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Muss man Rolf Dobelli ernst nehmen? Nun, er hat ein millionenschweres Buchvermarktungsunternehmen aufgebaut sowie ein paar Bücher über besseres Denken und Handeln geschrieben, die sich zu Hunderttausenden verkauft haben und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden sind.
Sein neustes Buchprodukt heisst «Fragen an das Leben». Es ist eine Sammlung der gleichnamigen Kolumnen, die 2014 im deutschen «Stern» erschienen sind. Zu 46 Themen hat Dobelli jeweils ein Dutzend Fragen formuliert. Die Themen reichen vom Glück über Gott und Gefühle bis zur Gesundheit und dem Guten. Die Fragen mischen milde Provokationen, braven Ernst und gekünstelten Witz, nach dem Schema: «Braucht es eine Figur wie Rolf Dobelli auf der Welt? Wenn nein, wen würden Sie gerne an seiner Stelle sehen?»
Aber mit Kalauern kommt man einem solchen Erfolgsphänomen nicht bei. Was also passiert in diesen Büchern, das sie so erfolgreich macht?
Probleme, sauber verschnürt
Nach einer Managerkarriere bei Swissair-Unternehmen hat Rolf Dobelli vor fünfzehn Jahren das Konzept von Get Abstract entwickelt: Bücher handlich zusammengefasst. Das richtete sich an ManagerInnen, die keine Zeit hatten, ganze Bücher zur Wirtschaftsphilosophie zu lesen, aber auch an Schülerinnen und Studenten vor Prüfungen. So weit, so nachvollziehbar. Doch als die «NZZ am Sonntag» im Jahr 2006 damit begann, jährlich zehn Klassiker der Weltliteratur im Get-Abstract-Format beizulegen, fühlte es sich doch ein wenig wie der Untergang des freisinnig-bildungsbürgerlichen Abendlands in der Schweiz an.
Dobellis eigene Ratgeberkolumnen sind ebenfalls nach dem Get-Abstract-Prinzip gebaut: Er identifiziert ein Problem, verschnürt es auf eine vorgegebene Länge und referiert dazu eine Studie oder ein Buch, die oder das zum anstehenden Problem die Lösung gefunden hat.
Nun wollen die jüngsten «Fragen an das Leben» mehr Unterhaltung denn Didaktik liefern, wie es die Bestseller zum besseren Denken und Handeln taten. Bereits in «Wer bin ich?» (2007) hatte Dobelli «777 indiskrete Fragen» an sich und uns formuliert und dabei selbstgewiss an Max Frisch angeknüpft. Allerdings befragt er seine Gegenstände immer wieder unter quantifizierbaren, ökonomischen Kategorien. «Ist Ihnen die Demokratie noch von Nutzen?» «Würden Sie bei einem Wechsel zu einer gerechten Welt profitieren oder verlieren?» «Lohnt sich die Wahrheit noch?» Oder auch: «Welches Management-Seminar würden Sie Gott empfehlen?» Das ist vordergründig als Provokation formuliert, aber dahinter steckt immer die Aufforderung, dass die Menschen doch in solchen Kategorien denken sollten.
Verdichtet und verkürzt
Im Bereich der gedanklichen Selbstertüchtigungsliteratur gibt es seit etwa zwei Jahrzehnten den Trend zum Freakigen. Malcolm Gladwell mit «Tipping Point» (2000) und «Blink» (2005) oder Nassim Taleb mit «Der Schwarze Schwan» (2007) wollen den Zufall und das Glück wieder in ihr Recht einsetzen. Das verleiht ihnen einen aufmüpfigen Gestus.
Auch Dobelli beruft sich auf solche Ansätze. Die Form seines Anknüpfens hat allerdings vor zwei Jahren zu einem kleineren öffentlichen Sturm geführt, da Nassim Taleb sich plagiiert fühlte und Dobelli einräumte, auch in anderen Fällen mit seinen Quellenangaben nicht ganz sauber verfahren zu sein. Jenseits der etwas bemühten Plagiatsdiskussion zeigt sich darin, dass Dobelli für sein Geschäfts- und Schreibprinzip auf bereits vorhandene Thesen und Anekdoten angewiesen ist, die er dann komprimiert: «Compressed knowledge» heisst das Motto von Get Abstract. Seine Bücher versteht Dobelli laut eigener Bekundung als Verdichtung der «Forschungen der letzten drei Jahrzehnte im Bereich der kognitiven und sozialen Psychologie». Die Verkürzung rechtfertigt er damit, dass er das Komplexe zugleich verständlich mache. Der Anspruch, verständlich zu schreiben, kollidiert dabei mit dem Bedürfnis, all die schönen Erkenntnisse aus dem Englischen mit ihren Bullshitnamen zu zitieren: Clustering Illusion. Conjunction Fallacy. Association Bias. Hyperbolic Discounting.
