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Muss sich Niko Kovac an der eigenen Nase nehmen? Nach dem 1:3 im WM-Eröffnungsspiel gegen Brasilien hadern die Kroaten vor allem mit dem Schiedsrichter. Dabei hätten sie mit einer etwas mutigeren Spielweise durchaus eine Überraschung schaffen können.
Das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft war stärker von der Rollenverteilung auf dem Papier geprägt, als es nötig gewesen wäre. Die Kroaten wählten ihr Personal im Mittelfeldzentrum zwar mutig und offensiv, doch aufgrund der reaktiven Herangehensweise entfalteten sich Modric, Rakitic und Kovacic kaum. In den meisten Spielphasen dominierte Brasilien das Spielgeschehen.
Die Favoritenrolle der Brasilianer wurde von beiden Mannschaften auf den Platz übertragen. Zum einen setzten die Kroaten auf ein sehr passives Pressing, bei dem sie die spielstarken brasilianischen Verteidiger gewähren liessen. Jelavic und Kovacic zogen sich eng vor das Mittelfeld zurück und versperrten den Sechserraum.
Das funktionierte grundsätzlich gut, aber traf Brasilien erst mal nicht an der entscheidenden Stelle: Das Mittelfeldzentrum nutzt Scolaris Elf ohnehin nur sporadisch in der Ballzirkulation. Gustavo und Paulinho sind spielschwächer als alle Akteure der Abwehr. Daher lässt die Selecao das Leder eher hinten zirkulieren und baut das Spiel dann über die kreativen Fähigkeiten von Dani Alves und Marcelo auf.
So fiel Gustavo meist auch hinter die gegnerischen Stürmer zurück, wodurch die Abwehrspieler weiter auffächern konnten. Paulinho besetzte den Sechserraum allein und war dort tatsächlich weitestgehend isoliert. Die diagonale Spieleröffnung über die Aussenverteidiger funktionierte jedoch auch nur sporadisch. Kroatien zog sich besonders vor Marcelo geschickt in den Verbindungsräumen zusammen und verhinderte damit ein sauberes Vorwärtsspiel.
Das wurde den Kroaten jedoch dadurch vereinfacht, dass Brasilien auf der linken Seite nicht so präsent war wie gewohnt. Das lag an einer Anpassung Scolaris: Hulk übernahm die linke Seite von Neymar, der stattdessen ins Zentrum ging. Oscar, der als Zehner häufig halblinks mit Neymar überlädt, wurde als Flankengeber auf den rechten Flügel beordert. Dadurch gab es weniger Bewegung und Synergien als gewohnt in der brasilianischen Offensive.
Vor allem wurde der Fokus der Angriffsreihe auf die rechte Seite verschoben, während der aufbaustärkere Aussenverteidiger auf der linken Seite war. Dani Alves ist stärker, wenn er in späteren Angriffsphasen nachstossen kann. Da die Eröffnung über links jedoch nicht funktionierte, musste er oftmals schon das Spiel von hinten aufziehen und wurde dabei von Kovacic und dem bissigen Olic gut bearbeitet. So kam Unruhe in die brasilianische Vorwärtsbewegung und die Dribbelstars wurden zu selten eingesetzt.
Oscar konnte diese Probleme durch seine weiträumig unterstützende Spielweise aber nach und nach auflockern. Neymars Treffer zum 1:1 fiel, nachdem Oscar sich ins Zentrum eingeschaltet hatte und sich dort gleich zwei Mal in Unterzahl durchsetzen konnte. Diese Unterzahlaktionen und Neymars toller Weitschuss waren letztlich die typisch brasilianische, individualistische Lösung der taktisch schwierigen Situation.
Das Hauptproblem der Kroaten war aber kein defensives im eigentlichen Sinne, sondern der strategische Fehler, dass sie sich zu stark auf die Defensive fokussierten. Dadurch mussten sie die brasilianische Angriffsmacht zu lange verteidigen und sich nicht entlasten. Dabei deuteten sie an, dass sie das durchaus gekonnt hätten. Das aussergewöhnlich starke zentrale Mittelfeld mit drei herausragenden Spielmachern konnte sich mehrfach aus der brasilianischen Umklammerung lösen und kurzzeitig Dominanz aufbauen.
Es fehlte der Elf von Niko Kovac jedoch eine Idee, um diese Dominanz aufrechtzuerhalten und daraus Zählbares zu machen. Olic, Jelavic und Perisic agierten in viel zu statischen, vorhersehbaren Rollen auf ihrer Position. Olic musste beispielsweise immer wieder isoliert ins Dribbling an der Seitenlinie, anstatt seine intensiven Läufe in die Spitze einbringen zu können. Hinter ihnen spielten die Aussenverteidiger die längste Zeit sehr risikofrei.
So entstanden in höheren Zonen keine Verbindungen zwischen den kroatischen Spielern. Brasilien zog sich zusammen, provozierte die Pässe nach aussen, schob hinterher und konnte den Ballführenden dann meist simpel isolieren. Die Ballsicherheit von Modric und Co. entwickelte deswegen kaum Effekt. Sinnbildlich dafür steht Kovacic, der auf der Zehn nur einen einzigen Fehlpass spielte, aber keine 30 Ballkontakte hatte und ausgewechselt wurde, als er gerade besser in die Partie kam.
So versandete ein kleines kroatisches Aufbäumen zu Beginn der zweiten Halbzeit im Nichts. Mit Kovacic ging einiges an Spielkontrolle. Erst zwölf Minuten vor Schluss kam ein beweglicherer Angreifer für den kaum involvierten Jelavic. Rebic kam für links, Olic ging ins Sturmzentrum. Eine Viertelstunde reichte den Kroaten dann übrigens, um die Schussstatistik noch mal fast zu verdoppeln.
Der brasilianische Trainer wechselte früher und sehr gezielt: Hernanes kam für Paulinho, um die niedrige Präsenz im Zentrum zu beleben. Mit ein paar dynamischen Vorstössen am Ball gelang ihm das vereinzelt. Der kombinationsfreudige Bernard belebte dann die rechte Seite von Hulk und zeigte sich nach der Führung auch gegen den Ball sehr aktiv. Zwar entschied der Elfmeter die Partie, doch fiel er in eine Phase, in der Brasilien auch begann aufzudrehen.
Die Kroaten verpassten eben diese Gelegenheit und müssen sich daher trotz der fragwürdigen Schiedrichter-Entscheidung beim Penalty zum 2:1 selbst die grössten Vorwürfe machen. Sie hatten sichtlich das Potenzial, um den Gastgeber direkt beim Auftakt zu ärgern. Doch die Kroaten waren nicht entschlossen genug, das auch umzusetzen.