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Liebe Joëlle: Dank einer hilfreichen Grafik in der «NZZ am Sonntag» weiss ich jetzt besser Bescheid über den Feminismus. Danach gliedert er sich in Alt-Feminismus (1960–1989; Alice Schwarzer), Post-Feminismus (1990–2010; Riot Grrrls) und Neu-Feminismus (ab 2011; Beyoncé Knowles). Dabei fiel mir ein, dass ich dich noch nie als Feministin wahrgenommen habe. Liegt das daran, dass du keine bist? Und wenn doch: Wo müsste ich dich in den drei Feminismus-Hauptströmungen einordnen?
Lieber Herr Ramspeck
Ich frage mich, warum Sie denken, mich nie als Feministin wahrgenommen zu haben? Ich glaube aber, dass meine wenig sichtbare Anteilnahme am Feminismus mich nicht weniger zur Feministin macht. Ich glaube daran, dass in Respekt- und Wirtschaftsfragen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden dürfen. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Ich glaube aber an Geschlechterunterschiede und finde es okay, wenn eine Frau galanter behandelt wird als ein Mann. Und ich weigere mich, in jedem Verhalten, das ich erlebe, weil ich eine Frau bin, einen Angriff zu sehen. Ich bin gerne Frau und spiele diese Karte aus wie Männer die ihre. Jedes Geschlecht hat einen Schwachpunkt, und es ist in Ordnung, daraus Profit zu schlagen. Meinen Feminismus definiere ich so: Jede Frau muss für ihre Form des Frauseins respektiert werden. Sei es als Karriere- oder als Hausfrau. Als Frau, die gern Minirock oder lieber Kopftuch trägt. Als eine, die ihre Brüste gern nackt zeigt oder eine, die sich bedeckt hält. Eine, die politisch aktiv ist, oder eine, die das nicht möchte. Ich bin Feministin, weil ich an die freie Wahl glaube und daran, dass jede Frau erreichen kann, was sie will. Jeder Wahl gebührt Respekt. Alles können, nichts müssen.