Die Festspiele des Jahres 1939 brachten fünf Aufführungen des »Parsifal«, sechsmal den »Tristan« unter Victor de Sabata, fünf Aufführungen des »Fliegenden Holländer« und zweimal, dirigiert von Heinz Tietjen, den »Ring des Nibelungen«. Unmittelbar nach Abschluß der Festspiele, denen er mit gewohnter Hingebung gelauscht hatte, zog der Führer und Reichskanzler in einen Weltkrieg um die Freie Stadt Danzig. Die von Winifred Wagner unerschütterlich festgehaltene Trennung von Festspiel und Außenwelt wurde an diesem Beispiel bis zur Groteske emporstilisiert. Der Freund von Haus Wahnfried teilte seine Zeit zwischen den Aufführungen am Festspielhügel und den Vorbereitungen, die ein Oberbefehlshaber zu treffen hat, der in den Krieg zieht und weiß, daß es ein Weltkrieg werden könnte. Carl J. Burckhardt, damals Hochkommissar des Völkerbunds für den Freistaat Danzig, hat Ende August 1939 auf dem Obersalzberg versucht, das Geschehen zwar nicht aufzuhalten, aber seinem Gesprächspartner in den Folgerungen klarzumachen. Natürlich hörte man nicht zu.
Die Festspiele dieses Jahres waren Vorkriegsspiele. Von Frieden hatte man, mindestens seit dem Jahre 1937, nicht mehr sprechen können. Wie unmöglich es war, die festliche Welt von Bayreuth, jenes Sommerfestes im Juli und August, fernzuhalten von allem, was Alltag sein mochte, Außenwelt, Tristans »öder Tag«, mußte Winifred Wagner damals bereits im eigenen Haus spüren. Der zerreißende Zusammenhang zwischen Hitlerwelt und Wahnfriedwelt wurde in der Folge schwer bezahlt. Wenn sich die spätere Winifred Wagner im hohen Alter wie eine unfreiwillig parodierende »Mutter Courage« ausnimmt, so teilt sie jedenfalls mit Bertolt Brechts berühmter Kunstfigur das Schicksal, daß ihr, wenngleich im übertragenen Sinne, nacheinander die Kinder genommen wurden.
Das begann bereits 1939 und noch im Vorkrieg mit der ältesten Tochter Friedelind Wagner [*] Das zweite Kind aus Winif reds Ehe mit Siegfried Wagner war am 29.März 1918 zur Welt gekommen. Die Friedenssehnsucht in jenem letzten Kriegsjahr hatte die Namengebung bewirkt. Wenn sich im Sommer 1939 die soeben volljährig gewordene älteste Tochter der Winifred nach Luzern begab, wo Arturo Toscanini das Schweizerische Festspielorchester dirigierte und zusammenwirkte mit Künstlern wie Bruno Walter, mit dem jüdischen Pianisten Wladimir Horowitz, seinem Schwiegersohn, und mit dem aus Deutschland emigrierten Geiger Adolf Busch, so handelte die Tochter der Herrin von Bayreuth sowohl demonstrativ wie provokatorisch. Sie trennte sich von der Familie, von Wahnfried, vom Großdeutschen Reich des hohen Protektors. In ihrem Buch über »The Royal Family of Bayreuth« hat Friedelind später die Fakten und Motivationen erläutert. Es war doch nicht so, wie die Mutter sich selbst und der Außenwelt vortrug: daß Friedelind darunter gelitten hätte, beim Herrn der Reichskanzlei von Anfang an die Rolle der Ungeliebten spielen zu müssen. Friedelind besaß, wie sich später zeigen sollte, eine starke affektive Bindung an ihren Vater. Nach seinem Tode (sie war damals zwölf Jahre alt) scheint sie die Affekte auf den Maestro Toscanini übertragen zu haben, der als Gast des Vaters nach Bayreuth kam, um auch dort zu triumphieren. So hielt sie ihm die Treue nach seinem Absagebrief an Bayreuth im Frühjahr 1933. Vermutlich hat Daniela Thode die Verbindung zwischen Friedelind Wagner und Arturo Toscanini gefördert. In Tribschen am Vierwaldstätter See, wo Siegfried Wagner zur Welt gekommen war, besaß die Familie Wagner immer noch ein Wohnrecht.
Dorthin fuhr Friedelind in diesem letzten Vorkriegssommer. Sie ist dann nicht mehr zurückgekehrt. Winifred hat sie aufgesucht, offensichtlich auf Geheiß der Reichskanzlei, wie Friedelind berichtet, um die Ungebärdige heimzuführen ins Reich. Sie hatte keinen Erfolg. Auch Drohungen aus Berlin mit gewaltsamer Entführung, die bekanntlich sehr ernstgenommen werden mußten, bewirkten nichts.
