Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/1915

Fortschritt durch Querschnitt
Zur Etablierung eines neuen Weltbildes sind naturgemäss Bilder recht nützlich. Es überrascht also nicht, dass Bilder im ehrgeizigsten und umfangreichsten publizistischen Grossunternehmen der französischen Aufklärung eine unentbehrliche Funktion übernahmen. Gemeint ist die «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers», die unter der Leitung Denis Diderots, und lange Zeit auch Jean Le Rond d’Alemberts, herausgegeben wurde. Den 17 Textbänden der ersten Ausgabe stehen nicht weniger als 11 Tafelbände mit rund 3000 Bildtafeln zur Seite. «Ein Blick auf den Gegenstand selbst oder auf seine bildliche Darstellung ist aufschlussreicher als eine seitenlange Besprechung» schrieb d’Alembert in seinem vielbeachteten «Discours préliminaire» im ersten Band.
Bildsprache als Botschaft
Wer die Tafelbände durchblättert, wird bald die einheitliche Bildsprache bemerken, die angesichts der Vielzahl der mitarbeitenden Künstler umso bemerkenswerter ist. Alle Bildvorlagen wurden in pragmatisch angelegte, akkurate Kupferstiche und Radierungen übersetzt. Diese alles nivellierende, formale Vereinheitlichung darf ebenso als bewusste inhaltliche Botschaft verstanden werden wie die Entscheidung für eine alphabetische Ordnung in den Textbänden – Wissenschaft, Kunst und Handwerk stehen auf der gleichen Stufe.
Der Querschnitt als Bildprinzip der Aufklärung
Auffallend ist neben der einheitlichen Bildsprache auch die alle Bereiche durchziehende Verwendung eines Bildprinzips: des Querschnitts. Ob Windmühlen, Polstermöbel, Menschen, Häuser, Berge oder Schiessgewehre – alles, wirklich alles, wird aufgeschnitten. Die Methode, mithilfe eines glatten Durchschnitts Erkenntnisse bzw. Theorien über Beschaffenheiten oder Funktionsweisen zu verbildlichen, findet sich in zahlreichen technischen Traktaten seit dem 16. Jahrhundert vorbereitet. Diderot selbst erwähnt in seinem Eintrag «Encyclopédie» Agostino Ramellis Traktat «Le diverse et artificiose machine» von 1588. Neu ist jedoch die regelrecht exzessive und konsequente Verwendung von Schnitt-Bildern. Offensichtlich schienen sie Diderot, der die Auswahl und Kommentierung der Tafelbände persönlich betreute, für sein Vorhaben besonders geeignet. Und in der Tat vermitteln die Eigenschaften der Schnittbilder auf subtile Weise ziemlich genau die Ideale der Aufklärung und prägen bis heute unsere Vorstellung davon, was Wissenschaft leisten sollte: Durchdringung jeglicher Materie, Offenlegung von Unbekanntem und Nicht-Sichtbarem und nicht zuletzt die unbestechliche Präsentation von verborgenen Wahrheiten und Tatsachen.