Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/2234

Was versteht man unter Kinetismus?
Der Wiener Kinetismus stellt einen der wenigen Beiträge Österreichs zur internationalen Avantgarde der 1920er Jahre dar. Begründer des Kinetismus war der international anerkannte Pädagoge Franz Cižek, unter dessen Anleitung es an der Wiener Kunstgewerbeschule ab 1918 zu einer eigenständigen Rezeption von Expressionismus, Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus kam. Zu den Hauptvertretern zählt vor allem Erika Giovanna Klien. Ihr Schaffen ist auch in der Galerie in Zürich zu bewundern. Doch der Kinetismus war etwas besonderes. Bei der Gründung der Schule waren die Beteiligten keine Künstlergruppe, sondern eine Schulklasse. Allein das ist einmalig in der Geschichte der Moderne. Und sie haben keinen eigenen Stil entwickelt, sondern Vorangegangenes fröhlich vermischt. Beides gehörte im 20. Jahrhundert zu den großen Tabus, die lange eine ernsthafte kunstgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Kinetismus verzögerten. In den 1920ern leitete Franz Cizek die Klasse zur ornamentalen Formenlehre an der Wiener Kunstgewerbeschule. Die Jugendlichen forderte er dazu heraus, sich nicht auf Naturstudien zu beschränken, sondern sich mit den Vorkriegsavantgarden zu beschäftigen, deren Themen, aber auch deren Formensprache in ihren Werken aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
Anfänge des Kinetismus im Expressionismus
Der Kinetismus entstand als revolutionäres pädagogisches Experiment an der damaligen Kunstgewerbeschule in der Klasse Cizeks und hatte seine Anfänge noch im Expressionismus, um sich in Konfrontation mit Futurismus und Kubismus zum Kinetismus hin zu verfeinern. Zu den Stars der Bewegung zählten vor allem Frauen. Ganz vorne stehen hier die Künstlerinnen Erika Giovanna Klien, My Ullmann und Elisabeth Karlinsky. Vorwiegend Frauen besuchten seine Klasse, da sie dort im Gegensatz zur Universität bereits studieren durften. Cizek unterrichtete seit 1904 an der Kunstgewerbeschule, und arbeitete beständig an seinem reformpädagogischen Konzept, das auf schöpferischem Gestalten statt bloßem Abbilden im Unterricht setzte. Cizek führte die, damals in der internationalen Kunstszene berühmte Klasse, wie ein Labor und liess seine Schülerinnen zunächst Emotionen in expressionistische Formen umsetzen, um einen schöpferischen Automatismus zu bewirken. Der Mystik des Herzens ließ Cizek die Mystik des Kopfes folgen, wobei die kubische und mathematische Existenz der Dinge erfasst werden sollte. Am Ende dieses Prozesses stand der Kinetismus als ein vom Leben durchpulster Aktivismus, wie Cizek auch selbst zitiert wird. 1920 fand eine große Ausstellung von Werken aus der Cizek-Klasse in Wien statt, und ab 1923 tourten Wanderausstellungen der Klasse durch die USA. 1924 wurde der Kurs für “Ornamentale Formenlehre” auf Grund von Umstrukturierungen der Schule an seinem künstlerischen Höhepunkt aufgelöst.
Kinetismus gerät schnell in Vergessenheit
Der Kinetismus und die Werke der Schülerinnen, die zeitlebens bis auf Ausnahmen wie Klien, Ullmann und Karlinsky mit dem Stempel des Kunstgewerbes versehen blieben, geriet weitgehend in Vergessenheit. Die Schöpferinnen hochwertiger künstlerischer Arbeiten erlitten dabei ein ähnliches Schicksal wie die Schaffenden der Wiener Werkstätte, die großteils anonym blieben. Erst in den späten 60er Jahren wurde der Nachlass Cizeks in einer Volksschule wieder entdeckt und der Kinetismus aufgearbeitet.
Bekannteste Vertreterin des Kinetismus
Die bildende Künstlerin und Kunstpädagogin Erika Giovanna Klien war die wichtigste Vertreterin des Wiener Kinetismus. Für Erika Giovanna Klien bildeten Kunst und Leben eine Einheit. Die Tochter aus behütetem kleinbürgerlichem Beamtenhaus verwischte früh die Grenzen zwischen künstlerischer Arbeit und Alltagsleben. Da sie sich zum Zeichnen ebenfalls stark hingezogen fühlte, wurde ihr ab 1919 der Besuch der Kunstgewerbeschule in Wien zugestanden. An dieser Schule, der späteren Hochschule für Angewandte Kunst, herrschte in der Aufbruchsstimmung der ersten Nachkriegszeit ein enormer Reformwille. Es unterrichteten bedeutende Künstler, die sich mit den Strömungen der europäischen Avantgarde, dem Futurismus und Kubismus, dem Konstruktivismus und den Lehren des Bauhaus auseinandersetzten und die Grenzen zwischen Kunst und Kunstgewerbe aufzuheben versuchten. Besonders wichtig für Erika Giovanna Klien sollte der charismatische Reformpädagoge Franz Cizek werden. Mit der Aufforderung Stülpen Sie heute Ihre Seele nach aussen, versuchte er jenseits von Stilkonventionen das schöpferische Potential seiner SchülerInnen zu befreien. Bei diesem Lehrer konnte sich das Ausdrucksbedürfnis der verhinderten Schauspielerin frei entfalten. Und so wurde sie zum Star der Kunstströmung Kinetismus.