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Weinbau hat deshalb in den letzten Jahren bedeutend abgenommen. Ackerbau, Handel und Industrie sind die Haupteinnahmsquellen
des Bezirkes. Der kulturfähige Boden ist fruchtbar und wird mit grösster Sorgfalt angebaut. Fruchtbäume, Viehzucht. Das
Gebiet umfasst
Die Wälder, welche ungefähr die Hälfte des produktiven Bodens bilden, gehören zum grössten Teil den Gemeinden und dem
Staat. Man benutzt die Juragesteine als Bausteine oder zur Fabrikation von Kalk, Gips und Zement. Letztere hat eine bedeutende
Ausdehnung angenommen. Man gibt nach und nach die wenig einträgliche Getreidekultur zu Gunsten der Viehzucht
und der Milchwirtschaft auf; die Felder werden in Wiesen umgewandelt. Die Viehzählung weist folgende Resultate auf:
1876
1886
1899
Hornvieh
3875
4925
5086
Pferde
328
409
434
Schweine
1321
1866
1736
Ziegen
1173
1833
1805
Schafe
26
108
55
Bienenstöcke
1109
1435
1753
Aarau und die benachbarten Ortschaften bilden den Mittelpunkt verschiedener Industrieen.
Die hauptsächlichsten sind Baumwollindustrie, sowohl Spinnereien als auch Färbereien und Webereien, Seidenbandfabrikation,
Fabrikation von Schuhwaren und Elastique, Zement und Zementröhren, Maschinen, Firnissen; elektrische Industrie, graphische
Gewerbe, Fabrikation von mathematischen und geodätischen Instrumenten; Glockengiessereien, Bauschreinereien, Bürstenfabrikation,
Hanf- und Flachsspinnereien, Kalk- und Zementfabrikation, Mühlen und Sägen. Ungefähr 2000 auf dem Lande
wohnende Arbeiter verdienen ihren Lebensunterhalt in den Fabriken des Hauptortes. Unter den philanthropischen Instituten
sind nennenswert: Das Kantonsspital in Aarau, eröffnet 1887;
im Jahre 1897 wurden darin 1746 Kranke verpflegt;
die Anstalt
für schwachsinnige Kinder in Biberstein, gegründet 1889, 47 Zöglinge;
Stadt, Hauptort des Kantons Aargau
und des Bezirkes Aarau, 81 km. nordöstl. von Bern
(nördl. Breite 47° 23' 31“; östl.
Länge von Paris 5° 42' 45“), auf dem rechten Aareufer, an den Abhängen des Distelberges und des Gönhard (410 m), gegenüber
dem Hungerberg (388 m) gebaut. Station der Linie Olten-Zürich und Aarau-Zofingen. E. im Jahre 1888: 6699,
im Jahre 1900 ungefähr 8000. Sitz der kantonalen Behörden, Sitz der Kreispostdirektion;
eidgen. Waffenplatz.
Aarau besitzt
zwei Zeughäuser, zwei grosse, neue Kasernen, die eine für Infanterie, die andere für Kavallerie, mit Exerzier- und Schiessplatz
im Schachen und einem solchen im Gehren, Gemeinde Erlisbach. Aarau ist eine Stadt mit modernem Anstrich.
Ueberreste aus dem Mittelalter sind noch: der TurmRore, der jetzt den Haupteingang des Stadthauses bildet, das Schlössli auf
einem isolierten Felsen, der Stieberturm, das Haldentor, der Gerechtigkeitsbrunnen und einige mit alten Malereien verzierte
Gibel. Unter den modernen Gebäuden sind nennenswert: Das Regierungsgebäude und das Rathaus, von
einem Englischen Garten umgeben. Zahlreiche Schulanstalten. Grosses Primarschulhaus; Lehrerinnenseminar, daneben das Naturhistorische
Museum; Kantonsbibliothek im Rathaus (80000 Bände und 500 Manuskripte), Münzkabinett im Gewerbemuseum (einige Tausend Stücke,
von denen die meisten römischen Ursprungs aus Windisch, dem alten Vindonissa).
Gewerbemuseum bei der Kantonsschule, enthält ausser industriellen Produkten, ethnographische Sammlungen.
