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Joachim Eugen Müller und seine Reliefs der Schweizer Alpen
Zur Zeit als General Pfyffer sein Relief der Zentralschweiz schuf, gab es in der Schweiz noch keine staatlich organisierte Landesvermessung. Die von Johann Jakob Scheuchzer im Jahre 1713 herausgegebene Karte der Schweiz war zu Ende des 18.Jahrhunderts immer noch die grösste Gesamtkarte unseres Landes. Sie umfasste vier Blätter im Massstab ungefähr 1:230000. In dieser Karte waren die Räume zwischen den geschlängelten Flusslinien aufgefüllt mit unwirklichen, einförmigen Höckerchen, alle in Seitenansicht. Eine grundrissliche, auf Vermessung basierende Kartierung der Gebirgsformen gab es erst für wenige Teilgebiete des Landes. Das 18. Jahrhundert brachte dann aber ausserordentliche mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fortschritte und als Folge davon auch solche der Vermessung. So waren denn topographische Aufnahmen mit Hilfe modernerer Verfahren in Frankreich und in England gegen Ende des Jahrhunderts bereits im Gange. Auch in der Schweiz begann es zu tagen. Man errichtete da und dort lokale Triangulationsnetze, und man mass Basisstrecken zur Festsetzung der Dimensionen dieser Netze. Eine moderne topographische Aufnahme der ganzen Schweiz aber hätte, auch mit diesen neueren Methoden und den damals verfügbaren Instrumenten und Fachkräften, wohl mehr als ein halbes Jahrhundert beansprucht.
Während der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des ig. Jahrhunderts lebte zu Aarau der Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer ( 1739-1813 ), ein selbstloser Idealist und Wohltäter an den Mitmenschen, auch erster Anreger der Linth-Korrektion und Förderer des Schulunter-richts. Er war einer der frühesten Alpinisten, welche die Gletscherregion zwischen Grindelwald und Oberwallis durchstreiften. Seine beiden I 11 Söhne bestiegen im Jahre 181 r als erste die Jungfrau.
Dieser Seidenbandfabrikant entschloss sich, unter Einsatz eines Teiles seines Vermögens, privat die ganze Schweiz topographisch aufnehmen und kartieren zu lassen. Mit einfachsten Mitteln freilich, mit noch nicht sehr hoher Genauigkeit, dafür aber in der Zeitspanne weniger Jahre. Zu diesem Zwecke nahm er 1785 den elsässischen Geometer Jean Henri Weiss ( 1758-1826 ) in seine Dienste, reiste im Sommer 1787 mit ihm nach Engelberg, um rekognoszierend den Titlis zu besteigen. Ein Engelberger Zimmermann, Joachim Eugen Müller, damals fünfunddreissig Jahre alt, führte die beiden auf den Berg. Hierbei entdeckte Meyer in seinem Bergführer nicht nur den höchst erfahrenen Gebirgskenner, sondern auch den klugen und begabten topographischen Beobachter. Er bemühte sich, ihn für seine Unternehmung zu gewinnen.
Um sein Können zu zeigen, bastelte Müller im darauffolgenden Winter ein Relief der Tal- und Bergregion von Engelberg im Massstab etwa r: 20000 und brachte es nach Aarau. Es war wohl sein erster Versuch solcher Art.
Im Frühjahr 1788 trat er in Meyers Dienst. Während zehn Jahren, bis 1797, widmete er diesem dann sein grosses Können. Mit Hilfe Müllers hatte nun Meyer ein Tor zur Verwirklichung seines ehrgeizigen Unternehmens aufgestossen.
Wir wollen Joachim Eugen Müller unseren Lesern kurz vorstellen. Hierbei stützen wir uns weitgehend auf die schöne Monographie « Ingenieur Joachim Eugen Müller », verfasst vom Engelberger Pater Dr. Georg Dufner, Engelberg 1980.
Joachim Eugen Müller ( 1752-1833 ) aus Engelberg war von Beruf Zimmermeister. Er hatte nie einen Schulunterricht besuchen können, so dass er sich die Künste des Lesens, Schreibens und Rechnens erst spät selber aneignete. In jungen Jahren trieb ihn romantische Unternehmungslust in die Krallen eines Alchemisten. Im Rotzloch am Alpnachersee versuchten die beiden Wirrköpfe aus Hörnern und Klauen von Kühen Hirschhorn- geist zu fabrizieren. Das Gebräu aber verbreitete einen solchen Gestank, dass alle Unterwaldner mit Grausen ihre Nasen zuhalten mussten. Weiser geworden, kehrte Müller zu seinem Zimmer-mannsberuf zurück, erneuerte zu Engelberg die technischen Einrichtungen der klösterlichen Sägerei, zimmerte Häuser, Scheunen, Brücken und anderes. Mit ganzer Seele suchte er während der Wirrnisse der Revolution und der Napoleonischen Kriege seinen geplagten Mitmenschen zu helfen und der Heimat zu dienen. Überall griff er ein, wo es not tat. Während langer Jahre stellte er sich auch für öffentliche Dienste zur Verfügung, war zeitweise Bannwart, Gemeindeweibel, Pro-viantschätzer ( d.h. Lebensmittelkontrolleur ), Feuerwehrhauptmann, Fürsprech im Talgericht, Präsident der Munizipalität ( d.h. Gemeindevorsteher ), Talammann, Gemeinde-Säckelmeister, Oberaufseher des Strassen- und Brückenwesens und Richter. Unschuldigerweise geriet er schliesslich in den politischen Wirbel im Streit um die Zuteilung der Gemeinde Engelberg zu Nidwalden oder zu Obwalden. Als dann Obwalden am Ende obenaufschwang, wurde er von der Regierung in Samen geächtet, später aber rehabilitiert. Bald amtete er wieder als Engelberger Gemeinderat und dann sogar als Obwaldner Kantonsrat.
