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Mont Dolent: der vergessene Grat
ont Dolent:
der vergessene Grat
Dominique Roulin, Croix-de-Rozon ( GE )
Die Pyramide des Mont Dolent schliesst im Hintergrund das Becken von Argentière, rechts die Arête de Pré de Bar.
75 Ich habe lange gebraucht, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, eine schöne Grattour könnte soviel wert sein wie eine berühmte Wand. Als ich ein junger Alpinist war, richteten sich meine Gedanken ausschliesslich auf Wände, bei denen stets nur eins wichtig war: ein Maximum an Schwierigkeiten. Alles andere kam von vornherein nicht in Frage. In jener Epoche war für mich eine Grattour, bei der man mehr Zeit damit zubrachte, Schlingen zu knüpfen und zu lösen, aufzusteigen und wieder abzusteigen, links und rechts zu suchen, als wirklich zu klettern in dem Sinn, wie ich als junger JOler es verstand, der Inbegriff äusserster Langeweile. Mein Gefühl betrogen zu werden erreichte seinen Höhepunkt, als eins unserer Idole, ein ( grosser Meisten, sich zu dieser Art des Bergsports ( erniedrigte ). Tatsächlich machte mich mein vollständiger Mangel an Erfahrung zum notwendigen der Topographie, des Geländes ungeeignet. Meine Unkenntnis auf diesem Gebiet reichte bis zu der sicheren Überzeugung, es gäbe keine schwierigen Grate. Eine schöne Kletterei konnte, über die Schwierigkeit hinaus, nur Wand oder Pfeiler bedeuten! Ich übertreibe kaum, wenn ich sage, dass wir damals fähig waren, einen Zeitplan am Bonatti-Pfeiler der Drus einzuhalten, aber ebenso auch, bei der Traversierung der Dentelles de Montmirail ein Biwak einzuschalten!
Zum Glück für mich durchlebte ich eine allmähliche Entwicklung ohne Probleme. Heute habe ich dank meines Berufs als Bergführer regelmässig Gelegenheit, diese Grate zu begehen, die ich früher so schlecht gemacht habe. Es kann jedoch vorkommen, dass diese Regelmässigkeit belastend wird; denn es gibt viele Grate, aber nicht alle sind vieler Wiederholungen würdig, wie sie der Beruf des Bergführers mit sich bringt.
Das Land des Erhabenen Einen schönen Grat zu ersteigen versetzt den Körper des Menschen in einen Zustand verzauberter Spannung, aus dem meist ein Gefühl grösster Verletzlichkeit erwächst, und manchmal ist ziemlich viel Mut nötig, um auf Auf der Höhe des verschneiten Sattels liegt schon ein weiter Weg hinter uns. Im Hintergrund der Argentière-Gletscher und ganz hinten der Buet den vereisten Platten durchzuhalten, über die man - zwischen Windböen - den schützenden Hafen erreichen will.
Der Traum wird Wirklichkeit, sobald man aus der Nacht herauskommt. Ein wenig weiter steigt der Grat an, hört aber nicht auf, schmaler zu werden. Sein Kamm ist jetzt felsig, es ist weiter sehr kalt. Durch die erhabene Atmosphäre, die ihre Kraft aus den Tiefen der Abgründe schöpft, wird man sich plötzlich der Dimensionen des Gebirges bewusst. Vorsichtig und schweigend geht es voran. Wieder tritt man auf Schnee. Die Neigung wird sanfter, und der letzte Abschnitt der Tour beginnt. Die Ängste legen sich und lassen zum Träumen verlockenden Augenblicken Raum. Dann, kurz vor dem leichten, sanften Gipfel, dringt man, wie von dem luftigen Gespräch der Sterne geführt, in die gewaltige Weite des Himmels ein.
