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Bildung
von Cedric Weidmann
Der Vorlesungssaal war fast voll und fasziniert schauten sie dem Professoren zu, ab und an schüttelte er seine Hände und vollführte mit ihnen veranschaulichende Gesten, die den aufmerksamen Studenten halfen, seinen komplexen Ausführungen zu folgen.
„Und gerade das ist es“, fasste er seine These in einem ungünstigen Moment zusammen, „die sich überstülpende Wesensform der pluralistischen Weltvorstellung, die sich vereint ganz gleich wie ein Stück dieser Literatur: Der Romantische Roman!“
Leider – und trotz meinem vormaligen Üben, schaffe ich es nicht, dies ohne ernstes Bedauern anzumerken – unterlief der sonst so geübten und klaren Stimme des Professoren ein Fehler, auch wenn man es eher eine Schwäche nennen könnte. Sei es, dass er gestern Abend zu viel Tee getrunken hatte oder weil er plötzlich von einer Fliege abgelenkt war, die ihm während seines Vortrags aufs Gesicht geklettert war, vielleicht dachte er an seine Frau. Auf jeden Fall misslang ihm völlig die Betonung des letzten Begriffs, in dem offensichtlich grosse Bedeutung lag.
Die kritischen der Studenten waren verwirrt, nickten und glänzten mit ihren Äuglein, beflissen zu verstehen – oder bisweilen Stolz vorzeigend, verstanden zu haben –, dass es sich beim Ausgesprochenen um den Satzteil „Der Roman, Tische-Roman“ handelte, wobei sie sich aber unentwegt fragten, welche genauere Beschreibung das Vorgeschobene „Tische“ hatte, ob es sich bei Tische-Roman um eine bestimmte Form des Romans handelte, die nur oder vor allem in einer bestimmten Zeitepoche verbreitet war, wie dies vielleicht vom neuzeitlichen Schlüsselroman bekannt war, der ja im Grunde wenig mit Schlüsseln zu tun zu haben schien (es war nicht zuträglich, dass diese Auffassung der Aussage keinen Rückschluss auf die Romantik gab, da ja der „romantische Roman“ verschwunden war, so dass die Studenten in all den Zeitepochen, die sie gelernt hatten, nach dem typologisierten Tische-Roman suchten, von dem sie noch nie ein Sterbenswörtchen gehört hatten). Oder ob es sich vielleicht um eine Gattung des Romans handelte, die sich ganz konkret auf Tische bezog, sie zu ihrem Gegenstand oder ihrer Hauptsache machte, sie vielleicht als notwendiges Mittel des Schriftstellers zur Verarbeitung eines Romans in seinen Mittelpunkt rückte, oder eines Roman, der, ganz ähnlich wie das Hofdrama im Hof spielt, immerzu um Tische lokalisiert war.
Nach dieser Auffassung des Satzes musste sich der Professor versprochen und erst vom Roman gesprochen haben, dann aber – um die Sache klarer zu gestalten oder auf die Besonderheit dieses Nischen-Genres hinzuweisen – verbesserte er sich und nahm stattdessen den Tische-Roman in den Fokus.
Die treuseligeren Studenten hatten es nicht einfacher. Sie hatten verstanden: „Der Roman: >Tischeroman<“, was ihnen die Sache hätte leichter machen können, da sie begriffen, dass es sich um ein Buch handeln musste, das ihnen völlig unbekannt war. Aber damit einher ging eine abkömmliche Säuernis, weil – auch wenn es oft vorkam, dass Studenten oder Professoren Bücher nicht gelesen hatten – es sie trotzdem mit Scham erfüllte, da sie noch nie auch nur eine Andeutung oder -spielung auf einen derartigen Roman gehört hatten, und er in ihnen nicht einmal das Bewusstsein hervorrief, dass von etwas Bekanntem die Rede war. Die Folge war eine gewisse Verlegenheit im Schreiben der Notizen, beziehungsweise ein Zögern in der Bewegung wie sie den Stift aus der Hand legten, so als wären sie nicht sicher, ob sie sich schämen müssten, so etwas Bekanntes wie „Tischeroman“ aufzuschreiben oder ob sie damit blöd dastünden, da sie – in der Übermacht der studentischen Eitelkeit – ständig erwarteten, dass ihnen jemand über die Schulter schielte und beurteilen wollte, ob sie blöd waren oder nicht.
In Verzweiflung getaucht fragten sie sich nun noch mehr, was der Satz genau bedeutet hatte, da ihnen nun die erste und einzige Andeutung auf den Roman zu Ohren gekommen war, aber je mehr sie sich darauf konzentrierten, desto weniger wollte ihnen der Satz begreiflich sein und je genauer sie sich seinen Wortlaut in Erinnerungen riefen, desto schlechter verstanden sie den Sinn und umgekehrt, denn es trug sich nicht zu, wie Carroll’s Herzogin zu Alice sprach: „Take care of the sense and the sounds will take care of themselves“.
Nur wenige der Studenten glaubten verstanden zu haben, worum es ging. Diese schliefen tief und fest auf ihren Tischen, und hörten nur die Worte „Roman! Tische! Roman!“ heraus, die es wie ein nervtötender Wecker mit ihrem Dösen aufnehmen wollten, um sie aus dem Schlaf hochzuschrecken, doch sie blieben eisenhart und kämpften dagegen an, indem sie in ihre Träume die Worte verstrickten und erst von einem Roman, bald von einem Tisch und dann wieder von einem Roman träumten, was sich in den unterschiedlichsten Verzerrungen und Veränderungen niederschlug, so träumte etwa eine Studentin, sie läse einen Roman, der sich unverzüglich in einen Tisch verwandelte, der ihr auf die Knie drückte, aber nach kurzer Zeit wieder zurückverwandelt war – worüber sie sich übrigens nicht wunderte – oder einem schlacksigen Student mit einem Sinn für Fantasie träumte, dass er einen riesigen Stapel bauen müsste – seine Grosstante hatte es von ihm verlangt und ihn im Gegenzug die Malträtierung mit einem Hammer angedroht – er wusste jedoch nicht, was er auf diesen Stapel zu setzen hatte, glücklicherweise aber rief die Grosstante, während sie den Hammer durch die Luft schwang: „Roman! Tische! Roman!“ und er stapelte sie alle aufeinander, weil sie, der Zufall wollte es, gerade im Raum lagen, der – im übrigen – gerade aus dem Nichts sich gebildet hatte.
Und der Professor?
Er sah traurig, dass ihn niemand verstand und er wusste, dass es immer schon so war und dass es für immer so bleiben würde. Dass er in seiner Rede vom romantischen Roman sprach, hatte er inzwischen selbst schon wieder vergessen und nun standen viele Leute in einem Raum, die alle etwas anderes dachten und niemand etwas Richtiges, aber am Ende würden sie hinausgehen und die Welt retten. Wie immer.