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Links und Rechts des Rheins – mitten in der Pandemie: Die Spanische Grippe, die Schweiz und der Kanton Übrig 1918/19
Von den grossen nationalen Geschichtsnarrativen weitgehend unbeachtet vollzog sich am Ende des Ersten Weltkrieges so mancher Wandel, der über Jahrhunderte etablierte nationalstaatliche Diskurse und damit verbundenen Grenzen hinterfragte. An der seit zumindest der Mitte des 19. Jahrhunderts unbestrittenen Ostgrenze der Schweiz zur Habsburgermonarchie formierte sich im Gefolge von deren Zusammenbruch eine Bewegung, welche das Ziel hatte, das im November 1918 deklarierte selbständige Land Vorarlberg an die Schweiz anzuschliessen. Aus dieser Schweiz war im Sommer 1918 die bis dahin tödlichste Seuche der Neuzeit nach Vorarlberg eingeschleppt worden. Die k.u.k. Behörden hatten auf diese Gefahr im letzten Kriegssommer mit einer sektorenweise verhängten Grenzschliessung reagiert. Nach einer Testreihe durch einen aus Prag angereisten Virologen wurde die Sperre nach wenigen Tagen wieder aufgehoben und auch in republikanischer Zeit, als die Seuche ihre heftigste Ausbreitung in Vorarlberg hatte, nicht wieder aufgenommen.
Die vorliegende Präsentation untersucht mittels einer mediendiskursiven Analyse aus dem Winter 1918/19 das Bild einer möglichen neuen staatlichen Heimat Vorarlbergs als 23. Kanton der Schweiz vor der realen Bedrohung einer Pandemie. Sie fragt danach, wie die veröffentlichte Meinung den Widerspruch zwischen politischer Hoffnung und gesundheitlicher Gefahr aufzulösen suchte. Zudem untersucht sie die Mortalität und Morbidität dieser Seuchenmonate in ausgewählten Teilen des neuen österreichischen Landes und kontrastiert diese mit der Entwicklung vergleichbarer Regionen in der Schweiz. Zuletzt fragt die Präsentation danach, inwiefern umweltgeschichtliche Faktoren wie der gemeinsame Kultur- und Siedlungsraum Rheintal ein gemeinsames Agieren in der Pandemiebekämpfung ermöglicht hätte. So thematisiert sie gesundheitliche Aspekte einer transnationalen Umweltgeschichte an der helvetisch-österreichischen Grenze vom Sommer 1918 bis in den Winter 1919.