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1897-1930
Schauspieler
Ein Adoptivkind wird Theatermann
Karl Meier wurde 1897 als unehelicher Sohn einer Frau Elisabeth Rheiner in St. Gallen geboren. Sie nannte ihn Rudolf Carl, bevor sie ihn zur Adoption freigab. Seine kinderlosen Adoptiveltern waren Thomas Meier (1865-1939) und Wilhelmina Meier-Götsch (1866-1949). Sie liessen den Knaben mit dem Vornamen Karl ins Register eintragen. Er wuchs in Kradolf im Kanton Thurgau in der Obhut dieser Eltern auf. Thomas Meier war Sticker.
Nachdem Karl eine kaufmännische Lehre in einer Seidenweberei abgeschlossen und in derselben Firma etliche Jahre gearbeitet hatte, erlaubten ihm die Eltern nach langem Zögern seinen Traumberuf richtig zu erlernen: Schauspieler wollte er werden!
Zuvor hatte er ab 1914 in Kradolf ein kleines Laientheater gegründet, das später unter seiner Leitung bis 1964 weitherum bekannt wurde. Zudem hatte er in Zürich ab 1917 begonnen, nebenberuflich Schauspielunterricht zu nehmen. Dies alles wohl, um den Eltern zu beweisen, dass er wirklich das nötige Talent und den starken Willen besass, um sich in diesem so "brotlosen" Gewerbe durchzusetzen.
Schon 1920 spielte er fest engagiert am Stadttheater Solothurn und ab 1921 im Städtebundtheater Winterthur-Schaffhausen1.
1924 zog es ihn nach Deutschland, wo er in Bielefeld und Münster (Westfalen) spielte, bevor er ab 1927/1928 auf vielen kleineren Bühnen hauptsächlich in Brandenburg, Sachsen und Vorpommern (heute Polen) tätig wurde. "Denn in der Provinz lernst du sämtliche Theaterarbeiten, auch Kulissen malen, Regie führen und nicht nur Nebenrollen spielen. Und als Schweizer, als Thurgauer besonders, musst du den Dialekt ganz zum Verschwinden bringen", so erklärte er uns (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) einmal während einer Theaterprobe um 1959.
Von einem Engagement in Berlin hat er nie gesprochen. Ob er das aus bewusst gewählter Zurückhaltung verschwieg - möglich und typisch für ihn wäre es.
Als Homosexueller hatte er aber Kontakte in Berlin und war öfter dort. Warum es ihn zu Adolf Brand zog, obschon er Magnus Hirschfeld verehrte und dessen Institut gut kannte, das mag an der Persönlichkeit gelegen haben. Brand war kein Wissenschafter, kein Doktor. Er hatte Sinn für Kunst und unter den Eigenen gab es überdurchschnittlich viele Künstler und natürlich auch Theaterleute.
Auch kannte Karl Meier jene besondere Ausgabe von Der Eigene über die Schweiz2 mit dem Titelsatz: "Der freien Schweiz gewidmet, die uns den ersten Vorkämpfer unserer Bewegung, Heinrich Hössli, und sein geniales Buch über den Eros schenkte, und die uns eine recht stattliche Anzahl hochangesehener Dichter, Künstler und edler Männer gab, die ebenfalls wichtige Blutzeugen und mutige Bekenner der Freundesliebe" waren.
Ob er geahnt hat, dass er selber später als einer dieser Männer, so wichtig etwa wie Hössli, angesehen würde? Kaum, er war viel zu bescheiden.
Ernst Ostertag, März 2004