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Zivilisation ohne Buchhaltung
Im Amazonas lebt der Stamm der Pirahã, berühmt geworden durch ihre aussergewöhnlich reduzierte Sprache. Sie kennt nur zehn Laute (Phoneme) und benennt keine Farben, sondern nur hell und dunkel. Sie kennt auch keine Zahlen oder Zeitangaben. Vor allem ist die Sprache nicht rekursiv («X sagte, dass Y dachte, dass Z wollte, dass…»), was es schwierig macht, komplexere Sachverhalte zu kommunizieren.
Warum ist dies so wichtig? Die Erforschung dieser Sprache zeigte, dass eine feature-rich-Sprache keine angeborene Fähigkeit ist, die genetisch vererbt wird, wie es Darwin vermutete. Sondern ein Artefakt, das wir uns selber basteln wie andere Werkzeuge. Es ist ein mächtiges Werkzeug, denn wenn wir die Dinge benennen können, können wir über sie nachdenken, Pläne formen und sie aneignen.
Die Pirahã schienen ähnlich zu denken, denn sie forderten die Linguisten auf, ihnen das Zählen beizubringen. Auch weil sie den Verdacht hatten, von ihren Nachbarstämmen beim Handeln übers Ohr gehauen zu werden. Nach ein paar Monaten gaben sie das Zahlen lernen wieder auf. Ihre Zivilisation hat ja lange genug ohne Buchhaltung funktioniert.
«Words are artifacts, and until man had speech, he couldn’t create any other artifacts, whether it was a slingshot or an iPhone or the tango.»
- Tom Wolfe, Kingdom of Speech