Was will man mehr! All das tat er uneigennützig, als edler, gutgesinnter Patriot. Und doch lagen seine Leidenschaft, seine Begabung und später dann auch sein Ruhm anderswo. Als Topograph und Erbauer alpiner Gebirgsreliefs gelangte er im Laufe der Jahre zu hohem nationalen und internationalen Ansehen.
Kehren wir zurück in die Jahre, da er als Gebirgstopograph in Johann RudolfMeyers Dienste trat. Zunächst fehlte es ihm an jeglicher Kenntnis des Vermessungswesens. Meyer schickte ihn nun in den Sommern i 788 und 1789 als Messgehilfe in die Lehre zu Professor Tralles, Physiker und Geodät an der Berner Universität. Tralles war einer der Pioniere moderner Vermessungstechnik. Er plante ebenfalls eine topographische Vermessung der Schweiz und begann bereits da und dort zu I 12 triangulieren. Müller diente ihm nun als Gehilfe bei Basismessungen bei Thun und Aarau und bei Winkelmessungen im Mittelland, in den Voralpen und im Gebiet Oberhasli—Grimsel—Unter-aargletscher. Damit erwarb er sich einige notwendige Fachkenntnisse.
DAS VON MÜLLER VERWENDETE INSTRUMENT Johann Rudolf Meyer liess für seinen Topographen Müller durch den Instrumentenbauer Breitinger in Zürich ein zweckdienlich-einfaches Aufnahmegerät, ein sogenanntes « Scheibeninstrument », herstellen. Weder dieses Instrument noch eine Beschreibung desselben sind uns erhalten. Doch lassen sich nach anderen damaligen Geräten, nach den Aufnahmedokumenten Müllers ( Richtungsscheiben ) Bauart und Verwendung des Gerätes mit einiger Sicherheit gedanklich rekonstruieren. Offenbar handelt es sich um eine frühe, einfache Zwischenlösung von Geräten, die man heute als « Theodolit » oder in abgewandelter Form als « Messtisch mit Kippregel » bezeichnet.
Über einem Stativ ( Dreibein ) eine, mittels Wasserwaage horizontal gelegte, hölzerne Platte, offenbar in Kreisscheibenform, jedoch ( im Gegensatz zum Theodolit ) ohne Winkelteilung und Ablesezeiger. Durchmesser dieser Scheibe bei Müllers Gerät vielleicht nur etwa 15 Zentimeter. Auf diese Platte wurde für jede Mess-Station ein Papier aufgelegt und darauf der Kreismittelpunkt markiert. Auf die Scheibe, an den markierten Mittelpunkt, jedoch frei drehbar, wurde ein Lineal gelegt. Fest mit dem Lineal verbunden, über dem markierten Scheiben-Mittelpunkt, eine vertikale Säule ( « Stehachse » ). Diese trug einen in der Vertikalebene des Lineals kippbaren Visierstab mit einer Zielvorrichtung ( « Visier und Korn » oder « Kimme und Korn » oder « Loch-blende und Zielmarke » ). Dieser Stab ersetzte das damals noch nicht allgemein verwendete Zielfernrohr. Fest verbunden mit dem Visierstab eine vertikal gestellte Halbkreis-Scheibe ( eventuell Figur 2: Scheibeninstrument in der Art, wie es Ende des 18. Jahrhunderts von J. E. Müller benützt worden war. Schematische Rekonstruktion des Bauprinzipes, nicht aber der mechanischen Ausführung.
1 Visierlinie mit Korn und Visier 2 Visierlinienträger, kippbar 3 Drehknopf zum Kippen der Ziellinie nach dem Höhenpunkt und damit zum Einstellen des Höhenwinkels an der Kreisteilung 4 Kreisteilung zum Ablesen des Höhenwinkels 5 Vertikale Achse ( « Stehachse » ) 6 Ablesezeiger für Höhenwinkel 7 Scheibe zur Eintragung der horizontalen Richtungen 8 Lineal 9 Eingezeichnete Richtungsstrahlen 10 Wasserwaage ( Libelle ) zum Horizontalstellen der Scheibe 11 Stativ nur ein Sektor ) mit Winkelteilung. An der vertikalen Säule ( Stehachse ) fest angebracht ein Zeiger ( « Index » ), um an der soeben genannten Winkelteilung den positiven bzw. negativen Vertikal- winkel ablesen zu können. Bei neueren Geräten sind Vertikalkreisscheibe und Ableseindex in der Regel vertauscht, d.h. die Kreisscheibe fest an der tragenden Säule ( Stehachse ), der Ableseindex mit der kippbaren Zielvorrichtung fest verbunden. Hans Conrad Escher von der Linth, der einmal Müller auf einer Kartierungstour begleitete, nannte das Instrument eine « Zollmannische Scheibe », nach einer von Johann Wilhelm Zoll-mann 1744 veröffentlichten Beschreibung. In der Vermessungskunde wird aber dieser Name sonst nicht verwendet. Früheste Beschreibungen ähnlicher Aufnahmeverfahren kennt man schon seit etwa 1600.
MÜLLERS AUFNAHMEVERFAHREN Nach obiger Beschreibung des Instrumentes nun die Beschreibung des Aufnahmeverfahrens.
