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von Erika Vögeli
Das Buch «La Croix-Rouge Suisse au secours des enfants 1942–1945» von Serge Nessi gibt, wie Cornelio Sommaruga, Freund des Autors und ehemaliger Präsident des IKRK, im Vorwort zu Recht schreibt, «eine umfassende Antwort» auf die Frage nach der Rolle des Schweizerischen Roten Kreuzes im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine beeindruckende Bilanz, die Nessi vorlegt, und man kann Sommaruga nur beipflichten, wenn er schreibt: «Die Resultate des Schutzes und der Unterstützung der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes, die dank der Selbstlosigkeit ihrer Mitarbeiter und der Mobilisierung der gesamten Schweizer Bevölkerung erreicht wurden, sind absolut bemerkenswert. Zu wenig ist bisher darüber geschrieben und gesagt worden.»
Nessi hat mit seinem Buch einen weiteren Beitrag dazu geleistet, ein von einer ganzen Generation sogenannter Intellektueller verzerrtes Geschichtsbild über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, deren Attacken auch das Rote Kreuz nicht verschonten, zurechtzurücken.
Um die Leistung der Schweiz als Ganzes, des Schweizerischen Roten Kreuzes und der Schweizer Bevölkerung zu ermessen, muss man sich vor Augen halten: 1936 marschierte Hitler im Rheinland ein und remilitarisierte es, 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs, im März 1939 besetzte er nach dem Sudetenland das restliche Staatsgebiet der Tschechoslowakei – England und Frankreich liessen es trotz Beistandspakt geschehen, im August schloss er den Pakt mit Stalin, am 1. September folgte der Überfall auf Polen, 1940 kapitulierten am 9. April zuerst Dänemark und Norwegen, am 15. Mai Holland, am 28. Mai Belgien und am 25. Juni Frankreich, dessen Armee als eine der stärksten des Kontinents gegolten hatte. Am 22. März 1941 kapitulierte Jugoslawien und am 30. April 1941 Griechenland. Am 4. Juni 1940 flohen die Briten vom Kontinent, am 25. Juni 1940 floh das geschlagene französisch-polnische Armeekorps in die Schweiz. Vom 23. Juni 1940 bis im September 1944 war die Schweiz von den Achsenmächten vollständig eingeschlossen. Vor diesem Hintergrund wirken Stellungnahmen heutiger «Historiker» zur damaligen Zeit – Deutschland habe die Schweiz ja nie ernstlich angreifen wollen, mit der Unterstellung, es habe keinen Grund gegeben, «Angst» zu haben, und man hätte Deutschland mit einer forscheren Politik begegnen müssen – mehr als weltfremd. Jedem Offizier, jedem Politiker und jedem Vertreter des Roten Kreuzes, der angesichts der realen Verhältnisse damals solches von sich gegeben hätte, wäre mit Recht der Vorwurf des Defätismus, wenn nicht des Landesverrats gemacht worden.
Die Selbstversorgung an Lebensmitteln betrug anfänglich 52%, dank dem Plan Wahlen stieg sie auf 70%, der Rest musste importiert werden. Auch Brennstoffe und Kohle waren Mangelware und das Land ebenfalls vom Import aus dem Ausland abhängig. 1944/45 wurde die Versorgungslage «sehr kritisch», wie Gotthard Frick in seinem Buch «Hitlers Krieg und die Selbstbehauptung der Schweiz 1939–1945» schreibt und an einem kurzen Beispiel veranschaulicht: «Zum Beispiel froren im Elternhaus des Verfassers in Zürich mangels Kohle alle Wasserleitungen und Heizkörper ein und platzten. Die Familie feierte Weihnachten 1944/45 in Wintermänteln und Handschuhen unter Eiszapfen, die von der Decke hingen.» (Seite 30)
Die damalige Generation hatte den Willen, ihr gewachsenes demokratisches Zusammenleben in Freiheit zu schützen und zu verteidigen – Realität und Geschichte haben ihr in allen Punkten recht gegeben. Wie Gotthard Frick in seinem Buch überzeugend und prägnant darlegt, wäre der Zweite Weltkrieg völlig anders und viel kürzer verlaufen, wenn diese Bereitschaft und Entschiedenheit auch in anderen Ländern politisch und militärisch zum Tragen gekommen wären. Das Buch zur Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes zeigt eindrücklich: Ohne die Wahrung der Neutralität, die nur auf dem Boden der Entschlossenheit zur Verteidigung der eigenen Unabhängigkeit möglich war, wäre auch die Schweizer Kinderhilfe nicht möglich gewesen. Wille zur Selbstbestimmung und Freiheit sind Voraussetzung gelebter Humanität. Die Schweizer Bevölkerung hat das – wie das Buch von Serge Nessi deutlich macht – in dieser schwierigen Zeit selbstverständlich und ohne viel Aufhebens gemacht.
