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Die Stadt Zürich soll in den nächsten Jahren um 80 000 Einwohner:innen wachsen. So wollen es die Pläne der Behörden. Wo sollen diese Menschen wohnen? Und was bedeutet diese Verdichtung für die Stadtbevölkerung? Die Anthropologin Sabrina Stallone im Gespräch mit Simon Jacoby.
Die Stadt Zürich plant mit zusätzlichen 80 000 Einwohner:innen bis im Jahr 2040. Bereits heute haben wir eine Wohnungskrise. Wo sollen diese Menschen leben?
Sabrina Stallone: Ich muss Sie leider enttäuschen, darauf habe ich auch keine Antwort. Man kann aber anschauen, wo die Stadt verdichten und aufzonen will: an der Peripherie in Zürich Nord, Zürich West und Altstetten Nord. In diesen Gebieten gibt es teilweise grössere Landreserven, die man noch bebauen kann. Tatsache ist aber auch, dass dies oft Stadtteile sind, wo Menschen mit wenig Mitspracherecht leben. Zum Beispiel, weil sie keinen Schweizer Pass haben oder die Sprache nicht können.
Mit diesen Themen befassen Sie sich in Ihrer Forschung?
Genau, ich bin nicht Planerin, sondern Anthropologin und beschäftige mich aus einer sozialwissenschaftlichen und ethnografischen Perspektive damit, was Zukunftspläne für die Stadt in der Bevölkerung auslösen. Ich untersuche, welche Stimmen nicht gehört werden, und wie die Verdichtung von denen definiert und erzählt wird, die in der Stadtentwicklung eine Stimme haben.
Verdichten bedeutet zusätzliche Stockwerke und mehr verbaute Areale?
Ja, damit will man die Zersiedelung der Landschaft verhindern und zusätzlichen Wohnraum schaffen. Aber wie wir ja wissen, bedeutet Verdichtung nach innen oft, dass Ersatzneubauten errichtet werden und in diesem Kontext müssen wir uns fragen, wie es mit der Verdrängung, der Nutzungs- sowie der Belegungsdichte aussieht.
Was heisst das konkret?
Bei der Belegungsdichte geht es darum, wie viele Personen in einer Wohnung leben können. Also um die Anzahl Quadratmeter, die eine Person zur Verfügung hat, aber auch um die Art der Grundrisse. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung kann so gebaut werden, dass vier Personen darin leben können, oder eben nur zwei. Aktuell werden auch grosse Wohnungen oft eher für kleine Haushalte konzipiert.
Und was ist die Nutzungsdichte?
Nutzungsdichte bezieht sich auf die Möglichkeit von Interaktionen: Auf einem Platz kann man zum Beispiel Apéro trinken, spielen oder einkaufen – es sind also verschiedene Nutzungen auf kleiner Fläche möglich. Auch hier muss man sich fragen, wer sich einen solchen Platz aneignen kann, was dort passiert und erlaubt ist. Und diese Dichte ist nicht nur räumlich zu verstehen, sondern auch zeitlich: Am ‹nutzungsdichtesten› ist ein Platz, wenn er rund um die Uhr, zu jeder Tageszeit, genutzt werden kann.
Dann wird es aber lärmig und die Menschen können nicht mehr schlafen.
Genau, das sind dann natürlich Probleme, die Verdichtung zu einem Reizwort und einem emotionalen Thema machen. Es werden zwar immer wieder furchteinflössende Bilder der Verdichtung verbreitet und behauptet, die Leute hätten Angst und würden dies überhaupt nicht wollen. Das stimmt de facto nicht, wie Forscher:innen der ETH in einer Studie vor Kurzem bewiesen haben. Wenn ökologisch und sozial nachhaltig verdichtet wird, sind die Menschen tendenziell dafür.
Sicher? Wenn ich mir Verdichtung und Dichtestress vorstelle, denke ich auch an volle Trams, eine überfüllte Stadt – es ist beklemmend. Andererseits ist es zum Beispiel rund um den Idaplatz sehr dicht und da wollen alle Menschen wohnen.