Friedelind Wagners Leben glich von nun an einer schrecklichen Irrfahrt. Sie hatte dem Krieg und seinen Kriegstreibern entgehen wollen: man holte sie ein. Zwar bekam sie ein Visum nach England, dank der Vermittlung eines Journalisten, der sich davon einige sensationelle Artikel über Schlafzimmergeheimnisse in Haus Wahnfried versprach. Als die Enkelin Richard Wagners die Ansuchen ablehnte, ließ man sie fallen. Plötzlich war sie eine feindliche Ausländerin in Großbritannien und wurde 1940 auf der Isle of Man interniert. Abermals kam Arturo Toscanini zu Hilfe, als er von der Internierung erfuhr. Er dirigierte damals in Argentinien und erwirkte für Friedelind Wagner einen Sängerkontrakt, der sie nach Buenos Aires berief. Man ließ sie hinfahren: in Begleitung eines britischen Polizeisergeanten. Aber Friedelinds Stimme reichte nicht aus für eine Solistenlaufbahn. Toscanini holte sie dann von Buenos Aires nach New York. Später gab es im Londoner Unterhaus eine Debatte über Friedelind Wagner, wobei sich herausstellte, daß Winston Churchill selbst die Genehmigung zur Ausreise des »enemy alien« erteilt hatte. In New York studierte sie an der Columbia University sowohl Sprechtechnik wie Dramaturgie. Ein anderer deutscher Emigrant gab ihr Gesangstunden. Der Bariton Herbert Janssen, übrigens von durchaus »reiner« Abstammung, hatte noch 1937 in Bayreuth den Heerrufer im »Lohengrin« gesungen. Er war auch als Gunther im »Ring« und als Kothner in den »Meistersingern« aufgetreten. Janssen gehörte zu Heinz Tietjens Berliner Opernmannschaft, war aber emigriert und wirkte nun an der Metropolitan Opera.
Während des Krieges mußte sich die Tochter der Winifred in New York im kriegführenden Amerika als Sekretärin und Marktforscherin durchschlagen. Dagegen gelang ihr bereits im Jahre 1946 ein erster Versuch mit einer eigenen Operntruppe. Sie inszenierte »Tristan und Isolde« und ließ sich dafür die Bühnenbilder von ihrem ältesten Bruder entwerfen, mit dem sie stets die Verbindung aufrechterhalten hatte: von Wieland Wagner. Die enge Verbindung zu Wieland, die sicher verstärkt wurde durch den gemeinsamen Gegensatz zur Mutter, bewirkte 1953 die - vorübergehende - Rückkehr nach Bayreuth.
Natürlich war es unvermeidlich, daß die Emigration der Tochter und Schwester Friedelind in Wahnfried jene Spannungen akzentuierte und verschärfte, die latent Seit jener Zeit in der Familie aufgetreten waren, da sich Heinz Tietjen zum realen, wenn auch nicht formalen Leiter der Festspiele aufgeschwungen hatte. Die herrische Gebärde von Frau Winifred, auch ihre Vorzugsstellung in der Reichskanzlei, konnten nicht vergessen machen, daß ihr in allen künstlerischen Fragen die Leitung der Bayreuther Festspiele längst genommen war. Bayreuth im Dritten Reich: das war Heinz Tietjens Werk. Es ist nicht bekannt, daß sich Winifred seinen Wünschen und Anordnungen widersetzt hätte, die schließlich darin gipfelten, daß er auf dem Festspielhügel zugleich sein eigener Regisseur und Dirigent zu sein gedachte. Hier aber liegt der Grund für die mindestens seit 1940 nachweisbare scharfe Opposition der beiden Söhne Wieland und Wolfgang gegen den eigentlichen Herrn von Bayreuth.
Der Widerstand der Söhne gegen Heinz Tietjen scheint sich, wie die Dokumente erkennen lassen, durchaus nicht in erster Linie darauf gegründet zu haben, daß der Berliner Generalintendant die Enkel Richard Wagners von aller schöpferischen Mitarbeit weitgehend fernzuhalten suchte, obwohl auch das unzweifelhaft der Fall war. Es ging, in einem tieferen Verstande, um (oder gegen) Tietjens opportunistisches Operntheater. Bayreuth verfiel der Routine. Vergleicht man die solidarischen. Bemühungen der Brüder Wieland und Wolfgang Wagner (seit 1951) um eine permanente und in dialektischer Spannung gehaltene Auseinandersetzung mit den scheinbar so bewährten Kunstwerken, so wird ersichtlich, daß die Enkel Richard Wagners dem Hausmeier ihrer Mutter vor allem vorwarfen, das Werk Richard Wagners nicht ernst zu nehmen, nämlich: nicht neu zu durchdenken.