Altertümer, Gemälde und Glasmalereien aus dem Kloster Muri. Im gleichen Gebäude ist eine kantonale Handwerkerschule. Städtisches
Spital an der Halde, im ehemaligen Kloster der Augustinerinnen von Schännis. Kantonsspital mit 260 Betten. Pavillons und Baraken
für ansteckende Krankheiten.
Aarau besitzt zahlreiche industrielle Etablissemente, welche durch natürliche Triebkraft oder durch
das Elektrizitätswerk getrieben werden. Die Wasser der Aare, durch drei grosse Kanäle abgefangen, liefern 1500 Pferdekräfte
und der Bach, der durch die Stadt fliesst, treibt einige Mühlen.
Seidenbandfabrikation, im 18. Jahrhundert durch Joh.
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Rud. Meyer († 1813) eingefürt. Woll- und Baumwollwebereien, mechanische Stroh- und Bastflechtereien, Glockengiessereien;
die älteste Zementfabrik der Schweiz. Ehemals berühmte Töpferei, wo heute die Röhren für Kanalisation, Ziegel etc. hergestellt
werden. Fabrikation von chem. Produkten, Firnissen, Siegellack. Färbereien für Seide, Wolle und Stroh, Giessereien, Maschinen-
und Waffenwerkstätten, Kunstschlossereien. Fabrikation von elektr. Installationsteilen und Reisszeugen.
Brauereien, Chokoladenfabrik, Zuckerwarenfabrik, Druckerei, Lithographie, Buchbinderei. Handels- und Kunstgärtnereien. -
Reges Vereinsleben, 83 Vereine und Gesellschaften, von denen die wichtigsten: Der Kunstverein, die historische, die naturforschende
und die landwirtschaftliche Gesellschaft, der kaufmännische Verein, die kaufmännische Gesellschaft, die mittelschweiz.-geograph.-kommerzielle
Gesellschaft, die Sektion Aarau des schweiz. Alpenklubs, Handwerker- und Gewerbeverein, Sektion Aarau
des schweiz. Geschäftsreisendenvereins, der Einwohnerverein, die Hülfs- und die Kulturgesellschaft.
In Bezug auf das religiöse Bekenntnis der Bevölkerung kamen im Jahre 1888 auf 6699 E. 5377 Protestanten, 1264 Katholiken, 58 gehörten
andern Religionen oder auch gar keiner an. Diese Bevölkerung verteilt sich auf 710 Häuser mit 1497 Haushaltungen.
Für das Jahr 1900 ergbit ^[richtig: ergibt] die Statistik 8000 E. auf 1500 Gebäude.
Die Entstehung Aarau reicht wahrscheinlich ins Zeitalter der Merowinger; in diese Periode mag auch der TurmRore und das Schlössli
gehören. Im Jahre 920 war es schon befestigt. In die Gewalt des HausesHabsburg und später der Herzoge
von Oesterreich gefallen, hatte es in den ersten Kriegen gegen die Eidgenossen zu kämpfen. Durch Bern
1415 erobert, hatte Aarau
eine Zeit lang gegen den umliegenden österreichisch gesinnten Adel zu ringen. Den versammelte sich die Tagsatzung
der XIII. alten Orte zum letzten Male in Aarau; den 2. Februar pflanzte die Stadt den Freiheitsbaum auf und
erklärte sich von Bern
unabhängig. Aarau wurde nun provisorischer Sitz der helvetischen Regierung und nach der Mediationsakte
von 1803 Hauptort des neuen Kantons Aargau.
Aarau
ist der Heimatort mehrerer berühmter Männer: Joh. Rud. Meyer (1739-1813) führte neue Industriezweige
ein und gründete die Kantonsschule. Franz Xaver Bronner (1758-1850), Verfasser von Idyllen, Professor an der Kantonsschule,
Kantonsbibliothekar und Staatsarchivar, schrieb ein vorzügliches Werk über den Kanton Aargau.
Albert Rengger (1764-1835), helvetischer
Minister. Augustin Keller (1805-1883), berühmter Staatsmann und Pädagoge. Vital Troxler, Professor und Schriftsteller.
