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«Ich habe oft grosse Ideen»
Jahrzehnte vor 1968, Jahrzehnte vor der Jugendbewegung der 1980er-Jahre und hundert Jahre vor der Klimajugend gab es eine Jugendbewegung in Graubünden: Es war die Bewegung der «Jungen Bündnerinnen», und sie begann im Jahr 1919 in Rothenbrunnen. Dort versammelten sich am 14. September rund 120 junge Frauen aus allen Regionen und Sprachgruppen zur Gründung einer Schwesternschaft, die bis heute als Kantonale Bündnerinnen-Vereinigung existiert.
von Silvia Hofmann
1919 ist ein Krisenjahr. Es grassiert die Spanische Grippe, die Wirtschaft steckt in einer Depression, die Schweiz wird erschüttert von Streiks und Kämpfen zwischen der Arbeiterschaft und den staatlichen Organen. In der Ostschweiz bricht die Textilindustrie ein. Auch in Graubünden herrschen Unruhe und Stagnation. Der Tourismus, der vor 1914 eine Blütezeit hatte, ist komplett am Boden, und damit fehlen viele, viele Arbeitsplätze. Die Entbehrungen des Ersten Weltkriegs wirken stark nach, es fehlt an sozialen Sicherungssystemen und sogar an Nahrung. Es herrscht, kurz gesagt, Not.
Gut die Hälfte der Bündner Frauen arbeitet in der Landwirtschaft, eine harte, schwere Arbeit – die Mechanisierung kommt erst Jahrzehnte später. Jede zehnte Frau arbeitet in einem erlernten handwerklichen Beruf, zum Beispiel als Schneiderin oder Weissnäherin. Die meisten Bündnerinnen sind jedoch ungelernte Kräfte, viele sind Mägde in der Hauswirtschaft. Im aufkommenden Tourismus gibt es neue Möglichkeiten, Arbeit als Wäscherinnen, Zimmermädchen, Saaltöchter – doch sehen es Bündner Familien nicht gern, wenn ihre Töchter dort tätig sind. Eine höhere Bildung ist für die meisten Bündnerinnen nicht möglich und auch nicht vorgesehen. Zwar können ab 1877 auch Frauen das Lehrerseminar besuchen, doch sie finden in Graubünden keine Stelle und müssen in anderen Kantonen suchen. Hebamme ist der einzige Frauenberuf, der in Graubünden staatlich gefördert und überwacht wird. Neue Berufe kommen auf, zum Beispiel in der Post, in der Telegrafie, als «Bürofräulein» oder in der Fabrik, dies jedoch nur an wenigen Orten Graubündens.
Gut die Hälfte der Bündner Frauen arbeitet in der Landwirtschaft. Jede zehnte Frau arbeitet in einem erlernten handwerklichen Beruf. Die meisten Bündnerinnen sind jedoch ungelernte Kräfte.
Umso erstaunlicher ist es, dass die junge Davoserin Elsa Buol als eine der ganz wenigen Bündnerinnen bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen richtigen Beruf erlernen kann. Sie besucht in Bern das Kindergärtnerinnenseminar und ist eine der ersten ausgebildeten Kindergärtnerinnen Graubündens. Und sie findet sofort eine Stelle – in Davos. Dort hat der Gemeinnützige Frauenverein unter der Leitung von Marie Beeli, einer einflussreichen Frauenrechtlerin und Schwester des Landarztes, die Gemeinde dazu gebracht, im Schulhaus von Davos Platz einen Kindergarten einzurichten.
Die damaligen Kindergärten verfolgten durchaus pädagogische Ziele. An erster Stelle aber stand «das soziale Moment» zu Bekämpfung «körperlich-seelischer Verwahrlosung» der Kinder durch die Erwerbstätigkeit der Mütter. Die zahlreichen weiblichen Angestellten in der Tourismusindustrie waren auf solche «Bewahranstalten» für ihre Kinder angewiesen. So schildert Else Krehl im Jahr 1931 in ihrem Artikel über die Geschichte der Kindergärten in Graubünden die Zustände in Davos: «… (man) konnte täglich in den Strassen von Davos Platz eine Dame beobachten, die eine Schar sonst unbeaufsichtigter Kinder an zwei Schnüren durch den Ort spazieren führte. Das war Fräulein Biechtler aus Schwaben, die sich der kleinen Verwahrlosten angenommen hatte, sie um sich sammelte, um sie vor gänzlicher Verwilderung zu bewahren. Allein im Winter, bei Schnee und Kälte, konnte die Schar nicht auf der Strasse bleiben.»
