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UZH News: Frau Miškovic, die Bewegung der blockfreien Staaten war während des Kalten Krieges ein Sammelbecken von dekolonisierten Staaten, die nicht der Nato oder dem Warschauer Pakt angehörten. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde diese Funktion obsolet. Welche Rolle spielt die Bewegung heute?
Nataša Mišković: Die Blockfreien sind eine wichtige Lobbygruppe innerhalb der Uno. Wenn sie sich einig sind, haben sie die Mehrheit in der Generalversammlung.
Gibt es gemeinsame Interessen?
Die Interessen divergieren oft. Gemeinsamkeiten gibt es vor allem, wenn es darum geht, gegen die Interessen des Nordens aufzutreten.
Die Blockfreien-Bewegung mit ihren aktuell 118 Mitgliedern erscheint als ziemlich disparate Gruppe von Ländern des Südens. Was hält sie zusammen?
Die Blockfreien verbindet ein nostalgisches Gefühl der Zusammengehörigkeit, das auf die gemeinsame Geschichte der Dekolonisierung zurückgeht. Die meisten Mitglieder sind ehemalige Kolonien.
Welche Bedeutung hatte die Bewegung historisch?
Die Bewegung war von der Aufbruchstimmung geprägt, die mit der Dekolonisierung einherging. Die Länder des Südens hofften damals auf Unabhängigkeit und Wohlstand. Doch dieser idealistische Elan wurde sehr schnell gebremst und machte Ernüchterung Platz, auch wegen der Rivalität zwischen der Sowjetunion und den USA.
Die blockfreien Staaten standen vor der Frage, ob sie unabhängig bleiben, oder sich einem der Blöcke anschliessen sollten. Die grösse Wirkung hatte die Bewegung wohl bei ihrer ersten Konferenz in Belgrad 1961. Nachher stieg die Zahl der Mitglieder zwar konstant an, aber bereits in den 1970er-Jahren schwand der Einfluss. Man könnte sagen: Die Zahl der Mitgliedstaaten wuchs parallel zum Bedeutungsverlust.
Was hat die Blockfreien-Bewegung erreicht?
Sie hatte zwei wichtige Fuktionen. Sie war erstens ein Dorn im Fleisch der Supermächte, indem sie sich vorbehielt, mit beiden Supermächten zu verhandeln. Wenn die eine Supermacht nicht spurte, konnte man sich an die andere wenden, etwa wenn es um Kredite oder Waffen ging. Es war ein Mittel, um die Supermächte gegeneinander auszuspielen. Zweitens diente die Bewegung als moralischer Rückhalt. Sie gab den Staaten das Gefühl: Wir sind auch jemand.
Traten die Blockfreien gegenüber den Supermächten geschlossen auf?
Das war eines ihrer Probleme: An Konferenzen traten die Mitglieder jeweils als Gruppe auf, faktisch aber haben sie Untergruppen gebildet oder in eigener Regie operiert.
Die Bewegung hatte demnach eher ideellen als praktischen Wert?
Die blockfreien Staaten haben auf verschiedenen Ebenen zusammengearbeitet und sich beim Aufbau gegenseitig untersützt. Und sie haben bei Konflikten untereinander vermittelt, was wichtig war. Dieses Kooperations- und Lobbynetz hat sich bis heute erhalten.
Konnte die Bewegung ein Gegengewicht zu den beiden grossen militärisch-wirtschaftlichen Blöcken bilden?
Nein, überhaupt nicht. In dieser Hinsicht war das Resultat sehr ernüchternd. Die Staaten konnten zwar auftreten und sagen: Wir machen nicht mit. Aber sie wurden von den Supermächten immer wieder in die Schranken gewiesen. Insbesondere die Sowjetunion war recht erfolgreich beim Versuch, die Blockfreien auf ihre Seite zu ziehen. Es gab sogar Diskussionen, ob die Sowjetunion oder China aufgenommen werden sollten. An der Konferenz von Havanna 1979 eskalierte dann der Streit über den sowjetischen Einfluss.
Im Fall von China dürfte Indien sein Veto eingelegt haben?
Die Blockfreien-Bewegung wurde auch gegen China gegründet, nachdem sich das Verhältnis zwischen China und Indien abgekühlt hatte. In den 1950er-Jahren wollten China und Indien als asiatische Grossmächte zunächst zusammenspannen.
Bei der Konferenz von Bandung 1955, die die dekolonisierten Länder Asiens und Afrikas versammelte, spielten der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru und der chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai noch gemeinsam die Führungsrolle. Die Inder hatten den Chinesen jedoch zu sehr vertraut. Die Auseinandersetzung um Tibet und Grenzstreitigkeiten führten zu Interessenkonflikten zwischen den beiden Staaten, die 1962 in einem Krieg eskalierten.
Sie haben sich in Ihrer Habilitation mit den drei Gründerfiguren Tito, Nehru und Nasser beschäftigt. Was zeichnete sie aus?
Tito war der Führer des einzigen europäischen Staates, der bei den Blockfreien je eine Rolle gespielt hat und dazu noch eine sehr zentrale. Nehru wiederum war innerhalb der Dekolonisierungsbewegung eine führende Figur. Er unternahm zahlreiche Initiativen, um die dekolonisierten Länder zu einigen und deren Aufbau und Unabhängigkeit zu sichern. Als sich die Konflikte mit China abzeichneten, sah sich Nehru nach neuen Verbündeten um.
Tito faszinierte Nehru, weil er so viel über das Funktonieren der Sowjetunion wusste, und es ihm gelungen war, sich zwischen den Fronten zu halten, ohne unterzugehen. Allerdings war Titos Lage ziemlich verzweifelt. Er brauchte Verbündete, um diesen Weg aufrecht erhalten zu können. Diesen Verbündeten fand er in Nehru.
Welche Rolle spielte Nasser?
Nasser war rund 30 Jahre jünger als die beiden anderen Politiker. Er war eine Führungsfigur der Dekolonisierung und des Aufbruchs der arabischen und der afrikanischen Länder. Er bildete innerhalb der Bewegung ein Gegengewicht zu nicht-arabischen, islamischen Staaten wie Pakistan oder Indonesien, die mit Indien rivalisierten. Die Beziehung zu den grossen Staatsmännern Tito und Nehru diente Nasser auch dazu, sich als arabischer Führer zu etablieren.
Verband diese drei Männer eine Freundschaft, oder war es nur politisches Kalkül?
Es war eine Freundschaft. Natürlich spielt Kalkül in der Politik eine wichtige Rolle. Aber die Beziehung zwischen Tito, Nasser und Nehru ging weit darüber hinaus.
Veranstaltungshinweis
Am Freitag/Samstag, 3./4. Juni findet an der Universität Zürich und an der ETH eine internationale Konferenz statt zum Thema: The Cold War and the Postcolonial Moment. Prehistory, Aims and Achievements of the Non-Aligned Movement 50 Years after Belgrade.
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