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"Optimierte" Postkarten
Manchmal wurde die Strecke der Berninabahn also wirklich nicht entsprechend dem optimalen Panorama gebaut...! Oder die Fahrzeuge kamen nicht zur Wirkung oder hatten keine oder die falsche Farbe. So haben die Lithografen zum feinen Skalpell gegriffen und sich eine (kommerziell) passende Realität geschaffen.
In diesem Kapitel werden also Postkarten gezeigt, welche offensichtlich manipuliert wurden. Häufig kommen solche Karten in und um Morteratsch vor, weil die örtlichen Gegebenheiten es verunmöglichen, alle Highlights auf ein Bild zu bannen.
Diese Abbildung des Triebwagens BCe4 3 ist einer meiner "Stars" in diesem Kapitel, der meine detektivische Ader aktiviert hat:
Die Aufnahme des Hintergrundes wurde auf einer Anhöhe oberhalb Morteratsch gemacht, man blickt auf den Gletscher hinab. Dort gibt es keine Berninabahn.
Die Routentafel rechts zeigt "per l'Engiadina", der Triebwagen würde jedoch Richtung Süden fahren, wenn er denn in der Nähe von Morteratsch fotografiert worden wäre, die Stellung der Lyrabügel und der leere Führerstand rechts weisen auf den ersten Blick darauf hin.
Die Lyrabügel sind wohl von Hand nachgezeichnet. Sie stimmen nicht mit der Perspektive des Betrachters überein.
Normalerweise fuhren die Triebwagen immer mit dem Erstklassabteil (hier noch zweite Klasse) Richtung Tirano. Da der Lokführer im Führerstand links erkennbar ist, und die Tafel das Ziel St. Moritz angibt, muss die Aufnahme des Fahrzeugs von der anderen Seite des Triebwagens gemacht worden sein.
Der Schatten auf dem ebenfalls optimierten Schriftzug "Bernina" weist entweder auf einen wegretouchierten Masten hin - oder dem entsprechenden Schatten. Ich glaube Aufnahmen zu kennen, welche mit Mast sind - ich komme darauf zurück.
Abgesehen davon finde ich diese Karte eine der schönsten Karten mit einem alten Triebwagen der Berninabahn.
Spannende Karte: Gleiche Stelle wie oben, dieses Mal mit einem talwärts fahrenden Zug. Dem Fotografen hat der kurze Zug ganz offensichtlich nicht gefallen und er hat drei Wagen von Hand in die Karte gezeichnet und dem Triebwagen noch etwas nachgeholfen!
Sammlung Jeremy Rayner, besten Dank!
Schöne Postkarte mit Parallelfahrt eines RhB-Personenzugs mit ein paar Güterwagen der Rhätischen Bahn und einen einzeln fahrenden Triebwagen der Berninabahn.
Auch wenn die Karte erst 1921 gelaufen ist, fährt dieser RhB-Zug noch mit Dampf. Die Fahrleitung ist deutlich erkennbar.
Aber, wenn man die Vergrösserung betrachtet......
....stimmt etwas nicht!
Tibert Keller hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass dem Triebwagen die Lyrabügel fehlen. Bei Vergrösserung des Scans fallen vier Dinge auf:
- Die RhB-Dampflok scheint zu lange, ein Teil links vom BB-Masten, der andere rechts, das passt nicht. Ebenso sind die Farben der beiden Teile unterschiedlich
- Der Mast ist unterbrochen, müsste jedoch im Vordergrund stehen
- Die Lyrabügel des Triebwagens fehlen
- rechts vor dem TW gibt es einen eigenartigen "Haufen"
- Die Dampffahne scheint unnatürlich und mit einem Pinsel aufgetragen
Was wurde nun verändert? Die Dampflok eingesetzt? (Immerhin steht die RhB-Fahrleitung schon) - Der Triebwagen eingesetzt? Beides eingesetzt?
