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Seit Tagen hat es nicht mehr geregnet, der Himmel über dem flachen Land ist winterblass, die Sonne wärmt die Erde, nackt und weit. Wie Golfplätze leuchten wenige Felder in der braunen Wüste, Nahrungsschüssel der Welt. Der Ort Miguel Torres liegt im Herzen der feuchten Pampa Argentiniens, die berühmt ist für ihre fruchtbaren Böden und das zarte Fleisch der Rinder, die darauf weiden.
Pedro Torres hat graues Haar, kräftige Hände, auf dem Kopf die unvermeidliche Baskenmütze. Er ist der Urenkel von Miguel Torres, der, als er in die Gegend kam, noch gegen die Indianer kämpfte. Oder, um die Wahrheit zu sagen, unbedingt einen Indianer umbringen wollte.
Jetzt steht Pedro vor der Kirche, die sein Grossvater 1934 für die europäischen Einwanderer baute, denen er einen Teil seines Landes verpachtet hatte. Sie ist heute geschlossen. Das Backsteingebäude gegenüber der Eisenbahnstation, das als Kino diente, zerfallen. Pedro geht ein paar Schritte in Richtung des verlassenen Bahnhofs. Dort wohnt Rosanna Galarza, die Vizepräsidentin von Miguel Torres.
«Hast du gelesen?», fragt sie Pedro, «jetzt will China zehn Milliarden Dollar investieren, um das argentinische Eisenbahnnetz zu sanieren. Ich möchte bloss wissen, was mein Vater dazu gesagt hätte.» «Nur wegen der Soja», sagt Pedro Torres. «Die Soja macht die Welt verrückt», sagt Rosanna.
Die entscheidende Arbeit verrichten die Gentechniker im Labor. Agronomen untersuchen den Boden auf seine Beschaffenheit. Biochemiker berechnen die notwendige Menge an Dünger und Pestiziden. Spezialisierte Firmen besorgen Aussaat, Ernte und Transport. Auf 80 Prozent der Pampa, 60 Prozent der gesamten Agrarfläche Argentiniens wird Soja angepflanzt. 190 Millionen
«Meinem Urgrossvater, kamen moralische Zweifel. Aber Soja anzupflanzen, ist eine rein wirtschaftliche Entscheidung.»
Quadratkilometer, mehr als die Hälfte Deutschlands. Auch Pedro Torres macht Soja.
Seine Erinnerungen: Wie der Mais noch von Hand gepflückt wurde. Die Ausritte mit dem Grossvater und wie man überall auf Menschen traf, zu Fuss, im Einspänner, mit dem Ochsenkarren, der letzte Ford T, die ersten Traktoren. Heute ist das Land wieder menschenleer und eine Wüste, so wie es der Urgrossvater Miguel angetroffen hat.
Die Revolution begann in den neunziger Jahren mit der Einführung des pfluglosen Ackerbaus. Es ersparte Arbeitsgänge und verhinderte die Bodenerosion. 1996 erlaubte Argentinien den Einsatz einer Soja-Pflanze der Firma Monsanto, die gentechnisch resistent gemacht wurde gegen Glysophat, den Wirkstoff des Herbizids Roundup Ready. Glysophat baut sich rasch ab, ist weniger toxisch als andere Herbizide und tilgt als Universalmittel jedes Unkraut aus.
Das neue Technologiepaket machte den Ackerbau zu einem Kinderspiel. Ärzte, Architekten, Garagisten pachteten Land, zahlten einen Agronomen und teilten den Gewinn mit dem Landeigner. In einigen Gegenden hat das Unkraut Resistenzen entwickelt gegen das Glysophat, das von den enthusiastischen Pflanzern anfangs benützt wurde wie Wasser. Wo die Landbevölkerung den Pestiziden, vom Flugzeug aus versprüht, besonders ausgesetzt ist, beklagen Umweltschützer und Ärzte eine erhöhte Krebshäufigkeit.
Im Jahr 1991 war aufs Land zurückgekehrt, um dem Vater beim Bestellen der 400 Hektar Land zu helfen. Zuerst versuchten sie es mit einer Schafzucht und hofften, mit Fleisch und Wolle ein gutes Geschäft zu machen. Und 2001, mit dem Staatsbankrott Argentiniens, begannen die Torres, Soja anzupflanzen. Keine moralischen Zweifel, Pedro? «Meinem Urgrossvater», sagt Pedro Torres, «kamen moralische Zweifel. Aber Soja anzupflanzen», knurrt er und steht auf, «ist eine rein wirtschaftliche Entscheidung.»
