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Einerseits neigt man aufgrund einfacher Überlegungen der Ansicht zu, dass das, was Wissenschaft im allgemeinen produziert, schon aufgrund ihrer Erfolgsgeschichte wahr oder wenigstens annähernd wahr ist. Da sich etwa Teilchen wie Elektronen, Myonen etc. als für die Physik äußerst praktikable und sinnvolle Annahmen herausgestellt haben, kann man ihnen – aufgrund dieses Erfolges – auch Realität zusprechen.
Allerdings zeigt ein Blick in die Geschichte die Problematik einer solchen Annahme: So wurden auch aufgrund des postulierten Phlogistons annehmbare, wissenschaftliche Resultate erzielt; Ptolemäus gelang es durch ein kompliziertes, aber durchdachtes System einer kombinierten Epizykel-, Exzenter- und Äquantentheorie kosmische Phänomene in beeindruckender Weise vorherzusagen. Gerade diese stupende Genauigkeit der Prognose, immer eine Gradmesser für die Qualität einer Theorie, war für konkurrierende Hypothesen lange Zeit ein Hindernis (Kopernikus‘ Theorie war zu Beginn wesentlich weniger genau).
Wie steht es nun um die Wahrheit oder die Wahrheitsannäherung solcher Theorien? Man kann weder dem postulierten Phlogiston noch der Epizykeltheorie trotz ihrer teilweisen Erfolge eine auch nur partielle Wahrheit zugestehen: Beide waren nach heutigen Gesichtspunkten schlicht falsch und wurden – zurecht – in die Rumpelkammer der Wissenschaftsgeschichte verbannt. Angesichts der Erfolge dieser Theorien werden die oben zitierten, hypothetischen Teilchen oder Felder in realistischer Hinsicht fragwürdig. Könnten nicht sie sich auch als Teil einer gut funktionierenden, genaue Prognosen erstellenden Theorie erweisen, die nichts desto weniger sich als grundfalsch herausstellen könnten? Die mögliche Fehlbarkeit solcher Konstrukte ist evident, ob sie nun rezente Produkte der Wissenschaft darstellen oder längst vergangene.
Was nun ist an diesen Theorien „real“? Offenbar stellt die zugrunde liegende, mathematische Formulierung eine solche Wahrheitsannäherung dar, weshalb einzig diesem mathematischen Ausdruck Wahrheit, besser Wahrheitsnähe zugesprochen werden könnte. (Eher problematisch erscheinen mir die Ansätze, dass die den mathematischen Berechnungen und Formeln zugrunde liegenden Strukturen eine Form von Realität zukommen würde: Zum einen ist überhaupt nicht klar, was man hier unter „Struktur“ zu verstehen hat, zum anderen lässt sich das – wie von Moulines beschrieben – möglicherweise für die sukzessive sich ändernde Theorie des Lichtes zeigen; worin aber die Wahrheit der „Struktur“ der mathematischen Modelle des Phlogistons oder der ptolemäischen Theorie liegt, scheint völlig unklar.) Beschränkt sich Wahrheit aber auf mathematischen Formalismus, verlieren die dahinter stehenden Konzepte völlig an Wert: Es ist nicht zu sehen, was nun ein Konzept vor einem anderen auszeichnet, wenn es bloß mit der betreffenden Mathematik übereinstimmt. Und eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus: Denn müssten dann nicht etwa auch die babylonischen Berechnungen der Sonnen- und Mondfinsternisse als wissenschaftliche Ergebnisse gelten? Hier wurde aber einzig Zahlenmaterial interpretiert*, eine Abfolge von Werten, die aufgrund bestimmter Regelmäßigkeiten diese Voraussagen nahelegten. Man kann aber hier kaum von „Wissen“ bzw. Wissenschaft sprechen: Denn diese unterscheidet sich vom bloßen Glauben ja gerade dadurch, dass eine kausale Erklärung für bestimmte Phänomene verlangt wird. Dies wussten bereits die Griechen und unterschieden fein säuberlich zwischen epistemé und doxa, Wissen und bloßer Meinung.
So ergibt sich eine paradoxe Situation: Zum einen wird der Realismus aufgrund historischer Überlegungen äußerst fragwürdig, zum anderen impliziert eine antirealistische Position die Beliebigkeit des theoretischen Hintergrundes. Sodass man vielleicht doch zu einer rein pragmatischen Position zurückkehren muss: Gut ist, was funktioniert, wenngleich wir nicht wissen, was da funktioniert oder ob es diese postulierten Entitäten überhaupt gibt. Die Tatsache, dass sie genaue Voraussagen ermöglichen, scheint jedenfalls kein Indikator für ihre tatsächliche Existenz zu sein.
*) Auch noch bei Thales, der häufig, und – vielleicht – fälschlich, zumindest in Hinsicht der Prognose einer Sonnenfinsternis – als Ahnherr wissenschaftlichen Tuns bezeichnet wird. Thales vermutete zwar, dass der Mond das Licht von der Sonne erhielt, seiner Prognose für das Jahr 585 dürfte aber keine Theorie, sondern ausschließlich das Zahlenmaterial der Babylonier und Ägypter zugrunde gelegen sein.