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Lange bevor sich der Catenaccio in Italien etablierte, führte Karl Rappan mit dem «Schweizer Riegel» diese Taktikform hierzulande erfolgreich ein und führte die Nati damit zweimal in die WM-Viertelfinals.
Rappans Laufbahn
Karl Rappan, 1905 in Wien geboren, wechselte nach einigen Jahren bei diversen Wiener Vereinen 1931 zu Servette Genf, wo er als Spielertrainer amtete und zweimal Schweizer Meister wurde. 1935 zog es ihn zu den Grasshoppers, wo er während 13 Jahren insgesamt fünf Meisterschaften und sieben Cuptitel gewann. Danach kehrte Rappan zurück zu den «Grenats» (1948-1957, 1x Meister und 1x Cupsieger), sass ein Jahr auf der Trainerbank des FC Zürich und coachte zum Abschluss seiner Trainerlaufbahn vier Jahre lang Lausanne-Sports, wo er seinen letzten Meistertitel errang.
Zusätzlich trainierte Rappan quasi im Nebenamt mehrmals und während insgesamt zwölf Jahren das Nationalteam (1937-1938 / 1942-1949 / 1953-1954 sowie 1960-1963). Während 77 Partien sass der stets unterschätzte und für seine höfliche Zurückhaltung bekannte Rappan auf der Trainerbank der «Nati» und führte diese an drei Weltmeisterschaften (1938, 1954 und 1962). Danach arbeitete Rappan als Technischer Direktor fünf Jahre lang für den SFV. Anfangs 1996 starb Rappan, der weit über 60 Jahre in der Schweiz lebte, aber bis zum letzten Tag Österreicher blieb, 90-jährig in Bern.
Schillernde Persönlichkeit
Die frühere Wochenzeitung «Sport» nannte ihn den «grossen alten Mann des Schweizer Fussballs» und schrieb anlässlich seines 80. Geburtstags, Rappan habe «ein schönes Stück Schweizer Fussball-Geschichte mitgeprägt. Er war Fussballer, Trainer, Coach, technischer Direktor, Instruktor und massgeblich beteiligt an vielen Veränderungen und Neuerungen im hiesigen Fussball.» Er sei ein scharfsinniger Fachmann mit hohem Ansehen, weit über die Landesgrenzen hinaus, vielleicht nicht immer einfach, aber gradlinig, unbequem manchmal auch, unbeugsam und unbeeinflussbar.
Die NZZ nannte Rappan «die schillerndste Figur unseres Fussballs». Der Österreicher gewann als Trainer von Servette, den Grasshoppers und Lausanne mehrere Meisterschaften und Cupsiege, er revolutionierte die Trainingsmethoden, initiierte (zusammen mit Ernst B. Thommen) den damaligen UEFA Intertoto Cup (meist nur UI-Cup genannt und 2008/09 zum letzten Mal ausgetragen) und lieferte die Idee zur Gründung des «Clubs der Freunde der Schweizer Fussball-Nationalmannschaften». Doch seine vielleicht grösste Errungenschaft gelang Rappan mit der Einführung des sogenannten «Schweizer Riegels».
Das «W-M-System»
1937 wurde Rappan mit der Aufgabe betraut, die Schweizer Nationalmannschaft, zu dieser Zeit eines der schwächsten Teams in Europa, an die Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich zu führen. Weltweites Standard-System damals war das berühmte «W-M-System» des Engländers und langjährigen Arsenal-Coachs Herbert Chapman – das er aufgrund einer Modifizierung der Abseitsregel entwickelte – bestehend aus drei Verteidigern, zwei zentraleren Spielern und fünf Stürmern, bei dem die Angriffsreihe in der Form eines «W» und die Abwehrreihe in der Form eines «M» agierte.
Rappan musste sich ob der Unterlegenheit etwas einfallen lassen, um gegen die grossen Teams zu bestehen. Seine Philosophie fasste er so zusammen: «Man kann eine Mannschaft unter zwei Gesichtspunkten zusammenstellen. Entweder hat man elf Individuen, die mit ihrer Klasse und ihrem Talent stark genug sind, um den Gegner zu besiegen. Brasilien wäre ein Beispiel. Oder man hat elf durchschnittliche Fussballer, die in ein bestimmtes Konzept, einen Plan, integriert werden müssen. Dieser Plan zielt darauf ab, zum Wohle der Mannschaft das Beste aus jedem Mann herauszuholen.»
Der Schweizer Riegel
Der Riegel war eine Kombination aus Mann- und Raumdeckung. Die beiden Aussenverteidiger deckten die gegnerischen Flügel, während die beiden Innenverteidiger gestaffelt als Stopper und Ausputzer eine Art Raumdeckung praktizierten. Das zentrale Abwehrquartett, bestehend aus Stopper, Ausputzer und den beiden Mittelläufern wurde, je nachdem auf welcher Seite der Angriff des Gegners vorgetragen wurde, als Riegel hin- und hergeschoben. Mit diesem System hatte Rappan quasi den später alltäglichen Libero erfunden, der als freier Mann hinter den Manndeckern agierte.
