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Das Titelblatt der März-Ausgabe von „Bildung Schweiz“ zeigt drei Schüler, die mit roten Helmen in einem Bergwerkstollen Gesteinsproben betrachten. Dazu der Titel „Schulreisen, die in die Tiefe führen“. Im Editorial wird erläutert, weshalb sich die Redaktion diesem Schwerpunktthema widmet: „Zahlreiche der stillgelegten Bergwerke bieten nämlich die Möglichkeit, sie zu erkunden und dabei einiges über ihre Geschichte zu erfahren.“ Es werden nach einem Überblick über die Geschichte der Bergwerke in der Schweiz Reportagen aus den Eisenbergwerken Herznach und Gonzen sowie Berichte über das Salzbergwerk in Bex und die Goldmine in Gondo angekündigt.
Im geschichtlichen Überblick erfährt man, dass in der Schweiz bereits vor 3500 Jahren Erze und andere mineralische Rohstoffe im Bergbau gewonnen wurden und dass Eisenerz eines der am häufigsten abgebauten Erze in der Schweiz war. Im Mittelalter entwickelte sich die Eisenverarbeitung zu einem blühenden Wirtschaftszweig. Doch der enorme Holzbedarf und die Entwaldung führten in der Folge zu einem Rückgang des Abbaus von Eisenerz und der Verhüttungsanlagen. Die älteste schriftliche Erwähnung des Bergbaus im oberen Fricktal stammt aus dem Jahre 1207, doch bis zum Ende des 18.Jahrhunderts verlor der Eisenabbau enorm an Bedeutung. „Erst die Weltkriege zeigten, wie wichtig einheimische Rohstoffe waren. Um nicht völlig vom Ausland abhängig zu sein, erweckte man in dieser Zeit einige der früheren Bergwerke wieder zum Leben, so auch die alten Abbaugebiete im oberen Fricktal. 1920 wurde ein Versuchsstollen in Herznach angelegt und 1937 nahm das Bergwerk seinen Betrieb auf.“ Die Eisenerzgewinnung dauerte dann bis 1967. Weiter schreibt die Autorin Doris Fischer dazu in ihrem Text auf Seite 11: „Im Jahre 1941 förderten 139 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb 211 783 Tonnen Erz, was die grösste Abbaumenge in der Geschichte der Mine war. Insgesamt lieferte das Bergwerk Herznach in den 30 Betriebsjahren etwa 1.7 Millionen Tonnen Erz, rund die Hälfte davon während des Zweiten Weltkrieges. Der grösste Teil des Eisenerzes konnte jedoch nicht in der Schweiz verhüttet werden, weshalb unser Land auf den Import von Eisen angewiesen war. Ein Abkommen mit Deutschland, gemäss dem die Schweiz den Rohstoff Eisenerz ins Ruhrgebiet schaffte und im Gegenzug vom grossen Nachbarn Rohstahl und andere Güter wie Braunkohle bezog, sicherte den Bedarf.“
Wer war der “grosse Nachbar”
Und da unterbreche ich als interessierter Geschichtslehrer die vielfarbige Reportage und ich werde stutzig. „Der grosse Nachbar“, damit ist doch das Naziregime von Hitler gemeint, mit dem die Schweiz offensichtlich auch im Handel mit Rohstoffen enge Verbindungen einging. Oder nicht? Doch dieser Aspekt wird so harmlos vermittelt, dass er kaum auffällt.