Auf jedem Mess-Standort wurden einige gut sichtbare Fern-Punkte ( Gipfel, Kirchtürme u.a. ) angezielt, die Richtungslinien längs der Linealkante auf die Papierscheibe gezeichnet, die zugehörigen Vertikalwinkel abgelesen und im Feldbuch notiert. Unsere Abbildung 79 zeigt eine solche von Müller stammende papierne Richtungsscheibe, laut der schwer lesbaren Aufschrift aufgenommen im Oktober 1802 auf Rigidahlhöche ( wahrscheinlich der heutige Rigidalstock nördlich über Engelberg ). Eine der aufgezeichneten Ziellinien ist bemerkenswerterweise nach Müllers Haupt-Richtpunkt, dem Titlis, gerichtet und angeschrieben, die übrigen Richtungen sind numeriert. In anderen Scheiben finden sich meist unleserliche Zielpunktnamen und Abkürzungen.
Mit Hilfe solcher Richtungsstrahlen konstruierte dann Müller im Atelier, vielleicht zum Teil schon in den Talquartieren, Schnittpunkte entsprechender, auf verschiedenen Standorten gewonnener Strahlen. So erhielt er Punkte seiner Karte. Freilich bleibt dabei manches ungeklärt. Um seinen Punktnetzen oder Punktstreuungen bestimmte massstäbliche Dimensionen, korrekte Orientierungen und den Punkten Koordinaten- werte geben zu können, benötigte man ein Koordinatensystem, ferner da und dort genaue Längenmessungen von Basisstrecken. Und man benötigte fest bestimmte Einpasspunkte, gleichsam eine übergeordnete Triangulation. Woher nahm unser Laientopograph solches? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich stützte er sich auf Vorarbeiten und Daten seines Arbeitskollegen Jean Henri Weiss und zum Teil auf solche von Tralles.
Aus der konstruktiv gewonnenen Distanz zwischen einer Aufnahmestation und einem « vorwärts eingeschnittenen » Neupunkt und dem entsprechenden, am Instrument abgelesenen Vertikalwinkel gewann Müller dann durch Rechnung oder zeichnerisch den Höhenunterschied zwischen Station und Neupunkt, dies freilich mit meist nur recht bescheidener Genauigkeit.
Bei den sonst üblichen, traditionellen Triangulationsarbeiten werden auf den Mess-Stationen mittels Theodolit Richtungen, bzw. Winkel in Zahlenwerten an der Winkelteilung des Horizon-talkreises abgelesen und alles Weitere rechnerisch verarbeitet. Müllers Arbeitsweise aber, mit aufgezeichneten Strahlenbüscheln und konstruktiver Weiterverarbeitung, nennt man « graphische Triangulation ». Müllers Instrument und Arbeitsweise wichen damit vom sonst üblichen graphischen Vorgehen ab. Normalerweise, und auch heute noch, arbeitet man beim graphischen Triangulieren mit einem « Messtisch ». Seine Zeichnungsplatte ist rechteckig und wesentlich grosser als die kleine Kreis-Scheibe von Müller. Der Topograph wandert mit seinem Messtisch, innerhalb eines gewissen ( durch Tischgrösse und Kartenaufnahme-Massstab gegebenen ) Gelände-gebietes von Station zu Station. Aufseiner Tischplatte zeichnet er dann nicht nur Richtungslinien nach anvisierten Punkten ( wie bei Müller ), sondern er erhält durch Linien-Schnittpunkte gleich auch die gesuchten Lagepositionen der anvisierten Punkte. Dies bringt Zeitgewinn, aber auch Fehlerkontrolle bereits während der Aufnahme im Felde, nicht erst im Atelier, wenn es zu spät ist.
Wie viele Punkte mag nun Müller mit seinem Scheiben-Instrument für Meyers Schweizer Karte aufgenommen haben? Auch darüber tappen wir im dunkeln. Für solche Schätzungen haben wir zu unterscheiden zwischen den Mess-Sta-tionen mit dem Instrument ( Instrumenten-Standorte ) und andererseits den durch Visuren ( sogenanntes « Vorwärts-Einschneiden » ) ermittelten weiteren Punkten.
Nun zunächst die Mess-Stationen ( Instrumen-ten-Standorte ). Wir wagen im folgenden eine grobe Schätzung: Müllers Aufnahmegebiet umfasste einen grossen Teil der Schweizer Alpen, nämlich eine Fläche von etwa 20000 Quadratkilometer, seine Arbeitszeit für diese Aufgabe betrug 8 Jahre, jährlich während der 4 schneefreien Sommermonate, jedoch nur bei gutem, sichtigem Wetter, zusätzlich stark unterbrochen durch topographische Detailrekognoszierungen und andere Beanspruchungen. Somit pro Jahr wohl im Mittel kaum 40 Tage. Total in 8 Jahren höchstens 300 Tage. Zeitbedarf pro lokaler « Expedition » ( Rekognoszierung, Reisedauer, Messarbeit, Aufzeichnung ) für eine Station vielleicht im Mittel 3 Tage. Somit insgesamt bewältigt etwa too Stationen. Zeuge dieser Anzahl könnte die Anzahl seiner erbrachten Mess-Scheiben sein. Eine Scheibe pro Station. In der Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich befinden sich 260 solche Scheiben von Müller. Wir wissen nicht, ob es sich dabei um alle handelt, die von ihm aufgenommen worden sind. Wir wissen aber, dass er nach Beendigungseiner Arbeiten für Meyer noch zwanzig weitere Jahre auf « eigene Rechnung » topographiert hat. Die Mehrheit der uns bekannten 260 Scheiben scheint diesen späteren Jahren zu entstammen. Auf die Arbeit für Meyers Schweizer Karte entfallen vielleicht etwa ioo Scheiben und damit too Mess-Stationen ( wie oben geschätzt ). Diese too Stationen verteilen sich auf ein Gebiet von 20000 Quadratkilometern. Daraus ergibt sich t Station auf 200 Quadratkilometer und ein Abstand von Station zu Station von etwa to bis 20 Kilometern. Wir er- achten diese Schätzung als eher zu hoch. Danach würde die Punktdichte der Instrumentenstatio-nen etwa derjenigen unserer heutigen schweizerischen Landestriangulation 3. Ordnung entsprechen.
