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Otto Stich - Sozialdemokrat
Paul Ignaz Vogel
Otto Stich, der ehemalige Bundesrat, legt seine Autobiografie* vor. Sie ist ein wichtiges Zeitdokument für die Sozialdemokratie, die Gewerkschaftsbewegung und die Eidgenossenschaft zur Zeit des auslaufenden Kalten Krieges, der Wende und der Wendehälse.
Otto Stich kommt aus guten Hause. Sein Vater wurde als Arbeiter in der Münchensteiner Fabrik von Brown Boveri & Cie infolge der Wirtschaftskrise für ein Jahr arbeitslos. Der gelernte Mechaniker verdingte sich bei einem Bauern als Knecht. Auch Otto, das jüngste der vier Kinder, musste in seiner Jugendzeit Karton in die Schuhe legen, da das Geld fehlte, um sie beim Schuhmacher zu flicken. Die Stichs waren Sozialdemokraten und Gewerkschafter von zu Hause aus.
Als gelehriger Schüle entwickelte sich Otto Stich rasch. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums (MNG) in Basel litt er unter dem elitären Zwang einer sogenannt besseren Gesellschaft. Er wechselte die Schule, absolvierte eine Handelsmaturität und studierte Staats- und Wirtschaftswissenschaften, unter anderem bei Edgar Salin. Politisch aktiv wurde Stich in seiner Wohnsitzgemeinde Dornach, dem Hauptort des solothurnischen Schwarzbubenlandes. Er brachte es zum Gemeinde-Ammann, schliesslich zum Nationalrat. In Basel fand er bei Coop Schweiz seinen Broterwerb als Personaldirektor. Mit einer Polizeieskorte wurde Stich zur Vereinigten Bundesversammlung in Bern gefahren, nachdem er zum Bundesrat gewählt worden war.
Gegen den Willen der sozialdemokratischen Fraktion war dies geschehen. Diese hatte eine Frau, Liliane Uchtenhagen portiert. Sie gehörte zur sogenannten „Viererbande“ (Uchtenhagen, Renschler, Gerwig, Hubacher). Uchtenhagen war von Frank A. Meyer (FAM) gepusht worden, einem anderen Arbeitersohn aus Biel/Bienne. Stichs politische Überzeugung war es, dem Land, seiner Partei und den Gewerkschaften allein und einzig zu dienen. Für FAM stand eher die Eitelkeit, das Hofieren und das Elitäre der Emporkömmlinge im Vordergrund. Ein persönlicher Gegensatz, der nicht grösser sein könnte.
Stich wurde von der sozialdemokratischen Fraktion frostig empfangen. Das Bürgertum hatte den soliden Arbeitersohn gewählt. Doch die schweizerische Sozialdemokratie driftete in der bundesrätlichen Amtszeit von Stich ins Abseits. Sie wurde zum Spielball von Eitlen, Machthungrigen und Renommiersüchtigen. Die Medien arbeiteten weitgehend gegen Stich und für die Dominanz einer selbsternannten Intelligenzia. Es folgte das neue SP-Parteiprogramm mit einer Debatte zur Selbstverwaltungsidee, welche dem staatssozialistischen Jugoslawien abgeguckt worden war. Eine SP-Delegation hofierte Erich Honecker und seinem Stasi-Staat DDR. Die SP Schweiz schickte noch 1989 ein Glückwünschtelegramm an Nicolae Ceausescu in Rumänien. Wenige Monate später war der schreckliche Diktator tot – standrechtlich erschossen. Es folgte die Zeit der Wende und der Wendehälse. Wie in den ehemaligen Ostblockstaaten wurde die sozialistische Ideologie nahtlos durch jene des schrankenlosen Neoliberalismus ersetzt. Und sämtliche Deregulierungen wurden hierzulande auch von den Schweizer SozialdemokratInnen gedankenlos, fast ohne Opposition durchgewinkt.
Pragmatiker Otto Stich war nun doppelt isoliert. Das Bürgertum hatte ihn gewählt, ihn aber nur als einfachen Finanzfachmann geduldet. Ihn insgeheim nie als Staatsmann anerkannt. Stich durfte immer nur das Finanzdepartement betreuen. Als Kassenwart wurde er nie in andere Departemente zugelassen. Auch bedeutende Staatsgeheimnisse wurden ihm damit vorenthalten. Daher rührt die tragische Verständnislosigkeit von Otto Stich gegenüber der strategischen Bedeutung des Ausbaus der zweiten Alpentranversale Bern-Lötschberg-Simplon, was Stich in seinen Memoiren als persönlichen Konflikt mit dem Berner Oberländer Bundesrat Adolf Ogi abtut. Für Stich war kein Ende des Tunnels in Sicht. Er warf deshalb das Handtuch und demissionierte wegen dem Lötschberg-Basistunnel als Bundesrat.
* Otto Stich, Ich blieb einfach einfach. Eine Autobiografie mit Begleittexten von Ivo Bachmann. Mit einem Vorwort von Oswald Sigg. Verlag Johannes Petri, Basel 2011, ISBN 978-3-03784-015-3