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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).

Siebtes Buch
VII. Kapitel
44.
[S. 50] 1. Bei den schlechten Menschen ist also das Gebet nicht nur in Beziehung auf die anderen, sondern auch auf sie selbst sehr schädlich. Wenn sie nämlich auf ihr Gebet auch erhalten sollten, was sie selbst Glücksgüter nennen, so bringen diese ihnen, wenn sie sie erhalten haben, nur Schaden, da sie nicht verstehen, sie richtig zu verwenden.
2. Denn die einen beten darum, das zu erhalten, was sie nicht haben, und erbitten die scheinbaren, nicht die wirklichen Güter.1
3. Der Gnostiker aber wird um den Bestand dessen bitten, was er schon besitzt, um Geeignetsein für das, wozu er gelangen soll, und um Gleichmut2 gegenüber den Dingen, die er nicht erhalten wird. Was aber die wahren Güter, nämlich die Güter der Seele, betrifft, so bittet er darum, daß er sie haben und behalten möchte.
4. So erstrebt er auch nichts von dem, was er nicht hat, sondern begnügt sich mit dem Vorhandenen. Denn es fehlt ihm nichts von den ihm angemessenen Gütern, da er infolge der göttlichen Gnade und Erkenntnis bereits sich selbst genug ist.
5. Da er aber in sich selber Genüge gefunden hat und das Übrige nicht bedarf, da er ferner den Willen des Allmächtigen kennt und daher gleichzeitig hat und bittet, ist er der alles beherrschenden Macht ganz nahe gekommen und, da er sich bemühte, geistig zu sein, ist er durch seine unbegrenzte Liebe bereits mit dem (Heiligen) Geiste vereinigt.
6. Dieser hochgesinnte Mann, der durch sein Wissen das Wertvollste von allem, das Beste von allem besitzt, ist geschickt darin, sein Schauen rasch auf etwas zu richten,3 und hält in seiner Seele die Macht über das Geschaute dauernd fest; das heißt, er besitzt die alles durchschauende Schärfe des Wissens.
7. Mit aller Macht ist er bestrebt, diese Fähigkeit so viel als möglich zu gewinnen, dadurch, daß er Herr wird "über das, was dem Geiste widerstreitet",4 und sich ohne Unterbrechung um das Schauen bemüht und sich eifrig darin übt, seine Freude an Vergnügungen einzuschränken und das, was geschehen muß, in der richtigen Weise durchzuführen.
8. Da er außerdem teils aus seinem Lernen, teils aus seinem Leben viel Erfahrung gewonnen hat, besitzt er auch große Gewandtheit im Reden, nicht die Fähigkeit, einfach so hemmungslos darauf loszuschwätzen, sondern eine [S. 51] Redefähigkeit, die einfache Worte verwendet, aber weder aus freundlicher Rücksicht noch aus Furcht irgend etwas von dem, was zur richtigen Zeit gesagt werden kann, vor den Leuten verschweigt, die es vor allem hören sollen.
1: Vgl. Platon, Alkibiades II p. 138 B.
2: Ich übersetze die Änderung Mayors.
3: Vgl. Philon, Quod deus sit immut. 93.
4: Vgl. Röm 7,23.