Die Anzahl der durch Visurlinien ( graphisches Vorwärts-Einschneiden » ) ermittelten Punkte mag wohl etwa fünf- bis zehnmal grosser sein. So also, dass für die geometrische Konstruktion der Karte vielleicht 500-1000 Punkte zur Verfügung standen, dies für ein Areal von 20000 Quadratkilometern. Somit I Punkt pro 40 bis 20 Quadratkilometer. Die oft recht grosse Menge von Richtungsstrahlen auf Müllers Kreis-Scheiben könnte auf eine wesentlich grössere Menge ermittelter Punkte schliessen lassen. Sehr viele dieser Visuren aber waren wohl « blind », d.h. sie führten nicht zu brauchbaren Schnittpunkten. Was zwischen solcherart ermittelten Punkten lag, kartierte Müller durch gutes Beobachten, durch Schätzung und Augenmass. Er verfügte hierbei wohl auch über einen Taschenkompass, um da und dort Himmelsrichtungen von Talachsen und Bergkämmen festlegen zu können.
Solchen Aufnahmemethoden mag etwa die Genauigkeit der Karte seines Aufnahmegebietes im « Atlas Suisse » entsprechen. Unser « handwerklicher Mustergeodät » skizzierte von vielen Beobachtungsstationen gleich auch noch Ansichtspan-oramen. Ein solches zeigen wir als Abbildung 77, die Aussicht von der « Höhe auf Heinzenberg » ( wahrscheinlich vom Crest dil Cot, 2015 ) nach Osten und Südosten ins Domleschg, gegen die Kette des Stätzerhorns und die Mündung der Schynschlucht bei Sils-Thusis. Nahe am linken Bildrand das Dorf Rothenbrunnen, ganz rechts eine Signatur für die Ruine Hohen Rätien. Bemerkenswert auf seinen Ansichtszeichnungen ist das lineare Festhalten topographisch bedeutsamer Kamm- und Grabenlinien.
Seinerzeit von Professor Rudolf Wolf, dem Verfasser des klassischen Werkes « Geschichte der Vermessungen in der Schweiz, 1879 », gesammelt, besitzt heute die Hauptbibliothek der Eidgenössi-
schen Technischen Hochschule Zürich neben den genannten Richtungsscheiben einige Dutzend solcher von Müller gezeichneter Panorama-Skiz-zen, dazu einige Zeichnungsbücher.
VERARBEITUNG DES AU FN AH M E M ATE RI A LS ZU GIPSMODELLEN UND ZUR KARTE Erstaunlich und einzig in der Art war nun folgendes: Müller führte in seinem Gepäck Schachteln mit, angefüllt mit allerlei Modelliermaterial, mit Gips und anderem. In Zusammenhang mit den Aufnahmen im Felde modellierte er in den Talquartieren nach seinen Beobachtungen gleich auch noch kleine Modelle der zuvor durchforschten Region. Solche handgreiflichen Geländever-anschaulichungen wurden dann nach Aarau in Meyers Atelier gebracht. Leider ist keines dieser Stücke erhalten.
Während all der Jahre, da Müller im Dienste Meyers arbeitete, tat dasselbe Jean Henri Weiss. Dieser bemühte sich vor allem um landesweite, wahrscheinlich grösstenteils ebenfalls graphisch aufgezeichnete Triangulation, aber auch um topographische Aufnahmen einzelner Regionen ( Mittelland, Jura, Westschweiz ). Nachdem alle Aufnahme-Arbeiten genügend fortgeschritten waren, begannen offenbar Weiss und Müller ( nach der Meinung von Professor Rudolf Wolf fast nur Müller allein ) während der Wintermonate in Aarau am grossen Relief zu arbeiten.
Dieses Riesenmodell im Massstab 1:60000 hatte die alpinen und voralpinen Gebiete der Schweiz zu umfassen. Weiss modellierte vermutlich einzelne Gebiete im Westen, während Müller den Löwenanteil am Ganzen besorgte. Zur Hauptaufgabe von Weiss entwickelte sich schliesslich die inhaltliche und zeichnerische Bearbeitung der geplanten neuen Karte der Schweiz und ihrer nächsten Umgebung. Hierbei wurden die alpinen Gebiete zur Hauptsache nach dem zuvor erstellten grossen Relief gezeichnet. Es liegt der seltene und interessante Fall vor, dass ein Modell unmittelbar als Vorlage zum Entwurf einer 69 Franz Ludwig Pfyffer von Wyer als Topograph am Pilatus. Stich von Christian von Mechel ij86 nach einem Gemälde von Joseph Reinhardt Graphische Sammlung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich 70 Feldskizze von F. L. Pfyffer, aufgenommen beim Rotzloch in der Nähe VOn StanSGletschergartenmuseum Luzern 71Karte der Zjinlralschweiz von F. L. Pfyffer. Teilstück. Früheste Karte, die den Vierwaldstättersee annähernd in richtiger Form ZeigtGletschergartenmuseum Luzern Karte diente. Üblich ist sonst der umgekehrte Vorgang, eine Modellherstellung auf Grund der Karte.
Für Mittelland, Jura und den Grossteil der ausländischen Randgebiete erstellte man offenbar keine Reliefs. Hier stützte sich Weiss auf eigene Aufnahmen sowie auf solche französischer Militärtopographen und notgedrungen auch auf zum Teil veraltete andere Karten.
