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Kino Capitol
Nahe der Kantonsgrenze eröffnete Fritz Plüss aus Zuchwil in Reiden, im November 1933, das «Capitol» in einem Neubau an der Hauptstrasse 9. Bereits kurz nach Eröffnung ersucht der Betreiber um Ermässigung der Konzessionsgebühr «In Anbetracht des schlechten Geschäftsganges, verursacht durch die allgemeine Krise, und dass das Geschäft, welches ich erst seit vier Monaten betreibe, eine gewisse Zeit zur Einführung braucht; n möchte ich Sie höflich ersuchen um Ermässigung der Konzessionsgebühr von 200 Franken, umso mehr als dass ich nach Ostern nur noch 3 Tage spiele». Aus dem Regierungsratsprotokoll geht hervor, dass dem Gesuch entsprochen wird, Plüss bezahlt eine Gebühr von 100 Franken.
Das Kinogeschäft scheint trotzdem nur mässig anzulaufen, und der Betrieb wechselt in den folgenden Jahren mehrmals den Besitzer. 1936 übernimmt Josef Johann Schmid aus Nebikon das Kino. Aufgrund eines vielseitigen Strafregisters (Betrug, Vertrauensmissbrauch, Unterschlagung und so weiter) erhält er erst nach einigem Hin und Her und reuigen Bekenntnissen («Es ist mein aufrichtiges Bestreben, dem Publikum nur gute Programme zu zeigen [und keine Verwerflichen] wie ich es bis dato getan habe») die kantonale Bewilligung. 1939 geht die Konzession an die Pächterin Wörner und ihren Schwiegersohn, Eduard Häfli-Wörner. Aloisia Huber-Köberl erwirbt das Kino 1942 und hat in den folgenden zehn Jahren ebenfalls mit mangelnden Einnahmen zu kämpfen. Auch die neue Betreiberin stellt 1948 ein Gesuch um Ermässigung der Konzessionsgebühren und verweist in ihrem Schreiben an den Regierungsrat auf das kleine Einzugsgebiet mit der nachteiligen Nähe zu Zofingen. Gemäss dem Luzerner Lichtspielgesetz war der Zutritt in die Lichtspielhäuser auf 18 Jahre angesetzt, im benachbarten Kanton Aargau lag die Altersgrenze bei 16 Jahren. Zudem führt die Betreiberin an, dass «ich die Moral stets vor mein Geschäftsinteresse stelle», die Erträge könnten mit «rücksichtsloser Filmauswahl» gesteigert werden: «Es ist eine alte Erfahrungstatsache, dass ein Kino dann am besten rentiert, wenn meistens Cowboys-, Kriegs-, Abenteuer- und etwas gepfefferte Liebesfilme laufen, die die Zensur noch gerade durchlässt».
Zensur und andere Hindernisse
Bis 1966 überwachte die Filmzensur neben den Filmen auch systematisch alles der Öffentlichkeit zugängliche Material wie Aushänge, Inserate und ähnliches, um die «öffentliche Ordnung und Sittlichkeit» zu gewährleisten. Die Liste möglicher Verstösse ist denn auch lang: Verletzung «sittlichen Empfindens», «patriotischer Gefühle» oder «religiösen Empfindens», «Lüsternheit», Beitrag zur Verrohung», propagierte «Verbrechen», Gefährdung «nationaler Ehre» und so weiter. Ob die ohnehin schon strengen Zensurbestimmungen tatsächlich noch aus eigenem moralischem Empfinden von der Betreiberin verschärft wurden, scheint fragwürdig.
1952 wechselt das Kino abermals den Besitzer und geht an Edwin Fritschi aus Olten, der es bereits zwei Jahre später an Ida Pabst-Umbricht und deren Bruder, Friedrich Umbricht, weiterverkauft. Das Kino mit den insgesamt 235 Plätzen sollte der aus Untersiggenthal im Aargau stammenden Familie ein Auskommen sichern. Herbert Pabst, der Sohn der ehemaligen Besitzerin Ida Pabst-Umbricht, erinnert sich gut und gerne an diese zwei folgenden Jahrzehnte «Familienbetrieb Capitol». Gespielt wurde Donnerstag bis Sonntag, sein Onkel. Friedrich Umbricht, hat in den restlichen Tagen weiterhin mit Textilien im Bündnerland gehandelt. Er selber habe viel Zeit im Capitol verbracht: zuerst als Putzkraft und Platzanweiser, später blieb er dem Betrieb als Operateur und Programmierer verbunden. Die erfolgreichsten Filme seien die Gotthelf-Filme gewesen, aus den entlegensten Regionen kamen Leute, die noch nie im Kino gewesen waren. Dass Filme beispielsweise in Zürich erfolgreich gespielt wurden, war noch keine Garantie für einen Publikumsaufmarsch in Reiden. Heimatfilme oder lustige Filme seien beliebt gewesen, amerikanische Musicals wiederum weniger. Der Jazzfilm «Syncopation» von William Dieterle etwa war an der Reidener Kinokasse 1959 beispielslos gefloppt.
Mit dem Aufkommen der Fernsehgeräte nahmen die Besucherzahlen ab. Ein Glücksfall für das Kino waren die italienischen Gastarbeiter. Ab 1959 wurden zusätzlich zum regulären Programm und den Vorstellungen der 1956 gegründeten «Kulturfilm-Gemeinde Reiden» italienische Filme gespielt, die sehr gut besucht wurden. Trotzdem hat der Betrieb zu wenig Ertrag erbracht. Friedrieh Umbricht fand eine Stelle als Operateur in St. Gallen und verkaufte die Liegenschaft, was das endgültige Ende des «Capitols» in Reiden 1972 bedeutete. Das Kinogebäude wurde in eine Möbelhalle umgebaut.