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Kuno Raeber hat schon vor rund 50 Jahren (in einem seiner Essays) auf das merkwürdige Verhältnis des Schweizer zur deutschen Sprache hingewiesen. Der Schweizer nämlich beginnt, sich der deutschen Sprache (und damit der deutschen Kultur) immer mehr zu entfremden. Diese Bewegung, die Raeber schon vor 50 Jahren konstatierte, hat sich fortgesetzt, wenn auch nicht in dem Tempo, das Raeber vorhersah.
Der Schweizer nämlich – oder, um genau zu sein: der Deutschschweizer, weil es nämlich noch den Welschen gibt, den Romand also, der Französisch spricht, und den Tessiner, der Italienisch spricht – der Schweizer also distanziert sich zusehends von der Standardsprache, die er „Hochdeutsch“ oder noch bezeichnender „Schriftdeutsch“ nennt. Als Goethe ein junger, aufstrebender Autor war, stellte Zürich ein Zentrum der deutschen literarischen Kultur dar, eine Stadt von der aus Bodmer und Breitinger dem deutschen Literaturpapst Gottsched erfolgreich Paroli boten. Es sei zugegeben, dass zu jener Zeit im deutschen Sprachraum keine grössere Stadt von Konsequenz existierte. Selbst das aufstrebende Berlin war ja nur ein ein bisschen grösseres Kaff als Weimar. Die vielleicht einzige Ausnahme Wien war seit jeher nur partiell auf den deutschen Sprachraum ausgerichtet.
Doch auch noch Gottfried Keller sah nur einen graduellen Unterschied zwischen seinem Züricher Dialekt, den er im Alltag gebrauchte und der Standardsprache, mit der er sich in Deutschland, aber auch in den Sitzungen des Rates, dessen Schreiber er war, herumzuschlagen hatte. Selbst Gotthelf, der heute als typischer Schweizer Autor rezipiert wird, hat seine grossen Romane bei einem Berliner Verleger publiziert.
Und noch weitere runde 50 Jahre später wird, wer Friedrich Glausers Kriminalromane um den Berner Ermittler Wachtmeister Studer liest, feststellen, dass der Wachtmeister jedesmal, wenn er einen offiziösen Akt wie z.B. eine Verhaftung, auszuführen hat, ganz selbstverständlich und automatisch in die Hochsprache verfällt.
Erst die beiden Weltkriege haben des Schweizers Verhältnis zu seiner Sprache geändert. Im Ersten Weltkrieg drohte die Schweiz am Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich zu zerbrechen, indem die Romands natürlicherweise mit den Franzosen, die Deutschschweizer mit den Deutschen sympathisierten. Um als Staat überleben zu können, musste so etwas wie ein Schweizer Nationalgefühl kreiiert werden, ein Helvetismus. Den gab es vorher noch nicht. Dann kam der Nationalsozialismus mit seinen alldeutschen Ansprüchen, der auch die deutsche Schweiz und Österreich umfasste. Während aber in Österreich der grossdeutsche Gedanke Tradition hatte, und Hitler auch entsprechend begrüsst worden ist bei der Annexion, war der Schweizer schon seit Jahrhunderten auf seine unabhängige Sonderposition stolz. Er begann sich noch mehr abzugrenzen vom Deutschen, dem Staat wie der Sprache. Noch mehr Traditionen wurden aufgebaut.
Und eine davon sollte sein, dass der Schweizer nicht Deutsch könne, jedenfalls nicht hochdeutsch. Auch andere allemanische Völker kokettieren ja damit, dass sie alles könnten ausser Hochdeutsch. Doch der Schweizer geht weiter. Der Gebrauch des Hochdeutschen unter Schweizern ist de facto verpönt. Zwei Schweizer, die sich an einer internationalen Tagung finden, werden ungeachtet irgendwelcher deutscher Zuhörer in ihren Dialekt fallen, sobald sie miteinander diskutieren. Eher noch sprechen sie Englisch als Hochdeutsch. Dazu steht allerdings dann in Widerspruch, dass jeder Deutschschweizer fast automatisch auf Hochdeutsch umstellt, wenn ihm auf der Strasse oder am Telefon auf Hochdeutsch eine Frage gestellt wird. Selbst dann, wenn das Gegenüber eigentlich seinen Dialekt verstünde.
So war die Situation schon in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts, zur Zeit Raebers. Was heute dazu gekommen ist, ist die Tatsache, dass immer mehr – zuerst waren es nur die Jungen, heute sind’s auch schon gestandenere Menschenskinder – e-mail und SMS im Dialekt abfassen. Obwohl es für den Dialekt keine verbindlichen Rechtschreiberegeln gibt. Dies führt gleichzeitig zu einer Einebnung der Dialekte. Noch vor 100 Jahren konnte meine Grossmutter anhand des Dialekts erkennen, ob ihr Gegenüber nun aus dem nördlichen oder aus dem südlichen Nachbardorf stammte. Heute bilden sich gerade – auch dank Radio und TV – drei oder vier Grossdialekte heraus: Bern, Basel, Zürich und Innerschweiz. Ein geradzu dialektischer Vorgang: Die Verstärkung einer angeblichen Tradition führt dazu, dass diese Tradition verschwindet.