Das soeben genannte, zur Hauptsache von Müller modellierte Grossrelief umfasste ein Rechteck von 150 Zentimeter Breite und 450 Zentimeter Länge ( nach Wolf 1879 und Graf 1896 ), begrenzt durch ungefähr folgende Punkte: Cossonay bei Lausanne, Muri-Bern, Zug, St. Gallen, Bregenz, Silvretta, Splügen, Giornico, Saas Fee, Chamonix, Evian, Morges ( Abb. 80 ). Dargestellt war damit ein grosser Teil der Schweizer Alpen, nicht aber die ganze Schweiz, wie oft irrtümlich angenommen wurde. Wir kennen die Qualität dieses Reliefs nicht. Nach einer zeitgenössischen Beurteilung ( Zächs monatliche Korrespondenz 1802 ) soll damit das schweizerische Hochgebirge erstmals mit einiger Ähnlichkeit veranschaulicht worden sein.
Die Kartenentwürfe von Weiss wurden nun in Kupfer gestochen und als « Atlas Suisse par Meyer et Weiss » von 1796 bis 1802 herausgegeben. Un-gerechterweise unterschlug man dabei den Namen unseres Engelberger Topographen, was zeigt, dass schon damals Neider am Werke waren, um gute Herzen zu kränken.
Der genannte Atlas besteht aus 16 grossen Teilblättern, im Mittel etwa im Massstab 1: 108000, und einer Übersichtskarte der Schweiz ungefähr 1:500000. Diese Blätter brachten unverkennbare grosse Fortschritte. Erstmals in einer Gesamtkarte des Landes gelangten auch die Bergregionen abseits der Talsohlen zu einigermassen korrekter topographischer Darstellung. Erstmals auch sind im ganzen Gebiet die Berge nicht mehr durch ma-nierhafte, uniforme Seitenansichten, sondern im Grundriss dargestellt.
Die von Müller aufgenommenen inner- und ii6 72 Franz Ludwig Pfyffer s Relief der Zjntralschweiz 1:12500, hergestellt 1762-1786. Gesamtbild Gletschergartenmuseum Luzern. Photo awp, Luzern 73Teilstück aus Pfyffers Relief der Zentralschweiz 1'12500 ..Schrägansicht, links unten die Stadt Luzern Gletschergartenmuseum Luzern. Photo Schweizerische Verkehrszentrale, Zü-rirh 74 Engelberg im Jahre 1810, gezeichnet von Joachim Eugen MüllerOriginal in Privatbesitz nordalpinen Gebiete sind genauer als die von Weiss bearbeiteten Regionen im Mittelland und Jura und auch genauer als die Alpen-Südhänge. Müllers Leistung bleibt erstaunlich. In der Zeit von nur acht Jahren hat er im Alleingang das ganze unüberschaubare Berg- und Talgeflecht des grössten Teiles der Schweizer Alpen durch Messen, Zeichnen und Modellieren entwirrt, eine heute kaum vorstellbare geistige und alpinistische Tat. Er war ein aussergewöhnlich begabter Beobachter, ein erfahrener Bergkenner und er arbeitete jahraus, jahrein wie ein Besessener.
Die von Weiss gezeichneten Entwürfe für das Kartenwerk sind nicht mehr auffindbar. Es ist zu bedauern, dass die Qualität ihrer Reproduktion durch Kupferstich auf einigen Blättern zu wünschen übrig liess und kaum dem hohen Stande damaliger Kupferstecherkunst entsprach.
Der « Atlas Suisse » war aber, trotz seiner Unzulänglichkeiten, während der ersten Hälfte des ig.Jahrhunderts das gültige Kartenbild unseres Landes. Erst durch die vom Eidgenössischen Staate in den Jahren 1844 bis 1868 herausgegebene « Topographische Karte der Schweiz 1: 100 000 », die sog. « Dufourkarte », wurde wieder ein grosser Schritt vorwärts getan.
Nach der Fertigstellung der Kartenentwürfe für den « Atlas Suisse » hatte das grosse Reliei i: 60000 seine Funktion, dem Kartenzeichner als Vorlage zu dienen, erfüllt. Joachim Eugen Müller war schon vorher in sein heimatliches Dorf zurückgekehrt. Dort richtete er sein eigenes Atelier ein, ergänzte und verbesserte, wie wir oben gehört haben, noch während vieler Jahre in allen Regionen der Schweizer Alpen seine topographischen Aufnahmen, stellte weiterhin Gebirgsmodelle her und verkaufte oder verschenkte sie. Da nun Meyer das Grossrelief der Schweizer Alpen 1:60000 nicht mehr benötigte, vielleicht aber über diese Angelegenheit in Geldnot geraten war, liess er es im Jahre 1802 zum Verkaufe nach Paris bringen. Da stachen die vielen Bergzacken dem Kaiser Napoleon so sehr in die Augen, dass das Relief im Jahre 1803 durch das Kriegsministe- 75 Joachim Eugen Müller an seinem Arbeitstisch in Engelberg, mit Frau und Kind, Zum Fenster hinaus erblickt man das Klostergebäude. Zeichnung von Georg Ludwig Vogel im Jahre 1824Original in Privatbesitz 76J. E. Müllers Relief der Schweizer Alpen 1:40000, fertiggestellt um 1818. Teilstück Gotthardgebiet. Vorn Val Bedretto. Bildmitte Gletsch - Furka - Andermatt.Dahinter Haslital - Dammagebiet - Gesehenen. Im Hintergrund Tiths - Spannort Gletschcrgartenmuscum Luzern. Photo awp. Luzcrn rium zum Preise von 25000 Franken gekauft wurde. Es war das im vorangehenden Kapitel erwähnte « andere Relief », das von Napoleon demjenigen von Pfyffer vorgezogen wurde. Zunächst wurde es im Schlosse St. Cloud ausgestellt. Später, im Jahre 1811, gelangte es in die Ausstellung der « Plans-Reliefs de l' Armée » im Hôtel des Invalides zu Paris.
