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»Blinsfeld«, Frau Braddon mit »One life, one love« und »The day will come«, einer schreckliche Geschichte, in welcher die Sünde des Vaters an seinem unschuldigen Kinde gerächt wird, und Ouida mit »Guilderoy«, »Syrlin« und »Ruffino«, einer Novellensammlung. Diese Autoren sind zwar sehr bekannt, und namentlich die letztere wird von kontinentalen Lesern vielfach überschätzt, die ernsthafte Kritik vermag sie aber nicht mit den vorher genannten auf dieselbe Stufe zu stellen.
Unter den Schriftstellerinnen, deren Namen dem Publikum noch mehr oder weniger neu sind, gedenken wir zunächst der Frau Dorothea Gerard, welche in »Recha« aus persönlicher Anschauung ein wenn auch wenig erfreuliches, aber schriftstellerisch gelungenes Bild der Juden und Christen in Galizien liefert und mit diesem Buche, wie mit ihren frühern: »Lady Baby« und »Orthodox«, sich rasch einen günstigen Platz errungen hat. Die Dame, welche unter dem Namen John Strange Winter lustige Soldatengeschichten schreibt, hat ihrem »Bootle's Baby« und »Bootle's Children« ein neues folgen lassen als »Ferrer's Court«.
Gertrud Hayward lieferte in ihren Erstlingswerken: »Dulcibel« und »Spencer Blackett« gute Charakterzeichnung. Aber die Kunst des Dialogs, die eigentliche Erzählungskunst, die von Thackeray und Anthony Trollope so hoch ausgebildet und die auch auf viel geringere Talente übergegangen, steht ihr bis jetzt noch nicht ebenso zu Gebote. Die Schriftstellerin, die sich unter dem Namen Rita verbirgt, gibt uns in »Sheba« ein ausgesprochen antiklerikales Buch von kräftiger Anlage.
Mit Spannung sah man dem ersten Roman der Frau Mona Caird entgegen, welche vor zwei Jahren die lebhafteste Diskussion eröffnete, indem sie in der »Westminster Review« die Frage aufwarf: »Ist die Ehe ein Irrtum?« Aber »The wings of Azrael« führte die Frage nicht weiter;
es war eben nur eine interessante Erzählung.
Frau Deland, welche im vorigen Jahre mit einer freireligiösen Erzählung: »John Ward, preacher«, debütiert hatte, veröffentlicht »Sidney, a novel«.
Lord Lyttons »Ring of Amasis« ist nicht eigentlich ein neues Buch, sondern die Auffrischung einer vor 25 Jahren geschriebenen Erzählung, die abenteuerlich-mystisch, aber auch lebendig und spannend ist.
Val. Prinsep lieferte in »Virginie, a tale of one hundred years ago« eine reizende Geschichte aus der Zeit der französischen Revolution, in welcher, dem Gebrauch entgegen, das Idyllische vorwiegt. Von Begabung zeugt der anonym erschienene historisch-philosophische Roman »Zeno, by a lady«.
Aus den Namen und Werken der minder bedeutenden Schriftsteller seien noch erwähnt: S. Baring-Gould mit »Jacquetta and other stories«, »The Pennycomequicks« und »Eve«;
Clark Russell mit »Marooned« und »An Ocean tragedy«;
R. Englische [* 2] Francillon mit »King or knave«;
W. Englische Norris mit »The baffled conspirator« und »Misadventure«;
J. ^[John] Cordy Jeaffreson mit »Cutting for partners«;
Julian Sturgis mit »Comedy of a county house«;
Hawley Smart: »Without love or licence«;
