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«Ferdinand Lorenz Franz Xaverium / Grafen von Tilly und Breiteneck / Baron von Morbais-Montigny / Neufville und Ballast / Herr zu Helfenberg / Hollstein / Hohenfels / zu Freystadt / zu Tillysburg / Wissenberg / Plein und Reichersdorff»[1]
T'Serclaes von Tilly
Die Familie T'Serclaes ist alter niederländischer Adel. Johann der Ältere begründet im 15. Jahrhundert den Zweig T'Serclaes-Tilly, benannt nach der Herrschaft Tilly im damals burgundischen Brabant.[2] Berühmtes Familienmitglied ist Johann T'Serclaes von Tilly (1559–1632), der Heerführer der Katholischen Liga im Dreissigjährigen Krieg. An ihn vergibt Kurfürst Maximilian 1624 die reichsunmittelbare und nun kurbayrische Grafschaft Breitenegg, die Herrschaft Helfenberg und die Herrschaft Hohenfels mit Freystadt und Holnstein in der Oberpfalz als Mannslehen. Sein Neffe Werner Wenzel, 1599 noch auf Tilly geboren, kauft während des Dreissigjährigen Krieges die österreichischen Herrschaften Volkensdorf, Weissenberg, Schieferegg, Stein und auch Stadthäuser in Wels. Anstelle der Burg Volkensdorf bei St. Florian lässt er das Schloss Tillysburg bauen. Die Familie hat damit einen neuen Lebensmittelpunkt im Donaugebiet um Linz.
Ferdinand Lorenz Franz Xaver T'Serclaes Reichsgraf von Tilly zu Breitenegg
Am 11. August 1666 wird er als Sohn von Ernst Emmerich T'Serclaes Reichsgraf von Tilly seiner zweiten Frau Maria Anna Theresia Freiin von Haslang zu Hohenkammer im Schloss Hohlnstein geboren. Grossvater ist der 1653 auf Weissenberg verstorbene, oben erwähnte Neffe des berühmten Heerführers. Er lässt es sich als Obrist im Dreissigjährigen Krieges gut gehen und kommt, wie seine österreichischen Neuerwerbungen zeigen, zu grossem Vermögen. Sein ältester Sohn ist der Vater von Ferdinand Lorenz. Dieser übernimmt 1653 die Verwaltung der Güter und die Stimme der schwäbischen Grafenbank am Reichstag. Er stirbt 1675 jung und hinterlässt vier unmündige Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren.[3] Ferdinand Lorenz ist beim Tod des Vaters neun Jahre alt. Er dürfte um diese Zeit noch in Hohlstein gelebt haben. In der dortigen Pfarrkirche ist das Epitaph des Vaters, dreier Töchter und seiner 1692 verstorbenen Mutter zu sehen.[4] Diese übernimmt jetzt anstelle des ältesten Sohnes Anton Ferdinand die Regentschaft. 1682 stirbt dieser mit 19 Jahren, wahrscheinlich auf der standesgemässen Kavalierstour, in Venedig. Das Erbe fällt nun an Ferdinand Lorenz, der 1684 mit 18 Jahren die Regentschaft antritt. Er ist seit 1676 am Gymnasium des Jesuitenkollegs Ingolstadt eingetragen. 1680 trägt er sich nochmals ein. Der Eintrag von 1680 ist deshalb interessant, weil er das Schulgeld für zwei Kommilitonen übernimmt, die er offensichtlich als Bedienstete bezahlt. Der wahrscheinlich auch im Studium privilegierte Adelige belegt an der Universität die Fächer Jura und Philosophie. Seine im Dezember 1685 vorgetragene und approbierte Disputation mit dem Titel «Physiologia Tum Veterum Tum Novatorum De Rerum Corporearum Elementis» erscheint im Druck.[5] Sie ist dem Kurfürsten Max Emanuel von Bayern und seiner Gemahlin Maria Antonia von Österreich gewidmet. Präsides ist P. Balthasar Stromair S.J.[6] Die philosophische Approbation erfolgt durch P. Maximilian Rassler S.J.[7] Schon in der Widmung sucht man den für deutsche Ohren ungewöhnlichen Familiennamen T'Serclaes vergeblich. Ferdinand Lorenz nennt sich nur noch, mit der Bevorzugung seiner beiden ersten Vornamen, Reichsgraf von Tilly.