Das Leben von modellierten Gipsbergen dauert aber entschieden weniger lange als dasjenige ihrer granitenen Vorbilder. Das nach Paris verbrachte grosse Relief der Schweizer Alpen 1:60 000 existiert längst nicht mehr. Nach einer Mitteilung von Joseph Baumann ( in « Die Alpen » 22, 1946, Seite 114 ) wurde es im Jahre 1903 zerstört.
MÜLLERS WEITERE BERG MODELLE Ein zweites von Müller hergestelltes, offenbar kleineres Relief der Schweizer Alpen ( Massstab und Gebietsumfang unbekannt ) wurde im Jahre 1805 nach Berlin gebracht und dem König Friedrich Wilhelm III. von Preussen zum Kaufangeboten. Als es dem König und der Königin vorgeführt wurde, « blieben beide Majestäten über eine Stunde vor dem Werk und zeigten grosse Zufriedenheit ». Es wurde gekauft und gelangte in die königliche Kunstkammer zu Berlin. Das Relief dürfte heute kaum noch vorhanden sein. Über sein Schicksal haben wir durch Vermittlung des Archivs der Staatlichen Museen zu Berlin, Deutsche Demokratische Republik, folgendes erfahren: Die noch heute dort aufbewahrten Akten berichten zwischen 1805 und 1855 von mehreren Reliefs schweizerischer Gegenden, vor allem von solchen von J. E. Müller. Das 1805 nach Berlin gebrachte Relief mass auf seiner längsten Seite etwa 2,5 m. Der Vermittler Büsingcr aus Luzern erhielt dafür 10000 Reichstaler. 1810 sandte der gleiche Vermittler ein zweites Schweizer Gebirgsrelief nach Berlin, « eine Nachbildung des östlichen Teiles der Schweiz ». Es sollte dazu dienen, die im Napoleonischen Kriege nach Paris verbrachten II?
77 Panoramazeichnung von J. E. Müller, aufgenommen auf Crest d' il Cot, 2013 Meter ( Heinzenbergj. Blick nach Osten gegen Stätzerhorn und Schynschlucht Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Wissenschaftshistorische Sammlung 78J. E. Müllers Rehej der Schweizer Alpen 1:40000, hergestellt 181J—1818, Gesamtbild. Von Mordosten gesehen Gletschergartenmuseum Luzern. Photo awp. Luzern 79 Eine papierne Richtungsscheibe von J. E. Müller, abgebildet in unveränderter Dimension Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Wissenschaftshistorische Sammlung Schweizer Reliefs zu ersetzen. 1811 lieferte Büsin-ger ein Gotthard-Relief von Müller nach Berlin. Nach dem Siege der Alhierten von 1815 kehrte das Müllersche Alpenrelief aus Paris nach Berlin zurück, so dass jetzt dort zwei Schweizer Alpenreliefs auf der königlichen Kunstkammer aufgestellt waren. 1814 nahm ein drittes Relief der Schweizer Alpen seinen Weg nach Berlin. König Friedrich Wilhelm III. hatte es bei Müller in Engelberg gekauft, um es dem Zaren zum Geschenk zu machen, es kam über Berlin nach St. Petersburg. Da man in Berlin der Meinung war, die Reliefs 2 und 3 seien Kopien desjenigen von 1805 gewesen, drückte man den Kaufpreis. 1820 kaufte man weitere Ergänzungsteile zum « grossen Relief der Inneren Schweiz », und hier erfahren wir die darauf dargestellten Gegenden: Hochgebirge von Grimsel bis Gasterental, Hasli, Grindehvald, Lauterbrunnen, Bricnzcr- und Thuner See, die Aare bis nahe Bern, das Emmental, Wallis von der Furka bis Brig, Simplon. 1855 wurde dann eines der Reliefs dem Mineralien-Kabinett der Universität übergeben. Hierbei erfahren wir die Masse: das dreiteilige Relief misst zusammengesetzt etwa 2,5 x 4,8 m, also etwa 12 Quadratmeter. Aus diesen Angaben können wir schlicssen, dass es sich wohl um Kopien des jetzt in Luzern befindlichen Reliefs handelte. Eine ausserordentliche Geschichte, wenn man bedenkt, wie schwierig die Zeiten und wie in den Anfangen erst der Post- und Handelsverkehr in diesen Jahren war.
In der Schweiz machte sich in jenen Jahrenein gewisses Missbehagen bemerkbar, weil ihr diese grossen schönen Werke verlorengegangen waren. Müller selbst hegte den Wunsch, ein neues grosses Relief der Schweizer Alpen zu schaffen, das dann in unserem Lande bleiben sollte.
So machte er sich im Alter von fast 60 Jahren an den Bau eines Modelies der mittleren und östlichen Schweizer Alpen. Das Gebiet wurde zwar gegenüber dem Pariser Exemplar im Westen eingeschränkt, der Massstab aber wesentlich vergrössert, nämlich auf etwa 1 140000. Es bleibt das Verdienst von Hans Conrad Escher von der Linth, dass der Zürcher Stadtrat nach langem Zögern und Markten sich zum Ankauf von vier Teilstücken und dann von weiteren vier und später nochmals zwei Teilstücken entschloss. Das Relief wurde mit finanziellen Beiträgen des Kantons und des kaufmännischen Direktoriums am 4. Februar 1819 zum Preise von 3000 Neutaler gekauft. Die Gemeinde Engelberg hatte vor Jahren, zu einer Zeit grösster Not, von den reichen Zürchern einen Geldbetrag von 2000 Talern geliehen. Nun wurden vom Relief-Kaufpreis 2000 Taler abgezwackt, um die Schuld der Gemeinde Engelberg zu löschen. Nur die restlichen i 000 Taler wurden Müller ausbezahlt. Unserem guten Joachim blieb das Nachsehen. Sein Relief war weg, und ein Teil des Geldes war weg. Grosszügig aber nahm er dieses Opfer auf sich, ohne von der Gemeinde eine Rückvergütung zu verlangen.
