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Alexander von Humboldt musste 1799 noch draussen bleiben. Das lag einerseits daran, dass er unter explizitem Schutz des spanischen Königshofs nach Südamerika reiste, wo die Spannungen zwischen spanischen und portugiesischen Kolonien noch durchaus spürbar waren; andererseits war Brasilien zum Zeitpunkt der Reise Alexander von Humboldts (1799-1804) ein für alle Fremden – also alle Nicht-Portugiesen – hermetisch abgeschottetes Land. Zu gross war die Angst im Mutterland, jemand könnte die Kolonie und vor allem deren für Portugal äusserst wichtigen Bodenschätze ausspionieren und / oder Edelsteine und -metall ausser Landes schmuggeln. Schon 15 Jahre später war alles anders. Der portugiesische Königshof hatte, auf der Flucht vor Napoléon, seinen Sitz von Lissabon nach Rio de Janeiro verlagert und Brasilien und Portugal für gleichberechtigt erklärt. Parallel zur Flucht seines Königshofs hatte sich Portugal auch unter den Schutz Grossbritanniens begeben, und eine Öffnung der brasilianischen Grenzen war Teil der englischen Forderungen, die Portugal als Gegenleistung zu erfüllen hatte. So stieg – unter anderem – der Zufluss von Naturforschern an. Darunter natürlich viele Engländer, aber auch Deutsche, die die Lücke, die Alexander von Humboldt noch lassen musste, ausfüllen wollten.
Einer dieser Deutschen, und zu seiner Zeit der bekannteste, war Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied. Ursprünglich Offizier in einer der gegen Napoléon auf die Beine gestellten deutschen Armeen, folgte er nach seinem Abschied 1814 seinen persönlichen Interessen: 1815 landete er in Rio de Janeiro und reiste dann – der Ostküste entlang, wie er es formuliert – nach Norden, bis Bahia (São Salvador da Bahia de Todos os Santos). Das bedeutete damals noch eine Reise durch südamerikanischen Dschungel, durch ein Gebiet von (den weissen Eindringlingen gegenüber nicht immer freundlich gesinnten) Indern, wie sie Maximilian nennt. Die Portugiesen im Land, die Maximilian und seine deutschen Begleiter oft für Briten hielten, benahmen sich den vermeintlichen Vertretern der neuen Schutzmacht gegenüber oft ebenfalls hostil.
Zu Maximilians Begleitern gehörte zu Beginn auch noch Friedrich Sellow, der später unabhängig von ihm ins Interior abbiegen sollte. Ähnlich wie beim grossen und explizit anerkannten Vorbild Alexander von Humboldt kann man auch bei Maximilian sehen, wie sich das rein biologische Interesse langsam aufs Ethnologische verlagert. Zwar werden bis zum Schluss, wie damals auf naturwissenschaftlichen Forschungreisen üblich, kiloweise Tiere geschossen und in Spiritus gelegt oder deren Fell abgezogen und präpariert, damit man es später in der Heimat ausstopfen lassen kann, und seine Jäger machen einen grossen Teil seiner Tropa aus, der Gruppe von etwas über einem Dutzend Menschen und etwa doppelt so vielen Maultieren, die sich langsam nach Norden bewegt. Aber die Einträge Maximilians betreffen immer mehr die originalen Sitten und Gebräuche der Eingeborenen. Er kauft sich, wie damals nicht unüblich, sogar einen Indio und versucht dessen Sprache zu erforschen. (Den Indio nimmt er übrigens sogar mit nach Deutschland, wo er, bis zu seinem – des Indio – Tod, als persönlicher Kammerdiener fungierte.)
Heute kennt man Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied kaum noch. Mag sein, das ist – wie der Herausgeber meines Bandes spekuliert – weil er sein Licht allzu sehr unter den Scheffel gestellt hat, sich allzu sehr als Nachfolger Alexander von Humboldts stilisiert hat. Mit dem hatte er übrigens nicht nur sein Interesse an Südamerika gemeinsam; gemeinsam war beiden auch, dass sie ihre Expeditionen aus eigener Tasche finanzierten. Und beiden war gemeinsam, dass sie nach der südamerikanischen noch eine andere Expedition ausführten: Was für Alexander von Humboldt die Reise nach Sibirien war, war für den Prinzen zu Wied-Neuwied eine Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834 (wie der Titel dieses Reiseberichts lautete), auf der er vor allem die Gegend des oberen Missouri erforschte. 1832 waren seine Ziele rein völkerkundlich, und er brachte viele Erkenntnisse über Leben und Sitten der dort ansässigen Indianer mit – inklusive einer lebenslangen Freundschaft mit einem Indianerhäuptling. (Hat Karl May Maximilians Reisebericht gelesen? Sein Winnetou könnte hier eines seiner realen Vorbilder haben.)
2015 erschien in der Anderen Bibliothek, herausgegeben vom uns auch schon bekannten Matthias Glaubrecht, ein stattlicher Folioband (rund 600 Seiten) mit dem gesamten Text Maximilians und dessen eigenen Zeichnungen sowie den seinerzeit der Erstausgabe beigefügten Illustrationen. Maximilians Zeichnungen zeigen zwar den Amateur recht deutlich, sind aber dennoch wahrhafter als die geschönten und dem künstlerischen Geschmack der Zeit angepassten Illustrationen, die später irgendwelche professionellen Graveure daraus machten.
In dieser Ausgabe ist Maximilians Bericht über seine Expedition in eine Welt, die schon zu seinen Lebzeiten untergehen sollte, für jeden Bibliophilen und Liebhaber von alten Reiseberichten Pflicht.