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suchte den griech.-türk. Streit zu vermitteln, und Rußland, zum Kriege nicht gerüstet, mußte selbst Griechenland [* 2] zur Annahme des Konferenzprotokolls raten. Das Verhältnis zu Preußen [* 3] gestaltete sich immer inniger und wurde auch durch die panslawistische Richtung, die in der öffentlichen Meinung R.s immer mehr Boden gewann, nicht erschüttert.
Beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 und 1871 erklärte Rußland seine Neutralität (23. Juli) und zwang durch seine entschiedene Haltung Österreich [* 4] gleichfalls in derselben zu verharren. Dafür war die deutsche Diplomatie Rußland behilflich, die demütigende Bestimmung des Pariser Friedens, die Rußland verbot, im Schwarzen Meer seine Flotte zu vergrößern und Kriegshäfen anzulegen, abzustreifen. (S. Pontusfrage.) Die Zusammenkunft des Kaisers Alexander II. mit den Kaisern Wilhelm I. und Franz Joseph 5. bis in Berlin [* 5] bewies die Aussöhnung R.s mit Österreich und die gegenseitige Verständigung der drei Herrscher.
Die ungerechte Behandlung, welche die Pforte ihren christl. Unterthanen angedeihen ließ, und ihre Weigerung, den im Pariser Vertrag von 1856 übernommenen Verpflichtungen vollständig nachzukommen, benutzte Rußland als eine neue Kriegsfrage. Der Aufstand in der Herzegowina und in Bosnien [* 6] im Juli 1875 veranlaßte zunächst die diplomat. Intervention der russ. Regierung. Sie legte bei der Dreikanzlerzusammenkunft in Berlin 11. bis das sog. Berliner [* 7] Memorandum vor, dessen Annahme an der Weigerung Englands scheiterte.
Montenegro und besonders Serbien, [* 8] welche im Juli der Pforte den Krieg erklärt hatten, wurden von Rußland in nicht offizieller Weise unterstützt und letzteres, als es, dem Untergange nahe, die Hilfe R.s anrief, durch das der Pforte gestellte Ultimatum des Zaren vom 30. Okt. gerettet. Am 10. Nov. erklärte Kaiser Alexander, von der öffentlichen Meinung gedrängt, seinen Entschluß, der Pforte den Krieg anzukündigen, falls diese keine Garantien für die Ausführung der von den Großmächten gestellten Forderungen gebe. Als die in Konstantinopel [* 9] vom bis tagende Konferenz der Bevollmächtigten der Großmächte und das Londoner Protokoll vom zu keinem Resultat führten, wurde der Krieg durch das vom datierte Kriegsmanifest des Kaisers verkündigt. (S. Russisch-Türkischer Krieg von 1877 und 1878.)
Rußland war trotz des tapfern Widerstandes der Türkei [* 10] schließlich siegreich. Die Pforte bat um Waffenstillstand; derselbe wurde nebst den Präliminarfriedensbedingungen zu Adrianopel unterzeichnet, 3. März der Friedensvertrag von San Stefano (s. d.) abgeschlossen. Aber die Ziele, welche Rußland nach seinen Waffenerfolgen anstrebte, veranlaßten das Einschreiten Englands. Nach langen Verhandlungen kam durch die Vermittelung der deutschen Regierung der Berliner Kongreß (s. d.) zu stande, der die orient.
Verhältnisse endgültig regeln sollte und unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck eröffnet wurde. In dem 13. Juli unterzeichneten Friedensvertrag erhielt Rußland von Türkisch-Asien die Gebiete von Kars, Ardahan und Batum, [* 11] und der durch den Pariser Vertrag 1856 von Rußland an die Türkei abgetretene Teil von Bessarabien wurde von Rumänien, das die Dobrudscha erhielt, an Rußland zurückgegeben. Dagegen mußte Rußland zu einigen, von den Friedensbestimmungen von San Stefano abweichenden Abmachungen über die künftige Gestaltung der Balkanhalbinsel [* 12] seine Zustimmung geben.
