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Mein Grossvater, von uns Enkeln auch Nonno genannt, ist ein Original. Nach vielen Jahren in der Schweiz lebt er nun wieder in Italien und kommt uns ab und zu besuchen. Seine Deutschkenntnisse sind nicht vorhanden; er spricht ein eigens erfundenes Kauderwelsch, das er für Deutsch hält. Die Logik dahinter ist bestechend, doch dazu ein ander Mal mehr. Wenn es mit seinem Deutsch mal nicht weitergeht, spricht er einfach Italienisch. So auch mit meiner Freundin, die durchaus sprachbegabt ist, jedoch nur bedingt Italienisch spricht. Ihr Wortschatz beschränkt sich auf die Wörter Tisch, Stuhl, Spaghetti, kalt und warm.
Caldo heisst kalt und freddo heisst… Fred?
Die letzten beiden Wörter übertrug sie regelmässig falsch in die andere Sprache. Wenn sie caldo sagte, meinte sie eigentlich kalt. Und freddo wurde per Ausschlussverfahren zu warm. Obwohl es genau umgekehrt ist. Übel nehmen kann man es ihr nicht, sie klingen ja doch recht ähnlich, die beiden Begriffe. Das gilt auch für andere Sprachen: Wenn in germanischen Sprachen von cold, kalt, koud, kall, kald, kold die Rede ist, dann meint man damit kalt. Wenn in romanischen Sprachen aber von caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald die Rede ist, meint man damit warm. Verwirrend. Das kann sich bis ins Badezimmer weiterziehen, wo die Hahnen mit C und F oder C und H angeschrieben sind.
Falsche Freunde
Diese Verwirrung geht auf zwei unterschiedliche Wörter zurück, die in den modernen Formen der beiden Sprachfamilien sehr ähnlich klingen. Dr. Bopp von Canoo erklärt dies folgendermassen: «Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist das alte Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden.»
Von diesen falschen Freunden gibt es natürlich noch mehr. Denken Sie mal an das englische «mist» oder das französische «hier».
Echte Freunde
Meinem Nonno muss ich aber nichts von falschen Freunden erzählen, er hat viele echte Freunde, die er sich mit seiner sympathischen und unbeschwerten Art gemacht hat. Egal, welche Sprache sie sprechen, das ist bei ihm sowieso zweitrangig. Falls Sie meinen Nonno kennenlernen möchten, empfehle ich Ihnen Jan Weilers Buch «Maria, ihm schmeckt’s nicht!», er kommt dem Protagonisten im Buch sehr nahe.
Bild: Joshme auf Flickr (BY 3.0)