Statt, wie die Bergier-Ideologen, eine Generation anzugreifen, die in einer historisch äusserst schwierigen und gefährlichen Situation Beeindruckendes geleistet, die Würde gewahrt und zugleich Mitmenschlichkeit gelebt hat, sollte man sich heute in aller Bescheidenheit der Frage stellen, ob die in Hochkonjunktur und nie dagewesenem Wohlstand aufgewachsene Generation überhaupt in der Lage wäre, Ähnliches zu leisten? Die materiellen Voraussetzungen, die intellektuellen Kapazitäten, die geistige Agilität wären wohl da – vielleicht braucht es nur ein bisschen Mut, sich von der unseligen Verdummung zu befreien, die in den letzten Jahrzehnten jedes Identitätsbewusstsein in anglo-amerikanischem Kulturabbau und Konsumwahn erstickte. Vielleicht braucht es «nur» ein bisschen Bewusstsein eigener Verantwortung für das Gemeinwohl und ein wenig Achtung vor der Geschichte, um die heutigen Herausforderungen konstruktiv in Angriff zu nehmen. Serge Nessis Buch ist dazu sehr hilfreich. •
Unsere Begleiterinnen, Französinnen und Schweizerinnen, konnten ihre Tränen nicht zurückhalten; ein Kind sagte mir: «Man könnte meinen, wir wären Könige!»
«Die Resonanz auf die Ankunft des ersten Spezial-Konvois aus Paris am 25. März [1942] mit 642 Kindern aus dem [besetzten] Norden Frankreichs war gross. Früh am Morgen waren die politischen und militärischen Behörden im [Genfer] Bahnhof Cornavin präsent, ebenso die Vertreter des Generalkonsulates von Frankreich. Als treibende Kraft des Empfangs war auch Dr. Oltramare anwesend, so wie er es in der Folge bei jedem Konvoi war, wobei er jedes Mal einige Worte des Willkommens und des Trostes für die jungen Ankömmlinge hatte. Aber in seiner Ansprache vom 25. März gab er, im Bewusstsein der sich bereits ankündigenden Hindernisse, seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Tätigkeit der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes zu einem wahrhaft europäischen humanitären Unternehmen werde:
‹Kinder aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien; Kinder aus den vom Krieg hart getroffenen Ländern, ihr müsst wissen, dass die Schweiz im Rahmen ihrer Mittel und Möglichkeiten sich sehr darauf freut, euch ihre Grenzen zu öffnen, um euch zu empfangen.› (Seite 91f.)
Die Atmosphäre in diesem ersten Sonderzug ist von Odette Micheli, der Organisationsverantwortlichen in Paris, die diesen ersten Konvoi begleitete, sehr lebendig beschrieben worden:
‹Die Bevölkerung war durch die Zeitungen in Kenntnis gesetzt worden, und welche Überraschung war es nicht für uns, beinahe ab der letzten deutschen Grenzkontrolle von Pougny-Chancy, an den Bahnübergängen und entlang den Gleisen Leute zu sehen, die uns zur Begrüssung zuwinkten. Die Kinder, die sich an den Fenstern drängten, fragten ängstlich: ‹Sind wir jetzt in der Schweiz?› Als wir uns Genf näherten, trauten wir unseren Augen nicht: Alle Böschungen, die Brücken, welche die Gleise überquerten, waren schwarz vor Menschen, die kleine Fahnen schwenkten, Kindern, die riefen: Es lebe Frankreich! Unsere antworteten: Es lebe die Schweiz! Und der Zug erreichte den Bahnhof in einem Fieber von Gesang und Willkommensrufen. Unsere Begleiterinnen, Französinnen und Schweizerinnen, konnten ihre Tränen nicht zurückhalten; ein Kind sagte mir: ‹Man könnte meinen, wir wären Könige!›» (Seite 92f.)
Die Ergebnisse waren bemerkenswert. In allen Kantonen gingen Schüler, Samariter und Freiwillige Woche für Woche von Tür zu Tür, um die Spenden zu sammeln.