Abraham Em. Fröhlich, Fabelndichter. Tanner, Dichter. Jak. Frey (1824-1875), Verfasser von Schweizernovellen.
Kurz, Professor an der Kantonsschule. Dr. Rochholz, Antiquar. Dr. Rud. Rauchenstein, Rektor und Philologe. Joh. Herzog, Staatsmann,
Gründer von Industrien. General Herzog. Bundesrat Frey-Herosé. Nationalrat Feer-Herzog, eine Autorität in Münzfragen.
Ferdinand Rud. Hassler (1770-1843), berühmter Ingenieur, Direktor des Coast-Survey der Ver. Staaten Amerikas.
Bundesrat Dr. Emil Welti.
Der Geschichtschreiber u. Schriftsteller Heinr. Zschokke, geboren in Magdeburg im Jahre 1771, hat in Aarau den grössten
Teil seines Lebens zugebrachter, ist 1848 dort gestorben. Die Stadt hat ihm, ebenso wie Augustin Keller, ein Denkmal errichtet.
(Kt. Aargau).
386 m. Hauptort des Kantons Aargau
und des Bezirks Aarau. 47° 23' 31" nördl. Br.; 50° 42' 45" OL. von Paris. Auf einem
nordöstl. gegen die Aare abfallenden Felskopfe eines südl. Ausläufers des Jura gelegen. Aarau zählte 1908 rund 8500 Ew.
Ausserdem arbeiten in den Aarauer Industrien 2500 Arbeiter, die in den benachbarten Dörfern wohnen. 1798: 2271;
Die Stadt besass bis in den Anfang des 19. Jahrh. hinein ihr völlig mittelalterliches Gepräge mit Turm
und Tor, Mauer und Graben. 1812 fielen Laurenzenturm und -tor, um die selbe Zeit das Aaretor, 1820 wurde der Hirschengraben
eingedeckt, man baute Häuser an die Grabenmauer, und wo der kleine Rundturm stand, wurde ein Eingang in die Stadt gebrochen.
Um 1870 wurde auch der Pulverturm zum grossen Teil abgetragen. Allein es blieben noch Stücke der Ringmauer
an andern Stellen. Es blieb das Schlössli, der obere Turm, der TurmRore, um den das städtische Rathaus herum gebaut worden
ist, das Obere und das Haldentor.
Auch dem Innern der Stadt blieb das altertümliche Bild: Die vorragenden bemalten Walmdächer, der durch
die Hauptgassen fliessende offene Stadtbach, einige wenige grosse Brunnen, besonders der Gerechtigkeitsbrunnen. Von dem allem
hat manches den Forderungen des modernen Verkehrs weichen müssen (Umbau der Rathausgasse 1905), und mancher alte Giebel ist
vom Feuer zerstört worden. Ueberall sind moderne Fassaden entstanden. Indem sich so das neue zwischen
das alte drängte, hat das einheitliche Bild etwas gelitten. Immer aber ist Aarau als ein sauberes Städtchen gerühmt worden,
und auf diesen Ruhm darf es auch heute noch stolz sein. Jetzt erheben sich als zeitgemässer Schmuck Denkmäler auf öffentlichen
Plätzen: Heinrich Zschokke, Augustin Keller, Emil Welti. Andern Männern sind an passenden Stellen ausserhalb
der Stadt Denktafeln errichtet worden: Joh. Rud. Meyer, Franz Xaver Bronner, Karl Feer-Herzog.
Aaraus Bedeutung liegt in erster Linie darin, dass es Kantons- und Bezirkshauptort ist und die entsprechenden Institutionen
mit den nötigen Gebäuden in seinen Mauern birgt. Da ist das Regierungsgebäude (aus dem ehemaligen
Gasthof zum Löwen erweitert), dahinter das Grossratsgebäude mit der Kantonsbibliothek, welche gegen 100000 Bände (darunter
eine grosse Anzahl Wiegendrucke, viele wertvolle Manuskripte, Karten, Bilder) umfasst; das neue Kantonsschulgebäude (1894-96
errichtet) und daneben das kant. Gewerbemuseum, welches eine Handwerkerschule und die ihr dienenden Sammlungen, ferner die
kantonale antiquarische Sammlung mit den herrlichen Glasgemälden aus dem Kloster Muri, einem Mosaikboden aus Lunkhofen, der
Gemäldeausstellung (Böcklin, Stäbli, Fröhlicher etc.) und der Münzsammlung (etwa 6000 römische Münzen, meist aus Vindonissa)
enthält.
