Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03217.jsonl.gz/1029

Die starke Frankenaufwertung der vergangenen Jahre hat Befürchtungen über eine negative Entwicklung der Schweizer Exporte geweckt. Diese erweisen sich langfristig jedoch als ausserordentlich widerstandsfähig. So haben sie sich zwischen 1996 und 2015 trotz einer stetigen Aufwertungstendenz mehr als verdoppelt (siehe Abbildung 1), wobei die Entwicklung nach der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Nationalbank Anfang 2015 bereits berücksichtigt ist. Oft wird die Widerstandsfähigkeit damit erklärt, dass sich die Exporte auf preisunelastische Nischenmärkte oder auf Wachstumsmärkte wie China konzentrieren. Oder es wird darauf hingewiesen, dass die international verflechtete Exportindustrie von einem hohen Anteil günstiger Importe in Form von Vorleistungen profitiert.[1]
Bisher kaum analysiert wurde hingegen, ob der beständige Aufwertungsdruck eine Erhöhung der Exportqualität bewirkte, welche die negativen Auswirkungen auf die Margen oder die Nachfrage teilweise kompensiert haben könnte. Dies könnte unter anderem auch eine Erklärung für die international hohe Qualität der Schweizer Exporte darstellen, welche bei der letzten ländervergleichenden Studie anhand von Daten bis 2007 international an erster Stelle lag.[2] Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben wir diese Zusammenhänge untersucht.[3] Dazu stellten wir folgende Hypothese auf: Eine Frankenaufwertung führt zum Marktaustritt der Exporteure von Gütern niedriger Produktqualität; dadurch steigen sowohl die Marktanteile der Exporteure von Gütern höherer Produktqualität als auch die Exportqualität insgesamt.
Abb. 1: Schweizer Exportvolumen und nominaler Wechselkurs (1996–2015)
Quelle: SNB, Berechnung Fauceglia et al. (2017) / Die Volkswirtschaft
Nachfrageverschiebungen und Marktanteile
Einen ersten Qualitätsindikator leiteten wir aus dem Zusammenhang zwischen Nachfrage und Qualität eines Produkts ab: Nebst physischen Eigenschaften wie hochwertige Materialien beeinflussen auch Werbung, Markenbildung und produktbezogene Dienstleistungen («servicification») die Produktqualität – oder zumindest deren Wahrnehmung. Wenn nun die Nachfrage eines Exportgutes durch Preis und Qualität sowie durch das Einkommen der ausländischen Konsumenten determiniert wird, dann kann eine Nachfrageerhöhung – bei konstanten relativen Preisen und Einkommen – als Qualitätsverbesserung des Gutes interpretiert werden. Entsprechend kann aus der Nachfrage von ähnlichen (substituierbaren) Exportgütern auf die nicht direkt beobachtbare Produktqualität dieser Güter rückgeschlossen werden. Dieser Intuition folgend, schätzten wir Nachfragefunktionen und verwendeten die Residuen dieser Schätzungen, um unser erstes Qualitätsmass zu konstruieren. Die geschätzten Residuen widerspiegeln den Einfluss der Produktqualität auf die Nachfrage bei gegebenen Preisen und Einkommen in den Exportdestinationen.
Den zweiten Qualitätsindikator leiteten wir aus Verschiebungen von Marktanteilen ab: Wenn in einer Menge ähnlicher Exportgüter mit unterschiedlichen Preisen die Marktanteile von vergleichsweise hochpreisigen Gütern zunehmen, dann kann dies als eine Zunahme der durchschnittlichen Produktqualität dieser Exportproduktgruppen interpretiert werden. Unterschiedliche Exportpreise können hier als valider Qualitätsindikator angesehen werden, da deren Streuung vor allem durch Qualitätsunterschiede und nicht durch Unterschiede in den Produktionskosten oder der Zahlungsbereitschaft der Nachfrager erklärt werden kann.[4]
Klare Reaktion bei beiden Indikatoren
Anhand von Regressionsanalysen haben wir für die Jahre 1996 bis 2015 untersucht, wie die Frankenaufwertung die qualitative Struktur der Exporte beeinflusst hat. Als Basis dienten uns die jährlichen Produktdaten der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) für die 37 wichtigsten Handelspartner der Schweiz – was mehr als 90 Prozent der Exporte umfasst. Das Resultat mit dem ersten Qualitätsindikator, welcher die Qualität anhand der Nachfrageverschiebungen misst, zeigt: Eine Aufwertung des Frankens veränderte die Exportstruktur – im Sinne eines Anstiegs der durchschnittlichen Produktqualität. Eine Aufwertung um 10 Prozent bewirkte eine Verbesserung der durchschnittlichen Produktqualität um 1 bis 2 Prozent. Dies bedeutet, dass man die Preise um etwas weniger als den prozentualen Anstieg der Qualität erhöhen kann, ohne Nachfrageeinbussen zu erleiden.