Auf dieser seltenen (weil kolorierten) Karte sind der Piz Morteratsch (rechts) und der Piz Bernina mit dem markanten Biancograt zu sehen. Im Original wäre nur ein fototechnisch unattraktiver, schattiger Hang zu sehen. So hat der Retoucheur das Bergpanorama um mehr als 90 Grad von rechts ins Bild gerückt. Die Aufnahme der Strasse und des Triebwagens stammt aus der Nähe des "Tomatenhäuschens"
Das "Morteratsch-Syndrom"
Typische Karte für das "Morteratsch-Syndrom": Hier gibts fast keine Möglichkeit, die Bahn oder das Hotel mit der Bergkulisse zu fotografieren. Deshalb wird gerade bei Morteratsch-Karten heftig gemogelt. Das Bergpanorama ist um etwa 90Grad verschoben.
Das Problem der armen Morteratscher ist leider unveränderlich! So müssen die geografischen Realitäten auch in der "Moderne" angepasst werden, damit sowohl Hotel, Bahn und Panorama auf ein Bild passen. Hier wurde das Panorama schamlos gleich um 180 Grad gedreht - wohl nach dem Motto "wenn schon, denn schon" :-)
Faken bis es stimmt...
Auch diese Karte ist eine wahre Perle, vermutlich aus dem Jahr 1908: Wo keine Brücke ist, muss eine Brücke rein - so wurden die Gegebenheiten angepasst :-)
Auch sonst gibt es ein paar Ungereimtheiten auf dieser Aufnahme: Der Anbau des Hotel Morteratsch ist mindestens nachgezeichnet, wenn nicht ganz eingesetzt und mit den Proportionen des parkierten Triebwagen scheint auch etwas nicht zu stimmen - vielleicht ist aber auch nur die Schneehöhe Schuld an der verzerrten Wahrnehmung....
Die falsche Brücke wurde schon bald von den Engadin Press-Künstlern entfernt und durch die richtige Stahlbrücke ersetzt - immer knapp hinter der Realität! Pragmatismus nennt man das oder eine Art Vorläufer von Photoshop :-)
Jeremy Rayner hat diese Aufnahme in im englischsprachigen Touristenführer "Engadin Express and Alpine Post" vom 16.2.1926 entdeckt, vielen Dank!
Jetzt fehlt uns nur noch die Originalaufnahme ohne jegliche Brücke.
Schneeräumung auf Alp Grüm
Eindrückliche, frühe Karte von den Schneeverhältnissen und der Schneeräumung auf Alp Grüm.
Der Auswurf der Schneeschleuder war dem Verlag offenbar nicht genügend mächtig - deshalb wurde mächtig Hand am Bild angelegt! Und der Kiosk Alp Grüm mindestens virtuell mit Schnee eingedeckt.
Mehr über die Karte hier
Ziemlich suspekt kam mir diese sehr seltene Karte der Brücke über die Berninafälle vor: Fehlende Fahrleitung, keine Masten, ein falscher Schatten, aufgemaltes Geländer und gepinseltes Wasser! Was wohl der Grund für diese aufwendigen Retouchen waren? Da hätte man wohl gleich eine neue Gesamtaufnahme machen können.
Vermutlich ist die Aufnahme der Brücke selbst während des Baus der BB gemacht worden. Die Bauzüge wurden mit kleinen Dampf-Tramways bewegt.
Sehr seltene Karte: Eben ist ein kurzer Zug von seiner langen Fahrt von Ospizio Bernina eingetroffen (Die heutige Station Lagalb gab es damals noch nicht) und hält am bergseitigen Gleis.
Aber Achtung! Der Zug ist im Bild eingesetzt worden, die Proportionen stimmen nicht!
Das Beamtenhaus steht schon, in seiner ersten, kleineren Version.
"Das doppelte Lottchen"
Jeremy Rayner hatte den scharfen Blick, um zu erkennen, dass seine Winterkarte auf einer Sommerkarte basiert!
Geschickt der Retoucheur und viel Aufwand!
Und der arme Kellner steht also zu jeder Jahreszeit kurzärmlig in der Türe...
Eine sehr schöne Aufnahme mit dem Palügletscher und einer schönen Komposition der Berninabahn aus den frühen 30er-Jahren. Zuhinterst am Zug befindet sich der Küchenwagen Xü31 (Geschichte des Wagens hier), angehängt am Salonwagen B4ü 161 (später WR 3814).
