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In seiner Metaphysik untersucht Aristoteles die beiden Grundbegriffe dynamis und enérgeia. Dynamis meint Möglichkeit im doppelten Sinne von lateinisch potentia und possibilitas, meint Vermögen, Kraft. Enérgeia meint Wirklichkeit im Sinne des Ins-Werk-Setzens, des Vollzugs, meint Verwirklichung, Aktualisierung. Die Untersuchung dieser Grundbegriffe nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Bewegung, weitet sich dann aber aus auf alles Seiende. Dieses ist bestimmt durch seine dynamis als Sein-Könnendes. Als je Gegenwärtiges erfüllt es aber eine seiner Möglichkeiten wirklich, das heisst, es steht im Vollzug, in der enérgeia. Ein Baumeister, zum Beispiel, besitzt das Vermögen, Häuser zu bauen, und dieses Vermögen wird ins Werk gesetzt, aktualisiert durch den Bau eines wirklichen Hauses.
Zum Verhältnis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit ist beizufügen, dass für Aristoteles die Wirklichkeit «früher» ist als die Möglichkeit, ihr gegenüber Vorrang besitzt, und zwar vor allem dem Wesen nach. Die Wirklichkeit ist Ende, Erfüllung dessen, wozu die Möglichkeit Möglichkeit ist. Was diese noch nicht ist, ist jene wirklich. Das Wirklichsein ist Seinserfüllung, entelécheia. Alles, was entsteht, geht auf ein Ziel hin, und um dieses Zieles willen erfolgt die Entstehung. «Ziel aber ist die Verwirklichung, und ihretwegen erlangt man das Vermögen. Denn nicht, um über den Gesichtssinn zu verfügen, sehen die Lebewesen, sondern sie verfügen über den Gesichtssinn, um zu sehen. In gleicher Weise verfügt man über die Baukunst, um zu bauen...» (1050a 9ss.)
In den akademischen Jahren 1906/07, 1908/09 und 1910/11 hielt der grosse Sprachforscher Ferdinand de Saussure an der Universität Genf Vorlesungen
über allgemeine Linguistik, mit denen er der Sprachwissenschft neue Horizonte eröffnete. Selbst hat er seine zukunftsweisenden Ideen nicht publiziert. Drei Jahre nach seinem allzu frühen Tod wurde aber, 1916, sein Cours de linguistique générale von drei Schülern aufgrund von Vorlesungsnotizen von Studenten herausgegeben und hat seither die Entwicklung der Sprachwissenschaft in unserem Jahrhundert ganz wesentlich mitbestimmt. Heute verfügen wir über eine vorzügliche kritische Ausgabe, die wesentlich mehr Quellen verarbeitet als die sogenannte Vulgata-Fassung von 1916.
Eine der grossen Dichotomien der Saussureschen Sprachtheorie ist die Unterscheidung zwischen langue und parole, Sprache und Rede. Es liegt weitgehend an der Überlieferung des Gedankenguts von Ferdinand de Saussure, dass die beiden Begriffe etwas Schillerndes an sich haben und nicht mit absoluter Eindeutigkeit bestimmt sind. Eines aber ist klar: langue ist für Saussure ein virtuelles Zeichensystem mit überindividuellem, sozialem Charakter. Dies wird einmal so veranschaulicht: «Die Sprache besteht in der Sprachgemeinschaft in Gestalt einer Summe von Eindrücken, die in jedem Gehirn niedergelegt sind, ungefähr so wie ein Wörterbuch, von dem alle Exemplare, unter sich völlig gleich, unter den Individuen verteilt wären. Sie ist also etwas, das in jedem Einzelnen von ihnen vorhanden, zugleich aber auch allen gemeinsam ist und unabhängig von dem Willen der Aufbewahrer» (p. 23). Parole hingegen ist die je gegenwärtige Verwirklichung, Aktualisierung von Teilen dieses Systems durch einen individuellen Akt. Ich will dies an einem Beispiel erläutern.
