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Das erste Mal begegnete ich ihr in der Kantine in Begleitung von zwei männlichen Kollegen. Ihr Anblick verschlug mir die Sprache. Sie trug ein ärmelloses langes Kleid, der Blick streifte über ihre Oberarme, ihren Halsansatz, man ahnte ihren Busen, sie war gross und schön wie eine junge Königin. Wie konnte sie sich so weiblich, so offen anziehen in dieser Männerbastion. Mich schauderte, nie hätte man mich in solchen Kleidern in dieses Haus gebracht. Wir wechselten ein paar Worte, ihr Bild ging mir nach.
Dann machten wir ein Verkaufstraining zusammen. Man untersuchte Videoaufnahmen von sich selber. Es ging nahe ran an die Persönlichkeit; einmal heulte ich, einmal jemand anders, es war belastend und lehrreich. Brigitta kam nie an den Rand, es gab wenig an ihr zu kritisieren. Sie war aufmerksam, schnell, ausgewogen. Manchmal gab es gute Grossaufnahmen von ihr.
Ich selber hatte mich noch nicht oft auf Video betrachtet. Ich war fasziniert und schämte mich gleichzeitig. Manchmal verlor ich den Faden, manchmal hörte ich den Kunden zu lange zu. Sie nannten mich Colombo. Ich wusste nicht einmal, wer das ist.
Dann sah ich sie längere Zeit nicht. Ich hätte sie gern besser kennen gelernt, war frei und offen für alle möglichen Bekanntschaften. Ein einziges Mal trafen wir uns zum Mittagessen, sie kaute etwas abwesend an ihrer Pizza und redete über ihren Mann, der sie nicht verstand, sie beklagte sich. Sie redete wie zu einer Freundin, ich wunderte mich.
Dann kam ein Frühling und ein Sommer und ich verliebte mich in einen Bekannten von ihr. Der war eben daran sich von seiner Frau zu trennen, ständig auf Achse, arbeitete hundertfünfzig Prozent und erzählte frank und frei von seinen Schwierigkeiten. Selbstverständlich bestärkte ich ihn darin sich zu trennen. Wir liessen uns nicht lange Zeit, gingen nachts spazieren, schwimmen im Mondschein, er übernachtete bei mir, keusch auf der zweiten Matratze. Danach unkeusch verliebt. Ich schrie lange, als wir das erste Mal miteinander schliefen. Ich hatte es lange nicht mehr mit einem Mann gemacht, in den ich verliebt war.
Sie war unsere erste gemeinsame Bekannte, ein bisschen unsere Verbündete.
Das war, als es ihr schlecht ging. Ihr Mann, der sie nicht verstanden hatte, lief ihr davon, sozusagen über Nacht. Der Schock machte sie gerade und klar. Wir hatten manche Abende zu dritt, assen und diskutierten. Alles war in Bewegung, jeder Tag verlangte Entscheidungen, wir rangen um die Begründungen. Mein neuer Freund krachte sich mit seiner Noch-Frau. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie ein altes Haus gekauft und steckten mitten im Umbau. Wer durfte bleiben? Wer zahlte wem was? Doch dann begann er, Wohnungen zu besichtigen.
Mit einer alten Freundin fuhr ich in die Berge ins Haus, das ich von meinen Eltern geerbt hatte. Es schneite zum ersten Mal. Wir feuerten den Holzofen ein und frühstückten im Bett. Ich hatte ruhige, nachdenkliche Tage, meine Liebe liess ich in der Stadt. Noch war ich frei.
Zurück trafen wir uns mit meinem Neuen und Brigitta, die miteinander im Kino gewesen waren. Seine Hand lag auf der Lehne der Bank, auf der sie beide sassen, zu nahe an Brigitta, mir wurde heiss. Der Kopf sagte, mach keinen Aufstand, der Bauch schrie, mein Neuer will was von Brigitta, ich sehe es genau, wie demütigend. Brigitta, in ihrem Single-Dasein angekommen, war sanft, freundlich, klug. Die Männer standen Schlange. Ich riss mich zusammen und schimpfte später bei meiner Freundin. Sie warnte mich trocken, mit Eifersucht kannst du ziemlich viel kaputtmachen.
Aber mein Neuer gab mir meine Ruhe zurück, er liebte nur mich und beschloss, das realisierte ich erst später, nicht mehr mit Brigitta auszugehen. Damit hörten bald auch die intensiven Abende zu dritt auf.
Brigitta verschonte ich sowohl mit Lobgesängen auf meinen Liebsten, denn sie war unglücklich allein. Stattdessen lieh ich ihr mein Ohr und wärmte sie mit Mitgefühl, schliesslich war ich eben erst dem Single-Dasein entronnen und wusste noch bestens, wie sich leere Agenden und Feiertage allein anfühlen. Sie war schön und begabt, die Zeit würde kommen, wo sie den Richtigen kennen lernen würde, ihr Verflossener war einfach dumm.
