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Yvonne Jauslins Kantine für die Dreispitz-Familie
Als wir Yvonne Jauslin (*1951), die Inhaberin der Kantine Dreispitz, auf diesen Artikel ansprachen, sagte sie lachend, dass -minu nie bei ihr war – das wäre ihr aufgefallen. Wenn Gäste sie fragten, ob sie den Artikel aus den 90er-Jahren gesehen habe, antworte sie: «Nein, und auch -minu nicht.» Jauslin arbeitet seit rund 40 Jahren in der Kantine Dreispitz, und obwohl sie -minu nie gesehen hat, stimmt sie dem Artikel zu. Es sei früher immer ein «Miteinander» gewesen, auf dem Dreispitz und in der Kantine auch.
Der Zeitungsartikel über die Kantine Dreispitz wurde in den 1990er-Jahren von -minu verfasst und in der Basler Zeitung veröffentlicht.
Geschichte der Kantine Dreispitz
Von der Kantine Dreispitz existieren kaum schriftliche Quellen, doch im Gespräch mit Yvonne Jauslin lassen sich einige Eckdaten rekonstruieren. Das Haus wurde 1925 erbaut, als die Güterbahn auf dem Dreispitz bereits in Betrieb war. Bevor sich Gertrud Weber, die Mutter von Yvonne Jauslin, auf dem Grundstück niederliess, führte Emma Tellenbach dort den kleinen Lebensmittelkiosk. Jauslin geht davon aus, dass das Lokal in seinen Anfängen als «Bähnler-Kantine» diente, wo sich die Eisenbahner, welche Tag und Nacht auf dem Areal arbeiteten, verpflegen konnten. Das Baurecht hatte damals Feldschlösschen, der Boden gehörte der Christoph Merian Stiftung (CMS).
1978 wurde Trudi Weber Gerantin bei Feldschlösschen und eröffnete die Kantine Dreispitz. Kurze Zeit später bat sie ihre Tochter, nach Basel zu kommen, um im Restaurant mitanzupacken. Die damals 27-jährige Yvonne Jauslin war gelernte kaufmännische Angestellte und Arztsekretärin und hatte bis anhin keinerlei Erfahrung in der Gastronomie. Dennoch fand sie sich schnell drein, und bald schon waren Mutter und Tochter ein eingeschworenes Team. Aufgrund einer ausdrücklichen Aufforderung seitens der Feldschlösschen AG übernahm Jauslin 1985 das Baurecht für die Kantine. Sie schloss mit der CMS als Grundstückseignerin einen Mietvertrag ab, welcher 2013 hätte erneuert werden sollen.
Der Gesundheitszustand Trudi Webers verschlechterte sich in der Zwischenzeit zusehends. Ihre Herzkrankheit liess es nicht mehr zu, dass sie tagein, tagaus in der Kantine schuftete. Deshalb übernahmen Yvonne Jauslin und ihr Partner die Kantine bald komplett. Gertrud Weber verstarb im Dezember 2003. Nach ihrem Tod betrieben Yvonne Jauslin und ihr Partner die Kantine gemeinsam mit Esther Porr, welche ebenfalls schon rund seit 30 Jahren mit dabei ist. Immer wieder wurden auch andere Serviceaushilfen angestellt.
Rund 20 Jahre lief der Betrieb so gut, dass sich kaum jemand Sorgen machte und ihr Partner die Gartenwirtschaft überdachte und einen Teil zum Kühlraum umfunktionierte. Damit konnte in der Gaststube mehr Platz geschaffen werden. Zu ihren Gästen zählten damals viele Chauffeure, Mitarbeiter von Leimgruber oder Röhrenkeller, sowie teils auch lokale Prominente wie die Lovebugs oder Baschi, welche auf dem Dreispitzareal probten.
Die Kantine Dreispitz befindet sich mitten im Dreispitz-Areal an der Ecke Lyon-Strasse und Frankfurt-Strasse. (Foto: Daniel Spehr)
Die Gaststube der Kantine Dreispitz. (Foto: Daniel Spehr)
Die Gartenwirtschaft wurde überdacht und zu einem weiteren Gastraum umfunktioniert. (Foto: Daniel Spehr)
In den besten Zeiten verkaufte die Kantine 60 Mittagessen pro Tag. Von diesen Zeiten «kann man heute nur noch träumen», so Yvonne Jauslin. Der gewerbliche Strukturwandel auf dem Dreispitz, der sinkende Alkoholkonsum, welcher unter anderem auf die vermehrten Kontrollen zurückgeführt werden kann, und schliesslich das Rauchverbot von 2010 sind alles Faktoren, welche der Kantine Dreispitz zum Verhängnis wurden. Zudem entschied die CMS im Jahr 2012, dass der Mietvertrag nicht wie geplant verlängert würde. Seither gilt eine Kündigungsfrist von sechs Monaten, und somit könnte alles am nächsten Tag anders sein. Um Geld und Ressourcen zu sparen, ist die Kantine nun nicht mehr von 6 bis 19 Uhr, sondern nur noch von 6:30 bis 14 Uhr geöffnet. Als wir Yvonne Jauslin fragen, was ihre Perspektive sei, erwidert sie lachend: «Arbeiten, bis ich umfalle.»