In der gegenwärtigen Situation kann ich den Satz aussprechen: «Für uns ist der heutige Tag ein Festtag.» Ich habe damit parole, Rede, produziert, mit Zeichen, die dem System der deutschen Sprache angehören. Diese Zeichen sind verschiedener Natur:
Mit der Verwendung des Pronomens «uns» habe ich ein personales Koordinatensystem verwirklicht, wobei ich die Origo des Systems, das Ich, mit meiner Person als dem Sprechenden zur Deckung gebracht habe, nun aber nicht von meiner Person allein spreche, sondern von einer Grösse, die neben mir noch mindestens eine weitere Person umfasst (=wir).
Mit der Verbform «ist» habe ich ein temporales Koordinatensystem verwirklicht, seine Origo mit dem Augenblick meines Redens in Übereinstimmung gebracht und — durch die Verwendung des Präsens — die ausgedrückte Handlung einer Zeit zugewiesen, die mit dem Zeitpunkt des Aussprechens der betreffenden Form zusammenfällt, auch wenn sie ihn sowohl Richtung Vergangenheit als auch Richtung Zukunft überschreiten kann.
Mit der zeitlichen Aktualisierung steht auch das Adjektiv «heutig» in Beziehung, das ja nicht das Gleiche meint, wenn ich es jetzt ausspreche oder morgen, übermorgen oder an einem anderen Tag.
Auch das Wort «Tag» ist in meinem Satz aktualisiert worden, nicht nur dadurch, dass ich es ausgesprochen und so seine Lautgestalt dem physischen Bereich
der Schallwellen anvertraut habe. Als Zeichen der langue enthält Tag bedeutungsmässig verschiedene Möglichkeiten. Das ersieht man leicht aus den folgenden vier Beispielsätzen:
1. Ich habe vierzehn Tage Ferien. 2. Die Tage werden länger. 3. Das war ein langer Tag (ausgesprochen beim Schlafengehen). 4. Der Tag leuchtete hell herein.
In den ersten drei Sätzen bezeichnet Tag einen Zeitraum. Im ersten Fall ist dies der Zeitraum, während dem sich die Erde um ihre eigene Achse dreht, oder, in ursprünglicherer Vorstellung, der Zeitraum zwischen zwei gleichen Stellungen der Sonne am Himmel. Im zweiten Fall ist es der Zeitraum, während welchem sich die Sonne über dem Horizont befindet und so Licht verbreitet. Im dritten Fall geht es um den Zeitraum der menschlichen Aktivität zwischen zwei längeren Schlafperioden. Im vierten Fall schliesslich drückt Tag eine Erscheinungsform des Lichts aus, ein Licht, dessen Quelle die Sonne ist. — Es ist leicht ersichtlich, dass schon ein so einfaches Zeichen wie Tag eine komplexe innere Struktur besitzt, aufgebaut aus relevanten distinktiven Zügen (Zeitraum, bestimmte Dauer, Sonne, Licht, Schlaf usw.). Aus diesen Zügen wird bei der Verwendung des Worts eine Auswahl getroffen, was voraussetzt, dass die Züge in einer bestimmten Struktur angeordnet sind. Das Zeichen selbst ist mehrdeutig, polysem. Im ausgesprochenen Satz, das heisst in der parole, wird es aber monosemiert.
Noch zwei Bemerkungen zu unserem Beispielsatz: Zeichencharakter hat auch die Zusammensetzung «Festtag». Die deutsche Sprache bietet ein ganz bestimmtes Bildungsmodell für Komposita an, in dem auch die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Teilen festgelegt sind. Das wird sogleich deutlich beim Versuch, die beiden Elemente umzustellen und «Tagfest» zu sagen. Dabei wird übrigens auch sichtbar, dass schon die Bildung von Zusammensetzungen eine gewisse Auswahl aus den semantischen Möglichkeiten bewirkt. Tagfest könnte ja nur im Gegensatz zu Nachtfest gebildet werden und setzt also Tag als hellen Zeitraum voraus, während ein Festtag keineswegs beim Sonnenuntergang zu Ende gehen muss.
Und schliesslich: Auch der Satz als Ganzes ist ein Zeichen, nicht als aktualisiertes Gebilde der parole, sondern als Bauplan auf der Ebene der langue. Dass der Bauplan, der die Reihenfolge der Teile und ihre Stellung zueinander festlegt, eine grosse Rolle spielt, zeigt sich zum Beispiel sogleich, wenn wir die ersten zwei Wörter («für uns») weglassen: «Ist der heutige Tag ein Festtag.» Aus der Aussage wird dabei, wenn sich auch die Intonation anpasst, eine Frage, weil im deutschen Aussagesatz nur dann das Prädikat vor dem Subjekt steht, wenn der Satz mit einer Ergänzung beginnt.
Mit diesem einfachen Beispiel — dessen vorgelegte Deutung in gewissen Punkten freilich über die Vorstellungen von Ferdinand de Saussure hinausgeht — habe ich Ihnen die Dichotomie von langue und parole zu veranschaulichen versucht,
das Verhältnis zwischen dem potentiellen System sprachlicher Zeichen und der aktuellen Verwirklichung von einzelnen von ihnen in der Rede, im hic et nunc eines Sprechenden.
Sie haben selbst nun sicher bereits erkannt, dass die Saussuresche Unterscheidung zwischen Sprache und Rede in ihrem wesentlichsten Anliegen der aristotelischen Unterscheidung zwischen dynamis und enérgeia entspricht. Dies dürfte Saussure nicht bewusst gewesen sein, und auch die Sprachwissenschaft seit Saussure hat die Möglichkeit der Erhellung der Saussureschen Dichotomie durch die aristotelische nicht erkannt. Dabei, so glaube ich, kann gerade ein solcher Ansatz dazu beitragen, wesentliche Widersprüche und Ungereimtheiten in der modernen Linguistik zu überwinden.
Dies gilt schon für die erste hier zu besprechende offene Frage der heutigen Sprachwissenschaft: Genügt die Saussuresche Dichotomie zwischen Sprache und Rede, das heisst, wird nicht eine dreigliedrige Unterscheidung der sprachlichen Wirklichkeit besser gerecht? «System, Norm, Rede» schlägt zum Beispiel der Tübinger Linguist E. Coseriu vor, womit ich nur den bekanntesten Vorschlag für eine Dreiteilung nenne. Mit Norm bezeichnet Coseriu alle unabhängig von der Rede bestehenden Elemente, die nicht funktionellen Wert haben, für die normale Verwirklichung eines Sprachsystems aber wichtig sind. So besitzt zum Beispiel meine eigentlichste Muttersprache, der Dialekt der Stadt St. Gallen, ein verhältnismässig helles a und ein r, das mit dem Halszäpfchen ausgesprochen wird, nicht mit der Zungenspitze. Funktionelle Bedeutung haben beide Eigenarten nicht. Ich kann durchaus in St. Gallen ein dunkleres, zürcherisches a aussprechen und das r rollen. Man wird mich trotzdem verstehen und höchstens denken, ich sei der Sprache meiner Vaterstadt untreu geworden. Ganz andere Folgen hätte ein Verwechseln oder Vertauschen von Zungenspitzen-r und Zäpfchen-r etwa im Arabischen, weil dort die Unterscheidung nicht nur normativen Charakter hat, wie in unseren schweizerdeutschen Dialekten, sondern funktionellen. Das heisst, es gibt Wärter, die sich nur durch die Opposition zwischen den beiden r unterscheiden.
In aristotelischer Perspektive ist nun aber eine solche Dreiteilung abzulehnen. Zwischen dynamis und enérgeia gibt es kein Drittes. Ein Zwischenglied anzunehmen ist freilich auch nur dann nötig, wenn man den langue-Begriff ungebührlich einengt. Der strenge Strukturalismus hat dies getan — zum Teil durchaus in direkter Anlehnung an Saussure. So wird unter langue ein homogenes System verstanden, als dessen Teile nur funktionelle Elemente anerkannt werden, die zueinander in relevanten Oppositionen stehen. Dann allerdings reicht die Dichotomie Sprache-Rede nicht aus. Die aristotelische Perspektive hingegen führt zu einem langue-Begriff, der im Sinne der dynamis viel dynamischer ist und mehr von der Rede her gedacht, da ja die enérgeia wesensmässig der dynamis vorausgeht. So verstanden ist die Sprache nicht bloss aus Gegensätzen aufgebaut, sondern schliesst alles Virtuelle in sich, das heisst die Zeichen und die Regeln zur Anwendung der Zeichen.
Dazu kommt noch ein Weiteres: Aristoteles unterscheidet bei der enérgeia zwischen Immanenz und Transitivität. Im ersten Fall fällt das Ziel des Ins-Werk-Setzens mit dem Ins-Werk-Setzen selbst zusammen. Der Gesichtssinn zum Beispiel hat als Ziel das Sehen. Seine Verwirklichung besteht nun aber gerade und ausschliesslich aus dem Sehen, ohne dass sie zu einem ausserhalb von ihr liegenden Resultat, einem érgon führen würde. Anders bei der Verwirklichung der Kunst des Baumeisters. Sie ist transitiv und führt zu einem ausserhalb von ihr liegenden Resultat, dem Haus. Dies schliesst nicht aus, dass auch die Baukunst selbst sich gleichzeitig im Bauen mitverwirklicht. — Wie steht es nun mit der Sprache? Ist ihre enérgeia, die Rede, immanent oder transitiv? Die strengen Strukturalisten betrachten die Verwirklichung von Sprache als einen immanenten Vorgang. Sie berauben sich aber damit der Möglichkeit, die Sprachverwirklichung in jener Perspektive zu sehen, welche die Grundlage für die Soziolinguistik im weitesten Sinne bildet. Es geht dabei um das Erkennen diasystematischer Varietäten, wie sie zum Beispiel durch die Ausdrücke «Umgangssprache», «Schriftsprache», «Literatursprache», «familiäre Sprache», «Volkssprache», «Regionalsprache» usw. angedeutet werden. Werden solche Varietäten nicht vom Sprecher, sondern vom System her betrachtet — und das zweite ist bei der Annahme einer immanenten enérgeia unumgänglich —, muss jede Varietät als eigenes System angesehen werden, was zu einer Vielzahl, ja Unzahl von Systemen innerhalb einer Sprache, wie zum Beispiel des Deutschen oder des Französischen, führt. Dies ist ein hoher, zu hoher Preis für die Annahme einer immanenten enérgeia. Eine solche Auffassung widerspricht auch unserem natürlichen Empfinden. Der Vorgang des Sprechens ist bis zu einem gewissen Grade demjenigen des Bauens zu vergleichen. Ein Mensch, der die Fähigkeit des Sprechens, das heisst die dynamis der Sprache besitzt, verwirklicht diese Fähigkeit in der Rede, indem er eben Teile des sprachlichen Zeichensystems aktualisiert. Dadurch entsteht etwas, das ausserhalb seiner Sprachfähigkeit liegt, wie wohl sich diese gleichzeitig auch verwirklicht.
Das durch Transitivität entstandene Ergebnis, die Rede, steht nun aber nicht da wie ein Haus, sondern erreicht seine Bestimmung erst, wenn es aufgenommen, verstanden wird von einem Hörer, das heisst in der Kommunikation. Gewisse Richtungen der modernen Linguistik — sie sind mit Etiketten wie Pragmatik (Pragmalinguistik) und Sprechakttheorie zu belegen — vertreten die Auffassung, man dürfe die Sprache überhaupt nur vom Kommunikationsvorgang her betrachten. Sprache sei kommunikatives Handeln und lasse sich daher nur vom Kommunikationsakt und von der Kommunikationssituation her erfassen. Selbst die «Bedeutung» von Rede werde erst eigentlich konstituiert in der Interaktion zwischen Gesprächspartnern. Es habe — um ein Bild zu verwenden — wenig Sinn, die Anatomie des Herzens zu studieren, um den Blutkreislauf im menschlichen Körper zu verstehen. Wichtig sei nur, dass das Herz Blut in den Körper pumpe.
Eine solche Auffassung ist in ihrer Einseitigkeit unrichtig. Das sprachliche Zeichensystem
— die Anatomie des Herzens — ist auch im Kommunikationsakt von entscheidender Bedeutung, als Code, über den die Gesprächspartner verfügen und der ihr sprachliches Kommunizieren überhaupt erst ermöglicht. Dass die «Bedeutung» dieses Kommunizierens, die «Bedeutung» der Rede nur oder vor allem durch Rekurs auf die kommunikative Intention des Sprechers zu erklären sei, ist eine unzutreffende Annahme. Wenn ich den zitierten Satz «Für uns ist der heutige Tag ein Festtag» ausspreche, erhält er seine primäre Bedeutung aufgrund der dynamis, welche die verwendeten Zeichen als Teile der langue besitzen: Vom sprachlichen Zeichensystem her sind die personalen und temporalen Bezüge geregelt (indem ein personales und ein temporales Koordinatensystem evoziert und aktualisiert werden), vom sprachlichen Zeichensystem her sind die bedeutungsmässigen Möglichkeiten von Tag vorgegeben — wobei in unserem Satz bereits eine, nämlich Tag als Zeitraum von 24 Stunden, ausgewählt ist —, vom sprachlichen Zeichensystem her sind die verwirklichten Baupläne für das Kompositum Festtag und für den ganzen Satz in ihrem grundsätzlichen Aussagewert bestimmt. Dies alles schliesst nicht aus, dass der Satz, wenn ich ihn ausspreche, verschiedene Wirkungen haben kann. Soll er einfach feststellen, dass der Dies Academicus der Universität Zürich am 29. April stattfindet und dass wir ihn heute begehen? Soll er meine Freude über diese Tatsache zum Ausdruck bringen? Soll er Sie, meine Damen und Herren, zur Mitfreude aufrufen? Oder ist der Satz vielleicht ironisch gemeint und gibt einem gewissen Unbehagen Ausdruck über die Form, in der wir unser Stiftungsfest begehen? Dies sind Fragen, die sich wirklich nur aus einer konkreten Kommunikationssituation heraus beantworten lassen. Die Bedeutung dieser Situation, die Rolle der Sprache als Element des kommunikativen Handelns, soll gewiss nicht geleugnet oder heruntergespielt werden. Wir müssen sie aber richtig verstehen. Dazu verhilft uns wieder die Besinnung auf das Gegensatzpaar dynamis und enérgeia. Nach Aristoteles haben diese Begriffe nur relative, nicht absolute Gültigkeit, das heisst, was in einer Perspektive dynamis ist, kann in einer anderen enérgeia sein und umgekehrt. Sprache, so haben wir gesagt, wird in der Rede ins Werk gesetzt, wird zu enérgela. Nun können wir aber Rede selbst in neuer Perspektive wieder als dynamis auffassen, als bewegende Kraft, die etwas in Bewegung setzt, etwas bewirkt. Dies geschieht in der Kommunikation, in der ich einem Partner etwas mitteile, ihn zu etwas auffordere, ihn etwas frage und damit immer etwas in ihm bewirke, indem meine Rede für ihn zum Stimulus wird, der ihn zu sprachlichem oder aussersprachlichem Handeln treibt. So wiederholt sich auf der Ebene des Kommunikationsprozesses das Spiel von dynamis und enérgeia. Diese Ebene ist sehr wichtig, das ist der Pragmatik selbstverständlich zuzugestehen. Aber sie ist nicht möglich ohne die Voraussetzung der Verwirklichung von Sprache in Rede und damit ohne die Existenz des sprachlichen Zeichensystems. In der kommunikativen Überführung von dynamis in enérgeia gibt es übrigens, dies sei nebenbei erwähnt, nun auch eindeutig den Fall der immanenten enérgeia. Er liegt vor in den von den Sprechakttheoretikern so häufig zitierten performativen Ausdrücken. Wenn Sie zum Beispiel beim Jassen sagen «ich schiebe», so ist Ihr Sprechen zugleich Ihr Handeln und weist nicht über sich selbst hinaus, ganz anders als wenn Sie sagen «ich schiebe ein Fahrrad».
Wir haben auf eine Reihe von Richtungen der modernen Sprachwissenschaft angespielt. Unerwähnt blieb bisher jene, welche ohne jeden Zweifel in den letzten 25 Jahren die grösste Wirkung ausgeübt hat, die generative Transformationsgrammatik des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Kurz zusammengefasst lautet Chomskys Theorie folgendermassen: Die Sprache ist ein «mentales Organ» des Menschen. Aufgrund biologischer Voraussetzungen besitzt dieser eine Sprachfähigkeit, an der als Komponente eine «Universale Grammatik» erkannt werden kann. «Durch entsprechende und sich über einen gewissen Zeitraum erstreckende Erfahrungen stimuliert, führt die Sprachfähigkeit zu einer (speziellen, das heisst einzelsprachlichen) Grammatik» (p. 49), einem «System von Regeln und Prinzipien..., welches eine infinite Klasse von Sätzen mit ihren formalen und semantischen Eigenschaften generiert» (p. 55). «Wir sagen, dass ein Mensch die durch diese Grammatik generierte Sprache beherrscht. Indem er von anderen damit zusammenhängenden Fähigkeiten des Geistes und den durch sie hervorgebrachten Strukturen Gebrauch macht, kann er dann die von ihm nun beherrschte Sprache verwenden» (p. 49). Diese Verwendung nennt Chomsky Performanz, während die Gesamtheit der Fähigkeiten, welche diese Verwendung ermöglichen, Kompetenz heisst. Performanz deckt sich ungefähr mit dem Begriff der parole, Kompetenz aber keineswegs mit dem der langue. Kompetenz schliesst sehr vieles ein:
—die angeborenen mentalen Voraussetzungen und kognitiven Fähigkeiten, die nach Chomsky an einer «Universalen Grammatik» teilhaben,
—die Anwendung der Regeln dieser Grammatik zur Hervorbringung, Generierung von sprachlichen — aber noch nicht einzelsprachlichen — Strukturen,
—die Umwandlung, die Transformation dieser Strukturen nach den Regeln einer speziellen, einzelsprachlichen Grammatik.
In diesem umfassenden Sinn ist die Kompetenz die Fähigkeit, aufgrund eines finiten Regelsystems eine infinite Klasse von Sätzen zu generieren.
Trotz aller reichen Befruchtung, die von der generativen Transformationsgrammatik ausgegangen ist, glaube ich, dass sie keine gültige Antwort auf die zentrale Frage bietet, welches der Zusammenhang zwischen den als universell angesetzten mentalen Voraussetzungen und den konkreten Sätzen einer gegebenen Sprache ist. Die vielen komplizierten und zum Teil von Forscher zu Forscher, ja von Werk zu Werk wechselnden Transformationsregeln sind eher ein Hinweis auf die Schwierigkeit des Problems als eine Garantie für seine Lösbarkeit.
Ich bin auch der Meinung, dass das Problem in der gestellten Form gar nicht lösbar ist. Der Bereich der Kompetenz ist zu gross und zu heterogen. Man kann nicht in einem einzigen in sich geschlossenen Prozess von mentalen Strukturen zu den effektiven Redeformen der Performanz gelangen. Ferner muss jeweilige Rede, müssen aktuelle Sätze nicht immer wieder von den letzten Grundlagen und Voraussetzungen her generiert werden, gewissermassen ab ovo. Man kann nicht ungestraft jene Stufe einfach überspringen, die wir als langue, als einzelsprachliches Zeichensystem erkannt haben.
Natürlich ist diese Stufe nicht die letzte. Sie kann ebenfalls hinterfragt werden. Aber ich glaube, dass dies auch wieder in den Bahnen von dynamis und enérgeia geschehen muss. Wir wissen, dass es sich dabei um relative Begriffe handelt. Daher kann das sprachliche Zeichensystem, das in der Opposition «Sprache—Rede» dynamis war, nun auch als enérgeia betrachtet werden. Was wird in ihm ins Werk gesetzt, und welche Kraft bewirkt diese Verwirklichung? Eine Kraft, welche unsere Welt so bewältigt, so gestaltet, dass ein sprachliches Zeichensystem sie abbilden kann. Wir haben vom personalen Koordinatensystem gesprochen. Dieses abstrahiert aus der Vielfalt personaler Bezüge die wichtigsten Grössen, indem es zum Beispiel unterscheidet zwischen Ich und Nicht-Ich und beim Nicht-Ich darnach fragt, ob dieses am Kommunikationsakt beteiligt ist (= Du) oder nicht (= Er, Sie, Es). Soll aber dem Geschlecht des sprechenden Ich und des angesprochenen Du auch Rechnung getragen werden oder nur dem Geschlecht des besprochenen Er (bzw. Sie, Es)? Das Arabische markiert schon beim Du das Geschlecht. Das Deutsche und das Französische (und viele andere, Sprachen) abstrahieren vom Geschlechtsunterschied in der zweiten Person, obwohl dieser Unterschied in der aussersprachlichen Wirklichkeit immer besteht, da ich und du in unübertragener Rede ja immer Menschen bezeichnen. Sprache ist nicht Abklatsch der Welt, sondern Auswahl von relevanten Zügen, die in die Bildung eines semiotischen Systems eingehen können, wobei die Auswahl von Sprache zu Sprache verschieden sein kann.
Entsprechendes gilt beim Tempussystem. Letztlich ist dieses ein Auffassungsschema der erlebten Zeit, eine Gerüstform der Zeitlichkeit des Menschen, aufgebaut auf die Erfahrung eines Jetzt, eines Nicht-mehr und eines Noch-nicht. Welche anderen Unterscheidungen noch als relevant angesehen und in ein sprachliches Beziehungssystem integriert werden, ist eine Entscheidung, die meist von verschiedenen Sprachen verschieden getroffen wird. Daher kennt zum Beispiel das Deutsche die Unterscheidung nicht —oder doch nicht auf gleicher Ebene —, die im Französischen durch den Gegensatz zwischen imparfait und passé simple ausgedrückt wird.
Ähnliches ist auch zu sagen vom Aufbau bedeutungstragender Zeichen wie Tag. Wir haben in diesem Wort relevante distinktive Züge wie <Zeitraum>, <(bestimmte) Dauer>, <Sonne>, <Licht>, <Schlaf> usw. erkannt, die in einer internen Struktur so angeordnet sind, dass sich vier verschiedene Reduktionsmöglichkeiten anbieten. Die distinktiven Züge selbst sind gewonnen durch Abstraktion aus dem, was wir in der Welt im Wechsel von Tag und Nacht erfahren. Doch zur Bildung eines sprachlichen Zeichens braucht es noch mehr als diese Abstraktion. Distinktive Züge gehen in bestimmter Anzahl, Auswahl und Anordnung in ein Zeichen ein, das heisst, sie werden mit einem Wortkörper (z. B. Tag) verbunden. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die distinktiven Züge universellen Charakter haben. Sicher aber ist ihre Verwendung als Teile von bedeutungstragenden Zeichen und somit eben der Aufbau solcher Zeichen von Sprache zu Sprache verschieden. Deshalb können wir Wörter von einer Sprache in die andere nicht einfach im Verhältnis 1:1 übersetzen. In den ersten beiden zitierten Sätzen («Ich habe vierzehn Tage Ferien». «Die Tage werden länger») entspricht dem deutschen
Tag französisch jour. Schon im dritten («Das war ein langer Tag») müssen wir eine andere Entsprechung verwenden, nämlich journée.
Auch Sätze im Sinne von Satzbauplänen seien Zeichen, haben wir gesagt. Was für eine dynamis wirkt in ihnen, in Gebilden, die wir als die kleinsten —wenigstens provisorisch — in sich ruhenden Aussageeinheiten betrachten können, in Gebilden, die zum Beispiel das Abgeben von Urteilen erlauben, indem sie von etwas Zugrunde-Gelegtem (einem Subjekt im wörtlichen Sinn) etwas aussagen mittels eines Prädikats?
Wenn wir eine langue, ein einzelsprachliches Zeichensystem als enérgeia auffassen und nach der sich darin verwirklichenden dynamis fragen, so müssen wir einerseits die Grenze der Einzelsprache überschreiten und uns in den Bereich der Fähigkeit von Abstraktion, Unterscheidung, Orientierung anhand relevanter Merkmale begeben, anderseits aber das Vermögen annehmen, aus aussereinzelsprachlichen, zum Teil sicher universellen Elementen einzelsprachliche Zeichen zu bilden durch die spezifische Verbindung von Ausdruck und Inhalt (von signifiant und signifié in Saussures Terminologie) sowie durch den Aufbau von komplexen Inhaltsstrukturen aufgrund einer gewissen ars combinatoria, um uns mit Leibniz auszudrücken.
Ich wage noch nicht zu beurteilen, ob sich dies alles anhand der Begriffe dynamis und enérgeia in einem einzigen Schritt denken lässt. Eines aber möchte ich noch andeuten: Die letzte dynamis, die wir mehr erahnen als erkennen, können wir mit dem griechischen Ausdruck lógos umschreiben. Dazu sagt Martin Heidegger in seinem Hauptwerk Sein und Zeit: «Das Dasein (als In-der-Welt-Sein) hat Sprache. Ist es Zufall, dass die Griechen, deren alltägliches Existieren sich vorwiegend in das Miteinanderreden verlegt hatte, und die zugleich <Augen hatten>, zu sehen, in der vorphilosophischen sowohl wie in der philosophischen Daseinsauslegung das Wesen des Menschen bestimmten als ςώov λόγον έχov? Die spätere Auslegung dieser Definition des Menschen im Sinne von animal rationale, <vernünftiges Lebewesen>, ist zwar nicht <falsch>, aber sie verdeckt den phänomenalen Boden, dem diese Definition des Daseins entnommen ist. Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet. Das bedeutet nicht, dass ihm die Möglichkeit der stimmlichen Verlautbarung eignet, sondern dass dieses Seiende ist in der Weise des Entdeckens der Welt und des Daseins selbst» (p. 165).
«Am Anfang war das Wort», und das heisst im griechischen Urtext «der lógos». So sagt es der Evangelist Johannes. Als Sprachwissenschafter möchte ich ihm gerne zustimmen, allerdings in dem untheologischen Sinn, dass der lógos den Ausgangspunkt für eine Kette von Anwendungen des Begriffspaars dynamis und enérgeia bildet, eine Kette, in der die Begriffe wie die Schalen eines römischen Brunnens nehmen und geben zugleich und uns damit die Augen öffnen für das Wesen der Sprache von ihrer Verankerung im rein Geistigen bis zu dem, was ich in den letzten 40 Minuten zu verwirklichen versucht habe, dem kommunikativen Handeln. Ob es hier und jetzt zu wirklicher Kommunikation gekommen ist, bleibt angesichts der ganz besonderen Situation einer Rektoratsrede ungewiss. Erfolg
und Misserfolg kommunikativen Handelns zeigt sich erst in der Antwort, im Gespräch. Ein solches anzuschliessen ist jetzt nicht möglich. Grundsätzlich muss aber hier an unserer Hochschule das Gespräch stattfinden, unter uns Dozenten ebensogut wie zwischen Dozenten und Studenten, ja auch zwischen der Universität und der sie tragenden Öffentlichkeit. Nur so kann sich entscheiden, ob all das, was wir als wissenschaftliche Möglichkeiten erschliessen, zu einer sinnvollen Wirkung und Wirklichkeit gelangt. Nur enérgeia, Wirklichsein ist Seinserfüllung, sagt Aristoteles, und für die Seinserfüllung unserer Welt sind wir als Angehörige einer Hochschule in besonderem Masse verantwortlich.