Es geht darum, wie man über eine dichte Stadt spricht und welche Bilder damit verknüpft werden. Die SVP zeigte zum Beispiel in einem Kampagnenvideo für die «Begrenzungsinitiative» vor drei Jahren ein kleines Mädchen, das aus dem ländlichen Idyll in die schlimme, stressige und überfüllte Grossstadt kommt und klagt, sie habe ihre Heimat verloren. Dabei wurde unter anderem in Zürich West gefilmt. Aber eben, man könnte stattdessen auch Plakate von belebten Plätzen wie dem Idaplatz aufhängen und das verdichtete Zusammenleben als städtische Qualität zelebrieren.
Innerhalb der Wohnungen steigt der Flächenverbrauch pro Kopf derweil immer weiter an – Mieter:innen von städtischen und genossenschaftlichen Wohnungen brauchen aber massiv weniger Quadratmeter.
Ja, ich selbst bin in einer kleinen und dunklen Genossenschaftswohnung aufgewachsen, das hat mich aber nie gestört, weil wir einen wunderschönen Innenhof hatten. Ausserdem glaube ich nicht, dass man automatisch weniger Lebensqualität hat, nur weil der persönliche Platzverbrauch um ein paar Quadratmeter sinkt.
Aber für den schönen Innenhof hat es bald keinen Platz mehr, wenn bis im Jahr 2040 zusätzliche 80 000 Menschen kommen.
Die grosse Frage ist: Profitieren jene von der Verdichtung, die sie am nötigsten hätten? Ich fürchte nicht, denn in Zürich gehen die Zukunftspläne stets vor. Die Stadt schaut immer nach vorne und hat dabei die Tendenz, jene Menschen zu vergessen, die jetzt hier sind. Beispiel Duttweilerareal: Dieses gilt als strategische Landreserve, aktuell steht dort das Bundesasylzentrum. Die Stadt hat diesen Raum für die nächsten 15 bis 25 Jahre dem Bund verpachtet. Wohin sollen die Asylsuchenden, wenn dort ein öffentliches Gebäude für «künftige Generationen» hinkommt, wie die Stadt es kommuniziert? Ähnliche Probleme gibt es bei der Stadionbrache, dem Strichplatz und dem besetzten Wagenplatz. Alle diese Flächen werden aktuell sehr intensiv und divers genutzt, spielen aber in den Zukunftsplänen der Stadt eine ganz andere Rolle. Wir sprechen so oft über die schwindenden Landreserven, dass wir die marginalisierten Gruppen vergessen, die jetzt diese Flächen nutzen.
Ich sehe den Punkt – aber was würden Sie stattdessen vorschlagen? Irgendwo müssen die zusätzlichen Menschen ja wohnen!
Man muss sich auch fragen, woher diese Zahl der 80 000 Menschen kommt. Das ist eine Zahl, die vom Statistikamt der Stadt Zürich aufgrund von Bevölkerungsszenarien aufgestellt worden ist. Man nimmt also ein Modell und berechnet aufgrund einer gewissen Zeitspanne in der Vergangenheit, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Und siehe da – es geht exponentiell nach oben, weil man sich einen Zeitraum in Zürichs Vergangenheit anschaut, in dem die Stadt gewachsen ist. Auch wenn bestimmt sauber und präzis gerechnet wird, ist in diesen Modellen viel Politik drin, weil sich auch das unabhängig agierende Amt für Statistik der Stadt Zürich an der 10-Millionen-Schweiz orientieren muss, die wiederum vom Bundesamt für Statistik prognostiziert wird.
Diese 80 000 Menschen sind also kein Naturgesetz, sondern ein politisches Ziel?
Nicht nur, aber auch, es ist eine Annahme, die menschengemacht ist. Und aufgrund dieser Annahme schreibt die Stadt dann einen Richtplan und schaut, dass die städtische Infrastruktur das Bevölkerungswachstum auffangen kann. Man könnte aber auch eine andere Zahl als Ziel ausgeben. Oder die Szenarien könnten sich als falsch herausstellen. Ein Statistiker der Stadt Zürich hat es mir mit einer Metapher erklärt, die ich sehr treffend finde: «Mit diesen Prognosen ist es, wie wenn man im Auto sitzt, in den Rückspiegel schaut und daraus ableitet, was noch kommen wird. Das geht gut, solange man geradeaus fährt. Sobald aber eine Kurve kommt, weisst du nicht mehr, was passieren wird.» Ich finde das haarsträubend – denn wir bauen eine Stadt für die Zukunft und wissen nicht, wann die Kurve kommt, oder ob wir uns gerade sogar in einer Kurve befinden.
