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Permanentes ökonomisches Wachstum kennen wir erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wirtschaftsnobelpreisträger John R. Hicks stellte 1966 fest: «Es ist keinesfalls nötig, dass die Wirtschaft wachstumsorientiert ist. Ich selbst kann mich an eine Zeit erinnern, als sie überhaupt nicht wachstumsorientiert war. Ich erinnere mich an eine Vorlesung über ökonomische Grundlagen 1926/27 (...): Nichts darüber, eine hohe Wachstumsrate zu erreichen! (...) Wir waren sehr zufrieden damit, in den meisten unserer Volkswirtschaften eine stationäre Situation zu haben.»
Die Wachstumsorientierung begann mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, billigem Öl aus dem Nahen Osten sowie dem US-amerikanischen Modell einer «fordistischen Konsumgesellschaft» aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1950er- und 1960er-Jahren verzeichneten die westlichen Länder in der Tat beachtliche Wachstumsraten (Schweiz: 1950er: 3,1 Prozent, 1960er: 3,1 Prozent). Seither sinken die Wachstumsraten stetig (Schweiz: 1970er: 1,1 Prozent; 1980er: 1,6 Prozent; 1990er: 0,5 Prozent; 2000er: 0,9 Prozent).
Diese Zahlen hat der deutsche konservative Think-Tank Denkwerk-Zukunft in die Zukunft extrapoliert und kommt für die Schweiz auf folgende Wachstumsraten: 2010er: 0,4 Prozent, 2020er: 0,3 Prozent, 2030er: 0,2 Prozent.
Trügerische Appelle von Politik und Wirtschaft
Zurzeit rufen Wirtschaftsvertreter und viele Politiker von links wie rechts lautstark nach Wachstum. Je trüber die Wachstumsaussichten, desto eindringlicher der Ruf, so scheint es. Das Weltwirtschaftsforum fordert Innovationen, die das Wachstum ankurbeln, die International Chamber of Commerce, eine eng mit Economiesuisse verbundene Organisation, erwartet von den G20-Regierungen eine wachstumsorientierte Politik.
Der französische Präsident Hollande will das Wachstum ankurbeln, und die deutsche Kanzlerin Merkel meint: «Ohne Wachstum ist alles nichts. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze; ohne Wachstum keine Sanierung der sozialen Sicherungssysteme; ohne Wachstum sinkender Wohlstand; ohne Wachstum werden mehr und mehr Menschen auf der Strecke bleiben.»
Ist dem tatsächlich so? Hat Wachstum jemals diese Erwartungen erfüllt – abgesehen von den 1950er- und 1960er-Jahren vielleicht? Seit den 1970er-Jahren steigen in den meisten OECD-Ländern die Arbeitslosenraten. Um die Arbeitslosenzahlen zu senken, sind Wachstumsraten nötig, die unrealistisch sind: In der Schweiz beträgt die sogenannte Beschäftigungsschwelle 1,8 Prozent. Das heisst, erst bei höheren Wachstumsraten sinkt die Arbeitslosenrate, bei niedrigeren steigt sie.
Wir werden also nicht darum herumkommen, uns zu überlegen, wie wir anders als durch Wachstum Arbeitsplätze erhalten und schaffen können. Nächstes Argument von Merkel pro Wachstum: Sanierung der sozialen Sicherungssysteme. Die Schweizer Pensionskassen müssen eine Rendite von 4,5 Prozent erreichen, um einen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent finanzieren zu können.
Von 2006 bis 2010 lag die Rendite jedoch bei 1,1 bis 1,7 Prozent. Wiederum dürfte ein Wachstum, das die notwendige Rendite künftig ermöglicht, illusorisch sein. Das Kalkül der AHV, dank Einwanderung, also Wachstum, im Bereich der schwarzen Zahlen zu bleiben, kollidiert bereits jetzt mit der begrenzten Ressource Boden.
Glücksforschung widerlegtMerkels Argumente
Nun zu Merkels Argument, Wachstum sei Wohlstand: Die Glücksforschung zeigt uns sehr deutlich, dass Wachstum die Menschen in reichen Ländern nicht glücklicher und zufrieden macht. Andere Faktoren wie soziale Beziehungen, Freizeit oder politische Partizipation erhöhen unsere Lebensqualität. Und schliesslich das letzte Argument Merkels, Wachstum verhindere, dass mehr und mehr Menschen auf der Strecke bleiben: OECD-Zahlen zeigen, dass in fast allen Mitgliedsländern seit den 1980ern die sozialen Ungleichheiten zunehmen.