Der ostensible Zweck des Krieges, Befreiung der russ. Stammes- und Glaubensgenossen von der türk. Willkürherrschaft, war erreicht; der eigentliche Zweck, Rußland einen übermächtigen Einfluß auf der Balkanhalbinsel zu verschaffen, war verfehlt, während Österreich und England, die keinen Teil an dem Kriege genommen hatten, das eine mit der Verwaltung Bosniens und der Herzegowina, das andere mit der Cyperns betraut wurden. Daher war in Rußland weder Regierung, noch Armee, noch Presse [* 13] mit den Ergebnissen des Krieges zufrieden, und Deutschland [* 14] wurde der unbegründete Vorwurf gemacht, es habe auf dem Berliner Kongreß Rußland um die Früchte des Krieges gebracht.
Die Folge dieser Spannung zwischen Rußland und Deutschland war, daß im Sommer 1879 in Paris [* 15] über den Abschluß eines russ.-franz. Bündnisses verhandelt wurde, daß zur Beilegung der polit. Mißstimmung Kaiser Wilhelm I. 3. Sept. in Alexandrowo eine Zusammenkunft mit Kaiser Alexander hatte, und daß Fürst Bismarck, um Deutschland gegen die Gefahr einer russ.-franz. Offensivallianz zu sichern, in Gastein und in Wien [* 16] eine Defensivallianz mit Österreich abschloß.
Gleichzeitig mit diesen den Sturz der türk. Herrschaft bezweckenden Bestrebungen erfolgte das Vorgehen R.s in Centralasien. Ein Konflikt mit China [* 17] wegen Kaschgar (in Ostturkestan) wurde 1874 durch engl. Intervention beigelegt, das 1871 occupierte Kuldschagebiet 1881 an China zurückgegeben, außer einem kleinen Distrikt nordöstlich vom Fluß Ili. Durch den Feldzug Skobelews wurden 1881 die Tekke-Turkmenen unterworfen und ihr Gebiet Rußland einverleibt.
Sehr wichtig und wohlthätig war die Regierungsthätigkeit Alexanders II. im Innern. Gleich bei seiner Krönung zu Moskau [* 18] verkündete der Kaiser ausgedehnte Gnadenerlasse, verminderte die Abgaben und ließ die Rekrutenaushebung auf mehrere Jahre einstellen. Die hartbedrückten Juden erfuhren eine mildere Behandlung, und die bisherige strenge Absperrung gegen das Ausland hörte auf. In allen Zweigen der Verwaltung wurden Reformen angebahnt. Ein großes Eisenbahnnetz ward projektiert und der Ausbau desselben einer internationalen Aktiengesellschaft übertragen.
Auch das Königreich Polen erhielt Beweise des kaiserl. Wohlwollens. Besondere Fürsorge wurde dem Bauernstande zugewandt, der (außer in Finland und den Ostseeprovinzen) noch überall in Rußland unter der Leibeigenschaft stand. Im Sept. 1859 wurden Abgeordnete der Adelskorporationen aus allen Provinzen nach Petersburg [* 19] berufen, um an der Festsetzung eines Emancipationsgesetzes teilzunehmen; nachdem der Entwurf in letzter Instanz vor dem Reichsrat verhandelt war, wurde das Manifest betreffend die Aufhebung der Leibeigenschaft 19. Febr. vom Kaiser vollzogen. Danach erlangten die leibeigenen Dienstleute, deren Zahl etwa 1½ Mill. betrug, nach zwei Jahren ihre völlige persönliche und bürgerliche Freiheit; ebenso die an die Scholle gebundenen Bauern, welche über 20 Mill. zählten. Letztere erhielten überdies das Recht, die Gehöfte, die sie in Nutznießung hatten, durch Ablösung als Eigentum zu erwerben. Die kaiserl. Apanage- und Kronbauern, über 22 Mill., erhielten durch Ukas vom vorteilhafte Ablösungsbedingungen.