An Schulhäusern zählt Aarau: das 1896 eröffnete neue Kantonsschulgebäude in einem prächtigen Parke;
das alte Kantonsschulhaus,
das jetzt dem Lehrerinnenseminar und Töchterinstitut dient;
das neue Bezirksschulgebäude, gegenwärtig
(1910) im Bau, das grosse städtische Schulhaus.
Den Unterrichtszwecken dient auch das sehr ansehnliche naturhistorische
Museum im ehemaligen Kasino, namentlich ausgezeichnet durch die geologische und die ornithologische Sammlung.
Da Aarau auch eidg. Waffenplatz ist, finden wir hier zwei Kasernen, für Infanterie und Kavallerie, diese
mit den nötigen Stallungen und zwei grossen Reitbahnen; ferner das grosse eidg. und das kant. Zeughaus mit reichhaltiger
Waffensammlung. Als Exerzierplatz dient der unmittelbar an die Stadt stossende Schachen, der, einst sogar Artillerieschiessplatz,
nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt auch nicht mehr von der Infanterie zum Schiessen benutzt werden
kann. Ausserhalb der Stadt steht der grosse Kantonsspital (nach Pavillonsystem eingerichtet.) Projektiert sind ein neues
eidg. Postgebäude, Erweiterung der militärischen Anstalten, ein kant. Chemiegebäude.
Die Bezirksbehörden haben ihren Sitz im Amtshaus und im städtischen Rathaus. Dieses dient vorab der
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städtischen Verwaltung. Aarau hat zwei Kirchen:
1) die protestantische (auch den Christkatholiken eingeräumt) in einfachen Formen nach dem gotischen Stil, dreischiffig
ohne Querschilf, mit Lettner; der Turmaufsatz ist barock. Der vorzüglichen Akustik der Kirche entspricht eine bemerkenswert
schöne Orgel, deren Rokokoverkleidung aus der Mitte des 18. Jahrh. stammt.
2) die römisch-katholische Kirche ist ein einfacher, einschiffiger, gefälliger moderner Bau
(ca. 1880), der sich in seinen Formen an den romanischen Stil anlehnt.
Bedeutung hat Aarau ferner durch seine Lage an der Aare, wo von N. her mehrere Jurapässe Zusammenkommen und von S. einige
Nebenthäler einmünden. Für die Stadt ist daher von besonderer Wichtigkeit die Aarebrücke, deren Existenz
im 14. Jahrhundert erwiesen ist. Doch brachte sie den Aarauern schwere Sorgen, da der Strom sie unzählige Male teilweise oder
ganz wegriss, zum letzten mal 1843. Seit 1850 ist die Brücke, den Fluten unerreichbar, an Ketten aufgehängt, der Fluss hat
seine unabänderliche Bahn zwischen den massiven steinernen Widerlagern. War also Aarau wichtiger Strassenknotenpunkt,
so gilt jetzt das selbe hinsichtlich der Eisenbahnen. Die Stadt liegt an der Hauptlinie Genf-Bern-Neuenburg-Zürich-Bodensee
der Bundesbahnen; hier münden die Bahnen Arth-Goldau-Aarau, Wettingen-Aarau, Zofingen-Aarau, die elektrischen Bahnen aus dem
Suhren- und aus dem Winenthal; projektiert ist eine Bahn Frick-Aarau über die Staffelegg.
