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|http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/ette/buschmannLorcaTheater.htm
Eine online Publikation von Albrecht Buschmann in DIE LITERARISCHE WELT, 24.3.2001, über die Übersetzungen von Federico García Lorca.
"So viel und so viele Lorcas, aber nur ein einziger Übersetzer. Heinrich Beck, ein Schweizer Antifaschist auf der Flucht in Spanien, entdeckt 1936, in einer Zeitschrift blätternd, einige Gedichte Lorcas – und ist gebannt von der Kraft seiner Verse. Er beginnt zu übersetzen, veröffentlicht 1938 erstmals die "Zigeunerromanzen" und erkämpft sich von Lorcas Erben das Recht, den Autor exklusiv ins Deutsche zu übersetzen. Damit wird Enrique Beck, wie er sich jetzt nennt, zu einem wohlhabenden Übersetzer, aber auch zum meistkritisierten Vertreter seiner Zunft: Er neige zu archaisierenden und verniedlichenden Wendungen, sein Lorca sei zu tümelnd. Und überhaupt, die Beck‘schen Übersetzungen verstellen den Blick auf den echten Lorca, so lautet spätestens seit den 70er Jahren das Urteil, mit dem sich auch des Spanischen völlig Unkundige gerne putzen. 1998 schließlich geht der Suhrkamp Verlag in die Offensive, kündigt trotz ungeklärter Rechtslage an, neue Übersetzungen zu veröffentlichen und die Beck‘schen nicht weiter auszuliefern.
Sind Becks Übersetzungen wirklich so schlecht? Um das zu beurteilen, sollte man weniger auf seine namhaften Kritiker wie Hans Magnus Enzenzberger oder Harald Weinrich hören, denn der eine spricht in eigener Sache, der andere im Auftrag des Verlags. Das künftige Standardwerk hierzu, das mit seiner umfassenden Dokumentierung und seinem Streben nach unbedingter Objektivität bei der Abwägung des Urteils den Maßstab für jede Übersetzungskritik bildet, hat der Schweizer Hispanist Ernst Rudin geschrieben. Es heißt "Der Dichter und sein Henker?", und man sollte das Fragezeichen im Titel nicht überlesen. Rudin analysiert die Übersetzungen ausgewählter Gedichte und Theaterstücke, legt mit beeindruckender Sensibilität die Grenzen des Beck’schen Übersetzungsstils dar, zeigt im Vergleich mit späteren Überarbeitungen, wie gut Beck für seine Zeit war, und er gelangt zu dem Fazit: Natürlich müssen neue Ausgaben her, doch "auch in der besten aller möglichen Übersetzungen wird der ins Deutsche übersetzte Lorca nie der ‚wahre‘ Lorca sein". Weil es den schlicht nicht gibt und also auch keine entsprechende Übersetzung – eine Wahrheit, die im Schlachtenlärm um Beck häufig vergessen worden war.
Nun liegen, nach Enzensbergers "Bernarda Albas Haus" und Rudolf Wittkopfs "Bluthochzeit", drei neu übersetzte Lorcas vor: Zunächst zu dem Gedichtband "Dichter in New York" in der Übertragung Martin von Koppenfels‘. Er enthält Lorcas hermetischste Gedichte, hinzu kommt, daß die Quellenlage des 1940 posthum veröffentlichten Textes bis heute nicht endgültig geklärt ist. "Was krätzelt, was krabbelt, was kräuselt der Federico sich zusammen", schrieb Beck in einem Brief, offensichtlich tat er sich schwer mit dem Text. Von Koppenfels hingegen hat seine Dissertation über den "Poeta en Nueva York" geschrieben, entsprechend gut dokumentiert ist seine zweisprachige spanisch-deutsche Ausgabe (Varianten, Fragmente, Nachwort etc.). Seine Übersetzung wirkt klar, wie entschlackt, gewagte Metaphern werden möglichst transparent beibehalten, und sie liest sich, als wäre es immer ganz einfach gewesen, zu dieser und keiner anderen Lösung zu gelangen. "Dichter in New York" ist eines jener Werke, das immer wieder in einem Atemzug mit dem "Ulisses" genannt und bisher bestimmt noch weniger gelesen wurde. Die Neuübersetzung eröffnet die Chance, Lorca als Autor der Avantgarde, als Zeitgenossen auch des 21. Jahrhunderts zu erkennen. ..."