Das Relief fand nun seinen ersten Ruheplatz im Mineralien- und Naturalienkabinett der Stadtbibliothek in der Wasserkirche in Zürich.
Dieses ausgedehnteste und bedeutendste der unserem Lande erhalten gebliebenen Alpenreliefs von Joachim Eugen Müller umfasst eine Grundfläche von etwa 2,5 auf 5 Meter. Begrenzt wird das dargestellte Gebiet durch folgende Örtlichkeiten: Muri-Bern, Zug, St. Gallen, Bregenz, Silvretta, Splügen, Giornico, Saas Fee, Kandersteg, Thun, Muri-Bern ( Abb.80, osti.Teil ). Das Gebiet stimmt offenbar überein mit den mittleren und östlichen Teilen des seinerzeit nach Paris gebrachten Reliefs i :60000. Der westliche Drittel jenes Erstlings, damals vielleicht zum Teil von Weiss oder nach dessen Aufnahmen bearbeitet, ist weggelassen. Dafür aber ist der Massstab i: 140000 ( oder i: 38000 ) grosser und die Modellierung auf Grund neuer Feldbegehungen verbessert. Es baut sich aus zehn Teilblöcken auf. An Formentreue reicht es in einigen Gebieten nahe an heutige Modelle ähnlichen Massstabes heran.
Seit der Fertigstellung bis zur Aufstellung im Luzerner Gletschergartenmuseum im Jahre 1978 durchlief dieses Grossmodell einen Weg, der den Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus kaum nachstehen dürfte. Zunächst stand es während Jahrzehnten in der Wasserkirche. Im Jahre 1843 gesellte sich ein Müller-Relief des Engelber-gertales im Massstab i: 20000 dazu. Es war von privater Seite der Bibliothek geschenkt worden. Im Laufe der Jahre aber wurden in der Wasserkirche die Gipsberge mehr und mehr durch Gestelle voller Bücher in die Enge getrieben, schliesslich, 1898, mussten sie weichen. Alle dort aufgestellten Müller-Modelle, das grosse Alpenrelief, das Engelberger Relief, eines aus der Gegend von Sargans, eines von Baden und Umgebung sowie ein Modell des Lungernsees, wurden von der Stadtbibliothek als Leihgabe in das neu erbaute Schweizerische Landesmuseum gebracht. Das grosse Alpenrelief kam in das dritte Stockwerk des Torturmes und wurde unter der Aufsicht des Geologen Albert Heim vom Kunstmaler Ludwig Schröter, dem Bruder des bekannten Botanikers Carl Schröter, geflickt und malerisch aufgefrischt. Der erhoffte Publikumsbesuch blieb in der Folge aus; denn nur selten hatte irgendein hartnäckiger Alpinist Lust, dort drei Stockwerke hoch die Treppen hinaufzuklettern.
Aus dieser Zeit stammt die folgende Geschichte: Aufmerksamen Betrachtern konnte es nicht entgehen, dass in Müllers Relief die Matten des Urserentales in auffallend frischem, fettigem Grün prangten. Warum das wohl? Vor Jahren brachte eine ortskundige Museumskatze sechs reizende junge Kätzchen zur Welt. Als Wochenbett erwählte sie sich die Mulde des Urserentales in Müllers Relief. Die Düngung durch die Katzenfamilie schien dabei so nachhaltig gewirkt zu haben, dass darob die dortigen Wiesen, wie nach einem lauen Frühlingsregen, neu ergrünten.
Endlich, im Jahre 1925, wurden die Gipsberge aus ihrem Turmverlies befreit. Sie gelangten, wiederum als Leihgabe der Zentralbibliothek Zürich ( in welche Stiftung die Stadtbibliothek integriert worden war ), in das damals neue Hauptgebäude der Zürcher Universität. Dort wurde das grosse, schöne Relief vor dem Geographischen Institut in einem halbdunkeln Korridorwinkel auf- gestellt und war nun endlich leicht zugänglich, doch hatte der Besucher eine Taschenlampe selber mitzubringen! Im Jahre 196g musste das Relief infolge von Gebäudeumbauarbeiten wiederum weiterwandern, es wurde magaziniert im Estrich des damaligen Chemischen Institutes der Universität an der Rämistrasse 74 in Zürich. Für die Öffentlichkeit war es nun, selbst mit Taschenlampen, während langer Jahre nicht mehr auffindbar. Auf der Suche nach Dokumenten über einstige Gletscherstände erhoffte sich der Geogra-phiestudent Felix Renner aus Andermatt von Müllers Alpenrelief einige Auskünfte. Er durchstöberte mit Hilfe der Hauswarte die Estriche zürcherischer Mittel- und Hochschulgebäude. Wer sucht, der findet. Sein Fund kam dann zu Ohren des Direktors des Luzerner Gletschergartens, Peter Wick. Dieser fand, ein solch einzigartiges Stück würde besser in seinem Museum stehen. Ein Wort gab das andere. So wurde denn Müllers grosses Alpenrelief im Jahre 1977 vorerst wieder ins Schweizerische Landesmuseum gebracht. Dort musste es sich ein zweites Mal einer Reinigungs-und Verschönerungskur unterziehen. Eigentümer war immer noch die Zürcher Zentralbibliothek. Als deren Leihgabe wanderte es hierauf im September 1978 nach Luzern in das Gletschergartenmuseum. Dort hat es nun wohl für recht lange Jahre, vielleicht für immer, in unmittelbarer Nachbarschaft von Pfyffers Relief der Innerschweiz, seine Ruhe und seine Bewunderer gefunden. Es ist erfreulich, dass nun diese beiden Prunkstücke frühester schweizerischer topogra-phisch-plastischer Kunst öffentlicher Betrachtung leicht zugänglich sind.