Ein Tag in der Kantine Dreispitz – damals und heute
Um die berühmten «Yglemmte» vorzubereiten, stand die Mutter zu Beginn bereits um 5 Uhr morgens in der Kantine. Die ersten Gäste kamen damals um 6 Uhr, um sich zu verpflegen oder einen Kaffee und manchmal gar einen «Kaffi-Fertig» zu trinken. Heute kommt Yvonne Jauslin, seit ihr Partner vor vier Jahren verstorben ist, morgens allein um halb 6 in den Dreispitz. Vorzubereiten gibt es nicht mehr so viel. Sie öffnet meist nur den Kiosk und lässt die Kantine noch zu, da sie sich in der Früh nicht mehr sicher fühlt.
Yvonne Jauslin bedient ihre Gäste am Kiosk. Das gesamte Mittagsmenu gibt es auch zum Mitnehmen. (Foto: Daniel Spehr)
Die langjährige Angestellte Esther Porr serviert den Gästen das Mittagsmenu. (Foto: Daniel Spehr)
Der Gastraum zur Mittagszeit. (Foto: Daniel Spehr)
Bis in die 90er-Jahre kam nur auf das Areal, wer hier arbeitete und einen Badge mit sich trug. Seit 1994 haben jedoch alle Zutritt, und durch das Nachtleben und andere Etablissements halten sich diverseste Leute auf dem Dreispitz auf.
Zu der Zeit, als die Kantine noch gut lief, füllte sich das Lokal um 9 Uhr zum zweiten Mal. Die sogenannte Znüni-Pause wird heute jedoch kaum noch eingehalten. Die meisten Firmen haben eine Kaffeemaschine vor Ort, und Hunger haben zu dieser Zeit nur wenige. Am Mittag wiederum kann es durchaus sein, dass die Kantine gut besucht ist. Insbesondere wenn einmal im Monat im Ganthaus Basel eine Versteigerung stattfinde, sei «die Hölle los». Andererseits gibt es Tage, an denen Yvonne Jauslin allein in der Kantine sitzt und niemand vorbeikommt. Diese Mittage waren, als ihre Mutter noch vor Ort war, eine Seltenheit. Teils warteten Gäste vor der Kantine, bis sie einen freien Tisch fanden.
Auch am Nachmittag hielt sich immer wieder jemand in der Gaststube auf, und spätestens um 17 Uhr war es Zeit für das «Feierabend-Bier», welches durchaus bis um 20 Uhr andauern konnte. Heute räumt Yvonne Jauslin nach dem Mittagessen auf, macht um 14 Uhr zu und fährt nachhause nach Arisdorf. Das «Feierabend-Bier», wenn es dann eines gäbe, schmeckt ohne eine Zigarette unter Arbeitskolleg*innen einfach nicht mehr gleich gut.
Esskultur und Gewerbe im Wandel
Wirft man einen Blick auf die Speisekarte, oder wie Jauslin diese betitelt, den «Tageszettel», steht alles im Zeichen der Hausmannskost. «Schiggi-Miggi» lehnt Yvonne Jauslin ab. Das Angebot hat sich seit der Eröffnung kaum geändert: Schnitzel mit Pommes-Frites, Schnitzelbrot, Schweinswürstli, Wurst-Käse-Salat, Fleischkäse etc. Analog zum Angebot scheint es, als ob die Preise ebenfalls kaum angepasst wurden: 14 Franken der Schnitzel-Pommes-Frites-Teller, 10 Franken der Wurstsalat. Man fragt sich also, wieso Yvonne Jauslin die Gäste ausbleiben?
Die ehemalige Bähnlerkantine zieht am Mittag immer noch einige Gäste an. Eine grosse Menschenschlange bildet sich aber nicht mehr. (Foto: Daniel Spehr)
Das Salatangebot steht im Zeichen der Hausmannskost. (Foto: Daniel Spehr)
Die naheliegende Erklärung wäre, dass Büroangestellte um 9 Uhr morgens nicht mit dem Hunger und der Freude eines Lastwagenfahrers, der die ganze Nacht durchgefahren ist, in die warme Gaststube kommen. Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille. 300 Meter weiter verkauft das Restaurant schmatz seine Schnitzel für 22 Franken und ist stets gut besucht. Wohlmöglich ist es ähnlich wie beim «Feierabend-Bier» ohne Gesellschaft: Schnitzel-Pommes ohne die «Dreispitz-Familie» schmeckt einfach nicht mehr gleich gut.
Yvonne Jauslin, Wirtin der Kantine Dreispitz. (Foto: Daniel Spehr)
Gesprächspartnerin war Yvonne Jauslin *1951, Wirtin der Kantine Dreispitz. Sie ist seit 1978 in der Kantine Dreispitz tätig.
Das Gespräch fand am 28. Januar 2020 in der Kantine Dreispitz statt.