Ab 1912 mussten diese bedauernswerten Kinder also nicht mehr auf der Strasse umhergeführt werden, sondern erhielten einen eigenen Raum und eine eigene Kindergärtnerin in der Person der zwanzigjährigen Elsa Buol. 1892 geboren, wächst sie in behüteten und wohlhabenden Verhältnissen mit drei älteren Brüdern auf. Der Vater Christian stirbt früh, und so verbleibt der einzigen Tochter eine grosse Verantwortung für die Mutter Elisabeth. Elsa wird als begeisterte Sportlerin, als aufgeweckt und neugierig beschrieben. Offenbar aber wächst bei ihr schon früh eine besondere Aufmerksamkeit für soziale Verhältnisse und vor allem für soziale Missstände heran. Ihre Familie unterstützt sie in ihrem Wissensdurst und ihren beruflichen Zielen.
Elsa Buol besucht zunächst die Villa Jalta in Zürich, eine Reformschule für Mädchen, und anschliessend in Lausanne das renommierte Mädchengymnasium École Vinet, dem eine Frau als Direktorin vorsteht. Dort erhält sie nicht nur Bildung, sondern auch Anschauungsunterricht durch die überaus modernen, klugen und engagierten Lehrerinnen. Eine prägende Erfahrung. Danach absolviert Elsa Buol das Kindergärtnerinnenseminar in Bern. In der jungen Frau gären neue Ideen: die politische Gleichstellung der Frau, das Recht der Frauen auf Bildung und Beruf, die Verbesserung der Verhältnisse von Kindern, Frauen und Armen. Zuhause in Davos beobachtet sie indes das berufliche und militärische Fortkommen ihrer älteren Brüder. Und in den Hotels im Besitz der Familie sieht sie mit ihrem scharfen Blick, wie junge Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen stecken und den Zudringlichkeiten der männlichen Gäste schutzlos ausgeliefert sind.
In der jungen Frau gären neue Ideen: die politische Gleichstellung der Frau, das Recht der Frauen auf Bildung und Beruf, die Verbesserung der Verhältnisse von Kindern, Frauen und Arme.
Aus dem Jahr 1913, da ist Elsa Buol 21, stammt ein handgeschriebenes, 22 Seiten umfassendes Dokument mit dem Titel Wir jungen Mädchen! Ein Aufruf an alle Schweizerinnen zur Gründung eines allgemeinen obligatorischen Dienstjahres für das weibliche Geschlecht in der Schweiz. Darin entwirft sie die Idee einer Dienstpflicht für junge Frauen – ganz parallel zur bestehenden militärischen Dienstpflicht für Männer. Gleichzeitig kritisiert sie den Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein, der sich für eine obligatorische Haushaltungsschule für Mädchen einsetzt. Schliesslich ist das Ideal der Schweizer Frau nach wie vor Ehe und Familie. Im Vergleich des Werdegangs der jungen Männer mit dem der jungen Frauen zeigt sich: Jeder Jüngling lernt einen Beruf, um im Leben seinen Mann zu stehen – um etwas zu sein – «und wir Mädchen wollen es ihnen gleichtun!» Elsa orientiert sich an den Vorzügen, die die militärische Dienstpflicht für die Männer hat. Nämlich: der Aufbau bleibender Kontakte und Netzwerke; die charakterliche Bildung durch gemeinsame Erlebnisse und zu überstehende Prüfungen; die Solidarität untereinander; und schliesslich die Wertschätzung durch den Dienst am Vaterland. All das soll auch jungen Frauen ermöglicht werden. Der Text gipfelt in einer pathetischen Geste: «Wir sind doch auch Menschen und wollen und können, Menschen voll Jugend, voll Feuer und Kraft. wir sind junge Mädchen mit Schweizerherzen, die für’s Vaterland glühen, wir sind tatendurstig, wir können nicht nur zusehen!»
«Wir sind doch auch Menschen und wollen und können, Menschen voll Jugend, voll Feuer und Kraft. wir sind junge Mädchen mit Schweizerherzen, die für’s Vaterland glühen, wir sind tatendurstig, wir können nicht nur zusehen!»
Es ist – um es genauso pathetisch zu sagen – der Schrei einer jungen Frau nach Teilhabe, nach Partizipation, nach Wirkung und Anerkennung. Fünf Jahre arbeitet Elsa Buol in Davos als Kindergärtnerin. Doch plötzlich öffnet sich eine Tür. In der Zeitschrift Mouvement féministe vom 15. Januar 1918 erscheint das Inserat einer École suisse d’études sociales pour femmes in Genf. Ausgeschrieben war ein sechswöchiger Sommerkurs. Hans Töndury, Ökonomieprofessor in Genf und Verfechter der Frauenbildung, war zusammen mit weiteren Persönlichkeiten Gründer dieser Hochschule. Angeboten wurden Kurse in Soziologie, Bekämpfung des Alkoholismus, Rechtswissenschaften, Kinderschutz und ein Debattierkurs. Die Liste der Dozierenden liest sich wie ein Who’s who der Fortschrittlichkeit. Das ist es, wovon Elsa Buol träumt, und sie packt ihre Koffer, um nach Genf zu reisen.