Zu gleicher Zeit schritt das Finanzministerium zu einer Reform der Staatskreditanstalten. Jetzt, wo alles darauf ankam, den Gutsherren den Kredit zu ¶
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erleichtern, wurden die Kreditinstitute, welche Güter gegen Hypotheken beliehen, geschlossen und bei der Ablösung des Bauernlandes die hypothezierte Bankschuld bei Auszahlung des Staatsvorschusses innebehalten. Die Aufhebung der Leibeigenschaft kam zu unvorbereitet. Durch die den Gutsherren auferlegten großen Opfer, den Mangel an ausdauernder Arbeitskraft, die Gewöhnung, alles von der Regierung zu erwarten, den Ausschluß jedes Einflusses der Gutsherren auf die Bauern, die feindliche Stellung, welche infolgedessen die Bauern den Gutsherren gegenüber einnahmen, wurde der größte Teil des Adels völlig ruiniert. Aber auch die ökonomische Lage der Bauern blieb eine sehr gedrückte. Trotz wiederholter Ermäßigung der Loskaufszahlungen, mehrfachen Erlasses von Steuerrückständen, besserte sich die Lage der Bauern nicht. -
Vgl. H. von Samsom, Vom Lande (Dorpat [* 21] 1883) und die dort angeführten Quellen.
Ein anderes Bild zeigen die liv-, kur-, esthländischen Agrarverhältnisse. In Livland [* 22] hatte der Adel schon im Anfang des Jahrhunderts mit einer Besserung der Lage der Leibeigenen (Bauernverordnung von 1804) begonnen, und durch die Bauernverordnungen von 1816, 1817 und 1819 war die Aufhebung der Leibeigenschaft in allen drei Provinzen erfolgt. Der Bauer war persönlich frei und unter der Polizei und Aufsicht des Gutsherrn stehend zur Leistung des Gehorsams verpflichtet. 1849 wurde in Livland durch den Landmarschall von Foelckersahm der Übergang zur Geldpacht und der Erwerb des Grundeigentums angebahnt, gleichzeitig war vom Adel ein System von Gemeindeschulen und der Schulzwang eingeführt. Jeder Bauernhof bildet hier eine geschlossene wirtschaftliche Einheit, so groß, daß derselbe einen geordneten Wirtschaftsbetrieb lohnt. Seit diesem Jahre begann in Livland der Bauernlandverkauf in großem steigendem Maßstabe. Die Schwesterprovinzen folgten. -
Vgl. Materialien zur Kenntnis der livländ. Bauernverhältnisse (Riga [* 23] 1883).
Im Königreich Polen versuchten der Großfürst Konstantin und Marquis Wielopolski vergebens ein versöhnliches System. Infolge der neuen Rekrutenaushebung brach im Jan. 1863 ein Aufstand aus, welcher auch die westruss. (vormals poln.) Gouvernements zu ergreifen drohte; aber binnen Jahresfrist ward derselbe wieder unterdrückt. Die russ. Regierung griff nun zu strengen Repressivmaßregeln und arbeitete, wie zur Zeit des Kaisers Nikolaus, entschieden auf die Russifizierung dieser Provinzen hin. Im Großfürstentum Finland hatte Alexander II. bereits April 1861 die Wiederherstellung der landständischen Verfassung, die seit der russ. Eroberung außer Wirksamkeit gekommen war, zugesagt.
Der erste Landtag tagte von Sept. 1863 bis April 1864. Um den letzten sprachlichen Zusammenhang zwischen Finland und seinem vormaligen Mutterlande Schweden [* 24] zu lösen, wurde neben der bisher ausschließlich berechtigten schwed. Amtssprache Febr. 1864 das Finnische gleichfalls als offizielle Sprache [* 25] anerkannt, und von 1872 an sollte die Kenntnis derselben obligatorisch für alle Beamte und Lehrer sein. Auch im eigentlichen Rußland war das öffentliche Leben aus der frühern Erstarrung allmählich in Fluß geraten.