«Die Propagandakommission, die sich auch mit der Presse und der Mittelbeschaffung befasste, wurde beauftragt, eine Kampagne zu organisieren, um finanzielle und materielle Mittel aufzutreiben. Der Eckpfeiler dieser Aktion war der «Wochenbatzen», eine Idee, die das Englische Rote Kreuz zu Beginn des Krieges entwickelt hatte und die sehr zufriedenstellende Resultate erbracht hatte. Dieser Ansatz bot einen zweifachen Vorteil. Auf der einen Seite ermöglichte er den am wenigsten privilegierten Schichten, sich jede Woche mit einem symbolischen, aber wichtigen Beitrag von 10 Rappen an der nationalen Anstrengung zu beteiligen; auf der anderen Seite ermöglichte er regelmässige Zahlungseingänge, ohne die jährlichen Sammlungen anderer Vereinigungen zu konkurrenzieren. Die Ergebnisse waren bemerkenswert. In allen Kantonen gingen Schüler, Samariter und Freiwillige Woche für Woche von Tür zu Tür, um die Spenden zu sammeln. Am Ende des Jahres 1942 hatte der Wochenbatzen, der im April ins Leben gerufen worden war, eine Summe von 1,3 Millionen Franken eingebracht, und zu Beginn des Jahres 1944 belief sich der durchschnittliche Ertrag auf 200 000 Franken pro Monat. Die Aktion des Wochenbatzens weitete sich vor allem im Jahr 1942 auf den Lebensmittelhandel (Migros, Coop usw.) aus, wo man begann, den Käufern gewisser Waren Marken zu verkaufen.
Untersucht man die Finanzen der Kinderhilfe, so stellt man fest, dass die Einnahmen des Wochenbatzens (2,18 Millionen) die zweitgrösste Einnahmequelle nach den Patenschaften (2,38 Millionen), von denen wir später sprechen werden, darstellte, aber grösser war als alle andern Spenden und Sammlungen zusammengenommen (1,81 Millionen). Das Schweizervolk führte seine finanziellen Bemühungen bis zum Ende des Jahres 1946 fort; zu dem Zeitpunkt hatte der Wochenbatzen 8,67 Millionen Franken eingebracht. In den folgenden Jahren gingen die Beiträge beträchtlich zurück, da das Land seine internationale Solidarität dann durch die Schweizerspende zum Ausdruck brachte. (Seite 97f.)
Abgesehen vom Wochenbatzen wurde die Schweizer Bevölkerung auch dazu aufgerufen, Rationierungscoupons zu spenden, um für die aufgenommenen Kinder die notwendigen Lebensmittel, Kleider und Seife zu beschaffen. Alle Coupons, sogar verfallene, konnten der Kinderhilfe abgegeben werden, da ihr Gegenwert in Waren nicht genutzt worden war.
Auf Grund ihrer Wirkung und ihres moralischen Wertes zog man die Sammlung der Coupons einer Reduktion der Mengen, welche der Staat der Bevölkerung zur Verfügung stellte, vor. Die Resultate dieser Sammlung waren derart, dass das Schweizerische Rote Kreuz mehrmals zustimmte, dass ein Teil der Coupons freigegeben wurde, um Lebensmittel zu kaufen, die für das Ausland bestimmt waren. Wäsche- und Lebensmittelsammlungen vervollständigten die Aktivitäten des Schweizerischen Roten Kreuzes in der Öffentlichkeit.» (Seite 98f.)
Diese Tätigkeiten hingen in erster Linie von der Billigung der Bundesbehörden ab, denn sie durften weder die Aussenpolitik des Landes negativ belasten noch gegen das Prinzip der Neutralität verstossen.