Und endlich hat sich Aarau durch den Gewerbsfleiss, die Handelstätigkeit und den Kunstsinn der Bewohner eine Bedeutung verschafft,
die weit über das, was die Einwohnerzahl erwarten liesse, hinausgeht. Drei Industriekanäle an der Aare mit dem an einem davon
gelegenen grossen, städtischen Elektrizitätswerk und der Stadtbach, der die Mühlen und eine Anzahl Motoren
treibt, liefern die Triebkraft für die Industrie. Seit 1600 hatte Aarau eine Färberei und Bleiche, etwa 1680 brachten die
Hugenotten Seidenzucht und Seidenindustrie;
1703 wurde eine Wolltuchfabrik errichtet;
1722 begann man das Bohnerz des Hungerberges
auszubeuten, was aber nicht mehr Gewinn abwarf als das Goldwaschen in der Aare;
gegen Ende des 18. Jahrh.
führte der Wohlthäter der Stadt, Joh. Rud. Meyer, die Seidenbandfabrikation ein;
1810 errichtete Joh. Herzog, der nachmalige
Bürgermeister des Kantons Aargau,
eine mechanische Baumwollspinnerei.
Rühmlichst
bekannt sind die Aarauer Messerschmiede aus dem 18. und 19. Jahrh.,
deren Ansehen heute noch eine einzige Firma aufrecht erhält. Alt ist auch das Hafner- und Töpfergewerbe;
ebenso die Glocken- und Kanonengiesserei, die Büchsenmacherei. Aus dem Anfang des 19. Jahrh. datiert die Begründung der
Reisszeugfabriken, die sich einen Weltruf erobert haben. Eine Druckerei besass Aarau seit etwa 1750; 1802 etablierte sich
J. J. Christen und 1804 H. R. Sauerländer in Aarau, der seine Offizin alsbald durch H. Zschokkes Schweizerboten,
dann durch die Stunden der Andacht bekannt machte. An der Aare war ein wichtiger Flösserstapelplatz.
Das 19. Jahrh. hat diesen alten Industrien noch zahlreiche neue hinzugefügt; es seien erwähnt: Zementfabrikation, Ziegelfabrikation,
mechanische Strohflechterei, Seidenweberei, Tuch- und Baumwollfabrikation, Färbereien für Seide, Stroh,
Wolle;
Maschinenwerkstätten, Eisen- und Stahlgiesserei, Bau- und Möbelindustrie, Kunstschlosserei, Fabrikation chemischer
Produkte, von Firnissen, Siegellack und Tinte, lithographische Kunstanstalten, Buchbindereien, elektrische Installationsgeschäfte,
Fabrikation elektrischer Apparate und Glühlampen, Schokoladefabrikation, Zuckerwarenindustrie, Brauerei, Mühlenbau, Schuhfabrikation,
Handels- und Kunstgärtnerei.
Aarau hat an Geldinstituten: die aargauische Bank, die aarg. Kreditanstalt und drei
Ersparniskassen.
Der Kunstsinn der Bevölkerung von Aarau hat sich besonders auf dem Gebiete der Musik betätigt. Schon 1704 wurde hier ein
Kollegium Musicum begründet, und, nach dem es nach etwa 40jährigem Bestande eingegangen war, 1768 wieder aufgefrischt.
Später, im 19. Jahrh., gab es einen Instrumentalverein, der 1850 den Anstoss zur Gründung des Zäzilienvereins
gab. Seit 1853 besteht eine Stadtmusik; bald reihten sich andere musikalische Vereinigungen an, eine Anzahl Gesangvereine,
eine zweite Stadtmusik, ein Orchesterverein und a. m. Die Konzerte fanden meist in einem Saale des städtischen Rathauses
statt, im Kasino oder in der Kirche. Die Lage Aaraus zwischen Bern,
Basel,
Zürich
und Luzern
ermöglichte es, die in diesen Städten
auftretenden Musikkoryphäen auch für unsere Stadt zu gewinnen, was ihrem musikalischen Leben stets neuen Impuls gab.
Ein ständiges Theater hatte Aarau nie, seit mehr als einem Jahrhundert aber fanden sich Wandertruppen mit ihren dramatischen
Darbietungen ein. Theaterlokal war
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die sog. Tuchlaube über der städtischen Metzg (noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh.) oder der Saal eines Wirtshauses.