Ferdinand Lorenz Reichsgraf von Tilly als Bauherr
Ob er nach dem Studium die übliche Kavalierstour absolviert, ist nicht bekannt. Es scheint, dass er anfänglich den Lebensschwerpunkt noch in der Oberpfalz hat. Spätestens seit Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges wohnt er aber dauerhaft in der zentraler gelegenen Gegend von Linz, von wo er auch die Bauten in seinen oberpfälzischen Herrschaften leitet.[8] Seine Bildung und seine Kontakte mit den Höfen in Wien und München sind der Grund, warum er für die Bauvorhaben in der Oberpfalz Giovanni Antonio Viscardi einheimischen Baumeistern vorzieht und ihn 1696 in seine Dienste nimmt.[9] 1697 bis 1700 ist eine intensive Reisetätigkeit Viscardis nach Holnstein, Helfenberg und Freystadt nachgewiesen. 1676–1707 baut er ihm anstelle der Höhenburg Helfenberg bei Lengenfeld ein Barockschloss.[10] Für die Fresken- und Stuckausstattung zieht Viscardi 1701 die Familie Asam und Nicolò Perti von Fürstenfeld nach Helfenberg.[11] Damit arbeiten die wichtigsten Künstler der soeben fertiggestellten neuen Zisterzienserabtei jetzt für den Reichsgrafen von Tilly.
1699 entschliesst sich Tilly für den Bau einer neuen Wallfahrtskirche bei Freystadt und beauftragt im Herbst Viscardi mit der Planung. Im August 1700 schliesst er mit dem Baumeister einen Pauschalakkord über 3400 Gulden. Der Bau stockt 1703 wegen des Spanischen Erbfolgekrieges und wird erst 1708–1710 beendet. Wieder ist Georg Asam mit seinen Söhnen tätig. Stuckateur ist jetzt Peter Franz Appiani.[12] Die Kirche wird zum wegweisenden Zentralbau des bayrischen Hochbarocks und zum Denkmal eines gossen Baumäzens. Das verschwundene Schloss Helfenberg und die Wallfahrtskirche bei Freystadt sind seine wichtigsten Bauten. Tilly ist aber auch Bauherr der Pfarrkirche St. Ulrich in Hohenfels (1716–1721) und der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Breitenbrunn (1716–1717).[13] In den Besitzungen um Linz arbeitet er um 1720 mit Johann Michael Prunner für Umbauten zusammen.[14] Auch hier zeigt Tilly, dass er wirklich nur beste Baumeister-Architekten für seine eigenen Aufträge beizieht.
Spanischer Erbfolgekrieg
Der Spanische Erbfolgekrieg verlagert sich durch den 1702 erfolgten Kriegseintritt des bayrischen Kurfürsten nach Bayern und wird zum eigentlichen Krieg Bayerns gegen die verbündeten kaiserlichen Deutschen. Ferdinand Lorenz Reichsgraf von Tilly ist in keiner glücklichen Lage, denn die Grafschaft Breitenegg ist bayrisches Lehen und die grossen Herrschaften um Linz liegen im nun verfeindeten Österreich. Sollte er noch Kontakt mit den Cousins in Tilly haben, könnte er diese Zerrissenheit auch in der Familie sehen. Während nämlich Claude-Frédéric als Truppenkommandant auf kaiserlicher Seite kämpft,[15] steht Albert Octave als General (Prince de T'Serclaes-Tilly oder «Fürst Tzerklas-Tilly») in Spanien auf der Seite der Bourbonen.[16] Das Kriegshandwerk scheint unserem Tilly zum Glück nicht mehr zu liegen. Seine Untertanen müssen sich zwar am Bau der kurbayrischen Defensionslinie gegen das Hochstift Eichstätt mit Schanzwerken in Holnstein beteiligen, er selbst übernimmt aber kein militärisches Kommando und überlässt Verteidigungswerke und Aufgebote seinen Pflegern. Als im März 1703 in der Nähe von Holnstein erste Kriegshandlungen stattfinden, sind zwar 100 seiner Leute aufgeboten, sie flüchten aber bei der ersten Feindberührung, und wenige Tage später hisst seine Besatzung beim Anrücken der Kaiserlichen in Freystadt die weisse Fahne. Man darf vermuten, dass der vorausschauende Reichsgraf Tilly sich nicht daran stört. Mit der Flucht des Kurfürsten ins Ausland und der österreichischen Okkupation Bayerns ab 1704 darf er sich bestätigt fühlen.
