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Wiel Arets, Spiel mit der Bildlichkeit
Es gibt heute keinen architektonischen Kanon mehr, nach dem man sich richten könnte. Weder Säulenordnung noch goldener Schnitt sind Dinge, die sich universal erfolgreich anwenden lassen. Die gestalterischen Mittel haben sich mit den technischen Möglichkeiten vervielfacht. Jeder Architekt muss heute seinen eigenen Weg finden.
Nach mehreren Textreihen mit städtebaulichem Inhalt, beschäftigen wir uns in der nächsten Zeit mit Architektur. Die einzelnen Reihen tragen die Namen bekannter Gestalter. Dabei geht es aber nicht um eine Gesamtschau über das Werk eines Autors. Es sind also keine Monografien zu erwarten. Es werden vielmehr spezifische Gestaltungsmittel beschrieben, welche mit den Exponenten in Verbindung gebracht werden.
Der Blick auf solche, isolierte gestalterische Ausdrucksformen hat den Zweck, Architektur über seine massgebende Eigenschaft verstehen zu können, ihren Ausdruck:
Wiel Arets, Spiel mit der Bildlichkeit
Wiel Arets Architektur ist durch die Verwendung von Glas geprägt. Eigenständig macht sie aber der Einsatz von Ornamenten. Herausragend ist dabei die Fassade der Bibliothek in Utrecht.
Die Zutaten des 2004 fertiggestellten Bibliotheksgebäudes der Universität Utrecht sind simpel: Der Baukörper ist ein einfaches, quaderförmiges Volumen. Die Fassade ist mit einem immer gleichen Plattenformat überzogen. Diese Elemente selbst sind zum einen bedruckte Glasflächen und zum anderen vorgefertigte Betonelemente. Es entsteht so ein klares, strenges Gebäude.
Die Besonderheit, und damit der Grund weshalb die Bibliothek hier zum Thema wird, ist das Bild, das sowohl auf den Glasflächen, als auch auf den Betonelementen auf- und eingebracht ist. Wie mit einem Stempel wird die Fotografie von Papyrushalmen auf jeden Fassadenteil repetiert: Bei den Scheiben ist es ein weisser Siebdruck, bei den schwarz eingefärbten Betonteilen eine Gussform, die ein Negativrelief hinterlässt. Dieses Bild, oder genauer gesagt der Umgang mit dem Bild, macht den Reiz des Gebäudes aus. Zum einen kann es als ein Verweis auf den Ursprung der Bücher verstanden werden: Der Papyrus als Rohstoff zur Herstellung von Schriftstücken im alten Ägypten. Zum andern kann es als Ornament gelesen werden, welches an die Repetition der aufgereihten Bücher in ihren Regalen erinnert.
Allerdings schleichen sich bei diesen Interpretationen auch Misstöne ein. So sind die Bildflächen zu detailliert, zu realistisch, als dass sie als ein abstraktes Ornament angesehen werden könnten. Das Bild ist nicht ein reiner Verweis. Es ist ein genaues Abbild. Sein Inhalt ist wesentlich präsenter als nur ein Muster. Damit stützt es weniger die Symbolik des Gebäudes und mehr die reale Wirkung der Grashalme. Doch damit nicht genug: Durch die Kombination der beiden unterschiedlichen Bildträger wird die Wirkung des Bildlichen zusätzlich herausgehoben. Während das Glas eine zweidimensionale Grafik transportiert, zeigen die Betonplatten das Motiv als Relief. Diese zweifache Darstellung ermöglicht unterschiedliche Perspektiven auf die Grashalme.
Die so in den Vordergrund gerückten Papyrushalme verleihen der Fassade einen eigenartigen Ausdruck. Sie scheint geradezu entrückt vom gewohnt architektonischen Wesen. Sie führt zu einem Resultat, das am ehesten mit poetischer Bildlichkeit umschrieben werden kann. (Weiter bei …)