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Coopzeitung: Am Sonntag werden Sie 80 Jahre alt und sind immer noch aktiv wie eh und je. Denken Sie nie ans Aufhören?
George Gruntz: Nein, warum sollte ich? Meine Frau sagt immer: «Deine Musik ist es, die Dich jung hält». Solange ich Klavier spielen, komponieren, arrangieren und dirigieren kann, werde ich weitermachen. Ich hoffe, dass dies bis zu meinem Tod möglich ist. Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der mich ausfüllt und glücklich macht. Da bin ich doch sehr privilegiert, wenn man weiss, wie viele Menschen ihre Arbeit als ein Muss empfinden und froh sind, wenn sie Feierabend haben.
Wie sieht denn Ihr Tagesablauf aus?
Den schönsten, den ich mir vorstellen kann, beginnt mit dem Aufstehen um 10 Uhr. Es folgt ein reichhaltiges Morgenessen, dann komponiere ich bis drei Uhr nachmittags, anschliessend gibt es eine Pause mit einem kleinen Salat. Daraufhin mache ich mich wieder ans Komponieren oder Klavierüben, und um sieben Uhr höre ich die Pfannen klappern. Meine Frau bereitet dann das Abendessen vor. Beim Essen ist Kerzenlicht ganz wichtig. Oft nehmen wir vorher einen Apéro und sitzen nachher bei einem Kaffee gemütlich beisammen. Dann schauen wir am Fernsehen noch News, bevor ich mich wieder in mein Musikzimmer zurückziehe. Ich bin ein Nachtmensch und arbeite bis 4 oder 5 Uhr morgens durch.
Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Frau zusammen?
Wir haben uns mit 13 Jahren kennengelernt und sind jetzt schon 57 Jahre verheiratet. Dass wir nach so langer Zeit immer noch zusammen sind, zeigt, dass die Ehe mit dem eher hektischen Leben eines Jazzmusikers sehr gut funktionieren kann.
Mit zwei Kindern, die aber von Musik als Beruf nichts wissen wollten.
Mein Sohn hätte das Talent zu einem begnadeten Pianisten gehabt. Er hat das renommierte Berkley College of Music besucht, hatte dann aber keine Lust mehr und entschied sich für eine Banklehre. Er ist dafür sportlich sehr erfolgreich gewesen. Er war mehrmals Schweizer Meister im Wasserskifahren. Mit seinen Jazzkenntnissen, einem fantastischen Gehör und einem hervorragenden Logistik-Talent ist er jetzt mein Assistent. Meine aussereheliche Tochter, die 22 Jahre jünger ist, lebt als Juristin mit Mann und Kind in London und wir haben einen sehr guten Kontakt.
Wollen Sie damit sagen, dass die Tochter die Folge eines Seitensprungs ist?
Ja, ihre Mutter ist die Schauspielerin Renate Schroeter. Meine Frau hat das Kind immer wie ihr eigenes geliebt. Die beim Theater, Film und Fernsehen viel beschäftigte Renate Schroeter hatte auch nie etwas dagegen, dass ihre Tochter bei uns aufwächst. Also hatten wir damit nie Probleme.
Sind Sie in einer Musikerfamilie aufgewachsen?
Berufsmusiker hatten wir keine in der Familie, aber bei uns wurde viel Hausmusik gemacht. Als ich aber Musiker werden wollte, war mein Vater vehement dagegen. Also habe ich ein Maschinen-Konstrukteurs-Studium abgeschlossen.
Um dann doch lieber in verrauchten Lokalen von der Jazzmusik zu leben?
Es war die grosse Zeit des Bebop und Hardbop. Ich spielte in Lokalen, an Jazzfestivals und in Bars. Apropos verrauchte Lokale: Ich weiss noch gut, wie ich mit dem Altsaxofonisten Phil Woods in Paris in den Konzertpausen immer vor dem Zigarettenrauch an die frische Luft flüchtete und statt Alkohol Limonade trank. Viele geniale Jazzmusiker, die ich kannte, sind am starken Rauchen und Trinken leider viel zu früh verstorben. Solchen Lastern habe ich zum Glück widerstehen können.
Seither haben Sie sich weltweit einen Namen gemacht. Sie arbeiteten mit berühmten Komponisten wie Rolf Liebermann, Sie waren der Erste, der mit einer westlichen Bigband die Chinesen begeisterte und …
… halt! Bitte jetzt nicht noch alle Auszeichnungen, Engagements oder gar prominente Musiker aufzählen, die mit mir gespielt haben. Das kann man alles im Internet nachlesen. Klar, dass über eine so lange Zeit hinweg eine Menge zusammenkommt. Ich war auch 14 Jahre musikalischer Direktor des Zürcher Schauspielhauses, habe 23 Jahre lang die Berliner Jazztage künstlerisch geleitet, habe Barockmusik verjazzt, Jazz mit tunesischer Beduinenmusik oder mit Basler Trommlern und Pfeiffern produziert. Doch das Leben geht weiter und neue Projekte stehen an.
Und die wären?
Übernächste Woche spiele ich am Montreux Jazzfestival meine Hommage an den grossen John Coltrane, nachdem gerade meine neuste CD «Dig my Trane» mit der NDR-Bigband erschienen ist. Und für November ist bereits das Studio in New York für Aufnahmen mit der Concert Jazz Band gebucht. Darauf freue mich mit 80 Jahren jetzt schon wie ein kleiner Junge.