F. W. Robinson mit »A very strange family«.
Australien, [* 3] Westamerika, Indien, Irland haben uns neue Federn zugeführt. Ein pseudonymer Ralph Boldrewood schrieb: »The miner's right« und »Robbery under arms«, Erzählungen, in denen es wüst genug zugeht, aus denen man aber mancherlei über australische Zustände lernen kann. Ähnlich auf dem Grunde des Selbsterfahrenen fußend, aber mit höhern litterarischen Ansprüchen an sich selbst, liefert Arthur Paterson in seinem Erstlingswerk: »The better man«, ein höchst anziehendes, auch humorvolles Bild aus dem fernen Westen der Vereinigten Staaten, [* 4] vielfach an Bret Harte erinnernd. Phantastisch genug ist »The Rajah's heir«, in welchem der noch ungenannte Verfasser die scheinbar von ihm geglaubte Seelenwanderung einführt. Ein junger Schriftsteller von unzweifelhaft genialer Begabung ist Rudyard Kipling, der in glänzend geschriebenen Skizzen (»Black and white« u. a.),
voll von gesundem Realismus und Humor, das Leben der Eingebornen und Anglo-Indier in Krieg und Frieden vorführt.
Aus Irland bringt uns Fräul. Tighe Hopkins in »The Nogents of Carriconna« ein liebenswürdiges Bild des keltischen Lebens, voll Anmut, Phantasterei und Humor. Aber bitterer Ingrimm durchzieht ein andres irisches (zum großen Teil im Gefängnis entstandenes) Buch: »When we were boys«, von William O'Brien, dem Agitator. Von allen Romanen dieses Jahrs hat wahrscheinlich keiner einen so großen augenblicklichen Erfolg erlebt (drei Auflagen in rascher Folge), der aber hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß das Buch in die gerade auf der Tagesordnung stehenden Bestrebungen der keltischen Katholiken in Irland eingreift. Mit mehr litterarischer Übung hätte der Agitator eine gedrungenere Geschichte des irischen Aufstandversuchs von 1867 schreiben können.
Ästhetik, Kritik, Litteraturgeschichte.
Für viele hat die Größe Shakespeares seine Zeitgenossen allzusehr in den Schatten [* 5] gerückt. Aus diesem Halbdunkel, welches allerdings nicht sowohl für den Fachmann auf dem Felde der Litteraturgeschichte als für die allgemein gebildete Lesewelt besteht, hat der Dichter Algernon Swinburne den Ben Jonson hervorgezogen. Wie alles aus seiner Feder, ist sein neuestes kritisches Buch: »A study of Ben Jonson«, mit großer Frische, ja mit Begeisterung geschrieben. »Kein Riese«, sagt er von Jonson, »kam jemals dem Range der Götter so nahe.« Hier mag zur Elisabethischen Litteratur gleich die englische Bearbeitung von J. ^[Jean] Jusserands Buch: »The English novel in the time of Shakespeare« erwähnt werden, die er mit Fräulein Lee herausgegeben, und in der die englische Kritik eine der sorgfältigen, von einem Ausländer herrührenden Ar betten erkennt, welche allmählich Tain es geistreiche Oberflächlichkeiten verdrängen. Eine andre solche Arbeit rührt von einem Deutschen her: es ist Oskar Sommers Ausgabe des alten Thomas Malorys »Morte Darthur«, auf Grund der Urschrift von 1485, wovon die beiden ersten Bände erschienen sind, deren Sorgfalt von der Kritik mit vieler Anerkennung hervorgehoben wird, nur daß es Hrn. Sommer begegnet ist, manchen Ausdruck als archaisch anzusehen, der noch heute gang und gäbe ist.
Die große und kritische Ausgabe von Popes Werken, die vor langen Jahren durch Whitwell Elwyn begonnen, aber mit dem fünften Bande wegen des Widerwillens, den ihm der Dichter einflößte, aufgegeben ward, ist nun mit dem zehnten von Courthope beendet, welcher ein »Life and essay on Pope's place in English litterature« beifügte. Das Werk wird als abschließend betrachtet. Duncan Tovey hat herausgegeben: »Gray and his friends: Letters and diaries, in great part hitherto unpublished«;
