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Ergänzungskurs (Vorlesung) LW II: Peter Handke. Zeiten des Erzählens, Räume der Schrift
Mittwoch, 11.03.2020
Der aus Kärnten/Österreich stammende, seit 30 Jahren bei Paris lebende Peter Handke ist ein umwerfend produktiver Schriftsteller. Schon mehr als fünfzig Jahre stellt er im deutschsprachigen Literaturbetrieb eine herausragende Erscheinung dar und hat in dieser Zeit an die hundert Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Essays, Reiseaufzeichnungen und Tagebuchbände veröffentlicht. Die Zuerkennung des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke hat in den Medien eine grosse und kontroverse Resonanz ausgelöst. Bereits in seinen Anfängen war Handke mit pointierten Selbstverortungen zwischen «Publikumsbeschimpfung» und «Elfenbeinturm» ein Meister der gezielten Provokation und der Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit, weit über den Literaturbetrieb hinaus. Die wilden Sechziger sahen ihn zunächst als Rebell der Gruppe 47 in Princeton, im Medienbetrieb galt er mit dem Automatenfoto seiner Pilzfrisur als ein «5. Beatle», später sah man ihn als Protagonisten der «Neuen Innerlichkeit» oder als Salzburger «Mönch vom Berge», der einer asketischen Rückzugshaltung das Wort rede. Mitte der neunziger Jahre wandte sich der Autor in den jugoslawischen Zerfallskriegen vehement gegen den westlichen Mainstream, der die Abspaltungen Sloweniens und Kroatiens begrüßt hatte, und ergriff für die serbische Politik des forcierten Aufhaltens eines auseinanderfallenden Staatsverbunds Partei, selbst als ihn dies schmerzlich isolierte. Peter Handke ist als Autor weltberühmt, obwohl seine Stücke als eher akademisch gelten und auch seine Erzähltexte nie einfach zu konsumieren waren. Viele seiner Werktitel haben eine immense Verbreitung erfahren, manche sind zu sprichwörtlichen Wendungen geworden: so «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter», «Der kurze Brief zum langen Abschied», «Wunschloses Unglück» oder «Die linkshändige Frau». Der Sound dieser Titel machte den Autor bekannt auch in Kreisen, die nicht zu den Lesern der betreffenden Bücher zählen. Offenkundig hat Handke als Schriftsteller ein Sensorium für auffällige Prägungen, die leicht neben den gewöhnlichen Ausdrucksmustern und Denkformen liegen, aber trotzdem noch auf Resonanz rechnen können. In seinen Büchern schlägt der Autor, auf immer wieder neue Weise, letztlich ein und dasselbe Grundmotiv an, indem er die Frage stellt, 'was Schreiben heißt', das Schreiben als Lebensform, als Beobachtungsmodus und als eine suchende Denkbewegung genommen. Wie kommt durch das ‘einfache’ Erzählen bei ihm so etwas wie Gemeinschaft zustande? Auf welche moderne und vormoderne Gattungsmuster greift der Schriftsteller zurück, wenn er sich in die Traditionslinien des Epischen stellt? Handkes lange, langsame Erkundungen von Orten und Landschaften nehmen in ihrem Gestus des Abformens von Reliefs und Texturen seit den späten 1970er Jahren Entwicklungen vorweg, wie sie heute mit dem Konzept des «nature writing» diskutiert werden. All diesen Werkphasen, Formen und Tendenzen geht die Vorlesung an ausgewählten Textbeispielen nach.
|Dozierende(r):||Prof. Dr. Alexander Honold|
|11.03.2020:||16:15 - 18:00|
|Ort:||
F 021, Hörraum|
Unitobler
Lerchenweg 32-36
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