Das Erlöschen des Stammes Tilly-Breitenegg
Am 9. Januar 1724 stirbt Ferdinand Lorenz Reichsgraf von Tilly im Alter von 58 Jahren in Linz. Er ist unverheiratet. Mit ihm stirbt das Geschlecht der T'Serclaes-Tilly im Mannesstamm aus. Mit seinem Tod sind sich die «Mannlehen» Freystadt, Hohenfels und Schloss und Markt Holnstein erledigt und gehen an Kurbayern zurück. Erbin der Eigengüter ist die Schwester Maria Anna Katharina, inzwischen verwitwete Reichsgräfin von Montfort. Sie verkauft die Herrschaftssitze und Stadthäuser in Oberösterreich und zieht sich nach Breitenbrunn zurück, wo sie 1744 stirbt. Damit erlischt auch die weibliche Linie der Tilly zu Breitenegg.
Pius Bieri 2015
|Literatur:

Biografische Forschungen zu den beiden letzten Generationen der Reichsgrafen von Tilly zu Breitenegg sind bis heute nicht veröffentlicht. Der vorliegende Aufsatz ist mit Hilfe von Sekundärliteratur und Online-Quellen geschrieben. Es sind dies unter anderen:
|Goethals, Félix Victor: Généalogie der la Famille de T'Serclaes. Bruxelles 1853.|
|Miller, Katharina: Aristotelische Philosophie und Medizin an der Wende zum achtzehnten Jahrhundert unter dem Einfluss von Pater Balthasar Stromair S.J. von Ingolstadt, insbesondere an Hand der von Graf Tilly (1666 bis 1724) disputierten Physiologia. Dissertation. Bonn 1988.|
|Robi, Werner: Holnstein im Tal der Weissen Laber. Online-Veröffentlichung, Berching 2013.|
|Schmidle, Katharina: Die Wallfahrtskirche Maria Hilf bei Freystadt und die Dreifaltigkeitskirche in München. München 2014.|
Anmerkungen:
[1] Titelbezeichnung im Europäischen Herold von Friedrich Leutholfs von Frankenberg (Leipzig 1705).
Erläuterung zu den Bezeichnungen der Herrschaften im spanisch-österreichischen Brabant:
Tilly: siehe unten. «Morbais» ist Marbais bei Villers-la-Ville (B). «Montigny» ist Montignies-sur-Sambre bei Charleroy (B). «Neufville» ist Neuville-sous-Huy (B) «Ballast» ist Bâlatre bei Jemeppe-sur-Sambre (B).
Erläuterung zu den Bezeichnungen der Herrschaften in der Oberpfalz (D):
Zur reichsunmittelbaren Grafschaft Breitenegg, seit 1624 in Besitz von Tilly, gehören Breitenegg (heute Breitenbrunn) mit Helfenberg bei Lengenfeld (das 1699–1707 neu gebaute Schloss ist Ruine). «Hollstein» ist Holnstein bei Berching, es ist südliche, direkt an das Hochstift Eichstätt angrenzende Herrschaft. Freystadt und Hohenfels bedeuten die westlichen und östlichen Herrschafts-Eckpunkte. Alle Herrschaften liegen im Bistum Eichstätt.
Erläuterung zu den Bezeichnungen der Herrschaften im Donaugebiet:
Tillysburg liegt bei St. Florian (A). «Wissenberg» ist Weissenberg bei Neuhofen an der Krems (A). «Plein» ist Stein (St. Marien) bei Neuhofen an der Krems (A). Reichersdorf liegt bei Nussdorf ob der Traisen in Niederösterreich (A) ist aber seit 1675 verkauft.
[2] Heute ist Tilly ein Teil der Gemeinde Villers-la-Ville (B). Die Ortschaft mit der grossartigen Ruine einer Zisterzienserabtei liegt 30 Kilometer südlich von Brüssel. Das Stammschloss Tilly ist nicht mehr erhalten.
[3] Anton Ferdinand (1663–1682), Ferdinand Lorenz Franz Xaver (1666–1724), Maria Judith Monika (1667–1687), Maria Anna Katharina (1668–1744).
[4] «Ernst Emmerich Graf von Tilly und Breitenegg, Freiherr zu Marbeis, Monteigne, Neoville und Ballast, Herr zu Weisserz, Tillysburg, Stain, Freystatt, Hollnstain, Helfenberg und Rothenfelss, Kaiserl. Kämmerer, † 22. April 1675; seine Gemahlin Maria Anna Theresia, geb. Freiin von Haslang, † 10. Oktober 1692, und drei Töchter: Maria Johanna, geb. ... Mai 1671, † 27. April 1672, Maria Elisabeth geb. 1675 (Posthuma) † 1676, Maria Judith Monika, † 13. Mai 1687, 20 jährigen Alters».
(Nach: Kunstdenkmäler von Oberpfalz und Regensburg, Heft XII, Bezirksamt Beilngries I, München 1908).