Genf war damals die Hochburg der Frauenbewegung in der Schweiz, und Elsa Buol gerät in ein enorm inspirierendes Umfeld. Hier erhält sie Antworten auf die brennenden sozialen Fragen. Hier lernt sie das Handwerk des Netzwerkens, der Rhetorik und die Grundlagen der Frauenrechte. «Ich sehne mich oft nach dem grossen Genfer Horizont, die Davoserluft ist für die Lungen gut, lähmt aber leider die Energie», schreibt sie am 28. Oktober 1919 an Johanna Escher in Chur.
Sie nimmt teil an einem Sommerkurs des Frauenstimmrechtsverbands in Château-d’Oex, vertieft ihre Kenntnisse und vergrössert ihr Netzwerk. Und so empfindet sie wohl die Diskrepanz zwischen der Lebendigkeit möglicher Lebensgestaltung für junge Frauen und der Passivität ihrer Generation in Graubünden besonders stark. Ihre Korrespondenz mit Bündner Frauen ist geprägt von einer schonungslosen Analyse der Lage junger Frauen: «Denn die meisten unserer Mädchen schlafen, trotzdem die ganze Welt drunter und drüber geht … Wie viele gehen gegen den Willen ihrer Eltern fort, weil ihnen zu Hause sitzen und Stricken und Sporteln auf die Länge doch unerträglich wird (…) Ich habe so viele gekannt (…), die furchtbar litten, weil sie ihre reichen Gaben nicht verwerten können.»
«Ich sehne mich oft nach dem grossen Genfer Horizont, die Davoserluft ist für die Lungen gut, lähmt aber leider die Energie.»
Elsa Buol macht sich persönlich daran, ihre eigenen reichen Gaben zu verwerten. Sie will die schlafenden Bündner Mädchen aufwecken. Und sie bereitet ihren Weckruf minutiös vor. Der zweite Band von Johanna Spyris «Heidi»-Roman heisst: «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat». So könnte man sagen, dass Elsa Buol brauchen kann, was sie in Genf gelernt hat. Sie nimmt als Erstes Kontakt mit allen Schlüsselpersonen im Kanton Graubünden auf; die wichtigste davon ist Christine Zulauf, die Direktorin der Bündner Frauenschule.
«Sehr geehrtes Frl. Zulauf!», schreibt sie am 27. Juni 1919 aus der Pension Winger in Genf. «Liebes Frl. Zulauf, halten Sie mich nicht für eingebildet, aber glauben Sie an die Aufrichtigkeit meiner Gefühle … Es hat so viele Bündner Mädchen, aber sie kennen sich nicht – sie müssen sich kennenlernen, die Davoserinnen und Churerinnen, die Mädchen vom Inn und vom Rhein und von der Landquart.» Der mehrseitige Brief der jungen Frau ist durchglüht von Idealismus, aber auch von Anklage, von Bitterkeit über das unausgeschöpfte Potenzial der jungen Frauen in Graubünden. Der Brief enthält das ganze Konzept für eine Frauenorganisation, für ihre Bildung und Schulung – und fürs Frauenstimmrecht. Elsa Buol appelliert an Christine Zulauf: «Und Sie, Frl. Zulauf, oder sonst eine Haushaltungslehrerin muss dartun, dass Hausfrau und Frauenstimmrecht sich vereinen lassen, dass eine Hausfrau, die im Kleinen einteilen und rechnen kann, auch im Staatshaushalt mithelfen kann.» Wir hören da bereits eine Vorläuferin des berühmten Satzes von Nationalratspräsidentin Josy Meier aus den 1980er-Jahren: «Ja, die Frau gehört ins Haus. Ins Gemeindehaus. Ins Bundeshaus.»
«Und eine Haushaltungslehrerin muss dartun, dass Hausfrau und Frauenstimmrecht sich vereinen lassen, dass eine Hausfrau, die im Kleinen einteilen und rechnen kann, auch im Staatshaushalt mithelfen kann.»