Mit der Bearbeitung der beiden grossen Gebirgsmodelle hatte sich Joachim Eugen Müllers topographische Tätigkeit keineswegs erschöpft. Wie wir bereits mitteilten, zog er auch später unentwegt begeistert durch die Berge, beobachtend, messend, zeichnend. Hierbei verbesserte er bisheriges Aufnahmematerial und baute in seinem Engelberger Atelier zahlreiche weitere Modelle: Teilstücke der oben geschilderten Hauptwerke und anderes. So wurde er als Reliefplastiker ( man nannte damals solche Leute auch Geoplasten ) weitherum berühmt. In der Schweiz finden sich noch heute kleinere und grössere Stücke in Aarau, Bern, Engelberg, Samen, Stans, Winterthur und Zürich, aber auch in Paris. Das Alpine Museum in München besass ein grosses, um 1808 hergestelltes Gotthardrelief unseres Engelberger Topographen. Es wurde bei der Bombardierung des Museumgebäudes gegen Ende des Zweiten Weltkrieges leider zerstört.
Es ist erstaunlich, dass Müller neben seiner intensiven Arbeit als Topograph und Geoplastiker noch Zeit fand in so aufopfernder Weise seiner Gemeinde, seinem Lande, seinen Mitmenschen zu dienen.
Als er im Jahre 1833 für immer die Augen schloss, trauerte die ganze Talschaft um ihren Wohltäter. Nie habe man zu Engelberg einen längeren Trauerzug gesehen.
Wir aber wollen ihn hier noch nicht sterben lassen: Ich war im Grenzbesetzungsdienst im Jahre 1940 in Andermatt. Ein Zufall lenkte eines Tages meine Schritte auf den Estrich eines Gasthauses. Dort stiess ich auf ein grosses, ausgezeichnet gearbeitetes Müller-Relief des Gotthardgebietes. Es war das Stück, das sich heute in bester Obhut und öffentlich zugänglich im Stift zu Engelberg befindet. Massstab 1: 29000, Dimensionen Nord-Süd = 150 Zentimeter, West-Ost = 130 Zentimeter. Begrenzung im Norden: Titlis — Amsteg, im Süden: Pomat - Foroglio-Broglio, im Westen: Meiringen - Scheuchzerhorn, im Osten: Bristenstock Calmot Maigelpass —Ambri. Ich hatte damals in der Zeitschrift des SAC « Die Alpen », 1946, Heft 3 und 4, über dieses Relief und seinen Hersteller berichtet. Das dort Gesagte sei nicht wiederholt. An eines aber sei auch hier erinnert: Unser guter Joachim Eugen hatte nicht nur topographiert, modelliert und sein Geld an die Armen verschenkt. Obschon er keine einzige Stunde deutschen Sprachunterricht genossen hatte, versuchte er sich auch in der Dichtkunst. Warum eigentlich nicht? Er war ja fast im gleichen Jahre zur Welt gekommen wie Goethe, und sein Lebenslicht erlosch fast im gleichen Jahre wie das des Dichterfürsten. Warum also sollte Joachim Eugen nicht auch dichten? Kein Gymnasiast wird deswegen seine Verse auswendig lernen müssen. Wie seine Gipsberge, so zeugen aber auch seine Verse von einem Manne, der seine Heimat heiss liebte und von ihrer Schönheit hingerissen war. Darum sollen sie hier unsere Ausführungen schliessen. Es sind Worte, die er einem erläuternden Begleittext zu seinem heute in Engelberg stehenden Gotthardrelief beigegeben hatte.
Lieber Leser, vernimm nun seine Einladung an die Reisenden Komm, Fremdling! besuche St.Gotthards Gebilde Der höhesten Thäler, für Kenner so schön! Der Furka und Grimsel bekannte Gefilde, Die westlich vom Gotthard noch weiterhin stehn.
Dort siehst Du die Höhen mit Gletscher behangen, Als Stoff zu den Flüssen, die schiffreich und gross Nach mehreren Seiten ins Weltmeer gelangen, Nachdemme ein Jeder viel Länder durchfloss.
Da fin'st Du die Schöpfung mit Reichthum geschmücket, Die solche dem Pflanzen- und Steinreich verlieh; Doch lässt sich 's nicht schildern, so wie man 's erblicket, Drum, lernender Fremdling! komm selber und sieh!
So komme, Ich begleite dich auf den St. Gotthards Berg, In die höchsten Thäler Europens, es ist der Mühe wohl werth!
Das Relief zeigt in Süden Liviner- und Bedretter Thal, Und Valmagia und Togia-Thal und Bünden.
EIN RELIEF DES KANTONS ZURICH VON PAULUS USTERI In den Jahren, als Joachim Eugen Müller seine grossen Alpenreliefs schuf, entstand zu Zürich ebenfalls ein beachtenswertes Grossrelief, freilich nicht eines alpinen Geländes, aber historisch doch sehr beachtenswert.
Paulus Usteri ( i 746-1814 ) begann um 1785 mit der Bearbeitung einer plastischen Darstellung der « Landform » des Kantons Zürich. Dieses Relief bestand aus 12 quadratischen Blöcken zu je 60 Zentimeter Seitenlänge. Zwei dieser Blöcke blieben unvollendet, obschon auch Hans Conrad Escher von der Linth an der Fertigstellung des Ganzen gearbeitet hatte. Dieses Grossrelief geriet dann schliesslich auf den Dachboden des Helm-hauses in Zürich, ist aber längst verschollen ( Hinweise bei Wolf 1879, H. Graf 1896 und Histo-risch-biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 7, S.177 ).