Zu Holnstein siehe: Holnstein im Tal der Weissen Laber.
[6] Der Präsides ist Vorsitzender der Disputation. P. Balthasar Stromair S.J (1630–1715) aus München, Jesuit, ab 1680 Professor für Philosophie in Ingolstadt, 1688 Professor für scholastische Theologie in Dillingen und ab 1691 wieder in Ingolstadt. Er vertritt die aristotelische Philosophie und Medizin, deshalb auch das Disputationsthema der Physiologie. Wie Katharina Miller in ihrer Dissertation (1988) überzeugend nachweist, ist Stromair auch Verfasser der Disputationsschrift. Tilly hat lediglich die Schrift zu Disputation vorgeschlagen. Er hat mit grösster Wahrscheinlichkeit später auch keinen Doktortitel erworben. Für einen auch in den Studienabschlüssen privilegierten Adeligen ist eine Dissertation oder ein Doktorat ein äusserst seltener Vorgang und hätte in den Annalen einen Niederschlag gefunden.
[7] Rassler, Maximilian S.J. (1645–1719) aus Waldsee, Jesuit, 1676-1685 Professor für scholastische Theologie in Ingolstadt, 1685–1700 Professor für scholastische Theologie in Dillingen, Kanzler, 1700 Professor für Kirchenrecht in Innsbruck.
[8] Die Ortsangabe in seiner Korrespondenz ist nach 1700 immer Linz (oder Lünz). Er muss dort ein Stadthaus besitzen, denn ein Nekrolog bestätigt, dass er «zu Linz in der Statt allwo er etlich Jahr nacheinand seinen Wohnsitz Genommen» gestorben ist. (Quelle: Katharina Schmiedle, welche aber das vier Fussstunden von Linz entfernte Tillysburg als Sterbeort bezeichnet).
[9] Giovanni Antonio Viscardi (1645–1713) aus San Vittore im Misox. Siehe die Biografie in dieser Webseite.
[10] Der Bau kostet 90 000 Gulden. Ein kleine Darstellung auf dem Altarblatt der ehemaligen Schlosskapelle, heute in der Kirche von Lengenfeld, ist die einzige Bildquelle des Schlosses, das 1807 auf Abbruch versteigert wird. Es ist eine dreigeschossige Dreiflügelanlage auf mächtigem Unterbau, der Hof ist mit einem hohen Uhrenturm und einem zweigeschossigem Galeriegang geschlossen. Das Schloss soll 365 Fenster besessen haben. Eindrücklich ist der Bau noch 1849 als Ruine.
[11] Zum Künstlertransfer von Fürstenfeld in die Oberpfalz siehe die Biografien Georg Asam (1649–1711) und Nicolò Perti (um 1650–1720) in dieser Webseite.
[12] Peter Franz Appiani (1670–1724), siehe Biografie in dieser Webseite
[13] Als Baumeister wird Giovanni Rigaglia erwähnt, der vor allem für den Eichstätter Hofbaumeister Gabriele de Gabrieli baut.
[14] Johann Michael Prunner (1669–1739) aus Linz, Architekt des bewegten Barocks in der Tradition Guarinis. Hauptwerk ist die Wallfahrtskirche von Stadl-Paura.
[15] Claude-Frédéric t'Serclaes van Tilly (1648–1723).
[16] Albert-Octave, prince de t'Serclaes de Tilly (1646–1715).
|Ferdinand Lorenz Franz Xaver Reichsgraf von Tilly (1666–1724)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|11. August 1666||Holnstein||Kurfürstentum Bayern|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Reichsgraf||1684–1724|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|9. Januar 1724||Linz||Erzherzogtum Österreich|
|Kurzbiografie|

Mit Ferdinand Lorenz Reichsgraf von Tilly stirbt der männliche Stamm der Familie T'Serclaes von Tilly zu Breitenegg 1724 aus. Das Ansehen des Familiennamens verdankt er seinem Urgrossonkel, dem Heerführer der Katholischen Liga im Dreissigjährigen Krieg. Im gleichen Krieg schafft sein Grossvater, ein Obrist, grosse Vermögen und erwirbt Ländereien in Oberösterreich. Die Tillys von Breitenegg würden heute als Kriegsprofiteure bezeichnet. Der letzte Spross des Zweiges hält sich von Kriegshändeln fern. Er lässt als kluger Verwalter des Tillyschen Erbes und als Förderer der Baukunst mit der Herkunft der Gelder versöhnen. Sein grösstes Andenken setzt er sich mit der Wallfahrtskirche von Freystadt.
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