Manchmal lud ich Leute in die Berge ein und Brigitta kam auch mit.
Wir streiften durch Wälder und Wiesen, erzählten uns Geschichten. Ich hatte mir ein Fernrohr gekauft und beobachtete die Falken, die in der Felswand am Dorfausgang nisteten. Wir sammelten Pilze und wuschen unseren Silberschmuck im Sand des Bergbaches.
Einmal massierte ich ihr den Rücken, während ein Gewitter über uns tobte. Zufrieden schnurrte sie, mein nächster Mann, sag ich dir, der besucht einen Massagekurs. Unsere Leben verflochten sich.
Im Frühling ging Brigittas Scheidung über die Bühne. Ich wohnte seit Kurzem mit meinem Neuen; da war es mitunter auch ungemütlich. Seine Frau, beleidigt, weil er sich so schnell getröstet hatte, verzögerte die Scheidung, rief unter Vorwänden oft an. Dann verschwand er mit dem Telefon für Stunden und nachher stritten wir uns. Sie kämpften erbittert gegeneinander um ihren Besitz und um ihre Vergangenheit. Aber ich, ich fühlte mich leicht. An freien Tagen zogen er und ich durch die Stadt und die Berge. Ich malte nebenbei und er mochte meine Bilder. Wir diskutierten uns quer durch Politik und Wissenschaft. Ich zog seinen Geruch und sein Wesen ein und er machte alle bisherigen Entbehrungen in meinem Leben gut. Ich wurde eine einzige grosse Blüte in seiner Nähe.
Mein Bekanntenkreis schrumpfte wieder und beruflich kam mir jeglicher Ehrgeiz abhanden.
Als ich einige Bilder ausstellte, half mir Brigitta beim Aufhängen. Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, arbeiteten, kochten, redeten und rauchten auf dem Balkon. Sie erzählte von einer Bekannten, mit der sie ein paar Tage in Paris gewesen war. Diese hatte keine einzige Nacht im gemeinsamen Hotelzimmer verbracht und sie aufgefordert, es ihr gleich zu tun.
Ich hörte ihr zu. Schnellen Sex verabscheute sie, aber der Richtige liess auf sich warten.
Zu meinen Bildern sagte sie wenig. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es Konkurrenz zwischen uns gab. Ich freute mich über ihre Erfolge, lobte ihre Klamotten, zählte ihre Verehrer und bewunderte sie laut für ihre beruflichen Fähigkeiten. Sie wurde geschätzt und gefördert in der Firma, konnte gut auftreten. Sie übernahm, zuerst zweifelnd, grössere Projekte.
Aber sie wurde auch schnippisch. Manchmal zog sie über andere her, über Frauen im Betrieb, über Männer, die etwas von ihr wollten. Man kam nicht an sie heran, aber sie riss das Gespräch an sich, war unzufrieden, missgünstig. Einmal verhedderten wir uns heillos in eine Diskussion über Verkaufspsychologie. Die anderen am Tisch verstummten nach und nach. Ich mochte nicht nachgeben, sie liess sich nicht überzeugen. Ich schämte mich, besonders vor den Männern. Immer muss sie die Erste sein, schimpfte ich auf dem Weg nach Hause für mich.
Mein Freund und ich planten zusammen mit anderen einen längeren Urlaub in Afrika und luden sie ein, auch mit uns zu fahren. Sie wand sich, liess auf eine Entscheidung warten. Ich hatte das ungenaue Gefühl, dass wir sie nicht mehr interessierten.
Schliesslich schlug sie ein Gespräch zu zweit vor.
Sie kam also nicht mit.
Wir redeten zwei Stunden und danach war alles im Nebel.
Wir versprachen unsere Freundschaft zu erneuern, aber nie habe ich Reden so nutzlos erlebt. Ich war verwirrt. Wir trafen uns nicht mehr zu zweit. Kleine Dinge bekamen grosse Bedeutung, wen küsste sie zuerst, was für Blumen brachte ich ihr mit. Wir rührten nichts an, spielten Normalität. Mir blieb unklar, was mit uns passierte, aber Fragen war unmöglich geworden. Ich beschloss zu warten.
Eines Tages schrieb sie mir, sie habe vor kurzem die Ex-Frau meines Freundes kennen gelernt, ob das ein Problem sei für mich, sie sei sehr nett. Das war ein Schlag in die Magengegend, ich erkannte das Gefühl wieder, heulen half nichts. Als ich das letzte Mal verlassen worden war, war ich einen ganzen Monat lang in diesem Zustand herumgelaufen; jetzt dauerte es nur ein Wochenende lang. Ich schrieb ihr, ich würde auf den Kontakt mit ihr verzichten.
Nur selten höre ich noch von ihr, unsere Firma ist gross. Brigitta macht sich einen Namen, erklettert Karrierestufen, ist schön und begehrt wie je. Aber jedes Mal ärgert es mich masslos.