Einen schönen Grat ersteigen heisst, seinen Körper in einen Zustand verzauberter Spannung zu versetzen. Einen Körper, der in einem ungewöhnlichen Land bescheiden geworden ist. Denn ein schöner Grat ist ein we- nig wie ein Blitzstrahl, der von einem Gletscher ausgeht und in halber Himmelshöhe anhält. Ein Zwischenspiel im Land des Erhabenen.
Der Dolent über den Nordgrat Anfang August hatte mich Pierre gefragt, ob ich für den Nordgrat des Mont Dolent sein Führer sein wolle. Für mich stellte sich die Frage gar nicht. Ich klettere gern mit ihm, und die gute Gelegenheit, diese Tour als verpflichteter Bergführer zu machen, hat mich sofort begeistert.
Wir sind also in der Nacht des 4. August aufgebrochen. Ich weiss nicht, woher Pierre die Idee zu dieser wenig bekannten Route genommen hat, aber seine Vorliebe für lange, kombinierte und wilde Routen liess das gewählte Ziel als perfekt und passend erscheinen.
Auf dem Argentière-Gletscher kündete nur das Geräusch unserer in den gefrorenen Harsch eindringenden Steigeisen von unserer Anwesenheit. Der Viertelmond machte es unnötig, die Stirnlampen zu benutzen, nur unsere leichten Schatten verrieten, wo wir uns befanden. Auf der Höhe des Nordostgrates der Courtes lenkten die unregelmässigen Strahlenbündel von den Lampen eines Kollegen und seiner beiden Gäste von Zeit zu Zeit meine Gedanken ab.
Den langen Argentière-Gletscher aufzusteigen ist selbst in einer mondlosen Nacht nicht schwierig. Es genügt, die Richtung einzuhalten, um nicht eine an sich schon bedeutende Strecke durch unnötige Schritte zu verlängern, und auf die wenigen da und dort verteilten Spalten zu achten. Der Mond umspielte die Gendarmen der Arête de Pré de Bar. Er verschwand endgültig hinter der Pointe du Domino, als ich begann, einen steilen Schneehang hinaufzusteigen. Die Situation hatte sich geändert. Auf den ruhigen ( Spaziergang ) über den Gletscher folgte nun ein äquilibristisches Kunststück, um zwei grosse Schrunde zu überwinden. Die schwarze Nacht verstärkte den Eindruck der Abgeschiedenheit, den der tiefe Grund des Beckens von Argentière hervorruft. Wanderer in der Nacht, waren wir zu früh bei den ersten Felsen der Brèche de l' Amône angekommen. Nach einigen ergebnislosen Versuchen, die Passage zu finden, hatte ich - zu Unrecht - zu zweifeln begonnen! Ich hielt es für klüger, den Tagesanbruch abzuwarten, um die vierhundert Meter Fels zu erklettern, die uns von der Brèche trennten.
( Der Aufstieg zur Brèche de l' Amône bietet keine besonderen Schwierigkeiten - maximal 4c -, wenn man die guten Passagen findet. Ich rate jedoch jenen, die nicht viel Übung im Klettern mit Stirnlampe haben, dringend, die Zeit für den Anweg so zu berechnen, dass sie bei Tagesanbruch die ersten Felsen erreichen. Man kann so, statt in einem heiklen Gelände umherzuirren, die Strecke bis zur Brèche schnell durchsteigen und sie zu einer noch durchaus vernünftigen Zeit erreichen. ) Langes Warten. Und wenn es nie Tag wird?
Aber alles kommt wie es soll. Auch das Morgengrauen. ( Eine lange harte Tour>, hatte mir der Hüttenwart des Refuge d' Argentière gesagt,
Pierre folgte mir schnell. Der Fels ist stellenweise vereist, was das Klettern nicht einfacher macht. Wir kamen jedoch weiter sehr sicher voran. Das Schauspiel hinter unserm Rücken war einzigartig: Die ersten Sonnenstrahlen hüllten die Nordwand des Triolet ein, während wir noch vom kalten Schatten der Westwand der Brèche umgeben waren. Weiter im Norden entdeckte der Blick eine vergoldete, von tausend Sternen glitzernde, irgendwie über den Gipfel der Aiguille Verte geworfene Decke; eine grossartige Inszenierung, der die Schatten der Couloirs noch Falten hinzufügten.