Gegenwärtig dient für Konzerte und Theater, wie für gesellige Zwecke überhaupt der 1882 erbaute Saalbau, der aber jetzt
schon den Anforderungen nicht mehr genügt. Der gesellige Trieb der Aarauer äussert sich in einem regen
Vereinsleben. Es bestehen gegen 100 Vereine und Gesellschaften, welche die allgemeine oder die fachliche und berufliche Ausbildung
der Mitglieder bezwecken, der Gemeinnützigkeit dienen oder der Kunst und dem Sport huldigen.
Die städtische Organisation beruht auf dem kantonalen Gemeindeorganisationsgesetz (1841 mit seitherigen Aenderungen), welches
zwei gesonderte Verwaltungen, die der Ortsbürgergemeinde und der Einwohnergemeinde, kennt. Die Leitung
beider Gemeinden liegt in der Hand des Stadtrates von 7 Mitgliedern, dessen Präsident der Stadtammann ist. Alle Gemeindeangelegenheiten
werden von der versammelten Ortsbürger- oder Einwohnergemeinde behandelt und erledigt; die Absicht, in einem revidierten
Gemeindeorganisationsgesetz den grossem aarg. Gemeinden eine Art Volksvertretung («Grosser Stadtrat»)
zu gewähren, ist durch die negierende Volksabstimmung 1908 vereitelt worden. Das Organ der Gemeinde, das gegenüber dem
Stadtrat die finanzielle Kontrolle ausübt, ist die Rechnungskommission. Besondere Verwaltungszweige der Stadt sind das Elektrizitätswerk
und die Wasserversorgung; das Gaswerk ist Privatunternehmung.
Das städtische Verwaltungsbudget für 1909 zeigt folgende Ziffern auf:
Einwohnergemeinde
Einnahmen Fr.
Ausgaben Fr.
Schulwesen
42800
214750
Eigentl. Gemeindeverwaltung
283600
535600
Steuern
426100
2150
Total
752500
752500
Ortsbürgergemeinde
.
Bürgergut
19550
9950
Armenverwaltung
51200
51200
Wälder
83320
83320
Elektrizitätswerk
500000
50000
Wasserversorgung
91000
91000
Da Aarau nicht gross ist, keine eigentliche Grossindustrie besitzt, und da vor allem der grösste Teil
der Arbeiter nicht in der Stadt, sondern in den umliegenden Dörfern wohnt, kann von schroffen sozialen Gegensätzen nicht
gesprochen werden. Neben der städtischen Armenfürsorge und den polizeilichen Massregeln (wie Arbeitsvermittlungsamt, Lebensmittelpolizei)
ist es die private Tätigkeit, die helfend und lindernd einspringt. Die Hilfsgesellschaft nährt u. a. arme Kinder mit
Milch und Suppe; sie hat im Jura ein Ferienheim für die bedürftigen Kinder errichtet; ähnlichen Zwecken dienen der Frauenarbeitsverein,
der Verein gegen Hausbettel, die Krankensuppenanstalt. Der Fürsorge für Kinder in ungünstigen Verhältnissen widmen sich
der Fünfrappenverein, der Armenerziehungsverein; geistig zurückgebliebene Kinder nimmt die Anstalt auf SchlossBiberstein
auf, andere Unglückliche die Taubstummenanstalt auf Landenhof. Verschiedene Krankenkassen sorgen für
die Tage der Krankheit.
Aus alter Zeit haben sich allerlei Bräuche erhalten. Ein Fest der Jugend ist der Maienzug, von dem schon aus dem 16. und 17. Jahrh.
Nachrichten vorliegen. Besonders lebhaftes und kriegerisches Gepräge erhält das Fest durch das Kadettenkorps, das
nachmittags Manöver abhält. Dieses Korps ist eines der ältesten der Schweiz (gegründet 1789) und hat sich ununterbrochen
bis heute erhalten. Der Bachfischet ist die Zeit der Reinigung des Stadtbaches, zu welchem Zweck das Wasser aus dem Bachbett
abgelenkt wird. Wenn es dem Bache wieder zugeleitet wird, zieht die ganze Jugend vor die Stadt hinaus
ihm entgegen und holt es mit Lampions und Rutenzweigen, einen Vers zur Begrüssung singend, wieder ab.