Und trotzdem muss man irgendwie für die Zukunft planen…
Ja, klar. Aber, wenn man sich weltweit umschaut, sind Städte wegen des Bevölkerungswachstums eher besorgt, es gibt zum Beispiel eine Angst vor steigender Armut oder Ghettoisierung. In Zürich wird diese Sorge nicht geteilt, weil davon ausgegangen wird, dass mit mehr Menschen auch mehr Wirtschaftswachstum kommt. Der Fokus scheint vor allem darauf zu liegen, Arbeitskräfte in einem gewissen Segment anzuwerben, gefragt sind etwa sogenannte high-skilled migrants, Expats und Zooglers, wie sie umgangssprachlich genannt werden.
Und das ist ein Problem?
Wenn ich mir die Pläne und Projekte der Stadt anschaue, wird einfach klar, für wen die Zukunft geplant wird. Man fokussiert sich in Bezug auf das Wachstum auf die jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräfte – und diese versucht man dann auch hier zu behalten, indem man ihnen die Stadt schmackhaft macht, indem man das Bild von Wachstum als Chance hochhält. Aber je mehr sich die Pläne auf diese Bevölkerungsgruppe fokussieren, desto weniger Platz haben andere Menschen.
Ich höre hier eine gewisse Wachstumskritik heraus. Aber wie soll das gehen? Wir können die Stadt ja nicht einfach abriegeln.
Nein, das ist überhaupt nicht realistisch und das strebe ich auch nicht an. Ich bin sehr vorsichtig mit einer Bevölkerungswachstumskritik, denn diese wird schnell konservativ und ausländerfeindlich. Mein Anliegen ist nur, dass jene Menschen nicht vergessen gehen, die sich am wenigsten Gehör verschaffen können, gerade eben auch Ausländer:innen. Wenn es dann heisst, die Landreserven liegen brach und würden nur für die Zukunftsplanung gebraucht, dann stimmt das nicht. An diesen Orten finden heute schon andere Formen der Verdichtung statt, man muss dort nicht alles verbauen.
Aber wenn ein paar Menschen die Stadionbrache bespielen können, gibt es da keinen zusätzlichen Wohnraum. Ich habe das Gefühl, Sie weichen der Frage aus, wo die 80 000 zusätzlichen Menschen wohnen sollen.
Ich habe darauf auch keine Antwort und es ist auch nicht meine Aufgabe, dieses Dilemma der schwindenden Freiräume und des fehlenden Wohnraums zu lösen. In der Geisteswissenschaft versuchen wir, spannende Forschungsfragen zu stellen, welche dann von der Politik für Antworten genutzt werden können.
Und was ist Ihre persönliche Meinung?
In meiner idealen, fairen und sozialen Stadt könnten wir gerne überall ein paar Stöcke obendrauf bauen. Dann wäre Zürich insgesamt etwas höher, mehr Menschen hätten Platz und der Druck auf Freiräume würde abnehmen. Das Problem ist dabei allerdings, dass auf dem privaten Markt das Aufstocken auch mit Profitmaximierung und Verdrängung verbunden ist.
Angenommen, die Stadt setzt ihre Pläne um und verdichtet an der Peripherie und überbaut alle Landreserven. Wird dies ohne Verdrängung der ärmeren Menschen gehen?
Das macht mir grosse Sorgen. Eine Studie der ETH hat gezeigt, dass nach einem Umbau die neuen Mieter:innen pro Person im Schnitt über 2000 Franken mehr verdienen als jene davor. Das sagt einiges darüber aus, wie die Bevölkerung nach Verdichtungsprozessen ausgetauscht wird. Wenn man diese Entwicklungen kennt und sieht, wie rund um einen herum gebaut wird, kann das eine enorme psychische Belastung auslösen. Man muss sich auf einmal fragen: Gibt es in dieser zukunftsorientierten Stadt denn noch eine Zukunft für mich? Es ist perfid, weil man sich dann nicht nur überlegen muss, ob man es sich leisten kann, in der Stadt zu wohnen, sondern auch, ob man sich das Recht auf ein Leben in der Stadt verdient hat.