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Der Eröffnungstag des Fumetto am Samstag veranschaulichte die Spannweite des Comic-Festivals. In der dunklen, kalten Erde des Sonnenbergbunkers geben internationale Künstler Einblick in Krisengebiete, ohne explizit zu politisieren. Einen Kontrast dazu liefern die satirisch tanzenden Hasen des Pioniers Gustav Doré. Ein Rundgang mit Stolpersteinen.
Luisa Tschannen
Es ist Samstagmorgen. Am Bahnhof wartet ein noch einsames Tickethäuschen in den Farben Rot-Weiss auf die Besucher. Das Fumetto-Comic-Festival betritt erneut die Bühne der Stadt und macht sie zu einer Anlaufstelle für Kreative.
Wie der Tag mit den noch kühlen Morgenstunden beginnt die Reise durch die Welt des Comics bei seinen Anfängen. Im Kunstmuseum findet die Eröffnung einer Ausstellung zu Gustav Doré statt. Der im Jahr 1832 geborene Pionier des Comics erlangte Ruhm als Illustrator von Werken der Weltliteratur. Die vielen ausgestellten Satirezeichnungen Dorés sind eine Karikatur der damaligen bürgerlichen Sitte, er zeichnete herrschaftliche Bürger als tanzende Hasen und Füchse an Festen der damaligen Pariser Zeit.
Einige der Bilder sind ohne schriftlichen Kommentar versehen, bei anderen finden sich kurze Überschriften oder mit Tinte notierte Dialoge: Ein, zwei Sätze, die eine Gans mit Damenhut mit dem Gänserich mit Herrenstock wechselt, als die beiden gemeinsam mit anderen bemerkenswerten Erscheinungen aus dem Tierreich in einen Bus einsteigen wollen.
Die Spuren des Erbes
Doch nicht genug des Wundersamen: Wer wusste schon, dass der Erfinder des Comics ein Schweizer ist? Der Genfer Rodolphe Töpffer schuf ab 1827 Bildergeschichten, die erste Vorbilder des heutigen Comics sind, wie der Begleittext erklärt.
Die Spuren dieses Erbes finden sich in der ganzen Stadt verstreut. Beim Kino Bourbaki findet ein kleiner Markt für Comics, Mangas und Spielzeugfigürchen statt. Neuerscheinungen und Secondhandausgaben mischen sich unter Erstausgaben, Lucky Luke steht neben einem Sammelband des Träumers «Nemo», eine Figur des Künstlers Winsor McCay, der auf jeder Seite den Traum eines schlafenden Kindes im Schlummerland erzählt, farbig und zauberhaft surreal gezeichnet.
Weg vom Surrealen, hinunter in die dunkle, kalte Erde. In der Zivilschutzanlage Sonnenberg ist die Ausstellung «Shelter» zu sehen. Das Publikum wandert durch die Gänge des kühlen Bunkers und liest, fernab von Sonnenlicht und Samstagsstimmung, die mit Panels gefüllten Seiten. «Shelter» ist eine Ausstellung zu Konflikten der heutigen Zeit. Die Comics der Künstler geben einen Einblick in Krisengebiete, informieren über die Situation in Syrien, erzählen Geschichten, ohne explizit zu politisieren, ohne zu moralisieren. Sie zeigen, was an der eigenen Haut erfahren wurde, und als Besucher kann man mitansehen, wie sie als Individuen diese «Weltgeschehnisse» künstlerisch verarbeiteten.
Durch eine schwere, eiserne Luke blickt man in die Arrestzellen der Zivilschutzanlage, erspäht die Zeichnung eines Mannes, der gefesselt in einem kleinen Zimmer liegt und in der Ferne Bomben einschlagen hört. Der Mann ist eine Geisel, und dass man selbst keine sein möchte, spürt jeder, der sich mit der Enge der Zelle konfrontiert sieht.
Die Ausstellung muss geführt besichtigt werden, da keiner sich in der weitläufigen Anlage verirren soll. An eine Tour anschliessen kann man sich jeweils zur vollen und zur halben Stunde; die Besichtigung dauert eine Stunde. Videoinstallationen und Comics sind Teil der Ausstellung, diese finden sich in Duschkabinen sowie in verschiedensten Räumen zwischen Informationstafeln der Zivilschutzanlage und hinter Lüftungsfiltern versteckt. Im ersten sind der Nachbau einer Gefängniszelle sowie Comics zum Thema «Death Row» ausgestellt. Zeichnungen von Künstlern, die im Gefängnis sitzen und auf den Tag ihrer Exekution warten.
Das Absurde der Popkultur
Wieder draussen, empfangen uns blauer Himmel und strahlende Sonne. Wie privilegiert wir sind, wird uns bewusst. Dieses Themas hat sich auch der diesjährige Wettbewerb angenommen. Comicschaffende aus der ganzen Welt und jeden Alters wurden aufgefordert, das Motto «Genug» zeichnerisch zu reflektieren. Ob man es als zornigen Ausruf oder als hoffnungsvolles Streben interpretiert, blieb den Teilnehmenden überlassen.
Die Gewinner des Wettbewerbs hatten beeindruckend schöne Arbeit geleistet. Dabei stach vor allem die Arbeit von Hannah Schweizer heraus, die mit ihrer Geschichte die Leere zeigt, die entsteht, als eine Frau im Traum alles bekommt, was sie sich wünscht. Eine musikalische Überraschung an der Preisverleihung – tanzende und singende Zeichner – stellte das Absurde der Popkultur ins Rampenlicht und ging implizit derselben Frage nach, berührte ein gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit.
Satellitenstadt: Wo man über das Fumetto stolpert
«Satelliten» heissen die in der Stadt verteilten kleinen Ausstellungen. In Bars und Cafés werden die Arbeiten verschiedenster Künstler gezeigt, manchmal nur im Schaufensterformat, also im Fenster des Veranstaltungsortes aufgehängt. So kann es durchaus vorkommen, dass man über Teile des Fumettos stolpert, ohne mit ihnen gerechnet zu haben. Bei der Rössligasse wird dem Besucher der «Grassroot Comic» erklärt – ein aus Indien stammendes Format, bei welchem eine Geschichte von jedem in vier Panels erzählt und öffentlich gemacht werden kann. Wer auch immer etwas zu erzählen hat, kann sich dieses Formats bedienen und zeichnen, was er zu zeichnen hat. Stifte und Papier bitte mitbringen!
Im Hinterhof des selbigen Ortes lockt ein Glücksrad des Magazins «Strapazin» mit Preisen. Ebenso sind Einzelseiten von Comics südamerikanischer Künstlerinnen und Künstler zu sehen. Ob «The whistling cat with the 16 feet», Alltagsprobleme oder poetische Abhandlungen über Essenzen der Existenz – eine bunte, zum Glück übersetzte Mischung wartet da auf die Zuschauer.
Das gutgelaunte Zentrum des Festivals, das noch bis zum 22. April dauert, befindet sich in der «Kornschütte» beim Rathaus. Dort gibt's unter anderem einen Independent Market mit Künstlerinnen aus aller Welt. Verkauft werden Mini-Publikationen, Poster, getöpferte, an Drachenklauen erinnernde Pfeifen, Keramiknippel, Einhorn-T-Shirts und natürlich Comics, selbstpubliziert und in Farben und Formen aller Art liegen sie auf den Tischen; liegen und locken mit den ihnen innewohnenden Welten.
Mehr Impressionen vom Fumetto gibt es in der Bildergalerie: