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«Wir waren die Servale, die Löwen; die uns ersetzen, werden die Schakälchen sein, die Hyänen; und wir allesamt, Servale, Schakale und Schafe, werden uns weiterhin für das Salz der Erde halten.» Dies ist nur eines von vielen markanten Zitaten aus dem Mund von Prinz Don Fabrizio Salina, dem Protagonisten von Guiseppe Tomasi di Lampedusas Abgesang auf die italienische Aristokratie.
Lediglich fünf Jahre nach Erscheinen von Tomasis einzigem, seine eigene Familiengeschichte aufarbeitenden Roman IL GATTOPARDO kam die prachtvolle, an Originalschauplätzen gedrehte Verfilmung von Luchino Visconti in die Kinos, kongenial besetzt mit Burt Lancaster als Don Fabrizio, Alain Delon als dessen Neffe Tancredi und Claudia Cardinale als Tancredis Angebete Angelica Sedara.
Ursprünglich wollte Visconti den Film mit klassischer Musik von Massenet, Wagner und Gounod bestücken, wandte sich dann aber an Nino Rota, mit dem er in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet hatte. Als der Komponist während eines Brainstormings begann, Themen einer 1947 begonnenen, aber noch unvollendeten Sinfonie zu spielen, war Visconti sofort Feuer und Flamme, beschwor die Musik doch genau die Atmosphäre herauf, die ihm für den Film vorschwebte.
Rota beschränkte sich für die Adaption indes auf die zweite Hälfte seiner im Geiste der Romantik geschriebenen Sinfonie, da sich gerade die Themen des dritten und vierten Satzes als ideale Begleiter für Story, Epoche, Ereignisse und Personen erwiesen. Im Falle des dritten Satzes sind dies ein nachdenkliches, Anzeichen von Resignation aufweisendes und deshalb geradezu für Don Fabrizio massgeschneidertes Thema sowie ein besonders bei Streichern und Holzbläsern bestens aufgehobenes, lyrisches Thema voller Wärme und Wehmut, das sowohl für die Gefühle der Menschen zueinander steht wie für ihre Liebe zum Leben, zu Land, zu einer Lebensart, die dem Untergang geweiht ist. Aus dem vierten Satz stammt ein ebenso leidenschaftliches wie ruheloses, vorwärtsdrängendes Thema, das die dramatischen Anforderungen bestens erfüllt. Diese Themen funktionieren auch ohne fundamentale Bearbeitung ausgezeichnet, ab und an übernimmt Rota sogar ganze Passagen aus der Sinfonie.
Der Score enthält aber auch Elemente, die nicht aus der Sinfonie stammen. So schrieb Rota für die Eröffnung der «Titoli» ein schicksalschweres Motiv, von Italo Delle Cese stammt der spielerisch wirkende «Marcetta imbarazzata» und Felice Montagnini Di Mirabella steuert mit «Amore e ambizione» ein Stück bei, das sich nahtlos in Rotas Kompositionen einfügt. Die ausgedehnte, für ein reduziertes Orchester aus Streichern, Holzbläsern und Klavier geschriebene Ball-Sequenz am Schluss des Films war damals für eine besondere Überraschung besorgt. Sie enthält nämlich mit «Valzer brillante» ein bis dahin unbekanntes Werk von Giuseppe Verdi, das ein Freund von Visconti aufgestöbert hatte, und um das herum Rota nebst einem eigenen Walzer weitere Tanzstücke wie Mazurka, Polka und Galopp gruppiert.
IL GATTOPARDO erfuhr im Laufe der Jahre ein paar Veröffentlichungen unterschiedlichen Inhalts, letztlich hat sich aber Rotas bevorzugtes Programm ‒ erstmals 1979 erschienen ‒ durchgesetzt. Verglichen damit weist der nun erschienene, komplette Score rund 16 Minuten mehr Musik auf. Formal kann er zwar nicht mit der vertrauten Version mithalten, die den dramatischen Part in drei längere Tracks zusammenfasst und ihn damit quasi wieder in den Status eines Konzertwerkes zurücksetzt. Das macht er aber mit einigen hörenswerten Variationen der Hauptthemen, die das Stimmungs-Spektrum durchaus zu erweitern vermögen ‒ wieder wett. Und da auf der Doppel-CD nebst der Komplettfassung auch besagter LP-Schnitt mit drauf ist, haben wir sowieso eine Win-win-Situation.
Nebst dem in Mono präsentierten Filmscore und dem in Stereo erklingenden Soundtrack-Album gibt es eine ganze Reihe Bonustracks, darunter gleich zwei Alternates von Verdis Walzer sowie eine gekürzte, allerdings nicht verwendete Version von Tschaikowskys CAPRICCIO ITALIAN. Damit bleiben bei dieser optisch gediegenden Quartet-Veröffentlichung keine Wünsche offen. Die Musik zu IL GATTOPARDO spielt fraglos in der Königsklasse von Rotas Filmschaffen und beschwört (ebenso wie Giuseppe Rotunnos sonnendurchtränkte Bilder) ein Sizilien herauf, das sich bei so manchem Hörer zu einem Sehnsuchtsort manifestieren dürfte.
Rotas Sinfonie wurde übrigens 1972 als SINFONIA SOPRA UNA CANZONA D’AMORE uraufgeführt und ist ein bedeutendes Bindeglied zwischen seinem Konzert- und Filmschaffen. Nebst IL GATTOPARDO bediente sich der Komponist auch für THE GLASS MOUNTAIN (1949) daraus, während im umgekehrten Fall Themen aus LA DONNA DELLA MONTAGNA (1944) Eingang in das Werk fanden.
Andi, 20.7.2018
IL GATTOPARDO Quartet Records QR327 CD 1 66:03 Min. / 33 Tracks CD 2 64:50 Min. / 22 Tracks Limitiert auf 2000 Stk.