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seit mehr als einem halben jahrhundert schreibe ich meine texte in kleinschreibung, also ohne verwendung von großbuchstaben, und es hat mir noch niemand vorwerfen können, dass deswegen etwas missverstanden worden sei. schrift ist der versuch, rede festzuhalten. großbuchstaben tragen nichts bei, wenn es darum geht, den ton aufzuzeichnen. warum sollen wir also so viel mühe aufwenden für die beehrung von ‚hauptwörtern‘, für die es keinen logischen grund gibt?
es bestehen in der rechtschreibung noch genug andere probleme, mit denen lernende belastet werden. die übrigen orthographischen nuancen sind fast alle akustisch bedingt, sind durch den klang der wörter vorgegeben. (‚alle‘ sind nicht ‚aale‘ und ‚alle‘ ist nicht eine ‚allee‘.) mit den protzigen großbuchstaben dagegen soll bloß noch der konvention genüge getan werden. (dass sie sich so alle zwanzig jahre wieder ändert, diese konvention, zeigt ja nur, wie willkürlich sie ist. wer muss etwa nicht zum duden greifen, wenn er schreiben will ‚des weiteren‘?) dass ohne großbuchstaben die verständlichkeit nicht leidet, zeigt sich in der stenographie, zeigt sich beim telegramm, zeigt sich seit 1838 mit der morseschrift. auch die mündliche rede – man kann es kaum glauben – kommt ohne großbuchstaben aus! wenn ich gelegentlich zu hören bekomme, es mache mühe, texte ohne großbuchstaben zu lesen, es sei ungewohnt, so muss ich entgegnen: innert drei wochen kann sich jede und jeder diese gewohnheit aneignen und merkt es dann gar nicht mehr, wenn die großbuchstaben fehlen.
noch ein wort zur sogenannt gemäßigten kleinschreibung, mit der wir uns an die übrigen europäischen sprachen angleichen würden. nur die eigennamen auszuzeichnen brächte keine vereinfachung: die regeln für die großbuchstaben etwa in der französischen anleitung für schriftsetzer füllen sogar doppelt so viele buchseiten wie im deutschen. auch ist die trennlinie ebenso willkürlich. oder wissen sie, welche (4) wörter im folgenden satz groß geschrieben würden: «notre conseillère fédérale simonetta sommaruga était présidente de la confédération suisse en 2015»?
bleibt noch der großbuchstabe beim satzanfang, der auf die initialen der wunderschönen mittelalterlichen handschriften zurückgeht. groß nach dem punkt, das ist immerhin leicht zu begreifen. aber mich stört es, wenn ein wort das eine mal so und dann wieder anders geschrieben wird. mich stört es auch, wenn der punkt als zeichen für das ende des satzes nicht genügen soll.
dass meine konsequente kleinschreibung je zum allgemeinen gebrauch werden könnte, habe ich nie gehofft. gewohnheiten, die mit luther 1522 sporadisch begonnen hatten («Da verließ yhn der teuffel / und ſihe / da tratten die Engel zu yhm vnnd dieneten yhm») und die in der folgenden barockzeit inflationär erweitert wurden, lassen sich nur ganz schwer und nur in kleinsten schritten verändern.
sie sind mir, liebe leserin, lieber leser, trotz der ungewohnten konsequenten kleinschreibung so weit gefolgt. dafür danke ich ihnen.
Alfred Vogel,
29.6.2016, 115. Jahrgang, Nr. 181.
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