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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (15.01.2007)
Wiederum eine reichlich verzwickte Geschichte, die uns gestern das Opernhaus präsentierte: A, verheiratet mit B, liebt C, die D heiraten soll, in den E, die Schwester von C, verliebt ist. A ist in diesem Fall der Schürzenjäger Jupiter (Zeus) und B seine intrigante Gemahlin Juno (Hera). Jupiter liebt Semele (C; spricht man übrigens englisch aus, „Semeli“, mit Betonung auf dem ersten „e“) und entführt sie an ihrer Hochzeit mit D (Athamas). Semeles Schwester Ino liebt Athamas und wird ihn am Schluss auch bekommen…
Das Werk von Georg Friedrich Händel ist eine (englische) „Opera after the manner of an Oratorio“ und wurde 1744 uraufgeführt. Das heisst, dem Chor wird eine tragende - wenn auch eher kommentierende - Rolle zugeteilt. Und der Chor des Opernhauses entledigte sich der anspruchsvollen Aufgabe mit Bravour! Homogen, ausdrucksstark, mit vorzüglicher Diktion und ohne Ungenauigkeiten fügte er sich nahtlos in die äusserst beeindruckende Leistung des Orchesters „La Scintilla“ ein. William Christies Dirigat war auf Ziselierung und Herausheben der Feinheiten ausgerichtet, die in manchen fast unhörbaren Pianissimi mündeten. Manchmal hätte etwas mehr Spannung gut getan (doch dies ist ein sehr persönlicher Eindruck).
Vom Sängerischen her war es ein sehr ansprechender Abend, auch wenn ich ausschliessliche Barockstimmen bevorzugt hätte. Wie Händel wirklich gesungen werden sollte, konnte man an den beiden Tenorstimmen von Charles Workman (Jupiter) und Thomas Michael Allen (Athamas) erkennen. Workman verkörperte Jupiter in idealer Weise. Sein warmer Tenor, mit viel Körper und Tiefe ausgestattet, vermochte in jeder Situation zu überzeugen. Seine Arie „Where’er you walk“ war wunderschön gestaltet und hinreissend gesungen. Kam hinzu, dass Workman ein überaus guter Schauspieler ist, der seine Rolle mit vielen Feinheiten auslotete. Der hohe Tenor von Allen (das Zürcher Opernhaus spielte die Originalfassung der „Semele“ mit Tenor und nicht mit Counter) konnte ebenfalls überzeugen, auch wenn er als Darsteller etwas blass blieb, was aber auch an der Rolle liegen mochte, die nicht sehr bedeutend ist.
Nun zur Gewinnerin des Abends in der Publikumsgunst: Cecilia Bartoli, erstmals in einer für sie fremdsprachigen Oper. Auch wenn ich ihre Leistung bewundernswert fand, sie eine äusserst packende Darstellung ablieferte: Für mich bleibt das Musikalische etwas auf der Strecke. Lyrische Passagen liegen ihr, auch wenn ihr „Sopran“ in der Höhe etwas dünn wirkt. Sobald aber auf die Stimme Druck ausgeübt wird, flackert sie, wird unstet, mündet in übermässigem Vibrato; und ihre Koloraturen erinnern mich eher an Gurgeln, virtuos zwar, jedoch manieriert und für mich reine Stimmakrobatik.
Birgit Remmert, sehr ungewohnt in einer Barockrolle, füllte diese mit viel Ironie. Und wenn die Koloraturen nicht klappen wollen, dann kann man sie ins Groteske ziehen und hat die Lacher auf seiner Seite! Clever! Sehr lustig ist es, wenn die ca. 1,80 m grosse, stämmige Remmert sich als Ino ausgibt (gleiche Frisur, gleiches Kleid), Semele sie umarmt – und nicht merken soll, dass diese „Schwester“ plötzlich ca. eineinhalb mal so gross ist wie Liliana Nikiteanu, die etwas Mühe hatte, der Rolle gerecht zu werden.
Die bezaubernde Isabel Rey vermochte der Göttin des Regenbogens, Iris, komödiantisches Leben einzuhauchen und mit ihrem glockenhellen Sopran zu begeistern.
Anton Scharinger gefiel mir als Gott des Schlafes, Somnus, bedeutend besser denn als Vater Cadmus. Letzterer schien mir in der Tessitura für ihn zu tief zu liegen, so dass die Stimme etwas ausgesungen klang.
Die Inszenierung, welche Robert Carsen bereits 1996 in Aix-en-Provence mit grossem Erfolg präsentierte, wurde nun fürs Opernhaus adaptiert. Wie häufig bei Carsen ist die Bühne wohltuend leer, jeweils nur mit einigen wenigen Accessoires ausgestattet. Carsen spielt mit Licht und Farben, mit Ironie und Augenzwinkern und führt die Personen mit leichter Hand. Er siedelt die antike Tragödie (Semele stirbt, als sie - von Juno angestachelt - ihre Unsterblichkeit von Jupiter fordert) in den 1950er-Jahren an. Die Bühne besteht aus einem Raum, mit einer Türe auf der linken Seite und einer Schräge. Der Tempel der Juno wird durch einen roten Läufer und Stühle für die Hochzeitsgäste (im Schlussbild mit zwei Thronsesseln) dargestellt. Dieser Raum wird immer neu mit wenigen Requisiten (z.B. grosses Bett für Semeles Gemach, Vorhänge für Somnus’ Grotte) verändert.
Auch wenn diese (tragische) Oper, die auf einem Oratorium fusst, zwangsläufig eine Moral hat (in etwa: Verlange nie etwas, das dir nicht zusteht), wird sie in Carsens Inszenierung meist ironisch gedeutet. Der Schluss ist hinreissend: Die Gesellschaft zieht in den Thronsaal ein, wo das Königspaar in vollem Ornat (mit Reichsapfel, Krone und Zepter) Platz nimmt. Juno wähnt sich am Ende ihrer Qualen. Ihre Intrige hat gefruchtet, die Nebenbuhlerin ist zu Tode gekommen und somit ausgeschaltet. Doch weit gefehlt: Jupiter erblickt in der Gesellschaft ein reizendes Mädchen… The Queen is really not amused…
Fazit: Für Barock- und/oder Bartolifans ein absolutes Muss! Auch wenn das Stück Längen hat, besitzt es doch sehr schöne Momente, und die Inszenierung macht es zu einem Leckerbissen. Wer lange da-capo-Arien nicht mag, der sollte besser zu Hause bleiben.