Da sich der Krieg zunächst für die Großdeutschen gut anzulassen scheint, hat auch Heinz Tietjen seine weitschauenden Pläne. Im November 1941 schickt er Wolfgang Wagner mit einem genau umrissenen Auftrag nach Berlin. Er will von oberster Stelle mitgeteilt erhalten, daß an Neubauten in Bayreuth zur Zeit nicht gedacht werden dürfe. Er möchte erfahren, ob es beim Prinzip jener ersten Kriegsfestspiele bleiben werde: nämlich bei Vorstellungen der Organisation »Kraft durch Freude«. Oder ob Neuinszenierungen denkbar sein könnten. Seit den Aufführungen von Siegfried Wagner und Arturo Toscanini war der »Tannhäuser« in Bayreuth nicht mehr aufgeführt worden. Tietjen war genau bekannt, daß Wieland Wagner an einem Inszenierungsplan dieser Romantischen Oper seit langem arbeitete.
Der Herr der Reichskanzlei scheint geantwortet zu haben, es sei das KdF-Prinzip möglichst nicht weiterzuführen. Neuinszenierungen des »Parsifal« und des »Tannhäuser« sollten geplant werden.
Damals aber, im Herbst 1941, waren die Spannungen zwischen den Enkeln Richard Wagners und Heinz Tietjen so offenkundig geworden, daß Tietjen in Form von Memoranden an das »Haus Wahnfried« die Positionen abzustecken genötigt war. In einem solchen Text vom 21.August 1941 muß er konstatieren: »Es ist festzustellen, daß sich die Grundeinstellung der Wahnfriedjugend mir gegenüber im Verlauf der diesjährigen Kriegsfestspiele vollkommen geändert hat.« Man hätte sich früher dahin geeinigt, daß die beiden Wagnersöhne »mit dem gemeinsamen Ziel, daß sie dereinst auf dem Hügel gemeinsam führen sollten«, in getrennten Bereichen ausgebildet werden müßten: Wieland vor allem als Bildender Künstler, Wolfgang als Musiker. Andererseits war Heinz Tietjen genau bekannt, daß Wolfgang Wagner, wie sich später herausstellen sollte, durchaus befähigt war, Bühnenbilder selbst zu entwerfen, ganz so wie Wieland Wagner eine Ausbildung als Dirigent absolviert hatte.
Tietjen scheint aber, wie das Memorandum erkennen läßt, einen Zeitgewinn angestrebt zu haben. Er wollte die Machtübernahme durch die »Wahnfriedjugend« auf den Abschluß des Umbaus in Bayreuth vertagen, weshalb es heißt: »Nach meiner, Wolfgang gegenüber oft geäußerten Meinung, sollten dann Frau Wagner und ich von der Leitung des Werkes zurücktreten und die beiden Jungens die Leitung selbständig und endgültig übernehmen und mit dem neuen Hause selbst auch die neue Ära beginnen.«
Da Tietjen jedoch genau wußte, daß an jenen Umbau in Kriegszeiten nicht zu denken war, offenbarte er in jenem Memorandum indirekt in der Tat seine Entschlossenheit, die Wagnerenkel, die damals immerhin bereits 24 und 22 Jahre alt waren, auf unbestimmte Zeit fernzuhalten.
Wieland Wagner scheint sehr heftig gegen diesen Plan aufgetreten zu sein. Er teilt in der Öffentlichkeit mit, offensichtlich mit dem Wunsch, daß die Kunde weitergetragen werde: »er wolle die Sache hier genau so aufziehen, wie es sein Vater gehabt habe«. Und: »Tietjen lasse die Jungens in Bayreuth nichts lernen und nicht hochkommen ... «.
Gegen Jahresende 1941 - das Deutsche Reich steht bereits im Winterkrieg mit der Sowjetunion und hat sich den erhofften spektakulären Einzug in Moskau versagen müssen - schreibt Wieland am 3. Dezember 1941 in schroffer Form an seine Mutter: »Von dir erhielt ich... im Einverständnis mit Heinz (Tietjen) den Auftrag, die Tannhäuserbühnenbilder zu übernehmen. Da der Tannhäuser mir wie kein anders Werk seit 12 Jahren am Herzen liegt und mir damit endlich die Gelegenheit gegeben worden wäre, in der Sparte in Bayreuth mitzuarbeiten, in der ich bayreuthreif zu sein glaube, sofern Herr Preetorius dies ist, war ich mit Freuden dazu bereit ... Entscheidend für meinen endgültigen Entschluß, den Auftrag nicht annehmen zu können, war für mich die Mitteilung... am 21. Nov. 1941, daß bereits 60000.- RM für den Bau der Preetorius'schen Bühnenbilder von der Festspielleitung ausgegeben worden sind... Weder du noch ich können die Verantwortung übernehmen, daß diese riesige Summe sinn- und zwecklos ausgegeben wird, nachdem jahrzehntelang jeder Pfennig gespart werden mußte ...«.