Da sich die Mittelfeldspieler in Rappans System ständig in Untzerzahl befanden, neigten seine Teams dazu, sich weit zurückfallen zu lassen, dem Gegner das Mittelfeld preiszugeben und auf schnell vorgetragene Konter zu setzen. Den Riegel habe er erfunden, «weil der Schweizer Spieler technisch an die Ausländer nicht heranreichte, und auch nicht über deren spielerische Fantasie verfügte, aber willens war, seine Härte und Disziplin unter Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit kompromisslos in den Dienst des Mannschaftsinteresses und des Mannschaftserfolges zu stellen.»
Rappans grösste Erfolge
Nachdem sich die Nazis Österreich einverleibt hatten, schickten sie 1938 eine gemischte Mannschaft aus Deutschen und Österreichern an die Weltmeisterschaft, wo sie im Achtelfinale auf Rappans Schweizer trafen. Nach dem 1:1 wurde – damals Usus – ein Wiederholungsspiel angesetzt, welches die Schweizer nach einem frühen 0:2-Rückstand noch 4:2 für sich entscheiden konnten und ins Viertelfinale einzogen. Der Triumph über «Grossdeutschland» wurde in der Heimat landauf, landab euphorisch gefeiert, als Geste des Widerstandes gegen Nazi-Deutschland, als Sieg der Demokratie gegenüber der Diktatur.
An der WM 1954 im eigenen Land wiederholte Rappans Mannschaft diesen Exploit. Die Schweizer siegten in der Gruppenphase überraschend gegen Italien und verloren ihr zweites Match gegen England, was zu einem Entscheidungsspiel führte, das die Eidgenossen (wiederum) gegen Italien gleich mit 4:1 für sich entscheiden konnten. Das Viertelfinale gegen Österreich ging als «Hitzeschlacht von Lausanne» und als das bis heute torreichste Spiel einer Weltmeisterschaft in die Geschichte ein, nachdem die Schweizer nach einem 3:0-Vorsprung noch mit 5:7 verloren.
Der Catenaccio
Der «Schweizer Riegel» (oder oft auch «Verrou» genannt) war in dieser Hinsicht der Vorläufer des Catenaccios, dessen eigentlicher Siegeszug in den 50er-Jahren in Italien begann. Nachdem die Provinzvereine Salerno und Triest mit extrem defensivem Fussball die Spitzenclubs Italiens aufmischten, übernahmen in der Folge auch die Topvereine die Idee des Riegels. Das Ziel des Fussballs wurde umgedeutet: Es ging nicht mehr darum, mehr Tore zu schiessen als der Gegner, der Fokus lag nun darauf, weniger Tore zu kassieren als die gegnerische Mannschaft.
Insbesondere der argentinisch-französische Disziplinfanatiker Helenio Herrera, von 1960 bis 1968 Trainer von Inter Mailand, verfeinerte Rappans Riegel und gewann damit zahlreiche Titel, wie z.B. zweimal den Europapokal der Landesmeister, den Vorgänger der heutigen Champions League. Diese Mannschaft sollte später als «La Grande Inter» in die Geschichte eingehen und die erfolgreichste Ära des Vereins markieren. Seine defensive Spielweise brachte Herrera jedoch den zweifelhaften Spitznamen «Totengräber des Fussballs», aufgrund seiner Erfolge wurde der Catenaccio in Italien aber stilprägend und ist dies bis heute geblieben.
Legitimes Mittel
Mittlerweile hat der Begriff Catenaccio allerdings nicht mehr viel zu tun mit dem, was Rappan, Herrera & Co. einst praktizierten. Vielmehr ist der Catenaccio heute zu einem Begriff für einen sehr defensiven, destruktiven und ergebnisorientierten Fussball geworden. Unter Trainer Roberto Di Matteo bediente sich beispielsweise Chelsea in den Champions-League-Partien gegen Barcelona und Bayern München 2012 dieses legitimen Mittels, um als Aussenseiter den Favoriten zu ärgern und den als stärker angesehenen Kontrahenten zu bewingen.
Ob eine solche Taktik in der heutigen Zeit noch angemessen ist, sei dahingestellt. Im modernen Fussball hat die Position des freien Mannes hinter der Abwehr längst ausgedient. Doch schliesslich heiligt der Zweck alle Mittel, und schon Otto Rehhagel, angesprochen auf seine altertümliche Spielweise mit Libero und Manndeckern an der Europameisterschaft 2004 in Portugal, die er aufgrund seines Spielermaterials wählte, und mit dem Titelgewinn Griechenlands einen sensationellen Coup landete, meinte dazu lapidar: «Modern ist, wer gewinnt.» Rappan hätte seine helle Freude daran gehabt.
Bild: http://lifeisfootball22.wordpress.com/
TV-Moderatorin Steffi Buchli im Interview mit kurzpass.ch über den Sondereffort, den sie als Frau im Sportjournalismus leisten muss, den Konkurrenzkampf im SRF-Team und warum sie eigentlich gar nicht auffallen will.
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