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Meine Grossmutter Marie Margrit Schiller-Zeller wurde 1922 geboren. Sie wuchs die ersten Lebensjahre ohne Strom, ohne fliessendes Wasser und ohne Zentralheizung auf. Erst 1928 kam Wasser und auch die Elektrizität ins Haus in Wiler bei Sigriswil, in dem sie bei einer Tante aufwuchs.
Auch noch als verheiratete Frau im benachbarten Oberhusen mussten sie und ihre Familie im Winter täglich Holz in die Zimmer schleppen, um nicht zu frieren. Auch meine Mutter erinnert sich noch gut an die Eisblumen an ihren Fenstern nach kalten Winternächten. Als meine Grossmutter und mein Grossvater in den Sechziger Jahren genug gespart hatten, um eine Öl-Zentralheizung einzurichten, da war meine Grossmutter der glücklichste Mensch. Ein Auto hatten meine Grosseltern übrigens nie.
Sie habe lange genug Holz in jedes Zimmer schleppen müssen, sagte meine Grossmutter jeweils.
Mein Grossvater war 1972 an Krebs gestorben. Ich hatte ihn deshalb nie gekannt. Grosi war deshalb immer sehr glücklich, wenn ein Enkelkind in die Ferien kam. Man wurde da auch immer gehörig verwöhnt. Zu der Zeit - Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre - war das 300-jährige Haus meiner Grosseltern modern ausgebaut. Meine Grossmutter hatte es unter anderem mit der Vermietung von Zimmern mit Frühstück zu bescheidenem Wohlstand gebracht und konnte deshalb das Haus nach und nach sanieren.
Zwei Badezimmer, eine moderne Einbauküche und ein Cheminée gehörten dazu. Ich habe immer gerne Feuer gemacht als Kind - und übrigens auch heute noch. Aber mein Grosi war jeweils weniger davon begeistert. Es habe lange genug Holz in jedes Zimmer schleppen müssen, meinte es jeweils. Es geniesse deshalb besonders, dass es - dank Zentralheizung - jeden Morgen ein warmes Schlafzimmer habe, wenn es aufstehe.
Ich durfte dann natürlich trotzdem ab und zu das Cheminée einfeuern. Denn sie war natürlich auch etwas stolz, dass sie als früh verwittwete Frau mit bescheidenen Mitteln den Mut gehabt hatte, ihr Haus tiefgreifend zu modernisieren. Und dazu gehörte auch das Statussymbol des Cheminées.
Meine Grossmutter war genau 50-jährig, als sie 1972 als Frau zum ersten Mal abstimmen und wählen durfte. Für sie war ihr Stimm- und Wahlrecht später irgendwie trotzdem eine grosse Selbstverständlichkeit. Bis kurz vor ihrem Tod Ende 2010 hat sie wohl kaum eine Abstimmung verpasst. Am Schluss profitierte sie natürlich dann auch von der Möglichkeit der brieflichen Stimmabgabe. Sie selber hatte deshalb auch nie ein politisches Amt inne. Dies im Gegensatz zu ihrem Mann - meinem Grossvater - und ihrem Bruder - meinem Grossonkel - die beide im Gemeinderat von Sigriswil politisierten.
Eigenverantwortung war für meine Grossmutter das Höchste.
Meine Grossmutter war auch ohne politisches Amt ein hochpolitischer Mensch. Sie war vor allem auch ein zutiefst liberaler Mensch. Für sie war Eigenverantwortung stets das Höchste. So auch am Heiligabend 2010, als ich sie zusammen mit meiner Mutter ins Spital bringen musste. Sie lag aufgrund einer Grippe stark geschwächt im Bett. Als ich sie fragte, ob ich sie die Treppe hinunter tragen solle, verneinte sie heftig. Sie raffte sich auf, ging langsam die Treppe hinunter, frisierte sich ein letztes Mal vor dem Spiegel im Gang, zog die Schuhe an. Und meine Mutter und ich führten sie ins Auto. Sie wollte erhobenen Hauptes das Haus verlassen, in dem sie seit ihrer Heirat 1944 gelebt hatte.
Bereits am 28. Dezember verstarb sie dann im Spital. Sie war ihr ganzes Leben nie jemand etwas schuldig geblieben. Ihr Haushalt war stets in bester Ordnung. Erst in letzter Zeit half ihr eine Putzfrau etwas beim Sauber machen. Und wir konnten am Sonntag der sogenannten Abkündigung noch von den "Brätzeli" essen, welche sie erst kurz zuvor gebacken hatte.
"Sozialisten sind Leute, die das Geld anderer Leute ausgeben", war einer der Leitsprüche meiner Grossmutter.
Meine Grossmutter hat nie einen Hehl aus ihren klaren politischen Überzeugungen gemacht, welche sie auch stets sehr pointiert zum Besten gab. So hielt sie gar nichts von Leuten, welche das Privateigentum nicht achten, sondern lieber dem Staat auf dem Porte-Monnaie liegen. "Sozialisten sind Leute, die das Geld anderer Leute ausgeben", war einer ihrer Leitsprüche. Und sie prägte mich politisch entscheidend. Für sie war wichtig, dass man mit dem Geld immer gut haushalten sollte. Dass man nie mehr ausgeben sollte, als dass man selber hat. Und dass man - wenn man Geld ausgibt - es für etwas Sinnvolles, das in Zukunft Rendite abwirft, tut.
Meine Grossmutter wusste noch, wie das Leben zu Gotthelfs Zeiten wirklich war.
Von Öko-romantischen Vorstellungen der "guten, alten Zeit", von denen hielt sie nicht viel. Als die Fernseh-Sendung "Wie zu Gotthelfs Zeiten" aus dem "Sahlenweidli" ausgestrahlt wurde, meinte sie trocken: "Das brauche ich nicht zu schauen. Das kenne ich noch von meiner Kindheit her." Obschon sie durchaus auch gute Erinnerungen an ihre Kindheit hatte, wusste sie noch zu gut, wie schwer das Leben war, als man noch mit dem Vieh zur Tränke musste und jeden Liter Wasser, jedes Stück Brennholz schleppen musste. Für meine Grossmutter war deshalb ihre Ölheizung eine der wichtigsten Errungenschaften.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass meine Grossmutter von den grünen Politikern noch fast weniger hielt als von den sozialdemokratischen. Sie, die noch unter dem Licht einer Petrollampe lesen gelernt hatte, sie, die nie Autofahren konnte, sie, die bis in die Sechziger Jahre einen Haushalt mit vier Kindern ohne Kühlschrank, ohne richtige Waschmaschine und ohne Zentralheizung führte, sie konnte einfach nicht verstehen, dass man all die Errungenschaften, welche ihr Leben so sehr erleichtert hatten, auf einmal nur noch verteufelte.
Recht hatte sie!