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Es gibt Menschen, die fahren gerne Rad. Andere schreiben lieber. Wieder andere, doch davon gibt es leiderleider nur wenige, haben für ersteres eine Passion und verstehen sich auch auf das zweite. Der französische Schriftsteller Paul Fournel ist solch einer. Von ihm ist im velo-affinen Covadonga-Verlag ein Büchlein erschienen, dessen Titel im Grunde jede weitere Besprechung erübrigt: «Die Liebe zum Fahrrad» ist es betitelt, und Fournel beschreibt darin mit wunderbar feiner Feder, worin seine Liebe zum Fahrrad gründet.Fournel ist auf dem Rennrad unterwegs, doch was er denkt und schreibt, dürfte für jeden gelten, der am liebsten auf zwei Rädern durchs Leben pedalt. Wer würde, zum Beispiel, diese Sätze nicht unterschreiben?
«Das klassische Fahrrad ist eine geniale Maschine. Mit reiner Muskelkraft kann der Mensch im Sitzen eine doppelt so grosse Distanz doppelt so schnell zurücklegen wie zu Fuss. Er ist ein schnellerer Mensch dank des Fahrrads. Das Rad an sich ist schon eine Form von Doping. Was die Sache nicht leichter macht. Es ist ein Instrument, dem die Schnelligkeit innewohnt, es ist die beste Möglichkeit für den Menschen, über sich hinauszuwachsen: doppelt so schnell, doppelt so frisch, doppelt so viel Wind im Gesicht. So gesehen ist es nur natürlich, dass man nicht davon lassen kann.» (S. 36)
In manchem ergeht es mir gleich wie Monsieur Fournel:
«Wer auf das Rad steigt, ergreift von der Landschaft Besitz.» Und: «Im Unterschied zu dem, was sich erreignet, wenn ich im Auto sitze und die Landschaft sich dem Blick darbietet, aber nicht der ‹Erfahrung›, sitze ich auf dem Fahrrad mittendrin.» (S. 111)
Zum Beispiel auch diesbezüglich, dass einem auf dem Velo die besten Ideen kommen. Fournel sagt es so:
«Die Tage des friedlichen Radmarathons sind ausgezeichnete Tage, um Text zu produzieren. Ich fahre mit einem Satz, mit einer Idee los und kurble ein paar Stunden. Und manchmal komme ich mit einer fast fertigen Novelle, einem Artikel, einem Stück Text nach Hause. Wenn ich mich anschliessend redigiere, bin ich in der Lage zu sagen, ob es sich um Gegenwind- oder Rückwindprosa handelt.» (S. 156)
Und was die Liebe zum eigenen Rad als Gegenstand betrifft, die eher materielle also, sind wir ebenfalls gewissermassen Brüder:
«Ich wünschte, mein Rad stünde in meinem Zimmer wie eine Skulptur, wie ein Mobile von Calder. Das Rad müsste nicht einmal an der Decke hängen, es bräuchte lediglich an der weissen Wand zu lehnen, dort, wo die Sonne den Raum durchflutet. Es ist rot, schlank, es funkelt. Ich habe gerade das Lenkerband erneuert, und es sieht aus wie neu. Heute Moregen habe ich die Kurbel poliert und die winzige Lackabsplitterung am Rahmen ausgebessert. Es ist nichts mehr vom Kratzer zu sehen.» (S. 49)
Fournel lässt auch Nebenerscheinungen des Radfahrens nicht aus und beschreibt diese humorvoll präzise:
«Rennradfahren zehrt. Für einen Schlemmer ist es ein Segen. Die Energie, die man beim Kurbeln verbraucht, ist so gross, dass man abends ein Loch im Magen spürt, von dem man nicht weiss, wie man es füllen soll. Dieser Hunger gehört nicht zu den Empfindungen des Sesshaften, er ist ein tiefes Glück, das jener nie kennen wird.» (S. 159)
Tiefes Glück? Aber ja doch. Mein – unser – Kalorienverbrauch war und ist nie dermassen hoch und wird nie solcherart genossen wie wie auf einer Velotour. Allein, zu zweit, zu fünft mit den drei Kindern.
Und dann dieses andere Glücksgefühl, wenn man meinen könnte, endlos Strassen wie diese hinauffahren zu können:
«Nichts kann sich eine in den Weg stellen, und man tritt glücklich in die Pedale. Fitness ist ein Zustand, der alle Facetten des Rennradfahrens umfasst. Man kurbelt wie geölt, man klettert gut, fährt schnell. Man meistert Herausforderungen, die einen selbst verblüffen. Man ist glücklich.» (S. 174)
Schliesslich sind Rennradfahrer Paul Fournel und ich als Alltagspedalierer auch darin einig:
«Meine Lust aufs Radfahren ist ungebrochen. Zwischen dem Kindheitswunsch, ein Rad zu besitzen, und dem Drang, in die Pedale zu treten, liegt ein langer, sonnenbeschienener und kurvenreicher Weg. Und jedes Mal, wenn ich diesen Drang in Frage stelle, folgt die Antwort auf dem Fuss: Ich schwinge mich auf mein schönes Gefährt und gehe auf Tour.» (S. 31)
Im Hinblick auf Weihnachten: «Die Liebe zum Fahrrad» von Paul Fournel eignet sich bestens als kleine Gabe untern Christbaum seines velophilen Nächsten. Wer nicht so lange warten mag, legt es ihm oder ihr nächsten Sonntag auf den Frühstückstisch.