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Mit einem S beginnt ihr Vorname eigentlich: Sadie Smith. Sie ist vierzehn, als sie beschliesst, den Buchstaben gegen ein Z einzutauschen. Ist das ein Statement? Oder nur eine Laune, eine kleine Kuriosität in der Biographie dieser britischen Autorin mit jamaikanischen Wurzeln? Das Z ist wohl mehr. Es verändert, es formt um, es simuliert – und führt damit in das Zentrum des neuen Romans.
Namensänderung und Rollenwechsel
Aus Keisha wird Natalie, Natalie Blake, die schwarze Anwältin, die während des Studiums den Namen ändert, um «weiss» zu wirken, jedenfalls mehr nach Mittelklasse als nach Sozialsiedlung zu klingen. Denn dort wächst sie auf, in Kilburn, London NW, dort plant sie den Aufstieg und ihren Rollenwechsel.
Aus London NW stammt auch die 38-jährige Autorin Zadie Smith selbst, die heute an der New York University Literatur unterrichtet. Aus London NW stammen alle Figuren dieses multiethnischen, multikulturellen Geschehens.
Vier Lebensläufe
Da ist Nathan, der Drogenhändler, Junkie und Zuhälter. Und da ist Felix, der ehemalige Drogenabhängige, der nun clean ist und bereit, sein Leben zu ändern. Da ist Leah Hanwell, Keishas Jugendfreundin, die im Viertel bleibt, weiss ist und zufrieden in ihrer bunten und abgerissenen Welt der Migranten. Es gibt Arbeit bei der Wohlfahrt und ein Sich-treiben-lassen auf dem Wellenschlag des Alltags, geschrieben ohne Kommas: «Ich bin achtzehn … und wenn ich nichts mache wenn ich mich einfach nur ganz ruhig verhalte dann ändert sich daran auch nichts und ich bleibe immer achtzehn. Für immer. Die Zeit steht still. Ich werde niemals sterben.»
Leah bleibt, wo sie ist – ein Mann, keine Kinder. Keisha/Natalie landet bei einem Investmentbanker in einem viktorianischen Haus in einer besseren Gegend der Hauptstadt. Zwei Kinder, Dinnerpartys, Ziele. Vier Figuren zwischen dreissig und vierzig, vier Lebensläufe, vier Entwürfe.
Wo bin ich?
«Wo bin ich?» scheint der Roman zu fragen. Wie wurde ich, was ich bin? Was ist Glück? Wo ist das «richtige» Leben? Zadie Smith gibt keine Antworten. Nur Fragen, falsche Fragen vielleicht. Und wenn sie etwas andeutet, sind die Antworten in den Ereignissen selbst, in den Figuren, in der Art, wie und wo sie leben, was sie sagen und tun. Alles ist in den Verhältnissen, in den Beziehungen zueinander. Ein gutes Ende nimmt das nicht. Natalies verplantes Leben scheitert, Felix wird erschossen, als er per Zufall in der U-Bahn in einen Streit gerät.
Kampf, Erschöpfung ziehen sich durch die Szenen, die von Klassenkampf in einer Klassengesellschaft nicht sprechen mögen. Natürlich nicht. Der Roman spielt zwischen der Lehman-Pleite 2008 und 2010. Das Finanzkapital wirft Schlaglichter auf die Seiten und macht Tempo. Stagnation gibt es eigentlich nur nach dem Aufstieg, in den penibel eingeteilten, nummerierten Kapiteln über Mrs. Blake. Bei Leah Hanwell geht alles schnell. Nicht immer ist klar, wer spricht, in ihren auf Timing gesetzten Dialogen. Die Interpunktion fehlt gelegentlich ganz. Schnell, schnell, alles fliesst. Strömung und Bewusstseinsstrom, wie bei Joyce oder Virginia Woolf. Verschiedene Leben, verschiedene Sprachen. Zadie Smith gelingt das.
Rückkehr zum grossen Erzählstoff
In den letzten Jahren hatte Smith lieber die Finger vom grossen Erzählstoff gelassen und etwas anderes geschrieben. Zeitungstexte und Essays, über Joni Mitchel und den Rapper Jay-Z, den Facebook-Film und die TV-Serie «The Wire». Jetzt ist sie zum Roman zurückgekehrt und zu ihrem eigenen Leben. Gut so.
Buchhinweis
Zadie Smith: «London NW». Aus dem Englischen von Tanja Handels, Kiepenheuer & Witsch 2014.