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Warum war es Ihnen so wichtig, das Tagebuch von Clara Sigrist-Hilty zu finden?
Dora Sakayan: Ein Freund hat mir einen Artikel aus dem «Tages-Anzeiger» über Clara Sigrist-Hilty geschickt. Ich habe gelesen und gedacht: «Wenn die Dame zu jener Zeit an diesem Ort in der Südosttürkei gewesen ist, dann müsste es in ihrem Tagebuch auch einiges zum Genozid an den Armeniern geben.» Und tatsächlich gibt es bestimmte Angaben, die geschichtswissenschaftlich relevant sind.
Warum waren damals viele Schweizer in der Türkei?
Die Bahnlinie Berlin-Bagdad wurde gebaut. Schweizer Ingenieure brachten viel Erfahrung durch ihre Arbeit in den Alpen mit. Gebirge mussten durchbohrt werden und es gab viele Durchschlagsarbeiten.
Warum sind die Berichte von Clara Sigrist-Hilty besonders glaubwürdig?
Sie war eine Aussenstehende, zufällig da. Sie war ihrem Mann gefolgt. Sie wusste so gut wie nichts von der Situation, sie kannte den Vielvölkerstaat nicht. Das Leben hatte sie dorthin verschlagen.
Plötzlich fand sie sich in einer fürchterlichen Situation wieder. Sie hätte sich vieles vorgestellt. Aber nie, dass sie diese Deportationen sehen würden, tagaus tagein.
Wie schreibt sie über die Deportationen?
Als neutrale Beobachterin. Ich sage immer: Es ist die Stimme der Vernunft, die in diesen Zeilen klingt, wenn sie sagt: «Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Man möchte weglaufen von diesen Plätzen, und an Orte gehen, wo Gesetze walten». Sie schreibt ausgeglichen, kurz, sachlich.
So beschreibt sie schreckliche Szenen vor ihrer Haustür: «Leichen überall!» Das beschreibt sie alles: «Tierenfratzige Gesichter. Sie kamen und betteln. Aber wir haben nicht genug Brot für alle».
Hin und wieder hilft sie den Armeniern. Clara nimmt etwa eine Frau aus einer Gruppe, bringt sie herauf in ihre Wohnung und gibt ihr ein bisschen Suppe, damit sie zu sich kommt. Auch ihr Mann Fritz hat vielen Armeniern geholfen, und sie berichtet darüber. Im Tagebuch mischen sich häufig alltägliche Berichte mit der Beschreibung des Grausamen.
Clara war hin- und hergerissen zwischen diesem Streben nach eigenem Glück und den Bildern von leidenden Menschen. Ihr Mann und sie gingen sehr oft hinunter ins Tal, um sich die Leute näher anzusehen.
Bei jeder Station gab es Sammellager, ähnlich wie Konzentrationslager. Da sind sie hingegangen – und jedes Mal enttäuscht zurückgekehrt, weil sie nichts tun konnten.
Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Mein Ziel ist, dass glaubwürdige Menschen in der einschlägigen Literatur zu Wort kommen. Immer wenn ich ein Buch über den Genozid lese und kein Wort fällt über Leute wie Clara Sigrist-Hilty, dann denke ich mir: Solche Quellen müssen eingearbeitet werden.
Zeitzeugen sind Bürgen für Tatsachenmaterial. Sonst bleibt alles dunkel, alles in der Vergangenheit. Clara Sigrist-Hilty bringt ans Licht, was sonst niemand so gesehen hat.
Warum ist es immer noch notwendig, glaubwürdige Quellen zu finden?
Es liegt so weit zurück. Fotos durfte man nicht machen. Filme gab es so gut wie keine. Besonders für die Aufarbeitung des Schicksals der armenischen Arbeiter bei der Bagdadbahn braucht noch Quellen.
Ohne Einsatz der armenischen Arbeiter, deren Leben überhaupt keinen Wert hatte, wäre die Bagdadbahn nie gebaut worden. Sie mussten für Wasser und Brot sehr schwer arbeiten, und wurden danach niedergemetzelt.
Die Bagdadbahn war verwickelt in die Geschichte des Genozids. Einerseits haben die Armenier sie gebaut, andererseits wurde sie für den Abtransport der Armenier gebraucht. Die Deutschen, die die Bagdadbahn gebaut haben, haben dafür keine Verantwortung übernommen.
Zur Person
Die Armenierin Dora Sakayan lebt seit 1975 in Kanada. Als Professorin für Germanistik lehrte sie über 50 Jahre zunächst in Eriwan/Armenien, später in Montreal. Zuletzt hat sie sich drei Jahre lang mit dem Nachlass Sigrist-Hilty befasst.
Buchhinweis
Dora Sakayan: «Man treibt sie in die Wüste», Limmat Verlag, 2016.