Aarau ist landschaftlich wohlgelegen. Die Umgebung ist reich an Waldungen, die sorgsam gepflegt und mit Wegen und Bänken gut
versehen sind. Ein idyllischer Ort ist der Wildpark im Roggenhauserthälchen. Die Annehmlichkeiten, zu
denen namentlich auch die zentrale Lage und die guten Eisenbahngelegenheiten gehören, hat es verursacht, dass
Aarau sehr
oft als Versammlungsort schweizerischer Vereine und Gesellschaften auserkoren wird.
Geschichte.
Es ist nicht wahrscheinlich, dass da, wo heute die Stadt Aarau steht, einst eine römische Ansiedlung bestanden habe; dafür
sind die in der Erde aufbewahrten Ueberreste zu geringfügig und zu unbedeutend. Dagegen ging die von
Salodurum nach Vindonissa führende Strasse der Römer bei Aarau vorbei; von ihr haben sich Reste am «obern» oder «Siechenweg»,
dem «Hochgesträss», wo die heutige Bahnhofstrasse sich hinzieht, gefunden.
Ebensowenig darf mit Sicherheit von einem Aarübergang in römischer Zeit gesprochen werden.
Die ältesten Bauten gehen wohl nicht über das Jahr 1000 zurück. Es sind die drei Türme, die sich am Rande des Felsenplateaus,
auf welchem die Stadt steht, erhoben: der Turm des «Schlössli», der TurmRore und der obere Turm. Sie schützten wohl den «Pass»
über die Aare, bei dem sich die Wege über Staffelegg, Benken und Schafmatt vereinigten. Hier wurde die Stadt
etwa um 1200 angelegt und zwar durch die Kiburger. Die grosse Regelmässigkeit der ältesten Anlage (eine Ringstrasse, welche
ein Kreuz von zwei breiten Strassen umschliesst), lässt die Annahme eines allmählichen Entstehens nicht zu.
Mit einbezogen wurden zwei der Türme, während das «Schlössli» nie zur eigentlichen Stadt gehörte. Bald kamen im NW. und
im O. Vergrösserungen mit Ausdehnung der Befestigung hinzu, während die im S. sich vorlagernde Vorstadt stets ausserhalb
von Mauer und Graben blieb. 1256 ist Aarau (Arovo) zuerst genannt, 1270 erscheint sie als mit Mauern umgeben,
und am erhält sie von König Rudolf I., dessen Geschlecht in den Besitz der Kiburger eingetreten war, Stadt- und
Marktrecht mit einigen Rechten und Freiheiten.
Wie die ursprüngliche Ansiedlung zur Markgenossenschaft Suhr gehörte, war Aarau auch kirchlich von der Mutterkirche Suhr
abhängig, bis es im Anfang des 14. Jahrh. selbständig ward. Unter der österreichisch-habsburgischen
Herrschaft entwickelte sich die Stadt; die Herren vermehrten ihre Rechte, (so erlangte sie das Recht der Schultheissenwahl
und den Blutbann). Dafür leisteten die Bürger getreulich ihre Dienste, besonders in den vielen Kriegen der Herzoge.
Wie der gesamte Aargau,
so litten auch die Aarauer unter den Verheerungen der Gugler. Bei Sempach fielen mehrere
Bürger der Stadt, mit ihnen soll auch der Schultheiss Burkhart Vogt umgekommen sein; und zwei Jahre nach der Schlacht (1388)
verbrannten die vorüberziehenden Berner die Vorstadt, die erst seit etwa 20 Jahren mit der Stadt verburgrechtet war,
aber keinen Schutz irgend welcher Befestigungen genoss. Der Chronist berichtet, dass die Vorstadt damals ein Haus mehr zählte
als die Stadt. 1415 eroberten die Berner mit dem Aargau
auch die Stadt Aarau, die sich nach wenigen Schüssen mit Rücksicht auf ihre
«kranken Muren» ergab (18. April).Bern
anerkannte die Rechte der Stadt; aber diejenigen der Herrschaft Oesterreich
übernahm es selbst und suchte mit der Zeit auch Aaraus Privilegien zu einem grossen Teile illusorisch zu machen. Die Reformation
brachte auch für Aarau eine bewegte Zeit; denn es herrschte über die Glaubensfrage keineswegs Einstimmigkeit: an der offiziellen
Abstimmung, welche Bern
am vornehmen liess, stimmten 146 für den neuen, 125 für den alten Glauben.
Nach der Glaubenstrennung versammelten sich die Abgeordneten der reformierten Kantone häufig in Aarau; und der Friede, der
den Toggenburgerkrieg (1712) beendete, ward in Aarau abgeschlossen.
Eine hervorragende Rolle spielte Aarau in der Zeit der helvetischen Revolution. Hier versammelte sich
am die Tagsatzung, um die drohenden Gefahren zu besprechen; aber es kam schliesslich nur zur Beschwörung der
alten Bünde, welche am auf dem Schachen vorgenommen wurde. Indessen hatte der Vertreter Frankreichs, Mengaud, den
grössern Teil der Bürger von Aarau für Frankreich zu gewinnen vermocht, und als die Tagsatzung sich
aufgelöst hatte, erhob sich in Aarau der offene Aufruhr gegen Bern Doch schon wenige Tage nachher musste sich die
Stadt den Bernern ergeben, deren Truppen, mit dem Landvolk um Aarau vereinigt, die Stadt
¶
2) Hauptstadt des Bezirks in 368 m Höhe, in fruchtbarem Thale zwischen dem Jura und den letzten Höhenzügen der
schweiz. Hochebene, rechts von der Aare, über die eine Kettenbrücke führt, an der Linie Zürich-Turgi-Aarau (50 km) der Schweiz.
[* 11] Nordostbahn und der Zweiglinie Olten-Aarau (13 km) der Centralbahn, ist Sitz der Direktion eines Postkreises und hat (1888) 6699 E.,
darunter 1264 Katholiken und 28 Israeliten. Erwähnenswert sind die alte von Protestanten und Altkatholiken
benutzte Pfarrkirche, die neue kath. Kirche, das Regierungsgebäude mit dem Saale des GroßenRates, der eine Sammlung mittelalterlicher
Glasmalereien aus dem KlosterMuri, die reichhaltige Kantonsbibliothek (80000 Bände) und zahlreiche für die Schweizergeschichte
wichtige Handschriften enthält; das an den alten Turm Rore angebaute städtische Rathaus, Zeughaus, ansehnliche
Kaserne, neues Schulhaus, neues Postgebäude, DenkmalZschokkes (von Lang, 1894); Kantonsschule mit naturhistor.
Sammlungen, höhere Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar, 11 Volks- und eine Handwerkerschule, Sammlung von Altertümern
aus Vindonissa, ethnolog. Gewerbemuseum; ferner giebt es Reitschulen, Turnhallen, Taubstummeninstitut, 5 Banken und Sparkassen;
Kantonal-Krankenanstalt, Gasanstalt. Bedeutend ist die Fabrikation von Seidenstoffen, Baumwoll-, Schuh-,
Tricot- und Konfektionswaren, Gewehren, chem. Farben, Cement, physik. und mathem. Instrumenten (Reißzeuge).
Weiter hat die Stadt eine berühmte Glocken- und Kanonengießerei; Konstruktionswerkstätte der Internationalen Gesellschaft
für Bergbahnen; mehrere Buchdruckereien und lithogr. Anstalten, Bierbrauereien, Mühlen,
[* 12] sowie 8 besuchte Jahr- und Viehmärkte. Nördlich der Stadt die Wasserfluh (869 m), nordöstlich die Gislifluh
(774 m). – Um die uralte Burg Rore, bekannt durch Zschokkes «Freihof von Aarau», erhob sich allmählich die Stadt, die
schon 920 als ummauerter Ort erwähnt wird, später an die Grafen von Habsburg kam und bis zur Eroberung durch die Berner (1415)
habsburgisch blieb. Am 9. und wurde in der den ToggenburgerKrieg beendende Friede geschlossen.
Aarau war bernisches Municipalstädtchen bis 1798, wurde hierauf Sitz der helvet. Einheitsregierung, 1803 aber, als
sich der Kanton Aargau
(s. d.) bildete, dessen Hauptort. –
Vgl. Chronik der Stadt Aarau bis 1820 (Aarau 1881).