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Ein anderer Schriftsteller, der mich zu einem Projekt verleiten wollte, für das er sich zu beschäftigt hielt, sagte kürzlich zu mir: »Herrje, bist du produktiv!« Seine Aussage nervte mich, womöglich grundlos. Er klang wie ein Schlossherr, der zu seiner fleißigsten Bäuerin spricht (männliche Dichter hinterlassen manchmal diesen Eindruck, wenn sie mit weiblichen Schriftstellern sprechen). Als ich zu Hause ankam und meinem Ärger Luft ließ – vielleicht zu lange – wurde ich daran erinnert, dass ich in den letzten sieben Jahren acht Bücher veröffentlicht hatte, und dies doch ziemlich viel sei, ungeachtet dessen, wie nervenaufreibend die Unterhaltung mit dem Kollegen auch gewesen war. Ja, sagte ich, aber eines dieser Bücher sei sehr kurz und auch nicht nur von mir (es entstand in Zusammenarbeit mit Alec Badenoch, der mindestens die Hälfte dazu beigetragen hat), und ein anderes sei eine wissenschaftliche Monografie, deren Recherche meiner Karriere als Schriftstellerin vorausgegangen sein, und überhaupt: Der Punkt sei, dass »produktiv« so klingt, als wäre das alles einfach, dass ich mir jedes neue Buch aus dem Hintern ziehen würde. Zugegeben, verglichen mit beinahe jedem anderen Weg, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, scheint das Bücherschreiben einfach zu sein. Schreiben kann man in Cafés, während man genüsslich ein Getränk schlürft, zu Hause im Pyjama mit einer Katze auf dem Schoß, in einer wunderschönen alten Bibliothek, in der alle schweigen müssen und niemand stören darf. Jederzeit kann man die Arbeit unterbrechen, an die Sonne gehen und einen Spaziergang machen, zum Friseur gehen, oder morgens unter der Woche schnell einkaufen, wenn alles noch still ist. Das ist nicht dasselbe wie wenn man in der Pflege oder in einer Mine arbeitet oder an einer Schule unterrichtet. Es ist nicht das Gleiche, wie in einem Krankenhaus oder einer Bank zu arbeiten. Es gibt keine Kernzeiten, keinen Dresscode oder direkte Vorgesetzte. Schreiben und andere kreative Tätigkeiten (mit Ausnahme von Tanz vielleicht) ist keine »harte Arbeit«.
Schreiben mag keine harte Arbeit sein, aber es ist auf jeden Fall schwierige Arbeit. Ich kann mir kaum vorstellen, ein »einfaches« Buch zu lesen oder zu schreiben, dass nicht ebenfalls ein schlechtes Buch ist: vorhersehbar, formelhaft und schon hundert Mal gehört. Die Schwierigkeit beim Schreiben ist das Erfinden von Neuem, der kreative Akt. Wenn das nicht schwierig wäre, würde ich mich für diese Art des Schreibens nicht interessieren. Keines meiner Bücher war einfach zu schreiben, und wenn ich ein Buch schnell schreibe, dann hat das meiner Meinung nach mehr mit Getriebenheit zu tun als damit, dass ich besonders »produktiv« sein möchte. Es hat damit zu tun, dass ich mein Leben nutzen möchte. Freund Hein wartet auf jeden von uns, und ich habe doch noch das eine oder andere Wort zu sagen, bevor ich ihm persönlich begegne. Kathleen Jamie, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, schreibt in einem meiner Lieblingsbücher:
»Einmal habe ich meinen Freund John – halb im Scherz – gefragt, warum wir so getrieben seien. Am Tag betreut er Drogensüchtige, in der Nacht ist er Dichter. Er schrieb mir zurück, halb im Scherz: ›Weißt du, mein Job ist es nicht, Antworten zu haben, sondern mehr Fragen zu stellen. Wie zum Beispiel: Warum bist Du nicht mehr getrieben? Bedenke: Die Atome, aus denen Du zusammengesetzt bist, schwirren schon seit fast fünf Milliarden herum, und seit vierzig und noch ein paar zerquetschten Jahren haben sie sich zu Deinem Selbst zusammengefunden. Aber bald schon werden sie wieder davonschwirren in die Gräser oder was weiß ich, und werden sich nie wieder daran erinnern können, dass sie einst in der Summe Du waren. Das ist alles. Und du fragst mich, warum wir getrieben sind? Warum sind nicht mehr Leute getrieben? Woran denken die denn?‹«
Nichtsdestotrotz werde ich dieses Mal versuchen, weniger getrieben zu sein. Das neue Buch ist raus und ich wurde beraubt von dieser Welt aus meinem Kopf und mein Impuls ist es, eine neue Welt zu erfinden und zwar schnell. Ich weiß nicht mehr, wie man ein tägliches Leben führt ohne ständig an seinen Roman zu denken, und ich weiß nicht, warum ich das wollen würde. Aber für sechs Monate werde ich versuchen, die Zeit, die ich sonst mit Schreiben verbringen würde, mit Lesen zu füllen. Ich werde versuchen, nicht zu schreiben, und wir werden sehen, was passiert.
Dieser Text erschien erstmals auf der Website von Sarah Moss und wurde aus dem Englischen übertragen.