Wieder fahren wir über weites Land unter blassblauem Himmel. Ein letzter staubiger Ackerweg, und dann sind wir am Ziel. Pedros Paradies. Ein Rinderpferch im weiten Land. Auch Freund Fernando Pinasco produziert Soja hier auf dem Gut Berabevu, aber auf einem Fünftel seines Landes baut er nach wie vor Mais an. Damit füttert er die Rinder. Und die brauchen die Männer jetzt, um ihrer Leidenschaft zu frönen: «La paleteada». Das ist die Art, wie zwei Reiter ohne Lasso ein Rind einfangen, das Schulterblatt ihrer Pferde von zwei Seiten gegen das fliehende Tier stemmen und es in die gewünschte Richtung führen. Pedros Vater gehörte zu den Leuten, welche die tägliche Arbeit der Rinderhirten zu einem Sport kultivierten.
Pedro reitet auf Perezosa, der Faulen. Die Hufe trommeln, Staub steigt zum Himmel, die Pferde arbeiten, die Reiter schwitzen, die Rinder ergeben sich.
«Ja», sagt Pedro Torres, «es ist heute möglich, die Saatmaschinen über Satelliten zu steuern und so zu programmieren, dass für jedes Mikroambiente auf dem Feld die am besten geeignete Gensoja-Varietät gesät wird. Aber das hier ist unsere Geschichte! Die Tradition der Gauchos, die Kultur der Landschaft. Das ist unser Erbe, und das müssen wir verteidigen.»
Die Pferde fressen ihr Futter aus entzweigeschnittenen und gereinigten Giftkanistern. Einige Zuschauer sind gekommen, Männer um die vierzig, die Mütze auf dem Kopf, ratlos, was die Zukunft anbelangt. «Wenn das Herbizid so gefährlich wäre, wie die sagen», verkündet Traktorfahrer Menna und schlürft die Mate-Kanne leer, «wäre ich schon lange tot.»
«Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, ob es gefährlich ist», wirft Pedro Torres ein. «Unschädlich für Mensch und Wasser, verkündet die Industrie. Wir wissen es nicht. Unsere Kinder werden es erfahren.»
Aus einem Thermoskrug giesst Menna heisses Wasser in die Mate-Kanne nach. Er hat immer als Traktorfahrer gearbeitet, ein Deutz 50 war seine erste Maschine, und jetzt steuert er 14 Meter breite Erntemaschinen, ausgestattet mit Airconditioning, Lasergeräten und Sensoren, die ihm die Feuchtigkeit der geernteten Bohnen mitteilen.
Pedro Torres verkaufte seine erste Sojaernte für 144 Dollar die Tonne. Jetzt liegt der Preis, angetrieben von der Nachfrage in China, bei 500 Dollar. Der Staat behält einen Drittel als Exportsteuer ein. Auch so machen die Produzenten ein besseres Geschäft, als wenn sie Mais oder Fleisch produzierten.
«China», erklärt der Agronom, «muss 22 Prozent der Bevölkerung der Welt ernähren, besitzt aber bloss 7 Prozent ihres fruchtbaren Bodens. Denen bleibt nichts anderes übrig, als zu kaufen.» «Doch», sagt Pedro Torres, «jetzt pachten die Chinesen selber schon Land, 380 Quadratkilometer in der Provinz Rio Negro, um Soja anzubauen. Damit heizen sie die Bodenpreise noch mehr an.» Das ist die Sorge des Pedro Torres. Vor zehn Jahren kostete eine Hektar Land im Herzen der Pampa 3000 Dollar, heute sind es 15 000 Dollar. Steigen die Bodenpreise, steigen die Pachtzinsen.
Perdo blickt zum Himmel, und der ist so blassblau wie immer in diesen ersten Frühlingstagen, wo man auf das Gewitter wartet. Auch wenn kaum noch jemand weiss, warum.
Mit Argentinien verbinden wir vor allem saftige Weiden und schmackhafte Rinder. Tatsache ist aber, dass heute auf diesem fruchtbaren Land vor allem Soja angebaut wird. Soja, das auch den erwähnten schmackhaften Rindern zugeführt wird, mehr und mehr aber vor allem dazu dient, den stetig wachsenden Bedarf an Protein in der ganzen Welt, vor allem auch China, zu stillen. Klar ist, dass auch internationale Konzerne wie Monsanto ein Interesse daran haben, die herkömmlichen Formen der Landwirtschaft durch moderne Methoden zu ersetzen – was im Wesentlichen darauf hinausläuft, ihren Produkten (Saatgut, Düngemittel und Maschinen) einen Absatzmarkt zu sichern.
Der ganze Text erschien in der ersten Ausgabe von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität. REPORTAGEN gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com; sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.