«Während des ganzen untersuchten Zeitraumes waren die Tätigkeiten der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes durch zahlreiche äussere Faktoren bestimmt. Sie unterlagen der Zustimmung der zivilen oder militärischen Behörden der Länder, in denen sie aktiv werden wollte. Aber diese Tätigkeiten hingen in erster Linie von der Billigung der Bundesbehörden ab, denn sie durften weder die Aussenpolitik des Landes negativ belasten noch gegen das Prinzip der Neutralität verstossen, um die Position der Eidgenossenschaft in den Augen der kriegführenden Parteien nicht zu kompromittieren. Diese Politik strikter Neutralität, deren Einhaltung der Delegierte des Bundesrates für internationale Rechtshilfe [Edouard de Haller] überwachte, lastete mit seinem ganzen Gewicht auf der Arbeit der Kinderhilfe. Ihr Präsident erklärte im übrigen schon im Frühjahr 1942, dass er sich auf «politischem Glatteis» bewegen müsse. Aber hätte es überhaupt anders sein können? Manchen fällt es schwer, sich zu erinnern oder von der Gegenwart zu abstrahieren, um zu versuchen, die Vergangenheit nachzuvollziehen, und sie können sich die Jahre des Krieges kaum vorstellen. In einer Zeit, die das Humanitäre an die erste Stelle setzt, in der die Einmischung im Namen der Opfer droht, zum Dogma zu werden, in der die theoretischen und philosophischen Höhenflüge meist eine Unkenntnis der Realität verdecken, wird die Übereinstimmung der humanitären Aktion mit nationalen Interessen, vor allem in Zeiten des Konfliktes, in Frage gestellt. Aber 1942 hätte die Alternative für das Schweizerische Rote Kreuz Inaktivität bedeutet.
Als halböffentliche Institution, woran man sie oft erinnerte und auf Grund dessen sie stärker als andere der Einhaltung der Rechtmässigkeit verpflichtet war, konnte die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes im gegebenen Rahmen wirksam tätig sein und auf die Hilfe der Behörden und auf die Unterstützung der ganzen Schweizer Bevölkerung zählen.» (Seite 228f.)
Mehr als 550 000 Kinder haben
Nahrungsmittelhilfe erhalten.
«Trotz des engen Handlungsspielraums, den man ihr auferlegte, so durch ihren Status als nationale Vereinigung wie durch das Umfeld, in dem sie sich bewegen musste, trotz der Notwendigkeit, jede Aktivität zu vermeiden, die als mit den Interessen der Schweiz unvereinbar hätte erscheinen oder im Ausland hätte missverstanden werden können – was die Gesamtheit ihrer Unternehmungen in Gefahr gebracht hätte –, und trotz (wenn man sich traut, den Vergleich mit der heutigen Zeit zu ziehen) des Mangels an Erfahrung bei ihren Führungskräften wie bei ihren Delegierten, die zum ersten Mal mit einem Konflikt solchen Ausmasses und Herausforderungen von solcher Komplexität konfrontiert waren, hat die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes eindrückliche Ergebnisse erbracht.
Dank des Engagements seiner Verantwortlichen, der Motivation und der Tatkraft seiner Vertreter vor Ort, der Selbstlosigkeit Tausender Mitarbeiter und Freiwilliger, der Fähigkeit zur Aufnahme und der Spendenbereitschaft der ganzen Schweizer Bevölkerung konnte die Schweizer Kinderhilfe zugunsten Zehntausender kriegsgeschädigter Kinder intervenieren. Auf diese Weise konnten bis 1945 nahezu 55 000 Kinder, mehrheitlich aus Frankreich, für einen dreimonatigen Aufenthalt in die Schweiz kommen, wobei sie grösstenteils in Familien untergebracht wurden. 1944 und 1945 sind das 25 000 Kinder aus den Departements Doubs und Haut-Rhin und aus Norditalien, die auf der Flucht vor den Kämpfen eine provisorische Zuflucht auf helvetischem Boden gefunden haben. Die Aufnahme wurde in den Nachkriegsjahren fortgesetzt, und 80 000 weitere Kinder aus einem Dutzend europäischer Länder haben bis im Juni 1949 davon profitiert, dem Zeitpunkt der Übernahme der Aktivitäten der Kinderhilfe durch die permanenten Strukturen des Schweizerischen Roten Kreuzes. Was die tuberkulosegefährdeten/prätuberkulösen Kinder betrifft, so kamen zwischen 1945 und 1949 5700 von ihnen in den Genuss der Pflege in spezialisierten Schweizer Einrichtungen; in den folgenden Jahren wurden noch weitere 1500 Kinder aufgenommen.
Zwischen 1942 und 1945 war die vor Ort geleistete Hilfe besonders wichtig. In Frankreich waren es etwa 54 000 Patenschaften, die französischen und ausländischen Kindern von Schweizer Familien zugute kamen; andererseits haben mehr als 550 000 Kinder Nahrungsmittelhilfe erhalten.» (Seite 231)
ISBN 978-283-210-458-3
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