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Erste Besucher wurden schon ab 1935 in den Gipsstollen geführt, der aus dem Jahre 1860 datiert. Das am 24. April 1938 eröffnete Museum sollte die Erinnerung an das für die Gemeinde Schleitheim über mehr als ein Jahrhundert wirtschaftlich wichtige, florierende Gipsgewerbe wachhalten. 1962 ging das Gipsmuseum an die Gemeinde Schleitheim über und 1996 wurde das Museum von Grund auf neugestaltet. In den 1950er Jahren stürzte der Zugangsstollen an zwei Stellen ein, sodass der Zugang zum eigentlichen Abbaugebiet für fast 40 Jahre nicht mehr möglich war. Auf Initiative des damaligen Gemeindepräsidenten wurden Wege gesucht und Möglichkeiten geprüft, die Hindernisse zu beseitigen und den Stollen wieder begehbar zu machen. 1990 wurde die 1. Etappe, 1991 das zweite Teilstück in Angriff genommen. 1992 wurde der ganze Stollen bergmännisch gesichert und, durchgehend mit elektrischer Beleuchtung versehen, wieder für Besucher geöffnet.
Zu Beginn der Führung einige Ausführungen. Pläne aus dem 19. Jh. zeigen die Standorte der oberirdischen und der unterirdischen Gipsbrüche sowie die Lage der Gipsmühlen am Schleitheimer- und am Zwerenbach. Gezeigt werden ebenfalls die im 19. Jh. zur Verfügung stehenden Werkzeuge, die Beleuchtungsmittel und die zum Abbau des Gipsgesteins angewandte Sprengmethode. Auch eine der damals üblichen Methoden zum Brennen der Gipssteine ist im Modell dargestellt. Die Ausstellung zeigt einige Anwendungen von gebranntem und ungebranntem Gips, von der Verwendung im Bau- und Kunstgewerbe, in der Landwirtschaft und der Zementindustrie, im Formenbau sowie für medizinische Zwecke. Weiter eine Gipsstampfe und eine Gipsmühle sind zu sehen. Geräte, die im Nachbardorf Siblingen noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. im Einsatz waren.
Höhepunkt des Museumsbesuches ist der Gang in den einzigen, für Besucher noch zugänglichen, Gipsbergwerkstollen der Schweiz. Auch hier wacht über dem Eingang, als Relief dargestellt, die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Ein enger, niedriger Zugangsstollen führt durch die Lockergesteinszone bis zum anstehenden Gipsgestein und dann durch ein weit grösseres Profil mit einigen Seitenangriffen bis zum Ende der eigentlichen Abbauzone. Sehr schön ist die Sedimentstruktur des Gipsgesteins zu sehen, aber auch eindrücklich die heute noch stattfindenden Bewegungen des Berges durch Druck, Wassereinflüsse und der damit ablaufenden Rückvergipsung des, vor allem im hinteren Teil, vorherrschenden Anhydrits. Bei sogenannten "Herrenbad" wurde zu einem kurzen Apero geladen.
Verputzfragmente, die in Villen der römischen Kleinstadt Iuliomagus gefunden wurden, lassen vermuten, dass die hier im 1. Jh. unserer Zeitrechnung siedelnden Römer Gipssteine gefunden und verarbeitet haben. Erste schriftliche Hinweise auf die Verwendung von Schleitheimer Gips finden wir im Staatsarchiv Zürich über eine kleinere Lieferung an einen Stuckateur, der beim Bau der Klosterkirche Rheinau beschäftigt war. Das rasante Bevölkerungswachstum und die dadurch zunehmende Nachfrage nach Lebensmitteln riefen nach intensiverer Bewirtschaftung des knappen Ackerlandes. Sofort merkte auch die Gemeinde, dass mit «Ackergips» Geld zu verdienen war und verpachtete Gemeindeland an Gesellschaften und interessierte Einzelpersonen. Schleitheimer Gips fand seine Abnehmer nicht nur in der näheren Umgebung. Gipslieferungen erfolgten bis in den Bodenseeraum, ins Zürcher Weinland und in die Badische Nachbarschaft. Zur Zeit der Hochblüte waren rund 120 bis 150 Personen im Gipsgewerbe beschäftigt und um die 100 Pferde standen für die Transporte zu den Abnehmern im Einsatz. Auch das restliche Schleitheimer Gewerbe verdiente mit am Gipsabbau. Hufschmiede, Wagner, Futtermittellieferanten und auch das Gastgewerbe kamen zu willkommenen Einnahmen. Die grösste Abbaumenge wurde im Jahre 1860 mit 180 000 Zentnern (rund 9000 Tonnen) erreicht. Mit der Ansiedelung von verschiedenen Industriebetrieben in Oberwiesen, wurde auch eine moderne Gipsfabrik mit Mühle, Brennerei und Gipssteinfabrikation in unmittelbare Nähe der Stollen gebaut. Ein 1872 eigens angelegter Fabrikkanal lieferte die Wasserkraft für die diversen Betriebe. Die zunehmend aufkommende Verwendung von Kunstdünger in der Landwirtschaft liess die Nachfrage nach dem Naturprodukt Gips drastisch sinken.
1908 übernahm Christian Stamm, der zuvor in den Diensten des Vizekönigs von Ägypten als Hofgärtner tätig gewesen war, den heutigen Besucherstollen, um darin ein Obstlager einzurichten. Christian Stamm benötigte dann einen kühlen, dunkeln Ort für die Einlagerung der Früchte und befand dafür den brachliegenden Gipsstollen als geeignet. Für die Kontrolle und Sortierung der verschiedenen Obstsorten baute Stamm unmittelbar vor dem Stolleneingang das heute als Museum dienende Gebäude. Der Zugangsstollen und die zur Lagerung ausgewählten Stellen wurden mit Ziegelsteinen ausgemauert und mit einem dicken Kalkmörtelverputz versehen (Überreste davon sind heute noch zu sehen). Die Temperatur im Stollen liegt ganzjährig bei ca. 8° C, die relative Luftfeuchtigkeit bei ca. 85%, keine optimalen Vorrausetzungen für die längerfristige Lagerung von Obst, das dann auch schnell zu faulen begann. Christian Stamm hat aber mit seinen robusten Stollensicherungsarbeiten, ungewollt, den bis heute erhaltenen Zugang zum Gipsbergwerk für die Nachwelt gesichert. Die sieben weiteren Stollen in der Halde haben dem Zahn der Zeit nicht standgehalten. Die Zugänge sind eingestürzt und überwachsen, und nur die alten Pläne und die zahlreichen Dolinen im Hang zeigen und lassen erahnen, wo früher Gips abgebaut wurde.
Vor und nach den äusserst interessanten Führungen war für Speis und Trank durch den Museumsverein gesorgt.
Auszug aus https://www.museum-schleitheim.ch/gipsmuseum.htm
Markus Meier
Bilder des Anlasses in der Fotogalerie