Die beiden Söhne Winifred Wagners hatten Tietjen, wie sie später oft mitteilten, unter sich und im Familienkreis mit dem Spitznamen »Der Schwarzalbe« bedacht. Heinz Tietjen folglich als Alberich und durchaus nicht als Jungsiegfried. In der Tat lassen Tietjens scheinbare Zugeständnisse an die Wahnfriedjugend bei gleichzeitiger Etablierung von vollendeten Tatsachen ungefähr ahnen, was mit jenem Spitznamen gemeint sein mochte.
Kurz vor Weihnachten (21.12. 1941) erläßt Tietjen ein weiteres Memorandum zur Klärung der Lage. Drei Wege scheinen sich anzubahnen:
»... Weg I: Die Beziehung zwischen... Wahnfried und mir werden sofort abgebrochen; ich lege mein Amt mit sofortiger Wirkung nieder... Aus Gründen der Loyalität teile ich mit, daß ich in einer Rechtfertigungsschrift an den Führer alles vom Beobachtungsjahr 1931 bis einschließlich aller jüngsten Ereignisse in historischer Treue... niedergelegt habe; da mir, bis das Haus Wahnfried seinerseits Meldung gemacht hat, oder kurz danach etwas zustoßen kann, befindet sich die Rechtfertigungsschrift im versiegelten Kouvert in Händen einer Persönlichkeit, die sichere Gewähr bietet, daß dem Führer dieses Kouvert persönlich überreicht wird.
Weg II: Wieland W. kommt zu einer Aussprache nach Berlin... Ich lege Wielands ausführliches Beweis- und Überführungsmaterial vor... und es kommt zu einem friedlichen Auseinandergehen; damit meine ich, daß ich nicht offiziell mein Amt niederlege, sondern daß ich es auf mich nehme, wenn es soweit ist, daß nächste Festspiele vorbereitet werden müssen, unter dem aller Welt plausiblen Grund, Wahnfried zu bitten, mich »vorübergehend« (streng intern natürlich endgültig) zu beurlauben...
Weg III: Trotzdem mir durch die Ereignisse in diesem Sommer die wichtigste Eigenschaft genommen wurde, die der künstlerische Führer in Bayreuth haben muß, nämlich die Besessenheit und an ihre Stelle eine tiefe Verbitterung getreten ist,... bin ich bereit, die letzten noch vorhandenen physischen Reserven dazu zu verwenden... und... hoffentlich die Basis zu neuer Besessenheit zu schaffen. Und damit erkläre ich mich bereit zur Versöhnung... Es wird aber dann unter alles der endgültige dicke Strich gezogen und... auch zu Dritten nichts anderes mehr geäußert, als daß das Haus Wahnfried und ich in vollster und letzter Übereinstimmung dem Werk gegenüber und in persönlichen Angelegenheiten zueinander stehen...«
Von den beiden Brüdern scheint Wolfgang Wagner damals eher zu einer Versöhnung und einem zeitweiligen Kompromiß bereit gewesen zu sein als der ältere Bruder Wieland. Freilich war Wieland stärker betroffen, denn er hatte früher bereits Bühnenbildentwürfe geliefert und gedachte die szenische Erneuerung der Werke seines Großvaters in anderer Weise anzulegen als Emil Preetorius. Auch scheint er sich von der musikalischen Leitung der Werke andere Vorstellungen als Heinz Tietjen gemacht zu haben.
Daß der Krieg gewonnen wird, ist aber noch zu Beginn des Jahres 1942 offenbar keinem der beiden Brüder irgendwie zweifelhaft. Man berät die »Friedensfestspiele« und hofft sogar, wie ein Brief Wolfgangs an seine Mutter (29.1. 1942) erkennen läßt, auf solche Festspiele des Friedens bereits für das laufende Jahr 1942.
Es gibt einen nicht abgeschickten Briefentwurf Wielands an Wolfgang vom April 1942, wo Pläne des Reichsführers mitgeteilt werden, zunächst einmal zwei Jahre Friedensfestspiele mit »Meistersinger«, »Ring« und »Parsifal« anzusetzen. Dann könne das Festspielhaus vollkommen umgebaut und mit einem neuen »Tannhäuser« eröffnet werden.