Einige Meter unterhalb der Brèche hatte sich der Charakter der Atmosphäre merkwürdig verändert. Als ich den Himmel betrachtete, konnte ich noch eine Art Spektrum bewundern, das durch die Sonne gebildet wurde, die begonnen hatte, in die kalte und monochrome Luft unseres Hangs einzudringen. Pierre war zu weit hinter mir, um es zu bemerken. Ich verharrte einen Augenblick unbeweglich in meinen Griffen und genoss diesen wunderbaren Augenblick.
Beim Austritt aus der Brèche war die Landschaft hinreissend. Die plötzliche Wärme hatte uns gegen eine Platte aus rotem Gestein gedrängt. Die Zeit stand still. Ein Gefühl der Einsamkeit beherrschte alle Gedanken. Unten, sehr weit in den Tiefen des Osthangs, der kleine von L' A Neuve. Etwas unterhalb unserer Füsse bildeten sich bereits kleine Schneerutsche, die ununterbrochen den Lawinenkegel am Fuss der Nordwand des Mont Dolent vergrösserten. An derselben Nordwand, zu unserer Rechten, Schnittstücke riesiger Séracs, die von der Zaubermacht der Schubkräfte modelliert wurden. Darüber der Schlusshang und der Gipfel. Die klaren, knappen und eindrucksvollen Linien des Mont Dolent lassen an die schönen Formen einer Parabel denken. Der Gipfel ist königlich. Sogar ein wenig herablassend! Ähnlich der Schnee-Eule, dem Nachtraubvogel, der am Tag schläft.
Weisse Dünen Wir waren gut ausgeruht, und es wurde Zeit, sich etwas weiter zu wagen. Auf einen scharfen felsigen Grat ist unsicheres Terrain aus Blöcken und bedrohlichen Schwarten gefolgt. Pierre ist gut an solche Hindernisse gewöhnt, und wir kommen nun noch schneller voran. Es muss gegen 9 Uhr morgens gewesen sein, als wir den verschneiten Teil des Grates erreichten. Er steigt nach einer heiklen Gratschneide etwa zwanzig Meter brüsk an und beginnt dann, sich in den schönen Rundungen einer makellosen Kuppe zu verlieren. Ein ziemlich heikler Abschnitt in Steigeisentechnik hat uns auf sie hinaufgeführt. Während meine Augen nach Norden gerichtet sind, wandern meine Gedanken bei diesem Anblick Tausende von Kilometern nach Süden. Ich bin in die Umgebung von El Goléa, in die algerische Wüste zurückgekehrt. Die Vollkommenheit der verschneiten Linien hat tief in mir Erinnerungen geweckt. Alle diese Formen waren den Sanddünen vergleichbar. Zahllose von der Sonne erwärmte, weich gezeichnete Arabesken; das Bild, das wir zu Füssen hatten, glich den Bildern in der Wüste. Kinder des Windes, vergängliche Zeichen, Sand und Schnee schaffen das Bild, das Wind und Sturm ihnen diktieren. Und diese kleinen heiklen Passagen, die wir überquert hatten, schienen uns so empfindlich, so wenig widerstandsfähig, dass wir Angst hatten, sie zu zerstören. Kleine vereiste Grate, so fein, dass man an die Haiku denkt, jene kleinen japanischen Dreizeiler, in denen so viel gesagt wird. Schliesslich: weisse Dünen - weisse Dünen, die uns Deserteure aufnehmen.