Dem Brief beigelegt sind ausführliche Vorschläge für Referenten und Referentinnen sowie ein detailliertes Programm für ein fünftägiges Ferienlager auf der Lenzerheide für die «Erste Vereinigung der Bündnermädchen». Dieses kommt zwar nicht zustande, doch vor 101 Jahren folgen rund 120 junge Frauen dem Ruf Elsa Buols nach Rothenbrunnen. Dort gründen sie die Bewegung der «Jungen Bündnerinnen». Elsa Buol muss überwältigt gewesen sein, dass es so viele waren. Leider ist ihre Ansprache nicht überliefert, doch Zeitzeuginnen berichten, dass es ihr gelang, das Gefühl der Solidarität und der Verantwortung für das Gemeinwohl zu wecken. Gleichzeitig «wähnten» einige Frauen des engeren Kreises um Elsa Buol «schon das Gespenst des Frauenstimmrechts aufsteigen zu sehen». Die Ambivalenz blieb den «Jungen Bündnerinnen» erhalten.
Doch dieser riesige Erfolg beflügelt Elsa Buol in keiner Weise. Im Gegenteil. Sie verliert ihren Schwung, sie verliert ihre Energie, sie fühlt sich gelähmt und flieht nach Genf. In ihren Briefen kommen Enttäuschung und Verzweiflung zum Ausdruck. Ihre «phantastische Ferienlager-Idee», wie sie es nennt, ist zahlreichen Bedenken zum Opfer gefallen, die Gründung des Vereins führt offenbar zu Auseinandersetzungen. Und schliesslich deutet sie «Haus- und Familiensorgen» an. Elsa ist zutiefst erschöpft und lässt sich von allen Verpflichtungen entbinden. Anfang Februar 1920 nimmt sie sich unter nicht geklärten Umständen in Genf das Leben. Sie ist 27 Jahre alt. Ihre Mitstreiterinnen sind fassungslos. «Ich habe nur Ideen und kann sie nicht ausführen», hat Elsa Buol ihrer Freundin Johanna Escher selbstkritisch geschrieben. Doch ihre Ideen haben ihren Tod überdauert.
Wer weiss, wie eine Frauenbewegung in Graubünden sich entwickelt hätte, wie die Bündnerinnen heute dastünden, wenn sich die junge Elsa Buol mit einer älteren Dame namens Marie Beeli in Davos zusammengetan hätte? Genau mit jener Frau, die seinerzeit die Gemeinde dazu gebracht hat, einen Kindergarten einzurichten? Die Frage sei erlaubt, auch wenn bis heute nicht genau bekannt ist, in welcher Beziehung Marie Beeli und Elsa Buol zueinander standen. Marie Beeli, einem den Buols ebenbürtigen, einflussreichen Davoser Geschlecht entstammend, ist alleinstehend, Schwester des Landarztes, dreissig Jahre lang Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereins Davos und äusserst gut vernetzt mit der nationalen Frauenbewegung. Sie ist eine grosse Verfechterin der Mädchenbildung und engagiert sich für das Frauenstimmrecht. Nur wenige Wochen nach der Gründung der «Jungen Bündnerinnen» schreitet sie selber zur Tat und gründet am 4. Dezember 1919 in Davos einen «Frauenstimmrechtsverein» mit 26 Mitgliedern. Damit stellt sie sich ihrem eigenen Gemeinnützigen Frauenverein entgegen, der sich auf nationaler Ebene gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen hat. Sie sei Zeit ihres Lebens eine wahre Suffragette, eine «unausrottbare Frauenrechtlerin» gewesen, schreibt Marie Beeli über sich.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Marie Beeli bis ins hohe Alter der Sache der Frau in der Schweiz und in Graubünden dienen durfte und dafür Wertschätzung erhielt, während dies Elsa Buol versagt blieb. Was bleibt, ist ein grosses Bedauern. Denn Elsa Buol und Marie Beeli waren zumindest Schwestern im Geiste. Sie hatten dieselben Ideale, ähnliche Ideen. Beide hatten sie ein ausgeprägtes soziales Gewissen, und sie kämpften für das gleiche Ziel. Sie hatten beide einen Traum: Den Traum einer Gesellschaft, in der die Rechte und Bedürfnisse von Mädchen und Frauen, von Buben und Männern gleichberechtigt sind. Den Traum, dass Frauen und Männer gemeinsam die menschliche Gesellschaft gestalten.
Silvia Hofmann ist Germanistin und Mitbegründerin des ersten Frauenkulturarchivs in Chur. Von 2003 bis 2016 war sie Leiterin der Stabsstelle für Chancengleichheit von Frau und Mann des Kantons Graubünden. Der vorliegende Text ist eine Zusammenfassung des Referats, welches sie an den Jubiläumsfeierlichkeiten der Kantonalen Bündnerinnen-Vereinigung am 14. September 2019 in Chur gehalten hat.
Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/21.