„Blütezeit“ des Bergwerkes Herznach während des Zweiten Weltkrieges
Auch in der anschliessenden Reportage über den Klassenausflug zum Eisenbergwerk Herznach erfährt man dazu kaum etwas Substantielles. Also gehe ich auf die Homepage www.bergwerkherznach.ch und stelle fest, dass auch dort nichts Genaueres über den Aspekt der wirtschaftlichen Kollaboration mit Hitler-Deutschland zu erfahren ist. Auch dort wird betont, dass die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg die Suche nach einheimischen Rohstoffen verstärkte, „um die Abhängigkeit vom Ausland zu mildern.“ Und so kam es dann zu dieser „Blütezeit“ des Bergwerkes Herznach während des Zweiten Weltkrieges. Ähnlich ist der Tonfall im Originalkommentar der aufgeschalteten Wochenschau vom 30.April 1943: „1937 wird das Bergwerk in Herznach eröffnet. Seine Blütezeit erlebte es während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1941 arbeiten rund 140 Männer in den Stollen, verstärkt durch 40 internierte Polen. Die Schweiz will sich selber mit Eisenerz versorgen.“ Die bewegten Bilder der Bergarbeiter, die in den Stollen fahren, werden mit rhetorischem Pathos unterlegt, wenn es heisst: „Ihre mühselige Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zum Gedeihen unseres Landes.“
So also liegen die Dinge: Aus der wirtschaftlichen Kollaboration mit Nazi-Deutschland wird ein wichtiger Beitrag zum „Gedeihen unseres Landes“!
So also liegen die Dinge: Aus der wirtschaftlichen Kollaboration mit Nazi-Deutschland wird ein wichtiger Beitrag zum „Gedeihen unseres Landes“! In Ermangelung eigener Hochöfen begann eine intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem oberen Fricktal und dem Ruhrgebiet, die aber weder auf der Homepage noch im Artikel von Doris Fischer thematisiert wird.
Wer sich über die Aspekte der aussenwirtschaftlichen Verflechtungen der Schweiz im Zweiten Weltkrieg“ informieren will, dem empfehle ich als Einstieg, einen Blick in den Bergier-Bericht zu werfen, jenem „Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg“, veröffentlicht im Pendo-Verlag im Jahre 2002. Dort kann man im 4. Kapitel zum Verlauf der schweizerischen Wirtschaftsverhandlungen etwa erfahren, dass die Schweiz ihre wirtschaftlichen Beziehungen wie im Ersten Weltkrieg mit allen Ländern aufrechtzuerhalten versuchte. „Die Realität sah dann aber anders aus: Es kam zu einer massiven Verlagerung der Exporte nach Frankreich und Grossbritannien (etwas geringer bei den USA) zugunsten der Achsenmächte. Zwischen Juli 1940 und Juli 1944 waren Deutschland (und bis Mitte 1943 Italien) die mit Abstand wichtigsten Abnehmer schweizerischer Waren.“ Unter den Bedingungen des Weltkrieges wurde die Aussenwirtschaft zur Aussenwirtschaftspolitik und die Aussenpolitik zur Aussenwirtschaftspolitik.“
Die Schweizer Behörden führten während des Krieges Verhandlungen, „die primär auf die Sicherstellung der Landesversorgung abzielten und gerade dadurch auch deutsche Forderungen erfüllen und den helvetischen Unternehmen entgegenkommen konnten.“ Doch der Bericht schwächt diese Aussage gleich wieder etwas ab: „Die Tatsache, dass sich die schweizerischen Firmen bemühten, mit den neuen Herren Europas ins Geschäft zu kommen, darf nicht mit nationalsozialistischer Gesinnung gleichgesetzt werden. Ein Teil der schweizerischen Wirtschaftselite wies ideologische Affinitäten zum Ordnungsdenken sowie zum Antikommunismus des nationalsozialistischen Deutschland auf. Jedoch drücken sich in der Intensität des wirtschaftlichen Austausches nicht derartige Sympathien aus.“
Schaler Nachgeschmack
Was bleibt nach der Lektüre dieser Hochglanzbroschüre des LCH? Ein schaler Nachgeschmack, der von einer erstaunlichen Verharmlosung zeugt, die dazu führt, dass diese empfohlene Schulreise leider nur in die physischen, nicht aber in die historischen Tiefen der Schweizer Bergwerksgeschichte führt.
Georg Geiger