Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03620.jsonl.gz/1376

Der chinesische Regisseur Lou Ye hat seine Festivalkarriere nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass er fast immer dissidente Filme gemacht hat, Filme, welche dem offiziellen China ein Dorn im Auge waren, und darum im Westen begehrte Festival-Events. Sein Weekend Lover (gefilmt 1994) fiel der chinesischen Zensur zum Opfer, Suzhou River bekam den grossen Preis von Rotterdam, und Summer Palace, ein Film rund um das Massaker an Platz des Himmlischen Friedens von 1989, brachte 2006 mit seiner Vorführung in Cannes nicht nur das Festival unter chinesischen Druck, sondern auch seinen Regisseur, der mit 5 Jahren Arbeitsverbot belegt wurde. Aber man täte Spring Fever (Chun feng chen zui de ye wan) Unrecht, wenn man in dem Film bloss ein weiteres oppositionelles Kunstprodukt sähe.
Spring Fever spielt in Nanjing, in der Gegenwart, und erzählt von der Liebe zweier junger Männer, der verzweifelten Eifersucht der Frau des Einen, und schliesslich einer kurzfristigen, fragilen ménage à trois. Natürlich evoziert das François Truffauts Jules et Jim, und das liegt auch in der Absicht des Regisseurs, der seinen Film fast vollständig mit französischem Geld produziert hat. Aber die zärtliche Distanz zu den Figuren, welche Truffaut seinerzeit bemüht hat, findet sich nur selten in Spring Fever. Dafür gibt es ungewohnt intime Sexszenen und viel männliche Nacktheit. Die Frauen dagegen zeigt Lou Ye viel zurückhaltender. In einem Interview im Presseheft erklärt er dazu, vor allem die eifersüchtige Ehefrau hätte eine derartige Präsenz im Film, dass das Zeigen ihres Körpers zu einer Redundanz geführt hätte…
Die Intimität des Films, das Gefühl, immer wieder bei etwas dabei zu sein, bei dem man eigentilch nicht dabei sein sollte, rührt dabei nicht nur von der latenten Homophobie des westlichen Kinokanons her, sondern auch von der Kameraführung Lou Yes. Er hat den Film mit einer kleinen digitalen Kamera gedreht, und daher wirken die Bilder oft reportagehaft, dann wieder distanziert und dazwischen manchmal gezielt, um nicht zu sagen: aufdringlich subjektiv, wenn etwa die Kamera sich hinter einen Türspalt zurückzieht und den verschämten Blick eines Spions simuliert, oder in einer anderen Szene durch ein Gewebe blickt. Spring Fever ist ein Film der weniger noch als andere aus seinem historischen und politischen Umfeld heraus gelöst betrachtet werden kann. Und weil wir in Mitteleuropa wenig wissen über China, sind wir auch sehr schnell bereit, aus solchen Filmen Rückschlüsse zu ziehen. Da haben die dokumentarisch wirkenden Aufnahmen aus einem schwulen Nachtklub in Nanjing oder aus tristen Karaoke-Zimmern in der Provinz einen zusätzlichen Nachhall.
Mit seinen 115 Minuten und den weitgehend absehbaren Konstellationen und Leidenschaftsdramen hat der Film keine grossen Erschütterungen beim Kritikerpublikum ausgelöst. Aber er hat, allein durch das spürbare Unbehagen im Saal bei den schwulen Sexszenen, einmal mehr deutlich gemacht, wie auch ein aufgeschlossenes, routiniertes westliches Kinopublikum auf den Bruch mit der gewohnten heterosexuellen Kinoerotik reagiert. Manche dieser durchaus nicht ungewöhnlichen, und schon gar nicht pornografischen Einstellungen wirken wie Wörter, die wir zwar erkennen, aber im Moment nicht richtig zu verstehen vermögen. Vielleicht geht es homosexuellen Kinogängern mit jeder Standardbettszene im Kino so. Aber wahrscheinlich nicht, denn die Konditionierung auf die „erotischen“ Signale des westlichen Erzählkinos ist so durchgehend wie die auf gewohnte Schnittfolgen und Achsenwechsel.