Trotz des Wachstums der letzten drei Jahrzehnte öffnete sich also die soziale Schere. Wachstum ersetzt nicht eine Politik des sozialen Ausgleichs – offenbar bedarf es auch in Wachstumsphasen verteilungspolitischer Korrekturen.
Bislang sind Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch nicht absolut entkoppelt. In anderen Worten: Mit Wirtschaftswachstum steigt auch der Ressourcenverbrauch, zwar inzwischen unterproportional, aber er steigt. Wenn nun in Schwellen- und Entwicklungsländern wegen Wachstums der Energie- und Ressourcenverbrauch stark steigt, so werden wir schnell an die ökologischen Grenzen des Wachstums stossen. Zu erwähnen sind auch die Umweltfolgekosten des Wachstums. In Deutschland betragen sie 20 Prozent des Wachstums des Bruttoinlandproduktes.
Weshalb, trotz all dieser Fakten, der laute Ruf nach Wachstum? Ist es nicht naheliegend, dass die Lösung unserer zahlreichen gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme nicht im Wirtschaftswachstum liegen kann? Warum ist die Fixierung auf ökonomisches Wachstum so stark?
Die Sozialsysteme, die Unternehmen, der Banken- und Finanzsektor, die Konsumindustrie, die öffentlichen Finanzen und Einzelne sind an konstantes Wachstum gewöhnt. Diese Systeme, Institutionen und Sektoren entstanden in der Zeit des starken Wirtschaftswachstums und des weit verbreiteten Glaubens, Wirtschaftswachstum halte für immer an. Geprägt von diesem Kontext wurden sie so gestaltet, dass sie existenziell vom Wirtschaftswachstum abhängen. Wenn nun das Wachstum geringer wird oder sogar ausbleibt, geraten sie in eine existenzielle Krise, die zu politischer und sozialer Unruhe führen kann.
Uns fehlen andere Lösungsansätze
Nun könnte die Politik diese Systeme, Institutionen und Politiken so umgestalten, dass sie nicht weiter wachstumsabhängig sind. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft könnten statt des bisherigen Lösungsansatzes «Wachstum» andere Problemlösungsansätze wählen. Warum findet dies nicht statt? Wir erklären dies mit einer Theorie aus der Politologie, gemäss welcher sich Politiken nur dann ändern, wenn öffentliches Bewusstsein und Lösungen dafür vorhanden sind. Dann werden Entscheidungen getroffen. Doch was uns fehlt, sind neben öffentlichem Bewusstsein vor allem andere Problemlösungsansätze als Wachstum.
Die Energiewende mag als Beispiel dienen. Der Schweizer Bundesrat und davor die deutsche Bundesregierung hätten keine Energiewende beschlossen, hätte es nicht den Widerstand gegen die Atomenergie gegeben. Zudem wurde das Thema alternative Energieversorgung auf unzähligen Symposien und in Zeitungsartikeln diskutiert und von einflussreichen Personen aufgegriffen. Auf dieser Basis hatte die Politik einigermassen Sicherheit, dass eine Energiewende gelingen kann.
Lieber auf ein neues Design setzen statt auf Desaster
Die Herausforderung im Hinblick auf einen Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft besteht deshalb darin, Ansätze, Vorschläge, Praxisbeispiele und Erfahrungen zu identifizieren, zu sammeln und weiterzuentwickeln, wie die einzelnen wachstumsabhängigen Bereiche umgestaltet werden können, sodass sie wachstumsunabhängig werden. Auf dieser Basis kann dann auch die Politik von ihrer Wachstumsfixierung abrücken.
Ein Blick auf einzelne, bisher wachstumsabhängige Sektoren und Institutionen zeigt, dass es viele Reformdiskussionen und -erfahrungen gibt, die nutzbar gemacht werden können. Und es braucht eine Menge Innovationen, Kreativität, Einfallsreichtum, breite Partizipation und Bereitschaft für Transformation, um Bestehendes weiterzuentwickeln und Neues auf den Weg zu bringen. Dabei werden Unternehmen wachsen, andere schrumpfen und wiederum andere ohne Wachstum erfolgreich sein. Ein Übergang in eine Ära des Postwachstums ist unausweichlich. Dieser Übergang sollte, wie der kanadische Ökonom Peter Victor sagt, besser durch Design als durch Desaster erfolgen.
Irmi Seidl leitet die Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidg. Forschungsanstalt WSL. Angelika Zahrnt, Mitverfasserin und Mitglied des Nachhaltigkeitsrates der deutschen Bundesregierung. Die Autorinnen haben das Buch «Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft» herausgegeben.