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Sie scheinen für den Alltag einfach relevanter zu sein als die sehr theoretischen Fragestellungen der Metaphysik, der Sprachphilosophie oder der Logik. Ich möchte hier eine Frage aus der Sprachphilosophie aufnehmen und zeigen, warum sie für den Alltag relevant ist. Die Frage lautet: Was sind Eigennamen?
Menschen tragen Eigennamen. Ich heisse Markus Wild, der Lehrer von Alexander dem Grossen war Aristoteles. Aber auch Tiere, Orte und Dinge tragen manchmal Namen. Mein Hund heisst Titus, das Wahrzeichen der Stadt Paris heisst Eiffelturm, der berühmteste Schweizer Berg ist das Matterhorn, das Schwert des kleinen Hobbit ist Sting, der weisse Wal wurde Moby Dick genannt.
Eigennamen sind keine Wörter wie andere. Manche Wörter bezeichnen abstrakte Gegenstände, wie etwa „Gerechtigkeit“ oder „Zahl“. Mit anderen Worten bezeichnen wir Eigenschaften, die viele Dinge gemeinsam haben oder viele Dinge umfassen, wie „grün“, „rund“, „Vogel“ oder „Mensch“. Und wieder andere Wörter beziehen sich auf nichts, sondern drücken Verbindungen aus, wie etwa „und“, „danach“ oder „folglich“. Eigennamen sind anders. Jeder Eigenname bezieht sich in allen Kontexten auf genau ein konkretes Objekt. Markus Wild, das bin ich, und sonst keiner.
Dagegen könnte man einwenden, dass es viele Leute gibt, die Markus Wild heissen. Stimmt. Nehmen wir an, dass jetzt 86 Menschen diesen Namen tragen. Nun, dann sind das 86 verschiedene Einzelnamen. Mein Name ist ein anderer Eigenname, als jener von Markus Wild, der in Hamburg wohnt. Er ist sozusagen Markus Wild Nr. 45, ich bin Markus Wild Nr. 67. Zweitens könnte man einwenden, dass es fiktionale Eigennamen gibt, die sich auf nichts beziehen wie Sting oder Moby Dick, weil diese Dinge nicht existieren. Dagegen kann man sagen, dass wir im Falle fiktionaler Eigennamen so tun, als ob sie sich auf etwas beziehen würden. Wir stellen uns diese Objekte mithilfe von Roman und Film vor. Wenn wir im Alltag nicht bereits gelernt hätten, dass sich solche Eigennamen auf Einzeldinge beziehen, könnten wir mit Romanen und Filmen nicht viel anfangen.
Wir sehen also, dass sich ein Eigenname in unterschiedlichen Kontexten auf genau ein Objekt bezieht. Doch wie wird der Zusammenhang zwischen einem Eigennamen und einem Objekt hergestellt?
"Matterhorn from Kirchebrücke" by Andrew Bossi
Vielleicht so: Wir stellen uns eine Person oder ein Ding vor und meinen mit dem Eigennamen diese Vorstellungen. Reden wir vom Matterhorn, stellen wir uns den Berg vor und mit dem Namen meinen wir diese Vorstellung. Seltsame Theorie! Wenn wir einem Kind den Namen Matterhorn beibringen, dann zeigen wir auf den Berg oder auf ein Bild von diesem Berg, aber wir deuten sicher nicht auf eine Vorstellung in unserem Kopf. Wenn wir mit dem Namen Matterhorn eine Vorstellung in unserem Kopf meinen würden, dann würde der Name im Mund einer jeden Person etwas Anderes bedeuten, weil alle eine andere Vorstellung im Kopf haben. Aber mit dem Namen meinen wir genau ein Ding und nicht viele Dinge in vielen Köpfen.
Ein anderer Vorschlag: Wenn wir sagen wollen, was wir mit einem Eigennamen meinen, dann geben wir eine Beschreibung. Nehmen wir Aristoteles. Er war der Lehrer von Alexander, lebte in Athen, war Schüler von Platon und der Verfasser der „Metaphysik“. Aber natürlich hiesse Aristoteles immer noch Aristoteles, auch wenn er nicht in Athen gelebt hätte oder nicht Alexanders Lehrer gewesen wäre. Auch wenn wir herausfinden würden, dass nicht Aristoteles, sondern Heinz der Hunne, die „Metaphysik“ geschrieben hätte, würde das nichts am Bezug des Namens Aristoteles ändern. Mit dem Eigennamen Aristoteles ist nun einmal jener bestimmte Mann gemeint, auch wenn er nicht Lehrer von Alexander gewesen wäre und die „Metaphysik“ nicht geschrieben hätte.
Ich denke, der folgende Vorschlag ist besser. Wir weisen einem Objekt einen Eigennamen in einer Art Taufzeremonie zu. Jemand zeigt auf ein Objekt und tauft es auf einen Namen und dieser Name wird von nun an mit der Absicht benutzt, auf jenes bestimmte Objekt zu verweisen. Weil der Markus Wild in Hamburg und ich zwei unterschiedliche Taufakte hinter uns haben, handelt es sich um zwei verschiedene Eigennamen. Ebenso mein Hund Titus und der römische Kaiser Titus. Wir sehen also, dass sich Eigennamen nicht nur in allen Kontexten auf ein konkretes Objekt beziehen, sondern auch direkt, unvermittelt über Vorstellungen und Beschreibungen. Ein Eigenname zeigt in allem Umständen wie ein Finger auf seinen Träger.
Die enge Beziehung zwischen einem Eigennamen und einer Person hat Goethe schön zum Ausdruck gebracht: „Der Eigenname eines Menschen ist nicht etwas wie ein Mantel, der bloß um ihn her hängt, sondern er ist ein vollkommen passendes Kleid – ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen.“ (Dichtung und Wahrheit, Buch 10)
Wenn wir nun die sprachphilosophische Einsicht im Auge behalten, dass wir uns mit einem Eigennamen in allen Kontexten direkt auf eine bestimmten Person beziehen, muss uns dies zu denken geben, wenn wir Eigennamen im Mund führen. Was wir mit dem Eigennamen in Verbindung bringen, bleibt an der Person hängen. Gerede, Geschwätz, Klatsch, Nachrede usw., alles bleibt an einem Eigennamen hängen. Bildlich gesprochen hängen wir etwas an einen Eigennamen und reichen den Eigennamen dann mit unserer Zutat beladen weiter. Und häufig weiss der Träger des Eigennamens über diese Dinge gar nicht Bescheid. Das ist bedenklich, betrifft es die Person doch ganz direkt, eben weil wir uns mit einem Eigennamen in allen Kontexten direkt auf diese Person beziehen. Wir könnten uns aber im Alltag eine relativ einfache Regel im Umgang mit Eigennamen zu Herzen nehmen, die wir nicht immer, aber m.E. sehr viel häufiger beachten sollten: Hänge nichts an einen Eigennamen, das Du seinem Träger nicht ins Gesicht sagen würdest.
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Markus Wild, Universität Basel Philosophisches Seminar