Der Qualitätseffekt einer Aufwertung ist insbesondere in Sektoren mit einer starken Produktdifferenzierung und entsprechend hoher Forschungs- und Werbeintensität ausgeprägt, welche für die Schweizer Exporte charakteristisch sind. In Branchen, in welchen mehr als 2,5 Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung (F&E) sowie für Werbung ausgegeben werden, führt eine Aufwertung zu signifikanten Qualitätsverbesserungen (siehe Abbildung 2). Beispiele dafür sind der Maschinenbau und die Uhrenindustrie. Demgegenüber beeinflusst eine Frankenaufwertung in Sektoren mit wenig differenzierbaren Gütern und daher intensiverem Preiswettbewerb – wie beispielsweise im Rohstoffsektor – die Qualität nicht signifikant.
Abb. 2: Effekt einer 1-Prozent-Frankenaufwertung auf die Exportqualität in Abhängigkeit der sektoralen F&E- und Werbeintensität
Anmerkung: Gemessen mit dem (nachfragebasierten) Qualitätsindikator für verschiedene prozentuale sektorale Ausgaben für F&E und Werbung am Gesamtumsatz. Die blaue Fläche kennzeichnet ein 95-Prozent-Konfidenzintervall.
Auch die Analyse mit dem zweiten Indikator, der die Qualität anhand der Marktanteile teurer Produkte misst, deutet auf eine bessere Produktqualität aufgrund einer Aufwertung des Frankens hin: Die Anteile von teureren Exportgütern stiegen gegenüber günstigeren Exportgütern innerhalb eng definierter Produktgruppen. Prozentual verursachte eine Aufwertung um 10 Prozent eine Verbesserung der Exportqualität um etwas mehr als 1 Prozent.
Langfristige Trends reduzieren Anreize
Der Zusammenhang zwischen F&E-, Werbeausgaben und der Stärke der wechselkursbedingten Qualitätsänderung gilt nicht ausnahmslos. Interessanterweise erhöht sich der Effekt einer aufwertungsinduzierten Qualitätsverbesserung, wenn man forschungs- und werbeintensive pharmazeutische und chemische Produkte aus den Schätzungen ausschloss. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass in diesen beiden Sektoren, die fast die Hälfte aller Exporte auf sich vereinen, Qualitätsverbesserungen mehr von langfristigen Trends wie beispielsweise der steigenden Nachfrage nach hochwertigeren Medizinprodukten und weniger von einer Frankenaufwertung abhängig sind.
Für Wachstumsmärkte stellten wir hingegen einen entgegengesetzten Zusammenhang fest: Die Zunahme des realen Bruttoinlandproduktes (BIP) der Handelspartner erhöht kurzfristig den Absatz von qualitativ geringwertigen Gütern. Dies lässt sich damit begründen, dass der Wettbewerb unter den Anbietern vorübergehend reduziert wird.
Wirtschaftspolitik spielt wichtige Rolle
Die Resultate unserer Studie bestätigen insgesamt die Hypothese, dass eine Frankenaufwertung den Marktanteil von qualitativ höherwertigen Produkten bei den Schweizer Exporten vergrössert. Ausserdem üben Qualitätsverbesserungen einen positiven Einfluss auf die Exporterlöse aus und immunisieren die Exportunternehmen somit zumindest teilweise gegen Aufwertungsschocks.
Ein wichtiger Faktor für die Widerstandsfähigkeit der Exporte gegenüber den Frankenaufwertungen ist demnach die permanente Anpassung und Fokussierung der Exporteure auf stark differenzierte, qualitativ hochwertige und relativ preisinsensitive Güter. Dies unterstreicht die Bedeutung einer Wirtschaftspolitik, die eine flexible Reaktion der Unternehmen auf Marktveränderungen und einen schnellen Strukturwandel der Exportwirtschaft sowie qualitativ hochstehende Forschung ermöglicht. Gerade für die Schweiz als kleine, stark exportorientierte Volkswirtschaft ist dies besonders wichtig.
- Siehe Fauceglia und Lassmann (2014).
- Feenstra and Romalis (2014).
- Fauceglia, Plaschnick, Rueda Maurer (2017).
- Vgl. Feenstra und Romalis (2014).