L. B. Seeley: »Fanny Burney and her friends«.
In unser Jahrhundert treten wir mit Mrs. Shelley, der zweiten Gattin des Dichters und Verfasserin des ¶
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»Frankenstein«, der aus dem »Homunculus« hervorgegangen, von Lucy Maddox Rossetti. Damit ist das »Life of Mary Wollstonecraft Shelley« von Frau Julian Marshall zusammenzustellen. Von Roden Noel haben wir ein sympathisches Buch: »Life of Lord Byron«, mit wertvoller Bibliographie von John Anderson. »De Quincey's life and writings, with unpublished letters« ist von A. H. Japp herausgegeben. Frau Roß, Tochter und Enkelin zweier berühmter Schriftstellerinnen, der Lady Duff Gordon und Frau Sarah Austin, die sich viel mit Einführung deutscher Litteratur beschäftigt haben, veröffentlichte »Early days recalled«, worin Guizot, Carlyle, Thackeray, Rogers, Grote, Layard u. a. vorgeführt werden.
Sehr anziehend ist der erste Band [* 7] des »Journal of Sir Walter Scott«, welches bereits Lockhart in seiner bekannten Lebensgeschichte des großen Dichters benutzt, und das nun von Douglas vollständig herausgegeben wird. Von John Addington Symonds sind »Essays, speculative and suggestive« zu verzeichnen, von W. Englische Henley: »Views and reviews in appreciation«. Mit Italien [* 8] hat sich William Vernon beschäftigt in »Readings on the Purgatorio of Dante«, mit Indien Georg Grierson durch das sehr eingehende Werk: »The modern vernacular literature of Hindustan«. Während Garcin de Tassy, der ein langes Leben mit Entzifferung von verworrenen Handschriften und Vorlesungen über Urdu und Hindi verbrachte, nur 70 hindische Schriftsteller aufzählen konnte, hat Grierson das Dasein von nahezu 1000 entdeckt, und diese Zahl begreift noch nicht die große Masse von Liedern und Balladen, die im Volke umgehen, und deren Verfasser unbekannt sind.
Biographie.
Viele der nachfolgend verzeichneten Bücher sind als Teile der oben erwähnten Sammelwerke erschienen. Nur wenige gehen bis zum 17. Jahrhundert zurück, und sie werden zahlreicher in dem Maße, als wir unsern Tagen nahen. Fräul. Bradley beschäftigt sich mit einem bedauernswerten Opfer der herzlosen Familienpolitik Jakobs I., in dem »Life of Lady Arabella Stuart«, in welchem sie bisher ungedruckte Urkunden zu Tage fördert. Reginald Palgrave erörtert von neuem eine Streitfrage, die abgethan schien, in »Oliver Cromwell, an appreciation based on contemporary evidence«.
Vom königfreundlichen Standpunkt aus tritt er der wesentlich günstigen Auffassung entgegen, welche durch Carlyle die frühere Verketzerung des großen Staatsmannes abgelöst hat. Dagegen bringt F. Harrison in »Twelve eminent statesmen« ein Leben Cromwells, voll des Lobes. Richard Garnetts »Milton« schließt sich seinem Carlyle und Emerson würdig an. In das 18. Jahrh. treten wir ein mit »Locke« von Professor Fraser, »Peterborough« von William Stebbing, »Lord Clive« von Oberst Wilson, »Dupleix« von Oberst Malleson, der auch einen »Akbar« herausgibt, »Warren Hastings« von Sir Alfred Lyall, einem hochverdienten englischen Staatsmann. Hierher gehören auch die von dem nunmehr verstorbenen Lord Carnarvon veröffentlichten Briefe Chesterfields: »Letters to his god-son and successor«, die sich den schon seit dem vorigen Jahrhundert bekannten, einst übermäßig bewunderten wie übermäßig verlachten Briefen an seinen Sohn anschließen;
diese neue Briefsammlung stellt den Verfasser jedenfalls in ein günstigeres Licht; [* 9]
sie gehören einem spätern Lebensalter an.