Den genauen Standort des Zuges vermute ich bei der oberen Einfahrt in die Stablini-Kurve. Das Hintergrundbild wurde um etwa 120 Grad gedreht, zudem wurde die pittoreske Bergföhre im Verdergrund implantiert. Man kann also nicht beklagen: Der Verlag hat alles gemacht, um die Schönheiten des Berninagebiets auf einer Karte zusammen zu führen...
Albert Steiners Tunnel-Fake's
Aber auch auf der Südseite wurde getrickst - und das sogar vom renommierten Altmeister der Berninabahn-Fotografie, Albert Steiner! Auch im Auftrag des - etwas fantasielosen, finde ich - Berninabahn-Eigenverlags, bastelte er am Leuchttisch verschiedene Aufnahmen zusammen.
Siehe selbst, wie das gemacht wurde: Man nehme eine Aufnahme aus einem Tunnelportal hinaus mit Blick aufs Puschlav. Dann stelle man die Aussicht frei und ergänze beliebig mit attraktiven Hintergründen.
Diese Karte dürfte wohl der Ursprungsaufnahme am Nächsten kommen. Natürlich ist der Blick auf Poschiavo nicht in diesem halsbrecherischen Winkel, sondern wurde kunstvoll eingefügt. Der Abbiegewinkel der Fahrleitung dürfte selbst für die Lyrabügel zu akuten Schwierigkeiten führen!
Der Piz Palü soll also auch noch würdige vertreten sein? Kein Problem und nach genauer Arbeit mit dem Skalpell ist auch dieser Hintergrund eingebaut, vermutlich Aufnahme vom Wanderweg von Morteratsch zur Bovalhütte, also in der Vertikalen ein paar hundert Höhenmeter weiter oben als das Tunnelportal.
Ohne Piz Bernina geht natürlich auch nichts... Schwupp wirkt nicht nur der höchste Berg Graubündens als Tunnelhintergrund, sondern ist auch der Vordergrund mit grossem Geschick angepasst. Sogar mit hoher Glaubwürdigkeit, finde ich! Quizfrage: Wieviele Tunnels gibt es auf der Nordseite? Genau, nur gerade den Charnadüra-Tunnel bei St. Moritz, und das ist noch weiter weg und zwei Täler weiter hinten...
Hier die Originalaufnahme ohne Tricks von Isepponi, Poschiavo. Wer die Kontur der linken Tunnelwand mit den anderen Karten vergleicht, wird erkennen, dass alle vier Aufnahmen aus dem gleichen Portal gemacht wurden - und Jahrzehnte auseinanderliegen!
Da die Karte noch am Kiosk erhältlich ist, stelle ich sie nur exemplarisch und ohne Vergrösserung dar.
Auch mit RhB-Ansichtskarten wurde geschummelt
"Optimiert" wurde nicht nur bei der Berninabahn - auch Ansichten der RhB wurden massiv bearbeitet, wie stellvertretend dieses Beispiel vom Wiesner Viadukt zeigt: Der Dampfzug fährt auf einer anderen Achse als der Streckenverlauf über die Brücke - er scheint sie zu kreuzen. Die G 4/5 hat einen langen Zug am Haken, sowohl Lok wie auch Länge des Zugs sind nicht typisch für die Strecke Davos - Filisur. Sicher würde mal diese Aufnahme auf einer Postkarte der RhB von anderer Stelle finden.
Auch bei anderen Bahnen wurde tüchtig nachgeholfen
Auch bei der WAB (Wengernalpbahn) haben der Postkartenverlag oder der Fotograf tüchtig nachgeholfen, damit sowohl der schöne Zug als auch das Jungfraumassiv gut ins Bild passen!
Karte aus den 50er-Jahren, im Internet gefunden
Auch die Arth-Rigi Bahn ist und war in Not. Kaum eine gute Stelle, um die Vorzüge der Zugreise und des Blicks auf den Zugersee und den Rossberg zu preisen
Es scheinen drei Bilder zusammengefügt zu sein:
- Panoramabild Zugersee und Wildspitz
- Vordergrund mit Gleis
- Der Triebwagen selbst (die Achse und/oder der Fluchtpunkt sind für mich nicht übereinstimmend mit dem Gleis)
Karte wegen meiner Unkenntnisse über diese Bahn nicht datierbar, im Internet gefunden.