Wieland Wagner weigert sich in diesem Briefentwurf, weiter als Gehilfe Tietjens tätig zu sein. Er formuliert sehr scharf, schickt das Schreiben dann aber nicht ab. »Im großen gesehen hielt ich es für verantwortunglos, nur aus dem Grunde, weil Mama und Heinz (Tietjen) der Ansicht sind, daß es außer ihm in ganz Europa keinen Ring-Dirigenten gibt und er selbstverständlich nach all den Zwischenfällen außerstande ist, in Bayreuth wieder den Ring zu dirigieren, diesen einfach stillschweigend bis nach dem Umbau, der damals noch in nebelhafter Ferne lag, wegfallen zu lassen. Wie ich in Bayreuth hörte, habe man ihn mir überlassen wollen - ich könne ihn ja dann neu machen! ... «
Inzwischen läuft der Zweite Weltkrieg in eine Richtung, die den Direktiven der Reichskanzlei und allen geplanten Friedensfestspielen stracks zuwiderläuft. Die Vereinigten Staaten stehen im Krieg. Stalingrad und El Alamein. Nacht für Nacht die Luftangriffe auf Deutschland. Am 20. Juli 1944 erfolgt das Attentat auf den obersten Kriegsherrn. Der Freund der Winifred Wagner und kunstsinnige Wagnerianer gibt den Befehl, die Attentäter an Fleischerhaken aufzuknüpfen und ihren Todeskampf zu filmen. Er schaut sich darauf den Film an.
Dies alles muß rekapituliert werden, um den Aberwitz eines Briefes von Heinz Tietjen an Winifred Wagner zu ermessen, der eine Woche vor Weihnachten (am 17.12. 1944) des letzten Kriegsjahres niedergeschrieben wird: »...Du wirst erstaunt seii, daß ich die Frage des Führers, ob im Sommer 1945 in Bayreuth gespielt werden kann, was die künstlerische und technische Durchführung anbelangt, ohne Bedenken mit »Ja« beantworten kann. Es wären dazu nicht mehr Führerbefehle nötig als bisher.«
Der praktische Manager verleugnet sich auch jetzt nicht: kaum fünf Monate vor dem Selbstmord besagten Führers und vor dem deutschen Zusammenbruch. Wieder hat er seine drei Möglichkeiten zur Hand und anzubieten. Er könne sogar Neuinszenierungen wagen, denn es sind »genügend Rohmateriale für Dekorationen und Kostüme vorhanden. Ich bin aber der Meinung, daß man das jetzt moralisch nicht verantworten kann.« Freilich ist Tietjen ein bißchen skeptisch und meint: »Ich erwähne die Möglichkeit nur für den Fall, daß die Lage sich so wesentlich verändert, daß dem Führer doch an irgendwelchen Neuinszenierungen gelegen ist.« Geschrieben im Dezember 1944. Der zweite Weg ist Wiederaufführung der »Meistersinger«. Das Personal stehe zur Verfügung, »ebenso würde ich die Kostüme aus unserem Salzbergwerk in Thüringen zu diesem Zweck herausholen lassen«.
Die dritte Möglichkeit ist, die Werke nur konzertant aufzuführen. Wenn das beschlessen wird, »so kann der Führer hierfür jedes Werk bestimmen, das er wünscht«. Er freilich, Heinz Tietjen, sei ein grundsätzlicher Gegner der Rundfunkübertragung. »Richard Wagner hat Musikdramen geschrieben, die den heißen Atem der lebendigen Gestaltung fordern, und der Rundfunk wird das niemals ersetzen können.«
Umständehalber konnte im Sommer des Jahres 1945 keine der drei Möglichkeiten ausprobiert werden. In Bayreuth befiehlt die amerikanische Militärregierung. Die Witwe Siegfried Wagners muß den Siegfried-Wagner-Bau von Haus Wahnfried, wo sie residiert hatte und wo ihr hoher Gast zu übernachten liebte, der Besatzungsmacht freigeben. Die Beziehungen zwischen der Schwiegertochter Richard Wagners und ihrem Führer und Reichskanzler waren weltbekannt. Winifred mochte zwar protestieren, wie sie später mitgeteilt hat, als die amerikanischen Offiziere das Siegfried-Wagner-Haus als Eigentum Adolf Hitlers betrachteten und beschlagnahmten, aber sie hatte recht dabei nur im formaljuristischen Sinne. Geistiges Eigentum jenes Toten war dies Haus ganz zweifellos.