Wir nähern uns unsern Tagen mit einem merkwürdigen Buche, welches eine bisher ganz unbekannte, lange Jahre dauernde Episode aus dem Leben Wellingtons vorführt: »The letters of the Duke of Wellington to Miss J., 1834/51«. Diese sehr religiös gestimmte Frau hatte sich vorgenommen, die Seele des bereits nicht mehr jungen Soldaten und Staatsmannes zu retten, und drängte sich ihm zu diesem Zwecke auf, indem sie ihm eine zarte Ergebenheit an den Tag legte, die von weiblicher Gefallsucht nicht frei war, und es ist sehr merkwürdig, mit wie großem Langmut der Herzog diese Herzensfreundin bis ganz kurz vor seinem Tode behandelte, da selbst Versuche, dem alten Herrn ein Eheversprechen abzugewinnen, der eifrigen Sorge um sein Seelenheil nicht ganz fremd blieben.
Briefe und Tagebuch sind von einem gewissen Herrick herausgegeben; die Urschriften scheint indessen niemand gesehen zu haben. Handelt es sich um eine Erfindung, was doch nicht behauptet wird, so ist sie höchst geschickt. Das »Life of the Marquis of Dalhousie«, Vizekönigs von Indien, ist von Hauptmann Trotter, das des Generals »Havelock« von Archibald Forbes behandelt, der wohl in seinen Kriegsberichten von 1870/71 und 1877/78 glücklicher war. In sehr eingehender Weise hat Spencer Walpole »The life of Lord John Russell« geschrieben; ihm stellte Königin Viktoria drei Manuskriptbände von Briefen zur Verfügung, welche der einst vielgefeierte Staatsmann an sie gerichtet.
Lloyd Sanders gab »Lord Melbourne's papers« heraus, dessen Leben auch von Henry Dunckley geschrieben wurde, einem Schriftsteller, der häufig unter dem Namen Verax vor das Publikum getreten ist. Von andern britischen Premierministern sind Lebensschilderungen erschienen: »Beaconsfield« von dem alten J. A. ^[James Anthony] Froude (während der viel jüngere Lord Rowton, dem der sterbende Staatsmann seine Papiere anvertraut hat, mit seiner Arbeit zurückhält);
»Palmerston« vom Marquis von Lorne, dem Schwiegersohn der Königin;
»Sir Robert Peel« von dem irischen Agitator Justin Mac Carthy;
»Gladstone« von G. W. Englische Russell. Diese letzten fünf Bücher bilden den Anfang einer Folge, in welcher noch Russell, Aberdeen, [* 10] Salisbury und Derby demnächst erscheinen werden. Des letztern (Vater des jetzigen Lord Derby) Leben ist auch von J. E. ^[richtig: T.
Englische für Thomas Edward] Kebbel geschrieben. Das Leben des Lord Althorpe wurde von dem auch auf andern Gebieten rührigen Ernest Myers dargestellt. Von ausländischen Staatsmännern wurde »Gambetta« von Frank Marzials vorgeführt.
Der 1886 verstorbene Mitgründer des englischen Genossenschaftswesens, Lloyd Jones, hat uns in »Robert Owen, his life, times and labours« ein merkwürdiges Zeitbild und mit der Feder eines Bewunderers das Leben eines für das Gemeinwohl begeisterten Mannes geschildert, der die Charakterzüge des Schwärmers mit denen des Geschäftsmannes zu verbinden wußte. »The diaries of Sir Moses and Lady Montefiore« zeigen uns ein freundliches Bild des 1885 verstorbenen jüdischen Philanthropen, der hochgeehrt das 100. Lebensjahr in unermüdlichem Wohlthun überschritt. In »Leaves of a life« erzählt Montagu Williams, erst Soldat, dann sehr rühriger Rechtsanwalt, endlich Richter, seine eigne Laufbahn, mit vielen interessanten Mitteilungen aus der Verbrecherwelt.
Moncure Conway, ein Amerikaner, der den größten Teil seines thätigen Lebens in England verbracht hat, gibt uns in »Hawthorne« das Bild eines Landsmannes, das günstiger für den Schilderer als ¶