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Unter dem Titel Kulmination der Klassengegensätze? fordern Prof. Dr. Tobias Straumann und Prof. Dr. em. Rudolf Jaun in der NZZ eine Neudeutung der Ereignisse von 1918. Die damalige Lebensmittelknappheit scheint ihnen überbewertet im Vergleich zu den “Ängste(n), welche die russische Revolution und der russische Bürgerkrieg in bürgerlichen Kreisen auslösten.”
Einige Monate vor dem Generalstreik hatten Schweizer Industrielle zusammen mit Prof. Hans Bernhard die heutige SVIL gegründet, die Schweizerische Vereinigung Industrie und Landwirtschaft, weil “nach dem Zusammenbruch des Freihandels als Ergebnis des Ersten Weltkrieges in kurzer Zeit 150’000 Tonnen Lebensmittel in den inländischen Lebensmittelregalen fehlten — und dies trotz vorhandener hoher Kaufkraft. Es zeigte sich, dass ein hochentwickelter Industriestaat auf eine eigene Landwirtschaft nicht verzichten darf, auch wenn der Import aus ökonomisch rückständigen Ländern zu tieferen Preisen durchaus schon immer möglich war.
Wir danken Hans Bieri, SVIL-Geschäftsführer, dass wir seine Antwort auf den Artikel vom 25. Januar 18 in der NZZ hier publizieren dürfen:
Der Beitrag von Tobias Straumann und Rudolf Jaun will die historische Deutung des Generalstreiks von 1918 aus der politischen Umklammerung befreien. Im Artikel wird dann aber die Ernährungsfrage als Kulminationspunkt des Generalstreiks zu stark in den Hintergrund gestellt. Als Begründung werden «besseres Wetter» und die endlich aus den USA eintreffenden Getreidelieferungen im Sommer 1918 angeführt, welche zur Entspannung der Ernährungssituation beigetragen hätten, sodass im November die Ernährungssicherheit kein Thema mehr gewesen sei.
Wenn jedoch die Bevölkerung die Hälfte ihrer Kaufkraft für die Ernährung ausgeben muss, erklärt sich der Stellenwert der Ernährungsfrage selbstredend. Das wirtschaftliche Wachstum der Schweiz unter den Bedingungen des Freihandels Ende 19., anfangs 20. Jahrhunderts führte schon damals dazu, dass 30% des Volkseinkommens im Export verdient wurden und als Folge des repatriierten Kapitals die Grundstückspreise in der Schweiz stark anstiegen, sodass allein in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft abseits der Städte das Aktivkapital pro Fläche im Vergleich zum europäischen Ausland bereits dreimal grösser war. Die inländische Brotgetreideproduktion betrug damals wegen Verdrängung durch billigeren Importweizen noch 14%. Die Warnungen vor Lieferunterbrechungen wurden von Bundesbern als unbegründet abgetan. Die 1917 in Genua eingetroffenen und bereits von der Schweiz bezahlten Getreidelieferungen wurden von der Entente konfisziert und an die osteuropäischen Hungergebiete umgeleitet, was in der Schweiz zu leeren Regalen führte und wohl berechtigte Existenzängste mit längerfristigen Auswirkungen ausgelöst hatte.
Diese Konflikte als Ernährungsfrage und Wohnungsfrage bezeichnet haben wichtige Reformen in Gang gesetzt. Die Lebensmittelversorgung wurde im eigenen Lebensraum wieder aufgebaut. Im Bereich der Wohnungsfrage wurde das Immobilien- und Bodenproblem mittels innenkolonisatorischen Reformen auch auf Ebene der Raumplanung z.B. durch den Entwurf eines eidgenössischen Siedlungsgesetzes 1919 angegangen.
Wenn man also die Diskussion um den Generalstreik von 1918 aus der politischen Umklammerung des marxistischen Klassengegensatzes herausführen will, dann müssten gerade diese Bottom-up-Reformimpulse der Schweiz, wie diese damalige Krise in Bezug auf die Lehren daraus bewältigt wurde, höher gewichtet werden.
Dies wäre auch gerade mit Blick auf die heutige Zeit aktuell, wo die Thematisierung der nicht gelösten Konflikte der Globalisierung in Bezug auf Boden, Raum und Bevölkerungsentwicklung in festen Historisierungen verharrend als krude «Abschottung» stigmatisiert wird.
Hans Bieri, Geschäftsführer der SVIL, Schweizerische Vereinigung Industrie und Landwirtschaft, früher «Innenkolonisation», gegründet 5. Juli 1918.
Zürich, 26. Januar 2018
Auszug des “Bericht über die Tätigkeit des Verbandes der Schweizerischen Müller während des Geschäftsjahres 1913/1914”