Dabei setzt sich Dobelli zuweilen von herrschenden Vorurteilen und einer schrankenlosen Verehrung neoliberaler «Rationalität» ab. Ihm geht es um die glasklare Rationalität an und für sich. Der angebliche Neid auf die Reicheren wird nicht verworfen, weil Reichtum gerechtfertigt sei, sondern weil Neid schlicht die «idiotischste» aller Emotionen sei und heute, anders als bei den HöhlenbewohnerInnen, «nicht mehr lebenswichtig».
Dieses «rationale, optimale, logische, vernünftige Denken und Verhalten» muss, um beeindrucken und überzeugen zu können, wissenschaftlich abgesichert werden. Immer findet sich eine Studie, die belegt, was da verhandelt wird. Wenn die Psychologie nicht reicht, wird auch noch ein wenig Anthropologie in den Mixer geworfen, über das evolutionär falsch gewickelte menschliche Gehirn oder den Emotional Bias.
Zugleich will Dobelli seine Techniken durch Kunst und Philosophie nobilitieren. In diesem Bestreben wirkt er zuweilen wie eine Parodie auf sich selbst. Hinweise auf die Klassiker der Weltliteratur sprenkeln seine Beiträge, Lesetechniken werden als «Killer-Apps» belobigt. Dobelli empfiehlt uns, dem Newsrummel zu entsagen und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, denn, so endet seine «Kunst des klugen Handelns»: «Es gibt nichts Besseres als Bücher, um die Welt zu verstehen.» Dies von einem Mann, der sein Geld und seinen Namen damit gemacht hat, andern das Bücherlesen abzunehmen.
Das portionierte Wissen
Dobellis Selbsthilfemanuale gehen vom Einzelfall und vom Individuum aus. Alles wird voneinander abgetrennt und eingehegt. Das zerstückelte Wissen kann jederzeit mit Beispielen illustriert werden. Psychologie wird dabei in den immerwährenden Kampf zwischen Rationalität und Irrationalität eingespannt. Die Realität dazwischen fällt weg: Interessen, soziales Verhalten und gesellschaftliche Macht verflüchtigen sich im Versuchslabor.
Die Perspektive ist der Einzelne. In einem Beitrag behandelt Dobelli die «Tragik der Allmende»: dass soziale Aufgaben immer auf die Rationalität des Eigennutzes treffen. Dafür gebe es nur zwei Lösungen: «Privatisierung oder Management». Dagegen sei eine gemeinschaftliche Verwaltung eine Illusion, unserer Evolution nicht angemessen. In einem anderen Beitrag behandelt er «Social Loafing: Warum Teams faul sind». Laut einer Studie arbeite der Einzelne in Teams weniger, weil sein Faulenzen weniger auffalle oder weil dabei, wie schon die Nazis gezeigt hätten, das Verantwortungsgefühl abnehme. Deshalb: «Es lebe die Meritokratie, es lebe die Leistungsgesellschaft!» So krude spricht Dobelli selten aus, dass auch seine Lebensführer für den Konkurrenzkampf stählen sollen.
Man kann Dobelli zugutehalten, dass er seine verhaltenstechnischen Ratschläge von New-Age-Brimborium freihält. Aber seine zweckgerichtete Rationalität treibt der Welt zugleich die soziale Vernunft aus.
Rolf Dobelli: «Fragen an das Leben». Diogenes Verlag. Zürich 2014. 194 Seiten. 25 Franken.
Die beiden Bestseller «Die Kunst des klaren Denkens» (2011) und «Die Kunst des klugen Handelns» (2012) liegen als dtv-Taschenbücher vor.