Der letzte Abschnitt Wir haben die Kuppe verlassen, und nach Überquerung eines Schrundes habe ich das kombinierte Gelände des Nordhangs in Angriff genommen. Ich meinte, dadurch die verschneiten Felsen des Grates geschickt vermeiden zu können. Es war nicht die beste Überlegung, und sehr schnell folgte schwierige und heikle Kletterei. Brüchiges Eis und faules Gestein zwangen mich zu doppelter Vorsicht. Die Bedingungen dieses steilen Hangs hätten den Einsatz eines zweiten Eis-gerätes gerechtfertigt; das hatte ich bewusst zu Hause gelassen. Obendrein war auch das Einrichten der Stände sehr schwierig. Ich erinnere mich, dass ich versucht habe, den Grat auf dem kürzesten Weg wieder zu erreichen, aber die Struktur des Geländes, die mich ständig nach links abdrängte, schloss diese Möglichkeit aus.
( Dieser Teil der Route ist bei normalem Wetter nicht schwieriger als der Rest der Tour. Natürlich rate ich von der von mir getroffenen Variante ab, zumindest, wenn die Verhältnisse nicht ausgezeichnet zu sein scheinen. Die Felsen der Gratschneide sind nicht schwierig, erfordern aber Vorsicht, weil sie instabil sind. Vor Gewittern muss man sich hüten! Die ganze Route ist ihnen stark ausgesetzt, und das Engagement in einem solchen Fall darf nicht unterschätzt werden. Eine gute Ausweichmöglichkeit scheint darin zu bestehen, dass man den grossen verschneiten Sattel der Nordwand am Fuss der I I letzten Steigung traversiert. Man kommt dann zur Arête Gallet, von wo aus es relativ einfach ist, an Höhe zu verlieren, indem man auf kürzestem Weg zum Glacier du Dolent absteigt. ) Wir gingen jetzt zusammen und hörten bald die Stimmen von Alpinisten auf dem Gipfel. Sie waren fast alle über die Arête Gallet aufgestiegen. Als Pierre und ich uns auf dem Gipfel umwendeten, um uns die zurückgelegte Distanz gut einzuprägen, waren wir aufs höchste erstaunt. Das Refuge d' Argentière schien uns sehr weit entfernt, fast als gehörte es zu einem andern Massiv.
Während ich mich ein wenig ausruhte, die Augen auf den Montblanc gerichtet, liess ich meine Gedanken schweifen. Ich fragte mich - und ich frage mich täglich mehr- nach den Gründen, die bewirken, dass manche Touren ohne besondere Ursachen in Vergessenheit geraten. Ich glaube nicht, dass es eine Frage der Mode ist. Schliesslich gibt es augenblicklich auch eine grosse Anzahl moderner Routen, die ebenso zunehmend seltener begangen werden. Alles spielt sich so ab, als begnügten sich Alpinisten und Kletterer heute mit
, Pierre knüllt die Verpackung eines letzten Bissens zusammen und reisst mich damit aus meinen Träumen. Der Weg bis nach La Fouly war noch lang, aber noch weiter bis nach Argentière, wo wir den Wagen gelassen hatten. Wir mussten also den Gipfel verlassen und auf der italienischen Seite absteigen. Wir sind dann lange durch den aufgeweichten Schnee bis in die Nähe des Biwak Fiorio gewatet. Die Combe des Fonds erstreckte sich über ihre ganze Länge, als wolle sie unsere schmerzenden Füsse noch mehr quälen. Dreizehn Stunden nachdem wir das Refuge d' Argentière verlassen hatten, kamen wir in La Fouly an. Instinktiv wendeten sich unsere Blicke wieder dem Dolent zu. Dort oben auf dem Grat konnte man einige Schneeschleier ausmachen, die von Windstössen aufgewirbelt wurden. So haben unsere Spuren nicht länger als die Zeit unserer Passage gedauert, die Zeit, um unsere Erinnerung durch einige zusätzliche, luftige Schritte unter dem Sternenhimmel zu bereichern.
Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern