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Ob ein Kind eine ADHS-Diagnose erhält oder nicht, hängt aktuellen Studien zufolge offenbar auch mit dem Alter des Kindes bei der Einschulung zusammen. Vielleicht haben Sie im Artikel zum Thema Abklärung der ADHS bereits gelesen, dass die Diagnostik der ADHS aus verschiedenen Bausteinen besteht. Neben einem kinderärztlichen / neurologischen Befund, werden auch Informationen aus psychologischen Testverfahren über die Intelligenz, die Konzentrationsfähigkeit, die Ausdauer, den Entwicklungsstand und das Arbeitsverhalten des Kindes gewonnen. Neben diesen Säulen spielen die Einschätzungen der Eltern und Lehrkräfte eine wichtige Rolle.
Die gängigen Diagnosemanuale DSM-5 und ICD-10 weisen Praktiker nämlich darauf hin, dass eine Diagnose nur dann gestellt werden kann, wenn die Unaufmerksamkeit und / oder Hyperaktivität und Impulsivität eines Kindes sich in mindestens zwei Lebensbereichen, z.B. in der Schule und zu Hause, deutlich abzeichnen. Fachpersonen stützen sich dabei häufig auf Fragebögen, in denen Eltern und Lehrkräfte unabhängig voneinander gebeten werden, das Verhalten des jeweiligen Kindes einzuschätzen.
Dass dabei das Alter des Kindes bei der Einschulung eine gewichtige Rolle spielt, haben Forscher der Michigan State University herausgefunden. Von 1998 bis 2007 befragten sie Eltern und Lehrkräfte von 18.644 Kindern mehrmals mittels Fragebögen und telefonischen Interviews. Dabei gaben die Eltern unter anderem an, ob ihr Kind jemals von einer Fachperson abgeklärt wurde und ob diese eine ADHS-Diagnose gestellt hatte. Eltern und Lehrkräfte schätzten ausserdem das Lernverhalten, das Sozialverhalten, die Impulsivität, Hyperaktivität und die emotionale Befindlichkeit des jeweiligen Kindes ein.
Die Forscher bildeten für ihre Berechnungen zwei Gruppen:
Sie ermittelten, ob ein jeweiliges Kind…
…mit relativ jungem Alter in den Kindergarten und anschliessend in die Schule kam, weil es kurz vor dem Stichtag geboren wurde
oder
...zu den älteren Kindern in seiner Kindergartengruppe bzw. Schulklasse gehörte, weil es kurz nach dem Stichtag geboren wurde.
Die jungen Kinder waren bei der Einschulung durchschnittlich 5.2 Jahre alt, die älteren Kinder 5.6 Jahre. Interessanterweise wurden Kinder, die verhältnismässig jung eingeschult wurden deutlich häufiger mit einer ADHS diagnostiziert als die älteren Kinder. So erhielten 8.4 % der Kinder, die im Monat vor dem Stichtag geboren waren, im Laufe der Zeit eine ADHS-Diagnose. In der Gruppe der älteren Kinder, die im Monat nach dem Stichtag geboren wurden, wurden lediglich 5.1 % der Kinder mit einer ADHS diagnostiziert. Erstaunlicherweise variierte die Häufigkeit, mit der eine ADHS-Diagnose gestellt wurde, also tatsächlich systematisch je nach Eintrittsalter in den Kindergarten / die Schule. So reduzierte ein zusätzliches Jahr bis zum Eintritt in die Schule die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind eine ADHS-Diagnose erhielt, um 5.4 Prozentpunkte. Das ist eine ganze Menge!
Die Forscher der Studie äusserten zudem Bedenken im Hinblick auf die Einschätzungen durch die Lehrkräfte. Sollten Lehrkräfte beurteilen, wie sich ein gewisses Kind im Unterricht verhielt, so hatte das Einschulungsalter einen deutlich stärkeren Einfluss als bei den Elternbefragungen. Lehrkräfte liessen sich in ihren Einschätzungen offenbar stärker davon beeinflussen, wie reif ein Kind im Vergleich zu seinen Klassenkameraden war. Als Erklärung geben die Forscher an, dass Lehrkräfte ein möglicherweise auffälliges Kind eher mit den Klassenkameraden vergleichen, Eltern sich jedoch eher auf Gleichaltrige stützen. Gerade bei stärker altersdurchmischten Klassen fallen unreifere Kinder Lehrkräften möglicherweise besonders auf. Die Forscher schlussfolgern, dass Lehrkräfte wahrscheinlich eine bedeutende Rolle spielen, wenn es darum geht, Kinder mit möglichen ADHS- Symptomen zur Diagnostik und Behandlung an eine Fachperson zu verweisen.
Mittlerweile konnten verschiedene weitere Studien ebenfalls zeigen, dass Kinder, die zu den jüngsten in ihrer Klasse gehören, häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten als andere. Solche Studien stellen auch die Zuverlässigkeit der Diagnose bei „Stichtag“-Kindern in Frage. Würde ein verträumtes oder stark hibbeliges Kind, das ein Jahr länger in den Kindergarten geht und so die Möglichkeit hat, entwicklungsmässig „aufzuholen“ vielleicht keine Diagnose mehr erhalten? Wichtige Gehirnbereiche wie der präfrontale Cortex reifen bei ADHS-betroffenen Kindern bekanntlich langsamer. Gehören betroffene Kinder zusätzlich zu den jüngsten der Klasse, fallen die Auffälligkeiten stärker ins Gewicht.
In den letzten Jahren ist es stark in Mode gekommen, Kinder möglichst früh einzuschulen. Während es früher noch völlig normal war, Kinder „zurückzustellen“ oder eine Klasse wiederholen zu lassen, sind solche Vorgehensweise in unserer heutigen Gesellschaft relativ verpönt. Oftmals stellen sich auch die Schulen bzw. Behörden quer. Wir vergessen dabei häufig, wie sehr es am Selbstvertrauen eines Kindes nagt, wenn es permanent die Erfahrung macht:
- Ich kann das einfach nicht!
- Die Anderen sind eh viel schneller / besser / beliebter
- Niemand spielt mit mir
Es ist wichtig, dass wir dazu Sorge tragen, dass die Kinder die Entwicklungs- und Reifungszeit erhalten, die sie brauchen. Anstatt uns Sorgen darüber zu machen, dass ein Kind „ein Jahr verliert“ können wir eine spätere Einschulung oder ein Jahr mehr im Kindergarten als ein Geschenk sehen. Ein Geschenk in Form einer zusätzlichen Entwicklungszeit, die dem Kind die Möglichkeit gibt, seine Fähigkeiten zu erweitern, emotional zu reifen, sich in sozialen Gruppen zu recht zu finden und „mithalten“ zu können.
Eine Zurückstellung des Schuleintritts oder eine Klassenwiederholung im Kindergarten oder spätestens in der ersten Klasse sollte man bedenken, wenn ein Kind…
- enorm langsam und verträumt scheint und immer mit dem Kopf in den Wolken ist
- einen unbändigen Bewegungsdrang aufweist und große Schwierigkeiten hat, im Stuhlkreis oder auf dem Platz sitzen zu bleiben
- Mühe hat, Routinen zu lernen zum Beispiel sich selbst an zu ziehen, den Klettverschluss zu schliessen oder die Schuhe zu binden etc.
- Feinmotorisch sehr ungeschickt ist und Tätigkeiten wie Malen, Ausschneiden, Basteln etc. partout meidet
- Im Spiel sehr wechselhaft ist
- Schwierigkeiten hat, sich in der Gruppe zurecht zu finden
- ausschliesslich mit jüngeren Kindern spielt und unter Gleichaltrigen kaum Anschluss findet
- Schnell gekränkt, weinerlich oder aggressiv reagiert
- grosse Leistungsdefizite in mehreren Schulfächern aufweist
Kinder mit AD(H)S sinnvoll begleiten
Wie können AD(H)S-Betroffene erfolgreich durch die Schule begleitet werden? Welche Strategien reduzieren Stress, Druck und Tränen rund um das Lernen und die Hausaufgaben? Wie können diese Kinder lernen, sich besser zu konzentrieren und sich auf das Lernen einzulassen? Praktische Antworten auf diese Fragen erhalten Sie in unserer Tagesweiterbildung "Schüler/innen mit ADS / ADHS erfolgreich unterrichten" bzw. in unserem Elternseminar "Erfolgreich lernen mit AD(H)S"