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Seit 26 Jahren beschäftigt sich Thomas Stocker mit dem Klimawandel. In den Anfängen untersuchte er die Rolle der Ozeane, und seit Anfang der Neunzigerjahre beschäftigt er sich mit den menschenverursachten Faktoren des Klimawandels im engeren Sinn. Sieben Jahre lang hat der Forscher und Professor für Klima und Umweltphysik an der Universität Bern die Arbeitsgruppe Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) geleitet: Der im Jahr 2014 herausgegebene fünfte Bericht war die wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage für 195 an der Pariser Klimakonferenz vom Dezember 2015 teilnehmende Regierungen.
Noch vor zwanzig Jahren mussten Sie vermutlich die These von der Klimaerwärmung verteidigen. Heute ist sie eine Tatsache. Der Klimawandel und seine Folgen stehen zuoberst auf der politischen Agenda. Wo stehen wir in dieser Frage?
Das öffentliche Bewusstsein ist nicht in Stein gemeisselt; die Aufmerksamkeit für den Klimawandel und gerade für den menschenverursachten Klimawandel schwankt leider je nach der Präsenz anderer Themen. Heute stehen wir wieder an einem Wendepunkt. Seit dem Erscheinen des fünften Berichts des Weltklimarates im Jahr 2014 bis zum Pariser Abkommen im Dezember 2015 herrschte ein breiter Konsens über die Dringlichkeit, die menschenverursachte Erderwärmung einzuschränken. Jetzt, nach den US-Präsidentschaftswahlen, könnte der Wind erneut drehen. Umweltschutz und der Umgang mit natürlichen Ressourcen sind kein Thema mehr, im Gegenteil. Mit Scott Pruitt wurde die Umweltbehörde der USA einem Klimaskeptiker und Gegner der Klimaschutzpolitik der Regierung Obama anvertraut. Das ist bedenklich. Bereits kurz darauf wurden vermeintlich robuste Entscheidungen, zum Beispiel, dass die USA das Pariser Abkommen ratifizieren und die bekanntgegebene Reduktion der CO2-Emissionen umsetzen würden, wieder rückgängig gemacht.
Fürchten Sie um die Umsetzung des Pariser Abkommens?
Ganz abgesehen von den politischen Entwicklungen in den USA oder in Europa, ist meine Sorge gross, ja. Die Zeit für die Umsetzung der Beschlüsse ist sehr knapp. Aus Sicht der Wissenschaft ist es zwar grundsätzlich möglich, die Klimaerwärmung global unter 2 Grad Celsius zu halten, aber nur unter der Bedingung, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien, die Steigerung der Effizienz der fossilen Brennstoffe und deren baldige Ablösung sowie die Schliessung der Materienkreisläufe schnell, konsequent und ohne Verzögerung erfolgen. Die Rolle der USA in der Anpassung der Infrastruktur ist nicht zu unterschätzen: Die USA sind nach China der zweitgrösste CO2-Emittent. Mit ihrer Klimapolitik setzen sie Zeichen. Es ist nun zu hoffen, dass China die Gunst der Stunde nutzt und die technologische Vorreiterrolle übernimmt. Das Know-how, das Geld und der nötige Wille sind zweifellos vorhanden.
Die Gründe für die Klimaerwärmung sind mehrheitlich bekannt. Welche Risiken und Folgen des Klimawandels sind für die Menschen erfahrbar?
In der Öffentlichkeit ist noch viel zu wenig bekannt, dass sich bereits heute die Folgen der menschenverursachten Klimaerwärmung auch in einer Häufung und Intensivierung von Extremereignissen zeigen. Diese sind je nach Region sehr unterschiedlich; es können Hitzewellen oder Sturmfluten sein, Dürren, aber auch Überschwemmungen. Es ist jedoch noch sehr schwierig, eine Kausalität zwischen einem Einzelereignis und dem Klimawandel herzustellen. Erst die generelle Zunahme dieser Extremereignisse macht den Zusammenhang mit dem Klimawandel offensichtlich. Diese Risiken verursachen bereits heute extrem hohe Schadenskosten, wirtschaftlich wie sozial. Deswegen scheint es mir wichtig, den Blick auf das Klimaproblem zu schärfen. Der fortschreitende Klimawandel muss als Ressourcenwandel verstanden werden. Denn das ist es letztlich, was der Klimawandel bewirkt: die Verknappung von Ressourcen. Mit diesem fundamentalen Blickwechsel sind Veränderungen heute schon erlebbar – und damit wird auch die Dringlichkeit des Handelns offensichtlich. Nehmen wir die Ressource Wasser. Bereits heute werden trockene Gebiete wie zum Beispiel die Iberische und die Arabische Halbinsel oder die Sahel-Zone noch trockener. Der Zugang zu Wasser ist in diesen Gebieten heute schon bedroht. Das heisst wiederum, dass dort hohe Investitionen getätigt werden müssen, um den Zugang zu Wasser zu sichern, die Infrastruktur muss angepasst werden, Wasserreservoirs oder Entsalzungsanlagen müssen gebaut werden. Können sich diese Staaten solche Investitionen nicht leisten, wird die Verknappung die Menschen, die dort leben, schwer treffen. Andere Gebiete wiederum, auch in der Schweiz, müssen sich an zu viel Wasser anpassen. Auch hierzu sind Investitionen notwendig, zum Beispiel, um die grössere Abflussmenge bei der Schneeschmelze zu bewältigen.
Also geht es um die Verknappung von natürlichen Ressourcen.
Nein, nicht nur. Klimawandel, verstanden als Ressourcenwandel, betrifft ganz viele verschiedene Bereiche unseres Lebens. Die Gesundheit ist auch eine Ressource, auf die sich der Klimawandel direkt auswirkt. Ich spreche dabei nicht nur von der Ausbreitung verschiedener Krankheiten, die sich in Afrika sowie in Zentral- und Südamerika akzentuieren wird. Gesundheitliche Risiken steigen auch in anderen Regionen. So sind zum Beispiel die Temperaturen im Nahen Osten bereits so stark gestiegen, dass in den nächsten dreissig bis vierzig Jahren die Menschen am Persischen Golf ohne Klimaanlagen nicht mehr überleben. In manchen Regionen wird Arbeit im Freien nicht mehr möglich sein. Solche Veränderungen bergen ein sehr hohes Konfliktpotenzial, denn es stellt sich schnell die Frage, wer das Recht auf den Zugang zu den verschiedenen Ressourcen hat und wie sie verteilt werden sollen. Spätestens dann wird klar, warum der Klimawandel längst nicht mehr nur ein Umweltproblem ist, sondern sehr wohl auch ein wirtschaftliches und soziales.
Der Bericht richtet erstmals den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Armut.
Ja, zunächst einmal aus einem ethischen Grundgedanken heraus: Wir haben gesehen, wie ungleichmässig die Risiken geografisch verteilt sind und wie unverhältnismässig stark sie die ärmsten Länder tangieren. Zum anderen haben wir diesen Fokus aber auch aus der Erkenntnis herausgewählt, dass der Klimawandel Entwicklung bedroht und letztendlich eine nachhaltige Entwicklung verhindert. Fortschreitender Klimawandel und Armut hängen unmittelbar zusammen.
Was bedeutet das für die Industrieländer?
Für mich ist es ganz klar eine Frage der Verantwortung seitens der Industrieländer. Die Transformation ist möglich und machbar. Es liegt in unserer Verantwortung, sie anzustossen und umzusetzen.
Die ausführliche Version dieses von Iwona Swietlik geführten Gesprächs ist im soeben erschienenen «Almanach Entwicklungspolitik» der Caritas Schweiz mit dem Schwerpunkt «Klimaschutz und Armutsbekämpfung» abgedruckt.