Ein ungewohnter Geist des Liberalismus und der Opposition zeigte sich in der Presse und an den Universitäten. Als das Unterrichtsministerium, dadurch beunruhigt, ein strengeres Reglement bei den Universitäten durchzuführen suchte (Herbst 1861), kam es in Petersburg und Moskau zu wiederholten Studententumulten. Auch die Adelskorporationen der Gouvernements, welche Jan. bis März 1862 zusammentraten, begannen eine bisher unerhörte Sprache zu führen. Dagegen drängte eine ultraruss.
Partei, deren hervorragendster Publizist Katkow (s. d.) war, zu den strengsten Maßregeln gegen Polen und wollte alles Nichtrussische beseitigen. Alexander II. verkündigte in einem Reskript vom daß das Recht der Initiative bei allen Reformen ausschließlich ihm selbst zustehe und mit der autokratischen Gewalt unzertrennlich verbunden sei. Nach dieser Zurückweisung mußten alle polit. Forderungen verstummen. Dagegen ging Alexander II. auf dem betretenen Wege langsam vorwärts.
Durch die Gerichtsordnung vom wurde das Justizwesen umgestaltet und reformiert. Ein Ukas vom befahl die Einführung von Kreis- und Gouvernementsvertretungen, bestehend aus Grundbesitzern, Stadtbürgern und Bauern, die sich vorzugsweise mit den ökonomischen Interessen und Bedürfnissen ihres Bezirks beschäftigen sollten. Im Sept. und Okt. 1865 wurden die Kreis- und Gouvernementsrepräsentationen zuerst einberufen. Inzwischen wurden die Bauernemancipation und das Ablösungsverfahren vollends durchgeführt, so daß März 1871 die letzten Spuren der Leibeigenschaft verschwanden.
Von hervorragender Wichtigkeit war auch der vom Kaiser bestätigte Beschluß des Reichsrates, welcher die Erblichkeit des geistlichen Standes aufhob und den Söhnen der Weltgeistlichkeit freistellte, sich dem Staatsdienste oder der bürgerlichen Thätigkeit zuzuwenden. Im Kaukasus trat der Fürst (Dadian) von Mingrelien 1867 seine bisherigen Souveränitätsrechte gegen 1 Mill. Rubel Entschädigung an den russ. Kaiser ab, und die Sklaverei wurde daselbst, zuletzt im Distrikt Suchum-Kale 1870, völlig abgeschafft.
Neben der Ausdehnung [* 26] des Eisenbahnnetzes und der Aufhebung der Leibeigenschaft war die dritte Maßregel, die wesentlich zur Stärkung der Reichsmacht beitrug, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, welche in einem kaiserl. Manifest vom als Gesetz verkündigt wurde. Damit waren die verschiedenen, auf eine neue Militärorganisation hinzielenden Verordnungen (von 1868, 1870 u. s. w.) und Reformen zum Abschluß gebracht. Im Gegensatz zu diesen Reformen, die sich die Zustände des Westens zum Muster nahmen, aber freilich vielfach auch die fremden Formen ohne weiteres auf die ganz anders gearteten russ. Verhältnisse übertrugen, verharrte eine starke altruss.
Partei. Sie hatte bestanden, seit Rußland unter Peter I. ein europ. Staat geworden war. Neue Kraft [* 27] hatte sie unter Kaiser Nikolaus aus dem Ideengehalt gewonnen, den das damals entstandene Slawophilentum ihr zuführte. Unter Alexander II. war diese emporkommende nationalruss. Strömung zwar zurückgedrängt, aber nicht unterdrückt worden. Der poln. Aufstand, von gewandten Agitatoren hierzu benutzt, fachte sodann das Nationalitätsgefühl zum Fanatismus an. Das Bestreben, das ganze Staatsleben auf nationalruss. Boden zu stellen, nahm zunächst die Richtung auf Unterdrückung aller nichtruss. Elemente im Reiche. Nach Niederwerfung des poln. Aufstandes forderte die öffentliche Meinung die völlige Verschmelzung Polens mit Rußland. Diese Politik fand zum Teil auch die Zustimmung der Regierung, die dadurch einer Wiederholung des Aufstandes ¶